9 E 8— ₰ 2————₰— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und Jeſebedingungen.. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 3 „ 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3 3 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe binterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 3 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher:. 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mt. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „ 7„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zuruckſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defeecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſat des Ganzen verpflichtet. 4 7. Ausleihezeit. Sigſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. V— — 1 ——— — —y44— ——— ——— Er zaͤhlungen Waſhington Irwing; a u 8 dem Engliſchen uͤberſetzt von Dresden, in der Arnoldiſchen Buchhandlung⸗ 1 8 2 2. Vorwort. Nachſtehende Erzaͤhlungen ſind eine Auswahl aus dem Skizzenbuche(Sketch-Book), das Waſhington Irwing aus Neu⸗York, der ſich ſeit einigen Jahren in England auf⸗ hielt, im Jahr 1820 unter dem Nahmen Geoffroy Crayon in 2 Baͤnden herausgab. Dieſe Sammlung, die dem Verfaſſer ausge⸗ zeichneten Ruf erwarb, und bereits in der fuͤnften Ausgabe(London 1821) erſchien, ent⸗ haͤlt, außer den hier mitgetheilten Stuͤcken, einige anziehende Gemaͤhlde aus dem geſelli⸗ gen Leben in England, und einige Aufſaͤtze allgemeinern Inhalts, wovon einige bereits in teutſchen Zeitſchriften uͤberſetzt worden ſind. Alle zeichnen ſich durch geiſtreiche Auffaſſung 1 11 und hohen Reiz der Darſtellung aus. Fruͤher hatte der Verfaſſer in Neu⸗York eine humo⸗ riſtiſche Geſchichte ſeiner Heimath unter dem Titel: Knickerbocker's Humorous account of New-York, from the beginning of the world to the end of the dutch dynasty— herausgegeben, die ſpaͤter in England(Lon⸗ don 1820 und 1821) wieder aufgelegt ward. Seine neueſte Schrift, ein Roman: Brace- bridge-Hall, or the Humorists, iſt gleich⸗ falls mit großem Beifall aufgenommen wor⸗ den. Dresden, im Julius 4. 1822. Frauenlob. Die Schlaͤferhoͤhle. Daie Witwe und ihr Sohn. Rip Van Winkle. Der Braͤntigam, ein Geſpenſt. Frauenlob. —— —— 4 4 . Jo habe oft Gelegenheit gehabt, die Standhaftig⸗ keit zu beobachten, womit Frauen die druͤckendſten Gluͤckswechſel ertragen. Die Unfaͤlle, welche den Geiſt eines Mannes niederbeugen und ihn in den Staub werfen, ſcheinen alle Kraͤfte des ſanfteren Geſchlechts aufzurufen, und dem Gemuͤthe eine Unerſchrockenheit und Wuͤrde zu geben, die zuweilen an das Erhabene graͤnzt. Nichts kann ruͤhrender ſein, als der Anblick einer ſanften zaͤrtlichen Frau, die immer ſchwach und abhaͤngig war, jeder gemein unfreundlichen Behand⸗ lung ausgeſetzt, ſo lange ſie auf gluͤcklichem Lebens⸗ pfade wandelte, aber ploͤtzlich eine ſolche Staͤrke des Gemuͤthes erlangt, daß ſie ihren, vom Ungluͤcke ge⸗ beugten Gatten troͤſten und unterſtuͤtzen kann, und mit unverzagtem Muthe die haͤrteſten Stuͤrme des Mißgeſchickes ertraͤgt. 9 7 — 3— Wie die Rebe, die lange ihre zarken Zweige um die Eiche ſchlang, und von ihr zu dem Strahle der Sonne hinauf gehoben wurde, liebkoſend um das haͤrtere Gewaͤchs, das der Blitz geſpalten, ihre Ran⸗ ken windet, und deſſen herab geſchleuderte Zweige zuſammenhaͤlt; ſo hat es die Vorſehung ſchoͤn geord⸗ net, daß die Frau, die in des Mannes gluͤcklichern Stunden nur abhaͤngig von ihm und ein Schmuck ſeines Lebens iſt, ſeine Stuͤtze und ſein Troſt wird, wenn Truͤbſal ihn getroffen hat, und ſich in die rau⸗ heren Falten ſeines Weſens ſchmiegt, ſein ſinkendes Haupt liebevoll ſtuͤtzt und ſein gebrochenes Herz auf⸗ ſiichtet. 3 Ich pries einſt einen Freund gluͤcklich, der von bluͤhenden Kindern umgeben, und durch die ſtaͤrkſten Bande der Zuneigung mit den Seinigen verbun⸗ den war. Ich kann Ihnen, ſprach er begeiſtert, kein beſſe⸗ res Loos wuͤnſchen, als Weib und Kinder. Im Gluͤcke theilt man ihr Gluͤck und in andern Lagen gibt man Ihnen Troſt. Und es iſt wahr, ich habe es ſelber bemerkt, ein Gatte, der in Ungluͤck geraͤth, iſt leichter im Stan⸗ de, aus ſeiner Bedraͤngniß ſich zu retten; theils weil er durch die Beduͤrfniſſe der hilfloſen und geliebten Weſen, die nur von ihm ihren unterhalt erwarten koͤnnen, zu Anſtrengungen aufgeregt wird, haupt⸗ ſäͤchlich aber, weil haͤusliches Gluͤck ſeinen Geiſt be⸗ — — 9— ruhigt und aufrichtet, und weil ſeine Selbſtachtung lebendig bleibt, wenn er findet, daß es zwar aus⸗ waͤrts nur Finſterniß und Demuͤthigung fuͤr ihn gibt, aber daheim noch eine kleine Welt der Liebe iſt, worin er herrſcht. Der ledige Mann hingegen kann leicht ſich verleiten laſſen, in ein wuͤſtes Leben und Selbſtvernachlaͤſſigung zu gerathen, ſich fuͤr einſam und verlaſſen zu halten, und ſein Herz kann zu Grunde gehen, wie ein veroͤdetes Haus, weil es keinen Bewohner hat. Dieſe Bemerkungen erinnern mich an eine haͤus⸗ liche Geſchichte, wovon ich einſt Zeuge war. Mein ver⸗ trauter Freund, Leslie, hatte eine ſchoͤne und hoch gebildete Jungfrau geheirathet, die mitten in der feinen Welt aufgewachſen war. Sie hatte freilich kein Vermoͤgen, mein Freund war aber ſehr reich, und es begluͤckte ihn im Voraus der Gedanke, ihr in al⸗ len Wuͤnſchen, wozu die feinere Weltſitte reizt, ent⸗ gegen zu kommen, und alle jene zarten Neigungen und Launen zu befriedigen, die eine Art von Zauber uͤber die Frauen breiten.„Ihr Leben, ſrac er, ſoll wie ein Feenmaͤhrchen ſein.“ Selbſt die Verſchiedenheit ihrer beiderſeitigen Ge⸗ muͤthsart fuͤhrte zu einer eintraͤchtigen Verbindung. Er war von ſchwaͤrmeriſcher, faſt ernſter Stimmung, ſie ganz Leben und Froͤhlichkeit. Ich war oft Zeuge des ſtummen Entzuͤckens, womit er auf ſie in einer Geſellſchaft blickte, deren Freude ſie durch ihre Mun⸗ — 10— terkeit war, und wie ſie mitten unter den Aeuße⸗ te, als haͤtte ſie nur hier Gunſt und Billigung ge⸗ ſucht. An ſeinem Arme hangend, machte ihre zarte Geſtalt einen ſchoͤnen Gegenſatz mit dem hohen, kraͤf⸗ tigen Manne. Das liebevolle Vertrauen, womit ſie zu ihm hinauf blickte, ſchien eine Aufwallung von jubelndem Stolze und warmer Zaͤrtlichkeit in ihm zu erwecken, als ob er ſeine holde Buͤrde eben wegen ihrer Hilfloſigkeit geliebt haͤtte. Nie betrat ein Paar den blumigen Pfad einer fruͤhen, durch gluͤckliche Wahl geknuͤpften Ehe mit guͤnſtigern Ausſichten. Mein Freund hatte zum Ungluͤck ſein Vermoͤgen in großen Handelsunternehmungen auf's Spiel geſetzt, und kaum war er zwei Monate verheirathet, als er durch eine Reihe ploͤtzlicher Unfaͤlle ſeinen Reichthum verloren und ſich faſt in Duͤrftigkeit verſetzt ſah. Er hielt eine Zeitlang ſeine Lage geheim, und ging mit wildem Blicke, mit gebrochenem Herzen umher. Sein Leben war eine fortdauernde Todesangſt, die noch unertraͤglicher durch die Nothwendigkeit ward, in Ge⸗ genwart ſeiner Frau ein Laͤcheln in ſeine Zuͤge zu ru⸗ fen, da er ſich nicht entſchließen konnte, ſie durch die Nachricht niederzuwerfen. Sie ſah aber bald mit dem ſchnellen Blicke der Liebe, daß nicht alles gut mit ihm ſtand. Sein veraͤndertes Ausſehen und ſeine unterdruͤckten Seufzer waren ihr auffallend, und ſie ließ ſich, durch ſeine kraͤnklichen und matten Anſtren⸗ rungen des Beifalls ihr Auge immer auf ihn richte⸗ 4* — 11— gungen zur Heiterkeit, nicht taͤuſchen. Vergebens bot ſie ihre Munterkeit, ihre zaͤrtlichen Liebkoſungen auf, um ihn dem Gluͤcke wieder zu gewinnen; ſie druͤckte den Pfeil nur tiefer in ſeine Seele. Je mehr er ſah, wie viel Urſache er hatte, ſie zu lieben, deſto quaͤ⸗ lender war ihm der Gedanke, daß er ſie bald un⸗ gluͤcklich machen ſollte. Wie lange dauert es noch, dachte er, und das Laͤcheln verſchwindet von dieſer Wange, der Geſang erſtirbt auf dieſen Lippen, der Strahl dieſer Augen wird durch Kummer getruͤbt, und das Herz, das jetzt leicht in dieſem Buſen ſchlaͤgt, wird, wie das meinige, durch die Sorgen und den Jammer dieſer Welt niedergedruͤckt. Endlich kam er eines Tages zu mir, und mit dem Tone der tiefſten Verzweiflung entdeckte er mir ſeine ganze Lage. Als ich ihn angehoͤrt hatte, fragte ich: Und weiß ihre Frau alles dieß? Er brach in Thraͤnen aus.„Um Gottes Willen, ſprach er, wenn Sie Mitleid mit mir haben, ſo er⸗ innern Sie mich nicht an meine Frau; der Gedanke an die Ungluͤckliche bringt mich faſt zum Wahnſinn.“ Und warum ſollte ich's nicht? war meine Ant⸗ wort. Sie muß es doch fruͤher, oder ſpaͤter erfahren. Es laͤßt ſich ihr nicht verbergen, und die Nachricht könnte ihr auf eine ſchreckendere Weiſe mitgetheilt werden, als es aus dem Munde ihres Gatten geſche⸗ hen wuͤrde; denn die Stimme unſerer Lieben weiß die haͤrteſte Botſchaft zu mildern. Sie rauben ſich — 12— uͤberdieß den Troſt der Theiluahme ihrer Frau; ja Sie bringen das einzige Band in Gefahr, das Her⸗ zen zuſammen halten kann, eine aufrichtige Gemein⸗ ſchaft der Gedanken und Gefuͤhle. Ihre Frau wird bald errathen, daß Sie von einem geheimen Kum⸗ mer gedruͤckt werden, denn treue Liebe kann Zuruͤck⸗ haltung nicht ertragen, und ſie fuͤhlt ſich gering ge⸗ ſchaͤtzt und beleidigt, ſelbſt wenn die Leiden des Ge⸗ liebten vor ihr verhehlt werden. Aber, Freund, wenn ich daran denke, wie ich alle ihre Ausſichten in die Zukunft vernichten ſoll! Wie werde ich ihre Seele niederwerfen, wenn ich ihr ſage, daß ihr Mann ein Bettler iſt— daß ſie allem feinern Genuſſe des Lebens, allen geſellſchaftli⸗ chen Freuden entkſagen, und mit mir in Duͤrftigkeit und Verborgenheit zuruͤck treten muß. Ich ſoll ihr ſagen, daß ich ſie aus dem Kreiſe herausgezogen habe, worin ſie ſich noch lange glaͤnzend haͤtte bewe⸗ gen koͤnnen— jeden Blick erheiternd, und von jedem Herzen bewundert! Wie koͤnnte ſie die Armuth er⸗ tragen? Sie iſt unter allen Verfeinerungen aufge⸗ wachſen, die das Leben der Reichen erfreuen. Wie koͤnnte ſie Vernachlaͤſſigung ertragen? Sie war der Abgott der Welt. O es wird ihr das Herz brechen— das Herz wird's ihr brechen. Ich ſah, daß ſein Kummer ihn beredt machte, und ich ließ ihn ſich ergießen; denn der Gram er⸗ leichtert ſich durch Worte. Als die Aufwallung vor⸗ — 13— uͤber, und er wieder in finſtres Schweigen verſunken war, knuͤpfte ich das Geſpraͤch ſanft wieder an, und drang in ihn, ſeiner Frau auf einmahl ſeine Lage zu enthuͤllen. Er ſchuͤttelte traurig das Haupt, aber mit beſtimmter Weigerung. Und wie wollen Sie es ihr verhehlen? hob ich wieder an. Ihre Frau muß es erfahren, damit Sie die Maßregeln treffen koͤnnen, welche durch die Ver⸗ aͤnderung ihrer Lage nothwendig geworden ſind. Sie muͤſſen ihre Lebensweiſe aͤndern, fuhr ich fort, und als ich eine ſchmerzliche Regung in ſeinen Zuͤgen be⸗ merkte, ſetzte ich hinzu: Nein, laſſen Sie ſich dieß nicht betruͤben. Ich bin uͤberzeugt, Sie haben ihre Gluͤckſeligkeit nie in aͤußerm Glanze geſucht. Sie ha⸗ ben noch Freunde, warme Freunde, die nicht geringer von Ihnen denken werden, wenn Sie auch nicht mehr ſo glaͤnzend wohnen, und man braucht gewiß keinen Palaſt, um an Mariens Seite gluͤcklich zu leben. Ich koͤnnte mit ihr in einer Huͤtte gluͤcklich ſein, rief er lebhaft. Ich koͤnnte mit ihr in Duͤrftigkeit und in den Staub gehen— Ich koͤnnte es— ich koͤnnte es! Gott ſegne ſie! Gott ſegne ſie!, fuhr er fort, in einer Aufwallung von Kummer und Zaͤrt⸗ lichkeit. Und glauben Sie mir, mein Freund, ſprach ich, und faßte lebhaft ſeine Hand: glauben Sie mir, ihre Frau koͤnnte daſſelbe mit Ihnen. Ja noch mehr, ſie wird Stolz und Freude darin finden; es wird alle 6* — 14— verborgenen Kraͤfte, alle theilnehmenden Regungen ihres Weſens erwecken; denn ſie wird ſich freuen, Ihnen beweiſen zu koͤnnen, daß ihre Neigung zu Ih⸗ nen uneigennuͤtzig iſt. In jedem treuen Frauenherzen iſt ein Funke himmliſchen Feuers, der beim hellen Tageslichte des Gluͤckes ſchlummert; aber ſich ent⸗ zuͤndet, erhellt und lodert in der dunklen Stunde der Truͤbſal. Kein Mann weiß, was das Weib ſeines Herzens iſt, kein Mann weiß, wie ſie als ein hilf⸗ reicher Engel ſich zeigt, bis er mit ihr durch die Flammenprobe dieſer Welt gegangen iſt. Es war etwas in dem Ernſte meines Beneh⸗ mens und in meiner bilderreichen Sprache, das mei⸗ nes Freundes aufgeregte Seele ergriff. Ich wußte, wie er zu behandeln war, und den Eindruck benuz⸗ zend, den ich gemacht hatte, beredete ich ihn end lich, heim zu gehen, und ſein Herz vor ſeiner Frau zu entladen. Ich laͤugne es nicht, ich war, trotz allem, was ich geſagt hatte, ein wenig bange vor dem Erfolge. Wer kann auf die Standhaftigkeit einer Frau rech⸗ nen, deren ganzes Leben nur ein Kreis von Freu⸗ dengenuͤſſen war! Ihr froͤhlicher Sinn konnte, bei dem Anblicke des ploͤtzlich ſich vor ihr oͤffnenden Pfa⸗ des tiefer Erniedrigung, empoͤrt werden, und zu den ſonnigen Hoͤhen hinan ſtreben, wo er zeither ge⸗ ſchwelgt hatte. Im vornehmen Leben treffen uͤberdieß jeden, der zu Grunde gerichtet iſt, ſo viele ſchmerz⸗ liche Demuͤthigungen, wovon man in andern Lebens⸗ verhaͤltniſſen nichts weiß. Nicht ohne Bangigkeit ſah ich der Zuſammenkunft mit meinem Freunde am an⸗ dern Morgen entgegen. Er hatte ſeiner Frau alles entdeckt. Und wie ertrug ſie's? fragte ich, Wie ein Engel. Es ſchien faſt eine Erleichterung fuͤr ihre Seele zu ſein. Sie ſchlang ihre Arme um mich, und fragte, ob dieß alles waͤre, was mich in der letzten Zeit ſo ungluͤcklich gemacht haͤtte. Die Arme! fuͤgte er hinzu: ſie wird die Veraͤnderung nicht ins Werk ſetzen koͤnnen, der wir uns unterwer⸗ fen muͤſſen. Sie hat nur einen allgemeinen Begriff von der Armuth; ſie hat nur in Dichtungen davon geleſen, wo ſich die Liebe dazu geſellt. Bis jetzt fuͤhlt ſie noch keine Entbehrung, und hat noch nichts von den gewohnten Bequemlichkeiten und Annehm⸗ lichkeiten verloren; aber erfahren wir erſt die gemei⸗ nen Sorgen, die elenden Beduͤrfniſſe, die kleinlichen Demuͤthigungen der Armuth— dann erſt beginnt die wahre Pruͤfung. Aber das Schwerſte iſt uͤberſtanden, Sie haben es ihrer Frau eroͤffnet, und je eher Sie nun der Welt das Geheimniß mittheilen, deſto beſſer. Die Ent⸗ deckung mag wehe thun, aber es iſt nur ein einzel⸗ nes Ungluͤck und bald voruͤber, wogegen Sie ſonſt, im Vorgefuͤhl, es in jeder Stunde des Tages em⸗ pfinden. Es iſt nicht ſowohl die Armuth, als der * — 16— Schein der Durftigkeit, was einen herabgekommenen Menſchen quaͤlt; der Kampf zwiſchen einem ſtolzen Gemuͤthe und einem leeren Beutel, die Behauptung eines nichtigen Scheines, der bald verſchwinden muß. Haben Sie den Muth, ſich arm zu zeigen, und Sie rauben der Armuth den ſchaͤrfſten Stachel. Ich fand meinen Freund darauf vorbereitet. Fal⸗ ſcher Stolz war ihm ſelber fremd, und ſeiner Frau war es nur angelegen, ſich nach den veraͤnderten Gluͤcksumſtaͤnden einzurichten. Einige Tage nachher beſuchte Leslie mich am Abend. EEr hatte ſein Haus veraͤußert, und eine kleine laͤndliche Wohnung, einige Meilen von der Stadt, gewaͤhlt. Der ganze Tag war darauf gegangen, das Hausgeraͤthe hinaus zu ſchaffen, aber alles war ſehr einfach, da die neue haͤusliche Einrichtung wenig verlangte. Alles glaͤn⸗ zende Geraͤthe ſeiner letzten Wohnung war verkauft worden, ausgenommen die Harfe ſeiner Frau. Dieſe Harfe war zu innig mit dem Gedanken an ſie ſelber verbunden, ſie gehoͤrte zu einem Auftritte in der Geſchichte ihrer Liebe; denn es waren ſuͤße Augen⸗ blicke der Brautzeit geweſen, wo er, auf die Harfe ſich lehnend, den ſchmelzenden Toͤnen ihrer Stimme horchte. Ich mußte uͤber dieſen Beweis der ſchwaͤr⸗ meriſchen Liebelei eines zaͤrtlichen Ehemannes laͤcheln. Er war nun im Begriff, in die laͤndliche Woh⸗ nung zu gehen, wo ſeine Frau den ganzen Tag mit Einrichtungen beſchaͤftigt geweſen war. Mein Herz ——= — nahm lebhaften Antheil au der Entwickelung dieſer haͤuslichen Geſchichte, und der Abend war ſo ſchoͤn, daß ich meine Begleitung anbot.. Mein Freund war abgeſpannt von den Beſchwer⸗ den des Tages, und als wir voran gingen, fiel er in finſteres Sinnen.„Arme Marie!“ rief er end⸗ lich mit einem tiefen Seufzer. Nun, was iſt's denn mit ihr? fragte ich. Iſr ihr etwas zugeſtoßen? Wie! antwortete er mit einem unmuthigen Blik⸗ ke: iſt es denn nichts, in dieſe armſelige Lage ver⸗ ſetzt zu ſein, in eine elende Huͤtte eingeſperrt zu werden, und die geringſten Geſchaͤfte in einer ſolchen Wohnung verrichten zu muͤſſen? Hat ſie denn uͤber die Veraͤnderung gemurrt? Gemurrt? Sie war nur Sanſtmuth und Heiter⸗ keit. Wahrlich, ſie ſcheint beſſer geſtimmt zu ſein, als ich ſie je gekannt habe; ſie zeigte mir nur Liebe, Zaͤrtlichkeit und Troͤſtungen. Die herrliche Frau! rief ich. Sie nennen ſich arm, mein Freund? Nein, Sie waren nie ſo reich; Sie kannten nie den unendlichen Schatz von Treff⸗ lichkeit, den Sie in dieſer Frau beſaßen. O mein Freund, wenn nnur dieſe erſte Zuſam⸗ menkunft in der Huͤtte voruͤber waͤre, vielleicht koͤnn⸗ 2 — 18— te ich dann ruhiger ſein. Aber dieß iſt der erſte Tag, woo ſie eine wahre Lebenserfahrung macht; ſie iſt in eine geringe Wohnung getreten, ſie hat den ganzen Tag gearbeitet, die armſeligen Einrichtungen des Hauſes zu ordnen, ſie hat zum Erſtenmahl die er⸗ muͤdenden Beſchwerden haͤuslicher Arbeit empfunden, ſie hat ſich zum Erſtenmahl in einer Wohnung ge⸗ ſehen, die jeder Zierde, faſt jeder Bequemlichkeit er⸗ mangelt— und nun wird ſie da ſitzen, erſchoͤpft und muthlos, und uͤber die Ausſicht auf ein duͤrftiges Le⸗ ben ſchwermuͤthig nachdenken. Es war ſo viel Wahrſcheinlichkeit in dieſem Ge⸗ maͤhlde, daß ich nicht widerſprechen konnte, und wir gingen ſchweigend voran. Als wir von der Straße auf einem beſchatteten Waldpfad abgewichen waren, erblickten wir die Huͤt⸗ te. Sie war von e weſcheidenem Anſehen, daß ein Schaͤferdichter es nicht beſſer haͤtte wuͤnſchen koͤnnen, aber doch angenehm laͤndlich. Wilde Reben hatten eine Seite mit uͤppigem Laube bekleidet; einige Baͤu⸗ me ſtreckten ihre Zweige freundlich uͤber ihr Dach, und ich ſah einige Blumentoͤpfe, die vor der Thuͤre, auf einem Grasplatze geſchmackvoll geordnet waren. Ein Pföͤrtchen fuͤhrte auf einen Fußpfad, der durch Ge⸗ buͤſch zur Hausthuͤre leitete. Als wir uns naͤherten, hoͤrten wir Muſik. Leslie faßte meinen Arm. Wir blieben ſtehen und horchten. Mariens Stimme ſang 5— 19— mit der ruͤhrendſten Einfachheit ein Liedchen, das ih⸗ rem Manne beſonders lieb war. Leslie's Hand zitterte auf meinem Arm. Er ging vorwaͤrts, um genauer zu hoͤren, aber ſeine Schritte machten Geraͤuſch auf dem Kiesſand. Ein heiteres, ſchoͤnes Geſicht zeigte ſich am Fenſter und verſchwand ſogleich wieder; wir hoͤrten leichte Schrit⸗ te und Marie trippelte uns entgegen. Sie trug ein nettes weißes laͤndliches Kleid; Feldblumen waren in ihr ſchoͤnes Haar geflochten; eine friſche Bluͤte war auf ihren Wangen, und ihr ganzes Geſicht ſtrahlte von Laͤcheln. Ich hatte ſie nie ſo liebens⸗ wuͤrdig geſehen. Lieber Georg! rief ſie: wie froh bin ich, daß Du kommſt. Habe ich doch immer gewartet und ge⸗ wartet auf Dich, und bin den Grasplatz hinab ge⸗ laufen, um Dir entgegen zu ſehen. Ich habe einen Tiſch unter einen ſchoͤnen Baum hinter dem Hauſe geſtellt, und ich habe einige ganz köͤſtliche Erdbeeren gepfluͤckt, die Du ſo gern haſt, und wir haben ſo herrlichen Rahm, und alles iſt hier ſo ſuͤß und ſo ſtill. O! fuhr ſie fort, ſeinen Arm faſſend, und blickte ihm heiter ins Geſicht: wir werden hier ſo gluͤcklich ſein. Mein Freund konnte ſich nicht mehr halten. Er druͤckte ſie an ſeine Bruſt, umſchlang ſie mit ſeinen 8 2* — 20— Armen, kuͤßte ſie wieder und wieder, konnte nicht ſprechen, waͤhrend die Thraͤnen in ſeinen Augen ſtan⸗ den, und oft hat er mir ſeitdem verſichert, er haͤtte nie, wiewohl es ihm ſpaͤterhin ſehr wohl ging und ſein Leben begluͤckt war, ſo unausſprechliche Selig⸗ keit empfunden.. Die 8le.t. deh zte — ᷣꝛPP- 8 4* In einer der weiten Buchten, welche in das oͤſtli⸗ che Geſtade des Hudſon einlaufen, bei jener Ausbrei⸗ tung des Strombettes, die von den alten hollaͤndiſchen Seefahrern die Tappaan⸗See genannt wurde, wo ſie immer vorſichtig die Segel einzogen und den Schutz des heiligen Nikolas anriefen, wenn ſie uͤberfuhren— liegt ein kleiner Marktflecken, ein Havendorf, von Einigen Greensburgh genannt, gewoͤhnlich aber Tarry⸗ Town, das iſt Zauderſtadt hieß. Dieſen Nahmen ſollen in fruͤhern Zeiten die guten Hausfrauen in der Umgegend aufgebracht haben, weil unter ihren Maͤn⸗ nern die eingewurzelte Gin heit herrſchte, an Markt⸗ *tagen in der Darffeiſte zu zoͤgern. Sei dem wie ihm wolle, 3 rge die Thatſache nicht, ſondern auga bloß, um genau und glaubwuͤrdig zu ſein. Nicht weit, ungefahn anderthalb Stunden Weges, vom Dorfe, liegt ein kleines Thal, oder eigentlich ein Fleckchen Land zwiſchen hohen Pergen, eines der ru⸗ higſten Plaͤtzchen in der dunn Welt. Ein kleiner Bach durchfließt es, und murmelt gerade genug, je⸗ manden in Schlaf zu lullen, nur das gelegentliche Ppfeifen einer Wachtel, oder das Geſchrei eines — 24— Spechts, iſt faſt der einzige Ton, der je die zeinfore mige Ruhe unterbricht.. Ich erinnere mich, daß ich als Rnibs meinen erſten Verſuch in der Eichhornchen⸗ Jagd in einem Waͤldchen von hohen Wallnußbaͤumen machte, die eine Seite des Thales beſchatten. Ich war um die Mit⸗ tagszeit dahin gewandert, wo in der Natur eine eige⸗ ne Stille herrſcht, und ſtutzte uͤber den lauten Knall meiner Flinte, der die Sabbathſtille rings umher brach, und lange vom zuͤrnenden Widerhalle Zuruͤck⸗ geworfen wurde. Sollte ich je eine Zuflucht wuͤn⸗ 4. ſchen, wohin ich von der Welt und ihren Zerſtreu⸗ ungen mich zuruͤck ziehen koͤnnte, um den Ueber⸗ reſt eines bewegten Lebens ruhig zu vertraͤumen, ſo wuͤßte ich keines, das mehr Perpräche, 8* dieſes kleine Thal. Die unluſtige Ruhe des Ortes, und die eigene Gemüthsart ſeiner Bewohn die von den urſpruͤng⸗ lichen niedetlaͤndiſchen Anſiedlern abſtammen, haben 8 dem einſamen Thale lange den Nahmen Schlaͤfer⸗ hoͤhle erhalten, und die jungen Landleute, die es be⸗ wohnen, heißen uͤberall in der umgegend die claäͤ⸗* ferhoͤhlen⸗ Jungen. Ein ſchlafſuͤchtiger, traͤume⸗ riſcher Einfluß ſcheint dem Lande zu walten und ſelbſt die Luft zu durchdringen. Einige ſagen, ein teut⸗ ſcher Arzt haͤtte das Thal in der fruͤheſten Zeit der An⸗ ſiedelung bezaubert, Andre wollen, es haͤtte ein al⸗ ter Indigner⸗ Haͤuptling, der Wahrſager, oder Zau⸗ 1 verer ſeines Stammes, hier ſeine Kunſte getrieben, ehe Hudſon das Land entdeckte. So viel iſt ſicher, das Thal ſteht noch immer unter der Herrſchaft ei⸗ ner Zaubergewalt„ die ſo viel Einfluß uͤber die gu⸗ ten Leute ausuͤbt,. daß ſie in ſteter Traͤumerei um⸗* her gehen. Sie hangen an jeder Art von Wunder⸗ glauben; haben Verzuͤckungen und Geſichte, ſehen oft ſeltſame Erſcheinungen, hoͤren Muſik und Stim⸗ men in der Luft. Die ganze Umgegend iſt voll von oͤrtlichen Maͤhrchen, Spukgeſchichten und Zwielicht⸗ Aberglauben; Sternſchnuppen und Lufterſcheinungen ziehen oͤfter leuchtend uͤber das Thal, als in andern Theilen der Gegend, und der Alp mit ſeinem Ge⸗ folg ſcheint es zum Lieblingſchauplatze ſeiner Gauke⸗ leien erkohren zu haben. Der herrſchende Geiſt dieſes bezauberten Gebie⸗ tes aber, der Oberfeldherr gleichſam aller luftigen Maͤchte, iſt die Geſtalt eines Reiters ohne Kopf. Einige ſagen, es ſei der Geiſt eines heſſiſchen Rei⸗ kters, dem in irgend einem nahmenloſen Gefechte waͤhrend des Freiheittrieges eine Kanonenkugel den Kopf weggenommen, und der uun immerfort von den Landleuten geſehen wird, wie er bei naͤchtlichem* Dunkel, auf den Fluͤgeln des Windes dahin eilt. Sein Spuk iſt nicht auf das Thal beſchraͤnkt, und erſtreckt ſich zuweilen anf die nachbarlichen Stra⸗ en, und beſonders in die Gegend einer nicht weit entſernten Kirche. Die glaubſpuͤrdigſten Geſchicht⸗ — 26.