—— Jakobi's Werke. Zweyter Band⸗ Jakobi's Worke. H. 1 — ſämmtliche Werke. Zweyter Band. Zuͤrich, bey Orell, Fuͤßli und Compagnie. 1825. — ,— Vorrede des zweyten Bandes erſter Abtheilung. — Dieſer zweyte Band meiner Soriften enthaͤlt die zweyte Periode meines ſchriftſtelleriſchen Le⸗ bens. Die Stuͤcke, die er in ſich faßt, wurden in einem reiferen Alter verfertigt; darum konnte ich von denſelben mehr, als von den Arbeiten mei⸗ ner erſten Jugend, aufnehmen. Anfaͤnglich zwar beſorgte ich, bey der Auswahl der erſteren, daß die Zeit ihrer Entſtehung mich fuͤr ſie gewin⸗ nen, und ein Ruͤckblick in vergangene ſelige Tage meinen Ernſt gegen ſie mildern moͤchte; denn nicht genug kann man vor dergleichen Taͤuſchun⸗ gen ſich verwahren. Die Lieder an Eliſen, von denen ich nur zwey verworfen habe, ſang 6 ich in dem anmuthigen Thal Giebichenſtein, wo ich Wieland und Sophie Laroche zum erſten Male ſah, wo beyde, von den goldnen Traͤu⸗ men ihrer bluͤhendſten Jahre umſchwebt, mein Herz erwaͤrmten, und meine Phantaſie mit ſich hinweg ruͤckten in eine ſchoͤnere Welt. Noch iſt es mir, als wuͤrden jene Lieder von der Abend⸗ ſonne beſtrahlt, in welcher ich den Vaker der Muſarion und ſeine aͤlteſte Freundin auf einer Rheinfahrt begleitete, ſie meine neueſten Gedichte zu hoͤren verlangten, und Wieland mir ein un⸗ vergeßliches Wort ſagte, das als ein Wort der Weihe, mich zu aͤhnlichen Geſaͤngen begeiſterte. So entſtand der Schmetterling; ſo mehrere kleine Werke, die mir theurer als andere ſind. Aber ſollte nicht eben dieſes mir hinlaͤngliche Burgſchaft dafuͤr leiſten, daß ein Gedicht, wel⸗ ches einer ſolchen Veranlaſſung ſein Daſeyn ver⸗ dankt, einer Stelle unter den uͤbrigen nicht un⸗ wuͤrdig iſt? Charmides und Theone gehoͤrten eben⸗ falls zu den Dichtungen, die eine ſuͤße Schwaͤr⸗ merey hervorbrachte, und die mich an eine frohe Vergangenheit erinnern, wie gluͤcklich war ich in dem alten Hain der himmliſchen Venus, neben h h 2 ihrer Prieſterin, unter den Schuͤlerinnen der Gra⸗ zien! Indeſſen darf ich hoffen, daß auch hier meine Vorliebe mich nicht geblendet hat, weil ſie durch die Freude gerechtfertigt wird, mit wel⸗ cher Wieland dieſe Erzaͤhlung in ſeinem deut⸗ ſchen Morkur, fuͤr den ſie beſtimmt war, einfuͤhrte.. Was die Verbeſſerungen anbetrifft, ſo bin ich bey dem gegenwaͤrtigen Bande nicht weniger gewiſſenhaft, als bey dem vorhergehenden gewe⸗ ſen; nur faͤllt mehreren Gedichten desſelben Ein Fehler zur Laſt, den ich nicht uͤberall wegbrin⸗ gen konnte, ohne den Verſen Gewalt anzuthun; naͤmlich eine unregelmaͤßige, unharmoniſche Ver⸗ miſchung von Jamben, Trochaͤen und Daktylen, uͤber welche ich ſchon bey der erſten Ausgabe mei⸗ ner Schriften mich aͤußerte, und zugleich das Geluͤbde that, mir nie wieder ſolche Freyheiten zu erlauben; ein Geluͤbde, das ich ſeitdem nie gebrochen habe. Den Beſchluß dieſer Sammlung machen kleine Gedichte, deren einige wider die Kritiker gerich⸗ tet ſind. Obwohl ſie auf die ſchlechten Kritiker aller Zeiten paſſen, ſo koͤnnten ſie doch in den unſrigen manchen Leſer befremden, wenn ich nicht 8 die Bemerkung vorausſchickte, daß es in Deutſch⸗ land eine Epoche gab, in welcher die kritiſchen Journale, inſonderheit diejenigen, welche die Werke der ſchoͤnen Literatur beurtheilen, an der Tagesordnung waren. Gelehrte und Halbge⸗ lehrte; Geſchaͤftsmaͤnner, und was zur elegan⸗ ten Welt gehoͤrte; Hofleute, Damen, Alles beſchaͤftigte ſich damit; auf Schreib⸗ und Kaf⸗ feetiſchen, auf jedem Kanapee und auf jeder Toi⸗ lette fand man recenſirende Wochen⸗ und Mo⸗ natſchriften, und faſt in allen Geſellſchaften wurde, ſtatt anderer Geſpraͤche, recenſirt. Auf der einen Seite war dieſes nicht ohne Nutzen; denn es kam dadurch eine gewiſſe Regſamkeit in die Literatur, und da die Journaliſten mehr ta⸗ delten als lobten, ſo wurden die elenden Seri⸗ benten ziemlich abgeſchreckt. Auf der andern Seite aber nahmen die hochgefeyerten Recenſenten eine ſo ſtolze, anmaßende Miene an, als ob Rener und Dichter bloß da waͤren, um ſich von ihnen das Urtheil ſprechen zu laſſen. Zu dem Ueber⸗ muthe geſellte ſich Parteylichkeit, welche bald in aͤrgerliche Zaͤnkereyen ausbrach. Haͤmiſches Gelaͤchter, womit man die erſten Schriftſteller der Nation verfolgte, Grobheiten, — — ——õ—O⏑O⏑—:—————.— Chicanaden, Anekdoten und Pasquinaden, Charteken und Chartekchen*), wuͤrdigten nach und nach die ſchoͤnen Wiſſenſchaf⸗ ten, und ſelbſt die Kritik herab. Der ſonſt ſo ehrwuͤrdige Name eines Kunſtrichters wurde zur Schmaͤhung. Gleim, damit er uns eine Winterkurzweil verſchaffte, gerieth auf den Einfall, jeden Sonn⸗ abend eine kleine Geſellſchaft, welche, nebſt mir, aus Heinſe, Klamer Schmidt, Gleims Neffen, einem jungen Manne voll Dichteranlage und ko⸗ miſcher Laune, und einigen Freundinnen der Muſen beſtand, zum Nachteſſen einzuladen. Am Tage zuvor ging eine verſchloſſene Buͤchſe unter uns herum, in welche jeder ein oder mehrere Ge⸗ dichte gegen die Kritiker werfen mußte. Am fol⸗ genden Abend oͤffnete Gleim die Buͤchſe, las ſeinen Gaͤſten, was ſie enthielt, ließ den Verfaſſer jedes Gedichts errathen, und Einem wurde, durch die Mehrheit der Stimmen, der Preis zuerkannt. Von den Vielen, die ich dazu lieferte, habe *) M. ſ. den vortrefflichen Brief von dem Dichter Michaelis, überſchrieben: Die Kunſtrichter. 10 ich nur die Wenigen, am Ende dieſes Bandes Mitgetheilten aufbewahrt. Sie werden einigen Leſern nicht unwillkommen ſeyn, ſo wenig als die Anekdote von der antikritiſchen Buͤchſe, wel⸗ che ich mehr um ihrer ſelbſt, als um meiner Ge⸗ 6 dichte willen, erzaͤhlte.— Freyburg im Breisgau, im Januar 1808, Der Verfaſſer. 11 An Sophie von Laroche. Noch immer, liebſte Freundin, denke ich an das ſiebenzehnjaͤhrige Maͤdchen, das Ihnen, nach ſei⸗ nem Tode, fuͤr die Mittheilung meines Elyſiums, und, wie das gute Kind ſich ausdruͤckte, fuͤr die letzten Freudenthraͤnen danken ließ.„Zwey Tage vor ihrem Ende“, ſo erzaͤhlten ſie mir,„hatte die junge Sterbende noch alle Kraͤfte geſammelt, um Elyſium anzuhoͤren, und nachher mit einem engliſchen Laͤcheln geſagt: O gewiß werde auch ich in Elyſium bekraͤnzt!“ Dieſes ruͤhrende Bild iſt mir, ſeit Ihrer Er⸗ zaͤhlung, uberall gefolgt. Inſonderheit war es mir damals gegenwaͤrtig, als eine Geſellſchaft artiger Zellenſerinen mich in einen oͤffentlichen Garten fuͤhrte, mir ein vor kurzem darin ange⸗ legtes Elyſium wies, und zwiſchen kleinen Raſen⸗ Laltaͤren die Schlußarien meiner Schatten ſang. Sie fragten mich, theuerſte Sophie, ob die letzte Rede des ſiebenzehnjaͤhrigen Maͤdchens nicht 12 der beſte Lohn meiner Arbeit, und es nicht eine der ſeligſten Empfindungen waͤre, Suͤßigkeit in die bittere Schale des Todes zu gießen?2... Allerdings, meine Freundin, und aus eben der Urſache wird Elyſium beſtaͤndig mein Lieblings⸗ werk ſeyn. Welch ein befriedigender Gedanke, einige Seelen Ihres Geſchlechts dadurch zu verſchoͤ⸗ nern, daß man ihre Hoffnungen über die kurzen Anſpruͤche vergaͤnglicher Reize hinausſetze! Laſſen Sie mir, ohne deswegen einen Kenner des Alterthums zu befragen, die lachende Vor⸗ ſtellung, daß die griechiſchen Maͤdchen auf ihren Ringen den Schmetterling, als ein Sinnbild der unſterblichkeit, trugen. Auf den Steinen, welche ſich von jenen Zeiten her erhalten haben, iſt der Schmetterling zu wiederholten Malen abgebildet, und gemeiniglich in den Haͤnden des Amors, oder neben ſeiner Geliebten, der jungen Pſyche. Oft habe ich die Abdruͤcke ſolcher griechiſchen Steine betrachtet, oft, zur Blumenzeit, den Schmetterling flattern ſehen, beyde mit dem Ge⸗ danken an meine künftige Beſtimmung, dem ich alles das Liebliche geben moͤchte, was die ſuͤßeſte Schwaͤrmerey in ihrer Gewalt hat; und daraus entſtand folgendes Gedicht: * Der Schmetterling. „Friede mik euch, ihr Morgenſtuͤnden! Ich habe den Hain der Pſyche gefunden: Küßt, erwachende Lerchen, euch! In des Lenzen Blüthenreich Halte der Zweig den Zweig umwunden: Ich habe den Hain der Pſyche gefunden⸗ Stiller Glanz, ihr Morgenſtunden, Und der Segen der Liebe mit euch!“ So ſang, auf Roſen und Relken, Der ſchönſte Gott von ſilbernen Gewölken In Pſychens Hain hinab, und ſchlug Geſchwinder die eilenden Flügel; uUnd jetzt betrat er den Hügel, Der ihre Hütte trug. Aber, ach! verlaſſen war die Hütte; Fern, in eines ſtillen Thales Mitte, Hielten um einen Aſchenkrug Nymphen ihren Trauerzug⸗ Und der Gott der Liebe ſchlug Voller Angſt die raſchen Flügel; Eilte weg vom Hügel; Sehte ſich auf den Aſchenkrug, Reben dem die kleine Pſyche ſtand, Und von Lorbern Todtenkränze band. 14 Sie weinte mehr, als ihre Geſpielen; Jauſend Thränen fielen Von der blaſſen Wang' auf ihr Gewand. Sie weinte ſchöner, als ihre Geſpielen, Klagte ſüßer; und es fielen Ihr die Lorbern aus der Hand. Mit Tönen, welche Seelen erweichen, Sprach der Venus holdes Kind.... Nicht leiſer flüſtert ein Abendwind In Cypreſſenſträuchen, Wo beſchattete Leichen Ihm heilig ſind.... „Pſyche“, ſprach es,„wie du mich beglückeſt, So beglückte dieſe Nymphe dich einſt; Und der Schatten, um den du weinſt, Und die Aſche, die du ſchmückeſt, Winkten Freude dem Hirten zu; Waren ein liebliches Mädchen, wie du.“ Pſyche ſah den bangen Schmerz Tief im Auge des weinenden Knaben; Und die Huldgöttinnen gaben Sanfte Weisheit in ihr Herz. Denn ſie ging, mit ernſtem Schweigen, In das nächſte Wäldchen, und fing Zwiſchen Myrthenzweigen Einen Schmetterling. — „Amor! dieſer Schmetterling, Welcher todt an jenen Blättern hing, Ward aus ſeinen Finſterniſſen Von der weckenden Sonne geriſſen, Sieh, o ſieh, das Thierchen lebt! Nur vom Morgenthaue Lebt es, in der lachenden Aue, Wo es über Blumen ſchwebt, Und die Blumen es gerne bewirthen. O wie glänzend es iſt! Amor! und es küßt Immer zwiſchen jenen Myrthen.“ Pſyche ſah die Freude bald Wieder im Auge des Knaben; Und die Muſen gaben Ihr der Begeiſterung ſanfte Gewalt. „Amor! wenn aus deinen Armen Endlich meine Seele flieht, Und mein Schatten voll Erbarmen, Hier, im Thal, dich irren ſieht; Wenn den erſten Schmetterlingen Dann die erſte Roſe blüht— 9 ſo komm, ein Frühlingslied Deiner Pſyche vorzuſingen. ⁴Gr 16 Bald erwacht aus einer kurzen Ruh, Gleich den Schmetterlingen, Eil' ich, ſchön wie du, Reben dir, auf goldnen Schwingen, Deinem Vaterlande zu. Schwebend über dieſen Flüſſen, Ueber dem heiligen Opferhain, Reben dir, und ewig dein, Soll dich Pfyche küſſen; RNimmer ſoll, an dieſen Flüſſen, Und im Opferhain, Aus der Ferne ſie dir rufen müſſen. Amor! keine Gebirge ſchließen Mehr das himmliſche Mädchen ein. Welch ein roſenfarbner Schein! Amor! dieſe Locken ſtrahlen; Und aus goldnen Schalen Trink' ich Götterwein. Reben dir, und ewig dein, Lächelt, in dem Wiederſchein Jener Olympiſchen, ewigen Strahlen, Unter goldnen Rektarſchalen, Pſyche dir allein. Amor! und ein Kuß von dir Giebt die ganze Gottheit mir.”* — 17 An Aglaja. Sie wiſſen, liebenswuͤrdige Aglaja, daß ich nicht zu denen gehoͤre, welche in ihrem Kaͤmmerchen mit den praͤchtigen Marmorſaͤlen andrer unzufrie⸗ den ſind, und nicht wollen, daß man, bey zwan⸗ zig Wachslichtern, aus Silber ſpeiſe⸗ Mir kommt dieſes ganz artig vor, und jenen waͤre vielleicht eben ſo zu Muthe, wenn ſie zuweilen mitgeſpeist haͤtten. Die Leute von der vornehmen Welt haben mir auch nichts zu Leide gethan. Es iſt alſo we⸗ der Neid, noch Rache, wenn ich glaube, daß Sie, meine Freundin, mitten in Ihren glaͤnzenden Zir⸗ keln, dann und wann ſich Ihres ſtillen Kabinets erinnern, und an den kleinen runden Tiſch, um welchen wir ſo vergnuͤgt herumſaßen, mit Sehn⸗ ſucht zuruͤckdenken. Zwar gibt es einige vortreff⸗ liche Seelen in der großen Welt; ich habe deren darin gefunden; aber doch kann das Ganze der⸗ ſelben einer Aglaja unmoͤglich gefallen. Fuͤr zwey oder drey wirkliche Menſchen, die man ſieht, be⸗ gegnet einem wieder ein ganzer Schwarm von Ge⸗ ſchoͤpfen, welche denen gleichen, die II. 1* Auf armen, kaum erhellten Bühnen, Durch ziemlich ſichtbare Maſchinen Gelenkt, zum Puppenſpiele dienen; Mit leeren Köpfen, todten Herzen, Ergrimmen, küſſen, weinen, ſcherzen; In der Geſtalt von Damen, Rittern Und Räthen, ſchwer behängt mit Flittern, Geknüpft an ungewiſſe Fäden, Mit einer fremden Stimme reden, Und endlich bey verſtimmten Geigen, So bald der Vorhang ſinket, ſchweigen. Ihr Schiickſal iſt deswegen auch dem Schickſal aller Marionetten aͤhnlich⸗ Jeder Thor, wenn er einige Verwegenheit beſitzt, jeder armſelige Schwaͤr⸗ mer kann, wie er will, ſie aus ihrer Faſſung bringen. Es darf ein Don Quiſchott mit dem geraubten Becken Nur kühn ſein Heldenhaupt bedecken, Hochtönend ſagen, wer er ſey; Dann, mit erhabnem Selbſtvertrauen, Auf ſeinen Sancho Panſa ſchauen, und, mit erbärmlichem Geſchrey, Zur Rechten und zur Linken hauen: Das große Schauſpiel iſt. zerſtört, Die Jäden brechen, und man hört, Indeß der Bühne Pfeiler krachen, Die Klugen mit den Narren lachen⸗ 19 Sollte Ihnen dieſe Beſchreibung ein wenig uͤber⸗ trieben vorkommen, ſo ſehen Sie, liebenswuͤrdige Aglaja, nur außer dem engen Zirkel Ihrer Freunde mit einiger Aufmerkſamkeit ſich um. Welche Wich⸗ tigkeit in den kleinſten Vorfaͤllen, und wie leicht⸗ ſinnig huͤpft man uͤber das, was groß und edel iſt, weg! Wo bleibt der Nachdruck der Seele, wo die Waͤrme, die an allem Schoͤnen Theil nimmt? Es iſt vornehm, kalt zu ſeyn, oder zu ſcheinen, und wenn man ſich ja ſo weit erniedrigt, ein von ungefaͤhr zuruͤckgebliebenes Gefuͤhl, das man ſelbſt nicht zu haben glaubte, bey Gelegenheit auszu⸗ druͤcken, ſo muß es wenigſtens in der Hofſprache geſchehen. Die beßten Empfindungen gehen nach und nach in ein Spielwerk uͤber. Was iſt der Liebesgott derer, die von ihm ſo viel zu erzaͤhlen wiſſen? Er iſt Noch bunter, als ein Schmetterling, Ein kleines lächerliches Ding, Das ſich, wohin der Zephyr bläst, Zum Zeitvertreibe niederläßt; Ein Kind, das immerfort gelüſtet, Dos ſich mit leerem Köcher rüſtet, Und doch, wenn es die Flügel regt, Ein ganzes Mädchenherz bewegt; Oft voller Eigenſinn, poſſierlich, Die matten Augen niederſchlägt, Und, ſtatt der hohen Fackel, zierlich Ein Wachslicht in den Händen trägt. Ihre Grazien ſind nicht viel beſſer. Zwar ha⸗ ben die Goͤttinnen der Anmuth auf alles ihren Ein⸗ fluß, und eigentlich kann ihren Bemuͤhungen nichts zu gering ſeyn; aber die mehrſten von unſern Damen ſetzen das Weſen derſelben in gewiſſe Ne⸗ bengeſchaͤfte, welche die Grazien im Vorbeygehen verrichten, ohne davon einigen Ruhm zu verlangen. Biele machen es noch aͤrger. Sie haben alle Hoff⸗ nung verloren, den drey Schweſtern jemals zu gleichen, und nehmen es ſich daher nicht uͤbel, dieſe, wenn ſie nicht anders mit ihnen fertig wer⸗ den koͤnnen, nach Willkuͤhr ſo lange zu verwandeln, bis ſie nach ihnen ſich bequemt. haben. Unſer Wieland moͤchte ſie ſchwerlich erkennen, und noch weniger ihre Geſchichte ſchreiben wollen. Gekleidet nach der Mode, ſihen, Gehüllt in Bänder und in Spiten, Die Töchter unſrer Cypria Mit aller ihrer Gottheit da; Beſprechen ſich von Liebeshandeln, Und haben lange Weile; taͤndeln 21 Mit ihrer eignen Kleinigkeit, Mit jeder kleinen Herrlichkeit, Die ſich zum Ritter ihnen weiht; Beſuchen nicht zur Roſenzeit Das friſche Grün; entfernen ſich Von Freuden, die, zu bürgerlich, Den Ton der feinen Welt verletzen, und Schäfermädchen gar ergöhen. Auch dieſes wollten wir noch verzeihen. Die Schülerinnen ſolcher Grazien moͤchten an ihrem Putztiſche oder in ihren Geſellſchaften ſo thoͤricht ſeyn, als ſie es gut faͤnden; wenn ſie nur ſich ein wenig mehr Vertraͤglichkeit gefallen ließen. Allein ſie beſchauen Mit innigem Vergnügen ſich, Und ſpotten, wenn, Aglaja, dich Die Leyer, die kein Wappen ſchmücket, In eine ſchönre Welt entzücket; Wenn ſpielend du den Hirtenſtab Ergreifſt; dein Auge ſanft herab Auf unſre leichten Scherze blicket; Wenn du bey zärtlichem Geſang Der Nachtigallen oft verweileſt, und iugendlich, mit freyem Gang, Auf neue Blumenfelder eileſt; Zu denken und zu fühlen wagſt, Gedanken deiner Seele ſagſt, Und keinen Höfling leiſe fragſt⸗ Wie man im Vorgemach empfinde, Wie von den Rechten der Natur Man obenhin das kleinſte nur An ſeine vollen Ahnen binde⸗ Damit man ſicherer die Spur Zum Beyfall kleiner Geiſter finde? Doch ihr Spott iſt ſo unbedeutend, daß es nicht einmal der Muͤhe ſich lohnt, wieder zu ſpotten. Laſſen wir ihnen, Aglaja, die Erlaubniß zu lachen, als eine traurige Schadloshaltung fuͤr das Beſſere, das ihnen fehlt: Indeß fahren Sie, meine Freundin, fort, den beſſern Seelen, welche gern Ihnen zuhoͤren, die Weisheit unſrer Muſa⸗ rion zu predigen: Die ſtille Weisheit, ohne Stolz, An deren Hand ſich Liebesgötter freuen, Der ſie, beſteckt mit grünen Meyen, In Tempelchen von Roſenholz Den Bogen und den Köcher weihen: Die, feurig ohne Schwärmerey, Nicht flatterhaft, und dennoch frey⸗ Wohlthätig unſer Herz entzündet; Mit einem Lächeln oft ergründet, Was kühner Geiſter Neid erregt: Die mit der Wahrheit ſich verbindet, Und ihre goldne Wage trägt, Den Werth der Dinge ruhig wägt, Das Abgewogne ſtill betrachtet, Nicht auf Paläſte ſchielt, und Hütten nicht verachtet; Sich gern zu Leidenden geſellt, und Thränen dann für eine Wolluſt hält; Doch nicht, mit weibiſchem Gewimmer Auf Abenkeuer geht; nicht immer Den Todtenkopf in Roſenlauben ſiellt; Bey keuſchen Tänzen ſich gefällt, und Freudentage ſchon ſich auf die Zukunft webet; Die Finſterniß als Dämmerung Nur ſieht, und wenn vermeßner Schwung Den Irrgeiſt höher noch, als die Natur, erhebet⸗ Mit leiſem Flügel zwar in reinen Lüften ſchwebet, Doch immer einen Blick dem Himmel, den ſie liebt, und Einen Blick der Erde giebt. An meinen Bruder. O Freund! beklage mit mir die ſterbenden Ro⸗ ſengeſtraͤuche, Woran ich einſt die Leyer hing, Als ich an Deiner Hand, zu jener alten Eiche, Zum Tempel ſuͤßer Empfindungen, ging. Wir hatten oft, in ruhigen Daͤmmerungen, Die Wahrheit geſucht; nun blickten wir umher, und ſagten, bruͤderlich umſchlungen: Kein Winkel iſt von ihrer Gottheit leer. Sie wandelt in Corinthiſchen Gaͤngen, und zwiſchen Herden, auf dem Klee; Sie toͤnt, voll Hoheit, in Operngeſaͤngen, und laͤndlich im Liede der Lalage. Man hoͤrt ſie da, wo der muͤden Kameele Geſchrey durch ſandige Wuͤſten dringt; Man hoͤrt ſie tief in der Felſenhoͤhle Des Heiligen, dem ein Engel ſingt. 0 Gr Die Wahrheit ſelber hat im Stillen Der lachenden Venus Altaͤre geſchmuͤckt; Sie hat den Fabeln der Sibyllen Ein heiliges Siegel aufgedruͤckt. Es predigen laut von ihren Geſetzen Lykurgus und Anakreon, und Weiſe finden, unter Goͤtzen, Ihr Bild, verſtuͤmmelt, im Pantheon. So ſprachen wir: Da lagerten uͤber der Eiche, Wie Laͤmmer, goldne Wolken ſich; Da liſpelten die Roſengeſtraͤuche; Da kuͤßt' ich, im Abendwinde, Dich. und Wahrheit fuͤhlt' ich in den Kuͤſſen, und Wahrheit ſchlug in meiner Bruſt: O Freund! genug iſt es, zu wiſſen, Was jede ſchoͤne Seele gewußt. Zwey Cantaten auf das Geburtsfeſt des Koͤnigs von Preußen, Friedrichs des Grohßen, aufgefuͤhrt zu Halberſtadt. Ich war lange zweifelhaft, ob ich dieſe Cantaten auf⸗ nehmen oder verwerfen ſollte. Auf der einen Seite ſah ich die Unvollkommenheit derſelben im Ganzen, und ihre einzelnen Mängel nur zu deutlich ein, zumal wenn man ſie als muſikaliſche Gedichte betrachtet, mit deren Regeln ich, als ich die Cantaten verfertigte, nicht bekannt genug war. Auf der andern Seite hatte ich mehrere Beweggründe, ſie zu erhalten. Ihre Vernich⸗ tung hätte mir wehe gethan; ſogar machte ich mir, wegen einigen Stellen, die nicht um ihrer Schönheit willen, aber aus andern Urſachen zu bleiben verdienen, ein Gewiſſen daraus. Dieſe Beweggründe bekamen das Uebergewicht. Ich wollte lieber meinem Herzen folgen, als meinem kritiſchen Gefühl; und ſollten unſre Ariſtarchen mich noch ſo laut deswegen tadeln, ſo wird es mich nie gereuen, daß ich der mächtigen Stimme in mir, und zwar der beſſern, Gehör gab. 27 Erſte Cantate. 1771. Chor. Der Wahrheit. Tochter, edle Treue! Die fuͤr das Gluͤck der Laͤnder wacht, Und, wie die Unſchuld ohne Reue, Dem Himmel und der Erde lacht: O ſieh, von einer goldnen Wolke, Den ausgeſchmuͤckten Tempel hier; Gieb deinen Segen dieſem Volke: Des Volkes Stimmen jauchzen dir! Recitativ. Edle Treue! du haſt Die erſten Erdenſoͤhne vereinigt, Gelichtet den Wald, den Boden gereinigt Von Ungeheuern; jede Laſt Erleichtert. Edle Treue! du haſt Im May den erſten Reihen getanzet, Und Huͤtten gebaut, und Lauben gepflanzet; 28 Du heiligteſt den jungen Hain, Du ſtreuteſt auf den Opferſtein Die erſten Roſenblaͤtter. Fuͤr jedes Lamm, fuͤr jede Garbe pries, Von dir beſeelt, der Jungling ſeine Goͤtter, Und ſie zu preiſen, war ihm fuͤß. Da knupfteſt du die ſchoͤnſten Bande, Denn heller floß im Vaterlande Der Bach, und ſanfter war die Luft 4 Und lieblicher der Blumen Duft. In des Gerechten Haͤnde gab Ein Volk den koͤniglichen Stab, Und der gerechte Koͤnig hieß Ein Hirt der ihm vertrauten Herde: Und ihn zu lieben, war dem guten Volke ſuͤß. Zu bald, o Treue! zu bald verließ Dein heiliger Fuß die Erde, Von welcher du zum Himmel gingſt, Und da der Goͤtter Glanz empfingſt! Jedoch, ein kleines Chor iſt deiner werth geblieben: Vom Himmel ruft es dich zuruͤck, Und Bürger kennen noch das Gluͤck, In ihrem Koͤnige das Vaterland zu lieben. Verlaß, o göttliche Treue, ſie nicht! 29 Erſchein', im Sternengewande, Dem ſeligen, geliebten Lande, Und wehe dem, der deine ſchoͤnſten Bande Mit frevelhaftem Arm zerbricht! Arie. Wehe dem, der gern die Klagen ungetreuer Buͤrger hoͤrt, Und, an wonnevollen Tagen, Der Getreuen Jubel ſtoͤrt! Ach! mit wilden Eumeniden Hat er, am Altar der Nacht, Gegen ſeines Volkes Frieden Einen ſchwarzen Bund gemacht. Recitativ. Aber unſterblicher Lohn, Und der Unſchuld reine Suͤßigkeiten Werden ſchoͤne Seelen begleiten; Schoͤne Seelen, die der Thron Nicht an ſeine goldnen Stufen Unter die Freunde des Fuͤrſten gerufen: Die, ohne Wink des Zepters, noch In dunkler Ferne ſtehen, Vielleicht in Huͤtten wohnen, und doch 50 Voll Liebe nach dein Throne ſehen; Die, edelmuͤthig frey, Im Angeſichte der Verwegnen Bekennen, daß es Wolluſt ſey, Des Vaterlandes Gekroͤnten zu ſegnen. Denn ſchwer iſt ſeine Krone, ſchwer! Um der Koͤnige Palaͤſte Schleichen tauſend Verſuchungen her; Winkt geſchmuͤckte Heucheley, Schallt der Ruhmbegier Geſchrey, Feyert ihre Taumelfeſte Die verlarvte Tyranney. Wenn ein Koͤnig uͤberwand, und feſt an ſeinen Thron jede Verſuchung band— Wenn Tugenden ſich im ſtolzen Palaſte begegnen: Welch eine Wolluſt, ihn zu ſegnen! Duett. 1. Wenn er, im gerechten Kriege, Seinen Namen nicht entehrt; 2. Wenn das Gluͤck der ſchoͤnſten Siege Keine Grauſamkeit ihn lehrt; Beyde. Wenn, mit Grazien vertraut, Er den Kuͤnſten Tempel baut; Wenn er Tyranen iche verachtet; Nicht in feiger Nüße ſchmachtet; Wenn der Koͤnig eht ein Wuͤrger, Wenn er nicht de WWaidling war— Beyde. O ſo bringt, getreue Buͤrger! O ſo bringt ihm Kraͤnze dar! Recitativ. Mit ſeines Volkes Rüſtung Ging Friedrich in den Streit; Denn ſeinem Volke war Verwuͤſtung Von maͤchtigen Heeren gedraͤut. Er ſchlug die Maͤchtigen; aber nimmer Hat das Gewinſel der Schlacht, Und verbrannter Staͤdte letzter Schimmer, Ihm Freude gebracht. Nie vermochte Waffenklang, Stimme des Todes, und Triumphgeſang 52 Ihn zum Wuͤthrich umzuſchaffen. Unter dem Getoͤſe der Waffen Suchte die Weisheit ſein Gezelt: An ihrer Seite kam der Held In befreyte Laͤnder wieder, Vergaß das blutige Feld, Und hoͤrte der Muſen leiſeſte Lieder. Ihn umarmte ſtiller Ruhm; Er oͤffnete den heiligen Reſten Der alten Kunſt, in Seinen Palaͤſten, Ein ſichres Heiligthum: 4 Daß einſt, wenn finſtre Barbarey, Ihr Enkel! euer Alter ſchreckte, Noch eine Burg, in jener Wuͤſteney, Der Kuͤnſte Lieblingswerke deckte. Friedrich iſt den Muſen. hold; Aber durften ihre Saiten Traͤge Wolluſt je begleiten? Hat Er je des Landes Gold Zu Taͤnzen und Spielen entwendet? Sah die Arbeit ihren Sold Unter Weichlinge verſchwendet? Hat die Unſchuld, wenn ſie klagte, Gerechtigkeit umſonſt gefleht, Weil, im Schutze der Majeſtaͤt, Ein Guͤnſtling Frevelthaten wagte? Friedrich iſt den Kuͤnſten hold, Die mit allen Reizen Ihm erſchienen; Aber mitten unter ihnen Hat er Weisheit nur gewollt. Dort, wo, mit koͤniglicher Pracht, Den Cedernſaal Aegyptens Marmor ſtutzet, Und Wolluſt uͤberall im Feyerkleide lacht— O! dort hat Friederich des Volkes Rechte geſchuͤtzet, Und oft, in ſorgenvoller Nacht, Sich unſrer Kraͤnze werth gemacht. 38 w e y Ch öore. Erſtes Chor. O Koͤnig! Dir, dem Retter Des Volkes, flechten wir Dieſe Lorberblaͤtter, Alle. Und ſchwoͤren ewige Treue Dir! Zweytes Chor. O Koͤnig! Dir, dem Hirten Des Volkes, flechten wir Dieſe jungen Myrthen, Jacobi's Werke. II. 2 * — Alle. und ſchwoͤren ewige Treue Dir! 1.. Bey jenem Glanze, welcher ſich um Helden einſt ergoß, Als neben Dir, o Friederich! Ihr Blut im Treffen floß; 2. 8 Beym Strahl der Wonne, der das Haupt Des Burgers dann umgiebt, Wenn er an Buͤrgertugend glaubt, und ſeinen Koͤnig liebt— Alle. Bey jenem Glanze Bey jener Wonne Ewige Treue Dir! ſchwoͤren wir 35 Zweyte Cantate. 1772. Inhalt. Der König hatte, ſeit der letzten Feyer ſeines Geburtsfeſtes, durch Ankauf fremden Getreides die allgemeine Theurung verhindert, der Provinz Halber⸗ ſtadt ſechs und zwanzig tauſend Reichsthaler geſchenkt, und die Wittwen ſeiner Offiziere mit jährlichen Ge⸗ halten verſorgt. Die Aufführung der Eantate geſchah in einem erleuchteten Saale, mit Tannen geſchmückt. In der Mitte deſſelben ſtand, unter Lorber⸗ und Myrthen⸗ Kränzen, das Bildniß des Königs. Chor. Koͤnig und Vaterland, Heilige Namen, Die vom Himmel kamen— Suͤße Namen, Vom getreuen Volke genannt! Heiligt unſre Lieder; Toͤnet ſanft in jedem Herzen wieder: Wonne dem, der euch empfand! Unſer Vaterland, Unſer Koͤnig! ſuͤße Namen, Die vom Himmel kamen, Heilige Namen, Vom getreuen Volke genannt! Recitativ. Ihr Buͤrger! fuͤhlt ihr ſchon Der ſeligen Namen holden Ton? Hat er euren Herzen Sich auf ewig eingedruͤckt? Ihr Buͤrger! O ſo blickt Umher, und ſeht die flammenden Kerzen, Womit ihr Heiligthum die junge Freude ſchmuͤckt. Unter dieſen Zweigen* Seht die Liebe niederſteigen! Weſſen iſt das Heldenhaupt, Das ſie mit tauſend Kraͤnzen umlaubk, Ihrem Opfer noch zu wenig? Weſſen iſt das Heldenhaupt? Getreues Volk! es iſt dein Koͤnig. Chor. Unſer Koͤnig! Recitativ. Und der Boden, wo die Myrthe ſtand, Die Sein Bild umſchlinget; Wo, durch ihren Hauch verjuͤnget, Sich die Freude Lorbern wand, Iſt, o Volk! dein Vaterland. Chor. Unſer Vaterland, Unſer Koͤnig: Suͤße Namen, Die vom Himmel kamen! Wonne dem, der euch empfand; Recitativ. Ihr Buͤrger, ja! Gepruͤft iſt eure Wonne. Friedrichs Thaten, die der Sonne Letzter Umlauf ſah— Friedrichs Thaten ſaht auch ihr. Unter dieſen Lorbern hier, Der jauchzenden Liebe noch zu wenig, Ihr Buͤrger! richtet euern Koͤnig! Accompagnement. O Wahrheit, die vor Erdenmaͤchten Nicht zittert, mit der heil'gen Rechten 58 Begleit' uns bis an ſeinen Thron. O! daß ein Volk in deinem Lichte, Vor aller Voͤlker Angeſichte, Die Thaten ſeines Koͤnigs richte: Denn nur in dieſem reinen Lichte Verklaͤret ſich ein Goͤtterſohn. Recitativ. Richtet Ihn! Ein weiſer Koͤnig, ein gerechter, Will einſt dem Urtheil kuͤnftiger Geſchlechter, und jetzt dem euern nicht entfliehn. Hinter eine Wolke, Die von fern den Nahenden ſchreckt, Oder Stuͤrme wider ihn weckt— Hinter eine Wolke Verbirgt ſich nur die Tyranney; Aber Friedrich wandelt frey, 3 Wie der Mittag, unter ſeinem Volke; Sieht, im unſterblichen Lauf, Nicht die Sklaven an, die vor Ihm ſich neigen; Legt kein ungerechtes Schweigen Freygebornen Buͤrgern auf; und ſollt' aus Finſterniſſen herauf „Eine dunkle Rotte ſteigen, 59 und dem niedrigen Verdacht, Im Arm des Poͤbels erwacht, Lauter Flecken der Nacht In koͤniglichen Thaten zeigen— So ſtraft Er die Verwegenheit Nicht mit raͤchenden Flammen; Zufrieden, wenn Gerechtigkeit Und Menſchenhuld ihn nicht verdammen Vor dem Richterſtuhl der kommenden Zeit. Richtet Ihn! Ein weiſer Koͤnig, ein gerechter, Will einſt dem Urtheil kuͤnftiger Geſchlechter, Und jetzt dem euren nicht entfliehn. Chorr. Wir richten Ihn! Accompagnement. Zeugt, ihr friedlichen Gefilde! Von den Thaten Seiner Milde; Zeugt, ihr friedlichen Gefilde! Von der Buͤrger Gluͤck. 1. Recitativ. Aber die Thaten Seiner Milde Werfen ſanftere Strahlen zuruͤck; Heller leuchtet euer Gluͤck, 40 Wenn in nachbarliche, traurende Gefilde Das Mitleid geht, Und ſtill bey jedem Bilde Des Kummers ſteht. Euren Jubel ſtoͤren Will das Mitleid nicht. Wenn es leiſe ſpricht— Wenn es, zwiſchen euren Choͤren, Seine Stimme hoͤren, Seine Thraͤnen fallen laͤßt, So verſchoͤnert ſich das Feſt. Terzett. 1. Selig, wer, im Schooß der Freuden, Oft an den Verlaßnen denkt; 2. Wer, auf herdenvollen Weiden, Einen Blick dem Armen ſchenkt; 5. Wer ſein Ohr zu fernen Leiden Weg vom Rektartiſche lenkt! 41 4. Edler werden ſeine Freuden, 2. Schoͤner werden ſeine Weiden, 3. Suͤßer werden ſeine Freuden, 3 Alle. Und der Nektar, der ihn traͤnkt. Recitativ. Sie kommen heruͤber. Welch ein dumpfer Schall! Die nachbarlichen Klagen all' Kommen heruͤber, Wie langſamer, truͤber Winterwolken⸗Zug, Die ein verheertes Gebirge trug. Drey Stimmen. Laß uns nicht die Jammerſtimmen hoͤren, Ernſtes Klagelied! Denn der Wehmuth ſtille Regung flieht. Toͤne leiſer in unſern Choͤren! Recitativ. Klagt um den ſterbenden Greis! Wohlthun war ſein Leben; 4² Er hat dem Muͤden ſeinen Schweiß, Dem Hungrigen ſein Brod gegeben. Sein Haar wurde weiß In der Unſchuld heiligem Schatten. Ach! um den Sterbenden her Iſt die Huͤtte leer; Um den Sterbenden her Sind die Huͤtten alle leer, Die ſein Haupt geſegnet hatten. Ein ruhiger Abend war ſein Tod, Denn Wohlthun war ſein Leben; Aber das letzte Brod Hat er den Kindeskindern gegeben; Und ihre Seufzer umſchweben Seinen Tod. Accompagnement. Vom Himmel Friede 3 Dem Juͤngling, und dem Mann, Und dem Maͤdchen Friede, Wenn ihr Auge weinen kann! Drey Stimmen. Nimm bey deinem Klageliede, Menſchheit, unſre Thraͤnen an. 45 Recitativ. Klagt um die bekraͤnzte Braut, Welche mit naſſen Blicken, Die Myrthen, die ſie ſchmuͤcken, Voll banger Ahndung ſchaut. Was hilft die Myrthe den Haaren? Ach! des Hungers bleiche Schaaren Warten auf der Liebe Schwur. Elend, welches nimmer raſtet, Hat den Schwur Mit doppeltem Fluche belaſtet. Wenige Monden nur: Dann folgt der Liebe traurigem Genuß, Beym letzten Brod, ein letzter Kuß. Accompagnement. Vom Himmel Friede Dem Auge, das weinen kann! Drey Stimmen. Nimm bey deinem Klageliede, Menſchheit! unſre Thraͤnen an. Recitativ. Euer volles, zaͤrtliches Erbarmen Fuͤr den muͤtterlichen Schmerz! Eine Mutter! und ihr Herz 44 Fuͤhlt nicht mehr. In ſchwachen Armen Traͤgt ſie kaum Ihr einziges Kind, mit wankendem Schritte, Durch die brodloſe Huͤtte. Jammer iſt jeder Tag; Entſetzen jeder Traum, Und ihre letzte Bitte, Des Kindes Tod. Drey Stimmmen. Gott der Erbarmung! Recitativ. Aber, ohne Brod Iſt mehr, als Tod, In des hungernden Kindes Umarmung. Eine Mutter— und das Laͤcheln Der kleinen Unſchuld fuͤhlt ſie nicht? Und des Geſaͤugten letztes Roͤcheln, Und ſein ſterbendes Geſicht 3 Erſchreckt ſie nicht? Accompagnement. Himmel, Ach! in dir kein Friede Fuͤr den Juͤngling, und den Mann, Und das Maͤdchen, ach! kein Friede, Wenn ihr Auge nicht weinen kann. Drey Stimmen. Nimm, bey deinem Klageliede, Menſchheit! unſre Thraͤnen an. Recitativ. Weg vom winſelnden Laut, Und vom Ringen der Haͤnde Des Greiſes und der Braut! Von des Saͤuglings unbetraurtem Ende, Von der Mutter ſtummen Angſt Weg! Aber, ol den eilenden Sohritten Folgſt du nach in tauſend Huͤtten; Elend! Elend! gibt es Huͤtten, Worin du nicht die Haͤnde rangſt? Elend! und du zwangſt, In der ſtummen Angſt, Ein armes Volk zu blutigen Verbrechen. Keine Barmherzigkeit, In Tempeln, die das Volk entweiht! Keine Barmherzigkeit, Wenn himmelan die Tugend ſchreyt! O! der Himmel muß ſie raͤchen! Stimmen des Zorns und Donner ſprechen 46 Um den Altar, Der die letzte Zuflucht war. Drey Stimmen. Unſern Jubel willſt du ſtoͤren, Ernſtes Klagelied! Ach! die Freude flieht: Toͤne nicht laͤnger in unſern Choͤren. Arie. Genießt, ihr guten Herzen! Der friedenvollen Tage, Wozu des Mitleids Klage Den Freund der Menſchen weiht. Im Aehrenkranze ſcherzen Die Freuden euch entgegen, Weil Friedrich ſelbſt den Segen Auf arme Saaten ſtreut. Recitativ. Als unter Fluthen eure Felder lagen, Neben der Erndte leerem Wagen Mangel und Sorge ging, Und in kaum bedeckten Scheunen, Ohne Schnitterfeſt, mit Weinen, Den Pfluger die Gattinn empfing; Da nannte Friedrich euch die Seinen, 47 Und ihr alle ſaht, Was ein getreuer Koͤnig that. Verbargen jener Zaubergaͤrten Liebliche Grotten Ihn! Wollt' Er euren Thraͤnen entfliehn, Seine Seele verhaͤrten, Und ſonder Reu', als ob fuͤr Ihn Allein die Morgenroͤthe ſchien, Vor jeden Trauerblick der Wolluſt Schleyer ziehn? Entſchluͤpfte ſo der Voͤlker Qual Seinen berauſchten Sinnen, Unter dem Liede der Saͤngerinnen, Beym Goͤttermahl? Ihr Buͤrger, nein! Am unentweihten Thron Erſcholl der leiſeſte Jammerton; Und den Jammerton empfand Friedrich, und Seine Gnade Wandelte durch das Land. Auf koͤniglichem Pfade, Trug der Ueberfluß in das bedraͤngte Land Garben, welche fern, am reicheren Geſtade, Der fremde Schnitter band; Fuͤllt, dem Pfluͤger die Scheunen, Ließ ihn ſelige Thraͤnen weinen; 48 Friedrich aber wurde von den Seinen Vater genannt. Chor. Hoͤr' uns, vaͤterliches Land! Wir ſchwoͤren, daß er uns die Seinen, Und wir ihn Vater genannt. Recitativ. Und der Koͤnig fand, Als er wandelte, noch halb erloſchne Spuren Des alten Kriegs auf euren Fluren; Und Sein Auge war nicht weggewandt. Er achtete wenig, An Ehrenſaͤulen umher, des hallenden Siegs; Aber ſeines Kriegs Letzte Spuren tilgte der Koͤnig. Denn er gab, mit friedlicher Hand, Sein Gold der huͤrgerlichen⸗Treue: Da ging der muͤßige Pflug aufs neue, Wit doppelten Roſſen beſpannt, Durch das gluͤckliche Land. Drey Stimmen. Und Friedrich ward aufs neue Von der buͤrgerlichen Treue Vater genannt. 49 Recitativ. Sein Auge war nicht weggewandt. Als er umringt von Ehrenſaͤulen ſtand, Gedacht' Er an der Krieger Muth, Die unter ihm den Tod der Helden ſtarben; Gedacht' an ihr vergoßnes Blut, Und ſah der Krieger Wittwen darben. Er rief den Wittwen, und gab Sein Gold der kriegeriſchen Treue: Da ſchwuren Helden ihm aufs neue, Bey der Helden Grab. So kam die Gnade vom Thron herab, Im koͤniglichen Gang. Stumm iſt vor ihr der Jammerlaut geworden, Gebaͤndigt mit den ungezaͤhlten Horden, Das Elend, das in Huͤtten drang, Und der ihm folgende Frevel vernichtet. Drey Stimmen. O Volk! dein Koͤnig iſt gerichtet: Sing Ihm deinen Lobgeſang. Chor. Wir ſahen den koͤniglichen Gang. Er iſt gerichtet. Ewiger Lobgeſang! II. 2* 50 Recitativ. Aber, o Volk! es wartet deiner Auch ein ſchweres Gericht. Heilig iſt der Buͤrger Pflicht; Und der Ungetreuen keiner Steht verhuͤllt vor jenem Gericht. Ach! entweiht den Frieden nicht, Der um dieſe ruhigen Mauern Seinen Epheu wachſen laͤßt. Und ihr Froͤhlichen! vergeßt Nie, daß eure Bruͤder trauern. Ohne Lied, und ohne Feſt, Weint in dieſen Augenblicken, Fern von eurem Entzuͤcken, Bey der Lampe duͤrftigem Schein, Mancher Juͤngling, allein; Mancher Greis, unter dden Daͤchern, Der aus euren vollen Bechern Einen Tropfen nur begehrt. Seyd der Freude werth, Ihr Froͤhlichen wißt, Daß der Buͤrger unverletzter Treue, Mit einem Leben ohne Reue, Der beſte Lobgeſang fuͤr einen Koͤnig iſt⸗ 51¹ Alle. Friebrich und Valerland Große Namen, Die aus dem Munde der Liebe kamen; Ein Himmel dem, der ſie empfand! Chor. Friedrich! Dir die flammenden Kerzen; Dir, mit Lorbern in der Hand, Die Taͤnze, die der Jubel erfand. Aber, mit Dir, in unſern Herzen Alle Tugenden auch, vom Deutſchen Volke gekannt. Alle. Große Namen, Die aus dem Munde der Liebe kamen; Ein Himmel dem, der ſie empfand: Friedrich und Vaterland! 6 Die Dichter. Eine Oper, geſpielt in der Unterwelt. Vorbericht. Das nachſtehende Gedicht erſchien im Jahre 1772, und hatte zur Abſicht, nicht einzelne Dichter zu ver⸗ ſpotten; ſondern die damals immer zunehmende Nach⸗ ahmungsſucht einer Menge von Scribenten, welche bald in dieſen, bald in jenen Modeton einſtimmten, in ihrer Lächerlichkeit darzuſtellen. Weil es aber um Allegorien, eine mißliche Sache iſt, ſo wurde meine Dichter⸗Oper größten Theils mißverſtanden, und ſogar auf eine für mich nachtheilige Weiſe ausgelegt. Dieſes nöthigte mich, einem ſpätern Abdrucke folgenden Inhalt der Oper vor⸗ anzuſchicken, deſſen die jetzigen Leſer noch weniger, als die Leſer jener Zeit, entbehren können, r 1 Inhalt. Erſter Auftritt. Das erſte Zeitalter der Poeſie, voll Unſchuld und Naivetät. Zweyter Auftritt. Die unwei⸗ ſen Nachahmer des weiſen Young, nebſt ihren Gehül⸗ fen, und ihrem Anführer, welcher eben ſo wenig, als das Gerücht des Virgil, die Zwietracht des Arioſt u. ſ. w. eine wahre Perſon iſt. Belagerung des Sitzes der Freude. Dritter Auftritt. Die Belagerung auf⸗ gehoben. Den Nachtgeſpenſtern wird ein freyer Ab⸗ zug verſtattet; nur bleiben einige finſtere Moraliſten und unberufene Richter des Schönen, voll eingebildeter Erhabenheit, zurück. Vierter Auftritt. Die Empfin⸗ dung ſteigt vom Himmel. Unglückliche Nachahmer von Yorick. Myſtiſch empfindſame Leute. Fünfter und letzter Auftritt. Die griechiſchen Götter in ihrem Tempel. Ungedungene Barden, welche denſelben zerſtören wollen. Es ſind diejenigen, die nicht, wie unſre guten Dichter, ſich in die alten Zeiten verſetzen, und Freyheit und Va⸗ terlands⸗Liebe mit eigner Stärke beſingen— ſondern mitten in dem heutigen deutſchen Reiche, mit ihrem Eichenkranze, der Neuheit wegen herumlaufen. Daß, in dem finſtern Tartarus, Den Juͤnglingen und Schoͤnen Noch Kraͤnze bluͤhen— Scherz und Kuß, Und Freudenlieder toͤnen: Das glaubten, ohn' es ſelbſt zu ſeh'n, Die lieben Alten, in Athen, Und ſagtens ihren Soͤhnen. 54 Ich ſelber.. Ob ins Reich der Nacht Mich, in verborgnen Gaͤngen, Ein goldner Zweig hinabgebracht;*) Ob Zauber von Geſaͤngen; Ob nur ein Traum... Genug! ich ſah Bey Saitenklang, zur Opera Sich leichte Schatten draͤngen. Die Buͤhne war ein Blumenfeld, Gebaut von Schaͤferinnen: Hier tanzten um ein kleines Zelt Die nackten Huldgoͤttinnen, Mit jedem Hirtenton vertraut; Und Tempel wurden aufgebaut Den holden Pierinnen. Es ließen Maͤoͤchen um ihr Herz Die Liebesgoͤtter loſen; Der Juͤngling klagte ſeinen Schmerz Dem Fruͤhling, unter Roſen; Und unſre Saͤnger wurden nie, Durch eine lange Threnodie, Beruͤhmte Virtuo ſen. *) M. ſ. Virgil. Aeneid. Lib. VI. 136. seq. ◻‿ ◻8 Sie konnt ein laͤndlich frohes Spiel Zum Lobgeſang entzuͤnden; Sie prieſen, ohne das Gefuͤhl Der Engel zu ergruͤnden, Den Gott, den jede Nachtigall, Das Veilchen und der Waſſerfall Einfaͤltiglich verkuͤnden. Auf einmal truͤbte ſich das Meer: Gethuͤrmte Wolken zogen, Und Stuͤrme taumelten daher Auf himmelhohen Wogen: Da kam, von Sonnen⸗Untergang, Bey ſohrecklichem Trompetenklang, Ein Engel angeflogen. Und meilenlange Worte rief Des Engels blaſſe Lippe: Memento mori ſchallte tief Ins Thal, von jeder Klippe. Da wandelten die Saʒͤulen ſich An allen Tempeln, ſichtbarlich, In ſchauernde Gerippe. Der Tempel Daͤcher trugen ſie Auf ihren Todtenkoͤpfen, Und ragten, mit geſenktem Knie, Hervor aus Aſchentoͤpfen. Mit kleinen Mumien im Arm, An ſie gelehnet, ſtand ein Schwarm Von wimmernden Geſchoͤpfen. Die Luſtgefilde waren ſtumm; Die Klagen ſonder Ende: Man weinte, wußte nicht warum; Und frommer Prieſter Haͤnde Bemalten, zu der Goͤtter Ruhm, In ihrem dunkeln Heiligthum Mit Phosphorus die Waͤnde. So mancher Saͤnger ſchon fing an, Die Leyer zu bekreuzen; Entfloh, durch ſeinen Talisman, Der Liebe ſuͤßen Reizen; Und hob in Thuͤrmen voller Graus, Zum Zeitvertreibe, Neſter aus Von Eulen und von Kaͤuzen. Mit Zaubertrommeln in der Hand, Durchliefen Myriaden Geſpenſter das bedraͤngte Land, Und warnten es vor Schaden; Und ſprachen von Cometen⸗Schein: Die Liebesgoͤtter, groß und klein, Empfahlen ſich zu Gnaden. Man ſah die guten Kinderchen In Myrthenwaͤlder huͤpfen, Und neben ihnen Grazien In keuſche Baͤder ſchluͤpfen. Sie weihten ſich des Juͤnglings Herz, Und lehrten, unbereuten Scherz An hohe Weisheit knuͤpfen. Den Liebesgoͤttern folgten bald Die ſanften Muſen ſchuͤchtern An ihren Quell, in ihren Wald, Umtanzt von ihren Dichtern; Und athmeten der Roſe Duft: Da fuͤllten Geiſterchen die Luft, Mit graͤßlichen Geſichtern. Die machten ſich ein Fluͤgel⸗Paar Von ſchwarz gefaͤrbten Federn, Und eilten, in gedraͤngter Schaar, Zu jenen ſtillen Baͤdern; 58 Belagerten der Freude Sitz Mit kuͤnſtlichem Theater⸗Blitz Und großen Feuerraͤdern. Ihr Feloͤherr ſaß auf einem Sphinx, Und wußte ſich zu bruͤſten; Als Raͤthe ſtunden, rechts und links, Gelehrte Kabaliſten: Indeß, in unbeſorgter Ruh, Die Liebesgoͤtter immerzu Gen Himmel ſahn, und kuͤßten. Der juͤngſte hob, mit leichtem Schwung, Mit Einfalt in der Miene, Sich aus der Buͤſche Daͤmmerung: Und ſieh! der kleine Kuͤhne, Den Hirtenknaben aͤhnlich, griff Nach ſeiner Schaͤferfloͤte— pfiff.... Verwandelt war die Buͤhne. Geſpenſter trommelten nicht mehr; Die Schanze war zerbrochen; Die Krieger fuͤrchteten ſich ſehr, Und hatten ſich verkrochen; Und alle Luͤfte wurden hell, 59 Und alle Tempel ſanken ſchnell, Mit ihren Todtenknochen. Jedennoch ruͤhmten hier und da Propheten ihre Gaben, Und drohten mit Anathema Der Venus holden Knaben; Sie waren voll geheimen Lichts, Und wollten, aller Orten, nichts, Als ihre Weisheit haben; Und uͤberall, und uͤberall Die Regeln ihrer Stoa, Und immer hohen Harfenſchall, Und Lieder von Eloa; Und, an der leichten Gondeln Statt, Die Cypria zum Fahrzeug hat, Den Kaſten ihres Noah*). *) Die Noachide von Bodmer, obwohl ſie, als Helden⸗ gedicht, mit Recht getadelt wurde, und im Ganzen nicht gefallen kann, hat dennoch einzelne wahrhaft poe⸗ tiſche Stellen. Auch ſollte dieſer Spott nicht der Noa⸗ chide ſelbſt, noch weniger ihrem ehrwürdigen Verfaſſer gelten; ſondern den damaligen Dichterlingen, die ſich nur in ſtolpernden Hexametern hören ließen, und jede Meſſe mit Patriarchaden überſchwemmten. 