——— 1 Le deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 1 Eduard Ollmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 1 .—D—2“ Leih- und Leſehedingungen.“ 1. Oftensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ 3 Pfanenahent und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 8 jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗* den angenommen. 3 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe ſ hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. — 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt. 3. für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: auf 1 Monat: 4 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 3 2— u 7 r- u. 2—, u 8 5. Auswärtige Abonnenter haben für Hin⸗ und Zur ckſ 1 der Bucher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Senadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defene Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Laden reis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Zuch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt Ver Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ansleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. f „.„ ¹ 3 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen..— 8 3 2. Leserreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von ₰ — — ‿ — — — — Q ‿ . — ·—. — — — η O Crayon. Zweiter Band. Von dem Verfaſſer dieſes Werks ſind folgende Schriften, in Ueberſetzungen von S. H. Spiker, in demſelben Verlage und in gleichmaͤßi⸗ ger Ausgabe erſchienen: Bracebridge⸗Hall, oder die Charaktere. 2 Baͤnde Jonathan Oldſtyle's Briefe. Erzaͤhlungen eines Reiſenden. 2 Baͤnde. 4— Gottfried Crayon's Skizzenbuch. Ich habe keine Frau und keine Kinder, gut' oder böſe, für die ich ſorgen müßte. Ich bin ein bloßer Beobachter der Schickſale und Abenteuer anderer Leute, und ſehe zu, wie ſie ihre Rollen ſpielen, ſo, daß es mir gerade vorkommt, als ſtände ich vor einem gewöhnlichen Theater oder einer Schaubühne. Burton. Aus dem Engliſchen des WMashington Irving uͤberſetzt von S. H. Spiker. Zweiter Band. Berlin, verlegt bei Duncker und Humblot. 1 8 2.5 1 * — Inhalt des Zweiten Bandes. Weihnachten. Die Landkutſche. Weihnachtsheiligabend. Der Weihnachtsfeiertag Das Weihnachtsmittagseſſen Klein⸗Britannien Stratford am Avon Zuͤge aus dem Charakter der Indianer. Philipp von Pokanoket John Bull VI Der Stolz des Dorfes Der Angler Die Sage von der ſchlaͤfrigen Schlucht. Die Zuſchrift Skizzenbuch von Gotrfried Crayon. Zweiter Band. —— ————— ————— —————— 4 3 3 Weihnachten. Aber iſt der alte, alte, gute alte Weihnachten wirklich nicht mehr vorhanden, nichts weiter übrig geblieben, als das Haar ſeines guten alten Kopfes und ſeines grauen Bartes? Nun, ſo will ich das haben, da ich ſehe, daß ich doch nicht mehr von ihm bekommen kann. Lärm⸗Geſchrei nach Weihnachten.. — Da ſah man, wie's gebührt, Zur Weihnachtszeit, im Haus Die Feuer angeſchürt, Für Groß und Klein'nen Schmaus; Die Nachbarn wurden freundſchaftlich gebeten, Und alle waren herzlich gern geſehn, Der Arme durfte an die Thüre treten, Als dieſer alte Hut war neu und ſchön. Altes Lied. * Es giebt nichts in England, das eine angenehmere Gewalt uͤber meine Einbildung ausuͤbte, als die Ueberbleibſel der Feſttagsgebraͤuche und der laͤndlichen Spiele fruͤherer Zeiten. Sie rufen mir die Bilder Skizzenbuch II. A — ——ꝛm——— — 2 zuruͤck, die mein Geiſt ſich in der Maienzeit des Lebens zu machen pflegte, als ich die Welt nur aus Buͤchern kannte und ſie ganz fuͤr ſo beſchaffen hielt, wie die Dichter ſie ſchilderten. Dieſe Gebraͤuche ſind noch ganz im Geſchmack jener alten, rechtlichen Zeit, in der, was indeſſen vielleicht eine eben ſo unrich⸗ tige Anſicht iſt, die Welt weit haͤuslicher, geſelliger und vergnuͤgter war, als itzt. Es thut mir leid, ſagen zu muͤſſen, daß dieſe Spuren alle Tage ſchwaͤ⸗ cher werden, indem ſie durch die Zeit immer mehr verſchwinden, noch weit mehr aber durch die neue⸗ ren Moden verdraͤngt werden. Sie ſind jenen ma⸗ leriſchen Bruchſtuͤcken der Gothiſchen Litteratur aͤhn⸗ lich, welche wir, an manchen Orten im Lande, theils vom Zahn der Zeit zernagen, theils, in den 6. Zuſaͤtzen und Veraͤnderungen ſpaͤterer Tage verlo⸗ ren, untergehen ſehen. Die Dichtkunſt haͤngt in⸗ deſſen mit liebevoller Anhaͤnglichkeit an den laͤnd⸗ 3 lichen Spielen und den Feſttags⸗Luſtbarkeiten, von denen ſie ſo manche ihrer Gegenſtaͤnde entlehnt hat — wie der Epheu ſein uͤppiges Laub um den Gothi⸗ ſchen Bogen und den verfallenden Thurm rankt, ihre wankenden Ueberbleibſel zuſammenhaͤlt und ſie aleich⸗ ſam in ſein Gruͤn einbalſamirt. Unter allen alten Feſten giebt Weihnachten zu den eindringlichſten und innigſten Gedankenverbin⸗ 1 3 dungen Anlaß. Es liegt ein gewiſſes feierliches und * heiliges Gefuͤhl darin, welches ſich in unſere geſell⸗ ſchaftliche Froͤhlichkeit miſcht, und den Geiſt zu ei— nem geheiligtern und erhoͤhtern Genuſſe erhebt. Die Kirchentexte ſind um dieſe Zeit ungemein zart und begeiſternd. Sie beziehen ſich auf die herrlichen Er⸗ zaͤhlungen von der Entſtehung unſeres Glaubens und den Hirtenauftritten, welche die Ankuͤndigung deſſel⸗ ben begleiteten. Sie nehmen waͤhrend der Advente allmaͤhlig an Inbrunſt und Erhebung zu, bis ſie an dem Morgen, welcher den Menſchen Friede und Gluͤckſeligkeit brachte, in vollen Jubel ausbrechen. Ich kenne keine groͤßere Wirkung, welche die Muſik auf das Gefuͤhl hervorbringt, als die einer Weih⸗ nachtsmuſik, welche von einem wohlbeſetzten Chor und der toͤnenden Orgel in einer Kathedrale auf⸗ gefuͤhrt wird, und welche jeden Winkel des gewalti⸗ gen Gebaͤudes mit ſiegendem Wohllaut erfuͤllt. So iſt auch die, aus jenen Zeiten herſtammende Einrichtung ungemein ſchoͤn, daß dieſes Feſt, wel⸗ ches die Verkuͤndigung der Religion des Frie⸗ dens und der Liebe feiern ſoll⸗ Zzugleich zu einer Veranlaſſung geworden iſt, welche die Familienkreiſe vereinigt; wo die Bande verwandter Herzen, welche die Angelegenheiten, Vergnuͤgungen und Be⸗ kuͤmmerniſſe der Welt beſtaͤndig zu loͤſen ſtreben, A 2 —-— — ——— ——— E 4 enger geknuͤpft werden; wo die Kinder der Familie, welche in das Leben hinaus verſchlagen worden und weit aus einander gewandert ſind, wiederum um den vaͤterlichen Herd, wie an einen Sammelplatz ſuͤßer Neigungen, ſich vereinigen, und ſich, unter dem liebevollen Andenken der Kindheit, wiederum zu lieben anfangen. Es liegt ſogar in der Jahreszeit ſelbſt etwas, das dem Weihnachtsfeſte einen Reiz verleiht. Zu anderen Zeiten bereiten die bloßen Schoͤnheiten der Natur uns ſchon einen großen Theil unſerer Ver⸗ gnuͤgungen. Unſere Gefuͤhle ſchwaͤrmen umher und verbreiten ſich auf der ſonnigen Landſchaft, und wir leben„draußen und uͤberall.“ Der Geſang der Vögel, das Murmeln des Baches, der angenehme Duft des Fruͤhlings, die ſanfte Wolluſt des Som⸗ mers, der goldene Prunk des Herbſtes; die Erde mit ihrem Gewande von erfriſchendem Gruͤn, der Himmel mit ſeinem dunkeln, herrlichen Blau und ſeiner Wolkenpracht; alles dieß erfuͤllt uns mit ſtum⸗ mem und doch lebendigem Entzuͤcken, und wir ſchwel⸗ gen in der Wolluſt der bloßen Gefuͤhle. Mitten im Winter aber, wo die Natur aller ihrer Reize be⸗ raubt iſt und in ihrem ſchneeigen Leichentuche liegt, wenden wir uns zu geiſtigen Quellen, um daraus Vergnuͤgen zu ſchoͤpfen. Waͤhrend das Wuͤſte und — 5 Oede der Landſchaft, die Kuͤrze und Dunkelheit der Tage unſere Wanderungen beſchraͤnken, halten ſie uns auch ab, umherzuſtreifen, und machen, daß wir die Vergnuͤgungen eines geſellſchaftlichen Kreiſes deſto mehr ſchaͤtzen lernen. Unſere Gedanken draͤn⸗ gen ſich mehr zuſammen, unſer freundliches ditgefuͤhl wird um ſo ſtaͤrker angeregt. Wir fuͤhlen den Reiz unſerer gegenſeitigen Geſellſchaft deſto mehr, und werden dadurch, daß wir in un⸗ ſerm Genuß auf einander angewieſen ſind, um ſo mehr an einander gezogen. Das Herz naͤhert ſich dem Herzen, und wir ſchoͤpfen unſer Vergnuͤgen aus dem Born des lebendigen Wohlwollens, wel⸗ cher in der ſtillen Tiefe unſers Herzens verbor⸗ gen liegt, und der, wenn man aus ihm ſchoͤpft, den reinen Stoff haͤuslicher Gluͤckſeligkeit gewaͤhrt. Die tiefe Dunkelheit, welche draußen herrſcht, macht, daß das Herz ſich erweitert, ſobald es das Zimmer betritt, das mit der Glut und Waͤrme des abendlichen Feuers erfuͤllt iſt. Der roͤthliche Feuer⸗ ſchein verbreitet einen kuͤnſtlichen Sommer und Sonnenglanz in dem Zimmer, und giebt jedem Ge⸗ ſicht den Anſtrich eines freundlichen Willkommens. Wo malt ſich auf dem rechtlichen Antlitz der Gaſt⸗ freundlichkeit ein gemuͤthlicheres und herzlicheres Laͤ⸗ cheln?— wo iſt der ſchuͤchterne Blick der Liebe un⸗ 6 widerſtehlicher beredſam— als bei dem winterli— chen Kamin? Und wenn das hohle Sauſen des Winterwindes durch den Saal toͤnt, an der entfern⸗ ten Thuͤr raſſelt, um die Fenſter pfeift, oder den Schornſtein herabbrauſet, was kann da wohl ange⸗ nehmer ſeyn, als das Gefuͤhl der ruhigen, unbe— ſorgten Sicherheit, womit wir in dem behaglichen Zimmer umher und auf das Bild haͤuslicher Froͤh⸗ lichkeit hinblicken? Die Englaͤnder haben, vermoͤge der bei ih⸗ nen in allen Staͤnden vorherrſchenden Anhaͤnglich⸗ keit an laͤndliche Sitten, jene Luſtbarkeiten an feſtlichen Tagen immer ſehr geliebt, welche die Stille des Landlebens auf eine angenehme Art unterbre⸗ chen; ſie beobachteten, in fruͤherer Zeit, mit beſon⸗ derer Strenge alle religioͤſe und geſellſchaftliche Weihnachts⸗Gebraͤuche. Es iſt wahrhaft begeiſternd, wenn man ſogar die trockenen einzelnen Beſchrei⸗ bungen lieſt, welche einige Alterthumsforſcher von der ſonderbaren Froͤhlichkeit, den abenteuerlichen Aufzuͤgen und der gaͤnzlichen Hingebung zur Luſt ungebundener Geſelligkeit geben, womit dieſes Feſt begangen wurde. Es war, als ob jede Thuͤr dabei ſich oͤffnete, jedes Herz ſich aufſchloͤſſe. Es brachte den Pair und den Bauer einander naͤher, und be⸗ wirkte, daß die Empfindungen aller Staͤnde in ei⸗ ——— — 7 nen warmen herzlichen Erguß der Freude und Ge⸗ muͤthlichkeit zuſammenſchmolzen. Die alten Hallen der Burgen und Herrenhaͤuſer ertoͤnten von der Harfe und dem Weihnachts⸗Liede, und ihre gewal⸗ tigen Tafeln erſeufzten unter der Laſt der Gaſtfrei⸗ heit. Selbſt in der gemeinſten Bauerhuͤtte ward die feſtliche Jahreszeit mit gruͤnem Schmuck von Lorbeeren und Stechpalmen bewillkommnet; der Schein des erfreulichen Feuers ſchimmerte durch die Fenſterladen, und lud den Fremden ein, die Thuͤr⸗ klinken aufzudruͤcken, und ſich an den ſchwatzenden Haufen zu ſchließen, der um den Herd ſaß und den langen Abend durch ſagenhafte Schwaͤnke und oftge⸗ hoͤrte Weihnachts⸗Erzaͤhlungen ſich zu verkuͤrzen ſuchte. Eine der am wenigſten angenehmen Wirkungen der Verfeinerung der neuern Zeit iſt die Zerſtoͤrung, welche ſie unter den herzlichen alten Feſttagsgebraͤu⸗ chen angerichtet hat. Sie hat die ſcharfen Umriſſe und lebendigen Formen dieſer Verſchoͤnerungen des Lebens gaͤnzlich verwiſcht, und der Geſellſchaft zwar eine glattere, glaͤnzendere, aber auch weniger eigen⸗ thuͤmliche Auſſenſeite gegeben. Viele von den Weih⸗ nachtsſpielen und Feſtlichkeiten ſind gaͤnzlich ver⸗ ſchwunden, und, wie des alten Falſtaff's Xeres⸗Sekt*), *) Heinrich IV. Thl. II. 4r Aufz. Ueberſ. 8 zu Gegenſtaͤnden des Nachdenkens und des Streits unter den Erlaͤuterern geworden. Sie bluͤhten in jenen Zeiten, die noch voll von Geiſt und Froͤhlich⸗ keit waren, als die Leute das Leben auf eine rohe, aber herzliche und kraͤftige Weiſe genoſſen, jenen wilden und maleriſchen Zeiten, welche der Dicht⸗ kunſt ihren ergiebigſten Stoff und dem Drama die anziehendſte Mannigfaltigkeit von Charaktern und Sitten geliefert haben. Die Welt iſt weltlicher geworden. Das Vergnuͤgen hat ſich zu einem brei⸗ tern, aber auch ſeichtern Strome ausgedehnt, und mehrere von den tiefen und ruhigen, Betten verlaſ⸗ ſen, worin es ſonſt durch den ſtillen Buſen des haͤuslichen Lebens dahinfloß. Die Geſellſchaft hat einen aufgeklaͤrtern und gebildetern Ton angenom⸗ men, dagegen aber mehrere von ihren ſtark hervor⸗ tretenden, oͤrtlichen Eigenthuͤmlichkeiten, ihren haͤus⸗ lichen Geſinnungen, ihren ehrlichen Vergnuͤgungen am Herde eingebuͤßt. Die ſagenhaften Gebraͤuche des goldherzigen Alterthums, ſeine lehnshafte Gaſt⸗ freiheit, ſeine gutsherrlichen Schwelgereien ſind mit den Ritterburgen und den ſtattlichen Herrenhaͤuſern verſchwunden, in denen ſie gehalten wurden. Sie paßten ſich zu der duͤſtern Halle, der großen ei⸗ chengetaͤfelten Galerie und dem mit Tapeten be⸗ haͤngten Gaſtzimmer, ſchicken ſich aber fuͤr die 9 hellen, prachtvollen Saͤle und die bunten Putzge⸗ maͤcher der neueren Villen nicht mehr. So ganz aber auch der Weihnachten ſeine alten und feſtlichen Ehren eingebuͤßt hat, ſo iſt er in England doch immer noch eine Zeit, in welcher ei⸗ nige herrliche Aufregungen Statt finden. Es iſt hoͤchſt erfreulich, zu ſehen, wie das Gefuͤhl der Haͤuslichkeit, welches in dem Herzen eines jeden Englaͤnders einen ſo ausgezeichneten Platz behauptet, ganz in Bewegung geraͤth. Die Anſtalten, welche uͤberall gemacht werden, um die geſellige Tafel in Stand zu ſetzen, an welcher Freunde und Ver⸗ wandten ſich abermals vereinigen ſollen; die Ge ſchenke von Leckerbiſſen, welche weggeſandt werden und ankommen, dieſe Zeichen der Achtung, die alle wohlwollenden Gefuͤhle neu beleben; die immergruͤ⸗ nen Straͤucher, welche in den Haͤuſern und Kirchen befeſtigt werden, und die Sinnbilder des Friedens und der Freude ſind: alles dieſes hat die wohl⸗ thuendſte Einwirkung auf die Erzeugung angenehmer Gedankenverbindungen, und erregt wohlwollende Ge⸗ fuͤhle. Selbſt die Geſaͤnge der Weihnachtsſaͤnger*) *) Waits. Dieß iſt ein altes Wort, welches überhaupt von allen Denen gebraucht wird, die auf den Straßen Muſik machen. Die Sitte des Singens geiſtlicher Lieder zu Weih⸗ nachten auf den Straßen iſt in Deutſchland ebenfalls noch vorhanden. Ueberſ⸗ 5 — — 10 nehmen ſich, ſo roh auch dieſe Art von Meiſterſaͤn⸗ gerei ſeyn mag, in einer Winternacht wie eine voll⸗ kommene Harmonie aus. Wenn ich durch ſie in der ſtillen und feierlichen Stunde erweckt worden bin, „wo der tiefe Schlaf den Menſchen befaͤllt“, ſo habe ich mit ſtillem Vergnuͤgen ihnen zugehoͤrt, und wenn ich zugleich an die heilige und froͤhliche Ver⸗ anlaſſung gedacht, beinahe den himmliſchen Chorge⸗ ſang zu hoͤren geglaubt, welcher der Menſchheit Frieden und Gluͤck verkuͤndete. Wie herrlich verwandelt doch die Einbildungs⸗ kraft, wenn dieſe geiſtigen Einwirkungen ſie beſchaͤf⸗ tigen, Alles in Melodie und Schoͤnheit! Sogar das Kraͤhen des Hahnes, wenn man dieſen zuweilen in der tiefen laͤndlichen Stille hoͤrt,„wie er ſeinen be⸗ fiederten Gattinnen die Stunde der Nacht verkuͤn⸗ digt,“ ſchien den gemeinen Leuten die Annaͤherung dieſes heiligen Feſtes zu verkuͤnden: Man ſagt, daß, wenn die Zeit ſich wieder naht, Wo unſ'res Herrn Geburt uns ward verkündet, Der Dämm'rungs⸗Vogel ſingt die ganze Nacht; Und dann, ſagt man, darf ſich kein Geiſt ergehn; Die Nacht iſt ruhig— keine Sterne ſchießen, Es regt ſich keine Fee, die Hexen zaubern nicht, So heilig und ſo friedlich iſt die Zeit. Welches Herz koͤnnte bei der allgemeinen Auf⸗ forderung zur Froͤhlichkeit, dem raſchen Treiben al⸗ ler Geiſter, der Regung aller Neigungen, welche — 11 um dieſe Zeit Statt findet, unempfindlich bleiben? Es iſt in der That die Zeit aller erwachenden Ge⸗ fuͤhle, die Zeit, wo nicht allein das Feuer der Gaſtfreiheit in den Hallen, ſondern auch die ge⸗ muͤthliche Flamme des Wohlwollens im Herzen auf⸗ lodern ſoll. Die Auftritte fruͤher Liebe ſteigen lebendig em⸗ por uͤber die unfruchtbare Oede der Jahre, und der Gedanke an die Heimath, mit dem Duft haͤuslicher Freude vermiſcht, belebt den ermattenden Geiſt, wie das Luͤftchen in Arabien zuweilen die Friſche der entfernten Felder zu dem erſchoͤpften Pilger in der Wuͤſte hinuͤbertraͤgt. Obgleich fuͤr mich, der ich ein Fremder und Gaſt in dieſem Lande bin, kein geſelliger Heerd gluͤht, kein gaſtfreies Dach mich aufnimmt, noch der warme Druck der Freundſchaft mich an der Schwelle bewillkommnet, ſo fuͤhle ich es doch, wie der Einfluß dieſer Zeit aus den gluͤcklichen Blicken Derer, die um mich ſind, auch auf meine Seele uͤberſtroͤmt. Gewiß, die Gluͤckſeligkeit ſpiegelt ſich ab, wie des Licht des Himmels, und jedes, vom Laͤcheln verklaͤrte Geſicht, das von unſchuldiger Froͤhlichkeit leuchtet, iſt ein Spiegel, welcher An⸗ deren die Strahlen eines erhabenen, immer friſchen Wohlwollens zuſendet. Wer ſich finſter von dem —— — —— —— 12 Anblicke der Gluͤckſeligkeit ſeiner Mitmenſchen ab⸗ wenden, und duͤſter und in ſich gekehrt in ſeiner Einſamkeit daſitzen kann, wenn Alles um ihn her froͤhlich iſt, mag wol Augenblicke haben, in denen er ſich ſehr erhoben und ſelbſtiſch zufrieden fuͤhlt, entbehrt aber ganz des geiſtigen geſelligen Mitge⸗ fuͤhls, welches den Reiz eines froͤhlichen Weihnach⸗ tens ausmacht. 3 — Die Landkutſche. Omne bene, Sine poena, Tempus est ludendi. Venit hora Absque mora Libros deponendi. zs iſt geendet, Alles wendet Sich zum Spiele nun. Laßt uns eilen Ohne Weilen, und die Bücher ruhn. Altes Schulferien⸗Lied. In dem vorhergehenden Abſchnitte habe ich mehrere allgemeine Bemerkungen uͤber die Weihnachtsfeier⸗ lichkeiten in England gemacht, und habe große Luſt, ſie durch einige Anekdoten von einer Weihnachts⸗ zeit, die ich einmal auf dem Lande zugebracht, zu erlaͤutern, bei deren Leſung der Leſer aber gebeten wird, den Ernſt der Weisheit abzulegen, und den 14 wahren Feiertagsgeiſt anzunehmen, der mit der Thor⸗ heit Nachſicht hat und nur Unterhaltung ſucht. Auf einer Decemberreiſe, die ich in Yorkſhire machte, fuhr ich, an dem Tage vor Weihnachten, eine lange Strecke in einer der Landkutſchen. Die Kutſche war, ſowol innen als oben darauf, ganz mit Reiſenden beſetzt, die, ihren Reden nach zu ſchließen, meiſtens auf dem Wege nach den Woh⸗ nungen ihrer Freunde oder Verwandten begriffen waren, um dort das Weihnachts⸗Mittagseſſen zu verzehren. Auch war die Kutſche mit großen Wa— genkörben voll Wild und mit Kiſten voll Leckerbiſſen beladen, und Haſen hingen mit ihren langen Ohren am Kutſcherſitze umher, Geſchenke von entfernten Freunden zum bevorſtehenden Feſt. Ich hatte drei huͤbſche, rothwangige Schulknaben zu meinen Mit⸗ paſſagiren im Wagen, die voll von der kornigen Geſundheit und dem maͤnnlichen Geiſte waren, welche ich an den Kindern in dieſem Lande bemerkt habe. Sie kehrten, voller Luſt, zu den Feiertagen nach Hauſe zuruͤck, und verſprachen ſich eine Wel von Unterhaltung. Es war hoͤchſt ergetzlich, den rieſenhaften Vergnuͤgungsplaͤnen der kleinen Schelme zuzuhoͤren, und was fuͤr unglaubliche Sachen ſie, waͤhrend der ſechswoͤchentlichen Befreiung von der verhaßten Sklaverei der Buͤcher, der Ruthe und — 15 des Schulmeiſters, verrichten wollten. Sie freuten ſich ſchon im Voraus auf das Zuſammentreffen mit der Familie und den Hausbewohnern, bis auf die Katze und den Hund hinab, und auf das Vergnuͤ⸗ gen, das ihre kleinen Schweſtern an den Geſchen⸗ ken finden wuͤrden, womit ſie ſich die Taſchen voll— geſtopft hatten; was ſie aber mit der meiſten Un⸗ geduld zu erwarten ſchienen, war das Wiederſehen Bantams, eines Kleppers im vaͤterlichen Hauſe, der, ihren Reden nach zu ſchließen, mehr Tu⸗ genden beſitzen mußte, als irgend ein Roß ſeit den Zeiten des Bucephalus. Wie der traben, wie der laufen konnte! und was er ſpringen konnte! Es gab keine Hecke in der ganzen Gegend, uͤber die er nicht ſetzte. Sie ſtanden unter der beſondern Aufſicht des Kutſchers, an den ſie, ſobald ſich irgend eine Ge⸗ legenheit fand, ein Heer von Fragen richteten, wobei ſie verſicherten, daß er einer der beſten Kerle in der Welt ſey. Auch konnte ich nicht umhin, das mehr als gewoͤhnlich geſchaͤftige Anſehen und die wichtige Miene des Kutſchers zu bemerken, der ſei⸗ nen Hut etwas auf einer Seite trug, und einen großen Strauß von Weihnachtsgruͤn in dem Knopfloche ſeines Rocks ſtecken hatte. Er iſt im⸗ mer eine Perſon, die ihre vielen Sorgen und Ge⸗ — 16 ſchaͤfte hat; ganz beſonders aber iſt dieß der Fall in dieſer Zeit, wo er, des großen Austauſches der Ge⸗ ſchenke willen, eine Menge von Auftraͤgen auszurich⸗ ten hat. Es wird meinen ungereiſeten Leſern vielleicht nicht unangenehm ſeyn, hier eine Skizze zu finden, welche als eine allgemeine Schilderung dieſer ſehr zahlreichen und wichtigen Klaſſe von Geſchaͤftsleuten dienen kann, welche eine ganz eigenthuͤmliche Klei⸗ dung, Art und Weiſe, Sprache und Anſehen ha⸗ ben, und die die ganze Bruͤderſchaft bezeichnen, ſo daß, wo man nur einen Engliſchen Landkutſchen⸗ Fuhrmann ſieht, man ihn nicht wohl als zu einem anderen Gewerbe gehoͤrig halten kann. Er hat gewoͤhnlich ein breites volles Geſicht, das ganz ſonderbar roth geſprenkelt iſt, als ob das Blut durch grobe Nahrung in jedes Gefaͤß der Haut getrieben worden waͤre; er hat, durch haͤufft gen Genuß von Malzgebraͤu, einen ganz artigen Umfang erlangt, und ſeine Dicke wird durch eine Menge von Roͤcken, in die er wie ein Kohlkopf eingehuͤllt iſt, und wovon der obere ihm bis auf die Ferſen geht, noch vergroͤßert. Er traͤgt einen Hut mit breiter Kraͤmpe und niedrigem Kopfe, ein gewaltig dickes farbiges Halstuch, das kuͤnſtlich ge⸗ knotet und in den Buſen eingezogen iſt, und hat im Sommer einen großen Blumenſtrauß im Knopf⸗ ——˖—ę—ę—ÿ—ÿ—ꝛ—;-—— 17 loche, wahrſcheinlich ein Geſchenk irgend eines ver⸗ liehten Landmaͤdchens. Seine Weſte iſt gewoͤhnlich von irgend einer hellen Farbe und geſtreift, und ſeine Beinkleider gehen weit uͤber die Knie hinab, wo ſie an ein Paar Klappſtiefeln ſtoßen, die ihm ungefaͤhr bis auf die Haͤlfte des Beines reichen. Dieſe ganze Tracht wird ſtets in großer Ord⸗ nung erhalten. Er iſt ſtolz darauf, ſeine Kleider immer von trefflichen Stoffen zu haben, und man bemerkt an ihm, trotz der aͤußerlichen Rohheit ſei⸗ ner Erſcheinung, eine gewiſſe Nettigkeit und Sau⸗ berkeit, welche einem Englaͤnder beinahe angeboren ſind. Er wird auf der Landſtraße als eine ſehr be⸗ deutende und wichtige Perſon angeſehen, hat haͤu⸗ ſige Berathungen mit den Hausfrauen in den Doͤr⸗ fern, welche ihn wie einen aͤußerſt zuverlaͤſſigen und beſonnenen Mann betrachten, und ſcheint mit jedem hellaͤugigen Landmaͤdchen auf gutem Fuße zu ſtehen. Sobald er an dem Orte ankommt, wo die Pferde gewechſelt werden, wirft er die Zuͤgel mit einer ge⸗ wiſſen Art von ſich, und uͤberlaͤßt dem Hausknecht die Sorge fuͤr die Thiere, denn ſein Amt iſt nur, von einer Station nach der andern zu fahren. Wenn er vom Bocke geſtiegen iſt, ſteckt er die Haͤnde in die Taſchen ſeines Ueberrocks, und wiegt ſich auf dem Hofe mit einer wahren Herrſchermiene 18 umher. Hier umgiebt ihn gewoͤhnlich ein bewun⸗ dernder Haufe von Hausknechten, Stalljungen, Schuhputzern und namenloſen Anhaͤngſeln, welche Gaſthoͤfe und Schenken belagern, Gaͤnge machen, und alle Arten von Dienſten verrichten, wofuͤr ſie des Vorrechts genießen, ſich von dem Abfall in der Kuͤche und dem, was in dem Schenkzimmer dane⸗ ben fließt, zu ernaͤhren. Sie betrachten ihn ealle wie ein Orakel, merken ſich ſorgfaͤltig ſeine Kunſt⸗ ausdruͤcke, wiederholen ſeine Ausſpruͤche uͤber Pferde und aͤhnliche Gegenſtaͤnde der Reitknechts⸗Weisheit, und bemuͤhen ſich, vor allem ſein Aeußeres und ſeine Haltung nachzuahmen. Jeder Lump, der nur einen Rock auf dem Leibe hat, ſteckt ſeine Haͤnde in die Taſchen, wiegt ſich bei ſeinem Gange, ſpricht in Kunſtausdruͤcken, und iſt ein Kutſcher im Embryo. Vielleicht war es eine Wirkung der angenehmen Heiterkeit, die in meinem Gemuͤthe herrſchte, daß ich auf jedem Geſicht, das ich auf der Reiſe er⸗ blickte, Froͤhlichkeit zu leſen glaubte. Eine Land⸗ kutſche bringt indeſſen immer Leben mit ſich, und ſetzt, waͤhrend ſie dahinrollt, die ganze Welt in Be⸗ wegung. Wenn das Horn am Eingange des Dor⸗ fes erklingt*), ſo entſteht eine allgemeine Bewe⸗ *) Der Guide, oder Schirrmeiſter der Landkutſche, wel⸗ cher hinten in dem ſogenannten basket(Korb) oder dem 19 gung. Dort kommen Leute herbei, ihre Freunde zu bewillkommnen, hier Andere mit Buͤndeln und Pappſchachteln, um Plaͤtze in der Kutſche zu erhal⸗ ten, wobei ſie, in der Eile des Augenblicks, kaum Zeit genug haben, um Abſchied von dem Haufen zu nehmen, der ſie begleitet. Unterdeſſen hat der Kut⸗ ſcher eine Unzahl kleiner Auftraͤge auszurichten. Hier liefert er einen Haſen oder Faſanen ab; dort wirft er ein kleines Paket oder eine Zeitung an die Thuͤr eines Wirthshauſes hin; dort reicht er, mit einem bedeutſamen Seitenblick und einigen ſchlauen Worten, einem halb erroͤthenden, hald laͤchelnden Hausmaͤdchen ein ſonderbar geſtaltetes Liebesbrief⸗ chen von irgend einem Bewunderer vom Lande zu. Indem die Kutſche durch das Dorf raſſelt, laͤuft Alles ans Fenſter, und man ſieht auf allen Seiten efriſche Landgeſichter und bluͤhende, kichernde Maͤd⸗ chenkoͤpfe hervorgucken. An den Ecken ſtehen Ver⸗ ſammlungen von Dorf⸗Muͤſſiggaͤngern und weiſen Leuten, welche hier ihren Standpunkt waͤhlen, um die Leute vorbeigehen zu ſehen; die allerweiſeſte Ver⸗ ſammlung iſt aber die vor der Thuͤr des Schmids, an der Kutſche angebrachten Hinterſitz, ſeinen Platz hat, führt ein langes Horn, wie es unſere Deutſchen Nachtwäch⸗ ter haben, und das einen ähnlichen Ton von ſich giebt, wie dieſes. Ueberſ. 20 fuͤr die das Voruͤberfahren der Kutſche ein Ereigniß iſt, das zu vielen Vermuthungen Anlaß giebt. Der Schmid bleibt, mit dem Pferdehuf in der Hand, ſtehen, waͤhrend das Fuhrwerk vorbeirollt; die um den Amboß verſammelten Cyklopen laſſen ihre toͤ⸗ nenden Haͤmmer ruhen, und das Eiſen kalt werden, und das ruſige Geſpenſt mit ſeiner Muͤtze von braunem Papier, das an dem Blaſebalg ſteht, lehnt ſich einen Augenblick lang auf den Handgriff, und laͤßt das keuchende Werkzeug einen langgezogenen Seufzer thun, waͤhrend er durch den ſchwarzen Rauch und die Schwefelhelle der Schmiede dahin⸗ ſtarrt. Vielleicht hatten die bevorſtehenden Feiertage, der Gegend eine ungewoͤhnliche Lebendigkeit mitgetheilt, denn es ſchien mir, als ob Jedermann munter ausſaͤhe und guter Laune waͤre. Wild, Gefluͤgel und andere Leckerbiſſen der Tafel waren in lebhafter Bewegung von einem Dorfe zum andern, und die Laͤden der Gewuͤrzkraͤmer, Schlaͤchter und Frucht⸗ haͤndler dicht mit Kunden gefuͤllt. Die Hausfrauen bewegten ſich flink umher, und ſetzten ihre Wohnun⸗ gen in Ordnung, und die glaͤnzenden Zweige der Stechpalme, mit ihren hochrothen Beeren, fingen an, an den Fenſtern ſichtbar zu werden. Dieſe Auftritte erinnerten mich an das, was ein alter 21 Schriftſteller von den Zuruͤſtungen zum Weichnach⸗ ten berichtet:„itzt muͤſſen Kapaunen und Huͤhner, nebſt Truthaͤhnen, Gaͤnſen und Enten, Nindfleiſch und Hammelfleiſch, alles ſterben— denn in zwoͤlf Tagen laͤßt ſich eine Menge von Leuten nicht mit Wenigem ernaͤhren. Itzt fuͤllen Roſinen und Ge⸗ wuͤrz, Zucker und Honig die Luͤcken zwiſchen Pa⸗ ſteten und Bruͤhen aus. Itzt oder nie muß die Muſik wohl ſtimmen, denn die Jugend muß tan⸗ zen und ſingen, um ſich warm zu machen, waͤhrend die Alten bei dem Feuer ſitzen. Das Landmaͤdchen laͤßt ſeinen halben Einkauf zuruͤck, und muß noch einmal ausgeſchickt werden, wenn ſie am Weih⸗ nachtsabend vergißt, ein Spiel Karten mitzubrin⸗ gen. Groß iſt der Streit zwiſchen Stechpalme und Epheu, und ob der Herr oder die Frau das Regi⸗ ment fuͤhre. Wuͤrfel und Karten bringen dem Kel⸗ lermeiſter etwas ein, und wenn der Koch ſonſt klug iſt, ſo leckt er ſich gewiß recht ordentlich die Fin⸗ ger ab.“ Aus dieſem Fluge meiner uͤppigen Gedankenfuͤlle ward ich durch einen lauten Schrei meiner kleinen Rieeiſſegefaͤhrten erweckt. Sie hatten die letzten Meilen uͤber beſtaͤndig aus den Kutſchenfenſtern geſehen, jeden Baum und jede Huͤtte begruͤßt, waͤhrend wir voruͤberfuhren, und erhoben itzt ein allgemeines 22 Freudengeſchrei.„Da iſt Johann! und da iſt der alte Carlo! und da iſt Bantam!“ riefen die gluͤck⸗ lichen kleinen Schelme, indem ſie in die Haͤnde klatſchten. Am Ende eines Heckenganges ſtand ein alter, beſonnen ausſehender Bedienter in Livree, der ſie erwartete. Er hatte einen ausgedienten alten Huͤh⸗ nerhund und den furchtbaren Bantam bei ſich, eine alte, kleine Ratte von Klepper mit buſchiger Maͤhne und langem, roſtig ausſehenden Schweif, der ruhig nickend an der Landſtraße ſtand, und ſich die ſtuͤrmi⸗ higen Zeiten, die ſeiner itzt warteten, gewiß nicht traͤumen ließ. Es machte mir viel Vergnuͤgen, zu bemerken, mit welcher Liebe die kleinen Leute um den alten Bedienten herſprangen, und den alten Huͤhnerhund herzten, der vor Freude am ganzen Leibe ſchuͤttelte. Bantam war indeſſen der große Gegenſtand des Antheils; alle wollten ihn zu gleicher Zeit beſteigen, und es hielt ſchwer, ehe der alte Johann es ſo einrichten konnte, daß ſie einer nach dem andern, und zwar der Aelteſte zuerſt, reiten ſollten. Endlich ging es fort; Einer auf dem Klepper, der Hund vor ihm herſpringend und bellend, und die beiden Anderen den Johann an beiden Haͤnden hal⸗ tend, wobei ſie zu gleicher Zeit ſprachen, und ihn mit 23 Fragen uͤber zu Hauſe und mit Schulanekdoten beſtuͤrmten. Ich ſah ihnen mit einem Gefuͤhl nach, von dem ich nicht weiß, ob das Vergnuͤgen oder die Traurigkeit dabei die Oberhand behielt, denn ich erinnerte mich an die Tage, wo ich, wie ſie, weder Sorgen noch Schmerz kannte, und ein freier Tag der hoͤchſte Gipfel der Gluͤckſeligkeit fuͤr mich war. Wir hielten einige Augenblicke nachher an, um die Pferde zu traͤnken, und als wir unſere Reiſe weiter fortſetzten, ließ mich eine Kruͤmmung, welche die Straße machte, ein nettes Landhaus er⸗ blicken. Ich konnte noch deutlich die Geſtalten ei⸗ ner Dame und zweier jungen Maͤdchen unter der Saͤulenhalle entdecken, und ſah meine kleinen Ka⸗ meraden mit Bantam, Carlo und dem alten Jo⸗ hann den Fahrweg hinuntertraben. Ich lehnte mich zu dem Kutſchenfenſter hinaus, und hoffte, die gluͤckliche Bewillkommung mit anſehen zu koͤnnen, aber ein dazwiſchenkommendes Gebuͤſch entzog ſie meinen Augen. Am Abend erreichten wir ein Dorf, wo ich zu uͤbernachten beſchloſſen hatte. Als wir zu dem gro⸗ ßen Thorwege des Gaſthofes hineinfuhren, ſah ich, auf der einen Seite, das Licht eines hellen Kuͤchen⸗ feuers durch das Fenſter leuchten. Ich trat hinein und bewunderte, zum hundertſten Male, dieſes Bild 24 der Bequemlichkeit, Nettigkeit und geraden, ehrli⸗ chen Lebensgenuſſes, die Kuͤche eines Engliſchen Gaſthofes. Sie war ſehr geraͤumig, rundum mit hellglaͤnzendem Kupfer und Zinngeſchirr behaͤngt, und hie und da mit etwas Weihnachtsgruͤn ver— ziert. Schinken, Zungen und Speckſeiten hingen von der Decke herab, ein Bratenwender raſſelte un⸗ aufhoͤrlich neben dem Herde, und eine Uhr tickte in einem Winkel. Ein wohlgeſcheuerter kiehnener Tiſch nahm die eine Seite der Kuͤche ein, und dar⸗ auf ſtand ein kaltes Stuͤck Rindfleiſch und andere derbe Koſt, uͤber welche zwei ſchaͤumende Kruͤge Ale Wache zu halten ſchienen. Reiſende aus der nie⸗ dern Klaſſe ſchickten ſich an, dieſe kraͤftige Speiſe zu ſich zu nehmen, waͤhrend Andere, rauchend und ſchwatzend bei ihrem Ale, auf zwei eichenen Sche⸗ meln mit hohen Lehnen, neben dem Feuer ſaßen. Dralle Hausmädchen liefen ab und zu, nach den Anweiſungen einer friſchen, thaͤtigen Hausfrau, wo⸗ bei ſie jedoch dann und wann einen Augenblick wahrnahmen, um ein fluͤchtiges Wort mit der Gruppe, die um das Feuer ſaß, zu wechſeln, oder mit ihr recht herzlich zu lachen. Der ganze Auf⸗ tritt verwirklichte vollſtaͤndig des armen Robin's beſcheidenen Begriff von der Behaglichkeit eines Win⸗ terabends. Der Der Baum hat ſeine Kron' entlaubt, 8 Und grüßt des Winters Silberhaupt: ne hübſche Wirthin, luſt'ger Mann, on Krug mit Ale,'n Trinkſpruch dann, Taback und Feuer, ſich zu laben, Das muß zu dieſer Zeit man haben 2). Ich war noch nicht lange in dem Wirthshauſe, als eine Poſtchaiſe vorfuhr. Ein junger Mann ſtieg aus; bei dem Schein der Laternen vom Wagen erblickte ich ein Geſicht, das mir bekannt vorkam. Ich trat naͤher, um beſſer zu ſehen, als er mich ehenfalls be⸗ merkte. Ich hatte mich nicht geirrt, es war Frank Bracebridge, ein munterer, luſtiger junger Mann, mit dem ich einſt auf dem Feſtlande gereiſ't war. unſere gegenſeitige Bewillkommung war ſehr herz⸗ lich, denn das Geſicht eines alten Reiſegefaͤhrten erinnert immer an tauſend angenehme Auftritte, ſon⸗ derbare Abenteuer und herrliche Spaͤße. Alle dieſe bei einer fluͤchtigen Zuſammenkunft in einem Gaſt⸗ hofe zu eroͤrtern, war unmoͤglich, und da er hoͤrte, daß ich keine Eil' hatte, ſondern bloß eine Beob⸗ achtungsreiſe machte, ſo beſtand er darauf, daß ich einen oder zwei Tage auf dem Landſitze ſeines Vaters zubringen ſollte, wohin er eben zu gehen im Begriff war, um dort die Feiertage zu verleben, *) Des armen Robin's Kalender 1684. Verf. Skizzenbuch II. B —9— ₰ 26— und der einige Meilen weiter lag.„Es iſt doch immer beſſer, als in einem Wirthshauſe ein einſa⸗ mes Weihnachts⸗Mittagseſſen zu verzehren,“ ſagte er:„und ich kann Ihnen eine herzliche Aufnahme, etwas im alten Stil, verſprechen.“ Gegen dieſe Gruͤnde war nichts einzuwenden, und ich muß ge⸗ ſtehen, daß die Zuruͤſtungen zur allgemeinen Feſt⸗ lichkeit und zum geſelligen Genuſſe mir meine Einſamkeit fuͤhlbar zu machen anſingen. So nahm ich denn ohne Weiteres ſeine Einladung an; die Chaiſe fuhr vor, und nach wenigen Augenblicken war ich auf dem Wege nach den Stammhauſe der Bracebridges*). *) Dieß iſt die Grundlage, auf welche der Verf. nach⸗ her den Plan zu ſeinem bekannten Werke Brace bri dge⸗ Hall gebaut hat, welches 1822 in England, und 1823 Deutſch erſchienen iſt. Ueberſ. . Weihnachtsheiligabend. Sankt Franz, ſo wie Sankt Benedick Bewahr'n dieß Haus vor Mißgeſchick; Vor dem Alp und vor dem Poltergeiſt, Wie man Freund Robin*) auch wohl heißt; Vor allen Geſpenſtern ſollen ſie's retten, Vor Feen, Wieſeln, Natten und Fretten; Vom Abendgeläut. Bis zur Morgenzeit. Cartwright(1641). — *. Es war eine herrliche mondhelle Nacht, aber ſehr kalt; unſere Chaiſe flog pfeilſchnell uͤber den gefro⸗ teenen Boden dahin; der Poſtillion knallte unauf⸗ hoͤrlich mit der Peitſche, und ſeine Pferde gingen, einen großen Theil des Weges uͤber, beſtaͤndig im Galopp.„Er weiß, wohin es geht,“ ſagte mein Gefaͤhrte lachend:„und will gern, ſobald als moͤg⸗ lich, an den Freuden und dem Wohlleben in der Bedientenſtube Theil nehmen. Mein Vater, muͤſ⸗ ſen Sie wiſſen, iſt ein eingefleiſchter Anhaͤnger der — ²) S. Bracebridge⸗Hall. Thl. II. S. 185. Ueberſ. 5. B 2 4 28 alten Schule, und bildet ſich etwas darauf ein, die alte Engliſche Gaſtfreiheit noch aufrecht zu er⸗ halten. Er iſt ein ziemlich gutes Beiſpiel von etwas, was man heut zu Tage ſehr ſelten in ſeiner ganzen Reinheit antrifft, von einem alten Engliſchen Land⸗ gutsbeſitzer; denn unſere Reichen bringen einen ſo großen Theil ihrer Zeit in der Stadt zu, und die Node⸗Sitten verbreiten ſich ſo ſehr auf dem Lande, daß die kraͤftigen und bedeutſamen Eigenthuͤmlichkeiten des alterthuͤmlichen Landlebens beinahe ganz abge⸗ ſchliffen ſind. Mein Vater waͤhlte indeſſen, von ſeinen fruͤheſten Jahren, den ehrlichen Peacham*) ſtatt des Cheſterfield**) zu ſeinem Muſter; er war bei ſich ſelbſt daruͤber eins, daß es keinen ehren⸗ volleren und beneidenswertheren Stand gaͤbe, als den eines Landgutsbeſitzers, der auf ſeinem vaͤterlichen Grund und Boden lebt, und bringt demnach ſeine ganze Zeit auf ſeinem Gute zu. Er iſt ein eifriger Vertheidiger der Wiedereinfuͤhrung der alten laͤnd⸗ lichen Spiele und Feſttagsgebraͤuche, und in den alten und neuen Schriftſtellern, welche dieſen Gegenſtand verhandelt haben, ſehr beleſen. Seine Lieblingsbuͤ⸗ ———; *) Nämlich ſeinen Complete Gentleman. 1622. Verf. **) Lord Cheſterfields Briefe an ſeinen Sohn über Betra⸗ gen in der Welt u. ſ. w. Ueberſ. — 29 cher ſind die Schriftſteller, welche vor wenigſtens zweihundert Jahren bluͤhten, und von denen er ſteif und feſt behauptet, daß ſie weit mehr wie wahre Eng⸗ laͤnder geſchrieben und gedacht haben, als alle ihre Nachfolger. Er bedauert es ſelbſt zuweilen, daß er nicht einige Jahrhunderte fruͤher geboren worden iſt, als England noch England war und ſeine be⸗ ſonderen Sitten und Gebraͤuche hatte. Da er et⸗ was entfernt von der Landſtraße, in einem ziemlich abgelegenen Theile des Landes wohnt, und keine Nachbarn ſeines Standes in der Naͤhe hat, ſo ge⸗ nießt er der beneidenswertheſten aller Segnungen fuͤr einen Englaͤnder, ſeinen Launen ungeſtoͤrt nach⸗ gehen zu koͤnnen. Er iſt der Repraͤſentant der aͤl⸗ teſten Familie in der Gegend, und ein großer Theil der Bauern gehoͤrt zu ſeinen Pachtleuten; daher ſteht er in großem Anſehen, und iſt gewoͤhnlich un⸗ ter der allgemeinen Benennung,„der Squire“, bekannt, ein Titel, den das Haupt der Familie ſeit undenklichen Zeiten gehabt hat. Ich denke, es iſt am beſten, wenn ich Ihnen dieſe Winke uͤber mei⸗ nen wuͤrdigen alten Vater gebe, damit Sie auf die kleinen Sonderbarkeiten vorbereitet ſind, die Ihnen ſonſt aberwitzig erſcheinen moͤchten.“ Wir waren eine Zeitlang an der Mauer eines Parks hingefahren, und die Chaiſe hielt endlich an dem 30 Thore ſtill. Dieſes war noch ganz in dem ſchwerfaͤllig prachtvollen alten Stile, von Eiſenſtaͤben gearbeitet, welche oben in allerhand Zierrathen und Blumen ausliefen. Auf den gewaltigen viereckten Pfeilern, welche die Thorfluͤgel trugen, war oben die Helm⸗ zierde des Familienwappens zu ſehen. Dicht dane⸗ ben ſtand das Pfoͤrtnerhaͤuschen, von dunklen Fichten geſchuͤtzt und beinahe in Geſtraͤuch begraben. Der Poſtillion zog die große Pfoͤrtnerglocke an, deren Klang weit durch die ſtille, froſtige Luft da⸗ hintoͤnte und von dem entfernten Gebell der Hunde beantwortet wurde, welche dem Herrenhauſe zur Beſatzung zu dienen ſchienen. Eine alte Frau erſchien ſogleich am Thore. Da das Mondenlicht ſie hell beleuchtete, ſo ſah ich deutlich, daß es eine kleine ſehr altfraͤnkiſch gekleidete Frau, mit einem netten Halstuch und Bruſtlatz war, deren Silberhaar unter einer ſchneeweißen Haube hervorguckte. Sie kam mit vielen Knixen herbei, und aͤußerte ihre Freude, ihren jungen Herrn zu ſehen, auf eine einfach herzliche Art. Ihr Mann war, wie es ſchien, im Herrenhauſe, und feierte dort den Weihnachten in der Bedientenſtube mit, wo er nicht entbehrt wer⸗ den konnte, da er in der ganzen Haushaltung der beſte Saͤnger und Geſchichtserzaͤhler war. Mein Freund that mir den Vorſchlag, auszu⸗ 31 ſteigen, und durch den hust nach dem Hauſe zu gehen, das nicht weit entfernt war, wobei uns die Chaiſe nachfolgen ſollte. Unſer Weg fuͤhrte durch eine ſtattliche Allee von Baͤumen, zwiſchen deren nack⸗ ten Zweigen der Mond hindurchſchien, waͤhrend er 8 am hohen Gewölbe des wolkenloſen Himmels dahin⸗ wandelte. Der Raſenplatz weiterhin war mit einer duͤnnen Schneedecke uͤberzogen, welche hie und da blitzte, wenn das Mondlicht auf ein Eiskryſtall fiel, und in der Entfernung konnte man einen duͤn⸗ nen, durchſichtigen Nebel wahrnehmen, der aus der Niederung aufſtieg und allmaͤhlig die Landſchaft verhuͤllen zu wollen ſchien. Mein Gefahrte blickte mit Entzuͤcken um ſich. „Wie oft“, ſagte er:„bin ich nicht dieſe Allee hin⸗ aufgeſprungen, wenn ich in den Schulferien nach Hauſe zuruͤckkehrte! Wie oft habe ich unter dieſen Baͤumen geſpielt, als ich noch ein Knabe war! Ich empfinde gegen ſie eine Art von kindlicher Vereh⸗ rung, womit wir die betrachten, welche uns in un⸗ ſerer Kindheit gepflegt haben. Mein Vater hielt immer ſehr darauf, daß wir unſere Feiertage haben und bei Familienfeſten um ihn ſeyn mußten. Mit eben der Sorgſamkeit, womit andere Aeltern bei den Studien ihrer Kinder verfahren, pflegte Er unſere Spiele zu leiten und die Aufſicht daruͤber zu 5 32 fuͤhren. Er ſah mit großer Genauigkeit darauf, daß wir die alten Engliſchen Spiele nach ihrer urſpruͤng⸗ lichen Form ſpielten, und zog alte Buͤcher als Quellen und Gewaͤhrsleute fuͤr jedes„Spiel und Ergetzlichkeit“ zu Rath; und doch kann ich Sie ver⸗ ſichern, daß ich keine angenehmere Pedanterie ge⸗n kannt habe. Es war die Politik des guten alten Herrn, ſeinen Kindern es fuͤhlbar zu machen, daß die Heimath der gluͤcklichſte Ort in der Welt ſey, und ich ſehe dieß herrliche Heimathsgefuͤhl als eine der gluͤcklichſten Gaben an, welche ein Vater ſeinen Kindern verleihen kann.“ Wir wurden hier durch das Gebell einer Schaar von Hunden von allen Gattungen und Größen empfangen,„Blendlingen, jungen Hunden, kleiner Brut und großen Hunden, und Klaͤffern ſchlechter Art“, die von der Thorglocke und dem Geraſſel der Chaiſe aufgeſtoͤrt, mit aufgeſperrtem Rachen uͤber den Raſen dahergeſprungen kamen. 8 „ Die kleinen Hund' und alle, Tray, Blanche und Sweetheart bell'n mich an!“*¹⁹) rief Bracebridge lachend. Sobald die Hunde den Ton ſeine Stimme vernahmen, verwandelte ſich ihr Gebell in ein lautes Freudengeheul, und in einem *) Shakſpeare'’ s König Lear. Ueberſ. 33 Augenblick ſah er ſich von den treuen Thieren um⸗ geben, und von ihren Liebkoſungen beinahe uͤber⸗ waͤltigt. Wir ſahen itztadas alte Herrenhaus deutlich vor uns, wie es theils in tiefem Schatten begraben, n theils von dem kalten Lichte des Mondes beleuchtet, da lag. Es war ein. unregelmaͤßiges Gebaͤude von ziemlicher Groͤße, deſſen Bauart mehrere Zeitab⸗ ſchnitte verrieth). Ein Fluͤgel war augenſcheinlich ſehr alt, hatte ſchwere, mit Quaderſteinen ausge⸗ ſetzte, weithinausragende Erkerfenſter, die mit Epheu⸗ ranken bewachſen waren, durch deren Blaͤtter die kleinen rautenfoͤrmigen Glasſcheiben im Mondlichte glänzten. Der uͤbrige Theil des Hauſes war in dem Franzoͤſiſchen Geſchmack aus Karl's des Zweiten Zeiten erbaut, und, wie mein Freund mir er⸗ zaͤhlte, von einem ſeiner Vorfahren, welcher mit dieſem Monarchen nach der Wiederherſtellung des Koͤnigthums zuruͤckgekehrt war, ausgebeſſert und ver⸗ „ aͤndert worden. Der Garten um das Haus war nach der alten, ſteifen Weiſe in kuͤnſtliche Blumen⸗ beete getheilt, und mit geſchnittenen Hecken, erhoͤ⸗ heten Terraſſen und ſchweren ſteinernen Baluſtra⸗ den, die mit Urnen geſchmuͤckt waren, einer oder zwei bleiernen Bildſaͤulen und einem Springbrun⸗ nen verziert. Der alte Herr hielt, wie man mir 34 ſagte, ſehr darauf, daß dieſer veraltete Prunk ganz in ſeinem urſpruͤnglichen Zuſtande bleibe. Er be⸗ wunderte dieſen Geſchmack in der Gartenkunſt; er habe ein Anſehen von Pracht, ſey vornehm und edel, und ſchicke ſich zu der guten alten Familien⸗ weiſe. Die geprieſene Nachahmung der Natur in d den neuen Gaͤrten ſey zugleich mit den neueren republikaniſchen Begriffen entſproſſen, ſchicke ſich aber nicht fuͤr eine monarchiſche Regierung, und ſchmecke nach dem Syſtem der Freiheit und Gleiche heit.— Ich konnte nicht umhin, uͤber dieſe Ver⸗ miſchung von Politik und Gartenkunſt zu laͤcheln, wobei ich zugleich die Beſorgniß merken ließ, daß der alte Herr etwas zu unduldſam in ſeinem Glau⸗ ben ſeyn moͤchte. Frank verſicherte mich indeſſen, daß dieß beinahe der einzige Fall ſey, wo er ſeinen Vater von Politik habe reden hoͤren; dieſe Anſicht ſey ihm, wie er glaubte, von einem Parliamentsmitgliede uͤberkommen, das einſt einige Wochen bei ihm ge⸗ wohnt habe, und der Squire bemeiſtere ſich gern eines jeden Grundes, ſeine geſchnittenen Hecken und ſteifen Terraſſen zu vertheidigen, die von Zeit zu Zeit von den neueren Landſchaftsgaͤrtnern angegriffen wuͤrden. Als wir uns dem Hauſe naͤherten, hoͤrten wir den Ton der Muſik, und dann und wann ein lau⸗ tes Gelaͤchter aus einem Ende des Gebaͤudes er⸗ —.—— 35 1 ſchallen.„Dieß“, ſagte Bracebridge:„muͤſſe aus der Bedientenſtube kommen, wo der Squire, waͤh⸗ rend der zwoͤlf Weihnachtstage, ſehr viel lauten Laͤrm erlaube, und ſogar dazu aufmuntere, wenn nur Alles vollkommen nach altem Brauch zuginge.“ Hier wurden die alten Spiele: Blindekuh, das wilde Pferd beſchlagen, heiße Muſcheln, das weiße Brot ſtehlen, Apfel haͤngen und Greifdrachen geſpielt*); der Jul⸗Kloben und das Weihnachtslicht regelmaͤßig perbrannt, und die Miſtel mit ihren weißen Bee⸗ ren aufgehaͤngt, zur drohenden Gefahr fuͤr alle huͤbſche Hausmaͤdchen*). Die Dienerſchaft war mit ihren Spielen ſo eifrig beſchaͤftigt, daß wir mehrere Male klingeln mußten, ehe man uns hörte. Als unſere Ankunft angekuͤndigt ward, kam der Squire ſelbſt heraus, *) Wer ſich über alle dieſe Spiele näher zu unterrichten wünſcht, den verweiſe ich auf Stru tt's Sports and pastimes of ihe people of England, und Brand’s popular antiquities; Greifdrache(snap-dragon) iſt ein in England ſehr häufi⸗ ges Spiel, wo man den, in eine Schale gegoſſenen Brannt⸗ wein anzündet, und nun RNoſinen hineinwirft, welche die umſtehenden herausnehmen und in den Mund ſtecken müſſen. Ueberſ. *) Die Miſtel wird in den Pachterwohnungen und Kü⸗ chen noch itzt in der Weihnachtszeit aufgehängt, und die jungen Leute haben das Recht, die Mädchen unter derſel⸗ ben zu küſſen, wobei ſie jedesmal eine Beere abpflücken. Sobald die Beeren abgepflückt ſind, hört das Recht auf. Verf. 36 uns zu empfangen, von ſeinen zwei anderen Soͤhnen begleitet, von denen der eine ein junger Offizier war, der ſich auf Urlaub hier befand, der andere ein Oxforder Student, der ſo eben von der Univerſitaͤt gekom⸗ men war. Der Squire war ein ſchoͤner, geſund aus⸗ ſehender alter Mann, mit Silberhaar, das ſich leicht um ein rundes, bluͤhendes Geſicht kraͤuſelte, und worin ein Phyſiognomiſt, beſonders wenn er, wie ich, vorher ein paar Winke erhalten hatte, leicht eine beſondere Miſchung von Launen und Wohl⸗ wollen entdeckte. Die Bewillkommung der Familie war warm und liebevoll. Da der Abend ſchon weit vorgeruͤckt war, ſo wollte der Squire uns nicht erlauben, unſere Reiſekleider zu wechſeln, ſondern fuͤhrte uns, ohne Weiteres, bei der Geſellſchaft ein, welche in einer großen, altvaͤteriſchen Halle verſammelt war. Sie beſtand aus verſchiedenen Zweigen einer großen Fa⸗ milie, worin ſich die gewoͤhnliche Zahl von alten Oheimen und Baſen, behaglichen verheiratheten Frauen, verjaͤhrten alten Jungfern, bluͤhenden, halb⸗ fluͤggen Burſchen vom Lande, und hellaͤugigen jungen Maͤdchen aus der Penſionsſchule be⸗ fand. Dieſe alle waren auf verſchiedene Weiſe be⸗ ſchaͤftigt; Einige ſaßen um einen runden Tiſch bei einem Kartenſpiel; Andere unterhielten ſich beim Ka⸗ 37 min; an dem einen Ende des Saales war ein Hau⸗ fen junger Leute, von denen einige beinahe erwach⸗ ſen, andere aber noch im zarten und knospenden Alter waren, bei einem froͤhlichen Spiele beſchaͤf⸗ tigt; und eine Menge von Steckenpferden, hoͤlzer⸗ nen Trompeten und zerriſſenen Puppen, welche auf dem Boden lag, verrieth die fruͤhere Anweſenheit eines Haufens kleiner Elfen, welche, nachdem ſie einen gluͤcklichen Tag lang ſich ergetzt, hinweggetra⸗ gen worden waren, um eine ruhige Nacht hindurch zu ſchlummern. Waͤhrend der junge Bracebridge und ſeine Ver⸗ wandten ſich gegenſeitig begruͤßten, hatte ich Zeit, das Zimmer genauer zu betrachten. Ich habe es eine Halle genannt, denn das war es gewiß in al⸗ ten Zeiten geweſen, und der Squire hatte, augen⸗ ſcheinlich, ſich alle Muͤhe gegeben, ihm ungefaͤhr ſeine fruͤhere Geſtalt zu geben. Ueber dem ſchwe⸗ ren, weithervortretenden Kamin hing das Bild ei⸗ nes Kriegers in voller Ruͤſtung, der neben einem weißen Roſſe ſtand, und an der Wand gegenuͤber ein Schwert, ein Schild und eine Lanze. An dem einen Ende war ein ungeheures Hirſchgeweih in die Wand gemauert, deſſen Enden dazu dienten, Huͤte, Peitſchen und Sporn daran zu haͤngen, und in den Ecken des Zimmers ſtanden Jagdflinten, ——— 38 Fiſchernetze und andere Werkzeuge zur Jagd und zum Fiſchfang. Die Moͤbel waren ganz nach dem ſchwerfaͤlligen Geſchmack fruͤherer Zeiten gearbeitet, obgleich man einige, zur neueren Behaglichkeit dien⸗ liche Gegenſtaͤnde hinzugefuͤgt, und einen Teppich auf den eichenen Fußboden gelegt hatte, ſo daß das Ganze eine ſonderbare Miſchung von Alt und Neu darbot. Der Roſt war aus dem großen, gewaltigen Ka⸗ min herausangenommen, um einem Holzfeuer Platz zu machen, in deſſen Mitte ein ungeheurer Block gluͤhte und flammte und eine gewaltige Maſſe Licht und Waͤrme verbreitete, und dieß war, wie ich hoͤrte, der Jul⸗Block, den der Squire jedesmal am Weihnachtsheiligabend hereinbringen und anzuͤnden ließ, nach alter Sitte*). *) Der Jul⸗Block iſt ein großer Holzblock, zuweilen die Wurzel eines Baumes, welche mit großer Feierlichkeit am Weihnachtsheiligabend in das Haus gebracht, und mit ei⸗ nem Brande von dem Blocke des vergangenen Jahres an⸗„ gezündet wurde. So lange er währte, trank man, ſang und erzählte Geſchichten. Zuweilen zündete man auch 1 Weihnachtslichte dabei an; in den Bauerhütten bildete aber das röthliche Licht des großen Holzfeuers die einzige Beleuchtung. Der Jul⸗Block mußte die ganze Nacht über brennen: ging er aus, ſo war dieß als ein Zeichen von Unglück anzuſehen. Herrick erwähnt dieß in einem ſeiner Lieder: — 39 Es war in der That höchſt ergetzlich, den alten Squire in ſeinem erblichen Armſtuhl neben dem gaſtfreien Kamin ſeiner Vorfahren, zu ſehen, wie er ſich, wie die Sonne eines Planetenſyſtems, um⸗ blickte, und Waͤrme und Frohſinn in jedes Herz ſchien. Selbſt der Hund, welcher ausgeſtreckt zu ſeinen Fuͤßen lag, ſah, wenn er ſich traͤge umwandte und gaͤhnte, freundlich hinauf zu ſeinem Herrn, we⸗ Kommt, bringt ihn herein, Ihr Jünglinge ſein, Den Weihnachtsblock hin zu dem Heerd; Die Hausfrau ſagt, ſchön,— Seyd gerne geſeh'n, Und trinkt, wie's das Herz nur begehrt. Der Jul⸗Block wird noch itzt in manchen Pachterhäuſern und Küchen in England, namentlich im Norden, gebrannt, und die Bauern haben mehrere abergläubiſche Begriffe, welche damit in Verbindung ſtehen. Wenn ein Schielender oder ein Barfüßiger in das Haus tritt, während er brennt, ſo hält man dieß für eine übele Vorbedeutung. Was von dem Jul⸗Block übrig bleibt, wird ſorgfältig an die Seite ge⸗ legt, um damit am nächſten Weihnachtsabend das Feuer anzuzünden. Verf. 8 Eben dieſe Sitte findet auch im Norden von Europa, namentlich in Schweden und im nördlichen Deutſchland, z. B. in Schwediſch⸗Pommern(im itzigen Neu⸗Vorpommern) Statt. Der ganze Gebrauch iſt offenbar Skandinaviſch, wie auch der Name zu ſeyn ſcheint. Die Julklaps, Weihnachts⸗ geſchenke, werden noch itzt ſo in Pommern genannt. Nach Brand's popular antiquities Bd. I. S. 359. ſoll die Sitte des Jul⸗Block⸗Brennens auch im ſüdlichen England, namentlich in Devonſhire, noch gäng und gebe ſeyn. Ueberſ. 40 delte mit dem Schwanze am Boden, und legte ſich dann wieder zum Schlaf nieder, der guten Behand⸗ lung und des Schutzes ſicher. Es geht aus dem Herzen eine wahre Gaſtfreiheit aus, welche ſich nicht beſchreiben laͤßt, die man aber ſogleich fuͤhlt, und die den Fremden augenblicklich in Behaglichkeit verſetzt. Ich hatte kaum einige Minuten an dem behaglichen Herde des wuͤrdigen alten Herrn geſeſſen, als ich mich ſchon eben ſo ſehr zu Hauſe fuͤhl ke 4 ob ich zur Familie gehoͤrt haͤtte.. Bald nach unſerer Ankunft ward gemelbet, daß das Abendeffen aufgetragen ſey. Es war in einem geraͤumigen, mit Eichenholz ausgetaͤfelten Zimmer angerichtet, deſſen Getaͤfel von Wachs glaͤnzte, und an deſſen Waͤnden mehrere mit Stechpalmen und Epheu verzierte Familienbilder hingen. Außer den gewoͤhnli⸗ chen Lichtern ſtanden zwei große Wachskerzen, Weih⸗ nachtslichte genannt, auf einem hochpolirten Buͤffet unter dem Familienſilber. Die Tafel war reichlich beſetzt, der Squire aß aber weiter nichts als Fru⸗ menty*), ein Gericht, das aus Waizenkuchen be⸗ reitet wird, die mit Gewuͤrz in Milch gekocht wer⸗ den, und das in alten Zeiten ein hergebrachtes Eſſen — *) Oder Furmity, wie es die gemeinen Leute in Eng⸗ kand gewöhnlich nennen. Der Name iſt von dem Lateini⸗ ſchen frumentum, Waizen, entlehnt. Ueberſ. — 68 — 69b 41 am Weihnachtsheiligabend war. Ich freute mich ſehr, mein altes Lieblingsgericht, gehacktes Paſte⸗ tenfleiſch*), bei dem Mahle ebenfalls erſcheinen zu ſehen, und begruͤßte es, da ich fand, daß es voll⸗ kommen rechtglaͤubig ſey, und ich mich meiner Vor⸗ liebe nicht zu ſchaͤmen brauchte, mit aller der Waͤrme, womit wir gewoͤhnlich einen alten und ſehr anſtaͤn⸗ digen Bekannten begruͤßen. Die Froͤhlichkeit der Geſellſchaft ward durch die Laune eines ſehr excentriſchen Menſchen ungemein teigert, den Herr Bracebridge immer mit dem nderbanen Namen Meiſter. Simon anredete. Es war ein knapper, lebendiger, Aleiner Mann, der das Anſehn eines argen alten Jungeſellen hatte. Seine Naſe war wie der Schnabel eines Papagays geſtaltet, ſein Geſicht hatte einige leichte Pocken⸗ narben, und war beſtaͤndig mit einer trockenen Roͤthe uͤberzogen, wie ein erfrorenes Blatt im Herbſt. Sein Auge hatte eine ungemeine Schaͤrfe und Feuer, und es lag etwas Komiſches und Schel⸗ miſches darin, das unwiderſtehlich war. Er ſpielte —* *) Minced pie, ein Gericht, das noch itzt überall in der Weihnachtszeit in England aufgetragen wird. Es be⸗ ſteht aus gehacktem(minced) Fleiſch mit kleinen Roſinen und Gewürz, die in einen Teig eingeſchlagen werden. „ Ueberſ. 42 offenbar den Witzling in der Familie, hatte mit den Damen immer allerhand ſchelmiſche Spaͤße und Be⸗ ziehungen, und erregte ungemeines Ergetzen durch ſeine Anſpielungen auf alte Zeiten, die ungluͤcklicher⸗ weiſe durch meine Unbekanntſchaft mit der Fami⸗ lienchronik fuͤr mich verloren gingen. Es ſchien ihm großes Vergnuͤgen zu machen, ein junges Maͤdchen, das neben ihm ſaß, waͤhrend des Abendeſſens in ei⸗ nem beſtaͤndigen unterdruͤckten Lachkrampf zu erhal⸗ ten, deſſen ſie, ungeachtet ihrer Furcht vor den per⸗ weiſenden Blicken ihrer Mutter, welche ihr gegen⸗ uͤber ſaß, nicht Herr werden konnte. Er war uͤber⸗ haupt der Abgott des juͤngern Theiles der Geſell⸗ ſchaft, welcher uͤber Alles was er ſagte oder that, und bei jeder Wendung ſeines Geſichts lachte. Dieß nahm mich durchaus nicht Wunder; er mußte in ihren Augen ein Ausbund der Vollkommenheit ſeyn. Er konnte den Hanswurſt und die Judith*) nach⸗ ahmen, mit einem gebrannten Kork und einem Schnupftuch eine alte Frau mit der Fauſt vorſtel⸗ len, und aus einer Apfelſine eine ſo laͤcherliche Ge⸗ ſtalt herauszuſchneiden, daß die jungen Leute bei⸗ nahe vor Lachen ſtarben. Frank Bracebridge weihte mich ganz kurz in *) Aus der Marionetten⸗Komödie. Ueberſ. — — 43 ſeine Geſchichte ein. Er war ein alter Hageſtolz, mit einem kleinen unbedeutenden Einkommen, das indeſſen, bei ſorgſamer Verwaltung, hinreichte, alle ſeine Beduͤrfniſſe zu befriedigen. Er wandelte durch das Familienſyſtem wie ein herumfahrender Komet auf ſeiner Bahn; beſuchte bald einen Zweig derſelben, bald einen andern ganz entferntern, wie dieß oft von Leuten in England geſchieht, die ausgebreitete Be: kanntſchaften und nur wenig Vermögen haben. Er hatte ein froͤhliches, aufgewecktes Gemuͤth, das den 4 gegenwaͤrtigen Augenblick jederzeit zu benutzen wußte, und der haͤufige Wechſel von Ort und Geſellſchaft machte, daß er nicht jene roſtigen ungefuͤgigen Ge⸗ wohnheiten annahm, die man den alten Junggeſellen ſo unbarmherzigerweiſe zur Laſt legt. Er war eine vollſtaͤndige Familienchronik, und mit der Genealogie, Geſchichte und den Wechſelheirathen des ganzen Hauſes Bracebridge auf das Genaueſte bekannt, was ihn zu einem großen Lieblinge der alten Leute machte. Er war der Anbeter aller aͤltlichen Damen und veralteten Jungfrauen, unter denen er noch immer fuͤr einen jungen Menſchen galt, und der Maitre des plaisirs bei den Kindern, ſo daß es in der Sphaͤre, worin er ſich bewegte, keinen belieb⸗ tern Mann gab, als Herrn Simon Bracebridge. In ſpaͤteren Jahren hatte er ſich beinahe ausſchließ⸗ 44— lich bei dem Squire aufgehalten, deſſen Alles in Allem er geworden war, und bei dem er ſich vor⸗— zuͤglich dadurch beliebt machte, daß er in ſeine Laune in Ruͤckſicht auf die alten Zeiten einging, und daß er jederzeit ein Lied bereit hatte, welches ſich zu der Gelegenheit paßte. Eine Probe dieſes letztern Talents erhielten wir im gegenwaͤrtigen Fall, denn kaum war das Abendeſſen abgetragen, und Wein mit Gewuͤrz, und andere, beſonders fuͤr dieſe Jahrszeit ſich paſſende Getraͤnke aufgetragen wor⸗ den, als Meiſter Simon aufgefordert ward, ein gutes altes Weihnachtslied zu ſingen. Er bedachte ſich einen Augenblick, und trillerte dann, mit funkelndem Auge und einer Stimme, die gar nicht ſchlecht war, nur daß ſie zuweilen in das Falſett uͤberging und dann wie ein geſpaltenes Rohr klang, folgendes alte naͤrriſche Lied her. 's iſt Weihnachtstag; Durch Trommelſchlag Die Freunde ſind ſämmtlich geladen; Und kommen ſie dann Geht's Feſtgelag an, Daß Wetter und Wind uns nichts ſchaden u. ſ. w. Das Abendeſſen hatte Alle zur Fröhlichkeit ge⸗ ſtimmt, und man rief einen alten Harfner aus der Bedientenſtube herbei, wo er den ganzen Abend uͤber geklimpert, und ſich, dem Anſcheine nach, des ——. 45 Squire eigengebrautes Bier hatte gut ſchmecken laſſen. Er war, wie man mir ſagte, eine Art von Anhaͤngſel des Haushalts, und, obgleich dem Aeu⸗ ßern nach ein Bewohner des Dorfes, doch weit oͤfter in der Kuͤche des Squire, als in ſeinem ei⸗ genen Hauſe zu finden, da der alte Herr„den Ton der Harfe gern in der Halle hoͤrte.”⸗. Der Tanz war, wie die meiſten Taͤnze nach Tiſche, ſehr luſtig; einige von den aͤlteren Leuten nahmen daran Theil, und der Sauire ſelbſt tanzte mehrere Touren mit einer Taͤnzerin hinunter, mit der er, wie er verſicherte, beinahe ein halbes Jahr⸗ hundert lang an jedem Weihnachten getanzt hatte. Meiſter Simon, der eine Art von Verbindungs⸗ glied zwiſchen der alten und neuen Zeit zu bilden, und dabei etwas veraltet in der Art ſeiner Talente zu ſeyn ſchien, that ſich augenſcheinlich etwas auf ſeinen Tanz zu Gute, und ſuchte ſich durch Ba— lancé, Rigodon und andere Feinheiten der alten Schule bemerklich zu machen. Ungluͤcklicherweiſe hatte er aber ein kleines munteres Maͤdchen aus der Koſtſchule zur Taͤnzerin, die ihn, durch ihre wilde Lebendigkeit, beſtaͤndig in Athem er⸗ hielt, und alle ſeine beſonnenen Beſtrebungen nach Zierlichkeit im Tanz vereitelte;— ſo ſind die un⸗ gleichen Verbindungen, zu denen alte Herren 46 ungluͤckicherweiſe nur mehr als zu ſehr geneigt ſind!— Der junge Oxforder Student hatte dagegen eine ſeiner unverheiratheten Baſen aufgefordert, welcher der Schelm ungeſtraft tauſend kleine Streiche ſpielte. Er war voll von praktiſchen Scherzen, und ſein größtes Vergnuͤgen beſtand darin, ſeine Baſen und Muhmen zu necken; und dennoch war er, wie alle jungen Tollkoͤpfe, allgemein beliebt bei den Frauen. Das anziehendſte Paar im Tanze war aber der junge Offizier und ein Muͤndel des Sqauire, ein ſchoͤnes, verſchaͤmt erroͤthendes Maͤdchen von ſieben⸗ zehn Jahren. Aus mehreren fluͤchtigen Blicken, welche ich im Laufe des Abends bemerkt hatte, ſchloß ich, daß zwiſchen ihnen ein kleines Verhaͤlt⸗ niß im Entſtehen ſey, und in der That war der junge Krieger gerade ein Held, wie er ein roman⸗ tiſches Maͤdchen einnehmen kann. Er war groß, ſchlank und huͤbſch, und hatte, wie die meiſten jun⸗ gen Engliſchen Offiziere, in den letzten Jahren ſich auf dem Feſtlande allerhand kleine Talente angeeig⸗ net— er ſprach Franzoͤſiſch und Italieniſch, zeich⸗ nete Landſchaften, ſang ganz ertraͤglich und tanzte göttlich; vor allem aber war er bei Waterloo ver⸗ wundet worden, und welches Maͤdchen, die in Ge⸗ dichten und Romanen wohl beleſen iſt, koͤnnte einem ——y,— 56* — 1.