„ſͤ1 deutſcher, eugliſcher und franzöſiſcher Literatur 6 en Eduard Ollmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. i SSeeih- und Ieſebedingungen. 1 3 frensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 1 u Abends 8 Uhr offen. 3 l 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ bis f den angenommen. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet 2 wirr. 3 4. 3 8 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt.. für Shrhentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 5 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der * Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe a auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird bboeſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſt ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. Skizzenbuch von Gotrfried Crayon. Erſter Band. Von dem Verfaſſer dieſes Werks ſind folgende Schriften, in Ueberſetzungen von S. H. Spiker, in demſelben Verlage und in gleichmaͤßi⸗ ger Ausgabe erſchienen: — Bracebridge⸗Hall, oder die Charaktere. 2 Baͤnde. Jonathan Oldſtyle's Briefe. 3 Erzaͤhlungen eines Reiſenden. 2 Baͤnde. — 1 — Gottfried Crayon's Skizzenbuch. Ich habe keine Frau und keine Kinder, gut' oder böſe, für die ich ſorgen müßte. Ich bin ein bloßer Brobachter der Schickſale und Abenteuer anderer Leute, und ſehe zu, wie ſie ihre Rollen ſpielen, ſo, daß es mir gerade vorkommt, als ſtände ich vor einem gewöhnlichen Theater oder einer Schaubühne. Burton. — Aus dem Engliſchen des Mashington Irving uͤberſetzt von S. H. Spiker. Erſter Band. Berlin. verlegt bei Duncker und Humblot. — 18825. —————yy—— Inhalt des Erſten Bandes. Vorrede des Ueberſetzers..... GSGS. vlr. Vorbericht des Verfaſſers Des Verfaſſers Auskunft von ſich ſelbſt Die Seereiſe Roscoe Das Weib Nip van Winkle, eine nachgelaſſne Arbeit Diet Knickerbocker's. Engliſche Schriftſteller uͤber Amerika. Landleben in England Das gebrochene Herz. Die Buchmacherkunſt. Der koͤnigliche Dichter 109. 124. 136. 151. Die Dorfkirche.......... S. 179. Die Wittwe und ihr Sohn........ 190. Die Schenke zum Eberkopfe in Eaſtcheap. Eine Shakſpeareſche Unterſuchung...... 205. Die Wandelbarkeit der Litteratur. Ein Geſpraͤch in der Weſtminſter Abtei........ 231. Begraͤbniſſe auf dem Lande........ 255. Die Gaſthofskuͤche.(Einleitung zum Folgenden.) 279. Die Geiſterbraut........... 284. Die Weſtminſter Abtei Vorrede des Ueberſetzers. Es wird fuͤr das Deutſche Publikum nicht ohne Intereſſe ſeyn, durch die Erſcheinung einer Uebertra⸗ gung des fruͤheſten bedeutenderen Werkes des geiſtrei⸗ chen Amerikaners ſich in den Stand geſetzt zu ſehen, eine Vergleichung anzuſtellen, auf welche Weiſe er ſein vielſeitiges Talent in den Haupterzeugniſ⸗ ſen ſeiner Feder entwickelt hat. Wenn wir in Bracebridge⸗Hall die gluͤckliche Miſchung des Sentimentalen und Moraliſchen mit dem Humoriſtiſchen zu bewundern Urſach haben, ſo muͤſſen wir in den Erzaͤhlungen eines Rei⸗ ſenden dem gewandten und unterhaltenden Er⸗ zaͤhler volle Gerechtigkeit widerfahren laſſen. Auf VIII eine ganz verſchiedene Weiſe ſtellt ſich indeſſen das Skizzenbuch dar. Seinem Titel gemaͤß, giebt es eine Reihe mehr oder weniger ausge⸗ fuͤhrter Darſtellungen, von dem Stillleben bis zur vollendeten hiſtoriſchen Compoſition, von dem Gemuͤthlich⸗Einfachen bis zum Großartig⸗Leiden⸗ ſchaftlichen und Ergreifenden, jedes mit eben ſo großer Eigenthuͤmlichkeit als Meiſterſchaft aus⸗ gefuͤhrt, und, nach den Schauplaͤtzen und Umge⸗ bungen, auch in ſeiner beſonderen Faͤrbung er⸗ ſcheinend. In allen iſt jedoch das große Talent feiner und aufmerkſamer Beobachtung gleich er⸗ kennbar, wodurch der Verfaſſer ſich unter den neueren romantiſchen Schriftſtellern ſo bedeutend auszuzeichnen gewußt hat. Das Publikum erhaͤlt hier die erſte voll⸗ ſtaͤndige Uebertragung des Skizzenbuchs. Einzelne Abſchnitte, welche theils von dem Ueberſetzer ſelbſt, theils von Anderen in Zeitſchriften oder einzelnen Sammlungen bekannt gemacht worden ſind, haben vielleicht nur den unbedeutenderen Theil des Werkes IX kennen gelehrt. Was naͤmlich in dem Skizzenbuche auf eine ungemein anſprechende Weiſe hervortritt, ſind die poetiſchen Abſchnitte deſſelben, wenn man ſie ſo nennen darf, in denen naͤmlich, durch eine ſehr gluͤckliche Auswahl von Stellen aus Dich⸗ tern, das Ganze einen dichteriſchen Anklang er⸗ haͤlt, von welchem in den ſpaͤteren Werken des Verfaſſers weniger vernommen wird. Die Ab⸗ ſchnitte: der koͤnigliche Dichter, Begraͤb⸗ niſſe auf dem Lande, im erſten, und Weih⸗ nachten im zweiten Theile gehoͤren dazu, und ſie ſind es, die bei der Uebertragung die meiſte Schwierigkeit verurſachen, weswegen ſich auch andere Ueberſetzer, namentlich auslaͤndiſche, da⸗ durch ihre Arbeit zu erleichtern geſucht haben, daß ſie die metriſchen Stellen, als unweſentlich, weg⸗ ließen. Gerade dieſe aber ſind es, welche dem Ganzen ſein eigenthuͤmliches Kolorit geben, und, ohne ſeiner Haltung zu ſchaden, nicht wegbleiben koͤnnen. Der Ueberſetzer hat ſie daher vollſtaͤn⸗ dig wiedergegeben, und, ſo gut es die Verſchie⸗ X denheit des Baues beider Sprachen geſtatten wollte, auch die Form ſelbſt beizubehalten geſucht. Moͤge auch dieſe Arbeit des Ueberſetzers ſich der Nachſicht zu erfreuen haben, die ſeinen fruͤ⸗ heren zu Theil geworden iſt! Vorbericht des Verfaſſers. Dae folgenden Aufſaͤtze gehoͤren zu einer Fol⸗ gereihe, welche in dieſem Lande*) geſchrieben, zuerſt aber in Amerika bekannt gemacht wurde. Der Verfaſſer weiß ſehr wohl, mit wel⸗ cher Strenge die Schriften ſeiner Landsleute bisher von den Engliſchen Kritikern behandelt worden ſind: auch ſieht er wohl ein, daß ein großer Theil des Inhalts ſeiner Darſtellungen nur in den Augen Amerikaniſcher Leſer Intereſſe haben kann. Es war deswegen auch nicht ſeine Abſicht, ſie in dieſem Lande wieder abdrucken zu *²) Dieſe Vorrede iſt aus London datirt. Ueberſ. XII laſſen. Da er indeſſen bemerkte, daß mehrere derſelben von Zeit zu Zeit in gehaltvollen perio⸗ diſchen Schriften erſchienen, und da er vernahm, daß ſie wahrſcheinlich als eine Sammlung her⸗ ausgegeben werden wuͤrden, ſo ward er dadurch veranlaßt, ſie durchzuſehen und ſelbſt erſcheinen zu laſſen, damit ſie wenigſtens fehlerfrei in das Publikum kaͤmen. Sollte man ſie fuͤr wichtig genug halten, um die Aufmerkſamkeit der Kriti⸗ ker zu erregen, ſo nimmt er fuͤr ſie die Scho⸗ nung und Billigkeit in Anſpruch, welche ein Fremder gewiſſermaßen zu verlangen ein Recht hat, wenn er ſich an dem Heerde eines gaſtfreien Volkes einfindet. Stkizzenbuch von Gortfried Crayon. Erſter Band. Des Verfaſſers Auskunft von ſich ſelbſt. Ich denke mit Homer, daß, ſo wie die Schnecke, die aus ihrem Hauſe kroch, und in eine Kröte verwandelt wurde, ſich einen Stuhl machen mußte, um darauf zu ſitzen, ſo auch der Reiſende, welcher aus ſeinem Vaterlande in ein anderes wandert, nach einiger Zeit ſich in eine ſo ſon⸗ derbare Geſtalt umgewandelt fühlt, daß er, mit ſeinen Sitten, auch ſeinen Wohnort ändern, und da leben muß, wo er kann, und nicht, wo er will. Lyly's Euphues. J. Dch habe immer gern neue Gegenden geſehen, und eigenthuͤmliche Sitten und Gewohnheiten zu beob⸗ achten geliebt. Schon als Kind fing ich meine Wanderungen an, und machte Entdeckungsreiſen nach fremden Strichen und unbekannten Gegenden meiner Geburtsſtadt, zur großen Angſt meiner Ael⸗ tern und zum Vortheil des oͤffentlichen Ausrufers*). Als ich zum Knaben heranwuchs, dehnte ich meine *) In Amerika iſt nämlich, wie in manchen Gegenden Deutſchlands, noch die Sitte, daß man verlorne Sachen durch öffentlichen Ausruf wieder zu erlangen ſucht. Sp. A 2 4— 4 Beobachtungen weiter aus. Die Feſttags⸗Nach⸗ mittage brachte ich mit Streifereien in der umlie⸗ genden Gegend zu. Ich machte mich mit allen Plaͤtzen derſelben, welche in der Geſchichte oder in der Fabel beruͤhmt geworden waren, bekannt; ich wußte jeden Ort, wo ein Raub oder Mord began⸗ gen worden war, oder wo ſich ein Geſpenſt hatte ſehen laſſen; ich beſuchte die benachbarten Doͤrfer, unnd vermehrte den Vorrath meiner Kenntniſſe da⸗ durch, daß ich mir ihre Sitten und Gewohnheiten merkte, und mich mit ihren weiſen und großen Leuten in Geſpraͤche einließ; ja, ich machte an ei⸗ nem langen Sommertage ſogar einen Ausflug nach dem Gipfel eines entfernten Huͤgels, von wo aus ich mein Auge uͤber eine weite Strecke unbekannten Landes ſtreifen ließ, und mich wunderte, zu finden, welch' eine große Welt ich bewohnte. Dieſe Neigung zum Umherſtreifen wuchs mit meinen Jahren. Reiſe⸗ und Laͤnderbeſchreibungen wurden meine Lieblingsbuͤcher, und waͤhrend ich ih⸗ ren Inhalt verſchlang, vernachlaͤſſigte ich die regel⸗ maͤßigen Schularbeiten. Mit welcher geſpannter Aufmerkſamkeit ging ich nicht, bei ſchoͤnem Wetter, an den Hafendaͤmmen umher, und beobachtete die Schiffe, die nach fernen Gegenden beſtimmt waren; — mit welchen ſehnſuchtsvollen Blicken folgte ich 3—— J nicht ihren Segeln, wie ſie in der Entfernung immer kleiner wurden, und verſetzte mich auf den Fluͤgeln meiner Einbildungskraft bis an das Ende der Erde! Weiteres Leſen und Denken befeſtigten dieſe un⸗ beſtimmte Neigung nur noch mehr, obwol ſie ſie auch in gemaͤßigtere Schranken zuruͤckbrachten. Ich beſuchte verſchiedene Gegenden meines Vaterlandes, und waͤre ich nur ein Freund ſchoͤner Gegenden ge⸗ weſen, ſo wuͤrde ich, um dieſe Vorliebe zu befrie⸗ digen, nicht anderswo mich umzuthun gebraucht haben, denn die Natur hat kein Land freigebiger mit Reizen begabt. Seine maͤchtigen Seen, welche Oceanen fluͤſſigen Silbers gleichen; ſeine Berge mit ihren hellen, luftigen Farbentoͤnen; ſeine Thaͤler, von uͤppiger Fruchtbarkeit ſtrotzend; ſeine gewaltigen Waſſerfaͤlle, welche in den Einoͤden herabdonnern, ſeine unbegraͤnzten Ebenen, auf denen ein natuͤrli⸗ ches Gruͤn wallt; ſeine breiten tiefen Stroͤme, welche in feierlichem Schweigen dem Ocean zufließen; ſeine ſpurloſen Waͤlder, wo das Pflanzenleben ſich in ſei⸗ ner ganzen Pracht entfaltet; ſein Himmel, der mit dem ganzen Zauber der Sommerwolken und ei⸗ nes hellen Sonnenſcheines prangt:— nein, ein Amerikaner braucht das Erhabene und Schoͤne der Naturgegenden nicht außerhalb ſeines Vaterlan⸗ des zu ſuchen! 6— 4 Europa bot jedoch den ganzen Zauber der Ge⸗ ſchichte und Dichtkunſt verbunden dar. Dort konnte ich die Meiſterwerke der Kunſt, die Verfeine⸗ rung einer auf hoher Bildungsſtufe ſtehenden Ge⸗ ſellſchaft, die ſonderbaren Eigenthuͤmlichkeiten al⸗ ter und oͤrtlicher Gebraͤuche kennen lernen. Mein Vaterland gab die ſchönſten, jugendlichen Hoffnun⸗ gen; Europa erfreute ſich des Beſitzes angehaͤufter Schaͤtze des Alters. Seine Truͤmmer verkuͤndeten die Geſchichte vergangener Zeiten, und jeder ver⸗ witterte Stein war eine Chronik. Ich ſehnte mich, auf den Schauplaͤtzen beruͤhmter Thaten umherzu⸗ wandern, gewiſſermaßen die Fußſtapfen des Alter⸗ thums zu verfolgen, um das zertruͤmmerte Caſtell zu wandeln, auf dem den Einſturz drohenden Thur⸗ me meinen Betrachtungen nachzuhangen,— kurz, der gewoͤhnlichen Wirklichkeit zu entweichen, und mich in der dunkelen Groͤße der Vergangenheit zu verlieren. Außerdem hegte ich noch das ſehnliche Verlan⸗ gen, die großen Maͤnner der Erde kennen zu ler⸗ nen. Wir haben allerdings auch unſere großen Maͤnner in Amerika, und es giebt keine Stadt, welche derer nicht eine Menge zaͤhlte. Ich habe mich, zu meiner Zeit, unter ſie gemiſcht, und bin in dem Schatten beinahe verwelkt, den ſie auf mich warfen, denn nichts iſt fuͤr einen kleinen Mann ſo verderb⸗ 7 lich, als der Schatten eines großen, vorzuͤglich des großen Mannes einer Stadt. Allein ich war begierig, die großen Maͤnner von Europa kennen zu lernen, denn ich hatte in den Werken mehrerer Weltweiſen geleſen, daß in Amerika alle Thiere, den Menſchen nicht ausgenommen, ausarteten. Ein großer Mann aus Europa muß, dachte ich mir alſo, einen großen Mann aus Amerika eben ſo ſehr an Groͤße uͤber⸗ treffen, als eine der Alpenſpitzen eine Anhoͤhe am Hudſon; und dieſe Anſicht befeſtigte ſich noch in mir, wenn ich die verhaͤltnißmaͤßige Wichtigkeit und die wachſende Groͤße mehrerer Engliſchen Reiſenden betrachtete, wenn ſie zu uns kamen, da ſie ge⸗ wiß in ihrem Vaterlande ſehr kleine Leute waren. Ich will, dachte ich bei mir, dieß Land der Wun⸗ der beſuchen, um doch das Rieſengeſchlecht kennen zu lernen, das in mir ſo ausgeartet iſt. Zu meinem Gluͤck oder zu meinem Ungluͤck habe ich dieſe Neigung zum Herumſtreifen befriedigen koͤnnen. Ich habe mehrere Laͤnder durchwandert, und bin Zeuge mancher Wechſelbegebenheiten des Lebens geweſen. Ich kann nicht behaupten, daß ich ſie mit dem Auge eines Philoſophen betrachtet habe, ſondern eher mit dem muͤſſigen Blicke, mit welchem die beſcheidenen Liebhaber des Maleriſchen von dem Fenſter eines Kupferſtichladens zu dem an⸗ 8 dern ſchlentern, und bald von den Darſtellungen der Schoͤnheit, bald von den Verzerrungen der Ka⸗ rikatur, zuweilen auch von der Lieblichkeit einer Landſchaft angezogen werden. Da es unter den neuen Reiſenden Mode iſt, mit dem Bleiſtift in der Hand zu reiſen, und Mappen mit Skizzen nach Hauſe zu bringen, ſo will auch Ich einige, zur Un⸗ terhaltung meiner Freunde, entwerfen. Wenn ich in⸗ deſſen die Andeutungen und Bemerkungen betrachte, die ich zu dem Ende aufgezeichnet habe, ſo erſchrecke ich beinahe, wenn ich ſehe, wie mich meine unnuͤtze Laune von den großen Gegenſtaͤnden abgeleitet hat, welche jeder regelmaͤßige Reiſende, der ein Buch ſchreiben will, zu ſtudiren pflegt. Ich fuͤrchte, ich werde eben ſo wenig Befriedigung gewaͤhren, als jener ungluͤckliche Landſchaftsmaler, der auf dem feſten Lande reiſ'te, aber, den Eingebungen ſeiner umherſchweifenden Luſt folgend, lauter Anſichten von Winkeln und Ecken und abgelegenen Orten aufgenom⸗ men hatte. Sein Skizzenbuch war daher voll Huͤtten, und Gegenden, und unbekannten Truͤmmern, aber er hatte weder St. Peter, noch das Coloſſeum, weder den Waſſerfall von Terni, noch den Meerbu⸗ ſen von Neapel gezeichnet, und nicht einen einzigen Gletſcher oder Vulkan in ſeiner ganzen Sammlung. —— Die Seereiſe. Schiff, Schiff, ich ſpäh' dich Auf dem Meer: 3 Und komm' und ſeh' dich Was du beſchützeſt, Und was du nitzeſt, Und wo du wol kommſt her. Eins ſegelt ab, zu handeln, zu verkehren, Ein andres bleibt daheim, die Feinde abzuwehren, Ein drittes kehrt zurück, das Geld und Gut beſchweren; Halt! meine Phantaſie, wohin enteileſt du? Altes Gedicht. — Fur einen Amerikaner, der Europa beſuchen will, iſt die lange Seereiſe, die er zu machen hat, eine treffliche Vorbereitung. Das einſtweilige Ver⸗ ſchwinden aller Auftritte und Beſchaͤftigungen des Weltlebens bringt einen Gemuͤthszuſtand hervor, der beſonders dazu geeignet iſt, neue und lebhafte Ein⸗ druͤcke aufzunehmen. Der weite Waſſerraum, wel⸗ cher die beiden Halbkugeln der Erde von einander trennt, iſt wie ein weißes Blatt im Leben. Hier giebt es keinen allmaͤhligen Uebergang, wie der, wo⸗ 10 durch in Europa die Grundzuͤge und die Bevoͤlkerung eines Landes ſich unmerklich mit denen des andern miſchen. Von dem Augenblicke, wo man das Land aus dem Geſicht verliert, das man verlaͤßt, iſt Alles ein leerer Raum, bis man an dem andern Ufer an das Land ſteigt, und nun mit einem Male ſich in das Geraͤuſch und unter die neuen Erſcheinungen einer andern Welt verſetzt ſieht. Wenn man zu Lande reiſ't, ſo fuͤhrt die unun⸗ terbrochene Reihe von Gegenden und eine beſtaͤn⸗ dige Folge von Perſonen und Ereigniſſen die Ge⸗ ſchichte des Lebens fort, und vermindert die Wir⸗ kung der Abweſenheit und der Trennung. Wir ſchleppen allerdings eine lange Kette von einer Sta⸗ tion unſrer Pilgerſchaft zur andern, allein dieſe Kette iſt ununterbrochen, wir koͤnnen ſie Glied vor Glied zuruͤckverfolgen, und wir fuͤhlen, daß das letzte deſſelben uns immer mit der Heimath verbin⸗ det. Eine weite Seereiſe trennt uns aber auf ein⸗ mal. Wir ſind uns bewußt, daß wir den ſicheren Ankergrund des ſtaͤten Lebens verloren haben, und in eine ſchwankende Welt hinausgeſtoßen ſind. Wir ſehen eine wirkliche, nicht bloß eingebildete, Kluft zwiſchen uns und unſerer Heimath, voll von Stuͤr⸗ men von Furcht und Ungewißheit, wodurch die Ent⸗ fernung ſichtbar und die Ruͤckkehr mißlich wird. 11 Dieß waren wenigſtens meine Gefuͤhle. Als ich den letzten blauen Streifen meines Vaterlandes wie eine Wolke am Horizonte verſchwinden ſah, ſchien es mir, als ob ich Ein Buch der Welt mit ſeinem Inhalte zugeſchlagen, und nun Zeit zum Nachden⸗ ken haͤtte, bis ich das Andere geöffnet. Dazu kam, daß vor meinen Blicken das Land verſchwunden war, welches das Theuerſte, was es im Leben fuͤr mich gab, in ſich ſchloß: welche Veraͤnderungen konnten ſich in ihm ereignen,— welche Umwandlungen in mir ſelbſt, ehe ich es wieder beſuchte! Wer kann ſagen, wenn er ſich auf die Wanderſchaft begiebt, wohin die ungewiſſen Fluthen des Daſeyns ihn ver⸗ ſchlagen werden, wann er zuruͤckkehren, oder ob es ihm je beſchieden werden wird, den Schauplatz ſeiner Kindheit wieder zu ſehen? Ich habe zwar geſagt, daß auf der See Alles eine große Leere ſey: ich muß jedoch dieſen Ausdruck verbeſſern. Fuͤr Denjenigen, der am lichten Tage traͤumen kann, und ſich gern in Nachdenken verliert, gewaͤhrt eine Seereiſe eine Menge von Gegenſtaͤn⸗ den des Nachdenkens; aber dieß ſind die Wunder⸗ werke des Meeres und der Luft, die das Gemuͤth von den Gegenſtaͤnden des Weltlebens abziehen. Ich fand immer großes Vergnuͤgen daran, mich uͤber das Gelaͤnder des Verdecks zu legen, oder an einem 12 ſtillen Tage bis in die Spitze des Hauptmaſtes hinaufzuklettern, und Tagelang auf den ruhigen Spiegel des ſommerlichen Meeres hinabzuſchauen; die Gruppen goldener Wolken zu betrachten, die ſo eben uͤber den Horizont emporſtiegen, mir einzubil⸗ den, daß ſie ein Feenkoͤnigreich waͤren, und ſie mit Geſchoͤpfen meiner Einbildungskraft zu bevölkern; die ſanft ſich kraͤuſelnden Wellen zu beobachten, wie ſie ſilbern dahinrollen, als ob ſie an dieſen gluͤcklichen Kuͤſten ſich verlieren wollten. Es war ein angenehmes, gemiſchtes Gefuͤhl der Sicherheit und der Furcht, mit welchem ich von meiner ſchwindelnden Hoͤhe auf die Ungeheuer des Meeres und ihre unbehuͤlflichen Spruͤnge hinab: blickte. Schaaren von Meerſchweinen tummelten ſich um das Hintertheil des Schiffes, der Nord⸗ kaper erhob ſich in ſeiner gewaltigen Maſſe lang⸗ ſam uͤber die Oberflaͤche des Meeres, und der raubgierige Hay ſchoß wie eine Erſcheinung pfeil⸗ ſchnell durch die blauen Gewaͤſſer. Meine Einbil⸗ dungskraft ſtellte mir Alles vor, was ich von dem Waſſerreiche unter mir je gehoͤrt oder geleſen hatte: von den beſchuppten Heerden, welche ſeine boden⸗ loſen Tiefen bewohnen, von den geſtaltloſen Unge⸗ heuern, welche in dem Grunde der Erde hauſen, und von allen den geſpenſtiſchen Weſen, welche in den Erzaͤhlungen der Fiſcher und Matroſen eine Rolle ſpielen. Zuweilen gab ein entferntes Segel, das am Saume des Meeres dahinſchwebte, einen Gegen⸗ ſtand zu muͤſſigen Vermuthungen. Wie anziehend iſt dieß Bruckſtuͤck einer Welt, das ſich an die große Maſſe des Daſeyns anzuſchließen eilt! Welch' ein ruhmvolles Denkmal menſchlicher Erfindungskraft, die ſo uͤber Wind und Wellen den Sieg davon ge⸗ tragen, die aͤußerſten Enden der Erde mit einan⸗ der in Verbindung gebracht, einen Austauſch aller Segnungen derſelben bewirkt, das Licht der Erkennt⸗ niß, die Annehmlichkeiten des gebildeten Lebens ver⸗ breitet, und ſo dieſe zerſtreuten Beſtandtheile des Menſchengeſchlechts, zwiſchen welche die Natur eine unuͤberſteigliche Grenze geſetzt zu haben ſchien, zu⸗ ſammengebracht hat! Wir entdeckten eines Tages einen geſtaltloſen Gegenſtand, der in einiger Entfernung dahintrieb. Auf dem Meere erregt Alles, was in die Einfoͤr⸗ migkeit der Waſſerflaͤche umher einige Abwechſelung bringen kann, Aufmerkſamkeit. Es fand ſich, daß es der Maſtbaum eines Schiffes war, das gaͤnzli⸗ chen Schiffbruch erlitten haben mußte, denn man bemerkte noch die Ueberbleibſel von Taſchentuͤchern, womit Einige von der Schiffsmannſchaft ſich an 14 dieß Holz feſtgebunden haben mußten, um nicht von den Wellen hinweggeriſſen zu werden. Keine Spur war zu finden, aus welcher man den Namen des Schiffes haͤtte entdecken koͤnnen. Das Wrack hatte offenbar Monate lang umhergetrieben; Haufen von Muſcheln ſaßen darauf und langes Seegras hing daran herunter. Aber, dachte ich bei mir ſelbſt, wo iſt die Mannſchaft?— Ihr Kampf iſt laͤngſt vor⸗ uͤber— ſie ſind im Toben des Sturmes unterge⸗ gangen— ihre Gebeine bleichen in den Hoͤhlen des Meeresgrundes. Stillſchweigen— Vergeſſen⸗ heit iſt uͤber ſie hingefloſſen, wie die Wellen, und Niemand weiß die Geſchichte ihres Untergan⸗ ges. Wie viele Seufzer moͤgen dieſem Schiffe ge⸗ folgt, wie viele Gebete an dem verlaſſenen heimi⸗ ſchen Heerde fuͤr daſſelbe zum Himmel geſtiegen ſeyn! Wie oft mag die Geliebte, das Weib, die Mutter die Zeitungen durchblaͤttert haben, um ir— gend eine gelegentliche Nachricht von den Wanderern auf dem Meere zu finden! Wie mag die Erwar⸗ tung zur Beſorgniß, die Beſorgniß zur Furcht,— die Furcht zur Verzweiflung geworden ſeyn! Ach! kein Andenken wird je zum Vorſchein kommen, das die Liebe erfreuen koͤnnte; Alles, was man wiſſen wird, iſt:„das Schiff ſegelte fort aus dem Hafen, und man hat nie wieder etwas von ihm gehoͤrt!“ 15 Der Anblick dieſes Wracks gab, wie gewoͤhnlich, Gelegenheit zur Erzaͤhlung einiger trauriger Ge⸗ ſchichten. Beſonders geſchah dieß am Abend, wo das Wetter, das bisher ſchoͤn geweſen war, auf einmal finſter und drohend auszuſehen anfing, und einen der ploͤtzlichen Stuͤrme verkuͤndigte, welche zuweilen die Heiterkeit einer Sommerreiſe unter⸗ brechen. Waͤhrend wir ſo bei dem truͤben Licht der Lampe in der Cajuͤte ſaßen, erzaͤhlte Jeder ſeine Ge⸗ ſchichte von Schiffbruch und Ungluͤck. Einen ganz beſondern Eindruck aber machte eine kurze Erzaͤh⸗ lung des Capitains auf mich. „Als ich einſt,“ ſagte er:„auf einem ſchoͤnen, ſtarken Schiffe uͤber die Bucht von Neufundland ſe⸗ gelte, verhinderte uns ein ſtarker Nebel, wie ſie in jener Gegend gewoͤhnlich ſind, ſelbſt am Tage weit vor uns zu ſehen; in der Nacht ward aber das Wetter ſo finſter, daß wir auf das Dop⸗ pelte der Schiffslaͤnge durchaus keinen Gegenſtand mehr unterſcheiden konnten. Ich ließ Laternen an den Maſtbaum haͤngen, und ſtellte einen Poſten aus, um nach den Fiſcherbooten zu ſehen, die ge⸗ woͤhnlich in den Buchten vor Anker liegen. Der Wind war ziemlich friſch, und wir ſegelten ſehr ſchnell dahin. Ploͤtzlich rief der Poſten:„ein Se⸗ gel vor uns!“— Kaum war dieſer Ausruf aber —— — 8 16 geſchehen, als wir auch ſchon daruͤber hinfuhren. Es war ein kleiner Schooner, der, mit der Seite nach uns hin, vor Anker lag. Die Mannſchaft ſchlief, und hatte vergeſſen, eine Laterne aufzuſtecken. Wir ſtießen gerade auf die Mitte des Fahrzeuges. Die Staͤrke, Groͤße und das Gewicht unſeres Schiffes druͤckte das andere nieder, wir ſegelten daruͤber hin und weiter fort. In dem Augenblicke, wo das kra⸗ chende Wrack unter uns ſank, ſah ich zwei oder drei halbnackte Ungluͤckliche aus der Kajuͤte ſtuͤrzen; ſie kamen aus ihren Betten, um ſogleich in den Wellen ihr Grab zu finden. Ich hoͤrte ihr Angſt⸗ geſchrei im Winde, und der Windſtoß, der es zu unſeren Ohren brachte, trieb uns zugleich ſo weit, daß wir nichts mehr davon vernehmen konnten. Ich werde dieß Geſchrei nie vergeſſen!— Es waͤhrte einige Zeit, ehe wir das Schiff wenden konnten, da es ſo raſch vorwaͤrts ging. Wir kehrten an den Ort zuruͤck, wo, ſo viel wir uns erinnern konnten, die Schmack vor Anker gelegen hatte; wir kreuzten mehrere Stunden lang in dem dicken Nebel umher, wir thaten Signalſchuͤſſe und horchten, ob wir nicht das Halloh der Ueberlebenden vernaͤhmen, aber Alles war ſtill— wir hoͤrten und ſahen nie wieder etwas von ihnen.“ Ich geſtehe es, daß dieſe Erzaͤhlungen auf einige 17 Zeit allen meinen ſchoͤnen Traͤumen ein Ende mach⸗ ten. Der Sturm ward in der Nacht immer ſtaͤr⸗ ker; das Meer war in gewaltigem Aufruhr. Der Laut der tobenden Wogen, der ſtrömenden Bran⸗ dungen war furchtbar; die Tiefen des Meeres oͤffne⸗ ten und ſchloſſen ſich. Zuweilen ſchienen die ſchwarzen Wolkenmaſſen uͤber uns von Blitzen zerriſſen zu werden, welche auf den ſchaͤumenden Wellen da⸗ hinzuckten und die darauf folgende Dunkelheit doppelt ſchrecklich machten. Der Donner bruͤllte uͤber die wilde Waſſerflaͤche daher, und ſchien in den Bergen von Wogen wiederzuhallen, und dadurch verlaͤngert zu werden. Als ich ſo das Schiff zwi⸗ ſchen dieſen gaͤhnenden Abgruͤnden dahinwanken und darin verſinken ſah, ſchien es mir wunderbar, wie es ſein Gleichgewicht behaupten, oder ſich uͤber⸗ haupt auf dem Waſſer erhalten koͤnne. Seine Raaen beruͤhrten das Waſſer, ſein Bug war beinahe ganz in den Wellen begraben. Zuweilen ſchien eine hoch⸗ emporgethuͤrmte Welle es verſchlingen zu wollen, und nur eine geſchickte Bewegung des Steuerru⸗ ders konnte es vor dem gewaltigen Sturze retten. Als ich mich in die Kajuͤte zuruͤckbegeben hatte, folgte mir der furchtbare Anblick noch im⸗ mer. Das Pfeifen des Windes durch das Tau⸗ werk klang mir wie Grabesklage: das Knarren des 18 Naſtes, das Droͤhnen und Aechzen der Schooten bei dem Kampfe des Schiffes mit den anwaͤlzenden Wogen war furchtbar. Waͤhrend ich ſo die Wellen am Schiffe hinſtroͤmen, und dicht an meinem Ohre bruͤllen hoͤrte, ſchien es mir, als ob der Tod um dieſes ſchwimmende Gefaͤngniß umherwuͤthe und nach Beute ſuche; es durfte nur ein Nagel nachge⸗ ben, eine Planken⸗Nath aufreißen— und er konnte eindringen. Ein ſchoͤner Tag, eine ruhige See und ein guͤn⸗ ſtiger Wind dazu verſcheuchten indeſſen alle dieſe traurige Betrachtungen. Es iſt unmoͤglich, den aufheiternden Einfluß des ſchoͤnen Wetters und des guten Windes zur See nicht zu fuͤhlen. Wenn das Schiff alle ſeine Segel beigeſetzt hat, jedes der⸗ ſelben vom Winde geſpannt iſt und es ſo luſtig uͤber die kraͤuſelnden Wellen dahin fliegt, wie erha⸗ ben, wie maͤchtig erſcheint es nicht— wie ſcheint es nicht das Meer zu beherrſchen! Ich koͤnnte ei⸗ nen ganzen Band mit den Traͤumereien einer See⸗ reiſe anfuͤllen, denn fuͤr mich iſt ſie beinahe ein fortwaͤhrender Traum,— doch es iſt Zeit, an das Land zu kommen. Ess war ein ſchoͤner, ſonniger Morgen, als der belebende Ruf Land! vom Maſtkorbe erſcholl. Co⸗ lumbus kann, als er die neue Welt entdeckte, kein 19 entzuͤckenderes Gefuͤhl gehabt haben, gls das iſt, welches die Bruſt eines Amerikaners erfuͤllt, wenn er zuerſt Europa erblickt. Schon mit dem Namen iſt eine Welt von Erinnerungen verknuͤpft. Es iſt das Land der Verheißung, welches alles das, wo⸗ von er in ſeiner Kindheit gehoͤrt, oder woruͤber er in den. Jahren der Ausbildung gebruͤtet hat, in Ueberfluß enthaͤlt. Von dieſem Augenblicke an bis zur Ankunft ſelbſt empfand ich eine fieberhafte Bewegung. Die Kriegsſchiffe, die wie bewachende Rieſen an der Kuͤſte umherkreuzten, die Landſpitzen von Irland, welche in den Kanal hinausragten, die Berge von Wales, die ſich in die Wolken erhoben; alles dieß waren Gegenſtaͤnde, welche den groͤßten Antheil bei mir erregten. Waͤhrend wir den Merſey hinaufſe⸗ gelten*), betrachtete ich die Kuͤſte durch ein Fern⸗ glas. Mein Auge verweilte mit Vergnuͤgen auf den netten Landhaͤuſern, mit ihrem zierlichen Strauch⸗ werk umher und den gruͤnen Grasplaͤtzen. Ich ſah die verfallenden Truͤmmer einer Abtey, welche mit Epheu bewachſen waren, und die ſchlanke Kirch⸗ thurmſpitze eines benachbarten Dorfes, welche ſich hinter dem Kamm eines Huͤgels erhob— alles verkuͤndigte England. *) Nach Liverpool. Sp. 4 20 Die Fluth und der Wind waren ſo guͤnſtig, daß das Schiff ſogleich nach dem Hafendamm hinauf gelangen konnte. Dieſer war mit Menſchen bedeckt, von denen Einige muͤßige Zuſchauer abgaben, An⸗ dere ihre Freunde oder Verwandte mit Sehnſucht erwarteten. Ich konnte unter ihnen den Kaufmann erkennen, an den das Schiff gerichtet war. Ich erkannte ihn an ſeiner berechnenden Miene und an ſeinem raſtloſen Weſen. Er hatte die Haͤnde in den Taſchen, pfiff gedankenvoll, und ging auf und ab, auf einem kleinen Raume, den die Menge ihm, in Ruͤckſicht auf ſeine einſtweilige Be⸗ deutſamkeit, eingeraͤumt hatte. Zwiſchen dem Lande und dem Schiffe wurden unterdeſſen Gruͤße gewech⸗ ſelt, je nachdem die Freunde ſich erkannten. Ganz beſonders aber fiel mir eine junge Frau auf, welche einen ſchlichten Anzug trug, aber ein ungemein an⸗ ziehendes Weſen hatte. Sie beugte ſich aus der Nenge hervor, und ihr Auge ſtreifte uͤber das Schiff hin, als es ſich dem Lande naͤherte, um ir⸗ gend ein erſehntes Geſicht zu erblicken. Sie ſchien niedergeſchlagen und bewegt; auf einmal hoͤrte ich eine ſchwache Stimme ihren Namen nennen. Sie kam von einem armen Matroſen, der die ganze Reiſe uͤber krank geweſen war und das Mitleid unſer Aller, die wir an Bord befindlich waren, er⸗ 21 regt hatte. Wenn das Wetter ſchoͤn war, pfleg⸗ ten ſeine Kameraden eine Matratze fuͤr ihn auf das Verdeck in den Schatten zu legen: ſeine Krankheit hatte ſich aber in der letztern Zeit ſo verſchlimmert, daß er ſeine Hangmatte nicht verlaſſen, und nur den Wunſch geaͤußert hatte, ſein Weib noch einmal zu ſehen, ehe er ſtuͤrbe. Man hatte ihn, als wir den Fluß hinauf ſegelten, auf das Verdeck gefuͤhrt, und er kehrte ſich itzt gegen die Schooten, allein ſein Geſicht war ſo veraͤndert, ſo bleich, ſo geiſter— aͤhnlich, daß es kein Wunder war, wenn ihn ſelbſt das Auge der Liebe nicht erkannte. Bei dem Ton ſeiner Stimme richtete ſich indeſſen ihr Auge auf ſeine Zuͤge; es las, mit einem Blick, eine ganze Welt des Kummers darin: ſie ſchlug die Haͤnde zu⸗ ſammen, ſtieß einen ſchwachen Schrei aus, und rang ſie in ſtiller Todesangſt. Alles war itzt Laͤrm und Getuͤmmel— Bekannte trafen, Freunde gruͤßten ſich, Geſchaͤftsleute be⸗ rathſchlagten. Ich allein ſtand einſam und muͤßig da. Kein Freund, der mich empfing, kein frohes Willkommen, das mir geboten wurde. Ich betrat das Land meiner Vorvaͤter— allein ich fuͤhlte, daß ich ein Fremdling darin war. Roscoe. Iu iſt der Menſchheit ſtets zu ſeyn ützgott: immer anzuwenden nur Des Geiſtes Kraft zu Heldenzwecken, die Uns über den gemeinen Haufen weit erheben Und uns unſterblich machen;— das, ja das Heißt leben. Thomſon. Einer der erſten Orte, zu denen ein Fremder in Liverpool hingefuͤhrt wird, iſt das Athenaͤum. Es iſt nach einem freiſinnigen, wohl uͤberdachten Plan ein⸗ gerichtet, enthaͤlt eine gute Bibliothek, ein geraͤumi⸗ ges Leſezimmer, und iſt der allgemeine wiſſenſchaft⸗ liche Vereinigungspunkt des Ortes. Man mag da⸗ hin gehen, wann man will, ſo wird man es mit ernſtblickenden Leuten angefuͤllt finden, welche tief in das Studium der Zeitungen verſunken ſind. Als ich einſt dieſen Verſammlungsort der Ge⸗ lehrten beſuchte, ward meine Aufmerkſamkeit von einem Manne angezogen, der ſo eben in das Zim⸗ mer trat. Er war ſchon vorgeruͤckt in Jahren, groß „* 23 und von einer Geſtalt, die einſt ehrfurchtgebietend ge⸗ weſen ſeyn mochte, itzt aber von der Zeit, oder viel⸗ leicht von Sorgen, etwas gebeugt zu ſeyn ſchien. Er hatte ein edles, roͤmeraͤhnliches Geſicht, einen Kopf, der einen Maler angeſprochen haben wuͤrde, und obgleich einige leichte Furchen auf ſeiner Stirn davon zeugten, daß das Nachdenken hier nicht unthaͤtig ge⸗ weſen ſey, ſo erglaͤnzte doch ſein Auge noch von dem Feuer eines dichteriſchen Gemuͤths. Es lag in ſeiner ganzen Erſcheinung etwas, das ihn als ein von der geſchaͤftigen Menge um ihn her ganz verſchiedenes Weſen verkuͤndigte. Ich erkundigte mich nach ſeinem Namen, und erfuhr, daß er Roscoe heiße. Ich trat mit ei⸗ nem unwillkuͤhrlichen Gefuͤhl der Verehrung zuruͤck. Dieß war alſo ein beruͤhmter Schriftſteller, einer von den Leuten, deren Stimme bis an das Ende der Welt erſchallt war, mit deſſen Geiſte ich ſelbſt in den Einoͤden von Amerika Gemeinſchaft gepflogen hatte. Da wir, bei uns zu Lande, Europaͤiſche Schriftſteller nur aus ihren Werken kennen lernen, ſo koͤnnen wir ſie uns nicht, wie andere Leute, mit gewoͤhnlichen oder gemeinen Beſchaͤftigungen ver⸗ traut, und unter Alltags⸗Menſchen, auf den ſtau⸗ bigen Pfaden des Lebens ſich herumtummelnd den⸗ ken. Sie ſtellen ſich unſerer Einbildungskraft als 24 hoͤhere Weſen dar, welche in den Exguͤſſen ihres ei⸗ genen Geiſtes glaͤnzen, und mit dem Heiligenſcheine eines wiſſenſchaftlichen Ruhmes umgeben ſind. Daß ich alſo den zierlichen Geſchichtſchreiber der Nedici unter den geſchaͤftigen Soͤhnen des Handels erblicken mußte, war Anfangs meinen dichteriſchen Anſichten ganz zuwider; aber gerade die Verhaͤlt⸗ niſſe und die Lage, in welcher Hr. Roscoe ſich be⸗ findet, ſind es, die ihm den hoͤchſten Anſpruch auf unſere Bewunderung geben. Es iſt hoͤchſt anzie⸗ hend, zu beobachten, wie einige Geiſter ſich bei⸗ nahe ſelbſt zu ſchaffen ſcheinen, wie jedes Mißge⸗ ſchick ihnen neue Kraft giebt, und wie ſie ihren einſamen Weg unaufhaltſam durch tauſend Hinder⸗ niſſe fortſetzen. Die Natur ſcheint ein Vergnuͤgen daran zu finden, die ſorgfaͤltige Regſamkeit der Kunſt, womit dieſe gern die ebenbuͤrtige Unbedeut⸗ ſamkeit zur Reife bringen moͤchte, zu Schanden zu machen, und auf die Kraͤftigkeit und auf das uͤp⸗ pige Aufſtreben ihrer zufaͤlligen Hervorbringungen ſtolz zu ſeyn. Sie ſtreut den Samen des Genies in den Wind aus, und obgleich Manches davon in den ſteinigen Gegenden der Welt umkommen, und unter den Dornen und Diſteln fruͤher Wider⸗ waͤrtigkeiten erſticken mag, ſo ſchlaͤgt Anderes ſo⸗ gar in den Felſenſpalten Wurzel, arbeitet ſich kuͤhn in 25 im Sonnenſchein empor, und verbreitet uͤber ſei⸗ nen unfruchtbaren Geburtsort die volle Schoͤnheit des Pflanzenlebens. Dieß iſt der Fall bei Hrn. Roscoe geweſen. An einem, dem Wachsthume litterariſchen Talents anſcheinend ſehr unguͤnſtigen Orte geboren, in dem wahren Tummelplatze des Handels, ohne Vermoͤgen, ohne Familienverbindungen, ohne Goͤnner, aus ei⸗ genem Antrieb, durch eigene Kraft, und beinahe ganz durch eigenes Studium, hat er jedes Hinder⸗ niß uͤberwunden, ſich den Weg zur Vollendung ge⸗ bahnt, und, nachdem er eine der Zierden des Volks geworden, die ganze Groͤße ſeiner Talente und ſei⸗ nes Einfluſſes dahin gerichtet, ſelne Vaterſtadt em⸗ por zu bringen und zu verſchoͤnern. Dieſer letzte Zug iſt es, welcher ihm in meinen Augen den groͤßten Werth gegeben, und mich vor⸗ zuͤglich dazu beſtimmt hat, meine Landsleute auf ihn aufmerkſam zu machen. So groß ſeine ſchrift⸗ ſtelleriſſchen Verdienſte auch ſind, ſo iſt er doch nur ein einzelner von den vielen ausgezeichneten Schriftſtellern ſeines Volks. Dieſe leben indeß ge⸗ woͤhnlich fuͤr ihren eigenen Ruf, oder ihr Vergnuͤ⸗ gen: die Geſchichte ihrer Lebensverhaͤltniſſe bietet keine Beiſpiele fuͤr die Welt dar, oder zeigt viel⸗ leicht nur das Demuͤthigende menſchlicher Gebrech⸗ I. B 26 lichkeit und Charakterloſigkeit. Sie wollen, wenn man die Sache aus dem guͤnſtigſten Geſichtspunkte betrachtet, ſich nur aus dem Gewirr und der Ge⸗ woͤhnlichkeit des Geſchaͤftslebens herausziehen, ſich dem Selbſtiſchen wiſſenſchaftlicher Muße hinge— ben, und einem ausſchließlichen geiſtigen Genuſſe leben. 1 Herr Roscoe dagegen hat keines dieſer erlaubten Vorrechte des Talents fuͤr ſich geltend gemacht. Er hat ſich in keinen Garten der Gedanken, kein Ely⸗ ſium der Einbildungskraft eingeſchloſſen, er hat ſich auf die Landſtraße und die gewoͤhnlichen Wege des Lebens hinausbegeben, an den Weg, zur Erfriſchung des Pilgrims und des Ausruhenden, Lauben ge⸗ pflanzt und klare Quellen eroͤffnet, zu denen der Arbeiter ſich von dem Staube und der Hitze des Tages wenden und aus dem lebendigen Strome des Wiſſens ſchoͤpfen kann. Es iſt„eine taͤgliche Schoͤn⸗ heit in ſeinem Leben“*), uͤber welche der Menſch nachdenken und dadurch beſſer werden kann. Sie bietet kein hochſtehendes, und, ſeiner Unnachahm⸗ lichkeit wegen, unnuͤtzes Beiſpiel der Trefflichkeit dar, ſondern ein Bild thaͤtiger, doch einfacher und nachahmbarer Tugenden, welche Jedermann ſich *) Shakeſpeare's Othello. Ueberſ. 27 aneignen kann, die aber Wenige ausuͤben, denn ſonſt wuͤrde die Welt ein Paradies ſeyn. Ganz beſonders iſt aber ſein Privatleben der Aufmerkſamkeit der Buͤrger unſeres jungen und ge⸗ ſchaͤftvollen Landes wuͤrdig, wo die Litteratur und die ſchoͤnen Kuͤnſte neben den groͤberen Schoͤßlingen der taͤglichen Nothwendigkeit emporwachſen muͤſſen, und wo deren Pflege nicht allein von der Aufmerk⸗ ſamkeit ausgeht, welche Muße und Reichthum ih⸗ nen widmen koͤnnen, ſondern von den Stunden und Zeiten, welche aufgeklaͤrte und gemeinnuͤtzig geſon⸗ nene Maͤnner dem Betriebe gemeinnuͤtziger Ange⸗ legenheiten entziehen. Er hat gezeigt, wie viel fuͤr einen Ort in den Mußeſtunden eines hervorragenden Geiſtes geſchehen kann, und wie dieſer im Stande iſt, allen ſeinen Umgebungen ſeinen eigenen Stempel mitzutheilen. Wie ſein Lorenzo de' Medici, welchen er als ein reines Muſter aus dem Alterthume vor Augen ge⸗ habt zu haben ſcheint, hat er die Geſchichte ſeines Lebens mit der ſeiner Vaterſtadt zu verweben und die Grundlagen ihres Ruhmes zu Denkmaͤlern ſei⸗ ner Tugend zu machen gewußt. Wohin man in Liverpool nur gehen mag, findet man Spuren von ihm in Allem, was zierlich und großartig iſt, wie⸗ der. Er fand den Strom des Reichthums, wie er B 2 28 allein in den Kanaͤlen des Handels dahinfloß, und er hat belebende Baͤche daraus abgeleitet, um die Gaͤrten der Litteratur damit zu bewaͤſſern. Durch ſein eigenes Beiſpiel und durch ſeine fortdauernden Bemuͤhungen hat er die Vereinigung der Handelsbetriebſamkeit und der geiſtigen Beſchaͤftigungen zu Stande gebracht, welche er in einer ſeiner neueſten Schriften mit ſo großer Beredſamkeit empfiehlt*), und hat durch die That bewieſen, auf welche ſchoͤne Weiſe ſie in Einklang gebracht werden und wohlthaͤtig auf ein⸗ ander wirken koͤnnen. Die herrlichen Einrichtun⸗ gen zu litterariſchen und wiſſenſchaftlichen Zwecken, welche Liverpool ſo ſehr zum Ruhme gereichen und dem Gemeingeiſt einen ſo hohen Schwung geben, ſind groͤßtentheils das Werk des Herrn Roscoe, und ohne Ausnahme von ihm thaͤtig befördert worden; und wenn man den ſchnell wachſenden Reichthum und die Groͤße dieſer Stadt betrachtet, welche an Handels⸗ wichtigkeit bald mit der Hauptſtadt zu wetteifern verſpricht, ſo wird man bemerken, daß, indem er den Ehrgeiz, ſich durch geiſtige Bildung auszu⸗ zeichnen, unter den Einwohnern erweckt, er der Sache der engliſchen Literatur einen weſentlichen Nutzen geleiſtet hat. *) In der Anrede bei der Eroffnung der Liverpool insti- tution. Ueberſ. 29 In Amerika kennen wir Herrn Roscoe nur als Schriftſteller;— in Liverpool ſpricht man von ihm als von einem Banquier, und man ſagte mir, er habe Ungluͤck bei ſeinen Geſchaͤften gehabt. Ich konnte ihn nicht bedauern, wie ich dieß mehrere reiche Leute thun hoͤrte. Er ſtand, nach meiner Anſicht, zu hoch, als daß ich dieß haͤtte wagen ſol⸗ len. Wer nur fuͤr die Welt und in der Welt lebt, mag ſich von dem Groll des Mißgeſchicks beugen laſſen; einen Mann wie Roscoe, kann der Wechſel des Schickſals nicht uͤbermannen. Dieſer wird ihn nur dahin bringen, ſeine Zuflucht zu den Huͤlfsquel⸗ len ſeines Geiſtes zu nehmen, die von den beſten Menſchen oft vernachlaͤſſigt werden, welche lie⸗ ber herumſtreifen um ſich weniger wuͤrdige Bei⸗ ſtaͤnde zu ſuchen. Er iſt von der Welt um ihn her unabhaͤngig. Er lebt im Alterthume und in der Nachwelt; in dem erſten durch die angenehme Gemeinſchaft, welche eine thaͤtige Zuruͤckgezogenheit gewaͤhrt, in der letzten, durch ſein großherziges Streben nach kuͤnftigem Ruhm. Die Einſamkeit eines ſolchen Gemuͤths iſt der Zuſtand des hoͤchſten Genuſſes fuͤr daſſelbe: es erfuͤllt ſich dann mit jenen erhabenen Betrachtungen, welche die wahre Nahrung edler Seelen ſind, und wie Manna vom Himmel in die Wuͤſte dieſer Welt herabkommen. 30 Waͤhrend meine Gefuͤhle noch ganz bei dieſem Gegenſtande waren, hatte ich das Gluͤck, weitere Spuren des Herrn Roscoe aufzufinden. Ich war mit einem Herrn ausgeritten, die Umgegend von Liverpool zu beſehen, als wir auf einmal durch ein Thor, in einen kuͤnſtlich angelegten Garten ablenk⸗ ten. Nachdem wir eine Weile geritten waren, ka⸗ men wir an ein geraͤumiges Wohnhaus von Sand⸗ ſtein, das im griechiſchen Stile erbaut war. Der Geſchmack war nicht der allerreinſte; allein das Ge⸗ baͤude hatte ein Anſehen von Zierlichkeit und eine herrliche Lage. Ein ſchoͤner Raſen, mit einzelnen Baumgruppen bepflanzt, die man ſo angeordnet hatte, daß ſie die ganze angenehme fruchtbare Ge⸗ gend umher als einzelne Landſchaften erſcheinen lie⸗ ßen, dachte ſich ſanft von dem Haufe ab. Der Merſey ſchlaͤngelte ſich in einer breiten ruhigen Flaͤche durch einen großen Wieſengrund, waͤhrend die Berge von Wales, die ihre Haͤupter in den Wol⸗ ken bargen und ſich ganz in die Entfernung verlo⸗ ren, den Horizont begraͤnzten. Dieſer Ort war Roscoe's Lieblingsaufenthalt in den Tagen ſeines Gluͤcks. Es war der Sitz verfei⸗ nerter Gaſtfreiheit und wiſſenſchaftlicher Zuruͤckgezo⸗ genheit geweſen. Das Haus war jetzt oͤde und ver⸗ laſſen. Ich ſah die Fenſter des Studirzimmers, — 31 welche auf die ebenerwaͤhnte angenehme Gegend hinausgingen. Die Fenſter waren geſchloſſen, die Bibliothek verſchwunden. Zwei oder drei verdaͤchtig ausſehende Leute trieben ſich umher, in denen meine Einbildungskraft mich Gerichtsdiener ſehen ließ. Es war, als ob wir eine klaſſiſche Quelle beſucht haͤt⸗ ten, deren Gewaͤſſer einſt in heiligem Schatten da⸗ hinfloß, die aber jetzt trocken und verſandet war, waͤhrend die Eidechſe und die Kroͤte auf den zer⸗ ſtreuten Marmorbloͤcken umherkrochen. Ich erkundigte mich nach dem Schickſale der Bibliothek des Herrn Roscoe, welche aus ſeltenen und fremden Buͤchern beſtanden hatte, von denen manche ihm die Materialien zu ſeinen italiaͤniſchen Geſchichtsbuͤchern geliefert. Sie war in die Haͤnde des Auctionators gekommen, und jetzt im Lande zer⸗ ſtreut. Die guten Leute aus der Umgegend waren wie die Strandbewohner zuſammengeſtroͤmt, um ir⸗ gend etwas von dem herrlichen Wrack zu bekommen, das auf das Ufer getrieben worden war. Wenn ein ſolcher Auftritt ſcherzhafte Gedankenverbindun⸗ gen zuließe, ſo moͤchte man in dieſem ſeltſamen Einfall in das Gebiet der Gelehrſamkeit etwas un⸗ gemein Drolliges finden. Man moͤchte ſich Zwerge denken, welche die Ruͤſtung eines Rieſen umher⸗ ſchleppen, und ſich um den Beſitz von Waffen ſtrei⸗ ten, die ſie doch nicht handhaben koͤnnen. Man ſieht in Gedanken einen Haufen Spekulanten, welche mit tiefberechnender Miene ſich uͤber den eigenthuͤm⸗ lichen Band und die illuminirten Raͤnder der Aus⸗ gabe irgend eines verſchollenen Schriftſtellers be⸗ rathſchlagen, oder das Anſehen des angeſtrengten aber getaͤuſchten Scharfſinns, mit dem irgend ein uͤberbietender Kaͤufer in das mit Moͤnchsſchrift gedruckte Buch einzudringen ſucht, das er ſo eben erſtanden hat.. Es iſt ein ſchoͤner Zug in der Geſchichte des Ungluͤcks des Herrn Roscoe, den ein tiefes Gemuͤth nicht zu wuͤrdigen unterlaſſen wird, daß die Tren⸗ nung von ſeinen Buͤchern ſein innerſtes Gefuͤhl er⸗ griffen zu haben, und der einzige Umſtand geweſen V ,— —,—— zu ſeyn ſcheint, welcher ſeine Muſe begeiſtern konnte. Der Gelehrte allein weiß, wie theuer dieſe ſtummen und doch ſo beredten Gefaͤhrten reiner Gedanken und unſchuldiger Stunden in Zeiten des Mißge⸗ ſchicks werden koͤnnen. Wenn alles Weltliche um uns her zu Spreu wird, ſo behalten ſie allein ih⸗ ren unveraͤnderlichen Werth. Wenn Bekannte kalt weerden, der Umgang vertrauter Freunde ſich zu lauer Hoͤflichkeit und Gemeinplaͤtzen verflacht, ſo be⸗ halten ſie allein unwandelbar das Anſehen beſſerer Tage, und erheitern uns durch die wahre Freund⸗ f 92 33 ſchaft, welche nie die Hoffnung betrog, noch den Kummer verließ. Ich will nicht den Tadler machen, allein wenn die Bewohner von Liverpool gefuͤhlt haͤtten, was ſie Herrn Roscoe und ſich ſelbſt ſchuldig waͤren, ſo wuͤrde die Bibliothek nie zum Verkauf gekommen ſeyn*). Ohne Zweifel wird man triftige, wirkliche Gruͤnde fuͤr dieſen Umſtand angeben koͤnnen, welche ſich durch andere, allein aus der Einbildungs⸗ kraft geſchoͤpfte, ſchwerlich wuͤrden bekaͤmpfen laſ⸗ ſen; allein dieß ſcheint mir eine Gelegenheit gewe⸗ ſen zu ſeyn, wie man ſie ſelten hat, ein edles, mit Ungemach kaͤmpfendes Gemuͤth, durch eines der zarteſten und doch bedeutſamſten Zeichen oͤffentlicher Theilnahme wieder aufzurichten. Es iſt indeſſen ſchwer, einen Mann von Genie, den man taͤglich vor Augen hat, gehoͤrig zu wuͤrdigen. Er miſcht ſich unter andere Leute und wird unter ihnen uͤberſehen. Seine großen Eigenſchaften verlieren ihre Neuheit, und wir werden zu vertraut mit den gewoͤhnlichen Beſtandtheilen, welche die Grundlage auch der er⸗ habenſten Gemuͤther bilden. Einige von Herrn Noscoe's Landsleuten betrachten ihn vielleicht nur als einen Geſchaͤftsmann, andere als einen QM iti⸗ *) Dieß war auch das allgemeine Urtheil in Liverpeol ſelbſt. Ueberſ. 34 ker; alle finden, daß er, wie ſie, ganz gewoͤhnliche Beſchaͤftigungen hat, und daß ſie ſelbſt, in einigen Ruͤckſichten, ihn vielleicht an weltlicher Weisheit uͤbertreffen. Sogar die liebenswuͤrdige und prunkloſe Einfachheit ſeines Charakters, welche dem wahren Werth eine unbeſchreibliche Annehmlichkeit verleiht, mag die Urſach ſeyn, daß er von gewoͤhnlichen Gemuͤ⸗ thern, welche es nicht wiſſen, daß wirkliches Verdienſt immer ohne Aeußeres und Anſpruͤche iſt, nicht hin⸗ länglich geſchaͤtzt wird. Aber wenn der wiſſeenſchaft⸗ liche Mann von Liverpool redet, ſo redet er davon, als von dem Aufenthaltsorte Roscoe's; der unter⸗ richtete Reiſende, der den Ort beſucht, fragt, wo er Roscoe ſehen kann. Er iſt das wiſſenſchaftliche Wahrzeichen des Orts, deſſen Daſeyn Er dem ent⸗ fernten Gelehrten ankuͤndigt: Er iſt wie die Saͤule des Pompejus in Alexandrien, welche einſam in klaſſiſcher Wuͤrde ſich erhebt*). *) Man wird mir erlauben, auf mein eigenes Werk über England zu verweiſen, um darzuthun, daß auch ich dem Manne, der eine Zierde Englands iſt, den Tribut der Achtung und Bewunderung gezollt habe, die ganz Eu⸗ ropa dem Geſchichtſchreiber der Mediei ſchuldig iſt. Ueberſ. ⸗ ⸗ 28 32 Der vorſtehende Abſchnitt enthaͤlt eine Bezie⸗ hung auf das hier folgende Sonnett, welches Herr Roscoe an ſeine Buͤcher richtete, als er ſich von ihnen trennen mußte. Wenn irgend etwas dem wahren Gefuͤhl und den erhabenen Gedanken, welche darin ausgeſprochen ſind, eine groͤßere Eindringlich⸗ keit geben kann, ſo iſt es die Ueberzeugung, daß das Gedicht kein leerer Erguß der Einbildungskraft, ſon⸗ dern ein treuer Abdruck der Gefuͤhle des Herzens des Verfaſſers iſt. Sonnett. Wie Einer, der da ſoll von Freunden ſcheiden, Betrauert den Verluſt, doch ſüße Hoffnung nährt, Bald wieder ſie zu ſehn, an ihnen ſich zu weiden, und ſo des Schmerzes ſich, ſo gut er kann, erwehrt: So, theuere Gefährten, Meiſter alter Kunſt, Der Weisheit Lehrer, die ihr oft verkürztet Die trägen Stunden, mir die Arbeit⸗ würztet, Ich ſag' euch Lebewohl, doch nicht des Schickſals Gunſt: Nach wenig kurzen Jahren, Tagen, Stunden, Verbreitet ſich vielleicht der heller'n Zukunft Schein, und wird mir eure heilge Nähe gönnen: Vom Erdenzwange frei, von keiner Macht gebunden, Wird dann ein Geiſt des andern ſich erfreun, Verwandte Seelen nimmer dann ſich trennen. Das Weib. Des Meeres Schätze ſind ſo köſtlich nicht, Als es die ſtillen Freuden ſind des Mannes, Die eines Weibes Lieb' verbirgt. Schon in der Nähe Des Hauſes wallt um mich des Segens Duft: Welch' einen Zauber haucht die Ehe aus— Ein Veilchenlager iſt nicht lieblicher!— Middleton. Ja habe oft Gelegenheit gehabt, zu beobachten, mit welcher Staͤrke Frauen den groͤßten Schlaͤgen des Schickſals zu widerſtehen wiſſen. Ungluͤcksfaͤlle, die eines Mannes Geiſt brechen und ihn in den Staub dahinſchmettern, ſcheinen die ganze Kraft des ſchwaͤcheren Geſchlechts hervorzurufen, und ge⸗ ben zuweilen ſeinem Charakter eine Unerſchrok⸗ kenheit und einen Schwung, der ſich dem Erha⸗ benen naͤhert. Nichts kann ruͤhrender ſeyn, als ein ſanftes und zaͤrtliches Weib zu ſehen, wie es ganz Schwaͤche und Abhaͤngigkeit und empfind⸗ lich gegen jede gewoͤhnliche Haͤrte war, als es — 37 noch auf der Bahn des Gluͤcks wandelte, und ſich nun ploͤtzlich in geiſtiger Kraft erhebt, im Ungluͤck den Gatten zu troͤſten und zu unterſtuͤtzen, und mit furchtloſer Feſtigkeit die gewaltigſten Stuͤrme des Mißgeſchicks ertraͤgt. Wie die Rebe, welche lange mit ihrem zierlichen Laube die Eiche umrankt hat und mit ihr zur Sonne emporgewachſen iſt, wenn der maͤchtige Baum vom Blitzſtrahle getroffen wird, mit ihren liebkoſenden Ranken ihn umklammert und ſeine zer⸗ ſplitterten Aeſte zuſammenzuhalten verſucht: ſo hat es die weiſe Vorſehung angeordnet, daß das Weib, die bloße Gefaͤhrtin und Zierde des Mannes in ſei⸗ nen gluͤcklichen Stunden, ſeine Stuͤtze und Troſt wird, wenn ihn ein ploͤtzliches Ungluͤck trifft, ſich in die ſchroffen Tiefen ſeines innerſten Weſens hin⸗ einwindet, ſein ſinkendes Haupt zaͤrtlich ſtuͤtzt und das gebrochene Herz aufrichtet. Ich wuͤnſchte einſt einem Freunde Gluͤck, der eine bluͤhende, durch die liebevollſte Neigung eng verbundene Familie hatte.„Ich kann Ihnen kein beſſeres Loos wuͤnſchen“, ſagte er mit Waͤrme: „als Weib und Kinder zu haben,— im Gluͤcke theilen ſie die Gaben deſſelben mit Ihnen, im Un⸗ gluͤcke ſind ſie zum Troſte da.“ Auch habe ich in der That bemerkt, daß verheirathete Maͤnner, wenn das Ungluͤck ſie heimſucht, weit leichter ihren vori⸗ gen Standpunkt in der Welt wieder einnehmen, als unverheirathete, theils, weil ſie durch die Noth der huͤlf loſen und geliebten We en, deren Erhaltung allein auf ihnen beruht, mehr zu Anſtrengungen an⸗ gefeuert werden, beſonders aber, weil ihr Gemuͤth durch haͤusliche Freuden erheitert und geſtaͤrkt, und ihre Achtung vor ſich ſelbſt dadurch immer le⸗ bendig erhalten wird, daß ſie finden, wie, waͤhrend in der Außenwelt Alles Nacht und Demuͤthigung iſt, es doch noch eine kleine Welt der Liebe giebt, in der ſie Alleinherrſcher ſind. Ein einzelner Mann verliert ſich dagegen ſehr leicht in Verſchwendung und Vernachlaͤſſigung ſeiner ſelbſt, haͤlt ſich fuͤr ein⸗ ſam und verlaſſen, und ſein Herz faͤllt in Truͤm⸗ mer, wie ein oͤdes Gebaͤude, das keinen Bewoh⸗ ner hat. Dieſe Bemerkungen erinnern mich an eine Fa⸗ milienbegebenheit, von der ich einſt ſelbſt Zeuge war. Mein vertrauter Freund, Leslie, hatte ein ſchoͤnes und gebildetes Maͤdchen geheirathet, die in der gro⸗ ßen Welt auferzogen war. Sie ſelbſt beſaß kein Vermoͤgen, das ſeinige war indeß bedeutend, und er freute ſich ſchon im Voraus darauf, ſie allen zierlichen Beſchaͤftigungen nachhangen zu laſſen, und alle die zarten Lieblingsneigungen und 39 Launen befriedigen zu koͤnnen, welche eine Art von Zauber um das weibliche Geſchlecht verbreiten.„Ihr Leben“, ſagte er:„ſoll einem Feenmaͤhrchen gleichen.