6⁰ Den weiſen Maͤnnern unterbrach Die herrlichſten Sentenzen Ein Maͤdchen, welches nach und nach, In friſch gepfluͤckten Kraͤnzen, Auf einer Wolke niederſtieg: Man ſah der Liebe ſchoͤnſten Sieg Die offne Stirn umglaͤnzen. Es ſchien ein Nektar⸗Tropfen noch Den Roſenmund zu netzen, 2 und unſer Erden⸗Fruͤhling doch Ihr Auge zu ergoͤtzen; Und ihr getreuer Blick verhieß Den Himmel, welchen ſie verließ, Mit allen ſeinen Schaͤtzen. Ihr Buſen war zur Haͤlfte bloß; Man ſah, zu ihren Fuͤßen, Mit weißen Taͤubchen in dein Schooß, Sich zarte Sylphen kuͤſſen; Doch ſollten edle Seelen nur, Vertraut mit Unſchuld und Natur, Im Stillen ſie begruͤßen. Umſonſt! Es toͤnte gleich darauf Ihr Name zehnfach wieder; 61 Es nannte ſie der Baͤche Lauf; Sie nannten alle Lieder. Empfindung rauſchte jedes Thal; Die jungen Saͤnger allzumal Umarmten ſich, wie Bruͤder. Sie redeten geheimnißvoll Mit jedem Amorettchen; Sie brachten reichlich ihren Zoll Von Thraͤnen jedem Blaͤttchen; Und machten ſich, in freyer Luft, An irgend einer Felſenkluft, Bey Mondenſchein, ihr Bettchen. Dann irrten ſie durch Buſch und Feld, Und ſuchten neue Spuren; Und tappten in der Unterwelt, Nach hoͤheren Naturen; Und ſchnitten, wachend und im Traum, Empfindungen in jeden Baum, In myſtiſchen Figuren. Sie fanden alles minder ſchoͤn, Und wollten alles beſſern; Allmaͤchtig ihr Gefuͤhl erhoͤhn, 6²2 Und jeden Wald vergroͤßern. Es floß der Quell, die Wachtel ſchlug, Es blies nicht zauberiſch genug Der Zephyr an Gewaͤſſern. Ein Schuͤler der Urania Kam her aus dunklen Fernen; Er trug ein Orgelchen, und ſah, Bey Tage, nach den Sternen; Und ſpielte Nachtigallen vor: Die ſollten nun, im hoͤhern Chor, Von ihm Geſaͤnge lernen. Ein andres Maͤnnchen, ſchwarz von Haar, Von Gang und Rede munter, Empfand— und malte, Paar bey Paar, Die Wieſenblumen bunter; Und pries den ſchoͤpferiſchen May; Allein es ging, auf ſein Geſchrey, Die Sonne ploͤtzlich unter.. In Opern eilt die laͤngſte Nacht Vorbey, wie ſchnelle Wetter. Wohlan! der Morgen war erwacht; Vergoldet, Gras und Blaͤtter; Und zwiſchen Lorberhainen ſtand, Erbaut vom alten Griechenland, Ein Tempel aller Goͤtter. Voll Einfalt, trug das Pantheon Die Bilder und Altaͤre Der Goͤtter eines Penophon, Zu Delphos und Cythere Durch einen Phidias geweiht; Umſtrahlt von der Unſterblichkeit Der Pindar' und Homere. Den hohen Zevs, der Rieſen ſchlaͤgt, Und vor dem Amor zittert; Der ſein ambroſiſch Haar bewegt, Und Berg und Meer erſchuͤttert; Gezaͤhmt von Muſen, neben ihm, Den Adler, der das Ungeſtuͤm Entfernter Schlachten wittert. Den Jugend athmenden Apoll, Von Grazien geſchmuͤcket, Der, ſeiner Goͤtterfreuden voll, Auf Schaͤferhuͤtten blicket, Der, ewig ſchoͤn, mit ſtarker Hand, Die Leyer und den Bogen ſpannt, und ſieget, und entzuͤcket. Die kleine Venus, die den Streit Der Elemente ſtoͤret— Die, wenn ſich der Olymp entzweyt, Die Erde ſich empoͤret— Herab auf ihren Guͤrtel lacht, Und zwiſchen Goͤttern Friede macht, Und Menſchen Weisheit lehret. Den Weingott.... Aber Schlachtgeſang, und kriegriſches Getuͤmmel, Und ungewohnter Harfenklang Durchwanderte den Himmel. Der Muſen Taͤnze hoͤrten auf, und Dichter liefen ſchon zu Hauf, In drollichtem Gewimmel.. Da fuhr in meiner Dichter Haar Ein Wirbelwind urploͤtzlich; Ihm waren Bilder und Altar, und Lorber unverletzlich; 1 Doch Wolken uͤberzogen ganz 3 Der Haine Grun, des Tempels Glanz, Und donnerten entſetzlich. 65 Der Vorhang wich: Man ſah das Chor Der Muſen, ohne Schrecken, Im Pantheon, mit leichtem Flor Die Biloniſſe bedecken. Die Saͤnger gingen, ohne Hut, Mit ſchweren Kraͤnzen, wohlgemuth, In kurzen Waffenroͤcken; Und hießen Barden, Soͤhne Teuts, Und ſchleppten große Lanzen Umher, und uͤbten ſich bereits, Im Harniſche zu tanzen; Verachteten den Lorberhain, Und wollten, Tohros werth zu ſeyn, Nur Eichenwaͤlder pflanzen. Fuͤr Adelheid und Irmengard Vertauſchten ſie die Namen Der Maͤdchen, welche, weiß und zart, Mit Sonnenſchirmen kamen; Sie ruͤſteten, in aller Eil, Mit Schwert und Bogen, Spieß und Pfeil, Die zephyrlichen Damen. Die Barden fragten jeden Stern Nach himmliſchen Geſtalten, Jacobi's Werke. II. ◻☛ Und ölickten nach dem Monde gern, Ob Moͤlkchen ihn umwallten; Sie ſprachen mit Geſpenſtern viel, Bis daß von ihrem Harfenſpiel Die Tannen wiederhallten.. Es waren Toͤne ſeltner Art, Den Feind zu ſchlagen, maͤchtig; Durch lange Verſe wohlgepaart; Ein wenig rauh, doch praͤchtig: Walhalla, Thuisko, Wodan, Uhr, In wenigen Geſaͤngen nur Den NMuſen unverdaͤchtig*). Nun wollte man die Melodie Der Muſen ſelbſt verdammen: Da ſtuͤrzte ſchnell, ich weiß nicht wie, Das Opernhaus zuſammen. Auf ſeine Truͤmmer ſetzte ſich *) In Herrmanns Schlacht, einem Bardiet, welches, als der Triumph unſrer Dichtkunſt, jedem Deut.. ſchen heilig ſeyn muß; in den vortrefflichen Ge⸗ ſängen des Barden Rhinguloh; in vielen des würdigen Denis, und vielleicht ein Paar andern. Ein aufgedunſner Buͤſterich*), Und hauchte Feuerflammen.. ») Büſter oder Büſterich war, nach der Meinung vieler Schriftſteller, ein Götze der alten Sachſen. Er ſoll in der Statue eines Knaben mit aufgebla⸗ ſenen Backen, welche ſich in der Univerſitäts⸗Bib⸗ liothek zu Leipzig befindet, abgebildet ſeyn. Die Benennung kommt ohne Sweifel von dem alten Worte buſten, blaſen, her. Charmides und Theone. Er ſtes Bu ch. 1. Die Einwohner der Inſel Cypern waren nicht mehr diejenigen, zu welchen die junge Liebesgoͤt⸗ tin, ihrer eignen Gottheit ſich noch unbewußt, als ein gutes unſchuldiges Maͤdchen, gekommen war. Damals hatten die Schoͤnen der Inſel die uner⸗„ kannte Venus, nach den Geſetzen der Gaſtfrey⸗ heit, in der Einfalt ihres Herzens, unter ſich auf⸗ genommen. Sie hatten in dem Umgange derſelben neuen Liebreiz gelernt, und, als ſie von ihnen empor gehoben wurde, voll Zutrauens ihr nachge⸗ ſehen, wie man einer Geſpielin nachſieht, wenn dieſe dem Verlobten folgt. Eben ſo waren den cypriſchen Maͤdchen die Begleiterinnen der Venus, 2 die Grazien, erſchienen. Drey gutherzige, freund⸗ liche Kinder, lieblich in allem, was ſie thaten; ſie mochten ſich ins Gras lagern, oder uͤber die 69 Wieſe laufen; reden, oder ſingen; eine Freundin umarmen; oder den einen Juͤngling anlaͤcheln, dem andern entfliehen; einer Geſpielin bey ihrer Arbeit helfen, oder zum Feſte ſie anputzen; im Schatten der Baͤume ſich haſchen, oder die Hand auf den Altar legen; immer lieblich, und doch ſo, daß man es ihnen mit weniger Muͤhe nachzumachen glaubte. Die Vertrauten der Grazien waren un⸗ vermerkt in die Geheimniſſe derſelben eingeleitet, oder vielmehr, ohne an Geheimniſſe zu denken, dasjenige geworden, was man werden mußte, um ihnen gleich zu ſeyn. Ohne daß ſie etwas von einem Lehrbuche der Grazien wußten, haͤtte man aus ihren Handlungen ein ſolches zuſammen⸗ ſetzen koͤnnen. Lange hatten ſich bey dem gluͤcklichen Volke das Andenken der Venus und der Huld⸗Goͤttinnen, mit dem Einfluß ihrer Gegenwart, in ſeiner erſten Einfalt erhalten. Die Verehrung der Gottheit war dieſer Einfalt gemaͤß geblieben. Lauter Haine, ſtatt der Tempel; Altaͤre von Raſen, ein wenig Milch und Honig, aus hoͤlzernen Opferſchalen darauf gegoſſen; Taͤnze, wie jedes Hirtenmaͤchen ſie tanzen kann; Geſaͤnge ohne Kunſt; aber zu⸗ gleich ein keuſches Gewand, ein beſcheidener Haar⸗ 7⁰ putz, die Farbe der Schamhaftigkeit, ſittſame Blicke, der leiſe Ton einer Jungfrau, der Gang einer Prieſterin, die etwas Heiliges traͤgt, und, unter anſtaͤndigen, noch nicht aufs hoͤchſte ver⸗ feinerten Geberden und Bewegungen des Koͤr⸗ pers, im Innerſten das ganze liebliche Weſen der Grazien. Nun aber waren die Einwohner der Inſel nicht mehr jenes gluͤckliche Volk. Sie baueten der Lie⸗ besgoͤttin große Tempel, praͤchtige Altaͤre, kamen im koſtbaren Schmucke, und wendeten viel auf Opfer. Ihre Taͤnze waren kuͤnſtlich erfunden; ihre Lobgeſaͤnge der Muſen wuͤrdig. Aber in den großen Tempeln kein Auge mehr, das ruhig gen Himmel ſah; keine Thraͤne der Liebe! Maͤdchen und Juͤnglinge verlangten von der Goͤttin nichts, als Kuͤſſe; von den Grazien nichts, als aͤußere Lieblichkeit; ſuße Geſpraͤche, lockende Winke, ge⸗ faͤlligen Putz, und Anmuth in der nachlaͤßigſten Bewegung ihrer Glieder. Auch redeten keine Juͤnglinge beſſer, als dieſe; keine Maͤdchen trugen beſſer ihren Schleyer und ihren Kranz. 2. Um dieſe Zeit machte ſich in Cypern der Bild⸗ hauer Callias beruͤhmt, deſſen Bildſaͤulen die vor⸗ 71 nehmſten Tempel ausſchmuͤckten. An ſeinen Lie⸗ besgoͤttinnen bewunderte man eine wolluͤſtige Stel⸗ lung und einen ſchmachtenden Blick; an ſeinen Grazien ein ſchalkhaftes Laͤcheln, ein Gruͤbchen im Kinn oder in den Wangen, und mit Ueppig⸗ keit um ſie her geworfene Blumenketten. Der Werth dieſer Arbeiten, welche mit dem ſittlichen Gefuͤhle des ganzen Volks uͤbereinſtimmten, war ſo entſchieden, daß auch der Neid der uͤbrigen Kuͤnſtler dazu ſchweigen mußte.„Venus und ihre Geſpielinnen ſelber ſind erſchienen dem Callias; alle ſeine Werke ſind ein Hauch der Liebe:« So riefen aus Einem Munde Kenner und Halbkenner; die Prieſterinnen wiederhol⸗ ten es, und ihnen ſagte das zehnjaͤhrige Maͤdchen es nach. Der Sohn des Callias, mit Namen Charmi⸗ des, ein Knabe, welcher in allem uͤbrigen eine fruͤhzeitige Begeiſterung an ſich wahrnehmen ließ, blieb allein von den Meiſterſtuͤcken ſeines Vaters ungeruͤhrt; und doch hatte dieſer ihn, ſobald er den Meißel fuͤhren konnte, ſchon in der Kunſt unterrichtet. Callias wohnte nicht weit von der Stadt Pa⸗ phos, an einem Huͤgel, worauf der Venus 72 geopfert wurde. Aus den benachbarten Gegenden kam die Jugend dahin, zur Zeit, wenn die Ro⸗ ſen bluͤhten; denn der Huͤgel war ganz mit Ro⸗ ſen bedeckt. Jenſeits deſſelben lag ein kleines Gehoͤlz, alt und verwildert, und von Nieman⸗ dem beſucht. Man ſagte, vor Zeiten haͤtten die Grazien und Muſen es geliebt, ihre Taͤnze darin gehalten, ihre Lieder darin geſungen; aber jetzt waͤre es von ihnen gaͤnzlich verlaſſen, ohne die geringſte Spur ihrer Gegenwart, nur ein Aufent⸗ halt der Schlangen. In dieſes Gehoͤlz wagte ſich einſt der Knabe Charmides; nicht aus Neugier, ſondern weil er ein Verlangen fuͤhlte, mit den Goͤttern genauer umzugehen. Die kuͤhn in ein⸗ ander gewachſenen Baͤume beſtaͤtigten, was man von dem Orte Geheimnißvolles erzaͤhlte, und ga⸗ ben ihm uͤberdieß ein Anſehn von Alterthum, welches den ſchoͤnſten Seelen die ſuͤßeſten Traͤume verſpricht. Den Eingang des Hains bewachte das verſtuͤm⸗ melte Bild einer faſt unkenntlich gewordenen Muſe. Zur Noth entdeckte man eine Floͤte in ihrer Hand, und einen Myrthenzweig um ihre Stirn. Charmi⸗ des ging in die tiefſte Waldung, ohne von ir⸗ gend einem giftigen Thiere geſchreckt zu werden. 7⁵ Er kam an einen Altar, von Raſen aufgeworfen, und an eine ziemlich unbeſchaͤdigte Bildſaͤule von Holz. Gleich bey dem erſten Anblicke gab die Ein⸗ falt des alten Gottesdienſtes ihm Ehrfurcht und Zufriedenheit. Es war die Bildſaͤule der Liebes⸗ goͤttin, mit dem rechten Arm auf eine Grazie ge⸗ lehnt. Ein rohes Werk; eins von denen, woruͤber der Kuͤnſtler, wenn er nur mit den Haͤnden arbei⸗ tet, lachen muß; worin aber hoher Geiſt verbor⸗ gen, und fuͤr den zu finden iſt, der hohen Geiſt zu finden vermag. In den Augen der Venus, befriedigte Zaͤrtlichkeit; ſeliges Wohlwollen, das ſich andern mittheilen will, und mittheilt. Ihre Stellung ruhig und edel. In dem Schleyer der Grazie keine wolluͤſtige Falte; nichts Ueppiges in ihren Haarlocken; zwey Roſenknospen ihr ganzer Putz. Ein wenig vor ſich hingebeugt, ſchlug ſie die Augen nieder, als ob der Antrag, ihre Goͤt⸗ tin verſchoͤnern zu ſollen, ſie beſchaͤmte. Das iſt ſie! rief Charmides; und kniete vor dem Altar. 5. Seitdem Charmides den heiligen Ort geſehen hatte, war es ihm noch ſchwerer, als zuvor, mit ſeines Vaters Bildſaͤulen und mit dem Opferge⸗ 74 praͤnge der Goͤttin ſich auszuſoͤhnen Ueberall war ihm die beſcheidene Venus des Hains, mit der ſchamhaften Grazie, gegenwaͤrtig. Beyde ſchweb⸗ ten, wenn er arbeitete, vor ihm in der Werkſtatt, und folgten ihm in den Tempel. Zwiſchen Mar⸗ morbildern und Altaͤren von Gold, lag er im Geiſte beſtaͤndig vor dem heiligen Raſen und dem hoͤlzernen Bilde ſeiner Gottheit; der einzigen, deren Strahl aufzufangen er fuͤr Seligkeit achtete. So vollbluͤhend auch die Kraͤnze der Prieſterinnen ihm entgegendufteten, ſo vergaß er doch den keu⸗ ſchen Myrthenzweig ſeiner Muſe nicht. Sogar bey den Reizen der Maͤdchen, welche mit ihm zum Opfer gingen, blieb er kalt. Er ſah dann und wann unter ihnen ſich um, ob er keinen Blick faͤnde, welcher den Goͤtterblicken im Hain zu vergleichen waͤre: da fand ſich keiner. Endlich, an einem von den Feſten, welche zur Roſenzeit auf dem Huͤgel gefeyert wurden, zog ein kleines Maͤdchen die Aufmerkſamkeit des Kna⸗ ben an ſich. Das Maͤdchen hatte ſich beſonders gelagert, und ſuchte die kleinſten Roſenknospen, und ſteckte zwey davon ins Haar und eine an den Buſen. Es ſchien zu merken, daß an ſeinem Bu⸗ ſen die Blume ſchoͤner wurde, und ſchlug die Au⸗ 75 gen nieder, als waͤr es beſchaͤmt, eine Roſe ver⸗ ſchoͤnern zu wollen. Dieß war die Grazie des Eharmides. Freylich war jener Gedanke zu fein, um in die Seele des Maͤdchens zu kommen; aber ſobald man es anſah, mußte man wenigſtens etwas dem Ge⸗ danken Aehnliches in der Seele vermuthen; etwas dunkles, das in der Zukunft einer ſolchen Entwicke⸗ lung faͤhig waͤre. Die kleine Schoͤne richtete ſich auf, ſah den Knaben, und wurde roth. Der Blick des Kna⸗ ben fiel auf die zwey Roſenknospen im Haar, aber nicht auf die dritte. Dennoch ſchaute er mit einer gewiſſen Furchtſamkeit in das Auge, das zuvor bey der letzten Roſenknospe niedergeſehen hatte. Die kleine Grazie laͤchelte. Nimmer hatte ſie noch zu einem Knaben ein ſolches Zutrauen gefuͤhlt. Indem ſtimmte man den großen Lobgeſang an; das Feſt war geendigt, und das Maͤdchen mußte mit ſeinen Gefaͤhrten ſich wegbegeben. Es war aus Paphos, und hieß Theone. 4. Die Venus im Hain mit ihrer Grazie; und nun ein ſterbliches Maͤdchen, welches der letztern 76 aͤhnlich war? Charmides wurde traurig. Oft ging er in das alte Gehoͤlz; allein die Goͤttinnen konn⸗ ten ihn nicht anlaͤcheln, wie das Maͤdchen aus Paphos.„Wer weiß, ob ſie mir hold ſind, dieſe Goͤttinnen?“ ſo ſprach der Knabe:„Sie waͤren es gewiß, wenn die kleine Schoͤne mich liebte!“ Dieſe kam das folgende Jahr wieder auf den Huͤgel. Charmides brachte ihreinige Roſenknospen entgegen. Die leiſe Stimme, womit er Theonen gruͤßte, hatte ſo etwas liebliches fuͤr ſie, und ſo etwas liebliches hatte fuͤr ihn der Blick, womit das Maͤdchen antwortete, daß von nun an zwiſchen beyden ein heiliges Buͤndniß geſchloſſen war. „Theone! willſt du mit mir in jenes Waͤldchen gehen?“ Das Buͤndniß war geſchloſſen; Theone gab ihm die Hand, und ging mit. Sie waren am Eingange des alten Hains. „Dieſe Muſe hat gewiß auf ihter Floͤte nur un⸗ ſchuldige Lieder geſpielt“, ſagte der Knabe; zu⸗ gleich brach er einen Myrthenzweig ab, und flocht ihn um die Stirn des Maͤdchens. Nun gingen ſie weiter; und ſchon zeigte ſich das hoͤlzerne Bild und der Altar.„Dieß iſt die Goͤttin der Liebe“, ſagte Charmides,„und dieß iſt eine Grazie.“ Die Augen waren ihm, als er 03 ſagte, voll 77 Thraͤnen; er druͤckte die Hand ſeiner Begleiterin. Als Theone die Thraͤnen des Charmides ſah, konnte ſie die ihrigen nicht zuruͤckhalten. Es war Unſchuld und Liebe. „Dieſe Gottheit“, ſagte jener, nach einem kurzen Stillſchweigen,„hat noch keine Prieſte⸗ rin. Willſt du, Theone, dich ihren Geheimniſſen widmen?“ Das Maͤdchen verſtand ihn nicht voͤl⸗ lig. Zwar hatte die Einfalt des Altars und der Blick des Bildes etwas, das ſie, ohne zu wiſſen warum, den praͤchtigen Tempeln zu Paphos und dem Roſenhuͤgel vorzog; aber den ganzen Werth des Heiligthums einzuſehen, wie konnte man das von ihrer kindlichen Seele verlangen? Bey dem Knaben ſelbſt war es mehr Empfindung, als Ein⸗ ſicht des Schoͤnen. Haͤtte das Maͤdchen indeſſen die Liebesgoͤttin und die Grazie nicht um ihrer ſelbſt willen geliebt, ihr waͤre das Bild von dem Augenblick an heilig geworden, da ſie Charmides zu demſelben hinfuͤhrte. Sie pfluͤckte den Schooß voll Blumen, und bekraͤnzte die Goͤttin und be⸗ ſtreute den Altar.„Vergiß nicht, was du ge⸗ than haſt!“ ſagte Charmides. Theone kam mit ihrem Geliebten auf den Hü⸗ gel zuruͤck, und mußte, weil es ihre Mutter be⸗ 78 fahl, ſich in die wolluͤſtigen Taͤnze der uͤbrigen miſchen; aber unter dem Myrthenzweig auf ihrer Stirn war der Unwille beleidigter Scham. So oft ein Knabe ſie mit ſeinen Armen umſchlingen wollte, ſtraͤubte ſie ſich, und die Knaben lachten. Der ſchoͤnſte von dieſen entwandte Theonens Haar⸗ locken eine von den Roſen des Charmides; und er that es mit aller der Annehmlichkeit, welche bey andern Maͤdchen ſeine Kuͤhnheit entſchuldigt haͤtte. Bey der zaͤrtlichen Theone keine Verzei⸗ hung! Sie verließ den Tanz⸗ 5. Guter Charmides! beſchaue die welken Blumen auf deinem Altar und am Bilde deiner Goͤttin. Kuſſe die Blumen, weil ſie Theone gepfluͤckt hat. Die Blumen lagen in ihrem Schooße. Pflege der Myrthe, von welcher du einen Zweig um ihre Stirn flochteſt. Ruhe, wo ſie gelagert war; gehe, wo ſie ging; benetze den Huͤgel, wo ſie tanzte, mit Thraͤ⸗ nen; aber hoffe nicht, unter den naͤchſtbluͤhenden Roſen deine kleine Prieſterin wieder zu ſehen. Ein langes Jahr ſcohlich vorbey; der Roſenmo⸗ nat kam, und mit ihm die Maͤdchen aus Paphos. Theone nicht. 79 Guter Charmides! bitte die Grazien, daß der Schmerz deine Seele zur Sanftmuth bilde. Viel⸗ leicht haſt du die kleine Prieſterin zum letztenmale geſehen! Fuͤnf Jahre ſchlichen, wie das erſte, vorbey, Mit jedem kam der Roſenmonat; die Maͤdchen aus Phaos kamen; Theone nicht. Der Knabe Charmides war ein Juͤngling gewor⸗ den; aber den Geheimniſſen des alten Hains, und der Liebe des geweihten Maͤdchens, und der Be⸗ trachtung alles deſſen, was im Himmel und auf Erden ſchoͤn iſt, getreu geblieben. 6. Ehe Charmides ſeine Theone geſehen hatte, war er ausgegangen, ein Maͤdchen-Auge zu ſu⸗ chen, das mit den Augen der Bildſaͤule zu ver⸗ gleichen waͤre. Jetzt wollte der Juͤngling etwas von der Schoͤnheit ſeiner Geliebten in einer an⸗ dern Schoͤnheit wieder finden. Er ſah unter allen opfernden Maͤdchen nach Einem von ihren Bli⸗ cken ſich um, horchte nach ihrer Stimme; doch umſonſt! Unter allen opfernden Maͤdchen keine Theone! Dann und wann bemerkt' er ein dun⸗ kelblaues Auge, ſittfam, wie das ihrige, wel⸗ ches einen Blick auf die Erde warf; oder einen 80 beſcheidenen Ton, wie den ihrigen; aber es dauerte nicht lange, ſo flog das Maͤdchen, das er be⸗ wundern wollte, mitten in die Reihen feuriger Junglinge. Da war die Scham aus ihrem hold⸗ ſeligen Geſichte weg, und die keuſche Rede wurde nicht mehr gehoͤrt. O Theone! Theone. Die Grazien aber verließen den Charmides nicht, weil er ſie nicht verlaſſen, auch unter ſo vielen Thraͤnen nicht verlaſſen hatte; und nun, da ſeine Seele durch eine lange Pruͤfung gelaͤutert war, ſollt' er in das Innerſte ihrer Geheimniſſe ſchauen. An einem Tage des Roſenmonds, als Geſang und Floͤtenſpiel ihn wieder auf den Huͤgel lockten, und er voll Reue von dannen ging und in den heiligen Hain ſich begab, da entdeckt' er, unten am Fußgeſtell des heiligen Bildes, eine halber⸗ loſchene Inſchrift. Er hatte ſie bisher nicht wahr⸗ genommen; denn wir wiſſen, daß ein beſſerer Trieb, als Neugier, ihn dahin brachte. Nach ihm haben andere das Fußgeſtell ſorgfaͤltig ge⸗ nug unterſucht und ſich an den Zuͤgen der In⸗ ſchrift ergoͤtzt; und ſie thaten wohl; denn auf der Stirn der Liebesgoͤttin wußten ſie wenig zu leſen. Charmides, welchem dennoch an dieſem Orte 81 nichts unbedeutend ſchien, freute ſich uͤber die Entdeckung. Er betrachtete die alten raͤthſelhaf⸗ ten Buchſtaben, und ſetzte mit vieler Muͤhe daraus folgende Worte zuſammen: Der himmliſchen Venus. 8 In dem einfaͤltigen Zeikalter, worin das hoͤl⸗ zerne Bild entſtanden war, laͤßt ſich nicht ver⸗ muthen, daß man dieſen Worten denjenigen Sinn beygelegt habe, den ſie nachher unter den ſpaͤteren Weiſen erhielten. Ohne Zweifel ſollten Altar und Bildſaͤule zu einer bloßen Erinnerung des Tages dienen, an welchem Venus, die Geſpielen der cypriſchen Maͤdchen, von ihnen weg in den Himmel geruͤckt, und eine Geſpielin der Goͤt⸗ ter geworden war. Charmides, ſo wenig er noch ein Plato ſeyn konnte, gedachte mehr dabey. Was er gedachte, hob ſeinen Geiſt zu groͤßern Offenbarungen empor, bis zu dem Traumgeſichte, das er ſelber aufgezeichnet hat, und das ich mit den eignen Worten des Charmides erzaͤhlen will. 7. „Die unſterblichen Goͤtter“, ſo ſchreibt Char⸗ mides,„lieben den Sterblichen, welcher das Schoͤne liebt; denn die Goͤtter im Olympus ſind II. 35** 82 ſchön; und ſo iſt alles, was ſieithun. Wer ſich Tag und Nacht um das Schoͤne bekuͤmmert, der ſucht die Goͤtter, und dieſe wollen, daß man ſie finde. Vor Zeiten ſtiegen ſie zu den Menſchen herab auf die Erde; jetzt aber reden ſie mit der Seele des Menſchen durch Eingebung und Traͤume, oder ſie laſſen Gedanken in ſeine Seele kommen, von denen man ſagen muß: Das ſind Gedanken der Goͤtter.“ „Ich war ein Juͤngling; da feyerte man den Ro⸗ ſenmond auf unſerm Huͤgel, und ich ging, nach meiner Gewohnheit, in den Hain der himmliſchen Venus, und las zum erſtenmale die Schrift un⸗ ter dem Bilde. Sogleich kamen Gedanken in meine Seele, die mir fremd waren; aber ich wurde bekannt mit ihnen, wie ein freundlicher Mann mit einem freundlichen Gaſte, den er nie geſehen hatte, auf ſeiner Thuͤrſchwelle bekannt wird. Nach und nach wurd' ich an dieſem Gedanken etwas Goͤttliches ge⸗ wahr, ſo wie die guten Leute der alten Welt an ihren olympiſchen Gaͤſten, deren ſchlechte Kleidung einen gewiſſen inwohnenden ewigen Glanz nicht verbergen konnte.“ „Nun fuͤhlte ich mich von einem Hauche der ſeli⸗ gen Goͤtter angeblaſen; angefuͤllt mit dem, was 83 bey ihnen wirkliche Seligkeit, bey den Menſchen Be⸗ geiſterung oder ſuͤße Schwaͤrmerey iſt; von der Gottheit ſelber feſtgehalten. Ich lag am Altar, und durfte nicht aufſtehen. Es fing an zu daͤm⸗ mern; es wurde Nacht. Ich ſchlief ein. Der Schlum⸗ mer ſollte nur zu neuem Entzuͤcken mich ſtaͤrken. Als der Morgen begann, und ich halb erwachte, ſah ich die Bildſaͤule der Venus mir laͤcheln, und hoͤrte die Grazie den Namen Charmides nennen. Darauf ſah ich, wie der Hain ſich in eine gruͤne Wieſe verwandelte, ſo gruͤn, als waͤr es der erſte Fruͤhling der Schoͤpfung. Auf der einen Seite der Wieſe ſtanden hohe Felſen, auf der andern ein kleiner Wald von Lilien eingefaßt. Die Luft war erquickend: am Himmel faͤrbten ſich duͤnne Wolken in der Morgenroͤthe. und ich ſah, nicht weit von den Lilien, ein Maͤdchen ſtehen. Es war die Schoͤn⸗ heit, ſo wie ſie einſt in dem großen Gedanken der Gottheit da geweſen iſt, als dieſe das erſte Maͤd⸗ chen zu ſchaffen beſchloſſen hat.“ „Auf einmal toͤnten die Wolken, und aus der Morgenroͤthe kam eine Stimme. Jeder Zweig des Waldes und jede Blume der Wieſe ſchien, mit gleicher Suͤßigkeit, ſie zu wiederholen; und die Stimme ſang: Geht aus, ihr holden Blicke! Vollendet unſre Welt. Es werde die Nacht des Grabes erhellt. Euer Lächeln ſchmücke Den Boden, wo die Uunſchuld fällt; Euer Lächeln entzücke Die trauernde Welt. „Alles um das Maͤdchen her wurde Geſang; aber das Maͤdchen vernahm die Stimme nicht. Es blieb in ſeiner vorigen Einfalt, und ging ſchuͤchtern uͤber die Wieſe. Da bebten die hohen Felſen; und es war ein Geſchrey; und die Felſen riefen: Empörung und Krieg In Seen und Lüften! Blutiger Sieg! Zwiſchen Gewürmen in den Grüften, Und zwiſchen bepanzerten Heeren Krieg! „Da bewegte ſich der Wald, und die Lilien bewegten ſich; ein Lied wurde gehoͤrt, und die Toͤne des Liedes antworteten: Aber ſüßer Friede hat Das Mädchen geſchaffen. Es redet im Lärm der Waffen: Dann wird die Stimme des Würgers matk. Süßer Friede hat Das Mädchen geſchaffen, Die Stimme der Felſen. Giftige Becher In des Freundes Hand! Und Verräther und Verbrecher, Gekleidet in weißes Gewand! Die Stimme des Waldes. Aber das Auge der Schönen Iſt ohne Schuld. Es ſoll die Tugenden verſöhnen— Es ſoll an Menſchenhuld Die Seele gewöhnen. Auf ihren Lippen iſt Geduld; Ihr Athem iſt Liebe; das Auge der Schönen Kann die rächenden Götter verſöhnen. Die Stimme der Felſen. Olymp und Götter! Eitle Namen für den Spötter! Ein Gaukelſpiel das ſchlagende Meer, Ein bloßer Schall das laute Wetter! Und die jauchzenden Hügel umher, Die Knospen im Hain, im Sonnenglanz die Blätter Ohne Wunder für den Spötter, Und von aller Gottheit leer: Die Stimme des Waldes. O der Himmel iſt voll Götter: Denn wo ſonſt das himmliſche Mädchen her? 86 Und ſie nährt Ambroſia: Denn das liebliche Mädchen iſt da! Die Stimme der Felſen. Was hilft den Söhnen der Erde Des Olympus Macht, Wenn deiner, du verlaſſene Herde, Zevs in ſeinen Wolken lacht? Die Stimme des Waldes. Er liebt die Söhne der Erde: Wohlthun iſt des Mädchens Geberde; Sphärentanz und Göttergenuß, Und ein Jubel iſt des Mädchens Kuß! Die Stimme der Felſen. Ein Jubel, ein Himmel! Selige Stunden, Von der ſüßeſten Vergeſſenheit geführt! Lippen, von ſchönern Lippen berührt; Seelen, von ſchönern Seelen umwunden! Liebe ſelber hat die Stunden Unter Nektarſchalen aufgeſpürt. Aber mitten unter Küſſen Wird es Nacht. Und die Bande ſind zeeriſſen; Keinem Ruf des Liebenden erwacht Jenes Auge wieder. Eine Schöpfung ohne Lieder! ₰ In der ganzen ſchweigenden Natur, Ach des Mädchens Aſche nur! Die Stimme des Waldes. Das Mädchen kam vom Himmel herab: Im Himmel iſt ihr Sit geblieben; Denn was die guten Götter lieben, Verſchlingt kein finſtres Grab. Das Mädchen kam vom Himmel herab, Die Menſchen zu erfreuen; Es wandelte gern die heilige Bahn: und Götter ſollte nun ihr ſchönſtes Werk gereuen? Die Reize der ihnen Getreuen, 4 Welche ſie wandeln ſahn Auf der heiligen Bahn, Sollten die Winde zerſtreuen? Und die Seele der Getreuen Hielt umſonſt dem Tode ſtill? Wenn Zevs die Menſchen ſegnen wlll, Er kann aus dieſen Lieblichkeiten Uns eine künftige Welt bereiten; Er kann in beſſeren Gefilden Der Liebe Lächeln wieder bilden. Dieß Leben, und ein Aſchenkrug, Sind für die Unſchuld nicht genug! 9 Mädchen, wenn du gleich den guten Göttern biſt, 88 Unſterblich, ſo wie ſie, dem Himmel angeboren— O Mädchen! dein Geliebter iſt, So wie der Schwur, den er geſchworen, Unſterblich auch; er iſt dem Himmel angeboren: Was ſeine Tugend feſt an deiner Tugend hält, Iſt ewig, überlebt die Welt. „Da toͤnten wiederum die Wolken, und aus der Morgenroͤthe kam ihr letzter Geſang: Geht aus, ihr holden Blicke! Die Nacht des Grabes iſt erhellt: Euer Lächeln ſchmücke Die künftige Welt! „Und der Hain, worin ich lag, und der Raſen und die Bildſaͤule wurden, was ſie geweſen wa⸗ ren; das Traumgeſicht kehrte zum Olympus zu⸗ ruͤck, und ich kniete vor der himmliſchen Venus und ihrer Grazie.“ „Wie konnte von der Zeit an, daß die Goͤtter ſo mit mir redeten, mich etwas Unheiliges oder Gemeines von ihnen entfernen? Weil ich das Schoͤne geliebt habe, bin ich ihr Freund gewor⸗ den; und nun erſt lern' ich in ihrem Umgange, was ewig ſchoͤn, wie ſie ſelber, iſt.“. So weit die eignen Worte des Charmides. 89 8. Als der Juͤngling den Ort ſeiner Erſcheinung verließ, gedacht' er an Theonen, und liebte ſie zaͤrtlicher, als zuvor. Aber den Roſenhuͤgel und die wolluͤſtigen Maͤdchen und ihre Taͤnze wollt' er nicht wiederſehen, um den Anblick der hoͤchſten Schoͤnheit und die Spuren von dem Beſuche der Goͤtter unvermiſcht in ſeiner gereinigten Seele zu erhalten. Er fuͤrchtete jeden Schatten, der ſeinem Auge die Klarheit des Himmels verdun⸗ keln, jeden Laut, der die Stimme der Morgen⸗ roͤthe ſeinem Ohr unverſtaͤndlich machen, und je⸗ des Luͤftchen, das den Hauch der Unſterblichen in ihm verwehen koͤnnte. Ganz heilig, wie das Traumgeſicht, und ſelig, wie die Gegend, aus welcher es ihm geſandt war, ging er einſam auf der Straße, die nach Phaos fuͤhrte. Dieſe Straße war ehemals die kleine Theone gegangen. Charmides richtete ſeinen Weg nach einem Berge, deſſen hohe Cedern fuͤr niemanden, als fuͤr einen Liebenden, oder fuͤr einen Mann, der mit Goͤt⸗ tern geſprochen hatte, da zu ſeyn ſchienen. An dem Fuße deſſelben lagen Myrthen⸗ und Lorber⸗ waͤlder, mit einzelnen Huͤtten. Indem Charmi⸗ des dem Berge ſich naͤherte, vernahm er, von 9⁰ der Seite des luſtigſten Myrthenwaldes, eine Leyer und einen Wechſelgeſang. Es waren nicht die weichlichen, ſchwelgeriſchen Toͤne der gewoͤhnli⸗ chen Lieder ſeiner Zeit. Die Leyer wurde maͤnn⸗ lich gegriffen, und die Weiſe des Geſangs hatte zugleich Anmuth, Einfalt und Kraft. Charmi⸗ des folgte dem Liede bis an den Myrthenwald; und da ſaßen drey Juͤnglinge, wovon einer die Stimmen der beyden andern mit dem Saiten⸗ ſpiel begleitete. Sie glichen keineswegs den Juͤnglingen, welche man auf dem Huͤgel, unter den Roſen, zu ſehen pflegte. Friſches Blut war in ihren Geſichtern; ein freyer, aber mit Be⸗ ſcheidenheit geoͤffneter Blick in ihren Augen; ihre Kleidung war einfach, und ein Myrthenzweig ihr ganzer Schmuck. Wie ſollten ſie nicht dem Char⸗ mides gefallen? Er gruͤßte ſie freundlich; aber ſie, ſobald er zu ihnen hintrat, hoͤrten auf zu ſingen und zu ſpielen, als fuͤrchteten ſie, das Lied moͤchte durch ſeine Gegenwart entheiligt werden. Charmides errieth ihr Stillſchweigen, und fing an, die Juͤnglinge zu lieben.„Ihr Juͤnglinge“, ſo ſprach er,„vielleicht bin ich nicht unwuͤrdig, ein Zeuge von eurem Wettſtreite zu ſeyn.“„Wer biſt du“? fragten ſie. Er ant⸗ 9¹ wortete:„Charmides, des Callias Sohn.“„Des Callias“? verſetzten jene,„des Kuͤnſtlers, wel⸗ cher die Bildſaͤulen der Venus macht“2„Eben desſelben.“ Die Juͤnglinge wurden ernſthafter; jedoch ſahen ſie auf der Stirn des Fremden et⸗ was, das ihr Herz zu dem ſeinigen neigte. Charmides wuͤnſchte, ſie koͤnnten einen Blick in ſeine Seele thun. Alle ſchwiegen eine Zeitlang. Endlich fuhr der, welcher die Leyer geſpielt hatte, fort:„Deine Wohnung, Charmides, iſt ſie nicht unweit des beruͤchtigten Hains, in welchem vor Alters geopfert wurde“?„Ja“, ſagte der Sohn des Callias:„Heute Morgen noch habe ich an dem Roſen⸗Altar gebetet.“ Auf einmal wurden die Juͤnglinge froh, und boten ihm die Hand;“ und der, welcher die Leyer geſpielt hatte, ſagte ferner: O Charmides! ein guter Gott hat dich daher geleitet, daß du den Altar faͤndeſt; ein guter Gott hat in deine Seele gegeben, daß du vor dem hoͤlzernen Bilde knieteſt, und nicht vor den Bildſaͤulen von Marmor. So wiſſe denn, Charmides! wir drey Juͤnglinge ſind Bruͤder, und ſtammen aus einem alten Prieſtergeſchlecht. Unſre Vorfahren ſind Geweihte der himmliſchen Venus geweſen, haben in ihrem Hain gedient, 9³ und in hoͤlzernen Opferſchalen ihr Milch und Ho⸗ nig gebracht. Darum knien wir nicht vor den Altaͤren zu Paphos und Amathunt. Wir behalten den einfaͤltigen Dienſt unſrer Vorfahren, und beſuchen jaͤhrlich was ihnen heilig war.“ Dieſe kunſtloſe, wohlgemeinte Sprache ging tief in das Herz des Charmides.„Ein guter Gott“, ſo ſprach er, hat mich geleitet, daß ich euch, ihr Juͤnglinge, faͤnde. Wollt ihr, ſo laßt uns Freunde ſeyn.“„Wir wollen es“! und einer ſetzte hinzu:„Dieſer Tag kommt von der Goͤttin der Liebe. Schon ſahen wir heute zwey Maͤdchen, wie wir noch keine geſehen haben. Sie waren aus Paphos, hatten eine Sclavin bey ſich, und ruhten bey jener Myrthe aus. Die aͤlteſte mochte von achtzehn, und die juͤngſte von zwoͤlf Jahren ſeyn. Holdſeligkeit und Scham war auf ihren Wangen, in ihren Geberden, in den Fal⸗ ten ihrer Schleyer, und uͤberall. Waͤreſt du da geweſen, Charmides, du haͤtteſt ſie beyde fuͤr wuͤrdig gehalten, mit uns in unſerm Hain zu opfern. Aber die Aelteſte! ſo etwas Anmuthi⸗ ges berührte, ſeit den Grazien, die Erde nicht. Wir gingen hin zu den Maͤdchen, und brachten ihnen zur Erfriſchung ein wenig Obſt. Anfaͤng⸗ 95 lich weigerten fle ſich; aber ſie betrachteken uns genauer, ſchienen ſich uͤber uns zu wundern, und nahmen die Erfriſchung an. Und da, Char⸗ mides! hoͤrten wir die Stimme der Aelteſten. Guter Juͤngling! haͤtteſt du ſie gehoͤrt, das Bild unſrer Goͤttin waͤre dir noch heiliger. Als das Maͤdchen aufſtand, und mit ſeinen Begleiterinnen fortgehen wollte, brachen wir ei⸗ nige Zweige von der Myrthe ab, worunter es geſeſſen hatte, und gaben ſie dem Maͤdchen.„Du willſt, am Feſte der Venus, auf dem Roſenhuͤ⸗ gel tanzen“? fragten wir.„Ich tanze nicht auf dem Roſenhuͤgel“, war ihre Antwort. Sie ging, und ihr Gang bewies uns, das ſie der himmli⸗ ſchen Venus angehoͤre.“ Dieſer Unbekannten ſtimmten wir den Wechſel⸗ geſang an, uͤber welchen du uns uͤberraſchteſt. Gefaͤllt es dir nun, ſo wollen wir ihn wiederholen⸗ Darauf nahm der eine Juͤngling ſeine Leyer, und die beyden andern ſangen: Erſte Stimme. Sieh die jüngſte jener Myrthen, Die, den Tauber zu bewirthen, Furchtſam ihre Zweige beut! Z weyte Stimme. Sieh der Schäferinnen beſte, Die zum wonnevollen Feſte Schüchtern ihre Kränze beut! Erſte Stimme. Nymphen gehn erquickt vorüber; Und die Vögel ſingen lieber, Wo ſie Wohlgerüche ſtreut. Zweyte Stimme: In des Mädchens Nähe ſchweben Neue Freuden, neues Leben, Tauſendfache Lieblichkeit⸗ Erſte Stimme. Lieblich muß der ganze Hain Zweyte Stimme. Und die Seele ſtill und rein Zuſammen. 1. Um die kleine Myrthe ſeyn. 2. In dem ſchönen Mädchen ſeyn. Erſte Stimme. Wenn das Laub die Winde kräuſeln, Weh'n ſie, mit verliebtem Säuſeln, Leiſe durch die Myrthe nur, Zweyte Stimme. Immer zur beglückten Stunde, Redet aus des Mädchens Munde Die gefälligſte Natur. Erſte Stimme. Mit der buhleriſchen Rechten Einen Kranz aus ihr zu flechten Hat kein Satyr noch gewagt. Zweyte Stimme. In dem Thal, wo ſie geſeſſen, War die Liebe nie vermeſſen; Stolze Jugend war verzagt. Erſte Stimme. Unverletzlich muß der Hain Zweyte Stimme. Und die Seele ſtill und rein Zuſammen. 1. Um die kleine Myrthe ſeyn. 2. Durch ihr ganzes Leben ſeyn. Erſte Stimme. Aber ach! ein kalter Nord In bereiften Dämmerungen 96 Zweyte Stimme. Ach! von ungeweihten Zungen Ein verführ eriſches Wort Zuſammen. 1. Haucht die zarte Blüthe ſort. 2. Scheucht die erſte Tugend fort. Erſte Stimme. Aber ach! ein Sonnenſchein, Den die Weſte nicht umfächeln, Zweyte Stimme. Ach! ein ungetreues Lächeln, Das nicht Huldgöttinnen weihn, Zuſammen. 1. Kann der Tod der Myrthe ſeyn. a. Kann der Tod der Unſchuld ſeyn. Erſte Stimme. Nie verjüngen ſich die Blätter. Zweyte Stimme. Und der Unſchuld Reize nie. Erſte Stimme. Schützet, o ihr guten Götter! 97 Zweyte Stimme. Schützt, ihr Huldgöttinnen, ſie! Das iſt Theone, ſagte Charmides zu ſich ſelbſt; und haͤtt' er ſich nicht gewoͤhnt, alles, was er redete, vor den Ohren der Grazien zu reden, er haͤtte laut: Theone! gerufen. Aber ſo bemerkten die Juͤnglinge nur einen Strahl von Entzuͤcken in ſeinem Geſicht, als er von ihnen Abſchied nahm; und Charmides eilte, ſeine Geliebte zu ſuchen. 9. Unter denen, welche das Feſt auf dem Huͤgel begingen, war Theone nicht. Unſer Juͤngling durchſuchte jeden heiligen Ort, bis es Abend war. In der ſpaͤten Daͤmmerung kam er wieder an den Hain, und da ſchimmerten ihm drey Maͤdchen⸗ geſtalten entgegen. Sie naͤherten ſich dem Ge⸗ hoͤlz. Eine davon war noch unerwachſen; die zweyte ging neben dieſer, und fuͤhrte ſie an der Hand, und die dritte blieb in einiger Entfernung ſtehen. Es mußten die Maͤdchen aus Paphos, mit ihrer Sklavin, ſeyn. Sie redeten, und da vernahm Charmides die Stimme ſeiner Theone. Schwebt uͤber ihm, ihr Grazien; daß er euch jetzt nicht verlaͤugne; daß er an dieſem einſamen Nakobies Werke. II. 4 98 Ort, in dieſen Abendſtunden, ſich nicht zu den Fuͤßen einer Jungfrau werfe, die das Heiligthum beſuchen will. Eine ſchwere Probe! Laßt ſie die letzte ſeyn, ihr Grazien! Wenn er nicht unter⸗ liegt, ſo hat er Theonen verdient. Charmides verdiente Theonen. Er ging un⸗ bemerkt, in dem dichteſten Gebuͤſch', ihr nach; denn er wußte, daß er im Walde der himmliſchen Venus die Worte ſeiner Geliebten behorchen durfte. Was aber die Maͤdchen mit einander redeten, das hat der Juͤngling, ſo getreu als moͤglich, aufbehalten, und in einen Geſang verwandelt. Und hier iſt das Geſpraͤch der beyden Maͤdchen, der . zaͤrtlichen Theone und ihrer fuͤngern Schweſter Eudora. Eudora. Schweſter, ach! nicht weiter In den finſtern Hain! Sind wir doch allein: Denke nur! im Hain Irrende Mädchen, oöhne Begleiter! Und die Nacht fällt ein. Theone. Die Nacht iſt heiter; Ich kenne den Hain. 99 Eudora. Ach! nicht weiter. Kaum ein Sternenſchein Dringt in jene Schatten hinein. Theone. Dennoch wagt es kein Verräther Jene Schatten zu entweihn. Zu den Zeiten unſrer Väter Küßten ſichtbarlich Mit Göttinnen hier die Götter ſich. Glaube mir! die jüngſten Weſte Hat ein Götter⸗Kuß vermählt; Glaube mir! die kleinſten Aeſte Sind geheiligt und gezählt Unbewehrte Schäferinnen Gehen ſicher, wenn Göttinnen Zu Geſpielen ſie gewählt. Eudora. Ach! warum, d Schweſter iſt, Mir in dieſem Wäldchen bange? Zweymal hat es mir die Wange, Zweymal hat es ſie geküßt. Theone. Fürchte nichts, du Kleine! Das war der keuſchen Muſen eine. Eudora. Sollte mir die Götterwahl, Mir ein ſolcher Kuß gebühren? Meinen Schleyer anzurühren, Kam es nun zum drittenmal. Theone. Sey getroſt, du Kleine! Dich liebt der Huldgöttinnen eine. Eudora. Schwärzer wird die Nacht, und ſtumm Iſt das Laub um uns herum. Keines Vogels Flug! Keines Zephyrs Athemzug! Die Füße beben, Mir zittern die Blumen im Haar⸗ 1 Theone. Wo ſich dieſe Raſen heben, Iſt der Grazien Altar; Und ſie prüfen hier dein Leben, Ob es lauter Unſchuld war! Eudora. Die Füße beben, Mir zittern die Blumen im Haar; Dennoch prüft, ihr Himmliſchen, mein Leben, Ob es lauter Unſchuld war! 101 Theone. Heilig iſt das Beben Am Altar. Bringe dein vergangnes Leben und das künftige den Huldgöttinnen dar! Eudora. Auf einmal wird die Seele ſtill! Es haben Götter mich ihr Zeugniß fühlen laſſen. Du ſchönbekränzte Venus! ich will Den heiligen Altar umfaſſen. Theone. Schweſter! als du noch ſo klein, Wie der Schößling im Hain, Dich mit mir auf unſerm Hügel ſonnteſt, Und mich noch nicht lieben konnteſt; O da liebt' ich ſchon Deinen unverſtändlichen Ton; O da liebt' ich ſchon Deine freundliche Geberde. Knieend auf der blumichten Erde, Bat ich Acidalia, Bat ich alle Götter da: Götter! dieſes Mädchen werde Lieblich und ſchön, Wis die Blumen auf bethauten Höhn; Aber voll von ſüßem Wohlthun auch; Wie der Blumen Hauch. 4 Schweſter! bey den erſten Küſſen, Meiner Treue gegen dich, Und, in dieſen Finſterniſſen, Bey der Huldgöttinnen Küſſen, Höre mich: Wenn dir ein Jüngling näher tritt— Und könnt' er jedes Herz gewinnen, und lockte gleich ſein Heldenſchritt Das Auge keuſcher Prieſterinnen— Als Kämpfer in ganz Athen Im ſtolzen Oelzweig' ihn geſehn, Und im olympiſchen Gepränge Vernähm' er hohe Lobgeſänge: Dann, böt' er ſeine Rechte dir, O ſchwöre, Mädchen! ſchwöre mir: 4 Wenn nicht die Grazien bey ſeiner Wiege lachten, Du willſt den ſchönen Jüngling verachten. Eudora. Und wär er jung und liebevoll,. Wie Ganymed an Göttertiſchen, Und wär er glänzend, wie Apoll In ſeinen Cynthiſchen Gebüſchen, Wenn ſie der Opfer⸗Weihrauch füllt— Er ſähe vor ſich her das Bild — 105 Von überwundnen Städten tragen: Dann, böt' er mir den Siegeswagen, Und Königstöchter dienten mir— Bey deinen Augen ſchwör ich dir: Wenn nicht die Grazien ſein reines Herz be⸗ wachten, Ich will den Jüngling ewig verachten! So die Maͤdchen. Beyde gingen ſtillſchwei⸗ gend aus dem Hain, und Charmides von weitem ihnen nach. Sie kamen in eine Gegend, nahe bey dem Roſenhuͤgel, welche von den Fackeln der auf dem Huͤgel noch ſingenden und tanzenden Jugend ein wenig erleuchtet wurde. Hier zog Charmides die Sclavin bey Seite.