— — 47 ſolchen Spiegel der Ritterlichkeit und Vollkommen⸗ heit Widerſtand leiſten? 3 Als der Tanz voruͤber war, nahm er eine Guitarre zur Hand, lehnte ſich, in einer Stellung, von der ich beinahe glauben moͤchte, daß ſie vorher⸗ ſtudirt war, an den alten marmornen Kamin, und fing das kleine Franzoͤſiſche Lied vom Troubadour zu ſingen an. Der Sauire erklaͤrte indeß, daß er am Weihnachtsabend nichts als gutes altes Engliſch hören wolle, worauf der junge Saͤnger, nachdem er einen Augenblick die Augen gen Himmel gerich⸗ tet, als ob er ſein Gedaͤchtniß in Anſpruch nehme, eine andere Melodie anfing, und, mit einer ange⸗ nehmen Galanterie,„Herrick's Nachtſtuͤck an Julie“ ſang. Der Leuchtwurm ſoll Dir glühen, Die Sterne nach Dir ziehen, und auch die Elfen fein, Mit ihren Augen klein Wie der Feuerſchein, Dir ſich mühen. Kein Irrlicht ſoll Dich necken, Die Schlange empor ſich nicht recken; Nur immer fort, Weil' an keinem Ort, Denn es darf kein Geſpenſt Dich erſchrecken. O laß Dich das Dunkel nicht bangen, Hat Schlummer den Mond auch umfangen; Der Sterne Schein Sein Licht Dir wird leihn; Wie Kerzen ſie, zahllos, Dir prangen⸗ Laß, Julie, Dich erflehen, Laß uns zuſammen gehen; Und ſind' ich Deine Tritte Auf meines Weges Mitte, Fühl' ich des Himmels Wehen. Das Lied mochte nun an die ſchoͤne Iulie gerich⸗ tet ſeyn— denn ſo fand ich, hieß ſeine Taͤnzerin— oder nicht; ſie war indeſſen dieſer Anwendung ſich durchaus nicht bewußt, denn ſie ſah den Saͤnger keinen Augenblick an, ſondern hielt die Augen be⸗ ſtaͤndig auf den Boden geheftet. Wahr iſt es, daß ihr Geſicht mit einer reizenden Roͤthe uͤberzogen war, und daß ihr Buſen ſanft auf und ab wogte; aber alles dieß war ohne Zweifel eine Wirkung des Tanzes; ja, ihre Gleichguͤltigkeit war ſo groß, daß ſie ſich damit beluſtigte, einen ausgeſuchten Strauß von Treibhauspflanzen zu zerpfluͤcken, ſo daß, als das Lied geendet war, er in Truͤmmern auf dem Boden lag. Die Geſellſchaft brach itzt mit dem herzlichen alten Gebrauche des Haͤndeſchuͤttelns auf. Als ich durch die Halle nach meinem Zimmer ging, gab die flimmernde Aſche des Jul⸗Blocks noch ein daͤmmerndes Licht von ſich, und waͤre dieß nicht gerade die Zeit geweſen,„wo kein Geiſt um⸗ gehen darf,“ ſo wuͤrde ich mich beinahe verſucht ge⸗ —— 49 gefuͤhlt haben, um Mitternacht aus meinem Zim⸗ mer zu ſchleichen, damit ich ſaͤhe, ob die Elfen nicht ihren Tanz um den Herd hielten. 5 Mein Zimmer war in dem alten Theile des Hauſes belegen, deſſen gewichtige Moͤbel in der Zeit der Rieſen verfertigt worden zu ſeyn ſchienen. Das Zimmer war ausgetaͤfelt, und hatte einen Karnies von ſchwerer Bildhauerarbeit, worin Blumen und abenteuerliche Geſichter auf eine ſon- derbare Art gemiſcht waren, und eine Reihe ſchwarz ausſehender Bilder ſtarrte truͤbſelig von den Waͤnden auf mich herab. Das Bett war von ſchwerem, wiewohl verſchoſſenen Damaſt, mit einem hohen Himmel, und ſtand in einer Ni⸗ ſche, dem Erkerfenſter gegenuͤber. Ich war kaum im Bette, als eine Muſik, gerade unter dem Fen⸗ ſter, die Luft zu erfuͤllen ſchien. Ich horchte, und fand, daß es ein Chor Muſiker war, ver⸗ muthlich die Weihnachtsmuſikanten aus einem be⸗ nachbarten Dorfe. Sie gingen um das Haus her, und ſpielten unter den Fenſtern. Ich zog die Vorhaͤnge zuruͤck, um ſie deutlicher zu hoͤren. Das Licht des Mondes fiel durch den obern Theil des Fenſters herein, und erhellte etwas das altfraͤnkiſche Zimmer. Die Toͤne wurden, Skizzenbuch II. C 4 50[— je weiter ſie ſich entfernten, deſto ſanfter und aͤtheriſcher, und ſchienen mit der Ruhe und dem Mondlicht ein Ganzes zu bilden. Ich horchte und horchte— ſie wurden immer zarter und ſchwaͤcher, und als ſie allmaͤhlig erſtarben, ſank mein Haupt auf das Kiſſen, und ich ſchlief ein. * *** » Der Walhiachrsfeer — gr 8* ag⸗ * Die trübe Nacht verbannet ſey,— Und dieſer Tag, er herrſche frei, u Der im December ſchafft den Mai. — * Und warum lacht die Winterflur, Geſchmückt vom Segen der Natur, und duftet, wie die Wieſenſpur, So plötzlich heut?— o kommt und ſeht, Warum ſo prachtvoll alles ſteht! Herrick. At ich am naͤchſten Morgen erwachte, ſchien es mir, als ob alle die Ereigniſſe des vergangenen Abends ein bloßer Traum geweſen waͤren, und nur der Anblick des altvaͤteriſchen Gemaches konnte mich von ihrer Wirklichkeit uͤberzeugen. Waͤhrend ich ſo nachſinnend auf meinem Kiſſen ruhte, hoͤrte ich den Tritt kleiner Fuͤße, welche vor der Thuͤr umher⸗ trippelten, und leiſes Gefluͤſter, als ob man ſich un⸗ tereinander beriethe; kurz darauf ſtimmte ein Chor C 2 52 kleiner Stimmen einen alten Weihnachtsgeſang an, deſſen Refrain der war: Freut euch, der Heiland ward geboren, Am Weihnachtstage an dem Morgen. Ich ſtand leiſe auf, warf meine Kleider um, offnete plötzlich die Thuͤr, und ſah nun eine der ſchoͤnſten kleinen Elfengruppen, die ſich ein Mahler nur denken kann. Sie beſtand aus einem Knaben und zwei Maͤdchen, von denen das aͤlteſte nicht uͤber ſechs Jahr alt, und alle lieblich wie die Se⸗ raphs waren. Sie machten die Runde im Hauſe umher, und ſangen vor jeder Stubenthuͤr; meine plötzliche Erſcheinung erſchreckte ſie indeß ſo, daß ſie ſchuͤchtern verſtummten. Sie blieben noch einen Augenblick ſtehen, ſpielten mit den Fingern an den Lippen, und warfen dann und wann einen verſtoh⸗ lenen Blick unter den Augenbraunen hervor, bis ſie, wie durch eine ploͤtzliche Anregung, davonſpran⸗ gen; und als ſie ſich endlich um eine Ecke des Gan⸗ ges wandten, hoͤrte ich ſie, voll Freude uͤber ihr gluͤckliches Entweichen, ein lautes Gelaͤchter auf, ſchlagen. Alles vereinigte ſich, um in dieſem Wohnſitze altfraͤnkiſcher Gaſtfreiheit angenehme und freudige Gefuͤhle zu erregen. Das Fenſter meines Zimmers ging auf eine Gegend hinaus, die im Sommer eine 53 ſchoͤne Landſchaft bilden mußte. Ein abſchuͤſſig her⸗ abgehender Raſenplatz, ein ſchoͤner Bach, der ſich am Fuße deſſelben hinſchlaͤngelte, und ein großer Park dahinter, mit prachtvollen Baumgruppen und Heerden von Damhirſchen, boten ſich dem Blicke dar. In einiger Entfernung ſah man ein nettes Doͤrfchen, uͤber welches der Rauch aus den Schorn⸗ ſteinen ſeiner Huͤtten hin ſchwebte, nd eine Kirche mit ihrem dunkeln Kirchthurme, welche gegen den klaren kalten Himmel ſtark hervortrat. Das Haus ſelbſt war, nach Engliſcher Sitte, mit immergruͤ⸗ nenden Straͤuchern umgeben, welche ihm beinahe ein ſommerliches Anſehen verliehen; allein der Mor⸗ gen war ſehr kalt. Die leichten Duͤnſte des vori⸗ gen Abends waren von der Kaͤlte herabgedruͤckt warden, und bedeckten nun mit ihren ſchoͤnen Kry⸗ ſtallen alle Baͤume und jeden Grashalm. Die Strahlen der hellen Morgenſonne, wie ſie auf die blitzenden Blaͤtter fielen, blendeten das Auge. Ein Rothkehlchen, das ſich auf der Spitze einer Berg⸗ eſche wiegte, deren rothe Beeren in Trauben dicht vor meinem Fenſter hingen, ſonnte ſich und zwit⸗ ſcherte einige Klagetoͤne dazu, und ein Pfau entfal⸗ tete den ganzen Glanz ſeines Schweifes und ſchritt mit dem Stolze und der Wuͤrde eines Spaniſchen Grande's auf der Terraſſe unten einher. 54 Ich hatte mich kaum angekleidet, als ein Be⸗ dienter erſchien, mich zum Hausgebet zu rufen. Er fuͤhrte mich nach einer kleinen Kapelle, im alten Fluͤgel des Hauſes, wo ich den groͤßern Theil der Familie bereits in einer Art von Gallerie verſam⸗ melt ſah, die mit Polſtern, Betkiſſen*) und gro⸗ ßen Gebetbuͤchern verſehen war; die Dienerſchaft ſaß auf Baͤnken dahinter. Der alte Herr las an einem Betpulte, das am Ende der Gallerie ſtand, die Gebete, waͤhrend Meiſter Simon den Kir⸗ chendiener machte und die Reſponſen herſagte, und ich muß ihm die Gerechtigkeit widerfahren laſſen, daß er dieß mit großer Wuͤrde und Anſtand that. Auf den Gottesdienſt folgte ein Weihnachtslied, das Herr Bracebridge ſelbſt aus ſeinem Lieblings⸗ ſchriftſteller, Herrick, entlehnt, und welchem Meiſter Simon eine alte Kirchenmuſik angepaßt hatte. Da unter der Familie mehrere gute Stimmen waren, ſo nahm es ſich ſehr gut aus; ganz beſonders er⸗ baute mich aber die Erhebung und der ploͤtzllche Ausbruch des dankbaren Gefuͤhls, womit der wuͤr⸗ dige Squire folgende Strophe herſang, wobei ſein Auge glaͤnzte, und ſeine Stimme aus allen Schran⸗ ken des Takts und Tones wich: ²) Hassocks. Sie ſind von Binſen gemacht, und ge⸗ wöhnlich rund. Ueberſ. — — 55 Du biſt's, der meinen Herd erfreut, Mit reiner Fröhlichkeit; Du ſchenkſt mir volle Becher ein, Gefüllt mit Freudenwein; Herr, Deine ſegensreiche Hand Befruchtet reich das Land, und ſchenkt, wenn meine Saat erſteht, Miir zehnfach, was ich ausgeſä't. Ich hoͤrte ſpaͤterhin, daß an jedem Sonn: und Heiligentage im Jahre, entweder von Herrn Brace⸗ bridge oder irgend einem Mitgliede der Familie ein Fruͤhgottesdienſt gehalten wuͤrde. Dieß war ſonſt auf den Landſitzen der Adlichen und Vornehmen in Eng⸗ land allgemein der Fall, und es iſt ſehr Schade, daß dieſer Gebrauch in Abnhame kommt, denn dem ſtumpfſinnigſten Beobachter muß die Ordnung und Heiterkeit auffallen, welche in den Haushaltungen herrſchen, wo die gelegentliche Feier eines ſchoͤnen aͤußern Gottesdienſtes am Morgen, den Ton fuͤr die ganze Stimmung des Tages zu geben, und je⸗ des Gemuͤth zum Wohlklange zu ſtimmen ſcheint. Unſer Fruͤhſtuͤck beſtand aus dem, was der Squire wahre alte Engliſche Koſt nannte. Er er⸗ laubte ſich einige bittere Bemerkungen uͤber die neueren Fruͤhſtuͤcke von Thee und geröſtetem Brot, welche er zu den Urſachen der neuern Verweichli⸗ chung und ſchwacher Nerven, ſo wie des Verfalls der alten Engliſchen Herzlichkeit rechnete, und ob 56— er ſie gleich ebenfalls auf ſeinen Tiſch kommen ließ, um dem Gaumen ſeiner Gaͤſte zu ſchmeicheln, ſo ſah man doch einen tuͤchtigen Vorrath von kal⸗ tem Fleiſch, Wein und Ale auf ſeinem Schenktiſch aufgepflanzt. 1 Nach dem Fruͤhſtuͤck machte ich mit Frank Bra⸗ cebridge und Meiſter Simon, oder Herrn Simon, wie er von Allen, den Squire ausgenommen, ge⸗ nannt wurde, einen Spazirgang durch die Beſitzung. Eine Anzahl von vornehmen Hunden, welche zu dem Gute zu gehoͤren ſchienen, begleitete uns, von dem huͤpfenden Wachtelhunde bis zu dem geſetzten alten Huͤhnerhunde, welcher letztere zu einer Race gehoͤrte, die ſeit undenklichen Zeiten in der Familie geweſen war. Alle gehorchten einer Hundepfeife, welche Meiſter Simon im Knopfloche hangen hatte, und warfen, mitten in ihren Spruͤngen, dann und wann einen ſcheuen Blick nach einer kleinen Gerte, die er in der Hand trug. Das alte Herrenhaus ſah in dem gelben Son⸗ nenſcheine noch viel ehrwuͤrdiger aus, als in dem bleichen Mondlicht, und ich konnte nicht umhin, das Wahre des Gedankens des Squire anzuerken⸗ nen, daß die ſteifen Terraſſen, die ſchweren Baluͤſtra⸗ den und die verſchnittenen Eibenbaͤume ein Zeichen von ſtolzem Adel an ſich haͤtten. Eine ungewoͤhn⸗ 57 liche Anzahl von Pfauen ſchien hier vorhanden zu ſeyn, und ich machte ſo eben meine Bemerkungen uͤber eine Heerde derſelben, wie ich es nannte, als mich Meiſter Simon freundlich zurechtwies, indem er mir ſagte, daß ich, dem aͤlteſten und allgemein angenommenen Jagdbuche zufolge, eine Rotte Pfauen ſagen muͤßte.„Eben ſo“, fuͤgte er mit einem leicht pedantiſchen Weſen hinzu:„ſagt man eine Flucht Tauben oder Schwalben, ein Volk Lerchen, eine Heerde Damhirſche, Zaunkoͤnige oder Kraniche, ein Schwarm Fuͤchſe und ein Bau von Raben.“ Er fuhr nun fort, mir auseinander zu ſetzen, daß man, Sir Anton Fitzherbert zu⸗ folge*), dieſem Thiere ſowohl Verſtand als Ruhm⸗ ſucht zuſchreiben muͤſſe;„denn, wenn es gelobt wuͤrde, breite es ſogleich ſeinen Schweif aus, be⸗ ſonders wenn die Sonne ſcheine, damit man deſſen Schoͤnheit beſſer ſehen koͤnne. Wenn aber, bei dem Fall der Blaͤtter, ſein Schweif ausfalle, trauere es und verberge ſich in Winkeln, bis ſein Schweif wieder das werde, was er geweſen ſey.“ Ich konnte nicht umhin, uͤber dieſen Aufwand *) Einem geprieſenen Rechtsgelehrten aus dem ſechszehn⸗ ten Jahrh., den man als den Vater der Engliſchen Land⸗ wirthſchaft betrachtet. Sein Buch über dieſe, the book of husbandry, kam zuerſt im J. 1532 heraus. Ueberſ. 58 von Gelehrſamkeit bei einer ſo unbedeutenden Sache zu laͤcheln, fand aber, daß die Pfauen auf der Halle als Voͤgel von Bedeutſamkeit angeſehen wurden; denn Frank Bracebridge ſagte mir, daß ſie große Lieblinge ſeines Vaters waͤren, der ſehr darauf halte, die Zucht nicht ausgehen zu laſſen, theils weil ſie zur Ritterlichkeit gehörten, und bei den feierlichen Banketten in alten Zeiten ſehr geſucht wurden, und theils weil ſie einen gewiſſen Prunk und eine Pracht an ſich haͤtten, die ſich zu einem alten Herrenhauſe paſſe. Nichts, pflegte er zu ſagen, nehme ſich ſtatt⸗ licher und wuͤrdevoller aus, als ein Pfau, der auf einer alktfraͤnkiſchen ſteinernen Baluͤſtrade ſeinen Sitz genommen habe.. Meiſter Simon mußte itzt davoneilen, da er die Dorfſaͤnger nach der Kirche beſtellt hatte, wo ſie einige von ihm ausgewaͤhlte Muſikſtuͤcke auffuͤhren ſollten. Es lag etwas ungemein Angenehmes in der lebendigen Froͤhlichkeit des kleinen Mannes, und ich geſtehe, daß es mich nicht wenig uͤberraſchte, ihn Stellen aus Schriftſtellern anfuͤhren zu hoͤren, die man nicht alle Tage lieſ't. Ich erwaͤhnte dieſes letztern Umſtandes gegen Frank Bracebridge, der mir laͤchelnd erzaͤhlte, daß Meiſter Simon's ganze Gelehr⸗ ſamkeit ſich auf ein halbes Dutzend alter Schrift⸗ ſteller beſchraͤnke, welche der Squire ihm gegeben r 66 und die er immer wieder leſe, ſobald er einen An⸗ fall von Studirſücht bekomme, wie dieß zuweilen an einem regnigen Tage, oder an einem langen Winterabende geſchehe. Sir Anton Fitzherbert's Buch uͤber die Landwirthſchaft, Markham's. Land⸗ vergnuͤgungen*), die Abhandlung von der Jagd von dem Ritter Sir Thomas Cockayne, Iſaak Walton's Angler, und zwei oder drei aͤhnliche alte Fe⸗ derhelden waͤren ſeine ſtehenden Gewaͤhrsmaͤnner, und er betrachte ſie, wie alle Leute, die nur wenige Buͤ⸗ cher kennten, mit einer Art von Abgötterei, und fuͤhre ſie bei allen Gelegenheiten an. Was ſeine Lieder betraͤfe, ſo waͤren ſie meiſterts aus alten Buͤchern in der Bibliothek des Squire herausge⸗ ſucht, und Melodieen angepaßt, welche bei den gro⸗ ßen Geiſtern des vergangenen Jahrhunderts beliebt geweſen waͤren. Seine praktiſche Anwendung von Litteraturbrocken habe indeſſen zur Folge gehabt, daß alle Stallknechte, Jaͤger und die geringeren Jagd⸗ freunde in der Gegend ihn fuͤr ein Wunder von Gelehrſamkeit anſaͤhen. *) Eine Anweiſung zur Jagd und zum Schießen mit Ge⸗ wehr und Bogen, die zuerſt im J. 1611 herauskam und mehrere Auflagen erlebte.— Sir T. Cockayne's Werk erſchien im J. 1591, und ſcheint wenig bekannt geworden zu ſeyn; dagegen iſt Walton's Angler noch itzt ein Hauptbuch für alle Liebhaher dieſer Beluſtigung in England. Ueberſ. 60 Waͤhrend wir mit einander ſprachen, hoͤrten wir in der Entfernung den Ton der Kirchenglocke, und man ſagte mir, daß der Squire darauf halte, daß ſein ganzer Hausſtand am Morgen des Weihnachts⸗ feiertags in der Kirche ſey, da er dieſen als einen Tag der Dankſagung und der Freude betrachte, denn, wie der alte Tuſſer*) bemerkt: Zu Weihnacht ſollſt fröhlich und dankbar Du ſeyn, Und ſpeiſen die Armen, ſo Groß als Klein. „Wenn Sie Luſt haben, nach der Kirche zu ge⸗ hen“, ſagte Frank Bracebridge:„ſo kann ich Ih⸗ nen ein Probeſtuͤckchen von meines Vetters Simon muſikaliſchen Leiſtungen verſprechen. Da die Kirche keine Orgel hat, ſo hat er ſich aus den Muſiklieb⸗ habern im Dorfe ein Orcheſter gebildet, zu deſſen Vervollkommung einen muſikaliſchen Club geſtiftet, und ſich eben ſo einen Chor ausgeſucht, wie er meines Vaters Jagdhunde nach Gervaſius Mark⸗ ham's Anweiſung, in deſſen Landvergnuͤgungen, aus⸗ geſucht hat. Fuͤr den Baß hat er alle die„tiefen und feierlichen Kehlen“, und fuͤr den Tenor alle die„laut klingenden Kehlen“ aus den Dorf⸗ luͤmmeln ausgewaͤhlt, und fuͤr„ſanfte Kehlen“ *) In ſeinen five hundred points of good husbandry. 1 Ueberſ⸗ ——— —— 61 mit eigenthuͤmlichem Geſchmack unter den artigſten Maͤdchen in der Gegend Schau gehalten, obgleich, wie er verſichert, dieſe am ſchwerſten im Ton zu erhalten ſind, da die huͤbſchen Saͤngerinnen gar ſtoͤr⸗ riſch und launiſch waͤren, und ihnen haͤufig etwas anwandelte.“ Da der Morgen, obgleich kalt, doch ſehr heiter war, ſo gingen die meiſten Mitglieder der Familie zu Fuß nach der Kirche, welche ein ſehr altes Ge⸗ baͤude von grauem Stein war, und nahe bei einem Dorfe ſtand, das ungefaͤhr eine halbe Meile von dem Thore des Parks entfernt war. Daneben ſtand ein niedriges, behagliches Pfarrhaus, das aus glei⸗ cher Zeit mit der Kirche zu ſtammen ſchien. Die Vorderſeite deſſelben war ganz mit dem Laube eines Eibenbaumes bedeckt, den man an der Mauer emporgezogen, und durch deſſen dichtes Laub man Oeffnungen gebrochen hatte, um das Licht zu den kleinen, altfraͤnkiſchen Ladenfenſtern gelangen zu laſſen. Als wir bei dieſer ſo geborgenen Behau⸗ ſung voruͤbergingen, trat der Pfarrer heraus, und ging vor uns her. Ich hatte erwartet, einen glatten, wohlgenaͤhr⸗ ten Pfarrer zu erblicken, wie man ſie oft auf den behaglichen Pfarren, in der Naͤhe der Tafel eines reichen Patrons, antrifft, ſah mich aber getaͤuſcht. 62 Der Pfarrer war ein kleiner, magerer, ſchwaͤrzlich ausſehender Mann, mit einer grauen Peruͤcke, die zu weit fuͤr ſeinen Kopf war, und deswegen von beiden Ohren abſtand, ſo daß ſein Haupt darin zu⸗ ſammengeſchrumpft zu ſeyn ſchien, wie ein trocke⸗ ner Haſelnußkern in der Schale. Er trug einen ſchaͤbig ausſehenden Rock mit langen Schößen, und mit Taſchen, worin er die Kirchenbibel und das Ge⸗ betbuch häͤtte beherbergen koͤnnen, und ſeine duͤnnen Beine erſchienen i in den grdßen Schuhen, die mit ungeheueren Schnallen verziert waren, noch duͤnner. Frank Bracebridge ſagte mir, daß der Pfarrer ein Stubenburſche ſeines Vaters in Oxford gewe⸗ ſen ſey, und dieſe Pfarre, kurz nachdem der Letz⸗ tere ſein Gut angetreten, bekommen habe. Er jagte allen, mit Gothiſchen Buchſtaben gedruckten Buͤ— chern nach, und pflegte ſelten deren zu leſen, die mit Lateiniſcher Schrift gedruckt waren. Caxton's und Wynkin de Worde's Ausgaben waren ſein Er⸗ getzen, und er war unermuͤdlich in ſeinen Nach⸗ forſchungen nach alten Engliſchen Schriftſtellern, die, ihrer Werthloſigkeit willen, in Vergeſſenheit gerathen ſind. Vielleicht um Herrn Bracebridge's Anſichten zu ſchmeicheln, hatte er ſorgfaͤltige Unter⸗ ſuchungen uͤber die Feſtgebraͤuche und Feierlichkeits⸗ ſitten fruͤherer Zeiten angeſtellt, und war bei dieſer — 6³ Unterſuchung mit eben ſo großer Sorgfalt zu Werke gegangen, als ob er ſelbſt ein Lebemann ſey; es war indeſſen bloß jener bruͤtende Geiſt, womit Leute von lebendigem Gemuͤth jede Spur von Studium verfolgen, nur deswegen, weil man das Gelehrſam⸗ keit heißt, und wobei man vollkommen gleichguͤltig ge⸗ gen die innere Beſchaffenheit bleibt. ob es zur Erlaͤu⸗ terung der Weisheit oder der Ruchloſt igkeit und Un⸗ anſtaͤndigkeit des Alterthums diene. Er hatte uͤber dieſen alten Baͤnden ſo ernſth gehrütet, daß ſie ſich auf ſeinem Geſicht wieder abzuſpiegeln ſchienen, welches, wenn anders das Antlitz ein Spiegel der Seeele iſt, fuͤglich mit dem Titelblatte eines mit Gothiſchen Lettern gedruckten Buches verglichen werden konnte. 3 Als wir an die Kirchthuͤre kamen, fanden wir, daß der Pfarrer den grauköpfigen Kuͤſter deswegen ausſchalt, weil er unter dem Laubwerk, womit er die Kirche ausgeſchmuͤckt, auch die Miſtel angebracht habe. Dieß, ſagte er, ſey ein unheiliger Strauch, der dadurch entweiht worden, daß die Druiden ſich ſeiner bei ihren geheimnißvollen Feierlichkeiten bedient, und ob man ihn gleich ganz unſchuldig bei der feſtlichen Ausſchmuͤckung von Hallen und Kuͤ⸗ chen gebrauchen koͤnne, ſo haͤtten die Kirchenvaͤter ihn doch fuͤr unheilig und durchaus unanwendbar zu 64 kirchlichen Zwecken gehalten. Er beſtand auch auf ſeiner Meinung ſo feſt, daß der arme Kuͤſter ſich genoͤthigt ſah, einen großen Theil der beſcheidenen Siegeszeichen ſeines Geſchmacks herabzureißen, ehe der Pfarrer den Gottesdienſt anfangen wollte. Das Innere der Kirche war ehrwuͤrdig, doch einfach; an den Mauern waren mehrere Denkmaͤler der Bracebridges, und dicht neben dem Altar ein Grabſtein von alter Arbeit, auf welchem das Bild eines Kriegers in voller Ruͤſtung lag, mit uͤberein⸗ andergeſchlagenen Beinen, zum Zeichen, daß er ein Kreuzfahrer geweſen. Man ſagte mir, daß dieſes Bild einen der Ahnen der Familie darſtelle, der ſich in dem heiligen Lande ausgezeichnet habe, und deſ⸗ ſen Bild uͤber dem Kamin im Saale hing. Waͤhrend des Gottesdienſtes ſtand Meiſter Si⸗ mon in dem Kirchenſtuhle auf, wiederholte die Re⸗ ſponſen mit hoͤrbarer Stimme, und legte die Art von feierlicher Andacht an den Tag, welche die Leute aus der alten Schule und aus guten Fami⸗ lien puͤnktlich zu beobachten pflegen. So bemerkte ich auch, daß er die Blaͤtter des Folio⸗Gebetbuches mit einer Art von Schwung umwandte, wahrſchein⸗ lich um bei der Gelegenheit einen ungeheuren Sie⸗ gelring zu zeigen, welcher an einem ſeiner Finger prangte, und der wie ein Familienuͤberbleibſel ausſah. 65 Ganz beſonders und augenſcheinlich war er aber um den muſikaliſchen Theil des Gottesdienſtes bemuͤht, hielt die Augen unverwandt auf das Chor geheftet, und ſchlug mit vieler zeheüfäſtit und Nachdruck den Takt. 8 Das Orcheſter n war auf einer kleinen Gallerie angebracht, und bot eine ſehr drollige Zuſammen⸗ ſtellung von Koͤpfen dar, welche uͤber einander ge⸗ thuͤrmt waren, und worunter ich beſonders den des Dorfſchneiders, eines blaſſen Menſchen mit zu⸗ ruͤcktretender Stirn und Kinn bemerkte, welcher das Klarinet blies und ſein Geſicht ſchon ganz ſpitz geblaſen zu haben ſchien. Eben ſo auffallend war ein Anderer, ein kurzer, engbruͤſtiger Mann, der ſich bei ſeiner Baßviole tief buͤckte und zerarbeitete, ſo daß man nur den obern Theil ſeines runden, kahlen Kopfes ſehen konnte, der wie ein Straußeney ausſah. Unter den Saͤngerinnen waren zwei oder drei artige Geſichter, denen die ſcharfe Luft des kalten Morgens eine hohe Roſenfarbe gegeben hatte; die Saͤnger waren dagegen augenſcheinlich, wie die Cremoneſer Geigen, mehr ihres Tones, als ihres Aeußern wegen gewaͤhlt worden, und da mehrere von ihnen aus Einem Buche ſingen mußten, ſo entſtanden dadurch Zuſammenſtellungen ſeltſamer Geſichter, den Gruppen von Cherubim aͤhnlich, wie man ſie zuweilen auf den Leichenſteinen auf dem Lande findet. Der gewoͤhnliche muſikaliſche Theil des Gottes⸗ dienſtes ging ganz leidlich; die Stimmen pflegten immer etwas hinter den Inſtrumenten zuruͤckzublei⸗ ben, und ein langſamer Geiger ſuchte die verlorene Zeit dann und wann dadurch einzubringen, daß er mit wunderbarer Schnelligkeit uͤber einen Gang hinfuhr, und uͤber mehr Takte wegſetzte, als der ſchnellſte Fuchsjaͤger, wenn er bei dem Verenden eintreffen will*). Der große Pruͤfſtein aber war eine Kirchenmuſik, welche Meiſter Simon vorberei⸗ tet und angeordnet hatte, und von welcher er große Erwartungen hegte. Ungluͤcklicherweiſe fiel gleich zu Anfange ein Fehler vor; die Muſiker geriethen in Unordnung; Meiſter Simon kam in Fieberhitze; alles ging lahm und unregelmaͤßig, bis man an ei⸗ nen Chor kam,„itzt laßt uns ſingen all vereint.“ Dieß ſchien das Zeichen zu ſeyn, daß Jeder ſeinen Weg gehen ſollte; alles ward Mißklang und Ver⸗ wirrung; Jeder ſuchte ſich zu helfen ſo gut er konnte, und ſo gut, oder vielmehr ſo ſchnell als moͤglich, zu Ende zu kommen, einen alten Chorſaͤnger aus⸗ *) Das Wortſpiel clearing bars(bar heißt nämlich eine Schranke, oder Gehege und ein Takt zugleich) läßt ſich im Deutſchen nicht wiedergeben. Ueberſ. 67 genommen, mit einer Hornbrille, welche auf einer langen, toͤnenden Naſe thronte und ſie zwaͤngte, der, da er etwas entfernt von den Anderen ſtand, und in ſeine eigene Melodie verſunken war, noch immer fort trillerte, dabei den Kopf drehte, auf ſein Buch hinſchielte, und das Ganze mit einem naͤſelnden Solo beſchloß, das wenigſtens drei Takte dauerte. e lanel. ees Der Pfarrer gab uns eine ſehr gelehrte Predigt uͤber die Weihnachtsgebraͤuche und Feſtlichkeiten, und wie man das Weihnachtsfeſt nicht bloß als ein Dank⸗, ſondern auch als ein Freudenfeſt betrachten muͤſſe, wo⸗ bei er die Wahrheit ſeiner Anſicht durch die fruͤheſten Kirchengebraͤuche zu unterſtuͤtzen, und ſie durch Gruͤnde aus dem Theophilus von Caͤſarea, dem heil. Cyprianus, Chryſoſtomus, Auguſtinus und einer ganzen Schaar von Heiligen und Kirchenvaͤtern zu erhaͤrten ſuchte, aus denen er eine Menge von Stellen anfuͤhrte. Ich ſah nicht ſo recht die Nothwendigkeit eines ſo maͤchtigen Aufgebots von Huͤlfsquellen ein, um et⸗ was zu behaupten, das Niemand beſtreiten zu wol⸗ len ſchien; ich fand indeſſen bald, daß der gute Mann eine Legion eingebildeter Gegner hatte, da er, im Verfolge ſeiner Unterſuchungen uͤber den Weihnachten, in die Sektenſtreitigkeiten der Revo⸗ lutionszeit gerathen war, wo die Puritaner einen 2 68 ſo heftigen Angriff auf die Kirchenfeierlichkeiten machten, und der arme alte Weihnachten durch eine oͤffentliche Bekanntmachung des Parliaments Lan⸗ des verwieſen wurde*). Der wuͤrdige Pfarrer lebte nur in der Vergangenheit, und wußte wenig von der Gegenwart. Unter den wurmſtichigen Baͤnden, in der Stille ſeines kleinen altfraͤnkiſchen Studirzimmers ſitzend, erſchienen ihm die Blaͤtter der alten Zeit wie die Zeitungen des Tages, und die Zeit der Revolution ſah er als neuere Geſchichte an. Er vergaß, daß ſeit der grauſamen Verfolgung der armen Fleiſchpa⸗ ſtete im ganzen Lande, wo die Roſinenſuppe als *) Aus dem„fliegenden Adler“, einer kleinen Zeitung, vom 24. December 1652, iſt folgendes entlehnt:„das Haus brachte an dieſem Tage lange Zeit mit den Marineſachen und dem Kriege zur See zu, und ehe es auseinanderging, ward ihm noch eine gewaltige Vorſtellung gegen den Weih⸗ nachtsfeiertag eingereicht, welche auf die heil. Schrift ge⸗ gründet war, namentlich auf 2. Kor. V. 16. 1. Kor. XV. 14.17. und zur Ehre des Tages des Herrn, ebenfalls auf die heil. Schrift gegründet, Evang. Joh. XX. 1. Offenb. I. 10. Pſalm CXVIII. 24. 3. Buch Moſ. XXIII. 7. 11. Evangel. Marc. XV. 38. Pſalm LXXXIV. 10., wo Weihnachten des Antichriſt's Meſſe genannt ward, und Diejenigen, welche es feiern, Meßkrämer und Papiſten u. ſ. w. Demzufolge be⸗ rathſchlagte das Parliament noch eine Zeitlang über die Abſchaffung des Weihnachtsfeiertages, erließ einen Befehl deswegen, und beſchloß, am folgenden Tage, der gewöhnlich der Weihnachtsfeiertag genannt wurde, Sitzung zu halten. Verf. -— 69 „reine Paͤbſtelei“, und Roaſtbeef als unchriſtlich angeſehen wurde, beinahe zwei Jahrhunderte ver⸗ gangen, und daß der Weihnachten mit dem munte⸗ ren Hofe Koͤnig Karl's bei der Wiederherſtellung des Koͤnigthums im Triumph zuruͤckgekehrt ſey. Er gerieth uͤber ſeinen Streit und den Schwarm ein⸗ gebildeter Feinde, mit denen er zu kaͤmpfen hatte, ganz in Hitze, beſtand einen hartnaͤckigen Kampf mit dem alten Prynne und zwei oder drei anderen Kaͤm⸗ pen der Rundkoͤpfe*) über die Weihnachtsfeierlich⸗ keiten, und ſchloß damit, daß er ſeinen Zuhoͤrern auf die feierlichſte und ruͤhrendſte Weiſe einſchaͤrfte, von den Ueberlieferungsgebraͤuchen ihrer Voraͤltern nicht zu laſſen, ſondern an dieſem froͤhlichen Jah⸗ resfeſte der Kirche luſtig und guter Dinge zu ſeyn. Ich habe ſelten eine Predigt gehoͤrt, die, dem Anſcheine nach, eine unmittelbarere Wirkung auf die Zuhoͤrer gehabt haͤtte; denn, als ich die Kirche verließ, ſchien die Gemeine, ohne Ausnahme, von dem Geiſte der Froͤhlichkeit durchdrungen zu ſeyn, den ihr Pfarrer ihr ſo angelegentlich zur Pflicht ge⸗ *) W. Prynne, ein Rechtsgelehrter und Vielſchreiber des ſiebzehnten Jahrh⸗, der beſonders ein großer Feind der Katholiken war. Der Name Rundköpfe wurde den Puritanern ſpottweiſe gegeben, weil ſie ſich das Haar rund ſchneiden ließen. Ueberſ. 70— macht hatte. Die aͤlteren Leute verſammelten ſich in Haufen auf dem Kirchhofe, gruͤßten ſich und ſchuͤt⸗ telten ſich die Haͤnde, und die Kinder liefen umher, ſchrien Jul! Jul! und ſagten einige rohe Reime her*), von denen der Pfarrer, der ſich zu uns geſellt hatte, uns verſicherte, daß ſie aus uralter Zeit herruͤhrten. Die Dorfbewohner zogen die Huͤte ab, als der Squire voruͤber ging, wuͤnſchten ihm, mit anſcheinender Herzlichkeit und Aufrichtig⸗ keit, Gluͤck zum Feſte, und wurden von ihm nach der Halle eingeladen, dort etwas zu genießen, um ſich gegen die Kaͤlte zu ſchuͤtzen, und ich hoͤrte meh⸗ rere Arme Segenswuͤnſche uͤber ihn ausſprechen, was mich uͤberzeugte, daß der wuͤrdige alte Herr, bei allen ſeinen Vergnuͤgungen, die wahre Weih: nachtstugend der Mildthaͤtigkeit nicht vergeſſen habe. Auf dem Heimwege ſchien ſein Herz von wohl⸗ wollenden und freudigen Gefuͤhlen uͤberzufließen. Waͤhrend wir auf einer Erhoͤhung gingen, von der man eine Art von Ausſicht hatte, gelangten die Toͤne laͤndlicher Froͤhlichkeit dann und wann zu un⸗ ſeren Ohren; der Squire blieb einige Augenblicke ſtehen, und blickte mit einer Miene voll unaus⸗ *) Jul! Jul! Drei Puddings in'nen Pfuhl; Knackt Niüſſſe und ſchreit Jul! 71 ſprechlicher Guͤte umher. Die Schoͤnheit des Tages war an ſich ſchon hinreichend, Menſchenliebe einzu— fioͤßen. Ungeachtet der Kaͤlte des Morgens hatte die Sonne, auf ihrer wolkenleeren Bahn, hinlaͤng⸗ liche Kraft erlangt, die duͤnnen Eisdecken von allen ſuͤdlichen Abhaͤngen hinwegzuſchmelzen, und das le⸗ bendige Gruͤn zu enthuͤllen, welches, ſelbſt mitten im Winter, eine Engliſche Landſchaft ſchmuͤckt*). Große Strecken lachenden Gruͤns ſtachen gegen die blendende Weiße der beſchatteten Abhaͤnge und Ver⸗ tiefungen grell ab. Auf jedem geſchuͤtzten Fleck, auf welchem die Sonnenſtrahlen verweilten, floß ein ſilberner Strom kalten und klaren Waſſers, welcher durch das tropfende Gras ſchimmerte, und leichte Duͤnſte aufſteigen ließ, welche den duͤnnen Nebel vergroͤßerten, der dicht uͤber der Oberflaͤche der Erde ausgebreitet lag. Es lag etwas wahrhaft Ermuntern⸗ des in dieſem Triumph der Waͤrme und des Gruͤns uͤber die froſtige Herrſchaft des Winters; es war, wie der Squire bemerkte, ein Sinnbild der weih⸗ nachtlichen Gaſtfreiheit, welche ſich durch die Kaͤlte der Feierlichkeit und Selbſtiſchheit Bahn bricht, und .) Selbſt in den kälteren Decembertagen ſieht man ſo⸗ gar in den freieren Gegenden von London das Grün zum Vorſchein kommen, ſobald die Sonne nur einen Augenblick hervortritt. Ueberſ. 4 72 alle Herzen aufthaut. Er deutete mit Vergnuͤgen auf den Rauch aus den Schornſteinen der behagli⸗ chen Pachterhaͤuſer und der niedrigen, ſtrohbedeckten Huͤtten, als ein Anzeichen von Wohlleben hin. „Ich liebe es,“ ſagte er:„daß dieſer Tag von Neichen und Armen gefeiert wird; es iſt eine große Sache, einen Tag im Jahre zu haben, wo man ſicher iſt, willkommen zu ſeyn, wohin man kommt, und die Welt gleichſam uͤberall offen zu finden, und ich moͤchte beinahe mit dem armen Robin gleicher Meinung ſeyn, wenn er jeden ſauertoͤpfigen Feind dieſes rechtlichen Feſtes verwuͤnſcht: Wer nicht das Weihnachtsfeſt kann leiden, und lieber abgeſchafft es ſieht, 5 Der mag bei Herzog Humphry ſpeiſen, Wenn nicht Freund Ketch ihn zu ſich zieht*). Der Squire verbreitete ſich nun weitlaͤuftiger daruͤber, wie beklagenswerth es ſey, daß die Spiele und — *)„Mit Herzog Humphry eſſen,“ iſt eine ſprüchwörtliche Redensart, welche mit der unſrigen:„mit den Bildern (d. h. gar nicht) eſſen,“ gleichbedeutend iſt. Man gebraucht ſie von Jemanden, der kein Mittagseſſen bezahlen oder ſich verſchaffen kann, und deswegen ſo lange ſpaziren geht. In der alten St. Paulskirche in London hieß nämlich einer der Seitengänge, der Gang des Herzogs Humphry, weil man ein darin befindliches Denkmal(welches aber dem Sir John Beauchamp, dem Bruder des Grafen Thomas von Warwick, errichtet war) für das des Herzogs Humphry von Glouceſter 73 und Vergnuͤgungen ganz in Verfall gerathen waͤren, welche ſonſt zu dieſer Jahrszeit bei den niederen Staͤnden gebraͤuchlich geweſen, und von den hoͤheren worden, damals, als noch die alten Hallen, Schloͤſſer und Herrenhaͤuſer bei Tagesan⸗ bruch geoͤffnet wurden, die Tiſche mit gepoͤkeltem Wildſchwein⸗ und Nindfleiſch und ſchaͤumenden Ale bedeckt waren, als die Harfe und das Lied den ganzen Tag ertoͤnten, und Arme und Reiche gleich willkommen waren, und ſich luſtig machen konn⸗ ten*).„Unſere alten Spiele und Ortsgebraͤuchen, 8 ſagte er:„trugen ſehr dazu bei, dem Landmann Liebe zu ſeiner Heimath einzufloͤßen, und der Um⸗ ſtand, daß die höheren Staͤnde ſie beguͤnſtigten, (Bruder Heinrich's V.) hält. Dieſe Kirche ward von müſ⸗ ſigen Leuten häufig beſucht.— Ketch(Jack Ketch) iſt der Spottname, womit der Hemneine Mann den Henker belegt. Ueberſ. *)„Ein Engliſcher Gutsbeſitzer läßt bei Anbruch des großen Tages, d. h. am Weisnachtsfeiertage Morgens, ſeine ſämmtlichen Pächter und Nachbarn in ſeine Halle treten. Das ſtarke Bier wird angezapft, und die Krüge gehen fleißig umher, mit geröſtetem Brote, Zucker und Muska⸗ tennuß und gutem Cheſhire⸗Käſe. Der Hackin(große Burſt) muß bei Tagesanbruch gekocht ſeyn: wo nicht, ſo müſſen zwei junge Männer das Mädchen(d. h. die Köchin) bei den Armen nehmen, und mit ihr rund um den Markt laufen, bis ſie ſich ihrer Trägheit zu ſchämen anfängt.“ Rund um unſer Steinkohlenfeuer. Verf. Skizzenbuch I.— D 74 machte, daß er Anhaͤnglichkeit an ſeinen Herrn ge⸗ wann. Sie machten die Zeiten froͤhlicher und wohl⸗ wollender und beſſer, und ich kann in Wahrheit mit einem unſerer alten Dichter ſagen: Ich hab' ſie gern:— die ſtrenge Kleinlichkeit, Der anſpruchsvolle Ernſt von denen, Die ſo ein harmlos Spiel verbannet ſehen wollen, Hat auch viel alte Rechtlichkeit verſcheucht. „Das Volk,“ fuhr er fort:„hat ſich veraͤndert; wir haben unſern einfachen, treuherzigen Bauern⸗ ſtand beinahe ganz verloren. Er hat ſich von den hoͤheren Klaſſen losgeriſſen, und ſcheint zu glauben, daß ſein Intereſſe davon getrennt ſey. Er iſt zu klug geworden, faͤngt an, die Zeitungen zu leſen, hoͤrt auf die Reden der Bierhaus⸗Politiker, und ſpricht von Reform. Ich glaube, daß ein Mittel, ihn in dieſen harten Zeiten bei guter Laune zu er⸗ halten, das ſeyn wuͤrde, wenn der Adel und die hoͤheren Staͤnde laͤngere Zeit auf ihren Guͤtern zu⸗ braͤchten, ſich mehr unter das Volk miſchten, und die luſtigen alten Engliſchen Spiele wieder in Auf⸗ nahme braͤchten.“ Dieß war des guten Squire's Plan, die öffentliche Unzufriedenheit zu ſtillen; auch hatte er einſt in der That ſeine Lehre in Ausuͤbung zu bringen geſucht, und vor wenigen Jahren, waͤhrend der Feiertage, nach alter ——— 75 Weiſe offenes Haus gehalten. Die Landleute verſtan⸗ den es indeſſen nicht, bei dieſer oͤffentlichen Ausuͤbung der Gaſtfreiheit ihre Rolle zu ſpielen, und es ereig⸗ neten ſich mehrere ſonderbare Vorfaͤlle; Landſtreicher von allen Ecken uͤberſchwemmten das Haus, und es kamen in einer Woche mehr Bettler in die Ge⸗ gend, als die Kirchſpiel⸗Polizeibeamten in einem Jahre wegſchaffen konnten. Seit dieſer Zeit hat er ſich damit begnuͤgt, den anſtaͤndigen Theil der be⸗ nachbarten Landleute einzuladen, ſich am Weihnachts⸗ tage in der Halle einzufinden, und Fleiſch, Brot und Ale unter die Armen vertheilt, damit dieſe ſich in ihren eigenen Wohnungen einen frohen Tag machen koͤnnten. Wir waren noch nicht lange wieder zuruͤck, als wir in der Entfernung den Ton der Muſik hoͤrten. Ein Haufe von Bauerburſchen, ohne Roͤcke, die Hemdsaͤrmel abenteuerlich mit Band gebunden, die Huͤte mit gruͤnem Laube geſchmuͤckt und mit Knuͤtteln in der Hand, kam die Allee herauf, und eine Menge Dorfbewohner und Landleute folgte ih⸗ nen. Sie blieben vor der Thuͤre der Halle ſtehen, wo die Muſik eine ganz eigenthuͤmliche Weiſe auf⸗ ſpielte, und die Burſche einen ſonderbaren und ver⸗ wickelten Tanz auffuͤhrten, indem ſie vorgingen, wieder zuruͤcktraten, und ihre Knuͤttel zuſammen⸗ D 2 76 ſchlugen, Alles genau nach dem Takt, waͤhrend Ei⸗ ner, der auf eine naͤrriſche Weiſe einen Fuchsbalg auf dem Kopfe trug, deſſen Schwanz ihm den Ruͤcken hinabhing, um die Taͤnzer herumſprang, und unter manchen drolligen Gebaͤrden eine Weih⸗ nachtsſparbuͤchſe ſchuͤttelte. Der Squire betrachtete dieſes ſonderbare Schau⸗ ſpiel mit großem Antheil und Vergnuͤgen, und gab mir eine weitlaͤuftige Nachricht uͤber den Urſprung deſſelben, den er in die Zeiten verlegte, wo die Roͤmer die Inſel beſeſſen hatten, und wobei er mir ſonnenklar bewies, daß dieß ein Abkoͤmmling in ge⸗ rader Linie von dem Schwertertanze der Alten ſey. „Dieſer Tanz ſey itzt“, wie er ſagte,„beinahe ganz außer Gebrauch; er habe indeſſen hie und da Spuren davon in der Gegend gefunden, und dazu ermuntert, daß er wieder gaͤng und gebe wuͤrde, ob er gleich, die Wahrheit zu ſagen, gar zu leicht am Abend mit einer rohen Pruͤgelei und blutigen Koͤ⸗ pfen endige.“ Nachdem der Tanz voruͤber war, ward der ganze Haufe mit gepoͤkeltem wilden Schwein⸗ und Rind⸗ fleiſch und ſtarkem Hausbier bewirthet. Der Squire ſelbſt miſchte ſich unter die Landleute, und ward mit unbeholfenen Ehrfurchts⸗ und Achtungsbezeigun⸗ gen empfangen. Wahr iſt es, daß ich zwei oder ———-—— ——— 77 drei von den juͤngeren Bauern wahrnahm, wie ſie, mit den Kruͤgen vor dem Munde, ſobald der Squire den Nuͤcken wandte eine Art von Geſicht ſchnitten und ſich einander zuwinkten; ſobald ſie aber bemerkten, daß ich ſie beobachtete, eine ernſte Miene annah⸗ men, und ungemein geſetzt waren. Gegen Meiſter Simon ſchienen ſie dagegen bei weitem unbefange⸗ ner zu ſeyn. Seine mannigfaltigen Beſchaͤftigungen und Vergnuͤgungen hatten ihn in der Gegend ſehr bekannt gemacht. Er kam in alle Paͤchterhaͤuſer und Huͤtten, ſchwatzte mit den Pachtern und ihren Frauen, ſchaͤkerte mit ihren Toͤchtern, und ſammelte, wie das Urbild eines umherſchweifenden Junggeſel⸗ len, die demuͤthige Biene, die Suͤßigkeiten von al⸗ len Roſenlippen in der Nachbarſchaft ein. Die Zuruͤckhaltung der Gaͤſte wich bald dem Wohlleben und der Freundlichkeit. Es liegt etwas Aufrichtiges und Herzliches in der Froͤhlichkeit der niederen Staͤnde, wenn ſie durch das Wohlwollen und die Vertraulichkeit der hoͤheren erweckt wird; das warme Gefuͤhl der Dankbarkeit erhoͤht ihre Luſt, und ein freundliches Wort oder ein kleiner Scherz, den ein Goͤnner macht, erfreut das Herz des Un⸗ tergeordneten mehr als Oel und Wein. Als der Squire ſich entfernt hatte, wuchs die Froͤhlichkeit; es wurde viel geſcherzt und gelacht, beſonders 78 zwiſchen Meiſter Simon und einem kraͤftigen, friſch ausſehenden, weißkoͤpfigen Pachter, der der Witz⸗ ling des Dorfes zu ſeyn ſchien, denn ich bemerkte, daß alle ſeine Gefaͤhrten mit offenem Munde ſeine Antworten erwarteten, und ſchon, ehe ſie ſie ver⸗ ſtanden, in ein lautes Gelaͤchter ausbrachen. In der That ſchien das ganze Haus ſich der Froͤhlichkeit uͤberlaſſen zu haben. Als ich mich nach meinem Zimmer begab, um mich zum Mittageſſen anzukleiden, hoͤrte ich den Ton der Muſik auf einem kleinen Hofe, und ſah, als ich durch ein Fenſter blickte, von wo aus ich denſelben uͤberſchauen konnte, eine Bande wandernder Muſiker mit Papagenofloͤ⸗ ten und Tambourins ſtehen, waͤhrend ein ziemlich kokett ausſehendes Hausmaͤdchen mit einem drallen Bauerburſchen eine Gigue tanzte, und einige an⸗ dere Dienboten zuſahen. Mitten in dieſer Luſtbar⸗ keit erblickte das Maͤdchen mich am Fenſter, erroͤ⸗ thete, und lief mit einer ſchelmiſch verlegenen Miene davon. Das Weihnachtstags⸗Mittagseſſen. — Seht unſer Feſt iſt'ran gerückt, Nun laßt uns jubiliren, Mit Epheu das Gemach geſchmückt, Mit Reiſern Pfoſt' und Thüren! Die Schornſtein' rauchen rings umher, Der Weihnachtsblock brennt helle, Kein Platz im Bäckerofen mehr, Die Spieße drehn ſich ſchnelle. Die Sorge ſoll itzt draußen ſeyn, Und friert ſie bei der Kälte ein, So back'n wir ſie in Paſtete ein, Und ſind von Herzen frohlich. Wither's Juvenilia.(1022.) — Joh hatte meine Toilette beendigt und ſchlen⸗ terte ſo eben mit Frank Bracebridge in der Biblio⸗ thek umher, als wir ein entferntes Pochen hoͤrten, welches, wie er mir ſagte, das Zeichen war, zu Tiſche zu gehen. Der Squire hielt, ſowol in der Kuͤche als in der Halle, auf alte Gebraͤuche, und das Aufſchlagen des Kochs mit dem Mangelholz auf 80— den Anrichte⸗Tiſch erinnerte die Bedienten daran, die Speiſen aufzutragen. Der Koch klopft' dreimal, laut und hell, Und alle Diener eilten ſchnell Auf ſein Gebot herzu; Jedweder, ſein Gericht zur Hand, Marſchirte vor, wie ein Trabant, Trug auf und fort im Nu„). Das Mittagseſſen wurde in der großen Halle aufgetragen, wo der Squire immer ſein Weihnachts⸗ banket hielt. Ein helles, praſſelndes Feuer von Bloͤcken loderte hoch auf, das geraͤumige Zimmer zu erwaͤrmen, und die Flamme ſtieg funkelnd und glaͤnzend den weiten Schornſtein empor. Das große Bild des Kreuzfahrers mit ſeinem weißen Roſſe war zu dieſem Feſte mit gruͤnen Reiſern reichlich ausgeſchmuͤckt worden, und Stechpalmen und Epheu waren eben ſo um den Helm und die Nuͤſtung an der Mauer gegenuͤber gewunden, welches, wie ich hoͤrte, die Waffen des Kriegers geweſen waͤren. Ich muß, beilaͤufig geſagt, geſtehen, daß ich einige bedeutende Zweifel uͤber die Echtheit des Bildes und der Waf⸗ fen hegte, in ſo fern ſie naͤmlich dem Kreuzfahrer angehöͤren ſollten, da ſie mir ein weit neueres An⸗ ſehn zu haben ſchienen; man ſagte mir indeſſen, daß man das Bild ſeit undenklichen Zeiten fuͤr echt ge⸗ *) Sir John Suckling. Ueberſ. 7 — —— 81 halten habe, und daß, was die Ruͤſtung betraͤfe, dieſe in einer Polterkammer gefunden, und ihr der itzige Platz von dem Squire angewieſen worden ſey, der ſogleich entſchieden habe, daß dieß die Ruͤſtung des Familienhelden ſeyn muͤſſe: und da er uͤber alle ſolche Gegenſtaͤnde in ſeinem Hauſe die entſchei⸗ dende Stimme hatte, ſo war auch die Sache all⸗ gemein angenommen. Unter dieſen ritterlichen Sie⸗ geszeichen ſtand der Schenktiſch, auf welchem ein Reichthum von Silberzeug prangte, der(wenigſtens in Hinſicht der Mannigfaltigkeit) mit Belſazar's praͤchtigem Tempelgeraͤth haͤtte wetteifern koͤnnen; „ Kruͤge, Kannen, Becher, Schalen, Becken und Gießkannen“, das prunkvolle Geraͤth des Wohlle⸗ bens, das ſich allmaͤhlig ſeit mehreren Geſchlechtern lebensluſtiger Hausherren angehaͤuft hatte. Vor dieſem ſtanden die zwei Weihnachtskerzen, welche wie zwei Sterne erſter Groͤße glaͤnzten; andere Lichter waren auf Armen vertheilt, und das Ganze glaͤnzte wie ein Firmament von Silber. Wir wurden zu dieſem Banket durch Barden⸗ toͤne geleitet, indem der alte Harfner auf einem Schemel neben dem Kamin ſaß, und ſein Inſtru⸗ ment mit ungleich groͤßerer Kraft als Wohllaut ſchlug. Selten bot wol eine Weihnachtstafel eine 1 gemuͤthlichere und erfreulichere Zuſammenſtellung von Geſichtern dar; die, welche nicht ſchoͤn waren, ſa⸗ hen wenigſtens gluͤcklich aus, und die Gluͤckſeligkeit verſchoͤnert haͤßliche Geſichter ungemein. Meiner Anſicht nach lohnt es eben ſo ſehr der Muͤhe, eine alte Engliſche Familie zu ſtudiren, als eine Samm⸗ lung von Holbeiniſchen Bildern oder Albrecht Duͤ⸗ rerſchen Kupferſtichen. Man kann daraus viel fuͤr das Alterthum lernen, und ſeine Kenntniß der Ge⸗ ſichtszuͤge fruͤherer Zeiten ſehr bereichern. Vielleicht ruͤhrt dieß daher, weil die Leute beſtaͤndig die Rei⸗ hen alter Familienbilder vor ſich haben, mit denen die Herrenhaͤuſer in dieſem Lande angefuͤllt ſind; gewiß aber iſt es, daß die ſonderbaren alterthuͤmli⸗ chen Zuͤge ſich in den alten Linien oft treulich fort⸗ pflanzen, und ich habe eine alte Familiennaſe durch eine ganze Bildergalerie verfolgt, wie ſie, legi⸗ tim, von einem Geſchlecht auf das andere, bei⸗ nahe von der Zeit der Eroberung Englands durch die Normaͤnner, uͤbergegangen iſt. Etwas Aehnli⸗ ches ließ ſich auch in der wuͤrdigen Geſſellſchaft beobachten, die ich vor mir hatte. Mehrere ihrer Geſichter ſtammten offenbar aus einem Gothiſchen Zeitalter her, und waren von den nachfolgenden Ge⸗ ſchlechtern nur nachgeahmt worden; es war nament⸗ lich ein kleines Maͤdchen darunter, von ſehr geſetztem Weſen, mit einer gebogenen Roͤmiſchen Naſe und einem —. —.——— 83 altfraͤnkiſchen Weineſſiggeſicht, das ein großer Liebling des Squire war, weil ſie, wie er ſagte, durch und durch eine Bracebridge, und ein lebhaftes Eben⸗ bild eines ſeiner Ahnen ſey, der am Hofe Hein⸗ rich's des Achten eine Rolle geſpielt hatte. Der Pfarrer hielt das Tiſchgebet, das aber nicht kurz und ohne Feierlichkeit, wie man es ge— wöhnlich an dieſen Tagen der Ungezwungenheit an die Gottheit richtet, ſondern ein langes, verbindli⸗ ches, wohlgeſetztes, aus der alten Schule war. Itzt entſtand eine Pauſe, als ob man irgend etwas er⸗ warte, und nun trat der Haushofmeiſter mit einer Art von Aufſehen in die Halle ein. Ihm zur Seite gingen zwei Bedienten, jeder mit einer gro⸗ ßen Wachskerze; er ſelbſt aber trug eine ſilberne Schuͤſſel, auf welcher ein ungeheurer Schweins⸗ kopf, mit Rosmarin verziert, und mit einer Ci⸗ trone im Rachen lag, welcher mit großer Foͤrmlich⸗ keit an das obere Ende der Tafel geſetzt wurde. In dem Augenblicke, wo dieſer Außzug erſchien, ſpielte der Harfner einen Tuſch, nach welchem der junge Orforder Student, auf einen von dem Squire gegebenen Wink, mit einer hoͤchſt komiſch⸗ ernſten Miene, ein altes Lied abſang, deſſen erſter Vers folgendermaßen lautete: 84 Caput apri defero Reddens laudes Domino ¹⁹). Des Ebers Kopf ich trage auf Mit Grün und Rosmarin darauf. Ich bitt' euch, ſinget alle froh, Qui estis in convivio**). Obgleich ich ſchon darauf vorbereitet war, von mancher dieſer kleinen Sonderbarkeiten Zeuge zu ſeyn, da ich das Steckenpferd des Wirths kannte, ſo muß ich doch geſtehen, daß der Pomp, womit ein ſo ungewoͤhnliches Gericht aufgetragen wurde, mich etwas in Verwunderung ſetzte, bis ich aus einer Unterhaltung mit dem Squire und dem Pfar⸗ rer erfuhr, daß dieß das Auftragen des Eberkopfes vorſtellen ſolle, eines Gerichts, das in fruͤheren Zeiten mit großer Feierlichkeit und mit Sang und Klang auf den Tafeln der Großen am Weihnachts⸗ feiertage aufgeſetzt wurde.„Ich liebe die alte Sitte,“ ſagte der Squire:„nicht allein deswegen, weil ſie an und fuͤr ſich feierlich und angenehm iſt, ſondern weil ſie in dem College in Oxford beobach⸗ tet wurde, in welchem ich meine Erziehung erhal⸗ ten habe. Wenn ich das alte Lied ſingen hoͤre, ſo erinnere ich mich wieder der Zeit, wo ich noch jung und froͤhlich war, der ſtattlichen alten Col⸗ *) Ich bringe den Eberkopf und ſage dem Herrn Dank. *2) Die ihr bei dem Gaſtmahl ſeyd. 85 legiumshalle und meiner Mitſtudenten— von denen gar Manche ſchon im Grabe ruhen— wie ſie in ihren ſchwarzen Gewaͤndern umherſchlenterten.“ Der Pfarrer, in deſſen Gedaͤchtniß dieſe Erin⸗ nerungen nicht mehr ſo lebendig waren, und der es uͤberhaupt immer mehr mit den Worten, als mit dem Sinn zu thun hatte, focht die Leſeart des Ox⸗ forder Studenten bei ſeinem Liede an, und verſi⸗ cherte, daß ſie ganz von der verſchieden ſey, wie man ſie im College ſaͤnge. Mit der trockenen Be⸗ harrlichkeit eines Erlaͤuterers gab er die Leſeart des College, mit Anmerkungen begleitet, wobei er ſich zuerſt an die ganze Geſellſchaft wandte, ſodann, da er fand, daß deren Aufmerkſamkeit auf andere Ge⸗ ſpraͤche und andere Gegenſtaͤnde gerichtet war, ſei— nen Ton daͤmpfte, je nachdem ſich die Anzahl ſei⸗ ner Zuhoͤrer verminderte, bis er ſeine Bemerkungen mit halber Stimme gegen einen dickkoͤpfigen alten Herrn, der neben ihm ſaß und ſtillſchweigend ei⸗ nen großen Teller mit Truthahnsbraten verarbeitete, beſchloß*). *) Die alte Feierlichkeit, den Eberkopf am Weihnachts⸗ feiertage aufzutragen, wird noch itzt in dem Speiſeſaale voon Queen's College(dem Collegium der Königin) in Ox⸗ ford beobachtet. Der Pfarrer gab mir eine Abſchrift des Liedes, ſo wie es itzt geſungen wird, und da es Manchen 86 Die Tafel war, im buchſtaͤblichen Sinne des Worts, mit Speiſen belaſtet, und bot in dieſer Zeit, wo alle Speiſekammern bis zum Uebermaß gefuͤllt ſind, einen Inbegriff laͤndlichen Ueberfluſſes dar. Eine ausgezeichnete Stelle war dem altfraͤn⸗ kiſchen Rinderbraten angewieſen, wie der Wirth ihn nannte, da, wie er hinzufuͤgte, dieß das Wahrzei⸗ chen der alten Engliſchen Gaſtfreiheit ſey, ſich gut ausnehme und zu manchen Erwartungen Anlaß gebe. Mehrere von den Gerichten waren auf eine von meinen Leſern, welche an dieſen wichtigen und gelehr⸗ ten Gegenſtänden Antheil nehmen, Vergnügen machen dürfte, ſo will ich es hier ganz geben: Den Eberkopf ich trage auf, Mit Grün und Rosmarin darauf, Ich bitt' euch, Herrn, ſeyd alle froh, Qui estis in convivio. Caput apri defero Reddens laudes Domino. Es ſoll der Kopf vom wilden Schwein Die erſte Speiſ' im Lande ſeyn. Die, mit dem Laub bedecket ſo, Wir aufgetragen Cantico. Caput apri defero u. ſ. w. Der Küchenmeiſter gab dieß her, Dem Herrn des Heils zu Lob und Ehr.“ Daß man es heut auftrage ſo In Reginensi atrio*). Caput apri defero u. ſ. w. *) In dem Speiſeſaale des Collegiums der Königin. —— 87 eigenthuͤmliche Art verziert, und in ihren Verzie⸗ rungen lag augenſcheinlich etwas, das ſich auf alte Sagen gruͤndete, woruͤber ich aber, da ich nicht gern fuͤr ſehr neugierig angeſehen ſeyn mag, keine weiteren Fragen that. Ich konnte indeſſen nicht umhin, eine Paſtete zu bemerken, welche prachtvoll mit Pfauenfedern verziert war, die den Schweif des Thiers vorſtell⸗ ten, und einen großen Theil des Tiſches uͤberſchatte⸗ ten. Dieß, geſtand der Squire mit einigem Zoͤ⸗ gern, ſey eine Faſanenpaſtete, obgleich eine Pfauen⸗ paſtete allerdings das Wahre ſey; es ſey indeſſen in dieſem Jahre unter den Pfauen eine ſolche Sterblichkeit eingeriſſen, daß er es unmoͤglich uͤber ſich habe bringen koͤnnen, einen davon ſchlachten zu laſſen*). *) Der Pfau war in alten Zeiten bei feſtlichen Bewir⸗ thungen unentbehrlich⸗ Zuweilen ward er in eine Paſtete verbacken, wo, an dem einen Ende, der Kopf mit ſeinem Gefieder und mit reich vergoldetem Schnabel hervorragte, am andern aber der Schweif ſich in ſeiner ganzen Pracht zeigte. Solche Paſteten wurden bei den feierlichen Mahlen in den Ritterzeiten aufgetragen, wo die irrenden Ritter ſich anheiſchig machten, irgend ein gefahrvolles Abenteuer zu beſtehen; daher der alte Schwur, deſſen ſich auch der Richter Schaal(in Shakſpeare’s luſtigen Weibern von Windſor) bedient:„bei dem Pfau und der Paſtete!“ Der Pfau war auch ein wichtiges Gericht für ein Weih⸗ nachts⸗Mittagseſſen, und Maſſinger giebt uns in ſeiner *₰ 88 Es wuͤrde fuͤr meine weiſeren Leſer, welche viel⸗ leicht dieſe naͤrriſche Vorliebe fuͤr ſeltſame und ver⸗ ſchollene Dinge, zu welcher ich mich etwas hinneige, nicht haben, ermuͤdend ſeyn, wenn ich die uͤbrigen Aushuͤlfsmittel dieſes wuͤrdigen alten Sonderlings herzaͤhlen wollte, durch welche er, wenn gleich nur ganz entfernt, die eigenthuͤmlichen Gebraͤuche des Al⸗ terthums nachzuahmen ſuchen wollte. Es machte mir indeſſen großes Vergnuͤgen, zu bemerken, mit wel⸗ cher Schonung ſeine Kinder und Verwandten ſeine Eigenthuͤmlichkeiten behandelten, da ſie doch, ohne Zweifel, ſchon bei manchen Proben derſelben gegen⸗ waͤrtig geweſen waren. So beluſtigte mich auch der feierliche Ernſt, womit der Haushofmeiſter und die uͤbrigen Bedienten die ihnen aufgetragenen Ge⸗ ſchaͤfte, ſo ungewoͤhnlich ſie auch waren, verrichte⸗ ten, ungemein. Sie ſelbſt ſahen etwas altfraͤnkiſch — „Stadtdame“ einen Begriff von der Verſchwendung, womit dieſe und andere Speiſen zu den ſchwelgeriſchen Gaſtmah⸗ len aller Zeiten zubereitet wurden. 4 Die Leute mögen nur von Weihnachten auf dem Lande reden, Von dreißig Pfunden Buttereiern, den Paſteten von Karpfenzungen, Ihren Faſanen in Ambra ſchwimmend, von dreien fetten Hämmeln, die zu Brühe gekocht ſind, um einen einzigen Pfau damit aufzutragen! Verf. — 89 aus; der groͤßere Theil derſelben war im Schloſſe auf⸗ gewachſen, und hatte ſich nach dem veralteten Hauſe und den Launen ſeines Herrn geſtaltet, weshalb ſie ſeine ſonderbaren Anordnungen hoͤchſt wahrſchein⸗ lich als die hergebrachten Geſetze eines anſtaͤndigen Haushalts betrachteten.— Als das Tiſchtuch hinweggenommen war, brachte der Kellermeiſter ein gewaltiges ſilbernes Trinkge⸗ ſchirr, von kuͤnſtlicher und ſeltſamer Arbeit, herein, und ſetzte es vor den Squire. Die Erſcheinung deſſelben ward mit Frohlocken begruͤßt, denn es war der Humpen, der bei den Weihnachtsfeierlichkeiten eine ſo große Rolle ſpielt. Der Inhalt deſſelben war von dem Squire ſelbſt bereitet worden; es war ein Getraͤnk, auf deſſen geſchickte Miſchung er ſich beſonders viel zu Gute that, indem er ſagte, daß es zu gelehrt und verwickelt fuͤr den Verſtand eines gewoͤhnlichen Bedienten ſey. In der That haͤtte das Getraͤnk einem Zecher das Herz im Leibe huͤpfen machen koͤnnen, denn es war aus den ſtaͤrkſten und geiſtreichſten Weinen zuſam⸗ mengeſetzt, ſtark gewuͤrzt und geſuͤßt, und gerd— ſtete Aepfel tanzten auf der Oberflaͤche deſſelben umher*⁵). *) Der Humpen war zuweilen, ſtatt mit Wein, mit Ale gefüllt, wozu Muskatennuß, Zucker, geröſtetes Brot, Ing⸗ * 90 Des alten Herrn ganzes Geſicht leuchtete von innerem Vergnuͤgen, indem er dieſe maͤchtige Schale umruͤhrte. Nachdem er ſie zu ſeinen Lippen erho⸗ ben, mit einem herzlichen Wunſche auf einen froͤh⸗ lichen Weihnachten fuͤr alle Anweſenden, gab er ſie, bis an den Rand voll, herum, damit Jeder, nach alter Sitte, ſeinem Beiſpiel folgen moͤchte, und ſagte dabei,„es ſey der alte Born wohlwollender Gefuͤhle, an dem ſich alle Herzen begegneten“”*). Es entſtand viel Gelaͤchter und Scherz, waͤhrend das treuherzige Sinnbild des Weihnachtsfeſtes in der Runde umherging und von den Frauen ganz wer, und geröſtete Aepfel kamen, auf welche Weiſe dieß dunkelbraune Getränk noch itzt in mehreren alten Fami⸗ lien und an dem Herde wohlhabender Pächter zur Weih⸗ nachtszeit bereitet wird. Es hat auch den Namen Lamm⸗ wolle, und Herrick beſingt es in ſeiner zwölften Nacht: Nun füllt die Schale voll, Mit ſanfter Lammeswoll' Und Zucker, Mußkatnuß und Ingwer, Auch Ale thut hinein, So muß die Schale ſeyn, Ein Humpen und nichts geringer. Verf⸗ *)„Die Sitte, aus Einem Becher zu trinken, hat der Platz gemacht, daß Jeder ſeinen eigenen Becher hat. Wenn der Haushofmeiſter mit dem Humpen an die Thür kam, mußte er drei Mal Humpen, Humpen, Humpen! ru⸗ fen, und dann der Kaplan ihm mit einem Liede antwor⸗ ten.“ Archäologie(Schriften der Londoner Geſellſchaft der Alterthumsforſcher). Verf. 91 zuͤchtig beruͤhrt wurde. Als es an Meiſter Simon kam, erhob er es mit beiden Haͤnden, und ſtimmte, mit der Miene eines luſtigen Geſellen, ein altes Trinklied an: Die braune Schal', Die fröhliche Schal', Wenn ſie luſtig umhergeht im Kreiſe; Sie ſoll Seyn voll, Wird die Welt auch drum toll; und trinkt nach gewohnter Weiſe. Der tiefe Krug, Der fröhliche Krug Wenn Du trinkſt d'raus nach Herzens Gefallen; Sing ſo Kling ſo, Wie ein König ſo froh, und laß ein Gelächter erſchallen). Die Unterhaltung drehte ſich bei dem Mittags⸗ eſſen groͤßtentheils um Familienangelegenheiten, mit denen ich nicht vertraut war. Meiſter Simon ward indeſſen ſehr mit einer munteren Wittwe geneckt, mit welcher er ein Verhaͤltniß haben ſollte. Dieſer Angriff ging von den Damen aus, wurde aber das ganze Mittagseſſen hindurch von dem dickkoͤpfigen alten Herrn, welcher neben dem Pfarrer ſaß, mit der unermuͤdlichen Ausdauer eines langſamen Jagd⸗ hundes fortgeſetzt, indem er einer der langathmigen *) Aus des armen Robin's Kalender. Verf. 92 Spaßmacher war, die, wenn ſie gleich nicht leicht ein Wild aufjagen, dennoch ihres Gleichen darin ſuchen, es zu verfolgen. Bei jeder Pauſe in der unterhaltung fing er ſeine Spoͤtteleien beinahe mit denſelben Worten wieder an, und blinzte mir mit beiden Augen zu, ſobald er Meiſter Simon, wie er es glaubte, einen Seelenhieb gegeben hatte. Dieſer ſchien in der That es nicht ganz ungern zu ſehen, daß er damit geneckt wurde, wie dieß bei alten Junggeſellen gewoͤhnlich der Fall iſt, und nahm die Gelegenheit wahr, mir leiſe zu verſichern, daß die bewußte Dame eine ſehr huͤbſche Frau ſey, und ihren Curricle ſelbſt fahre. Das Mittagseſſen ging mit dieſer unſchuldigen Froͤhlichkeit voruͤber, und obgleich die alte Halle zu ihrer Zeit oft von manchem lauten Feſt und Gelag ertoͤnt haben mag, ſo zweifele ich doch, daß ſie je eine treu⸗ herzigere und aufrichtigere Freude in ihren Mauern geſehen hat. Wie leicht wird es einem wohlwol⸗ lenden Weſen, Vergnuͤgen um ſich her zu verbrei⸗ ten, und wie wahr iſt es, daß ein gutes Herz ein Born der Froͤhlichkeit iſt, der Alles um ſich her zum Laͤcheln erquickt! Die froͤhliche Stimmung des wuͤrdigen Squire war wahrhaft anſteckend; er ſelbſt fand ſich gluͤcklich, wollte gern die ganze Welt gluͤcklich machen, und die kleinen Ausſchweifungen ſeiner Launen gaben gewiſſermaßen ſeiner Menſchen⸗ liebe eine Wuͤrze. Als die Damen ſich entfernt hatten, ward die unterhaltung, wie gewoͤhnlich, noch lebendiger; es wurden viele gute Dinge zu Tage gebracht, die man waͤhrend des Eſſens gedacht hatte, die ſich aber nicht gerade fuͤr Frauenohren ſchickten, und obgleich ich nicht geradezu behaupten kann, daß ſehr viel witzige Einfaͤlle zum Vorſchein kamen, ſo habe ich doch manchen Wettſtreit ausgezeichneten Witzes zu viel wenigerem Lachen Anlaß geben hoͤren. Der Witz iſt am Ende eine ſehr ſcharfe, beißende Zu— that, und fuͤr manche Magen viel zu ſauer; treu⸗ herzige gute Laune dagegen das Oel und der Wein einer froͤhlichen Geſellſchaft, und es giebt keinen an⸗ genehmeren Verein, als den, wo maͤßige Spaͤße ge⸗ macht werden und viel gelacht wird. Der Squire erzaͤhlte mehrere lange Geſchichten von ſeinen Jugendſtreichen und Abenteuern im Col⸗ lege, an denen mitunter der Pfarrer ebenfalls An⸗ theil gehabt hatte, ob es gleich, wenn man den Letz⸗ tern betrachtete, einiger Anſtrengung der Einbil⸗ dungskraft bedurfte, um ſich zu denken, daß ein ſol⸗ ches kleines ſchwarzes Knochengerippe einmal einen luſtigen Streich veruͤbt habe. Die beiden Univer⸗ ſitaͤtskameraden boten ein Bild von dem dar, wozu 94 Menſchen durch ihre verſchiedene Beſtimmung im Leben werden koͤnnen; der Squire hatte die Uni⸗ verſitaͤt verlaſſen, um auf ſeinen vaͤterlichen Guͤtern ſorgenlos in dem ungeſtoͤrten Genuſſe des Gluͤcks und Sonnenſcheins zu leben; er hatte ein kraͤfti⸗ ges, geſundes Alter erreicht, waͤhrend der arme Pfarrer dagegen zwiſchen beſtaubten Baͤnden in dem Schweigen und den Schatten ſeines Studirzimmers vertrocknet und verwelkt war. Indeſſen ſchien auf dem Grunde ſeiner Seele doch noch immer ein Fun⸗ ken eines beinahe erloſchenen Feuers ſchwach zu glimmen, und als der Squire auf eine ſchalkhafte Geſchichte zwiſchen dem Pfarrer und einem artigen Milchmaͤdchen anſpielte, die ſie einſt an den Ufern der Iſis*) angetroffen, machte der alte Herr ein „Alphabet von Geſichtern“, welches ich, ſoviel ich ſeine Phyſiognomie entraͤthſeln konnte, fuͤr einen Verſuch zum Lachen hielt; und in der That habe ich ſelten einen alten Herrn geſehen, der uͤber die ihm zugeſchriebene Galanterie in ſeiner Jugend, ge⸗ radezu böſe geworden waͤre. Ich fand, daß die Flut des Weines und Wohl⸗ lebens das trockene Land der nuͤchternen Vernunft allmaͤhlig zu uͤberſchwemmen anfing. Die Geſell⸗ *) Des Flüßchens, das bei Opford fließt. Ueberſ. 