Jacobi 3 Werke. —.— Er ſter Band. Jacobi's Werke. I. I S “ “ ſſſſ“ D 7 8 6 7 S 5 Mi 7 7 m J. G. Jacobi' s äaͤmmtliche Werke. 1 b Erſter Band. Zuͤrich, bey Orell, Füßli und Compagmie 1 832 5. Er ſte Atheilung. —— Leben Von einem ſeiner Freunde. — nec turpem senéctam Degere, nec citharâ carentem. Horat. L. I. Od. 21. Vorrede. — Ueber ſeine Lebensumſſtaͤnde hinterließ der ver⸗ ewigte Dichter Johann Georg Jacobi keine ſchriftlichen Nachrichten. Nur einige kurze Noten ſagte er einmal einem ſeiner Schuͤler in die Feder. Weiter gehen dieſe nicht, als bis zu ſeinen akademiſchen Studien in Goͤttingen. Bey dieſem Zeitpunkte brach er ab, war auch keineswegs mehr zu bewe⸗ gen, die Fortſetzung zu geben, ſondern ſagte verdruͤſſig:„Das Uebrige wiſſe man ja Sohnehin.“ 8 Nach ſeinem Hintritte blieb es der Wunſch ſeiner Wittwe und einiger ſeiner Freunde, daß dem ſo allgemein geliebten und geehrten Dichter ein biographiſches Denkmal geſtiftet werden moͤchte. Man ſammelte alſo Bruch⸗ ſtuͤcke, ſo viel man deren theilhaftig werden konnte. Sie wurden theils aus der fruͤhern Literaturgeſchichte von der zweyten Haͤlfte des vorigen Jahrhunderts, in welcher der Dichter ſeinen erſten Ruhm begruͤndete, hervorgezo⸗ gen, theils aus einem kleinen Vorrathe von Briefen, die derſelbe zuruͤck ließ, theils aus einigen wenigen ſehr lehrreichen Noten mit— getheilt nur von einem einzigen unter ſo vielen Freunden, die er beſaß; endlich aus einem trefflichen Aufſatze eines ſehr gelehrten Mannes in Muͤnchen uͤber das fruͤhere Fa⸗ milienleben des Dichters bis zu ſeinem Ab⸗ 9 gange nach Halle. Man benutzte dieſe letztere Quelle dankbar, oft woͤrtlich; und wahr⸗ ſcheinlich floß dieſelbe aus muͤndlichen Nach⸗ richten des hochgefeyerten Philoſophen Fried⸗ rich Jacobi, Bruders des Verſtorbenen. Dieſes waren nun die Materialien, die dem Verfaſſer dieſer Biographie zu Gebote ſtanden, und welche derſelbe durch die Erin⸗ nerungen aus dem perſoͤnlichen faſt zehnjaͤh⸗ rigen, aber oft unterbrochenen Umgange mit dem Unvergeßlichen, aus der Beobachtung ſeines Handelns und ſeiner Denkweiſe bis zum Ende ſeines Lebens ergaͤnzte, mit dem Wunſche, daß dieſes kleine hiſtoriſche Ge⸗ maͤlde ſeinen Freunden angenehm, und den vielen Schuͤlern, die er bildete, ein bleiben⸗ des Erinnerungsmahl ihres ehrwuͤrdigen Leh⸗ rers ſeyn moͤge, ſo wie die Hypomnemata 40 oder Denkwuͤrdigkeiten des Sokrates, auf⸗ gezeichnet von Tenophon, den Schuͤlern die⸗ ſes weiſen Meiſters zum Vorbilde fuͤr ihr moraliſches, buͤrgerliches und literariſches Leben einſt gedient hatten. Den 1. Jenner 1822. Der Verfaſſer. Jacobi's Leben. Den uUrſprung der Familie, aus welcher unſer gefeyerte Dichter Johann Georg Jacobi abſtammt, finden wir zu Wollershauſen, einem Dorfe im Hanndveriſchen, nur wenige Stunden von Goͤt⸗ tingen entlegen. Dort wohnte der Großvater Johann Andreas Jacobi als evangeliſch⸗ lutheriſcher Prediger, ein Mann von ſtrengen Sitten, ernſter Froͤmmigkeit und ſtiller Haͤus⸗ lichkeit im Kreiſe der Seinen. Geboren im Jahre 1680, beſtimmt von ſeinen Eltern zu einem Landſchuldienſte, ſtudirte er zu Nordhauſen und nachgehends auf der hohen Schule zu Jena mit jenem eiſernen Fleiße und jener ſtrengen ſittlichen Auffuͤhrung, die in der Welt Vertrauen erwecken, und leicht Unterſtuͤtzung gewinnen. Als Juͤngling erwarb er ſich ausgezeichnete Kenntniſſe, kam nachgehends in die Familie des Freyherrn von Werthern in Thuͤringen als Hofmeiſter, in welcher er die Vorzuͤge einer ge⸗ ſelligen Bildung ſich eigen machte, die ihm ſpaͤ⸗ ter bey der Leitung und Erziehung ſeiner eige⸗ nen Soͤhne ſo wohl zu ſtatten kam. War er gleich in den Schulen der ſogenannten ſcholaſti⸗ ſchen Philoſophie erzogen, ſo ſchwur er dennoch nicht auf die Lehrſaͤtze ſeiner Meiſter, ſondern erhielt ſeinen Geiſt frey und unabhaͤngig. Als endlich Chriſtian Thomaſius, der ſcharfſin⸗ nige Leibnitz und der folgerechte Denker Wolf die philoſophiſchen Syſteme reformirten, ſchritt er in ſeinen Kenntniſſen vorwaͤrts, und ward einmal von dem Hanndoͤveriſchen Conſiſtorium zu einer weitlaͤufigen Unterſuchung und Verantwor⸗ tung gezogen, weil er einige originelle Lehrſaͤtze des Superintendenten in Ellrich, die damals bey den ſtrengen Orthodoxen großes Aufſehen erregten, freymuͤthig, doch nur muͤndlich beur⸗ theilt hatte. Nach dem Antritte des Predigeramtes entfernte er ſich ſogleich von der Sitte der damaligen Kan⸗ zelredner, die in ihren kirchlichen Vortraͤgen mit griechiſchen und hebraͤiſchen Spruͤchen aus der Bibel in das Volk hineinwarfen, und damit das Anſehen großer Schriftgelehrter gewannen. Er befolgte eher die einfachen und ſchmuckloſen Vor⸗ traͤge von Spener, Franke, Mosheim und 13 Reinbeck, forſchte und pruͤfte unaufhoͤrlich⸗ ſuchte ſich nebenher auslaͤndiſche Sprachkenntniſſe zu erwerben, und lernte noch als Landprediger durch ſich ſelbſt das Franzoͤſiſche. Bis zu ſeinem Tode waren Schrifterklaͤrung und Naturbeobach⸗ tung ſein Studium, in welchem er mit Schar fſinn noch immer Fortſchritte machte. Noch auf ſeinem Sterbebette las der ſechsundſiebzigjaͤhrige Greis eine der neueſten theologiſchen Schriften, Dr. Heumanns Erklaͤrung des Briefes an die Heb⸗ raͤer. Strenge Ordnung, Sparſamkeit, Froͤm⸗ migkeit wohnten in ſeinem Hauſe. An den Win⸗ terabenden hielt er mit ſeiner Familie und ſeinen Hausgenoſſen Betſtunden. Er betrachtete ſolche gemeinſchaftliche Erweckungen eines frommen Sinnes als wahre Pflicht chriſtlicher Hausvaͤter. In ſeine Buͤcher ſchrieb er: Fidentem nescit deseruisse Deus, d. h. Gott verlaͤßt jene nie, die auf ihn Vertrauen ſetzen. Ihm ward die ſel⸗ tene Freude, daß er ſeine Soͤhne noch 17 Jahre als Familienvaͤter wohl verſorgt und von ihnen eine Nachkommenſchaft von 20 Enkeln ſah. Die⸗ ſes Gluͤck nahm er mit aufrichtiger Beſcheidenz heit, ermahnte die Seinigen ſchriftlich und muͤnd⸗ lich zu gleichen Geſinnungen, und warnte ſie, daß ſie die Welt nicht zu lieb gewinnen moͤch⸗ 44 ten.„Hat“, ſagte er,„eine Familie nach „ihren Umſtaͤnden ſich auf eine merktiche Hoͤhe „emporgeſchwungen, und wird übermuͤthig, ſo „ faͤllt ſie wieder; dahero haͤlt ſich auch ein ſol⸗ „ches Geſchlecht in gleichem Gluͤcke felten durch „drey Abſtammungen; davon ſind auch die maͤch⸗ „tigſten Regenten nicht ausgenommen.“ Und „kaͤmen ſie dahin, daß ſie allen benachbarten „Voͤlkern Gefetze vorſchrieben, ſo iſt ihr Fall „gewiß am naͤchſten.“— Wann haben ſich dieſe Grundſaͤtze kraͤftiger bewaͤhrt, als in unſerer Zeit! In dieſer frommen und ehrwuͤrdigen Fami⸗ lienſchule wuchſen empor feine beyden Soͤhne. Der aͤlteſte Johann Friedrich ſtudirte Theo⸗ logie, und ward nachgehends Generalſuperin⸗ tendent zu Celle bey Hannover, ein Mann von hoher Geiſtesbildung und dem reinſten mora⸗ liſchen Charakter, der die allgemeine Huldigung ſeiner Zeitgenoſſen bis an das aͤußerſte Ziel feines Lebens gewann, ein ſcharffinniger For⸗ ſcher uͤber Gottes Eigenſchaften und die Werk⸗ ſtaͤtte der Natur, der durch Wort und Schrift auch durch Theilnahme bey dem ausgezeichneten landwirthſchaftlichen Vereine zu Eelle thaͤtig war. Seine Biographie enthaͤlt das Nekrolog vom 45 Jahre 1791. Unablaͤßig bemuͤht, ſich zu unter⸗ richten, las er noch am Rande des Grabes im achtzigſten Jahr ſeines Alters Tiedemans Geiſt der ſpekulativen Philoſophie. Sein juͤngerer Bruder, Johann Konrad Jacobi, verließ das vaͤterliche Haus nach er⸗ haltener ſittlicher und geiſtiger Bildung. Faſt ohne alle Unterſtuͤtzung aus dem ſehr ſpaͤrlichen Einkommen der Familie widmete er ſich dem Han⸗ del, und kam in ein Haus nach Hannover, wo er als Handelsdiener ſtand. Dorthin verfuͤgte ſich jaͤhrlich in ſeinen Geſchaͤften ein angeſehener Mann aus Duͤſſeldorf, der Commerzienrath Chriſtoph Falmer. An dem ſtillen durch Be⸗ ſcheidenheit und Bildung ausgezeichneten Juͤng⸗ linge fand er beſonderes Wohlgefallen, nahm ihn mit ſich, und ſtellte ihn an auf ſeiner Re⸗ chenſtube in Duͤſſeldorf. Dort erwarb ſich der junge Menſch, durch Treue, durch Redlichkeit, Fleiß und Einſicht das unbegrenzte Vertrauen Falmers, und endlich wurde ihm in dem großen und geſchaͤftevollen Hauſe, mit Falmers Toch⸗ ter, die er heirathete, das Buͤrgerrecht zu Duͤſ⸗ ſeldorf zu Theil. So erhoben ſich dieſe beyden Soͤhne durch eigenes Verdienſt empor; doch wohlverſorgt, vergaßen ſie des vaͤterlichen Hauſes nicht. Sie betrachteten dasſelbe als den Mittelpunkt, in welchem ſich die getrennt Lebenden von Zeit zu Zeit wieder verſammelten. Allezeit um das dritte Jahr unternahm der Duͤſſeldorfer Jacobi eine Reiſe in das Vaterland, und brachte den Groß⸗ eltern den Nachwuchs ſeiner kleinen Familie, die dann aus dem großvaͤterlichen Pfarrhofe zu Wallershauſen erhoͤhte Achtung fuͤr alte Sitte, fuͤr Froͤmmigkeit und die ſichtbare Hoheit edler Geſinnungen zuruͤckbrachte. Johann Konrad Jacobi, jetzt Komer⸗ zienrath und Handelsmann in Duͤſſeldorf, durch innigſte Liebe an Vater und Bruder gebunden, vereinigte in ſich alle ſittlichen und geiſtigen Ei⸗ genſchaften des Hauſes, von dem er abſtammte. Sie wurden naͤher beſtimmt durch den Einfluß ſeiner Lebensweiſe und den Beruf, welchen er ſich gewaͤhlt hatte. Er war ein ſehr verſtaͤndiger Mann, von ſchnellem aber ſicherem Blicke, von Gegenwart des Geiſtes, unternehmend aber zu⸗ gleich vorſichtig, ernſt, faſt ſtrenge, zuweilen un⸗ geduldig, wenn eine Sache gegen ſeine Mei⸗ nung und Einſicht falſch angegriffen wurde. Fuͤr die mechaniſche Kunſt hatte er ein vorherr⸗ ſchendes Talent, Freude am Bauen, und war — 2 1½ gewoͤhnlich ſein eigener Baumeiſter. Mild und bereit jedem huͤlfreiche Hand zu bieten, kuͤndigte ¹ſich ſein gefuͤhlvolles Herz ſogar im Mitleide ge⸗ gen Thiere an*). Ein vom Vater ererbter religioͤſer Sinn durchdrang ſein ganzes Leben und Seyn. Fuͤr einen Mann, deſſen Hauptge⸗ ſchaͤft der Handel war, beſaß er eine auserleſene Buͤcherſammlung. Er hatte fleißig zur Uebung ſeines Geiſtes die deutſchen Schriften des Phi⸗ loſophen Wolf geleſen, und ſich, ſo viel moͤg⸗ lich, mit der deutſchen Literatur ſeiner Zeit be⸗ kannt gemacht. Vom gemeinen Mitbuͤrger war er geliebt und geachtet, wurde oͤfters von oͤffent⸗ lichen Behoͤrden um Rath gefragt, und hatte viele Verbindungen am Hofe ſelbſt, wo ſeine Empfehlungen mehrmals von Wirkung waren, wenn er ſie jemanden angedeihen ließ. Wie alle gute und reine Menſchen hatte er ſeine Freude an der lieben Natur, und an der Kultur des Bodens. Von ſeinen muͤhſamen Geſchaͤften ſuchte er ſeine Erholung in ſeinem Garten vor der Stadt, dem ſogenannten Pem⸗ pelfort, der nachgehends durch ſeinen Sohn, *) In dem Gedichte:„An meinen Vater.“ Siehe Jacobi's Werke II. Band. 2te Abtheilung. J. 1.* den Philoſophen Friedrich Heinrich Jacobi, als Sitz der edelſten Gaſtfreyheit beruͤhmt ge⸗ worden iſt. Dieſer Garten ward von dem Fluͤß⸗ chen Duüſſel durchfloſſen, und durch mehrere helle Teiche belebt. In jenem ſtillen Aufent⸗ halte erzog er herrliches Obſt von allen Arten⸗ innig erfreut, wenn er damit, ſo wie mit den Weinen ſeines wohlbeſetzten Kellers jemand er⸗ quicken konnte. Er hatte eine ausgezeichnete Orangerie angelegt, und meiſtentheils ſelbſt ge⸗ zogen und gepflegt. Sein Treibhaus war mit den ſeltenſten Gewaͤchſen aller Welttheile bevoͤl⸗ kert. Kurz, ſeine Lebensweiſe war jene, die einen wohlhabenden und vielfach gebildeten Ge⸗ ſchaͤftsmann ankuͤndigt, dem weiſer Genuß nicht fremd iſt. Er lebte gluͤcklich mit feiner Gattin, Falmers Tochter. Sie zeichnete ſich aus als eine Frau von ſehr feinem Verſtande, von zarter Empfin⸗ dung, liebevollem Weſen und hoher Religio ſitaͤt ohne die mindeſte Bigotterie. Aeußerſt wohlthaͤ⸗ tig erwies ſie ſich gegen alle Armen ohne Unter⸗ ſchied des Kirchenglaubens, obgleich ſie der re⸗ formirten Kirche angehoͤrte; weßhalb nach ihrem Tode die katholiſchen Armen haͤufig um ihren Sarg knieten und beteten. Ein zarter Koͤrper⸗ 19 bau kuͤndigte ſchon eine große Reizbarkeit an; daher kam es, daß ſie ſich die Leiden ihrer Mit⸗ menſchen tief zu Herzen nahm; daher auch, daß ſie die Furcht und Unruhe bey Gewittern nicht wohl bemeiſtern konnte. Sie gab ihrem Mann drey Kinder, den Dichter Johann Georg, den Philoſophen Friedrich Heinrich und eine Tochter. Sie ſtarb fruͤhzeitig, als der aͤlteſte Sohn kaum ſieben Jahre alt war. Nun ſah ſich der Vater veranlaßt, wegen ſei⸗ nem ausgedehnten Hausweſen zu einer zweyten Ehe mit der Tochter des Weinhaͤndlers Laus⸗ berg von Elberfeld zu ſchreiten. Aus der⸗ ſelben entfprangen zwey Toͤchter, Helene und Charlotte, nebſt einem Sohne. Die Mutter be⸗ ſaß zwar nicht einen ſo ausgebildeten Geiſt als die erſte Gattin; allein ſie war ein Bild der reinſten Herzensguͤte, der innigſten Liebe und einer Verlaͤugnung und Entaͤußerung ihrer ſelbſt, die ſo ſelten auch bey den beſten Menſchen gefunden wird. Sie hatte keinen frohern Genuß, als die Freude, den Ihrigen ſelbſt Freude berei⸗ ten zu koͤnnen. Ihrem Manne war ſie mit un⸗ begrenzter Anhaͤnglichkeit und Liebe zugethan. Unter den Kindern machte ſie keinen Unter⸗ ſchied, liebte alle gleich und vollkommen, und aus der zweyten Ehe etwas geſchenkt wenn die erhielten, ſo theilte ſie es gerne auch unter je⸗ Georg und Fritz galten vor allen bey ihr, liebten und ehrten hingegen auch ſie wie der aus vollem Herzen⸗ Jede Auf⸗ merkſamkeit ihr erwieſen, lehnte ſie ab, und wies die Kinder damit an den Vater hin. Da⸗ her jene ruͤhrende Eintracht, Liebe und Friede unter den Geſchwiſtern aus beyden Ehen, welche ihr ganzes ſpaͤteres Leben hindurch unverbruͤch⸗ lich fortdauerten. Von Stiefmutter und Stief⸗ geſchwiſtern war⸗ da keine Rede. Die aͤltern Soͤhne nannten ſie ihre zweyte gute Mutter. Vorzuͤglich der Dichter Jacobi bewies ihr die herzlichſte Anhaͤnglichkeit, und ſprach auch in ſpaͤtern Jahren immer mit Ruͤhrung von ihr. Als daher einer feiner Freunde fuͤr das Taſchen⸗ buch, die Iris, in einer deutſchen Ueberſetzung uͤber das Grabmahl einer ſchlimmen Stiefmutter das bekannte Epigramm aus der griechiſchen An⸗ thologie ihm überſandte, ſo ward Jacobi daruͤ⸗ ber aͤngſtlich, nahm es zwar auf, ſetzte aber darunter ein herrliches Gedicht uͤber eine gute Stiefmutter, das ſeine eigene Gefuͤhle fuͤr die ihm Unvergeßliche ausdruͤckte. Auch ſogar die Eltern der beyden Muͤtter legten nen von der erſten. 21 keinen Mißton zwiſchen dieſe freundliche Harmonie. Georg Chriſtoph Falmer war von herzlicher Gute, von kindlich religidſem heiterm Sinne, der zuweilen, doch nur auf kurze Zeit in jedem Jahre, und faſt regelmaͤßig durch eine hypochondriſche Stimmung geſtoͤrt wurde. Auch er war zweymal verheirathet. Aus der erſten Ehe war unſers Jacobi's Mutter, aus der zweyten die nachherige Geheimeraͤthin Schloſſer in Frankfurt, mit wel⸗ cher der Dichter aufwuchs, und ſtets in engſter Freundſchaft lebte. Auch die Familie von Ja⸗ cobi's zweyter Mutter in Elberfeld war durch⸗ aus hochgeſchaͤtzt, und zeichnete ſich nicht minder durch anerkannte Rechtſchaffenheit aus. Die erſten Eindruͤcke, welche gutartige Men⸗ ſchen in den Umgebungen ihres vaͤterlichen Hau⸗ ſes empfangen, wirken wie ein elektriſcher Schlag durch das ganze Leben, geben den Anlagen zum Guten oder Boͤſen die Richtung, laͤutern durch Erfahrung den Verſtand, und befeuern die Phantaſie durch wohlthuende Erinnerung des Vergangenen. Ich mußte mich daher bey der Schilderung dieſes achtbaren Familienkreiſes mit einiger Umſtaͤndlichkeit aufhalten, weil der Dich⸗ ter, von dem wir zu ſprechen haben, ihm alle Elemente des Guten bey dem langen Wirken 22 feines Lebens verdankte, und mit Recht darauf ſtolz war, von ſo ehrenwerthen Ahnen, deren Auszeichnung in einem hohen Seelenadel be⸗ ſtand, entſproſſen zu ſeyn. Einer der trefflichſten Lehrer und Bildner des Menſchengeſchlechtes unſerer Zeit, der alte Peſtalozzi, hatte wohl recht, wenn er das fromme Familienleben das Heiligthum der Wohnſtube nannte, aus welchem die begluͤckende buͤrgerliche Tugend her⸗ vorgeht, und ſo lange noch hervorgehen wird, als die Geſchlechter der Erde ihren hohen Werth nicht mißkennen. Unſer Dichter Johann Georg Jacobi, der anmuthsvolle Liebling der Muſen, war den 2. September 1740 in Duͤſſeldorf geboren. Von ſeiner Kindheit an hatte er eine ſchwache Geſund⸗ heit, die beſtaͤndige Schonung erforderte. Als Knabe litt er an der ſogenannten engliſchen Krankheit, daher ſetzte ſich fruͤhe bey ihm eine gewiſſe Furchtſamkeit und Unbehuͤlflichkeit der koͤrperlichen Bewegung an, die ihn durch das ganze Leben nicht mehr verließ. Unter die fruͤ⸗ heſten Begebenheiten, deren er ſich immer er⸗ innerte, gehoͤrt, daß in dem vaͤterlichen Hauſe ein Kindsmaͤdchen katholiſcher Religion ſtand, die ihn mit vieler Liebe und Sorgfalt pflegte, auch ihn oft mit Erzaͤhlungen unterhielt. Die Mutter derſelben war eine arme Wittwe, bey welcher das Kind oft ganze Tage zubrachte, wenn es im vaͤterlichen Hauſe etwa zu unruhig her⸗ ging. Ihr einſames kloͤſterliches Stubchen ward Abends durch eine duͤſtere Lampe beleuchtet, wo oft bey dem daͤmmernden Scheine eine Le⸗ gende nach der andern erzaͤhlt ward. Dieſe Umgebungen und Legenden ruhrten ſeinen poe⸗ tiſchen Sinn an; daher in ſeinen Schriften ſo oft Schilderungen der beſchraͤnkten Genuͤgſam⸗ keit vorkommen, und ſein Mitleid um das Loos der Armuth, auf welches er ſo oft mit Theil⸗ nahme zurüͤckkoͤmmt. Den fruͤheſten Hausunterricht ertheilten ihm ſogenannte Informatoren, oder junge Kan⸗ didaten der Gottesgelehrtheit. Sein erſter Leh⸗ rer war ein phantaſtiſcher Menſch, durch welchen ſeine ohnehin ſchon lebhafte Einbildungskraft, die reiche Quelle ſo vieler Leiden und Freuden, noch mehr geſpannt ward. Das viele Sprechen uͤber theologiſche Gegenſtaͤnde, und die ehrwuͤr⸗ digen Beyſpiele, die er an ſeinem Großvater und Oheim ſahe, weckten in ſeinem jugendlichen from⸗ men Sinne die Entſchließung, Prediger zu wer⸗ den. Hiezu kam noch ein geheimes Gefallen 24 am Predigen, das ihm, wie wir ſehen werden, immer eigen blieb. Damals waren noch Kontroverſen an der Ta⸗ gesordnung. Man ſtritt fleißig uͤber Religions⸗ lehren. Auf jeden Lehrſatz ward eine eigene Wichtigkeit gelegt, und jeder Artikel kun ſtmaͤßig durch Spruͤche aus der Bibel und durch Syllo⸗ gismen bezankt und wo moͤglich berichtigt. In einer volkreichen Stadt, wie Duͤſſeldorf, wo alle drey chriſtlichen Religionen ihre eigenen Gemein⸗ den hatten, offenbarte ſich die Wirkung dieſes Zeitcharakters ſehr deutlich, und ſprach auch den Juͤngling Jacobi an. Er verfiel in einen po⸗ lemiſchen Geiſt, und uͤbte ihn um ſo lieber, weil er vernahm, daß die Jeſuiten Verſuche gemacht haͤtten, ſeinen Vater zur katholiſchen Religion zu bekehren. Aber dieſe Streitluſt uͤber Gegenſtaͤnde des Kirchenglaubens nahm bey ihm den Charakter ſeines milden Herzens an; Men⸗ ſchenliebe blieb der Grundton, aus dem er ſprach, und ſein Streiten war mehr Uebung ſeines Scharf⸗ ſinns und der dialektiſchen Kunſt als Ausbruch von Erbitterung. In ſeinem vaͤterlichen Hauſe wohnten alle drey Religionen friedlich neben ein⸗ ander. Der Vater und die Soͤhne waren evan⸗ geliſch lutheriſcher Religion. Da aͤußerte einmal 25 der junge Controverſiſt den ſonderbaren Wunſch, daß doch ſein Bruder der reformirten Religion zugethan ſeyn oder werden moͤchte, damit er das Vergnügen haben koͤnnte, ihn wieder zu bekehren*). Neben der deutſchen Mutterſprache lernte Jacobi gleichzeitig die franzoͤſiſche. Noch als Kind ward er in die franzoͤſiſche Schule geſchickt; ſodann befand ſich auch in dem Hauſe fuͤr ſeine Schweſtern eine franzoͤſiſche Erzieherin, in de⸗ ren Geſellſchaft die Knaben taͤglich Zutritt und Uebung hatten. Ueberhaupt war damals zu Duͤſ⸗ ſeldorf das Franzoͤſiſche die geſellſchaftliche Spra⸗ che in allen vornehmern Zirkeln. Die franzoͤſi⸗ ſche Buͤcherſprache lernte er fuͤr ſich durch eige⸗ nen Fleiß in Leſung des Telemach von Fe⸗ nelon, des Tragiker Racine und des Saty⸗ riker Boileau. Nach dieſen Uebungen kam er als Knabe von ungefaͤhr fuͤnfzehn Jahren auf den Einfall, noch ohne die dramatiſchen Regeln zu *) Einen faſt ähnlichen Wunſch hörte ich einmal von zwey Freunden; der eine wünſchte dem andern ganz ernſtlich eine Krankheit an„ um das Ver⸗ gnügen zu haben, ihn mit Liebe pflegen und beſorgen zu können. kennen, ein Trauerſpiel in franzoͤſiſchen Verſen und in zwoͤlf Akten unter dem Titel: le traitre Protesilas zu ſchreiben. Den Inhalt nahm er aus dem Telemach, und hatte manche halbe Nacht daran gearbeitet. Die Tragoͤdie ward in dem Hauſe des Vaters an deſſen Geburtstage in Gegenwart der ganzen Familie aufgefuͤhrt. Einige Zeit darnach ſchrieb er ein Nachſpiel, auch franzoͤſiſch, welches ſchon etwas regelmaͤßi⸗ ger ausfiel. Ebenſo dichtete er fruͤhzeitig als Knabe mehrere Gelegenheits⸗Gedichte und geiſt⸗ liche Lieder. Ja, vor jener franzoͤſiſchen Tra⸗ goͤdie hatte er ſchon ein deutſches Trauerſpiel: Der Selbſtmoöͤrder Nero, verſucht. Man kann ſich vorſtellen, daß in einem ſo haͤufig beſuchten Hauſe, wie ſein vaͤterliches war, es von Seiten der Fremden nicht an verſchwen⸗ deriſchem Lobe fehlte, welches ſeinem Dichter⸗ und Rednertalente reichlich ertheilt ward. Dieſer Beyfall erzeugte in ihm, wie er in ſpaͤtern Jah⸗ ren noch erzaͤhlte, eine große Einbildung von ſich ſelbſt, gab ſeiner Eitelkeit vielfaͤltige Nah— rung, zugleich aber auch Sporn ſeinem Fleiße, der fuͤr ſeine Jahre außerordentlich und uner⸗ muͤdlich war. Doch mit beſonderer Liebe trieb er nur eigentlich die Studien, die ſeine Einbil⸗ 27 dungskraft anſprachen. Einen entſchiedenen Wi⸗ derwillen bezeigte er gegen das Rechnen und die Erdbeſchreibung. Doch mag der Fehler eher auf Seite ſeiner Informatoren und ihres oͤftern Wechſels geweſen ſeyn. Unter ihnen war mancher, der nach einer ſehr verkehrten Methode verfuhr; einer ermudete ihn zuweilen mit der Erdkugel von Morgen bis Abend un⸗ aufhoͤrlich, ein anderer fing die Logik mit ihm an, und that ſich darauf etwas zu gut, daß er ſie innerhalb acht Tagen vollendet haͤtte. Aber der Eindruck dieſer ſchiefen Methoden glitt an Jacobis natuͤrlich gutem Verſtande zum Gluͤcke ohne Nachtheil ab. In jene fruͤhere Zeit faͤllt auch ſeine erſte Liebe. Denn nur zu fruͤhe meldeten ſich bey dem aufwachſenden Juͤngling die zaͤrtlichen Lei⸗ denſchaften. Der erſte Gegenſtand einer ſchwaͤr⸗ meriſchen Zuneigung war ein huͤbſches Maͤdchen aus ſeiner Gemeinde; er ſah ſie als Kind in dem großvaͤterlichen Hauſe, wo ſie mit ihm und ſeinem Bruder in den franzoͤſiſchen Unterricht kam; ſpaͤter, wegen der Kaͤlte zwiſchen den Vaͤtern, im Hauſe weniger, am oͤfterſten noch bey dem Ausgange aus der Kirche, wo er ge⸗ woͤhnlich an der Thuͤre auf ſie wartete, um ſie wenigſtens geſehen oder ein Woͤrtchen zu ihr geſprochen zu haben. Allein nie kam es zu einem offenen Bekenntniß ſeiner Zaͤrtlichkeit. Indeſſen blieb ſie die Koͤnigin ſeiner Gedanken; er ſah ſie immer im Roſenlichte, wie einſt Petrarka ſeine Laura. Sie ſtarb in der Bluͤthe ihres Alters im achtzehnten Jahre; Jacobi ſtand im gleichen Alter. Der Schmerz uͤber ihren Ver⸗ luſt war groß und hoͤchſt empfindlich griff er ſein Herz an; aber er wußte ihn zu verbergen. So viel es ihn auch koſtete, war er doch Abends in der Kirche, als man ſie begrub. Um den Lei⸗ chenzug nicht zu ſehen, verſteckte er ſich hinter einen vergitterten Kirchenſtuhl; als er jedoch einmal aufblickte, da trug man eben den Sarg an ihm vorbey. Tief ward er durch dieſe Erſchei⸗ nung erſchuͤttert, er fing an zu beben und zu weinen; der Eindruck blieb unausloͤſchlich. Die Verklaͤrte ward fuͤr lange Zeit die Herrin ſeiner Seele; treu bewahrte er ihr reines Bild und heiliges Andenken. Sie ward ihm zum Schutz⸗ geiſte in den erſten gewoͤhnlich ſo gefaͤhrlichen Univerſitaͤtsjahren; die fromme heilige Liebe ließ keine niedrige neben ſich aufkommen. Gleich auf dieſen Zeitpunkt, nachdem er ſich zur Theologie beſtimmt hatte, trat er im Jahre 29 2758 ſeine Reiſe nach der hohen Schule zu Goͤttingen an. Aber noch kurz vor dem Weg⸗ gehen mußte er die Beſchießung Duͤſſeldorfs durch das hanndveriſche Heer in der Zeit des ſiebenjaͤhrigen Krieges erleben. Er fluͤchtete mit der Familie, war aber noch Augenzeuge, wie die erſten gluͤhenden Kugeln die Gebaͤude der Stadt anzündeten. Der Anblick dieſer ſchreck⸗ lichen Kriegsſcene empoͤrte das reitzbare Gefuͤhl des Junglings; und tief grub ſie ſich in ſeine Phantaſie. „Auf der Reiſe nach Goͤttingen nahm er einen Umweg uͤber Celle, und verweilte dort bey ſeinem trefflichen geiſtlichen Oheim. Wir kennen den Mann ſchon aus dem, was wir oben von ihm ſagten. Wie mußte derſelbe auf den verſtaͤndigen gefuͤhlvol⸗ len Juͤngling wirken! Sein liebevolles, ſanftes, vertraͤgliches Weſen, ſein Mitgefuͤhl mit allen Leidenden; dieſe Zartheit der Empfindungen und Aeußerungen, wie bey Wenigen; dieſe aͤchte De⸗ muth und Selbſtverlaͤugnung, dieſe Gewiſſenhaf⸗ tigkeit und Gerechtigkeitsliebe auch in den klein⸗ ſten Handlungen praͤgten ſich dem entgegenkom⸗ menden Herzen des jungen Dichters ein und behaupteten einen entſchiedenen Einfluß auf die Leitung und Denkweiſe ſeines kuͤnftigen Lebens, Endlich kam er zu Goͤttingen an, und wohnte in dem Haufe des Profeſſors Weber, deſſen Vorleſungen uͤber Logik und Methaphyſik von den Studirenden fleißig beſucht wurden. Dieſer Gelehrte war ein ſtrenger Wolfianer, ziemlich pedantiſch, der, um die Klarheit des Vortrages zu erzwingen, in vorgezeichneten ſchulgerechten ungeheuren Tabellen gleichſam eine Landkarte der Wiſſenſchaft ſeinen Schuͤlern im⸗ mer vor Augen legte. Die Wolfiſche Philoſophie war fuͤr ſich ſelbſt ſchon eine ſehr trockene Lehre, kraft der mathematiſchen Methode, in welche ihr ſcharfſinniger Erfinder ſie eingeengt hatte. Fuͤr einen heitern, phantafiereichen, nach Bildern ſtrebenden Geiſt, wie ihn Jacobi hatte, konnte ſie nicht einladend ſeyn. Indeſſen arbeitete er ſich auf dem ſchroffen Pfade ſo gut durch, als es moͤglich war. Um ſich zur Verſtaͤndniß der Bibel vorzubereiten, fing er dann als angehen⸗ der Theolog an, bey dem beruͤhmten Orienta⸗ liſten, Profeſſor Michaelis, die hebraͤiſche Sprache zu lernen. Allein auf der andern Seite zogen ihn ſtets die holden Muſen unwiderſtehlich an, und er wollte ſich auch die neuern europaͤi⸗ ſchen Sprachen aneignen, in welchen ſie bey den Voͤlkern unſers Welttheils geſungen hatten⸗ Er verwendete ſeine meiſte Zeit auf das Italie⸗ niſche, Engliſche und Spaniſche. Den Dichter Petrarka las er, wie er behauptete, mit ge⸗ ringem Wohlgefallen. Dieß iſt ſchon Vielen widerfahren, die außer fuͤnf oder ſechs Sonet⸗ ten, welche freylich unvergleichlich ſind, in den andern Geſaͤngen nichts fanden, als das ewige Drehen um den naͤmlichen Gegenſtand, naͤmlich die Liebe zu Laura, fuͤr welche unter tauſend Formen die poetiſchen Ergießungen ohne große Abwechſelung der Ideen fortlaufen, und am Ende durch Wiederholung gleichfoͤrmiger Bilder ermuͤden. In den uͤbrigen Studien war jedoch, ſeiner ſonſtigen Gewiſſenhaftigkeit ungeachtet, in dieſer erſten Periode des akademiſchen Lebens der Fleiß nicht ſo groß, wie er ſeyn ſollte. Denn in ſeinem Gemuͤthe entſpann ſich ein Zwieſpalt uͤber ſeinen Lebensplan, gegen die Luſt, ſich mit uͤberſinnlichen Gegenſtaͤnden zu beſchaͤftigen. So ſchwand immer mehr die Neigung zu den theo⸗ logiſchen Wiſſenſchaften. Er aͤnderte alſo ſeine Entſchließung, und nahm ſich vor, die Rechts⸗ gelehrtheit zu ſtudiren. Solche Kriſen ſind in jungen Gemuͤthern nicht felten, ereignen ſich nie ohne innern Kampf, und laͤhmen fuͤr eine Zeit den Frohmuth und die Thaͤtigkeit. In der naͤmlichen Epoche geſchah es, daß der ſiebenjaͤhrige Krieg fortwuͤthend ſich in das Hannoͤ⸗ veriſche waͤlzte. Das franzoͤſiſche Heer zog vor Goͤttingen, und beſetzte die Stadt. Das krie⸗ geriſche Ungeheuer verſcheuchte die meiſten Stu⸗ denten; um demſelben auszuweichen, reiſete Jacobi zu ſeinem geiſtlichen Oheim nach Celle, bey welchem er den ganzen Winter blieb; der zaͤrtlich beſorgte Mann wollte ihn auch nach der Univerſitaͤt nicht ſo bald zuruͤck laſſen. In der Stadt Celle machte er Bekanntſchaft mit Avena⸗ rius, der ſpaͤter eine Ueberſetzung des komiſchen Gedichtes von Zachariaͤ's Murner in der Hoͤlle in ſehr ſchoͤnen lateiniſchen Verſen her⸗ ausgab, ein Mann von entſchiedenem Talente fuͤr Poeſie, welcher damals auch vieles in deut⸗ ſcher Sprache dichtete, aber nichts darin drucken ließ. Von ſeinem Umgange ward Jacobi bis zur Begeiſterung ergriffen; auch verdankte er ihm die naͤhere Bekanntſchaft des unvergeßlichen Dichters Uz, deſſen poetiſche Geiſteserzeugniſſe mit Recht als eine hoch erfreuliche Erſcheinung in dem Reiche der ſchoͤnen Literatur angeſehen wurden, und noch heut zu Tage entſchiedenen Werth behalten. Unter andern verfeinerten den Juͤngling die vielen geſellſchaftlichen Zirkel der Stadt, beſonders der Umgang mit manchen ge⸗ bildeten Frauenzimmern, ſo daß die gezwungenen Unterbrechungen ſeiner Hauptſtudien dieſen Win⸗ ter hindurch fuͤr ihn ſehr nuͤtzlich wurden, und in mancher Hinſicht durch befoͤrderte zwangloſe Geiſtes bildung ihm vortheilhafte Entſchaͤdigung gewaͤhrten. Endlich um Oſtern 1761 ging er nach der hohen Schule Helmſtaͤdt ab, um dort ſeinen juridiſchen Studien obzuliegen. Allein auch hier ward ihm ſein neugewaͤhlter Beruf, ja jede Be⸗ ſchaͤftigung zu einer beſchwerlichen Frohne. Er hatte zwar da, ſo wie ehedem in Goͤttingen, nur mit den gebildetſten Studenten Umgang, haͤtte demnach auch ganz vergnuͤgt leben koͤnnen, wenn nicht ſeine Geſundheit ſich verſchlimmert, ihn eine unbeſiegbare Hypochondrie ergriffen, und faſt zu jeder Arbeit unfaͤhig gemacht haͤtte. Dieſer unwillkommene Zuſtand ſeiner Geſund⸗ heit noͤthigte ihn, um Oſtern 1762 nach Duͤſſel⸗ dorf, ſeiner Vaterſtadt, zuruͤckzukehren, wo er mit ſeinem vortrefflichen Bruder Friedrich wie⸗ der zuſammentraf, der indeſſen drey Jahre auf der Univerſitaͤt zu Genf zugebracht hatte. Der Vater hatte die ſen Sohn zwar eigentlich fuͤr Han⸗ delsgeſchaͤfte nach Genf geſendet; allein in die⸗ Jakobi's Werke. I. 2 ſer geiſtreichen und gelehrten Stadt konnte der junge Menſch ſeiner unuͤberwindlichen Neigung, die ihn zu den hoͤhern ſpekulativen Wiſſenſchaf⸗ ten anzog, nicht widerſtehen. Er widmete ſich denſelben mit unbeſchreiblichem Eifer, genoß des Umganges der vortrefflichſten Maͤnner, ward mit dem ganzen Umfange der franzoͤſiſchen Literatur vollkommen vertraut, und gerieth endlich bey ſeinen Landbeſuchen auf dem benachbarten Orte Ferney mit Voltaire in perſoͤnliche Bekannt⸗ ſchaft. Es war naͤmlich damals ein junger ruſ⸗ ſiſcher Graf Soltikow von der Kaiſerin Katha⸗ rina dahin geſchickt worden, um dem alten Philoſophen Materialien zur Geſchichte Rußlands zu uͤberbringen, und demſelben bey der Bearbei⸗ tung als Dolmetſcher beyzuſtehen. Soltikow, ein ſehr wiſſenſchaftlicher ganz fuͤr die Literatur gluͤhender Juͤngling, fand ſich von dem Geiſtes⸗ verwandten Friedrich Jacobi maͤchtig ange⸗ zogen. Zwiſchen beyden entſtand nun die engſte Freundſchaft, und ſo machte der Ruſſe ſich eine Angelegenheit ſeinen jungen deutſchen Freund auch bey Voltaire aufzufuͤhren. Man kann ſich vorſtellen, mit welcher Freude die einige Jahre getrennt geweſenen Bruͤder einander wieder in Duͤſſeldorf umarmten. Frie⸗ 35. drich Jacobi, der die franzoͤſiſche Literatur ſo fleißig durchgearbeitet hatte, machte nun den Bruder Georg mit der franzoͤſiſchen Dichterwelt und ihrer Feinheit vertrauter, ſo daß dieſes einen maͤchtigen Einfluß auf die eigenen deut⸗ ſchen Verſuche, mit denen er ſich immer be⸗ ſchaͤftigte, haben mußte. Der Bund innigſter⸗ Zaͤrtlichkeit zwiſchen beyden Bruͤdern ward er⸗ neuert, befeſtigte ſich enger durch gluͤckliches Zu⸗ ſammenleben waͤhrend eines ganzen Sommers, und durch gegenſeitige Anerkennung ſo ſchoͤner geiſtiger Entwickelungen. Sie faßten eine un⸗ ausſprechliche Liebe fuͤr einander, und Georg hing mit ſeiner ganzen gefahlvollen Seele an ſeinem juͤngern Bruder Friedrich, deſſen ernſte Weiſe, das Leben und die Wiſſenſchaften anzu⸗ ſehen, Wahrheit und hoͤchſte Menſchenwuͤrde zu ergruͤnden und zu begrunden, ihn mit mehr als Freundſchaft und Bruderliebe, ihn mit einer Art⸗ von Verehrung an den gruͤndlichen philoſophiſchen Forſcher fuͤr ſein Leben lang band. Endlich im Herbſte 1762 ging Georg wie⸗ der nach Goͤttingen, um, wie es ſeine Abſicht. war, dort das Studium der Rechtsgelehrſamkeit fortzuſetzen. Als er das Kirchenrecht bey Boh⸗ mer hoͤrte, vollendete dieſes trockne Syſtenmn 36 ſeine Abneigung gegen das ganze Fach; es duͤnkte ihn unmoͤglich, ſich mit Frucht weiter damit beſchaͤftigen zu koͤnnen. Und doch ſollte er ein ſogenanntes Brooſtudium treiben!— Aber um dieſe Zeit kam der in der Folge ſo beruͤhmt gewordene Profeſſor Klotz als oͤffent⸗ licher Lehrer nach Goͤttingen. Er verehelichte ſich mit einer Freundin Jacobis, und gerieth dadurch zufaͤllig mit ihm in naͤhere Bekanntſchaft. Waͤhrend dem ſtarb Jacobis zweyte Mutter in Duͤſſeldorf, von welcher er ſo viel Gutes genoſſen hatte; ſein Schmerz ergoß ſich in ein ruͤhrendes Trauerlied. Klotz fand dieſen Ge⸗ ſang vortrefflich, und gewann Achtung fuͤr das ſich entwickelnde Dichtertalent ſeines jungen Freundes; beyde wurden nun je laͤnger je mehr vertraut. Klotz, damals in der Bluͤthe ſeines Alters, ſeines Ruhmes und Anſehens, bere⸗ dete Jacobi, der Rechtsgelehrſamkeit, die ſo wenig ſeinem Geiſte angemeſſen war, zu ent⸗ ſagen, ſich aber im Gebiete der geſammten ſchoͤnen Literatur auf ein akademiſches Lehramt vorzubereiten. Bey ihm fand er ein offenes Ohr; denn ſchon laͤngſt fuͤhlte Jacobi, daß er in den bereits verſuchten Faͤchern nie vor⸗ waͤrts kommen, nie darin mit Zufriedenheit und 37 Auszeichnung wirken wuͤrde. Sein Vater wil⸗ ligte am Ende ſelbſt in dieſe neue Abaͤnderung des Lebensplans. Und wer war nun gluͤcklicher als unſer Jacobi, der Ketten der ſeinem Genius ſo wenig zuſagenden Disziplinen entledigt zu ſeyn. In der uͤberſchwaͤnglichen Freude ſeines Herzens verſprach er nun einem ſeiner Freunde ihm die praͤchtige Ausgabe ſeines roͤmiſchen Corpus Juris zu ſchenken, jedoch mit der Bedingung, daß er es auf der Straße oͤffentlich in Empfang nehme, indem Jacobi ihm dasſelbe zum Fenſter hinaus werfen wuͤrde. Der junge Freund ging alſo fleißig auf der Straße unter dem Fenſter vorbey, das Geſchenk ſehnſuchtsvoll erwartend, und fing endlich das dicke Buch mit beyden Haͤnden auf, als es der launige Jacobi zur Ausuͤbung ei⸗ niger Rache fuͤr ſo manche peinliche Stunde, welche ihm das trockene Studium der Rechtsgelehr⸗ ſamkeit gemacht hatte, zum Fenſter hinaus ſchleu⸗ derte. Daruͤber ſchrieb er ſeinem Bruder Fritz einen hoͤchſt komiſchen Brief. Als Klotz nach Halle in Sachſen berufen ward, zog er bald Jacobi nach ſich. Dort uͤbertrug man dem jungen Dichter auf der hohen Schule das Lehramt der Philoſophie und der ſchoͤnen Wiſſen⸗ ſchaften. Er zeichnete durch muſterhafte Vor⸗ 38 traͤge in dem ihm angewieſenen wiſſenſchaftlichen Fache ſich aus, las unter andern uͤber die Werke der beſten auslaͤndiſchen Dichter, z. B. uͤber Taſſo's Gierusalemme liberata, wozu ihm ſeine erworbenen Kenntniſſe in den gangbaren europaͤi⸗ ſchen Sprachen huͤlfreiche Hand boten. In dem Jahre 1767 erſchien von ihm zu Halle ein Baͤnd⸗ chen Romanzen*) aus dem Spaniſchen des Gon⸗ gora ſehr angenehm uͤberſetzt, in zaͤrtliche, lyri⸗ ſche und burleske Abtheilungen geordnet. Auch erſchien von ihm das Verſprechen, das klaſſiſche ſpaniſche Heldengedicht Aracauna zu uͤberſetzen, das jedoch, ſo viel mir bekannt, nicht in Er⸗ fuͤllung ging. Die uͤberſetzten Romanzen ge⸗ wannen damals hohen Beyfall; ſie waren der Eigenthuͤmlichkeit des Originals mit großer Ge⸗ ſchicklichkeit und trefflicher Harmonie angepaßt, auch mit kritiſchen Noten erlaͤutert. Haͤtte er hierin fortgearbeitet, er wuͤrde vielleicht noch mehr, als Meinhards Verſuche uͤber die italieni⸗ ſchen Dichter, geleiſtet haben. Allein ſein guter Genius ſorgte fuͤr eine an⸗ dere Beſtimmung. Der Canonikus und Dichter Wilhelm Ludwig Gleim von Halberſtadt machte Jacobi's Bekanntſchaft in dem Bade *) Klotz deutſche Bibliothek. 1—6. 2. Stück, zu Lauchſtaͤdt im Sommer des Jahres 1766, wo⸗ hin auch damals Wieland und Sophie la Roche eintrafen. Die geiſtesverwandten Maͤn⸗ ner zogen einander unwiderſtehlich an, ſo wie gewiſſe chemiſche Elemente einander ſich leicht naͤhern und verſchmelzen. Gleim kannte zu der Zeit von Jacobi noch nichts als ein ſchoͤnes Liedchen, das in Ramlers Blumenleſe er⸗ ſchienen war. Aber die fromme Schuͤchternheit und herzgewinnende Art des jungen Profeſſors bewirkten die Hinneigung zu einem Freundſchafts⸗ bunde, der bis zum Ende ihres Lebens fort⸗ dauerte. Gleim entwarf ſogleich den Plan, ſeinen Freund mit ſich zu vereinigen, und ihm das unſchaͤtzbare Gluͤck der Unabhaͤngigkeit zu verſchaffen. Er war ohnehin zu Halle gering oder gar nicht beſoldet, und lebte theils von dem Ertrage der Collegiengelder, theils von, den Fruͤchten ſeiner Arbeitſamkeit und ſeiner Muſe. Gleim ſah aber wohl ein, daß jenes an dem Orte, wo er war, ſo hoͤchſt unruhige Profeſ⸗ ſorleben für den jungen Mann in die Laͤnge nicht auszuhalten ſeyn wuͤrde. Klotz ſtuhnd damals auf dem erhabenſten Punkte ſeiner glaͤn⸗ zenden Laufbahn; ſtolz auf ſeine Kenntniſſe, hatte er ſich einer Art von Diktatur im freyen Gebiete der Kunſt und der ſchoͤnen Wiſſenſchaften ange⸗ maßt. Es iſt wahr, dieſer große Gelehrte hatte ungemeſſene Talente, aber auch einen ſchnei⸗ denden und heerſchſuͤchtigen Ton mit einer Bit⸗ terkeit in Schriften und Kritiken angenommen, die ihm Feinde in ganz Deutſchland zuzogen, und ihn in tauſend Streitigkeiten verwickelten. Allerdings ſchrieb in jener Zeit niemand beſſer Latein als er in ſeinen mit beißenden Urtheilen und Perſonalitaͤten verwebten Actis litterariis, wodurch die Ehre vieler wackern Maͤnner gekraͤnkt wurde; niemand konnte in der roͤmiſchen Sprache klaſſiſcher und kraͤftiger ſchimpfen. Aber bald ruͤſteten ſich gegen ihn andere maͤchtige Athleten in der Kritik, die ihn mit gluͤcklichen Waffen an⸗ griffen und beſtritten, wie Leſſing, Herder u. a. Jacobi war zwar an Klotz wegen ſeiner Befoͤrderung zum Lehramt nach Halle durch Gruͤnde der Dankbarkeit und als ſein Hausgenoſſe durch perſoͤnliche Anhaͤnglichkeit und Schaͤtzung ſeiner Verdienſte geknuͤpft; allein der friedfertige Dichter mochte doch ſolche feindſe⸗ lige Verhaͤltniſſe ſeines gelehrten Befoͤrderers, an denen er einigen Antheil zu nehmen verleitet ward, wie er ſelbſt eingeſtand, im Herzen nicht billigen. Ward er doch auch nach ſeiner Abreiſe 41 von Halle gegen alle Wahrheit in Verdacht ge⸗ bracht, als ob er neben Gleim und andern mit dem gefuͤrchteten Ariſtarchen noch immer im Bunde ſtühnde. Alſo hoͤrte Jacobi deſto eher auf die Stimme ſeines neu erworbenen Freundes Gleim. Die herzliche Vereinigung dieſer beyden fuͤr einander geſchaffenen Dichter ſprachen ſich in der zu Halle im Jahre 1768 gedruckten Samm⸗ lung ihrer gewechſelten Briefe aus. Seit ihrer Erſcheinung nannte man Gleims Namen nie ohne Jacobi's; ſie erſchienen immer in der Welt unzertrennlich, ſo wie ehedem die gefeyer⸗ ten Namen von Damon und Pythias. Gleim arbeitete nun mit allen Kraͤften, ſeinem Freunde die landesherrliche Erlaubniß zum Ankaufe eines Kanonikats im Stifte zu Halberſtadt zu verſchaf⸗ fen, ſchrieb deswegen im May 1768 an den Koͤnig von Preußen, erhielt auch eine gewaͤh⸗ rende Antwort, und ſo erlebte er die Freude, daß ſich Jacobi im Dezember 1769 zu Halb er⸗ ſtadt haͤuslich niederließ. Von nun an arbeiteten die beyden Dichter gemeinſchaftlich im Tempel der Muſen. Bald bildete ſich in Halberſtadt eine wahre Schule der Humanitaͤt unter Gleims Einfluß und Mit⸗ 42 wirkung, in welcher unendlich vieles Gute zur Kultur der ſchoͤnen Wiſſenſchaften und Verede⸗ lung der Sprache vorbereitet und gethan wurde. Nach und nach fanden ſich neben Jacobi dort zuſammen Michaelis, Klamer Schmidt, Jaͤhns, Sangershauſen, Benzler u. ſ. f. Es war ein Verein der beſten hoffnungsvollſten jungen Geiſter, die ſich dem Dienſte der Muſen zur Befoͤrderung des Guten und des Schoͤnen gewidmet hatten. 4 Noch im Jahre 1769 erſchien zu Duͤſſeldorf Jacobi's Winterreiſe; ſo wie im Jahre 1770 desſelben Sommerreiſe. In der neue⸗ ſten Zürcher-Ausgabe verwies aber der ſtrenge kritiſche Dichter die letzte Arbeit ganz aus dem Kreiſe ſeiner Werke, obgleich ſie bey ihrer Er⸗ ſcheinung mit ſo vieler Theilnahme geleſen ward. In dem naͤmlichen Jahre 1770“ erſchien zu Halberſtadt bey Groß die erſte Sammlung der Werke unſers Dichters in zwey Theilen. Nach dieſem breitete ſich ſein Ruhm ſo ſehr aus, daß ſogar in Paris ſchon im Jahre 1771 eine franzoͤſiſche Ueberſetzung von mehreren ſeiner Ar⸗ beiten erſchien, unter dem Titel: Traductions de diverses oenvres composées en allemand en Vers et en prose par Mr. Tacobi, chanoine d'Halberstadt. Paris 1771. Der mir unbekannte Ueberſetzer faͤllt in der Vorrede ein ſehr guͤnſtiges Urtheil uͤber Jacobi's Schriften, wovon ich einige Stellen, in unſere Sprache übergetragen, hier anfuͤhren will:„Einſichtsvolle Kunſtrichter „in Deutſchland(ſagt er) bewundern mit Recht „Jacobi's lebhafte, fruchtbare und froͤhliche „ Einbildungskraft, beſonders aber jene Zart⸗ „heit und Tiefe des Gefuhls, welches ihn mit „allen Weſen, die ihn umgeben, in die innigſte „„ Verbindung ſetzt, und ihn dahin leitet, daß die „verborgenſten Verhaͤltniſſe zum Menſchen ſich „ ſeinem Geiſte natuͤrlich und unter tauſend „neuen Geſtalten darbieten. In der Verket⸗ „tung ſeiner Ideen herrſcht die hoͤchſte Ordnung „ und Beſtimmtheit; ſeine Schreibart iſt deutlich „und leicht, und kaum kann etwas der Harmo⸗ „nie ſeiner Verſe verglichen werden. Wer nun „ſolche Gaben beſitzt, verſteht die Kunſt, die „Menſchen zu gewinnen und aufzuklaͤren. Daher, „wenn man Jacobi's Werke liest, findet man „ſich durch eine unſichtbare Kraft zur Tugend „hingezogen. Sein Genie zur Tugend iſt eine „himmliſche Flamme in der Hand einer wohl⸗ „thaͤtigen Gottheit. Jacobi hat auch einige „Stuͤcke voll der edelſten Frohmuͤthigkeit gelie⸗ „fert; aber auch mitten unter dem Lachen ver⸗ „liert er nie jene ruͤhrende Sittlichkeit, die „immer ein Zeichen einer gefuͤhlvollen Seele iſt. „ Bearbeitet er aber ernſthafte Gegenſtaͤnde, ſo „weiß er eine ſuͤße Heiterkeit zu verbreiten, und „die Thraͤnen, die er zuweilen hervorlockt, ſind „immer von einem ſanften Nachgefuͤhl beglei⸗ „tet.“— Welch ſchoͤnes Zeugniß von einem ſehr gebildeten Ueberſetzer einer Nation, in wel⸗ cher es Kritiker gab, wie ein P. Bouhours, der einſt die Frage aufwarf: Ob die Deutſchen auch Verſtand haben koͤnnten?— Zwiſchen dem Zeitpunkt von dem Jahre 1769 bis 1771 muß ich der chronologiſchen Folge willen die Geſchichte mit den ſogenannten Lo⸗ renzo⸗Doſen einſchieben, zu welchen Ja⸗ cobi zufaͤlliger Weiſe Anlaß gab. Er war bey ſeinem Bruder in Duͤſſeldorf; ſie laſen mit ein⸗ ander Yoriks empfindſame Reiſen, und ka⸗ men auf die ruͤhrende Geſchichte des Franzis⸗ kaner⸗Bruders Lorenzo, welcher Yorik um ein Almoſen anſprach, von ihm hart abgewieſen wurde, dann aber durch ſein ſanftmuͤthiges Be⸗ tragen dem Englaͤnder Reue über die empfind⸗ liche Bitterkeit einfloͤßte, nachher zum Zeichen der Verſoͤhnung eine ſchildkroͤtene Doſe aus 45 ſeiner Hand geſchenkt bekam und ihm die ſeinige von Horn uͤberreichte.