„Melde mich deiner Ge⸗ bieterin.“„Ich darf keine Juͤnglinge melden“, verſetzte die Sclavin.„Nenne ihr meinen Na⸗ men, ich heiße Charmides.“ Theone kehrte nach dem Gefluͤſter ſich um; und ſchon war ihre Hand in den Haͤnden ihres Geliebten. Charmides und Theone weinten. „Warum, o Theone! ſah' ich dich nicht wieder“? „Meine Mutter“, antwortete ſie,„war, als wir das letztemal uns ſahen, zornig daruͤber, daß ich wegen einer entwandten Roſe den Tanz ver⸗ ließ. An dem naͤchſtfolgenden Feſte blieb ich zur 104 Strafe zuruͤck; nachher wollte ich ſle nicht wieder begleiten. Ich haͤtte mich der Verwegenheit unſe⸗ rer Juͤnglinge Preis geben muͤſſen. Wie konnt' ich es, Charmides? Ich liebte dich, und du hat⸗ teſt mich deinen Goͤttinnen zur Prieſterin geweiht. Iſt es nicht wahr, Charmides, du wuͤrdeſt mich nicht lieben, wenn ich mit unſern Juͤnglingen tanzte? Bey deinen Goͤttinnen aber, das verſtand ich immer beſſer, helfen weder Opfer, noch Blu⸗ menkraͤnze, wenn ſie nicht ein ſchamhaftes Maͤd⸗ chen bringt.“„O daß die Grazien dich dafuͤr belohnen“! ſagte Charmides.„Und ich“, ſagt' er,„konnte dich nicht aufſuchen, weil jedes Mit⸗ tel, dich zu finden, nicht ſchoͤn genug war.““ „Nun iſt meine Mutter geſtorben“, fuhr jene fort,„und ich bin gekommen, weil ich dieſe meine Schweſter mit mir in das Waͤldchen nehmen wollte. Ich that es in der Daͤmmerung, weil in ihr die Goͤtter am liebſten auf der Erde wandeln. Frage die Grazien, Charmides, ob ich zugleich kommen durfte, dich zu ſuchen“?„Die Gottheit der Gra⸗ zien iſt in deiner Seele“, verſetzte Charmides, „ſie redet von deinen Lippen. Aber, Theone! kenneſt du keinen Juͤngling in Paphos, der dich gluͤcklicher machen kann, als ich“?„Keinen! bey 105 dem Altar der Venus, welchen ich eben beruͤhrt habe.“„So darfſt du auch, bey dem Altar der Venus, welchen du eben beruͤhrt haſt, mir in ih⸗ rem und ihrer Geſpielinnen Angeſichte, den erſten Kuß geben. Den letzten geben wir uns, wenn wir ſterben. Theone gab dem Charmides den erſten Kuß; und den folgenden Tag kehrten die Maͤdchen, mit ihrer Selavin nach Paphos zuruͤck. Charmides und Theone. Zweytes Buch. Callias, der Vater des Charmides, uͤberließ, weil er alt wurde, ſeinem Sohn die beruͤhmte Werkſtatt der Venus⸗Bilder, und theilte mit ihm ſein ganzes Vermoͤgen. Charmides freute ſich, jene Werkſtatt der beſſern Venus weihen zu koͤn⸗ nen, und arbeitete Liebesgoͤttinnen und Grazien nach dem großen Urbilde von Schoͤnheit, das er beſtaͤndig mit ſich herumtrug. Was aber ſollten dergleichen Werke fuͤr Augen, welche niemals ei⸗ nen Blick in den Himmel gewagt hatten? Die aus dem Himmel genommene Reitze kannten dieſe nicht. Die ruhigen, ſich einander umſchlingenden Grazien waren fuͤr ſie ohne Leben; die ſtille Hoheit der Liebesgoͤttin war kalt; und die Scham in ihrem Geſicht ein Todesſchlaf. Niemand verlangte die Bildſaͤulen des Charmides; man ging hin zu an⸗ 107 dern Kuͤnſtlern, welche den Meißel des Callias nachahmten. Charmides hingegen haͤtte lieber in Armuth gelebt, als einen einzigen Zug von dem, was er fuͤr ſchoͤn hielt, in ſeinen Werken unter⸗ druͤckt. Er wollte nichts Unwuͤrdiges fuͤr die An⸗ betung eines ganzen Volkes aufſtellen. Aber die guten Goͤtter hatten fuͤr den Juͤng⸗ ling geſorgt; denn ſein vaͤterliches Vermoͤgen war alles, was er und ſeine Theone brauchten, um ohne Kummer unter Einem Dache zu wohnen. Ihn und ſeine Theone fuͤhrte nun die Liebe zu⸗ ſammen, die keuſche Liebe, welche vorlaͤngſt auf dem Huͤgel durch zwey Roſenknospen das ewige Buͤndniß geſtiftet hatte. 2. Wir wiſſen, daß Charmides in dem Hain, wo Theone die Goͤttinnen bekraͤnzt hatte, zu ihr ſagte: Vergiß nicht, was du gethan haſt. Ein ſolches Wort, zu rechter Zeit mit einer Maͤdchen⸗Seele geredet, iſt eben ſo gut, und zuweilen noch mehr, als ein ganzes Buch voll Weisheit fuͤr die Seele des Knaben. Darum war es unſrer Theone kei⸗ nen Augenblick aus dem Gedaͤchtniſſe gekommen. Wachend und im Traum hatte fie den einfaͤltigen 108 Raſen mit goldenen Altaͤren, die Gottheit des hoͤlzernen Bildes mit praͤchtigen Bildſaͤulen, und den Charmides mit andern Juͤnglingen verglichen. Den Ausdruck im Geſichte des Geliebten, ſeine Stimme, ſeine Rede, was ſie vor und nach der⸗ ſelben empfunden, hatte ſie auf mancherley Art zuſammen und wieder zuſammengeſetzt, bis end⸗ lich ein Ganzes daraus enſtanden, und ſie ſelbſt zur ſchoͤnen Seele geworden war. Kaum hatte ſie ſich gefuͤhlt, ſo war ſie unter den Maͤdchen in Paphos umhergegangen, um eine Seele zu ſuchen, welcher ſie ſich verſtaͤndlich ma⸗ chen, und zu der ſie einſt wieder ſagen koͤnnte: Vergiß nicht, was du gethan haſt. Nach vielen mißlungenen Verſuchen, deren ei⸗ nige mit bittern Thraͤnen ſich geendigt hatten, war zuletzt nichts uͤbrig geblieben, als die ſanfte⸗ ſten von ihren Geſpielinnen zu waͤhlen, und dieſe ſo weit zu bilden, als ſie ſich bilden ließen. Aus keiner war eine Theone geworden; doch hatten ſie alle von Theone ſich etwas eigen gemacht, das ih⸗ ren Muͤttern gefallen mußte. Nicht den uͤberirdi⸗ ſchen Reiz der kleinen Lehrerin; aber haͤusliche Gefaͤlligkeit, Eintracht unter einander, und ein lenkſames Herz. Nach und nach hatten die Muͤt⸗ 1⁰09 ter angefangen, Theonen als einen freundlichen Genius anzuſehen, welcher ihre Toͤchter am ſicher⸗ ſten zu allem Guten und Schoͤnen leitete. Nun aber ſollte die Gattin des Charmides ihre Schuͤlerinnen verlaſſen. Die Maͤdchen waren un⸗ troͤſtlich, und die Muͤtter glaubten, man nehme ihnen ihre liebſten Hausgoͤtter, diejenigen, die bisher uͤber das Gluͤck ihrer Kinder gewacht haͤt⸗ ten. Mit der unbeſorgten Offenherzigkeit, mit der man wohlthaͤtigen Leuten ſich naht, gingen einige zu Charmides und Theonen, und baten ſie, ihre Toͤchter neben ſich an dem Roſenhuͤgel wohnen, und in ihrem Angeſichte aufwachſen zu laſſen. Charmides und Theone ſollten das Chor ſchoͤ⸗ ner Seelen nicht vergroͤßern wollen? Sie willig⸗ ten darein, und nahmen die Maͤdchen, nebſt der kleinen Eudora, mit ſich, erweiterten ihre Woh⸗ nung am Roſenhuͤgel, und ſtifteten eine Schule der Grazien. 3. Der Ruf dieſer Schule breitete ſich aus, und in ganz Paphos redete man von der Liebenswuͤr⸗ digkeit der Maͤdchen, welche bey dem Charmides wohnten. Anfaͤnglich zwar fehlt' es an ſolchen 110 nicht, die das Anſehen von Heiligkeit oder ſtiller Unſchuld, das der Lehrer ſeinen Schuͤlerinnen gab, verſpotteten, und ſagten: Er forme die Maͤd⸗ chen nach ſeinen Bildſaͤulen. Nach und nach oͤffne⸗ ten ſich die Augen. Man gewann zuerſt die Maͤd⸗ chen, und darauf die Bildſaͤulen des Charmi⸗ des lieb. Schon fanden ſich wenige Muͤtter, die es nicht fuͤr ein Gluͤck hielten, wenn ihre Toͤchter in jener Geſellſchaft aufgenommen wurden. Die Aufge⸗ nommenen waren in großer Anzahl, und von ver⸗ ſchiedenem Alter. Charmides und Theone theilten die Maͤdchen in drey Ordnungen. In der erſten Ordnung waren die juͤngſten, die den heiligen Hain noch nicht zu ſehen bekamen. Diejenigen, welche zur zweyten uͤbergehen ſollten, wurden in der Abenoͤdaͤmme⸗ rung an den Raſen⸗Altar gefuͤhrt. Zwey Saͤn⸗ gerinnen begleiteten ſie, und ſangen das Geſpraͤch der zaͤrtlichen Theone und ihrer Schweſter Eudora. Dann hießen ſie Geweihte der Grazien. Zuletzt wurden ſie Prieſterinnen der himmliſchen Venus, durften das Bild derſelben anruͤhren und mit Blumen behaͤngen; ſie opferten der Goͤttin Milch und Honig in hoͤlzernen Gefaͤſſen. 111 4. Gern moͤchte ich unſre Muͤtter das Geheimniß lehren, ein kleines Maͤdchen ſo zu bilden, wie die juͤngſten von dieſen Schuͤlerinnen gebildet wurden, ehe ſie den alten Hain zu ſehen bekamen. Aber es iſt ein Geheimniß, welches Seelen fordert, wie die Seele des Charmides und ſeiner Theone. Und faͤnd' ich auch ſolche Seelen, dennoch wuͤrden ſie mein Geheimniß nicht lernen. Sie muͤßten ſelber an den Roſenhuͤgel gehen, und den Char⸗ mides und ſeine Geliebte fragen koͤnnen. Sie muͤßten ihr ganzes Leben beobachten, jeden ihrer Schritte, jeden Ton ihrer Stimme, jedes Win⸗ ken der Augen, jedes Laͤcheln, jede Thraͤne, wo⸗ mit ſie, bey jeder Gelegenheit, zu ihren Schuͤle⸗ rinnen ſagten: das iſt ſchoͤn! das iſt nicht ſchoͤn! Der Lehrer und die Lehrerin predigten nicht ſo⸗ wohl den Reiz der Tugend, als ſie aus ihrer eignen Seele dieſen Reiz in die kleinen Seelen ihrer Geſpielinnen uͤbergehen ließen. Alles um die Maͤdchen her war gefaͤllig und ſchoͤn; ſie ge⸗ woͤhnten ſich daran; ihren Herzen war ſo wohl dabey, daß ſie traurig wurden, ſobald etwas nicht gefaͤllig und nicht ſchoͤn war. Die ſohlechteſte Feldblume, das kleinſte Morgen⸗ oder Abend⸗ 112 woͤllchen bekam fuͤr ſle etwas, das ihnen gefiel: Deßwegen hatten ſie tauſendfache Freude. Sie wollten aber wieder gefallen, und wieder Freude machen. Keine Blume haͤtten ſie muthwillig zer⸗ riſſen; kein Wuͤrmchen, das an der Sonne lag, in ſeiner Ruhe geſtoͤrt. Sie wollten nicht, daß durch ihre Schuld ein Blick ihrer Geſpielinnen truͤbe, ein Wort unfreundlich wuͤrde. Sie woll⸗ ten immer mit gutem Gewiſſen den Kuß ihrer Vertrauten annehmen koͤnnen. Wenn ſie etwas dachten, das nicht ſchoͤn war, ſo ſohaͤmten ſie ſich, als ob ihre Geſpielinnen es ſaͤhen oder hoͤrten; denn ſie waren offenherzig. So bildeten ſich die juͤngſten Schuͤlerinnen un⸗ ter den Haͤnden des Charmides und der Theone⸗ Zugleich empfingen ſie Unterricht im Tanzen, Singen und Floͤtenſpielen, wodurch von Tag zu Tage der Koͤrper geſchmeidiger, das Herz biegſa⸗ mer, die Seele heiterer, und der Geiſt mehr zu den Eindruͤcken des Schoͤnen geſtimmt wurde. Den Morgen zuvor, ehe man ſie feyerlich den Grazien weihte, verſammelten ſich die Maͤdchen der zweyten und dritten Ordnung. In ihre Mitte ſtellte man diejenige, welche zur Einweihung be⸗ ſtimmt war; denn ihr mußten die uͤbrigen insge⸗ 115 ſammt ein Zeugniß geben, daß ſie den Raſen⸗Altar zu ſehen verdiente. Darauf kamen die Lehrmei⸗ ſterinnen im Tanzen und Floͤtenſpielen. In bey⸗ den Kuͤnſten wurde von der Schuͤlerin eine Probe verlangt, und folgendes Lied geſungen, deſſen Auslegung Theone mit einer muͤtterlichen Umar⸗ mung verſiegelte. 4 Flötenſpielerin! Lieblich iſt die Flöte, 4 Wenn du ſie an deine Lippen legf; Wenn, mit jungfräulicher Röthe, Du die Augen niederſchlägſt. Wie den halberweichten Schnee Laue Zephyretten ſchmelzen, Wie ſich in dem erſten Klee Kaum geborne Gotter wälzen, So ſpielen die Töne der Flöte dahin. Du ſollſt die Mädchen unterweiſen, Flötenſpielerin, Damit ſie alle die Grazien preiſen. Holde Tänzerin! Lieblich ſind die Reihen! Wenn du ſie mit leichter⸗ Anmuth führſt; Lieblich, wenn mit Schmeicheleyen Du das Nymphen⸗Chor regierſt. Wie vom Hügel ſtill herab Ungetrübte Bäche fallen, Wie die Blättes um den Stab Eilender Mänaden wallen, So wallen verſchönerte Reize dahin. Du ſollſt die Mädchen unterweiſen, Holde Tänzerin! Damit ſie alle die Grazien preiſen. Kleine Schülerin! Lieblich ſind die Freuden, Wenn man ſich mit Huldgöttinnen küßt; Und die Seele dann, beſcheiden, Lauter füßer Wohlklang iſt. Wie der Töne Harmonie Dich im Reihentanze leitet, Wke der Flöte Melodie Ruhig auf⸗ und niedergleitet— So gleitet ein heillges Leben dahin. O rufe die Geſpielen alle, Kleine Schülerin! Damit ihr Leben den Göttern gefalle. 5. Die Geweihten der Grazien wurden auf etwas Hoͤheres gewieſen; obgleich unvermerkt, in leichten Geſpraͤchen, durch die einfaͤltigſten 115 Dinge veranlaßt, unb gemeiniglich durch ſolche, die den Maͤchen Vergnuͤgen machten. Erſt dann, wenn ſie unter den Prieſterinnen aufgenommen wurden, erklaͤrte Charmides ihnen ſeinen bishe⸗ rigen Unterricht; gab ihnen von allem Rechenſchaft, und lehrte ſie, die Gedanken und Empfindungen des Guten nnd Schoͤnen richtig ordnen, damit ſie dieſelben deſto gewiſſer in ihrer Seele bewahren moͤchten. Das Meiſterſtuͤck des Charmides war eine Bild⸗ ſaͤule der Grazien, in einem kleinen marmornen Tempel aufgeſtellt. Dieſen Tempel mit der Bild⸗ ſaͤule hielt er vor denen, die noch nicht geopfert hatten, verborgen. Es war ein heiliges Geheim⸗ niß, das die Prieſterinnen ihren juͤngeren Geſpie⸗ len nicht verrathen durften. An dem Tage, da ein geweihtes Maͤdchen zum erſtenmal die himm⸗ liſche Venus mit Blumen behaͤngen ſollte, fuͤhrte ſie Charmides an den verſchwiegenen Ort. Unter Lobgeſaͤngen und Saitenſpiel oͤffnete ſich der Tem⸗ pel, und vor dem Maͤdchen ſtanden die drey Goͤt⸗ tinnen, ſo lieblich gebildet, wie die Schoͤnheit, welche dem Kuͤnſtler einſt im Traum erſchien. Die aͤlteſte der Grazien lehnte ſich auf einen Altar, und ruhte. Die zweyte faßte dieſe bey der Hand, 116 als baͤte ſie dieſelbe, mit ihr zu gehen. Die dritte hielt, in einer tanzenden Stellung, den linken Arm der letztern mit ihrem rechten umſchlungen, und forderte die beyden Schweſtern auf. Wenn das Maͤdchen von den Reizen der Bild⸗ ſaͤule geruͤhrt war, und die Gegenwart der Goͤt⸗ tinnen fuͤhlte, dann ſagte Charmides: „Holdſeliges Maͤdchen! ich habe dich treulich wieder gelehrt, wie mich die Goͤtter es gelehrt hoben, was ſchoͤn und nicht ſchoͤn ſey. Laß es nimmer aus deinen Gedanken und aus deinem Herzen kommen; und nun hoͤre meine Rede noch in dieſem Tempel der ſchoͤnſten Goͤtter.“ „Schoͤnheit kommt von dem hohen Zevs; aber daß die Schoͤnheit gefalle, das iſt ein Werk der Grazien. Von dem Lieblichen, das die Grazien geben, haben die Saͤnger aller Zeiten geſungen, und die Weiſen geruͤhmt. Was aber dieſes Lieb⸗ liche ſey, das kann die Zunge der Menſchen nicht ausſprechen. Indeſſen betrachte das Bild, wel⸗ ches vor dir ſteht. Ich hab' es nicht erfunden, ſondern die Unſterblichen haben es mir offenbart.“ „Ich ſeh' es, holdſeliges Maͤdchen! eine jede von dieſen Goͤttinnen gefaͤllt dir. Mit gleicher Zufriedenheit verweilſt du bey der Ruhe der einen, 117 bey der ſtillen Bewegung der andern, und bey dem Tanze der letzten. Wuͤrden ſie dir eben ſo gefallen, wenn die tanzende, gleich einer Bachan⸗ tin, ſchwaͤrmte; die zweyte mit Gewalt ihre Schweſter nach ſich zoͤge, und die, welche ſich auf den Altar gelehnt hat, wie eine Muͤßiggaͤn⸗ gerin da laͤge? Oder wuͤrdeſt du deine Zufrieden⸗ heit behalten, wenn du befuͤrchten muͤßteſt, daß ſie auf einmal ihre jetzige Stellung verließen; die erſte zur Gefaͤhrtin des Bachus, die mittlere zur ungeſtuͤmen Freundin, die dritte zum traͤgen Maͤdchen uͤberginge; und daß jeder Augenblick alles, was du Gefaͤlliges an ihnen wahrnimmſt, vertilgen koͤnnte?”“ „Warum aber gefallen ſie dir in ihrer jetzigen Stellung? Sie gefallen dir, weil du dem Mar⸗ mor eine Seele gibſt. In deiner Einbildungs⸗ kraft haben die Bildſaͤulen das Vermoͤgen zu den⸗ ken und zu fuͤhlen, wie du.“ „Die aͤlteſte der Grazien ſtuͤtzet ſich auf den Altar, wie eine Geſpielin der uͤbrigen Goͤtter, und ruht mit dem Bewußtſeyn, daß die Thaten, wovon ſie ermuͤdet iſt, gut waren. Die zweyte naht ſich ihrer Schweſter mit einer zaͤrtlichen Be⸗ ſorgniß, ihre Ruhe zu unterbrechen; jedoch mit 118 einem gleich zaͤrtlichen Verlangen, in ihrer Geſell⸗ ſchaft zu ſeyn, und vielleicht, das Vergnuͤgen eines Feſtes mit ihr zu theilen. Die juͤngſte tanzet voran; aber Auge, Stirn, und das Laͤcheln des Mundes verrathen, ſo wie jede Wendung von ihr, eine gemaͤßigte Freude. So freut ſich die Unſchuld, welche nichts zu beſorgen hat. Die Grazie ſieht nach den beyden andern ſich um, und iſt mit ihrem eignen Tanze weniger beſchaͤftigt, als mit der Hoffnung, daß ihre Schweſtern ihr folgen werden. An allen dreyen ſind Haarlocken, Gewand und Guͤrtel anmuthig, wie ſie ſelbſt, voll Einfalt ohne Vernachlaͤßigung; ein Schmuck der Natur. So kleiden ſich diejenigen, die, gleich dieſen Grazien, tanzen, ruhen, und zum Feſte laden.”“ „Glaube mir, gutes Maͤdchen! keine Schoͤn⸗ heit des Koͤrpers gefaͤllt, wenn die Seele nicht ſchoͤn iſt. Die Augen moͤgen noch ſo freundlich, die Wangen noch ſo laͤchelnd, jedes Glied noch ſo geuͤbt ſeyn, mit eignem Reize ſich zu bewegen— uͤberall fehlt es an Wahrheit, wenn nicht eine freundliche, laͤchelnde, reizende Seele die Augen, die Wangen und die Glieder belebt. Umſonſt wuͤrde man den Koͤrper in die Lage der ruhenden 119 Huldgoͤttin zwingen, oder dem Geſichte den ſanf⸗ ten Ausdruck, oder den Fuͤßen die Leichtigkeit fener bittenden und fener tanzenden Schweſter geben; zur Huldgoͤttin gehoͤrt mehr, als dieſes. Man muß denken und fuͤhlen, wie ſie. Uund, gutes Maͤdchen, wenn gleich der Mund in dieſem Augenblicke wohlthaͤtig, die Stirn friedlich, der Tanz ein ſtilles Entzuͤcken der Olympier waͤre— ſo kann, wenn nicht im Innerſten Friede, Wohl⸗ thaͤtigkeit und ſtilles Entzuͤcken herrſcht, in dem folgenden Augenblicke die Stirn ſich runzeln, der Mund zuͤrnen, und die Tanzende zur Schwaͤrme⸗ rin werden.“ So ſprach Charmides zu ſeinen geweihten Maͤd⸗ chen an dem Tage, da ſie zum erſtenmal die himm⸗ liſche Venus mit Blumen behaͤngen ſollten. Zu derienigen, welche ſchon Prieſterin gewor⸗ den ward, ſagte Charmides:„Du biſt ein heiliges Maͤdchen; kein Unheiliger beruͤhre deine Hand oder deinen Schleyer. Auf deinen Reizen hafte kein verwegener Blick; aber gedenke, wer du biſt, in⸗ dem du dich wegwendeſt. Auch dann gehe kein niedriger Spott aus deinem Munde. Behalte die Hoheit einer fliehenden Grazie.“ 120 Darauf erzaͤhlte er den Prieſterinnen Geſchich⸗ ten aus dem ehrwuͤrdigen Alterthume, deren In⸗ halt edle Liebe war. Zum Beyſpiel will ich die Geſchichte des Orpheus und der Euridice anfuͤh⸗ ren, die er mit folgenden Worten erzaͤhlte: „Orpheus, ihr Maͤoͤchen, war einer von den erſten, welche die Leyer ſpielten, und Lieder, wie die ſeinigen, hatte man noch nicht gehoͤrt. Ob es wahr ſey, daß er Waͤlder und Berge nach ſich gezogen, oder daß Fluͤſſe, bey ſeinem Geſang, ihren Lauf veraͤndert haben— was liegt daran, und was haͤtte es dem Saͤnger geholfen? In der Gegend, wo er ſpielte, lagen die Waͤlder ſo, wie ſie liegen mußten, um die Gegend zu ver⸗ ſchoͤnern; jeder Berg ſtand am rechten Orte, je⸗ dem Fluſſe waren die beſten Ufer angewieſen; man konnte nicht das mindeſte verruͤcken, ohne dem Ganzen zu ſchaden— wie haͤtte Orpheus das thun ſollen? Er war ein Freund und Lieb⸗ ling der einfaͤltigen Natur. Allerdings waͤre die Belebung todter Eichen und Felſen ein herrlicher Beweis von der Wunderkraft des Kuͤnſtlers ge⸗ weſen; aber der unſrige wuͤnſchte ſich eine viel edlere Belohnung. Seine Leyer that ſuͤßere Wun⸗ der. Ueberall, wo ſie gehoͤrt wurde, folgten 121 Herzen ihr nach, und mit ihr kam Gluͤckſeligkeit zu denen, die auf den Gebirgen, in den Wal⸗ dungen, und an den Gewaͤſſern wohnten. Die Maͤdchen lernten ſeine Lieder, und opferten den Goͤttern mit groͤßerer Andacht, als zuvor; ſie wurden fromm gegen ihre Eltern; bewirtheten freundlicher den Pilger; begnuͤgten ſich mit der ſchlechteſten Kleidung; blieben bey ihren Spielen, und freuten ſich doppelt, wenn der Fruͤhling kam. Sagt, ihr Maͤdchen! haͤttet ihr den Saͤnger nicht geliebt?“ „Ihn liebte die ſchoͤnſte ſeiner Zeitgenoſſen, Eurydice; denn ſie fuͤhlte mehr, als ihre Geſpie⸗ len, die Gewalt ſeiner Leyer. Mit jedem Tone derſelben entwickelte ſich in ihrem Herzen ein Gedanke des Himmels. Aber ach! das Gluͤck des Orpheus dauerte nicht lange.“ „Mit ihren jungen Freundinnen ging ſie an einem ſchwuͤlen Sommertag, und ſuchte den Ge⸗ liebten. Er ſchlief unter Oelbaͤumen; das Sai⸗ tenſpiel lag zu ſeiner Rechten. Wollen wir die Leyer wegnehmen, ſagte das juͤngſte Maͤdchen, und dann uns verſtecken; und wenn er aufwacht, und die Leyer ſucht, ihn bald aus dem einen, bald aus dem andern Gebuͤſche ſie hoͤren laſſen, 123 bis er uns erhaſcht, und dich, Eurydice, mitten unter uns findet? Nein, bey der Juno! das wollen wir nicht, ſprach Eurydice; die Leyer iſt heilig; keinen Muthwillen, meine Liebe! Wenn auch Apoll uns Maͤdchen nicht beſtrafte, ſo waͤre es dennoch Suͤnde. Weißt du noch, wie er neu⸗ lich, waͤhrend unſrer Orgien, von fern uns ſeine Lieder ſpielte? Weißt du noch, wie wir damals mit den Goͤttern zu ſprechen glaubten? Die Leyer iſt heilig; nein, meine Liebe, wir wollen das nicht!— Wir wollen es nicht! ſagten die Maͤd⸗ chen alle.“ „Vor drey Tagen, fuhr Eurydice fort, gin⸗ gen wir mit einander, Orpheus und ich: Da fanden wir die Truͤmmer eines Tempels, in wel⸗ chem unſere Vorfahren, wie man erzaͤhlt, die Treue verehrt haben. Ein ſchoͤner Gottesdienſt! ſagte mein Geliebter; Schade, daß von dem Tem⸗ pel nur die Truͤmmer noch uͤbrig ſind! Heilige Treue! ſagte ich, und druͤckte ſeine Hand. Wir ſetzten uns auf die umgefallenen Saͤulen, und er druͤckte die meinige. Gutes Maͤdchen! beſpanne du mir ſelber die Leyer, denn in dieſem Augen⸗ blick iſt hier die Gottheit, welche du nannteſt, gegenwaͤrtig— oder ſte hat niemals unter dieſen 125 Saͤulen gewohnt. Ich will ihr einen Lobgeſang anſtimmen. So gab er mir die Leyer. Ich zit⸗ terte, glaubt es, ihr Maͤdchen, als ich die Leyer anruͤhrte. Kaum vermochte ich, die Saiten zu ſpannen; denn es duͤnkte mich, alle Goͤtter des Olympus ſaͤhen mich an.“ „Das juͤngſte Maͤdchen, das die Leyer hatte verſtecken wollen, ſchlug die Augen zur Erde, und ließ den Schleyer herab. Eurydice kuͤßte ſie.“ „Laßt uns, ſagte ferner Eurydice, die beſten Oelblaͤtter abpfluͤcken. Dann ſetzen wir uns im Kreiſe um meinen Orpheus herum; wir ſingen ihm ein Lied; und erwacht er, ſo flechte ich einen Kranz, ſeine Stirn zu kuͤhlen. Die Maͤdchen pfluͤckten die beſten Oelblaͤtter, lagerten ſich, und ſangen; und Orpheus erwachte.“ „ Ein ſolches Chor von jungen unſchuldigen Maͤdchen, deren Geſang aus der Seele kam, unter blauem Himmel, im Gruͤnen, halb von den Zweigen der Baͤume bedeckt, war lieblich zu ſehen und zu hoͤren. Orpheus, indem er ſich aufrich⸗ tete, ſah gegenuͤber ſeine Geliebte. Die Maͤd⸗ chen ſingen den Lobgeſang ihrer Schoͤnheit! ſo dacht' er. Unterdeſſen ſagten die Augen der Ge⸗ liebten: Orpheus! und die ſeinigen: Eurydiee! 124 aber mit einem Blicke, der noch ſuͤßer als ein Kuß war. Alles ſchwieg. Eurvdice liebte den Juͤng⸗ ling ſo ſehr, als an irgend einem Tage ihres Lebens. Gern haͤtte ſie bis zur untergehenden Sonne die Augen nicht von ihm weggewandt; und auch dann nicht.“ „Allein, ihr Maͤdchen! es giebt eine reinere Fackel der Liebe, welche nicht nur erwaͤrmt, ſon⸗ dern auch erleuchtet. Ihr Licht iſt ruhig, es faͤllt in die geheimſten Winkel der Seele. Man ſieht in dieſem Lichte, was ſchoͤn und nicht ſchoͤn iſt, ſobald man ſich gewoͤhnt hat, fuͤr den Lieb⸗ haber, eben ſo wie den Koͤrper, die Seele zu ſchmuͤcken.“ „Eurydice wandte dennoch die Augen weg, und lachte, nach der Reihe, die Geſpielinnen an. Ein zweyter Blick von ihr bat den Jungling: Betruͤbe dieſe Maͤdchen nicht, die gekommen ſind, um mit mir ſich zu freuen. Orpheus wußte ſeine Begierden, wie die Toͤne ſeiner Leyer, zu maͤßi⸗ gen. Auch er lachte, nach der Reihe, die hold⸗ ſeligen Maͤdchen an.“ „Fordert ein Lied von mir! ſo ſprach er; und ſie forderten einſtimmig das Lied, das er auf dem zerfallenen Tempel der Treue geſungen hatte. 125 Da wies ihm Eurydiee die Oelblaͤtter, und fing an, einen Kranz zu winden; und er fing an zu ſingen.“ „Heilige Treue! Dieß waren die erſten Worte des Geſangs. Ein jedes Maͤdchen faßte die Hand ſeiner Nachbarin. Aus jedem Auge fuhr ein offener Blick durch die ganze Verſammlung. Eurydice ſah gen Himmel.“ „Koͤnnt' ich, ihr guten Kinder! das Lied des Orpheus euch vorſagen— ihr verletztet die Treue nicht, ſo lang ihr lebtet. Aber es iſt verloren; denn Orpheus hat es nicht wieder geſungen.“ „In dem Schluſſe deſſelben pries er die Treue der Liebe. Seliger Juͤngling! waren die letzten Worte. Mit dieſen flocht Eurydice das letzte Blatt in ihren Kranz.“ „Auf einmal ergriff eine tiefe Wehmuth den Saͤnger. Die Saiten der Leyer toͤnten fort; aber es waren traurige Toͤne. Kein Maͤdchen wagt' es, nach dem andern hinzuſehen. Immer banger und banger wurde das Saitenſpiel; die Haͤnde des Orpheus zitterten. Aller Augen waren mit Thraͤnen benetzt. Eurvydice blieb ruhig; ſie warf einen troͤſtenden Blick auf den Orpheus, und kuͤßte den Kranz.“ 126 „Orpheus konnte ſeinen Ahndungen nicht laͤnger widerſtehen; und da ſang er das geheimnißvolle Lied, weßwegen man von ihm erzaͤhlt, daß er zu ſeiner Geliebten hinab in die Hoͤlle geſtiegen ſey. Die Weiſe des Liedes war langſam, die Worte deſſelben wurden oft wiederholt; es druͤckte ſich in alle Seelen, und die Geſpielinnen der Eury⸗ dice haben es nachher, ſo gut es ihnen moͤglich war, aus dem Gedaͤchtniſſe zuſammengeſetzt. Unter vielen Thraͤnen haben ſie es zuſammen⸗ geſetzt. Es lautet alſo: Jüngling, ach! das blühende Geſicht Deines Mädchens wird zu Aſche werden. Und von nun an ſcheint auf Erden, Jüngling! dir die Sonne nicht. Es ſchwebt auf deinen Lippen Ihr letzter Kuß: Du wandelſt über nächtliche Klippen, Am Höllenfluß. In ſternenleeren Gründen, Wo keine Bahn der Lebende brach, 3 Da wandelſt du, von ihr die letzte Spur zu finden, Und rufſt dem holden Schatten nach. 127 Und das Maͤdchen wirb, Unter jenen friedlichen Chören, Wenn des Lieblings Fuß im Dunkeln irrt, Seine Stimme hören; Und die Stimme wird, Unter jenen Seligkeiten, Ueberall das Mädchen begleiten, Wenn des Lieblings Fuß im Dunkeln irrs. Hinunter in die Nacht! Wohl dem Jüngling, dem, von Todesſtill' umgeben, Seiner Geliebten reines Leben Aus Elyſium entgegen lacht! Hinunter in die Nacht! Weil die Stimme des Getreuen Ihren Schatten ſeliger macht, Und die Hoffnung ſchon zu neuen Ewigen Küſſen erwacht. „So lautete das Lied. Es war geenoͤigt, und ploͤtzlich ſchrieen die Geſpielen der Eurydice; denn da, wo ſich Eurydice gelagert hatte, kam aus dem kleinen Geſtraͤuch' eine Schlange hervor⸗ geſchoſſen, eine von den giftigſten der Gegend. Orpheus ſprang auf; die Maͤdchen liefen zu; Eurydice war verwundet. Orpheus warf ſich ne⸗ ben ſie. Kaum hatt' er ſich ein wenig ermannt, 128 8 ſo wollt er auf die naͤchſten Gebirge, um hei⸗ lende Kraͤuter zu holen. Es iſt umſonſt, mein Geliebter! ſagte das arme Maͤdchen, und ſtreckte die Hand nach ihm aus. In ihrem Angeſichte war milder Glanz, wie der Glanz einer Goͤttin, auf welche die goldne Wolke bereits warket, die ſie zum Olympus zuruͤck tragen ſoll. Dennoch eilte der Juͤngling fort. Ihr lieben Maͤdchen! legt dieſen Kranz auf die Leyer des Orpheus; ſo ſprach Eurydice, und ſtarb.“ „Eine Stunde darauf kam der Juͤngling— „Erzaͤhle nicht weiter!“ ſagten die Schuͤlerinnen zu Charmides, und weinten. Einige von ihnen umarmten ſich. „Morgen will ich euch ein Feſt in dem Schat⸗ ten unſrer Oelbaͤume geben“, ſagte Charmides. 7· Unter die anmuthigſten Maͤdchen am Roſenhuͤ⸗ gel zaͤhlte man die Prieſterin Charitoklea. Ihre Stimme war lieblich, und vor allen andern hatte ſie ein zartes Ohr fuͤr die Geſaͤnge der Muſen. Das Naͤdchen gefiel dem Juͤnglinge, welcher damals die Leyer ſpielte, als ſeine Bruͤder, in Ge⸗ genwart des Charmides, ihren Wechſelgeſang uͤber 129 Theonen und die Myrthe anſtimmten. Auch liebte Charitoklea den Juͤngling wieder, ob ſie gleich das Geheimniß ihres Herzens vor ihm ſorgfaͤltig verborgen hielt. Nun aber hatte ſie die Geſchichte des Orpheus und der Eurydice gehoͤrt; und nun fuͤhlte ſie die volle Macht der Liebe. Melon, ſo hieß ihr Geliebter, war mit ſeiner Leyer Tag und Nacht in ihren Augen und Ohren. Er war Or⸗ pheus, und ſie wollte gern Eurydice ſeyn. Als der Juͤngling an einem Fruͤhlingstage, da der Himmel mit einem Gewebe von ſilbernen Wol⸗ ken bedeckt war, unter den Oelbaͤumen ſein ſchoͤn⸗ ſtes Lied ſpielte, flocht' ihm das Maͤdchen einen Kranz von Oelblaͤttern, und ſagte zu ihm: Ich liebe dich. Theone wußte es, und lobte die Prie⸗ ſterin, weil Melon zu den Guͤnſtlingen der himm⸗ liſchen Venus gehoͤrte. Um die Zeit der Weinleſe wurde Charitoklea von ihren Eltern auf einige Tage nach Paphos geholt. Das Andenken an den alten Hain, an die erſte Abenoͤdaͤmmerung, in welcher ſie zum Raſenaltar ging, an die Bildſaͤule der Grazien im marmor⸗ nen Tempel, an die Reden des Charmides, und an ihren Geliebten, begleitete ſie. Die Junglinge zu Paphos, mit ihren Scherzen und Liebkoſungen, Jacobi's Werke. II. 5 150 waren ihr verhaßt. Nur gezwungen feyerte ſie die herbſtlichen Feſte mit ihnen auf den benach⸗ barten Weinbergen. Einer von jenen Juͤnglingen, mit Namen Lig⸗ damon, der ſchoͤnſte von allen, ruͤhmte ſich, daß er das Maͤdchen mit ſeiner ganzen Heiligkeit be⸗ ſiegen wollte. Anfaͤnglich that er nichts, als die Prieſterin beobachten, und den Ton, worauf ihre Seele geſtimmt war, auswendig lernen. Darnach ſann er auf ein Lied, ſuchte die juͤngſten Reben, flocht ein wenig Myrthe dazwiſchen, legte ſie beſcheiden um ſein nachlaͤßig gekraͤuſeltes Haar, und ſetzte ſich in die Weinlaube, worin Charito⸗ klea vor dem Haufen ihrer Geſpielinnen ſich zu verbergen, und an ihren Geliebten zu denken pflegte. Sobald er das Maͤdchen kommen ſah, ſing er ſein Lied an. Charitoklea, die Lieder⸗ freundin, hoͤrte gleich ihre Grazien nennen, und blieb ſtehen. Und Ligdamon ſang: Herab in unſre Lauben, Ihr Grazien, herab! Für euch ſind dieſe Trauben, Iſt dieſer Epheuſtab. Trugt ihr ihn nicht vor Zeiten Selbſt in der Götterhand, Den Bachus zu begleiten, Als er den Wein erfand? Da wollten Charitinnen, Erfreut von ſeinem Wein, Die erſten Winzerinnen Auf ſeinem Hügel ſeyn. Dann habt ihr ihn, umſchlungen, Vom Hügel weggeführt, Und Länder ihm bezwungen, Und Herzen ihm gerührt; Und Löwen ihm und Tiger Mit Schmeicheln zahm gemacht, Und euern ſtolzen Sieger Holdſelig angelacht. Und Bachus gab den Becher In euern Schutz, und war Der Huldgöttinnen Rächer Am wankenden Altar. Wer euch, ihr Schweſtern, höhnet, Dem Frevler Ach! und Weh! Denn eurer Gottheit tönet Dieß Evan Evoe!*) *) Gewöhnliches Geſchrey der Bachanten. 153²2 Das Maͤdchen haͤtte merken ſollen, daß die Grazien des Liedes nicht die ihrigen waͤren; allein der Juͤngling war ſchoͤn, und ſchoͤn ſein Geſang. Charitoklea merkt' es nicht. Sie erinnerte ſich nicht, daß alle Juͤnglinge zu Paphos und alle Maͤdchen die Grazien beſtaͤndig im Munde fuͤhrten. Ligdamon ſchien dieſen Augenblick erſt ſeine Prieſterin wahrzunehmen, und ſtand ploͤtzlich auf. Sie nahm die Flucht, und der Saͤnger blieb zu⸗ ruck; eine ſolche Beſcheidenheit mußte der Schuͤ⸗ lerin des Charmides gefallen. Wenige Tage darauf trat der Juͤngling, mit einem goldnen Becher und einem zierlichen Stabe, deſſen goldne Spitze halb aus einem Gewinde von Weinranken und Myrthen hervorſah, zu ihr, und ſagte:„Du biſt ein reizendes Maͤdchen; aber uns Uebrige ſollteſt du nicht verachten. Glaubſt du nicht, daß wir den Grazien opfern, wie du, ob wir gleich etwas lebhafter umherſehen, lauter reden, und raſcher in unſern Taͤnzen ſind? Die Grazien wollen, daß man ſich freue. Oder glaubſt du, gutes Maͤdchen, der Dienſt unſrer Goͤttinnen beſtehe darin, daß man ſo, und nicht anders, die Locken flechte und den Guͤrtel trage? Sieh dieſen Becher! auf ihm halten die Grazien ihr 153 Feſt. Auf dieſem Stabe ſitzt Amor, und ſpielt die Leyer. Nimm dieß Geſchenk von einem Juͤng⸗ linge, welcher in dir die Huldgoͤttinnen verehrt, und ſie zu verehren wuͤrdig iſt. Bey der Venus, deren neue Bildſaͤulen Charmides in unſre Tem⸗ pel gebracht hat, verachte mich nicht! Die Ge⸗ faͤhrtinnen der Liebe ſind freundlich. Was that ich dir? Warum ſollteſt du mich haſſen?““ Charitoklea nahm das Geſchenk, denn es war ſchoͤn, wie der Juͤngling und ſein Lied. Die Un⸗ gluͤckliche! Sie ſah nicht, daß auch die Grazien auf dem Becher, und dieſer Amor auf dem Stabe, nicht die ihrigen waren. Kaum hatte ſie beydes in ihren Haͤnden, ſo war die Seele des geweih⸗ ten Maͤdchens entheiligt. Nach und nach verſchwand ihr die himmliſche Venus, und der Hain, und Charmides, und Theone, und Melon, ihr Geliebter. Endlich blieb von allen nichts uͤbrig, als ein ſchlechtes hdlzernes Bild, ein finſtres Waͤldchen, ein unluſtiger Wei⸗ ſer, eine traurige Aufſeherin, und ein langwei⸗ liger Juͤngling. Es war, als haͤtte ſie die Wuth des Bachus ergriffen. Charitoklea liebte den Ligdamon. Die Prieſterin mußt' in ſyre Wohnung am 134 Roſenhuͤgel zuruͤckkehren. Sie nahm den goldnen Becher und den Epheuſtab mit, und verſteckte ſie tief im Gebuͤſche des heiligen Hains.— O ihr Grazien! Charitoklea war traurig.„Liebſt du uns nicht mehr?“ ſagten ihre Geſpielinnen und Theone. Sie weinte. Dies aber waren keine Thraͤnen, wie man ſie am Roſenhuͤgel weinte. Melon bat die Goͤtter, ſie moͤchten ihn ſterben laſſen. Gegen das Ende der Weinleſe kamen einige Maͤdchen aus Paphos, und baten die Ungluͤckliche, mit ihnen zu gehen. Charitoklea that es. Die beyden Bruͤder des Melon gingen ihr nach. Sie fanden die Prieſterin der himmliſchen Ve⸗ nus auf einem der naͤchſten Weinberge, mit dein Stab und Becher in der Hand, ihr fliegendes Haar mit Weinblaͤttern geſchmuͤckt, ohne Schleyer, mitten unter den wilden Taͤnzen der Maͤdchen und Juͤnglinge. Die Schuͤlerin des Charmides rief: Evan Evoe! und kuͤßte den neuen Geliebten. 8. Charitoklea durfte nicht mehr die Nachbarin heiliger Jungfrauen ſeyn. Man ſandte ſie zu ihren Eltern nach Paphos. 135 Bald darauf verſammelten Charmides und Theone die uͤbrigen Prieſterinnen, ſahen mit Thraͤnen ſie an, und veroroͤneten, wegen ihrer gefallenen Freundin, ein Reinigungs⸗Opfer auf dem Raſen⸗Altar. Die Naͤdchen fuͤllten ihre Opferkoͤrbe mit Honig und Milch, und bedeckten ſie mit Blumen. Stillſchweigend gingen ſie den Weg nach dem alten Hain ihrer Goͤttin. Als ſie nahe dabey waren, ſtanden ſie ſtill, und ſan⸗ gen folgenden Geſang, welchen die Bruͤder des Melon gedichtet hatten. Al l e. Himmliſche Venus! weihe das Chor Deiner Prieſterinnen; und, ihr Huldgöttinnen! Zürnet nicht, daß Eine ſich verlor. Himmliſche Venus! welhe das Chor. Deine Rache zu wenden, Kommen wir mit reinen Händen, Schauen wir mit keuſchen Blicken empor. Himmliſche Venus! weihe das Chor Deiner Prieſterinnen, Und, ihr Huldgöttinnen! Zürnet nihe, daß Eine ſich verlor. Zwey Stimmen. Erſte Stimme. Ein Fingerzeig Der Unſchuld nannte ſie den Göttern alles Schönen: 3 Da wollten ſie die Götter krönen; Sie brachen einen Zweig Im Wäldchen ab, Das Amor einſt der kleinen Pſyche gab, Als ihn das Wäldchen kühlte, Zum erſtenmal in ihm die kleine Pſyche ſchwur, Und beyder Liebe die ganze Natur In allen Adern fühlte. Zweyte Stimme. Nun hat des Mädchens Haar Mit kühn geſchlungnen Reben Eine Bachanten⸗Schaar Im Rauſch umgeben. I. Armes Mädchen! wenn im Lenze Pfpchens Hain ſich wieder ſchmückt; 2. Wenn der Himmel auf die Tänze Guter Schäferinnen blickt; 1. Wenn die ſchweigenden Geſpielen, Deren Scherze dir gefielen, Weg von deiner Seite gehn; 2. Wenn die Götter, die dich kannten, Dich im Schwarme der Bachanten, Armes, armes Mädchen! ſehn: Beyde. Ach! der Liebe letztes Flehn Wird auf jedem Bäumchen ſtehn. 1. Mädchen, ol bey jedem Schritte Welket dir das friſche Grün; 2. Nädchen! unter deinem Tritte Wird die Aue dir verblühn, Beyde. Und der unſchuld letzte Bitte Rachevoll vorüberziehn. I. Auf das Gold der reifen Garben, 138 2. Auf des Regenbogens Farben, Beyde. Sinkt ein mattes Trauerlicht: Denn, wo Lugenden erſtarben, Da verweilt die Freude nicht. Swey andre Stimmen. Erſte Stimme. Im liebevollen Chor Ließen die Götter alles Schönen Ihr ins Ohr Keuſche Flötenlieder tönen! O! die Götter alles Schönen Koſteten ihr den Nektar vor. Zweyte Stimme. Aber ach! es tönte lauter Ihr der Cymbeln Klang, und das Mädchen ward vertrauter Mit des Satyrs Waldgeſang; Und der Waldgott trug Seinen oft entweihten Krug Hin zu ihr; im Mädchenbuſen ſchlug Nun ein wilderes Ergötzen; Denn der volle Krug Mußte die Roſenlippe benetzen. I. Wenn nun dem Hirkenvolke Der junge Maptag ſingt; 2. Wenn ſich zur goldnen Wolke Die frühe Lerche ſchwingt, Beyde. Und in den heiligſten Gebüſchen Ein leiſes Götterlied dazwiſchen Der Unſchuld in die Seele dringt! 1. Wenn lieblich am Geländer Die erſte Traube glänzt; Die Winzerin behender Den Morgenpuß ergänzt, Beyde. Und unſichtbar, im Götterſaale, Der ſchönſte Gott die Nektarſchale Für Mädchen⸗Tugenden bekränzt: I. O Mädchen! wehe dir, Daß frohe Lerchen hier Sich lauter Liebe ſagen! 140 2. O Mädchen! wehe dir, Daß Winzerinnen hier Um deine Tugend klagen! Beyde. Wohin ſich deine Blicke wagen, O Mädchen, wehe, wehe, dir! Zwey andre Stimmen. Erſte Stimme. Ach! der Jünglinge beſter, Den die ſchöne Natur an ihren Buſen nahm, Den die holde Scham, Der Weisheit Schweſter, Für die Grazien zu bilden kam— Ach! der Jünglinge beſter Liebte das Mädchen. Immer feſter Hing ſein Herz an ihrem Herzen; Unter Scherzen, Unter Saitenſpiel, Keimte ſeliges Gefühl; Unter Seufzern, unter Zähren, Unter Schwüren an Altären, Unter wonnevollen Blicken, Stieg die Liebe zum Entzücken; 141 Und den Götterfreund Und das Mädchen zu beglücken, Hatte ſie die Liebe ſelbſt vereint. Zweyte Stimme. O! der Venus liebliche Töchter Warfen um den Jüngling ihren Glanz; Aber Faunen⸗Gelächter Und Mänaden⸗Tanz Füllten nun die Mädchenſeele ganz, Und des Lieblings milden Glanz Höhnte mit ihr der Grazien Verächter. 1. Klage, Jüngling! 2. Mädchen, weine! Ie Längſt den Bächen, 2. In dem Haine, 1. Wo ſie Lilien an deiner Seite brach; 2. Wo der Jüngling einſt von Himmelswonne ſprach; 142 I. Bey dem ſchönen Morgenroth, 2. In des Mondes lindem Scheine, I. Klage, Jüngling! 2, Mädchen, weine! 1. Fleuch die Bäche, 2. Fleuch die Haine; I. Denn du ſiehſt, im Sonnenſcheine, 2.. Denn du ſiehſt, im Abendroth, Beyde. Ueberall der Liebe Tod. Eine Stimme. Mädchen! glücklicher wäreſt du, Glücklicher, wir brächten Mit der ſchweſterlichen Rechten Deinen Aſchenkrug hinab in ſtille Ruh. Seliger wallteſt du Mitten in des Orkus Nächten, Winkte da, mit ihrer holden Rechten, Eine Grazie dir zu. Zwey Stimmen. Beyde. O! die Liebe wird ſie finden, Wenn mit prieſterlichen Binden Sich ein falſches Mädchen ſchmückt. I. O! es muß, in Opferkörben, Ihr die Roſe ſich entfärben, 2. Milch und Honig in den Körben, Wie des Mädchens Herz, verderben, Beyde. Und die Ungetreue ſterben, Ehe ſie den Hain erblickt! All e. Himmliſche Venus! weihe das Chor Deiner Prieſterinnen; 144 Und ihr Huldgöttinnen! Zürnet nicht, daß Eine ſich verlor. Himmliſche Venus! weihe das Chor⸗ Deine Rache zu wenden, Kommen wir mit reinen Händen, Schauen wir mit keuſchen Blicken empor. Himmliſche Benus! weihe das Chor. Die Maͤdchen opferten auf dem Raſenaltar, und verließen traurig, aber voll Zutrauen gegen einander, den alten Hain ihrer Goͤttin. 9⸗ Zuletzt will ich noch erzaͤhlen, was Charmides that, um ſeinen Schuͤlerinnen auch den Tod zu erleichtern. 3 Eudora, die Schweſter der zaͤrtlichen Theone, wurde krank, und lag ohne Hoffnung. Als ſie fuͤhlte, daß ſie ſterben wurde, ließ Charmides um ſie herum die Waͤnde mit Roſen⸗ und Myrthen⸗ kraͤnzen behaͤngen. Die Prieſterinnen kamen in ihrem beſten Schmuck; eine davon ſetzte ſich ne⸗ ben das Lager der guten Eudora; die uͤbrigen ſtanden, Arm in Arm geſchlungen, wie die Bild⸗ ſaͤule der Grazien. Erſt umarmten ſie ſich bey 145 dem entfernten Klang einiger leiſen Floͤten; dar⸗ auf ſtimmte die, welche neben dem Lager ſaß, ein Lied an, und die uͤbrigen antworteten: Eine Stimme. Holde Mädchen! eure Lieder Bringt kein Roſenfeſt mir wieder; Singt mir den Geſang der Ruh! Mählig wird dieß Auge trübe; Dann geſellt ein Wink der Liebe Mich den guten Göttern zu. E h. o r. Ein Mayptag war dein Leben: Du pflückteſt Roſen ab, Sie den Geſpielen hinzugeben; Und küſſende Roſen umblühn dein Grab. Eine Stimme. Ihr, der unſchuld Führerinnen, Ihr getreue Huldgöttinnen! Laßt in euerm Myrthenhain Mich den kurzen Lauf vollenden, Laßt mich hier mit kalten Händen Euch die Todtenkränze weihn. Eh o r. Sie haben dich geſehen, Sie ſchmücken deinen Lauf Mit Blumen, welche nie vergehen, Und nehmen die Kränze des Todes auf. Eine Stimme. Ruhig ſey die letzte Zähre, Lieblich lächelnde Cythere! Wie der Hirtin Seufzer iſt, Wenn die Abendwolken dämmern, Und von überzählten Lämmern Sie das kleinſte Lamm vermißt. Cbho r. Der Himmel ſieht die Thräne; Wird ſtille Melodie; und Venus Anadyomene Verwandelt in liebliches Lächeln ſie. Eine Stimme. Dort an jenen ſchwarzen Flüſſen, Folg' ich in den Finſterniſſen, Unſchuld meines Lebens! dir. Jene ſchreckenden Geſichter, und die Srimmen jener Richter Sagen nichts, als Wonne, mir. Ch o r. Es hat den Todtenbecher Die Tugend angelacht: 147 Für dich kein Richter, keine Rächer! Ein werdender Morgen erhellt die Nacht. Eine Stimme. Hört! vom dunkeln ufer hallten Schon die Chöre. Seht! Geſtalten, Schöner als die Sterblichkeit. O! mit eurem ganzen Segen, Schweſtern! bringt es mir entgegen, Jenes lichte Frühlingskleid. . E h o r. Da ſterben ihre Wangen: Nun iſt ihr holder Geiſt In Blumenfelder hingegangen, Wo ſie den unſterblichen Schöpfer preist. Die Maͤdchen umarmten ſich noch einmal; und ihre gefloſſenen Thraͤnen, in dieſem Augenblicke, zeugten von ihrem Lehrer Charmides. Seundſchreiben an**. E.. den 12. Jul. 1773.