“ Selbſt die Verſchiedenheit ihrer Charaktere brachte ein harmoniſches Ganzes hervor. Er hatte eine ro⸗ mantiſche und etwas ernſte Stimmung; ſie war ganz Leben und Froͤhlichkeit. Mehr als einmal beobachtete ich ihn, wie er mit ſtillem Entzuͤcken in der Geſellſchaft auf ſie blickte, deren Seele ſie durch ihre Munterkeit war, und wie, mitten unter dem Beifall der Anweſenden, ihr Auge ſich nach ihm wandte, als ob ſie nur um ſeine Gunſt und ſeine Zufriedenheit buhlte. Wenn ſie ſich auf ſeinen Arm lehnte, ſo bildete ihr ſchlanker Wuchs einen angenehmen Gegenſatz gegen ſeine hohe, maͤnnliche Geſtalt. Der liebevolle, vertrauende Blick, mit dem ſie zu ihm hinauf ſah, ſchien in ihm das ganze Gefuͤhl des triumphirenden Stolzes und der regen Zaͤrtlichkeit anzufachen, als ob er ſeine ſchoͤne Buͤrde ihrer Huͤlfloſigkeit ſelbſt willen doppelt liebte. Nie betrat wol ein Paar den blumigen Pfad einer fruͤ⸗ hen und wohlzuſammenſtimmenden Che mit einer ſchoͤneren Ausſicht auf Gluͤck. Mein Freund hatte indeß das Ungluͤck gehabt, ſein Vermoͤgen in großen Speculationen anzulegen, und kaum war er einige Monate verhetrathet ge⸗ * 40 weſen, als er es durch eine Reihe unerwarteter Un⸗ faͤlle verlor, und ſich beinahe in Duͤrftigkeit verſetzt ſah. Eine Zeitlang verbarg er ſeine Lage, und ging mit truͤbem Geſicht und brechendem Herzen umher. Sein Leben war eine fortdauernde Todesqual, und was es noch unertraͤglicher machte, war die Noth⸗ wendigkeit, in Gegenwart ſeines Weibes eine laͤ⸗ chelnde Miene anzunehmen, denn er konnte es nicht uͤber ſich vermoͤgen, ſie mit der Nachricht niederzu⸗ ſchmettern. Ihr entgingen indeß die Veraͤnderung ſeiner Zuͤge und ſeine unterdruͤckten Seufzer nicht, und ſeine krankhaften und nichtigen Verſuche, Froͤh⸗ lichkeit zu heucheln, konnten ſie nicht taͤuſchen. Sie bot ihre ganze Munterkeit, alle ihre zaͤrtlichen Schmei⸗ cheleien auf, ihn zur Zufriedenheit wieder zuruͤckzu⸗ fuͤhren, allein ſie druͤckte dadurch den Pfeil nur deſto tiefer in ſein Herz. Je mehr er Urſach ſah, ſie zu lieben, deſto quaͤlender war ihm der Gedanke, daß er ſie ſo bald ungluͤcklich machen ſollte. Nur noch wenige Zeit, dachte er, und das Laͤcheln wird von dieſen Lippen fliehen— das Lied in dieſem Munde verſtummen, der Glanz dieſer Augen im Gram er⸗ loͤſchen, und das froͤhliche Herz, welches itzt in je⸗ nem Buſen ſo leicht ſchlaͤgt, unter den Sorgen und dem Elende der Welt, wie das meinige, brechen. Endlich kam er eines Tages zu mir, und er⸗ 41 zaͤhlte mir ſeine ganze Lage im Tone der tiefſten Verzweiflung. Als ich ihn angehoͤrt hatte, fragte ich ihn: Weiß Ihre Gattin um alles dieſes? Bei dieſer Frage brach er in einen Thraͤnenſtrom aus. „Um Himmelswillen“, rief er aus:„wenn Sie nur einiges Mitleid mit mir haben, erwaͤhnen Sie meines Weibes nicht: der Gedanke an ſie bringt mich beinahe zur Verzweiflung.“ Und warum ſollte ich nicht von ihr reden? er⸗ wiederte ich. Sie muß es ja doch fruͤher oder ſpaͤ⸗ ter erfahren, und dann wird dieſe Nachricht ſie un⸗ gleich mehr erſchrecken, als wenn Sie ſelbſt ihr die⸗ ſelbe mittheilen: denn die Toͤne Derer, die wir lie⸗ ben, mildern die unangenehmſten Botſchaften. Au⸗ ßerdem berauben Sie ſich des Troſtes ihrer Theil⸗ nahme, und nicht allein das, Sie ſetzen ſich der Gefahr des Zerreißens des einzigen Bandes aus, das Herzen feſt an einander halten kann— einer ruͤckhaltsloſen Mittheilung der Gedanken und Ge⸗ fuͤhle. Sie wird es bald bemerken, daß etwas ins⸗ geheim auf Ihrem Gemuͤthe laſtet, und wahre Liebe duldet keine Zuruͤckhaltung, ſie fuͤhlt ſich zuruͤck⸗ geſetzt und gekraͤnkt, ſelbſt wenn Sorgen und Kummer Derjenigen, die ſie liebt, es ſind, die ihr verhehlt wurden. „Aber, mein Freund! bedenken Sie, wie ich mit 42 Einem Schlage alle ihre Ausſichten vernichten, wie ich ihre Seele zu Boden ſchmettern werde, wenn ich ihr ſage, daß ihr Gatte ein Bettler iſt! daß ſie allen feineren Genuͤſſen des Lebens, allen Freu⸗ den der Geſellſchaft entſagen, mit mir in Duͤrftig⸗ keit und Dunkel ſich zuruͤckziehen muß. Ihr ſagen zu muͤſſen, daß ich ſie aus der Sphaͤre herabgezo⸗ gen habe, in der ſie ſich haͤtte in beſtaͤndigem Glanze fortbewegen koͤnnen— das Licht jedes Auges— die Bewunderung eines jeden Herzens! Wie wird ſie die Armuth ertragen koͤnnen? Sie iſt in allen Bequemlichkeiten des Reichthums aufgewachſen. Wie wird ſie Vernachlaͤſſigungen ertragen koͤnnen? Sie war der Abgott der Geſſellſchaft. Ohl ihr Herz wird brechen, ihr Herz wird brechen!“ Ich ſah, daß ſein Schmerz beredt ward, und ließ ihn ſich ausſprechen, denn der Kummer er⸗ leichtert ſich durch Worte. Als ſein Paroxysmus ſich gelegt hatte, und er in duͤſteres Schweigen ver⸗ ſunken war, nahm ich die Unterhaltung unvermerkt wieder auf, und drang in ihn, ſeinem Weibe auf einmal ſeine Lage zu eroͤffnen. Er ſchuͤttelte trau⸗ rig, aber mit dem Ausdruck der Entſchiedenheit, den Kopf. „Aber, wie wollen Sie es ihr verbergen? Es iſt durchaus nothwendig, daß ſie es erfahre, da⸗ 43, mit Sie die noͤthigen Schritte thun koͤnnen, ihren Verhaͤltniſſen eine andere Geſtalt zu geben. Sie muͤſſen ihre Lebensart aͤndern— nein(es flog ein Zug der Trauer uͤber ſein Geſicht) laſſen Sie ſich das nicht betruͤben. Ich bin uͤberzeugt, daß Sie nie Ihr Gluͤck in den aͤußeren Schein geſetzt haben.— Sie haben noch Freunde, warme Freunde, die ihnen deßwegen nicht weniger ergeben ſeyn werden, weil Sie eine weniger glaͤnzende Wohnung haben — und in der That bedarf es wohl keines Pa⸗ laſtes, um mit Marien gluͤcklich zu ſeyn.“— Ich koͤnnte mit ihr, rief er krampfhaft aus: in einer Huͤtte gluͤcklich ſeyn! Ich koͤnnte mit ihr mich zu Armuth und Staub erniedrigen! Ich könnte— ich koͤnnte— der Himmel ſegne ſie! der Himmel ſegne ſie!— rief er aus im vollen Aus⸗ bruche des Schmerzes und der Zaͤrtlichkeit. „Und glauben Sie mir, mein Freund,“ ſagte ich, indem ich aufſtand und ihn herzlich bei der Hand nahm:„glauben Sie mir, ſie wird eben ſo mit Ihnen leben koͤnnen. Nein, noch mehr: dieſe Begebenheit wird fuͤr ſie eine Quelle des Stol⸗ zes und des Triumphs ſeyn,— wird die ver⸗ borgene Kraft und die innige Mitleidenſchaft ih⸗ res Weſens aufregen, denn ſie wird ſich freuen, es an den Tag legen zu koͤnnen, daß ſie Sie um 44 Ihrer ſelbſt willen liebt. In jedem treuen Wei⸗ besherzen liegt der Funken eines himmliſchen Feuers, der im hellen Tageslicht des Gluͤckes er⸗ ſtorben ſchlaͤft, aber in der truͤben Stunde des Nißgeſchicks aufglimmt, und in helle Flammen aufſchlaͤgt. Kein Mann weiß, was ihm das Weib ſeines Buſens iſt— was fuͤr ein Schutz⸗ engel ſie iſt, ehe er nicht mit ihr die Feuerprobe beſtanden hat.“ Es lag etwas in dem Ernſte meines Tones und in dem Bildlichen meiner Rede, das auf die aufge⸗ regte Einbildungskraft Leslie's wirkte. Ich kannte meinen Zuhoͤrer, und indem ich den Eindruck be⸗ nutzte, den ich auf ihn gemacht hatte, gelang es mir, ihn zu uͤberreden, nach Hauſe zu gehen und ſein ſchweres Herz vor ſeinem Weibe auszuſchuͤtten. Ich muß geſtehen, daß, alles deſſen ungeachtet, was ich geſagt, ich einige Beſorgniſſe uͤber den Aus⸗ gang der Sache hegte. Wer kann auf die Seelen⸗ ſtaͤrke einer Frau bauen, deren ganzes Leben ein Kreis von Vergnuͤgungen geweſen iſt? Ihr froͤh⸗ licher Geiſt konnte vor dem finſtern, abwaͤrts fuͤh— renden Pfade der Niedrigkeit zuruͤckſchrecken, der ihm ploͤtzlich gezeigt wurde, und die ſonnigen Ge⸗ genden nicht verlaſſen wollen, in denen er bis⸗ her gewandelt hatte. Ueberdieß iſt im Modele⸗ 45 ben das Herabſteigen mit ſo vielen bittern Kraͤn⸗ kungen begleitet, wovon man in andern Verhaͤlt⸗ niſſen nichts weiß.— Kurz, ich konnte mich, als ich am andern Morgen Leslie ſah, der Aengſtlich⸗ keit nicht erwehren. Er hatte ihr Alles erzaͤhlt. „Und wie nahm ſie ſich dabei?“ Wie ein Engel! Ihr Gemuͤth ſchien dadurch eher erleichtert, als beſchwert zu ſeyn, denn ſie ſchlang den Arm um meinen Nacken, und fragte mich, ob das Alles ſey, was mich kuͤrzlich ſo traurig gemacht? Aber— ſetzte er hinzu— das . arme Kind wird die wirkliche Veraͤnderung, die jetzt eintreten muß, nicht ſo ertragen koͤnnen. Sie hat kei⸗ nen Begriff von Armuth, als im Allgemeinen, und hat nur davon in Dichtungen geleſen, wo jene ſtets mit der Liebe Hand in Hand geht. Sie fuͤhlt bis jetzt noch keine Entbehrung, ſie leidet keinen wirk⸗ lichen Mangel an den gewohnten Bequemlichkei⸗ ten oder feineren Genuͤſſen. Wenn wir dahin kommen werden, die gemeinen Sorgen, die kleinen Entbehrungen, die einzelnen Erniedrigungen der Armuth zu erfahren— erſt dann wird die wahre Pruͤfung eintreten. „Aber,“ ſagte ich:„da Sie das Schwerſte uͤberſtanden haben, ihr das Geheimniß zu eroͤff⸗ nen, ſo thun Sie dieß auch gegen die Well, und 46 zwar je eher, deſto beſſer. Die Eroͤffnung mag demuͤthigend ſeyn, allein es iſt eine einzelne Pein und bald voruͤber, waͤhrend Sie ſie, im entgegenge⸗ ſetzten Falle, in jeder Stunde neu erdulden. Nicht die Armuth, ſondern der Schein iſt es, der einen zu Grunde gerichteten Mann quaͤlt— der Kampf zwiſchen einem ſtolzen Sinn und einem leeren Beutel— das Bemuͤhen, einen nichtigen Schein zu erhalten, der doch bald zerſtaͤuben muß. Man habe nur den Muth, arm zu ſeyn, und man wird der Armuth ihren ſchaͤrfſten Stachel neh⸗ men.“ In dieſer Hinſicht fand ich Leslie voll⸗ kommen vorbereitet. Er ſelbſt hatte keinen falſchen Stolz, und ſeine Gattin weiter keine Sorge, als ſich in ihr veraͤndertes Schickſal zu fuͤgen. Nach einigen Tagen kam er Abends zu mir. Er hatte ſein Wohnhaus geraͤumt und ein kleines Bauerhaus, einige Meilen von der Stadt, gemiethet. Den ganzen Tag war er beſchaͤftigt geweſen, Moͤ⸗ bel hinauszuſenden. Die neue Einrichtung machte nur ſehr wenige Sachen, und noch dazu von der einfachſten Art, nothwendig. Das ganze glaͤnzende Ameublement in ſeiner vorigen Wohnung hatte er verkauft, die Harfe ſeiner Gattin ausgenommen. „Dieſe,“ ſagte er:„ſey mit dem Begriffe ihrer ſelbſt zu innig verſchwiſtert, ſie gehoͤre zu der Geſchichte 47 ihrer gegenſeitigen Liebe, denn einige der ſuͤße⸗ ſten Augenblicke ihres zaͤrtlichen Verhaͤltniſſes waͤ⸗ ren die geweſen, wo er ſich uͤber das Inſtrument hingelehnt, und den ſchmelzenden Toͤnen ihrer Stimme gelauſcht haͤtte.“ Ich konnte nicht um— hin, uͤber dieſen Zug der romantiſchen Galanterie eines liebenden Gatten zu laͤcheln. Er war jetzt im Begriff, nach der laͤndlichen Wohnung hinauszugehen, wo ſeine Gattin bereits den ganzen Tag uͤber, die Einrichtung derſelben zu beſorgen, geweſen war. Ich hegte fuͤr die Schick⸗ ſale dieſer Familie einen mehr als gewoͤhnlichen An⸗ theil, und da es ein ſchoͤner Abend war, erbot ich mich, ihn zu begleiten. Die Anſtrengungen des Tages hatten ihn ange⸗ griffen, und er verſank, als wir hinausgingen, in duͤſteres Nachdenken. „Arme Marie!“ dieſer Ausruf entſchluͤpfte end⸗ lich, mit einem tiefen Seufzer, ſeinen Lippen. Was iſt? fragte ich: iſt ihr etwas begegnet? „Wie,“ ſagte er, indem er mir einen ungedul⸗ digen Blick zuwarf:„iſt es Nichts fuͤr ſie, in einer ſo aͤrmlichen Lage zu leben— in ein elendes Bauer⸗ haus eingeſperrt zu ſeyn— ſich genoͤthigt zu ſehen, beinahe die geringſten Dienſte in ihrer niedrigen Wohnung ſelbſt zu verrichten?“ 48— Hat ſie ſich denn uͤber die Veraͤnderung be⸗ truͤbt? „Betruͤbt?— ſie ſcheint nur Sanftmuth und gute Laune zu athmen. In der That erſcheint ſie auf⸗ geweckter, als ich ſie je gekannnt habe, und iſt ge⸗ gen mich nur von Liebe, Zaͤrtlichkeit und Troſt beſeelt!“ Vortreffliche Frau! rief ich aus. Sie nennen ſich arm, mein Freund? Sie waren nie reicher— Sie kannten nie den unermeßlichen Schatz, welchen Sie an dieſem Weibe beſaßen. „Ja, mein Freund, wenn nur unſre erſte Zufam⸗ menkunft in der Huͤtte voruͤber waͤre— dann wuͤrde ich mich, glaub' ich, ganz behaglich fuͤhlen koͤnnen. Allein dieß iſt der erſte Tag, wo die wirkliche Er⸗ fahrung eingetreten iſt. Sie hat eine ſchlechte Woh⸗ nung beziehen muͤſſen— hat den ganzen Tag mit der Anordnung der elenden Ausſtattung derſelben zu thun gehabt— hat zum erſtenmale die Beſchwer⸗ den haͤuslicher Beſchaͤftigungen kennen gelernt— hat zum erſtenmale eine Haͤuslichkeit um ſich geſe⸗ hen, der es an allem Zierlichen, ja beinahe Be⸗ quemlichen, gebricht, und ſitzt vielleicht itzt er⸗ ſchoͤpft und muthlos da, und bruͤtet uͤber die Aus⸗ ſicht auf die kuͤnftige Armuth!“ 4 Es lag in dieſem Gemaͤlde der Anſchein einer Wahr⸗ —— 49 Wahrheit, gegen die ſich nichts aufbringen ließ, und ſo gingen wir ſchweigend weiter. Nachdem wir von der Hauptſtraße abgegangen waren, und einen ſchmalen Pfad eingeſchlagen hatten, welcher von wilden Baͤumen ſo dicht beſchattet war, daß er ganz einſam erſchien, ſahen wir die Huͤtte vor uns liegen. Das Aeußere derſelben war ſo be⸗ ſcheiden, daß es den einfachſten Idyllendichter ange⸗ ſprochen haben wuͤrde, und doch hatte es dabei et⸗ was gefaͤllig Laͤndliches. An dem einen Ende rankte ſich ein wilder Weinſtock mit ſeinem reichen Laube empor; einige Baͤume neigten ihre Zweige anmuth⸗ voll daruͤber hin, und ich bemerkte mehrere Blumen⸗ toͤpfe, die mit Geſchmack an der Thuͤr und auf dem Raſenplatze vor dem Hauſe aufgeſtellt waren. Ein Gartenpfoͤrtchen fuͤhrte zu einem Fußſteige, der ſich durch einige Geſtraͤuche nach der Thuͤr hin⸗ ſchlaͤngelte. In dem Augenblicke, wo wir naͤher traten, hoͤrten wir Muſik,— Leslie ergriff meinen Arm; wir blieben ſtehen und horchten. Es war Mariens Stimme, die, mit einer ruͤhrenden Ein⸗ fachheit, ein kleines Lied ſang, das ihr Gatte vor⸗ zuͤglich gern hatte. Ich fuͤhlte Leslie's Hand auf meinem Arme zit⸗ tern. Er trat naͤher, um beſſer zu hoͤren. Sein 31. C 50 Tritt verurſachte ein Geraͤuſch auf dem Kiesgange. Ein heiteres, ſchoͤnes Geſicht kam einen Augenblick am Fenſter zum Vorſchein und verſchwand,— wir hoͤrten leichte Tritte— und Marie huͤpfte uns entgegen. Sie trug einen netten, weißen, laͤndli⸗ chen Anzug; einige wenige Feldblumen zierten ihr ſchoͤnes Haar; eine friſche Roͤthe lag auf ihren Wangen; ihr ganzes Geſicht ſtrahlte von Heiterkeit — ich hatte ſie nie ſo ſchoͤn geſehen. Liebſter Georg, rief ſie aus, wie freue ich mich, daß Du endlich kommſt; ich habe gewartet und gewartet auf Dich, bin die Allee hinuntergelaufen, und habe nach Dir ausgeſehen. Ich habe einen Tiſch unter einen ſchönen Baum hinter dem Hauſe geſetzt, und habe einige der koͤſtlichſten Erdbeeren geſucht, denn ich weiß, Du liebſt ſie— und wir haben ſo vorzuͤgliche Milch, und Alles iſt ſo angenehm und ruhig hier.— Ol ſagte ſie, indem ſie ihren Arm auf den ſeinigen legte, und ihm heiter ins Geſicht blickte— wir werden hier ſo gluͤcklich ſeyn! Dieß war zu viel fuͤr den armen Leslie. Er zog ſie an ſeine Bruſt, er ſchlang ſeinen Arm um ſie, er kuͤßte ſie wiederholentlich— er konnte nicht re⸗ den, aber Thraͤnen fuͤllten ſeine Augen.— Und er 51 hat mich oft verſichert, daß, ob es ihm gleich ſeit⸗ dem wieder gut gegangen iſt, und er ſehr gluͤcklich lebt, er doch nie einen Augenblick gehabt hat, in welchem er ſich ſo unausſprechlich ſelig gefuͤhlt haͤtte, als in dieſem. — ———C—C—C—C—C—P—— Rip van Winkle. [[— De folgende Erzaͤhlung fand ſich unter den Pa⸗ pieren des verſtorbenen Dietrich Knickerbocker, eines alten Herrn aus New⸗York, welcher ſich ſehr an⸗ gelegentlich mit der Geſchichte ſeiner Provinz in der Hollaͤndiſchen Zeit, und den Sitten der Abkoͤmm⸗ linge von den erſten Anſiedlern in derſelben, be⸗ ſchaͤftigte. Seine hiſtoriſchen Forſchungen gingen indeſſen nicht ſowol auf Buͤcher, als auf Menſchen hin denn die erſteren enthalten leider wenig uͤber ſeine Lieblingsgegenſtaͤnde, waͤhrend er bei den alten Buͤrgern, und mehr noch bei deren Frauen einen Reichthum an alten Sagen fand, welche fuͤr die wahre Geſchichte unſchaͤtzbar ſind. Sobald er alſo eine aͤchte Hollaͤndiſche Familie fand, die in ihrem Paͤchterhauſe, mit niedrigem Dache, mit einem weituͤberragenden Sykomor⸗Baume, behaglich ein⸗ geniſtet war: ſo betrachtete er dieſe wie ein klei⸗ nes, mit Clauſuren verſehenes und mit Moͤnchs⸗ enthält. 53 ſchrift gedrucktes Buch, und ſtudirte ſie mit dem Eifer eines wahren Buͤcherwurms. Das Ergebniß aller dieſer Unterſuchungen war eine Geſchichte der Provinz unter der Regierung der Hollaͤndiſchen Gouverneure, welche er vor eini⸗ gen Jahren herausgegeben hat*). Man hat uͤber den ſchriftſtelleriſchen Charakter dieſes Werks ver⸗ ſchiedene Meinungen geaͤußert, und es iſt, die Wahr⸗ heit zu geſtehen, nicht um einen Deut beſſer, als es ſeyn ſoll. Sein Hauptverdienſt iſt das einer ge⸗ wiſſenhaften Treue, die man in der That, als es zuerſt erſchien, etwas bezweifeln wollte, die aber itzt unbeſtritten daſteht, ſo daß man es gegenwaͤrtig in allen hiſtoriſchen Sammlungen als ein Werk von unverdaͤchtiger Glaubwuͤrdigkeit aufgenommen hat. Der alte Herr ſtarb kurz nach der Herausgabe ſeines Werks, und itzt, da er geſtorben und begra⸗ ben iſt, kann man es wol ſagen, ohne ſeinem An⸗ denken dadurch zu nahe zu treten, daß er ſeine Zeit auf bedeutendere Arbeiten haͤtte verwenden koͤnnen. Er pflegte indeſſen ſein Steckenpferd auf ſeine ei⸗ *) Dieß iſt bekanntlich ebenfalls eine Arbeit des geiſt⸗ reichen Verfaſſers des gegenwärtigen Werks, voller Witz und Satire, die, unter dem Gewande einer geſchichtlichen Er⸗ zählung, eine Menge treffender Bemerkungen über Ame⸗ rika und geſellſchaftliches und bürgerliches Leben überhaupt Ueberſ. gene Art zu reiten, und ob er gleich zuweilen damit ſo viel Staub aufregte, daß dieſer ſeinem Nachbar in die Augen kam, und einigen Freunden wehe that: ſo gedenkt man ſeiner Irrthuͤmer und Thor⸗ heiten doch„mehr mit Bedauern als mit Unwil⸗ len,“ und faͤngt an, ſich zu uͤberzeugen, daß er nie die Abſicht hatte, zu nahe zu treten oder zu beleidigen. Wie indeſſen auch ſein Gedaͤchtniß von den Kritikern gewuͤrdigt werden mag, ſo bleibt es doch noch manchen Leuten theuer, deren gute Meinung nicht ganz zu verachten iſt, vorzuͤglich gewiſſen Kuchen⸗Baͤckern, die ſo weit gegangen ſind, daß ſie ſein Bild auf ihren Neujahrs⸗Kuchen*) angebracht haben, und ihn eben ſo unſterblich machen werden, als ob es auf einer Waterloo⸗Medaille oder auf einem Heller der Koͤnigin Anna ſtaͤnde**). *) Die Amerikaner haben nämlich die engliſche Sitte beibehalten, ſich am Neujahrs⸗(nicht in den Weihnachts⸗ feiertagen) oder vielmehr am h. Dreikönigstage, mit Ku⸗ chen zu beſchenken. Ueberſ. **) Eine der ſeltenſten und von Münzliebhabern in England am meiſten geſuchten Engliſchen Königsmünzen. Ueberſ. ,— Rip van Winkle, eine nachgelaſſene Arbeit Dietrich Knickerbockere * Bei Wodan, Gott der Sachſen, 8 Von welchem Wensday*⁹), Wodanstag noch ſammt, Die Wahrheit will ich nun und immer ſprechen, Bis zu dem Tag, wo in mein Grab hinunter 3 Ich ſteige— Cartwright⸗ Wer den Hudſon hinaufgefahren iſt, muß ſich auch der Kaatskill⸗Berge erinnern. Sie ſind ein einzelner Zweig des großen Stammes der Appala⸗ chen**), und das Auge kann ſie weit bis nach der weſtlichen Seite des Fluſſes verfolgen, wo ſie ſich 4 ¹zu einer ſtattlichen Hoͤhe erheben und weit umher das Land beherrſchen. Jede Veraͤnderung der Jah⸗ reszeit oder des Wetters, ja jede Stunde des Ta⸗ 3*) Mittwoch. Ueberſ. **) Dieſelben, welche, nach der ihnen von den nördlichen Indianern beigelegten Venennung, auch Alleghany⸗Gebirge heißen. Ueberſ. ges bringt auch eine Veraͤnderung in den zauberi⸗ ſchen Farbentoͤnen und Geſtalten dieſer Berge her⸗ vor, und alle Hausfrauen, weit und breit, ſehen ſie als die zuverlaͤſſigſten Barometer an. Iſt das Wetter gut und beſtaͤndig, ſo erſcheinen ſie blau und purpurroth, und ihre kuͤhnen Umriſſe zeichnen ſich auf dem klaren Abendhimmel ab; oft aber ſam⸗ meln ſich, wenn auch die ganze uͤbrige Landſchaft unter einem wolkenloſen Firmamente da liegt, um ihre Gipfel Kraͤnze grauer Duͤnſte, welche in den letzten Strahlen der untergehenden Sonne wie eine Strahlenkrone leuchten und ergluͤhen. An dem Fuße dieſer Zauberberge wird der Rei⸗ ſende den leicht ſich kraͤuſelnden Rauch aus den Schornſteinen eines Dorfes gewahr, deſſen Schin⸗ deldaͤcher durch die Baͤume blicken, gerade da, wo die blauen Tinten der Anhoͤhen ſich in das friſche Gruͤn der naͤheren Landſchaft verſchmelzen. Es iſt ein kleines Dorf von großem Alter, das von eini⸗ gen der Hollaͤndiſchen Coloniſten in den fruͤheſten Zeiten der Provinz*), gerade um den Anfang der Regierung des guten Peter Stuyveſant(der in Frieden ruhen moͤge!), gegruͤndet wurde, und noch vor wenigen Jahren ſtanden Haͤuſer der urſpruͤngli⸗ *) New⸗York. Ueberſ. —,— —,— 57 chen Anbauer da, von kleinen, aus Holland noch mit heruͤber gebrachten Mauerſteinen erbaut, mit Jalouſieen und Giebeln, auf denen Wetterhaͤhne thronten. In dieſem Dorfe nun und in einem dieſer Haͤu⸗ ſer(das, geradezu geſagt, ſehr verwittert und ver⸗ fallen war) wohnte vor manchen Jahren, als das Land noch zu England gehöͤrte, ein einfaͤltiger, gut⸗ muͤthiger Menſch, Rip van Winkle genannt. Er war ein Abkoͤmmling der van Winkles, welche in den ritterlichen Tagen Peter Stuyveſant's eine ſo große Rolle geſpielt hatten, und mit ihm bei der Belagerung von Fort Chriſtian geweſen waren. Er ſelbſt hatte indeß von dem kriegeriſchen Geiſte ſeiner Ahnen nur wenig geerbt. Ich habe eben geſagt, daß er ein einfaͤltiger, gutmuͤthiger Menſch war: uͤberdieß war er aber auch ein guter Nachbar und ein gehorſamer, kreuztragender Ehemann. Dem letzteren Umſtande duͤrfte auch wohl die Sanftmuth, welche ihn ſo allgemein beliebt gemacht hatte, am meiſten beizumeſſen geweſen ſeyn. Denn Maͤnner, welche zu Hauſe unter dem Pantoffel ſtehen, ſind außer demſelben immer ſehr nachgiebig und fried⸗ lich. Ohne Zweifel wird ihr Gemuͤth in dem feu⸗ rigen Ofen haͤuslicher Plage doppelt geſchmeidig und biegſam, und eine Gardinenpredigt wiegt alle Pre⸗ 58 digten in der Welt auf, wenn es darauf ankommt, die Tugenden der Geduld und eines ausdauernden Ertragens zu lehren. Eine boͤſe Sieben kann daher, in einiger Hinſicht, als eine Art von Segen ange⸗ ſehen werden, und ſo war denn Rip van Winkle doppelt und dreifach geſegnet. Soviel iſt gewiß, daß er der große Liebling der Hausfrauen im Dorfe war, die, wie es bei dem ſchönen Geſchlechte immer der Fall iſt, bei den Fa⸗ milienzaͤnkereien jedesmal ſeine Partei nahmen, und ohne Ausnahme, wenn ſie bei ihren Abendunterhal⸗ tungen die Sache beſprachen, alle Schuld auf die Frau van Winkle ſchoben. Auch die Kinder im Dorfe jauchzten vor Freuden, wenn er ſich ſehen ließ. Er nahm an ihren Zeitvertreiben Antheil, machte ihnen Spielſachen, lehrte ſie Drachen fliegen zu laſſen und Murmel zu ſpielen, und erzaͤhlte ih⸗ nen lange Geſchichten von Geiſtern, Hexen und Indianern. Wo er nur im Dorfe umherſchlenterte, war er auch von einem Haufen derſelben umgeben, die an ſeinen Rockſchoͤßen hingen, ihm auf dem Ruͤcken ſaßen, und ihm, ungeſtraft, tauſend kleine Streiche ſpielten; und in der ganzen Gegend bellte ihn nie ein Hund an. Der große Fehler in Rip's Charakter war eine unuͤberwindliche Abneigung gegen alle Arten von — Hausarbeit. Nicht, daß es ihm an Unverdroſſen⸗ heit oder Beharrlichkeit gefehlt haͤtte, denn er konnte auf einem feuchten Felſen mit einer Angelruthe, ſo lang und ſchwer als eine Tatarlanze, ſitzen und den ganzen Tag ohne Murren angeln, wenn auch nicht ein einziger Fiſch anbiß. Er konnte Stunden lang eine Vogelflinte auf der Schulter tragen, durch Waͤlder und Moraͤſte, durch Thal und uͤber Huͤgel wandern, um einige Eichhoͤrnchen oder Waldtauben zu ſchießen. Er ſchlug es nie einem Nachbar ab, ihm bei den ſchwerſten Arbeiten zu helfen, und war bei allen Gelegenheiten, wenn es tuͤrkiſchen Waizen auszuhuͤlſen oder ſteinerne Befriedigungen aufzubauen gab, immer der erſte; auch pflegten ihn die Frauen im Dorfe dazu zu gebrauchen, ihre Gaͤnge zu ma⸗ chen und allerhand kleine Dienſte zu verrichten, zu denen ſich ihre weniger gefaͤlligen Ehemaͤnner nicht bereit finden ließen. Kurz, Rip beſorgte aller Leute Geſchaͤfte— nur nicht ſeine eigenen; denn haͤus⸗ liche Arbeit zu thun und ſeine Beſitzung in Ord⸗ nung zu halten, war ihm rein unmoͤglich. Er erklaͤrte naͤmlich geradezu, es helfe doch nichts, wenn er auf ſeinem Hofe arbeite: es ſey naͤmlich der ſchaͤndlichſte kleine Fleck Landes in der ganzen Gegend; alles darauf gehe den Krebsgang und wuͤrde ihn immer gehen, was er auch thun moͤge. 609 Seine Zaͤune fielen beſtaͤndig zuſammen, ſeine Kuh verlaufe ſich entweder oder gerathe in den Kohl, auf ſeinen Feldern wuͤchſe das Unkraut ſchneller als irgendwo, der Regen komme immer dann, wenn er irgend etwas außer dem Hauſe zu thun habe, ſo daß, obgleich ſein vaͤterliches Erbgut, Morgen vor Morgen, zuſammengeſchmolzen war, bis nichts mehr als ein bloßer Fleck fuͤr tuͤrkiſchen Waizen und Kar⸗ toffeln uͤbrig geblieben, ſelbſt dieſer noch immer als die ſchlechteſte Beſitzung in der ganzen Gegend an⸗ geſehen werden konnte. Auch ſeine Kinder waren ſo zerlumpt und wild, 4 als ob ſie Niemandem angehoͤrt haͤtten. Sein Sohn Rip, ihm ſehr aͤhnlich, verſprach, mit den al⸗ ten Kleidern des Vaters auch alle ſeine Gewohn⸗ heiten zu erben. Man ſah ihn gewoͤhnlich, wie ein Fuͤllen, ſeiner Mutter auf der Ferſe nachtraben, mit einem Paar alter Pluderhoſen ſeines Vaters angethan, die er, wie eine zierliche Dame bei ſchlechtem Wetter ihre Schleppe traͤgt, mit einer Hand empor hielt. Rip van Winkle war indeß einer von jenen gluͤcklichen Sterblichen, welche bei einer unverſtaͤn⸗ digen, zaͤhen Gemuͤthsart alles auf die leichte Ach⸗ ſel nehmen, weißes oder ſchwarzes Brot eſſen, je nachdem ſie eines oder das andere mit wenigerem 61 Kopfbrechen oder Muͤhe bekommen koͤnnen, und lie⸗ ber bei einem Pfennig verhungern, als arbeiten, wenn ſie einen Thaler verdienen koͤnnten. Waͤre er ganz ſich ſelbſt uͤberlaſſen geweſen, ſo wuͤrde er in vollkommener Zufriedenheit ſich durch das Leben ge⸗ pfiffen haben; allein ſeine Frau lag ihm beſtaͤndig mit Vorwuͤrfen uͤber ſeine Traͤgheit, ſeine Sorglo⸗ ſigkeit und das Verderben, das er uͤber ſeine Fa⸗ milie bringe, in den Ohren. Morgens, Mittags und Abends war ihre Zunge unaufhoͤrlich in Bewe⸗ gung, und Alles, was er ſagte oder that, zog ihm einen Strom haͤuslicher Beredſamkeit auf den Hals. Rip hatte nur eine Art, auf alle ſolche Predigten zu antworten, und dieſe war ihm durch den haͤu⸗ figen Gebrauch zur Gewohnheit geworden. Er zuckte die Achſeln, ſchuͤttelte den Kopf, ſchlug die Augen gen Himmel, und ſagte nichts. Dieß zog ihm indeß jedesmal eine friſche Salve von Schmaͤh⸗ worten von ſeinem Weibe zu, ſo daß er am Ende zum Ruͤckzuge blaſen und ſich zum Hauſe hinaus begeben mußte— der einzige Ort, wo ein unter dem Pantoffel ſtehender Ehemann in Sicherheit iſt. Rip's einziger Anhaͤnger im Hauſe war ſein Hund Wolf, der aber eben ſo ſehr als ſein Herr unter dem Pantoffel ſtand, denn Frau van Winkle ſah Beide als gleich große Nichtsthuer an, und hatte gegen Wolf noch einen beſondern Groll, weil ſie ihn fuͤr die Urſach der haͤufigen Abwege ſeines Herrn hielt. Wahr iſt es, daß er bei allen Gele— genheiten, wo ein rechtlicher Hund ſeinen Muth zeigen kann, ſich als ein ſo muthiges Thier bewies, als nur je eines die Waͤlder durchſtrichen hat— wo iſt aber der Muth, welcher dem immerwaͤhren⸗ den und Alles uͤberwaͤltigenden Schrecken, den eine Weiberzunge einfloͤßt, trotzen koͤnnte? Sobald Wolf nur ins Haus trat, wich auch ſeine Herzhaftig⸗ keit von ihm: er ließ den Schwanz ſinken, ſchlich mit einem Galgengeſicht umher, warf manchen Sei⸗ tenblick auf Frau van Winkle, und floh, ſo wie ihm nur ein Beſenſtiel oder eine Kochkelle gezeigt wurbe, mit belfernder Eil nach der Thuͤr. Rip van Winkle hatte immer böͤſere Zeit, je mehrere Jahre in ſeinem ehelichen Leben dahin ſloſ⸗ ſen; ein herbes Gemuͤth wird mit der Zeit nicht milder, und eine ſcharfe Zunge iſt das einzige ſchnei⸗ dende Werkzeug, welches durch beſtaͤndigen Gebrauch mehr Schaͤrfe gewinnt. Lange Zeit troͤſtete er ſich, wenn er aus dem Hauſe getrieben wurde, damit, daß er eine Art von beſtaͤndigem Club der Weiſen, Philoſophen und anderer Muͤßiggaͤnger des Dorfes beſuchte, der ſeine Sitzungen auf einer Bank vor der Thuͤr einer kleinen Schenke hielt, welche ein — 63 hochrothes Bildniß ſeiner Majeſtaͤt Georg's III. zum Schilde hatte. Hier pflegten ſie in den langen fau⸗ len Sommertagen im Schatten zu ſitzen, Dorfge⸗ waͤſch durchzuklatſchen, oder endloſe ſchlaͤfrige Ge⸗ ſchichten uͤber gar nichts zu erzaͤhlen. Indeſſen wuͤrde doch mancher Staatsmann Geld darum ge⸗ geben haben, haͤtte er die tiefſinnigen Eroͤrterun⸗ gen mit anhoͤren koͤnnen, die zuweilen auf die Bahn kamen, wenn ihnen eine alte Zeitung in die Haͤnde fiel, die irgend ein Reiſender hier gelaſſen hatte. Aufmerkſam hoͤrten ſie dann auf den In⸗ halt, wie ihn Derrick van Bummel, der Schul⸗ meiſter, herlas, ein flinker, gelehrter, kleiner Kerl, der auch das rieſenhafteſte Wort in dem Woͤrter⸗ buche nicht fuͤrchtete, und berathſchlagten dann ſehr weiſe uͤber oͤffentliche Ereigniſſe, einige Monate nach⸗ dem ſie Statt gefunden hatten. Die Ausſpruͤche dieſer Junta richteten ſich haupt⸗ ſaͤchlich nach Nicolas Vedder, einem Patriarchen des Dorfes und Wirthes der Schenke, vor deren Thuͤr er von Morgen bis Abend zu ſitzen pflegte, und dabei ſich nur gerade ſo viel bewegte, als noͤ⸗ thig war, die Sonne zu vermeiden und in dem Schatten eines großen Baumes zu bleiben, ſo daß die Nachbarn nach ſeinen Bewegungen ſo genau die Zeit wiſſen konnten, als nach einer Sonnenuhr. Wahr iſt es, daß er ſelten ſprach, dafuͤr aber unauf⸗ hoͤrlich rauchte. Seine Anhaͤnger(jeder große Mann hat deren bekanntlich) verſtanden ihn indeß vollkom⸗ men, und wußten ſeine Meinung jedesmal genau abzunehmen. Wenn etwas, das ihm vorgeleſen oder erzaͤhlt wurde, ihm mißfiel, ſo pflegte er heftig zu rauchen, und kurze, haͤufige, zornige Dampfwolken aus ſeiner Pfeife aufſteigen zu laſſen: war er aber zufrieden, ſo zog er den Rauch langſam und ruhig ein, und blies ihn in leichten und friedlichen Wol⸗ ken von ſich, ja er nahm wol die Pfeife aus dem Munde, ließ den wohlriechenden Duft ſich um ſeine Naſe kraͤuſeln, und nickte gravitaͤtiſch mit dem Kopfe, zum Zeichen ſeiner vollkommenen Zufrie⸗ denheit.. Aber auch aus dieſem Bollwerk ward der un⸗ gluͤckliche Rip am Ende von ſeinem zankfuͤchtigen Weibe vertrieben, die einſtmals ganz plötzlich die Ruhe der Verſammlung ſtoͤrte und den Mitgliedern derſelben foͤrmlich Hohn ſprach, und ſelbſt der erha⸗ bene Nicolas Vedder war vor der kuͤhnen Zunge dieſes gewaltigen Mannweibes nicht ſicher, die ihn geradezu beſchuldigte, ihren Mann nur in ſeinem Hange zur Traͤgheit zu beſtaͤrken. Der arme Rip gerieth endlich beinahe in Ver⸗ zweiflung, und es blieb ihm, um der Arbeit auf 65 ſeinem Hofe und den Scheltworten ſeines Weibes zu entgehen, nichts weiter uͤbrig, als ſeine Flinte zur Hand zu nehmen und in den Wald zu ſchlen⸗ tern. Hier ſetzte er ſich zuweilen am Fuße eines Baumes nieder, und theilte den Inhalt ſeines Quer⸗ ſacks mit Wolf, mit dem er, als einem Leidensge⸗ noſſen, gleiche Empfindungen hatte.„Armer Wolf,“ ſagte er dann:„deine Gebieterin iſt Schuld, daß Du ein Hundeleben fuͤhrſt, aber laß es gut ſeyn, mein Junge, ſo lange ich lebe, ſoll es Dir nicht an ei⸗ nem Freunde fehlen!“ Wolf wedelte dann mit dem Schwanze, ſah ſeinen Herrn gedankenvoll an, und theilte, wenn Hunde anders Mitleid fuͤhlen koͤnnen, gewiß von ganzem Herzen ſeine Gefuͤhle. Auf einem langen Spaziergange der Art an ei⸗ nem ſchoͤnen Herbſttage, hatte Rip unbewußt eine der hoͤchſten Gegenden der Kaatskill⸗Berge erklom⸗ men. Er ging ſeinem Lieblingsvergnuͤgen, der Eich⸗ hornjagd, nach, und die ſtillen Thaͤler hatten ſchon haͤufig von dem Krachen ſeiner Schuͤſſe wiederhallt. Athemlos und ermuͤdet warf er ſich ſpaͤt gegen Abend auf einen gruͤnen, mit Bergkraͤutern bedeckten Vor⸗ ſprung, welcher die Spitze eines Abhanges bildete. Von einer Oeffnung zwiſchen den Baͤumen hindurch konnte er die ganze untere Gegend, mehrere Meilen fruchtbares Holzland, uͤberſehen. Er erblickte in der Entfernung den ſtolzen Hudſon, wie er weit, weit unter ihm, ſtill, aber majeſtaͤtiſch dahin floß, wie ſich von Zeit zu Zeit eine Purpurwolke oder das Segel einer langſam dahin gleitenden Barke in ihm abſpiegelte, und wie er ſich zuletzt in den blauen Hochlanden verlor. Auf der andern Seite ſah er in eine tiefe Berg⸗ ſchlucht hinab, wild, einſam und rauh, deren Grund mit Bruchſtuͤcken der uͤberhangenden Klippen ange⸗ fuͤllt war, und die nur ſpaͤrlich von dem Wieder⸗ ſchein der Strahlen der untergehenden Sonne be⸗ leuchtet wurde. Einige Zeit lag Rip, im Nachden⸗ ken uͤber den Anblick verſunken, da; der Abend brach allmaͤhlig herein, die Berge begannen ihre lan⸗ gen blauen Schatten uͤber die Thaͤler zu werfen: er ſah, daß es dunkel werden wuͤrde, ehe er das Dorf erreichte, und ein tiefer Seufzer entſchluͤpfte ihm, als er an den Empfang der Frau van Winkle dachte. Indem er im Begriff war, herabzuſteigen, hoͤrte er eine Stimme in der Entfernung, welche ihm zu⸗ rief: Rip van Winkle! Rip van Winkle! Er ſah ſich um, konnte aber Niemanden ſehen, als eine Kraͤhe, welche einſam dahin uͤber die Berge flog. In der Meinung, daß die Einbildungskraft ihn ge⸗ taͤuſcht habe, drehte er ſich um, um weiter zu ſtei⸗ = p 4½ 67 gen, als er denſelben Ruf durch die Abendluft er⸗ ſchallen hoͤrte: Rip van Winkle! Rip van Winkle! zu gleicher Zeit ſtraͤubte ſich aber Wolf's Haar, der Hhund ſtieß ein dumpfes Gebrumm aus, ſchmiegte ſich an ſeinen Herrn an, und blickte furchtſam in die Schlucht hinab. Rip fuͤhlte ſich auf einmal unbewußt von Grauen ergriffen; er blickte aͤngſtlich nach derſelben Richtung hin, und ſah nun eine ſeltſame Geſtalt langſam die Felſen hinanklimmen, gebuͤckt unter einer Laſt, die ſie auf dem Ruͤcken trug. Er war erſtaunt, ein menſchliches Weſen an dieſem einſamen, unbeſuchten Orte zu ſehen; da er aber glaubte, daß es Jemand aus der Nachbarſchaft ſey, der ſeines Beiſtandes beduͤrfe, ſo eilte er unge⸗ ſaͤumt hinab, ihm beizuſpringen. Als er naͤher kam, fiel ihm das ſonderbare An⸗ ſehn des Fremden doppelt auf. Es war ein klei⸗ ner, vierſchroͤtiger Kerl, mit dickem buſchigen Haar und einem grauen Barte. Seine Kleidung war ganz nach altem Hollaͤndiſchen Schnitt— eine Tuch⸗ jacke, welche um die Huͤften geguͤrtet war— meh⸗ rere Paare Beinkleider, wovon die aͤußeren ſehr weit, mit Reihen von Knoͤpfen an den Seiten und mit Schleifen an den Knieen verziert waren. Auf der Schulter trug er ein Faͤßchen, das voll von geiſtigem Getraͤnk zu ſeyn ſchien, und gab Rip ein 68 Zeichen, ſich ihm zu naͤhern und ihm zu helfen, die Laſt zu tragen. Obgleich Rip den neuen Bekann⸗ ten mit einer gewiſſen Scheu und mit Mißtrauen betrachtete, ſo war er doch, wie gewoͤhnlich, flink bei der Hand, und ſo klommen Beide, einander ge⸗ genſeitig unterſtuͤtzend, einen engen Hohlweg hinan, welcher das trockne Bett eines Bergſtromes zu ſeyn ſchien. Waͤhrend ſie hinanſtiegen, hoͤrte Rip von Zeit zu Zeit ein lang dahin hallendes Geraͤuſch, das dem entfernten Donner glich, und aus einer tiefen Schlucht, oder Spalte, zwiſchen hohen Felſen her⸗ zukommen ſchien, worauf ihr rauher Pfad ſie zu⸗ fuͤhrte. Er ſtand einen Augenblick ſtill; da er es aber fuͤr das Droͤhnen eines der einzelnen Donner⸗ ſchlaͤge hielt, welche man in hoͤheren Berggegenden oͤfter vernimmt, ſo ging er weiter. Nachdem ſie durch die Schlucht gegangen, kamen ſie an eine Vertiefung, die einem kleinen Amphitheater glich, und von ſenkrechten Abhaͤngen umgeben war, uͤber deren Rand hinuͤberhangende Baͤume ihre Zweige hinſtreckten, ſo daß ſich nur hie und da ein Blick auf den blauen Himmel und die hellen Abendwol⸗ ken eroͤffnete. Waͤhrend der ganzen Zeit hatte Rip und ſein Gefaͤhrte ſtillſchweigend ſich hinangearbei⸗ tet; denn obgleich der erſte nicht begreifen konnte, zu welchem Behuf ein Faß mit geiſtigem Getraͤnk 69 dieſe wilden Berge hinaufgeſchafft wuͤrde, ſo lag doch etwas Sonderbares und Unbegreifliches in dem Unbekannten, das eine gewiſſe Scheu einfloͤßte und alle vertrauliche Eroͤffnung hinderte. Als man das Amphitheater betrat, boten ſich neue Gegenſtaͤnde der Verwunderung dar. Auf ei⸗ ner ebenen Stelle im Mittelpunkte war eine Geſell⸗ ſchaft von ſonderbar ausſehenden Leuten verſammelt, welche Kegel ſchoben. Sie waren nach ungewoͤhnli⸗ cher auslaͤndiſcher Art gekleidet: Einige trugen kurze Waͤmſer, Andere Jacken, hatten lange Meſſer in den Guͤrteln, und die Meiſten waren mit ungeheuern Hoſen angethan, denen des Fuͤhrers aͤhnlich. Auch ihre Geſichter waren ganz eigenthuͤmlich: Einer hatte einen großen Kopf, ein breites Geſicht und kleine Schweinsaugen: das Geſicht eines Andern ſchien ganz Naſe zu ſeyn, und auf dem Kopfe trug er ei⸗ nen weißen, zuckerhutartigen Hut, mit einem kleinen rothen Hahnenſchwanz daran. Alle hatten Baͤrte von verſchiedener Geſtalt und Farbe. Einer unter ihnen ſchien der Anfuͤhrer zu ſeyn. Er trug ein mit Treſſen beſetztes Wamms, einen breiten Gurt, einen hohen ſpitzen Hut mit einer Feder daran, rothe Struͤmpfe, und Schuhe mit hohen Hacken und Bandroſen darauf. Die ganze Gruppe erin⸗ nerte Rip lebhaft an ein altes flamlaͤndiſches Bild, 70 welches in der Wohnſtube des wuͤrdigen Herrn van Schaick, des Dorfpredigers, hing, und das zur Zeit der erſten Niederlaſſung mit aus Holland her⸗ uͤber gekommen war. Was Rip beſonders auffiel, war, daß, wenn gleich dieſe Leute offenbar hier verſammelt waren, ſich zu beluſtigen, ſie dabei doch die ernſthafteſten Geſichter machten, das geheimnißvollſte Schwei⸗ gen behaupteten, kurz, daß dieß eine der traurig⸗ ſten Geſellſchaften war, die man nur ſehen konnte. Nichts unterbrach die Stille des Ganzen, als das Rollen der Kugeln, welches laͤngs den Bergen wie dumpf dahintoͤnender Donner hallte. Als Rip und ſein Gefaͤhrte ſich ihnen naͤher⸗ ten, ließen ſie auf einmal von dem Spiele ab, und ſtierten ihn mit ſo ſtarren, bildſaͤulenaͤhnlichen Blik⸗ ken, und ſo ſonderbaren, ſeltſamen, glanzloſen Ge⸗ ſichtern an, daß ihm das Herz im Buſen ſich um— wandte und ſeine Kniee ſchlotterten. Sein Gefaͤhrte leerte itzt den Inhalt des Faͤßchens in große Fla⸗ ſchen aus, und gab ihm ein Zeichen, die Geſell⸗ ſchaft zu bedienen. Er that es mit Furcht und Zittern: ſie tranken in tiefem Stillſchweigen und kehrten dann zu ihrem Spiele zuruͤck. Nach und nach verlor ſich Rip's Zaghaftigkeit. Er wagte ſogar, wenn Niemand nach ihm ſah, das 71 Getraͤnk zu koſten, deſſen Geſchmack, wie er fand, ſich ſehr dem von gutem Wachholder⸗Branntwein naͤherte. Er war von Natur eine durſtige Seele, und fand ſich bald verſucht, wieder zur Flaſche zu⸗ ruͤckzukehren. Ein Zug veranlaßte den andern, und er wiederholte ſeine Beſuche bei der Flaſche ſo oft, daß ſeine Sinne endlich uͤberwaͤltigt wurden, Alles vor ſeinen Augen in einander floß, ſein Haupt ſich neigte, und er in einen tiefen Schlaf verſank. Als er erwachte, fand er ſich auf dem gruͤnen Vorſprunge, von welchem er zuerſt den alten Mann in der Schlucht geſehen hatte. Er rieb ſich die Augen— es wear ein klarer, ſonniger Morgen. Die Voͤgel huͤpften und zwitſcherten in den Gebuͤ⸗ ſchen, der Adler ſchwebte hoch in der Luft und wiegte ſich auf dem reinen Morgenwinde. Ich kann doch, dachte Rip, nicht die ganze Nacht hier geſchlafen haben! Er rief ſich Alles, was vorge⸗ fallen war, ehe er eingeſchlafen, in das Gedaͤchtniß zuruͤck. Der fremde Mann mit ſeinem Faͤßchen— die Bergſchlucht— der wilde, einſame Platz in den Felſen— die traurige Kegelgeſellſchaft— die Flaſche—„o! die Flaſche! die boͤſe Flaſche,“ dachte Rip:„wie ſoll ich mich bei der Frau van Winkle entſchuldigen?““ Er ſah ſich nach ſeinem Gewehr um, fand aber 72 ſtatt der reinen, wohleingeoͤlten Vogelflinte, ein altes Gewehr, deſſen Lauf mit Roſt bedeckt, deſſen Schloß abgegangen, und deſſen Schaft von Wuͤrmern zer⸗ freſſen war. Er fing nun an zu glauben, daß die ernſten Spaßvoͤgel am Berge ihm einen Streich geſpielt, und, nachdem ſie ihn berauſcht, ihm ſeine Flinte genommen haͤtten. Auch Wolf war ver⸗ ſchwunden; dieſer konnte indeß einem Eichhoͤrnchen oder einem Rebhuhn nachgelaufen ſeyn. Er pfiff nach ihm, er rief ſeinen Namen, aber alles verge⸗ bens; das Echo wiederholte ſein Pfeifen und Ru⸗ fen, aber kein Hund ließ ſich ſehen. Er beſchloß nun, den Schauplatz der letzten Abendvergnuͤgung wieder aufzuſuchen, und, wenn er Jemandem von der Geſellſchaft begegnete, ſeine Flinte und ſeinen Hund wiederzufodern. Als er aufſtand, fuͤhlte er, daß ſeine Glieder ſteif gewor⸗ den waren, und daß ihm uͤberhaupt die gewoͤhn⸗ liche Beweglichkeit fehle.„Dieſe Berglager wol⸗ len mir nicht bekommen,“ dachte Rip:„und wenn mir dieß Abenteuer einen Rheumatismus zugezogen haben ſollte, ſo werde ich bei der Frau van Winkle ſchoͤn ankommen! Mit einiger Schwierigkeit ge⸗ langte er in die Schlucht hinab und fand die Spalte, in welcher er und ſein Gefaͤhrte am vori⸗ gen Abend hinangeklommen waren; zu ſeinem Er⸗ ſtaunen — —— 73 ſtaunen brauſ'te aber itzt ein Bergſtrom dieſelbe hinab, der ſich von Felſen zu Felſen ſtuͤrzte, und die Schlucht mit ſeinem Gemurmel erfuͤllte. Er kletterte indeß ſeitwaͤrts von der Spalte hinan, bahnte ſich muͤhſam einen Weg durch Birken⸗, Saſ⸗ ſafras⸗ und Haſelnußgebuͤſche, und fand ſich nicht ſelten durch die Ranken des wilden Weinſtocks aufge⸗ halten, die ſich von Baum zu Baum ſchlangen und eine Art Netzwerk bildeten, das ſich uͤber ſeinen Weg hinzog.. Endlich gelangte er dahin, wo die Schlucht ſich, durch die Klippen, gegen das Amphitheater hin geoͤff⸗ net hatte; aber keine Spuren einer ſolchen Oeffnung waren zu erblicken. Die Berge boten eine hohe, undurchdringliche Mauer dar, uͤber welche der Bergſtrom in einer flockenartigen Schaummaſſe daher ſtuͤrzte, und in ein breites, tiefes Becken fiel, wel⸗ ches die Schatten des Waldes umnachteten. Hier konnte der arme Rip nicht weiter kommen. Er rief und pfiff ſeinem Hunde abermals, allein nur das Kraͤchzen eines Schwarmes von Kraͤhen ant⸗ wortete ihm, welche hoch in der Luft um einen trockenen Baum flatterten, der uͤber einen ſonni⸗ gen Abhang ſich hinuͤberbog, und die, ſicher in ih⸗ rer Hoͤhe, von dort auf die Bedraͤngniß des armen Mannes herabzuſchauen und daruͤber zu ſpotten 1 D 74— ſchienen. Was war zu thun? Der Morgen ging allmäͤhlig voruͤber, und Rip fing an, nach dem Fruͤh⸗ ſtuͤk zu verlangen. Es that ihm leid, ſeine Flinte und ſeinen Hund aufgeben zu muͤſſen; er fuͤrchtete, ſeinem Weibe in den Weg zu kommen; aber er konnte doch in den Bergen nicht verhungern. Er ſchuͤttelte den Kopf, nahm ſein roſtiges Gewehr auf die Schulter, und lenkte, mit einem Herzen voll Bangigkeit und Kummer, ſeine Schritte nach Hauſe. Als er ſich dem Dorſe naͤherte, begegnete er mehreren Leuten, von denen er aber keinen kannte, was ihn einigermaßen befremdete, da er ſonſt jeden Menſchen in der ganzen Gegend zu kennen geglaubt hatte. Auch ihre Kleidung hatte einen Schnitt, ganz verſchieden von dem, wie er ihn ſonſt zu ſe: hen gewohnt geweſen war. Alle ſtarrten ihn mit aͤhnlichen Zeichen des Erſtaunens an, und faßten, ſobald ihre Blicke auf ihn fielen, ſich jedesmal an das Kinn. Die beſtaͤndige Wiederholung der Ge⸗ baͤrde veranlaßte Rip, unwillkuͤhrlich daſſelbe zu thun, und er war nicht wenig erſtaunt, als er fand, daß ſein Bart einen Fuß lang geworden war. Er kam itzt an die Umgebungen des Dorfes. Ein Haufe fremder Kinder lief ihm nach, ſchrie ihn an und wies auf ſeinen grauen Bart. Auch die — Hunde, worunter er nicht Einen alten Bekannten fand, bellten ihn an, als er voruͤber ging. Das Dorf ſelbſt war ganz veraͤndert, und groͤßer und volkreicher geworden. Es waren Reihen von Haͤu⸗ ſern entſtanden, die er nie zuvor geſehen hatte, und diejenigen, welche er ſonſt haͤufig beſucht, waren verſchwunden. Fremde Namen ſtanden uͤber den Thuͤren— fremde Geſichter erſchienen an den Fen⸗ ſtern. Alles war fremd. Itzt fing er an, irre zu werden an dem, was er ſah, und bei ſich zu erwaͤ⸗ gen, ob er und die Welt um ihn her nicht gar be⸗ hext waͤren. Dieß war doch ſein heimathliches Dorf, das er nur erſt den Tag zuvor verlaſſen hatte. Dort lagen die Kaatskill⸗Berge— dort floß in der Entfernung der ſilberglaͤnzende Hudſon — Huͤgel und Thal gerade noch ſo, wie ſie gewe⸗ ſen waren— Rip wurde ganz verwirrt.„Die Flaſche von geſtern Abend,“ dachte er:„hat mei⸗ nen armen Kopf voͤllig verdreht!“ Nicht ohne Muͤhe fand er ſein eigenes Haus wieder, dem er ſich mit ſtillſchweigender Scheu naͤ⸗ herte, da er jeden Augenblick die gellende Stimme der Frau van Winkle zu vernehmen erwartete. Er fand das Haus ganz verfallen, das Dach eingeſun⸗ ken, die Fenſter zerbrochen und die Thuͤren aus den Angeln. Ein halb verhungerter Hund, welcher wie D 2 Wolf ausſah, ſchlich darum her. Rip rief ihn bei Namen, allein der Hund knurrte, fletſchte die Zaͤhne und lief weg. Das war ſehr unfreundlich. „Selbſt mein Hund“, ſeufzte der arme Rip:„hat mich vergeſſen!“ Er trat in das Haus, das, um der Wahrheit die Ehre zu geben, Frau van Winkle immer ſehr nett und in Ordnung gehalten hatte. Es war leer, verfallen, und dem Anſchein nach ganz verlaſ⸗ ſen. Dieſe Oede uͤberwaͤltigte ſeine Furcht vor al⸗ len Eheſtandsſcenen,— er rief laut nach ſeiner Frau und ſeinen Kindern, die einſamen Zimmer hall⸗ ten einen Augenblick von ſeiner Stimme wieder, und dann herrſchte das vorige Schweigen. Er eilte nun davon und nach ſeinem alten Zu⸗ ſammenkunftsorte, der Dorfſchenke;— auch dieſe war nicht mehr zu finden. Ein großes, ſchiefes, hoͤlzernes Haus ſtand itzt an deſſen Stelle, mit ge⸗ waltigen großen Fenſtern, von denen einige zerbro⸗ chen und mit alten Huͤten und Weiberroͤcken ver⸗ ſtopft waren, und uͤber der Thuͤr ſah man die Ueberſchrift:„Unions⸗Hotel, Jonathan Doo⸗ little.“*) Statt des großen Baumes, welcher ſonſt die ruhige, kleine, hollaͤndiſche Schenke he⸗ *) Wörtlich: Thu' wenig. —j N 77 ſchattete, ſtand itzt eine große kahle Stange davor, auf deren Spitze etwas hing, das einer rothen Nachtmuͤtze aͤhnlich ſah, und an derſelben wehte eine Flagge, auf welcher eine ſonderbare Zuſammenſtel⸗ lung von Sternen und Streifen zu ſehen war.— Alles dieß war ſeltſam und unbegreiflich. Auf dem Schilde erkannte er jedoch das hochrothe Geſicht König Georgs, unter welchem er ſo oft ſeine fried⸗ liche Pfeife geraucht hatte, aber auch dieß war ſon⸗ derbar umgeſtaltet. Der rothe Rock hatte ſich in einen blauen, mit gelben Auſſchlaͤgen, verwandelt; ſtatt des Scepters war ein Degen in der Hand, den Kopf zierte ein dreieckiger Hut' und unten ſtand mit großen Buchſtaben geſchrieben: General Waſhington Wie gewöhnlich war ein Haufe Menſchen vor der Thuͤr verſammelt, unter denen jedoch Rip Nie⸗ manden erkannte. Selbſt die Art und Weiſe der Leute ſchien veraͤndert. Statt des gewohnten Phleg⸗ ma und einer gewiſſen ſchlaͤfrigen Ruhe hatten ſie itzt ein geſchaͤftiges, unruhiges, ſtreitſuͤchtiges We⸗ ſen angenommen. Er ſah ſich vergebens nach dem weiſen Nicolaus Vedder um, mit ſeinem breiten Geſicht, ſeinem Doppelkinn, ſeiner ſchoͤnen langen Pfeife, aus der er Tabackswolken dampfte, ſtatt eitele Reden zu halten, und nach van Bummel, 78 dem Schulmeiſter, der den Inhalt einer alten Zei⸗ tung ihnen vorzutragen pflegte. Statt deſſen ſtand ein magerer, gallſuͤchtig ausſehender Menſch da, welcher die Taſchen voll von Zetteln hatte, und ſehr heftig uͤber Rechte des Buͤrgers— uͤber Wahlen— Mitglieder des Congreſſes— Freiheit— Bunkers⸗ hill*)— die Helden von ſechs und ſiebenzig— ſprach, und noch andere Worte nannte, welche dem verwirrten van Winkle vollkommen Babylo⸗ niſch vorkamen. Rip's Erſcheinung mit ſeinem langen grauen Bart, ſeiner verroſteten Vogelflinte, ſeinem ſonder⸗ baren Anzuge und der Heerde von Weibern und Kindern, die ihm auf den Ferſen folgte, zog bald die Aufmerkſamkeit der Schenkenpolitiker auf ſich. Sie verſammelten ſich um ihn und betrachteten ihn vom Fuß bis zum Kopf mit großer Neugierde. Der Redner arbeitete ſich hindurch bis zu ihm, zog ihn auf die Seite und fragte ihn:„fuͤr wen er ſtimme?“ Rip ſtarrte ihn mit nichtsſagender Albern⸗ heit an. Ein anderer kleiner, aber geſchaͤftiger Kerl nahm ihn bei dem Arm, trat auf die Zehen und *) Die Schlacht am Bunkers⸗Hülgel in der Nähe von Boſton, am 16. Juni 1775, wo das Engliſche Heer, trotz ſeiner Ueberlegenheit, eine Niederlage erlitt. Ueberſ. — — 79 fuͤſterte ihm ins Ohr:„ob er ein Foͤderaliſt oder ein Demokrat ſey?“ Rip konnte dieſe Frage eben ſo wenig verſtehen, als auf einmal ein zuverſichtli⸗ cher, ſich wichtig machender alter Herr mit einem dreieckigen, ſcharf zugeſpitzten Hut, ſich einen Weg durch die Menge bahnte, die er rechts und links mit dem Elbogen zuruͤckſtieß worauf er, den einen Arm in die Seite geſtemmt, und mit dem andern auf den Stock ſich ſtuͤtzend, ſich vor van Winkle hinſtellte, und, als ob er mit ſeinem ſcharfen Auge und ſeinem ſpitzen Hute ihn bis auf den Grund ſeiner Seele durchdringen wollte, mit ſtrengem Ton fragte:„wie er mit ſeiner Flinte auf der Schulter und einem Haufen Volks hinter ſich, zur Wahl kommen koͤnne, und ob er einen Tumult im Dorfe anſtiften wolle?“—„Ach, Ihr Herren,“ rief Rip ganz beklommen aus;„ich bin ein armer friedlie⸗ bender Mann aus dieſem Orte, und ein pflichter⸗ gebener Unterthan des Koͤnigs, den Gott ſegnen moͤge!“ Bei dieſen Worten brachen die Umſtehenden in ein lautes Geſchrei des Unwillens aus:„Ein Tory! ein Tory! ein Spion! ein Ueberlaͤufer! ſchafft ihn fort! weg mit ihm!“ Nur mit großer Muͤhe ver⸗ mochte der gewichtige Mann mit dem dreieckigen Hute die Ordnung wieder herzuſtellen, und nachdem 80 er eine zehnmal ſtrengere Miene angenommen, fragte er noch einmal den unbekannten Verbrecher:„wes⸗ wegen er hieher kaͤme und wen er ſuche?“ Der arme Mann verſicherte ihn ganz demuͤthig:„daß er nichts Arges im Schilde fuͤhre, ſondern nur herge⸗ kommen ſey, um einige ſeiner Nachbarn aufzuſuchen, die ſich in der Schenke aufzuhalten pflegten.“ Gut— wer ſind ſie? nennt ſie. Rip bedachte ſich einen Augenblick und fragte: „Wo iſt Nicolaus Vedder?“ Einige Augenblicke lang herrſchte Stillſchweigen; endlich aber antwortete ein alter Mann, mit einer duͤnnen, pfeifenden Stimme:„Nicolaus Vedder! hm, der iſt ſchon vor achtzehn Jahren geſtorben! Auf dem hoͤlzernen Grabſteine auf dem Kirchhofe ſtand alles, wie es mit ihm im Leben geweſen war; aber der iſt auch laͤngſt verfault.“ Und wo iſt Brom Dutcher? „Hm, der ging im Anfang des Krieges mit ins Feld; Einige ſagen, er waͤre bei der Erſtuͤr⸗ mung von Stoney⸗Point umgekommen— Andere meinen, er ſey in einem Sturme bei Antonius Naſe*) ertrunken. Genug— er iſt nicht wieder zuruͤckgekommen.“. *) Einem Vorgebirge, öſtlich vom Hndſon. Ueberſ. 81 Wo iſt van Bummel, der Schulmeiſter? „Er ging auch mit in den Krieg, ward ein gro⸗ ßer Miliz⸗General und ſitzt im Congreß.“ Rip's Herz ſank immer mehr und mehr, je mehr er von dieſen Veraͤnderungen in ſeiner Hei⸗ math und bei ſeinen Freunden hoͤrte, und ſich nun ſo allein in der Welt fand. Jede Antwort, die er erhielt, vermehrte ſein Erſtaunen, denn es war von ſo ungeheuren Zeitraͤumen und von Dingen die Rede, die er durchaus nicht begreifen konnte: von Krieg— Congreß— Stoney⸗Point.— Er hatte nicht den Muth, nach andern Freunden zu fragen, ſon⸗ dern rief endlich in Verzweiflung aus:„Kennt denn Niemand hier Rip van Winkle?“ 1 „Rip van Winkle!“ riefen Zwei oder Drei aus, „allerdings! das da iſt Rip van Winkle, der ſich an den Baum lehnt.“ Rip ſahe hin und erblickte ſein Ebenbild von damals, als er den Berg hinangeſtiegen war, dem Anſchein nach eben ſo traͤge, auf jeden Fall aber eben ſo zerlumpt. Itzt war es mit des armen Rip's Faſ⸗ ſung ganz voruͤber. Er zweifelte an ſeinem eigenen Daſeyn und ob er Er ſelbſt, oder ein anderer Mann ſey. Waͤhrend er noch in dieſem Gedanken⸗ taumel war, fragte ihn der Mann mit dem dreiecki⸗ gen Hute:„wer er ſey und wie er heiße?“ 82 „Gott weiß es!“ rief er, itzt ganz außer Faſ⸗ ſung, aus.„Ich bin nicht Ich ſelbſt,— ich bin Je⸗ mand anderes.— Das da bin Ich— nein— das iſt Jemand anderes in meiner Haut.— Ich war geſtern Abend Ich ſelbſt, aber ich ſchlief auf dem Berge ein, und man hat mir meine Flinte ver⸗ tauſcht und Alles iſt veraͤndert, und Ich bin veraͤn⸗ dert, und ich weiß nicht mehr wie ich heiße, oder wer ich bin?“ Ddie Umſtehenden fingen itzt an, einander an⸗ zuſehen, ſich Winke zu geben, und mit dem Finger auf die Stirn zu zeigen. Auch ſluͤſterte man ſich zu: ob es nicht beſſer waͤre, die Flinte wegzuneh⸗ men, und ſo den alten Mann zu verhindern, Un⸗ heil anzurichten, eine Bemerkung, bei welcher der gewichtige Mann mit dem dreieckigen Hute ſich ſo⸗ gleich davon gemacht hatte. In dieſem bedenklichen Augenblicke draͤngte ſich eine friſche, nette Frau durch die Menge, um den graubaͤrtigen Mann zu ſehen. Sie hatte ein pausbackiges Kind auf dem Arme, das, von den Blicken des Alten erſchreckt, zu weinen anfing.„Still, Rip, rief die Mutter ihm zu, ſtill du kleiner Narr, der alte Mann thut Dir nichts zu Leide.“ Der Name des Kindes, das Aeußere der Mutter, der Ton ihrer Stimme, Alles dieß erweckte eine Reihe von Erinnerungen in ſei⸗ 8³ nem Gemuͤthe. Wie heißt Ihr, meine gute Frau? fragte er. „Judith Gardenier.“ Und wie hieß euer Vater? „Ach, des armen Mannes Name war Rip van Winkle; es iſt nun zwanzig Jahr her, daß er mit ſeiner Flinte von Hauſe wegging, und man hat ſeit⸗ dem nie wieder etwas von ihm gehoͤrt. Sein Hund kam nach Hauſe ohne ihn; ob er ſich aber erſchoſſen hat, oder ob ihn die Indianer weggeſchleppt ha⸗ ben, weiß man nicht. Ich war damals noch ein kleines Maͤdchen.