— Beyde Bruͤder wurden durch dieſe Geſchichte, wie jeder, der ſie liest, innigſt geruͤhrt, ſchauten einander ſtillſchweigend an, und jeder entdeckte Thraͤnen in dem Auge des andern. Der Greis Lorenzo ſchwebte ihnen vor, heiliger und ehrwuͤrdiger als die ſtolzen Stifter ſo vieler beruͤhmter Orden. Sanftmuth, unuͤberwindliche Geduld, Verzeihung der menſchlichen Fehler, Vertraͤglichkeit und Nachſicht mit den Verirrungen der Welt, lehrte ſie Lorenzo's Beyſpiel. Das dadurch erweckte Gefuͤhl war ihnen zu fuͤß, um es nicht durch ein in die Sinne fallendes Zeichen feſtzuhalten. In dieſer Abſicht kauften ſie ſich hoͤrnerne Ta⸗ backsdoſen, und ließen den Namen Lorenzo darauf einlegen. Sie theilten einige derſelben ihren Freunden mit, um, wenn je einer aus ihrer Geſellſchaft ſich durch Hitze uͤberwaͤltigen ließe, der andere ihm die Doſe darbieten moͤge, als ſymboliſche Erinnerung, auch bey der groͤß⸗ ten Heftigkeit zur ſanften Maͤßigung zuruͤckzu⸗ kehren. Eine ſolche Doſe ſchickte nun der Dichter Jacobi auch ſeinem Freunde Gleim nach Hal⸗ berſtadt, begleitet von einem Schreiben(vom 46 4ͦten April 1769). Bald darauf ward dieſe Epie⸗ ſtel in dem Hamburger Correſpondenten abge⸗ druckt. Wie erſtaunte Jacobi nicht, als, gleich nach ihrer Erſcheinung, faſt alles, was ſich zur feinern Welt rechnete, zumal in Ober⸗ und Niederſachſen, nach einer Lorenzo⸗Doſe ſich umſah. Die Drechsler fanden den Einfall für ihren Erwerb vortrefflich; mehrere Kaufleute machten daraus eine Sache der Spekulation, und bald wurden die hoͤrnernen Doſen nicht nur durch ganz Deutſchland, ſondern auch bis nach Daͤnemark und Liefland als Handelsgegenſtand verſendet. Ein deutſcher Reichsgraf, wie Jacobi in einer Note bey der Zuͤrcher neuen Ausgabe ſeiner Werke anfuͤhrt, ließ ſogar das Eiſenblech, das ihm ſeine Bergwerke lieferten, zu Lorenzo⸗ Doſen verarbeiten. Jetzt erkannte erſt Jacobi ſeine Schwaͤrmerey, in welcher er verſprochen hatte, jedem, der ihm eine ſolche Doſe darbie⸗ ten wuͤrde, bruͤderliche Vertraulichkeit zu bewei⸗ fen. Er fing an einzuſehen, wie geſchwind dergleichen Symbole ihre wahre Bedeutung ver⸗ lieren, und endlich in eiteln Modetand aus⸗ arten. Eine zweyte Herausgabe von Jacobi's ſemmtlichen Werken erſchien wieder in Halberſtadt * 47 1775— 1775 in 3 Baͤnden. Indeſſen begab ſich Jacobi im Jahr 17/4 nach Duͤſſeldorf. Er hatte naͤmlich den Plan entworfen, eine Zeitſchrift herauszugeben; in dieſer Abſicht nahm er den ſchon ſehr gebildeten Heinſe mit ſich als Gehuͤlfen. Das ſtoͤrte ein wenig, doch nicht auf lange, Gleims Gemuͤthlichkeit*). Die⸗ ſer billigte den Plan der Iris, die wir jetzt die aͤltere Iris nennen, weil ſpaͤter nach Jaco— bi’s Verſetzung nach Freyburg eine jungere Iris, als jaͤhrliches Taſchenbuch, bis zu ſei⸗ nem Tod erſchien. Die aͤltere Iris ward vom Jahre 1774— 1776 in 8 Baͤndchen abge⸗ druckt. Sie war ganz auf das Beduͤrfniß der Zeit berechnet. Denn damals war die Epoche der Empfindſamkeit durch Leſung der Schriften des Englaͤnders Yorik und der Nachtgedanken DYoungs eingeriſſen. Jener treffliche Humo⸗ riſt hatte allerdings in beſſern Seelen wahrhaft *) Körte, der Herausgeber von Gleims ſeines Oheims Leben(Halberſtadt 1811), machte S. 189 viel Aufhebens über dieſe Entführung Heinſe's„ wie er es nannte. Allein Jacobi ward vollkommen von dieſer Beſchuldigung gerechtfertigt in dem Morgenblatt 1810 Nro. 64. Correſpondenz⸗ Nachrichten. 1 edle Gefuͤhle erweckt, die ſich in ihrer Einfalt und Lauterkeit lange erhielten; dagegen aber ſuchten andere ſich durch die Kunſt in Gefuͤhle zu verſetzen, welche ſie ſich wuͤnſchten, die ihnen aber nicht eigen waren; und noch andere begnuͤgten ſich mit dem angenommenen Scheine der Empfindſamkeit. Manche unſerer jetzigen Zeitgenoſſen erinnern ſich noch wohl dieſer Epo⸗ che, welcher bald eine andere nachfolgte, naͤm⸗ lich der ſogenannten Kraftmaͤnner und Ge⸗ nies, welche alltaͤgliche Handlungen mit einer Miene von hoher Anſtrengung verrichteten, und uͤber die gemeinſten Gegenſtaͤnde ſich in Hyper⸗ beln ergoſſen. Auch das weibliche Geſchlecht, welches bisher von zaͤrtlichen Gefuͤhlen uͤber⸗ floſſen war, ſogar da, wo es nichts zu empfin⸗ den gab, fing an, der Seufzer und Thraͤnen muͤde zu werden, und ſich zu einem ernſtern Tone hinaufzuſtimmen; es gefiel ſich im Erha⸗ benen. Junge Damen, wie Jacobi ſagte, obwohl ſie den halben Morgen vor dem Spiegel ſaßen, und ihnen Putz, Modegeſchwaͤtz und andere Albernheiten von der groͤßten Wichtigkeit blieb, ſchwangen ſich doch in hoͤhere Sphaͤren, oder ließen ſich von den Kraft⸗Genies dahin empor heben. Den Charakter eines ſolchen laͤ⸗ 49 cherlichen Kraftmannes ſchilderte uns Jacobi unnachahmlich ſchoͤn mit komiſcher Laune in dem neuen Simſon,(S. dieſe Ausgabe ſeiner Schriften II. Band 2. Abtheilung). Hat doch die moraliſche Welt ihre Abſaͤtze in beſtimm⸗ ten Zeitraͤumen, waͤhrend welchen eine Thorheit nach der andern auf die Schaubuͤhne tritt, und ſich wechſelweiſe abloͤst. Dieſer unholden Mode⸗ ſucht arbeitete die aͤltere Iris entgegen. Sie bemuͤhte ſich die hochfliegenden Maͤnnlein und Weib⸗ lein wieder auf die Erde zum einfachen Leben her⸗ abzuziehen, durch Verbreitung vieler fuͤr die Frauenzimmer wiſſenswuͤrdigerer Dinge, und durch belehrende Abhandlungen, wovon Jacobi in der neueſten Ausgabe ſeiner Werke einige als Muſter aufbehielt, naͤmlich jene uͤber die Rein⸗ lichkeit und uͤber die Schamhaftigkeit. Auch in Frankreich ward dieſe Iris mit großem Beyfalle aufgenommen. Zeugniſſe davon finden wir in einem ſehr witzigen, und noch heut zu Tage mit Vergnuͤgen geleſenen politiſchen Werke, naͤmlich dem Espion Anglais, der vom Jahre 1777— 1786 in zehn Octav Baͤnden*) *) Die erſten vier Bände hatten den Titel Observa. teur, der nachgehends geändert ward. I. 2 50 angeblich zu London gedruckt erſchien. Der Verfaſſer dieſes Werkes gab einem engliſchen. Mylord von allem beſtimmte Nachricht, was in⸗ der ſittlichen, politiſchen und literariſchen Welt⸗ zu Paris vorfiel. Die beruͤhmte Madame Geofrin, das geiſt⸗ reichſte und feinſte Frauenzimmer dieſer uner⸗ meßlichen Hauptſtadt, machte damals ein ſehr glaͤnzendes Haus; bey ihr verſammelten ſich faſt taͤglich die gelehrteſten Maͤnner, auch alle Fremde, die auf eine feine Bildung Anſpruch hatten. Die Geſellſchaft war eine ausgezeich⸗ nete Schule der Humanitaͤt; in ihr kam alles zur Sprache, was im literariſchen Fache nicht. nur in Frankreich, ſondern auch im Auslande erſchienen war. In dem XIV. Briefe*), der uͤberſchrieben iſt: Cours de politique à l'usage des Dames allemandes et autres, meldet der Correſpondent dem Mylord folgendes:—„Wir befanden uns „bey Madame Geofrin; einige auslaͤndiſche Ge⸗ „lehrte legten ein(politiſches) Werkchen vor, „und, maͤchtig der deutſchen Sprache, uͤberſetzten „ſie dasſelbe zum Verſtaͤndniſſe und zur Beur⸗ *) S. 282— 319.. 54 „kheilung der Anweſenden. Die Bearbeitung „ſchien wohlgelungen und preiswürdig; das „ hieruͤber gefaͤllte Urtheil ſprach ſich dahin aus: „Der Verfaſſer habe Belehrung mit feinerm „Witz, neue Anſichten mit Wahrheitsliebe, „endlich das Angenehme mit dem Nützlichen zu „vereinen gewußt. Und da es verſchiedene Ge⸗ „genſtaͤnde in Beziehung auf Frankreich enthaͤlt, „folglich nicht außer dem Kreiſe meiner Betrach⸗ „kungen liegt, ſo hoffe ich, daß die Mitthei⸗ „lung Ihnen, Mylord, Vergnuͤgen gewaͤhren „werde. Vor allem aber muß ich Sie von dem „Urſprunge, dann von der Unterbrechung dieſes „neuen Journals benachrichtigen.” „Der Herr Kanonikus Jacobi zu Duͤſſel⸗ „dorf, ein Mann, der ausgezeichnete Kenntniſſe „mit einem feinern Geſchmacke verbindet, als ſonſt „die Gelehrten ſeiner Nation nicht beſitzen, un⸗ „abhaͤngig durch eine freye Lage und maͤchtig „angezogen von den ſchoͤnen Wiſſenſchaften, „ward durch die Frauenzimmer ſeiner Stadt „aufgefordert, ſie in die Geheimniſſe der Politik „»einzuweihen, dabey aber zu verhuͤten, daß fie „nicht von jener toͤdtenden langen Weile, die „ſie bey Leſung der Zeitungen ſonſt empfaͤnden, „»gemartert wuͤrden. Dieſer liebenswuͤrdige Ge⸗ „lehrte unterzog ſich der Aufgabe. Bezaubert „von dem Werke Fontenelle s*) über die „Vielheit der Welten glaubte er, daß die Po⸗ „litik kein trocknerer und ſproͤderer Stoff waͤre, „jals die Aſtronomie. Nach dem Beyſpiele die⸗ „ſes franzoͤſiſchen Schriftſtellers unternahm er „nun ein belehrendes Werk unter dem Namen „Iris, in welchem er auch auf oͤffentliche „Angelegenheiten Rückſicht nahm. Die Auf⸗ „ſchrift Iris entſpricht ganz dem liebenswuͤrdi⸗ „gen Charakter des Verfaſſers; und das Werk „verbreitete ſeinen Ruhm unter ſeinen Nationen. „Ungluͤcklicher Weiſe hat er den Stoff der Po⸗ „litik zu ſehr aufgehellt**); einige nordiſchen „Hoͤfe wußten ihm wenig Dank fuͤr ſeine Frey⸗ „muͤthigkeit; er gerieth dauͤber in Verlegen⸗ „heit, und Vorwuͤrfe, die er empfing, und „geheime Verfolgungen noͤthigten ihn, ſein *) Das war wohl eine Einbildung des Franzoſen. Jacobi ſpricht kein Wort von einer ſolchen Bezau⸗ berung durch Fontenelle, deren ſein Geiſt auch gar nicht bedurfte. Anm. d. Herausg. n) Igcobi's politiſche Ueberſichten von Europa befin⸗ den ſich in der ältern Iris I. Bd. 38 Stück S. 9².— II. Bd. 38 Stück S. 246.— III. Bd. 38 Stück S. 216,— IV. Bd. 3s Stück S. 255⸗ „Journal um ſeiner eigenen Ruhe willen aufzu⸗ „geben, das von dem Oktober 1774 nur fünf⸗ „zehn Monate dauerte.”“ So weit der Vorbericht des franzoͤſiſchen Briefſtellers, dann folgt die Ueberſetzung ſelbſt, mit einer allgemeinen Einleitung in die Politik, endlich aber die merkwuͤrdigſten Be⸗ gebenheiten, die an den europaͤiſchen Hoͤfen in Frankreich, in Rußland, Spanien, Deutſchland, England u. ſ. f. vorgefallen waren, alles mit vieler Kunſt und Einſicht zuſammengeſtellt. Daß nun aus dieſer Iris eine franzoͤſiſche Ueberſetzung mehrerer politiſcher Artikel erſchie⸗ nen waͤre, daruͤber hatte ich ſchon fruher die Verſicherung aus Jacobi's eigenem Munde; doch nie hatte er gegen mich einiger Verfolgun⸗ gen erwaͤhnt, auch nie gegen mich muüͤndlich geaͤußert ob er ſelbſt Verfaſſer dieſer Artikel. ge⸗ weſen ſey; wohl aber widerſprach er dieſes oder ſcheint es zu widerſprechen in der letzten Beylage zum IV. Bande der Iris. Indeſſen ſtieg bey mir der Zweifel auf, ob die Ueberſetzung auch treu und gewiſſenhaft, und nicht etwa mit dem erfinderiſchen franzoͤſiſchen Witze aus Nebenab⸗ ſichten unterſpickt waͤre. In dieſem Wahne ward ich dadurch beſtaͤrkt, weil der Franzoſe ganz gegen die Sitte ſeiner Landesleute, die nur das bewundern, was unter ihnen einheimiſch iſt— unendlich vieles zum Lobe der deutſchen, oder, wie er ſich ausdruͤckt, nordiſchen Frauenzim⸗ mer ſagt, von ihrer Strenge, ihrer Neigung ſich zu unterrichten, ihrer Beſonnenheit und ihrem Scharfſinne ſpricht, und dabey ihnen das Kompliment macht, daß ſie Staͤrke des Charak⸗ ters mit Grazie und Annehmlichkeiten verbinden, daß ihre kraͤftigern Organe, die zu ernſthaften Studien noͤthige Geiſtesanſtrengung begünſtigen, und daß endlich, wenn ſie auch, befreyt von den ſchwaͤchlichen Zufaͤllen und Nervenkrankheiten, die kleinen Artigkeiten der franzoͤſiſchen Frauen⸗ zimmer nicht beſaͤßen, ſie dennoch durch einen maͤnnlichen und unerſchrockenen Charakter ſchadlos gehalten wuͤrden, welcher ſie vorzuͤglich zur Füh⸗ rung von Regierungsgeſchaften geſchickt mache. Hierauf geht der Schriftſteller auf die denkwuͤr⸗ digen Regierungsepochen der damals noch leben⸗ den zwey großen Kaiſerinnen Maria Thereſia von Oeſterreich und Katharina II. von Rußland uͤber, worauf eine aͤußerſt ſinnreiche Parallele zwiſchen Liebes⸗ und Staatsunterhandlungen durchgefuͤhrt, und ſehr witzig bewieſen wird, daß ſie nach glei⸗ chen Grundſaͤtzen gefoͤrdert wuͤrden. Um die Richtigkeit der Ueberſetzung zu pruͤ⸗ fen, ließ ich mir die alte Iris, die ich nicht ſelbſt beſaß, von einem Freunde kommen, und fand wirklich, daß das Franzoͤſiſche ziemlich treu mit dem Deutſchen uͤbereinſtimmte, bis auf einige Auslaſſungen, die vielleicht dem Genius der franzoͤſiſchen Sprache angemeſſener in kurze Haupt⸗ begriffe zuſammengedraͤngt waren. Was übrigens der franzoͤſiſche Ueberſetzer am Schluſſe ſeiner Ein⸗ leitung ſagt: Daß naͤmlich Jacobi die politi⸗ ſchen Artikel der Iris wegen Neckereyen aufge⸗ geben habe, ſcheint allerdings richtig zu ſeyn. Denn am Ende des IV. Bandes*) erklaͤrt ſich Jacobi in einer kurzen Beylage, daß er von nun an den Artikeln uͤber Politik ent⸗ fage. Auch liegt in dieſem ſchoͤnen Aufſatze ein Anſtrich von Empfindlichkeit, der auf gehabte Verdrießlichkeiten ſchließen laͤßt. Er ſagt frey⸗ muͤthig:„Die politiſchen Nachrichten haͤtte er „für zu unbedeutend gehalten, um von ſtaats⸗ „klugen Maͤnnern beſichtiget zu werden, oder an „irgend einem Hofe den kleinſten Verdacht zu „erregen. Dieß allein haͤtte ihn zu den Aufſaͤtzen „ermuntert.“ Dann aber faͤhrt er fort:„Ich *) Der alten Iris S. 269. „habe nie mit gedungener Feder geſchrieben, und „werde es kuͤnftig weder ſelbſt noch durch andere „thun. Auch der, der mit mir arbeitet, muß „ein freyer Mann ſeyn.“ Endlich bittet er ſeine Leſerinnen um Vergebung wegen Aufhebung des Verſprechens, dieſelben mit Politik zu unterhal⸗ ten, fuͤr die er ſchon andere Entſchaͤdigung lei⸗ ſten wolle. Zum Schluſſe fuͤgt er noch die denkwuͤrdigen Worte bey:„Ich fordere nichts von den Gro⸗ „Hen, will nicht durch empfangene Gunſt, aber „ auch nicht durch zugefuͤgte Beleidigungen ihnen „ein Recht uͤber mich geben; außer dem, wel⸗ „ches der Koͤnig(von Preußen) uͤber mich hat, „der unter die Zahl ſeiner Landes⸗Eingebornen „mich aufnahm, und in ſeinem Reiche mir eine „friedliche Wohnung vergoͤnnte.“ Das iſt die Sprache eines freyen unabhaͤngi⸗ gen und ſeinen Werth tief fuͤhlenden Mannes. Seitdem folgten auch keine politiſchen Artikel mehr in der Iris; ſtatt derſelben aber eine kleine Ein⸗ leitung zur Weltgeſchichte fuͤr Frauenzimmer von Schloſſer, die doch nicht weiter als bis zum Tode des perſiſchen Cambyſes geht. Mit dem zten Stuͤcke des VIII. Bandes ſchloß Jacobi die yaͤltere Iris. In der Vorrede desſelben 57 nimmt er Abſchied von ſeinen Leſerinnen, und ſpricht von unuberwindlichen Schwierig⸗ keiten, die ihn noͤthigten, dieſe Monatſchrift aufzugeben, verheißt aber von nun an mit den⸗ ſelben ſich in Wielands deutſchem Merkur zu unterhalten. Seit dem Jahre 1777 arbeitete alſo Jacobi vieles in dem Wielandiſchen deutſchen Merkur, durch welchen ſo herrliche Ideen uͤber Kunſt, Literatur und Geſchmack in Umlauf geſetzt wor⸗ den ſind. Wieland gehoͤrte unter die Herzens⸗ freunde Jacobi's. Die Verhaͤltniſſe beyder Dichter kann man am beſten aus den vielen Brie⸗ fen ermeſſen, die nach Wielands Tode bey Geßner in Zuürich 1815 herauskamen; und mit Vergnuͤgen wird man beſonders jene im zweyten und dritten Bande leſen, die zwiſchen den Jah⸗ ren 1769— 1777 gewechſelt worden ſind. Es iſt nicht in Abrede zu ſtellen, daß Wielands kritiſche Feile, Mahnungen und Ermunterungen unendlich vieles zu jener klaſſiſchen Abglaͤtt ung beygetragen haben, welche Jacobi's Geiſt ſo hervorſtechend gemacht hat. Abwechſelnd mit geiſtreichen Beſchaͤftigungen, und ſeines Lebens froh, machte Jacobi in den Zwiſchenraͤumen faſt jaͤhrlich ſeine Luſtreiſe theils «· nach Duͤſſeldorf zu ſeinen Verwandten, theils nach Berlin, Gotha, Braunſchweig, Frankfurt u. ſ. f., wo er uͤberall liebevoll aufgenommen ward, und mit den beruͤhmteſten Maͤnnern ſeiner Zeit in perſoͤnliche Bekanntſchaft und herzliche Verbindungen kam. So wandelte er im Genuſſe der edelſten Freundſchaft durch ein freyes Leben, gehuͤllt in ſeine Ideenwelt, immer thaͤtig in ſeinem Geiſte, belehrend und vergnuͤgend durch die unſterblichen Geſaͤnge, die ihm ſeine Muſe eingab, und die ihm das Wohl⸗ wollen der Zeitgenoſſen erwarb. Aber nun ſorgte das Schickſal, daß der be⸗ ruͤhmte Dichter wieder dem ſuͤdlichen Deutſchland zuruͤckgegeben, und in eine mehr praktiſche Lauf⸗ bahn verſetzt werde, in welcher er durch Unterricht und Beyſpiel vielen hundert Juͤnglingen, die zu ſeinen Fuͤßen ſaßen, ein nuͤtzlicher Lehrer werden follte. Im Jahre 1784 erhielt er einen ehren⸗ vollen und vortheilhaften Ruf an die hohe Schule zu Freyburg in Breisgau; die Gruͤnde, die ihn beſtimmten, denſelben nicht abzuweiſen, und ſich neuerdings dem akademiſchen Leben mit Fleiß zu wioͤmen, ſollen ſogleich weiter unten angefuͤhrt werden. Erlaube man uns nur vorlaͤufig einige Bemerkungen zu machen, die der Zeitgeſchichte angehoͤren. 59 Als Jacobi in Freyburg ankam, fand er bereits einen guten wiſſenſchaftlichen Grund ge⸗ ebnet und fruchtbar gemacht. Denn ſchon unter der Regierung der Kaiſerin Maria Thereſia wa⸗ ren auf den oͤſterreichiſchen Schulen und Univer⸗ ſitaͤten die vortheilhafteſten Umbildungen veran⸗ ſtaltet worden. Aber hier muͤſſen wir noch einen Rückblick auf die fruͤheren Zeiten werfen. Seit dem Jahre 1623, wo die Jeſuiten zum erſten⸗ male in Freyburg eingefuͤhrt wurden, hatten ſich dieſelben nicht nur der untern Gymnaſialklaſſen, ſondern auch der philoſophiſchen und theologi⸗ ſchen Lehrſtuͤhle ausſchließend bemaͤchtiget, und ſie bis zu ihrer Austreibung im Jahre 1773 be⸗ hauptet. Sie hatten uͤber alle Geiſter eine weit⸗ greifende Herrſchaft befeſtigt; denn aus ihren Schulen und aus ihren Lehrbuͤchern ging die Elementarbildung des Volkes aus, und mit ihr die hoͤhere wiſſenſchaftliche, die moraliſche und religioͤſe in alle Staͤnde, weil man damals keine Auswahl hatte, anderswo, als bey ihnen, paͤda⸗ gogiſchen Unterricht zu nehmen. Die Namen der großen Maͤnner, und ſo vieler gelehrten Literatoren, die vom Anfang der Stif⸗ tung der Univerſitaͤt durch das fuͤnfzehnte, ſechs⸗ zehnte und das erſte Viertel des ſiebenzehnten Jahrhunderts dieſen herrlichen Muſenſitz glaͤn⸗ zend gemacht hatten, und deren Schriften man noch heut zu Tage mit Vortheil und Bewunde⸗ rung liest, fanken nach und nach in unverdiente Vergeſſenheit. Die Lehrmethode der Jeſuiten, mit denen das katholiſche Deutſchland uͤberſchwemmt ward, iſt zu Genüge gewuͤrdiget worden, darf alſo hier nicht weiter beſchrieben werden. Erſt unter der Regierung der ebengenannten großen Kaiſerin erlebten die Jeſuiten bedeutende Demu⸗ thigungen durch das Hervorragende beſſerer Ein⸗ ſichten und auch durch die Verdienſte von Maͤn⸗ nern aus andern geiſtlichen Orden, welche man ihnen vorzog und entgegenſetzte, hauptſaͤchlich in Freyburg von dem gelehrten Auguſtiner Profeſſor Kluͤpfel. Ihre Entfernung war demnach ſo⸗ wohl fuͤr die ſchoͤnen, als auch fur die ernſthaf⸗ ten Wiſſenſchaften eine große Wohlthat. Auf der andern Seite wirkte der Zeitgeiſt, der ſein Reich immer weiter verbreitete, dem alt beſtan⸗ denen Syſteme unaufhaltſam entgegen. Die Nei⸗ gung ſich gruͤndlicher zu unterrichten, und die Liebe zu der hoͤhern und auch zur ſchoͤnern Li⸗ teratur gewann nach und nach die Oberhand; man las mit Vergnuͤgen die beſten deutſchen Dich⸗ ter, vorzuͤglich Wieland, der dem ſuͤdlichen 64 Deutſchland ohnehin urſpruͤnglich angehoͤrte, und durch ſeinen deutſchen Merkur, das erſte regel⸗ maͤßige Journal, ſo vielen Geſchmack fuͤr die ſchoͤnen Kuͤnſte und Wiſſenſchaften einfloͤßte. Hie⸗ zu kamen noch die Literaturbriefe von Leſſing und die ſo fruchtbare allgemeine deutſche Biblio— thek, welche das Studium einer ſcharfen Kritik ſo weſentlich befoͤrdern half. Der Kreis geſunder Ideen ward erweitert, und die Sprache verfeinert. Nachdem endlich Kaiſer Joſeph II. an die Regierung kam, deſſen weiſe Geſetze durch die zugeſtandene Preßfreyheit die alten Feſſeln ſpreng⸗ ten, von denen die Geiſter ſo lang eingeengt waren, da erwachten in den meiſten oͤſterreichiſchen Provinzen neue Lebensregungen; man ſchrieb und druckte ſeine Gedanken oͤffentlich, die man ehedem einander kaum heimlich per disciplinam arcani mitzutheilen gewagt hatte. Es entſtand durch alle wiſſenſchaftlichen Faͤcher ein Kampf des Lichtes gegen die Finſterniß, der in Freyburg von eini⸗ gen vortrefflichen Maͤnnern in der Schrift: Der Freymuthige, ſiegreich gefuͤhrt ward. Ohne⸗ hin war auch ſchon fruͤher in dieſer aufgeweckten Stadt großer Zwang nicht leicht anwendbar; denn da ſie an der;aͤußerſten Grenze Deutſch⸗ lands gelegen iſt, und immer ein freyer Verkehr mit Frankreich und der Schweiz beſtand, war bey der Entruͤckung aus den Augen der ehemaligen Finſterlinge des Hofes an keine enge Gedanken⸗ ſperre, keine Buͤchermauth und ſtrenge Cenſur zu denken. Es gab da nun offenen Raum, ſich in dem Gebiete des Geiſtes frey zu bewegen. Unter dieſen Zeitverhaͤltniſſen ward Jacobi im Jahre 1784 von Kaiſer Joſeph II. als oͤffent⸗ licher Lehrer der ſchoͤnen Wiſſenſchaften berufen. Es mochte ihn wohl hart ankommen, ſich von dem Zuſammenleben mit ſeinem Freunde Gleim in Halberſtadt zu trennen. Aber er ward auf andere Weiſe entſchaͤdigt. Einmal erhielt er ei⸗ nen beſſern Gehalt; er war nach den Jahren bereits um einige Stufen des menſchlichen Lebens vorgeruͤckt. Seine Geſundheit hatte unter dem nordiſchen Himmel gelitten; er kam in einen der ſchoͤnſten Striche des ſuͤdlichen Deutſchlands, reich an allen Erzeugniſſen einer unerſchoͤpflichen fruchtbaren Natur, wo die mannigfaltigſten Le⸗ bensgenuſſe um die billigſten Preiſe zu haben waren. Endlich ſah er auch der Freude entge⸗ gen mit einem ſeiner naͤchſten Verwandten, dem markgraͤflich⸗badiſchen Regierungsrath und Oberamtmann zu Emmendingen Johann Georg Schloſſer, der nur zwey Stunden von Frey⸗ burg entfernt wohnte, vereinigt zu werden. Unter ſolchen gluͤcklichen Auſpizien traf Ja⸗ cobi in Freyburg ein. Sein Ruhm war ihm vorhergegangen, mithin fehlte es auch nicht an der beſten und bereitwilligſten Aufnahme in den Zirkeln ſo vieler gebildeten Menſchen dieſer Stadt. Damals leitete alle wiſſenſchaftlichen Faͤcher der einſichtsvolle Freyherr van Swieten zu Wien, der unſern Jacobi dem um die Be⸗ foͤrderung des Geſchmackes und der deutſchen Kultur redlich beſorgten Kaiſer vorgeſchlagen hatte. In dem Nachlaß unſers Dichters finden wir noch zwey Briefe von jenem gelehrten und großen Staatsmanne. In dem erſten vom 6. October wuͤnſcht van Swieten ihm unter den ſchmeichelhafteſten Ausdruͤcken zu ſeiner Ankunft Gluͤck, und bietet ihm ſeine wohlwollende Un⸗ terſtuͤtzung in allen Vorfaͤllen an. Nach dem Umlaufe des erſten Lehrkurſes hatte Jacobi einen Bericht nach Wien uͤber ſeine Lehrmethode erſtattet. In der Antwort vom 9. Februar 1783. kommen folgende merkwuͤrdige Ausdruͤcke vor: „ Ich uͤberlaſſe gerne jedem Lehrer, und vor⸗ „ zuͤglich einem Mann, wie Sie ſind, die An⸗ „ordnung der Vorleſungen; nur muß ich erin⸗ » nern, daß jene uͤber die klaſſiſchen Schriften. „der Alten, ob ſie. gleich hauptſaͤchlich den End⸗ „zweck haben, zu der Lehre der ſchoͤnen Wiſ⸗ „ſenſchaften vorzubereiten, doch auch dazu die⸗ „»nen ſollen, die neu erworbenen Begriffe der „Hauptlehre bey den Schuͤlern durch eine „reitzende Wiederholung zu verſtaͤrken; und in „dieſer Abſicht ſind auch fuͤr den erſten Jahr⸗ „gang zum Behufe der eigentlichen Philoſophie „einige Dialogen des Plato, Cicero's Quæstio- „nes Academicæ und Horaz, fuͤr den zweyten, „ zur Seite der Phyſik, Plinius, Lukrez und „Virgils Georgica gewaͤhlt worden. Die Ju⸗ „ gend ſoll in den Klaſſikern, in denen ſie bis⸗ „„ dahin nur Worte ſuchte, jetzt Sachen finden, „und wenn ſie dann Sachen entdeckt, die auf „ihre erſt erhaltenen Begriffe eine Beziehung „haben, oder wozu dieſe als Maßſtab dienen „koͤnnen, ſo wird ſie zur Vergleichung, zur „Entwickelung, zur Beurtheilung des Gedan⸗ „kens und des Ausdrucks ermuntert, und die „Bildung des Verſtandes ſowohl als des Ge⸗ „ſchmacks auf eine angenehme Art befoͤrdert. „„Daß es zu Freyburg bey dem Griechiſchen „»Anſtand habe, wundert mich nicht. Es iſt „z überall nicht viel beſſer; dafuͤr wollen wir aber „mit der Zeit auch Huͤlfe ſchaffen.“ Nach einem kurzen Zeitraume erwarb ſich Ja⸗ cobi auf der hohen Schule durch ſeine Lehre in den ſchoͤnen Wiſſenſchaften, und durch das neu belebte Studium der alten Klaſſiker blei⸗ bende Verdienſte. Außer den theoretiſchen Vor⸗ traͤgen hatte er ein beſonderes praktiſches Colle⸗ gium errichtet, in welchem die Talente vieler faͤhigen Jünglinge aus allen Fakultäten in Hin⸗ ſicht auf Reinheit der Sprache und Richtigkeit des Gefuͤhls fuͤr das Schoͤne und Wahre ent⸗ faltet und ausgebildet wurden. Jeder konnte ſich nach Belieben ſelbſt einen Gegenſtand zur Bearbeitung waͤhlen; die Aufſaͤtze wurden dann vorgeleſen, und beurtheilt. Da zeigte ſich bald ein loͤblicher Wetteifer des Geiſtes unter den Studirenden, der reichhaltige; Fruchte zum ſchoͤnſten Gedeihen entwickelte. Die Klaſſiker, beſonders den Virgil und Horaz, erklaͤrte und erlaͤuterte er mit muſter⸗ hafter Beſtimmtheit und aͤſthetiſcher Einſicht. Bey den Verſen legte er im Vortrage auf die kurzen und langen Sylben und auf die Caͤſur einen eigenen Nachdruck, der die Sprache har⸗ moniſch hob oder ſenkte. Der naͤmlichen Methode hoͤrte ich auch in der muͤndlichen Deklamation der alten Dichterwerke den großen Homeriden Wolf in Berlin ſich bedienen, die ſich der alten Jacobi's Werke. I. 3 66 griechiſchen Muſik ſo ſehr annaͤherte. Vielleicht war Jacobi's Deklamation noch ein Erbſtuͤck aus der alten Klotziſchen Schule in Halle, in welcher der Dichter, wie geſagt, in ſeinen juͤn⸗ gern Jahren mit ſo großer Auszeichnung gear⸗ beitet hatte. Spaͤter hoͤrte man den Dichter oͤfter uͤber den Zeitgeiſt klagen, der durch andere meiſtens zweckloſe Beſchaͤftigungen das Vernachlaͤßigen der klaſſiſchen Studien mit ſich gebracht hatte. Er ſagte einmal ganz treffend:„Unſere Maler, „Zeichner, Baumeiſter reiſen nach Rom und nach „Griechenland, um die Kunſtwerke des Alter⸗ „thums auszumeſſen, abzuzeichnen und einzu⸗ „ſtudiren. Aber wie wenige unſerer Juͤnglinge „gibt es heut zu Tage, welche die unerreichten „Muſter einer beſſern und kraͤftigern geiſtigen „Vorwelt zu ſtudiren ſich bemuͤhen, die doch „allein unſer Gefuͤhl fuͤr das Schoͤne, Edle „und Exrhabene auszubilden und zu erhoͤhen ge⸗ „eignet ſind.“ Indeſſen war es unverkennbar, daß Jacobi auf die Geſammtheit der akademiſchen Zuhoͤrer nicht allein wiſſenſchaftlich vortheilhaft, ſondern auch zur Verſchoͤnerung ihrer Lebensweiſe und ihrer Sitten mit Gluͤck gewirkt habe. Da, wo er das menſch⸗ 67 liche Herz anſprach mit ſeiner milden wohlwollen⸗ den Beredſamkeit, da ſprach ſich jene Horaziſche. mMilis Sapientia Loeli aus, und nie ſchied er von feinem Lehrſtuhle, ohne den vortheilhafteſten Ein⸗ druck auf die Gemuͤther gemacht zu haben. Seine oͤffentlichen Vortraͤge wurden nicht allein von den Studirenden, ſondern auch von Zuhoͤrern aller Staͤnde, ohne Unterſchied des Ranges, ja manchmal auch von Frauenzimmern, doch in ſel⸗ tenen Stunden beſucht. Beſonders geſchah die⸗ ſes in den erſten Jahren ſeines Lehramtes. So geraͤumig auch der akademiſche Hoͤrſaal war, ſo genuͤgte er doch kaum fuͤr die Menge, die ſich herzudraͤngte. Die zahlreichen jungen Theologen, aus denen damals das vom Kaiſer Joſeph zur Veredelung des geiſtlichen Standes geſtifkete General⸗Seminar beſtand, ruͤckten, ſo ſehr ſie auch ſonſt mit andern Arbeiten beſchaͤftigt waren, meiſtens in Vollzahl aus, um ſeinen aͤſthetiſchen Vorleſungen beyzuwohnen, und um ſich jene ge⸗ faͤllige Darſtellung zu erwerben, die ſie fuͤr das Gedeihen ihrer Berufsvortraͤge in der Ausbildung; mit Recht fuͤr noͤthig erachteten. Dieſer große Zuſammenfluß wißbegieriger Zu⸗ hoͤrer dauerte viele Jahre, waͤhrend denen er in dem oͤffentlichen akademiſchen Hoͤrſaale unaus⸗ geſetzt lehrte. Als er endlich wegen Zunahme ſeiner Schwaͤchlichkeit und der Beſchwerlichkeit des Ausgehens in einem Zimmer ſeines eignen Hauſes die Vorleſungen fortſetzen mußte, gab es oft mehr Zuhoͤrer, als der Raum faſſen konnte, und wohl geſchah, daß mancher keinen Platz fand. Nachdem er, entkraͤftet durch Alter und vieljaͤhrige Anſtrengungen, wegen der taͤg⸗ lich mehr ſichtbaren Abnahme ſeiner Geſundheit zwiſchen dem Jahre 1812—1813 ſeine Vorleſun⸗ gen aufgeben mußte, hielt er an dem Tage, wo er die letzte beſchloß, folgende kleine Anrede, von welcher ein fluͤchtiger Aufſatz mit einer ſchon wankenden Hand niedergeſchrieben unter ſeinen Papieren ſich vorfand. „Ich ſchließe hiermit meine Vorleſungen, „ und allem Anſcheine nach iſt dieſes das letzte⸗ „mal, daß ich oͤffentlich hier rede. Ich ſchließe „mit dem ſchmeichelnden Bewußtſeyn, daß ich, „ohne eigennuͤtzige Abſichten, aus dem reinſten „Eifer fuͤr die ſchoͤnen Wiſſenſchaften gearbeitet „habe. Nicht ohne Ruͤhrung nehme ich von „Ihnen Abſchied, meine Herren; denn ich weiß, „daß ich ſo gluͤcklich war, mir Ihre Liebe zu „erwerben, und daß unter Ihnen viele bekannte „ und viele mir unbekannte Freunde ſind. Den 69 „ guͤtigen Beyfall, den Sie meinen Vorleſungen „gaben, das freundſchaftliche Zutrauen, womit »Sie ſich meines Rathes bedienten, die Em⸗ „pfindungen, mit welchen Sie die Nachricht „von meiner nahen Entfernung aufnahmen, „alles dieſes erkenne ich mit dem aufrichtigſten „»Danke. Seyen Sie verſichert, daß die Er⸗ »innerung an Sie und an dieſe Stunden, in „welchen ich mit Ihnen mich unterredete, mir „allezeit ſchaͤtzbar ſeyn wird. Sollten Sie das „» Andenken an mich in's Kuͤnftige noch einiger⸗ „»maßen lieben, ſo erneuern Sie zugleich die „Eindruͤcke, die ich vielleicht ſo gluͤcklich geweſen „bin, auf einige von Ihnen zu machen.“ „»Bleiben Sie den ſchoͤnen Wiſſenſchaften ge⸗ ckreu, ohne ſich durch das Geſchwaͤtze des ge⸗ „lehrten und ungelehrten Poͤbels abſchroͤcken zu „laſſen. Studiren Sie die Alten, als die „Quelle alles Schoͤnen, und die Natur, die »man nie ungeſtraft verlaͤßt, und unter den „neuern Schriftſtellern diejenigen, welche „der Natur am ſorgfaͤltigſten folgten. Es iſt ein „»angenehmer Gedanke fuͤr mich, daß Sie in ver⸗ „ſchiedene Gegenden Deutſchlands einſt zerſtreut „werden. Wenn ein jeder in ſeiner Gegend „den Muſen einige Freunde zu werben ſuchte, 70 „welche Belohnung fuͤr mich, durch meine Er⸗ „munterung zu dieſen neuen Colonien etwas „„beygetragen zu haben!“ „Erlauben Sie, meine Herren, Sie noch wan Eins zu erinnern. Sie wiſſen, wie behut⸗ „ſam ich war, durch keinen leichtſinnigen Scherz „die guten Sitten zu beleidigen; Sie wiſſen, , daß ich, gleich im Anfange meiner Vorleſun⸗ „gen, Ihnen die ſchoͤnen Wiſſenſchaften ſo vor⸗ „ſtellte, wie ſie die Religion in einem hoͤhern „Glanze zeigen, ihre Lehren ſanft und vertraͤg⸗ „„lich machen, und die Tugend mit der „Freude verſoͤhnen koͤnnen. Sie wiſſen fer⸗ „ner, daß ich uͤber die Schriften großer Maͤnner „freymuͤthig mein Urtheil ſagte, und jedes Vor⸗ „urtheil der Wahrheit aufopferte; allein es „ geſchah ohne bittere Spoͤtterey, allezeit mit „„der Ehrfurcht, die man dem Genie ſchuldig „„iſt. Ich wuͤnſche, daß dieſe Geſinnungen ſich „„Ihnen mitgetheilt haben, und daß Sie, eben „ ſo wie ich, dafuͤr halten, ein Freund der Muſen „ muͤſſe das Schoͤne lieben, das, was uns „heilig ſeyn ſoll, verehren, und durch ſeine „ Denkungsart noch mehr, als durch ſein Genie „ über andere ſich erheben.“ 74 „„ Sollte man einſt, welches denjenigen ſonſt „immer zu begegnen pflegt, deren Name nicht „» ganz unbekannt bleibt, meinem Charakter eine „ Niedertraͤchtigkeit andichten, ſo hoffe ich unter „ Ihnen einige zu finden, die fuͤr mich zeugen.” „Mein letzter Wunſch iſt, einen Nachfolger „ auf der hieſigen Univerſitaͤt zu haben, der mit „groͤßeren Talenten, als ich, aber mit eben „dem guten Herzen fuͤr die Ausbreitung der „Wiſſenſchaften arbeite, die unſere Tage ver⸗ „ſchoͤnern. Leben Sie wohl!“⸗ Man kann ſich vorſtellen, welchen Eindruck dieſer Abſchied des greiſen Dichters auf die Ge⸗ muͤther der jungen ihn kindlich liebenden Zu⸗ hoͤrer machte; ſie waren innigſt tief und bis zu Thraͤnen erſchuͤttert. Sie fanden in dieſer letz⸗ ten Anrede den treuen Abdruck ſeines liebevollen Charakters, und gingen herzlich gerührt, ſchwei⸗ gend und mit Dank erfüllt auseinander. Die Rede fuͤr ſich ſelbſt bedarf keines Commentars. Trotz eines unguͤnſtigen Vorurtheils, welches man ehemals auf einigen oͤſterreichiſchen Schulen gegen einen auslaͤndiſchen Lehrer hatte, der nicht im Kaiſerſtaate geboren und gebildet worden, oder gar von einer fremden Religion war, fand Jacobi dennoch von ſeinen Collegen im Lehr⸗ 72 amte freundliche Aufnahme; es waren beruͤhmte Namen unter denſelben. Um nur einige Ver⸗ ſtorbene zu nennen, führe ich Mederer, Jellenz, Dannemayer, Kluͤpfel, Gebhard, Petzeck u. ſ. f. an, über deren Verdienſte die Zeitgenoſſen ſchon abgeurtheilt haben, und zu deren rühm⸗ lichen Andenken die Nachwelt noch mehrere Le⸗ bende einſt beygeſellen wird. Er wußte die Liebe Aller ohne Ausnahme zu gewinnen, ward ſogleich einheimiſch, theilte aufrichtig mit ihnen die Sorge fuͤr die Lehranſtalten, und ließ ſich nie durch irgend eine Nebenruͤckſicht von dem ab⸗ wendig machen, was der Geſammtheit frommen konnte. Wenn gleich feſten Willens, ſuchte er doch nie mit Heftigkeit jemand ſeine Meinung aufzudringen, ſondern uͤbte die in den geſell⸗ ſchaftlichen Unterhandlungen ſo ſeltene Kunſt aus, mit liebreicher Verſtaͤndigkeit und durch uͤberlegene Gruͤnde das zu erringen, was er nach ſeiner innigſten Ueberzeugung fuͤr das Beſte hielt. Daher übertrugen ihm auch ſeine Collegen gern alle akademiſchen Würden. Man ſah ihn als Rector der hohen Schule nicht nur an der Spitze der gelehrten Anſtalten, ſondern auch in den Verſammlungen der breisgauiſchen Land⸗ . 7 3 ſtaͤnde, ihn— den einzigen Proteſtanten— als zeitliches Haupt eines katholiſchen Lehrkoͤr⸗ pers, auf der geiſtlichen Bank ſeine Stelle unter den geiſtlichen Kirchen⸗Praͤlaten des Lan⸗ des einnehmen, ohne daß von Seite der Bey⸗ ſitzer und Stimmführenden auch nur eine miß⸗ faͤllige Miene, noch weniger ein Einſpruch ge⸗ macht worden waͤre. Sein reiner Sinn fuͤr alles, was ihn recht und gut daͤuchte, ſeine ach⸗ tungswerthe Denkart erreichte mit eindringender Beredſamkeit und faſt ohne Widerſpruch immer das, was mancher durch die feinſten Wendungen der ſogenannten Politik nicht leicht haͤtte erzwe⸗ cken koͤnnen. Man kam ihm, der immer ohne Partheyſucht ſprach„ mit offenem Vertrauen frey⸗ willig entgegen. Obſchon Jacobi kein praktiſcher Geſchaͤfts⸗ mann war, ja meiſtens unbekummert um die Angelegenheiten des taͤglichen Lebens mit ſeinen Ideen in einer poetiſchen Welt lebte, ſo leitete ihn doch der rechtliche Sinn ſeines Gemuͤthes und die Klarheit ſeiner ſittlichen Anſchauung zu einem dem vorgelegten Falle immer angemeſſenen Urtheile, welches ſo ſchoͤn, wie er es immer vermochte, ausgeſprochen, nicht anders als ge⸗ fallen und eindringen konnte. Wenn ihm auch 74 vorlaͤufige muͤhevolle Informationen noͤthig waren, ſo wußte er ſich doch durch die Schwierigkeiten fleißig durchzuarbeiten, alles richtig aufzufaſſen, und mit Beſonnenheit zu entſcheiden. Ein Be⸗ weis, daß die Natur ihn mit ihren Gaben viel⸗ ſeitig ausgeſtattet hatte. Sehr unrecht wuͤrde man Jacobi thun, wenn man der Vermuthung Platz geben wollte, als habe er der Religion ſeiner Vaͤter etwas vergeben, um dadurch ſeine freundſchaftlichen Verhaͤltniſſe mit Hohen und Niedern, Gelehrten und Ungelehrten ſeines neu angenommenen Va⸗ terlandes zu befeſtigen. Solche Kuͤnſte ver⸗ ſchmaͤhte, ja verabſcheute ſein offener Charak⸗ ter. Feſt hing er an der Lehre ſeiner Kirche, machte kein Geheimniß daraus, und die allge⸗ meine Achtung, die ihm zu Theil ward, war ganz und feſt auf ſeinen innern Werth gegruͤndet, ja, was man bey dieſer Gelegenheit mit Unrecht verſchweigen wuͤrde, auf das vorurtheil⸗ freye Erkenntniß ſeiner Verdienſte von Seite ſeiner Mitbuͤrger, die, ohne Ruͤckſicht auf Geburts⸗ und Religionsverhaͤltniſſe, den Tugenden Gerechtigkeit widerfahren ließen, wo und an wem ſie dieſelben fanden. Einer der ſchoͤnſten Zuͤge, die Jacobi's 7 75 moraliſchen Charakter auszeichneten, war jenes unerſchuͤtterliche und feine Gefuͤhl fuͤr Wahrheit, fuͤr Gerechtigkeit, fuͤr das Rechthandeln, und für alles, was das Unrecht verhindert; ein Zug, der nur jenen Geiſtern eigen iſt, die von den Vorſchriften der Religion und der Moral durch⸗ drungen ſind.— Wenn der Grundſatz: Nil conscire pibi, et nulla pallescere culpa, ſchon fuͤr ſich Troſt iſt, ſo ſpricht er ſich am ſchoͤnſten durch das prakti⸗ ſche, entſchloſſene Widerſtreben gegen alles aus, was einem rechtſchaffenen Mann in ſeinem Her⸗ zen. als Unrecht erſcheint. Indeſſen war der edle und mildgeſinnte Dich⸗ ter ſelbſt fuͤr ſich arglos, und hatte von allen Menſchen eine ſo gute Meinung, daß er ſich oft mit Muͤhe in den Fall hineindenken mußte, im welchem ein Mann unrecht zu handeln geneigt ſeyn koͤnnte. Als einer ſeiner Freunde, ihn, den Treuherzigen, der alle Menſchen nach ſeinen eigenen Geſinnungen beurtheilte, ſich durch ſeine Pflicht veranlaßt fand, auf eine vorgefallene doch verdeckte Ungerechtigkeit aufmerkſam zu machen, auch ihm den Fall nach allen Umſtaͤnden vor⸗ getragen hatte, ſagte Jacobi nachdenkend und ganz unbefangen:„Soetwas iſt ja unmoͤg⸗ 76 „lich! Auf die Frage warum? antwortete er: „ Es iſt ja nicht recht!“„Edler Mann!“ ſagte der Freund,„der Sie an der Moͤglichkeit einer „Handlung zweifeln, weil ſie Ihnen als Unrecht „auffaͤllt, und weil Sie ſelbſt immer nach den „ewigen Geſetzen der Gerechtigkeit zu handeln „gewohnt ſind, ſie iſt doch nicht minder wahr!““ Nun mußten ihm noch einmal die tief liegenden Abſichten entwickelt werden, die dem gegebenen Falle zu Grunde lagen, und jetzt erſt brach der Dichter in Ausdruͤcke des gerechteſten Unwillens aus, und gab mit vielem Scharfſinne Mittel und Wege an, die ſchlimmen Abſichten, wo nicht zu hindern, welches nach Lage der Sache nicht ganz thunlich war, aber doch dieſelben in ihren Folgen ſo viel moͤglich zu entkraͤften. Bald nach Jacobi's Ankunft veranſtaltete ſein Freund, der Geheimerath Schloſſer in Emmendingen, eine kleine Ausgabe ſeiner ſchoͤn⸗ ſten deutſchen Lieder, und ließ ſie,(1784) zu Baſel abdrucken. Sie wurden vielfaͤltig in Muſik geſetzt, und zum Klavier in guten Geſellſchaf⸗ ten geſungen. Der Dichter widmete indeſſen ſeine Aufmerkſamkeit dem ihm aufgetragenen Lehramte, und gab nicht von ſeinen Geiſtes⸗ erzeugniſſen eher etwas heraus, als im Jahre 57 71 1795, wo das von ihm ſogenannte uͤberfluͤſſige Taſchenbuch bey Perthes in Hamburg gedruckt, und fuͤnf Jahre lang fortgeſetzt ward. In eben dieſen Zeitpunkt(1795) faͤllt auch ein intereſſantes Werk, die Beſchreibung einiger von den vornehmſten geſchnittenen Steinen aus dem Kabinette des Herzogs von Orleans. Dieſe koſtbare Sammlung ward von dem Abbé la Chau, und dem Abbé le Blont zu Paris im Jahre 1780— 1782 in zwey Foliobaͤnden fran⸗ zoͤſiſch bearbeitet, und mit Kupferſtichen heraus⸗ gegeben. Jacobi machte daraus einen Auszug von den vorzuglichſten Steinen mythologiſchen Inhaltes, und gab denſelben deutſch, mit Noten begleitet, heraus. In einem maͤßigen Quart⸗ bande ward er zu Zuͤrich im Jahre 1796 bey Orell, Fuͤßli und Compagnie gedruckt, und mit genau nachgezeichneten Kupfern ausgeſtattet. In der Ueberſetzung iſt der franzoͤſiſche Wortſchwall, der hie und da vorkoͤmmt, in feſte Daͤmme zu⸗ ruͤckgedraͤngt; die mythologiſchen und kritiſchen Anmerkungen Jacobi's gaben dieſem Werke einen vorzuͤglichen Werth, wie denn ſo manche franzoͤſiſche Geiſtesarbeiten, von dem genauern deutſchen Fleiße nochmals uͤberſehen und gelaͤu⸗ tert, in der Ueberſetzung ſehr gewonnen haben, 78. Man leſe z. B. die Anmerkungen, die Jacobi uͤber die mythologiſche Abbildung des Todes zu dieſem Werke gemacht hat. Zu bedauern iſt es, daß dieſe Arbeit, die ſo wichtig fuͤr die Kunſtgeſchichte iſt, nicht fortgeſetzt worden. Al⸗ lein ein Heer von Neufranken war im Jahr 1796. in das Breisgau eingefallen, und zog nach der Donau durch Schwaben; da mußten die fried⸗ ſamen Muſen unter dem Waffengetuͤmmel ver⸗ ſtummen. Doch kaum leuchtete die Hoffnung des Friedens, ſo erhob Jacobi's Muſe wieder ihre Stimme. Im Jahre 1803 gab er das uns theure Geſchenk ſeiner juͤngern Iris heraus, die dann auch bis zum Jahre 1813 fortgeſetzt ward. Von der aͤlt ern Jris und ihrem Zwecke habe ich oben geſprochen; ſeit ihrer Erſcheinung hatten ſich die Zeiten maͤchtig geaͤndert. Man war jetzt der uͤberſpannten und angemaßten Empfindſamkeit, der jene Iris entgegengear⸗ beitet hatte, allgemein abhold geworden, und von dem darauf folgenden Sturm⸗ und Kraft⸗ Paroxismus kehrte man zu einem nuͤchternen Zu⸗ ſtande zuruͤck. Hiezu trugen ohne Zweifel die Nachwehen der vielfaͤltigen Kriegesleiden das ihrige bey, welche die Leute zur Beſonnenheit⸗ brachten. Aus Jacobi's aͤſthetiſcher Schule waren ſeit neunzehn nun verfloſſenen Lehrjahren treffliche Lehrlinge hervorgegangen. Maͤnner aus Suͤd⸗ deutſchland, und die vielen Gelehrten der Frey⸗ burger⸗Akademie, welche den Eigenſchaften des liebenswuͤrdigen Dichters huldigten, hatten ſich mit offenem Herzen an ihn angeſchloſſen; auch waren ihm ſeine entferntern Freunde in Norden nicht fremd geworden. So ward dieſe Iris von Vielen mit den mannigfaltigſten Gaben aus⸗ geſtattet, und erſchien nun im verjüngten Glanze. Die ſorgſamſte kritiſche Strenge bewies der ge⸗ wiſſenhafte, zartfuͤhlende Dichter bey der Auf— nahme dargebotener Arbeiten; alles mußte nicht nur hoͤchſt ſprachrichtig, ſondern auch gehaltvoll an Gedanken und Empfindung und ſittlich rein ſich darſtellen. Kein Wort, kein Ausdruck ward geduldet, wodurch auch nur eine entfernte Neben⸗ idee haͤtte erweckt werden moͤgen, die als zwey⸗ deutig in einer gebildeten Geſellſchaft haͤtte An— ſtand finden koͤnnen. Daher ſo viele treffliche Aufſaͤtze, die durch Lebhaftigkeit, Neuheit, Witz und Herzensruͤhrung im ernſten moraliſchen Sinne“ ſich auszeichneten. So wirkte die Iris auf Bildung des Geſchmackes, auf Erheiterung des Geiſtes und auf Belebung der Sittlichkeit. Von der Wuͤrde eines Dichters und der Poeſie hatte Jacobi einen ſehr hohen Begriff. Nie ließ er ſeine Muſe zur Beſinnung unwich⸗ tiger Begebenheiten oder zur Befoͤrderung frem⸗ der Abſichten, denen nicht eine ſtrenge Wurde und großes Intereſſe unterlag, gebrauchen. Seine Grundſaͤtze über dieſen Gegenſtand entwickelt ein Aufſatz in der Iris vom Jahre 18⁰6 S. 252, auch in ſeinem Phaͤdon und Naide, Bd. III. 2. Abthl., ſo wie ein andrer belehrender ſehr komi⸗ ſcher Aufſatz: Es iſt nicht gut der Poet im Dorfe zu ſeyn,(Sendſchreiben an*** Bd. II. 1. Abthl.). Vergebens bemuhte man ſich, der Lyra des Dichters Toͤne abzulocken, wenn der Gegen⸗ ſtand, der gefeyert werden ſollte, nicht ein hoͤheres Intereſſe in ſich trug; aber gern gehorchte er einer Aufforderung, die ſein Herz und Mitgefuͤhl an⸗ ſprach. Einer tief gebeugten Buͤrgerin, die ihn um eine Inſchrift auf den Grabſtein ihres verſtor⸗ benen Lieblings anſprach, ſchlug er die Bitte nicht ab, nachdem er kurz vorher der feyerlichen Deputation einer ſonſt ehrwuͤrdigen Koͤrperſchaft, welche fuͤr die Tochter eines hoͤhern Staatsbeamten ein Epi⸗ thalamium zu erhalten wuͤnſchte, mit hoͤflichen Entſchuldigungen und aus guten Gruͤnden, die Eingang fanden, abgewieſen hatte. Er meinte, 84 Poeſten ließen ſich nicht beſtellen, wie die Kunſt⸗ werke eines mechaniſch arbeitenden Kunſtlers; ſelbſt dieſe wuͤrden nicht einmal etwas ertraͤg⸗ liches liefern koͤnnen, wenn ſie nicht von einem würdigen und ergreifenden Gegenſtand durch Genie befeuert wuͤrden; der Dichter muͤſſe alſo von dem Gegenſtand ſeiner Arbeit ganz beſeelt werden, ſonſt wuͤrde er nur Verſe und Reime hervorbringen, oder wie der alte Saͤnger Phe⸗ mios in der Odyſſee nur aus Zwang und Noth ſeinen Zuhoͤrern vorſingen; bey Gedichten muͤſſe unter der gediegenen Sprache ein großer Gedanke und eine das Herz anſprechende Empfin⸗ dung zum Grunde liegen, wie die Folie unter einem zur Faſſung in Gold beſtimmten Edel⸗ ſteine; große Gedanken aber bieten ſich dem Geiſte bey einem Stoffe von gemeinem Gehalte nicht dar, und Empfindungen ließen ſich auch da nicht erkuͤnſteln, wo es an einem kraͤftigen Intereſſe ermangle. An trefflichen Dienſtleiſtungen und an der Wuͤrde ſeines Amtes ließ er es nie gebrechen, wenn er bey großen Gelegenheiten zu oͤffent⸗ lichen Vortraͤgen aufgefordert wurde. So hielt er zwey meiſterhafte Reden, voll von fenen er⸗ habenen und ruhrenden Ergießungen der Be⸗ I. 3* 82 redſamkeit, die aus dem Herzen hervorquellen, die eine auf den Tod des unvergeßlichen Kaiſers Joſeph II., die andere auf ſeinen Nachfolger Leopold II.