*) Wie kamen Sie, mein liebſter Freund, auf den Einfall mich in dieſer Gegend zum Apoſtel der Muſen zu machen? Erinnerten ſie ſich nicht un⸗ ſers neulichen Scherzes uͤber die Leute, die jeden Dichter fuͤr ein aus Sylben und Reimen zuſam⸗ mengeſetztes Geſchoͤpf anſehen, welches uͤber alles, was es ſieht und hoͤrt, Verſe denkt oder ſchreibt, *) Ich habe den Anfang dieſer Epiſtel beybehal⸗ ten, obwohl er jetzt nach ſo vielen Jahren, auf den Ort, wo er geſchrieben wurde, keinesweges mehr paßt. Was ich darin erzähle, mag zur Probe dienen, wie weit es damals in einigen Gegenden mit dem theologiſchen Eifer gekommen war„ und durch welche überſtrenge Forderungen man die Ge⸗ wiſſen beſchwerte. Hoffentlich wird der Geiſtliche, der meiner Epiſtel die Ehre erwies, eine Predigt gegen ſie drucken zu laſſen, die er mir zueignete, indem er ſich ähnliche Hirtenbriefe verbat, hoffent⸗ lich wird auch er, wenn er noch am Leben iſt, nun mildere Geſinnungen angenommen haben. 149 und immer und aller Orten ſeinen Lorber herum traͤgt, ungefaͤhr ſo, wie auf den alten Holzſchnit⸗ ten die Koͤnige, die bey der Tafel, auf der Jagd, und im Bette beſtaͤndig ihre goldne Krone auf haben? In der That iſt hier ein kleines Arkadien; und ſo gruͤn und luſtig wie Berg und Thal durch einander vor einem liegt, muß man ſich wundern, daß kein Menſch aus der Fuͤlle ſeines Herzens etwas hervor ſingt. Aber Sie wiſſen auch, mein Freund, daß unſre Wieſen und Berge nur zu Werk⸗ haͤuſern und Bleichen gebraucht werden; und da laͤßt es ſich, bey dem Laͤrm der Arbeitſtuͤhle und dem Geknarre der Raͤder nicht gut von Begeiſte⸗ rung ſprechen. Was wuͤrde uͤbrigens daraus werden, wenn unſre Bleicher anſtatt ihr Garn zu begießen, ſich an die Baͤche hinſtellten, und den Nymphen der Baͤche ein Liedchen vorſaͤngen? Oder wenn die Herren, in deren Lohn dieſe ar⸗ beiten, uͤber einem Heldengedicht ihre Lagerbuͤcher, uͤber einem Epigramm ihre Wechſel verſaͤumten? Daß an den Ufern der Pleiſſe Richter und Wink⸗ ler Gartenſaͤle, von Oeſer gemalt, und in ihren Cabinetten Stuͤcke von Mengs und Vernet beſitzen, ohne deßwegen als Kaufleute minder groß zu ſeyn, dieß iſt fuͤr die Geſchichte unſrer deutſchen 150 Sitten eine herrliche Anekdote. Aber koͤnnt' ich es auch, ſo moͤcht' ich meine hieſigen Mitbuͤrger nicht aufmuntern, ſolchen Beyſpielen zu folgen; denn ich bin uͤberzeugt, daß ſich ihr jetziger Wohl⸗ ſtand mit einem gewiſſen Grade der Verfeinerung ſchlechterdings nicht vertraͤgt. Sollt' ich jemals die groͤßte Anzahl ihrer Haͤuſer weniger bunt an⸗ geſtrichen, und inwendig nach dem neueſten Ge⸗ ſchmacke gekleidet ſehen, ſo fuͤrchtete ich ihr nahes Verderben. Das einzige, was ich hier zu thun wuͤnſchte, waͤre, einen Hirtenbrief an die Geiſt⸗ lichkeit aus gehen zu laſſen. In dieſem Land, un⸗ ter dieſem Volke, muͤßten die Prieſter vorzuͤglich heitre, freymuͤthige Biedermaͤnner ſeyn, voll ausuͤbender Weisheit und wahrer Kenntniß der Menſchen. Alsdann koͤnnten ſie nach und nach, ohne die Einwohner von ihrer lobenswuͤrdigen Einfalt abzuleiten, ihrer Denkungsart eine Rich⸗ tung geben, bey welcher ſie eben ſo gut und flei⸗ ßig, wie jetzt, aber noch gluͤcklicher waͤren. Statt deſfen leben unſre Prieſter ſehr abgeſondert; und treten ſie dann und wann hervor, ſo geſchieht es mit einer Strenge, als kaͤmen ſie aus den Hoͤhlen einer Wuͤſte. Glauben Sie, mein Freund! die Ar⸗ beiter, die eine ſaure Woche hindurch ſich geplagt, 151¹ und Troſt und Freude noͤthig haben, ſtehen ge⸗ meiniglich in der Kirche, wie eine Herde Laͤmmer, uͤber deren Koͤpfen es donnert. Ihnen ſollte der freundliche Himmel uͤber ihren gruͤnen Bergen ge⸗ zeigt werden; aber da ſteigt aus den angenehm⸗ ſten Thaͤlern, die man ſich einbilden kann, eine Legion Teufel, und verfinſtert die Luft. Was mich am mehrſten aͤrgert, iſt, daß die armen Leute, wegen ihren Geiſtlichen, nicht tanzen duͤr⸗ fen. Man predigt ihnen unaufhoͤrlich: Daß hier in dieſem Pilgerleben, Die Füße, die uns Sott gegeben, Nach raſchen Melodien heben, Nicht beſſer als Verrätherey, Und ſchlimmer noch, als Zaubern, ſey; Daß wir dadurch im Freudenſaal Das Jubiliren mächtig ſtören, Und daß die Englein allzumal Ein wenig Fluchen lieber hören, Als einer Geige Klang Und hüpfender Mädchen Geſang. Bey dem Predigen bleibt es nicht immer; ſon⸗ dern Eine Partey der Geiſtlichen thut die Tan⸗ zenden, ich weiß nicht aus welcher Macht, in den Bann; und die Tanzenden, ich weiß nicht warum, laſſen ſich ruhig in den Bann thun, und zu Suͤnde machen, was, drey Meilen von ihnen, bey ihren Glaubensgenoſſen, die unter eben der geiſtlichen Gewalt ſtehen, keine Suͤnde iſt. Doch genug von den traurigen Propheten, welche mir wider meinen Willen aufſtießen, in⸗ dem ich Ihnen bloß ſagen wollte, daß ich hier nichts weniger, als einen Beruf zum Apoſtel der Muſen fuͤhle. Deſto bereiter bin ich, fuͤr Sie, mein Freund, alles zu ſeyn, was Sie verlangen. In meiner romantiſchen Wohnung, wo ich hinter mir einen kahlen Fels, und vor mir die ver⸗ gnuͤgte Landſchaft habe, und bald den einen an⸗ ſchaue, bald an der andern mich ergoͤtze, will ich herzlich gern uͤber den Inhalt Ihres letzten Briefes mit Ihnen phantaſiren. Aber nur phantaſiren; zu nichts weiter kann ich in dieſem Augenblicke mich anheiſchig machen. Sie haben Recht, mein Liebſter, daß von Jahr zu Jahr etwas von der Allgemeinheit des Ge⸗ ſchmacks unter den Deutſchen verloren geht. Ein ſicheres Zeichen, daß entweder unſere Dichter, oder unſere Leſer, oder beyde zugleich von der guten Mutter Natur abzuweichen anfangen. We⸗ nigſtens war es nicht ſo zu den Zeiten des ehrlich —⏑ʒ⸗: 4—44 155 deutſchen Hagedorn, des aͤchten Weiſen, in ſeinen Gedichten jenem großen Koͤnige gleich, welcher Von der Bäume Königin Bis zum niedern Yſop hin, Von der Honigträgerin Bis zum Adler in den Lüften, Von der Wieſe Blumendüften Bis zum Schauder in den Grüften, Alles überſann; und nichts Unwerth eines Sonnenlichts, Alles um ſich her verwandt Mit Ratur und Wahrheit fand: In des Schmetterlinges Flügel, Sich die ganze Gottheit nah, Himmliſches Gepräg' und Spiegel, Und des Schönen Urquell ſah. Hagedorn ließ ſich von den erhabenſten Spruͤ⸗ chen der Stoiker bis zum kleinſten Lied herab; ſeine Leſer bewunderten jene, freuten ſich uͤber dieſes; und hier und dort erkannte man ihm Reiz und Wuͤrde zu. Auf unſerm heutigen Parnaſſe ſcheinen ſich diejenigen ſowohl, die auf dem Gipfel desſelben ſingen, als diejenigen, die am Fuße des Berges zuhoͤren, in lauter verſchie⸗ dene Sekten zu theilen. Daß von den Saͤngern 154 ein jeder ſein beſonderes Amt habe, wie die Goͤt⸗ ter im Olympus, wer wollte dieſes nicht billigen? Der eine kann, wie Jupiter, ſich vom Adler Don⸗ nerkeile zutragen laſſen; der andere, wie Mars, Kriegsheere anfuͤhren; ein dritter, wie Minerva, die Menſchen unterrichten; noch andere koͤnnen, wie Flora, Fuͤllhoͤrner mit Blumen ausſchuͤtten, oder, wie Grazien, einer Venus den Guͤrtel dar⸗ reichen! nur ſollten ſie auch alle, gleich den Goͤt⸗ tern, zuſammenſtimmen, und einhellig die Erde begluͤcken und verſchoͤnern wollen. Den Freun⸗ den des Geſangs waͤr' es ebenmaͤßig vergoͤnnt, ihre Lieblingsdichter, ein jeder den ſeinigen, aus⸗ zuwaͤhlen: ſo wie die Verehrer der Goͤtter in einem Tempel oͤfter, als in dem andern, knieten. Aber ſoll man auf ſeinen Altar ein Opfer brin⸗ gen und die uͤbrigen verachten? Wenn der Don⸗ nerer maͤchtig und herrlich erſcheint, ſo iſt die Blumengoͤttin lieblich, und die Huldgoͤttinnen geben ſuͤßes Leben und ſuͤßes Geſpraͤch. Wie viel Wonne mehr haͤtten unſre Dichterfreunde, wenn ſie, anſtatt ihres einſeitigen Geſchmacks, ihr Gefuͤhl ſo bildeten, daß ihnen alles Gute und Schoͤne, wo es ſtch faͤnde, willkommen waͤre! Das Harfenſpiel des kühnen Celten, Der deutſche Geiſt in Hermanns Schlacht; Des Britten bangſte Mitternacht, Mit ſeinem Flug in ſchön're Welten; Und dann, wo Scherz und Freude lacht, Und leiſere Geſänge gelten, Ein Lied in monderhellter Nacht, Von kleinen roſenfarbnen Welten; Bey hingefallner Tempel Schutt, Die klagenden Jeremiaden; Der Schäferton im Büchlein Ruth: Der Heldenkampf in Iliaden; Die Chronika von Liliput; Geſichter, Küſſe, Träume, Launen; Schallmeyen, Citharn und Poſaunen; Und alles, was am Helikon, Von David bis Anakreon, Zu jeder Zeit, in allen Zungen, Der Muſen Lieblinge geſungen. Warum durchwandern wir nicht eine Bibliothek von Dichterwerken eben ſo, wie Kenner ein Ka⸗ binet von Gemaͤlden zu betrachten pflegen? Die fragen nicht, ob der Maler eine ſanta famiglia, oder Schlachten, oder eine badende Leda oder Kinderkoͤpfe gemalt habe; ſondern ſie verweilen bey jedem Stuͤck eines großen Meiſters, und ver⸗ 156 gnuͤgen ſich an dem mannigfaltigen Reichthum der Kunſt. In jeder Gattung verehren ſie die Meiſterhand, und ſo, mit abwechſelndem groͤßern oder geringerm Entzuͤcken, aber mit beſtaͤndigem Wohlgefallen, ſehen ſie neben einander Des Rubens letzten großen Tag; Verwandlung, Jubel, Auferſtehen In jeder Kluft, auf allen Höhen, Wo Dunkel und Verweſung lag; Zerrißne Felſen; offne Klippen, Umwühlt von bebenden Gerippen; Der Seligen getreues Chor, Die friedlich aus dem Grab hervor Den neugeſchaffnen Himmel ſegnen; Und eine Rotte von Verwegnen, Mit Augen, die der Sonne fluchen, Und nächtliche Gewölke ſuchen, Aus welchen, zwiſchen Todesengeln, Sich Blitze Gottes niederſchlängeln Hinab zu Furien und Teufeln, In ihrem ewigen Verzweifeln Grotesk, und dennoch fürchterlich. Des Guido ſanften Pinfelſtrich, Der jene ſchwebende Madonne Zum Anblick nie gefühlter Wonne Beſeelt, wenn ihre Füße ſich Im hingefloßnen Aether baden, Wenn, alles Sterblichen entladen, Sie, nur mit Himmelbrod genährt, Und dieſes kleinen Schattenlandes Uneingedenk, und ganz verklärt Bis auf den Saum des Lichtgewandes, Zur Glorie der Engel fährt. Die ſtillen Freuden, die bewährt Durch ſauren Kampf und lange Qualen, Den jungen Heiligen umſtrahlen Mit Kränzen, wie das Paradies Sie dem geweihten Dolce wies. Und nun von andern Idealen Ein ſchön bewohntes Amathunt, Wo Venus mit dem Roſenmund Entzückte Liebesgötter weidet, Und lächelnd ihre Zwiſte ſcheidet; Wo neben ihr die kleinen Wilden Von Myrthenholz auf ihren Schilden Sich harte Mäͤdchenherzen bilden Und nach dem Herzen, Mann für Mann, Aus abgeſchrittner Ferne zielen; Indeß die jüngeren Geſpielen, Mit Liebkoſungen das Geſpann Der weißen Täubchen anzuſchirren, Um ihrer Gottin Wagen irren; 157 Und alle ſich, bey Nymphenkuͤſſen, Zur Freude nur geboren wiſſen*). Nicht weit vom Amorettenhain Die ſchwarzen, männlichen Geſichter Von Rembrand, und die Zauberlichter, Im ausgeſtreuten Lampenſchein, Die mählig Schalkens Nacht erhellen. Des Vernet aufgethürmte Wellen, Mit ihrem ſichtbaren Geräuſch Im Blumenkranz von Rahel Reuſch; Und kurz, die ſchöneren Naturen, Die Naphael und Julian In hoher Offenbarung ſahn; Und iene ſcherzenden Figuren Mit drollichten Carricaturen, Die laut in ihren Modetrachten, Dem Hogarth einſt entgegen lachten. Nun, mein Beſter, zu der andern elegiſchen Haͤlfte Ihres Briefes!⸗ Sie fuͤrchten, diejenigen unter unſern jungen Dichtern, welche vielleicht der griechiſchen Grazie ihre Leyer gewidͤmet haͤtten, moͤchten ſich theils durch das Rufen unſrer Cyklopen, jener Leuta von groͤbern Sinnen, denen es unbegreiflich iſt, *) Albano. daß auch im Dienſte der Grazien Entſchließung und Verlaͤugnuug noͤthig ſey, theils durch das Geklimper der herumziehenden Bande froͤhlicher Dichter abſchrecken laſſen? Um die erſteren, daͤucht 4 mich, ſollte man ſich am wenigſten bekuͤmmern. Iſt es denn ein Wunder: Wenn im Gelage roher Scythen, Die zwiſchen ihren Bechern wüthen, Das, was ein edler Grieche ſingt, Dem vollen Ohre weibiſch klingt? Wenn ungeheiligte Barbaren, Mit nackten Buſen, wilden Haaren, Den Schleyer einer Prieſterin, Den Gürtel einer Huldgöttin, * Und leichter Kränze leiſes Wehen Mit ſpöttiſchem Gelächter ſehen? Die unberufnen Saͤnger der Freude ſind ſchon gefaͤhrlicher. Wenn einer von ihnen auftritt, Der ſich in ſeinen Zirkel Von lachenden Bildern ſtellt, Und übergoldete Schnirkel Für Tempelbau der Grazien hält; Die holden Mädchen alle drey Sich nach Pariſer Püppchen drechſelt, Und jede leere Tändeley Mit Gnidiſchem Götterſpiel verwechſelt; 8 160 Der immerdar, Zum Opfer auf der Muſen Altar, Geborgte Kleinigkeiten häufelt; Der ganz und gar Von honigſfüßen Empfindungen träufelt; Und der Natur ins Angeſicht Von ihrer ſchönen Einfalt ſpricht, Indeß er ſich mit bunten Flittern Gepuderter Schäfer behängt, Indeß er nur mit Furcht und Zittern An Männerthaten denkt; wenn ein ſolcher auftritt, ſo entehrt er bey dem groͤßten Theil der Nation die ganze Gattung, und gibt den Feinden derſelben Gelegenheit zum Spott. Eben deßwegen muß es einem genug ſeyn, ſchoͤ⸗ nen Seelen, ſich ſelbſt, und beſſeren Zeiten geſungen zu haben. Ihre Beſchwerden, mein Freund, uͤber das Froſchgequaͤck in den Suͤmpfen des Parnaſſes, uͤber die Harpyien, die, bey Goͤttermahlen, nicht ein⸗ mal die Becher zu beflecken, noch weniger den Nektar in denſelben zu vergiften im Stande ſind, uͤber die Elenden, die an ihren Diſtelſtraͤuchen auflauern; alle dieſe Beſchwerden uͤbergehe ich mit Stillſchweigen. Der Dichter, welcher ſeine Wuͤrde fuͤhlt, 161 Der ſinge ſeine Lieder frey, Und kaſſe Narren ihr Geſchrey, Die luſtig nur beym Klang der Schellen, Zu ſchäkernden Poliſchinellen und Scaramuſchen ſich geſellen, Und während ihrer Faſtnachtluſt, Der eignen Schmach nicht mehr bewußt, Den Mann, in deſſen reiner Bruſt Die Flammen des Olympus lodern, BVor ihre Gaukelbude fodern. In Wahrheit, mein Freund, was kuͤmmerts uns, Indeß, im Tempel alles Schönen, Wir, brüderlich, zu Götterſöhnen Der Muſen junge Freunde ziehn, Ob am zerſtümmelten Pasquin, Ein ſchmutzig Blatt von Aretin Uns höhnt, und ſeine Schwäche fühlet; Bevor die Sonn ihm untergeht, Vom Sommerregen halb verſpühlet, Und halb von Zephyrn abgeweht? Leben Sie wohl! Ich bin u. ſ. w. Jakobi's Werke. II. 6 An Lenetten. Ueber ein im October von ihr geſundenes Veilchen. Ein froͤhlicher Sylphe, Der, wenn die Lerche ſich hebt, Mit ihr in blauen Luͤften ſchwebt; Des Fruͤhlings treuer Gehuͤlfe, Der ihm das Fuͤllhorn reicht, Und uͤber zarte Knospen ſchleicht, Den Knospen Wohlgeruͤche giebt, Und jede Blume des Graſes liebt; Ein Gott voll Unſchuld, wie die Bluͤthe Der Linden im Thal, Und voll beſcheidner Guͤte, Wie naͤchtlicher Thau, bey Mondesſtrahl; Der ſah im letzten May, von ſeinem Raſenbette, Wo neben ihm ein Sylphenmaͤdchen ſchlief, Dich Freuden athmende Lenette! Wie Geiſter ſehen, fah er tief In deine liebliche Seele, So lieblich, wie die gruͤne Hoͤhle, In deren Innerſten ein Kind, das nie gewacht, Das keine boͤſe That gedacht, Ein kaum geborner Amor lacht. Der froͤhliche Sylphe, Der Gott voll Unſchuld, wuͤnſchte ſich, dein, Und nicht des Fruͤhlings Gehuͤlfe, Nicht ſeiner Sylphide Liebling zu ſeyn. Er eilte durch den Hain, Mit friſchen Kraͤnzen ſchoͤn behangen, Und kuͤßte dich. Jedoch auf deinen ſterblichen Wangen Verloren ſeine Kuͤſſe ſich In einen Roſenduft, in eines Windes Wehen. Nun ſtand der Gott, vom Lenz allein geſehen, Und weinte bitterlich; Denn alle Kuͤſſe verloren ſich. Allein, wo ſeine Thraͤnen fielen, Da ſproß ein Veilchen empor, Und eine von ſeinen Geſpielen, Aus der Nymphen Chor, Lispelt ihm ins Ohr: Deine Kuͤſſe fuͤhlen Kann das Erdenmaͤdchen nie; Aber, du Gluͤcklicher, ſieh 164 Deinen Thraͤnen dieſes Veilchen entbluͤhn! Liebe will es auferziehn, Und es lebt noch, wenn die Farben Jedes Blumenbeets erſtarben; Dann des Herbſtes auch ſich freuend, irrt Deine Schoͤne hier, wo rauhe Winde ſchwaͤrmen, Bricht das Veilchen, und es wird Sich an ihrem Buſen waͤrmen. 165 An Eliſens kuͤnftigen Geliebten. Welche Mutter hat, mit ſtillen Thraͤnen, An den Buſen dich gelegt, Und das erſte zaͤrtliche Sehnen Deiner Kindheit eingepraͤgt; Und dir die ſuͤße Sorge geprieſen, Mit der du fremden Kummer ſtillſt? Wer biſt du, Juͤngling! der du mir Eliſen, Die ſchoͤnſte der Grazien, rauben willſt? Hat ihren leichten Scherz Aglaja dir gegeben, Hat ſich ihr Laͤcheln tief in deine Seele gedruͤckt? Haben die Tugenden dein Leben Mit jedem hohen Reize geſchmuͤckt? Gefiel, im heiligen Schleyer, Die Keuſchheit, am Arme der Tugend, die, Und fuͤhlteſt du der Buüͤſche Feyer Unter dem ruhigen Monde mit mir? 166 Haſt du das Graͤschen auf der Wieſe Mit Freude geſehen, wie es gruͤnt? So komm, du Gluͤcklicher! O komm, hier iſt Eliſe! Du haſt der Grazien ſchoͤnſte verdient. Mich wird kein Lenz hinfort in ſeinen Thaͤlern finden: Umarme, beſter Juͤngling, mich, Und laß mich um dein Haar die Myrthe der Liebe winden: Mein letzter Segen iſt fuͤr dich. An Eliſen. Stammte der Geiſt, Eliſc! Den ein Gedanke der Liebe ſchuf, Nicht vom Himmel, waͤren Paradieſe Nicht ſein kuͤnftiger Beruf: Sollt ihm keine neue Sonne glaͤnzen; Hielt ein niedriges Geſchick Ihn auf ewig in den Grenzen Dieſer Sterblichkeit zuruͤck; Muͤßt' er durch die weite Schoͤpfung wandeln, Die Natur beleben uͤberall; Jetzt im Weiſen, wie die Goͤtter, handeln; Jetzt ein Liedchen ſingen in der Nachtigall; Um die gruͤne Quelle ſchweben, In der hohen Linde bluͤhn, Oder aus geſtorbnen Reben In den Keim der Veilchen ziehn. 168 Ach! Eliſe, waͤre dann ein Schimmer Suͤßer Angedenken mein; In der weiten Schoͤpfung ſollte nimmer Dein Geiſt fuͤr mich verloren ſeyn. Ich wollte neben dir im Roſenhaine ſprießen, Als Myrthe dir zur Seite ſtehn, Im Bache dir entgegen fließen, Mit dir im leiſen Weſte wehn. Und holde Maͤdchen gingen Im Roſenhaine dann; Eliſe! wir empfingen Den muͤden Wandersmann, Beſchatteten gelinde Sein armes, kleines Mahl, Und lispelten im Winde Durch ein bebluͤmtes Thal, Wo Hirtenknaben ſpielten; Verdoppelten den Flug Zum Schnitter hin, und kuͤhlten Ihm ſeinen Waſſerkrug Wir eilten in dem Fluſſe, Verkuͤndigten den May, ——— 169 Und murmelten ſanfter bey dem Kuſſe Zaͤrtlicher Braͤute vorbey. Aber, ol ich fuͤhl es: Paradieſe Warten auf uns; goͤttlich iſt unſer Beruf: Dein Laͤcheln ſagt es mir, Eliſe! Daß uns die Liebe ſchuf. Dein Laͤcheln ſoll, in ſchoͤnern Welten, Zur Seligkeit die Geiſter weihn, und Engeln Tugenden vergelten, Und mir ein Lohn der Unſchuld ſeyn. 170 Die Auferſtehung. Horch, Eliſe! da rollen Geſaͤnge Goldner Harfen her; Ueber hohe Felſengaͤnge Rollen ſie, wie der Donner, ſchwer. Barden ſingen von der Welten Vater, der als Richter koͤmmt; Singen, wie vor ſeinem Schelten Meere fliehen, und der Strom ſich hemmt; Singen vom allmaͤchtigen Erſtaunen, Das die Sonne faßt in ihrer Bahn, Und von Graͤbern, aufgethan Bey dem Rufe der Poſaunen; Von der Erden Untergang, Welche ſich in Feuerflammen waͤlzen, Und von Sternen, welche ſchmelzen,— Bey der Todesengel Geſang. 171 Deine Seele bebt, Eliſe! Wie das fromme Laͤmmchen bebt, Wenn ſich uͤber ſeine Wieſe Schnell ein hohler Sturm erhebt? Zittre nicht! ein Gott will richten, Richten will er jede That; Aber kann er dieſe Welt zernichten, Dieſen Boden, den Eliſe betrat? Schaffende Liebe winket einſt der Erde, Daß ein neuer Fruͤhling werde; Zeichnet neuen Sonnen ihre Bahn; Und ein beſſerer Tag bricht an. Friede zieht in jede Hoͤyle; Still und lieblich ſoll der Hain; und ſo ſchoͤn, wie deine Seele, Soll die ganze Schoͤpfung ſeyn. Ueberall Fruͤhlingsluft: Ueberall ein ruhiges Wehen. Blumen werden auferſtehen Dann um deine Gruft; Blumen, welche deinem Schatten Maͤdchenhaͤnde geſtreuet hatten 172 Hin auf jene Gefilde der Ruh; Blumen, laͤngſt geſtorben, wie du. Wie ſie bluͤhend auferſtehen, So erwachen, bey dem Wehen Einer ſtilleren Luft, Nachtigallen rings um deine Gruft. Neben ihr hatten ſie geſungen Durch die Gefilde der Ruh, Neben ihr in Abenddaͤmmerungen: Und ſie ſtarben laͤngſt, wie du. Komm, Eliſe! Geruͤche wallen Von verjuͤngten Baͤumen herab: O! beym Gruße der Nachtigallen, Oeffnet ſich dein Grab. Komm, Eliſe! Schon umringen, Wie Geſpielen einer Braut, Selige Geiſter dich, und ſingen Deines Lebens ſtille Thaten laut. Und du gehſt an ihrer Seite Nun mit ſanfter Majeſtaͤt, Wie die Tugend, im Geleite Neugeborner Engel, geht. 4 Einen Zweig von deinem Kranze Bieteſt du mir laͤchelnd an; Und ein Strahl von deinem Glanze Faͤllt auf meine Leyer dann. Welch ein Strahl! dem Paradieſe Nenn ich dich; und bin verklaͤrt, Bin ein Engel, und, Eliſe! Deiner Liebe werth. 17 An Antoinetten. Als ſie, am Feſte des heiligen Nikolaus, einen neuen Schleyer bekam*). Frommes Maͤdchen! nimm den Schleyer, Den ein Heiliger dir giebt; Und dann hoͤre meine Leyer: Maͤdchen hat ſie nie getruͤbt. Fromm, wie du, ſind ihre Saiten: Aber ach! was ſing' ich dir? Ernſte Todtenglocken laͤuten; Opferkerzen ſchimmern hier. Sing ich, wie der Engel beſter Deine Schoͤnheit ſich bekennt, Und dich ſeufzend ſeine Schweſter, In dem Chor der Engel, nennt? *) Dieſes Lied wurde zwar durch eine junge artige Kloſterfrau veranlaßt, ihr ſelbſt aber niemals gezeigt; es iſt folglich als bloße Dichterphantaſie anzuſehen. 4 Wie am jungfraͤulichen Bette, Wo er ſorgſam dich bewacht, Holder ihm, als Antoinette, Kein geweihtes Maͤdchen lacht? Wie, bevor die Morgenſonne Hinter Bergen ſich entdeckt, Er vertraulich ſeine Nonne Mit dem goldnen Fluͤgel weckt; Jedes Aemtchen treu verwaltet, Emſig um den Nahttiſch irrt, Und den Sohleyer ſelbſt entfaltet, Welcher dich verſchoͤnern wird? Wie die kleinſten Seraphinen, Wenn du dich zum Feſte ſchmuͤckſt, Um die Wette dich bedienen, Und du alle ſie entzuͤckſt? Oder, wenn in deine Zelle, Bey geſtorbner Lampe, ſtill, Von den Geiſterchen der Hoͤlle Sich der Kuͤhnſte wagen will; Wie er nach dem rothen Kreuze Deines Schleyers aͤngſtlich ſieht; 176 Abet ſchneller vor dem Reize Deines ſanften Auges flieht? Soll ich ſingen, wie die Seelen Der Verklaͤrten, unſichtbar, Mit dem Himmel dich vermaͤhlen, Am erleuchteten Altar? Wie die jauchzenden Gerechten Dort im Paradieſe, ſchon Myrthen dir zum Kranze flechten, Bey der Hymne lautem Ton; Und, fuͤr dieſe dunkle Zelle, Schon die juͤngſte Himmelsbraut Dir, an ewig gruͤner Quelle, Friſche Roſenhuͤtten baut? Wie du, glaͤnzender und freyer, Einſt in Sonnentempeln ſtehſt, Und den Engeln, ohne Schleyer, Freudiger entgegen gehſt? Wie— doch nein, geliebtes Maͤoͤchen! Meine Lieder bringen nur Dieſem oder jenem Staͤdtchen Die Befehle derz Natur. 177 Lerne denn von meiner Leyer, Daß der Liebe Laͤcheln nicht Deinem Kreuze, deinem Schleyer, Deiner Zelle widerſpricht. Du bedrohſt mich, Antoinette? Blickſt hinweg, und athmeſt ſchwer, Als bewegten ihre Ketten Schwarze Geiſter um dich her? Schrecken dich, an jenen Waͤnden, Stumme Bilderchen von Stein, Mit emporgehobnen Haͤnden, Und mit einem goldnen Schein? Weil ſich Heilige betruͤbten, Knieſt du einſam hin, und weinſt? Gutes Maͤdchen! O ſie liebten— Glaube mir, ſie liebten einſt. Um die Hoͤhle, wo ſie lagen, Standen Liebesgoͤtter da; Unter manchen leiſen Klagen Sang ihr Lied Caͤcilia. Nur ein Irrthum jener Zeiten Schuf den Bannſtrahl fuͤr die Luſt; Il. 6* 178 Wollte ſuͤße Zaͤrtlichkeiten Tilgen in der jungen Bruſt; Ließ, die Freude zu entfernen, Arme Maͤdchen Buße thun; Aber, wandelnd uͤber Sternen, Folgen ſie der Liebe nun. Und noch zaͤrtlicher, als dieſe, Kuͤſſen Engelchoͤre ſich: O wie koͤnnten Paradieſe Bluͤhen, wo die Liebe wich? Auf Adelaides Faͤche t. Der Faͤcher. Zephyr! du Menſchenfreund! Komm aus deinen Gebuͤſchen, Komm, wir wollen vereint Adelaiden erfriſchen. Zephyr. Vereint mit dir? Ich, deſſen roſigte Schwingen Die ganze Natur verjuͤngen? Es winken mir Lilien und Narciſſen; Es rufen mich zu Taͤnzen und Kuͤſſen Im froͤhlichen May Goͤtter und Nymphen hHerbey. Dich aber ſchuf, mein Saͤuſeln nachzuahmen, Die Modetaͤndeley Am Putztiſch eitler Damen, Ein kleines Spielwerk ohne Namen„ N 180 Verdammt zu ew'ger Sclaverev. So wehe denn mit deinem gebrechlichen Fluͤgel, Du thoͤrichtes Ding! Und ich erwart', am Sonnenhuͤgel, Den goldnen Schmetterling. Der Faͤcher. Achte mich immer gering, Du, mit deinem ſchoͤnen Fluͤgel, Welchen der Himmel bethaut! Ich, mit Adelaiden vertraut, Und von ihrer Hand getragen, Laſſe dir, in Fruͤhlingstagen, Deine Goͤtter und Nymphen, ſonder Neid; Denn, von dieſen Sterblichen getragen, Eil' ich, manche leiſe Klagen, Manches Laͤcheln zu verſtecken, Und der Wangen Roͤthe zu decken, Still beſorgt, daß ihre Lieblichkeit Dieſer ungeheiligten Erde Nur im Schleyer ſichtbar werde. Der neue Pygmalion. „Mich nun verlaſſen? Cynthio! Mich nun auf ewig? Liebſt du ſo Die zaͤrtliche Roſette? Belohnſt ſie mit Verraͤtherey, Und achteſt nicht ihr Klaggeſchrey Am naßgeweinten Bette? Verſchmaͤhſt getreuer Liebe Gunſt, Da ſie, behuͤlflich deiner Kunſt Den Marmor zu beleben, Zu deinen Venusbildern dir, Was ſchoͤn und artig war an ihr, In Unſchuld Preis gegeben? Wohlan, Verraͤther! ſo vergiß, Wer dieſe Huͤlle mir entriß Mit ſeinen Schmeicheleyen. Und ach! mit Kuͤſſen ohne Zahl, Wer durfte mir zum erſten Mal Die junge Bruſt entweihen? 182 Du fliehſt Roſettens Angeſicht? O Cynthio! ſo ſprachſt du nicht, Als ich, von deinem Flehen Erweicht, die Huͤlle faßte, ging, Und meine Heiligen behing, Aus Furcht, ſie moͤchten ſehen; Als noch mein unverſtellter Blick Zu manchem hohen Meiſterſtuͤck Am Morgen dich entzuͤckte; Als ich, ſo bald der Abend kam, Das Werkzeug deinen Haͤnden nahm, Und dich mein Kuß begluͤckte.“ „Verzeih, Geliebteſte! verzeih; Mein Ruf iſt eine Wuͤſteney, Verborgen deinen Kuͤſſen; In Waͤldern muß ich, fromm und w Fuͤr jedes allzuſchoͤne Bild, Nach dir geformet, buͤßen. Im Himmel, o du gutes Kind! Bekenn' es nur, im Himmel ſind Nicht Heben und Dianen: Da treffen wir uns wieder an: Ich will indeß, ſo gut ich kann, Fuͤr uns die Wege bahnen.“ 183 Das treue Maͤdchen weinte Blut; Und dennoch wandelte, voll Muth, Der Heilige von dannen, 3 Bereits im Haar den golͤnen Schein, Im Kopfe nichts als Engelein, Agneſen und Suſannen. Nach einer kurzen Reiſe kroch Er in ein dunkles Felſenloch, Und baute ſeine Zelle. Zuſammen trug er in den Wald Sich Steine dann, die wurden bald Zur artigen Kapelle. In tiefer Reue ſchnitzt' er nun, Vom Beten dann und wann zu ruhn, Sich eine Magdalene, Mit blonden Locken, duͤnner Tracht, In allen Theilen wohl gemacht, Bis auf die kleinſte Thraͤne. Sie lag am Felſen jaͤmmerlich, So ſchoͤn, daß auch ein Turke ſich Mit ihr betruͤbet haͤtte. Und wißt ihr, wem ſie aͤhnlich war? An Auge, Buſen, Mund und Haar, Der weinenden Roſette. 184 „Was ſeh' ich? Welche Pruͤfung? O! Der Himmel will, deß bin ich froh, Die ſtolze Bruſt zermalmen. Ich folge williglich.“ Er bringt Das Bild in ſein Kapellchen, ſingt Ihm lauter Klage⸗Pſalmen; Und pflegt' es mit geweihter Hand, Und ſchenkt ihm taͤglich allerhand An Blumen und an Kerzen; Er ſeufzet, kniet ohn' Unterlaß; Jedoch auf einmal ſchreckt ihn was In ſeinem bangen Herzen. Er geht, mit Zweiſeln angefuͤllt, Und ſucht, und flieht das ſchoͤne Bild, Veraͤndert ihm die Stelle; Beruͤhrt es, jammert, bebt zuruͤck, Und ſchließet jeden Augenblick, Und oͤffnet die Kapelle. Beruͤhmt im ganzen Lande ward Herr Cynthio mit ſeinem Bart, Und ſeiner Magdalene. Da kamen Pilger weit und breit, Matronen voller Heiligkeit, Und manche junge Schoͤne, Die opferten. Was hilft es ihm? Und was dem innern Ungeſtuͤm Sein Beten und Kaſteyen? Er ſchmachtet, er verzehrt ſich ganz; Kein Feſttag und kein Roſenkranz Vermag ihn zu befreyen. An einem kuͤhlen Morgen ſchlug Sein Herz ihn wach, der Arme trug Ein Laͤmpchen in die Mette: O Bild! ſo reizend warſt du nie! Sein Geiſt verirrte ſich, er ſchrie: Ach heilige Roſette! Und alſobald erwaͤrmte ſich Der Marmor; ſeine Blaͤſſe wich, Der Buſen ſchien zu beben; Die Augen glaͤnzten allgemach; Da laͤchelte das Bild, und ſprach: O Cynthio, mein Leben! „Roſette war es. Sie vergaß Den Liebling nicht. Roſette ſaß Bey ſeiner Magdalene. Vergoͤnne, daß, in frommer Ruh, Ich mit den Heiligen, wie du, Geliebter! mich verſoͤhne. 186 Zu deinen Bildern hielt ich ſtill, Wenn du ſie formteſt; und ich will Zur Buße mich bequemen; Du magſt zu einer Urſula, Walpurgis und Caͤcilia, Von mir die Zuͤge nehmen. Das that er; und im ganzen Land, Auf Maͤrkten und an Wegen, ſtand, Von allen um die Wette Bekraͤnzt, in Weihrauch eingehuͤllt, Mit einer Glorie, das Bild Der lachenden Roſette. 187 Freye Nachahmung des franzoͤſiſchen Liedes: Que ne Suis-je la fougère.*) Wenn im leichten Hirtenkleide Mein geliebtes Maͤdchen geht, Wenn um ſie die junge Freude Sich im ſuͤßen Taumel dreht, Unter Roſen, zwiſchen Reben, In dem Hain und an dem Bach, Folgt ihr dann mit ſtillem Beben Meine ganze Seele nach. Waͤr' ich auf der Fruͤhlingsaue Nur das Luͤftchen, das ſie fuͤhlt, Nur ein Tropfen von dem Thaue, Der um ſie die Blume kuͤhlt; Nur das Baͤumchen an der Quelle, Das ſie ſchuͤtzet und ergoͤtzt, Und die kleine Silberwelle, Die den ſchoͤnſten Fuß benetzt! Waͤren meine Klagetoͤne Der Geſang der Nachtigall, *) Anthologie franHaise T. II. p. 261. Hoͤrte mich die ſanfte Schoͤne Zaͤrtlich in dem Wiederhall! Lispelt' ich an Roſenwaͤnden Als ein Abendwind herab, Oder waͤr' in ihren Haͤnden Der bebluͤmte Hirtenſtab! Koͤnnt' ich ihr als Veilchen ienen, Wenn ſie neue Kraͤnze flicht; Koͤnnt' ich in der Laube gruͤnen, Wo mit ihr ein Engel ſpricht! Boͤt' ich in vertrauten Schatten Ihrem Schlummer ſanftes Moos, Oder, wo ſich Taͤubchen gatten, Meinen blumenreichen Schooß! Mach', o Liebe! dort im Stillen, Unter jenem Myrthenbaum, Wo ſie ruht, um ihretwillen Mich zum leichten Morgentraum! Mit verſchaͤmtem, holden Lachen Sehe ſie mein Schattenbild— und, o Liebe, beym Erwachen Werd' ihr Morgentraum erfuͤllt! Der zaͤrtliche Liebhaber.*) Ein junger reicher Lord, Der mehr als eine Welt ſein treues Julchen liebte, Und, auf ein halbgeſagtes Wort, Den kleinſten Wunſch von ihr ſich zu errathen uͤbte, Ging einſt in einer Sommernacht, Vom heitern Himmel angelacht,. Mit ihr, fuͤr deren Gluͤck er alles hingegeben. „O ſieh doch“, rief das Maͤdchen ſchnell, „O ſieh doch, welch ein Stern, wie ſpielend und wie hell! „Der ſchoͤnſte, den ich ſah in meinem ganzen Leben!— Sie fuͤhlt des Lieblings Hand in ihren Haͤnden beben; Er ſieht den Stern, mit traurigem Geſicht, und dann ſein Maͤdchen an, und ſpricht: „Ach! Julchen, ach! verlang ihn nicht, „Ich kann ihn dir nicht geben!“ *) Eine wahre Geſchichte, nach einer mündlichen Erzählung. — Nach dem Arabiſchen. Laß immer ſie, die bunten Papageyen, Sich ihres kurzen Lebens freuen, Sich ſtolz im Federſchmucke blaͤhen, Und lauter um den Huͤgel ſchmaͤhen, Worauf der Phoͤnix lebt, Der zwiſchen Palmenbaͤumen, Erwacht von ſchoͤnen Traͤumen, Ein Himmelskind, den goldnen Fittig hebt Und in der Sonne da, wo ſie dem Meer entflieht, Sein kuͤnftig Auferſtehen ſieht. Es werden nicht ſein Auferſtehen Die bunt gemalten Voͤgel ſehen. Wenn um den Sterbenden gelinde Luͤfte wehen, Des Phoͤnix Aſche raucht Und Wohlgeruͤche von ſich haucht, Wenn er im Palmen⸗Hain verjuͤngt Sich herrlicher zur Morgenroͤthe ſchwingt— O! dann vermoderten die Leichen Der Papageyen laͤngſt in duͤſteren Geſtraͤuchen; 191 Sie moderten, mit ihren Schmaͤheliedern, Vergifteten der Staude Balſamduft, Ein Scheuſal ihren eignen Bruͤdern, In angeſteckter Luft. Geſaͤubert iſt in jenen Tagen Die Staͤtte, wo ſie lagen, Hinweg gekehrt ihr Staub von allen Winden: Vergangen ſchon das duͤſtere Geſtraͤuch, Und ſelbſt in der Verweſung Reich Iſt ihre Spur nicht mehr zu finden. Momus. Als neulich Vater Jupiter Sein muͤdes Haupt, von Sorgen ſchwer, Auf ſeine Goͤtterrechte ſtuͤtzte, Und mit der Linken maͤchtig blitzte; Die großen Augen hin und her Gedreht, im Lehnſtuhl uͤberdachte, Was nun ſein Erdenvoͤlkchen machte: Da kam zum hohen Jupiter, Mit einem Kaſten auf dem Ruͤcken, Freund Momus, unter vielem Buͤcken, Und grüßte den Olymp, und bat Den ganzen goͤttlichen Senat, Zu ſeinen ſchoͤnen Raritaͤten Ein wenig naͤher hinzutreten. Man ſah, und ſah die weite Welt Von Sonn' und Monden uͤberſchimmert, Im Kleinen trefflich nachgezimmert; Und Erde, Feuer, Luft und See, Und alles, was darinnen je 193 Geweſen: Leopard und Wurm, und Nachtigall, und Krieg und Sturm, und Waͤldchen, reich an Melodieen, und Berge, welche Flammen ſpieen: Das erſte Paradies; den Thurm Zu Babel, neben einer Grotte, Bewohnt vom juͤngſten Liebesgotte; Der Ninon ſtilles Kabinett, und Magdalenens hartes Bett, Umtanzt mit hoͤlliſchem Gewimmel, und Heilige, ſchon halb im Himmel; Des jungen Peleiden Zorn, Des Epikur geruͤhmten Frieden; Und hier Egyptens Pyramiden, Und dort ein Lied von Hagedorn. Nicht minder kuͤnſtlich war zu ſehn In ſeinem Faſſe Diogen, Und auf der Buͤhne Karl der Zwoͤlfte z Petrarch mit ſeiner lieben Haͤlfte; Semiramis und Helena; Muſarion und Pamela; Mein Bayle zwiſchen ſeinen Zweifeln, Und Doktor Fauſt mit ſeinen Teufeln, Und Robinſon auf ſeiner Fahrt; Am ſchattenvollen Traubenhuͤgel Jacobi's Werke. II. 7 194 Anakreons geſalbter Bart: Candide, Solon, Eulenſpiegel, Confucius und Aretin, Und Schwedenborg und Harlekin Aus einem Ey hervorgekrochen; Der Eremit bey Todtenknochen; Armida bey Rinaldens Kuß; Und endlich machten den Beſchluß Chymiſten, Kritiker, Propheten, Druiden, Zauberer, Poeten, Nebſt Sittenſpruͤchen, Wunderlehr', Und tauſend andern ſchoͤnen Sachen. Da blitzte Jupiter nicht mehr, Und alle Goͤtter mußten lachen. Die Nachtigall. Eine Fabel. Die zartgebaute Nachtigall Verbarg ſich vor dem großen Schall Der noch entfernten Donnerſchlaͤge; Nicht weit von ihr, am offnen Wege, Saß ungeſchuͤtzt, mit ſeiner Brut, Ein ſchwarzer Rabe, voller Muth, Und hoͤrte kaum die Donnerſchlaͤge. Da ſah die bange Saͤngerin Nach ihrem kuͤhnen Nachbar hin. „Warum“, ſo klagte ſie beſcheiden, „»Muß dieſen Raͤuber ich beneiden? Mich nennen Wieſe, Buſch und Flur, Den kleinen Guͤnſtling der Natur; Und doppelt fuͤhl' ich jedes Leiden.“ 196 Ein Schaͤfer, der voruͤberging, Vernahm den Klageton, und fing Den Fruͤhlingsboten an zu fragen: „ Ob nicht die Luft, an heitern Tagen, Ob nicht das erſte Gruͤn, im May, Den Nachtigallen ſohoͤner ſey, Als denen, welche nimmer klagen?“ Der weiſe Schaͤfer hatte Recht. Es giebt ein nervichtes Geſchlecht Von unerſchrocknen Maͤnnerſeelen; Jedoch aus ihren heiſern Kehlen Geht keine Goͤttermelodie; Und Rabenkinder werden nie Zu Fill behorchten Philomelen. 197 Her B a ch. Es ließ ein Hirt auf gruͤnen Raſen Die weißen Laͤmmer graſen, Und ſang dem nahen Bach Ein Lied in ſeine Thaͤler nach⸗ „Du Fuͤhrer kleiner Baͤche, Den jede Staude gern in ihren Schatten nimmt, Auf deſſen Silberflaͤche Das Bild der Sonne ſchwimmt! Da wandelſt du, geprieſen Von jeder Nachtigall, Und traͤnkeſt auf den Wieſen Die Blumen uͤberall; Da koͤmmt in dir zu baden, Mit ſuͤßem Raub beladen, Die Honigtraͤgerin; Da fliegt ein Taubenpaar zu deinem Ufer hin; Die junge Schaͤferin Entkleidet ſich im Stillen; 195 Es werfen dir, um ihretwillen, Die Goͤtter Kuͤſſe zu. Begluͤckter Bach! In dieſer Ruh, Bey dieſen Kuͤſſen, Wie kann es dich verdrießen, Wenn dir ein Faun, mit ſeinen Ziegenfuͤßen, Die kleinſte Welle truͤbr? Du wirſt, nicht weniger geliebt, Du wirſt, nicht minder hell, Von jenem hohen Felſenquell, Bey lautem Maygeſang, in ferne Meere fließen.“ 199 An Berty. Im Namen einer Geſellſchaft. Weißt du, liebes Schweſterchen, daß du ſeit einigen Tagen nicht mehr dieſelbige biſt; nicht mehr die froͤhliche Betty, welche jede kleine Grille ſogleich durch ein lachendes Geſicht ver⸗ ſcheucht, und fuͤr jedes allzu ernſthafte Nachden⸗ ken einen launigen Einfall in Bereitſchaft hat? Dein vorgeſtriges Stillſchweigen, dein geſtriger Gruß und dein heutiges Billet machen uns dei⸗ netwegen ſo bekuͤmmert, daß wir mit klingendem Spiele zu dir kommen, und wider deinen Willen dich aufheitern muͤſſen. Zuletzt moͤchteſt du noch Erſcheinungen haben: Und lauter Gräber um dich ſehn, Und zwiſchen Knochenhäuſern gehn, Einher auf Leichenſteinen kriechen, Und ihre Todtendüfte riechen. Es möchten ſich zu dir Geſpenſter wagen, Den Kopf in blaſſen Händen tragen, 200 Und fürchterlich, im Mondenſchein, Mit ihrer ſtumpfen Stimme ſchreyn. Es möchten Teufelchen, in ſchwarzgemalten Kappen, Um dich herum die Zähne klappen; Du ſähſt, auf raſchen Fledermäuſen, Sie präehtig durch die Lüfte reiſen: Du ſäheſt Hexenmeiſter, Hexen, Im Phaeton, beſpannt mit Sechſen, Den Donnerwolken ſich befehlen, Zum Kutſcher einen Kobold wählen, Und Feuermänner, als Heiducken, Aus großen Flammenaugen gucken; Und endlich nickten dir, zur angenehmen Ruh, Die halb entſchlafnen Eulen zu. Welch eine Litaneyh von ſchrecklichen Prophe⸗ zeyungen! Armes Schweſterchen! Eile, ſo ſehr du kannſt, in unfern Zirkel zuruͤck, und laß un⸗ ſere Phantaſie fuͤr das Uebrige ſorgen. Du ſollſt in Roſenlauben gehen, Und lachende Gefilde ſehen, Und dich, im filllen Mondenſchein, Den Grazien zur Schweſter weihn; Und nur vom Spiel der Amoretten kräumen, Die, unter ihren Myrthenbäumen, Sich goldne Schmetterlinge zäumen, Dann über ſchöne Wieſen reiten, 201 Um Schaͤferinnen zu begleiten; Dann, in Violen und Narciſſen, Verwandelte Najaden küſſen. Du ſollſt in ihrem Lieblingshain, Der loſen Knaben Zeuge ſeyn, Wenn ſie, zum Scherze, ſich verkappen, Ein armes Mädchen zu ertappen,. Das auf der Weide Blumen pflückt, 3 Und voller Unſchuld ſie an ſeinen Buſen drückt. Biſt du mit uns zufrieden, liebſte Betty! Sag' es uns geſchwind; denn wir alle ſind voll Unge⸗ duld, und werfen ſchon die zaͤrtlichſten Kuͤſſe dei⸗ ner Antwort entgegen. Liebe Nachtigall! Schoͤner Bluͤthenregen! Wie die Knospen all' Unter Lerchen⸗Schlaͤgen An der Quelle ſich bewegen! O wie lieblich Alles iſt! Aber wenig Freude Fuͤr den Mann im gruͤnen Kleide, Welcher dort gekommen iſt, Nur die Baͤume zaͤhlt und mißt, Und das friſche Laub zu ſehen, Und die Lerche zu verſtehen, Der Hirt und der Foͤrſter. Und den Bluͤthenkranz am Silberquell Der Heher. Daß unter tauſend, tauſend Liedern, Wenn jede Muſe ſingt, wenn, voller Seligkeit, Die Voͤlker den Geſang erwiedern— Daß unter tauſend, kauſend Liedern, Hervor aus ſeiner Dunkelheit, Des Neides hohle Stimme ſchreyt— O Chloe! ſoll uns dieß in unſerm Gluͤcke ſtoͤren? Gedenke nur an jenen Hain, An jenen Fruͤhlings⸗Sonnenſchein! Da gingen wir, von Nachtigallen⸗Choͤren Das erſte Maylied anzuhoͤren; Und, o wie lieblich ſangen ſie— Als ploͤtzlich unter ihren Choͤren, Verſteckt im Holz, ein heiſrer Heher ſchrie! Wir aber ließen uns nicht ſtoͤren: Die rauhen Voͤgel ſelbſt gehoͤren Zur großen Waldes⸗Harmonie! Der Maulwurf. Nur geſchwind es hingerichtet! Quaͤlen ſollſt du mir Nicht das arme Thier, Ob es gleich das Blumenbeet zernichtet; Denn von allen Farben hier, Welche durch einander funkeln, Hat es keinerley Genuß. Wuͤhlt es doch im Dunkeln, Wo es einmal wuͤhlen muß! Und daneben fehlt ihm das Geſicht: Unſre Blumen kennt es nicht.. An die Deutſchen. Ein kluges Volk, bekannt mit allem Schöoͤnen, Ließ, in Athen, den weiſen Sokrates Auf oͤffentlicher Buͤhne hoͤhnen— Doch nur von Ariſtophanes, Dem Liebling ſcherzender Camoͤnen; Und als der weiſe Mann die Buͤhne ſelbſt beſtieg, Da— neigte ſich das Volk, und ſchwieg. Gl eichui F. Dem rohen Suſarat Ein Teiiſch Lied in unſre Laute ſingen? Daß hieß', auf einem Rebenblatt, Dem Menſchenfreſſer Honig bringen. An die Goͤtter. Ihr guten Goͤtter, unſern Dank Fuͤr eurer Weisheit ernſte Lehren, Die wir zum Troſt im ſpaͤten Alter hoͤren! Ihr Goͤtter! unſern Lobgeſang Fuͤr jeden ſuͤßen Wahn der frohen Jugendzeiten, Wo ſich in tauſend Lieblichkeiten Der Geiſt verirrt, und Alles Kuͤſſe giebt, Und jedes Sonnenſtaͤubchen liebt! Die Sternſchnuppe. Wenn, vom geſtirnten Himmel weit, Sich ungefaͤhr zur Abendzeit, In grober Luft ein kleiner Dunſt entzuͤndet, Und alſobald verſchwindet, Dann ſieht der Aſtronom auf ſeiner Warte kaum Der Duͤnſte Spiel im niedern Raum; Er blickt in Gegenden von ewig reinem Licht; Dies Flackerwerk gehoͤrt an ſeinen Himmel nicht; Allein der Poͤbel glaubt auf Erden, Es putze ſich ein Stern, um glaͤnzender zu werden. Jacobi's Werke. — Zweyte Abtheilung. Vorrede des zweyten Bandes zweyter Abtheilung, Die Stuͤcke dieſer Abtheilung waren bisher nicht geſammelt, ſondern im deutſchen Mer⸗ kur und Muſeum, in der Monatſchrift Iris, in Magazinen und Muſen-⸗Al⸗ manachen dermaßen zerſtreut, daß ich ſelbſt Muͤhe hatte, ſie zuſammenzufinden. Nur von meinen Liedern gab Schloſſer im Jahre 1784 ein Baͤndchen heraus, das er unſerm Pfeffel zueignete. Was ich hier liefere, iſt ein Theil der Arbei⸗ ten, welche mich von 1775 bis 1782 beſchaͤftig⸗ ten, und zwar ein kleiner Theil derſelben; denn die proſaiſchen Aufſaͤtze dieſer Periode wurden, bis auf einige wenige, und die Ge⸗ dichte faſt zur Haͤlfte unterdruͤckt. 1I. 7 210 Die meiſten von ſenen, weil ſle meiner aͤlte⸗ ren Jris, folglich der ſittlichen und aͤſtheti⸗ ſchen Ausbildung des ſchoͤnen Geſchlechts gewid⸗ met waren, mußten auf das Beduͤrfniß der da⸗ maligen Zeit berechnet werden, und taugen eben darum nicht mehr fuͤr die jetzige. Da⸗ mals klagte man in Deutſchland uͤber den Man⸗ gel an brauchbaren Schriften, die ausſchließlich eine ſolche Beſtimmung haͤtten; eine Klage, welche jetzt ungerecht ſeyn wuͤrde! Außerdem weiß man, daß auch die moraliſche Welt ihre verſchiedenen Epochen hat, und immer neue Thorheiten und Laͤcherlichkeiten die alten ab⸗ loͤſen, weßwegen jedes Zeitalter ſeiner eignen Belehrung und Warnung bedarf. Als ich mein Journal ſchrieb, fand man noch viele, maͤnnliche und weibliche Seelen, die be⸗ ſtaͤndig von zaͤrtlichen Gefuͤhlen aͤberfloſſen, auch da, wo nichts zu empfinden war; indeſſen ſingen mehrere an, der Thraͤnen und Seufzer muüde. zu werden, und ſich zu einem ernſteren Ton hinaufzuſtimmen. Sie gefielen ſich im Erhabenen. Zunge Damen, obwohl ſie den halben„Morgen vor dem Spiegel ſaßen, und ihnen Putz, Modegeſchwaͤtz und Etikette von 211 der groͤßten Wichtigkeit blieb, ſchwebten dennoch in hoͤheren Sphaͤren, aus denen ſie auf ein anakreontiſches Lied, wie auf etwas ihrer Un⸗ wuͤrdiges, herabblickten. Nach und nach erſchie⸗ nen die Kraftmaͤnner; ein ſonderbares Volk!