4 Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 2 von. 6. Eduard Oktmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 14 1 Ceiß- und Jeſehedingungen. 4 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ † pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen.—— 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 1 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe Penterlegen. welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet * 3 3 3 1 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für Kchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————— auf 1 Monat: 9 Met.— Pf. 1 Mer. 50 Pf. 2 Wlr.— Pf. 3. „ 5 2„=—.— Sf, e ei, 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zuruͤckſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſeldſt zu ſorgen. 6. Schadenersâtz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern dc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines großeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. —— —————— Erzaͤhlungen eines Reiſenden. Zweiter Band. Erzaͤhlungen eines Reiſenden. Von Mashington Irving. Ich bin weder ein Minotaur, noch ein Centaur, noch ein Satyr, noch eine Hyäne, noch ein Pavian, ſondern ein bloßer Reiſender: das glaubt mir nur. Ben Jonſon(Cynthia's Feſt). Aus dem Engliſchen uͤberſetzt von S. H. Spiker. Sweiter Banud. Berlin, verlegt bei Duncker und Humblot. 18825. — Inhalt des Zweiten Bandes. Zweite Abtheilung. Buckthorne und ſeine Freunde. (Fortſetzung.) Ernſte Bemerkungen eines Getaͤuſchten. S. 3. Der alberne Squire.......... lA. Der wandernde Schauſpieldirector...... 25. Dritte Abtheilung. Die Italiaͤniſchen Banditen. Das Gaſthaus von Terracina....... 59. Dis Abenteuer des kleinen Alterthumsforſchers. 85. Die verſpaͤteten Reiſenden........ 102. Das Abenteuer der Familie Popkins..... 134. Das Aenteuer des Malers........ 145. Die Geſchichte des Banditen⸗Haͤuptlings Die Geſchichte des jungen Naͤubers Das Abenteuer des Englaͤnders Vierte Abtheilung. Die Schatzgraͤber. Das Hoͤllenthor. Kidd, der Pirat 3 Der Teufel und Tom Walker.. Wolfert Webber, oder die goldenen Traͤume Das Abenteuer des ſchwarzen Fiſchers S. 162. 185. 209. 225. 231. 243. 273. 319 Zweite Abtheilung. Buckthorne und ſeine Freunde. (Fortſetzung.) Kein' beſſere Welt, als die unſ're, zum Leben, Will man leih'n, will verthun, will in Alles ſich geben: Doch zu betteln, zu borgen, befriedigt zu werden, Giebt's nicht eine ſchlechtere Welt hier auf Erden. 4 Von einer Scheibe in einem Wirthshausfenſter. II. A Ernſte Bemerkungen eines Getaͤuſchten. Here Buckthorne hatte nach der Erzaͤhlung von dem Tode ſeines Oheims und von der Vereitelung ſeiner großen Ausſichten, welche Begebenheiten, wie er ſagte, einen Abſchnitt in ſeiner Geſchichte bil⸗ deten, inne gehalten, und nahm erſt nach einiger Zeit und in einer ſehr beſonnenen Stimmung den Faden ſeiner bunten Erzaͤhlung wieder auf. Nachdem ich, ſagte er, die ſterblichen Ueberreſte meines Oheims verlaſſen, fuͤhlte ich, als das Thor ſich zwiſchen mir und dem, was einſt hatte mein ſeyn ſollen, ſchloß, mich wie nackt in die Welt hinausgeſtoßen und dem Schickſal voͤllig uͤberlaſſen. Was ſollte aus mir werden? Ich war zu nichts weiter erzogen worden, als zu meinen großen Aus⸗ ſichten, und alle dieſe waren vereitelt. Ich hatte keine Verwandten, von denen ich haͤtte Rath oder A 2 Beiſtand erhalten koͤnnen. Eine Welle der Ver— wandtſchaft nach der andern war zuruͤckgetreten, und ich als ein bloßes Wrack auf dem Strande geblie⸗ ben. Ich laſſe mich ſonſt nicht ſo leicht nieder— ſchlagen, fuͤhlte mich aber dießmal doch ſehr muth⸗ los. Ich konnte weder in meiner Lage fortleben, noch hatte ich uͤberhaupt einen Begriff, wie ich wei⸗ ter fortkommen ſollte. Ich mußte itzt Geld aufzu⸗ bringen ſuchen. Dieſer Gedanke war mir neu und fremd. Es war, als ob man mir zugemuthet haͤtte, den Stein der Weiſen zu entdecken. Ich hatte nie anders an Geld gedacht, als um die Hand in die Taſche zu ſtecken, und es herauszunehmen, oder, wenn keines darin war, zu warten, bis ich neuen Zuſchuß vom Hauſe bekaͤme. Ich hatte das Leben fuͤr weiter nichts angeſehen, als fuͤr einen Zeitraum, den man mit Genuͤſſen ausfuͤllen muͤſſe; es aber in lange und muͤhſelige Stunden und Tage ſich theilen zu ſehen, nur deßwegen, um darin Brot zu erwerben und neue Kraͤfte zu gewinnen, ſich aber⸗ mals zu plagen— zu arbeiten, um ein Leben voll Arbeit zu verlaͤngern, war mir neu und ein furcht⸗ barer Gedanke. Dieß mag Manchem ganz ge⸗ woͤhnlich ſcheinen, allein jeder arme Wicht in mei⸗ ner Lage, der das Ungluͤck gehabt hat, zu großen Ausſichten geboren zu werden, wird mich verſtehen. Ich brachte mehrere Tage damit zu, daß ich in der Gegend umherirrte, wo ich meine Knabenjahre verlebt hatte, theils, weil ich gradezu nicht wußte, was ich beginnen ſollte, theils weil ich nicht wußte, ob ich ſie je wieder ſehen wuͤrde. Ich hing an ihnen, wie Jemand ſich an ein Wrack haͤngt, obgleich er wol weiß, daß er am Ende ſich losreißen und ſchwim⸗ men muß, um ſein Leben zu retten. Ich ſetzte mich auf einen kleinen Huͤgel im Angeſicht meines vaͤterlichen Hauſes, wagte es aber nicht, mich die⸗ ſem zu naͤhern, denn ich fuͤhlte bittere Reue uͤber den Leichtſinn, womit ich mein Vermoͤgen hatte dar⸗ auf gehen laſſen. Konnte man mich wol tadeln, da ich die Ausſicht auf die reichen Beſitzungen mei⸗ nes alten Knickers von Oheim gehabt hatte? Der neue Beſitzer des Gutes nahm große Ver⸗ aͤnderungen damit vor. Das Haus war beinahe ganz neu gebaut. Die Baͤume, welche darunter ſtanden, waren niedergehauen, meiner Mutter Blu⸗ mengarten in einen Raſenplatz verwandelt worden — alles war veraͤndert. Ich wandte mich ſeufzend davon ab, und ſchlenterte nach einer andern Ge⸗ gend hin. G Wie nachdenklich etwas Ungluͤck macht! Ich kam im Angeſicht des Schulhauſes an, wo ich ſo oft fuͤr die Sache der Weisheit gepruͤgelt worden war— wer wuͤrde aber den faulen Knaben*) noch erkannt haben, der, nur vor wenigen Jahren, ſo leichtſinnig den Mauern deſſelben entwiſcht war? Ich lehnte mich uͤber den Zaun des Spielplatzes, beob⸗ achtete die Schuͤler bei ihren Spielen und ſah, ob ich nicht irgend einen Buben herausfinden koͤnnte, wie ich es einſt war, voll von froͤhlichen Traͤumen vom Leben und der Welt. Der Spielplatz kam mir itzt kleiner vor, als zu der Zeit, wo ich darauf zu ſpielen pflegte. Auch das Haus und der Park des benachbarten Squire, des Vaters der grauſamen Sachariſſa, waren zuſammengeſchrumpft und weniger praͤchtig als ſonſt. Die entfernten Huͤgel ſchienen mir nicht mehr ſo weit ab, und erregten, ach! keine Gedanken mehr an das Feenland, welches hinter ihnen lag! Als ich ſo gedankenvoll uͤber eine benachbarte Wieſe ging, auf welcher ich manches Mal Schluͤſ⸗ ſelblumen gepfluͤckt hatte, begegnete ich eben dem Schulmeiſter, welcher der Tyrann und das Schrek⸗ ken meiner Knabenjahre geweſen war. Ich hatte oft bei mir ſelbſt gelobt, wenn ich die Streiche ſeiner Ruthe gefuͤhlt, daß ich einſt an ihm Rache *) Im Original ſteht: the truant boy, den Knaben, der, wie wir ſagen,„hinter die Schule geht.“ Ueberſ. —„— 7 nehmen wuͤrde, wenn ich ein Mann geworden waͤre. Die Zeit war gekommen, allein ich war itzt nicht dazu geſtimmt, mein Geluͤbde zu halten. Die wenigen Jahre, welche mich zu einem kraft⸗ vollen Manne hatten reifen laſſen, hatten ihn alt und hinfaͤllig gemacht. Er ſchien vom Schlage ge⸗ ruͤhrt worden zu ſeyn. Ich betrachtete ihn, und wunderte mich itzt, wie dieſer arme, huͤlfloſe Sterb⸗ liche je ein Gegenſtand des Schreckens fuͤr mich ge⸗ weſen ſeyn, und wie ich ſo aͤngſtlich die Blicke die— ſes matten Auges bewacht, oder die Kraft dieſer zitternden Hand gefuͤrchtet haben konnte. Er ſchwankte kraftlos auf dem Fußſteige hin, und hatte Muͤhe, uͤber das Heck zu ſteigen. Ich eilte herbei und half ihm hinuͤber. Er blickte mich mit Erſtau⸗ nen an, erkannte mich aber nicht, machte mir eine tiefe, demuͤthige Verbeugung, und dankte mir. Die Muͤhe, die er ſich gegeben, und die Schmer⸗ zen, die er mir gemacht, hatten gleich wenig ge⸗ fruchtet. Seine wiederholten Prophezeihungen wa⸗ ren buchſtaͤblich in Erfuͤllung gegangen, und ich fuͤhlte ſehr wohl, daß der kleine Jack Buckthorne, der faule Knabe, ein durchaus zichtanitsige Mann geworden war. Dieß Alles ſind ſehr unbedeutende Kreincgkeiten; da ich Ihnen aber einmal meine Thorheiten erzaͤhlt habe, ſo muß ich Ihnen doch auch ſagen, wie ich dafuͤr gezuͤchtigt wurde. Auch der leichtſinnigſte Sterbliche hat einmal ſeine truͤben Tage, wo er zum Nachdenken gezwungen wird. Mir war bei dieſer Gelegenheit zu Muthe, als ob ich irgend eine Art von Buße zu thun haͤtte, und ich trat daher, als Suͤhne fuͤr meinen fruͤheren Leichtſinn, eine Wallfahrt an. Nachdem ich eine Nacht in Leamington zugebracht, ſchlug ich einen Fußweg ein, der den Huͤgel hinauf, durch ein Ge⸗ buͤſch und uͤber ſtille Felder fuͤhrt, bis ich zu dem kleinen Dorfe, oder vielmehr Weiler, Lennington kam. Ich ging nach der Dorfkirche. Es iſt ein altes, niedriges Gebaͤude von grauem Stein, am Abhange eines kleinen Huͤgels, von dem man eine Ausſicht uͤber fruchtbare Felder bis dahin hat, wo die ſtolzen Thuͤrme von Warwick⸗Caſtle ſich an dem entfernten Horizont erheben. Ein Theil des Kirchhofes wird von großen Baͤu⸗ men beſchattet. Unter einem derſelben war meine Mutter begraben. Sie haben mich ohne Zweifel fuͤr ein leichtſinniges, herzloſes Geſchoͤpf gehalten. Ich hielt mich ſelbſt dafuͤr, allein es giebt Augen⸗ blicke der Widerwaͤrtigkeit, welche uns in einige Gefuͤhle unſerer Natur blicken laſſen, die uns ſonſt ewig fremd bleiben wuͤrden. 9 Ich ſuchte das Grab meiner Mutter auf: das Unkraut war ſchon daruͤber zuſammengewachſen und der Leichenſtein unter Neſſeln verborgen. Ich raͤumte ſie hinweg und ſie brannten mich, allein ich achtete des Schmerzes nicht, denn mein Herz blutete zu ſehr. Ich ſetzte mich auf den Stein und las die Grabſchrift mehr als einmal. Sie war einfach— aber wahr. Ich hatte ſie ſelbſt gemacht. Ich hatte ſie anfangs in Verſen abfaſſen wollen, allein vergebens; meine Gefuͤhle wollten ſich nicht in Reime zwingen laſſen. Mein Herz war nach und nach waͤhrend meiner einſamen Wanderung angeſchwollen, es war itzt bis zum Ueberfließen voll, und es floß uͤber. Ich ſank auf die Stelle hin, verbarg mein Geſicht in dem hohen Graſe, und weinte wie ein Kind.— Ja, ich weinte als Mann an dem Grabe, wie ich es als Kind an dem Buſen meiner Mutter gethan hatte. Ach, wie wenig ſchaͤtzen wir doch die Zaͤrtlichkeiten einer Mutter, ſo lange ſie lebt! wie wenig achten wir in der Jugend auf alle ihre Beſorgniſſe und ihre Liebe fuͤr uns! Doch, wenn ſie todt und da⸗ hin iſt, wenn die Sorge und die Kaͤlte der Welt erſtarrend auf unſer Herz wirken, wenn wir erken⸗ nen, wie ſchwer es iſt, wahren Antheil zu ſinden, wie wenige Leute uns um unſer ſelbſt willen lieben, 10 wie wenige im Ungluͤck ſich unſerer annehmen— dann erſt gedenken wir der Mutter, die wir verloren haben. Ich hatte zwar meine Mutter immer ge⸗ liebt, ſelbſt in meinen leichtſinnigſten Tagen, allein ich fuͤhlte, wie wenig uͤberlegt und erſprießlich meine Liebe geweſen war. Mein Herz brach, wenn ich an die Tage der Kindheit zuruͤckdachte, wo ich von Mutterhand geleitet, im Mutterarm in Schlaf gewiegt wurde, und keine Sorgen oder Schmerz kannte. O, meine Mutter! rief ich aus, indem ich mein Geſicht abermals in das Gras des Gra⸗ bes verbarg; waͤre ich nur einmal wieder an dei⸗ ner Seite, und ſchliefe, um nie wieder zu den Sorgen und Muͤhen dieſer Welt zu erwachen! Ich yabe von Natur kein krankhaft weichliches Gemuͤth, und die Heftigkeit meiner Bewegung er⸗ ſchoͤpfte ſich allgemach. Es war ein aufrichtiger, redlicher, natuͤrlicher Erguß des Kummers, wel⸗ cher ſich allmaͤhlig in mir angehaͤuft hatte, und der mich itzt wunderbar erleichterte. Ich ſtand von dem Grabe auf, als ob ich ein Opfer dargebracht haͤtte, und mit dem Gefuͤhle, daß dieſes Opfer an⸗ genommen worden ſey. Ich ſetzte mich abermals in dem Graſe nieder und riß einzeln das Unkraut vom Grabhuͤgel aus. Die Zaͤhren rollten langſamer meine Wangen hinab, und 8 — — — 11 . ₰ hoͤrten auf, bitter zu ſeyn. Der Gedanke, daß die Mutter geſtorben, ehe Kummer und Armuth uͤber ihr Kind gekommen, und alle ſeine großen Ausſich⸗ ten vereitelt worden waren, diente mir zum Troſt. Ich ſtuͤtzte meinen Kopf auf meine Hand und blickte in die Gegend. Ihre ſtille Schoͤnheit be⸗ ruhigte mich. Das Pfeifen eines Bauers von ei⸗ nem benachbarten Felde heruͤber klang meinem Ohre erheiternd. Es ſchien mir, als athmete ich in der freien Luft, welche durch die Blaͤtter ſaͤuſelte, mit meinem Haar ſpielte, und die Thraͤnen auf meinen Wangen trocknete. Eine Lerche, welche aus dem Felde vor mir aufſtieg, und bei ihrem Aufſteigen gleichſanm einen Strom des Geſanges hinter ſich zuruͤckließ, erhob meine Phantaſie mit ſich. Sie ſchwebte in der Luft gerade uͤber der Stelle, wo die Thuͤrme von Warwick den Horizont bezeichne⸗ ten, und ſchien gleichſam von Vergnuͤgen uͤber ih⸗ ren eigenen Geſang erfuͤllt zu ſeyn. Ja, dachte ich, wenn es eine Seelenwanderung giebt, ſo muß dieß ein Dichter geweſen ſeyn, der vielleicht der Erde laͤngſt entſchwebt iſt, aber noch im Geſange ſchwelgt, und uͤber fruchtbaren Feldern und ſtatt⸗ lichen Thuͤrmen umhergaukelt. In dieſem Augenblicke flammte das lang er⸗ 12 ſtickte Gefuͤhl der Poeſie wieder in mir auf. Ein Gedanke kam mir auf einmal in den Sinn.