(in den Jahren 1790 und 1792). Ohnehin war ihm die praktiſche Kanzelbered⸗ ſamkeit nicht fremd; ſchon waͤhrend ſeines theo⸗ logiſchen Studiums hatte er ſich darin geuͤbt. Von ihm ſind noch in Handſchrift zwey Reden uͤbrig, die er als Kanonikus von Halberſtadt im Jahre 1772 in der Kirche zu Duͤſſeldorf hielt; auch waͤhrend ſeinem Lehramte zu Freyburg begab er ſich oͤfters nach Emmendingen, einem evangeliſchen Staͤdtchen, wo ſein Freund Schlof⸗ ſer wohnte, und beſtieg dort mit Erlaubniß der Superintendentur die Kirchenkanzel, um die chriſtliche Verſammlung ſeiner Glaubensgenoſſen durch öͤffentliche Vortraͤge zu erbauen. Bis zum Jahre 1792 lebte Jacobi im ledi⸗ gen Stande. Darob verwunderte man ſich um ſo mehr, da er als Dichter ſo vieles Gefuͤhl und ſo große Empfaͤnglichkeit fuͤr das haͤus⸗ liche Gluͤck bewies. Ob es Liebe war zur Unab⸗ haͤngigkeit, die manchem, den Wiſſenſchaften die⸗ nenden Geiſte ſo oft theuer iſt, oder ob ſeine Phantaſie noch nicht das Ideal gefunden hatte, von welchem er ein unverruͤcktes Lebensgluͤck 83 erwarkete, laͤßt ſich mit Gewißheit nicht wohl beſtimmen. Wenigſtens hatte er bisher nicht den eigenen Herd unter dem Auge einer ſorg⸗ ſamen Hausfrau rauchen geſehen; er ging meiſtens bey andern Familien zu Tiſche. Der Schwelle des Alters ſich naͤhernd, fand er je⸗ doch, wie ſo mancher, daß es dem Men⸗ ſchen nicht gut fey, allein zu feyn. Daruͤber ſprach er ſich aus in einem ſchoͤnen Gedichte*); ſah ſich um eine treue Gefaͤhrtin um, die ihm die Muͤhfeligkeiten des Lebens ertragen helfe, ſuchte und fand fie unter den ſchoͤnen Toͤchtern der einfamen Hereyniſchen Waͤlder. Dort hatte ſchon vor mehr als tauſend Jahren ſein Geiſtesverwandter, der roͤmiſche Dichter Aufonius, nach der ſtegreichen Schlacht, die der Kaiſer Valentinian im Jahre 363 gegen die Allemanen gewann, die ſchoͤne in ſeinen Dichtungen viel beſungene Biſſula nicht ferne von den Quellen der Donau gefunden. Wer erinnert ſich hier nicht an die in den roͤmiſchen Liedern verewigte «Bissula nascentis conscia Danubii.“ *) Siehe Iris von 1812 S. 64. Auch Jacobi erkohr ſich aus dem duften⸗ den Tannenhaine ſeine Marie, an welcher er viele bildſame Eigenſchaften fand; er nahm ſie anfaͤnglich in ſein Haus, und waͤhrend ſie mit treuer Anhaͤnglichkeit die Wirthſchaft beſorgte, bildete er ihre guten Anlagen aus, und reichte ihr dann ſeine Hand*). Die getroffene Wahl, bey welcher ihn nur ſein Herz leitete, billigten ſeine Freunde und Verwandten. Auch erlebte er bald Vaterfreuden; denn es ward ihm im Jahre 1794 ein Sohn geboren, der ſein zu⸗ nehmendes Alter durch viel verſprechende Anlagen und Naturgaben erheiterte. Seine Gattin beſang er oft unter dem Namen Naide in zaͤrtlichen Liedern. Ueber das Gluͤck ſeines haͤuslichen Lebens finden wir ruͤhrende Schilderungen in ſeinen Gedichten. Das Vater⸗ land der alten Allemanier, der Schwarzwald, von welchem er die Quelle ſeiner reinen Freuden herabgeleitet hatte, ward durch den Geſang«an Gleim“ verewigt**), den niemand ohne innige Theilnahme leſen kann. Alles, was vom Schwarz⸗ walde kam, ward dem Dichter theuer und lieb. *) Den 26. Nov. 1792. **) Jacobi's Werke I. Bd. 2te Abthl. 85 Deſſen Thaͤler und Gebirge ſind von einem kraͤftigen, und bey einem ſtillen, genuͤgſamen Hirtenleben erfinderiſchen Menſchenſtamme be⸗ wohnt, der ſeinen Geiſt an vielen mechaniſchen Kunſtwerken beſtaͤndig uͤbt. Von dort kommen ſo viele kuͤnſtliche und mit muſikaliſchen Ein⸗ richtungen ausgeſtattete hoͤlzerne Uhren, die im Handel bis nach Amerika und Aſien gehen. Fand doch der gelehrte ruſſiſche Leibarzt Dr. Rehman auf ſeiner Reiſe nach den Grenzen von China mehrere der Schwarzwaͤlder⸗Landleute„ die ihn in der Hauptſtadt Caſan mit Jübel empfingen, und von da aus den Handel mit ihren Schwarzwaͤlder⸗Waaren nach Siberien trieben. Jacobi ward von ſeiner Naide mit einer Schwarzwaͤlder⸗Uhr beſchenkt; die Hand der Geberin machte ſie zum doppelt lieben Haus⸗ geraͤthe; ſie hing immer zunaͤchſt ſeinem Bette, war oft ein Vorwurf ſeiner Aufmerkſamkeit, und ſeiner fleißigen Unterſuchung ihrer mechaniſchen Bewegungen. Auch beſang er ſie in einem Liede, das mit ganz unuͤbertrefflichen, und das innere Gefuhl ſanft erweckenden Gedanken aus— geſtattet iſt. Kein Stoff war fuͤr die Bearbei⸗ tung ſo ſproͤde, dem der ſinnreiche Dichter durch den Zauber ſeiner Einbildungskraft nicht eine intereſſante Seite abzugewinnen vermochte, wenn er nur eine Beziehung darbot, die mit der Wuͤrde des in ſuͤßen Toͤnen ſich aus ſprechenden menſchli⸗ chen Herzens im Einklange ſtuhnd. So war gewiß ſeine beſchraͤnkte Wohnung in einer volk⸗ reichen Stadt kein fruchtbarer Gegenſtand einer poetiſchen Betrachtung; allein man leſe die in Proſa fuͤr ſeine Schweſtern verfaßte Beſchreibung derſelben*). Hier iſt im Grunde keine eigent⸗ liche Dichtung, wohl aber das Bild einer reinen Genuͤgſamkeit, beneidenswerther Zufriedenheit, und jener gluͤcklichen Lebensphiloſophie, die es verſteht, aus allen Umgebungen Genuß und Vergnuͤgen zu ziehen, und das Gluͤck des ein⸗ fachen haͤuslichen Lebens durch eigene Anſichten zu ſteigern. Keinem, der nicht Jacobi's in⸗ nern Seelenfrieden beſaͤße, wuͤrden ſo meiſter⸗ hafte Schilderungen gelingen. Waͤhrend den Ferien fand Jacobi ſeine Er⸗ holung in dem artigen Landſtaͤdtchen Emmendin⸗ gen, wo— im Vorbeygehen ſey es geſagt, der große Mathematiker Keppler ſeinen erſten litera⸗ riſchen Unterricht empfing, und das Einmaleins lernte.— Dorthin zog er zu ſeinem Freunde *) Iris von 18 09. S. 279. . 87 Schloſſer und zu dem Oberſtforſtmeiſter Frey⸗ herrn von Zink. Von dem erſtern geſchah ſchon oben Erwaͤhnung. Schloſſer, ſein Ver⸗ wandter, gebuͤrtig aus Frankfurt am Main, war ein Mann von ſeltenen Geiſtesgaben, gebildet in der Schule Plutarchs und vieler andern grie⸗ chiſchen Weiſen und roͤmiſchen Klaſſiker, Mitar⸗ beiter an Iſelins Ephemeriden der Menſchheit, unbeſtechlicher Freund der Wahrheit, eifriger Verbreiter der geſundeſten Grundſaͤtze uͤber Mo⸗ ral, Politik, Erziehungsweſen, Geſchaͤftsleben, Landesverwaltung, ein immer geruͤſteter Be⸗ ſchuͤtzer ſeiner Amtsuntergebenen, woferne den⸗ ſelben von oben herab etwas aufgebuͤrdet wer⸗ den ſollte, das er fuͤr Unrecht hielt. An ihm bewunderten ſeine Kenner die Kraft der Sprache, und jenes oft indictum ore allo. Was man ihm vielleicht mit Unrecht vorwarf, war, daß er bisweilen aus bloßer Laune zu polemiſch geweſen ſeyn ſoll. Der Freyherr Friedrich von Zink, in Thuͤringen in dem Orte Gatterſtaͤdt geboren, war ein durch ſein Vermoͤgen unabhaͤngiger Edel⸗ mann, hatte ſich die lieblichſte Gegend des Breisgaus mit ſeiner geiſtreichen Gattin zum Wohnſitze gewaͤhlt, und ward geruͤhmt wegen feinem Geiſte und der guten Aufnahme der Fremden in ſeinem gaſtfreyen Hauſe, auch we⸗ gen der edeln Verwendung ſeiner Muße auf wiſſenſchaftliche Beſchaͤftigungen, und weiſen Le— bensgenuß. In Jacobi's Schriften finden ſich mehrere Beweiſe ſeiner gluͤcklichen Dichtungs⸗ gabe, und einer reinen gefaͤlligen Proſa. Mit dieſen geiſtverwandten Maͤnnern brachte Jacobi im freundlichſten Umtauſche von Her⸗ zensergießungen gerne einige Wochen zu. In ihre Geſellſchaft kam auch der ehrwuͤrdige blinde Dichter Pfeffel, ſonſt wohnend in der Stadt Colmar jenſeits des Rheines, ſechs bis ſieben Stunden von Freyburg entfernt. Schon im zwanzigſten Jahre ſeines Alters ward Pfeffel des Augenlichtes beraubt; aber die wohlthaͤtige Natur entſchaͤdigte ihn, wie einſt den Vater der Dichter Homer und den engliſchen Saͤnger Mil⸗ ton, fuͤr die Blindheit, durch die Anzuͤndung eines hellern Lichtes in ſeinem Geiſte zur in⸗ nern Beſchauung. Sie erweckte lebhaft ſeine Phantaſie zur Geſtaltung froͤhlicher Bilder, die ſein Leben erheiterten. Pfeffel und Jacobi beſuchten einander wechſelweis ein Jahr um das andere, und verlebten dann immer einige genußreiche Tage. Ueber Pfeffel, der die 89 Toͤne der deutſchen Muſe zur Ehre unſerer Sprache und Nation auf der franzoͤſiſchen Grenze vernehmen ließ, enthalte ich mich, vieles zu ſa⸗ gen, weil Jacobi ſeine Verdienſte in dem Auf⸗ ſatze:„Ueber Pfeffel“, betreffend ſeine Ver⸗ haͤltniſſe mit ihm, durch ein Denkmal in ſeinen Werken*), verewigt hat. Die Tage, welche Pfeffel in Jacobi's Hauſe zubrachte, waren auch fuͤr ſeine andern Freyburger⸗Freunde hoͤchſt erfreulich. Es war ein wahres Vergnuͤgen den beyden alten Dichtern zuzuhoͤren, wie ſie ihren Geiſt in unerſchoͤpflichen Anekdoten, witzigen Ein⸗ faͤllen, und in Erzaͤhlungen von der jetzigen un d der vergangenen Welt ergoſſen. Ein Gedanke erzeugte den andern. Jacobi las ſeinem Freunde immer die neueſten Arbeiten ſeiner Muſe vor, Pfeffel ließ die ſeinigen vorleſen, und dann theilten ſie ſich ihre aͤſthetiſchen Urtheile mit, und unterwarfen ihre Arbeiten der kritiſchen Feile. Lange hoͤrte man ſie oft uͤber einzelne Worte oder die poetiſche Harmonie eines Verſes ſtreiten. So gerne Jacobi einfam in ſeinem Zimmer war, ſo ſehr liebte Pfeffel Bewegung und Spaziergaͤnge auf dem freyen offenen Felde. *) Jacobi's Werke IV. Bd. 2te Abthl. 90 Dieſen Wunſch befriedigten Jacobi's Freunde gerne; ſie fuͤhrten den blinden Dichter am Arme vor die Stadt, und er liebte es ſehr, wenn man ihm alle merkwürdigen Gegenſtaͤnde erklaͤrte, die in den Umgebungen des Feldes aufſtießen. Einmal verlangte er, man ſollte ihn auf einen benachbarten Huͤgel fuͤhren, von welchem eine herrliche Ausſicht in verſchiedene Thaͤler war. Der Wunſch eines ſo ganz aller Sehekraft be⸗ raubten Mannes kam zwar den Freunden etwas ſonderbar vor. Doch erfuͤllte man denſelben; und angekommen auf der Hoͤhe neben einer Feld⸗ kapelle ſetzte man ihn unter eine alte Linde, be⸗ zeichnete ihm durch Fuͤhrung ſeines Arms wie mit einem Augurſtabe die vier Weltgegenden, und beſchrieb ihm ſodann die Thaͤler, Waldungen, Gebirge, Muͤhlen, Dorfſchaften u. ſ. f. Froͤh⸗ lich verſicherte er, daß er die Gegenſtaͤnde ganz genau in ſeinem Geiſte ſah, und ſie mit ſeinem Dichtungsvermoͤgen vollkommen ausmalen koͤnne. Ohne Zweifel halfen ihm hiebey die Erinnerun⸗ gen aus ſeinen Juͤnglingsjahren, die ihm die Formen und Erſcheinungen der aͤußern Welt in das Gedaͤchtniß zuruͤck riefen. Aber noch eine hoͤchſt ſonderbare Eigenſchaft beſaß der blinde Dichter, daß er naͤmlich es ſo⸗ 91 gleich empfand, wenn man auf dem offenen Felde mit ihm etwa an einer Mauer vorbey ging; wo⸗ ferne man ihm auch nichts ſagte, ſo unterließ er nie ſogleich davon zu benachrichtigen, daß man in einer ganz oder theilweiſe geſchloſſenen Umgebung vorbey gehe. Er behauptete, eine eigene Empfindung in dieſem Falle zu haben; ſie muß ſehr leicht zu erregen geweſen ſeyn, vermuthlich wegen dem unterbrochenen Luftſtrom. Allein, da ſie ſich auch einſtellte, wenn ganz ſtil⸗ les Wetter war, ſo glaubten einige, die Wirkung kaͤme von dem Galvanismus oder thieriſchen Magnetismus her, der von feſten Koͤrpern aus⸗ ſtroͤmt, und nach phyſikaliſchen Beobachtungen einen ſich ankuͤndigenden entſchiedenen Einfluß auf den menſchlichen hat. Pfeffel ſagte oft, er faͤnde ſich weit gluͤck⸗ licher, blind, als taub, zu ſeyn; ſein Geiſt waͤre immer heiter durch das innere Zuruͤckblicken auf ſich ſelbſt, und die Verbindung, die er durch die Sprache mit der Außenwelt unterhielt, und welche ihn in den Stand ſetzte, ſeine Ideen mit jenen ſeiner Freunde in jeder Minute aus⸗ zuwechſeln. Unter ſo mannigfaltigen Lebensfreuden konnte Jacobi, nach dem den Sterblichen beſchiedenen Looſe, einigen Unannehmlichkeiten doch nicht ent⸗ gehen. Die Dobleriſche Schauſpieler⸗Geſell⸗ ſchaft befand ſich im Jahre 1791 zu Freyburg. Auf ihr Bitten ſchrieb Jacobi ein kleines Luſt⸗ ſpiel*) in einem Aufzuge: Die Wallfahrt nach Compoſtel. In demfelben befindet ſich auch nicht das mindeſte Wort, das den in eini⸗ gen katholiſchen Laͤndern damals noch uͤblichen Gebrauch der frommen Wallfahrten nach gewiſſen auswaͤrtigen Kirchen laͤcherlich gemacht haͤtte, einen Gebrauch, dem ſchon laͤngſt unter der Regierung der frommen Kaiſerin Maria Thereſia durch eine eigene Verordnung Schranken geſetzt waren. Allein es gab Schwache an Geiſt, Bet⸗ bruͤder und Betſchweſtern, die an dieſem genia⸗ len Luſtſpiele Aergerniß nahmen, und daruͤber einen ungebuͤhrlichen Laͤrm in der Stadt verbrei⸗ teten. Selbſt ein General, deſſen Name jetzt laͤngſt in Vergeſſenheit geſunken, drohte mit Ingrimme, dem Hofe eine Anzeige zu machen. Allein die Polizey und die Zenſurbehoͤrden ließen ſich das Stück vorlegen, und befahlen, daß es ohne Bedenken aufgefuͤhrt werden moͤge. So erfuhr Jacobi eben das, was Molieren mit *) Jacobi's Werke I1II. Bd. Ite Abthl. 93 ſeinem Tartuͤffe, und dem ſeligen Gellert mit ſeiner Komoͤdie, die Betſchweſter, widerfahren war, die aller Widerſpruͤche ungeachtet am Ende doch aufgefuͤhrt wurden und viele Menſchenkin⸗ der ergoͤtzten. Vieles Gelaͤchter mußte es erre⸗ gen, als man bald darauf in allen Zeitungen las:„Jacobi's Schauſpiel waͤre in einem „»gewiſſen Kapuzinerkloſter in der Faßnacht zur „Beluſtigung der Gaͤſte aufgefuͤhrt worden.“ Der zweyte Fall haͤtte wohl ernſthafter wer⸗ den koͤnnen. Die franzoͤſiſche Staatsumwaͤlzung war ausgebrochen, und das Breisgau als Grenz⸗ provinz am naͤchſten der Gefahr einer Ausbrei⸗ tung revolutionaͤrer Grundſaͤtze bloßgeſtellt. Die Hauptſtadt Freyburg fuͤllte ſich nach und nach mit ausgewanderten Laien und Prieſtern; unter bey⸗ den gab es viele beſcheidene, ſtillduldende, aber auch ſehr zudringliche, inſolente, und alles, was nicht franzoͤſiſch war, wo nicht oͤffentlich, doch heimlich verachtende Menſchen. Der offenherzige und Wahrheit liebende Jacobi verbarg ſeine Meinung uͤber die fran⸗ zoͤſiſche Staatsveraͤnderung keineswegs, lobte, was daran urſpruͤnglich lobenswerih erſchien, tadelte aber auch offen, was er aus vernünf⸗ tigen Grundſaͤtzen zu mißbilligen fand. Viele franzoͤſiſche Gelehrte, die nach Freyburg ge⸗ kommen waren, beſuchten fleißig das Haus unſers Dichters. unter dieſen will ich nur im Vorbeygehen auszeichnen den beruͤhmten Mallet du Pan; ſodann den halbblinden Dichter Delisle, bekannt durch ſeine Ueberſetzung der Gedichte Virgils uͤber den Landbau, auch Verfaſſer des geiſtreichen Lehrgedichtes uͤber das Gartenwe⸗ ſen und eines andern uber das Mitleid. Der Mann beſuchte oͤfters Jacobi des Abends, hatte ein erſtaunenswuͤrdiges Gedaͤchtniß, und ſagte ganze Geſaͤnge ſeiner Dichtungen aus⸗ wendig her. Auf Befragen, warum er dieſe Geſaͤnge nicht lieber niederſchriebe, antwortete der Dichter: Einmal, weil er wegen Augen⸗ ſchwaͤche nicht wohl ſelbſt zu ſchreiben vermoͤge, ſodann weil er beſorge, daß die geiſtreiche Geſellſchafterin, die er bey ſich hatte, und wel⸗ cher er zuweilen, doch nur ſtuͤckweiſe, Verſe dik⸗ tirte, ihm vielleicht etwas von ſeinen Dichtungen entwenden moͤchte, um es bekannt zu machen, wie es ihm ſchon fruͤher geſchehen ſeyn ſoll. Deßwegen vertraute er ſeines Geiſtes Eigen⸗ thum niemanden mehr, als ſeinem eigenen treuen Gedaͤchtniſſe an, und nur dann, wenn er ein ganzes Gedicht in ſeinem Kopfe fertig 95 hakte, ſagte er es allenfalls in die Feder, und nahm die Handſchrift ſogleich zu ſich. Den gelehrten Franzofen war Jacobi's Ruhm laͤngſt bekannt, theils durch die bereits oben erwaͤhnte Ueberſetzung einiger ſeiner fruͤ⸗ hern Werke, theils auch durch ein entſcheidendes Urtheil, welches in der zu Paris im Jahre 1777 in vier Baͤnden erſchienenen Wonvell⸗ Bibliothe- gue D'un homme de godt vol. I. b. 363 ſich ſo ausſpricht: & Ce poète mérite une place distinguée parmi «les poètes les plus aimables. Ses ouvrages ont « Cette fleur de sentiment et de délicatesse, qui doit perdre beaucoup de son prix, en «passant dans une langue dtrangère: il faut «S'imaginer ce que deviendraient la plupart de «cnos chansons ou de nos poCsies légères, tra- „duites en allemand. Quel meérite rael ne «doivent donc pas avoir les poésies de Mr. Ja- ο, Chanoine d'Halberstadt, si l'on en ren- a Contre plusicurs qui puissent résister à une pareille épreuve! On trouve eette traduction dans un Recueil imprimé en 4771, un volume in-40. La première pièce offre la peinture, la plus séduisante, de cette volupté douce, «qui s'allie avec la modestie et la vertu: c'est une espèce d'ode anacréontique; elle est inti- tulée: Au lit de Belinde. Une autre, qui a «pour titre le Faune, conserve dans la tra- duction cette légèreté, ce coloris tendre, cette fratcheur qui doivent se faire sentir bien da- «vantage encore dans l'original. Si l'on est curieux de voir comment l'auteur traite les grandes vérités de la morale, qu'on lise sa ré- ponse à Mr. Gleim, qui lui avait dépeint le «bonheur, dont il jouissait dans sa retraite.“ So lautet das Urtheil eines Franzoſen, der ſeinen Landsleuten die uͤberſetzten Gedichte als Muſter des guten Geſchmackes anpries. Waͤhrend der Anweſenheit der franzoͤſiſchen Ausgewanderten ſetzten alle Profeſſoren„ihre Vorleſungen in den ihnen aufgetragenen Faͤchern der Wiſſenſchaften fort, mancher Stoͤrungen ungeachtet, die vorfielen. Jacobi that das naͤmliche, und gab im Jahre 1798 woͤchentlich eine Stunde Vorleſungen uͤber praktiſche Ar⸗ beiten des deutſchen Styls unentgeldlich. Hiebey hatte er ſein Hauptaugenmerk auf die Theologen, als kuͤnftige Kanzelredner gerichtet. Die jungen Schuͤler der Philoſophie hatte er aus guten Gruͤnden von dieſen Vorleſungen ausgeſchloſſen, und nur die Akademiker der 97 drey hoͤhern Fakultaͤten dazu eingeladen. Er bekam ein zahlreicheres Auditorium, als er ge⸗ hofft hatte, und darunter befanden ſich ſogar Doktoren, mehrere Geiſtliche, und Maͤnner die ſchon in oͤffentlichen Aemtern ſtanden. Ein junger Mediziner, der in Wien ſtudirt hatte, kam um dieſe Zeit nach Freyburg, um dort den Doktorgrad zu nehmen. Die medizi⸗ niſche Fakultaͤt hatte ihm das Zeugniß einer vorzuͤglichen Geſchicklichkeit in ſeiner Wiſſenſchaft ertheilt, und Jacobi, den er bisweilen be⸗ ſuchte, fand an ihm einen talentvollen jungen Mann, der ſchon verſchiedene gluͤckliche Ver⸗ ſuche in der Dichtkunſt gemacht hatte, denen weiter nichts abging, als ſtrengere Feile, und groͤßere Beſtimmtheit der Schreibart. Dieſer junge Doktor der Heilkunde brachte ihm nun fuͤr ſeine praktiſche Vorleſung ein Gedicht unter dem Titel: Dauern oder Vergehen? das ſich allerdings durch poetiſche Schoͤnheiten aus⸗ zeichnete, aber viele materialiſtiſche Grundſaͤtze enthielt. Jacobi trug jedoch kein Bedenken, das Gedicht vorzuleſen; vielmehr freute er fich der Gelegenheit, ein zurechtweiſendes Wort ſprechen zu koͤnnen, weil die Sage ging, daß die Lehre des Materialismus inſonderheit unter Jacobi's Werke. I. 4 98 einigen Medizinern ſich auszubreiten anfing; auch daß unter den letztern etliche unvorſichtig genug waͤren, denſelben zu predigen, und viel⸗ leicht Ungelehrte damit anzuſtecken. Jacobi beurtheilte nun zuerſt kritiſch das Gedicht nach ſeiner Form und Sprache; ſodann verfolgte er den philoſophiſchen Stoff, Schritt vor Schritt, widerlegte ihn, und dabey war es ihm ſo ernſt, daß ſein Vortrag faſt drey Stunden dauerte; er trug dann aus Mendelsſohns Phaͤdon, Reima⸗ rus, Hemſterhuis und andern, die vornehmſten Beweiſe fuͤr die Unſterblichkeit vor, und ſchloß das Ganze durch die herzlichſten und ruͤhrendſten Stellen aus der Abhandlung des Claudius uͤber dieſen Gegenſtand. Dieſer ſchoͤne Vortrag mit allen Reizen einer gruͤndlichen Beredſamkeit ausgeſchmuͤckt, machte einen iefen Eindruck auf die aus allen Staͤnden anweſenden Zuhoͤrer. Und dennoch gab es Leute, die da behaupte⸗ ten, Jacobi habe die Lehre des Mate⸗ rialismus vorgetragen. Ja vorgetragen allerdings, aber gepruͤft und widerlegt. Dieſe haͤmiſche Mißdeutung ſeiner Abſicht wurde vor⸗ zuͤglich einigen Halbfranzoſen zugeſchrieben, die weder recht deutſch, noch recht franzoͤſiſch verſtuhnden, und, ſonſt in der Nachbarſchaft 99 des Breisgaues auf dem jenſeitigen linken Rheinufer wohnhaft, auf das rechte gefluͤchtet waren. Sie war um ſo ungerechter, da Jacobi nach dem bey ſeiner Annahme beſtehenden oͤſter⸗ reichiſchen Studienplane den ausdruͤcklichen Auftrag hatte, den Studenten des zweyten philoſophiſchen Jahres, alſo Juͤnglingen von ſechszehn bis ſiebzehn Jahren, die er, wie ſchon geſagt, von den Vorleſungen uͤber den Styl aus⸗ geſchloſſen hatte, den Lukrez*) zu erklaͤren, einen roͤmiſchen Dichter, der ein ganzes Syſtem aufſtellte, welches Unſterblichkeit und Vorſehung der Goͤtter laͤugnet, alle Religion fuͤr Aber⸗ glauben ausgibt, und den Epikur ruͤhmt, daß er ſie mit Fuͤßen getreten. Gewiß war niemand religioͤſer als Jacobi, der bey jeder Gelegen⸗ heit mit Waͤrme nicht nur fuͤr die Wahrheiten der natuͤrlichen Religion, fuüͤr goͤttliche Vor⸗ ſehung und Unſterblichkeit in ſeinen Schriften geſprochen, ſondern auch das Schoͤne und Er⸗ habene der chriſtlichen Religion zu zeigen ſtets bemuhet war. 4 Die giftigen Pfeile dieſer elenden Kritiker *) Siehe das oben angezogene Schreiben des Frey⸗ herrn von Swieten. 4 glitten kraftlos an dem Rufe des Dichters ab; doch thaten ſie ſeinem reinen Gemuͤthe unaus⸗ ſprechlich wehe. Er ſelbſt, als ſanfter friedlie⸗ bender Mann antwortete nichts auf die im Stillen herumſchleichende Verleumdung; aber ſein Freund, der Freyherr von Zink, uͤbernahm dieſe Muͤhe, und entlarvte in einem gedruckten 3 Briefe, der im Jahre 1798 uͤberall im Umlaufe war, ihre Urheber. Da Jacobi der franzoͤſiſchen Sprache von Kindheit an in einem hohen Grade maͤchtig war, ſo ward er oͤfters von ſeinen Mitbuͤrgern als Unterhaͤndler an die franzoͤſiſchen Befehls⸗ haber abgeordnet, die nach feindlicher Einnahme des Landes die oͤffentlichen Geſchaͤfte in den Haͤnden hatten. Dieſen laͤſtigen, mit vielen Unannehmlichkeiten verbundenen Auftraͤgen ent⸗ zog er ſich als guter Staatsbuͤrger nie, und wirkte ſowohl muͤndlich als durch ſchriftliche Aufſaͤtze zum Vortheile von Stadt, Land und der hohen Schule; gewiß kein kleines Opfer von Seite des ſtillen und ruhigen Mannes, der ſich in gewoͤhulichen Zeiten ſo wenig um das Geſchaͤftsleben bekuͤmmerte, und nun auf einmal aus ſeiner haͤuslichen Einſamkeit zur Theil⸗ nahme an oͤffentlichen Sorgen hervortreten mußte⸗ 101 Menſchenliebe bewog den geachteten Dichter, daß er mehreren franzoͤſiſchen Ausgewanderten, welche die Umſtaͤnde in bittere Verlegenheit ver⸗ ſetzt hatten, ſo gerne freundliche Dienſte leiſtete. Hier nur ein Beyſpiel! Mit ſeinem Sohne kam der beruͤhmte Portalis nach Freyburg, ein großer Redner zur Zeit der Staatsumwaͤlzung. Ehrwurdig durch ſeine Tugenden und Talente ward er unter dem 18. Fructidor 1797 durch ein Dekret außerhalb Frankreichs Grenzen verwie⸗ ſen. Aber die Tugend iſt keinem Oſtracismus unterworfen. Deßwegen ward er nachgehends im Jahre 1800 wieder mit Ehren in ſein Va— terland zuruͤckberufen, und zum Miniſter des Kultus und Großoffizier der Ehren⸗Legion ernannt. Da Portalis im Gedraͤnge der Umſtaͤnde auf der Grenze ſich nicht mehr fuͤr ſicher hielt, ſo wendete er ſich mit Vertrauen an Jacobi. Dieſer, alle Verhaͤltniſſe wohl er⸗ waͤgend, rieth ihm, ſich außer dem Bereiche des Krieges nach Norden zu ziehen; gab ihm in dieſer Abſicht Briefe nach Holſtein mit an ſei— nen dort wohnenden Bruder, den Philoſophen Friedrich Jacobi, und empfahl ihn durch dieſen an die beyden Grafen von Stollberg. Portalis kam an dem Ort ſeiner Beſtimmung 10⁰² gluͤcklich an, und in einem Briefe vom 5. April 1798 aus Tremsbittel dankte er dem Dichter innigſt geruͤhrt: Mon cher professeur, heißt es darin, votre aimable frère est venu nous recevoir, et nous le tenons depuis quelques jours: ce que vous nous aviez dit de lui est encore bien au-dessous de ce que nous sentons; sa philosophie est celle du coeur. Chez lui le sentiment avise l'esprit, et Pesprit régularise le sentiment. On se croit soi-même meilleur, quand on sait l'apprécier ———-—— Quelles ames grandes et généreuses, que celles auprès des- quelles ma bonne fortune me place! je vous bénirai toute ma vie d'avoir été le médiateur de mon voyage: que n'ëtes-vous avec nous, pour partager notre situation; instruction, vertu, agrément, rien ne manque dans un cercle choisi, qui n'a certainement pas son égal, et où l'ame contracte l'habitude des plus grandes choses er des plus douces affections ͤ 6crivez-moi, mon cher professeur, c'est de la vie à la mort.— Portalis lebte lange unter dem angenom⸗ menen Namen d'Allymon ruhig in Holſtein; ſein Brief iſt ein Beweis eines dankerfuͤllten Herzens, und zugleich der großeen Hochachtung, die er dem Vereine ſo ausgezeichneter deutſcher Gelehrten, die ihn auf Jacobi's Empſehlung unter ſich aufgenommen hatten, zollte. Portalis war nicht der einzige, welchem der Dichter ſo erſprießliche Dienſte leiſtete. In dem Auslande ſtand Jacobi's Name in der hoͤchſten Achtung, und gewaͤhrte zuweilen jenen, die ſich ſeiner Bekanntſchaft zu ruhmen hatten, und auf ſein Wort berufen konnten, die ge⸗ faͤlligſte Aufnahme. Das erfuhr ein ſehr acht⸗ barer oͤſterreichiſcher Offizier; verfolgt durch Zuſammenwirkung widriger Zufaͤlle, denen er nicht auszuweichen vermochte, hatte er dem Kriegsdienſte einſtweilen entſagt, und nun be⸗ fand er ſich im Falle anderswo eine ehrenhafte Anſtellung zu ſuchen. In dieſer Lage kam er nach Freyburg, verſehen mit ſehr guten Zeug⸗ niſſen. Der⸗Dichter, dem er mit Vertrauen ſeine Verhaͤlt niſſe bekannt machte, fand an ihm einen redlichen vom Schickſale hart verfolg⸗ ten Mann. Beſtimmte Empfehlungen an be⸗ ſtimmte Perſonen konnte er ihm nach der Schweiz, wohin er reiste, nicht geben. Dagegen aber haͤndigte er ihm eine mit ſeiner Hand beſchrie⸗ bene offene Karte ein, auf welcher er denſel⸗ 404⁴ ben im Allgemeinen ſeinen Freunden em⸗ pfahl. Und dieſes kleine Blaͤttchen hatte die Wirkung, daß dieſer talentvolle Mann bey den damaligen Kriegszeiten bald eine ausgezeichnete Anſtellung erhielt, die er mit perſoͤnlicher Wuͤrde, großer Einſicht und mit Vortheil fuͤr den Staat, der ihn aufnahm, ruͤhmlich bekleidete. An den Schrecken und Unfaͤllen des Krie⸗ ges, der das Breisgau überzog, mußte Jacobi ſo gut, wie jeder Bewohner des Landes, ſei⸗ nen Antheil tragen. Der erſte feindliche Ein⸗ fall geſchah im Juli 1796 unter Anfuͤhrung des franzoͤſiſchen Diviſions⸗Generals Ferino. Dieſer Feldherr war fruͤher in oͤſterreichiſchen Kriegsdienſten, und ſelbſt ehedem lange Zeit zu Freyburg in Garniſon. Er kannte die Stadt. und faſt alle Familien perſoͤnlich, hielt gute Disciplin, und behandelte auch das Land waͤh⸗ rend ſeiner kurzen Anweſenheit mit humaner Schonung, ſo viel es ſeine Verhaͤltniſſe geſtat⸗ teten. Der Durchzug, da ſich das Heer nach Oberſchwaben bewegen mußte, dauerte nicht lange; nach einigen Monaten ward das Land von dem ſiegreichen Erzherzoge Karl von Oeſterreich wieder erobert. Allein im Jahre 1800 folgte ein neuer Ueber⸗ „ 10⁵ fall. Da der Feind vor der Stadt Freyburg von Seite der oͤſterreichiſchen Truppen und dem mit denſelben verbundenen Landſturm Wider⸗ ſtand fand, die Gegner aber nach einem bluti— gen Gefechte durch die Engpaͤſſe des Schwarz⸗ waldes zuruͤcktrieb, ſo drangen Soldaten in die Stadt, und einige Straßen wurden gepluͤndert. Dieſes Schickſal traf auch die Straße, in wel⸗ cher der friedliche Dichter wohnte. Der wilde franzoͤſiſche Krieger ſprengte uͤberall die Thuͤren. Dieſe Gewaltthaͤtigkeit ward auch an Jacobi's ſtiller Wohnung verſuͤcht. Um nun groben per⸗ ſoͤnlichen Beleidigungen und vielleicht einer gaͤnz⸗ lichen Pluͤnderung vorzukommen, faßte der Dichter mit Entſchloſſenheit den Muth, hinunter zu gehen und die Thuͤre ſelbſt zu oͤffnen. Die raſenden Soldaten ſtuͤrzten nun hinein; Jacobi redete ſie in ihrer Sprache an. Das erſte was ſie thaten, war, daß ſie ihm unter dem Vor⸗ wande, ſie haͤtten ihn bey dem Landſturme fech⸗ tend geſehen, ſogleich ſeine ſilbernen Schnallen, ſeine Tabacksbuͤchſe und ſeine goldene Uhr ab⸗ nahmen, die er wegzulegen vergeſſen hatte. Nun ſtuͤrmten ſie eilends die Treppe hinauf; oben ſtand Jacobi's Gattin, ihren fuͤnfjaͤhrigen Knaben auf dem Arme. In der Vorausſetzung, daß man, wie ſie oft gehoͤrt hatte, auch die wildeſten dieſer Nation durch bewieſene Artigkeit, Zutrauen und Freygebigkeit entwaffnen koͤnne, reichte ſie dem Anfuhrer ein ſeidenes Beutel⸗ chen mit Silbermuͤnze, ſo wie auch einen Bund Schluͤſſel zu den Hauskaͤſten; das Geld und die Schlüſſel gab er ſogleich zuruͤck, das Beu⸗ telchen ſteckte er aber ein. Nun glaubte man, ſie wuͤrden nichts mehr fordern; allein nachdem ſie in das Zimmer eingedrungen waren, for⸗ derten ſie neun Louisd'or in ſehr gebieteriſchem Tone. Jacobi hatte nicht mehr als zwey bey ſich, dieſe reichte er gutwillig hin. Da beſtan⸗ den ſie aber auf der vollen Summe, und nun war der Arme genoͤthigt, in das obere Zimmer hinaufzugehen, wo er ſeine vierteljaͤhrige Be⸗ ſoldung, die er noch kaum vor einer Stunde erhalten, unter ein Bret verſteckt hatte. Einer der Pluͤnderer wollte ihm ſogleich nacheilen; allein Jacobi's Gattin ſtellte ſich vor ihn bit— tend an die Thuͤre. Waͤhrend dem er bemuht war, dieſelbe aufzureißen, fiel ihm das Tuch, mit welchem ſein verwundeter Arm verbunden war, ab; ſie hob es ſogleich auf, verband ihm ſorgfaͤltig die Wunde, und ſagte mit klaͤglicher Stimme:„pauvre Frangais!“ das einzige, was 6☛ 107 ſie vielleicht von der franzoͤſiſchen Sprache wußte. Der Soldat ward durch dieſe Gutherzigkeit ge⸗ ruͤhrt; Jacobi kam indeſſen zuruͤck, und haͤn⸗ digte ihnen das Geld ein; nun aber geriethen ſie in Haͤndel, ſtießen die Gewehre heftig zuſam⸗ men, und es ſchien, als wenn ſie handge⸗ mein werden wollten. Endlich zogen drey von ihnen ab, der vierte aber blieb als Sauvegarde zu ihrem Schutze, wie er ſagte, zuruͤck. Man ſetzte ihm Wein und Brod zur Erquickung vor, und nun ward er geſellig und geſpraͤchig, als wenn nichts vorgefallen waͤre. Was aber nach dieſen unangenehmen Auftritten ſehr komiſch ſchien, und den Franzoſen eigentlich charakte⸗ riſirt, war, daß dieſer anfangs ſo wilde Menſch nun als ein aͤchter Franzoſe ſich entſchuldigte, daß er nicht gut gekleidet, und ſeine Haare in Unordnung gerathen waͤren. Da machte Jacobi von ſeinem eigenen Zoͤpfchen das Band los, und uͤberreichte es ihm. Er nahm es dankbar an, und ſteckte es ein. Endlich verſtummte der Tumult und das Schießen in der Stadt; und nun zog der Sauvegarde wieder ab. Dieſe tragiſch⸗komiſche Scene erzaͤhlte Jacobi oͤfters, ſchrieb ſie auch ſeinen auswaͤrtigen Freunden, beſonders ſeinen Geſchwiſtern und nach Hal⸗ 408 berſtadt an Gleim, die hierauf dem beraub⸗ ten Dichter den erlittenen Schaden gerne ver⸗ guͤteten. Einige Zeit nach dieſen Auftritten aber er⸗ lebte Jacobi andere Unfaͤlle, die ſein Herz maͤchtiger angriffen. Schloſſer ſtarb zu Frank⸗ furt am 1. Oktober 1799. Seit dem Jahre 1793 war in des feurigen Schloſſers Ge⸗ muͤthsſtimmung eine maͤchtige Veraͤnderung aus⸗ gebrochen. Denn in dieſem verhaͤngnißvollen Jahre ward der gerechte Koͤnig von Frankreich Ludwig XVI. oͤffentlich vor den Augen eines empoͤrten Volkes enthauptet, und buͤßte un— ſchuldig mit ſeinem Blute aufgebuͤrdete Verbre⸗ chen, die er nie gegen Staat und Volk began⸗ gen hatte. Schloſſer ward von dieſer Nach⸗ richt innigſt erſchuͤttert. Die Unfaͤlle, die darauf guch in Deutſchland erfolgten, neben den miß⸗ lungenen Hoffnungen, welche dieſer fuͤr das Beſte der Welt gluͤhende Philoſoph, getaͤuſcht durch die erſten Elemente der franzoͤſiſchen Re⸗ volution, vielleicht getraͤumt hatte, dann jener große unheilbare Riß in das Band der Menſch⸗ heit, der ſich bald darauf zeigte, druͤckten ſeinen Geiſt zur tiefen Schwermuth darnieder. Bey dieſer Stimmung ergoß er ſein Herz in den 44 44 109 Buſen Jacobi's durch ein Schreiben*), und dieſer ſuchte ſeinen Schmerz in einem ſalbungs⸗ vollen Gedichte zu beſaͤnftigen. Er legte ihm eindringende Troſtgruͤnde, hergeleitet von der Anordnung einer allwaltenden Vorſicht an das Herz. Zugleich forderte er ihn zum weiſen Ge⸗ nuſſe der unſchuldigen Naturfreuden auf, welche dem Anbeter Gottes auch mitten unter den Ruinen einer zertrummerten Welt noch übrig bleiben. Das Gewicht der Troſtgruͤnde mißkannte zwar Schloſſer nicht; allein in ſeiner Antwort ath⸗ mete noch immer eine unbeſiegbare Wehmuth, und mit prophetiſchem Geiſte ſagte er vor: „Daß ein Volk, ſich abmuͤhend ſeine angebornen „Rechte durch Gewalt geltend zu machen, nie „im Stand ſeyn wuͤrde, die theure Errungen⸗ „ſchaft mit Weisheit und Maͤßigkeit zu gebrau— „chen, auch daß der Nachkommenſchaft nichts „bevorſtuͤhnde, als ewige Sklaverey oder eine „ noch mehr druckende Anarchie.“ Dieſer duͤſtere Gedanke wich ſelten aus Schloſſers Sinn, und begleitete ihn wahr⸗ *) Siehe Jac. Werke III. Bd. r. Abth.„Auszug aus einem Brief von Schloſſer.“ 110 ſcheinlich bis zu ſeinem fruͤhen Ende. Was wuͤrde wohl der edle Mann geſagt haben, wenn er noch Napoleons gewaltthaͤtige Alleinherr⸗ ſchaft, und endlich die ſchmaͤhliche Zertruͤmmerung dieſes ſchrecklichen Werkzeuges der Tyranney durch die goͤttliche Vorſicht erlebt haͤtte, die am Ende alle Unfaͤlle zum Beſten der Menſchheit wieder ausgleicht. Wie meiſterhaft uͤbrigens der Dichter die Kunſt verſtand, auch in verzweifel⸗ ten Faͤllen das Herz ſeiner Freunde durch Troͤ⸗ ſtungen aufzurichten, hat er vorzuͤglich bey dem obigen Anlaß bewieſen. Auf Schloſſer folgte bald der ſo herzlich geliebte Edle von Zink im Jahr 18⁰2; dann ſogar ſein treueſter, aͤlteſter und liebſter Freund von Juͤnglingsjahren an, der Dich⸗ ter Gleim am 18. Febr. 1803; es waͤre ſchwer zu beſchreiben, welche Nachwehen dieſe traurigen Zufaͤlle im Gefuͤhle des Dichters erzeugten. Auf der andern Seite hatte er wieder die Freude erlebt, daß ſein vortrefflicher Bruder, der Phi⸗ loſoph Friedrich Jacobi, ihm wenigſtens um einige Tagreiſen naͤher geruͤckt war; denn nach der neuen Stiftung der bayeriſchen Akademie der Wiſſenſchaften ward der beruͤhmte Mann als deren Praͤſident nach Muͤnchen berufen; der Dichter be⸗ nutzte bald darauf eine Gelegenheit, den gelieb⸗ 111 ten Bruder im Jahre 1806, ſo wie ſeine Schwe⸗ ſtern die bey ihm wohnten, in Munchen zu be⸗ ſuchen. Den erlebten Hintritt ſo mancher theuern Freunde ertrug Jacobi mit bewunderungswuͤr⸗ diger Standhaftigkeit; aber bald hatte er wie⸗ der eine neue Pruͤfung zu beſtehen: denn auf dieſen ſtarb auch der geliebte alte Pfeffel im Jahre 18⁰09. Nachdem er durch innere Trauer der Empfindung des Herzens genug gethan, ſagte er oͤfters:„Die Ungemaͤchlichkeiten des „ſteigenden Alters und die Erinnerung an die „abgeſchiedenen Freunde erzeugten wenigſtens „den Vortheil, daß man ſich nach und nach „vom irdiſchen Leben ohne große Ruͤckſehnung „loswaͤnde, weil dann die aͤußern Erſcheinungen „nicht mehr ſo ſtark auf das Herz wirkten, und „in dem Empfindungsvermoͤgen endlich ſtoiſche „Gleichgultigkeit zuruͤckließen. Man faͤnde ſich „nach und nach iſolirt.— Um uns her ſproßte ein „neues Geſchlecht, wiederholte er oft, dem wir „eigentlich nicht mehr angehoͤren, und das doch „nicht beſſer waͤre, als das vorhergegangene. „ Mit Horazens Geiſte ſehen wir ein Progeniem „ viliosiorem erſcheinen, deren Abgott die Fri⸗ „volitaͤt ſey u. ſ. f. So koͤnnen wir dann dem 112 „Abſchiede von der Erde mit Ruhe entgegen ſe⸗ „hen, in der Hoffnung, in einer uͤberſinnlichen „Welt mit unſern Geliebten wieder vereinigt zu „werden.“ 3 Nach vieljaͤhrigen Kriegen und mannigfaltigem Wechſel politiſcher Begebenheiten gelangte das Breisgau im Jahre 1806 wieder an ſeine urſpruͤng⸗ lichen Stammfuͤrſten, naͤmlich die Markgrafen von Baden aus dem uralten Hauſe der Herzoge von Zaͤhringen. Der Großherzog Karl Friedrich, damals der aͤlteſte, wohl auch der edelmuͤthigſte der deutſchen Fuͤrſten, nahm auf erfolgte Be⸗ ſitzesergreifung des Landes die Univerſitaͤt un⸗ ter ſeinen beſondern Schutz, ließ dann bey dem gelehrten Inſtitute weislich einige Formen aͤndern, vermehrte die durch Verluſte im Elſaß ſehr geſchmaͤlerten Einkuͤnfte, dotirte, die Bib⸗ liothek mit den Buͤchern der aufgehobenen Kloͤ⸗ ſter, beſchenkte die Anſtalt mit einer eigenen Druckerey und einem Naturalien⸗Kabinette, gab den oͤffentlichen Lehren viele Beweiſe fuͤrſtlichen Wohlwollens, und ertheilte unter andern dem Dichter Jacobi den Charakter als Hofrath. Bey dieſem Anlaß erhielt er zugleich vom Landes⸗ herrn folgendes Schreiben: Mein lieber Herr Hofrath! „Durch die Ertheilung des Charakters als „Hofrath habe Ich Ihnen ein Merkmal der vor⸗ „ zuͤglichen Achtung geben wollen, die Ich jeder⸗ „zeit fuͤr einen Mann gehegt habe, der unter „den beruhmteſten Schriftſtellern in unſerer Lite⸗ „ratur immer eine der ehrenvollſten Stellen be⸗ „hauptet, und durch ſeine Verdienſte als oͤffent⸗ „licher Lehrer auf den Dank und die Erkennt⸗ „lichkeit des Staates den gerechteſten Anſpruch „ zu machen hat.“ .»Beſonders angenehm war es Mir daher, „»aus Ihrem Schreiben vom 26. v. M. zu ver⸗ „nehmen, daß Ihnen dieſer Beweis Meiner Zu⸗ „»neigung Vergnuͤgen gemacht hat, und daß Ich „dadurch den Mann, den ich ſchon lange inner⸗ „lich hochſchaͤtzte, auch oͤffentlich, auf eine ihm »angenehme Art, zu ehren Gelegenheit hatte.“ „Es wird Mir auch in Zukunft jeder Anlaß „ erwuͤnſcht ſeyn, wo Ich die vorzuͤgliche Achtung „bethaͤtigen kann, mit welcher Ich verharre Des Herrn Hofraths Wohlaffectionirter Carlsruhe, den 17. Oct. 18⁰7. Carl Friedrich. J. 4* 114 So lebte Jacobi, geehrt von ſeinem Fuͤr⸗ ſten und geliebt von Allen, die ihn perſoͤnlich kannten. Wer nun glauben wollte, daß er nach dem Verluſte ſeiner innigen Freunde den Reſt ſeines Lebens einſam und verlaſſen zugebracht haͤtte, der wuͤrde ſich ſehr irren. Einſam, d. h. abgeneigt, ſich in großen und laͤrmenden Geſell⸗ ſchaften zu befinden, war der Dichter ſchon von Jugend auf. Am beſten fand er ſich in der Stille mit ſeinen Muſen und ſeinen Buͤchern, und ging wenig aus. Daher nannte ihn auch der geiſtreiche Heinſe, der Verfaſſer des Ar⸗ dinghello, der treue Freund Gleims und der ganzen Jacobiſchen Familie, in ſeinen Briefen den Einſamen, ja ſogar einmal den Stuben⸗Jacobi, im Gegenſatze ſeines Bru⸗ ders des Philoſophen, der ſich mehr in der gro⸗ ßen Welt gefiel. Alle Geſellſchaften der beſten Haͤuſer von Freyburg bemuͤhten ſich von jeher, den Dichter in ihrem Kreiſe zu haben. Er ſpeiſete nicht ſelten als Gaſt außer dem Hauſe, und es waren mehrere angeſehene Familien, die ihm den Gebrauch ihrer Wagen und Pferde angeboten hatten, und ihn ſo oft abholen ließen, als es ihm gelegen war. Hievon machte er jedoch ſpar⸗ ſamen Gebrauch, und ſah lieber in ſeinem Hauſe 115 jede Woche ein⸗ oder zweymal einen ausgewaͤhl⸗ ten Zirkel von Herren und Damen vom beſten Ton, die ſich bey ihm verſammelten, um einen angenehmen Abend in ſeiner geiſtreichen Geſell⸗ ſchaft zuzubringen. Die Unterhaltung beſtuhnd nicht im Kartenſpiel, ſondern in einem ſehr be⸗ lebten Geſpraͤch über intereſſante Gegenſtaͤnde der Literatur und Kunſt. Es waͤre zu wuͤnſchen geweſen, ein aufmerkſamer junger Zuhoͤrer haͤtte die vielen witzigen Einfaͤlle, treffenden Urtheile und pikanten Anekdoten aufgezeichnet, an denen der Dichter nach ſeiner Erfahrung und vielſeiti⸗ gen Lebensweisheit ganz unerſchoͤpflich war, ſo bald ſein Geiſt durch aͤußere Anregungen ſich elektriſirt befand. Der feyerlichſte Tag in Jacobi's Familie war der Georgentag, an welchem ſein Na⸗ mensfeſt, nach der Sitte des Landes, feyerlich begangen ward. Jeder, der nur den edeln Dich⸗ ter kannte, und mit ihm in freundſchaftlichem Verhaͤltniſſe ſtand, machte ihm am Morgen einen Beſuch. Die angeſehenſten Maͤnner und Frauen⸗ zimmer brachten ihre Wuͤnſche muͤndlich und ſchrift⸗ lich mit Gedichten, Kupferſtichen, Zeichnungen, Buͤchern, Blumen, ſeltenen Gewaͤchſen, die er ſehr liebte, einige auch mit lieblichen Gefaͤſſen 116 von Kryſtall und Porzellan, je nachdem man glaubte, daß ein Andenken dem Dichter als Symbol des Wohlwollens werth und angenehm ſeyn koͤnnte. Es war ein Wettſtreit der Hoch⸗ achtung, Freundſchaft und Zuneigung gegen den allgemein verehrten Mann, deſſen Herz dieſe Merkmale der Liebe und treuen Anhaͤnglichkeit innigſt ruͤhrten; es war ohnehin ſo geneigt, ſich in Dankbarkeit zu ergießen. In dem beliebten Morgenblatte wurden zuweilen von ſeinen Freun⸗ den Beſchreibungen eines ſolchen Hausfeſtes ein⸗ geruͤckt. Und doch gab es Leute, die in die Welt hinausſchrieben, als wenn Jacobi in der Stadt mißkannt, verlaſſen und ungefeyert ſein Leben zugebracht habe. Dieß beklagte unter andern ein reiſendes, ſonſt ſehr ſchaͤtzbares Frauenzimmer von zarter Empfindung, die ſich auch als Schrift⸗ ſtellerin bekannt gemacht hat und ſonſt der Welt gern alles ſagte, was ſie geſehen oder geſehen zu haben ſich eingebildet hatte. Ich will ſie aus Achtung hier nicht nennen. Bey Jacobi ver⸗ lebte ſie kaum einen Tag, und ſagte in Bezie⸗ hung auf den gern einſam lebenden Dichter wenig Gunſtiges von dem geſelligen Leben der Stadt. Wer nun Freyburg nicht kannte, mußte auf ihr Zeugniß hin glauben, dieſe angenehme und gaſt⸗ 117 freye Staoͤt waͤre von Halbwilden bewohnt ge⸗ weſen, die den Werth des trefflichen Saͤngers nicht zu ſchaͤtzen wußten. Doch ſie wurde in oͤffentlichen Schriften uͤber den unfreundlichen Ausfall, wie billig, zurechtgewieſen. Dagegen aber waren andere Fremde gerechter und beſchei⸗ dener. Man kann wohl behaupten, daß kein gelehrter oder auch ſonſt ausgezeichneter Mann nach Freyburg kam, der ihn nicht beſuchte; ja dieſe Hoͤflichkeit erwieſen, aus perſoͤnlicher Ach⸗ tung, ihm oft Perſonen fuͤrſtlichen Ranges. Kaum darf man es unter die Eigenſchaften des Dichters rechnen, daß er nicht gern aus⸗ ging, und ſich am wenigſten zu Fuße Bewegung auf dem freyen Felde und in der offenen Natur machte. Der Bau ſeines Koͤrpers war von Na⸗ tur ſchwaͤchlich, und beguͤnſtigte ſeine Liebe zur Einſamkeit; ſo oft er auf einen großen und offe⸗ nen Raum kam, von dem ſich weite Ausſichten hindehnten, ergriff ihn ein Schwindel, alles drehte ſich um ihn her; vermuthlich ruͤhrte dieß von einer Nervenſchwaͤche her. Man findet in der Lebensbeſchreibung des beruͤhmten ruſſiſchen Leibarztes Weikard, daß auch er dem naͤmli⸗ chen Uebel bey offenen Umgebungen unterworfen war; ein Zufall, den er der Schwaͤche ſeiner 118 Nerven zuſchrieb. Wir uͤberlaſſen die Sache den Phyſiologen zu erklaͤren. Nur dann ergriff auf dem freyen Felde der Schwindel den Dichter. nicht, wenn der Standpunkt ſeiner Fernſicht mit Mauern oder hohen Hecken auf einer und der andern Seite geſperrt war; da hatte er gleichſam einen Sicherheits⸗ und Anlehnungspunkt, auf dem er nach genommener Ueberſicht eines uner⸗ meßlichen Raumes ſogleich ſeine Augen wieder beſchraͤnken und ausruhen laſſen konnte. Am liebſten ging er in Gaͤrten ſpatzieren, wo die Gaͤnge mit Rebgelaͤndern, Spalieren oder Pyramiden⸗ Baͤumen eingefaßt waren, oder auch in Hohl⸗ wegen, die ihm zugleich einen Schutz gegen ſtrei⸗ chende Winde gewaͤhrten. Wandelte ihn etwa die Luſt an, ſein Zimmer zu verlaſſen, um ſich zu zerſtreuen, dann ging er durch die Stadt in Geſellſchaft ſeines Sohnes, mit dem er, wie er ſich ausdruͤckte, Entdeckungs⸗ reiſen machte. Dann zog ihn auch alles kindlich an, was er erblickte; ein neuer Schild an einem Hauſe, ein angeklecktes Gemaͤlde, eine Inſchrift konnte ihn feſt halten, bis er alles genau be⸗ ſchaut hatte. Oft hatte ſein Sohn Muͤhe, ihn von ſolchen Gegenſtaͤnden wegzubringen, und es gelang ſelten eher, als bis ſeine Schaubegierde 119 zur Genuͤge befriediget war; denn alles Unge⸗ woͤhnliche ſprach die Phantaſie des gutmuͤthigen Dichters an, die ihm eine Menge verwandte Ideen vorgruppirte, oder ihm Stoff zu Fragen gab. Zuweilen ging er bey bekannten Buͤrgern in Kauflaͤden, ward ſehr geſpraͤchig, und that mitunter ſonderbare Fragen uüber gewiſſe Gegen⸗ ſtaͤnde des Handels und ihre Verfertigung, die oft deutlich verriethen, daß das Reich des Dich⸗ ters nicht von dieſer Welt ſey. Aber die an⸗ ſpruchloſe Wuͤrde und der beſcheidene Anſtand, mit welchem er alles ſagte und that, bewirkten, daß er uͤberall freundliche Antworten erhielt, wenn gleich hintennach das Sonderbare der Fra⸗ gen auffiel. Geſchah es zufaͤllig, daß er einem auslaͤndi— ſchen Bilderhaͤndler begegnete, ſo wenig auch Sehenswerthes ſein Kram verſprechen mochte, ſo konnte man doch ſicher ſeyn, daß er eine Un⸗ terredung mit ihm anknuͤpfen wuͤrde; denn das bunte Zeug, was zur Schau kam, beluſtigte ihn ungemein; vornehmlich aber freute er ſich, die Sprache jenſeits der Alpen, die er ausnehmend liebte, mit dem Manne ſprechen zu koͤnnen. Sah er eine Obſtverkaͤuferin am Platze, die ſchoͤne Aepfel, Birnen, oder ſonſt etwas Auffallendes 120 hatte, wie es die Jahrszeit mit ſich brachte, ſo ſtellte er ſich ohne Bedenken als Kaͤufer dar, um ſeiner Gattin oder den Geſpielen ſeines Soh⸗ nes etwas in der Taſche nach Hauſe mitzubrin⸗ gen; dabey war er beſonders vergnuͤgt. Schon die Gluͤckſeligkeit des Erwerbes durch Einkauf war bey ihm nichts Kleines; dann kam jene des Austheilens hinzu, und dabey noch der Anblick der Freude, den ſeine Gaben verurſachten. So wie unter den Schuͤlern des Sokrates, eben ſo wurden oft unter den jüngern Freunden Jacobi's Fragen uͤber die Geiſteseigenſchaften ihres Meiſters aufgeworfen. Ich erinnere mich wohl, daß einmal zwiſchen ihnen das Problem ſich erhob, wie doch der einſame Dichter, ſchon von Jugend auf abhold der anſtrengenden Be⸗ wegung und dieſelbe auch noch jetzt nicht gerne zu Fuße unternehmend in Felder, in Wieſen und Waldungen, dennoch ſo unnachahmlich ſchoͤn die mannigfaltigſten Gegenſtaͤnde der freyen Natur ſchildern konnte. Ich weiß nicht mehr, wie die Frage aufgeloͤst ward; allein ich will es verſu⸗ chen, dieſelbe nach meiner Anſicht aufzuklaͤren. Schon machte Moſes Mendelsſohn, der iſraelitiſche Weiſe, in ſeinen Briefen uͤber die Empfindungen die treffende Bemerkung, daß, je — 121 deutlicher die aus vielen Merkmalen zuſammen⸗ geſetzten Begriffe von einem Gegenſtand ſich ent⸗ wickelten, deſto mehr ſchwaͤchte ſich das innere Gefuͤhl. Denn in der That, entfernten Gegen⸗ ſtaͤnden leiht die Einbildungskraft viele Eigen⸗ ſchaften, die vielleicht nicht in denſelben ſind, die jedoch eben wegen ihrer Dunkelheit das innere Gefuͤhl deſto mehr in Anſpruch nehmen. Wer⸗ den aber dieſe Gegenſtaͤnde hierauf in der Naͤhe unterſucht, ſo gewinnt der pruͤfende Verſtand, als hoͤhere Seelenkraft, die Oberhand uͤber das nie⸗ dere Empfindungsvermoͤgen, und laͤhmt der Phan⸗ taſte ihre Zauberkraͤfte. Dieß mag nun der Grund ſeyn, warum Dich⸗ ter meiſtens ſich gluͤcklicher finden, als kalt pruͤ⸗ fende Menſchen. Alles ſehen jene mit andern Augen an, und— wie ſich ein Englaͤnder aus- druͤckte— ſie bekoͤſtigen ihren innern Geiſt mit ihren ſelbſt geſchaffenen Bildern. So etwas widerfuhr ohne Zweifel auch unſerm Jacobi. Die meiſten Naturerſcheinungen ſah er in der Ferne oft nur fluͤchtig und oberflaͤchlich; das uͤbrige malte ihm ſeine Phantaſie aus, jene ge⸗ heime Kuͤnſtlerin der innern Welt, die er in ſeinem Herzen eingeſchloſſen mit ſich trug. Regelmaͤßig in den Herbſtferien pflegte der 122 Dichter gern eine Reiſe auf das Land mit ſeiner Familie zu machen; doch mußte der Wagen, um dem Schwindel vorzubeugen, wenigſtens rechts und links beſchloſſen ſeyn, wenn er auch vorn offen blieb. So lange noch Schloſſer und Zink in Emmendingen lebten, ging ſeine pe⸗ riodiſche Wanderung zu dieſen. Nach ihrem Ableben ging die Reiſe nach Heitersheim, einige Stunden weſtwaͤrts von Freyburg, der Reſidenz des Reichsfuͤrſten und Johanniter⸗ Obriſtmeiſters, dem die in Deutſchland woh⸗ nenden Maltheſer⸗Ordensritter untergeordnet waren. Dort wohnte damals ein Mann, deſſen ſehr geſchaͤftvolles Leben ſich durch den ſtillen Umgang mit den Muſen, mit den weiſen Maͤn⸗ nern einer vergangenen Vorwelt, und durch den Genuß der ſchoͤnen Natur und der holden Gartenkunſt erheiterte. Er ſuchte Jacobi den Verluſt ſeiner Freunde wo nicht zu erſetzen— denn das war unmoͤglich— aber doch das von einem ſo empfindlichen Verluſt unzertrennliche Nachgefuͤhl zu mildern. Mit treuer Anhaͤnglich⸗ keit oͤffnete er dem alten Dichter zuvorkommend Haus und Gaͤrten. Die Ankunft fiel meiſtens in die erſten Wo⸗ chen des Octobers, ein Zeitpunkt, in welchem 123 die Natur, beguͤnſtigt von einem milden Klima, alle ihre Erzeugniſſe in großer Mannigfaltigkeit und in voller Reife zur Schau ſtellte. Hier mag nun auch der beſte Anlatz ſeyn, die Lebensweiſe des kindlich geſinnten Dichters auf dem Lande, geſoͤndert von allen Unterbrechungen durch Sor⸗ gen und zufaͤllige Stoͤrungen, zu beſchreiben. Vor allem war man bemuhet, die Zimmer, die ſeiner Familie zur Bewohnung angewieſen wur⸗ den, ganz nach ſeinem Geſchmacke und ſeiner Gemaͤchlichkeit einzurichten, ſo daß er, ſo wenig als moͤglich, die Ueberſetzung von dem Herde ſeiner ſtaͤdtiſchen Hausgoͤtter bemerken moͤchte; denn in der That, es koſtete ihn doch einige Muͤhe, ſich aus ſeinen gewohnten Umgebungen herauszufinden. Kleine Eigenheiten hatte er, denen man nachgeben, oder die man mit moͤg⸗ lichſter Schonung hintergehen mußte. So verweilte er z. B. gern lange im Bette, und vertraͤumte die ſchoͤnſten Morgenſtunden. Seinen Freunden lag aber daran, jede Minute in ſeinem angenehmen Umgange zu genießen. Man ſpielte ihm alſo, wenn er anders des Nachts ruhig geſchlafen hatte, mit Vorwiſſen ſeiner Gat⸗ tin, die gerne fruͤhe aufſtand, die kleine Liſt, daß man die Hausuhren vorwaͤrts oder ruͤckwaͤrts 124 richtete, je nachdem es die Abſicht erforderte, ihn eher oder ſpaͤter zum Fruͤhſtuͤcke, zum Mit⸗ tageſſen oder zum Spatziergange zu bringen. Er fruͤhſtuͤckte gern um g Uhr, man richtete aber die Uhr um eine halbe Stunde fruher; das bewog ihn dann fruher aufzuſtehen, und ſo ward ein Theilchen der Zeit für ſeine Freunde gewonnen. Seinem Zimmer gegenuͤber lag ein heiterer Saal mit einem offenen welſchen Kamine, un⸗ ter dem man an kuͤhlen Herbſtmorgen feuerte; man nannte ihn den sacer Focus, den heiligen Herd, um welchen die Familie verſammelt ihn erwartete. Gerade uͤber dem Geſimſe dieſes Kamins ſtand in der Mitte eine kleine Minerva, die Lanze in der Hand, rechts ein Merkur, links ein Mars, Bilder von altem Bronze, die ein Freund dem Hausherrn aus Sizilien, wo ſie waren ausgegraben worden, zum Geſchenk mit⸗ gebracht hatte. Vor dieſem zacer Focus, den Penaten geweiht, ward ein Teppich ausgebrei⸗ tet, und der Tiſch mit dem Fruͤhſtuͤcke hinge ſetzt. Dort trank der Dichter mit aller Gemaͤchlichkeit ſeinen Kaffee. Der Anblick der Minerva, welcher man eine kleine Libation von Milch, auf gut heidniſche Weiſe mit einem Spruche begleitet, in das Feuer goß, begeiſterte ihn zur Freude. 