*) Die alltaͤglichſten Handlungen verrichteten ſie mit einer Miene von Anſtrengung; ſchwangen ſich, um ſpatzieren zu reiten, ſo herzhaft auf ihr Roß, als ob ein Zweykampf ſie erwarkete; ſagten das Gemeinſte mit Nachdruck, und rede⸗ ten gern in Hyperbeln. Heldenthaten hatten ſie freylich keine aufzuweiſen; aber das ſchadete nichts. Ihre Schoͤnen wunderten ſich uͤber ſie, und gaben ſich ebenfalls ein amazonenmaͤßiges Anſehen. Alles dieſes iſt nun längſt voruͤber. Die Schwaͤrmerey jener empfindſamen und erhabnen Frauen und Maͤdchen iſt zur kalten Proſa ge⸗ worden; das Kraftgefuͤhl hat nichts von ſich uͤbrig gelaſſen, als einen gewiſſen Eigenduͤnkel, *) Auf ſie bezieht ſich die in dieſer Abtheilung be⸗ findliche Romanze: Der neue Simſon, die ich wegen der Originalität der Erſcheinung bey⸗ behalten habe: 212 der nicht einmal einen vermeinten inneren Werth verlangt, um ſich darauf zu gruͤnden, ſondern ſeine Stuͤtze bloß von Außen borgt, und mit der, bis auf das Kleinſte ſich ausdehnen⸗ den Selbſtſucht gemeinſchaftliche Sache macht. Unſre Zeit alſo fordert ganz andere Schriften uͤber Toͤchter⸗Erziehung, als die damalige, und meine aͤltere Iris paßt auf die Gegenwart ſo wenig, daß ich von den eigentlich belehren⸗ den Abhandlungen derſelben nur die beyden von der Reinlichkeit und Schamhaftigkeit aufnehmen konnte.— Beyde ſind fuͤr jedes Zeit⸗ alter, und empfehlen Tugenden, auf welchen ein großer Theil der haͤuslichen Gluͤckſeligkeit be⸗ ruht. Es lag mir daran, dieſe Bruchſtuͤcke einer periodiſchen Schrift, an der ich zwey Jahre mit Liebe gearbeitet habe, zu retten, um fuͤr dieje⸗ nigen, die mir gern durch mein ſchriftſtelleriſches Leben folgen, keine Luͤcke zu laſſen. Was die Gedichte dieſer Abtheilung betrifft, ſo fuͤrchte ich, daß, ob ich gleich ihrer mehr als fuͤnfzig verworfen habe, dennoch zu viele geblie⸗ ben ſind. Ein Mann von Geiſt und Talent, der zugleich ein weiſer Mann war, machte mich einſt aufmerkſam darauf, daß jeder Dichter, ſo wie 213 jeder Redner, einen ihn beſchraͤnkenden Kreis von Ideen haͤtte, weiter oder enger, worin er ſich bewegte, und daß man deßwegen in en Werken des reichhaltigſten Genies, wenn ſie mehrere Baͤnde fuͤllten, beym Fortleſen, gar zu oft eben demſel⸗ ben Gedanken, wenigſtens einem aͤhnlichen begeg⸗ nete. Ich erinnerte mich nachher dieſer Worte, als ich die Schrift eines neuen Italieners las, wel⸗ cher ſogar dem Petrarca, ungeachtet ſeiner vollbluͤ⸗ henden Phantaſie, eine, dann und wann ermuͤ⸗ dende Wiederholung gewiſſer Lieblingsideen vor⸗ warf. Wie ſehr habe denn ich, der ich meine Beſchraͤnktheit mir nicht verhehlen kann, einen ſolchen Vorwurf zu beſorgen!— Zwar mag die Verſchiedenheit der Lagen, Stimmungen, Gefuͤhle und Launen, worin ich ſchrieb, meinen Gedich⸗ ten eine gewiſſe Mannigfaltigkeit geben; zumal, da ich die jedesmalige Stimmung nicht am Schreib⸗ tiſche holte, ſondern an denſelben mitbrachte, und nicht erdichtete, ſondern, was in mir vor⸗ ging, dichteriſch ausdruͤckte, wozu eine minder fruchtbare Einbildungskraft hinreichend war. Ge⸗ nug iſt es mir, wenn man die Sammlung mei⸗ ner Poeſien wie eine Landſchaft betrachtet, die, obſchon oͤfter geſehen, und immer eben dieſelbe, 914 dennoch durch die verſchiedenen Lichter, welche ſie am Abend oder am Morgen, bey hellem oder umwoͤlktem Himmel, beleuchten, durch den Wech⸗ ſel der Jahrszeiten, je nachdem ihre Baͤume bluͤhen oder voll Obſt hangen, durch Hirten und Herden, Arbeiten der Pfluͤger oder Scohhnitter u. ſ. w. abgeaͤndert wird, und manchen neuen Anblick gewaͤhrt.— Uebrigens wuͤnſchte ich, daß unſre Kunſtrichter nicht, aus Ungerechtig⸗ keit oder Unwiſſenheit, oft als einfoͤrmig ta⸗ delten, was ſie eigenthuͤmliche Manier des Dichters nennen, und, wo nicht loben, doch ver⸗ zeihen ſollten. Haben nicht die Werke der beſſern Maler— eben aus dem Grunde, weil ſie die beſſern ſind— etwas mit einander gemein, woran man den Meiſter erkennt? Und wenn ſie auch auf dieſer oder jener Tafel ſich wiederho⸗ len— welchen Kunſtliebhaber haͤlt nicht der, allen ihren Gemaͤlden aufgedruͤckte Stempel eines eignen aus ſich ſelbſt hervorbringenden Genies dafuͤr ſchadlos? An ſorgfaͤltiger Verbeſſerung hab' ich auch die⸗ ſesmal es nicht fehlen laſſen; nur an die kleine Liederſammlung, deren ich oben erwaͤhnte, legte jch ſchuͤchtern die Hand. Ein Mann, wie Schloſſer, 215 hatte ſie wuͤrdig gefunden, einem Freunde, wie Pfeffel, ein bruͤderliches Geſchenk mit ihnen zu machen, und ein Dichter, wie F. L. Stolls berg hatte das Buͤchelchen zum unzertrennlichen Gefaͤhrten auf ſeiner Reiſe nach Italien gewaͤhlt⸗ Auch ward ihm uͤberall, bey dem edleren Theile der Leſer, eine liebevolle Aufnahme. Darum erlaubte ich mir in dieſen Liedern nur wenige Veraͤnderungen. Getroſt uͤberlaſſe ich ſie ihrem Schickſal, und freue mich inſonderheit der Ver⸗ ſicherung, daß ſelbſt diejenigen unter ihnen, die eine jugendliche Leidenſchaft mir eingab, da ſie den Rechtſchaffenſten geſielen, ein wohlthaͤtiger Geiſt beleben muß, und ich ſie nicht bereuen darf.— Gegen die andern Gedichte war ich deſto ſtrenger; einige derſelben ſind ganz umgearbeitet worden. Ueber Gelegenheits⸗Gedichte habe ich anderswo meine Meinung geſagt*). Diejenigen, denen ich in der gegenwaͤrtigen Sammlung ei e Stelle einraͤumte, gehoͤren faſt alle nur in ſo fern zu dieſer Gattung, als die Feyer eines jaͤhrlichen Feſtes mich veranlaßte, einen Gedanken auszu⸗ fuͤhren, der mit dem Feſte in keiner weſentlichen *) In dem Taſchenbuch Iris für 1806. 216 Verbindung ſteht. Mehrentheils brauchte man nur, am Anfang oder am Schluſſe des Gedichtes, ein Paar Zeilen zu aͤndern, und eine andere Ueberſchrift zu machen; und keiner, der es laͤſe, daͤchte dabey an eine Gelegenheit. Iſt denn ein Strauß, deſſen Blumen mit Wahl zuſammenge⸗ ſucht und geornet ſind, darum weniger ſchoͤn, weil er, als feſtliche Gabe, einem Freunde oder einer Freundin gebracht wird? Sollte das, was ich dichtete, fortleben, ſo bin ich gewiß, daß die Nachkommen, wenn ihnen das Andenken an die Saͤnger der Vorzeit noch heilig iſt, mir die Erhaltung der dem Geburts⸗ tage meines Gleims geweihten Lieder verdanken. 3 Freyburg im Brelsgau, im Februar 1809. Der Verfaſſer. — An die Roſe. „Roſe, komm! der Fruͤhling ſchwindet; Veilchen haben dich verkuͤndet, Mayenblumen ſtarben hin: Oeffne dich beym Luſtgetoͤne Dieſer Fluren; komm, o ſchoͤne, Holde Blumen⸗Koͤnigin! Als du kamſt im erſten Lenze, Hiengen tauſendfache Kraͤnze Schon um Anger, Berg und Thal; Ufer lockten, Waͤlder bluͤhten, Pomeranzen⸗Haine gluͤhten Weitumher im Sonnenſtrahl. Libanons umwoͤlkte Gipfel Hoben ihre Cedern⸗Wipfel Duftend in den Morgenſchein; Doch auf demuthsvollem Throne Sollteſt du der Schoͤpfung Krone, Der Geſchaffnen Wonne ſeyn. 218 und du gingſt mit leiſem Beben Aus der zarten Knosp' ins Leben; Erd' und Himmel neigten ſich; Und es huldigten die Wieſen; Nachtigallen⸗Choͤre prieſen,„ Alle Nymphen liebten dich. Goldne Schmetterlinge ſchlugen Froh die Fluͤgel; Winde trugen, Wo die Luft in Jubel war, Deinen Balſam; Herzen pochten Dir entgegen; Maͤdchen flochten Unter Perlen dich ins Haar. Die von Weiber⸗Armuth ſangen, Malten ſie mit Roſenwangen; 5 Jede Seele, gut und mild, Arglos, unſchuldvoll, beſcheiden, War in ihren hoͤchſten Freuden Dein getreues Ebenbild. uUnd der Schoͤnheit und der Jugend Waͤchterinnen, Scham und Tugend, Zu den Knospen hingebuͤckt, Huͤllten unter deinem Namen Ihr Geheimniß; Braͤute kamen Nicht umſonſt mit dir geſchmuͤckt. 219 Da begann der rohe Zecher, Den von dir umbluͤmten Becher Keuſchen Grazien zu weihn. Allen Helden, allen Goͤttern Ging das Volk mit deinen Blaͤttern Weg und Tempel zu beſtreun. Mit verjuͤngtem Herzen ſchlichen Greiſe zu den Wohlgeruͤchen Deines vollen Kelchs herbey; Lehrten ſegnend ihre Soͤhne: Daß hienieden alles Schoͤne, Selbſt die Roſe, ſterblich ſey. An des Freundes heil'gem Grabe Wurdeſt du zur letzten Gabe Seinem Schatten dargebracht; Sollteſt ihm den Pfad umſchlingen, Thraͤnen ihm und Kuͤſſe bringen In die leere Todes⸗Nacht. Fromme fingen an zu loben, Sahn gen Himmel, ließen droben, Zwiſchen Palmen ewig gruͤn, In des Paradieſes Hallen, Wo die reinen Geiſter wallen, Dich zum Sieges⸗Kranze bluͤhn. 220 Roſe, komm! In ſtiller Feyer, Unter jungfraͤulichem Schleyer, Warten Lilien auf dich; Und fuͤr deine Schoͤnheit offen, Steht mein Herz in ſuͤßem Hoffen,„ Liebeshauch umſaͤuſelt mich. O wie friedlich, o wie lauter Dieſe Liebe! Wirſt mich, trauter Als der Morgenſterne Pracht, Von der Weisheit unterrichten, Die ſo ſtolz der Berge Fichten, Dich ſo klein und ſchoͤn gemacht, Daß in deinem holden Weſen* Wir der Seelen unſchuld leſen, Uns die Bruſt von Ahndung ſchlaͤgt; Daß der Geiſt der niedern Blume Unſern Geiſt zum Heiligthume Schoͤner Gottes⸗Engel traͤgt. — An ein ſterbendes Kind. So wandle denn, von Thraͤnen und von Kuͤſſen Begleitet, deine Bahn! Ein kleiner Engel wird voran Dir gehn, und leuchten dir in deinen Finſterniſſen. Des Engels Haupt iſt ſanftes Abendroth; Aus ſeinen Haͤnden nimmt der Tod Den Becher, den er dir zum letzten Schlummer beut; Und tief im Becher iſt des Himmels Suͤßigkeit. Schon warten dein mit roſenfarbnen Flugeln, Auf ewig gruͤnen Huͤgeln, Die Kinderſeelen dort, im beſſern Sonnenglanz, Und zeigen ſich einander deinen Kranz. O wie ſo bruͤderlich, mit ſeligem Vertrauen, Du neuer Engel! wirſt du nun An ihrer Bruſt, als ihr Geſpiele, ruhn; Mit ihnen Palmenhuͤtten bauen, Und zwiſchen Lilien den Gott der Wonne ſchauen, Den du, vom Winde leicht gekuͤhlt, 223 Hinieden ſchon gefuͤhlt, Als wir in deinen Schooß die erſten Blumen warfen. So wandle denn zum Klang der Silberharfen; Und wenn dein Blick herab von hohen Sternen faͤllt, O dann gedenk' an dieſe Schatten⸗Welt, An dieſen Erden⸗Tag, An dieſen Labetrunk, in liebevollen Armen, Das einzige, was irdiſches Erbarmen Dem Sterbenden zu reichen noch vermag. Gedenk' an uns, in deinem Siege! Wir aber ſegnen oft die kleinen, holden Zuͤge, In denen uns das Paradies Ein Bild von ſeiner Unſchuld wies. An Caroline*⸗ Halberſtadt, den 22. Februar 1775, Freuen Sie ſich, liebſte Karoline! Sie bekommen hier ein Lied unſers Gleims, von ihm ſelber fuͤr Sie abgeſchrieben; und zwar eins der ſchoͤn⸗ ſten, die er in ſeinem Leben gemacht hat. Es iſt nicht bloße Dichtung. Wirklich war er, vor eini⸗ gen Tagen, in ſeinem Garten, und ſah das fruͤhe Veilchen, und ſah es, wie ein Mann, deſſen Herz an den Schickſalen alles deſſen, was athmet, einen warmen Antheil nimmt; der in der ganzer Schöͤpfung Geſpielen ſich aufſucht, um ſich zu ihnen zu geſellen, mit ihnen zu fuͤhlen; auch ſie zu dem Guten, das ihm der Schoͤpfer gab, hin zu rufen. Ihm iſt es ein ſuͤßer Ge⸗ danke, daß von dem, was einmal da war, nichts umkomme; daß in der Pflanze, die verwest, ein Samenkuͤrnchen, oder mehrere, zu neuen 224 Pflanzen liegen; daß nichts ſterbe, ſondern alles ſich nue verwandle; daß auch in den geringſten Blumen ein Geiſt wohne; thaͤtig, wie der unſrige, denn er haucht Geruͤche von ſich, die den Voruͤbergehenden laben; und un⸗ ſterblich, wie der unſrige, denn er iſt mit dem vollkommenſten Geiſte verwandt. Sollten wir nicht hoffen, daß dieſer vollkommenſte Geiſt, welcher Blumen und Engel ſchuf, das Niedrige, nach und nach, von einer Stufe zur andern, immer hoͤher ſteigen laſſe? Vielleicht faͤhrt der Geiſt des Veilchens, wenn es verwelkt, in eine Lerche, fliegt in ihr zu den Wolken und ſingt— bis er eine freundliche Maͤdchenſeele, wie die Seele meiner Caroline, wird, und aus ihr ein Engel. Sagen Sie, meine Beſte! ſind die Blumen⸗ felder und die Geſaͤnge der Voͤgel, bey ſolchen Gedanken, Ihnen nicht ongenehmer? Iſt es nicht Troſt, wenn die ſchoͤnſte Blume verdorrt, und die Jungen der Nachtigall, mit dem zerrißnen Neſt, unter dem Baum vermodern, auf welchem ihre Mutter ſie beklagt, dann zu glauben: Dieß Leben verſtaͤubt nicht in der Luft? Die Aſche deſ⸗ ſen, was zu vergehen ſcheint, wird treulich ge⸗ ſammelt ſund aufgehoben! 225 Die Roſe alſo, die Nachtigall kommt wieder, in einer beſſern Geſtalt. Dieß Leben kann einſt verherrlicht da ſtehen um den Thron Gottes. Mit Ihnen, liebſte Caroline, darf ich ſo reden, das weiß ich. Es ſind keine dunkle Traͤume fuͤr Sie, wie denn ſelten uns etwas dunkel bleibt, woran dem Herzen gelegen iſt, es zu verſtehen. Ein Wort in dem Gleimiſchen Liede wird Sie befremden; ob Sie gleich oͤfter es gehoͤrt, und ſogar in Dichtern geleſen haben. Uz, in dem Geſang eines laͤcherlichen Schulgelehrten, der ſeine Schulweisheit bis in die Liebe uͤbertraͤgt, laͤßt dieſen zu ſeinen Maͤdchen ſagen: „Die Monas, die in mir gedenkt, Vermag, in deinen Reiz verſenkt, Die rohen Sinnlichkeiten Nicht länger zu beſtreiten.“ Ferner bittet eben derſelbe Dichter in ſeinem trefflichen Nachtwaͤchter⸗Liede: „»Das Waſſer, alter Weiſen Trank, Gieb unſern jungen Weiſen; Und jage den Monaden⸗Zank Von freudenvollen Schmäuſen.“ Ohne Zweifel kennen Sie auch die Jungfer Marionette von Zachariaͤ: Jacobi's Werke. I. 8 „Sie neigt ſich artig, und ſteht da; und ſagt aufs Höchſte: Was und Ja! Ach! ſie iſt noch Nonade: Wahrhaftig das iſt Schade!“ Billig meine Freundin, ſollte ich das Wort Ihnen erklaͤren; aber in Wahrheit, obgleich Mo⸗ nas oder Monade unter allen kleinen Dingen das allerkleinſte iſt, ſo brauchten Sie doch ein ganzes Jahr wenigſtens, um es recht zu wiſſen; und am Ende waͤren Sie ein Bischen gelehrter, aber, ich wette, nicht ſo liebenswuͤrdig, als jetzt. Anſtatt mit Ihrer Nadel artige Maͤdchenarbeit zu machen, ſaͤßen Sie, und daͤchten, wie viele Monaden wohl in ein Nadeloͤhr gingen, und ob die Monade, woraus der Faden zuſammen⸗ geſetzt waͤre, ſich von Ihrer Arbeit einige Vor⸗ ſtellung machen koͤnnte.— Denn kurz, wenn Sie den feinſten Faden auseinander riſſen, dergeſtalt, daß Sie die Theilchen davon kaum noch ſaͤhen— dieſe Theilchen zergingen in noch kleinere, die man nicht anders, als durch ein Vergroͤßerungs⸗ glas, gewahr wuͤrde— ſo müßten dieſe wiede⸗ rum getheilt werden, ſo lange, bis auch der kuͤnſt⸗ lichſte Geiſt, mit ſeinen zarteſten Inſtrumenten, und waͤren ſie feiner als der Athem einer Milbe, 227 nichts weiter davon zu theilen vermoͤchte. Nun erſt haͤtten wir eine Monade. Naturrlicher Weiſe beſtehen alle Koͤrper aus ſolchen Dingerchen, die ſich, man weiß nicht wie, an einander klammern. Ob ſie, als eine Art von Geiſterchen, denken oder traͤumen, daruͤber haben die Gelehrten lange ge⸗ ſtritten. Manche haben, uͤber den einzelnen Monaden, die beſte Vereinigung derſelben in der reizenden Landſchaft und in dem lieblichſten Maͤdchen vergeſſen. Zugleich wuͤnſchten Sie, aus⸗ zufinden, wie die gemeinen Monaden von den vornehmern, der Engel⸗ und Menſchenſeelen, unterſchieden ſind; denn auch Ihre Seele, meine Freundin, iſt Monade, mit allem Guten, was in ihr iſt, mit allen zaͤrtlichen Empfindun⸗ gen, mit der Begierde, wohl zu thun, mit Freund⸗ ſchaft und Liebe, mit dem Zlicke, der auf Er⸗ den am Schoͤnen ſich vergnuͤgt, und oftmals von ihr in den Himmel ſchaut. Aber welch eine lange Vorrede zu einem Liede von ſo wenigen Verſen! Nicht wahr, liebſte Caro⸗ line, Sie lernen dasſelbige auswendig, um un⸗ ter den erſten Veilchen mir es vorzuſagen? „An ein Veilchen, im Februar. Das arme Veilchen! Sieh, o ſieh! Da lebt's in todtem Moos! Kommſt, armes Veilchen, kommſt zu fruͤh Aus deiner Mutter Schooß! Lebſt einen Morgen, jammerſt mich; Siehſt weder Laub noch Grasz 8 Mit ſeinem Fittig mordet dich Der Moͤrder Boreas. Mußt ſterben, Veilchen! weil du mußt, Alt einen Tag; o weh! So ſtirb an meines Maͤdchens Bruſt, Daß ich dich ſterben ſeh'. Da buͤckt ſichs, und mit naſſem Blick Siehts nieder, bricht dich ab; Stirbſt, Veilchen! gehſt zu dem zuruͤck, Der dir das Leben gab. 229 Stirbſt, Veilchen! liegſt, ein wenig Staub; Ein wenig Staub auch wir, So gut wie du, des Todes Raub, Einſt liegen, nahe dir. Stirbſt, Veilchen! duftet deinen Geiſt In kalte Winterluft; Bleibſt Weſen, Veilchen! wie es heißt? Ob. Monas, oder Duft? Obs hoͤher aufgeſtiegen iſt In Schoͤpfers Angeſicht? Ob Engel oder Milbe biſt? Das, Veilchen! weiß ich nicht. Weiß aber, daß in Schoͤpfers Hand Wohl aufgehoben Laub Und Ceder iſt, und Meer und Land, Und Sonn' und Sonnenſtaub. Deßwegen wir mit naſſem Blick Nicht ſehn in unſer Grab: Genug! wir gehn zu dem zuruͤck, Der uns das Leben gab. Gleim.“ Caroline an Gleim, an ſeinem Geburtstage, den 2. April 1775*). Dem Dichter, der ein ſuͤßes Lied Voll hoher Weisheit mir geſungen: „Wie ſchoͤn das zarte Veilchen bluͤht; Wie bald es welkt, und wie, verſchlungen Vom Boden, welcher es gezeugt, Es keine Sonne gruͤßt, ſich keinem Zephyr neigt; Wie dann zu lichtern Daͤmmerungen Der Geiſt der Blume durchgedrungen, Im Saͤoͤpfersangeſichte ſchwebt, Sich hoͤher, immer hoͤher hebt, Und zwiſchen Engeln einſt im Paradieſe lebt;. *) Wenige Wochen, nachdem meine Freundin das vor⸗ ſtehende Lied erhalten hatte, ſtarb ihre Mutter. Dem Dichter, deſſen holde Klage, Durch Hoffnung großer Seligkeit, Mich ſo zum bangen Sterbetage Der beſten Mutter eingeweiht; Dem will ich, voll von zaͤrtlichem Entzuͤcken, Die Erſtlinge des Fruͤhlings pfluͤcken, Und ſingend ihm ſein Feſt mit jungen Veilchen ſchmuͤcken. Nach dem Franzoͤſiſchen. Jusque dans la moindre chose. Holdes Maͤdchen! unſer Leben War ein frohes Hirtenſpiel: Kraͤnze durften wir uns geben, Kuͤſſe, wenn es uns gefiel. Herde, Stab und Feſt und Freude, Lieb' und Kraͤnze ſind dahin! Dennoch reden Flur und Weide Mir von meiner Schaͤferin. Engel oder Liebesgoͤtter Malen dein getreues Bild Auf die kleinſten Roſenblaͤtter: Alles iſt von dir erfuͤllt. Deinen Athem haucht die Nelke, Wenn ihr Balſamduft ſich hebt; Du erſcheinſt mir im Gewoͤlke, Das am blauen Himmel ſchwebt, Welch ein Lispein auf den Hoͤhen! Welch ein Saͤuſeln um den Fluß! O ich fuͤhl' im ſanften Wehen, O ich fuͤhle deinen Kuß. Unter lockenden Schalmeyen, In der Nachtigall Geſang, Im Gefluͤſter junger Meyen Hoͤr' ich deiner Stimme Klang. Ja! du rufſt mich aus der Ferne, Rauſcheſt mir im finſtern Hain, Blickſt herab von jenem Sterne, Lachſt mich an im Mondenſchein; Kommſt in nahenden Gewittern; Denn es gleicht ihr banger Zug Jenem Schweigen, jenem Zittern, Als mein Herz an deinem ſchlug. Frohſinſn⸗ Ihr Schaͤferinnen alle! ſeht, Wie da mein liebes Maͤdchen geht! Wie ſo von ganzer Seele Dem Himmel und der Erde gut! Mit Roſen kraͤnzt es ſeinen Hut, Und ſingt, wie Philomele. So geht das Maͤdchen allezeit, Vergnuͤgt mit Wenigem, bereit, Auch dieſes noch zu miſſen, Wenn, irgend in der Gottes⸗Welt, Es nur ein Plaͤtzchen frey behaͤlt, Zum Tanzen und zum Kuͤſſen. — An Caroline 4.* Düſſeldorf, 1776. Dieſen Augenblick ſitze ich in dem Hauſe meines Bruders, in ſeinem Cabinette von Kupferſtichen. Das Zimmer geht auf den mit Linden beſetzten Wall, uüber deſſen Bruſtwehr ich weit hinaus ſeh', in die Spatziergaͤnge vor der Stadt, auf die rings herum zerſtreuten Landhaͤuſer, und weiter auf die Berge, deren Buſchwerk, mit einem falben und falberen Grau, nachdem ein dichteres oder duͤnneres Woͤlkchen vor die Sonne zieht, in derſelben ſich veraͤndert. Hinter einem der naͤhern Huͤgel kommt der Thurm des Staͤdt⸗ chens hervor, wo die froͤhliche Louiſe wohnte, die ſo von ganzer Seele in die luſtige Gottes⸗ welt hinein lachte. Wenige Schritte von mir ſpielt die herzvolle Jenny auf dem Pantalon! bald ein rauſchendes Allegro, bald die leiſe Me⸗ 256 lodie einer italieniſchen Arie. Unterdeſſen irr' ich von einem Kupferſtich zum andern, wie die Muſik abwechſelt, und denke wenn Sie, meine Freundin, bey mir waͤren, das waͤre gut fuͤr Sie. Bey dieſer Sonate, worin der Baß ge⸗ waltig laͤrmt, zeigte ich Ihnen den Seeſturm, mit den ſchwarzen Wolken, Blitzen, erleuchteten Wellen, und mit dem Schiffe, deſſen mehrſte Segel zerriſſen ſind, und das auf eine Laſt her⸗ vorragender Felſen hinſtuͤrzt. Man hoͤrt es kra⸗ chen, und die Leute ſchreyen am Ufer. Neben demſelben haͤngt eine gruͤne, ſchattige Land⸗ ſchaft, durch einen Waſſerfall erfriſcht. Da ru⸗ hen zwey Bauern auf dem von ihnen abgemaͤhe⸗ ten Platze von der Arbeit, und betrachten zu ihren Fuͤßen, im kurzen Gras, ein paar wei⸗ dende Schafe. Der laͤndlichen Stuͤcke ſind viel. Wie Sie, meine Liebe, ſich an dem mannigfal⸗ tigen Morgenroth, an den Daͤmmerungen der Buͤſche, am Mondenſchein, an Herden und Hir⸗ ten, an Seen und Fiſchern ergoͤtzen wuͤrden! Ein Lieblingsſtuͤck meines Bruders iſt die Nymphe Klytia, von Apollo geliebt, und nachher um einer andern Nymphe willen verlaſſen. Hier ſitzet ſie, nicht weit von einem mit Epheu umſchlaͤngelten 237 Baum, ehemals vielleicht ihr ein angenehmes Sinnbild, auf einem kahlen Felſen, und treibt mit einem Dorn den ungetreuen Liebesgott von ſich. Es ſoll kein Fünkchen mehr in ihrem Buſen lodern; Und dennoch flieht der Knabe nicht; Er ſieht dem Mädchen in's Geſicht, Mit Augen, welche Mitleid ſodern. Wie langſam er ſich fortbewegt, Auf ihre Hand vertraut die ſeine legt! Nichts aber kann den holden Gott beſchützen; Die Lippe nicht, die manchen Kuß erwarb; Nicht dieſer Leib, ſo zart, ſo roſenfarb; Ihn will die Rache blutig ritzen. Sie hält mit keſtem Arm den ſcharfen Dorn, und fühlt, Wie er, mit allen ſeinen Spitzen, Ihr ſelber tief im Herzen wühlt. Umſonſt, meine Beſte, wuͤrde ich den Ausͤruck von dieſer Figur, in ſeiner ganzen Staͤrke, Ihnen ſchildern wollen.— Was es der armen Verlaſ⸗ ſenen koſtet! welch ein ſchmerzlicher Sieg! Auch vermag ſie nicht zu ſiegen. Clytia blieb auf ihrem Felſen Tag und Nacht, die Blicke beſtaͤn⸗ dig auf den Gott der Sonne gerichtet; auf den Ort, wo ſeine Strahlen hervorgingen, und auf den, wo ſie verſchwanden; bis ſie endlich in die Blume ſich verwandelte, welche von der Sonne ihren Namen hat. Das Beyſpiel der Nymphe wird Sie, meine Freundin, gewiß darin beſtaͤr⸗ ken, daß die Naͤdchen treuer ſind, als wir. Mein Lieblingsſtuck iſt ein griechiſches Maͤd⸗ chen, das, mit bekraͤnztem Haar, der Venus eine Taube zum Opfer bringt. Es gleicht ein wenig Ihrer juͤngſten Schweſter. Wie es mir theuer iſt! Wie ich meinen innigſten Segenswunſch ihm gebe! Liebes Mädchen, ohne Schuld, Wie die weißen Opfer⸗Tauben! Komm in deinem feſten Glauben; Hoffe deiner Göttin Huld. Gutes Mädchen, lieblich, rein, Wie der Venus Morgenſchein! Milden Glanzes, ruhig immer, Wie der Venus Abendſchimmer! Blick hinauf, und ahnde Luſt, In dem Klopfen deiner Bruſt, Die ſich ſträubt, ihr eignes Flehen, An die Göttin zu verſtehen. Hoch vom Himmel neiget ſich Schon die Göttin. Hört ſie dich, O, ſo kehr' aus deiner Hütte 259 Wieder zum Altar, und bitke Für mein Liebchen und für mich! Was unter allen dieſen Bildern mich am hef⸗ tigſten erſchuͤttert, iſt Antiochus, welchen eine ſtraͤfliche Liebe gegen ſeine Stiefmutter verzehrt. Das bluͤhende Weib ſitzt am Lager des Ster⸗ benden. Was fuͤr ein tiefes Elend! Wie, mit ſtiller Wuth, Sich in allen Tropfen, durch ſein Blut, Liebes⸗Flammen ſchleichen, Mählig alle Kräfte weichen, Matt und matter ihn der Arm des Todes wiegt; Jeder Lebensquell verſiegt; Wie verzweifelnd im Entzücken, Schon das Grab in ſeinen Blicken, Er mit hohlem Aug' am ſchönen Auge hängt, Gierig da ſein letztes Gift empfängt, Und mit blaſſem Munde, Selbſt in dieſer großen Stunde, Wo der freye Geiſt vor keinem Menſchen zagt, Sein Geheimniß nicht aus ſeinem Herzen wagt! Hier iſt der Zeitpunkt genommen, in welchem der Arzt die Krankheit des Antiochus erraͤth, dem gegenwaͤrtigen Vater ſie offenbart, und letzterer entſchloſſen iſt, ſeine Gemahlin dem Sohn abzu⸗ 240 treten. Dieſer Ausgang wird Sie, meine Freun⸗ din, über die Geſchichte ein wenig befriedigen. Um es voͤllig zu thun, will ich geſchwind zu einem kleinen, durch und durch reizenden Gemaͤlde Sie fuͤhren. Gleich dem Bach im Schatten einer Grotte, Rieſelt hell und leicht das Blut Jenem jungen Liebesgotte, Der bey ſeinen Waffen ruht. Nicht ein Lüftchen weht in jenen Bäumen; Wie ſein Herz, iſt alles ſtill; Und er fühlt in roſenfarbnen Träumen, Küſſe, die er gab, und geben will. Gern verweilt man hier, wo zwiſchen den unbe⸗ weglichen Pflanzen die ruhende Natur kaum zu athmen ſcheint, und je laͤnger man verweilt, deſto ſtiller die Seele. Nach und nach erhoͤht man ſich zu einem Gefuͤhl der Zaͤrtlichkeit und des Frie⸗ dens, mit welchem es erlaubt iſt, zu der an mei⸗ nem Schreibtiſche hangenden Madonna zu gehen. Jenny ſpielt uns dazu eine Weiſe, die Seraph Eloa ſeinen Bruͤdern vorſingen duͤrfte; und wir kommen nicht als Unheilige zu der heiligſten der Jungfrauen. Offen iſt die fromme, keuſche Hülle, Da ſie aus der ganzen Mutterherzensfülle Niederſchauet auf das ſüße Kind, Mit den weichen Armen es gelind An ſich drückt, und ſeine Wangen Feſt an ihre Wangen hält. Und das Kind, mit göttlichem Verlangen, Grüßt hinauf in jene Welt; Sieht der Engel Spiele wachend, Wie ſie, nur im Schlafe lachend, Unter uns ein liebes Mädchen ſieht, Wenn's für ſich die Unſchuld auferzieht. Dieſes Bild ſey das letzte! Gewiß ſind die Engel, denen Sie einſt in Ihrer Wiege zugelaͤ⸗ chelt haben, auch die Geſpielen Ihres jetzigen Alters, und werden noch oft mit Ihnen ſich freuen. Leben Sie wohl, u. ſ. w. Morgenlied. Sieh, wie der Hain erwacht, Wie von umglaͤnzten Hoͤhen, Bey leiſem Windes⸗Wehen, In friſche, Bethaute Buͤſche Die Morgen⸗Wonne lacht! Wonne, wo die Bluͤthen wallen; Wo die Voͤgel locken, Wonne! O ſieh! da ſtrahlt die Sonne Herauf in voller Pracht! Hier, wo die Blume bebt, Wo ſich die Baͤche kraͤuſeln, Vernimm der Liebe Saͤuſeln, Das milde Durch die Gefilde, Wie Fruͤhlingsathem, ſchwebt. 245 Liebe fuͤhrt den Sonnenwagen; Liebe ſtreut die Bluͤthen nieder. Sie weckt den Hain, den wieder Geſang und Luſt belebt. Hoͤr' in des Waldes Chor Die ſuͤße Liebe ſingen! Es fleugt auf goldnen Schwingen, Wenn Seelen Sich ihr vermaͤhlen, Der Geiſt zum Licht empor. Liebe nur kann Freude geben, Liebe troͤſtet unter Sorgen. Sie ruft zum ew'gen Morgen Aus Gruͤften einſt empor. Der erſte Kuß. Leiſer nannt' ich deinen Namen Und mein Auge warb um dich: Liebe Chloe! naͤher kamen Unſer beyder Herzen ſich. Und du nannteſt meinen Namen; Hoffen ließ dein Auge mich: Liebe Chloe! naͤher kamen 4 Unſer beyder Lippen ſich⸗ O! es war ein ſuͤßes Neigen; Bis wir endlich, Mund an Mund, Feſt uns hielten, ohne Zeugen: Und geſchloſſen war der Bund. 245 An Chloen. I. Wer hat in jenen Scohatten, Wer hat dem treuen Gatten Das Taͤubchen angetraut? Wer hat auf jenen Aeſten, Zu ihren Hochzeitfeſten, Ein Tempelchen erbaut? Die Liebe that's; im Stillen Hat ſie, nach ihrem Willen, Das Taͤubchen angetraut. Sie will auch uns vereinen: Du biſt in dieſen Hainen, 9 Chloe, meine Braut. II. Welch ein Kuß! Und deinen Wangen, Zart, wie Knospen, ehe ſie Noch zu Roſen aufgegangen, Nahte ſich der Juͤngling nie. Aber Liebesgoͤtter wachten, Als du ſchlieffſt, um deinen Mund, Kuͤßten deine Lippen, machten Ihr Geheimniß ihnen kund; Lehrten ſie dieß holde Schweben, Dieſen Wonnedruck, ſo leicht, Wie des Fruͤhlingswindes Beben, Wenn er uͤber Wieſen ſchleicht. Tauſend Quellen einer ſuͤßen, Neuen Wolluſt thun ſich auf, Rieſeln in mein Herz, und fließen Maͤchtiger in vollem Lauf; Stroͤmen hin durch alle Glieder Sterbend ſucht mein Auge dich; Und mir iſt, erwach' ich wieder, Als begruͤßten Engel mich! III. Komm, Liebchen! es neigen Die Vaͤlder ſich dir; und alles mit Schweigen Erwartet dich hier. Der Himmel, ich bitte, Von MWoͤlkchen, wie leer! Der Mond in der Mitte, Die Sternlein umher! Der Himmel im glatten Umdaͤmmerten Quell! Dieß Plaͤtzchen im Schatten, Dieß andre ſo hell! Im Schatten, der Liebe Dich lockendes Gluͤck; Dir fluͤſternd: Es bliebe Noch Vieles zuruͤck. 248 Es blieben der ſuͤßen Geheimniſſe viel; So feſtes Umſchließen, So wonniges Spiel! Da rauſcht es! da wanken Auf jeglichem Baum Die Aeſte; da ſchwanken Die Voͤgel im Traum. Dieß Wanken, dieß Zittern Der Blaͤtter im Teich— O Liebe! dein Wittern! O Liebe! dein Reich! IV. Die Roſen, die, vom Thau benetzt, An jedem Blaͤttchen unverletzt, Ich zu den friſchen Nelken Im Morgenroth zu pfluͤcken ging, und kuͤſſend um dein Bildniß hing; O Chloe! wie ſie welken! So welken, wo ich Blumen brach, So welken alle, nach und nach, Die Wieſen mit den Hainen; Bis endlich die getreue Hand, Bis, gleich den Kraͤnzen, die ſie band... Du aber ſollſt nicht weinen! O naͤhm' ein froher Engel dann Sich meiner juͤngſten Lieder an! Ihr frohen Engel! bliebe Durch ſie dem guten Maͤdchen doch In kuͤnftigem Geſange noch Ein Nachhall meiner Liebe! 250 Ihr Schaͤfer! wenn die Freude Vom Huͤgel niederſchwebt, Und ſich das Gruͤn der Weide Mit Veilchen unterwebt; Und ihr, in bunten Reihen, Euch um die Blumen ſetzt, Mit Floͤten und Schallmeyen Den nahen Wald ergoͤtzt; Und eure Maͤdͤchen liegen Auf zarten Raſen, weich, Am Bluͤthenbaum, und ſchmiegen Vertrauter ſich an euch; Und fern von euren Choͤren Erſchallt der Floͤte Klang; Und Chloe kommt, zu hoͤren. Den lockenden Geſang; „ O dann— die Goͤtter geben Euch ſuͤßen Lohn dafuͤr!— Dann ſingt vom reinen Leben Der ſohoͤnen Unſchuld ihr. An die Hirten. —— Dann ſingt ihr von der Weiße Der Lilien im Thal; Von kleiner Bienen Fleiße, Bey fruͤhem Sonnenſtrahl; Von Kuͤſſen ohne Reue, Die man dem Shhaͤfer gab; Vom Glauben an die Treue Bis in das finſtre Grab. Gelobt's, ihr jungen Hirten, Dem Fruͤhling!— Ach, kein Lied, Vor dem in ihre Myrthen Die keuſche Liebe flieht! Denn ohne Falſch geblieben Iſt noch das Maͤdchen. Ach! Wollt ihr die Quelle truͤben Dem lautern Silberbach? Denn Chloens innre Guͤte Beſtrahlt ihr Angeſicht: O, tilgt die erſte Bluͤthe Von Maͤdchentugend nicht! An J. n. Liebe! könnteſt du mit mir dieſen Engliſchen Kupferſtich von Watſon betrachten: Ein klei⸗ nes Maͤdchen, das mit der rechten Hand ſein Schuͤrzchen voll Blumen haͤlt, und die linke auf ein Windſpiel gelegt hat! Nimmer ſahſt du etwas Schoͤneres! Der hoͤchſte Grad iſt es von kindlicher Unſchuld. Sein Haar faͤllt ihm auf die Stirn und in den Nacken, ſo wie es dem Maͤdchen ſiel, als ſein Schoͤpfer ſagte: Daß alles gut ſey. Auf dem Haar traͤgt es einen Kranz, welcher mehr haͤngt, als befeſtigt iſt. O, dieß Auge, wie ſtill von jeglicher Begierde, wie rein! Das hat nimmer hingeblickt, wohin es nicht blicken ſollte; nimmer noch iſt es geaͤrgert worden. Seine Blu⸗ men, ſein Hund; in dieſer Minute weiß es nicht, daß man in der Welt etwas Beſſeres haben kann. Die Bruſt zur Haͤlfte bloß, warum ſollt' es ſie verbergen? Die athmet nur ſo viel, als ſie zum Leben und zur Freude braucht. Selig iſt das 253 Maͤdchen durch ſein Herz; aber die Kleine denkt nicht daran, fuͤhlt es nur ſchlagen, wenn ſie ge⸗ laufen iſt. Nirgend an ihr ein Band, oder eine andere Zierrath; um den Leib ein ſchlechter Guͤr⸗ tel; alles einfaͤltig. Man hat ſie lieb; das iſt ihr genug. Warum aber das freundliche Kind unter ſo ſchwarzen Gewitterwolken? Der Himmel ſo dunkel! ſeine beyden Augen ſo klar! Wohl ihm, daß es ſo ruhig bleibt, daß kein Uebel ihm ahn⸗ det! Es wird jener Wolken nicht inne werden, bis die Tropfen auf ſein Geſichtchen fallen. Wie dem Hunde bey ſeiner Vertrauten ſo wohl iſt! als haͤtt' er noch nichts Lebendiges verfolgt, und koͤnnte nicht verfolgen. Nur eine Geſellſchaft, ein Spiel fuͤr ein andres wehrloſes Geſchoͤpf. Ach Maͤdchen! du ſchaueſt mitten in meine Seele; du richteſt mich. Hier iſt es nicht voͤllig ſo. Moͤchteſt du nur beſtaͤn⸗ dig werth ſeyn, mich zu richten! Ach! ſie werden bald dein ſchoͤnes Haar verderben, in einander zerren, mit dem Kranze dich auslachen, dein ar⸗ mes Koͤpfchen dir putzen und kraͤuſeln auswendig und inwendig, anders, als der liebe Gott es ge⸗ macht hat. Du wirſt deine Schulter bedecken, und dich fuͤrchten muͤſſen; wirſt nicht erroͤthen, wo du ſollteſt, und erroͤthen, wo du nicht ſollteſt. 254 und dein Herz! gute Kleine! das wird kalt ſeyn, oder im Sturm. Was dir alles begegnen mag! Der, welcher dieſe zarten Haͤnde faßt, und druͤckt, an deinem Buſen weint— Unſchuldige!— vielleicht— o ihr Engel! tragt ſie von hinnen mit dieſem Herzen, mit dieſen Blumen im Schooß. O, laßt unſrer Erde nur das Bild: Das will ich meiner Liebe zeigen, ihr, die unſchuldig iſt, und nicht weg darf aus dieſer Welt; die meine Seele reinigen ſoll, und ſie aufbewahren fuͤr euern Himmel. Schifferlied. Auf dem Düſſelbach. Bey der ſtillen Mondeshelle Treiben wir mit frohem Sinn Auf dem Baͤchlein, ohne Welle, Hin und her, und her und hin. Schifflein! gehſt, und kehreſt wieder Ohne Segel, ohne Maſt; Baͤchlein! traͤgſt uns auf und nieder, Spielend mit der kleinen Laſt. V Nichts zu fürchten, nichts zu meiden Iſt, ſo weit das Auge ſieht. Fluſtert leiſ', ihr jungen Weiden! Maͤdchen! ſingt ein Abendlied. 256 Denn zu Ruhm und eiteln Schaͤtzen Lockt uns nicht das ferne Meer; Suchen friedliches Ergoͤtzen, Schwimmen unbekannt umher. Maͤdchen! gebt des Herzens Freuden, Wenn ihr ſicher leben wollt, Gebt ſie, maͤßig und beſcheiden, Nicht um Ehre, nicht um Gold.. Treues Lieben und Gefallen Sey mit reiner Luſt gepaart, Und, wie dieſes Schiffleins Wallen, Fuhig einſt die letzte Fahrt! V b Nach einem alten Liede. Sagt, wo ſind die Veilchen hin, Die ſo freudig glaͤnzten, Und der Blumenkoͤnigin Ihren Weg bekraͤnzten? „Juͤngling, ach! der Lenz entflieht: Dieſe Veilchen ſind verbluͤht.“ Sagt, wo ſind die Roſen hin, Die wir ſingend pfluͤckten, Als ſich Hirt' und Schaͤferin Hut und Buſen ſchmuͤckten? „Maͤdchen, ach! der Sommer flieht: Dieſe Roſen ſind verbluͤht.“ Fuͤhre denn zum Baͤchlein mich, Das die Veilchen traͤnkte, Das mit leiſem Murmeln ſich In die Thaͤler ſenkte. „Luft und Sonne gluͤhten ſehr: Jenes Baͤchlein iſt nicht mehr.“ Jacobi's Werke. II. 258 Bringe denn zur Laube mich, Wo die Roſen ſtanden, Wo in treuer Liebe ſich Hirt' und Maͤdchen fanden. „Wind und Hagel ſtuͤrmten ſehr: Jene Laube gruͤnt nicht mehr.“ Sagt, wo iſt das Maͤdchen hin, Das, weil ich's erblickte, Sich mit demuthvollem Sinn Zu den Veilchen buͤckte? „Juͤngling! alle Schoͤnheit flieht: Auch das Maͤdchen iſt verbluͤht.“ Sagt, wo iſt der Saͤnger hin, Der auf bunten Wieſen BVeilchen, Roſ' und Schaͤferin, Laub und Bach geprieſen? „Maͤdchen, unſer Leben flieht: Auch der Saͤnger iſt verbluͤht.“ — An Chloen. I. Die erſten Lerchen ſangen: Da kuͤßt' ich deine Wangen, Und fragte: Liebſt du mich? Die erſten Zephyrs wehten: Da ſagte dein Erroͤthen: Ich liebe dich! Da warſt du ganz die meine; Da rauſchten es die Haine; Die Baͤche prieſen mich, Und murmelten vertrauter; Die Lerchen ſangen lauter: Ich liebe dich! Und Epheuranken hingen An jedem Baum, und fingen, In ſuͤßer Irre, ſich Vor Wolluſt an zu regen; Sie bebten mir entgegen: Ich liebe dich! Gepaarte Blumen ſtanden Im gruͤnen Thal, empfanden, Und kuͤßten ſchweſterlich Sich meiner Chloe wegen; Sie hauchten mir entgegen:* Ich liebe dich! Vereinte Woͤlkchen mahlten Den Himmel; ſie umſtrahlten Im Abendglanze ſich, Der nie ſo ſchoͤn geweſen; Am Himmel war zu leſen: Ich liebe dich! Als nach und nach die Farben. In Daͤmmerung erſtarben, Die letzte Sonne wich; O wie ſo lachend blinkten Die Sterne noch, und winkten: Ich liebe dich! II. Chloe! kennſt du noch die Stunde, Die zu ſchnell voruͤber ging, Als ich feſt an deinem Munde, Feſt an deinem Herzen hing? O, der Liebe Schauder bebte Maͤchtig mir durch jeden Sinn: Chloe! meine Seele ſchwebte Kuͤſſend zu der deinen hin. Eines ganzen Lebens Freuden; Sonnen Auf⸗ und Untergang; Blumenduft und Grün der Weiden; Zephyr, Nachtigallgeſang; Junger Haine froh Getuͤmmel; Jeder ſelige Genuß; Ruhm und Gluͤck und Erd' und Himmel, Alles war in dieſem Kuß. III. Wenn die Göoͤtter in's Gebuͤſch Noch zu Hirten kaͤmen, Noch vorlieb am kleinen Tiſch Unter ihnen naͤhmen; O, ſie wuͤrden, glaube mir! Bald hernieder ſteigen, Wuͤrden ſich an deiner Thuͤr, Liebe Chloe! zeigen. Auch als Pilger, unbekannt, Wie ſie dir erſchienen, V Wuͤrdeſt du mit frommer Hand Willig ſie bedienen. Und du fuͤhlteſt innerlich Heiliges Entzuͤcken; Aber ſie durchſchauten dich Mit den Goͤtterblicken; 4— Forſchten in dein Herz hinein, Pruͤften alle Triebe; Faͤnden deine Seele rein, Saͤhen lauter Liebe; Goͤnnten eine Bitte dir; Und ich weiß die Bitte: Still vereinigt wohnten wir Dann in armer Huͤtte! 265 IV. Das letzte Roth am Himmel wich: Da ging ich, liebevoll, im Gruͤnen; Ich ging, und lobte Gott fuͤr dich, und fuͤr die Sternen, welche ſchienen. Und ploͤtzlich kam ein Wolkenheer, uUnd riß hinweg die goldnen Sterne; Gelinde Luͤfte wurden ſchwer, Und Donner rollten aus der Ferne. Die Stuͤrme heulten auf mich zu; Die Donner wollten mich erſchrecken;. Ich aber ließ, in frommer Ruh, Mich einen Lorbeerbaum bedecken. Da ſaß ich in der tiefen Nacht, und lobte, durch die Finſterniſſe, Den Gott, der jenen Blitz gemacht, Und dieſes Herz, und deine Kuͤſſe. — Freymaurer Lied⸗ Die alte Finſterniß entwich; Die Wuͤſte ward erhellt: Da baute Gott, der Schoͤpfer, ſich Zum Tempel dieſe Welt. In Eintracht wandelte die Schar Der lichten Sterne fort; Und Liebe, lauter Liebe war Das große Schoͤpfungswort. Auf Erden mußt' ein Paradies, Ein Liebestempel bluͤhn, Wo jedes Luͤftchen ruhig blies Durchs friedenvolle Gruͤn; 1 Wo in der Unſchuld Heiligthum Das Lamm bey Tigern ging, Wo Zweig an Zweig, und Blum' an Blum An Liebesknoten hing. 266 Hier ſollten, gleich dem Sonnenſtrahl, Die Seelen alle rein, Auf jedem Berg, in jedem Thal Die Menſchen Bruͤder ſeyn. Vergebens, ach! es floh zu bald, Es floh die goldne Zeit; Ins Reich der Liebe trat Gewalt; Der Tempel war entweiht. Wenn aber ſeliges Vertraun Nicht ganz die Erde ließ, So laßt uns wieder auferbaun Ein Wonneparadies. O ſelig, dreymal ſelig iſt Das Plaͤtzchen unterm Mond,* b Wo ſich mit Einfalt Wahrheit kuͤßt, Bey Liebe Treue wohnt; Der Große mit dem Niedern geht, Ihn bruͤderlich umarmt, Des Schwaͤchern, der um Beyſtand fleht, Ein Staͤrkrer ſich erbarmt; Am Morgen, wenn des Landmanns Lied Aus voller Scheun' erklingt, Die Wittwe nicht gen Himmel ſieht, Und matt die Haͤnde ringt; Am Abend, wer ſein graues Haar Mit Ehr' im Stillen traͤgt, Sich nach ſo manchem ſauren Jahr Nicht troſtlos niederlegt! Wohlauf, ihr Bruͤder! laßt uns ſo, Beharrlich im Vertraun, In unſerm Paradieſe froh Den Liebestempel baun. Mag er im Erdenſchatten hier Nur unvollendet ſtehn! Einſt uͤber Sternen werden wir Den beſſern Tempel ſehn. 267 J. Von der Reinlichkeit. Aus der ältern Iris, einer Monatſchrift für Damen. Man weiß, daß unter den Griechen und Röoͤ⸗ mern oft ein ſchoͤnes Maͤdchen, wenn es der Welt zur Freude gelebt hatte, nach ſeinem Tode einen Tempel und feyerliche Spiele bekam. Dieſe Vergoͤtterung darf uns nicht wundern. Obgleich unter uns, mit den Klagliedern an die Geſtirne, mit brennenden Herzen, Pfeilen und Feſſeln, der Name Goͤttin ziemlich altmodiſch gewor⸗ den, ſo bleibt eine junge Schoͤne doch immer etwas mehr, als eine Sterbliche. Das hat die Natur weislich geordnet. Maͤr' es anders, wie koͤnnte wohl das zartere Geſchoͤpf in Frieden bey dem ſtaͤrkeren wohnen? Auch das allerſchwaͤchſte geht nun, durch ſeine Reize geſichert, unverletz⸗ bar umher; und mancher konnte in die Ver⸗ ſuchung gerathen, ſeinen Heiligen zu pluͤndern, der nicht um die Schaͤtze des großen Mogols 269 an einer huͤbſchen Erdentochter ſich vergriffen. Darum thun Sie nicht Unrecht, meine Damen, wenn Sie fuͤr Ihre Schoͤnheit ein wenig beſorgt ſind. Widmen Sie derſelben, ohne ſich ein Ge⸗ wiſſen daraus zu machen, die Stunde, welche Sie von haͤuslichen Geſchaͤften, weiblichen Ar⸗ beiten und Bildung des Geiſtes entuͤbrigen; denn Ihr Geſchlecht ſoll gefallen. Keiner von Ihnen kann ich es verdenken, wenn ſie gern in den Augen desjenigen, deſſen Tage ſie begluͤcken will, eine Goͤttin ſcheint; wenn es ihr einige Freude giebt, wahrzunehmen, wie nach und nach die zaubernde Liebe das Irdiſche von ihr weg⸗ nimmt, wie um ihre Stirn eine Glorie leuchtet, ihr Liebhaber, voll Wonne, ſich in deren Strah⸗ len verliert, und ſelig iſt. Nur finde ich eine kleine Schwierigkeit wegen der Zukunft. Eine wirkliche Tochter des Olympus, da geboren und erzogen, bleibt immer und ewig eben die⸗ ſelbe; ſie behaͤlt ihr himmliſches Anſehen, man uberraſche ſie Morgens oder Abends, auf ihrem Thron oder im Schlafgemache; denn ſie trinkt im Nektar unaufhoͤrliche Jugend, badet ſich in den Wolken; Zephyr weht von ihrem Gewande jeden Staub, ihre Locken duften von Ambroſia, 27⁰ und der Glanz ihrer Palaͤſte wird durch nichts getruͤbt. Unmoͤglich koͤnnen die Schoͤnen der Unterwelt ihnen Alles das nachthun. Hier und dort ein Fleckchen, welches nicht die hoͤheren Luͤfte von ſelber weghauchen; die Kleider nicht aus Regenbogen gewebt, ſondern vergaͤnglich; eben ſo die Haͤuſer! Kurz, meine Damen, es geſchieht oft, daß die wankelmuͤthigen Maͤnner, ſobald ſie mit ihrer Goͤttin unter Einem Dache leben, anders ſehen und hoͤren; ihr ehemaliges Entzücken wie einen Rauſch achten, und das angebetete Maͤdchen im Weibe nicht wieder finden. Ernſthaft zu reden, ſo iſt auch dieſes vollkommen gut. Fleiſch von meinem Fleiſch, und Bein von meinem Bein: Das macht, daß Er die Arme ausbreitet, um Sie zu empfangen. Darum wallen beyder Herzen gegen einander, bis ſie Eins werden. Schoͤner war nie etwas dem Menſchen, als der Menſch; und was ſollte dem Manne, aus Thon geformt, eine Gehuͤlfin, zuſammengefloſſen aus den feinſten Elementen? Sie muß ihn uͤberzeugen, daß ſie, einerley Weſens mit ihm, bereit iſt, alle Sorgen und Arbeiten der Erde zur Haͤlfte zu tragen, und mit eignen Haͤnden ſein Gluͤck und ſeine Ruhe 271 zu befoͤrdern. Alſo keine Goͤttin mehr! Aber noch immer ein gefaͤlliges Geſchoͤpf, um ſo theu⸗ rer dem Geliebten, weil es die Strahlen deß⸗ wegen ablegt, damit es fuͤr ihn mehr ſey, als Erſcheinung, mehr als eine bloße uͤberirdi⸗ ſche Geſtalt! Indeſſen iſt bey ſolch einer Ver⸗ wandlung die groͤßte Sorgfalt noͤthig. Venus bleibt die Mutter der Huldinnen auch dann, wenn ſie den Himmel verlaͤßt, und, im ein— faͤltigen Putz einer Nymphe, den Anchiſes beſucht; wollte ſie aber vom Roſengewoͤlk' herabſteigen, und, wie Hagedorns neue Eva, mit dem Silberfuß in den Entenpfuͤtzen wuͤhlen; wer moͤchte den Anblick ertragen? So darf eine glaͤnzende Braut allmaͤhlig in eine weniger blendende Goͤttin uͤbergehen, nur zeige ſich, anſtatt jenes erſten glorreichen Bil⸗ des, kein widriges, naͤchtliches Geſicht! Die Menſchheit mit dem Schoͤnen und Liebenswuͤr⸗ digen, das in ihr iſt, hat mancherley Maͤngel, wodurch ſich der Urſtoff derſelben und ihre kuͤnf⸗ tige Aufloͤſung, Erd' und Aſche, verraͤth; ſie hat tauſend kleine Bedurfniſſe, die, nicht vorſichtig genug verborgen, maͤchtiger als jeder Reiz, von dem, was uns aulockte, uns ab⸗ 272 wendig machen. Wie oft hat eine Minute das Wonnegefuͤhl ganzer Jahre, voll der zaͤrtlichſten Umarmungen, in Ekel verkehrt! Und wehe der Schoͤnheit, wenn ihr Zauber auf dieſe Art unterbrochen wird! Sie kann die haͤrteſten Be⸗ leidigungen mit geringer Muͤhe tilgen; es koſtet ihr nichts, den Fliehenden zuruͤckzurufen; die Liebe traͤgt, uͤberwaͤltigt alles; Untreue ſogar hat ſie, mehr als Einmal, vergeben, und Grau⸗ ſamkeit und Schmach hat ſie mit Kuͤſſen vergol⸗ ten; aber Ekel iſt der Schoͤnheit und der Liebe voͤlliger Tod. Keine Beſaͤnftigung, keine Ver⸗ ſoͤhnung! Denn wir haſſen und zuͤrnen nicht; ſondern mit leerem, erkaltetem Herzen entfer⸗ nen wir uns.