— Ich will ein Schriftſteller werden! ſagte ich zu mir. Ich habe bisher mich der Dichtkunſt, als einem Vergnuͤgen ergeben, und ſie hat mir nichts als Kummer verurſacht; ſo will ich denn verſuchen, was geſchehen wird, wenn ich ſie eifrig und als ei⸗ nen Beruf verfolge. Dieſer Entſchluß, welcher ſo ploͤtzlich in mir entſtand, nahm eine Centnerlaſt von meiner Seele. Ich fuͤhlte an dem Orte, wo er in mir entſtand, ein gewiſſes Zutrauen in mir. Es ſchien, als ob meiner Mutter Geiſt ihn mir von ihrem Grabe her zufluͤſterte. So will ich denn, ſagte ich zu mir ſelbſt, mich bemuͤhen, alles das zu werden, was ſie in ihrer Liebe ſchon in mir zu ſehen glaubte. Ich will ſo handeln, als ob ſie Zeugin aller mei⸗ ner Handlungen waͤre, ich will mich auf eine ſolche Weeiſe zu benehmen ſuchen, daß, wenn ich ihr Grab wiederum beſuche, wenigſtens keine Thraͤnen der Reue aus meinen Augen fließen. Ich buͤckte mich und kuͤßte den Raſen zur feier— lichen Beſtaͤtigung meines Geluͤbdes. Ich pfluͤckte einige Schluͤſſelblumen, die hier wuchſen, und legte ſie auf mein Herz. Ich verließ den Kirchhof mit erheitertem Gemuͤth, und machte mich zum dritten 8 — 13 Male nach London auf den Weg, und zwar um es als Schriftſteller zu betreten.— Hier hielt mein Freund inne, und ich blieb in geſpannter Erwartung, da ich hoffte, eine ganze Welt von litterariſchem Leben vor mir entfaltet zu ſehen. Er ſchien indeß in ſtilles Nachdenken ver⸗ ſunken zu ſeyn, und ſagte, als ich nach einiger Zeit durch eine oder zwei Fragen, in Betreff ſeiner litte⸗ rariſchen Laufbahn, ihn daraus zu erwecken ſuchte, laͤchelnd: Nein, uͤber dieſen Theil meiner Geſchichte wuͤnſche ich einen Schleier ziehen zu duͤrfen. Die Geheimniſſe des Handwerks ſollen durch mich nicht verrathen werden. Die, welche ſich nie in die Re⸗ publik der Gelehrten gewagt haben, moͤgen ſie auch immer noch als ein Feenland betrachten. Sie moͤ⸗ gen glauben, daß der Schriftſteller das Weſen ſey, wie ſie ſich ihn nach ſeinen Werken denken— ich will dieſe Taͤuſchung nicht zerſtoͤren. Ich werde nie, wenn Jemand das Seidengewebe aus Per⸗ ſien bewundert, zu verſtehen geben, daß es aus den Eingeweiden eines elenden Wurms gekom⸗ men iſt. Nun gut, ſagte ich, wenn Sie mir alſo nichts von ihrer litterariſchen Geſchichte erzaͤhlen wollen, ſo laſſen Sie mich wenigſtens wiſſen, ob Sie ir⸗ 14— gend weitere Nachricht von dem Bohidſſe des Zwei⸗ fels gehabt haben. Mit Vergnuͤgen, antwortete er: obgleich ich nur wenig mitzutheilen habe. Der alberne Squire. Es verging eine lange Zeit, ſagte Buckthorne, ohne daß ich die geringſte Nachricht von meinem Vetter und ſeinem Gute erhalten haͤtte; auch fuͤhlte ich mich durch den Gegenſtand ſo empfindlich be⸗ ruͤhrt, daß ich ſuchte ihn wo moͤglich ganz aus meinen Gedanken zu verbannen. Der Zufall fuͤhrte mich endlich in jenen Theil der Provinz, und ich konnte mich nicht enthalten, einige Naahfraen an⸗ uſtellen. 3 Ich erfuhr, daß mein Vetter ein unwiſſender, eigenwilliger und toͤlpelhafter Menſch geworden. Seine Unwiſſenheit und Unbehuͤlflichkeit hatten ver⸗ hindert, daß er mit den benachbarten Gutsbeſitzern in Bekanntſchaft gekommen war; ſeinem großen Vermoͤgen zum Trotz, war ſeine Bewerbung um die Hand der Tochter des Pfarrers zuruͤckgewieſen worden, und er hatte ſich am Ende in die Graͤn⸗ zen der Geſellſchaft zuruͤckgezogen, wie ſie ein Mann, B der nichts weiter als Reichthum beſitzt, auf dem Lande um ſich verſammeln kann. Er hielt Pferde und Hunde, und fuͤhrte einen ſehr lauten Tiſch, an welchem ſich die luſtigen Bruͤ⸗ der der Gegend umher und die duͤrftigen Vorneh⸗ meren aus einem benachbarten Dorfe verſammelten. Wenn er keine andere Geſellſchaft auftreiben konnte, ſo pflegte er mit ſeinen eigenen Bedienten zu trin⸗ ken und zu rauchen, die ihn abwechſelnd ſchroͤpften und ſich uͤber ihn Inſtig machten. Bei aller ſeiner anſcheinenden Verſchwendung ſteckte aber doch etwas von dem Sauerteig des alten Mannes in ihm, woraus man ſah, daß er deſſen aͤchter Sohn war. Er verzehrte nie ſein Einkommen, war gemein ver⸗ ſchwenderiſch bei ſeinen Ausgaben, und dagegen fil⸗ zig, wo ein Mann von Ton freigebig geweſen ſeyn wuͤrde. Seine Dienerſchaft mußte zuweilen auf ſeinem Gute Tageloͤhnerarbeit verrichten, und ein Theil des Blumengartens ward umgepfluͤgt und zu oͤkonomiſchen Zwecken benutzt. Sein Tiſch war, wiewol reichlich verſehen, ſehr gewoͤhnlich, ſeine Weine ſtark und ſchlecht, und in ſeiner Wirthſchaft wurde mehr Ale und Whiskey*) *) Der Schottiſche, unſerem Kornbranntwein ähnliche Branntwein. Ueberſ. 16 als guter Wein verbraucht. Er war laut und an⸗ maßend an ſeinem eigenen Tiſche, und verlangte von ſeinen gemeinen und unterthaͤnigen Gaͤſten alle Ehrenbezeugungen, welche ein reicher Mann ſich er⸗ weiſen laͤßt. Der eiſerne Johann, ſein Großvater, war der gewaltigen Hand, womit ſein Enkel uͤber ihn herr⸗ ſchen wollte, bald uͤberdruͤſſg geworden, und hatte ſich, kurz nachdem dieſer das Gut angetreten, mit ihm uͤberworfen. Der alte Mann zog ſich in das benachbarte Dorf zuruͤck, wo er von dem ihm von ſeinem verſtorbenen Herrn gelaſſenen Vermaͤchtniß in einem kleinen Bauerhauſe lebte, und ſich, wie eine Ratte außer ihrem Loche, ſelten bei Tage außer⸗ halb deſſelben blicken ließ. Der junge Baͤr ſchien, wie Kaliban*), eine angeborene Anhaͤnglichkeit an ſeine Mutter zu ha⸗ ben. Sie wohnte bei ihm, benahm ſich aber, aus langer Gewohnheit, mehr wie ein Dienſtbote, als wie die Hausfrau, denn ſie unterzog ſich allen muͤh⸗ ſeligen haͤuslichen Geſchaͤften, und war oͤfter in der Kuͤche, als in dem Wohnzimmer zu finden.— Dieß waren die Nachrichten, welche ich von mei⸗ nem Nebenbuhler und Vetter erhielt, der ſich ſo *) In Shakeſpeare's Sturm. Ueberſ. 17 unverhofft allen meinen ſchoͤnen Ausſichten in den Weg geſtellt hatte. Ich fuͤhlte itzt eine unuͤberwindliche Sehnſucht, dieſen Schauplatz meiner Knabenjahre wieder zu be⸗ ſuchen, und auf einen Augenblick Zeuge des ſeltſa⸗ men Lebens zu ſeyn, das in dem Wohnſitze der Vorfahren meiner Mutter gefuͤhrt wurde. Ich ent⸗ ſchloß mich, verkleidet es zu beobachten. Mein toͤl⸗ pelhafter Vetter hatte mich nicht oft genug geſehen, um meine Zuͤge genau zu kennen, und einige we⸗ nige Jahre bringen eine große Veraͤnderung zwi⸗ ſchen dem Anſehen der Jugend und des Mannes⸗ alters hervor. Ich hoͤrte, daß er ein Viehzuͤchter und ſtolz auf ſeine Heerden ſey: ich kleidete mich deswegen wie ein wohlhabender Pachter, und ge⸗ ſtaltete, mit Huͤlfe eines rothen Streifens, der bis tief auf die Stirn ging, mein ganzes Geſicht voll⸗ ſtaͤndig um. Es war uͤber drei Uhr, als ich am Thore des Parks anlangte, und ich ward von einer alten Frau eingelaſſen, welche in einem verfallenen Gebaͤude, das einſt ein Pfoͤrtnerhaus geweſen, mit der Waͤſche beſchaͤftigt war. Ich ging zwiſchen den Ueberbleib⸗ ſeln einer praͤchtigen Allee hinauf, in welcher man⸗ cher Stamm niedergehauen und als Bauholz verkauft worden war. Das Gut ſchien uͤberhaupt in ei⸗ 18 nem nicht viel beſſeren Zuſtande zu ſeyn, als bei meines Oheims Lebenszeit. Das Gras war ganz mit Unkraut uͤberwachſen, und die Baͤume haͤtten beſchnitten und von abgeſtorbenen Zweigen gereinigt werden ſollen. Das Vieh graſete auf den Raſen— plaͤtzen, und Enten und Gaͤnſe ſchwammen auf den Teichen. Der Fahrweg nach dem Hauſe hin ver— rieth ſehr wenige Spuren von Wagenraͤdern, da mein Vetter nur ſolche Beſuche bei ſich ſah, die zu Fuß oder zu Pferde kamen, und ſelbſt keinen Wagen hatte. Ein einziges Mal, ſagte man mir, hatte er die alte Familienkutſche aus dem Staube der Remiſe hervorziehen, ſie von Spinnweben rei⸗ nigen und aufpoliren laſſen, und war mit ſeiner Mutter nach der Dorfkirche gefahren, um foͤrmli⸗ chen Beſitz von ſeinem Kirchenſtuhle zu nehmen; al⸗ lein man hatte ihnen Beiden ſo nachgeziſcht und nachgelacht, als ſie durch das Dorf fuhren, und an der Kirchthuͤre ſo gekichert und ſo ſpoͤttiſche An⸗ merkungen gemacht, daß der Prunkzug nie wieder zum Vorſchein gekommen war. Als ich mich dem Hauſe naͤherte, ſtuͤrzte ein Haufen junger Hunde heraus, der mich anbellte, und mit deren Gelaͤrm ſich das dumpfe Gebell oder vielmehr Geheul zweier alter, ausgedienter Schweis⸗ Hunde vereinigte, in welchen ich die alten Waͤchter 19 meines Oheims erkannte. Das Haus hatte noch immer ein verwildertes, vernachlaͤſſigtes Anſehen, obgleich es, ſeit meinem letzten Beſuche, ſich bereits ſehr verbeſſert hatte. Mehrere Fenſter waren zer⸗ brochen und mit Brettern verſchlagen, und andere zugemauert, um die Taxe zu erſparen. Ich ſah indeſſen Rauch aus den Schornſteinen aufſteigen, eine Erſcheinung, die mir in der alten Haushaltung ſelten vorgekommen war. Als ich bei dem Theil des Hauſes voruͤber ging, wo das Speiſezimmer lag, hoͤrte ich das Geraͤuſch laͤrmender Froͤhlich⸗ keit: drei oder vier Stimmen ſprachen zu gleicher Zeit, und Fluͤche und Gelaͤchter miſchten ſich auf eine furchtbare Art. Das Gelaͤrm der Hunde hatte einen Bedienten herbeigezogen, der an die Thuͤre kam, ein großer ungeſchlachter Bauerluͤmmel, der eine Livree, und dabei die Unterkleider eines Pfluͤgers trug. Ich verlangte den Hausherrn zu ſprechen, erhielt aber zur Antwort, daß er, mit einigen Herren aus der Nachbarſchaſt, bei Tiſche ſey. Ich ſagte mein An⸗ liegen, und ſchickte hinein, um zu fragen, ob ich mit dem Herrn wol wegen ſeines Viehes reden koͤnnte, denn ich hatte großes Verlangen, ihn bei ſeinen Orgien zu ſehen. Man brachte mir die Antwort, daß er Geſell⸗ w b »v 20— ſchaft habe, und itzt ſich nicht auf Geſchaͤfte einlaſ⸗ ſen koͤnnte, daß ich aber, wenn ich hereinkommen und etwas trinken wollte, willkommen waͤre. Ich trat alſo in den Vorſaal, wo, auf einem eichenen Tiſche, Peitſchen und Huͤte von aller Art und Ge— ſtalt lagen: zwei oder drei toͤlpelhaft ausſehende Be⸗ diente trieben ſich umher: Alles trug das Gepraͤge der unordnung und Sorgloſigkeit. Die Zimmer, durch welche ich ging, hatten daſ⸗ ſelbe Anſehen entſchwundener Vornehmheit und ſchlechter Hauswirthſchaft. Die einſt ſo praͤchtigen Fenſtervorhaͤnge waren verſchoſſen und beſtaubt, die Moͤbel ſchmierig und zerbrochen. Als ich in den Speiſeſaal trat, fand ich eine Anzahl von ſeltſa⸗ men, gemein ausſehenden, bauerhaften Gaͤſten, wel⸗ che rund um einen Tiſch ſaßen, auf welchem gruͤne und weiße Flaſchen, Kruͤge, Pfeifen und Taback zu ſehen waren. Mehrere Hunde lagen im Zimmer umher, oder ſaßen da und hatten ihre Herren im Auge, und einer nagte unter einem Seitentiſche an einem Knochen. Der Herr des Feſtes, der am obern Ende der Tafel ſaß, hatte ſich ſehr veraͤndert. Ex war plump und ſchwammig geworden, und hatte brennend rothes Haar. Es lag eine ſonderbare Mi⸗ ſchung von Dummheit, Anmaßung und Eingebil⸗ detheit in ſeinem Geſicht. Er war gemein⸗zierlich 21 gekleidet, trug lederne Beinkleider, eine rothe Weſte und gruͤnen Rock, und war, wie ſeine Gaͤſte, au⸗ genſcheinlich etwas vom Trinken aufgeregt. Die ganze Geſellſchaft ſtarrte mich mit einem ſonderba⸗ ren verworrenen Blick an, wie Leute, deren Sinne eher von Bier, als von Wein benebelt ſind. Mein Vetter(der Name bleibt mir, Gott ver⸗ zeihe mir's, beinahe in der Kehle ſtecken) lud mich mit einer gewiſſen unbeholfenen Hoͤflichkeit, oder, was er eigentlich beabſichtigte, Herablaſſung, ein, mich an den Tiſch zu ſetzen und zu trinken. Wir ſprachen, wie gewoͤhnlich, vom Wetter, von der Ernte, von Politik und ſchweren Zeiten. Mein Vetter war ein ſehr lauter Politiker, und offenbar daran gewoͤhnt, ohne Widerſpruch an ſeinem Tiſche zu reden. Er war erſtaunlich gutgeſinnt, und ſprach immer davon, bis zu ſeiner letzten Guinee den Thron vertheidigen zu wollen,„wie jeder reiche Mann das thun muͤßte.