95 ſchaft ward in dem Grade luſtiger und lauter, als ihre Scherze ſchaaler wurden. Meiſter Simon war bei ſo aufgeweckter Laune, wie ein Grashuͤpfer, den der Thau benetzt hat; ſeine alten Lieder nah⸗ men eine waͤrmere Faͤrbung an, und er fing an, leichtfertig von der Wittwe zu reden. Ja, er gab ſogar ein langes Lied uͤber die Bewerbung um eine Wittwe zum Beſten, das er, wie er mir ſagte, aus einem trefflichen, mit Gothiſcher Schrift gedruckten Buche,„Cupido's Liebesbewerber,“ entnommen hatte, welches eine Menge guter Rathſchlaͤge fuͤr Junggeſellen enthielte, und das er mir zu leihen verſprach. Der erſte Vers lautete folgendermaßen: Wer Wittwen will freien, der ſey nicht voll Zagen, Er mache ſein Heu bei dem Sonnenſchein; Er muß nicht:„o darf ich, o darf ich“, ſagen, Nein, grade heraus„ſchöne Wittwe, ſey mein.“ Dieſer Geſang begeiſterte den dickkoͤpfigen alten Herrn, der mehrere Verſuche machte, eine etwas derbe Geſchichte aus Joe Miller*⁴) zu erzaͤhlen, die ſich gerade dahin ſchickte, wobei er aber in der Mitte ſtecken blieb, waͤhrend Alle, ihn ſelbſt ausgenom⸗ men, das Ende auswendig wußten. Auch an dem Pfarrer ward die Wirkung der Speiſe und des *) Einer Sammlung von Vademecums⸗Anekdoten. Ueberſ. 96 Tranks ſichtbar, indem er allmaͤhlig in Schlummer geſunken war, und ſeine Peruͤcke ſehr verdaͤchtig auf der einen Seite ſaß. Gerade in dieſem kriti⸗ ſchen Augenblicke. wurden wir in das Putzzimmer gerufen, wie ich vermuthe, auf geheime Veran⸗ laſſung unſeres Wirths, deſſen Froͤhlichkeit immer mit einer gehoͤrigen Ruͤckſicht auf die Schicklichkeit Hand in Hand zu gehen ſchien. 3 Nachdem der Eßtiſch weggenommen worden war, ward die Halle den juͤngeren Mitgliedern der Fa⸗ milie uͤberlaſſen, die, von dem Oxforder Studenten und Meiſter Simon zu allen Arten von laͤrmender Luſtigkeit aufgeregt, laute Spiele anſtellten, daß die alten Mauern des Saales von ihrer Luſt wieder⸗ hallten. Ich finde großes Vergnuͤgen daran, den Spielen der Kinder zuzuſehen, und vorzuͤglich in dieſer gluͤcklichen Feſttagszeit, und konnte nicht um⸗ hin, mich, als ich ſie abermals ein helles Gelaͤchter aufſchlagen hoͤrte, aus dem Putzzimmer wegzuſchlei⸗ chen. Ich fand ſie beim Blindekuhſpiele. Meiſter Simon, der der Anordner ihrer Feſte war, und bei allen Gelegenheiten das Amt jenes alten Macht⸗ habers, des Fuͤrſten der Ungebuͤhr*), zu verwalten ſchien, *) Zu Weihnachten war in dem Hauſe des Königs, wo er auch wohnen mochte, ein Fürſt der Ungebühr, oder 97 ſchien, ſtand mit verbundenen Augen mitten im Saale. Die kleinen Weſen waren ſo geſchaͤftig um ihn her, wie die falſchen Feen um Falſtaff*), kneip⸗ ten ihn, zupften ihn bei den Schoͤßen ſeines Rocks, und kitzelten ihn mit Strohhalmen. Ein blauaͤugi⸗ ges Maͤdchen von ungefaͤhr dreizehn Jahren, deren Flachshaar in lieblicher Verwirrung um den Kopf hing, deren Geſicht vor Freude gluͤhte, und deren Kleid halb von den Schultern herabhing, war die Hauptquaͤlerin; und ich glaube, nach der Schalk⸗ heit zu ſchließen, womit Meiſter Simon das klei⸗ nere Wild vermied, und dieſe wilde kleine Nymphe ſo in die Winkel draͤngte, daß ſie ſchreiend uͤber die Stuͤhle hinwegſpringen mußte, daß der Boͤſewicht nicht um ein Haar blinder war, als er ſeyn wollte. Als ich in das Putzzimmer zuruͤckkehrte, fand ich die Geſellſchaft beim Feuer ſitzen, wie ſie dem Ppfarrer zuhoͤrte, welcher tief in einem hochleh⸗ nigen eichenen Stuhle ſteckte, der Arbeit eines kunſtvollen Meiſters jener Zeit und ganz beſon⸗ Vergnügungs⸗Meiſter, und dergleichen gab es in dem Hauſe eines jeden ehrenwerthen und wohlbetrauten Edelmannes, mochte er nun geiſtlichen oder weltlichen Standes ſeyn. Stow(Chronik von England). Verf. *) In den luſtigen Weibern von Windſor. Ueberſ. Skizzenbuch II. E 98— ders zu ſeiner Bequemlichkeit aus der Bibliothek herbeigebracht. Aus dieſem ehrwuͤrdigen Moͤ⸗ bel, zu welchem ſeine Schattenfigur und ſein dunkles verſchrumpftes Geſicht ſo vortrefflich paß⸗ ten, erzaͤhlte er ſonderbare Geſchichten von dem Volksaberglauben und den Legenden der Gegend umher, welche er bei ſeinen alterthuͤmlichen For⸗ ſchungen kennen gelernt hatte. Ich moͤchte beinahe glauben, daß der alte Herr ſelbſt nicht ganz frei von Aberglauben geweſen ſey, wie dieß immer der Fall bei Leuten iſt, welche in einer entlegenen Ge⸗ gend des Landes ein abgeſchiedenes und gelehrtes Leben fuͤhren, und uͤber den mit Moͤnchsſchrift ge⸗ druckten Werken bruͤten, die ſo oft mit wunder⸗ baren und natuͤrlichen Dingen angefuͤllt ſind. Er tiſchte uns mehrere Anekdoten von den Einbildun⸗ gen der benachbarten Bauern, uͤber das Bild des Kreuzfahrers auf, welches auf dem Grabmal bei dem Altar in der Kirche lag. Da dieß das einzige Denkmal der Art in dieſem Theile des Landes war, ſo hatten die guten Frauen aus dem Dorfe es im⸗ mer mit einer Art von aberglaͤubiſcher Regung be⸗ trachtet. Man ſagte, daß es in ſtuͤrmiſchen Naͤch⸗ ten, namentlich wenn es donnere, aus dem Grabe aufſtehe und die Runde auf dem Kirchhofe mache, und eine alte Frau, deren Huͤtte an den Kirchhof 99 ſtoͤßt, hatte es durch die Kirchenfenſter, als der Mond ſchien, langſam in den Seitengaͤngen auf und ab gehen geſehen. Man trug ſich mit der Sage, daß der Verſtorbene irgend ein Unrecht nicht weiter gut gemacht, oder irgend einen Schatz vergraben habe, der ſeinen Geiſt nicht ruhen laſſe. Einige ſprachen von Gold und Juwelen, welche in dem Grabe befindlich waͤren, und welche das Geſpenſt bewache; und es war eine Geſchichte aus alten Zei⸗ ten von einem Kuͤſter in Umlauf, der in der Nacht das Grab erbrechen wollte, aber in dem Augen⸗ blicke, wo er auf den Sarg ſtieß, einen heftigen Schlag von der Marmorhand des Bildes bekam, welcher ihn beſinnungslos zu Boden ſtreckte. Die beherzteren unter den Landleuten lachten oft uͤber dieſe Erzaͤhlungen; ſobald aber die Nacht herankam, wollten doch viele von den Unglaͤubigſten den Fuß⸗ ſteig, welcher uͤber den Kuchhof fuͤhrte, nicht allein betreten. Dieſen und mehreren anderen Anekdoten, die ebenfalls erzaͤhlt wurden, zufolge, ſchien der Kreuz⸗ fahrer der Lieblingsheld der Geiſtergeſchichten in der Nachbarſchaft zu ſeyn. Sein Bild, welches in dem Saale hing, hatte, dem Glauben der Dienerſchaft nach, etwas Uebernatuͤrliches an ſich, denn ſie hatte bemerkt, daß, wohin man auch in dem Saale ging, E 2 100 die Augen des Kriegers einen immer anblick⸗ ten. Auch verſicherte die Frau des alten Pfoͤrt⸗ ners im Pfoͤrtnerhaͤuschen, welche in der Familie geboren und erzogen war und mit den Maͤdchen zu plaudern pflegte, daß ſie, in ihren jungen Ta— gen, es oft erzaͤhlen gehoͤrt, wie am Vorabend des St. Johannistages— wo, wie allbekannt, die Geiſter, Kobolde und Feen aller Arten ſichtbar wuͤrden und umgingen— der Kreuzfahrer ſein Roß zu beſteigen, aus dem Bilde hervorzukommen, um das Haus, dann die Allee hinunter und ſo nach der Kirche zu reiten pflege, ſein Grab zu beſuchen, wo alsdann die Kirchenthuͤr ſehr hoͤflich von ſelbſt ſich oͤffne(nicht, daß das grade noͤthig fuͤr ihn ſey, denn Jeer reite durch verſchloſſene Thuͤren und ſelbſt durch ſteinerne Mauern); und eines von den Milchmaͤdchen habe es deutlich geſehen, wie er zwiſchen zwei Stangen des Parkthores hindurch geritten ſey, und ſich ſo duͤnn wie ein Blatt Papier gemacht habe. Dieſer Aberglaube hatte einen großen Ver⸗ theidiger an dem Squire gefunden, der, obgleich ſelbſt nicht aberglaͤubiſch, an Andern gern den Aber⸗ glauben hatte. Er hoͤrte jede Geſpenſtergeſchichte der benachbarten Klatſchſchweſtern mit unendlichem Ernſt an, und war der Frau des Pfoͤrtners, ihres Talents fuͤr das Wunderbare wegen, ganz vorzuͤg⸗ ——=/— —-/— — 101 lich gewogen. Er ſelbſt las ſehr gern alte Legenden und Romane, und beklagte es oft, daß er nicht daran glauben koͤnne, denn um aberglaͤubiſch zu ſeyn, meinte er, muͤſſe man in einer Art von Feen⸗ lande leben. Waͤhrend wir Alle mit großer Aufmerkſamkeit auf die Erzaͤhlungen des Pfarrers hoͤrten, drang auf einmal ein Gemiſch verſchiedenartiger Toͤne aus dem Saale in unſere Ohren, worin man den Ton einer rohen Bardenmuſik, den Laͤrm mehrerer jun⸗ gen Stimmen und Naͤdchengelaͤchter unterſcheiden konnte. Plötzlich oͤffnete ſich die Thuͤr, und es kam ein Aufzug herein, den man beinahe fuͤr eine Ver⸗ ſammlung des ganzen Feenhofes haͤtte halten koͤn⸗ nen. Der unermuͤdliche Geiſt, Meiſter Simon, hatte, in gewiſſenhafter Erfuͤllung ſeiner Pflicht, als Fuͤrſt der Ungebuͤhr, den Gedanken einer Weihnachts⸗ Vermummung oder Maskerade gefaßt, und, nach⸗ dem er den Orforder Studenten und den jungen Offizier, welche eben ſo bereit zu Allem waren, was Luſtigkeit und Froͤhlichkeit erregen konnte, zu ſeinem Beiſtand herbeigerufen, ihn ins Werk geſetzt. Man hatte die alte Haushaͤlterin zu Rathe gezogen, die alten Kleidungsſtuͤcke und Garderoben durchgemuſtert, und die Ueberbleibſel der Kleiderpracht, welche ſeit mehreren Geſchlechtern das Licht nicht geſehen hat— 102 ten, daraus hervorgezogen; der juͤngere Theil der Geſellſchaft war aus dem Putzzimmer und dem Saale herbeigerufen, und das Ganze zu einer ko⸗ miſchen Nachbildung eines alterthuͤmlichen Mum⸗ menſcherzes ausſtaffirt worden**).: Meiſter Simon fuͤhrte, als„der alte Weih⸗ nachten,“ den Zug an. Er trug eine Halskrauſe, einen kurzen Mantel, der große Aehnlichkeit mit einem Unterrocke der alten Haushaͤlterin hatte, und einen Hut, der zum Dorfkirchthurm gedient haben koͤnnte, und ohne Zweifel zur Zeit der Cove⸗ nanters*) eine Rolle geſpielt hatte. Unter dieſem ragte ſeine krumme Naſe keck hervor, mit einer Roͤthe uͤberzogen, welche den Sieg eines tuͤchtigen Decemberwindes zu verkuͤndigen ſchien. Er war von einem blauaͤugigen wilden Maͤdchen begleitet, welches als„Dame Fleiſchpaſtete“*er) mit der *) Vermummungen oder Maskeraden waren in alten Zeiten Lieblingsvergnügungen zu Weihnachten, und die Garderoben in Hallen und Herrenhäuſern wurden oft in Bewegung geſetzt, um Anzüge und abenteuerliche Verklei⸗ dungen zu liefern. Ich mochte beinahe glauben, daß Mei⸗ ſter Simon den Gedanken zu der ſeinigen aus Ben Jon⸗ ſon's Weihnachts⸗Maske entlehnt habe. Verf.(Sie ſteht im 7. Thl. von Gifford's Ausg. S. 270. Ueberſ.) ) Der vereinigten Schottiſchen Puritaner, aus den Zeiten der Engl. Revolution. Ueberſ. .*) Minced pie, das öfter erwähnte Paſtetengericht aus gehacktem Fleiſch und kleinen Roſinen. Ueberſ. 103 ehrwuͤrdigen Pracht verſchoſſenen Brokats, einem langen Bruſtlatze, ſpitzem Hut, und Schuhen mit hohen Abſaͤtzen ausgeſtattet war. Der junge Offi⸗ zier erſchien als Robin Hood*) in einem Jagdan⸗ zuge von Kendal⸗gruͤnem Zeuge**) und einer Feld⸗ müͤtze mit goldener Troddel. Dieſer Anzug zeugte allerdings nicht von tiefge⸗ hender Unterſuchung, und es war augenſcheinlich, daß es dabei mehr auf das Mahleriſche abgeſehen war, etwas, das bei einem jungen Manne, ſeiner Ge⸗ liebten gegenuͤber, ganz natuͤrlich iſt. Die ſchoͤne Julie hing in einem niedlichen Baͤuerinnenanzuge als„Jungfrau Mariana“ an ſeinem Arme. Die uͤbrigen Perſonen des Zuges waren auf verſchiedene Art umgeſtaltet; die Maͤdchen erſchienen in dem Putzſtaat der alten Schoͤnheiten aus dem Brace⸗ bridgeſchen Geſchlecht, und die Knaben mit Schnur⸗ baͤrten von gebranntem Kork, in breitſchoͤßigen Klei⸗ dern, mit aufgeſchlagenen Aermeln und großen Alon⸗ geperuͤcken, als Roaſt⸗beef, Plump⸗Pudding und andere, bei den alten Maskeraden ausgezeichnete Charaktere. Das Ganze ſtand unter der Aufſicht *) Vergl. Bracebridge⸗Hall. Thl. II. S. 49. Ueberſ. **) Ein Grün, das man vorzüglich gut in Kendal, ei⸗ ner kleinen Engl. Fabrikſtadt an der Schottiſchen Grenze, wo viele wollene Zeuge verfertigt werden, färbt. Ueberſ. 104 f des Oxforder Studenten, in der paßlichen Rolle des Ungebuͤhr, und ich bemerkte, daß er ſeinen Stab uͤber die kleinen Perſonen des Zuges ziemlich frei walten ließ. Die ploͤtzliche Erſcheinung dieſes bunten Hau⸗ fens, der, nach der alten Sitte, mit Trommel⸗ ſchlag hereintrat, bildete die hoͤchſte Stufe des Laͤrms und der Freude. Meiſter Simon bedeckte ſich mit Ruhm durch das ſtattliche Weſen, womit er, als der alte Weichnachten, mit der unvergleich⸗ lichen, wenn gleich beſtaͤndig kichernden, Dame Paſtete eine Menuet tanzte. Dieſem folgte ein Tanz ſaͤmmt⸗ licher Charaktere, welche, durch das Gemiſch ihrer Anzuͤge, das Anſehen erhielten, als ob die alten Familienbilder aus ihren Rahmen hervorgetreten waͤren, ſich an die Luſtbarkeit anzuſchließen. Meh⸗ rere Jahrhunderte machten Kreuz und Ronde rechts und links mit einander, das Mittelalter Pirouetten und Rigodons, und die Tage der Konigin Eliſabeth huͤpften munter durch die Reihen nachfolgender Ge⸗ ſchlechter hinunter. Der wuͤrdige Squire betrachtete dieſe abenteuer⸗ lichen Beluſtigungen und dieſe Auferſtehung ſeiner alten Garderobe mit der Gutmuͤthigkeit eines kindiſchen Ergetzens. Er ſtand da, lachte und rieb ſich die Haͤnde, und hoͤrte kaum auf das, was der — 105 Pfarrer ſagte, ungeachtet dieſer ſehr gelehrt ſich uͤber den alterthuͤmlichen und ſtattlichen Tanz des Pfaus ausließ, von welchem, ſeiner Meinung nach, die Menuet abſtammte*). Ich, meines Theils, blieb in einer beſtaͤndigen Aufregung, welche die abwech⸗ ſelnden Auftritte der Laune und der unſchuldigen Froͤhlichkeit bei mir hervorbrachten. Es war ge⸗ wiſſermaßen begeiſternd, wie die mildblickende Lu⸗ ſtigkeit und die warmfuͤhlende Gaſtfreiheit zwiſchen der Kaͤlte und Finſterniß des Winters durchbrachen, und die Friſche des jugendlichen Genuſſes wieder annahmen. Auch die Betrachtung, daß dieſe fluͤch⸗ tigen Gebraͤuche ſchnell der Vergeſſenheit zueilten, und daß dieß vielleicht die einzige Familie in Eng⸗ land war, worin ſie noch in ihrem ganzen Umfange puͤnktlich beobachtet wurden, floͤßte mir einen An⸗ theil an dem Auftritte ein. Auch geſellte ſich zu all' dieſem Getuͤmmel eine gewiſſe Sonderbarkeit, die ihm einen eigenthuͤmlichen Reiz gab; ſie ſchickte *) Sir John Hawkins ſagt bei der Erwähnung des Tanzes Pavon(von pavo, einem Pfau):„Dieß iſt ein ern⸗ ſter und majeſtätiſcher Tanz; die Art, wie man ihn in al⸗ ten Zeiten tanzte, war die, daß die Herren vom Stande ihn mit Hut und Degen, die Rechtsgelehrten in ihren Mänteln, die Pairs in ihren Gewändern, und die Mumen in Kleidern mit langen Schleppen tanzten, deren Bewe⸗ gung beim Tanze der eines Pfau's glich.“ Geſchichte der Muſik. Verf. 106 ſich zu Zeit und Ort, und wie das alte Herrenhaus vor Fröhlichkeit und Wohlleben beinahe taumelte, ſchien es von der Luſtigkeit lange dahingeſchwunde⸗ ner Jahre wiederzuhallen. Doch genug von Weihnachten und ſeiner Kurz⸗ weil; es iſt Zeit, daß ich meiner Geſchwaͤtzigkeit Einhalt thue. Ich glaube ſchon meine erſthafteren Leſer fragen zu hoͤren:„wozu nuͤtzt alles dieß— wie ſoll die Welt durch dieß Geſchwaͤtz kluͤger wer⸗ den?“— Ach! iſt denn nicht ſchon Weisheit genug zum Unterricht der Welt vorhanden? und, wenn auch nicht, giebt es nicht tauſend andere ge— ſchicktere Federn, welche fuͤr ihre Bildung bemuͤht ſind?— Es iſt bei weitem angenehmer, zu ergetzen als zu belehren, den Geſellſchafter und nicht den Lehrmeiſter zu ſpielen. und was waͤre am Ende das Scherflein Weis⸗ heit, das ich zu der Maſſe des Wiſſens hinzufuͤgen koͤnnte; oder wer buͤrgt mir dafuͤr, daß meine wei⸗ ſeſten Erörterungen wirklich zu ſicheren Leitern fuͤr die Meinungen Anderer dienen? Wenn ich dage⸗ gen ſchreibe, um zu beluſtigen, ſo iſt, wenn mir dieß mißlingt, meine eigne vereitelte Erwartung das einzige Uebel. Wenn es jedoch, in dieſer boͤſen 107 Zeit, durch einen gluͤcklichen Zufall mir gelingt, nur eine Runzel auf der ſorgenvollen Stirn zu glaͤtten, oder das ſchwere Herz einen Augenblick ſeines Kummers vergeſſen zu machen; wenn ich, dann und wann, den aufſteigenden Nebel des Men⸗ ſchenhaſſes zerſtreuen, einen freundlichen Blick auf die menſchliche Natur eroͤffnen und meinen Leſer mit ſeinen Mitmenſchen und ſich ſelbſt zufriedener machen kann: ſo habe ich ganz gewiß nicht umſonſt geſchrieben. Klein⸗Britannien. (Der folgende kleine Beitrag zur Ortsgeſchichte ward mir kuͤrzlich von einem fehr ſonderbar ausſehenden alten Herrn mit einer kleinen braunen Peruͤcke und einem ſchnupftabacksfarbenen Rocke eingehaͤndigt, mit welchem ich bei einem meiner Beobachtungsgaͤnge in dem Mittel⸗ punkt jenes großen Irrgartens, der City, bekannt wurde. Ich geſtehe, daß ich Anfangs nicht recht wußte, ob dieß nicht eine von den erdachten Erzaͤhlungen ſey, womit for⸗ ſchende Reiſende, wie ich bin, oft hintergangen werden, und die unſere Wahrhaftigkeit ſo unverdienter Weiſe ver⸗ daͤchtig gemacht haben. Nachdem ich jedoch genauere Er⸗ kundigungen eingezogen, habe ich die befriedigendſten Nachrichten uͤber des Verfaſſers Zuverlaͤſſigkeit erhalten; ja, man hat mich verſichert, daß er in dieſem Augen⸗ blicke mit einer ausfuͤhrlichen und genaum Beſchreibung der anziehenden Gegend, worin er wohnt, beſchaͤftigt ſey, wovon man das Folgende nur als einen Vorſchmack anſehen mag.) — 109 Was ich ſchreibe, iſt ganz wahr.— Ich habe ein ganzes Buch voll Sachen neben mir, welche, wenn ich ſie er⸗ zählen ſollte, machen würden, daß einige ernſthafte alte Leute(innerhalb des Bereichs der Bow⸗Kirch⸗ glocke)*) mir ganz gram würden. . Naſhe⸗ In dem Mittelpunkt der großen Stadt London befindet ſich eine kleine Gegend, welche aus einem Haufen enger Straßen und Hoͤfe, mit ſehr ehr⸗ wuͤrdigen und gebrechlichen Haͤuſern, beſteht, und unter dem Namen Klein⸗Britannien bekannt iſt. Die Schule von Chriſt⸗Church**) und das St. Bartholomaͤus⸗Hospital begrenzen ſie gegen Weſten, Smithfield und Long⸗lane**) gegen Norden, Aldersgate⸗Street ſcheidet ſie wie ein Mee⸗ resarm von dem oͤſtlichen Theile der City, waͤh⸗ rend gaͤhnende Rachen von Bull⸗ and Mouth⸗ *) D. h. echte Londoner Bürger aus der City. Die Bow⸗Kirche, Bow-Church, ſteht auf der ſidlichen Seite von Cheapſide, und der Ton ihrer Glocke kann daher nur in dem eigentlichen Herzen der Cito vernommen werden. 3 Ueberſ. *) Die mit dem Hospital gleiches Namens verbundene Schule, eine Stiftung Eduard's VI. Ueberſ. r) Die lange Gaſſe. Ueberſ. 110 Street*) ſie von Butcher⸗lane**) und der Ge⸗ gend von Newgate trennt. Auf dieſes kleine ſo be⸗ grenzte und bezeichnete Stuͤck Landes blickt die große Kuppel der St. Paulskirche, welche ſich uͤber die dazwiſchen liegenden Haͤuſer in Paternoſter⸗ Row, Amen⸗Corner und Ave⸗Maria⸗Lane erhebt, mit einer Art von muͤtterlicher beſchuͤtzender Miene herab. Die Ge end hat davon ihren Namen, daß ſie in alten Zeiten der Wohnſitz der Herzöge von Bre⸗ tagne war. Als ſich indeſſen London vergroͤßerte, entfernten ſich Rang und Mode nach dem Weſten, und das Gewerbe, welches ihnen auf dem Fuße nachſchlich, nahm ihre verlaſſenen Wohnungen in Beſitz. Einige Zeitlang war Klein⸗Britannien der große Markt der Gelehrſamkeit, und mit dem ge⸗ ſchaͤftigen und fruchtbaren Geſchlecht der Buchhaͤnd⸗ ler bevoͤlkert; aber auch dieſe verließen es allgemach, *) Wörtlich, der von der Ochſen⸗ und Mund⸗Straße. Vermuthlich entſtand dieſer Name aus einer Verdrehung des urſprünglichen, the Boulogne Mouth, d. h. der Mündung des Hafens von Boulogne, welcher Name wanhrſcheinlich aus der Zeit Heinrich's VII. herrührt, dem man, da er Boulogne eingenommen hatte, dadurch etwas Schmeichel⸗ haftes ſagen wollte. Ueberſ. **) Die Schlächtergaſſe. Sie iſt die Fortſetzung von Little⸗Britain nach Newgate⸗Street hin. Ueberſ. — 111 wanderten uͤber die große Meerenge von Newgate⸗ Street aus, und ließen ſich in Paternoſter⸗Row und auf St. Pauls⸗Kirchhofe nieder, wo ſie noch bis auf den heutigen Tag fortfahren, ſich zu ver⸗ mehren und zu vervielfaͤltigen. Obgleich aber Klein⸗Britannien ſo verfallen iſt, ſo traͤgt es doch noch Spuren ſeiner vorigen Groͤße an ſich. Mehrere Haͤuſer ſtehen dort, die im Be⸗ griff ſind, zuſammenzuſtuͤrzen, deren Vonderſeiten aber noch prachtvoll mit alten, in Eichenholz geſchnitzten Verzierungen von ſcheußlichen Geſichtern, unbekann⸗ ten Voͤgeln, Thieren und Fiſchen, Fruͤchten und Blumen, die ein Naturforſcher gewiß zu beſtimmen Muͤhe haben wuͤrde, verziert ſind. So giebt es auch in Aldersgate⸗Street einige Ueberbleibſel von ehemaligen geraͤumigen und herrſchaftlichen Haͤuſern, welche indeß in neueren Zeiten in mehrere Behau⸗ ſungen getheilt worden ſind. Hier findet man oft die Familie eines kleinen Kraͤmers, mit ihren aͤrmli⸗ chen Moͤbeln, mitten unter den Ueberbleibſeln veralte⸗ ter Pracht, in großen weitlaͤuftigen, von der Zeit ge⸗ ſchwaͤrzten Gemaͤchern mit reich von Bildhauerar⸗ beit verzierten Decken, vergoldeten Geſimſen und un⸗ geheueren marmornen Kaminen, niſten. Auch ent⸗ halten die Seitengaſſen und Hoͤfe mehrere kleinere Haͤuſer, welche zwar nicht auf einen ſo großen 112— Fuß eingerichtet ſind, dennoch aber, wie die weniger emporgekommenen unter den alten Geſchlechtern, ihre Anſpruͤche auf ein eben ſo verjaͤhrtes Alterthum be— haupten. Dieſe gehen mit der Giebelſeite auf die Straße hinaus und haben große Erkerfenſter, mit kleinen rautenfoͤrmigen, in Blei gefaßten Scheiben, abenteuerlichen geſchnitzten Verzierungen und niedri⸗ gen gewoͤlbten Thorwegen*). In dieſem ehrwuͤrdigen und abgelegenen klei⸗ nen Neſte habe ich mehrere ruhige Jahre mei⸗ nes Daſeyns verlebt, und zwar in einer behaglichen Wohnung im zweiten Stockwerke eines der klein⸗ ſten, aber aͤlteſten Haͤuſer. Mein Wohnzimmer iſt ein altes, mit kleinen Feldern ausgetaͤfeltes Ge⸗ mach, in welchem ſich ein ſehr buntſcheckiger Moͤbel⸗ vorrath befindet. Ich habe eine ganz beſondere Ehrfurcht gegen drei⸗ oder vierbeinige Stuͤhle mit Klauenfuͤßen und hohen Lehnen, welche, mit ver⸗ ſchoſſenem Brokat uͤberzogen, Spuren davon an ſich tragen, daß ſie beſſere Tage geſehen und ohne *) Es iſt augenſcheinlich, daß der Verfaſſer dieſer an⸗ ziehenden Mittheilung unter dem allgemeinen Namen Klein⸗ Britannien mehrere der kleinen Gaſſen und Höofe mitbe⸗ griffen hat, welche unmittelbar in Cloth⸗Fair gehören. Verf. (Dieß iſt eine, öſtlich von dem großen Markt von Weſt⸗ Smithſield belegene Gegend, wo früher wahrſcheinlich der Tuchmarkt gehalten wurde. Ueberſ.) 113 Zweifel in irgend einem von den alten Palaͤſten Klein⸗Britanniens eine Rolle geſpielt haben. Es kommt mir immer vor, als ob ſie ſich zuſammen⸗ hielten, und mit großer Verachtung auf ihre Nach⸗ barn mit ledernen Sitzen hinabblickten, ſo wie ich heruntergekommene Leute von Stande unter der plebejiſchen Geſellſchaft, mit welcher ſie itzt zuſam⸗ men leben muͤſſen, den Kopf habe ſehr hoch tragen ſehen. Die ganze Vorderſeite meines Wohnzimmers beſteht aus einem Erkerfenſter, an deſſen Scheiben die Namen fruͤherer Bewohner ſeit mehreren Ge⸗ ſchlechtern zu leſen ſind, zwiſchen welchen ſich Bruch⸗ ſtuͤcke ſehr unbedeutender, wohlgezogener Poeſie finden, mit Schriftzuͤgen, die ich kaum entraͤthſeln kann, ge⸗ ſchrieben, und welche die Reize mancher Schoͤnheit von Klein⸗Britannien verherrlichen, die itzt ſchon lange, lange gebluͤht hat, verwelkt und dahingegan⸗ gen iſt. Da ich ein muͤſſiger Menſch bin, der keine aͤußerliche Beſchaͤftigung hat und ſeine Haus⸗ rechnung puͤnktlich alle Woche bezahlt, ſo werde ich als der einzige vornehme Mann in der Gegend an⸗ geſehen, und da ich neugierig geweſen bin, den in⸗ nern Zuſtand eines Gemeinweſens kennen zu lernen, das ſo ganz in ſich abgeſchloſſen iſt, ſo habe ich es ſo einzuleiten gewußt, daß ich hinter alle die Ange⸗ legenheiten und Geheimniſſe des Orts gekommen bin. 114 Klein⸗Britannien kann in der That das Her⸗ zensmark der City, das Bollwerk des wahren John⸗ Bullismus genannt werden. Es iſt ein Bruchſtuͤck von London, wie dieß in ſeinen beſſeren Tagen, mit ſeinen altfraͤnkiſchen Bewohnern und Moden, war. Hier bluͤhen noch, vollkommen gut erhalten, viele von den Feiertagsſpielen und den Sitten jener Zeit. Die Einwohner eſſen gewiſſenhaft ihren Pfannen: kuchen*) am Faſtelabend, warme Kreuzkuchen*) am Charfreitag, braten eine Gans am St. Mi⸗ chaelstage, ſchicken ſich Liebesbriefe am St. Va⸗ lentinstage*r), verbrennen den Pabſt am 5. No⸗ vember***), und kuͤſſen zu Weihnachten alle — òèB—C—ñ— *) d. h. Eierkuchen. Ueberſ. **) Buns, eine eigene Art runder Kuchen, die faſt im⸗ mer warm genoſſen werden. Ueberſ. 3 ²) Dem 14. Februar. Die alte Sitte, daß man, am Abend vorber, eine gleiche Anzahl von Namen anwe⸗ ſender Herren von den Damen, oder umgekehrt, auf Zettel ſchreiben, und dieſe in ein Behältniß thun läßt. Hierauf werden die Zettel gezogen, und die Dame oder der Herr, deren oder deſſen Name auf dem Zettel ſtand, iſt der Va⸗ lentin oder die Valentine des Wählenden, der man dann, am Valentinstage, einen Strauß oder ein anderes Ge⸗ ſchenk, mit einem Briefe oder Gedicht, zuſchickt. Ueberſ. *..*) Dieß iſt eine Verwechſelung. Der 5. November iſt der Jahrstag der Pulververſchwörung(gunpowder-plot), wo die Knaben noch itzt eine Puppe, welche den Brand⸗ ſtifter Guy Fawkes, der das Parliament in die Luft ſpren⸗ gen wollte, darſtellen ſoll, herumtragen, dabei betteln, — — 115 Maͤdchen unter der Miſttel. So werden auch Roaſt⸗Beef und Plump⸗Pudding noch aberglaͤubiſch verehrt, und Portwein und Sherry behaupten ih⸗ ren Platz noch als die einzigen wahren Engliſchen Weine, waͤhrend alle andere fuͤr ſchlechte auslaͤn⸗ diſche Getraͤnke angeſehen werden. Klein⸗Britannien hat auch ſein langes Verzeich⸗ niß von Wunderwerken der City, welche die Bewohner derſelben als Wunderwerke der Welt anſehen; die große Glocke der St. Paulskirche, bei deren Laͤuten alles Bier ſauer wird*); die Figuren, welche die Stun⸗ den an der Uhr von St. Dunſtan's Kirche ſchla⸗ gen; das Monument, die Loͤwen im Tower, und die hoͤlzernen Rieſen in Guildhall. Sie glauben noch an Traͤume und Wahrſagen, und eine alte Frau, welche in der Bull⸗ und Mouth⸗Street wohnt, erwirbt ſich einen leidlichen Unterhalt dadurch, daß ſie geſtohlene Sachen wieder herbeiſchafft, und den Maͤdchen gute Maͤnner verſpricht. Sie laſſen ſich und ihn am Abend verbrennen.— Der Tag, an welchem ſonſt eine Puppe, den Pabſt mens I1X. darſtellend, wel⸗ cher den Feind der Königin Eliſabeth, Pius V., hatte hei⸗ ligſprechen laſſen, verbrannt wurde, war der 17. Novem⸗ ber, der Tag des Antritts der Regierung der Königin Eliſabeth. Ueberſ. 3 *) Dieß iſt die Glocke, die nur bei dem Tode des Kö⸗ nigs oder irgend eines Mitgliedes der Königl. Familie ge⸗ läutet wird. Ueberſ. 116 ſehr leicht von Kometen und Finſterniſſen beunruhi⸗ gen, und wenn ein Hund in der Nacht klaͤglich heult, ſo iſt dieß ein ſicheres Zeichen, daß Jemand in der Gegend ſterben wird. Hier ſind auch manche Geiſtergeſchichten in Umlauf, namentlich was die alten Haͤuſer betrifft, in welchen zuweilen ſonder⸗ bare Erſcheinungen ſich ſehen laſſen. Man hat Lords und Ladies, die Erſteren in Allonge⸗Peruͤcken, mit herabhangenden Aermeln und Degen, die Letzteren in Fluͤgelkleidern, Schnuͤrleibern, Reifröcken von Bro⸗ kat, in den großen oͤden Zimmern in mondhellen Naͤchten auf- und abgehen geſehen, und dieß ſollen die Schatten der alten Beſitzer in ihren Hofklei⸗ dungen ſeyn. Klein⸗Britannien hat auch ſeine Weiſen und großen Leute. Einer der wichtigſten unter den er⸗ ſteren iſt ein großer, trockener, alter Herr, mit Na⸗ men Skryme, der einen kleinen Apothekerladen haͤlt. Er hat ein leichenartiges Geſicht, voll Vertiefungen und Erhoͤhungen, und braune Kreiſe um die Augen, welche wie eine Hornbrille ausſehen. Die alten Frauen, welche ihn wie eine Art von Zauberer anſehen, weil er zwei oder drei ausge⸗ ſtopfte Alligators in ſeinem Laden hangen, und meh⸗ rere Schlangen in Glaͤſern hat, halten ſehr viel auf ihn. Er iſt ein eifriger Leſer von Kalendern 5 — 117 und Zeitungen, und bruͤtet gern uͤber entſetzlichen Erzaͤhlungen von Empoͤrungen, Verſchwoͤrungen, Feuersbruͤnſten, Erdbeben und vulkaniſchen Ausbruͤ⸗ chen, welche letztere Erſcheinungen er als Zeichen der Zeit betrachtet. Er hat immer eine Ungluͤcks⸗ erzaͤhlung der Art bei der Hand, die er ſeinen Kunden als Zugabe zur Arzenei giebt, und ſo zu gleicher Zeit Seele und Leib in Aufruhr verſetzt. Er glaubt ſteif und feſt an Anzeichen und Weiſſa⸗ gungen, und weiß Robert Nixon's und Mutter Skipton's Prophezeihungen auswendig. Kein Menſch weiß ſo viel aus einer Finſterniß oder nur ei— nem ungewöͤhnlich dunklen Tage zu deuten, und er ließ den Schweif des letzten Kometen uͤber den Haͤuptern ſeiner Kunden und Schuͤler dermaßen zit⸗ tern, daß dieſe beinahe vor Schrecken außer ſich waren. So hat er kuͤrzlich eine Volksſage oder Prophezei⸗ hung aufgejagt, woruͤber er ſich mit ungewoͤhnlicher Beredſamkeit verbreitet hat. Es geht naͤmlich un⸗ ter den alten Sibyllen, welche dergleichen Sachen aufſammeln, eine Sage, daß, wenn die Heuſchrecke auf dem Thurme der Börſe und der Drache oben auf der Spitze des Thurms der Bowkirche ſich be⸗ ruͤhrten, furchtbare Begebenheiten ſich ereignen wuͤrden. Dieſe ſonderbare Vereinigung iſt, wie es ſcheint, eben ſo ſonderbar in Erfuͤllung gegangen. 118 Ein und derſelbe Baumeiſter hat kuͤrzlich die Aus⸗ beſſerungen an dem Thurme der Boͤrſe und dem der Bowkirche uͤbernommen, und— ſchrecklich zu erzaͤhlen— Drache und Heuſchrecke liegen itzt wirklich, Seite an Seite, auf dem Hofe ſeiner Werkſtatt. Andere moͤgen, wie Herr Skryme zu ſagen pflegt, nach den Sternen ſchauen, und die Con⸗ junctionen am Himmel beobachten; hier iſt indeſſen eine Conjunction auf der Erde, ganz nahe bei der Hand, und vor unſeren eigenen Augen, welche alle Zeichen und Berechnungen der Aſtrologen uͤber⸗ trifft. Seitdem dieſe ahnungsvollen Wetterfahnen ſich ſo einander genaͤhert, haben ſich auch ſchon wunderbare Ereigniſſe zugetragen. Der gute alte Koͤnig hat, ob er gleich beinahe zwei und achtzig Jahre gelebt hat, plötzlich ſeinen Geiſt aufgegeben; ein anderer Koͤnig hat den Thron beſtiegen, einer der koͤniglichen Prinzen iſt plotzlich geſtorben, ein anderer Prinz, in Frankreich, iſt ermordet worden; es ſind Verſammlungen von Radikalen in allen Theilen des Koͤnigreichs geweſen, die blutigen Auftritte in Man— cheſter, die große Verſchwoͤrung der Cato⸗Straße haben ſich zugetragen— und noch mehr, die Koͤ⸗ nigin iſt nach England zuruͤckgekehrt! Aber dieſe truͤben Ereigniſſe erzaͤhlt Herr Skryme mit geheim⸗ 119 nißvollem Blicke und einem bedeutſamen Kopfſſchuͤt⸗ teln, und ſie haben, zuſammengenommen mit ſeinen Arzneimitteln und mit den ausgeſtopften Seeungeheu⸗ ern, Schlangen in Glaͤſern und ſeinem eignen Geſicht, welches allein uͤble Vorbedeutungen genug verkuͤndet, eine große Duͤſterkeit uͤber die Gemuͤther der Leute in Klein⸗Britannien verbreitet. Sie ſchuͤtteln die Koͤpfe, wenn ſie bei der Bowkirche voruͤbergehn, und be⸗ merken dabei, daß ſie immer geglaubt haͤtten, es werde nichts Gutes aus dem Abtragen dieſes Kirch⸗ thurmes entſtehen, der in alten Zeiten nichts als frohe Nachrichten verkuͤndigte, wie die Geſchichte von Whittington und ſeiner Katze es bezeugt*). Das zweite Orakel von Klein⸗Britannien iſt ein wohlhabender Kaͤſehaͤndler, welcher in einem Bruch⸗ ſuͤck eines der alten Herrenhaͤuſer, und zwar ſo praͤchtig wohnt, wie eine rundbaͤuchige Made in ei⸗ nem ſeiner eigenen Cheſhire⸗Kaͤſe. In der That iſt er auch von nicht geringem Anſehn und Ge⸗ wicht, und ſein Ruf iſt durch Huggin-Lane und Lad⸗Lane, und ſogar bis nach Aldermanbury ver⸗ breitet**) Seine Meinung gilt bei Staatsange⸗ *) S. die Erzählungen eines Reiſenden. Thl. I. S. 3Z0t. 2 Ueberſ. **) Straßen, die noch weiter öſtlich liegen, und nach der großen Hauptſtraße Cheapſide hin ſühren. Ueberſ. 120— legenheiten ſehr viel, da er ſeit beinahe einem halben Jahrhundert die Sonntagszeitungen, ſo wie das Gentleman's Magazine, Napin's Geſchichte von England und den Naval⸗Chronicle*) lieſ't. Sein Kopf iſt mit unſchaͤtzbaren Grundſaͤtzen angefuͤllt, welche Jahrhunderte lang die Probe der Zeit und des Gebrauchs ausgehalten haben. Er iſt der fe⸗ ſten Meinung, daß es„moraliſch unmoͤglich“ ſey, daß England, ſo lange es ſich ſelbſt treu bleibt, ir⸗ gend etwas erſchuͤttern koͤnne, und er weiß viel uͤber die Nationalſchuld zu ſagen, von der er, auf irgend eine Art, beweiſet, daß ſie ein großes Boll⸗ werk und ein großer Segen fuͤr die Nation ſey. Er hat den groͤßern Theil ſeines Lebens in der Um⸗ gegend von Klein⸗Britannien zugebracht, bis auf die letzten Jahre, wo er, nachdem er reich gewor⸗ den und zu der Wuͤrde eines Sonntags⸗Spaniſchen⸗ Rohres gelangt iſt, ſich ein Vergnuͤgen zu ma⸗ chen und die Welt zu beſehen angefangen hat. Er hat deswegen mehrere Ausfluͤge nach Hampſtead, Highgate und anderen benachbarten Staͤdten gemacht, wo er ganze Nachmittage damit zugebracht hat, durch *) Ein periodiſches Werk, das in einer Reihe von Oc⸗ tavbänden erſchienen iſt, und die Geſchichte der Engliſchen Marine mittheilt. Ueberſ. 121 durch ein Fernrohr nach der Stadt zu ſehen, um den Kirchthurm der St. Bartholomaͤuskirche zu entdecken*). Alle Landkutſchenfuhrleute aus der Bull⸗ and Mouth⸗Street faſſen an den Hut, wenn ſie vorbeigehn, und er wird als eine Art von Be⸗ ſchuͤtzer des Landkutſchenbureau's zur„Gans und Roſt'“, auf St. Pauls Kirchhofe angeſehen. Seine Familie hat ſehr in ihn gedrungen, eine Fahrt nach Margate zu machen, allein er trauet dieſen neuen Spielwerken, den Dampfbooten, nicht recht, und meint, er ſey zu alt, um noch Seereiſen zu machen. Klein⸗Britannien hat zuweilen auch ſeine Factio⸗ nen und Spaltungen, und der Parteigeiſt zeigte ſich einmal ſehr lebendig, als zwei Sterbegeſellſchaf⸗ ten hier errichtet wurden. Die eine hielt ihre Ver⸗ ſammlungen im„Schwan und Hufeiſen“, und wurde von dem Kaͤſehandler beguͤnſtigt; die andere im „Hahn und Krone“, unter dem Schutze des Apothe⸗ kers, und ich darf wol kaum hinzufuͤgen, daß die letz⸗ tere bluͤhender war. Ich bin einen oder zwei Abende in beiden geweſen, habe viel ſchaͤtzbare Belehrungen uͤber die beſte Art, ſich begraben zu laſſen, die ei⸗ N.* *) Sie ſteht an der nord⸗öſtlichen Ecke von Weſt⸗Smith⸗ ſield, nahe am Ende von Duke⸗Street. Ueberſ. Skizzenbuch II. F 122 genthuͤmlichen Vorzuͤge der Kirchhoͤfe, ſo wie auch mehrere Nachweiſungen uͤber die eiſernen Patent⸗ ſarge erhalten. Die Frage uͤber die Geſetzlichkeit des Verbots der letzteren, ihrer Dauer wegen, habe ich nach allen Seiten eroͤrtern gehoͤrt. Gluͤcklicher⸗ weiſe haben die Streitigkeiten, zu welchen dieſe Geſellſchaften Anlaß gegeben, kuͤrzlich aufgehoͤrt; ſie waren indeſſen lange Zeit Hauptgegenſtaͤnde der Eroͤrterung, da die Bewohner von Klein⸗Britan⸗ nien ſehr auf die den Leichen zu erweiſenden Eh⸗ ren, ſo wie darauf halten, bequem in ihren Graͤ⸗ bern zu liegen. Außer dieſen zwei Sterbegeſellſchaften giebt es noch eine dritte von ganz verſchiedener Art, welche dahin abzweckt, den Sonnenſchein der guten Laune uͤber die ganze Nachbarſchaft zu verbreiten. Sie verſammelt ſich woͤchentlich einmal in einem kleinen altfraͤnkiſchen Hauſe, das ein luſtiger Schenkwirth, Namens Wagſtaff, haͤlt, und welches einen glaͤn⸗ zenden halben Mond, mit einer ſehr verfuͤhreriſchen Weintraube darunter, zum Zeichen hat. Das ganze Haus iſt mit Inſchriften bedeckt, die das Auge des durſtigen Wanderers anziehen ſollen, z. B.„Tru⸗ man, Hanbury und Comp. Ganzbier,“)—„Wein⸗, Rum⸗ und Brantweinladen,“—„hier iſt alter Tom 4), »») Alter Wachholderbrantwein, glaube ich. Ueberſ. 1 —— 123 Rum und Liqueure zu haben“ u. ſ. w. Dieß Haus iſt ſeit undenklichen Zeiten ein Tempel des Bac⸗ chus und des Momus geweſen. Es iſt immer in der Familie der Wagſtaffs geblieben, ſo daß der itzige Wirth mit deſſen Geſchichte ziemlich vertraut iſt. Es wurde von den vornehmen Herren und Cavalieren unter der Regierung der Koͤnigin Eliſa⸗ beth haͤufig beſucht, und auch die Witzlinge aus Karl's des Zweiten Zeiten blickten dann und wann hinein. Worauf ſich aber Wagſtaff am meiſten einbildet, iſt, daß Heinrich der Achte bei einer ſei⸗ ner naͤchtlichen Streifereien einem ſeiner Vorfahren mit ſeinem beruͤhmten Spazirſtocke den Kopf zer⸗ ſchlagen hat. Dieß will man indeß als eine etwas zweifelhafte Thatſache und fuͤr eine Prahlerei des Wirths anſehen.— 4830 Der Klub, welcher hier ſeine woͤchentlichen Ver⸗ ſammlungen haͤlt, fuͤhrt den Namen der„bruͤllen⸗ den Burſchen von Klein⸗Britannien.“ Die Mit⸗ glieder deſſelben wiſſen eine Menge alter Canons⸗ Lieder und kurioſer Geſchichten, welche an dieſem Orte von einem Geſchlecht auf das andere uͤber: gegangen ſind, und die man nirgends weiter in der Hauptſtadt findet. Hier iſt unter andern ein toller Leichenkommiſſarius, der unnachahmlich gut ein lu⸗ ſtiges Lied zu ſingen weiß; die Seele des Klubs F 2 124 und, in der That, der erſte Witzling in Klein⸗Bri⸗ tannien iſt aber der luſtige Wagſtaff ſelbſt. Alle ſeine Vorfahren waren loſe Schelme, und er hat mit dem Wirthshauſe eine Menge von Liedern und Spaͤßen geerbt, welche als Erbſtuͤcke mit demſelben von Geſchlecht zu Geſchlecht uͤbergehen. Er iſt ein lebendiger kleiner Kerl mit krummen Beinen, einem Schmeerbauche, einem rothen Geſichte, feuch⸗ ten, liſtigen Augen, und einem kleinen Schopfe grauen Haares am Hinterkopfe. Bei der Eroͤffnung einer jeden Clubverſammlung wird er hereingerufen, um ſein„Glaubensbekenntniß“ zu ſingen, oder das beruͤhmte alte Trinklied aus Gevatterin Gurkon's Nadel*). Er ſingt es allerdings mit mancherlei Abaͤnderungen, wie er es von ſeinem Vater gehoͤrt hat, denn es iſt, ſeitdem es gedichtet worden, ein Lieblingslied im„Halb⸗Mond und Traube“ ge⸗ weſen; ja er behauptet, daß ſeine Vorfahren oft die Ehre gehabt haͤtten, es, bei Weihnachts⸗ Mum⸗ mereien, vor dem Adel und dem hohen Publikum zu ſingen, als Klein⸗Britannien noch in ſeinem vollen Glanze war**). N* *) Einem alten Schauſpiele von John Still, aus der Mitte des ſechszehnten Jahrhunderts. Gammer Gurton, worüber man ſich ſo viel geſtritten hat, iſt weiter nichts⸗ als commère. Ueberſ. **) Da den meiſten von meinen Leſern das Glaubensbe⸗ 125 3 Es wuͤrde Einem wohlthun, an einem Klubabend das Freudengeſchrei, die Bruchſtuͤcke von Liedern, kenntniß des Wirths zum halben Monde unbekannt ſeyn mochte, und es als ein Pröbchen der gäng und geben Lieder in Klein⸗Britannien dienen kann, ſo füge ich es hier mit ſeiner urſprünglichen Rechtſchreibung bei. Ich muß hiebei bemerken, daß der ganze Klub immer mit ei⸗ nem furchtbaren Getrommel auf den Tiſch und dem Geklap⸗ per der zinnernen Kannen den Chor macht. Der Speiſe mag ich nicht zu viel, Mein Magen iſt nur ſchlecht, Doch trinke ich mit Jedem noch, Der eine Kappe trägt⸗ Geh' ich gleich bloß, ſo acht' ich's nicht, Denn mir iſt nimmer kalt, Ich hab' den Bauch mir vollgeſtopft Mit Ale, gut und alt. Chor. Seit' und Rücken bloß, ja bloß, Fuß und Hand ſey'n kalt. Doch der Bauch, Gott geb' ihm nur Ale genug, Es ſey nun jung oder alt. »„ Mein Braten iſt geröſtet Brot, 1*Ein Apfel auf dem Herd; Lin wenig Brot mir ſchon genügt, Nie hab⸗ ich viel begehrt. A Kein Froſte kein Schnee, kein Wind mich ſchreckt, 8 85 Und weht' er mit Gewalt, Denn ich bin durch und durch erwärmt Von Ale gut und alt. Chor. 4 Seit: nd Rücken bloß, ja bloß u. ſ. w. 4 4 Und, Tyb*), mein Weib, die gar zu gern Nach gurem Ale geht, *) Wahrſcheinlich eine Abkürzung für Tabitha. Ueberſ. 126 und dann und wann den lauten Chor eines halben Dutzends mißtoͤnender Stimmen zu hoͤren, welche aus dieſem luſtigen Hauſe erſchallen. Zu ſolcher Zeit iſt die ganze Straße mit Zuhoͤrern beſetzt, de⸗ nen dieß eben ſo viel Vergnuͤgen macht, als ob ſie in einen Conditorladen guckten, oder die Daͤmpfe aus einer Garkuͤche einathmeten. Es giebt zwei alljaͤhrlich wiederkehrende Ereig⸗ niſſe, welche in Klein⸗Britannien große Bewegung und Aufſehen machen. Der St. Bartholomaͤus⸗ Markt und der Lord⸗Mayor's⸗Tag*). Waͤhrend der Dauer des Marktes, welcher in der benachbar⸗ Die trinkt ſo lang', bis ihr zuletzt Das Aug' voll Waſſer ſteht. Dann reicht ſte mir den Krug wol zu, So wie ein Trinker †) thut, und ſagt: mein Kind, ich trank mein Theil Vom Ale alt und gut. Chor. Seit' und Rücken bloß, ja bloß u. ſ. w. So laßt ſie dabei, bis ſie eingenickt, Wie's tapfre Zecher thun. Sie ſollen herzlich ſelig ſeyn; Gut Ale macht gut ruhn. Und Jeden, der beim Kruge ſitzt, Und kreiſen läßt den Trunk, Sott ſegne ſie, ſo Mann und Weib, Sie alle, alt und jung. *) 24. Aug. und 9. November. Ueberſ. +) Im Original ſteht, a malt-worm, ein Malzwurm, der gern Getränk aus Malz trinkt; ein Trinker. Ueberſ. — 127 ten Gegend von Smithfield gehalten wird, hoͤrt man nichts als Geklatſch, und ſieht nichts als Um⸗ herſchlenterer. Die ſonſt ſo ruhigen Straßen von Klein⸗Britannien ſind mit einer Menge von frem⸗ den Geſtalten und Geſichtern bedeckt, und jedes Wirthshaus wird zum Schauplatz von Getuͤmmel und Schwelgerei. Morgens, Abends und Nachts hört man Fiedeln und Geſang aus dem Schenkzim⸗ mer, und an allen Fenſtern ſieht man Gruppen lu⸗ ſtiger Geſellen mit halbgeſchloſſenen Augen, den Hut auf die eine Seite geſetzt, die Pfeife im Munde, den Krug in der Hand, wie ſie taͤndeln und ſchwoͤ⸗ gen und leichtfertige Lieder bei ihrem Getraͤnk ſin⸗ gen. Selbſt die beſonnene Zucht und Sitte haͤus⸗ licher Familien— welche, wie ich ſagen muß, zu an⸗ deren Zeiten von meinen Nachbarn ſehr ſtrenge beob⸗ achtet wird— haͤlt gegen dieſe Saturnalien nicht Stich. Daran, daß man die Dienſtmaͤdchen zu Hauſe behalten koͤnnte, iſt gar nicht zu denken. Ihr Kopf ſchwindelt ihnen von dem Harlekin und dem Puppenſpiel/ den fliegenden Pferden, Signor Po⸗ lito*), dem Feuerſreſſer, dem beruͤhmten Herrn Paap**) und dem Iriſchen Rieſen. Auch die *) Itzt Cross, dem Inhaber der großen Menagerie in Epeter⸗Change. Ueberf⸗ *) Einem Holländiſchen Zwerge, der ſich für Geld ſehen ließ. Ueberſ. 128 Kinder vergeuden all ihr Feſttagsgeld fuͤr Spielzeug und vergoldeten Pfefferkuchen, und erfuͤllen das Haus mit dem Ailliputſchen Laͤrm von Trom⸗ meln, Trompeten und Pfennigspfeifen. Der Lord⸗Mayors⸗Tag iſt indeſſen das große Feſt. Der Lord⸗Mayor wird von den Bewohnern von Klein⸗Britannien fuͤr den groͤßten Machthaber auf Erden, ſeine vergoldete Kutſche mit ſechs Pfer⸗ den als der Gipfel alles menſchlichen Glanzes, und ſein Zug, mit allen Sheriſſs und Aldermaͤnnern in ſeinem Gefolge, als die groͤßte aller irdiſchen Feſt⸗ lichkeiten angeſehen. Wie freuen ſie ſich nicht des Gedankens, daß der Koͤnig ſelbſt nicht in die City kommen darf, ohne erſt an das Thor von Temple⸗ Bar zu klopfen, und den Lord⸗Mayor um Erlaub⸗ niß zu bitten*); denn, wenn er es nicht thaͤte, Himmel und Erde! wer weiß, was das fuͤr Folgen haben wuͤrde! Der Mann in voller Ruͤſtung, wel⸗ cher vor dem Lord⸗Mayor herreitet, hat gemeſſenen Befehl, Jeden niederzuhauen, der ſich gegen die Wuͤrde der City vergeht; und dann der kleine Mann mit der ſammetnen Suppenſchuͤſſel auf dem Kopfe, der an dem Fenſter der Staatskutſche ſitzt, *) Die bekannte Feierlichkeit bei der Lord⸗Mayors⸗ Wahl. Ueberſ. — — 129 unnd das Schwert der Stadt, ſo lang wie eine Lan⸗ zenſtange, in der Hand haͤlt— der tauſend! wenn der einmal das Schwert zieht, ſo iſt die Majeſtaͤt ſelbſt nicht mehr ſicher! Unter dem Schutze dieſes gewaltigen Machtha⸗ bers leben demnach die guten Leute von Klein⸗Bri⸗ tannien in vollkommener Ruhe. Temple⸗Bar iſt eine ſichere Schutzwehr gegen alle Feinde im Lande, und was einen feindlichen Einfall von Außen be⸗ trifft, ſo braucht der Lord⸗Mayor ſich nur in den Tower zu werfen, die Stadtmiliz zuſammen⸗, und das ſtehende Heer der Beef⸗eaters*) zu den Waf⸗ fen zu rufen, und er kann der Welt Trotz bieten! Klein⸗Britannien hat dergeſtalt, in ſeine eige⸗ nen Geſchaͤfte, ſeine Gebraͤuche und Meinungen verſunken, lange als das geſunde Herz dieſer gro⸗ ßen ſchwammartigen Hauptſtadt gebluͤht. Ich ſelbſt betrachte es gern als einen auserkorenen Fleck, wo die Grundſaͤtze eines mannhaften John⸗Bullismus, wie Saatkorn, aufgeſpeichert geblieben ſind, um den *) Eine Abtheilung der königlichen Trabanten, welche im Tower die Wache hat. Sie ſind noch ganz alterthümlich, wie ſie zu Heinrich's VIII. Zeiten waren, gekleidet, und der Name Beef⸗eater(Nindfleiſcheſſer) iſt wahrſcheinlich aus ihrem Franzöſiſchen Titel Buffetier entſtanden, weil ſie bei der Tafel des Königs ihren Platz neben dem Büffet hatten. 3 Ueberſ. 130 Volkscharakter wieder aufzufriſchen, wenn der⸗ ſelbe in Verderb und Entartung verſunken iſt. So habe ich mich auch des allgemeinen Geiſtes der Eintracht gefreut, welcher hier uͤberall herrſcht; denn obgleich hie und da wol einige wi⸗ derſprechende Meinungen zwiſchen den Anhaͤngern des Kaͤſehaͤndlers und denen des Apothekers zur Sprache gekommen ſind, ſo waren dieß doch nur voruͤbergehende Wolken, welche bald verſchwanden. Die Nachbarn kamen freundlich zuſammen, ſchuͤt⸗ telten ſich bei dem Abſchiede die Haͤnde, und ſagten immer nur hinter dem Ruͤcken von einander Boͤſes. Ich koͤnnte ſchöne Beſchreibungen von huͤbſchen Schmaͤuſen liefern, wobei ich gegenwaͤrtig gewe⸗ ſen bin, und wo wir„Alle⸗Vier“*),„Paͤbſtin Jo⸗ hannan,„Tom komm und kitzle mich“, und andere ſchoͤne alte Spiele ſpielten**), und wo wir zuwei⸗ len einen guten Engliſchen Contretanz, nach der Me⸗ lodie: Sir Roger de Coverley*wr) tanzten. Einmal im Jahre pflegten auch die Nachbarn zuſanmen eine ») All fours, ein Spiel, das mit dem Franzöſiſchen Ecarté große Aehnlichkeit hat. Ueberſ. 4**) Päbſtin Johanna, Pope Joan, iſt ein Fartenfpielz das unter den gemeinen Leuten in Deutſchland„der beſte Bauer“ heißt; das andere ein Wewehunsſriet, dwehan ich nicht näher kenne. Ueberſ. 8 2**) Aus Addiſon's Zuſchauer. Ueberſ⸗ Landpartie nach dem Forſt von Epping zu machen. Das Herz wuͤrde Einem gelacht haben, haͤtte man geſehen, wie wir da auf dem Graſe unter den Baͤumen unſer feſtliches Mahl einnahmen. Wie der Wald von dem Gelaͤchter uͤber die Lieder wieder⸗ hallte, die der kleine Wagſtaff und der luſtige Lei⸗ chenkommiſſarius ſangen! Nach dem Eſſen pflegten die jungen Leute Blindekuh und Verſteckens zu ſpie⸗ len, und es war hoͤchſt beluſtigend, zu ſehen, wie ſie ſich in den wilden Roſengebuͤſchen verwickelten, und zu hoͤren, wie zuweilen ein huͤbſches luſtiges Maͤdchen aus dem Gebuͤſch hervorkreiſchte. Die aͤlteren Leute pflegten ſich um den Kaͤſekraͤmer und den Apotheker zu verſammeln, um dieſe von Poli⸗ tik reden zu hoͤren, denn ſie brachten gewoͤhnlich eine Zeitung mit, um ſich auf dem Lande die Zeit zu vertreiben. Zuweilen wurden ſie allerdings et⸗ was hitzig bei ihrem Streit; allein ihre Zwiſtigkei⸗ ten wurden immer durch einen ſchiedsrichterlichen Ausſpruch eines wuͤrdigen alten Paraſolmachers, mit doppeltem Kinn, geſchlichtet, der ſelten genau begriff, wovon die Rede war, und deswegen im⸗ mer auf eine oder die andere Weiſe zu Gunſten Beider zu entſcheiden ſuchte. Alle Reiche ſind indeſſen, wie irgend ein Welt⸗ weiſer oder Geſchichtſchreiber ſagt, den Veraͤnderun⸗ 132 gen und Unwaͤlzungen unterworfen. Prachtliebe und Neuerungsſucht niſten ſich ein, Parteien ent⸗ ſtehen, und Familien erheben ſich dann und wann, deren Ehrgeiz und Raͤnke das ganze Syſtem in Verwirrung bringen. So iſt auch in der letz⸗ ten Zeit die Ruhe von Klein⸗Britannien gewal⸗ tig geſtört, und ſeine goldene Sitteneinfachheit durch die hochſtrebende Familie eines Schlaͤchters, der ſich zur Ruhe geſetzt hat, ſehr bedroht worden.* Die Familie Lamm hatte ſeit langer Zeit zu den bedeutendſten und beliebteſten in der ganzen Gegend gehoͤrt; die Miſſes Lamm waren die Schoͤnen von Klein⸗Britannien, und Jedermann war darmuͤber erfreut, als der alte Lamm Geld genug geſchafft hatte, ſeinen Laden zu ſchließen, und ſeinen Namen auf eine Meſſingplatte an ſeine Thuͤr anzuſchla⸗ gen*). Zu einer boͤſen Stunde hatte es ſich in— deſſen gefuͤgt, daß eine von den Miſſes Lamm die Ehre gehabt hatte, Ehrendame bei der Lady Mayo⸗ reß, bei deren großem jaͤhrlichen Ball, zu ſeyn, bei welcher Gelegenheit ſie drei gewaltige Straußfedern auf dem Kopfe getragen hatte. Das vergaß die Fa⸗ *) Eine allgemeine Sitte in England, da man lackirte Namensſchilder dort nicht kennt. Ueberſ. — 133 milie nie; ſie bekamen ſogleich die Liebe zum vor⸗ nehmen Leben, ſchafften einen Einſpaͤnner an, lie⸗ ßen dem Laufjungen ein Stuͤck goldene Treſſe um den Hut ſetzen, und ſind ſeitdem in der ganzen Nachbarſchaft in Gerede und Verachtung gekom⸗ men. Sie waren nicht mehr dazu zu bewegen, Paͤbſtin Johanna oder Blindekuh zu ſpielen, konn⸗ ten keine Taͤnze weiter, als Quadrillen, leiden, wo⸗ von kein Menſch in Klein⸗Britannien je etwas ge⸗ hoͤrt hatte, ſingen an Romane zu leſen, ſchlecht Franzoͤſiſch zu reden, und das Pianoforte zu ſpie⸗ len. Auch ihr Bruder, der bei einem Advokaten in die Lehre gegeben war, wurde ein Stutzer und Recenſent, etwas, das man hier zu Lande gar nicht gekannt hatte, und machte die ehrlichen Leute ganz verwirrt mit ſeinen Reden von Kean, der Oper und dem„Edinbro'“ Review. Was aber noch aͤrger war, ſo gaben Lamms einen großen Ball, zu welchem ſie nicht einen ein⸗ zigen von ihren alten Nachbarn einluden; dagegen hatten ſie aber eine große Menge von Leuten von Ton aus Theobalds⸗Road, Redlion⸗Square*) und *) Gegenden der Stadt, die zwar weſtlich von Temple⸗ Bar, außerhalb der Grenzen der City(nördlich von der Hauptſtraße Holborn), liegen, deshalb aber keinesweges zu den Modetheilen der Stadt gerechnet werden. Ueberf. 134— anderen Gegenden nach dem weſtlichen Ende der Stadt hin. Es waren mehrere junge Modemaͤnner von ihres Bruders Bekanntſchaft aus Gray's⸗ Inn⸗ Lane und Hatton⸗Garden*) da, und nicht weniger als drei Frauen von Aldermaͤnnern mit ihren Toͤch⸗ tern. Das konnte weder vergeſſen noch vergeben werden. Ganz Klein⸗Britannien war in Bewe⸗ gung uͤber das Knallen der Peitſchen, das Schlagen der elenden Pferde, und das Raſſeln und Klappern der Fiaker. Die Klatſchſchweſtern aus der Nach⸗ barſchaft ſahen, in ihren Nachtmuͤtzen, aus allen Fenſtern, und beobachteten die gebrechlichen Fuhr⸗ werke, wie ſie vorbeirumpelten, und ein Haufe gif⸗ tiger alter Gevatterinnen guckte aus einem Hauſe, das dem des ehemaligen Schlaͤchters gerade gegen⸗ uͤber lag, und bemaͤkelte und beurtheilte Jeden, der an die Thuͤr pochte. Dieſer Ball gab beinahe zu einem effenen Kriege Anlaß, und die ganze Nachbarſchaft erklaͤrte itzt, daß ſie nichts mehr mit den Lamms zu thun haben wolle. Es iſt wahr, daß Mrs. Lamm, wenn ſie nicht zu ihren vornehmen Bekannten eingeladen war, noch Kinizen ihrer alten Gevatterinnen kleine ) Die erſte Straße Fat ihten Namen nach dem Advo⸗ katenkollegium, an dem ſie, von Holborn aus, htaſäher die andere liegt in der Nähe. Ueberſ. 84 A — — — 135 Hausthees gab, unb zwar„ganz freundſchaftlich“, wie ſie zu ſagen pflegte; auch iſt es eben ſo wahr, daß ihre Einladungen immer angenommen wurden, obgleich man vorher ſich verſchworen hatte, dieß nie mehr zu thun. Ja, die guten Damen ſaßen da, ergetzten ſich an der Muſik, welche die Miſſes Lamm machten, die ſich dann wol herab⸗ ließen, ihnen ein Iriſches Lied auf dem Piano vor⸗ zutrommeln, und hoͤrten mit bewundrungswuͤrdiger Theilnahme Mrs. Lamm's Anekdoten von Alder⸗ man Plunket's Familie aus Portſoken⸗Ward*) und von den Miſſes Timberlake, den reichen Er⸗ binnen aus Crutched⸗Friars**) an; erleichterten aber nachher ihr Gewiſſen, und wandten die Vor⸗ wuͤrfe ihrer Verbuͤndeten dadurch ab, daß ſie bei der naͤchſten Klatſchverſammlung Alles erzaͤhlten, was vorgegangen war, und an den Lamms und ihrem Ball kein gutes Haar ließen. Dcer einzige aus der Familie, den man nicht recht in die Modeform bringen konnte, war der alte **) Eines von den 26 Wards oder Stadtvierteln, worin die City getheilt iſt, und wovon jedes einen Alderman wählt. Ueberſ. 4 *¹) Crutched friars, ein aus Crossed friars(Kreus⸗ brüder) verdorbener Name einer Straße unweit des To⸗ wer. Jene Kreuzbrüder, ein aus Italien gekommener Mönchsorden, hatten hier ihr Kloſter. Ueberſ. 6 136 Schlaͤchter ſelbſt. Der ehrliche Lamm war, un— geachtet ſeines ſanften Namens, ein rauher, derber alter Kerl mit einer Loͤwenſtimme, einem Schopf ſchwarzen Haars, wie eine Schuhbuͤrſte und einem breiten Geſichte, das ſo geſprenkelt wie ſein Rind⸗ fleiſch war. Vergebens ſprachen die Toͤchter von ihm immer als von„dem alten Herrn“, redeten ihn, mit unendlich ſanftem Tone, als„Papa“ an, und ſuchten ihn dahin zu bringen, einen Schlafrock und Pantoffeln anzuziehen, und andere Sitten der Art, wie ſie Leute von Ton haben, anzunehmen. So viel Muͤhe ſie ſich aber auch gaben, ſo war der alte Schlaͤchter doch nicht auszutreiben. Seine kraͤftige 1 Natur ſetzte ſich uͤber alle ihre Gloſſen hinweg. Er hatte eine derbe, gemeine Laune, die unbeſiegbar war. Seine Spaͤße zwangen ſeinen empfindſamen Toͤchtern immer einen Schauder ab, und er beſtand darauf, des Morgens ſeinen Rock von blauem Baumwollenzeuge zu tragen, um zwei Uhr zu Mit⸗ tag zu eſſen, und„ein Stuͤckchen Wurſt zum Thee zu genießen.“ 4 Dennoch konnte auch er der Ungnade, in welche ſeine Familie gefallen war, nicht entgehen. Er fand, daß ſeine alten Kameraden allmaͤhlig kalt und abgemeſſen gegen ihn wurden, nicht laͤnger uͤber ſeine Spaͤße lachten, und dann und wann ein Wort 8 ——ᷓᷓ;ᷓ;— — — 137 uͤber„dergleichen Leute“, und einen Wink uͤber „Vornehmthun“ fallen ließen. Dieß aͤrgerte und kraͤnkte den ehrlichen Schlaͤchter; ſeine Frau und ſeine Toͤchter aber benutzten, der feinen Politik des liſtigern Geſchlechts gemaͤß, dieſen Umſtand, und bewogen ihn am Ende, ſeine Nachmittagspfeife und ſeinen Krug bei Wagſtaff aufzugeben, nach Tiſch allein zu ſitzen, ſeine Pinte Portwein zu trinken — ein Getraͤnk, das er nicht leiden konnte— und in ſeinem Armſtuhl in einſamer und trauriger Vor⸗ nehmheit ſeinen Mittagsſchlaf zu halten. Itzt ſah man die Miſſes Lamm in Franzoͤſiſchen Hauben, mit unbekannten jungen Modemaͤnnern auf den Straßen umherflittern, wobei ſie ſo laut „ſprachen und lachten, daß jede ehrliche Frau, die ſie hörte, Nervenzufäͤlle bekam. Ja, ſie gingen ſo⸗ gar ſo weit, Jemanden zu protegiren, und veran⸗ laßten einen Franzoͤſiſchen Tanzmeiſter, ſich in der Gegend niederzulaſſen; allein die wuͤrdigen Be⸗ wohner von Klein⸗Britannien fingen Feuer dar⸗ uͤber, und verfolgten den armen Franzmann ſo un⸗ barmherzig, daß er Fiedel und Tanzſchuhe zuſam⸗ menpacken mußte, und ſich ſo eilig davon machte, daß er ſogar vergaß, die Zimmermiethe zu be⸗ zahlen. Ich hatte mir Anfangs mit dem Gedanken ge⸗ ſchmeichelt, daß dieſe lebhafte Erbitterung von Sei⸗ ten des Gemeinweſens nur von dem Uebermaße ſei⸗ nes Eifers fuͤr die Aufrechterhaltung guter alter Engliſcher Sitte, und von ſeinem Abſcheu gegen alle Neuerungen herruͤhre, und ich gab der ſchwei⸗ genden Verachtung, welche ſie ſo heftig gegen Gluͤcks⸗ pilz⸗Stolz, Franzoͤſiſche Moden und die Miſſes Lamm ausſprachen, meinen vollen Beifall. Leider muß ich aber ſagen, daß die Krankheit bald um ſich griff, und daß meine Nachbarn, nachdem ſie jenes Bei⸗ ſpiel geſchmaͤht, es nachzuahmen anfingen. So hoͤrte ich, wie meine Wirthin ihren Mann be⸗ ſtuͤrmte, daß er doch die Toͤchter nur ein Viertel⸗ jahr lang Franzoͤſiſch und Muſik lernen laſſen, und ihnen erlauben möchte, einige wenige Tanzſtunden zu nehmen, um Quadrillen tanzen zu lernen. Ja, ich ſah, einige Sonntage darauf, nicht weniger als fuͤnf Franzoͤſiſche Hauben, gerade wie die der Miſ⸗ ſes Lamm, in Klein⸗Britannien umherſtolziren. Noch naͤhrte ich jedoch die Hofſnung, daß alle dieſe Thorheiten ſich nach und nach verlieren, daß die Lamms aus der Gegend wegziehen, ſterben oder mit Advokatenſchreibern durchgehen wuͤrden, und daß die Ruhe und Einfalt in das Gemeinwe⸗ ſen wieder zuruͤckkehren wuͤrde. Ungluͤcklicherweiſe entſtand indeß eine zweite Macht, ein reicher Oel⸗ 139 haͤndler ſtarb, und hinterließ eine Wittwe mit einem großen Wittwenthum, und eine Familie von mehreren drallen Töchtern. Die jungen Damen hatten ſchon lange ſich insgeheim uͤber die Spar⸗ ſamkeit ihres klugen Vaters geaͤrgert, welche alle ihre Beſtrebungen nach aͤußerem Glanz vereitelte. Ihr Ehrgeiz, der nun kein Hinderniß mehr hatte, brach nun in lichte Flammen aus, und ſie ſtanden itzt oͤffentlich gegen die Familie des Schlaͤchters auf. Natuͤrlich hatten die Lamms, da ſie zuerſt angefangen, auch einen Vorſprung vor ihnen auf der Modelauf⸗ bahn. Sie konnten etwas ſchlecht Franzoͤſiſch re⸗ den, das Piano ſpielen, Quadrillen tanzen, und hatten vornehme Bekanntſchaften; aber die Trot⸗ ters ließen ſich davon nicht abſchrecken. Wenn die Lamms eine Feder auf ihren Huͤten trugen, ſo er⸗ ſchienen die Miſſes Trotter mit vieren, und von noch einmal ſo ſchoͤner Farbe. Wenn die Lamms einen Ball gaben, ſo blieben die Trotters nicht zu⸗ ruͤck, und wenn ſie gleich nicht ſo ausgeſuchte Ge⸗ ſellſchaft hatten, ſo war ſie doch doppelt ſo zahlreich und noch einmal ſo luſtig. Das ganze⸗Gemeinweſen hat ſich endlich, unter den Fahnen dieſer beiden Familien, in zwei Mo⸗ departeien getheilt. Die alten Spiele: Paͤbſtin Johanna, und: Tom komm und kitzle mich, ſind 140 gaͤnzlich abgeſchafft, an einen ehrlichen Contretanz iſt gar nicht mehr zu denken, und als ich es wagte, am vergangenen Weihnachten eine junge Dame unter der Miſtel zu kuͤſſen, ward ich mit Unwillen zuruͤck⸗ gewieſen, da die Miſſes Lamm erklaͤrt hatten, das ſey„entſetzlich gemein“. So iſt auch ein heftiger Streit daruͤber ausgebrochen, welches der modiſchſte Theil von Klein⸗Britannien ſey. Die Lamms er⸗ klaͤren ſich naͤmlich fuͤr Cross-Keys⸗Square, waͤh⸗ rend die Trotters fuͤr die Gegend von St. Bar⸗ tholomaͤus fechten*). So wird dieſer kleine Raum von Parteiungen und innerem Zwieſpalt zerriſſen, wie das große Reich, deſſen Namen er traͤgt, und was der Er⸗ folg davon ſeyn wird,— das wuͤrde ſelbſt der Apo⸗ theker, ſeines großen Talents fuͤr Vorausſagungen ungeachtet, nicht zu beſtimmen im Stande ſeyn. Ich fuͤhle indeſſen, daß es ſich mit dem gaͤnzlichen Untergange des aͤchten John⸗Bullismus endigen wird. Die unmittelbaren Wirkungen dieſes Zwieſpalts ſind fuͤr mich ſehr unangenehm. Da ich ein einzelner Mann, und, wie ich ſchon vorher bemerkt habe, *) d. h. Bartholomew⸗Cloſe. Die ganze Gegend von Cloth⸗Fair bis Little⸗Britain. Ueberſ. 