— ſchreiber dieſer Gegenden, welche die zerſtreuten Sa⸗ gen uͤber dieſes Geſpenſt ſorgfaͤltig geſammelt und verglichen haben, melden allerdings, der Reiter, deſſen Leib auf dem Kirchhofe begraben worden, reite allnaͤchtlich auf das Schlachtſeld, um ſeinen Kopf zu ſuchen, und wenn er zupeilen, wie ein mitternaͤcht⸗ licher Windſtoß durch das Thal fahre, habe er ſich verſpaͤtet, und ſei eilig, den Kirchhof vor Tagesan⸗ bruch zu erreichen. Dieß iſt es, was der Aberglaube zu erzaͤhlen weiß, und was den Stoff zu mancher ſeltſamen Geſchichte in dieſem Schattengebiete gegeben zhat. An jedem laͤndlichen Heerd, in der ganzen Gegend iſt das Geſpenſt als der kopfloſe Reiter aus der Schlaͤferhoͤhle bekaunt. 3 Merkwuͤrdig iſt es, daß der erwaͤhnte Seher⸗ hang nicht bloß den eingebornen Bewohnern des Tha⸗ les eigen iſt, ſondern unbewußt von jedem eingeſo⸗ gen wird, der ſich eine Zeitlang darin aufhaͤlt. Wie munter er auch geweſen ſein mag, bevor er das ſchlaͤfrige Gebiet betrat, er wird gewiß in kurzer Zeit den bezaubernden Einfluß der Luft einathmen, traͤumeriſch werden, und Erſcheinungen ſehen. Ich will ubrigens dieſes friedlichen Plaͤtzchens mit allem moͤglichen Lobe erwäͤhnen; denn in dieſen abgelegenen niederlaͤndiſchen Thaͤlern, die man hier und da in dem großen Staate Neu⸗York findet, blei⸗ ben Bewohner, Sitten und Gebraͤuche unveraͤndert⸗ 2 — 27— waͤhrend der große Strom der Menſchenwanderung und der Veredlung, der ſo unablaͤſſige Veraͤnderun⸗ gen in andern Theilen dieſes raſtlos ſtrebenden Lan⸗ des hervorbringt, unbemerkt an ihnen voruͤber geht. Sie gleichen jenen kleinen Buchten ſtillen Waſſers, die an reißende Stroͤme graͤnzen, wo der Strohhalm und die Waſſerblaſe ruhig vor Anker liegen, oder langſam in der havenaͤhnlichen Bai ſich umdrehen, ungeſtoͤrt von der ungeſtuͤm voruͤberrauſchenden Flut. Viele Jahre ſind zwar verfloſſen, ſeit ich die einlul⸗ lenden Schatten der Schlaͤferhoͤhle betrat, aber ich glaube, noch immer wuͤrde ich dieſelben Baͤume und dieſelben Bewohner in dem geſchirmten Schoße des Thales ihr Scheinleben fortſetzen ſehen. In dieſem Schlupfwinkel der Natur wohnte, in einem fruͤhern Zeitraume der amerikaniſchen Geſchich⸗ te, das heißt, vor etwas mehr als dreißig Jahren, ein wackrer Mann, Nahmens Ichabod Kranich, wel⸗ cher in der Schlaͤferhoͤhle ſich aufhielt, oder wie er ſagte, verharrte, um die Kinder der Umwohner zu unterrichten. Er ſtammte aus Connecticut, einem Lande, das die vereinigten Staaten mit Erdgraͤbern fuͤr die Seele, wie fuͤr das Waldland verſorgt, und aͤhrlich ganze Schaaren von Foͤrſtern und Landſchul⸗ lehrern ausſendet. Der Nahme Kranich paßte nicht uͤbel zu ſeiner Geſtalt. Er war hoch gewachſen, aber ungemein ſchmaͤchtig, mit ſchmalen Schultern, langen Armen und Beinen, Haͤnden, die eine Meile aus ſeinen Aermeln baumelten, Fuͤßen, die zu Schaufeln haͤtten dienen koͤnnen, und dabei hing die ganze Ge⸗ ſtalt recht luͤderlich zuſammen. Sein Kopf war klein, und oben platt, mit ungeheuren Ohren, großen, gruͤ⸗ nen glaſigen Augen, einer langen ſpitzigen Schnepfen⸗ naſe, und das Ganze ſah aus, wie ein Wetterhahn, der auf dem Spindelhalſe ſaß, anzuſagen, woher der Wind kam. Wenn man ihn an einem windigen Tage laͤngs dem Rande eines Huͤgels hinſchreiten ſah, und die Kleider wie ein Sack um ihn flatterten, haͤtte man ihn fuͤr den Genius des Hungers halten koͤnnen, der auf die Erde hinab ſtieg, oder fuͤr einen, aus dem Felde entlaufenen Vogelſcheuch. Sein Schulhaus war ein niedriges Gebaͤude nit einem großen Zimmer, und nur plump aus Balken zuſammen geſetzt; die Fenſter theils von Glaſe, theils mit Blaͤttern alter Schreibebuͤcher verklebt. In Frei⸗ ſtunden verwahrte man das Gemach ſehr ſinnreich durch eine, in den Thuͤrgriff geflochtene Weiden⸗ ruthe, und Pfaͤhle, die gegen die Fenſterladen geſtellt waren. Ein Dieb haͤtte ſehr leicht herein kommen konnen, wuͤrde aber einige Schwierigkeit gefunden haben, wieder hinaus zu kommen. Das Schulhaus hat⸗ te eine einſame, aber ziemlich angenehme Lage, am Fuße eines waldigen Huͤgels, nahe an einem Bache, und war von einer ungeheuren Birke beſchattet. Man höoͤrte das dumpfe Gemurmel der Stimmen ſeiner Schuͤler, wenn ſie ihre Aufgaben lernten, an einem ſchlaͤfrigen Sommertage, wie das Summen eines Bienenſchwarmes, nur zuweilen unterbrochen von der Stimme des drohenden, oder befehlenden Lehrers, oder vielleicht von dem furchtbaren Tone der Ruthe, wenn er einen Faullenzer den blumigen Pfad der Wiſſenſchaft hinab trieb. Man muß es der Wahrheit gemaͤß geſtehen, er war ein gewiſſenhafter Mann, der immer an den goldnen Spruch dachte:„Spareſt du die Ruthe, ſo verhaͤtſchelſt du das Kind.“ Ichabod Kranich's Schuͤler wurden gewiß nicht verhaͤtſchelt. Denke man aber ja nicht, er haͤtte zu jenen grau⸗ ſamen Schulgebietern gehoͤrt, die am Schmerze der Unterthanen Freude finden; nein, er verwaltete die Gerechtigkeit eher mit gehoͤriger Unterſcheidung, als mit Strenge, nahm die Buͤrde von den Schultern des Schwachen und legte ſie dem Starken auf. Ein ſchwaͤchliches Knaͤblein, das ſchon beim Schwenken der Ruthe ſtampfte, ward nachſichtig behandelt; aber die Anſpruͤche der Gerechtigkeit wurden befriedigt, und eine doppelte Strafe erhielt der zaͤhe, querkoͤpfige, breite niederlaͤndiſche Bube, der trotzte und zuͤrnte, und muͤrriſch und tuͤckiſch unter der Ruthe wurde. Alles dieß nannte er, ſeine Pflicht fuͤr die Aeltern thun, und nie fuͤgte er eine Zuͤchtigung zu, ohne die, fuͤr den leidenden Knaben ſo troͤſtliche, Verſicherung hinzu zu fuͤgen, der Geſtrafte werde daran geden⸗ ken und es ihm danken ſein Lebelang. Nach den Schulſtunden war er ſogar der Ge ſahrte und Spielgeſell der groͤßern Knaben, und an Feier⸗ tagnachmittagen fuͤhrte er Kleinere heim, die huͤbſche Schweſtern hatten, oder deren Mutter einen erquik⸗ kenden Trunk zu reichen pflegten. Er war freilich in der Lage, mit ſeinen Schuͤlern auf gutem Fuße ſtehen zu muͤſſen. Seine Einkuͤnfte aus der Schule waren geringe, und wuͤrden ihm kaum das taͤgliche Brod gegeben haben, da er ein gewaltiger Eſſer war, und wenn auch ſchmaͤchtig, doch die Kraft hatte, ſich wie eine Anaconda auszudehnen; um ihm aber ſeinen Unterhalt zu erleichtern, erhielt er, nach der laͤndli⸗ chen Sitte in jenen Gegenden, in den Haͤuſern der Landleute, deren Kinder er unterrichtete, Koſt und Wohnung. So lebte er abwechſelnd eine Woche bei jedem, und machte die Runde in der Umgegend, mit ſeinen ſaͤmmtlichen Habſeligkeiten in einem baumwol⸗ lenen Tuche. 1 Er hatte verſchiedene Mittel, ſich nuͤtzlich und an⸗ genehm zu machen, damit die Koſten ſeiner Ernaͤh⸗ rung den Beuteln der laͤndlichen Goͤnner, die das Schulgeld fuͤr eine große Laſt und die Schulmeiſter fuͤr bloße Drohnen hielten, nicht zu ſchwer fallen ſollten. Zuweilen leiſtete er den Landleuten in leich⸗ ten wirthſchaftlichen Arbeiten Beiſtand, half beim Heumachen, beſſerte die Zaͤune aus, fuͤhrte die Pfer⸗ de in die Schwemme, trieb die Kuͤhe auf die Weide, und ſaͤgte Holz zur Winterfeuerung. Er legte ſeine ganze gebieteriſche Wuͤrde und unbeſchraͤnkte Herr⸗ 8 —— — — 31— ſchaft, womit er in ſeinem kleinen Reiche, der Schu⸗ le, waltete, bei Seite, und wurde zum Verwundern freundlich und einſchmeichelnd. In den Augen der Muͤtter fand er Gnade, wenn er die Kinder, zumahl die Juͤngſten, verhaͤtſchelte, und dem kuͤhnen Loͤwen gleich, der zuweilen ſo großmuͤthig das Lamm haͤlt, ſaß er oft mit einem Kinde ſtundenlang auf dem Knie und ſtieß mit dem Fuße an eine Wiege. Außer ſeinen andern Berufgeſchaͤften, war er Singmeiſter der umgegend, und mancher blanke Schilling wurde fuͤr den Unterricht im Pſalmenſin⸗ gen eingeſtrichen. Er bildete ſich nicht wenig ein, wenn 1 er an Sonntagen mit einer Anzahl erleſener Saͤnger ſeinen Platz dem Chore gegenuͤber nahm, wo er nach ſeiner Meinung einen vollſtaͤndigen Sieg uͤber den Pfarrer davon trug. So viel iſt gewiß, ſeine Stimme uͤberſchrie jede andre in der Verſammlung, und man hoͤrt in dieſer Kirche noch ganz eigene Be⸗ * belaute, die man eine Viertelſtunde weit, auf der 8. aandern Seite des Muͤhlenteiches, an einem ſtillen Sonntagmorgen vernimmt, und fuͤr rechtmaͤßige Ab⸗ koͤmmlinge aus Ichabod Kranich's Naſe haͤlt. So konnte es, durch verſchiedene Mittelchen, die zu den ſinnreichen Bemuͤhungen gehoͤren, welche man ge⸗ woͤhnlich ſo oder ſo nennt, dem wuͤrdigen Schul⸗ mann gelingen, ſich leidlich durchzuhelfen, und wer nicht wußte, was es mit Kopfarbeit zu ſagen hat, meinte, er muͤßte ſich ungemein wohl befinden. — 32— Der Schulmeiſter gilt in der Regel gewoͤhnlich fuͤr einen ziemlich wichtigen Mann in dem weibli⸗ chen Kreiſe der Dorfbewohner, und man haͤlt ihn fuͤr ein Stuͤck von einem geſchaͤftloſen Vornehmen, der den rohen Bauerburſchen an Geſchmack und Geiſt unendlich uberlegen iſt, und in Gelehrſamkeit nur dem Pfarrer nachſteht. Seine Erſcheinung macht daher eine ungewoͤhnliche Bewegung am Theetiſche in ei⸗ nem Pachterhauſe, und es wird ein Teller mit Ku⸗ chen, oder Zuckerwerk mehr aufgetiſcht, oder viel⸗ leicht gar mit der ſilbernen Theekanne geprahlt. Unſer Gelehrter hatte daher ein beſonderes Gluͤck, die laͤchelnden Blicke aller Landmaͤdchen auf ſich zu ziehen. Wie glaͤnzte er unter ihnen auf dem Kirch⸗ hofe an Sonntagen! Da pfluͤckte er ihnen bald Trau⸗ ben von den wilden Reben, die ſich um die umſte⸗ henden Baͤume ſchlangen, las zu ihrer Unterhaltung alle Grabſchriften auf den Leichenſteinen, oder ſchlen⸗ derte mit einem ganzen Schwarme laͤngs dem Muͤhlen⸗ teiche, waͤhrend die bloͤderen Landtoͤlpel ſchuͤchtern nach⸗ ſchlichen, ſeine hoͤhere Feinheit und Geſchicklichkeit beneidend. 3 Bei ſeiner, faſt unſeßhaften Lebensweiſe war er eine Art von wandernder Zeitung, und trug den gan⸗ zen Vorrath von Klatſchgeſchichten der Umgegend von Haus zu Haus, weßhalb denn ſeine Erſcheinung im⸗ mer ſehr willkommen war. Die Weiber achteten ihn uͤberdieß als einen Mann von großer Gelehrſamkeit, —— da er mehre Buͤcher von Anfang bis zu Ende ge⸗ leſen hatte, und Cotton Mather's Geſchichte der Hexerei in Neu⸗England vollkommen inne hat⸗ te, woran er, beilaͤufig geſagt, ſteif und feſt glaubte. Er war in der That eine ſeltſame Miſchung von etwas Verſchlagenheit und einfaͤltiger Leichtglaͤubig⸗ keit, Seine Gier nach dem Wunderbaren war eben ſo außerordentlich, als die Kraft, womit er es ver⸗ daute, und beide waren waͤhrend ſeines Aufenthaltes in dem bezauberten Gebiete gewachſen. Kein Maͤhr⸗ chen war zu plump, zu ungeheuer fuͤr ſeinen geraͤu⸗ migen Magen, das er nicht leicht verſchlungen haͤtte. Nachmittags nach der Schulſtunde machte er ſich oft die Freude, ſich auf dem uͤppigen Kleefelde auszuſtrek⸗ ken, am Ufer des Baͤchleins, das neben ſeinem Schulhauſe hinab rieſelte, und dann in Mather's furchtbare Geſchichten ſich zu vertiefen, bis beim an⸗ brechenden Abenddunkel die Buchſtaben wie ein Nebel vor ſeinen Augen ſchwammen. Ging er dann durch Sumpf und Strom und fruchtbare Waldung zu dem Meierhofe, wo er gerade ſeinen Wohnſitz hatte, ſo reg⸗ te jeder Laut in dieſer bezauberten Stunde ſeine Fanta⸗ ſie auf; der Klageton des Uipp⸗pur⸗will*) vom Ge⸗ birge, das vorbedeutende Geſchrei der Baumkrote, der Botinn des Sturmes; der furchtbare Ruf der — nOᷣ—:ͤ *) Ein Vogel, der nur in der Nacht ſich hören läßt, und von dem Tone ſeines Rufes den Nahmen hat. 35 Nachteule, oder das ploͤtzliche Geraͤuſch der Voͤgel im Dickig, die in ihren Neſtern aufgeſchreckt waren. Auch die Feuerfliegen, die zuweilen in den dunkelſten Stel⸗ len hell funkelten, erſchreckten ihn, wenn eine unge⸗ woͤhnlich glaͤnzende uͤber ſeinen Pfad flog, und wenn zufaͤllig ein maͤchtiger dummer Roßkaͤfer zu taͤppiſch auf ihn ſtieß, ſo wollte der arme Mann ſeinen Geiſt aufgeben, beſorgt, er haͤtte ein Hexenmaal bekom⸗ men. Kein anderes Mittel, die Gedanken zu unter⸗ druͤcken, oder die boͤſen Geiſter zu verjagen, fiel ihm bei ſolchen Gelegenheiten ein, als Pſalmen anzuſtim⸗ men, und wenn die guten Leute in der Schlaͤferhoͤhle Abends vor ihren Thuͤren ſaßen, wurden ſie oft von Furcht ergriffen, bei dem Schall ſeiner lang gezoge⸗ nen Naſentoͤne, die von einem entfernten Hägel, oder von der duͤſtern Straße herkamen. Eine andre Quelle von ſchaurigem Vergnuͤgen war es fuͤr ihn, die langen Winterabende bei den alten niederlaͤndiſchen Weibern zuzubringen, wenn ſie ſpin⸗ nend am Feuer ſaßen und eine Reihe gebratener Aepfel auf dem Heerde ſprudelte. Er horchte dann auf ihre wunderbaren Geſchichten von Geiſtern und Kobolden, von verwuͤnſchten Feldern, Baͤchen, Bruͤk⸗ ken und Haͤuſern, wo Geſpenſter umgingen, und be⸗ ſonders von dem kopfloſen Reiter, oder dem gallopi⸗ renden Heſſen aus der Hoͤhle, wie man ihn zuweilen nannte. Sie hingegen hoͤrten mit eben ſo großem Vergnuͤgen auf ſeine Geſchichten von Zauberkuͤnſten, furchtbaren Vorbedeutungen und unheilverkuͤndenden Zeichen und Toͤnen in der Luft, wovon man in fruͤ⸗ hern Zeiten in Connecticut viel zu reden wußte, und er ſetzte ſie in jaͤmmerliches Schrecken, wenn er ſeine Betrachtungen uͤber Kometen und Sternſchnuppen mittheilte, und von dem beunruhigenden Umſtande ſprach, daß die Welt ſich wirklich umdrehte, und die Menſchen ihr halbes Leben lang Burzelbaͤume machten. War alles dieß angenehm, wenn er ſich behag⸗ lich am Kamine in einer Stube waͤrmte, wo das kni⸗ ſternde Feuer einen rothlichen Glanz verbreitete, und gewiß kein Geſpenſt ſich zu zeigen wagte, ſo wurde es theuer erkauft durch die Beaͤngſtigungen, die ihn auf dem Heimwege verfolgten. Welche furchtbaren Geſtalten und Schatten ſeinen Pfad beſetzten bei dem truͤben, grauſigen Schimmer einer ſchneeigen Nacht! Mit welchem ſehnſuchtvollem Blicke ſah er auf jeden zitternden Lichtſtrahl, der aus einem entfernten Fen⸗ ſter uͤber das oͤde Gefilde ſich ergoß! Wie oft er⸗ ſchreckte ihn ein beſchneiter Buſch, der, wie ein weiß verhuͤlltes Geſpenſt, mitten auf ſeinem Pfade ſich erhob! Wie oft erbebte er, vor Furcht erſtarrend, bei dem Tone fſeiner eigenen Tritte auf der Froſtdecke des Bodens, und ſcheute ſich, uͤber ſeine Schulter zu blicken, um nicht irgend ein ſeltſames Weſen zu ſehen, das dicht hinter ihm ſchreiten konnte! Wie oft war er außer ſich vor Schrecken, wenn er bei einem * 3 Windſtoße, der heulend durch die Baͤume fuhr, den Heſſen zu hoͤren glaubte, der auf ſeinem naͤchtlichen Streifzuge daher ſprengte.. Doch alles dieß waren nur naͤchtliche Schreckniſſe, Spukgeſtalten, welche die im Finſtern wandelnde Seele faßten, und wiewohl er viele Geſpenſter in ſeinem Leben geſehen hatte, und mehr als einmahl auf ſeinen einſamen Wanderungen vom Satan in verſchiedenen Geſtalten war angefallen worden, ſo machte doch der Tag allen Uebeln ein Ende, und er wuͤrde, trotz dem Teufel und ſeinen Werken, ein fioh⸗ liches Leben gefuͤhrt haben, wenn nicht ſeinen Pfad ein Weſen durchkreuzt haͤtte, das die Menſchen mehr verwirret, als Geſpenſter, Kobolde, und die ganze Sippſchaft aller Heren zuſammen, und dieß war— ein Weib. Unter den Schuͤlerinnen, die einmahl woͤchentlich Unterricht im Pſalmenſingen erhielten, war Katharina Van Taſſel, das einzige Kind eines angeſehenen nie⸗ derlaͤndiſchen Gutsbeſitzers. Sie war ein bluͤhendes Maͤdchen, kaum achtzehn Jahre alt, fleiſchig wie ein Rebhuhn, reif, ſchmelzend und roſenwangig, wie eine, von ihres Vaters Pfirſchen, und allgemein be⸗ ruͤhmt, nicht bloß ihrer Reize, ſondern auch ihrer großen Ausſichten wegen. Sie war bei dem allen ein bischen gefallſuͤchtig, was ſelbſt ihr Anzug ver⸗ rieth, der ein Gemiſch von alter und neuer Sitte war, wie es am beſten paßte, ihre Reize hervor zu heben. Sie trug die Zierrathen von reinem Golde, die ihre Uraͤltermutter aus Saardam mitgebracht hat⸗ te; den verfuͤhriſchen Bruſtlatz aus der alten Zeit, und dazu ein recht aͤrgerlich kurzes Roͤckchen, um den huͤbſcheſten Fuß und Knoͤchel zu zeigen, die man in der ganzen Gegend nicht beſſer ſah. Ichabod Kranich's weiches Herz war ganz ver⸗ narrt in die Weiber, und nicht zu verwundern iſt es, daß ein ſo lockender Biſſen bald Gnade in ſeinen Au⸗ gen fand, beſonders als er ihres Vaters Haus beſucht hatte. Der alte Baldus Van Taſſel war ein voll⸗ kommenes Bild eines gedeihlichen, zufriedenen und edelherzigen Landmannes. Er ließ freilich ſeine Au⸗ gen ſelten uͤber die Graͤnzen ſeines Landgutes hinaus gehen, aber innerhalb dieſer Graͤnzen war alles be⸗ haglich, gluͤcklich und wohl eingerichtet. Er war zu⸗ frieden mit ſeiner Wohlhabenheit, aber nicht ſtolz darauf, und wußte ſich mehr mit dem tuͤchtigen Ueber⸗ fluſſe, den er beſaß, als mit ſeiner Lebensweiſe. Sein Sitz lag am Ufer des Hudſon, auf einem jener gruͤnen, wohl geſchirmten, fruchtbaren Fleckchen, wo die niederlaͤndiſchen Landbauer ſo gern ſich einniſten. Das Haus wurde von den breiten maͤchtigen Zweigen eines alten Ulmbaumes uͤberſchattet, an deſſen Fuß ein Quell des mildeſten und ſuͤßeſten Waſſers ent⸗ ſprang, in einen Brunnen, der aus einer Tonne ge⸗ macht war, ſprudelte, und dann ſchimmernd durch das Gras zu einem nahen Bache ſich ſtahl, der ge⸗ — 38— ſchwaͤtzig zwiſchen Fliederbuͤſchen und Zwergweiden hinab rann. Dicht bei dem Wohnhauſe ſtand eine große Scheune, die zu einer Kirche haͤtte dienen koͤn⸗ nen, wo aus jedem Fenſter und jeder Spalte die Schätze der Meierei hervor zu dringen ſchienen. Hier ſchallte von Morgen bis in die Nacht der geſchaͤftige Dreſchſlegel; Schwalben ſtrichen zwitſchernd laͤngs der 3 Traufe, und auf dem Dache ſonnten ſich Reihen von Tauben, wovon einige mit einem Auge aufblickten, als haͤtten ſie das Wetter beobachtet, andre den Kopf unter den Fluͤgeln, oder auf der Bruſt verbargen, andre ſich aufblaͤhten, girrten und zu ihren Weibche en ſich buͤkten. Glatte, ungelenke Maſtſchweine grunz⸗ ten bei Ruhe und Ueberfluß in ihren Behaͤltniſſen, woraus zuweilen Haufen von Spanferkeln kamen, als haͤtten ſie Luft ſchoͤpfen wollen. Eine ſtattliche Schaar ſchneeweißer Gaͤnſe ſchwamm in einem nahen Teiche, und geleitete ganze Geſchwader von Aenten; Heere von Putern ſtrotzten durch den Hof, und Perlhuͤhner gingen unruhig hin und her, wie keifende Haus⸗ frauen, mit ihrem muͤrriſchen, verdruͤßlichen Geſchrei. Vor dem Scheunenthore ſtrotzte der verliebte Hahn, das Muſter eines Ehemannes, eines Kriegers und eines freien Herrn, ſeine glaͤnzenden Fluͤgel ſchlagend, im Stolz und in der Freude ſeines Herzens kraͤhend, und zuweilen die Erde aufkratzend, worauf er denn groß⸗ muͤthig die immer hungrigen Weiber und Kinder her⸗ bei rief, ſich des entdeckten koſtlichen Biſſens zu freuen. Dem Schulmanne waͤſſerte der Mund, als er auf dieſe herrliche Verheißung einer uͤppigen Winterkoſt blickte. Vor den Augen ſeiner gierigen Seele ſtan⸗ den ſchon alle Spanferkel gebraten mit einem Kloß im Bauche und einem Apfel im Maule; die Tau⸗ ben wurden wohlverwahrt in eine nette Paſtete ge⸗ bettet, und mit einer Teigrinde bedeckt; die Gaͤn⸗ ſe ſchwammen in ihrem eigenen Fette, und die Aen⸗ ten lagen paarweiſe in den Schuͤſſeln, wie traulich verbundene Gatten, mit einer gehoͤrigen Zuthat von Zwiebelbruͤhe. Aus den Maſtſchweinen ſah er ſchon die glatte Speckſeite und den ſaftigen, ſchmackhaften Dchinken geſchnitten; jeder Truthahn, lecker zugerich⸗ tet, mit dem Magen unter dem Fluͤgel, und wohl auch mit einem Halsbande von köſtlichen Bratwuͤr⸗ ſten, und ſelbſt der glaͤnzende Hahn lag in einer Ne⸗ benſchuͤſſel zappelnd auf dem Ruͤcken, mit aufgeho⸗ benen Klauen, als haͤtte er um die Schonung gebe⸗ ten, die ſein ritterlicher Geiſt bei Lebzeiten zu erbit⸗ ten verſchmaͤhte. Als dieſe Bilder vor Ichabod's entzuͤckter Seele ſtanden, als er ſeine großen gruͤnen Augen uͤber die fetten Wieſenaͤcker, die reichen Felder mit Weizen, Roggen, Buchweizen und Mais rollen ließ, und die mit goldgelben Fruͤchten beladenen Obſtgaͤrten betrach⸗ tete, die Van Taſſel's freundliche Beſitzung umgaben, verlangte ſein Herz nach der Jungfrau, welche dieſe Guͤter erben ſollte, und ſeine Seele erhob ſich bei — 40— dem Gedanken, wie ſchnell ſie ſich verſilbern, und ſuͤr das Geld ungeheure oͤde Landſtriche und Schin⸗ delpalaͤſte in der Wildniß ankaufen ließen. Ja, ſchon hatte ſeine geſchaͤftige Seele dieſe Hoffnungen belebt, und er ſah die bluhende Katharina mit einem Haͤuf⸗ lein von Kindern oben auf einem, mit Hausgeraͤthe beladenen Wagen, woran Toͤpfe und Keſſel baumel⸗ ten, und ſich ſelber auf einer gemaͤchlich ſchreiten⸗ den Stutte, mit einem nachziehenden Fuͤllen, um nach Kentucky, Teneſſee, oder Gott weiß wohin, zu wandern. Er betrat das Haus, und die Eroberung ſeines Herzens war vollendet. Es war eines von jenen ge⸗ raͤumigen Bauernhaͤuſern, mit hoch zugeſpitzten, aber tief herab hangenden Daͤchern, nach der, von den erſten niedérlaͤndiſchen Anſiedlern abſtammenden Bau⸗ art. Die weit uͤberhangende Traufe bildete eine Vorlaube, laͤngs der Vorderſeite, die bei ſchlechtem Wetter verſchloſſen werden konnte. Hier hingen Dreſchflegel, Pferdegeſchirr, verſchiedene landwirth⸗ ſchaftliche Geraͤthe, und Netze zum Fiſchen im nahen Fluſſe. Baͤnke waren auf den Seiten fuͤr den Som⸗ mer angebracht; ein großes Spinnrad an dem einen Ende, und ein Butterfaß am andern, zeigten„ von welchem vielfachen Nutzen dieſer Gang ſein konnte. Aus dieſer Vorlaube trat der ſtaunende Ichabod in den Saal, der die Mitte des Hauſes bildete und der gewoͤhnliche Aufenthalt der Bewohner war. Rei⸗ — 41— hen von glaͤnzendem Zinn, auf einem langen An⸗ richtetiſche aufgeſtellt, blendeten ſeine Augen. In einer Ecke ſtand ein ungeheurer Sack mit Wolle zum Spinnen, in der andern Beiderwand*) friſch vom Webeſtuhle; Maiskolben und Schnuͤre von getrock⸗ neten Aepfeln und Pfirſchen hingen, mit rothen Pfefferkoͤrnern aufgeputzt, munter laͤngs den Waͤnden. Durch die halb offene Thuͤre blickte Ichabod in die Putzſtube, wo Stuͤhle mit Klauenfuͤßen und dunkle Mahogani⸗Tiſche wie Spiegel glaͤnzten, Feuerboͤcke nebſt Schaufeln und Zangen ſchimmerten unter ih⸗ rer Decke von Spargelkoͤpfen; kuͤnſtliche Pomeranzen und Muſchelſchalen ſchmuͤckten den Kaminſims, Schnuͤ⸗ re von vielfarbigen Vogeleiern waren daruͤber auf⸗ gehaͤngt; ein großes Straußei hing in des Zimmers Mitte, und ein abſichtlich offen gelaſſener Schenk⸗ tiſch in der Ecke zeigte unermeßliche Schaͤtze von gl⸗ tem Silber und wohl geflicktem Porzellan. Es war um Ichabod's Seelenfrieden geſchehen, als er ſeinen Blick in dieſes Gebiet der Wonne gewor⸗ fen hatte, und ſein einziges Trachten war nun da⸗ hin gerichtet, die Zuneigung der unvergleichlichen Katharina