— Ein trauriger Zuſtand der Seele! Beſſer waͤr' es, zu haſſen. Ein freund⸗ liches Wort, ein lachender Blick haͤtte Kraft genug, uns wieder zu gewinnen; da jetzt eben die Augen, eben der Laut der Stimme, welche ſich unſrer bemaͤchtigen ſollten, uns fortſtoßen. Die Erinnerung der feurigen Wuͤnſche, des ſehnlichen Beſtrebens, womit wir ehemals eben demſelben Gegenſtande nachgingen, vermag uͤber uns nichts. Vielmehr vergroͤßert ſie unſer ge⸗ genwaͤrtiges, unangenehmes Gefuͤhl. So, meine Damen, ſehen Sie die erſten Mayblumen, die Sie einzeln ſuchten, und freudig abpfluͤckten, in Kurzem verwelkt, im truͤben Waſſer mit vermoderten Stengeln. Fremde Haͤnde ſaͤubern das Gefaͤß, in welchem Sie eine Zeit lang Ihren Schmuck und Ihr Vergnuͤgen aufbe⸗ wahrten. Wenn unſre Schoͤnen das bedaͤchten, wie leicht koͤnnten ſie den mehrſten Klagen uͤber Wankelmuth und verſchmaͤhte Zaͤrtlichkeit zuvor⸗ kommen! Nur die Haͤlfte der Zeit, die ein un⸗ noͤthiger Putz, ein eitles Verlangen, anderswo zu glaͤnzen, ihnen raubt, nur dieſe, der Rein⸗ lichkeit gewidmet, waͤre hinreichend, ihren Ge⸗ mahl ihnen treu, und ihr Leben in Ruhe zu erhalten. Etwas an ſich Unbedeutendes, ein Gewand, ein Tuch, eine Kopfbinde ſind Schuld daran, daß der Gatte von ſeiner Gattin weicht, und ein ſchlechtes, in armer Kleidung anmuthi⸗ ges Maͤdchen verfolgt. Jene Reinlichkeit muß ſich auf Alles erſtrecken; denn die Geſellin des Mannes iſt zugleich ſeine Gehülfin, und die Mutter ſeiner Kinder. Ekelt dem Manne vor ſeiner Woh⸗ nung, ſo liebt er auch diejenige nicht, welcher II. 9* er die Sorge dafuͤr uͤbertrug⸗ Er geht hinaus, und die Nachbarinnen behaͤngen ihre Waͤnde mit artigen Teppichen, und locken ihn. Ekelt dem Vater vor ſeinen Kindern, ſo iſt das ſuͤßeſte Band der ehelichen Geſellſchaft zerriſſen; und o die bedauernswurdigen Kleinen, die, um der Nachlaͤßigkeit ihrer Mutter willen, verſaͤumt werden! Koͤnnte ich den Nachkommen ein herrliches Werk von mir hinterlaſſen; ich gaͤb' es hin, wenn ich, ſtatt ſeiner, hoffen duͤrfte, den In⸗ halt dieſer Blaͤtter, ſo wie ich aus meiner Seele ſie ſchrieb, den Seelen meiner Leſerinnen einzupraͤgen. Wie gern moͤchte ich ſie bereden, daß ſie ununterbrochenen Fleiß darauf wendeten, ihre Toͤchter zu einer Tugend abzurichten, deren Mangel ſchon ganze Familjen zerruͤttet hat! Erziehung iſt hierbey nicht ſowohl erforder⸗ lich, als Abrichtung; ob es gleich gut iſt, wenn ſie den Heranwachſenden erzaͤhlen, wie nicht ein praͤchtiger, ſondern ein reinlicher Schmuck die gemeinſte Schoͤnheit erhoͤhen, die elendeſte Huͤtte gefaͤllig machen, und den laͤndlichen Tiſch umbilden kann zur Tafel der Goͤtter. Man pflegt zu ſagen: Ein Maͤdchen fingse, bey 275 reiferem Alter, von ſelbſt an, ſich zu putzen; und das iſt ein verderbliches Vorurtheil. Mit Blumen und Baͤndern ſich zieren wird es fruͤh⸗ zeitig genug; allein wird es auch da, wo nie⸗ mand ihm zuſieht, in ſeinem geheimſten Winkel eben das ſeyn, was vor den Augen der Welt? Oder wird es einer von jenen armſeligen Schau⸗ ſpielerinnen gleichen, die nichts haben, als ih— ren Theaterprunk, und vor welchen unſre kuͤhn⸗ ſten Ritter im Ankleidegemach zuruͤcktreten? Iſt letzteres, ſo gehts ihrem Gatten, wie dieſen Rittern; und wo bleibt die Wahrheit ihres Charakters? Uebertuͤncht muß die Seele der⸗ jenigen ſeyn, die, unter ihren Baͤndern und Blumen, im Zirkel ihrer Anbeter, ſich geſtehen muß: Alle dieſe, welchen jede Kleinigkeit an mir, jede Nadel aus meinen Locken ein Heilig⸗ thum ſcheint, wuͤrden mein Nachtgewand— doch von ſolcher Art giebt es unter meinen Le⸗ ſerinnen und ihren Toͤchtern keine. Ueberhaupt bin ich verſichert, daß aͤußerliche Reinlichkeit auf das Innere großen Einfluß hat; ſo wie man auch von dem einen auf das andere zu ſchließen gewohnt iſt. In dem ungeſaͤuber⸗ ten Zimmer und dem unordentlichen Kleid eines 275. Maͤdchens glauben wir Spuren einer vernach⸗ laͤßigten, des feinern Gefuͤhls unfaͤhigen, traͤ⸗ gen Seele zu erkennen. Daher ſo viele Sinn⸗ bilder und gottesdienſtliche Gebraͤuche. Daher die Unſchuld im weißen Gewand, unter Lilien;* das Baden vor den Opfern, das Verbot, den Altar mit unreinen Haͤnden zu beruͤhren und Beflecktes in den Tempel zu bringen. Die geſitteten Voͤlker alle kommen hierin uͤberein. Zu allen Zeiten ſahen ſie die Reinlichkeit an, wie eine Vorbereitung zu dem naͤhern Umgang mit den Goͤttern. 277 II. Von der Schamhaftigkeit. Der Roͤmiſche Dichter Catull laͤßt in einem Hochzeitliede zwey Choͤre gegen einander auftre⸗ ten, Maͤdchen und Juͤnglinge, wovon letztere die Jungfrau mit einer Roſe vergleichen, die ver⸗ borgen hervorkommt im eingeſchloß⸗ nen Garten, unbekannt der weidenden Herde, von keinem Fluge verletztz welche die Luͤfte lind umſaͤuſeln, die Sonne zum Wachsthum ſtaͤrkt, und der Regen auferzieht. Nach ihr verlangen viele Knaben; nach ihr verlangen viele Maͤdchen. Sobald aber, zerknickt und abgebrochen, ſie dahin welkt, ſo ver⸗ langen keine Knaben, keine Maͤdchen nach ihr. Dieſe Vergleichung wird unſern un⸗ verheiratheten Schoͤnen gefallen; denn ſie befrie⸗ 278 digt ihren jungfraͤulichen Stolz, einen Stolz, den man unter allen geſitteten Voͤlkern antrifft, und zu dem auch ſo mancherley Dinge die Schoͤ⸗ nen berechtigen. Ueberall, welch eine beſondre, ihrem Orden erwieſene Verehrung; in vorigen Zeiten, und noch! Bey den Alten ruͤhmten ſich die Maͤdchen ihrer eignen Goͤttin, ihrer Diana, die ſo ſproͤde war den Maͤnnern, daß ihre Nym⸗ phen das Geſetz hatten, keinem Juͤngling einen freundlichen Blick zu geben. Die Prieſterinnen zu Rom, welche Tag und Nacht das ewige Feuer der Veſta unterhielten, waren im hoͤchſten An⸗ ſehen, trugen das weiße Kleid mit Purpur, das nur Wenigen vergoͤnnt wurde, ſaßen in Schau⸗ ſpielen oben an, konnten dem Uebelthaͤter, den man zum Tode fuͤhrte, wenn er ihnen begegnete, das Leben ſchenken u. ſ. w. Nicht, weil ſie je⸗ nes Feuer, ſondern weil ſie, mit gleicher Strenge, Tag und Nacht ihr Herz vor der Liebe verwah⸗ ren mußten. So finden wir eine gewiſſe Hei⸗ ligkeit in den einſamen Zellen unſrer Kloſter⸗ frauen, und ſehen den Kranz auf einem Maͤd⸗ chenſarge wie ein Ehrenzeichen an. Warum aber das alles? Sollten nicht diejeni⸗ gen groͤßerer Achtung werth ſeyn, die getreu 279 ihrer Beſtimmung folgen; die als Gattinnen, als Muͤtter ihre Pflichten erfuͤllen, und nuͤtzliche Buͤr⸗ ger ziehen fuͤr den Staat? Ihre Sorgen, ihre haͤuslichen Arbeiten, ihre Thraͤnen, ihre ſchlaf⸗ loſen Naͤchte verdienen wahrlich einen beſſern Lohn, als das mehrentheils unthaͤtige Leben der andern. Und iſt es nicht hoͤhere Seligkeit, wenn ein zaͤrt⸗ liches Geſchoͤpf an ein liebendes ſich anſchmiegt; wenn das Schwaͤchere den Starken zum Be⸗ ſchuͤtzer hat, zum beſtaͤndigen Gefaͤhrten bis in den Tod? Ich weiß, meine jungen Sohoͤnen er⸗ kennen dieſes, eben ſo wie jene Roͤmiſchen Maͤd⸗ chen im Catulliſchen Hogzzeitlied es fuͤhlten, Als ihnen das Chor von Juͤnglingen antwortete: „Gleich dem verlaßnen Weinſtock auf nacktem Bo⸗ den, welcher ſich niemals erhebt, eine ſuͤße Traube niemals hervorbringt; deſſen zartes Gewaͤchs un⸗ ter ſeiner eignen Schwere ſich niederbeugt, und mit der oöberſten Spitze die Wurzel beruͤhrt; dem kein Ackermann, kein Hirtenknabe ſich naͤherk; den aber, ſobald er mit einem nachbarlichen Ulmbaume ſich vermaͤhlt, viele Ackerleute beſuchen, viele Hirtenknaben— gleich ihm iſt die Jungfrau, wenn ſie einſam veraltet; wenn aber, zu rechter Zeit, ſie zu ihresgleichen ſich geſellt, dann iſt ſie lie⸗ 280 ber dem Manne, theurer den Ihrigen.“ Was den⸗ ken Sie, meine Damen? Iſt dieſe Vergleichung nicht eben ſo gefaͤllig, nicht eben ſo wahr, als die vorhergehende? Indeſſen bleiben Sie nur, ſo lange Sie der verborgenen Roſe gleichen, bey Ih⸗ rem Stolz, er gruͤndet ſich auf das Gefuͤhl, das Ihrem Geſchlecht am allerheiligſten ſeyn muß, auf das Gefuͤhl der jungfraͤulichen Tugend. Als die Schoͤnheit aus den Haͤnden ihres Schoͤpfers hervorging, da bekam ſie zur Begleiterin die Keuſchheit, damit ſie, trotz ihrer Schwaͤche, durch ihr reineres, himmliſches Weſen den Sieg gewaͤnne uͤber den ſtaͤrkeren, aber ſinnlicheren Mann; da⸗ mit, indem ſie den Zauberbecher ihm reichte, ſie ſelber nuͤchtern waͤr', und faͤhig, zu behaupten ihre ſuͤße Herrſchaft. Die Scham allein giebt der Schoͤnheit den vollkommnen Werth. Entzuͤcken⸗ der iſt das Abendroth nicht, zu dem eine gute Seele hinaufſieht, und hoͤher dringt in die Woh⸗ nungen der Engel— entzuͤckender iſt es nicht, als das Erroͤthen auf einer Maͤdchenwange. Lie⸗ bes Maͤdchen! wohl dir, wenn du roth wirſt bey dem bloßen Ahnden einiger Schuld in der Seel⸗ deſſen, der zu dir hintritt! Und wehe dem Un⸗ barmherzigen, der die Geiſter des Paradieſes, 281 deine Waͤchter, deine Vertrauten, zum Weinen uͤber dich zwingt! O, bewahr' in deinem Herzen das, was du nicht zu nennen weißt, vergiſſeſt du Ein⸗ mal zu erroͤthen, ſo iſt dein Schubengel von dir gewichen. Unſre jungen Herren moͤgen Baruber ſpotten, viele Damen daruͤber lachen! die Alten hatten Recht. Ihre Toͤchter gaben keinem die Hand, als ihrem Verlobten, und den erſten Kuß, wenn ſie Braͤute waren. Aber welchen Kuß! Welches Sie⸗ gel des unaufloͤslichen Buͤndniſſes! das Maͤdchen, das von einem zum andern huͤpft, eine Stunde bey dieſem, eine bey jenem verweilt, das kann der Suͤßigkeit, unter demſelben Dache mit dem Ge⸗ liebten zu wohnen, ſo nicht genießen. Feſter um⸗ ſchlaͤngelt die Rebe den Ulmbaum, wenn ſie bey dem erſten Aufkeimen ihn faßt, wenn ſie, vor ihm, auf keinen geſtuͤtzt war; und der Juͤngling wird ſich mehr an der Roſe vergnuͤgen, wenn ſie eben die Knospe durchſchimmert, noch nicht gebluͤht hat fuͤr einen Fremden. Die Alten hatten Recht. Da war das Schweigen, das Niederſehen, das rs ſobald die Maͤdchen in ihrer ganzen Lugend ſich fuͤhlten, niemals ein Schimpf, und nis erſzickte die Mode den Seufzer der empoͤrten 2 82 Unſchuld. Da ertrug das Fraͤulein am Hofe ſo wenig den frechen Blick eines Unverſchaͤmten als das Buͤrgermaͤdchen; und das Buͤrgermaͤdchen ach⸗ tete keines Ritters, gab keinem Hoͤfling Gelegen⸗ heit, bey ſeinen Damen uͤber ſie zu ſcherzen. Ich erzaͤhle dieſes nicht fuͤr Alle; fuͤr die jeni⸗ gen nur, die einfaͤltiglich darhergehen, und denen es darum zu thun iſt, daß ſie einſt mit gutem Gewiſſen die Myrthen der Liebe tragen. Denen erzaͤhl' ich auch folgendes Geſchichtchen, das vori⸗ gen Sommer ſich zutrug am ehrlichen deutſchen Rhein. Zu meiner Verwandtinnen einer kam ein huͤb⸗ ſches junges Bauermaͤdchen, mit dem jene ſich in ein Geſpraͤch einließ, nach ihrem Dorfe ſich erkun⸗ digte, u. ſ. w.„Was macht denn Ihr Mann 1˙ Ich habe keinen.„uUnd Sie traͤgt einen Trau⸗ ring“ Ein Trauring iſt es nicht; den hab' ich zur. Kurzweil.„Aber warum an der rechten Hand?“ Ich wills Ihnen nur ſagen. Wir muͤßen oft im Walde ge⸗ hen, und ſpaͤt in der Daͤmmerung; da können uns leicht muthwillige Leute begegnen. Sehenſie nun meinen Ring, ſo denken ſie, ich waͤre verheirathet, — 283 und nehmen ſich in Acht.„In der Stadt aber wird man Sie auch fuͤr eine Frau halten!“* Was thuts? An der Ehre liegt einem Alles!— O Natur! Liebe und Treue! belohnt eure Tochter; und ihr guten NMaͤdchen, ſchaͤmt euch nicht, ſie eure Schweſter zu nennen. An den Herausgeber, welcher zwey Tauben zum Geſchenk bekommen hatte. Am Neujahrstage 1776. Freundlich, wie dein Taͤubchen, wenn es lacht, Gebe dir das Gluͤck, Jeden Tag und jede Nacht, Einen holden Blick! Freundlich, wie dein Taͤubchen, wenn es kuͤßt,* Gebe dir das Gluͤck, Was der Lohn der Edlen iſt, In des beſten Maͤdchens Blick! Gleim der juͤngere. 285 Antwcork. Stets in Lieb einander nah, Schnaͤbeln meine Taͤubchen da Sich mit innigem Vertrauen; Fuͤrchten keine Moͤrderklauen; Finden reichlich allezeit Ihre Nahrung hingeſtreut; Moͤchten ſolche Seligkeit Nicht dem Koͤnig Adler geben Fuͤr ſein ganzes Fuͤrſtenleben. Wonnekuͤſſe dieſer Art Schenke, ſo wie meinem Taͤubchen, Er, der alles wohl gepaart, Kuͤnftig uns und unſern Weibchen! Die Dame. So klein es in die Augen faͤllt, Ein jedes Sternchen eine Welt?„ Ein Himmel, groß genug, uns alleſammt zu faſſen? und ich ſoll, wie ein Engel ſchoͤn, Von Sternen einſt zu Sternen gehn, Und Alles, Alles da beſehn; Und uͤberall mich ſehen laſſen? An Gleminden, als von Kritikern die Rede war.. Wenn, ſonder Falſchheit, die Kritik, Wie du, mit Silbertoͤnen redte; Bey Lob und Tadel deinen Blick und dein getreues Laͤcheln haͤtte, So koͤnnte ſie der Muſen Schweſter ſeyn, Die Herzen alle ſich gewinnen; So ladeten die Huldgoͤttinnen Sie ſelbſt zu ihren Taͤnzen ein. Erinnerung. Glück der Engel! wo geblieben? Wo geblieben, ſchoͤner Tag, Als mit unbeſorgtem Lieben Ihre Hand auf meinem Herzen lag? 4 O ſie fuͤhlte jeden Schlag, Und in jedem lauter lieben! Wo geblieben Gluͤck der Engel, ſchoͤner Tag? Die Heimath. Der Sonnen ſchoͤnſte waͤrmt das Land, Und heilig iſt die Erde, Wo vormals unſre Wiege ſtand Am vaͤterlichen Herde. Vor allen Baͤumen gruͤnt der Baum, In deſſen kuͤhlen Schatten Wir unſern ſuͤßen Kindertraum An Fruͤhlingsmorgen hatten. Vor allen Thaͤlern bluͤht das Thal, Vom reinen Bach umſchlungen, An welchem uns zum erſtenmal Die Voͤgel wach geſungen. Doch wenn ein zweytes Vaterland Sich unſer Herz erfindet, Wenn Liebe dort mit eigner Hand Uns an ein Maͤdchen bindet: 289 Auf einmal ſehen wir, geweckt Aus unſern Kindertraͤumen, Den Baum, der Liebchens Huͤtte deckt, Vor allen andern Baͤumen. Du kleines, vaͤterliches Land, Wo mir der Tag geſchienen, Als mich die erſte Muſe fand Am Weidenbach, im Gruͤnen! Du gutes Land, wo Flur und Hain In ſichrer Einfalt bluͤhen, Wo rings ſich um den deutſchen Rhein Die Traubenhuͤgel ziehen! Wie liebt' ich, o, wie liebt' ich dich, Und weinte dir entgegen! Wie ſehnt' ich, o, wie ſehnt' ich mich Mit lauten Herzensſchlaͤgen! Nun aber Lieb' im Buſen wallt, Nun geb ich deine Freuden Um einen oͤden Tannenwald, Auf ungeſchmuͤckten Heiden; Weil auf der Heide Liebchen wohnt, Umweht von Tannenhainen, Jakobi's Werke, II. 10 290 Und freudenvoller Sonn' und Mond Die Wipfel da beſcheinen. Den Traubenhuͤgel, Flur und Bach Und Alles will ich miſſen: O Liebe! nur ein Huͤttendach, Mein Maͤdchen da zu kuͤſſen! 291 Der Ring. Liebchen wallt im fernen Lande: Meine Kuͤſſe geb' ich dir, Goldnes Ringlein! dich zum Pfande Ließ ſie, unter Kuͤſſen, mir. Ach! da kam ſie, leiſer, trauter; Hatt' ein Auge, rein und hold; Und ein Herz! ein Herz, ſo lauter, Schoͤnes Ringlein! wie dein Gold. Liebchen gab dich mir, und ſagte: Nimm es, bleib' ihm ewig gut! Und ich ſchwoͤr' es dir: Ich wagte, Dir zu Gunſten, all mein Blut. Goloͤnes Ringlein! ſuͤßes, liebes! Machſt, daß mir die Sonne ſcheint; Kommt ein Moͤlkchen oft, ein truͤbes, Hat's in Kurzem ausgeweint. 29² Du beginnſt die ſchoͤne Kette, Die man von der Treu empfaͤngt, Die ſo feſt am Sterbebette Mit dem letzten Ringlein haͤngt, Wo du noch, den ſchwachen Blicken Schimmernd, Wonn' und Hoffnung biſt, Weil in Welten voll Entzuͤcken Liebchen mich hinuͤber kuͤßt. 293 Sehnſucht. Was hab' ich, gutes Maͤdchen! Als jenes kleine Feld Um dein geliebtes Staͤdͤtchen, Mir eine ganze Welt? Der andern achts ich wenig! Da traur' ich, wie verbannt! Dein Koͤnig iſt mein Koͤnig, Dein Land mein Vaterland. Die erſten gruͤnen Haine Sind dort, wo Liebchen geht; Die Luft iſt erſt die meine, Die ſich um ſie gedreht. O, wann begruͤß' ich wieder Dein Staͤdtchen, meine Welt, Und hoͤre Lerchenlieder Auf deinem kleinen Feld, Und ſehe Morgenſchimmer Bey dir, und hellen Tag? O denke nur, daß immer, In jedem Glockenſchlag, Des Wiederſehns Minute Durch meine Seele ſchallt, Weil, ach! in deinem Blute Mein eignes Leben wallt! 295 Lied zweyer Schweſtern an ihr Gärtchen.*⁴) Gruͤner Platz, von unſern Haͤnden Angebaut fuͤr Spiel und Ruh, Leicht umzaͤunt mit Roſenwaͤnden, Liebes, trautes Gaͤrtchen du! Jedes unſrer Jugendfeſte, Die kein Neid verderben kann, Lachen durch die Bluͤthenaͤſte Mond und Sonne freundlich an. Gruͤner Platz! vor wenig Lenzen Lagſt du noch als Wuͤſteney; Nur mit Dorn⸗ und Diſtelkraͤnzen *) Die von dem Verfaſſer dieſes Liedes geäußerte Beſorgniß konnte man ſpäter als eine Weisſa⸗ gung anſehen. Nach wenigen Jahren kam das Gärtchen an einen andern Beſiher, und wurde völlig zerſtört. Schmuͤckte dich der junge May; Wo fuͤr Blumen Neſſeln ſproſſen, Wallte keines Maͤdchens Fuß; Deines Bachs Gewaͤſſer floſſen Ohne Lied und ohne Gruß. Ach! vielleicht in fernen Jahren Hat ein Fremder dich zerſtoͤrt; Wo die Reihentaͤnze waren, Wird die Grille nur gehoͤrt; Am verlaßnen Ufer ſtehen Dieſe Baͤum' entblaͤttert da, Und Wachholderbuͤſche wehen, Wo man unſre Lauben ſah. Banger, ſchauernder Gedanke! Was ſo treulich wir gepflegt, Huͤttendach, und Epheuranke, So gewuͤnſcht, und ſo gehegt; Alles einſt in leere Luͤfte! Weggeſunken jede Spur! Mit hinuͤber durch die Gruͤfte Geht das Herz voll Liebe nur. ⸗ —— - 297 Litaney. auf das FJeſt aller Seelen*) Ruhn in Frieden alle Seelen, Die vollbracht ein banges Quaͤlen, Die vollendet ſuͤßen Traum, Lebensſatt, geboren kaum, Aus der Welt hinuͤber ſchieden: Alle Seelen ruhn in Frieden! Die ſich hier Geſpielen ſuchten, Oefter weinten, nimmer fluchten, Wenn von ihrer treuen Hand Keiner je den Druck verſtand: Alle, die von hinnen ſchieden, Alle Seelen ruhn in Frieden! Liebevoller Maͤdchen Seelen, Deren Thraͤnen nicht zu zaͤhlen, Die ein falſcher Freund verließ, *³) An dieſem Feſte beſuchen die Römiſchkatholiſchen die Gräber der Ihrigen, ſetzen Lichter darauf, und beten für die Verſorbenen. Und die blinde Welt verſtieß: Alle, die von hinnen ſchieden, Alle Seelen ruhn in Frieden! Und der Juͤngling, dem, verborgen Seine Braut am fruͤhen Morgen, Weil ihn Lieb' ins Grab gelegt, Auf ſein Grab die Kerze traͤgt: Alle, die von hinnen ſchieden, Alle Seelen ruhn in Frieden! Alle Geiſter, die voll Klarheit, Wurden Maͤrtyrer der Wahrheit, Kaͤmpften fuͤr das Heiligthum, Suchten nicht der Marter Ruhm: Alle, die von hinnen ſchieden, Alle Seelen ruhn in Frieden! Und die der Sonne lachten, Unterm Mond auf Dornen wachten, Gott, im reinen Himmelslicht, Einſt zu ſehn von Angeſicht: Alle die von hinnen ſchieden, Alle Seelen ruhn in Frieden! Und die gern im Roſengarten Bey dem Freudenbecher harrten, 299 Aber dann, zur boͤſen Zeit, Schmeckten ſeine Bitterkeit: Alle, die von hinnen ſchieden, Alle Seelen ruhn in Frieden! Auch, die keinen Frieden kannten, Aber Muth und Staͤrke ſandten Ueber leichenvolles Feld In die halb entſchlafne Welt: Alle, die von hinnen ſchieden, Alle Seelen ruhn in Frieden! Ruhn in Frieden alle Seelen, Die vollbracht ein banges Quaͤlen, Die vollendet ſuͤßen Traum, Lebensſatt, geboren kaum, Aus der Welt hinuͤber ſchieden: Alle Seelen ruhn in Frieden! Hochzeitlied. Will ſingen euch im alten Ton Ein Lied von alter Treu; Es ſangens unſre Vaͤter ſchon; Doch bleibts der Liebe neu. Im Gluͤcke macht es freudenvoll, Kann troͤſten in der Noth: Daß nichts die Herzen ſhheiden ſoll, Nichts ſcheiden, als der Tod: Daß immerdar mit friſchem Muth Der Mann die Traute ſchuͤtzt, Und alles opfert, Gut und Blut, Wenn's ſeinem Weibchen nuͤtzt! Daß er auf weiter Erde nichts Als ſie allein begehrt, Sie gern im Schweiß des Angeſichts Fuͤr ihren Kuß ernaͤhrt; 301 Daß, wenn die Lerch im Felde ſchlaͤgt, Sein Weib ihm Wonne lacht, Ihm, wenn der Acker Dornen traͤgt, Zum Spiel die Arbeit macht, Und doppelt ſuͤß der Ruhe Luſt, Erquickend jedes Brod,. Den Kummer leicht an ihrer Bruſt, Gelinder ſeinen Tod. Dann fuͤhlt er noch die kalte Hand Von ihrer Hand gedruͤckt, und ſich ins neue Vaterland Aus ihrem Arm entruͤckt. Die Unſchuld. Um der Gottheit Glanz Hatten jauchzende Sonnen Ihren Lauf begonnen, Engel ihren Feyertanz; Aus der Gottheit Glanz, Engeln gleich, im Jubel geboren, Miſchte ſich, zur Fuͤhrerin erkoren, unſchuld in den Tanz. Dort, auf leichter Flur, Im unſterblichen Lenze Bluͤhn der unſchuld Kraͤnze, Folgt der Seraph ihrer Spur; Aber auf der Flur Unterm Mond, im Schatten der Erde, Wandelt ſie mit kindlicher Geberde Bey der Einfalt nur; Will im Mayenlicht Hier an irdiſchen Baͤchen Volle Roſen brechen; 505 Und die Dornen kennt ſie nicht. Hier vom Mayenlicht Aufgeweckt am taͤuſchenden Morgen, Laͤchelt ſie herbey die nahen Sorgen— Ach, und weiß es nicht! Mit der Engelshand Unſre Laͤmmer zu weiden, Geht auf armen Heiden Sie, von Wenigen gekannt; Aber, auch verbannt, Giebt ſie noch, in niedriger Huͤlle, Wonn' und Troſt und Herrlichkeit die Fuͤlle Seelen, ihr verwandt. Ach! ſie ſelber flieht Mit den kindlichen Scherzen; Doch in keinem Herzen Stirbt ihr holdes Wiegenlied: Wer den Saͤugling ſieht An die Bruſt der Mutter ſich druͤcken, O! der fuͤhlt, daß ihn mit Himmelsblicken uUnſchuld an ſich zieht. Wenn dein Warnen ſchon Oft den Frevler empoͤret, Unſchuld! dennoch hoͤret 504 Spaͤter er den ernſten Ton. Jeder Erdenſohn Fleht zu dir am letzten Tage, Daß ihn nicht dein Auge dort verklage Vor des Richters Thron. Aus der Gottheit Glanz Sind die Seelen geboren, Alleſammt erkoren, Dich zu ſehn im Sternenkranz; Um der Gottheit Glanz Haͤlt mit dir, dem ſchoͤnſten der Engel, Jeder Geiſt in Welten ohne Maͤngel Seigen Feyertanz. 305 Der Sommertag.. Wie Feld und Au So blinkend im Thau! Wie Perlen ſchwer Die Pflanzen umher! Wie durch den Hain Die Luͤfte ſo rein! Wie laut im hellen Sonnenſtrahl, Die ſuͤßen Voͤglein allzumal! Ach! aber da, Wo Liebchen ich ſah, Im Kaͤmmerlein, So nieder und klein, So rings bedeckt, Der Sonne verſteckt— Wo blieb die Erde weit und breit, Mit aller ihrer Herrlichkeit? — 10* An Claͤrchens Geburtstage, von zweyen ihrer Geſchwiſter. Erblaßte Sterne ſchienen Auf halb erhellter Au, Und duftende Jasminen Umfloß der Morgenthau! Es deckten Silberwoͤlkchen Den Himmel allgemach, Und maͤhlig ward ein Voͤlkchen Von Nachtigallen wach. Es kuͤßten ſich die Paͤrchen Der Voͤgel, klein und groß: Da lagſt du, holdes Claͤrchen, Der Mutter in dem Schooß; Da lagſt du klein und niedlich, Mit deinem fanften Blick, Und prophezeyteſt friedlich Den Menſchen ſuͤßes Gluͤck. 507 Haſt ſuͤßes Gluͤck gegeben, So wie du prophezeyt, Gelebt ein frommes Leben, Voll Engelheiligkeit; Biſt ſchoͤnen Seelen theuer, Ein aͤchtes Himmelskind, Als oft in ihrem Schleyer Die Kloſtermaͤdchen ſind. Kann dich ein Strauß erfreuen, Zum Feſtgeſchenke dir Gebunden von uns Zweyen, So nimm die Blumen hier; Und ſollten gleich wir beyde Nicht heilig ſeyn, wie du, Doch wirft dir unſre Freude Die reinſten Kuͤſſe zu. An Chloen. Bey der Liebe reinſten Flammen, Glaͤnzt das arme Huͤttendach: Liebchen! ewig nun beyſammen! Liebchen! ſchlafend oder wach! Suͤßes, zaͤrtliches Umfangen, Wenn der Tag am Himmel graut: Heimlich klopfendes Verlangen, Wenn der Abend niederthaut! Wonne dort auf allen Huͤgeln, Wonn' im Thal, und Jubel hier! Volle Freyheit, zu verriegeln Unſre kleine Huͤttenthuͤr! Lobgeſang in Finſterniſſen, Wo kein Neider ſich verſteckt; Wo nicht mehr, indem wir kuͤſſen, Jedes Luͤftchen uns erſchreckt! 509 Und wir theilen alle Freuden, Sonn' und Mond und Sternenglanz; Allen Segen, alles Leiden, Arbeit und Gebet und Tanz. So, bey reiner Liebe Flammen, Endet ſich der ſchoͤne Lauf; Ruhig ſchweben wir zuſammen, Liebchen! Liebchen! Himmel auf. An eine junge Freundin. Düſſeldorf, im Herbſte 1777. Die Geiſter weichen allgemach, Die, gleich den Stuͤrmen hoch im Dach, In meinem Kopfe Sabbath hielten, Und jaͤmmerlich den Meiſter ſpielten; Mich haͤmiſch neckten, jung und alt, In hundertfaͤltiger Geſtalt, Mit Horn und Krall' und Pferdefuß, Als waͤr' ich Sanct Antonius. Die Geiſter weichen allgemach ⁴ Zuruͤck in ihre Zauberhoͤhle; Schon wieder fuͤhl' ich in der Seele Die Hoffnung und die Freude wach, Ergoͤtze mich am Stadtgetuͤmmel, Und in der Fern' am freyen Himmel, Am offnen Feld, und am Gemiſch Des falben Laubes im Gebuͤſch. Mein Auge weilt auf jenen Baͤumen, Worunter du in ſuͤßen Traͤumen, Voll jungfraͤulicher Sehnſucht, gehſt, und ſtets dich um ein Bildchen drehſt Von Seligkeit aus obern Welten, Von reiner Liebe, die nur ſelten So rein, wie ſie vom Himmel kam, In Erdenhuͤtten Wohnung nahm. Durch manchen Irrweg dieſes Lebens Ging ich, und ſuchte ſie vergebens. Da wollt' ich oft im Mondesſtrahl Mein fein gewebtes Ideal Mit allen ſeinen Herrlichkeiten Mir unverdorben nieder leiten; Und hat's und druͤckt' es froh und warm; Und ruhig lag's in meinem Arm, Bis mir der neue Tag begann, Und es im Morgenduft zerrann. Dann klagt' ich's aller Welt, erſchreckte Die Nymph' am Bach, den jungen Weſt, Vertraut' es jedem Baum und weckte Die Voͤgelchen in ihrem Neſt. Auf Roſenlippen ſah ich Trug, Und mit den Maͤdchen wollt' ich hadern; Was aber halfs? Zu maͤchtig ſchlug Die Liebe noch in Herz und Adern; Und als die Wieſe Veilchen trug, 312 Da ſah ich lauter Liebesflug, Sah in der Luft, im Wald, an Quellen Sich eins dem andern zugeſellen. Da war um mich ein Paradies, Und jeder Bluthenhain verhieß Mir gleiche Wonn', und aller Wegen Kam ein Gekluͤſter mir entgegen: „Du Sohn des Staubs, der Himmelsluſt Begehrt! Die Hand auf deine Bruſt! Wie leicht, wie ſchwach, wie voller Maͤngel! und fordern darfſt du einen Engel Fuͤr deinen Kuß? Genuͤgt's dir nicht, Wenn Unſchuld noch im Angeſicht, Im keuſchen Gruß, im zarten Neigen, Ein Erdentoͤchterchen, dein eigen Zu ſeyn, gelobt, und Tag und Nacht, So wie ſein Leben, dich bewacht? Das arme Kind! Ein kleiner Fehl Wird dann und wann von ihm begangen; Doch wird es trauter dich umfangen, Wird ſonder Liſt und ſonder Hehl Die Suͤnde weinend dir bekennen, Dich mit den ſchoͤnſten Namen nennen, und, biſt du werth, geliebt zu ſeyn, Du findeſt Wolluſt im Verzeihn.“ Die Geiſterſtimme hatte Recht! Mit deinem liebenden Geſchlecht Erneuert' ich den erſten Frieden, Befand mich trefflich wohl hienieden, Vergaß mein hohes Ieal, Und baute mir im Erdenthal Nicht mehr den ew'gen Freudenſaal⸗ O du, mit deinen ſuͤßen Traͤumen! Kaͤm' unter ſanft bewegten Baͤumen Ein ſolches Fluͤſtern auch zu dir! Wir armen Erdenſoͤhne, wir Sind alleſammt, wie unſre Vaͤter, Und minder noch aus zartem Aether, Aus Geiſtesſtoff gebaut, als ihr. Gelingt's dem Maͤdchen dann und wann, Sich einen guten, lieben Mann In einen Seraph umzukleiden— Wie kurz die ſtolzen Goͤtterfreuden! Und wenn er noch ſo weiſe ſpricht, Er haͤlt die Engelprobe nicht. Mag er! doch giebt es Maͤnnerſeelen, Die Einmal nur ein Liebchen waͤhlen, Die feſt im Wort, im Bunde wahr, 5¹4 In Leid, in Mangel und Gefahr, Im Tode ſelbſt unwandelbar, Mit ihrem Leben euch beſchuͤtzen. Fuͤr euch iſt jeder Tropfen Blut; Ihr koͤnnt auf ihren ſtaͤrkern Muth Die holde Schwaͤche ruhig ſtuͤtzen. Und mancher iſt, der einſam geht, Und, wenn er leiſ' um Liebe fleht, Des Maͤdchens Ahndungen verſteht, Das, ſo wie du, ein reines Feuer In Naͤnnerherzen ſucht, getreuer Als Tauſende, ſich fromm und ſtill. In Himmelsunſchuld geben will. Und wenn er lang umhergeirrt, Sie lang geweint, am Ende wird Das Paͤrchen ſich gewiß begegnen, Und er und ſie die Stunde ſegnen, Wo in der Traͤume Vaterland Ihr goldnes Bild hinuͤberſchwand, Und irdiſcher, an ſeiner Stelle, Doch ſchoͤn genug, in trauter gelle, Die Liebe ſie auf ewig band. A n*. Pempelfort bey Düſſeldorf, den 4. Nov. 1777. Hier, du liebe kleine Wilde! Ruf' ich dir bey deinem Bilde. Gingſt von hinnen: Ach! warum? Dieſes Kaͤmmerchen, wie ſtumm! Alles oͤde rings herum! Mag ich ſpaͤhen, mag ich lauſchen; Nirgend hoͤr' ich, Rehen gleich, Durch das bebende Geſtraͤuch Unſrer Duͤſſel froh dich rauſchen; Kann, wenn aus dem Buchengang Fruͤh ſchon deiner Stimme Klang, Heller als der Schlag des Finken, Und an Jubel nur gewoͤhnt, Auf zu meinem Fenſter toͤnt, Keine Gruͤße mehr dir winken.— Ach! zuruͤck, weil dieſe Flur Um dich trauert, kleine Wilde! Komm, und druͤcke deine Spur Tanzend in die Herbſtgefilde. Komm ans Ufer, gutes Kind, Wo im rauhen Morgenwind Unfre Weidenbuͤſche wallen, Und die welken Blaͤtter fallen; Daß vom Ufer, gutes Kind, Mir der rauhe Morgenwind Deinen Sang heruͤber wehe, Bis ich ploͤtzlich aus dem Flor Grauer Nebel dich hervor Mir enkgegenſchimmern ſehe. Bringe mit dein friſches Blut, Deiner Augen raſches Feuer, Deines Herzens volle Gluth, und den ſorgenloſen Muth Wider manches Abenteuer, Das in unſern Weg ſich ſtellt, Wider manches Ungeheuer, Das am Roſenpfade bellt, Und aufs erſte Laͤcheln faͤllt. 3 Eile, frohes Maͤdchen, eile! Miſch' ein wenig Schelmerey In des Lebens Einerley; Scherz' hinweg die lange Weile, Die des Geiſtes Mark verzehrt, Und den leichten Flug ihm wehrt. Fern von Modeziererey, Komm, und red' und lache frey Hier am Ufer; Naͤdchen, eile! Uns ſind nicht die Buͤſche toot, Die uns, gruͤnend, einſt gefielen; Sieh die Blaͤtter, gelb und roth, Wie ſie durch einander ſpielen, Und das Baͤchlein hier, ſo klar, Als zur Bluͤthenzeit es war! Deinen Jubel will ich hoͤren, Deinen Jubel, wenn das Haar Wind und Nebel dir zerſtoͤren, Und wenn deine Hand, bereift, Nach der letzten Blume greift. Grabſchrife. Gutes Maͤdchen, Antonette! Biſt am Ende deiner Bahn; Ruhſt allhier im kuͤhlen Bette, Was du nimmer ſonſt gethan; Kannſt mit deinem blaſſen Munde Nichts erzaͤhlen, nicht dich freun, Weinen, hoffen und bereun, Alles in derſelben Stunde; Wallſt auf einer fremden Flur, Kuͤſſeſt dich mit Engeln nur; 5 Wirſt dereinſt, beym Auferſtehen, Tanzend aus dem Grabe gehen, Der Poſaun' entgegen lachen, Und den Himmel luſtig machen. 519 98 1 e für die Ritter des Ordens vom Lindwurm. Singt dem Ritter, der vorlaͤngſt, Raſcher als ein Windſturm, Sich erhob auf ſeinem Hengſt, Und erſtach den Lindwurm. Fuͤr ein wackres Maͤdchen ſtritt Er auf einem Schimmel! Und darob von dannen ritt G'radeswegs zum Himmel. Bruͤder, zieht mit gleichem Muth Gegen alte Drachen, Die ein armes junges Blut Grauſamlich bewachen. Nur daß euren Maͤdchen nicht Einſt der Sieg gereue! Stets gedenkt an Ritterpflicht, Haltet Wort und Treue. Treu und tapfer, ſchlecht und recht, Wir durchs Leben gehen, Wider jeden feigen Knecht Immer dann beſtehen. Kaͤm auch ſelber Satanas In Geſtalt von Drachen, Bannten ihn beym vollen Glas Unter Scherz und Lachen. An Lottchen*) auf ihren Namenstag. Am 4. Nov. 1778. Wohl mag am ſchoͤnen Niederrhein Man jetzt in Kuͤnſten hoch erfahren, Gelehrt in jedem Dinge ſeyn, Und kluͤger als vor hundert Jahren, Wo mancher Prieſter vom Latein Nichts weiter als die Pſalmen konnte, Der Junker, neben altem Wein, Sich beym gehoͤrnten Siegfried ſonnte; Der Reichsgraf unterm Winterdach Mit Weib und Kind beym Almanach Andaͤchtig, wie ſein Paͤchter, ſaß, Und Diebs⸗ und Mordgeſchichten las, Und ob ihm ſchon, indem es ſchneyte, *) Ihr Vater hatte den Verfaſſer gebeten, dieſes Gelegenheitsgedicht zu machen, und darin den wirklich vorgefallenen Streit der beyden Schwe⸗ ſtern zu erzählen. Jacobi's Werke. II. 11 322 Sein Autor Donner prophezeyte, Den Irrthum alſobald vergaß; Und nie zu zweifeln ſich vermaß. Wohl mag am ſchoͤnen Niederrhein Zu jener Zeit vor hundert Jahren, Ein ſaubres Voͤlkchen, den Barbaren Nicht ungleich, Herr und Meiſter ſeyn. Jedoch behielten ſie den Wein Im Keller unverfaͤlſcht und rein; Und ſo im Herzen ihren Glauben. Man ſetzte jedes nicht auf Schrauben, Wie taͤglich unter uns geſchieht; Und Wahrheit wurde nicht zum Lied. Ach! aber, feit in Dorf und Stadt Bey uns der Schwarze keine Klauen, Der Wettermacher kein Vertrauen, Der Gruͤbler allen Vorrang hat, Seitdem verlacht man Hoͤll' und Teufel, Geraͤth am Himmel ſelbſt in Zweifel, Kennt nichts Gewiſſer mehr; und ach! Daß lauter Luͤcken ſey'n auf Erden, So muͤſſen gar im Almanach Die Namenstage ſtreitig werden. Der Uebel aͤrgſtes iſt dabey, Daß unter ſolche Zweifeley Faſt immer ſich— die Rede ſey Vom Sackkalender oder Tempel— Geheime Liſt und Schelmerey Zu bergen pflegt; wie zum Exempel Der Neid aus Lenchens Munde ſpricht, Wenn ſie, als fordert' es die Pflicht, Behaupten will, daß Carolus Ob ſeiner Endigung in us, Von Carolinen und Charlotten, So lange man Kalender ſchrieb, Verſchieden war, verſchieden blieb, Und daß im Reich der Hottentotten Sich nur zu gleicher Zeit das Feſt Von Carl und Lottchen feyern laͤßt. So redet ſie, um dein zu ſpotten; Allein ihr helles Stimmchen mag Das ganze Haus zuſammenrotten; Du feyerſt deinen Namenstag Mit unſerm Fuͤrſten Carolus, Und jeglicher Kanonenſchuß, Trompetenklang und Paukenſchlag, Und jedes feſtliche Gelag Kannſt du, gehuͤllt in Weihrauchdunſt, Zu deiner Ehre ſicher nutzen. Damit du aber nicht auf Gunſt, 324 Vielmehr auf Rechte mögeſt trutzen, So haben wir in aller Fruͤh, Mit wahrlich nicht geringer Muͤh, Als waͤr's um Gold und Ordensbaͤnder, Vom rieſenfoͤrm'gen Staatskalender, Gedruckt fuͤr Juͤlich und fur Berg, Herab bis auf den kleinſten Zwerg Von Almanach, dergleichen viel Im alten und im neuen Styl, Aus manchem Land, aus manchem Stift, Mit grober und mit feiner Schrift, Mit Reimen und mit Kupferſtichen, Genau durchblaͤttert und verglichen, Und draus erſehen: Daß ſo klar Wie unſre Mondenzahl im Jahr, Daß, ſo beſtimmt und ausgemacht, Wie Sommertag und Winternacht, Wie Fruͤhlingsanfang und Beſchluß, Am vierten dieſes, Carolus, Und Carl, im Feſttag', einerley Mit Carolin' und Lottchen ſey; Und fertigen hiermit, zur Steuer Der Wahrheit, dieſes Dokument, Um dir bis an dein ſelig End Zu ſichern deine Namensfeyer⸗ 2— Der Himmel ſende jedesmal Sie dir auf lichtem Morgenſtrahl, Um welchen Purpurwolken ſcherzen: Da muß die Freude ſtill und rein In deinem jungfraͤulichen Herzen, Wie eine Perl' im Golde, ſeyn! An den Herrn Rector Reitz, meinen ehemaligen Lehrer, in Duͤſſeldorf. Pempelfort bey Düſſeldorf, den 24. Oktober 1778. Wer Zauberlieder ſingen will, Uum auf dem Meer die Wogen ſtill, In Golͤgebirgen ſchwarze Drachen Der zahmen Taube gleich zu machen; Wer Zauberlieder ſingen will, Den kalten Jenner zum April Sich umzuſchaffen, und Violen Aus tiefem Eis hervorzuholen— Der muß bey krauſem Talismann, Beym Wirrwar fein geſchlungner Faͤden, In Mitternaͤchten dann und wann Mit Geiſtern aus der Hoͤlle reden. und ach! wer Lieder ſingen will, Den Aufruhr in der Seele ſtill, Des Neides finſtern Blick zum Lachen, Und ſchweren Kummer leicht zu machen— 527 Den wird gewiß fuͤr ſolche Kunſt Sein eigen Herz, der Menſchen Gunſt Mit tauſendfacher Freude. lohnen; Oft aber wird, aus Hoͤllendunſt Gezeugt, mit ſeinen Legionen Von ungeſtalten Qualdaͤmonen, Der Hypochonder bey ihm wohnen. Um Leyer und um Lorberkranz Beginnen ſte den Fratzentanz; Sie wedeln mit dem Otternſchwanz, Und oͤffnen weit die Eulenſchnaͤbel: Da hilft uns kaͤmpfende Vernunft, Zu ſteuern dieſer frechen Zunft, So wenig als der beſte Saͤbel Dem Helden tief im Schattenreich; Sie mehren ſich auf jeden Streich; Man haut ſich matt, und ſpaltet Rebel. Das einzige, was Sicherheit Gewaͤhren kann, was von dem Grimme Des Hypochonders uns befreyt, Iſt eines Maͤdchens holde Stimme, Iſt eines Freundes Angeſicht.— Wenn jenes ſuͤße Worte ſpricht, Wenn dieſer treu die Hand uns reichet, 328 Dann kraͤht der Hahn zum Morgenlicht, Und jedes Nachtgeſpenſt entweichet. O Freund! ob meine Lieder gleich Mich nicht den Meiſtern zugeſellten, So laͤßt mich dennoch, truͤb und bleich, Ein Kobold den Geſang entgelten; Ich aber leid' es ohne Schelten, Und klage nicht den Himmel an. Wo lebt der nervenfeſte Mann, Deß harte Fauſt den Hammer fuͤhren, Zugleich die Saiten zaͤrtlich ruͤhren, Und Gram in Wonne ſchmelzen kann? Ich klage nicht den Himmel an; Denn was mich ploͤtzlich oft erſchuͤttert, Wenn Berg und Kluft den Hagel wittert, Und Schwermuth in die Waͤlder ſinkt, Iſt eben das, was mich durchzittert, Wenn mir im Thau die Roſe blinkt; Denn eben dieſe Phantaſie, Die manchen Tag, ich weiß nicht wie, Gleich ſcheuen Roſſen, da ſich baͤumt, Wo von Gefahren keinem traͤumt, Ermannt die Seele wiederum. Wenn, ohne Blatt und Vogel, ſtumm Der Luſthain iſt, die Eichen aͤchzen, Am ſtarren Fluß die Raben kraͤchzen; Wenn hinter blank gefrorner Au Geſtorbne Buͤſche, dunkelgrau, Im Feuerroth des Abends glaͤnzen, Und hohe Pappeln, zwiſchen Eis, Den Fuß beſchneyt, den Wipfel weiß, Mit Epheu ſich den Stamm bekraͤnzen; Dann ſehen Tauſende die Flur In allgemeiner Trauer nur. Doch mir verſchleyert die Natur, Beſtaͤndig mild und groß und kuͤhn, Nicht ihren Schmuck; der Tanne Gruͤn, Auf Silberſchnee der Sonne Gluth, Giebt meinem Herzen Kraft und Muth, Ihr Mutterantlitz mit Vertrauen Und vollem Jubel anzuſchauen. So, Freund, ſo mach' ich jederzeit Die Richtung mir von Gluͤck und Leid, Und bin zufrieden mit der Summe; Bins heute noch, da beym Gebrumme Des Schornſteins, mir zum Weh und Ach, Der Reiter auf des Nachbars Dach Vom dunkeln regenhaften Weſt 330 Den Pferdekopf ſich drehen laͤßt, und hinter ihm mein Daͤmon reitet, Der blut'gen Krieg auf mich und Peſt Im Windgeheule niederleitet. Du aber laß ihm heute nicht Den kecken Spaß an mir gelingen; Und weil's an Maͤdchen hier gebricht, Die ſpottend ihn zu Ruhe zwingen, So weiſe mir dein Angeſicht, Dein Biederauge, ſonder Harm: Da wollen wir dem ganzen Schwarm Von Zwergen, Fledermaͤuſen, Drachen, Und allen Sorgen Beine machen. Die Spinne und der Haͤnfling. In einer durch die Kunſt gemachten Wuͤſteney, An einer Gartenklauſ', erbaut fuͤr junge Damen Und Ritter, die nicht oft hineinzuſchauen kamen, Hing eine Spinne, froh und frey, Als Eremit im engen Fenſterrahmen, Begann ihr Werk, und ſah dabey Im wilden Luſtgehoͤlz von Birken, Ulmen, Buchen, Verſchiedne Voͤgel mancherley Zu Neſtern ſich zuſammenſuchen. Ein wohlerfahrner Haͤnfling zog Auf einen Aſt, der ſeine Zweige bog, Der Spinne Fenſter zu beſchatten. In voller Arbeit huͤpft' und flog Das Haͤnflingsweibchen hin und wieder mit dem Gatten; Indeſſen jene bloß auf ihre Faͤden ſann, Und aus ſich ſelbſt den Zeug der Huͤtte ſpann. Die armen Voͤglein! hub ſie an: Wie Mann und Weibchen ſich um ihren Bann ermatten! Was holen ſie von Oſt und Weſt 53²2 Nicht alles her! Und ſteht das Neſt— Dann neue Sorge, ſtetes Reiſen Durch Garten, Hof und Feld, die junge Brut zu ſpeiſen! Dann fuͤrchten ſie des Hauſes jaͤhen Sturz, Wenn Knaben durch die Hecken rauſchen; Und flattern auf, und jammern: Kurz! Ich moͤchte nicht mit ihnen tauſchen. Der Haͤnfling war ſo eben recht Zum Horchen auf den Aſt gekommen, Hatt' uͤber ſich und ſein Geſchlecht Die weiſe Rede wohl vernommen, Und flog zum Fenſterrahmen hin! Und ſagte:„Liebe Nachbarin! Ich lobe deinen klugen Sinn, Der zwiſchen kahlen, finſtern Mauern Dich hier ſo gluͤcklich macht in deinem Selbſt⸗ . geſpinn, Als ich im gruͤnen Walde bin; Uns aber mußt du nicht bedauern. Im gruͤnen Walde giebt es zwar Nicht wenig Arbeit und Gefahr; Jedoch auf Freude hofft umſonſt, wer nie will trauern. b V V V Zum Niſten mir, und dir zum Weben.