141 etwas ein muͤſſiger nichtsnutzer Menſch bin, ſo hat man mich immer fuͤr den einzigen Gentleman von Profeſſion in der Gegend angeſehen. Ich ſtehe daher bei beiden Parteien in großer Gunſt, und muß ihren Kabinets⸗Berathungen und ihren beider⸗ ſeitigen Verunglimpfungen zuhören. Da ich zu hoͤflich bin, um nicht bei allen Gelegenheiten der Meinung der Damen zu ſeyn, ſo habe ich mich da⸗ durch, daß ich immer auf die Gegner ſchmaͤhe, bei beiden Parteien ganz heillos compromittirt. Mit meinem Gewiſſen, das ungemein gefuͤgig iſt, koͤnnte ich mich daruͤber wol einigen, aber meine Beſorg⸗ niß laͤßt mir keine Ruhe:— wenn die Lamms und Trotters ſich je vereinigen, und ſich gegen⸗ ſeitig erklaͤren ſollten, ſo bin ich ein geſchlagener Mann! Ich habe mich daher entſchloſſen, itzt, wo es noch Zeit iſt, meinen Ruͤckzug anzutreten, und ſehe mich nach einem andern Neſte in dieſer großen S Stadt um, nach einem Ort, wo die alten Engliſchen Sit⸗ ten noch beobachtet werden, wo man nicht Fran⸗ zoͤſiſch ißt, trinkt, tanzt oder redet, und wo es keine Modefamilien von Handwerkern, die ſich zur Ruhe geſetzt haben, giebt. Sobald ich ein ſolches gefun⸗ den habe, will ich, wie eine ergraute Ratte, mich davonmachen, ehe mir das alte Haus uͤber dem Kopfe 142— zuſammenſtuͤrzt, meinem gegenwaͤrtigen Wohnorte ein langes und wehmuͤthiges Lebewohl ſagen, und es den beiden Parteien der Lamms und Trotters uͤberlaſſen, ſich in das zerriſſene Reich von Klein⸗ Britannien zu theilen. „ Stratford am Avon. — Sanftſtrömender Avon, bei deß ſilberner Pracht Unſterbliches einſt unſer Shakſpeare gedacht: Sein Lager umtanzen bei Mondlicht die Fee'n, Denn der Raſen iſt heilig, der ihn ruhen geſeh'n. Garrik(Ode auf Shakſpeare). — Fär einen heimathloſen Menſchen, der keinen Fleck auf dieſer weiten Erde hat, den er wahrhaft ſein eigen nennen koͤnnte, giebt es ein augenblickliches Gefuͤhl von einer Art von Unabhaͤngigkeit und grundherrlicher Bedeurſamkeit, wenn er, nach einer muͤhſeligen Tagesreiſe, ſeine Stiefeln von ſich ſchleu⸗ dert, die Fuͤße in die Pantoffeln ſteckt, und ſich nun vor dem Kaminfeuer im Gaſthofe hinſtreckt. Die Welt mag treiben, was ſie will, Koͤnigreiche moͤ⸗ gen entſtehen oder untergehen: ſo lange er noch Geld genug hat, um ſeine Rechnung zu bezahlen, iſt er, für den Augenblick, der wahre Alleinherr⸗ ſcher alles deſſen, was er um ſich ſieht. Der Lehn⸗ 144 ſtuhl iſt ſein Thron, das Schuͤreiſen ſein Scepter, und das kleine Zimmer, von etwa zwoͤlf Fuß ins Gevierte, ſein unbeſtrittenes Reich. Es iſt ein ſicheres Bruchſtuͤck, mitten aus den Unzuverlaͤſſig⸗ keiten dieſes Lebens herausgeriſſen, es iſt ein ſonni⸗ ger Blick, welcher an einem bewoͤlkten Tage freund⸗ lich hervorleuchtet, und wer ſchon eine ziemliche Strecke auf dem Pilgerpfade des Lebens vorgeſchrit⸗ ten iſt, weiß, wie wichtig es iſt, ſelbſt mit Bruch⸗ ſtuͤcken in Augenblicken des Genuſſes hauszuhalten. „Soll ich in meinem Gaſthofe nicht thun, was mir beliebt?“ dachte ich bei mir ſelbſt, indem ich das Feuer aufſchuͤrte, mich in meinen Armſeſſel zuruͤcklehnte, und einen wohlgefaͤlligen Blick um mich her auf das kleine Zimmer im„rothen Roſſe“ in Stratford am Avon*) warf. Jene Worte unſers lieben Shakſpeare ka⸗ men mir gerade in den Sinn, als die Thurmuhr der Kirche, worin er begraben liegt, die Stunde der Mitternacht verkuͤndigte. Es ward leiſe an meine Thuͤr geklopft, und ein artiges Hausmaͤdchen, die ihr freundliches Geſicht in die Thuͤre ſteckte, fragte zoͤgernd, ob ich geklingelt haͤtte. Ich legte dies als einen ———— 1 *) Dem Geburtsorte Shak ſpeare's. Ueberſ. — 145 einen beſcheidenen Wink aus, daß es Zeit ſey, zu Bett zu gehen. Mein Traum von unbedingter Herrſchaft war voruͤber, und ſo entſagte ich denn, wie ein kluger Machthaber, meinem Throne, um nicht abgeſetzt zu werden, nahm„den Fuͤhrer durch Stratford“ unter den Arm, um mich ſeiner als Geſellſchaft unter dem Kopfkiſſen zu bedienen, ging zu Bett und traͤumte die ganze Nacht von Shak⸗ ſpeare, dem Jubilaͤum und David Garrick*). Der naͤchſte Morgen war einer von jenen bele⸗ benden Morgen, deren es zuweilen in der erſten Zeit des Fruͤhlings giebt, denn es war itzt ungefaͤhr die Mitte des Maͤrz. Die Kaͤlte eines langen Winters war ploͤtzlich gewichen, der Nordwind hatte ſeinen letzten Hauch von ſich gegeben, und ein mil⸗ des Luͤftchen kam ſanft von Weſten, hauchte der Natur neues Leben ein, und lockte jede Knospe und Bluͤte hervor, ihren Duft zu verbreiten und ihre Schoͤnheit zu entfalten. *) Garrick hatte nämlich den Plan gemacht, Shakſpea⸗ re'’s Jubiläum ſeinen Geburkstag(23. April 1564) feierlich in Stratford zu begehen, und dazu ein eigenes Stück geſchrie⸗ ben, worin alle Charaktere aus Shakſpeare's Schauſpielen in einem großen Zuge einherziehen. Das Unternehmen kam indeß nicht zu Stande; das Stück ſelbſt ward jedoch auf dem Theater von Drury⸗Lane in London aufgeführt, und erhielt großen Beifall. Ueberſ. Skizzenbuch II. G 146 Ich war zu einer poetiſchen Wallfahrt nach Stratford gekommen. Mein erſter Beſuch galt dem Hauſe, wo Shakſpeare geboren, und wo er, der Sage nach, zu ſeines Vnters Gewerbe, dem Wol⸗ lekaͤmmen, erzogen wurde. Es iſt ein kleines, ſchlechtausſehendes Haus von Holz und Kalk, ein wahres Neſt fuͤr das Genie, das ſeine Abkoͤmmlinge gern in abgelegenen Winkeln auszubruͤten ſcheint. Die Mauern ſeiner ſchmuzigen Zimmer ſind mit Namen und Inſchriften in allen Sprachen, von Pilgrimen aller Nationen, Staͤnde und Verhaͤlt⸗ niſſe, vom Fuͤrſten bis zum Bauer herab, bedeckt, und geben ein einfaches, aber auffallendes Beiſpiel von der freiwilligen und allgemeinen Huldigung der Menſchheit gegen den großen Dichter der Natur. Das Haus wird von einer geſchwaͤtzigen alten Frau, mit einem erfroren ausſehenden rothen Geſicht, einem Paar kalter, begieriger blauer Au⸗ gen, umgeben mit kuͤnſtlichen Locken von Flachshaar, welche ſich unter einer ungemein ſchmuzigen Nacht⸗ muͤtze hervordraͤngen, gezeigt. Sie war ganz beſon⸗ ders geſchaͤftig, uns die Reliquien vorzuweiſen, deren dieß Haus, wie alle beruͤhmten Schreine, eine Menge beſitzt. Da war der zerſplitterte Schaft der Flinte zu ſehen, womit Shakſpeare, bei ſeinen Wild⸗ 147 diebereien, den Hirſch ſchoß*). Da war auch ſeine Tabaksdoſe, aus der hervorgeht, daß er wie Sir Walter Raleigh rauchte; auch der Degen, wo⸗ mit er den Hamlet ſpielte, und dieſelbe Laterne, wo⸗ mit der Bruder Lorenz Romeo und Julie am Grabe fand! So war auch reicher Vorrath von Shak⸗ ſpeare's Maulbeerbaum vorhanden, der die Gabe der Vervielfaͤltigung in eben dem Grade zu beſitzen ſcheint, wie das wahre Kreuz, von dem ſo viel vorhanden iſt, daß man ein Linienſchiff daraus bauen koͤnnte. Der Lieblingsgegenſtand der Neugierde iſt indeſ⸗ ſen Shakſpeare's Stuhl. Er ſteht in der Kamin⸗ Ecke eines kleinen duͤſtern Stuͤbchens, dicht hin⸗ ter der, welche ſeines Vaters Laden war. Hier mag er manches Mal geſeſſen haben, wenn er, als Knabe, den ſich langſam umdrehenden Brat⸗ ſpieß mit all' dem ſehnſuͤchtigen Verlangen ei⸗ nes Buben betrachtete; oder wenn er am Abend, den Gevatterinnen und Klatſchſchweſtern in Strat⸗ ford zuhoͤrte, wie ſie Kirchhofsgeſchichten und Sagen von den unruhigen Zeiten in England er⸗ zaͤhlten. Jeder, der das Haus beſucht, pflegt ſich auch in dieſen Stuhl zu ſetzen, ob nun vielleicht in der *) Drake's Shakspeare and his times. Vol. I. p. 401. Ueberſ. G 2 148— Hoffnung, dadurch etwas von der Begeiſterung des Barden zu erben, weiß ich nicht; ich erwaͤhne nur der Thatſache, und die Wirthin verſicherte mich aus⸗ druͤcklich, der Eifer der Glaͤubigen waͤre ſo groß, daß, obgleich der Stuhl von feſtem Eichenholze gebaut ſey, er doch wenigſtens alle drei Jahre einen neuen Sitz bekommen muͤſſe. Bei der Ge⸗ ſchichte dieſes außerordentlichen Stuhles muß auch bemerkt werden, daß er etwas von der fluͤchtigen Natur des heiligen Hauſes von Loretto oder dem fliegenden Seſſel des Arabiſchen Zauberers an ſich hat; denn obgleich er erſt vor einigen Jahren an eine nordiſche Fuͤrſtin verkauft worden, ſo hat er doch, wunderbarer Weiſe, ſich wieder in die alte Kamin⸗Ecke zuruͤck verſetzt. Ich bin bei allen ſolchen Dingen immer ſehr leichtglaͤubig, und laſſe mich leicht betruͤgen, wo der Betrug angenehm iſt und nichts koſtet. Deswe⸗ gen glaube ich leicht an Reliquien, Legenden und an oͤrtliche Anekdoten von Geſpenſtern und großen Leuten, und wuͤrde Allen, die zu ihrem Vergnuͤgen reiſen, rathen, denſelben Glauben anzunehmen. Was geht es uns an, ob dieſe Geſchichten wahr oder falſch ſind, ſo lange wir ſelbſt gern daran glauben und des ganzen Zaubers der Wirklichkeit genießen? Es geht nichts uͤber entſchiedene, gut⸗ 149 muͤthige Leichtglaͤubigkeit in allen dieſen Dingen, und ich ſelbſt ging bei dieſer Gelegenheit ſo weit, daß ich den Anſpruͤchen der Wirthin auf eine gerade Abſtammung von dem Dichter gutmuͤthig Glauben beimaß, bis ſie, ungluͤcklicherweiſe, mir ein Schauſpiel, das ſie ſelbſt verfertigt, uͤbergab, welches allen Glauben an ihre Verwandtſchaft bei mir wankend machte⸗ Von Shakſpeare's Geburtshauſe brachten mich nur wenige Schritte zu ſeinem Grabe. Er liegt im Chore der Pfarrkirche, eines großen und ehr⸗ wuͤrdigen Gebaͤudes, begraben, das vor Alter ſchon zu vermodern anfaͤngt, aber noch reich verziert iſt. Es ſteht an den Ufern des Avon, auf einer ſchat⸗ tigen Stelle, und wird durch angrenzende Gaͤrten von den Vorſtaͤdten des Orts geſchieden. Ihre Lage iſt ruhig und einſam, der Fluß ſließt mur⸗ melnd am Fuße des Kirchhofes dahin, und die Ul⸗ men, welche an ſeinen Ufern wachſen, tauchen ihre Zweige in ſeinen klaren Buſen. Eine Allee von Linden, deren Zweige eigenthuͤmlich in einander ver⸗ ſtrickt ſind, ſo daß ſie im Sommer einen Bogen⸗ gang von Laub bilden, fuͤhrt von dem Thore des Kirchhofes bis zur Kirchthuͤr. Die Graͤber ſind mit Gras uͤberwachſen; die grauen Grabſteine, von denen einige halb in die Erde geſunken waren, ſind 150 halb mit Moos bedeckt, welches gleichermaßen das ehrwuͤrdige alte Gebaͤude uͤberzogen hat. Kleine Voͤ⸗ gel haben ihre Neſter zwiſchen den Karnieſen und Spalten der Mauer gebaut und flattern und zir⸗ pen beſtaͤndig umher, und Raben fliegen und kraͤch⸗ zen um den grauen Kirchthurm. Auf einem meiner Spazirgaͤnge begegnete ich dem graukoͤpfigen Kuͤſter, und begleitete ihn nach Hauſe, um den Kirchenſchluͤſſel zu bekommen. Er hatte in Stratford von ſeiner Jugend an bis zum achtzigſten Jahre gelebt, und ſchien ſich noch im⸗ mer fuͤr einen kraͤftigen Mann zu halten, mit der kleinen Ausnahme, daß er ſeit einigen wenigen Jahren beinahe des Gebrauchs ſeiner Glieder be⸗ raubt war. Seine Wohnung war eine Huͤtte, welche die Ausſicht auf den Avon und die ihn begrenzen⸗ den Wieſen hatte, und ein Bild der Nettigkeit, Ordnung und Behaglichkeit war, welche in den ge⸗ meinſten Wohnungen in dieſem Lande herrſchen. Ein niedriges, weißgetuͤnchtes Zimmer mit einem ſteinernen, wohlgeſcheuerten Fußboden diente zu- gleich als Wohnzimmer, Kuͤche und Saal. Nei⸗ hen von zinnernen und irdenen Tellern glaͤnzten auf dem Kuͤchenſchranke. Auf einem alten, eichenen, wohlabgeriebenen und polirten Tiſche lag die Fami⸗ lienbibel und das Gebetbuch, und in dem Schubka⸗ 151 ſten die Familienbibliothek, welche aus etwa zehn wohldurchleſenen Baͤnden beſtand. Eine altfraͤnkiſche Stubenuhr, dieſer bedeutende Theil des Ameuble⸗ ments einer laͤndlichen Wohnung, tickte an der ent⸗ gegengeſetzten Seite des Zimmers, eine glaͤnzende Waͤrmpfanne hing auf der einen Seite derſelben, und des alten Mannes Sonntagsrohr mit hoͤrner⸗ nem Griff, auf der andern. Der Kamin war, wie gewoͤhnlich, breit und tief genug, uns zwiſchen ſeine Pfeiler aufzunehmen. In einer Ecke ſaß des alten Mannes Enkelin, ein huͤbſches, blauaͤugiges Maͤd⸗ chen, und naͤhte, in der entgegengeſetzten ein alter, verjaͤhrter Spießgeſell, den der Kuͤſter als John Ange anredete, und der, wie ich fand, von Kind⸗ heit an ſein Geſellſchafter geweſen war. Sie hat⸗ ten als Knaben mit einander geſpielt, als Maͤnner zuſammen gearbeitet, wankten und ſchwatzten nun den Abend des Lebens mit einander durch, und werden wahrſcheinlich, in kurzer Zeit, neben einan— der auf dem benachbarten Kirchhofe beerdigt wer⸗ den. Es geſchieht nicht oft, daß wir zwei Lebens⸗ laͤufe ſo gleichfoͤrmig und ruhig neben einander da⸗ hinſtroͤmen ſehn, und man kann ſie nur in ſo ru⸗ higen„Schoosgegenden“ des Lebens finden. Ich hatte gehofft, von dieſen alten Chroniken einige Ueberlieferungsanekdoten uͤber den Barden einzuſammeln, allein ſie konnten mir nichts Neues mittheilen. Der lange Zwiſchenraum, waͤhrend deſſen Shakſpeare's Schriften einigermaßen ver⸗ nachlaͤſſigt worden ſind, hat einen Nebel uͤber ſeine Geſchichte verbreitet, und es iſt ein gutes oder boͤſes Geſchick, daß ſeinen Lebensbeſchreibern kaum eine Handvoll Vermuthungen uͤbrig geblieben iſt. Der Kuͤſter und ſein Gehuͤlfe hatten als Zim⸗ merleute an den Zuruͤſtungen zu dem beruͤhmten Jubilaͤum in Stratford gearbeitet, und erinnerten ſich noch Garrick's, des erſten Anſtifters des Fe⸗ ſtes, welcher die Anſtalten dazu leitete, und, nach der Ausſage des Kuͤſters,„ein kurzer, dicker, ſehr lebendiger und ruͤhriger Mann“ war. John Ange hatte auch bei dem Umhauen von Shakſpeare's Maulbeerbaum geholfen, wovon er ein Stuͤck zum Verkauf in der Taſche hatte, ohne Zweifel ein gro⸗ ßes Befoͤrderungsmittel litterariſcher Gedanken⸗ bildung. Es ging mir ſehr nahe, dieſe beiden wuͤrdigen Leute ſo zweideutig uͤber die beredte Frau, welche das Haus Shakſpeare's zeigt, reden zu hoͤren. John Ange ſchuͤttelte den Kopf, als ich ihrer werth⸗ vollen und unerſchoͤpflichen Sammlung von Reliquien, und namentlich ihrer Ueberbleibſel des Maulbeer⸗ baumes, erwaͤhnte, und der alte Kuͤſter aͤußerte ſo⸗ 153 gar einen Zweifel, ob Shakſpeare in ihrem Hauſe geboren ſey. Ich merkte bald, daß er ihr Haus mit ſcheelen Augen anſah, als ob es dem Grabe des Dichters den Rang ablaufen wolle, welches letztere verhaͤltnißmaͤßig nur von Wenigen beſucht wurde. So weichen Geſchichtſchreiber gleich Anfangs von einander ab, und die bloßen Kieſel machen, daß ſchon an der Quelle ſelbſt der Strom der Wahr⸗ heit ſich verſchiedene Betten bahnt. Wir begaben uns nach der Kirche durch den Lindengang, und traten zu einem gothiſchen, reich verzierten, und mit Thuͤren von maſſivem Eichen⸗ holze verſehenen Portale ein. Das Innere iſt ge⸗ raͤumig, und Bauart und Verzierungen bei wei⸗ tem ausgezeichneter, als man ſie in den meiſten Kirchen auf dem Lande findet. Mehrere alte Denk⸗ male von Adeligen und Leuten von Stande, einige mit Wappenſchildern und Fahnen daruͤber, welche in Stuͤcken an den Waͤnden hangen, ſind darin. Shakſpeare's Grab befindet ſich im Chore. Der ganze Ort iſt feierlich und grabmaͤßig. Hohe Ul⸗ men ſchwanken vor den ſpitzigen Fenſtern, und der Avon, welcher in einer kleinen Entfernung von den Mauern dahinfließt, bewegt ſich mit einem beſtaͤndigen dumpfen Gemurmel. Ein einfacher Grabſtein bezeichnet den Ort, wo der Barde ruht. 154— Es ſtehen vier Zeilen darauf, die er ſelbſt verfaßt haben ſoll, und die ungemein erſchuͤtternd klingen. Wenn ſie wirklich von ihm ſelbſt herruͤhren, ſo zeu— gen ſie von der Angelegentlichkeit um die Ruhe im Grabe, welche allen feinfuͤhlenden und denkenden Ge⸗ muͤthern eigen zu ſeyn ſcheint. Laß, Freund, um Jeſu willen, Du Den Staub, den dieß umſchließt, in Ruh'. Geſegnet ſey, wer dieſen Grabſtein ehrt; Doch der verflucht, der meine Aſche ſtört. Dicht uͤber dem Grabe ſteht, in einer Niſche in der Mauer, Shakſpeare's Buͤſte, welche kurz nach ſeinem Tode aufgeſtellt worden iſt, und fuͤr ſehr aͤhnlich gehalten wird. Das Geſicht iſt angenehm und heiter, und die Stirn ſchoͤn gebogen, und mich duͤnkte, daß ich auf demſelben ſehr deutlich die An⸗ deutungen jener froͤhlichen, geſelligen Gemuͤthsart leſen konnte, wodurch er ſich unter ſeinen Zeitge⸗ noſſen eben ſo ſehr auszeichnete, als durch die Groͤße ſeines Genies. Die Inſchrift gedenkt ſeines Alters zur Zeit ſeines Todes— drei und funfzig Jahre— ein zu fruͤh fuͤr die Welt erfolgtes Da⸗ hinſcheiden: denn welche Fruͤchte haͤtte man nicht von dem goldenen Herbſte eines ſolchen Gemuͤths erwarten koͤnnen, nachdem es gegen den ſtuͤrmi⸗ ſchen Wechſel des Lebens geſichert war, und im —;— — 155 Sonnenſchein der Gunſt des Volks und der Könige bluͤhte. Die Inſchrift auf dem Grabſteine hat ihre Wir⸗ kung nicht verfehlt. Sie hat es verhindert, daß ſeine Ueberbleibſel, wie man einſt beabſichtigte, aus dem Schoße ſeines Geburtsortes nach der Weſtmin⸗ ſter⸗Abtei gebracht wurden. Vor einigen Jahren ſtuͤrzte, als einige Arbeitsleute neben dem Grabe den Grund ausgruben, wo ein Gewoͤlbe gebaut werden ſollte, die Erde nach, ſo daß ein leerer, bogenaͤhnlicher Raum entſtand, durch welchen man wol zu dem Grabe haͤtte gelangen können. Nie⸗ mand wagte es indeſſen, ſich mit ſeinen Gebeinen, welche der Fluch ſo furchtbar bewahrte, etwas zu ſchaffen zu machen, und der alte Kuͤſter hielt, da⸗ mit nicht etwa ein Muͤſſiggaͤnger oder Neugieriger, oder irgend ein Reliquienſammler Verſuchung fuͤh⸗ len moͤchte, einen Raub zu begehen, zwei Tage lang Wache bei dem Ort, bis das Gewoͤlbe beendigt und die Oeffnung wieder geſchloſſen war⸗ Er erzaͤhlte mir, daß er es gewagt habe, in das Loch hinein⸗ zublicken, aber weder einen Sarg noch Gebeine habe ſehen koͤnnen; Alles ſey Staub geweſen. Es heißt, dachte ich bei mir ſelbſt, auch etwas, Shak⸗ ſpeare's Staub geſehen zu haben. In der Naͤhe ſeines Grabes iſt das ſeiner Gat⸗ 156 tin, ſeiner Lieblingstochter Mrs. Hall und anderer Mitglieder ſeiner Familie. Auf einem Grabe dicht dabei ſieht man ein lebensgroßes Bild ſeines alten Freundes, John Combe, wucheriſchen Andenkens, auf welchen er eine komiſche Grabſchrift verfertigt haben ſoll. Es ſind noch andere Denkmale umher, allein das Gemuͤth mag bei nichts verweilen, das nicht mit Shakſpeare in Verbindung ſteht. Er iſt hier uͤberall; das ganze Gebaͤude ſcheint ſein Grab⸗ mal zu ſeyn. Das Gefuͤhl ergießt ſich, nicht laͤn⸗ ger von Zweifeln befangen und gequaͤlt, hier in voll⸗ kommenem Vertrauen; andere Spuren von ihm koͤnnen falſch oder zweifelhaft ſeyn, hier iſt aber au⸗ genſcheinlicher Beweis und unumſtoͤßliche Gewißheit. Als ich auf dem hallenden Fußboden dahinſchritt, war der gewaltige und durchbebende Gedanke bei mir lebendig, daß hier wirklich die Ueberbleibſel Shakſpeare's unter meinen Fuͤßen moderten. Es dauerte lange, ehe ich mich dazu entſchließen konnte, den Ort zu verlaſſen, und als ich uͤber den Kirch⸗ hof ging, brach ich einen Zweig von einem der Ei⸗ benbaͤume ab, die einzige Reliquie, welche ich von Stratford mitgebracht habe. Ich hatte nun die gewoͤhnlichen Gegenſtaͤnde der Andacht eines Pilgers beſucht, wuͤnſchte aber, noch den alten Familienſitz der Lucys in Charlecot zu ſe⸗ 8 157 hen, und den Park zu durchſtreifen, wo Ohak⸗ ſpeare, gemeinſchaftlich mit einigen von den luſtigen Geſellen in Stratford, die Jugendvergehung der Wilddieberei begangen hatte. Bei dieſem tollkuͤhnen Unternehmen ward er, wie Einer erzaͤhlt, ergriffen und nach dem Hauſe des Wildhuͤters gebracht, wo er die ganze Nacht in traurigem Verwahrſam zu⸗ bringen mußte. Als er vor Sir Thomas Lucy ge⸗ bracht wurde, muß dieſer ihn auf eine empoͤrende und demuͤthigende Weiſe behandelt haben, denn dieſe Behandlung machte einen ſo tiefen Eindruck auf ſeinen Geiſt, daß er dadurch zu einem rohen Pas⸗ quill veranlaßt wurde, welches man an das Park⸗ thor von Charlecot angeſchlagen fand*). Dieſer frevelhafte Angriff auf die Wuͤrde des Ritters erbitterte dieſen ſo, daß er ſich an einen *) Folgendes iſt die einzige Strophe, welche von dieſer Satire noch übrig iſt: Ein Parliamentsglied, vom Friedensgericht, Zu Hauſe ein Strohwiſch, in London ein Wicht; Klingt lauſig wie Lucy, wie Mancher ſpricht aus+), So iſt er auch lauſig, das ſag' ich heraus. Er brüſtet ſich ſehr: Doch ein Eſel, wie er, Gilt, ſchon nach den Ohren, bei Keinem für mehr. Klingt lauſig wie Lucy, wie Mancher ſpricht aus, So ſinget den Lauſ'gen, das ſag' ich heraus. +) ſ. Drakse's Shakspeare. Vol. I. p. 405. Ueberſ. 158 Rechtsgelehrten in Warwick wandte, um die Strenge der Geſetze gegen den reimenden Wilddieb in Anwen⸗ dung zu bringen. Shakſpeare wagte es nicht, der vereinten Macht eines Ritters der Grafſchaft und eines Landadvokaten Trotz zu bieten. Er verließ ungeſaͤumt die lieblichen Ufer des Avon und ſein vaͤterliches Gewerbe, machte ſich auf den Weg nach London, hing ſich hier an die Theater, ward dann Schauſpieler, und ſchrieb endlich fuͤr das Theater:; und ſo verlor, Dank ſey es den Verfolgungen des Sir Thomas Lucy, Stratford einen unbedeutenden Wollkaͤmmer, und die Welt gewann einen unſterb⸗ lichen Dichter. Lange Zeit konnte er indeß die rauhe Behandlung des Erbherrn von Charlecot nicht ver⸗ geſſen, und raͤchte ſich dafuͤr in ſeinen Schriften, jedoch auf die ſcherzhafte Weiſe, wie es ein gutar⸗ tiges Gemuͤth thut. Sir Thomas ſoll naͤmlich das Urbild zum Richter Shallow ſeyn*), und die Satire iſt ſchalkhaft durch das Wappen des Richters angedeutet, der, wie der Ritter, weiße Hechte darin fuͤhrt**). *) In ShakſpeareV's luſtigen Weibern von Windſor. Ueberſ. **) Der Hecht iſt in großer Menge im Avon bei Char⸗ lecot zu finden. Verf.— Der gewohnliche Name für Hecht iſt pike. Luce(von dem Lateiniſchen Namen des Fiſches, Esox lucius) ſcheint indeſſen eine Provinzialbenennung zu ſeyn. Ueberſ. —— ℳ — ℳ 159 Die Lebensbeſchreiber Shakſpeare's haben aller⸗ hand Verſuche gemacht, dieſe fruͤhe Vergehung des Dichters zu beſchoͤnigen und weg zu erklaͤren; ich betrachte ſie indeſſen als eine jener leichtſinnigen Un⸗ ternehmungen, welche in ſeiner Lage und bei ſeiner Gemuͤthsart ſo natuͤrlich waren. Shakſpeare hatte, als er jung war, ohne Zweifel ganz das Wilde und Unregelmaͤßige an ſich, das einem feurigen, unge⸗ gezuͤgelten, ſich ſelbſt uͤberlaſſenen Genie eigen iſt. Die poetiſche Natur hat an und fuͤr ſich ſchon et⸗ was vom Landſtreicheriſchen an ſich. Wenn ſie ſich ſelbſt uͤberlaſſen wird, ſo laͤuft ſie frei und wild umher, und findet an Allem, was ausſchweifend und 4 zuͤgellos iſt, Vergnuͤgen. Es kommt oft bei dem Hazardſpiel des Schickſals auf einen Wurf der Wuͤrfel an, ob aus einem natuͤrlichen Genie ein großer Schurke oder ein großer Dichter wer⸗ den ſoll, und haͤtte Shakſpeare's Gemuͤth nicht gluͤcklicherweiſe eine wiſſenſchaftliche Nichtung ge⸗ nommen, ſo duͤrfte er leicht eben ſo keck alle buͤr⸗ gerlichen Geſetze mit Fuͤßen getreten haben, als er dieß bei den dramatiſchen gethan hat. Ich hege keinen Zweifel, daß er waͤhrend ſeines fruͤheren Lebens, wo er noch, wie ein ungezaͤhmtes Fuͤllen, in der Gegend von Stratford umherlief, in der Geſellſchaft aller Arten von ſeltſamen, unge⸗ 160— woͤhnlichen Menſchen zu finden war; daß er mit allen Tollkoͤpfen des Orts Gemeinſchaft pflog, und einer von den heilloſen Buben war, bei deren Na⸗ men ſchon die alten Leute die Koͤpfe ſchuͤtteln, und es vorausſagen, daß ſie einmal an den Galgen kom⸗ men werden. Ihm erſchien die Wilddieberei in Sir Thomas Lucy's Park wahrſcheinlich wie einem Schot⸗ tiſchen Ritter ein Streifzug, und ſtellte ſich ſeiner lebendigen, noch ungezaͤhmten Einbildungskraft, wie etwas herrlich Abenteuerliches vor*). *) Ein Beiſpiel der wülſten Lebensart und eſellſchaft 3 Shakſpeare's in ſeinen jungen Tagen bietet eine von Mund zu Mund fortgepflanzte Anekdote dar, welche der ältere Ireland in Stratford hörte, und die er in ſeinen „„maleriſchen Anſichten am Avon“ erzählt. Ungefähr ſieben(engl.) Meilen von Stratford liegt der durſtige kleine Marktflecken Bedford, der ſeines Ale wegen berühmt iſt. Zwei Geſellſchaften der Dorfmiliz, welche den Namen der Zecher von Bedford führten, pflegten hier zu⸗ ſammenzukommen, und die Liebhaber von gutem Ale aus den benachbarten Dorfern zu einem Wettſtreit im Trinken herauszufordern. Unter Anderen wurden auch die Bewohner von Stratford entboten, von der Stärke ihrer Sinne einen Beweis abzugeben, und unter der Zahl der Kämpen be⸗ fand ſich auch Shakſpeare, der dem Sprichwort zum Trotze, daß:„wer ſich Bier ſchenkt, auch wie Bier denkt'“, ſo feſt an ſeinem Ale hielt, wie Falſtaff an ſeinem Sekt. Die Ritter von Stratford wankten indeſſen ſchon bei dem erſten Anlauf, und blieſen zum Rückzuge, da ſie noch ihrer Beine mächtig waren, um ſie vom Kampfplatz zu kragen. Kaum waren ſie indeß eine Meile marſchirt, als ihre Beine ihnen den Dienſt verſagten, und ſie ſich unter einem wil⸗ —yÿ—— — ——— „,— ——ʒ—— Das alte Herrenhaus von Charlecot und der Park umher ſind noch itzt im Beſitz der Familie Lucy, und deswegen vorzuͤglich anziehend, weil ſie mit dieſem ſonderbaren, aber erfolgreichen Umſtande in der wenig bekannten Geſchichte des Barden im Zuſammenhang ſtehen. Da das Haus nur etwa drei Meilen von Stratford entfernt war, ſo beſchloß ich, einen Spazirgang dahin zu machen, um mit Muße einige von den Gegenden durchſtreifen zu koͤnnen, aus welchen Shakſpeare ſeine fruͤheſten Ge⸗ danken uͤber die Darſtellung laͤndlicher Auftritte ge⸗ ſchöpft haben muß. den Apfelbaume niederlegen mußten, wo ſie die Nacht zu⸗ brachten. Dieſer Baum ſteht noch itzt, und iſt unter dem Namen Shakſpeare's Baum bekannt. Am Morgen weckten die Gefährten des Dichters ihn auf, und ſchlugen ihm vor, nach Bedford zurückzukehren, was er aber ablehnte, und ſagte, er habe genug, da Fol⸗ gende ihm zugetrunken hätten: Pfeifend Pebworth, tanzend Marſton, Spukend Hillbro, hungrig Grafkon, Finſter Ephall, päbſtiſch Wicksford, Aermlich Broom und trunken Bedford. „ Die Dörfer, auf welche ſich dieß bezieht'“, ſagt Ire⸗ land:„haben noch itzt die Beinamen, welche ihnen hier gegeben werden. Die Bewohner von Pebworth ſind noch itzt wegen ihrer Fertigkeit auf der Querpfeife und dem Tambourin berihmt. Hillborough wird noch itzt Spuk⸗ Hillborough genannt, und Grafton iſt ſeines ſchlechten Bo⸗ dens willen berüchtigt.”“ Verf. Das Land war noch kahl und blaͤtterlos, aber die Engliſchen laͤndlichen Gegenden ſind immer gruͤn, und die ploͤtzliche Veraͤnderung der Temperatur hatte eine uͤberraſchend belebende Wirkung auf die Land⸗ ſchaft gehabt. Es war hoͤchſt begeiſternd und auf⸗ regend, das erſte Erwachen des Fruͤhlings zu beob⸗ achten, ſeinen warmen Hauch zu fuͤhlen, wie er ſanft uͤber die Sinne dahinflog; zu ſehen, wie die feuchte, erweichte Erde den gruͤnen Sproß und den zarten Halm hervorkeimen ließ, und wie die Baͤume und Straͤucher, in ihren Lebenstinten und mit ih⸗ ren ſchwellenden Knospen die Ruͤckkehr der Blaͤt⸗ ter und Blumen verkuͤndeten. Das kalte Schnee⸗ gloͤckchen, dieſer kleine Grenznachbar des Winters, war, mit ſeinen keuſchen weißen Blumen, in den kleinen Gaͤrten vor den Bauerhaͤuſern zu ſehen. Von den Feldern her hoͤrte man ſchwach das Bloken der neugefallenen Laͤmmer. Der Sperling zwitſcherte um die Strohdaͤcher und die knospenden Hecken; das Rothkehlchen miſchte eine lebendigere Weiſe in ſeinen fruͤheren klagenden Wintergeſang, und die Lerche erhob ſich aus dem dampfenden Schoße der Wieſe, ſchwang ſich hinauf in die glaͤnzende, flockige Wolke, und ergoß ſich in einen Strom von Wohllaut. Als ich die kleine Saͤngerin betrachtete, wie ſie ſo immer hoͤher und hoͤher ſtieg, bis ſie nur wie ein Fleck auf ₰△̈ 8 163 dem weißen Buſen der Wolke erſchien, waͤhrend ihr Geſang noch immer im Ohre toͤnte, da ſiel mir Shakſpeare's herrliches kleines Lied aus Cymbe⸗ line ein: Die Lerch' am Himmelsthore ſingt ⸗ Und Phobus ſteigt empor, Die Roſſe er zur Tränke bringt, Zum Kelch der Blumenflor. Die zarte Ringelblume blickt Aus goldnen Aeuglein hell: Wie aller Liebreiz ſchon ſich ſchmückt, So wach' auch, Liebchen, ſchnell! Die ganze Gegend umher iſt dichteriſcher Bo⸗ den, Alles ſteht mit dem Gedanken an Shakſpeare in Verbindung. Jede alte Bauerhuͤtte, die ich ſah, ſchien mir in ſeiner Knabenzeit von ihm beſucht worden zu ſeyn, wo er ſeine genaue Kenntniß des Landlebens und der laͤndlichen Sitten erlangt, und jene Maͤhrchen und die aberglaͤubiſchen Traͤume ge⸗ hoͤrt hatte, die er wie Zauberei in ſeine Schau⸗ ſpiele verwebt hat. Zu ſeiner Zeit war es, wie man ſagt, ein Lieblingszeitvertreib an Winterabenden, um das Feuer her zu ſitzen, und ſich luſtige Geſchichten von irrenden Rittern, Koͤnigen, Liebhabern, vor⸗ nehmen Herren und Damen, Rieſen, Zwergen, Die⸗ ben, Zauberern, Hexen, Feen, Kobolden und Moͤn⸗ chen zu erzaͤhlen*). *) Scor zahlt in ſeiner„Entdeckung der Hexerei“(1584) 4 164 Mein Weg lag eine Zeitlang ſo, daß ich den Avon im Geſicht behielt, der eine Menge der aben⸗ teuerlichſten Kruͤmmungen und Windungen, durch ein breites und fruchtbares Thal, machte, zuweilen zwiſchen den Weiden, welche ſeine Ufer begrenzten, hindurchſchimmerte, zuweilen zwiſchen Baumgrup⸗ pen oder hinter den gruͤnen Ufern verſchwand, zu⸗ weilen aber auch wieder vollkommen ſichtbar dahin⸗ floß, und um einen Abhang von Wieſenland ſeine blauen Fluthen kruͤmmte. Dieſe ſchoͤne Niederung wird das Thal des rothen Roſſes genannt. Eine entfernte Kette wellenfoͤrmiger blauer Huͤgel ſcheint die Grenze derſelben zu bilden, waͤhrend die ganze dazwiſchenliegende liebliche Landſchaft gleichſam in den ſilbernen Banden des Avon befangen zu ſeyn ſcheint. Nachdem ich die Straße ungefaͤhr drei Meilen lang verfolgt hatte, ſchlug ich einen Fußpfad ein, ein Heer von dieſen Kamindichtungen auf.„Und man hat uns ſo eingeſchüchtert durch Geſpenſter, Geiſter, Hexen, Kobolde, Elfen, alte Weiber, Feen, Satyrn, Pane, Faune, Sirenen, Kit mit dem Leuchter, Tritonen, Centauren, Zwerge, Rieſen, Poltergeiſter, Calcars, Beſchwörer, Nym⸗ phen, Wechſelbälge, Alpe, Robin den guten Geiſt, den Spurn, den Mann in der Eiche, den wilden Jäger, den Drachen, den böſen Geiſt, den Däumling, Spuke, Tom Tumbler, den Knochenmann und alle ſolche Popanze, daß wir uns vor unſerm eigenen Schatten fürchten. Verf. 4 165 welcher, an den Grenzen der Felder und den Hecken hin, nach einem Seitenthore des Parks fuͤhrte. Es war indeſſen fuͤr den Fußgaͤnger auch ein Hecken da, indem ein öͤffentlicher Weg durch die Beſitzung ging⸗ Ich freue mich immer dieſer gaſtfreien Grundſtuͤcke, an welchen Jedermann eine Art von Antheil hat — wenigſtens ſo weit es den Fußpfad betrifft. Es verſoͤhnt gewiſſermaßen den Armen mit ſeinem Schickſale, und, was noch mehr iſt, mit dem beſ⸗ ſern Loſe ſeines Naͤchſten, wenn er ſo Parks und Gaͤrten zu ſeiner Erholung offen ſieht. Er athmet die reinen Luͤfte eben ſo zwanglos ein, und ſtreckt ſich eben ſo wohlgemuth im Schatten hin, als der Grundherr, und wenn er auch nicht das Vorrecht hat, Alles, was er ſieht, ſein eigen zu nennen, ſo braucht er auch nicht dafuͤr zu bezahlen, und es in Ordnung zu halten. a Ich ſah mich itzt zwiſchen prachtvollen Eichen⸗ und Ulmenalleen, deren gewaltiger Umfang von dem Alter von Jahrhunderten zeugte. Der Wind rauſchte feierlich in ihren Zweigen, und die Raben kraͤchzten aus ihren ererbten Horſten in den Baum⸗ wipfeln. Das Auge verlor ſich in eine weite Ferne, wo nichts als eine tief im Hintergrunde ſtehende Bildſaͤule oder ein Damhirſch, der wie ein Schat⸗ ten voruͤberging, die Ausſicht unterbrach. 166— Es liegt etwas in dieſen ſtattlichen alten Baum⸗ gaͤngen, was denſelben Eindruck hervorbringt, wie die gothiſche Baukunſt, nicht allein der angeblichen Aehnlichkeit des Aeußern wegen*), ſondern weil ſie von einer langen Dauer, ſo wie davon zeugen, daß ſie in einer Zeit entſtanden ſind, mit welcher wir Begriffe von romantiſcher Groͤße zu verbinden pflegen. So bekraͤftigen ſie auch die alterthuͤmliche Wuͤrde und ſtolz erhaltene Unabhaͤngigkeit einer al⸗ ten Familie, und ich habe einen ſehr wuͤrdigen, aber ariſtokratiſch geſinnten Freund, wenn er von den prachtvollen Palaͤſten der neueren Vornehmen ſprach, die Bemerkung machen hoͤren, daß„das Geld viel aͤber Stein und Moͤrtel vermoͤge, daß aber, Gott ſey Dank, eine Eichenallee ſich nicht ſo ſchnell auf. fuͤhren ließe.“ Einige von Shakſpeare's Erklaͤrern ſind der Meinung, daß die Wanderungen, welche er in ſei⸗ nem fruͤheren Leben in dieſer reich ausgeſtatteten Gegend und in der romantiſchen Einſamkeit des anſtoßenden Parks von Fullbrooke vorgenommen, ihm die erhabenen Waldbetrachtungen des Jacques *) Eine Anſicht, die, in ihrer ganzen Ausdehnung, in Sir James Hall's„Verſuch über den Urſprung, die Grundſätze und die Geſchichte der gothiſchen Baukunſt, London 1813“ durchgeführt iſt. Ueberſ. — 167 und die bezaubernden Forſtgemaͤlde in„Wie es euch gefaͤllt“ an die Hand gegeben haͤtten. Auf einſa⸗ men Wanderungen durch ſolche Gegenden thut das Gemuͤth ſtille, aber tiefe Zuͤge der Begeiſterung, und wird fuͤr die Schoͤnheit und Majeſtaͤt der Na⸗ tur wahrhaft empfaͤnglich. Die Einbildungskraft verliert ſich in Traͤumereien und Entzuͤckungen, un⸗ beſtimmte, aber ſchoͤne Bilder und Gedanken draͤn⸗ gen ſich herzu, und wir ſchwelgen in einer ſtummen und beinahe unmittheilbaren Pracht der Gedanken. In einer Stimmung der Art, und vielleicht unter einem der Baͤume, die ich hier vor mir ſah, welche ihre breiten Schatten uͤber die begraſeten Ufer und bebenden Gewaͤſſer des Avon warfen, ergoß ſich wahrſcheinlich des Dichters Phantaſie in das kleine Lied aus welchem die ganze Seele eines laͤndlich ſe⸗ ligen Menſchen ſpricht). Wer unter grünem Dach Gern mit mir ruhen mag⸗ Und ſeiner Kehle Klang Stimmen zum Vogelſang, Der komme geſchwinde, geſchwinde: Denn weit und breit Kein Feind ihm dräut, Als Winter und toſende Winde. Ich erblickte itzt das Haus. Es iſt ein großes Gebaͤude von Mauerſteinen, mit Ecken von Qua⸗ *) Wie es euch gefällt. 2r Aufz. 5 Auft. Ueberſ. 168 dern, und in dem gothiſchen Stile aus den Zeiten der Koͤnigin Eliſabeth erbaut, da es in dem erſten Jahre ihrer Regierung aufgefuͤhrt wurde. Das Aeußere iſt beinahe ganz ſo geblieben, wie es ur⸗ ſpruͤnglich war, und kann als ein anſchauliches Mu⸗ ſter von dem Aufenthaltsorte eines reichen Land⸗ gutsbeſitzers aus jener Zeit gelten. Ein großes Thor fuͤhrt von dem Park nach einer Art von Vorhofe vor dem Hauſe, welcher mit einem Ra⸗ ſenplatz, Straͤuchern und Blumenbeeten verziert iſt. Das Thor iſt eine Nachahmung der Bruͤ⸗ ckenkoͤpſe, eine Art von Außenwerk, und hat Thuͤrme, welche indeſſen augenſcheinlich mehr zur Verzierung, als zur Vertheidigung dienten. Die Vorderſeite des Hauſes iſt ganz im alten Stile, hat Fenſter mit ſteinernen Kreuzen, ein großes Erkerfen⸗ ſter von ſchwerem Quaderwerkſtein, und ein Portal mit dem Wappenſchilde daruͤber, in Stein ausge⸗ hauen. An den vier Ecken des Gebaͤudes befinden ſich achteckte Thuͤrme mit vergoldeten Knoͤpfen und Wetterhaͤhnen auf dem Dache*). Der Avon, welcher ſich durch den Park ſchlaͤn⸗ gelt, *) ſ. d. Abbildung in Neale'’ views of the seats of Noblemen and Gentlemen. Vol. 4. No. 54. Der itzige Beſitzer iſt der Rev. John Lucy. Ueberſ. — 169 gelt, macht gerade an dem Fuße eines ſanften Ab⸗ hanges, welcher ſich hinten am Hauſe hinabzieht, eine Kruͤmmung. Große Heerden von Damhirſchen wei⸗ deten oder ruheten an ſeinen Ufern, und Schwaͤne glitten majeſtaͤtiſch auf ſeinem Buſen dahin. Indem ich das ehrwuͤrdige alte Haus betrachtete, fiel mir Fallſtaff's Lobrede auf des Richters Shallow Wohnſitz ein, und die angenommene Gleichguͤltigkeit und wahre Eitelkeit des Letztern*): „Falſtaff. Ihr habt hier eine ſchoͤne und praͤchtige Beſitzung, „Shallow. Duͤrr, duͤrr, duͤrr; nichts als Bettelweſen, nichts als Bettelweſen, Sir John: — nun ja, gute Luft.“ Wie froͤhlich es aber auch in dem alten Hauſe zu Shakſpeare's Zeiten zugegangen ſeyn mag, ſo ſah es doch itzt ſehr ſtill und einſam aus. Das große eiſerne Thor, welches nach dem Hofe ging, war verſchloſſen; man ſah keine Bedienten, welche geſchaͤftig umherliefen, und die Hirſche ſahen mich ruhig an, als ich voruͤberging, da ſie itzt nicht mehr von den Buſchkleppern in Stratford beunruhigt werden. Das einzige, was mir haͤusliches Leben zu verrathen ſchien, war eine weiße Katze, die mit *) Heinrich IV. Thl. II. 5r Aufz. 3r* Auftr. Ueberſ. Skizzenbuch II. H ſcheuem Blicke und leiſen Tritten ſich nach dem Stalle ſchlich, als ſey ſie auf irgend einer verbote⸗ nen Unternehmung. Ich muß jedoch nicht zu er⸗ waͤhnen vergeſſen, daß ich eine diebiſche Kraͤhe an der Mauer der Scheune hangen ſah, da dieß be⸗ weiſ't, daß der gutsherrliche Abſcheu gegen alle Wilddiebe bei den Lucys erblich iſt, und daß ſie ihre grundherrlichen Rechte mit eben der Strenge geltend machen, wie ſie dieß in dem Falle des un⸗ luͤcklichen Barden thaten. Nachdem ich eine Zeitlang umhergeſchlichen war, fand ich endlich einen Weg zu einer Seitenthuͤre aus, welche zum Alltagseingange fuͤr das Haus diente. Eine wuͤrdige alte Haushaͤlterin empfing mich, die mir mit der Hoͤflichkeit und Mittheilſam⸗ keit, welche ihrem Stande eigen ſind, das Innere des Hauſes zeigte. Der groͤßere Theil deſſelben hat Veraͤnderungen erlitten, und man hat dieſe dem neuern Geſchmacke und der neuern Lebensart ange⸗ paßt. Eine ſchoͤne, alte Treppe von Eichenholz iſt noch vorhanden, und der große Saal, dieſe groß⸗ artige Einzelheit eines alten Herrenhauſes, hat noch ſehr viel von dem, was er zu Shakſpeare's Zeit gehabt haben muß. Die Decke iſt gewoͤlbt und hoch, und an dem einen Ende deſſelben iſt eine Gal⸗ lerie, auf welcher eine Orgel ſteht. Die Waffen 171 und Siegeszeichen der Jagd, welche ſonſt den Saal eines Landedelmanns ſchmuͤckten, haben Familien⸗ bildern Platz gemacht. Ein großer, geſelliger Ka— min, auf ein großes altvaͤteriſches Holzfeuer berech⸗ net, fruͤher der Sammelplatz der Winterluſtbarkei⸗ ten, iſt ebenfalls noch vorhanden. An der entge⸗ gengeſetzten Seite der Halle iſt das große gothiſche Erkerfenſter, mit ſteinernen Kreuzen, welches nach dem Hofe geht. Hier ſieht man in buntem Glaſe die Wappen der Familie der Lucys ſeit mehreren Geſchlechtern, von denen einige die Jahrszahl 1588 haben. Es machte mir großes Vergnuͤgen, in den Feldern die drei weißen Hechte zu finden, woran man zuerſt erkannte, daß der Richter Shallow Sir Thomas ſeyn ſollte. Sie werden in dem erſten Auftritte der luſtigen Weiber von Windſor erwaͤhnt, wo der Richter in Wuth daruͤber iſt, daß Fal⸗ ſtaff„ſeine Leute geſchlagen, ſeine Hirſche erlegt hat, und in ſein Wildhuͤterhaus eingebrochen iſt.” Wahr⸗ ſcheinlich hatte der Dichter ſeine und ſeiner Kame⸗ raden Vergehungen damals noch friſch im Sinn, und der Familienſtolz und die rachſuͤchtigen Dro⸗ hungen des maͤchtigen Shallow ſollen wahrſcheinlich eine Nachaͤffung des pomphaften Unwillens des Sir Thomas ſeyn. „Shallow. Sir Hugh, redet mir nicht H 2 172— weiter zu; ich will die Sache bei der Sternen⸗ kammer*) anhaͤngig machen. Wenn er zwan⸗ zig Mal Sir John Falſtaff iſt, ſo ſoll er doch Robert Shallow Eſq. nicht beſchimpfen. „Slender. In der Grafſchaft Gloſter, Frie⸗ densrichter und Coram**). „Shallow. Ja, Vetter Slender, und Cu- stalorum***). „Slender. Ja, und Ratalorum auch, und ein geborener Gentleman, Herr Pfarrer, der ſich Armigero unter allen Rechnungen, Ver⸗ haftsbefehlen, Empfangſcheinen oder Verſchrei⸗ bungen ſchreibt: Armigero Er). „Shallow. Ja, das thue ich, und habe das zu jeder Zeit ſeit mehr als dreihundert Jah⸗ ren gethan. „Slender. Alle ſeine Nachfolger vor ihm haben das gethan, und alle ſeine Vorgaͤnger nach *) Dem berüchtigten Tribunal, deſſen Stiftung aus Heinrich VIII. Zeit herrührt, und das, ſeiner ausgedehn⸗ ten Gewalt wegen, im Jahre 1641 von Karl I. abgeſchafft wurde. Ueberſ. 5 **) Weil der Friedensrichter die eidlichen Ausſagen con⸗ traſignirt juratum coram me(vor mir) Ueberſ. .⸗) Dieß macht er aus dem castos rotulorum(koeper of records, Archivar). Ueberſ. *) Die lat. Ueberſetzung für Esquire, im Dativ. Ueberſ⸗ 173 ihm koͤnnen das noch thun, ſie koͤnnen das Du⸗ tzend weiße Hechte in ihrem Wappen dafuͤr geben.... „Shallow. Es ſoll vor den Rath kom⸗ men; es iſt eine Stoͤrung der oͤffentlichen Ruhe. „Evans. Es ſchickt ſich nicht, daß der Rath etwas von einer Stoͤrung der oͤffentlichen Ruhe hoͤre; es iſt keine Gottesfurcht darin; der Rath muß immer nur gottesfuͤrchtige Dinge und keine Stoͤrung der oͤffentlichen Ruhe vernehmen wol⸗ len; richtet Euch danach. „Shallow. Bei meinem Leben, waͤre ich noch jung, das Schwert ſollte die Sache ent⸗ ſcheiden!“ Nahe bei dem Fenſter mit dem Wappen hing ein Bild von Sir Peter Lely, das eine Dame aus der Familie der Lucys, eine große Schoͤnheit aus der Zeit Karl's II., darſtellte. Die alte Haushaͤlte⸗ ein ſchuͤttelte den Kopf, indem ſie auf das Bild zeigte, und ſagte mir, daß dieſe Dame die Karten ſehr geliebt, und einen großen Theil des vaͤterlichen Erbguts verſpielt haͤtte, wozu auch der Theil des Parks gehoͤrte, worin Shakſpeare und ſeine Kame⸗ raden den Hirſch erlegt. Die Läͤndereien, welche auf dieſe Art verloren gegangen, waͤren bis auf den gegenwaͤrtigen Tag noch nicht ganz wieder an die 174— Familie zuruͤckgekommen. Um dieſer gottloſen Dame aber Gerechtigkeit widerfahren zu laſſen, muß ich ſagen, daß ihr Arm und ihre Hand ungemein ſchoͤn waren. Das Bild, welches meine Aufmerkſamkeit am meiſten auf ſich zog, war ein großes Gemaͤhlde uͤber dem Kamin, das die Portraͤte des Sir Thomas Lucy und ſeiner Familie darſtellte, welche die Halle in dem letzten Abſchnitte von Shakſpeare's Leben bewohnte. Ich glaubte Anfangs, es ſey das des rachſuͤchtigen Ritters ſelbſt, allein die Haushaͤlterin verſicherte mich, es ſtelle ſeinen Sohn vor, denn das einzige Bild des Erſtern, welches noch vor⸗ handen, ſey das auf ſeinem Grabe in der Kirche des benachbarten Weilers Charlecot. Dieſes Bild giebt einen lebendigen Begriff von der Tracht und den Sitten der damaligen Zeit. Sir Thomas traͤgt eine Halskrauſe und ein Wamms, weiße Schuhe mit Bandroſen darauf, und hat einen ſpitzen gel⸗ ben, oder wie Meiſter Slender ſagen wuͤrde:„rohr⸗ farbenen Bart”. Seine Gemahlin ſitzt auf der an⸗ dern Seite des Bildes mit einer breiten Halskrauſe und langem Bruſtlatz, und die Kleidung der Kin⸗ der hat eine hoͤchſt ehrwuͤrdige Steifheit und Foͤrm⸗ lichkeit. Große Jagd⸗ und Wachtelhunde ſind zu der Familiengruppe geſellt; ein Falk ſitzt im Vor⸗ 175 dergrunde auf einer Stange, und eines von den Kindern haͤlt eine Armbruſt in der Hand; Alles deutet die Erfahrenheit des Ritters in der Treib⸗ jagd, Falkenbeize und dem Bogenſchießen an, welche ein Mann von Bildung in jenen Tagen durchaus verſtehen mußte*). Es that mir ſehr leid, bemerken zu muͤſſen, daß die alten Moͤbeln aus der Halle verſchwunden wa— ren, denn ich hatte gehofft, den ſtattlichen Armſeſſel von Eichenholz mit Schnitzarbeit verziert zu finden, aus welchem der Landedelmann in fruͤheren Zeiten *) Der Biſchof Earle bemerkt, indem er von dem Land⸗ edelmann ſeiner Zeit ſpricht(in ſeiner Microcosmographie, or a peece of the world discovered in essayes and cha- racters, Lond. 1628):„ſeine Art der Haushaltung kann man bald an den verſchiedenen Arten von Hunden und den Dienern, welche er in ſeinen Ställen verpflegt, erkennen, und die Tiefe ſeiner Kehle iſt der Maßſtab für die Tiefe ſeines Geſprächs. Einen Falken hält er für den wahren Refrain des Adels, und bildet ſich ſehr viel darauf ein, großes Vergnügen an dieſer Jagd zu finden, und die Fuß⸗ riemen um die Fauſt geſchlungen zu tragen.“ Und Gilpin bemerkt in ſeiner Schilderung eines gewiſſen Herrn Ha⸗ ſtings:„er hielt alle Arten von Hunden, welche Rehe, Füchſe, Haſen, Ottern und Dachſe jagen, und hatte Fal⸗ ken von aller Art, ſowol lang⸗ als kurzflilgelige. Sein großer Saal war gewöhnlich mit Markknochen bedeckt, und voll von Falkenſtangen, Hühner⸗, Wachtel⸗ und Dachs⸗ hunden. Auf einem breiten, mit Ziegelſteinen belegten Herde lagen einige der vorzüglichſten Dachs⸗, Hühner⸗ und Wachtelhunde. Verf. 176— ſeine laͤndlichen Beſitzungen zu regieren pflegte, und in welchem wahrſcheinlich der geſtrenge Sir Tho⸗ mas ebenfalls, in furchtbarer Wuͤrde thronend, ſaß, als der Uebelthaͤter Shakſpeare vor ihn gebracht wurde. Da ich mir gern Bilder zu meiner eigenen Unterhaltung ausmahle, ſo gefiel ich mir in dem Gedanken, daß dieſer ſelbe Saal der Schauplatz des Verhoͤrs des ungluͤcklichen Barden am Morgen ſei⸗ ner Gefangenſchaft im Wildhuͤterhauſe geweſen ſey. Ich dachte mir den laͤndlichen Machthaber, wie er von ſeiner Leibwache, von Haushofmeiſter, Pagen und Bedienten mit blauen Roͤcken mit ihren Wappen⸗ ſchilden umgeben war; waͤhrend der ungluͤckliche Verbrecher, verlaſſen und muthlos, von Wildhuͤtern, Jaͤgern und Hundepeitſchern bewacht, und von ei⸗ nem Schwarm Bauerluͤmmel begleitet, hereinge⸗ bracht wurde. Ich dachte mir die friſchen Geſich⸗ ter der neugierigen Hausmaͤdchen, wie dieſe durch die halbgeoͤffneten Thuͤren hereinblickten, waͤhrend die ſchoͤnen Toͤchter des Ritters ſich anmuthiglich auͤber die Gallerie lehnten, und den jugendlichen Ge⸗ fangenen mit dem Mitleide betrachteten, welches„in Weiberherzen wohnt”.— Wer wuͤrde es geglaubt haben, daß dieſer arme Wicht, der ſo vor der be⸗ ſchraͤnkten Macht eines Landedelmanns und dem Spott der Bauern zitterte, bald das Ergetzen des „— ——— „— — — 177 ßuͤrſten, das Thema aller Zungen und Alter, der Alleinherrſcher uͤber das menſchliche Gemuͤth werden, und ſeinen Unterdruͤckern durch ein Zerr⸗ bild und eine Satire die Unſterblichkeit verleihen wuͤrde! Der Haushofmeiſter lud mich itzt ein, in den Garten zu gehen, und ich hatte große Luſt, den Obſtgarten und die Laube zu ſehen, wo der Richter den Sir John Falſtaff und den Vetter Silence mit einem Apfel vom vergangenen Jahre, von ſeinem eigenen Pfropfreis, und mit einer Schuͤſſel Feldkuͤm⸗ mel*) bewirthete; allein meine Wanderungen hat⸗ ten mir ſchon einen ſo großen Theil des Tages weggenommen, daß ich mich genoͤthigt ſah, alle wei⸗ tere Nachforſchungen aufzugeben. Als ich im Be⸗ griff war, mich zu beurlauben, ward ich ſehr ange⸗ nehm durch das hoͤfliche Erſuchen der Haushaͤlterin und des Haushofmeiſters aͤberraſcht, daß ich doch einige Erfriſchungen zu mir nehmen moͤchte; ein Zug von guter, alter Gaſtfreiheit, von dem wir Schloͤſſer⸗Jaͤger leider nur ſelten in neueren Zeiten Beiſpiele ſinden. Ich zweifele nicht, daß dieß eine Tugend iſt, welche der gegenwaͤrtige Repraͤſentant der Lucys von ſeinen Vorfahren geerbt hat, denn *) Heinrich IV. Thl. II. 5r Aufz. Ueberſ. 178— Schakſpeare ſtellt, ſel ſabſt in ſeinem Zerrbilde, den Richter Shallow als hoͤchſt befliſſen in dieſer Ruͤck⸗ ſicht dar, wie man aus ſeinen angelegentlichen Auf⸗ foderungen an Falſtaff ſehen kann. „Bei Allem was heilig iſt, Ihr ſollt heute Nacht nicht fort. Ich entſchuldige Euch einmal nicht; Ihr ſeyd einmal nicht entſchuldigt; Entſchuldigun⸗ gen werden nicht angenommen; Entſchuldigungen ſollen Euch nichts helfen; Ihr ſollt Euch nicht ent⸗ ſchuldigen koͤnnen.... Einige Tauben, Davy; ein Poaar kurzbeinige Huͤhner und einige niedliche kleine artige Leckerbiſſen ſoll Wilhelm, der Koch⸗ zube⸗ reiten“ Mit großer Ueberwindung ſagte ich itzt der al⸗ ten Halle Lebewohl. Mein Gemuͤth hatte ſich in die eingebildeten Auftritte und Charaktere, welche damit in Verbindung ſtanden, ſo hineinverſetzt, daß ich wirklich unter ihnen zu leben glaubte. Alles brachte ſie mir gleichſam vor die Augen, und als ſich die Thuͤr des Speiſezimmers oͤffnete, glaubte ich beinahe die ſchwache Stimme Meiſter Silence's zu hoͤren, wie er ſein Lieblingslied hergurgelte*). zs iſt munter im Saal, bei den Bärten zumal, uUnd willkommen du luſt'ge Faſtelzeit! —— *) Heinrich IV. Thl. II. 5r Aufz. 31 Auftr. Ueberſ⸗ ——,— 179 Als ich in meinen Gaſthof zuruͤckkehrte, konnte ich nicht umhin, die beſonderen Gaben des Dichters zu bewundern, wie er ſo im Stande ſey, den Zauber ſeines Gemuͤths uͤber das Antlitz der Natur ſelbſt zu verbreiten, den Sachen und Orten einen Reiz und Charakter zu verleihen, der ihnen nicht eigen iſt, und dieſe„Werkeltags⸗Welt“ in ein wahres Feenland zu verwandeln. Er iſt in der That der wahre Zauberer, deſſen Zauberſpruch nicht allein auf die Sinne, ſondern auf die Einbildungskraft und das Herz wirkt. Unter dem zauberiſchen Ein⸗ fluſſe Shakſpeare's war ich den ganzen Tag uͤber in eine vollſtaͤndige Verblendung umhergegangen. Ich hatte die Landſchaft durch das Prisma der Dichtung betrachtet, welches jeden Gegenſtand mit den Farben des Regenbogens uͤberzieht. Ich war von Geſchoͤpfen der Einbildungskraft, von reinen Luft⸗ gebilden, durch dichteriſche Kraft heraufbeſchworen, und die doch fuͤr mich den ganzen Reiz der Wirk⸗ lichkeit gehabt hatten, umgeben geweſen. Ich hatte Jacques unter ſeiner Eiche ſein Selbſtgeſpraͤch hal⸗ ten hoͤren, die ſchoͤne Roſalinde und ihren Begleiter ſich durch den Wald wagen ſehen, und war, vor allen Dingen, mehr als einmal im Geiſte mit dem dicken Jack Falſtaff und ſeinen Zeitgenoſſen, von dem erhabenen Richter Shallow bis zu dem artigen 180— Meiſter Slender und der ſuͤßen Anne Page in Ge⸗ ſellſchaft geweſen. Zehntauſend Mal Preis und Se⸗ gen uͤber den Barden, der ſo die ſchale Wirklichkeit des Lebens durch unſchuldige Blendwerke veredelt, ausgeſuchte und unerkaufte Vergnuͤgungen auf mei⸗ nen Wechſelpfad geſaͤet, und meinen Geiſt in mancher einſamen Stunde mit all' den herzlichen und froͤhlichen Mitgefuͤhlen des geſelligen Lebens er⸗ quickt hat! Indem ich auf dem Nuͤckwege uͤber die Bruͤcke ging, welche uͤber den Avon fuͤhrt, hielt ich einen Augenblick an, die entfernt liegende Kirche zu be⸗ trachten, worin der Dichter begraben liegt, und konnte nicht umhin, mich uͤber den Fluch zu freuen, welcher ſeine Aſche ungeſtoͤrt in ihrem ruhigen und geheiligten Gewoͤlbe erhalten hat. Welche Ehre koͤnnte ſeinem Namen dadurch zugewachſen ſeyn, daß er in die Gemeinſchaft des Staubes mit den Grabdenkmaͤ⸗ lern und Wappenſchildern und feilen Lobinſchriften der betitelten Menge gekommen waͤre? Was wuͤrde ein dichtgefuͤllter Winkel in der Weſtminſter⸗Abtei geweſen ſeyn, gegen dieſes ehrwuͤrdige Gebaͤude, das in ſchoͤner Einſamkeit als ſein alleiniges Grab⸗ denkmal dazuſtehen ſcheint! Die Sorge uͤber die Bewahrung des Grabes mag immer von einer uͤberſpannten Empfindlichkeit herruͤhren; allein die 181 menſchliche Natur iſt einmal aus Schwaͤchen und Vorurtheilen zuſammengeſetzt, und ihre ſchoͤnſten und zaͤrtlichſten Regungen ſind mit dieſen erkuͤnſtel⸗ ten Gefuͤhlen gemiſcht. Jeder, der nach Ruhm in der Welt umhergejagt, und eine reichliche Ernte weltlicher Gunſt eingeſammelt hat, wird am Ende finden, daß es keine Liebe, keine Bewunderung, keinen Beifall giebt, welcher der Seele ſo wohl thaͤte, als der, welcher ihm aus ſeinem Geburts⸗ orte ward. Hier will er in Frieden und Ehren neben ſeinen Verwandten und ſeinen Jugendfreun⸗ den ruhen. Und wenn das muͤde Herz und der ſchwache Kopf ihn dann zu erinnern beginnen, daß der Abend des Lebens herannaht, ſo ſehnt er ſich, eben ſo wie das Kind nach der Mutter Arm, im Schoße des Schauplatzes ſeiner Kindheit einzu⸗ ſchlummern. 4 Wie wuͤrde es den jugendlichen Barden erhei⸗ tert haben, wenn er— als er, in Ungemach in eine ungewiſſe Welt hinauswandernd, einen truͤben Blick nach ſeiner vaͤterlichen Heimath zuruͤckwarf— haͤtte vorausſehen koͤnnen, daß er nach einigen Jahren, mit Ruhm bedeckt, dahin zuruͤckkehren, daß ſein Name der Stolz und die Ehre ſeines Ge⸗ burtsortes werden, daß man ſeine Aſche, als den koſtbarſten Schatz deſſelben, gewiſſenhaft bewah⸗ 182— ren, und daß der ſeinen Augen entſchwindende Thurm deſſelben, auf welchen dieſe in thraͤnenvoller Betrachtung ſich hefteten, eines Tages das Wahr⸗ zeichen werden ſollte, welches, aus der lieblichen Land⸗ ſchaft ſich erhebend, die wiſſenſchaftlichen Waller jeder Nation zu ſeinem Grabe leiten wuͤrde! —, Zuͤge aus dem Charakter der Indianer. Ich berufe mich auf jeden weißen Mann, ob er je in Lo⸗ gan's Hütte getreten iſt, und er ihm nicht zu eſſen ge⸗ geben hat; ob er je, wenn er erfroren und nackt kam, ihn nicht gekleidet hat. Rede eines Indianiſchen Häuptlings. Es liegt etwas in dem Charakter und den Sitten des Nord⸗Amerikaniſchen Wilden, das, wenn er es in Verbindung mit der Gegend, welche er zu durch⸗ ſtreifen gewohnt iſt, mit ihren gewaltigen Seen, ihren unbegrenzten Waͤldern, ihren majeſtaͤtiſchen Fluͤſſen und ihren ſpurloſen Ebenen zuſammennimmt, fuͤr mich etwas ganz wunderbar Eigenthuͤmliches und Erhabenes hat. Er iſt fuͤr die Wildniß gebo⸗ ren, wie der Araber fuͤr die Wuͤſte. Er iſt feſt, einfach und zum Ertragen geſchickt; ganz dazu ge⸗ macht, mit Schwierigkeiten zu kaͤmpfen und Ent⸗ behrungen zu erdulden. In ſeinem Herzen ſcheint 184 nur wenig Grund und Boden zu ſeyn, um ſanftere Tugenden darin aufkeimen zu laſſen, und doch wuͤr⸗ den wir, wenn wir uns nur die Muͤhe geben woll— ten, durch dieſen ſtolzen Stoicismus und dieſe zur Gewohnheit gewordene Schweigſamkeit, welche ſei⸗ nen Charakter der zufaͤlligen Beobachtung unzugaͤng⸗ lich machen, finden, daß er durch bei weitem mehr gleichartige Gefuͤhle und Neigungen an ſeine gebil⸗ deteren Mitmenſchen geknuͤpft iſt, als man ihm ge⸗ woͤhnlich beimißt. Es iſt das Schickſal der ungluͤcklichen Ureinwoh⸗ ner von Amerika in den erſten Zeiten der Coloni⸗ ſirung geweſen, von den Weißen auf eine doppelte Art beeintraͤchtigt zu werden. Eigennuͤtzige und oft frevelhaft begonnene Kriege haben ſie ihrer recht⸗ maͤßigen Beſitzungen beraubt; verblendete ſelbſt⸗ ſuͤchtige Schriftſteller ihren Charakter angeſchwaͤrzt. Die Coloniſten haben ſie oft wie Raubthiere be— handelt; die Schriftſteller ſich bemuͤht, dieſe Greuel⸗ thaten zu rechtfertigen. Die Erſteren fanden es leichter, ſie auszurotten, als ſie zu bilden; die Letzteren leichter, ſie zu ſchmaͤhen, als zu verthei⸗ digen. Die Namen Wilde und Heiden wur⸗ den fuͤr hinlaͤnglich gehalten, die Feindſeligkeiten Beider zu rechtfertigen, und ſo wurden die armen Bewohner des Waldes verfolgt und verlaͤumdet, —— —— .— 185 nicht, weil ſie ſchuldig, ſondern weil ſie unwiſſend waren⸗ Die Weißen haben ſelten die Rechte des Wilden gehörig gewuͤrdigt oder geachtet. Im Frieden iſt er nur zu oft von verſchmitzten Handelsleuten betro⸗ gen, im Kriege als ein wildes Thier angeſehen worden, deſſen Leben oder Tod von der Nothwen⸗ digkeit einer groͤßern oder geringern Vorſicht, oder von den Verhaͤltniſſen abhing. Der Menſch geht mit dem Leben grauſam verſchwenderiſch um, ſobald ſeine eigene Sicherheit in Gefahr iſt und er un⸗ geſtraft handeln kann, und man darf nur wenig Erbarmen von ihm erwarten, wenn er die Sta⸗ cheln des Wurmes fuͤhlt, und ſich ſeiner Macht, ihn zu zertreten, bewußt iſt. Eben die Vorurtheile, welche man ſo fruͤh ſchon hegte, ſind heutiges Tages noch verbreitet. Gewiſſe gelehrte Geſellſchaften haben allerdings, mit lobens⸗ werthem Eifer, den wahren Charakter und die Sit⸗ ten der Indianiſchen Staͤmme genauer zu unterſu⸗ chen und ans Licht zu ſtellen ſich bemuͤht; auch hat die Amerikaniſche Regierung mit großer Weisheit und Menſchlichkeit dahin zu wirken geſucht, daß eine mildere und nachgiebigere Stimmung gegen ſie ſich offenbare, und hat ſie gegen Betrug und Ungerechtig⸗ 186 keit in Schutz genommen*). Gewoͤhnlich faͤllt man aber uͤber den Charakter der Indianer nach den elenden Horden ein Urtheil, welche die Gren- zen beunruhigen, und um die aͤußerſten Punkte der Niederlaſſungen ſchwaͤrmen. Dieſe beſtehen faſt im⸗ mer aus ausgearteten Geſchoͤpfen, welche durch die Laſter der buͤrgerlichen Geſellſchaft verderbt und ge⸗ ſchwaͤcht ſind, ohne daß ihre Civiliſation ihnen Nutzen gebracht haͤtte. Jene ſtolze Unabhaͤngigkeit, welche die Hauptſtuͤtze der Tugenden der Wilden bildete, iſt zertruͤmmert, und der ganze Bau zuſam⸗ mengeſtuͤrzt. Ihr Geiſt iſt durch das Bewußtſeyn der Unterordnung gedemuͤthigt und herabgeſtimmt, und ihr natuͤrlicher Muth durch die uͤberwiegende Kenntniß und Macht ihrer aufgeklaͤrten Nachbarn eingeſchuͤchtert und gelaͤhmt. Die buͤrgerliche Ge⸗ ſellſchaft hat ſie angeweht, wie eine jener verzeh⸗ renden Luͤfte, die zuweilen uͤber eine ganze frucht⸗ *) Die Amerikaniſche Regiernng iſt in ihren Bemühun⸗ gen, die Lage der Indianer zu verbeſſern, und unter ihnen die Künſte des gebildeten Lebens und bürgerliche und reli⸗ giöſe Kenntniſſe zu verbreiten, unermüdlich geweſen. Um ſte gegen Uebervortheilung von Seiten der weißen Han⸗ delsleute zu ſchützen, darf kein Einzelner Land von ihnen erkaufen, noch irgend Jemand Ländereien von ihnen, ohne die ausdrückliche Genehmigung der Regierung, zum Ge⸗ ſchenk annehmen. Dieſe Verordnungen werden ſtreng ge⸗ halten. Verf. 187 bare Gegend Zerſtoͤrung verbreiten. Sie hat ihre Staͤrke entnervt, ihre Krankheiten vermehrt, und zu ihrer natuͤrlichen Barbarei die niedrigen Laſter des kuͤnſtlichen Lebens hinzugefuͤgt. Sie hat ſie tauſend kuͤnſtliche Beduͤrfniſſe gelehrt, waͤhrend ſie die Mittel, ihr Daſeyn zu friſten, verringert hat. Sie hat die Thiere der Jagd vertrieben, welche vor den Streichen der Axt und dem Rauch der Niederlaſſung fliehen, und in den Tiefen entfernte⸗ rer Waͤlder und noch unbetretener Wuͤſten eine Zu⸗ flucht ſuchen. So finden wir oft, daß die India⸗ ner an unſeren Grenzen bloße Truͤmmer und Ueber⸗ bleibſel einſt maͤchtiger Staͤmme ſind, welche in der Nachbarſchaft der Niederlaſſungen gehauſet haben, und itzt ein ungewiſſes und landſtreicheriſches Leben fuͤhren. Armuth, duͤſtere hoffnungsloſe Armuth, ein Wurm des Gemuͤths, der im Leben der Wilden unbekannt iſt, verzehrt ihren Geiſt und vernichtet jede freie und edle Eigenſchaft ihrer Gemuͤther. Sie werden Trunkenbolde, traͤge, ſchwach, diebiſch und kleinmuͤthig. Sie ſchleichen wie Landſtreicher um die Niederlaſſungen, unter den geraͤumigen, mit ausgeſuchten Bequemlichkeiten verſehenen Wohnun⸗ gen umher, welche ihnen das verhaͤltnißmaͤßige Elend ihrer eigenen Lage nur noch fuͤhlbarer machen. Der Prunk deckt ſeine große Tafel vor ihren Augen, 188 allein ſie ſind von dem Schmauſe ausgeſchloſſen. Der Ueberfluß lacht auf den Feldern, ſie hungern dagegen mitten in ſeinem Ueberfluß; die ganze Wild⸗ niß iſt zu einem Garten erbluͤht, ſie aber haben das Gefuͤhl des Ungeziefers, das ihn zerſtoͤrt. Wie verſchieden hiervon war ihre Lage, als ſie noch die ungeſtoͤrten Eigenthuͤmer des Bodens wa⸗ ren! Sie hatten nur wenige Beduͤrfniſſe, und die Mittel zu deren Befriedigung waren in ihren Haͤn⸗ den. Sie ſahen Alles um ſich her daſſelbe Schick⸗ ſal theilen, dieſelben Muͤhſeligkeiten erdulden, von denſelben Nahrungsmitteln ihr Leben friſten, und dieſelben rohen Kleidungsſtuͤcke tragen. Kein Dach erhob ſich, unter dem nicht der heimathloſe Fremde 8 haͤtte Schutz ſuchen koͤnnen; kein Rauch kraͤuſelte ſich unter den Baͤumen, ohne daß der Fremde nicht an dem Feuer, von dem er aufſtieg, haͤtte Platz neh⸗ men und des Jaͤgers Mahl theilen koͤnnen.