zu gewinnen. Bei dieſem Unternehmen fand er jedoch groͤßere Schwierigkeiten, als gewoͤhn⸗ lich vor Zeiten einem irrenden Ritter zufielen, der ————— *) Zeug aus Flachs und Wolle, Tiritaine. — 42— meiſt nur mit Rieſen, Zauberern, feurigen Drachen und aͤhnlichen leicht beſiegbaren Gegnern zu kaͤmpfen und ſich bloß durch eiſerne und eherne Pforten, durch Demantmauern den Weg zu dem Burgthurm zu bah⸗ nen hatte, wo die Gebieterinn ſeines Herzens ge⸗ fangen ſaß, und hatte er dieß ſo⸗ leicht vollbracht, als man eine Paſtete bis in die Mitte durchbohrt, ſo erhielt er, wie ſich verſteht, des Fraͤuleins Hand. Ichabod aber mußte den Weg zu dem Herzen eines gefallſuͤchtigen liebelnden Landmaͤdchens finden, wo er in einen Irrgang von Thorheiten und Grillen kam, die immer neue Schwierigkeiten und Hinder⸗ niſſe zeigten, er hatte es mit einem Heere furcht⸗ barer Gegner von Fleiſch und Blut aufzunehmen, den zahlloſen laͤndlichen Anbetern, die jeden Zugang zu ihrem Herzen beſetzten, mit einem wachſamen und unmuthigen Auge einander bewachten, aber immer bereit waren, die gemeinſame Sache gegen jeden neuen Mitwerber zu verfechten. Unter dieſen Freiern war Niemand ſo furchtbar, als ein ungeſchlachter, laͤrmender, prahleriſcher Ge⸗ ſell, Nahmens Abraham, oder— nach hollaͤndiſcher Abkuͤrzung— Brom Van Brunt; der Held der Um⸗ gegend, von deſſen Staͤrke und Kuͤhnheit man ſich viele Geſchichten zu erzaͤhlen wußte. Er war breitſchul⸗ terig und von ſtarkem Knochenbau, mit kurzem, krau⸗ ſen ſchwarzen Haare, und einem barſchen, aber nicht unangenehmen Geſichte, deſſen Ausdruck eine Mi⸗ — 43— ſchung von Kurzweil und Uebermuth war. Seine Rie⸗ ſengeſtalt und große Staͤrke hatten zu dem Spott⸗ nahmen Knochen⸗Brom Anlaß gegeben, worun⸗ ter er allgemein bekannt war. Man ruͤhmte ſeine un⸗ gemeine Kunſt und Geſchicklichkeit im Reiten, und in der That ſaß er zu Pferd, wie ein Tatar. Bei jedem Wettrennen und Hahnenkampfe war er an der Spitze, und bei der Ueberlegenheit, die Leibes⸗ ſtaͤrke immer unter dem Landvolke gewinnt, ward er in allen Streitigkeiten zum Schiedsrichter berufen, wobei er dann ſeinen Hut auf ein Ohr ſetzte, und ſeine Entſcheidungen mit einer Miene und einem Tone gab, wogegen weder Widerſpruch, noch Be⸗ ruſung ſtatt fand. Er war immer bereit zum Fech⸗ ten, wie zu einem Spaße; mehr zu Poſſen, als zu boshaften Streichen geneigt, und bei aller hochfah⸗ renden Grobheit war doch ein ſtarker Zug von muth⸗ williger guter Laune in ſeinem Weſen. Mit drei oder vier munteren Geſellen, die ihr Muſter in ihm ſahen, durchſtreifte er die Gegend, und fehlte nir⸗ gend meilenweit umher, wo es Streit, oder Kurz⸗ weil gab. Bei kaltem Wetter trug er eine Pelz⸗ kappe mit einem prunkenden Fuchsſchwanze, und wenn die verſammelten Landleute dieſen wohl be⸗ kannten Helmbuſch in der Ferne unter einem Haufen raſcher Reiter flattern ſahen, erwarteten ſie immer ein Ungewitter. Zuweilen hoͤrte man ſeine Notte um Mitternacht mit lautem Geſchrei, wie einen 2— 44— Schwarm Koſaken, vor den Wohnungen der Landleu⸗ te voruͤber fliegen, und wenn die alten Weiber, aus dem Schlafe aufgeſchreckt, eine Weile gehorcht hat⸗ ten, bis das Getoͤſe voruͤber war, riefen ſie aus: O das iſt Knochen⸗Brom mit ſeiner Bande! Die Nachbarn betrachteten ihn zugleich mit Furcht, Be⸗ wunderung und Wohlwollen, und wenn irgend ein toller Streich, oder eine Zaͤnkerei in der Gegend vorfiel, ſchuͤttelten ſie immer die Koͤpfe, und wette⸗ ten, Knochen⸗Brom haͤtte die Hand im Spiele. Dieſer wilde Held hatte eine Zeitlang die bluͤ⸗ hende Katharina zum Gegenſtande ſeiner ungeſchlach⸗ ten Liebewerbung auserſehen, und obgleich ſeine ver⸗ liebten Taͤndeleien zuweilen den Schmeicheleien und Liebkoſungen eines Baͤrs glichen, ſo wurde doch gemunkelt, ſie haͤtte ſeine Hoffnungen nicht ganz niedergeſchlagen. So viel iſt gewiß, ſeine Bewer⸗ bungen waren fuͤr ſeine Nebenbuhler die Loſung zum Ruͤckzuge, da Niemand Luſt hatte, einen Loͤwen in ſeiner Liebe zu ſtoͤren, und wenn an einem Sonn⸗ tagabende ſein Pferd an Van Taſſel's Zaun gebun⸗ den war, ein Zeichen, daß der Reiter im Hauſe liebelte, ſo gingen alle andern Werber troſtlos vor⸗ uͤber, um einen andern Kampfplatz zu ſuchen. Dieß war der furchtbare Nebenbuhler, mit welchem Ichabod Kranich zu ſtreiten hatte, und al⸗ les erwogen, wuͤrde ein ruͤſtigerer Mann, als er war, von der Bewerbung ſich haben abſchrecken laſ⸗ — 45— ſen, und ein kluͤgerer Mann untroͤſtlich geworden ſein. Es lag jedoch eine ſo gluͤckliche Miſchung von Geſchmeidigkeit und Ausdauer in ſeinem Weſen; er war in Geſtalt und Geiſt dem fuͤgſamen Grauthier⸗ chen gleich, nachgiebig, aber zaͤh, bog ſich, aber brach nie, und kruͤmmte er ſich auch unter dem leichteſten Drucke, ſo war's doch kaum vorbei, und er ſtand ſo aufrecht und trug den Kopf ſo hoch, als je zuvor. Es waͤre Wahnſinn geweſen, in offenen Kampf mit einem Nebenbuhler zu treten, der ſich in ſeiner Liebe ſo wenig in die Queere kommen ließ, als der ſtuͤrmiſche Liebhaber, Achill. Ichabod machte ſeine Bewerbungen auf eine ſtille, freundlich einſchmei⸗ chelnde Weiſe. Unter dem Deckmantel ſeines Sing⸗ meiſterberufes gab er haͤufige Beſuche auf dem Gute, wiewohl er gar nichts von der zudringlichen Einmi⸗ ſchung der Angehoͤrigen zu fuͤrchten hatte, die ſo oft ein Stein des Anſtoßes auf dem Wege der Liebenden iſt. Baldus Van Taſſel war ein leutſeliger, nach⸗ ſichtiger Mann; er liebte ſeine Tochter noch mehr als ſelbſt ſeine Pfeife, und ließ, als verſtaͤndiger Mann und trefflicher Vater, ihr in allen Dingen ihren Willen. Sein ſorgſames Weibchen hatte voll⸗ auf zu thun, ihr Hausweſen in Ordnung zu halten, uns ihr Federvieh zu warten; denn, wie ſie weislich bemerkte, Aenten und Gaͤnſe ſind naͤrriſche Dinger und fodern Aufſicht, Maͤdchen aber koͤnnen fuͤr ſich ſelber ſorgen. Waͤhrend die geſchaͤftige Hausfrau im — 46— Innern ihren Verkehr hatte, oder an dem einen Ende der Vorlaube ihr Spinnrad trieb, ſaß der ehrliche Baldus am andern mit ſeinem Abendpfeif⸗ chen, und beobachtete die Leiſtungen eines hoͤlzernen Kriegsmaͤnnleins, welches, mit einem Schwert in jeder Hand, auf der Zinne der Scheune ſehr tapfer gegen den Wind kaͤmpfte. Ichabod machte unterdeſ⸗ ſen ſeine Bewerbungen bei der Tochter am Quell un⸗ ter der großen Ulme, oder ſchlenderte im Zwielicht umher, in jener Zeit, die der Beredſamkeit des Lie⸗ benden ſo guͤnſtig iſt. Ich geſtehe, es iſt mir unbekannt, wie man um Welberherzen wirbt und ſie gewinnt. Fuͤr mich ſind ſie ſtets Raͤthſel und Gegenſtaͤnde der Bewunderung geweſen. Einige ſcheinen nur eine verwundbare Stelle, nur einen Eingang zu haben, waͤhrend andre tauſend Zugaͤnge haben und auf tauſenderlei Art ge⸗ nommen werden koͤnnen. Es iſt ein großer Sieg der Geſchicklichkeit, jene zu gewinnen, aber noch ein weit groͤßerer Beweis von Feldherrnkunſt, ſich im Beſitze der letzten zu behaupten, da der Inhaber der Veſte an jedem Thore und Fenſter kaͤmpfen muß. Wer tauſend gewoͤhnliche Herzen gewinnt, hat daher auf einigen Ruhm Anſpruch, wer aber eine unbeſtrittene Herrſchaft uͤber das Herz eines gefallſuͤchtigen Maͤd⸗ chens behauptet, iſt wahrhaft ein Held. Dieß war ſicherlich nicht der Fall bei dem furchtbaren Knochen⸗ Brom, und von dem Augenblicke, wo Ichabod Kra⸗ 8 — ſͤſͤſͤ * nich ſeine Bewerbungen begann, nahm Abraham's Anſehen ſichtbar ab; ſein Pferd wurde nicht an Sonn⸗ tagabenden am Zann geſehen, und es entſtand all⸗ maͤhlig eine Todfeindſchaft zwiſchen ihm und dem Schulmeiſter der Schlaͤferhoͤhle. Knochen⸗Brom, in deſſen Weſen etwas von ro⸗ her Ritterlichkeit lag, haͤtte die Sache gern zum offe⸗ nen Kriege gebracht, und ihre beiderſeitigen Anſpruͤche auf die Jungfrau nach der Sitte jener ſehr buͤndigen und einfachen Vernuͤnftler, der irrenden Ritter der Vorzeit, durch einen Zweikampf, ausgeglichen; Icha⸗ bod aber kannte zu gut die uͤberlegene Macht ſeines Widerſachers, als daß er gegen ihn in die Schranken haͤtte treten moͤgen. Hatte doch Knochen⸗Brom ſich geruͤhmt, er wollte den Schulmeiſter ſehr unſanft bet⸗ ten, und dieſer war zu vorſichrbig, ſeinem Gegner dazu einen Anlaß zu geben. Dem Raufbold war dieſe hartnaͤckige Friedensneigung hoͤchſt aͤrgerlich, und es blieb ihm nichts uͤbrig, als ſeinem baͤuriſchen Muth⸗ willen Raum zu geben und ſeinem Nebenbuhler einige derbe Schalkſtreiche zu ſpielen. Ichabod wurde nun der Gegenſtand der eigenſinnigen Verfolgung Abra⸗ hams und ſeiner wilden Geſellen. Sie quaͤlten des Schulmeiſters zeither ſo friedſames Gebiet; trieben durch Verſtopfung des Schornſteins den Rauch in ſeine Singſchule, brachen zur Nachtzeit in ſeine Schul⸗ ſtube, trotz der furchtbaren Befeſtigungen mit Wei⸗ denruthen und Fenſterſtaͤben, und machten eine ſolche — 48— Verwirrung, daß der arme Schulmeiſter faſt glaubte, alle Hexen in der ganzen Gegend waͤren da zuſam⸗ men gekommen, und was noch quaͤlender war, Kno⸗ chen⸗Brom ergriff jede Gelegenheit, ihn in Gegen⸗ wart der geliebten Katharina laͤcherlich zu machen, und hatte einen ſchelmiſchen Hund, der abgerichtet war, auf die ſpaßhafteſte Art zu winſeln, und ſich als Ichabod's Nebenbuhler einfuͤhrte, um ſie im Pſalmſingen zu unterrichten. Auf dieſe Art ging die Sache eine Zeitlang fort, ohne auf die gegenſeitige Lage der ſtreitenden Par⸗ teien weſentlichen Einfluß zu haben. An einem ſchoͤ⸗ nen Herbſtnachmittage ſaß Ichabod gedankenvoll auf dem hohen Stuhle, wo er gewoͤhnlich alle Angelegen heiten ſeines kleinen gelehrten Gebietes beſorgte. Er ſchwang in der Hand eine Ruthe, das Zepter ſeiner Herrſcherwillkühr; das Birkenreis der Gerechtigkeit aber lag auf drei Naͤgeln, hinter dem Throne, ein 4 ſtetes Schrecken der Uebelthaͤter, waͤhrend vor ihm auf dem Tiſche verſchiedene, bei den kleinen Schele men gefundene, unerlaubte Dinge und verbotene Waffen lagen, wie halb abgefreſſene Aepfel, Klatſch⸗ buͤchſen, Kreiſel, Fliegenkaͤfige, und ganze Schwaͤrme von papiernen Kampfhaͤhnen. Wahrſcheinlich war ſo eben eine abſchreckende Handlung der Gerechtigkeit ausgeuͤbt worden, da jeder Schuͤler emſig auf ſeine Buͤcher ſah, oder, ein Auge auf den Lehrer heftend, ſchlan mit ſeinem Hintermanne fliſterte, und es herrſchte eine gewiſſe ſummende Stille in der Schul⸗ ſtube. Ploͤtzlich ward die Ruhe unterbrochen durch die Ankunft eines Negers in einem Wamms von Packlinnen und Pumphoſen, einem rundlichen Hut⸗ bruchſtuͤcke, einer Merkurkappe gleich, der auf einem zottigen, wilden, halb zugerittenen Fuͤllen ritt, das er mit einem Stricke, ſtatt der Halfter, lenk⸗ te. Er kam vor die Thuͤre des Schulhauſes, mit der Einladung an Ichabod, einer froͤhlichen Zuſam⸗ menkunft an dieſem Abend in Van Taſſels Hauſe beizuwohnen. Als er dieſen Auftrag mit der wich⸗ tigen Miene und dem Streben nach ſchoͤnen Worten, wodurch ein Neger bei ſolchen Botſchaften ſich aus⸗ zuzeichnen ſucht, ausgerichtet hatte, ſetzte er uͤber den Bach, und eilte ins Thal, ſtolz auf die wich⸗ tige und eilige Sendung. Alles war nun in Aufſtand und Unruhe im fruͤher ſo ruhigen Schulhauſe. Die Schuͤler wur⸗ den durch ihre Aufgaben gehetzt, ohne bei Kleinig⸗ keiten ſich aufzuhalten; die Hurtigen kamen faſt oh⸗ ne Strafe weg, wenn ſie einen Bock machten, und die langſamen wurden von Zeit zu Zeit durch einen Rippenſtoß getrieben, um ſie zur Eile zu reizen, oder uͤber ein ſchweres Wort hinaus zu helfen. Die Buͤ⸗ cher wurden auf die Seite geworfen, ohne ſie auf die Simſe zu ſtellen; Dintenfaͤſſer umgeſtoßen, Baͤn⸗ ke umgeworfen, und eine Stunde vor der gewoͤhn⸗ lichen Zeit die Scyuͤler entlaſſen, die wie ein 4 Schwarm junger Bienen hervor brachen, ſchreiend und laͤrmend uͤber ihre fruͤhe Befreiung. Der verliebte Ichabod widmete wenigſtens eine halbe Stunde mehr ſeinem Putze, buͤrſtete und putz⸗ te ſeinen beſten, und in der That ſeinen einzigen, ſchon abgenutzten ſchwarzen Anzug, und machte ſeine Haare zurecht vor einem Spiegelbruchſtuͤke, das in der Schulſtube hing. Er borgte, um vor ſeiner Ge⸗ liebten recht herrenmaͤßig zu erſcheinen, ein Pferd von dem Landmanne, bei welchem er wohnte, einem zaͤhzornigen alten Hollaͤnder, Nahmens Hans Van Nipper, und alſo wacker beritten, brach er auf, wie ein irrender Ritter, Abenteuer zu ſuchen. Es ziemt ſich jedoch, nach dem echten Geiſte der roman⸗ riſchen Erzaͤhlung, von dem Ausſehen und der Aus⸗ ruͤſtung meines Helden und ſeines Roſſes eine Be⸗ ſchreibung zu geben. Sein Pferd war ein abgenutz⸗ ter Ackergaul, der faſt alles uͤberlebt hatte, bis auf ſeine Fehler. Es war duͤrr und zottig, hatte einen Hals, wie ein Schaaf, und einen Kopf, wie ein Hammer; ſeine Maͤhne und ſein Schweif, von roſtfarbigem Anſehen, waren verwirrt und mit Kletten beſetzt; * das eine Auge nie ie Sehkraft verloren und glaͤnz⸗ a te geſpeuſtiſch, das andere aber ſtrahlte, wie vom Teufel belebt. Zu ſeiner Zeit mochte es feurig und muthvoll genug geweſen ſein, wie ſein Nahme, Schießpulver, anzudeuten ſchien. Es war einſt der Liebling ſeines Herrn, des heftigen Van Rip⸗ per, geweſen, der ein wilder Reiter war, und ohne Zweiſel dem Thiere etwas von ſeinem Geiſte mit⸗ getheilt hatte, denn ſo alt und abgenutzt es ausſah, es hatte doch mehr Teufelsnatur, als irgend ein junges Fuͤllen im Lande. Ichabod's Geſtalt paßte zu ſeinem Reitthier. Er hatte kurze Steigbugel, die ſeine Kniee beinahe bis an den Sattelknopf brachten; ſeine ſpitzigen El⸗ bogen ſtanden hervor, wie Heupferdbeine; er hielt ſeine Gerte ſteif in der Hand, wie ein Zepter, und als ſein Pferd ſich fortbewegte, klappten ſeine Arme, wie Fluͤgel. Ein kleiner Filzhut ruhte auf der Naſenwurzel, wie man den knappen Streif von einer Stirne wohl nennen konnte, und die Schoͤße ſeines ſchwarzen Rockes flatterten beinahe bis zu dem Schweife des Pferdes hinab. So ſah man Ichabod und ſein Roß, als ſie aus Van Ripper's Thore ſperrbeinig hervor ſchritten, und es war wohl eine Erſcheinung, wie man ſie ſelten bei hellem Tages⸗ lichte erblickt. Der Himmel war an dem ſchoͤnen Herbſttage klar und heiter, und die Natur trug das koſtbare, gold⸗ ne Gewand, das wir immer mit dem Gedanken an Ueberfluß verbinden. Die Waͤlder hatten ihr. be⸗ ſcheidenes Braun und Gelb angelegt, aber einige zar⸗ tere Baͤume, vom Froſte angegriffen, ſchon hochgelb, purpurfarbig und ſcharlachroth. Lange Reihen von wilden Aenten ließen ſich in der Luft ſehen; das 4* — 52— Geſchrei des Eichhoͤrnchens ward laut in den Waͤld⸗ chen von Buchen und Wallnußbaͤumen*) und das ſinnende Pfeifen der Wachtel zuweilen im nahen Stoppelfelde. Die kleinern Voͤgel nahmen ihr Abſchiedsmahl. In ihrem Jubel flatterten, zirpten und ſcherzten ſie von Buſch zu Buſch, von Baum zu Baum, und waren eigenſinnig, gerade weil ſie ſo viel Ueber⸗ fluß und Abwechſelung rings umher fanden. Da war das ehrliche Rothkehlchen, welchem Knaben ſo gern nachſtellen, mit ſeinem lauten Geſange; die zwit⸗ ſchernden Amſeln, in ganzen Schwaͤrmen ſtiegend, der goldbeſchwingte Specht mit ſeinem rothen Helm⸗ buſche, ſeinem breiten ſchwarzen Halsbande, und glaͤnzenden Gefieder; der Ceder⸗Vogel mit roth ber⸗— tupften Fluͤgeln und gelb betupftem Schwanze, und ſeiner Federhaube, und die blaue Aelſter, das laͤr⸗ mende Naͤrrchen mit ſeinem hellblauen Roͤckchen und weißen Unterkleidern, alle ſchreiend und ſchwatzend, nickend und neckend und neigend, und Alle ſchienen in gutem Vernehmen mit jedem Dalbſänger ſtehen zu wollen. Als Ichabod langſam ſeinen Weg trabte, ſchwaͤrmte ſein Auge, das fuͤr alle Art von koſtbaren Ueberfluſſe immer offen war, mit Wonne uͤber die 4) Der weiße amerikaniſche Wallnußbaum— Juglans alba⸗ — 53— A Schaͤtze des froͤhlichen Herbſtes. Ueberall ſah er un⸗ ermeßliche Vorraͤthe von Aepfeln; einige noch auf den ſchwer beladenen Baͤumen, andere in Koͤrben und Faͤſſern fuͤr den Markt geſammelt, andere fuͤr die Obſtweinpreſſe in große Haufen aufgethuͤrmt. Weiter ſah er große Maisfelder, deren goldne Kol⸗ ben aus der Blatthuͤlle hervor blickten und Kuchen und Kloͤßer verſprachen; unter ihnen lagen die gel⸗ ben Kuͤrbiſſe, die ihre glatten runden Baͤuche der Sonne zuwendeten und die koͤſtlichſten Paſteten ver⸗ hießen. Hier und da ſah er Buchweizenfelder, die wie ein Bienenkorb dufteten, und bei dieſem Anblik⸗ ke beſchlich ihn eine ſuͤße Ahnung von leckeren Ku⸗ chen, mit Butter beſtrichen, und mit Honig, oder Spyrup belegt von Katharina's kleiner Gruͤbchenhand. So fuͤtterte er ſeine Seele mit ſuͤßen Gedanken und gezuckerten Hoffnungen, waͤhrend er laͤngs einer Hugelreihe ritt, die auf einige der reizendſten Land⸗ ſchaften am Ufer des maͤchtigen Hudſon hinab ſchaute. Die Sonne waͤlzte ihre breite Scheibe allmaͤhlig zum Abendhimmel hinab. Der weite Buſen der Tappaan⸗ See lag wie ein glatter Spiegel, nur daß hier und da ein leiſer Wellenſchlag den blauen Schatten des fernen Gebirges bewegte und verlaͤngerte. Einige gelbliche Woͤllchen ſchwammen am Himmel, ohne daß ein Lufthauch ſie bewegt haͤtte. Allmaͤhlig ver⸗ wandelte ſich die ſchöne Goldfarbe des Himmelsran⸗ des in ein reines Apfelgruͤn und verſchwamm dann — 34— in das dunkle Blau der Himmelsmitte. Ein ſchraͤger Sonnenſtrahl weilte auf den waldigen Haͤuptern der ſteilen Hoͤhen, welche an einigen Stellen uͤber den Strom herab hingen und gab dem duͤſtern Grau und Purpur ihrer felſigen Seiten einen tiefern Farben⸗ ton. Eine Schaluppe zoͤgerte in der Ferne, langſam mit der Flut hinab fahrend, mit unnuͤtz herab han⸗ gendem Segel, und da der Widerſchein des Him⸗ mels auf dem ſtillen Waſſer glaͤnzte, ſchien das Fahr⸗ zeug wie in der Luft zu hangen. Der Abend brach an, als Ichabod in Van Taſ⸗ ſels Schloſſe ankam„ wo er den Stolz und die Blu⸗ me der Nachbarſchaft verſammelt fand. Alte Land⸗ leute, ein abgelebtes Geſchlecht, mit ledernen Ge⸗ ſichtern, in Roͤcken und Beinkleidern von geringem Zeuge, blauén Struͤmpfen und ungeheuren Schuhen mit praͤchtigen zinnernen Schnallen. Ihre muntern abgewelkten Weibchen in enge gefaͤltelten Hauben, kurzen Kleidern mit langen Leibchen, ſelbſt geſponne⸗ nen Roͤcken, worauf Scheere und Nadelkiſſen nebſt Taſchen von buntem Zitz hingen. Flinke Maͤdchen, beinahe ſo veraltet als ihre Muͤtter, ausgenommen, wo ein Strohhut, ein ſchoͤnes Band, oder vielleicht ein weißes Kleid, ſtaͤdtiſche Neuerung verriethen. Die Soͤhne in kurzen breitſchoͤßigen Roͤcken, mit un⸗ geheuren meſſingenen Knoͤpfen beſetzt, und das Haar, nach damahliger Sitte, in einen Zopf gebunden, zu⸗ mahl wenn man ſich dazu eine Aalhaut hatte ver⸗ — 55— ſchaffen koͤnnen, die man im ganzen Lande fuͤr ein, den Haarwuchs kraͤftig foͤrderndes Mittel hielt. Knochen⸗Brom aber war der Held des Feſtes. Er war auf ſeinem Lieblingspferde, Nahmens Trotz⸗ teufel, gekommen, einem Thier, das, wie er ſelber, voll Muth und Schadenfrende war, und von ihm allein ſich baͤndigen ließ. Es war bekannt, daß er boſe Pferde vorzog, die durch ihre Tuͤcke den Reiter ſtets halsbrechenden Gefahren ausſetzen, und ein lenkſames, gut zugerittenes Thier hielt er eines muthvollen Burſchen unwuͤrdig. Gern wollte ich die Neize ſchildern, die dem entzuͤckten Blicke meines Helden entgegen kamen, als er in Van Taſſels Prunkzimmer trat; nicht die Reize einer Schaar flinker Dirnen, in der uͤppigen Fuͤlle ihrer roth und weißen Geſichter; aber den lockenden Ueberfluß eines echt hollaͤndiſchen Theetiſches in der Fuͤlle der Herbſtzeit. Wie viele hochbeladene Schuͤſ⸗ ſeln mit Kuchen von allen und faſt unbeſchreiblichen Arten, die nur allein einer erfahrenen hollaͤndiſchen Wirthinn bekannt ſind! Da ſah man ſtattliche Wind⸗ beutel, zartere Oelkuchen, muͤrbes broͤckelndes Back⸗ werk, ſuͤße Kuchen und kurze Ingwerkuchen und Ho⸗ nigkuchen, kurz die ganze Kuchenſippſchaft. Auch fehlten nicht Paſteten von Aepfeln, von Pfirſchen und Kuͤrbiſſen; Schnittchen von Schinken und ge⸗ raͤuchertem Rindfleiſche, koͤſtliche Schuͤſſeln von ein⸗ emachten Pflaumen, Pfirſchen, Birnen und Quit⸗ ten; nicht zu erwaͤhnen geſottene Eilſe und gebratene Haͤhnchen, mit Naͤpfen voll Milch und Rahm, alles unter einander wie Kraut und Ruͤben„ oder beinahe wie ich's aufgezaͤhlt habe, ſammt der hausmutterli⸗ chen Theekanne, die mitten auf dem Tiſche ihre Dampfwolken aufſteigen ließ. Lieber Himmel! es fehlt mir an Athem und Zeit, das Gaſtmahl nach Verdienſt zu beſchreiben, ſo eilig bin ich, mit mei⸗ ner Geſchichte weiter zu kommen. Ichabod aber war zum Gluͤcke nicht ſo eilig, als ſein Geſchichtſchreiber, und ließ jedem Leckerbiſſen volles Recht widerfahren. Er war gutmuͤthig und nicht undankbar; ſein Herz wurde weiter, je mehr er ſich mit guter Leibes⸗ nahrung fuͤllte, und wie bei einigen Menſchen das Trinken, ſo erregte bei ihm das Eſſen die Lebens⸗ geiſter. Er konnte ſich nicht enthalten, beim Eſſen ſeine großen Augen umher rollen zu laſſen, und heim⸗ lich ſich der Moͤglichkeit zu freuen, daß all dieſe, faſt undenkliche Fuͤlle und Herrlichkeit einſt ſein werden ſollte. Wie ſchnell wollte er dann ſeinem alten Schul⸗ hauſe den Ruͤcken zuwenden; wie wollte er dem Hans Van Ripper und jedem andern filzigen Goͤnner ein Schnippchen ſchlagen, und jeden wandernden Schulmeiſter, der ihn Kamerad nennen wollte, aus der Thuͤre werfen! Deer alte Baldus Van Taſſel bewegte ſich unter ſeinen Gaͤſten, mit einem Geſichte, das Zufriedenheit und gute Laune ſo rund und froͤhlich als den Herbſt⸗ mond machten. Seine gaſtfreundlichen Aufmerkſam⸗ keiten waren nicht umſtaͤndlich, aber ausdruckvoll, und beſchraͤnkten ſich auf einen Druck der Hand, einen Schlag auf die Schulter, ein lautes Auflachen und eine dringende Einladung, zuzulangen und ſich zu bedienen. Die Muſik rief nun zum Tanze. Der Spiel⸗ mann war ein alter graukoͤpfiger Neger, der ſeit mehr als funfzig Jahren das wandernde Orcheſter der Umgegend geweſen war. Seine Geige war ſo alt und abgenutzt, als er ſelber, und waͤhrend er auf zwei, oder drei Saiten kratzte, begleitete er je⸗ den Bogenſtrich mit einer Bewegung des Kopfes, buͤckte ſich faſt bis auf die Erde, und ſtampfte mit dem Fuße, ſo oft ein neues Paar anfangen mußte. Ichabod bildete ſich ſo viel auf ſein Tanzen ein, als auf ſeine Stimme. Nicht ein Glied, nicht eine Fiber an ihm war muͤſſig, und ſah man ſeine ſchlot⸗ terige Geſtalt in voller Bewegung im Zimmer umher ſchwirren, ſo glaubte man Sankt Veit, den Schutz⸗ heiligen des Tanzes, ſelbſt vor ſich zu ſehen. Er ward bewundert von allen Negern, welche zahlreich, Alt und Jung, vom Gute und aus der Nachbarſchaft herbei gekommen waren, und nun an jeder Thuͤre und jedem Fenſter eine Pyramide von glaͤnzenden ſchwarzen Geſichtern bildeten, mit Entzuͤcken dem Schauſpiele zufahen, ihre weißen Augaͤpfel rollten und zaͤhnbleckende Elfenbeinreihen von einem Ohre zum andern ſehen ließen. Wie haͤtte der Knabenpeit⸗ ſcher anders als lebendig und froͤhlich ſein koͤnnen? Die Herrinn ſeines Herzens tanzte ja mit ihm, und erwiederte ſein zaͤrtliches Liebaͤugeln mit holdſeligem Lächeln, waͤhrend Knochen⸗Brom, von Liebe und Eiferſucht heftig bewegt, für ſich bruͤtend in einer Ecke ſaß.