“ Rip blieb itzt nur noch eine Frage uͤbrig, die er aber mit ſtockender Stimme vorbrachte: Wo iſt eure Mutter?. „O, die iſt auch, aber nur vor Kurzem, ge⸗ ſtorben: ſie zerſprengte ſich ein Blutgefaͤß, als ſie ſich uͤber einen Hauſirer aus Neu⸗England aͤr⸗ gerte.“. In dieſer Nachricht war wenigſtens ein Trop⸗ fen Troſtes. Der ehrliche Mann konnte ſich nicht laͤnger halten. Er ſchloß ſeine Tochter und ihr Kind in ſeine Arme.„Ich bin dein Vater!“ rief er aus:„einſt der junge Rip van Winkle— itzt der alte Rip!— Kennt denn Niemand den armen Rip van Winkle?“ 84 Alle ſtanden voll Erſtaunen da, bis eine alte Frau, die aus der Menge hervorſchwankte, ihre Hand an die Augen hielt, und darunter hervorblik⸗ kend, ihm ins Geſicht ſah und nun ausrief:„Al⸗ lerdings! das iſt Rip van Winkle! er iſt es ſelbſt! Willkommen zu Hauſe, alter Nachbar— aber, wo habt Ihr denn die zwanzig Jahre uͤber geſteckt?“ Rip war bald mit ſeiner Erzaͤhlung fertig, denn die ganzen zwanzig Jahre waren ihm wie eine Nacht vergangen. Die Nachbaren machten große Augen, als ſie ſie hoͤrten: einige winkten einander zu und ſteckten die Zunge in die Backen*), und der gewichtige Mann mit dem dreieckigen Hute, der, als der Schreck voruͤber war, ſich wieder auf den Kampfplatz eingeſtellt hatte, zog die Mundwinkel herab und ſchuͤttelte den Kopf— worauf die ganze Verſammlung ebenfalls den Kopf ſchuͤttelte. Man entſchied ſich indeß dahin, den alten Pe⸗ ter Vanderdonk zu befragen, den man langſam des Weges daher kommen ſah. Er war ein Abkoͤmm⸗ ling des Geſchichtſchreibers dieſes Namens, welcher eine der fruͤheſten Beſchreibungen dieſer Provinz geliefert hat. Peter war der aͤlteſte Bewohner des —— *) Ein auch in England gewöhnliches Zeichen des Un⸗ glaubens und Spottes. Ueberſ. 85 Dorfes, und in allen wunderbaren Ereigniſſen und Ueberlieferungen der Nachbarſchaft wohl bewandert. Er erkannte Rip ſogleich, und bekraͤftigte deſſen Er⸗ zaͤhlung auf die genuͤgendſte Weiſe. Er verſicherte die Geſellſchaft, daß es eine Thatſache ſey, welche ſchon von ſeinem Ahnherrn, dem Geſſchichtſchreiber her, von Mund zu Munde gegangen, daß die Kaatskill⸗Berge immer von ſeltſamen Erſcheinun⸗ gen heimgeſucht worden ſeyen. Man behaupte, daß der große Hendrick Hudſon, der erſte Entdecker des Fluſſes und des Landes, dort alle zwanzig Jahre mit ſeiner Schiffsmannſchaft vom Halben⸗Monde eine Art von Sabbath halte, indem es ihm ver⸗ goͤnnt ſey, auf dieſe Art den Schauplatz ſeiner Un⸗ ternehmungen wieder zu beſuchen und ein wachſa⸗ mes Auge auf den Fluß und die nach ſeinem Na⸗ men genannte große Stadt zu haben. Sein Va⸗ ter habe ſie Alle einſt in ihrer alten Hollaͤndiſchen Kleidung in einer Vertiefung zwiſchen den Bergen Kegel ſchieben ſehen, und er ſelbſt habe, an einem Sommernachmittag, das Rollen ihrer Kugeln wie entfernten Donner gehoͤrt. Die Leute verloren ſich nun, und kehrten zu den wichtigeren Geſchaͤften der Wahl zuruͤck. Rip's Tochter nahm den Vater mit ſich nach Hauſe. Sie hatte eine nette, wohl eingerichtete Wohnung, und 86 einen kraͤftigen, wohlgemuthen Pachter zum Manne, in welchem Rip einen der Kleinen erkannte, die ihm auf den Ruͤcken zu klettern pflegten. Rip's Sohn und Erbe, ſein Ebenbild, den er ſich gegen den Baum hatte lehnen ſehen, arbeitete mit auf dem Hofe, zeigte aber ebenfalls die angeborne Nei⸗ gung, Alles, nur nicht ſein eigenes Geſchaͤft, zu treiben.. RNiip ging nun wieder ſeine alten Gaͤnge, und nahm ſeine alten Gewohnheiten wieder an; er fand bald mehrere von ſeinen fruͤheren Gefaͤhrten, die aber von der Zeit eben nicht geſchont worden wa⸗ ren, weßwegen er es auch vorzog, ſich Freunde un⸗ ter dem aufbluͤhenden Geſchlecht zu erwerben, bei dem er bald in große Gunſt kam. Da er zu Hauſe nichts zu thun, und das gluͤck⸗ liche Alter erreicht hatte, wo ein Menſch ungeſtraft nichts thun darf, ſo nahm er ſeinen alten Platz wieder auf der Bank vor der Schenke ein, und wurde als einer von den Patriarchen des Dorfes und als eine Chronik aus den alten Zeiten vor dem Kriege verehrt. Es dauerte indeß einige Zeit, ehe er ſich in die gangbare Redeweiſe finden, oder die ſonderbaren Ereigniſſe begreifen konnte, welche waͤh⸗ rend ſeiner Erſtarrung Statt gefunden hatten: daß es einen Revolutionskrieg gegeben— daß das 87 Land das Joch von Alt⸗England abgeſchuͤttelt, und daß er aus einem Unterthanen ſeiner Majeſtaͤt, Georg des Dritten, itzt ein freier Buͤrger der Ver⸗ einigten Staaten geworden ſey. Rip war im Grunde kein Politiker; die Veraͤnderungen der Staaten und Reiche machten nur wenig Eindruck auf ihn: allein es gab eine Art Despotismus, un⸗ ter dem er lange geſchmachtet hatte— die Pan⸗ toffelregierung. Dieſe war gluͤcklicherweiſe zu Ende, er war frei vom Eheſtandsjoche, und konnte ein⸗ und ausgehen, wann er wollte, ohne die Tyrannei der Frau van Winkle fuͤrchten zu duͤrfen. Sobald indeß ihr Name genannt wurde, ſchuͤttelte er den Kopf, zuckte die Achſeln und ſchlug die Augen gen Himmel, was man entweder fuͤr Ergebung in ſein Schickſal, oder fuͤr Freude uͤber ſeine Befreiung halten konnte. Er pflegte ſeine Geſchichte jedem Fremden zu erzaͤhlen, der in Herrn Doolittle's Hotel ankam. Anfangs bemerkte man, daß er jedesmal einige Sachen anders vortrug, was aber, ohne Zweifel, davon herruͤhrte, daß er erſt ſo kuͤrzlich erwacht war. Nach und nach ward indeß das Ganze klar, und geſtaltete ſich gerade ſo, wie ich es hier wie⸗ dererzaͤhlt habe, und es gab keinen Mann, Frau oder Kind in der Nachbarſchaft, die nicht die Ge⸗ ſchichte auswendig gewußt haͤtten. Einige wollten indeß immer an der Wahrheit der Sache zweifeln, und behaupteten, Rip ſey nicht bei Sinnen gewe⸗ 3 ſen: die alten Hollaͤndiſchen Einwohner maßen je⸗ doch, beinahe allgemein, der Erzaͤhlung vollen Glau⸗ ben bei. Selbſt bis auf dieſen Tag hoͤren ſie nie den Donner an einem Sommernachmittage in der Gegend der Kaatskill⸗Berge rollen, ohne zu ſagen, daß Hendrik Hudſon und ſeine Gefaͤhrten wieder bei ihrem Kegelſpiel waͤren;— und es iſt nur ein Wunſch bei allen Ehemaͤnnern in der Gegend, die ein wenig unter dem Pantoffel ſtehen, wenn ihnen das Leben etwas ſauer wird:— einen Schlaftrunk aus Rip van Winkle's Flaſche thun zu koͤnnen. Anmerkung. Man ſollte glauben, daß die Veranlaſſung zu der verhergehenden Erzaͤhlung Herrn Knickerbocker durch ein kleines deutſches Maͤrchen von Kaiſer Friedrich dem Rothbart und dem Kiffhaͤuſer⸗Berge gegeben worden ſey; allein es geht aus der folgen⸗ den Note, welche er der Erzaͤhlung beigefuͤgt hat, hervor, daß dieß eine wahre Thatſache ſey, die er mit ſeiner gewoͤhnlichen Treue wiedererzaͤhlt hat. 89 „Die Geſchichte von Rip van Winkle mag Manchem unglaublich ſcheinen, allein ich kann nicht umhin, vollkommen daran zu glauben, da ich weiß, daß in der Naͤhe unſerer alten Hollaͤndiſchen Nieder⸗ laſſungen gar manche wunderbare Begebenheiten und Erſcheinungen ſich zugetragen haben. Ja ich habe wol, in den Doͤrfern am Hudſon, noch ſonderba⸗ rere Geſchichten erzaͤhlen gehoͤrt, und die zu wohl beglaubigt waren, als daß man irgend einen Zwei⸗ fel dagegen haͤtte hegen koͤnnen. Ich habe ſogar mit Rip van Winkle ſelbſt geſprochen, der, als ich ihn zuletzt ſah, ein ſehr ehrwuͤrdiger alter Mann und ſo vollkommen vernuͤnftig und beſonnen bei je⸗ der andern Sache war, daß kein vernuͤnftiger Menſch an dieſer zweifeln konnte: ja ich habe ſogar eine Beglaubigungsſchrift uͤber den Gegenſtand geſehen, die von einem Dorfrichter aufgenommen, und mit einem Kreuz, in des Richters eigener Handſchrift, unterzeichnet war. Es iſt alſo nicht moͤglich, den geringſten Zweifel uͤber die Wahrheit der Ge⸗ ſchichte zu hegen. Dietr. Knickerbocker.“ 1 Engliſche Schriftſteller uͤber Amerika. — Mich dünkt, ich ſehe vor meinem Geiſte ein edles und mächtiges Volk, das ſich, wie ein ſtarker Mann, nach dem Schlafe erhebt und ſeine unbeſtegbaren Locken ſchüt⸗ telt; mich dünkt, ich ſehe es, wie einen Adler, der ſein mächtiges Jugendgeſieder wechſelt, und ſeine ge⸗ blendeten Augen an dem Sonnenſtrahle wieder anzündet. Milton, über die Preßfreiheit. — Mi tiefem Kummer ſehe ich, daß die ſchriftſtel⸗ leriſche Erbitterung zwiſchen England und Amerika taͤglich zunimmt. Man iſt in letzten Zeiten ſehr neugierig auf alles das geworden, was in den Ver⸗ einigten Staaten vorgeht, und die Preſſen haben in London einen Band nach dem andern von Rei⸗ ſen durch die Republik zu Tage gefoͤrdert; allein dieſe ſcheinen eher Irrthuͤmer, als eine wahre Kenntniß des Landes verbreiten zu wollen, und dieß iſt ihnen ſo gut gegluͤckt, daß, des beſtaͤndigen Ver⸗ kehrs zwiſchen den beiden Voͤlkern ungeachtet, es kein Volk giebt, uͤber welches der große Haufe in 91 England weniger genau unterrichtet waͤre, oder ge⸗ gen welches er mehr Vorurtheile haͤtte. Die Engliſchen Reiſenden ſind die beſten, aber auch die ſchlechteſten in der Welt. Wo keine Ruͤck⸗ ſichten des Stolzes oder des Vortheils dazwiſchen kommen, kann es ihnen Niemand an tiefen und philoſophiſchen Anſichten der buͤrgerlichen Geſell⸗ ſchaft, oder an treuen und anſchaulichen Beſchrei⸗ bungen aͤußerer Gegenſtaͤnde zuvorthun: ſobald aber entweder der Vortheil oder der Ruf ihres Vater⸗ landes mit dem eines andern in Streit kommt, ſo gehen ſie zu dem Entgegengeſetzten uͤber, verlaͤug⸗ nen ihre eigne Rechtlichkeit und Unparteilichkeit, machen grillenhafte Bemerkungen und uͤberlaſſen ſich einem unfreundlichen Hange zum Laͤcherlichmachen. Daher ſind ihre Reiſebeſchreibungen um ſo treuer und genauer, als das beſchriebene Land ent⸗ fernter iſt. Ich wuͤrde der Beſchreibung eines Eng⸗ laͤnders von den Laͤndern jenſeits der Waſſerfaͤlle des Nil, von unbekannten Inſeln im gelben Meer, vom Innern Indien's, oder von irgend einer andern Gegend, die andere Reiſende mit den Farben ihrer Einbildungskraft ausſchmuͤcken wuͤrden, unbedingten Glauben beimeſſen; dagegen aber die Nachrichten, welche er von ſeinen naͤchſten Nach⸗ barn und von den Voͤlkern giebt mit denen er 92 am haͤufigſten in Beruͤhrung ſteht, nur mit großer Vorſicht benutzen. So ſehr ich ſeiner Rechtlichkeit vertraue, ſo ſehr mißtraue ich ſeinen Vorurtheilen. Daneben hat unſer Land das beſondere Schickſal gehabt, von der ſchlechteſten Gattung Engliſcher Reiſender beſucht zu werden. Waͤhrend man Leute von philoſophiſchem Geiſt und Bildung von Eng⸗ land ausgeſchickt hat, bis zu den Polen hinaufzu⸗ gehen, in die Wuͤſte einzudringen, und die Sitten und Gebraͤuche wilder Voͤlker kennen zu lernen, mit denen es weder einen vortheilhaften, noch angeneh⸗ men beſtaͤndigen Verkehr haben kann, ſind ban⸗ querute Kaufleute, planmachende Abenteuerer, wan⸗ dernde Handwerker, Reiſende von Mancheſter und Birmingham, die Orakel England's uͤber Amerika geweſen. Aus ſolchen Quellen ſchoͤpft es ſeine Kunde uͤber ein Land, das ſich in einem eigenthuͤmlichen Zuſtande geiſtiger und phyſiſcher Entwickelung be⸗ findet, ein Land, in welchem einer der groͤßten po⸗ litiſchen Verſuche in der Geſchichte der Welt itzt angeſtellt wird, und welches fuͤr den Staatsmann und den Philoſophen einen Gegenſtand des tiefſten und wichtigſten Studiums darbietet. Daß ſolche Leute befangene Nachrichten von Ame⸗ rika geben, daruͤber darf man ſich nicht wundern. Die Gegenſtaͤnde der Betrachtung, welche Amerika —q 93 darbietet, ſind zu großartig und erhaben fuͤr ihre Faſſungskraft. Der Nationalcharakter befindet ſich noch in einem Zuſtande der Gaͤhrung; er mag ſei⸗ nen Schaum und Bodenſatz haben, allein ſeine Be⸗ ſtandtheile ſind rein und geſund, er hat ſchon Be⸗ weiſe ſeiner kraͤftigen und tuͤchtigen Eigenſchaften gegeben, und das Ganze verſpricht, wenn es ſich geſetzt haben wird, etwas wirklich Treffliches zu werden. Die Urſachen, welche dazu beitragen, ihm Staͤrke zu geben und es zu veredeln, und die taͤg⸗ lichen Anzeichen von ſeinen bewunderungswuͤrdigen Eigenſchaften, ſind indeſſen fuͤr dieſe ſtockblinden Beobachter nicht da, welche nur die kleinen Schroff⸗ heiten bemerken, die bei ſeiner itzigen Lage natuͤrlich find. Sie urtheilen bloß von der Oberflaͤche der Dinge, von den Gegenſtaͤnden, welche mit ihrem Privat⸗Vortheil und ihrer Perſoͤnlichkeit in Beruͤh⸗ rung kommen. Sie vermiſſen einige von den Be⸗ quemlichkeiten und kleinen Behaglichkeiten, welche man in einem alten, hoch gebildeten, uͤber⸗volkrei⸗ chen Geſellſchafts⸗Zuſtande findet, wo es eine Menge von Haͤnden fuͤr nuͤtzliche Arbeiten giebt, und Viele ein muͤhſeliges und ſklaviſches Leben nur dadurch friſten, daß ſie fuͤr die Launen des Begehrens und der Verwoͤhnung arbeiten. Dieſe kleinen Behaglichkei⸗ ten ſind indeß, in den Augen kleiner Geiſter, von 94 der groͤßten Wichtigkeit, da ſie entweder es nicht einſehen, oder es nicht eingeſtehen wollen, daß ſie bei uns durch große und allgemein verbreitete Seg⸗ nungen aufgewogen werden. Vielleicht haben ſie ſich auch in ihren unuͤber⸗ legten Erwartungen eines ploͤtzlichen Gewinns ge⸗ taͤuſcht geſehen. Sie haben ſich Amerika als ein Eldorado gedacht, wo Gold und Silber in Ueber⸗ fluß vorhanden ſind, wo die Eingebornen nicht viel Verſtand haben, und wo man auf eine unvermu⸗ thete, aber leichte Weiſe gewaltig und ploͤtzlich reich werden koͤnne. Eben die Geiſtesſchwaͤche, welche dieſe albernen Erwartungen naͤhrt, bringt aber, wenn ſie ſich getaͤuſcht ſieht, auch Verdruß hervor. Leute der Art werden erbittert gegen das Land, wenn ſie finden, daß, hier ſo gut wie uͤberall, Jemand ſaͤen muß wenn er ernten will, daß er nur durch Thaͤ⸗ tigkeit und Talent Reichthum erwerben kann, und daß er mit den gewöhnlichen Hinderniſſen der Na⸗ tur und dem Scharfſinn eines geſcheuten und un⸗ ternehmenden Volks zu kaͤmpfen hat. Vielleicht ſind dieſe Leute, aus einer irrigen oder uͤbel angebrachten Gaſtfreiheit, oder vermöge der, meinen Landsleuten eigenthuͤmlichen Bereitwilligkeit, Fremde zu ermuntern und zu unterſtuͤtzen, mit un⸗ gewohnter Achtung in Amerika behandelt worden; 95⁵ da ſie aber ihr ganzes Leben lang nur gewohnt gewe⸗ ſen, ſich als auf einer niedern Stufe der Geſellſchaft ſtehend zu betrachten, und da ſie in dem knechtiſchen Gefuͤhle der Untergeordnetheit erzogen waren, ſind ſie unverſchaͤmt geworden, ſobald man die gewoͤhnliche Hoflichkeit gegen ſie beobachtet hat. Sie meſſen der Demuth Anderer ihre eigene Erhebung zu, und ſchaͤ⸗ tzen eine Geſellſchaft gering, worin es keine kuͤnſt⸗ liche Unterſcheidungen giebt, und worin kein Zufall irgend einer Art, Leuten wie ſie ſind, Wichtig⸗ keit geben kann. Man ſollte indeſſen glauben, daß Nachrichten, welche aus ſolchen Quellen uͤber einen Gegenſtand fließen, uͤber welchen man gern die Wahrheit er⸗ fahren moͤchte; von den Beurtheilern ſchriftſtelleri⸗ ſcher Erzeugniſſe mit Mißtrauen aufgenommen wer⸗ den muͤßten; daß man die Beweggruͤnde dieſer Leute, ihre Wahrhaftigkeit, die Gelegenheiten, welche ſich ihnen darbieten, Unterſuchungen anzuſtellen und Beobachtungen zu machen, ſo wie ihre Faͤhigkeit, ein richtiges Urtheil zu faͤllen, ſtreng unterſuchen wuͤrde, ehe man ihre Ausſagen gegen ein verwand⸗ tes Volk, in einem ſolchen Umfange, als guͤltig zu⸗ ließ. Gerade das Entgegengeſetzte geſchieht indeſ⸗ ſen, und dieß iſt ein ſprechender Beweis fuͤr die Schwaͤche der Menſchen. Nichts geht uͤber die 96 Genauigkeit, womit Engliſche Kritiker die Glaub⸗ wuͤrdigkeit eines Reiſenden pruͤfen, welcher eine Be⸗ ſchreibung irgend eines entfernten und verhaͤltniß⸗ maͤßig unwichtigen Landes herausgiebt. Wie muͤh⸗ ſam vergleichen ſie nicht die Meſſungen einer Py⸗ ramide, oder die Beſchreibung einer Truͤmmer, und wie ſcharf ruͤgen ſie nicht jede Ungenauigkeit in die⸗ ſen Beitraͤgen zur Kenntniß bloß merkwuͤrdiger Dinge, waͤhrend ſie mit Begierde und blindem Glauben die handgreiflichen Entſtellungen ungebilde⸗ ter und unbekannter Schriftſteller in Hinſicht auf ein Land hinnehmen, mit welchem ihr eigenes in den wichtigſten und zartſtgeſponnenen Beziehungen ſteht. Ja, ſie behandeln dieſe verdaͤchtigen Buͤcher wie wahrhaft klaſſiſche, und eroͤrtern ſie mit einem Eifer und einer Geſchicklichkeit, welche einer beſſern Sache wuͤrdig waͤren. Ich will jedoch bei dieſem widrigen und abge⸗ droſchenen Gegenſtande nicht laͤnger verweilen: auch wuͤrde ich ihn gar nicht beruͤhrt haben, haͤtten nicht meine Landsleute, dem Anſchein nach, einen uͤber: großen Antheil daran genommen, und muͤßte ich nicht fuͤrchten, daß er gewiſſe nachtheilige Wirkungen auf die Geſinnungen des Volks hervorbringen moͤchte. Wir legen einen viel zu großen Werth auf dergleichen Angriffe. Sie können uns keinen weſentlichen Nach⸗ theil 97 theil zufuͤgen. Das Gewebe der Entſtellungen, mit welchem man uns zu umgeben trachtet, gleicht den Spinnweben, mit welchen man die Glieder eines jun⸗ gen Rieſen umſtricken will. Unſer Vaterland waͤchſt immer uͤber ſie hinaus. Eine Unwahrheit nach der andern faͤllt von ſelbſt ab. Wir brauchen nur wei⸗ ter fort zu leben, und jeder Tag unſers Lebens er⸗ zeugt einen ganzen Band von Widerlegungen. Alle Schriftſteller von England zuſammengenommen wuͤr⸗ den— wenn wir nur einen Augenblick annehmen koͤnnten, daß ihre großartigen Gemuͤther ſich zu ei⸗ ner ſo unwuͤrdigen Vereinigung erniedrigen duͤrften — unſre ſchnell emporwachſende Bedeutſamkeit und unſer beiſpielloſes Gedeihen nicht verhuͤllen koͤnnen. Sie koͤnnten es nicht verhehlen, daß dieſe Erſchei⸗ nungen nicht allein in phyſiſchen und oͤrtlichen, ſon⸗ dern auch in moraliſchen Urſachen ihren Grund ha⸗ ben— in der politiſchen Freiheit, der allgemeinen Verbreitung von Kenntniſſen, dem Uebergewicht ge⸗ ſunder moraliſcher und religioͤſer Grundſaͤtze, welche dem Charakter eines Volks Kraft und anhaltenden Nachdruck geben, und welche in der That die aner⸗ kannten und wunderbaren Stuͤtzen ihrer eigenen Macht und ihres Ruhmes geweſen ſind. Warum ſind wir aber ſo ungemein empfind⸗ lich gegen alle Verlaͤumdungen von England aus? Skizzenbuch. I. E ——ÿ— —ÿyy mʒ— 98 Warum macht die Schmach, welche es auf uns zu haͤufen geſucht hat, einen ſolchen Eindruck auf uns? Englands Meinung allein kann doch nicht Ehre und Ruf geben. Die ganze Weßz iſt die Schieds⸗ richterin uͤber den Ruf eines Volks; mit ihren tau⸗ ſend Augen beobachtet ſie die Thaten eines Volks, und ihr Zeugniß iſt es, auf welches ſich National⸗ Ruhm oder National⸗Schande gruͤndet. Fuͤr uns iſt es alſo verhaͤltnißmaͤßig von gerin⸗ 4 ger Wichtigkeit, ob England uns Gerechtigkeit wi⸗ derfahren laͤßt, oder nicht; viel bedeutſamer iſt es vielleicht fuͤr dieß Land ſelbſt. England flöͤßt einem jugendlichen Volke Zorn und Erbitterung ein, die mit ſeinem Wachsthum wachſen, und mit ſeiner Staͤrke ſtaͤrker werden. Sollte es, wie einige ſei⸗ ner Schriftſteller es zu uͤberzeugen bemuͤht ſind, an Amerika dereinſt einen eiferſuͤchtigen Nebenbuhler und einen rieſenhaften Feind finden, ſo hat es dieß jenen Schriftſtellern zu danken, welche dieſe Ne⸗ benbuhlerſchaft geweckt und die Feindſeligkeit er⸗ regt haben. Jedermann kennt den ausgebreiteten Einfluß der Litteratur in der itzigen Zeit, und wie ſehr die Meinungen und Leidenſchaften der Men⸗ ſchen von ihr geleitet werden. Die Kaͤmpfe mit dem Schwerte ſind voruͤbergehend, die Wunden, welche es ſchlaͤgt, treffen nur das Fleiſch, und der ———— * 99 Großmuͤthige ſetzt ſeinen Stolz darin, ſie zu ver⸗ geſſen und zu vergeben; allein die Verlaͤumdungen, welche von der⸗ Feder ausgehen, treffen das Herz, bluten am laͤngſten in den edelſten Geiſtern, ſind dem Gemuͤthe immer gegenwaͤrtig, und machen es krankhaft empfindlich gegen die leiſeſte unangenehme Beruͤhrung. Nur ſelten bringt eine Handlung offener Gewalt Feindſeligkeiten zwiſchen zwei Voͤlkern her⸗ vor; gewoͤhnlich geht eine gewiſſe Eiferſucht und boͤſer Wille vorher, und eine vorgaͤngige Neigung, Anſtoß zu nehmen. Man verfolge dieß Alles bis zu ſeiner Quelle, und man wird finden, daß es in den unheilbrigenden Ergießungen beſoldeter Schriftſteller ſeinen Urſprung hat, die, ſicher in ihren Cabinet⸗ ten, um eines ſchmachvollen Brotes willen, das Gift bereiten und verbreiten, welches die Großmuͤ⸗ thigen und Edeln entzuͤnden ſoll. Ich lege gewiß kein zu großes Gewicht auf dieſen Punkt, denn er bezieht ſich ausdruͤ glich auf unſern beſondern Fall. Kein Volk ſteht unter ei⸗ ner unbeſchraͤnkteren Herrſchaft der Preſſe, als das Amerikaniſche, denn die allgemeine Erziehung der aͤrmſten Klaſſe macht Jedermann zum Leſer. Es kommt in England nichts uͤber unſer Land heraus, das nicht in jedem Theile deſſelben in Umlauf kaͤme. Keine Verlaͤumdung, die aus der Feder eines Eng⸗ E 2 ————;— 100 laͤnders fließt, kein unwuͤrdiger Spott, der einem Engliſchen Staatsmann entſchluͤpfte, die nicht dazu beitruͤgen, den guten Willen zu daͤmpfen und den heimlichen Groll zu vermehren. Da nun England uͤberdieß die gemeinſchaftliche Quelle beſitzt, aus welcher die Sprache beider Nationen fließt, wie ganz ſteht es nicht in ſeiner Macht, und wie ſehr iſt es nicht ſeine Pflicht, ſie zu der Dolmetſcherin freund⸗ licher und großartiger Gefuͤhle zu machen, und einen Strom zu bilden, auf welchem beide Voͤlker einan⸗ der begegnen, und darin in Frieden und Freundſchaft ſchoͤpfen koͤnnten. Sollte es indeſſen darauf beſte⸗ hen, ihn in Wermuth zu verwandeln, ſo duͤrfte wol eine Zeit kommen, wo es ſeine Thorheit bereuen moͤchte. Die gegenwaͤrtige Freundſchaft Amerika's mag ihm vielleicht wenig werth ſeyn, allein das ſpaͤtere Schickſal dieſes Landes iſt wol nicht zwei⸗ felhaft, waͤhrend uͤber dem von England manche Wol⸗ ken der Ungewißheit hangen*). Sollten alſo die truͤben Tage eintreten, ſollte das Unglück herein⸗ brechen, dem ſelbſt die ſtolzeſten Reiche nicht ent⸗ gangen ſind, ſo wird es mit Bedauren auf ſeine Verblendung zuruͤckblicken, ein Volk ſo zuruͤckgeſto⸗ *) Eine nähere Kenntniß Englands wird den Hrn. Ver⸗ faſſer gewiß längſt von dem Ungrunde ſeiner Meinung überzeugt haben. Ueberſ. 101 ßen zu haben, das es an ſeinen Buſen haͤtte druͤcken ſollen, und ſo die einzige Ausſicht auf wahre Freund⸗ ſchaft zerſtoͤrt zu haben, welche es uͤber die Graͤnzen ſeiner eigenen Beſitzungen hinaus finden konnte. Es herrſcht die allgemeine Anſicht in England, daß die Bewohner der Vereinigten Staaten gegen das Mutterland feindſelig geſinnt ſeyen. Dieß iſt einer von den Irrthuͤmern, welche von hinterliſti⸗ gen Schriftſtellern abſichtlich verbreitet worden ſind. Es iſt allerdings eine bedeutende politiſche Feindſe⸗ ligkeit und eine allgemeine Empfindlichkeit uͤber die Unfreundlichkeit der Engliſchen Preſſe vorhanden, aber im Ganzen iſt doch das Volk ſehr fuͤr Eng⸗ land eingenommen. Dieſe Vorliebe iſt waͤhrend ei⸗ ner Zeit in einigen Gegenden zur wahren Vergoͤt⸗ terung geworden. Der bloße Name„Englaͤnder“ war ein Freibrief, um das Vertrauen und die Gaſt⸗ freundſchaft jeder Familie zu genießen, und lieh nur zu oft Werthloſen und Undankbaren eine voruͤber⸗ gehende Beliebtheit. Im ganzen Lande war eine Art von Begeiſterung mit dem Gedanken an Eng⸗ land verknuͤpft. Wir blickten mit einem frommen Gefuͤhle der Zaͤrtlichkeit und Verehrung, als zu dem Lande unſrer Voraͤltern, zum erhabenen Aufbewah⸗ rungsorte aller Denkmaͤler und Alterthuͤmer unſeres Geſchlechts, zum Geburtsorte und Grabdenkmale der ———;— 102 Weiſen und Helden unſerer vaͤterlichen Geſchichte empor. Nach unſerem eigenen Lande gab es keines, deſſen Ruhmes wir uns mehr freuten, keines, deſ⸗ ſen gute Meinung wir ſehnlicher fuͤr uns zu haben wuͤnſchten, keines, dem unſere Herzen mehr mit dem Pulsſchlage warmer Verwandtſchaft anhingen. Selbſt waͤhrend des letzten Krieges war es, ſo oft nur die geringſte Gelegenheit ſich darbot, wo das Gefuͤhl der Theilnahme ſich entfalten konnte, ein wahres Vergnuͤgen fuͤr die großartigen Gemuͤther unſeres Landes, an den Tag zu legen, daß ſie, mitten unter Feindſeligkeiten, doch den Funken kuͤnf⸗ tig wieder zu erſtehender Freundſchaft glimmend zu erhalten ſtrebten. Soll dieß Alles nun zu Ende ſeynd? ſoll dieß goldene Band verwandter Gefuͤhle, das unter Voͤl⸗ kern ſo ſelten iſt, auf ewig zerriſſen ſeyn?— Viel⸗ leicht iſt es gut ſo; vielleicht kann es dazu beitra⸗ gen, ein Blendwerk zu zerſtoͤren, welches uns in einer geiſtigen Sklaverei erhalten haben duͤrfte, das gelegentlich mit unſerem wahren Vortheil in Be⸗ ruͤhrung gekommen ſeyn, und die Ausbildung des wahren Nationalſtolzes verhindert haben koͤnnte. Allein es iſt hart, die Bande der Verwandtſchaft aufgeben zu muͤſſen! Es giebt Gefuͤhle, welche uns theurer ſind, als unſer Vortheil— welche uns 103 naͤher am Herzen liegen, als der Stolz— welche uns noch einen ſehnſuchtsvollen Blick des Bedaurens zuruͤckwerfen laſſen werden, wenn wir uns weiter und weiter von dem vaͤterlichen Dache entfernen, und welche die Haͤrte des Vaters beklagen werden, der die Liebe des Kindes mit Gewalt zuruͤckſtieß⸗ So beſchraͤnkt und unuͤberlegt das Benehmen Englands bei dieſem Syſtem der Verlaͤumdung auch ſeyn mag, ſo wuͤrde eine Vergeltung von un⸗ ſerer Seite doch eben ſo uͤbel angebracht ſeyn. Ich ſpreche hier nicht von einer entſchloſſenen und le⸗ bendigen Vertheidigung unſeres Vaterlandes, noch von der ſcharfen Zuͤchtigung der Verlaͤumder, ſon⸗ dern ich beziehe mich auf eine Neigung, mit glei⸗ cher Muͤnze bezahlen zu wollen, Spott wiederzu⸗ geben und wiederum Abneigung zu erregen,— was unter unſeren Schriftſtellern ſehr weit um ſich zu greifen ſcheint. In einer ſolchen Stimmung muͤſſen wir vorzuͤglich auf unſerer Hut ſeyn, denn ſie wuͤrde das Uebel nur verſchlimmern, ſtatt ihm ab⸗ zuhelfen. Nichts iſt ſo leicht und einladend, als Beleidigung und Spott wiederzugeben, allein es iſt ein kleinlicher und unnuͤtzer Streit. Es iſt das, was einem krankhaften Gemuͤth uͤbrig bleibt, das mehr zur Erbitterung geneigt iſt, als in einen leben⸗ digen Unwillen aufzuflammen. Wenn die Englaͤnder 1 zugeben wollen, daß kleinliche Handelseiferſucht, oder der rachſuͤchtige Ingrimm der Politik, die Rein⸗ heit ihrer Preſſe beſchmutzen, oder die Quelle der oͤffentlichen Meinung vergiften, ſo wollen wir uns wenigſtens huͤten, dieſem Beiſpiele zu folgen. England mag es ſeinem Vortheil angemeſſen hal⸗ ten, Irrthuͤmer zu verbreiten und Abneigung zu erzeugen, um die Auswanderung zu verhindern; wir haben keine Abſicht der Art zu befoͤrdern. Auch haben wir keinen Geiſt der Volks„Eiferſucht, den wir befriedigen muͤßten, denn bis jetzt ſind wir, bei allen Streitigkeiten mit England, immer der ſiegende und gewinnende Theil geweſen. Es kann alſo bei uns nichts weiter zu erreichen geben, als die Befriedigung der Nache, ein bloßer Geiſt der Wiedervergeltung, und ſelbſt dieſer iſt ohnmaͤch⸗ tig. Unſere Antworten werden in England nie be⸗ kannt, ſie erreichen daher ihren Zweck nicht, naͤhren dagegen nur den zaͤnkiſchen und muͤrriſchen Geiſt unter unſeren Schriftſtellern, vergaͤllen den ange⸗ nehmen Erguß unſerer jungen Litteratur, und ſaͤen Diſteln und Dornen zwiſchen ihre Bluͤthen. Was aber noch aͤrger iſt, ſo kommen ſie in unſerem ei⸗ genen Lande in Umlauf, und erregen, in ſo fern ſie einigen Eindruck machen, ſtarke Volksvorurtheile. Dieß letzte iſt ein Uebel, vor dem wir uns beſon⸗ 105 ders in Acht nehmen muͤſſen. So wie wir gaͤnz⸗ lich von der oͤffentlichen Meinung geleitet werden, muͤſſen wir auch auf das ſorgfaͤltigſte dahin ſehen, die oͤffentliche Stimmung in ihrer ganzen Reinheit zu erhalten. Kenntniß iſt Macht, und Wahrheit iſt Kenntniß; wer alſo wiſſentlich ein Vorurtheil verbreitet, der untergraͤbt muthwillig die Grundlage der Staͤrke ſeines Vaterlandes. Die Mitglieder eines Freiſtaats ſollten, vor al⸗ len andern, ſehr gerade und leidenſchaftlos ſeyn. Sie bilden, einzeln, Theile des ſelbſtherrſchenden Geiſtes und Willens, und ſollten deßwegen alle Streitfragen, welche das Wohl des Volks betreffen, mit ruhigem und unbefangenem Urtheile ins Auge faſſen. Die eigenthuͤmliche Beſchaffenheit un⸗ ſerer Verhaͤltniſſe mit England bringt es mit ſich, daß wir-mit-dieſer Macht oͤftere Eroͤrterungen einer ſchwierigen und bedenklichen Art haben, als mit ir⸗ gend einem andern Volke, und da bei Ausgleichung derſelben die Maßregeln, welche wir zu nehmen ha⸗ ben, am Ende durch die Meinung des Volks be⸗ ſtimmt werden muͤſſen, ſo koͤnnen wir nicht auf⸗ merkſam genug ſeyn, dieſe von allen verborgenen Leidenſchaften oder vorgefaßten Anſichten zu laͤutern. Da wir einmal Fremden aus allen Theilen der Erde einen Zufluchtsort gewaͤhren, ſo muͤſſen wir auch Alle mit Unpartheilichkeit empfangen. Wir muͤſſen unſeren Stolz darin ſetzen, wenigſtens das Beiſpiel eines Volks zu geben, das keinen Volks⸗ Widerwillen hat, und nicht allein die oͤffentlichen Handlungen der Gaſtfreiheit ausuͤben, ſondern auch jene ſeltenen und großartigen Freundlichkeiten er⸗ weiſen, welche aus der Freiheit der Meinung ent⸗ ſpringen.. Was haben wir auch mit National⸗Vorurthei⸗ len zu ſchaffen? Sie ſind die eingewurzelten Krank⸗ heiten alter Staaten, welche dieſe in rohen und unwiſſenden Zeiten eingeſogen haben, als die Voͤl⸗ ker noch wenig von einander wußten, und mit Mißtrauen und Feindſeligkeit uͤber ihre eigenen Graͤnzen hinausblickten. Wir haben dagegen unſer Daſeyn, als Volk, in einem aufgeklaͤrten und philoſophiſchen Zeitalter, erlangt, wo die verſchie⸗ denen Theile der bewohnbaren Welt und die ver⸗ ſchiedenen Zweige der Menſchenfamilie unermuͤdet ſtudirt und mit einander bekannt gemacht werden, und wir machen uns der Rechte unſerer Geburt verluſtig, wenn wir die National⸗Vorurtheile nicht eben ſo ablegen, wie wir dieß mit den oͤrtlichen aberglaͤubiſchen Meinungen der alten Welt thun. Vor allen Dingen muͤſſen wir uns aber nicht von unſerem Unwillen ſo weit verblenden laſſen, 107 daß wir unſere Augen gegen das verſchließen, was in dem Engliſchen Charakter wahrhaft Treffliches und Liebenswuͤrdiges liegt. Wir ſind ein junges Volk, mithin eines, welches andere nachahmen ſoll, und muͤſſen folglich unſere Beiſpiele und Muſter groͤßtentheils von den ſchon beſtehenden Vöoͤlkern in Europa entnehmen. Es giebt kein Land, das unſeres Studiums wuͤrdiger waͤre, als England. Der Geiſt ſeiner Verfaſſung hat mit dem der unſrigen die meiſte Uebereinſtimmung. Die Sitten des Volks, ſeine geiſtige Thaͤtigkeit, ſeine Meinungs⸗ freiheit, ſeine Art, uͤber die Gegenſtaͤnde zu den⸗ ken, welche die theuerſten Intereſſen und die hei⸗ ligſten Bande des Privatlebens betreffen; alles dieß hat eine große Verwandtſchaft mit dem Charakter der Amerikaner. Alles dieß iſt auch an ſich ſelbſt vortrefflich, denn in dem ſittlichen Gefuͤhle des Vol⸗ kes liegen die feſten Grundlagen der Wohlfahrt Englands, und wie ſehr auch der Oberbau abge⸗ nutzt, oder von Mißbraͤuchen uͤberwachſen ſeyn mag, ſo muß doch etwas Feſtes in der Grundlage, etwas Bewunderungswuͤrdiges in den Beſtandthei⸗ len, etwas Haltbares in der ganzen Zuſammen⸗ ſetzung eines Gebaͤudes liegen, das ſo lange in den Stuͤrmen der Welt unerſchuͤttert da geſtanden hat. Moͤgen alſo unſere Schriftſteller ihren Stolz darin ſetzen, ihr gereiztes Gefuͤhl zu unterdruͤcken, es verſchmaͤhen, die Unfreundlichkeit der Engliſchen Schriftſteller auf aͤhnliche Weiſe zu vergelten, und von dem Engliſchen Volke ohne Vorurtheil und mit entſchiedener Unparteilichkeit reden. Waͤhrend ſie die ruͤckſichtsloſe Abgoͤtterei ruͤgen, womit einige von unſeren Landsleuten Alles, was Engliſch iſt, be⸗ wundern und nachahmen, nur deßwegen weil es Engliſch iſt, moͤgen ſie freimuͤthig das herausheben, was wirklich des Lobes werth iſt. So koͤnnen wir England als ein beſtaͤndiges Huͤlfsbuch vor uns haben, worin die geſunden Schlußfolgen aus Jahr⸗ hunderten von Erfahrungen verzeichnet ſtehen, und, waͤhrend wir die Irrthuͤmer und Thorheiten ver⸗ meiden, welche ſich darin eingeſchlichen haben, gol⸗ dene Lehren praktiſcher Weisheit daraus ſchoͤpfen, um durch dieſe unſern National⸗Charakter zu be⸗ feſtigen und auszuſchmuͤcken. Landleben in England. Das beſte Thun des Menſchen förderſt Du: Nachdenken, Tugend, Frieden— Du allein, Ein häuslich Leben ländlich froher Ruh'! Cowper. — 63 Fremde, welcher ſich einen richtigen Begriff von dem Charakter der Englaͤnder machen will, muß ſeine Beobachtungen nicht auf die Hauptſtadt be⸗ ſchraͤnken. Er muß ſich auf das Land hinaus be⸗ geben, muß ſich in Doͤrfern und Weilern aufhal⸗ ten, muß Schloͤſſer, Villen, Meierhoͤfe, Bauer⸗ haͤuſer beſuchen, durch Parks und Gaͤrten, an Hek⸗ ken entlang und in Alleen wandeln, um Dorfkir⸗ chen umherſchlentern, Kirmeſſen und Maͤrkte und andere laͤndliche Feſte beſuchen, und ſich nach dem Volke, in allen ſeinen Verhaͤltniſſen, ſeinen Gewohn⸗ heiten und Launen bequemen. In manchen Laͤndern enthalten die Hauptſtaͤdte den ganzen Reichthum und das Modeleben des Volks: ſie ſind die einzigen feſten Aufenthaltsorte der zierlichen und gebildeten Geſellſchaft, waͤhrend das Land ſelbſt beinahe nur von dem baͤuriſchen Landvolke bewohnt wird. In England dagegen iſt die Hauptſtadt ein bloßer Verſammlungsort oder allgemeines Rendezvous fuͤr die gebildeteren Staͤnde, wo ſie einen kleinen Theil des Jahres in einem Gewirr der Froͤhlichkeit und Zerſtreuung zubringen, und, nachdem ſie dieſe Art von Karneval durchlebt, zu den, ihnen anſcheinend mehr zuſagenden, Gewohn⸗ heiten des Landlebens zuruͤckkehren. Die verſchie⸗ denen Klaſſen der Geſellſchaft ſind mithin uͤber die ganze Flaͤche des Koͤnigreichs zerſtreut, und ſelbſt die entfernteſten Gegenden bieten ein Gemiſch der verſchiedenen Staͤnde dar. Die Englaͤnder haben in der That ein ſehr le⸗ bendiges Gefuͤhl fuͤr das Landleben. Sie beſitzen eine große Empfaͤnglichkeit fuͤr die Schoͤnheiten der Natur, und einen entſchiedenen Geſchmack an laͤnd, lichen Vergnuͤgungen und Beſchaͤftigungen. Dieſe Leidenſchaft ſcheint ihnen angeboren zu ſeyn. Selbſt die Bewohner der Staͤdte, welche zwiſchen Mauern und in geraͤuſchvollen Straßen geboren und erzogen ſind, eignen ſich mit Leichtigkeit laͤndliche Sitten an, und zeigen einen regen Sinn fuͤr laͤndliche Be⸗ ſchaͤftigungen. Der Kaufmann hat ſeinen behaglichen 111 Landſitz in der Naͤhe der Hauptſtadt, wo er oft eben ſo viel Stolz und Thaͤtigkeit bei der Pflege ſeines Blumengartens und dem Gewinn ſeiner Fruͤchte an den Tag legt, als bei der Fuͤhrung ſei⸗ nes Geſchaͤfts und dem Gelingen einer Handels⸗ unternehmung. Selbſt jene weniger gluͤcklichen Sterblichen, welche ihr Leben mitten unter Ge⸗ raͤuſch und Verkehr hinzubringen beſtimmt ſind, ſu⸗ chen doch Etwas zu erlangen, das ſie an das Gruͤn der Natur erinnert. In den dunkelſten und engſten Vierteln der Altſtadt, gleicht das Fenſter des Putz⸗ zimmers oft einem Blumenbeet: jeder Fleck, der nur im Stande iſt, Pflanzen hervorzubringen, hat ſeinen Raſenplatz und ſein Blumenſtuͤck, und jeder oͤffentliche Platz ſeinen kleinen Park, der mit male⸗ riſchem Geſchmack angelegt iſt, und von erfriſchen⸗ dem Gruͤne glaͤnzt. Wer den Englaͤnder nur in der Stadt ſieht, koͤnnte ſehr leicht eine unvortheilhafte Meinung von ſeinem geſelligen Charakter bekommen. Er iſt ent⸗ weder in ſeine Geſchaͤfte verſunken, oder durch tau⸗ ſend Abhaltungen zerſtreut, welche in dieſer gewal⸗ tigen Hauptſtadt Zeit, Gedanken und Gefuͤhle zer⸗ ſplittern. Er hat deßwegen auch gewoͤhnlich das An⸗ ſehen der Eile und Zerſtreutheit. Wo er iſt, iſt er immer im Begriff, irgend wo anders hin zu gehen: 112 in dem Augenblick, wo er von einem Gegenſtande ſpricht, geht ſein Geiſt auch ſchon auf einen andern uͤber, und waͤhrend er einen Beſuch bei einem Freunde abſtattet, berechnet er zugleich, wie er ſeine Zeit eintheilen ſoll, um die uͤbrigen Morgenbeſuche machen zu koͤnnen. Eine ungeheure Stadt, wie London, macht die Leute ſelbſtiſch und unanziehend. Bei ihren zufaͤlligen und fluͤchtigen Begegnungen koͤnnen ſie nur ganz kurz uͤber Alltagsgegenſtaͤnde reden. Sie zeigen nur die kalte Oberflaͤche des Charakters— die tiefen und geiſtigen Eigenſchaf⸗ ten deſſelben haben nicht Zeit genug, ſich zu ent⸗ falten. Auf dem Lande giebt dagegen der Englaͤnder ſeinem natuͤrlichen Gefuͤhl vollen Raum. Er macht ſich von den kalten Foͤrmlichkeiten und den negati⸗ ven Hoͤflichkeiten der Stadt los, legt ſeine ange⸗ borene ſchuͤchterne Zuruͤckhaltung ab, und wird froͤh⸗ lich und freiſinnig. Er ſucht um ſich her alle Be⸗ quemlichkeiten und Zierlichkeiten des feineren Lebens zu verſammeln, und deſſen Zwang zu verbannen. Sein Landſitz iſt im Ueberfluſſe mit Allem verſehen, was entweder zur gelehrten Zuruͤckgezogenheit, zur Befriedigung des Geſchmacks, oder zur laͤndlichen koͤrperlichen Bewegung erforderlich iſt. Buͤcher, Gemaͤlde, muſikaliſche Inſtrumente, Pferde, Hunde und Jasdgeraͤth aller Art ſind zur Hand. Er thut weder ſeinen Gaͤſten, noch ſich ſelbſt Zwang an, ſondern ſorgt, im wahren Geiſte der Gaſtfreiheit, nur dafuͤr, daß die Mittel zum Lebensgenuß vor⸗ handen ſeyen, und uͤberlaͤßt einem Jeden, ſie nach ſeiner Neigung zu benutzen. 1 Der Geſchmack der Englaͤnder, welchen ſie bei dem Anbau des Landes und bei der ſogenannten landſchaftlichen Gaͤrtnerei an den Tag legen, uͤber⸗ trifft Alles. Sie haben die Natur gruͤndlich ſtu⸗ dirt, und legen einen ausgezeichneten Sinn fuͤr ihre ſchoͤnen Formen und ihre harmoniſchen Zuſam⸗ menſtellungen an den Tag. Die Reize, welche ſie in andern Laͤndern in wilden Einoͤden verſchwendet, ſind hier um die Wohnplaͤtze des haͤuslichen Lebens verſammelt. Die Englaͤnder ſcheinen ihre ſchuͤch⸗ terne und verſtohlene Lieblichkeit gefeſſelt, und ſie, wie durch Zauberei, um ihre laͤndlichen Wohnſitze her verbreitet zu haben. Nichts kann einen groͤßeren Eindruck machen, als die Pracht eines Engliſchen Parks: große Raſenplaͤtze, welche wie gruͤne Teppiche ſich aus⸗ breiten;— zerſtreute Gruppen rieſenhafter Baͤume darauf, welche reiche Blaͤttermaſſen bilden;— die feier⸗ liche Pracht der Gebuͤſche und Waldplaͤtze, mit den Dannhirſchen, welche in ſchweigenden Heerden dar⸗ —— 114 auf hinwandeln, dem Haſen, der voruͤber in ſein Lager ſpringt, oder dem Faſan, der ploͤtzlich ſich erhebt;— der Bach, der ſich in ungezwungenen Kruͤmmungen dahin ſchlaͤngeln muß, oder ſich in einen ſpiegelhellen See ausdehnt;— der einſame Teich, in welchem die Baͤume ſich bebend ab⸗ ſpiegeln, auf deſſen Ruͤcken das gelbe Blatt ſchlum⸗ mert, und in deſſen klarem Waſſer die Forelle furchtlos umherſtreift, waͤhrend ein laͤndlicher Tem⸗ pel oder die Bildſaͤule eines Waldgottes, vom Alter bemooſt und grau geworden, der Einſamkeit das Anſehen klaſſiſcher Heiligkeit verleiht. Dieß ſind nur einige wenige Zuͤge aus den Park⸗ Landſchaften; was mir aber das meiſte Vergnuͤgen gewaͤhrt, iſt das ſchoͤpferiſche Talent, womit die Englaͤnder die anſpruchsloſen Wohnſitze der mitt⸗ lern Klaſſe zu ſchmuͤcken wiſſen. Die gewoͤhnlichſte Wohnung, das unanſehnlichſte kleinſte Stuͤck Land, wird unter den Haͤnden eines Englaͤnders zu ei⸗ nem kleinen Paradiefe. Mit ſeinem Scharfblick findet er ſogleich das heraus, was davon tauglich iſt, und malt ſich im Geiſte ſchon die Land⸗ ſchaft. Der unfruchtbare Fleck wird, unter ſeiner Hand, hoͤchſt lieblich, und dennoch ſind die Bemuͤ⸗ hungen der Kunſt, welche dieſe Wirkung hervor⸗ bringen, kaum bemerklich. Das Pflegen und Auf⸗ ziehen einiger Baͤume, das vorſichtige Beſchneiden anderer, die geſchickte Vertheilung von Blumen und Pflanzen mit zarten und angenehm geſtalteten Blaͤt⸗ tern, das Anbringen eines gruͤnen Raſenabhangs; das Eroͤffnen einer Ausſicht in die blaue Ferne, oder auf den Silberſchein eines Waſſers: alles dieß wird mit einem feinen Gefuͤhl, mit einer anhalten⸗ den, doch ruhigen Thaͤtigkeit betrieben, wie der Ma⸗ ler durch zauberiſche Pinſelſtriche einem Lieblings⸗ bilde ſeine Vollendung giebt. Der Aufenthalt vermoͤgender und gebildeter Leute auf dem Lande hat einen gewiſſen Geſchmack und eine Zierlichkeit in das laͤndliche Leben gebracht, welches bis auf die niedrigſte Klaſſe hinabgeht. Selbſt der gewoͤhnliche Tageloͤhner, der nur eine Huͤtte mit einem Strohdach und einem ſchmalen Streifen Landes beſitzt, ſucht Beides zu verſchoͤnern. Die wohlgeſtutzte Hecke, der Raſenplatz vor der Thuͤr, das kleine, mit nettem Buchsbaum einge⸗ faßte Blumenbeet, die Waldrebe, welche ſich an der Mauer hinanſchlaͤngelt, und deren Bluͤthen um die Fenſterladen hangen, die Blumentoͤpfe am Fen⸗ ſter, die Stechpalme, die bedachtſamerweiſe um das Haus gepflanzt iſt, um dem Winter ſeine Oede zu benehmen, und einen Schein vom gruͤnen Som⸗ merleben zu geben, das den Kamin freundlicher 116 macht;— Alles dieß verraͤth den Einfluß des Ge⸗ ſchmacks, der aus einer hohen Quelle herabkommt, und ſich bis tief unter das Volk verbreitet. Wenn die Liebe, wie der Dichter ſingt, gern in einer Huͤtte wohnt, ſo muß dieß die Huͤtte eines Eng⸗ liſchen Landmanns ſeyn. Die Vorliebe fuͤr das Landleben unter der hoͤ⸗ heren Klaſſe der Englaͤnder hat eine große und heilſame Wirkung auf den Volkscharakter gehabt. Ich kenne keinen ſchoͤnern Schlag von Menſchen, als die Englaͤnder vom Stande. Statt der Weich⸗ heit und Verweichlichung, welche die vornehmen Leute in den meiſten andern Laͤndern bezeichnen, zeigt ſich bei ihnen Zierlichkeit und Staͤrke, ein ge⸗ ſunder Koͤrper und eine friſche Geſichtsfarbe: we⸗ nigſtens Etwas, das ich vorzuͤglich dem Umſtande beimeſſen moͤchte, daß ſie ſo viel in der friſchen Luft ſich aufhalten, und den ſtaͤrkenden Ergetzlich⸗ keiten des Landlebens ſo begierig nachhangen. Dieſe ſtarken koͤrperlichen Bewegungen bringen auch eine gewiſſe kraͤftige Spannung des Gemuͤths und des Geiſtes, eine Maͤnnlichkeit und Einfachheit des Betragens hervor, welche ſelbſt von den Thorheiten und Zerſtreuungen der Hauptſtadt nicht leicht ver⸗ derbt, und wenigſtens nie ganz zerſtoͤrt werden kann. Auch ſcheinen auf dem Lande die verſchiede⸗ — 1¹17 nen Staͤnde ſich einander unbefangener zu naͤhern, und mehr dazu geneigt zu ſeyn, ſich zu miſchen, und vortheilhaft auf einander einzuwirken. Die Unterſchiede zwiſchen ihnen ſcheinen nicht ſo bemerk⸗ bar und ſchneidend hervorgetreten, als in den Staͤd⸗ ten. Die Art, auf welche das Grundeigenthum in kleine Guͤter und Paͤchterhoͤfe vertheilt iſt, hat eine regelmaͤßige Abſtufung, von dem Edelmanne an, durch die verſchiedenen Klaſſen des Mittelſtandes, der kleinen Grundeigenthuͤmer und wohlhabenden Paͤchter, bis zu den auf dem Felde arbeitenden Bauern, hervorgebracht, und indem ſie ſo die aͤußer⸗ ſten Stufen der Geſellſchaft nut einander verbun⸗ den hat, einem jeden Zwiſchenrange den Geiſt der Unabhaͤngigkeit eingefloͤßt. Dieß iſt zwar, wie man geſtehen muß, itzt nicht mehr ſo allgemein der Fall, als fruͤher: die groͤßeren Guͤter haben, in den letzt⸗ verfloſſenen Jahren der Noth, die kleineren ver⸗ ſchlungen, und, in einigen Theilen des Landes, das kraͤftige Geſchlecht der geringeren Paͤchter beinahe ganz vertilgt. Alllein dieß ſind, wie ich hoffe, nur zufaͤllige Ausnahmen in dem Syſtem, deſſen ich ſo eben erwaͤhnt habe. In den laͤndlichen Beſchaͤftigungen liegt durch⸗ aus nichts Gemeines und Erniedrigendes. Sie fuͤhren uns zu Schauplaͤtzen natuͤrlicher Groͤße und 118 Schoͤnheit, uͤberlaſſen uns den Regungen unſerer eige⸗ nen Seele, auf welche die reinſten und erhabenſten aͤußern Veranlaſſungen einwirken. Ein Menſch dieſer Art kann einfach und rauh, aber nie gemein ſeyn. Der gebildete Mann findet alſo nichts Zuruͤckſto⸗ ßendes in der Beruͤhrung mit der geringeren Klaſſe der Landbewohner, wie dieß der Fall iſt, wenn er zufaͤllig mit der geringeren Klaſſe in den Staͤdten in Beziehung kommt. Er naͤhert ſich, legt ſeine Scheu ab, und freut ſich, ſeines Ranges vergeſſen und an den rechtlichen, herzlichen Genuͤſſen des ge⸗ woͤhnlichen Lebens Theil nehmen zu koͤnnen. Ja die laͤndlichen Vergnuͤgungen ſelbſt bringen die Leute einander naͤher, und das Gebell der Hunde und der Klang des Hornes ſchmelzen alle Gefuͤhle zu⸗ ſammen. Ich glaube, daß dieß ein Hauptgrund iſt, warum die Adlichen und die mittlere Klaſſe bei den geringen Staͤnden in England beliebter ſind, als in irgend einem Lande, und weswegen die Letz⸗ tern ſo manche große Laſten und Bedraͤngniſſe er⸗ tragen haben, ohne eine allgemeine Klage uͤber die ungleiche Vertheilung der Gluͤcksguͤter und des Ranges zu erheben. In dieſer Miſchung von gebildeter und laͤndli⸗ cher Geſellſchaft, kann man auch wol den Grund ſuchen, warum ein ſo allgemeines Gefuͤhl fuͤr das 119 Landleben durch die Engliſche Litteratur verbreitet iſt, warum man ſo haͤufig Erlaͤuterungen aus dem Landleben entnommen, und jene unvergleichlichen Beſchreibungen von Naturgegenſtaͤnden findet, von denen in den Engliſchen Dichtern ein Ueberfluß vorhanden iſt, die von„dem Blatt und der Blume“ bei Chaucer*) bis itzt fortgedauert, und in unſere Zimmer die Friſche und den Duft einer thaui⸗ gen Landſchaft gebracht haben. Bei den Schrift⸗ ſtellern anderer Voͤlker, welche laͤndliche Gegen⸗ ſtaͤnde ſchildern, kommt es einem immer vor, als ob ſie der Natur nur Einen gelegentlichen Beſuch abgeſtattet haͤtten, und mit ihren allgemeinen Rei⸗ zen bekannt geworden waͤren. Die Engliſchen Dich⸗ ter dagegen haben in ihr gelebt und geſchwelgt, ſie in ihren geheimſten Schlupfwinkeln belauſcht, ihre geringſten Launen aufgefaßt. Kein Staubregen, der im Winde gezittert haͤtte, kein Blatt, das zur Erde gerauſcht waͤre— kein Perltropfen, der in dem Strome geplaͤtſchert haͤtte— kein Duft, den das beſcheidene Veilchen ausgehaucht, keine Maaß⸗ liebe, die ihre Purpurfarbe im Morgen entfaltet— die nicht von jenen begeiſterten, feinen Beobachtern *) Ein einzelnes, von Mehreren flr unächt gehaltenes Gedicht Chaucer's, das man in Speght's Ausgabe von 1597 findet. Ueberſ. 120 wahrgenommen, und zu argend einer ſchoͤnen ſittli⸗ chen Betrachtung geformt worden waͤre. Die Wirkung dieſer Hinneigung gebildeter Ge⸗ muͤther zu laͤndlichen Beſchaͤftigungen, hat auf die aͤußere Geſtalt des Landes einen wunderbaren Ein⸗ fluß gehabt. Ein großer Theil der Inſel iſt ziem⸗ lich flach, und wuͤrde, wenn der Reiz des Anbaues nicht waͤre, ſehr einfoͤrmig ausſehen, allein er iſt gleichſam wie beſaͤet mit Schloͤſſern und Palaͤſten, und mit Parks und Gaͤrten wie uͤberdeckt. Er iſt gerade nicht reich an großartigen und erhabenen. Ausſichten, wohl aber an kleinen, haͤuslichen Ge⸗ maͤlden laͤndlicher Ruhe und abgezogener Stille. Jedes altvaͤteriſche Meierhaus, jede mit Moos be⸗ wachſene Bauerhuͤtte, iſt ein Bild, und da ſich die Wege fortdauernd ſchlaͤngeln, und die Ausſicht von Gebuͤſch und Hecken beſchraͤnkt wird, ſo ſieht ſich das Auge durch eine ununterbrochene Reihe kleiner Landſchaften von der hoͤchſten Lieblichkeit ergoͤtzt. Der groͤßte Reiz Engliſcher Landſchaften iſt in⸗ deß das ſittliche Gefuͤhl, welches ſie zu durchdrin⸗ gen ſcheint. Es verknuͤpft ſich im Gemuͤthe mit dem Begriffe der Ordnung, der Ruhe, beſonnener feſtſtehender Grundſaͤtze, alter Sitte und ehrwuͤrdi⸗ gen Gebrauch's. Alles ſcheint ſchon ſeit Jahrhun⸗ derten eines regelmaͤßigen und friedlichen Daſeyns zu 121 zu beſtehen. Die Kirche von alterthuͤmlicher Bauart, mit ihrem niedrigen, maſſiven Portal, ihrem gothiſchen Thurme, ihren Fenſtern mit rei⸗ chen Steinverzierungen und wohlerhaltener Glas⸗ malerei, ihren ſtattlichen Denkmaͤlern von Kriegern und beruͤhmten Maͤnnern aus alter Zeit, den Vorfah⸗ ren der gegenwaͤrtigen Grundherren; mit ihren Grab⸗ ſteinen, welche die auf einander folgenden Geſchlech⸗ ter wackerer Landleute verewigen, deren Nachkom⸗ men noch dieſelben Felder pfluͤgen und an demſelben Altare knieen;— das Pfarrhaus, ein ſonderbares, unregelmaͤßiges Gebaͤude, das zum Theil noch al⸗ terthuͤmlich, zum Theil aber auch nach dem Ge⸗ ſchmacke der verſchiedenen Zeiten und Beſitzer aus⸗ gebeſſert und veraͤndert iſt;— das Heck, und der Fuß⸗ ſteig, welcher laͤngs ſchattiger Hecken von dem Kirch⸗ hofe uͤber die Felder fuͤhrt, nach einem ſeit undenk⸗ lichen Zeiten beſtehenden Rechte;— das nahe Dorf mit ſeinen ehrwuͤrdigen Bauerhuͤtten, ſeiner Ge⸗ meindewieſe, von Baͤumen beſchattet, unter denen die Vorfahren des itzigen Geſchlechts ſchon ge⸗ ſpielt haben;— das alte Herrenhaus, das einzeln auf einem laͤndlichen Bezirke ſteht, aber mit ſchuͤtzender Miene auf die Landſchaft umher herab⸗ blickt;— alle dieſe Zuͤge einer Engliſchen Landſchaft zeugen von einer ruhigen, feſtſtehenden Sicherheit, Skizzenbuch. I. F 122 einem erblichen Ueberkommen haͤuslicher Tugend und oͤrtlicher Anhaͤnglichkeit, welche auf eine ein⸗ dringliche und ruͤhrende Weiſe fuͤr den ſittlichen Charakter des Volkes ſprechen. Es iſt ein angenehmer Anblick, an einem Sonn⸗ tag Morgen, wenn die Kirchenglocke ihren ernſten Ton uͤber die ſtillen Felder erſchallen laͤßt, die Land⸗ leute in ihrem beſten Anzuge, mit friſchen Geſich⸗ tern und beſcheidener Froͤhlichkeit ruhig uͤber die gruͤnen Wieſen nach der Kirche wallen zu ſehen: noch angenehmer iſt es aber, ſie am Abend vor den Thuͤren ihrer Huͤtten verſammelt zu finden, wie ſie ſich gleichſam der demuͤthigen Behaglichkeit und der Verſchoͤnerungen zu freuen ſcheinen, welche ihre eigenen Haͤnde um ſie her verbreitet haben. Dieſes wohlthuende Gefuͤhl der Heimathlichkeit, dieſe Ruhe im Wohlgefallen an einem ſolchen haͤuslichen Bilde, iſt ſchon allein die Erzeugerin der erhabenſten Tugenden und der reinſten Genuͤſſe, und ich kann dieſe fluͤchtigen Bemerkungen nicht beſſer, als mit den Worten eines neueren Engliſchen Dich⸗ ters ſchließen, der ſie beſonders gluͤcklich geſchil⸗ dert hat: In jeglichem Verhältniß— von der hohen Burg, Vom ſtädt'ſchen Dom, der Villa, reich umſchattet, Vor Allem, von dem ſtill beſcheidnen Haus, In Stadt und auf dem Land', vom Mittelſtand bewohnt, 123 Bis zu dem Dorf hinab, zur ſtrohgedeckten Hütte— Hat dieſe Inſel lang' den Ruf behauptet, daß Auf ihr die Häuslichkeit ſich ihren Sitz erbaut: Die ſtille Häuslichkeit, die harmlos, taubengleich (Bewacht von Ehr' und ſanfter Liebe Sorge) In einem kleinen ruh'gen Neſte das verſammelt, 1 Wonach Verlangen wol die ganze Erd' durchfliegt.* Die— ihre eig'ne Welt— die übrige verſchmäht, Die keine Zeugen braucht, als die ihr angehören, Und ihn, der ſie beſchützt, den Himmel über ihr: Die, wie die Blume in der Felſenſchlucht, Sanft lächelt, blickt ſie gleich nur zu den Wolken auf). *) Aus einem Gedicht auf den Tod der Prinzeſſin Char⸗ lotte, von Rann Kennedy. Verf. Das gebrochene Herz. Noch hab' ich nie gehört, Daß treue Liebe nicht die Sorge auch verzehrt, Die, gleich der Naupe, an den Blättern nagt, Entfaltet von des Lenzes ſchönſtem Buch, der Roſe. Middleton. Ale Diejenigen, welche uͤber die Jahre der Em⸗ pfaͤnglichkeit der Gefuͤhle hinaus, oder in der rau⸗ ſchenden Herzloſigkeit eines Lebens voll Zerſtreuun⸗ gen erzogen worden ſind, pflegen uͤber alle Liebes⸗ geſchichten zu lachen, und die Erzaͤhlungen von ro⸗ mantiſcher Leidenſchaft als bloße Erfindungen von Romanenſchreibern und Dichtern zu behandeln. Die Beobachtungen, welche ich uͤber das Weſen des Menſchen angeſtellt, haben mich anders denken ge⸗ lehrt. Ich bin dadurch zu der Ueberzeugung ge⸗ kommen, daß, ſo ſehr auch die Oberflaͤche des Cha⸗ rakters durch die Sorgen der Welt erkaltet, erſtarrt ſeyn moͤge, oder, durch die Kuͤnſte der Geſellſchaft 125 ausgebildet, ein bloßes Laͤcheln zeige, dennoch in der. Tiefe des kaͤlteſten Buſens ein geheimes Feuer glimme, welches, einmal angeſchuͤrt, ſehr heftig wird, und zuweilen die furchtbarſte Wirkung her⸗ vorbringt. Ich bin in der That einer von Denjeni⸗ gen, welche wirklich an den blinden Gott glauben, und den ganzen Umfang ſeiner Lehren annehmen. Soll ich es gerade heraus geſtehen?