„Denn', ſagt ein alter Geſchichtſchreiber von Neu⸗England, „ihr Leben iſt ſo frei von Sorgen, und ſie ſind ſo liebevoll, daß ſie alles, was ſie brauchen, als Ge⸗ meingut betrachten, und dabei ſo mitleidig, daß ſie, ehe ſie Einen aus Mangel verhungern laſſen ſoll⸗ ten, lieber alle verhungern wuͤrden. So bringen ſie ihr Leben froͤhlich hin, kuͤmmern ſich um unſern Prunk nicht, ſondern ſind mit dem ihrigen, von 189 dem Manche ſo geringſchaͤtzig denken, vollkommen zufrieden“. So waren die Indianer in dem Stolze und der Kraft ihres Naturzuſtandes; ſie waren jenen wilden Pflanzen aͤhnlich, welche in dem Schatten des Waldes am beſten gedeihen, aber unter der Hand kuͤnſtlicher Pflege ſich nicht fuͤgen, und in den Strahlen der Sonne vergehen. Bei der Eroͤrterung des Charakters der Wilden haben die Schriftſteller ſich zu leicht den gemeinen Vorurtheilen und der leidenſchaftlichen Uebertrei⸗ bung hingegeben, ſtatt ſich der ruhigen Stimmung der wahren Philoſophie zu uͤberlaſſen. Sie haben die eigenthuͤmlichen Verhaͤltniſſe, in welche die In⸗ dianer gerathen ſind, und die eigenthuͤmlichen Grund⸗ ſätze, nach denen ſie erzogen werden, nicht hinlaͤng⸗ lich beruͤckſichtigt. Kein Weſen handelt ſtrenger nach Grundſaͤtzen, als der Indianer. Sein ganzes Benehmen iſt nach einigen allgemeinen, ihm ſchon fruͤh eingepraͤgten Vorſchriften geregelt. Der mo⸗ raliſchen Geſetze, denen er gehorcht, ſind allerdings nur wenige, allein er befolgt ſie auch alle; der Weiße hat eine Menge von Geſetzen uͤber Religion, Moral und Sitten, aber wie viele davon verletzt er nicht! Ein oft wiederholter Beſchuldigungsgrund gegen die Indianer iſt ihre Nichtachtung der Vertraͤge, 190— und die Treuloſigkeit und Leichtigkeit, womit ſie, in Zeiten des anſcheinenden Friedens, ploͤtzlich zu Feind⸗ ſeligkeiten ſchreiten. Das Verhaͤltniß zwiſchen den Weißen und den Indianern wird nur zu leicht kalt, mißtrauiſch, druͤckend und beleidigend. Die Erſteren behandeln die Letzteren ſelten mit dem Zutrauen und der Offenheit, welche bei der wahren Freundſchaft unumgaͤnglich nothwendig ſind, und beobachten nicht die gehoͤrige Behutſamkeit, um das Gefuͤhl des Stol⸗ zes oder den Aberglauben nicht zu verletzen, der oft den Indianer ſchneller zu Feindſeligkeiten ver— anlaßt, als die bloße Ruͤckſicht des Eigennutzes. Der einſame Wilde fuͤhlt ſchweigend, aber tief. Sein Gefuͤhl iſt nicht uͤber einen ſo weiten Raum ver⸗ breitet, als das des Weißen; allein es bewegt ſich in ſteterem und tieferem Geleiſe. Sein Stolz, ſeine Leidenſchaften, ſein Aberglaube, alles dieß iſt auf wenigere Gegenſtaͤnde gerichtet; allein die Wunden, welche ihm geſchlagen werden, ſind verhaͤltnißmaͤßig ſehr tief, und geben Veranlaſſungen zu Feindſelig⸗ keiten, die wir nicht gehoͤrig beurtheilen koͤnnen. Wo ein Gemeinweſen auch an Zahl beſchraͤnkt iſt, und, wie bei einem Indianiſchen Stamme, eine große, patriarchaliſche Familie bildet, da wird die, dem Einzelnen zugefuͤgte Beleidigung, zur Beleidi⸗ gung fuͤr das Ganze, und das Gefuͤhl der Rache 191 verbreitet ſich beinahe augenblicklich. Ein Bera⸗ thungsfeuer iſt hinlaͤnglich zur Eroͤrterung und An⸗ ordnung des Plans zum Kriege. Beredſamkeit und Aberglaube vereinigen ſich, die Gemuͤther der Krieger zu entflammen. Der Redner regt ihren kriegeriſchen Muth an, und die Geſichte des Pro— pheten und des Traͤumers ſtimmen ſie zu einer Art von religioͤſen Verzweiflung hinauf. Ein Beiſpiel von einer dieſer ploͤtzlichen Erre⸗ gungen, welches von einem, dem Charakter der India⸗ ner eigenthuͤmlichen Beweggrunde ausgegangen, ſin⸗ det ſich in einer alten Chronik der erſten Zeit der Anſiedlung von Maſſachuſetts. Die Pflanzer von Plymouth hatten die Denkmaͤler der Todten in Paſſonageſſit verſtuͤmmelt, und aus dem Grabe der Mutter des Sachem's**) einige Felle geraubt, wo⸗ mit es verziert geweſen war. Die Indianer zeich⸗ nen ſich durch die Ehrfurcht, welche ſie gegen die Graͤber ihrer Verwandten haben, ganz beſonders aus. Staͤmme, welche ſeit Geſchlechtern aus den Wohnſitzen ihrer Vorfahren vertrieben ſind, haben ſich, wenn ſie zufaͤllig in der Nachbarſchaft reiſeten, von der Straße abgewandt, und, von wunderbarlich genauen Sagen geleitet, meilenweit das Land durch⸗ *) Häuptlings. 192 zogen, um einen vielleicht in Gehoͤlzen verborgenen Grabhuͤgel aufzuſuchen, wo die Gebeine ihres Stam⸗ mes urſpruͤnglich beigeſetzt waren, und dort Stun⸗ den lang in ſtillem Nachdenken zugebracht. Von dieſem erhabenen und heiligen Gefuͤhl beſeelt, ver— ſammelte der Sachem, deſſen Mutter in ihrem Grabe geſtoͤrt worden war, ſeine Leute, und hielt folgende herrlich einfache und erhabene Rede an ſie; eine merkwuͤrdige Probe Indianiſcher Beredſamkeit und ein ruͤhrendes Beiſpiel kindlicher Liebe von einem Wilden. „Als neulich das glorreiche Licht des Himmels ſich unter dieſen Erdball hinabſenkte, und die Vögel ſchwiegen, fing ich, wie mein Gebrauch iſt, an, mich zur Ruhe zu bereiten. Ehe ich meine Augen ſchloß, glaubte ich ein Geſicht zu erblicken, das meinen Geiſt ſehr beunruhigte, und als ich bei die⸗ ſem ſchmerzlichen Anblicke erzitterte, rief ein Geiſt laut:„Sieh, mein Sohn, den ich geliebt habe, die „Bruſt, die Dich ſaͤugte, die Haͤnde, die Dich warm „eingewickelt und Dich oft genaͤhrt haben. Kannſt „Du es vergeſſen, Rache zu nehmen an dieſem wil⸗ „den Volke, welches mein Grabdenkmal auf eine ſo „ſchimpfliche Weiſe verſtuͤmmelt, und unſere alten „und ehrenwerthen Gebraͤuche ſo ſchnoͤde behandelt „hat! Sieh' itzt, wie des Sachem's Grab daliegt, wie 193 „wie das der gemeinen Leute, von einem unwuͤrdigen „Geſchlechte verunſtaltet. Deine Mutter klagt und „fleht Dich um Beiſtand gegen dieſes diebiſche Volk „an, welches ſich erſt vor Kurzem in unſer Land „eingedraͤngt hat. Wenn Du dieß leideſt, werde ich „in meiner ewigen Wohnſtaͤtte nicht ruhig ſeyn“.— Nachdem der Geiſt dieß geſagt, verſchwand er, und ich, da ich ganz in Schweiß gebadet und kaum zu ſprechen im Stande war, erhielt erſt nach und nach wieder Kraͤfte, ſammelte meine entflohenen Lebens⸗ geiſter, und beſchloß, von Euch nun Rath und Bei⸗ ſtand zu verlangen.“ Ich habe dieſe Anekdote weitlaͤuftiger erzaͤhlt, da ſie deutlich zeigt, wie dieſe ploͤtzlichen Feindſeligkei⸗ ten, die man der Laune und Treuloſigkeit beige⸗ meſſen hat, wohl oͤfter aus tiefliegenden und großarti⸗ gen Beweggruͤnden entſtehen mochten, welche unſere wenige Beachtung des Charakters und der Sitten der Indianer uns nicht gehoͤrig beruͤckſichtigen laͤßt. Ein anderer Umſtand, welcher zu heftigem Ta⸗ del gegen die Indianer Veranlaſſung gegeben hat, iſt ihre Grauſamkeit gegen die Beſiegten. Dieſe 4 hat theils in der Politik, theils in dem Aberglau⸗ ben ihren Grund gehabt. Die Staͤmme waren, ob man ſie gleich zuweilen Voͤlker genannt hat, nie ſo furchtbar an Anzahl, daß der Verluſt einiger Skizzenbuch II. J 194— Krieger ihnen nicht ſehr empfindlich geweſen waͤre. Dieß war beſonders der Fall, wenn ſie haͤufige Kriege gehabt hatten, und es giebt viele Beiſpiele in der Geſchichte der Indianer, wo ein Stamm, der ſeinen Nachbarn lange Zeit furchtbar geweſen war, durch die Gefangennehmung und Niederme⸗ tzelung ſeiner vorzuͤglichſten Streiter aufgeloͤſ't und verjagt worden iſt. Auch mußte der Sieger große Verſuchung fuͤhlen, erbarmungslos zu ſeyn; nicht ſowol, um ſeine grauſame Rache zu befrietigen, als um ſeiner kuͤnftigen Sicherheit willen. So hatten die Indianer auch den Aberglauben, der bei wilden Völkern haͤufig iſt und auch bei den Alten herrſchte, daß die Manen ihrer in der Schlacht gefallenen Freunde durch das Blut der Gefangenen verſöhnt wuͤrden. Die Gefangenen, welche nicht ſo hin⸗ geopfert werden, nehmen ſie an die Stelle der Er— ſchlagenen in ihre Familien auf, und begegnen ihnen mit eben dem Zutrauen und der Zuneigung, als ob ſie ihre Verwandten und Freunde waͤren; ja, ſie werden mit einer ſo großen Gaſtfreiheit und Zaͤrt: lichkeit behandelt, daß, wenn man ihnen die Wahl laͤßt, ſie oft lieber bei ihren angenommenen Bruͤ⸗ dern bleiben, als in ihre Heimath und zu den Freunden ihrer Jugend zuruͤckkehren. Die Grauſamkeit der Indianer gegen ihre Ge⸗ 195 fangenen iſt, ſeitdem die Weißen ſich angeſüedelt ha⸗ ben, geſtiegen. Was fruͤherhin eine Wirkung des Anſchmiegens an die Politik und den Aberglauben war, iſt zu einer Befriedigung des Rachgefuͤhls geſteigert worden. Sie koͤnnen es nicht vergeſſen, daß die Weißen ihre alten Beſitzungen an ſich ge⸗ riſſen, ihre Erniedrigung herbeigefuͤhrt und allmaͤh⸗ lig ihren Stamm ausgerottet haben. Sie gehen in die Schlacht, erbittert uͤber die Beleidigungen und Unbilden, welche jeder Einzelne erlitten hat, und uͤber die weitverbreitete Verwuͤſtung und die Europaͤiſche Kriegsfuͤhrung. Die Weißen haben ihnen zu oft das Beiſpiel der Gewaltthaͤtigkeit gegeben, indem ſie ihre Doͤrfer verbrannt und ihnen ihre geringen Unterhaltsmittel geraubꝗt haben, und ſie wundern ſich dann noch, daß Wilde nicht Maͤßigung und Großmuth gegen Diejenigen zeigen, die ihnen nichts weiter uͤbrig gelaſſen haben, als das bloße Daſeyn und Elend. Wir brandmarken die Indianer mit den Benen⸗ nungen feige und verraͤtheriſch, weil ſie in ihren Kriegen ſich der Kriegsliſten, ſtatt der offenbaren Gewalt bedienen; dieſe ſind indeß nach ihren rohen Geſetzen der Ehre vollkommen gut geheißen. Man lehrt ſie ſchon fruͤh, daß Kriegsliſten etwas Ruͤhm⸗ liches ſeyen; der tapferſte Krieger haͤlt es fuͤr keine J 2 196—— Schande, ſich in den Hinterhalt zu legen, und jeden Vortheil aͤber ſeinen Feind zu benutzen, und thut ſich auf die uͤberwiegende Liſt und den Scharf⸗ ſinn, womit es ihm gelungen iſt, einen Feind zu uͤberfallen und zu vernichten, beſonders viel zu Gute. Ueberhaupt neigt ſich der Menſch, von Na⸗ tur, mehr zur Liſt als zur offenen Tapferkeit hin, da er, in Vergleich mit anderen Thieren, ſeine ſei⸗ gene koͤrperliche Schwaͤche fuͤhlt. Dieſe ſind mit natuͤrlichen Vertheidigungswaffen begabt, mit Hoͤr⸗ nern, mit Hufen, mit Krallen; der Menſch aber muß ſich auf ſeinen uͤberwiegenden Scharfſinn ver⸗ laſſen; bei allen ſeinen Kaͤmpfen mit jenen, ſeinen eigentlichen Feinden, nimmt er zur Liſt ſeine Zu⸗ flucht, und wenn er thoͤrichter Weiſe ſeine Angriffe gegen ſeine Mitmenſchen richtet, ſo bedient er ſich Anfangs eben der hinterliſtigen Kriegfuͤhrungsart. Der natuͤrliche Grundſatz im Kriege iſt der, un⸗ ſeren Feinden ſo viel Schaden als moͤglich, mit ſo wenigem Schaden als moͤglich fuͤr uns ſelbſt, zuzu— fuͤgen; und dieß muß natuͤrlich durch Kriegsliſt er⸗ reicht werden. Der ritterliche Muth, welcher uns antreibt, die Eingebungen der Klugheit zu verſchmaͤ⸗ hen, und uns in die gewiſſe Gefahr zu ſtuͤrzen, iſt die Frucht der buͤrgerlichen Geſellſchaft und ein Er⸗ gebniß der Erziehung. Er iſt ehrenvoll, weil er in 197 der That den Sieg des erhabenen Gefuͤhls uͤber eine angeborne Furcht vor dem Schmerze, und uͤber die ſes Hinneigen nach perſoͤnlicher Behaglichkeit und Sicherheit beurkundet, welches beides die buͤrgerliche Geſellſchaft als ſchimpflich verwirft. Er wird durch den Stolz und die Furcht vor der Schande aufrecht erhalten, und ſo die Beſorgniß vor einem wirkli⸗ chen Uebel, durch die maͤchtigere vor einem Uebel, welches nur in der Einbildungskraft vorhanden iſt, uͤberwunden. Man hat ihn durch verſchiedene Mittel zu naͤhren und anzufeuern geſucht. Er iſt ein Gegenſtand geiſterregender Geſaͤnge und rit⸗ terlicher Kunde geworden. Die Dichter und Bar⸗ den haben gewetteifert, ihn mit dem Glanze der Dichtung zu umgeben, und ſelbſt der Geſchichtſchrei⸗ 6 ber hat des beſonnenen Ernſtes der Darſtellung ver⸗ geſſen, und ſich, zu ſeinem Preiſe, der Begeiſte⸗ rung und Aufwallung uͤberlaſſen. Triumphe und prachtvolle Ehrenbezeugungen ſind ſeine Belohnung geworden; Denkmale, an denen die Kunſt ihre Ge⸗ ſchicklichkeit und der Reichthum ſeine Schaͤtze er⸗ ſchoͤpft hat, ſind errichtet worden, um die Dank⸗ barkeit und Bewunderung eines Volks zu verewi⸗ gen. Der Muth hat ſich, auf dieſe Art genaͤhrt und angereizt, zu einem außerordentlichen und kuͤnſt⸗ lich gebildeten Heldenmuth geſteigert; ſo mit allem 198— dieſen glanzvollen„Prunk und Zubehoͤr des Krie⸗ ges“ angethan, iſt es dieſer unruhevollen Eigenſchaft ſogar gelungen, mehrere von jenen ruhigen, aber unſchaͤtzbaren Tugenden zu verdunkeln, welche ſtill⸗ ſchweigend den menſchlichen Charakter veredeln, und den Strom des menſchlichen Gluͤcks voller dahin⸗ fließen machen. Wenn der Muth aber in Verachtung der Gefahr und des Schmerzes beſteht, ſo iſt das Le⸗ ben eines Indianers eine beſtaͤndige Entfaltung deſ⸗ ſelben. Er lebt in einem Stande immerwaͤh⸗ render Feindſeligkeit und Fehde. Gefahren und Abenteuer ſagen ſeiner Natur zu, oder ſcheinen vielmehr nothwendig, um ſeine Faͤhigkeiten aufzu⸗ regen und ſeinem Daſeyn eine Wuͤrze zu geben. Von feindlichen Staͤmmen umgeben, deren Kriegs⸗ fuͤhrung aus Hinterhalt und Ueberfall beſteht, iſt er immer zum Gefecht bereit, und lebt mit den Waf⸗ fen in der Hand. So wie das Schiff in furchtba⸗ rer Einſamkeit durch die Einoͤde des Oceans da⸗ hinfaͤhrt; ſo wie der Vogel in den Wolken ſchwebt, und, als ein bloßer Punkt, ſeinen Weg durch die ſpurloſen Gefilde der Luft verfolgt: ſo verfolgt auch der Indianer ſchweigend, einſam, aber unerſchrocken, ſeinen Weg durch die Unermeß⸗ lichkeit der Wildniß. Seine Unternehmungen ſind 3 199 eben ſo weit ausgedehnt und gefaͤhrlich, als die Pil⸗ gerfahrt des Frommen, oder der Kreuzzug des ir⸗ renden Ritters. Er durchſtreift große Waͤlder, den Gefahren einſam ihn befallender Krankheit, lauern⸗ der Feinde und quaͤlenden Hungers ausgeſetzt. Stuͤr⸗ miſche Seen, dieſe großen, im Innern des Landes befindlichen Meere, ſind kein Hinderniß fuͤr ſeine Wanderungen; in ſeinem leichten Rindenboote ſchwimmt er, wie eine Feder, auf ihren Wellen dahin, und ſtuͤrzt, mit der Schnelligkeit eines Pfei⸗ les, die brauſenden Faͤlle der Fluͤſſe hinab. Sei⸗ nen Unterhalt ſelbſt muß er ſich unter Muͤhen und Gefahren erkaͤmpfen. Er erlangt ſeine Nahrung nur durch die Anſtrengungen und Gefahren der Jagd, huͤllt ſich in die Haͤute des Baͤren, des Panthers und des Buͤffels, und ſchlaͤft ruhig bei dem Donner des Waſſerfalls*). Kein Held aͤlterer oder neuerer Zeit kann den Indianer in ſeiner hochherzigen Verachtung des To⸗ des, und in der Staͤrke, womit er deſſen grauſamſte Pein erduldet, uͤbertroffen haben. Wir ſehen, wie *) Die Wahrheit dieſer trefflichen Schilderung wird dem Leſer doppelt klar erſcheinen, wenn er ſich an das erinnert, was in dem ſo anziehenden und merkwürdigen Tagebuche des unter den Amerikaniſchen Wilden aufgewachſenen Jüng⸗ 1 lings J. D. Hunter, das vor etwa zwei Jahren in Lon⸗ don erſchien, erzählt wird. Ueberſ. 200 er hierin ſich, ſeiner eigenthuͤmlichen Erziehung ge⸗ maͤß, uͤber den Weißen erhebt. Der Letztere ſtuͤrzt ſich einem ruhmvollen Tode vor der Muͤndung der Kanone entgegen, der Erſtere erwartet ruhig ſeine Annaͤherung, und erduldet ihn, unter den verſchie⸗ denen Qualen der ihn umgebenden Feinde und der langſamen Pein des Feuers, mit Gelaſſenheit. Er ſetzt ſogar einen Stolz darin, ſeine Feinde zu ver⸗ hoͤhnen, und ihre Erfindungskraft bei ihren Qualen auf die Probe zu ſtellen, und waͤhrend die verzeh⸗ renden Flammen an ſeinen Eingeweiden wuͤthen, und das Fleiſch ihm von den Muskeln faͤllt, erhebt er ſeinen letzten Siegesgeſang, worin er den Trotz eines unbeſiegten Herzens ausſpricht, und die Geiſter ſeiner Vaͤter anruft, Zeuge zu ſeyn, daß er ohne einen Seußzer ſterbe. Der ſchwarzen Farben, womit die fruͤheren Ge— ſchichtſchreiber des Landes den Charakter der un⸗ gluͤcklichen Eingebornen dargeſtellt haben, ungeachtet, bricht doch von Zeit zu Zeit ein Lichtſtrahl hindurch, welcher eine Art von truͤbem Glanz auf ihr Anden ken wirft. Man ſtoͤßt zuweilen auf Thatſachen in den rohen Jahrbuͤchern der oͤſtlichen Provinzen, welche, obgleich ſie mit den Farben des Vorurtheils und der Froͤmmelei dargeſtellt ſind, doch fuͤr ſich ſelbſt ſprechen, und bei denen man mit Beifall und 201 Antheil verweilen wird, wenn das Vorurtheil ver⸗ ſchwunden iſt. In einer jener anſpruchsloſen Erzaͤhlungen von den Kriegen in Neu⸗England*) findet ſich eine ruͤhrende Schilderung des Elends, welches uͤber den Stamm der Pequod⸗Indianer kam. Die Menſchlichkeit ſchaudert vor dieſen Einzelheiten ei⸗ ner kaltbluͤtigen ruͤckſichtsloſen Metzelei zuruͤck. An einer Stelle leſen wir die Geſchichte des Ueberfalls eines Indianiſchen Forts in der Nacht, wobei die Wigwams in Flammen aufgingen, und die ungluͤck⸗ lichen Einwohner, die zu entrinnen verſuchten, nie⸗ dergeſchoſſen und getoͤdtet wurden,„ſo daß Alles binnen einer Stunde abgemacht und geendigt war'. Nach einer Reihe aͤhnlicher Vorgaͤnge„entſchloſſen ſich“, wie unſer Geſchichtſchreiber frommer Weiſe bemerkt,„unſere Soldaten, mit dem Beiſtand Got⸗ tes, ſie gaͤnzlich auszurotten“. Die ungluͤcklichen Wilden wurden daher aus ihren Wohnungen und Feſtungen vertrieben und mit Feuer und Schwert verfolgt, und nur ein kleiner tapferer Haufe, das traurige Ueberbleibſel der Krieger des Pequod⸗ *») Ein allgemeiner Name, unter welchem man die Staag⸗ ten Maine, New⸗Hampfhire, Vermont, Maſaachuſetts, Rhode⸗Island und Connectieut begreift. Ueberſ. 202 Stammes, fluͤchtete mit Weib und Kindern in einen Moraſt. Von Unwillen gluͤhend und in finſterer Ver⸗ zweiflung, mit Herzen, die vor Kummer uͤber den Untergang ihres Stammes brachen, und Gemuͤ⸗ thern, die von der eingebildeten Schimpflichkeit ihrer Niederlage noch gereizt und verwundet waren, verſchmaͤhten ſie es, einen ſie verhoͤhnenden Feind um ihr Leben zu bitten, und zogen den Tod der Unter⸗ werfung vor. Als die Nacht herannahte, wurden ſie in ihrem traurigen Schlupfwinkel umzingelt, ſo daß das Ent⸗ weichen unmoͤglich war. In dieſer Lage„beſchoß ſie der Feind die ganze Zeit uͤber, ſo daß Manche getoͤdtet wurden und in den Moraſt verſanken.“ In der Dunkelheit und dem Nebel vor Tagesan⸗ bruch brachen einige Wenige durch die Belagerer und entwiſchten in die Waͤlder;„die Uebrigen blieben den Siegern, und von dieſen wurden viele in dem Moraſt getoͤdtet, die in ihrem Eigenſinn und ihrer Tollheit, wie ſtoͤrriſche Hunde ſtill ſaßen und ſich lieber niederſchießen oder niederhauen laſſen wollten, als um Gnade bitten.“ Als der Tag anbrach, und dieſe Handvoll einzelner, aber muthvoller Menſchen beleuchtete, ſahen die Soldaten, als ſie in den Moraſt eindrangen, wie uns erzaͤhlt wird:„meh⸗ 203 rere Haufen derſelben dicht neben einander ſitzen; auf dieſe richteten ſie ihre mit zehn oder zwoͤlf Piſtolenkugeln geladene Musketen, wobei ſie die⸗ ſelben auf die Zweige der Baͤume, einige Schritte von den Wilden, legten, ſo daß, außer denen, die ſchon todt waren, noch viel mehr blieben und in den Moraſt verſanken, wo ſich weder Feind noch Freund um ſie bekuͤmmerte.“ Kann man wol dieſe einfache, ungeſchmuͤckte Er⸗ zaͤhlung leſen, ohne die ſtarre Entſchloſſenheit, den unbeugſamen Stolz, die Geiſteserhebung zu bewun⸗ dern, welche die Herzen dieſer Naturhelden zu ſtaͤh⸗ len, und ſie uͤber die angeborenen Gefuͤhle der menſchlichen Natur zu erheben ſchien? Als die Gallier die Stadt Rom zerſtoͤrten, fanden ſie die Senatoren, mit ihren Gewaͤndern angethan, in ſtarrer Ruhe auf den kuruliſchen Sitzen; und ſo er⸗ duldeten ſie den Tod ohne Widerſtand, oder ſelbſt ohne Flehen um ihr Leben. Ihr Betragen wird allgemein als edel und großſinnig bewundert; bei den ungluͤcklichen Indianern gilt es als ſtoͤrriſch und verſtockt. Wie wahr iſt es doch, daß wir uns von dem Aeußern und den Umſtaͤnden taͤuſchen laſſen! Wie verſchieden iſt die Tugend, welche in Purpur gekleidet iſt und im Prunke daſitzt, von der, welche 204 nackt und bloß iſt, und unbekannt in der Wildniß untergeht! 33 Doch ich will bei dieſen duͤſteren Bildern nicht laͤnger verweilen. Die oͤſtlichen Staͤmme ſind ſeit langer Zeit nicht mehr; die Waͤlder, welche ihnen Schutz gewaͤhrten, ſind niedergehauen worden, und es ſind kaum noch einige Spuren der Wilden in den dicht bevolkerten Staaten von Neu⸗England vorhanden, ausgenommen, daß hie und da ein Dorf oder ein Strom noch einen Indianiſchen Namen fuͤhrt. Dieß muß uͤber lang oder kurz auch das Schickſal der uͤbrigen Staͤmme ſeyn, welche an den Grenzen hauſen, und dann und wann aus ihren Waͤldern ſich haben hervorlocken laſſen, um an den Kriegen der Weißen Theil zu nehmen. Es wird nicht lange waͤhren, ſo werden auch ſie den Weg gehen, den ihre Bruͤder vor ihnen gegangen ſind. Die wenigen Horden, welche noch itzt an den Kuͤſten des Huronen⸗ und Superior⸗See's*) und der kleinen Fluͤſſe wohnen, welche ſich in den Miſ⸗ ſiſſippi ergießen, werden das Schickſal der Staͤmme *) Der Huronen⸗ und der Superior⸗(obere) See liegen an der Grenze der Vereinigten Staaten und Canada's, und ſind durch den Fluß St. Mery mit einander verbunden. Der letztere iſt einer der größten Seen in der Welt, indem er von Oſten nach Weſten 490(engl.) Meilen breit iſt, und 1700 Meilen im Umfange hat. Ueberſ. 205 theilen, welche einſt uͤber ganz Maſſachuſetts und Connecticut verbreitet waren, derer, welche an den ſtol⸗ zen Ufern des Hudſon geboten, ſo wie des rieſenhaften Geſchlechts, welches an den Ufern des Susquehama*) gewohnt haben ſoll, und der verſchiedenen Voͤl⸗ ker, welche in der Gegend des Patowmac und des Rappahanoc**) bluͤhten und die Waͤlder in dem großen Thale von Shenandoah**r) bevoͤlkerten. Sie werden wie ein Hauch von der Flaͤche der Erde verſchwinden; ſelbſt ihre Geſchichte wird untergehen, und„die Orte, die ſie itzt kennen, werden ſie nimmer wiederſehen.“ Wenn vielleicht noch irgend ein unbeſtimmtes Andenken von ihnen verbleiben ſollte, ſo wird dieß nur in den romantiſchen Traͤu⸗ men des Dichters leben, um in ſeiner Einbildungs⸗ kraft Schluchten und Gebuͤſche damit, wie im *) Oder Susquehannah. Er kommt aus dem Otſego⸗ See in der Provinz Neu⸗York und ergießt ſich in die Che⸗ ſapeake⸗Bay, nahe bei der nord⸗öſtlichen Spitze von Mary⸗ land. Cooper hat den Schauplatz eines ſeiner Romane an die Quelle deſſelben verlegt. Ueberſ. **) Der Patowmae oder Potomac entſpringt in den Alleghany⸗Gebirgen, bildet die Grenze der Provinzen Maryland und Virginien, und ergießt ſich in die Cheſa⸗ peake⸗ Bay. Seine Mündung liegt 30(engl.) Meilen ſüd⸗ blauen Bergen entſpringt. Ueberſ. ***) In Virginien, nach dem Fluſſe gleiches Namens ſo genannt, der ſich mit dem Potomge vereinigt. Ueberſ. 206 Alterthum mit Faunen und Satyrn und Waldgott⸗ heiten, zu bevoͤlkern. Sollte er indeſſen die dun⸗ kele Geſchichte ihrer Unbilden und ihres Elends zu enthuͤllen ſuchen; ſollte er erzaͤhlen, wie ſie ange⸗ griffen, vertilgt, vernichtet, aus ihren angeſtammten Wohnſitzen und von den Graͤbern ihrer Vaͤter ver⸗ trieben, wie die wilden Thiere auf der Erde gejagt, und mit Gewalt und unter Gemetzel dem Grabe zugeſandt wurden, ſo wird die Nachwelt ſich ent⸗ weder mit Schauder und voll Unglauben von ſeiner Erzaͤhlung abwenden, oder vor Unwillen uͤber die Unmenſchlichkeit ihrer Voraͤltern erroͤthen.—„Wir werden ſo weit zuruͤckgetrieben,“ ſagte ein alter Krieger:„bis wir uns nicht weiter zuruͤckziehen koͤnnen— unſere Streitaͤxte ſind zerbrochen, unſere Bogen ſind ſehnenlos, unſere Feuer beinahe erlo⸗ ſchen:— noch eine kleine Weile, und die Weißen werden aufhoͤren, uns zu verfolgen— denn wir werden aufhoͤren zu ſeyn!“ — Philipp von Pokanoket. (Ein Beitrag zur Geſchichte der Indianer.) Wie eines Denkmals Erz ſein Blick iſt unbewegt, Die Seele leicht gerührt, doch nie erregt. Vom Baum, der ihn gewiegt, bis zu des Lebens End' Gewohnt, daß Gut' und Böſes er erträgt, Unwandelbar— die Furcht er nimmer nennt— Ein Weiſer aus dem Wald, der keine Thräne kennt. Campbell(Gertrud von Wyoming). — Es i*ſt ſehr zu bedauern, daß jene fruͤheren Schrift⸗ ſteller, welche die Entdeckung und Bevölkerung von Amerika abgehandelt, uns keine ausfuͤhrlichere und unverſtelltere Schilderungen der ausgezeichneten Menſchen gegeben, welche unter den Wilden ge⸗ lebt haben. Die wenigen Anekdoten, welche auf uns gekommen, ſind voll von Eigenthuͤmlichkeit und hoͤchſt anziehend; ſie laſſen uns tiefere Blicke in das Weſen des Menſchen thun, ſie zeigen uns, was er in ſeinem verhaͤltnißmaͤßig urſpruͤngli⸗ chen Zuſtande iſt, und was er der Civiliſation zu 208 danken hat. Es liegt etwas, mit dem Reiz einer Entdeckung begabtes, darin, wenn wir auf dieſe wilden, unbetretenen Spuren der menſchlichen Natur ſto⸗ ßen; wenn wir gleichſam das Entſtehen des mora— liſchen Gefuͤhls betrachten, und die großſinnigen und romantiſchen Eigenſchaften, welche durch die Geſellſchaft kuͤnſtlich ausgebildet worden ſind, wahrnehmen, wie ſie in urſpruͤnglicher Kraft und roher Pracht emporwachſen. 5 Im gebildeten Leben, wo das Gluͤck, und, in der That, beinahe das Daſeyn des Menſchen ſelbſt von der Meinung ſeiner Mitmenſchen abhaͤngt, ſpielt er beſtaͤndig eine eingelernte Rolle. Die kecken und eigenthuͤmlichen Zuͤge des angebornen Charak⸗ ters ſchleifen ſich entweder ganz ab, oder werden wenigſtens durch den allgemein gleichmachenden Einfluß der ſogenannten guten Lebensart gemil⸗ derr; er ſpielt ſo manchen kleinen Betrug, und nimmt, um ſich beliebt zu machen, den An⸗ ſchein ſo mancher edler Gefuͤhle an, daß es ſchwer wird, ſeinen kuͤnſtlichen Charakter von ſeinem wah⸗ ren zu unterſcheiden. Der Indianer dagegen, welcher von dem Zwange und der Verfeinerung des gebildeten Lebens nichts weiß, und großentheils als ein einſames und unabhaͤngiges Weſen daſteht, ge⸗ horcht dem Antriebe ſeiner Neigung oder den Ein⸗ *. 209 gebungen ſeiner Beurtheilungskraft, und ſo erreichen die Eigenſchaften ſeiner Seele, da er ihnen freien Lauf laͤßt, eine ungewoͤhnliche Groͤße und Erhaben⸗ heit. Die buͤrgerliche Geſellſchaft iſt wie ein Raſen, auf welchem jede Erhoͤhung gleich gemacht, jeder Dornbuſch ausgerottet iſt, und wo das Auge ſich an dem lachenden Gruͤn einer ſammetartigen Flaͤche er⸗ getzt; wer indeſſen die Natur in ihrer ganzen Wild⸗ heit und Mannigfaltigkeit ſtudiren will, muß ſich in den Wald verlieren, die Schlucht erforſchen, den Gießbach daͤmmen, und keinen Abgrund ſcheuen. Dieſe Betrachtungen boten ſich mir dar, als ich zufaͤllig ein Werk uͤber die fruͤhere Geſchichte der Colonie durchſah, worin mit großer Bitterkeit der Gewaltthaͤtigkeiten der Indianer und ihrer Kriege mit den Anſiedlern in Neu⸗England gedacht wird. Es iſt betruͤbend, wenn man, ſelbſt aus dieſen ein⸗ zelnen Berichten, ſieht, wie die erſten Fußſtapfen der Civiliſation in dem Blute der Eingebornen geſucht werden muͤſſen, wie leicht die Coloniſten ſich durch die Eroberungsſucht zu Feindſeligkeiten hinreißen ließen, und wie ſchoͤnungslos und moͤrderiſch ihre Kriegfuͤhrung war. Die Einbildungskraft ſchrickt vor dem Gedanken zuruͤck, wie viele verſtaͤndige Weſen von der Erde vertilgt wurden, wie manches wackere und edle Herz, vom reinſten Gepraͤge 210 der Natur, gebrochen und in den Staub getreten wurde! Dieß war auch das Schickſal Philipp's v on N⸗ kanoket, eines Indianiſchen Kriegers, deſſen Name einſt Schrecken uͤber ganz Maſſachuſetts und Con⸗ necticut verbreitete. Er war der ausgezeichneteſte von einer Anzahl gleichzeitiger Sachems, welche uͤber die Pequods, die Narrhaganſets, die Wampa⸗ noags und die uͤbrigen oͤſtlichen Staͤmme, zur Zeit der erſten Niederlaſſungen in Neu⸗England, herrſch⸗ ten*); ein Haufen eingeborner Helden ohne Kriegs⸗ uͤbung, die aber den tapferſten Widerſtand leiſteten, deſſen die menſchliche Natur nur faͤhig iſt, und bis zu dem letzten Athemzuge, ohne die geringſte Hofſnung auf Sieg oder einen Gedanken an Ruhm, fuͤr die Sache ihres Vaterlandes kaͤmpften. Werth, in einem dichteriſchen Zeitalter gelebt zu haben, und wuͤrdige Gegenſtaͤnde fuͤr Ortsgeſchichte und roman⸗ tiſche Dichtung, haben ſie kaum eine glaubwuͤrdige Spur auf den Tafeln der Geſchichte hinterlaſſen, ſondern ſchleichen, wie rieſenhafte Schatten, in dem truͤben Daͤmmerlicht der Sage umher**). ²) Von allen dieſen iſt nur der Stamm der Narrhagan⸗ ſets noch übrig, der auch nur aus 420 Köpfen beſteht. Ueberſ. *²*) Während der Correktur dieſes Vogens hat der Verf. 211 Als die Pilger— wie die Anſiedler von Ply⸗ th von ihren Abkoͤmmlingen genannt werden— vor den religioͤſen Verfolgungen der alten Welt eine Zuflucht an den Kuͤſten der neuen ſuch⸗ ten*), war ihre Lage aͤußerſt traurig und abſchre⸗ ckend. Ihre Anzahl war gering, und dieſe ſchmolz durch Krankheit und Muͤhſeligkeiten ſchnell. Von einer oͤden Wuͤſte und wilden Staͤmmen umgeben, 3 der Strenge eines beinahe nordpolartigen Winters und dem Wechſel eines beſtaͤndig veraͤnderlichen Klima's ausgeſetzt, bemaͤchtigten ſich truͤbe Ahnungen ihrer Ge⸗ muͤther, und nichts konnte ſie vor Verzweiflung be⸗ 5 wahren, als die gewaltige Erregung ihrer religioͤſen Begeiſterung. In dieſer huͤlfloſen Lage kam Maſſa⸗ ſoit, der Haupt⸗Sagamore der Wampanoags, ein 1 maͤchtiger Haͤuptling, welcher einen großen Strich Landes beherrſchte, zu ihnen. Statt die geringe Anzahl der Fremden zu benutzen, und ſie aus ſei⸗ nem Gebiet, in das ſie eingedrungen waren, zu ver⸗ erfahren, daß ein berühmter Engliſcher Dichter ein Hel⸗ 6 dengedicht, aus der Geſchichte Philipp's von Pokanoket ent⸗ nommen, beinahe vollendet hat. Verf. *) Im Jahre 1621. Die Anſiedler beſtanden aus ſoge⸗ nannten Non⸗Conformiſten, oder Puritanern, welche ſich an den Gottesdienſt der biſchöflichen Kirche nicht anſchlie⸗ ßen wollten, und deswegen, über Holland, nach Amerika flüchteten. Ueberſ. treiben, ſchien er auf einmal eine großſinnige Freund⸗ ſchaft fuͤr ſie gefaßt zu haben, und die Sitte der Gaſtfreundſchaft der erſten Zeiten gegen ſie auszu⸗ uͤben. Er kam zeitig im Fruͤhjahr nach ihrer Nie⸗ derlaſſung Neu⸗Plymouth, nur von einer Handvoll ſeiner Leute begleitet, ſchloß ein feierliches Friedens⸗ und Freundſchaftsbuͤndniß mit ihnen, verkaufte ih⸗ nen einen Theil des Grund und Bodens, und ver⸗ ſprach ihnen, auch die uͤbrigen Wilden, ſeine Bun⸗ desgenoſſen, fuͤr ſie zu gewinnen. Was man auch von der Treuloſigkeit der Indianer ſagen mag, ſo iſt es gewiß, daß gegen Maſſaſoits Rechtlichkeit und Aufrichtigkeit nie ein Zweifel erhoben worden iſt. Er blieb ein treuer und großmuͤthiger Freund der Weißen, duldete es, daß ſie ihre Beſitzungen aus⸗ dehnten und ſich im Lande verſtaͤrkten, und ließ durchaus keine Eiferſucht uͤber ihre wachſende Macht und ihr Gedeihen blicken. Kurz vor ſeinem Tode kam er noch einmal, mit ſeinem Sohne Alexander, nach Neu⸗Plymouth, um den Friedensvertrag zu erneuern, und dieſen auch fuͤr ſeine Nachkommen guͤltig zu machen. Bei dieſer Berathung ſuchte er die Religion ſei⸗ ner Vorvaͤter gegen den um ſich greifenden Eifer der Miſſionarien zu ſchuͤtzen, und machte es zur Bedingung, daß man keine weiteren Verſuche ma⸗ 213 chen ſolle, ſein Volk von dem Glauben ſeiner Vaͤter abwendig zu machen, gab jedoch, da er fand, daß die Englaͤnder ſich dieſer Bedingung eigenſinnig wi⸗ derſetzten, voll Guͤte ſein Begehren auf. Eine der letzten Handlungen ſeines Lebens war die, daß er ſeine beiden Soͤhne, Alexander und Philipp(wie die Englaͤnder ſie genannt hatten) nach dem Auf⸗ enthaltsorte eines der vornehmſten Anſiedler brachte, ihnen gegenſeitiges Wohlwollen und Vertrauen empfahl, und bat, daß man dieſelbe Liebe und das freundliche Verhaͤltniß, welches zwiſchen den Wei⸗ ßen und ihm beſtanden haͤtte, auch auf ſeine Kin— der uͤbertragen moͤge. Der gute alte Sachem ſtarb in Frieden, und ward ſelig zu ſeinen Vaͤtern ver⸗ ſammelt, ehe das Ungluͤck uͤber ſeinen Stamm kam; ſeine Soͤhne blieben zuruͤck, die Undankbarkeit der Weißen zu empfinden. Sein aͤlteſter Sohn, Alexander, folgte ihm. Er war von lebendiger, ungeſtuͤmer Gemuͤthsart, und hielt auf ſeine ererbten Rechte und ſeine Wuͤrden mit gro⸗ ßem Stolz. Die anmaßende Politik und das diktatori⸗ ſche Betragen der Fremden erregte ſeinen Unwillen, und er ſah mit Unruhe ihren Ausrottungskriegen gegen die benachbarten Staͤmme zu. Bald ſollte er indeſſen auch Feindſeligkeiten von ihnen erfahren, da man ihn beſchuldigte, daß er mit den Narrhaganſets ein 214 heimliches Buͤndniß gemacht, um einen Aufruhr ge⸗ gen die Englaͤnder anzuzetteln, und dieſe aus dem Lande zu vertreiben. Es laͤßt ſich nicht beſtimmen, ob dieſe Anklage auf Thatſachen beruhte, oder ob ſie ſich auf bloßen Verdacht gruͤndete. Es iſt in⸗ deſſen aus den gewaltſamen und ungeſtuͤmen Maß⸗ regeln der Anſiedler klar, daß ſie ſich itzt des ſchnel⸗ len Wachsthums ihrer Macht bewußt, und in ihrer Behandlung der Eingebornen rauh und unuͤberlegt zu werden anfingen. Sie ſandten eine bewaffnete Macht ab, ſich Alexander's zu bemaͤchtigen, und ihn vor einen ihrer Gerichtshoͤfe zu fuͤhren. Man ſuchte ihn in ſeinen Waldſchlupfwinkeln auf, und uͤberſiel ihn in einer Jagdhuͤtte, wo er mit einem Haufen ſeiner Begleiter, nach der Beſchwerde der Jagd, der Ruhe pflog. Dieſe unvermuthete Ver⸗ haftung und die Beleidigung ſeiner Herrſcherwuͤrde erregten den Jaͤhzorn des ſtolzen Wilden ſo ſehr, daß er in ein heftiges Fieber verfiel. Man erlaubte ihm, nach Hauſe zuruͤckzukehren, unter der Bedin⸗ gung, daß er ſeinen Sohn als Geiſel fuͤr ſein Wie⸗ derkommen ſchicken wolle; allein der Streich, den er empfangen hatte, war toͤdtlich, und ehe er noch ſeine Heimath erreichte, ſank er als Opfer der Qualen ſeines verwundeten Gemuͤths. Alexander's Nachfolger war Metamocet, oder * 1 . 215 Philipp, wie die Anſiedler ihn ſeines hochfahrenden Geiſtes und ſeines ehrgeizigen Gemuͤths wegen nannten. Dieß hatte ihn, zuſammengenommen mit ſeiner bekannten Kraft und ſeinem Unternehmungs⸗ geiſt, zu einem Gegenſtande großer Eiferſucht und Beſorgniß gemacht, und man beſchuldigte ihn, daß er ſtets eine geheime und unverſoͤhnliche Feindſchaft gegen die Weißen genaͤhrt habe. Es iſt ſehr wahr⸗ ſcheinlich und ſehr natuͤrlich, daß dieß der Fall ge⸗ weſen. Er betrachtete ſie als urſpruͤnglich bloße Eindringlinge in das Land, welche die Nachſicht der Eingebornen benutzt, und itzt einen Einfluß erlangt hatten, welcher dem Wildenleben Eintrag that. Er ſah das ganze Geſchlecht ſeiner Landsleute vor ihnen von der Oberflaͤche der Erde verſchwinden, ihren Grund und Boden aus ihren Haͤnden geriſſen, und ihre Staͤmme ſchwach, zerſplittert und abhaͤngig werden. Man kann dagegen ſagen, daß der Boden urſpruͤnglich von den Anſiedlern erkauft worden ſey; allein wer kennt nicht die Art des Kaufes von Indianern in der fruͤheſten Zeit der Anſiedlung? Die Europaͤer ſchloſſen, ihrer uͤberlegenen Gewandt⸗ heit im Verkehr zufolge, immer ſehr vortheilhafte Geſchaͤfte, und gewannen bedeutende Laͤndervermeh⸗ rungen durch die leichte Erregung von Feindſeligkei⸗ ten. Ein ungebildeter Wilder bekuͤmmert ſich nicht 4 —õõõmmmpmmaamẽmõẽõõõqõqõqõqͤͤͤͤ 216 ſehr genau um die Feinheiten des Geſetzes, denen zufolge man allmaͤhlig und geſetzlicher Weiſe Je— mandem Nachtheil zufuͤgen kann. Hervorſtechende Thatſachen ſind es, nach denen er urtheilt, und es 5 war fuͤr Philipp hinreichend, zu wiſſen, daß, vor dem Eindringen der Europaͤer, ſeine Landsleute Beherrſcher des Bodens waren, und daß ſie itzt Landſtreicher in dem Lande ihrer Vaͤter geworden waren. Wie lebendig aber auch das Gefuͤhl der alge: meinen Feindſeligkeit und ſein beſonderer Unwille. uͤber die Behandlung ſeines Bruders bei ihm ge⸗ weſen ſeyn mochte, ſo unterdruͤckte er es fuͤr itzt, er⸗ neuerte den Vertrag mit den Anſiedlern, und wohnte mehrere Jahre friedlich in Pokanoket, oder, wie die Englaͤnder es nannten, Mount Hope*), dem alten Herrſcherſitze ſeines Stammes. Der Verdacht, welcher Anfangs nur fluͤchtig und unbe⸗ ſtimmt geweſen war, fing indeß itzt an, mehr Geſtalt und Grund zu gewinnen, und man beſchul⸗ digte ihn endlich, die verſchiedenen oͤſtlichen Staͤmme angereizt zu haben, ſich auf einmal zu empoͤren, und 4 durch eine, zu gleicher Zeit gemachte Anſtrengung, 4 das Joch ihrer Unterdruͤcker abzuwerfen. Es iit — ſchwer, *) Itzt Briſtol in der Provinz Rhode⸗Island. Verf. 4 3 1 217 ſchwer, in einer ſolchen Zeitentfernung noch den Grad von Glaubwuͤrdigkeit zu beſtimmen, welchen dieſe Anſchuldigungen der Indianer aus fruͤhen Zeiten verdiener In den Weißen lag eine ſolche Hinneigung zum Argwohn, und ſie waren zu jeder Gewalt⸗ thaͤtigkeit ſo bereit, daß jedes eitele Geſchwaͤtz da⸗ durch Gewicht und Bedeutſamkeit erhielt. Es fan⸗ den ſich Angeber in Menge, da, wo Zutraͤgereien in Schutz genommen und belohnt wurden, und das Schwert flog leicht aus der Scheide, wo ſein Er⸗ folg gewiß war und es Reiche und Laͤnder zu⸗ ſchnitt. Die einzige beſtimmte Ausſage gegen Philipp iſt die Anklage eines gewiſſen Sauſaman, eines abtruͤn⸗ nig gewordenen Indianers, deſſen natuͤrliche Ver⸗ ſchmitztheit dadurch noch weiter ausgebildet worden war, daß er einen Theil ſeiner Erziehung unter den Anſiedlern erhalten hatte. Er hatte ſeinen Glauben und ſeine Herren zwei oder drei Male gewechſelt, mit einer Leichtigkeit, welche von der Wandel⸗ barkeit ſeiner Grundſaͤtze zeugte. Er war eine Zeit⸗ lang Philipp's vertrauter Schreiber und Rathgeber geweſen, und hatte ſeines Wohlwollens und Schu⸗ tzes genoſſen. Als er indeſſen fand, daß die Wol⸗ ken des Mißgeſchicks ſich uͤber dem Haupte ſeines Beſchuͤtzers zuſammenzogen, gab er deſſen Dienſte Skizzenbuch II... K * 218 auf, ging zu den Weißen uͤber, und beſchuldigte, um deren Gunſt zu gewinnen, ſeinen ehemaligen Wohlthaͤter, daß er Plaͤne gegen ihre Sicherheit geſchmiedet habe. Eine ſtrenge Unterſuchung fand Statt. Philipp und mehrere ſeiner Unterthanen unterzogen ſich derſelben; man konnte ihnen jedoch nichts beweiſen. Die Anſiedler waren indeß zu weit gegangen, um wieder zuruͤcktreten zu koͤnnen; ſie waren ſchon vorher mit ſich daruͤber eins gewe⸗ ſen, daß Philipp ein gefaͤhrlicher Nachbar ſey; ſie hatten ihr Mißtrauen oͤffentlich an den Tag gelegt, und ſo war, nach der gewoͤhnlichen Foͤlgerungsweiſe in dieſen Faͤllen, ſein Untergang zu ihrer Sicherheit nothwendig geworden. Sauſaman, der verraͤtheriſche Angeber, ward kurz darauf todt in einem Teiche gefunden, ein Opfer der Rache ſeines Stammes. Drei Indianer, von denen einer ein Freund und Rathgeber Philipp's war, wurden ergriffen, vor Gericht geſtellt, und, auf die Ausſage eines ſehr verdaͤchtigen Zeugen, verurtheilt und als Moͤrder hingerichtet. Die Behandlung, welche man ſeinen Untertha⸗ nen widerfahren ließ, und die ſchimpfliche Beſtra⸗ fung ſeines Freundes kraͤnkten Philipp's Stolz und brachten ſeine ganze Leidenſchaft in Bewegung. Der Donnerkeil, welcher ſo zu ſeinen Fuͤßen niedergefal⸗ 219 len war, machte ihn auf den herannahenden Sturm aufmerkſam, und er entſchloß ſich, nicht laͤnger un⸗ ter den Weißen zu verweilen. Das Schickſal ſeines gekraͤnkten und gemißhandelten Bruders war ſeinem Gedaͤchtniß noch ganz gegenwaͤrtig, und eine aber⸗ malige Warnung lag in der traurigen Geſchichte des Miantonimo, eines großen Sachems der Narrha⸗ ganſets, welcher— nachdem er ſich ſeinen Anklaͤgern vor einem Gerichtshofe der Coloniſten kuͤhn entgegen⸗ geſtellt, ſich von der Anſchuldigung einer Verſchwoͤ⸗ rung gereinigt und Verſicherungen der Freund⸗ ſchaft erhalten hatte— auf ihre Veranlaſſung treulos aus dem Wege geſchafft worden war. Philipp ver⸗ ſammelte demnach ſeine Krieger, uͤberredete ſo viele Fremde, als er nur konnte, gemeinſchaftliche Sache mit ihm zu machen, ſchickte die Frauen und Kinder der Sicherheit wegen zu den Narrhaganſets, und war, wo er nur erſchien, immer von bewaffneten Kriegern umgeben. Bei dem Zuſtande des Argwohns und der Auf⸗ reizung, worin die beiden Parteien ſich befanden, war ein einziger Funke hinreichend, die Flamme zu entzuͤnden. Die Indianer, welche mit Waffen ver⸗ ſehen waren, wurden gewaltthaͤtig, und begingen mehrere kleine Raͤubereien. Auf einem ihrer Streif⸗ zuͤge feuerte ein Anſiedler auf einen Krieger, und K 2 220 toͤdtete ihn. Dieß war das Zeichen zum Ausbruche der Feindſeligkeiten. Die Indianer eilten, den Tod ihres Kameraden zu raͤchen, und der Ruf zum Kriege ertoͤnte in der Colonie Plymouth. In den fruͤheren Geſchichtsbuͤchern dieſer dunkelen und truͤben Zeiten ſtoßen wir auf manche Anzeichen des krankhaften Zuſtandes der oͤffentlichen Stim⸗ mung. Die duͤſteren religioͤſen Betrachtungen und die Verlaſſenheit ihrer Lage, zwiſchen ſpurloſen Waͤldern und Staͤmmen der Wilden, hatten die Coloniſten zu aberglaͤubiſchen Begriffen hingefuͤhrt, und ihre Einbildungskraft mit den furchtbaren Schreckensbildern der Hexerei und Geiſterſeherei erfuͤllt. So neigten ſie ſich auch ſehr zu dem Glau⸗ ben an Vorbedeutungen hin. Den Haͤndeln mit Philipp und ſeinen Indianern ging, wie man be⸗ richtet, eine Menge dieſer furchtbaren Anzeichen vor⸗ aus, welche die Vorlaͤufer großer und oͤffentlicher Ungluͤcksfaͤlle ſind. Ein Indianiſcher Bogen ließ ſich ganz deutlich in Neu⸗Plymouth am Himmel ſehen, was die Einwohner als eine„wunderbare Erſcheinung“ betrachteten. In Hadley, in North⸗ ampton und anderen Staͤdten in der Gegend,„hoͤrte man den Knall einer großen Kanone, wobei die Erde bebte und die ganze Gegend wiederhallte“*). *) Des ehrwürdigen Herrn Increafe Mather's Ge⸗ 221 0 Andere wurden an einem ſtillen, ſonnigen Morgen durch Flinten- und Musketenſchuͤſſe aufgeſchreckt; Kugeln ſchienen bei ihnen voruͤberzuſauſen und Trommellaͤrm in der Luft zu ertoͤnen, der ſich nach Weſten zu ziehen ſchien. Andere glaubten das Ga— loppiren von Pferden uͤber ihren Koͤpfen zu hoͤren, und einige Mißgeburten, welche ſich um dieſe Zeit ereigneten, erfuͤllten die aberglaͤubiſchen Leute in eini⸗ gen Staͤdten mit traurigen Ahnungen. Viele von dieſen wunderbaren Geſichtern und Toͤnen kann man natuͤrlichen Erſcheinungen beimeſſen, den Nord⸗ lichten, welche unter dieſer Breite ſehr hell ſind, den Meteoren, welche in der Luft zerplatzen, dem zufaͤlligen Rauſchen des Sturmwindes in den Wi— pfeln der Baͤume im Walde, dem Krachen gefalle⸗ ner Baͤume oder abgeriſſener Felsſtuͤcke, und den anderen ungewoͤhnlichen Toͤnen und Schaͤllen, welche zuweilen in der tiefen Stille der einſamen Wald⸗ gegenden dem Ohre ſo ſonderbar klingen. Dieſe moͤgen einige Leute von truͤber Einbildungskraft auf⸗ geregt haben, durch die Liebe zum Wunderbaren vergroͤßert, und mit der Begierde aufgefaßt worden ſeyn, womit wir Alles verſchlingen, was furchtbar und geheimnißvoll iſt. Die allgemeine Verbreitung Geſchichte. Verf.—(Die Kriege mit den Indianern in Neu⸗England. Lond. 1676. 4.) Ueberſ. 222 dieſer aberglaͤubiſchen Begriffe und der Ernſt, wo⸗ mit einer von den gelehrten Leuten der damaligen Zeit ſie berichtete, bezeichnen den Geiſt der Zeit ſehr deutlich. Der Kampf, welcher itzt folgte, war von der Art, wie ſie nur zu oft die Kriegsfuͤhrung zwiſchen gebildeten Leuten und Wilden bezeichnet. Er ward, von Seiten der Weißen mit uͤberlegener Erfahrung und Gluͤck gefuͤhrt, ohne daß ſie jedoch des Blutes ihrer Gegner geſchont, und deren natuͤrliche Rechte geachtet haͤtten, waͤhrend die Indianer mit der Ver⸗ zweiflung von Leuten fochten, welche den Tod nicht ſcheuen, und von dem Frieden nichts weiter, als Demuͤthigung, Abhaͤngigkeit und Untergang zu er⸗ warten haben. Die Begebenheiten des Krieges hat ein wuͤrdi⸗ ger Geiſtlicher der damaligen Zeit uns uͤberliefert*), der mit Schauder und Unwillen jede Feindſeligkeit der Indianer, wie ſehr ſie auch zu rechtfertigen ſeyn mag, erzaͤhlt, waͤhrend er die blutigſten Greuel⸗ thaten der Weißen mit Beifall erwaͤhnt. Philipp wird als ein Moͤrder und Verraͤther dargeſtellt, ohne zu erwaͤgen, daß er ein geborner Fuͤrſt war, welcher an der Spitze ſeiner Unterthanen tapfer focht, um *) Der obenerwähnte J. Mather. Ueberſ. 223 die ſeiner Familie angethanen Unbilden zu raͤchen, die wankende Macht ſeines Stammes zu befeſtigen, und ſein Geburtsland von der Unterdruͤckung eingedrun⸗ gener Fremdlinge zu befreien. Der Plan zu einem ausgedehnten und gleichzei⸗ tigen Aufſtande war, wenn er wirklich entworfen worden, eines großen Gemuͤths wuͤrdig, und duͤrfte, wenn man ihn nicht feuͤhzeitig entdeckt haͤtte, von gewaltigen Folgen geweſen ſeyn. Der Krieg, wel⸗ cher itzt ausbrach, war nur ein einzelner Krieg, eine bloße Reihe von einzelnen Waffenthaten und unzu⸗ ſammenhangenden Unternehmungen. Bei allen dem geht das kriegeriſche Genie und die kuͤhne Tapfer⸗ keit Philipp's daraus hervor, und wo wir, in den vorurtheilsvollen und leidenſchaftlichen Berichten, welche davon vorhanden ſind, auf einzelne Thatſa⸗ chen ſtoßen, finden wir, daß er ein kraͤftiges Ge⸗ muͤth, einen großen Reichthum von Huͤlfsmitteln, eine Verachtung gegen alle köoͤrperliche Leiden und Beſchwerden, und eine unbeſiegbare Entſchloſſenheit an den Tag legte, welche unſer Mitgefuͤhl und un⸗ ſern Beifall verdienen. Aus ſeinen vaͤterlichen Beſitzungen in Mount⸗ Hope vertrieben, warf er ſich in jene großen und ſpurloſen Waldungen, welche an die Niederlaſſungen grenzten und beinahe allen Weſen, ausgenommen 224— den wilden Thieren, oder einem Indianer, unzu⸗ gaͤnglich waren. Hier zog er ſeine Streitkraͤfte zu⸗ ſammen, wie der Sturm, der all' ſein Unheil in den Schoß der Gewitterwolke zuſammenhaͤuft, und pflegte nun ploͤtzlich zu einer Zeit und an einer Stelle, wo man es am wenigſten erwar⸗ tete, hervorzubrechen, und Verwuͤſtung und Schre⸗ cken uͤber die Doͤrfer zu verbreiten. Anzei— chen dieſer bevorſtehenden Verheerungen ließen ſich zuweilen vernehmen, welche die Gemuͤther der Co⸗ loniſten mit Furcht und Beſorgniß erfuͤllten. So hoͤrte man vielleicht den Knall einer Flinte aus der einſamen Holzgegend, wo, wie man wußte, kein Weißer zu finden war; das Vieh, welches in der Waldung umhergewandert war, kam verwundet zu⸗ ruͤck, oder man ſah einen oder zwei Indianer an dem Rande des Waldes lauſchen, und dann ploͤtz⸗ lich verſchwinden, wie man zuweilen den Blitz ſtill an dem Saume der Wolke zucken ſieht, in welcher das Gewitter gaͤhrt. Obgleich Philipp oft von den Anſiedlern verfolgt und ſogar umzingelt wurde, ſo entwiſchte er doch immer, und wie durch ein Wunder, aus ihren Schlingen, verſchwand in die Wildniß, und war dann weder zu erfragen, noch aufzufinden, bis er wiederum an einem ganz entfernten Punkte zum — — .. 225 Vorſchein kam, und die Gegend verwuͤſtete. Zu ſeinen Bollwerken gehoͤrten die großen Lachen oder Moraͤſte, welche in einigen Theilen von Neu⸗Eng⸗ land liegen, aus einzelnen Schollen von tiefem, ſchwarzen Moder beſtehen, zwiſchen welchen Ge⸗ buͤſche, Dornſtraͤuche, wucherndes Unkraut, zer⸗ ſplitterte und modernde Staͤmme niedergefallener Baͤume, von traurigem Schierling beſchattet, zer⸗ ſtreut ſind. Der unſichere Boden und die verwi⸗ ckelten Pfade in dieſen rauhen Wildniſſen, machten ſie fuͤr Weiße beinahe ganz unzugaͤnglich, waͤhrend der Indianer, mit der Behendigkeit eines Hirſches, hindurchſchluͤpfen konnte. In eine derſelben, den großen Moraſt von Pocaſſet Neck, ward Philipp einſt, mit einem Haufen ſeiner Begleiter, getrieben. Die Englaͤnder wagten es nicht, ihn zu verfolgen, indem ſie ſich fuͤrchteten, in dieſe dunkelen und ſchauerlichen Gegenden einzudringen, wo ſie in den Suͤmpfen und Modergruben umkommen, oder von den ihnen auflauernden Feinden niedergeſchoſſen werden konnten. Sie beſetzten alſo den Eingang des Sum⸗ pfes, und fingen an, ein Fort aufzufuͤhren, in der Abſicht, den Feind auszuhungern; allein Philipp und ſeine Begleiter ſetzten mitten in der Nacht auf einem Floſſe uͤber den Meeresarm, ließen die Weiber und Kinder zuruͤck, und entwiſchten nach Weſten; 226 ſie zuͤndeten nun die Kriegsflamme unter den Staͤmmen von Maſſachuſetts und in den Bezirken von Nipmuck an, und bedrohten die Colonie von Connecticut. Auf dieſe Weiſe ward Philipp ein Gegenſtand des allgemeinen Schreckens. Das Geheimniß, in welches er ſich einhuͤllte, vergroͤßerte noch ſeine wahre Furchtbarkeit. Er war ein Uebel, das im Finſtern ſchlich, deſſeen Kommen Niemand vorausſe⸗ hen und gegen das Niemand auf ſeiner Hut eyn konnte. Die ganze Gegend war voll von Geruͤch⸗ ten und Beſorgniſſen. Philipp ſchien beinahe die Gabe des Ueberallſeyns zu beſitzen, denn wo auf der langen Grenze ein Einfall aus dem Walde her ge⸗ ſchah, da hieß es auch, daß Philipp an der Spitze ſtehe. So waren auch manche aberglaͤubiſche Be⸗ griffe uͤber ihn in Umlauf. Er ſollte ſchwarze Kuͤnſte treiben, und eine alte Indianiſche Hexe oder Pro⸗ phetin bei ſich haben, die er befragte, und die ihm mit ihren Zaubermitteln und Beſchwoͤrungen bei⸗ ſtaͤnde. Dieß war in der That haͤufig der Fall bei den Indianiſchen Haͤuptlingen, entweder weil ſie ſelbſt daran glaubten, oder um einen Eindruck auf ihre Begleiter zu machen; und der Einfluß des Propheten und des Traͤumers auf den Aberglau⸗ ben der Indianer hat ſich in neueren Zeiten bei 227 den Kriegen mit den Indianern vollkommen be⸗ waͤhrt*). Zu der Zeit, wo Philipp aus Pocaſſet ent⸗ wiſchte, war ſeine Lage ſehr bedenklich. Seine Streitkraͤfte waren durch haͤufige Gefechte ſehr ge⸗ ſchmolzen, und er hatte beinahe alle Huͤlfsquellen verloren. In dieſer Zeit der Noth fand er einen treuen Freund an Canonchet, den Haupt⸗Sachem aller Narrhaganſetts. Dieß war der Sohn und Erbe Miantonimo's, des großen Sachem's, der, wie ſchon oben erwaͤhnt, nach einer ehrenvollen Frei⸗ ſprechung von der Anſchuldigung, eine Verſchwoͤrung angezettelt zu haben, auf die treuloſen Eingebungen der Anſiedler hin, insgeheim hingerichtet worden war. „Er hatte“, ſagt der alte Geſchichtſchreiber:„allen den Stolz und die Unverſchaͤmtheit ſeines Vaters, ſo wie deſſen Erbitterung gegen die Englaͤnder, geerbt.“ Allerdings war er der Erbe der ihm zu⸗ *) Der Verfaſſer ſpielt hier auf den großen Einfluß an, den der ſogenannte Prophet Francis, ein Shawanee⸗In⸗ dianer vom Ohio, in dem letzten Kriege zwiſchen England und Amerika hatte. Er war bei den Wildenſtämmen, welche die Partei der Engländer ergriffen hatten, und that den Amerikanern vielen Schaden, dadurch, daß er ſeine Lands⸗ leute fortwährend gegen ſie aufreizte, bis er in einem Gefecht bei Greenville getödtet wurde. S. Thomson’'s historical skotches of the late war. Philadelph. 1816. 8. Ueberſ. 228 gefuͤgten Beleidigungen und Ungerechtigkeiten, und der geſetzmaͤßige Raͤcher ſeines ſchimpflichen Todes geworden. Obgleich er keinen thaͤtigen Antheil an dieſem hoffnungsloſen Kriege genommen hatte, ſo empfing er doch Philipp und die Truͤmmer ſei⸗ ner Streitkraͤfte mit offenen Armen, und gewaͤhrte ihnen auf das großmuͤthigſte ſeine Huͤlfe und ſei⸗ nen Beiſtand. Dieß zog ihm den ganzen Haß der Englaͤnder zu, und man beſchloß, einen entſcheiden⸗ den Schlag zu thun, der beiden Sachems zugleich den Untergang bereiten ſollte. Man zog deswegen bedeutende Streitkraͤfte aus Maſſachuſetts, Ply⸗ mouth und Connecticut zuſammen, und ſchickte dieſe mitten im Winter in das Gebiet der Narrhagan⸗ ſets, wo man uͤber die zugefrorenen und von Laub entbloͤßten Suͤmpfe leicht hinwegkommen konnte, und dieſe den Indianern nicht mehr finſtere und un⸗ durchdringliche Schlupfwinkel darboten. Canonchet, welcher den Angriff vorausſah, hatte den groͤßten Theil ſeiner Vorraͤthe, ſo wie die Al⸗ ten und Kranken, die Weiber und Kinder aus ſei⸗ nem Stamme, nach einem ſtarken Fort geſchickt, wo er und Philipp auch den Kern ihrer Streit⸗ kraͤfte zuſammengezogen hatten. Dieſe Feſtung, welche die Indianer fuͤr unuͤberwindlich hielten, lag auf ei⸗ nem Huͤgel oder einer Art von Inſel, von fuͤnf .— 229 bis ſechs Morgen Flaͤcheninhalt, mitten in einem Moraſt, und war mit einer Ueberlegung und Ge⸗ ſchicklichkeit angelegt, welche Alles weit uͤbertraf, was man gewoͤhnlich bei Indianiſchen Feſtungswerken ſieht, und von dem kriegeriſchen Genie dieſer beiden Haͤuptlinge einen Beweis gab. Von einem uͤbergegangenen Indianer gefuͤhrt, drangen die Englaͤnder durch den Decemberſchnee bis zu dieſem Bollwerk vor, und uͤberſielen die Be⸗ ſatzung. Das Gefecht war heftig und ohne Ord⸗ nung. Die Angreifer wurden bei dem erſten An⸗ lauf zuruͤckgeſchlagen, und mehrere ihrer bravſten Offiziere, als ſie, mit dem Degen in der Fauſt, die Feſtung ſtuͤrmten, niedergeſchoſſen. Der Angriff ward indeß mit beſſerm Erfolge wiederholt. Man gewann feſten Fuß; die Indianer wurden von einem Poſten zum andern getrieben, vertheidigten aber jeden Zoll⸗ breit des Bodens, und fochten mit der Kraft der Verzweiflung. Die meiſten ihrer aͤlteren Krie⸗ ger wurden niedergehauen, und Philipp und Ca⸗ nonchet zogen ſich, nach einer langen und blutigen Schlacht, mit einer Handvoll von Kriegern, aus dem Fort, und ſuchten in dem Dickicht der umlie⸗ genden Waͤlder einen Zufluchtsort. Die Sieger ſteckten die Wigwams und das Fort in Brand. Alles ſtand bald in lichten Flammen, 230 und viele von den alten Maͤnnern, den Frauen und Kindern kamen darin um. Dieſe letzte grauſame Handlung erſchuͤtterte ſelbſt den Stoicismus des Wilden. Die benachbarten Waͤlder ertoͤnten von den wilden Schreien der Wuth und Verzweiflung, wel⸗ che die fluͤchtigen Krieger ausſtießen, als ſie die Zerſtoͤrung ihrer Wohnungen ſahen, und das herz— zerreißende Geſchrei ihrer Weiber und Kinder hoͤr⸗ ten.„Das Verbrennen der Wigwams“, ſagt ein gleichzeitiger Geſchichtſchreiber:„das Gekreiſch und Geſchrei der Weiber und Kinder, und das Geheul der Krieger, bildete einen furchtbaren und erſchuͤt⸗ ternden Auftritt, ſo daß einige von den Soldaten dadurch ſehr geruͤhrt wurden.“ Derſelbe Schrift⸗ ſteller fuͤgt indeſſen behutſam hinzu:„man habe da⸗ mals großes Bedenken daruͤber gehabt, und ſich nachher ernſtlich erkundigt, ob das Lebendig⸗Ver⸗ brennen der Feinde auch mit der Menſchlichkeit und den wohlwollenden Lehren des Evangeliums ver⸗ traͤglich ſeyn*). Das Schickſal des wackern und großmuͤthigen Canonchet iſt einer beſondern Erwaͤhnung werth, und der letzte Auftritt ſeines Lebens eines der ſchön⸗ ſten Beiſpiele Indianiſcher Großſinnigkeit, die man kennt. *) Handſchrift des ehrw. Herrn W. Ruggles. Verf. 231 Durch dieſe entſcheidende Niederlage ſeiner Macht und ſeiner Huͤlfsquellen beraubt, doch ſeinen Bun⸗ desgenoſſen und der ungluͤcklichen Sache treu, der er ſich angenommen hatte, wies er alle Friedensan⸗ erbietungen zuruͤck, welche man ihm machte, wenn er Philipp und deſſen Begleiter verrathen wolle, und erklaͤrte:„daß er ſich lieber bis auf das Aeu⸗ ßerſte vertheidigen, als ein Knecht der Englaͤnder werden wolle.“ Da ſeine Wohnung zerſtoͤrt, ſein Land durch die Einfaͤlle der Eroberer verheert und verwuͤſtet war, ſo ſah er ſich genoͤthigt, nach den Ufern des Connecticut zu wandern, wo er einen Sammelplatz fuͤr die ſaͤmmtlichen weſtlichen India⸗ ner bildete, und mehrere Engliſche Niederlaſſungen verwuͤſtete. Zu Anfange des Fruͤhlings ging er, nur mit dreizehn auserwaͤhlten Leuten, auf eine gewagte Un⸗ ternehmung aus. Er wollte naͤmlich nach Seaconck, in der Naͤhe von Mount⸗Hope vordringen, um ſich Saatkorm zum Unterhalt ſeiner Truppen zu verſchaffen. Dieſer kleine Haufe von Abenteurern war unverſehrt durch das Land der Pequods ge⸗ kommen, und befand ſich itzt mitten in dem der 8 Narrhaganſets, wo er in einigen Wigwams an dem Fluſſe Pautucket ausruhte, als man auf einmal mel⸗ dete, der Feind ſey in der Naͤhe. Da Canonchet . 232 damals nur ſieben Leute bei ſich hatte, ſo ſchickte er zwei derſelben nach dem Gipfel eines benachbar⸗ ten Huͤgels hin, um ihm Kunde von dem Feinde zu bringen. Von Schrecken uͤber die Erſcheinung eines Hau⸗ fens von Englaͤndern und Indianern erfuͤllt, die ſchnell vordrangen, flohen ſie in athemloöſer Eile bei ihrem Haͤuptling voruͤber, ohne ſich aufzuhalten und ihm von der Gefahr Kunde zu geben. Canonchet ſchickte abermals einen Kundſchafter aus, der daſ⸗ ſelbe that. Hierauf ſandte er noch zwei ab, von denen einer, der voll Verwirrung und Schrecken zuruͤckkam, ihm ſagte, daß das ganze Britiſche Heer da ſey. Canonchet blieb itzt weiter keine Wahl uͤbrig, als augenblickliche Flucht. Er ſuchte um den Huͤgel herum zu entkommen, ward aber bemerkt, und von den feindlichen Indianern und einigen der behendeſten unter den Englaͤndern ver⸗ folgt. Als er fand, daß der ſchnellfuͤßigſte von ſei⸗ nen Verfolgern ihm dicht auf dem Fuße war, warf er erſt ſeinen Mantel, dann ſein mit ſilbernen Treſ⸗ ſen beſetztes Gewand und ſeinen Guͤrtel von Reag ab, woran ſeine Feinde erkannten, daß er Canon⸗ chet ſey, und nun den Eifer verdoppelten, wo⸗ mit ſie ihn verfolgten. Endlich glitt, als er ſich eben durch einen Fluß ——— —— ——— —— 233 hindurcharbeitete, ſein Fuß auf einem Steine ab, und er fiel ſo tief in das Waſſer, daß er ſeine Flinte benetzte. Dieſer Ungluͤcksfall ſetzte ihn in eine ſolche Verzweiflung, daß, wie er nachher ge— ſtand:„ſein Herz und ſein Inneres ſich in ihm umwandte, und er wie ein duͤrrer Zweig alle ſeine Kraft verlor.“ Seine Staͤrke hatte ihn ſo ganz verlaſſen, daß, als ein Pequod⸗Indianer ihn, nicht weit von dem Fluſſe, ergriff, er keinen Widerſtand leiſtete, obgleich er ein Mann von großer koͤrperlicher Kraft war und ein unbezwingliches Herz hatte. Als er ſich aber gefangen ſah, erwachte ſein ganzer Stolz in ihm, und wir finden von dieſem Augenblicke an, in dem, was ſeine Feinde von ihm erzaͤhlen, nichts als wie⸗ derholte Blitze von erhabenem und fuͤrſtlichem Hel⸗ denmuth. Als ihn einer von den Englaͤndern, der ſich ihm zuerſt naͤherte, und der noch nicht ſein zwei und zwanzigſtes Jahr erreicht hatte, befragen wollte, erwiederte der hochſinnige Krieger, indem er mit tiefer Verachtung auf ſein Jugendantlitz blickte: „Du biſt noch ein Kind— Du weißt noch nichts von Kriegsangelegenheiten— laß deinen Bruder oder deinen Haͤuptling kommen— ihm will ich Rede ſtehen.“ Ob man ihm gleich zu wiederholten Malen an⸗ 234 bot, ihm das Leben zu ſchenken, unter der Bedin⸗ gung, daß er ſich mit ſeinem Stamme den Eng— laͤndern unterwerfen ſolle, ſo verwarf er doch alle dieſe Anerbietungen mit Verachtung, und weigerte ſich, Vorſchlaͤge dieſer Art dem großen Haufen ſei⸗ ner Unterthanen melden zu laſſen, indem er ſagte, er wiſſe im Voraus, daß keiner von ihnen ſich dazu bequemen wuͤrde. Als man ihm ſeinen Treubruch gegen die Weißen, ſeine Aeußerung, daß er nicht einen Wampanoag, nicht einmal einen Nagelſchnitt eines Wampanoag ausliefern wuͤrde, und ſeine Dro⸗ hung vorhielt, daß er die Englaͤnder lebendig in ih⸗ ren Haͤuſern verbrennen wolle, verſchmaͤhte er es, ſich zu rechtfertigen, und antwortete ſtolz, daß An⸗ dere eben ſo ſehr, als er, zum Kriege geneigt gewe⸗ ſen waͤren, und„daß er davon nichts mehr hören wolle.“ Ein ſo edles und unerſchuͤtterliches Gemuͤth, eine ſolche treue Anhaͤnglichkeit an ſeine Sache und ſei⸗ nen Freund, wuͤrde jeden edelmuͤthigen und braven Mann geruͤhrt haben; aber Canonchet war ein In⸗ dianer, ein Weſen, gegen welches der Krieg keine Schonung, die Menſchlichkeit kein Geſetz, die Re⸗ ligion kein Mitleid kannte— er ward verurtheilt, zu ſterben. Die letzten Worte, welche man von ihm aufbewahrt hat, waren ſeiner Seelengroͤße wuͤrdig. 235 Als das Todesurtheil uͤber ihn ausgeſprochen wurde, bemerkte er:„daß er ganz damit zufrieden ſey, denn er wuͤrde itzt ſterben, ehe ſein Herz weich geworden, oder er irgend etwas geſagt habe, das ſeiner un⸗ wuͤrdig ſey.“ Seine Feinde gewaͤhrten ihm den Tod eines Soldaten, denn er ward in Stoningham von drei jungen Sachems ſeines Ranges erſchoſſen. Die Einnahme der Feſtung der Narrhaganſets und der Tod Canonchet's waren Todesſtreiche fuͤr den Koͤnig Philipp. Er machte einen vergeblichen Verſuch, eine Kriegsmacht zuſammenzubringen, in⸗ dem er die Mohawks aufreizte, zu den Waffen zu greifen; allein ob er gleich die natuͤrlichen Talente eines Staatsmanns beſaß, ſo wurden ſeine Kuͤnſte doch durch die uͤberwiegenden Kunſtgriffe ſeiner auf⸗ geklaͤrten Feinde vereitelt, und die Furcht vor ihrer Kriegserfahrenheit fing an, die Entſchloſſenheit der benachbarten Staͤmme wankend zu machen. Der ungluͤckliche Haͤuptling ſah ſeine Streitkraͤfte taͤglich mehr ſich mindern, und ſeine Haufen ſchnell um ſich her ſchmelzen. Einige wurden von den Weißen ab⸗ wendig gemacht, Andere wurden ein Opfer des Hungers und der Anſtrengungen und der haͤufigen Angriffe, welche ſie unaufhoͤrlich beunruhigten. Seine Lebensmittel wurden ihm weggenommen, ſeine naͤchſten Freunde ſanken vor ſeinen Augen, ſein 236 Oheim ward neben ihm erſchoſſen, ſeine Schweſter in die Gefangenſchaft geſchleppt, und auf einer ſei⸗ ner ſchnellen Fluchten ſah er ſich genoͤthigt, ſein ge— liebtes Weib und ſeinen einzigen Sohn in den Haͤnden des Feindes zuruͤckzulaſſen.