“ Der Dorf⸗Acciſeeinneh⸗ mer, der ſchon halb ſchlaͤfrig war, konnte nur noch zu Allem, was er ſagte, ſein„ſehr wohl' hoͤren laſſen. Das Geſpraͤch wandte ſich auf Vieh: der Squire ruͤhmte ſeine Zucht, ſeine Weiſe, die verſchiedenen Arten zu kreutzen, und die Verwaltung ſeines Guts uͤberhaupt. So kam, ungluͤcklicherweiſe, auch die Geſchichte des Ortes und der Familie auf die 22 Bahn, und er ſprach von meinem verſtorbenen Oheim mit der groͤßten Unehrerbietung, was ich ihm leicht vergab. Er nannte meinen Namen, und mein Blut fing an zu wallen. Er erzaͤhlte von meinen haͤufigen Beſuchen bei meinem Oheim, als ich noch ein junger Mann geweſen, und ich fand, daß der Schelm ſchon zu jener Zeit, ob⸗ gleich nur noch ein Kind, es gewußt hatte, daß er das Gut erben wuͤrde. Er beſchrieb den Auftritt bei dem Tode meines Oheims und der Eroͤffnung des Teſtaments mit einer Art von niedriger Laune, die ich ihm nicht zugetraut haͤtte, und ſo verſtimmt ich auch war, ſo konnte ich doch nicht umhin, mit zu lachen, denn ich habe immer an einem Scherz Behagen gefunden, ſelbſt wenn er auf meine Ko— ſten gemacht wird. Er ſprach nun von meinen ver⸗ ſchiedenen Beſchaͤftigungen, von meiner Liebe zum Herumſtreifen: das war mir etwas verdrießlich; end⸗ lich kam er auch auf meine Aeltern zu reden. Er machte meinen Vater laͤcherlich: ich ſchluckte auch das nieder, obgleich mit großer Muͤhe. Er er⸗ waͤhnte meiner Mutter mit einem veraͤchtlichen Laͤ⸗ cheln, und nun lag er in einem Augenblicke hinge⸗ ſtreckt zu meinen Füßen. Itzt gab es einen gewaltigen Laͤrm: der Tiſch ward beinahe umgeſtoßen, Flaſchen, Glaͤſer und ₰ ͤͤͤͤͤſ 23 Kruͤge rollten klirrend und klappernd auf dem Bo⸗ den umher. Die Geſellſchaft hielt uns Beide feſt, um uns zu verhindern, weiteres Unheil anzurichten. Ich ſuchte mich loszumachen, denn ich ſchaͤumte vor Wuth. Mein Vetter forderte mich heraus, mich mit ihm auf dem Raſen zu boxen. Ich nahm die Ausforderung an, denn ich fuͤhlte die Staͤrke eines Rieſen in mir, und hatte das groͤßte Verlan⸗ gen, ihn recht ordentlich auszuklopfen. Man riß uns hinaus. Der Kreis wurde geſchloſ⸗ ſen, und ich erhielt, nach der gehoͤrigen Boxerweiſe, meinen Sekundanten. Mein Vetter ſagte, indem er vortrat, um das Gefecht anzufangen, etwas von ſeiner Großmuth, daß er mir Genugthuung geben wolle, nachdem ich ſo ohne alle Veranlaſſung ihn an ſeinem eigenen Tiſche angetaſtet.„Halt“, rief ich, in voller Wuth:„ohne alle Veranlaſſung? Wiſſe, daß ich John Buckthorne bin, und daß Du das An⸗ denken meiner Mutter beſchimpft haſt.“ Der Lump war von dem, was ich ſagte, wie angedonnert: er trat zuruͤck und uͤberlegte einen Au⸗ genblick. „Nein, hol's der Henker', ſagte er:„das iſt zu viel— das iſt ganz etwas Anderes— ich habe ſelbſt eine Mutter— und niemand ſoll ſchlecht von ihr reden duͤrfen, ſo boͤſe ſie auch iſt.“ 24— Er hielt wieder inne; die Natur ſchien einen harten Kampf in ſeiner rohen Bruſt zu beſtehein zu haben. „Hol's der Henker, Vetter,“ rief er aus:„es thut mir Leid, das geſagt zu haben. Du haſt ganz recht daran gethan, mich zu Boden zu ſchla⸗ gen, und ich habe Dich deswegen nur um ſo lieber. Hier iſt meine Hand, komm und wohne bei mir, und mich ſoll der Henker holen, wenn ich Dir nicht das beſte Zimmer in meinem Hauſe und das beſte Pferd aus meinem Stalle gebe.“ Ich geſtehe J die Art, wie die Natur 4 ich durch einen e Fl umpen die Bahn mich ungemein bewegte. Ich vergab dem aen in dieſem Augenblick ſeine zwei heilloſen Verbrechen, ehelich geboren zu ſeyn und mein Gut geerbt zu haben, ſchuͤttelte ihmm die mir dargebotene Hand, um ihn zu uͤberzeugen, daß ich keinen Groll mehr gegen ihn hege, draͤngte mich dann durch den gaffenden Haufen der Speichellecker, und ſagte mei⸗ nes Oheims Beſitzung auf ewig Lebewohl.— Dieß iſt das letzte, was ich von meinem Vetter, oder von den haͤuslichen Angelegenheiten im Schloſ ſe e des Zweifels gehoͤrt habe. 25 Der wandernde Schauſpieldirektor. Als ich eines Morgens mit Buckthorne in der Naͤhe eines der Haupttheater ſpaziren ging, machte er mich auf eine Gruppe jener zweideutigen Weſen aufmerkſam, welche man oft vor den Theaterthuͤ⸗ ren der Schauſpielhaͤuſer ſich umhertreiben ſieht. Sie ſahen in ihrem Anzuge ſehr verdaͤchtig aus, und hatten die Roͤcke bis an das Knie zugeknoͤpft; dabei trugen ſie aber die Huͤte ſehr keck auf einer Seite, und hatten ein gewiegtes, ſchmuzig-anſtaͤn⸗ diges Betragen, welſhei all hen ae e Perſonen untergeordneter all eigench ch iſt. Buckthorne kannte ſie, aus fruͤherer efahrung, ſehr Wohl Dieß, ſagte er, ſind die Geiſter verblichener Koͤnige und Helden, Leute, welche Scepter und Schwerter handhaben, Koͤnigreiche und Heere be⸗ fehligen, und, nachdem ſie am Abend ganze Laͤnder und Schaͤtze weggegeben, am Morgen kaum einen Schilling beſitzen, ihr Fruͤhſtuͤck damit zu bezahlen. Und dennoch haben ſie die wahre Landſtreicher⸗Ab⸗ neigung gegen alle nuͤtzliche und gewerbliche Be⸗ ſchaͤftigungen, dabei aber ihre Vergnuͤgungen, von denen eine unter andern darin beſteht, eben auf dieſe Art im Sonnenſcheine an der Theaterthuͤre, waͤh⸗ rend der Proben, umherzuſchlentern und abgedro⸗ II. B 26 ſchene Theaterſpaͤße uͤber alle Voruͤbergehenden zu machen. Nichts lebt mehr in Ueberlieferungen und geſetzlichem Ueberkommen, als das Theater. Alte Dekorationen, alte Kleider, alte Empfindungen, altes Toben und alte Spaͤße gehen von einem Geſchlecht auf das andere uͤber, und dieß wird wahrſcheinlich ſo lange dauern, als die Zeit ſelbſt. Jeder, der mit dem Theater zu thun hat, wird ſchon durch Ererbung ein Schalk, und macht ſich in Bierſtuben und Six⸗Penny⸗Clubbs mit den Gaͤng⸗ und Gebe⸗ Spaͤßen des Direktionszimmers groß. Waͤhrend wir uns damit beluſtigten, dieſe C Grup⸗ pen zu betrachten, fiel uns namentlich ein Mann darin auf, welcher ihr Orakel zu ſeyn ſchien. Es war ein verwitterter Veteran, den Zeit und Bier etwas gebraͤunt hatten, und der wahrſcheinlich in den Rollen von Raͤubern, Kardinaͤlen, roͤmiſchen Senatoren und ſtummen Edeln grau geworden war. „Es liegt etwas in ſeiner Art, den Hut zu tra⸗ gen, und etwas in der Miene, das mir ſchon be⸗ kannt iſt,“ ſagte Buckthorne. Er betrachtete ihn etwas genauer.„Ich irre mich nicht,“ ſetzte er hinzuꝛ„das muß mein alter Waffenbruder Flimſey*), der tragiſche Held der wandernden Truppe ſeyn.“ *) S. Thl. I. S. 236. 6 *½ 1 —— 27 Er war es in der That. Man konnte es dem armen Kerl deutlich anſehen, daß es ihm nicht be⸗ ſonders ging, denn er war anſtaͤndig und aͤrmlich zugleich gekleidet. Sein Rock, der etwas abgetra⸗ gen war, hatte noch den Schnitt aus Lord Town⸗ ly's*) Zeit, eine Reihe Knoͤpfe, und reichte kaum vorn uͤbereinander, da ſein Koͤrper, aus langer Ver⸗ traulichkeit mit dem Bierfaſſe, auch deſſen Ebenmaß und Umfang angenommen hatte. Er trug ein Paar ſchmuzig⸗weiße lange Beinkleider von Stocki⸗ net**), welche mit Muͤhe bis zu ſeiner Weſte hinaufreichten, eine ſehr dicke ſchmuzige Halsbinde, und ein Paar alte roͤthelnde Tragoͤdienſtiefeln. Als ſeine Gefaͤhrten auseinander gegangen wa⸗ ren, zog Buckthorne ihn auf die Seite, und gab ſich ihm zu erkennen. Der Veteran der Tragoͤdie erkannte ihn Anfangs nicht, und wollte gar nicht glauben, daß er in der That ſein ehemaliger Ge⸗ noſſe,„der kleine Gentleman⸗Jack“ ſey. Buck⸗ thorne lud ihn ein, mit ihm in ein benachbartes Kaffeehaus zu gehen, um dort von alten Zeiten zu *) Eines berühmten Modemannes aus der letzten Hälfte des vorigen Jahrhunderts. Ueberſ. *„) Einem Vaumwollenzeuge, das die gemeinen Leute in England häufig tragen. Ueberſ. B 2 ſchwatzen, und es dauerte nicht lange, ſo hatten wir, in der Kuͤrze, ſeine Geſchichte gehoͤrt. Er hatte noch einige Zeit, nachdem Buckthorne die wandernde Truppe verlaſſen, oder vielmehr ſo plötzlich davon ausgeſtoßen worden war, fortgefah⸗ ren, die Heldenrollen zu ſpielen. Endlich aber ſtarb der Direktor, und die Truppe gerieth in Unord⸗ nung. Jeder ſtrebte nach der Krone, jeder wollte das Regiment fuͤhren, und die Wittwe des Direk⸗ tors erklaͤrte, obgleich ſie eine Koͤnigin in der Tragoͤdie und ein Satan daneben war, daß es fuͤr eine Frau durchaus unmoͤglich ſey, einen ſolchen Haufen unbaͤndiger Schandkerle in Ordnung zu halten. „Ich ſpraͤch, auf dieſen Wink*)“, ſagte Flim⸗ ſey. Ich trat vor und bot meine Dienſte auf die wirkſamſte Art an. Sie wurden angenommen. Nach einer Woche heirathete ich die Wittwe und beſtieg den Thron.„Die Leichenſpeiſe erſchien nur kalt auf hochzeitlichem Tiſch“, wie Hamlet ſagt. Aber der Geiſt meines Vorgaͤngers erſchien mir nicht, und ich erbte Kronen, Scepter, Schaalen, Dolche und den ſaͤmmtlichen Theatertroͤdel und Plunder, *) Shakeſpeare's Othello 1. Aufz. 3. Auftr. 3 Ueberſ⸗ 29 die Wittwe mit eingeſchloſſen, ohne die mindeſte Behelligung. Ich fuͤhrte nun ein ganz luſtiges Leben: unſre Geſellſchaft war ziemlich ſtark und anziehend, und da meine Frau und ich die großen Rollen im Trauerſpiel uͤbernahmen, ſo erſparte die Kaſſe da⸗ durch ſehr viel. Wir trugen bei Maͤrkten auf dem Lande uͤber alle andere Sehenswuͤrdigkeiten den Preis davon, und ich verſichre Sie, daß wir ſelbſt auf dem Bartholomaͤus⸗Markt*) ein volles Haus gehabt, und von den dortigen Kritikern ſehr viel Beifall erhalten haben, obgleich wir es mit Aſtley's Truppe**), dem Jriſchen Rieſen, und„dem Tod Nelſon's“, im Wachsfigurenkabinet, aufzunehmen hatten. K Ich fing indeſſen bald an, die Herrſcherſorgen zu empfinden. Ich ſah, daß in der Geſellſchaft Kabalen entſtanden, deren Anſtifter der Bajazzo, ein, wie Sie ſich erinnern werden, gewaltig muͤrri⸗ ſcher, ſauertoͤpfiſcher, immer uͤbelgelaunter Kerl war. Ich hatte große Luſt, ihn ohne Weiteres wegzujagen, allein ich konnte ihn nicht entbehren, denn es gab keinen drolligeren Schelm auf der *) Dem großen Herbſtmarkt in London. Ueberſ. **) Die Kunſtreiter, welche ihr regelmäßiges Theater unweit der Weſtmünſter⸗Brücke haben. Ueberſ. Buͤhne. Schon ſein Aeußeres war hoͤchſt komiſch, denn er durfte nur den Zuſchauern den Ruͤcken zu⸗ wenden, ſo ſtarben die Damen faſt vor Lachen. Er fuͤhlte ſeine Wichtigkeit und benutzte ſie. Er erhielt die Zuhoͤrer in einem beſtaͤndigen Gelaͤchter, und kam er dann hinter die Kouliſſen, ſo zankte und tobte er, und es war, als ob der Teufel in ihm waͤre. Ich hielt ihm indeß ſehr viel zu Gute, denn ich weiß, daß komiſche Schauſpieler gewoͤhn⸗ lich an dieſem Temperamentsfehler leiden. Ein anderes mir naͤher und mehr am Herzen liegendes Leiden, mit dem ich zu kaͤmpfen hatte, war aber die Liebe meiner Frau. Ungluͤcklicherweiſe hatte ſie es ſich in den Kopf geſetzt, mich ſehr lieb zu haben, und ward unleidlich eiferſuͤchtig. Ich konnte kein huͤbſches Maͤdchen bei der Truppe be⸗ halten, und wagte kaum, eine Haͤßliche zu umar⸗ men, ſelbſt wenn es meine Rolle mit ſich brachte. Ich habe ſie eine ſchoͤne Dame in Stuͤcke,„in Fe⸗ tzen“ wie Hamlet ſagt, zerreißen und ſo einen der beſten Anzuͤge aus der Garderobe vernichten ſehen, bloß weil ſie mich in den