—— Als der Tanz zu Ende war, wurde Ichabod zu dem Haͤuſlein der verſtaͤndigen Leute gezogen, die mit dem alten Van Taſſel am Ende der Vorlaube eine Pfeife rauchten, von alten Zeiten ſchwatzten und an langen Geſchichten vom Kriege zerrten. Dieſe Gegend war um die Zeit, wovon ich re⸗ de, einer der hoch beguͤnſtigten Oerter, die reich an Sagen und großen Maͤnnern waren. Die britiſchen und amerikaniſchen Kriegsvoͤlker hatten ſich in der Naͤhe geſchlagen, und dieſer Bezirk war daher der Schauplatz von Raͤubereien geweſen, und von Fluͤcht⸗ lingen, von Hirtenbuben und von Graͤnzritterthum aller Art beunruhigt worden. Es war gerade Zeit genug verfloſſen, daß jeder Erzaͤhler ſein Geſchicht⸗ chen mit gebuͤhrender Dichtung aufſtutzen und bei der Unbeſtimmtheit ſeiner Erinnerung ſich ſelber zum Helden aller Thaten machen konnte. So erzaͤhlte man von Doffue Martling, einem dicken blaubaͤrtigen Hollaͤnder, der beinahe eine eng⸗ liſche Fregatte mit einem alten eiſernen Neunpfuͤnd⸗ ner von einer Lehm⸗Bruſtwehr genommen haͤtte, — 59— wenn nicht das Stuͤck beim ſechſten Schuſſe geſprungen waͤre. Da war ein alter Herr, den ich nicht nen⸗ nen will, weil er ein zu reicher Mynheer iſt, als daß er geringſchaͤtzig erwaͤhnt werden duͤrfte, und er hatte, als ein Meiſter in der Vertheidigung, im Treffen bei Whiteplains eine Flintenkugel mit ſei⸗ nem Degen ſo gut abgewehrt, daß ſie an der Klinge hinpfiff und am Griff abſtreifte, wie er denn zu jeder Zeit bereit war, den Degen mit dem etwas verbogenen Griffe zu zeigen. Es gab noch mehre Andre, die eben ſo viele Großthaten im Felde voll⸗ bracht hatten, und Keiner unter ihnen, der nicht uͤberzeugt geweſen waͤre, er haͤtte wirkſam beigetra⸗ gen, den Krieg zu einem gluͤcklichen Ende zu bringen. Alles dieß aber war nichts gegen die Geſchichten von Geiſtern und Erſcheinungen, die darauf folgten. Die Gegend iſt reich an Mahrchenſchaͤtzen dieſer Art. Hertliche Sagen und aberglaͤubige Meinungen ge⸗ deihen am beſten in dieſen geſchirmten, abgeſchie⸗ denen alten Anſiedlungen, werden aber zertreten durch das bewegliche Gedraͤnge, das die Volksmenge unter den Bewohnern unſerer meiſten laͤndlichen An⸗ ſiedlungen herbei fuͤhrt. In der Mehrzahl unſrer Doͤrfer gibt es auch keine Aufmunterung fuͤr Ge⸗ ſpenſter, da ſie kaum Zeit gehabt hatten, ihr erſtes Schlaͤſchen zu halten und ſich im Grabe umzuwen⸗ den, als ſchon ihre uberlebenden Freunde aus der Gegend weggezogen waren, weßhalb ſie denn auf — 60— ihren naͤchtlichen Gaͤngen keine Bekannten finden, welchen ſie einen Beſuch machen koͤnnten. Dieß iſt vielleicht die Urſache, warum wir ſo ſelten von Gei⸗ ſtern hoͤren, außer in unſern alten hulländiſchen An⸗ ſiedlungen. Die naͤchſte Urſache der Verbretang von Ge⸗ ſpenſtergeſchichten in dieſer Gegend aber war ohne Zweifel die Naͤhe der Schlaͤferhoͤhle. Selbſt in der Luft, die aus jenem geſpenſtiſchen Gebiete wehte, war etwas Anſteckendes, das Traͤume und Ein⸗ bildungen in der ganzen Gegend verbreitete. Es waren Mehre aus der Schlaͤferhoͤhle in Van Taſſels Hauſe und gaben, wie gewoͤhnlich, ihre tollen Wun⸗ dergeſchichten zum Beſten. Man hoͤrte viele furcht⸗ bare Geſchichten von Leichenzuͤgen, und traurigem Geſchrei und Wehtlagen bei dem großen Baume in arſchaft„ wo der ungluͤckliche Major An⸗ gefangen worden. Auch wurde der weißen 3 edacht, die im finſtern Thale beim Raben⸗ fels ſpukte, und deren Geſchrei oft in Winternaͤch⸗ ten vor einem Sturme gehoͤrt ward, da ſie hier einſt im Schnee umgekommen war. Die meiſten Geſchichten aber betrafen das Lieblingsgeſpenſt der Schlaͤferhoͤhle, den Reiter ohne Kopf, der neuerlich haͤufig ſeine Streifzuͤge gemacht, und ſein Pferd unter den Graͤbern auf dem Kirchhofe angebunden haben ſollte. —— — 61— Die Kirche ſcheint, wegen ihrer einſamen Lage, zu allen Zeiten ein Lieblingsplatz unruhiger Gei⸗ ſter geweſen zu ſein. Sie liegt auf einer Anhoͤhe, in Akazien und hohen Ulmen umgeben, aus welchen ihre weißen Mauern beſcheiden hervor blik⸗ ken, wie chriſtliche Sittenreinheit aus den Schatten der Abgeſchiedenheit. Ein ſanfter Abhang ſeukt ſich zu einem ſilbernen Waſſerſpiegel, von hohen Baͤu⸗ men umgeben, zwiſchen welchen die blauen Hud⸗ ſon⸗Berge hervor blicken. Sah man den gras⸗ bewachſenen Kirchhof, wo die Sonnenſtrahlen ſo ruhig zu ſchlafen ſchienen, ſo haͤtte man wenigſtens denken ſollen, daß die Todten hier in Frieden ru⸗ hen koͤnnten. Auf der einen Seite der Kirche laͤuft ein breites waldiges Thal, durch welches ein großer Bach zwiſchen Felſen und gefallenen Baumſtaͤmmen wild hinab rauſcht. Ueber eine tiefe dunkle Stelle des Waldbaches, nicht weit voß der Kirche, ging vor Zeiten eine hoͤlzerne Bruͤcke, und der dahin fuͤhrende Pfad, ſo wie die Bruͤcke ſelbſt, waren dicht beſchattet von uͤberhangenden Baͤumen, die ſelbſt bei Tage Duͤſterheit verbreiteten, aber bei Nacht eine furchtbare Finſterniß machten. Sie war einer der Lieblingsoͤrter des Reiters ohne Kopf, wo man ihn am haͤufigſten ſah. Man erzaͤhl⸗ te, wie der alte Brower, bekannt durch ſeinen ketze⸗ riſchen Unglauben an Geiſter, auf den Reiter ge⸗ ſtoßen, als dieſer von ſeinem Streifzuge in die & — 62— Schlaͤferhoͤhle zuruͤck kehrte, und gezwungen geweſen war, ſich hinter ihn zu ſetzen; wie ſie uͤber Buſch und Strauch, uͤber Berg und Sumpf geſprengt 38⸗ ren, bis ſie die Bruͤcke erreicht hatten, wo der Rei⸗ ter ſich ploͤtzlich in ein Gerippe verwandelte, den alten Mann in den Bach warf, und ſich unter Don⸗ nergebruͤll uͤber die Wipfel der Baͤume ſchwang. Dieſer Erzaͤhlung folgte ein dreimahl ſo wun⸗ derbares Abenteuer von Knochen⸗Vrom, der von dem heſſiſchen Reiter geringſchaͤtzig, wie von winem gemeinen Wettreiter, ſprach. Er war einſt, wie er behauptete, bei der Nuͤckkehr aus einem benachbarten Dorfe, von dem naͤchtlichen Reitersmann eingehohlt worden, worauf er ihm denn einen Wettritt um ei⸗ 4 ne Bohle Punſch vorgeſchlagen hatte, und er wuͤrde auch gewonnen haben, da das Geſpenſtpferd mit Trotzteufel nicht auskommen konnte, aber als ſie an die Kirchenbruͤcke kamen, hielt der Heſſe und ver⸗ ſchwand in einer Blitzflamme.. Alle dieſe Geſchichten, in dem dumpfen Tone er⸗ zaͤhlt, womit man im Finſtern zu ſprechen pflegt, waͤhrend die Geſichter der Zuhoͤrer nur zuweilen von dem Glutſchein einer Tabakspfeife beleuchtet wurden, machten einen tiefen Eindruck auf Ichabod. Er gab dafuͤr zur Vergeltung reichliche Auszuͤge aus ſeinem unſchaͤtzbaren Cotton Mather, und erzaͤhlte viele wunderbare Begebenheiten, die ſich in ſeiner Hei- math Connecticut zugetragen hatten, und furchtbare * Geſchichten, Erſcheinungen, die er auf ſeinen naͤcht⸗ lichen Wanderungen in der Gegend der Schlaͤferhoͤhle geſehen. 3 A Das Gelage brach nun allmaͤhlig auf. Die al⸗ ten Pachter luden die Ihrigen auf ihre Wagen, die man eine Zeitlang durch die Hohlwege und uüber die entfernten Huͤgel raſſeln hoͤrte. Einige Maͤdchen ſetz⸗ ten ſich auf Reitkiſſen hinter ihre Liebſten, und ihr frohherziges Gelaͤchter widerhallte mit dem n An mnen Waldung, bis die immer ſchwaͤchern Toͤne allmahlig verhallten, und der Schauplatz, den kurz vorher Laͤrm und Froͤhlich⸗ keit belebt hatten, ſtill und veroͤdet war. Ichabod allein blieb noch zuruͤck, nach der Sitte der laͤndli⸗ 3 chen Freier, um Katharina unter vier Augen zu ſe⸗ hen, in der vollen Ueberzeugung, nun auf dem ge⸗ raden Wege zu ſeinem Gluͤcke zu ſein. Was ſich bei dieſer Zuſammenkunft begab, nehme ich mir nicht her⸗ aus zu erzaͤhlen, weil ich es in der That nicht weiß. Es muß jedoch, fuͤrchte ich, nicht alles gut gegangen ſein, da es gewiß iſt, daß er, nach kurzer Zeit, mit untroͤſtlicher Miene und langem Geſichte, heimkehrte. O Weiber! Weiber! Haͤtte dieſes Maͤdchen in ſchlauer Liebelei ihm einen Streich geſpielt? War ihre Auf⸗ munterung des armen Schulmeiſters nichts als Trug, 4 um die Eroberung ſeines Nebenbuhlers zu ſichern? Der Himmel weiß es, ich nicht. Nur ſo viel ſage ich, Ichabod ſchlich ſich davon und ſah nicht aus, als —. ob er eines ſchoͤnen Maͤdchens Herz, nein, als ob er einen Huͤhnerkorb gepluͤndert haͤtte. Ohne ſich rechts, oder links nach dem laͤndlichen Ueberfluſſe um⸗ zuſchauen, worauf er ſo oft ſehnſuͤchtig geblickt hatte, ging er gerade in den Stall, und weckte mit tuͤchti⸗ gen Puͤffen und Stoͤßen ſehr unhoͤflich ſein Pferd aus der behaglichen Ruhe, worin es tief ſchlummerte, und von ganzen Korn⸗ und Haferbergen, von gan⸗ zen Thaͤlern von Timotheusgras traͤumte. Es war in der rechten Hexenſtunde der Nacht, als Ichabod mit ſchwerem und betruͤbtem Herzen laͤngs dem Abhange des Hugels heim ritt, der ſich uͤber Zauderſtadt erhebt, auf demſelben Wege, den er am Nachmittage mit ſo frohem Gemuͤthe gemacht hatte. Die Stunde war ſo truͤbſelig, als er ſelber. Tief unter ihm breitete der Tappaan⸗See ſeine Waſſerwuͤſte in unbeſtimmter Daͤmmerung aus, wo hier und da der lange Maſt einer Schaluppe empor ragte, die ruhig unter dem hohen Uferlande vor An⸗ ker lag. In der todten Mitternachtſtille hoͤrte er ſo⸗ gar das Gebelle des Hofhundes vom jenſeitigen Ufer des Hudſon, aber es war ſo ſchwach und unbeſtimmt, daß es nur den Gedanken ſeiner Entfernung von dem getreuen Gefaͤhrten des Menſchen erweckte. Zu⸗ weilen erſchallte auch das lang gedehnte Kraͤhen ei⸗ nes zufaͤllig erwachten Hahns aus irgend einem ſehr weit entfernten Landgute im Gebirge, aber es klang nur wie ein Traumton in ſeinen Ohren. Kein Zei⸗ — 65— chen von Leben in ſeiner Naͤhe, als von Zeit zu Zeit das traurige Zirpen einer Grille, oder vielleicht aus einem benachbarten Sumpfe der Kehlton eines Froſches, der etwa unruhig ſchlafen, oder ſich ploͤtz⸗ lich in ſeinem Lager umwenden mochte. Alle Geſchichten von Geiſtern und Kobolden, die er am Nachmittage gehoͤrt hatte, draͤngten ſich nun ſeiner Erinnerung auf. Die Nacht ward immer dunk⸗ ler; die Sterne ſchienen immer tiefer in das Him⸗ melsgewoͤlbe zu ſinken und eilende Wolken verbar⸗ gen ſie zuweilen vor ſeinen Blicken. Er hatte ſich nie ſo einſam und ſo traurig gefuͤhlt. Nun naͤherte er ſich ſogar dem Orte, welcher der Schauplatz vie⸗ ler Geiſtergeſchichten geweſen war. Mitten auf der Straße ſtand ein ungeheurer Tulpenbaum, der ſich, wie ein Rieſe, uͤber alle benachbarten Baͤume erhob, und eine Art von Landzeichen bildete. Seine Aeſte waren knorrig und ſeltſam geſtaltet, dick genug fuͤr gewoͤhnliche Baͤume, wanden ſich beinghe bis auf die Erde herab, und ſtiegen dann wieder in die Luft empor. Der Baum ward in der Geſchichte des un⸗ gluͤcklichen Andre erwaͤhnt, den man nahe dabei ge⸗ fangen genommen hatte, und man nannte ihn uͤber⸗ all Major Andre's Baum. Das gemeine Volk be⸗ trachtete ihn mit einer gemiſchten Regung von Chr⸗ furcht und Aberglauben, theils bewegt von Theil⸗ nahme mit dem Schickſale jenes armen Mannes, theils von der Erinnerung an die Geſchichten von 5 4 — 66— ſeltſamen Erſcheinungen und traurigen Wehklagen, die man davon erzaͤhlte. Als ſich Ichabod dem furchtbaren Baume naͤher⸗ te, fing er an zu pfeifen. Er glaubte, ſein Pfeifen waͤre erwiedert worden; aber es war nur ein Wind⸗ ſtoß, der ſcharf durch die duͤrren Zweige blies. Er kam naͤher, und glaubte etwas Weißes mitten im Baume hangen zu ſehen. Er hielt mit Pfeifenz in⸗ ne; als er aber genauer hinſah, fand er, daß es ei⸗ ne Stelle war, wo der Baum durch einen Blitz⸗ ſtrahl war verletzt worden, und das weiße Holz nackt hervor blickte. Ploͤtzlich hoͤrte er ein Stoͤhnen; ſeine Zaͤhne klapperten, und ſeine Kniee ſchlugen an den Sattel; aber es war nur ein maͤchtiger Zweig, der ſich auf dem andern rieb, als der Wind ſie bewegte. Er kam gluͤcklich bei dem Baume voruͤber, um neuen Gefahren entgegen zu gehen. Ungefaͤhr dreihundert Schritte von dem Baume floß ein kleiner Bach uͤber den Weg und ſtroͤmte in ein ſumpfiges, dicht beholztes Thal, das man Wiley's Sumpf nannte. Einige neben einander gelegte rohe Kloͤtze dienten als Bruͤcke. Auf der Seite der Straße, wo der Bach in den Wald floß, erhoben ſich einige Eichen und Kaſtanienbaͤume, mit wilden Reben dicht durchflochten, die ſich duͤſter daruͤber woͤlbten. Ueber dieſe Bruͤcke zu gehen, war die haͤrteſte Pruͤfung. Gerade auf dieſer Stelle war der ungluͤckliche An⸗ dre gefangen worden, und unter dem Schatten die⸗ ſer Kaſtanienbaͤume und Reben waren die ruͤſtigen Landleute, die ihn uͤberfielen, verborgen geweſen. Seltdem war es an dieſem Bache nicht geheuer, und jeder Schulknabe zitterte, der nach Anbruch der Dun⸗ kelheit dieſen Weg gehen mußte. Als Ichabod ſich dem Bache naͤherte, begann ſein Herz zu pochen; aber er nahm ſeine ganze Ent⸗ ſchloſſenheit zuſammen, gab ſeinem Pferde mehrmahl Rippenſtoͤße, und wollte raſch uͤber die Bruͤcke ſe⸗ tzen. Das ſtoͤrriſche alte Thier war jedoch nicht vor⸗ waͤrts zu bringen, ſondern machte eine Seitenbewe⸗ gung und rannte gerade gegen den Zaun. Der Schul⸗ meiſter, deſſen Angſt bei der Zoͤgerung ſtieg, riß die Zuͤgel auf die andre Seite und ſtieß munter mit dem andern Fuße. Alles vergebens! Das Thier ſtutz⸗ te, ſprang aber alsbald auf die andre Seite des Weges in ein Dickig von Brombeergeſtraͤuch und Ho⸗ lunderbuͤſchen. Ichabod gebrauchte nun Peitſche und Abſaͤtze gegen die mageren Rippen des alten Klep⸗ pers, der keuchend und ſchnaubend voran ſchoß, aber ſo ploͤtzlich gerade vor der Bruͤcke ſtehen blieb, daß der Reiter ihm bald ſchrittlings uͤber den Kopf ge⸗ flogen waͤre. In dieſem Augenblicke hoͤrte Ichabod's empfindliches Ohr ein Getrampel auf dem Moor⸗ boden nahe an der Bruͤcke. Im dunkeln Schatten des Gebuͤſches, am Rande des Baches, ſah er eine ungeheure, ſchwarze, hochragende Mißgeſtalt. Sie bewegte ſich nicht von der Stelle, ſchien ſich aber 5* aufzurichten in der Dunkelheit, wie ein Rieſenun⸗ geheuer, im Begriff, auf den Reiſenden los zu ſpringen. Dem erſchrockenen Schulmeiſter ſtraͤubte ſich das Haar. Was ſollte er thun? Umzukehren und zu fliehen, war zu ſpaͤt, und wie ließ ſich einem Geiſte, oder Kobold entrinnen, wenn es ein ſolches Weſen war, das auf des Windes Fluͤgeln daher fahren konn⸗ te! Er ſuchte Muth zu zeigen und fragte ſram⸗ melnd:„Wer ſeid ihr?“ Keine Antwort. Er wie⸗ derhohlte die Frage mit noch bewegterer Stimme. Aber vergebens, Niemand antwortete. Noch ein⸗ mahl peitſchte er den unbiegſamen Klepper, und ſei⸗ ne Augen ſchließend, brach er mit unwillkuͤhrlicher Inbrunſt in einen Pſalmenton aus. In dieſem Au⸗ genblicke aber hatte die Schattengeſtalt ſich in Be⸗ wegung geſetzt, und war mit einem Satze mitten auf dem Wege. So finſter und furchtbar die Nacht auch war, es ließ ſich doch die Geſtalt des Unbekann⸗ ten einiger Maßen unterſcheiden. Es ſchien ein ge⸗ waltiger Reiter auf einem maͤchtigen ſchwarzen Pfer⸗ de zu ſein. Er verrieth keine Abſicht zu ſtoͤren, oder geſellig zu begleiten, ſondern hielt ſich fernab auf dem jenſeitigen Pfade, und trabte nun voran auf der blinden Seite des alten Kleppers, der nun ſei⸗ ne Furcht und boͤſe Laune abgelegt hatte. Ichabod, dem der ſeltſame mitternaͤchtliche Ge⸗ faͤhrte nicht behagte, und der an Knochen⸗Brom's — 69— Abenteuer mit dem reitenden Heſſen dachte, trieb nun ſein Roß, in der Hoffnung, den Begleiter hin⸗ ter ſich zu laſſen. Der uUnbekantte ritt gleichfalls ſchneller. Ichabod hielt ſein Pferd an, um zuruͤck zu bleiben, aber eben ſo machte es der Andre. Dem Schul⸗ meiſter ſank der Muth. Er ſuchte wieder ſeinen Pfalm anzuſtimmen, aber ſeine duͤrre Zunge klebte am Gaumen und er konnte keinen Vers herausbringen. Das finſtre und verdrießliche Schweigen ſeines hart⸗ naͤligen Gefaͤhrten hatte etwas Geheimnißvolles und Erſchreckendes, und es wurde bald furchtbar erklaͤrt. Als ſie eine Anhoͤhe erreichten, wo ſich die Geſtalt des rieſengroßen, in einen Mantel gehuͤllten Reiters auf dem dunkeln Himmelsgewoͤlbe abzeichnete, ſah Ichabod mit Entſetzen, daß ſein Begleiter ohne Kopf war, und ſein Schrecken ſtieg noch hoͤher, als er ſah, daß der Kopf, der auf den Schultern haͤtte ſitzen ſollen, vor ihm auf dem Sattelknopfe ſaß. Sein Entſetzen ſtieg bis zur Verzweiflung. Er ließ Stoͤße und Hiebe auf Schießpulver regnen, und hoffte durch eine ploͤtzliche Bewegung ſeinem Begleiter zu ent⸗ rinnen, aber das Geſpenſt blieb mit ihm in gleichem Trabe. Fort ging es durch Dick und Duͤnn, und Steine flogen und Funken ſtoben bei jedem Satze. Ichabod's duͤnne Kleider flatterten in der Luft, als er in der Eile der Flucht ſeinen ſchmaͤchtigen Leib uͤber des Pferdes Kopf ſtreckte. Sie hatten nun die Straße erreicht, die zur Schlaͤferhoͤhle abweicht, aber Schießpulver ſchien be⸗ ſeſſen zu ſein, und ſtatt jenem Wege zu folgen, wen⸗ dete ſich das Thier auf die andere Seite und ſtuͤrmte bergab. Dieſer Pfad fuͤhrt durch einen ſandigen Hohl⸗ weg, und iſt einige hundert Schritte weit mit Baͤu⸗ men beſchattet, bis zu der, in der Geſpenſtergeſchichte beruͤchtigten Bruͤcke, und gleich jenſeit des Weges erhebt ſich der gruͤne Huͤgel, worauf die weiße Kir⸗ che ſteht. 1 Des Kleppers ploͤtzliches Schrecken hatte dem un⸗ geſchickten Reiter einen ſcheinbaren Vortheil im Wett⸗ rennen gegeben, als er aber mitten im Hohlwege war, fuͤhlte er, daß der Sattel, deſſen Gurt ſich geloͤſet hatte, unter ihm wegglitt. Er ſuchte, den Sattel beim Knopfe feſt zu halten, aber vergebens, und er hatte nur ſo viel Zeit, den Hals des Kleppers zu umſchlingen, um ſich zu retten, als der Sattel auf die Erde fiel, und alsbald von ſeinem Verfolger niedergetreten wurde. Fuͤr einen Augenblick fuhr der ſchreckende Gedanke an Hans Van Rippers Zorn durch ſeine Seele, denn es war des Mannes Sonntagſat⸗ tel; aber es war nicht Zeit, ſo unbedeutenden Be⸗ ſorgniſſen Raum zu geben. Das Geſpenſt war dicht hinter ihm, und er, der ungeſchickte Reiter, hatte ſeine Noth, ſich auf ſeinem Sitze zu erhalten, da er bald auf die eine, bald auf die andre Seite glitt, und zuweilen auf ſeines Pferdes hohen Ruͤckgrat mit —= einer Heftigkeit ſtieß, daß er geſpalten zu werden fuͤrchtete. Eine Oeffnung zwiſchen den Baͤumen zeigte ihm nun die erfreuliche Hoffnung, daß die Kirchenbruͤcke nahe war, und der Widerſchein eines blinkenden Ster⸗ nes in dem Spiegel des Baches gab ihm die Beſtaͤ⸗ tigung. Er ſah die Manern der Kirche unter den Baͤumen matt hervor blinken, und erinnerte ſich an die Stelle, wo Knochen⸗ Bronns geſpenſtiſcher Ge⸗ faͤhrte verſchwunden war.„Kann ich nur die Bruͤcke erreichen, dachte Ichabod, ſo bin ich in Sicherheit.“ In dieſem Augenblicke aber hoͤrte er den Rappen dicht hinter ſich keuchen und ſchnauben, und er glaubte ſo⸗ gar des Thieres heißen Odem zu fuͤhlen. Noch ein krampfhafter Stoß in die Rippen, und Schießpulver ſetzte uͤber die Bruͤcke, flog donnernd uͤber die wie⸗ derhallenden Bohlen, und kam aws jenſeitige Ufer. Ichabod warf nun einen Blick ruͤckwaͤrts, um zu ſe⸗ hen, ob ſein Verfolger, der Regel gemaͤß, in Schwe⸗ felflammen verſchwaͤnde. In dieſem Augenblicke aber erhob ſich das Ge ſpenſt in den Steigbuͤgeln, und war im Begriff, ſeinen Kopf auf ihn zu ſchleudern. Icha⸗ bod ſuchte dem furchtbaren Wurſgeſchuͤtz auszuweichen, aber zu ſpaͤt! Es traf ſeinen Schaͤdel mit entſetzli⸗ chem Krachen; er ſtuͤrzte in den Staub, und Schieß⸗ pulver, der Rappe und das Reitergeſpenſt flogen wie ein Wirbelwind an ihm voruͤber. — 2— Am naͤchſten Morgen fand man das Pferd ohne Sattel, mit dem Zaume unter den Fuͤßen, ehrbar graſend vor ſeines Herrn Thuͤre. Ichabod erſchien nicht beim Fruͤhſtuͤck; die Tiſchzeit kam, aber kein Ichabod. Die Knaben verſammelten ſich im Schul⸗ hauſe und ſchlenderten muͤſſig am Bache, aber kein Schulmeiſter ließ ſich ſehen. Hans Van Ripper wur⸗ de nun ein wenig beſorgt um den armen Ichabod und ſeinen Sattel. Man ſtellte Nachforſchungen an, und nach eifriger Unterſuchung entdeckte man ſeine Spur. Auf der Straße, die zur Kirche fuͤhrte, fand man den Sattel in den Koth getreten; man konnte tief eingedruͤckte Spuren von Pferdehufen, die offenbar in wilder Eile geflogen waren, bis zur Bruͤcke ver⸗ folgen, und jenſeit derſelben, am Ufer, wo der brei⸗ tere Bach tief und dunkel floß, lag der Hut des un⸗ gluͤcklichen Ichabod und nicht weit davon ein zerbro⸗ chener Kuͤrbiß. Der Bach ward unterſucht, aber des Schulmei⸗ ſters Leichnam nicht gefunden. Hans Van Ripper, als Aufſeher des Nachlaſſes, unterſuchte das Buͤndel, worin ſich Ichabod's geſammte fahrende Habe befand. Sie beſtand in dritthalb Hemden, zwei Halsbinden, einigen Wollſtruͤmpfen, alten Beinkleidern, einem roſtigen Scheermeſſer, einem Pſalmbuche voller Oh⸗ ren, und einem zerbrochenen Pfeiſchen. Die Buͤcher und das Geraͤthe im Schulhauſe waren Eigenthum der Gemeinde, ausgenommen Cotton Mather's ——— —— 2 — 73— 7*⁴ Herengeſchichte, ein Kalender von Neu⸗England, ſo wie auch ein Traum⸗ und Wahrſage⸗Buch, worin auf einem feinem weißen Blatte viel gekritzelt und ausgeſtrichen war, bei vergeblichen Verſuchen, einige Verſe zu Ehren der Jungfer Van Taſſel ins Reine zu ſchreiben. Hans Van Ripper uͤbergab das Buch ſammt dem poetiſchen Gekritzel ſogleich den Flam⸗ men, und faßte den Entſchluß, ſeine Kinder fortan nicht mehr in die Schule zu ſchicken, mit der Bemer⸗ kung, er wuͤßte nicht, wie aus ſolcher Leſerei und Schreiberei irgend etwas Gutes kommen koͤnnte. Was der Schulmeiſter an Gelde beſeſſen haben mochte — und es war ihm erſt zwei Tage vorher ſeine vierteljaͤhrige Beſoldung ausgezahlt worden— mußte er zur Zeit ſeines Verſchwindens bei ſich gehabt haben. Das geheimnißvolle Ereigniß gab am naͤchſten Sonntag beim Kirchgange Anlaß zu vielem Gerede. Es ſammelten ſich Haufen von Gaffern und Schwaͤz⸗ zern auf dem Kirchhofe, an der Bruͤcke und auf der Stelle, wo man Hut und Kuͤrbiß gefunden hatte. Die Geſchichten von Brouwer, Knochen⸗Brom und allen Andern wurden zuruͤck gerufen, und als man Alle ſorgfaͤltig erwogen, und mit den Erſcheinungen des vorliegenden Falles verglichen hatte, ſchuͤttelte man den Kopf und kam zu dem Schluſſe, der Heſſi⸗ ſche Reiter haͤtte den Schulmeiſter entfuͤhrt. Ichabod war ein Junggeſelle und Niemanden etwas ſchuldig, — 4— daher bekuͤmmerte ſich Niemand mehr um ihn; die Schule ward in eine andre Gegend des Thales ver⸗ legt, und ein andrer Lehrer uͤbernahm die Herrſchaft. Ein alter Landmann, der mehre Jahre ſpaͤter nach Neu⸗NYork reiſete, der Erzaͤhler dieſer Geſpen⸗ ſtergeſchichte, brachte die Nachricht mit, daß Ichabod Kranich noch lebte, daß er ſeinen fruͤhern Wohnort theils aus Furcht vor dem Geſpenſte und vor Hans Van Ripper, theils aus Verdruß uber den ſo ploͤtz⸗ lich von Katharina erhaltenen Korb verlaſſen, daß er in einer entlegenen Gegend des Landes ſeinen Wohn⸗ ſitz genommen, eine Schule angelegt, dabei die Rechtswiſſenſchaft erlernt und endlich als Sachwalter gearbeitet hatte, Politiker, Wahlmann„ Zeitung⸗ ſchreiber und zuletzt gar Friedensrichter geworden war. Knochen⸗Brom, der bald nach ſeines Neben⸗ buhlers Verſchwinden, die bluͤhende Katharina in ſtolzer Siegesfreude zum Altar gefuͤhrt hatte, ſah ſehr pfiffig aus, ſo oft Ichabods Geſchichte erzaͤhlt wurde, und bei Erwaͤhnung des Kuͤrbiſſes brach er immer in ein herzliches Gelaͤchter aus, was Manche auf den Argwohn brachte, daß ihm mehr von der Geſchichte bekannt waͤre, als ihm zu ſagen beliebte. Die alten Weiber aber, die am beſten uͤber ſol⸗ che Dinge zu