— ich glaube an gebrochene Herzen und an die Moͤglichkeit, aus unerhoͤrter Liebe zu ſterben. Ich glaube nicht, daß dieß eine Krankheit ſey, die meinem eignen Ge⸗ ſchlecht oft gefaͤhrlich wird: allein ich bin feſt uͤber⸗ zeugt, daß manches liebenswuͤrdige weibliche Weſen dadurch einem fruͤhen Grabe zuwelkt. Der Mann iſt ein Geſchoͤpf des Eigennutzes und des Ehrgeizes. Sein Weſen fuͤhrt ihn hinaus in den Kampf und das Getuͤmmel der Welt. Die Liebe iſt nur ein Schmuck ſeines fruͤhern Lebens, oder ein Lied, das in den Zwiſchenakten geſungen wird. Er ſtrebt nach Ruhm, nach Gluͤck, nach einem Platz im Gedaͤchtniß der Welt und nach Herrſchaft uͤber ſeine Mitmenſchen. Das ganze Leben eines Weibes dagegen iſt eine Geſchichte der Neigungen. Das Herz iſt ihre Welt, hier ſucht ihr Ehrgeiz zu herrſchen, hier ſucht ihre Habſucht nach verborge⸗ nen Schaͤtzen. Sie ſchickt ihre Gefuͤhle auf Aben⸗ 126 teuer aus, ſie legt ihre ganze Seele in dem Handel der Neigung an, und wenn ſie Schiffbruch leidet, ſo iſt ſie verloren— denn ihr Herz leidet Ban⸗ kerutt. Einem Manne mag unerwiederte Liebe zuweilen einige bittere Augenblicke verurſachen: ſie mag ſein Gefuͤhl fuͤr Zaͤrtlichkeit verwunden, ſeine Ausſicht zauf Gluͤck zerſtoͤren: allein er iſt ein thaͤtiges We⸗ ſen— er kann ſich in dem Gewirr verſchiedenarti⸗ ger Beſchaͤftigungen zerſtreuen, oder ſich in den Strom der Vergnuͤgungen ſtuͤrzen, oder, wenn der Schauplatz ſeiner getaͤuſchten Hoffnungen gar zu peinliche Erinnerungen in ihm erregt, ſeinen Wohnſitz veraͤndern, und, gleichſam auf den Fluͤgeln der Mor⸗ genroͤthe, den aͤußerſten Graͤnzen der Erde zuflie⸗ gen und dort ausruhen. Das Leben des Weibes iſt dagegen ein unbewegli⸗ ches, abgeſchiedenes, nachdenkliches Leben. Das Weib iſt weit mehr der Gefaͤhrte ſeiner eigenen Gedanken und Gefuͤhle, und wohin ſoll es ſich wenden, wenn dieſe zu Boten des Kummers werden? Ihr Loos iſt, geſucht und gewonnen zu werden: und wenn ſie ungluͤcklich in der Liebe iſt, ſo gleicht ihr Herz ei⸗ ner Feſtung, die erobert, gepluͤndert und verlaſſen worden iſt, und nun veroͤdet daſteht. Wie manches helle Auge wird truͤbe, wie manche 127 roſige Wange erbleicht, wie manche liebliche Geſtalt ſinkt in das Grab, ohne daß Jemand die Urſach weiß, wodurch ihr Leibreiz verwelkte! So wie die Taube ihre Fluͤgel feſt anſchließt, und den Pfeil, welcher ihr die Todeswunde gegeben hat, verdeckt und verbirgt, ſo liegt es auch in der Art des Wei⸗ bes, der Welt ihre wunden Gefuͤhle zu verbergen. Die Liebe einer zartfuͤhlenden Frau iſt immer ſchuͤchtern und verſchloſſen. Selbſt, wenn ſie gluͤck⸗ lich iſt, mag ſie kaum ſich ſelbſt ſie geſtehen: iſt dieß aber nicht der Fall, ſo verbirgt ſie ſie im Inner⸗ ſten ihres Buſens und laͤßt ſie dort unter den Truͤm⸗ mern ihres Friedens ſich zuſammenſchmiegen und bruͤten. Mit ihr haben alle ihre Herzenswuͤnſche aufgehoͤrt: der ganze Reiz ihres Daſeyns iſt ver⸗ ſchwunden. Sie vernachlaͤſſigt alle die froͤhlichen Beſchaͤftigungen, welche den Geiſt erheitern, das Herz beleben, und den Strom des Lebens in kraͤf: tigem Laufe durch die Adern treiben. Ihre Ruhe iſt dahin, die ſuͤße Erquickung des Schlafes wird durch finſtre Traͤume vergiftet, und die trockne Sorge trinkt ihr Blut*), bis ihr abgematteter Köoͤrper dem geringſten aͤußern Leiden erliegt. Man ſuche ſie nach kurzer Zeit, und man wird die Freund⸗ *) Shakeſpeare's Köonig Lear. Ueberſ. 128 ſchaft auf ihrem fruͤhen Grabe weinen ſehen und ſich wundern hoͤren, wie ein Weſen, das noch vor Kurzem in dem vollen Glanze der Geſundheit und Schoͤnheit bluͤhte, ſo ſchnell„dem Grabe und dem Wurm“ zur Beute geworden iſt. Man wird er⸗ zaͤhlen, daß eine winterliche Luft, eine zufaͤllige Un⸗ paͤßlichkeit ſie dahingerafft:— allein Niemand weiß um die toͤbtliche Krankheit, die vorher ihre Kraͤfte untergrub, und ſie zu einer ſo leichten Beute fuͤr den Verderber machte. Sie iſt wie ein zarter Baum, der Stolz und die Schoͤnheit des Waldes, lieblich von Geſtalt, glaͤnzend von Laub, allein der Wurm nagt an ſei⸗ nem Herzen. Wir finden ihn plötzlich verwelkt, wenn er am friſcheſten und uͤppigſten daſtehen ſollte. Wir ſehen, wie er ſeine Zweige zur Erde herab⸗ hangen laͤßt, wie Blatt auf Blatt abfaͤllt, bis er ſelbſt, hingeſchwunden und verzehrt, in der Stille des Waldes dahinſinkt, und wenn wir bei der ſchoͤnen Truͤmmer ſinnend verweilen, bemuͤhen wir uns vergebens, uns des Sturmes oder des Blitzes zu erinnern, der ſie zerſtoͤrte. Ich bin Zeuge mehrerer Beiſpiele geweſen, wo Frauen zu Grunde gegangen ſind und ſich vernach⸗ laͤſſigt haben, und allmaͤhlig von der Erde verſchwun, den ſind, als ob ſie ihr Leben zum Himmel ausge⸗ — 129 haucht haͤtten, und habe mir haͤufig eingebildet, ih⸗ ren Tod, durch die verſchiedenen Abſtufungen der Auszehrung, Erkaͤltung, Schwaͤche, Dahinſchwinden, und Truͤbſinn verfolgen zu koͤnnen, bis ich auf die erſten Kennzeichen verſchmaͤhter Liebe kam. Ein Bei⸗ 5 ſpiel der Art iſt mir erſt vor Kurzem erzaͤhlt wor⸗ den: die naͤhern Umſtaͤnde ſind in dem Lande, wo ſie ſich zutrugen, ſehr wohl bekannt, und ich werde ſie ſo wiedergeben, wie man ſie mir erzaͤhlt hat. Man wird ſich noch der tragiſchen Geſchichte des jungen E—, des iriſchen Patrioten, erinnern; ſie war zu ruͤhrend, um bald vergeſſen zu werden. Waͤhrend der Unruhen in Irland*) ward er we⸗ gen Hochverraths angeklagt, verurtheilt und hinge⸗ richtet. Sein Schickſal machte einen tiefen Ein⸗ druck. Er war ſo jung, ſo verſtaͤndig, ſo edel, ſo brav, er beſaß ſo ganz Alles, was man an einem jungen Manne gern bewundert. Auch ſein Be⸗ nehmen waͤhrend ſeines Prozeſſes war großartig und unerſchrocken. Der edle Unwille, womit er die Anſchuldigung des Verraths gegen ſein Vater⸗ land zuruͤckwies, die beredte Ehrenrettung ſeines Namens, ſein pathetiſcher Aufruf an die Nachwelt, in dem hoffnungsloſen Augenblicke der Verurthei⸗ *) Im J. 1798. Ueberſ. lung— alles dieß mußte einen tiefen Eindruck auf jedes fuͤhlende Herz hervorbringen, und ſelbſt ſeine Feinde bedauerten, daß eine unerbittliche Politik ſeine Hinrichtung nothwendig mache. Ein Herz war, deſſen Verzweiflung ſich nicht beſchreiben ließ. E— hatte, in gluͤcklichern Zeiten und beſſern Tagen, die Liebe eines ſchoͤnen und anzie⸗ henden Maͤdchens, der Tochter eines itzt verſtorbenen beruͤhmten Iriſchen Advocaten, gewonnen. Sie liebte ihn mit der uneigennuͤtzigen Inbrunſt der erſten und fruͤhen Liebe eines Weibes. Als die Welt gegen ihn auftrat, als ſein Gluͤcksſtern unterging, das Ungluͤck uͤber ihn hereinbrach, die Gefahr ſeinen Namen drohend umgab, da ward ihre Liebe nur deſto inniger, ſeiner Leiden wegen. Und wenn ſein Schickſal ſelbſt das Mitgefuͤhl ſeiner Feinde rege machte, wie groß mußte nicht ihre Angſt geweſen ſeyn, deren ganze Seele von ſeinem Bilde erfuͤllt war! Nur Die koͤnnen daruͤber urtheilen, zwiſchen denen und dem, was ſie auf Erden am meiſten ge⸗ liebt, die Thore des Grabes ſich ploͤtzlich ſchließen, die an der Schwelle deſſelben geſeſſen haben,— wie Jemand, der allein in einer kalten und einſa⸗ men Welt zuruͤckbleibt, aus der Alles, was lieblich und liebevoll war, geſchieden iſt. Und nun die Schrecken eines ſolchen Grabes! 131 eines ſo furchtbaren, ehrloſen!— Dem Andenken blieb nichts, wobei es verweilen konnte und das die Bitterkeit der Trennung haͤtte mildern koͤnnen, kei⸗ ner von den zaͤrtlichen, wenn gleich traurigen ein⸗ zelnen Umſtaͤnden, welche den Augenblick des Schei⸗ dens ſo unvergeßlich machen;— nichts, was den Schmerz in jene ſeligen Thraͤnen haͤtte aufloͤ⸗ ſen koͤnnen, die, wie der Thau des Himmels, den Sterblichen gegeben ſind, um das Herz in der qual⸗ vollen Scheideſtunde zu erquicken. Was ihre verwaiſ'te Lage noch trauriger machte, war, daß ihre ungluͤckliche Liebe das Mißfallen ih⸗ res Vaters erregt hatte, und daß ſie das vaͤterliche Haus hatte meiden muͤſſen. Haͤtte jedoch der An⸗ theil und die Dienſtleiſtungen von Freunden auf ein Gemuͤth Eindruck machen koͤnnen, das der Schrecken ſo betaͤubt und uͤberwaͤltigt hatte, ſo wuͤrde ihr kein Troſt gemangelt haben, denn die Irlaͤnder ſind ein Volk von lebendigem und groß⸗ artigem Gefuͤhl. Die reichſten und vornehmſten Familien erwieſen ihr die zarteſten und liebevollſten Aufmerkſamkeiten. Man brachte ſie in Geſellſchaft und ſuchte durch alle moͤgliche Arten von Beſchaͤf⸗ tigungen und Vergnuͤgungen ihren Kummer zu zer⸗ ſtreuen und ſie von dem traurigen Schickſale ihrer Liebe abzuziehen. Alles dieß war jedoch vergebens. . Es giebt Ungluͤcksfaͤlle, welche die Seele ganz nie⸗ derſchmettern und zernichten, welche das Gluͤck in ſeinem innerſten Weſen ergreifen und es ſo unſanft beruͤhren, daß es nimmer wieder aufkeimen oder Bluͤthen tragen kann. Sie weigerte ſich nie, Ver⸗ gnuͤgungsoͤrter zu beſuchen, aber ſie war dort eben ſo allein, als in der tiefſten Einſamkeit. Sie ging in truͤbes Nachdenken verſunken umher, ohne ſich, dem Anſchein nach, der Welt bewußt zu ſeyn, die ſie umgab. Sie trug einen tief vergrabenen Schmerz im Buſen, welcher aller Troͤſtungen der Freund⸗ ſchaft ſpottete, und„achtete nicht auf den Sang des Zauberers, ſo kuͤnſtlich er auch zauberte.” Der, welcher mir ihre Geſchichte erzaͤhlte, hatte ſie auf einer Maskerade geſehen. Nirgends kann wol großes Ungluͤck eine auffallendere und betruͤ⸗ bendere Erſcheinung gewaͤhren, als an einem ſol⸗ chen Orte. Es, wie ein Geſpenſt, einſam und freu⸗ denlos umherwandeln zu ſehen, wenn Alles umher froh iſt;— es in die Gewaͤnder der Freude gehuͤllt zu erblicken, und wie es dabei ſo bleich und wehevoll ausſieht, als ob es umſonſt verſucht haͤtte, das arme Herz auf einen Augenblick ſeinen Kummer vergeſſen zu machen. Nachdem ſie durch die glaͤnzenden Saͤle und durch das bunte Gewuͤhl mit einer Miene gaͤnzlicher Abweſenheit gewandelt war, ſetzte ſie ſich ——— 133 auf die unterſte Stufe eines der Orcheſter, blickte eine Zeitlang mit einer nichts ſagenden Miene um⸗ her, welche es deutlich verrieth, wie wenigen Ein⸗ druck das muntere Gewuͤhl auf ſie machte, und begann dann, mit der Laune eines kranken Her⸗ zens, ein kleines, klagendes Lied zu ſingen. Sie hatte eine glaͤnzende Stimme; bei dieſer Gelegenheit klang ſie aber ſo einfach, ſo ruͤhrend, es ſprach ein ſo kummererfuͤlltes Gemuͤth darin, daß ſie bald ei⸗ nen Kreis ſtummer und ſchweigender Zuhoͤrer um ſich verſammelte, die bis zu Thraͤnen geruͤhrt wurden. Die Geſchichte einer ſo treu und ſo zaͤrtlich Lieben⸗ den mußte in einem Lande, das ſich durch ſeine Be⸗ geiſterung auszeichnet, bald großen Antheil erregen. Sie machte einen unausloͤſchlichen Eindruck auf das Herz eines wackern Offiziers, der ſich um das Maͤdchen bewarb, in der Ueberzeugung, daß, wer den Todten ſo treu ſey, auch den Lebenden mit Liebe anhangen werde. Sie lehnte ſeine Bewerbung ab, denn alle ihre Gedanken vereinigten ſich in dem Andenken an ihren fruͤheren Geliebten. Jener beharrte indeſſen bei ſeiner Bewerbung. Er nahm nicht ihre Zaͤrtlich⸗ keit, ſondern nur ihre Achtung in Anſpruch. Die Ueberzeugung von ſeinem Werth, und das Gefuͤhl ihrer eigenen beduͤrftigen und abhaͤngigen Lage— 134 denn ſie lebte von der Guͤte ihrer Freunde— wa⸗ ren ſeine Fuͤrſprecher. Kurz, er erhielt am Ende ihre Hand, obgleich ſie ihn dabei auf das feierlichſte verſicherte, daß ihr Herz ewig einem Andern gehoͤ⸗ ren wuͤrde. 4 Er nahm ſie mit ſich nach Sieilien, in der Hoffnung, daß eine Veraͤnderung des Aufenthalts auch das Andenken an die fruͤheren Leiden verwi⸗ ſchen wuͤrde. Sie ward eine liebenswuͤrdige und muſterhafte Gattin, und gab ſich alle Muͤhe, auch eine gluͤckliche zu werden; nichts konnte aber den ſtillen und verzehrenden Truͤbſinn heilen, welcher bis in das Innerſte ihrer Seele gedrungen war. Sie verging in einem langſamem, aber hoffnungslo⸗ ſem Hinſchwinden, und ſank am Ende, als Opfer eines gebrochenen Herzens, ins Grab. Sie war es, zu deren Andenken Moore, der ausgezeichnete Iriſche Dichter, folgende Zeilen ſchrieb: Sie iſt fern von dem Lande, des Lieblinges Grab, Wo die Freier vergebens ſich mühen: Doch ſie wendet ſich kalt von den Dringenden ab, Denn ihr Herz kann zur Gruft nur ſie ziehen. Sie ſtimmet ihn an, ihrer Heimath Geſang, Und was ihn am meiſten ergetzet! Ach, wüßtet ihr, die jhr gelauſchet dem Klang, Wie der Sängerin Herz iſt verletzet! — 135 Er lebt' für die Liebe, für ſein Land ſtarb er hin, Dieß hatt' ihn an's Daſeyn gebunden.— Noch fließen des Vaterlands Zähren um ihn, Sie folgt ihm in wenigen Stunden! O grabt ihr ein Grab, das der Sonnenſtrahl grüßt, Wenn glorreich er kündet den Morgen, Er leuchtet zum Schlaf ihr, wie Weſtwind ſte küßt, Vom Vaterland drüben voll Sorgen! Die Buchmacherkunſt. — Wenn der ſtrenge Ausſpruch des Syneſius wahr iſt:„es ſey ein größeres Verbrechen, todter Leute Werke zu ſtehlen, als ihre Kleider,“ was wird dann aus den meiſten Schriftſtellern werden? Burton's Anatomie der Melancholie. — Jo habe mich oft uͤber die ungemeine Fruchtbar⸗ keit der Preſſe gewundert, und wie es zugeht, daß ſo manche Koͤpfe, welche die Natur mit dem Fluche der Unfruchtbarkeit heimgeſucht zu haben ſcheint, baͤndereiche Erzeugniſſe hervorbringen. Je mehr aber Einer auf der Reiſe des Lebens vorſchreitet, deſto weniger nehmen ihn Sachen Wunder, und er findet fortdauernd ganz einfache Urſachen fuͤr große erſtaunenswuͤrdige Begebenheiten. So bin ich denn auch, auf meinen Wanderungen in dieſer großen Hauptſtadt, Zeuge eines Auftritts geworden, wel⸗ cher einige von den Geheimniſſen der Buchmacher⸗ zunft mir enthuͤllt, und meinem Erſtaunen auf ein⸗ mal ein Ende gemacht hat. — Ich ſchlenterte an einem Sommertage durch die großen Saͤle des Britiſchen Muſeums, mit der Theilnahmloſigkeit, womit man wol bei warmem Wetter in einem Muſeum ſich umherzutreiben pflegt, indem ich mich zuweilen uͤber einen Glas⸗ kaſten mit Mineralien lehnte, zuweilen die Hiero⸗ glyphen auf einer aͤgyptiſchen Mumie ſtudirte, und zuweilen, beinahe mit eben ſo wenigem Erfolge, die allegoriſchen Gemaͤlde an den hohen Decken zu entziffern ſtrebte. Waͤhrend ich ſo muͤſſig umher⸗ ſchaute, ward meine Aufmerkſamkeit nach einer ent⸗ fernten Thuͤr hingezogen, welche ſich am Ende ei⸗ ner Reihe von Zimmern befand. Sie war geſchloſ⸗ ſen, offnete ſich aber von Zeit zu Zeit, und dann ſchlich ein ſonderbar ausſehendes Weſen, ge⸗ woͤhnlich ſchwarz gekleidet, heraus, und glitt durch die Zimmer, ohne irgend einen Gegenſtand umher zu beachten. Es lag in dieſem Allen etwas Ge⸗ heimnißvolles, das meine ſpaͤhende Neugier reizte, und ich beſchloß, den Durchgang durch jene Meer⸗ enge zu wagen, und die unbekannten Gegenden zu erforſchen, welche jenſeits derſelben lagen. Die Thuͤr wich meiner Hand mit aller der Leichtigkeit, womit die Thore bezauberter Schlöſſer den irrenden Rittern ſich zu oͤffnen pflegen. Ich befand mich in einem geraͤumigen Zimmer, in welchem rund 138 umher große Schraͤnke voll ehrwuͤrdiger Buͤcher ſtanden. Ueber dieſen Schraͤnken und dicht unter dem Geſims hing eine Menge ſchwarz ausſehender Bilder von alten Schriftſtellern. Im Zimmer ſelbſt ſtanden lange Tiſche mit Pulten zum Leſen und Schreiben, an denen mehrere bleiche, emſig beſchaͤf⸗ tigte Leute ſaßen, welche aufmerkſam in ſtaubigen Buͤchern laſen, halb verſtockte Handſchriften durch⸗ ſtoͤberten, oder Auszuͤge aus deren Inhalte mach⸗ ten. Eine Todtenſtille herrſchte in dieſem Zimmer, außer, daß man das Kratzen der Federn auf dem Papier, oder von Zeit zu Zeit einen tiefen Seufzer von einem jener Weſen hoͤrte, wenn es ſeine Stel⸗ lung veraͤnderte, um in einem alten Folianten ein Blatt umzudrehen, was wahrſcheinlich von der Hohlheit und Aufgedunſenheit herruͤhrte, die ſich zuweilen bei gelehrten Unterſuchungen einfindet. Zuweilen ſchrieb einer dieſer gelehrten Leute et⸗ was auf einen ſchmalen Streifen Papier, und zog eine Glocke, worauf ein Dienender erſchien, das Papier in tiefem Schweigen hinnahm, aus dem Zimmer glitt, und kurz darauf mit gewichtigen Baͤnden erſchien, uͤber welche die Anderen mit heiß⸗ hungriger Gefraͤßigkeit herfielen. Ich hatte itzt keinen Zweifel mehr, daß ich unter einen Haufen von Zau⸗ berern, welche in das Studium der geheimen Wiſ⸗ * 139 ſenſchaften tief verſunken waͤren, gerathen ſey. Das Ganze erinnerte mich an ein altes Arabiſches Maͤr⸗ chen von einem Philoſophen, der in einer bezau⸗ berten Bibliothek im Innern eines Berges einge⸗ ſchloſſen war, welche ſich nur einmal im Jahre oͤff⸗ nete, und wo die Geiſter des Ortes ſeinen Befeh⸗ len gehorſamen, und ihm Buͤcher aus allen Theilen des geheimen Wiſſens bringen mußten, ſo daß er, am Ende des Jahres, als das Zauberthor ſich wieder aus ſeinen Angeln bewegte und oͤffnete, ſo erfahren in den verbotenen Kuͤnſten herauskam, daß er uͤber die Haͤupter der Menge hinwegſlog, und die Kraͤfte der Natur ihm zu Gebote ſtanden. Da meine Neugierde itzt auf das Hoͤchſte ge⸗ ſpannt war, ſo rief ich leiſe einen der Dienenden an, als er im Begriff war, aus dem Zimmer zu gehen, daß er mir doch eine Erklaͤrung des ſonder⸗ baren Anblicks mittheilen moͤgen. Einige wenige Worte waren zu derſelben hinreichend. Ich fand, daß dieſe geheimnißpollen Leute, die ich fuͤr Zauberer gehalten, meiſtentheils Schriftſteller, und damit be⸗ ſchaͤftigt waren, Buͤcher zu machen. Ich befand mich naͤmlich in dem Leſezimmer der großen Briti⸗ ſchen Bibliothek— einer unermeßlichen Sammlung von Buͤchern aus allen Zeitaltern und in allen Sprachen, von denen viele ſchon ganz vergeſſen 140 ſind, und die meiſten ſelten geleſen werden. Zu dieſen einſamen Teichen verſchollener Litteratur be⸗ geben ſich nun manche neuere Schriftſteller, und ſchöpfen Eimer voll klaſſiſcher Gelehrſamkeit, oder „reines, unverdorbenes Engliſch', womit ſie ihre ei⸗ genen, ſparſam fließenden Gedankenbaͤche verſtaͤrken. Da ich itzt im Beſitze des Geheimniſſes war, ſo ſetzte ich mich in eine Ecke und beobachtete nun das Verfahren in dieſer Buch⸗Manufactur. Ich be⸗ merkte unter andern einen magern, gelbſuͤchtig aus⸗ ſehenden Kerl, der nach nichts weiter ſuchte, als nach den wurmſtichigſten, mit Monchsſchrift ge⸗ druckten Baͤnden. Er trug augenſcheinlich ein Werk von tiefer Gelehrſamkeit zuſammen, das Jedermann, der fuͤr einen Gelehrten gelten wollte, ſich anſchaffen mußte, um es auf ein in die Augen fallendes Buͤ⸗ cherbrett in ſeiner Bibliothek zu ſtellen, oder aufge⸗ ſchlagen auf dem Tiſche zu haben— aber nie zu leſen. Ich ſah, wie er von Zeit zu Zeit ein gro⸗ ßes Stuͤck Zwieback aus der Taſche nahm, und daran nagte; ob dieß aber ſein Mittagseſſen war, oder ob er dadurch nur der Erſchoͤpfung des Ma⸗ gens begegnen wollte, welche durch das viele Bruͤten uͤber trockenen Werken hervorgebracht wird, uͤber⸗ laſſe ich eifrigeren Studirenden, als ich es bin, zu beſtimmen. Noch ſaß hier ein draller kleiner Mann in hell⸗ farbigem Kleide, mit einer zimperigen klaͤtſchigen Miene, welcher ganz das Anſehen eines Schriftſtel⸗ lers hatte, der auf gutem Fuße mit ſeinem Buch⸗ haͤndler ſteht. Nachdem ich ihn aufmerkſam betrach⸗ tet, erkannte ich einen fleißigen Zuſammentraͤger von vermiſchten Werken, welche im Handel ſehr gut abgingen. Ich war neugierig, zu ſehen, wie er ſeine Waare verfertigte. Er war aͤußerlich ge⸗ ſchaͤftiger, als alle Andern, guckte bald in dieſes, bald in jenes Buch, durchflog die Blaͤtter der Hand⸗ ſchriften, und nahm hie und da ein Stuͤck heraus, „»Zeile auf Zeile, Vorſchrift auf Vorſchrift, hier ein wenig und dort ein wenig.“ Der Inhalt ſei⸗ nes Buches ſchien ſo mannigfaltig zu ſeyn, als der des Keſſels der Hexen in Macbeth. Hier war ein Finger, dort ein Daum, Froſcheszeh und Blind⸗ ſchleich⸗Stachel mit ſeinem eigenen Geſchwaͤtz dazu, das wie„Affenblut“” war, um die Bruͤhe zu ma⸗ chen,„dick und gut.“ Iſt aber nicht, dachte ich bei mir ſelbſt, dieſe Neigung zum Stehlen am Ende den Schrifſtellern weiſer Zwecke wegen eingepflanzt? Mag ſie nicht der Weg ſeyn, auf dem die Vorſicht die Saaten der Erkenntniß und der Weisheit von Jahrhundert zu Jahrhunderten, dem unabwendbaren Untergange der Werke, in welchen er zuerſt aufkeimte, zum Trotz, verbreiten will? Wir ſehen, daß die Natur ſehr weiſe, obgleich ſehr ſonderbar, fuͤr die Verbreitung des Samens von einem Klima zum andern, ver⸗ mittelſt der Schnaͤbel gewiſſer Voͤgel, geſorgt hat, ſo daß Thiere, welche an und fuͤr ſich nicht viel beſſer als Aas, und dem Anſcheine nach nur als freventliche Diebe auf dem Felde und im Garten zu betrachten ſind, in der That zu den Boten der Natur werden, um deren Segnungen zu verbreiten und dauernd zu machen. Auf aͤhnliche Art werden die Schoͤnheiten und großen Gedanken alter und ver⸗ ſchollener Schriftſteller von dieſen Zuͤgen von Raub⸗ ſchriftſtellern aufgeleſen und wieder ausgeſtreut, um wiederum, nach langer und ſpaͤter Zeit, zu bluͤhen und Fruͤchte zu tragen. Viele von ihren Werken machen auch eine Art von Seelenwanderung, und erſcheinen in neuen Geſtalten. Was fruͤher eine ſchwerfaͤllige Geſchichte war, erſteht wieder in der Geſtalt eines Romans;— eine alte Legende verwan⸗ delt ſich in ein neues Schauſpiel— und eine be⸗ ſonnene philoſophiſche Abhandlung liefert den Stoff fuͤr eine ganze Reihe von hochtrabenden und ſpru⸗ delnden„Verſuchen.“ So geht es auch mit der Frei⸗ machung unſerer Waldſtrecken in Amerika; wo wir einen Forſt von ſtattlichen Fichten abbrennen, ſchießt an ihrer Stelle ein Wald von Zwergeichen empor, und wir ſehen, wie, aus dem zu Staub vermodern⸗ den Stamme eines Baumes, ein ganzes Geſchlecht von Schwaͤmmen entſpringt. Wir wollen alſo uͤber den Verfall und die Ver⸗ geſſenheit, in welche alle Schriftſteller verſinken, nicht weiter Klage anſtimmen. Sie gehorchen nur dem allgemeinen Geſetze der Natur, nach welchem alle unter dem Monde befindliche Geſtalten der Materie in ihrer Dauer beſchraͤnkt ſeyn, nach deſ⸗ ſen Anordnung aber auch deren Beſtandtheile nie untergehen ſollen. Geſchlecht auf Geſchlecht geht, ſowohl im thieriſchen, als im Pflanzenleben, vor⸗ uͤber, allein das Lebensprincip dauert bis auf die Nachwelt, und die Gattung faͤhrt fort, zu bluͤhen. So erzeugen auch Schriftſteller wiederum andere Schriftſteller, und gehen, nachdem ſie eine zahlreiche Nachkommenſchaft hinterlaſſen haben, im hohen Al⸗ ter zu ihren Vaͤtern zur Ruhe, das heißt zu Denen, die vor ihnen da geweſen ſind, und die ſie— be⸗ ſtohlen haben. Waͤhrend ich mich dieſen Traͤumereien uͤberließ, hatte ich mich mit dem Kopfe an einen Haufen ehrwuͤrdiger Folianten gelehnt. Sey es nun, daß die einſchlaͤfernden Duͤnſte, welche aus dieſen Wer— ken kamen, die tiefe Stille im Zimmer, die von —Z—Z8ſſ 3* dem vielen Umherwandern herruͤhrende Muͤdigkeit, oder endlich die ungluͤckliche Gewohnheit, mit welcher ich leider behaftet bin, zu ungebuͤhrlichen Zeiten und an ungebuͤhrlichen Orten einzunicken— genug, ich ſchlief ein. Neine Einbildungskraft fuhr indeſſen fort, geſchaͤftig zu ſeyn, und derſelbe Schauplatz blieb, mit einiger Veraͤnderung in den Einzelnheiten, vor den Augen meines Geiſtes. Ich traͤumte, daß das Zimmer noch mit den Bildern alter Schriftſtel⸗ ler behaͤngt ſey, daß aber deren Anzahl ſich vermehrt habe. Die langen Tiſche waren verſchwunden, und ſtatt jener Weiſen und Magier, ſah ich einen zer— lumpten, abgeriſſenen Haufen, wie man ihn in der Naͤhe des großen Magazins aller abgelegten Klei⸗ der, in Monmouth⸗Street*), zu finden pflegt. Sobald einer von ihnen ein Buch in die Hand nahm, ſo ſchien es mir— wie denn dergleichen Widerſpruͤche bei Traͤumen haͤufig zu ſeyn pflegen,— daß es ſich in ein Kleid von fremdem oder altvaͤteriſchen Schnitte verwandelte, welches er ſogleich anlegte. Ich be⸗ merkte indeſſen. daß Keiner ſich einen ganzen Anzug waͤhlte, ſondern von dem einen einen Aermel, von dem *) Dieß iſt eine Straße in London, welche nach Hol⸗ born, nahe bei Opford⸗Street, hinführt, und worin faſt nur Trodler und Kleiderjuden wohnen. Ueberſ. dem andern einen Kragen, von dem dritten einen Schooß nahm, und ſich ſo mit lauter Stuͤcken ſchmuͤckte, wobei einige von ſeinen urſpruͤnglichen Lumpen unter dieſem erborgten Schmucke hervor⸗ blickten. Unter ihnen war auch ein ſtattlicher, roſiger, wohl⸗ genaͤhrter Pfarrer, den ich mehrere verſchimmelte po⸗ lemiſche Schriftſteller durch ein Augenglas betrachten ſah. Er bemaͤchtigte ſich bald des faltenreichen Mantels eines der alten Kirchenvaͤter, nahm einem andern ſeinen grauen Bart weg, und bemuͤhte ſich nun, ſehr weiſe auszuſehen; allein der gemeine, grinzende Ausdruck, der in ſeinem Geſicht lag, ſtrafte alle den geborgten Schmuck der Weisheit Luͤgen. Ein alter, kraͤnklich ausſehender Herr war eifrig damit beſchaͤftigt, ein ſehr leicht ausſehendes Gewand mit Goldfaͤden zu beſetzen, die er aus mehreren alten Hofkleidern aus den Zeiten der Koͤnigin Eliſabeth ausgezupft hatte. Ein Anderer hatte ſich praͤchtig aus einer illuminirten Handſchrift ausgeputzt, ſich einen Blumenſtrauß vorge⸗ ſteckt, den er aus dem„Paradieſe ſchoͤner Sinnſpruͤche“ gepfluͤckt, und ſchritt, nachdem er Sir Philip Sidney's Hut auf die eine Seite aufgeſetzt, mit einer ausgeſuch⸗ ten Art von gemeiner Zierlichkeit umher. Ein Dritter, von nicht beſonderem Umfange, hatte ſich mit dem, was er aus znehreten dunkeln philoſophiſchen Ab⸗ Skizzenbuch I G 146— handlungen erbeutet, tapfer ausgeſtopft, ſo daß er ſich von vorn ganz ſtattlich ausnahm; dagegen ſah er aber von hinten jaͤmmerlich zerlumpt aus, und ich bemerkte, daß er ſeine Beinkleider mit Perga⸗ mentfetzen aus einem lateiniſchen Schriftſteller ge⸗ flickt hatte. Es waren indeſſen auch einige wohlgekleidete Leute hier, die nur einen einzelnen Edelſtein oder dergleichen nahmen, der dann unter ihrem eigenen Schmuck glaͤnzte, ohne dieſen gerade zu verdunkeln. Einige ſchienen auch die Tracht der alten Schrift— ſteller nur deswegen zu betrachten, um ſich ihren Geſchmack anzueignen, und ihre Art und Geiſt anzunehmen. Leider muß ich aber ſagen, daß es nur zu Viele gab, die ſich vom Kopfe bis zum Fuß, auf die eben beſchriebene Art ausflickten. Ich muß hier eines Genies, in gelblichbraunen Hoſen und Kamaſchen, mit einein arkadiſchen Hute, erwaͤh⸗ nen, das eine gewaltige Neigung zum Schaͤfer⸗ lichen hegte, deſſen laͤndliche Wanderungen ſich aber auf die klaſſiſchen Gegenden von Primroſe⸗Hill und die Einſamkeit des Regenten⸗Parks*⁵) beſchraͤnk⸗ *) Primroſe⸗Hill, der Primelen⸗Hügel iſt der höchſte Punkt nordweſtlich von London, und der Regenten⸗Park (Regent’s Park), eine große, nach dem itzt regierenden Könige, als er noch Regent war, benannte Anlage, am — 147 ten. Es hatte ſich mit Kraͤnzen und Baͤndern aus allen alten Schaͤferdichtern geſchmuͤckt, ließ den Kopf auf eine Seite hangen, und ging mit einer phantaſtiſchen Maienblumen⸗Miene umher, und „ſchwazte von gruͤnen Feldern“. Derjenige aber, der mich am meiſten anzog, war ein geſchaͤftiger, alter Herr, in geiſtlicher Tracht, mit einem beſon⸗ ders großen und viereckten, aber kahlen Kopfe. Er trat ſchnaufend und keuchend in das Zimmer, draͤngte ſich mit einer trotzigen Selbſtgenuͤgſamkeit durch die Menge, bemaͤchtigte ſich eines dicken griechiſchen Quartanten, ſetzte ihn auf den Kopf, und ging nun majeſtaͤtiſch mit einer furchtbar gekraͤuſelten Pe⸗ rucke hinweg. Mitten in dieſer litterariſchen Vermummung er⸗ ſcholl von allen Seiten das Geſchrei:„Diebe, Diebe!“ Ich ſah mich um, und ſiehe da, die Bil⸗ der an den Waͤnden bekamen Leben! Die alten Schriftſteller reckten erſt den Kopf, dann eine Schulter aus der Leinwand hervor, blickten ei⸗ nen Augenblick neugierig auf die bunte Menge, und kamen dann, mit Wuth in den Augen, herab, ihr gepluͤndertes Eigenthum in Anſpruch zu nehmen. nordweſtlichen Ende der Stadt, welche durch die prächtige Portland⸗Street mit der Stadt in unmittelbarer Verbin⸗ dung ſteht. Ueberſ. G 2 148 ·qʒ Das Gewirr und Getuͤmmel, welches itzt entſtand, uͤberſteigt alle Beſchreibung. Die ungluͤcklichen Ver⸗ brecher ſuchten vergebens mit ihrem Raube zu ent⸗ wiſchen. Hier ſah man ein halbes Dutzend alter Moͤnche einen neueren Profeſſor entkleiden; dort ging es gewaltig uͤber die Reihen neuerer dramati⸗ ſcher Schriftſteller her. Beaumont und Fletcher ſtuͤrmten, einander zur Seite wie Caſtor und Pollux, auf dem Kampfplatze daher, und der gewaltige Ben Jonſon*) that noch mehr Wunder, als damals, wo er als Freiwilliger bei dem Heere in Flandern diente** Was den flinken kleinen Zuſammen⸗ traͤger von Allerhand betraf, deſſen ich vorhin er⸗ waͤhnt habe, ſo hatte er ſich mit ſo vielen Flicken und Farben angethan, wie Harlekin, und es fan⸗ den ſich ſo Viele, die ſich um ihn ſtritten, als einſt um ben Koͤrper des Patroklus. Es betruͤbte mich ungemein, mehrere Leute, die ich ſonſt mit ehrerbie⸗ tiger Scheu und Achtung betrachtet, ſich hinweg⸗ *) Beaumont und Fletcher, unzertrennlich im Leben, wie als dramatiſche Schriftſteller, und Benjamin(ab⸗ gekürzt Ben) Jonſon waren Zeitgenoſſen Shakeſpea⸗ re's. Ueberſ. *²) Er verlor früh ſeinen Vater, und ſollte bei ſeinem Stiefvater deſſen Gewerbe, das Maurerhandwerk, lernen, entlief ihm aber, und ging zum Engliſchen Heere nach den Niederlanden, wo er ſich ſehr auszeichnete. Ueberſ. ————— — ——. 149 ſtehlen zu ſehen, wie ſie kaum einen Lumpen hat⸗ ten, ihre Bloͤße zu bedecken. In dieſem Moment fiel mein Blick auf den geſchaͤftigen alten Herrn in der griechiſchen grauen Perucke, der ſich hoͤchſt er⸗ ſchrocken davon machte, und den ein halbes Dutzend von Schriftſtellern mit gewaltigem Laͤrm verfolgte. Sie waren ihm dicht auf der Ferſe; in einem Nu war ſeine Perucke fort; bei jeder Wendung ſchaͤlten ſie ihm einen Streifen ſeiner Kleidung ab, bis nach einigen Minuten ſein gebietender Prunk ganz verſchwunden, er zu einem kleinen, win⸗ zigen„abgeſchnittenen kahlen Schuͤtz“”*) zuſammen⸗ geſchrumpft war, und nur mit einigen Lumpen und Lappen, die um ſeinen Ruͤcken flogen, hinwegging. Es lag etwas ſo Beluſtigendes in der Begeben⸗ heit dieſes gelehrten Thebaners*), daß ich in ein unmaͤßiges Gelaͤchter ausbrach, welches das ganze Blendwerk zerſtoͤrte. Das Getuͤmmel und Gezauſe waren voruͤber. Das Zimmer nahm ſein gewoͤhn⸗ liches Anſehen wieder an. Die alten Schriftſteller traten in ihre Rahmen zuruͤck, und hingen in feier⸗ lichem Schatten an den Waͤnden. Kurz, ich fand mich wachend in meinem Winkel, und ſah, wie die *) Shakeſpeare's Heinrich IV. Thl. II. Ueberſ⸗ **) Shakeſpeare's König Lear. Ueberſ. „ 4 150— ganze Verſammlung von Buchwuͤrmern mich ver⸗ wundert anſtarrte. An dem ganzen Traume war nichts wirklich geweſen, als mein Gelaͤchter, ein Ton, der noch nie in dieſem ernſten Heiligthum 8 vernommen worden war, und den Ohren der Weis⸗ 1 heit ſo entſetzlich klang, daß er die ganze Bruͤderſchaft Der Bibliothekar kam itzt auf mich zu und fragte, ob ich eine Eintrittskarte haͤtte. Anfangs verſtand ich ihn nicht, fand aber bald, daß die Bi⸗ bliothek eine Art von litterariſcher„Schonung“ ſey, unter dem Schutze der Forſtgeſetze ſtehe, und daß Niemand, ohne beſondere Berechtigung und Erlaub⸗ niß, darin jagen duͤrfe. Kurz ich ſtand als ein uͤberwieſener Wilddieb da, und war froh, uͤber Hals und Kopf mich davon machen zu koͤnnen, um nur nicht eine ganze Meute von Schriftſtellern auf den Hals gehetzt zu haben. in Bewegung geſetzt hatte. 2** Der koͤnigliche Dichter. Liegt dein Körper gleich in Banden, Sanfte Lieb' in Feſſeln ſchwer, Schwebt dein Geiſt in ſchönern Landen Feſſellos und frei umher. Blicke ſtolz, mit hohem Sinn Selbſt auf deine Ketten hin. Fletcher. — An einem lieblichen, ſonnigen Morgen, in dem froͤhlichen Maimonath, machte ich meinen Ausflug nach dem Schloſſe Windſor. Dieß iſt ein Ort, der eine Menge geſchichtlicher und dichteriſcher Gedan⸗ kenverbindungen erregt. Schon das Aeußere des maͤchtigen alten Gebaͤudes reicht hin, erhabene Ge⸗ fuͤhle zu erwecken. Seine unregelmaͤßigen Mauern und gewaltigen Thuͤrme erheben ſich wie eine Mauer⸗ krone an dem Kamme eines hohen Bergruͤckens; ſein koͤnigliches Banner flattert in den Wolken, und ſieht, mit einem Herrſcherblicke, auf die es umge⸗ bende Welt hinab. 152— An dieſem Morgen hatte das Wetter etwas von der wolluͤſtigen Fruͤhlingsnatur, welche alles verbor⸗ gene Romantiſche in der Sinnesart eines Menſchen an das Licht bringt, ſein Gemuͤth mit Harmonien erfuͤllt, und macht, daß er Stellen aus Dichtern anfuͤhrt und von Schoͤnheit traͤumt. Waͤhrend ich durch die prachtvollen Saͤle und die langen hallen⸗ den Galerien des Schloſſes wandelte, ging ich gleich⸗ guͤltig bei ganzen Reihen von Bildern von Staats⸗ maͤnnern und Kriegern voruͤber, verweilte aber in dem Zimmer, wo die Bildniſſe der Schoͤnheiten hangen, welche den muntern Hof Karl's des Zweiten verherrlichten; und indem ich ſie beſchaute, wie ſie mit uͤppigen, halbaufgeloͤſ'ten Haarflechten und den ſchmachtenden Augen der Liebe dargeſtellt ſind, ſeg⸗ nete ich Sir Peter Lely's Pinſel, der mir das Ver⸗ gnuͤgen verſchaffte, mich im Widerſchein der Schoͤn⸗ heit ſonnen zu koͤnnen. Waͤhrend ich auch uͤber die „großen, gruͤnen Hoͤfe” ging, wo der Sonnenſchein auf die grauen Mauern fiel, und uͤber den Sam⸗ metraſen dahinſtreifte, trat mir das Bild des zaͤrt⸗ lichen, liebevollen, aber ungluͤcklichen Surrey*) vor *) Henry Howard, Graf von Surrey, wurde, unter der Regierung Heinrich's VIII., wegen angeſchuldigten Hoch⸗ verraths hingerichtet. Seine und ſeines Freundes Wyatt Werke ſind im Jahre 1815 vollſtändig von G. F. Nott in zwei Quartbänden herausgegeben worden. Ueberſ. 48½ 153 die Seele, und ich dachte an die Schilderung ſeiner Wanderungen auf denſelben in ſeinen Jugendtagen, als er in Lady Geraldine verliebt war— Mit Augen, zu des Mägdleins Thurm erhoben, Mit ſtillen Seufzern, nach Verliebter Art. In dieſer Stimmung einer rein dichteriſchen Empfaͤnglichkeit beſuchte ich das alte Verließ des Schloſſes, wo Jakob der Erſte von Schottland, der Stolz und Lieblings⸗Gegenſtand der Schottiſchen Dichter und Geſchichtſchreiber*), mehrere von ſeinen Jugendjahren als Staatsgefangener zubrachte. Es iſt ein großer, grauer Thurm, welcher allen Stuͤrmen der Jahrhunderte Widerſtand geleiſtet hat, und noch gut erhalten iſt. Er ſteht auf einem Huͤgel, ſo daß er uͤber die uͤbrigen Theile des Schloſſes hervorragt, und eine große Treppe fuͤhrt in das Innere. In der Nuͤſtkammer, einem Gothiſchen, mit Waffen von verſchiedener Art und aus verſchiedenen Zeitaltern angefuͤlten Saale, zeigte man mir eine an der Wand hangende Ruͤſtung, welche, wie man mir ſagte, einſt Jakob gehoͤrt hatte. Von hier aus fuͤhrte man mich, eine Treppe hinauf, in eine Reihe von Zimmern von verblichener Pracht, welche mie Tapeten, *) Sehr gute hiſtoriſche Notizen über ihn und ſeine Schriften hat Wm. Tytler in der Ausgabe ſeiner poeti⸗ tiſchen Werke, Edinb. 1783. 3. gegeben. Ueberf. 154 mit geſchichtlichen Darſtellungen darauf, behaͤngt waren, und die ſein Gefaͤngniß und der Schau⸗ platz jener leidenſchaftlichen und phantaſtiſchen Liebe geweſen ſind, welche in ſeine Geſchichte die Zauber⸗ tinten der Poeſie und Fabel eingewoben hat. Die ganze Geſchichte dieſes liebenswuͤrdigen, aber ungluͤcklichen Fuͤrſten iſt hoͤchſt romantiſch. In dem zarten Alter von eilf Jahren ward er von ſeinem Vater, Robert III., vom Hauſe hinweggeſchickt, um an den Franzoͤſiſchen Hof zu gehen, wo er unter den Augen des Franzoͤſiſchen Monarchen, vor dem Verrath und der Gefahr, welche das koͤnigliche Haus von Schottland umgaben, geſichert, erzogen werden ſollte. Sein Unſtern wollte, daß er auf ſeiner Reiſe den Englaͤndern in die Haͤnde fiel, und von Hein⸗ rich IV. zum Gefangenen gemacht wurde, ungeach⸗ tet damals zwiſchen den beiden Laͤndern ein Waf⸗ ſenſtillſtand war. Die Nachricht von ſeiner Gefangennehmung, welche mit mehreren Bekuͤmmerniſſen und Ungluͤcks⸗ fäͤllen zuſammentraf, brachte ſeinem ungluͤcklichen Vater den Tod. Er erhielt, heißt es, die Kunde, waͤhrend er bei dem Abendeſſen ſaß, und der Schmerz uͤberwaͤltigte ihn ſo, daß er beinahe un⸗ ter den Haͤnden der Diener, die ihm aufwarte⸗ ten, ſeinen Geiſt aufgegeben haͤtte. Man brachte ihn in ſein Schlafzimmer; er enthielt ſich aller Speiſe, und ſtarb nach drei Tagen vor Hunger und Gram in Rotheſay*). Jakob blieb ungefaͤhr achtzehn Jahre in Gefan⸗ genſchaft, ward aber, obgleich ſeiner perſoͤnlichen Freiheit beraubt, mit aller der Ehrerbietung behan⸗ delt, welche ſeinem Range gebuͤhrte. Nan trug Sorge, ihn in allen Zweigen des Wiſſens unter⸗ richten zu laſſen, welche man damals betrieb, und ihn geiſtig und koͤrperlich ſo auszubilden, wie es ſich fuͤr einen Fuͤrſten geziemt. Vielleicht war in dieſer Hinſicht ſeine Gefangenſchaft von großem Nutzen fuͤr ihn, da er dadurch in den Stand geſetzt wurde, ſich deſto ausſchließlicher mit ſeiner Bildung zu be⸗ ſchaͤftigen, und in Ruhe den reichen Schatz des Wiſſens einzuſammeln, und die geſchmackvollen Be⸗ ſchaͤftigungen lieb zu gewinnen, welche ſeinem An⸗ denken einen ſolchen Glanz verliehen haben. Das Bild, welches die Schottiſchen Geſchichtſchreiber in ſeinem fruͤhern Leben von ihm entwerfen, iſt hoͤchſt anziehend, und ſcheint mehr von einem Romanhel⸗ den, als von einer wirklich hiſtoriſchen Perſon ent⸗ *) Buchanan's Geſchichte von Schottland. Verf.— Rothe⸗ ſay liegt auf der Inſel Bute, ungefähr 70 Engl. Meilen von Edinburgh. Die Trümmer des königl. Schloſſes ſind noch itzt zu ſehen. Ueberſ. lehnt zu ſeyn. So hoͤren wir, daß er mit dem Schwerte fechten, turniren, ringen, ſingen und tanzen konnte; daß er ein erfahrener Arzneikundiger war, es gar wohl verſtand, die Laute, Harfe und mehrere andere muſikaliſche Inſtrumente zu ſpielen, und daß er wohl erfahren in Grammatik, Rheto⸗ rik und Poeſie war*). Bei dieſer Vereinigung von mannhaften und feinen Geſchicklichkeiten, wodurch er in den Stand geſetzt wurde, ſowol im gewoͤhnlichen beengten Le⸗ ben, als in der zierlichen Geſellſchaft zu glaͤn— zen, und Geſchmack fuͤr ein angenehmes Da⸗ ſeyn zu gewinnen, muß es, in einem Zeitalter der Regſamkeit und der Ritterlichkeit, eine ſchwere Pruͤfung fuͤr ihn geweſen ſeyn, den Fruͤhling ſeines Lebens in einfoͤrmiger Gefangenſchaft zubringen zu muͤſſen. Jakob hatte indeſſen das Gluͤck, mit einer reichen dichteriſchen Einbildungskraft begabt zu ſeyn, und in ſeinem Gefaͤngniß von den ausgeſuchteſten Eingebungen der Muſe begluͤckt zu werden. Manche Gemuͤther verzehren ſich, wenn ſie ihre perſoͤnliche Freiheit verlieren, und werden unthaͤtig; andere werden krankhaft und reizbar; es liegt jedoch in der *) Bellenden's Ueberſetzung des Hector Boyce. Verf. — Nämlich ſeiner Geſchichte von Schottland, im funfzehn⸗ ten Jahrhundert geſchrieben. Ueberſ. 157 Natur des Dichters, in der Einſamkeit des Gefaͤng⸗ niſſes zaͤrtlich und bildreich zu werden. Er ſchwelgt im Honigſeim ſeiner eigenen Gedanken und ſtroͤmt, wie ein gefangener Vogel, ſeine Seele in Melo⸗ dieen aus: Habt ihr die Nachtigall geſehn, Die Pilg'rinn, in des Käfigs Kleid, Wie ſingt ſie doch ihr Lied ſo ſchön In ihrer ſtillen Einſamkeit! Es zeigt der Sang, der lieblich hier erſchallt, Daß jeder Stab ein Baum, der Käſig ſelbſt ein Wald*). Die goͤttliche Gabe der Einbildungskraft laͤßt ſich nicht unterdruͤcken, nicht beſchraͤnken; ſie kann, wenn die wirkliche Welt ihr verſchloſſen iſt, ſich ſelbſt eine Welt erſchaffen, und mit ihrer Zauberkraft herrliche Geſtalten und Formen, glaͤnzende Geſichte beſchwoͤren, die Einſamkeit zu bevöͤlkern und die Dunkelheit des Kerkers zu erhellen. So war Taſſo in ſeiner traurigen Klauſe zu Ferrara von einer Welt voll Prunk und Schimmer umgeben, als er die glaͤnzenden Gebilde ſeines Jeruſalems erſann, und ſo können wir auf das„Koͤnigsbuch“**), das Ja⸗ kob waͤhrend ſeiner Gefangenſchaft in Windſor dich⸗ *) Noger l'Eſtrange. Verf. **) The King's quair. Das alte Schottiſche Wort für Buch. Auch im Eugliſchen hat man quire für ein Buch Papier. Ueberſ. 158 tete, als einen der ſchoͤnen Ausfluͤge der Seele aus dem Zwange und der Duͤſterkeit des Gefaͤngniſſes betrachten. Der Gegenſtand ſeines Gedichts iſt ſeine Liebe zur Lady Johanna Beaufort, der Tochter des Gra⸗ fen Somerſet und einer Prinzeſſin aus dem kö⸗ niglich Engliſchen Gebluͤt, in die er ſich, waͤhrend ſeiner Gefangenſchaft, verliebte. Was ihm einen ganz beſondern Werth giebt, iſt, daß man es als eine getreue Schilderung der Gefuͤhle des königli⸗ chen Barden, und als eine Geſchichte ſeiner wahren Liebe anſehen kann. Es geſchieht nicht oft, daß Fuͤrſten dichten, oder Dichter Thatſachen ſingen. Es iſt fuͤr den Stolz eines gemeinen Mannes ſehr genugthuend, zu ſehen, wie ein Monarch ſo gleich⸗ ſam um den Zutritt zu ſeiner Klauſe buhlt, und ſeine Gunſt dadurch zu gewinnen ſucht, daß er ſein Vergnuͤgen befoͤrdert. Es iſt ein Beweis der recht⸗ lichen Gleichheit geiſtiger Bewerbung, welche allen Flitterſtaat kuͤnſtlicher Wuͤrde abſtreift, den Bewer⸗ ber auf Eine Stufe mit ſeinen Nebenbuhlern ſtellt, und ihn noͤthigt, zu ſeinen eigenen, angeborenen Kraͤften ſeine Zuflucht zu nehmen, wenn er ſich Auszeichnung verſchaffen will. So iſt es auch merkwuͤrdig, die Herzensgeſchichte eines Monarchen zu erfahren, und zu finden, wie die einfachen Re⸗ 159 gungen der Natur auch unter dem Hermelin nicht ſchweigen. Jakob war indeſſen Dichter geweſen, ehe er Koͤnig geworden; er war in der Schule des Ungluͤcks erzogen, und in der Geſellſchaft ſei⸗ ner eigenen Gedanken aufgewachſen. Monarchen haben ſelten Zeit, mit ihrem Herzen Ruͤckſprache zu halten, oder ihre Gemuͤther in eine dichteriſche Stimmung zu verſetzen; und waͤre Jakob unter den Schmeicheleien und im Glanze eines Hofes aufge⸗ wachſen, ſo wuͤrden wir wahrſcheinlich nie ein Ge⸗ dicht, wie das„Buch“, erhalten haben. Ganz beſonders haben mich die Theile des Ge⸗ dichts angezogen, worin ſich ſeine unmittelbaren Ge⸗ danken uͤber ſeine Lage ausſprechen, oder die mit dem Zimmer im Thurme in Verbindung ſtehen. Sie haben dergeſtalt einen perſoͤnlichen und oͤrtli⸗ chen Reiz, und ſind mit einer ſo unſſtaͤndlichen Wahrheit gegeben, daß der Leſer ſich zu dem Ge⸗ fangenen in ſeinen Kerker verſetzt, und daß er zum Theilnehmer an ſeinen Betrachtungen wird. Folgendes iſt die Schilderung, welche er von ſeiner geiſtigen Ermattung macht, ſo wie von der Begebenheit, welche ihm zuerſt den Gedanken an die Hand gab, das Gedicht zu ſchreiben. Es war die ſtille Mitternachtsſtunde in einer heitern Mond⸗ ſcheinnacht; die Sterne, ſagt er, blinkten wie Feuer 160 von dem hohen Himmelsgewoͤlbe herab,„und Cyn⸗ thia netzte ihre goldenen Locken im Waſſermann“*). Er lag im Bette, ſchlaf⸗ und ruhelos, und nahm ein Buch zur Hand, die traͤgen Stunden damit zu vertreiben. Das Buch, welches er waͤhlte, war Boethius' philoſophiſche Troſtgruͤnde, ein Werk, welches bei den Schriftſtellern jener Zeit ſehr be⸗ liebt, und von ſeinein großen Vorbilde Chaucer uͤberſetzt worden war. Aus dem hohen Lobe, wel⸗ ches er dem Werk zollt, kann man ſchließen, daß dieß eines ſeiner Lieblingswerke war, die er im Ge⸗ faͤngniſſe las, und in der That iſt es ein treffliches Troſtbuch im Ungluͤck. Es iſt das Vermaͤchtniß eines edlen, duldenden Geiſtes, der, von Sorgen und Leiden gelaͤutert, ſeinen Nachfolgern in der Truͤbſal die Lehren einer angenehmen Moral und die ganze Reihe beredter aber einfacher Gruͤnde hin⸗ terlaͤßt, wodurch er im Stande war, den verſchie⸗ denen Uebeln des Lebens Trotz zu bieten. Es iſt ein Talisman, den der Ungluͤckliche in ſeinem Bu⸗ ſen aufbewahren, oder, wie der gute Koͤnig Jakob, auf ſeinen naͤchtlichen Pfuͤhl legen kann. Nachdem er das Buch zugemacht, uͤberdenkt er deſſen Inhalt in ſeinem Gemuͤthe, und verfäͤllt all⸗ *) Der Mond ſtand in dieſem Himmelszeichen. Ueberſ. 161 maͤlig in Betrachtungen uͤber den Unbeſtand des Gluͤcks, die Wechſelſchickſale ſeines eigenen Lebens und die Uebel, die ihn ſchon in ſeiner zarten Ju⸗ gend befallen haben. Plͤtzlich hoͤrt er die Glocke zum Morgengebet laͤuten; da aber ihr Klang mit ſeinen eigenen truͤben Gedanken zuſammenklingt, ſo ſcheint ihm dieß eine Stimme zu ſeyn, die ihn auffordert, ſeine eigene Geſchichte zu ſchreiben. In dem wahren Geiſte des dichteriſchen Irrfahrens entſchließt er ſich, dieſem Rufe zu folgen, nimmt die Feder zur Hand, macht mit derſelben ein Kreuz, den Segen zu erflehen, und dringt nun in das Feenland der Dichtkunſt ein. Es liegt etwas un⸗ gemein Phantaſtiſches in allem dieſen, und es iſt deswegen ſo anziehend, weil es ein merkwuͤrdiges und ſchoͤnes Beiſpiel von der einfachen Weiſe giebt, wie zuweilen ganze Folgereihen dichteriſcher Ge⸗ danken ſich im Gemuͤthe entwickeln und wiſſen⸗ ſchaftliche Verſuche ſich ihm darbieten. Im Laufe ſeines Gedichts bejammert er mehr als eininal die ganz beſondere Haͤrte ſeines Ge⸗ ſchicks, ſo zu einem einſamen und unthaͤtigen Leben verdammt, aller Freiheit und alles Vergnuͤgens der Welt beraubt zu ſeyn, die doch das allerniedrigſte Thier ungebunden genießt. Es liegt indeſſen ſelbſt in ſeinen Klagen etwas Angenehmes; ſie ſprechen 162 die Trauer eines liebenswuͤrdigen, geſelligen Geiſtes daruͤber aus, ſeinen freundlichen, wohlwollenden Neigungen nicht nachhangen zu koͤnnen; ſie ſind mit einer natuͤrlichen und ruͤhrenden Erhebung geſchrie⸗ ben, und werden vielleicht noch ruͤhrender durch ihre einfache Kuͤrze. Sie bilden einen ſchoͤnen Gegen⸗ ſatz gegen jene gezwungenen und wiederholten Kum⸗ merausbruͤche, welche wir zuweilen in Gedichten ſinden, gegen die Ergießungen krankhafter Gemuͤther, welche unter ſelbſtgeſchaffenem Jammer dahinkraͤnkeln, und ihre Bitterkeit an der ſchuldloſen Welt auslaſ⸗ ſen. Jakob ſpricht von ſeinen Entbehrungen mit tiefer Empfindung, geht aber weiter, nachdem er ihrer einmal erwaͤhnt hat, als ob ſein maͤnnliches Gemuͤth es verachte, uͤber unabwendbarem Ungluͤck zu bruͤten. Wenn ein ſolcher Geiſt Klagen aus⸗ ſtoͤßt, ſo kurz ſie auch ſeyn moͤgen, ſo koͤnnen wir leicht erachten, wie groß die Leiden ſeyn muͤſſen, welche ihn bewegen, ſo zu murren. Wir fuͤhlen mit Jakob, einem romantiſchen, thaͤtigen und gebil⸗ deten Fuͤrſten, der in der Bluͤte ſeiner Jugend von allen Unternehmungen, den edlen Beſchaͤftigungen und den kraͤftigen Vergnuͤgungen des Lebens aus⸗ geſchloſſen iſt, wie mit Milton, der eine lebendige Enpfaͤnglichkeit fuͤr alle Schoͤnheiten der Natur und alle Herrlichkeiten der Kunſt hat, wenn er kurze, aber aus der Tiefe ſeiner Seele kom⸗ mende Klagen uͤber ſeine ewige Blindheit aus⸗ athmet. Saͤhe man bei Jakob nicht deutlich, daß er kein poetiſcher Kuͤnſtler iſt, ſo moͤchte man beinahe glau⸗ ben, daß dieſe truͤben Betrachtungen dazu dienen ſollten, den glaͤnzendſten Abſchnitt ſeiner Geſchichte einzuleiten, und einen Gegenſatz gegen den Glanz von Licht und Liebenswuͤrdigkeit zu bilden, gegen die erheiternde Begleitung von Vogel und Geſang, Blume und Blatt und alle Freuden des Jahres, womit er die Dame ſeines Herzens einfuͤhrt. Dieſer Ab⸗ ſchnitt iſt es namentlich, welcher das alte Verließ mit dem ganzen Zauber des Romantiſchen umwebt. Er ſey, ſagt er, ſeiner Gewohnheit nach, bei Ta⸗ gesanbruch aufgeſtanden, um den truͤben Gedanken eines ſchlafloſen Lagers zu entgehen.„Indem er nun in ſeiner Kammer allein geklagt”“, an aller Freude und Huͤlfe verzweifelnd,„des Denkens muͤd' und wehevoll“, ſey er ans Fenſter getreten, um den traurigen Troſt des Gefangenen zu genießen, gedankenvoll in eine Welt hinauszublicken, von der er ausgeſchloſſen ſey. Das Fenſter ging nach einem kleinen Garten hinaus, welcher am Fuße des Thur⸗ mes lag. Es war ein ruhiger, abgeſchloſſener Fleck, der mit Laub und gruͤnen Baumgaͤngen ver⸗ 163 ₰ 164 ziert, und gegen die Blicke der Lauſcher durch Baͤume und Hagedornhecken geſchuͤtzt war. Dort, wo des Thurmes Mauern ſich erheben Ein ſchöner Garten war; und in dem Winkel ſtand Die Laube grün, mit langen ſchmalen Stäben Ningsum beſetzt, und ſo voll Bäumen fand Man Alles hier, ſo dicht die Hag'dornwand, Daß Niemand war, der hier vorbei thät gehen Und irgend was im Innern mocht' erſpähen. So dick die Zweige und die Blätter grün Beſchatteten die vielen Laubengänge; Inmitten jeder Laube aber ſchien Wachholder, grün und ſüß, in ſolcher Menge, So weit hinaus der Zweige dicht Gedränge,. Daß man von Außen hätte mögen glauben, Es bildeten die Aeſte lauter Lauben. Und von den kleinen grünen Zweigen weit Die ſüßen kleinen Nachtigallen ſangen So klar und hell, das Lied der Heiligkeit, Der Liebesluſt, bald laut, bald ſtill mit Bangen, Daß all' die Gärten und die Mauern klangen Von ihrem Sang— Es war im Maimonat, wo Alles in Bluͤthe ſtand, und er legt den Geſang der Nachtigall als die Sprache ſeiner liebenden Gefuͤhle aus: Verehrt, ihr Alle, die ihr liebt, den Mai, Er iſt das Anfangsfeſt von eurer Wonne, Und ſingt mit uns, fort, Winter! laß uns frei! Komm, Sommer, komm, du Jahrszeit ſüß, und Sonne. Waͤhrend er ſo hinausblickt und dem Geſange der Voͤgel lauſcht, verfaͤllt er allmaͤlig in eine die⸗ 165 ſer zaͤrtlichen und unerklaͤrlichen Traͤumereien, welche in dieſer koͤſtlichen Jahrszeit den jugendlichen Bu⸗ ſen erfuͤllen. Er wundert ſich, was dieſe Liebe wol ſeyn könne, von der er ſo oft geleſen hat, welche mit dem belebenden Hauche des Mais zugleich auszu⸗ ſtroͤmen, und welche die ganze Natur in Entzuͤcken und Geſang außzuloͤſen ſcheint. Wenn es in der That eine ſo große Gluͤckſeligkeit und eine Segnung ſey, welche auch dem unbedeutendſten Weſen zu Theil wuͤrde, warum ſey Ihm allein ihr Genuß verſagt? Oft dacht' ich ſo, o Gott, was mag dieß ſeyn, Daß Lieb' iſt von ſo edler Art und Weiſe, Daß ſie die Ihren liebt, daß ſie Ihr Glück allein So bildet, wie wir's in den Büchern leſen, Und ihre Herzen binden kann und löſen; Beherrſcht ſie unſer Herz mit ſolcher Allgewalt? Sagt, oder iſt dieß nur der Phantaſie Geſtalt? Denn, ſo ſie wirklich iſt von ſolcher Trefflichkeit Daß Jeder ihren Schutz und ihren Schirm genießt, Was iſt denn mein Vergehn, was that ich ihr zu Leid, Daß ich in Banden bin, und ſrei der Vogel iſt? Mitten in ſeinen Traͤumereien erblickt er, als er ſeine Augen niederſchlaͤgt,„die ſchoͤnſte und fri⸗ ſcheſte junge Blume“, die er je geſehen hat. Es iſt die liebliche Lady Johanna, welche im Garten ſpaziren geht, um die Schoͤnheit dieſes„friſchen Maimorgens“ zu genießen. Indem ſie ihm, in 166 dem Augenblick der Einſamkeit und der erhoͤhten Empfaͤnglichkeit, ſo ploͤtzlich zu Geſicht kommt, be— maͤchtigt ſie ſich ſogleich der Einbildungskraft des romantiſchen Fuͤrſten, und wird der Gegenſtand ſei⸗ ner umherſchweifenden Wuͤnſche und die Beherr⸗ ſcherin ſeiner Gedankenwelt. Dieſer reizende Abſchnitt hat eine augenſchein⸗ liche Aehnlichkeit mit dem Anfange von Chaucer's Erzaͤhlung des Ritters, wo Palaemon und Arcites * ſich in Emilia verlieben, die ſie im Garten ihres Gefaͤngniſſes umherwandeln ſehen*). Vielleicht veranlaßte die Aehnlichkeit der wirklichen Thatſache mit dem, was er im Chaucer geleſen hatte, Jakob dazu, in ſeinem Gedichte dieß weiter auszuſpinnen. Seine Schilderung der Lady Johanna iſt nach der maleriſchen und genau beſchreibenden Art ſeines Meiſters entworfen, und, da ſie wahrſcheinlich nach dem Leben gemacht iſt, das getreue Bild einer Schoͤnheit jener Zeit. Er verweilt, mit der Glut eines Liebhabers, bei jedem einzelnen Theile ihres Anzugs, von dem Perlennetze, welches von Sma⸗ ragden und Sapphiren glaͤnzt und ihre goldenen Locken umfaͤngt, bis zu der„ſchoͤnen Kett' von *) Chaucers Canterbury tales, v. 1036 u. f. Tyrwhitts Ausgabe. Ueberſ. der Liebe, welcher einen voruͤbergehenden Zauber auf . 