Kouliſſen ſie kuͤſſen ſah, obgleich ich Ihnen mein Ehrenwort geben kann, daß ich nur probiren wollte. Dieß war doppelt unangenehm, weil ich eine natuͤrliche Vorliebe fuͤr huͤbſche Geſichter habe, und 31 ſte gern um mich ſehe, und weil ſie unumgaͤnglich nothwendig fuͤr eine Geſellſchaft auf einem Markte ſind, wo man mit ſo vielen andern Theatern um den Vorrang zu ſtreiten hat. Wenn aber einmal ein eiferſuͤchtiges Weib ſich eine ſolche Thorheit in den Kopf ſetzt, ſo hilft es nichts, wenn man auch von Vortheil oder von andern Sachen redet. Ja, meine Herren, ich habe mehr als einmal gezittert, wenn ſie, waͤhrend eines ſolchen Vorfalls, in der hohen Tragoͤdie ſpielte, und ihren zinnernen Dolch auf dem Theater ſchwang, aus Furcht, ſie moͤchte ihrer Leidenſchaft nachgeben, und irgend eine ver⸗ meinte Nebenbuhlerin alles Ernſtes erſtechen. Es ging mir indeſſen beſſer, als ich es erwartet hatte, bei der Schwaͤche meines eigenen Fleiſches und der Heftigkeit meines Weibes. Ich hatte un⸗ gefaͤhr eine eben ſo boͤſe Zeit, als der alte Jupi⸗ ter, deſſen Gemahlin beſtaͤndig einer neuen Intrigue nachſpuͤrte, und ihm den Himmel recht ordentlich heiß machte.. Zu meinem Gluͤck, wie ich glaubte, hoͤrte ich einſt, als wir auf einem Dorfjahrmarkte ſpielten, daß das Theater in einer benachbarten Stadt zu haben ſey. Ich hatte immer gewuͤnſcht, bei einer ſtehenden Truppe ein Unterkommen zu finden, und mein hoͤchſter Wunſch war der, mit meinem Schwager auf Einer —⸗—⸗—⸗—⸗—ꝛ—ꝛ—ꝛ—ꝛ—ꝛ—ꝛ—ꝛ—ꝛ—ꝛ—ꝛ—ꝛ—õÿõ— —: Stufe zu ſtehen, der ein regelmaͤßiges Theater di⸗ rigirte, und bisher immer auf mich herabgeblickt hatte. Dieß war eine Gelegenheit, die ich nicht entſchluͤpfen laſſen konnte. Ich ſchloß einen Ver⸗ trag mit den Eigenthuͤmern, und eroͤffnete nach wenigen Tagen, mit großem Pomp, das Theater. Itzt hatte ich den Gipfel meines Ehrgeizes er⸗ reicht,„die Bramſtenge meiner Freude“, wie Ro⸗ meo ſagt. Ich war nicht laͤnger mehr der Haͤupt⸗ ling eines wandernden Stammes, ſondern ein Mo⸗ narch, der auf einem rechtmaͤßigen Throne ſaß, und ſelbſt die großen Potentaten von Covent⸗garden und Drury⸗lane Vettern nennen durfte. Sie glauben ohne Zweifel, daß ich itzt vollkommen gluͤcklich war. Ach, meine Herren! ich war einer der allertruͤbſe⸗ ligſten Menſchen auf der Erde. Niemand, der es nicht verſucht hat, kennt die Leiden eines Schau⸗ ſpieldirektors, und vor allem eines Schauſpieldirek⸗ tors in der Provinz. Niemand kann ſich einen Begriff von den Streitigkeiten und Zaͤnkereien im Innern und von den Bedruͤckungen und Plackereien von außen her, machen. Alle Stutzer und Muͤſſig⸗ gaͤnger der Landſtadt belagerten mein Direktionszim⸗ mer, und machten ſich etwas bei meinen Schau⸗ ſpielerinnen zu ſchaffen, und ſie los zu werden, war unmoͤglich. Sobald ich ſie beleidigt haͤtte, waͤre mein Untergang da geweſen, denn obgleich ſie als Freunde ſehr laͤſtig waren, ſo wuͤrden ſie doch als Feinde gefaͤhrlich geweſen ſeyn. Dann gab es noch Dorfkritiker und Dorfliebhaber, welche mich fort⸗ waͤhrend mit ihrem guten Rath plagten, und boͤſe wurden, wenn ich ihn nicht annehmen wollte, be⸗ ſonders der Dorfarzt und der Dorfadvokat, welche Beide einmal in London geweſen waren, und wuß⸗ ten, wie man ſpielen muͤſſe. Ueberdieß hatte ich einen ſolchen Haufen von Geſindel zu regieren, wie er ſich nur je innerhalb der Mauern eines Theaters zuſammengefunden ha⸗ ben kann. Ich war genoͤthigt geweſen, meine ur⸗ ſpruͤngliche Truppe mit den Ueberbleibſeln des vori⸗ gen Theaters, Leuten, welche Lieblinge des Pub⸗ likums waren, zu vereinigen. Dieß war eine Miſchung, die ſich in beſtaͤndiger Gaͤhrung befand. Entweder lagen ſie ſich in den Haaren, oder jubel⸗ ten mit einander, und ich weiß nicht, welche Stim⸗ mung unangenehmer war. Wenn ſie ſich zankten, ſo ging Alles verkehrt: waren ſie gute Freunde, ſo ſpielten ſie mir beſtaͤndig dieſen oder jenen Poſſen, denn ungluͤcklicherweiſe galt ich bei ihnen fuͤr einen lenkſamen, gutmuͤthigen Mann— der ſchlechteſte Ruf, den ein Schauſpieldirektor haben kann. Ihre Spaͤße machten mich zuweilen beinahe toll, denn es iſt nichts unleidlicher, als die abgedroſche⸗ nen Streiche, Poſſen und Scherze einer alten Truppe theatraliſcher Landſtreicher. So lange ich nur ein Mitglied der Geſellſchaft geweſen war, gefie⸗ len ſie mir ganz wohl, als Direktor fand ich ſie un⸗ ausſtehlich. Unaufhoͤrlich brachten ſie durch ihre Gelage in den Wirthshaͤuſern und die Streiche, die ſie in der Landſtadt ausgehen ließen, Schande uͤber das Theater. Alle meine Predigten uͤber die Noth⸗ wendigkeit, die Wuͤrde des Standes und den guten Ruf der Geſellſchaft aufrecht zu erhalten, waren vergebens. Die Boͤſewichter kannten das Zartge⸗ fuͤhl nicht, wie es ein Mann hat, der an der Spitze ſteht. Ja ſie trieben mit dem Ernſt des Theaterweſens ihren Scherz. Ich habe mitten in Stuͤcken einhalten, und ein volles Haus, von wenig⸗ ſtens fuͤnf und zwanzig Pfund Einnahme, warten laſſen muͤſſen, weil die Schauſpieler Roſalin⸗ dens*) Beinkleider verſteckt hatten, und habe Hamlet feierlich vortreten ſehen, um ſein Selbſtge⸗ ſpraͤch zu halten, waͤhrend man ihm einen Waſch⸗ lappen an ſeinen Mantzl geſteckt hatte. Das ſind die traurigen Folgen, wenn ein Schauſpieldirektor in dem Rufe ſteht, ein guter Mann zu ſeyn. .) Aus Shakeſpeare's Wie es euch gefällt. Ueberſ. 35 Auch das war fuͤr mich hoͤchſt unertraͤglich, wenn die großen Londoner Schauſpieler herunterkamen, um, wie man es nannte, zu leuchten*). Von al⸗ len ſchlimmen Einwirkungen will ich nur immer von denen eines Londoner Sterns verſchont blei⸗ ben! Eine große Schauſpielerin, welche auf den Provinzialtheatern die Runde macht, iſt eben ſo arg, wie ein feuriger Komet, der am Himmel da⸗ herzieht, und Feuer und Peſt und Zwietracht aus ſeinem Schweife herabſtreut. Sobald einer dieſer„Himmelskoͤrper“ ſich an meinem Horizont zeigte, war ich auch in der groͤß⸗ ten Angſt. Mein Theater ward dann mit Stutzern aus der Provinz uͤberſchwemmt, die es ſich immer zur Ehre ſchaͤtzen, ſich im Gefolge einer Schauſpie⸗ lerin aus der Hauptſtadt zu befinden, und gern glauben machen wollen, daß ſie auf einem ſehr gu⸗ ten Fuße mit ihr ſtehen. Eine wahre Erholung fuͤr mich war es, wenn irgend ein herumſtreifender junger Edelmann dem Koͤder nachging, und dieſe kleine Brut in der Entfernung hielt. Ich habe mich immer mit einem Edelmann beſſer geſtanden, als mit einem Stutzer aus der Provinzialſtadt. *) Starring, wie ein Stern ſcheinen, wie es im Origi⸗ nal heißt. Ueberſ. Und nun die Kraͤnkungen, die ich an meiner perſoͤnlichen Wuͤrde und meinem Anſehen, als Di⸗ rektor, waͤhrend der Beſuche dieſer großen Londoner Schauſpieler erdulden mußte! Wahrhaftig, ich war auf meinem eigenen Throne nicht mehr Herr. Ich wurde in meinem eigenen Direktorzimmer bramarba⸗ ſirt und abgekapitelt, und auf meinem eigenen Thea⸗ ter als Null betrachtet. Es giebt keinen Tyrannen, der ſo unbeſchraͤnkt und ſo launenhaft waͤre, als ein Londoner Stern auf einem Provinzialtheater. Schon ihren Anblick fuͤrchtete ich, und doch mußte ich erwarten, wenn ich ſie nicht annahm, das Publikum gegen mich aufruͤhreriſch werden zu ſehen. Sie fuͤllten allerdings das Haus und ſchienen mein Gluͤck zu machen, allein alle Vortheile wurden durch ihre unerſchwinglichen Forderungen aufgewo⸗ gen. Sie waren die Bandwuͤrmer fuͤr mein klei⸗ nes Theater; je mehr es einnahm, deſto aͤrmer wurde ich. Waren ſie weggegangen, ſo hatte ich ein ausgeſogenes Publikum, leere Baͤnke, und mußte ein oder zwei Dutzend Beleidigungen gegen die Stadtbewohner, wegen der Plaͤtze, wieder gut zu machen ſuchen. Das Allerſchlimmſte aber, mit dem ich bei mei⸗ ner Direktor⸗Laufbahn zu kaͤmpfen hatte, war Pro⸗ tection. O, mein Herr! Alles, nur nicht die Pro⸗ 37 tection der Vornehmen in einer Provinzialſtadt! Sie muͤſſen wiſſen, daß in dieſer Stadt, obgleich ſie nur klein war, doch eine Menge von Fehden und Parteien und angeſehenen Leuten waren, da es eine ſehr regſame kleine Handels⸗ und Manu⸗ fakturſtadt war. Das Ungluͤck war aber dieß, daß dieſes Anſehen nicht auf dem Hofkalender oder dem Heroldsamte*) beruhte, mithin die allerſchwerzu⸗ befriedigendſte Groͤße war, die es nur geben konnte. Sie laͤcheln, aber ich kann Sie verſichern, daß es keine wuͤthenderen Fehden giebt, als die Grenzfeh⸗ den, welche auf dieſem„ſtreitigen Gebiete“ der Vor⸗ nehmheit vorfallen. Der heftigſte Streit, den ich je in den hoͤhern Staͤnden geſehen habe, war einer, der in einer Provinzialſtadt vorfiel, und den Vor⸗ rang betraf, um welchen ſich die Frau eines Steck⸗ nadel⸗ und eines Naͤhnadelmachers ſtritten. In der Stadt, wo ich war, gab es beſtaͤndig Zwiſtigkeiten der Art. Die Frau des erſten Manu⸗ fakturherrn, zum Beiſpiel, war hoͤchſt geſpannt mit der Frau des erſten Kleinhaͤndlers, und Beide wa⸗ ren zu reich, und hatten zu viele Freunde, als daß man ſie haͤtte ſo leichthin behandeln ſollen. Die *) Dem Collegium in London, welches die ſämmtlichen Ordens⸗ und Adelsangelegenheiten des Landes unter ſich hat. Ueberſ. Frauen der Aerzte und der Advokaten trugen den Kopf noch hoͤher, mußten aber dagegen wieder vor der Frau eines Bankiers ſich beugen, der Wagen und Pferde hielt: waͤhrend eine mannhafte Wittwe von zweideutigem Ruf und ſchon etwas aus der Mode gekommen, die ein großes Haus bewohnte und einigermaßen mit dem Adel in Verbindung ſtehen wollte, Alle uͤber die Schulter anſah. Ihr Benehmen war eben nicht beſonders gebildet, noch ihr Vermoͤgen beſonders groß, aber ihr Gebluͤt— ihr Gebluͤt uͤbertrug das Alles: einer Frau mit ſol⸗ chem Blut in den Adern konnte man nichts ver⸗ ſagen. Ihre Anſpruͤche auf die hohen Verbindungen wurden indeſſen ſehr in Zweifel gezogen, und ſie mußte ſehr haͤufig auf Baͤllen und Aſſembleen mit den ehrenfeſten Damen aus der Nachbarſchaft, die ſich auf ihren Reichthum und ihre Tugend ſtuͤtzten, einen Kampf um den Vorrang beſtehen: allein ſie hatte zwei elegante Toͤchter, die ſich ſchoͤn, wie die Puppen, anzogen, eben ſo vornehmes Blut hatten, wie ihre Mutter, und dieſe bei jeder Gelegenheit unterſtuͤtzten; ſo ſetzten ſie denn Alles mit ihrem Hochmuth durch, und Jedermann haßte die Fan⸗ tadlins, ſchimpfte auf ſie und fuͤrchtete ſie. So ſtand es mit der Modewelt in dieſer ſich — Fantadlin“ geſchaͤhe. 39 groß duͤnkenden kleinen Stadt. Ungluͤcklicherweiſe war ich mit der innern Politik daſelbſt nicht ſo ge⸗ nau bekannt, als ich es wol haͤtte ſeyn ſollen. Ich hatte waͤhrend der erſten Theaterzeit*) mich fremd gefuͤhlt, und war mitunter in großer Noth gewe⸗ ſen: ich beſchloß alſo, mich unter den Schutz ir⸗ gend eines großen Namens zu begeben, und ſo mit einem guͤnſtigen Vorurtheile des Publikums den Feldzug zu eroͤffnen. Ich ſah mich alſo, in Gedan⸗ ken, zu dieſem Endzwecke um, und in einer un⸗ gluͤcklichen Stunde ſielen meine Augen auf Mrs. Fantadlin. Niemand ſchien mir eine unbeſchraͤnk⸗ tere Herrſchaft in der Modewelt zu genießen. Ich hatte immer bemerkt, daß ihre Logenthuͤr am laute⸗ ſten zugeſchlagen wurde: daß ihre Toͤchter, wie der Sturmwind, mit einem Pomp von rothen Shawls und Federn hereintraten, daß ſie die meiſten Anbe⸗ ter hatten, daß ſie waͤhrend der Vorſtellung ſpra⸗ chen und lachten, und die Lorgnetten nicht von den Augen brachten. Als ich demnach mein Theater wieder eroͤffnete, ſo war, am erſten Abend, auf den Zetteln mit großen Buchſtaben zu leſen, daß dieß unter dem Schutze der„ehrenwerthen Mrs. 9) Die Provinzialtheater ſpielen, wie die Londoner, ebenfalls nicht das ganze Jahr hindurch. Ueberſ⸗ 40 Mein Herr, die ganze Stadt kam unter die Waffen! Das Theater in ihren Schutz nehmen zu wollen! Unertraͤglich! und ich, mich zu unterfan⸗ gen, ſie die„ehrenwerthe“*) zu nennen! Und welche Anſpruͤche haͤtte ſie denn wol auf dieſen Titel? Die Modewelt hatte lange unter der Ty⸗ rannei der Fantadlins geſchmachtet, und war froh, gegen dieſen neuen Beweis der Anmaßung gemein⸗ ſchaftliche Sache zu machen. Alle kleinen Fehden waren vergeſſen, die Frau des Doktors und des Advokaten ſahen ſich wieder, die Frau des Manu⸗ fakturherrn und des Kleinhaͤndlers kuͤßten ſich, und Alle, die Bankiersfrau an der Spitze, erklaͤrten, das Theater ſey langweilig, und beſchloſſen, von nun an nur die Indiſchen Gaukler und Herrn Walker's Eidouranion**) zu beſchuͤtzen. Dieß war der Felſen, an dem ich ſcheiterte. Ich konnte mich nicht wieder von dem Schutze der Familie Fantadlin erholen. Mein Haus blieb leer, meine Schauſpieler wurden unzufrieden, weil ſie ſchlecht bezahlt wurden, mein Thuͤrklopfer war *) Honourable, ein Titel, der nur den jüngeren Söh⸗ nen und Töchtern der Lords zukommt. Ueberſ⸗ **) Eine bildliche Darſtellung des geſtirnten Himmels, in ſehr großem Maßſtabe, welche der Beſitzer im Winter in London zu zeigen und zu erklären pflegt. Ueberſ. 