“ 553 Schon oͤfter wurde mir um Neſt und Futter bang; Dann regt' ich mich, entfloh dem Untergang; Und heller durch den Buſch ertoͤnte mein Geſang. Ich daͤchte, liebe Nachbarin! Es waͤre wohl in dieſem Leben Verluſt bey jeglichem Gewinn; Ich daͤchte, liebe Nachbarin! Wir nutzten das, was uns Natur gegeben, Ueber J. J. Rouſſeau. Seinen Freunden gewidmet*). Pempelfort, den 26. July 1778. Johann Jakob Rouſſeau, Buͤrger von Genf, gehoͤrt unter diejenigen, welche der Himmel in gewiſſen Zeitaltern aus vielen Tauſenden auszu⸗ waͤhlen und zu ſenden ſcheint, damit ſie durch Wort und That auf die YNoͤlker umher wirken. Jeder von dieſen wird zu ſeinem eigenen hohen Beruf durch eigene Vorbereitungen tuͤchtig ge⸗ macht. Soll er da, wo Leichtſinn und Weich⸗ lichkeit die Erde Gottes verderben und grauſame *) Alſo gleich nach Rouſſeau's Tode, weßwegen über ſeine ſpäter erſchienenen Confeſſionen nichts ge⸗ ſagt werden konnte.— Da dieſer Auffaß, wenn er einiges Intereſſe hat, es eben dadurch erhält, daß er zu jener Zeit geſchrieben wurde, ſo habe ich mir nicht erlaubt, etwas Weſentliches darin zu ändern. Wuͤſtlinge zeugen, mit ernſter Wahrheit auftre⸗ ten, und mit ſtrengen Sitten, ſo muß er ver⸗ fuͤhrt— durch Reue gelaͤutert, wiederum ge⸗ pruͤft, durch manchen Kampf gehaͤrtet, durch Man⸗ gel zur Genuͤgſamkeit, durch Noth zu Verlaͤug⸗ nungen gewoͤhnt, ſtark und feſt, und— weil er ein Menſch bleibt— unbiegſamer, vielleicht un⸗ freundlicher werden als ſeine Geſellen. Maͤchti⸗ ges Gefuͤhl ſeiner Beſtimmung wird ihn aufrecht erhalten, wenn die Großen und Weiſen ihn ver⸗ achten; aber Irrthum und Schwachheit erinnern ihn, daß er unſers Gleichen ſey. Waͤr' es auch irgend einem Sterblichen gegeben, in allem Re⸗ den und Thun nie von der Grenzlinie des Gu⸗ ten und Schoͤnen hinuͤber oder heruͤber zu wei⸗ chen, das genaueſte Maß zu halten in jedem Dinge, ſo duͤrft' ein ſolcher zur Bewirkung wich⸗ tiger Veraͤnderungen nicht allezeit taugen. In ſeiner einfaͤltigen, ſtillen Hoheit, wofuͤr ſo We⸗ nige feinen Sinn genug haben, moͤcht' er unbe⸗ merkt herumwandeln; und ob ein Edler ihn faͤnde, ihn aus ſeiner Dunkelheit hervorzoͤge und dem Volke wieſe, ſo waͤre der Fingerzeig umfonſt. Er verloͤre ſich bald wieder unter den Uebrigen. Der Eine, der am Fluͤgel der Kriegsreihen ſei⸗ 556 nen Gefaͤhrten in ihren Waffenuͤbungen zum Mu⸗ ſter dienen ſoll, wozu huͤlf' er, wenn er nicht durch ſtaͤrkere Bewegungen, ſtaͤrker als ſie fuͤr ihn allein noͤthig waͤren, ſich vor den andern aus⸗ zeichnete? Seine Gefaͤhrten ſchauen auf ihn, und bey der Menge wird der Zweck des Anfuͤh⸗ rers erreicht. Von der erſten Jugend des Genferbuͤrger laͤßt ſich aus ein paar Stellen ſeiner Schriften nur wenig errathen. Mit tiefem Gefuͤhl, mit reizbaren Sinnen, gluͤhender Einbildungskraft und einem Herzen ohne Falſch ging er in die Welt, und gab dem Geſchicke, von dem er an Guͤtern nicht viel empfangen hatte, ſich preis. Er wurde gelockt, und folgte, bis er um Alles betrogen war; um ſein Vaterland, um ſeine Re⸗ ligion, um die Achtung beſſerer Menſchen, und um das Zutrauen zu ſich ſelbſt. Doch bedurfte letzteres nur der Stimme eines Freundes, ſo war es wieder gewonnen; denn er hatte das Elend erdulden gelernt, aber nicht die Schmach; war der Verzweiflung an Wahrheit nahe gekommen, aber in ihr nicht ſicher geworden, und tief in ſeinem Herzen ſchlummerte noch Liebe. Die Freun⸗ desſtimme kam zu dem Verlaſſenen, und mit 537 ihr neuer Muth, Ahndung eines reinern Lebens, Hoffnung und Kraft, Glauben an Gott und an Menſchen. In der Ferne ging ihm ein Licht auf; das erhellte nicht alle Schatten neben ihm, aber es verkuͤndigte den Anbruch eines ſchoͤnern Tages voll Klarheit. Des Lichtes wurde er froh; und erwachte Liebe vollendete das Werk. Hat einer ſich von der Tu⸗ gend verirrt; viel gelitten, viel gerungen; dann ſie wieder erlangt— ſo haͤlt er feſter an ihr, be⸗ wahrt ſie mit aͤngſtlicher Sorge, und argwoͤhnt uͤberall einen Feind. Ihn haben Engelsgeſichter ins Elend geſungen; aus den friedlichen Gebuͤ⸗ ſchen ſind Harpyen herbeygeflogen, giftigen Un⸗ rath zu werfen auf ſein Mahl. Jahre lang, immer von Neuem getaͤuſcht, erkennt er den Werth deſſen, was nicht taͤuſchen kann, und umfaßt es mit gan⸗ zer Seele. Rouſſeau nahm zum Wahlſpruch: Das Leben fuͤr die Wahrheit! So keyrte von ſeinen Verirrungen er zuruͤck. Seine Re⸗ ligion, und ſein Vaterland, nach welchem er ſich vergebens ſehnte, wurden ihm theurer als je. Mit wißbegierigem, tiefem, ſcharfem Geiſt, hatt' er viel geleſen, doch mehr in Menſchen als in Buchern geforſcht; in derühmten Werken der II. 11* 35⁸ Neuern Manches gefunden, das in alten, bereits vergeßnen, weit beſſer ſtand; hatte gepruͤft, be⸗ richtigt und ſelber entdeckt— aber dem gewoͤhn⸗ lichen Drang ſolches oͤffentlich mitzutheilen, ſich bisher nicht uͤberlaſſen. Nun gab die Akademie zu Dijon eine Preisfrage auf, betreffend den Ein⸗ fluß der Kuͤnſte und Wiſſenſchaften auf die Sit⸗ ten; und nun konnte Rouſſeau jenem Drang nicht laͤnger widerſtehen. Er wußte aus Erfahrung, wie mit aͤchter Tu⸗ gend die Einfalt ſo nahe verwandt ſey, wußte aus der Geſchichte, wie Kuͤnſte und Wiſſenſchaf⸗ ten oft der Ueppigkeit die Hand boten; war in Italien geweſen, auf dem Grabe ſo vieler Roͤ⸗ miſchen Philoſophen, Reoͤner und Dichter, bey den Ueberbleibſeln der aus Griechenland dahin gebrachten Kunſt; aber auch zwiſchen den Truͤm⸗ mern einer in Kurzem durch Wolluſt zerſtoͤrten Herrlichkeit. In praͤchtigen Tempeln hatt' er Heilige von Raphael und Guido geſehen, und Buͤbereyen in den Haͤuſern derer, welche die Tempel bedienten. Durchdrungen hiervon konnt' er, ohne ſonderbar ſeyn zu wollen, auf die Frage der Akademie eine ſonderbare Antwort ſchreiben. 3 559 Das Geruͤcht hiervon erſcholl in alle Gegenden von Europa, wo Gelehrte wohnen. Es war in ſeinem Aufſatze die maͤchtige Beredſamkeit eines Mannes, der anfaͤnglich fuͤr ſich, nicht fuͤr An⸗ dere gelernt hatte, und welchem es jetzt, da er lehrte, nicht um Worte, ſondern um Sachen zu thun war. Sein Geiſt ſchmiegte ſich nicht in die gewoͤhnliche Sprache; ſondern bildete ſich eine, ſo wie er ſie brauchte, frey und kuͤhn, ihm ei⸗ genthuͤmlich, wie ſein Gedankenſyſtem. Eine ge⸗ wiſſe Macht uͤber die Geiſter, mit Wohlwollen vereint, iſt Wonne der Gottheit; und wer ſeine Luſt hat an großen, ſchoͤnen Seelen, wie ſollte dem nicht das Zeugniß der Edlen und Großen gefallen, daß er unter ihnen eine Stelle verdiene? Rouſſeau, der ungeachtete Fremdling, erwarb ſich Ruhm, und ſah einen weiten Kreis fuͤr ſich offen, darin zu wirken. Er ſchrieb weiter. Eine neue Preisaufgabe eben derſelben Akademie, wel⸗ cher er die vorige beantwortet hatte, veranlaßte ihn, uͤber den Urſprung der Ungleichheit unter den Menſchen nachzudenken, und zu forſchen: Ob ſolche im Rechte der Natur gegruͤndet ſey. Rouſſeau hielt den wilden und den gelitteten Menſchen gegeneinander. Mein und dein, Ver⸗ 340 mehrung des erſteren, Reichthum, und daraus entſtehende Uebermacht und Ueppigkeit ſah' er fuͤr die Quelle des tauſendfachſten Elends, der unzaͤh⸗ ligen Verbrechen an, die nur in gebildeten Staa⸗ ten gefunden werden. Voll Unmuths daruͤber, daß die Bande, welche man zu ruͤhmen pflegt, als vereinigten ſie uns zu gegenſeitiger Huͤlfe— daß eben dieſe fuͤr die mehrſten zu druͤckenden Feſſeln wuͤrden, daß felten innerer Werth, ge⸗ meiniglich aͤußere, zufaͤllige Vortheile den Rang in der Geſellſchaft anwieſen; daß der Vornehme auf den Geringen, wie er ſelbſt in ſeiner Nied⸗ rigkeit empfunden hatte, ſo ſtolz herabſaͤhe, der Gewaltige ganze Voͤlker ſeiner Leidenſchaft auf⸗ opferte— voll Ekels vor den falſchen, geborg⸗ ten, gleißenden Weſen der ſogenannten großen Welt, in der ſein Naturgefuͤhl zum Spotte wurde, ſagte er zu ſeinen Bruͤdern:„Kommt in die Waͤl⸗ der, und werdet Menſchen! Liebe zum Sonderbaren mußte das nicht— es konnte wirkliche Verſtimmung, eine Art von Laune ſeyn, worin er die Dinge ſah, wie er ſie zeigte, die freylich ihn zu weit fuͤhrte; aber ohne welche das, was er ſeinen Zeitgenoſſen wahrhaft Nützliches predigte, minder nachdräcklich gewe⸗ ſen waͤre. 541 Bald darauf beſchuldigten ihn die Franzoſen: Er habe ihre Sprache fuͤr untauglich zur Muſik erklaͤrt, gegen Schauſpiele geeifert, und ſelber franzoͤſiſche Opern und Comoͤdien gemacht. Bey⸗ des hat er gethan. Warum aber ſollt' er, un⸗ geachtet der erſten Behauptung, nicht in einem kleinen Singſpiele verſuchen, in wie weit man die von ihm angegebenen Schwierigkeiten desſelben zu erleichtern vermoͤchte; zumal, da die Pariſer, vor wie noch, uberall ihre Arietten trillerten? Warum ſollt' er nicht in Form eines Luſtſpiels etwas herausgeben, ob er gleich das Theater, welches er großen verdorbnen Staͤdten als eine heilſame Zerſtreuung empfahl, den kleinen oder wenig verdorbnen, als nachtheilig, widerrieth? Noch ſtritten Autoren und Weltleute fuͤr und gegen Rouſſeau: Da erſchien ſeine Julie, vor welcher er ganz unſchuldige Maͤdchen warnte. Unter ganz unſchuldigen Maͤdchen verſtand er die⸗ jenigen, die nie einen Roman geleſen haͤtten, in deren Phantaſie kein Funke von Leidenſchaft ge⸗ fallen waͤre! die von Liebe nichts wuͤßten, nur Ahndung truͤgen in ihrem lautern„fuͤr beſchraͤnkte haͤusliche Freuden ſich aufbewahrenden Herzen. Dieſen verbot er auch ſeinen Roman. Julie und 542 ihr Liebhaber, wohnend am Fuße der Alpen, horchend auf die Stimme der Natur, da, wo ſie vom hohen Gipfel herunter ſpricht in ernſter Ma⸗ jeſtaͤt; beyde voll wahren, warmen Gefuͤhls, voll der Liebe, die vom Himmel in auserwaͤhlte See⸗ len kommt, und bleibt, und duldet, bis ſie mit ihnen dahin zuruͤckkehrt, von wannen ſie ausging— Julie und ihr Liebhaber machten in Frankreich, wo die Liebe leichtſinnig um den Putztiſch flattert, und in der Schweiz, wo Jungfraͤulichkeit noch et⸗ was Heiliges iſt, in jedem dieſer Laͤnder einen verſchiedenen, in beyden zugleich einen ſtarken Ein⸗ druck. Wer das Buch las, fuͤhlte ſein Herz ſchlagen. Er fuͤhlte, wie Menſchenherz ein ſo ſchwaches Ding ſey, wie aber ohne das ſelbe keine Wonne des Lebens waͤre. Rouſſeau hatte ſich vor allen ſeinen Schriften einen Buͤrger von Genf genannt, weil er ſtolz auf dieſen Geburtsort war; in einer der ſpaͤtern ge⸗ dacht' er mit der zaͤrtlichſten Anhaͤnglichkeit ſeines Vaterlandes, und pries auf eine ruͤhrende Weiſe die Religion desſelben. Ihm ahndete nicht, was er von den Einwohnern eben des Landes, und von den Dienern eben der Religion wuͤrde leiden muͤßen. 345 Fuͤr einen denkenden Kopf und fuͤr ein liebendes Herz iſt wohl nichts trauriger, und zugleich em⸗ poͤꝛender, als zu ſehen, wie die beſte Religion, die jemals auf dem Erdboden ſich ausbreitete, ſo mancherley Mißbraͤuchen ausgeſetzt iſt: Wie ſo viele ihrer Anhaͤnger ſich zwar eines Geſand⸗ ten Gottes an ſie ruͤhmen, deſſen Lehre, ſo wie ſen Leben, in Lauterkeit und Wahrhaftigkeit der Stele, in thaͤtigem Wohlwollen, in Werken der Barmherzigkeit, in ausuͤbender Tugend beſtand; wie aber dennoch eben dieſe in ſeiner Lehre das⸗ jenige vernachlaͤß igen, was mit den klarſten, ein⸗ faͤltigſten Worten ihnen menſchliche Pflichten ge⸗ beut, und bey geheimen Spruͤchen verweilen, in deren Sinn, nach ihrem eignen Geſtaͤndniſſe, die Vernunſt des Weiſeſten nicht voͤllig einzudringen vermag: Wie ſie ebenfalls ſich mehr um das Wunderbare ſeiner Lebensgeſchichte bekuͤmmern, als Fleiß anwenden, ihm da zu folgen, wo er offenbar, der mildeſte und erhabenſte unter den Menſchen ihnen zum Vorbilde gelaſſen iſt. Da ſtreiten ſie mit einander uͤber Meinungen und Gebraͤuche, feinden ſich an, demjenigen zu Ehren aus deſſen Munde nie ein Fluch uͤber Irrende kam, indem ſeine Strafpredigten nur die Laſter 34* trafen; der auf jedem Huͤgel einen Tempel zum Beten fand, und deſſen Gottesdienſt helfende oder troͤſtende Liebe war. Je unbegreiflicher die Geheimniſſe, deſto wichtiger ſind ihnen die Mi⸗ nungen daruͤber, und ſolchen Glauben achten ſe hoͤher, als das Thun. Andere, weil ſie an de⸗ ſen oder jenen Geheimniſſen, an dieſen oder je⸗ nen Wundern des Evangeliums zweifeln, aͤngſi⸗ gen ſich, und verlieren den Muth, die inmre Kraft des Evangeliums, Frieden und Liebe, auf ſich wirken zu laſſen. Noch andere verwerſen, um jener Zweifel willen, die Sittenlehre der Chri⸗ ſten, und weichen ab von allem Guten. Rouſſeau hatte den mannigfaltigen Mifbrauch deſſen, was die Menſchen vorgeben, daß es ihnen am Heiligſten ſey, uͤberall geſehen; inſenderheit aber an ſich ſelbſt erfahren, welchen Nachtheil es bringe, wenn man dem Zweifler an gewiſſen hi⸗ ſtoriſchen Wahrheiten, der redlich iſt, der bey Annehmung derſelben mehr gewinnen als verlieren wuͤrde, wenn man ihm jeden Antheil an reiner Tugend, jede gegruͤndete Hoffnung fuͤr dieſe und die zukuͤnftige Welt abſpreche. Außerdem kannte Rouſſeau eine Menge von Zweiflern, die, weil ſie nicht Alles glauben konnten, was ſie gelehrt waren, nichts glaubten; die, ohne Zuverſicht, ohne weiteres Hinausſchauen, fuͤr den Augen⸗ blick lebten, fuͤr die Luſt eines Augenblicks; im Garten Gottes die herrlichſten Pflanzen verdar⸗ ben, weil ſie nicht erwarteten, daß ſie dereinſt zum Paradies um ſie her aufwuͤchſen. Wie konnte der Genferbuͤrger, mit dieſer innern, feſten Ue⸗ berzeugung, mit einem fuͤr das Gluͤck der Men⸗ ſchen beſorgten Herzen, und mit dem Bewußtſeyn der Staͤrke ſeiner Beredtſamkeit, da er ein Buch uͤber die Erziehung ſchrieb, hiervon ſchweigen? Im Emile ſonderte er die ſpekulativen Wahr⸗ heiten der Religion von denen ab, deren Einfluß auf unſer Leben niemand laͤugnen wird. „Sobald ihr mit unbefangener Seele den Schrif⸗ ten des Evangeliums euch naͤhert, werdet ihr die Majeſtaͤt derſelben empfinden. Der, welcher es verkuͤndigt, war gewiß kein Betruͤger; und die von ihm zeugten, waren es auch nicht. In ſei⸗ ner Lehre, in ſeinem Leben iſt er mehr, als Alle, die vor ihm waren, und ſein Tod iſt der Hin⸗ gang eines in Menſchheit gehuͤllten Gottes. Zu⸗ gleich aber findet ihr in eben den Schriften Dinge, welche der Vernunft widerſprechen. Koͤnnt ihr die Schwierigkeit nicht loͤſen, ſo gruͤbelt nicht, ſondern 346 bleibt in einem heiligen Zweifel; demuͤthigt euch vor der hoͤchſten Weisheit, und bittet, daß ſie euch erleuchte. Seyd deſto eifriger und getreuer in Erfuͤllung alles deſſen, was jede redliche Seele darin fuͤr wahr und gut erkennen muß. Ein un⸗ freywilliger Irrthum des Verſtandes wird euch nicht auf ewig ungluͤcklich machen; ihr werdet nach euern Thaten gerichtet werden.“ Dieß iſt der Inbegriff deſſen, was Rouſſeau zuerſt ſeine Julie auf dem Sterbebette, nachher ſeinen Vikar aus Savoyen im Emile ſagen laͤßt. Kaum war das Glaubensbekenntniß des letztern abgedruckt, ſo erging in Paris, wo der Verfaſſer damals wohnte, gegen ihn einen Verhaftungsbe⸗ fehl. Er entwich, und hoffte Zuflucht bey ſeinen Landsleuten. Der Erzbiſchof von Paris verfolgte ihn mit einem Hirtenbrief, und nannte ihn einen Gottloſen, einen Verfuͤhrer. Rouſſeau antwor⸗ tete ihm mit Ehrfurcht, welche dem Hoͤheren ge⸗ buͤhrt; aber auch mit der Kuͤhnheit eines Mannes, der im Dienſte der Wahrheit jedem gleich iſt; der, entſchloſſen, fuͤr die Wahrheit zu ſterben, vor keinem ſich fuͤrchtet. Er antwortete: Nicht er ſey der Gottloſe; die Gottloſen ſeyen diejenigen, die ſich Gottes Gericht anmaßen. Darauf fragt er: 547 Ihr guten unſchuldigen Herzen! Hab' ich euch ver⸗ fuͤhrt?— Nirgend ſicher, begab ſich Rouſſeau nach Mottier⸗Travers, einem Dorfe in der Graf⸗ ſchaft Neufchatel, unter den Schutz des Koͤnigs, deſſen Geiſt zu groß und zu hell iſt, um ſei⸗ nem Gebiete kleinen lichtſcheuen Geiſtern einige Macht über den forſchenden Weiſen zu laſſen*). Der vertriebene Buͤrger von Genf fand in dieſer Freyſtaͤtte, was er wuͤnſchte, und Gluͤckſeligkeit in dem Gedanken, hier unangefochten ſein von unheilbarer Krankheit und beſchwerlichem Alter gedruͤcktes Leben im Stillen zu endigen. Von jetzt an ſollte ſeine Feder ruhn, damit er Keines Frie⸗ den ſtoͤrte, und ſeinen eignen bewahrte. Da er ſeit den Kinderjahren nie unter Proteſtan⸗ ten gewohnt hatte, ſo war die Vereinigung mit denſelben ihm deſto ſuͤßer. Ihm gefiel ihr einfaͤl⸗ tiger Gottesdienſt; er beſuchte fleißig den Tem⸗ pel des Orts, erbaute ſich und Andere, gewann die Freundſchaft des Predigers und die Liebe der ganzen Gemeinde. Um ſo nahe, als moͤglich, mit dieſem guten Haͤuflein verbruͤdert zu werden, *) Man vergeſſe nicht das Datum dieſes Aufſatzes. 248 verlangte er um ſo ſehnlicher, eine Handlung zu verrichten, die an ſich ſelbſt ihm haͤuslich und troͤſt⸗ lich ſchien. Er bat um Zulaſſung zur Commu⸗ nion, und die wurde ihm gewaͤhrt. Als er ſeiner laͤndlichen Einſamkeit und des herzlichen Umgangs mit ſeinen Glaubensverwand⸗ ten recht froh zu werden anfing— da machten ſeine Freunde zu Genf es ihm zur Pflicht, ſie und ſich gegen die ſchmaͤhlichen Vorwuͤrfe zu ver⸗ theidigen, durch welche die dortigen Geiſtlichen, ſogar von der Kanzel, ſeinen Namen zum Greuel zu machen ſuchten. Zugleich begehrten eben die ſe Freunde, daß er das ungeſetzmaͤßige Verfahren des Genfer⸗Senats in ſeiner Sache, wie einen Eingriff in die Rechte freyer Burger darſtellte. Rouſſeau war zu allen Zeiten ein Lobredner der Freyheit geweſen, hatte ſeine Mitbuͤrger wegen der ihrigen gluͤcklich geprieſen, bevor er vernu⸗ then konnte, daß ſeine perſoͤnlichen Angelegen⸗ heiten, in einem beſonderen Fall, ihn zur Ver⸗ theidigung derſelben bewegen wuͤrden. Er gab die beruͤchtigten Briefe heraus, geſchrieben vom Berge. Die Lauterkeit drr Abſichten in dem, welcher die Briefe ſchrieb, und in denen, welche dagegen 3½9 wuͤtheten, wollen wir dem Urtheil deſſen anheim⸗ ſtellen, der da recht richtet. Unterdeſſen blieb Rouſſeau mit ganzer Seele ſeiner Gemeinde zugethan, bekannte ſich feyerlich zur proteſtantiſchen Kirche, und begehrte wie⸗ derum das Abendmahl, über deſſen Verſtattung man ihm Schwierigkeiten machte. Viele Geiſtliche, zu Genf und an andern Orten, beunruhigten den Prediger zu Mottier⸗Travers wegen ſeiner Vertraͤglichkeit. Endlich gab dieſer nach, entfernte ſich von Rouſſeau, und die Ge⸗ muͤther der Gemeinde kamen in Aufruhr. Am Abend eines Buß⸗ und Communiontages lief man zum Hauſe von Rouſſeau, und warf nach deſſen Fenſtern mit Steinen. An dem fol⸗ genden Tage wurde er vom Poͤbel geſchimpft und verfolgt. Dennoch ging er ohne Begleiter und ohne Waffen in den Feldern umher. An ſeine Perſon wagte ſich niemand. Zuletzt erbrach man bey Nacht ſeine Thuͤre, und ein großer Stein fiel bey ſeinem Bette nieder. Rouſſeau, der von Schmerzen entkraͤftete, betagte Mann, auf deſſen Sitten auch ſeine gewiſſenloſeſten Feinde keinen Verdacht bringen konnten, welchem jeder das Zeugniß geben mußte: Er ſey waͤhrend ſeines 55⁰0 dortigen Aufenthalts, von Anfang bis zu Ende, ein Muſter der Beſcheidenheit und Maͤßigung, ein Vater der Ungluͤcklichen, ein Verpfleger der Nothduͤrftigen geweſen, mit denen er ſein Bischen Armuth getheilt habe— Rouſſeau gab den Ael⸗ teſten eines nahe gelegenen Dorfes, die eine ſichere Wohnung ihm anboten, weil ſie glaubten, daß er ihnen Segen braͤchte, dieſes Anerbieten, um ihrer eignen Rühe willen, zuruͤck. Er mußte von neuem fluͤchten, und hatte nicht, wohin er ſein Haupt legte. Die Obern eines deutſchen Kantons, von de⸗ nen er Schonung erwartete, geboten ihm, in der rauheſten Jahreszeit ihr Land binnen kurzer Friſt zu raͤumen. Er bat umſonſt um eine kleine Verlaͤngerung dieſer Friſt, umſonſt um ein Ge⸗ faͤngniß, wo er ohne Schreibzeug, ohne irgend eine Geſellſchaft nur ungequält dem Tod entgegen harren duͤrfte. Man trieb ihn von ſich, und üͤber⸗ ließ ihn der Gefahr, unterwegs umzukommen. Seine Freunde bewirkten ihm einen freyen Geleits⸗ brief nach Paris, wo die Philoſophen, die es verdroß, ſo viel Herz und ſo vielen Glauben in ihm zu finden, eben ſo grauſam ſeiner ſpotteten, als die Geiſtlichen ihn verfolgt hatten. Einen 551 Mann von ſo anerkanntem Genie, der einen Gott, eine Vorſehung, eine Unſterblichkeit lehrte, moch⸗ ten ſie nicht unter ſich dulden. Billiger gegen ihn war der engliſche Philoſoph Hume, der ihn mit in ſein Vaterland nahm. Rouſſeau naͤherte ſich der brittiſchen Kuͤſte, ſchoͤpfte die reinere Luft, betrat mit Jubel den Boden der Freyheit, fiel ſeinem Retter um den Hals, und begleitete ihn nach London. In London empfing man ihn mit aller der Schwaͤrmerey, deren jene Nation faͤhig iſt. Die Englaͤnder draͤngten ſich, ihn zu ſehen; die Damen trugen ſein Bild an ihren Arm⸗ baͤndern. Hume war ein guter, aber aͤußerſt kalter Mann, welcher Rouſſeau's Enthuſiasmus nicht begriff, und deſſen Waͤrme nicht erwiedern konnte. Rouſ⸗ ſeau, weil er ihn wie ſeinen einzigen treuen Gefaͤhrten in dieſer Welt anſah, betruͤbte ſich uͤber Hume's Gleichguͤltigkeit. Von allem, was er um⸗ faſſen wollte, weggeſtoßen, auf ſo mannigfaltige Weiſe betrogen, mit einer durch die ſchmerzhafte⸗ ſten Erfahrungen ſchwarz und menſchenfeindlich gewordenen Phantaſie, machte er ſich allerhand Schreckbilder, die ſeinem Freunde laͤcherlich duͤnk⸗ ten. Die Leichtigkeit, womit dieſer ihm ſolche 55² Geſpenſter⸗Erſcheinungen ausreden wollte, gab jenem Verdachte Raum, und einige, von leicht⸗ fertigen Englaͤndern ausgeſtreute launige Blaͤt⸗ ter gegen den aus Frankreich und der Schweiz vertriebenen Weltweiſen beſtaͤrkten ihn darin. Mißmuthig, verzweifelnd an Rechtſchaffenheit und Freundſchaft, ging er weg aus dem Lande, das er als ſeine letzte Zuflucht angeſehen hatte. Er kehrte unter einer ſtillſchweigenden Verguͤn⸗ ſtigung nach Paris zuruͤck, wurde anfaͤnglich vom neugierigen Volke überall umringt, nach⸗ her nicht mehr bemerkt, ſonderte je mehr und mehr von der Geſellſchaft ſich ab, ernaͤhrte ſich zum Theil mit Notenſchreiben, und ſammelte Kraͤuter. „Seit einiger Zeit,“ erzaͤhlt das Pariſer Journal vom ſechsten dieſes Monats,„war Rouſſeau Willens, Paris zu verlaſſen, aber auf inſtaͤndiges Bitten ſeiner Freunde bezog er gegen das Ende des letzten May's ein kleines Haus, welches dem Marquis von Girardin, Herrn von Ermenonville gehoͤrt, und ſehr nahe an deſſen Schloſſe gelegen iſt. Verwichenen Donnerſtag, am zweyten dieſes, als er Mor⸗ gens um neun Uhr vom Spatziergang zuruͤck⸗ 3⁵⁵ kehrte, hatte er einen Anfall von Schlagfluß, an dem er nach drittehalb Stunden verſchied. Sein Leichenbegaͤngniß beſorgte der Marquis von Girardin. Der Koͤrper wurde einbalſa⸗ mirt, in einen bleyernen Sarg verſchloſſen, und den naͤchſtfolgenden Sonnabend, den vierten dieſes, innerhalb des Parks von Ermenonville, auf der ſogenannten Pappelinſel beerdigt, in der Mitte des Teichs, welcher der kleine See heißt, und dem Schloſſe gen Suͤden liegt. Ueber ihm iſt ein ausgeſchmuͤcktes, ungefaͤhr ſechs Fuß hohes Grabmaal errichtet. Er wurde ge⸗ boren den acht und zwanzigſten Juny 1712. Wohl dem Freunde, welchem es aufbehalten war, in ſeinem Eigenthum der Aſche dieſes Mannes ein Stuͤckchen Erde zu ſchenken, auf angeerbtem Boden ihm ein Denkmaal zu ſetzen, und beydes ſeinen Blutsfreunden, vielleicht ſei⸗ nen Kindern zu hinterlaſſen! Ich kann nichts fuͤr ſeinen Schatten thun, als oͤffentlich beken⸗ nen, daß er mich in ſeinen Schriften der Natur naͤher fuͤhrte, meinem Herzen die reinſten Ge⸗ fuͤhle gab, meinem Geiſt emporhalf und einen Himmel von Liebe mich ahnden ließ. Im In⸗ nerſten meiner Seele habe ich ihn betrauert, Jacobi's Werke. I. 1³3 und betraure ihn noch, wenn ich in dieſer laͤnd⸗ lichen Gegend, zu der Zeit, da rings um mich alles ſchlaͤft, unter meinem Fenſter den Bach rauſchen, die Blaͤtter lispeln hoͤre, in die Nacht ſehe, und mich hinwuͤnſche zu ſeinem Grab auf die Pappelinſel. An J. J. Rouſſeau. Armer! bin ich werth, um dich zu weinen, Hier im fernen, deutſchen Baterland, O ſo laß mich.— Armer! von den Deinen, Als du Wahrheit ſuchteſt, weggebannt! Ausgehöhnt von ſtolzen Atheiſten, Weil du Glauben trugſt in deiner Bruſt, Und verfolgt von Prieſtern unter Chriſten, Gleich als dünkte ſie Verfolgen Engelsluſt! Ach! gehöhnt, weil dir ein innres Wort der Weihe Für dein Elend künft'gen Troſt verhieß; Ach! verfolgt, weil ohne Lieb' und Treue Man umſonſt dir ſeinen Glauben pries! Konnteſt nicht den bittern Lohn verſchmerzen Von dem Volke, dem du wohlgethan; Gingſt hinweg mit deinem Bruderherzen, Gingſt allein auf deiner Dornenbahn. Armer, Guter! ſchlafe jetzt in Frieden, Wo kein Prieſter dich, kein Gottesläugner drängt; Guter, Sdler! biſt dahin geſchieden. Wo die Einfalt ihre Kron' empfängt; Wo dem Märtyrer aus allen Himmelslichtern Sein errungner Glanz entgegen ſcheint, Lieb' und Ruh in allen Angeſichtern Um den hier Verſtoßnen ſich vereint.— Hin zu jenen Bäumen will ich wallen, Wo, von Menſchen weit, dein Lager ſanfter iſt: O da werden blut'ge Thränen fallen Ums Jahrhunderk, wenn es dich vergißt. Wo die Taub' in ſtillen Buchen Ihren Tauber ſich erwaͤhlt, Wo ſich Nachtigallen ſuchen, Und die Rebe ſich vermaͤhlt; Wo die Baͤche ſich vereinen, Ging ich oft mit leichtem Scherz, Ging ich oft mit bangem Weinen, Suchte mir ein liebend Herz. O, da gab die finſtre Laube Leiſen Troſt im Abendſchein; O, da kam ein ſuͤßer Glaube Mit dem Morgenglanz im Hain; Da vernahm ich's in den Winden, Ihr Gefluͤſter lehrte mich: Daß ich ſuchen ſollt', und finden, Finden, holde Liebe! dich. Trauer der Liebe. 357 Aber ach! wo blieb auf Erden, Holde Liebe, deine Spur? Lieben, um geliebt zu werden, Iſt das Loos der Engel nur. Statt der Wonne fand ich Schmerzen, Hing an dem, was mich verließ; Frieden giebt dem treuen Herzen Nur ein kuͤnftig Paradies. Die Perlke. Es ging ein Mann zur Fruͤhlingszeit Durch Buſch und Felder weit und breit Um Birke, Buch' und Erle; Der Baͤume Gruͤn im Mayenlicht, 3 Die Blumen drunter ſah' er nicht; Er ſuchte ſeine Perle. Die Perle war ſein hoͤchſtes Guk, Er hatt' um ſie des Meeres Fluth Durchſchifft und viel gelitten; Von ihr des Lebens Troſt gehofft, Im Buſen ſie bewahrt, und oft Dem Raͤuber abgeſtritten. Da ſucht' er nun mit Weh und Ach! Da wies man ihm den hellen Bach, Und drinn die goldne Schmerle; Nichts half der Bach im Sonnenglanz, Im Bache nichts der Schmerlen Tanz; Er ſuchte ſeine Perle. 3 —— Und ſuchen wird er immer ſo, Wird nicht des Lebens werden froh, Nicht mehr die Morgenſtunden Am purpurrothen Himmel ſehn; Berg auf und nieder muß er gehn, Bis daß er ſie gefunden. Der arme Pilger! So wie er, Geh' ich zur Fruͤhlingszeit umher Um Birke, Buch' und Erle; Des Mayen Wunder ſeh' ich nicht; Was aber, ach! was mir gebricht, Iſt mehr als eine Perle. Was mir gebricht, was ich verlor, Was ich zum hoͤchſten Gut erkor, Iſt Lieb' im treuen Herzen. Vergebens wall' ich auf und ab; Doch find' ich einſt ein kuͤhles Grab, Das endet alle Schmerzen. Die Nachtigall und der Stieglitz. Da, wo des Buſches Wiederhall Am reinſten war, da ſaß auf ihrer Eiche, Verborgen, eine Nachtigall; Und Knaben plaͤtſcherten nicht weit davon im Teiche. Sie ſaß, und ſang in Fried' und Ruh; Die Voͤgel hoͤrten ihr auf allen Aeſten zu. Ach! aber weg vom Bade ſcohlich Ein Knabe zu dem Baum, und ſcharrte Den Boden auf, und ſtellte ſich Am nahen Schlehdorn auf die Warte. Die Nachtigall iſt treu und gut, Man kann ſie leichtlich uͤberraſchen; Sie glaubte jetzt, ein Wuͤrmchen zu erhaſchen, Und flog herab mit unbeſorgtem Muth, Als, wie ein Blitz, des Knaben Hut 361 Die arme Saͤngerin bedeckte, Und ſie durch ihr Geſchrey den Buſch zu Kla⸗ gen weckte. Das groͤßte Mitleid trug Mit ihr ein Stieglitz, alt und klug, Von jener Art, die nimmer unterlaſſen, Ihr Troͤſtungswort als Predigt abzufaſſen. Der ſagte: Liebe Nachtigall! Von Herzen dauert mich dein unverhoffter Fall. Die Welt iſt ſchlimm; es giebt der loſen Geſellen jetzund uͤberall. Daß aber auch ihr Virtuoſen In eurem Thun und Dichten jederzeit So neu, ſo albern ſeyd, Als wuͤchſen euch die Fluͤgel eben! Auf eines Kindes Wink ſich alſo Preis zu geben, Fuͤr Meiſterſaͤnger, welche Schmach! Die winſelnde Gefangne ſprach: O Freundin! ſoll ich nicht dem Menſchen mich vertrauen? Ich nehm' in Gaͤrten, Feldern, Auen 363a Ihm nichts, bin keinem ſe zur Laſt; Dem Muͤden ſing' ich gern bey ſeiner Abendraſt, Und hoffte Schutz und Lohn von ihm, der ſolche Gruben Mir graͤbt im unverdaͤcht'gen Hain. Du konnteſt, ſiel der Stieglitz ein, Von Maͤnnern deß gewaͤrtig ſeyn; Doch, liebe Nachtigall, von Buben, Von Lotterbuben, nein! Die Fuͤrſten, 1779. Der Fuͤrſten giebt es mancherley. Auf ſtolzen Alpen, kuͤhn und frey, Erbaut der Adler ſeinen Sitz, Und ſendet weit der Augen Blitz Umher in hoher, hoher Luft, Und wittert in die ferne Kluft. Er fliegt, und ſchreckt, und kaͤmpft, und ſchafft, Was ihn geluͤſtet, heldenhaft, Mit eignem Willen, eigner Kraft. Der Kartenkoͤnig, ſo genannt Obwb ſeinem Zepter in der Hand, DOob ſeinem farbigen Talar, Und ob der Hofbedienten Schar, Die alle zu Gebot ihm ſtehn, 3 Und, wenn er's fordert, mit ihm gehn— Der Kartenkoͤnig, taub und blind, Iſt Karte, wie die andern ſind, Stolzieret nur in ſolcher Pracht, „Weil ihn der Maler bunt gemacht; Thut ſelber nichts, iſt immer Knecht, Bey Guten gut, bey Schlechten ſchlecht, Und, je nachdem ſein Loos ihm fiel, Der Klugen und der Narren Spiel. Geſundheit auf Gleims Geburtstag. Der Grieche war dem Schoͤnen hold Bey gruͤn umwundnen Schalen; Der Deutſche, wie des Bechers Gold, So treu bey ſeinen Mahlen: Dem Schoͤnen hold iſt unſer Sinn, Das Herz iſt aͤcht und bieder: Nimm dieſes Glas, o Vater! hin, Wir kraͤnzen oft es wieder! An die Nachtigall. Suͤß, du im Hain Verborgene! Steigt dein Geſang empor; O Nachtigall, du Klagende! Sing' mir dein Leiden vor. Gern iſt der Hoffnungsloſe Dem Trauerliede nah, Wenn er die letzte Roſe Des Lebens welken ſah. K lag e. Ihr bangen, ſchwarzen Stunden! Wann endet eure Qual? Nach tauſend blut'gen Wunden Berreiß, o Herz, einmal! Dieß hoffnungsloſe Pochen Iſt mehr als Todesſchmerz: Was, ach! haſt du verbrochen, Getreues, armes Herz? Des letzten Sterns erblaßt; Entwichen mir auf immer, Was liebend ich umfaßt! Noch oft wird auf und nieder Das Licht des Himmels gehn; Ihr Augen ſollt nicht wieder Den Tag der Liebe ſehn. Iſt doch der matte Schimmer V Die Theaͤnen ſind verloren, Die wir ſo lang geweint; Kein Herz fuͤr mich geboren, So weit die Sonne ſcheint: So weit auf Berg und Hoͤhle Der Mond herunter ſchaut, Nicht Eine gute Seele, Die meiner ſich vertraut! Willkommen, kalter Schauer! Du Nachtgefluͤſter du! Willkommen meiner Trauer! Im Grabe nur iſt Ruh. Die Treu, im Todtenkranze Getroͤſtet und verſoͤhnt, Erhebt ſich da zum Glanze Des Himmels, der ſie kroͤnt. Herbſtlied. Nicht lobenswuͤrdig iſt der Mann, Noch mir des Neides werth, Der nur mit prunkendem Geſpann Um ſeine Gaͤrten faͤhrt; An jedem Baum voruͤber zieht, Als waͤr es ſein Palaſt— So ſtolz und kalt— nicht aufwaͤrts ſieht Zum fruchtbelanen Aſt; Im Schooß der Buhlen, o Natur! Dich ohne Luſt erblickt; Zu deinem Mutterfeſte nur Die Tageloͤhner ſchickt. Dagegen halt' ich neidenswerth, Und lobe mir den Mann, Der ſich von ſeinen Früchten naͤhrt, Und deß ſich freuen kann; Der unter ſeinen Blumen wohnt; Sie anzuſchauen ging, Bevor der Zweig im Fruͤhlingsmond Die erſte Bluͤth' empfing; Bey Regen und bey Sonnenſtrahl Und in bereifter Nacht, Mit Liebesſorge jedesmal An ſeine Blume dacht', Und ſo die Fruͤchte wachſen ſah, Von ſuͤßer Hoffnung voll; Und nun der reichen Ernte nah, Sie alle brechen ſoll. Ihn preiſ' ich, der die Baͤume groß Gebetet und gepflegt; Die Birn mit Lachen in den Schooß Des treuen Weibes legt. Ihn preiſ' ich, wenn um ſeinen Baum Ein Haͤufchen Kinder ſingt, Mit Backen friſch und roth, daß kaum Der Apfel roͤther blinkt. Da lehnt an ſeine Gartenthuͤr Die Wittwe ſich, und blickt I. 14* * 569 570 Aufs arme Waislein neben ihr, Dem keiner Fruͤchte pfluͤckt. Weil er die Wittwe troͤſten kann Mit dem, was Gott beſchert, Deßwegen lob ich mir den Mann⸗ Und halt' ihn neidenswerth. Auf einer Maskerade. In den Blumenkorb einer Gärtnerin J. Ein drolliges Gemiſch von mancherley Geſchoͤpfen Iſt dieſe große Gotteswelt. Den Dornen und den Diſtelkoͤpfen Sind Tauſendſchoͤnchen beygeſellt: Das alles waͤchst auf Feld und Au, Hat Sonne, Regen, Wind und Thau, Und iſt zu etwas gut hienieden. Wohlan! ſo laſſen wir in Frieden Es alles durch einander ſtehn, Indem, zu Kraͤnzen uns beſchieden, Wie Tauſendſchoͤnchen pfluͤcken gehn⸗. Auf das Buch einer Zauberin, welches drey Schleifen von drey ungleichen Farben hakte. II. Drey„ und drey, und aber drey: Strom zuruͤck! Fels herbey! Drey, und drey, und aber drey: Mond herunter! Herauf die Todten! Koͤnnteſt du loͤſen die heiligen Knoten,* Wehe, wehe, wehe dir! Wuͤrdeſt wandeln Menſch und Thier; Mit dem Otterngezüchte ſcherzen, Aber nicht wandeln Menſchenherzen. Herzen bewegt kein Zauberſpruch; Willſt du das, ſo mache Verſuch, Daß dir guͤnſtig ein holderes Drey, Günſtig jede der Grazien ſey! An*. Entfliehe nicht! du hoͤrſt ja keine Klagen; Kein naſſer Blick und keine Seufzer ſagen, Was tief mein Herz in ſich verſchließt. Noch immer war mein einziges Verlangen, Dieß Sonnenlicht zu ſehn auf deinen Wangen, In dieſer Luft, die dich umfkließt. O koͤnnt' ich nur, o koͤnnt' ich, ungeſehen, Mein lebenlang an deiner Seite gehen, Und Tag und Nacht dein Engel ſeyn! Du ſollteſt nichts von meiner Liebe wiſſen; Ich wollte gern den Lohn der Treue miſſen, Und bliebe doch auf ewig dein. e 5, beym Herumgehen eines mit Aehren bekränzten Bechers. An Gleims Geburtstage*), am 2. April 1780. Bis in des Landmanns Furchen ſieht Die Lerch' im hoͤchſten Flug; Aus goldnen Wolken toͤnt ihr Lied Herab auf ſeinen Pflug. Die Volkes⸗Muſe ſchwebt, wie ſie, Vertraut zum Arbeitsmann, Und ſtimmt in leichter Melodie Ein frommes Loblied an. Des frommen Lieds gedenken wir Beym heut'gen Becherklang, und weihn den Kranz von Aehren hier Dem Saͤnger, der es ſang. *) Nachdem Gleim feine Volkslieder beraußge⸗ geben hatte. 575 An den Herrn Rector**, im Namen zweyer Frauenzimmer. Iſt doch auf Erden, weit und breit, So wenig Recht und Billigkeit, Daß auch der allerbeſte Mann Die unſchuld oft betruͤben kann! Da klagen Sie uns Maͤdchen an, Als ſetzten wir ins Werk der Nadel Das hoͤchſte Lob, den hoͤchſten Tadel; Und was den Leumond aͤrger macht, Dadurch des Hauſes Nutz und Ehren, Wie unſre Muͤtter, zu vermehren; Als lebten wir vom Zeitvertreib, In jeder Woch' auf unſern Leib Ein neues Poͤßchen hinzutaͤndeln, Und ſpraͤchen, ſonder Ueberdruß, Davon, wie ein Politicus Von ſeinen Kriegs⸗ und Friedenshaͤndeln; Als waͤre das, was Kinder froh Und gluͤcklich macht, uns nur willkommen.. Doch gaͤb' es hundert Maͤdchen ſo— Wir beyde blieben ausgenommen. Es bannt die feine Sitte zwar Die Spindel und den Rahmen gar; Kein Stuͤck wird mehr von uns gewebt, Das kuünftig bey den Erben lebt. Auch macht den Zierrath unſrer Kleider Die allerneuſte Mode leider So ſpinnenmaͤßig zart und duͤnn, Wie unſrer Maͤnner Flatterſinn; Da gehn die erſten Wochen hin; Weg iſt der Staat! ihn nutzt ein Jude Noch kaum in ſeiner Troͤdelbude; Geſchweige denn die Enkelin. Wer aber darf an Schuͤrz und Baͤndern, An Hut und Locken etwas aͤndern? Um mit den meiſten fortzuſchlendern, Beduͤrfen wir zu jeder Naht, Zu jeder Schleife guten Rath; Gern aber laſſen wir uns ſtoͤren, Um etwas Kluͤgres anzuhoͤren. Will uns ein Biedermann belehren, Er iſt uns theurer, glaubens Sie's! Als irgend einer, dem Paris 577 Die letzten Modepuppen wies. So duͤnken wir, friſirt als Igel*) Uns bey dem glaͤnzendſten Beſuch Nicht mehr, als unterm Hülletuch Bey vorgeſchobnem Kammerriegel, Und gucken ſeltner in den Spiegel Vielleicht, als in ein gutes Buch. Gilts eine Wette, lieber Rector? Es ſind Achill, Ulyß und Hektor, Sammt Troja, der beruͤhmten Stadt Uns ſo bekannt, wie Goliath Und David in der Bilderbibel. Wenn aber— und wer kann es uͤbel Uns deuten?— wenn zum oͤftern Sie, Mit Ihrer Etimologie Vor Langerweil' uns zu verſteinern, Sammt unſerm Bruder, hochgelahrt, Nicht ſcheuend unſre Gegenwart, Aus Griechen, Waͤlſchen und Lateinern, Ein Wort ins os und as und um So lang betrachten um und um, Es meſſen in die Laͤng' und Quer', *) A la héeisson. Bis Sie errathen ungefaͤhr, Wann's in die Welt kam, und woher; Zuweilen druͤber eine Fehde Beginnen, gleich als ob die Rede Vom Stammbaum unſers Fuͤrſten waͤr'— O dann, gewiß durch ihre Schuld, Zerreißt uns endlich die Geduld; Denn waͤhrend Sie ein einzig Wort So, nach Gefallen, radebrechen, Koͤnnt' unſer eine— welch ein Mord!— Wohl ihrer viele tauſend ſprechen. Wir aber denken uns zu raͤchen. Iſt erſt der lange Winter aus, Und Sie begehren einen Strauß, Da ſollen Sie von jeder Art Der Fruͤhlingsblumen, die wir pfluͤcken, Erzaͤhlen, ehe wir uns buͤcken, Wie ſie geſaͤ't, gepflanzet ward, Und wie ſich in den Keimen zart Die Blaͤtter bildeten und ſchieden.— Wenn uns der Himmel nur bewahrt, Daß wir nicht eher noch ermuͤden, Als Sie mit Ihrem kalten Blut! Denn, lieber Rector, kurz und gut! Dem Maͤdchen iſt es nicht gegeben, Daß ſtundenlang, mit feſtem Muth, Sein Geiſt auf einem Dinge ruht. Wir ahnden, ſehn, genießen, ſchweben, Nach Art der Honigtraͤgerin, Um etwas Andres zu erſtreben. So will's Natur: Ein leichter Sinn Wird uns zum koͤſtlichen Gewinn; Er laͤßt in dieſes Alltagsleben Uns frohe Zwiſchenſpiele weben; Mit ihm verloͤren wir zugleich Den Reitz des Neuen, der die Liebe Des Mannes einzig naͤhrt: Wo bliebe Dann unſer ganzes Koͤnigreich? Der neue Simſon. Es war ein Maͤnnchen, fein und hold Von Sitten und Geberden; Ihm traͤumt' es in der Nacht, er ſollt' Ein zweyter Simſon werden; Er nahm ſich eine Delila, Die oft ihr blaues Wunder ſah, 1 Wenn, klein in Holz geſchnitten, Die alten Rieſen ſtritten. Nun fand er die Philiſter zwar Alllmaͤhlig ausgeſtorben, Sich ſelber, trotz dem langen Haar, Bum ſtarken Mann verdorben; Und auch die Waͤlderchen umher Von Loͤwen und von Tigern leer; Konnt' aber ihm gebuhren Noch etwas aufzuſpuͤren. Sofort beginnt er ſeinen Lauf Im leichten Moderoͤcklein; Er ſucht ein Ungeheuer auf; Begegnet ihm ein Boͤcklein: 8 Das arme Boͤcklein greift er bald, Erwuͤrgt, zerreißt es mit Gewalt, Wie einen grimmen Leuen, Sein Maͤdchen zu erfreuen. Doch in der Folge wollt's ihm chis An Abenteuern mangeln: Da hob er einſt die Kammerthuͤr Des Maͤdchen aus den Angeln, Und trug ſie, nach gemeiner Sag, Hinauf auf einen Taubenſchlag, Deß, als die Mutter zankte, Das Maͤdchen ſchoͤn ihm dankte. Nicht ſelten ſprach er raͤthſelhaft Von ganz gemeinen Dingen; Es fehlt' ihm einzig nur die Kraft, Die Fuͤchſe zu bezwingen: Da jagt' er einen Feuerbrand Mit ſeinem Pudel durch das Land; Der Himmel ließ in Gnaden Die Fruͤchte ſonder Schaden. 382 Weßwegen man ihm nichts verdarb An Augen und an Locken; Und als er ſanft im Bettlein ſtarb„ Blieb Alles unerſchrocken. Dieß Maͤhrchen hab ich euch geweiht, Ihr kleinen Simſons unſrer Zeit! Und euern Amazonen, Die kuͤſſend euch belohnen. — An die Frau von 14, welche ſich in dem Hauſe des D. D. Freyherrn*** zu H eine Zeit lang aufgehalten, und beym Weg⸗ reiſen ein Hemd vergeſſen hatte. 