urtheilen verſtehen, behaupten bis auf den heutigen Tag, Ichabod waͤre auf uͤbernatuͤrliche Weiſe verſchwunden, und es iſt eine Lieblingsgeſchich⸗ te, die man gern Abends am winterlichen Heerde er⸗ — 5— —2 7 zaͤhlt. Die Bruͤcke ward mehr als je ein Gegenſtand aberglaͤubiger Furcht, und dieß mag die Urſache ge⸗ weſen ſein, daß man ſeitdem den Weg zur Kirche laͤngs dem Muͤhlteiche angelegt hat. Das verlaſſene Schulhaus gerieth bald in Verfall, und der ungluͤck⸗ liche Schulmeiſter ſollte darin umgehen, und wenn der Ackerjunge an einem ſtillen Sommerabende heim ſchlenderte, glaubte er oft Ichabods Stimme in der Ferne zu hoͤren, wie ſie einen traurigen Pſalmton in der ruhigen Einſamkeit der Schlaͤferhoͤhle ſang. 4 Vorſtehende Geſchichte iſt faſt in denſelben Wor⸗ ten wieder gegeben worden, als ich ſie bei einer Verſammlung in der alten Stadt der Manhot⸗ toes ²) erzaͤhlen hoͤrte, wobei viele der kluͤgſten und angeſehenſten Buͤrger zugegen waren. Der Erzaͤhler war ein freundlicher, artiger Mann, jedoch ein we⸗ nig armſelig in Pfeffer und Salz⸗Zeug gekleidet, mit einem truͤbſelig launigen Geſichte, ein Mann, den ich fuͤr arm hielt, weil er ſich ſo viel Muͤhe gab, unterhaltend zu ſein. Als er ſeine Geſchichte geen⸗ digt hatte, gab es viel Gelaͤchter und Beifallsbezei⸗ gungen, beſonders von Seiten einiger Rathsherren, welche die meiſte Zeit im Schlafe geweſen waren. Es befand ſich jedoch unter den Anweſenden ein ſehr trocken ausſehender alter Herr mit uͤberhangenden Augenbrauen, der waͤhrend der ganzen Erzaͤhlung ein ernſtes, faſt finſteres Geſicht machte, zuweilen ſeine Arme unterſchlug, den Kopf neigte, und auf⸗ den Boden blickte, als ob er einen Zweifel erwogen haͤtte. Es war einer von den vorſichtigen Leuten, die nicht anders lachen, als aus guten Gruͤnden, wenn ſie die Vernunft und das Recht auf ihrer Seite haben. Als die Luſtigkeit der uͤbrigen Anweſenden nachgelaſſen hatte und alles wieder ſchwieg, ſtuͤtzte er *) Neu⸗York, von dem Nahmen des Stammes der ein⸗ gebornen Amerikaner, der hier einſt ſeinen Sitz hatte. L. ⁴ — 277 einen Arm auf die Stuhllehne, und den andern in die Seite ſtemmend, fragte er mit einer leichten, aber ungemein klugen Kopfbewegung, und zuſammen⸗ gezogenen Brauen, welche Lehre denn aus der Ge⸗ ſchichte gezogen werden, und was ſie beweiſen ſollte. Der Erzaͤhler, der eben ein Glas Wein zum Munde fuͤhrte, um ſich nach ſeiner Anſtrengung zu erfriſchen, ſchwieg einen Augenblick, blickte dann mit ungemeiner Ehrerbietung auf den Frager, und das Glas langſam niederſetzend, bemerkte er, die Ge⸗ ſchichte ſollte ſehr buͤndig beweiſen, daß keine Lebens⸗ lage ohne ihre Vortheile und Freuden waͤre, wenn wir nur mit einem Scherze hinein gingen, daß daher derjenige, der mit geſpenſtiſchen Reitern ein Wettrennen hielte, vermuthlich ſehr uͤbel fahren moͤch⸗ te, und folglich ein Landſchulmeiſter, der von einer niederlaͤndiſchen Erbinn einen Korb bekaͤme, auf dem ſicherſten Wege waͤre, zu hohen Wuͤrden im Staate zu kommen. Der bedaͤchtige alte Herr zog nach dieſer Erlaͤu⸗ terung die Stirne noch zehnmahl mehr zuſammen, und die Schlußfolge ſetzte ihn nicht wenig in Ver⸗ wirrung, waͤhrend der Mann in Pfeffer und Salz faſt einen ſiegreichen Seitenblick auf ihn warf. End⸗ lich machte Jener die Bemerkung, alles dieß waͤre ſehr gut, aber die Geſchichte kaͤme ihm doch ein we⸗ nig uͤbertrieben vor, und beſonders uͤber zwei Punk⸗ te haͤtte er ſeine Zweifel. — 78— Ja freilich, erwiederte der Erzaͤhler, wollen wir davon reden, ſo glaube ich ſelber nicht mehr als die Haͤlfte davon. Die Witwe und ihr Sohn. Waͤhrend meines Aufenthaltes auf dem Lande kam ich oft in die alte Dorfkirche. Ihre daͤmmernden Gaͤnge, ihre verfallenden Grabmaͤhler, ihr dunkles Getaͤfel von Eichenholz, alles ſo ehrwuͤrdig durch die Duͤſterheit des Alters, ſchienen ſie zu einem paſſen⸗ den Sitze feierlicher Betrachtung zu machen. An ei⸗ nem Sonntage zumahl herrſcht auf dem Lande eine ſo heilige Stille, und es iſt eine ſo gedankenvolle Ruhe uͤber die ganze Natur verbreitet, daß jede un⸗ ruhige Leidenſchaft weggezaubert wird, und wir fuͤh⸗ len, wie jedes fromme Gefuͤhl der Seele ſich ſanft in uns regt. Der ſüße Tag, ſo rein, ſo ſtill, ſo hell, Der Hochzeittag der Erde und des Himmels. Ich bin nicht, was man einen Andaͤchtler nennt; aber in einer Dorfkirche, bei dem heitern Anblicke der Natur, erwachen in mir Gefuͤhle, die ſich ſonſt nirgend regen, und ich halte mich am Sonntage, wenn auch nicht fuͤr einen froͤmmern, doch fuͤr einen beſſern Menſchen, als an jedem andern Wochentage. In dieſer Kirche aber fuͤhlte ich mich, durch die Kaͤlte und den Pomp der armen Wuͤrmer um mich 6 — 82— er, ſtets in die Welt zuruͤck geworfen. Niemand ſchien die demuͤthige, in den Staub ſich beugende. Froͤmmigkeit eines wahren Chriſten ſo innig zu fuͤ len, als eine arme hinfaͤllige Alte, die von der Laſt der Jahre und von Kraͤnklichkeit gebeugt war. Sie verrieth nicht ganz niedrige Armuth, und man las in ihrem Aeußern noch Spuren eines wuͤrdigen Stol⸗ zes. Ihr Anzug, wiewohl ſehr beſcheiden, war im hoͤchſten Grade reinlich. Man erwies ihr auch eine gewiſſe Achtung, da ſie ihren Platz nicht unter den Dorfarmen nahm, ſondern allein auf den Stufen des Altares ſaß. Sie ſchien aller Liebe, aller Freund⸗ ſchaft, aller Geſelligkeit abgeſtorben zu ſein, und— nichts behalten zu haben, als die Hoffnung auf den 3 Himmel. Wenn ich ſah, wie ſie ihre bejahrte Geſtalt ſchwach aufrichtete und nieder beugte beim Beten, wie ſie gewohnheitmaͤßig ihre Gebete herſagte, die ſie aus ihrem Gebetbuche bei einer gelaͤhmten Hand und ihrem ſchwachen Auge nicht leſen konnte, ſondern offenbar auswendig wußte, ſo fuͤhlte ich mich uͤber⸗ zeugt, daß die ſtammelnden Worte dieſes armen Weibes eher zum Himmel drangen, als die Antwor⸗ ten des Kuͤſters, die ſchwellenden Toͤne der Orgel, oder der Geſang des Chores. Ich wandre gern um Dorfkirchen, und dieſe hatte eine ſo angenehme Lage, daß ſie mich oft an⸗ zog. Sie ſtand auf einer Anhoͤhe, um welche ſich ein kleiner Fluß reizend wand, und dann durch freund — — 83— A liche Wieſenauen lief. Ringsum ſtanden Eibenbaͤume, die beinahe ſo alt als die Kirche zu ſein ſchienen. Ihr hoher ſchlanker gothiſcher Thurm, gewoͤhnlich von Dohlen und Kraͤhen umkreiſet, erhob ſich leicht uͤber die Baumwipfel. Ich ſaß hier an einem ſtillen ſonnigen Morgen, und beobachtete zwei Arbeiter, die ein Grab gruben. Sie hatten einen der entle⸗ 1 genſten und vernachlaͤſſigtſten Winkel des Kirchhofes ausgeſucht, wo eine große Anzahl nahmenloſer Graͤ⸗ ber zu verrathen ſchien, daß hier die Duͤrftigen und Freundloſen eilig in die Erde geworfen wurden. Das neue Grab war, wie man mir ſagte, fuͤr den einzi⸗ gen Sohn einer armen Witwe beſtimmt. Waͤhrend ich uͤber weltlichen Rangunterſchied nachdachte, der ſelbſt noch im Staube des Grabes nicht aufhoͤrete, verkuͤndigte das Gelaͤute die Annaͤherung des Lei⸗ chenzuges. Es war die Todtenfeier der Armuth, womit der Stolz nichts zu thun hatte. Ein ſchlich⸗ ter Sarg ohne Bahrtuch, oder ſonſtige Bedek⸗ kung, wurde von einigen Landleuten getragen. In den Zuͤgen des voran gehenden Todtengraͤbers las man kalte Gleichgiltigkeit. Es war kein Schein⸗ traurer in dem Schmucke erkuͤnſtelter Betruͤbniß zu ſehen, aber eine wahrhafte Leidtragende ſchwankte kraftlos hinter der Leiche. Es war die bejahrte Mut⸗ ter des Verſtorbenen, die arme alte Frau, die ich auf den Stufen des Altares geſehen hatte. Sie wur⸗ de von einer geringen Freundinn unterſtuͤtzt, die ihr 6* * — 34— Troſt zuzuſprechen ſuchte. Einige Arme aus der Nach⸗ barſchaft hatten ſich dem Zuge angeſchloſſen, und ei⸗ nige Dorfkinder liefen Hand in Hand, bald in ge⸗ dankenloſer Froͤhlichkeit ſchreiend, und bald inne hal⸗ tend, um mit kindiſcher Neugier die Betruͤbniß der Trauernden anzuſtarren. Als ſich der Leichenzug dem Grabe naͤherte, trat der Pfarrer im Chorhemd, mit dem Gebetbuche in der Hand, aus der Kirchthuͤre, und neben ihm der Kuͤſter. Die Begraͤbnißfeier war jedoch nichts als eine milde Gabe. Der Verſtorbene war hilflos ge⸗ weſen, und die Ueberlebende hatte kein Geld. Man ſchleppte ſich durch die Feierlichkeit, aber kalt und gefuͤhllos. Der wohl genaͤhrte Geiſtliche bewegte ſich nur wenige Schritte von der Kirchthuͤre; ſeine Stim⸗ me ward am Grabe kaum vernommen, und nie hoͤr⸗ te ich das Kirchengebet bei Leichenbegaͤngniſſen, dieſe erhabene und ruͤhrende Feierlichkeit, in eine ſo fro⸗ ſtige Wortmummerei verwandeln. Ich trat zu dem Grabe. Man ſetzte den Sarg nieder. Es ſtand darauf der Nahme und das Alter des Verſtorbenen:„Georg Somers, 26 Jahre alt.“ Durch fremden Beiſtand unterſtuͤtzt, kniete die Mut⸗ ter am Kopfende des Sarges. Sie hatte ihre wel⸗ ken Haͤnde gefaltet, als ob ſie betete„aber ein ſchwa⸗ ches Wiegen ihres Leibes und eine krampfhafte Be⸗ wegung ihrer Lippen verriethen mir, daß ſie mit dem — 35— Schmerze eines Mutterherzens auf die letzten Ueber⸗ reſte ihres Sohnes blickte. Als die Feierlichkeit voruͤber war, machte man Anſtalt, den Sarg hinab zu ſenken. Es entſtand nun jene geſchaͤftige Bewegung, die der Regung des Kum⸗ mers und der Zuneigung ſo peinlich iſt; man gab Weiſungen in dem kalten Tone der Geſchaͤftigkeit, man hoͤrte die Spaten in Sand und Kies fahren, und unter allen Toͤnen iſt keiner ſo quaͤlend fuͤr uns am Grabe unſerer Lieben. Der geſchaͤftige Laͤrm um⸗ her ſchien die Mutter aus ihrer ſchmerzlichen Traͤu⸗ merei zu erwecken. Sie erhob ihre ſtarren Augen, und blickte mit einem matten Ausdrucke von Wild⸗ heit umher. Als die Todtengraͤber mit Stricken ka⸗ men, um den Sarg ins Grab hinab zu laſſen, rang ſie ihre Haͤnde, und ließ ihren heftigen Schmerz ausbrechen. Ihre Begleiterinn faßte ſie beim Arme, um ſie von der Erde aufzuheben, und fliſterte ihr Troſt zu.„Nein! nein! ſprach ſie, nehmt's Euch doch nicht ſo ſehr zu Herzen.“ Die Mutter konnte nur mit dem Kopfe ſchuͤtteln, und die Haͤnde ringen, als waͤre ſie fuͤr jeden Troſt unempfaͤnglich geweſen. Als man die Leiche in die Erde ſenkte, ſchien das Schwirren der Stricke ſie mit dem heftigſten Schmerze zu ergreifen; als aber bei einem zu⸗ fälligen Hinderniſſe der Sarg anſtieß, brach die ganze Zaͤrtlichkeit der Mutter hervor, als haͤtte dem⸗ jenigen noch Leid geſchehen koͤnnen, der uͤber alles Erdenwehe hinaus war. Ich konnte nichts mehr ſehen. Mein Herz ſchwoll hoch an; meine Augen fuͤllten ſich mit Thraͤnen, und es war mir, als waͤre es grauſam geweſen, die⸗ ſes Schauſpiel der Mutterangſt muͤſſig anzuſtar⸗ ren. Ich ging in eine andre Gegend des Kirchhofes, wo ich blieb, bis ſich das Leichengefolge zerſtreut hatte. Als die Mutter langſam und vom Schmerze ge⸗ bengt, vom Grabe wegging, die Ueberreſte von al⸗ lem, was ihr theuer war, hinter ſich ließ und in der Stille und Verlaſſenheit zuruck kehrte, blutete mein Herz fuͤr ſie.„Was ſind die Truͤbſale der Rei⸗ chen? dachte ich. Sie haben Freunde, die ihnen Troſt geben, Vergnuͤgungen, die ihnen Zerſtreuung bringen, eine Welt, wo ſie ihren Kummer vergeſſen. Was ſind die Leiden der Jugend? Ihr aufwachſendes Gemuth ſchließt ſich bald uͤber der Wunde, die Schnell⸗ kraft ihres Geiſtes hebt ſich bald uͤber den Druck, ihre junge, biegſame Zuneigung ſchmiegt ſich bald an an⸗ dere Gegenſtaͤnde. Die Leiden des Armen aber, der außer ſich keine Linderung ſuchen kann, die Leiden des Bejahrten, dem das Leben hoͤchſtens nur ein Wintertag iſt, und der keinen Nachwuchs von Freude erwarten kann, die Leiden einer alten, einſamen, verlaſſenen Witwe, die den Tod eines einzigen Soh⸗ nes, des letzten Troſtes ihrer Lebenstage, beklagt, dieß ſind wahrlich Leiden, die uns fuͤhlen laſſen, wie wenig der Troſt vermag.“ Ich verweilte noch einige Zeit auf dem Kirchhofe. Ich begegnete auf dem Heimwege der Frau, welche die Witwe unterſtuͤtzt hatte. Sie kam eben aus der einſamen Wohnung der Mutter zuruͤck, und ich er⸗ fuhr von ihr einige Nachrichten, die ſich auf den ruͤh⸗ renden Auftritt bezogen, wovon ich Zeuge geweſen war. Die Aeltern des Verſtorbenen hatten ſeit ihrer Kindheit in dem Dorfe gelebt, wo ſie eine der freund⸗ lichſten Huͤtten bewohnten, und ſich durch verſchiedene laͤndliche Beſchaͤftigungen und den Ertrag eines klei⸗ nen Gartens anſtaͤndig und bequem erhielten und ein gluͤckliches untadeliges Leben fuͤhrten. Sie hatten ei⸗ nen Sohn, der die Stuͤtze und der Stolz ihres Le⸗ bens ſein ſollte.„O lieber Herr, ſprach die gute Alte: er war ein ſo huͤbſcher Junge, ſo ſanftmuͤthig, ſo freundlich gegen Jedermann, ſo ehrerbietig gegen ſeine Aeltern. Es that einem ſo wohl, wenn man ihn am Sonntage ſah, wie er ſeinen beſten Staat anhatte, ſo ſchlank, ſo gerade, ſo froͤhlich, und ſeine alte Mutter auf dem Kirchwege unterſtuͤtzte. Sie ließ ſich immer lieber von Georg fuͤhren, als von ihrem Manne, und die arme Frau hatte wohl recht, auf ihn ſtolz zu ſein, einen huͤbſchern jungen Menſchen gab's weit umher nicht.“ In einem Mangeljahr, wo es mit dem Acker⸗ bau ſchlecht ging, ließ ſich der junge Menſch zum — 88— 4 ungluͤcke verleiten, bei einem Manne in Dienſte zu gehen, der auf dem Fluſſe in der Nachbarſchaft das Schiffergewerbe trieb. Er war nicht lange im Dien⸗ ſte geweſen, da wurde er beim Preßgang aufgegrif⸗ fen und mußte mit auf die See. Seine Aeltern er⸗ hielten die Nachricht, daß man ihn weggenommen hatte, aber weiter konnten ſie nichts erfahren. Sie hatten nun ihre Stuͤtze verloren. Der Vater war ſchon ſchwach, und wurde ſo verzagt und ſchwermuͤ⸗ thig, daß er ſich bald in die Grube haͤrmte. Die Witwe war alt und ſchwach, konnte ſich nicht laͤnger ernaͤhren und mußte mit Almoſen unterſtuͤtzt werden. Sie war aber noch immer beliebt im Dorfe, und man achtete ſie, weil ſie eine von den aͤlteſten Be⸗ wohnerinnen des Dorfes war. Sie blieb in ihrer Huͤtte, wo ſie ſo viele gluͤckliche Tage genoſſen hatte, und lebte einſam und faſt hilflos. Ihren nothduͤrfti⸗ gen Unterhalt zog ſie aus ihrem Gaͤrtchen, das die Nachbarn zuweilen fuͤr ſie bearbeiteten. Erſt wenige Tage vor der Zeit, wo man mir dieſe Umſtaͤnde er⸗ zaͤhlte, ſuchte ſie einige Kuͤchenkraͤuter zu ihrer Mahl⸗ zeit, als die Hausthuͤre, dem Garten gegenuͤber, ploͤtzlich geoͤffnet ward. Ein Fremder war es, und er ſchien ſich ſchnell und wild umzuſehen. Er trug Matroſenkleidung, hatte ein hageres, todtenblaſſes Anſehn, als wenn er durch Krankheit und Muͤhſelig⸗ keiten ganz herunter gekommen waͤre. Kaum hatte er ſie erblickt, da flog er auf ſie zu; aber ſeine 4 —, Schritte waren matt und wankend, er ſank auf ſei⸗ ne Kniee vor ihr nieder, und ſchluchzte wie ein Kind. Die arme Frau ſah mit gedankenleerem und irrendem Auge auf ihn.„O meine liebe, liebe Mutter! ſprach er. Kennt Ihr euren Sohn nicht mehr, euren Georg?“ Ja, es war nur noch ein Schatten von dem herrlichen Juͤngling; er war durch Wunden, durch Krankheit und Gefangenſchaft in der Fremde wie gebrochen, und hatte ſeine abgezehrten Glieder nach der Heimath ge⸗ ſchleppt, um auf dem Schauplatze ſeiner Kindheit zu ruhen. Ich will es nicht verſuchen, eine ſolche Zuſam⸗ menkunft umſtaͤndlich zu beſchreiben, wo Freude und Leid ſo gemiſcht waren. Er lebte noch, er war heim⸗ gekommen, er konnte ſich ja wieder erhohlen, ihr Alter zu troͤſten und zu erfreuen. Seine Natur aber war erſchoͤpft, und wenn noch etwas gefehlt haͤtte, das Werk des Schickſals zu vollenden, ſo wuͤrde die Veroͤdung ſeiner vaͤterlichen Huͤtte dazu hinlaͤnglich geweſen ſein. Er ſtreckte ſich auf das Strohlager, wo ſeine Mutter manche ſchlafloſe Nacht ihrer Wit⸗ wenzeit zugebracht hatte, und ſtand nie wieder auf. Als die Dorfbewohner hoͤrten, daß Georg So⸗ mers zuruͤck gekommen waͤre, draͤngten ſie ſich herbei, ihn zu ſehen, und boten jede Erleichterung an, die ihre geringen Mittel geben konnten. Er war zu ſchwach, zu reden, er konnte nur mit Blicken dan⸗ ken. Seine Mutter war ſeine ſtete Waͤrterinn, und er ſchien ſich von ſonſt Niemand pflegen laſſen zu, wollen. Die Krankheit hat etwas, das des Manunes Stolz bricht, das Herz ſaͤnftigt und es zu den Gefuͤhlen der Kindheit zuruͤck bringt. Wer ſelbſt im reifern Alter, krank und zaghaft ſich abhaͤrmte, wer auf langwierigem Siechlager verlaſſen und einſam in der Fremde ſich abzehrte, haͤtte nicht an die Mutter ge⸗ dacht, die ſeine Kindheit pflegte, ihm das Kopfkiſſen weicher machte und ſeiner Hilfloſigkeit Beiſtand lei⸗ ſtete? O es iſt eine unvergaͤngliche Zaͤrtlichkeit in der Liebe einer Mutter zu einem Sohne, die uber alle andern Neigungen des Herzens geht! Sie wird nicht erkaͤltet durch Eigennutz, nicht entmuthigt durch Ge⸗ fahr, nicht geſchwaͤcht durch Unwuͤrdigkeit, nicht er⸗ ſtickt durch Undank. Jedes Labſal opfert ſie ſeiner Bequemlichkeit, jedem Vergnuͤgen entſagt ſie, um ihn zu erfreuen; ſie iſt ſtolz auf ſeinem Ruhm, froh⸗ lockt uͤber ſein Gluͤck, und wenn Truͤbſal ihn trifft, wird er ihr theuer durch ſein Mißgeſchick; wenn Schmach auf ſeinen Nahmen faͤllt, wird ſie ihn noch lieben und erfreuen, und wenn die ganze Welt ihn ausſtoͤßt, wird ſie ihm die ganze Welt ſein. Der arme Georg hatte es wohl erfahren, was es heißt, krank ſein und keine Pflege empfangen, einſam und gefangen liegen und keinen Beſuch erhal⸗ ten. Er konnte es nicht ertragen, wenn er ſeine Mutter aus dem Geſichte verloren hatte, und wenn ſie ſich entfernte, folgte ihr ſein Auge. Sie ſaß oft ſtundenlang vor ſeinem Lager, und bewachte ſeinen Schlummer. Zuweilen ſah man ihn auffahren aus ei⸗ nem Fiebertraum, und aͤngſtlich aufblicken, bis er die ehrwuͤrdige Alte erkannte, die ſich uͤber ihn herab beugte, und er faßte dann ihre Hand, legte ſie auf ſeinen Buſen und entſchlief ruhig, wie ein Kind. So ſtarb er. Als ich dieſe Leidensgeſchichte vernommen hatte, war meine erſte Regung, die Huͤtte der trauernden Witwe zu beſuchen, um ihr eine Geldhuͤlfe, und wo moͤglich eine Erleichterung ihrer Lage, zu gewaͤhren. Ich fand jedoch bei eingezogener Erkundigung, daß die gutmuͤthigen Landleute bereits alles gethan hat⸗ ten, was die Umſtaͤnde foderten, und da die Armen es am beſten verſtehen, einander zu troͤſten, ſo wagte ich es nicht, mich einzudraͤngen. Am naͤchſten Sonntage, als ich in der Dorfkirche war, ſah ich zu meiner Ueberraſchung die arme alte Frau in dem Thore zu ihrem gewoͤhnlichen Sitze auf den Stufen des Altares hinabwanken. Sie hatte ſich angeſtrengt, eine Art von Trauer fuͤr ihren Sohn anzulegen, und nichts konnte ruͤhrender ſein, als die⸗ ſer Kampf zwiſchen frommer Zuneigung und der hoͤchſten Armuth; ein ſchwarzes Band, oder ſo et⸗ was, ein abgetragenes ſchwarzes Tuch, und ſonſt noch einige demuͤthige Verſuche, durch aͤußere Zeichen jenen Kummer auszudruͤcken, der zu tief iſt fuͤr aͤußeres ——————⸗—⸗⸗:⸗xxxx———————— — 92— Gepraͤnge. Als ich auf die, mit Bildern gezierten Grabmaͤhler, die glaͤnzenden Todtenſchilde, den kalten Marmorprunk, womit weltliche Groͤße prahlend den abgeſchiedenen Stolz betrauert, hinblickte, und dann mein Auge auf dieſe arme Witwe richtete, die von Alter und Kummer gebeugt, am Altare ihres Gottes ſaß, und die Gebete und Preisgeſaͤnge eines from⸗ men, wiewohl gebrochenen Herzens ihm weihte, fuͤhl⸗ te ich, daß dieſes lebendige Denkmahl wahren Kum⸗ mers mehr als alle uͤbrigen werth war. Ich erzaͤhlte ihre Geſchichte einigen wohlhabenden Gliedern der Verſammlung, und ſie wurden vor Nuͤh⸗ rung bewegt. Man bemuhte ſich, ihre Lage zu er⸗ leichtern und ihre Betruͤbniß zu mildern. Nur auf wenige Schritte aber wurde der Weg zum Grabe ihr geebnet. An einem der naͤchſten Sonntage vermißte man ſie auf ihrem gewoͤhnlichen Sitze in der Kirche, und ehe ich die Gegend verließ, hoͤrte ich mit frohem Gefuͤhle, daß ſie ruhig ihren letzten Athemzug gethan hatte, und hingegangen war, ihre Lieben wieder zu ſehen in jener Welt, wo man nie Leiden kennt, und wo Freunde nicht mehr ſcheiden. Wer am Hudſon hinauf gereiſet iſt, erinnert ſich der Kaatskill⸗Berge. Sie ſind ein abgeloſeter Zweig der großen Apalachen⸗Kette, und man ſieht ſie weſt⸗ lich vom Fluſſe zu ſtolzer Hoͤhe hinan ſteigen und die umliegende Gegend gebieteriſch uberſchauen. Jede Veraͤnderung der Jahrzeit, jeder Wechſel der Wit⸗ terung, jg jede Stunde des Tages bringt eine um⸗ wandlung in den zauberiſchen Farben und Geſtalten dieſer Berge hervor, die von allen Hausfrauen nahe und ferne als vollkommene Barometer betrachtet wer⸗ den. Wenn das Wetter ſchoͤn und beſtaͤndig iſt, ſind ſie in Blau und Purpur gekleidet, und zeichnen ihre kuͤhnen Umriſſe auf dem hellen Abendhimmel ab; zuweilen aber, wenn die uͤbrige Gegend unbewoͤlkt iſt, ſammelt ſich um ihre Haͤupter eine graue Ne⸗ belhuͤlle, welche bei den letzten Blicken der unterge⸗ henden Sonne wie eine Strahlenkrone glaͤnzet. Am Fuße dieſer feenhaften Gebirge wird der Wanderer eine leichte Rauchſaͤule bemerkt haben, die aus einem Dorfe aufſteigt, deſſen Schindeldaͤcher un⸗ ter den Baͤumen hervor blicken, wo die blauen Um⸗ riſſe des Gebirglandes in das friſche Grun der naͤ⸗ heren Landſchaft uͤbergehen. Es iſt ein ſehr altes — gs— Doͤrſchen, das in der fruͤheſten Zeit der Auſiedlung von einigen Hollaͤndern angelegt wurde, und noch vor wenigen Jahren ſtanden einige, von den urſpruͤng⸗ lichen Anſiedlern gebaute Haͤuſer, die von kleinen gelben, aus Holland gebrachten Ziegeln erbaut wa⸗ ren, Gitterfenſter und Giebel hatten und Wetter⸗ haͤhne trugen. In eben dieſem Dorfe und in einem jener, frei⸗ lich ſehr verfallenen und vom Wetter beſchaͤdigten Haͤuſer, lebte vor vielen Jahren, als das Land noch unter Großbritaniens Herrſchaft ſtand, ein ſchlich⸗ ter, gutherziger Mann Nahmens Rip Van Wink⸗ le. Es war ein Abkoͤmmling jener Van Winkle, die in den ritterlichen Tagen des Beſehlhabers Peter Stuyveſand eine ſo glaͤnzende Rolle ſpielten, und bei der Belagerung der Veſte Chriſtina ihn beglei⸗ teten. Er hatte jedoch nur wenig von dem kriege⸗ riſchen Sinne ſeiner Ahnen geerbt, und war, wie geſagt, ein ſchlichter, gutmuͤthiger Mann, ſonſt ein freundlicher Nachbar und ein gehorſamer Pantoffel⸗ held. Es mag auf Rechnung dieſes letzten Umſtan⸗ des jene Sanftmuth kommen, die ihn ſo allge⸗ mein beliebt machte; denn diejenigen Maͤnner ſind außer dem Hauſe die dienſtfertigſten und verſoͤhnlich⸗ ſten, die daheim unter der Zucht einer Widerbelle⸗ rinn ſtehen. Ihre Stimmung wird ohne Zweifel in dem Feuerofen haͤuslicher Truͤbſal biegſam und dehn⸗ bar, und eine Gardinenpredigt tangt mehr als alle 4 * 8 Predigten in der Welt dazu, die Tugenden der Ge⸗ duld und Langmuth zu lehren. Ein zaͤnkiſches Weib kann daher in mancher Hinſicht als ein leidlicher Se⸗ gen angeſehen werden, und iſt dieß gegruͤndet, ſo war Rip Van Winkle dreimahl geſegnet. So viel iſt gewiß, er ſtand in großer Gunſt bei allen Hausfrauen im Dorfe, welche, wie es bei dem liebenswuͤrdigen Geſchlechte gewoͤhnlich iſt, bei allen haͤuslichen Zaͤnkereien auf ſeine Seite traten, und wenn ſie in ihren abendlichen Klatſchgeſellſchaften die⸗ ſe Dinge beſprachen, alle Schuld ſtets auf Frau Van Winkle warfen. Die Dorfkinder ſelbſt frohlock⸗ ten, wenn er ſich ſehen ließ. Er war bei ihren Zeitvertreiben, machte ihnen Spielſachen, lehrte ſie, Drachen fliegen und Schnellkaͤulchen ſchießen zu laſ⸗ ſen, und erzaͤhlte lange Geſchichten von Geiſtern, Hexen und Wilden. So oft er durchs Dorf zog, war er von einem Schwarm von Kindern umgeben, die ſich an ſeine Rockſchoͤße hielten, ihm auf den Ruͤcken kletterten, und ihm ungeſtraft tauſend Poſ⸗ ſen ſpielten, und in der ganzen Gegend bellte kein Hund ihn an. Rip's großer Fehler war, ein unuͤberwindlicher Abſchen gegen alle nuͤtzliche Arbeit. Es war jedoch keineswegs Mangel an Unverdroſſenheit, oder Be⸗ harrung; denn er ſaß oft auf einem feuchten Felſen, mit einer Ruthe, ſo lang und ſchwer, als eine Ta⸗ tarlanze„ und fiſchte den ganzen Tag ohne Murren, 7 — 98— und wenn auch nicht ein einziger anbeißender Fiſch ihn ermuntert haͤtte. Er ging ſtundenlang mit einer Flinte auf der Schulter durch Wald und Sumpf, bergan und thalwaͤrts, um einige Eichhoͤrnchen, oder wilde Tauben zu ſchießen. Nie verweigerte er einem Nachbar ſeinen Beiſtand, ſelbſt bei der ſchwerſten Arbeit, und war bereit zu alleu laͤndlichen Luſtbar⸗ keiten, und wo Mais ausgehuͤlſet, oder ſteinerne Einfriedigungen errichtet werden ſollten. Die Dorf⸗ weiber pflegten ihn auch zu gebrauchen, ihre Beſtel⸗ lungen zu machen, und die kleinen wunderlichen Dienſte fuͤr ſie zu verrichten, die ihre minder gefaͤl⸗ ligen Ehemaͤnner nicht uͤbernehmen wollten. Kurz, Rip war bereit, Jedermann's Arbeit zu thun, nur die ſeinigen nicht, und ſeine Hausvaterpflicht zu er⸗ fullen und ſein Gut in Ordnung zu halten, fand er unmoͤglich. Er aͤußerte auch wirklich, es waͤre von keinem Nutzen, ſein Landgut zu bauen; er haͤtte das graͤu⸗ lichſte Stuͤk Feld in der ganzen Gegend und es ginge ihm damit alles unrecht und wuͤrde unrecht gehen, er moͤchte ſich anſtellen, wie er wollte. Sei⸗ ne Einfriedigungen fielen immer zuſammen, ſeine Kuh verirrte ſich, oder kam in den Kohl; das Un⸗ kraut wucherte auf ſeinen Feldern immer mehr als anderswo, das Regenwetter ſtellte ſich ſtets in dem Augenblicke ein, wo er etwas außer dem Hauſe zu thun hatte, und ſo ſchmolz ein Acker ſeines vaͤter⸗ 5 — 2— lichen Erbes nach dem andern unter ſelner Verwal⸗ tung zuſammen, bis nicht viel mehr uͤbrig war, als ein Stuͤckchen Feld fuͤr Mais und Kartoffeln, aber es war das ſchlechteſte Landgut in der ganzen Ge⸗ gend. Seine Kinder waren ſo zerlumpt und wild, als ob ſie Niemanden angehoͤrt haͤtten. Rip, ſein Sohn und ſein ganzes Ebenbild, verſprach der Erbe der Gewohnheiten, wie der alten Kleider ſeines Vaters werden zu wollen, und ging gewoͤhnlich, wie ein Fullen, hinter ſeiner Mutter her, in ſeines Vaters abgelegten Pluderhoſen, die er muͤhſam mit einer Hand herauf zog, wie eine Schoͤne ihre Schleppe bei ſchlechtem Wetter. 