41 in beſtaͤndiger Bewegung von Seiten aller Ge⸗ richtsdiener in der Gegend, und mein Weib ward immer widerbelleriſcher und zaͤnkiſcher, je mehr ich Troſt bedurfte. Ich verſuchte eine Zeitlang, meine Zuflucht zu dem gewöhnlichen Troſt aller gequaͤlten und kreuz⸗ tragenden Maͤnner, zur Flaſche, zu nehmen, und wollte meine Sorgen wegtrinken, aber vergebens. Ich will damit nichts gegen die Flaſche ſagen; ſie iſt ein vortreffliches Mittel in manchen Faͤllen, aber ſie half mir nicht. Meine Stimme brach dadurch, meine Naſe ward kupferig, aber weder meine Frau noch meine Angelegenheiten beſſerten ſich. Meine ganze Unternehmung ward ein Schauplatz der Ver⸗ wirrung und des Unterſchleifs. Man hielt mich fuͤr einen zu Grunde gerichteten Mann, und mit— hin fuͤr Jemanden, den man ruhig rupfen kann, ſo wie Jedermann ein ſinkendes Schiff pluͤndert. Je⸗ den Tag machte ſich einer von der Truppe davon, und nahm, wie ein Deſerteur, ſeine Waffen und ſein Zeug mit. Auf dieſe Art kam meine ganze Garderobe in Bewegung, meine ſchoͤnen Sachen ſpielten im Lande umher, meine Schwerter und Dolche blitzten in jeder Scheune, bis zuletzt mein Schneider einen„ſchaͤndlichen Griff“*) machte, *) Shakeſpeare's Macbeth. Meberſ. 42 und drei Staatsroͤcke, ein halbes Dutzend Waͤmſer und neunzehn Paar fleiſchfarbene lange Beinkleider mitnahm. Dieß war„das Ende aller Enden“ 2) meines Gluͤcks. Ich ſtand itzt nicht laͤnger an, was ich thun ſollte.„Nun, dachte ich, da das Stehlen einmal an det Tagesordnung iſt, ſo will ich auch ſtehlen, und ſo nahm ich denn heimlich die Juwelen aus meiner Garderobe zuſammen, ei⸗ nen Heldenanzug in ein Schnupftuch, ſteckte es auf ein Schwert zum Trauerſpiel, und machte mich in der Nacht aus dem Staube,„grad' als die Uhr ſchlug eins,“ und uͤberließ mein Reich und meine Koͤnigin meinen aufruͤhreriſchen Unterthanen und meinen unbarmherzigen Feinden, den Gerichts⸗ dienern. Dieß war„das Ende meiner Groͤße.“ Ich war von meiner Leidenſchaft fuͤr das Regieren voll⸗ kommen geheilt, und kehrte wieder in Reihe und Glied zuruͤck. Ich fuͤhrte eine Zeitlang das ge⸗ woͤhnliche Schauſpielerleben, ſpielte auf verſchiede⸗ nen Provinzialtheatern, auf Maͤrkten und in Scheu⸗ nen, war zuweilen hart bedraͤngt, zuweilen wieder— flott, bis ich bei einer Gelegenheit, bei einem Haar, mein Gluͤck gemacht haͤtte, und eines *) Ebendaſ. Ueberſ. v2 43 von den Wundern des Jahrhunderts geworden waͤrr.* Ich ſelte Nichard den Dritten in einer Dorf⸗ ſcheune und in meiner beſten Manier, denn ich war, die Wahrheit zu ſagen, etwas betrunken, und die Kritiker bei unſerer Geſellſchaft bemerkten im⸗ mer, daß ich am ausgezeichneteſten ſpielte, wenn ich ein Glas zu viel getrunken haͤtte. Rauſchender. Beifall erſcholl, als ich an die Stelle kam, wo Richard ſagt:„ein Pferd, ein Pferd!“ meine ge⸗ brochene Stimme machte hier immer einen wun⸗ derbaren Eindruck; es war wie zwei Stimmen, die in einander floſſen; man haͤtte glauben ſollen, es riefen zwei Menſchen nach Einem Pferde, oder Richard nach zwei Pferden. Und wenn ich Rich⸗ mond zurief: Richard iſt heiſer, der„Dich ſo oft gefordert,“ ſo glaubte ich, die Scheune wuͤrde zu⸗ ſammenſtuͤrzen von dem graͤnzenloſen Beifall der Zuhoͤrer. Gleich am andern Morgen kam Jemand zu mir in meine Wohnung. Ich ſah dem Fremden gleich an ſeinem Anzuge an, daß er ein Mann von Stande war, denn er trug eine große Tuchnadel, gewaltige Ringe an den Fingern, und bediente ſich einer Lorgnette. Es fand ſich auch, daß er ein Mann von Stande war, denn es ergab ſich bald, 44 daß er ein beſoldeter Schriftſteller, oder eine Art von litterariſchem Schneider an einem der großen Lon⸗ doner Theater ſey, ein Mann, der unter des Direktors Augen arbeitete, Schauſpiele be⸗ und verſchnitt, ſie flickte und ausſtafierte, und neu anſtrich und das Inwendige nach Außen kehrte, kurz er war einer von den ſchnellſten und groͤßten Schriftſtellern des Tages. Er war itzt auf einem Beute⸗Ausflug begriffen, um irgend etwas aufzuſuchen, das man als ein Wunder zum Vorſchein bringen könne. Das Thea⸗ ter war, wie es ſchien, in einer ſehr verzweifelten Lage— nur ein Wunder konnte es retten. Er hatte mich am Abend vorher den Richard ſpielen ſehen, und mich zu dieſem Wunder erkoren. Ich hatte einen gewiſſen Ungeſtuͤm in meinem Stil und ein gewiſſes Hochtrabendes in meinem Gange, und unterſchied mich allerdings von allen uͤbrigen Helden der Buͤhne; dem Bevollmaͤchtigten kam alſo der Gedanke ein, mich als ein theatraliſches Wunder, als den Wiederherſteller der natuͤrlichen und aͤchten Darſtellung, als den Einzigen zum Vorſchein zu bringen, der Shakeſpeare verſtehe und richtig darzuſtellen wiſſe. Als er mir ſeinen Plan eroͤffnete, ſchrak ich, mit gebuͤhrender Beſcheidenheit, davor zuruͤck, denn wie gut auch die Meinung war, die ich von mir ſelbſt hatte, ſo zweifelte ich doch, daß ich einem ſol⸗ chen Unternehmen gewachſen ſeyn wuͤrde. Ich machte ihn auf meine unvollkommene Kennt⸗ niß von Shakeſpeare aufmerkſam, da ich die Rollen in deſſen Schauſpielen nur nach verſtuͤmmelten Exemplaren geſpielt, wozwiſchen ich eine große Menge von meinen eigenen Erfindungen eingeſchal⸗ tet hatte, um meinem Gedaͤchtniſſe damit auszu⸗ helfen, oder die Wirkung zu verſtaͤrken. „Deſto beſſer,“ rief der Herr mit den Rin⸗ gen an den Fingern aus:„deſto beſſer! neue Leſe⸗ arten! neue Leſearten! Lernen Sie nicht eine Zeile — geben Sie uns Shakeſpeare ganz nach Ihrer Art.“ Aber meine Stimme iſt gebrochen: ſie wird ein Londoner Theater nicht ausfuͤllen koͤnnen. „Deſto beſſer! deſto beſſer! das Publikum iſt der Intonation ſchon muͤde— das ore rotundo*) iſt ſchon wieder aus der Mode. Nein, mein Herr, Ihre gebrochene Stimme iſt es gerade, was wir brauchen koͤnnen; ſpucken und poltern, ſchnappen und ſchnarren Sie nur, und machen Sie des Teu⸗ fels Laͤrm auf dem Theater; das iſt es gerade, was unſer Gluͤck machen kann.“ *) Mit gerundetem, woltönendem Munde. Ueberſ. 46 „Aber,“ ſagte ich, und konnte nicht umhin, waͤhrend ich dieß ſagte, bis an die Naſenſpitze zu erroͤthen; allein ich war einmal entſchloſſen, ganz aufrichtig zu ſeyn—„dann,“ fuͤgte ich hinzu:„iſt noch ein ſchlimmer Umſtand da: ich habe eine un⸗ gluͤckliche Angewohnheit— mein Ungluͤck und die Kraͤnkungen, denen man zuweilen in den Scheu⸗ nen und auf dem Lande ausgeſetzt iſt, haben mich genöthigt, dann und wann einen— einen— einen Schluck von etwas Staͤrkendem zu nehmen— und da— und da—=*. „Wie! Sie trinken? ſagte der Bevollmaͤchtigte haſtig. Ich nickte erroͤthend ein Ja. 8 „ Deſto beſſer! deſto beſſer! die Unregelmaͤßig⸗ keiten des Genies! Nuͤchtern zu ſeyn, iſt gemein; das Publikum hat die Schauſpieler gern, welche trin⸗ ken. Ihre Hand, mein Herr, Sie ſind der wahre Mann, mit dem man Aufſehen machen kann.“ Ich trat noch immer voll zoͤgernden Mißtrauens in den Hintergrund, und erklaͤrte, daß ich eines ſolchen Lobes nicht wuͤrdig ſey. „Zum Henker,“ rief er aus:„von Lob iſt hier nicht die Rede. Sie werden doch wol nicht glau⸗ ben, daß ich Sie fuͤr ein Wunder halte. Nichts i*ſt ſo leicht, als das Publikum hinter das Licht zu — fuͤhren, wenn man nur ein Wunder verheißt. Das gewoͤhnliche Talent kann Jeder, wenn auch mit dem gewoͤhnlichen Maße, meſſen; ein Wunder aber iſt uͤber alle Regeln und uͤber alles Maß hinaus.“ Dieſe Worte oͤffneten mir in einem Augenblicke die Augen. Wir verſtanden uns itzt; meine Eitel⸗ keit fuͤhlte ſich zwar weniger geſchmeichelt, deſto be⸗ friedigender war aber die Erklaͤrung fuͤr meinen Verſtand. Wir kamen uͤberein, daß ich als eine dramati⸗ ſche Sonne, welche ſo eben hinter den Wolken her⸗ vortraͤte, und die alle geringeren Lichter und Stroh⸗Feuer von der Buͤhne verbannen muͤſſe, vor einem Londoner Publikum auftreten ſollte. Alle Vorkehrungen, die Meinung des Publikums von allen Seiten gefangen zu nehmen, ſollten getroffen werden. Das Parterre ſollte mit tuͤchtigen Klat— ſchern angefuͤllt, die Zeitungen fuͤr gewaltige Lob⸗ preiſungen in Beſchlag genommen, jeder theatraliſche Verſammlungsort mit gemietheten Lobrednern uͤber⸗ ſchwemmt werden. Kurz, alle moͤgliche Maſchinen theatraliſcher Taͤuſchung ſollten in Bewegung kom⸗ men. Wenn ich es anders machte, als fruͤhere Schauſpieler, ſo ſollte behauptet werden, ich haͤtte es recht und jene es unrecht gemacht. Tobte ich, ſo ſollte es heißen, das ſey reine Leidenſchaft; wuͤrde 48 ich gemein, ſo ſollte dieß fuͤr einen vertraulichen Zug der Natur ausgegeben werden; machte ich ir⸗ gend einen argen Fehler, ſo ſollte dieſer fuͤr eine neue Leſeart gelten. Wenn meine Stimme braͤche, oder ich meine Rolle vergaͤße, ſo ſollte ich nur ei— nen Sprung machen, und grinſen und die Zuhoͤrer anbruͤllen, oder irgend eine graͤßliche Geſichtsver⸗ zerrung machen, wie ſie mir gerade in den Kopf kaͤme, und meine Bewunderer ſollten dieß dann „einen grandioſen Zug“ nennen, und zuruͤckſinken und vor Entzuͤcken ſchreien und kreiſchen. „Kurz,“ ſagte der Herr mit der Lorgnette:„le⸗ gen Sie nur wacker aus, es kommt gar nichts dar⸗ auf an, wie oder was Sie thun, wenn es nur recht ſeltſam und ſonderbar iſt. Wenn Sie nur den erſten Abend durchkommen, ohne daß Sie mit Aepfeln geworfen werden, ſo iſt Ihr Gluͤck und das des Theaters gemacht.“ Ich reiſete alſo, voll von neuen Plaͤnen und neuen Hoffnungen, mit dem Schriftſteller nach Lon⸗ don ab. Ich ſollte der Wiederherſteller Shake⸗ ſpeare's und der Natur und des aͤchten Drama's werden; mein kecker Gang ſollte heroiſch, und meine gebrochene Stimme die wahre Hoͤhe der De⸗ klamation ſeyn. Doch ach, mein gewoͤhnliches Un⸗ gluͤck verfolgte mich auch dießmal; ehe ich in der 2 Haupt⸗ 49 Hauptſtadt ankam, war ſchon ein zweites Wunder erſchienen, eine Frau, welche auf dem ſchlaffen Seile tanzen, und von dem Theater bis zur Galle⸗ rie auf dem Seile mitten durch Feuerwerke hindurch gehen konnte*). Der Direktor nahm ſie begierig in Beſchlag. Sie rettete das große Nationaltheater fuͤr dieſe Spielzeit. Man ſprach von nichts als von Madame Sacchi's Feuerwerken und fleiſchfar⸗ benen Beinkleidern,— und Natur, Shakeſpeare, das aͤchte Drama und der arme Pillgarlick wurden gaͤnzlich im Stich gelaſſen. Als die Darſtelluugen der Madame Sacchi et⸗ was Altes zu werden anfingen, kamen andere Wun⸗ der an die Reihe, Pferde, Harlekinaden und Mum⸗ mereien aller Art, bis ein anderes dramatiſches Wunder auf die Buͤhne gebracht wurde, um gerade das Kunſtſtuͤck zu machen, wozu man mich beſtimmt hatte. Ich begab mich zu dem Sold Schriftſteller, um von ihm eine Erkläͤrung zu erhalten; allein er war gerade ſehr beſchaͤftigt, ein neues Melodrama oder eine Pantomime zu ſchreiben, und ſehr aͤrger⸗ lich, wenn man ihn in ſeinen Studien unterbrach. Da aber das Theater ſich gewiſſermaßen anheiſchig ge⸗ *) Ich ſelbſt habe Mad. Saechi mehrere Male dieß hals⸗ brechende Kunſtſtück im Covent⸗Garden⸗ Thea ter machen ſe⸗ hen. Ueberſ. II. C macht hatte, fuͤr mich zu ſorgen, ſo benahm ſich der Direktor, nach der gewoͤhnlichen Phraſe,„wie ein Mann von Ehre“, und ich erhielt eine Anſtel⸗ lung in der Truppe. Es hatte von einem Wurf f abgehangen, ob ich Alexander der Große, oder Alexander der Kupferſchmied werden ſollte— und der letzte ward es. Da ich nicht an die Spitze des Drama's geſtellt werden konnte, ſo kam ich an das Ende. Mit andern Worten, ich