125 Nun ſpannen ſich literariſche Unterhandlungen an. Alte und neue Buͤcher, Kupferſtiche, Land⸗ karten wurden aus der Bibliothek herbey gebracht, und da ward dann mancher problematiſche Artikel vorgelegt und berichtiget. Waͤhrend dem die Frauen arbeiteten, die Maͤnner ſprachen, war Jacobi's junger Sohn mit den Kindern des Hauſes auf dem Teppiche vor dem lodernden Feuer gelagert, und ſo unterhielten ſie ſich nun auf ihre eigene Weiſe entweder mit Beſchauung naturhiſtoriſcher Abbildungen, oder mit Spielen, oder ſie brieten ſich auf den heißen Kohlen Aepfel und Birnen, bis endlich Lebhaftigkeit und Un⸗ geduld das junge Volk in den Garten trieb. Nie vor eilf Uhr zog ſich der Dichter an; bis dahin blieb er im Schlafrocke, ein eigenes gruͤn leder⸗ nes Kaͤppchen auf dem Haupte, der Form nach jenem aͤhnlich, das man an dem alten Dichter Petrarka in Kupferſtichen zu ſehen gewohnt iſt. Das Anziehen war fuͤr ihn eine beſondere Arbeit; es dauerte wohl eine gute Stunde, eh“ er wieder außerhalb ſeines Zimmers erſchien. Denn da mußte erſt alles nach ſeiner gewoͤhn⸗ lichen Puͤnktlichkeit und Reinlichkeit, die Schlaf⸗ muͤtze mit eingeſchloſſen, in beſtimmte Falten ge⸗ legt, alles Abgelegte verſorgt, und jedem Stuͤcke 126 ſein Ort angewieſen werden. Dieß verrichtete er alles ſelbſt, niemand durfte ihm hulfreiche Hand leiſten. Gattin und Freunde mußten ihn alſo antreiben; dann um zwoͤlf uhr ging man erſt eine Stunde lang im Garten ſpatzieren; wenn man ihn aber nicht trieb, ſo kam er gewiß eine halbe Stunde zu ſpaͤt. In dem Garten, der in einem gedehnten Raume am Hauſe gelegen war, und der auf verſchiedenen Terraſſen wohl alles zuſammenfaßte, was die Flora und Pomona darbieten konnte. waren eigene Lieblingplaͤtze fuͤr den Dichter zu⸗ geruͤſtet. So fand ſich auf einer Anhoͤhe unter einer Karoliniſchen Pappel ein durch Kunſt zu⸗ ſammengeſetzter Fels von Tuffſtein, in welchem ein Sitz mit Moos bedeckt fuͤr ihn angebracht ward. In die Hoͤhlungen des Felſens wurden Lorberbaͤume und Myrthenſtraͤuche eingepflanzt, die ihre Aeſte von oben herab auf ſein Haupt ſenkten. Auch verbreiteten da weißer und gel⸗ ber Jasmin ihre wohlriechenden Duͤfte; die Blu⸗ men der ſeltenſten Geranien, in den Boden eingeſenkt, gluͤhten aus dem Dunkel des Laubes; auch ſchlang ſich der eigentliche Kiſſos der Grie⸗ chen, der dem Freudengeber Bachus gewidmete Epheu, an dem weißen ſaͤulenfoͤrmigen Stamm 127 eines ſchoͤn gewoͤlbten Nußbaumes hinauf. In der Naͤhe ſtanden einige ſchlanke lombardiſche Pap⸗ pelbaͤume, und an dieſen zogen ſich Weinreben in die Hoͤhe, deren gelbe oder purpurne Früchte herab hingen, oder aber, wie in Italien, in Gehaͤngen von einem Stamme zum andern ge⸗ leitet, ſich im Luftſtrome wiegten. Wenn Jacobi einige Gaͤnge durch den Gar⸗ ten im vollen Sonnenſcheine gemacht hatte, pflegte er auf dieſem Felſenſitze ſeiner Ruhe. Dort hatte er zur linken Hand eine bemoosle Ara, d. i. einen kleinen, von kunſtlos auf ein⸗ ander gelegten Felſenſtuͤcken gebildeten Altar, der unter einem wilden Oelbaume, oder dem wohlriechenden orientaliſchen Elocagnus mit wei⸗ ßen filzigen Blaͤttern, ſich einige Schuhe uͤber den Boden hob. Auf dieſe Ara legte der Dich⸗ ter ſein Buch oder ſeine Schreibtafel, ſchaute von da aus uͤber ein ſichtbares Segment des fernen Rheines nach den Vogheſiſchen Gebir⸗ gen, überließ ſich ſeinen Phantaſien ungeſtoͤrt, und las oder zeichnete etwas in ſeine mitgebrach⸗ ten Papiere auf. Das Vergnuͤgen, welches er an dieſem Sitze fand, und die Traͤumereyen, in die er ſich dort gerne einwiegte, gaben den Gliedern der Familie den Anlaß, daß ſie den 128 Ort den Poetenwinkel nannten. Dorthin brachten ihm die Kinder in Koͤrbchen alle Arten von Blumen, dann Pfirſiche, Feigen, Man⸗ deln, Trauben, und was ihn von Gartenfruch⸗ ten freuen konnte. Was er nicht gleich aß, ward ihm auf ſein Zimmer getragen. An dieſem Orte aber gefiel er ſich ſo wohl, daß man oft eine ſanfte Gewalt anwenden mußte, um ihn aus den Hoͤhen ſeiner Phantaſie herabzuziehen, und zur Mittagstafel zu führen. An der Tafel war Jacobi aͤußerſt maͤßig; alles war von ihm abgewogen, doch ließ er ſich unter der Lebhaftigkeit des Geſpraͤches, gleich⸗ wohl nur ſelten, verleiten, einen Freudenbecher mehr zu leeren. Darin ganz ungleich ſeinem Freunde Gleim, den er als den un durſtig⸗ ſten aller Poeten bezeichnete, weil er nichts als Waſſer getrunken haͤtte. Jacobi ließ ſich aber nur dann bewegen, etwas mehr als ge⸗ woͤhnlich zu trinken, wenn die jungen Toͤchter des Hauſes von der Tafel aufſprangen, ſich an das Klavier ſetzten, und ſeine eigenen Lieder, der Freude und Geſelligkeit gewidmet, abſangen. Dann ward der alte Dichter neu belebt; dann floſſen auch witzige Einfaͤlle, Anelkdoten, Berichte von gemachten Erfahrungen, und eine reiche 129 Charakteriſtik von Perſonen, mit denen er in fruͤheren Zeiten Umgang gehabt hatte, von ſeinen Lippen. Ein Theil des Nachmittags ward in Ruhe oder mit Lektüre im Zimmer zugebracht; aber ſo bald die Sonne ſich neigte, um bald hinter den Vogheſen zu verſchwinden, da ging es wieder in den Garten. Er wandelte unter den mit Obſtpyramiden beſetzten Baͤumgaͤngen nachſinnend auf und ab, blieb oft ſtehen, und ſchaute nach der Sonne, bis ſie mit dem letzten Strahle hinter dem Gebirge ſank. Hierauf zog man wie⸗ der an den Theetiſch vor dem lodernden Kamin; da wurden zuweilen von ihm ſeine neueſten Ge⸗ dichte vorgeleſen, und beurtheilt; die Zeit ent⸗ floh, bis die Glocke zum Nachtmahle rief. Aber dieſe Sitzungen am Abendmahle wurden nicht ſelten uͤber die Gebuͤhr verlaͤngert. Oft geſchah es, daß die Frauen und Kinder ſchon laͤngſt verſchwunden waren, und daß der laͤndliche Nacht⸗ waͤchter mit heiſerer Stimme— die Glocke hat zwoͤlf geſchlagen— ausrief, und noch immer ſaßen die Freunde unter traulichen Geſpraͤ⸗ chen am Tiſche. Ueberhaupt ging der Dichter gern ſehr ſpaͤt zu Bette, und meinte, was auch einige Phyſiologen geaͤußert haben:„Der Menſch Jakobi's Werke. I. 5 130 „lebe nur dann eigentlich, ſo lang' er wache.“ Gewiß ſind die Nachtſtunden den Muſen und ihren Günſtlingen hold. Sie entzuͤnden die Phan⸗ taſie, erregen bey der Stille der Nacht die Ideen und dieſe folgen ſodann gedraͤngter aufeinander. Auch ſollen unſerm Schiller die beſten Ge⸗ ſaͤnge und Schauſpiele bey naͤchtlicher Stille aus der begeiſterten Seele gefloſſen ſeyn. Wenn Jacobi's Geiſt auf einen ihm bisher unbekannten Gegenſtand ſtieß, ſo ergriff er ihn mit dem lebhafteſten Antheil; ſeine Phantaſie ward maͤchtig aufgeweckt, und ſogleich bot ſie ihm Bilder, Aehnlichkeiten, und mythologiſche Erinnerungen in großer Fuͤlle dar. Auf einem freyen Balkon des Hauſes, von welchem man eine ſchoͤne Ausſicht uͤber den Garten hatte, ſonſt auch eingerichtet um Fruͤchte an der Sonne zu doͤrren, ſah Jacobi von ungefaͤhr eine be⸗ traͤchtliche Anzahl ſchwarzer gefluͤgelter Thiere ſich auf einem Brette in abgemeſſenen Kreiſen her⸗ umtreiben. Er berief ſeinen Freund, und dieſer erklaͤrte ihm: Es waͤren maͤnnliche Ameiſen, die bekanntlich gefluͤgelt ſind, und dort vielleicht an zuruͤckgebliebenen Suͤßigkeiten Nahrung ſuchten⸗ Die fuͤr ihn neue auffallende Erſcheinung belu⸗ ſtigte ihn außerordentlich; er ſpuͤrte bald die Hoͤhle in der Mauer aus, von woher die ſchwar⸗ zen Legionen der kleinen Ungethuͤme auszogen, und ſeither konnte er da oft eine halbe Stunde dem lebhaften Umtriebe zuſchauen. Bald bot ſich ſeinem Gedaͤchtniſſe die mythologiſche Geſchichte der Myrmidonen dar, nach welcher eine Ko⸗ lonie Ameiſen auf der griechiſchen Inſel Aegina von den Goͤttern in Menſchen verwandelt wor⸗ den, um das durch Peſt veroͤdete Eiland zu bevoͤlkern; ihre Nachkommen zogen, ſo ſagt die Fabel, unter Anfuͤhrung des Achilles zur Belagerung von Troja. Sogleich wurden Ovids*) Verwandlungen als Urkunde dieſer Metamor⸗ phoſe nachgeſchlagen, vorgeleſen, und von Ja⸗ cobi erlaͤutert; ſogar mußte Homers Iliade herbey, um die Thaten der tapfern Myrmi⸗ donen und ihres unbeſiegbaren Feldherrn naͤher kennen zu lernen. So lange Jacobi da war, wurden die kleinen Myrmidonen taͤglich gemu⸗ ſtert; ſeine Pantaſie entdeckte ſogar Wettkaͤmpfe und Wettrennen, wie ſie die Griechen um das Grab des Patroklos gehalten. Zuweilen hielt er vor dem Schlafengehen, bey Licht oder Mondſchein, noch uͤber ſie eine kurze Heerſchau, und beym *) Orid. Metaph. L. 7. V. 622. seg. 13³ 23. Juni 1805 aufgefordert. In demſelben, ſagt er:„Es iſt mein beſtaͤndiger ſehr lebhafter „Wunſch, daß von Ihren für mich einen un⸗ „beſchreiblichen Reitz habenden Gedichten eine „Sammlung erſcheinen moͤge. Es iſt unmoͤglich „ſie zu bekommen, und ſo viele Muͤhe ich mir „auch darum gegeben habe, ſo bin ich doch „uͤberzeugt, daß mir viele Ihrer allerliebſten Lie⸗ „der mangeln. Um Gotteswillen, daß nur keine „fremde Hand daran ruͤhre. Dieſer zarte Bluͤ⸗ „thenſtaub erduldet keine Antaſtung, durch jede „ gewaͤhrte Verbeſſerung wuͤrden ſie nur verlie⸗ „ren. Nur Sie ſelbſt, und doch o! mit wel⸗ „cher keuſchen Vorſicht. Vor allem moͤchte ich „Ihrer in Wahrheit viel zu weit gehenden Be⸗ „ſcheidenheit zurufen: Ne cui, quam tibi credas.“ Mit den Wuͤnſchen des edeln Stollbergs vereinigten ſeine Freyburger Freunde die ihrigen, und endlich entſchloß ſich der Dichter, denſelben Folge zu leiſten; ſo machte er ſich an die Ar⸗ beit, und der erſte Band erſchien zu Zuͤrich im Jahre 1807. Vor der Hand berief der Dichter einen kritiſchen Areopag einſichtiger Maͤnner, unter denen auch etliche ſeiner gebildeteſten Schu⸗ ler, die einſt in ſeinem Hoͤrſaale ſaßen, ſich be— fanden. Die Ausgabe ſollte alles das umfaſſen, Vorbeygehen am Zimmer ſeines Freundes, rief er:„Noch immer hoͤren die Myrmidonen nicht auf, ihre Kriegsuͤbungen zu machen.“ Nie wollte der Dichter uber acht Tage auf dem Lande bleiben; da waren alle Bitten verge⸗ bens. Ein Geiſt der Unruhe faßte ihn, und trieb ihn wieder zu ſeinen ſtillen Penaten in die Stadt; man mußte ihn im Frieden ziehen laſſen. Aber aus dem laͤndlichen Aufenthalte brachte er immer neu erfriſchtes Leben und Phantaſien mit ſich nach Hauſe, die er zuweilen in Aufſaͤtze ergoß*). Zulletzt entrückten auch dieſem laͤndlichen Freunde die Umwaͤlzungen der Zeit auf immer jenen an⸗ genehmen Aufenthalt, den Jacobi's Muſe verherrlicht hatte. Es bedurfte vieles Ueberreden, daß Jacobi noch einige Zeit vor ſeinem Ende ſich entſchloß, die Sammlung ſeiner Werke in einer neuen Aus⸗ gabe der literariſchen Welt mitzutheilen. Dazu hatte ihn ſchon der aͤltere Stollberg in einem Schreiben aus Windeburg in Schleßwig vom *) Siehe ſeinen Aufſatz über engliſche Gärten, Iris 1807 S. 121; ſodann in dem Briefe an Pfeffel über den Poeten⸗Winkel, Jac. Werke IV. Bd. 1. Abth. 134 was dieſes kritiſche Gericht der Erhaltung wuͤr⸗ dig faͤnde. Mit welcher Umſicht und Gewiſſenhaftigkeit Jacobi dieſe Unternehmung leitete, davon giebt er uns ſelbſt in ſeinen Vorreden Rechenſchaft. Er war entſchloſſen, alle ſeine jugendlichen Ar⸗ beiten, als zu leichte Spiele ſeiner Muſe, zu verwerfen. Allein die Glieder des Areopags ſetzten ſich dagegen; denn ſie fanden es ange⸗ meſſener, daß mehrere auserwaͤhlte Lieder auch ſeiner Juͤnglingsjahre als Urkunden der ſtufen⸗ weiſen Bildung ſeines Geiſtes aufgehoben wuͤr⸗ den. Und ſo wurden dann viele, die der Sinn des Dichters ſchon verurtheilt hatte, gerettet. Groß und mannigfaltig waren bey dieſer Sich⸗ tung die Aufopferungen, groß die Verlaͤugnung der Selbſtliebe; denn der Stoff, der in der erſten Ausgabe zwey Baͤnde einnahm, ward jetzt auf einen Band zuruͤckgebracht. Die Ver⸗ aͤnderungen, die der Dichter etwa an der poe⸗ tiſchen Sprache, oder an der Harmonie der Verſe vornahm, uͤberließen die kritiſchen Freunde ganz ſeinem Belieben, eingedenk der Stollber⸗ giſchen Mahnung. In der That hat wohl noch nie ein Sterb⸗ licher ein ſtrengeres Gericht uͤber ſeine Geiſtes⸗ 135 erzeugniſſe gehalten. Hier mag der Ort ſeyn, wo uͤber die Klaſſifikation ſeiner Gedichte am fuͤglichſten geſprochen werden kann. Sie koͤnnen beſtimmt unter zwey Abtheilungen gebracht wer⸗ den. Die erſte begreift die Geſaͤnge ſeiner Ju⸗ gendjahre, die zweyte jene, da der Dichter be⸗ reits zum vollendeten Manne gereift, und ſein Geiſt durch vielſeitigen Umgang, durch Erfah⸗ rung und Lebensphiloſophie und fleißiges Stu⸗ dium ſeiner Kunſt gelaͤutert war. Ueber die erſte Epoche machte man dem Dich⸗ ter den Vorwuf der ſogenannten Grazie des Kleinen, weil er, genaͤhrt durch den Geiſt des Anakreon und durch die Leſung von franzoͤſiſchen erotiſchen Dichtern, ſich immer un⸗ ter Liebesgoͤttern in den Hainen von Paphos und Amathunt herumdrehte, mit Gleim, der die naͤmliche Manier befolgte, umging; auch weil ihn Wieland, der Geſchichtſchreiber der Gra⸗ zien, ganz gebildet in der griechiſchen Schule, fruͤher zu jenen ſanften Liedern und Dichtungen aufmunterte, die ſo manche unverdorbene See⸗ len ruͤhrten, und in dem Kreiſe ſo vieler lie- benswuͤrdigen, reingeſinnten Frauenzimmer unter Geſang und Muſik gefeyert wurden. Daß der Geſchmack des Schoͤnen, und die Empfindung 136 des Sittlichen dadurch befoͤrdert worden, wird niemand in Abrede ſtellen. Daß man aber damals in Jacobi den Nachahmer der leichten franzoͤſi⸗ ſchen Grazie ahnen wollte, daran mag wohl Gleim ſelbſt Schuld geweſen ſeyn, der in ſeinen erſchienenen Briefen ſeinen jungen Freund gar oft mit Greſſet und Chaulieu verglich, ohne zu bedenken, daß er deſſen Original⸗Genie dadurch eine weſentliche Beeintraͤchtigung zufuͤgte. Sey es nun, wie es wolle, in der Folge aͤnderte ſich freylich der Geſchmack an Dichtungen dieſer Art. Hatten doch auch die aͤltern belieb⸗ ten Dichtungen gleiches Schickſal. Hier will ich nur an die von Bodmer beſungene Patriarchal⸗ welt, an Geßners Idyllenwelt, ja an das unſterbliche Epos des groͤßten unſerer Dichter, an die Meſſiade Klopſtoks, erinnern.— Leider wollen auch dieſe Meiſterwerke ſeit ge⸗ raumer Zeit keine Bewunderung mehr erregen; im Gegentheil, ſie werden von Vielen mit Kalt⸗ ſinn bey Seite gelegt. Sind ſie deßwegen min⸗ der vortrefflich?— Zum Gluͤcke hat ſich wenig⸗ ſtens noch die Vorliebe zur griechiſchen Kunſt in den Werken der Bildnerey erhalten, und wir betrachten noch mit Entzucken den naͤmli⸗ chen Amor, die naͤmlichen Grazien, die naͤm⸗ lichen Goͤttinnen und Nymphen auf Kameen und Gefaͤſſen, die Jacobi in ſeinen aͤltern Dichtungen ſo ſchoͤn durch das lebendige Wort einer bezaubernden Sprache fruͤher uns verſinn⸗ licht hatte. Ein ſcharfſinniger Mann, mit dem ich einmal uͤber die Abgunſt ſprach, die eine ſpaͤtere Nach⸗ kommenſchaft gegen die Jugendgeſaͤnge Jacobi's zeigt, gab mir noch einen andern Grund an, uͤber den ich zu entſcheiden fuͤr mich nicht wage. Er ſagte:„Allerdings haben ſich Zeiten und Ge⸗ „ſchmack geaͤndert; unſere jungen Leute gefallen „ſich nicht mehr in den dichteriſchen ſanften Her⸗ „zensergießungen, die uns ehedem in eine „idealiſche Welt verſetzten; ſie betrachten die „Liebe als einen ſuͤßen und fluͤchtigen Wahnſinn, „deſſen Bilder wie leichte Nebel ſich in Abgruͤnde „ſenken, dann aber nach dem Verſchwinden „eine oͤde Wuͤſte und eine Welt voll Muͤhſelig⸗ „keiten erſcheinen laſſen mit Kummer erwecken⸗ „den Trauerbildern, bey deren Anblick der Reſt „unſers Lebens ſich troſtlos aufzehrt. Wir fin⸗ „den alſo keinen Beruf, die Saͤnger der Liebe, „die dieſen Wahn befoͤrdern und unterhalten, „zu empfehlen. Selbſt dem weiblichen Ge⸗ „ſchlechte werden ſie ſchaͤdlich, weil dasſelbe an „ewig geprieſene und beſungene Eigenſchaften, „welche die Natur ihm nur ſelten verleiht und „ſchnell hinſchwinden laͤßt, am Ende ernſtlich zu „glauben anfaͤngt, und ſich als den Mittelpunkt „des irdiſchen Gluͤckes anſieht; dann aber, wenn „der benebelnde Weihrauch verfliegt, zum Be⸗ „wußtſeyn ſeiner angebornen Schwaͤche erwacht, „und nur mit Muͤhe zur Theilnahme an den „Drangſalen des Lebens bewogen werden kann. „Nur wer der Natur treu bleibt, und das un⸗ „vermeidliche Loos, wie es faͤllt, mit Stand⸗ „ haftigkeit aufnimmt, und ſich durch keine Taͤu⸗ „ſchungen bezaubern laͤßt, nur der kann Anſpruch „auf Gluck und innern Frieden machen. Taͤu⸗ „ſchungen aber, die man ſo oft in den zur „Weichlichkeit ſtimmenden Dichtungen antrifft, „ſind Luͤgen, die zwar gern bey oͤftern Wiederho⸗ „lungen geglaubt, am Ende aber ſehr empfindlich „und theuer gebuͤßt werden muͤſſen.* So ſprachen beſonnene junge Leute. Ich laſſe ihre kalten Vernunftſchluͤſſe dahin geſtellt ſeyn, wie auch die Beobachtungen, die ſie mach⸗ ten, daß die meiſten ihrer jungen Lebensge⸗ noſſen, die, gelockt durch Zauberformen der Dich⸗ ter, in ihrem ſuͤßen Wahnſinne Verbindungen ſchloſſen, ungluͤcklich geworden ſeyen. Aber ge⸗ wiß iſt es auf der andern Seite, daß in den letzten Dekaden des verfloſſenen, und in den jüngſten des laufenden Jahrhunderts die Auf⸗ merkſamkeit der Welt naͤher auf Streite luͤber Politik und auf Waffengetuͤmmel gelenkt ward; es bedurfte der Weckung großer Leidenſchaften zu Kaͤmpfen, welche für Freyheit, Herd und Altar gefuͤhrt wurden; die ſanftern Empfindun⸗ gen mußten zuruͤcktreten; die griechiſch⸗idealiſche Welt der Dichter verſchwand; man ſchoͤpfte das Hochgefuͤhl des Muthes nicht aus den Saͤngern der Liebe, die das Herz nur weich machten, wohl aber ſtaͤhlte man es an den unſterblichen Schrift⸗ ten des Plutarch's, des Nenophon, des Thucy⸗ dides und der erhabenen griechiſchen Tragiker, welche die maͤnnliche Kraft zur Vaterlandsliebe und Selbſtaufopferung entflammten. So war der Gang des menſchlichen Geiſtes! Daher wird man mit dem holden Frieden doch auch wohl zu ſanftern Gefuͤhlen zuruͤckkehren. Die zweyte Epoche von Jacobi's Dich⸗ tungen berechnet ſich von der Zeit, da er un⸗ gefaͤhr 53 Jahre alt war, alſo vom Jahre 1775 bis an ſein Lebensende. Sie faßt einen man⸗ nigfaltigen Reichthum ſeiner Muſe, und doch verwarf er auch gegen den Einſpruch ſeiner Freunde 140 uͤber fuͤnfzig Stuͤcke, die ein ſo hartes Urtheil viel⸗ leicht nicht verdient haͤtten. In dieſen Zeitraum, beſonders nach ſeiner Ueberſiedelung in die Stadt Freyburg, fallen ſo viele Lieder und proſaiſche Aufſaͤtze, die einen moraliſchen eignen Zweck ha⸗ ben, ſo viele Epiſteln und Gelegenheits⸗Gedichte uͤberfließend von ſanfter und heiterer Lebensweis⸗ heit. Sie werden die Pruͤfung aller Jahrhun⸗ derte beſtehen, wofern anders unſern Nachkom⸗ men Reinheit, Ungezwungenheit und Harmonie der Sprache, Zartheit der Empfindungen und Bilder, und Wahrheit in den originellen An⸗ ſichten der menſchlichen Dinge noch theuer blei⸗ ben. Unter allen Dichtungsarten ſind vielleicht Gelegenheitsgedichte, wenn ſie nicht in das Gemeine und Alltaͤgliche herabſinken, die ſchwerſte Aufgabe; aber Jacobi wußte einen ſolchen Reitz der Neuheit durch Herbeyfuͤhrung von Ne⸗ benideen und großen Gedanken hineinzulegen, daß jeder die ſeinigen mit Vergnuͤgen leſen wird*). Aber alle dieſe ſo gefeilten Arbeiten fanden doch auch Tadler. Denn gleichwie im Reiche des Geiſtes bey den Deutſchen nichts ſtille ſtehen *) Siehe darüber ſeine Erklärung in der Iris vom Jahre 18⁰6 S. 252. 1441 kann, ſondern durch einen eigenen Gaͤhrungs⸗ prozeß der Ideen ſich oft ein ſchmaͤhlicher Geiſt des Unſinns entwickelt, ſo entſtand auch unter unſern Augen eine romantiſch-myſtiſch⸗poetiſche Schule, die ſich uͤber alle Geſetze des Geſchmacks, der Sprache und der natürlichſten Ideenreihen hinwegſetzte. In ihrer Wahnbegeiſterung nannte dieſelbe z. B. ein ſchoͤnes kuͤnſtliches Gebaͤude durch eine ungeheue Hyperbel eine gefrorne Muſik ꝛc. Den Juͤngern dieſer Schule, ſo wie jenen, die ihnen nachbeteten, muͤſſen wohl Jacobi's Dichtungen viel zu nuͤchtern erſchei⸗ nen. Sie ſchoͤpften aus den truͤben Oelgefaͤſſen des Mittelalters ihre geweihten Salben, um damit die Phantome ihrer verruckten Einbildung zu heiligen; und ſo erlebten wir in den Geſaͤn⸗ gen von einem Dichter, der fruͤher allerdings Beweiſe von hohen Talenten gegeben hatte, ſogar zu leſen: Wir ſind die Glöcknere der romantiſchen Minne, Und preiſen die Himmels⸗Königinne. An dieſe ſchloſſen ſich die Maͤnner mit dem ſpaniſchen Sonetten⸗Geklingel, die Gloͤckchen an die verſchraͤnkten Schneiderbeine ihrer Verſe hin⸗ gen, und unſere Ohren damit betaͤubten. Von 142 vielen Mitgliedern dieſer beyden Gilden wurden Jacobi's Geſaͤnge kalt und vornehm beſpoͤt⸗ telt; der Mann des Friedens antwortete auf keine Beleidigung: doch einige ſeiner Freunde ergriffen die Feder, und wieſen die neuen Herren in die Schranken der Achtung, die man dem Genius des guten Geſchmacks, den Muſen und ihrem Prieſter, einem deutſchen Klaſſiker ſchul⸗ dig iſt, etwas derb zuruͤck. Doch ich habe ja keine Recenſionen zu ſchrei⸗ ben, ſondern nur das anzufuͤhren, was mir von der Geſchichte der Jacobiſchen Werke wiſſenswuͤrdig ſchien. Wenn nun auf einer Seite Romantiker und Myſtiker Unfug trieben, ſo war auf einer andern die Erſcheinung nicht minder befremdend, daß einige Proteſtanten ſtrengerer Obſervanz Jacobi's Lieder vom Feſte aller Seelen*) und auf den Aſchermitt⸗ woch**) gegen das Syſtem ihres Kirchen⸗ *) Siehe Jac. Werke II. Bd. 2. Abth. **) Siehe Jac. Werke III. Bd. 2. Abth. Vermuth⸗ lich ſtießen ſich die Herren an dem Feſte der römiſch⸗ katholiſchen Chriſten, das am Ende des Novembers zum Andenken der Verſtorbenen durch Predigten, Gebete und fromme Wünſche gefeyert wird. Freunde beſuchen und bekränzen dann mit Blumen die Grä⸗ 143 glaubens anſtoßend und nicht orthodox fan⸗ den, und wo nicht oͤffentlich, doch geheim daruͤ⸗ ber laͤrmten. Und doch iſt auch nicht eine Spur von kirchlichen Dogmen darin, ſondern nur fromme Betrachtungen uͤber die Hinfaͤlligkeit des menſch⸗ lichen Lebens und Wuͤnſche fuͤr die Ruhe derer, die die Welt verlaſſen haben. Nie, wie ich ſchon ſagte, ward der alte Dichter ſeinem Kir⸗ chenglauben, nie ſeiner Moral, noch weniger ſeinem Geſchmacke untreu. Bey dieſem Anlaß kann ich einen Gedanken nicht unterdruͤcken, der mir ſchon oft vorſchwebte. Wenn es in der Welt Menſchen giebt, die da glauben, ſte ſeyen in ihren Meinungen unfehlbar, ſo giebt es auch Andere, die ihnen widerſprechen, und auf der Gegenſeite behaupten, ſie koͤnnten in ihren ber ihrer Voreltern, Verwandten, Geſchwiſter und Kinder; da fließt dann manche Thräne der Liebe zur Ehre des menſchlichen Herzens. Warum aber die Herren ſich nicht bey Jacobi's Lied, die Auferſtehung, das die nämliche Tendenz hat, und in ſeinen Werken Bd. II. 1. Abth. vor⸗ kömmt, rührten, iſt mir nicht erkennbar.— Nachrichten zufolge ſoll jeßt auch ein Feſt zum Andenken geſtorbener Krieger in Berlin jaͤhrlich gefeyert werden. 144 eignen Meinungen nicht irren. Was iſt nun der Unterſchied zwiſchen beyden? Die Wahrheit liegt wohl in der Mitte: Gott allein kennt ſie. Jacobi erlebte noch eine neue Zuͤrcheraus⸗ gabe ſeiner Werke; aber in der Zwiſchenzeit auch einen Unfall, der dem frommen Greiſe das Herz brach. Er hatte ſeinen einzigen Sohn, Fritz, von Kindheit an ſorgfaͤltig erzogen, und in dem Tempel der Wiſſenſchaften zur aͤchten Humanitaͤt eingeweiht. Er wuchs auf zu einem Juͤnglinge von hervorſtechenden Talenten, durch den Ho⸗ mer, den Virgil und die großen Muſter der Vor⸗ welt gebildet und angeleitet von dem Geiſte ſeines Vaters. Allein bey der Ausſicht auf die ſchoͤnſten Hoffnungen, die eine ſolche Bluͤthe verſprach, ſtarb er nach dem ſiebenzehnten Jahre ſeines Alters im Jahre 1811, wie es ſcheint, an den Folgen einer Erhitzung. Die Kunſt der geubteſten Aerzte, gepruͤfter Freunde des Hau⸗ ſes, vermochte ihn nicht zu retten gegen die Schluͤſſe des unausweichlichen Schickſals, das ihn in eine beſſere Welt forderte. Wer vermag den Zuſtand der troſtloſen Eltern zu beſchreiben? Die bildenden Kuͤnſte, wollten ſie es verſuchen, den Kummer ſinnlich darzuſtellen, muͤßten hier das Haupt des greiſen Vaters verhuͤllen, wie 445 es jener Maler aus der griechiſchen Vorwelt that, der Agamemnons Angeſicht in dem Augen⸗ blicke verhuͤllt darſtellte, da ſeine ſchoͤne Tochter als Opfer der Diana durch den Dolch des Kal⸗ kas fiel. Die Freunde des Dichters ließen es an nichts ermangeln, um den gebeugten Geiſt aufzurichten. Aber die Wunde des Herzens war zu tief. Be⸗ müͤhte er ſich auch ſelbſt, durch chriſtliche Gelaſ⸗ ſenheit, Reſignation und Standhaftigkeit den Kummer zu mildern, nie kehrte doch ganz wie⸗ der die alte Heiterkeit in ſein Herz; zuweilen konnte er ſich vergeſſen, aber nie ganz erholen. Einem Freunde, der auswaͤrts war, klagte er in einem Schreiben ſein Ungluͤck, und ſagte:„Ach, „Sie werden mich um hundert Jahre „aͤlter finden!“ Doch die Vorſehung, fuͤr die es zuweilen, nach Seneca's Aeußerung, ein wuͤrdiges Schauſpiel iſt, einen tugendhaften Mann mit dem Ungluͤcke ringen zu ſehen*), hatte ihm noch vor dem Ab⸗ ſchied aus dieſem Leben eine zwiefache Erholung aufgeſpart. Im Sommer des Jahres 1812 be⸗ *) Dignum Deo spectaculum, videre bonum virum cum malàâ fortunâ colluctantem! Senec. I. 5* 446 ſuchte ihn ſein Bruder, Praͤſident der Akademie von Munchen, begleitet von ſeinen beyden Schwe⸗ ſtern, zu Freyburg. Dieſe Erſcheinung goß wie⸗ der lindernden Troſt in ſeine Bruſt. Ein Jahr ſpaͤter erlebte er noch, daß der Freyheitskrieg um die Rettung Deutſchlands nach der gewon⸗ nenen Voͤlkerſchlacht bey Leipzig eine guͤnſtige Wendung bekam. Wie froͤhlich empfing er dieſe angenehme Nachricht! denn ſeine reine Vater⸗ landsliebe hatte immer den lebhafteſten Antheil an den Ereigniſſen der letzten Zeiten genommen, von deren Entwickelung er die Unabhaͤngigkeit der Deutſchen oder ihre Knechtſchaft erwartete. Endlich genoß er noch der Freude, daß die drey großen Monarchen, die Sieger auf den Schlacht⸗ feldern Sachſens, fuͤr einige Zeit am Ende des Jahres 1813 ihre Standquartiere zu Freyburg hielten, und unter dieſen der Koͤnig von Preußen, Neffe Koͤnigs Friedrichs II., deſſen Andenken, als ſeines ehemaligen Landesherrn, dem Dichter ſo unvergeßlich war. Zwar lag er bereits nie⸗ dergedruͤckt von der Schwaͤche des Alters, und jenen Krankheiten, die deſſen Gefaͤhrtinnen zu ſeyn pflegen. Gleich einem Feuer, dem Rah⸗ rung zugeſchoben wird, loderte noch einmal ſein Dichtergeiſt auf. Durch einen ſchoͤnen Geſang 147 feyerte er die freudenvolle Begebenheit und die Auſpizien des anbrechenden neuen Jahres, an dem ſich die Retter der Welt, die zwey Caͤſaren und ein maͤchtiger Koͤnig vereinigt fanden. Dieß war aber der letzte Schwanengeſang des Dichters. Unbegreiflich iſt es, wie der geſchwaͤchte Dich⸗ ter ſo nahe an den Pforten des Todes, gleich dem Orpheus, noch mit ſolcher Kraft und Beſon⸗ nenheit ſein Saitenſpiel ertoͤnen zu laſſen ver— mochte. Ich fuͤge dieſen letzten Geſang am Schluſſe dieſer Lebensbeſchreibung bey, der da⸗ mals in den Freyburger Blaͤttern abgedruckt wor⸗ den. Nicht fuͤr den Literator allein, ſondern auch fuͤr den Pſychologen bleibt er merkwuͤrdig; denn er beweiſet, wie kraͤftig der menſchliche Geiſt ſiegend uͤber koͤrperliche Schwaͤchen und Lei⸗ den auf den Fittigen der Phantaſie noch in den letzten Augenblicken ſich empor ſchwingen koͤnne. Aber wo war je ein Dichter, der in einer ſolchen Lage, wie der ſterbende Jacobi, mit einem folchen Reichthum poetiſcher Bilder, Wendungen und Ausdruͤcke, mit einer ſolchen Zierlichkeit, Zartheit und rhythmiſcher Anmuth der Sprache von der Welt Abſchied nahm, und ſein Volk mit einem prophetiſchen Geiſte zu Hoffnungen beſſe⸗ rer Zeiten aufmunterte, die er leider ſelbſt nicht mehr erlebte, die aber von den drey großen Monarchen bald nach ſeinem Ableben zum Troſte aller Nationen herbeygefuͤhrt wurden. Oder aber geſchieht es zuweilen, daß fromme Dichter vor ihrem Ende noch einmal durch jene goͤttliche Inſpiration angefeuert werden, von der ein alter roͤmiſcher Saͤnger ſagte: Est Deus in nobis, agitante calescimus illo! Das Lied gab er am Vorabend des 1. Jenners in die Druckerey ab. Als er damit fertig war, ſagte er: Ich werde wohl das neue Jahr, dem ich entgegen ſang, nicht mehr ſehen. Seine Gattin belehrte ihn, es ſeye nicht ſo ferne, und er wuͤrde es morgen ſehen. Ich hoffe doch, erwiederte er, man ſoll es wohl an dem Liede nicht merken, daß ich ſo alt bin. Das neue Jahr erlebte er noch, und zwey Tage dazu, waͤhrend denen er, kaͤmpfend gegen Schwaͤche und Schwindel, ſich noch liebreich mit ſeinen Freunden unterhielt. Am 4. Jenner, gegen die Morgenroͤthe, erholte er ſich abwechſelnd, dann ſank er in den Zuſtand der Unbewußtheit; ſeine Lebenskraft ſchwand, er naͤherte ſich der Grenze des Landes, aus dem noch kein Sterblicher Kund⸗ ſchaft zuruͤckgebraht hat. Er ſtarb, drey und ſiebenzig Jahre alt, am 1⁴9 4. Jenner 1814. Sein Ende war ruhig und⸗ ſanft, wie ſein Leben. Noch einige Minuten vor ſeinem Abſcheiden bemuͤhte ſich ein Freund, ihm das Hauptkuͤſſen hoͤher zu legen. Da be⸗ lebten ſich noch einmal ſeine Blicke, er warf ſie auf ſeine Gattin, die ihren Schmerz und ihre Thraͤnen aus Schonung fuͤr ihn vergeblich zu verbergen ſuchte— dann wieder auf ſeine um⸗ ſtehenden Freunde mit jenem Ausdrucke von Dank, Liebe und Freundlichkeit, der ihm ſo eigen war, und mit welchem er die letzten Dienſtlei⸗ ſtungen zu vergelten ſich bemuͤhte. Dann ſchloß er beym voͤlligen Bewußtſeyn die Augen zum ewigen Schlafe; ſein unſterblicher Geiſt entfloh, ohne aͤußere Zeichen von Angſt und Bangigkeit. So iſt der Tod des Gerechten! Alles, was in der Menſchenwelt einmal da war, erſcheint nie wieder in vollkommener Gleichheit. Wiederholen in Zügen der Aehn⸗ lichkeit kann es ſich wohl, aber nicht nach der Gleichheit; ſo will es das Geſetz der Mannig⸗ faltigkeit in der Natur. Auch der Mann von der groͤßten Aehnlichkeit des Geiſtes bleibt immer der Sohn ſeiner Zeit, vielfach von ihr gebildet durch den Einfluß und die Macht eigener Zufaͤlle, und auf dieſe Weiſe zu ſeinem Denken und 150 Handeln beſtimmt. Wenn daher der Geiſtesver⸗ wandte eines Dichters aus der Vorwelt viele Menſchenalter ſpaͤter nach ihm bey einem andern Volke geboren wird, ſo wird er doch wieder ganz anders erſcheinen, als jener war. Der philoſo⸗ phiſche Beobachter ſieht in beyden das, was gemeinſchaftlich, und auch was verſchie⸗ den iſt. Dieſes treue Auffaſſen und Verglei⸗ chen der Eigenthuͤmlichkeiten ganzer Zeitalter und auch einzelner Menſchen gehoͤrt zu den ſchoͤnſten Bemühungen und Genuͤſſen des menſchlichen Geiſtes, nicht nur bey Betrachtung jener ge⸗ waltthaͤtigen Heroen, welche die Welt aus den Angeln reißen, ſondern auch jener milden Ge⸗ ſtalten, die zuweilen erſcheinen, um das Men⸗ ſchengeſchlecht mitten unter Unfällen zu troͤſten, zu belehren, und zum beſcheidenen, dankbaren Genuſſe des Guten und Schoͤnen aufzumuntern, das ihm die Vorſicht ſogar auf den Trümmern eines, wo nicht ganz verſchwundenen, doch trau⸗ rig geſtoͤrten Gluͤckes noch in der Welt übrig ließ. Eine ſolche milde Erſcheinung am Himmel der deutſchen Literatur war der Dichter Jaco bi. Viele haben ihn oft mit dem griechiſchen Dichter Anakreon von Tejos in Jonien verglichen, der 557 Jahre vor der chriſtlichen Zeitrechnung beylaͤufig unter dem perſiſchen Koͤnig Cyrus lebte. Aehnlichkeit haben allerdings dieſe bey⸗ den Geiſtesverwandten, aber bey weitem keine Gleichheit. Beyde waren lyriſche Seelen. Allein Anakreon, auch in ſeinem hohen Alter, uͤber das er oft in ſeinen Liedern ſcherzte, hatte nur ſinnlichen Genuß, Wein und Liebe und ſolche Zeitvertreibe im Auge, welche die Sittlichkeit verwirft, und die, gelinde geſagt, auf Rechnung ſeines in Wolluͤſte verſunkenen Jahrhunderts geſetzt werden muͤſſen. Auf der andern Seite war Jacobi der reinſte Geiſt, an dem nie ein Fleck haftete; der ſeine Sittlichkeit bis in das ſpaͤteſte Alter im Handeln und Denken behielt, ja immer veredelte, wie wir es aus ſeinem noch ſpaͤt geſungenen Liede uͤber das Alter*) erkennen muͤſſen. Beyde Dichter waren alſo in nichts, als in der fein gebildeten und harmoniſchen Sprache, in dem heitern, ſanften Erguſſe der Gefuͤhle aͤhnlich, in welchen ihre Muſe ſang. Allein jeder von ihnen ſtimmte ſeine holde Lyra mit eigenthuͤmlicher Kraft, nach verſchiedenen Anſichten. Jacobi's Geiſt war umfaſſender, und bemaͤchtigte ſich, *) Jacobis Werke IV. Bd. 2. Abth. 152 ſchwebend in der Hoͤhe aͤchter Menſchenveredelung, eines groͤßern Umfangs der mannigfaltigſten Ideen. Entſproſſen in einem durch Moral und Reli⸗ gion gebildeten Volke hatte er das Eigenthuͤm⸗ liche, daß er von ſeiner ſchoͤnen Jugend an bis zu ſeinem ehrwuͤrdigen Greiſenalrer die Poeſie nicht wie eine profane Kunſt, ſondern wie einen heiligen Beruf, wie ein aufgetragenes Werk be⸗ trieb, und ſeine edle Sprache nur zur Befoͤrde⸗ rung des Schoͤn⸗Guten, das die Griechen mit Kalokagathie bezeichneten, verwendete. In ſeinem Innern hatte ſich eine eigene Welt ge⸗ bildet, und er fuͤhrte in dieſelbe gute Menſchen, die ihn verſtanden, zum Mitgenuſſe ein. Er war Dichter und belehrender Nationalſaͤnger, wollte auch nichts anders ſeyn. Selbſt das buͤrgerliche Amt, welches er in der zweyten Haͤlfte ſeines Lebens noch uͤbernahm, wuͤrde er nie angenom⸗ men haben, haͤtte es ihm andere Pflichten auf⸗ gelegt, als die er ſelbſt ſo gern als edler Men⸗ ſchenfreund und Verkuͤndiger ſchoͤner Lebens⸗ weisheit ausuͤbte. Wir haben Jacobi's eigenes Geſtaͤndniß dieſer Geſinnungen:„Mit Huͤlfe der Muſen“, ſagte er einmal,„ſchuf ich mir eine Welt, ſo „reich an Genuß, daß ich dasjenige, was ſonſt 153 „am aͤngſtlichſten geſucht, am ſchwerſten gefun⸗ „den wird, nicht bedarf, es nicht einmal zu ge⸗ „brauchen weiß. In dieſer meiner Welt kann „es mir nicht einfallen, nach ſogenannten großen „Dingen zu ſtreben, weil ſie mir klein erſchei⸗ „nen; da hingegen mancher kleine Gegenſtand, „den die Mehrſten kaum eines fluͤchtigen Blickes wuͤrdigen, ſich in meinen Augen veredelt und „mich feſt haͤlt. Und wie oft haben Dichter „ Phantaſten und die zu ihnen ſich geſellende, „ſorgenfreye Laune mir die neueſten Wege ge⸗ „ebnet*) 2 Jacobi beging nie eine Verraͤtherey an ſei⸗ nem Zeitalter; man haͤtte mit Recht ihm dieſes vorwerfen koͤnnen, wenn er um des ſchnoͤden Beyfalls willen ſich nach dem ſo oft in ſchlimmern wechſelnden Geſchmack desſelben bequemt haͤtte. Dieſem Fehler, oder vielmehr dieſer epidemiſchen Sucht, mit der ſo viele neuere Dichter befallen worden, wich er ſorgfaͤltig aus; denn er meinte, das Zeitalter ſollte nicht dem Dichter, ſondern ²) Ueber das Glück einer reichen Phantaſie, die er, in ſeinem Geſang:„An Heinſe“, eine Got⸗ teskraft nennt. S. Jacobi's Werke II. Bd. 2. Abth. 154 dieſer vielmehr ſeinem Zeitalter die Stimmung geben. Alſo blieb er ſich immer treu, von ſei⸗ nen fruͤheſten Werken bis zu den ſpaͤteſten; ſie haben immer eine gleiche Richtung zum Schoͤ⸗ nen, zum Edeln, zum Sittlichen und zum Na⸗ tuͤrlichen. Ein Mann, begabt mit einem ſolchen Ge⸗ muthe, gehoͤrt zu dem Adel der Menſchheit. Ihm iſt das ehrgeizige Jagen nach Wuͤrden und Reich⸗ thum fremd; er hat nur Ein Streben, naͤmlich als Saͤnger von ſeinem Volke gehoͤrt, gekannt und geliebt zu ſeyn. In allen Sprachen der Voͤlker hat man den ſittlich guten Saͤngern das Beywort fromm zugelegt. Und dieſe Auszeichnung iſt es, die unſerm Jacobi vorzugsweiſe gebuͤhrt; denn er wollte nur veredelte Gefühle, heitere Liebe und mit Sittlichkeit gepaartes Wohlwollen unter den Menſchenkindern verbreiten. Alles übrige, was außer dieſem Kreiſe ihn umgab, blieb ihm fremd. Er ging durch das Leben ohne Sorge, ohne Streit, ohne Hader, und aus dem Leben mit Ruhe, mit jenen guten Hoffnungen, die die Weiſen und die Frommen aller Nationen nie verlaſſen, hinuͤber in das Elyſium, in deſſen Gefilden ſein Geiſt, waͤhrend er noch unter uns 455 wandelte, oft ſo gerne traͤnmend verweilte. In dieſen wenigen Zuͤgen laͤßt ſich, wie ich glaube, das Bild des edeln Mannes im Kleinen zuſam⸗ menfaſſen. Ihn ganz und nach Wuͤrde zu ſchil⸗ dern, forderte den Pinſel eines Tacitus oder Plutarchs. Nachdem Jacobi abgeſchieden war, beſorgte man die Anſtalten fuͤr ſein Leichenbegaͤngniß, das nach der Sitte des Landes erſt am dritten Tage ſtatt haben durfte. Seine ſterbliche Huͤlle blieb indeſſen ausgeſetzt, und ward noch von vielen, denen er ſo theuer war, zum letztenmal beſucht. Ein Ausdruck von Freundlichkeit erhielt ſich in ſeinem erblaßten Angeſichte; die Zuͤge glichen denen eines ruhig Schlummernden; es war die Schoͤnheit des Todes. Die troſtloſe Gattin erwies ihm den letzten Liebesdienſt, legte zu ſeiner Rechten eine Roſe, zur Linken einen Myrthenzweig, ſeine Schlaͤfe wurden mit einem Lorberkranze umwunden. Bey allen Mitbuͤr⸗ gern ſprach ſich allgemeines Bedauern aus; denn ungetheilt war das Wohlwollen gegen den Mann, der mit ſo viel Wuͤrde, mit ſo viel ſittlichen und buͤrgerlichen Tugenden lange unter ihnen gelebt, und ſo große Verdienſte um die Bildung der Juͤnglinge ſich erworben hatte. 156 Hoͤchſt feyerlich war der Leichenzug; eine Ge⸗ ſellſchaft angeſehener junger Akademiker ließen ſich die letzte menſchenfreundliche Dienſtleiſtung nicht abſtreiten, den Sarg ihres geliebten Lehrers wechſelweis ſelbſt auf den Schultern zu tragen. Auf dem ſchwarzen Grabtuche lag ein weißes Polſter, auf dieſem ſein beruͤhmtes Aſchermitt⸗ wochslied mit dem wohlverdienten Lorbeerkranz. Dieſes Lied, von dem ich ſchon oben ſprach, in welchem er die Hoffnung zur Ruhe in einem beſſern Leben jenſeits des Grabes vorgetragen hatte, ward von Choͤren vortretender junger Maͤdchen unter Begleitung blaſender Inſtrumente abgeſungen. Gewiß haͤtte Jacobi nie vermu⸗ thet, daß dieſes ſchoͤne Lied einſt ſein Todten⸗ geſang ſeyn, und ihm die naͤmliche letzte Ehre widerfahren wuͤrde, wie dem alten Saͤnger Frauenlob*) vor 500 Jahren in Mainz ge⸗ ſchah, der von edeln Frauen und Toͤchtern un⸗ *) Frauenlob ſtarb im Jahre 1318. Er war Dok⸗ tor der Theologie und hieß eigentlich Heinrich von Meißen. Seine Dichtungen feyern die Liebe Gottes, die Frauenliebe und die Tugenden der heil. Jungfrau; viele ſind im Lehrton, an⸗ dere in allegoriſcher Myſtik geſchrieben. Auch hat 1⁵57 ter ſeinen eigenen Geſaͤngen zu Grabe begleitet wurde. An der Spitze des Trauergeleits waren ſaͤmmtliche Lehrer der hohen Schule, dann folg⸗ ten mehrere Herren von den Landesſtellen und von dem Adel, unter Vortretung des in Frey⸗ burg ſtudirenden jungen Fuͤrſten von Fuͤrſten⸗ berg, hierauf die Mitglieder des ſtaͤdtiſchen Ma⸗ giſtrates, endlich die geſammten Akademiker und die Schuͤler des Gymnaſiums mit einer unzaͤhl⸗ baren Menge von Buͤrgern. Der Zufall wollte es, daß der Zug vor dem Hauſe, in welchem Se. Majeſtaͤt der Koͤnig von Preußen, damals in Freyburg anweſend, wohnte, vorbeygefuͤhrt wurde; der erhabene Mo⸗ narch trat an das Fenſter, und war Zeuge der einem Dichter erwieſenen letzten Ehre, welcher ehedem lange Jahre in ſeinen Staaten gelebt hatte, und, als eifriger Bewunderer Fried⸗ richs des Großen, deſſen Heldentugenden man noch von ihm eine Umſchreibung des Salo⸗ moniſchen hohen Liedes. Siehe die Maneſſiſche Sammlung Thl. II. S. 213; auch Docens Mis⸗ zellen der deutſchen Literatur(8. München 18⁰9) Thl. II. S. 278. 