„Da ſein Un⸗ tergang“, ſagt der Geſchichtſchreiber,„dergeſtalt all⸗ maͤhlig heranruͤckte, ſo ward ſein Elend dadurch nicht abgekuͤrzt, ſondern vergroͤßert, indem er es fuͤhlte, was es heiße, ſeine Kinder in Gefan⸗ genſchaft zu wiſſen, ſeine Freunde verloren zu ha⸗ ben, ſeine Unterthanen gemordet, alle ſeine verwandt⸗ ſchaftlichen Bande zerriſſen, und ſich aller aͤußeren Freuden beraubt zu ſehen, ehe er ſein eigenes Leben einbuͤßte.“ Das Maß ſeines Ungluͤcks voll zu machen, fin⸗ gen ſeine eigenen Begleiter an, Verſchwoͤrungen ge: gen ſein Leben anzuzetteln, um dadurch, daß ſie ihn aufopferten, ſich eine ſchimpfliche Sicherheit zu er⸗ kaufen. Durch Verraͤtherei gerieth ein Theil ſei⸗ ner treuen Anhaͤnger, die Unterthanen der We⸗ tamoe, einer Indianiſchen Fuͤrſtin aus Pokaſſet, und einer nahen Verwandten und Bundesgenoſſin Phi⸗ lipps, in die Haͤnde des Feindes. Wetamoe befand ſich gerade zu dieſer Zeit unter ihnen, und ſuchte dadurch zu entkommen, daß ſie durch einen benach⸗ barten Fluß ſchwamm; ſey es aber, daß das Schwim⸗ 237 men ihre Kraͤfte erſchoͤpfte, oder Kaͤlte und Hunger ſie aufgerieben hatten;— man fand ſie todt und nackt nahe am Ufer liegen. Die Verfolgung erreichte indeſſen nicht einmal an ihrem Grabe ihr Ziel. Selbſt der Tod, die Zuflucht der Ungluͤcklichen, wo die Boͤſen gewoͤhnlich ihre Bedruͤckungen einſtellen, konnte dieſe verfolgte Frau nicht ſchuͤtzen, deren großes Verbrechen die Treue gegen ihren Verwand⸗ ten und Freund war. Ihr Leichnam ward der Ge⸗ genſtand unmaͤnnlicher und feiger Rache; der Kopf ward von dem Rumpfe getrennt, auf eine Stange geſteckt, und ſo, in Taunton, ihren gefangenen Un⸗ terthanen gezeigt. Dieſe erkannten ſogleich die zuͤge ihrer ungluͤcklichen Koͤnigin, und wurden von dieſem Schauſpiel ſo ergriffen, daß, wie uns be⸗ richtet wird,„ſie in das furchtbarſte und teufliſchſte Klagegeſchrei ausbrachen.“ Philipp hatte das Zuſammentreffen der Bedraͤng⸗ niſſe und Ungluͤcksfaͤlle, welche ihm von allen Sei⸗ ten zuſtießen, mit Feſtigkeit ertragen; die Verraͤ⸗ therei ſeiner Begleiter ſchien indeß ſein Herz zu ver⸗ wunden, und ihn zur Verzweiflung zu bringen. Man ſagt, daß er„ſeitdem nie wieder froͤhlich ge⸗ worden, auch daß ihm keiner ſeiner Plaͤne je wie⸗ der gegluͤckt ſey.“ Seine Hoffnung war gelaͤhmt — ſein Unternehmungsgeiſt erloſchen; er blickte um 238 ſich, und ſah nur Gefahr und Dunkel; kein Auge, das ihn bemitleidet, kein Arm, der ihm Huͤlfe ge⸗ bracht haͤtte. Mit einem kleinen Haufen von Be⸗ gleitern, welche ihm in ſeiner verzweiflungsvollen Lage treu blieben, wanderte der ungluͤckliche Phi⸗ lipp zuruͤck in die Gegend von Mount⸗Hope, dem alten Wohnort ſeiner Vaͤter. Hier ſchlich er, wie ein Geſpenſt, auf dem Schauplatze ſeiner fruͤheren Macht und ſeines Gluͤcks umher, ohne Heimath, Familie und Freunde. Man kann kein treueres Ge⸗ maͤlde ſeiner huͤlfloſen und erbarmenswuͤrdigen Lage ſehen, als das, welches die einfache Feder des Ge⸗ ſchichtſchreibers uns liefert, der, ohne es zu wol⸗ len, die Gefuͤhle des Leſers fuͤr den ungluͤcklichen Krieger, den er herabzuſetzen ſucht, in Anſpruch nimmt.„Philipp“, ſagt er:„wurde wie ein wildes Thier, nachdem er von den Englaͤndern in den Waͤldern mehr als hundert Meilen hin und her gejagt worden war, endlich in ſeine ei⸗ gene Hoͤhle auf Mount⸗Hope zuruͤckgetrieben, wo er ſich, mit einigen wenigen ſeiner beſten Freunde, in einen Moraſt verbarg, der zum Ge⸗ faͤngniß fuͤr ihn wurde, worin er eingeſchloſſen blieb, bis die Todesboten kamen, um, nach Got⸗ tes Willen, die Rachbefehle gegen ihn zu voll⸗ ziehen.“ — 239 Selbſt in dieſem letzten Zufluchtsort der aͤußer⸗ ſten Verzweiflung umgiebt ſein Andenken noch eine duͤſtere Groͤße. Wir malen uns ihn, wie er, ſchweigend uͤber ſein Ungluͤck bruͤtend, unter ſeinen von Sorgen verzehrten Begleitern ſitzt, und das Wilde und Furchtbare ſeines Schlupfwinkels ihm eine gewiſſe wilde Groͤße giebt. Geſchlagen, aber nicht entmuthigt— zu Boden getreten, aber nicht gedemuͤthigt— ſchien er, unter dem Druck des Ungluͤcks, nur noch ſtolzer zu werden, und eine wilde Freude darin zu fuͤhlen, die letzten Hefen des Verderbens auszuleeren. Kleine Gemuͤther zaͤhmt und demuͤthigt das Ungluͤck; große Geiſter erheben ſich uͤber daſſelbe. Schon der Gedanke der Unterwerfung erregte Philipp's Wuth, und er toͤdtete einen ſeiner Begleiter, der einen Friedens⸗ vorſchlag machte, auf der Stelle. Der Bruder des Getoͤdteten entfloh, und verrieth, aus Rache, den Zufluchtsort ſeines Haͤuptlings. Ein Haufe weißer Maͤnner und Indianer wurde augenblick⸗ lich nach dem Moraſt abgeſchickt, wo Philipp, von Wuth und Verzweiflung verzehrt, verborgen lag. Ehe er noch ihre Ankunft ahnete, hatten ſie ihn um⸗ zingelt. In kurzer Zeit ſah er fuͤnf ſeiner treu⸗ ſten Begleiter todt zu ſeinen Fuͤßen hingeſtreckt; aller Widerſtand war vergeblich; er ſtuͤrzte aus ſei⸗ 240 nem Lager hervor und machte einen tollkuͤhnen Ver⸗ ſuch, zu entfliehen, ward aber von einem uͤberge⸗ gangenen Indianer ſeines eigenen Stammes nie⸗ dergeſchoſſen. Dieß iſt die einfache Geſchichte des wackern, aber ungluͤcklichen Koͤnigs Philipp, der, als er lebte, verfolgt, und nach ſeinem Tode verlaͤumdet und beſchimpft wurde. Wenn wir indeſſen ſelbſt die vorurtheilsvollen Erzaͤhlungen, welche ſeine Feinde uns geliefert haben, betrachten, ſo finden wir in ihnen Spuren genug eines liebenswuͤrdi⸗ gen und großartigen Charakters, um das Mitge⸗ fuͤhl fuͤr ſein Schickſal und Ehrfurcht gegen ſein Andenken zu erwecken. Wirr finden, daß er, bei allen bedraͤngenden Sorgen und den wilden Leiden⸗ ſchaften, welche der Krieg erzeugt, gegen die ſanf⸗ teren Gefuͤhle der Gattenliebe und der vaͤterlichen Zaͤrtlichkeit, ſo wie gegen die großſinnigen Em⸗ pfindungen der Freundſchaft, nicht gleichguͤltig war. Die Gefangenſchaft ſeines„geliebten Weibes und ſeines einzigen Sohnes“ werden mit Frohlocken als ein Ereigniß angegeben, das ihm den lebhaf⸗ teſten Schmerz verurſacht habe; der Tod eines je⸗ den naͤhern Freundes wird als eine neue Wunde fuͤr ſein Gefuͤhl erwaͤhnt; der Verrath und Abfall ſei⸗ — 241 ſeiner Begleiter aber, auf deren Anhaͤnglichkeit er ſein Vertrauen geſetzt hatte, ſoll ſein Herz zer⸗ riſſen, und ihn aller Seelenruhe beraubt ha⸗ ben. Er war ein Patriot, der an ſeinem va⸗ terlaͤndiſchen Boden hing,— ein Fuͤrſt, der ſeine Unterthanen liebte, und uͤber die ihnen zugefuͤg⸗ ten Unbilden erbittert war,— ein Krieger, der in der Schlacht kuͤhn, im Ungluͤck ſtandhaft war, alle Muͤhſeligkeiten, Hunger, jede Art des koͤrper⸗ lichen Leidens ertragen konnte, und fuͤr die Sache, welche er verfocht, ſein Leben hinzugeben ſich nicht ſcheute. Mit einem ſtolzen Herzen und ei⸗ ner unbezwinglichen Liebe zur natuͤrlichen Freiheit, wollte er dieſe lieber unter den Thieren des Wal⸗ des, oder in den elenden, oͤden Schlupfwinkeln von Lachen und Moraͤſten, genießen, als ſeinen ſtolzen Geiſt unter das Joch beugen, und in der Behaglichkeit und dem Wohlleben der Niederlaſ⸗ ſungen in Abhaͤngigkeit leben. Mit den helden⸗ muͤthigen Eigenſchaften und der kuͤhnen Tapferkeit begabt, welche einem Krieger aus der gebilde⸗ ten Welt Ehre, und ihn zum Gegenſtande der Dichtung und Geſchichte gemacht haben wuͤr⸗ den, war er ein Wanderer und Fluͤchtling in ſei⸗ nem Geburtslande, und ging, wie eine einſame Skizzenbuch II. L. ohne daß das Auge des Mitleids ſeinen Fall be⸗ weint, oder eine Freundeshand ſeinen letzten Kampf Barke, in der Dunkelheit und im Sturme unter— aufgezeichnet haͤtte. 242 John Bull. — Ein alt Lied, gemacht von'nem alten Knaben, Von'nem alten Herrn, der'n groß Gut thät haben, Der'n alt Haus hielt, nach alter reichlicher Weiſe, und'n alten Pförtner, daß die Armen am Thore er 4 ſpeiſe. und'n alt Zimmer, mit alten Büchern gefüllt, Und'n alten Kaplan, ganz der Würdigkeit Bild, „ne alte Speiſ'kammer, wo die Thür in der Angel nur 3 ſchwebt, und'ne alte Küche, wo'n Dutzend alter Koche noch lebt. Wie'n alter Höfling u. ſ. w. Altes Lied. — E⸗ giebt keine Art von Laune, worin die Englaͤn⸗ der gluͤcklicher ſind, als in Karikaturen und darin, aͤcherliche Benennungen oder Beinamen zu geben. Auf dieſe Art haben ſie nicht allein Einzelne, ſon⸗ dern ganze Voͤlker ſehr launig bezeichnete und in dem Vergnuͤgen, welches ſie darin finden, einen Scherz recht weit treiben zu koͤnnen, ihrer ſelbſt nicht geſchont. Man ſollte denken, daß ein Volk, L2 244 wenn es ſich perſonificirte, ſich als etwas Großes, Heroiſches und Impoſantes darſtellen wuͤrde; aber es giebt einen Beweis von der beſondern Laune der Englaͤnder, und von ihrer Vorliebe fuͤr alles, was geradezu komiſch und vertraulich iſt, daß ſie ihre nationellen Seltſamkeiten in dem Bilde eines derben, wohlbeleibten alten Mannes, mit dreiecki⸗ gem Hute, rother Weſte, ledernen Beinkleidern und einem ſtarken eichenen Pruͤgel, verkoͤrpert haben. So finden ſie nun ein beſonderes Vergnuͤgen darin, ihre geheimſten Schwachheiten in ein laͤcherliches Licht zu ſtellen, und ſind in ihren Bildern ſo luͤck⸗ lich, daß es vielleicht kein wirklich vorhandenes We⸗ ſen giebt, das vor dem Geiſte des Publikums le⸗ bendiger daſtaͤnde, als jener ſonderbare Charakter, John Bull. Die fortwaͤhrende Anſchauung des ſo von ihnen gegebenen Bildes hat vielleicht dazu beigetragen, das Volk ſelbſt demſelben aͤhnlich zu machen, und ſo dem Wirklichkeit zu geben, was anfaͤnglich groͤß⸗ tenthe ils aus der Eiubildungskraft geſchoͤpft war. Die Menſchen nehmen leicht Eigenthuͤmlichkeiten wirklicch an, die man ihnen fortdauernd zuſchreibt. Die muedrige Klaſſe der Englaͤnder ſcheint von dem Ideal, das ſie ſich von John Bull gemacht hat, ganz eeingenommen, und der ſtark gezeichneten Ka⸗ — — — 245 rikatur, welche ſie beſtaͤndig vor Augen hat, Leben und Wirklichkeit geben zu wollen. Ungluͤcklicher⸗ weiſe macht ſie aber zuweilen dieſen geprieſenen Bullismus zu einem Deckmantel fuͤr ihre Vorur⸗ theile oder Derbheiten, und dieß habe ich beſonders bei den aͤchten Eingebornen bemerkt, welche nie aus dem Bereich des Gelaͤutes der Bow⸗Kirche gekom⸗ men ſind*). Sobald einer von dieſen ſich etwas plump ausdruckt oder unangenehme Wahrheiten ſagt, erklaͤrt er ſogleich, daß er ein wahrer John Bull ſey, und ſeine Meinung immer frei heraus ſage. — Geraͤth er dann und wann in eine unziemliche Hitze uͤber Kleinigkeiten, ſo ſagt er, John Bull ſey ein jaͤhzorniger alter Kerl, aber ſeine Aufwallung im Augenblick voruͤber, und er hege keinen Groll wei⸗ ter.— Giebt er Beweiſe von wenig feinem Geſchmack und von Unempfaͤnglichkeit fuͤr fremde Verfeinerun⸗ gen, ſo dankt er dem Himmel fuͤr ſeine Unwiſſen⸗ heit: er iſt der einfache John Bull, und findet kein Vergnuͤgen an Troͤdelkram und Spielwerk. — Selbſt die Leichtigkeit, womit er ſich von Fremden betruͤgen laͤßt und fuͤr Thorheiten uͤbertrieben be⸗ zahlt, muß unter dem Vorwande der Freigebigkeit hindurchgehen: denn John iſt immer großmuͤthiger, als er klug iſt. *) ſ. oben S. 109. 246 So ſtempelt, unter dem Namen John Bull, der Englaͤnder jeden Fehler zu einem Verdienſte, und iſt feſt davon uͤberzeugt, daß er der ehrlichſte Kerl von der Welt ſey. 1 Wie wenig nun der Charakter auch anfaͤnglich gepaßt haben mag, ſo hat er ſich nach und nach der Nation angeeignet, oder vielmehr ſie ſich ihm; und ein Fremder, der die Eigenthuͤmlichkeiten der Englaͤnder zu ſtudiren wuͤnſcht, wird dieß mit Vor⸗ theil an den unzaͤhligen Bildern von John Bull thun, welche an den Fenſtern der Karikaturlaͤden ausgehaͤngt ſind. Er iſt noch immer einer der fruchtbaren Humoriſten, der beſtaͤndig neue Zuͤge zu Bildern entwickelt, und, von verſchiedenen Geſichts⸗ punkten geſehen, auch verſchiedene Anſichten giebt, und ich kann daher, ſo oft er auch geſchildert wor⸗ den iſt, der Verſuchung nicht widerſtehen, eine leichte Skizze von ihm zu geben, ſo wie er mir gerade erſchienen iſt. John Bull iſt, dem Anſchein nach, ein gerader, ſchlichter Mann, der ſich an die Sache ſelbſt haͤlt, und bei weitem mehr gediegene Proſa als Poeſie in ſich hat. In ſeiner Natur liegt wenig Roman⸗ tiſches, aber ein guter Theil reichen, natuͤrlichen Gefuͤhls. Er hat mehr Laune als Witz, iſt mehr luſtig als froͤhlich, mehr truͤbſinnig als muͤrriſch; 247 eine Thraͤne kommt ihm unwillkuͤhrlich in das Auge oder er lacht wol derb auf, aber er haßt alle Sen⸗ timentalitaͤt und findet durchaus keinen Geſchmack an leichtem Scherz. Er iſt ein guter Geſellſchafter, wenn man ihn ſeinen Gang gehen und von ſich ſprechen laͤßt, und ſteht einem Freunde, wenn es zum Streit kommt, mit Leben und Böͤrſe bei, ſollte auch eine derbe Tracht Schlaͤge mit auf ihn fallen. In dieſer letztern Ruͤckſicht iſt er, aufrichtig ge⸗ ſtanden, etwas zu voreilig. Er nimmt an Allem Antheil, nicht bloß an dem, was ihn ſelbſt und ſeine Familie, ſondern auch was die ganze Gegend um⸗ her betrifft, und iſt ſogleich willig, ſich fuͤr Jeder⸗ mann zum Verfechter aufzuwerfen. Er iſt immer bereit, den Schiedsrichter in den Angelegenheiten ſeiner Nachbarn zu machen, und nimmt es ſehr uͤbel, wenn ſie irgend etwas unternehmen, ohne ihn um Rath zu fragen, obgleich ſeine Dienſtleiſtungen gewoͤhnlich damit belohnt werden, daß er am Ende mit allen Parteien in Haͤndel geraͤth und nun ſich bitter uͤber ihre Undankbarkeit beſchwert. Ungluͤck⸗ licherweiſe nahm er in ſeiner Jugend Unterricht in der edlen Fechtkunſt, und da er ſich im Gebrauche ſeiner Glieder und ſeiner Waffen ausgebildet, und ein Muſter im Boxen und in der Fuͤhrung des Knuͤttels geworden iſt, ſo hat ihm dieß beſtaͤndig 248 Verdruͤßlichkeiten zugezogen. Er kann naͤmlich nicht von einem Streite zwiſchen ſeinen entfernteſten Nach⸗ barn hoͤren, ohne Bewegungen mit ſeinem Knuͤttel zu machen, und zu uͤberlegen, ob ſein Intereſſe und ſeine Ehre es nicht erfordern, ſich in die Sache zu miſchen, und er hat in der That ſeine verwandt⸗ ſchaftlichen Beziehungen, in Hinſicht auf Stolz und Politik, ſo uͤber die ganze Gegend ausgedehnt, daß durchaus nichts vorgehen kann, ohne einige ſeiner ſchoͤn erſonnenen Rechte und Wuͤrden zu beeintraͤch⸗ tigen. In ſeinem eigenen kleinen Hauſe hockend, gleicht er, mit dieſen nach allen Richtungen ausge⸗ henden Faͤden, einer boͤſen, dickleibigen alten Spinne, die ihr Gewebe uͤber eine ganze Kammer ausgeſpon⸗ nen hat, ſo daß keine Fliege ſummen, kein Luͤftchen ſich regen kann, ohne ſie aus ihrer Ruhe außzuſtoͤ⸗ ren und zu machen, daß ſie zornig aus ihrem Schlupfwinkel hervorſchießt. Ob er gleich eigentlich ein gutartiger, wohlmei⸗ nender Mann iſt, ſo liebt er doch immer da zu ſeyn, wo es Streit giebt. Es iſt indeß eine ſeiner Eigenthuͤmlichkeiten, daß er nur an dem Anfange eines Handgemenges Vergnuͤgen findet; er geht im⸗ mer mit Freudigkeit in das Gefecht, kommt aber, ſelbſt wenn er Sieger geblieben iſt, muͤrriſch daraus zuruͤck, und wenn gleich Niemand mit groͤßerer — „ — 249 Beharrlichkeit ficht, als er, um ſeine Abſicht zu er— reichen, ſo iſt doch, wenn das Gefecht voruͤber iſt, und es zur Verſoͤhnung kommt, das bloße Haͤnde⸗ ſchuͤtteln eine ſo weſentliche Sache fuͤr ihn, daß er gewoͤhnlich ſeinen Gegner alle die Vortheile ernten laͤßt, um welche der Streit entſtanden war. Er muß ſich alſo nicht ſowol vor dem Schlagen, als vor der Verſoͤhnung huͤten. Es iſt ſchwer, ihm mit dem Knuͤttel einen Heller abzupreſſen; aber man verſtehe nur die Kunſt, ihn in gute Laune zu brin⸗ gen, und man kann ihm alles Geld ablocken, das er in der Taſche hat. Er iſt wie eines ſeiner eige⸗ nen Schiffe, das, nachdem es unbeſchaͤdigt aus dem ſchrecklichſten Sturme gekommen, ſeine Maſten in der darauf folgenden Windſtille verliert. Er liebt etwas, außer dem Hauſe den großen Herrn zu ſpielen, eine lange Boͤrſe herauszuziehen, ſein Geld bei Fauſtkaͤmpfen, Pferderennen und Hah⸗ nengefechten zu verſchleudern, und unter den Ken⸗ nern und Liebhabern eine Rolle zu ſpielen. Unmit⸗ telbar nach einer dieſer Ausſchweifungen bekommt er aber einen heftigen Anfall von Sparſamkeit, ſchrickt vor der kleinſten Ausgabe zuruͤck, ſpricht von nichts als von zu Grunde gerichtet ſeyn und dem Kirchſpiel zur Laſt fallen muͤſſen, und bezahlt in einer ſolchen Stimmung nicht die kleinſte Rech⸗ 250 nung eines Handwerksmannes ohne heftiges Gezaͤnk. Er iſt in der That der puͤnktlichſte, aber auch der unangenehmſte Zahler in der Welt, denn er zieht ſein Geld mit aͤußerſtem Widerwillen aus der Ta⸗ ſche, bezahlt zwar bis auf den letzten Heller, aber nicht ohne jede Guinee mit einem dumpfen Mur⸗ ren zu begleiten. Bei all' ſeinem Reden von Sparſamkeit ſorgt er fuͤr Alles reichlich, und iſt gaſtfrei. Seine Spar⸗ ſamkeit iſt von einer hoͤchſt ſonderbaren Art, indem es ihm dabei hauptſaͤchlich darauf abgeſehen iſt, wie er ſich die Mittel verſchaffen koͤnne, recht viel Geld auszugeben, denn er goͤnnt ſich an einem Tage kaum ein Beef⸗Steak und eine Pinte Portwein, um an einem andern einen ganzen Ochſen braten laſſen, ein Orhoft Ale Preis geben, und die ganze Nachbar⸗ ſchaft bewirthen zu koͤnnen. 4 Seine Haushaltung iſt unglaublich koſtbar, und dieß nicht bloß daher, weil er auf aͤußern Glanz haͤlt, ſondern weil bei ihm ſo viel Nindfleiſch und Pudding verzehrt wird, weil er eine Menge Leute ernaͤhrt und kleidet, und eine ganz eigenthuͤm⸗ liche Neigung hat, kleine Dienſte uͤbermaͤßig zu be— lohnen. Er iſt ein ſehr guter und nachſichtiger Herr, und wenn ſeine Diener ſich in ſeine Eigen⸗ thuͤmlichkeiten zu ſchicken, ſeiner Eitelkeit von Zeit 251 zu Zeit etwas zu ſchmeicheln wiſſen, und ihn nicht zu augenſcheinlich betruͤgen, ſo koͤnnen ſie mit ihm machen, was ſie wollen. Alles, dem er Brot giebt, ſcheint zu gedeihen und fett zu werden. Seine Hausbedienten werden gut bezahlt, reichlich gefuͤt⸗ tert, und haben nichts zu thun. Seine Pferde ſind glau und faul, und traben langſam vor ſeinem Staatswagen her, und ſein Haushund ſchlaͤft ruhig vor der Thuͤr, und bellt kaum einen Dieb an. Sein Wohnhaus iſt ein altes kaſtellartiges Schloß, altersgrau, und von einem hoͤchſt ehrwuͤr⸗ digen, obgleich verwitterten Anſehen. Es iſt nach keinem regelmaͤßigen Plan gebaut worden, ſondern ein Gemiſch einzelner Theile, in verſchiedener Zeit und nach verſchiedenem Geſchmack aufgefuͤhrt. Der mittlere Theil traͤgt unleugbare Spuren Saͤchſiſcher Baukunſt, und iſt ſo feſt, als ſchwerer Stein und alt Engliſches Eichenholz ihn haben machen koͤnnen. Wie alle Ueberbleibſel aus dieſem Stil, iſt er voll von dunkeln Gaͤngen, labyrinthartigen Verbindun⸗ gen und duͤſteren Zimmern, und obgleich dieſe in neue⸗ ren Zeiten zum Theil freundlicher gemacht worden ſind, ſo giebt es doch noch mehrere Orte, wo man beinahe im Finſtern tappen muß. Von Zeit zu Zeit ſind an das urſpruͤngliche Gebaͤude Anbaue ge⸗ macht und Veraͤnderungen getroffen worden; man 1 252 hat, waͤhrend der Kriegszeiten Thuͤrme und Zinnen errichtet, im Frieden neue Fluͤgel angebaut und eine Menge von Nebenhaͤuſern und Wirthſchaftsgebaͤu⸗ den ſind nach der Laune oder dem Beduͤrfniß der verſchiedenen Geſchlechter entſtanden, ſo daß es jetzt eine der weitlaͤuftigſten und ausgedehnteſten Beſitzun⸗ gen geworden iſt, die man ſich denken kann. Einen ganzen Fluͤgel nimmt die Familienkapelle ein; ein ehrwuͤrdiges Gebaͤude, das einſt ſehr praͤchtig gewe⸗ ſen ſeyn muß, und ſelbſt jetzt noch, nach allem dem, was man zu verſchiedenen Zeiten daran geaͤndert und einfacher gemacht, das Anſehen ehrwuͤrdigen, religioͤſen Glanzes hat. Ihre Mauern prangen mit den Denkmaͤlern von John's Vorfahren, und ſie iſt mit weichen Kiſſen und wohlgepolſterten Stuͤh⸗ len nett ausmoͤblirt, worin die Mitglieder der Fa⸗ milie, welche fleißige Kirchengaͤnger ſind, in der Erfuͤllung ihrer Pflichten ſanft ausruhen koͤnnen. Dieſe Kapelle in Stande zu erhalten, hat John viel Geld gekoſtet; aber er haͤngt an ſeiner Reli⸗ gion und thut ſich etwas auf ſeinen Eifer zu Gute, weil in ſeiner Naͤhe mehrere Kapellen fuͤr abwei⸗ chende Religionsparteien errichtet worden, und meh⸗ rere ſeiner Nachbarn, mit denen er argen Streit gehabt hat, eifrige Papiſten ſind. Den Dienſt der Kapelle zu verſehen haͤlt er, mit großen Koſten, 2⁵3 einen frommen und ſtattlichen Familienkaplan. Dieß iſt ein ſehr gelehrter und wuͤrdevoller Mann, und ein wahrhaft wohlerzogener Chriſt, der immer dem alten Herrn bei ſeinen Behauptungen Recht giebt, mit ſeinen kleinen Suͤnden beſcheidene Nachſicht hat, die Kinder ſchilt, wenn ſie widerſpenſtig ſind, und die Bauern ermahnt, die Bibel zu leſen, ihre Ge⸗ bete herzuſagen, und, vor allem, ihre Abgaben puͤnkt⸗ lich und ohne Murren zu bezahlen. Die Familienzimmer ſind in ſehr veraltetem Ge⸗ ſchmack verziert, etwas ſchwer und zuweilen un⸗ bequem, ganz in der feierlichen Pracht alter Zeit, mit reichen, obgleich verſchoſſenen Tapeten be⸗ haͤngt, mit unbehuͤlflichen Moͤbeln verſehen, und enthalten eine Maſſe alten, ſchweren Silbers. Die großen Kamine, die ungeheueren Kuͤchen, die weit⸗ laͤuftigen Keller, alles dieß ſpricht von der geraͤuſch⸗ vollen Gaſtfreiheit fruͤherer Zeiten, wovon das itzige Leben im Schloſſe nur ein Schatten iſt. Mehrere Reihen von Zimmern ſind indeß, dem Anſcheine nach, ganz verlaſſen, und vom Zahne der Zeit zer⸗ ſtoͤrt, und es giebt Thuͤrme und Thuͤrmchen, welche ſo verfallen ſind, daß bei ſtarkem Winde man be⸗ ſorgen muß, daß ſie uͤber der Hausbewohnerſchaft zuſammenſtuͤrzen werden. Man hat John haͤufig gerathen, das alte Ge— 254— baͤude einmal durchgaͤngig ausbeſſern, einige der un⸗ nuͤtzen Theile deſſelben niederreißen, und den uͤbri⸗ gen mit den aus dieſen erhaltenen Materialien mehr Feſtigkeit geben zu laſſen; aber der alte Herr wird immer unwillig, wenn man mit ihm uͤber dieſen Gegenſtand ſpricht. Er ſchwoͤrt, daß das Haus ein ganz vortreffliches Haus, daß es feſt und wetter⸗ dicht ſey, und kein Sturm es erſchuͤttern koͤnne, daß es ſchon mehrere Jahrhunderte geſtanden habe, und deswegen itzt nicht gleich zuſammenſtuͤrzen werde; daß, wenn es auch unbequem, ſeine Familie doch an die Unbequemlichkeiten gewoͤhnt ſey, und ohne dieſe ſich nicht wohl fuͤhle; daß ſeine unbehuͤlfliche Form und unregelmaͤßige Bauart davon herruͤhre, daß es das Erzeugniß von Jahrhunderten und durch die Weis⸗ heit eines jeden Geſchlechts verbeſſert worden ſey; daß eine alte Familie, wie die ſeinige, ein großes Haus haben muͤſſe, darin zu wohnen; daß neue, eben erſt aufgekommene Familien immerhin in mo⸗ dernen Meiereien und artigen Landhaͤuſern wohnen moͤgen, daß aber eine alte Engliſche Familie auch ein alt Engliſches Herrenhaus bewohnen muͤſſe. Wenn man ihn auf irgend einen Theil des Gebaͤu⸗ des, als vollkommen uͤberfluͤſſig, aufmerkſam macht, ſo behauptet er, daß er zu der Staͤrke und der Zierde des Uebrigen und der Harmonie des Gan⸗ 25⁵ zen weſentlich gehoͤre, und ſchwoͤrt, daß die Theile ſo in einander gebaut ſind, daß, wenn man den einen herunterreiſſe, man Gefahr laufe, daß Einem das Ganze uͤber dem Kopfe zuſammenſtuͤrze. Das Geheimniß, welches zu dieſem allen den Schluͤſſel giebt, iſt, daß John es ſehr liebt, zu be⸗ ſchuͤtzen und ſich das Anſehn eines Patrons zu ge— ben. Er haͤlt es fuͤr unzertrennlich von der Wuͤrde einer alten und ehrenwerthen Familie, wie die ſei⸗ nige iſt, in dem, was ſie giebt, freigebig zu ſeyn, und ſich von ihren Anhaͤngern aufzehren zu laſſen, und ſo macht er, theils aus Stolz, theils aus Gut⸗ muͤthigkeit, es ſich zur Regel, ſeinen ausgedienten Leuten immer Unterhalt und Wohnung zu geben. Die Folge davon iſt, daß, wie manche andre ehr⸗ wuͤrdige Familienanſtalten, ſeine Beſitzung mit al⸗ ten Untergebenen, die er nicht wegjagen und mit alterthuͤmlichen Formen, die er nicht ablegen kann, belaſtet iſt. Sein großes Haus iſt wie ein Invaliden⸗ hospital, und bei aller ſeiner Groͤße nicht zu groß fuͤr ſeine Bewohner. Es giebt keinen Winkel im Hauſe, welcher nicht irgend einem unnuͤtzen Knechte zum Wohnſitze diente. Haufen von alten Trabanten, po⸗ dagriſchen Dienern, die das Gnadengehalt genießen, und in Ruheſtand verſetzten Helden der Kuͤche und des Kellers, ſchlentern um die Mauern des Schloſ⸗ 256 ſes her, kriechen auf ſeinen Grasplaͤtzen, ſchlum⸗ mern unter ſeinen Baͤumen, oder ſonnen ſich auf den Baͤnken an ſeinen Thuͤren. Jedes Neben⸗ und Wirthſchaftsgebaͤude iſt mit dieſen Ueberzaͤhligen und ihren Familien beſetzt, denn ſie ſind außerordentlich fruchtbar und hinterlaſſen John, wenn ſie ſterben, gewoͤhnlich ein Vermaͤchtniß von hungrigen Muͤn⸗ dern, fuͤr die er zu ſorgen hat. Nan kann mit keiner Hacke gegen den verfallenſten Thurm ſchla⸗ gen, ohne daß nicht aus irgend einer Spalte oder Schießſcharte der graue Kopf irgend eines ausge⸗ dienten Untergebenen heraus guckte, der ſein ganzes Leben auf John's Koſten verlebt hat, und ſich nun bitter beklagt, daß man einem alten Diener der Fa⸗ milie das Dach uͤber dem Kopfe wegbreche. Dieß iſt ein Vorwurf, gegen den John's ehrliches Herz nicht Probe haͤlt, ſo daß Jeder, der ſein Leben hin⸗ durch treu ſein Rindfleiſch und ſeinen Pudding ge⸗ geſſen hat, ſicher ſeyn kann, in ſeinen alten Tagen ſeine Pfeife und ſeinen Bierkrug zu finden. Ein großer Theil des Parks beſteht aus Gehe⸗ gen, in welchen ſeine abgelebten Reitpferde frei her⸗ umlaufen, und ungeſtoͤrt den uͤbrigen Theil ihres Daſeyns graſen: ein wuͤrdiges Beiſpiel dankbarer Erinnerung, welches nachzuahmen, einigen ſeiner Nachbarn keine Schande bringen wuͤrde. Es macht —— —— — 257 ihm auch großes Vergnuͤgen, dieſe alten Roſſe Denen zu zeigen, die ihn beſuchen, ſich uͤber ihre guten Eigenſchaften auszulaſſen, ihre fruͤheren Dienſte zu erheben, und mit einiger Eitelkeit von den gefaͤhr⸗ lichen Abenteuern und kuͤhnen Unternehmungen zu reden, bei denen ſie ihn getragen haben. Seine Verehrung vor alten Familien⸗Gebraͤu⸗ chen und Familien⸗Laſten treibt er beinahe laͤcherlich weit. Auf ſeinem Gute hauſen Zigeunerbanden, die er aber nicht wegtreiben laͤßt, weil ſie, ſeit undenk⸗ lichen Zeiten, ſich hier aufgehalten, und unter jedem Geſchlecht ihre Wilddiebſtaͤhle regelmaͤßig getrieben haben. Nur ſelten laͤßt er einen trocknen Aſt von den Baͤumen abhauen, welche das Haus umgeben, damit die Raben, welche hier ſeit Jahrhunderten geniſtet haben, nicht geſtoͤrt werden. Den Tauben⸗ ſchlag haben die Eulen in Beſitz genommen; aber ſie ſind angeerbte Eulen und duͤrfen deswegen nicht beunruhigt werden. Die Hausſchwalben haben, mit ihren Neſtern, beinahe alle Schornſteine im Hauſe angefuͤllt, Nauerſchwalben bauen in allen Frieſen und Karnieſen. Kraͤhen flattern und kraͤchzen um die Thuͤrme her und ſitzen auf allen Wetterfahnen, und in jedem Winkel des Hauſes ſieht man alte graukoͤpfige Ratten, welche am hellen Tage unge⸗ ſcheut zu ihren Loͤchern hinein und herauslaufen. 258— Kurz, John hat eine ſolche Ehrfurcht vor Allem, was lange in der Familie geweſen iſt, daß er ſelbſt nicht einmal Mißbraͤuche abſtellen will— weil ſie gute alte Familien⸗Mißbraͤuche ſind. Alle dieſe Gewohnheiten und Eigenheiten haben natuͤrlich ſehr dazu beigetragen, die Boͤrſe des alten Herrn leicht zu machen, und da er etwas auf Puͤnkt⸗ lichkeit in Geldſachen haͤlt, und ſeinen Kredit in der Nachbarſchaft nicht gern verlieren will, ſo iſt es ihm oft ſchwer geworden, ſeine Verbindlichkeiten zu erfuͤl⸗ len. Die Zwiſtigkeiten und Verdruͤßlichkeiten, welche er fortwaͤhrend in ſeiner Familie hat, haben bedeu⸗ tend dazu beigetragen, ſeine Lage noch unangeneh⸗ mer zu machen. Seine Kinder ſind zu verſchiede⸗ nen Beſtimmungen erzogen worden, und haben eine ganz verſchiedene Denkweiſe, und da ſie immer ihre einung frei herausſagen durften, ſo ermangeln ſie nicht, ſich, bei der gegenwaͤrtigen Lage ſeiner An⸗ gelegenheiten, dieſes Vorrechts ſehr ungebunden zu bedienen. Einige betrachten die Sache von der Eh⸗ renſeite, und behaupten, daß die alte Haushaltung in dieſer ganzen Ausdehnung erhalten werden muͤſſe, was es auch koſten moͤge; andere, die kluͤger und bedaͤchtiger ſind, dringen in den alten Herrn, ſeine Ausgaben einzuſchraͤnken, und ſein ganzes Haushal⸗ tungsſyſtem auf einen maͤßigeren Fuß zu ſetzen. Zu⸗ ——. ——— — 259 weilen ſcheint es, als ob er ſich nach der Meinung der Letzteren bequemen wolle, aber ihr heilſamer Rath hat, bei dem unziemlichen Betragen eines ſei⸗ ner Soͤhne, keinen Eingang finden koͤnnen. Dieß iſt ein laͤrmender, hitzkoͤpfiger Menſch, von wenig Sitten, der ſein Geſchaͤft vernachlaͤſſigt, in die Bierhaͤuſer geht, in den politiſchen Dorfgeſellſchaf⸗ ten den Redner ſpielt, und unter den aͤrmſten Un⸗ terthanen ſeines Vaters fuͤr ein Orakel gilt. Kaum hoͤrt er irgend einen ſeiner Bruͤder von Reform oder Einſchraͤnkung ſprechen, ſo ſpringt er auf, nimmt ihm das Wort aus dem Munde, und ver⸗ langt laut eine Umwaͤlzung der Dinge. Iſt ſeine Zunge einmal im Gange, ſo kann nichts ihr Ein⸗ halt thun. Er tobt in der Stube umher, haͤlt dem alten Mann uͤber ſeine Verſchwendung eine Straf⸗ predigt, macht ſeine Schwaͤchen und Gewohnheiten laͤcherlich, beſteht darauf, daß er die alten Diener zum Hauſe hinausjagen, die abgelebten Pferde den Hunden vorwerfen, den alten Kaplan fortſchicken, und einen wandernden Prediger*) nehmen— ja das ganze Herrenhaus niederreißen und ein einfa⸗ *) Im Original ſteht a field preacher, d. h. einen der herumziehenden, zu irgend einer Secte gehorigen Prediger, welche unter freiem Himmel, auf offenem Felde Zuhörer um ſich verſammeln, und Dieſen predigen. Ueberſ. 260 ches, aus Mauerſteinen und Moͤrtel gebautes, an deſſen Stelle ſetzen ſoll. Er ſchilt uͤber jede geſell⸗ ſchaftliche Vereinigung und jedes Familienfeſt, und ſchleicht brummend nach dem Bierhauſe, ſobald eine Equipage vorfaͤhrt. Er beklagt ſich fortwaͤhrend daruͤber, daß ſeine Boͤrſe leer iſt, allein all' ſein Geld geht bei den Zuſammenkuͤnften in der Schenke auf, und er laͤßt ſehr oft die Zeche anſchreiben, waͤhrend er uͤber ſeines Vaters Verſchwendung predigt.. Man kann ſich leicht denken, wie wenig ein ſol⸗ ches Betragen ſich mit des alten Ritters hitzigem Temperament vertraͤgt. Auch iſt er jetzt, durch haͤufigen Widerſpruch, ſo reizbar geworden, daß die bloße Erwaͤhnung des Wortes„Einſchraͤnkung oder Reform“ ſchon das Zeichen zu einem Zanke zwiſchen ihm und dem Schenken⸗Orakel giebt. Da der Sohn zu hartnaͤckig und widerſpenſtig iſt, ſich der vaͤterlichen Zucht zu fuͤgen, und vor dem Pruͤ⸗ gel keine Furcht mehr hat, ſo kommt es ſehr oft zu ſo herben Worten, daß John am Ende ſeinen Sohn Tom zu Huͤlfe ruft, einen Offizier, der im Aus⸗ lande gedient hat, aber itzt, auf halbem Solde, zu Hauſe iſt. Dieſer ſteht dem alten Herrn, er mag nun Recht oder Unrecht haben, unveraͤnderlich bei, denn er liebt nichts mehr als Laͤrm und Streit, 261 faͤhrt, auf den erſten Wink, mit dem Saͤbel her⸗ aus, und ſchwingt ihn uͤber dem Haupte des Red⸗ ners, ſobald dieſer ſich gegen das vaͤterliche Anſehen aufzulehnen wagt.. Dieſe Familien⸗Zwiſtigkeiten ſind, wie gewoͤhn⸗ lich, nicht unbekannt geblieben, und geben John's Nachbarſchaft reichen Stoff zu Gloſſen. Die Leute machen ernſthafte Geſichter und ſchuͤtteln die Koͤpfe, ſobald von ſeinen Angelegenheiten die Rede iſt. Sie ſagen, daß ſie hofften, es wuͤrde nicht ſo ſchlecht mit ihm ſtehn, als man behaupte, wenn aber die Kinder uͤber des Vaters Verſchwendung zu ſprechen anfingen, muͤſſe es doch nicht ſo gehen, wie es gehen ſolle. Er ſolle bis uͤber die Ohren in Schulden ſtecken, und beſtaͤndig mit Wucherern ſein Weſen treiben. Er ſey ein großmuͤthiger alter Herr, aber man fuͤrchte, er habe etwas zu ſchnell gelebt, auch braͤchte eine ſolche Neigung zur Jagd, zu Pferde⸗ rennen, Schwelgen und Boxen nie etwas Gutes. Kurz, Herrn Bull's Gut ſey ſehr ſchoͤn, und die Familie beſitze es ſeit alten Zeiten; aber es ſeyen ſchon manche noch ſchoͤnere Guͤter angeſchlagen worden. Das Schlimmſte iſt indeß, daß alle dieſe Geld⸗ angelegenheiten und dieſer haͤusliche Verdruß auf den armen Mann ſelbſt einen ſehr nachtheiligen Ein⸗ 262 fluß gehabt haben. Statt ſeines ſtattlichen runden Bauches und ſeines friſchen roſigen Geſichts iſt er itzt ſo zuſammengeſchrumpft und welk geworden, wie ein erfrorener Apfel. Seine Scharlach⸗ mit Gold beſetzte Weſte, welche ihm in jenen gluͤcklichen Ta⸗ gen, wo er mit dem Winde ſegelte, ſo ſtraff ſaß, haͤngt itzt, wie ein Segel bei Windſtille, herab. Seine ledernen Beinkleider ſind voll Falten, und ſcheinen mit Muͤhe nur die Stiefeln herauf zu hal⸗ ten, welche auf beiden Seiten um ſeine einſt ſo vollen Beine ſchlottern. Statt, wie fruͤher, den Hut auf die eine Seite geſetzt, ſeinen Stock ſchwingend und alle Augenblicke auf die Steine ſtoßend, trotzig einherzugehen, Jedem gerade in das Geſicht zu ſehen, und eine Strophe aus einem Canon oder einem Trinkliede herzubrum⸗ men, ſchleicht er itzt umher, pfeift ſich gedankenvoll etwas, laͤßt den Kopf hangen, haͤlt den Stock un⸗ ter dem Arm und ſteckt die Haͤnde in die Hoſen⸗ taſchen, die augenſcheinlich leer ſind. So ſieht der arme John Bull itzt aus; bei alle dem iſt aber der Geiſt des alten Herrn noch immer derſelbe. Sobald man ſich nur den geringſten Aus⸗ druck entſchluͤpfen laͤßt, der Mitleid oder Beſorgniß verraͤth, faͤngt er Feuer, betheuert, daß er der reichſte und ſolideſte Mann im Lande ſey, ſpricht 263 von großen Summen, die er anwenden wolle, um ſein Haus zu verſchoͤnern oder ein zweites Grund⸗ ſtuk zu kaufen, nimmt eine drohende Stellung an, und macht eine Bewegung mit ſeinem Pruͤgel, als ob er wol noch einmal anbinden moͤchte. Obgleich in allem dieſen etwas ſehr Sonderba⸗ res liegt, ſo muß ich doch geſtehen, daß ich John's Lage nicht ohne beſondern Antheil betrachten kann. Bei allen ſeinen Launen und ſeinen eingewurzelten Vorurtheilen, iſt er doch ein gerader, tuͤchtiger Kerl. Er mag vielleicht nicht ganz der außerordent⸗ liche Menſch ſeyn, fuͤr den er ſich haͤlt; aber er iſt dreimal beſſer, als ihn ſeine Nachbarn machen. Seine Tugenden ſind ihm alle eigenthuͤmlich, einfach, vaterlaͤndiſch und natuͤrlich. Selbſt ſeine Fehler zeu⸗ gen von der Kraͤftigkeit ſeiner guten Eigenſchaften. Seine Verſchwendung iſt ein Beweis ſeiner Groß⸗ muth, ſeine Zankſucht von ſeinem Muth, ſeine Leicht: glaͤubigkeit von ſeiner Treuherzigkeit, ſeine Eitelkeit von ſeinem Stolz, und ſeine Derbheit von ſeiner Aufrichtig⸗ keit. Alle dieſe Eigenſchaften ſind die Ergebniſſe eines kraͤftigen, freiſinnigen Charakters. Er iſt wie ſein Ei⸗ chenholz, rauh von Außen, aber geſund und feſt von Innen; die Rinde ſtoͤßt ſoviel Zweige aus, als die Staͤrke und Groͤße des Baumes mit ſich bringt, und die Aeſte droͤhnen und aͤchzen bei dem leiſeſten Winde, 264 ihrer Groͤße willen, auf das Furchtbarſte. Auch liegt etwas in dem Aeußern ſeines verfallenden alten Hauſes, das ungemein poetiſch und mahleriſch iſt, ſo daß ich beinahe bei dem Gedanken zittere, wenn man bei dem itzigen Kampfe des Geſchmacks und der Meinungen daran ruͤhren ſollte. Einige von ſeinen Rathgebern ſind allerdings gute Baumeiſter, und koͤnnten erſprießliche Dienſte leiſten; ich fuͤrchte in⸗ deſſen, daß mehrere davon bloße Zerſtoͤrer*) ſind, die, wenn ſie erſt mit ihren Hacken an dieß ehr⸗ wuͤrdige Gebaͤude kommen, nicht eher ruhen wer⸗ den, als bis ſie es niedergeriſſen, und ſich vielleicht ſelbſt unter die Truͤmmer begraben haben. Der einzige Wunſch, den ich habe, iſt der, daß John's gegenwaͤrtige Lage ihn fuͤr die Zukunft kluͤger ma⸗ chen moͤge. Er muß aufhoͤren, ſich um anderer Leute Angelegenheiten zu bekuͤmmern; er muß von dem fruchtloſen Bemuͤhen abſtehen, die Wohlfahrt ſeiner Nachbarn und das Heil der Welt mit dem Pruͤgel befoͤrdern zu wollen; er muß ruhig zu Hauſe bleiben, ſein Haus ausbeſſern, ſein fruchtbares Gut nach. *) Der Doppelſinn in Levellers, wie es im Originale ſteht, läßt ſich nicht wiedergeben. Level heißt mit dem Boden gleich machen, woher man alle die, welche beſtändig Freiheit und Gleichheit predigen, im moraliſchen Sinne Levellers, Gleichmacher, nennt. Ueberſ. 265 nach ſeinem Gefallen anbauen, ſeine Einkuͤnfte, wenn er kann, zu Rathe halten, ſeine widerſpenſti⸗ gen Kinder, wo moͤglich, zur Ordnung bringen, die Freuden der alten Zeiten wieder hervorrufen: dann wird er, auf ſeinem vaͤterlichen Grund und Bo⸗ den, gewiß ein friſches, ehrenvolles und froͤhliches Alter erreichen. Skizzenbuch II. M Der Stolz des Dorfes. Kein Wolf ſoll heulen; keine nächt'ge Eule Bei deinem Grabe je verweile! Kein rauher Wind, kein Sturm ſoll ihn verſehren, Ihn doͤrren, ihn verzehren, Den Raſen, der Dich deckt; doch wie die Frühlingsluft Erhalte Liebe ihn in ſtetem Blumenduft. Herrick. Auf einer meiner Streifereien durch die entle⸗ generen Grafſchaften von England, gerieth ich auf eine der Nebenſtraßen, welche durch den abgeſchie⸗ deneren Theil des Landes fuͤhren, und hielt eines Nachmittags in einem Dorfe an, das eine unge⸗ mein laͤndlich⸗ſchoͤne und einſame Lage hatte. Die Einwohner hatten ein gewiſſes Anſehn patriarcha⸗ liſcher Einfachheit an ſich, das man in den Doͤr⸗ fern, welche an den großen Heerſtraßen liegen, nicht findet. Ich beſchloß, die Nacht hier zuzubringen, und ſchlenterte, nachdem ich fruͤh zu Mittag gegeſ⸗ 2 267 ſen, hinaus, um mich an der umliegenden Gegend zu ergetzen. Mein Weg fuͤhrte mich, wie dieß gewoͤhnlich bei Reiſenden der Fall iſt, bald nach der Kirche, welche in einer kleinen Entfernung von dem Dorfe lag. Auch war dieß in der That ein nicht ganz unmerkwuͤrdiger Gegenſtand, indem der alte Thurm derſelben ganz mit Epheu uͤberwachſen war, ſo daß nur hie und da ein hervorſtehender Strebepfeiler, eine graue Mauerecke, oder eine abenteuerliche Ver⸗ zierung von Bildhauerarbeit aus der gruͤnenden Be⸗ deckung hervorguckte. Es war ein lieblicher Abend. Die fruͤhere Haͤlfte des Tages war truͤbe und von Regenſchauern begleitet geweſen; am Nachmittage hatte ſich jedoch das Wetter aufgeklaͤrt, und obgleich noch immer dunkle Wolken am Himmel hingen, ſo zog ſich doch ein breiter goldener Streifen im We⸗ ſten dahin, aus welchem die untergehende Sonne auf die tropfenden Blaͤtter ſchien, und der ganzen Natur ein ſchwermuͤthiges Laͤcheln lieh. Das Ganze glich der Scheideſtunde eines guten Chriſten, welcher laͤchelnd auf die Suͤnden und Sorgen der Welt blickt, und durch die Heiterkeit ſeines Erloͤſchens es beurkundet, daß er in Herrlichkeit wiedererſtehen werde. Ich hatte mich auf einen halbeingeſunkenen 3 M 2 ' ————-— — 268* Grabſtein geſetzt, und dachte— wie man es in die⸗ ſer Stunde der Sammlung wohl zu thun pflegt— an vergangene Ereigniſſe und Jugendfreunde, an die, welche entfernt, und die, welche todt waren, und uͤberließ mich der Art von ſchwermuͤthigem Sinnen, in welchem etwas liegt, das ſogar noch mehr Reiz hat, als das Vergnuͤgen ſelbſt. Dann und wann toͤnte der Schlag einer Glocke von dem benachbarten Thurme in mein Ohr; ihre Toͤne ſtimmten zu der ganzen Umgebung, und waren im Einklang mit meinen Gefuͤhlen, ſtatt einen Miß⸗ laut damit zu bilden; und es waͤhrte eine Zeitlang, ehe ich daran dachte, daß dieß die Trauerglocke fuͤr einen neuen Bewohner des Grabes ſeyn muͤſſe. Bald darauf ſah ich einen Leichenzug ſich uͤber den Raſenplatz mitten im Dorfe bewegen. Er kam langſam einen Heckengang herunter, verſchwand und erſchien wiederum durch die Oeffnungen in den Hecken, bis er bei dem Orte voruͤberzog, wo ich ſaß. Junge Maͤdchen, weiß gekleidet, trugen die Zipfel des Leichentuchs, und ein anderes, von un⸗ gefaͤhr ſiebenzehn Jahren, ging voraus und hatte ei⸗ nen Kranz von weißen Blumen in der Hand, ein Zeichen, daß die Verſtorbene jung und unverheira⸗ thet geweſen war. Die Aeltern folgten der Bahre. Es war ein ehrwuͤrdiges Paar aus der beſſern 269 Klaſſe der Landleute. Der Vater ſchien ſeinen Ge⸗ fuͤhlen Gewalt anzuthun: ſein ſtarres Auge, ſeine zuſammengezogenen Augenbraunen und ſein tiefge⸗ furchtes Geſicht, deuteten indeß den Kampf an, welcher in ſeinem Innern vorging. Seine Gattin hing an ſeinem Arme, weinte laut und ſchluchzte in dem krampfhaften Ausbruche des Schmerzes ei⸗ ner Mutter. Ich folgte dem Leichenzuge in die Kirche. Die Bahre ward in dem Schiffe niedergeſetzt, und der Kranz von weißen Blumen, nebſt einem Paar weißer Handſchuhe, uͤber dem Kirchſtuhle, wo die Verſtor⸗ bene gewoͤhnlich geſeſſen hatte, aufgehaͤngt.— Jeder kennt die herzergreifende Feierlichkeit des Todtenamts, denn wer iſt wol ſo gluͤcklich, nie Jemanden, den er liebte, zum Grabe geleitet zu haben? Wenn es aber bei den Ueberreſten der Unſchuld und Schoͤnheit, die in der Bluͤthe ih⸗ res Daſeyns dahinſanken, gehalten wird,— was kann wol ruͤhrender ſeyn? Bei der einfachen, aber höͤchſt feierlichen Stelle, wo der Koͤrper der Erde uͤbergehen wird:—„Erde zu Erde,— Aſche zu Aſche,— Staub zu Staub!“ floſſen die Thraͤnen der jugendlichen Gefaͤhrtinnen der Ver⸗ ſtordenen unaufhaltſam. Der Vater ſchien noch mit ſeinen Gefuͤhlen zu kaͤmpfen, und ſich mit der Ver⸗ 270 ſichrung zu troͤſten:„ſelig ſind, die im Herrn ſter⸗ ben;“ die Mutter aber dachte ihres Kindes nur als einer Blume des Feldes, welche mitten in ihrer Bluͤthe gemaͤht und verwelkt war, und„trauerte wie Rahel uͤber ihre Kinder, und wollte keinen Troſt annehmen.“ Als ich nach dem Gaſthofe zuruͤckkehrte, erfuhr ich die ganze Geſchichte der Verſtorbenen. Sie war ſehr einfach, und wie man ſie oft hoͤrt. Das Maͤdchen war die Zierde und der Stolz des Dorfes geweſen. Ihr Vater war einſt ein reicher Pachter, itzt aber zuruͤckgekommen. Sie war das einzige Kind, und, in der Einfachheit des laͤndlichen Lebens, ganz im vaͤ⸗ terlichen Hauſe erzogen worden. Sie war die Schuͤlerin des Dorfpfarrers, das Lieblingslamm in ſeiner kleinen Heerde geweſen. Der gute Mann wachte mit vaͤterlicher Sorgfalt uͤber ihre Erzie⸗ hung. Dieſe war beſchraͤnkt, und der Sphaͤre, in welcher ſie ſich bewegen ſollte, angemeſſen; denn er wollte ſie nur zu einer Zierde fuͤr ihren Stand⸗ punkt im Leben machen, nicht ſie daruͤber erheben. Die Zaͤrtlichkeit und Nachſicht ihrer Aeltern, und der Umſtand, daß man ihr keine gemeine Beſchaͤf⸗ tigungen auftrug, hatten die natuͤrliche Anmuth und Zartheit ihres Charakters, welche mit der behenden Lieblichkeit ihrer Geſtalt uͤbereinſtimmten, noch ge⸗ — — — 271 naͤhrt. Sie erſchien wie eine zarte Gartenpflanze, welche, durch Zufall, unter den abgehaͤrteten Ein⸗ gebornen des Feldes aufgeſproßt iſt. Ihre Gefaͤhrtinnen fuͤhlten die Ueberlegenheit ihrer Reize und erkannten ſie an, aber ohne Neid, denn die anſpruchsloſe Anmuth und die gewin⸗ nende Guͤte ihres Benehmens uͤbertrafen jene noch bei weitem. Man konnte mit Wahrheit von ihr ſagen: Das ſchönſte Bauermädchen iſt's, das je Auf einem Raſen lief; nichts thut ſie, nichts an ihr, Das nicht nach höherm Stande ſchmeckt; ſie iſt Zu vornehm für den Ort*). 1 Das Dorf war einer der abgelegenen Orte, in welchen ſich noch einige Spuren der alten Engli⸗ ſchen Sitten erhalten haben. Es hatte ſeine laͤnd⸗ lichen Feſte und Feiertagsvergnuͤgungen, und es wurde hier noch ein ſchwacher Schein der einſt ſo beliebten Maiengebraͤuche beobachtet. Dieſe waren von dem gegenwaͤrtigen Pfarrer des Dorfes ſehr in Aufnahme gebracht worden, der ein Liebhaber alter Gebraͤuche, und einer von den einfachen Chriſten war, welche ihre Sendung dann erfuͤllt glauben, wenn ſie Freude auf Erden und guten Willen un⸗ *⸗) Shakſpeare 3 Wintermährchen. 4r Aufz. 3r Auftr. Ueberſ. 272 ter den Menſchen verbreiten. Unter ſeiner Beguͤn⸗ ſtigung ſtand der Maienbaum von einem Jahr zum andern mitten auf dem Raſenplatze des Dorfes, wurde am Maientage mit Kraͤnzen und Wimpeln verziert, und, wie in alten Zeiten, eine Maienkoͤ⸗ nigin ernannt, welche bei den Spielen den Vorſitz fuͤhren und die Preiſe und Belohnungen austheilen mußte. Die mahleriſche Lage des Dorfes und das Phantaſtiſche ſeiner laͤndlichen Feſte zog oft die Auf⸗ merkſamkeit ſeiner zufaͤlligen Beſucher auf ſich. Un⸗ ter dieſen befand ſich auch, an einem Maientage, ein junger Offizier, deſſen Regiment vor kurzer Zeit in der Nachbarſchaft einquartirt worden war. Der eigenthuͤmliche Geſchmack, welcher in dieſer Dorf⸗ feierlichkeit herrſchte, zog ihn an, vor Allem aber die aufdaͤmmernde Liebenswuͤrdigkeit der Maienkoͤ⸗ nigin. Dieß war der Liebling des Dorfes, mit Blu⸗ men bekraͤnzt, und in der ſchoͤnen Verwirrung maͤd⸗ chenhafter Schuͤchternheit. Die Unbefangenheit der laͤndlichen Sitte machte es dem Fremden leicht, eine Bekanntſchaft mit ihr anzuknuͤpfen; er gewann nach und nach ihr Vertrauen, und machte ihr auf die leichtſinnige Weiſe den Hof, womit junge Offi⸗ ziere nur zu gern mit der Einfalt der Landmaͤdchen ihr Spiel treiben. Es lag in ſeinen Annaͤherungen nichts, was Ver⸗ — 2273 dacht in ihr haͤtte erwecken, oder ſie haͤtte beunru⸗ higen koͤnnen. Er ſprach ſogar nie von Lebe; allein es giebt eine Art, ſie zu erklaͤren, welche bekedter als die Sprache iſt, und welche ſie leiſe und un⸗ widerſtehlich dem Herzen einfoͤßt. Der Blitz des Auges, der Ton der Stimme, die tauſend Zaͤrt⸗ lichkeiten, welche aus jedem Wörte und Blicke, aus jeder Handlung ſprechen,— dieſe bilden die wahre Beredſamkeit der Liebe; man kann ſie wol fuͤhlen und verſtehen, nie aber beſchreiben. Was Wunder denn, daß ſie ein junges, ſchuldloſes und empfaͤngliches Herz leicht gewinnen konnten? Das Maͤdchen ſelbſt liebte, beinahe ohne ſich deſſen bewußt zu ſeyn; ſie fragte ſich ſelbſt kaum, was denn die wach⸗ ſende Leidenſchaft ſey, welche ſich jedes Gedankens und jedes Gefuͤhls bemeiſterte, oder was die Fol⸗ gen derſelben ſeyn wuͤrden. Sie blickte gar nicht in die Zukunft hinaus. Wenn Er da war, ſo be⸗ ſchaͤftigten ſeine Blicke und Worte ihre ganze Auf⸗ merkſamkeit; war Er nicht da, ſo dachte ſie nur an das, was bei ihrer letzten Zuſammenkunft vorge⸗ gangen war. Siie wandelte mit ihm durch die gruͤnen Heckengaͤnge und in den laͤndlichen Gegen⸗ den der Nachbarſchaft umher. Er lehrte ſie, neue Schönheiten in der Natur zu entdecken; er redete die Sprache des feinen und gebildeten Lebens, und 274 hauchte die Zaubereien der Romantik und Dichtkunſt in ihr Ohr. Es konnte vielleicht keine reinere Leidenſchaft zwi⸗ ſchen beiden Geſchlechtern geben, als dieſe. Die ſtatt⸗ liche Geſtalt ihres jugendlichen Bewunderers, der Glanz ſeiner kriegeriſchen Tracht, hatte vielleicht An⸗ fangs des Maͤdchens Auge angezogen; das war es in⸗ deſſen nicht, was ihr Herz gewonnen hatte. Ihre Anhaͤnglichkeit hatte etwas von Vergoͤtterung an ſich. Sie blickte zu ihm, als zu einem hoͤheren Weſen hinauf. Sie fuͤhlte in ſeiner Geſellſchaft die Be⸗ geiſterung eines von Natur zarten und poetiſchen Gemuͤths, in welchem itzt zuerſt der Sinn fuͤr das Schoͤne und Große erwachte. Der gemeine Ab⸗ ſtand des Ranges und Vermoͤgens fiel ihr nicht ein; es war die Verſchiedenheit der geiſtigen Aus⸗ bildung, des Benehmens, der Sitten, welche gegen die laͤndliche Geſellſchaft, an die ſie gewoͤhnt war, ſo ſehr abſtach, was ihn in ihrer Meinung vorzuͤglich erhob. Sie hoͤrte ihm mit bezaubertem Ohr und niedergeſchlagenem Blicke, in welchem ſich ein ſtum⸗ mes Entzuͤcken ausſprach, zu, und ihre Wange roͤ⸗ thete ſich vor Begeiſterung; oder wenn ſie je einen ſcheuen Blick der Bewunderung auf ihn zu werfen wagte, ſo wandte ſie dieſen ſchnell wieder ab, und —— — —— — — 275 ſeufzte und erröthete bei dem Gedanken an ihren eignen verhaͤltnißmaͤßigen Unwerth. Ihr Geliebter war eben ſo ſehr von Leidenſchaft erfuͤllt, dieſe aber bei ihm mit Gefuͤhlen von weni⸗ ger zarter Art gemiſcht. Er hatte aus Leichtſinn das Verhaͤltniß angeknuͤpft: er hatte ſeine Kamera⸗ den oft mit ihren Dorferoberungen prahlen gehoͤrt, und einen Sieg der Art als nothwendig zu ſeinem Ruf, als Mann von Geiſt, angeſehen. Er war indeß zu ſehr von jugendlicher Waͤrme erfuͤllt. Sein Herz war noch nicht kalt und ſelbſtiſch genug durch ein unſtaͤtes und zerſtreuungsvolles Leben geworden; es entzuͤndete ſich ſelbſt an der Flamme, die es an⸗ fachen wollte, und ehe er noch der Art ſeiner Lage ſich bewußt war, hatte er ſich ſchon verliebt. Was ſollte er thun? Hier traten abermals die Hinderniſſe in den Weg, welche ſo unausbleiblich bei allen leichtſinnigen Verbindungen ſich entgegenſtel⸗ len. Sein Rang,— die Vorurtheile vornehmer Verbindungen,— ſeine Abhaͤngigkeit von einem ſtol⸗ zen, unnachgiebigen Vater,— Alles dieß verbot ihm, an eine Heirath zu denken; wenn er aber dieß un⸗ ſchuldige, ſo zaͤrtliche und vertrauensvolle Weſen be⸗ trachtete, ſo lag eine Reinheit in ihren Sitten, eine Tadelloſigkeit in ihrem Leben, und eine gewinnende 276 Beſcheidenheit in ihren Blicken, welche jedes un⸗ reine Gefuͤhl zuruͤcktreten machte. Vergebens ſuchte er ſich durch den Gedanken an tauſend herzloſe Bei⸗ ſpiele von Modeleuten hart zu machen, die Aufwallung des großſinnigen Gefuͤhls durch den kalten, ſpot⸗ tenden Leichtſinn zu daͤmpfen, womit er dieſe von weiblicher Tugend hatte reden gehoͤrt; ſobald er ſich in ihrer Naͤhe befand, fuͤhlte er ſich von jenem ge⸗ heimen, aber von Leidenſchaft ungetruͤbtem Reiz jungfraͤulicher Reinheit umgeben, in deren geheilig⸗ tem Kreiſe kein ſchuldiger Gedanke dauern kann. Das ploͤtzliche Eintreffen eines Befehls an das Regiment, nach dem feſten Lande aufzubrechen, ſtei⸗ gerte die Verwirrung ſeines Gemuͤths auf das hoͤchſte. Eine kurze Zeit lang befand er ſich in einem Zuſtande der peinlichſten Unentſchloſſenheit; er zoͤ⸗ gerte, die Kunde mitzutheilen, ehe der Tag zum Abmarſche da war, und eroͤffnete ſie ihr dann auf einem Abendſpazirgange. Der Gedanke an eine Trennung war ihr fruͤher nie in den Sinn gekommen. Er weckte ſie auf ein⸗ mal aus ihrem Traume von Gluͤckſeligkeit auf; ſie betrachtete ihn als ein poͤtzliches und unbeſiegbares Uebel, und weinte mit der ſchuldloſen Einfalt eines Kindes. Er zog ſie an ſeine Bruſt, und kuͤßte die Thraͤnen von ihrer zarten Wange. Sie wies ihn * 277 nicht von ſich, denn es giebt Augenblicke, in denen ſich Schmerz und Schwachheit miſchen, und welche die Liebkoſungen der Zaͤrtlichkeit heiligen. Er war von Natur ſtuͤrmiſch; der Anblick der Schoͤn⸗ heit, welche, wie es ſchien, hingebungsvoll in ſei⸗ nen Armen lag; das Bewußtſeyn ſeiner Gewalt uͤber ſie; die Furcht, ſie zu verlieren; Alles dieß vereinigte ſich, das beſſere Gefuͤhl in ihm zu uͤber⸗ waͤltigen— er wagte es, ihr den Vorſchlag zu machen, daß ſie ihr vaͤterliches Haus verlaſſen, und ſein Schickſal mit ihm theilen ſolle. Er war noch ein Neuling in den Kuͤnſten der Verfuͤhrung, er erroͤthete und ſtockte bei der Ent⸗ faltung ſeiner eigenen Schlechtheit; ſein Opfer hatte indeſſen ein ſo ſchuldloſes Gemuͤth, daß ſie Anfangs den Sinn ſeiner Rede gar nicht verſtehen, und nicht begreifen konnte, warum ſie ihr heimath⸗ liches Dorf und das beſcheidene Dach ihrer Aeltern verlaſſen ſolle. Als endlich der eigentliche Sinn ſeines Vorſchlages wie durch einen Blitzſtrahl ihrem reinen Sinne klar wurde, war die Wirkung ver⸗ nichtend. Sie weinte nicht,— ſie ergoß ſich nicht in Vorwuͤrfe,— ſie ſagte kein Wort,— aber ſie ſchrak zuruͤck, wie vor einer Schlange, warf einen Blick der Angſt auf ihn, der ihm bis in das Innerſte der Seele drang, ſchlug voll Todesqual 278— die Haͤnde zuſammen, und floh, als ob ſie einen Zufluchtsort ſuchen wollte, nach ihres Vaters Huͤtte. Der Offizier entfernte ſich, verwirrt, gedemuͤ⸗ thigt und reuevoll. Es iſt nicht zu beſtimmen, was das Ergebniß des Kampfes ſeiner Gefuͤhle geweſen ſeyn wuͤrde, haͤtte die Bewegung der Abreiſe ſeinen Gedanken nicht eine andere Richtung gegeben. Neue Auftritte, neue Vergnuͤgungen und neue Geſellſchaf⸗ ten ließen ihn bald die Vorwuͤrfe vergeſſen, die er ſich ſelbſt machte, und erſtickten ſeine Zaͤrtlichkeit; dennoch eilten, ſelbſt in der Unruhe des Lagers, in den Schwelgereien des Garniſonlebens, den Zu⸗ ruͤſtungen der Heere, und ſelbſt im Gewuͤhl des Kampfes, ſeine Gedanken zuweilen zu den Bildern laͤndlicher Ruhe und der Einſamkeit des Dorfes, dem weißen Bauerhauſe, dem Fußpfade am Silber⸗ bache und an der Hagedornhecke,— und dem kleinen Landmaͤdchen zuruͤck, wie es an denſelben hinwan⸗ delte, auf ſeinen Arm gelehnt, und wie es mit Au⸗ gen, aus denen unbewußte Zitüiheeit ſtrahlte, auf ſeine Worte horchte. Der Schlag, welcher die ganze Traumwelt des armen Maͤdchens auf einmal zerſtoͤrt hatte, war fuͤrchterlich. Ohnmachten und Kraͤmpfe erſchuͤtterten zuerſt ihren zarten Koͤrperbau, und ihnen folgte dann — ——2 279 eine bleibende und zerſtörende Schwermuth. Aus ihrem Fenſter hatte ſie den Marſch der abziehenden Truppen mit angeſehen. Sie hatte ihren treuloſen Liebhaber wie im Triumph bei dem Laͤrm der Trommel, dem Klange der Trompete und dem Prunk der Waffen ſich entfernen geſehen. Sie warf ihm einen letzten ſchmerzensvollen Blick nach, als die Morgenſonne ſeine Geſtalt beleuchtete, und ſeine Hutfeder im Winde flatterte; er entſchwand wie ein glaͤnzendes Geſicht vor ihren Blicken, und ließ ſie in Dunkel⸗ heit zuruͤck. Die einzelnen Ereigniſſe aus der Geſchichte ih⸗ res ſpaͤteren Lebens aufzuzaͤhlen, wuͤrde gewoͤhnliche Dinge wiederholen heißen. Sie war wie die anderen Schickſale ungluͤcklicher Liebe. Sie vermied alle Geſellſchaft, und wandelte allein auf den Spazir⸗ gaͤngen einher, welche ſie einſt am haͤufigſten mit ihrem Geliebten beſucht hatte. Sie ſuchte, wie der verwundete Hirſch, das Schweigen und die Ein⸗ ſamkeit auf, ihre Thraͤnen zu weinen, und uͤber den tiefen Schmerz zu bruͤten, der ihre Seele verzehrte. Zuweilen ſah man ſie ſpaͤt am Abend in dem Thuͤr⸗ gewölbe der Dorfkirche ſitzen, und die Milchmaͤd⸗ chen hoͤrten, wenn ſie von dem Felde kamen, ſie zuweilen ein klagendes Lied in dem Hagedorngange ſingen. Sie verrichtete mit Inbrunſt ihre Andacht 280 in der Kirche, und wenn die alten Leute ſie ſich naͤhern ſahen, wie ſie ſo abgezehrt und doch mit einer hektiſchen Roͤthe auf den Wangen und dem geheiligten Weſen, welches die Schwermuth um die Koͤrpergeſtalt verbreitet, daherſchritt, ſo machten ſie ihr Platz, wie etwas Geiſterartigem, blickten ihr nach, und ſchuͤttelten dann, in duͤſterer Ahnung, die Koͤpfe. Sie fuͤhlte in ſich die Ueberzeugung, daß ſie ihrem Grabe zueile, blickte dieſem aber wie einem Ruheorte entgegen. Der ſilberne Faden, der ſie an ihr Daſeyn geknuͤpft hatte, war zerriſſen, und es ſchien kein Vergnuͤgen unter der Sonne mehr fuͤr ſie zu geben. Wenn in ihrem ſanften Herzen je ein Ge⸗ fuͤhl des Unwillens gegen den Geliebten geherrſcht hatte, ſo war dieß itzt verſchwunden. Sie war des Zornes unfaͤhig, und in einem Augenblicke truͤber Zaͤrtlichkeit ſchrieb ſie ihm einen Abſchiedsbrief. Es war die ein⸗ fachſte Sprache, aber gerade ihre Einfachheit machte ſie ruͤhrend. Sie ſagte ihm, daß ſie dem Tode ent⸗ gegengehe, und verhehlte ihm nicht, daß ſein Be⸗ tragen davon die Urſach ſey. Sie ſchilderte ihm ſogar ihre ausgeſtandenen Leiden, und ſchloß damit, daß ſie ſagte, wie ſie nicht ruhig ſterben koͤnne, bevor ſie ihm nicht ihre Verzeihung verſichert und ihm ihren Segen ertheilt habe. —,—— Ihre Kraͤfte nahmen allmaͤhlig ab, ſo daß ſie am Ende die Huͤtte nicht mehr verlaſſen konnte. Sie war nur noch im Stande, zum Fenſter zu wanken, wo ſie ihr Vergnuͤgen darin fand, in ih⸗ rem Stuhl aufgeſtuͤtzt, den ganzen Tag zu ſitzen und in die Gegend hinauszublicken. Dennoch ſtieß ſie keine Klagen aus, oder theilte irgend Jemandem den Kummer mit, der an ihrem Herzen nagte. Sie nannte nie den Namen ihres Geliebten, ſondern lehnte nur ihr Haupt an den Buſen ihrer Mutter und weinte ſtill. Ihre armen Aeltern hingen, in ſtummer Angſt, uͤber dieſer welkenden Bluͤthe ihrer Hoffnungen, und ſchmeichelten ſich, ſie wiederum erbluͤhen zu ſehen, und mit dem Glauben, daß die glaͤnzende unirdiſche Farbe, welche zuweilen ihre Wangen roͤthete, die Vorlaͤuferin der zuruͤckkehren den Geſundheit ſeyn werde. So ſaß ſie auch an einem Sonntage Nachmittag zwiſchen ihnen. Sie hielt ihre Haͤnde in den ihri⸗ gen; das Fenſter war offen, und die milde Luft, welche hereinwehte, trug die Wohlgeruͤche des dicht⸗ ſprießenden Geißblatts herein, welches ſie mit eig⸗ nen Haͤnden an dem Fenſter aufgezogen hatte. Ihr Vater hatte ſo eben ein Kapitel aus der Bibel vorgeleſen. Es war darin von der Eitelkeit aller menſchlichen Dinge und von den Freuden des 281 282— Himmels die Rede, und es ſchien Troſt und Hei⸗ terkeit in ihre Beuſt verbreitet zu haben. Ihr Auge war auf die entfernte Dorfkirche gerichtet; die Glocke hatte ſo eben zum Abendgottesdienſt ein⸗ gelaͤutet; der letzte Dorfbewohner ſtand noch in der Kirchthuͤr, und Alles war in die geheiligte Stille verſunken, welche dem Tage der Ruhe eigenthuͤmlich iſt. Ihre Aeltern betrachteten ſie mit zerriſſenem Herzen. Krankheit und Schmerz, welche manche Zuͤge ſo grauſam verheeren, hatten den ihrigen den Ausdruck eines Seraphs gegeben. Eine Thraͤne bebte in ihrem ſanften blauen Auge:— dachte ſie an ihren treuloſen Geliebten?— oder irrten ihre p Gedanken auf dem fernen Kirchhofe umher, in deſſen Schooße ſie bald ruhen konnte! Plötzlich hoͤrte man Hufſchlag,— ein Reiter ſprengte auf die Huͤtte zu, und ſtieg vor dem Fen⸗ ſter ab. Das arme Maͤdchen that einen ſchwa⸗ chen Schrei und ſank in ihren Stuhl zuruͤck; es war ihr reuiger Geliebter! Er ſtuͤrzte in das Haus und flog auf ſie zu, ſie an ſeine Bruſt zu druͤcken; allein ihre abgezehrte Geſtalt, ihr todtenhaftes Geſicht, das ſo bleich und doch ſo lieblich in ſeiner Zerſtoͤrung ausſah, ſchnitten ihm tief in die Seele, und er warf ſich in Todespein zu ihren Fuͤ⸗ ßen. Sie war zu ſchwach, um aufzuſtehen; ſie . 283 verſuchte, ihre zitternde Hand auszuſtrecken; ihre Lippen bewegten ſich, als ob ſie ſpraͤche, ohne daß man jedoch ein Wort vernehmen konnte; ſie blickte mit einem Laͤcheln voll unausſprechlicher Zaͤrtlich⸗ keit auf ihn herab— und ſchloß ihre Augen auf immer!l- Dieß war es, was ich uͤhen dieſe Dorfſgeſchichte Naͤheres erfuhr. Es iſt nur wenig, und beſitzt, wie ich wol weiß, nur in geringem Grade den Reiz der Neuheit, der es anziehend machen koͤnnte. Bei der gegenwaͤrtigen Wuth nach ſonderbaren Er⸗ eigniſſen und ſtarkgewuͤrzten Erzaͤhlungen wird es vielleicht gewoͤhnlich und unbedeutend erſcheinen, allein es zog mich damals ungemein an, und ließ⸗ verbunden mit der ruͤhrenden Feierlichkeit, von wel⸗ cher ich ſo eben Zeuge geweſen war, einen tiefern Eindruck auf mein Gemuͤth zuruͤck, als manche Be— gebenheit bedeutenderer Art. Ich bin nach der Zeit wieder in dem Orte geweſen, und habe aus einem beſſern Beweggrunde, als dem bloßer Neugier, die Kirche wiederum beſucht. Es war ein Winterabend, die Baͤume hatten ihr Laub verloren, der Kirchhof ſah kahl und traurig aus, und der Wind rauſchte ſchneidend durch das duͤrre Gras. Man hatte in⸗ deſſen um das Grab des Lieblings des Dorfes im— mergruͤnende Straͤucher gepflanzt, und Weidenru⸗ 5 chen der dahingeſchiedenen Unſchuld. 