4½ Rip Van Winkle war jedoch einer jener gluͤckli⸗ chen Sterblichen, die in ihrer thoͤrigen und fuͤgſamen Stimmung alles in der Welt leicht nehmen, weißes oder ſchwarzes Brod eſſen, was ſie gerade mit der leichteſten Muͤhe gewinnen koͤnnen, und lieber bei einem Pfennig Hungers ſterben, als fuͤr ein Pfund arbeiten. Haͤtte man ihn ſich ſelber uͤberlaſſen, ſo wuͤrde er ſein Leben in vollkommener Zufriedenheit weggepfiffen haben; aber ſeine Frau laͤrmte ihm immer vor den Ohren von ſeiner Traͤgheit, ſeiner Sorgloſigkeit, und dem Verderben, das er den Sei⸗ nigen bereitete. Ihre Zunge war Morgens, Mit⸗ tags und Abends in unaufhoͤrlicher Bewegung, und ſes. was er ſagte, oder that, brachte unſehlbar 7* — 100— einen Erguß haͤuslicher Beredſamkeit hervor. Rip hatte nur eine einzige Antwort auf alle dieſe Pre⸗ digten, die durch haͤufigen Gebrauch zur Gewohnheit geworden war. Er zuckte die Achſeln, ſchuͤttelte den Kopf, blickte aufwaͤrts und ſagte nichts. Dieß reiz⸗ te jedoch die Frau immer zu einer neuen Ladung, und er war froh, ſich zuruͤck zu ziehen, und außer⸗ halb des Hauſes Zuflucht zu ſuchen, dem einzigen Orte, der einem geplagten Ehemanne eigentlich ge⸗ hoͤrt.. Rip's einziger Anhaͤnger im Hauſe war ſein Hund, Wolf, der eben ſo ſehr unter dem Pantoffel ſtand, als ſein Herr; denn Frau Van Winkle hielt beide fuͤr Geſellen in der Traͤgheit und ſah den Hund ſcheel an, den ſie fuͤr die Urſache von ſeines Herrn oͤfterem Herumlaufen hielt. Allerdings war Wolf in allen Stuͤcken, was ſich fuͤr einen wackern Hund ziemt, ſo muthig, als irgend ein Thier, das je durch die Waͤlder ſchweifte; aber welcher Muth kann die immer dauernden und alles bedraͤngenden Schreckniſſe einer Weiberzunge beſtehen? So bald Wolf in's Haus kam, ſank ſein Muth, ſein Schwanz hing herab, oder kruͤmmte ſich zwiſchen den Beinen; er ſchlich mit einem Galgengeſichte umher, wobei er manchen Seitenblick auf Frau Van Winkle warf, und bei dem geringſten Schwanken eines Beſenſtiels, oder Loffels, flog er quaͤrrend und eilig nach der Thuͤre. 8 84 Es ward immer aͤrger fuͤr Rip Van Winkle, als die Ehejahre dahin rollten; denn ein herbes Gemuͤth wird nie durch die Jahre geſaͤnftigt, und eine ſcharfe Zunge iſt das einzige ſchneidende Werk⸗ zeng, das durch ſteten Gebrauch immer ſchaͤrfer wird. Eine lange Zeit hindurch troͤſtete er ſich, wenn er aus dem Hauſe getrieben war, durch den Beſuch eines geſelligen Vereins der Weiſen und anderen muͤſſigen Leute im Dorfe, der ſeine Sitzungen auf der Bank vor einer kleinen Schenke hielt, die durch das rothgluͤhende Bildniß Koͤnig Georgs des Dritten bezeichnet ward. Hier pflegten ſie an einem langen traͤgen Sommertage im Schatten zu ſitzen, und un⸗ luſtig mit Dorfklatſchereien ſich zu unterhalten, oder endloſe einſchlaͤfernde Geſchichten vo NRichts zu er⸗ zaͤhlen. Ein Staatsmann aber lashe Geld dar⸗ um geben koͤnnen, wenn er die tiefſinnigen Unter⸗ ſuchungen gehoͤrt haͤtte, welche Statt fanden, ſo oft etwa der Zufall ihnen ein altes Zeitungblatt von ei⸗ nem voruͤber ziehenden Reiſenden in die Haͤnde brach⸗ te. Wie feierlich ſie auf den Inhalt horchten, wenn Derrick Van Bummel, der Schulmeiſter, ein flinkes gelehrtes Maͤnnchen, dem nicht vor dem rieſenhafte⸗ ſten Worte im Woͤrterbuche bange ward, ihnen vor⸗ las, und wie weiſe ſie uͤber offentliche Angelegenheiten, einige Monate nach den Ereigniſſen, rathſchlagten! 4 Die Meinungen dieſer Verſammlung wur⸗ den gehoͤrig bewacht von dem alten Niklas Vedder, — 102— dem Wirthe der Schenke, vor deren Thuͤre er von Morgen bis Abend ſeinen Sitz nahm, und ſich nicht mehr bewegte, als gerade noͤthig war, die Sonne zu vermeiden, und ſich unter den Schatten eines breitwipfeligen Baumes zu ſtellen, weßhalb denn die Nachbarn nach ſeinen Bewegungen die Stunde ſo genau beſtimmen konnten, als nach einem Son⸗ nenweiſer. Er ſprach freilich ſelten, rauchte aber un⸗ aufhoͤrlich ſeine Pfeife. Seine Anhaͤnger aber— und jeder große Mann hat ja ſeine Anhaͤnger— verſtan⸗ den ihn vollkommen und wußten ſeine Meinung zu errathen. Wenn irgend etwas ihm Mißfaͤlliges ge⸗ leſen, oder berichtet wurde, ſah man ihn heftig rau⸗ chen, und kurze, haͤufige und zornige Rauchwolken ausſtoßen; aber wenn er zufrieden war, zog er den Rauch danh ruhig ein, blies ihn in leichten ſtillen Wolken aus, und indem er dann zuweilen die Pfeife aus dem Munde nahm und den wohlriechen⸗ den Dampf um ſeine Naſe ſich kraͤuſeln ließ, nickte er ernſthaft, zum Zeichen vollkommener Zuſtimmung. Auch aus dieſer Veſte aber wurde der ungluͤckli⸗ che Rip endlich durch ſeine zaͤnkiſche Frau getrieben, welche zuweilen ploͤtzlich die ruhige Verſammlung ſtoͤr⸗ te, alle Glieder herunter riß, und ſelbſt der erha⸗ bene Alte, Niklas Vedder, war nicht geſichert gegen die verwegene Zunge des Mannweibes, und wurde geradezu beſchuldigt, daß er den armen Nip in ſei⸗ nen traͤgen Gewohnheiten beſtaͤrkte. ——— —— — 105— Rip war endlich faſt der Verzweiflung nahe, und um der Hausarbeit⸗ und dem Gezanke ſeiner Frau zu entfliehen, blieb ihm nichts uͤbrig, als die Flinte in die Hand zu nehmen, und in den Wald zu gehen. Hier ſetzte er ſich dann zuweilen unter einen Baum und theilte den Inhalt ſeines Querſacks mit Wolf, welcher, als ein Leidgenoſſe in der Verfol⸗ gung, ſein Mitgefuͤhl erregte.„Armer Wolf! ſprach er dann wohl: bei deiner Frau haſt du ein wahres Hundeleben, aber laß es gut ſein, Maͤnnchen, ſo lange ich lebe, ſoll's dir nicht an einem Freunde fehlen, der dir beiſteht.“ Wolf wedolte mit dem Schwanze, ſah ſeinem Herrn ernſthaft in's Geſicht, und wenn Hunde Mitleid fuͤhlen koͤnnen, erwiederte er, glaube ich wahrlich, das ausg ochene Gefuͤhl von ganzem Herzen. 1 Auf einer langen Wanderung der Art, an ei⸗ nem ſchoͤnen Herbſttage, war Nip unmerklich auf ei⸗ nen der hoͤchſten Gipfel der Kaatskill⸗Gebirge gekom⸗ men. Er unterhielt ſich mit ſeinem Lieblingsvergnuͤ⸗ gen, der ichhornchen⸗Jagd, und der Wiederhall hatte den Knall ſeiner Flinte in der ſtillen Einſam⸗ keit immer und immer vervielfaͤltigt. Keuchend vor Ermuͤdung, warf er ſich, ſpaͤt am Tage, auf einen, mit Berggras bewachſenen Ruͤcken, am Nande eines ſteil abſtuͤrzenden Gipfels. Er uͤberſah durch eine Oeffnung zwiſchen den Baͤumen, auf viele Meilen weit, ein uͤppiges Waldland. In der Ferne, tief — 104— unten, ſah er den herrlichen Hudſon in ſtillem, aber ſtolzen Laufe hinab ziehen, vom Wiederſchein einer purpurnen Wolke glaͤnzend, oder das Segel eines zoͤgernden Fahrzeuges hier und da uͤber dem Spiegel einer Bucht, bis endlich der Strom ſich in den blauen Gebirgen verlor. Auf der andern Seite oͤffnete ſich vor ſeinen Blik⸗ ken ein tiefes, wildes, einſames Thal, deſſen Bo⸗ den mit den Bruchſtuͤcken herabhangender Klippen be⸗ deckt, und kaum von den Strahlen der untergehenden Sonne beleuchtet war. Rip war eine Zeitlang in den Anblick verloren. Der Abend brach allmaͤhlig an; die Berge warfen ihren langen blauen Schatten uͤber die Thaͤler; er ſah, daß er nicht eher, als lange nach Anbruch der Nacht, das Dorf erreichen konnte, und ſchwerer Seufzer hob ſeine Bruſt, bei dem Gedanken, ſeiner Frau unter die ſchrecken⸗ den Augen zu treten. Als er hinab ſtieg, hoͤrte er aus der Ferne eine Stimme, die ihm zurief:„Rip Van Winkle! Rip Van Winkle!“ Er ſah ſich um, konnte aber nichts erblicken, als eine Kraͤhe, die einſam uͤber das Ge⸗ birge flatterte. In der Meinung, es haͤtte ſeine Ein⸗ bildung ihn getaͤuſcht, wollte er wieder hinab ſtei⸗ gen, als durch die ſtille Abendluft derſelbe Ruf ſchallte:„Rip Van Winkle! Rip Van Winkle!“ Es ſtraͤubten ſich die Haare auf dem Ruͤcken ſeines Hundes, der mit dumpfen Toͤnen heulte, ſich an — ſeines Herrn Seite ſchmiegte, und furchtſam in's Thal hinab blickte. Rip ward nun von einer unbe⸗ ſtimmten Furcht beſchlichen; er blickte unruhig in die⸗ ſelbe Gegend, und ſah eine ſeltſame Geſtalt, die langſam den Felſen erklimmte, und eine ſchwere Laſt auf dem Ruͤcken trug. Es uͤberraſchte ihn, ein meuſch⸗ liches Weſen in dieſer einſamen und unbeſuchten Ge⸗ gend zu erblicken, aber in der Vorausſetzung, einen hilfbeduͤrftigen Menſchen aus der Nachbarſchaft zu ſehen, eilte er hinab, Beiſtand zu leiſten. Als er naͤher kam, uͤberraſchte ihn noch mehr des Unbekannten Geſtalt. Er ſah einen kleinen vier⸗ ſchroͤtigen Kerl, mit dickem ſtruppigen Haare und einem halbgrauen Barte. Sein Anzug war nach der alten hollaͤndiſchen Sitte; ein Tuchwams, das enge um die Huͤften ging; mehre Beinkleider, wovon die oberen ſehr weit, und mit Reihen von Knoͤpfen auf beiden Seiten und an den Knieen mit Bauſchen be⸗ ſetzt waren. Auf der Schulter trug er ein ſtarkes Faͤßchen, das voll Getraͤnk zu ſein ſchien, und fo⸗ derte Rip durch Zeichen anf, naͤher zu kommen und ihm die Laſt tragen zu helfen. Rip war freilich ein wenig ſcheu und mißtrauiſch gegen ſeinen neuen Be⸗ kannten, aber doch mit ſeiner gewoͤhnlichen Freudig⸗ keit bereit, willig, und ſich gegenſeitig unterſtuͤtzend, kletterten ſie in einer engen Schlucht hinauf, die das ausgetrocknete Bett eines Bergſtromes zu ſein ſchien. Als ſie hinan ſtiegen, hoͤrte Rip zuweilen ein lang — 106— gedehntes Getoͤſe, einem entfernten Donner aͤhnlich, das aus einer tiefen Schlucht, oder Felſenſpalte zu kommen ſchien, wozu der rauhe Pfad fuͤhrte. Er blieb einen Augenblick ſtehen, ging aber bald wieder voran, da er den dumpfen Ton des voruͤber gehen⸗ den Donners zu hoͤren glaubte, den man oft auf Berghoͤhen vernimmt. Sie kamen durch die Schlucht in ein enges Thal, das von ſenkrechten Felſen um⸗ ſchloſſen war, auf deren Gipfel Baͤume empor wuch⸗ ſen, die durch ihre uͤberhangenden Aeſte den blauen Himmel und die glaͤnzende Abendwolke faſt ganz ver⸗ deckten. Waͤhrend dieſer ganzen Zeit hatten Rip und ſein Gefaͤhrte ſchweigend ſich abgemuͤht, und ſo we⸗ nig Jener begreifen konnte, zu welchem Zwecke ein Faͤßchen mit Getraͤnke auf das wilde Gebirge hin⸗ auf getragen werden ſollte, es war doch etwas Selt⸗ ſames und Unbegreifliches in dem Unbekannten, das Furch einfloͤßte und Vertraulichkeit hemmte. Als ſie das Felſenthal betraten, zeigten ſich neue Gegenſtaͤnde des Erſtaunens. Auf einem ebenen Platze* in der Mitte war eine Geſellſchaft ſeltſam ausſehen⸗* der Leute beim Kegelſpiel. Sie hatten eine wunder⸗ liche auslaͤndiſche Tracht; Einige trugen kurze We⸗ ſren, Andre Waͤmſer, lange Meſſer im Guͤrtel, und die Meiſten hatten ungeheure Beinkleider, wie der Fuͤhrer. Auch ihre Geſichter waren ſeltſam; der Eine hatte einen großen Kopf, ein breites Geſicht und kleine Feikelaugen; eines Andern Geſicht ſchien nichts — 107— als Naſe zu ſein, und war mit einem weißen Zuk⸗ kerbrod⸗Hute bedeckt, worauf eine kleine rothe Hah⸗ nen⸗Schwanzfeder ſtand. Alle hatten Baͤrte, ver⸗ ſchieden an Geſtalt und Farbe. Einer unter ihnen ſchien der Oberherr zu ſein; ein ruͤſtiger alter Herr, mit einem, vom Wetter gebraͤunten Angeſichte, der ein Wams mit Treſſen, einen breiten Guͤrtel mit einem Hirſchfaͤnger, einen hohen Hut mit einer Fe⸗ der, rothe Struͤmpfe, Schuhe mit hohen Abſaͤtzen und Roͤschen trug. Die ganze Gruppe erinnerte Rip an die Geſtalten auf einem alten flammaͤndiſchen Ge⸗ maͤhlde in der Putzſtube des Dorfpfarrers Van Schank, das zur Zeit der erſten Anſiedlung aus Holland ge⸗ kommen war. Nichts kam unſerm Rip ſeltſamer vor, als daß dieſe Leute, die ſich doch offenbar Vergnuͤgen mach⸗ ten, die ernſthafteſten Geſichter behielten, das ge⸗ heimnißvollſte Schweigen beobachteten, und uͤberhaupt die truͤbſeligſten Geſellen waren, die er je geſehen. Die Stille wurde nur durch das Geraͤuſch der Baͤlle geſtoͤrt, deren Rollen wie Donnergetoͤſe von den Ber⸗ gen wiederhallte. Als Rip und ſein Gefaͤhrte hinzu traten, ließen ſie ploͤtzlich von ihrem Spiele ab, und ſtierten ihn mit einem ſo bildſaͤulenaͤhnlichen Starrblicke, und ſo ſeltſamen, glanzloſen Geſichtern an, daß ſein Herz ſich umwendete, und ſeine Kniee ſchlotterten. Sein Gefaͤhrte goß nun den Inhalt des Faͤßchens in große Kruͤge, und gab ihm ein Zeichen, die Geſellſchaft zu bedienen. Er gehorchte mit Furcht und Zittern. Sie ſtuͤrzten den Trank ſchweigend hinab, und gingen dann zu ihrem Spiele zuruͤck. Rip's Furcht und Beſorgniſſe ſchwanden nach und nach. Er wagte es ſogar, als eben kein Auge auf ihn geheftet war, den Trank zu koſten, der viel von dem Geſchmack eines trefflichen Wachholderbrannt⸗ weins hatte. Er war von Natur ein durſtiges Weſen, und kam bald in Verſuchung, noch einen Schluck zu thun. Eine Probe reizte zur andern, und Rip ſprach der Flaſche ſo oft zu, daß er endlich ſeine Beſin⸗ nung verlor; ſeine Augen ſchwammen, ſein Kopf ſank immer mehr herab, und er fiel in einen tiefen Schlaf. Beim Erwachen fand er ſich auf der gruͤnen An⸗ hoͤhe, wo er zuerſt den alten Mann aus dem Thale geſehen hatte. Er rieb ſeine Augen; es war ein heller, ſonniger Morgen. Die Voͤgel huͤpften und zwitſcherten in den Buͤſchen, und der Adler ſchwang ſich empor, dem friſchen Bergwind entgegen.„Ich habe doch gewiß nicht die ganze Nacht hier geſchla⸗ fen,“ dachte Rip. Er rief ſich zuruͤck, was ihm be⸗ gegnet war, ehe der Schlaf ihn uͤberwaͤltigt hatte. Der ſeltſame Mann mit dem Branntweinfaͤßchen— die Bergſchlucht— das wilde Felſenthal— die ſchwermuͤthige Geſellſchaft beim Kegelſpiel— die Fla⸗ ſche—„O die Flaſche! die unſelige Flaſche! dachte — 109— Rip. Wie ſoll ich mich bei meiner Frau entſchul⸗ digen!“ Er ſah ſich nach ſeinem Gewehre um, aber ſtatt der ſaubern, wohl eingeohlten Jagdflinte, lag neben ihm ein altes Ding, woran der Lauf mit Roſt be⸗ deckt, das Schloß locker und der Ladeſtock wurmſtichig war. Er argwohnte nun, die ernſthaften Prahlhaͤnſe im Felſenthale haͤtten ihm einen Schalkſtreich geſpielt, und als ſie ihn mit Branntwein berauſcht, ſeine Flinte ihm genommen. Auch Wolf war nirgend zu ſehen, aber er konnte ſich ja auch auf der Jagd hin⸗ ter einem Eichhoͤrnchen, oder Rebhuhn verirret ha⸗ ben. Nip pfiff und rief des Hundes Nahmen, aber alles vergebens, der Wiederhall gab Pfeifen und Ruf zuruͤck, der Hund war jedoch nicht zu ſinden. Rip wollte den Schauplatz des luſtigen Strei⸗ ches vom vorigen Abend noch einmahl beſuchen, und wenn er Jemand von der Geſellſchaft faͤnde, Hund und Flinte zuruͤck fodern. Als er aufſtand, ſich in Bewegung zu ſetzen, fand er ſeine Gelenke erſteift und ermangelte ſeiner gewoͤhnlichen Behendigkeit. „Ein ſolches Lager auf den Bergen paßt nicht fuͤr mich, dachte Rip, und wenn ich von dieſem Spaß einen Anfall vom Reißen kriege und zu Hauſe liegen muß, dann wird's mir ſchoͤn mit meiner Frau gehen.“ Nicht ohne Muͤhe kam er in's Thal hinab. Er fand die Schlucht, in welcher er am vorigen Abende — 110— mit ſeinem Gefaͤhrten hinauf gewandert war; aber zu ſeinem Erſtaunen, ſtuͤrzte nun ein ſchaͤumender Bergſtrom von Felſen zu Felſen, und fuͤllte das Thal mit ſeinem geſchwaͤtzigen Gemurmel. Er klet⸗ terte jedoch ſchnell den Abhang hinan, bahnte ſich muͤhſam den Weg durch Dickige von Birken, Saſſa⸗ fras und Zauberſtrauch,*) und fand ſich zuweilen von wilden Reben umſtrickt, die ihre Ranken von Baum zu Baum ausbreiteten und gleichſam ein Netz uͤber ſeinen Pfad zogen. 1 Endlich kam er zu der Stelle, wo ſich die Schlucht in die Waͤnde des Felſenthales geoͤffnet hatte, aber es war keine Spur einer ſolchen Oeffnung zu ſehen. Die Felſen zeigten eine hohe undurchdringliche Wand, uͤber welche ein ſchaͤumender Strom ſich ſtuͤrzte, und in ein tiefes Becken fiel, das die Schatten des um⸗ liegenden Waldes verdunkelten. Hier mußte der ar⸗ me Rip ſtehen bleiben. Er rief und pfiff noch ein⸗ mahl nach ſeinem Hunde, aber es antwortete ihm nur das Kraͤchzen einer Schaar muͤſſiger Kraͤhen, die hoch in der Luft um einen, uͤber ſonnigem Ab⸗ ſturze hangenden duͤrren Baum flogen, und ſicher in ihrer Hoͤhe, auf des armen Mannes Verlegenheit ſpottend herab zu blicken ſchienen. Was war zu thun? Der Morgen ging voruͤber und Rip lechzte hungrig nach ſeinem Fruͤhſtuͤcke. Ungern wollte er Hund und *) Hamamelis, L. — — 4 Flinte anfgeben; er fuͤrchtete ſich, ſeiner Frau un⸗ ter die Augen zu treten, aber im Gebirge umzu⸗ 1 kommen, war auch ſchlimm. Er ſchuͤttelte den Kopf, ſchulterte ſein roſtiges Gewehr, und mit einem, von Unruhe und Angſt erfuͤllten Herzen ging er heim. Als er ſich dem Dorfe naͤherte, ſah er viele Leute, wovon er jedoch Niemand kannte, was ihn ziemlich uͤberraſchte, da er Jedermann in der Umge⸗ gend zu kennen geglaubt hatte. Auch ihr Anzug war verſchieden von der Tracht, woran er gewohnt war. Alle ſahen ihn eben ſo verwundert an, und ſo oft ſie ihre Blicke auf ihn warfen, ſtrichen ſie ihr Kinn. Die ſtete Wiederkehr dieſer Gebehrde ver⸗ leitete unſern Rip, es eben ſo zu machen, und zu ſeinem Erſtaunen fand er, daß ſein Bart einen Fuß lang geworden war. Er trat nun in den Bezirk des Dorfes. Ein Schwarm fremder Kinder lief ihm nach, ſchrie hinter ihm her und zeigte auf ſeinen grauen Bart. Selbſt die Hunde, unter welchen er keinen alten Bekannten fand, bellten ihn an, als er voruͤber ging. Das Dorf war ganz anders, groͤßer und volkreicher. Er ſah Rei⸗ hen von Haͤuſern, die er nie vorher geſehen, und die⸗ jenigen, die er fruͤher ſo gern beſucht hatte, waren verſchwunden. Ueber den Thuͤren ſtanden fremde Nah⸗ men, fremde Geſichter waren an den Fenſtern, alles war fremd. Es ward ihm nun bange, und er fing an zu zweifeln, ob nicht er und alles um ihn her — 112— 4 behert waͤre. Dieß war ja gewiß ſein heimathliches Dorf, das er nur erſt am vorigen Tage verlaſſen hatte. Hier erhoben ſich die Kaatskill⸗Berge, dort floß der ſilberne Hudſon, und jeder Huͤgel, jedes Thal zeigte ſich, wie es immer geweſen war. Rip war ganz beſtuͤrzt.„Die Flaſche von geſtern Abend, hat meinen armen Kopf gaͤnzlich ausgeleert“ dach⸗ te er.* 8 Nicht ohne Muͤhe fand er den Weg zu ſeinem Hauſe, dem er ſich mit ſchweigender Furcht naͤherte, jeden Augenblick erwartend, die gellende Stimme ſeiner Frau zu hoͤren. Das Haus war baufaͤllig, das Dach eingefallen, jedes Fenſter zerbrochen und keine Thuͤre hing in ihren Angeln. Ein halb ver⸗ hungerter Hund, der wie ein Wolf ausſah, ſchlich in der Naͤhe umher. Rip rief ihn bei Nahmen; aber das Thier knurrte, wies die Zaͤhne und ging voruͤber. Das war doch in der That unfreundlich. „Auch mein Hund hat mich vergeſſen!“ ſeufzte der arme Rip.„ Er trat in das Haus, das ſeine Frau, wie nicht zu laͤugnen iſt, ſtets in reinlicher Ordnung gehal⸗ ten hatte. Es war leer, einſam und dem Anſchein nach verlaſſen. Dieſe Veroͤdung brachte alle ſeine ehelichen Beſorgniſſe zum Schweigen; er rief laut nach Frau und Kindern; aber die leeren Gemaͤcher wiederhallten einen Augenblick von ſeiner Stimme, und alles war wieder ſtill. „.— 115— Er eilte nun fort und ging ſchnell zu ſeiner al⸗ ten Zuflucht, der Dorfſchenke, aber auch dieſe war verſchwunden. Ein großes, aber nicht hohes hoͤlzer⸗ nes Gebaͤude ſtand hier, mit weiten Fenſtern, wo⸗ von einige zerbrochen und mit alten Huͤten und Un⸗ terroͤcken geflickt und ausgeſtopft waren, und uͤber der Thuͤre die Worte:„Union⸗Schenke von Jona⸗ than Thuwenig.“ Statt des großen Baumes, der einſt die ſtille kleine hollaͤndiſche Schenke geſchirmt hatte, ſah er nun eine lange kahle Stange, auf deren Spitze etwas ſich zeigte, das wie eine rothe Nachtmuͤtze ausſah, und eine Flagge wehte daran, worauf eine ſonderbare Vereinigung von Sternen und Streifen zu ſchauen war. Alles dieß war ſeltſam und unbegreiflich. Rip erkannte jedoch das Schild, des Koͤnigs Georg rothes Geſicht, worunter er ſo oft ruhig ſeine Pfeife geraucht hatte; aber ſelbſt dieß war ſonderbar umgewandelt. Statt des rothen Rok⸗ kes ſah er einen blauen, ſtatt des Herrſcherſtabes ein Schwert in der Hand, den Kopf ſchmuͤckte ein dreieckiger Hut und darunter ſtand in großen Buch⸗ ſtaben:„General Waſhington.