158 er ſo oft beſungen hatte*). Nicht ohne Theil⸗ nahme ſah der Koͤnig jener Feyerlichkeit zu, mit der Freyburgs Buͤrger Tugend und Verdienſt, in welchen Formen des Kirchenglaubens dieſel⸗ ben unter ihnen erſcheinen moͤgen, auszuzeichnen gewohnt ſind. Eine ſchoͤne Standrede hielt der evangeliſche Stadtpfarrer und Profeſſor Wucherer bey dem Grabe ſeines verblichenen akademiſchen Amtsge⸗ noſſen. Mit ruͤhrender Beredſamkeit ſchilderte er die Empfindungen ſo vieler um die Groͤße des erlittenen Verluſtes trauernden Freunde, und bemüuhte ſich, ihnen Troſt einzufloͤßen. Nicht minder ſchoͤn und ruͤhrend war die Rede, welche Profeſſor von Rotteck dem Gedaͤchtniß des edeln Dichters im Gebaͤude der hohen Schule hielt.* Jacobi's Leiche ward auf dem Begraͤbniß⸗ platze der Univerſitaͤt in einem ausgemauerten Raume eingeſenkt; zu ſeinen Fuͤßen liegt der zwey Jahre fruͤher ihm vorangegangene Sohn. *) S. deſſen Cantate auf den Geburtstag Fried⸗ rich des Großen, aufgeführt zu Halberſtadt im Jahre 1771. Jacobi's Werke II. Band. 1. Abth. Ausdruͤcklich war der Wunſch des Dichters, daß man den Ort, wo ſein Leib niedergelegt wuͤrde, mit einem einfachen ſchwarzen Kreuze bezeichnen ſolle. Es ward vollzogen; und ſoö ragt denn aus dem Grabhuͤgel des in die Ewigkeit Ge⸗ ſchiedenen das Kreuz hervor, ein Symbol der chriſtlichen Erloͤſung fuͤr Millionen Sterbliche, ſo wie aus den Tiefen des Oceans die Wimpel eines mit reicher Ladung verſunkenen Schiffes noch empor ragen, eins, wie das andere, dem ernſten Beſchauer ein Erinnerungsmal an den Untergang ſo mancher irdiſchen Herrlichkeiten. Hoffentlich werden die Herren der ſtrengern Obſervanz, die einſt an der Orthodoxie ſeines Aſchermittwochslieds zweiſeln wollten, kein Aer⸗ gerniß an dieſem hoͤlzernen Kreuze nehmen, ſeit⸗ dem wir erlebten, daß nach dem ruͤhmlich aus⸗ gefochtenen Freyheitskriege das eben ſo einfache als ſchmuckloſe eiſerne Kreuz zum Zeichen chriſt⸗ licher Einigkeit auf die Bruſt der tapfern Streit⸗ genoſſen gerade an dem Fleck als Siegeszeichen geheftet ward, unter welchem das Herz fuͤr Fuͤrſt und Vaterland ſo ſtolz empor ſchlug. Sang doch Jacobi ſelbſt vom Kreuz in ſeinem Liede:„An die Linde auf dem Kirch⸗ hofe.* 5 160 „Wohl uns! der große Lebensquell „Verſiegt dem Geiſte nimmer; „Das Kreuz auf Grabern, wie ſo hell „In dieſer Hoffnung Schimmer 2). Wir glauben, daß das von den Choͤren jun⸗ ger Maͤdchen abgeſungene Lied den Verehrern des Dichters nicht unangenehm ſeyn werde, ſo wie ſein letztes Gedicht zur Begruͤßung ſeiner Mitbuͤrger bey dem neuen Jahr 1814 und der drey Monarchen in Freyburg, die ſich von da aus zum Uebergange auf das feindliche Gebiet mit ihren Heeren ruͤſteten. Beyde moͤgen daher ſchließen. *) S. Jacobi's Werke II. Bd. 2. Abth. dieſe Biographie, wie ein Blumengewinde, be⸗ Jacobi's Lied uͤber den Aſchermittwoch. Abgeſungen von Mädchenchören bey ſeinem Leichen⸗ begängniſſe. Weg von Luſtgeſang und Reigen! Bey der Andacht ernſtem Schweigen Warnen Todtenkraͤnze hier, Sagt ein Kreuz von Aſche dir: Was geborenziſt auf Erden, Muß zu Erd' und Aſche werden. Vom Altar in die Palaͤſte Draͤng' es ſich zum Jubelfeſte; Mitten unterm Goͤttermahl Ruf' es in den Koͤnigsſaal: Was den Zepter fuͤhrt auf Erden, Muß zu Erd' und Aſche werden. Jacobi's Werke. I. 6 Wo Trophaͤen ſich erheben, Sieger jauchzen, Voͤlker beben, Toͤn' es aus der Ferne dumpf In den ſchallenden Triumph: Was den Lorber traͤgt auf Erden, Muß zu Erd' und Aſche werden. Wie ſie ringen, ſorgen, ſuchen, Das Gefundne dann verfluchen, Der umhergetriebne Geiſt. Felſen thuͤrmt und niederreißt! Was ſo raſtlos ſtrebt auf Erden, Muß zu Erd' und Aſche werden. Siehe durch des Tempels Hallen 1 Mann und Greis und Jüngling wallen, Und die Mutter, die entzuͤckt Ihren Saͤugling an ſich druͤckt. Was da bluht und reift auf Erden, Muß zu Erd' und Aſche werden. Wie ſie kommen, ach! ſo kamen Viele Tauſend; ihre Namen Sind erloſchen, ihr Gebein Decket ein zermalmter Stein. Was geboren iſt auf Erden, Muß zu Erd' und Aſche werden. 163 Aber, von der Welt geſchieden, Ohne Freud' und ohne Frieden, Blickt die Treue ſtarr hinab In ein modervolles Grab.. Was ſo maͤchtig liebt auf Erden, Soll es Erd' und Aſche werden? In den ſchoͤnſten Rofentagen Fuͤllt die Luͤfte banges Klagen, Jammert die verwaiſ'te Braut, Einem Schatten angetraut. Liebe kann nicht untergehen; Was verweſ't, muß auferſtehen. Und das bruͤderliche Sehnen, Abzuwiſchen alle Thraͤnen; Was die Hand der Armuth fuͤllt, Haß mit Wohlthun gern vergilt: Ewig kann's nicht untergehen, Was verweſ't, muß auferſtehen. Jene, die gen Himmel ſchauen, Ihrer hoͤhern Ahnung trauen, Dieſem Schattenland entfliehn, Vor dem Unſichtbaren knien, O die werden auferſtehen! Glaube kann nicht untergehen. Die dem Vater aller Seelen Kindlich ihren Geiſt befehlen, und, vom Erdenſtaube rein, Der Vollendung ſchon ſich freun, Sollten ſie, wie Staub, verwehen? Hoffnung muß dem Grab entgehen. Sieh an ſchweigenden Altaͤren Todtenkraͤnze ſich verklaͤren; Menſchen⸗Hoheit, Erdenreiz, Zeichnet dieſes Aſchenkreuz; Aber Erde wird zu Erde, Daß der Geiſt verherrlicht werde. Jacobi's letztes Gedicht, vier Tage vor ſeinem Abſterben. Der Abendſonne gleich, wenn ſie die Wetterwolte Zerſtreut, und dann voll Majeſtaͤt Dem furchtbefreyten Schnitter untergeht, Ihr gleich, entwich dem biedern deutſchen Volke Das alte lorberwerthe Jahr. Noch ſcheidend hob's im Siegestanze, Zur Tilgung unſrer langen Schmach, Empor die Ketten, die es brach, Empor, mit Feindesſchwert und Lanze, Den kuͤhn errungnen Adler, der, zerſtuckt, Nicht drohend mehr auf unſre Heere blickt. So ſchwand das alte Jahr, begleitet Von Jubelſchall, und ſieh! ein neues ſchreitet Daher im jungen Morgenglanz. Wie gruͤnt der friſch gepfluckte Kranz, Den mit dem Palmzweig ſeine Rechte haͤlt, 466 Weiſſagend kuͤnft’ge Siegesfeyer! Zu neuen Kaͤmpfen ruft es die Befreyer Der unter hartes Joch gebeugten Welt. Heil uns! Durch Freyburgs Thore zogen Die Caͤſarn, bruͤderlich verbuͤndet, ein; Denn ihnen ſoll der bald erfochtne Rhein Trophaͤen, Saͤulen, Ehrenbogen, An ſeinen beyden Ufern weih'n. Heil uns! Die Helden raſten nicht, Bis vor der Voͤlker Angeſicht Ihr Muth, was er begann, vollendet und gekroͤnt, Bis jeder die erhabnen Manen Erzürnter, weggewandter Ahnen Den ſpaͤten Enkeln ausgeſoͤhnt. Dann wird auf ſein Geſchlecht herab, Wie einſt, mit ſeligem Vertrauen, Der Schatten Hermanns wieder ſchauen, Der nicht das Blut der treuen Krieger gab, Um ſich den hoͤchſten Thron zu bauen, um allein Beherrſcher einer Welt zu ſeyn. Auf Leichen ließ er nur ſich Leichen thuͤrmen, Den nie verletzten Opferhain Und ſeinen rauhen Wald vor Knechtſchaft zu beſchirmen. Ihr Deutſchen, auf! Der Deutſche darf, Wenn er die letzten Legionen niederwarf, 167 Laut ſeines Hermanns Ruhm verkuͤnden, Und heil'ges Eichenlaub um ſeine Schlaͤfe winden. Auch ſeh' ich ſchon die unbezwungne Schar Der Reuſſen ihren Blick mit Zuverſicht erheben Zu jenem thatenreichen Czar*), Dem mehr, als Kaiſerkron und Leben, Der Laͤnder neue Schoͤpfung war. und o! Das Volk der muth'gen Brennen**), Mit altem Stolze wird's den großen Friedrich nennen. Bey Habsburgs*w) Namen— doch was wagt ein Saitenſpiel, Das oft ſchon meiner Hand entfiel, Wenn zitternd ſie zu Liedern es beſpannte, Weil ſich im Greiſe noch der Patriot ermannte? Wer dieſen Tag begrußet mit Geſang, Der muß zum Felͤgeſchrey, zum Waffenklang Voll Jugendkraft die Leyer ſchlagen, Wie der Cherusker Barden⸗Chor ſie ſchlug, Und Todesfurcht mit ihr dem Feind entgegen trug! Dem alten Saͤnger ſey's genug, *) Peter der Große. ***) Preußen. *un) Der edle Rudolph von Habsburg, Stifter des öſterreichiſchen Kaiſerhauſes. 168 Wollt, unter Euern Sieges⸗Choͤren, Ihr, die ein zweytes Vaterland, Durch manches ſuͤße, feſtgeknuͤpfte Band Mit mir vereinte, noch die leiſ're Stimme hoͤren, Die Euch zur ſchuͤchternen, gedaͤmpften Harfe ſingt, Und meinen letzten Segen bringt. JTacybi 8 Werk. —.— Zweyte Abtheilung. Vorrede 8 des erſten Bandes zweyter Abtheilung. Der Wunſch des Horaz: Ein Alter, nicht ohne Saitenſpiel, war jederzeit der mei⸗ nige; und er iſt, Dank ſey es den Muſen, er⸗ fuͤllt. Nicht allein hat die Liebe, mit welcher die einſichtsvolleren Kunſtrichter und der achtungs⸗ werthere Theil der Nation meine letzten Geſaͤnge ankuͤndigten und aufnahmen, mich zu neuen er⸗ muntert; ſondern man fordert auch, mit eben der Liebe, von mir eine Sammlung der aͤltern Werke. Seit mehreren Jahren ſchon fordert man dieſe; aber je mehr ich durch ein ſolches Verlan⸗ gen mich geehrt fuͤhlte, deſto mehr ſah ich die Schwierigkeit ein, es auf eine wuͤrdige Art zu befriedigen. Theils fuͤrchtete ich mich vor der 172 Auswahl, theils vor der Verbeſſerung der zu ſammelnden Stuͤcke. Gar zu oft wurde ich, in Abſicht der Wirkung, die ich von einem Gedicht oder einem Aufſatz erwartete, getaͤuſcht, und ſo entſtand nach und nach ein gewiſſes Mißtrauen in mich ſelbſt, worin mich die Erfahrung be⸗ ſtaͤrkte, daß es vielen Schriftſtellern, mit denen ich mich nicht vergleichen darf, eben ſo ergangen war. Zuweilen kann die groͤßere oder geringere Muͤhe, die der Verfaſſer auf etwas gewendet hat, die mehr oder minder wohlthaͤtige Begeiſte⸗ rung, worin er ſchrieb, zuweilen eine Nebenidee, eine vergnuͤgte oder traurige Ruͤckerinnerung, ihn fuͤr oder wider ſeine neueren oder aͤlteren Arbeiten einnehmen. Hierzu kamen bey mir noch die oft von einander abweichenden Urtheile ge⸗ ſchmackvoller Freunde, wenn ſie den Werth eines Gedichts beſtimmten, ſogar ſolcher Freunde, welche die Welt als guͤltige Richter des Schoͤnen anerkennt. Was die Verbeſſerungen betrifft, ſo war ich von der Nothwendigkeit derſelben, zu⸗ mal in meinen fruͤheren Werken, uͤberzeugt; aber wo blieb die Phantaſie der Jugend, die ſie her⸗ vorbrachte? wo das Roſenlicht, worin ſich alles verklaͤrte? und der unbefangene, ſorgenloſe Sinn, der mit Leichtigkeit jeden Zug hinwarf, nebſt dem 2 7192 Gefallen an kleinen Bildern, deren Farben ſanft aufliegen, wie der Staub auf einem Schmetter⸗ lingsfluͤgel, den die ſachteſte Beruͤhrung hinweg⸗ nimmt? Wie ſchwer iſt es im Alter, die Em⸗ pfindungen der bluͤhenden Jahre wieder zu wecken, ſich in die Lage zurückſetzen, in welcher man dich⸗ tete! Manches erzeugte der bloße Zuſall, man⸗ ches eine augenblickliche Begeiſterung, die mit dem Augenblick auf immer verſchwand. Unter dieſen Bedenklichkeiten entſchloß ich mich, alle meine jugendlichen Arbeiten zu verwerfen; aber meine Freunde ließen es nicht zu. Sie meinten, daß die damaligen Spiele meiner Muſe, wenn auch ich keinen Sinn mehr dafür haͤtte, dem frohen Jungling und dem lachenden Maͤd⸗ chen willkommen ſeyn, ihrem Muthwillen viel⸗ leicht eine beſſere Richtung geben, und ſie an feineren Scherz gewoͤhnen wuͤrden. Auch mein⸗ ten jene, daß es denen, die meine jetzige Muſe lieben, angenehm ſeyn muͤßte, mich auf meiner ſchriftſtelleriſchen Laufbahn, von der erſten Pe⸗ riode bis zur letzten, zu begleiten. Ich gab ihrem Rathe Gehoͤr, waͤhlte mit ihnen unter den bereits verurtheilten Stuͤcken diejenigen, die uns am wenigſtens unvollkommen ſchienen, und werde die folgenden nach den 474 verſchiedenen Zeiten oroͤnen, in welchen ich ſie verfaßte. Gewiß erhaͤlt meine Sammlung dadurch ei⸗ niges Intereſſe mehr; denn weil ich von jeher an allem, was ich ſchrieb, mit Liebe arbeitete, in alles meine eigne Weiſe zu ſehen und zu empfin⸗ den uͤbertrug, und auch in meinen Dichtungen nicht ſowohl darauf bedacht war, etwas fuͤr andre zu verſchoͤnern, als vielmehr es ſo darzu⸗ ſtellen, wie es mir ſelbſt in der wirklichen Welt, durch meine Phantaſie verſchoͤnert ſich zeigte, ſo muß nothwendig jede fruͤhere Periode meines Dichterlebens von der ſpaͤteren ſich merk⸗ lich unterſcheiden. Außer dem, was die Einbil⸗ dungskraft, die Laune, die mannigfaltigen Anſichten jedes Alters, nebſt den nach und nach gemachten Erfahrungen, erworbenen Kenntniſſen, und dem mehr ausgebildeten Kunſt⸗Talente, zu ſolcher Verſchiedenheit beytragen, muß auch die Abaͤnderung von Umgang, Verhaͤltniſſen und Ge⸗ ſchaͤften, den Charakter der auf einander folgen⸗ den Werke gewiſſermaßen veraͤndern. Jeder Periode werde ich ſorgfaͤltig dasjenige laſſen, wodurch ſie vor einer andern ſich auszeichnet, ihren Ton, ihre Manier, ſelbſt meine jedesma⸗ ligen Urtheile und Gefuͤhle, wenn ſie gleich mit den 175 jetzigen nicht voͤllig uͤbereinſtimmen, kleine Schwaͤr⸗ mereyen nicht ausgenommen. Ungeachtet deſſen wird der Leſer durch keine Widerſpruͤche, die ihm wehe thun, geſtoͤrt werden; ſondern, bey der Verſchiedenheit der einzelnen Theile, im Ganzen, was das Weſentliche angeht, von meinen fruͤhe⸗ ſten Werken bis zu den ſpaͤteſten, uͤberall eben dieſelbe Tendenz finden. Ich begehre von dem Dichter, wie von dem Proſaiſten, daß man wiſſe, wer er iſt, was er will. Er ſoll heute ſeyn, was er geſtern war; nicht an einem Orte ſcherzen uͤber das, was er an einem andern als ehrwuͤrdig angab. ⸗Was ihm heilig iſt, ſoll ihm heilig bleiben, immer und uͤberall. Ich darf laut fragen: Ob ich irgendwo in meinen Schriften meinem Her⸗ zen untreu geworden bin? Ich weiß, daß ich nie meinen Glauben verlaͤugnete; nicht einmal meinen Geſchmack. Ein Schriftſteller begeht meines Erachtens eine Verraͤtherey an ſeinem Zeitalter, wenn er, um des Beyfalls willen, nach dem Geſchmacke deſſelben ſich bequemt. Das Zeitalter ſoll nicht ihm, ſondern er dieſem, ſo viel er es vermag, die Stimmung geben. Nachdem ich die Leſer mit dem Plane meiner ganzen Sammlung bekannt gemacht habe, muß 176 ich noch bey dem jetzt erſcheinenden erſten Bande derſelben verweilen, welcher die Verſuche mei⸗ ner fruͤhern Jugend enthaͤlt. Viele ſind unter⸗ druͤckt, in den gebliebenen iſt vieles verbeſſert worden; jedoch koͤnnen und ſollen ſie nichts weiter ſeyn, als jugendliche Arbeiten. Eine zu große Strenge haͤtte ihnen mehrere Fehler, aber zugleich die Ungezwungenheit, die kein anderes Verdienſt erſetzen kann, das fri⸗ ſchere Colorit aus dem Lenze des Lebens, und mit ihm alles genommen. Darum hielt ich es fuͤr rathſamer, hier und dort etwas Unregelmaͤßi ges, einen matteren Vers, oder wohl gar einen falſchen Reim zu uͤberſehen, als durch ungefaͤl⸗ lige Correctheit das Ganze zu verderben. Die Stuͤcke, welche ich jetzt liefere, wurden bey ihrer Erſcheinung, von der einen auf dem Parnaſſe herrſchenden Partey nur enthuſtaſtiſch gelobt, von der andern nur bitter getadelt, wenigſtens ſo beurtheilt, daß der zuweilen ein⸗ geſtreute kalte Beyfall, indem er dem Verfaſſer eine ſehr niedrige Stelle anwies, dem Kritiker das Anſehen der ſtrengſten Gerechtigkeit gab. Es war naͤmlich die Zeit, da Klotz, im vollen Genuſſe ſeines Ruhms, als gefuͤrchteter Ariſtarch auftrat, und mit beißendem Witze, den er frey⸗ 177 lich oft mißbrauchte, die gefeyerteſten Namen angriff. Einige junge Autoren begaben ſich in ſeinen Schutz, übten frechen Muthwillen aus, wagten, unter ſeiner Flagge, wirkliche Corſaren⸗ Ausfaͤlle, und machten ſeine Partey verhaßt. Meine vieljaͤhrige Verbindung mit Klotz, deſſen Hausgenoß ich in Halle war, und unſer Beyder Zuſammenkunft mit Gleim, der ſich im Bade zu Lauchſtedt aufhielt, erregten den Argwohn, als wollten wir gemeinſchaftlich eine eigene Schule ſtiften, zum Nachtheil einer andern, deren Kunſt⸗ richter⸗Ausſpruch bisdahin faſt allein gegolten hatte. Bald darauf geſellte man auch Wieland unſrer Cabale zu, obwohl er, eben ſo partey⸗ los als wir, mit uns uͤber jedes ſchoͤne Kunſt⸗ werk ſich freute, ohne irgend eine Ruͤckſicht auf die Werkſtatt zuenehmen, aus welcher es hervor⸗ ging. Indeſſen meinten die Haͤupter jener Schule, ſie muͤßten, um ſich vor unſrer heimlichen Cabale zu ſichern, uns unſchaͤdlich machen, d. h. in der oͤffentlichen Meinung herabſetzen. Mehrere Jahre hindurch war der Namen eines von uns dreyen genug, um die Schrift, auf welcher er ſtand, dem Verdammungsurtheil preis zu geben, ehe ſie noch geleſen war. Ich erzaͤhle dieſes, weil es zum Berſtaͤndniſſe 5. 178 verſchiedener Stellen in meinen Scriften noͤthig iſt, und weil ich es ohne den mindeſten nachge⸗ bliebenen Groll erzaͤhlen kann. Vielmehr danke ich dem Schickſal, daß es gleich bey meinen er⸗ ſten Dichter⸗Verſuchen mir nicht bloß vergoͤnnte, unter den Augen zweyer kritiſchen Freunde, wie Gleim und Wieland, zu arbeiten, fondern auch Gegner aufſtehen ließ, die mit der Be⸗ gierde, Fehler darin aufzuſpuͤren, jene Verſuche laſen, und deren Tadel, ſo feindfelig und unge⸗ recht er mehrentheils war, dennoch manche Wahrheit enthielt, die mich vor Abwegen warnte. Die beyden Hauptvorwuͤrfe, die ſie meiner Poeſie und meiner Proſe machten, waren: Nach⸗ ahmung der Franzoſen, und— wie Bodmer es nachher nannte— die Grazie des Kleinen. Was den erſten Vorwurf betrifft, ſo hatte Gleim, durch ſein wohlgemeintes Lob, denſel⸗ ben veranlaßt, weil er mich bey jeder Gelegen⸗ heit, bald mit dieſem, bald mit jenem franzoͤſi⸗ ſchen Dichter verglich. Chaulieu, Greſſet und andre gehoͤrten unter ſeine Lieblinge; darum nannt' er mich nach ihnen; und dann war ſeine Meinung, daß wir bisher gewiſſe Gattungen von Gedichten, in denen die Franzoſen ſich aus⸗ gezeichnet, vernachlaͤßiget haͤtten. Und waͤr' es denn einem deutſchen Schriftſteller mehr zu ver⸗ argen, wenn er etwas von dem geſellſchaftlichen Ton, von dem feinen Scherze der Nachbarn ſich eigen machte, als man es den Roͤmern verdenkt, daß ſie das attiſche Salz in ihre Schriften uͤber⸗ trugen, und einen Xenophon, einen Meuander nachahmten? Laͤßt ſich dieſes nicht mit unſerm Geiſte, mit unſrer Sprache vereinigen? Hoͤrt man deßwegen auf, ein Deutſcher zu ſeyn? Der aͤcht⸗ deutſche Hagedorn, wie vieles verdankt er den Franzoſen! Ich habe ſie weniger nachge⸗ ahmt, als er; habe, wie es jeder Deurſche ſoll, von Kind auf die Dichter meiner Nation geleſen, als Jüngling ſie ſtudirt, und nach ihnen mich gebildet. Wie ſehr ſich in meinen Gedichten der vaterlaͤndiſche Genius verraͤth, dieſes kann wohl niemand glaubhafter bezeugen, als der franzoͤſi⸗ ſche Ueberſetzer einiger wenigen Stüͤcke von mir, der eben wegen der Schwierigkeit, mehreren— wenn ich mich ſo ausdruͤcken darf— ihre Deutſch⸗ heit zu benehmen, ſich auf dieſe wenigen ein⸗ ſchraͤnken mußte*. *) Traductions de diverses oeuvres composées en allemand en vers et en prose, par Mr- Iacobin Chanoine d'Halberstadt, Paris MDCCLXXI. 180 Gegruͤndeter war das, was man mir wegen der Spiele mit Liebesgoͤttern und Grazien, wegen der kleinen Manier in der Behandlung gewiſſer Gegenſtaͤnde, wegen einer geſuchten Zierlichkeit im Ausdruck u. ſ. w. vorwarf; obwohl man auch hierin zu weit ging. Man vergaß die unzaͤhlige Menge von Liebesgoͤttern auf den Gefaͤſſen, ge⸗ ſchnittenen Steinen und andern Kunſtwerken der Griechen; die mancherley Spiele dieſer Amoret⸗ ten; die kleinen Bachanale und mehrere Vorſtel⸗ lungen dieſer Art, im Zeitalter des Sokrates geliebt und bewundert. Man vergaß die Lieder Anakreons, welcher in Athen der Weiſe hieß; den Sperling Katulls, und aͤhnliche Taͤn⸗ deleyen.— Doch man hatte Reche, Zu lange fuhr ich in dieſem Tone fort; es war Zeit abzu⸗ brechen. Die wenigſten Gedichte von dieſer Gat⸗ tung habe ich beybehalten; nur diejenigen, denen meine Freunde vorzuͤglich das Wort redeten. Auch unter den erhaltenen ſind viele abgekuͤrzt worden. Wie Vieles ich unterdruͤckte, laͤßt ſich daraus abnehmen, daß ich zwey Baͤnde der erſten Aus⸗ gabe jetzt in Einen maͤßigen Band zuſammen⸗ brachte; und ob ich die Feile ruhen ließ, hier⸗ uͤber moͤgen, wenn ſie es der Muͤhe werth ach⸗ ten das Neue mit dem Alten zu vergleichen, die Kunſtrichter urtheilen. Da ſeit meiner erſten poetiſchen Epiſtel an Gleim volle vierzig Jahre verfloſſen ſind, ſo bedarf es mancher Einleitung und Anmerkung, damit ich die jetzigen Leſer in das Vergangene zuruͤckfuͤhre. Uebrigens werde ich mit der Gewiſſenhaftig⸗ keit, womit ich dieſen erſten Band herausgebe, fortfahren; werde pruͤfen, ausmerzen, aͤndern, und nie dabey vergeſſen, daß es nur Einen gu⸗ ten Geiſt fuͤr alle Zeiten giebt, und daß der Schriftſteller, der einen hoͤhern Beruf fuͤhlt, . lieber ſeiner eignen Zeit, als jenem guten Geiſte mißfallen will. Freyburg im Breisgau, im Februar 1807. Der Verfaſſer. An Gleim. Du winkeſt mir vom Helikon, Von jenen ſchattenreichen Hoͤhen, Die deinen Freund Anakreon, Und dich im ew'gen Lorber ſehn? Du willſt, ich ſoll auf Wegen gehen, Noch deutſchen Saͤngern nicht bekannt, Die ungeſucht Chapelle fand?— In ſeinen Hain ſoll ich mich wagen? Wo Liebesgoͤtter ſchalkhaft ihn Umhuͤpfen, ſich einander jagen, Ihm mit poſſierlichem Bemuͤhn Erfriſchend Eis zum Weine tragen, Und ſelbſt von ſeinem Weine gluͤhn; Wo Lauben, welche nie verbluͤhn,— Ein ihm getreues Chor empfingen; Wo den vertrauten Bachaumont, Wo ihren Liebling Pavillon, Die Scherze Hand in Hand umringen, Und bey der Huldgoͤttin Bouillon La Fare noch und Chaulieu ſingen? O heil'ger, ſchauervoller Hain, Verehrungswerthe, große Namen! Ich, Freund, ich ſoll ihr Schuͤler ſeyn? Umſonſt wuͤnſch' ich, ſie nachzuahmen, Sie, die von Vorurtheilen frey, Der einzigen Natur getreu, Zu Luſt und Liedern ſich verbanden, Im Epikur den Weiſen fanden, Und, geitzig auf die ſchnelle Zeit, Im Tempel halbe Tage zechten, Und lachend, ohne Bitterkeit, Sich an dem Schwarm der Thoren raͤchten; Die, durch Geſchaͤfte nie geſtoͤrt, In ihrer frohen Muße blieben, Mehr liebenswuͤrdig, als gelehrt, Fuͤr Maͤdchen nur und Freunde ſchrieben; und, wenn ſie gleich nicht Wochen lang Bey dem, was ihre Muſe ſang, Von kuͤnft'gem Ruhme voll, verweilten, Und jedes Liedchen muͤhſam feilten, Doch in der Dichter erſtem Rang, Bey ſchimmernder Pokale Klang, Der Ewigkeit entgegen eilten. 184 Freund, ihrer Lieder Harmonie Soll immer meinen Geiſt entzuͤcken, In truͤben Tagen mich begluͤcken, Mich Weisheit lehren ſollen ſie. Wenn Greſſet, ſtatt der Lorberblaͤtter, Mit Roſen ſeine Schlaͤfe ziert*), Im Wagen kleiner Liebesgoͤtter Die Tugend uns entgegen fuhrt*), Und fern von weiten Marmorgaͤngen, Wo Schmeichler ſich mit Thoren draͤngen, Den Ton der Hoheit**x), den Pallaſt, Und ſchwere goldne Ketten haßt: Dann folg' ich unter ſeine Linden Dem Saͤnger, dort das Gluͤck zu finden, Das auf dem ſichern Raſen thront, Selbſt herrſcht, und keinem Furſten frohnt. Allein, o Freund! ihm nachzuſingen, Tief in das Heiligthum zu dringen, Wo Prieſter mit geweihter Hand Den Grazien ihr Opfer bringen, *)— les roses sont ses lauriers. **)— la vertu dans le char des, amours. de. **) Loin—— des hauts tons de la grandeur. CRESSIT. Dieß hat kein Gott mir zuerkannt! Ich will, von dir allein genannt, Im Thal des Helikons mich freuen, Und da geheimen Weihrauch ſtreuen, Und da der Freundſchaft Gluͤck erhoͤhn. O! ſchoͤner iſt kein Gluͤck auf Erden, Als das, von Gleim geliebt zu werden: Der Nachruhm ſelbſt iſt nicht ſo ſchoͤn! 2 — Gleim an Jacobi. In meinem kleinen Sans Souci, O liebſter Freund, beſuche mich! In ſeinem großen Sans Souci Iſt unſer Caͤſar Friederich, Mit ſeiner reichen Politik, Mit ſeiner lieblichen Muſik, Mit ſeiner gruͤndlichen Kritik Und Taktik und Metaphyſik, So gluͤcklich lange nicht, als ich Mit meiner armen Poeſie In meinem kleinen Sans Souci. Klein iſt es, groͤßer koͤnnt' es ſeyn. Auch meine Kaͤmmerchen ſind klein; Zwey Muſen, Amor, ich und Du, Mehr, wahrlich! gehen nicht hinein; Doch, ſehn wir uns darin allein, So ſchließen wir die Thuͤren zu, Und laſſen keinen mehr hinein! Wozu ſollt' es denn groͤßer ſeyn? Das große Sans Souci goͤnn' ich Von Herzen meinem Friederich. Ihm folgen allenthalben Haufen Von koͤniglichen Sorgen nach; Ins Kabinet, ins Schlafgemach Wird nachgeritten, nachgelaufen; Geruhig unter ſeinem Dach. Laͤßt Eichel*) ihn nicht Einen Tag; Couriere kommen angeflogen, Er liest, ein großes Wetter draͤut, Beweiſe geben zwanzig Bogen Voll ſchaͤndlicher Treuloſigkeit. Verbunden wider einen Weiſen Sieht er um ſich die ganze Welt; Er ſinnt, beſchließet, iſt ein Held; Die Goͤtter und die Menſchen preiſen Den Philoſophen und den Held, Und wer ihn ſtuͤrzen wollte, faͤllt. Allein, was hat er von der Ehre, Daß er ein Fels im Meere war? Daß er die raſende Megaͤre *) Geheimer Kabinetsrath des Königs. 188 Zuruͤck in ihre Hoͤlle zwang,. Und ſie mit Ketten feſte band, Und ſein geliebtes Vaterland Errettete vom Untergang? Was hat der Held von dieſer Ehre, Von dieſer taͤglichen Gefahr? Im fuͤnften und im ſechsten Jahr Von dieſen zwanzig großen Siegen? O, liebſter Freund! ich ſchwoͤr' es Dir: Biſt Du mit Deiner Muſe hier In meinem Sans Souci bey mir; Von meinem taͤglichen Vergnuͤgen Geb' ich ihm keinen Tag dafuͤr! Antwort. Ja, Freund! in Deinem Sans Souci, Wo, bey der Muſen Harmonie, Die finſtere Philoſophie, An Lied und Scherz und Kuß gewoͤhnet, Mit Huldgoͤttinnen ſich verſoͤhnet, Wo neben Dir Dein Amor ſitzt, Und ſpielend einen Plato ſchnitzt*), Da laſſen Dich erhabne Freuden Kein fuͤrſtlich Sans Souci beneiden; Da ruft den ungetaͤuſchten Blick Von der Palaͤſte ſtolzen Mauern Die Weisheit freundſchaftlich zuruͤck, Und lehrt Dich, Koͤnige bedauern. Sie ſcherzen nicht mit uns im Hain, Sie ladet nicht der Raſen ein; *) Auf einer Gemme in Lipperts Daktiliothek iſt es der Kopf des Sokrates; allein Plato war gewiß der Lieblingsphiloſoph der Liebesgötter. 490 Kaum fehen ſie das Veilchen bluͤhen, Die Sonne hinter Bergen gluͤhen, Den Huͤgel, den Aurora malt, Und wie der Mond auf Teiche ſtralt. Kein Vogel ſingt fuͤr ſie Geſaͤnge; Die kleine Philomele ſchweigt, Wenn ſich in rauſchendem Gepraͤnge Der Herr von ihren Waͤldern zeigt. Mit unterbrochnen Toͤnen ſteigt Die Lerche, wo der Frohſinn weicht, Und bang, mit leiſem Murmeln ſchleicht Der ungegruͤßte Bach voruͤber. Der Echo ſagt erſchrocken nach, Was ein Monarch im Purpur ſprach, Und hoͤrt des Hirten Stimme lieber. Uns, beſter Gleim, uns liebt das Thal; Dort, wo wir ſeine Roſen pfluͤcken, Und den gefuͤllten Becher ſchmuͤcken, Verachten wir Lueullus Mahl. Es trank aus goldenem Pokale Nur ſelten die Zufriedenheit; Nur ſelten wohnt im Marmorſaale Das Gluͤck der wahren Zaͤrtlichkeit. Ihr Fuͤrſten! ſah man, unter Kuͤſſen, Von euern Wangen Thraͤnen fließen? Fuͤr uns als Goͤtter aufgeſtellt, Vom Diadem das Haupt umwunden, Was hilft euch eine ganze Welt, In der ihr keinen Freund gefunden? * Nur dann, wenn am verlaßnen Herd Die Unſchuld ihre Haͤnde ringet, Bis zum Palaſt die Stimme dringet, Euch Vaͤter nennt und Schutz begehrt: Dann ſeyd ihr uns des Neides werth. Doch nein! von unzaͤhlbaren Schaͤtzen Den Raub der Bosheit zu erſetzen, Iſt das ein himmliſches Ergoͤtzen, Ifſt das der Tugend hoͤchſter Ruhm? Was wir, o Freund! der Armuth geben Von unſerm kleinen Eigenthum, Muß uͤber Fuͤrſten uns erheben! Wenn einſt die goldnen Waͤnde beben, Der Styy in banger Naͤhe ſchreckt, Und dicke Nacht den Thron bedeckt: Dann ſieht, in wilden Phantaſien, Auf ſeinem Lager noch der Held Ein grauſes, leichenvolles Feld; Sieht uͤberwundne Feinde knien, 192 Und Angſtgeſchrey, das Gnade! euft, Ertoͤnet laut um ſeine Gruft. Und wir? Bekraͤnzt kommt er hernieder Von Grazien, der letzte Tag; Umarmet ſingen wir ihm Lieder, Ein zaͤrtlich Maͤdchen ſingt ſie nach. Jakobi's Werke. 1. An Gleim. Im December. Freund, der Du am Kamine, Zu Dir, mit Chloens Miene, Im leichten Hermeline Die Weisheit kommen ſiehſt; Und um Dich her durch Lieder Fuͤr ſie des Amors Bruͤder Zu kleinen Weiſen ziehſt! Beſtrafe doch die Thoren, Die, nicht fuͤr ſie geboren, Die ſanfte Huldgoͤttin, Im ſchulgelehrten Tone, Zur muͤrriſchen Matrone, Zur ſtrengen Richterin Unſchuld'ger Freude machen; Doch nein! ſie nur belachen, Und ſingen wollen wir. 194 O Freund! es ſagten mir Die mit den Charitinnen Vertrauten Pierinnen, Was wahre Weisheit ſey, Von trockner Schulgeſetze Verworrenem Geſchwaͤtze, Von leeren Formeln frey. Sie gleichet Deiner Leyer, Iſt lauter Harmonie, Gluͤht oft von edelm Feuer, Oft aber ſcherzet ſie. Sie weiß in kleinen Bildern Uns laͤchelnd das zu ſchildern, Was hundert Thoren quaͤlt; Sie lehrt uns, wenn wir klagen, Daß ſelbſt den truͤben Tagen Nicht alle Freude fehlt. Soll ich Dir wieder fagen, Wie auf dem alten Wagen Von Stuͤrmen hergetragen, Sie mir den Winter zeigt? An ſeinen Stab gebeugt, Lapplaͤndiſch wild behangen Mit Haͤuten mancher Art, Steht er; um ſeine Wangen Starrt ein gefrorner Bart. Wie ſcheußlich! dennoch huͤpfen Die Scherze ganz vertraut Um ihn herum, und ſchluͤpfen In eine Baͤrenhaut. Da liegen ſie, und ſchielen, Wenn Hirt und Schaͤferin Am Herde traulich ſpielen, Muthwillig laͤchelnd hin; Geſammelt werden Pfaͤnder; Das flatternde Gewand Der Maͤdchen, Haar und Baͤnder Verrathen bald die Hand Der allzu dreiſten Knaben, Die nicht ein jedes Pfand Um Einen Kuß nur gaben. Schon ſind die Felder weiß, Und ein Palaſt von Eis Beherbergt die Najaden; Sie troͤſten ſich, und laden, Um dennoch froh zu ſeyn, Zu bunten Maskeraden Den alten Flußgott ein. Des Faunus Kinder ſchleichen Vergebens durch den Wald, 196 Dort ſind die feſten Eichen Der Dryas Aufenthalt! Die loſen Spoͤtter machen Ein Maͤdchen ſich von Schnee, Umtanzen es, und lachen, Und ſchreyen: Evoe! Die aͤlteren Satyren Sieht der gefrorne Rhein. Den wohlverwahrten Wein In ihre Hoͤhle fuͤhren. Da jauchzet Vater Pan; Da trotzen ſie den Winden; Bey vollen Bechern zuͤnden Sie leere Faͤſſer an; Indeß auf goldnem Schlitten Der Pſyche kleiner Mann, Mit Pelzen angethan, Voll Schalkheit zu den Huͤtten Verlaßner Nymphchen eilt, Wo, wenn der Nordwind heult, Und ſie den Amor bitten, Er gern in langer Nacht Ihr oͤdes Haus bewacht. Sieh' doch, in holder Tracht, Vom Winter angelacht, Der Cypris Kammermaͤdchen! In ihrem Hain geſtoͤrt, Beſuchen ſie das Staͤdtchen, Wo Gleim die Liebe lehrt, Und oft den jungen Schoͤnen, Die Amor zu ihm winkt, In ſeelenvollen Toͤnen Von ſeinem Freunde ſingt. An Ebendenſelben. Freund, den mit jungem Rebenlaube Die ſchoͤnſte Maͤnas einſt geſchmuͤckt, Dem noch ein Amor ſelbſt die Traube In den bekraͤnzten Becher druͤckt; Den Luſt und Lenz in Haine rief, Dem uͤberall Dryaden lachten, Dem ſie ein Blumenlager machten An Quellen, wo er ſorglos ſchlief; Du willſt, entfernt von unſern Choͤren, Kein ſproͤdes Maͤdchen mehr bekehren Und deine Lieder ſingen hoͤren? Getilgt iſt jeder Freude Spur; Die Aue dorrt, es ſtirbt die Flur, Wo Bosheit gift'gen Samen ſtreut? Mit dem Verrathe geht der Neid; Ihm ſchweigt der Weſt an ſtummen Baͤchen; Das Blumenbeet zertritt ſein Fuß, Und Saitenklang, und reinen Kuß Der Freundſchaft marht er zum Verbrechen? Mehr, als die Wuͤſte, ſchauerlich Sind dir, o Gleim! die Luſtgefilde Der Jugend? Fern in ſeine wilde 199 Verborgne Hoͤhle ruft zu ſich Der finſtre Menſchenhaſſer dich?— O folge nie! denn Tugend wohnt, Geſehen noch und ungeſehen, In Thaͤlern und auf Alpenhoͤhen; Oft hat das froͤmmſte Werk den Mond Zum Zeugen nur, und Liebe lohnt Der Treue noch mit Seligkeiten Aus laͤngſt verſchwundnen goldnen Zeiten. Wen lockte ſonſt der Wieſe Gruͤn? Wem ſollten jene Veilchen bluͤhn? Dem Frevel nur? Ihm toͤnten wieder Aus blauer Luft die Lerchenlieder; Und jenes Nachtigallenchor Erfuͤllte des Verbrechers Ohr? O nein! geflochten von dem Lenze Sind dieſe tauſendfachen Kraͤnze Fuͤr ſchwarze Hoͤllenthaten nicht⸗ Da, wo die Weisheit Roſen flicht, Will Zephyr gern das Thal erfriſchen, Da bildet, in vertrauten Buͤſchen, Die ſtille Grotte ſich fuͤr ſie; Da lehrt der Voͤgel Harmonie Den frommen Dichter, ſich erfreuen, Der Bosheit lachen, und verzeihen. Hier, o mein Beſter! wo, bedeckt 200 Mit Moos, die Huͤtte ſich verſteckt, Hier tanzet, bey des Landmanns Feſten, Mit Daphnis und mit Galathee Die Redlichkeit auf jungem Klee; Und dort, in ſchimmernden Palaͤſten, Baut oft die Großmuth ihren Sitz; Herab vom Throne faͤhrt der Blitz Auf das empoͤrte Laſter nieder, Und Fuͤrſten raͤchen ihre Bruͤder. O mein Geliebter! unſern Hain Mag boͤſe Schmaͤhſucht uͤberfallen; Wenn nur den Gottern wir gefallen, So laß uns unerſchrocken ſeyn; Zwey Freunde ſtehen an Altaͤren, Wo ſie den Eid der Treue ſchwoͤren, Dir, Tugend! und, o Weisheit, dir! Hoͤrt uns, ihr ſpaͤten Enkel ihr! Entweiht man unſers Grabes Nacht, Will man zu Thoren uns erniedern, So müſſe giftigem Verdacht Ein ſanfter Menſchenfreund erwiedern: Ihr Lied war Freude, war Natur, Und Unſchuld war ihr Leben nur! Lalage an Gliphaͤſtion*), uͤber ſeinen juͤn⸗ gern Freund Jacobi. Berlin, 1768. Wann ſeh' auch ich mit forſchbegier'gen Blicken Den jungen wunderbaren Mann, Der Lieder ſingt, den Muſen zum Entzuͤcken; Der dich bezaubern kann? 4 So ganz bezaubern, daß du von Vergnuͤgen Berauſchet biſt, und mich juͤngſthin Vergeſſen haſt, und lange mir geſchwiegen, Mir, deiner Schaͤferin! Die Suada muß ihn auferzogen haben; Ach! reden muß er, wie Merkur, Der ehedem, gleich einem Schaͤferknaben, Von dem Olympus fuhr, *) oder: Die Karſchinn an Gleim. und vor dem immer wachenden Bemerker Der armen Inachide, ſuͤß Und klaͤglich ſchoͤn, und ſtark, und immer ſtaͤrker Die Floͤte toͤnen ließ, Und nach dem Spiel ihn mit Geſchwaͤtz ergoͤtzte, Das lieblich von den Lippen floß, Bis im Entzuͤckungsſchlummer ſich das letzte Der hundert Augen ſchloß! An die Karſchinn*). Mich ſehen willſt Du, Lalage, Des Phoͤbus hoch begeiſterte! Mich kleinen Saͤnger kleiner Lieder? Weil Dein Gliphaͤſtion mich liebt und, als den juͤngſten ſeiner Bruͤder, Zum Preiſe fuͤr die kleinen Lieder Mir unverdiente Kraͤnze giebt? Ach! zu bezauberndem Geſang Iſt Feuer nicht in meinem Buſen; Nur die gefaͤlligſte der Muſen Hoͤrt dieſer Floͤte leichten Klang, Der nie zu Goͤtterohren drang. Wenn Koͤnige die Welt bekriegen, Dann forſch' ich nicht nach ihren Siegen; Dann, ungeſtoͤrt in meiner Ruh, *) Die Dichterin pflegte ſich in ihren Liedern, be⸗ ſonders in den ſcherzhaften, Lalage, in den Oden aber Sappho zu nennen. 204 Seh' ich den holden Knaben zu, Die, ohne Laͤnder zu verwuͤſten, Sich mit dem Silberbogen ruͤſten, Und ihnen ſtimm' ich Lieder an. Hier zeichnen ſie; die ſchlauen Goͤtter, Auf Roſen⸗- und auf Myrthenblaͤtter Zu ihren Schlachten ſich den Plan; Dort hoͤr' ich aus verſchwiegnen Buͤſchen Die unſichtbaren Pfeile ziſchen: Getroffen ſinkt die Schaͤferin Auf den bebluͤmten Raſen hin. Die Suada, die das Ungeheuer Mit Recht und Menſchlichkeit verſoͤhnt, Die, ſuͤß wie Deine goldne Leyer, Von angenehmen Lippen toͤnt, O haͤtt' ein Gott ſie mir verliehen! Dann lebten, weit um mich herum, Nur Buͤrger aus Elyſium, Und jede Bosheit mußte fliehen. Ein uͤberredender Merkur, Wollt' ich die ſanftre Weisheit lehren, Gezeugt im Schooße der Natur, Gebildet in der Freundſchaft Choͤren? Mir aber gab der Himmel nur Ein Herz voll zaͤrtlicher Gefühle, Dem auch die allerkleinſten Spiele Der jungen Freunde heilig ſind, Das nie Geſang und Jubel ſtoͤret, Der Tugend leiſre Stimme hoͤret, Und gute Seelen leicht gewinnt. Nur ſie kann dieſes Herz begluͤcken: Dein Schaͤfer widerſtand ihm nicht; Er kennt im Freundes⸗Angeſicht Die reine Wonne, das Entzuͤcken, Das, ohne Wort, aus treuen Blicken. Oft maͤchtiger als ein Gedicht, Und ſüßer als die Suada, ſpricht. Dich, Lalage, Dich ſah' ich ſchon Im Tempel, den Gliphaͤſtion Der Tugend und den Muſen weihte; Wo, voller Ehrfurcht, dieſe Hand, Die nie den Thoren Weisheit ſtreute, Mit Lorbern den Altar umwand. Als ich bewundernd vor Dir ſtand, Da blickteſt Du auf mich hernieder; Dein Blick war Feuer, Dein Gewand War ganz Natur, wie Deine Lieder. Ich ſah' in Dir die Saͤngerin, Die, wenn ſie uͤber Saaten hin Die ſchwarze Wetterwolke breitet, Den Donner mit Geſang begleitet; 206 Ich ſah die frohe Lalage, Die unter Roſen laͤchelte; Und nun, mit aufgeloͤsten Haaren, Im Auge toͤdtende Gefahren, Ein Weib; ihr Buſen war durchwuͤhlt Von Flammen, die kein Zephyr kuͤhlt, Und die nur eine Sappho fuͤhlt! So zeigte Dich dein Biloͤniß mir: Bielleicht, wenn ſich das Jahr verjuͤnget, Und mit Dir Philomele ſinget, Seh' ich die Freundin auch in Dir. An den Geheimenrath Klotz, als er eine Geſchichte des Eupido in einer ſeiner Schrif⸗ ten entworfen, und eine Geſchichte der Hölle angekündigt hatte. Dork, wo der May hernieder blickt, In jenem Thale, das, entzuͤckt, Sich mit den erſten Blumen ſchmuͤckt, Sah' ich ein Chor von Liebesgoͤttern, Vertieft in den Geſchichten blaͤttern, Die eine Muſe Dir erzaͤhlt: Wie Grazien den Amor wiegten, Und ihn durch manches Spiel vergnuͤgten; Wie er mit Pſychen ſich vermaͤhlt; Wie ſeine goldnen Waffen kriegten Und uͤber alle Goͤtter ſiegten; Wie, bey der Leyer Harmonie, Den ſtaͤrkſten Loͤwen er bezwungen, Und dann die Keule ſich errungen, Die bis zum Tartarus gedrungen, Dieß, Freund! dieß alles laſen ſie. Da ſprach ein Amor zu dem andern: — 208 Uns will, der dieſes ſchrieb, entfliehn; Des Pluto Reich will er durchwandern; Allein wir ſelbſt begleiten ihn. Ixions Rad muß er nicht hoͤren, Ihn darf der Zerberus nicht ſtoͤren, Ihm rauſchet nicht der Hoͤllenfluß; Nicht ſehen wird ihn Tantalus, Und nicht der muͤde Siſyphus. Nur auf beſonnten ſtillen Hoͤhen, Soll er mit Liebesgoͤttern gehen. Im bluͤhenden Elyſium Verſammeln wir um ihn herum b Corinnen, Lesbien, Helenen, Mit allen einſt gepriesnen Schoͤnen. Umarmen ſoll ihn einſt Tibull; Ein neues Lied ſingt ihm Catull, Der dort in ſeines Maͤdchens Hand Den muntern Sperling wieder fand. Es ſollen artige Satyren Den beſten Wein zur Hoͤlle fuͤhren, Und da, wo ſonſt kein Becher winkt, Wo man nur Lethens Waſſer trinkt, Soll er, wir wollen ihn belauſchen, Sich mit Anakreon berauſchen. An Madame Henſel s). Die Muſe, die zu blut'gen Leichen Den Geiſt des Sophokles gefuͤhrt; Um ihre Stirn das Laub von Eichen, Von Cedern, die der Blitz geruͤhrt; Sie zeigte Dir den nahen Ruhm Mit ewig dauerhaften Kraͤnzen; Du gingſt, in Deinen erſten Lenzen, Mit ihr vertraut ins Heiligthum: Da waͤlzten Donnerwolken ſich; Du ſahſt den Dolch, der Bosheit Raͤcher, Du ſahſt den giftgefuͤllten Becher, Und Ketten raſſelten um Dich; Du ſahſt die bebende Natur, Voll Laſter und voll Ungeheuer: Mit nie gefuͤhltem Schauder fuhr In Dich ein allgewaltig Feuer, Das, von dem Himmel angefacht, *) In der Folge, Madame Seiler. Eine Schauſpie⸗ lerin, die wir Deutſchen eben ſo wenig vergeſſen ſollten, als Frankreich ſeine Clairon. 1. 7* 210 Zur Goͤttin eine Elairon macht. Nun aber ſank der finſtre Schleyer, Und Dir erſchien Melpomene, Gleich einer hohen Grazie, Mit jungem Lorberreis geſchmuͤckt; b Kaum hatte ſie Dich angeblickt, So lernteſt Du die ſchoͤnen Thraͤnen, Den ſuͤßen Ton, das leiſe Sehnen Der Liebe, die voll Unſchuld fleht;. Und jene ſtille Majeſtaͤt, Womit am Throne der Tyrannen, Die das Verdienſt in Kerker bannen, Die unbeſiegte Tugend ſteht. Schon leitet Dich, mit ſtolzen Schritten, Unſterblichkeit an ihrer Hand. O wenn einſt Oldfield) unter Britten, M Ihr Grabmaal bey Monarchen fand, Und unſer kaltes Vaterland, ' Das im Palaſt ein Ordensband, Mehr, als den großen Geiſt in Huͤtten, Mehr, als erhabne Werke, ſchaͤtzt, Nicht Saͤulen Dir von Marmor ſetzt; *) Eine berühmte engliſche Schauſpielerin, die zu Weſtminſter neben den Königen begraben wurde⸗ —— So denk: es lebet noch Dein Name, Wenn um die bald vergeßne Dame, Die Dir ein gnaͤdig Laͤcheln giebt, Kein ſpaͤter Enkel ſich betruͤbt. Ihr, die der Muſen Chor geliebt, Ihr ruht in ſchoͤnen Lorberhainen, Wo Goͤtter euren Tod beweinen, und heilig, wie ein Tempel, iſt Das ſtille Grab, das euch umſchließt. An meinen Bruder. Halle, im May. Im Schatten jener Baͤume, Freund, Die uns der beſte Vater pflanzte, Dort, wo, mit Zaͤrtlichkeit vereint, In unſern Reihen Freude tanzte, Wo wir als Kinder einſt geſpielt, Im Juͤnglingsalter einſt gefuͤhlt, In den getreuen Finſterniſſen, Auf jenes Moos, an jenem Bach, Wo, unter bruͤderlichen Kuͤſſen, Mein Herz mit deinem Herzen ſprach; Dort lagre Dich zum jungen Lenze, Dort ſchleichet meine Muſe nach, Und windet Dir die erſten Kraͤnze. Soll, o mein Liebſter! ſoll ſie Dir 4 Die laͤndlich frohe Wohnung ſchildern, In welcher ihre Lieder mir Den Kummer vieler Tage mildern? Willſt Du den kleinen Garten hier, Willſt Du die angenehmen Hoͤhen In ihrer ſtillen Einfalt ſehen? O Freund! hier redet die Natur Im fernen Wald, auf naher Flur, In ungekuͤnſtelten Alleen, An meinem Huͤgel hier, im Klee, Wo ſanft, wie meine Galathee, Die Laͤmmer unter Blumen gehen. Belauſchet von der Hirten Chor, Sing ich hier oft, mit Deshoulieren*) Den Schaͤfchen meine Klagen vor, Die keine Wuͤnſche ſich verwehren, Und nicht des ſuͤßen Gluͤcks entbehren, Auf ihren Triften frey zu ſeyn. Hier fuͤhrt zu blumigten Altaͤren Die Wolluſt mich in ihren Hain; In ihrem Tempel muß ich ſchwoͤren, Ihn nie durch Laſter zu entweihn. Es fließt um ſie der keuſche Schleyer; Ein Veilchen ſchmuͤckt der Goͤttin Haar, und ſelbſt die Weisheit bringt das Feuer Zum unſchuldvollen Opfer dar. *) S. ihre Idylle über die Lämmer. 213 Hier locket keine freche Leyer Der Nymphen buhleriſche Schar, Kein roher Faun, kein Ungeheuer Entheiligt reiner Liebe Kuß, Und keines Satyrs wilder Fuß Tritt hier die beſten Roſen nieder. Die Tugend ſingt der Freude Lieder; Es blickt die junge Schaͤferin Nach dem Geliebten ſchuͤchtern hin; Umſonſt will ſie dem Buſen wehren, Sich ſtill verlangend zu empoͤren, Umſonſt die erſten Kuͤſſe fliehn! Hoͤrſt Du das Rauſchen, liebſter Freund! Womit ein Fluß*) die Wieſe theilet, Und vor der Stadt voruͤbereilet, In der kein zaͤrtlich Maͤdchen weint? Dort, wo die Sonne heller ſcheint Auf niedrige, berauchte Huͤtten**), Dort wohnen alte deutſche Sitten Mit Tapferkeit und Treue noch; Dort, unter nervigten Haloren, Fuͤhlt ſich der Juͤngling frey geboren, — 4 Die Saale. Die königlichen Salzkothen. **) Die Morizburg, ehema Und ehret die Geſetze doch. 3 Verweile nicht bey jenen Truͤmmern*): Was gehen uns die Felſen an, Die einſt den Springer Ludwig ſahn? Es mag um den verwegnen Mann Der Chronikſchreiber ſich bekuͤmmern! Waͤr', in der Liebe ſuͤßem Wahn, Er einem Maͤdchen nachgeſprungen, Ich haͤtte laͤngſt von ihm geſungen. Nur zeig ich noch im Thale Dir Der oͤden Burg verheerte Mauern ne)„ Die mitten unter Blumen trauern. Ein ernſter Saͤnger haͤtte hier, Umringt von hingeſunknen Saͤulen, Wenn in der Einſamkeit die Eulen Zum Liede kleiner Voͤgel heulen, Gedanken, ſchwarz wie eine Nacht, Erhabnen Britten nachgedacht. Mir aber ſcheint er nicht zu klagen, Minervens Vogel; ſein Geſchrey Will, mit verliebter Schwaͤrmerey⸗ Dem Eulenmaͤdchen zaͤrtlich ſagen, Daß ſie fuͤr ihn die ſchoͤnſte ſey; — *) Der Thurm von Gibichſtein. lige Wohnung der Biſchöfe. 216 Und die Geliebte ſagt ihm frey, Daß ſeine Lieder mehr gefallen, Als der Geſang der Nachtigallen. Mir, beſter Freund! gefallen ſie Mehr, als die bange Harmonie Der Dichter, die nur Ungluͤck fuͤhlen, In lauter Diſſonanzen wuͤhlen, Und da, wo leichte Weſte ſpielen, Um eine Sommernacht zu kühlen, Nach alten Leichenſteinen ſchielen. O mein Geliebter, eile Du Dem bruͤderlichen Huͤgel zu! Will uns in unſrer ſanften Ruh Vielleicht ein truͤber Weiſer ſtoͤren, So wollen wir ihn bald bekehren; Nur Gleims Geſaͤnge ſoll er hoͤren. Und ſelbſt die Menſchen Freude lehren. An zwey Taͤubchen. Ihr Taͤubchen, welche beyde Mein Amor einſt gepaart, Als ihr, auf jener Weide, Des Knaben beſte Freude, Das Spiel der Nymphen war't! O gruͤßt, mit jedem Morgen, Den frommen Dichter hier: Euch zaͤrtlich zu verſorgen Befahl Cythere mir. Seh' ich, zu meinen Fuͤßen, Euch froh und ſicher kuͤſſen, Ihr Unſchuldvollen ihr! Dann denk' ich an Belinden; Sie ließ in dieſen Gruͤnden Mich auch die Liebe finden. Allein, bedauert mich; Weit gluͤcklicher, als ich, Seyd ihr, geliebte Taͤubchen, Wenn ihr jm Haine girrt, Und das getreue Weibchen Um ſeinen Gatten irrt. Wie ruhig koͤnnt ihr ſpielen, Wie ruhig, dort im Kuͤhlen, In wolluſtreicher Nacht, Wo keine Mutter wacht, Wo neben eurem Bettchen Bekraͤnzte Freyheit lacht, Und kein bewegtes Blaͤttchen Die Liebe ſchuͤchtern macht! Hier, unter oͤden Baͤumen, Hier, auf verlaßner Flur, Von ihrem Kuſſe traͤumen, Ihr Taͤubchen, darf ich nur: Denn ach! Belinde fliehet Das Thal, den Waſſerfall, Die Grotte ſelbſt, und ſiehet Verraͤther uͤberall. O glaubte nur Belinde Dem guten Goͤtterkinde, Der Liebe treuem Ruf, Die ſie, mit ſanftem Herzen, Zu Kuͤſſen und zu Scherzen, Wie euch, ihr Taͤubchen, ſchuf! — Der Faun. Eine Beylage zu dem darauf folgenden Briefe. In wonneleere Mauern Verſchloſſen, rings umwacht, Soll dort ein Maͤdchen trauern, Dem Lenz und Jugend lacht? Schnell oͤffne jene Riegel Der Amoretten Heer, und fuͤhr' auf dieſen Huͤgel Zu mir Belinden her! Ach! aber in Geſtraͤuchen Seh' ich von ferne ſchon Den alten Satyr ſchleichen; Ihr Nymphen! ſprecht ihm Hohn. Er ſtoͤrt mir jede Freude, Der Unhold! jeden Kuß Zaͤhlt er mit bitterm Neide, Den ich entbehren muß. Wenn er ſich birgt, und lauſchet, O dann verrathet ihn, Ihr Myrthenbuͤſche! rauſchet, Laßt eilend uns entfliehn! Euch wird die Liebe ſtrafen, Gebt ihr uns nicht Gehoͤr: Und keine Maͤdchen ſchlafen In euren Schatten mehr. Lyaͤus haͤngt den Becher, Um den er Roſen flicht, Cupido ſeinen Koͤcher An eure Zweige nicht. Es fluͤchtet jede Taube Hinweg von dieſer Flur, Und in dem falchen Laube Verweilt die Kraͤhe nur. An.. Was ſagen Sie, mein Liebſter, zu dieſem Liede, das ich dem Maͤdchen mit den ſchoͤnen Augen ſang? Sollten die Liebesgoͤtter Belinden nicht zu mir fuͤhren koͤnnen, dann biet' ich ihr ganzes Kriegs⸗ heer auf, das Haus zu beſtuͤrmen. O ihr, der Huldgöttinnen Rächer, Ihr Krieger mit dem goldnen Köcher, Ihr ſetztet Troja einſt in Brand; Jetzt waffnet euch geſchwinde, Die Loſung ſey: Belinde! Kommt mit der Fackel in der Hand! Beſtürmet, ach! ich bitte, Beſtürmet jene Hütte; Schießt tauſend Pfeile ſtumpf, Und führet im Triumph Den alten Faun gebunden. 