ward unter den ſoge⸗ nannten„nuͤtzlichen Leuten' angeſtellt, unter denen, welche Soldaten, Senatoren und Banquo's Schat⸗ tennachkommen ſpielen. Ich war mit meinem Loſe vollkommen zufrieden, denn ich habe immer etwas 3 von einem Philoſophen an mir gehabt. War meine Lage auch nicht glaͤnzend, ſo war ſie wenigſtens ſicher, und in der That habe ich ein halbes Dutzend 4 von Wundermaͤnnnern erſcheinen, blenden, wie Sei⸗ fenblaſen zerplatzen und verſchwinden ſehen, waͤh⸗ rend ich hier noch behaglich, unbeneidet und unange⸗ taſtet, auf den untern Stufen des Berufs ſtehe. Nun, nun, laͤcheln Sie immerhin, aber ich verſichere Sie, wir„nuͤtzlichen Leute“ ſind die ein⸗ zigen gluͤcklichen Schauſpieler auf der Buͤhne. Wir ſind vor dem Ziſchen ſicher, und unter der Hoffnung des Beifalls. Wir fuͤrchten nicht das Gelingen un⸗ ſerer Nebenbuhler, noch ſcheuen wir die Feder des — 51 Kritikers. Wenn wir nur die Worte unſerer Rollen bekommen, und deren ſind nicht oft viele, ſo bekuͤmmern wir uns um weiter nichts. Wir haben unſere eigenen Vergnuͤgungen, unſere eige⸗ nen Freunde und unſere eigenen Bewunderer— denn jeder Schauſpieler hat ſeine Freunde und Be⸗ wunderer, vom hoͤchſten bis zum niedrigſten. Der große Schauſpieler ſpeiſ't mit dem vornehmen Goͤn⸗ ner zu Mittag, und unterhaͤlt eine Modetafel mit Brocken und Geſaͤngen und theatraliſchem Ge⸗ waͤſch. Die Schauſpieler zweiter Klaſſe haben auch ihre Freunde und Bewunderer zweiter Klaſſe, bei denen ſie ebenfalls Stellen aus Tragoͤdien herſagen und Gewaͤſch machen,— und ſo geht es hinab, bis zu uns, die wir unſere Freunde und Bewunderer un⸗ ter zierlichen Handlungsdienern und hoffnungsvol⸗ len Lehrburſchen haben, welche uns zuweilen ein Mittagseſſen geben, und aus der zehnten Hand eben die Brocken und Geſaͤnge und das Gewaͤſch zu hoͤren bekommen, das unſere gluͤcklicheren Bruͤder an den Tafeln der Großen aufgetiſcht haben. Zum erſtenmale empfinde ich es itzt in meiner theatraliſchen Laufbahn, was wahres Vergnuͤgen iſt. Ich habe die Beruͤhmtheit zu genau kennen ge⸗ lernt, um die armen Teufel zu beneiden, welche die Lieblinge des Publikums heißen. Ich moͤchte C 2 52 lieber ein Kaͤtzchen ſeyn, das ein verzogenes Kind auf dem Arme traͤgt, das in dieſem Augenblick ge⸗ ſtrichen und gefuͤttert wird, und im naͤchſten mit dem Loͤffel einen Schlag auf den Kopf erhaͤlt. Ich muß laͤcheln, wenn ich unſere erſten Schau⸗ ſpieler vor Neid und Eiferſucht uͤber den jaͤmmerli⸗ chen Ruhm, der noch dazu in ſeiner Art hoͤchſt verdaͤchtig, und deſſen Dauer ſo hoͤchſt ungewiß iſt, ſich verzehren ſehe. Ich lache auch, obgleich, na⸗ tuͤrlich, in's Faͤuſtchen, uͤber dieſe Regſamkeit und Wichtigkeit, uͤber dieſe Muͤhen und Verlegenheiten unſeres Direktors, der ſich uͤber das vergebliche Bemuͤhen, es Jedermann recht zu machen, zu Tode quaͤlt. Ich habe unter meinen Mit⸗ Unterſchauf pielern zwei oder drei ehemalige Direktoren gefunden, die, wie ich, das Scepter auf Provinzialtheatern gefuͤhrt haben, und wir machen uns manches Mal auf Koſten des Direktors und des Publikums mit einander herzlich luſtig. Zuweilen reden wir auch wol, wie abgeſetzte und vertriebene Koͤnige, uͤber die Begeben⸗ heiten unſerer verſchiedenen Regierungen, ſtellen bei einem Kruge Ale moraliſche Betrachtungen an, und lachen uͤber die Blendwerke, welche der großen und kleinen Welt vorgeſpiegelt werden, und dieß iſt, 53 meinem Dafuͤrhalten nach, die wahre praktiſche Philoſophie. Hiermit ſind die Anekdoten von Buckthorne und ſeinen Freunden zu Ende. Es thut mir ſehr leid, daß ich nicht Mehreres uͤber ſeine Geſchichte von ihm erfahren konnte, und beſonders von dem Theil, der in der Hauptſtadt ſich zugetragen hat. Er wußte offenbar ſehr viel vom Gelehrtenleben, und da er ſich nie in der wiſſenſchaftlichen Welt ausge⸗ zeichnet hatte, und doch vollkommen frei von aller Erbitterung uͤber getaͤuſchte Hoffnungen war, ſo hatte ich gehofft, einige unparteiiſche Nachrichten uͤber ſeine Zeitgenoſſen von ihm einzuziehen; das Zeugniß eines ſo ehrlichen Berichterſtatters wuͤrde in der itzigen Zeit ganz vorzuͤglichen Werth gehabt haben, wo es, bei der außerordentlichen Fruchtbar⸗ keit der Preſſe und den Tauſenden von Anekdoten, Kritiken und biographiſchen Skizzen, welche taͤg⸗ lich von bedeutenden Maͤnnern erſcheinen, außer⸗ ordentlich ſchwer wird, die Wahrheit uͤber ſie zu erfahren. Er war indeſſen immer ungemein zuruͤckhal⸗ tend und einſylbig uͤber dieſen Punkt, woruͤber ich 54 mich ſehr wunderte, da Schriftſteller einander ge⸗ woͤhnlich fuͤr gute Priſen zu halten ſcheinen, und kein Bedenken tragen, einander, zur Unterhaltung des Publikums, an den Pranger zu ſtellen. Wenige Morgen, nachdem ich die Geſchichte des Direktors gehoͤrt hatte, uͤberraſchte mich Buckthorne durch einen Beſuch, als ich noch im Bette lag. Er war in Reiſekleidern. „Wuͤnſchen Sie mir Gluͤck! wuͤnſchen Sie mir Gluͤck!“ ſagte er, indem er ſich mit der groͤßten Freude die Haͤnde rieb:„meine großen Ausſichten ſind in Erfuͤllung gegangen!“ Ich ſah ihn mit einem verwunderten und fra⸗ genden Blick an. „Mein alberner Vetter iſt todt!“ rief er aus: „moͤge er in Frieden ruhen! Er brach ſich durch einen Fall vom Pferde auf einer Fuchsjagd beinahe den Hals, und lebte gluͤcklicherweiſe noch lange genug, um ſein Teſtament zu machen. Er hat mich zu ſeinem Erben eingeſetzt, theils aus einem ſeltſamen Gefuͤhl von vergeltender Gerechtigkeit, theils, wie er ſagt, weil Niemand von ſeiner Familie ein ſolches Gut zu genießen wiſſen wuͤrde. Ich bin im Begriff, auf das Land zu gehen, und Beſitz von meinem Eigenthum zu nehmen. Ich habe der Schriftſtel⸗ lerei Lebewohl geſagt.— Das fuͤr die Kritiker!“ 55 ſagte er, indem ein Schnippchen ſchlug.„Kommen Sie herunter nach dem Schloſſe des Zweifels, ſo⸗ bald ich eingerichtet bin, und wahrhaftig, Sie ſol⸗ len einen vollen Becher haben.“ Mit dieſen Worten ſchuͤttelte er mir herzlich die Hand, und ſprang fro⸗ hen Muthes davon. Es verging lange Zeit, ehe ich wieder etwas von ihm hoͤrte. Erſt vor Kurzem habe ich einen Brief von ihm erhalten, der in der gluͤcklichſten Stimmung geſchrieben iſt. Er faͤngt an, ſein Gut in Ordnung zu bringen; Alles geht nach ſeinem Wunſche, und, was noch mehr iſt, er hat Sacha⸗ riſſa geheirathet, welche, wie es ſcheint, immer eine innige, wiewol heimliche Zuneigung zu ihm gehabt, die er gluͤcklicherweiſe entdeckt hat, kurz nachdem er zum Beſitze ſeines Gutes gelangt iſt. „Ich finde,“ ſchreibt er:„daß Sie der Suͤnde der Schriftſtellerei, der ich entſagt habe, etwas er⸗ geben ſind; wenn die Anekdoten aus meiner Ge⸗ ſchichte, die ich Ihnen erzaͤhlt habe, einiges Inte⸗ reſſe beſitzen, ſo moͤgen Sie ſie immer benutzen. Kommen Sie aber herunter nach dem Schloſſe des Zweifels, und ich will Ihnen mein ganzes Londo⸗ ner Leben bei einem geſelligen Glaſe Wein erzaͤhlen; das ſoll eine tuͤchtige Geſchichte von Schriftſtel⸗ lern und Rezenſenten werden.“ 56— Wenn ich je nach dem Schloſſe des Zweifels komme und die Geſchichte hoͤre, die er mir ver⸗ ſprochen hat, ſo kann das Publikum ſich darauf verlaſſen, daß ich ſie ihm wiedererzaͤhlen werde. Dritte Abtheilung. Die Italiaͤniſchen Banditen. N Das Gaſthaus von Terracina. Kack klack! klack! klack! klack! „Da kommt die Stafette von der Wirth im Gaſthauſe von Terracina; das Pferd heraus!“ 8 Die Stafette kam, wie gewoͤhnlich, im Galopp den Weg daher, und der Reiter ſch vang uͤber ſei⸗ nem Kopfe eine Peitſche mit kurzem Stiel und langer Schnur voll Knoten, von der jeder Schlag wie ein Piſtol knallte. Es war ein ſtaͤmmiger, vier⸗ ſchroͤtiger junger Menſch in der gewoͤhnlichen Uni⸗ form. Dieſe beſtand aus einem netten blauen Rocke, mit Aufſchlaͤgen und goldenen Treſſen, aber hinten ſo kurz, daß er ihm kaum bis uͤber den Guͤrtel reichte, und hier ungefaͤhr wie der Schwanz eines Zaunkoͤnigs aufgeſtuͤlpt war; aus einem dreieckigen Hut mit goldenen Treſſen darum, einem Paar ſtei⸗ fer Reiterſtiefel; ſtatt der gewohnlichen ledernen 60 Beinkleider hatte er aber nur ein Bruckſtuͤck von Unterbeinkleidern an, die kaum hinreichten, ſeine Bloͤße zu bedecken. Die Stafette ſprengte vor die Thuͤr und ſprang vom Pferde. „Ein Glas Roſoglio, ein friſches Pferd und ein Paar Hoſen,“ ſagte er:„und das ſchnell: per amor di Dio! Ich bin uͤber die Zeit geblieben und muß weiter!“ n Naͤubern, zwiſchen hier und Fondi.“ eine Stafette berauben? Nun, ſo etwas Tolles habe ich noch nicht gehoͤrt. Was konnten ſie denn von Dir zu bekommen hoffen? „Meine ledernen Beinkleider!“ antwortete die Stafette.„Sie waren nagelneu, glaͤnzten wie Gold, und ſtachen dem Capitaͤn in die Augen. Nun wahrhaftig, die Kerle werden immer aͤr⸗ ger. Eine Stafette anzufallen! und das bloß eines Paares lederner Beinkleider wegen! Die Beraubung eines Regierungsboten ſchien den Wirth mehr in Erſtaunen zu ſetzen, als jede andere Graͤuelthat, die auf der Landſtraße veruͤbt worden war, und in der That war es das erſte Mal daß ein ſo muthwilliger Raub begangen worden, 61 da ſich die Raͤuber gewoͤhnlich wohl in Acht nah— men, ſich mit irgend etwas zu ſchaffen zu machen, das der Regierung angehoͤrte. Die Stafette hatte ſich unterdeſſen wieder in den gehoͤrigen Stand geſetzt, denn der Menſch hatte keine Zeit verloren, um ſeine Anſtalten zu treffen, waͤhrend er ſprach. Das Pferd war da, der Ro⸗ ſoglio hinuntergeſtuͤrzt; er griff nach dem Zuͤgel und dem Steigbuͤgel. Waren viele Raͤuber bei der Bande? ſagte ein ſchoͤner, ſchwaͤrzlicher junger Mann, der aus der Thuͤr des Gaſthofes trat.„ „Eine ſo furchtbare Bande, wie ich ſie je geſe⸗ hen habe,“ ſagte die Stafette, indem ſie ſich in den Sattel ſchwang. Sind ſie ſehr grauſam gegen Reiſende? ſagte eine ſchoͤne junge venetianiſche Dame, welche ſich an den Arm des Herrn gehangen hatte. „Grauſam, Signora?“ wiederholte der Menſch, indem er einen Blick auf die Dame warf, waͤhrend er ſeinem Pferde die Sporen gab.„Corpo di Bacco! ſie ſtechen alle Maͤnner nieder! und die Frauen— klack! klack! klack! klack! klack!“ Die letzten Worte verhallten in dem Knallen der Peitſche, und fort ſprengte die Stafette auf der Straße nach den pon⸗ tiniſchen Suͤmpfen hin. 62 „Heilige Jungfrau!“ rief die ſchoͤne Venetiane⸗ rin aus:„was wird aus uns werden!“* Das Gaſthaus, von dem wir reden, liegt dicht vor den Mauern von Terracina, an einem hohen Felſenabhange, auf deſſen Spitze die Truͤmmer ei⸗ nes Schloſſes des Gothen Theodorich liegen. Die Lage von Terracina iſt eigenthuͤmlich. Es iſt eine kleine alte ſchlaͤfrige italiaͤniſche Stadt, an den Graͤnzen des römiſchen Gebiets. In allem, was zu dem Orte gehoͤrt, ſcheint eine gewiſſe Traͤgheit zu liegen. Das mittellaͤndiſche Meer— dieſes Meer ohne Ebbe und Fluth, breitet ſich vor derſel⸗ ben aus. In dem Hafen iſt kein Segel zu erblik. ken, wenn nicht etwa zuweilen eine einſame Fe⸗ lukke ihre heilige Ladung von Stockfiſch, die magere Koſt fuͤr die Quareſima, oder die Faſten, ausſchifft. Die Einwohner ſind, dem Anſcheine nach, ein ver⸗ droſſenes, nachlaͤſſiges Volk, wie es die Leute aus milden, ſonnigen Klimaten wol zu ſeyn pflegen; unter dieſem paſſiven, traͤgen Aeußern ſollen aber gefaͤhrliche Eigenſchaften verborgen liegen. Viele halten ſie fuͤr nicht viel beſſer, als die Banditen in den benachbarten Bergen, und glauben, daß ſie in geheimer Verbindung mit dieſen ſtehen. Die ein⸗ zelnen Wachtthuͤrme, welche hier und da an der Kuͤſte erbaut ſind, zeugen davon, daß Piraten und 63 Korſaren an dieſen Kuͤſten umherſchwaͤrmen, waͤh⸗ rend die niedrigen Huͤtten— Quartiere fuͤr Solda⸗ ten— welche die entfernte Straße bezeichnen, die ſich durch einen Olivenwald hinanzieht, andeuten, daß auf dieſer Anhoͤhe dem Reiſenden Gefahr drohe, und der Bandit leichtes Spiel habe. Zwiſchen die⸗ ſer Stadt und Fondi wird die Straße nach Neapel am meiſten von Raͤubern unſicher gemacht. Es finden ſich mehrere einſame Stellen und Kruͤm⸗ mungen auf derſelben, wo die Raͤuber von den Gipfeln der Huͤgel oder hervorragenden Anhoͤhen den Reiſenden ſchon in einer großen Entfernung erblicken, und an abgelegenen