“ Es war, wie gewoͤhnlich, ein Schwarm von Menſchen vor der Thuͤre, aber Niemand, den Rip gekannt haͤtte. Selbſt die Gemuͤthsart der Men⸗ ſchen ſchien ſich veraͤndert zu haben. Man bemerkte ein geſchaͤftiges, laͤrmendes, ſtreitſuͤchtiges Weſen un⸗ ter ihnen, ſtatt der ſonſt gewoͤhnlichen Traͤgheit und 8 — 114— 8 ſchlaͤfrigen Ruhe. Vergebens ſuchte Rip den weiſen Niklas Vedder, mit dem breiten Geſichte, dem Un⸗ terkinn und der huͤbſchen langen Tabackspfeife, der Rauchwolken, ſtatt muͤſſiger Reden aus dem Munde ſtieß; vergebens den Schulmeiſter Van Bummel, der den Inhalt einer alten Zeitung zum Beſten gab. Er ſah dagegen einen hagern, gallſuͤchtigen Burſchen, mit einer Taſche voll Papiergeld, der hef⸗ tig uͤber die Rechte der Buͤrger, uͤber Volksvertre⸗ terwahlen, Mitglieder des Kongreſſes, Freiheit, Bunkees⸗Hill,*) die Helden von Sechsund ſechzig“*) ſprach, und andre Woͤrter hoͤren ließ, die dem ver⸗ bluͤfften Nip babyloniſch klangen. Der Anblick des armen Rip, mit dem langen grauen Barte, der roſtigen Jagdflinte, der ſeltſamen Tracht, und eines Schwarmes von Weibern und Kindern, der ihm auf den Ferſen folgte, zog bald die Auf⸗ merkſamkeit der Staatsmaͤnner in der Schenke an. Alle draͤngten ſich um ihn, und betrachteten ihn ſehs neugierig vom Kopfe bis zu den Fuͤßen. Der Spre⸗ cher kam eilig zu ihm, und ihn ein wenig ſeitwaͤrts fuͤhrend, fragte er ihn, fuͤr welche Seite er ſtimmte. *) Anſpielung auf ein Gefecht zwiſchen den Amerikanern und Engländern 1778. **½) Aufhebung der den Ameerikanern aufgelegten Stem⸗ peltaxe, der jene den Gehorſam verweigert hatten. — —,— rr — r 4— 115— Rip ſtarrte ihn mit gedankenloſem Staunen an. Ein anderes kurzes, aber munteres Maͤnnchen zog ihn am Aermel, und auf die Zehen tretend, raunte er ihm in's Ohr, ob er ein Foͤderaliſt, oder ein De⸗ mokrat waͤre. Rip wußte auch nicht, was dieſe Fra⸗ ge bedeuten ſollte. Ein kundig und duͤnkelvoll aus⸗ ſehender alter Herr mit einem ſpitzigen dreieckigen Hute machte ſich nun mit Elbogenſtoͤßen Platz durch das Gedraͤnge, und den einen Arm in die Seite ſtammend, den andern auf ſeinen Stock ſtutzend, trat er vor ihn, und mit ſeinen ſcharfen Augen und ſeinem ſpitzigen Hute gleichſam des Mannes Seele durchbohrend, fragte er mit ſtrengem Tone:„Wie kommt Ihr dazu, mit einem Gewehr auf der Schulter und einem Poͤbelſchwarm hinter Euch, bei der Wahl⸗ verſammlung zu erſcheinen, und meint Ihr deun einen Aufſtand im Dorfe zu erregen?“ Ach, lieber Herr! rief Rip, ein wenig erſchrok⸗ ken: ich bin ein armer ruhiger Mann, hier aus dem Orte gebuͤrtig, und ein treuer Unterthan des Koͤnigs, den Gott erhalte! Die Umſtehenden brachen nun in das allgemeine Geſchrei aus:„Ein Koͤnigsfreund! Ein Kundſchaf⸗ ter! Ein Fluͤchtling! Fort— fort mit ihm!“ Nicht ohne große Muͤhe gelang es dem wichtig thuenden Manne mit dem dreieckigen Hute, die Ord⸗ nung herzuſtellen, und mit einem noch zehnmahl ernſtern Geſichte fragte er den unbekannten Straf⸗ 8*⁵ — 116— baren, warum er hergekommen waͤre, und was er ſuchte. Der arme Mann betheuerte demuͤthig, er wollte Niemanden etwas zu Leide thun, ſondern nur einige Nachbarn aufſuchen, die ſich gewoͤhnlich vor der Schenke verſammelten. Wohlan, wie heißen ſie? Sagt ihren Namen! Rip beſann ſich einen Augenblick und fragte: „Wo iſt Niklas Vedder?“ Alles ſchwieg eine Weile, bis endlich ein alter Mann mit einer duͤnnen pfeifenden Stimme erwie⸗ derte:„Nun, der iſt ſeit achtzehn Jahren todt. Es war ein hoͤlzernes Denkmahl auf ſeinem Grabe auf dem Kirchhofe, das alles von ihm berichtete, aber es iſt nun auch verfault und fort.“ Wo iſt Van Bummel, der Schulmeiſter? Er ging in den Krieg, war ein großer General und iſt nun beim Kongreß. Rip's Muth ſank, als er von dieſen Veraͤnde⸗ rungen in ſeiner Heimath und unter ſeinen Freunden hoͤrte, und ſich ſo allein in der Welt fand. Jede Antwort ſetzte ihn in Beſtuͤrzung, als er von einem ſo langen Zeitverlauf, und von Dingen hoͤrte, wovon er nichts verſtand; er wagte es nicht, nach andern Freunden zu fragen, und rief untroͤſtlich aus:„Kennt denn Niemand hier Rip Van Winkle?“ da ſteht Rip Van Winkle am Baume. O Rip Van Winkle! riefen Einige. O freilich— — — 117— Rip ſah ſich um, und erblickte ein Ebenbild ſei⸗ ner Geſtalt, wie er geweſen war, als er in's Ge⸗ birge ging, dem Anſcheine nach eben ſo traͤge und gewiß eben ſo zerlumpt. Er zweifelte, ob er noch derſelbe Menſch, oder ein anderer waͤre. In dieſer Beſtuͤrzung ward er von dem Manne mit dem drei⸗ eckigen Hute nach ſeinem Nahmen gefragt. Gott weiß es! rief er, verlegen. Ich bin nicht mehr ich ſelber, ich bin ſonſt Jemand. Der da un⸗ ten, das bin ich— nein, es iſt Jemand in meinen Schuhen. Ich war ich ſelber geſtern Abend, aber ich fiel im Gebirge in Schlaf, und man hat meine Flinte vertauſcht, und alles iſt veraͤndert, und ich bin ver⸗ aͤndert, und ich weiß nicht zu ſagen, wie ich heiße, und wer ich bin. Die Umſtehenden ſahen ſich an, nickten, und winkten ſich bedeutſam zu und legten den Finger an die Stirne. Man fliſterte ſich zu, man muͤßte ſich der Flinte verſichern, und den alten Mann abhalten, Unheil zu ſtiften. Der wichtig thuende Mann ent⸗ fernte ſich ſchnell, als dieſe Bemerkungen gemacht wurden. In dieſem entſcheidenden Augenblicke draͤngte ſich ein munteres, liebreizendes Weib durch das Gewuͤhl, um den alten baͤrtigen Mann zu ſehen. Sie hatte einen pausbackigen Jungen auf dem Arme, der beim Anblicke des Alten zu ſchreien anfing.„Still Rip! — 118— ſprach ſie: Still doch, Naͤrrchen! Der alte Mann thut dir ja nichts.“. Der Nahme des Kindes, die Zuͤge der Mutter, der Ton ihrer Stimme, alles rief Erinnerungen in ſeiner Seele auf.„Wie heißt Ihr, liebe Frau?“ hob er an. Judith Gardenier, war die Antwort. Und euer Vater hieß? O der arme Mann nannte ſich Rip Van Winkle. Vor zwanzig Jahren ging er mit ſeiner Flinte fort, und hat ſeitdem nichts von ſich hoͤren laſſen. Sein Hund kam ohne ihn zuruͤck, aber ob er ſich erſchoſſen hat, oder ob die Wilden ihn weggefuͤhrt haben, weiß Niemand zu ſagen. Ich war zu jener Zeit noch ein kleines Maͤdchen. Rip hatte nur noch eine Frage, aber er that ſie mit zitternder Stimme:„Wo iſt eure Mutter?“ D auch ſie iſt ſeitdem geſtorben. Es ſprang ein Blutgefaͤß bei ihr, als ſie ſich gegen einen Landkraͤ⸗ mer erzuͤrnte. Dieſe Nachricht hatte wenigſtens etwas Troͤſtli⸗ ches. Der gute Mann konnte ſich nicht laͤnger halten. Er ſchloß ſeine Tochter und ihr Kind in die Arme. „Ich bin dein Vater, ſprach er. Einſt der junge Rip Van Winkle— jetzt der alte. Kennt denn Nie⸗ mand Rip Van Winkle?“ Alle waren erſtaunt, bis eine alte Frau, die aus dem Gedraͤnge trat, ihre Hand an die Stirne — 119— legte, und als ſie unter dieſem Schirme ihn einen 1 Augenblick angeſehen hatte, ausrief:„Ja wahrlich, es iſt Rip Van Winkle! Er iſt es ſelber. Willkom⸗ men, alter Nachbar! Nun, wo ſeid Ihr denn dieſe langen zwanzig Jahre geweſen?“ 4 Rip hatte ſeine Geſchichte bald erzaͤhlt, denn die ganzen zwanzig Jahre waren fuͤr ihn nur eine Nacht geweſen. Die Landleute verriethen ihr Erſtaunen; Einige winkten einander zu, und fliſterten; der wich⸗ tig thuende Mann mit dem ſpitzigen Hute aber, wel⸗ cher, als der Laͤrm ſich gelegt hatte, zuruͤck gekehrt war, zog die Mundwinkel herab, und ſchuͤttelte den Kopf, worauf in der ganzen Verſammlung ein n allge⸗ meines Kopfſchuͤtteln erfolgte. Man faßte jedoch den Entſchluß, die Meinung des alten Peter Vanderdonk zu hoͤren, der eben mit langſamen Schritten heran kam. Er war der aͤlteſte Bewohner des Dorfes und wohl bewandert in allen Wunderſagen und Ueberlieferungen der Umgegend. Er erinnerte ſich alsbald des alten Rip, und beſtaͤtigte deſſen Erzaͤhlung auf eine voͤllig befriedigende Weiſe. Nach ſeiner Verſicherung war es eine ausgemachte Thatſache, daß die Kaatskill⸗Gebirge immer von ſeltſamen geſpenſtiſchen Weſen bewohnt geweſen wa⸗ ren. Der große Hendrick Hudſon, der erſte Entdecker des Stromes und des Landes, hielt dort, nach der Sage, mit ſeiner Schiffmannſchaft vom Halbmond alle zwanzig Jahre eine Art von Nachtwache, da es ihm vergoͤnnt waͤre, auf dieſe Weiſe den Schauplatz ſeiner Unternehmung wieder zu beſuchen, und den Fluß ſammt der nach ihm genannten Stadt mit ei⸗ nem wachſamen Auge zu betrachten. Sein Vater, ſetzte Peter hinzu, haͤtte ſie einſt in ihrer alt hollaͤn⸗ diſchen Tracht beim Kegelſpiel in einem Thale im Ge⸗ birge geſehen, und er ſelber an einem Sommernach⸗ mittage das Rollen ihrer Baͤlle, wie entfernte Don⸗ nerſchlaͤge, vernommen.. Eine lange Geſchichte abzukuͤrzen, ſetzen wir hin⸗ zu, daß die Geſellſchaft aufbrach und zu den wichti⸗ gern Angelegenheiten der Wahlverſammlung zuruͤck kehrte. Rip ward von ſeiner Tochter mitgenommen. Sie hatte ein wohnliches, wohlverſehenes Haus, und ihr Mann war ein ruͤſtiger munterer Landmann, in welchem Rip einen der Buben wieder erkannte, die auf ſeinen Ruͤcken zu klettern pflegten. Rip's Sohn und Erbe, ſein Ebenbild, das ſich an einen Baum gelehnt hatte, wurde zum Anbau ſeines Gutes ge⸗ braucht, verrieth aber eine erbliche Neigung, eher alles andre, als ſein Geſchaͤft zu verrichten. Rip kehrte nun wieder zu ſeinen alten Gaͤngen und Gewohnheiten zuruͤck. Er fand bald viele ſeiner ehemaligen Geſellen, die aber alle durch den Einfluß der Zeit zu ihrem Nachtheile waren umgewandelt worden, und er ſuchte lieber Freunde unter dem auf⸗ wachſenden Geſchlechte, deſſen Gunſt er bald in ho⸗ hem Grade erwarb. 3 —, unbeſchaͤftigt zu Hauſe, und in dem glüͤcklichen Alter, wo man nichts ungeſtraft thun kanu, nahm er wieder ſeinen Platz auf der Bank vor der Wirths⸗ hausthuͤre, und ward geehrt als einer der Dorfaͤlte⸗ ſten und als eine Chronik der alten Zeiten vor dem Kriege. Es dauerte einige Zeit, ehe er in den Zug der Klatſcherei kommen, oder die ſonderbaren Ereig⸗ niſſe begreifen konnte, die waͤhrend ſeiner Betaͤubung vorgefallen waren, wie aus der Staatsumwaͤlzung ein Krieg hervorgegangen war, wie das Land das Joch von Alt⸗England abgeworfen hatte, und wie er nun nicht mehr ein Unterthan Georg des Dritten, ſondern ein freier Buͤrger der vereinten Staaten war. Rip war in der That kein Staatsmann; die Veraͤnderun⸗ gen der Staaten und Reiche machten nur wenig Ein⸗ druck auf ihn; aber es gab eine Art von Gewalt⸗ herrſchaft, unter welcher er lange geſeufzt hatte, die — unterrocksherrſchaft. Damit war es nun gluͤcklicher Weiſe zu Ende; er hatte ſeinen Hals aus dem Ehe⸗ joch gezogen, und konnte heimkommen und ausgehen, wie es ihm gefiel, ohne die Eigenmacht ſeiner Frau zu fuͤhlen. So oft jedoch ihr Nahme genannt wurde, ſchuͤttelte er den Kopf, zuckte die Achſeln und blickte aufwaͤrts, was entweder ein Ausdruck von Ergebung in ſein Schickſal, oder von Freude uͤber ſeine Erloͤ⸗ ſung war. Er erzaͤhlte ſeine Geſchichte gewoͤhnlich jedem Fremden, der in Thuwenig's Schenke ankam. Man — —— — 122— bemerkte anfangs, daß er bei jeder Wiederhohlung in einigen Punkten abwich, was ohne Zweifel aus dem Umſtande erklaͤrt werden mußte, daß er erſt kurz zuvor erwacht war. Endlich aber geſtaltete ſich die Erzaͤhlung, wie ich ſie mitgetheilt habe, und Je⸗ dermann in der Umgegend, Alt und Jung, wußte ſie auswendig. Einige wollten immer an der Wahrheit zweifeln, und behaupteken, Rip haͤtte an Geiſtes⸗ zerruͤttung gelitten, und dieß waͤre ein Punkt, wor⸗ uͤber er immer irrſinnig bliebe. Die alten hollaͤndi⸗ ſchen Einwohner aber gaben ihm faſt ohne Ausnahme vollen Glauben. So oft ſie noch heutiges Tages an einem Sommernachmittage ein Gewitter im Kaats⸗ kill⸗Gebirge hoͤren, ſagen ſie immer, Hendrick Hudſon und ſeine Mannſchaft waͤre beim Kegelſpiel, und alle, von der Pantoffelgewalt gebeugten Ehemaͤnner in der Umgegend, wenn das Leben ihnen druͤckend wird, wuͤnſchen gewoͤhnlich, einen beruhigenden Zug aus Rip Van Winkle's Krug thun zu koͤnnen. 3 . — * — 2 5 & B — ᷣ —½ Auf einer Hoͤhe des ewaner, Ven reizenden Landſtriche Oberteutſchlandes, ſtand vor vielen, vie⸗ len Jahren das Schloß des Freiherrn von Landſchort. Es iſt jetzt gaͤnzlich verfallen, und faſt be⸗ raben un⸗ ter Buchen und dunkeln Fichten, uͤber ne jedoch der alte Wartthurm noch immer, wie ſein ehemahli⸗ ger Beſitzer, das Haupt hoch zu tragen und auf das umliegende Land herab zu ſehen ſucht. Der Freiherr war ein vertrockneter Zweig des anſehnlichen Geſchlechts Katzenellenbogen, und hatte den Ueberreſt des Beſitzthumes und den ganzen Stlg ſeiner Altvordern geerbt. Die kriegeriſchen Neigun⸗ gen ſeiner Vorfahren hatten zwar das Erbe ſeines. Hauſes ſehr geſchmaͤlert, aber der Freiherr ſuchte noch immer etwas von dem alten Prunk zu zeigen. Es waren friedliche Zeiten, und die meiſten teut⸗ ſchen Eblen hatten ihre unbequemen alten Schloͤſſer, welche wie Adlerhorſte auf den Gebirgen ruhten, verlaſſen, und gemaͤchlichere Wohnungen in den Thaͤ⸗ lern gebaut. Der Freiherr blieb jedoch ſtolz in ſei⸗ — Veſte, und da er mit erblicher Erbitte⸗ ung alle alten Zwiſte ſeines Geſchlechtes naͤhrte, ſo war er in Unfrieden mit einigen ſeiner naͤchſten Nach⸗ * — 126— barn, wegen Streitigkeiten, die zwiſchen ihren Ur⸗ aͤltervaͤtern vorgefallen waren. Der Freiherr hatte nur ein Kind, eine Tochter; die Natur aber, wenn ſie nur ein Kind ſchenkt, macht, zum Erſatze, ſtets ein Wunder daraus, und ſo war es auch bei des Freiherrn Tochter. Alle Ammen, Gevatterinnen und Muhmen gaben dem Vater die Verſicherung, ſie haͤtte ihres Gleichen an Schoͤnheit nicht in ganz Teutſchland, und Niemand wußte dieß ja beſſer. Sie war mit großer Sorgfalt unter der Aufſicht zweier jungfraͤulichen Tanten auf⸗ gewachſen, welche einige Jahre ihres Jugendlebens an ue teutſchen Hofe zugebracht hakten, und in allen zur Erziehung eines artigen Fraͤuleins noͤthigen Kenntniſſen wohl bewandert waren. Unter dieſer Leitung wurde das Fraͤulein zu einem Wunder von Vollkommenheiten. In ihrem achtzehnten Jahre konnte ſie herrlich ſticken, und hatte ganze Heiligen⸗ geſchichten in Teppiche gearbeitet, worin die Kopfe einen ſo kraͤftigen Ausdruck hatten, daß ſie ausſahen, wie lauter Seelen im Fegefeuer. Sie konnte ohne große Schwierigkeiten leſen, und hatte ſich durch meh⸗ re Heiligengeſchichten und faſt alle ritterlichen Wun⸗ der des Heldenbuches hindurch buchſtabirt. Selbſt im Schreiben war ſie ziemlich weit gekommen, u konnte ihren Nahmen ſchreiben, ohne einen Buch ben auszulaſſen, und ſo leſerlich, daß ihre Tanten ihn ohne Brille leſen konnten. Sie machte vortreff⸗ ——— —— 4⁴ lich allerlei weibliche Taͤndeleien, verſtand ſich auf die ſchwerſten Taͤnze, ſpielte viele Lieder auf der Harſe und Guitarre, und wußte alle zaͤrtlichen Lieder der Minneſinger auswendig. Ihre Tanten, die in der Jugend loſe Maͤdchen geweſen waren und viel geliebelt hatten, paßten ganz trefflich zu wachſamen Aufſeherinnen und ſtrengen Tadlerinnen des Betragens ihrer Nichte; denn es gibt ja keine ſo ſtrengzuͤchtige und unerbittlich anſtaͤn⸗ dige Waͤchterinn, als eine verlebte Gefallſuͤchtige. Man ließ ſie ſelten aus den Augen; ſie ging nie uͤber den Bezirk des Burggebietes hinaus, als wenn ſie wöhl begleitet, oder vielmehr bewacht 2 ſie mußte immer Vorleſungen uͤber ſtrenge Si te und unbedingten Gehorſam hoͤren, und die Maͤnner— pah! die ſollte ſie in ſo weiter Entfernung halten und mit ſo mißtrauiſchen Blicken betrachten, daß ſie, wenn man ihr nicht gehoͤrig Erlaubniß dazu gegeben hätte, auch nicht auf den ſchoͤnſten Mann, und waͤre er zu ihren Fuͤßen geſtorben, einen Blick geworfen haben wuͤrde. Die guten Wirkungen dieſer Einrichtung waren zum Verwundern auffallend. Das Fraͤulein war ein Muſter von Gelehrigkeit und Sittigkeit. Waͤhrend Andere ihre Suͤßigkeit im Glanze der Welt verſchwen⸗ deten, und in Gefahr ſtanden, von jeder Haͤnd ge⸗ pfluͤckt und hhes ni zu werden, erbluͤhte ſie ſchuͤchtern zu friſcher und holder Jungfraͤulichkeit un⸗ 4 8„ ker dem Schutze jener makelloſen Unvermaͤhlten, wie eine Roſenknospe unter ſchuͤtzenden Dornen ſich ent⸗ faltet. Ihre Tanten blickten mit Stolz und Frohlok⸗ ken auf ſie, und ſagten prahlend, wenn auch alle andern Fraͤulein auf Abwege geriethen, koͤnnte doch, Gott ſei Dank, nichts der Art der Erbinn von Kaz⸗ zenellenbogen begegnen.. Wie kaͤrglich aber auch der Freiherr von Land⸗ ſchort mit Kindern verſehen war, ſo hatte er doch keinesweges ein kleines Hausweſen, da ihn die Vor⸗ ſehung mit einer Menge armer Verwandten bedacht hatte. Alle ohne Unterſchied beſaßen jene freundliche Stimmung, die bei demuͤthigen Verwandten gewoͤhn⸗ lich iſt. Die guten Leute erinnerten ſich, auf des Freiherrn Koſten, an alle haͤuslichen Feſte, und wenn ſie ſich mit einer guten Mahlzeit gefuͤllt hatten, er⸗ klaͤrten ſie, es gaͤbe nichts Angenehmeres auf Erden, als dieſe Zuſammenkuͤnfte und dieſe Herzensjubelfeſte. Der Freiherr hatte, ſo klein er war, doch eine weite Seele, welche bei dem Bewußtſein, der groͤß⸗ te Mann in ſeiner kleinen Welt um ihn her zu ſein, ſich ſtolz erhob. Gern erzaͤhlte er lange Ge⸗ ſchichten von den rauhen Kriegern der alten Zeit, deren Bildniſſe muͤrriſch von der Wand herab blick⸗ ten, und er fand keine Zuhdrer, welche den Leuten geglichen haͤtten, die ſich auf ſeiue Koſten fuͤtterten⸗ Er war ein großer Freund des Wunderbaren, und glaubte feſt an alle hern atuͤtlichen Geſchichten, wo⸗ 8** —O—V———Q—·—·—————QOC˖QOCO—Q—ę—Q—L—LCQ—.—ñD—BD— — 129— von jeder Berg und jedes Thal in Teutſchland voll ſind. Seine Gaͤſte waren ſogar noch glaͤubiger als er, horchten auf jede Wundergeſchichte mit offenem Mund und Auge, immer ihr Erſtannen verrathend, und wenn ſie die Erzaͤhlung auch ſchon hundertmahl gehoͤrt hatten. Zur Zeit, worein meine Geſchichte faͤllt, waren viele Verwandte, wegen einer hochwichtigen Angele⸗ genheit, im Schloſſe verſammelt, und zwar um den Braͤutigam des Fraͤuleins zu begruͤſſen. Der Frei⸗ herr hatte mit einem alten Edelmanne in Baiern die Abrede getroffen, ihre hohen Geſchlechter durch eine Heirath ihrer Kinder zu verbinden. Die Einlei⸗ tung war, wie ſich gebuͤhrte, mit uͤbertriebener Ge⸗ nanigkeit gemacht worden. Die jungen Leute wur⸗ den verlobt, ohne ſich geſehen zu haben und die Zeit zur Vermaͤhlung war beſtimmt. Man hatte⸗ den jungen Grafen von Altenburg vom Heere heim gerufen und er war eben auf dem Wege zu ſeiner Braut. Es war bereits ein Brief von ihm aus Wirz⸗ 5 burg angekommen, wo er zufaͤllig war aufgehalten worden, und Tag und Stunde ſeiner Ankunft war veſt geſetzt. Alles im Schloſſe war in Bewegung, ihn gehoͤ⸗ rig zu bewillkommen. Die ſchoͤne Braut war mit ungemeiner Sorgfalt ausgeputzt worden. Die bei⸗ den Tanten hatten die Aufſicht am Putztiſche ge⸗ fuͤhrt, und ſich den ganzen Morgen uͤber jedes — 130—. Stuͤck des Anzuges gezankt. Das Fräulein war bei dieſem Streite ſo gluͤcklich, dem eigenen Geſchmacke folgen zu koͤnnen, der zum Gluͤcke gut war. Sie erſchien ſo liebenswuͤrdig, als ein junger Braͤutigam nur wuͤnſchen konnte, und die Regungen der Erwar⸗ tung erhoͤhten den Glanz ihrer Reize. Die Glut, welche Geſicht und Hals uͤberſtroͤmte, das ſanfte Wallen ihres Buſens, das zuweilen in „Traͤumereien verlorene Auge, alles verrieth die ſanfte Unruhe in ihrem Herzchen. Die Tanten ſchwebten immer um ſie her, denn jungfraͤuliche Tanten pfle⸗ gen an ſolchen Dingen gern großen Antheil zu neh⸗ men. Sie gaben eine Menge von ernſthaften Rath⸗ ſchlaͤgen, wie ſich die Braut benehmen, was ſie ſa⸗ gen, und wie ſie den erwarteten Geliebten empfan⸗ gen ſollte. Der Freiherr war nicht weniger geſchaͤftig in ſei⸗ nen Vorbepeitungen. Er hatte zwar in der That nicht eigentlich etwas zu thun, aber er war von Na⸗ tur ein unruhiges, geſchaͤftiges Maͤnnchen, und konnte nicht unthaͤtig bleiben, wenn alle Welt in großet Bewegung war. Mit der Miene ungemeiner Sorg⸗ lichkeit quaͤlte er ſich, die Treppe hinauf und hinab zu ſteigen, rief ſeine Leute ſtets von der Arbeit, um ſie zur Emſigkeit zu ermahnen, und ſummte durch alle Gaͤnge und Stuben, ſo unthaͤtig raſtlos und ſo ſtoͤrend, als eine Brummfliege an einem warmen Sommertage. 8 Man hatte mittlerweile das gemaͤſtete Kalb geſchlachtet, in den Waͤldern hatte der Ruf der Jaͤ⸗ ger wiederhallt, die Kuͤche war mit guten Speiſen angefuͤllt, die Keller hatten ganze Meere von Rhein⸗ wein ergoſſen und ſelbſt das große Heidelberger Faß war in Anſpruch genommen worden. Alles war be⸗ reit, den hohen Gaſt in der echten Weiſe teutſcher Gaſtfreundſchaft zu empfangen; aber der Gaſt ließ auf ſich warten. Eine Stunde verging nach der an⸗ dern. Die Sonne, die ihre ſcheidenden Strahlen auf die uͤppige Waldung des Odenwaldes geworfen hatte, umglaͤnzte nun die Gipfel der Berge. Der Freiherr beſtieg den hoͤchſten Thurm, und ſtrengte ſeine Augen an, in der Hoffnung, den Grafen und deſſen Gefolge in der Ferne zu erblicken. Einmahl glaubte er ſie zu ſehen; ein Hoͤrnerton kam aus dem Thale, vom Wiederhall vervielfaͤltigt; ein Haufen von Reitern ritt langſam unten im Thale die Straße hinab, als ſie aber beinahe den Fuß des Berges er⸗ reicht hatten, nahmen ſie ploͤtzlich eine andre Rich⸗ tung. Der letzte Sonnenſtrahl erloſch; die Fleder⸗ maͤuſe flatterten ſchon in der Daͤmmerung, die Stra⸗ ße ward immer finſterer und nichts bewegte ſich dar⸗ auf, als zuweilen ein Landmann, der von ſeinem Tagewerke langſam heim kehrte. Als man im Schloſſe Landſchort in oolcher Ver⸗ legenheit war, begab ſich in einer andern Gegend des Odenwaldes ein merkwuͤrdiges Ereigniß. 9* A — 132— Der junge Graf von Altenburg ſetzte ſeine Reiſe in jenem bedaͤchtigen Trabe fort, worin ein Mann zur Hochzeit reitet, wenn Freunde alle Beſchwerde und Ungewißheit der Bewerbung ihm abgenommen haben, und eine Braut auf ihn wartet, ſo gewiß als ein Mittageſſen am Ende ſeiner Reiſe. Er hatte in Wirzburg einen jungen Waffengefaͤhrten gefunden, mit welchem er an den Graͤnzen eine Zeitlang im Felde geweſen war, den jungen Hermann von Stark⸗ fauſt, einen der ruͤſtigſten und wackerſten Ritter, der eben vom Heere zuruͤck kam. Seines Vaters Schloß war nicht weit von der alten Burg Landſchort ent⸗ fernt, aber eine erbliche Fehde hatte beide Haͤuſer verfeindet und eutfremdet. In dem warmherzigen Augenblicke des Wieder⸗ ſehens erzaͤhlten ſich die jungen Freunde alle ihre Abenteuer und Schickſale, und der Graf gab die ganze Geſchichte ſeiner bevorſtehenden Vermaͤhlung mit ei⸗ nem Edelfraͤulein, das er nie geſehen, von deſſen Reizen er aber die hinreißendſten Schilderungen er⸗ halten hatte. 4 Der Weg der beiden Freunde lag in derſelben Richtung. Sie verabredeten, den uͤbrigen Theil der Reiſe mit einander zu machen, und um deſto mehr Muße zu haben, brachen ſie fruͤh am Tage auf, da der Graf ſeinen Dienern Befehl gegeben, ihm zu folgen und ihn einzuhohlen. — — — . — 133— Sie kuͤrzten ſich den Weg durch Erinnerungen an die Ereigniſſe und Abenteuer ihres Kriegerlebens, aber dem Grafen begegnete es zuweilen, ein wenig langweilig zu werden, wenn er von den geruͤhmten Reizen ſeiner Braut, und von der Gluͤckſeligkeit ſprach, die ihn erwartete. So kamen ſie in eine der einſamſten und wal⸗ digſten Gegenden des Odenwaldes. Die teutſchen Waͤlder waren bekanntlich immer ſo ſehr von Raͤu⸗ bern beunruhigt, als die teutſchen Schloͤſſer von Ge⸗ ſpenſtern, und jene waren um dieſe Zeit, wo Schwaͤr⸗ me verabſchiedeter Kriegsleute das Land durchſtreif⸗ ten, beſonders zahlreich. Kein Wunder daher, daß unſre Reiter im Dickig des Waldes von einer Raͤu⸗ berhorde angeſallen wurden. Sie wehrten ſich tapfer, waren aber beinahe uͤbermannt, als des Grafen Ge⸗ folge zu ihrem Beiſtande herbei kam. Die Raͤuber flohen bei dieſem Anblicke, der Graf war jedoch be⸗ reits toͤdtlich verwundet worden. Man brachte ihn langſam und ſorgfaͤltig nach Wirzburg zuruͤck, und rief einen Moͤnch aus einem benachbarten Kloſter her⸗ bei, der wegen ſeiner Geſchicklichkeit, Leib und Seele zu bedienen, beruͤhmt war; aber die Haͤlfte ſeiner Geſchicklichkeit war uͤberfluͤſſig, und die Augenblicke des ungluͤcklichen Grafen waren gezaͤhlt. Der Sterbende bat ſeinen Freund, ſich ſogleich auf das Schloß Landſchort zu begeben, und zu er⸗ zaͤhlen, wodurch ihm die Erfuͤllung ſeiner Zuſage — 134— unmöoͤglich geworden. Er war zwar nicht der feurigſte Liebhaber, doch der puͤnktlichſte Mann, und an der ſchnellen und hoͤflichen Ausrichtung ſeines Auftrages ſchien ihm viel zu liegen.