167 Golde fein und zart“, die ſie um den Hals trug, und an welcher vorn ein Rubin, in Geſtalt eines Herzens, hing, der, wie er ſagt, ein Feuerfunken zu ſeyn ſchien, der auf ihrem weißen Buſen gluͤhte. Ihr Kleid, von weißem Gewebe, war an der Seite aufgeſteckt, damit ſie bequemer gehen konnte. Zwei Begleiterinnen folgten ihr, und um ſie ſpielte ein Huͤndchen mit einem Glockenhalsbande, wahrſchein⸗ lich einer der kleinen Italiaͤniſchen Hunde von ſo ebenmaͤßigem Gliederbau, welche die Zimmergefaͤhr⸗ ten und Lieblinge der Modedamen in alten Zeiten waren. Jakob ſchließt ſeine Schilderung mit einem feurigen, allgemeinen Lobe: In Ihr war Jugend, Schönheit, demuthsvoll Betragen, War Güte, Milde, ſanfte Weiblichkeit, (Gott weiß es beſſer, als ich es kann ſagen): Die Weisheit, Huld und die Beredſamkeit, Sie gaben überall ſo traulich Ihr Geleit, In Wort, in That, in Aeußerem, in Mienen, Das nimmer die Natur wen beſſer thät bedienen. Die Entfernung der Lady aus dem Garten macht dieſer voruͤbergehenden Unruhe des Herzens ein Ende. Mit ihr verſchwindet auch der Schein den Schauplatz ſeiner Gefangenſchaft verbreitet hatte, und er ſinkt in die Verlaſſenheit zuruͤck, die ihm itzt, durch dieſen ſchnellverſchwindenden Strahl un⸗ erreichbarer Schoͤnheit, noch zehnmal laͤſtiger gewor⸗ 168 den iſt. Den ganzen langen traurigen Tag hindurch beſeufzt er ſein ungluͤckliches Loos, und als der Abend herannaht, und Phoͤbus, wie er es ſehr ſchön ausdruckt,„jedem Blatt und jeder Blume Lebewohl geſagt hat”, verweilt er noch immer am Fenſter, legt ſein Haupt auf den kalten Stein, und giebt einem vermiſchten Gefuͤhl von Liebe und Schmerz nach, bis er, allmaͤlig durch die ſtum— me Schwermuth der Daͤmmerung eingeſchlaͤfert, „halb ſchlafend, halb verzuͤckt“, ein Geſicht hat, welches den uͤbrigen Theil des Gedichts umfaßt und worin er allegoriſch die Geſchichte ſeiner Leiden— ſchaft erzaͤhlt. Als er aus ſeiner Verzuͤckung erwacht, erhebt er ſich von ſeinem ſteinernen Pfuͤhl, ſchreitet, voll von truͤben Betrachtungen, in ſeinem Gemach auf und nieder, und befragt ſeinen Geiſt, wohin er gewan⸗ dert ſey, ob in der That Alles, was an ſeiner traͤumenden Einbildungskraft voruͤbergezogen, wirk⸗ lich von vorhergegangenen Ereigniſſen hervorgerufen worden, oder ob dieß Ganze nur ein Geſicht gewe⸗ ſen iſt, das ihn in ſeiner Verzweiflung haͤtte trö⸗ ſten und beruhigen ſollen. Wenn dieß letztere der Fall ſey, ſo bete er nur darum, daß ihm ein Zei⸗ chen werden moͤge, um das Verſprechen gluͤcklicher Tage, das ihm in ſeinem Schlummer geworden, zu beſie⸗ — ——-—— „ 169 beſiegeln. Ploͤtzlich fliegt eine Turteltaube vom rein⸗ ſten Weiß zum Fenſter herein und ſetzt ſich auf ſeine Hand. Sie traͤgt in ihrem Schnabel einen rothen Nelkenzweig, auf deſſen Blaͤttern, mit gol⸗ denen Buchſtaben, folgender Spruch ſteht: Erwach'! Erwach': Sieh', Liebender, ich bringe Dir frohe Kunde, und die ſüßen Frieden Dir wiedergiebt; itzt lach' und ſpiel' und ſinge, Denn von dem Himmel iſt dein Heil beſchieden. Er empfaͤngt den Zweig mit einer Miſchung von Furcht und Hoffnung, lieſ't die Inſchrift mit Entzuͤcken, und dieß, ſagt er, ſey das erſte Zeichen ſeines wiederkehrenden Gluͤcks geweſen. Ob dieß eine bloße dichteriſche Erfindung iſt, oder ob die Lady Johanna ihm wirklich auf dieſem romantiſchen Wege ein Zeichen ihrer Gunſt zuſandte, bleibt dem Leſer, je nachdem er Einbildung oder Glauben hat, zur Entſcheidung uͤberlaſſen. Er ſchließt ſein Ge⸗ dicht damit, daß er andeutet, die Verheißung, wel⸗ che ihm durch das Geſicht und die Blume gewor⸗ den, ſey erfuͤllt; er habe ſeine Freiheit wiederer⸗ langt, und ſey durch den Beſitz der Beherrſcherin ſeines Herzens begluͤckt. Dieß iſt die dichteriſche Erzaͤhlung, wie Jakob ſie von ſeinen Liebesabenteuern im Schloſſe von Windſor giebt. Wieviel davon wirklich Thatſache, Skizzeubuch I. H 170 oder Verſchönerung der Einbildungskraft ſey, laͤßt ſich durch Vermuthung ſchwer herausfinden; wir muͤſſen indeſſen nicht Alles, was romantiſch iſt, als unvertraͤglich mit dem wirklichen Leben anſehen, ſondern zuweilen einem Dichter auf ſein Wort glau⸗ ben. Ich habe nur die Theile des Gedichts be⸗ ruͤhrt, welche ſich unmittelbar auf den Thurm be⸗ ziehen, und einen großen Theil deſſelben, von alle⸗ goriſcher Art, die man damals ſo ſehr liebte, ganz uͤbergangen. Die Sprache iſt natuͤrlich unge⸗ woͤhnlich und veraltet, ſo daß man heutiges Tages die Schoͤnheiten mancher der goldenen Redensarten dar⸗ aus kaum mehr fuͤhlen wird; dagegen muß aber das wahre Gefuͤhl, die herrliche Kunſtloſigkeit und die gute Sitte, welche uͤberall darin ſichtbar werden, Jedermann anziehen. Die Beſchreibungen von Na⸗ turgegenſtaͤnden, womit das Gedicht ausgeſchmuͤckt iſt, ſind mit einer Wahrheit, einem richtigen Takt und einer Friſche geſchrieben, welche der beſten Zei⸗ ten der Kunſt wuͤrdig ſind. Es iſt ſehr erbaulich zu ſehen, wie es als ein Liebesgedicht, und aus einer Zeit, wo man ſeine Gedanken roher aͤußerte, doch uͤberall Na⸗ tuͤrlichkeit, Bildung und Zartheit bewahrt; wie jeder unzarte Gedanke, jeder unziemliche Aus⸗ druck daraus verbannt, und die weibliche Liebens⸗ 171 wuͤrdigkeit in ihrer ganzen ritterlichen Ausſtattung von beinahe uͤbernatuͤrlicher Reinheit und Anmuth erſcheint. Jakob bluͤhte ungefaͤhr um die Zeit Chaucer's und Gower's*), und war augenſcheinlich ein Be⸗ wunderer und eifriger Leſer ihrer Schriften. Auch erkennt er ſie in einer ſeiner Strophen geradezu als ſeine Lehrer an, und wir bemerken in einigen Stellen ſeines Gedichts eine große Aehnlichkeit mit ihren Werken, namentlich mit denen Chaucer's. Es finden ſich indeſſen in den Werken gleichzeitiger Schriftſtel⸗ ler immer allgemeine ſich gleichende Zuͤge, die ſie nicht ſowol von einander, als von der Zeit ſelbſt entlehnen. Schriftſteller ſammeln wie die Bienen ihren Honig aus der ganzen Welt ein, ſie verweben in ihre eigenen Erfindungen die Anekdoten und Ge⸗ danken, welche in der Geſellſchaft gaͤng und gebe ſind, und ſo hat jedes Geſchlecht einige gemein⸗ ſchaftliche Zuͤge, welche das Zeitalter bezeichnen, worin es lebte. Jakob gehoͤrt in der That in eine der glaͤnzend⸗ ———;ͦ;—C— *) John Gower, der kurz vor Chaucer, zur Zeit Ri⸗ chard's II. lebte, iſt beſonders durch ſeine Confessio Amantis (Bekenntniß des Liebenden), ein zur Hälfte Engliſches, zur Hälfte Lateiniſches, moraliſch⸗amatoriſches Gedicht be⸗ rühmt. Ueberſ. H 2 172 ſten Zeiten unſerer Litteraturgeſchichte, und begruͤn⸗ det den Anſpruch ſeines Vaterlandes auf die Theil⸗ nahme an den erſten Verdienſten derſelben. Waͤh⸗ rend ein kleiner Haufe Engliſcher Schriftſteller beſtaͤndig als die Vaͤter unſerer Dichtkunſt aufge⸗ fuͤhrt werden, wird der Name ihres großen Schot⸗ tiſchen Mitbewerbers mit Stillſchweigen uͤbergan⸗ gen. Er iſt indeſſen, augenſcheinlich, der Ehre voll⸗ kommen wuͤrdig, in das kleine Sternbild jener ent⸗ fernten, aber nie erloͤſchenden Geſtirne aufgenom⸗ men zu werden, welche an dem hoͤchſten Firmament der Litteratur glaͤnzen, und welche, wie die Mor⸗ genſterne, zuſammen, zur Zeit der lichten Daͤmme⸗ rung der Engliſchen Poeſie, ihre Lieder ſangen. Diejenigen unter meinen Leſern, welche mit der Schottiſchen Geſchichte nicht vertraut ſind(ob⸗ gleich die Art, wie man ſie in der neuern Zeit mit anziehender Dichtung durchwoben, ſie zu ei⸗ nem Gegenſtande des allgemeinen Studiums gemacht hat), werden vielleicht gern von der ſpaͤtern Geſchichte Jakobs und dem Schickſale ſeiner Liebe etwas erfahren wollen. Seine Leidenſchaft fuͤr die Lady Johanna befoͤrderte, ſo wie ſie fuͤr ihn ſelbſt ein Troſt in ſeiner Gefangenſchaft ward, auch ſeine Befreiung aus derſelben, da der Hof glaubte, daß eine Verbindung mit einem Abkoͤmmlinge aus dem doͤnigli⸗ 173 chen Blute von England ihn auch an deſſen Intereſſe knuͤpfen wuͤrde. Er erhielt endlich ſeine Freiheit und ſeine Krone wieder, nachdem er vorher die Lady Jo⸗ hanna geheirathet, die ihn nach Schottland begleitete und ſein zaͤrtliches und treuergebenes Weib wurde. Er fand ſein Reich in großer Verwirrung, da die großen Lehntraͤger die Unruhen und Unordnungen einer langen Zwiſchenregierung benutzt hatten, um ſich in ihren Beſitzthuͤmern zu befeſtigen und ſich aus dem Bereich der Geſetze zu ſtellen. Jakob ſuchte ſeine Macht auf die Liebe ſeines Volks zu gruͤnden. Er bemuͤhte ſich die niederen Staͤnde durch die Abſchaf⸗ fung von Mißbraͤuchen, durch eine milde und gerechte Handhabung der Geſetze, durch Ermunterung aller Kuͤnſte des Friedens und durch Befoͤrderung alles deſ⸗ ſen zu gewinnen, was Behaglichkeit, Wohlſtand und unſchuldige Genuͤſſe unter den geringeren Klaſſen ver⸗ breiten konnte. Er miſchte ſich, von Zeit zu Zeit, verkleidet unter das Volk, beſuchte die Leute in ihren Wohnungen, ging in ihre Sorgen, ihre Beſchaͤfti⸗ tigungen, ihre Vergnuͤgungen ein, unterrichtete ſich uͤber die mechaniſchen Kuͤnſte, und daruͤber, wie man ſie am beſten beſchuͤtzen und heben koͤnne, und war ſo ein alldurchdringender Geiſt, der mit wohl⸗ wollenden Augen uͤber den geringſten ſeiner Unter⸗ thanen wachte. Nachdem er ſich auf dieſe edle Art 174—— der Herzen des gemeinen Mannes verſichert, unter⸗ nahm er es, die Macht des aufruͤhreriſchen Adels zu beſchraͤnken, ihm die gefaͤhrlichen Freiheiten zu nehmen, die er ſich angemaßt hatte, Die zu beſtra⸗ fen, welche ſich ſchreiender Vergehungen ſchuldig ge⸗ macht hatten, und Alle zu gehoͤriger Unterwuͤrfigkeit unter die Krone zu bringen. Eine Zeitlang ertrug der Adel dieß mit aͤußerer Unterwerfung, aber mit geheimer Ungeduld und gaͤhrendem Unwillen. Es entſpann ſich zuletzt eine Verſchwoͤrung, an deren Spitze ſein eigener Oheim, Robert Stewart, Graf von Athol, ſtand, der, da er zu alt war, um die blutige That ſelbſt vollfuͤhren zu koͤnnen, ſeinen En⸗ kel, Sir Robert Stewart, ſo wie Sir Robert Graham und mehrere andere weniger bekannte Maͤn⸗ ner, dazu vermochte, den Mord zu begehen. Dieſe brachen in ſein Schlafgemach in dem Dominicaner⸗ kloſter zu Perth, wo er ſich aufhielt, und brachten ihn grauſam, nachdem ſie ihm mehrere Wunden geſchlagen, ums Leben. Seine getreue Gemahlin, welche mit ihrem zarten Koͤrper ihn gegen das Schwert zu decken ſuchte, ward bei dem fruchtloſen Verſuche, ihn vor ſeinen Moͤrdern zu ſchuͤtzen, zwei⸗ mal verwundet, und erſt, nachdem man ſie mit Gewalt von ihrem Koͤnig weggeriſſen, konnte der Mord vollbracht werden. 175 Die Erinnerung an dieſe romantiſchen Begebenhei⸗ ten aus alter Zeit und an das goldene kleine Gedicht, welches in dieſem Thurme entſtand, machte, daß ich das alte Gebaͤude mit mehr als gewoͤhnlichem Antheil in Augenſchein nahm. Die Ruͤſtung, welche in dem Saale haͤngt, und ſo reich vergoldet und verziert iſt, als ob ſie bei dem Turnier glaͤnzen ſollte, zauberte mir das Bild des tapfern und romantiſchen Fuͤrſten lebendig vor die Seele. Ich ging in den verlaſſenen Gemaͤchern umher, wo er ſein Gedicht geſchrieben hatte; ich lehnte mich auf das Fenſter, und ſuchte mich zu uͤberreden, daß dieß daſſelbe ſey, wo das Geſicht ihm erſchienen war; ich ſah hin⸗ aus auf den Fleck, wo er zuerſt die Lady Johanna erblickt hatte. Es war derſelbe rege, froͤhliche Mo⸗ ment, die Voͤgel wetteiferten wiederum mit einan⸗ der in ſchmelzendem Geſange; Alles ſproßte friſch auf und entfaltete die zarten Hoffnungen des Jah⸗ res. Die Zeit, welche gern die ſtolzen Denk⸗ male des menſchlichen Hochmuths in Vergeſſen⸗ heit begraben mag, ſcheint leiſe uͤber dieſen klei⸗ nen Schauplatz der Poeſie und Liebe hinweggegangen zu ſeyn, und ihn mit ſchonender Hand beruͤhrt zu haben. Es ſind bereits mehrere Jahrhunderte verfloſſen, und noch bluͤht der Garten am Fuße 176 des Thurms*). Er nimmt den Platz ein, wo einſt der Graben des Verließes war, und obgleich einige Theile deſſelben durch Scheidewaͤnde davon getrennt ſind, ſo ſind in den anderen doch noch die Lauben und ſchattigen Gaͤnge, wie in Jakobs Zei⸗ ten, vorhanden, und das Ganze iſt abgeſchloſſen, bluͤhend und traulich. Es liegt ein gewiſſer Zauber auf dem Orte, den einſt der Fußtritt der entſchwun⸗ denen Schönheit beruͤhrte, den die Eingebungen des Dichters geheiligt haben, und welcher durch den Verlauf von Jahrhunderten eher verſtaͤrkt als ge⸗ ſchwaͤcht wird. Es iſt in der That die Gabe der Dichtkunſt, jeden Ort zu heiligen, an welchem ſie ſich bewegt, um die Natur einen Duft zu ver⸗ breiten, welcher ausgeſuchter iſt als der Wohlgeruch der Roſe, und eine zauberiſchere Faͤrbung uͤber ſie auszugießen, als die Morgenroͤthe ſelbſt. Andere moͤgen Jakob's glaͤnzende Thaten als Krieger und Geſetzgeber verherrlichen; ich habe ihn nur als den Gefaͤhrten ſeiner Mitmenſchen, als den Wohlthaͤter des menſchlichen Herzens betrachten wol⸗ len, der von ſeinem hohen Standpunkte herabſteigt, um die lieblichen Bluͤthen der Dichtkunſt und des *) Und wird ſoegfältig gepflegt und unterhalten, wie mich der Augenſchein gelehrt hat. Ueberſ. 177 Geſanges auf den Pfad des gewoͤhnlichen Lebens zu ſtreuen. Er war der Erſte, welcher den kraͤftigen und geſunden Sproß des Schottiſchen Genies pflegte, der ſeitdem die geſundeſten und ſchmack⸗ hafteſten Fruͤchte geliefert hat. Er verpflanzte in die ſtrengeren Gegenden des Nordens alle die befruchtenden Kuͤnſte der ſuͤdlichen Verfeinerung; er that alles Moͤgliche, ſeine Landsleute fuͤr die leben⸗ digen, zierlichen und feinen Kuͤnſte zu gewinnen, welche die Gemuͤthsart eines Volkes mildern und verfeinern, und die Erhabenheit eines ſtolzen und kriegeriſchen Geiſtes mit Anmuth umgeben. Er ſchrieb viele Gedichte, welche, zum großen Nachtheil der Ausbreitung ſeines Ruhms, fuͤr die Welt ver⸗ loren gegangen ſind; Eins, welches noch erhalten iſt,„Chriſti Kirche im Gruͤnen“ genannt, zeigt, wie genau er ſich mit den laͤndlichen Spielen und Vergnuͤgungen bekannt gemacht habe, die für den Schottiſchen Bauernſtand zu einer ſo reichen Quelle freundlicher und geſelliger Geſinnungen werden, und man ſieht zugleich, mit welcher einfachen und gluͤcklichen Laune er in ihre Freuden eingehen konnte. Er trug ſehr Vieles dazu bei, die Volksmuſik zu verbeſſern, und man ſoll noch itzt die Spuren ſeines zarten Gefuͤhls und ſeines feinen Geſchmacks in den be⸗ zaubernden Liedern finden, welche man in den wil⸗ 178— den Bergen und den einſamen Schluchten von Schottland ertoͤnen hoͤrt. So hat er ſein Bild in alles das zu verweben gewußt, was in dem Volks⸗ charakter Angenehmes und Anziehendes liegt; er hat ſein Gedaͤchtniß in den Liedern verewigt, und ſein Name fließt auf dem vollen Strom der Schot⸗ tiſchen Melodieen noch bis zu den ſpaͤten Jahrhun⸗ derten dahin. Das Andenken an alles dieß ergluͤhte in meinem Herzen, als ich auf dem einſa⸗ men Schauplatze ſeiner Gefangenſchaft einherging. Ich habe Vaucluſe mit eben ſo großer Begeiſte⸗ retto beſuchen wuͤrde, habe aber nie mehr dichte⸗ riſche Andacht empfunden, als in dem Augen⸗ blicke, wo ich den alten Thurm nd den kleinen Garten in Windſor beſuchte, und uͤber die roman⸗ tiſche Liebe zwiſchen der Lady Johanna und dem koͤ⸗ niglichen Dichter von Schottland nachonchte — * rung beſucht, als ein Pilger den Schrein in Lo⸗ 8 Die Dorfkirche. — Ein Gentleman? Was, von dem Wollſack, von der Zuckerkiſte, Vom Sammetbande Sagt mir, wonach verkauft Ihr Eure Vornehmheit? nach Pfunden?— nach der Elle? Beaumont und Fletcher's Bettlerbuſch. E⸗ giebt wenige Orte, welche zu dem Studium des Charakters der Menſchen eine beſſere Gelegen⸗ heit darbieten, als eine Engliſche Dorfkirche. Ich brachte einſt mehrere Wochen auf dem Landſitze ei⸗ nes Freundes zu, welcher in der Naͤhe einer derſel⸗ ben wohnte, deren aͤußeres Anſehn meine Einbil⸗ dungskraft ganz vorzuͤglich beſchaͤftigte. Es war eines jener ſchönen Ueberbleibſel der zierlichen Bau⸗ kunſt alter Zeit, welche einer Engliſchen Land⸗ ſchaft ſo großen Reiz geben. Die Kirche war mitten in einer Grafſchaft belegen, die von vielen alten Familien bewohnt wurde, und barg in ihren kalten und ſtillen Hallen den Staub mehrerer Ge⸗ 180 ſchlechter. Ihre Mauern waren, im Innern, mit Denkmaͤlern aus jedem Zeitalter bedeckt; das Licht fiel durch Fenſter ein, welche durch die Farben der buntgemalten Wappen nur eine matte Daͤmmerung zuließen, und an manchen Stellen der Kirche ſah man Grabmaͤler alter Ritter und edler Frauen von praͤchtiger Arbeit, mit ihren Ebenbildern aus farbi⸗ gem Marmor. Wohin das Auge blickte, traf es auf Beweiſe ſterblicher Eitelkeit oder auf irgend ein ſtolzes Denkmal, welches menſchlicher Hochmuth, in dieſem Tempel der demuͤthigſten aller Religionen, uͤber dem verwandten Staube errichtet hatte. Die Gemeine beſtand aus den benachbarten Fa⸗ milien von Stande, welche in praͤchtig ausgeſchla⸗ genen und gepolſterten Kirchſtuͤhlen ſaßen, in denen reich vergoldete Gebetbuͤcher lagen, und an deren Thuͤren ihre Wappen prangten,— aus den Dorfbe⸗ wohnern und Bauern, welche die hinteren Sitze und eine kleine Galerie neben der Orgel einnahmen,— und den Armen des Kirchſpiels, welche auf Baͤnken in den Seitengaͤngen ſaßen. Der Gottesdienſt wurde von einem naͤſelnden, wohlgenaͤhrten Geiſtlichen gehalten, der eine artige Wohnung neben der Kirche hatte. Er war ein pri⸗ vilegirter Gaſt an den Tafeln in der Nachbarſchaft, und zu ſeiner Zeit der groͤßte Fuchsjaͤger in der 18¹1 Grafſchaft geweſen. Itzt hatten Alter und Wohl⸗ leben ihn unfaͤhig gemacht, an einer Jagd weitern Antheil zu nehmen, als etwa mitzureiten, um die Hunde los laſſen zu ſehen, und ſich nachher bei dem Waidmahle einzufinden. Einem ſolchen Geiſtlichen gegenuͤber fand ich es unmoͤglich, mich in die Ge⸗ dankenreihe hineinzuverſetzen, welche ſich zu Zeit und Ort ſchickte; ich glich mich alſo, wie andere gute Chriſten, mit meinem Gewiſſen dadurch aus, daß ich die Buͤrde meiner eigenen Suͤnden an des Naͤchſten Schwelle niederlegte, und beſchaͤftigte mich nun damit, Betrachtungen uͤber meine Nachbarn zu machen. Ich war noch ein Fremder in England, und wuͤnſchte daher, die Sitten der vornehmen Staͤnde genauer kennen zu lernen. Ich fand bald, daß, wie gewoͤhnlich, der wenigſte Anſpruch ſich da blicken ließ, wo das groͤßte Recht war, Ehrfurcht zu for⸗ dern. Ganz vorzuͤglich fiel mir die Familie eines Edelmanns von hohem Range auf, welche aus meh⸗ reren Soͤhnen und Toͤchtern beſtand. Nichts konnte einfacher und anſpruchsloſer ſeyn, als die Art, wie ſie ſich bei dem Eintritte benahmen. Sie kamen gewoͤhnlich in der einfachſten Equipage, oft ſelbſt zu Fuß, nach der Kirche. Die jungen Damen pflegten ſtehen zu bleiben, und auf das Leutſeligſte ————————— 182 mit den Bauern zu ſprechen, die Kinder zu liebko⸗ ſen, und die Erzaͤhlungen der armen Dorfbewohner anzuhoͤren. In ihren ſchoͤnen, offenen Zuͤgen lag Etwas, das hohe Bildung verrieth, aber zu glei⸗ cher Zeit eine unbefangene Heiterkeit und hoͤchſt anziehende Freundlichkeit ausſprach. Ihre Bruͤder waren groß und zierlich gewachſen. Sie waren nach der Mode, aber einfach gekleidet, mit großer Nettigkeit und Anſtand, aber ohne Stutzerei und Uebertreibung. Ihr ganzes Benehmen war unge⸗ zwungen und natuͤrlich, und in ihm lag die hoͤhere Anmuth und das edle, freie Weſen, welches allen Denen eigen iſt, die in ihrer Entwickelung nie von dem Gefuͤhl der Unterordnung beſchraͤnkt worden ſind. Es liegt in der wahren Wuͤrde eine geſunde Unverzagtheit, welche ſich nie ſcheut, mit Anderen in Beruͤhrung und Gemeinſchaft zu koͤmmen, ſo geringen Standes ſie auch ſeyn moͤgen. Nur der falſche Stolz hat etwas Krankhaftes und Empfind⸗ liches, und ſchrickt vor jeder fremden Beruͤhrung zuruͤck. Es gewaͤhrte mir ungemeines Vergnuͤgen, die Art zu ſehen, auf welche ſie ſich mit den Land⸗ leuten uͤber die laͤndlichen Geſchaͤfte und Vergnuͤ⸗ gungen unterhielten, an denen die gebildete Klaſſe in England ſo viel Geſchmack findet. Bei dieſen Unterhaltungen zeigte ſich weder Hochmuth auf der —qV— 183 einen, noch Kriecherei auf der andern Seite, und nur der gewohnte ehrfurchtsvolle Abſtand, den die Landleute beobachteten, erinnerte an die Verſchie⸗ denheit des Ranges. Ganz den Gegenſatz dieſer Familie bildete die eines reichen Buͤrgers, der ein großes Vermoͤgen angehaͤuft, und, nachdem er das Gut und das Haus eines zu Grunde gerichteten Edelmanns in der Nachbarſchaft gekauft, die ganze Lebensweiſe und die Wuͤrde eines Erbgrundherrn anzunehmen ſuchte. Die Familie kam jedesmal en Prince nach der Kirche. Sie fuhr majeſtaͤtiſch in einem, mit dem Wappen prangenden, Wagen daher. Die Helm⸗ zierde glaͤnzte in Silberſchimmer auf allen Theilen des Geſchirrs, wo ſie nur anzubringen war. Ein dicker Kutſcher mit dreieckigem Hut und reicher Treſſe darum, und mit einer flachſenen Perucke, welche ſich um ſein roſiges Geſicht kraͤuſelte, ſaß auf dem Bocke, ein glatter Daͤniſcher Hund neben ihm. Zwei Bedienten in glaͤnzender Livree, mit ungeheueren Straͤußen und Roͤhren mit goldenem Knopf, ſtanden hinten auf der Kutſche. Selbſt die Pferde nagten die Gebiſſe, kruͤmmten die Haͤlſe und rollten die Augen mehr als andere Pferde, entweder weil ſie etwas von dem Familienſtolze mit erhalten hatten, oder ſchaͤrfer als gewoͤhnlich gezaͤumt waren. 184 Ich konnte nicht umhin, die Art und Weiſe zu bewundern, womit dieſe glaͤnzende Erſcheinung ſich an der Thuͤr des Kirchhofes praͤſentirte. Schon das Umkehren um die Ecke war berechnet, eben ſo das Knallen der Peitſche, das Ausgreifen und An⸗ ſtrengen der Pferde, das Blitzen des Geſchirres und das Dahinrollen der Raͤder durch den Kies. Dieß war der Augenblick des Triumphs und eitlen Ruhms fuͤr den Kutſcher. Die Pferde wurden ab⸗ wechſelnd angetrieben und zuruͤckgehalten, bis ſie ſchaͤumten. Nun warfen ſie die Beine in hohem Trabe aus, bei jedem Tritte die Kieſel hinwegſtie⸗ bend. Die Landleute, welche friedlich zur Kirche ſchlenterten, fuhren ſchnell zur Rechten und Linken auseinander, in ſtummer Bewundrung hingaffend. Vor der Thuͤr riß der Kutſcher die Pferde ſo ſchnell zuruͤck, daß ſie auf einmal ſtill ſtanden und beinahe auf die Hinterfuͤße zuruͤckfielen. Nun ſprangen die Bedienten pfeilſchnell herab, riſſen den Schlag auf, klappten den Tritt herab und bereiteten Alles zum Herabſteigen der erhabnen Familie auf die Erde vor. Zuerſt ſtreckte der alte Kaufmann ſein rothes rundes Antlitz zur Thuͤr hin⸗ aus, ſich mit der ſtolzen Miene eines Mannes um⸗ ſchauend, der gewohnt iſt, auf der Boͤrſe zu gebie⸗ ten, und den Stock⸗Markt mit einem Winke in * 185 Bewegung zu ſetzen. Seine Gattin, eine wohlaus⸗ ſehende, fleiſchige, behagliche Dame, folgte ihm. Aus ihr ſprach, die Wahrheit zu geſtehen, wenig Stolz. Sie war ein lebendes Bild des behaglichen, ehrlichen, gewöhnlichen Genießens. Es ging ihr gut in der Welt, und ſie hatte die Welt gern. Sie hatte ſchoͤne Kleider, ein ſchoͤnes Haus, einen ſchoͤ⸗ nen Wagen, ſchoͤne Kinder; Alles um ſie her war ſchön; ſie hatte weiter nichts zu thun, als umherzu⸗ fahren, Beſuche abzuſtatten und Ergetzlichkeiten zu genießen. Das Leben war ein ununterbrochenes Feſt fuͤr ſie, ein einziger langer Lord⸗Mayors⸗Tag. Zwei Toͤchter folgten dieſem ſtattlichen Ehepaare. Sie waren huͤbſch, allein es lag in ihrer Miene et⸗ was Anmaßendes, das die Bewunderung abkuͤhlte und den Beſchauer zu ſtrengerer Pruͤfung veranlaßte. Sie waren uͤbermodiſch gekleidet, und obgleich nie⸗ mand den Reichthum ihres Putzes laͤugnen konnte, ſo war es doch die Frage, ob er ſich mit der Ein⸗ fachheit einer Dorfkirche vertrug. Sie ſtiegen ſtolz aus dem Wagen, und gingen zwiſchen den Reihen der Landleute mit Schritten hindurch, welche kaum den Boden beruͤhren zu wollen ſchienen, den ſie be⸗ traten. Sie warfen einen fluͤchtigen Blick umher, der uͤber die plumpen Geſichter der Bauern kalt hinwegſtreifte, bis ſie die Familie des Edelmanns 186 erblickten, und nun die tiefſten und zierlichſten Ver⸗ beugungen machten, die aber auf eine Art erwiedert wurden, aus der man deutlich ſchließen konnte, daß ſie nur oberflaͤchliche Bekannte waren. Ich muß nicht vergeſſen, die zwei Soͤhne dieſes aufſtrebenden Buͤrgers zu erwaͤhnen, die in einem glaͤnzenden Curricle*) mit Vorreitern nach der Kir⸗ che kamen. Sie waren nach den neueſten Vor ſchriften der Mode gekleidet, mit aller der Klein⸗ lichkeit des Anzuges, welche den Mann bezeichnet, der Anſpruͤche auf genaue Beobachtung der Mode macht.— Sie hielten ſich ganz abgeſondert, und ſahen Jeden, der ſich ihnen naͤherte, von der Seite an, als ob ſie ſeine Anſpruͤche, auch in Betrach⸗ tung gezogen zu werden, haͤtten abmeſſen wollen, ſprachen aber ſelbſt nicht miteinander, ausgenom⸗ men, wenn ſie etwa gelegentlich mit einander eine Modephraſe wechſelten. Sie bewegten ſich ſogar kuͤnſtlich, denn ihr Koͤrper hatte, nach der Laune des Tages, ſchon alle Ungezwungenheit und Frei⸗ heit abgelegt. Die Kunſt hatte Alles gethan, ſie, als Modeleute, vollkommen zu machen, die Natur ihnen aber ihre namenloſe Anmuth verſagt. Sie hatten ein gemeines Anſehen, wie Leute, welche zu *) Zweirädrigem Wagen mit zwei Pferden. Ueberſ. 187 den gewoͤhnlichen Beſchaͤftigungen des Lebens erzogen ſind, und dabei die Miene hochmuͤthiger Anmaßung, welche man nie an dem wahren Mann von Ton ſieht. Ich bin bei dem Ausmalen der Bilder dieſer zwei Familien etwas in das Einzelne gegangen, weil ich ſie fuͤr Proben desjenigen anſah, was man oft in dieſem Lande antrifft— anſpruchsloſer Groͤße und anmaßender Kleinheit. Ich hege keine Achtung vor Titeln und Rang, wenn ſie nicht mit wahrem Seelenadel verknuͤpft ſind; aber ich habe bemerkt, daß in den Laͤndern, wo jene kuͤnſtlichen Unterſchei⸗ dungen gefunden werden, die hoͤchſten Klaſſen alle⸗ mal die hoͤflichſten und anſpruchloſeſten ſind. Die, welche ihres eigenen Standpunkts gewiß ſind, ſu⸗ chen ſelten Anderen auf dem ihrigen wehe zu thun; dagegen iſt aber nichts ſo unangenehm, als die An⸗ maßungen der Gewoͤhnlichkeit, welche ſich ſelbſt da⸗ durch zu heben denkt, daß ſie ihre Nachbarn de⸗ muͤthigt. Da ich dieſe Familien einmal einander gegenuͤber⸗ geſtellt habe, ſo muß ich auch ihr verſchiedenes Be⸗ tragen in der Kirche nicht unbemerkt laſſen. Das der Familie des Edelmanns war ruhig, ernſt und aufmerkſam. Nicht, daß die Mitglieder derſelben inbruͤnſtig andaͤchtig geweſen waͤren, aber ihr Be⸗ nehmen zeugte von der Ehrfurcht vor heiligen Ge⸗ 188 genſtaͤnden und dem heiligen Orte, welche von gu⸗ ter Erziehung unzertrennlich iſt. Die Anderen da⸗ gegen waren in einer beſtaͤndigen Unruhe, fluͤſterten fortwaͤhrend, und man ſah es ihnen an, daß ſie wußten, wie ſchoͤn ſie geputzt waren und wie viel ſie ſich darauf einbildeten, der Gegenſtand der Be⸗ wundrung einer Dorfgemeine zu ſeyn. Der alte Mann war der einzige, der wirklichen Antheil an dem Gottesdienſte bezeugte. Er nahm die ganze Laſt der Familien⸗Andacht auf ſich ſelbſt, ſtand kerzengerade da, und ſagte die Reſponſen mit einer ſo lauten Stimme her, daß man ſie in der ganzen Kirche hoͤren konnte. Es war klar, daß er einer der loyalen Leute war, bei denen Kirche und Koͤnig obenan ſtehen, welche die Gottheit als zur miniſteriellen Partei gehoͤrig anſehen, und die Re⸗ ligion fuͤr eine treffliche Sache halten, die man ſchuͤtzen und aufrecht erhalten muͤſſe. Daß er ſo laut in die Andacht einſtimmte, ſchien vorzuͤglich deswegen zu geſchehen, um den gemeineren Leuten ein Beiſpiel zu geben und ih⸗ nen zu zeigen, daß er, obgleich ſo groß und reich, doch nicht uͤber die Religion hinaus ſey, ſo wie ich einſt einen Alderman, der von Schildkrötenſuppe ſtrotzte, oͤffentlich einen Teller mit Armenſuppe eſ⸗ ſen ſah, ihn bei jedem Mundvoll ſchmatzen und da⸗ 189 bei erklaͤren hoͤrte:„das ſey vortreffliches Eſſen fuͤr die Armen.“ Als der Gottesdienſt zu Ende war, eilte ich, meine Gruppen herausgehen zu ſehen. Die jungen Edelleute und ihre Schweſtern gingen, da der Tag ſchoͤn war, quer uͤber das Feld nach Hauſe, und ſchwatzten auf dem Wege mit den Landleuten. Die Anderen entfernten ſich, wie ſie gekommen waren, in großem Staate. Die Equipagen fuhren mitten vor dem Thore vor: die Peitſchen knallten, die Hufe klapperten und das Geſchirr blitzte. Die Pferde flogen davon, die Landleute ſtoben zur Rechten und Linken auseinander, die Raͤder wuͤhlten eine Staub⸗ wolke auf, und die aufſtrebende Familie war in ei⸗ nem Augenblicke wie vom Wirbelwinde weggeweht. Die Wittwe und ihr Sohn. Habt Mitleid mit dem Alter, das ſein Silberhaar In Zucht und Ehren immer hat getragen. 1 Marlowe's Tamerlan.(1590). — Waͤhrend meines Aufenthalts auf dem Lande pflegte ich haͤufig die alte Dorfkirche zu beſuchen. Ihre duͤſteren Seitengaͤnge, ihre modernden Denk⸗ male, ihre dunkele eichene Vertaͤfelung, welche durch die Duͤſterkeit vergangener Jahre noch ehrwuͤrdiger geworden war, ſchienen ſie zu einem Sitze fuͤr ein ernſtes Nachdenken zu machen. Ein Sonntag er⸗ haͤlt uͤberdieß auf dem Lande durch ſeine Ruhe eine gewiſſe Heiligkeit; es waltet eine ſo nachdenkliche Stille uͤber dem Wohnſitz der Natur, daß jede auf⸗ geregte Leidenſchaft dadurch zum Schweigen gebracht wird, und wir die ganze natuͤrliche Religion der Seele allmaͤlig in uns aufkeimen fuͤhlen. „O ſüßer Tag, ſo rein, ſo ſtill, ſo hell, Des Himmels und der Erde Hochzeitfeſt.“ 191 Ich kann nicht gerade das Verdienſt fuͤr mich geltend machen, ein frommer Mann zu ſeyn, allein es giebt Gefuͤhle, die ſich meiner, in einer Dorf⸗ kirche, mitten in der herrlichen Heiterkeit der Na⸗ tur bemeiſtern, die ich anderswo nicht empfinde, und wenn ich auch am Sonntage kein religioͤſerer Menſch bin, als an den uͤbrigen ſechs Tagen, ſo bin ich doch ein beſſerer. In dieſer Kirche fuͤhlte ich mich indeſſen durch die Kaͤlte und den Prunk der armen Erdenwuͤrmer um mich her, beſtaͤndig in die Welt zuruͤckgeworfen. Das einzige Weſen, welches von der demuͤthigen, hingegebenen Froͤmmigkeit eines echten Chriſten wahrhaft durchdrungen zu ſeyn ſchien, war eine arme, gebrechliche alte Frau, welche die Laſt der Jahre und der Krankheit gebeugt hatte. Ihre Er⸗ ſcheinung verrieth etwas Beſſeres, als gaͤnzliche Ar⸗ muth. Die Spuren eines anſtaͤndigen Stolzes ſpra⸗ chen ſich in ihrem Aeußeren aus. Ihre Kleidung zeugte, wenn ſie gleich ſehr einfach war, doch von einer aͤngſtlichen Reinlichkeit. Auch hatte man ihr eine gewiſſe Art von Achtung dadurch erwieſen, daß ſie nicht unter den uͤbrigen Dorfarmen, ſondern allein auf den Stufen des Altars ſaß. Sie ſchien alle Liebe, alle Freundſchaft, alle Geſelligkeit uͤber⸗ lebt zu haben, und nichts ihr uͤbrig geblieben zu 192 ſeyn, als die Hoffnung auf den Himmel. Als ich ſie mit Muͤhe aufſtehen und ihren morſchen Koͤrper ſich zum Gebete beugen ſah, wie ſie, mechaniſch, aus ihrem Gebetbuch, das ihre gelaͤhmte Hand nicht zu halten und ihre ſchwachen Augen ihr nicht mehr zu leſen erlaubten, welches ſie aber augenſcheinlich auswendig wußte, ihr Gebet herſagte: da fuͤhlte ich die Ueberzeugung, daß die gebrochene Stimme der armen Frau, weit vor den Reſponſen des Kirchen⸗ dieners*), den Toͤnen der Orgel und dem Geſange des Chors, zum Himmel aufſteigen wuͤrde. Ich ſchlentere gern um Dorfkirchen umher, und dieſe lag ſo herrlich, daß ſie mich haͤufig dazu ver⸗ anlaßte. Sie ſtand auf einem Huͤgel, um welchen ein kleiner Fluß eine ſchoͤne Kruͤmmung bildete, und ſodann durch einen ſanften Wieſengrund ſich dahin ſchlaͤngelte. Die Kirche war mit Eibiſchbaͤumen umgeben, welche beinahe ſo alt zu ſeyn ſchienen, als ſie ſelbſt. Ihr hoher, gothiſcher Thurm ſtieg leicht aus dieſen Baͤumen empor, und Raben und Kraͤhen umkreiſeten ihn. Ich ſaß dort an einem ſtillen, ſon⸗ „* 4 *) The clerk. Der oft erwähnte Schreiber und Ge⸗ hülfe des Pfarrers, der bei dem Gottesdienſte auch die Antworten auf die in der Liturgie vorkommenden Sätze ablieſt. Ueberſ. 4 4 193 ſonnigen Morgen, und betrachtete zwei Todtengraͤ⸗ ber, die ein Grab gruben. Sie hatten einen der entfernteſten und verlaſſenſten Winkel des Kirchhofs gewaͤhlt, wo, nach der Anzahl namenloſer Graͤber umher zu ſchließen, die Duͤrftigen und Freundloſen in die Erde geſcharrt worden waren. Man ſagte mir, daß das friſche Grab fuͤr den einzigen Sohn einer armen Wittwe beſtimmt ſey. Waͤhrend ich uͤber die Unterſchiede nachdachte, welche der Rang hienieden macht, und welche ſich ſo bis auf den Staub erſtrecken, kuͤndigte der Klang der Glocke die Annaͤherung des Leichenzuges an. Es war die Beſtattung der Armuth, mit welcher der Stolz nichts zu thun hatte. Ein Sarg von den gewoͤhn⸗ lichſten Materialien, ohne Leichentuch oder andere Bedeckung, ward von einigen der Dorfbewohner getragen. Der Kuͤſter ging, mit der Miene kalter Gleichguͤltigkeit, voran. Es folgten keine Leidtra⸗ genden in den Gewaͤndern eines erheuchelten Schmer⸗ zes, allein man ſah eine wahre Leidtragende, welche ſchwach der Leiche nachwankte. Dieß war die alte Mutter des Verſtorbenen,— die arme alte Frau, welche ich auf den Stufen des Altars hatte ſitzen ſehen. Eine Freundin gleiches Standes, unterſtuͤtzte ſie und ſuchte ſie zu troͤſten. Einige wenige Arme aus der Nachbarſchaft hatten ſich dem Zuge ange⸗ Skizzenbuch I. J 194 ſchloſſen, und einige Kinder aus dem Dorfe liefen, Hand in Hand, dahinter her, jauchzten mit ſorg⸗ loſer Froͤhlichkeit und blieben dann ſtehen, um, mit kindiſcher Neugier, den Schmerz der Trauern⸗ den zu betrachten. Als der Leichenzug ſich dem Grabe naͤherte, trat der Pfarrer aus der Kirchthuͤr, mit dem Chorrocke angethan, dem Gebetbuche in der Hand, und von dem Kirchendiener begleitet. Das Todtenamt war indeſſen eine bloße Handlung der Barmherzigkeit. Der Verſtorbene war unbemittelt geweſen, und die Ueberlebende bitter arm. Es wurde daher nach der Form, aber kalt und gefuͤhllos, hergebetet. Der woohlgenaͤhrte Geiſtliche entfernte ſich nur einige Schritte von der Kirchthuͤr. Kaum konnte man ſeine Stimme am Grabe vernehmen, und nie habe ich das Todtenamt, dieſe erhabene und ruͤhrende Feierlichkeit, in ein ſo kaltes WWortgepraͤnge verwan⸗ delt geſehen. Ich naͤherte mich dem Grabe. Der Sarg ſtand auf dem Boden. Auf demſelben war der Name und das Alter des Verſtorbenen zu leſen.—„Georg mit Huͤlfe Anderer, zu dem Haupte deſſelben nie⸗ der. Ihre welken Haͤnde waren gefaltet, wie zum Gebete; allein ich konnte an dem ſchwachen Wiegen Somers, 26 Jahr alt.“ Die arme Mutter kniete, 195 des Koͤrpers und an einer krampfhaften Bewegung der Lippen ſehen, daß ſie mit dem zerriſſenen Her⸗ zen einer Mutter auf die letzten Ueberreſte ihres Sohnes hinſtarrte. Man traf itzt Anſtalten, den Sarg zur Erde zu beſtatten. Nun entſtand die geſchaͤftige Bewe⸗ wegung, welche in die Gefuͤhle des Schmerzes und der Liebe ſo rauh eingreift; Befehle wurden in dem kalten Geſchaͤftstone gegeben, die Spaten in den Sand und Kies geſtoßen,— ein Ton, der am Grabe Derer, die wir lieben, von allen Toͤnen der erſchuͤtterndſte iſt. Das Geraͤuſch umher ſchien die Mutter aus einem traurigen Nachdenken zu erwe⸗ cken. Sie erhob ihre glaͤſernen Augen und blickte miitt einer kraftloſen Wildheit umher. Als die Maͤn⸗ ner herbeikamen, um mit den Stricken den Sarg in das Grab hinunterzulaſſen, rang ſie die Haͤnde und uͤberließ ſich ganz dem bitterſten Schmerz. Die arme Frau, welche bei ihr war, nahm ſie bei dem Arm, ſuchte ſie von der Erde aufzuheben, und fluͤ⸗ ſterte ihr einige troͤſtende Worte zu—„aber nein— aber nein, nehmt es Euch doch nicht ſo ſehr zu Herzen.“— Sie konnte indeſſen nur den Kopf ſchuͤtteln und die Haͤnde ringen, wie Jemand, fuͤr den aller Troſt verloren ſey. Als die Leiche in die Erde hinabgeſenkt wurde, 2 J 2 196 ſchien das Knarren der Seile die Ungluͤckliche zur krampfhaften Verzweiflung zu bringen; als aber, bei einem zufaͤlligen Hinderniß, der Sarg ſchwankte, aͤußerte ſich die ganze muͤtterliche Zaͤrtlichkeit, als ob dem, der itzt weit hinaus uͤber alle irdiſche Lei⸗ den war, irgend etwas widerfahren koͤnnte. Ich konnte es nicht laͤnger mit anſehen— mein Herz ſchwoll, meine Augen fuͤllten ſich mit Thraͤ⸗ nen, und es war mir, als ob ich eine grauſame Rolle ſpielte, daß ich dabei ſtaͤnde und ſo muͤſſig auf dieſes Schauſpiel muͤtterlichen Kummers blickte. Ich ging nach einer andern Gegend des Kirchhofs hin, wo ich ſo lange blieb, bis die Leidtragenden ſich zerſtreut hatten. Als ich die Mutter langſam und muͤhſelig ſich von dem Grabe entfernen ſah, wie ſie die Ueber⸗ reſte alles deſſen zuruͤcklies, was ihr auf Erden theuer war, und in das Schweigen und die Duͤrf⸗ tigkeit zuruͤckkehrte, brach mein Herz. Was ſind doch, dachte ich bei mir ſelbſt, die Ungluͤcksfaͤlle der Reichen dagegen!— ſie haben Freunde, die ſie troͤ⸗ ſten, Vergnuͤgungen, die ſie zerſtreuen, eine Welt, die ſie beluſtigt und ſie ihre Leiden ver⸗ geſſen macht. Was iſt der Kummer der jungen Leute!— ihr emporſtrebendes Gemuͤth ſchließt bald die Wunde, ihr aufſtrebender Geiſt erhebt ſich bald 197 von dem Drucke wieder, ihre friſchen geſchmeidigen Neigungen umranken bald neue Gegenſtaͤnde. Aber der Kummer der Armuth, die keine aͤußere Troſt⸗ mittel beſitzt,— der Kummer des Alters, fuͤr wel⸗ ches das Leben am Ende nur ein Wintertag iſt, und das keinen Nachwachs von Freude zu erwarten hat,— der Kummer einer Wittwe, die alt, ein⸗ ſam, duͤrftig iſt, einen einzigen Sohn, den letzten Troſt ihres Alters, betrauert,— dieß, dieß iſt ein Kummer, der in uns das Gefuͤhl erweckt, daß fuͤr ihn kein Troſt mehr vorhanden ſey. Es verging einige Zeit, ehe ich den Kirchhof verließ. Auf dem Heimwege begegnete ich die Frau, welche ſich als troͤſtende Freundin benommen hatte; ſie kam ſo eben von der einſamen Wohnung zuruͤck, wohin ſie die Mutter begleitet hatte, und ich hoͤrte von ihr einiges Naͤhere uͤber den ruͤhrenden Auf⸗ tritt, von dem ich Zeuge geweſen war. Die Aeltern des Verſtorbenen hatten, von Kind⸗ heit an, in dem Dorfe gewohnt. Sie hatten eins der netteſten Bauerhaͤuſer inne gehabt, ſich durch verſchiedene laͤndliche Beſchaͤftigungen und mit Huͤlfe eines kleinen Gartens, anſtaͤndig und bequem er⸗ naͤhrt, und ein gluͤckliches und tadelloſes Leben ge⸗ fuͤhrt. Sie hatten einen Sohn, der zur Stuͤtze ihres Alters aufgewachſen und ihr Stolz war. 198 „O Herr!“ ſagte die gute Frau:„es war ſo ein artiger Burſch, ſo ſanft, ſo freundlich gegen Je⸗ den, ſo gehorſam gegen ſeine Aeltern! Es that Ei⸗ nem wohl, wenn man ihn am Sonntag in ſeinen beſten Kleidern, ſo ſchlank, ſo gerade, ſo munter daher kommen ſah, wie er ſeine alte Mutter zur Kirche fuͤhrte— denn ſie lehnte ſich immer lieber auf Georg's Arm als auf den ihres Mannes, und die arme Frau konnte wohl ſtolz auf ihn ſeyn, denn es gab keinen huͤbſchern Burſchen in der Gegend.“ Ungluͤcklicherweiſe ließ ſich ihr Sohn, waͤhrend eines ſchlechten und fuͤr den Landmann ſehr muͤhſeli⸗ gen Jahrs, dazu bewegen, ſich auf eines der kleinen Fahrzeuge zu vermiethen, das den benachbarten Fluß zu befahren pflegte. Er war noch nicht lange hier geweſen, als er von einem Preß⸗Commando in die Falle gelockt wurde, und mit zur See gehen mußte. Die Aeltern erhielten Nachricht von ſeiner Ergrei⸗ fung, erfuhren dann aber nichts weiter von ihm. Ihre Hauptſtuͤtze war dahin. Der Vater, der ſchon kraͤnklich war, ward muthlos und tiefſinnig, und ſank ins Grab. Die Wittwe, welche in ih⸗ rem Alter und ihrer Schwaͤche allein zuruͤckblieb, konnte ſich nicht laͤnger ſelbſt erhalten, und das Kirchſpiel mußte ſie ernaͤhren. Indeſſen nahm man 199 in dem Dorfe immer noch einen gewiſſen wohlwol⸗ lenden Antheil an ihr, und bezeigte ihr, als ei⸗ ner der aͤlteſten Bewohnerinnen, eine gewiſſe Ehr⸗ furcht. Da Niemand ſich zu dem Hauſe meldete, worin ſie ſo manche gluͤckliche Tage zugebracht hatte, ſo durfte ſie darin bleiben, und bewohnte es nun al⸗ lein und beinahe ganz huͤlflos. Das Wenige, deſ⸗ ſen ſie bedurfte, gewann ſie groͤßtentheils aus den ſpaͤrlichen Erzeugniſſen ihres kleinen Gartens, welchen ihre Nachbarn dann und wann fuͤr ſie bearbeiteten. Nur vor wenigen Tagen hatte ſie ei⸗ nige Kuͤchengewaͤchſe zu ihrer Mahlzeit daraus ge⸗ holt, als ſie die Thuͤr, welche aus der Huͤtte zum Garten fuͤhrte, ploͤtzlich oͤffnen hoͤrte. Ein Frem⸗ der kam heraus, und ſchien zerſtoͤrt und wild um— herzublicken. Er trug Matroſenkleider, war abge⸗ magert und geiſterbleich, und hatte ganz das An⸗ ſehen Jemandes, der durch Krankheiten und Muͤh⸗ ſeligkeiten zu Grunde gerichtet iſt. Er ſah ſie und eilte auf ſie zu; aber ſeine Schritte waren ſchwach und unſicher; er ſank auf ſeine Knie vor ihr nie, der und ſchluchzte wie ein Kind. Die arme Frau blickte mit einem nichtsſagenden, umherirrenden Auge auf ihn.„O liebe, liebe Mutter, erkennt Ihr denn euren Sohn, euer armes Kind, Georg nicht?“ Es war in der That der Schatten des einſt ſo ſtattli⸗ 200 chen Burſchen, der, mit Wunden bedeckt, von Krankheit und Gefangenſchaft in der Fremde halb aufgerieben, ſeine ſchwachen Glieder endlich nach Hauſe geſchleppt hatte, um auf dem Schauplatze ſeiner Kindheit auszuruhen. Ich will eine Zuſammenkunft nicht weiter aus⸗ malen, bei welcher Freude und Schmerz ſich ſo in⸗ nig miſchten; er lebte doch! er war doch in ſeine Heimath zuruͤckgekehrt! er konnte doch itzt in ihrem hohen Alter ihr Troſt ſeyn und ſie pflegen! Seine Kraͤfte waren indeſſen erſchoͤpft, und wenn noch etwas gefehlt haͤtte, um das Werk des Schickſals zu vollenden, ſo reichte der Anblick des traurigen Zuſtandes, in welchem er ſeine heimathliche Huͤtte fand, dazu hin. Er ſtreckte ſich auf die Stroh⸗ matte, auf welcher ſeine verlaſſene Mutter ſo manche ſchlafloſe Nacht zugebracht, und ſtand nicht wieder davon auf. Die Dorfbewohner eilten, als ſie hörten, daß Georg Somers zuruͤckgekommen ſey, ihn zu ſehen, und boten ihm alle Erquickungen und allen Bei⸗ ſtand an, die ihre geringen Mittel nur aufzubringen vermochten. Er war indeſſen zu ſchwach, um zu ſprechen— er konnte ſeinen Dank nur durch Blicke bezeugen! Seine Mutter war beſtaͤndig um ihn, 201 und er ſchien ſich von niemand Anders bedienen laſſen zu wollen. Es liegt etwas in dem Zuſtande des Krankſeyns, was den Stolz des Mannes bricht, ſein Herz er⸗ weicht und die Gefuͤhle der Kindheit wieder in ihm erweckt. Wer, der ſelbſt in reiferen Jahren, an Krankheit und Abſpannung darniedergelegen, auf ei⸗ nem Schmerzenlager in einem fremden Lande verlaſſen und einſam dahingeſiecht iſt, hat nicht der Mut⸗ ter gedacht, welche fuͤr ſeine Kinderjahre geſorgt, ſein Kiſſen glatt geſtrichen, und ihn in ſeiner Huͤlf⸗ loſigkeit gepflegt hat? Ach, es liegt eine duldſame Zaͤrtlichkeit in der Liebe einer Mutter zu ihrem Sohne, welche vor allen uͤbrigen Regungen des Herzens den Vorrang behauptet. Sie erkaltet we⸗ der durch Selbſtliebe, noch wird ſie durch Gefahr geſchreckt, noch durch die Werthloſigkeit des gelieb⸗ ten Gegenſtandes geſchwaͤcht, noch durch Undank erſtickt. Sie opfert jede Bequemlichkeit der ſeinigen auf, entſagt jedem Vergnuͤgen, ſeines Genuſſes wil⸗ len, iſt ſtolz auf ſeinen Ruhm, freut ſich ſeines Gluͤcks— und wenn das Ungluͤck uͤber ihn herein⸗ bricht, wird er ihr dadurch nur um ſo theurer; wenn die Schande ſich an ſeinen Namen heftet, ſie liebt und hegt ihn, der Schande zum Trotz; 202 und ſtoͤßt ihn die ganze Welt von ſich, ſo ſucht ſie ihm die ganze Welt zu erſetzen. Der arme Georg Somers hatte es erfahren, was es heiße, krank zu ſeyn und Niemanden zu haben, der Einen pflege— einſam im Gefaͤngniß 1 zu liegen, ohne daß Jemand ſich ſehen laſſe, den Gefangenen zu beſuchen. Er konnte keinen Augen⸗ blick ohne ſeine Mutter ſeyn; entfernte ſie ſich, ſo verfolgte er ſie mit den Augen. Sie ſaß Stun⸗ denlang an ſeinem Bett und wachte bei ihm, wenn er ſchlief. Zuweilen fuhr er aus einem Fiebertraume auf, und blickte ſich aͤngſtlich um, bis er ſie ſah, wie ſie ſich uͤber ihn hinbog, nahm dann ihre Hand, legte ſie auf ſeine Bruſt, und ſchlief mit der Ruhe eines Kindes ein.— So ſtarb er auch. Das Erſte, was ich that, als ich dieſe einfache Trauergeſchichte gehoͤrt hatte, war, daß ich mich nach der Huͤtte der Leidtragenden begab, um ihr Unterſtuͤtzung an Gelde zu reichen, und ſie, wo moͤglich, zu troͤſten. Ich fand indeſſen bei genaue⸗ rer Nachfrage, daß die Gutmuͤthigkeit der Dorfbe⸗ wohner ſchon Alles gethan hatte, was hier noͤthig war, und da die Armen einander am beſten in ihren Leiden zu troͤſten wiſſen, ſo wollte ich mich nicht andraͤngen. Am naͤchſten Sonntag beſuchte ich die Dorf⸗— — 7 203 kirche, und ſah, zu meinem Erſtaunen, die arme alte Frau, den Seitengang hinunter, ihrem gewohn⸗ ten Sitze auf den Stufen des Altars zuwanken. Sie hatte eine Art von Trauer fuͤr ihren Sohn angelegt, und nichts konnte ruͤhrender ſeyn, als dieſer Kampf zwiſchen frommer Liebe und gaͤnzli⸗ cher Armuth. Ein ſchwarzes Band oder dergleichen — ein verſchoſſenes ſchwarzes Halstuch, und noch ein oder zwei Zeichen der Art deuteten den Schmerz an, welchen kein aͤußerer Beweis an den Tag legen kann. Als ich auf die geſchichtlichen Denkmale um⸗ herblickte, die ſtattlichen Wappenſchilder, den kalten Marmorprunk, womit die Groͤße den hingeſchiede⸗ nen Stolz prachtvoll betrauert, betrachtete, und mich nun zu dieſer armen Wittwe wandte, wie ſie am Altare ihres Gottes, von Alter und Kummer gebeugt, verweilte, und das Gebet und den Preis eines frommen, wenn gleich gebrochenen Herzens darbrachte ſo fuͤhlte ich, daß dieß lebende Denk⸗ mal des Schmerzes jene alle zuſammen aufwiege. Ich erzaͤhlte ihre Geſchichte einigen reichen Mit⸗ gliedern der Gemeine, und ſie wurden dadurch ge⸗ ruͤhrt. Sie bemuͤhten ſich, ihre Lage behaglicher zu machen, und ihre Trauer zu mildern. Sie konnten indeß nur die Bahn fuͤr ihre letzten Schritte zum Grabe ebenen. Nach einem oder zwei Sonn⸗ 204 tagen ſah ich ſie nicht mehr auf ihrem gewoͤhnlichen Sitze in der Kirche, und ehe ich die Gegend ver⸗ ließ, erfuhr ich, mit einem gewiſſen Gefuͤhl der Be— ruhigung, daß ſie ſanft ihren letzten Athemzug aus⸗ gehaucht habe, und hinuͤbergangen ſey zu Denen, die ſie liebte, in eine Welt, wo man keinen Kum⸗ mer kennt, und Freunde ſich nimmer trennen. Die Schenke zum Eberkopfe in Eaſtcheap*). (Eine Shakſpeareſche Unterſuchung.) Eine Schenke iſt der Zuſammenkunftsort, die Börſe, der Stapelplatz für alle brave Kerle. Ich habe meinen Urgroßvater erzählen hören, wie ſein Urgroßvater zu ſagen pflegte, daß es ein altes Sprichwort gegeben habe, als ſein Urgroßvater ein Kind geweſen ſey,„daß es immer ein guter Wind ſey, der einen Menſchen zum Weine hinweht.“. (J. Lyly's) Mutter Bombie(1594). — Es herrſcht in einigen katholiſchen Laͤndern der fromme Gebrauch, das Andenken der Heiligen durch geweihte Lichte zu ehren, welche man vor ihren Bildern anzuͤndet. Die Beliebtheit eines Hei⸗ *) Eaſtcheap oder eigentlich Groß⸗Eaſtcheap(wie man den weſtlichen Theil der Straße nennt, um ihn von dem öſtli⸗ chen, jenſeits Gracechurch⸗Street belegenen, zu unterſchei⸗ den) iſt eine von den unweit der London⸗Brücke belege⸗ nen Seitenſtraßen von London, welche auf die zu dieſer 206 4. ligen laͤßt ſich demnach an der Zahl dieſer Opfer erkennen. Dieſer vermodert vielleicht in der Dun⸗ kelheit ſeiner kleinen Kapelle; vor eines andern Bilde brennt eine einzelne Lampe, welche ihre ſchwachen Strahlen auf ſein Konterfey wirft, waͤhrend der volle Glanz der Anbetung an dem Schrein irgend eines beruͤhmten heiliggeſprochenen Vaters ſtrahlt. Der reiche Fromme bringt ſeine gewaltige Wachs⸗ kerze dar, der eifrige Gottesfuͤrchtige ſeinen ſiebenar⸗ migen Leuchter, und ſelbſt der bettelnde Pilger glaubt nicht, daß der Verſtorbene in ſeinem gehoͤrigen Lichte erſcheine, wenn er nicht ebenfalls ſeine kleine dampfende Oellampe davor aufgehaͤngt hat. Die Folge davon iſt, daß uͤber den Eifer, zu beleuchten, ſie den Gegenſtand ihrer Verehrung oft verfinſtern, und ich habe mehrmalen geſehen, wie ein ſolcher ungluͤcklicher Heiliger uͤber die Dienſtbefliſſenheit ſei⸗ ner Anhaͤnger beinahe in Rauch umgekommen iſt. Eben ſo iſt es dem unſterblichen Shakſpeare ergangen. Jeder Schriftſteller haͤlt es fuͤr ſeine heilige Pflicht, einen Theil ſeines Charakters oder ſeiner Brücke hinführende Hauptſtraße, Gracechurch⸗Street, hin⸗ ausgehen. Von der Schenke, welche den Gegenſtand dieſer Erzählung bildet, iſt keine Spur mehr zu ſinden; man ſteht jedoch an dem Thürpfoſten eines der neueren Häuſer, welche auf der Stelle derſelben ſtehen, noch einen Eber⸗ kopf ausgehauen. Ueberſ. „ 207 Werke zu beleuchten, und irgend eines ſeiner Ver⸗ dienſte der Vergeſſenheit zu entreißen. Der Erklaͤ⸗ rer, der an Worten reich iſt, ſchreibt dicke Baͤnde von Erlaͤuterungen; die gewoͤhnliche Schaar der Herausgeber laͤßt eine Dunſtwolke von Dunkelhei⸗ ten aus ihren Anmerkungen unten auf jeder Seite aufſteigen, und jeder Gelegenheitsſchmierer bringt ſein Pfennigslicht des Lobes oder der Unterſuchung dar, um die Weihrauchs⸗ und Dampfwolke noch zu vergroͤßern. Da ich alle hergebrachte Gewohnheiten meiner Bruͤder von der Feder hoch verehre, ſo hielt ich es auch fuͤr meine Schuldigkeit, mein Scherflein der Verehrung vor dem Andenken des unſterblichen Bar⸗ den beizutragen. Eine Zeitlang war ich indeſſen in großer Verlegenheit, auf welche Weiſe ich mich die⸗ ſer Obliegenheit entledigen ſollte. Bei den Verſu⸗ chen, neue Lesarten vorzuſchlagen, war man mir ſchon laͤngſt zuvorgekommen; jede zweifelhafte Zeile war bereits auf ein Dutzend verſchiedene Arten er⸗ klaͤrt, und dadurch ſo verdunkelt, daß es mir un⸗ moͤglich war, ſie aufzuhellen; und was die ſchoͤnen Stellen betraf, ſo waren ſie von fruͤheren Bewun⸗ derern bereits hinlaͤnglich geprieſen; ja der Barde war vor Kurzem von einem großen Deutſchen Kri⸗ tiker mit Lob ſo uͤbergoſſen worden, daß es itzt ſogar 208— ſchwer wird, einen Fehler zu finden, aus dem man nicht eine Schöoͤnheit herausbewieſen haͤtte. In dieſer Verlegenheit blaͤtterte ich eines Mor⸗ gens in ſeinen Werken; zufaͤllig ſchlug ich die ko⸗ miſchen Auftritte aus Heinrich dem Vierten auf, und war in dem Augenblick ganz in die tollen Streiche in der Schenke zum Eberkopfe verloren. Dieſe luſtigen Begebenheiten ſind mit einer ſolchen Lebendigkeit und Natur dargeſtellt, und die Chara⸗ ktere mit einer ſolchen Kraft und Conſequenz durch⸗ gefuͤhrt, daß man ſie im Geiſte mit den Thatſachen und Perſonen aus dem wirklichen Leben unwillkuͤhr⸗ lich vermiſcht. Wenigen Leſern faͤllt dabei ein, daß dieß ſaͤmmtlich Geſchoͤpfe eines Dichtergehirns ſind, und daß in der Wirklichkeit es nie einen ſol⸗ chen Haufen luſtiger Geſellen gegeben hat, welcher die einfoͤrmige Nachbarſchaft von Eaſtcheap belebt haͤtte.. Ich, meines Theils, uͤberlaſſe mich gern den Ge⸗ bilden der Dichtkunſt. Ein Held der Einbildungs⸗ kraft, welcher nie gelebt hat, iſt mir eben ſo viel werth, als ein Held der Geſchichte, der vor tau⸗ ſend Jahren auf der Welt geweſen iſt, und wenn man mir dieſe Unempfaͤnglichkeit fuͤr gewoͤhnlichere Bande der menſchlichen Natur nicht uͤbel nehmen will, ſo moͤchte ich den dicken Jack nicht fuͤr die 209 Haͤlfte der großen Leute aus den alten Geſchichts⸗ buͤchern hingeben. Was haben die Helden aus dem Alterthume fuͤr mich oder meines Gleichen gethan? Sie haben Laͤnder erobert, von denen mir nicht ein Morgen gehoͤrt, oder Lorbeeren eingeerntet, von de⸗ nen ich nicht ein Blatt geerbt habe, oder Beiſpiele von halsbrechender Tapferkeit gegeben, denen zu fol⸗ gen ich weder Gelegenheit, noch Luſt habe. Aber der alte Jack Falſtaff! der gute Jack Falſtaff! der liebe Jack Falſtaff! hat die Grenze des menſchlichen Genuſſes erweitert, große Raͤume Witz und Luſtig⸗ keit neu hinzugefuͤgt, auf welchen auch der Aermſte ſich froͤhlich ergehen kann, und uns ein unerſchoͤpf⸗ liches Erbtheil von herzlichem Lachen hinterlaſſen, um die Menſchen, bis auf die ſpaͤteſte Nachwelt hin, froͤhlicher und beſſer zu machen. Ploͤtzlich kam mir ein Gedanke ein.„Ich will eine Pilgerreiſe nach Eaſtcheap machen,“ ſagte ich, indem ich das Buch zuſchlug:„und ſehen, ob die alte Schenke zum Eberkopfe noch vorhanden iſt. Wer weiß, ob ich nicht noch einige Spuren von Sagen von der Frau Quickly und ihren Gaͤſten auffinde; auf jeden Fall werde ich, wenn ich ſo die Gemaͤcher betrete, welche einſt von ihrer Froͤh⸗ lichkeit wiederhallten, ein eben ſo großes Vergnuͤ⸗ gen empfinden, wie der Zecher, wenn er an dem .210 leeren Faſſe riecht, das einſt mit gutem Weine ge— fuͤllt war.“ 1 Kaum hatte ich dieſen Entſchluß gefaßt, als ich ihn auch ausfuͤhrte. Ich will der verſchiedenen Abenteuer und Wunder, die mir auf meiner Reiſe begegneten, gar nicht gedenken; nicht der geſpenſtim ſchen Gegend von Cock⸗lane; nicht des dahingeſchwun⸗ denen Ruhms von Little⸗Britain und ſeiner Um⸗ gebungen; nicht der Gefahren, die ich in Cateaton⸗ ſtreet und der Old⸗Jewry lief; nicht der beruͤhmten Guildhall und ihrer zwei verkruͤppelten Rieſen, des Stol⸗ zes und des Wunders der Altſtadt, und des Schre⸗ ckens aller heilloſen Jungen; und wie ich den Stein von London beſuchte, und, wie jener Erz⸗Rebell, Jack Cade, mit meinem Stabe darauf ſchlug*). *) Dieß ſind ſämmtlich Gegenden und Denkmale, welche in dem Bezirk der Altſtadt London liegen. Cock⸗lane(die Hahnengaſſe) wo es im J. 1762 eine berühmte Spukge⸗ ſchichte gab, führt von Giltſpur⸗ſtreet, der Straße, die auf den großen Markt Weſt⸗Smithſield ausläuft, nach Holborn; Little⸗Britain(Klein⸗Britannien) iſt eine der Nebenſtraßen der großen, nach dem nördlichen Theile von London führenden Hauptſtraße, Aldersgate⸗ſtreet; Cateaton⸗ Street und die Old⸗Jewry(das alte Judenthum) ſind Nebenſtraßen von Cheapſide, der belebteſten Straße der City, welche nach dem Palaſte des Lord⸗Mayors führt. Die beiden Rieſen ſind die in Bra cebridge(Thl. I. S. g.) er⸗ wähnten Bilder des Gog und Magog; und der Stein von London, the London stone, vielleicht ein römiſcher Meilen⸗ 211 Genug, ich langte am Ende in dem froͤhlichen Eaſtcheap an, jenem alten Schauplatze des Witzes und der Schwelgerei, wo ſelbſt die Namen der Straßen auf das Wohlleben hindeuteten, wie die Pudding⸗Gaſſe*) noch heutiges Tages davon zeugt. „Denn Eaſtcheap,“ ſagt der alte Stow**),„war ſeiner Geſelligkeit wegen immer beruͤhmt. Die Gar⸗ koͤche riefen heiße Rinder⸗Rippen, wohlgebackene Pa⸗ ſteten und andere Lebensmittel aus, und man hoͤrte beſtaͤndig das Klappern der zinnernen Kannen und den Klang der Harfe und Zither.