4 Von junger Nymphen Schaar Wird euer blondes Haar Mit Lorbern dann umwunden. Der böſe Satyr muß Dort, wo die Roſen ſtehen, Uns zärtlich küſſen ſehen, Und darf nicht mehr den Kuß Der Mutter wieder ſagen. Wenn meines Amors Wagen, Gefleckte Tiger ziehn, Dann ſpannen mit Gelächter Der Venus loſe Töchter Auch an den Wagen ihn! * An Belindens Bett. Du kleines Lager, wo vergnuͤgt Die Schoͤnheit mit der Unſchuld liegt! Begluͤcktes Heiligthum der Liebe, Bey dem, gewoͤhnt an frechen Raub, Ein roher Satyr ſchuͤchtern bliebe! Dir will ich noch das letzte Laub Der laͤngſt geſtorbnen Roſe ſtreuen; Dich ſoll ein Dichter nicht entweihen, Der gerne mit dem Amor ſpielt, und doch den Werth der Weisheit fuͤhlt. Geheimer Schauder! Stille Luſtil Bemaͤchtigt euch des Juͤnglings Bruſt. Du Schlummerſtaͤtte meiner Schoͤnen! O zeige mir Belindens Bild; Hier ſiehſt du jeden Reiz enthuͤllt; Hier ſagt ſie dir mit halben Toͤnen Vielleicht, was ihren Wuͤnſchen fehlt, Was ſie noch ſelber ſich verhehlt. 224 Dein Vorhang rauſcht, und Traͤume ſchluͤpfen Durch ihn: ein allerliebſtes Heer! Schoͤn, wie der Venus Kinder, huͤpfen Sie um das fromme Naͤdchen her. Belinde zuͤrnt: auf ihren Wangen Iſt Keuſchheit, Jugend, und Verlangen. Wenn ſte nun zaͤrtlicher erwacht; Wenn ſie, nach ungenoßnen Freuden, Der Morgenſonn' entgegen lacht, Und in verraͤtheriſche Tracht Behende Grazien ſie kleiden: Dann, o dann muß ich dich beneiden! Doch ungeſtuͤme Wuͤnſche nicht Soll dieſer kleine Tempel hoͤren; Nur Seufzer darf ich mir gewaͤhren, Beſcheiden, wie ein Amor ſpricht In einem Waͤldchen mit Cytheren. Ihr, die, von wilder Gluth entbrannt, Der Gott der Liebe nie gekannt, Zerreißet mit verwegner Hand Der Schoͤnheit heiliges Gewand, Das Huldgoͤttinnen ihr gewebet, Indeß ein ſanfter Hirt erbebet⸗ Wenn er Belindens Lager ſieht, Voll Ehrfurcht ihre Zelle flieht; Und auf verſchwiegnen gruͤnen Heiden, Wo Goͤtter mit dem Maͤdchen weiden, Auf Blumen es verfolgt und kuͤßt, und ohne Reu begluͤckter iſt, Als ihr im Taumel eurer Freuden. Jacobi's Werke. I. An Philaiden. 4 Eine Beylage zu dem darauf folgenden Briefe. Erhaben iſt der innre Friede Des Weiſen, goͤttlich ſeine Ruh! Groß iſt der Mann, o Philaide! Doch gluͤcklicher vielleicht biſt Du. Im ſchweren Kampfe bracht er Schmerzen Und Furcht und Sorgen unter ſich; Sie fortzukuͤſſen, fortzuſcherzen,. Dieß lehrten Huldgoͤttinnen dich. So haͤngt, wo ſich das Thal geſchmuͤcket, Mit wildem Drohn ein Fels herab; Die Hirtin ſieht ihn nicht, und pfluͤcket An ſeinem Fuße Bluͤmchen ab. O laß, beym Klange ſuͤßer Lieder, Uns laͤchelnd durch das Leben gehn, Und, ſinkt die lange Nacht hernieder, Mit dieſem Laͤcheln ſtille ſtehn. — An die Graͤfin von H?** Stifts⸗ dame zu G*r. Sie haben Recht, meine gnaͤdige Graͤfin, die wenigen deutſchen Zeilen in Ihrem franzoͤſiſchen Briefe an mich verdienen allein das ſchoͤnſte Lied. Alle Muſen ſollten Sie dafuͤr belohnen, daß Sie zu Ihrer Mutterſprache ſich bekehren, und jetzt in Ihrem achtzehnten Jahre noch deutſch leſen und ſchreiben lernen. Wenn Sie nur mit dem, was ich Ihnen ſang, zufrieden ſind! Ihre Moral finden Sie darin, die auch immer die meinige war; in der ich es aber bey Ihnen zu groͤßerer Vollkommenheit brachte. Der Name Philaide ſollte billig Ihnen gefallen; er iſt ſanft; ſagen Sie mir doch, ob Sie ihn behalten wollen? Häͤtt' ich Toͤchter, ich gaͤb' ihnen lauter arkadiſche Namen, damit die Dichter, welche ſie einſt beſingen wollten, außer Verlegenheit waͤren. Das Lobgedicht auf den Beſchuͤtzer ihres Stif⸗ tes bring' ich unmoͤglich zu Stande. Der Mann iſt in keinem Buche zu finden, und Sie ſelbſt 228 wiſſen nichts weiter von ihm, als daß er, von Kopf bis zu Fuße gewaffnet, wie ein Kriegsheld auf Ihrem Ordenszeichen ſteht. Laſſen Sie ihn immer ruhen, Den alten Heiligen in us, Der ſeiner ſchönen Tochter Kuß Vom hohen Himmel ſehen muß, Und gern für einen ſolchen Kuß Die ſchwarze Rüſtung wiedernähme; Und in der vorigen Geſtalt, Wenn man ihn gehen ließe, bald Geſtiefelt auf die Erde käme. Sehen Sie, meine gnaͤdige Graͤfin, lauter loſe Sachen denkt man ſich bey Ihrem Heiligen; und mir, als einem Ketzer, iſt dieſes am wenig⸗ ſten erlaubt. Ernſthaft von dergleichen Sachen zu reden, wollen wir den hochwuͤrdigen Matro⸗ nen uͤberlaſſen, die ſich bey einem Heiligen deß⸗ wegen erbauen, weil niemand ſonſt, als ein Heiliger, ſie anhoͤren mag. Dieſe moͤgen einmal im Grabe Wunder thun, indeß Sie, liebe Graͤfin, mit Ihren im Leben gethanen Wundern ſich begnuͤgen, Ueber den heiligen Hippolytus und den ſelig geſprochenen Gericus. An eine Stiftsdame. Ueber den heiligen Hippolytus. Ganz gewiß, mein gnaͤdiges Fraͤulein, hat Phi⸗ laide Sie gegen mich aufgewiegelt, und Philaide ſelbſt hat es mir verrathen. Sie erzaͤhlte mir von einem Folianten, der auf Ihrem Tiſche lag, aus welchem eine Wolke von Staub fuhr, und mit dieſer ein ganzer Schwarm Von kleinen, mürriſchen Dämonen, Die gern in dicken Büchern wohnen, In ungeſtörten Dunkelheiten Vor langer Weil' auf Motten reiten, Und ſich am liebſten in Poſtillen, In Commentarien und Chroniken verhüllen. Dieſer Foliant war eine Legende. Wie kaͤn. eine Legende dahin, wo ſonſt nur die Geſchichts⸗ ſchreiber der Grazien ihren Zutritt finden? Sie, mein gnaͤdiges Fraͤulein, und Philaide ſuchten das Leben Ihres Heiligen, wollten mir davon einen Auszug machen, und an das laͤngſtverſprochene Lobgedicht auf ihn mich erinnern. Kaum hatten Sie einige Zeilen geleſen, ſo bekamen Sie den Schwindel, und beſchloſſen, das ganze dicke Buch dem kuͤnftigen Lobredner des Heiligen zu ſchicken. Vielleicht iſt es ſchon eingepackt, vielleicht ſchon auf dem Wege. Himmel, wie waͤr' ich erſchrocken, wenn es mich unvermuther uͤberraſcht haͤtte! Nun will ich Ihre kleine Bosheit beſtrafen, und, ehe der Foliant ankommt, Ihnen eine vollſtaͤndige Legende von dem Manne ſchreiben, von dem Sie mir weiter nichts ſagen, als daß er Kerkermeiſter geweſen ſey. Woher ich die uͤbrigen Nachrichten genommen, bleibt ein Geheimniß. So bald wird es niemand entdecken: indeſſen ſteh ich Ihnen dafuͤr, daß mein Buch eben ſo viel Wahrheit haben ſoll, als die mehrſten ſeiner Art. Schwerlich wuͤrd' ich mich an das Leben eines jeden andern Heiligen gewagt haben; aber dieſer Heilige, Der nicht an ſeinem harten Bette Die Höllengeiſter um die Wette Laut brüllen hörte, wenn er ſchlief, und nicht mit Hexen ſprach, und nicht Geſpenſter rief; In keine todte Wälder zog, Und ohne Flügel nie, wie ſeine Brüder, flog*); Dem keine junge Frau den Gürtel abgeborget, Der keinen Wunderſtab für Enkel hinterließ: Den nur die Nachwelt heilig pries, Weil er für ſeine Liebende geſorget; dieſer macht es einem leichter, ſeine Geſchichte den Damen zu erzaͤhlen. Sie wiſſen, mein gnaͤdiges Fraͤulein, daß nicht alle Heiligen von ihren erſten Jahren an ihrem Berufe folgten. Viele mußten erſt durch einen ſchwarzen Hund, durch einen Wolf mit feurigen Augen, oder durch ſonſt ein Wunder zurückgebracht werden. Hippolytus gehoͤrte zu den letztern. Alles ſchien zu dem grauſamen Amt' ihn zu beſtimmen, welches er nachher bekleidete. Schon in ſeinem kindlichen Alter fing er Den Kerkermeiſter an zu ſpielen: Da mußten ſeine Tyranney *) Von vielen Heiligen erzählt man, daß ſie die Gabe hatten, in der Luft zu ſchweben. Die kleineren Geſchwiſter fühlen: Ihn rührte nicht ihr zärtliches Geſchrey; Das Mädchen nicht, das in die Mitte trat, Und für den Bruder oft mit ſchönen Thränen bat. Ohne Zweifel waͤr' er, als Juͤngling, ein wenig ſanfter geworden, wenn er jemals geliebt haͤtte. Welches Ungeheuer kann die Liebe nicht bezaͤhmen? Armida fühlet ihren Kuß: Es bebt nicht mehr der Tartarus: Ein Fels verwandelt ſich in Lauben, Und wilde Drachen werden Tauben. Ich hatte folgende Strophe noch dazu ge⸗ macht: Es wird kein ſtrenger Prieſter mehr, O Liebe! giebt er dir Gehör, Mit Feuer⸗ und mit Schwefelbächen Sich an der kleinſten Freude rächen; weil ich ſie aber nicht in den Zuſammenhang bringen kann, ſo bitte ich, ſie wegzuſtreichen. Wozu auch eine ſolche Weitlaͤufigkeit? Genug, Hippolytus wollte nicht lieben. Aus Heiligkeit floh' er damals die NMaͤdchen nicht. Er war kein Mann, —2 . Der, artigen Geſchöpfen nah, Die Hölle nur in ihren Küſſen, Den Teufel nur mit Pferdefüſſen In ihrem Götterbilde ſah. Bey ihm war es eine natuͤrliche Unempfindlich⸗ keit, die auch den maͤchtigſten Reizen nicht nach⸗ geben konnte. Nothwendig mußte dieſe durch die Gegenſtaͤnde vermehrt werden, welche beſtaͤndig in maͤnnlichen Jahren ihn umringten. In ſeinem Kerker 4 Stand er auf eingefallnen Stufen, Und hörte Winſeln, banges Rufen; Die ſchwere Kette hört' er klirren, Im öden Thurm die Eule ſchwirren, Und ſah, wie ſich am fernen Thor Der düſtern Lampe Schein verlor. Bald haͤtt' ich die Erſcheinung, die er in ſei⸗ ner Jugend hatte, vergeſſen; und eine Erſchei⸗ nung iſt doch das wenigſte, was ein Heiliger haben kann. Als er von einer kleinen Reiſe zu⸗ ruͤckkehrte, ſchlief er, nicht weit von Rom, in einem Myrthenwaͤldchen vor Mudigkeit ein. Ploͤtz⸗ lich bebte der Boden, und er ſah ein ſchoͤnes Kind, ſo, wie man ihm den Gott von Paphos gebildet hatte. Aber der Gott von Paphos war 34 es nicht; die Geſtalt dieſes Kindes verrieth etwas Hoͤheres. Seine Stimme war Leiſer, als der Weſte Wehen, uUnd jeder Ton voll Zärtlichkeit. Es ſprach: Du wirſt mich wiederſehen: Sey mir zum Märtyrer geweiht! Es ſollen junge Schönen Dein Grab mit Palmen krönen. Hippolytus verſtand die Rede nicht, und ver⸗ gaß den Traum. Wenn er das Kind wiederſieht, ſo werden auch wir es genauer kennen lernen. Viele Jahre lang hatt' er ſein Amt, als Ker⸗ kermeiſter, verwaltet, und da——— Geſchichte des Decius und der Glycere. Beyde lebten zu der Zeit in Rom, und liebten ſich. Eigentlich hieß das Maͤdchen anders; aber Decius hatte ſie ſo genannt, weil ihm der Name beſſer gefiel. Dieſer angefuͤhrte kleine umſtand wird Sie, mein gnaͤdiges Fraͤulein, von der Treue des Geſchichtſchreibers uͤberzeugen. Schoͤn war der junge Roͤmer, und ſchoͤn das Maͤdchen, und ihre Zaͤrtlichkeit in dem Zeitpunkte, da ſie am hef⸗ tigſten zu ſeyn pflegt. In wenigen Tagen wollte Glycere das Feſt ihrer Hausgoͤtter ſeyern: Decius wurde dazu gebeten. Der Feſttag kam; ſchon fuͤllte das Maͤdchen einen Korb mit Blumen, der Opferkuchen ſtand neben ihr, und Decius—— drey Stunden hatte das gute Kind auf ihn ge⸗ wartet.——— Nun war keine Hoffnung mehr. O haͤtt' ich den Blick geſehen, den ſie bald auf Blumen warf, und bald auf den ihren Goͤttern geheiligten Herd! Ich haͤtte, wie ſie, geweint. Den folgenden Tag kam Decius. Mit naſſen Augen trat er hinein; aber es war mehr, als Thraͤnen, in ſeinem Geſicht. Er ſchien unſchluͤſſig, ob er das Maͤdchen umarmen, oder gleich wieder fliehen ſollte. Dieſe lief auf ihn zu:„Und du wollteſt mit mir nicht meine Goͤtter bekraͤnzen?“— Ach! Glycere, deine Goͤtter—— Er riß ſich los, und verſchwand. „Meine Goͤtter? Jal mit ihnen will er mich verlaſſen. In andern Tempeln betet er, Ein andrer Gott, ein fremder Jupiter— Ihr mächtigen Olympier! Wer iſt ſein Gott? Iſt ihm ein Schwur der Liebe theuer— Ich zittre! dann verlaß' ich euch; Dann fall auf Decius ein rächeriſches Feuer, Und tödte mich zugleich!”“ Immer vertrauter wurde Glycere mit dieſem Gedanken, und mit Standhaftigkeit ging ſie, ſo bald man ihr erzaͤhlte— Glauben Sie, gnaͤdiges Fraͤulein, es werde die Geſchichte von Olint und Sophronia werden? Nicht voͤllig! Wir wollen es abkuͤrzen, denn ich muß zu meinem Hippolytus zuruͤckkehren. Decius war im Kerker, weil er einen andern Gott bekannte. Den zweyten Abend darauf uͤber⸗ gab man dem Kerkermeiſter Glyceren, mit dem Befehle, daß ihr der gefangene Juͤngling ſelbſt * die Ketten anlegen ſollte. Da ſtand ſie nun, vom Schmerz, entkräftet, Den ſchönen ZBlick auf den geheftet, Der ihrem Herzen mehr, als alle Götter, war. Ihm reichte ſie die weißen Arme dar, Die tauſendmal, nach matten Weigerungen, Sich um den Liebenden geſchlungen. Zitternd brachte der Kerkermeiſter die Feſſeln, ohne zu wiſſen, warum er zitterte. Ihn ſah der Juͤngling an, und nun, mit ſeiner Glycere, gen Himmel. . In dieſen Augen war der Liebe ganze Macht: Sie kam herab aus lichten Höhen, Ein Engel, ſo wie ſie verklärte Geiſter ſehen; Ihr Glanz erleuchtete die Nacht. Ein ſanftes Säuſeln ward gehöret— Und durch die Liebe ſelbſt Hippolytus bekehret. Die Ketten fielen ihm aus der Hand; denn wachend ſah er das holde Kind, das in jenem 238 Myrthenwaͤldchen ein Traumgeſicht ihm gezeigt hatte, und erkannte in ihm die himmliſche Liebe. Er ſchloß den Kerker auf, befreyte die Unſchul⸗ digen, und verſprach ihnen zu folgen. Dieſe flo⸗ hen zu dem kleinen Ueberreſte ihrer Freunde, welche vor den Tyrannen in einer Einoͤde ſich ver⸗ borgen hielten; aber ihren Erretter hatte die Liebe zum Maͤrtyrer geweiht. Ein grauſames Urtheil war uͤber ihn geſprochen; doch, eh' es vollzogen wurde, ließen in einer Nacht ſich die Bewohner des Himmels hernieder. Um ihn verſammelt, nahmen die Jungfrauen unter den Heiligen ihre Kraͤnze ab, und ſtreuten Ihre beſten Roſenblätter Auf das Lager, um den Held; Engel, ſchön wie Liebesgötter, Trugen ihn zur Oberwelt. Nach ſeinem Tode wurd' er von den Liebenden verehrt, und Neuverlobte ſangen ihm ihre Lieder. Eine von dieſen Hymnen hab' ich in einem alten Buche voll Fragmente gefunden; ich will ver⸗ ſuchen, Ihnen, mein gnaͤdiges Fraͤulein, ſie zu uͤberſetzen. In jenen Zeiten der Verfolgung, da Ketten und Kerker nichts ungewoͤhnliches waren, mochte ſie von einigem Nachdrucke ſeyn. Hymne. Der Jüngling. Du, der Liebe Schusgeiſt! höre, Was ich dieſem Mädchen ſchwöre Weihe mich zum erſten Kuß, Heiliger Hippolytus. Das Mädchen. Ketten will ich mit ihm tragen; Aber, ach! bey ſtummen Klagen, Tröſte mich der Liebe Kuß, Gütiger Hippolytus! Der Jüngling. Komm, die Liebende zu retten; Mir nur, mir allein die Ketten! Tröſten ſoll mich nicht ihr Kuß, Mächtiger Hippolytus! Das Mädchen. Segnen, in der Todesſtunde, Will ich ihn mit blaſſem Munde. Weihe mich zum letzten Kuß, Heiliger Hippolytus! Nach und nach ſonderte ſich ein Chor von Maͤd⸗ chen ab, feyerte jaͤhrlich das Gedaͤchtniß unſers Helden, und durch ein Mißverſtaͤndniß wurden, 240 in ſpaͤteren Zeiten, Kloſterfrauen daraus. Seinen Zorn hieruͤber gab der Heilige durch viele Zeichen zu erkennen; aber zum Verdruſſe der jungen Nonnen, achteten die alten Priorinnen nicht dar⸗ auf: denn in jenem barbariſchen Zeitalter muß⸗ ten noch alle Priorinnen alt ſeyn, da es in unſern Tagen manche giebt, mit der ich es nicht ver⸗ derben moͤchte. Auf dieſe Art dauerten die Kloͤ⸗ ſter des Hippolytus viele Jahre lang, und Ihr Stift, wie Philaide mir ſelbſt verſichert hat, gehoͤrte darunter, bis endlich, der ſelige Gericus dieſem Mißbrauch ein Ende machte. 241 Ueber den ſeligen Gericus. Dieſe Legende, mein gnaͤdiges Fraͤulein, wird ziemlich kurz gerathen. Hippolytus iſt mir ſchon ſauer genug geworden, und von dem ſeligen Gericus weiß ich nicht mehr, als von ihm. Er war ein franzoͤſiſcher Herzog, Urheber Ihres Stiftes, und that ein Wunder, ohne daß man erfahren kann, was die Gelegenheit dazu geweſen ſey. Folgendes iſt am wahrſcheinlichſten. Von dem heiligen Hippolytus abgeſandt, die armen Kloſterfrauen zu befreyen, kam er in Ihre Gegend. Auf der nicht weit von Ihrem Stifte gelegenen Wieſe ging er an einem Sommerabend umher, einen Stab in der Rechten, und dachte ſeinen Entwuͤrfen nach. Damals war ein dickes Gehoͤlz am Ende der Wieſe, kuͤhl, einſam, und zum Nachdenken geſchickt. Natuͤrlich war es, ſich demſelben zu naͤhern. Kaum war er einige Schritte hineingegangen, ſo ſah' er einen Juͤng⸗ ling und ein Maͤdchen.— Dieſes waͤre nichts ſonderbares geweſen; aber das Maͤdchen war— eine Nonne. Des Morgens fruͤh war ſie dem 1. 8*† 242 Kloſter entſprungen und wartete die Nacht ab, um mit dem Geliebten ihren Weg ſicherer fort⸗ zuſetzen; in der ganzen Gegend war kein Bach, keine Quelle, und weil der Tag ſehr heiß gewe⸗ ſen, glaubte ſie zu verdurſten. Etwas unwahrſcheinlich wird es Ihnen vorkom⸗ men, mein gnaͤdiges Fraͤulein, daß ſie ſo nahe bey Ihrem Kloſter ſich verſteckt, daß es dem Ge⸗ liebten nicht moͤglich geweſen, ihr einen Trunk Waſſer zu verſchaffen, u. ſ. w. Aber das Wun⸗ der mußte geſchehen, und bey Wunder muß man nicht ſo unglaͤubig ſeyn. Das Naͤdchen liegt nun einmal da, Die matte Hand in ihrem Schoos, An ihren Jüngling hingeſchmieget, Wie das verwelkte Veilchen lieget, Das ſich, auf dürrem Moos, Anm nächſten Myrthenbäumchen hält; Noch einen Sonnenblick! und ach! die Blume fällt. Das Gleichniß von dem Veilchen iſt nicht neu; aber dem Bilde ziemlich angemeſſen. Ohne das Gleichniß, werden Sie das gute Kind bedauern, ſo wie es auch den ſeligen Gericus jammerte, der ohne Zweifel dabey an kein Gleichniß dachte. Kurz, er ſchlug mit dem Stabe dahin, wo bis auf den 34⁴³ heutigen Tag der nach ihm genannte Brunnen, mit einer daruͤber gebauten Capelle, zu ſehen iſt, und traͤnkte das arme Maͤdchen. Durch dieſes Wunder als ein Geſandter des Heiligen beſtaͤtiget, durft' er die Entflohne nach dem Kloſter zuruͤckfuͤhren. Ihre Vermaͤhlung mit dem gluͤcklichen Juͤngling machte den Anfang zu den Verbeſſerungen, welchen Sie, mein gnaͤdiges Fraͤulein, Ihre Praͤbende zu verdanken haben. Unbillig iſt es, daß man einen ſo liebenswuͤr⸗ digen Mann, der doch einmal Hoffnung hat, ein Heiliger zu werden, immer uͤbergeht. Von gan⸗ zem Herzen goͤnnt' ich ihm auch eine Hymne; allein in den angefuͤhrten Fragmenten ſteht keine auf ihn, und ſelbſt eine zu machen, moͤchte mir nicht gelingen. Heute wenigſtens kann ich nicht mehr darauf denken, denn die halbe Nacht iſt ſchon vorbey. Zu einer Legende ſchien mir die Nacht am bequemſten. Ich wuͤnſchte, daß fie von Ihnen, gnaͤdiges Fraͤulein, auch beym Schlafen⸗ gehen geleſen wuͤrde. Vielleicht traͤumten Sie dann, nicht von dem heiligen Hippolytus, aber von einem Myrthenwaͤldchen, und einer Erſchei⸗ nung darin, die Ihnen freylich etwas artigeres prophezeyen muͤßte, als das Gluͤck, eine Heilige zu werden. Venus im Bade. Schhuͤchtern fliehn die Jungen Hirten? Wen verbergen dieſe Myrthen, In geheimnißvoller Nacht, Unter ihren leiſen Blaͤttern? O von tauſend Liebesgoͤttern Wird der ganze Hain bewacht! Taͤubchen laſſen ſich hernieder, Huldgoͤttinnen ſingen Lieder: Iſt es Venus? will ſie hier In dem Silberteiche baden? Ihr gefaͤlligen Dryaden, Einen Blick gewaͤhret mir. Wollt ihr unter euern Zweigen Mich beſchuͤtzen, mir ſie zeigen? Ewig dank ich euch mein Glück, Ewig ſoll mein Lied euch ehren; Zeigt, ach! zeiget mir Cytheren: O ihr Nymphen, einen Zlick! Die Gebuͤſche, die ſie decken, Hoͤren mich. O ſuͤßes Schrecken, Eine Goͤttin unverhuͤllt? Wag' ich es nach der zu blicken, Die mit Liebe, mit Entzuͤcken Eine ganze Welt erfuͤllt? Darf ein Sterblicher? Es gluͤhet Mars, wenn er die Reize ſiehet, Wenn ihr Buſen ſich empoͤrt, Und er nicht den Laͤrm des Krieges, Nicht den wilden Ruf des Sieges, Nur ein zaͤrtlich Seufzen hoͤrt. O ihr Myrthen! o umſchließet Sie vor mir. Der Guͤrtel fließet Nun auf heil'gen Raſen hin. Nieder ſteigt ſie ſchon zur Quelle! Schon beruͤhrt der Fuß die Welle, Dem in Wuͤſten Roſen bluͤhn. Nie wird euch ein Sturm entehren, Ihr Gebuͤſche, wo Cytheren Der verliebte Fruͤhling fand. Koͤmmt ein Maͤdchen ſich zu kuͤhlen, An den Teich, ſo wird es fuͤhlen, Was kein Maͤdchen noch empfand. An die Liebesgoͤtter. Entflieht ihr kleinen Heere Der laͤchelnden Cythere! Das Thal iſt freudenleer; Bereift ſind eure Fluͤgel; Dem nackten, oͤden Huͤgel Toͤnt keine Leyer mehr. Seht! wilde Jaͤger wuͤrgen f Auf hallenden Gebuͤrgen, Sie ſpotten eurer Macht; Von ſproͤden Amazonen, Die nur in Waͤldern wohnen, Wird Paphia verlacht. Wollt ihr vielleicht beym Jagen Die Moroͤgewehre tragen, Der Netze Huͤter ſeyn; Gedungen von Centauren, Auf hohen Aeſten lauren, Zum Klang der Hoͤrner ſchreyn? Und wenn die Stuͤrme wehen, Soll dann auf kalten Hoͤhen, Wo Sonnenſtrahl gebricht, Euch eure Fackel waͤrmen? Dem Wilde nachzuſchwaͤrmen, Gab ſie Cythere nicht. Das Laub, dem Hain entriſſen, Stirbt unter euren Fuͤßen: Flieht! alles iſt verheert. O tragt die durren Blaͤtter, Ihr artigſten der Goͤtter, Auf eines Dichters Herd! 247. 248 Das Taͤubchen. In dieſen dunkeln Hainen Ging ich den loſen Kleinen, Die Koͤcher tragen, nach; Hier, Chloe, hier im Gruͤnen War Amor unter ihnen; Ich hoͤrte, was er ſprach. O wenn in dieſen Schlingen Wir nun das Taͤubchen fingen, Das mir die Mutter wies! O lockt es! ſingt, ihr Bruͤder; Ihr wißt, daß ſich durch Lieder Schon manches taͤuſchen ließ. „Komm, Taͤubchen, komm! Den Wagen Der Venus, ſanft getragen Vom Zephyr, ſollſt du ziehn; Sollſt unter Bluüthen wallen, Wenn in des Adlers Krallen Die Donnerkeile gluhn. Er muß den Zevs begleiten, Und gegen Rieſen ſtreiten, Und mit ins Treffen gehn; Du kannſt in kleinen Kriegen Uns nur zur Seite fliegen, Und uͤberwinden ſehn. O komm! In wenig Tagen Wirſt du verlaſſen klagen, Dein Liebling eilt von hier: Getreuer ſind die Gatten In Paphos ſichern Schatten; Kein Falke raubt ſie dir. Du ſollſt mit Amoretten Dich auf den Guͤrtel betten, Der unſre Goͤttin ziert; Geſchmeichelt von Najaden, Soll dich die Quelle baden, Die Venus nur beruͤhrt.“ So ſangen ſie, die Bruͤder! O ſüße Macht der Lieder! O zauberiſcher Wahn! Das Taͤubchen kommt geflogen, Setzt ſich auf Amors Bogen, Und ſieht den Knaben an. Das Gewitter. Chloe und Damon. Chloe. Siehſt du die ſchnellen Wolken ziehn? Schon donnerts hinter jenen Waͤldern, Schon wird es Racht auf unſern Feldern: Komm, liebſter Damon, laß uns fliehn. Damon. Der Donner ſchweigt, wenn Chloe ſpricht. Wir wollen jede Furcht verbannen; Der Himmel droht nur den Tyrannen, Auf unſre Kuͤſſe zuͤrnt er nicht. Chloe. Ihr Goͤtter! ruͤhrt auf dieſer Flur Euch noch die Unſchuld armer Hirten: Schont, o verſchonet jene Myrthen, Sie hoͤrten meines Damons Schwur. Damon. Ich ſchwur ihr Liebe bis ins Grab: Ihr Blitze hoͤrts, um ſie zu raͤchen; * und koͤnnt' ich je die Schwuͤre brechen, So fahrt auf dieſes Haupt herab! Chloe. Ihr fuͤrchterlichen Blitze, nein! Sollt' ihn der Liebe Schwur gereuen, Ach! ſo verzeiht dem Ungetreuen, Und laſſet mich das Opfer ſeyn. Der Kuſß. Lalage, die kleine Sproͤde, Floh den jungen Lycidas; Bittrer Spott war ihre Rede, Und die Blicke lauter Haß. In das Thal, zu jener Quelle Lockte ſie Dianens Schein; Fernher murmelte die Welle, Leiſe liſpelte der Hain. Sanfter wurden ihre Triebe, Friede ward ihr Herz und Ruh, Denn ein kleines Wort von Liebe Rief ihr jedes Buͤſchchen zu. Liebe ſprach die junge Roſe, Sprach der Quelle gruͤner Rand— Als das Maͤdchen auf dem Mooſe Schlafend einen Knaben fand. Von dem Monde halb beſtralet, Halb in Schatten eingehuͤllt, Lag er im Gebuͤſch. Es malet Nur Albano dieſes Bild. Seine Miene ſagt im Traume, Was die Liebe wachend denkt. An dem naͤchſten Myrthenbaume Iſt ein Koͤcher aufgehaͤngt. Ihm zur Seite glaͤnzt ein Bogen; Naͤher geht das Maͤdchen hin, Und allmaͤhlig ihm gewogen Wird die gute Schaͤferin. Siehſt Du nicht auf jenem Huͤgel, Lalage! die ganze Schaar? Allerliebſte kleine Fluͤgel Haben ſie, und goldnes Haar. Schnell bewegen ſie die Schwingen; An der Quelle ſind ſie ſchon, Tanzen um das Kind, und ſingen Lieder von Anakreon. 2 54¾ Aufgewecket durch die Lieder, Sieht der kleine Gott umher; Miſcht ſich unter ſeine Bruͤder, Und der Hirtin laͤchelt er. Tauſend neue Bluͤmchen ſprießen, Wo ſie tanzen, aus dem Klee; Mitten in den Reihen ſchließen Sie die ſchoͤne Lalage. Langſam ſteigt ihr Buſen; leife Wuͤnſchet ſie, und weiß nicht was. Seht doch, neben ihr im Kreiſe Steht der junge Lycidas. Ihm entfliehen will die Sproͤde, Ihn verachten ſoll ihr Blick; Doch der Juͤngling, nicht mehr bloͤde, Haͤlt die Schaͤferin zuruͤck. Fliehen kann ſie nicht; es haben Ihren Bogen, aufgeſpannt, Rings um ſie die Goͤtterknaben In der raͤcheriſchen Hand. Kuͤſſen muß ſie nun den Hirten, Und ein wolluſtvolles Ach! Unter ſanftbewegten Myrthen Seufzet Philomele nach. Im Triumphe weggeflogen Sind die Goͤtter, ohne Streit. Maͤchtiger als Amors Bogen Iſt ein Kuß der Zaͤrtlichkeit. 256 Bey Ueberſendung einiger Blumenſtoͤcke im Maͤrz. Eine Goͤttin ſollt ihr zieren. Eilt, ihr Blumen, ſagt Themiren, Daß ich zaͤrtlich euch geliebt, Daß ich muͤhſam euch erzogen; Und dann ſeht, ob ſie gewogen Einen holden Zlick euch giebt. Myrthen ſchmuͤcken die Altaͤre Der allwaltenden Cythere; Aber gluͤcklicher ſeyd ihr! Wenn Themire ſelbſt euch pfleget, Euch an ihrem Buſen heget, Dann, ihr Blumen, danket mir. Seht nur: junge Liebesgoͤtter Faͤrben eure zarten Blaͤtter, Eh' der Lenz euch angeblickt. Euer Schmuck wird einſt verderben, Aber ſchoͤn iſt es, zu ſterben, Von Themirens Hand gepfluckt. Wenn die Goͤttin euch bedauert, Um die kleine Leiche trauert, Euch umſonſt ins Leben ruft: O wer wird euch nicht beneiden, O wer ſtürbe nicht mit Freuden, Klagte ſie bey ſeiner Gruft! Jacobi'’s Werke. I. 258 Nachtgedanken. An Gleim*. Erſte Nacht. War ich jemals in der Gefahr, Nachtgedanken zu ſchreiben, ſo iſt es jetzt. Welche Verſuchung, mein Liebſter! Ich darf nicht in einem artigen Saale mir Ruinen und Graͤber vorſtellen; fondern ²) Im Jahre 1769 wurde ich an dem Stifte des H. Bonifacius und Mauritius in Halberſtadt als Canonicus aufgenommen, und mußte, damit doch etwas von dem ehemaligen, unter den röm. katholiſchen Stiftsherren üblichen Noviziate bey⸗ behalten würde, zwey Rächte in der Kirche, oder vielmehr in der daran gebauten Kapitelſtube ſchla⸗ fen. Hier erinnerte mich die einſame Zelle an die, zu jener Zeit häufigen unglücklichen Nachahmer von Noung; und um mir den Abend zu ver⸗ kürzen, warf ich auf das Papier, was die Laune des Augenblicks mir eingab. meine Wohnung iſt wirklich ein altes Zimmer, rings umher mit Kirchhoͤfen umgeben, und auf gewoͤlbte Gaͤnge geſtuͤtzt, in denen lauter Geiſt⸗ liche dieſes Stifts begraben liegen. Dieſe Gaͤnge fuͤhren zu einer Kirche, der das Alterthum ein ſehr feyerliches Anſehen giebt. Was meinen Sie, liebſter Freund, iſt es nicht ſchwer, einen ſolchen Anlaß ungebraucht zu laſſen? Nur Einen Schritt vor die Thuͤr, ſo kann ich, von Todten umringt, an eine Saͤule mich hinlehnen und klagen. Schon der große runde Tiſch vor mir, der ſo mancher Kapitelverſammlung beywohnte, laͤßt wohl keine andere Begeiſterung zu. Ihn hat in ſeinem ehrenvollen Getreuen Dienſte nie die Muſe noch geſtört. Beladen ſah er mich mit Akten, Protokollen, Regiſtern, halb zernagten Pergamenten, Kaum leſerlichen Dokumenten, Und was zum Gähnen ſonſt gehört. Mitten auf demſelben ſteht Ein ungeheures Dintenfaß, Ein altes gothiſches Gebäude, Bey welchem nie der Gott der Freude Mit jugendlichen Scherzen ſaß, Und ihnen kleine Verſe las. 260 Vielleicht haͤtte mich alles dieſes verfuͤhrt, waͤr' ich nicht gleich im Anfange, noch eh ich an meine Zelle kam, in ernſten Betrachtungen unterbrochen worden. Als ich in den Kreuzgaͤngen auf Graͤbern herum ging, unterſucht' ich mit einer kleinen La⸗ terne jeden Leichenſtein. Welche poſſierliche Fi⸗ guren! Keiner von meinen lieben Vorgaͤngern konnte ſo barbariſch ſeyn, als er da in Stein gehauen iſt. Wenn dieſe Monumente, dacht' ich, ein alter Grieche ſaͤhe! Doch, mein Liebſter, Sie koͤnnten mich zuletzt fuͤr einen Scarron halten, der in den ernſthafteſten Sachen etwas Komiſches findet, und im Tode ſelbſt nicht aufhoͤrt zu ſcherzen: 4 Der für die Sünden ſeiner Leyer, Hinabfährt in das Fegefeuer, Und dort in fürchterlicher Nacht, Erhellt durch blaſſe Schwefellichter, Noch heimlich über die Geſichter Grotesker Höllengeiſter lacht. Nein, beſter Freund, ſo leichtſinnig bin ich nicht; aber ich rufe da, wo es noͤthig iſt, meine gute Laune zu Huͤlfe, um mich aufzuheitern. Meine Moral iſt: Im Schatten hangender Ruinen So treu den Grazien zu dienen, Wie da, wo ſtiller Haine Nacht Sich Cypria zum Tempel macht. Nirgend verlaͤßt mich meine gewoͤhnliche Ge⸗ ſellſchaft, in der ich wenigſtens nur unſchuldige Thorheiten begehe. Und wollt' ich auch, ein ſtrenger Mann, In unwirthbare Wüſten eilen, Wo Krähen ächzen, Wölfe heulen, Und ſtarrt' ich da die Wälder an— So machte doch der Liebesgott Die Weisheit alle mir zu Spott. Ihn ſäh' ich bald, mit kleinen Göttern, Er ritt' auf Tiger, Löw' und Bär, Ein ſchnöder Knabe vor mir her; und Mädchen lachten in den Sträuchen, Und Madchen ſchwammen in den Teichen; Die ſchlichen alle, nach und nach, Mir in die wilde Grotte nach. Hier rettete kein Winkel mich; O Freund! ich würde ſicherlich, Und wäre Tod in ihren Küſſen, Der ſchlauen Liebe folgen müſſen. Eine ziemlich lange Vorrede, beſter Gleim, um Ihnen zu ſagen, worin meine naͤchtlichen 262 Gedanken in dieſer ernſthaften Wohnung ſich aufloͤsten!—— In ein Lied An Belinden. Es hoͤrte dieſe Zelle Noch nie der Liebe Gruß, Und die geweihte Schwelle Betrat kein ſchoͤner Fuß. An oͤden Mauern gehen Geſpenſter, blaß und ſtumm, In ſich gehuͤllt, und ſehen Nach mir ſich warnend um. Ach, aber ach! Belinde, Dein Bildniß folgt mir nach, Dein Bildniß, welche Suͤnde! Ins fromme Schlafgemach. Statt heiliger Geſaͤnge, Statt Hymnen, toͤnet hier Durch lange dunkle Gaͤnge Nur deine Stimme mir. 263 An jene Finſterniſſe Denk' ich in dieſer Nacht, Als unſre letzten Kuͤſſe Die Liebe ſelbſt bewacht. Der du den Tempel ſchuͤtzeſt, Mit Biſchoͤflichem Stab Hoch auf Altaͤren ſitzen, Komm, Heiliger! herab*), Und ſtrafe das Verbrechen Getreuer Zaͤrtlichkeit, Wenn einen Kuß zu raͤchen Dir Lieba nicht verbeut**). O denke, welch ein Feuer Im Buſen dir gebrannt, Als mit dem keuſchen Schleyer Die Nonne vor dir ſtand; *) Bonifacius iſt eigentlich Stiftspatron: Mauri⸗ tius nur der Heilige der Kirche, die ſonſt nicht zum Stifte gehörte. **) Mit andern Frauensperſonen ließ Bonifacius ſie aus England kommen, um den Frauenklöſtern vorzuſtehen. Man beſchuldigt ihn einer allzugro⸗ ßen Vertraulichkeit mit ihr. 204 Als du den Schleyer kuͤßteſt, Und an zu ſeufzen fingſt, Und für die Sunde buͤßteſt, Und wieder ſie begingſt! Wie war ſie deinen Blicken, O wie ſo himmliſch ſchoͤn, Du wollteſt, voll Entzuͤcken, Nach ihr noch ſterbend ſehn; Mit ihr zugleich verweſen, An ihrer Seite ruhn*); Was Lieba dir geweſen, Iſt mir Belinde nun. *) Er äußeyte wirklich dieſen Wunſch. S. den Wil. libaldus in vita Bonifacii, c. 8. Zweyte Nacht. Gewiß, glaubten Sie, wuͤrde der heilige Bo⸗ nifacius dieſe Nacht mir erſcheinen? Nichts waͤre leichter, als ihn herabkommen zu laſſen; allein ich fürchte, mein Liebſter, er moͤchte denjenigen zu aͤhnlich werden, der auf eine von dieſen Fen⸗ ſterſcheiben gemalt iſt, und dann ſcherzten Sie daruͤber. Oder ſie daͤchten wohl gar, ich haͤtte ſelbſt mit ihm ſcherzen wollen; und das iſt meine Abſicht nicht. Seitdem ich das Leben des Biſchofs las, iſt er mir außerordentlich ehrwuͤrdig; und auch Ihnen ſoll er es werden; wenn ſie Luſt haben, ihn etwas genauer kennen zu lernen. Das ſchadet ihm nicht, daß der beruͤhmte Arnold, Mit blut'ger Geißel in der Hand, Ihn aus der Schar der Heiligen verbannt, Ihn zu Propheten zählt, die Länder nur ver⸗ wüſten, Zu lügenden Evangeliſten, 266 u Wüthrichen, zu Antichriſten, Und daß er endlich ganz die fromme Rache ſtillt, Indem er ihn das Thier der Offenbarung ſchilt*) Ein Mann, wie Arnold, der ſo viele Ketzer gerichtet hat, bekoͤmmt zuletzt eine Leichtigkeit, alles nach der groͤßten Strenge zu beurtheilen. Einige von ſeinen Beſchuldigungen ſind ſchon wi⸗ derlegt worden**), und bey den uüͤbrigen wollen wir ein wenig gelinder verfahren. Soll man einen Mann von ſo großen Verdienſten gleich verdam⸗ men, wegen ſeiner Liebe zu der ſchoͤnen Eng⸗ laͤnderin? Wenn ihr die Tracht der Nonnen artig ließ; Wenn ſie, mit unſchuldvollen Mienen, Ein zärtlich Herz verhieß; Wenn ſie, gleich Engeln, ihm in ſanftem Glanz 4 erſchienen— Wer würde wohl ſo grauſam ſeyn, Und nicht ein Fehlerchen verzeihn? *) Siehe ſeine Kirchen⸗ und Keherhiſtorie. Thl. I. IIX. GC. I1. **) Z. B. daß er mit einer Armee nach Thüringen gekommen ſey, widerlegt Spangenberg. S. deſſen Hist. Eccles. 4. 267 Haͤtt' ich meinem Heiligen auch nicht das Ge⸗ ringſte zu verdanken, ſo waͤr' er mir ſchaͤtzbar: Nicht, weil er, als Apoſtel, ſchnell Die Welt durchflog, und mit den Heiden zankte*); Nicht, weil der Engel Michael Ihm Kirchen und Altäre dankte*): Nicht, weil im ſtrahlenden Gewand Und ihm ein ſtolzer König kniete***); Noch weniger, weil, aus der Welt verbannt, Die Unſchuld ihm ſich anvertraute, Und er für ſie verhaßte Kerker baute, Und Heiligen die ſchönſten Mädchen gab, Wenn ihre Wange noch für Erdenſöhne glühte: Nicht weil ſein wundervoller Stab, Als Baum emporgeſtiegen, blühte t), Bis ein den Pilgern werthes Grab *) Es iſt bekannt, daß er der Apoſtel der Deutſchen genannt wird. .*) Die eine Kirche da, wo jett Ortruff liegt, die andere zu Amelburg. **) Pipinus, dem er gegen ſeinen ältern Bruder Grypho beyſtand. t) Er hatte vor einer Kirchthür den Stab in die Erde geſteckt, als er die Kirche einweihen wollte. 268 Des Märtyrers Gebein empfangen, Und Glocken von ſich ſelbſt zu läuten angefangen*⁵). Aus allen dieſen Urſachen nicht; nur wegen des letzten Auftritts in ſeinem Leben. Um einige neubekehrte Frieſen zu firmeln, hatt' er an dem Ufer eines Fluſſes ein kleines Lager errichtet. Ploͤtzlich wurd' er von den Heiden uͤberfallen, und junge Helden, die er um ſich hatte, wollten gegen ihre Landsleute ſtreiten. Sanft, wie ein Himmelsbote, trat Er zu den Seinigen, und bat, Um ihn den Frieden nicht zu brechen, Nicht ihres Freundes Tod zu rächen. Es hörten Engel ihn die ſüßen Worte ſprechen Und ſegneten die große That, Und ſegneten den Prieſter, der nach Blut Nicht dürſtete, den Lehrer ohne Wuth; Den Heiligen, der nicht ein Gott ſich däuchte, Kein Kriegesheer dem Himmel warb, Den Feinden ſelbſt den Nacken reichte, und froh für eines Volkes Ruhe ſtarb. Eiin mildes Licht aus offnem Himmel floß *) In dem von ihm erbauten Kloſter zu Fulda, wo ſein Leichnam hingebracht worden. 269 Um ihn, da ſich kein Auge ſchloß. Der Himmel ſang:„Im Tode Sanftmuth lehren, Durch eigne Menſchlichkeit Unmenſchliche bekehren, Iſt mehr, als Götzen widerſtehn, Auf Trümmern von Altären gehen, Und einer Jecha Bild zerſtören*).“ Sagen Sie, beſter Gleim, ſollte nicht ein ſo ſchoͤner Tod fuͤr hundert Vergehen Nachſicht ver⸗ dienen? *) Bonifacius zerſtörte dieſe heidniſche Göttin, die der Stadt Jechaburg verehrt wurde. Olear. Hist. Thur. T. I. p. 165. 270 An Gleim. Düſſeldorf, den 4. April 1769*). Den Augenblick, mein liebſter Freund, gab ich, unter fremdem Pettſchaft, an Sie ein Paͤckchen *) Der Brief, den ich hier mit ein Paar Abkür⸗ zungen, welche mir nöthig ſchienen, mittheile, war ſchon zur Vergeſſenheit beſtimmt, als einige meiner Freunde mich um die Erhaltung deſſelben baten. Sie glauben, daß ich ihn wegen der Art, wie er aufgenommen worden, als Denk⸗ maal des Geiſtes jener Zeit, aufbewahren müßte. Es war damals die empfindſame Periode. Yorick hatte in den beſſern Seelen manches wahrhaft gute Gefühl rege gemacht, das ſich in ſeiner Einfalt und Lauterkeit erhielt; dagegen ſuchten andre ſich durch die Kunſt in Gefühle zu verſetzen, die ſie gern gehabt hätten, die ihnen aber nicht eigen waren; und noch andre begnüg⸗ ten ſich mit dem äußern Scheine der Empfind⸗ ſamkeit. Ich, mit meinem unbefangenen Sinne, dachte nicht an die letzteren; und weil ich über⸗ 274 auf die Poſt, worin Sie eine hornene Schnupf⸗ tabacksdoſe finden werden, mit der Inſchrift, haupt dem größeren Theile der Menſchen zutraute, was ich nur von wenigen zu hoffen berechtiget war, ſo ließ ich die Epiſtel an Gleim in den Hamburger⸗Correſpondenten einrücken. Wie erſtaunte ich, als gleich nach ihrer Erſchei⸗ nung, faſt alles, was zur feinern Welt gehörte, zumal in Ober⸗ und Riederſachſen, nach einer Lorenzo⸗Doſe ſich umſah!— Ein glücklicher Ein⸗ fall! ſagten die Drechsler; mehrere Kaufleute machten daraus eine Sache der Spekulation; bald wurden die Doſen von Horn, in großer Menge, nicht allein durch ganz Deutſchland, ſondern bis nach Dänemark und Liefland ver⸗ ſchickt. Ein deutſcher Reichsgraf benutzte ſogar das Blech, das ihm ſeine Bergwerke brachten, zu Lorenzo⸗Doſen. Kurz, ſie waren in allen Händen; aber eben darum, in was für Händen oft? Jetztt erkannte ich meine Schwärmerey, in welcher ich verſprochen hatte, jedem, der mir dieſes Ordenszeichen darbieten würde, brüderliche Vertraulichkeit zu beweiſen. Wußte ich doch, wie geſchwind dergleichen ſeine wahre Bedeutung verliert und in Mode ausartet! Indeſſen blieben viele ihrer erſten Empfindung getreu, und Schlich⸗ 272 auswendig auf dem Deckel: Pater Lorenzo, und inwendig: Yorick. Nun ſchreibe ich den Brief dazu; und dieſen ſollen Sie in einem oͤffent⸗ lichen Blatte leſen. Den Sinn des Geſchenks werden Sie gleich errathen; allein, ich wuͤnſchte, daß Sie eben ſo bald den Geber deſſelben errie⸗ then, und es dem Herzen Ihres Jacobi zutrau⸗ ten; aus dieſer Urſache halte ich den Brief noch zuruͤck. Warum ich ihn aber drucken laſſe? Weil er in die Haͤnde Vieler kommen ſoll, die unſre Freunde ſind, oder es ſeyn koͤnnten. Hoͤren Sie alſo, mein Liebſter, die Geſchichte der Doſe! Meinem Bruder, der mit mir gleich empfindet, und einem Zirkel von gefuͤhlvollen Frauenzimmern, las ich, vor einigen Tagen, YNoricks Reiſe vor. Wir kamen an die Geſchichte des armen Fran⸗ ziſcaners Lorenzo, welcher Yorick um ein Allmoſen bat, von ihm abgewieſen wurde, durch ſein ſanft⸗ tegroll in ſeinem Nekrolog erzählt von einem wirklichen Lorenzo⸗Orden, deſſen Stifter ein Mann von Anſehen und von ausgezeichneten Ver⸗ dienſten war. Uebrigens charakteriſirt es die ge⸗ bildete Klaſſe jener Zeit, daß weder ein Wihling in der Geſellſchaft über meine Doſen zu ſpötteln, noch ein mir ungünſtiges Journal ſie öffentlich anzugreifen ſich getraute. muͤthiges Betragen dem Englaͤnder Reue daruͤber einfloͤßte, nachher zum Zeichen der Verſoͤhnung von ihm eine ſchildpattene Doſe bekam, wogegen er ihm die ſeinige von Horn gab u. ſ. w. Wir laſen wie Yorick dieſe Doſe dazu gebraucht, um den ſanften gelaſſenen Geiſt ihres vorigen Beſitzers hervorzurufen, und den ſeinigen, bey den in der Welt zu kaͤmpfenden Kaͤmpfen, in Faſſung zu er⸗ halten.„Der gute Moͤnch war geſtorben; Yorick ſaß bey ſeinem Grabe, zog die kleine Doſe her⸗ vor, riß einige Neſſeln zum Kopfe des Begrabenen aus, und weinte.“ Wir ſahen einander ſtill⸗ ſchweigend an; ein jeder freute ſich, in den Au⸗ gen des andern Thraͤnen zu finden; wir feyerten den Tod des ehrwuͤrdigen Greiſes Lorenzo, und des gutherzigen Englaͤnders. Unſer Herz ſagte uns: Yorick haͤtte, waͤren wir ihm bekannt ge⸗ weſen, uns geliebet; und der Franziſcaner, glaubten wir, verdiene mehr, als alle Heiligen der Legende, kanoniſirt zu werden. Sanftmuth, Zufriedenheit mit der Welt, unuͤberwindliche Ge⸗ duld, Verzeihung fuͤr die Fehler der Menſchen, dieſe erſten Tugenden lehrt er ſeine Schuͤler: wie viel beſſer ſind ſie, als der fromme Stolz der mehrſten geſtifteten Orden! Wie ſuͤß war ans das Andenken an den erhabenen Moͤnch, 1. 9* 274 und an den, der ſo willig von ihm lernte! Viel zu ſuͤß, um nicht durch etwas Sinnliches unter⸗ halten zu werden! Wir alle kauften uns eine Schnupftabacksdoſe von Horn, worauf wir mit goldenen Buchſtaben die Schrift ſetzen ließen, die auf der Ihrigen ſteht. Wir alle thaten das Ge⸗ luͤbde, des heiligen Lorenzo wegen, jedem Fran⸗ ziſcaner etwas zu geben, der um eine Gabe uns anſprechen wuͤrde. Sollte in unſrer Geſellſchaft ſich einer durch Hitze uͤberwaͤltigen laſſen, ſo haͤlt ihm ſein Freund die Doſe vor, und wir haben zu viel Gefuͤhl, um dieſer Erinnerung, auch in der groͤßten Heftigkeit, zu widerſtehen. Unſre Damen, die keinen Taback brauchen, muͤſſen we⸗ nigſtens auf ihrtem Nachttiſch eine ſolche Doſe ſtehen haben; denn ihnen gehoͤren, in einem hoͤhern Grade, die ſanften Empfindungen, die wir aus ihren Blicken, aus ihrem Ton, aus ihren Urtheilen ſchoͤpfen ſollen. Nicht genug war es uns, dieſe Verabredung in einem kleinen Zirkel genommen zu haben; wir wuͤnſchten auch, daß auswaͤrtige Freunde ſich uns darin gleich ſtell⸗ ten. An einige ſchickten wir das Geſchenk, das Sie bekommen, als ein uns heiliges Ordenszei⸗ chen; andern ſoll dieſer Brief unſre Gedanken mittheilen. Viele Leſer werden gar nichts dabey 275 fuͤhlen; andre nicht Muth genug haben, ſich in eine Verpflichtung zum Kampfe uͤber ſich ſelbſt einzulaſſen; andre wohl gar klein genug ſeyn, ſich an den Wohlſtand zu kehren, der ihnen durch eine Doſe von Horn beleidigt ſcheint. Die erſten bedauern wir; von den zweyten hoffen wir Beſſe⸗ rung, und die dritten leben nicht fuͤr uns. Viel⸗ leicht hab' ich in Zukunft das Vergnuͤgen, an fremden Orten, hie und da, einen Unbekannten anzutreffen, der mir ſeine Doſe von Horn, mit den goldenen Buchſtaben, reicht. Ihn werd' ich ſo vertraut, als, nach gegebenem Zeichen, ein. Freymaurer den andern, umarmen. O wie wollt ich mich freuen, wenn ich unter meinen hieſigen Mitbuͤrgern einen ſo theuern Gebrauch einfuͤhren koͤnnte! Dann wuͤrde die Religion ſie nicht mehr entzweyen; einen gemeinſchaftlichen Heiligen haͤtten ſie; der proteſtantiſche Geiſtliche wuͤrde den katholiſchen Ordensbruder ſeinen Freund nen⸗ nen, ihm verzeihen, daß er ein langes graues Gewand traͤgt; und der Ordensbruder lernte, bey ſeinen Wallfahrten zu der im Hain gelegenen Kapelle, alle Menſchen lieben, wegen der Gott⸗ heit, die fuͤr alle Menſchen, aus Liebe, den Hain erſchuf. An die Frau von u* Bey Ueberſendung einer Lorenzodoſe und des dazu gehö⸗ rigen Briefs an Gleim. Wenn, ihrem Heiligen zu fröhnen, Sich hübſche, junge Magdalenen Zu frommer Einſamkeit gewöhnen, Und fern von dieſer argen Welt, Ein Kloſter ſie gefangen hält; Wenn ſie die Augen niederſchlagen, Wenn unter dichtgewebten Kragen Ihr ſchöner Buſen ſich verſteckt; Ein grobes Kleid die zarten Glieder deckt; Wenn ungeſehen, ungeküßt, Nicht mehr bekannt mit frohen Scherzen, Umleuchtet von geweihten Kerzen, Ein Todtenkopf ihr Spielwerk iſt: Dann ruft ſie die verlaßne Flur: Dann klagt um ſie, dann zürnet die Natur. In Wahrheit, gnaͤdige Frau, ich wuͤrde mie ein Gewiſſen daraus machen, einen neuen Hei⸗ ligen zu erfinden, der uns einige von unſern 277 Schoͤnen rauben koͤnnte. Das aber haben Sie von dem, deſſen Legende ich Ihnen ſchicke, nicht zu befuͤrchten. Ich nahm mir die Freyheit, ihn fuͤr mich ganz allein zu canoniſiren; die Cardinaͤle wiſſen nichts davon. Genug, wenn er unſre Stimme hat, und die Stimme derer, die wie wir denken! Ein recht guter Mann iſt es, der nichts weiter von den Damen verlangt, als daß ſie immer freundlich ausſehen. Kann er etwas Angeneh⸗ meres von Ihnen fordern? Ein Auge, das ſo reizend lacht, Das Sterbliche zu Göttern macht, Und einen Gott bezaubern ſollte, Wie Schade, wenn es zürnen wollte! Leſen Sie, meine gnaͤdige Frau, die Legende, und ſetzen die kleine Doſe auf Ihren Nachttiſch. Sie laͤßt doch immer artiger, als Magdalenens Todtenkopf. An den Geheimenrath Klotz*). Sie wiſſen, mein Freund, wie oft ich mit Ihnen uͤber unſre neueſten Dichter ſpottete, uͤber die Saͤnger der Schwermuth, die, ohne Anlaß und ohne Genie, dem ehrwuͤrdigen Noung nachkla⸗ gen, und ihn herabwuͤrdigen. Jetzt aber waͤr“ ich beynahe ſelbſt ein Nachtwandler geworden; hoͤren Sie nur, wie es zuging! Vorgeſtern, nachdem ich bey Gleim zu Nacht geſpeist hatte, fiel unſer Geſpraͤch auf jene Dich⸗ ter. Wir zuͤrnten nicht ſowohl auf ſie, als auf die heutigen Ariſtarchen, die, wenn ſie gleich ein ſolches Unweſen auf dem Parnaſſe nicht bil⸗ ligen, doch keinen Saͤnger der Freude mehr dul⸗ den wollen, und ihren albernen Ernſt einem *) Zwar ſind die Dichter von der traurigen Ge⸗ ſtalt längſt unter uns verſchwunden, und es ſcheint, als wollte die von der burlesken Ge⸗ ſtalt ihren Platz einnehmen; indeſſen kann viel⸗ leicht die getreue Darſtellung der erſtern in die⸗ ſem Briefe, als ein kleiner Beytrag zur deut⸗ 279 großen Theile der Leſer, ſogar der beſſeren, mit⸗ theilen, indem man bereits ein kleines munteres Lied mit einer Art von Geringſchaͤtzung bey Seite zu legen anfaͤngt. Voll von dieſen Ideen, ging ich nach Hauſe, wo ich einen Monolog hielt, und das Ueberſpannte in der Phantaſie der Dichter, ſo wie das Ueber⸗ triebne in den Forderungen der Kritiker, gewaltig ruͤgte, ohne zu merken, daß ich ſelbſt in Hyper⸗ beln ſprach. Nein, ſagte ich, die Deutſchen ver⸗ dienen es nicht, daß man ihnen frohe Lieder ſingt. Lauter Leichenſaͤnger ſollten ſie haben, lauter ſchwarze Propheten, um die es kein großer Ver⸗ luſt waͤre, wenn ſie zuletzt geſteinigt wuͤrden. Wenigſtens moͤchte ich auf eine Zeitlang ihnen ſolche wuͤnſchen, damit ſie den Werth der Dichter einſehen lernten, welche die Natur um ſie her verſchoͤnern, den Gang durchs Leben ihnen leich⸗ ter machen. ſchen Literaturgeſchichte, für manchen einiges In⸗ tereſſe haben. Wenigſtens beweist ſie, zu wel⸗ chem Unſinn unſre Schriftſteller ſich ſchon durch Rachahmungsſucht und Modeton verleiten ließen, und wie ſehr man gegen jede neue Abweichung vom Wahren und Schönen eifern ſollte. 