„Geſchieht es nicht, ſprach er, ſo werde ich nicht ruhig in meinem Grabe ſchlafen.“ Er wiederhohlte dieſe Worte mit beſonde⸗ rer Feierlichkeit. Eine Bitte, die unter ſo ergrei⸗ fenden Umſtaͤnden ausgeſprochen wurde, ließ ſich nicht abweiſen. Starkfauſt ſuchte ihn zu beruhigen, verſprach ihm die Erfuͤllung jenes Wunſches und gab ihm die Hand zum Unterpfande der feierlichen Zuſa⸗ ge. Der Sterbende druͤckte ihm dankbar die darge⸗ reichte Hand, fiel aber bald in Raſerei, ſprach von ſeiner Braut, ſeiner Verpflichtung, ſeinem gegebe⸗ nen Worte, foderte ſein Pferd, um auf die Burg Landſchort zu reiten, und ſtarb, als er im Irrſinn ſich auf den Sattel zu ſchwingen glaubte. Starkfauſt weihte dem fruͤhen Tode ſeines Waf⸗ fengefaͤhrten einen Seufzer und eine Kriegsmanns⸗ thraͤne, und dachte dann an den wunderlichen Auf⸗ trag, den er uͤbernommen hatte. Er war bekummert und verlegen bei dem Gedanken, ſich als ungebetener Gaſt unter feindlich geſinnten Menſchen zu zeigen, deren froͤhlichen Muth er durch eine, ihre Hoffnungen zerſtoͤrende Botſchaft daͤmpfen ſollte. Es regte ſich aber leiſe in ſeiner Bruſt die Neugier, dieſe weit beruͤhmte Schoͤnheit von Katzenellenbogen zu ſehen, die man ſo vorſichtig vor den Augen der Welt ver⸗ — 135— barg; denn er war ein leidenſchaftlicher Bewunderer der Schoͤnen, und hatte in ſeinem Weſen einen An⸗ flug von Schwaͤrmerei und Unternehmungſinn, der ihn zu allen ſonderbaren Abenteuern geneigt machte. Vor ſeiner Abreiſe traf er mit den frommen Kloſterbruͤdern die noͤthigen Vorkehrungen zu dem feierlichen Begraͤbniſſe ſeines Freundes, der in der Domkirche zu Wirzburg, neben einigen erlauchten Ver⸗ wandten begraben werden ſollte, und das trauernde Gefolge des Grafen uͤbernahm die Beſorgung der Leiche.. Es iſt nun hohe Zeit, in die Burg, wo man ungeduldig auf den Gaſt und noch ungeduldiger auf das Mittageſſen wartete, zuruͤck zu kehren, und nach dem würdigen kleinen Freiherrn zu ſehen, den wir auf dem Wartthurme verließen. Die Nacht daͤmmerte, aber kein Gaſt erſchien. Der Freiherr ſtieg untroͤſtlich vom Thurme. Das Gaſtmahl, womit man von Stunde zu Stunde ge⸗ wartet hatte, konnte nicht laͤnger aufgeſchoben wer⸗ den. Die Speiſen waren bereits uͤbergahr, der Koch war in Todesangſt, und alle Hausgenoſſen ſahen aus, wie eine verhungerte Beſatzung. Der Freiherr mußte wider Willen Befehl geben, das Gaſtmahl ohne den Gaſt anzufangen. Alle ſaßen an der Ta⸗ fel und wollten eben beginnen, als der Ton eines Hornes vor dem Burgthore einen Fremden ankuͤn⸗ digte. Noch einmahl wiederhallte der Ton in den — 136— alten Burgmauern und es antwortete darauf der Waͤchter von der Zinne. Der Freiherr eilte hinaus, den kuͤnftigen Schwiegerſohn zu empfangen. Man hatte die Zugbruͤcke niedergelaſſen und der Fremde war vor der Burgpforte; eine hohe, zierliche Geſtalt auf einem ſchwarzen Roſſe. Sein Geſicht war blaß, aber ſein Auge glaͤnzend und ſchwaͤrme⸗ riſch, und ernſte Wehmuth lag in ſeinen Zuͤgen. Es war dem Freiherrn ein wenig empfindlich, den Gaſt ſo ſchlicht und ohne alles Gefolge ankommen zu ſe⸗ hen; ſeine Wuͤrde kam auf einen Augenblick aus der Faſſung, und er wollte darin einen Mangel an ge⸗ buͤhrender Ehrerbietung gegen die wichtige Angele⸗ genheit, und gegen das angeſehene Haus, womit der Fremde ſich verbinden ſollte, erblicken. Er beruhig⸗ te ſich jedoch endlich durch die Vermuthung, daß jugendliche Ungeduld den jungen Mann verleitet haͤt⸗ te, ſeinem Gefolge voraus zu eilen. Es thut mir leid, ſprach der Fremde, Euch ſo zuͤr Unzeit zu ſtoͤren— Der Freiherr unterbrach ihn mit einem Strome von Artigkeiten und Bewillkommungen, denn— die Wahrheit zu ſagen— er bildete ſich auf ſeine Hoͤf⸗ lichkeit und Beredſamkeit nicht wenig ein. Der Frem⸗ de verſuchte es mehr als einmahl, den Strom von Worten zu hemmen, und als es vergebens war, verbeugte er ſich und ließ ihm freien Lauf. Der Freiherr machte eine Pauſe in dem Augenblicke, wo ſie * — 137— in den innern Burghof kamen, aber der Fremde, der wieder das Wort nehmen wollte, wurde noch einmahl durch die Erſcheinung der Frauen unterbrochen, wel⸗ che die zitternde und erroͤthende Braut fuͤhrten. Er ſah ſie einen Augenblick wie entzuͤckt an, als ob ſei⸗ ne ganze Seele in dem Blicke geſtrahlt und auf der lieblichen Geſtalt geruht haͤtte. Eine der beiden Tan⸗ ten fliſterte der Braut etwas in's Ohr. Das Fraͤu⸗ lein ſtrengte ſich zu einer Antwort an, ſchlug ihr feuchtes blaues Auge furchtſam auf, warf einen ſchuͤch⸗ tern forſchenden Blick auf den Fremden und ſah dann wieder auf den Boden. Die Worte erſtarben in ih⸗ rem Munde, aber es war ein ſuͤßes Laͤcheln um ihre Lippen und ein holdes Gruͤbchen auf ihrer Wange, zum Zeichen, daß ihr Blick nicht unbefriedigt geblie⸗ ben war. Ein Maͤdchen von achtzehn Jahren, mit einer zaͤrtlichen Hinneigung zu Liebe und Che, mußte nothwendig an einem ſo artigen Ritter Behagen finden. Die ſpaͤte Ankunft des Gaſtes ließ keine Zeit zu Beſprechungen. Der Freiherr verwies alle beſonderen Verhandlungen auf den folgenden Morgen und führ⸗ te den Fremden zu den unberührten Schuͤſſeln. Das Gaſtmahl war in dem großen Speiſeſaale aufgetragen. An den Waͤnden ſah man die Bildniſſe der Helden des Hauſes Katzenellenbogen mit ihren rauhen Zuͤgen, und die Siegeszeichen, die ſie im Kriege und auf der Jagd gewonnen hatten. Zerhackte Panzer, zerſplitterte Turnierlanzen und zerriſſene Banner waren mit der Jagdbeute untermengt; Wolfs⸗ kinnbacken und Eberzaͤhne grinſten furchtbar unter Armbruſten und Streitaͤrten, und zufaͤllig ſtand ein machtiges Hirſchgeweih uͤber dem Kopfe des jungen Braͤutigams. Der Fremde achtete nur wenig auf die Geſell⸗ ſchaft, oder auf das Gaſtmahl. Er koſtete kaum von den Schuͤſſeln, und ſchien ganz in die Bewunderung ſeiner Braut verloren zu ſein. Mit leiſem, unver⸗ nehmlichen Tone unterhielt er ſich mit ihr; denn die Sprache der Liebe iſt nie laut, aber kein weibliches Ohr iſt ſo ſtumpf, daß es nicht auch das leiſeſte Ge⸗ fliſter des Geliebten vernaͤhme. Es war in ſeinem Benehmen jene Miſchung von Zaͤrtlichkeit und Ernſt, die einen maͤchtigen Eindruck auf das Fraͤulein zu machen ſchien. Sie erroͤthete und erblaßte wechſelnd, als ſie mit großer Aufmerkſamkeit ihm zuhoͤrte. Zu⸗ weilen antwortete ſie mit Erroͤthen, und ſo oft er ſein Auge abgewendet hatte, warf ſie einen Seiten⸗ blick auf ſeine anziehenden Zuͤge, und ein leiſer Seuf⸗ zer verrieth, daß zaͤrtliche Gefuͤhle ſie begluͤckten. Die jungen Leute waren augenſcheinlich ganz verliebt in einander, und hatten nach der Erklaͤrung der beiden Tanten, die in den Geheimniſſen des Herzens ſehr bewandert waren, auf den erſten Blick ſich lieben gelernt. 1 — ¹⁵9— Es ging luſtig, weuigſtens laͤrmend, bei dem Schmauſe zu; denn alle Gaͤſte waren mit jener be⸗ gierigen Eßluſt geſegnet, die bei leichten Beuteln und Gebirgluft nicht zu fehlen pflegt. Der Freiherr ſpendete ſeine beſten und laͤngſten Geſchichten, und nie hatte er ſie ſo gut und mit ſo großer Wirkung erzaͤhlt. Gab es etwas Wunderbares, ſo waren ſeine Zuhoͤrer in Erſtaunen verloren, und bei luſtigen Din⸗ gen lachten ſie immer am rechten Orte. Der Frei⸗ herr war freilich, wie die meiſten großen Maͤnner, zu würdevoll, als daß er etwas anders als einen ein⸗ faͤltigen Scherz heraus gebracht haͤtte, aber immer war ein Humpen mit köſtlichem Hochheimer bereit, ihn hinab zu treiben, und ſelbſt ein einfaͤltiger Scherz, wenn der Wirth ihn mit gutem altem Weine auf⸗ tiſcht, iſt unwiderſtehlich. Viel Gutes ward auch von aͤrmern und feinern Witzkoͤpfen vorgebracht, das aber nur bei aͤhnlichen Gelegenheiten ſich wiederhohlen ließe; manches ſchlaue Wort wurde den Frauen zu⸗ gefliſtert, die dabei von unterdruͤcktem Lachen haͤtten Kraͤmpfe bekommen moͤgen; und ein armer, aber luſtiger und dreiſter Vetter drs Freiherrn bruͤllte ein Paar Liedchen, wobei die jungfraͤulichen Tanten nicht umhin konnten, zu ihren Faͤchern Zuflucht zu nehmen. Bei allem Jubel behauptete der fremde Gaſt, ganz zur Unzeit, die ſonſterbarſte Ernſthaftigkeit. Es zeigte ſich in ſeinen Zuͤgen eine immer tiefre Nieder⸗ — 140— geſchlagenheit, je naͤher die Nacht anruͤckte, und ſo ſeltſam es ausſehen mag, ſelbſt des Freiherrn Scherze ſchienen ihn nur ſchwermuͤthiger zu machen. Er war zuweilen in Gedanken verloren und zuweilen verrieth ein verwirrter, unruhig umherſchweifender Blick das bekuͤmmerte Gemuͤth. Seine Unterhaltung mit der Braut ward immer ernſter und geheimnißvoller. Truͤbe Wolken ſtahlen ſich ſchon auf ihre lieblich hei⸗ tere Stirne und ein Zittern flog durch ihre zarten Glieder. 5 Alles dieß konnte der Geſellſchaft nicht entge⸗ hen. Ihre Froͤhlichkeit wurde durch den unbegreiflichen Truͤbſinn des Braͤutigams abgekuͤhlt, ihre Stim⸗ mung ward allmaͤhlig davon angeſteckt, man fliſterte unter einander und blickte ſich an, zog die Achſeln und ſchuͤttelte den Kopf. Geſang und Gelaͤchter lie⸗ ßen allmaͤhlig nach; es entſtanden truͤbſelige Pauſen in der Unterhaltung, und endlich kamen ſeltſame Geſchichten und Geiſterſagen. Eine ſchreckliche Ge⸗ ſchichte folgte der andern, und der Freiherr er⸗ ſchreckte die Frauen faſt bis zu Kraͤmpfen, als er von dem geſpenſtiſchen Reiter erzaͤhlte, der die ſchoͤ⸗ ne Leonore entfuͤhrte; eine ſchreckliche aber wahre Geſchichte, welche ſeitdem in treffliche Reime ge⸗ bracht, von der ganzen Welt geleſen und geglaubt wird. Der Braͤutigam horchte mit geſpannter Auf⸗ merkſamkeit. Er heftete ſein Auge veſt auf den Frei⸗ F 4 — 141— herrn, und als die Geſchichte zum Schluſſe ging, erhob er ſich allmaͤhlig von ſeinem Sitze, und ward immer laͤnger, bis er in den Augen des entruͤſteten Freiherrn ſich faſt zu Rieſengroͤße erhob. Die Er⸗ zaͤhlung war zu Ende, da ſeufzte er tief, und nahm feierlich Abſchied von der Geſellſchaft. Alle waren erſtaunt, und der Freiherr wie vom Donner getrof⸗ fen. Wie! um Mitternacht wollte der Gaſt das Schloß verlaſſen, wo alles zu ſeinem Empfange ein⸗ gerichtet, wo eine Kammer fuͤr ihn bereit war, wenn er allein ſein wollte? Der Fremde ſchuͤttelte traurig und geheimnißvoll den Kopf.„Ich muß, ſprach er, mein Haupt dieſe Nacht in einer ganz andern Kammer niederlegen.“ Es war etwas in dieſer Antwort, und dem To⸗ ne, worin ſie ausgeſprochen ward, das bange Ah⸗ nungen in dem Freiherrn erweckte; aber er nahm ſeinen Muth zuſammen und wiederhohlte ſeine gaſt⸗ freundlichen Bitten. Der Fremde ſchuttelte ſchwei⸗ gend, aber entſchieden, den Kopf bei jedem Aner⸗ bieten und der Geſellſchaft ein Lebewohl zuwinkend, ging er langſam mit großen Schritten aus dem Saa. le. Die Tanten waren ganz verſteinert; die Braut ließ das Haupt ſinken und eine Thraͤne ſtahl ſich in ihr Auge. Der Freiherr folgte dem Fremden in den großen Burghof, wo der Rappe den Boden ſtampfte und ungeduldig ſchnanbte. Als ſie zum Burgthore gekom⸗ — 142— men waren, deſſen tiefes Bogengewoͤlbe von einer Leuchte matt erhellt war, blieb der Fremde ſtehen, und ſprach zu dem Freiherrn mit einer dumpfen Stimme, die in dem Gewoͤlbe noch leichenaͤhnlicher klang:„Jetzt ſind wir allein, und ich will Euch ſa⸗ gen, warum ich gehe. Ich bin durch eine feierliche, unerlaßliche Verpflichtung gebunden.“ Und warum koͤnnt Ihr nicht Jemanden an eurer Stelle abſenden? Niemand kann meine Stelle vertreten. Ich muß ſelber kommen, ich unß in die Domkirche zu Wirz⸗ burg. Nun ja, erwiederte der Freiherr, Muth faſſend: aber nicht eher als morgen; Ihr ſollt morgen eure Braut dahin fuͤhren. Nein, nein! ſprach der Fremde, noch zehumahl feierlicher. Ich ſoll nicht mit einer Braut kommen. Die Wuͤrmer— die Wuͤrmer erwarten mich. Ich bin todt. Raͤuber erſchlugen mich. Mein Leichnam liegt in Wirzburg; um Mitternacht ſoll ich begraben werden— das Grab erwartet mich und ich muß der Abrede treu ſein. Er ſchwang ſich auf den Rappen, flog uͤber die Zugbruͤcke und der Hufſchlag des Pferdes verlor ſich bald in dem Pfeifen des Nachtwindes. Der Freiherr ging in der groͤßten Beſtuͤrzung in den Speiſeſaal zuruͤck, und erzaͤhlte, was ihm be⸗ gegnet war. Zwei Frauen wurden ohnmaͤchtig und — 143— den Uebrigen wurde ſchlimm bei dem Gedanken, mit einem Geſpenſt geſpeiſet zu haben. Einige meinten, es waͤre der beruͤchtigte wilde Jaͤger geweſen. Andre ſprachen von Berggeiſtern, Waldteufeln, und andern uͤdernatuͤrlichen Weſen, wovon die armen Leute in Teutſchland ſeit undenklichen Zeiten ſo viel haben lei⸗ den muͤſſen. Ein armer Verwandter wagte es, die Meinung zu aͤußern, der junge Ritter haͤtte mit dieſem Scherze ſeine Verpflichtung aufheben wollen, und dieſer truͤbſelige Einfall ſchien ihnen bei einem ſo ſchwermuͤthigen Manne ganz natuͤrlich zu ſein. Dieſe Aeußerung erregte jedoch den Unwillen aller Anwefenden, und beſonders des Freiherrn, der den Mann nicht viel anders, als einen Unglaͤubigen be⸗ trachtete, und dieſer war froh, ſeine Ketzerei ſo bald als moͤglich abſchwoͤren und ſich zu der Meinung der wahren Glaͤubigen bequemen zu koͤnnen. Alle Zweifel aber, die man vielleicht noch hegen mochte, wurden voͤllig beſiegt, als am folgenden Tage eine foͤrmliche Botſchaft eintraf, welche die Nachricht beſtaͤtigte, daß der junge Graf ermordet und in der Domtirche zu Wirzburg begraben worden waͤre. Es laͤßt ſich denken, welches Schrecken dieſe „Nachricht im Schloſſe verbreitete. Der Freiherr verſchloß ſich in ſein Zimmer. Die Gaͤſte, welche ge⸗ kommen waren, ſich mit ihm zu freuen, konnten nicht daran denken, ihn in ſeiner Truͤbſal zu verlaſſen. Sie gingen durch die Burghoͤfe, oder ſtellten ſich im Saale zuſammen, und ſchuͤttelten die Koͤpfe und zuckten die Achſeln bei der Bekuͤmmerniß eines ſo guten Mannes, und ſie ſaßen laͤnger am Tiſche und aßen und tranken tuͤchtiger als je, um ſich munter zu erhalten. Die Lage der verwitweten Braut war hoͤchſt beklagenswuͤrdig. Einen Gatten verloren zu haben, ehe ſie ihn umarmt hatte! Und einen ſol⸗ chen Gatten! Wenn ſelbſt das Geſpenſt ſo angenehm und edel ſein konnte, was mußte erſt der lebendige Mann geweſen ſein! 3 Sie fuͤllte das Haus mit ihren Klagen. Am Abend des zweiten Tages ihrer Witwenſchaft hatte ſie ſich mit einer ihrer Tanten, die durchaus bei ihr bleiben wollte, in ihr Schlafgemach begeben. Die Tante, eine der beſten Maͤhrchenerzaͤhlerinnen in Teutſchland, war eben in einer ihrer laͤngſten Ge⸗ ſchichten, und in der Mitte ihrer Erzaͤhlung einge⸗ ſchlafen. Die Kammer lag in einem abgelegenen Theile des Schloſſes und ging in einen kleinen Gar⸗ ten. Das Fraͤulein blickte gedankenvoll auf die Strah⸗ len des aufgehenden Mondes, die auf den Blaͤttern eines Espenbaumes vor dem Gitterfenſter zitterten. Die Schloßglocke hatte eben Mitternacht angekuͤndigt, als eine ſanfte Muſik aus dem Garten herauf toͤnte. Das Fraͤulein erhob ſich ſchnell von ihrem Lager und eilte an's Fenſter. Eine hohe Geſtalt ſtand unter den Schatten der Baͤume, und als ſie ihr Haupt erhob, fiel ein Strahl des Mondes auf ihr Geſicht. — 145— Himmel und Erde, es war das Geſpenſt des Braͤu⸗ tigams! Ein lauter Schrei drang in dieſem Augen⸗ blicke in ihr Ohr, und ihre Tante, welche, von den Toͤnen der Muſik aufgeweckt, ſchweigend zu ihr an's Fenſter getreten war, fiel in ihre Arme. Als das Fraͤulein wieder hin ſah, war das Geſpenſt ver⸗ ſchwunden. Die Tante war ſo heftig erſchrocken, daß ſie ſich kaum beruhigen ließ. Das Fraͤulein aber fand ſelbſt in dem Geſpenſte ihres Geliebten etwas, das ihr theuer war. Sie ſah ja noch den Schein von maͤnnlicher Schoͤnheit, und wenn auch der Schatten eines Mannes die Neigung eines liebekranken Maͤd⸗ chens wenig befriedigen kann, ſo iſt doch, wo das Weſen nicht mehr zu haben iſt, ſelbſt darin etwas Troͤſtliches. Die Tante mochte nie wieder in der Kammer ſchlafen, die Nichte aber war einmahl ei⸗ genſinnig, und erklaͤrte eben ſo nachdruͤcklich, ſie wuͤr⸗ de nie in einem andern Gemache des Schloſſes ſchla⸗ fen. Sie mußte alſo allein ſchlafen, aber ihre Tante mußte ihr verſprechen, nie etwas von dem Geſpenſte zu ſagen, damit man ihr nicht das einzige traurige Vergnuͤgen, das ihr auf Erden uͤbrig blieb, das Vergnuͤgen, in der Kammer zu ſchlafen, die ihres Geliebren ſchuͤtzender Schatten bewachte, rauben moͤchte. Wie lange die gute alte Tante jenes Verſpre⸗ chen gehalten ha ben wuͤrde, iſt ungewiß; denn ſie ſprach fuͤr ihr Leben gern von wunderbaren Dingen, 10 — 146— und man pflegt ſtolz darauf zu ſein, eine furchtbare Geſchichte zuerſt erzaͤhlen zu köͤnnen; aber man fuͤhrt es noch heutiges Tages in der Umgegend als ein merkwuͤrdiges Beiſpiel weiblicher Verſchwiegenheit an, daß die Tante eine ganze Woche lang das Geheimniß bewahrte. Ploͤtzlich ward ſie von weiterem Zwange befreit, als man eines Morgens beim Fruͤhſtuͤck mel⸗ dete, das Fraͤulein waͤre nirgend zu finden. Das Schlafgemach war leer, das Bett war unberuͤhrt, das Fenſter ſtand offen und das Poͤgelein war ausge⸗ flogen.—* Das Erſtaunen und die Bekuͤmmerniß, womit man dieſe Nachricht empfing, kann Niemand begrei⸗ fen, als wer die Bewegung geſehen hat, welche die Unfaͤlle eines großen Mannes unter ſeinen Freunden hervor bringen. Selbſt die aͤrmern Verwandten lie⸗ ßen einen Augenblick die unermuͤdliche Tellerarbeit ruhen, als die Tante, die anfangs ganz ſprachlos geweſen war, die Haͤnde rang und ausrief:„Das Geſpenſt! das Geſpenſt! Sie iſt vom Geſpenſt ent⸗ fuͤhrt worden.“ Sie erzaͤhlte mit wenigen Worten die ſchreckliche Geſchichte von der naͤchtlichen Erſcheinung im Garten, und es war ihr klar, daß der Geiſt ſeine Braut ent⸗ fuͤhrt hatte. Zwei Dienſtboten bekraͤftigten dieſe Mei⸗ nung, denn ſie hatten um Mitternacht Pſerdege⸗ trampel auf einem, den Berg hinab laufenden Wege gehoͤrt, und zweifelten nicht, es waͤre das Geſpenſt — 147— auf ſeinem Rappen geweſen, das die Braut ins Grab gefuͤhrt haͤtte. Alle Anweſenden waren von der furcht⸗ baren Wahrſcheinlichkeit ergriffen; denn Vorfaͤlle der Art ſind, nach dem Zeugniſſe beglaubigter Geſchich⸗ ten, ſehr gewoͤhnlich in Teutſchland. In welcher klaͤglichen Lage war der arme Frei⸗ herr! Welcher herzzerreißende Wechſelfall fuͤr einen zaͤrtlichen Vater und ein Mitglied des großen Hauſes Katzenellenbogen! Seine einzige Tochter war entwe⸗ der in's Grab gefuͤhrt worden, oder er ſollte einen Waldteufel zum Schwiegerſohn und vielleicht ein Haͤuflein von Kobolden zu Enkeln haben. Er war, wie gewoͤhnlich, ganz verdutzt, und das ganze Schloß in Bewegung. Die Maͤnner ſollten Pferde nehmen und jeden Pfad, jedes Thal im Odenwald durchſtrei⸗ fen. Der Freiherr hatte eben ſeine Stiefeln ange⸗ zogen, ſein Schwert umguͤrtet, und war im Begriff, ſein Roß zu beſteigen, um ſelber auf die ungewiſſe Kundſchaft auszuziehen, als eine neue Erſcheinung ſeine Eile hemmte. Eine Edelfrau nahte ſich auf einem Zelter dem Schloſſe und ihr zur Seite ritt ein jun⸗ ger Rittersmann. Sie ſprengte zum Burgthore hin⸗ an, ſprang vom Pferde, und zu des Freiherrn Fuͤſ⸗ ſen fallend, umſchlang ſie ſeine Kniee. Er war die verlorene Tochter, und ihr Begleiter— das Braͤu⸗ tigamsgeſpenſt. Der Freiherr war außer ſich vor Er⸗ ſraunen. Er ſah bald ſeine Tochter, bald das Ge⸗ ſpenſt an, und traute kaum ſeinen Sinnen. Das 10 ⁸ — 148— Geſpenſt hatte ſich ſeit ſeinem Beſuche in der Gei⸗ ſterwelt ſehr zu ſeinem Vortheil veraͤndert. Sein Anzug war glaͤnzend und ſchmuͤckte eine edle maͤnn⸗ liche Geſtalt, die nicht mehr bleich und ſchwermuͤthig ausſah, ſondern in ihren ſchoͤnen Zuͤgen und in dem großen dunkeln Auge Jugendluſt und Freude zeigte. Das Geheimniß war bald enthuͤllt. Der Rit⸗ ter, der in der That, wie jeder Leſer ſchon weiß, kein Geſpenſt war, ſtellte ſich als Hermann von Starkfauſt vor. Er berichtete ſein Abenteuer mit dem jungen Grafen, und erzaͤhlte, wie er ſich eilig auf das Schloß begeben haͤtte, um die unwillkommene Botſchaft zu uͤberbringen, wie er aber durch die Be⸗ redſamkeit des Freiherru in jedem Verſuche, ſeine Geſchichte zu erzaͤhlen, waͤre geſtört worden. Die Braut hatte ihn beim erſten Blicke gefeſſelt, und um einige Stunden an ihrer Seite zuzubringen, hat⸗ te er das Mißverſtaͤndniß ſtillſchweigend fortdauern laſſen. Er war ſehr verlegen, wie er ſich mit An⸗ ſtand zuruͤck ziehen ſollte, als ihm des Freiherrn Geſpenſtergeſchichten ſeinen ſeltſamen Abſchied an die Hand gaben. Den alten Zwiſt der beiden Geſchlech⸗ ter fuͤrchtend, hatte er ſeine Beſuche verſtohlen wieder⸗ hohlt, im Garten unter des Fraͤuleins Fenſter ſei⸗ nen Spuk getrieben, hatte geworben, hatte gewon⸗ nen, hatte die Schoͤne ſiegreich entfuͤhrt und war mit einem Worte— ihr Gemahl. — 149— unter allen andern Umſtaͤnden wuͤrde der Frei⸗ herr unerbittlich geweſen ſein; denn er war hart⸗ naͤckig, wo es das vaͤterliche Anſehen galt, und ließ mit einem andaͤchtigen Eigenſinn alle ererbten Zwiſte fortdauern. Seine Tochter war ihm aber auch lieb; er hatte ihren Verluſt beweint, er freute ſich, ſie noch lebendig zu finden, und wenn ihr Gemahl auch zu den Feinden ſeines Hauſes gehoͤrte, ſo war er doch, Gott ſei Dank, kein Geſpenſt. Es war in dem Scher⸗ ze des Ritters, ſich fuͤr einen Todten auszugeben, freilich etwas, das ſich mit des Freiherrn Begriffen von ſtrenger Wahrhaftigkeit nicht ganz reimen ließ; aber einige anweſende alte Freunde, die den Krieg mitgemacht hatten, verſicherten ihm, daß in der Lie⸗ be jede Kriegsliſt zu entſchuldigen waͤre, und der Ritter hatte nach ihrer Meinung ein beſonderes Vor⸗ recht, da er neuerlich erſt als Reiter gedient hatte. Alles wurde gluͤcklich ausgeglichen. Der Freiherr verzieh dem jungen Paare auf der Stelle. Das Schloß wurde wieder laut von froͤhlichen Gelagen. Die armen Verwandten uͤberſchuͤtteten dieſes neue Mitglied des Hauſes mit Beweiſen liebevoller Zaͤrt⸗ lichkeit; es war ja ein ſo tapfrer, ſo großmuͤthiger, ſo reicher Mann. Den Tanten war es freilich ein wenig aͤrgerlich, daß die Grundſaͤtze ſtrenger Einge⸗ zogenheit und leidenden Gehorſames, welche ſie ver⸗ fochten, durch ein ſo boͤſes Beiſpiel erſchuͤttert wur⸗ den, aber ſie ſchrieben alles ihrer Nachlaͤſſigkeit zu, 8 — 150— die Fenſter ohne Eiſenſtangen gelaſſen zu haben. Der einen Tante war es beſonders empfindlich, daß ihre Wundergeſchichte einen ſo verkehrten Ausgang genom⸗ men, und daß das einzige Geſpenſt, das ſie geſehen, ein nachgemachtes geweſen war; aber ihre Nichte ſchien ſich ſehr gluͤcklich zu fuͤhlen, daß ſie das Ge⸗ ſpenſt von Fleiſch und Blut gefunden hatte, und ſo iſt die Geſchichte zu— Ende! Schneeberg, gedruckt bei C. W. Th. Schill. ſſſſſſffffffſſiſſſninnſſ 14 15 16 17 1 4