und rauhen Hohlwe⸗ gen ihm auflauern koͤnnen. Die italiaͤniſchen Raͤuber ſind eine verwegene Klaſſe von Menſchen, die beinahe einen beſtimmten Stand in der menſchlichen Geſellſchaft bilden. Sie tragen eine Art von Uniform, oder vielmehr von beſtimmter Tracht, welche ihr Gewerbe deutlich be⸗ zeichnet. Dieß geſchieht offenbar deswegen, um das hinterliſtige, geſetzloſe Weſen deſſelben weniger auffallend zu machen, und ihm in den Augen des gemeinen Volks eine Art von militaͤriſchem Anſehen zu geben, oder vielleicht um durch aͤußeren Glanz und Pracht bei den jungen Leuten in den Doͤrfern Luſt zu erregen, und ſo Rekruten zu gewinnen. Ihre Kleidung iſt oft ſehr reich und maleriſch. Sie tra⸗ geen Jacken und Beinkleider von hellen Farben, die zuweilen reich geſtickt ſind; ihre Bruſt iſt mit Me⸗ daillen und Reliquien bedeckt, ihre Huͤte haben eine bneite Kraͤmpe, einen kegelfoͤrmigen Kopf und ſind mit Federn oder bunten Baͤndern geſchmuͤckt; ihr Haar umgiebt zuweilen ein ſeidenes Netz; ſie tragen eine Art von Sandalen von Tuch oder Leder, welche mit Riemen um die Beine befeſtigt und ausneh⸗ mend biegſam ſind, ſo daß ſie damit leicht und ſchnell in den Bergabhaͤngen umher klimmen koͤnnen; ein breiter Guͤrtel von Tuch oder von netzfoͤrmig gearbeiteter Seide ſteckt voller Piſtolen und Sti⸗ lette; uͤber den Ruͤcken haͤngt ein Karabiner; und ein großer dunkeler Mantel, der ihnen zum Schutz gegen das Unwetter, oder zum Bett auf ihren Nachtwachen in den Bergen dient, wird nachlaͤſſig umgeworfen*). Sie ſtreifen auf einem weitlaͤuftigen Striche verwilderten Landes umher, das an den Apenni⸗ nen hin liegt und an mehrere Gebiete graͤnzt, ken⸗ *) Zur Verſinnlichung dieſer Beſchreibung kann man wol auf nichts Beſſeres, als auf das treffliche Bild des Herrn Robert aus Neufchatel,„ein Mädchen, das einen ſchlafenden Räuber bewacht,“ welches wir auf der letzten Kunſtausſtellung in Berlin bewundert haben, hinweiſen. Ueberſ. „ 6⁵ nen alle ſchwierigen Paͤſſe, die naͤchſten Wege zum Ruͤckzuge und die undurchdringlichen Waͤlder auf— den Gipfeln der Berge, wohin ihnen keine bewaff⸗ nete Macht zu folgen wagt. Sie ſind des Wohl⸗ wollens der Bewohner dieſer Gegenden gewiß/ ki⸗ nes armen und halb verwilderten Stammes, den ſie nie beunruhigen und oft bereichern. Ja, man ſieht ſie in den Bergdoͤrfern und in manchen Graͤnzſtaͤd⸗ ten, wo ſie ihren Raub zu Gelde machen, als eine Art von halbaͤchten Helden an. Unter dieſer Be⸗ guͤnſtigung und von den Schluchten ihrer Berge ge⸗ ſchuͤtzt, und ſicher darin, haben die Raͤuber immer der ſchwachen Polizei der italiaͤniſchen Staaten ge⸗ trotzt. Vergebens ſchlaͤgt man ihre Namen und die Beſchreibung ihrer Perſonen an die Thuͤren der Dorfkirchen an, und bietet Belohnungen, wenn man ſie lebendig oder todt einliefern wuͤrde; die Dorfbe⸗ wohner werden entweder durch die furchtbaren Bei⸗ ſpiele der Rache, welche die Raͤuber an Verraͤthern genommen haben, abgehalten, oder ſtehen ſich zu gut mit ihnen, um ſie zu verrathen. Allerdings werden ſie zuweilen wie Raubthiere von den Gen⸗ darmen gejagt und niedergeſchoſſen, ihre Koͤpfe in ei⸗ ſerne Kaͤfige geſteckt, und auf Stangen an der Land⸗ ſtraße befeſtigt, oder ihre Glieder an den Baͤumen in der Naͤhe der Gegend aufgehaͤngt, wo ſie ihre 66 Graͤuelthaten veruͤbt haben; allein dieſe graͤßlichen Schauſpiele dienen nur dazu, irgend einen ſchauer⸗ lichen Paß noch ſchauerlicher zu machen, und den Reiſenden Schrecken einzufloͤßen, ohne die Bandi⸗ ten abzuſchrecken. Zu der Zeit, wo die Stafette ſo ploͤtzlich, bei⸗ nahe in cuerpo*) erſchien, hatte die Keckheit der Raͤuber eine beiſpielloſe Hoͤhe erreicht. Sie hatten Villen gebrandſchatzt, Boten in die Landſtaͤdte an Kaufleute und reiche Buͤrger geſchickt, Geld, Kleidungsſtuͤcke, ja ſelbſt Luxusgegenſtaͤnde verlangt, und im Falle einer abſchlaͤgigen Antwort, mit Rache gedroht; ſie hatten ihre Kundſchafter und Abgeord⸗ neten in jeder Stadt und Dorf und in jedem Gaſt⸗ hofe an den Hauptſtraßen, um ſogleich Nachricht von den Bewegungen und der Beſchaffenheit der Reiſenden zu erhalten. Sie hatten Reiſewagen ge— pluͤndert, Leute von Rang und Vermoͤgen in die Berge geſchleppt, ſie gezwungen, von dort aus zu ſchreiben, daß man ein ſchweres Loͤſegeld fuͤr ſie be⸗ zahlen ſolle, und an Frauenzimmern, welche ihnen in die Haͤnde gefallen waren, Gewaltthaͤtigkeiten veruͤbt. So ſtand es mit den Naͤubern, oder viel⸗ *) In puris naturalibus, wie wir ſagen würden. Ueberſ. — 67 mehr dieß waren die Geruͤchte, welche von ihnen im Umlauf waren, als jener Auftritt im Gaſt⸗ hauſe von Terracina ſich ereignete. Der ſchwaͤrz⸗ liche ſchoͤne junge Mann und die venetianiſche Dame, deren wir erwaͤhnt haben, waren fruͤh am Nachmit⸗ tage, in ihrem eigenen Wagen, der von Maul⸗ thieren gezogen wurde, angekommen, von einem einzelnen Diener begleitet. Sie waren erſt ſeit Kur⸗ zem verheirathet, wollten in den Flitterwochen eine Reiſe durch dieſe herrliche Gegend machen, und itzt eine reiche Baſe der jungen Frau in Neapel beſuchen. Die Dame war jung, zaͤrtlich und furchtſam. Die Erzaͤhlungen, welche ſie auf dem Wege gehoͤrt, hatten ſie mit Beſorgniſſen eben ſowol fuͤr ſich ſelbſt, als fuͤr ihren Gatten erfuͤllt, denn obgleich ſie ſchon beinahe ſeit einem Monat verheirathet war, ſo liebte ſie ihn doch noch beinahe bis zur Abgoͤt⸗ terei. Als ſie Terracina erreichten, hatten ſich die Geruͤchte bis zu einer erſchreckenden Furcht⸗ barkeit vergroͤßert, und der Anblick der Schaͤdel zweier Raͤuber, welche ſie, zu beiden Seiten des alten Thores der Stadt, aus eiſernen Kaͤfigen an⸗ grinzten, hatte ſie vollends ſtutzen gemacht. Ver⸗ gebens war ihr Gatte ſie zu beruhigen bemuͤht; ſie hatte den ganzen Nachmittag im Gaſthauſe gezoͤgert, bis es zu ſpaͤt ward, noch an dieſem Abend an die —— 2.— 68 Weiterreiſe zu denken, und die letzten Worte der Stafette ihre Schrecken auf das Hoͤchſte ſteigerten. „Laß uns nach Rom zuruͤckkehren,“ ſagte ſie, indem ſie ihren Arm auf den ihres Gatten legte und ſich an ihn anſchmiegte, als ob er ſie ſchuͤtzen ſolle: „laß uns nach Rom zuruͤckkehren, und die Reiſe nach Neapel aufgeben.“ Und den Beſuch bei der Baſe ebenfalls?— ſagte der Gatte. „Ja— denn was liegt mir an der Baſe, gegen deine Sicherheit?“ ſagte ſie, indem ſie zaͤrtlich zu ihm hinaufblickte. Es lag etwas in ihrem Tone und in ihrem We⸗ ſen, das deutlich anzeigte, daß ſie in dieſem Augen⸗ blicke mehr fuͤr die Sicherheit ihres Gatten, als fuͤr ihre eigene beſorgt ſey, und da ſie erſt kuͤrzlich verheirathet, und die Heirath aus reiner Liebe ge⸗ ſchloſſen war, ſo iſt es ſehr moͤglich, daß ſie wirk⸗ lich fuͤhlte, was ſie ſagte; wenigſtens glaubte es ihr Gatte. In der That wuͤrde auch Niemand, der nur einmal den ſuͤßen melodiſchen Klang einer ve⸗ netianiſchen Stimme gehoͤrt, die ſchmelzende Zaͤrt⸗ lichkeit einer venetianiſchen Redensart gefuͤhlt, und den ſanften Zauber eines venetianiſchen Auges em⸗ pfunden hat, ſich wundern, daß der Gatte an das glaubte, was dieß Alles ausſprach. Er faßte die ——— —. 69 weiße Hand, welche in der ſeinigen gelegen hatte, umfaßte mit ſeinem Arm ihren ſchlanken Leib, zog ſie zaͤrtlich an ſeine Bruſt, und ſagte: ſo wollen wir dieſe Nacht wenigſtens in Terracina bleiben. „Klack! klack! klack! klack! klack!“ Eine neue Er⸗ ſcheinung auf der Landſtraße, welche die Aufmerk⸗ ſamkeit des Wirths und ſeiner Gaͤſte auf ſich zog. Von der Gegend der pontiniſchen Suͤmpfe her kam ein Wagen mit ſechs Pferden in gewaltiger Eil' daher, und die Poſtillone knallten mit den Peit⸗ ſchen wie toll, wie ſie dieß immer thun, wenn ſie wiſſen, wie vornehm Der iſt, den ſie fahren, oder ſeiner Freigebigkeit gewiß ſind. Es war ein Lan⸗ daulet*), und ein Bedienter ſaß hinten auf dem Schwebeſitz. Die feſte, ſehr zierliche, und dabei ſtolz⸗einfache Bauart des Wagens, die Menge von netten, wohl angebrachten Koffern und Bequemlich⸗ keiten, die Maſſe von Kragen⸗Ueberroͤcken auf dem Schwebeſitz, das friſche, feiſte, gerade Geſicht des Herrn am Fenſter, und der rothbaͤckige, rundkoͤpfige Bediente mit kurz abgeſchnittenem Haar, kurzem Rocke, gelblich⸗braunen Beinkleidern und langen Kamaſchen; alles das gab ſogleich zu erkennen, daß dieß der Wagen eines Englaͤnders ſey. *) Das Deminutivum von Landau, ein halber Landauer, aber geſchloſſener Wagen. Ueberſ. „Pferde nach Fondi,“ ſagte der Englaͤnder, als der Wirth, ſich tief buͤckend, an den Kutſchenſchlag trat. Wollen Excellenz nicht ausſteigen und einige er⸗ friſchungen zu ſich nehmen? „Nein.“ Er wolle nicht eher eſſen, als bis er nach Fondi gekommen ſey. Aber es wird einige Zeit waͤhren, ehe die Pferde kommen werden. „Ja, ſo geht es immer, nichts als Aufenthalt in dieſem verwuͤnſchten Lande.“” Wenn Excellenz nur in das Haus treten wollten. „Nein, nein, nein! Ich ſage Ihnen nein! Ich will weiter nichts haben, als Pferde, und das ſo ſchnell als moͤglich! John, ſorge dafuͤr, daß die Pferde bald kommen, und daß wir hier nicht eine oder zwei Stunden aufgehalten werden. Sage ihm, daß, wenn er uns uͤber die Zeit warten laͤßt, ich ihn bei dem Poſtmeiſter verklagen werde. 27 John faßte an den Hut und ging, um die Be⸗ fehle ſeines Herrn, mit dem ſchweigenden Gehor⸗ ſam eines Engliſchen Bedienten, auszurichten. Der Englaͤnder war unterdeſſen aus dem Wagen geſtiegen, ging vor dem Gaſthauſe auf und nieder, die Haͤnde in den Taſchen, und bekuͤmmerte ſich —— — 71 um den Haufen Muͤſſiggaͤnger, die ihn und ſei⸗ nen Wagen anſtarrten, nicht im Geringſten. Er war groß, ſtark und wohlgebaut, nett und knapp gekleidet, und trug eine pfefferkuchenfarbene Rei⸗— ſemuͤtze. Es lag ein gewiſſer ungluͤcklicher Zug um ſeine Mundwinkel, theils, weil er noch nicht zu Mittag gegeſſen hatte, theils auch, weil er nicht mehr als ſieben Engliſche Meilen in der Stunde hatte machen koͤnnen, ohne daß er jedoch irgend eine andere Urſach zur Eil' gehabt haͤtte, als die gewoͤhnliche Begierde eines Englaͤnders, das Ende ſeiner Reiſe zu erreichen, oder, um die ge⸗ woͤhnliche Redensart zu gebrauchen,„weiter zu kom⸗ men.“ Vielleicht war er auch etwas unwillig daruͤber, daß er auf jeder Station geſchropft wor⸗ den war. Nach einiger Zeit kam der Bediente mit einem etwas verlegenen Blick aus dem Stalle. „Sind die Pferde da, John?“ Nein, Sir— ſolchen Ort habe ich in meinem Leben nicht geſehen. Hier kann man nichts zu Stande bringen. Ew. Geſtrengen ſollten lieber in das Haus gehen und ſich etwas zu eſſen geben laſ⸗ ſen, denn es wird noch lange dauern, ehe wir nach Fundy kommen. „Hol' der Henker das Haus— das iſt bloß 11 ſo angeſtelt— ich will nichts eſſen, waͤre es aucheg nur, um ſie zu aͤrgern“, ſagte der Englaͤnder, noch verdruͤßlicher daruͤber, daß er itzt noch laͤnger auf ſein Eſſen warten ſollte. Die Leute ſagen, Ew. Geſtrengen thaͤten ſehr unrecht, ſo ſpaͤt noch weiterreiſen zu wollen, ſagte John. Die Straße ſoll voll von Vaſohkleddern ſeyn. „Bloßes Gerede, um Gaͤſte zu haben.“ Die Stafette, welche bei uns voruͤber kam, iſt von einer ganzen Bande angefallen woͤrden,— ſagte John, indem er mit jeder neuen Nachricht auch mehr Nachdruck auf ſeine Worte legte. „Ich glaube kein Wort davon. 8 Sie haben ihm ſeine Beinkleider weggenom⸗ men, ſagte John, indem er zu gleicher Zeit ſeinen eigenen Gurt feſthielt. „Alles dummes Zeug!“ In dieſem Augenbl licke trat der ſchwaͤrzliche junge Mann naͤher, redete den Englaͤnder ſehr hoͤf⸗ lich in gebrochenem Engliſch an, und lud ihn ein, an einem Mahle Theil zu nehmen, das er ſo eben zu machen gedenke. „Ich danke Ihnen“ ſagte der Englaͤnder, in in⸗ dem er ſeine Haͤnde tiefer in die Taſchen ſteckte, und einen fluͤchtigen, argwoͤhniſchen Seitenblick auf den —— — —— 73 aden jungen Mann warf, als ob er, ſeiner Hoͤflich⸗ keit wegen, glaube, er habe Abſichten auf ſeine Boͤrſe. Wir werden uns ſehr gluͤcklich ſchaͤtzen, wenn Sie uns dieſes Vergnuͤgen machen wollen, ſagte die Dame in ihrem weichen Venetianiſchen Dialekte. Es lag eine Suͤßigkeit in ihrer Stimme, die hoͤchſt uͤberredend war. Der Englaͤnder warf einen Blick auf ihr Geſicht; ihre Schoͤnheit war noch beredſa⸗ mer. Seine Zuͤge verloren ſogleich ihre Starrheit. Er machte eine verbindliche Verbeugung.