“— Doch ach! wie ſehr hat ſich dieß ſeit Falſtaff's und des alten Stow luſtigen Tagen geaͤndert! Der tolle Wuͤſtling hat dem betriebſamen Kaufmann Platz gemacht; das Geklapper der Kannen und der Ton der„Harfe und Zither”“ dem Geraͤuſch der Karrn und dem verwuͤnſchten Ton der Glocke des Kehrichtman⸗ ſtein, deſſen ſchon vor der Eroberung Englands durch die Normänner als eines Wahrzeichens gedacht wird, ſteht an der ſüdlichen Mauer der St. Swithin's⸗Kirche in Canon⸗ſtreet. Jack Cade, der Iriſche Rebell, welcher unter Heinrich VI. (1450) eine Empörung in London anzettelte, und durch die Vorſtadt Southwark nach der Altſtadt vordrang, nahm durch einen feierlichen Schlag mit ſeinem Schwerte auf die⸗ ſen Stein, von der Stadt Beſitz. Ueberſ. *) Die Gaſſe, die von Fiſh⸗ſtreet⸗Hill, dicht an der Lon⸗ doner Brücke, nach Klein⸗Eaſtcheap führt. Ueberſ. **) In ſeinem Survey of London. UHeberſ. 212 nes*), und man hoͤrt keinen Geſang weiter, als vielleicht die Toͤne einer Sirene von Billingsgate*r), welche das Lob ihrer todten Makrelen verkuͤndigt. Vergebens ſuchte ich die alte Wohnung der Frau Quickly auf. Das einzige Ueberbleibſel iſt ein Eberkopf, welcher in Stein ausgehauen iſt, und der fruͤher zum Schilde diente, itzt aber in die Scheidelinie der beiden Haͤuſer eingemauert iſt, welche auf der Stelle der beruͤhmten alten Schenke ſtehen. Was die Geſchichte dieſes kleinen Reichs der uuſtigen Bruͤderſchaft betraf, ſo verwies man mich an die Wittwe eines Lichtziehers, welche an dem Orte geboren und erzogen war, und als die untruͤg⸗ lichſte Geſchichtsquelle der ganzen Nachbarſchaft an⸗ geſehen wurde. Ich fand ſie in einem kleinen Hin⸗ terſtuͤbchen ſitzen, deſſen Fenſter auf einen, etwa acht Fuß im Gevierte haltenden, und wie ein Blu⸗ mengarten eingerichteten Hof gingen, waͤhrend man durch eine Glasthuͤr eines entfernten Blicks auf die Straße, zwiſchen einem Vorgrunde von Seife und *) In London wird der Kehricht durch Leute abgeholt, welche neben einem, mit einem Pferde beſpannten Karren in der Stadt umhergehen, und durch eine Glocke auffor⸗ dern, den Unrath aus den Häuſern zu bringen. Ueberſ. *) Der Londoner große, am Themſeufer, öſtlich von deer Londoner⸗Brücke, befindliche Fiſchmarkt. Ueberſ. 213 Talglichtern hindurch, genoß; die zwei Ausſichten, welche, höchſt wahrſcheinlich, die ganzen Fernblicke ihres Lebens und die kleine Welt bildeten, in welcher ſie, die groͤßere Haͤlfte eines Jahrhunderts hindurch, gelebt, ſich bewegt und ihr Daſeyn genoſſen hatte. In der Geſchichte von Groß⸗ und Klein⸗Eaſt⸗ cheap, von dem Londoner⸗Steine bis zun Munn⸗ menr ²⁴), bewandert zu ſeyn, hieß, ihrer Meinung nach, ohne Zweifel, die Geſchichte des: Veltalls ken⸗ nen. Bei allem dieſen hatte ſie och die Einfalt, welche der wahren Weisheit eigen iſt, und jene freiſinnige, mittheilende Gemuͤthsart, die ich allge⸗ mein bei verſtaͤndigen alten Frauen bemerkt habe, welche mit den Begebniſſen in ihrer Nachbarſchaft vertraut ſind. Ihre Kenntniß erſtreckte ſich jedoch nicht weit in die alte Zeit zuruͤck.— Sie konnte keinen Auf⸗ ſchiuß uͤber die Geſchichte des Eberkopfes, von der Zeit an, wo Frau Quickly den tapfern Piſtol ehe⸗ lichte**), bis zu dem großen Feuer in London, wo er ungluͤcklicherweiſe abbrannte, ertheilen. Er war bald wieder aufgebaut worden, und bluͤhte, un⸗ ——— *) Dem zum Gedächtniß des großen Brandes in Lon⸗ don, im J. 1666, errichteten Denkmal, unweit der Londo⸗ ner⸗Brücke. Ueberſ. 2) S hakeſpeare's Heinrich IV. Thl. II. Ueberſ. ter dem alten Namen und Zeichen fort, bis ein Gaſtwirth— dem ſeine Gewiſſensbiſſe wegen doppel⸗ ter Zechen, kleinen Maßes und anderer Unredlich⸗ keiten, welche dem ſuͤndigen Geſchlecht der Gaſt⸗ wirthe ankleben, keine Ruhe ließen— ſich dadurch mit dem Himmel auszuſoͤhnen ſuchte, daß er die Schenke an die Kirche von St. Michael*) in Croo⸗ ked⸗Lane vermachte, um von dem Ertrage der⸗ ſelben einen Kapellan zu halten. Eine Zeitlang wurden die Kirchencollegiums⸗Verſammlungen re⸗ gelmaͤßig hier gehalten; allein man wollte bemerken, daß der alte Eber ſein Haupt unter der geiſtlichen Regierung nie recht erheben konnte. Er verfiel von Tage zu Tage, und hauchte endlich, ungefaͤhr vor dreißig Jahren, ſeinen letzten Athem aus. Die Schenke ward nun zu Laͤden eingerichtet; die Frau ſagte mir jedoch, daß ein Bild derſelben noch in der St. Michaeliskirche vorhanden ſey, welche ge⸗ rade hinter der Schenke ſteht. Ich beſchloß itzt mich zu bemuͤhen, daß ich dieſes Bild zu Geſicht bekaͤme, und nahm, nachdem ich die Wohnung des Kuͤ⸗ ſters erfragt, Abſchied von der ehrwuͤrdigen Ge⸗ ſchichtsquelle von Eaſtcheap, deren eigene Meinung von ihrer Sagenkunde durch meinen Beſuch gewiß *) Von Sir Chr. Wren erbaut, dem Monument gegen⸗ über. Ueberſ. 215 um ein Bedeutendes groͤßer geworden war, ſo wie dieſer ein wichtiges Ereigniß in ihrer Lebensgeſchichte bildete. 1 Es koſtete mir einige Muͤhe und viele Nach⸗ frage, den demuͤthigen Angehoͤrigen der Kirche auf⸗ zuſtoͤbern. Ich mußte Crooked⸗Lane und mehrere kleine Gaͤßchen, Kniee und finſtere Durchgaͤnge durchforſchen, womit dieſe alte Stadt, wie ein alter Kaͤſe oder ein wurmſtichiger Schrank durchloͤchert iſt. Endlich fand ich ihn in einem Winkel eines ſchmalen Hofes, der von hohen Haͤuſern eingeſchloſ⸗ ſen war, und wo die Bewohner eben ſoviel von dem Himmelslicht genießen, als ein Haufe von Froͤſchen auf dem Grunde eines Brunnens. Der Kuͤſter war ein ruhiger, friedlicher kleiner Mann, ſehr demuͤthig und ergeben; in ſeinen Augen lag in⸗ deſſen ein gewiſſes ſchalkhaftes Blinzeln, und er mochte, wenn man ihn dazu ermunterte, wol auch dann und wann es wagen, einen kleinen Spaß zu machen, wie ein Mann ſeines geringen Standes in der Geſellſchaft vornehmer Kirchenvorſteher, oder anderer großen Leute der Erde, ihn ſich allenfalls er⸗ laubt. Ich fand ihn mit dem Subſtituten des Or⸗ ganiſten zuſammen; Beide ſaßen abſeits, wie Mil⸗ on's Engel, ſprachen ohne Zweifel uͤber wichtige Glaubensartikel, und brachten die Angelegenheiten der Kirche bei einem geſelligen Kruge Ale in's Reine.— Denn die niedrigen Klaſſen unter den Eng⸗ laͤndern berathſchlagen ſich ſelten uͤber irgend einen wichtigen Gegenſtand, ohne einen kuͤhlen Trunk da— bei zu haben. Ich kam gerade in dem Augenblicke dazu, wo ſie mit ihrem Ale und ihrer Eroͤrterung zu Ende waren, und ſich anſchickten, ſich nach der Kirche zu begeben, um dieſe in Ordnung zu brin⸗ gen, und erhielt, als ich ihnen meine Wuͤnſche kund gethan, die guͤtige Erlaubniß von ihnen, ſie zu begleiten. Die St. Michael'skirche in Crooked⸗Lane iſt nicht weit von Billingsgate entfernt, und wird durch die Graͤber mancher beruͤhmter Fiſchhaͤndler verherrlicht; und da jedes Gewerbe ſeine Milchſtraße des Ruhms und ſeine Conſtellation von großen Leu⸗ ten hat, ſo glaube ich, daß das Grabdenkmal eines maͤchtigen Fiſchhaͤndlers aus alten Zeiten von den nachfolgenden Geſchlechtern des Handwerks mit ei⸗ ner eben ſo großen Ehrfurcht betrachtet wird, wie ſie die Dichter bei dem Anſchauen von Virgils Grab, oder die Soldaten bei dem des Denkmals von Marlborough oder Turenne empfinden. Ich kann, waͤhrend ich ſo von beruͤhmten Maͤn⸗ nern rede, nicht umhin, zu bemerken, daß St. Mi⸗ chael in Crooked⸗Lane auch die Aſche des tapfern Kaͤm⸗ 217 Kaͤmpen, Ritters Wilhelm Walworth, enthaͤlt, der den trotzigen Geſellen Wat Tyler in Smithfield ſo mannhaft niederſchlug*), eines Helden, der, als beinahe der einzige Lord⸗Mayor, welcher ſich in der Geſchichte durch ſeine Waffenthaten be⸗ ruͤhmt gemacht hat, eines ehrenvollen appens werth iſt, da die Beherrſcher von Cockney*) gewoͤhn⸗ lich als die friedlichſten aller Menſchen bekannt ſind*r). *) S. d. Erzählungen eines Reiſenden Thl. I. S. 217. **) Der Spottname von London. Ueberſ. ***) Folgendes war die Inſchrift auf dem Denkmale die⸗ ſes Braven, das unglücklicherweiſe bei dem großen Brande mit unterging. Hierunter liegt, der wohlbekannt', Wilhelm Walworth iſt er genannt, Fiſchhändler iſt er einſt geweſen, Zweimal Lord⸗Mayor, wie's in Büchern zu leſen. Mit großem Muth und Manneskraft Vor König Richard, Jack Straw er niedergemacht, Für welche Thaten und wackres Vetragen Der König zur Stell' ihn zum Ritter geſchlagen, Und gab ihm ein Wappen, wie hier zu erſehen, Um das zu bezeugen, was durch ihn geſchehen. Er hat dieß Leben Gott heimgeſtellt,. Als dreizehnhundert drei und achtzig man zählt'. Der ehrwürdige Stow hat einen Irrthum in dieſer Inſchrift berichtigt.„Da es,“ ſagt er:„eine allge⸗ mein verbreitete Meinung iſt, daß der Empörer, der von Sir William Walworth, dem damaligen würdigen Lord⸗ Mayor, ſo mannhaft darniedergeſchlagen worden, Jack Straw, und nicht Wat Tyler geheißen habe, ſo habe ich Skizzenbuch I. K 218 Dicht bei der Kirche, auf einem kleinen Kirch⸗ hofe, unmittelbar unter den Hinterfenſtern des ehe⸗ maligen Gaſthofes zum Eberkopfe, ſieht man den Grabſtein des Robert Preſton, ehemaligen Kellners in der Schenke. Es iſt itzt beinahe ein Jahrhun⸗ dert her, ſeitdem dieſer wohlbetraute Kellner guten Getraͤnks ſeine geraͤuſchvolle Laufbahn beſchloſſen hat, und dort, innerhalb des Bereichs ſeiner Kunden, ruhig zur Erde beſtattet worden iſt. Indem ich das Unkraut von ſeiner Grabſchrift hinwegbog, zog mich der kleine Kuͤſter mit einer geheimnißvollen Niene auf die Seite, und ſagte mir mit leiſer Stimme, daß einſt— in einer finſtern Winternacht, als der Wind tobte, heulte und pfiff, an den Thuͤ⸗ ren und Fenſtern raſſelte, die Wetterhaͤhne drehte, ſo daß die Lebenden vor Schrecken aus den Betten fuhren und ſelbſt die Todten nicht ruhig in ihren Graͤbern ſchlafen konnten— der Geiſt des ehrlichen Preſton, der ſich zufaͤllig auf dem Kirchhofe eine Bewegung machte, durch den wohlbekannten Ruf: Kellner! von dem Eberkopf her, aufmerkſam gemacht es für paßlich gehalten, dieſen, ſo Übereilt erhobenen Zwei⸗ fel durch die Zeugniſſe zu beſeitigen, wie ich ſie in alten und glaubwürdigen Nachrichten gefunden habe. Die Haupt⸗ anführer, oder Hauptleute des Haufens waren: Wat Tyler, der Rädelsführer; der zweite, Johann oder Jack Straw u. ſ. w.“ Verf. 219 worden, und mitten unter einer laͤrmenden Geſell⸗ ſchaft, gerade in dem Augenblick, wo der Kirchen⸗ ſchreiber eine Strophe aus dem„luſtigen Liede vom Hauptmann Todt“ geſungen habe, erſchienen ſey, zum großen Schrecken mehrerer Miliz⸗Hauptleute und zur gaͤnzlichen Bekehrung eines unglaͤubigen Sachwalters, der auf der Stelle ein eifriger Chriſt geworden ſey, und nachher, ausgenommen in Ge⸗ ſchaͤften, nie wieder die Wahrheit verdreht habe. Ich bitte zu bemerken, daß ich fuͤr die Wahr⸗ heit dieſer Anekdote nicht einſtehe: obgleich es wohl bekannt iſt, daß die Kirchhoͤfe und abgelegenen Win⸗ kel dieſer alten Hauptſtadt ſehr haͤufig von unruhi⸗ gen Geiſtern heimgeſucht werden, und Jedermann die Geſchichte von dem Geiſt in Cock-Lane und von der Erſcheinung, welche die Kleinodien im Tower bewacht— einer Erſcheinung, welche ſo manche herz⸗ hafte Schildwachen beinahe toͤdtlich erſchreckt hat— gehoͤrt haben muß. Wie dem aber auch ſeyn mag, ſo ſcheint dieſer Robert Preſton(ein wuͤrdiger Nachfolger des glatt⸗ zͤngigen Franz, welcher den Prinzen Heinz bei ſei⸗ nen Schwelgereien bediente)*) eben ſo ſchnell mit *) Shakſpeare's Heinrich IV. Thl. I. Zweiter Aufzug. Ueberſ. K 2 220 ſeinem„komme ſchon, komme ſchon“ bei der Hand geweſen zu ſeyn, und dabei ſeinen Vorgaͤnger an Rechtlichkeit weit uͤbertroffen zu haben; denn Fal⸗ ſtaff, deſſen feinen Geſchmack gewiß Niemand in Zweifel ziehen wird, beſchuldigt Franz geradezu, Kalk in ſeinen Sekt zu thun, waͤhrend des ehrli⸗ chen Preſton's Grabſchrift ihn ſeiner Maͤßigkeit, der Reinheit ſeines Weines und der Richtigkeit ſei⸗ nes Maßes wegen belobt*). Die achtbaren Wuͤr⸗ dentraͤger der Kirche ſchienen indeſſen von der Maͤ⸗ ßigkeit des Kellners nicht ſonderlich erbaut; der Subſtitut des Organiſten, der einen gewiſſen feuch⸗ ten Blick hatte, machte einige ſcharfe Bemerkungen uͤber die Enthaltſamkeit eines Mannes, der unter *²) Da dieſe Inſchrift an trefflichen Lehren voll iſt, ſo gebe ich ſie hier zur Ermahnung für gottloſe Kellner. Sie iſt offenbar ein Erzeugniß irgend eines ausgeſuchten Kop⸗ fes, der einſt den Eberskopf zu beſuchen pflegte, Bacchus, die Zecherwelt mit Staunen zu erfüllen, Hatt' einen mäß'gen Sohn, und der ruht hier im 1 Stillen, Ob ſeine Jugend gleich beim Weine er verbracht. Er widerſtand ihm doch und jedes Reizes Macht. O Leſer, neigſt du dich zu Fug' und Rechte hin, So denk' an Preſton ſtets in deinem innern Sinn. Er ſchenkte guten Wein, gab immer richt'ges Maß; Bei ſeinem Guten man wol ſeines Fehls vergaß. Ihr, die Ihr ebenfalls Euch Bacchus' Dienſten weiht, Folgt Bob's Exempel denn, in Maß und Pünkt⸗ lichkeit. 221 Faͤſſern aufgewachſen ſey, und der kleine Kuͤſter be⸗ ſtaͤrkte ſeine Meinung durch einen bedeutſamen Blick und ein unglaͤubiges Kopfſchuͤtteln. Meine Unterſuchungen hatten zwar viel Licht uͤber die Geſchichte der Kellner, Fiſchhaͤndler und Lord⸗Mayors verbreitet, dabei aber mich uͤber den großen Gegenſtand meiner Nachforſchungen, das Gemaͤlde der Schenke zum Eberkopfe, getaͤuſcht. Ein Bild dieſer Art war in der ganzen St. Michaels⸗ kirche nicht zu finden.„Amen,“ ſagte ich alſo: „hier iſt meine Unterſuchung zu Ende!“ So war ich im Begriff, mit der Miene eines getaͤuſchten Alterthumsforſchers, die ganze Sache aufzugeben, als mein Freund, der Kuͤſter, welcher bemerkt hatte, daß alles, was die alte Schenke betreffe, mich be⸗ ſonders anziehe, ſich erbot, mir die beſſeren Gefaͤße aus der Sakriſtey zu zeigen, welche ſeit undenkli⸗ chen Zeiten, als noch die Kirchſpielsverſammlun⸗ gen in dem Eberkopfe gehalten worden, da waͤren; dieſe wuͤrden in dem Clubzimmer des Kirchſpiels aufbewahrt, das, als die alte Wirthſchaft einging, nach einer andern Schenke in der Nachbarſchaft ver⸗ legt worden war. Nach einigen Schritten ſtanden wir vor dem Hauſe Mile Lane Nr. 12, welches zum„Maurer⸗ wappen“ heißt, und deſſen Wirth Meiſter Eduard 222 Honeyball der„Eiſenfreſſer“ war*). Es iſt eine der kleinen Schenken, von denen es im Herzen der Altſtadt eine Menge giebt, und welche der Mittel⸗ punkt aller Klatſchereien und Neuigkeitskraͤmerei der Gegend ſind. Wir traten in das Schenkzimmer, das klein und daͤmmerig war; denn in dieſen engen Gaͤßchen dringen nur wenige Strahlen zuruͤckgewor⸗ fenen Lichts zu den Bewohnern hinunter, deren heller Tag aufs Hoͤchſte ein leidliches Zwielicht iſt. Das Zimmer war in einzelne Abſchlaͤge getheilt, von denen jeder einen Tiſch enthielt, der mit einem reinen weißen Tiſchtuche, zum Mittagseſſen, bedeckt war. Dieß zeigte an, daß die Gaͤſte noch von gu⸗ tem alten Schrot und Korn waren, und ihren Tag gleichmaͤßig eintheilten, denn es war erſt ge⸗ rade ein Uhr. Am untern Ende des Zimmers brannte ein helles Kohlenfeuer, an dem eine Lam⸗ mesbruſt bratete. Eine Reihe hellglaͤnzender meſ⸗ ſingener Leuchter und zinnerner Bierkruͤge ſchim⸗ merte auf dem Kaminvorſprunge, und eine altmo⸗ diſche Uhr tickte in der Ecke. Es lag etwas Pa⸗ *) Shakſpeare's luſtige Weiber von Windſor. Es iſt nicht recht zu begreifen, warum der Verfaſſer hier den Wirth Eiſenfreſſer nennt, da bei Shakſpeare, von dem die Benennung entlehnt iſt, der Wirth den Felſtas mit dieſem Namen anredet. Ueberſ. 223 triarchaliſches in dieſem Gemiſch von Kuͤche, Wohn⸗ zimmer und Saal, das mich in fruͤhere Zeiten ver⸗ ſetzte, und mir ungemein wohl behagte. Das Haus ſelbſt war gewoͤhnlich, aber Alles hatte ein gewiſſes Anſehen von Ordnung und Nettigkeit, was von der Oberaufſicht einer wackern Engliſchen Hausfrau zeugte. Eine Gruppe amphibienartig ausſehender Weſen, entweder Fiſcher oder Matroſen, that ſich in einem der Verſchlaͤge guͤtlich. Da ich ein Beſuch war, der etwas groͤßere Anſpruͤche zu machen ſchien, ſo wies man mich in ein kleines unanſehnliches Hin⸗ terzimmer, das wenigſtens neun Ecken hatte. Es erhielt ſein Licht von oben durch ein Fenſter, war mit altvaͤteriſchen ledernen Stuͤhlen moͤblirt, und mit dem Bilde eines fetten Schweins verziert. Es war augenſcheinlich nur fuͤr befondere Kunden be⸗ ſtimmt, und ich fand hier einen ſchaͤbig ausſehen⸗ den Herrn mit rother Naſe und einem mit Wachs⸗ leinwand uͤberzogenen Hut, in einer Ecke ſitzend, wo er uͤber einem zur Haͤlfte ausgeleerten Kruge Porter bruͤtete. Der alte Kuͤſter hatte die Wirthin bei Seite genommen und ihr, mit einer hoͤchſt wichtigen Miene, mein Anliegen offenbart. Frau Honeyball war eine anſehnliche, fette, geſchaͤftige, kleine Frau, und keine ſchlechte Stellvertreterin des Muſters al⸗ 224 ler Wirthinnen, Frau Quickly. Es ſchien ihr ſehr viel Vergnuͤgen zu machen, gefaͤllig ſeyn zu koͤn⸗ nen; ſie eilte daher die Treppe hinauf in ihr Haus⸗ archiv, wo die koſtbaren Gefaͤße des Kirchſpiels⸗ clubs aufbewahrt werden, und kehrte laͤchelnd und mit einem tiefen Knix, ſie in den Haͤnden haltend, wieder zuruͤck. Das erſte, was ſie mir darreichte, war eine ei⸗ ſerne, lackirte Tabacksdoſe, von rieſenhafter Groͤße, aus der, wie ſie mir ſagte, die Kirchenverſammlung bei ihren beſtimmten Zuſammenkuͤnften ſeit undenk⸗ lichen Zeiten geraucht haͤtte, und die nie von ge⸗ meinen Haͤnden entweiht, oder bei gewoͤhnlichen Gelegenheiten gebraucht werden duͤrfe. Ich empfing ſie mit gehoͤriger Ehrfurcht. Wie groß war aber mein Entzuͤcken, als ich auf dem Deckel derſele ben eben das Bild erblickte, dem ich nachforſchte! Hier war das Aeußere der Schenke zum Eberkopf dargeſtellt, und vor der Thuͤr der ganze luſtige Haufe, bei Tiſche, in voller Schwelgerei zu ſehen, ganz mit der wunderbaren Treue und Kraft gemalt, womit man die Bildniſſe beruͤhmter Generale und Commodore auf Tabacksdoſen, zum Beſten der Nachkommen, verewigt; jedoch hatte, allem Irrthum zu begegnen, der kluge Maler die Namen Prinz 225 Heinz und Falſtaff an die Sitze der Stuͤhle ge⸗ ſchrieben. Innen am Deckel befand ſich eine beinahe ganz verwiſchte Inſchrift, des Inhalts, daß dieſe Doſe ein Geſchenk des Sir Richard Gore, und zum Ge— brauche der Kirchſpielsverſammlungen in der Schenke zum Eberkopf beſtimmt ſey, und daß ſie von ſeinem Nachfolger, Herrn Johann Pinckard, im Jahr 1767 ausgebeſſert und aufgeputzt worden ſey. Dieß iſt eine getreue Beſchreibung dieſes erhabenen und ehrwuͤrdigen Ueberbleibſels, und es iſt ſehr die Frage, ob der gelehrte Scriblerius ſeinen roͤmiſchen Schild, oder die Ritter der Tafelrunde den langgeſuchten heiligen Graal, mit mehr Freude betrachtet haben, als ich dieſes. Waͤhrend ich, ganz in Entzuͤcken verſunken, dar⸗ uͤber nachdachte, gab mir Frau Honeyball, welcher der Antheil, den ich daran nahm, ſehr wohlgefiel, einen Becher, welcher ebenfalls der Kirchſpielsver⸗ ſammlung zugehoͤrte, und von dem alten Eberkopfe herſtammte. Der Inſchrift daran zufolge war er ein Geſchenk des Ritters Franz Wythers, und wurde, wie es hieß, ſehr werth gehalten, da man ihn als eine große„Antihke“ anſaͤhe. Dieſes letzte Urtheil wurde von dem ſchaͤbigen Herrn— eben dem mit der 226 rothen Naſe und dem mit Wachstuch uͤberzogenen Hut— beſtaͤtigt, der mir ganz wie ein Abkoͤmmling in gerader Linie von dem tapfern Bardolph*) vor⸗ kam. Er fuhr auf einmal aus ſeinen Betrachtun⸗ gen uͤber den Krug Porter empor, warf einen Kennerblick auf den Becher, und rief aus:„Ja, ja! dem thut der Kopf auch nicht mehr wehe, der den da gemacht hat!“ Das große Gewicht, welches neuere Kirchenvor⸗ ſteher auf dieſes Denkmal der alten Schwelgerei legten, machte mich Anfangs ſtutzen. Nichts ſchaͤrft indeſſen den Blick ſo ſehr, als antiquariſche Unter⸗ ſuchungen, und ſo ſah ich denn augenblicklich, daß dieſer Becher nichts anderes ſeyn koͤnne, als eben. der„halb vergoldete Becher”, auf den Falſtaff treuloſerweiſe der Frau Quickly Liebe geſchworen, und welcher, natuͤrlich unter ihren Kleinodien, als ein Beweis dieſer feierlichen Verpflichtung aufbe⸗ wahrt worden war**). *) Shakſpeare's Heinrich IV. Ueberſ. **) Du ſchworſt mir auf einen halbvergoldeten Becher, als du in meiner Delphinſtube, an dem runden Tiſche, bei einem Steinkohlenfeuer ſaßeſt, am Mittwoch in der Pfingſt⸗ woche, als der Prinz dir den Kopf blutig geſchlagen, weil du ſeinen Vater mit einem Chorſänger in Windſor vergli⸗ chen hatteſt; da ſchworſt du mir, als ich dir deine Wunde auswuſch, du wollteſt mich heirathen, und mich zu einer 227 Die Wirthin erzaͤhlte mir eine lange Geſchichte, wie der Becher von Geſchlecht zu Geſchlecht gegan⸗ gen ſey. So unterhielt ſie mich auch von meh⸗ reren Einzelheiten uͤber die wuͤrdigen Kirchenvorſte⸗ her, welche ſo ganz ruhig auf den Stuͤhlen der al⸗ ten luſtigen Geſellen von Eaſtcheap Platz nehmen, und, wie die Erklaͤrer Shakſpeare's, ganze Rauch⸗ wolken zu ſeiner Ehre aufſteigen laſſen. Dieſe will ich uͤbergehen, weil meine Leſer leicht nicht ſo wiß⸗ begierig uͤber dergleichen Gegenſtaͤnde ſeyn duͤrften, als ich. Genug, die Leute, die in der Gegend von Eaſtcheap wohnen, glauben, ohne Ausnahme, daß Falſtaff und ſein luſtiger Haufe dort wirklich gelebt und geſchwelgt habe. Ja, es giebt ſogar mehrere angebliche Anekdoten von ihm, unter den aͤlteſten Beſuchern des Maurer⸗Wappens, welche dieſe, als von ihren Voreltern auf ſie vererbt, ausgeben; und Herr Mackaſh, ein Iriſcher Haarkraͤusler, deſſen Laden auf eben der Seite liegt, wie der Eberkopf, erzaͤhlt noch mehrere trockene Witze von dem dicken Jack, welche nicht in den Buͤchern ſtehen und woruͤber ſeine Kunden faſt vor Lachen platzen. Ich wandte mich itzt zu meinem Freunde, dem Mylady, deiner Gemahlin, machen. Kannſt du es leugnen: Heinrich IV. Thl. II. Verf. 228 Kuͤſter, um noch einige weitere Nachforſchungen anzuſtellen, fand ihn aber ganz in Nachdenken ver⸗ tieft. Sein Kopf war etwas auf eine Seite geſun⸗ ken, ein ſchwerer Seufzer erhob ſich aus ſeiner Bruſt, und ob ich gleich keine Thraͤne in ſeinem Auge zittern ſah, ſo bemerkte ich doch deutlich, daß einer ſeiner Mundwinkel feucht geworden war. Ich folgte der Richtung ſeines Auges durch die offen⸗ ſtehende Thuͤr, und fand, daß es nachdenklich auf der ſuͤßduftenden Lammesbruſt ruhte, welche in traͤufeln⸗ der Fettigkeit am Feuer briet. Itzt dachte ich erſt daran, daß ich, in der Le— bendigkeit meiner tiefgehenden Unterſuchung, den armen Mann von ſeinem Mittagseſſen abhielte. Mein Magen bellte aus Mitgefuͤhl; ich druͤckte ihm einen kleinen Beweis meiner Dankbarkeit und An⸗ erkennung in die Hand, und entfernte mich mit aufrichtigen Segenswuͤnſchen fuͤr ihn, fuͤr die Frau Honeyball und den Kirchſpielsclub in Crooked⸗Lane, wobei ich meinen ſchaͤbigen, aber ſpruchreichen Freund in dem wachstuchenen Hut und mit der rothen Naſe nicht vergaß. So habe ich denn eine„ langweilig⸗kurze“*) *) Shakſpeare's Sommernachtstraum. 5r Aufz. Ueberſ. 229 Erzaͤhlung von dieſer anziehenden Unterſuchung been⸗ digt, zu deren Entſchuldigung ich, wenn ſie zu kurz und unbefriedigend ausgefallen ſeyn ſollte, nur meine Unerfahrenheit in dieſem Zweige der Littera⸗ tur, welcher gegenwaͤrtig mit Recht ſo beliebt iſt, als Entſchuldigung anfuͤhren kann. Ich weiß ſehr wohl, daß ein gewandterer Erlaͤuterer des unſterb⸗ lichen Barden die Materialien, die ich hier beruͤhrt habe, zu einem anſehnlichen, wohl verkaͤuflichen Werke ausgeſponnen haben wuͤrde, das die Lebensbeſchrei⸗ bungen des Wilhelm Walworth, Jack Straw und Robert Preſton, einige Nachrichten von ausgezeichne⸗ ten Fiſchhaͤndlern in St. Michael, die Geſchichte von Groß⸗ und Klein⸗Eaſtcheap, geheime Anekdo⸗ ten von der Frau Honeyball und ihrer huͤbſchen Tochter, deren ich nicht einmal erwaͤhnt habe— ei⸗ nes Frauenzimmers nicht zu gedenken, das die Lam⸗ mesbruſt beſorgte(und das, wie ich bemerkte, ein ſchmuckes Maͤdchen, mit einem huͤbſchen Fuße und Knoͤchel war)— in ſich begriffen haben wuͤrde; wobei das Ganze durch den Aufruhr Wat Tyler's Lebendigkeit erhalten haͤtte, und durch das große Feuer in London beleuchtet worden waͤre. Alles dieß laſſe ich unberuͤhrt, als eine reiche Fundgrube, welche ſpaͤtere Erlaͤuterer bearbeiten moͤ⸗ gen, und zweifele gar nicht, daß die Tabacksdoſe 230 und der„halbvergoldete Becher“, welche ich itzt an das Tageslicht gebracht habe, Gegenſtaͤnde zu Kupferſtichen hergeben, und beinahe eben ſo viele baͤn⸗ dereiche Abhandlungen und Streitſchriften erzeugen werden, als der Schild des Achilles, oder die weit⸗ beruͤhmte Portland⸗Vaſe*). *) Itzt im Britiſchen Muſeum in London. Ueberſ⸗ Die Wandelbarkeit der Litteratur. (Ein Geſpraͤch in der Weſtminſter Abtei.) — Ich weiß, daß Alles unterm Mond verblüht, Und daß, was Sterblichkeit erzeugt in dieſer Welt, Im Lauf der Zeit in Staub zurückefällt. Ich weiß es, daß der Muſe himmliſch Lied, Die mühſam, ſchwer erkaufte Geiſtesfrucht, Als eitler Schall von Wen'gen wird geſucht; Denn Lob iſt eitles Gut, das leicht man ſpenden ſieht. Drummond von Hawthornden. E⸗ giebt gewiſſe halbtraͤumende Geiſtesſtimmungen, in denen wir uns unwillkuͤhrlich von allem Geraͤuſch und Glanz hinwegſtehlen, und irgend ein ruhiges Plaͤtzchen aufſuchen, wo wir unſeren Traͤumereien nachhangen, und unſere Luftſchloͤſſer ungeſtoͤrt bauen koͤnnen. In einer ſolchen Stimmung ſchlenterte ich einſt um die alten grauen Kreuzgaͤnge der Weſt⸗ minſter⸗Abtei umher, und ſchwelgte in dem Um⸗ hertreiben der Gedanken, welches man gern mit dem Namen Nachdenken belegt; als auf einmal ein 232 Schwarm toller Jungen aus der Weſtminſter⸗ Schule, welche Fußball ſpielten, die moͤnchiſche Stille des Ortes unterbrach, ſo daß die gewoͤlbten Gaͤnge und die modernden Graͤber von ihrer Luſt wiederhallten. Ich ſuchte mich dadurch vor ihrer lauten Froͤhlichkeit zu retten, daß ich noch tiefer in die Einſamkeit des Gebaͤudes eindrang, und mich an einen der Kirchendiener wandte, um Zutritt zu der Bibliothek zu erhalten. Er fuͤhrte mich durch ein Portal, welches mit der broͤckelnden Bildhauer⸗ arbeit fruͤherer Jahrhunderte reich verziert war, und auf einen duͤſtern Gang hinausging, der zu dem Kapitelhauſe und dem Zimmer fuͤhrte, wo das Doomsday⸗Book ſich befindet*). Auf dieſem Gange iſt eine kleine Thuͤr, auf der linken Seite. Der Kirchendiener verſuchte, ſie aufzuſchließen; ſie war zweimal verſchloſſen, und es verurſachte einige Schwierigkeit, ſie zu oͤffnen, gerade ſo, als ob ſie ſelten gebraucht wuͤrde. Wir ſtiegen itzt eine dunkle, ſchmale Treppe hinan, eine zweite Thuͤr ward ge⸗ oͤffnet, und wir befanden uns in der Bibliothek. Ich ſah mich in einem hohen, altvaͤteriſchen Saale, deſſen Decke von ſtarken Stuͤtzen von altem Engliſchen Eichenholze getragen wurde. Eine Reihe *) Das Original des, erſt im J. 1786 vom Parliament her⸗ ausgegebenen, Landbuchs Wilhelms des Eroberers. Ueberſ. V 233 Gothiſcher, in einer bedeutenden Entfernung von dem Boden befindlicher Fenſter, welche, dem An⸗ ſchein nach, auf das Dach der Kreuzgaͤnge hinaus⸗ gingen, beleuchtete ihn. Ein altes Bild, irgend einen ehrwuͤrdigen Wuͤrdentraͤger der Kirche in ſei⸗ nem Amtskleide darſtellend, hing uͤber dem Kamin. Rund an den Waͤnden des Zimmers umher, und in einer kleinen Galerie ſtanden die Buͤcher in eichenen, mit Schnitzwerk verzierten Schraͤnken. Sie be⸗ ſtanden hauptſaͤchlich aus alten polemiſchen Schrift⸗ ſtellern, und hatten weit mehr durch die Zeit, als durch Gebrauch gelitten. Mitten in der Bibliothek ſtand ein einzelner Tiſch, worauf zwei oder drei Buͤcher, ein Dintefaß ohne Dinte, und ei⸗ nige wenige, durch langen Mangel an Gebrauch ganz vertrocknete Federn lagen. Der Ort ſchien ſich zu einem ruhigen Studium und tiefem Nach⸗ denken ganz vorzuͤglich zu eignen. Er lag tief zwi⸗ ſchen den maſſiven Mauern der Abtei und von dem Geraͤuſch der Welt ganz abgeſchieden. Ich konnte nur dann und wann das Geſchrei der Schulknaben vernehmen, wie es ſchwach aus den Kreuzgaͤngen heruͤbertoͤnte, und den Klang der Abendglocke, die zum Gebete laͤutete und beſcheiden uͤber die Daͤ⸗ cher der Abtei hintoͤnte. Nach und nach ward der froͤhliche Laͤrm immer ſchwaͤcher und ſchwaͤcher, und 234 verſcholl endlich ganz. Die Glocke hoͤrte auf zu laͤuten, und tiefes Stillſchweigen herrſchte in den daͤmmerigen Hallen. 4 Ich hatte einen kleinen dicken, ganz eigenthuͤm⸗ lich in Pergament gebundenen Quartband mit meſ⸗ ſingenen Clauſuren, herausgenommen, und mich an den Tiſch in einen ehrwuͤrdigen Lehnſtuhl geſetzt. Statt indeſſen zu leſen, verſetzte mich das feierliche, moͤnchiſche Anſehen und die lebensloſe Ruhe des Ortes, in ein anhaltendes Nachdenken. Indem ich ſo auf die alten Baͤnde in ihren modernden Deckeln, wie ſie auf den Buͤcherbrettern neben einander ſtan⸗ den und wahrſcheinlich nie in ihrer Ruhe geſtöort wurden, blickte, konnte ich nicht umhin, die Bi⸗ bliothek mit einer Art von literariſcher Katakombe zu vergleichen, wo die Schriftſteller, wie die Mumien, beigeſetzt werden, um ſich allmaͤhlig zu ſchwaͤrzen, und in der Vergeſſenheit des Staubes dahinzu⸗ modern. Was mag nicht, dachte ich bei mir ſelbſt, ein jeder von dieſen, itzt mit ſolcher Gleichguͤltigkeit an die Seite gelegten Baͤnden, fuͤr Kopfbrechen gekoſtet haben! wie viele muͤhevolle Tage! wie manche ſchlafloſe Nacht! Wie moͤgen ſich die Verfaſſer derſelben in die Einſamkeit ihrer Zellen und Kreuzgaͤnge begra⸗ ben, ſich vor aller Menſchen Antlitz und dem noch 235 ſegensreicheren Antlitz der Natur verborgen, und ſich muͤhevollen Unterſuchungen und angeſtrengtem Nachdenken hingegeben haben! Und wozu dieß Alles? um einen Zollbreit eines ſtaubigen Buͤcher⸗ bretts einzunehmen,— oder damit der Titel ihrer Werke dann und wann in einem kuͤnftigen Jahr⸗ hunderte von irgend einem ſchlaͤfrigen Geiſtlichen, oder zufaͤlligen Beſucher, wie ich es bin, geleſen werde, und in dem naͤchſten Jahrhunderte, ſelbſt fuͤr die Erinnerung, ganz untergehe. Dieß iſt die ganze geprieſene Unſterblichkeit. Ein bloßes einſt⸗ weiliges Aufſehn, ein oͤrtlicher Ton des Geredes: wie der Klang der Glocke, welcher ſo eben zwiſchen dieſen Thuͤrmen erſchollen iſt, der das Ohr auf ei⸗ nen Augenblick erfuͤllt— noch einige Secunden im Wiederhall fortdauert— und dann verhallt, wie et⸗ was, das gar nicht da geweſen iſt! Waͤhrend ich ſo, halb in mich hineinmurmelnd, halb uͤber dieſen unfruchtbaren Gruͤbeleien bruͤtend, den Kopf in die eine Hand geſtuͤtzt, da ſaß, trommelte ich mit der andern auf den Quartband, bis ich, von ungefaͤhr, die Clauſuren losgemacht hatte; als auf ein⸗ mal, zu meinem großen Erſtaunen, das kleine Buch zwei⸗ oder dreimal zu gaͤhnen anfing, wie Jemand, der aus einem tiefen Schlafe erwacht, hierauf ein trockenes Raͤuspern vernehmen ließ, und endlich zu 236 ſprechen begann. Anfangs klang ſeine Stimme ſehr heiſer und gebrochen, da eine Spinnewebe, welche eine gelehrte Spinne quer uͤber daſſelbe geſpannt hatte, ihm im Wege war, ſo wie auch deswegen, weil es ſich durch den langen Aufenthalt in dem kalten und feuchten Saale der Abtei eine Erkaͤltung zugezogen hatte. Nach einiger Zeit ward indeſſen ſeine Stimme vernehmlicher, und ich fand bald, daß dieſer kleine Band ungemein fließend ſprach. Seine Art, ſich auszudrucken, war allerdings un⸗ gewoͤhnlich und veraltet, und ſeine Ausſprache wuͤrde man, heut zu Tage, fuͤr barbariſch gehalten haben; ich werde mich indeſſen bemuͤhen, das, was er ſagte, in neuerer Redeweiſe wieder zu geben. Er begann mit Klagen uͤber die Vernachlaͤſſigung der Welt— daruͤber, daß man das Verdienſt in der Dunkelheit dahin ſchmachten laſſe, und anderen Gemeinplaͤtzen ſchriftſtelleriſcher Unzufriedenheit, und beklagte ſich bitter daruͤber, daß man ihn ſeit laͤn⸗ ger als zwei Jahrhunderten nicht geoͤffnet habe. Nur der Dechant blicke zuweilen in die Bibliothek, nehme ein oder zwei Buͤcher heraus, beſchaͤftige ſich einige Augenblicke mit ihnen, und ſtelle ſie dann wieder auf das Buͤcherbrett.„Was, zum Henker,“ ſagte der kleine Quartband, der, wie ich bemerkte, etwas choleriſcher Art war;„ſoll denn das heißen, 237 daß man ſo mehrere tauſend Baͤnde unſerer Art hier eingeſchloſſen haͤlt, und von einigen alten Kir⸗ chendienern bewachen laͤßt, wie Schoͤnheiten in ei⸗ nem Harem, damit uns der Dechant dann und wann betrachten kann? Die Buͤcher ſind dazu ge⸗ ſchrieben, um Vergnuͤgen zu gewaͤhren, und damit man ſich an ihnen erfreue; und ich wuͤnſchte, daß eine Verordnung erlaſſen wuͤrde, wonach der De⸗ chant Jedem von uns, wenigſtens alljaͤhrlich, einen Beſuch abſtatten muͤßte; oder, wenn er das nicht leiſten kann, ſo mag man von Zeit zu Zeit die ganze Weſtminſter Schule unter uns loslaſſen, daß wir doch dann und wann einmal in Bewegung kommen.“ Gemach, mein wuͤrdiger Freund, erwiederte ich: Ihr wißt gar nicht, daß Ihr bei weitem beſſer daran ſeyd, als die meiſten Buͤcher eurer Zeit. Dadurch, daß Ihr hier in dieſer alten Bibliothek aufgeſtapelt worden, ſeyd Ihr wie die wohlaufbewahrten Ueber⸗ bleibſel jener Heiligen und Monarchen, welche in den benachbarten Kapellen ruhen, waͤhrend die Ueber⸗ bleibſel anderer gleichzeitiger Sterblichen, welche dem gewoͤhnlichen Gange der Natur uͤberlaſſen worden, ſchon laͤngſt wieder in den Staub zuruͤckgekehrt ſind. „Nein, Herr,“ ſagte der kleine Band, indem 238 er ſeine Blaͤtter aufblies und eine ſtolze Miene annahm:„ich bin fuͤr die ganze Welt geſchrieben worden, nicht aber fuͤr die Buͤcherwuͤrmer einer Abtei. Ich bin dazu beſtimmt, aus einer Hand in V V die andere zu gehen, wie andere große Werke der Zeitgenoſſen; hier aber habe ich laͤnger als zwei Jahrhunderte feſt zugeſchloſſen geſtanden, und waͤre, ganz in der Stille, eine Beute der Wuͤrmer geworden, die an meinen Eingeweiden nagen, haͤtten Sie mir nicht zufaͤllig Gelegenheit gegeben, ein Paar Worte zu ſagen, ehe ich ganz in Stuͤcke falle.“ Mein guter Freund, erwiederte ich: waͤret Ihr in den Umlauf gekommen, deſſen Ihr erwaͤhnt, ſo waͤret Ihr ſchon lange nicht mehr. Nach eurer Miene zu urtheilen, ſeyd Ihr itzt ziemlich in Jah⸗ ren vorgeruͤckt; nur ſehr Wenige von euren Zeitge⸗ noſſen koͤnnen noch vorhanden ſeyn; dieſe Wenigen haben ihr Daſeyn dem Umſtande zu verdanken, daß ſie, wie Ihr ſelbſt, in alte Bibliotheken eingeſchloſ⸗ ſen geweſen ſind, die Ihr, wenn Ihr mir das noch hinzuzufuͤgen erlaubt, ſtatt ſie mit Harems in eine Claſſe zu ſtellen, weit beſſer und dankbarer mit den Krankenanſtalten haͤttet vergleichen koͤnnen, welche zum Beſten alter und gebrechlicher Leute, mit den religioͤſen Stiftungen verbunden worden ſind, wo ſie durch ruhige Pflege, und weil ſie ohne Be⸗ ſchaͤftigung ſind, oft ein ungemein hohes, unnuͤtzes Alter erreichen. Ihr ſprecht von euren Zeitgenoſ⸗ ſen, als ob dieſe ſo ſehr in Umlauf waͤren— wo findet man denn noch etwas von ihren Werken? Was hoͤrt man noch von Robert Grosteſte aus Lin⸗ coln*)? Niemand kann ſich mehr abgemuͤht ha⸗ ben, um zur Unſterblichkeit zu gelangen, als er. Er ſoll beinahe zweihundert Baͤnde geſchrieben haben. Er baute gleichſam eine Pyramide von Buͤchern auf, ſeinen Namen zu verewigen; aber ach! die Pyramide iſt laͤngſt zerfallen, und nur wenige Bruchſtuͤcke da⸗ von ſind noch in den verſchiedenen Bibliotheken zerſtreut, wo ſie ſelbſt von dem Alterthumsforſcher kaum in Bewegung geſetzt werden. Wieviel hoͤren wir noch von dem Giraldus Cambrenſis**), dem Geſchichtſchreiber, Alterthumsforſcher, Weltweiſen, Gottesgelehrten und Dichter? Er ſchlug zwei Bi⸗ ſchofthuͤmer aus, um ſich ganz in die Einſamkeit ) RNobert Groſſeteſte oder(Engl.) Groſthead, Biſchof von Lincoln, ſtarb 1253. Es ſind noch viele Werke von ihm handſchriftlich vorhanden; die gedruckten beſte⸗ hen hauptſächlich aus Commentarien über den Ariſtoteles und einer Sammlung philoſophiſcher Werke. Ueberſ. **) Giraldus Cambrenſis, d. h. aus Wales, mit ſeinem gewöhnlichen Namen Girald Barry, war Biſchof von St. Davids, und iſt namentlich wegen ſeiner topographiſchen Werke über Wales, Irland u. ſ. w. berühmt. Er war 1146 geboren. Ueberſ. 240— zuruͤckziehen und fuͤr die Nachwelt ſchreiben zu koͤnnen; doch die Nachwelt fragt nicht nach ſeinen Arbeiten. Was hoͤrt man von Heinrich von Hun⸗ tingdon*), der, außer einer gelehrten Geſchichte von England, noch eine Abhandlung uͤber die Ver⸗ achtung der Welt geſchrieben, fuͤr welche ſich die Welt dadurch an ihm geraͤcht, daß ſie ihn ſelbſt vergeſſen hat? Was fuͤhrt man noch von Joſeph von Exeter r) an, den man das Wunder ſeiner Zeit in der klaſſiſchen Schreibart nannte? Von ſei⸗ nen drei großen Heldengedichten iſt eins, bis auf ein bloßes Bruchſtuͤck, auf immer verloren, die uͤbrigen nur einigen wenigen Kennern von Selten⸗ heiten in der Litteratur bekannt, und ſeine Liebes⸗ gedichte und Epigramme ſind gaͤnzlich verſchwun⸗ den. Was weiß man wol noch von Johann von Wallis, dem Franziskaner, der ſich den Namen des Baums des Lebens erworben hatte; von Wil⸗ helm *) Einem Engliſchen Geſchichſchreiber aus dem Anfange des zwölften Jahrhunderts, den Sir Henry Savile mit mehreren anderen gleichzeitigen herausgegeben hat. Ueberſ⸗ **) Er blühte gegen das Ende des zwölften Jahrh. Die zwei(nicht drei) Heldengedichte ſind: der Trojaniſche Krieg und die Antiocheſis, oder der Krieg von An⸗ tiochia, aus der Geſchichte der Kreuzzüge. Von dieſem letz⸗ tern iſt nur ein Fragment vorhanden. Ueberſ. 241 helm von Malmesbury, Simeon von Durham, Be⸗ nedict von Peterborough, Johann Hanvill von St. Albans?*) „Aber, mein Freund,“ rief der Quartband ganz aͤrgerlich aus:„fuͤr wie alt haltet Ihr mich denn? Ihr ſprecht von Schriftſtellern, die lange vor mei⸗ ner Zeit gelebt haben, und entweder Lateiniſch oder Franzoͤſiſch ſchrieben, ſo daß ſie ſich gewiſſermaßen ſelbſt aus ihrem Vaterlande verbannt, und deswe⸗ gen verdient haben, vergeſſen zu werden r); ich aber, mein Herr, bin aus der Preſſe des beruͤhmten Wynkyn de Worde rr) hervorgegangen. Ich ward *) Ueber Joh. von Wallis iſt es ſchwer, ins Klare zu kom⸗ men; die folgenden Drei gehören zu den alten Engliſchen Chronikenſchreibern aus dem zwölften Jahrh., welche der gelehrte Th. Hearne herausgegeben hat, und die zu den größten bibliographiſchen Seltenheiten gehören; und Joh. Hanvill war ein Moͤnch, der im zwölften Jahrh. lebte, und ein großes lateiniſches moraliſches Gedicht, Architrenius, in 9 Büchern ſchrieb. Ueberſ. .») Lateiniſch und Franzöſtſch haben manche große Gei⸗ ſter ſich gern vernehmen laſſen, und manches Herrliche vollbracht; auch giebt es Einige, die ihre Poeſie Franzö⸗ ſiſch verfertigten, was. die Franzoſen eben ſo gern haben, als wir, wenn wir das Engliſche der Franzoſen horen. Chaucer's Teſtament der Liebe. Verf. ***) Er war, nächſt Capton, einer der früheſten und be⸗ rühmteſten Engliſchen Buchdrucker, und ſeines Urſprungs ein Lothringer. Er lebte gegen das Ende des funfzehnten Jahrh. Ueberſ. Skizzenbuch I. L . 242 in meiner eigenen, vaterlaͤndiſchen Sprache geſchrie⸗ ben, gerade als ſich dieſe zu begruͤnden angefangen hatte, und ward in der That fuͤr ein Muſter von reinem und zierlichen Engliſch angeſehen.“ (Ich muß bemerken, daß dieſe Aeußerungen in ſo unertraͤglich altvaͤteriſchen Ausdruͤcken vorgetra⸗ gen wurden, daß ich unendliche Muͤhe gehabt habe, ſie in die neuere Redeweiſe umzukleiden.) Ich bitte um Entſchuldigung, ſagte ich: wenn ich mich in euerem Alter geirrt habe, allein das traͤgt wenig aus; beinahe alle Schriftſteller eurer Zeit ſind ebenfalls in Vergeſſenheit begraben, und de Worde's Drucke reine litterariſche Seltenheiten bei den Buͤcherſammlern geworden. Die Reinheit und Feſtigkeit der Sprache, worauf Ihr eure Anſpruͤche auf Unſterblichkeit gruͤndet, ſind der truͤgeriſche Ruͤck⸗ halt der Schriftſteller aller Zeitalter, bis auf die Zeiten des ehrenwerthen Robert von Glouceſter hinunter geweſen, der ſeine Geſchichte*) in halb⸗ ſaͤchſſchen Reimen ſchrieb*n). Selbſt itzt noch *) Sie iſt von Th. Hearne 1724 herausgegeben worden, und eine ſehr wichtige Urkunde zur Geſchichte der Zeit. Er lebte zu Anfang des vierzehnten Jahrh. Ueberſ. **) Holingſhed bemerkt in ſeiner Chronik:„ſpäterhin ward auch, durch die Sorgfalt Geffry Chaucer's und John Gowe's, zur Zeit Richard des Zweiten, und nach ihnen durch John Scogan und John Lydgate, den Mönch von 243 ſprechen Manche von Spenſer's:„Quell von reinem makelloſen Engliſch“, als ob die Sprache je aus einem Quell oder Born entſprungen, und nicht viel⸗ mehr ein reiner Zuſammenfluß mehrerer Zungen waͤre, welcher beſtaͤndig Veraͤnderungen und Vermiſchungen erleidet. Dieß iſt es, was die Engliſche Litteratur ſo ſehr veraͤnderlich, und den darauf gebauten Ruf ſo wankend gemacht hat. So lange man die Gedan⸗ ken keinem dauernderen und unveraͤnderlicheren Mit⸗ tel, als dieſem, anvertrauen kann, ſo muß ſelbſt der Gedanke das Schickſal aller Dinge theilen und untergehen. Dieß ſollte eine Warnung fuͤr die be— liebteſten Schriftſteller ſeyn, ihrer Eitelkeit und ih⸗ rem Uebermuthe nicht ſo ſehr freien Lauf zu laſſen. Sie werden finden, daß die Sprache, auf welche ſie ihren Ruhm gebaut haben, allmaͤhlig eine andere Geſtalt annimmt, und den Zerſtoͤrungen der Zeit und den Launen der Mode unterworfen iſt. Sie blicken zuruͤck und ſehen die fruͤheren Schriftſteller ihres Vaterlandes, einſt die Lieblinge ihrer Zeit, Berie(Bury), beſagte unſere Sprache zu einer großen Vor⸗ trefflichkeit gebracht; obgleich ſte ihre eigentliche Vollkommen⸗ heit erſt zur Zeit der Königin Eliſabeth erreichte, wo John Jewell, Biſchof von Sarum(Salisbury), John Foy und mehrere gelehrte und treffliche Schriftſteller, die Zierde derſelben, zu ihrem großen Lobe und unſterblichen Ruhme, ſie auf das Höchſte gebracht haben.“ Verf. 9 2 1 1 244 von neueren Schriftſtellern verdraͤngt. Einige we⸗ nige Jahrhunderte haben ſie in Dunkelheit gehuͤllt, und nur der eigenthuͤmliche Geſchmack des Buͤcher⸗ wurms vermag noch, ihre Verdienſte zu wuͤrdigen. So koͤnnen unſere Schriftſteller das Schickſal ih⸗ rer eigenen Werke vorherſehen, die, wie ſehr auch zu ihrer Zeit bewundert und als Muſter von Reinheit dargeſtellt, im Laufe der Jahre ver⸗ alten und einſt ganz ungebraͤuchlich ſeyn werden:— in ihrem eigenen Vaterlande beinahe ſo unver⸗ ſtaͤndlich wie ein Aegyptiſcher Obelisk, oder eine der Runenſchriften, welche in den Wuͤſten der Tartarei noch vorhanden ſeyn ſollen. Ich muß ge⸗ ſtehen, fuͤgte ich mit einiger Bewegung hinzu: daß, wenn ich eine jetzige Bibliothek betrachte, welche mit neuen Werken in der ganzen Pracht der Ver⸗ goldung und des Einbandes angefuͤllt iſt, ich mich niederſetzen und weinen moͤchte, wie der gute Rerxes, der, als er uͤber ſein Heer Schau hielt, welches in dem ganzen Prunk kriegeriſcher Zuruͤſtung daſtand, bei ſich bedachte, daß in hundert Jahren nicht Ein Mann mehr davon am Leben ſeyn wuͤrde! „Ach', ſagte der kleine Quartband mit einem tie⸗ fen Seufzer:„ich ſehe wol, wie die Sache iſt; dieſe neueren Schmierer haben alle guten alten Schriftſteller verdraͤngt. Ich glaube, daß man heu⸗ 245 tiges Tages nichts weiter lieſt, als Sir Philip Sydney's Arkadia, Sackville's ſtattliche Schau⸗ ſpiele und ſeinen Spiegel fuͤr Magiſtratsperſonen, oder die ſchoͤngedachten Euphuͤismen des unver⸗ gleichlichen John Lily.“ Da ſeyd Ihr auch wiederum ſehr im Irrthum, ſagte ich: die Schriftſteller, von denen Ihr glaubt, daß ſie beliebt waͤren, weil dieß der Fall war, als Ihr noch Mode waret, ſind laͤngſt verſchollen. Sir Philip Sydney's Arkadia, deren Unſterblichkeit ſeine Bewunderer mit ſolcher Gewißheit vorausſagten*), und welche in der That voll von erhabenen Gedan⸗ ken, ſchoͤnen Bildern und zierlichen Sprachwen⸗ dungen iſt, wird itzt kaum mehr erwaͤhnt. Sack⸗ ville ſtolzirt itzt in der Dunkelheit; und ſelbſt Lily, obgleich ſeine Schriften einſt das Ergetzen eines *) Lebe auf immer, ſüßes Buch! das einfache Bild ſei⸗ nes angenehmen Geiſtes und der goldne Pfeiler ſeines ed⸗ len Muths, und verkünde ewig der Welt, daß, der dich geſchrieben, der Schreiber der Beredſamkeit, der Hauch der Muſen, die Honigbiene der ſchönſten Blumen des Gei⸗ ſtes und der Kunſt, der Verein aller ſittlichen und geiſtigen Tugenden, der Arm der Bellona im Kriege, die Zunge der Suada im Zimmer, der Geiſt der That in der Wirklich⸗ keit, und das höchſte Bild der Vortrefflichkeit in Büchern war. Harvey’s Pierce's Uebergebühr. Verf.(Dieß Buch, das mit ſeinem andern Titel ein„Neues Lob des al⸗ ten Eſels” heißt, kam 1593 heraus, und iſt eine heftige Satire gegen die Papiſten. Ueberſ.) 246 Hofes und durch ein Sprichwort fuͤr die Ewigkeit aufbehalten waren, iſt kaum mehr dem Namen nach bekannt. welche damals ſchrieben und ſich um den Ruhm zankten, ſind, ſammt ihren Schriften und Streitig⸗ keiten, in Vergeſſenheit begraben. Die Wellen der nachfolgenden Litteratur haben ſie bedeckt, und ſie ſo tief in den Grund hinabgeſpuͤlt, daß nur dann und wann ein wißbegieriger Taucher, welcher Bruch⸗ ſtuͤcke des Alterthums ſucht, eine Probe davon zur Befriedigung der Neugierigen heraufbringt. Ein ganzer Haufen von Schriftſtellern, Ich, meines Theils, fuhr ich fort: ſehe dieſe Veraͤnderlichkeit der Sprache als eine weiſe Ein richtung der Vorſehung an, welche zum Vortheil der ganzen Welt, und namentlich der Schriftſteller, es ſo veranſtaltet hat. Wenn wir nach aͤhnlichen Erſcheinungen ſchließen wollen, ſo ſehen wir taͤglich die verſchiedenen Geſchlechter ſchöner Gewaͤchſe entſtehen, bluͤhen, die Felder auf eine kurze Zeit ſchmuͤcken, und ſodann in Staub zerfallen, um den nachfolgenden Platz zu machen. Waͤre dieß nicht der Fall, ſo wuͤrde die Fruchtbarkeit der Natur ſtatt eines Segens nur ein Fluch ſeyn; die Erde wuͤrde unter der Laſt eines uͤppigen und wuchern⸗ den Pflanzenlebens erſeufzen, und ihre Oberflaͤche eine verworrene Wildniß werden. Auf aͤhnliche — 247 Weiſe ſterben die Werke des Genies und der Ge⸗ lehrſamkeit dahin, und machen den nachfolgenden Erzeugniſſen Platz. Die Sprache bekommt nach und nach eine andere Geſtalt, und mit ihr verwel⸗ ken die Erzeugniſſe der Schriftſteller, welche ihre gehoͤrige Zeitlang gebluͤht haben; denn waͤre dieß nicht der Fall, ſo wuͤrde die Schoͤpferkraft des Ge⸗ nies in Kurzem die Welt uͤberſchwemmen, und der Verſtand ſich in dem endloſen Labyrinth der Litte⸗ ratur ganz verirren. Fruͤherhin gab es Schranken fuͤr dieſe uͤbermaͤßige Vermehrung. Die Werke mußten abgeſchrieben werden, was eine langwierige und muͤhſame Arbeit war; man ſchrieb ſie entwe⸗ der auf Pergament, was ſehr koſtbar, ſo daß man oft ein Werk auskratzte, um einem andern Platz zu machen, oder auf Papyrus, der leicht zerſtoͤrbar und ſehr vergaͤnglich war. Die Schriftſtellerei war ein ſehr eingeſchraͤnktes und uneintraͤgliches Gewerbe, das vorzuͤglich von Moͤnchen in der Muße und Einſamkeit ihrer Zellen betrieben wurde. Die An⸗ ſammlung von Handſchriften ging langſam vor ſich, war koſtbar und beinahe ganz auf die Klöſter be⸗ ſchraͤnkt. Dieſen Umſtaͤnden iſt es wol einigermaßen beizumeſſen, daß wir mit dem Verſtande des Alter⸗ thums nicht uͤberſchuͤttet worden ſind, und daß die Quellen des Denkens ſich nicht dermaßen ergoſſen haben, 248 daß das Genie der Neueren in dieſer Suͤndfluth un⸗ tergegangen waͤre. Die Erfindung des Papiers und der Druckerpreſſe hat indeſſen allem dieſen Zwange ein Ende gemacht. Sie hat einen Jeden zu einem Schriftſteller geſchaffen, und jedes Gemuͤth in den Stand geſetzt, ſich in den Druck zu ergießen und ſich uͤber die ganze geiſtige Welt zu verbreiten. Die Folgen davon ſind ſehr beunruhigend. Der Fluß der Literatur iſt zu einem Gießbach angeſchwollen, zu einem Strom geworden, hat ſich zu einem Meere ausgedehnt. Vor einigen Jahrhunderten bildeten fuͤnf⸗ oder ſechshundert Handſchriften eine große Bibliothek; was wuͤrdet Ihr aber ſagen, wenn Ihr Bibliotheken ſaͤhet, wie es deren heut zu Tage giebt, welche drei⸗ bis viermalhunderttauſend Baͤnde enthalten; Schaaren von Schriftſtellern, die alle beſchaͤftigt ſind, und die Preſſe, welche mit furcht⸗ bar zunehmender Thaͤtigkeit dahin arbeitet, jene An⸗ zahl zu verdoppeln, ja bis zum Vierfachen zu ver⸗ mehren? Wenn nicht eine unvorhergeſehene Sterb⸗ lichkeit unter den Abkoͤmmlingen der Muſe einreißt, zittere ich, da dieſe itzt ſo ungemein fruchtbar gewor⸗ den iſt, fuͤr die Nachwelt. Ich fuͤrchte, daß das bloße Schwanken der Sprache nicht hinreichend ſeyn wird, ſie vergeſſen zu machen; aber die Kritik kann viel dazu beitragen. Sie waͤchſt mit dem 249 Zuwachs der Litteratur, und gleicht einem der heil⸗ ſamen Hinderniſſe der Uebervoͤlkerung, von welchem die Staatswirthe zu reden pflegen. Man ſollte des⸗ halb das Aufſtehen der Kritiker, ſie moͤgen gut oder ſchlecht ſeyn, nach Kraͤften befoͤrdern.— Ich fuͤrchte indeſſen, daß alles dieß vergebens ſeyn wird; was auch die Kritik thun mag, ſo werden die Schrift⸗ ſteller ſchreiben, die Drucker drucken, und die Welt unausbleiblich mit guten Buͤchern uͤberladen werden. Es wird bald eine Beſchaͤftigung fuͤr eine Lebens⸗ zeit werden, nur ihre Titel zu wiſſen. Viele Leute von ganz leidlicher Bildung leſen gegenwaͤrtig bei⸗ nahe weiter nichts als Recenſionen; und es wird nicht lange dauern, ſo wird ein Gelehrter nichts weiter ſeyn, als ein wanderndes Buͤcherverzeichniß. „Mein guter Herr,“ ſagte der kleine Quartband, indem er mir ohne Umſtaͤnde in das Geſicht gaͤhnte: „entſchuldigt mich, wenn ich Euch unterbreche, aber ich merke, Ihr habt etwas Hang, breit zu werden. Ich moͤchte gern etwas von dem Schickſale eines Schriftſtellers wiſſen, der einiges Aufſehn zu ma⸗ chen anfing, als ich aus der Welt trat. Man hielt indeſſen ſeinen Ruf nur fuͤr voruͤbergehend. Die Gelehrten ſchuͤttelten die Koͤpfe uͤber ihn, denn er war ein armer halberzogener Wicht, der wenig La⸗ tein und gar kein Griechiſch wußte, und wegen 250 Wilddiebſtahl ſich im Lande fluͤchtig umhertreiben mußte. Ich meine, er habe Shakſpeare gehei⸗ ßen. Wahrſcheinlich iſt er bald vergeſſen worden.“ Im Gegentheil, ſagte ich: gerade dieſem Manne verdankt man es, daß die Litteratur ſeiner Zeit uͤber die gewoͤhnliche Dauer der Engliſchen Littera⸗ tur hinaus im Andenken geblieben iſt. Es treten dann und wann Schriftſteller auf, welche der Ver⸗ aͤnderlichkeit der Sprache Trotz zu bieten ſcheinen, weil ſie ſich auf die unveraͤnderlichen Grundſaͤtze der menſchlichen Natur ſtuͤtzen. Sie ſind wie rie⸗ ſenhafte Baͤume, welche wir zuweilen an den Ufern eines Stromes ſehen, die, vermittelſt ihre gewaltigen, tiefgehenden Wurzeln, welche durch die Oberflaͤche hindurch ſich einen Weg bahnen und in die Grund⸗ veſten der Erde einzudringen ſcheinen, es verhin⸗ dern, daß der Boden um ſie her von dem uͤberflie⸗ ßenden Strom hinweggeſpuͤlt werde, und manche benachbarte Pflanze und vielleicht werthloſes Un⸗ kraut vor dem Untergange bewahren. Dieß iſt der Fall bei Shakſpeare, den wir die Schranken der Zeit durchbrechen und bewirken ſehen, daß die Sprache und Litteratur ſeiner Zeit auch noch itzt bekannt bleibt, und daß mancher unbedeutende Schrift⸗ ſteller, bloß deswegen, weil er in ſeiner Naͤhe ge⸗ bluͤht hat, zur Unvergaͤnglichkeit gelangt. Aber auch 251 Er nimmt, wie ich leider ſagen muß, allmaͤhlig die Faͤrbung des Alters an, und ſein ganzes Aeußere iſt mit einer Menge von Erlaͤuterern bewachſen, die, wie umſchlingende Ranken und Schmarotzer⸗ pflanzen, den edlen Baum, der ſie traͤgt, beinahe erſticken. Hier fing der kleine Quartband an, die Seiten zu bewegen und zu kichern, bis er einen plethori⸗ ſchen Lachkrampf bekam, an dem er, ſeiner unge⸗ meinen Wohlbeleibtheit wegen, beinahe erſtickt waͤre. „Vortrefflich! rief er, ſobald er wieder zu Athem kommen konnte:„vortrefflich! und ſo wollt Ihr mich denn wirklich uͤberreden, daß die Litteratur 2 eines Zeitalters durch einen fluͤchtigen Wilddieb, einen Menſchen ohne Gelehrſamkeit, einen Dichter, — ja, einen Dichter!— bleibend gemacht werden koͤnnte!