9**, im April 1780. Kaum hatten Sie, meine gnaͤdige Frau, dieſe Stadt verlaſſen, als ich hier ankam. Alles war voll ihres Lobes, und Alles beklagte ſich uͤber Ihre Grauſamkeit. Ich, der ich gewiß am uͤbel⸗ ſten dabey weggekommen waͤre, bereute dennoch, mich um einen Monat verſpaͤtet zu haben; und da es mir von dem Schickſal verweigert wurde, Sie ſelber zu hoͤren und zu ſehen, ſo wuͤnſchte ich wenigſtens, zu den tauſend Ihnen gebrachten Opfern, ohne daß Sie die Hand des Gebers 4 entdeckten, mein Scherflein hinzuzuthun. Auch dieſes wurde mir den ganzen Winter durch nicht vergoͤnnt; bis endlich unſer wuͤrdiger D. D. mir dasjenige zeigte, was von Ihnen in ſeinem Hauſe zuruͤckgeblieben war: 384 Den Schleyer, welchem alſobald in Männerherz entgegen wallt; In welchem ſich die reizende Geſtalt, Die alles um ſich her entzückte, Mit jeder ſanften Schwingung drückte. Zugleich gab der Beſitzer desſelben mir den hieruͤber an Ew. Gnaden geſchriebnen Brief zu leſen; und da glaubte ich, durch eine kleine Verraͤtherey Ihnen das Vergnuͤgen uͤber jenen Brief um die Haͤlfte vergroͤßern zu koͤnnen, weil darin das Drolligſte von der Geſchichte wohlbedaͤchtlich ausgelaſſen iſt. Es trug naͤm⸗ lich das Abenteuer ſich folgendermaßen zu: Nach Ihrer Abreiſe, meine gnaͤdige Frau, hoͤrte man im Zimmer, das Sie bewohnt hat⸗ ten, nicht allein bey Nacht, ſondern auch am hellen Tage, einen Laͤrm, deſſen Urſache nie⸗ mand erklaͤren, und dem man gleich anfangs nicht einmal nachſpuͤren konnte, von wannen er kam. Es war Ein Knirren, Knarren, Pochen, Scharren, Lauter, und leiſer, und endlich ſtumm. Dann allmahlig ein neues Geſumm; Wieder ein Rauſchen, Klingeln, Kniſtern, Lachen und Flüſtern; Kurz ein Getöſe! Man mußte geſtehn:* Es habe der Böſe, Benebſt ſeinem Schähchen, Allhier ſich ein Plätchen Zum Tanzen erſehn. Als die erſte Furcht in etwas gemildert war, und man genauer zuhoͤrte, da fand ſich der Laͤrm in einer von Ew. Gnaden gebrauchten Commode. Unſer lieber D. D. wollte ſofort aufſchließen; aber man widerrieth es ihm, und that den Vor⸗ ſchlag, ein Paar Franziskanermoͤnche zu rufen, und ſie die Legion Teufel austreiben zu laſſen. Andre meinten, es waͤre beſſer, vom Eichsfeld oder aus dem Hildesheimiſchen Kapuziner zu ver⸗ ſchreiben, und dieſer Meinung traten zuletzt Alle bey. In der That ſind die Kapuziner in ſolchen Kuͤnſten ſo beruüͤhmt, haben dem Satan ſeine Schliche dermaßen abgelauert, daß man in wich⸗ tigen Faͤllen zu keinem Orden, als dem ihrigen, ſeine Zuflucht nimmt. Und wills der Schwarze noch ſo bunt Mit armen Seelen machen, Jaeobi'’s Werke II. Sie ſchauen beck dem Höllenbund In ſeinen offnen Rachen; Sie gehen ſeinem Leuenſchwanz, Mit nichts als ibrem Roſenkranz, Dem fürchterlichen Hörnerpaar Mit ihrem abgeſchornen Haar, Und ohne Schuh, mit Kreuz und Segen, Getroſt dem Pferdefuß entgegen. Die Kapuziner langten an, obgleich mit eint⸗ gem Mißtrauen in ſich ſelbſt; denn ſo weiß ihre Baͤrte waren, ſo bekannten ſie doch: Ihnen ſey in ihrem vieljaͤhrigen Beruf ein Spuck von dieſer Art niemals aufgeſtoßen. Indeß begannen ſie das Werk: Alles ſchwieg; Und, den Höllenqualm Zu vertreiben, ſtieg, Neben heil'gem Pſalm, In die bange Luft Weihrauchduft. Und die Kerzen brannten, Und die Prieſter bannken Durch ein mächtig Wort, Und die Geiſter kannten, Durch gedrohte Fegel, Durch geweihte Keſſel, Jeden Unhold fort. Waͤhrend der Handlung blieb es ſtill; aber die letzte Sylbe war eben zu Ende gemurmelt, die Kerzen waren noch nicht ausgeloͤſcht, da entſtand ein Gelaͤchter in der Commode, lauter als vorher. Im frommen Eifer lief der aͤlteſte Moͤnch hinzu, riß die Schieblade auf, und fand, was Sie, meine Gnaͤdige wiſſen. Stellen Sie ſich die Ver⸗ wirrung vor! Ein Kapuziner, und ein Damen⸗ hemd! Wie ſollt er bey ſeinem Geluͤdde ſich hel⸗ fen? Er griff an ſeinen weißen Bart, ſann eine Weile, ſtreckte den Daumen und den Zeigefinger langſam nach dem Gefundnen hin, wollt' es an⸗ ruͤhren, wollte nicht; that es endlich; und als er es thut: Siehe! da blickt ein Völkchen Spielender Knaben hervor, Wie ein Sternenchor Durch den weißen Flor Dünner Abendwölkchen; Kinderchen, zart und blond Ueber allen Glauben; Voll ihre Wange, wie Trauben, Hoch auf Bergen geſonnt. Welch ein frohes Gewimmel! Gleich als wären im Himmel Sie vom ſchönſten Gott erzeugt, Und am Buſen der Liebe geſäugt! Aber das waren ſie auch wirklich. Es waren leibhaftige Liebesgoͤtter, wie unſer D. D. ſie be⸗ ſchrieben hat, deſſen Beſchreibung und Erzaͤhlung, auf den ausgelaſſenen Punkt des Beſchwoͤrens nah, in allen uͤbrigen Stuͤcken ſo getreu iſt, daß ich derſelben nichts weiter beyfuͤgen darf. Moͤge nur, meine gnaͤdige Frau, nicht das Sprichwort bey mir eintreffen, nach welchem man den Verrath liebt, und den Verraͤther haßt! Ich hoffe, nein; weil meine Verraͤtherey ſo uneigen⸗ nuͤtzig iſt, daß ich, um mir nicht einmal einen Dank zu erwerben, ohne Namen bin, u. ſ. w. 589 Die Puppen. Ein Traum. An Lenchen von zu V* ⸗ bey Aachen, als ſie Braut war, auf ihren Geburtstag. Pempelfort bep Düſſeldorf, den 20. Oct. 1781. „Es iſt nicht zu laͤugnen“, ſagte ich bey mir ſelbſt, als ich am Duͤſſelbache ſpatzieren ging: „Es iſt nicht zu laͤugnen, daß zum Geboren werden jeder Monat gut genug iſt; der May nicht beſſer als der October. Man liegt in ſei⸗ ner Wiege, braucht, anſtatt der Sonne, den Waͤrmekorb, und, anſtatt der Nachtigallen, du⸗ delt uns die Amme in den Schlaf. Aber einen Geburtstag zu feyern, zumal den Geburtstag eines huͤbſchen Maͤdchens, das iſt eine andere Sache! Da helfen einige Roſenknospen gleich aus der Verlegenheit. Man bindet einen Strauß oder 390 einen Kranz, prophezeyt etwas, laͤßt die Voͤgel dazu ſingen, u. ſ. w. Wenn aber die Voͤgel mit den Roſen fort ſind, die Blaͤtter auf den Baͤu⸗ men gelb werden, und man alles aus ſeinem Kopf herausholen muß, dann ſieht man dem Feſte gemeiniglich den Herbſt an; es wird ein kahles, froſtiges Ding. Von den großen blauen und gelben Blumen, und von den langen Fuchsſchwaͤn⸗ zen, die, wie gewiſſe praͤchtige Leute, vielen Platz einnehmen, gewaltigen Laͤrm machen, und doch zu nichts taugen, als daß man von weitem ſie anſchaut— von denen kann es wohl keinem Menſchen einfallen, unſern Damen einen Kranz oder Strauß anzubieten. Kurz! ein huͤbſches Maͤdchen ſollte niemals im October auf die Welt kommen.“ Das iſt zu viel gefordert, ſagte Julchen, welche mir begegnete, und die letzten Worte gehoͤrt hatte. Waͤr' auch Lenchen mitten im December geboren, ſo duͤrften Sie dennoch uns nicht ſtecken laſſen. Im May Nachtigallen zu hoͤren, und Roſen zu pfluͤcken, wenn alle Stoͤcke voll hangen, das kann ein jeder: Dazu bedarf es keines Dichters; aber— Unvermerkt hatte Julchen mich in den Garten⸗ 391 ſaal gebracht, wo ihr Bruder und Caroline ſammt den Schweſtern uͤber mich herfielen. Sie haͤtten auf mich gerechnet, ich muͤßte Rath ſchaffen, in Proſa oder in Verſen; muͤßte, komiſch oder ernſt⸗ haft, etwas liefern— wenigſtens einen Holzſohnitt. „Das iſt grauſam“! verſetzte ich.„So gern ich auch Lenchen eine Freude machte; woher es nehmen? Goͤtter und Goͤttinnen, Amoretten und Engel habe ich ſchon auftreten, alle Nymphen ſingen, die Parzen weben, die Grazien tanzen, Winde ſprechen, Fluͤſſe reimen, und Sibyllen weisſagen laſſen; habe gezeichnet, was da iſt und nicht iſt; was bleibt mir uͤbrig? Alles, was ich thun kann, iſt, mit dem Gedanken an Lenchen mich zu Bette zu legen, und im Falle mir etwas traͤumt, das Ihr zu nuͤtzen im Stande ſeyd, es Euch morgen zu erzaͤhlen.“ Ich legte mich zu Bette, und am folgenden Morgen ſprachen die Schweſtern: Sag an, was dir getraͤumt hat! Sie beriefen die ganze Ver⸗ ſammlung: Da erzaͤhlte ich, wie folgt: „Ich war in B*x, ſah die Kaſtanieabaͤume, die Laube, das Sommerhaus, hoͤrte die Spring⸗ brunnen plaͤtſchern, den Forellenteich murmeln, und ging auf und ab an der Hecke, welche den 392 Garten vom Graſeplatz an der Kirche ſcheidet, Plötzlich waret Ihr alle hinter mir. Der eine rief: Nur ein paar Verſe auf ein Band! De⸗ andere Knuͤttelverſe] Der dritte: Nur ei⸗ nen Holzſchnitt, u. ſ. w. Ich lief ins Haus, Ihr verfolgtet mich. In der Angſt fluͤchtete ich auf den Boden, und ſuchte den geheimſten Ort. Ich entdeckte einen, wo ich ſicher war. Nicht lange hatte ich zu einem der Dachfenſter hinausgeguckt, als ich zur Seite Stimmen ver⸗ nahm, leiſer, als man ſie aus einem menſchli⸗ chen Munde zu hoͤren pflegt. Ich wandte mich um, ſahe, was ich meinen Augen nicht glauben konnte; ſahe— vier kleine Puppen, die mit einander plauderten. Zwey hatten Geſichter von Pappen⸗ deckel, ziemlich abgeſchabt, und beſtaͤubte, zer⸗ riſſene Kleider. Eine von dieſen war als Dame geputzt, und trug auf dem Kopf einen zerfetzten Schleyer; die andere ſtellte, nach ihrem Anzuge zu ſchließen, ein Kammermaͤdchen vor; zwey Puppen, in Mannsgeſtalt, waren von Holz, der eine zum Luftſpringer gedrechſelt, der andre zum Spielmann; denn unter dem linken Arm hielt er eine zerbrochene Leyer. Dem Luftſpringer fehlte das halbe rechte Bein. Alle vier zuſammen gli⸗ 395 chen einer verungluͤckten Komoͤdienbande. Wie ich mit ihnen ins Geſpraͤch kam, weiß ich ſelber nicht mehr; genug, daß ſie mir ſagten: Sie haͤt⸗ ten ehemals die Ehre gehabt, Lenchens Puppen zu ſeyn, und feyerten heute ihren Geburtstag. „Wundere dich nicht“, fuͤgten ſie hinzu,„daß wir leben und ſprechen. Alles hat ſeinen inwoh⸗ nenden Geiſt, welcher nach und nach ſich vervoll⸗ kommnet.“„Wir(ſagten die Maͤnner) waren der Aſt eines lebendigen Baums, wurden abge⸗ hauen, gedrechſelt, bemalt, geriethen unter Kin⸗ der, und nahmen Theil an ihrem Spiel. Unter Millionen Menſchen iſt es dir allein gegeben, un⸗ ſere Sprache zu verſtehen.„Und wir“(ſagte die Dame, indem ſie auf ihr Kammermaͤdchen zeigte), „wir wurden, wenigſtens unſere Geſichter, als Leinſamen geſaͤet, wuchſen als Flachs in die Hoͤhe; da ſpann ſich ein gutes Maͤdchen ein Hemd aus uns, und ſchenkte das Hemd, das ſie nicht lange getragen hatte, einer armen Frau; zuletzt fiel es einem Lumpenſammler in die Haͤnde, welcher es in die Papiermuhle brachte. So wurd' es zu Papier, zu Pappendeckel, und zu dem Puppen⸗ geſichte, das eben jetzt mit dir redet.“— Im 394 Grunde, unterbrach ſie der Leyermann, bin ich mit meinem Puppenſtande und mit meiner jetzi⸗ gen Einſamkeit wohl zufrieden. Bey Lenchen, freylich, gefiel es mir beſſer; aber was ich ſonſt von den Menſchen hoͤrte— Sie leyern und tralallen 2 Dem Reichen zu geſallen, Am Hof und in der Stadt. Mit ſolchem Geklimper, Verdienen die Stümper Sich fettere Suppen, Und eſſen ſich ſatt. Warum denn lachen Hof und Skadt Noch über uns Puppen? Dieſe Arie, im Tenor geſungen, uͤberraſchte mich ſehr.„Ueber meinen Purzelbaum ſollten ſie eben ſo wenig ſpotten“, fiel der Luftſpringer ein, indem er ſich raͤuſperte, und gleich darauf, mit einer Baßſtimme, folgende Cavatina uͤber ſeinen Purzelbaum anhub: „Den ſchlagen gern, Mit Band und Stern, Die Großen über die Kleinen: Dann giebts der blauen Maale viel, Dann endet ſich das ſchöne Spiel Faſt immerdar mit Weinen.“ Mit Euern ewigen Satyren! ſchrie das Kam⸗ mermaͤdchen. Ich denke an nichts, als an mein gutes Fraͤulein, und dieſes Andenken, obwohl ſie mich jetzt nicht mehr kennen wuͤrde, macht in meinem Elende mich gluͤcklich. So klein und arm ich bin, Ich habe meine Freuden; Es tröſtet mich im Leiden Mein treuer, liebevoller Sinn. Hier ſeh' ich kaum der Sonne Licht; Doch lag ich einſt in ihrem Schooße: Die größte Puppe neid' ich nicht, Und wahrlich, wär' es Carl der Großel“) Die Dame hat mit vieler Empfindung zu die⸗ ſem Geſang den Takt geſchlagen. Auch ich(ſeufzte ſie) kann ihre Herzensguͤte nicht vergeſſen. Sie warf mich oft Im Winkel nieder; *) Zu Aachen geht, Carl dem Großen zu Ehren, eine ungeheure Puppe, welche Kopf und Augen bewegt, am Frohnleichnamefeſte mit in der Pro⸗ zeſſion. Doch nahm ſie wieder Mich unverhofft, Und drückte dann Mit vieler Reue, Mit großer Treue, Mich zärtlich an. Ein Wetterhähnchen, Gedreht vom Wind, 4 Iſt jedes Kind; Doch ſteht das Fähnchen 3 V Auf Einmal feſt, Wenn, ungeſehen, V Der Liebe Wehen Sich fühlen läßt, Mein Erſtaunen uͤber die Puppenoper kann man ſich vorſtellen; inſonderheit da ſie nun alle vier ſich in eine Reihe ſtellten, und mit folgen⸗ dem Quartett beſchloſſen: Luftſpring er. Daß jeder friſch gewagte 3 Sprung Durchs Leben ihr gelinge! Lepermann. Daß ſie, am Herzen im⸗ mer jung,. Ihr frobes Liedlein ſinge; Dame. Kammermödchen. Alle. Leyermann. Luftſpringer. Kammermädchen. Dame. Alle. 897 Daß klüglich zum Gefäaͤhr⸗ ten ſie Den Beſten einſt erwähle; Daß eine traute Fraundin nie Dem guten Weibchen fehle; Das wünſchen wir, und wagten dran, Was jeder hat, und jeder kann; Ich meine halbe Leyer, Und ich den beſten Purzel⸗ baum, Mein Röckchen ich, bis auf den Saum, Und ich mein Stückchen Schleyer. Sein Bischen Armuth, um und an, Das wagte jeder gern daran Bey dieſes Tages Feyer. So weit der Traum: Der ganze hieſige Sir⸗ kel ſtimmt von ganzer Seele mit mir in dieß Vau⸗ deville, und bittet hiermit vorlieb zu nehmen. Nach dem Italieniſchen des Bertola. Sieh doch, ſieh den Sturm erwachen! Wie die Wetterwolken wehn! Uebel wird es meinem Nachen Und dem armen Netz' ergehn: So zur ſchoͤnen Cloe ſagte Lykon, ſitzend neben ihr, Als das Maͤdchen ſchalkhaft fragte: Reut dein Fiſcherkahn dich hier? Wahrlich, ſprach er, ſollten nimmer Netz und Nachen mich gereun— Wüßt' ich nur, du liebteſt immer, V So wie heute, mich allein. V Aber wie's die Maͤdchen machen! Alle ſind veraͤnderlich; Sitzen werd' ich ohne Nachen, Ohne Netz, und ohne dich. —— 399 An die Graͤfin von H.**, welche als Braut, auf dem Clavier ſoielte und ſang. Schoͤn, o Sephine! Steht im blonden Haar der gruͤne Lorberkranz Den, im Weihetanz Holder Muſen geſchlungen, Sich ein Maͤdchen erſungen. Aber milderen Glanz, Hoͤhere Freuden, o Sephine! Hat der grune Myrthenkranz, Den, im Weihetanz Mit der unſchuldvollen Rechten Liebesgoͤtter flechten. Schoͤner war, luch im koͤſtlichen Geſchmeide, Nie der Koͤniginnen Haar, Als des Maͤdchens, wenn es beyde Kraͤnze vereint. Selig ſcheint Mir der Juͤngling, o Sephine! Der es wagt, Und die Lorberumwundne fragt: Ob er ſie verdiene? Dem die Myrthenumflochtne ſagt: Juͤngling! ich gehe mit dir; Nimm von mir Was die Goͤtter mir gegeben: Nimm Geſang und Lieb' und Leben! 4⁰¹ Band zum Geburtstage der Frau Kriegsraͤthin B**, im März 1781. Beyſammen ſtehn der Baͤumlein drey, Gewachſen auf der Heide Zu gleicher Luſt im ſchoͤnen May, Zu gleichem Winterleide. Sie fuͤhlen, auf denſelben Hauch, Der Weſte leiſes Wandern, und Hagelſtuͤrme kommen auch Dem einen, wie dem andern. Sie ſtehn und bluͤhen alle drey; Sie wollen, unter Stuͤrmen, Wohl bis an ihren letzten May Sich nachbarlich beſchirmen. Gefaͤllt dieß Lied, o Schweſter, dir, So komm in unſre Mitte! Die frohen Baͤumlein die ſind wir, Und du, du biſt das Dritte. An Gleim, deh der Feyer ſeines Geburtstages, den a. April 1781. — defunctorum enim amicorum memoriam poculis adjicere mos erat— T. VIIII. C. 25- Als, an Kriegs⸗ und Ehrentagen, Noch ein deutſcher Rundgeſang Laut, bey froͤhlichen Gelagen, Bey der Vaͤter Halle klang, Ließen ſie das Lob verſtorbner Helden Ihren erſten Becher melden. Freund! nach alter Weiſe ſchenken Dieſen Becher wir voll Wein; und er ſoll dem Angedenken Deines Leſſings heilig ſeyn, Der, wie Kleiſt, mit ungefaͤrbtem Lieben Dein bis in ſein Grab geblieben. Doch die Staͤtte des Erblaßten, Wo mir ihm, vom ſußen Licht, Thormod Thorfaei. Rer. Norwegie Reiner Liebe nicht verließ, Ach ſo fern! die Todten raſten, Nenne mein Geſang dir nicht! Laß uns nur den vollen Becher weihen, Seines Lebens uns zu freuen: Daß, vor Tauſenden zu glaͤnzen, Er den hohen Geiſt empfing; Aber, zwiſchen Lorberkraͤnzen, Demuthsvoll in Zweifeln ging, Ob er nicht des großen Ziels verfehlte, Nicht fuͤr Wahrheit Irrthum waͤhlte; Daß er bey gepruͤften Schaͤtzen Alter Kunſt voll Einfalt ſaß, Nach der Schoͤnheit Urgeſetzen Jedes ſeiner Werke maß, Freyen Muth in Frevel nie verkehrte, Nie der Sprache Recht entehrte; Daß er glaͤubig die Gebote X Und dem Prieſter, der ihm drohte, Seines Lebens Unſchuld wies; Daß den Mann, den ſie zur Hoͤlle bannten, Arme Wittwen ſelig nannten; 4⁰½ Daß ſein letzter Tag gekommen Ohne Schrecken, leiſ' und mild, Wie das Wandeln eines frommen Juͤnglings, wie das holde Bild, Das er uns im Schlafesbruder zeigte, Welcher Kranz und Fackel neigte.*) Nimm, o Gleim! den Freudenbecher, V Fuͤll' ihn lange noch mit Wein, Um des Freundes Freund und Raͤcher Einſt, wenn Alles ſchweigt, zu ſeyn: Denn es rauſcht des falſchen Eifers Fluͤgel Auch um ſtille Todeshuͤgel. *) In der Schrift: Wie die Alten den Tod gebilder. Die Einfal. an Lina. Von der Einfalt ſoll ich dir, Gutes Maͤdchen, etwas ſagen? Allzu ſelten toͤnt von ihr Noch ein Lied in unſern Tagen! Denn, gebannt von Hof und Stadt, Will ſie nur im Freyen ſcherzen; Jene luͤgen; Einfalt hat Immer Eines nur im Herzen. Jedes Wort iſt Seelenklang, Des Gedankens treue Stimme; Ruhig, ſicher iſt ihr Gang, Und ihr Wandel ohne Kruͤmme. Wenig thut ſie nie durch Viel; Aber Vieles gern durch Wenig; Klatſchet keinem Narrenſpiel, Waͤre gleich der Narr ein Koͤnig. Im Tyrannenſaal gehaßt, Waͤhlt ſie, von den reinſten Luͤften Angefaͤchelt, zum Palaſt Einen Buſch auf armen Triften. Hohe Weisheit ſucht ſie nicht; Ihr genuͤgt, auf gruͤnen Auen, An der Wahrheit Daͤmmerlicht, Um in Demuth Gott zu ſchauen. Alles zeigt ihr ſeine Spur, Heilig iſt des Schoͤpfers Huͤlle; Zu dem Vater betet nur Einfalt aus des Herzens Fuͤlle; Singt im Dornenkranz, und legt Auf ein Kreuz die matten Haͤnde; Noch von Lieb' und Hoffnung ſchlaͤgt Ihre Bruſt am letzten Ende. So verlaͤßt ſie Flur und Hain,. Blickt von ihrer ſtillen Wieſe Froh gen Himmel, ſchlummert ein, Und erwacht im Paradieſe. 4 ⁰ An Frau von D**, an ihrem Geburtstage, den 23. Februar 1781, bey Ueberſendung eines Straußes von getrockneten Feldblumen. Bluͤmchen, ſo wie dieſe, Giebt uns Wald und Wieſe, Berg und Thal; Jeder kann ſie finden, Kann ſich Kraͤnze winden Ohne Zahl. O wie viele Freuden, Wenn man ſie beſcheiden Nicht verſchmaͤht, Sind, wohin wir wallen, Ueberall und Allen Hingeſaͤt! Aber ach! der Wieſe Bluͤmchen, ſo wie dieſe, Sterben bald; Ihrer ſieht man keines, Wenn im Herbſt des Haines Lied verhallt. Keines konnt' ich finden Jetzt in oͤden Gruͤnden; Dennoch dir Einen Strauß zu geben, Schafft' ich neues Leben Dieſen hier. Alle Menſchenfreuden Sind im fruͤhen Scheiden Gleicher Art: Selig, wer, wie dieſe Kinderchen der Wieſe, Sie bewahrt! An die Liebe. Von dir, o Liebe, nehm' ich an Den Kelch der bittern Leiden; Nur Einen Tropfen dann und wann, Nur Einen deiner Freuden! So wird dein Kelch, o Liebe! mir Wie Feyerbecher glaͤnzen; Auch unter Thraͤnen will ich dir Mit Roſen ihn bekraͤnzen. An Heinſe, als er ſich mit der Ueberſetzung des Arioſts beſchaͤftigte. Pempelkort, im Oktober. Du, welcher nicht mit ſeiner Wunderkraft, Von Pferd und Ritter angegafft, Wie Arioſto's Hexenmeiſter, Ein blendend Goldkaſtell auf Demantfelſen ſchafft; Der maͤchtiger, zum Wonneſpiel fuͤr Geiſter, Was ſchoͤn und lieblich iſt, in Eins zuſammen rafft; Nicht groͤbre Sinne taͤuſcht; die feinern zu entzuͤcken, Uns neue Feengaͤeten baut, Wo Fruͤhlingsbeete ſich mit Purpurtrauben ſchmuͤcken, Herab auf Veilchen Aepfel nicken, Im Pomeranzenhain, von Liebesluſt bethaur, Die Nymphen ſchweſterlich fuͤr eine Goͤtterbraut, Beym griechiſchen Geſang, am Hochzeitguͤrtel ſtricken, V 4¹¹ Und wo, bey aller Kunſt, wenn Schaͤfer Ro⸗ ſen pfluͤcken, Natur ſich hoͤren laͤßt im Nachtigallenlaut, Obgleich mit ſchalkhaft ernſten Blicken, Indem es ihm gelingt, uns andre zu begluͤcken, Der Kuͤnſtler dann und wann die Gaͤrten uͤber⸗ 3 ſchaut, Und ſelber nicht dem eignen Werke traut: O, komm mit allen Zaubereyen Des Witzes und der Phantaſie; Denn meiner Lieder Melodie Kann dieſen Nebel nicht zerſtreuen, Der rund um Haus und Hof und Bach und Nußbaum haͤngt, Und jedem Scherz den Weg verengt! Ich rufe dir; verſuche du, was nimmer Dir noch mißlang; erweck' im duͤſtern Zimmer Ein frohes Licht, das uns durch ſeinen ſanften Schimmer Die Sonne minder noͤthig macht! Kannſt aber auch in ſchwarzer Nacht, Wenn's dir gefaͤllt, die Scene waͤhlen, und Mordgeſchichten uns erzaͤhlen Von Blitz und Sturm, von Dolch und Kuß, Wie man's im Dunkeln hoͤren muß. 4¹² Voll Kindereinfalt im Genuß, Verſprechen wir, kein Maͤhrchen durchzuklauben, uUnd mehr, als du begehrſt, zu glauben. Im Grunde zwar iſt dieſe Welt, So wie ſie Mond und Sonn' erhellt, Mit Land und Waſſer, Heid' und Korn, und Wald und Berg, und Roſ' und Dorn— Mit dem, was alles Gott erſchuf, Vom Zimmethuͤgel zum Veſuv— Mit dem, was Menſchenfleiß gethan, Von Nankings Thurm aus Porzellan Bis zu Aegyptens Pyramiden, Und dem, was uns von Krieg und Frieden So manche Chronik aufbehaͤlt— Mit allem dem iſt dieſe Welt, So groß und reich, ſo ſchoͤn und furchtbar an Geſchichten, V Voll Zeitvertreibs fuͤr Weib und Mann, Daß einer wohl die Muͤhe ſparen kann, Was Neues noch hineinzudichten. Und wir, o Freund! die fuͤr Natur Den reinen Sinn, die hellen Augen haben, Ergoͤtzen uns an ihren Gaben, 5 Wie jede Wieſ' und jede Flur Sie jaͤhrlich traͤgt; verlangen nur Den Apfel, wie der Baum ihn bringt, Wenn roth und gelb er durch die Blaͤtter winkt; Gebrauchen keinen Zauberpinſel, Der ihn mit hoͤhern Farben malt. Da, wo des Rheins Gebuͤſch im Purpurglanze ſtrahlt, Da ſteigt vor uns Armida's Inſel Empor mit jedem Labyrinth; Und ſchuͤttelt, liebevoll, ein ſachter Abenowind Den Fittig, naß von Mayenregen, Weht er den Wohlgeruch der Wipfel uns entgegen, Dann fuͤllen Goͤtter, fern und nah, Die Luͤfte mit Ambroſia. Deßgleichen kann, mit blondem Nacken, Mit blauem Aug' und Roſenbacken, Ein Maͤdchen, ſchlank und hold und lieb, Obſchon es demuthsvoll auf unſrer Erde blieb, Und Grazien ihm keinen Guͤrtel geben, Uns von der Erde weg in den Olympus heben, Als waͤre dort ſein Vaterland. Am Ende, Freund, iſt dir und mir bekannt, Daß nicht ein Raſen gruͤnt, geworfen auf den Strand 4 4 Nicht eine Muſchel wird; an keines Baͤchleins Rand Um friſchen Klee die Bienen ſchweben, Die Muͤcken tanzen, Spinnen weben; Daß nicht ein Fleckchen iſt, wo forſchender Verſtand Nicht tauſendfache Wunder fand, Und Wunder, gegen die, mit unſerm Dichtergeiſt Und Allem, was ihm neue Schoͤpfung heißt, Mit Drachen, Nixen, Waſſerpferden, Mit Hypogryph und Pegaſus, Dem Goͤtterſaal und Hoͤllenfluß, Wir doch, ſo ſtolz wir uns geberden, Erwaͤgt man's recht, zu Stuͤmpern werden, Zu Thoren, die ein Stuͤckchen Welt, Durch eine Lampe dargeſtellt, V Im Shattenſpiel, durch eignen Duͤnkel zieren, Und Mond' und Jahre ſo verlieren. V Bekenn' es nur!— Anſtatt zu ſehn, was 3 ſichtbarlich Die Knospe theilt, dem Keime ſich Entwindet, was dem Ey entſchluͤpft, In Teichen ſchwimmt, als Vogel huͤpft; Was mit der Stimme Wiederhall Den Forſt erfuͤllt; das Leben all, Das große Zeugen und Gebaͤren, Das Waͤrmen, Shuͤtzen und Ernaͤhren; Der Pflanze Traum, des Thieres Trieb, Des Menſchen Herz; das Draͤuen, Wehren Von Maͤnner Muth; des Helden Zaͤhren; Des Weibes Scham und Mutterlieb'; und Vaterlandes Reiz, und Heißbegier nach Ruhm: Anſtatt auf Alles das voll Andacht hinzuſehen, Mit Wiſſensluſt umherzugehen In Feld und Au, in unſerm Eigenthum, An deſſen Statt verachten wir die Spur Der ſchaffenden, allwaltenden Natur, Die Bahn zu aͤchtem Gluͤck, zu bleibendem Gewinnſt, Verrichten nichts, erfinden, leſen, Was unterm Mond und druͤber nie geweſen, Und flattern um ein Hirngeſpinnſt. Indeſſen, Freund, bey maͤßigem Gebrauch Iſt Phantaſie des Dichters auch Ein hoher Schatz, ein koͤſtlich Ding, Ein Strahl, den himmelab des Menſchen Geiſt empfing, und Gotteskraft, nicht minder als die Kraͤfte, Wodurch ſich Meer und Luft bewegt. Der Athem, welcher ſich auf unſern Huͤgeln regt, 8 4 16 und in die Ranke Lebensſaͤfte Zum Labſal der Betruͤbten legt, Umſaͤuſelt eben ſo des Dichters Phantaſle, und laͤßt ihr oft das milde Werk gelingen, Der Sorgenlaſt, der Erdenmuͤh Vergeſſenheit in uns zu bringen, Und nach und nach den Schmerz in goldnen Traum zu ſingen. Wohlan, ſo komm mit deiner Feerey: O, lehr' uns, jede Wuͤſteney Zum Luſtgehoͤlz fuͤr uns und andre machen; O, lehr' uns, wie durch leichten Witz Hinweg von unſerm Freudenſitz Wir klein' und große Narren lachen! Hochzeitlied. Wiulſt du frey und luſtig gehn Durch das Weltgetuͤmmel, Mußt du auf die Voͤglein ſehn, Wohnend unterm Himmel; Jedes huͤpft und ſingt und heckt Ohne Gram und Sorgen, Schlaͤft vom gruͤnen Zweig bedeckt Sicher bis am Morgen. Jedes nimmt ohn' Argeliſt, Was ihm Gott beſchieden, Und mit ſeinem Fraͤulein iſt Maͤnnlein wohl zufrieden; Keines ſammelt kuͤmmerlich Vorrath in die Scheunen; Dennoch naͤhrt und labt es ſich Mit den lieben Kleinen. Jacobi's Werke. II. 14 418 Keines bebt im Sonnenſtrahl Vor den fernen Stuͤrmen; Kommt ein Sturm, ſo wird's im Thal Baum und Fels beſchirmen. Taͤglich bringt es ſeinen Dank Gott fuͤr jede Gabe, Flattert einſtens mit Geſang Still und leicht zu Grabe. Willſt du frey und luſtig gehn Durch dieß Weltgetuͤmmel, Mußt du auf die Voͤglein ſehn, Wohnend unterm Himmel. Wie die Voͤglein haben wir Unſern Vater droben: Laß ein treues Weib mit dir Lieben ihn und loben! Wiegenlied fuͤr ein Maͤdchen. Schlummre, Liebchen! biſt noch klein, Weißt vom ſchoͤnen Sonnenſchein, Weißt vom Strahl des Mondenlichts, Und von Wald und Blumen nichts; Liebchen, ſchlummre, werde groß! Sollſt es ſehn auf meinem Schooß. Sollſt den Glanz des Himmels ſehn, Und aus ihm die Sonne gehn Ueber Wieſen friſch und gruͤn, Wo die blauen Veilchen bluͤhn. Veilchen werden dann gepfluͤckt, Du ans Mutterherz gedruͤckt. Mir am Herzen, liebes Kind, Spielſt du froh im Morgenwind. Ueber dir iſt Jubelklang, Um dich her iſt Lobgeſang; Leiſe rauſchen Baum und Fluß, Und du fuͤhlſt den Mutterkuß. 420 Liebchen, ſchlummre; wachs heran! Siehſt in meinen Armen dann Auch der Abendſonne Gluth; Siehſt, wenn Feld und Aue ruht, Gold und Purpur uͤberall, Beym Geſang der Nachtigall. Unterm Nachtigallenlied Kommt der helle Mond, und ſieht Mild herab auf dich und mich; Alle Blumen neigen ſich; Und die Haͤndchen falt' ich dir: Kleiner Engel, Gott iſt hier! Gott iſt hoch im Sternenglanz, Und im niedern Veilchenkranz; Iſt, wo jener Vogel ſohlaͤgt, Und, wo dieſer Arm dich traͤgt. Sag' in jedem Winkel dir: Liebes Maͤdchen: Gott iſt hier! Vorrede zu einem Stammbuch, im Namen ſeiner Beſitzerin. Wenn, mit Freunden und Geſchwiſtern, Mich ein ſtilles Grab umſchließt; Nicht das Quellgeraͤuſch und nicht das Fluͤſtern Im Kaſtanienhain uns mehr begruͤßt; Kaum gekannt vielleicht, an oͤden Waͤnden, Von der Spinn' umwebt, noch unſer Bildniß haͤngt, Und aus ſpaͤter Enkel Haͤnden Dieſes Buch ein Fremoͤling dann empfaͤngt; Wenn es im Gewuͤhl vergeßner Brief' und Lieder Nun verſunken iſt, der Motten Raub— O ſo find' es eine gute Seele wieder, Und die rett' es aus dem Staub! Ach! bevor die Blaͤtter ganz verweſen, Gute Seele, blick hinein! Todte Namen nicht, der Liebe Gluͤck zu leſen, Unſer Gluͤck am Quell, und im Kaſtanienhain. Wo du gehſt, da gingen, ohne Reue, Wir Geſchwiſter einſt, geleitet von der Treue, 7 42 2 Hand in Hand, im froheſten Verein; Waren gleich dem friſchen Kranze, Den fuͤr eine Braut ein Chor von Maͤdchen pfluͤckt, Sorgend, daß die Roſ' in vollem Glanze Nicht das zarte Bluͤmchen druͤckt.— Weile, gute Seele, hier, und Allen, Deren du dich freueſt, ſage du: Ohne Liebe kann das Leben nicht ge⸗ fallen; Suͤßer wird durch ſie des Grabes Ruh. Vertrauen. Die Morgenſterne prieſen Im hohen Jubelton Den Schoͤpfer gruͤner Wieſen Viel tauſend Jahre ſchon; Es glaͤnzten Berg und Flaͤche, Die Sonne kam und wich, Der Mond beſchien die Baͤche; Noch aber nicht fuͤr mich. Es weckte mich kein Morgen, Es ſchien kein Erdentag Ins Dunkle, wo verborgen Der Ungeborne lag; Noch ſang der Voͤgel keiner Mir ſeinen Liebesruf— Doch Er gedachte meiner, Der Sonn' und Mond erſchuf. 424 Er winkte mir ins Leben, Er weihte mich zur Luſt, Zum erſten Wonnebeben An einer Mutter Bruſt; Es war an ihrem Herzen Mein Bettlein mir gemacht; Sie trug mit ſuͤßen Schmerzen Mich eine kurze Nacht. Da gruͤßt' ich ſie mit Weinen, und ſchwieg in ihrem Schooß, Sah Mond und Sonne ſcheinen, Und Treue zog mich groß. Mit Gottes Segen kroͤnte Sich Anger, Buſch und Feld; Mein Lobgeſang ertoͤnte Zum Vater dieſer Welt. Der Tag kann nun vergehen, Der Morgen wieder graun, Wo Gottes Luͤfte wehen, Da will ich ſicher traun; Und wenn ich ſchlafen werde Die zweyte kurze Nacht, Dann wird in Seiner Erde Mein Bettlein mir gemacht. Dann opfert manche Bluͤthe Mein Grab, o Vater, Dir; Es preiſen Deine Guͤte Die Voͤgel uͤber mir. So wie am Mutterherzen Ein Sohn der Freude liegt, So lieg' ich ſonder Schmerzen, Von Hoffnung eingewiegt. Im Sterben Hoffnung geben Mag Erdenweisheit nicht; Jedoch bey Dir iſt Leben, Iſt Liebeskraft und Licht. Du ſiehſt der Schoͤpfung Enden; Und was Dich Vater heißt, Das ruht in Deinen Haͤnden: Empfange meinen Geiſt! An den ken der Bruͤder und Schweſtern Jacobi an ihren Freund Asmus. Bey der Feyer eines Familienfeſles. Ihm, der an ſeinem Botenſtab So friedlich geht, ſo ſtill voruͤber Vor Nachtigallenhain und Grab; Dem ſeiner Kinder Freude lieber Den Himmel und die Erde macht; Der jeden Weg, bey Tag und Nacht, So rauh er iſt, zu Ende ſingt, und, deutſch und wahr in That und Worten, Den guten Seelen aller Orteu So manche gute Zeitung bringt— Ihm wollen wir zu Lieb' und Ehren Den zweyten Freudenbecher leeren. An die Liebe. Tauſendfache bittre Qual Gabſt du mir, o Liebe! Tauſendmal Lohnteſt du mit Dornenkraͤnzen Meiner Treu; und jenes milde Glaͤnzen Deiner Fackel ward ein Donnerſtrahl. Zarte Lauben ſah ich dich entblaͤttern, Junge Sproͤßlinge zerſchmettern; Und in Abgrund ſank das bluͤthenreiche Thal. Dennoch zeuch, o Liebe! zeuch hernieder; Rufe mich ins Leben wieder Aus der oͤden, kalten Todesnacht. Liebe, die allein Sonne, Mond und Sternenſchein Uns zu Licht in unſrer Wuͤſte macht! Liebe, die allein Aus den Wolken in den Hain Fruͤhlingswonn' herunter lacht! O beſuche mich in dieſer Todesnacht. Bring den Koͤcher mit, voll ſuͤßer Pfeile; Deine Dornen auch, und Donnerkeile; 428 Nur, o Liebe! daß ein neuer Tag In den Finſterniſſen mir beginne; Wieder vollen, warmen Schlag Mein erſtorbnes Herz gewinne: Daß ein holdes Angeſicht Mir zum Engel ſich verklaͤre; Seine Stimme, wenn es ſingt und ſpricht, Mir ein Laut aus einer hoͤhern Sphaͤre— Wenn das Naͤdchen gruͤßt, ſein Gruß ein voller May, Und der Haͤndedruck ein Himmel ſey! Kann, o traute Liebe! nie, So mit innigem Verlangen, All ſo feſt, wie meine Seele ſie, Mich die Engelſeel' umfangen— So erleucht' ein Blick von ihr Dieſe dunkeln Pfade mir; Laß mich nur um ihre Schoͤnheit ſchweben, und mein Herz in ihrem Glanze leben! 4²9 Beym Anblick eines Kupferſtichs: Aurora und Cephalu s*). Im May 1784. Auch mich hat einſt, wie Cephalus, Aurora! deines Mundes Kuß Geweckt aus jugendlichen Traͤumen; Auch mich hat einſt, wenn an beglaͤnzten Baͤumen Das friſche Blatt des Fruͤhlings Hauch verſpuͤrt, Dein Goͤtterarm hinweggefuͤhrt. Da ſchwebt' ich uͤber gruͤnen Hoͤhen, Da flammten unter mir die Seen; Zu Balſam ward ein jeder Tropfen Thau; Es ſtieg von blumenreicher Au Ein ſuͤßer Weihrauch; Voͤgel ſangen Von Liebe nur; und alle Sphaͤren klangen Von Erdengluͤck und Menſchenſeligkeit. Wohin, wohin die goldne Zeit? Wo blieb der Kuß von deinem Nektarmunde, *) Die Göttin der Morgenröthe zeigt ſich auf einer Wolke, wie ſie den von ihr geliebten und ge⸗ raubten Cephalus von dannen trägt. 45⁰ Bey welchem mich, in froher Schaͤferſtunde, Begeiſterung, wie Morgenluft, umfloß, unſterblichkeit mich feſt an ihren Buſen ſchloß? Verblichen iſt an deinem Wagen Der Purpur mir; es endet ſich in Klagen Des Waldes laute Melodie; und ausgezaubert hat fuͤr mich die Phantaſte. Aurora! wenn in beſſern Tagen Dir ſorgenlos mein Herz entgegen ſchlug, Wenn in dein Roſenlicht ich meine Leyer trug; So laß, umwallt von dieſen Bluͤthenhainen, Mit deinem Strahl die Weisheit mir erſcheinen, Die nicht, als Zauberin, empor den Juͤngling hebt, Als Freundin aber, treu, mit ihm auf Erden lebt, Aus Klarheit uns in Klarheit leitet, Und nach und nach zum Himmel vorbereitet! Sie troͤſte mich, wenn Lieb' und May Verſtummen, alle Feerey Der Hoffnung flieht, die Jugendtraͤume ſchwinden, Und ach! um Graͤber nur ſich Veilchenkraͤnze winden. Bey der Geburt eines Maͤdchens. Herrlich iſt der Fruͤhlingsmond, Wenn, umſchwebt von Balſamduͤften, In den Thaͤlern, in den Luͤften Sichtbar Gottes Segen wohnt; Wenn, einander liebzukoſen, Eine Blumenſchar aus tauſend Knospen dringt, Und die Nachtigall den Roſen Ihr Geburtslied ſingt! Herrlicher iſt noch die Stunde, Roch in einem ſuͤßern Bunde Muͤſſen Erd' und Himmel ſtehn, Wenn ein Engel, ungeſehn, Unterm Nachruf ſeiner Bruͤder, Eine ſchoͤne Menſchenſeel' hernieder Aus der Seelen Vaterlande traͤgt, Daß, von Lieb' und Unſchuld groß gepflegt, Wallend durch des Lebens Dorngewinde, Sie das Paradies verkuͤnde! In der RMitternacht. Todesſtille deckt das Thal Bey des Mondes halbem Strahl; Winde fluͤſtern, dumpf und bang, In des Waͤchters Nachtgeſang. Leiſer, dumpfer toͤnt es hier In der bangen Seele mir, Niimmt den Strahl der Hoffnung fort, Wie den Mond die Wolke dort. Huͤllt, ihr Wolken, huͤllt den Schein Immer tiefer, tiefer ein! Vor ihm bergen will mein Herz Seinen tiefen, tiefen Schmerz. Nennen ſoll ihn nicht mein Mund; Keine Thraͤne mach' ihn kund; Senken ſoll man ihn hinab Einſt mit mir ins kuͤhle Grab. O der ſohoͤnen, langen Nacht, Wo nicht Erdenliebe lacht, Wo verlaßne Treue nicht Ihren Kranz von Dornen flicht! An des Todes milder Hanðd Geht der Weg ins Vaterland; Dort iſt Liebe ſonder Pein; Selig, ſelig werd' ich ſeyn! An meinen Vater. Im Februar. Ich ſah im oͤden Garten, Umkraͤnzt von Eis, Die Voͤglein dich erwarten, Auf duͤrrem Reis; Die Zeugen deiner Milde, Von dir genaͤhrt, So lang im Schneegefilde Der Mangel waͤhrt. Da ſchlug mein Herz gelinder; Ich wurde froh; Uund ſah der Armuth Kinder, Die eben ſo, Vergeſſend ihre Klagen Nach dir geblickt, Weil du in boͤſen Tagen Sie gern erquickt. O glaube! wenn vergebens Der Himmel nicht Sein Wort voll Kraft und Lebens Zur Erde ſpricht; Wenn jedes leiſe Flehen Empor ſich ſchwingt; Kein Voͤglein ungeſehen Vom Zweige ſinkt; Wenn goͤttliches Erbarmen Den Frommen traͤgt, Der neben ſich des armen Verlaßnen pflegt; So bleibet Gottes Segen Dir ſicherlich; So fuͤhrt auf Dornenwegen Sein Engel dich. Auf nackten Winterauen Haſt du geſchont, Den YVoͤglein ihr Vertrauen So reich belohnt: Wie ſollte der nicht ſchonen, Der ewig liebt, Nicht Er dem Herzen lohnen, Der Alles giebt? OH weh und aber weh dem Mann, Der Schoͤnes nicht auf Erden liebt; Sich keines Dings erfreuen kann,„ Sein volles Herz an keins ergiebt! O wehe, der ſich nie vereint Mit Wieſ' und Quell und Bluͤthenaſt; Sein Maͤoͤchen auch und ſeinen Freund Mit halber Seele nur umfaßt! Und wieder wehe, weh dem Mann, Den Liebe zieht, den Liebe draͤngt!* Der Schoͤnes ſucht, und feſt daran Sein ganzes Herz auf immer haͤngt! Wenn Erd' es traͤgt verſchwindets bald. Der Bluͤthenaſt am Quell verdirbt; Im Freundesbuſen wird es kalt; Und, ach! das treue Maͤdchen ſtirbt. Mag lieben denn, mag lieben nicht! O weh und aber wehe mir! In Liebe ſtrahlt das Sonnenlicht, und faͤllt auf lauter Graͤber hier. Was einſt ich an mein Herz gedruͤckt, Iſt Aſche nun und Todtenbein; Es ſank, wo ich die Gruft geſchmuͤckt; Ihm ſinket nach der Leichenſtein. Wohin, wohin? Denn Lieb' iſt Noth, und Alles wankt, und Alles weicht; Geboren wird's und geht in Tod: Wohin, ſo weit der Himmel reicht? Zu dir hinauf, du Gotteskraft, Die Baum und Wieſenquell erneut, Ohn' Ende wirkt, ohn' Ende ſchafft, Und noch das Grab voll Blumen ſtreut! O du! dein Athem iſts allein; Der allen Staub lebendig weht; Du gabſt den Sternen ihren Schein, Und bleibſt, wenn Erd' und Meer vergeht. Zu dir hinauf erhebe mich, Zu deiner unſichtbaren Welt! Da lebt und liebt's, und ewiglich Wird bleiben, was an dir ſich haͤlt. 459 An Fraͤulein Friederike v. C. Behalte dein Herz Voll lachender Freude; Gieb Weisheit dem Scherz, und Roſen dem Leide. So lange die Jugend Der Seele nicht weicht, Gefaͤllt uns die Tugend, Und Kaͤmpfe ſind leicht. Die Freude verſiegelt, Was ſchoͤn iſt und wahr; Die Freude befluͤgelt Zum Himmel ſogar. Sie kann uns zum Gluͤcke Der Engel erhoͤhn, Und weiht unſre Blicke, Die Gottheit zu ſehn. — Die du ſo bang den Abenoͤgruß Auf mich herunter weheſt, Zur Wolke ſchwebſt, und mit dem Fuß Auf Todtenhuͤgeln ſteheſt, O Linde! manche Thraͤne hat Den Boden hier benetzet, Und Menſchenjammer, blaß und matt, Auf ihn ſein Kreuz geſetzet. Die auf dem Einen Huͤgel hier, Geweint um ihre Lieben, Die birgt ein andrer neben dir; Und ihrer wenig blieben. Sie ſchlafen. Ach! um ihr Gebein Verhallte ſchon die Trauer. Du Linde rauſcheſt ganz allein In athemloſe Schauer. Die Linde auf dem Kirchhofe. 441 Vergebens laͤßt auf kuͤhles Grab Dein Zweig die Bluͤthe fallen; Vergebens toͤnt von dir herab Das Lied der Nachtigallen; Sie ſchlummern fort. Du aber ſchlaͤgſt In modervolle Gruͤfte Die Wurzel, ſchmuͤckeſt dich, und traͤgſt Empor die Bluͤthenduͤfte. Auf Erden ſieht man immer ſo Den Tod ans Leben graͤnzen. Doch ewig kannſt du, ſtolz und froh, Die Aeſte nicht bekraͤnzen; Es trocknet ſchon der Jugend Saft In dir; Verweſung winket, Bis endlich deine letzte Kraft Dahin auf Graͤber ſinket. Wenn aber dein Gefluͤſter auch Verſtummt an dieſen Huͤgeln, So bringet neuen Fruͤhlingshauch Der Weſt auf Roſenfluͤgeln. Damit die Felder wieder bluͤhn, Umwallt er Berg' und Gruͤnde; Will deinen Sproͤßling auferziehn, Und kroͤnt die junge Linde. Wohl uns! Der große Lebensquell Verſiegt dem Geiſte nimmer. Das Kreuz auf Graͤbern, wie ſo hell In dieſer Hoffnung Schimmer! O Linde! gern an deinen Fuß Hoͤr' ich des Wipfels Wehen: Dein feyerlicher Abendgruß Verkuͤndet Auferſtehen. — 01 Inhalt des zweyten Bandes. Erſte Abtheilung. Seite. Vorrede des zweyten Bandes erſter Ab⸗ theilung. 4.... 5 An Sophie von Laroche... 11 Der Schmetterling,.... 13 An Aglaja... 3 8.. 17 An meinen Bruder 3. 24 Zwey Cantaten auf das Geburtsſeſt des Königs von Preußen..... 26 Die Dichter, eine Oper... 5² Charmides und Theone, oder die ſtttliche Grazie. 68 Sendſchreiben an**...— 148 An Lenetten..... 162 An Eliſens künftigen Geliebten... 165 An Eliſen 4.... 167 Die Auferſtehung..... 17⁰ An Antoinetten..... 174 Auf Adelaidens Fächer—... 179 Seite. Der neue Pigmalion.. 181 Freye Nachahmung des franzöſiſchen eiedes: Que ne suis- je la fougère.. 187 Der zärtliche Liebhaber.... 189 Nach dem Arabiſchen... 3. 191 Momus....... 193 Die Nachtigall. Eine Fabel.. 195 Der Bach... 3... 197 An Betty. 199 Der Hirt und der Förſter. 202 Der Heher. 2.. 203 Der Maulwurf.. 3. 204 An die Deutſchen.... 2⁰4 Gleichniß.. 1 205 An die Götter. 205 Die Sternſchnuppe. 206 Zweyte Abtheilung. Seite. Vorrede des zweyten Bandes zweyter Ab⸗ lung...... 209 An die Roſe 3.— 3.. 217 An ein ſterbendes Kind.... 221 An Coroline**..... 223 An ein Veilchen.... 228 Caroline an Gleim, an ſeinem Geburtztage. 230 Nach dem Franzöſiſchen: Jusque dans la moindre 1 chose...... 232 Frohſinn 3...... 234 An Caroline**.. 5. 235 Morgenlied....... 242 Der erſte Kuß.... 244 An Chloen: Wer hat jenen Schatten... 245 Welch ein Kuß!... 246 Komm, Liebchen! es neigen... 247 Die Roſen, die vom Thau beneßt. 249 An die Hirten.. 3 3.. 25⁰0 446 An* r Schifferlied auf dem Düſebach. 2. Nach einem alten Liede. 4—. An Chloen: Die erſten Lerchen ſangen... Chloe! kennſt du noch die Stunde. Wenn die Götter ins Gebüſch. Das letzte Roth am Himmel wich. Freymäurer⸗Lied... Aus der ältern Iris: Von der Reinlichkeit... Von der Schamhaftigkeit. An den Herausgeber u. ſ. w. Am Reujahrstage. Die Dame.. 3.. An Gleminden Erinnerung.. Die Heimath... Der Ring. 8 3... Sehnſucht.... 4. Lied zweyer Schweſtern an ihr Gärtchen. Litaney auf das Feſt aller Seelen. Hochzeitlied,...—.. Die Unſchuld...—. 1 Der Sommertag..—. An Clärchens Geburtstage. An Chloen....„ An eine junge Freundin...... An**....... 8 417 Seite. Lied die Ritter des Oedens vom An Lottchen auf ihren Namenstag. An den Herrn Rector Reitz. Die Spinne und der Hänfling. Lrauer der Liebe. Die Naatigau und der Stieglit. Geſundheit auf Gleims Seburtstag. An die NRachtigall. Auf einer Maskerade: In den Blumenkorb einer Gärtnerin. Auf das Buch einer Zauberin. 3¹8 3¹9 321 326 351 334 3⁵6 358 360 „ beym Herumgehen eines mit Aehren bekränz⸗ An Gleims Geburtstage. An den Herrn Rector*, 374 zweyer Der neue Simſon. die Frau von*** Nach dem Italieniſchen des Berkola. die Gräfin von H** 4 448 Seite. Band zum Geburtstag der Frau Kriegsräthin B*s 401 An Gleim, bey der Feyer ſeines Geburtstages, den 2. April 1781..—. 4⁰² Die Einfalt. An Lina..... 405 An Frau von D»..... 4⁰) An die Liebe....... 409 An Heinſe......„ 410 Hochzeitlied....... 417 Wiegenlied für ein Mädchen... 4¹9 Vorrede zu einem Stammbuch, im Namen ſeiner Beſitzerin. 3..—. 4ar Vertrauen.... 423 Andenken der Brüder und Schweſtern Jacobi an ihren Freund Asmus.... 4²6 An die Liebe... 427 Beym Anblick eines auxfeiss: Aurora und Cephalus... 3 4²9 Bey der Geburt eines Mädchens. 431 In der Mitternacht.„.... 43² An meinen Vater. Im Februar..* 434 Liebe.. 3... 4. 436 An Fräulein Friederike von C.... 439 Die Linde auf dem Kirchhofe.... 440 ———— A