280 Spaͤt erſt begab ich mich zur Ruhe. Die Stimmung, worin ich war, dauerte fort, bis ich einſchlief; und nun ſah ich das, was ich mir ſchon mit zu widrigen Farben gemalt hatte, in einem noch grelleren Lichte. Kurz, mein Freund, ich faßte den Entſchluß, alle meine Liebesgoͤtter abzudanken, mich unter die Schar einſamer Juͤnglinge zu begeben, und etwas ſo Melancholi⸗ ſches zu ſchreiben, daß allen meinen Leſern Angſt und bange dabey wuͤrde. Die langen, ſchreckli⸗ chen, halb griechiſch⸗ und halb deutſchen Worte, die zu Nachtgedanken noͤthig ſind, ſetzt' ich auf einen Zettel zuſammen, und mit dieſem Talisman ging ich aus, eine zur Begeiſterung geſchickte Gegend zu finden. Im Anfange fiel mir die Ra⸗ deninſel*) ein, wo ich von dem dichten Gehoͤlz und von dem Gekraͤchze ſchwarzer Voͤgel mir vie⸗ les verſprach. Bald aber hielt ich die Ruinen von Giebichenſtein fuͤr ſchicklicher. Eingefallene Thuͤrme, Felſen und Felſenkluͤfte: O wie ſchoͤn laͤßt es ſich da klagen! An Eulen kann es auch nicht fehlen, und dieſe muͤßen nothwendig beſſere Dienſte thun, als die Raben. Ich betrog mich nicht. Kaum hatt' ich, dem Berge gegenuͤber, *) Unweit Halle. 284 an die Erde mich hingelegt, als ein erwuͤnſchtes Abenteuer mir aufſtieß. Oben auf der Spitze des Berges, neben dem zerſtuͤmmelten Thurm, erſchien mir ploͤtzlich Ein kleiner finſtrer Geniusg Es ſollten unter ſeinem Fuß, Der mächtig niedertrat, die ſtarken Felſen beben; Allein die Felſen bebten nicht. Entſtellt und blaß war ſein Geſicht; Sein Auge ſuchte Wüſteneyen, Und ſchien der Sonne ſanftes Licht, Der Wälder Grün, das bunte Thal zu ſcheuen. Ein Leichentuch war ſein Gewand, Das Flittergold von Todtenkränzen Sah' ich um ſeine Schläfe glänzen. Dryaden gingen, Hand in Hand, Nicht weit von mir, bereit zu frohen Tänzen: Dem Faune zeigten ſie den kleinen ſchwarzen Mann, Und fingen laut zu lachen an. Ohne ſich an das Gelaͤchter zu kehren, kam mein Genius mit einer recht feyerlichen Miene von dem Felſen herab, und trat vor mich hin. Auf ſeiner Stirn glaubte ich alle Phantomen, Myriaden, Aeonen, hochdaherbrauſende Donner und tiefſchauernde Finſterniſſe zu leſen, die auf meinem Zettel ſtanden; und, haͤtt' er ſich gleich 282 nicht zu erkennen gegeben, ſo waͤr' er von mir beym erſten Anblicke für einen Daͤmon gehalten worden, der die naͤchtlichen Dichter begeiſtert. Doch er kuͤndigte ſich mir ſelbſt unter dieſem Na⸗ men an. Unmoͤglich konnt' ich ein kleines Laͤcheln verbergen, das ihm verrieth, wie wenig ich noch in ſeinen Geheimniſſen bewandert waͤre. Schon bereut' ich es, als er mit einer Baßſtimme, die bey der kleinen Figur etwas Poſſierliches hatte, halb in poetiſcher Proſa, und halb in ſtolpern⸗ den Hexametern, die ich aber in gereimte Verſe uͤberſetzen will, mich alſo anredete:„Der du willſt, daß elende Sterbliche ſich freuen, Unhei⸗ liger! zittre!— bebe!— Sieh auf meinen Lieb⸗ ling!— und— lerne von ihm! Ihn ſchreckt am hellen Tage Die bange Mitternacht, Und wenn der Frühling lacht, Ertönet ſeine Klage. Da, wo ſich mit Geſang Verliebte Vögel locken, Hört er der Sterbeglocken Hochfeyerlichen Klang. Ihm zeigt, auf jeder Flur, Die ſeufzende Natur Verlaßne Gräber nur. Bedeckt mit Todesbläſſe Schleicht er umher, und ſieht Die trauernde Cypreſſe Da, wo die Roſe blüht. Die jüngſte Schäferin, Die ſchönſte Waldgöttin, Iſt ihm ein ſtummer Geiſt, Der hin auf Urnen weist. Hingegen athmet er reinere Vergnuͤgen, zu groß fuͤr dieſe verachtungswuͤrdigen Zonen. Welche trunkne Freuden! welche olympiſche Wol⸗ luſt! nur dem Dichter fuͤhlbar, Der mit ätheriſch leichten Schwingen Vom niedern Staube ſich erhöht, Den Sphären etwas vorzuſingen, Das ſelbſt ein Seraph nicht verſteht. Hier kehrte mein Geſpenſt die Schaufel um, die es vermuthlich deßwegen in der Hand trug, um Graͤber aufzuwerfen, wo keine ſind, machte mit dem Stiel einen entſetzlichen Strich in den Sand, ſo wie ſeine Schuͤler auf das Papier— und war verſchwunden. Die Geſtalt meiner kuͤnf⸗ tigen Muſe, und noch mehr ihre Rede haͤtte mich von dem erſten Vorhaben gewiß abgeſchreckt, waͤr' ich nicht zu ſehr mit dem Plan meiner Rache beſchaͤftigt geweſen. Wirklich begab ich mich nach unſerm großen Kirchhofe, wo ich, mitten in der Nacht, zwiſchen Graͤbern umher wandelte. Kaum aber war meine melancholiſche Begeiſterung ange⸗ gangen, ſo bemerkte ich von fern ein Licht, das durch niedre Geſtraͤuche ſchimmerte. Schauder uͤberfiel mich, und in der Angſt fand ich den Schluß eines Hexameters, den ich lange verge⸗ bens geſucht hatte. Dennoch faßte ich mich, und ging dem Schimmer nach. Wie erſtaunt' ich, Als ich den kleinen Amor ſah! Mit ſeiner Fackel ſaß er da, Gelehnt an eines Grabes Hügel, Und ließ den Thränen ihren Lauf. Es keimten unter ſeinem Flügel Die ſchönſten Blumen auf. Amor, unter den Nachtwandlern, auf einem Kirchhofe? Die Frage, die ich mir ſelbſt heimlich that, mochte der Knabe gleich errathen; denn mit leiſer Stimme ſagt' er mir: Dieſer Huͤgel bedeckt eine junge reitzende Schoͤne. Sie ſtarb im unentweihten Kranze, Den Grazien ihr aufgeſett. Dieß iſt die dritte Nacht, ſeit, fern von Spiel und Tanze, V V Mit Thränen ihre Gruft ein Götterkind beneht, Kam Jupiter in ſchwarzen Wettern, Dann hielt ihr ſanfter Blick Den rächeriſchen Arm zurück. Geliebt war ſie von allen Göttern Mehr, als der Weiſe, der in Wüſten ſich gefällt: Denn Freude gab ſie nur der Welt! Dieſe letzten Worte waren mit einem Laͤcheln begleitet, das mitten unter den Thraͤnen hervor⸗ brach, und einen zu ſtarken Eindruck auf mich machte, um nicht meine Rache zu zernichten. Der Liebesgott aber nahm von dem Huͤgel, an welchem er ſaß, einige Roſen, und fuhr mit heitrer Miene in ſeiner Rede fort: Soll Amor ewig hier verweilen? Nein, dieſe Blumen gab mir ihre Gruft: Mit ihnen will ich hin auf jene Triften eilen, Wo Jugend mir und unſchuld ruft; Mit ihnen will ich Oreaden und Hirtenmädchen und Dryaden Zu einem neuen Feſte laden, So bald der junge Tag erwacht. Warum ſoll Finſterniß und Nacht, Die bey den Todten wohnt, auch Lebende ſchon drücken? Ein Weiſer lerne ſich und eine Welt beglücken, Und ſelbſt auf Gräbern Roſen pflücken! 286 Eine ſo philoſophiſche Rede hatt' ich von dem kleinen Gotte nicht erwartet. Ich verſprach ihm, auf das morgende Feſt zu kommen, und vergaß den ſchwarzen Genius mit allen ſeinen Lieblin⸗ gen. Schon begann die Morgenroͤthe; ſchon erwachten auf allen Zweigen die Voͤgel und ſan⸗ gen.— Bald aber entdeckte ich, daß es die meinigen im Nebenzimmer waren, die mich aus dem Schlafe weckten. Leben Sie wohl!— 287 An*½* Auch Sie verlangen alſo die Spielerey mit den Worten, welche die Fuͤrſtin von Anhalt⸗ Bern⸗ burg in Halle mir aufgab, um ſie, weil dieſes ein Lieblings-Zeitvertreib in den dortigen Ge⸗ ſellſchaften war, in einen Zuſammenhang zu brin⸗ gen. Ich ſchrieb einige Verſe, als etwas zur augenblicklichen Unterhaltung Beſtimmtes, fluͤch⸗ tig hin, und wunderte mich ſehr, da ich bald darauf meine Poeſie in den Hamburger⸗Cor⸗ reſpondenten eingeruͤckt ſah. Nicht lange, ſo hatte man uͤberall Abſchriften davon; ich hoͤrte mehr Lob daruͤber, als uͤber irgend eins meiner andern Gedichte; und wie mußte ich lachen, da ſogar der kritiſche Ebert mir zu dem gelunge⸗ nen Verſuche Gluͤck wuͤnſchte! Sonderbar, daß auch einſichtsvollen Maͤnnern ein kleines Kunſtſtuͤck wegen der uͤberwundnen, oft geringen, Schwierigkeit, gleich zeinem wirkli⸗ chen Kunſtwerke, gefallen kann! 288 Hier haben Sie die Verſe; nur ruͤhmen Sie mir dieſelben nicht! Sonſt frage ich: Ob ich denn ſo ſelten etwas Beſſeres mache? Aufgegebene Worte. Carreau⸗Aß, Eyerkuchen, Spiegel, Lie⸗ benswürdig, Mogol, Stutzer, Roſen, Markenſchachtel, Schlitten, Lichtpube, Fahnen, Herz. Das goldene Zeitalter. In jener goldnen Zeit, in der Saturn regierte, Als noch ihr ungekuͤnſtelt Haar Die Nymphe nur mit Roſen zierte, Und Quell und Bach ihr Spiegel war, Als auf dem Raſen ſie der Lerche Lieder weckten, und Markenſchaͤchtelchen die Tiſche nicht bedeckten; Als keine Schoͤne noch in ſpaͤten Naͤchten ſaß⸗ Und im Tarock bey Carreau⸗Aß Der Mutter Unterricht vergaß: Als man dem Stutzer nicht auf jedes Woͤrtchen glaubte, und Pfand und Schlittenrecht ihm keinen Kuß erlaubte; Als man vergnuͤgt im ſtillen Thal 289 Den vaͤterlichen Acker nutzte, Und kein Bedientenſchwarm, in weitem Marmor⸗ Saal, Auf Leuchtern von Kryſtall dreyhundert Lichter putzte; Da konnten die Zufriedenheit Selbſt Mogols Schaͤtze nicht verſuchen; Da ſaß die alte Redlichkeit Bey ſchlechter Koſt, bey Brod und Eyerkuchen, Und reiner Luſt war jedes Herz geweiht; Da prangte man nicht mit zerrißnen Fahn en, Wer liebenswuͤͤrdig war, bedurfte keiner Ahnen; Verdienſte wurden nicht nach Wappen abgezaͤhlt. Allein dich haͤtte man zur Fuͤrſtin doch gewaͤhlt. Jakobi's Werke. I. Die Winterreiſe 1769. (Vorbericht, geſchrieben im Jenner 1807.) Auch uͤber dieſe war ſchon das Verdammungsur⸗ theil geſprochen, und auch bey ihr ließ ich durch einige Freunde mich bereden, ſie noch einmal durchzugehen, und genauer zu pruͤfen. Ich that es mit der groͤßten Strenge. Vieles wurde gleich durchgeſtrichen, inſonderheit alles das, was von weitem einer Empfindeley aͤhnlich ſah. Der Tau⸗ benſchlag iſt nicht hieher zu rechnen; denn mehrere vorzuͤgliche Dichter, unter den Alten und Neuen, haben ſich der Thiere gegen den Menſchen angenommen, und ihn der Grauſamkeit beſchul⸗ digt. In dem uͤbrigen fand ich zwar keine, fuͤr unſre Zeit neuen Wahrheiten, aber doch ſolche, die fuͤr jede Zeit wohlthaͤtig ſind, und die man immer, bey andern Gelegenheiten oder unter an⸗ dern Bildern, wiederholen darf. Ein kalter Be⸗ urtheiler wird freylich noch manches daraus weg⸗ wuͤnſchen; aber ſollte ich, um vor ſeinem Tadel ſicher zu ſeyn, Empfindungen unterdruͤcken, die 291 mit jugendlicher Waͤrme, unmittelbar aus meinem Innerſten hervorgingen, und die gewiß hier und dort ein Herz antreffen, das ſich ihnen oͤffnet, und mir dafuͤr dankt? Was mich außerdem zur Verbeſſerung dieſer Reiſe aufmunterte, war die franzoͤſiſche Ueber⸗ ſetzung derſelben*), deren zweyte Auflage in Paris, und noch dazu waͤhrend der Revolution, mit beſonderer Freude und Liebe aufgenommen wurde. National⸗Intereſſe konnte ſie fuͤr die Fronzoſen nicht haben, weil alles in ihr deutſchen Grund und Boden verraͤth. Der Menſch aſſo freute ſich, dem Menſchen zu begegnen. Damit der Leſer mir leichter folgen koͤnne, iſt es wohl noͤthig anzumerken, daß mein Weg von Hal⸗ berſtadt uͤber Braunſchweig, Hannover, Osna⸗ bruͤck, Muͤnſter und Duisburg nach Duͤſſeldorf, meiner Vaterſtadt, ging. Die Sommerre iſe hab ich, als der Erhal⸗ tung unwuͤrdig, verworfen. *) Le voyage d'hiver. Traduction libre de P'alle- mand de M. lacobi, par M. Armandy à Lau- sanne 1796. Einleitung. Eine Reiſe von ungefaͤhr fuͤnfzig Meilen, in der traurigſten Jahrszeit, durch einen großen Theil von Weſtphalen? Was kann man da ſehen und hoͤren, das wiedergeſagt zu werden ver⸗ diente? Welche unfruchtbare Gegenſtaͤnde? Gebirge, die der Nebel drücket, Erſtarrte Wälder um ſie her, Von freudiger Begeiſtrung leer; Und Dörfer halb im Rauch erſticket; Zu ihrem ſchwarzen Herde heim⸗ Gekehrt, der Einfalt arme Söhne, Und ihrer Sprache rauhe Töne, Vor denen jeder ſanfte Reim, Wie Echo, die mit Hirten klaget, Vor lauter Sturmgetöſe zaget; Ein Thurm, der über Hügel ragek, Und ſeiner Glocke dumpfer Klang; Des Haushahns nüchterner Geſang; Auf langen, unwirthbaren Heiden, Auf todtem Feld, auf öden Weiden, Ein unabſehlich Einerley; Der Dohlen heiſeres Geſchrey, Und Winde, die ſich müde ſchwärmen; Ein Bach, von Raben nur gegrüßt, Der am bereiften ufer fließt, Wo große Mühleräder lärmen; Und überall der Schwermuth Bild, In finſtre Wolken eingehüllt!— Nichts als dieſes, in Haͤuſern, wo Menſchen wohnen, und auf Feldern, zu denen der Som⸗ mer zuruͤckkehrt? O ich wuͤrde mich in einen Winkel der Erde verbergen, und weinen! Wie gluͤcklich, daß ich auch im Winter den Wieſen ihr Gruͤn, den Aeſten ihre Blaͤtter geben kann, und daß ſelbſt die Einfalt ihre ruͤhrenden Auf⸗ tritte fuͤr mich hat! 7 Die Heide. Nicht ſo ſehr uͤber die betrübten Gegenden, wo man einige Meilen weit nur Himmel und Erde ſieht, nicht ſo ſehr uͤber dieſe klagte ich, als uber die Menſchen, die, in ſolche Gegenden ein⸗ geſchloſſen, wenigſtens einen kleinen Theil der⸗ ſelben, ſo viel es moͤglich iſt, bauen und aus⸗ ſchmücken ſollten. An einigen Orten ſah' ich einen einzelnen Baum, der, wenn er bluͤht, den beſten Baͤumen des Waldes nichts nachgeben muß. Warum, ſagt' ich, warum hat er keine Nachbarn? Ihr, welche das Geſchick in Wüſteneyen teug, Wo hier und da, mit bangem Flug, Ein Vögelchen verloren irret; Der kältſte Nord in nackter Ebne bläst, Und, wenn die Sonne glüht, kein angenehmer Weſt Der Rymgohe lockig Haar verwirret; Wo jeder Lenz vergebens Wieſ' und Flur Und Staude ſucht; zurück der Zerhyr ſchauert, Und jeder Herbſt mit leerem Schooße trauert; O ihr Bewohner! ſeht die Anmurh der Natur, Die euch ſo gern beglücken wollte: Seyd gütig, wie ſie ſelbſt, verfolget ihre Spur, Und helft der immer ſchaffenden Natur. Da, wo kein Fluß in grünem Schatten rollte⸗ Da pflanzet junge Wälder hin. Wenn euch der Bäume Laub nur wenig ſchützen ſollte, So kennt ein edles Herz den ſüßeren Gewinn, Für eine künft'ge Welt die Erde zu verbeſſern, Und das Gebiet der Freude zu vergrößern. O Freude! du belohneſt uns dafür. Du lohnſt es, wenn ich einſt erblaſſe, Roch in der letzten Stunde mir, Daß ich mit meinen Liedern dir Ein kleines Erbtheil hinterlaſſe. 296 An den Conſiſtorialrath Jacobi. Ihr Name, verehrungswuͤrdiger Freund, fiel mir ein, als ich das Wort Freude ſchrieb; ſelbſt nachdem ich meine Lieder nannte, wag' ich es, ihn herzuſetzen. Ein Beweis fuͤr die Un⸗ ſchuld des Dichters, und fur den liebenswuͤrdigen Charakter des Mannes, der mit eben der Miene den Menſchen Hochachtung gegen ihren Schoͤpfer einpraͤgt, womit er die muntern Geſaͤnge ſeiner Kinder hoͤrt; deſſen geſelliges Leben der Nachwelt nicht weniger bekannt zu werden verdient, als ſeine Schriften. Iſt kein guͤtiger Schutzgeiſt da, der dieſes Blatt fuͤr die Enkel erhaͤlt, und bey dem Namen meines Freundes ſie alle das Sanfte fuͤhlen laͤßt, was jemals in die Seele eines Wei⸗ ſen gekommen iſt? Schrecken uͤberfalle mit die⸗ ſem Namen den großen Haufen gemeiner Prieſter! Ich haſſe ſie, weil ſie den Gott nicht kennen, der gern verzeiht, und uͤberall fuͤr die Freude ſeiner Geſchoͤpfe ſorgt. 297 Sie wollen jede Luſt verdammen, Und drohen unverſöhnte Flammen Dem, der die Wahrheit ſucht, und ſuchend ſie verfehlt. So waffnen Stürme ſich auf jungen Blumen⸗ beeten, Um jede Roſe da zu tödten, Die ſich die Unſchuld, mit Erröthen, Zum Hochzeitkranze ſchon gewählt. So ſteht auf nächtlichen Gebürgen Ein Engel, ausgeſandt zum Würgen, Der ſeine Todesopfer zählt. Doch nein; Dieſer Engel ſieht mitleidig auf die Schuldigen herab, und mit Thraͤnen bezeich⸗ net er die Stelle, wo ſein Schwert ſie treffen ſoll. Wenn Sie, mein Freund, den Chriſten ſagen, daß ſie Menſchen ſeyn muͤſſen: O dann, Dann ſchlägt' mein Herz, beym ſüßen Ton. Der göttlichen Religion; Ich ſeh des Engels Majeſtät, Der glänzend durch die Schöpfung geht, Ein Lied auf goldner Harfe ſpielet, Und noch den Kuß der Engel fühlet; Die Sonnen grüßt, in ſeinem ſanftern Licht, Und: Friede ſey mit dir! zu einer Erde ſpricht. 3 298 Will der guͤtige Schutzgeiſt, nach welchem ich mich umſah, dieſes Blatt nicht erhalten, ſo thue du es, o Freundſchaft! Dieß ſey mein Denkmaal bey den Nachkommen, daß ich von den beſten unter den Menſchen geliebt wurde. Der Taubenſchlag. Wohl dem, welchen es freut, an einem ſtattli⸗ chen, mit Gold eingelegten Kamine von Marmor, ein Geſpräch im Tone der feinſten Welt anzuhoͤ⸗ ren, der aber eben ſo vergnuͤgt auf einem drey⸗ beinigen hoͤlzernen Stuhl an einem großen weſt⸗ phaͤliſchen Herde ſitzen kann, wo die Flamme hoch auflodert, und ein alter Wirth, gleich dem, der jetzt neben mir ſein Pfeifchen raucht, ihm gut⸗ muthig die Hand bietet! Mir iſt hier wenigſtens eben ſo wohl, wie dort; allein ich rechne mir das nicht zur Wahrheit an, ſondern es iſt eine gluͤckliche Laune, ein gewiſſer kindlicher Sinn, der mich leicht etwas finden laͤßt, woruͤber ich mich freue. Viele haben dagegen einen kindiſchen Sinn, der nur praͤchtige Decorationen verlangt, weil ihm an dieſen mehr als am aufgeführten Stuͤcke gelegen iſt. Mir war es immer um die Scene des Menſchenlebens zu thun, deren jede ihre eigne Verzierung fordert. Wie gehts, Alter? ſagte ich.—„Es geht nicht ſo uͤbel, Herr! Meinen Sie nicht auch, daß hier die rechte Geſundheit iſt?“— Er wies auf ſein Herz. Am vergoldeten Kamin haͤtte ich wohl ſchwerlich ſo etwas gehoͤrt— dachte ich bey mir ſelbſt, als zwey gemeine Tauben herein kamen, auf den Schooß der juͤngſten Kinder flo⸗ gen, und aus ihrer Hand fraßen. Der Alte, weil er ſah, daß ich die Tauben ſtreichelte, ſagte: Sie ſind nicht ſchoͤn, aber beſonders freundlich; darum, ſetzte er mit Laͤcheln hinzu, werden ſie auch nicht geſchlachtet. Keiner von uns koͤnnte ſie umbringen, und noch weniger davon eſſen. Das war mir aus dem Herzen geredet; denn oft ſchon fand ich in unſerm Umgange mit den un⸗ ſchuldigen Tauben etwas Empoͤrendes. Oft haͤtte ich ihnen zurufen moͤgen: Wie koͤnnt ihr noch unter uns wohnen? Auf unſern Daͤchern, wo wir euch gemaͤchliche Haͤuſer bauen, iſt die Gaſt⸗ freyheit nicht heilig. Kehrt in eure Waͤlder zuruͤck! O flieht, ihr Täubchen flieht das grauſame Geſchlecht! In unſerm Schutee ſpielt und küßt ihr unerſchrocken, Indeß wir tückiſch euch zum Untergange locken. So treulos war noch nie des Waldes Völkerrecht. Wenn euch ein Räuber dort aus fernen Lüften droht, So zeigt er ſich als Feind, und jeder Blick iſt Tod. Voll heimlicher Verräthereyen, Wird er den Tauben nie wohlthätig Futter ſtreuen. Es tragen euer Neſt mit ſüßen Schmeicheleyen, Und ſchon bedacht auf mörderiſchen Raub, Des Falken Kinder nicht in ihrer Bäume Laub. Ihr guten Täubchen ihr! ſeht eurer Gatten Blut An den geliebten Händen kleben, Die eure Nahrung euch gegeben, Und kennt des Menſchen ganze Wuth! Muͤſſen wir ja die argloſen Voͤgel erwuͤrgen, muͤſſen ſie die erſparte kleine Muͤhe, ſelbſt ihr Futter zu ſuchen, uns mit dem Leben bezahlen — ſo ſollten wir nicht in eine ſolche Vertraulich⸗ keit mit ihnen uns einlaſſen, nicht ſo viel falſche Zaͤrtlichkeit an ihnen verſchwenden. Dieſe Klage ſey meinem Vater gewiͤmet, der in meinem kindlichen Alter, wo die Thiere vor⸗ zuͤglich zu unſern Geſpielen gehoͤren, mir gegen das kleinſte Thierchen Mitleid einfloͤßte. Ihm danke ich die zarteren Empfindungen, die, we⸗ nigſtens von meiner Seite, mich in einen ſuͤßen Frieden mit der ganzen Natur ſetzen. 302 Der Reiſegefaͤhrte. Schon eine Stunde weit hatt' ich von dem Herde des gutherzigen Mannes mich entfernt, und noch immer dacht' ich an ihn. Vielleicht haͤtt' ich mit dem Sieg eines Helden mich nicht ſo lange beſchaͤftigt. Auf einmal ſah ich neben meiner Kutſche einen Reiſenden, der, mit einem ſchlechten Mantel bedeckt, auf einem duͤrren Pferde ſaß. Kaum konnte das Pferd durch den ſtarken Wind ſich durcharbeiten, und ſein Herr wurde langſam unter unaufhoͤrlichem Regen fortgetra⸗ gen. Ein niedergeſchlagener Hut entzog mir lange das Geſicht des Fremden; aber endlich kam er naͤher an den Wagen geritten, machte mir eine leutſelige Verbeugung, und hatte dabey ſo etwas Heiteres in ſeinen Augen, daß ich gleich fuͤr ihn eingenommen wurde. Es war ein jun⸗ ger Mann, deſſen ſtarker Koͤrper aller Witterung Trotz bieten konnte. Auch hatt' er nicht das Anſehen eines abgehaͤrteten Reiſenden, welches gemeiniglich mit einer gewiſſen Verwegenheit pflegt verbunden zu ſeyn.— Auf ſeiner Stirne waren ſchon Runzeln, und in ſeinen Mienen nicht eine Spur von Kuͤhnheit. Und dennoch ſchien er vergnuͤgt! Je genauer ich ihn betrach⸗ tete, deſto mehr Edles und Feines entdeckt' ich in ſeinen Blicken. Wenn ſein Pferd ſtolperte, zog er geduldig den Zuͤgel an, ſtreichelt' es, und ſprach franzoͤſiſch mit ihm. Unmoͤglich konnt' ich es laͤnger aushalten; ich bot' ihm einen Platz in meiner Kutſche an, und mein Bedienter mußte reiten. Das Zutrauen, mit welchem er ſich gleich zu mir ſetzte, machte, daß ich ihn noch mehr lieb gewann, und er bezeugte mir eine befondere Freude daruͤber, daß ich feine Sprache verſtuͤhnde. Leute, die fuͤr einander gemacht ſind, errathen ſich leicht; in weniger als einer halben Stunde waren wir tief in einem Geſpraͤche, an dem un⸗ ſer beyder Herz gleichen Antheil nahm. Sie alſo ſind auch ein Freund des armen Rouſſeau? ſagt' er mit einem Feuer, das im Augenblick meine ganze Seele ergriff. Ja, antwortet' ich, die Schrift, die Hume ſelbſt gegen ihn herausgege⸗ ben, hat mir ſeine Unſchuld bewiefen. Krank⸗ heit, ein melancholiſches Temperament, Verfol⸗ 304 gungen haben ſeinen Geiſt niedergedruͤckt. Un⸗ gluͤcklich genug iſt er, daß er die Menſchen nicht lieben kann! Der Fremde faßte mich bey der Hand, druͤckte ſie, und ſah voller Rührung mich an:„Ach! mein Freund, ich danke dem Him⸗ mel, daß ich nicht, wie er, die Menſchen haſſe. Wuͤßten Sie, wer ich bin!“ Ich ſchwieg.„Einer von dem Orden,“ fuhr er fort,„den man jetzt uͤberall verbannt, und deſſen einzelne Mitglieder in ihrem Elende noch leichtſinnigen Spoͤttereyen ausgeſetzt ſind. In meinem Alter mußt' ich mein Vaterland verlaſſen, und auf ein Ungefaͤhr herum irren, bis mir vor kurzem auf den Gutern eines deutſchen Edelmanns eine Zouflucht ange⸗ boten wurde. Dennoch,“ ſetzt' er laͤchelnd hin⸗ zu,„bin ich mit der Welt zufrieden.“ Dieſes Laͤcheln drang in mein Innerſtes; ich mußt' ihn umarmen.„Seyen Sie verſichert, daß der Spott, „womit man die Vertriebenen Ihres Ordens belegt, immer eine Grauſamkeit in meinen Au⸗ gen war. Immer hab' ich die Redlichen unter ihnen beklagt.„Verzeihen Sie den Spoͤttern, wie ich ihnen verzeihen habe,“ ſagte der ehrwur⸗ dige Pater, und wir hielten vor dem Poſthauſe. Der Reiſegefaͤhrte. Beyde ſtanden wir am Fenſter, und ſahen, nicht die Sonne ſelbſt, aber einige Strahlen von ihr auf einem weit entlegenen Berge.„Haͤtt' ich nur gelebt,“ ſagte mein Gefaͤhrte,„Ihnen die Hand zu druͤcken und dieſen Sonnenblick zu fehen; ich wuͤrde das Weſen, das mich geſchaffen hat, verehren!“ Dieß war die Folge von einem neu angefangenen Geſpraͤche. Auf dieſe Art, ver⸗ ſetzt' ich, war es Ihnen leicht, bey Ihren Zwei⸗ feln gegen die Unſterblichkeit ſich zu beruhigen. „Leicht war es mir, ſobald ich weniger meinen gelernten Syſtemen, als dem Syſtem der Em⸗ pfindungen folgte, und ſobald ich die Natur da hoͤrte, wo ſie am liebſten uns unterrichtet. Einen Sommermonat bracht' ich in dieſer Abſicht auf dem Lande mit einigen Vertrauten zu, die mit mir gleiche Zweifel hatten. Immer mehr mach⸗ ten wir uns los von dem, was unſerm ange⸗ 1. 10*⁴ 306 bornen Gefuͤhl fremd iſt, und immer ruhiger wurden wir. Zwey Tage nach meiner Ruͤckreiſe nach der Stadt, ging ich mit meiner Geſellſchaft in die Gegend, die uns auf unſern Spatziergaͤn⸗ gen am liebſten geweſen war. Auf der einen Seite waren Aecker, auf der andern eine Trift, wo Schafe weideten; um uns her ein kleines Gebüſch. Wir ſahen die juͤngſten Laͤmmer an ihren Muͤttern ſaugen; zu unſern Fuͤßen lag ein todter Vogel, den der Wind halb im Sande verſcharret hatte; uͤber ihm, auf einem Baume, hoͤrten wir kaum geborne Voͤgel zwitſchern; und in den Stamm einer laͤngſt geſtorbenen Eiche trugen Bienen ihren Honig. Voll von einer Begeiſterung, die mich oft uͤberraſcht, der ich mich aber nur bey meinen beſten Freunden, und zwar ſelten, uͤberlaſſe, rief ich aus: Hier er⸗ kenne ich dich, o Erde! du traͤgſt deine Geſchoͤpfe, und dann nimmſt du in deinem Schooße ſie auf. Dein Liebling, der Menſch, wird ſanft in dem⸗ ſelben ruhen, bis die aufgeloͤſ'ten Theile desſel⸗ ben auf eine andere Art zu den großen wohl⸗ thaͤtigen Werken der Natur gebraucht werden. Da, wo der todte Vogel lag, und wo die Jun⸗ gen zwitſcherten, ſetzten wir uns hin, um die Empfindungen aufzuſchreiben, die wir waͤhrend 307 unſers Aufenthalts geſammelt hatten. Keiner von uns war ein Dichter geweſen; erſt auf dem Lande fingen wir an, kleine Lieder zu machen, und, indem wir dieſes letzte Werkchen ſchrieben, gelang es uns, verſchiedene Stellen in Verſe zu bringen. Alle Bilder nahmen wir aus der Natur, die wir vor uns ſahen.“ Mein Gefaͤhrte holte darauf ſein Felleiſen, ſchloß es auf, zog ein Manuſcript hervor, und gab es mir.„Wer weiß,“ ſagt' er,„unter was fuͤr Leuten ich in dieſer Gegend ſterben werde! Nehmen Sie die⸗ fen Aufſatz, und bedienen Sie ſich deſſen nach Ihrem Gutduͤnken. Ich freue mich, daß er mir ſelbſt nicht mehr noͤthig iſt; denn nun bin ich eines kuͤnftigen Lebens verſichert. Meine Tage werden nicht mit dem Alter und der Verbannung ſich endigen.* Die Pferde waren vorgeſpannt; der gute Pater konnte mich nicht weiter begleiten; er ſah mich noch einmal an, umarmte mich, und blieb an der Thuͤr ſtehen, bis ich aus ſeinen Augen ver⸗ ſchwunden war. Selbſtgeſpraͤch in der Kutſche. Koͤnnten doch die Weltweiſen unter ſich ihre Zwei⸗ fel, als geheime Kabinetsgeſchaͤfte, ausmachen, ohne diejenigen damit zu beſchweren, deren Schul⸗ tern nicht ſtark genug ſind, ſie zu tragen! Eitler Wunſch! Unterdeſſen reden die Philoſophen noch eine Sprache, die fuͤr das Volk zu erhaben iſt, und ihr Heiligthum bleibt vielen verſchloſſen. Aber ihr, die ihr zu dem großen Haufen euch herablaßt, ihr Schriftſteller der Nation, ihr Dichter! Warum wollt ihr, anſtatt durch eure ſuͤße Beredſamkeit uͤberall Frieden auszubreiten, die beunruhigen, welche zu euern Fuͤßen ſitzen, um Weisheit zu lernen, oder ihren Kummer zu vergeſſen? Seyd ihr Wohlthaͤter des menſchlichen Geſchlechts? Fragt jenen, der kein Lied mehr ſingt, Seitdem er Tag und Nacht mit euern Zweifeln ringt. 309 Warum entreißt ihr ihn dem Schooße ſtiller Freuden? Warum muß er den rohen Landmann neiden, Der kümmerlich den Acker baut; Der nichts als ſeine Saaten kennet, Allein voll Zuverſicht den Gott der Saaten nennet, Und ohne Furcht der Tugend traut? Nicht behutſam genug kann der Philoſoph ſeyn, der zugleich ein Redner oder ein Dichter iſt. Ich wuͤrde ſogar Bedenken tragen, gewiſſe Wahrheiten auszubreiten, von denen ich uͤber⸗ zeugt bin, daß es Wahrheiten ſind. Sollt' es z. B. nicht Empfindungen in unſrer Seele ge⸗ ben, welche inſonderheit fuͤr das Volk nicht zu genau zergliedert werden duͤrfen? Mir ſelbſt ſind einige Taͤuſchungen des Herzens, wenn ich ſie ſo nennen darf, eben ſo angenehm, als die Jaͤuſchungen in der Natur. Haͤtt' ich einen Sohn, niemals würd' ich den Helvetius fragen: Warum ich ihn liebe? Ganz uͤberlaſſen wuͤrd' ich mich der ſuͤßeſten Neigung; ganz Vater wuͤrd' ich ſeyn, und den fuͤr meinen Feind halten, der durch froſtige Betrachtungen mir den allerge⸗ ringſten Theil meiner Zaͤrtlichkeit nehmen, mich einen Augenblick in meiner Gluͤckſeligkeit ſtoͤren wollte. In der phyſiſchen Welt iſt der optiſche 341 924 Betrug zu unſerm Vergnuͤgen nothwendig. Ein ungeheurer Koͤrper, um welchen unſre Erde ſich bewegt, der aus ungemeßner Weite ſie erleuchtet und erwaͤrmt, iſt ein großer Gedanke. Aber lieber iſt mir die Sonne ſo, wie ſie mir erſcheint, wenn ſie Mit dem Geſang der Abendflöte In einem Wäldchen ſich verliert; Wenn ſie die junge Morgenröthe Zurück im Purpurkleide führt: Hinter grün bepflanzten Höhen Steiget ſie herauf; Lächelt Hirten, die ſie ſehen, Und bemalt,, in ihrem Lauf, Kleine Blumen, die entſtehen. In der moraliſchen Welt glaub' ich, daß es auch Wahrheiten giebt, von welchen unſre Em⸗ ſtehen muß, als unſer Auge von den Weltkoͤr⸗ pern. Ein Sternſeher naͤhert ſich dieſen durch ſein Sehrohr; allein der Hirte betrachtet ſie auf der Flur, und ſieht einen ſchoͤnern Abend, als der Aſtronom auf ſeiner Warte. Auf eben die Art machen jene Wahrheiten uns gluͤcklicher, pfindung in einer eben ſo großen Entfernung 311 wenn wir ſie aus dem Geſichtspunkte betrachten, in welchen die Empfindung uns ſtellt. Ein Welt⸗ weiſer ſetzt ſie auseinander, und kehrt oft traurig von ſeinen Unterſuchungen zuruͤck. Alle dieſe Ueberlegungen gingen vorher, eh' ich den Entſchluß faßte, das Manuſcript des liebenswuͤrdigen Jeſuiten zu uͤberſetzen. Endlich fing ich die Arbeit an, und endigte ſie noch unterwegs.. Das Manuſceript. Hier, wo mich die Sonne ſieht, Wo der Sturm vorüber flieht, Wo, wenn Eisgebirge ſchmelzen, Jede Wolke friedſam zieht, Jeder Aſt für Menſchen blüht; Wo ſich laute Donner wälzen, Und der Donner mich verſchont; Wo die Luſt im Haine thront, Wo der Bliß in Regengüſſen Auf die Erde Segen bringt; Wo das Land zu meinen Füſſen Ehrfurchtsvolle Wellen küſſen, Und das Ufer Meere zwingt; Wo der Weſt in Roſen fächelt, Schönheit Blumenkörbe trägt, Und das Herz vor Liebe ſchlägt; Wo die Großmuth himmiliſch lächelt, Und den Reid in Ketten legt: Sollte ich hier zu meiner Qual geſchaffen ſeyn? Sollt' ein Tyrann mich in eine Welt gerufen ha⸗ ben, in welcher die Kuͤſſe meiner Mutter mich bewillkommten? Ein Geſcylecht, das durch Liebe 313 miteinander verknuͤpft iſt, ward nicht dem Ungluͤcke beſtimmt.— Der Gedanke eines Gottes iſt der Gedanke der Liebe; und ſaͤh' ein Geſchoͤpf kein Erbarmen mehr um ſich her, ſo wuͤrd' es bey ſeinem Schoͤpfer es ſuchen. Ja, ich kam aus den Haͤnden eines guͤtigen Weſens; meine Beſtim⸗ mung, welche ſie auch ſey, darf mich nicht beun⸗ ruhigen. Ich wuͤnſchte unſterblich zu ſeyn: Wenn Menſchen es ſeyn koͤnnen, ſo bin ich es gewiß; oder iſt die Vernichtung mein Loos, ſo kann dieſe nicht ſo viel Schreckliches haben, daß ich meine Geburt verwuͤnſchen muͤßte; denn ſonſt waͤre ich nicht geboren. Mein Gluͤck und meine Vollkommenheit ſteigen ins Unendliche; oder ſie ſteigen ſo lange, bis es beſſer fuͤr mich war, zu ſeyn, und vernichtet zu werden, als nie geweſen zu ſeyn. Wir ſterben: Sollten wir unentgeldlich der Natur ein ſo grauſames Schauſpiel geben? Hierin erkenne ich ihren Beherrſcher nicht. Es muß der Tod uns groͤßre Seligkeiten erwerben, oder das Leben iſt eine Wohlthat, die wir nicht zu theuer mit dem Tode bezahlen. Giebt es hoͤhere Geiſter, bey denen unſre ganze Dauer einen Augenblick ausmacht, warum wollen wir unſre Tage nach den ihrigen meſſen? Jede Gat⸗ tung von Geſchoͤpfen hat eine angemeſſene Laͤnge 314 des Lebens. Das Inſekt, das eine Stunde un⸗ ter unſern Fuͤßen kriecht, lebt nicht kuͤrzer als wir; und fuͤr den Menſchen iſt ein einziger Mor⸗ gen, was vielleicht ein Jahrhundert fuͤr den Engel iſt. Verdient ein Würmchen unſre Klagen, Wenn es, in Sommertagen, An einem Roſenblättchen hing, Und mit dem Blättchen unterging? Es ſah den Roſenſtock, es hat den Weſt gefühlt; Es hat, von Blumen überſchattet, In ſeinem Weltbau ſich begattet, Mit andern Würmchen da geſpielt, Und eine kurze Zeit Der Schöpfung ſich gefreut, Sich ſterbend einen Augenblick betrübt; Es hat gelebt, es hat geliebt; Du haſt ihm, o Natur! was du vermagſt, gegeben: Ein Würmchen kann nicht Jahre leben. Wie viel glaͤnzender iſt unſer Schickſal, als das Schickſal des Wuͤrmchens! In den Armen eines Freundes oder einer Geliebten, wenn da die Tugend einen Blick der Zufriedenheit uns giebt, wenn ſie die Freude des Ungluͤcklichen uns zeigt, den wir getroͤſtet haben: Welche Wolluſt! Nur einen Tag, durch ſie verſuͤßet, o Gottheit! 315 und wir muͤßen fuͤr unſer Daſeyn dich preiſen. Aber die Gottheit gab uns mehr als einen Tag, und jede Minute des Tages hat ihre Dauer. In einer Minute kann die erhabenſte Handlung gethan, und die hoͤchſte Glückſeligkeit empfunden werden. Lang genug iſt das Leben, wenn es der Natur gemaͤß iſt. Ein vertrauter Umgang mit ihr ſetzet die Grenzen desſelben weiter hinaus, und macht uns zugleich den Tod weniger fuͤrch⸗ terlich. Sollte derjenige, der alles um ſich her ſterben ſieht, nicht an dieſen Anblick gewoͤhnt werden, und zufrieden, das zu ſeyn, was er ſeyn kann, dem allgemeinen Geſetze ſich unter⸗ werfen? In einer ſolchen Faſſung, wie ſollte, bey dem Gedanken an einen guten Schoͤpfer, noch ein Zweifel mich aͤngſtigen, wenn ich den Zweck ſeiner Schoͤpfung erfuͤlle? Ich war des Lebens werth; womit hab ich die Beraubung desſelben verſchul⸗ det? Iſt ſie nothwendig, ſo muß ſie nicht ſo viel Füͤrchterliches, als das Leben Suͤßes haben; ſonſt muͤßte die Gottheit ſelbſt bey dem Grabe der Tu⸗ gendhaften trauern. Giebt es aber ein Leben nach dem Tode, ſo verdiene ich, fortzuleben; und weil ich faͤhig war, gluͤcklich zu ſeyn, bin ich es ewig.“ Fortſetzung. „Glaͤcklich ſeyn, muß derjenige lernen, der dem Tode gelaſſen entgegen ſehen will; wo nicht, ſo zittert er zugleich vor dem Gedanken der Unſterb⸗ lichkeit, und vor dem Gedanken der Zernichtung. Vor jenem, weil ſein Herz zu der hoͤchſten Se⸗ ligkeit ſich nicht vorbereitet; vor dieſem, weil er ſein eingeſchraͤnktes Leben nicht ſo verſchoͤnert hat, als er es verſchoͤnern konnte; weil er auf⸗ hoͤren muß zu ſeyn, ohne das ganze Gluͤck des Daſeyns genoſſen zu haben. Eine quaͤlende Reue! Waͤr' auch jede Hoffnung einer kuͤnftigen Dauer bey mir erloſchen, ich muͤßte das Gluͤck kennen, das Geſchoͤpfen meiner Art am eigen⸗ thuͤmlichſten iſt; ich muͤßte den hoͤchſten Grad deſſelben erreichen. Kein Gluͤck iſt ohne Ruhe, keine Ruhe da, wo jede Handlung des Men⸗ ſchen mit ſeinen innerſten Empfindungen ſtreitet. Dieſe liegen oft tief unter andern Empfindungen 317 begraben: Rufe du ſie hervor, o Natur! In dir iſt Wahrheit; du betriegſt den nicht, der aus deinem Schooßfe hervorging. Wohlthaͤtig gegen ſich ſelbſt, und gegen alles Mitgeſchaffene ſeyn: Dieß lehreſt du jedes denkende Geſchoͤpf. Du redeſt laut, den Frevler zu beſchämen, Wenn Grotten friedlich ihn in ihren Schatten nehmen, Wenn ihm der Zweig mit ſeinen Früchten winkt, Wenn er den Saft der Rebe trinkt; Es liſpelt ihm die kleinſte Staude zu: Dir müſſen meine Blätter grünen, Dir muß die ganze Schöpfung dienen, Und ach! ihr erſter Feind biſt du! Auch da, wo die Natur im Wohlthun muͤßig zu ſeyn, oder gar Feindſeligkeit von Menſchen gelernet zu haben ſcheint, oder vielmehr, wo ſie, um ihren Plan zu verfolgen, und im Ganzen vollkommener zu ſeyn, in ihren Theilen unvoll⸗ kommen ſich zeigt; auch da muͤßen wir auf ſie ſehen, und auf unſer Gefuͤhl achten, indem wir die Unwirkſamkeit und die ſchaͤdlichen Einfluſſe derſelben mit ihren wohlthaͤtigen Wirkungen ver⸗ gleichen. Was wird ein nicht ganz verdorbenes Herz fuͤr ein Urtheil faͤllen? Dort ſinket er an ſeinem Stab Ermattet auf die Erde nieder, Der arme Greis! Vom Sohne kehrt er wieder, Dem er die letzten Küſſe gab. Wenn er zurück noch ſieht und weint, Wenn auf ſein graues Haupt der heiße Mittag ſcheint, Wie glücklich dann, in ſchattigen Gebüſchen, Die Bäche, die den Greis erfriſchen! Wie glücklich, wenn er ruht, der weiche Klee! So glücklich nicht iſt jener todte See, Wo ſich das faule Waſſer trübt, Von Schnittern unbeſucht, vom Hirten ungeliebt; So glücklich nicht der Wüſte dürrer Sand, Der Meere klippenvoller Strand, Noch das Geſtade, wo die Sonne wüthet, Und Krokodillen⸗Eyer brütet. Ein leiſer Abendwind erquickt Die Lilien; es tragen ſtille Lüfte Mit Freuden ihre ſüßen Düfte; Doch mehe dem verborgnen Gifte, 3 Das in den ſchwarzen Kelch die Fauſt der Rache drückt! So ſprechen wir uͤber die Natur Segen oder Fluch aus, und dieſer Segen oder Fluch iſt ge⸗ gen uns ſelbſt gekehrt. Ein zartes fuͤhlendes 319 Herz hat noch einen groͤßern Schatz von Em⸗ pfindungen, mit welchen es jeden Gegenſtand betrachtet, und die, wenn es ihnen Gehoͤr gibt, maͤchtig auf dasſelbe wirken koͤnnen. Lieber will ich unter dem Baume liegen, wo ein Haͤnf⸗ ling ſeinen Jungen einige Koͤrner von dem Ue⸗ berfluſſe des Ackers bringt, als an dem Fuße des Felſens, worauf ein Adler die Beute ver⸗ zehrt.“ Beſchluß. „ Mit dieſen Geſinnungen kann ein Weiſer, der unter den Augen der Natur lebte, ruhig vor ihrem Angeſichte ſterben, mit der Verſicherung, daß, wenn ewiges Gluͤck das Theil der Sterblichen ſeyn kann, es auch auf ihn warte, oder, wenn ſeine Dauer aufhoͤrt, daß er hier ſo gluͤcklich ge⸗ weſen ſey, als ein guͤtiger Schoͤpfer es wollte. Vielleicht litt er, bey wenigen Freunden, mehr, als ſeine Bruͤder; aber er fuͤhlte die Erhabenheit einer Seele, die unvermeidliches Elend geduldig ertraͤgt, und lexnte liebreich ſeyn, wie die Gott⸗ heit. In den letzten Stunden uͤberrechnet er alle Wohlthaten des Lebens, ruft die ſuͤßeſten Em⸗ pfindungen deſſelben zuruͤck, und freut ſich noch, geweſen zu ſeyn. Doch, wir wollen dem Schuͤler der Natur in einer reitzenden Gegend ſeine Huͤtte bauen, und ihn da ſterben ſehen. Er dankt den kleinen Quellen, Die gütig ihn getränkt, 321 Dem Zephyr und den Waſſerfällen, Die murmelnd ſeinen Geiſt in füße Ruh geſenkt; Dem Monde, der ihm ſanft geſchienen, Dem Baume, deſſen Laub den Schlafenden bedeckt, Der Lerche, deren Lied im Grünen, Aus leichten Träumen ihn geweckt. Er ſieht hinab ins bunte Thal, Empor zum milden Sonnenſtrahl, Und ehrt des Himmels letzten Ruf, Und danket dem, der ihn zum Tode ſchuf. Ihm danket er für jeden heitern Tag, Den ein geprüfter Freund an ſeiner Bruſt gezählet, Für jede Laſt, die ſchwer auf ſeinen Schultern lag, Weil ſie den Muth zu Tugenden geſtählet; Für jede ſchöne That, Und, weil er gern verziehen hat, Für manchen unverdienten Feind, Und für die Nachbarſchaft der Armen, Und für die Thränen voll Erbarmen, Die ungeſehen er geweint. Erkenntlich gegen ſeine Flur, Zufrieden mit der Welt, verſöhnt mit der Natur, Läßt er, in fröhlichen Gebüſchen, Sich ſeinen Staub mit anderm Staube miſchen: Und wenn der May die Blumenknoſpe bricht, Dann kommen Veilchen aus dem Staube, Jacobi's Werke. I. 11 Die einſt der Jüngling in die Laube Der ihm getreuen Hirtin ſlicht. Gedanke, der den Tod verſüßet! Es ſtirbt mit uns das Glück der Erde nicht; Wir laſſen eine Welt, in der man lacht und küſſet, und da verweſen wir, wo noch die Tugend ſpricht.“ So weit geht das Manuſcript. Obwohl es keinen Zweifel gegen die unſterblichkeit erregt, ſondern nur den Zweifelnden beruhigen will, und eben durch die Art, wie dieſes geſchieht, ihn dem Glauben an ein kuͤnftiges Leben naͤher bringt, ſo waͤr’ es doch nie von mir bekannt gemacht wor⸗ den, haͤtte der Beſitzer desſelben nicht, mit klei⸗ nerer Schrift und dazu geſetzter ſpaͤterer Jahr⸗ zahl, Folgendes an den Rand geſchrieben. 4 Die Randgloſſe. „Als ich mit meinen Freunden dieſen Aufſatz machte, war ich entſchloſſen, ihn nicht auf die Erben kommen zu laſſen, weil mir die Mitthei⸗ lung desſelben gefaͤhrlich ſchien. Einige, fuͤrch⸗ kete ich, moͤchten daraus eine Gleichguͤltigkeit gegen die wichtigſten Unterfuchungen herleiten. Seitdem aber bin ich durch eben die Gruͤnde, die mich zuvor bey meinen Zweifeln nur beruhigten, zur Gewißheit der Unſterblichkeit gelangt. Derjenige, der vor der Vernichtung, ſo wie Young, ſich entſetzet, oder mit ihm lauter Elend auf der Erde ſieht, muß, nach meinem Syſtem, ein unendliches Leben glauben, um die Gottheit zu rechtfertigen; denn nie war das Vertrauen auf ein allwaltendes liebendes Weſen aus meinem In⸗ nerſten gewichen. Zwar iſt die Welt mir lachen⸗ der, als einem Young; aber ich ſah viele, denen ſie es nicht war: Und wenn ich ſelbſt vor der Vernichtung weniger zitterte, ſo machte das Schre⸗ 324 cken Andrer mich aufmerkſam. Dieſe Gruͤnde wur⸗ den durch den Gedanken verſtaͤrkt, daß unter Men⸗ ſchen, die ewig ſterben muͤßten, kein Young auftreten koͤnnte. Wozu der uͤber die Gegenwart ſich wegſchwingende Geiſt, der, mit dem Begriffe einer hoͤchſten Vollkommenheit, kuͤhn von ſeinem Schoͤpfer die Unſterblichkeit fordert? O fuͤr einen Traum iſt der Gedanke zu erhaben! Getroſt kann jeder Leſer meinen Empfindungen folgen, weil ich es ihnen verdanke, daß ich dem Labyrinth, in welchem ich lang umher irrte, gluͤck⸗ lich entkam. Nicht das Gefuͤhl, wenn es der Na⸗ tur getreu bleibt, ſondern falſche Weisheit iſt es, die uns irre fuͤhrt, und ein aͤngſtliches Forſchen hindert uns oft zu finden, was wir ſuchen. Mitten unter meinen Zweifeln, auch wenn ich am wenigſten die Aufloͤſung derſelben hoffte, ließ ich von dem Nachdenken uͤber meine Beſtimmung nicht ab; nur das Nachdenken daruͤber ruhiger zu ma⸗ chen, wer mein ganzer Wunſch. Mit einem Herzen, dem das Gluͤck der Men⸗ ſchen heilig iſt, uͤbergebe ich dieſe Blaͤtter meinen Freunden.“ Die Fiche) p An Sie dachte ich, thauerſter Zimmermann, an Ihre patriotiſche Schrift von dem Stolze der Na⸗ tionen, und an die unpatriotiſchen Deutſchen: In⸗ dem zeigte der Poſtillion mir einen ungeheuern Eichbaum am Wege, den die Reiſenden zu meſſen pflegen, und den ich ſchon einmal mit gemeſſen hatte. Jetzt war mir die Dicke des Baums weni⸗ ger wunderbar, als ſein Alter ehrwuͤrdig. Ohne mich darum zu bekuͤmmern, wie alt die Eiche wer⸗ den koͤnne, ſetzte ich die Jugend von dieſer in die Seit unſrer aͤlteſten Vorfahren, gegen welche wir ſo undankbar ſind.— Nie freute ich mich ſo ſehr, ein Deutſcher zu ſeyn ne Dier ſaßen Helden einſt zu Schatten, Als Deutſche, ſelbſt ein Volk, noch eigne Tugend hatten. *) Bey Bomte, nicht weit von Osnabrück.— Man erinnere ſich, daß dieſes vor acht und dreyßig Jahren geſchreben wurde! 