“— und damit keichte er abermals ein krampfhaftes Gelaͤchter hervor. Ich muß geſtehen, daß mich ſeine Derbheit et⸗ was verdroß, die ich ihm jedoch verzieh, weil er in einem weniger gebildeten Zeitalter gebluͤht hatte. Ich war indeſſen entſchloſſen, mich dadurch nicht wankend machen zu laſſen. Ja, erwiederte ich ſehr beſtimmt: allerdings durch einen Dichter, denn von allen Schriftſtellern hat Er die wahrſcheinlichſte Ausſicht auf Unſterb⸗ 252 lichkeit. Andere moͤgen aus dem Kopfe ſchreiben, er aber ſchreibt aus dem Herzen, und das Herz wird ihn jederzeit verſtehen. Er iſt der getreue Nachbildner der Natur, deren Zuͤge immer dieſel⸗ ben und immer anziehend bleiben. Schriftſteller in Proſa ſind baͤndereich und unbehuͤlflich, ihre Buͤ⸗ cher wimmeln von Gemeinplaͤtzen, und ſie ſpinnen ihre Gedanken immer bis zum Ekel aus. Bei dem wahren Dichter iſt dagegen Alles gedraͤngt, ruͤhrend oder glaͤnzend. Er giebt die ausgeſuchteſten Gedan⸗ ken in der ausgeſuchteſten Sprache; er macht ſie durch alles, was er nur Bedeutſames in der Na⸗ tur und der Kunſt findet, anſchaulich; er bereichert ſie durch Bilder aus dem menſchlichen Leben, wie dieß an ihm voruͤbergeht. Seine Schriften ent⸗ halten mithin den Geiſt, und, wenn ich mich des Wortes bedienen darf, das Arom des Zeitalters, worin er lebt. Sie ſind Behaͤltniſſe, welche in einem kleinen Raume den Reichthum der Sprache verſchließen— die Familienjuwelen, welche auf dieſe Weiſe in einer handlichen Geſtalt der Nachwelt uͤber⸗ liefert werden. Die Faſſung mag zuweilen veraltet ſeyn, und dann und wann geaͤndert werden muͤſſen, wie z. B. bei Chaucer, allein das Feuer und der innere Werth der Steine bleibt derſelbe. Man werfe einen Blick auf die lange Reihefolge der Ge⸗ ſchichte der Litteratur! Welche gewaltige Kluͤfte voll Einfoͤrmigkeit, mit moͤnchiſchen Legenden und akademiſchen Streitigkeiten angefuͤllt! welche Mo⸗ raͤſte von theologiſchen Spekulationen! welche furcht⸗ bare Einoͤden von Metaphyſik! Nur hie und da ſehen wir die vom Himmel erleuchteten Barden, welche wie Feuerbecken auf ihren weit von einan⸗ der entfernten Hoͤhen ſtehen, um das reine Licht der dichteriſchen Weisheit von Zeitalter zu Zeitalter zu befördern*). Ich war ſo eben im Begriff, eine Lobrede auf die Dichter itziger Zeit zu halten, als ploͤtzlich die Thuͤr geoͤffnet wurde. Ich wandte mich um; es war der Kirchendiener, der mir anzeigte, daß die Zeit gekommen ſey, die Bibliothek zu ſchließen. Ich wollte dem Quartbande Lebewohl ſagen, aber das *) Es bricht durch Erd' und Waſſer tief Die Feder ſich die Bahn; Und ſtraft die Laſter dieſer Welt, Und zeigt im Spiegel an Die Tugend und die Schwächen Von jedem Wicht, der lebt; Im Vienenſtock die Biene nicht So ſüß den Honig webt, Als es die goldnen Blätter ſind Aus dichteriſchem Kranz, Die ſchlichter Rede vorzuzieh'n, Wie Schlacken Bleies⸗Glanz. Churchyard(1594). 254 ehrenwerthe kleine Buch war ſtill; ſeine Clauſuren hatten ſich geſchloſſen, und es ſah aus, als ob es von allem Vorgegangenen durchaus nichts mehr wiſſe. Ich bin ſeitdem zwei oder drei Male in der Bi⸗ bliothek geweſen, und habe mich bemuͤht, es aber— mals zum Sprechen zu bringen, aber vergebens;— und ob dieſes abgebrochene Geſpraͤch wirklich Statt gefunden habe, oder ob dieß nicht abermals einer von den ſeltſamen Tagestraͤumen iſt, mit denen ich behaftet bin, habe ich bis auf dieſen Augenblick nicht wohl herausbringen können. Begraͤbniſſe auf dem Lande. Hier ein'ge Blumen!— mehr um Mitternacht; Die Kräuter, die der kalte Nachtthau netzt, Sie paſſen ſich, auf Gräber ſie zu ſtreu'n.— Ihr ſeyd verwelkten Blumen gleich; ſo ſeyen Die Kräuter auch, womit wir euch beſtreuen. Shakſpeare’s Cymbeline. — Za den ſchoͤnen und einfach⸗herzlichen Gebraͤuchen des Landlebens, welche in einigen Gegenden von England ſich noch erhalten haben, gehoͤrt auch der, Blumen vor den Leichenzuͤgen herzuſtreuen und deren auf die Graͤber dahingeſchiedener Freunde zu pflan⸗ zen. Dieß, ſagt man, ſey ein Ueberbleibſel der Gebraͤuche der erſten Kirche, allein dieſe Sitte hat ein weit hoͤheres Alterthum, indem ſie ſchon von den Griechen und Roͤmern beobachtet worden iſt, haͤufg von den alten Schriftſtellern erwaͤhnt wird, und, ohne Zweifel, der freiwillige Zoll un⸗ gebildeter Zuneigung war, der lange vorher beſtand, ehe die Kunſt es ſich zum Geſchaͤft gemacht hatte, 256 den Schmerz in Geſang zu faſſen, oder ihn auf Denkmalen zu verewigen. Man findet jenen Ge⸗ brauch itzt nur in den entfernteſten und abgelegen⸗ ſten Gegenden des Koͤnigreichs, wo die Mode und Neuerungsſucht ſich noch nicht haben eindraͤngen und alle merkwuͤrdige und anziehende Spuren der alten Zeit vertilgen koͤnnen. In Glamorganſhire*), ſagt man, bedecke man das Bett, worauf der Leichnam liege, mit Blu⸗ men, ein Gebrauch, auf den in einem der wil⸗ den und klagenden Geſaͤnge Ophelia's angeſpielt wird: Weiß iſt ſein Hemd, wie friſcher Schnee, Und Blumen darauf geſtreuet. Sie geh'n in's Grab mit Thrän' und Weh, Die treue Liebe weihet. So giebt es auch einen ſehr zarten und ſchoͤnen Gebrauch, der in einigen entlegenen Doͤrfern im Suͤden von England bei dem Begraͤbniß junger un⸗ verheiratheter Frauenzimmer beobachtet wird. Ein junges Maͤdchen, das der Verſtorbenen an Alter, Geſtalt und Geſichtszuͤgen am aͤhnlichſten iſt, traͤgt einen Kranz von weißen Blumen vor der Leiche her, der nachher in der Kirche uͤber dem gewoͤhn⸗ lichen Sitze der Verſtorbenen aufgehaͤngt wird. *) Einer Provinz von Wales. Ueberſ. — 257 Dieſe Kraͤnze werden zuweilen von weißem Papier gemacht, um Blumen nachzuahmen, und in denſel⸗ ben befindet ſich gewoͤhnlich ein Paar weiße Hand⸗ ſchuhe. Sie ſollen als Sinnbilder der Reinheit der Verſtorbenen und als Krone der Verklaͤrung dienen, die ihr im Himmel zu Theil geworden. In einigen Gegenden des Landes werden die Todten auch unter der Abſingung von Hymnen und Pſalmen zu Grabe beſtattet, eine Art von Triumph,„um,“ wie Bourne*) ſagt,„anzudeu⸗ ten, daß ſie ihre Laufbahn mit Freuden zuruͤckge⸗ legt haben, und Sieger geworden ſind.“ Dieß beobachtet man, wie ich hoͤre, in einigen der noͤrd⸗ lichen Grafſchaften, namentlich in Northumberland, und es macht einen angenehmen, wenn gleich ſchwer⸗ muͤthigen Eindruck, an einem ruhigen Abende, in einer einſamen Landſchaft, die klagende Weiſe eines Grabgeſanges aus der Entfernung zu vernehmen, und den Zug langſam daherwallen zu ſehen. Und ſo im Kreiſe ſtehen wir Rund um die ſtille Grube hier, Und bringen, bei dem Todtenlied, . Nareiſſenblüth' Und andrer Blumen Opfer dar, Auf deinem Stein, als Weihaltar. Herrick(Hesperiden 1648). *) Brand's popular Antiquities, herausgegeben von Ellis. Vol. II. pag. 173. Ueberſ. 258 An dieſem abgelegenen Orte pflegen auch die Reiſenden den voruͤberziehenden Leichenbeſtattungen feierliche Ehrerbietung zu bezeigen, denn Schau⸗ ſpiele dieſer Art ſenken ſich tief in die Seele, wenn ſie in dieſen ruhigen Wohnſitzen der Natur ſich er⸗ eignen. Sobald der Leichenzug ſich naͤhert, bleibt der Reiſende mit entbloͤßtem Haupte ſtehen, ihn voruͤber⸗ gehen zu laſſen, folgt ihm dann ſtillſchweigend, zuwei⸗ len bis an das Grab, zu anderen Zeiten einige wenige hundert Schritte, wendet, nachdem er dem Ver⸗ ſtorbenen ſeinen Zoll der Ehrerbietung dargedracht hat, ſich um, und ſetzt ſeine Reiſe fort. Die reiche Ader der Schwermuth, welche durch den Engliſchen Charakter geht, und ihm einige ſei⸗ ner ruͤhrendſten und edelſten Zuͤge verleiht, ſpricht ſich ſehr ſchoͤn in dieſen erhabenen Gebraͤuchen und in der Angelegentlichkeit aus, womit die gemeinen Leute fuͤr ein ehrenvolles und ruhiges Grab ſorgen. Der geringſte Landmann wuͤnſcht, wie niedrig auch ſein Loos im Leben geweſen ſeyn mag, doch, daß ſeinen Ueberbleibſeln wenigſtens einige Achtung zu Theil werden moͤge. Sir Thomas Overbury*) ſagt in ſeiner Beſchreibung des„ſchoͤnen und gluͤck⸗ ꝛ) Ein beliebter Dichter des ſechszehnten Jahrh., für deſſen ſchönſtes Gedicht man„das Weib““ hält. Ueberſ. 259 lichen Milchmaͤdchens“: ſo lebt ſie, und ihre einzige Sorge iſt, daß ſie im Fruͤhling ſterben moͤge, da⸗ mit man ihr Leichentuch mit recht vielen Blumen verzieren koͤnne. Auch die Dichter, welche immer das Gefuͤhl eines Volkes ausſprechen, ſpielen fort⸗ daneend auf dieſe angelegentliche Beſorgniß um das Grab an. In dem„Trauerſpiele von der Jung⸗ fraun, von Beaumont und Fletcher, iſt ein ſchoͤ⸗ nes Beiſpiel der Art, wo naͤmlich die eigenſinnige Schwermuth eines gemuͤthskranken Maͤdchens be⸗ ſchrieben wird: 3 wenn ſie ein Ufer ſieht, Mit Blumen dicht bedeckt, ſo ſpricht ſie ſeufzend zu Den Dienerinnen: welch' ein ſchöner Ort 4 Dieß ſey, um Liebende dort zu begraben, und Läßt ſie die Mädchen pflücken und ſie ſtreuen Als wär' ſie eine Leiche, auf ſich ſelbſt. Die Gewohnheit, Graͤber zu verzieren, war einſt allgemein in Gebrauch; man bog Weidenru⸗ then uͤber ſie hin, um ſie vor allen Beſchaͤdigungen zu bewahren, und pflanzte immergruͤnende Geſtraͤuche und Blumen um ſie her.„Wir ſchmuͤcken— ſagt Evelyn in ſeiner Sylva*)— ihre Graͤber mit Blumen und wohlriechenden Pflanzen, den paſſenden *⁴) Einem Werke über Fruchtbäume und Holzkultur, das, wie alle Schriften dieſes ungemein geiſtreichen Philoſophen und Naturforſchers, mit großer Natürlichkeit und Gemüth⸗ lichkeit geſchrieben iſt. Ueberſ. 260 Sinnbildern des menſchlichen Lebens, das in der heil. Schrift mit den verwelkenden Schoͤnheiten ver⸗ glichen wird, deren Wurzeln in Unehren begraben worden ſind, aber wieder ruͤhmlich auferſtehen.“ Dieſer Gebrauch iſt itzt in England ſehr ſelten ge⸗ worden; man findet ihn indeſſen noch auf den Kirch. hoͤfen entfernter Doͤrfer in den Bergen von Wa⸗ les, und ich erinnere mich eines Beiſpiels deſſelben in der kleinen Stadt Ruthen, welche an dem Ein⸗ gange des ſchoͤnen Clwyd⸗Thales liegt. So hat mir auch ein Freund erzaͤhlt, der bei dem Begraͤbniß ei⸗ nes jungen Maͤdchens in Glamorganſhire gegenwaͤr⸗ tig war, daß die weiblichen Leidtragenden Schuͤrzen voll Blumen gehabt, womit ſie, ſobald die Leiche beerdigt worden, das Grab geſchmuͤckt haͤtten. Er erwaͤhnt mehrere Graͤber, welche auf aͤhn⸗ liche Weiſe verziert worden waͤren. Da man in⸗ deſſen die Blumen nur in die Erde geſteckt, nicht aber gepflanzt haͤtte, ſo waͤren ſie bald verwelkt, und man haͤtte ſie in allen Geſtalten des Dahin⸗ welkens geſehen; einige haͤtten ſich geneigt, andere waͤren ſchon ganz abgeſtorben geweſen. Man habe nachher Stechpalmen, Rosmarin und andere im⸗ mergruͤnende Straͤucher an ihrer Stelle gepflanzt, welche, auf einigen Graͤbern, ſehr uͤppig emporgewach⸗ ſen waͤren, und die Grabſteine ganz beſchattet haͤtten. — 261 Es lag ſonſt eine ſchwermuͤthige Zierlichkeit in der Anordnung dieſer laͤndlichen Opfer, welche et⸗ was wahrhaft Dichteriſches in ſich hatte. Die Roſe war zuweilen mit der Lilie gemiſcht, um ein allgemeines Sinnbild der gebrechlichen Sterblichkeit zu geben.„Dieſe ſuͤße Blume“, ſagt Evelyn, „welche auf einem mit Dornen beſetzten Stengel ruht, und von der Lilie begleitet wird, bietet eine natuͤrliche Hieroglyphe dar, welche unſer fuuͤchtiges, bewoͤlktes, angſtvolles und voruͤbergehendes Leben bezeichnet, das, ſo ſchoͤn auch eine Zeitlang ſein Aeußeres iſt, dennoch ſeine Dornen und Wider⸗ waͤrtigkeiten hat.“ Die Beſchaffenheit und Farbe der Blumen und der Baͤnder, mit denen ſie zuſam⸗ mengebunden waren, bezog ſich oft ganz beſonders auf die Eigenſchaften oder die Geſchichte des Ver⸗ ſtorbenen, oder ſprach die Gefuͤhle des Trauern⸗ den aus. In einem alten Gedicht:„Corydon's Trauertoͤne“ genannt, nennt ein Liebhaber die Zier⸗ rathen, die er zu waͤhlen gedenke. Es ſoll ein Kranz ſich bilden; Den flicht Natur und Kunſt, Von vielen bunten Blumen, Zum Zeichen meiner Gunſt. Und viele bunte Bänder Die ſoll daran man ſeh'n; Doch Gelb und Schwarz vor allen Mit ihr zur Gruft ſoll gehn. Ich will ihr Grab bekränzen Mit Blumen ſeltner Art, Und drauf die Thränen glänzen Die ſtets ſie friſch bewahrt. Die weiße Roſe, ſagt man, wurde auf das Grab einer Jungfrau gepflanzt; ihr Kranz ward zum Zeichen ihrer fleckenloſen Unſchuld, mit weißen Baͤndern gebunden, obgleich zuweilen auch ſchwarze Baͤnder mit eingeflochten wurden, den Schmerz der Ueberlebenden anzudeuten. Die rothe Roſe ward zuweilen gebraucht, um an Diejenigen zu er— innern, die ſich durch Wohlwollen ausgezeichnet hatten; im Allgemeinen brauchte man die Roſen bei Graͤbern von Liebenden. Evelyn erzaͤhlt, daß in der Naͤhe ſeines Wohnſitzes, in der Grafſchaft Surry, der Gebrauch damals noch nicht ganz ab— gekommen ſey,„daß Maͤdchen die Graͤber ihrer ver⸗ ſtorbenen Geliebten mit Roſenbuͤſchen verzierten.“ Auch Camden bemerkt in ſeiner Britannia*):„hier giebt es auch einen gewiſſen Gebrauch, welcher ſeit undenklichen Zeiten gaͤng und gebe iſt, Roſenbaͤume *) Einer allgemeinen Beſchreibung von England, deren Verfaſſer im ſechszehnten Jahrh. lebte. Sie iſt urſprüng⸗ lich Lateiniſch geſchrieben, aber nur in der Engliſchen Ue⸗ berſetzung bis auf die neueſten Zeiten bekannt geblieben, und namentlich im Jahre 17689, in einer neuen, ſehr er⸗ weiterten Auflage(welche der berühmte Antiquar Gough beſorgte) in zwei Foliobänden erſchienen. Ueberſ. auf die Graͤber zu pflanzen; er wird namentlich von den Juͤnglingen und Maͤdchen beobachtet, die ihre Geliebten verloren haben, ſo daß dieſer Kirch⸗ hof itzt voll davon iſt.“ Wenn die Verſtorbene eine ungluͤckliche Liebe gehabt hatte, ſo bediente man ſich der Sinnbilder von einem duͤſtereren Charakter, namentlich Eiben und Cypreſſen, und wenn man Blumen ſtreute, ſo mußten dieſe die traurigſten Farben haben. So kommt in den Gedichten von Thomas Stanley Eſqg. (welche im Jahre 1651 erſchienen) folgende Stro⸗ phe vor: Es neige Sich auf mein traurig Grab Was Ihr mir weiht, herab, Verlaſſene Cypreſſen, Eibenzweige; Denn einer holden Blüthe freundlich Leben Kann aus dem Grab des Trauers nimmer ſich erheben. In dem„Trauerſpiel von der Jungfrau“*) kommt ein ruͤhrendes kleines Lied vor, welches dieſe Sitte, die Graͤber der Frauenzimmer, welche eine ungluͤckliche Liebe gehabt hatten, dergeſtalt zu ſchmuͤ⸗ cken, anſchaulich macht. Auf die Vahre legt den Kranz Von dem Eibenreis; Mädchen tragen Weidenzweig': Sagt, ich liebt' ihn heiß. —— *) Von Beaumont und Fletcher. Ueberſ. Mein' Lieb' war falſch, doch ich war feſt Seit ich Licht erblickt; Traute Erde, daß nicht ſchwer 4 Deine Laſt mich drückt! Die natuͤrliche Wirkung des Kummers uͤber die Todten iſt, daß der Geiſt dadurch gelaͤutert und er⸗ hoben wird, und wir haben einen Beweis davon an der Reinheit des Gefuͤhls und der ungezwunge⸗ nen Zierlichkeit der Gedanken, welche in allen die⸗ ſen Begraͤbnißgebraͤuchen lag. So war es ein be⸗ ſonderer Gegenſtand der Vorſorge, daß man nur angenehm riechende Straͤucher und Blumen brau⸗ chen ſollte. Die Abſicht ſcheint dabei die geweſen zu ſeyn, die Schrecken des Grabes zu mildern, das Gemuͤth abzuhalten, uͤber dem Furchtbaren der hinfaͤlligen Sterblichkeit zu bruͤten, und das Anden⸗ ken an die Verſtorbenen mit den zarteſten und ſchoͤnſten Gegenſtaͤnden der Natur in Verbindung zu bringen. Es geht in dem Grabe, ehe der Staub zu dem verwandten Staube zuruͤckkehren kann, ein ſchrecklicher Uebergang vor, vor dem die Einbildungskraft zuruͤckſchaudert, und wir ſuchen uns die Geſtalt, die wir geliebt haben, noch im⸗ mer unter den angenehmen Gedankenverbindun⸗ gen zu denken, welche ſie bei uns erregte, als ſie noch in Jugend und Schoͤnheit vor unſern Augen bluͤhte. — 265 bluͤhte.„Legt ſie in die Erde“, ſagt Laertes von ſeiner jungfraͤulichen Schweſter:*) Und mag aus ihrem ſchönen, unbefleckten Fleiſch Ein Veilchenſtrauß erblühn! Auch Herrick ſtroͤmt in ſeinem„Grablied des Jephtha“ in einen duftenden Strom dichteriſcher Gedanken und Bilder aus, welcher gewiſſermaßen die Todten im Andenken der Lebenden mit Wohl⸗ geruch umgiebt. In Frieden ruh', auf Spezerei'n, Es ſoll das Paradies hier ſeyn; Es mögen Wohlgerüche wachſen, Weihrauchsduft Aufſteigen in die Luft, Balſam und Kaſſia ſoll auf allen Seiten Aus deinem Denkmal Wohlgeruch verbreiten. Zu der gewohnten Stunde komm' die Mädchenſchaar Und bring' an deinem Grabe Blumen dar! Die Jungfrau ſoll, ſtellt ſte zum Feſt ſich ein, Mit Weihrauch dich erfreun Auf deinem Altar! dann zurückekehren Und dich in deinem Schrein nicht länger ſtören. Ich koͤnnte meine Blaͤtter mit Stellen aus den aͤlteren Engliſchen Dichtern anfuͤllen, welche zu einer Zeit ſchrieben, wo dieſe Gebraͤuche noch mehr im Gange waren, und die gern und haͤufig darauf an⸗ ſpielten; allein ich habe ſchon mehr, als noͤthig iſt, *) Shakſpeare'’s Hamlet. 5r Aufz. Ueberſ. Skizzenbuch I. M 266 angefuͤhrt. Ich kann mich indeſſen nicht enthalten, noch eine Stelle aus Shakſpeare zu geben— wenn ſie auch ſchon ganz verbraucht ſcheinen ſollte— da ſie die ſinnbildliche Deutung, welche oft in dieſen Blumengaben liegt, erlaͤutert, und zu gleicher Zeit der Zauber der Sprache und die gluͤckliche Wahl der Bilder darin zu erkennen iſt, wodurch Shak⸗ ſpeare ſich ſo ſehr auszeichnet. Ja, mit den ſchönſten Blumen Will ich, ſo lang' der Sommer währt und ich Hier weile, dir dein traurig Grab, Fidele, ſchmücken; nimmer ſoll dir fehlen Die bleiche Primel, deinem Antlitz gleich; Die blaue Hyazinthe, deinen Adern Nur zu vergleichen, noch die wilde Roſe, Die, ohne Hohn, wohl ſüßer nie geduftet, Als es dein Athem that.*) Es liegt gewiß etwas ungleich Ruͤhrenderes in dieſen fruͤhen und freiwilligen Gaben der Natur, als in den koſtbarſten Denkmalen der Kunſt; die Hand ſtreut die Blumen, waͤhrend das Herz noch warm iſt, und die Thraͤne faͤllt auf das Grab, waͤh⸗ rend die Liebe die Weidenruthe um den Raſen flicht; die Ruͤhrung erſtirbt indeſſen unter der langſamen Arbeit des Meiſels, und erkaltet bei den froſtigen Gedanken, welche der Marmor auszuſprechen be⸗ ſtimmt iſt. *) Shakſpeares Cymbeline. 4r Aufz. Ueberſ. — 267 Es iſt ſehr zu bedauern, daß ein ſo wahrhaft zarter und ruͤhrender Gebrauch aus dem allgemei⸗ nen Leben verſchwunden iſt, und ſich nur noch in den entfernteſten und unbedeutendſten Doͤrfern fin⸗ det. Allein es ſcheint, als ob die poetiſchen Ge⸗ wohnheiten immer vor den Orten Scheu haͤtten, welche die gebildete Geſellſchaft zu betreten pflegt. Je gebildeter die Leute werden, deſto mehr hoͤren ſie auf, poetiſch zu ſeyn. Sie reden von Poeſie, halten aber ihren freien Erguß zuruͤck, mißtrauen ihren aufſtrebenden Bewegungen, und ſetzen an die Stelle ihrer ruͤhrendſten und maleriſchſten Gewohn⸗ heiten nur ſtudirte Form und prunkvolle Feierlich⸗ lichkeit. Kein Schauſpiel kann ſteifer und froſtiger ſeyn, als ein Engliſches Begraͤbniß. Es beſteht aus weiter nichts, als aus Scheu und duͤſterem Prunk; Trauerkutſchen, Trauerpferde, Trauerfederbuͤſche*) und gemiethete Leidtragende, welche den Gram zum Spotte machen.„Es wird“, ſagt Jeremias Tay⸗ lor**),„ein Grab gegraben, und eine feierliche .») Sowohl die Trauerpferde ſind damit geſchmückt, als auch der Leichenwagen, über dem eine Art von Baldachin angebracht iſt. Oft geht auch dem ganzen Zuge ein Trauer⸗ diener voran, der auf einem Brette auf dem Kopfe einen großen Federaufſatz trägt. Ueberſ. **) Der gelehrte Iriſche Biſchof(geb. 1613), deſſen Werke erſt kürzlich in einer neuen, von dem itzigen Bi⸗ M 2 268 Trauer angelegt, und ſehr viel in der Nachbarſchaft geſprochen, und wenn die Tage der Trauer vor⸗ uͤber ſind, ſo ſind ſie es, und man denkt ihrer nicht mehr.“ Der Mitbewohner der lebensluſtigen und gewuͤhlvollen Stadt iſt bald vergeſſen; die raſche Folge neuer Freunde und neuer Vergnuͤgun⸗ gen verwiſcht ihn aus unſeren Gemuͤthern, und ſelbſt die Auftritte und Kreiſe, worin er ſich bewegte, veraͤndern ſich ohne Aufhoͤren. Leichenbegaͤngniſe auf dem Lande aber machen einen ungemein feierli⸗ chen Eindruck. Der Streich des Todes verurſacht eine groͤßere Luͤcke in dem Dorfkreiſe, und bildet in der ruhigen Einfoͤrmigkeit des laͤndlichen Lebens ein furchtbares Ereigniß. Die Todtenglocke toͤnt ihren Klang in jedes Ohr; die Schwermuth, die ſie einfloͤßt, verbreitet ſich uͤber Thal und Huͤgel, und giebt der ganzen Landſchaft eine Trauerfarbe. Die bleibenden und unbeweglichen Zuͤge der Landſchaft machen, daß das Andenken des Freundes immer lebendig bleibt, in deſſen Geſellſchaft wir uns einſt ihrer freuten, der uns auf unſeren ein⸗ ſamſten Spazirgaͤngen Geſellſchaft leiſtete und jede lebensleere Gegend beleben half. Der Gedanke an ſchofe von Calcutta, Reg. Heber, beſorgten Ausgabe erſchie⸗ nen ſind. Ueberſ. 269 ihn verknuͤpft ſich mit jedem Reiz der Natur, wir hoͤren ſeine Stimme in dem Wiederhall, den er einſt ſo gern erweckte; ſein Geiſt verweilt noch in den Lauben, die wir ſonſt ſo haͤufig beſuchten; wir den⸗ ken an ihn in der wilden Einſamkeit der Anhoͤhe, oder unter den ſinnigen Reizen des Thales. Bei der Friſche des froͤhlichen Morgens gedenken wir ſeines leuchtenden Laͤchelns und ſeiner raſchen Froͤh⸗ lichkeit; und wenn der beſonnene Abend mit ſeinen verhuͤllenden Schatten und ſeiner ſtillen Ruhe wie⸗ derkehrt, ſo rufen wir uns manche Daͤmmerungs⸗ ſtunde zuruͤck, die unter angenehmem Geſpraͤch und in ſuͤßer Schwermuth dahinfloß. Sein Bild die Einſamkeit erneuet, Nie ſey die Thräne ihm verſagt; Geliebt, ſo lang' das Leben freuet, Beweint, ſo lang' die Trauer klagt. Eine zweite Urſach, welche das Andenken an die Verſtorbenen auf dem Lande bleibender macht, iſt, daß das Grab ſich unmittelbarer vor den Au⸗ gen der Ueberlebenden befindet. Sie gehen auf ih⸗ rem Wege zum Gebet bei demſelben voruͤber; es begegnet ihren Augen, wenn ihre Herzen von den Uebungen der Andacht noch bewegt ſind; ſie verweilen dabei am Sabbath, wenn das Ge⸗ muͤth ſich aller weltlichen Sorgen entſchlagen 270 hat, ſich gern von den gegenwaͤrtigen Vergnuͤgun⸗ gen und gegenwaͤrtigen Neigungen abwendet, und unter den feierlichen Denkzeichen der Vergangenheit ſich niederlaſſen mag. In Nord⸗Wales knieen und beten die Landleute mehrere Sonntage nach dem Begraͤbniß auf den Graͤbern ihrer dahingeſchiedenen Freunde; und wo der zarte Gebrauch, Blumen zu ſtreuen und zu pflanzen, noch gaͤng und gebe iſt, wird er immer um Oſtern, Pfingſten und an an⸗ deren Feſten wiederholt, wenn die Jahrszeit den Ge⸗ faͤhrten fruͤherer Feſte lebendiger in das Gedaͤchtniß zuruͤckruft. So wird auch dieſer Gebrauch unabaͤnder⸗ lich von den naͤchſten Freunden und Verwandten ſelbſt, und nicht durch beſtellte oder bezahlte Leute beobachtet; wenn indeſſen ein Nachbar ſeinen Beiſtand leiht, ſo wuͤrde er es fuͤr eine Beleidigung anſehen, wenn man ihm eine Entſchaͤdigung dafuͤr anbieten wollte. Ich habe bei dieſer ſchoͤnen laͤndlichen Sitte verweilt, weil ſie einer der letzten, ſo wie der hei⸗ ligſten Liebesdienſte iſt. Das Grab iſt die Feuer⸗ probe der wahren Liebe. Hier legt die göttliche Leidenſchaft der Seele ihr Uebergewicht uͤber die inſtinktmaͤßige Hinneigung einer bloß thieriſchen An⸗ haͤnglichkeit an den Tag. Die letztere muß durch die Gegenwart ihres Gegenſtandes beſtaͤndig aufge⸗ friſcht und lebendig erhalten werden; die Liebe, — 271 welche in der Seele liegt, naͤhrt ſich von langer Erinnerung. Die bloß ſinnliche Hinneigung ermat⸗ tet und ſtirbt mit den Reizen, welche ſie erregten, und wendet ſich mit ſchauderndem Ekel von dem furchtbaren Rande des Grabes ab; aus dieſem aber ſteigt die wahrhaft geiſtige Liebe empor, von jedem ſinnlichen Gefuͤhl gelaͤutert, und kehrt wie eine hei⸗ lige Flamme zuruͤck, um das Herz des Ueberleben⸗ den zu erleuchten und zu heiligen. Der Kummer um die Verſtorbenen iſt der ein⸗ zige Kummer, von welchem wir uns nicht ſcheiden laſſen. Jede andere Wunde ſuchen wir zu heilen— jede andere Betruͤbniß zu vergeſſen; dieſe Wunde offen zu halten, betrachten wir als unſere Pflicht; dieſe Betruͤbniß naͤhren wir und bruͤten in der Einſamkeit daruͤber. Wo iſt die Mutter, welche das Kind gern vergeſſen wuͤrde, das wie eine Bluͤthe aus ihren Armen ſchied, obgleich jeder Ge⸗ danke daran ein Schmerzgefuͤhl iſte Wo iſt das Kind, das die zaͤrtlichen Aeltern vergeſſen wuͤrde, obgleich die Erinnerung an ſie nur ſeine Klage erweckt? Wer wuͤrde, ſelbſt in der Stunde des Todeskam⸗ pfes, den Freund vergeſſen, den er betrauert? Wer wuͤrde, in dem Augenblick, wo das Grab ſich uͤber die Ueberreſte Derer ſchließt, die er am innigſten liebte, wo er ein Herz gleichſam zerſchmettert fuͤhlt, durch 272 die Pforten, welche ſich ſchließen, einen Troſt an⸗ nehmen, den er nur durch Vergeſſen erkaufen kann? — Nein, die Liebe, welche uͤber das Grab hin⸗ aus lebt, iſt eine der edelſten Eigenſchaften der Seele. Wenn ſie ihre Schmerzen hat, ſo hat ſie auch ihre Freuden; und wenn der uͤberwaͤltigende Anfall des Kummers ſich erſt zur ſanften Thraͤne der Erinne⸗ rung gemaͤßigt hat; wenn die ploͤtzliche Beklommen⸗ heit, die krampfhafte Verzweiflung bei den gegenwaͤr⸗ tigen Truͤmmern alles deſſen, was wir am meiſten liebten, ſich geſaͤnftigt hat zu einem Sinnen uͤber das, was der Hingeſchwundene in den erſten Tagen ſeiner Lieblichkeit war— wer wuͤrde einen ſolchen Schmerz aus dem Herzen reißen wollen?— Mag er auch zuweilen die heitere Stunde der Freude mit einer voruͤbergehenden Wolke uͤberziehen, oder eine tiefere Trauer uͤber die Stunde der Betruͤbniß verbreiten; wer wuͤrde ihn, ſelbſt fuͤr das Lied der Froͤhlichkeit oder den Ausbruch des lauten Vergnuͤgens hinge⸗ ben?— Nein, es toͤnt eine Stimme aus dem Grabe, welche angenehmer als Geſang klingt. Es giebt ein Andenken an die Todten, zu welchem wir ſelbſt von den Reizen der Lebenden uns hinwenden. O, das Grab!— das Grab! Es deckt jeden Irr⸗ thum— verhuͤllt jeden Fehler— loͤſcht jeden Groll aus! Aus ſeinem friedlichen Schooße kommen nur — 273 ſchmerzlich ſuͤßes Bedauern und angenehme Erinne⸗ rungen. Wer kann ſelbſt das Grab eines Feindes betrachten, und nicht eine reuige Bewegung fuͤhlen, daß er je mit der armen Handvoll Erde, die itzt modernd vor ihm liegt, gegrollt habe! Aber das Grab Derer, die wir geliebt haben, — welch' ein Ort zum tiefen Nachdenken geeignet! Hier rufen wir, in einer langen Muſterung, die ganze Geſchichte der Tugend und Milde und die tauſend Reize zuruͤck, welche beinahe unbeachtet in dem taͤglichen vertraulichen Beiſammenſeyn an uns verſchwendet wurden;— hier verweilen wir bei der Zaͤrtlichkeit, der feierlichen, ernſten Zaͤrtlichkeit des Augenblicks der Trennung; bei dem Todtenbett, mit allem ſeinem unterdruͤckten Kummer, ſeiner ge⸗ raͤuſchloſen Pflege, ſeinen ſtummen, ſorgſamen Aufmerkſamkeiten, den letzten Beweiſen der dahin⸗ ſcheidenden Liebe!— bei dem ſchwachen, fluͤchtigen, durchſchauernden, ach, wie durchſchauernden! Druck der Hand;— bei dem letzten liebevollen Blick des glaͤſernen Auges, welcher noch von dem Rande des Daſeyns her auf uns faͤllt!— bei den ſchwachen, verſagenden Lauten, welche noch im Tode uns eine Verſicherung der Liebe geben wollen! Ja, geh' an das Grab der dort eingeſenkten Liebe, und denke nach! Mache dort deine Rechnung 274 fuͤr jede vergangene, unvergoltene Wohlthat, je⸗ den unbeachtet gelaſſenen Vorzug des dahingeſchie⸗ denen Weſens, das nimmer— nimmer zuruͤckkeh⸗ ren kann, um durch deine Reue ſich verſoͤhnen zu laſſen! Biſt du ein Kind, und haſt je ein Leiden uͤber die Seele, oder eine Furche mehr auf die von Sil⸗ berhaaren umgebene Stirn eines liebenden Vaters gebracht;— biſt Du ein Gatte, und haſt je dem liebevollen Weſen, das ſeine ganze Gluͤckſelig⸗ keit in deinen Armen ſuchte, Gelegenheit gegeben, einen Augenblick an deiner Liebe oder deiner Treue zu zweifeln;— biſt Du ein Freund, und haſt je durch Gedanken, Worte oder Thaten das Gemuͤth gekraͤnkt, das großmuͤthig ſein Vertrauen in dich⸗ ſetzte;— biſt Du ein Liebender, und haſt je dem treuen Herzen, das itzt kalt und ſtill zu deinen Fuͤßen liegt, einen unverdienten, ſchmerzlichen Au⸗ genblick gemacht:— ſo ſey ſicher, daß jeder un⸗ freundliche Blick, jedes unſanfte Wort, jede lieb⸗ loſe Handlung vor dein Gedaͤchtniß treten und peinlich an dein Herz klopfen wird; ſey ſicher, daß Du dich traurig und reuevoll auf das Grab niederlegen, und den Seufzer ausſtoßen wirſt, der nicht mehr gehoͤrt, die Thraͤne vergießen, die nichts mehr hilft, und die nur deſto tiefer und bitterer 275 ſind, weil ſie nicht mehr gehoͤrt werden und nichts mehr helfen. n6. Dann winde deinen Kranz von Blumen und ſtreue die Schoͤnheiten der Natur um das Grab her; richte dein gebrochenes Herz, wenn Du kannſt, durch dieſen zarten, doch vergeblichen Zoll der Liebe auf;— doch laß Dir die Bitterkeit dieſer deiner Zerknirſchung bei den Todten zur Warnung dienen, und ſey kuͤnftig gewiſſenhafter und liebevoller in der Erfuͤllung deiner Pflichten gegen die Lebenden. Bei der Abfaſſung des Vorhergehenden war es nicht die Abſicht, eine ganz ins Einzelne gehende Beſchreibung der Begraͤbnißgebraͤuche der Engliſchen Landleute zu liefern, ſondern nur einige wenige Winke zu geben, und Stellen anzufuͤhren, welche beſondere Gebraͤuche erlaͤutern; es ſollte damit nur eine Anmerkung zu einem andern Abſchnitt gegeben wer⸗ den, der nicht erſchienen iſt. Der obige Aufſatz wuchs aber allmaͤhlig zu der Geſtalt an, die er itzt hat, und dieß mag als Entſchuldigung fuͤr eine ſo kurze und abgebrochene Erwaͤhnung dieſer Gebraͤuche dienen, nachdem ſie ſo umfaſſend und auf eine ſo gelehrte Weiſe in anderen Werken erlaͤutert wor⸗ den ſind. 8 276 So muß ich auch bemerken, wie ich ſehr wohl weiß, daß in anderen Laͤndern, außer England, ſich ebenfalls die Sitte findet, die Graͤber mit Blumen zu ſchmuͤcken. In einigen iſt ſie ſogar allgemeiner, und wird ſelbſt von den Reichen und den Mode⸗ leuten beobachtet; allein ſie verliert dann ihre Ein⸗ fachheit und artet in etwas Geziertes aus. Bright erzaͤhlt in ſeinen Reiſen in Nieder⸗Ungern, daß er dort marmorne Denkmale, mit Niſchen um ein⸗ ſam darin zu verweilen, und mit Sitzen in Lauben von Treibhauspflanzen, gefunden habe, und daß man die Graͤber gewoͤhnlich mit den ſchönſten Blu— men der Jahrszeit ſchmuͤcke. Er erzaͤhlt beilaͤufig einen Zug kindlicher Liebe, den ich nicht umhin kann, wieder mitzutheilen; denn es iſt eben ſo lehr⸗ reich, als erfreulich, durch ihn die liebenswuͤrdigen Tugenden des Geſchlechts verherrlicht zu ſehen. „Als ich in Berlin war“, ſagte er:„geleitete ich den beruͤhmten Iffland zu Grabe. Bei dem Prunk des Begraͤbniſſes bemerkte man auch viele Spuren wahren Gefuͤhls. Waͤhrend der Feierlichkeit des Einſenkens wurde meine Aufmerkſamkeit durch ein junges Frauenzimmer angezogen, welches auf einem kuͤrzlich erſt mit Raſen bedeckten Grabhuͤgel ſtand, den ſie ſorgſam vor den Tritten der voruͤbergehen⸗ den Menge zu bewahren ſuchte. Es war das Grab 277 ihres Vaters, und die Geſtalt dieſer liebevollen Toch⸗ ter war in dieſem Augenblicke ein ſchoͤneres Denk⸗ mal, als es das koſtbarſte Werk der Kunſt ſeyn konnte“*). Ich will nur noch ein Beiſpiel von einer Gra⸗ bes⸗Verzierung anfuͤhren, die ich einſt in den Ber⸗ gen der Schweiz bemerkt habe. Dieß war in dem Dorfe Gerſau, welches an den Ufern des Luzerner⸗ ſees, am Fuße des Rigi, belegen iſt. Gerſau war einſt die Hauptſtadt einer kleinen Republik, welche zwiſchen den Alpen und dem See eingeſchloſſen liegt, und zu der man, auf der Landſeite, nur auf Fußſteigen gelangen kann. Die ganze bewaffnete Macht der Republik betrug nicht uͤber ſechshundert ſtreitbare Maͤnner, und einige wenige Quadratmeilen, welche gleichſam aus den Bergen ausgehoͤhlt ſind, bildeten ihr Gebiet. Das Dorf Gerſau ſcheint von der ganzen uͤbrigen Welt getrennt zu ſeyn, und hat noch die goldene Einfalt einer reineren Zeit behal⸗ ten. Es hat eine kleine Kirche mit einem daran⸗ ſtoßenden Kirchhofe. An den Kopfenden der Graͤ⸗ ber ſtanden hoͤlzerne oder eiſerne Kreuze. An eini⸗ *) Der Ueberſetzer erinnert ſich mit Vergnügen der Be⸗ kanntſchaft des genannten geiſtreichen und angenehmen Schottiſchen Arztes, deſſen Reiſen in England mit verdien⸗ tem Beifall aufgenommen worden ſind. 278 gen derſelben waren roh ausgefuͤhrte Gemaͤlde be⸗ findlich, offenbar Bildniſſe der Verſtorbenen. An den Kreuzen hingen Blumenkraͤnze, von denen ei⸗ nige verwelkt, andere aber friſch waren, als ob ſie immer wieder erneuert wuͤrden. Ich blieb mit Vergnuͤgen ſtehen, dieſes Anblicks zu genießen; ich fuͤhlte, daß ich an der Quelle der dichteriſchen Schil⸗ derungen ſtand, denn alles dies waren ſchoͤne, an⸗ ſpruchsloſe Gaben des Herzens, wie Dichter ih⸗ rer ſo gern gedenken. An einem lebendigeren und bevolkerteren Orte wuͤrde ich geglaubt haben, daß ſie aus einer angenommenen, aus Buͤchern geſchoͤpf⸗ ten Empfindſamkeit herruͤhrten; die guten Leute von Gerſau wiſſen indeſſen wenig von Buͤchern, es war nicht ein Roman oder ein Liebesgedicht im ganzen Dorfe zu finden, und es iſt ſehr die Frage, ob je ein Landmann des Orts, waͤhrend er einen friſchen Kranz fuͤr das Grab ſeiner Geliebten wand, daran gedacht hat, daß er einen der erhabenſten Gebraͤuche dichteriſcher Hinneigung beobachte, und im prakti⸗ ſchen Sinne ein Dichter ſey. Die Gaſthofskuͤche. Soll ich in meinem Gaſthof nicht thun, was mir beliebt? Falſtaff(in Shakſpeare’s Heinrich IV. Thl. I.) Auf einer Reiſe, welche ich einſt durch die Nie⸗ derlande machte, kam ich eines Abends in der Pomme d'or, dem vornehmſten Gaſthofe eines kleinen Flam⸗ laͤndiſchen Dorfes, an. Die Stunde der table d'hôte war ſchon voruͤber, und ſo ſah ich mich ge⸗ noͤthigt, ein einſames, aus den Ueberbleibſeln von dem reich verſehenen Tiſche zuſammengeſetztes Abend⸗ eſſen einzunehmen. Das Wetter war kuͤhl; ich ſaß allein an einem Ende eines großen, finſtern Eßzim⸗ mers, und hatte, als ich mein Mahl verzehrt, die Ausſicht auf einen langen, einfoͤrmigen Abend, ohne irgend ſichtbare Mittel, ihn zu beleben. Ich rief den Wirth, und bat ihn um Etwas zu leſen; er brachte mir den ganzen Vorrath von Litteratur, den er im Hauſe hatte: eine Hollaͤndiſche Familienbibel, 280 einen Kalender in derſelben Sprache, und ein Pack alter Pariſer Zeitungen. Waͤhrend ich uͤber einer von den letzteren nickte, und alte Neuigkeiten und verſchollene Kritiken las, vernahm ich, von Zeit zu Zeit, ein lautes Gelaͤchter, das aus der Kuͤche her⸗ zukommen ſchien. Jeder, der auf dem feſten Lande gereiſet hat, wird wiſſen, welch' ein Lieblingsver⸗ ſammlungsort die Kuͤche eines Wirthshauſes auf dem Lande fuͤr die mittlere und unterſte Klaſſe der Reiſenden iſt, vorzuͤglich bei der zweideutigen Art von Wetter, wo ein Kaminfeuer gegen Abend ſo angenehm wird. Ich warf die Zeitung weg, und erforſchte den Weg nach der Kuͤche, um die Gruppe in Augenſchein zu nehmen, die ſo luſtig zu ſeyn ſchien. Sie beſtand zum Theil aus Reiſenden, wel⸗ che einige Stunden vorher in der Diligence ange⸗ kommen waren, und zum Theil aus den gewoͤhnli⸗ chen Beſuchern und Anhaͤngſeln von Wirthshaͤuſern. Sie ſaßen ſaͤmmtlich um einen großen glaſirten Ofen, den man fuͤr einen Altar haͤtte halten koͤn⸗ nen, an dem ſie opferten. Er war mit allerhand Kuͤchengeraͤthe, das in hellem Glanze ſtrahlte, be⸗ deckt, unter welchem ein gewaltiger kupferner Thee⸗ keſſel dampfte und ziſchte. Eine große Lampe warf eine ſtarke Lichtmaſſe auf die Gruppe, und ließ manche ſeltſame Geſichtszuͤge grell hervortreten. Ihr 281 gelblichter Schein erleuchtete zum Theil die geraͤu⸗ mige Kuͤche, und erſtarb im Dunkel der entfernten Winkel, ausgenommen da, wo er in ſanfterem Licht auf der breiten Seite eines Schinkens ſich ſammelte, oder von wohlgeſcheuertem Kuͤchengeraͤth zuruͤckge⸗ worfen wurde, das mitten aus der Dunkelheit her⸗ vorſtrahlte. Ein dralles Flamlaͤndiſches Maͤdchen, mit langen, goldenen Ohrgehaͤngen und einem Hals⸗ bande, an welchem ein goldenes Herz hing, war die dienſtthuende Prieſterin des Tempels. Mehrere aus der Geſellſchaft hatten Pfeifen, und die meiſten von ihnen eine Art Nachttrunk vor ſich. Ich fand, daß ihre Luſtigkeit von den Geſchich⸗ ten herruͤhrte, welche ein kleiner ſchwaͤrzlicher Fran⸗ zoſe, mit einem trockenen, ſpitzen Geſichte und ſtar⸗ ken Backenbart, ihnen erzaͤhlte, und die ſich auf ſeine Liebesabenteuer bezogen; ſobald eine davon zu Ende war, erhob ſich jedesmal ein ſo ehrlis ches, ungezwungenes Gelaͤchter, wie man es ſich in dem Tempel der wahren Freiheit, einem Wirths⸗ hauſe, geſtatten kann. Da ich nicht wußte, wie ich einen langweiligen, ſtuͤrmiſchen Abend beſſer hinbringen ſollte, ſo nahm ich am Ofen Platz, und hoͤrte eine Menge von Reiſegeſchichten mit an, von denen einige ſehr uͤber⸗ trieben, andere wieder ſehr langweilig waren. Sie 282 ſind indeß, ſaͤmmtlich, meinem untreuen Gedaͤchtniß entfallen, bis auf eine, die ich hier wiedererzaͤhlen will. Ich fuͤrchte jedoch, daß ſie ihren Hauptreiz verloren haben duͤrfte, den ſie durch die Art erhielt, wie ſie erzaͤhlt wurde, ſo wie durch die ganz beſon— dere Miene und das Aeußere des Erzaͤhlers. Die⸗ ſer war ein wohlbeleibter alter Schweizer, der das Anſehen eines ergrauten Reiſenden hatte. Er hatte eine verſchoſſene gruͤne Reiſejacke an, einen breiten Gurt um den Leib und ein Paar Ueberhoſen, die von der Huͤfte bis auf die Fußknoͤchel zugeknöpft waren. Er hatte ein volles, rothes Geſicht, ein Doppelkinn, eine Habichtsnaſe und ſpaßhafte, blin⸗ zelnde Augen. Sein Haar war blond und draͤngte ſich in krauſen Locken unter einer alten gruͤnſammet⸗ nen Reiſemuͤtze hervor, die er auf die eine Seite geſetzt hatte. Er ward mehr als ein Mal durch die Ankunft von Reiſenden, oder durch die Bemer⸗ kungen ſeiner Zuhörer unterbrochen; auch hielt er dann und wann ein, ſeine Pfeife wieder zu fuͤllen, wo er dann immer dem drallen Kuͤchenmaͤdchen einen ſchelmiſchen Blick zuwarf, oder irgend einen ſpaß⸗ haften Einfall an ſie richtete. Ich wuͤnſchte, daß die Leſer ſich den alten Kerl denken koͤnnten, wie er ſich ſo in den gewaltigen Armſtuhl hinlehnte, einen Arm in die Seite ge⸗ 283 ſtemmt, in der Hand des andern eine ſonderbar ge⸗ drehte Tabackspfeife haltend, deren Kopf von echtem Neerſchaum, und die mit einer ſilbernen Kette und ſeidenen Troddel verziert war,— den Kopf auf die eine Seite gelegt und dann und wann einen launi⸗ nigen Blick aus der Ecke des Auges hervorſchie⸗ ßend, waͤhrend er folgende Geſchichte erzaͤhlte. Die Geiſterbraut. (Erzaͤhlung eines Reiſenden)*). Er, für den der Tiſch gedeckt, Liegt zu Nacht ſchon hingeſtreckt! Geſtern führt' ich ihn zur Ruh Heut' Nacht Grauſtahl richt' ſein Lager ihm zu. Sir Eger, Sir Grahame und Sir Grauſtahl. Auf einer der Hoͤhen des Odenwaldes, einer wil⸗ den und romantiſchen Gegend des obern Deutſch⸗ lands, nicht weit von dem Zuſammenfluſſe des Mains und des Rheins, ſtand vor vielen, vielen Jahren das Schloß des Baron von Landshort. Es liegt itzt in Truͤmmern, und iſt beinahe unter Bu⸗ chen und dunkeln Fichten begraben, aus denen indeß noch der alte Wachtthurm hervorblickt, der, wie ſein *) Der unterrichtete Leſer, welcher in unnützer Gelehr⸗ ſamkeit wohl bewandert iſt, wird bemerken, daß der Schweizer ſeine Erzählung auf eine kleine Franzöſiſche Anekdote gegründet hat, welche ſich auf eine Begebenheit bezieht, die ſich in Paris zugetragen haben ſoll. Verf. 285 fruͤherer Beſitzer, ſein Haupt hoch empor traͤgt, und auf die benachbarte Gegend hinabblickt. Der Baron war einer der trockenen Zweige der großen Familie von Katzenellenbogen*), und hatte mit den Beſitzungen ſeiner Ahnen auch zugleich ih⸗ ren ganzen Stolz geerbt. Obgleich der kriegeriſche Sinn ſeiner Vorfahren die Guͤter der Familie ſehr geſchmaͤlert hatte, ſo ſuchte der Baron den aͤußeren Glanz ſeines Standes doch noch, ſo gut als moͤg⸗ lich, zu behaupten. Die Zeiten waren friedlich und die Deutſchen Edelleute hatten faſt allgemein ihre unbequemen, alten, wie Adlersneſte an den Ber⸗ gen hangenden Burgen verlaſſen, und bequemere Wohnungen in den Thaͤlern erbaut, der Baron blieb indeß noch immer in ſeiner kleinen Veſte, und naͤhrte, mit angeerbter Hartnaͤckigkeit, alle alte Familienfehden, ſo daß er mit einigen ſeiner naͤch⸗ ſten Nachbarn um Streitigkeiten willen geſpannt war, die noch von ihren Ur⸗Urgroßvaͤtern herruͤhrten. Der Baron hatte nur ein Kind, eine Tochter; da aber die Natur, wenn ſie nur Ein Kind gewaͤhrt, dieſe Kaͤrglichkeit immer dadurch aufwiegt, daß ſie es zu einem Wunder macht, ſo war dieß auch bei *) Zu der Venennung ſoll eine erlauchte Dame der Fa⸗ milie Gelegenheit gegeben haben, welche ihres ſchönen Ar⸗ mes wegen berühmt war. Verf. s — ͦ· 286 der Tochter des Barons der Fall. Alle Ammen, Gevatterinnen und Muhmen vom Lande verſicher⸗ ten ihren Vater, daß es ihres Gleichen nicht in Deutſchland gaͤbe, und wer haͤtte das beſſer wiſſen ſollen? Sie war uͤberdieß unter der Aufſicht zweier unverheiratheten Baſen erzogen worden, die einige Jahre ihres fruͤhern Lebens an kleinen Deutſchen Hoͤfen zugebracht hatten und in allen, zur Erzie⸗ hung einer Frau von Stande noͤthigen, Zweigen des Wiſſens vollkommen erfahren waren. Unter ihrer Anleitung ward ſie ein Wunder der Vollkom⸗ menheit. In ihrem achtzehnten Jahre konnte ſie bewunderungswuͤrdig ſticken, hatte ganze Heiligenge⸗ ſchichten in Tapetenarbeit genaͤht, und in die Ge ſichter einen ſolchen Ausdruck gebracht, daß ſie aus⸗ ſahen, wie die armen Seelen im Fegefeuer. Sie konnte ohne große Schwierigkeit leſen, und hatte ſich durch mehrere Legenden und beinahe alle Ritter⸗ thaten im Heldenbuche gluͤcklich hindurchbuch⸗ ſtabirt. Sie hatte ſogar leidliche Fortſchritte im Schreiben gemacht und war im Stande, ihren Na⸗ men, ohne einen Buchſtaben auszulaſſen und ſo leſerlich zu ſchreiben, daß ihre Baſen ihn ohne Brille leſen konnten. Sie beſaß eine große Fertigkeit, al⸗ lerhand artige Kleinigkeiten und Spielwerke zu ma⸗ chen, verſtand die kuͤnſtlichſten Taͤnze der damaligen 287 Zeit, ſpielte mehrere Weiſen auf der Harfe und Zi⸗ ther und wußte alle zaͤrtliche Balladen aus den Minneſaͤngern auswendig. Ihre Baſen, die in ihren juͤngeren Jahren große Coquetten geweſen waren, ſchickten ſich vortrefflich dazu, uͤber die Auffuͤhrung der Nichte zu wachen. Sie verloren ſie nur ſelten aus den Augen; ſie durfte nie das Gebiet des Schloſſes uͤberſchreiten, ohne wohl begleitet oder vielmehr wohl bewacht zu ſeyn, mußte beſtaͤndig Lehren uͤber Anſtand und ſtrengen Gehorſam anhoͤren, und was die Maͤnner betraf, ſo hatte man ihr eingepraͤgt, ſie ſo fern von ſich zu halten und ihnen ſo wenig zu trauen, daß ſie, wenn ſie nicht ausdruͤcklich dazu Erlaubniß er⸗ halten, auf den ſchoͤnſten Cavalier von der Welt auch nicht einen Blick geworfen haben wuͤrde— und waͤre er zu ihren Fuͤßen geſtorben. Die guten Wirkungen dieſes Syſtems zeigten ſich auf eine wunderbare Art; das Fraͤulein war ein Mu⸗ ſter von Folgſamkeit und angenehm ſittlichen Weſen. Waͤhrend Andere ihre Suͤßigkeit in dem frohen Glanze der Welt dahin ſpendeten, und leicht von jeder Hand gepfluͤckt und an die Seite geworfen werden konnten, erbluͤhte ſie keuſch zu einer friſchen und lieblichen Weib⸗ lichkeit unter dem Schutze dieſer unbefleckten Jung⸗ frauen, wie eine Roſenknospe unter den Dornen. 288 Ihre Baſen betrachteten ſie mit Stolz und Ent⸗ zuͤcken, und ſcheuten ſich nicht, zu behaupten, daß, wenn auch alle junge Damen in der Welt ſich ver⸗ irren koͤnnten, der Erbin von Katzenellenbogen, Gott ſey's gedankt! nie ſo etwas begegnen wuͤrde. Obgleich die eigentliche Familie des Barons von Landshort ſehr klein war, ſo war doch ſeine Haus⸗ haltung dieß keinesweges, denn die Vorſehung hatte ihn mit einer Menge armer Anverwandten bedacht. Dieſe beſaßen, ohne Ausnahme, die liebevolle Zu⸗ neigung, welche allen untergeordneten Verwandten eigen iſt, hingen ſehr an dem Baron, und benutz⸗ ten jede moͤgliche Gelegenheit, in Haufen nach dem Schloſſe zu kommen und dieß zu beleben. Alle Familienfeſte wurden von dieſen guten Leuten auf Koſten des Barons begangen, und wenn ſie ſich ge⸗ hoͤrig geſaͤttigt, ſo erklaͤrten ſie laut, daß nichts auf Erden ſo herrlich ſey, als dieſe Familienzuſammen⸗ kuͤnfte, dieſe wahren Jubelfeſte des Herzens. Der Baron hatte, wenn er gleich kein großer Mann war, doch eine große Seele, die vor Freu⸗ den bei dem Gefuͤhle anſchwoll, der groͤßte Mann in der kleinen Welt um ihn her zu ſeyn. Er er⸗ zaͤhlte lange Geſchichten von den gewaltigen alten Kriegern, deren Bilder finſter von den Waͤnden her⸗ abblickten, und Niemand hoͤrte ihm dabei ruhiger zu, als —————— — — 289 als die, welche er auf ſeine Koſten ernaͤhrte. Er neigte ſich ſehr zum Wunderbaren hin, und glaubte ſteif und feſt an alle die Erzaͤhlungen von uͤberna⸗ tuͤrlichen Begebenheiten, deren es in Deutſchland von jedem Berge und jedem Thale giebt. Der Glaube ſeiner Gaͤſte war aber ſelbſt noch unbedingter als ſein eigener; ſie hoͤrten jede wunderbare Erzaͤhlung mit offenen Augen und eben ſo offenem Munde an, und waren jedesmal gleich erſtaunt, wenn ſie ihnen auch ſchon hundertmal vorgetragen worden war. So lebte der Baron von Landshort, das Orakel ſeiner Tafel, der unumſchraͤnkte Beherrſcher ſeines kleinen Gebiets, der ſich vor Allem in der Ueber⸗ zeugung gluͤcklich fuͤhlte, daß er der kluͤgſte Mann ſeines Zeitalters ſey. Zu der Zeit, in welcher unſere Geſchichte ſpielt, war auf dem Schloſſe eine große Familienverſamm⸗ lung, welche durch eine Angelegenheit von der aͤu⸗ ßerſten Wichtigkeit veranlaßt wurde. Man erwar⸗ tete naͤmlich den beſtimmten Braͤutigam der Tochter des Barons. Es war zwiſchen dem Vater und einem alten Edelmann in Baiern der Plan verab⸗ redet worden, die Wuͤrde ihrer Haͤuſer durch eine Heirath zwiſchen ihren Kindern in eins zu ver⸗ ſchmelzen. Die Einleitung dazu war mit den ge⸗ hoͤrigen, wohl berechneten Ruͤckſichten getroffen wor⸗ Skizzenbuch I. N 290 den; die jungen Leute waren mit einander verlobt, ohne ſich je geſehen zu haben, und der Tag zur Vermaͤhlung war angeſetzt. Der junge Graf von Altenburg war zu dem Ende von dem Heere abbe⸗ rufen worden, und bereits auf dem Wege zu dem Baron, um dort ſeine Braut in Empfang zu neh⸗ men; ja man hatte ſchon aus Wuͤrzburg, wo er durch einige Umſtaͤnde aufgehalten wurde, Briefe von ihm, in welchen der Tag und die Stunde beſtimmt war, zu welcher er eintreffen wuͤrde. In dem Schloſſe waren alle Anſtalten getroffen den Braͤutigam gehoͤrig zu empfangen. Die ſchoͤne Braut war mit ungewoͤhnlicher Sorgfalt geſchmuͤckt worden; die beiden Baſen hatten bei ihrer Toilette den Vorſitz gehabt, den ganzen Morgen ſich uͤber jedes Stuͤck ihres Anzuges geſtritten, und die junge Dame hatte dieſen Zwiſt benutzt, ihrem eigenen Geſchmack zu folgen. Dieſer war gluͤcklicherweiſe ſehr gut. Sie ſah ſo lieblich aus, als ein jugend⸗ licher Braͤutigam es nur wuͤnſchen kann, und die Bewegung, welche die Erwartung ihr mittheilte, erhoͤhte ihre Reize um ſo mehr. Die Roͤthe, welche uͤber ihre Wangen und ihren Nacken dahinfloß, das leiſe Wogen des Buſens, das Auge, welches dann unnd wann im Sinnen verloren ſchien; Alles verrieth die Bewegung, die in ihrem Herzen vorging. 291 Die Baſen waren fortwaͤhrend um ſie her be⸗ ſchaͤftigt; denn unverheirathete Baſen pflegen im⸗ mer großen Antheil an Angelegenheiten dieſer Art zu nehmen. Sie gaben ihr eine Anzahl von Rath⸗ ſchlaͤgen, wie ſie ſich benehmen, was ſie ſagen, und wie ſie den erwarteten Geliebten empfangen ſolle. Aber auch der Baron war nicht weniger mit Vorbereitungen beſchaͤftigt. Er hatte, die Wahrheit zu ſagen, eigentlich gar nichts zu thun; allein er war von Natur ein kleiner unruhiger Mann, der durchaus nicht muͤßig bleiben konnte, wenn Alles um ihn her in Bewegung war. Er lief, mit einer aͤußerſt wichtigen Miene, im Schloſſe Trepp auf und ab, rief beſtaͤndig die Leute von ihrer Arbeit, um ſie zu ermahnen, fleißig zu ſeyn, und tummelte ſich in jedem Saale und jedem Zimmer mit einer ſo geſchaͤftigen Unruhe umher, wie eine große blau⸗ bauchige Fliege an einem Sommertage. Unter der Zeit war das gemaͤſtete Kalb geſchlach⸗ tet worden; die Waͤlder waren von dem Halloh der Jaͤger erſchallt, die Kuͤche war voll von Leckerbiſſen, der Keller hatte ganze Oceane von Rhein⸗ und Fir⸗ newein hergeben muͤſſen, und ſelbſt das große Hei⸗ delberger Faß war in Contribution geſetzt worden. Alles war in Bereitſchaft, den ausgezeichneten Gaſt mit Saus und Braus, in dem wahren Geiſte Deut⸗ 5.— N 2 292— ſcher Gaſtfreiheit zu empfangen— aber der Gaſt erſchien noch immer nicht. Stunde auf Stunde verfloß; die Sonne, welche ihre ſinkenden Strahlen auf die reichen Forſte des Odenwaldes geworfen hatte, vergoldete itzt nur noch die Gipfel der Berge. Der Baron erſtieg den hoͤchſten Thurm, und ſtrengte ſeine Augen an, in der Hoffnung, den Grafen und ſeine Begleiter in der Entfernung zu entdecken. Ein⸗ mal glaubte er ſchon, ſie zu ſehen; Hoͤrnerklang ſcholl aus dem Thale, von dem Wiederhall in den* Bergen verlaͤngert, und eine Anzahl Reiter ward tief unten ſichtbar, welche langſam des Weges da⸗ her zogen; als ſie aber beinahe den Fuß des Ber⸗ ges erreicht hatten, lenkten ſie ploͤtzlich ab und ſchlu⸗ gen eine andere Straße ein. Der ketzte Strahl der Sonne erloſch, die Fledermaͤuſe begannen im Zwielicht zu ſchwirren, die Straße ward immer dunkler, und man ſah nichts ſich darauf bewegen, als zuweilen einen Landmann, der ermuͤdet von ſei⸗ ner Arbeit nach Hauſe zuruͤckkehrte. Waͤhrend man auf dem alten Schloſſe von Lands⸗ hort ſich in einer ſo toͤdtlichen Unruhe befand, trug ſich in einem andern Theile des Odenwaldes eine ſehr bedeutende Begebenheit zu. Der junge Graf von Altenburg ſetzte ſeine Reiſe ganz ruhig und wohlgemuth fort, wie ein Mann 293 ſeiner Vermaͤhlung entgegenreiſt, den ſeine Freunde aller Muͤhe und Ungewißheit einer langen Bewer⸗ bung uͤberhoben haben, und der ſo gewiß iſt, eine Braut zu finden, als ein Mittagseſſen am Ende ſeiner Reiſe. Er hatte in Wuͤrzburg einen jungen Waffengefaͤhrten getroffen, mit welchem er zuſam⸗ men an der Grenze gedient hatte, Hermann von Starkenfauſt, einen jungen Mann von ſo kraͤftigem Arme und ſo bravem Herzen, als es nur einen in der Deutſchen Ritterſchaft geben konnte, und der itzt von dem Heere zuruͤckkehrte. Seines Vaters Schloß lag nicht weit von der alten Burg Lands⸗ hort, allein eine alte Fehde hatte die beiden Fami⸗ lien entzweit, ſo daß ſie bis itzt einander immer fremd geblieben waren. In der erſten Waͤrme des Augenblicks der Er kennung hatten die jungen Freunde einander alle ihre unterdeſſen beſtandenen Abenteuer und Gluͤcks⸗ faͤlle erzaͤhlt, und der Graf die ganze Geſchichte ſei⸗ ner bevorſtehenden Vermaͤhlung mit einer jungen Dame, die er nie geſehen, von deren Reizen er aber die hinreißendſte Beſchreibung gehoͤrt. Da der Weg der beiden Freunde nach derfelben Gegend hinfuͤhrte, ſo wurden ſie einig, den uͤbrigen Theil ihrer Reiſe zuſammen zu machen; damit ſie dieß aber mit um ſo groͤßerer Bequemlichkeit 294 thun koͤnnten, waren ſie fruͤhzeitig von Wuͤrzburg aufgebrochen, und der Graf hatte ſeinem Gefolge den Befehl gegeben, ihm nachzukommen. Die Rei⸗ ſenden verkuͤrzten ſich die Zeit mit Erzaͤhlungen von ihren im Kriege beſtandenen Faͤhrlichkeiten und Abenteuern, und der Graf konnte mitunter nicht genug von den Reizen ſeiner Braut und dem Gluͤcke, das ihn erwarte, erzaͤhlen. So waren ſie allmaͤhlig in die Berge des Oden⸗ waldes gekommen, und ritten durch einen ſeiner ein⸗ ſamſten und dickbelaubteſten Paͤſſe. Man weiß, daß die Waͤlder von Deutſchland jederzeit eben ſo ſehr von Raͤubern, als ſeine Burgen von Geſpenſtern heimgeſucht worden ſind; und gerade um dieſe Zeit waren die erſteren beſonders zahlreich, da Schaaren von entlaſſenen Soldaten im Lande umherſtreiften. Es wird alſo Niemanden ungewoͤhnlich ſcheinen, wenn wir erzaͤhlen, daß auch die Cavaliere von einer Bande dieſer Herumſtreifer, mitten im Walde, an⸗ gefallen wurden. Die Angegriffenen vertheidigten ſich ſehr tapfer, waͤren aber dennoch uͤbermannt worden, wenn nicht des Grafen Gefolge gerade in dieſem Augenblicke zu ihrem Beiſtande herzugekom⸗ men waͤre. Die Raͤuber nahmen, als ſie dieß ſa⸗ hen, die Flucht; der Graf hatte indeſſen bereits eine toͤdtliche Wunde erhalten. Man brachte ihn 295 langſam und vorſichtig nach Wuͤrzburg zuruͤck, und rief, aus einem benachbarten Kloſter, einen Moͤnch zu Huͤlfe, der ſeiner Heilkunde fuͤr Leib und Seele wegen in gleich großem Rufe ſtand; allein die eine Haͤlfte ſeines Wiſſens war unnuͤtz; die Augenblicke des ungluͤcklichen Grafen waren gezaͤhlt. Sein letzter Athemzug war noch zu einer Bitte an ſeinen Freund aufgeſpart, ſich ſogleich nach dem Schloſſe von Landshort zu begeben, um dorthin die Nachricht von dem Vorfalle zu bringen, der ihn an der Erfuͤllung ſeines Verſprechens hindere. Obgleich keiner der leidenſchaftlichſten Liebhaber, war er doch einer der puͤnktlichſten Menſchen, und es ſchien ihm aͤußerſt viel daran zu liegen, daß dieſe Sendung ſchnell und gehoͤrig ausgerichtet werde.