284 then uͤber den Raſen gebogen, damit dieſer nicht zertreten werden moͤchte. Die Thuͤr der Kirche war offen, und ich trat hinein. Dort hing der Blumenkranz und das Paar Handſchuhe, wie am Tage des Leichenbegaͤngniſſes. Die Blumen waren allerdings verwelkt, man ſchien aber ſorgfaͤltig darauf zu ſehen, daß kein Staub ihre Weiße entſtelte. Ich habe viel Denkmale ge⸗ ſehen, wo die Kunſt ſich erſchoͤpft hat, um den Antheil des Beſchauers zu erregen, allein keines gefunden, das ruͤhrender zu meinem Herzen geſpro⸗ chen haͤtte, als dieß einfache, aber zarte Gedenkzei⸗ * — — Der Angler. ³ Von Liebe ſchien Natur bewegt, Der Saft im Baume friſch ſich regt', Die Rebe fühlt' ein neues Leben, Der Vogel war der Lieb' ergeben. Aus tiefem Grund Forelle ſtieg, Und naht' dem Fliegenköder ſich. Da ſtand mein Freund, ſah unbewegt, Ob ſich die Angelſchnur nicht regt'. Sir H. Wotton. — Man ſagt, daß ſchon mancher unnuͤtze Bube durch das Leſen der Geſchichte Robinſon Cruſoe's dazu bewogen worden ſey, ſeiner Familie zu entlaufen und zur See zu gehen, und ſo glaube ich auch, daß manche von den wuͤrdigen Herren, welche gern an den Ufern der laͤndlichen Stroͤme, mit der Angelruthe in der Hand, verweilen, die Entſtehung ihrer Leidenſchaft dem verfuͤhreriſchen Buche des ehrlichen Iſaak Wal⸗ ton zu verdanken haben. Ich erinnere mich, daß ich, vor mehreren Jahren, gemeinſchaftlich mit einer 286 Anzahl von Freunden in Amerika, ſeinen„voll⸗ kommenen Angler“ ſtudirt habe, und daß wir Alle vollkommen von der Angelwuth angeſteckt wurden. Es war fruͤh im Jahre; ſobald indeß nur das Wet⸗ ter guͤnſtig ward, und der Fruͤhling in den Som— mer zu verſchmelzen begann, nahmen wir die An- gelruthe zur Hand und wanderten auf das Land hinaus, ſo rein toll, als es nur immer Don Quixote ſeyn konnte, nachdem er die Ritterromane geleſen hatte. Einer aus unſerer Geſellſchaft hatte den Don in der Vollſtaͤndigkeit ſeiner Ausruͤſtung nachgeahmt, und war vom Kopf bis zu den Fuͤßen zu der Un⸗ ternehmung angethan. Er trug einen breitſchoͤßigen berkanenen Rock, in welchem ein halbes Hundert Taſchen befindlich war, ein Paar ſtarke Schuhe und lederne Kamaſchen. An der einen Seite hatte er einen Korb, die Fiſche hinein zu thun, eine P⸗ tentangelruthe, ein Netz zum ans Land ziehen, und ein halbes Schock von anderen unbequemen Din⸗ gen, welche man allein in der Ruͤſtkammer des Anglers findet. So zu dem Feldzug ausgeruͤſtet, ward er von den Landleuten eben ſo ſehr angeſtarrt und angeſtaunt, als der in Stahl und Eiſen ein⸗ gehuͤllte Held von der Mancha von den Ziegenhir⸗ ten in der Sierra Morena. 287 Unſer erſter Verſuch ward an einem Bergſtrome, in den Hochlanden des Hudſon, angeſtellt, einem hoͤchſt ungluͤcklichen Orte zur Ausfuͤhrung jener Fi⸗ ſchertaktik, welche an den Sammtufern der ruhigen Engliſchen Baͤche erfunden worden iſt. Es war eines von den wilden Gewaͤſſern, welche in unſeren roman⸗ tiſchen Einoͤden ſo viele unbeachtete Schoͤnheiten ver⸗ breiten, daß ein Liebhaber des Mahleriſchen ſein gan⸗ zes Skizzenbuch damit anfuͤllen koͤnnte. Zuweilen ſtuͤrzte er Felsabhaͤnge herab, bildete kleine Waſſerfaͤlle, uͤber welche die Baͤume ihre breiten wiegenden Aeſte hinbreiteten, und lange namenloſe Kraͤuter, mit De⸗ manttropfen bedeckt, wie Franzen von den uͤberragen⸗ den Ufern herabhingen. Zuweilen tobte und ſchaͤumte er, in dem begruͤnten Schatten eines Waldes, den er mit ſeinem Gemurmel erfuͤllte, eine Schlucht hin⸗ unter, und kam dann, nach dieſem ſtuͤrmiſchen Laufe wieder mit dem ruhigſten Aeußern dahinfließend, im Freien zum Vorſchein, wie ich oft eine boͤſe Sieben von Frau, nachdem ſie das Haus mit Laͤrm und Zank erfuͤllt, mit angenehmen Geſicht, ſich drehend und Knixe machend, und die ganze Welt anlaͤchelnd, habe herauskommen geſehen. Wie reizend floß nicht zu ſolchen Zeiten dieſer ir⸗ rende Bach durch irgend einen gruͤnen Wieſengrund zwiſchen den Bergen dahin, wo die Ruhe nur von 288 Zeit zu Zeit durch das Getoͤn einer Glocke von der laͤſſigen Viehheerde im Klee, oder durch den Klang der Axt des Holzhauers im benachbarten Forſt un⸗ terbrochen wurde... Ich meines Theils bin immer ein Stuͤmper in allen Arten von Vergnuͤgungen geweſen, welche entweder Geduld oder Gewandtheit erfordern, und hatte noch nicht eine halbe Stunde geangelt, als ich „meine Luſt vollkommen befriedigt“”, und mich von der Wahrheit von Iſaak Walton's Ausſpruch uͤber⸗ zeugt hatte, daß es mit dem Angeln ungefaͤhr wie mit der Dichtkunſt iſt,— man muß dazu geboren ſeyn. Ich ſelbſt blieb am Angelhaken hangen, ſtatt des Fiſches; verwickelte mich mit der Angelſchnur an jedem Baume, verlor meinen Koͤder, zerbrach meine Angelruthe, bis ich, voll Verzweiflung, die ganze Sache aufgab, den Tag unter den Baͤu⸗ men zubrachte, und dabei den alten Iſaak las, uͤber⸗ zeugt, daß es der Alles gewinnende Anſtrich von rechtlicher Einfachheit und laͤndlichem Gefuͤhl, wel⸗ cher ſich bei ihm findet, ſey, der mich bezaubert habe, und nicht die Leidenſchaft fuͤr das Angeln. Meine Gefaͤhrten beharrten indeß ſtandhafter in ih⸗ rer Verblendung. Noch ſehe ich ſie vor mir, wie ſie ſich am Ufer des Baches hinſchlichen, da, wo es frei lag, oder nur mit Geſtraͤuch und Gebuͤſch be⸗ 289 bedeckt war. Noch ſehe ich die Rohrdommel mit hohlem Geſchrei aufſteigen, in dem Augenblick, wo ſie in ihre ſelten aufgeſuchten Schlupfwinkel ein⸗ drangen; den Eisvogel ſie mißtrauiſch von ſeinem duͤrren Baume betrachten, welcher uͤber den ſchwar⸗ zen Muͤhlteich zwiſchen den Huͤgeln heruͤberragt; die Schildkroͤte ſeitwaͤrts von dem Steine oder dem Holzblock, auf welchem ſie ſich ſonnt, herabgleiten, und den erſchrockenen Froſch koßfͤber bei ihrer An⸗ naͤherung in den Bach ſtuͤrzen und Schrecken rings⸗ umher in der Waſſerwelt verbreiten. 3 So erinnere ich mich auch, daß, nachdem wir den grösten Theil des Tages uͤber uns geplagt und gelauſcht hatten, umhergekrochen waren, und, unſerem trefflichen Geraͤth zum Trotz, wenig oder nichts ge⸗ fangen hatten, ein plumper Dorfluͤmmel, mit einer Angelruthe, die er von einem Zweige ſich gemacht, einer Schnur von Zwirn, einer— ja, ſo wahr mir der Himmel helfe— einer krummgebogenen Steck⸗ nadel ſtatt Angelhaken, und, wie ich glaube, einem gemeinen Regenwurm als Koͤder daran, die Huͤgel herab kam, und in einer halben Stunde mehr Fiſche fing, als den ganzen Tag uͤber bei uns an⸗ gebiſſen hatten! 6 Vor allen Dingen aber erinnere ich mich des „guten, einfachen, geſunden, hungrigen” Mahles, Skizzenbuch II. N 290 welches wir unter einer Buche, dicht bei einer Quelle von reinem, ſuͤßen Waſſer, das aus dem Ab⸗ hange eines Huͤgels hervorquoll, hielten, und wie, als dieß voruͤber war, einer von der Geſſellſchaft des alten Iſaak Walton's Auftritt mit dem Milchmaͤdchen herlas, waͤhrend ich im Graſe lag, und aus einer hellen Wolkenſchicht Luftſchloͤſſer baute, bis ich einſchlief. Alles dieß mag wie bloßer Egoismus erſcheinen; allein ich kann mich nicht ent⸗ halten, dieſen Erinnerungen, welche wie eine liebliche Muſik vor meinen Sinnen voruͤbergehen, Worte zu leihen; ſie ſind durch einen angenehmen Auftritt in mir erweckt worden, von dem ich vor nicht lan⸗ ger Zeit Zeuge geweſen bin. Auf einem Morgenſpazirgange, den ich an den Ufern des Alung machte(eines ſchoͤnen kleinen Fluſſes, welcher von den Huͤgeln von Wales herab⸗ kommt und ſich in den Dee ergießt), zog eine Gruppe, die an dem Uferrande ſaß, meine Aufmerkſam⸗ keit auf ſich. Als ich naͤher kam, fand ich, daß ſie aus einem alten, erfahrnen Angler und zweien ſei⸗ ner laͤndlichen Schuͤler beſtand. Der erſte war ein alter Kerl mit einem hoͤlzernen Bein, mit Kleidern, die uͤberall, aber ſehr ſorgfaͤltig, geflickt, und wenn ſie auch auf Armuth deuteten, doch rechtlich er⸗ worben und anſtaͤndig erhalten waren. Sein Ge⸗ 291 ſicht trug die Kennzeichen fruͤherer Stuͤrme, aber des gegenwaͤrtigen guten Wetters. Die Furchen deſſelben hatten ſich zu einem immerwaͤhrenden Laͤ⸗ cheln zuſammengezogen, ſeine eiſengrauen Locken hingen ihm um die Schlaͤfe, und er hatte, im Ganzen genommen, das gutmuͤthige Anſehn eines geborenen Philoſophen, der die Welt ſo nimmt, wie ſie einmal iſt. Einer von ſeinen Begleitern war ein zerlumpter Wicht, mit dem ſcheuen Blick eines Erz⸗Diebes, und konnte gewiß jeden herrſchaftlichen Fiſchteich auch in der finſterſten Nacht finden. Der andere war ein langer, ungeſchlachter Bauerjunge, mit linkiſchem Gange, und dem Anſcheine nach eine Art von Landſtutzer. Der alte Mann war eifrig damit beſchaͤftigt, den Magen einer Forelle zu un⸗ terfuchen, die er ſo eben aufgeriſſen hatte, um aus dem Inhalt deſſelben zu erkennen, welche Wuͤrmer ſich beſonders zum Koͤder fuͤr den Fiſch eigneten, und hielt ſeinen Gefaͤhrten, die ihm mit unendli⸗ cher Ehrerbietung zuzuhoͤren ſchienen, eine Vor⸗ leſung daruͤber. Ich hege eine große Zuneigung zu allen„Angel⸗Liebhabern“, ſeitdem ich Iſaak Walton geleſen habe. Sie ſind alle, wie er be— hauptet, Leute von„milder, ſanfter und friedlicher Gemuͤthsart“, und meine Hochachtung gegen ſie iſt noch geſtiegen, ſeitdem ich eine alte„Abhandlung N 2 292 uͤber den Fiſchfang mit der Angel“ aufgefunden habe, worin viele von den Grundſaͤtzen ihrer harm⸗ loſen Bruͤderſchaft auseinandergeſetzt ſind.„Gebt wohl Acht“, heißt es in dieſem ehrlichen, kleinen Traktat:„daß Ihr, wenn Ihr euren Vergnuͤgungen nachgeht, nie Jemandes Thuͤr oͤffnet, ohne ſie auch wieder zuzumachen. Eben ſo ſollt Ihr Euch auch dieſes obengenannten kuͤnſtlichen Zeitvertreibes nicht bedienen, um euer Geld dadurch zu vermehren oder zu ſparen, ſondern hauptſaͤchlich zu eurer Erholung und zur Befoͤrderung der Geſundheit eures Koͤrpers und namentlich eurer Seele“*). Ich glaubte, in dem alten Angler vor mir ein wahres Beiſpiel deſſen, was ich geleſen hatte, zu finden, und es lag eine gemuͤthliche Zufriedenheit in ſeinen Blicken, welche mich zu ihm hinzog. Ich konnte nicht umhin, zu bemerken, wie ruͤſtig er von *) Eben dieſer Abhandlung zufolge ſollte es beinahe ſcheinen, daß das Angeln ein ungleich angelegentlicheres und frommeres Geſchäft ſey, als man gewöhnlich denkt, „denn, wenn Ihr auch Willens ſeyd, auf den Fiſchfang zu gehen, ſo müßt Ihr nicht viel Leute mitnehmen, denn das möchte Euch nur von eurem Geſchäft abziehen. Und müßt Ihr Gott andächtiglich dienen, und euer gewöhnliches Ge⸗ bet wohl herſagen. Und wenn Ihr dieß thut, ſo werdet Ihr manchen Laſtern entgehen und ſie vermeiden, nament⸗ lich der Trägheit, welche die Haupturſache iſt, daß Jemand zu manchen von denen Laſtern verleitet wrd, wie wohl bekannt iſt.“ Verf. 293 einer Gegend des Baches bis zur andern hinkte, ſeine Angelruthe in der Luft hielt, um die Angel⸗ ſchnur nicht auf den Boden ſchleppen zu laſſen, oder damit ſie ſich nicht in den Straͤuchern verwickelte; mit welcher Gewandtheit er ſeine Fliege*) nach ir⸗ gend einem beſondern Orte hinwarf, ſo daß er ſie zuweilen ganz leicht einen kleinen Fall hinabſchwim⸗ men ließ, zuweilen ſie aber auch in eine jener dunkelen Vertiefungen ſchleuderte, welche ſich in den verwach⸗ ſenen Wurzeln oder durch das uͤberhangende Ufer bil⸗ den, und worin ſich die großen Forellen gewoͤhnlich aufhalten. Waͤhrend dieſer Zeit ertheilte er ſeinen beiden Schuͤlern Unterricht, zeigte ihnen die Art und Weiſe, wie ſie mit ihren Angelruthen umgehen, die Fliegen anſtecken, und ſie auf der Oberflaͤche des Fluſſes dahinſchwimmen laſſen ſollten. Das Ganze erinnerte mich an die Lehren, welche der weiſe Pis⸗ cator ſeinen Schuͤlern ertheilt. Die Gegend um⸗ her hatte das Heitere, das Walton ſo gern beſchreibt. Es war ein Theil der großen Ebene von Cheſhire, dicht bei dem ſchoͤnen Thale von Geſſford, und ge⸗ rade da, wo die niedrigeren Huͤgel von Wales ſich aus *) Man bedient ſich nämlich in England, um ſich das müh⸗ ſame Aufſuchen der Regenwürmer zu erſparen, künſtlicher Fliegen oder anderer Inſekten, die man an dem Angelha⸗ ken befeſtigt. Man ahmt dieſe ſehr täuſchend nach. Ueberſ. 294 den friſchduftenden Wieſen zu erheben anfangen. Auch der Tag war, wie der, welchen er in ſeinem Werke beſchreibt, mild und ſonnig; dann und wann fiel ein ſanfter Regenſchauer, welcher die ganze Erde mit Diamanten beſaͤete. Ich gerieth bald in eine Unterhaltung mit dem alten Angler, und dieſer zog mich ſo an, daß ich, unter dem Vorwande, mich uͤber ſeine Kunſt belehren zu laſſen, ihm beinahe den ganzen Tag Geſellſchaft leiſtete, am Ufer des Stromes hin⸗ wandelte und auf ſeine Rede horchte. Er war ſehr mittheilſam, hatte ganz die Geſchwaͤtzigkeit des mun⸗ tern Alters, und fuͤhlte ſich, glaub' ich, nicht we⸗ nig geſchmeichelt, eine Gelegenheit zu haben, ſeine ganze Fiſchfangsgelehrſamkeit zu entfalten; denn wer ſpielt nicht dann und wann gern den Weiſen? Er war zu ſeiner Zeit viel herumgeſtrichen, und hatte einige von ſeinen Jugendjahren in Amerika, na⸗ mentlich in Savannah*) zugebracht, wo er ein Han⸗ delsgeſchaͤft angefangen hatte, aber durch die Unvor⸗ ſichtigkeit ſeines Compagnons zu Grunde gerichtet wor⸗ den war. Er hatte ſpaͤterhin manche gute und boͤſe Schickſale gehabt, bis er in den Seedienſt getreten war, wo er ſein Bein durch eine Kanonenkugel in *) In Georgien. Ueberſ. ———. —— 3— 295 der Schlacht bei Camperdown*) verloren hatte. Dieß war indeß der einzige wahre Gluͤcksfall, der ihm zu Theil geworden war, denn er erhielt dadurch eine Pen⸗ ſion, welche ihm, zuſammengenommen mit einem klei⸗ nen vaͤterlichen Vermoͤgen, eine Einnahme von unge⸗ faͤhr vierzig Pfund verſchaffte. Mit dieſer zog er ſich nach ſeinem Geburtsdorfe zuruͤck, wo er ruhig und unabhaͤngig lebte, und den uͤbrigen Theil ſeines Le⸗ bens der„edlen Kunſt des Angelns” widmete. Ich fand, daß er den Iſaak Walton mit Auf⸗ merkſamkeit geleſen hatte, und er ſchien ſich deſſen ganze Offenheit und unzerſtoͤrbare gute Laune an⸗ geeignet zu haben. Obgleich er in der Welt arg umhergeworfen worden war, ſo glaubte er doch, daß die Welt an und fuͤr ſich gut und ſchoͤn ſey. Ob man gleich in verſchiedenen Laͤndern ſo rauh mit ihm umgegangen war, wie es einem armen Schafe ergeht, das an jeder Hecke und jedem Dickicht et⸗ was von ſeiner Wolle laſſen muß, ſo ſprach er doch von jedem Volke mit Unbefangenheit und Wohl⸗ wollen, und ſchien nur die gute Seite an allen Dingen zu ſehen; vor allem aber war er beinahe der einzige Menſch, den ich je geſehen habe, der in *) Am 11. Oct. 1797. Admiral Dunean vernichtete darin beinahe die ganze Holländiſche Flotte unter Admiral de Winter. Ueberſ. —-———ÿẽꝛõ— — 296 Amerika kein Gluͤck gemacht hatte, und doch ehrlich und großſinnig genug war, ſich ſelbſt die Schuld bei⸗ zumeſſen, und nicht das Land zu verwuͤnſchen. Der Burſche, welcher ſeines Unterrichts genoß, war, wie ich erfuhr, der Sohn und einzige Erbe einer fetten, alten Wittwe, welcher die DVn ſſchenkenge⸗ hörte, und demnach ein junger Mann, der Einiges zu erwarten hatte, und dem die anſtaͤndigen Muͤſ⸗ ſiggaͤgger des Ortes deswegen ſehr ſchmeichelten. Der alte Mann hoffte alſo wahrſcheinlich, indem er ihn unter ſeine Aufſicht nahm, einen beſondern Win⸗ kel im Schenkzimmer und von Zeit zu Zeit ein Glas heitermachendes Ale umſonſt zu erhalten. Es liegt allerdings— wenn man, was Angler ſehr leicht thun, ſich uͤber die Grauſamkeiten und Qua⸗ len, welche den Wuͤrmern und Imktens zugefuͤgt werden, hinwegſetzen kann— etwas in dem Angeln, was eine gewiſſe Milde des Geiſtes und eine ru⸗ hige Heiterkeit des Gemuͤths hervorbringt. Da die Englaͤnder ſelbſt bei ihren Vergnuͤgungen ſehr me⸗ thodiſch und die allerwiſſenſchaftlichſten Jagdliebhaber ſind, ſo iſt das Angeln bei ihnen auf feſte Regeln und in ein Syſtem gebracht worden. In der That iſt es auch eine Vergnuͤgung, welche ſich ganz beſon⸗ ders zu den ſanften und reich angebauten Gegenden in England ſchickt, wo jede Rauhheit aus der Land⸗ ————— 297 ſchaft hinweggewiſcht iſt. Es iſt hoͤchſt ergetzlich, an dieſen klaren Fluͤſſen hinzuwandeln, welche, wie Silberadern, den Schoß dieſes ſchoͤnen Landes durch⸗ ziehen, den Wanderer durch eine Menge kleiner, haͤuslicher Landſchaftsgemaͤlde fuͤhren, ſich zuweilen dadch reicn eſchmuͤckte Beſitzungen ſchlaͤngeln, zu⸗ weilen am Rande fetter Wieſen hinfließen, wo das friſche Gruͤn mit angenehm duftenden Blumen ge⸗ miſcht iſt; dann zuweilen im Angeſicht von Doͤr⸗ fern frei dahinſtroͤmen, und dann wiederum eigenſin⸗ nig ſich in ſchattige Einoͤden verlieren. Die Lieb⸗ lichkeit und Heiterkeit der Natur und die ruhige Achtſamkeit der Vergnuͤgung geben zu ergetzlichen Gruͤbeleien Anlaß, die dann und wann durch den Ge⸗ ſang eines Vogels, durch das entfernte Pfeifen ei⸗ nes Bauers azelleicht durch den Muthwillen eines Fiſches angenehm unterbrochen werden, der aus dem ſtillen Waſſer emporſpringt, und fluͤchtig uͤber ſeine Spiegelflaͤche dahin ſchießt.„Wenn ich“, ſagt Iſaak Walton:„mich zufrieden machen, und mein Vertrauen auf die Macht und Weisheit und Vor⸗ ſicht des Allmaͤchtigen recht befeſtigen will, ſo gehe ich auf den Wieſen laͤngs eines ſanft dahinfließen⸗ den Stromes, und betrachte hier„die Lilien, die nicht fuͤr ſich ſorgen“, und die vielen anderen kleinen lebenden Geſchoͤpfe, welche nicht allein erſchaffen 298 ſind, ſondern auch(der Menſch weiß nicht, wie?) durch die Guͤte des Gottes der Natur ernaͤhrt wer⸗ den, und deswegen auf ihn vertrauen.“ Ich kann nicht umhin, hier eine Stelle aus einem andern alten Kaͤmpen der edlen Angelkunſt an⸗ zufuͤhren, welche denſelben unſchuldigen und gluͤckli⸗ chen Geiſt athmet:— Laßt ſtill mich leben, und am Ufersgrün Des Trent, des Avon, wohnen nach Verlangen, Wo meinen Kiel und Kork ich ſehe ziehn, Wenn Hecht, wenn Uekley oder Weißfiſch ſich gefangen; An Gott und Welt zu denken mich bemühn; Wenn Die mit ſchlecht erworbnen Gütern prangen, Und Andre noch die Zeit in Ueppigkeit verbringen, Wit Wein und ärgerm noch, mit Krieg und thör'gen 6 Dingen. Mag, wer da will, verfolgen dieſe Spur, In dieſen Lüſten nur ſein einz'ges Labſal ſeh'n: Schau' ich die Felder und die Wieſen nur, Kann ich am friſchen Fluſſe mich ergehn; Wo Maßlieb' und blau' Veilchen ziert die Flur, Wo rothe Hyacinth' und wo Nareiſſen ſtehn*). Als ich Abſchied von dem alten Angler nahm, erkundigte ich mich nach ſeiner Wohnung, und hatte, als ich einige Abende nachher mich in der Naͤhe des Dorfes befand, die Neugierde, ihn aufzuſuchen. Ich fand ihn in einer kleinen Huͤtte, welche nur *) J. Davors. Verf.—(Geheimniſſe des Angelns in drei Büchern. London, 1652. Ueberſ.) 299 Eine Stube enthielt, die aber in ihrer Anordnung und Einrichtung eine wahre Merkwuͤrdigkeit war. Die Huͤtte ſtand am Ende des Dorfes, auf einer begruͤnten Erhoͤhung, in einiger Entfernung von der Landſtraße, und vor derſelben war ein kleiner Garten, in welchem Kuͤchenkraͤuter wuchſen und der mit einigen Blumen geſchmuͤckt war. Die ganze Vorderſeite der Huͤtte war mit Geißblatt bewach⸗ ſen. Auf dem Giebel ſtand eine Wetterfahne, welche die Geſtalt eines Schiffes hatte. Das Innere des Hauſes war nach wahrhaft ſeemaͤnniſcher Art ein⸗ gerichtet, da die Begriffe des Bewohners von Be⸗ haglichkeit und Bequemlichkeit ſich von dem Back⸗ Deck eines Kriegsſchiffes herſchrieben. Von der Decke herab hing eine Hangmatte, welche bei Tage ſo weit heraufgezogen wurde, daß ſie nur wenig Raum einnahm. Nitten in der Stube hing an dem Balken ein Schiffsmodell von ſeiner eignen Ar⸗ beit. Zwei oder drei Stuͤhle, ein Tiſch und eine große Seekiſte bildeten die Hauptmoͤbel. An den Waͤnden waren Seelieder angeklebt, z. B. Admiral Hoſier's Geiſt, Alle in den Duͤnen, und Tom Bow⸗ ling, mit Bildern und Seeſchlachten dazwiſchen, unter welchen das von der Schlacht von Camper⸗ down eine ausgezeichnete Stelle einnahm. Der Kaminſims war mit Muſcheln verziert, und uͤber 300 demſelben hing ein Quadrant, zwiſchen zwei Holzz ſchnitten von ſehr grimmig ausſehenden Seebefehls⸗ habern. Seine Angelgeraͤthſchaften waren ſorgfaͤltig an Naͤgeln und Haken im Zimmer aufgehaͤngt. Auf einem Buͤcherbrette ſtand ſeine Bibliothek, welche ein ſehr gebrauchtes Buch uͤber das Angeln, eine mit Leinwand uͤberzogene Bibel, einen oder zwei einzelne Baͤnde Reiſen, einen Seekalender*) und ein Liederbuch enthielt.. Seine Familie beſtand aus einer großen ſchwarzen Katze mit einem Auge, und einem Papagay, den er auf einer ſeiner Reiſen gefangen, gezaͤhmt und ſelbſt aufgezogen hatte, und der eine Menge von Seere⸗ densarten in dem heiſeren belfernden Tone eines alten Bootsmannes ſprach. Die haͤusliche Einrich⸗ ³ tung erinnerte mich an die des beruͤhmten Robinſon 3 Cruſoe; ſie war in der groͤßten Ordnung; Alles, mit der Regelmaͤßigkeit, die auf einem Kriegsſchiffe ——— herrſcht,„weggeſtaut“, und er ſagte mir, daß er t. „jeden Morgen das Deck ſcheuere und zwiſchen den 6. Mahlzeiten fege.“ 3 Ich fand ihn auf einer Bank vor der Thuͤr — *) Nautical almanack, ein Buch für Schifffahrer und Aſtronomen, das alljährlich in London herauskommt, und für England das, was für uns Bode's aſtronomiſches Jahrbuch iſt. Ueberſ. 301 ttzen, wie er in der milden Abendſonne ſeine Pfeife cauchte. Die Katze ſchnurrte ruhig auf der Schwelle, und der Papagay machte einige ſonderbare Bewe⸗ gungen in einem eiſernen Ringe, welcher mitten in ſeinem Kaͤfig hing. Er ſelbſt hatte den ganzen Tag geangelt, und erzaͤhlte mir die Geſchichte ſeines Fan⸗ ges mit eben der Ausfuͤhrlichkeit, wie ein Gene⸗ ral einen Feldzug beſchreiben wuͤrde, wobei er be⸗ ſonders bei der Schilderung der Art Weiſe le⸗ bendig wurde, wie er eine große Forelle gefangen habe, die ſeine ganze Erfahrung und Ausdauer in Anſpruch genommen, und die er nun, als ein Sie⸗ geszeichen, der Wirthin der Schenke geſchickt habe. Welch' ein behagliches Gefuͤhl erweckte es nicht, 5 das Alter ſo fröhlich und zufrieden, und einen ar: 3 men Kerl, wie dieſen, nachdem der Sturm ihn im Leben umhergeworfen, am Abend ſeiner Tage in ei⸗ nem behaglichen und ruhigen Hafen ſicher vor Anker liegen zu ſehen! Sein Gluͤck lag indeſſen in ihm ſelbſt, und hing nicht von aͤußeren Umſtaͤnden ab, 4 denn er hatte jene unerſchöpfliche Gutmuͤthigkeit, welche das koſtbarſte Geſchenk des Himmels iſt, ſich wie Oel uͤber das ſtuͤrmiſche Meer der Gedanken verbreitet, und das Gemuͤth in dem rauhſten Wet⸗ ter unbewegt und gleichfoͤrmig erhaͤlt. Als ich weitere Nachrichten uͤber ihn einzog, er⸗ —— 302 fuhr ich, daß er in dem Dorfe allgemein beliebt, und das Orakel des Schenkzimmers ſey, wo er die Bauern durch ſeine Lieder ergetze, und, wie Sind⸗ bad*), ſie durch ſeine Erzaͤhlungen von fremden Laͤndern, von Schiffbruͤchen und Seegefechten in Erſtaunen ſetze. Auch die Jagdfreunde in der Ge⸗ gend hielten viel auf ihn; er hatte mehrere von ih⸗ nen in der Kunſt des Angelns unterrichtet, und hatte freien Zutritt zu ihren Kuͤchen. Die ganze Richtung ſeines Lebens war ruhig und harmlos, da er, wenn das Wetter und die Jahrszeit es zulie⸗ ßen, ſeine Zeit hauptſaͤchlich an den benachbarten Fluͤſſen zubrachte, zu anderen Zeiten aber ſich zu Hauſe beſchaͤftigte, ſein Angelgeraͤth zu dem naͤch⸗ ſten Feldzuge in Bereitſchaft ſetzte, oder fuͤr ſeine Goͤnner und Schuͤler unter den hoͤheren Staͤnden Angelruthen, Netze und Fliegen machte. Er beſuchte regelmaͤßig des Sonntags die Kirche, ob er gleich gewoͤhnlich waͤhrend der Predigt ein⸗ ſchlief. Er hatte es ausdruͤcklich gewuͤnſcht, daß man ihn, wenn er ſtuͤrbe, an einem gruͤnen Flecke begraben ſollte, den er von ſeinem Sitze in der Kirche ſehen konnte, den er ſeit ſeinem Knabenalter immer gern gehabt, und an den er beſtaͤndig ge⸗ dacht, wenn er weit von ſeiner Heimath auf dem — 2) ſ. Bracebridge⸗Hall. Thl. II. S. 349. Ueberſ. —j — 203 ungeſtuͤmen Meere war, und Geſahr lief, Futter fuͤr die Fiſche zu werden:— es war die Stelle, wo ſein Vater und ſeine Mutter begraben lagen. Ich ſchließe hier, denn ich fuͤrchte, mein Leſer wird der Sache ſchon uͤberdruͤſſig. Ich konnte in⸗ deß nicht umhin, das Bild dieſes wuͤrdigen„An⸗ gelkumpan's“, zu entwerfen, welcher Urſach iſt, daß ich mehr als jemals die Theorie ſeiner Kunſt lieb⸗ gewonnen habe, obgleich ich fuͤrchte, daß ich es in der Praxis derſelben nie ſehr weit bringen werde; und ſo will ich dieſe fluͤchtige Skizze mit den Wor⸗ ten des ehrlichen Iſaak Walton ſchließen, indem ich den Segen von St. Peter's Meiſter auf meine Le⸗ ſer herabrufe,„und auf Alle, die wahre Verehrer der Tugend ſind, an ſeine Vorſicht glauben, ruhigen Sinnes ſind, und angeln gehen.“ Die Sage von der ſchlaͤfrigen Schlucht. (Unter den Papieren des* en Dietrich Knickerbocker gef Es war ein lieblich Land, wo Schlummer uns um⸗ ſchirmt, Von Träumen voll, mit Augen halbgeſchloſſen, Wo ſchöne Schlöſſer ſich in Wolken aufgethürmt, Die an dem Sommerhimmel hingeſloſſen. (Thomſons) Sohlot der Trägheit, 8 3 8½ 8ι* N„. 1 Im Grunde einer der geraͤumigen Buchten, Ad ſich in das oͤſtliche Ufer des Hudſon hineinziehe 1 der breiten Stelle des Fluſſes, welche die alten Hol⸗ laͤndiſchen Schifffahrer die Tappaan⸗ Zee nennen*), wo ſie jederzeit kluͤglich die Segel einrefften, und den heiligen Nikolaus um Schutz anriefen, waͤhrend ſie hinuͤber fuhren, liegt ein kleiner Marktflecken oder laͤndlicher Hafen, den Manche Grreensburgh nennen, der aber allgemeiner und beſſer unter dem ) ſ. Bracebridge⸗Hall. Thl. II. S. 295. Ueberſ. Namen Tarry⸗Town*) bekannt iſt. Dieſer Name ward ihm, wie man erzaͤhlt, in fruͤheren Zei— ten von den guten Hausfrauen in der Nachbarſchaft gegeben, des eingewurzelten Hanges ihrer Maͤnner wegen, ſich an Markttagen in der Dorfſchenke herumzutreiben. Dem ſey nun, wie ihm wolle, ſo verbuͤrg icht die Thatſache, ſondern er⸗ waͤhne ihrer nur, um genau zu ſeyn, und beglau⸗ bigte Nachrichten zu geben. Nicht weit von dieſem Dorfe, vielleicht drei(Engl.) Meilen davon, iſt ein kleines Thal, oder vielmehr eine Vertiefung zwi⸗ ſchen hohen Huͤgeln, einer der ſtillſten Orte in der ganzen Welt. Ein kleiner Bach gleitet durch denſelben hin, und murmelt gerade nur ſo laut, daß man dabei eingeſchlaͤfert wird, und der von Zeit zu Zeit ertoͤnende Schlag einer Wachtel oder das Pi⸗ cken, eines Holzhaͤhers ſind beinahe die einzigen . Laute, welche dieſe allgemeine Stille unterbrechen. Ich beſinne mich, daß, als ich noch ein junger B rſch war, ich meine erſte Ei⸗ hoͤrnchenjagd in einer Gruppe hoher Wallnußbaͤume anſtellte, welche die eine Seite dieſes Thales beſchattet. Ich hatte um die Mittagszeit, wo die ganze Natur beſonders ruhig iſt, mich in dieſelbe verloren, und erſchrak *) Wörtlich, Zöger⸗Stadt. Ueberſ. 306 uͤber den Knall meiner eigenen Flinte, als er die Sab⸗ bathſtille rundumher unterbrach, und von dem zuͤrnen⸗ den Wiederhall verlaͤngert und vervielfaͤltigt ward. Wenn ich mir je einen Ort wuͤnſchen ſollte, wohin ich mich aus der Welt und von ihren Zerſtreuungen zuruͤckziehen, und den uͤbrigen Theil eines bewegten Lebens ruhig vertraͤumen koͤnnte, ſo kenne ich kei⸗ nen, der mehr anſpraͤche, als dieß kleine Thal. Wegen der tiefen Ruhe des Orts und des ei⸗ genthuͤmlichen Charakters der Einwohner deſſelben, welche Abkoͤmmlinge der urſpruͤnglichen Hollaͤndiſchen Anſi eddller ſind, war dieſer abgeſchiedene Fleck ſeit langer Zeit unter dem Namen der ſchlaͤfrigen Schlucht bekannt, und die Bauerburſche von daher wurden in der ganzen Gegend die Jungen aus der ſchlaͤfrigen Schlucht genannt. Ein gewiſſes ſchlaͤf⸗ riges, traͤumeriſches Weſen ſcheint auf dem ganzen Strich zu liegen, und ſelbſt in der Atmoſphaͤre zu herrſchen. Einige behaupten, der Ort ſey von ei⸗ nem hochdeutſchen Doctor in der fruͤheren Zeit der Niederlaſſung behext worden; Andere, daß ein alter Indianiſcher Haͤuptling, der Prophet oder Zauberer ſeines Stammes, ſeinen Hexenſabbath dort gehalten habe, ehe das Land von Meiſter Hendrick Hudſon entdeckt worden war. Gewiß iſt es, daß der Ort noch immer in der Gewalt irgend einer Zaubermacht ——O— ——O— — — 307 iſt, welche die Gemuͤther der guten Leute gefangen haͤlt und macht, daß ſie in einem beſtaͤndigen Traume umherwandeln. Sie glauben an alles mög⸗ liche Wunderbare, haben haͤufige Verzuͤckungen und Geſichte, ſehen allerhand ſonderbare Erſcheinun⸗ gen und hoͤren Muſik und Stimmen in der Luft. Die ganze Gegend iſt voll von Ortsſagen, Plaͤtzen, wo es umgeht und Daͤmmerungsaberglauben. Sterne ſchneuzen ſich in dieſem Thale oͤfter, Feuerkugeln laſſen ſich haͤufiger hier ſehen, als in irgend einem Theile des Landes, und der Alp mit allen ſeinen neun Kindern ſcheint ihn zu ſeinem Lieblings⸗Tum⸗ melplatz erwaͤhlt zu haben*). b Der Hauptgeiſt aber, welcher in dieſer bezau⸗ berten Gegend umgeht, und der Oberbefehlshaber aller der luftigen Maͤchte zu ſeyn ſcheint, iſt die Er⸗ ſcheinung eines Reiters ohne Kopf. Einige wollen *) Der Alp heißt im Engliſchen the night⸗mare, wört⸗ lich die Nachtſtute. Woher das Wort mare hier dieſe Be⸗ deutung habe, oder(wie das Griechiſche νςα), in der andern Bedeutung, ein Geiſt, Geſpenſt heiße, will ich nicht weiter unterſuchen. In England glaubt man, daß dieſer Spuk auch die Pferde in der Nacht quäle, ſo daß man ſie am Morgen keuchend und ſchwitzend im Stalle ſin⸗ det, und als Pferd ſelbſt giebt man ihm eine gande Schaar von Füllen, neun an der Zahl, mit welchen er ſich um⸗ hertummelt. Ich habe, nach unſerer Venennung des Spuks, die Abkömmlinge durch Kinder überſetzen müſſen. Ueberſ. 308 behaupten, daß dieß der Geiſt eines Heſſiſchen Caval⸗ leriſten ſey, dem eine Kanonenkugel, in irgend einer namenloſen Schlacht waͤhrend des Revolutionskrie⸗ ges, den Kopf weggenommen, und der von Zeit zu Zeit von den Landleuten geſehen wird, wie er in der Dunkelheit dahinreitet, als geſchehe dieß auf Windesfluͤgeln. Seine Erſcheinung iſt indeſſen nicht allein auf das Thal beſchraͤnkt, ſondern dehnt ſich auch zu Zeiten auf die nahgelegenen Landſtraßen, und namentlich bis in die Naͤhe einer Kirche aus, welche nicht weit entfernt iſt. In der That ſagen auch mehrere der glaubwuͤrdigſten Geſchichtſchreiber jener Zeit, welche die zerſtreuten Angaben uͤber dieß Geſpenſt ſorgfaͤltig geſammelt und mit einander ver⸗ glichen haben, daß, nachdem der Körper des Rei⸗ ters auf dem Kirchhofe beerdigt worden, der Geiſt Nachts auf das Schlachtfeld reite, um ſeinen Kopf zu ſuchen, und daß die gewaltige Eile, in welcher er zuweilen, wie ein mitternaͤchtlicher Sturmwind, durch die Schlucht ſauſet, daher komme, daß er ſich verſpaͤtet hat, und nun vor Tagesanbruch auf den Kirchhof zuruͤckſeyn will. Dieß iſt das, was man im Allgemeinen von dieſer aberglaͤubiſchen Sage, welche Stoffe zu man⸗ cher abenteuerlichen Geſchichte in jenem Schatten⸗ bezirke geliefert, weiß, und das Geſpenſt iſt, bei — 309 allen Kaminen im Lande unter dem Namen„ des kopfloſen Reiters aus der ſchlaͤfrigen Schlucht be⸗ kannt. Es iſt merkwuͤrdig, daß die Neigung, Geſichte zu ſehen, deren ich erwaͤhnt habe, ſich nicht auf die Eingebornen des Thales ſelbſt beſchraͤnkt, ſon⸗ dern daß ein Jeder, der dort eine Zeitlang ſich aufhaͤlt, unbewußt davon ergriffen wird. So wach und unbefangen er auch geweſen ſeyn mag, ehe er dieſe ſchlaͤfrige Gegend betrat, ſo aͤußert ſich gewiß nach kurzer Zeit der bezaubernde Einfluß der Luft bei ihm; er faͤngt an, Einbildungen zu bekommen — Traͤume zu haben und Erſcheinungen zu ſehen. Ich erwaͤhne dieſes friedlichen Flecks mit allem moͤglichen Lobe, denn in dieſen kleinen einſamen Hollaͤndiſchen Thaͤlern, welche man hie und da in dem großen Staate von New⸗York antrifft, blei⸗ ben die Bevoͤlkerung, die Sitten und Gewohnhei⸗ ten unveraͤndert, waͤhrend der große Strom der Wanderung und Ausbildung, der in anderen Theilen dieſes raſtloſen Landes ſo unaufhoͤrliche Veraͤnderun⸗ gen bewirkt, bei ihnen unbemerkt voruͤberrauſcht. Sie ſind— wie jene kleinen Winkel ſtillen Waſſers, welche man an den Ufern eines reißenden Stromes findet, wo man das Stroh und die Waſſerblaſen ru⸗ hig liegen, oder in ihrem kleinen Hafen umhertreiben 310 ſieht— von der vorbeieilenden Stroͤmung unbewegt. Obgleich itzt manche Jahre verfloſſen ſind, ſeitdem ich die betaͤubenden Schatten der ſchlaͤfrigen Schlucht betreten, ſo fragt es ſich dennoch, ob ich nicht noch itzt eben dieſelben Baͤume und dieſelben Familien in ihrem ſtillen Schooße finden wuͤrde. In dieſem Schlupfwinkel der Natur wohnte, in den fruͤheren Zeiten der Amerikaniſchen Geſchichte, das heißt, etwa vor dreißig Jahren, ein wuͤrdiger Sterblicher, mit Namen Ichabod Crane*), der ſich in der ſchlaͤfrigen Schlucht aufhielt— oder, wie er es nannte,„verweilte“— um die Kinder in der Ge— gend zu unterrichten. Er war in Connecticut ge⸗ boren, einem Staate, welcher den Freiſtaat mit Ar⸗ beitern fuͤr den Geiſt ſo wie fuͤr den Forſt verſieht, und aus welchem allaͤhrlich ganze Legionen von Grenzholzfaͤllern und Landſchulmeiſtern kommen. Der Zuname Crane paßte ſich ganz gut zu ſeiner Ge⸗ ſtalt. Er war groß, aber ſehr duͤrr, hatte ſchmale Schultern, lange Arme und Beine, Haͤnde, welche eine Meile weit aus ſeinen Aermeln hervorragten, Fuͤße, die zu Schaufeln gedient haben koͤnnten, und ſeine ſaͤmmtlichen Gliedmaßen hingen hoͤchſt locker zuſammen. Er hatte einen kleinen, oben platten Kopf, gewaltige Ohren, große gruͤne, glasartige *) Kranich. — —— 311 Augen und eine lange Schnepfennaſe, die wie ein Wetterhahn ausſah, der auf ſeinem Spindelhalſe ſteckte, um zu verkuͤnden, woher der Wind wehe. Wenn man ihn, an einem windigen Tage, von dem Abhange eines Huͤgels herabſteigen ſah, wie ſeine Kleider um ihn her beutelten und ſchwebten, ſo haͤtte man ihn fuͤr den Geiſt der Hungersnoth, der ſich auf die Erde herabließe, oder fuͤr eine, aus ei⸗ nem Kornfelde entlaufene Vogelſcheuche, halten moͤgen. Sein Schulhaus war ein niedriges Gebaͤude von einem Zimmer, roh aus Holzbloͤcken zuſammen⸗ gezimmert, deſſen Fenſter theils Glasſcheiben hatten, theils mit Blaͤttern aus alten Schreibbuͤchern ver⸗ klebt waren. Es ward, in den Feierſtunden, ſehr kuͤnſtlich dadurch verwahrt, daß eine Weidenruthe in die Thuͤrklinke gebunden und Stangen von Au⸗ ßen gegen die Fenſterladen geſetzt waren, ſo daß ein Dieb, wenn er gleich mit großer Leichtigkeit in das Haus kommen konnte, einige Schwierigkeiten gefun⸗ den haben wuͤrde, wieder herauszukommen: ein Ge⸗ danke, welchen der Baumeiſter Joſt van Houten hoͤchſt wahrſcheinlich von dem Geheimniß einer Aal⸗ reuſe entlehnt hatte. Das Schulhaus lag in einer zwar einſamen, aber angenehmen Gegend, gerade am Fuße eines bewaldeten Huͤgels, an dem ein 312 Bach hinſtroͤmt, und war von einer— furchtba⸗ ren— Birke beſchattet. Von hier aus konnte man das Gemurmel der Stimmen ſeiner Schuͤler, die ihre Lektionen aufſagten, an einem ſchlaͤfrigen Som⸗ mertage wie das Summen eines Bienenſchwarms vernehmen, dann und wann unterbrochen von der monarchiſchen Stimme des Lehrers in droßendem oder befehlenden Tone, oder vielleicht von dem entſetzlichen Schalle der Ruthe, wenn er irgend einem traͤgen Nachzuͤgler auf dem blumigen Pfade des Wiſſens eine Ermunterung ertheilte. Die Wahrheit zu ſagen, war er ein gewiſſenhafter Mann, der des goldenen Spruchs:„die Ruthe ſparen, heißt das Kind verziehen“, beſtaͤndig eingedenk war. Und Ichabod Crane's Schuͤler wurden gewiß nicht verzogen. Ich will indeſſen damit nicht geſagt haben, daß er einer von den grauſamen Schulmonarchen war, welche ſich der Leiden ihrer Unterthanen freuen; im Gegentheile verwaltete er die Gerechtigkeit eher mit ruhiger Ueberlegung, als mit Strenge, indem er von den Schultern der Schwachen die Laſt hinweg⸗ nahm, und ſie denen der Starken auflegte. Bei dem ſchwaͤchlichen Knaben, der bei der geringſten Be⸗ wegung mit der Ruthe zuckte, ging ſie mit Milde voruͤber, dagegen geſchah aber den Forderungen der Ge⸗ 313 Gerechtigkeit volle Genuͤge dadurch, daß ein doppel⸗ tes Maaß dem kleinen, zaͤhen, ſtarrköpfigen, breit⸗ ſchultrigen Hollaͤndiſchen Buben aufgezaͤhlt wurde, der unter der Nuthe ſchmollte, ſich ſpreizte und tuͤckiſch verſtockt zeigte. Alles dieß nannte er„an ihrer Aeltern Statt ſeine Pflicht thun“, und er ertheilte nie eine Zuͤchtigung, ohne ſie mit der fuͤr den geſchlagenen Buben ſo troͤſtlichen Verſicherung zu begleiten:„daß er gewiß daran gedenken, und ihm ſein Lebelang dafuͤr danken werde. Wenn die Schulſtunden voruͤber waren, ſo war gar der Gefaͤhrte und Geſpiele der groͤßeren auch wohl Kleinere heim, die artige Schweſtern hatten, oder deren Muͤtter gute Hausfrauen und ihrer reichlich verſehenen Schenktiſche willen bekannt waren. In der That mußte er auch mit ſeinen Schuͤl ern auf gutem Fuße bleiben. Die Einkuͤnfte ſeiner Schule Knaben, und an den Feiertagsnachmittagen fuͤhrte er waren gering und wuͤrden kaum zu dem taglichen. Brote hingereicht haben, denn er war ein gewalti⸗ ger Eſſer, und hatte, obgleich er duͤrr war, doch die Ausdehnbarkeit einer Anakonda*); allein er er⸗ hielt, um ſein Auskommen zu erleichtern, nach der *) Der gewaltigen Indiſchen Schlange, welche die größ⸗ ten Thiere verſchlingt. Ueberſ. Skizzenbuch II. O in jenen Gegenden uͤblichen Sitte, in den Haͤuſern der Pachter, deren Kinder er unterrichtete, Koſt und Wohnung. So wohnte er abwechſelnd bei Je⸗ dem eine Woche, und machte, alle ſeine weltlichen Habſeligkeiten in ein baumwollenes Schnupftuch ge⸗ bunden, die Runde bei ihnen. Damit dieß jedoch die Beutel ſeiner laͤndlichen Goͤnner, welche die Koſten der Schule als eine ſchwere Laſt und die Schulmeiſter als reine Hum⸗ meln anzuſehen pflegten, nicht zu ſehr beſchweren moͤchte, hatte er allerhand Auswege, ſich ſowol nuͤtz⸗ lich als angenehm zu machen. Er leiſtete den Pach⸗ tern gelegentlich bei den leichteren Feldarbeiten huͤlf⸗ reiche Hand, half ihnen beim Heumachen, beſſerte die Zaͤune aus, ritt die Pferde nach der Traͤnke, trieb die Kuͤhe von der Weide, und ſpaltete Holz fuͤr den Winter. So wußte er auch die gebietende Wuͤrde und das unumſchraͤnkte Herrſcherweſen, womit er ſein kleines Reich, die Schule, regierte, abzulegen, und ward wunderbar gefuͤgig und einſchmeichelnd. Er fand Gnade in den Augen der Muͤtter, indem er die Kinder, namentlich die juͤngeren, liebkoſ'te, und pflegte— wie weiland der kuͤhne Leue, der ſo großſinnig das Lamm hielt— mit einem Kinde auf einem Knie dazuſitzen und ſtundenlang mit dem Fuße eine Wiege in Bewegung zu ſetzen. — —— 315 Neben ſeinen andern Aemtern war er auch der Singelehrer der Gegend, und gewann ſich manchen blanken Schilling dadurch, daß er die jungen Leute im Pſalmſingen unterrichtete. Er war nicht wenig ſtolz darauf, am Sonntage, vorn auf dem Kirchen⸗ chor mit einer Anzahl auserleſener Saͤnger da zu ſtehn, wo er dann, nach ſeiner Meinung, dem Pfarrer voͤllig den Rang ablief. Gewiß iſt es, daß ſeine Stimme alle uͤbrigen in der Gemeine uͤber⸗ toͤnte, und man vernimmt noch itzt in der Kirche ganz beſondere Triller, die man an einem ſtillen Sonntage wol eine Meile weit, bis an das entge⸗ gengeſetzte Ufer des Muͤhlteiches, hoͤren kann, und welche rechtmaͤßig von Ichabod Crane's Naſe her⸗ ſtammen ſollen. So half ſich, mit verſchiedenen kleinen Auswegen, auf die erfinderiſche Weiſe, die man gewoͤhnlich„per fäs et nefas“ nennt*), der wuͤrdige Paͤdagog leidlich durch, und Alle, welche von der Kopfarbeit nichts verſtanden, meinten, daß er außerordentlich gut daran ſey. Der Schulmeiſter iſt in dem Frauenkreiſe einer laͤndlichen Gegend gewoͤhnlich ein Mann von eini⸗ ger Bedeutſamkeit, da er als eine Art von muͤſſi⸗ ger, anſtaͤndiger Perſon angeſehen wird, die bei *) Im Oriainale ſteht die Engliſche Redensart„by hook and by crook’. Ueberſ. 9 2 weitem mehr Geſchmack und Bildung, als die rohen Bauerburſche, hat, und an Gelehrſamkeit nur dem Pfarrer nachſteht. Seine Erſcheinung verurſacht daher gewoͤhnlich einige Bewegung an dem Theetiſche eines Pachterhauſes, und giebt wol Anlaß, daß, als Zugabe, ein Teller mit Kuchen oder Zucker⸗ werk aufgetragen, vielleicht gar mit einer ſilbernen Theekanne geprunkt wird. Unſer gelehrter Mann fuͤhlte ſich daher im Sonnenſchein des Laͤchelns aller Landmaͤdchen vorzuͤglich gluͤcklich. Wie ſtolzirte er nicht unter ihnen auf dem Kirchhofe, zwiſchen dem Gottesdienſte am Sonntage, umher! Er brach fuͤr ſie Trauben von den wilden Weinreben, welche die Baͤume umrankten, las ihnen, zu ihrer Un— terhaltung, alle die Grabſchriften auf den Denk⸗ maͤlern, oder ſchlenterte, mit einem ganzen Schwarme derſelben, an den Ufern des benachbarten Muͤhltei⸗ ches umher, waͤhrend die ſchuͤchterneren Dorfluͤm⸗ mel einfaͤltig zuruͤckblieben, und ſeine größere Zier⸗ lichkeit und Gewandtheit mit Neid anſahen. Sein halbreiſendes Leben machte ihn zu einer Art von wandelnder Zeitung, welche die ganze Maſſe des Ortsgeklatſches von einem Hauſe zum andern trug, ſo daß man ſeine Erſcheinung allemal mit Vergnuͤgen ſah. Daneben hielten ihn die Frauen fuͤr einen Mann von großer Gelehrſamkeit, denn er — 3 — 317 hatte mehrere Buͤcher ganz durchgeleſen, und wußte Cotton Mather's Geſchichte der Zauberei in Neu⸗ England, an die er, beilaͤufig geſagt, ſteif und feſt glaubte, beinahe auswendig. In der That bildete ſein Charakter ein ſonder⸗ bares Gemiſch von natuͤrlichem Scharfſinn und ein⸗ faͤltiger Leichtglaͤubigkeit. Seine Sucht nach allem Wunderbaren, und ſeine Kraft es zu verdauen, waren gleich außerordentlich, und beide hatten durch ſeinen Aufenthalt in dieſer bezauberten Gegend bedeutend zugenommen. Keine Sage war zu plump oder zu ungeheuer, als daß er ſie nicht bei ſich beherbergt haͤtte; oft war es ſein Ergetzen, ſich, wenn am Nachmittage die Schule entlaſſen war, auf das uͤppige Kleebett hinzuſtrecken, welches an dem kleinen Bach, der neben ſeinem Schulhauſe dahinmurmelte, belegen war, und hier des alten Mather's ſchreckliche Geſchich⸗ ten uͤberzuleſen, bis die allmaͤhlig einbrechende Daͤm⸗ merung die Druckſeite vor ſeinen Augen in Nebel zu⸗ ſammenfließen ließ. Dann brachte aber auch, wenn er ſeinen Weg durch Moraͤſte und Stroͤme und ſchauerliche Waldgegenden nach dem Pachterhauſe an⸗ trat, wo er gerade einquartirt war, jeder Ton in der Natur in dieſer Zauberſtunde ſeine aufgeregte Ein⸗ bildungskraft in Bewegung; ſey es nun der Klagelaut 318 des Whip-pür-will*) von dem Abhange des Huͤgels, der ahnungsvolle Schrei des Bruͤllfroſches, dieſes Verkuͤndigers des Sturanes, das traurige Ge⸗ kreiſch der Nachteule, oder das ploͤtzliche Rauſchen aus ihrem Neſt aufgeſchreckter Voͤgel im Dickicht. Auch die Leuchtwuͤrmer, welche an den dunkelſten Stellen hell funkelten, erſchreckten ihn dann und wann; beſonders wenn einer von ungewoͤhnlichem Glanze queer uͤber den Weg ſchwebte, und wenn zufaͤllig ein großer Toͤlpel von Kaͤfer ihm taͤppiſch gegen den Kopf flog, ſo gab der arme Wicht bei⸗ nahe ſeinen Geiſt uͤber den Gedanken auf, daß er itzt von einer Hexe gezeichnet worden ſey. Seine einzige Zuflucht bei ſolchen Gelegenheiten, um ent⸗ weder alle Gedanken zu verbannen, oder die boͤſen Geiſter zu verſcheuchen, war, Pſalmen zu ſingen; und die ehrlichen Bewohner der ſchlaͤfrigen Schlucht, welche vielleicht Abends vor der Thuͤre ſaßen, wurden oft mit Grauen erfuͤllt, wenn ſie ſeine Naſentoͤne, *) Der Whip- pur- will iſt ein Vogel, der nur zu Nacht gehört wird. Er hat ſeinen Namen von ſeinem Ge⸗ ſange, der ungefähr ſo klingt, wie dieſe Worte. Verf.— Auf ähnliche Art nennen die Amerika iſchen Wilden den ſogenannten prairie-dog, oder das bellende Eichhörnchen, nach dem Tone, den es von ſich giebt, wisch ton- wisch. ſ. Hunter's Vemerkungen während einer Gefan⸗ genſchaft unter den Indianern. Ueberſ. —j—— —— — 319 „in verketteter Lieblichkeit lang hinausgezogen”, von dem entfernten Huͤgel oder an der ſtaubigen Land⸗ ſtraße daherſchweben hoͤrten. Eine andere Quelle ſchauerlichen Vergnuͤgens war es fuͤr ihn, die langen Winterabende bei den alten Hollaͤndiſchen Frauen zuzubringen, waͤh⸗ rend dieſe mit ihren Spinnraͤdern bei dem Feuer ſaßen, und eine Reihe von Aepfeln auf dem Heerde briet und ziſchte; wo er denn ihre wunderbaren Er⸗ zaͤhlungen von Geſpenſtern und Kobolden, von ſpu⸗ kenden Feldern, Baͤchen, Bruͤcken und Haͤuſern, und namentlich von dem kopfloſen Reiter, oder von dem galoppirenden Heſſen aus der Schlucht, wie er zu⸗ weilen genannt wurde, mit anhoͤrte. Dagegen ergetzte er ſie wieder mit ſeinen Anekdoten von He⸗ xereien, von den furchtbaren Anzeichen und erſchreck⸗ lichen Geſichten und Toͤnen in der Luft, welche ſich in fruͤheren Zeiten in Connecticut vernehmen ließen, und ſetzte ſie in gewaltige Furcht mit ſeinen Betrachtungen uͤber Cometen und Sternſchnuppen, und mit der entſetzlichen Behauptung, daß die Welt ſich wirklich drehe, und daß ſie, die Haͤlfte ih⸗ res Lebens uͤhit, auf dem Kopfe ſtaͤnden! Wenn indeſſen alles dieß ganz angenehm war, ſo lange er ſich in der Kaminecke eines Zimmers zuſammendruͤcken konnte, welche das praſſelnde Holz⸗ 320 feuer mit ſeinem roͤthlichen Scheine hell beleuchtete, und wo natuͤrlich kein Geſpenſt ſich ſehen laſſen durfte, ſo war dieß Vergnuͤgen durch die Schrecken ſeines Nachhauſeganges theuer erkauft. Welche furchtbare Geſtalten und Schatten zeigten ſich nicht auf ſeinem Wege in dem truͤben und grauſigen Glanze einer Schneenacht! Mit welchem argwoͤhni⸗ ſchen Blicke betrachtete er nicht jeden zitternden Lichtſtrahl, der aus irgend einem entfernten Fenſter uͤber die oͤden Felder dahinſtreifte! Wie oft erſchreckte ihn nicht ein mit Schnee bedeckter Strauch, der wie ein in ein Leichentuch gehuͤlltes Geſpenſt ſich ihm gerade in den Weg ſtellte! Wie oft ſchrak er mit ſtarrem Entſetzen vor dem Schalle ſeiner eige⸗ nen Fußtritte auf der Froſtrinde unter ſeinen Fuͤßen zuruͤck, und fuͤrchtete ſich, uͤber ſeine eigene Schul⸗ ter zuruͤckzublicken, um nicht irgend eine ſeltſame Geſtalt dicht hinter ſich hertappen zu ſehen! Und wie oft ward er nicht von irgend einem Windſtoße, der in den Blaͤttern rauſchte, voͤllig in Verzweif⸗ lung geſetzt, weil ihm der Gedanke einfiel, daß es der galoppirende Heſſe auf einem ſeiner naͤchtlichen Zuͤge ſeyn koͤnnte! Alles dieß waren indeſſen bloße Schrecken der Nacht, Phantome des Geiſtes, welche in Finſterniß wandeln, und ob er gleich zu ſeiner Zeit manche 321 Geſpenſter erblickt hatte, und mehr als einmal auf ſeinen einſamen Spazirgaͤngen von dem Satan in verſchiedenen Geſtalten heimgeſucht worden war, ſ machte doch der Tag allen dieſen Uebeln ein Ende, und er wuͤrde, dem Teufel und allen ſeinen Wer⸗ ken zum Trotz, ein ganz angenehmes Leben gefuͤhrt haben, waͤre ihm nicht eines von den Weſen in den Weg gekommen, die den Sterblichen mehr Noth machen, als alle Geſpenſter, Kobolde und das ganze Geſchlecht der Hexen zuſammengenommen; und dieß war— ein Weib. Unter den Singeſchuͤlern, welche ſich an einem Abend in jeder Woche verſammelten, um ſeinen Un⸗ terricht im Pſalmenſingen zu empfangen, war auch Katrina van Taſſel, die Tochter und das einzige Kind eines wohlhabenden Hollaͤndiſchen Pachters. Sie war ein bluͤhendes Maͤdchen von friſchen acht⸗ zehn Jahren, rund wie ein Rebhuhn, reif und muͤrbe und roſenwangig wie eine von den Pfirſi⸗ chen ihres Vaters, und uͤberall nicht allein ihrer Schoͤnheit, ſondern ihrer großen Ausſichten wegen beruͤhmt. Dabei war ſie jedoch etwas coquett, wie man ſchon an ihrer Kleidung ſehen konnte, welche ein Gemiſch von alten und neuen Moden bildete, wie dieſe gerade dazu dienten, ihre Reize zu erhoͤhen. Sie trug den Schmuck von 322 lauterem gelben Golde, welchen ihre Ur⸗Ur⸗Groß⸗ mutter von Saardam heruͤbergebracht hatte, den verfuͤhreriſchen Bruſtlatz aus der alten Zeit, und dabei einen boͤſen kurzen Rock, um den niedlichſten Fuß und Knoͤchel in der Runde ſehen zu laſſen. Ichabod Crane hatte ein ſanftes und mitleidiges Herz gegen das andere Geſchlecht, und man darf ſich nicht wundern, daß ein ſo verfuͤhreriſcher Ge⸗ genſtand bald Gnade vor ſeinen Augen gefunden, beſonders nachdem er ſie in ihrer vaͤterlichen Woh⸗ nung heimgeſucht. Der alte Baltus van Taſſel war ein lebendiges Bild eines wohlhabenden, zufrie⸗ denen, gemuͤthlichen Pachters. Wahr iſt es, er ließ ſelten ſeine Augen oder ſeine Gedanken uͤber die Grenzen ſeiner eigenen Pachtung hinausſtreifen; in⸗ nerhalb dieſer aber war Alles behaglich, gluͤcklich und wohlbeſchaffen. Er geſiel ſich in ſeinem Reich⸗ thum, war aber nicht ſtolz darauf, und that ſich eher auf den reichlichen Ueberfluß, in welchem er lebte, als auf ſeine Lebensart etwas zu Gute. Sein eigentliches Bollwerk lag an den Ufern des Hudſon, in einem jener gruͤnen, wohlbeſchuͤtzten, fruchtbaren Winkel, worin die Hollaͤndiſchen Pachter ſo gern niſten. An dem Fuße einer großen Ulme, die ihre Zweige weit daruͤber ausbreitete, ſprudelte ein Quell des angenehmſten und ſuͤßeſten Waſſers hervor, lief in 323 einen kleinen, aus einem Faſſe gebildeten Brunnen, und ſchlich ſich dann ſchaͤumend durch das Gras zu einem benachbarten Bache hin, der neben Erlen und Zwergweiden dahinmurmelte. Dicht neben dem Pachterhauſe war eine große Scheune, die zu einer Kirche gedient haben koͤnnte; jedes Fenſter und jede Spalte derſelben ſchien von den Schaͤtzen des Pach⸗ terhofes zu ſtrotzen; der Dreſchflegel oͤnte geſchaͤf⸗ tig vom Morgen bis zum Abend darin; Haus⸗ und Mauerſchwalben ſtrichen zwitſchernd am Geſimſe umher, und Reihen von Tauben, von denen einige mit einem Auge aufblickten, als ob ſie das Wetter beobachteten, andere die Koͤpfe unter die Fluͤgel oder in die Bruſt ſteckten, noch andere ſich aufblie⸗ ſen, um ihre Weibchen girrten, und ſich neigten, genoſſen des Sonnenſcheins auf dem Dache. Feiſte, unbehuͤlfliche Schweine grunzten in Ruhe und Ueber⸗ fluß in ihren Koben, aus denen dann und wann Haufen von Spanferkeln hervorſtuͤrzten, als ob ſie die Luft wittern wollten. Ein ſtattliches Geſchwa⸗ der ſchneeweißer Gaͤnſe ſchwamm auf einem benach⸗ barten Teiche umher, und beſchuͤtzte ganze Flotten von Enten; Regimenter von Truthuͤhnern kollerten auf dem Hofe umher, und Perlhuͤhner gingen, wie verdruͤßliche Hausfrauen, mit ihrem ſchmollenden mißvergnuͤgten Geſchrei darauf hin und her. Vor dem 324 Scheunenthore ſtolzirte der tapfere Hahn, das Mu⸗ ſter eines Ehemannes, eines Kriegers und eines Mannes von Ton, der ſeine ſchimmernden Fluͤgel ſchlug, und im Stolze und in der Freude ſeines Herzens laut kraͤhte, wobei er zuweilen mit ſeinen Fuͤßen in die Erde ſcharrte, und dann, großmuͤthi⸗ ger Weiſe, ſeine immer hungrige Familie von Wei⸗ bern und Kindern herbeirief, ſich des fetten Biſſens zu erfreuen, den er gefunden hatte. Dem Paͤdagogen waͤſſerte der Mund, als er auf dieſe praͤchtigen Verheißungen zur Winterkoſt blickte. Sein verſchlingendes Auge des Gemuͤths ſah ſchon jedes Spanferkel gebraten mit einem Pudding im Leibe und und einem Apfel im Maule umherlaufen; die Tauben waren ſanft in eine Paſtete gebettet und unter einem Deckel von Kruſte verborgen; die Gaͤnſe ſchwammen in ihrer eigenen Bruͤhe, und die Enten lagen traulich, wie neuvermaͤhlte Paare, zu Zweien in den Schuͤſſeln, mit einem hinreichenden Vorrath von Zwiebelbruͤhe. In den groͤßeren Schweinen ſah er ſchon die kuͤnftige fette Speckſeite und den ſaftigen, ſchmackhaften Schinken ausgeſchnitten; nicht ein Truthahn, den er nicht, zierlich aufgeſtutzt, mit dem Magen unter dem Fluͤgel und vielleicht einem Halsbande von ſchmackhaften Wuͤrſten, geſe⸗ hen haͤtte, und ſelbſt der hellkraͤhende Henninck lag, 9 325 auf dem Nuͤcken, auf einer Nebenſchuͤſſel, mit auf⸗ waͤrts gekehrten Krallen, als ob er itzt den Par⸗ don verlangen wolle, um den ſein ritterlicher Geiſt, ſo lange er lebte, zu bitten verſchmaͤht hatte. Indem der entzuͤckte Ichabod ſich alles dieß dachte, und ſeine großen, gruͤnen Augen uͤber die fetten Wieſen, die reichen Weizen⸗, Roggen⸗, Buch⸗ weizen⸗ und Maäsfelder, und die mit roͤthlichen Fruͤchten prangenden Obſtgaͤrten, welche die warme Pachterwohnung van Taſſel's umgaben, dahinſtrei⸗ fen ließ, verlangte ſein Herz nach dem Maͤdchen, welches dieſe Beſitzungen erben ſollte, und ſeine Einbildungskraft entfaltete ſich bei dem Gedanken, wie leicht man ſie in baares Geld verwandeln und dieß zum Ankauf ungeheurer Strecken wuͤſten Lan⸗ des und zu Schindelpalaͤſten in der Wildniß ver⸗ wenden koͤnnte. Ja, ſeine geſchaͤftige Einbildungs⸗ kraft verwirklichte bereits ſeine Hoffnungen, und mahlte ihm die bluͤhende Katrina, wie ſie, mit einem ganzen Haufen von Kindern, oben auf einem, mit allerhand Hausrath beladenen Wagen ſaß, mit Toͤ⸗ pfen und Keſſeln, die unter demſelben baumelten, waͤh⸗ rend er ſich ſelbſt auf einer ruhigen Stute, mit ei⸗ nem Fuͤllen hinter ſich, auf dem Wege nach Ken⸗ tucky, Tenneſſee, oder Gott weiß wohin erblickte. Als er in das Haus trat, war ſein Herz vol⸗ 326 lends erobert. Dieß war eines von den geraͤumi⸗ gen Pachterhaͤuſern, mit hohem Giebel, aber nie— drigem Dach, in dem Stile erbaut, welcher von den erſten Hollaͤndiſchen Anſiedlern ſich fortgepflanzt hatte. Die niedrigen hervorragenden Geſimſe bil⸗ deten vor dem Hauſe eine Art von Bogengang, der bei ſchlechtem Wetter geſchloſſen werden konnte. Unter dieſem hingen Dreſchflegel, Pferdegeſchirre, mehrere Ackergeraͤthe und Netze zum Fiſchfange in dem benachbarten Fluſſe. Baͤnke ſtanden an den Waͤnden zum Gebrauche im Sommer, und ein gro⸗ ßes Spinnrad an dem einen Ende und ein But⸗ terfaß am andern deuteten darauf hin, zu wie viel⸗ fachem Gebrauche dieſe wichtige Vorhalle benutzt wer⸗ den koͤnne. Aus dieſem Bogengange trat der ver⸗ wunderte Ichabod in den Saal ſelbſt, welcher den Mittelpunkt des Gebaͤudes und den gewöhnlichen Aufenthaltsort der Familie bildete. Hier blendeten Reihen von glaͤnzendem Zinn, die auf einem langen Anrichtetiſch aufgereiht waren, ſeine Augen. In einem Winkel ſtand ein großer Sack mit Wolle, der zum Verſpinnen bereit war, in einem andern lag ein Pack Beiderwand, das ſo eben vom Webe⸗ ſtuhl gekommen; Maisaͤhren und Schnuͤre gedoͤrrter Aepfel und Pfirſichen hingen in ſtattlichen Bogen⸗ gehaͤngen an den Waͤnden, mit praͤchtigen rothen * — — 327 Pfefferkolben dazwiſchen, und durch die halb offene Thuͤr blickte er in das Putzzimmer, wo die Stuͤhle mit Klauenfuͤßen und die dunkelen Mahagony⸗Tiſche wie Spiegel glaͤnzten; Feuerboͤcke, mit den dazu ge⸗ hoͤrigen Schaufeln und Zangen, ſchienen aus ihrer Bedeckung von Spargelkraut hervor; kuͤnſtliche Orangen und Muſcheln ſchmuͤckten das Kaminge⸗ ſims, Schnuͤre von vielfarbigen Vogeleiern hingen daruͤber; von der Decke herab ſchwebte ein gro⸗ ßes Straußei, und ein Eckſchrank, der bedachtſamer Weiſe offen ſtand, ließ einen ungeheuren Schatz von altem Silberzeuge und wohlgeflicktem Porzellan ſehen. 3 Von dem Augenblicke an, wo Ichabod ſeine Augen auf dieſe ſeligen Gefilde erhob, war es auch um ſeinen Seelenfrieden geſchehen, und von nun an ſein einziges Bemuͤhen dahin gerichtet, wie er die Neigung der unvergleichlichen Tochter van Taſ⸗ ſel's gewinnen ſolle. Bei dieſem Unternehmen hatte er jedoch mehr wahre Schwierigkeiten zu uͤberwin⸗ den, als gewoͤhnlich einem irrenden Ritter in alten Zeiten ſich in den Weg ſtellten, der in der Regel mit Rieſen, Zauberern, feurigen Drachen und der⸗ gleichen leicht zu beſiegenden Gegnern zu kaͤmpfen hatte, und ſich nur durch eiſerne und metallene Thore und Mauern von Diamanten nach dem 328 Burgverließ, wo die Dame ſeines Herzens gefan⸗ gen ſaß, einen Weg bahnen mußte, welches Alles er ſo leicht verrichtete, wie Jemand itzt ſich mit dem Vorlegemeſſer einen Weg in eine Weihnachts⸗ paſtete bahnen wuͤrde,— worauf die Dame ihm na⸗ tuͤrlich ihre Hand reichte. Ichabod dagegen mußte ſich einen Weg zu dem Herzen einer Dorf⸗Coquette bahnen, die eine Menge von Eigenheiten und Lau— nen hatte, die ihm alle Augenblicke neue Schwierig⸗ keiten und Hinderniſſe in den Weg legten; er mußte einen Schwarm von furchtbaren Gegnern mit Fleiſch und Blut, die zahlreichen laͤndlichen Bewunderer, bekaͤmpfen, welche jedes Thor zu ihrem Herzen be⸗ ſetzt hielten, zwar ein wachſames und grollendes Auge Einer auf den Andern hatten, dabei aber jeder⸗ zeit bereit waren, fuͤr die gemeinſchaftliche Sache gegen jeden neuen Bewerber in das Feld zu ruͤcken. Unter dieſen war der furchtbarſte ein plumper, laͤrmender, tobender Kerl, Namens Abraham, oder, wie die Hollaͤnder den Namen abzukuͤrzen pflegten, Brom van Brunt, der Held der Gegend umher, welche von ſeinen gewaltigen Thaten voll war. Er war breitſchultrig, hatte doppelte Glieder, kurzes, krauſes, ſchwarzes Haar, und ein rohes, aber nicht unangenehmes Geſicht, in welchem ſich eine Mi⸗ ſchung von Luſtigkeit und Anmaßung ausſprach. —— — o ——— Der Ruf von ſeinen herkuliſchen Thaten und ſeiner großen Gliederſtaͤrke hatte ihm den Spottnamen Brom Bones*) verſchafft, unter welchem er all⸗ gemein bekannt war. Er war ſeiner großen Kennt⸗ niß und Gewandtheit in der Reitkunſt wegen be⸗ ruͤhmt, und ſo gut zu Pferde, als ein Tatar. Er war der Erſte bei allen Wettrennen und Hahnenge⸗ fechten, und die Ueberlegenheit, welche auf dem Lande koͤrperliche Staͤrke immer zu verſchaffen pflegt, machte, daß man ihn bei allen Streitigkeiten zum Schiedsrichter waͤhlte, wo er dann ſeinen Hut auf die eine Seite ſetzte, und ſeine Ausſpruͤche mit einer Art und einem Tone von ſich gab, wogegen Nie⸗ mand etwas einzuwenden, oder ſich nicht dabei zu beruhigen wagte. Er war immer gleich bereit zu Schlaͤgereien oder zu Luſtbarkeiten; in ſeinem gan⸗ zen Weſen lag mehr Neigung zum Unfug, als ei⸗ gentliche Bosheit, und, bei aller ſeiner gewaltigen Rohheit, doch eine ſtarke Ader leichtfertiger Gut⸗ muͤthigkeit zum Grunde. Er hatte drei oder vier luſtige Geſellen ſeines Kalibers, welche ihn als ihr Muſter betrachteten, an deren Spitze er die Ge⸗ gend durchſtrich, und die bei keinem Handel und keiner Luſtbarkeit zehn Meilen in der Runde fehlten. Bei ) Knochen Brom. 330 kaltem Wetter konnte man ihn an einer Pelzmuͤtze erkennen, mit einem loſen Fuchsſchwanz oben dar⸗ uͤber, und wenn die Landleute bei irgend einer all⸗ gemeinen Verſammlung dieſe wohlbekannte Helm⸗ zierde aus einem Haufen gewaltiger Reiter hervor⸗ winken ſahen, ſo gingen ſie gewiß aus dem Wege, denn ſonſt gab es einen Sturm. Zuweilen hoͤrte man ſeine Mannſchaft in der Mitternacht mit einem gewaltigen Geſchrei und Halloh, wie einen Trupp Doniſcher Koſacken, bei den Pachterhaͤuſern vorbei⸗ ſprengen, und die alten Frauen pflegten dann, aus ihrem Schlafe aufgeſchreckt, einen Augenblick auf⸗ zuhorchen, bis das Getuͤmmel vorbeigeraſſelt war, und riefen dann:„das iſt Brom Bones mit ſeiner Bande!