326 Auf ihrem Schwerte lag die Hand, Die nicht für fremden Sold, nicht für des Sieges Tand Lüu Lorbern und bekränzte Wagen— Kein! für die Freyheit nur und für das Vaterland, In Feinde fiel, und ſchlug, und würdig war zu ſchlagen. Hier ſprach ein Greis: Geſegnet ſeyd ihr mir, Ihr armen kleinen Hütten ihr! Erzählt dem Enkel ſpätrer Zeit, Wie treu, wie muthig er geſtritten; Seyd ihm ein Bild von unſern Sitten, Lehrt ihn der Väter Redlichkeit. Du ſiehſt uns, ehrenvoller Hain! Sey Zeuge, rauſch es ihm entgegen; Sag' ihm der längſt Geſtorbnen letzten Segen, Und laß ihn ſtolz auf ſeinen Urſprung ſeyn! Hier ſang ein Mädch en ſeine Freude, Wenn es den Liebenden nach einer Schlacht empfing; Wenn er, zum Scherz, erbeutetes Geſchmeide Auf ihr Gewand von ſchlechten Fellen hing. Will man, bey ſanfter Liebe Flehn, Was ſich im Herzen regt, geſtehn— O dann iſt jede Sprache ſchön! Wie reitzend war für dich, o Mädchen, dein Geſang. Der nicht ſo ſüß, wie unſre Lieder, klang! Die Ahndung hätte dich betrübt, 327 Daß einſt dein Minnelied voll Zärtlichkeit und Würde, Daß deine Sprache ſelbſt, in welcher du geliebt, Ein deutſches Mädchen haſſen würde. Gern will ich Ihnen, meine Damen, an einem andern Orte etwas Artiges ſagen; aber hier muß ich ein wenig mit Ihnen zuͤrnen. Warum lieben Sie nicht mehr in einer Sprache, die, da Sie Deutſche ſind, Ihrer Art zu empfinden, am ge⸗ maͤßeſten iſt? Warum verfuͤhren Sie uns auch noch Ihre Liebhaber, denen Sie nur auf deutſch: Ich liebe Sie, ſagen duͤrften, um ſie mit ihrer Mutterſprache zu verſoͤhnen? Haͤtte dieſe nichts, als ihre Worte voll Nachdruck, ſo ver⸗ diente ſie ſchon Achtung; allein ſie hat mehr: Allmählig bildeten vereinte Muſen ſie Zur ſchönſten Harmonie. Es ließen Grazien ſich deutſche Tempel weihen; Die Liebe ſagt uns ihre Schmeicheleyen, Es ſagt uns ſeine Tändeleyen Der Scherz in unſrer Sprache vor; Doch alles iſt umſonſt für ein verwöhntes Ohr. Ja, alles iſt umſonſt, und deßwegen will ich auch nicht weiter klagen. ——;“— Die kleinen Baͤume. Saͤhen Sie doch, lieber Gleim, die jungen Lin⸗ den am Fuße jenes Berges, wie ſie, gleich weit von einander, in allerliebſter Ordnung da ſtehen! Sie koͤnnen noch die Winde nicht herausfordern, und freuen ſich, im Schutze des Berges zu ſeyn. Unter ihnen geht gewiß, wenn ſie gruͤnen, die⸗ jenige Begeiſterung umher, aus welcher kleine Verſe entſtehen; die Verſe, zu denen eine Huld⸗ goͤttin zuerſt An ihrer kleinen Hand Die kleinen Sylben zählte, Und die Apoll erfand, Als Pſyche ſich vermählte; Die leicht und ungezwungen, Voll Jugend, voll Natur, Ein Cardinal*) geſungen Der ſchönen Pompadour; *) Der Cardinal Bernis. Mit denen, menſchenfeindlich, Ein kritiſch Völkchen zankt, Indeß die Schöne freundlich Dem Liederſänger dankt. Für Könige zu klein, Für den Palaſt zu weiſe, Vertheilen ſie die Preiſe Der Schönheit nur im Hain; Behorchen Nachtigallen, Und ahmen ſtill, am Bach, Der Liebe zu gefallen, Den Ton der Einfalt nach. Wenn Sie, mein Freund, mich einmal in einer ſchoͤnern Jahrszeit nach meiner Heimath begleiten, dann wollen wir unter die jungen Linden uns ſetzen; und Sie ſingen den Baͤumchen und den kleinen Verſen ein beſondres Lobgedicht. . Der Wald. Den artigen Baͤumen gegenuͤber hebt ein großes Gehoͤlz ſeine maͤchtigen Wipfel empor. Wie oͤde! Nichts verraͤth die Spur von Menſchen, als ab⸗ gehauene Baͤume, und geoͤffnete Steinbruͤche. Da muß eine hoͤhere Begeiſterung ihren Sitz haben. Da wohnt die Phantaſie, die einen Wieland ſchafft, Groteske Bilder ſieht, und kühn zuſammen rafft. Ihr zeigt des Mondes ungewiſſes Licht, Das mühſam durch den Wald in Felſengänge bricht, Den herrlichen Palaſt verſteinernder Zeniden, Erbaut von Sylphen und Silphiden. Da glänzet diamantner Reif In Gärten, die das Aug' ermüden: Centaur, und Rieſ', und Drach', und Flügelpferd, und Greif, Und Zwerge, Gnomenmädchen, Gnomen Entſteigen, nach und nach, dem Reiche der Phantomen. Ihr Ariſtarchen; trotzt indeß Auf euern Ariſtoteles, 334 Verklagt die Ritter mit den Feen, Verdammt die Schwärmerey, die unſern Geiſt entzückt: Es wird kein Werkchen untergehen, Worauf die Kunſt ihr Siegel drückt. Nebſt der Phantaſie, wird dieſer Wald von der Muſe beſucht, die den Preußiſchen Grenadier, und nach ihm einen neuern Barden, unter einem alten Namen*), hervorrief. Sie ſihet auf geſtürzten Eichen; Da hört ſte noch den ſchweren Fall Des Beils, und, bey dem Wiederhall Der Hörner, matte Jäger keuchen; Sie lernt im Sturm, am Waſſerfall, Den mächtigen, den rauhen Schall Verlebter Wörter oft ertragen, Und alles voll Begeiſtrung wagen. Mit Recht fuͤrchtet ſie eine zu weit getriebne Zaͤrtlichkeit, durch welche die Sprache ſich ent⸗ nervt; jedem deutſchen Dichter haͤlt ſie Opizens Geſaͤnge vor, und behauptet den Charakter ihrer Nation. *) Der Geſang Ringulphs, des Barden u. ſ. f. — Das Heiligenhaus. Spotten will ich uͤber das Bildchen nicht; ſo ſchlecht es auch gemacht iſt. Fuͤr den Landmann iſt es immer gut genug. Seine Tempel ſind voll Einfalt, wie ſein Herz, und die Goͤtter, die er anbetet, darf er ſich nur guͤtig bilden, um ſelbſt guͤtig zu ſeyn. Unter einer hoͤhern Geſtalt ſchie⸗ nen dieſe vielleicht ſich weniger zu ihm herabzu⸗ laſſen: Wo bliebe das Vertrauen? So ſagt' ich, da eben ein Bauer vor einem Heiligenhauſe an⸗ daͤchtig den Hut abnahm. Aber fuͤr Geiſter, fuhr ich fort, die ſich emporſchwingen koͤnnen, ſollte man der Religion, auch in ihren ſinnlichen Zeichen, mehr Erhabenheit geben. Ihre Begriffe ſind die⸗ jenigen, an die unſre Seele von ihrer Kindheit an ſich gewoͤhnen muß: Sind ſie groß, ſo entſteht daraus eine gewiſſe Groͤße, die ſich uͤber die ganze Seele verbreitet. Warum werden unſre Kuͤnſtler nicht, wie zu den Zeiten der Praxitele, dadurch angefeuert, daß ihre Werke zum gottes⸗ dienſtlichen Gebrauche beſtimmt ſind? Die Bild⸗ 333 niſſe der Bewohner des Himmels ſollten des Him⸗ mels wuͤrdig ſeyn. Welchen Eindruck kann ein Seiliger machen, Der, von der gröbſten Hand geſchnitzet, Im gothiſchen Kapellchen ſitzet? Ihn hätte Rom und Griechenland Gewiß für keinen Gott erkannt! Die alten Götter ſind aus dem Olymp verbannt; Doch iſt auch da, wo kein Altar ihn ſchützet, Apoll, in Marmor aufgeſtellt, — Noch die Bewundrung einer Welt. Wehe uns, wenn kunſtverſtaͤndige Nachkommen einſt in allen Kirchen, auf allen Landſtraßen die Mißgeburten unſrer Bildhauer antreffen! Von dem Geſchmack und dem Genie unſers Zeitalters wird die Welt dadurch eine eben ſo traurige Vor⸗ ſtellung bekommen, als diejenige erhaben iſt, die von dem Geſchmack und dem Genie der Alten ihre Goͤtter uns liefern. Der Fluß). „Ueber die Roer kommen Sie nicht,“ ſchrie der Fuhrmann, der uns auf der Heide begegnete; „heute Morgen war das Waſſer ſo groß, daß alle Wagen umfahren mußten.“ Richt uͤber die Roer? Wir wollen es verſuchen, rief der Poſtil⸗ lion, und fuhr zu. Die Sonne war ganz untergangen, als mein Bedienter mir von Ferne den Fluß zeigte. Nicht uber die Roer? dacht' ich, wie wird mein Bruder ſich betruͤben? Indeß kamen wir naͤher, und ich entdeckte den Gott des Fluſſes, ungefaͤhr ſo, wie Chapelle den ſeinigen ſchildert. Wie, wenn ich hinging, und ſelbſt mit ihm ſpraͤche? Wenn ich ihn daran erinnerte(denn einen alten Mann kann man oft dadurch gewinnen), daß vor ungefaͤhr fuͤnfzehn Jahren mein Bruder mit mir ſeine beyden ¹) Bey Duisburg. 335 Ufer betreten, und daß ihm das Kind muͤßte gefallen haben? Sahſt du nicht, koͤnnt' ich ihm ſagen: Sahſt du nicht ſein blondes Haar Schön und lockig fliegen? Redlichkeit und Freude war In den edeln Zügen; In dem Aug' ein offnes Herz, Sanftere Gefühle; Neben ihm der freye Scherz Und die loſen Spiele. Jede kleine Nymphe ſah Nach dem ſchönen Knaben, Und die kleinſte wollt' ihn da Zum Vertrauten haben. Bald aber beſann ich mich, daß ein Fluß, dem alle Tage ſo verſchiedne Geſichter vorkommen, ſich nothwendig darunter verlieren, und, mit dem glücklichſten Gedaͤchtniſſe, mich fuͤr einen laͤcher⸗ lichen Schwaͤtzer halten muͤßte. Beſſer waͤr' es, ihm bloß zu erzaͤhlen, daß ich einen Bruder haͤtte, den ich liebte, wie wenige Bruͤder ſich lieben, und daß ich von ihm ſehnlich erwartet wuͤrde. Vielleicht ließ er durch meine Klagen ſich ruͤhren. Kenneſt du der Liebe Kuß, Haſt du je geweinet, Hat ein brüderlicher Fluß Sich mit dir vereinet; Dauern kleine Vögel dich, Wenn, in deinen Buchen, Sie mit ſüßem Kummer ſich Wechſelsweiſe ſuchen; Biſt du, wie die Götter ſind, Gütiges Erbarmen; O ſo laß mich, o geſchwind Laß mich ihn umarmen! Dieß ſollte die Anrede ſeyn; ſchon war ich im Begriff, hinzugehen; allein nicht weit von mir ſtand ein allerliebſtes Maͤdchen, das bald in den Fluß hinab, bald nach dem jenſeitigen Ufer ſah, und mit der Hand einige Thraͤnen verbarg, als wenn die Baͤume nicht ſehen duͤrften, daß es weinte. Vermuthlich war es ein unſchulbiges Kind, das, durch den Strom von einem Lieb⸗ haber getrennt, ſich ſelbſt, wär' es moͤglich, ſeine Traurigkeit verhehlen wollte. 337 Wie konnte ſich die Kleine ſo betrüben? Gewiß, ſie mußte zärtlich lieben! Ach! jede Thräne ließ ihr ſchön; Und dennoch, müde ſie zu ſehn, Verbarg der Waſſergott ſich tiefer in dem Schilfe; Am Ufer ließ er, ohne Hülfe, Das arme Mädchen ſtehn. Nun war keine Hoffnung mehr fuͤr mich uͤbrig. Derjenige, der eine weinende Schoͤnheit unem⸗ pfindlich laͤßt, iſt zu jeder guten That verdorben. Warum konnt' ich den Gott nicht abſetzen, das Maͤdchen in eine Nymphe verwandeln, und ihr die Herrſchaft uͤber den Fluß geben? Ihr Arm haͤtte mit geringerer Staͤrke die Urne ausgegoſſen; oder ſie waͤre mitleidiger geweſen. Doch meine Verwandlung ging nicht an; deßwegen bequemt' ich mich, die naͤchſte Bauernhuͤtte zum Nacht⸗ lager zu waͤhlen. Meierick*). Staͤdte nannt ich in der Erzaͤhlung meiner Reife nicht; aber dich nenn' ich, kleines Meierick, weil du mehr, als die Staͤdte, mir zeigteſt. In dir ſah ich die Natur in ihrer groͤßten Einfalt, mit ihren wenigſten Bedurfniſſen. Hier, ſagte ich⸗ hier koͤnnen ihre. Schuͤler ſie finden. Hier zündek, an berauchten Wänden, Sie ſelber, ländlich angethan, Mit harten arbeitſamen Händen, Die düſtre Lampe lächelnd an. Ihr Dreyfuß ſind nur ſchlechte Bretter; Orakelſprüche redet ſie, Zu dunkel oft für Erdengötter; Zu dunkel für die Weiſen nie. *) Ein Dorf, unweit Duisburg. Eine gutherzige Wirthin brachte mir einen irdnen Teller, legte grobes Brod daneben, machte mir ein Bett von Stroh, und da wiederholt' ich der Natur meinen Eid, ihr uͤberall zu folgen. Eine vergnuͤgte Nacht, und ein vergnuͤgterer Morgen! Die Sterne, von denen einige noch am Himmel ſtuhnden, als ich wegfuhr, waren ſchoͤner, als jemals. Nur wenige Meilen entfernten mich von Duͤſſeldorf; ſchon daͤuchte mich, daß die Luft meiner Vaterſtadt mich anwehte. Beylage zu der Winterreiſe. 5 Das Kloſter). In dem Kloſter waren gewiß artige Nonnen!“ wird manche junge Dame ſagen, wenn ſie meine Ueberſchrift liest. Ueber das Wort Nonne denkt ſie nach, und bey dem Worte artig macht ſie eine loſe Miene. Verzeihen Sie: Es waren Moͤnche, und zwar vom ſtrengſten Orden; von denen, die wenig eſſen, gar nicht ſprechen, und niemals ein Maͤdchen ſehen duͤrfen.„Dann gin⸗ gen Sie gewiß hin, um uͤber die armen Moͤnche zu lachen“! Auch dieſes nicht. So ungern ich mein ganzes Leben hindurch weinen moͤchte, ſo glaub' ich doch, daß man eben ſo wenig immer lachen muß.— Kurz, ich fuhr mit meinem Bru⸗ *) La Trappe, eine halbe Stunde von Düſſeldorf. Die Geiſtlichen desſelben verſicherten mich, daß es nur drey ſolcher Klöſter in der Welt gäbe. 341 der dahin; wir ſahen das Kloſter von ferne, dunkle Baͤume ſtanden am Eingange; wir wurden ſtille. Fuͤr dießmal vergaßen wir alles, was ein Voltaire und andre von den geiſtlichen Orden geſagt haben; wir wollten dieſe Begriffe nicht mit uͤber die Schwelle der guten Leute nehmen, von denen wir wunſchten, freundlich empfangen zu werden. Ihr Enthuſiasmus, dachte ich, haͤtte vielleicht, unter andern Umſtaͤnden, ſie zu ruͤhm⸗ lichen Thaten gefuͤhrt. Sie fliehen die Menſchen nicht deßwegen, weil ſie dieſelben haſſen; ſondern weil ſie ſich zu ſchwach fuͤhlen, unter ihnen zu leben. Wir zogen an der Glocke, die Thuͤr oͤff⸗ nete ſich. Wie einſam! Ich bat die Freude, mich nicht ganz zu verlaſſen, aber in einiger Entfer⸗ nung mir zu folgen. Sie hatte weder die Blu⸗ men aus ihrem Haar geriſſen, noch das Saiten⸗ ſpiel weggelegt. Rur dämpfte ſie die goldne Leyer, Den Kranz verhüllte nur ein Schleyer; Doch ſchimmerte durch ſeinen dünnen Flor Die kleinſte Roſe ſanft hervor. „»Mein lieber Herr Pater, wir wollten gern Ihr Kloſter beſehen“. Leutſelig, und mit einem ſo heitern Geſichte, daß wir daruͤber erſtaunten, fuͤhrte der Geiſtliche uns uͤberall herum. Ihm, als einem Vorgeſetzten, war es erlaubt, wenn Fremde kamen, zu reden. Erſt wies er uns den Speiſeſaal, in welchem die Ordensbruͤder ſich eben hinſetzten, ihre ſchlechte Mahlzeit zu halten; darauf kamen wir an ſeine Zelle. Als er ſie auf⸗ ſchloß, als ich in dem engen Verſchlage von Bre⸗ tern, der von einer oben gelaßnen Oeffnung ſein ſchwaches Licht erhielt, das ſchlechte Bett von Stroh, neben dieſem einen gemalten Todten⸗ kopf, und zur Seite die Schaufel und das uͤbrige Geraͤthe ſah, womit ſie ſelbſt ihre Felder bearbei⸗ ten muͤßen: Gott! Wie ſchlug mein Herz! Unſer Führer laͤchelte. Gern haͤtte ich geweint.— „Aber iſt es nicht ſelbſtgewaͤhltes Elend“?— Unempfindliche! Ihr wollt nur eure Thraͤnen behalten. Von da gingen wir in das Zimmer der gefaͤhr⸗ lich Kranken; es war leer. Auf dem Boden be⸗ merkte ich das gemalte Kreuz, auf welches die eifrigſten unter ihnen ſich legen laſſen, wenn ſie ſterben wollen. Hier, dachte ich, hat mancher ſeine martervollen Tage geendigt, und mancher wird ſie noch endigen. Dann vergißt er ſeine Leiden: Dann ſchwebt um ihn ein Jubelkon, Und ruft ihn zum verklärten Volke; Sein ſtarres Aug erblicket ſchon Das Chor der Heiligen in einer lichten Wolke: Sie zeigen ihm des Himmels neuen Reiz, Und Palmen blühen um ſein Kreuz. Gerechter Himmel! Sind dieſe meine Bruͤder nicht unſterblich? Dann war Unſterblichkeit fuͤr ſie ein grauſamer Irrthum, der um das Gluͤck eines ganzen Lebens ſie betrog, und du raffteſt, o Himmel! den, der zuerſt dieſen Irrthum lehrte, nicht von der Bruſt ſeiner Mutter weg, als ſeine Zunge noch gebunden war? Wie? ſtürzte nicht ein Fels herab, Den Weiſen zu zermalmen, Der dieſen Götterſtolz in unſre Seele gab; Empfing ein frühes Grab Den Dichter nicht, der in erhabnen Pſalmen Uns den Geſang der Engel hören ließ, Ein glänzend Loos, ein künftig Paradies, Und neue Sonnen uns verhieß? Gewiß! Dieſe meine Bruͤder ſind unſterblich! Das Krankenzimmer war eine gute Vorberei⸗ tung zu dem Kirchhofe, den wir gleich nachher zu ſehen bekamen. Dieſen, ſagte ich, hat gewiß 344 ein menſchenfreundlicher Praͤlat angelegt, damit er ſeinen Untergebnen den Tod verſuͤßte. Hier ſchlängeln junge Reben ſich, Hier ſcheinen der Verweſung Schrecken Sich in den Schatten grüner Hecken Und dichter Bäume zu verſtecken: Ihr Freunde, hier begrabet mich! Sobald einer von den Geiſtlichen eingeſenkt iſt, wird ohne Verzug ein neues Grab fuür den kuͤnftig Sterbenden aufgeworfen. Unſer Beglei⸗ ter wies es uns, und ſah freundlich hinein. Auf den ſchwarzen Kreuzen, womit jeder Grabhuͤgel bezeichnet war, las ich einige Namen und Jahr⸗ zahlen, Und liſpelte den Todten zu: O findet die gewünſchte Ruh In dieſen ſlillen Grüften. Ihr hörtet, fern von Menſchen, nicht, Wie Bosheit mit der Tugend ſpricht; Allein ihr hörtet auch, auf liederreichen Triften, Der Liebe ſanfte Stimme nicht! Nun waren wir uͤberall umhergegangen; und nun ſagte der gutherzige Vater, mit einem Ton und einer Miene, denen man nichts abſchlagen 345 kann: Darf ich von unſerm Brod und von unſerm Getraͤnk Ihnen anbieten? Ich gebe Ihnen, was ich geben kann. Er that es, bewirthete uns ſo, wie man zu den Zeiten bewirthet wurde, als Goͤtter noch an die Thuͤren der Sterblichen an⸗ klopften; ſah dabey immer vergnuͤgt aus, und bat uns, ihn oͤfter zu beſuchen. Waͤren wir von ſei⸗ ner Religion geweſen(und er wußte daß wir es nicht waren), unmoͤglich haͤtt' er vertraulicher mit uns umgehen koͤnnen. O ich ſeh' ihn noch in ſeiner zufriednen Stel⸗ lung, wie er zwiſchen uns ſaß, die eine Hand auf das Knie gelegt, und die andre beſchaͤftigt, uns zu dienen. Nicht viel uͤber eine Stunde waren wir beyſammen geweſen, und dennoch hatte unſer Abſchied etwas Zaͤrtliches. Mein Bruder und ich, als waͤr' es unter uns verabredet, nah⸗ men zugleich, ein jeder eine von ſeinen Haͤnden in die unſrigen, mit einer gewiſſen Ehrfurcht, die von jungen Weltleuten ihn deſto mehr befrem⸗ den mußte, da ſie außer dem Schooße ſeiner Kirche geboren waren. Er druͤckte wieder unſre Hand, mit einem Auge voll Guͤtigkeit. Dieſes Auge konnte nicht luͤgen! Auch da wohnt die Freude! ſagte mein Bru⸗ der, als wir zuruͤckfuhren. Ja, verſetzte ich, 346 und diejenigen, die reden und des Lebens ge⸗ nießen duͤrfen, klagen uͤber den Himmel. Er verſicherte mich, daß er ſelten eine ſuͤßere Ruhe, einen ſolchen Frieden, uber ſeine ganze Seele ausgebreitet, empfunden haͤtte. 6 Bey der Abendmahlzeit ſprachen wir wenig, ſahen uns oft einander an, und freuten uns, daß wir Bruͤder waren. Das Lied der Grazien. An Gleims Geburtstage, den 2. April 1770. Wenn ein Maͤdchen unter ſeinen Schweſtern, Als die Schoͤnſte geht, ihr Buſen ſanfter ſchlaͤgt; Wenn ſie hohe Freuden in dem Blicke traͤgt, Und die Frevler, welche Tugend laͤſtern, Durch ein Laͤcheln widerlegt; Wenn ein Dichter eine Welt bekehret, Und die Menſchen ſuͤßen Frieden lehret, Suͤß, wie ſeiner Leyer Ton; O dann hat dem Maͤdchen und dem Dichter ſchon, In des Lebens erſten Daͤmmerungen, Eine Grazie geſungen; Eine Grazie, die bey der Wiege ſtand, Als die zarte Seele, kaum geboren, Sich zu ſuchen ſchien, und noch verloren In dem erſten, tiefen Traume ſich nicht fand. Da die zarte Seele ſchon zu bilden, 348 Schuf die Goͤttin, nach und nach, Wo das holde Kind im Schlummer lag, Eine kleine Welt von bluͤhenden Gefilden. Durch die Silberwolken brach, Sanft gemaͤßiget, der Tag; Schoͤne Traͤume folgten ſchoͤnen Traͤumen; Laͤmmer ſpielten unter Myrthenbaͤumen; Bey den Laͤmmern wohnte ſtille Ruh: Fernher ſang ihr Lied die Grazie dazu. Dunkel zwar dem Maͤdchen und dem Dichter Sind der Kindheit erſte Traumgeſichter, Unverſtaͤndlich iſt das Lied fuͤr ſie; Aber dennoch ihre Seele bilden, In der kleinen Welt von bluͤhenden Gefilden, Muß des Liedes Harmonie. Einſt auf Blumen wird das Maͤdchen liegen, Einſt auf Blumen, wo im jungen May Nachtigallen uͤber ihr ſich wiegen; Und des Hirten Feldſchalmey Ruft der Freuden beßres Chor herbey; Jedes Blaͤttchen ſagt im jungen May Liſpelnd ihr, wie ſchoͤn die Unſchuld ſey. Zwiſchen Hirten, welche Kraͤnze winden, Wird der Dichter einſt die Weisheit finden; 349 Voller Einfalt, ſo wie die Natur, Wie der Himmel, rein, und lachend, wie die Flur. Deines Lebens erſte Daͤmmerungen Sahen auch, die Grazien, o Freund! Und dir haben ſie, vereint, Voll Unſterblichkeit ein Lied geſungen. „Nymphen in den Hainen, in den Fluͤſſen! Kleine Nymphen, wachſet auf mit ihm; Spielet um ihn her, und lehrt ihn kuſſen: Denn es wird der Bosheit Ungeſtuͤm Sich, ſobald er ſingt, zu ſeinen Fuͤßen Unter Blumenketten ſchmiegen muͤßen; Denn er wird der Tugend Leid verſuͤßen; O ihr Nymphen in den Fluͤſſen, In den Hainen! lehrt ihn kuſſen; Kleine Nymphen! wachſet auf mit ihm. Wachſet auf mit ihm, und bluͤht geſchwinder, Junge Roſen! wachſet auf. Alle Weſte wehen hier gelinder, Und gelinder iſt der Baͤche Lauf. Hier beſuchen Goͤtterkinder Ihren Liebling: O geſchwinder Bluͤht, ihr jungen Roſen! auf. 350 Bluͤht geſchwinder, ihr Gebuͤſche! Denn, im froͤhlichſten Gemiſche Gehen, unter Muſen, hier Mit dem ſchoͤnen Knaben wir. Glanz erfuͤllet die Gebuͤſche:— Seht! im froͤhlichſten Gemiſche, Seht! im Glanze ſteiget er empor Zu der Goͤtter Chor.“ Lied des Orpheus, als er in die Hölle ging⸗ Waͤlze dich hinweg, du wildes Feuer! Dieſe Saiten hat ein Gott gekroͤnt; Er, mit welchem jedes Ungeheuer, Und vielleicht die Hoͤlle ſich verſoͤhnt. Meine Saiten ſtimmte ſeine Rechte: Fuͤrchterliche Schatten, flieht! und ihr winſelnden Bewohner dieſer Naͤchte, Horchet auf mein Lied! Von der Erde, wo die Sonne leuchtet, Und der ſtille Mond; Wo der Thau das junge Moos befeuchtet, Wo Gefang im gruͤnen Felde wohnt; Aus der Menſchen ſuͤßem Vaterlande, Wo der Himmel euch ſo frohe Blicke gab, Ziehen mich die ſchoͤnſten Bande, Ziehet mich die Liebe ſelbſt herab. 3 35⁵² Meine Klage koͤnt in eure Klage; Weit von hier geflohen iſt das Gluͤck; Aber denkt an jene Tage, Schaut in jene Welt zuruͤck! Wenn ihr da nur einen Leidenden umarmtet, O ſo fuͤhlt die Wolluſt noch einmal; Und der Augenblick, in dem ihr euch erbarmtet, Lindre dieſe lange Qual! O ich ſehe Thraͤnen fließen! Durch die Finſterniſſe bricht Nun ein Strahl von Hoffnung; ewig buͤßen Laſſen euch die guten Goͤtter nicht! Goͤtter, die fuͤr euch die Erde ſchufen, Werden aus der tiefen Nacht Euch in ſelige Gefilde rufen, Wo die Tugend unter Roſen lacht. Elyſ: u m. Ein Vorſpiel mit Arien. (Zum erſten Mal aufgeführt von der Geſellſchaft könig⸗ licher Schauſpieler zu Hannover, an dem Geburts⸗ feſte der Königin. Im Jenner 1770). Perſonen. Eliſe.. Themire.. Schatten in Elyſium. Eraſt. 5 Elyſium Lindor. Ein ungenannter Schatten. Vier tanzende Schatten. 8 Ein Chor von Schatten, hinter der Scene. Das Theater ſtellt die elyſäiſchen Felder vor. Jakobi's Werke. I. 12 Prolog. Sin Schatten aus Elyſium. Wenn Koͤnige, durch nichts, als ihre Siege, groß, Von Selaven ſich vergoͤttert ſehen, Und voller Stolz in ihrem Tempel ſtehen; Dann reißet aus der Naͤchte Schooß Oft eine Furie ſich los, In ihren Feſten ſie zu ſtoͤren, und jeden leiſen Fluch der Buͤrger anzuhoͤren, Den, vom Geſchrey des Hofes uͤbertaͤubt, Die raͤcheriſche Hand ins Buch des Todes ſchreibt: Um ihn erklinget ihre Kette, Wenn, ſterbend, auf dem Purpurbette, Der Maͤchtige, den alles flieht, Nur einen leeren Thron, und ein Gewoͤlbe ſieht, Wo der Verweſung lange Nacht Kein Saint⸗Denis ihm minder furchtbar macht. Er koͤmmt: Es hemmen ſich der Hoͤlle ſchwarze Fluͤſſe; So nennen ihm die Finſterniſſe Sein unterdruͤcktes Vaterland; Und Helden fluchen ihm, die er hinabgeſandt. Wenn aber ein Monarch der Erde Gluͤck ge⸗ ſchworen, Der nie den großen Schwur entweiht, Den Schwur, von dem kein Thron die Koͤnige befreyt; Wenn, in Entzuͤckungen verloren, Sein treues Volk ihn Vater heißt, Und, o Natur! ihn deine Stimme preist; Dann kehrt zur Oberwelt, beym Schall der Ju⸗ bellieder, Ein Chor begluͤckter Schatten wieder! Ihm ſingt das unſichtbare Chor Elyſiſche Gefaͤnge vor. Er ſtirbt, und ſegensvolle Worte Begleiten ihn bis an die dunkle Pforte. Da geht vor ihm ein Strahl von ſeiner Tugend her; Er leuchtet ſanft am naͤchtlichen Geſtade; Da folgt ihm unbereute Gnadez Der Acheron iſt ſchreckenleer; 35⁵6 Die finſtern Ungeheuer ſchwinden, Und die Tyrannen ſelbſt empfinden. So wohnet unter uns erhabner Fuͤrſten Lohn; So droht ein Strafgericht dem Wuͤrger; Doch ruͤſtet auch die Hoͤlle ſchon Sich gegen ungetreue Buͤrger; Und reiner Wonne Glanz umgiebt Ein Volk, das ſeinen Koͤnig liebt. Du liebeſt Ihn, o Volk! Es knuͤpfen ſchoͤne Bande, Zum Ruhm der Menſchlichkeit, nicht zu der Frey⸗ heit Schande, Dich an den koͤniglichen Thron. Du liebeſt Ihn, den Goͤtterſohn; Weil keine klagende Trophaͤen Auf deinen wuͤſten Aeckern ſtehen. Du liebeſt Ihn, weil ſein Palaſt Nicht das geraubte Gold von tauſend Buͤrgern faßt, Und Arme nicht bethraͤnt nach ſeinem Golde ſehen. Du liebeſt Ihn, weil jeglicher Altar Der Gottheit unverletzlich war; Nicht Prieſterwuth im Heiligthum entbrannte, Und nie der Nachbarn Hohn dir einen Calas nannte. Du liebeſt Ihn, und Sie... Wenn in ein ſtilles Thal Die Fruͤhlingsſonne faͤllt, und ſich zum erſten Mal An ihr ein zartes Veilchen waͤrmt, Indeß ein leichter Weſt um junge Blaͤtter ſchwaͤrmt; Wie dann herab von goldner Wolke Die Blumengoͤttin lacht, ſo laͤchelt Sie dem Volke. So laͤchelt Sie, die beſte Koͤnigin, Der Unſchuld hohe Fuͤhrerin, Der Unſchuld, welche ſonſt in Huͤtten ſich ver⸗ ſtecket, Und da die kleine Tafel decket. Ihr Laͤnder! ſeht, wie unverſtellt Zu Ihr die Tugenden im Schaͤferkleide kamen; Wie, vor den Augen einer Welt, Sie nicht die heiligſten der Namen Fuͤr unbedeutend, Ihrer unwerth haͤlt; Wie Sie getreu den Gatten kuͤßt, Und, auch als Koͤnigin, noch eine Mutter iſt... Ihr Laͤnder! jauchzet Ihr entgegen; O jauchzet Ihr, und fordert Ihren Segen! Ein holder Tag, ein ſuͤßer Augenblick! Mich aber winkt Elyſium zuruck; Wir feyern dieſes Volkes Gluͤck; Und Euer Gluͤck, erhabne Bruͤder*)! Es muͤſſe ſchoͤn, wie unſre Lieder, Und ruhig, wie ein ſtiller Hain, In welchem edle Schatten gehen, Die vor ſich ihre Thaten ſehen, Ihr Fuͤrſten, Euer Leben ſeyn! *) Die Brüder der Königin, die Prinzen Carl und Ernſt von Mecklenburg⸗Strelitz, welche bey der Vorſtellung zugegen waren. Elyſium. Er ſter Auftritt. In der Ferne der Styr. Eliſe. (Sie kömmt in dem Nachen des Charon an. Vier bekränzte Schatten empfangen ſie, und ſetzen ihr einen Myrthenkranz auf. Die Schatten verſchwin⸗ den. Eliſe ſieht voll Verwunderung und Entzücken in dieſen neuen Gegenden ſich um.) Welche Fluren! welche Taͤnze! Welche ſchoͤn geflochtne Kraͤnze! Welch ein ſanftes Purpurlicht; Sanfter war die Morgenroͤthe, Die des Waldes Gruͤn erhoͤhte, Mir im ſchoͤnſten Lenze nicht. Iſt es nur ein Traum, Eliſe? Jeder Hain und jede Wieſe Sind Geſang um mich herum. Friede, nie gefuühlter Friede Toͤnet hier in jedem Liede: Dieſes iſt Elyſium! Ja, dieſes ſind die Felder, zu denen der Uebergang aus jener Welt die Sterblichen aͤng⸗ ſtiget. Ein kurzer, ein leichter Schritt; und ihm folgen ſo viele Freuden! Ganz unbekannt ſind dieſe Freuden mir nicht. Einen Theil derſelben empfand ich an dem Tage, da ich einen kleinen Vorrath von Fruͤchten in die Stadt zum Ver⸗ kaufe trug, und unter einer Linde ausruhte. Wie hungerke den armen Mann, der mich um ein Almoſen bat, und dem ich nichts geben konnte, als einige Fruͤchte aus meinem Korb, und die Haͤlfte von meinem Mittagsbrote! Wie vergnugt ſetzte er ſich zu mir hin, und wie ſchmackhaft war mir das Brod, das ich mit ihm getheilt hatte! Aber ich habe ja die Richter der Hoͤlle noch nicht geſehen? Genug! Mein Herz verſichert mich, daß ich dieſen Ort nicht enthei⸗ lige.— Will dieſer Schatten vielleicht mich zu meinem Richter fuͤhren? Zweyter Auftrit:. Eliſe. Ein Schatten,(mit einer ſchwarzen Schale in der Hand). Der Schatten. Willkommen, Eliſe! Deinen Namen ſagte mir dein Geſang. Eliſe. Mein Freund, ſenden dich die Richter zu mir? Der Schatten. Du biſt ſchon gerichtet. Dein erſter Gedanke in Elyſium war dein Urtheil. Eliſe. Geſegnet ſey der Mann, der neben mir unter der Linde ſaß!... Aber wozu dieſe Schale? Bringeſt du ſie mir, mein Freund? Der Schatten. Ja, meine Freundin! Jeder Ankoͤmmling in Elyſium muß aus dem Fluſſe der Vergeſſenheit trinken.. Eliſe. Als ich ſtarb, ließ ich eine Mutter in der groͤßten Armuth zuruͤck. Mit meinen Haͤnden verdiente ich ein wenig Oel auf unſre Lampe, und ein wenig Feuer auf unſern Herd. Die Lampe wird mit meinem Tode, aus Mangel des 362 Oels, erloſchen ſeyn, und bey dem letzten Holze kochte ſie meinen letzten Trank. Ich ſehe ſie noch, wie ſie vor meinem Bette kniete, und ſich das Geſicht verbarg. Sie weinte laut, als ich den letzten Seufzer ausſtieß. Ein trauriges Anden⸗ ken! Aber vergeſſen moͤchte ich meine Mutter nicht. Fuͤr ſie wird die Gottheit ſorgen, die fuͤr mich dieß Elyſium ſchuf, und bald werde ich ſie wieder umarmen. Der Schakten. Wie viele Tugenden kamen mit dir in dieſe Felder herab! Sie vermehren unſre Freuden. Eliſe. Ich hatt' einen Geliebten. Er war arm, und mit ihm haͤtte ich meine Mutter nicht ernaͤhren koͤnnen; deßwegen gab ich ihm meine Hand nicht. Er ſtarb, und ich werde ihn wieder finden; denn er war tugendhaft. Soll ich die Stunden, da er mein Elend mir erleichtern half, ſoll ich die vergeſſen? Der Schatten. Nein, liebenswuͤrdiger Schatten, vergeſſen ſollſt du deine Mutter und deinen Geliebten nicht. Ruhiger nur ſollſt du deiner Leiden dich erinnern. Eliſe. Voͤllig vergeſſen moͤchte ich einen einzigen Um⸗ ſtand meines Lebens. Wir hatten einen Rechts⸗ handel, welcher unſer kleines Vermoͤgen uns raubte. An einem Tage ſah ich meine Mutter, wie ſie das letzte Stuͤck Geld einwickelte; zu ver⸗ ſchiedenen Malen in ihren Haͤnden es umkehrte; bald mich, bald den Himmel anſah, und weinte. Sie brachte es denen, auf deren Spruch unſer ganzes Gluͤck beruhte; dieſe nahmen es, und doch verloren wir durch ihre Saumſeligkeit alles. Wir haben ihnen verzeihen, aber der Himmel hat den Blick meiner Mutter geſehen. Wehe denen, welche damals im Gerichte ſaßen!.. O das Andenken an die Unempfindlichkeit der Menſchen moͤchte ich aus meiner Seele ver⸗ bannen. Der Schatten. Hier, Eliſe, wohnet uͤberall zaͤrtliche Liebe! Du wirſt unter dieſen gluͤcklichen Geiſtern jene vergeſſen. Nur dann, wenn unſre Freunde die Seligkeit Elyſiums verſcherzen, nur dann duͤrfen wir uns nicht mehr erinnern, daß ſie waren. Eine zweyte Schale, wie dieſe, vertilget jeden Gedanken an ſie. Wuͤrde nicht der bloße Name eines ſolchen Ungluͤcklichen, ſelbſt in dieſen Fel⸗ 364 dern, unſre Seligkeit, und, wenn ſie uns trau⸗ rig ſaͤhen, die Seligkeit andrer ſtoͤren? Eliſe. Gieb mir die Schale. Wenn ich nur nicht eine zweyte leeren mugh,.. Ich wurde von einer Freundin geliebt; nicht lange geliebt... Aber ſie hat mir viele Thraͤnen gekoſtet! Himmel, wenn ich ſie nicht wieder faͤnde! Der Schatten. Du haſt die Schale geleeret. Nun, Eliſe, nimm dieſen Kranz, und gieb ihn dem erſten Schatten, welcher Dir begegnen wird. Dritter Aufkritt. Eliſe(allein). Dem erſten Schatten? Gewiß iſt es mein Ge⸗ liebter! Er verſprach, an dieſem Ufer zu ſeyn, wenn ich anlangen wuͤrde... Wie wuͤrd' ich ihn lieben, jetzt da ich in Elyſium bin! Ich fuͤhl' es, ich wurde zu der reinſten Seligkeit geſchaffen. Seitdem ich aus jenem Fluſſe trank, verſchwindet mir alles, was ein kurzes Leben Trauriges hatte. Immer weiter geht das Elend von mir weg; immer leiſer hoͤr' ich die bangen Toͤne, woran 365 dieſes Ohr gewoͤhnt war. Sogar die letzten Kla⸗ gen meiner Mutter hoͤr' ich leiſer.— Ein ſchwacher Laut, der nicht mehr aͤngſtigen kann! So leiſe ſchlug mit ihrem Fluͤgel Die Nachtigall; So leiſe rief am fernen Huͤgel, Der Wiederhall. Es huͤllt ſich jedes Bild von Schmerzen In eine ſchoͤne Daͤmmerung: Der Himmel iſt in meinem Herzen Und goͤttliche Befriedigung! Ich ſehe den Schatten... Aber mein Ge⸗ liebter iſt es nicht! Wer er auch ſey, ſo iſt es ſchoͤn, in Elyſium Kraͤnze zu vertheilen. Vierter Auftritl. Eliſe. Themire (von ferne, ohne Eliſen zu bemerken).— Eine lange Nacht! Aber jetzt eine neue Schoͤ⸗ pfung! O Natur, ich kehre zu dir zuruͤck.— In jener Welt mochte ich die Sonne nicht ſehen, wie ſie auf und unterging: Eine lange Nacht 366 hat es mich gelehrt. O wie haͤtte da der kleinſte Strahl der Sonne mich entzuͤckt! Dieſes Licht iſt noch ſchoͤner als die Sonne. Wie ſchoͤn iſt alles um mich her! jedes Blaͤttchen iſt ſchoͤn. In der langen Nacht grunte mir kein Blaͤttchen, weil ich in jener Welt die gruͤne Wieſe nicht ſah. Ihr kleinen Blumen, ihr mußtet nur meiner Eitelkeit dienen... Aber verlaſſen? Noch immer verlaſſen? (Sie wird Eliſen gewahr, die auf ſie zugeht.) Guͤtiger Himmel! Gutes, freundliches Ge⸗ ſchopf; ich kenne dich nicht; aber wie ſuͤß iſt es, eine menſchliche Bildung zu ſehen! O ſprich, laß mich wieder eine Stimme hoͤren. Eliſe. Du ſollſt meine Stimme hoͤren, du ſollſt von mir geliebt ſeyn. Ungluͤckliche! lebteſt du in einer Wuͤſte? Themire. O haͤtt' ich mit dir in einer Wuͤſte gelebt! In einer zu großen Welt wurde ich geboren, und ſie machte mein Ungluͤck. Eliſe. Von der großen Welt war ich weit genug entfernt; und dennoch machte ſie auch einen Theil des meinigen. — Themire. Leider gehen diejenigen, die an den Hoͤfen ver⸗ geſſen machen, was Liebe, Freundſchaft und Menſchlichkeit ſey, leider gehen ſie, wenn ihnen da keine Verwuͤſtungen mehr uͤbrig ſind, auch in die Huͤtten, und rauben der Unſchuld ihre guten Empfindungen. Eliſe. Dieſes war mein Schickſal nicht!.. Allein ich will dir nichts Trauriges erzaͤhlen. Themire. Großmuͤthiger Schatten!... Von mir ſollſt du alles wiſſen; eher kann ich mich nicht beruhi⸗ gen.— Alles ſollſt du wiſſen, und darum nicht weniger mich lieben. Elife. Meine Freundin! Wir ſind in Elyſium. Themire. Ja, wir ſind in Elyſium. Wer ich, und was mein Herz war, kannſt du daraus beurtheilen, daß eben dieſer Gedanke mich mehrmals in Furcht ſetzte. In Elyſium? An einem Orte, wo weder Sopha, noch Spieltiſch, noch Anbeter ſind, und, welches mir das entſetzlichſte war, wo kein altes Geſchlecht mehr etwas gilt? 368 Eliſe. Unterdeſſen war fuͤr mich Elyſium ein Ort, wo man nicht mehr hungert, und nicht mehr, weil man arm iſt, verachtet wird. Themire. Ich hatt' eine Freundin; ich weiß nicht, ob ſie noch in Elyſium iſt; aber ich werde ſie ſuchen. Es war die Tochter unſers Paͤchters, und die Geſpie⸗ lin meiner Kinderjahre. O ein gutes, zaͤrtliches Maͤdchen! Ich Grauſame! Wir bauten kleine Lau⸗ ben zuſammen, und pfluͤckten Blumen, und kuͤßten uns. Damals war ich der Natur noch getreu! Wie liebte ſie mich! Eine ſolche Freundin fand ich nicht wieder. Aber kaum wuchs ich heran... Eliſe. Das arme Naͤdchen! Themire. Lange hatten wir uns nicht geſehen; da kam ſie voller Freuden, und brachte mir einen Blumen⸗ ſtrauß, und ich.. Eliſe(für ſich). O ich muß ſie umarmen! Themire. uUnd ich dankte ihr mit einer gnaͤdigen Miene. Sie ſah mich an, in ihren Augen waren Thraͤ⸗ nen; ſie konnte nichts ſagen, als ſie Abſchied —— nahm, und als meine Bedienten ihr begegneten, weinte ſie. Eliſe. Und das Maͤdchen hieß? Themire. Noch war Empfindung in meinem Herzen. Auch ich ließ einige Thraͤnen fallen; allein meine Mutter fragte mich nach der Urſache; und da ſchaͤmte ich mich; ſte zu ſagen. Hiermit gab ich der Unſchuld das letzte Lebewohl. (Eliſe geht auf ſie zu, faßt ihre Hand, und ſieht mit der größten Rührung ſie an. Themire fahrt nach einer kleinen Pauſe fort.) Doch nein! Meine Freundin gerieth in Ar⸗ muth, und einſt ſchickte ich ihr, ohne daß meine Mutter es wußte, von meinem Spargelde. Aber warum ließ ich ſie nicht zu mir kommen, um ſie ſelber zu troͤſten? — Eliſe(für ſich). Sie iſt es! Themire. Mitten unter allen Zerſtreuungen dachte ich im Anfange noch an ſie; aber endlich wurde ſie ganz vergeſſen; und nun fing ich an, die Menſchen zu verachten, und mit Stolz auf diejenigen herab⸗ zuſehen, die beſſer waren, als ich Mein Ende 1. 12* 370 war da. In meinem Herzen erwachten die Em⸗ pfindungen, welche man getoͤdtet hatte, und ich kam in die Gefilde der Nacht, welche die Hoͤlle von Elyſium ſcheiden, und die Klagen der Elenden vor den Ohren der Seligen verbergen. O wie klein wurde mir hier alles, was mir ſo groß ge⸗ ſchienen hatte! Nur um ein ſchwaches Licht bat ich in den ſchrecklichſten Finſterniſſen. Nun dachte ich an meine verſchmaͤhte Freundin, als ich keinen Laut von Menſchen mehr hoͤrte. Ach! In Wuͤſten erſt lernet man, was ein Geſchoͤpf dem andern ſey. Eliſe. Und nun liebſt du das Maͤdchen wieder? Themire. Ob ich es liebe? Nur die Kuͤſſe, die ſie mir in meiner Kindheit gab, waren aufrichtige Kuͤſſe. Was ſind die Umarmungen der großen Welt? Elife (die mit einer noch großern Rührung ſie anſieht, und ihre Hand in die ihrige legt). Und das Maͤdchen hieß? . Themire (welche nach und nach ſie erkennt). 374 (Sie fällt voll Zärtlichkeit in ihre Arme. Während des Eingangs zur folgenden Arie, ſetzet ihr Eliſe den Kranz auf.) Du willſt, Elife, mir verzeihen? Was kann an dieſen Ufern noch Die Seligen entzweyen? O koͤnnten unſre Schatten doch In die Palaͤſte wiederkehren, Und da der Menſchen Wuͤrde lehren! Dann lehrte nie den erſten Kuß Die Nacht des Erebus. Eliſe. Wie gluͤcklich, meine Themire: Dich hat der Himmel mir zur erſten Vertrauten im Elyſium beſtimmt. Aber Themire, haſt du hier einen Ge⸗ liebten? 1 Themire. Anbeter genug hatte ich in jener Welt; aber keinen Geliebten. Geliebte nannte ich ſie auch in meiner vorigen Sprache; allein in dieſen Feldern redet man die Sprache der Wahrheit und der Natur. Eliſe. Du verdienſt mit mir in Elyſtum zu ſeyn; da⸗ rum komm, und hilf meinen Geliebten mir ſuchen. Er hat gleich mir eine Huͤtte bewohnt; hilf ihn 372 mir ſuchen. Oft ſah' er die Thraͤnen, die um dich meine Zaͤrtlichkeit weinte.. Aber was fuͤr ein Schatten? Welch ein ſuͤßer Zwang haͤlt mich zuruͤck? Ich muß mit ihm reden. Fuͤnfter Auftritt. Die Vorigen. Eraſt (ohne die Schatten zu ſehen). Keiner unter allen Schatten hat ihn gekannt! Und wie ſollte man ihn kennen? Wer wird die einſame Wohnung in dem kleinen Thale beſuchen? Seiner Nachbarn ſind wenig.. O Lindor! Eliſe(voller Rührung). Lindor! Eraſt. Welche Stimme! Wer biſt du, freundlicher Schatten, der du einen von mir ſo geliebten Na⸗ men wiederholeſt? 1 — Eliſe. Du nannteſt ihn gewiß nicht oͤfter, als ich; und nie mit groͤßrer Zaͤrtlichkeit. Eraſt. Wer biſt du? Eliſe. Ein in jener Welt unbekanntes Maͤdchen, un⸗ bekannt, wie Lindor; arm und redlich, wie er. Eraſt. Arm und redlich? Wir ſehn uns wieder, mein Sohn! Eliſe. Dein Sohn?(ſie umarmt ihn). Eraſt. Und du? Eliſe. Haͤtten die Reichen mit uns ihre Reichthuͤmer getheilt, wie wir mit den Armen unſre Armuth, ſo waͤr ich ſeine Gattin. Aber dich darf ich doch meinen Vater nennen? O wie oft haben wir dich geſegnet! Eraſt. Meine Tochter! Meine geliebte Tochter! Eliſe. Eile, fuͤhre mich hin zu deinem Sohn; ich will an deiner Hand ihn wieder ſehen, vor deinen Au⸗ gen ihn wieder umarmen; ich will... Eraſt. Guͤtiger Himmel! Iſt er hier? 374 Eliſe. Und du ſahſt ihn noch nicht? Er iſt lange mir vorangegangen. . Eraſt (mit trauriger Stimme). O mein Sohn! Eliſe. Wenn keine Seelen der Tugendhaften um⸗ kommen, ſo iſt er hier. Themire. Gewiß iſt er hier; denn ich bin in Elyſium! Komm, meine Freundin! Vielleicht ſucht er ſei— nen Vater. Ach! In einer beſſern Welt haͤtte ich deinen Geliebten gluͤcklich gemacht. Auch Er muß mich ſehen, und mir verzeihen. Sechster Auftritt. Eraſt. Ein Schatten. Eraſt(allein). Umſonſt! Sie finden ihn nicht.— Es giebt Schwachheiten, zu denen die beſten Seelen herab⸗ ſinken, und viele werden hier freygeſprochen, welche die Welt verdammte. Aber wenn er durch 375 verſtellte Tugend ein unſchuldiges Maͤdchen be⸗ trog.— O mein Sohn! Ein Schatten (mit Sanftmuth, aber mit Würde). Eraſt! Heilig ſind die Felder Elyſiums; dieſe Klagen entheiligen ſie. Vielleicht iſt dein Sohn in den Gefilden der Nacht, in welchen viele Seelen zu dieſen Wohnungen vorbereitet wer⸗ den. Schon haben unſere Richter den Herold abgeſandt, der die Seelen zuruͤck ruft; er ſoll ihn ſuchen. Iſt er nicht in den Gefilden der Nacht, ſo mußt du den Sohn vergeſſen. Dann ſchoͤpfe ich die zweyte Schale fuͤr dich aus dem Lethe. (geht ab.) Eraſt. In den Gefilden der Nacht?— Aber dann war er nicht ſo redlich, wie er Eliſen ſchien. Dann hat er ihr Tugenden gezeigt, die nicht in ſeiner Seele waren. Wer die Menſchen taͤuſchet, der denket auch die Richter der Hoͤlle zu taͤuſchen. Nein! weil er nicht in dieſen Gefilden iſt, ſo iſt er auch nicht in den Gefilden der Nacht.— Unglucklicher! In welcher Stunde verloreſt du das Recht auf Elyſium? 1 376 Da tkoͤnte dir von meinem Segen Gewiß der letzte Laut entgegen; Da warnte meine Stimme dich, Und jeder Hain verdunkelte ſich; Und dunkel wurd' es in dem Thale, Wo nun mein Geiſt zum letzten Male Dir, ſtumm und bang, voruͤber ſchlich; Und alle Tugenden weinten um dich! Siebenter Auftritt. Eraſt. Eliſe. Themire. Themire. Wir haben ihn nicht geſehen, und die Seli⸗ gen wiſſen ſeinen Namen nicht. Eliſe. Sie wiſſen den Namen meines Geliebten nicht! Themire. Aber ein Herold iſt in den naͤchtlichen Gefilden. Eraſt (nach einer Pauſe.) Umſonſt. Themire. Der Schatten wird wieder kommen. Eraſt (nach einer Pauſe). Und die ſchwarze Schale mit ihm. Achter Auflritt. Die Vorigen. Ein Schatten. (Während des Eingangs zur folgenden Arie kömmt der Schatten, und bringt dem Eraſt die Schale, indem er ihn mitleidig anſieht. Eraſt nimmt die Schale.) Eliſe. O mein Geliebter! Eraſt. O mein Sohn! Auf ewig ſoll ich ihn vergeſſen, Der Gattin muͤtterlichen Ton, Als du— wie nenn' ich dich, mein Sohn?— In ihrem Schooße noch geſeſſen? Auf ewig ſoll ich ihn vergeſſen? Eliſe. O mein Geliebter! Eraſt. O mein Sohn! Eliſe. Auf ewig ſoll ich es vergeſſen, Das Thal, wo wir als Kinder ſchon— Wie ſuͤß war deiner Stimme Ton!— Voll treuer Zaͤrtlichkeit geſeſſen? Auf ewig ſoll ich es vergeſſen? O mein Geliebter! Eraſt. O mein Sohn! Ich gab ihm den erſten Kuß, als er geboren ward, und den letzten, als ich ſtarb. Dieſe Kuͤſſe ſind verloren. So viele Freuden ſind verloren! Ich habe keinen Sohn mehr! Themire. Gerechter Himmel! Vielleicht hat ihn die Armuth zu Laſtern verleitet. Ich konnte ihn gluͤcklich machen und ſeine Tugend erhalten. Eraſt. Ich will ſie leeren.— In dem Augenblicke, da ich ſie leere, wird eine unzaͤhlige Menge von Soͤhnen geboren.— O ihr Vaͤter! (Indem er die Schale anſetzen will, unterbricht ihn die Muſik der folgenden Arie. Er ſieht ſich um) Letzter Auftritl. Die Vorigen. Lindor. Lindor (in einiger Entfernung). Empfanget, ihr Gefilde, mich! Hier, wo nicht mehr Verlaßne flehen, Hier, wo verklaͤrte Geiſter gehen, Hier ſoll ich meinen Vater ſehen, Und voller Glanz, Eliſe! dich. Empfanget, ihr Gefilde, mich! Hier werden keine Thraͤnen fließen; Ich werde meine Freunde gruͤßen, und zaͤrtlicher den Vater kuͤſſen, Und zaͤrtlicher, Eliſe! dich. (Während der Arie giebt Eraſt die Schale zurück.) Eliſe (geht mit einer Umarmung auf ihn zu). Lindor! Lindor (zu Eraſt, mit einer Umarmung). Mein Vater! Themire. E Du haſt mit Eliſen um mich geweint. Ich vergaß euch, als ihr von den Menſchen verlaſſen wart. Umarme mich! Ich bin Themire. (Er umarmt ſie.) Lindor. Schon lange, meine Freunde, haͤtte ich in dieſen Gegenden euch umarmt; allein ich ſtarb mit einem kleinen Haſſe gegen eine Welt, in welcher Eliſe nicht gluͤcklich ſeyn konnte, und wo die zaͤrtlichſte Liebe nicht einmal eine Huͤtte fand. Ehe ich die Wohnungen des Friedens betrat, mußte ich mit den Menſchen mich verſoͤhnen; deßwegen irrte ich an dem jenſeitigen Ufer des Fluſſes, und pruͤfte mein Herz. Nun, meine Freunde, nun iſt meine Seele voll Friede, wie dieſe Gebuͤſche; nun koͤnnen wir ewig uns lieben! Eraſt. Ihr Schatten Elyſiums, ihr guͤtigen Schat⸗ ten! Feyert mit uns dieſes Feſt, und vereinigt mit den unſrigen eure Geſaͤnge. Kinder ſitzen euch zu Fuͤßen: Seht ein kuͤnftiges Geſchlecht! Und, ihr Vaͤter, unter Kuͤſſen Lehret ſie der Tugend Recht; O ihr Vaͤter, zeigt im Bilde, Zeiget ihnen unſer Gluͤck: Eure Lehren ſind ein Blick In elyſiſche Gefilde. Chor. O ihr Vaͤter! u. ſ. w. 3841 Eliſe. Sanfte Tugenden vermaͤhlen Sich mit holder Liebe Scherz, Und verſchoͤnern ſo die Seelen, Und erheben jedes Herz. O ihr Liebenden! Im Bilde Seht ihr unſer ganzes Gluͤck: Eure Freuden ſind ein Blick In elyſiſche Gefilde. Chor. O ihr Liebenden u. ſ. w. Lindor. 5 Suchet ihr umſonſt Erbarmen, Iſt geflohn der Menſchen Huld, O ſo troͤſtet euch, ihr Armen! Lernet goͤttliche Geduld.— Ihr Verlaßnen! Schon im Bilde Laͤchelt euch ein beßres Gluͤck: Eure Thraͤnen ſind ein Blick In elyſiſche Gefilde. Chor. „Ihr Verlaßnen! u. ſ. w. Themire. Wenn, in glaͤnzenden Palaͤſten, Ihr der Erde Goͤtter ſcheint; O ſo denkt an euern Feſten, Denket, daß die Armuth weint. O ihr Großen! Seht im Bilde Schon der Menſchenliebe Gluͤck:* Jede Wohlthat iſt ein Blick In elyſiſche Gefilde. Chor. O ihr Großen! u. ſ. w. Eraſt. Graͤber winken, und vernichtet Iſt der Tugendfeinde Spott. In der Hoͤlle wird gerichtet, Und im Himmel iſt ein Gott! 4. O ihr Menſchen! Seht im Bilde, Seht der Unſchuld hohes Gluͤck: Waget oͤfter einen Blick In elyſiſche Gefilde. Chor. O ihr Menſchen! u. ſ. w. Inhalt des erſten Bandes. Erſte Abtheilung. Leben J. G. Jacobis von einem ſeiner Freunde.... 3 S. 5— 168 Zweyte Abtheilung. Seite. Vorrede des erſten Bandes zweyter Abtheilung 171 An Gleim..... 182 Gleim an Jacobi.. 3 186 Antwort.. 139 An Gleim, im December.... 193 An Ebendenſelben.. 4 6. 198 Lalage an Gliphäſtion..... 201 An die Karſchinn.... 8 203 An den Geheimenrath Klotz... 2⁰7 An Mad. Henſel... 4.. 209 An meinen Bruder...... 212 An zwey Täubchen.„.... 217 Der Faun. 3.. 3. 219 384 Seite. aun...... 221 An Belindens Bett.... 8 223 An Philaiden... 226 An die Gräfin von 9*8, Stiftsdame zu 6** 227 4 Ueber den heil. Hippolytus u. ſ. w.. 3 229 Venus im Bade„..... 244 An die Liebesgötter.... 246 Das Täubchen.. 3... 248 Das Gewitter...... 25⁰ Der Kuß... 25² Bey Ueberſendung einiger Blumenſtöcke im März 256 Nachtgedanken. An Gleim.... 258 An Gleim...... 270. An die Frau von**..... 276 5 An den Geheimenrath Klotz.... 278 an....... 287 Winterreiſe..„.„ 290 Beylage zu der Winterreiſe.. 340— Das Lied der Grazien. An Gleims Geburtstage 347 Lied des Orpheus, als er in die Hölle ging. 351 Elyſium. Ein Vorſpiel mit Arien.. 353 — — 3— 3——— 3 3 1 fffffffffffffffſffffnſnſnſnſſ 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 * 3 1 8 8