„Geſchieht dieß nicht,“ ſagte er:„ſo ſchlafe ich nicht ruhig in meinem Grabe!“ Er wiederholte dieſe letzteren Worte mit beſonderer Feierlichkeit. Eine, in ei⸗ nem ſo bedeutſamen Augenblicke gethane Bitte mußte auf das Schleunigſte erfuͤllt werden. Star⸗ kenfauſt ſuchte den Grafen zu beruhigen, verſprach, ſeinen Wuͤnſchen getreulich nachzukommen, und gab ihm ſeine Hand zum Pfande. Der Sterbende druͤckte ſie, in dankbarer Anerkennung, verfiel aber bald in Geiſtesabweſenheit— ſprach von ſeiner Braut— ſeiner Verbindung— ſeinem gegebenen 296 Worte befahl, daß man ihm ſein Pferd bringen ſolle, damit er nach dem Schloſſe von Landshort reiten koͤnne, und gab in dem Augenblicke ſeinen Geiſt auf, wo er ſich in den Sattel zu ſchwingen glaubte. Starkenfauſt weihte dem fruͤhzeitigen Tode ſei⸗ nes Waffengefaͤhrten einen Seufzer und eine maͤnn⸗ liche Thraͤne, und dachte dann uͤber den bedenklichen Auftrag nach, den er auszurichten uͤbernommen hatte. Sein Herz war ihm ſchwer, und ſeinen Kopf durchkreuzten manche Bedenklichkeiten, denn er ſollte, ein ungebetener Gaſt, unter feindlich ge⸗ ſinnten Leuten, mit einer Nachricht erſcheinen, die allen ihren Frohſinn erſticken und ihre Hoffnungen vereiteln mußte. Indeß regte ſich bei ihm doch ein Gefuͤhl von Neugierde, die weitberuͤhmte Schoͤnheit von Katzenellenbogen zu ſehen, die den Augen der Welt ſo ſorgſam entzogen wurde; denn er war ein leidenſchaftlicher Bewunderer des ſchoͤnen Geſchlechts, und es lag in ſeinem Charakter eine Hinneigung zum Außerordentlichen und ein Unternehmungsgeiſt, die ihm ein großes Gefallen an jedem Abenteuer einfloͤßten. Vor ſeiner Abreiſe nahm er mit der heiligen Bruͤderſchaft des Kloſters die noͤthige Abrede wegen des Begraͤbniſſes ſeines Freundes, der in der Ka⸗ 297 thedrale zu Wuͤrzburg neben ſeinen erlauchten Ver⸗ wandten beigeſetzt werden ſollte. Das trauernde Gefolge des Grafen uͤbernahm die Aufſicht uͤber ſeine irdiſchen Ueberbleibſel. Es iſt itzt hohe Zeit, zu der alten Familie von Katzenellenbogen zuruͤckzukehren, welche mit Unge⸗ duld auf den Gaſt, und, mit noch groͤßerem Ver⸗ langen, auf das Mittagseſſen wartete, ſo wie zu dem wuͤrdigen kleinen Baron, den wir auf dem Wartthurm verließen. Die Nacht brach an, aber kein Gaſt erſchien. In Verzweiflung ſtieg der Baron vom Thurme herab. Das Gaſtmahl, welches von Stunde zu Stunde verzoͤgert worden war, konnte itzt nicht laͤnger ver⸗ ſchoben werden. Die Speiſen waren bereits halb verdorben, der Koch in Todesangſt, und die ganze Hausgenoſſenſchaft ſah aus, wie eine durch Hunger zur Uebergabe gebrachte Beſatzung. Der Baron ſah ſich itzt nothgedrungen, den Befehl zum Begin⸗ nen des Feſtes, ohne den erwarteten Gaſt, zu geben. Alle ſetzten ſich, und man war ſo eben im Begriſſ zu ſpeiſen, als der Klang eines Hornes von Außen die Ankunft eines Fremden meldete. Ein zweiter langhin hallender Ton erfuͤllte den Hof der alten Burg, und wurde von dem Thurmwart beantwortet. Der Baron eilte, ſeinen kunftigen Schwiegerſohn zu empfangen. 298 Die Zugbruͤcke war herabgelaſſen und der Fremde hielt vor dem Thore. Es war ein ſchlanker, ſtatt⸗ licher Ritter auf einem ſchwarzen Roſſe. Sein Ge— ſicht war bleich, aber er hatte ein ſtrahlendes, ſchwaͤrmeriſches Auge, und eine Miene, in der eine gewiſſe edle Schwermuth lag. Der Baron fuͤhlte ſich etwas beleidigt, daß er ſo einfach und allein daher gekommen ſey; das Gefuͤhl ſeiner Wuͤrde war gekraͤnkt, und er glaubte in dieſer Art der Erſchei⸗ nung etwas zu bemerken, das einen Mangel an gehoͤriger Ehrfurcht bei dieſer wichtigen Gelegenheit und gegen die bedeutende Familie verrieth, mit wel⸗ cher der Braͤutigam ſich verbinden ſollte. Er be⸗ ruhigte ſich indeß mit der Betrachtung, daß es ju⸗ gendliche Ungeduld geweſen ſey, welche ihn vermocht habe, ſeinem Gefolge voraus zu eilen. „Es thut mir leihi⸗ ſagte der Fremde:„ſo zur ungelegenen Zeit— Hier unterbrach ihn der Baron mit einer Flut von Complimenten und Begruͤßungsworten, denn, die Wahrheit zu ſagen, bildete er ſich auf ſeine er Hoͤflichkeit und Beredſamkeit nicht wenig ein. Der Fremde verſuchte ein oder zwei Mal, den Strom ſeiner Rede zu hemmen, allein vergebens; er neigte alſo den Kopf, und ließ ihn voruͤberrauſchen. In dem Augenblicke, wo der Baron eine kleine Pauſe 299 machte, waren ſie im innern Schloßhofe angekom⸗ men, und der Fremde wollte ſo eben wieder anfan⸗ gen zu reden, als er abermals durch die Erſchei⸗ nung der weiblichen Mitglieder der Familie unter⸗ brochen wurde, welche die zoͤgernde und erroͤthende Braut herbeifuͤhrten. Er blickte dieſe einen Augen⸗ blick wie ein Verzuͤckter an, und es ſchien, als ob ſeine ganze Seele ſich in dieſen einzigen Blick er⸗ goͤſſe und auf der lieblichen Form verweile. Eine von den Baſen fluͤſterte ihr etwas ins Ohr; ſie machte einen Verſuch zu ſprechen; ihr feuchtes, blaues Auge erhob ſich furchtſam; ſie warf einen forſchenden Blick auf den Fremden, und ſchlug es wieder nieder. Die Worte erſtarrten ihr auf den Lippen, allein ein ſanftes Laͤcheln umſchwebte dieſe, und das Gruͤbchen in ihrem Kinn zeigte, daß ihr Blick nicht unbefriedigt geblieben ſey. Einem Maͤd⸗ chen von achtzehn Jahren, voll Empfindung von Liebe und Heirath, mußte ein ſolcher Cavalier aller⸗ dings gefallen. Der Gaſt war ſpaͤt angekommen, und alles wei⸗ teere Reden wuͤrde mithin unzeitig geweſen ſeyn. Der Baron entſchied daher ganz kurz, daß alle wei⸗ teere Unterredungen bis auf morgen verbleiben ſollten, unnd ging voran zu dem noch unberuͤhrten Gaſtmahl. Dieß ward in dem großen Ritterſaal der Burg aufgetragen. An den Waͤnden hingen die Bilder der Helden aus dem Hauſe Katzenellenbogen, und die Siegeszeichen, welche ſie auf dem Felde der Ehre und bei der Jagd davongetragen. Zerhackte Pan⸗ zerhemden, geſplitterte Turnierlanzen und zerriſſene Banner waren mit der Beute der Jagd vermiſcht. Wolfsrachen und Eberhauer blinkten furchtbar zwi⸗ ſchen Armbruͤſten und Streitaͤrten hindurch, und ein gewaltiges Hirſchgeweih ward unmittelbar uͤber dem Haupte des jugendlichen Braͤutigams ſichtbar. Der Cavalier gab auf die Geſellſchaft oder das Mahl ſelbſt nur wenig Acht. Er genoß faſt nichts, ſondern ſchien allein in Bewunderung ſeiner Braut verſunken zu ſeyn. Er ſprach ſo leiſe mit ihr, daß man nichts von dem, was er ſagte, verſtehen konnte, — die Sprache der Liebe iſt immer leiſe; aber wo giebt es ein weibliches Ohr, das nicht das leiſeſte Fluͤſtern derſelben auffaßte? Es lag ein Gemiſch von Zaͤrtlichkeit und Ernſt in ſeiner Art und Weiſe, das auf die junge Dame einen maͤchtigen Einfluß zu haben ſchien. Waͤhrend ſie mit geſpannter Auf⸗ merkſamkeit zu hoͤren ſchien, kam und wich ihre Ge⸗ ſichtsfarbe. Zuweilen antwortete ſie erroͤthend, und wenn ſich ſein Auge von ihr abwandte, warf ſie einen verſtohlenen Blick auf ſein romantiſches Ge⸗ ſicht, und ein leichter Seufzer zaͤrtlicher Zufrieden⸗ 301 heit entſchluͤpfte ihren Lippen. Es war klar, daß das junge Paar ganz in einander verliebt war; die Baſen, tief in die Geheimniſſe des Herzens einge⸗ weiht, erklaͤrten, daß Beide bei dem erſten Blick Feuer gefangen haͤtten. Das Feſt waͤhrte in großer Luſt, oder doch we⸗ nigſtens mit großem Geraͤuſche, fort, denn die Gaͤſte waren ſaͤmmtlich mit der Eßluſt geſegnet, welche von leichten Boͤrſen und Bergluft unzertrennlich iſt. Der Baron erzaͤhlte ſeine beſten und laͤngſten Ge⸗ ſchichten, und nie hatte er ſie ſo gut oder mit ſo ſichtbarer Wirkung erzaͤhlt. War irgend etwas Wunderbares darin, ſo waren ſeine Zuhoͤrer ganz voll Erſtaunen, und gab es irgend etwas zu lachen, ſo lachten ſie gewiß zur rechten Zeit. Der Baron hielt es freilich wie die großen Leute uͤberhaupt, d. h. er machte immer nur ſehr ſchale Scherze; allein jeder derſelben war mit einem vollen Glaſe vortrefflichen Hochheimers gewuͤrzt, und ſelbſt ein ſchwerfaͤlliger Scherz wird, mit gutem alten Wein vorgeſetzt, an Jemandes eigener Tafel unwiderſtehlich. Aermere und ſchlauere Witzlinge ſagten Manches, das ſich nur etwa bei aͤhnlichen Gelegenheiten wiederholen laſſen duͤrfte. Den Frauen ward Manches in die Ohren gefluͤſtert, woruͤber ſie, bei unterdruͤcktem Lachen, beinahe erſticken wollten, und ein armer, 4 302 aber luſtiger, dickkoͤpfiger Vetter des Barons ſang ein paar Lieder, bei denen ſich die Baſen durchaus 1 die Faͤcher vorhalten mußten. Bei allem dieſen luſtigen Treiben behauptete der 1 fremde Gaſt einen hoͤchſt ſonderbaren und unzeitigen Ernſt. Je tiefer es in die Nacht ging, deſto duͤ⸗ ſterer ward ſeine Miene, und ſelbſt die Scherze des Barons ſchienen, ſonderbar genug, ihn nur noch ſchwermuͤthiger zu machen. Zuweilen war er in Gedanken verloren, zu anderer Zeit aber deutete das verſtoͤrte, raſtloſe Umherirren ſeines Auges auf ein ſehr bewegtes Gemuͤth. Seine Unterhaltung mit der Braut ward immer ernſter und geheimnißvoller; ihr heiteres Auge bewoͤlkte ſich, und ein leiſes Zit⸗ tern ſchien ihre zarten Glieder zu durchzucken. Alles dieß konnte der Aufmerkſamkeit der Ge⸗ ſellſchaft nicht entgehen. Die Froͤhlichkeit ward durch die unerklaͤrliche Duͤſterkeit des Braͤutigams erſtickt; dieſe ſteckte an; man fluͤſterte mit einander 6 und warf ſich Blicke zu, die von Achſelzucken und zweifelhaftem Kopfſchuͤtteln begleitet waren. Geſang und Lachen erſtarben nach und nach, es entſtanden gewaltige Pauſen in der Unterhaltung, und dieſen folgten endlich phantaſtiſche Erzaͤhlungen und Legen⸗ den von uͤbernatuͤrlichen Dingen. Eine traurige 1 Geſchichte draͤngte die andere, und der Baron ——.,— 303 brachte die Damen beinahe zu Kraͤmpfen durch die Geſchichte von dem geſpenſtiſchen Reiter, der die ſchoͤne Leonore entfuͤhrte; eine ſchreckliche, aber wahre Geſchichte, welche ſeitdem in vortreffliche Verſe gebracht worden iſt, und an die alle Welt glaubt. 24— Der Braͤutigam hoͤrte dieſe Erzaͤhlung mit ge⸗ ſpannter Aufmerkſamkeit an. Er hielt ſeine Augen feſt Baron geheftet, begann, als die Ge⸗ ſchichte zu Ende ging, allgemach von ſeinem Sitze aufzuſtehen, und ward immer groͤßer und groͤßer, bis er, in des Barons Augen, beinahe Rieſengroͤße zu erreichen ſchien. In dem Augenblicke, wo die Erzaͤhlung geendigt war, ſtieß er einen tiefen Seuf⸗ zer aus, und nahm von der Geſelſſchaft feierlich Abſchied. Alles war erſtaunt; der Baron aber wie vom Donner geruͤhrt. Wie! ſagte er, um Mitternacht wolle er das Schloß verlaſſen? Alles ſey zu ſeinem Hierbleiben eingerichtet, und ein Gemach fuͤr ihn bereit, wenn er ſich zuruͤckzuziehen wuͤnſche. Der Fremde ſchuͤttelte duͤſter und geheimnißvoll den Kopf:„ich muß mich dieſe Nacht in einem ganz andern Gemache betten!“ Es lag etwas in dieſer Antwort und in dem Tone, womit ſie gegeben wurde, was des Barons 304 Herz erbeben machte, allein er faßte ſich und wie⸗ derholte ſeine gaſtfreundliche Einladung. Der Fremde ſchuͤttelte ſchweigend, aber entſcheidend, den Kopf bei jedem Anerbieten, winkte der Geſellſchaft ein Lebewohl zu, und ſchritt langſam aus der Halle. Die Baſen waren wie verſteinert, die Braut hing den Kopf, und eine Thraͤne ſchlich ſich in ihr Auge. Der Baron folgte dem Fremden in den großen Hof des Schloſſes, wo das ſchwarze Styeitkoß, mit dem Fuße ſcharrend und voll Ungeduld ſchnaubend, ſtand. Als ſie das Portal erreicht hatten, deſſen tiefer Bogen durch ein Feuerbecken nur ſchwach er⸗ hellt wurde, blieb der Fremde ſtehen, und redete den Baron mit einer hohlen Stimme an, welche in dem Gewoͤlbe nur noch grabaͤhnlicher klang.„Itzt, da wir allein ſind“, ſagte er:„will ich Euch die Urſach meines Weggehens mittheilen. Ich habe eine feierliche, unaufloͤsliche Verpflichtung—“ Und koͤnnt Ihr nicht, ſagte der Baron: irgend Jemanden an eurer Stelle ſenden? „Sie laͤßt keinen Stellvertreter zu— ich muß in eigener Perſon erſcheinen— ich muß noch nach der Kathedrale von Wuͤrzburg.“” Ganz recht, ſagte der Baron, indem er ſich ein Herz faßte: aber erſt morgen— morgen ſollt Ihr eure Braut dahin fuͤhren. 305 „Nein! nein!“ erwiederte der Fremde, mit zehn⸗ facher Feierlichkeit:„ich kann keine Braut fuͤhren! die Wuͤrmer, die Wuͤrmer erwarten mich! ich bin todt— Naͤuher haben mich erſchlagen— mein Körper liegt in Wuͤrzburg— um Mitternacht ſoll ich zur Erde beſtattet werden— das Grab erwar⸗ tet mich— ich muß mich puͤnktlich einſtellen!“ Mit dieſen Worten ſchwang er ſich auf ſein ſchwarzes Streitroß, ſprengte uͤber die Zugbruͤcke, und das Geklapper der Hufe verſcholl im Pfeifen des Abendwindes. Der Baron kehrte, in der aͤußerſten Beſtuͤr⸗ zung, in den Saal zuruͤck, und erzaͤhlte das Vor⸗ gefallene. Zwei Damen ſielen ſogleich in Ohnmacht, und anderen ward uͤbel bei dem Gedankem, mit ei⸗ nem Geſpenſt an einer Tafel geſpeiſt zu haben. Einige meinten, es ſey der wilde Jaͤger geweſen; Andere ſprachen von Berg⸗ oder Waldgeiſtern und anderen uͤberirdiſchen Weſen. Einer von den armen Verwandten wagte es, die Meinung zu aͤußern, daß das Ganze wol ein auf ſein Entkommen berechneter Scherz des jungen Cavaliers geweſen ſeyn moͤge, und daß ſelbſt das Ernſte deſſelben mit dem finſtern We⸗ ſen des Mannes zuſammenpaſſe. Allein dieſe Aeu⸗ ßerung machte den Unwillen der ganzen Geſellſchaft, und beſonders den des Barons rege, der ihn geradezu 306 wie einen Unglaͤubigen behandelte, ſo daß er eilen mußte, ſeine Ketzerei abzuſchwoͤren und ſich an die wahren Glaͤubigen anzuſchließen. Welche Zweifel man aber auch an der Wahrheit der Kataſtrophe gehabt haben mochte, ſo wurden ſie am folgenden Tage durch die, auf regelmaͤßigem Wege anlangenden Nachrichten, vollkommen widerlegt, welche die Beſtaͤtigung der Ermordung des jungen Grafen und ſeiner Beiſetzung in der Kathedrale von Wuͤrzburg enthielten. Man kann ſich leicht denken, welchen gewaltigen Eindruck dieſe Nachricht im Schloſſe hervorbringen mußte. Der Baron verſchloß ſich in ſein Zimmer, und die Gaͤſte, welche hergekommen waren, ſich mit ihm zu freuen, konnten ihn doch nicht wohl in den Stunden der Truͤbſal verlaſſen. Sie wandel⸗ ten daher auf den Hoͤfen umher, oder verſammelten ſich, in kleinen Haufen, im Saale, ſchuͤttelten die Koͤpfe oder zuckten die Achſeln uͤber das Ungluͤck, das einen ſo guten Mann betroffen habe, und aßen und tranken mehr als je, um ſich bei gutem Muthe zu erhalten. Am bedaurungswuͤrdigſten war aber die Lage der Braut. Einen Gatten verloren zu haben, ehe ſie ihn nur einmal umarmt— und ſolch einen Gatten! War er als Geiſt ſchon ſo edel und ange⸗ —-— 307 nehm, wie mußte er nicht im Leben geweſen ſeyn! — Sie erfuͤllte das Haus mit ihren Klagen. In der zweiten Nacht ihres Wittwenthums hatte ſie ſich in ihr Zimmer zuruͤckgezogen, begleitet von einer ihrer Baſen, welche darauf beſtand, mit ihr in Einem Gemache zu ſchlafen. Die Baſe, eine der beſten Geiſtergeſchichten⸗Erzaͤhlerinnen in Deutſch⸗ land, hatte gerade eine ihrer laͤngſten aufgetiſcht, und war mitten in derſelben eingeſchlafen. Das Zimmer lag von allen uͤbrigen entfernt, und hatte die Ausſicht auf einen kleinen Garten. Die Nichte lag gedankenvoll auf ihrem Lager, auf die Strahlen des aufgehenden Mondes hinblickend, wie ſie auf den Blaͤttern einer Espe zitterten, die vor dem Fen⸗ ſter ſtand. Die Schloßuhr hatte ſo eben die Stunde der Mitternacht verkuͤndigt, als eine ſanfte Muſik aus dem Garten herauf ertoͤnte. Sie ſprang eilig aus dem Bett und trat leiſe an das Fenſter. Eine ſchlanke Geſtalt ſtand im Schatten der Baͤume. Als ſie den Kopf erhob, ſiel ein Strahl des Mond⸗ lichts auf ihr Geſicht. Himmel und Erde! es war der Geiſter⸗Braͤutigam! In dieſem Augenblick hoͤrte ſie einen lauten Schrei hinter ſich, und ihre Baſe, die von der Muſik erwacht, und ihr ſtill⸗ ſchweigend nach dem Fenſter gefolgt war, ſiel ihr —.————— —— ———— 308 in die Arme. Als ſie wieder hinblickte, war das Geſpenſt verſchwunden. Von den beiden Frauenzimmern war die Baſe am meiſten außer ſich, und kaum zu beruhigen. Was die junge Dame betraf, ſo war ſelbſt mit dem Geiſte ihres Geliebten noch Etwas verknuͤpft, das fuͤr ſie etwas Erfreuliches hatte. Die Baſe er⸗ klaͤrte, daß ſie nie wieder in dieſem Zimmer ſchlafen, die Nichte dagegen ſteif und feſt, daß ſie nie in ei⸗ nem andern ſchlafen wuͤrde. Natuͤrlich mußte ſie nun allein bleiben; vorher ließ ſie ſich aber von der Baſe das feierliche Verſprechen geben, die Geſchichte von dem Geiſte Niemanden zu erzaͤhlen, damit ihr nicht der einzige, traurige, ihr auf Erden geblie⸗ bene Troſt geraubt wuͤrde, das Zimmer zu bewoh. nen, in deſſen Naͤhe ihr Geliebter, als Schutzgeiſt, umherzuwandeln ſcheine. Es iſt ungewiß, wie lange die gute alte Dame dieß Geheimniß bewahrt haben wuͤrde, denn ſie liebte ſehr, wunderbare Begebenheiten zu erzaͤhlen, und es liegt immer ein ſtiller Triumph darin, der Erſte zu ſeyn, der eine ſchauderhafte Geſchichte vortraͤgt; man fuͤhrt es indeſſen in der Gegend noch immer als ein merkwuͤrdiges Beiſpiel weiblicher Verſchwie⸗ genheit an, daß ſie das Geheimniß eine volle Woche bewahrte, nach deren Verlauf ſie alles weiteren — — 309 Zwanges durch eine Nachricht uͤberhoben wurde, welche des Morgens beim Fruͤhſtuͤck gebracht ward: naͤmlich, daß die junge Dame— nirgends zu fin⸗ den ſey. Ihr Zimmer war leer— ihr Bett unbe⸗ ruͤhrt— das Fenſter war offen und der Vogel da⸗ vongeflogen. Von der Verwunderung und dem Schrecken, welche dieſe Nachricht erregte, koͤnnen ſich nur Die⸗ jenigen einen Begriff machen, welche den Eindruck betrachtet haben, den das Ungluͤck eines großen Mannes unter ſeinen Freunden hervorzubringen pflegt. Selbſt die armen Verwandten ließen Meſſer und Gabel einen Augenblick ruhen; auf einmal aber rang die Baſe, die bis dahin ſtarr dageſtanden hatte, die Haͤnde und kreiſchte:„das Geſpenſt! das Ge⸗ ſpenſt hat ſie entfuͤhrt!“ Nit wenigen Worten erzaͤhlte ſie nun den furcht⸗ baren Auftritt im Garten, und ſchloß mit der Be⸗ hauptung, daß das Geſpenſt ſeine Braut davonge⸗ fuͤhrt haben muͤſſe. Zwei von den Bedienten be⸗ ſtaͤtigten dieß, denn ſie ſagten aus, das Geklapper von Pferdehufen den Berg hinab, um Mitternacht gehoͤrt zu haben, und zweifelten nicht, daß es das Geſpenſt auf ſeinem ſchwarzen Roſſe geweſen, das ſeine Braut zum Grabe hinweggeſchleppt habe. Welche traurige Lage fuͤr den armen Baron! ———— welche herzzerreißende Betrachtungen mußten ſich nicht einem liebenden Vater und einem Gliede der großen Familie von Katzenellenbogen aufdringen! Seine einzige Tochter verſchloß entweder das Grab, oder er hatte itzt irgend einen Waldgeiſt zum Schwie⸗ gerſohn, und konnte erwarten, dereinſt einen ganzen Haufen Geiſterenkel zu haben. Wie gewoͤhnlich machte ihn dieß alles rein verwirrt, und das ganze Schloß gerieth daruͤber in Aufruhr und Bewegung. Alle maͤnnliche Bedienten mußten aufſitzen und je⸗ den Weg und Steg im Odenwalde durchſtreifen; der Baron ſelbſt hatte ſo eben ſeine Reiſeſtiefeln angezogen, ſeinen Degen umgeguͤrtet, und war im Begriff, ſein Roß zu beſteigen, um ebenfalls auf Nachforſchung auszugehen, als eine neue Erſchei⸗ nung der Sache eine andere Wendung gab. Man ſah eine Dame ſich dem Schloſſe naͤhern, die auf einem Zelter ritt, und von einem Cavalier zu Pferde begleitet wurde. Sie ſprengte zum Thore hinauf, ſtieg vom Pferde, warf ſich zu den Fuͤßen des Ba⸗ rons und umfaßte ſeine Kniee. Es war ſeine ver⸗ lorene Tochter, und ihr Gefaͤhrte— der Geiſter⸗ Braͤutigam! Der Baron konnte vor Erſtaunen nicht zu ſich kommen; er ſah bald ſeine Tochter, bald den Geiſt an, und konnte beinahe ſeinen Sin⸗ nen nicht trauen. Der Letztere hatte ſich indeß 311 ſehr zu ſeinem Vortheil veraͤndert, ſeitdem er in der Geiſterwelt geweſen war. Sein Anzug war glaͤnzend, und ſeine Geſtalt erſchien darin im ſchoͤn⸗ ſten Ebenmaße; er war nicht mehr bleich und duͤ— ſter, ſondern auf ſeinem ſchoͤnen Geſichte ſtrahlte der Glanz der Jugend, und Freude funkelte in ſei⸗ nem großen dunkeln Auge. Das Geheimniß enthuͤllte ſich bald. Der Cava⸗ lier(denn die Leſer muͤſſen doch alle ſchon laͤngſt gemerkt haben, daß es kein Geiſt war) kuͤndigte ſich als den Freiherrn Hermann von Starkenfauſt an, erzuͤhlte ſein Abenteuer mit dem jungen Grafen und wie er nach dem Schloſſe geeilt ſey, um die ſchlimme Botſchaft zu uͤberbringen. Die Beredſamkeit des Barons habe indeſſen jeden ſeiner Verſuche, ſeine Geſchichte zu erzaͤhlen, vereitelt. Der Anblick der Braut habe ihn ſo ganz bezaubert, daß, um einige Stunden in ihrer Naͤhe zuzubringen, er ſtillſchwei⸗ gend den Irrthum habe fortdauern laſſen. Er habe jedoch nicht gewußt, wie er ſich auf eine anſtaͤn⸗ dige Art zuruͤckziehen ſolle, bis des Barons Geiſter⸗ geſchichten ihn auf den Gedanken gebracht, auf eine ahnliche ungewoͤhnliche Weiſe zu verſchwinden. Die angeerbte Feindſchaft der Familien erwaͤgend, habe er ſeine Beſuche heimlich wiederholt— ſich im Garten unter dem Fenſter der jungen Dame ſehen 312— laſſen— geworben— ihre Zuſtimmung erhalten— ſie im Triumph davon gefuͤhrt— und ſey itzt— ihr Gatte. Unter anderen Umſtaͤnden wuͤrde der Baron un⸗ erbittlich geweſen ſeyn, denn er hielt ſehr auf vaͤ⸗ terliches Anſehn, und verfocht Familienfehden mit gehoͤriger Hartnaͤckigkeit; allein er liebte ſeine Toch⸗ ter und hatte ſie fuͤr verloren gehalten, freute ſich, ſie wieder lebend zu finden, und ihr Gatte war, wenn gleich aus einem feindlichen Hauſe, doch kein Geſpenſt. Es lag allerdings in dem Scherz, den der Ritter mit ihm getrieben, ſich gegen ihn fuͤr einen Todten auszugeben, etwas, das mit ſei⸗ nen Begriffen von ſtrenger Wahrheitsliebe nicht ſo recht zuſammenpaſſen wollte; allein mehrere alte an⸗ weſende Freunde, welche mit im Kriege geweſen waren, verſicherten ihn, daß in der Liebe ſich jede Kriegsliſt entſchuldigen laſſe, und daß der Cavalier um ſo mehr dazu berechtigt geweſen ſey, dieſe zu brauchen, da er kuͤrzlich gedient habe. Alles ward daher auf das Beſte ausgeglichen. Der Baron verzieh dem jungen Paare auf der Stelle. Die Feſtlichkeiten auf dem Schloſſe began⸗ nen auf's Neue, die armen Verwandten uͤberhaͤufr ten den wackern, großmuͤthigen und— reichen Vet⸗ ter mit Liebe und Wohlwollen; die Baſen aͤrgerten ſich ſich allerdings etwas daruͤber, daß ihr Syſtem der ſtrengen Abgeſchiedenheit und des leidenden Ge⸗ horſams ſich ſo ſchlecht bewaͤhrt habe, ſchrieben aber den Erfolg dem Umſtande zu, daß ſie die Fenſter nicht vergittern laſſen. Eine von ihnen fuͤhlte ſich beſonders gekraͤnkt, daß ihre wunderbare Geſchichte durch die Aufloͤſung ſo ganz verdorben, und das einzige Geſpenſt, das ſie in ihrem Leben geſehen, ein unechtes geweſen ſey, womit aber die Nichte deſto mehr zufrieden zu ſeyn ſchien— und ſo endigt die Geſchichte. „ Gkizzenbuch I. Die Weſtminſter⸗Abtei. — Wenn ich es, tief erſtaunt, beſchaut, Wie dort, in Weſtminſter, ſie ſind geſchaart, Im Denkmal groß, von Erz, von Stein erbaut, Die Fürſten und die Edlen aller Art; Seh' ich nicht da den Adel neu geſtalter, Ganz ohne Dünkel, Stolz und Pracht, Die Majeſtät, die harmlos ruhig waltet; Von allem Prunk entblößt und ird'ſcher Macht? Und wie ein Spielwerk, ein bemalter Stein, Die ruhig ſtillen Geiſter nun vergnügt, Die jene ganze Welt, der Schauplatz für ihr Seyn, Zufrieden nicht gemacht und ihrem Durſt genügt? Das Leben iſt ein Glück, vom Froſte nur erzeugt, Und Tod der Thau, dem unſer Hochmuth weicht. Chriſtolero's Epigramme von T. B. 1598. — An einem der ruhigen und etwas ſchwermuͤthigen Tage in der ſpaͤteren Haͤlfte des Herbſtes, wo die Mor⸗ gen⸗ und Abendſchatten ſich beinahe vermaͤhlen und eine gewiſſe Duͤſterkeit uͤber das hinſcheidende Jahr verbreiten, brachte ich mehrere Stunden mit einer Wanderung durch die Weſtminſter⸗Abtei zu. Es lag in der Jahreszeit etwas, das mit der truͤben 315 Pracht des alten Gebaͤudes uͤbereinſtimmte, und als ich uͤber die Schwelle deſſelben ſchritt, ſo ſchien es mir, als traͤte ich in das Gebiet des Alterthums zuruͤck, und verloͤre mich in den Schatten fruͤherer Jahrhunderte. Ich trat von dem einen Hofe der Weſtminſter⸗ Schule durch einen langen, niedrigen, gewoͤlbten Gang ein, der beinahe wie ein unterirdiſcher aus⸗ ſah, und nur an einer Stelle durch kreisrunde, in die dicken Mauern gebrochene Oeffnungen er⸗ leuchtet wird. Aus dieſem finſtern Gang hatte ich eine entfernte Ausſicht auf die Kreuzgaͤnge, wo ich die Geſtalt eines alten Kirchendieners, in ſeinem ſchwarzen Mantel, unter den duͤſteren Gewoͤlben, wie ein Geſpenſt aus einem der benachbarten Graͤber, ſich dahinbewegen ſah. Der Zugang zur Abtei durch dieſe dunkelen moͤnchiſchen Ueberbleibſel, bereitet das Gemuͤth auf feierliche Betrachtungen vor. Die Kreuzgaͤnge haben noch immer etwas von der Ruhe und Abgeſchiedenheit fruͤherer Tage an ſich. Die grauen Mauern haben durch die Feuchtigkeit ihre Farbe verloren, und verfallen vor Alter. Die In⸗ ſchriften der Grabmale ſind mit einer Decke von weißlichem Mooſe uͤberwebt, das die Todtenkoͤpfe und andere Sinnbilder des Grabes dem Anblick ganz entzogen hat. Die reiche Bildhauerbeit an O 2 316 den Bogen hat ihre Schaͤrfe verloren, die Roſen, womit die Schlußſteine verziert waren, ihre blatt⸗ reiche Schoͤnheit; Alles traͤgt die Spuren der all⸗ maͤhligen Zerſtoͤrung der Zeit, welche dennoch ſelbſt in ihrem Verfall etwas Ruͤhrendes und Angeneh⸗ mes hat. Die Sonne warf einen gelben, herbſtlichen Strahl auf das Viereck, außerhalb dieſer Kreuz⸗ gaͤnge, beleuchtete einen duͤrftigen Raſenfleck in der Mitte, und erhellte einen Winkel des gewoͤlbten Ganges mit einer Art von ſtaubigem Glanz. Zwi⸗ ſchen den Bogengaͤngen hindurch erblickte das Auge zuweilen eine kleine Stelle vom blauen Himmel, oder eine voruͤberziehende Wolke, und ſah die von der Sonne vergoldeten Zinnen der Abtei ſich zu dem Firmament erheben. Waͤhrend ich ſo durch die Kreuzgaͤnge wandelte, zuweilen dieſes Gemiſch von Herrlichkeit und Ver⸗ fall betrachtete, und dann wiederum die Inſchriften auf den Grabſteinen zu entziffern ſuchte, welche das Pflaſter unter meinen Fuͤßen bildeten, ward mein Auge durch drei, roh in Stein ausgehauene, aber durch die Tritte ſo mancher Geſchlechter beinahe verwiſchte Geſtalten angezogen. Es waren die Bildniſſe dreier der fruͤheren Aebte. Die Grab⸗ ſchriften waren gaͤnzlich verwiſcht, und nur die Na⸗ — 317 men, die man wahrſcheinlich in ſpaͤteren Zeiten auf⸗ gefriſcht hatte, noch lesbar.(Vitalis Abbas 1082. Gislebertus Crispinus Abbas 1114. und Laurentius Abbas 1176.) Ich blieb eine Zeitlang ſtehen und dachte uͤber dieſe zufaͤllig erhaltenen Ueberbleibſel des Alterthums nach, welche, wie Wracke auf die⸗ ſer entfernten Kuͤſte der Zeit geblieben, weiter nichts verkuͤnden, als daß ſolche Weſen vorhanden waren und dahingegangen ſind, und weiter nichts lehren, als die Nichtigkeit des Stolzes, der noch in ſeiner Aſche Ehrenbezeigungen fordern zu koͤnnen und in einer Inſchrift fortzuleben hofft. Noch ei⸗ nige Zeit, und ſelbſt dieſes ſchwache Gedaͤchtniß wird verſchwunden ſeyn, und das Denkmal ſelbſt aufhoͤren, zur Erinnerung zu dienen. Waͤhrend ich ſo auf die Grabſteine herabblickte, ward ich durch den Ton der Abteiglocke aufmerkſam gemacht, welche von Strebepfeiler zu Strebepfeiler wieder⸗ hallte, und in den Kreuzgaͤngen nachtoͤnte. Es iſt beinahe erſchreckend, dieſe Mahnung der dahinge⸗ ſchwundenen Zeit unter den Graͤbern ertoͤnen und ſie das Verfloſſenſeyn einer Stunde ankuͤndigen zu hoͤren, die, wie eine Welle, uns zum Grabe hin⸗ geſpuͤlt hat. Ich ſetzte meinen Spazirgang nach einer Bogenthuͤr fort, welche in das Innere der Abtei ging. Wenn man hineintritt, ſo macht die 318 Groͤße des Gebaͤudes, mit den Gewoͤlben des Kreuz— gangs verglichen, einen gewaltigen Eindruck auf das Gemuͤth. Das Auge blickt mit Erſtaunen auf die gekoppelten Saͤulen von rieſenhaften Verhaͤltniſſen, auf die Bogen, welche von ihnen bis zu einer ſo erſtaunlichen Hoͤhe emporſteigen, und auf den Men⸗ ſchen, der an ihren Fußgeſtellen umhergeht, und, im Vergleich mit dem Werk ſeiner Haͤnde, ſelbſt zur Unbedeutſamkeit herabgeſunken iſt. Der weite Raum und die Duͤſterkeit des Gebaͤudes bringen ein tiefes und geheimnißvolles Gefuͤhl der Ehrfurcht hervor. Man wandelt bedachtſam und leiſe umher, als ob man ſich fuͤrchte, das heilige Schweigen des Gra⸗ bes zu unterbrechen, waͤhrend jeder Fußtritt an den Waͤnden im Wiederhall hinfluͤſtert, und unter den Graͤbern wiederrauſcht, um es uns noch fuͤhlbarer zu machen, welche Stille wir unterbrochen haben. Es ſcheint, als ob das Gewaltige des Ortes die Seele belaſte, und dem Beſchauer andeute, eine geraͤuſchloſe Ehrfurcht zu beobachten. Wirr fuͤhlen, daß wir von den vereinten Gebeinen der großen Raͤnner fruͤherer Zeit umgeben ſind, welche die Geſchichte mit ihren Thaten und die Erde mit ih⸗ rem Ruhme erfuͤllt haben. Und doch erregt es beinahe ein Laͤcheln uͤber das Eitele des menſchlichen Ehrgeizes, wenn man ſieht, — 319 wie Alle im Staube zuſammengedraͤngt und gepreßt ſind, mit welcher Kargheit ein kleiner Winkel, eine finſtere Ecke, ein kleiner Fleck Erde Denen zuge: theilt wird, die, im Leben, kaum von Koͤnigreichen ſich befriedigt fanden, und wie manche Geſtalten, For⸗ men und Kuͤnſte angewandt werden, die zufaͤllige Aufmerkſamkeit des Voruͤbergehenden auf ſich zu ziehen, und, auf einige wenige kurze Jahre, ei⸗ nen Namen der Vergeſſenheit zu entreißen, der einſt die Gedanken und die Bewunderung der Welt auf Jahrhunderte zu feſſeln gedachte. Ich brachte eine Zeitlang in dem Dichterwin⸗ kel*) zu, welcher das Ende eines der Kreuzfluͤgel der Abtei bildet. Die Denkmale ſind faſt alle ein⸗ fach, denn das Leben der Gelehrten bietet fuͤr den Bildhauer kein weites Feld dar. Shakſpeare und Addiſon hat man Bildſaͤulen zu ihrem Anden⸗ ken errichtet; der groͤßere Theil der Verſtorbenen aber hat Buͤſten, Medaillons, und zuweilen bloße In⸗ ſchriften. Der Einfachheit dieſer Andenken ungeach⸗ tet, habe ich immer bemerkt, daß die Beſucher der Abtei am laͤngſten bei ihnen verweilen. Ein freund⸗ liches und angenehmes Gefuͤhl tritt an die Stelle *) The poets corner. Hier ſind die Gräber der be⸗ rühmteſten Dichter und Schriftſteller Englands dicht bei⸗ ſammen. Auch Händel iſt hier begraben⸗ Ueberſ⸗ 320— der kalten Neugier oder der unbeſtimmten Bewun⸗ derung, womit ſie die glaͤnzenden Denkmale der Großen und der Helden betrachten. Sie verwei⸗ len bei dieſen wie bei den Graͤbern von Freunden und Bekannten, denn es beſteht in der That zwi⸗ ſchen dem Schriftſteller und dem Leſer eine Art von Gemeinſchaft. Andere Leute werden der Nach⸗ welt, nur durch die aähen bekannt, welche immer ſchwaͤcher und dunkler wird; dagegen bleibt die Verbindung zwiſchen dem Schriftſteller und ſei⸗ nen Zeitgenoſſen beſtaͤndig neu, lebendig und unmit⸗ telbar. Er hat fuͤr ſie mehr, als fuͤr ſich ſelbſt ge⸗ lebt; er hat die ihn umgebenden Genuͤſſe aufgeo⸗ pfert, und ſich den Ergetzlichkeiten des geſelligen Le⸗ bens entzogen, um deſto genauer ſich mit entfern⸗ ten Gemuͤthern und entfernten Zeiten zu befreun⸗ den. Wohl mag die Welt ſich ſeinen Ruhm angelegen ſeyn laſſen, denn er hat ihn nicht durch Gewaltſamkeiten und Blutvergießen, ſondern durch die ihr emſig bereiteten Genuͤſſe erworben. Wohl mag die Nachwelt gerecht gegen ſein An⸗ denken ſeyn, denn er hat ihr eine Erbſchaft hin⸗ terlaſſen, die nicht aus leeren Namen und hoch⸗ toͤnenden Thaten, ſondern aus ganzen Schaͤtzen von Weisheik, den hellfun lnd 17 er Sprache, beſteht. e 1 Ede teinen der Gedan⸗ r 321 Aus dem Dichterwinkel ſetzte ich meine Wan⸗ derung nach dem Theile der Abtei fort, welcher die Grabmaͤler der Koͤnige enthaͤlt. Ich wanderte zwi⸗ ſchen den Raͤumen umher, die einſt Kapellen wa⸗ ren, itzt aber die Graͤber und Denkmale der Gro⸗ ßen enthalten. Bei jeder Wendung begegnete ich irgend einem beruͤhmten Namen, oder der Erinne⸗ rung an zegend ein, in der Geſchichte beruͤhmtes Haus. Wenn das Auge in dieſe finſteren Kammern des Todes blickt, ſo ſtoͤßt es auch auf ſonderbare Bildniſſe; einige ſtellen andaͤchtig Betende in Ni— ſchen dar, Andere ſind auf den Graͤbern mit fromm gefalteten Haͤnden ausgeſtreckt; Krieger in ihrer Ruͤſtung, als ob ſie von der Schlacht ausruhten; Praͤlaten mit Krummſtaͤben und Biſchofsmuͤtzen, und Edelleute in Staatsgewaͤndern und mit Wap⸗ penkronen, als ob ſie auf dem Paradebett laͤgen. Wenn man dieſe Raͤume betrachtet, wie ſie ſo dicht bevoͤlkert, und doch ſo ſtill und oͤde ſind, ſo ſcheint es Einem beinahe, als ob man ein Haus in jener fabelhaften Stadt betraͤte, wo Alles ploͤtzlich in „Stein verwandelt worden war. Ich blieb ſtehen, um ein Grab zu betrachten, worauf ein Ritter in voller Räſtun lag. An dem einen Arme hatte er einen child: die Haͤnde waren betend auf die Druſ gefaltet, das Geſicht 322 f war beinahe ganz von der Sturmhaube bedeckt und die Beine uͤber einander gelegt, zum Zeichen, daß der Krieger die heiligen Kriege mitgemacht habe. Es war das Grabmal eines Kreuzfahrers, eines der kriegeriſchen Schwaͤrmer, welche auf eine ſo ſelt⸗ ſame Art die Religion und die Romantik vermiſch⸗ ten, und deren Thaten das Verbindungsglied zwi⸗ ſchen Thatſache und Dichtung, zwiſchen Geſchichte und Feenmaͤrchen bilden. Es liegt etwas ungemein Maleriſches in den Graͤbern dieſer Abenteurer, wie ſie ſo mit den rohen Wappenſchilden und der Go⸗ thiſchen Bildhauerarbeit verziert ſind. Sie paſſen ſich zu den alterthuͤmlichen Kapellen, in denen man ſie gewöhnlich findet, und wenn man ſie betrachtet, ſo erfuͤllt ſich die Einbildungskraft gern mit der Sagengeſchichte, den Romanendichtungen, dem rit⸗ terlichen Prunk und Glanz, welchen die Dichtkunſt uͤber die Kriege um Chriſti Grab verbreitet hat. Siee ſind die Ueberbleibſel laͤngſt vergangener Zeiten, von Weſen, die ganz aus dem Gedaͤchtniß ent⸗ ſchwunden ſind, von Sitten und Gewohnheiten, mit denen die unſrigen keine Aehnlichkeit haben. Sie ſind wie Gegenſtaͤnde aus einem fremden, weit⸗ entfernten Lande, von welchem wir keine genaue Kenntniß haben, und wovon alle unſere Begriffe unbeſtimmt und marchenhaft ſind. Es liegt etwas 9 323 ungemein Feierliches und Erhabenes in dieſen Bil⸗ dern auf den Gothiſchen Grabmaͤlern, die wie im Todesſchlafe oder in der bangen Erwartung der Todesſtunde ausgeſtreckt daliegen. Sie machen einen viel tieferen Eindruck als die gezierten Stellungen, die geſuchten Gedanken und die alle⸗ goriſchen Gruppen, welche man auf den neueren Denkmalen in Ueberfluß findet. So hat auch die Trefflichkeit mancher alten Grabſchriften auf mich einen ungemein großen Eindruck gemacht. Man hatte in alten Zeiten eine ſchoͤne Art, etwas ganz einfach und doch mit großem Stolz zu ſagen, und ich kenne keine Grabſchrift, aus welcher ein ſtolze⸗ res Bewußtſeyn von Familienwerth und edler Ab⸗ kunft ſpraͤche, als eine, worin von einem adeligen Hauſe geſagt wird,„daß alle Bruͤder tapfer und alle Schweſtern tugendhaft geweſen waͤren.“ In dem Kreuzfluͤgel, welcher dem Dichterwin⸗ kel gegenuͤber iſt, ſteht ein Denkmal, welches zu den beruͤhmteſten Werken der neuern Kunſt gehoͤrt, was mir aber eher graͤßlich als erhaben zu ſeyn ſcheint. Es iſt das Grabmal der Mrs. Nightingale, von Roubillac. Der Unterſatz des Denkmals er⸗ ſcheint ſo, als ob ſeine marmornen Thuͤren ſich oͤff⸗ neten, und ein bekleidetes Geripp heraustraͤte. Das Gewand faͤllt von ſeinen fleiſchloſen Knochen, in⸗ 324 dem es ſeinen Pfeil nach ſeinem Opfer ſchleudert. Sie ſinkt in die Arme ihres erſchreckten Gatten, der, vergebens und halb außer ſich, den Streich ab⸗ wenden zu wollen ſcheint. Das Ganze iſt mit furchtbarer Wahrheit und Lebendigkeit ausgefuͤhrt; man glaubt beinahe das kreiſchende Triumphgeſchrei zu hoͤren, welches aus dem geoͤffneten Rachen des Geſpenſtes ertönt. Warum ſollen wir aber den Tod mit unnuͤtzen Schrecken zu umgeben, und Graͤßlich⸗ keiten um das Grab Derer, die wir lieben, zu ver⸗ breiten ſuchen? Das Grab muͤßte mit allem dem umgeben werden, was Zaͤrtlichkeit und Verehrung fuͤr die Todten einfloͤßen, oder die Lebenden fuͤr die Tugend gewinnen kann. Es iſt nicht ein Ort, wo Ekel und Abſcheu wohnt, ſondern fuͤr den Schmerz und das Nachdenken geeignet. Waͤhrend man ſo in dieſen duͤſteren Gewölben und ſchweigenden Kreuzgaͤngen umherwandert, und die Gedenkzeichen der Todten genauer betrachtet, er⸗ reicht zuweilen der Ton des geſchaͤftigen Daſeyns von Außen das Ohr, das Rollen eines voruͤberfah⸗ renden Wagens, das Gemurmel der Menge, oder vielleicht das leichtſinnige Lachen des Vergnuͤgens. Der Gegenſatz iſt, mit der Todtenſtille umher zu⸗ ſammengehalten, auffallend, und es bringt einen ei⸗ genthuͤmlichen Eindruck auf das Gefuͤhl hervor, 325 wenn man, in den Mauern des Grabes, das Wal⸗ len des thaͤtigen Lebens ſo dahinfließen, und daran anſchlagen hoͤrt. Ich fuhr fort, auf dieſe Weiſe von Grab zu Grabe, und von Kapelle zu Kapelle zu gehen. Der Tag nahm allmaͤhlig ab; die fernen Tritte Derer, die um die Abtei her ſpaziren gingen, wurden im⸗ mer einzelner und einzelner; die ſanft toͤnende Glocke rief zum Abendgebet, und ich ſah in der Entfernung die Chorknaben in ihren weißen Chor⸗ hemden, durch den Kreuzgang ziehen und den Chor betreten. Ich ſtand vor dem Eingange zu Heinrich des Siebenten Kapelle. Eine Treppe fuͤhrte, unter einem tiefen und duͤſtern, aber praͤchtigen Bogen, hinauf. Große metallene Thore, reich verziert und ſchoͤn gearbeitet, drehen ſich ſchwerfaͤllig auf ihren Angeln, als ob ſie ſtolz es nicht zugeben wollten, daß die Fuͤße gewoͤhnlicher Sterblichen dieſes prunk⸗ vollſte aller Graͤber betraͤten. Wenn man hineintritt, ſo wird das Auge von der Pracht der Architectur und der kunſtvollen Schoͤnheit der ins Einzelne gehenden Bildhauerarbeit geblendet. Selbſt die Mauern ſind zu fortlaufenden Zierrathen geworden, mit Bildhauerarbeit ausgelegt, und Niſchen darin ausgehauen, in welchen Bildſaͤu⸗ len von Heiligen und Maͤrtyrern ſtehen. Der 326 Stein ſcheint, durch die geſchickte Arbeit des Mei⸗ ſels, ſeine ganze Schwere und Dichtigkeit verloren zu haben, wie durch Zauberkraft frei da zu hangen, und die reich verzierte Decke mit der wunderbaren Regelmaͤßigkeit und luftigen Sicherheit eines Spinn⸗ gewebes ausgefuͤhrt zu ſeyn. An den Seiten der Kapelle ſind die hohen Kirch⸗ ſtuͤhle der Ritter vom Bathorden, ſehr reich aus Eichenholz, obgleich mit den abenteuerlichen Verzie⸗ rungen der Gothiſchen Architectur, geſchnitzt. Oben auf den Kirchſtuͤhlen ſind die Helme und Helmzierden der Ritter, mit ihren Scherpen und Schwertern, angebracht, und uͤber dieſen hangen ihre Banner mit den Wappen in Farben darin, wobei das Gold, Purpur und Hochroth gegen die alte graue Bildhauerarbeit der Decke ſonderbar abſticht. Mit⸗ ten in dieſem großen Mauſoleum ſteht das Grab ſeines Stifters, mit ſeinem Bilde und dem ſeiner Gemahlin, Beide auf einem prachtvollen Grabe aus⸗ geſtreckt liegend vorgeſtellt; das Ganze iſt von einem herrlich gearbeiteten metallenen Gitter umgeben. Es liegt eine traurige Starrheit in dieſer Pracht; dieſer ſeltſamen Miſchung von Graͤbern und Sieges⸗ zeichen, dieſen Sinnbildern des lebenden und aufſtre⸗ benden Ehrgeizes dicht neben Denkmalen, welche den Staub und die Vergeſſenheit andeuten, worin —2 —2 327 Alles uͤber kurz oder lang ſich aufloͤſen muß. Nichts flößt dem Geiſt ein tieferes Gefuͤhl der Verlaſſen⸗ heit ein, als wenn man den ſchweigenden und ver⸗ laſſenen Schauplatz fruͤheren Lebens und Prunkes betritt. Indem ich die leeren Stuͤhle der Ritter, ihrer Waffentraͤger und die Reihen der beſtaubten, doch praͤchtigen Banner betrachtete, welche einſt vor ihnen hergetragen wurden, rief meine Einbildungs⸗ kraft mir den Augenblick zuruͤck, wo dieſe Halle einſt von der Tapferkeit und Schoͤnheit des Landes er⸗ glaͤnzte, wo ſie von dem Prunk der Juwelen der Vornehmen und von kriegeriſchem Pomp ſtrahlte, wo die Fußtritte ſo Mancher und das Geſumme der bewundernden Menge ſie belebten. Alles dieß war voruͤber; die Todesſtille hat ſich wiederum des Ortes bemeiſtert, und wurde nur zuweilen von dem Zirpen der Voͤgel unterbrochen, die ſich in die Ka⸗ pelle verirrt und ihre Neſter in den Frieſen und Fahnen gebaut hatten;— ſichere Anzeichen der Ein⸗ ſamkeit und Verlaſſenheit. Als ich die Namen las, welche auf den Ban⸗ nern ſtanden, fand ich, daß ſie Leuten angehörten, welche weit und breit in der Welt zerſtreut ſind. Einige davon wogten auf entfernten Meeren um⸗ her, Andere ſtanden in entfernten Laͤndern unter den Waffen, noch Andere nahmen an den geſchaͤftigen 328 Intriguen an Hoͤfen und in Kabinetten Antheil, und Alle ſuchten noch eine Auszeichnung mehr in dieſem Wohnſitze der Schattenehren zu erhalten— die traurige Belohnung eines Grabdenkmals. Zwei kleine Seitengaͤnge neben dieſer Kapelle geben ein ruͤhrendes Beiſpiel von der Gleichheit, welche das Grab hervorbringt, das den Unter⸗ druͤcker auf eine Stufe mit dem Unterdruͤckten ſtellt, und den Staub der bitterſten Feinde mit einander vermiſcht. In einem iſt das Grabmal der ſtolzen Eliſabeth, in dem andern das ihres Opfers, der liebenswuͤrdigen und ungluͤcklichen Maria. Es ver⸗ geht keine Stunde des Tages, wo nicht irgend ein Ausruf des Mitleids uͤber das Schickſal der Letztern, mit dem des Unwillens uͤber ihre Unterdruͤckerin, hier gehoͤrt wird. Die Mauern von Eiiſabeth's Grab hallen fordauernd von den Seußzern der Theilnahme wieder, welche am Grabe ihrer Neben⸗ buhlerin erſchallen. Eine ganz eigenthuͤmliche Schwermuth ruht auf dem Seitengange, wo Maria begraben iſt. Das Licht faͤllt ſpaͤrlich durch die von Staub verfinſter⸗ ten Fenſter herein. Der groͤßere Theil des Platzes liegt in tiefem Schatten, und die Mauern ſind von der Zeit und dem Wetter gefaͤrbt und verdunkelt. Eine marmorne Bildſaͤule der Maria liegt auf dem — L* 329 Grabe, das rundum mit einem eiſernen, ſehr zer⸗ freſſenen Gitter umgeben iſt, auf welchem das Sinn⸗ bild ihres Reichs— die Diſtel, angebracht iſt. Ich war vom Umhergehen ermuͤdet, ſetzte mich des⸗ halb neben dem Denkmal nieder, und dachte uͤber das bewegte und verhaͤngnißvolle Leben der armen Maria nach. Der Ton der einzelnen Fußtritte in der Gegend der Abtei war verhallt. Nur dann und wann konnte ich in der Entfernung die Stimme des Prieſters hoͤren, der das Abendgebet herlas, und die ſchwa chen Reſponſen des Chors. Dieſe hoͤrten eine Zeit⸗ lang auf, und nun war Alles ſtill. Die Stille, die Einſamkeit und Dunkelheit, welche allmaͤhlig rund umher ſich zu verbreiten anfingen, gaben dem Orte einen großartigern und feierlichern Anſtrich: Denn in dem ſtillen Grabe ſpricht man nie: Kein Freundestritt, der Liebe Stimme nicht, Des Vaters Rathſchlag nicht— nichts wird gehört, Denn es giebt nichts, als ein Vergeſſen nur, Staub und ein endlos Dunkel. Puötzlich ſchlugen die tiefen Toͤne der Orgel an mein Ohr, die mit doppelter und abermals doppel⸗ ter Kraft erſchollen, und ſich gleichſam in großen Wogen des Klanges daherwaͤlzten. Wie trefflich ſtimmt ihre Kraft und Groͤße mit dieſem maͤchtigen Gebaͤude zuſammen! Mit welchem Prunk ſchwellen 330 ſie in ſeinen gewaltigen Gewoͤlben an, verbreiten ihre erhabenen Harmonien durch dieſe Hoͤhlen des Todes, und machen das ſtille Grab klangreich!— Itzt ſteigen dieſe Toͤne in triumphirendem Zuſtroͤ⸗ men, erheben ihre wohlzuſammenſtimmenden Laute immer hoͤher und hoͤher, und thuͤrmen Ton auf Ton. — Itzt hoͤren ſie auf, und die ſanften Stimmen der Chorſaͤnger vereinigen ſich zu lieblichen Wellen der Melodie; ſie ſteigen empor und ſchwirren an der Decke hin, und ſcheinen in dieſen hohen Ge⸗ woͤlben wie die reinen Luͤfte des Himmels umherzu⸗ ſpielen. Und abermals erhebt die Orgel ihren alles durchdringenden Donner, draͤngt die Luft zum Klange zuſammen, und waͤlzt ihn fort auf die Seele.— Welche langgezogenen Halte! welche feierlich dahinſtroͤmenden Wohllaute! Itzt wird ſie immer kraͤftiger und maͤchtiger; ſie erfuͤllt das ge⸗ waltige Gebaͤude, und ſcheint die Mauern zerreißen zu wollen; das Ohr wird betaͤubt— die Sinne ſind uͤberwaͤltigt. Und itzt ſchwingt ſie ſich in vol⸗ lem Jubelton empor— erhebt ſich von der Erde zum Himmel— die Seele ſelbſt ſcheint, davon ge⸗ tragen auf dieſer reißenden Flut des Wohllauts, himmelan zu eilen! 3 Ich ſaß eine Zeitlang da, in die Art von Nachdenken verloren, in welche eine Muſik ſehr oft 4. 331 Jemanden verſetzt. Die Abendſchatten verdunkelten ſich allmaͤhlig um mich her; die Denkmale uͤberzo⸗ gen ſich mit einer immer dunkelern Faͤrbung, und der entfernte abermalige Ton der Glocke deutete den ſchwindenden Tag an. Ich ſtand auf und ſchickte mich an, die Abtei zu verlaſſen. Als ich die Stufen hinabſtieg, welche in das eigentliche Schiff des Gebaͤudes fuͤhren, fie⸗ len meine Augen auf den Schrein Eduard's des Bekenners, und ich ſtieg die kleine Treppe hinan, welche zu demſelben fuͤhrt, um von dort aus eines allgemeinen Ueberblicks uͤber dieſe Wildniß von Graͤ⸗ bern zu genießen. Der Schrein ſteht auf einer Art von Platform, und dicht darum her ſind die Graͤber mehrerer Ko⸗ nige und Koͤniginnen. Von dieſer Hoͤhe blickt das Auge, zwiſchen Pfeilern und Grabtrophaͤen hindurch, auf die Kapellen und die Raͤume hinunter, die mit Graͤbern angefuͤllt ſind, wo Krieger, Praͤlaten, Hof⸗ leute und Staatsmaͤnner in ihren„Betten der Dun⸗ kelheit“ ruhig ſchlummern. Dicht neben mir ſtand der große Kroͤnungsſtuhl, der in dem barbariſchen Geſchmack eines entfernten und Gothiſchen Zeital⸗ ters, roh aus Eichenholz geſchnitzt iſt*). Das *) Es iſt eigentlich der Krönungsſtuhl der Schotti⸗ ſchen Könige, den Eduard I. im J. 1297, nachdem er Jo⸗ 332 Ganze ſcheint beinahe wie mit theatraliſcher Kunſt ſo eingerichtet, als ob es einen tiefen Eindruck auf den Beſchauer hervorbringen ſollte. Hier war der Anfang und das Ende menſchlichen Prunkes und menſchlicher Macht deutlich zu ſehen: hier war, buch⸗ ſtaͤblich, nur ein Schritt vom Throne bis zum Grabe. Iſt es nicht, als ob dieſe unzuſammenhangenden Denkmale bloß deswegen zuſammengeſtellt waͤren, um der noch lebenden Groͤße eine Lehre zu geben?— um ihr, ſelbſt in dem Augenblicke ihres ſtolzeſten Selbſtgefuͤhls, zu zeigen, wie bald die Nichtachtung und Geringſchaͤtzung auch ihr zu Theil werde, wie bald ſie die Krone, welche ihre Stirn umgiebt, zu⸗ ruͤcklaſſen, ſich in den Staub und die Erniedri⸗ gung des Grabes dahinlegen, und von den Ge⸗ meinſten aus der Menge mit Fuͤßen treten laſ⸗ ſen muß. Denn ſeltſamerweiſe iſt ſelbſt das Grab hier nicht mehr ein Heiligthum. Es liegt ein em⸗ poͤrender leichter Sinn in einigen Gemuͤthern, wel⸗ cher ſie mit erhabenen und heiligen Dingen ihr Spiel treiben laͤßt; und es giebt niedrige Seelen, welche ſich fuͤr die veraͤchtliche Huldigung und die kriechende Unterwuͤrfigkeit, die ſie den Lebenden be⸗ zeigen, an den erlauchten Todten zu raͤchen ſuchen. hann Baliol, den König von Schottland, beſtegt, von Srone mit nach London brachte, und in der Abtei aufbewahren ließ. 333 Der Sarg Eduards des Bekenners iſt erbrochen, und man hat ſeinen Ueberbleibſeln ihre Leichenzierra⸗ then abgenommen; das Scepter iſt aus der Hand der gebietenden Eliſabeth geſtohlen, und das Bild Heinrich's des Fuͤnften liegt kopflos da. Es iſt nicht ein Denkmal der Koͤnige, das nicht Beweiſe lie⸗ ferte, wie heuchleriſch und voruͤbergehend die Hul⸗ digung der Menſchen iſt. Einige ſind beraubt, an⸗ dere verſtuͤmmelt, noch andere mit Unzuͤchtigkeiten und Spottreden beſchmiert— alle mehr oder we⸗ niger gemißhandelt und entehrt! Die letzten Strahlen des Tages fielen itzt ſchwach durch die bemalten Glasfenſter in den hohen Ge⸗ woͤlben uͤber mir; der untere Theil der Abtei war ſchon in die Dunkelheit des Zwielichts gehuͤllt. Die Kapellen und Seitengaͤnge wurden immer dunkler. Die Bilder der Koͤnige verſchwanden in Schatten, die Marmorgebilde auf den Denkmalen nahmen in dem ungewiſſen Licht ſonderbare Geſtalten an; der Abendwind wehte durch die kalten Seitengaͤnge wie Grabeshauch, und ſelbſt der entfernte Fußtritt des Kirchendieners, der durch den Dichterwinkel ging, hatte etwas Sonderbares und Unheimliches in ſei⸗ nem Schall. Ich trat langſam meinen Ruͤckweg an, und als ich aus dem Thor des Kreuzgangs trat, ſchloß ſich die Thuͤr mit einem knarrenden Geraͤuſch hinter mir, daß das ganze Gebaͤude davon wieder⸗ hallte. Ich bemuͤhte mich, die Gegenſtaͤnde, die ich ge⸗ ſehen hatte, in meinem Gemuͤthe etwas zu ordnen, 4 fand aber, daß ſie ſchon undeutlich und verworren geworden waren. Namen, Inſchriften, Siegeszei⸗ chen, Alles hatte ſich in meinem Gedaͤchtniß unter⸗ einander gemiſcht, obgleich ich kaum den Fuß uͤber die Schwelle geſetzt hatte. Was, dachte ich, iſt dieſe große Maſſe von Grabmaͤlern weiter, als eine Schatzkammer der Demuͤthigung, ein großer Haufe wiederholter Erbauungsreden uͤber die Nichtigkeit des Ruhms und die Gewißheit der Vergeſſenheit! Dieß iſt in der That das Reich des Todes, ſein großer Schattenpalaſt, wo er auf dem Throne ſitzt, der Ueberbleibſel menſchlicher Groͤße ſpottet, und Staub und Vergeſſen auf die Grabmaͤler der Fuͤr⸗ ſten ſtreut. Welch' ein leerer Prunk iſt doch am Ende die Unſterblichkeit eines Namens! Die Zeit wen⸗ det, unaufhoͤrlich, ſchweigend ihre Blaͤtter um; die Geſchichte der Gegenwart beſchaͤftigt unſere Auf— merkſamkeit zu ſehr, als daß wir an die Charakteer und Anekdoten denken ſollten, welche der Vergan⸗ genheit etwas Anziehendes geben, und jedes Jahr⸗ hundert iſt ein Band, welcher auf die Seite gewor⸗ fen wird, um ſtillſchweigend vergeſſen zu werden. ———— —,— 9 6 8* — 335 Der Goͤtze des Tages verdraͤngt den Helden von geſtern aus unſerm Gedaͤchtniß, und wird dagegen von ſeinem morgenden Nachfolger verdraͤngt.„Un⸗ ſere Vorvaͤter“, ſagt Sir Thomas Browne*):„fin⸗ den ihr Grab in unſerem kurzen Gedaͤchtniß, und lehren uns die traurige Wahrheit, wie wir wiederum in dem der Ueberlebenden werden begraben werden.“ Die Geſchichte verbleicht zur Fabel, Thatſachen wer⸗ den durch Zweifel und Beſtreitung verdunkelt, die Inſchrift verlöſcht von der Tafel, die Bildſaͤule ſtuͤrzt vom Fußgeſtelle. Saͤulen, Bogen, Pyrami⸗ den, was ſind ſie anderes, als Sandhaufen, und ihre Inſchriften, als Zuͤge, die in den Sand ge⸗ ſchrieben ſind? Was iſt die Sicherheit eines Gra⸗ bes,— die Dauer der Einbalſamirung? Die Ueber⸗ bleibſel Alexander's des Großen ſind in den Wind zerſtreut, und ſein leerer Sarkophag iſt itzt zur blo⸗ ßen Merkwuͤrdigkeit eines Muſeums geworden**). „Die aͤgyptiſchen Mumien, welche Cambyſes oder *) Ein ausgezeichneter Arzt und Alterthumsforſcher des ſtebenzehnten Jahrh., der beſonders durch ſein moraliſch⸗ mediciniſches Buch, religio Medici, bekannt geworden iſt. Dieſe Stellen ſind aber wahrſcheinlich aus ſeinem Werke Christian morals. Ueberſ. **) Die im Britiſchen Muſeum befindliche große Kufe von Syenit, welche man für den Sarkophag Alepander's ausgeben will. Ueberſ.. 336 die Zeit verſchont hatte, verbraucht itzt die Hab⸗ ſucht. Mizraim muß Wunder heilen und Pharao wird als Balſam verkauft.“”*) Was ſoll nun dieß Gebaͤude, das ſich itzt hoch uͤber meinem Haupte erhebt, davor ſichern, daß es das Schickſal maͤchtigerer Mauſoleen theile? Die Zeit wird kommen, wo die vergoldeten Gewoͤlbe, welche ſich itzt ſo kuͤhn erheben, in Truͤmmern un- ter den Fuͤßen der Wandelnden liegen werden, wo, ſtatt der Toͤne des Wohllauts und des Preiſes, der Wind durch die zertruͤmmerten Bogen pfeifen und die Eule von dem verfallenen Thurme ſchreien wird; — wo der freundliche Sonnenſtrahl in dieſe duͤſte⸗ ren Wohnungen des Todes hineinblicken, der Epheu ſich um die gefallene Saͤule ranken, und der Fuchs⸗ ſchwanz ſeine Bluͤthen um die namenloſe Todten⸗ urne ſchlingen wird, als ob er des Todten ſpotte. So geht der Menſch dahin; ſein Name verliert ſich aus dem Gedaͤchtniß und dem Andenken, ſeine Ge⸗ ſchichte iſt wie ein Maͤhrchen, das erzaͤhlt wird, und ſein Denkmal ſelbſt wird zur Truͤmmer. *) Sir T. Brown. Ende des erſten Theils. Gedruckt bei A. W. Schade in Berlin. l äuarnuann ſfſſſſf aaazauwaawanwadtrauauwaumxwawuwnananwunanmʒu 9 10 11 12 14 15 16 17 18 19 20 9