“ Die Nachbarn betrachteten ihn mit einer Miſchung von Furcht, Bewunderung und Zunei⸗ gung, ſchuͤttelten, ſobald irgend ein toller Streich oder eine Schlaͤgerei in der Gegend vorfiel, jedes⸗ mal den Kopf, und meinten, dahinter ſtecke gewiß wieder Brom Bones. Dieſer wuͤſte Held hatte ſeit einiger Zeit die bluͤhende Katrina zum Gegenſtande ſeiner plumpen Galanterien auserſehen, und obgleich ſeine Zaͤrtlich⸗ keiten etwas von den zarten Liebkoſungen und Schmeicheleien eines Baͤren an ſich hatten, ſo wollte man doch wiſſen, daß ſie ihm nicht alle Hoffnung — 331 benehme. Gewiß iſt es, daß ſein Vortreten die Loſung fuͤr die uͤbrigen Bewerber war, ſich zuruͤck⸗ zuziehen, da dieſe keine Luſt hatten, einem Loͤwen bei ſeiner Liebe im Wege zu ſtehen; wenn man alſo Sonntag Abends ſein Pferd an van Taſſel's Stacket angebunden ſah, zum Zeichen, daß deſſen Herr im Hauſe den Hof mache, oder, wie man es nennt,„charmire“, ſo gingen alle uͤbrige Bewerber in Verzweiflung voruͤber und ſpielten den Krieg in eine andere Gegend. Dieß war der furchtbare Nebenbuhler, gegen den Ichabod Crane zu kaͤmpfen hatte, und, Alles genau betrachtet, wuͤrde ein Staͤrkerer als er zu⸗ ruͤckgetreten ſeyn, und ein Kluͤgerer verzweifelt ha⸗ ben. In ſeinem Charakter lag aber eine gluͤckliche Miſchung von Biegſamkeit und Beharrlichkeit; er war der Geſtalt und dem Geiſte nach wie ein ge⸗ ſchmeidiger Drath, nachgiebig, aber zaͤhe; obgleich er ſich bog, ſo brach er doch nicht, und obgleich er ſi ch bei dem leichteſten Drucke kruͤmmte, ſo war er doch huſch! wieder da, ſobald dieſer nicht mehr wirkte und trug dann ſeine Naſe ſo hoch, als vorher. Gegen ſeinen Nebenbuhler offen zu Felde zu zie⸗ hen, wuͤrde eine Tollheit geweſen ſeyn, denn dieſer war keinesweges der Mann, der ſich bei ſeinen Lieb⸗ ſchaften in die Queere kommen ließ, eben ſo wenig, 332 als jener ſtuͤrmiſche Liebhaber, Achilles. Ichabod be⸗ gann daher ſeine Bewerbungen auf eine ruhige und ſanfteinſchmeichelnde Weiſe. Unter dem Deckmantel ſeines Amts als Singelehrer ſtattete er haͤufige Be⸗ ſuche im Pachterhauſe ab; nicht, daß er von Seiten der Aeltern etwa die unangenehmen Einmiſchungen zu befuͤrchten gehabt haͤtte, welche ſo oft, auf dem Pfade der Liebenden, zum Steine des Anſtoßes werden. Balt van Taſſel war eine gute, nachſichtige Seele; er liebte ſeine Tochter noch mehr, als ſeine Pfeife, und ließ ihr, wie ein vernuͤnftiger Mann und treff⸗ licher Vater, allen moͤglichen Willen. Seine ſorg⸗ ſame kleine Frau hatte ebenfalls genug mit ihrem Hausweſen und ihrem Gefluͤgel zu thun, denn ſie pflegte ſehr meiſe zu bemerken, daß Enten und Gaͤnſe alberne Dinger waͤren, nach denen man zu ſe⸗ hen haͤtte, Maͤdchen aber ſich ſelbſt in Acht nehmen muͤßten. Waͤhrend alſo die geſchaͤftige Frau ſich im Hauſe umher tummelte, oder an dem einen Ende des Bogenganges ihr Spinnrad in Bewegung ſetzte, ſaß der ehrliche Balt, rauchte ſein Abendpfeif chen am andern, und beobachtete die Thaten eines kleinen hoͤlzernen Soldaten, der, mit einem Saͤbel in jeder Hand, auf der Dachſpitze der Scheune den Wind tapfer bekaͤmpfte. Ichabod betrieb unter⸗ deſſen ſeine Bewerbungen bei der Tochter, an dem —9— 333 Bache unter der großen Ulme, oder waͤhrend er mit ihr im Zwielicht, dieſer der Beredſamkeit der Liebenden ſo guͤnſtigen Stunde, ſpaziren ging. Ich geſtehe, daß ich es nicht weiß, wie man Frauenherzen eigentlich gewinnen und erobern kann. Fuͤr mich ſind ſie immer wahre Raͤthſel und Ge⸗ genſtaͤnde der Bewunderung geweſen. Einige ſchei⸗ nen nur Eine verwundbare Stelle oder Zugang zu haben, waͤhrend man zu Anderen auf tauſend Wegen gelangen, und ſie auf tauſend verſchiedene Arten ge⸗ winnen kann. Es zeugt allerdings von einer gluͤck⸗ lichen Gewandtheit, wenn man die erſten treffen kann; allein es giebt einen ungleich groͤßern Beweis von Feldherrntalent, wenn man ſich der letzteren zu bemeiſtern weiß, denn ein Mann muß, um die Fe⸗ ſtung zu erobern, eine jede Thuͤr und ein jedes Fen⸗ ſter mit Sturm einnehmen. Wer alſo tauſend ge⸗ woͤhnliche Herzen gewinnt, iſt immer ſchon einiges Ruhmes werth; wer ſich aber eine unumſchraͤnkte Macht uͤber das Herz einer Coquette zu verſchaffen weiß, iſt in der That ein Held. Gewiß iſt es, daß dieß nicht von dem furchtbaren Brom Bones gelten konnte; denn von dem Augenblicke, wo Icha⸗ bod Crane ſeine Bewerbung anfing, verlor der Letz⸗ tere auffallend; man ſah ſein Pferd nicht mehr an den Sonntagsabenden an das Stacket gebunden, 334 und eine toͤdtliche Fehde entſpann ſich allmaͤhlig zwi⸗ ſchen ihm und dem Schullehrer aus der ſchlaͤfrigen Schlucht. Brom, der eine Art roher Ritterlichkeit in ſei⸗ nem Weſen hatte, wuͤrde die Sache gern bis zum offenen Kriege getrieben, und die Anſpruͤche, welche Beide auf die Dame machten, nach Art jener kraͤf⸗ tigen und einfachen Logiker, der irrenden Ritter al⸗ ter Zeiten, durch einen Zweikampf ausgemacht ha⸗ ben; allein Ichabod kannte die Ueberlegenheit ſeines Gegners zu wohl, um gegen ihn in die Schranken zu treten; er hatte von der Drohung des Bones gehoͤrt:„daß er den Schulmeiſter zuſammenlegen, und auf den Schrank ſtellen wolle“, und er huͤtete ſich wol, ihm dazu Gelegenheit zu geben. Es lag etwas ungemein Verdrießliches in dieſem hartnaͤcki⸗ gen feindlichen Syſtem, und Brom blieb itzt nichts Anderes uͤbrig, als all' den rohen Muthwillen, welcher ihm zu Gebote ſtand, in Bewegung zu ſe— tzen, und ſeinem Nebenbuhler praktiſche baͤueriſche Streiche zu ſpielen. Ichabod ward itzt der Gegen⸗ ſtand der launenhafteſten Verfolgung von Seiten Bones' und ſeines Haufens verwegener Reiter. Sie beunruhigten ſein bis itzt ſo friedliches Gebiet, rauchten ſeine Singeſchule heraus, indem ſie den Schornſtein verſtopften, brachen bei Nacht in das — —— 335 Schulhaus, der furchtbaren Befeſtigung von Wei⸗ denruthen und Fenſterſtangen ungeachtet, und kehr⸗ ten das Unterſte zu Oberſt, ſo daß der arme Schul⸗ meiſter zu glauben anfing, daß die ſaͤmmtlichen Hexen aus der Nachbarſchaft hier ihren Sabbath hielten. Was aber bei weitem unangenehmer war, ſo benutzte Brom jede Gelegenheit, ihn in Gegen— wart ſeiner Geliebten laͤcherlich zu machen; er hatte einen ſchaͤndlichen Hund ſo abgerichtet, daß er auf die komiſchſte Art winſeln mußte, und fuͤhrte dieſen als einen Nebenbuhler Ichabod's ein, der ſie im Pſalmenſingen unterrichten ſollte. Auf dieſe Art waͤhrte die Sache eine Zeitlang, ohne daß die gegenſeitige Lage der ſtreitenden Maͤchte ſich weſentlich veraͤndert haͤtte. An einem ſchoͤnen Herbſtnachmittage ſaß Ichabod, in Gedanken ver⸗ ſunken, auf dem hohen Stuhle, von welchem er das, was in ſeinem kleinen wiſſenſchaftlichen Reiche vorging, zu beobachten pflegte. In ſeiner Hand hielt er einen Stecken, das Scepter der despoti⸗ ſchen Macht*). Das Birkenreis der Gerechtigkeit *) Im Originale ſteht a ferule. Dieß iſt das Inſtru⸗ ment, womit die Schulknaben in England auf die Hand Schläge empfangen, wenn ſie etwas verſehen haben(wie unſere Schulmeiſter ſich des Lineals zu bedienen pflegen), und der Name kommt daher, weil man ſich früher, nach einem aus dem klaſſtſchen Alterthum herrührenden Ge⸗ ruhte, auf drei Naͤgeln, hinter ſeinem Throne, ein beſtaͤndiges Schreckbild fuͤr alle Uebelthaͤter, waͤh⸗ rend auf dem Schreibpult vor ihm allerhand Contre⸗ bande und verbotene Waffen, welche bei den muͤſſi⸗ gen Buben gefunden worden, zu ſehen waren, z. B. halb verzehrte Aepfel, Knallbuͤchſen, Brummkreiſel, Fliegenkaͤfige, und ganze Legionen kleiner, aufrecht⸗ ſtehender, papierner Voͤgel. Allem Anſchein nach war erſt ganz kuͤrzlich eine ſehr eindrucksvolle Hand⸗ lung der Gerechtigkeit vorgenommen worden, denn die Schuͤler waren alle ſehr aufmerkſam mit ihren Buͤchern beſchaͤftigt, oder fluͤſterten hinter denſelben, mit einem Auge auf den Lehrer gerichtet, und eine Art ſummender Stille herrſchte in der ganzen Schul⸗ ube⸗ Dieſe ward ploͤtzlich durch die Erſcheinung eines Negers, in einer Jacke und weiten Beinklei⸗ dern von Packleinwand, und mit einem Bruchſtuͤck eines rundkoͤpfigen Hutes auf dem Kopfe, welches einem M erkurshute aͤhnlich ſah, unterbrochen, der auf einem ſtruppigen, wilden, halbzugerittenen Fuͤl⸗ len ſaß, das er, in Ermangelung eines Zaumes, mit einem Stricke lenkte. Er kam an die Thuͤr des Schulhauſes mit einer Einladung an Ichabod, an brauche, der dicken Stengel des Steckenkrauts(ferula com- munis) dazu bediente. Ueberſ. 337 an einer luſtigen Geſellſchaft oder einem„Luſt⸗Eſ⸗* ſen“*), welches an dieſem Abend bei Mynheer van Taſſel Statt haben ſollte, Theil zu nehmen, ſetzte, nachdem er ſeine Botſchaft mit der wichtigen Miene und mit dem Wortgepraͤnge, womit ein Neger kleine Sendungen dieſer Art immer auszurichten pflegt, uͤber den Bach, und ſprengte dann die Schlucht hinauf, voll von der Wichtigkeit und Eile ſeiner Botſchaft. In der noch vor Kurzem ſo ruhigen Schulſtube gerieth itzt Alles in Bewegung und Aufruhr. Die Schuͤler mußten ihre Lektion ſo ſchnell als moͤglich ſ durchmachen, ohne ſich bei Kleinigkeiten aufzuhalten; die Behenderen unter ihnen ͤberhuͤpften ungeſtraft. die Haͤlfte, und die Langſameren erhielten dann un 8 wann eine kraͤftige Ermunterung auf den Ruͤcken, ſie zur Eile anzutreiben und ihnen uͤber ein gro⸗ ßes Wort hinwegzuhelfen. Die Buͤcher wurden an die Seite geſchleudert, ohne ſie auf die Bretter zu *) Im Originale ſteht quilting frolick. Daß der Aus⸗ „ druck frolick eigentlich einen jeden luſtigen Streich, tollen Scherz, bedeutet, wird den des Engliſchen kundigen Le⸗ ſern nicht unbekannt ſeyn; was aber quilting(ſteppen) als Amerikaniſcher Provinzialismus bedeutet, weiß ich nicht, und habe es daher, nach dem Gebrauche in Glouceſterſhire in England, wo quilt für swallow, hinunterſchlucken, gilt, zu überſetzen geſucht. Ueberſ. Skizzenbuch II. N — 338 ſtellen, Dintefaͤſſer umgeworfen, Baͤnke umgeſtuͤrzt, und die ganze Schule eine Stunde fruͤher als ge⸗ woͤhnlich entlaſſen, ſo daß ſie wie eine Legion jun— ger Daͤmonen herausſtuͤrzte, und aus Freude uͤber ihre zeitige Freilaſſung laut belferte und tobte. Der zierliche Ichabod brachte itzt wenigſtens eine halbe Stunde laͤnger, als ſonſt, bei der Toi⸗ lette zu, buͤrſtete und putzte ſeinen beſten, ſo wie uͤberhaupt einzigen, verſchoſſenen Anzug heraus, und brachte ſein Haar vor einem Stuͤck zerbrochenen Spiegel in Ordnung, das im Schulhauſe hing. Damit er vor ſeiner Gebieterin als ein wahrer Rit⸗ ter erſcheine; lieh er ſich ein Pferd von dem Pach⸗ ter, bei welchem er gerade wohnte, einem choleri⸗ ſchen alten Hollaͤnder, Namens Hans van Ripper, und zog nun, ſtattlich im Sattel, aus, wie ein irren⸗ der Ritter, der auf Abenteuer ausgeht. Ich muß indeſſen, nach der wahren Romanenart, einen ge⸗ naueren Bericht uͤber das Ausſehen und die Ausſtaf⸗ firung meines Helden und ſeines Roſſes erſtatten. Das edle Thier, welches ihn trug, war ein un⸗ brauchbares Ackerpferd, welches beinahe nichts mehr behalten hatte, als ſeine Fehler. Es war hager und rauh, hatte einen Schafshals und einen Hammer⸗ kopf; ſeine roſtige Maͤhne und der Schweif waren verwickelt und voller Kletten; ein Auge hatte die Sehe 339 verloren und ſtarrte geiſtermaͤßig, in dem andern aber lag eine wahre Teufelsglut. In ſeiner Ju⸗ gend mußte es indeſſen Feuer und Kraft gehabt ha⸗ ben, wenn man nach ſeinem Namen haͤtte urthei⸗ len ſollen; es hieß Gunpowder*). Es war in der That das Lieblingspferd ſeines Herrn, des choleri⸗ ſchen van Ripper, geweſen, der ein wilder Reiter war, und hoͤchſt wahrſcheinlich dem Thiere etwas von ſeinem eigenen gewaltigen Geiſte mitgetheilt hatte, denn ſo alt und unbrauchbar es auch ausſah, ſo hatte es doch mehr den Teufel im Nacken, als irgend ein junges Fuͤllen im Lande. Ichabod's Geſtalt paßte ſich zu einem ſolchen Roſſe. Er ritt mit kurzen Steigbuͤgeln, wodurch ſeine Knie beinahe bis an den Sattelknopf kamen; ſeine ſpi⸗ tzen Elbogen ſtanden heraus wie die Beingelenke eines Grashuͤpfers, er trug ſeine Peitſche wie ein Zepter ſenkrecht in der Hand, und die Bewegung ſeiner Arme glich, als ſein Pferd dahinzuckelte, dem Schla⸗ gen eines Paares von Fluͤgeln. Ein kleiner wollener Hut ruhte oben auf der Naſenwurzel, denn ſo konnte man den ſchmalen Streifen von Stirn wol nen⸗ nen, den er hatte, und die Schöße ſeines ſchwarzen Rocks flogen beinahe bis an den Schweif des Pfer⸗ *) Schießpulver. 340— des. So ſahen Ichabod und ſein Roß aus, als ſie aus dem Thore Hans van Ripper's herausſtolper⸗ ten, und das Ganze gewaͤhrte eine Erſcheinung, wie man ſie ſelten am hellen Tageslichte zu Geſicht be— kommt. Es war, wie ich geſagt habe, ein ſchoͤner Herbſt⸗ tag; der Himmel war klar und heiter, und die Na— tur trug das ſchoͤne und goldene Kleid, mit welchem wir immer, in Gedanken, den Begriff des Ueber⸗ fluſſes verbinden. Die Waͤlder hatten ſich in ihr geſetztes Braun und Gelb gekleidet, waͤhrend einige Baͤume von der zarteren Art durch den Froſt ſchon glaͤnzende Orangen⸗, Purpur⸗ und Scharlachtinten erhalten hatten. Dahinziehende Reihen wilder En⸗ ten fingen an, ſich in der Luft ſehen zu laſſen; das Bellen des Eichhoͤrnchens*) ließ ſich aus den Ge⸗ buͤſchen von Birken und Wallnußbaͤumen), und der nachdenkliche Schlag der Wachtel von Zeit zu Zeit von dem benachbarten Stoppelfelde her ver⸗ nehmen. Die kleineren Voͤgel hielten ihre Abſchiedsgaſt⸗ mahle. In der Fuͤlle ihrer Schwelgerei flatterten 29 ſ. oben meine Anmerk. S. 318. Ueberſ. **) Nicht unſer Europäiſche Wallnußbaum(juglans regia), ſondern der Amerikaniſche oder Hickorynußbaum(juglans alba). Ueberſ. — — 341 ſie, zirpend und muthwillig, von Buſch zu Buſch, von Baum zu Baum, und der Ueberfluß und die Mannigfaltigkeit um ſie her ſchienen ſie noch mehr zu beleben. Da war das ehrliche Rothkehl⸗ chen, das Lieblingswild angehender Jaͤger, mit ſei⸗ nem klagenden Tone; die zwitſchernden Amſeln, welche in den dunkelen Wolken umherflogen, und der goldgefluͤgelte Specht mit ſeinem hochrothen Feder⸗ buſch, ſeiner breiten ſchwarzen Halskrauſe und ſeinem glaͤnzenden Gefieder; der Cedervogel mit ſeinen Fluͤgeln mit rothen Spitzen, ſeinem Schwanze mit gelber Spitze, und ſeiner kleinen Jaͤ⸗ germuͤtze von Federn, und der blaue Holzhaͤher, die⸗ ſer laͤrmende Geſelle, in ſeinem ſtattlichen hellblauen Rocke und weißen Unterkleidern, wie er ſchrie und ſchnatterte und nickte und ſich wiegte und ſich beugte, und that, als ob er mit jedem Saͤnger des Waldes auf gutem Fuße ſtehe. Waͤhrend Ichabod ſo ſeines Weges langſam: wei⸗ ter zog, ſtreifte ſein Auge, das immer fuͤr jedes Anzeichen von leiblichem Ueberfluß geoͤffnet war, mit Entzuͤcken uͤber die Schaͤtze des froͤhlichen Herb⸗ ſtes dahin. Auf allen Seiten ſah er eine große Menge von Aepfeln; manche hingen in erdruͤcken⸗ dem Ueberfluß an den Baͤumen; andere wurden in Koͤrbe und Faͤſſer gepackt, um zu Markte gebracht 342 zu werden; noch andere waren in hohen Haufen aufgethuͤrmt, um unter die Ciderpreſſe zu kommen. Weiterhin ſah er große Felder mit tuͤrkiſchem Wai⸗ tzen beſetzt, deren goldenen Kolben aus ihren blaͤtterreichen Umhuͤllungen hervorblickten und Ku⸗ chen und weichen Pudding verhießen; gelbe Kuͤr⸗ biſſe, darunter liegend, welche ihre glatten run⸗ den Baͤuche der Sonne zuwendeten und die ſchoͤnſten Ausſichten auf die prachtvollſten Paſte⸗ ten eroͤffneten; dann kam er bei den duftenden Buchwaizenfeldern voruͤber, welche den Geruch des Bienenkorbes von ſich gaben, und als er ſie be⸗ trachtete, bemaͤchtigte ſich ſeines Geiſtes eine ſuͤße Ahnung von den koͤſtlichen, wohl mit Butter be⸗ ſchmierten, mit Honig oder Syrup uͤberlegten Ka⸗ latſchen, welche ihm die zarte, kleine, mit Gruͤbchen gezierte Hand Katrina's van Taſſel darreichen wuͤrde. Indem er ſo ſein Gemuͤth mit manchen ange⸗ nehmen und ſuͤßen Vermuthungen naͤhrte, ritt er laͤngs einer Reihe von Huͤgeln hin, von welchen man eine Ausſicht auf einige der angenehmſten Ge⸗ genden an dem maͤchtigen Hudſon hat. Die Sonne bewegte allmaͤhlig ihre glaͤnzende Scheibe dem We⸗ ſten zu. Der weite Schooß der Tappaan⸗Zee Iag unbeweglich und ſpiegelglatt da, ausgenon men, daß —. — dann und wann der blaue Schatten der entfernten Berge ſich auf den ſanften Wellen ſchaukelte, und * ſich dadurch verlaͤngerte. Einige wenige hochgelbe Wolken wogten am Himmel hin, ohne daß ein Luͤft⸗ chen ſie bewegt haͤtte; der Horizont hatte eine ſchoͤne goldartige Faͤrbung, welche ſich allmaͤhlig in ein rei⸗ nes Apfelgruͤn, und daraus in das tiefe Blau des Aethers verwandelte. Ein einzelner Strahl ver⸗ 3 weilte noch auf den bewaldeten Spitzen der Anhoͤhen, welche uͤber einige Theile des Fluſſes hinuͤberragten, und dem Dunkelgrau und Purpur ihrer Felsab⸗ haͤnge ein groͤßeres Dunkel verliehen. In der Ent⸗ V fernung ſegelte langſam eine Schaluppe dahin, welche aaͤſig mit der Fluth fort trieb, waͤhrend ihr Se⸗ G gel unnuͤtz am Maſt hing; und wie der Wieder⸗ ſchein des Himmels ſich in dem ſtillen Waſſer ſpie⸗ gelte, ſchien es, als ob das Schiff in der Luft 3 hinge.. 85 Der Abend war ſchon herangenaht, als Icha⸗ 4 bod vor der Burg des Herrn van Taſſel anlangte, die er mit dem Stolz und der Bluͤthe der umlie⸗ genden Gegend angefuͤllt fand. Alte Paͤchter, ein mageres, lederngeſichtiges Geſchlecht, in Roͤcken und Beinkleidern von eigengemachtem Zeuge, blauen Struͤmpfen, großen Schuhen und prachtvollen zin⸗ 1 nernen Schnallen; ihre lebendigen verbluͤhten klei⸗ 1 — — 5 A 344 nen Frauen in dicht anſchließenden Hauben, kurzen Kleidern mit langen Taillen, ſelbſtgeſponnenen Ro⸗ cken, uͤber welche Scheere und Nadelkiſſen und die bunten kattunenen Taſchen herabhingen; dralle Maͤdchen, beinahe ſo altvaͤteriſch ausſehend, als ihre Muͤtter, ausgenommen da, wo ein Strohhut, ein ſchoͤnes Band, oder pielleicht ein weißes Kleid auf eine Neuerung von der Stadt aus hindeuteten. Die Soͤhne gingen in kurzen Roͤcken mit viereckten Schoͤ⸗ ßen und Reihen von ungeheuren metallenen Knoͤ⸗ pfen einher, das Haar in der Regel nach der Mode der Zeit eingeflochten, beſonders wenn ſie zu dem Zweck eine Aalhaut erhalten konnten, da dieſe in der ganzen Gegend als beſonders ſtaͤrkend fuͤr das Haar, und deſſen Wuchs befoͤrdernd, angeſehen wurde. Brom Bones war indeſſen der Held des Schau⸗ platzes, da er zu der Verſammlung auf ſeinem Lieb⸗ lingshengſt Daredevil*), einem Geſchoͤpfe gekom⸗ men war, das, wie er ſelbſt, voll Feuer und Un⸗ heil ſteckte, und das Niemand, als er, zu regie⸗ ren im Stande war. Es war in der 2haee kannt, daß er immer nur boͤſe Thiere waͤhlte, we che allen Arten von Tuͤcken ergeben waren und den Reiter immer in Lebensgefahr erhielten, indem er — *) Trotz dem Teufel. —— 345 ein lenkſames, wohlzugerittenes Pferd als eines Burſchen von Geiſt durchaus unwuͤrdig hielt. Gern wuͤrde ich bei der Welt von Reizen ver⸗ weilen, welche ſich dem entzuͤckten Blicke meines Helden darſtellte, als er in das Putzzimmer von van Taſſel's Hauſe trat. Dieß waren indeß nicht die eines Haufens draller Moͤdchen in friſcher Fuͤlle ihrer weiß und rothen Geſichter, ſondern die maͤch⸗ tigen Reize eines echten Hollaͤndiſchen Theetiſches in der reichlichen Herbſtzeit. Welch' aufgehaͤufte Teller mit verſchiedenen, faſt unbeſchreibbaren Ku⸗ chenarten, wie ſie nur die erfahrenen Hollaͤn⸗ diſchen Hausfrauen kennen! Da war die kraͤf⸗ tige Teignuß, der zarte Oelkuchen und der krauſe und broͤckelnde Krauskuchen, ſuͤße und kurze Kuchen, Pfefferkuchen und Honigkuchen, und die ganze Fa⸗ milie der Kuchen. Und dann gab es noch Apfel⸗ paſteten und Pfirſichpaſteten und Kuͤrbispaſteten, und außerdem koͤſtliche Schuͤſſeln mit eingemachten Pflaumen und Pfirſichen und Birnen und Quit⸗ AAder gebratenen Alſen und der gebackenen Huͤhner aicht zu gedenken, ſo wie der Schalen mit Milch und Sahne dazwiſchen, alles bunt untereinandergemiſcht, ungefaͤhr wie ich es aufgezaͤhlt habe, dazwiſchen die hausmuͤtterliche Theekanne, die ihre Dampfwolken mitten daraus emporſteigen ließ— Gott ſegne dieß 346— Zeichen! Ich bedarf Athem und Zeit, dieſen Schmaus zu eroͤrtern, wie er es verdient, und bin zu begie⸗ rig, an das Ende meiner Erzaͤhlung zu gelangen.— Gluͤcklicherweiſe hatte Ichabod Crane keine ſo große Eil', wie ſein Geſchichtſchreiber, ſondern ließ jedem Leckerbiſſen volle Gerechtigkeit widerfahren. Er war ein gutmuͤthiges und dankbares Weſen, deſſen Herz ſich ganz in dem Maße erweiterte, wie ſein Leib ſich mit Speiſe anfuͤllte, und der bei dem Eſſen auflebte, wie dieß mit Anderen bei dem Trin⸗ ken der Fall iſt. Er konnte ſich auch nicht enthal⸗ ten, waͤhrend des Eſſens ſeine großen Augen um⸗ hergehen zu laſſen, und in ſich uͤber die Moͤglichkeit zu lachen, daß er dereinſt der Herr und Eigenthuͤ⸗ mer dieſes ganzen Schauplatzes von beinahe undenk⸗ licher Pracht und Glanz ſeyn koͤnnte. Dann dachte er daran, wie bald er dem alten Schulhauſe Valet ſagen, Hans van Ripper und allen uͤbrigen knau⸗ ſrigen Goͤnnern ein Knipchen ins Geſicht ſchlagen, und jeden reiſenden Schulmeiſter, der ihn College zu nennen ſich erdreiſten moͤchte, zur Thuͤr hinaus⸗ werfen wollte!. Der alte Baltus van Taſſel bewegte ſich unter ſeinen Gaͤſten mit einem von Zufriedenheit und gu⸗ ter Laune verklaͤrten, und, wie der Erntemond, run⸗ den und vollen Geſichte umher. Seine gaſtfreien ℳ 8 4 347 Aufmerkſamkeiten waren kurz, aber ausdrucksvoll, und beſchraͤnkten ſich auf einen Haͤndedruck, einen Schlag auf die Schulter, ein lautes Lachen, und eine angelegentliche Auffoderung:„zuzulangen und ſich zu bedienen.“ Itzt aber lud der Ton der Muſik aus dem Sprachzimmer oder dem Saale zum Tanze ein. Der Muſiker war ein alter, graukoͤpfiger Neger, der ſeit laͤnger als einem halben Jahrhundert das wandernde Orcheſter der Nachbarſchaft geweſen war. Sein Inſtrument war ſo alt und gebrechlich, als er ſelbſt. Die meiſte Zeit uͤber kratzte er auf zwei oder drei Saiten, wobei er jeden Strich des Bogens mit ei⸗ ner Bewegung des Kopfes begleitete, ſich beinahe bis zur Erde bog, und mit dem Fuß ſtampfte, ſo⸗ bald ein neues Paar anfangen ſollte. Ichabod that ſich auf ſeinen Tanz eben ſo viel zu Gute, als auf ſeine Stimme. Kein Glied, keine Faſer an ſeinem ganzen Koͤrper war dabei muͤſſig, und wer ſeine locker zuſammenhangenden Glieder in voller Bewegung geſehn und im Zimmer umher⸗ raſſeln gehoͤrt haͤtte, wuͤrde geglaubt haben, daß St. Veit ſelbſt, der gebenedeite Patron des Tan⸗ zes, in eigener Perſon hier auftraͤte. Er war der Gegenſtand der Bewunderung aller Neger, die, von allen Altern und Geſtalten, aus der Meierei und der — ᷣ- 348 Nachbarſchaft herbeigekommen waren und an jeder Thuͤr und jedem Fenſter eine Pyramide glaͤnzend ſchwarzer Geſichter bildeten, wobei ſie ihre weißen Augen hin und her rollten, und den Mund, mit Reihen von Zaͤhnen wie Elfenbein beſetzt, von einem Ohr zum andern aufriſſen. Wie konnte auch der Bubenpeitſcher anders, als lebendig und froͤhlich ſeyn? Die Geliebte ſeines Herzens war ſeine Taͤn⸗ zerin, und laͤchelte holdſelig zu allen ſeinen verlieb⸗ ten Blicken, waͤhrend Brom Bones, gequaͤlt von Liebe und Eiferſucht, in ſich ſelbſt hineinbruͤtend in einem Winkel ſaß. Als der Tanz zu Ende war, fuͤhlte ſich Icha⸗ bod zu einem Haufen beſonnener Leute hingezogen, welche mit dem alten van Taſſel rauchend an dem einen Ende der Vorhalle ſaßen, von fruͤheren Zeiten ſchwatzten, und lange Geſchichten aus dem Kriege erzaͤhlten. Dieſe Gegend! war zu der Zeit, von welcher ich rede, einer von den gluͤcklichen Orten, welche mit geſchichtlichen Erinnerungen und großen Maͤnnern reich geſegnet ſind. Englaͤnder und Amerikaner hatten, waͤhrend des Krieges, nicht weit davon ſich getummelt, und dieſer Strich war mithin der Schau⸗ platz aller Plaͤnkeleien und voll von Fluͤchtlingen, 349 Kuhjungen*) und allen uͤbrigen Grenzrittern gewe⸗ ſen. Auch hatte dies Alles gerade vor ſo langer Zeit ſich ereignet, daß jeder Erzaͤhler ſeine Maͤhr mit den noͤthigen Zufaͤtzen ausſchmuͤcken, und, bei der Unbeſtimmtheit ſeiner Erinnerung, ſich zum Helden einer jeden That machen konnte.. So gab es hier die Geſchichte von Doffue Martling, einem gewaltigen blaubaͤrtigen Hollaͤnder, der mit einem alten Neunpfuͤnder, welcher auf einer Lehmſchanze ſtand, beinahe eine engliſche Fregatte weg⸗ genommen haͤtte, wenn nicht ſeine Kanone bei dem ſechſten Schuß geſprungen waͤre. Es war ein alter Herr da, den ich nicht nennen will, weil er ein zu reicher Mynheer iſt, als daß man ihn ſo oben⸗ hin nur nennen koͤnnte, und der in der Schlacht von Whiteplains**), als ein guter Fechter, eine Musketenkugel mit dem Degen parirt, ſo daß er ſie ganz deutlich um die Klinge ſauſen und an dem Ge⸗ faͤße abſpringen gefuͤhlt hatte; auch war er, zur Be⸗ ſtaͤtigung dieſer Thatſache, jederzeit erboͤtig, den De⸗ *) Wahrſcheinlich ein Spoktname, den die Engländer den Amerikaniſchen Grenzmilizen gaben. Ueberf. **) Sie fand am 23. Oct. 1776 zwiſchen dem Engliſchen Heere unter Lord Howe, und dem Amerikaniſchen unter Ge⸗ neral Waſhington Statt, und ſiel zum Nachtheil des Letz⸗ tern aus. Ueberſ. 350— gen vorzuzeigen, woran man ſehen konnte, wie das Gefaͤß noch etwas verbogen war. Es waren hier auch noch mehrere Andere, die ſich eben ſo groß im Felde gezeigt hatten, und unter denen es gewiß kei⸗ nen gab, der nicht bei ſich vollkonnnen uͤberzeugt geweſen waͤre, daß er weſentlich dazu beigetragen habe, den Krieg gluͤcklich zu beendigen. Alles dieß war indeß nichts gegen die Geiſter⸗ und Erſcheinungsgeſchichten, welche itzt an die Reihe kamen. Die Gegend i*ſt reich an Sagenſchaͤtzen die⸗ ſer Art. Ortsſagen und Aberglaube gedeihen am be⸗ ſten in ſolchen abgelegenen, laͤngſt bewohnten Winkeln, werden aber von der ewig wandernden Menge, welche die Bevoͤlkerung unſerer meiſten laͤndlichen Ortſchaf⸗ ten bildet, unter die Fuͤße getreten. Ueberdieß giebt es fuͤr die Geiſter gar keine Ermunterung in un⸗ ſeren meiſten Doͤrfern, denn kaum haben ſie Zeit ge⸗ habt, ihren erſten Schlaf zu thun, und ſich im Grabe umzuwenden, ſo ſind ihre uͤberlebenden Freunde ſchon aus der Gegend hinweggewandert, ſo daß, wenn ſie ſich in der Nacht aufmachen, ihre Runde zu halten, ſie keinen Bekannten mehr fin⸗ den, dem ſie einen Beſuch abſtatten koͤnnten. Dieß iſt vielleicht die Urſach, warum wir ſo ſelten von Geiſtern hoͤren, ausgenommen in unſeren langbeſte⸗ henden Hollaͤndiſchen Gemeinen. 3 4 1 2 351 Die unmittelbare Urſach der vielen hier im Schwange gehenden uͤbernatuͤrlichen Geſchichten war aber, ohne Zweifel, die Naͤhe der ſchlaͤfrigen Schlucht. Es lag ſchon in der Luft, welche von dieſer bezau⸗ berten Gegend, her wehte, etwas Anſteckendes, und ſie entwickelte eine Atmoſphaͤre von Traͤu⸗ men und Einbildungen, welche das ganze Land an⸗ ſteckten. Mehrere von den Bewohnern der ſchlaͤf⸗ rigen Schlucht waren bei van Taſſel ebenfalls ge⸗ genwaͤrtig, und ſpendeten, wie gewoͤhnlich, ihre wil⸗ den und wundervollen Legenden aus. Man er⸗ zaͤhlte ſich manche ſchauerliche Geſchichte von Lei⸗ chenzuͤgen und Trauergeſchrei und Klagen, die man in der Gegend des großen Baumes geſehen und ge⸗ hoͤrt hatte, wo der ungluͤckliche Major André ge⸗ fangen genommen worden war, und der in der Naͤhe ſtand*). So erwaͤhnte man auch der weißen Frau, welche in der duͤſtern Schlucht von Raven Rock**) umginge, und die man oft in Winter⸗ .²) Major André war Adjutant des Engliſchen comman⸗ direnden Generals Clinton, und hatte mit dem Amerikani⸗ ſchen General Arnold heimlich um die Uebergabe der Fe⸗ ſtung Weſt⸗Point unterhandelt; er wollte verkleidet nach dem Engliſchen Lager zurückgehn, als er von Amerikaniſchen Milizen angehalten, und die Art ſeines Geſchäfts entdeckt wurde. Die Amerikaner behandelten ihn als einen Spion, und er wurde, ungeachtet aller Bemühungen von Seiten der Engländer, ihm das Leben zu retten, aufgehängt. Ueberſ. *) Dem Rabenfelſen. Ueberſ.„ 352— naͤchten vor einem Sturme wehklagen hoͤrte, da ſie dort einſt im Schnee umgekommen ſey. Der groͤ⸗ ßere Theil der Geſchichte drehte ſich indeſſen um das Lieblingsgeſpenſt aus der ſchlaͤfrigen Schlucht, den kopfloſen Reiter, den man erſt kuͤrzlich mehrere Male durch die Gegend hatte ziehen gehoͤrt, und der, wie man ſagte, allnaͤchtlich ſein Pferd unter den Graͤbern auf dem Kirchhofe anbände.. Die einſame, Lage der Kirche ſcheint ſie von jeher zu einem Lieblingstummelplatze unruhiger Gei⸗ ſter gemacht zu haben. Sie ſteht auf einem, von Acazien und hohen Ulmen umgebenen Huͤgel, zwi⸗ ſchen welchen ihre zuͤchtigen, weißgetuͤnchten Mauern beſcheidentlich hindurchblicken, wie die chriſtliche Reinheit, welche durch die Schatten der Einſamkeit ſtrahlt. Ein ſanfter Abhang fuͤhrt von derſelben zu einem ſilbernen Waſſerſpiegel hinunter, der mit. hohen Baͤumen beſetzt iſt, zwiſchen weſche man ein⸗ 4 zelne Durchſichten auf die blauen Huͤgel des Hud: ſon hat. Wenn man den mit Gras bewaliſe n Kirchhof betrachtet, wo die Sonnenſtrahlen ſo ru⸗ hig zu ſchlummern ſcheinen, ſo ſollte man glauben, daß hier wenigſtens die Todten ſanft ruhen koͤnn⸗ ten. Auf der einen Seite der Kirche zieht ſich eine große bewaldete Schlucht dahin, durch welche ein großer Bach zwiſchen gebröckelten Felſen und um⸗ 2 353 geſtuͤrzten Baumſtaͤmmen hinrauſcht. Ueber eine tiefe ſchwarze Stelle des Stromes, nicht weit von der Kirche, war ſonſt eine hölzerne Bruͤcke geſchla⸗ ggen; der Weg, welcher zu derſelben fuͤhrte, ſo wie die Bruͤcke ſelbſt, waren durch uͤberhangende Baͤume dicht beſchattet, welche ſelbſt bei Tage eine gewiſſe Duͤſterkeit danüber perbreiteten, bei Nacht aber eine furchtbare Dunkelheit veranlaßten. Dieß war eine der Lieblingsgegenden des kopfloſen Reiters, und der Ort, wo man ihm am haͤufigſten begegnete. So erzaͤhlte man auch die Geſchichte vom alten Brou⸗ wer, einem Manne, der zu den hartnaͤckigſten Gei⸗ ſterleugnern gehoͤrte, wie er dem Reiter begegnet, als dieſer von ſeinem Zuge nach der ſchlaͤfrigen Schlucht zuruͤckgekehrt ſey, und genoͤthigt war, ſich hinter ihm aufzuſetzen; wie ſie uͤber Stock und „Block, uͤber Huͤgel und Moraſt dahingaloppirt, bis ſie an die Bruͤcke kamen, wo ſich der Reiter ploͤtz⸗ lich in ein Geripp verwandelte, den alten Brouwer in den Baih warf, und unter lautem Donner uͤber die Baumwipfel dahinfuhr. Dieſer Geſchichte folgte unmittelbar darauf ein noch dreimal wunderbareres Abenteuer, das Brom . Bones ſelbſt zugeſtoßen war, der den galoppirenden Heſſen als einen Reiter nicht viel gelten laſſen wollte. Er verſicherte, daß, als er eines Abends 2 354 aus dem benachbarten Dorfe Sing⸗Sing zuruͤckge⸗ kehrt ſey, der naͤchtliche Reiter ihn eingeholt habe; er habe ſich erboten, mit ihm um eine Bowle Punſch um die Wette zu reiten, und wuͤrde ſie gewiß ge⸗ wonnen haben, da Daredevil das Geſpenſterroß weit hinter ſich gelaſſen, haͤtte nicht, gerade in dem Augenblicke, wo ſie an die Kirchenbruͤcke kamen, der Heſſe einen Satz gemacht, und waͤre in einer Feuer⸗ flamme verſchwunden. Alle dieſe Erzaͤhlungen, welche in dem ſchlaͤfri⸗ gen, halblauten Tone vorgetragen wurden, womit Maͤnner im Dunkeln reden, und wobei die Geſich⸗ ter der Zuhoͤrer nur dann und wann durch das Aufflammen einer Pfeife beleuchtet wurden, machten auf Ichabod's Gemuͤth einen tiefen Eindruck. Er vergalt ſie in gleicher Muͤnze durch weitlaͤuftige An⸗ fuͤhrungen aus ſeinem unſchaͤtzbaren Schriftſteller Cotton Mather, und fuͤgte manche wunderbare Be⸗ gebenheiten hinzu, welche in ſeinem Geburtsſtaate Connecticut ſich ereignet hatten, ſo wie Erzaͤhlun⸗ gen von den furchtbaren Geſichten, welche er bei ſeinen naͤchtlichen Wanderungen in der ſchlaͤfrigen Schlucht erblickt hatte. Die Geſellſchaft brach itzt allmaͤhlig auf. Die alten Pachter ſchichteten ihre Familien in ihre Wa⸗ gen ein, die man eine Zeitlang in den Hohlwegen ——— ——— 355 und uͤber die entfernten Huͤgel dahinrollen hoͤrte. Einige von den jungen Damen nahmen auf den Pferden ihrer Anbeter, hinter dieſen, auf Kiſſen, Mlatz, und ihr froͤhliches Gelaͤchter erſcholl, mit dem Geklapper der Hufe vermiſcht, in den ſtillen Wald⸗ gegenden wieder, wurde immer ſchwaͤcher und ſchwaͤ⸗ cher, bis es endlich ganz verhallte— und da, wo es noch vor kurzem ſo geraͤuſchvoll und froͤhlich ge⸗ weſen, tiefe Stille und Oede herrſchte. Nur Ichabod zoͤgerte noch, nach der Sitte der Liebhaber auf dem Lande, um mit der ſchoͤnen Erbin unter vier Au⸗ gen zu bleiben, vollkommen uͤberzeugt, daß er itzt auf dem beſten Wege zu ſeinem Gluͤcke ſey. Was bei dieſer Zuſammenkunft vorgegangen, kann ich nicht ſagen, weil ich es nicht weiß. Etwas muß indeſſen, wie ich beinahe beſorge, nicht ſo ganz richtig geweſen ſeyn, denn Ichabod kam, nach einem nicht langen Zeitraume, heraus, mit troſtbeduͤrftiger, muth⸗ loſer Miene.— O, die Weiber! die Weiber! Hatte das Maͤdchen ihm vielleicht einen ihrer Coquetten⸗ ſtreiche geſpielte— Hatte ſie den armen Paͤda— gogen bloß deswegen zu beguͤnſtigen geſchienen, um ſeinen Nebenbuhler den Preis ſicher davon tra⸗ gen zu laſſen? Der Himmel mag es wiſſen, ich nicht! Genug, Ichabod kam heraus, mit der Miene Jemandes, der auf einen Huͤhnerſtall, und nicht auf das Herz eines ſchoͤnen Maͤdchens einen An⸗ griff gemacht hat. Ohne ſich zur Rechten oder zur Linken umzuſehn und die laͤndlichen Reichthuͤmer um ſich her zu bemerken, nach denen er ſo oft hingeſchielt hatte, ging er gerade nach dem Stalle, und brachte durch einige derbe Puͤffe und Stoͤße ſein Roß ſehr unfreundlich von dem behaglichen Lager empor, auf dem es ruhig ſchlief und von ganzen Bergen von Korn und ganzen Waͤldern von Timotheus⸗Gras und Klee traͤumte. Es war gerade die Hexenſtunde der Nacht, als Ichabod, mit ſchwerem Herzen und geſunkenem Muthe, ſeine Heimreiſe antrat, an den hohen Huͤ⸗ geln hin, welche ſich uͤber Tarry Town erheben und zwiſchen denen er ſo froͤhlich am Nachmittage da⸗ hingeritten war. Die Stunde war ſo truͤbe, als er ſelbſt. Weit unter ihm breitete die Tappaan⸗Zee ihren ſinſtern und nur undeutlich ſichtbaren Waſſer⸗ ſpiegel aus, auf dem ſich hie und da der hohe Maſt einer Schaluppe erhob, welche ruhig am Lande vor Anker lag. In der Todtenſtille der Nacht konnte er ſogar das Gebell der Kettenhunde von dem ge⸗ genuͤberliegenden Ufer des Hudſon hoͤren; allein es klang ſo unbeſtimmt und ſchwach, daß er nur dar⸗ aus ſchließen konnte, wie weit er von dieſem treuen Gefaͤhrten des Menſchen entfernt ſey. Dann und — —— 357 wann ertoͤnte auch weit her von irgend einem Pach⸗ terhofe in den Huͤgeln das langgezogene Kraͤhen ei⸗ nes Hahns, der zufaͤllig erwacht war— aber es klang nur wie ein Ton des Traumes in ſein Ohr. Kein Lebenszeichen war in ſeiner Naͤhe zu bemer⸗ ken, als von Zeit zu Zeit das truͤbſinnige Zirpen einer Grille, oder vielleicht der Kehlton eines Bruͤll⸗ froſches aus einem benachbarten Moraſt, der ſo klang, als ſchliefe er unbehaglich, und habe ſich ploͤtzlich auf ſeinem Lager umgewendet. Alle Geſchichten von Geiſtern und Kobolden, welche er am Nachmittage gehoͤrt hatte, kamen ihm auf einmal wieder in den Sinn. Die Nacht ward immer dunkler, die Sterne ſchienen tiefer am Him⸗ mel zu ſinken, und dahintreibende Wolken entzogen ſie von Zeit zu Zeit ſeinen Blicken. Er hatte ſich nie ſo verlaſſen und ungluͤcklich gefuͤhlt. Ueberdieß naͤherte er ſich itzt dem Orte, wohin man mehrere von den Geiſtergeſchichten verlegt hatte. Mitten auf dem Wege ſtand ein ungeheurer Tulpenbaum, welcher wie ein Rieſe uͤber alle uͤbrige Baͤume in der Nachbarſchaft hinuͤberragte, und eine Art von Wahrzeichen bildete. Seine Zweige waren knorrig, von abenteuerlicher Geſtalt, und groß genug, um Staͤmme fuͤr gewoͤhnliche Baͤume zu bilden; ſie bogen ſich beinahe bis zur Erde hinab, und erhoben 358 ſich dann wiederum in die Luft. Er ſtand in Ver⸗ bindung mit der tragiſchen Geſchichte des ungluͤckli⸗ chen André, der dicht dabei zum Gefangenen ge⸗ macht worden, und war allgemein unter dem Na⸗ men Major André's Baum bekannt. Die gemeinen Leute betrachteten ihn mit einer Miſchung von Ehr⸗ furcht und Aberglauben, theils aus Antheil an dem Schickſale des ungluͤcklichen Mannes, theils wegen der Erzaͤhlungen von ſonderbaren Erſcheinungen, die man dort bemerkt, und der Klagetoͤne, die man dabei gehoͤrt haben wollte. 3 Indem Ichabod ſich dieſem furchtbaren Baume naͤherte, fing er an zu pfeifen. Er glaubte, daß ſein Pfeifen beantwortet wuͤrde, allein es war nur ein Windſtoß, der ſcharf durch die trockenen Zweige dahinrauſchte. Als er etwas naͤher kam, glaubte er, etwas Weißes zu erkennen, das in der Mitte des Baumes hinge. Er hielt an, und hoͤrte auf zu pfei⸗ fen; als er aber genauer hinſah, bemerkte er, daß dieß ein Fleck war, wo der Baum vom Blitze ge⸗ troffen worden und das weiße Holz ſichtbar war. Ploͤtzlich hoͤrte er ein Stoͤhnen— ſeine Zaͤhne klap⸗ perten und die Knie ſchlotterten ihm gegen den Sattel; es war nichts als der Ton, den die großen Aeſte hervorbrachten, wie ſie ſich, von dem Sturm bewegt, an einander rieben. Er kam gluͤcklich bei 359 dem Baume voruͤber; nun aber warteten ſeiner neue Gefahren. ungefaͤhr dreihundert Schritte von dem Baume durchſchnitt ein kleiner Bach den Weg, und ſloß in eine moraſtige, dicht beholzte Schlucht, welche unter dem Namen Wiley's Lache bekannt war. Ei⸗ nige rohe Holzbloͤcke, welche nebeneinander gelegt waren, dienten zur Bruͤcke uͤber dieſes Waſſer. An der Seite der Straße, wo der Bach ſich in das Gehölz verlor, verbreitete ein Haufe von Eichen und Kaſtanienbaͤumen, welche mit wildem Wein dicht durchflochten waren, eine hoͤhlenartige Duͤſterkeit daruͤber. Ueber dieſe Bruͤcke hinwegzukommen, war die ſchwerſte Pruͤfung. Gerade an dieſer Stelle war der ungluͤckliche André gefangen genommen wor⸗ den, und in dieſen Kaſtanienbaͤumen und Weinreben lagen die handfeſten Milizen verborgen, welche ihn uͤberfielen. Man hat dieß Waſſer von der Zeit an immer als unheimlich angeſehen, und der Schul⸗ knabe, welcher nach dem Eintritt der Daͤmmerung allein daruͤbergehen muß, empfindet keine geringe Furcht. Als er ſich dem Waſſer naͤherte, fing ihm das Herz an zu klopfen; er nahm indeſſen ſeine ganze Entſchloſſenheit zuſammen, gab ſeinem Pferde ein halbes Dutzend Rippenſtoͤße, und ſuchte raſch uͤber 360 die Bruͤcke zu kommen; ſtatt aber vorwaͤrts zu ge⸗ hen, machte das ſtoͤrriſche alte Thier eine Seiten⸗ bewegung, und rannte geradezu gegen die Umzaͤu⸗ nung. Ichabod, deſſen Furcht mit dem Verzuge wuchs, zog die Zuͤgel nach der andern Seite an und ſtieß wacker mit dem entgegengeſetzten Fuße; aber alles vergebens: ſein Roß ging zwar vorwaͤrts, aber nur, um auf der andern Seite des Weges in ein Dickicht von Brombeeren und Erlengeſtruͤpp hinein⸗ zulaufen. Der Schulmeiſter bearbeitete nun mit Peitſche und Sporn des alten Gunponder ſpitze Rippen, ſo daß dieſer ſchnaubend und ſchnaufend vorwaͤrtsſchoß, dicht bei der Bruͤcke aber ſo ploͤtz⸗ lich Halt machte, daß ſein Reiter beinahe uͤber ſei⸗ nen Kopf hinweggeſtuͤrzt waͤre. Gerade in dieſem Augenblick vernahmen Ichabod's feine Ohren ein Getrampel in dem Moraſt an der Bruͤcke. In dem dunkeln Schatten des Gebuͤſches ſah er am Ufer des Baches etwas Gewaltiges, Unfoͤrmiges, Schwar⸗ zes und Thurmhohes. Es bewegte ſich nicht, ſondern ſchien in dem Dunkel zuſammengezogen, wie ein rieſenhaftes Ungeheuer, das im Begriff iſt, ſich auf den Reiſenden zu ſtuͤrzen. Das Haar des erſchrockenen Paͤdagogen ſtraͤubte ſich vor Furcht auf ſeinem Kopfe. Was ſollte er thun? Umzukehren und zu fliehen war itzt zu ſpaͤt, und 36141 und welche Moͤglichkeit gab es außerdem, einem Geiſte oder Kobold, wenn dieß ein ſolcher war, zu entgehen, da dieſem die Fluͤgel des Windes zu Ge⸗ bote ſtanden? Indem er alſo eine Art von Muth faßte, fragte er ſtammelnd:„wer ſeyd Ihr?”“ Er erhielt keine Antwort. Er wiederholte ſeine Frage mit noch bewegterer Stimme. Noch immer keine Antwort. Abermals zerpruͤgelte er des unbeugſamen Gunponder's Flanken, und ſtimmte, indem er die Augen ſchloß, mit unwillkuͤhrlicher Inbrunſt eine Pſalmmelodie an. In dieſem Augenblick ſetzte ſich der dunkele Gegenſtand des Schreckens in Bewegung, und ſtand mit einem Ruck und einem Sprunge ploͤtz⸗ lich mitten auf dem Wege. Obgleich die Nacht dunkel und ſchauerlich war, ſo ward doch itzt die Geſtalt des Unbekannten einigermaßen kenntlich. Er ſchien ein Reiter von gewaltiger Groͤße zu ſeyn, und ein maͤchtiges ſchwarzes Pferd zu reiten. Er machte keine Bewegung, weder eine, die auf Belaͤſtigung, noch eine ſolche, die auf geſelliges Anſchließen hinge— deutet haͤtte, ſondern blieb, in einiger Entfernung, ſeitwaͤrts, und zuckelte auf der blinden Seite des alten Gunpowder, der itzt ſeine Furcht und Stoͤr⸗ rigkeit abgelegt hatte, fort. Ichabod, dem dieſer fremde mitternaͤchtliche Ge⸗ ſellſchafter nicht ſonderlich behagte, und dem das Skizzenbuch II. Q ‿ — . . 362 Abenteuer des Brom Bones mit dem galoppirenden Heſſen einfiel, trieb itzt ſein Roß an, in der Hoff⸗ nung, ihn hinter ſich zu laſſen. Der Fremde ließ indeß ſein Roß eben ſo ſchnell gehen. Ichabod hielt an, ritt Schritt, und dachte nun, hinten zu bleiben,— der Andere that dieß ebenfalls. Sein Herz fing an zu verzagen; er ſuchte ſeinen Pſalm wieder anzufangen, allein ſeine trockene Zunge klebte ihm am Gaumen, und er konnte keine einzige Strophe herausbringen. Es lag etwas in dem muͤr⸗ riſchen und finſtern Stillſchweigen ſeines beharrli⸗ chen Gefaͤhrten, das hoͤchſt geheimnißvoll und ent⸗ ſetzlich war. Die Urſach davon erklaͤrte ſich bald auf eine furchtbare Weiſe. Als Ichabod eine An⸗ hoͤhe hinaufritt, ſo daß die Geſtalt ſeines Rei⸗ ſegefaͤhrten itzt ganz frei zu ſtehen kam, wie ſie von rieſenhafter Groͤße und in einen Mantel ge⸗ huͤllt erſchien, ſah er zu ſeinem Entſetzen, daß ſie keinen Kopf hatte!— Sein Entſetzen wuchs aber noch, als er bemerkte, daß er den Kopf, der auf den Schultern haͤtte ſtehen ſollen, vor ſich auf dem Sat⸗ telknopfe trug. Itzt ſteigerte ſich ſein Schrecken zur Verzweiflung; er ließ Puͤffe und Stoͤße auf Gunpow⸗ der regnen, und hoffte, durch eine ploͤtzliche Bewe⸗ gung ſeinem Gefaͤhrten den Rang abzugewinnen— aber das Geſpenſt ſprengte eben ſo ſchnell dahin. 363 So ſauſeten ſie denn davon, durch Dick und Duͤnn, daß bei jedem Satze die Steine ſtoben, und die Funken flogen.— Ichabod's leichte Gewaͤnder flat⸗ terten in der Luft, indem er in der Angelegentlich⸗ keit ſeiner Flucht den langen duͤnnen Leib vorwaͤrts uͤber des Pferdes Kopf dahinſtreckte. Sie hatten nun den Weg erreicht, welcher ab⸗ waͤrts nach der ſchlaͤfrigen Schlucht fuͤhrt, aber Gun⸗ powder, der von einem Daͤmon beſeſſen zu ſeyn ſchien, machte, ſtatt die Straße zu verfolgen, eine entgegengeſetzte Wendung, und ſtuͤrzte links den Huͤgel hinunter. Dieſer Weg fuͤhrt durch eine ſan⸗ dige Schlucht, welche eine Viertelmeile lang von Baͤumen beſchattet iſt, bis da, wo er uͤber die Gei⸗ ſterbruͤcke geht, und dann dicht jenſeits derſelben der gruͤne Huͤgel ſich erhebt, auf welchem die weißge⸗ tuͤnchte Kirche ſteht. Bis itzt hatte der Schrecken, der ſich des Pfer⸗ des bemeiſtert, ſeinem unkundigen Reiter einen an⸗ ſcheinenden Vortheil bei dem Wettrennen gegeben, in dem Augenblick aber, wo er ungefaͤhr die Mitte der Schlucht erreicht hatte, ließ der Gurt des Sattels nach, und er fuͤhlte dieſen unter ſich entgleiten. Er ergriff ihn bei dem Knopfe und ſuchte ihn feſtzuhal⸗ ten, aber vergebens, ſo daß er gerade nur Zeit ge⸗ nug hatte, den alten Gunpowder um den Hals zu QA2 364 faſſen, worauf der Sattel zu Boden fiel, und er deutlich hoͤren konnte, wie ſein Verfolger daruͤber hintrabte. Auf einen Augenblick kam die Furcht vor Hans van Ripper's Zorn uͤber ſeine Seele— denn es war deſſen Sonntagsſattel; allein es war itzt keine Zeit, kleinlichen Beſorgniſſen Raum zu geben, der Kobold war ihm hart auf den Ferſen, und ein ſo wenig gewandter Reiter wie er, hatte Muͤhe, ſich auf dem Pferde zu erhalten, wobei er zuweilen auf der einen Seite, zuweilen auf der an⸗ dern herabglitt, und zuweilen auf den ſcharfen Ruͤckgrad ſeines Pferdes mit einer ſolchen Gewalt zu ſitzen kam, daß er in der That fuͤrchtete, mitten von einander geſpalten zu werden. Zu ſeiner Freude bemerkte er, daß eine Oeff⸗ nung in den Baͤumen ſichtbar werde, und daß mit⸗ hin die Kirchenbruͤcke nicht mehr fern ſeyn koͤnne. Das zitternde Abbild eines ſilbernen Sternes in dem Bache uͤberzeugte ihn davon, daß er ſich nicht geirrt habe. Schon ſah er die Mauern der Kirche zwiſchen den Baͤumen jenſeits hindurch glaͤnzen. Er erinnerte ſich des Ortes, wo Brom Bones geiſtiger Nebenbuhler verſchwunden war.„Wenn ich nur die Bruͤcke erreichen kann“, dachte Ichabod:„ſo bin ich in Sicherheit“. In dieſem Augenblick hoͤrte er das ſchwarze Roß dicht hinter ſich keuchen 365 und ſchnauben, ja, er glaubte ſeinen heißen Athem zu fuͤhlen. Noch ein krampfhafter Rippenſtoß und Gunpowder ſprang auf die Bruͤcke, polterte uͤber die toͤnenden Bretter, erreichte das entgegengeſetzte Ufer, und nun warf Ichabod einen Blick hinter ſich, um zu ſehen, ob ſein Verfolger, der Regel ge⸗ maͤß, nicht in eine Wolke von Feuer und Schwe⸗ fel verſchwinden wuͤrde. In dieſem Augenblick ſah er den Kobold ſich in den Steigbuͤgeln erheben und im Begriff, ihm ſeinen Kopf nachzuſchleudern. Icha⸗ bod ſuchte der furchtbaren Wurfwaffe auszuweichen, aber umſonſt. Sie kam, mit einem gewaltigen Krach, mit ſeinem Schaͤdel in Beruͤhrung— er ſtuͤrzte kopfuͤber in den Staub, und Gunpomder, das ſchwarze Roß und der geſpenſtige Reiter ſauſ'ten wie ein Wirbelwind vor ihm voruͤber. Am naͤchſten Morgen fand man das alte Pferd ohne Sattel, und mit dem Zaume unter den Fuͤ⸗ ßen, ganz ruhig vor ſeines Herrn Thuͤr im Graſe weiden. Ichabod erſchien nicht beim Fruͤhſtuͤck— die Mittagsſtunde kam, aber kein Ichabod. Die Knaben verſammelten ſich im Schulhauſe, und ſchlenterten muͤſſ am Bache umher, aber kein Schulmeiſter ließ ſich ſehen. Itzt fing Hans van Ripper uͤber das Schickſal des armen Ichabod und ſeines Sattels beſorgt zu werden an. Man erkun⸗ — —— 366 digte ſich und entdeckte, nach genauer Nachforſchung, ſeine Spuren. An einer Stelle des Weges, welcher nach der Kirche fuͤhrte, fand man den Sat⸗ tel in den Koth getreten; Spuren von Pferdehufen, die tief in den Weg eingedruͤckt waren, und offen⸗ bar von wilder Eile zeugten, konnte man bis zur Bruͤcke verfolgen, jenſeit welcher, am Uferende ei⸗ ner breiten Stelle des Baches, wo das Waſſer tief und ſchwarz war, man den Hut des ungluͤcklichen Ichabod und dicht dabei einen zertruͤmmerten Kuͤr⸗ bis fand. Man durchſuchte den Bach, konnte aber den Koͤrper des Schulmeiſters nicht auffinden. Hans van Ripper unterſuchte, als ſein Teſtamentsvollſtrecker, das Buͤndel, welches alle ſeine weltlichen Habſelig⸗ keiten enthielt. Dieſe beſtanden aus zwei und ei⸗ nem halben Hemde, zwei Halsbinden, einem oder zwei Paar wollenen Struͤmpfen, einem alten Paar kurzer mancheſterner Beinkleider, einem verroſteten Raſirmeſſer, einem Buche mit Pfalmmelodien, voll von Ohren, und einer zerbrochenen thoͤnernen Pfeife. Was die Buͤcher und Moͤbel im Schulhauſe betraf, ſo gehoͤrten ſie der Gemeine, mit Ausnahme von Cot⸗ ton Mather's Geſchichte der Zauberei, einem Kalender fuͤr Neu⸗England, und einem Buch uͤber Traͤume und Weiſſagungen, in welchem letztern ſich ein — 367 Bogen Schreibpapier befand, auf welchem mehrere verungluͤckte Verſuche von Verſen, zu Ehren der einzigen Erbin van Taſſel's, zu leſen waren. Dieſe Zauberbuͤcher und die poetiſchen Schmierereien uͤber⸗ gab Hans van Ripper ungeſaͤumt den Flammen; auch beſchloß er, von der Zeit an, ſeine Kinder gar nicht mehr in die Schule zu ſchicken, indem er meinte, daß er aus dem ſogenannten Leſen und Schreiben nie etwas Gutes haͤtte entſtehen ſehen. Das Geld, welches der Schulmeiſter beſaß(und er hatte ſeine vierteljaͤhrliche Bezahlung nur erſt vor einem oder zwei Tagen empfangen), mußte er bei ſeinem Verſchwinden bei ſich gehabt haben. Dieſe geheimnißvolle Begebenheit gab am fol⸗ genden Sonntage in der Kirche zu manchen Ver⸗ muthungen Anlaß. Haufen von muͤſſigen Zuſchauern und Klaͤtſchern verſammelten ſich auf dem Kirch⸗ hofe, an der Bruͤcke, und an der Stelle, wo man den Hut und den Kuͤrbis gefunden hatte. Man erinnerte ſich wieder der Geſchichten von Brou⸗ wer, von Bones und einer Unzahl von anderen, und nachdem man ſie alle gehoͤrig hin und her uͤber⸗ legt und mit allen Einzelheiten des gegenwaͤrtigen Falls verglichen hatte, ſchuͤttelten Alle den Kopf, und kamen endlich zu dem Schluß, daß Ichabod von dem galoppirenden Heſſen auf und davon ge⸗ 368 fuͤhrt worden ſey. Da er ein Junggeſell und Nie— manden etwas ſchuldig war, ſo bekuͤmmerte ſich Kei⸗ ner mehr um ihn; die Schule ward in eine andere Gegend der Schlucht verlegt, und ein anderer Paͤ⸗ dagog fuͤhrte an ſeiner Stelle das Zepter. Wahr iſt es, daß ein alter Pachter, der meh⸗ rere Jahre nachher nach New⸗York zum Beſuche hinunter geweſen war, und den man dieſe Geiſter⸗ geſchichte hatte erzaͤhlen hoͤren, die Nachricht mit— brachte, daß Ichabod Crane noch am Leben ſey; daß er, theils aus Furcht vor dem Geſpenſte und vor Hans van Ripper, theils aus Aerger uͤber den Korb, den er von der reichen Erbin erhalten, aus der Gegend gezogen; daß er ſich in einem entfernten Theile des Landes niedergelaſſen, eine Schule gehalten, und zu gleicher Zeit die Rechte ſtudirt habe, Advokat, Politiker und Waͤhler geworden, fuͤr die Zeitungen geſchrieben, und daß er endlich zum Richter in dem Zehn⸗Pfund⸗Gerichte*) ernannt worden ſey. Brom Bones, der kurz nach ſeines Nebenbuhlers Ver⸗ ſchwinden die bluͤhende Katrina triumphirend zum Altare fuͤhrte, machte, wie man bemerken wollte, *) Einem Gerichte, welches über alle die Sachen ent⸗ ſcheidet, wo der Gegenſtand an Geld nicht über 10 Pfd. beträgt.— Wir haben bekanntlich eine ähnliche Einrich⸗ tung für Sachen, wo das Objekt nicht mehr als 50 Rthlr. beträgt. Ueberſ. — S ee 369 immer eine ſehr ſchalkhafte Miene, ſobald man Icha⸗ bod's Geſchichte erzaͤhlte, und brach, wenn der Kuͤrbis erwaͤhnt wurde, immer in ein herzliches Gelaͤchter aus, woraus Einige ſchließen wollten, daß er von der Sache mehr wuͤßte, als er zu ſagen fuͤr gut faͤnde. Die alten Bauer⸗Weiber, welche in dieſen Sa⸗ chen die beſten Richterinnen ſind, behaupten indeß bis auf dieſen Tag, daß Ichabod auf uͤbernatuͤrli⸗ chem Wege verſchwunden ſey, und dieß iſt eine Lieblingsgeſchichte, welche ſehr oft in der Nachbar⸗ ſchaft bei dem Winterabendfeuer erzaͤhlt wird. Die Bruͤcke wurde mehr als je zum Gegenſtande der aberglaͤubiſchen Furcht, und dieß iſt vielleicht der Grund, warum man in neueren Zeiten den Weg verlegt hat, ſo daß man itzt bei dem Muͤhlbache vorbei nach der Kirche kommt. Das Schulhaus, das nun verlaſſen war, verfiel bald nachher; man ſagte, daß der Geiſt des ungluͤcklichen Paͤdagogen darin umgehe, und der Pfluͤgerknabe glaubt oft, wenn er an einem ſtillen Sommerabende nach Hauſe ſchlentert, ſeine Stimme in der Entfernung zu hoͤ— ren, wie er in der ruhigen Einſamkeit der ſchlaͤfri⸗ gen Schlucht eine truͤbſinnige Pſalmweiſe abſingt. 370 Nachſchrift von Herrn Knickerbocker's Hand. Die vorhergehende Erzaͤhlung habe ich beinahe mit denſelben Worten wiedergegeben, womit ich ſie bei einer Zuſammenkunft der Koͤrperſchaft in der alten Stadt der Manhattoes*⁵) erzaͤhlen hoͤrte, bei welcher mehrere von ihren weiſeſten und ausgezeich⸗ neteſten Buͤrgern zugegen waren. Der Erzaͤhler war ein angenehmer, ſchaͤbig, doch anſtaͤndig ausſe⸗ hender alter Herr, in Pfeffer⸗ und Salz⸗Kleidern und mit einem ſehr launigen Geſicht, und ich bin ge⸗ neigt zu glauben, daß er arm war— weil er ſo gern unterhaltend ſeyn wollte. Als er ſeine Geſchichte geendigt hatte, erſcholl großes Gelaͤchter und Bei— fall, beſonders von zwei oder drei Stellvertre⸗ tern von Aldermaͤnnern, welche den groͤßern Theil der Zeit uͤber geſchlafen hatten. Es war indeſſen auch ein langer, trockener alter Herr, mit buſchi⸗ gen Augenbraunen da, welcher die ganze Zeit uͤber ein ernſthaftes, faſt finſteres Geſicht machte, wo⸗ bei er zuweilen die Arme in einander ſchlug, den Kopf neigte und auf den Boden niederſah, als ob er einige Zweifel haͤtte. Er gehoͤrte zu den bedacht⸗ ſamen Leuten, welche immer nur dann lachen, wenn — *) New⸗York. 371 ſie guten Grund dazu haben, und wenn die Ver⸗ nunft und das Recht auf ihrer Seite ſind. Nach⸗ dem die uͤbrige Geſellſchaft von ihrer Froͤhlichkeit wieder zu ſich ſelbſt gekommen, und Alles wieder ſtill war, ſtuͤtzte er ſich mit einem Arm auf die Lehne ſeines Stuhls, ſtemmte den andern in die Seite, und fragte nun, mit einer leichten, aber un⸗ gemein weiſen Kopfbewegung, und indem er die Augenbraunen zuſammenzog, was denn eigentlich die Nutzanwendung der Geſchichte ſey, und was daraus hervorgehen ſolle? Der Erzaͤhler, welcher ſo eben, zur Erftiſchung nach ſeiner Anſtrengung, ein Glas Wein an die Lip⸗ pen ſetzen wollte, hielt einen Augenblick inne, be⸗ trachtete den Fragenden mit ſehr ergebener Miene, und bemerkte, indem er das Glas langſam auf den Tiſch ſetzte, daß die Geſchichte dahin abzwecke, ſtreng logiſch zu beweiſen: „Daß es keine Lage im menſchlichen Leben gebe, die nicht ihr Vortheilhaftes und Angenehmes haͤtte — wenn wir nur einen Scherz ſo nehmen, wie er iſt. „Daß mithin, wer mit geſpenſtiſchen Reitern um die Wette reitet, erwarten kann, einen ſchlim⸗ men Ritt zu machen. „Daß alſo, wenn ein Landſchulmeiſter von einer reichen Hollaͤndiſchen Erbin einen Korb bekommt, dieß ein ſicherer Schritt zu hoher Befoͤrderung im Staate iſt.” Der vorſichtige alte Herr zog ſeine Augenbrau⸗ nen, nach dieſer Erklaͤrung, noch zehnmal dichter zuſammen, als vorher, da dieſe ganze Schlußfolge ihm ſehr im Kopfe umherging, waͤhrend, wie ich zu bemerken glaubte, der in dem Pfeffer⸗ und Salz⸗ anzuge ihn mit einer Art von triumphirendem La⸗ cheln betrachtete. Endlich aͤußerte er, daß das Alles ſehr ſchöͤn ſey, daß ihm aber doch die Geſchichte etwas unwahrſcheinlich vorkomme— und es waͤren einer oder zwei Punkte darin, uͤber die er große Zweifel haͤtte. „Nun, mein Herr,“ erwiederte der Erzaͤhler, „was das betrifft, ſo glaube ich ſelbſt nicht die Haͤlfte davon.“ Die Zuſchrift ⁴*). Geh, kleines Buch, Gott ſchenk' dir guten Weg, Und laß vornehmlich ſeyn dieß dein Begehren, An Alle, die dich leſen oder hören: Daß, wo du dich geirrt, ſie freundlich dir ſich neigen, Und überall den rechten Weg dir zeigen. Chaucer's Belle Dame sans mercie. Der Verfaſſer kann bei dem Schluſſe des zweiten Bandes des Skizzenbuchs nicht umhin, es auszu⸗ ſprechen, wie ſehr er von der Nachſicht durchdrun⸗ gen iſt, womit man den erſten aufgenommen hat, ſo wie von der allgemein an den Tag gelegten Ab⸗ ſicht, ihn, als einen Fremden, mit Guͤte zu behan⸗ deln. Selbſt die Kritiker hat er, was auch Andere von ihnen ſagen moͤgen, als eine ganz beſonders milde und gutmuͤthige Menſchenart befunden. Es iſt wahr, daß Jeder von ihnen gegen einen oder zwei Abſchnitte ſeine Stimme erhoben hat, und daß dieſe einzelnen Ausnahmen, zuſammengenommen, wol auf eine allgemeine Mißbilligung ſeines Werks hinaus⸗ *) Im Originale ſteht l'Envoy. Chaucer ſcheint in England der Erſte geweſen zu ſeyn, der ſich des Wortes in dieſer Bedeutung bediente, ſowol um ein einzelnes, an eine be⸗ ſtimmte Perſon gerichtetes Gedicht, als auch um die Schluß⸗ ſtrophen damit zu bezeichnen, die ſich an dem Ende ſeiner größeren Gedichte befanden. Ueberſ.— 374 kommen duͤrften; es hat ihn jedoch dabei das getrö⸗ ſtet, daß er geſehen, wie das, was Einer beſonders getadelt hat, von einem Andern wieder eben ſo aus⸗ ſchließlich gelobt worden iſt, und ſo findet er, wenn er die Lobeserhebungen gegen den Tadel haͤlt, daß man ſein Werk, im Ganzen, weit uͤber Verdienſt ge⸗ prieſen hat. Er weiß ſehr wohl, daß er Gefahr laͤuft, von dieſer Gunſt ſehr viel einzubuͤßen, indem er die Rathſchlaͤge nicht befolgt, die man ihm ſo guͤtiger⸗ weiſe ertheilt hat, denn wenn man unentgeltlich ſo vielen guten Rath erhaͤlt, ſo iſt es wol immer Je⸗ mandes eigene Schuld, wenn er nicht den rechten Weg geht. Er kann, zu ſeiner Rechtfertigung, nur das anfuͤhren, daß er eine Zeitlang feſt entſchloſſen war, ſich in dem zweiten Bande ſeines Werks nach den Urtheilen zu richten, weſche uͤber den erſten gefaͤllt worden waren; allein er ward durch das Widerſpre⸗ chende dieſer vortrefflichen Rathſchlaͤge bald irre ge⸗ macht. Einer gab ihm den freundſchaftlichen Rath, das Scherzhafte zu vermeiden, ein Anderer nichts Pathetiſches anzubringen, ein Dritter verſicherte ihn, daß ſeine Schilderungen ganz leidlich waͤren, warnte ihn aber, ſich nicht mit Erzaͤhlungen zu be⸗ faſſen, waͤhrend ein Vierter behauptete, er habe eine ziemliche Fertigkeit, eine Geſchichte aufzuſtutzen, und ſey in der That ſehr unterhaltend, wenn er ernſt⸗ haft ſchreibe, irre ſich aber ſehr, wenn er nur im Geringſten glaube, daß er einen Funken Humor beſitze. 3 einen andern Weg verſchloß, ihm aber dafuͤr die uͤbrige Welt eröffnete, um darin umherzuſtreifen, ſetzte ihn alſo nicht wenig in Verwirrung, und er fand, daß, wenn er ihre ſaͤmmtlichen Rathſchlaͤge befolgen wolle, er geradezu ſtill ſtehen bleiben muͤſſe. So befand er ſich eine Zeitlang in großer Verlegen⸗ Der Rath ſeiner Freunde, von denen jeder iuim. 375 heit. Auf einmal kam ihm jedoch der Gedanke in den Sinn, ſo weiter zu wandeln, wie er angefan⸗ gen hatte; daß, da ſein Werk vermiſchten Inhalts und fuͤr verſchiedenartige Stimmungen geſchrieben ſey, man nicht fuͤglich erwarten koͤnne, Jemand werde mit dem Ganzen durchaus zufrieden ſeyn; daß aber, wenn es nur etwas fuͤr jeden Leſer enthielte, ſein Zweck vollkommen erreicht ſeyn wuͤrde*). Es giebt nur wenige Gaͤſte, welche ſich mit gleicher Vorliebe fuͤr jedes Gericht an einen mit verſchiede⸗ nen Speiſen beſetzten Tiſch niederlaſſen. Einer hat, als ein wohlerzogener Mann, einen Abſcheu vor Schweinbraten; einem Zweiten ſind alle Curry's oder geroͤſtetes und gepfeffertes Fleiſch**) in den Tod zuwider; ein Dritter kann den veralteten Ge⸗ ruch von Wildpret oder wildem Gefluͤgel nicht lei⸗ den, und ein Vierter, der einen wahrhaft maͤnnli⸗ chen Magen hat, blickt mit großer Verachtung auf alle die Leckerbiſſen, welche hie und da fuͤr die Damen aufgetiſcht werden. So giebt es keine Speiſe, welche nicht Dem oder Jenem zuwider waͤre, und doch kommt bei dieſen verſchiedenartigen Geſchmaͤcken ſel⸗ ten ein Gericht von dem Tiſche, ohne daß nicht Einer oder der Andere von den Gaͤſten es gekoſtet und gut gefunden haͤtte. G Bei dieſen Ruͤckſichten wagt nun der Verfaſſer, in dieſem zweiten Bande eben ſo ein Gemiſch auf⸗ zutragen, wie in dem erſten, wobei er nur ganz einfach den Leſer erſucht, ſich, wenn er hie und da etwas finden ſollte, was ihm gefaͤllt, verſichert zu *) Wir können uns nicht enthalten, dieſe Stelle einem gewiſſen vorlauten Deutſchen Kritiker zu empfehlen, der vor einiger Zeit in einem Süddeutſchen Blatte Irving's geiſtreiche Arbeiten, ſehr anſtändig, Flickwerk genannt hat. Ueberſ. *) a devil, wie es in der Engliſchen Küchenſprache beißt. Ueberſ. 4 376. halten, daß dieß ausdruͤcklich fuͤr verſtaͤndige Leſer, wie er einer iſt, geſchrieben worden, ihn aber bit⸗ tet, wenn er etwas findet, das ihm nicht anſteht, es als einen von denjenigen Abſchnitten hingehen zu laſſen, welche der Verfaſſer fuͤr Leſer von weniger feinem Geſchmacke hat ſchreiben muͤſſen. Doch, reden wir ernſthaft— der Verfaſſer iſt ſich der zahlreichen Fehler und Unvollkommenheiten ſeines Werkes vollkommen bewußt, und weiß ſehr wohl, wie wenig er in den Kuͤnſten der Schrift⸗ ſtellerei bewandert und erfahren iſt. Auch macht das Mißtrauen, welches aus ſeiner beſondern Lage ent⸗ ſpringt, daß dieſe Fehler noch ſtaͤrker hervortreten. Er ſchreibt in einem fremden Lande, und erſcheint vor einem Publikum, das er, von ſeiner Kindheit an, mit dem tiefſten Gefuͤhle der Ehrfurcht und Ehrerbietung betrachten gelernt hat. Er wuͤnſcht auf das angelegentlichſte, deſſen Beifall zu verdienen, fin⸗ det aber, daß alle dieſe Angelegentlichkeit ſeine Kraͤfte laͤhmt, und ihn der Leichtigkeit und des Zutrauens beraubt, welche noͤthig ſind, um ſich mit Erfolg an⸗ zuſtrengen. Nichts deſtoweniger veranlaßt ihn die Guͤte, mit der man ihn behandelt, fortzufahren, in der Hoffnung, daß er nach und nach feſten Fuß zu faſſen lernen werde, und ſo geht er immer weiter, hald dreiſt, halb ſchuͤchtern, erſtaunt uͤber ſein Gluͤck und verwundert uͤber ſeine Verwegenheit. — Gedruckt bei A. W. Schade in Berlin. * —— —