„Mit großem Vergnuͤgen, Signora“, ſagte er. Kurz, die Begierde„weiterzukommen“, hatte poͤtzlich nachgelaſſen; der Entſchluß, bis Fondi zu hungern, um den Wirth zu beſtrafen, war aufge⸗ geben; John ſuchte ein Zimmer im Gaſthofe fuͤr ſeinen Heern aus, und es wurden Anſtalten ge⸗ macht, bis zum Morgen dort zu bleiben. Von dem Wagen ward alles das abgepackt, was fuͤr die Nacht unentbehrlich war. Der gewoͤhnliche Prunk von Koffern und Schreibkaſten, Porte⸗ feuillen und Toiletten, und allen den uͤbrigen laͤſti⸗ gen Bequemlichkeiten, welche einem behaglichen Manne zur Qual ſind, war auch hier zu finden. Die ſpaͤhenden Muͤſſiggaͤnger an der Thuͤr, in ihre großen ſchmutz-farbenen Mantel gehuͤllt, aus de⸗ II. D nen nur das Falkenauge hervorguckte, machten viele Bemerkungen uͤber dieſe Maſſe von Gepaͤck, welche fuͤr ein Heer hinreichend zu ſeyn ſchien. Und die Dienſtboten aus dem Gaſthofe ſprachen mit Ver⸗ wunderung von der glaͤnzenden Toilette, mit ihren goldenen und ſilbernen Geraͤthſchaften, welche auf dem Toilettentiſche ausgelegt waren, und dem Beu⸗ tel mit Golde, welcher ſo klimperte, als er aus dem Koffer herausgenommen ward. Ganz Terra⸗ cina unterhielt ſich den Abend lang nur von dem Reichthum des fremden Mylords und den Schaͤ⸗ tzen, die er bei ſich fuͤhre. Es dauerte einige Zeit, ehe der Englaͤnder ſeine Waſchungen verrichtet und ſich zum Tiſche angeklei⸗ det hatte; nach bedeutender Muͤhe und Anſtrengung, ſich in den gehoͤrigen Stand zu ſetzen, erſchien er endlich, mit ſteifer weißer Halsbinde, ſeine Kleider ohne den geringſten Staubfleck und hoͤchſt eigen an⸗ gelegt. Er machte, als er eintrat, auf die Engliſche anſpruchsloſe Weiſe, eine ſehr hoͤfliche Verbeugung, welche aber die ſchoͤne Venetianerin, an die zier⸗ lichen Begruͤßungen des Feſtlandes gewoͤhnt, ſehr kalt fand. Das Abendeſſen, wie der Italiaͤner, oder Mit⸗ tagseſſen, wie der Englaͤnder es nannte, wurde itzt aufgetragen. Himmel und Erde, und die Gewaͤſſer 1 — 75 unter der Erde waren in Bewegung geſetzt worden, um dazu beizutragen, denn hier gab es Voͤgel aus der Luft, Thiere des Feldes und Fiſche aus dem Meere. Auch hatte der Bediente des Englaͤnders, in ſeinem Eifer, fuͤr ſeinen Herrn ein Beefſteak zu bereiten, die Kuͤche um und um gekehrt; er er⸗ ſchien, mit Ketchup*) und Soya und Cayenne⸗ pfeffer und Harvey's Sauce und einer Flaſche Portwein beladen, aus jener Niederlage, dem Wa⸗ gen, in welchem ſein Herr England um die Welt mitfuͤhren zu wollen ſchien. Auch war die Mahl⸗ zeit wirklich eines von den italiaͤniſchen Gemengen, welche einer Veredlung beduͤrfen. Die Terrine mit Suppe war ein ſchwarzes Meer, mit Lebern und Gliedern und Bruchſtuͤcken von allen moͤglichen Voͤ⸗ geln und andern Thieren, welche wie Wracks darin unmherſchwammen. Ein mageres gefluͤgeltes Thier, welches der Wirth ein vortreffliches Huhn nannte, war offenbar an der Auszehrung geſtorben. Die Maka⸗ roni waren raͤucherig. Das Beefſteak war zaͤhes Buͤffelfleiſch. Noch kam eine Schuͤſſel mit gebacke⸗ nen Aalen auf den Tiſch, wovon der Englaͤnder mit großem Vergnuͤgen genoß, das Ganze aber bei⸗ *) Eine Fiſch⸗Sauce, die gewöhnlich aus Champignons bereitet wird. Harvey's Sauce iſt eine ähnliche, nach ih⸗ rem Erfinder ſo genannt. Ueberſ. D 2 76 nahe wieder von ſich gegeben haͤtte, als er erfuhr, daß dieß Vipern geweſen waͤren, die man in den Felſen bei Terracina finge, und fuͤr große Lecker⸗ biſſen hielte. Es giebt indeſſen nichts, was eines Reiſenden Mißmuth ſchneller zu beſiegen im Stande waͤre, als Eſſen, wie es auch zubereitet ſeyn mag, und nichts verſoͤhnt ihn mit ſeiner Geſellſchaft ſchneller, als wenn er mit ihr ißt. Der Englaͤnder hatte da— her ſeine Mahlzeit noch nicht zur Haͤlfte geendet, und ſeine Flaſche zur Haͤlfte geleert, als ihin der Venetianer, fuͤr einen Fremden, ein ganz ertraͤgli⸗ cher Menſch, und ſeine Gattin beinahe ſchoͤn genug duͤnkte, um eine Englaͤnderin zu ſeyn. Waͤhrend des Mahles wurden die gewoͤhnlichen Gegenſtaͤnde des Geſpraͤchs der Reiſenden eroͤrtert, und unter andern auch die Geruͤchte von den Raͤu⸗ bern, welche die ſchoͤne Venetianerin ungemein beun⸗ ruhigten. Der Wirth und der Aufwaͤrter miſchten ſich, mit der Vertraulichkeit, welche man auf dem Feſtlande geſtattet, in die Unterhaltung, und tiſchten eben ſo viel graͤßliche Geſchichten, als Ge⸗ richte auf, ſo daß der armen Dame beinahe alle Eßluſt verging. Der Englaͤnder, der einen angebornen Abſcheu gegen Alles hatte, was man mit einem Kunſtaus⸗ K —: —“: 77 drucke„Gerede”“*) nennt, hoͤrte auf dieſe Erzaͤh⸗ lungen mit einem gewiſſen Zug um den Mund, der ſeinen Unglauben verrieth. So kam die wohl⸗ bekannte Geſchichte von der Schule in Terracina vor, die von Raͤubern aufgehoben worden, wobei einer von den jungen Leuten mit kaltem Blute um⸗ gebracht worden ſeyn ſollte, damit die Aeltern der Uebrigen ſich dazu entſchloͤſſen, Loͤſegeld fuͤr ſie zu bezahlen**). Eine zweite Geſchichte war die von einem Herrn aus Rom, der ein Ohr ſeines Soh⸗ nes in einem Briefe erhielt, mit der Andeutung, daß man ihm auf dieſe Weiſe ſeinen Sohn, termin⸗ weiſe, zufertigen wuͤrde, bis er das geforderte Loͤſe⸗ geld entrichtete. Die ſchoͤne Venetianerin ſchauderte, als ſie dieſe Erzaͤhlungen hoͤrte, der Wirth aber verdoppelte, wie ein wahrer Erzaͤhler ſchrecklicher Geſchichten, ſeine Doſis, als er ſah, wie ſie wirkte. Er wollte ſo eben das traurige Schickſal eines großen Engliſchen Lords und ſeiner Familie vortragen, als der Eng⸗ laͤnder, ſeiner Zungenfertigkeit uͤberdruͤſſig, ihn un⸗ *) Das unüberſetzbare Engliſche Wort humbug. Es be⸗ deutet, wie das ähnliche hoax(obgleich dieß Letztere praktiſcherer Natur iſt) eine Erdichtung, Betrug. Ueberſ. **) Von dieſer Begebenheit iſt auch in den Deutſchen Zeitungen häuſig die Rede geweſen. Ueberſ. 78 terbrach, und alle dieſe Erzaͤhlungen fuͤr bloße Rei⸗ ſegeſchichten, fuͤr Uebertreibungen unwiſſender Land⸗ leute oder liſtiger Gaſtwirthe erklaͤrte. Der Wirth war ſehr entruͤſtet uͤber die Zweifel, welche man gegen ſeine Geſchichten erhob, und uͤber den Wink, der ſich auf ſeinen Stand bezog, und fuͤhrte, zur Beſtaͤrkung des Geſagten, ein halbes Dutzend noch ſchrecklicherer Geſchichten an. „Ich glaube nicht ein Wort von allem dem“, ſagte der Englaͤnder. Aber die Naͤuber ſind verurtheilt und hingerich⸗ tet worden. „Alles Poſſen!“ Aber ihre Koͤpfe ſind doch an der Landſtraße aufgeſteckt! „Alte Schaͤdel, die ſeit einem Jahrhundert ſich angeſammelt haben!“ Der Wirth brummte vor ſich hin, als er zur Thuͤr hinausging: San Gennaro, quanto sono sin- golari questi Inglesi!*). Ein neuer Laͤrm außen vor dem Gaſthofe kuͤn⸗ digte die Ankunft mehrerer Reiſenden an, und nach den vielen Stimmen, oder vielmehr dem vielfaͤlti⸗ gen Geſchrei, dem Geklapper der Hufe, dem Rol⸗ *) Heiliger Januarius! Was für ſonderbare Leute ſind doch dieſe Engländer! Verf. — 79 len von Raͤdern und dem allgemeinen Getuͤmmel innen und außen zu ſchließen, ſchien eine zahlreiche Geſellſchaft angelangt zu ſeyn. Es war in der That der Procaccio mit ſeiner Bedeckung, eine Art von Karavane, welche an ge⸗ wiſſen Tagen reiſet, um Waaren von einem Orte zum andern zu bringen, und eine Bedeckung von Soldaten bei ſich hat, um ſich gegen die Raͤuber zu vertheidigen. Reiſende bedienen ſich oft dieſer Gelegenheit, um geſchuͤtzt zu ſeyn, und gewöhnlich ſchließt ſich eine lange Reihe von Wagen an den „Zug an. Es verging eine geraume Zeit, ehe ſowol der Wirth, als der Aufwaͤrter zuruͤckkehrten, da ſie in dieſem Sturm von Laͤrm und Getuͤmmel, welcher immer in einem Italiaͤniſchen Gaſthofe herrſcht, ſo⸗ bald ein bedeutender Zuwachs von Fremden anlangt, bald hier, bald dorthin eilen mußten. Als der Wirth wieder eintrat, lag ein gewiſſes triumphirendes Laͤ⸗ cheln in ſeinen Mienen. Vielleicht, ſagte er, indem er den Tiſch ab⸗ raͤumte, haben der Signor noch nicht gehoͤrt, was vorgefallen iſt? „Wasd“ ſagte der Englaͤnder trocken. Nun, der Procaccio hat Nachrichten von neuen Unternehmungen der Raͤuber mitgebracht. „Pah!“* Es ſind auch fernere Nachrichten von dem Eng⸗ liſchen Mylord und ſeiner Familie gekommen, ſagte der Wirth triumphirend. „Von einem Engliſchen Lord? von was fuͤr ei⸗ nem Engliſchen Lord?“ Mylord Popkin. „Lord Popkin? Von der Familie habe ich in meinem Leben nichts gehoͤrt!“ O sicuro! ein vornehmer Edelmann, der vor Kurzem mit Milady und ihren Toͤchtern hier durch⸗ gekommen iſt. Ein Magnifico, einer von den gro⸗ ßen Rathsmitgliedern von London, ein Almanno! „Almanno— almanno?— hm— das ſoll 4 Alderman heißen.“ Sicuro— Aldermanno Popkin und die Prin⸗ cipeſſa Popkin und die Signorine Popkin! ſagte der Wirth triumphirend. Er nahm itzt eine foͤrmliche Stellung an, und wuͤrde in eine genauere Erzaͤhlung der Umſtaͤnde eingegangen ſeyn, waͤre ihm nicht der Englaͤnder zu⸗ vorgekommen, der entſchieden zu ſeyn ſchien, ſeinen Geſchichten weder Glauben beizumeſſen, noch ſie ihn erzaͤhlen zu laſſen, und ihm daher ganz trocken andeutete:„den Tiſch wegzunehmen.“”) Die Zunge eines Italiaͤners laͤßt ſich indeſſen. 81 nicht ſo leicht im Zaume halten. Der Wirth fuhr mit zunehmender Gelaͤufigkeit fort, zu ſchwatzen, waͤhrend er die Ueberbleibſel des Mahls aus dem Zimmer trug, und die letzten Laute ſeiner Stimme, welche man unterſcheiden konnte, als dieſe auf dem Gange verhallte, waren eine Wiederholung ſeines Lieblingsworts Popkin— Popkin— pop— pop — pop. Die Ankunft des Procaccio hatte das Haus eben ſo ſehr mit Geſchichten, als mit Gaͤſten er⸗ fuͤllt. Der Englaͤnder und ſeine Tiſchgeſellſchaft gingen nach dem Abendeſſen in dem großen Saale, oder dem Gaſtzimmer des Hauſes, welches ſich durch die Mitte des Gebaͤudes hinzog, auf und ab. Es war geraͤumig und etwas ſchmuzig, und Tiſche ſtanden umher, an welchen Gruppen von Rei⸗ ſenden ſaßen, waͤhrend Andere umhergingen, und mit eßluſtiger Ungeduld des Abendeſſens war⸗ teten. Es war ein ungleichartiges Gemiſch von Leuten aus allen Staͤnden und Laͤndern, die in allen moͤg⸗ lichen Arten von Fuhrwerken angelangt waren. Ob⸗ gleich ſie aus einzelnen Geſellſchaften von Reiſenden beſtanden, ſo hatte doch das Zuſammenreiſen un⸗ ter einer gemeinſamen Bedeckung ſie, auf dem Wege, in eine gewiſſe Art von Gemeinſchaft gebracht; eo 82 auch ſind Reiſende auf dem Feſtlande immer ſehr vertraulich unter einander, und es kann nichts Bun⸗ teres geben, als die Gruppen, welche zufaͤllig, in geſelliger Unterhaltung, in den Gaſtzimmern der Wirthshaͤuſer zuſammentreffen. Die furchtbare Anzahl von Leuten bei dem Procaccio, und die furchtbare Bedeckung hatten alle Belaͤſtigung von Seiten der Banditen verhin— dert; jede Reiſegeſellſchaft wußte indeſſen ihre wun⸗ derbare Geſchichte zu erzaͤhlen, und die Inhaber ei⸗ ner Kutſche wetteiferten mit denen der andern in der Zahl der Behauptungen und Vermuthungen. Man hatte wilde, baͤrtige Geſichter uͤber die Felſen blicken, Karabiner und Stilette aus den Gebuͤſchen blinken ſehen, verdaͤchtig ausſehende Kerle mit herabge⸗ klappten Huͤten und finſteren Blicken bemerkt, welche zuweilen eine etwas zuruͤckbleibende Kutſche beobach⸗ tet haͤtten, aber ſogleich verſchwunden waͤren, ſobald ſie die Bedeckung erblickt. Die ſchoͤne Venetianerin horchte allen dieſen Er⸗ zaͤhlungen mit der Aufmerkſamkeit zu, womit man immer beunruhigende Gefuͤhle zu naͤhren pflegt, und ſelbſt der Englaͤnder fuͤhlte ſich von dem allgemeinen Geſpraͤchsgegenſtande angezogen, und ſchien ge⸗ nauere Nachrichten, als es die bloßen fliegenden Geruͤchte waren, einziehen zu wollen. Er gab ſich demnach Muͤhe, der Schuͤchternheit Meiſter zu werden, welche einen Englaͤnder ſelbſt in der Menge immer einſam daſtehen laͤßt, und naͤherte ſich einer der Gruppen von Sprechenden, deren Orakel ein großer, duͤnner Italiaͤner mit einer langen Habichts⸗ naſe, hoher Stirn und lebhaften, hervorſtehenden Augen war, welche unter einer gruͤnſammetnen Rei⸗ ſemuͤtze mit goldener Troddel hervorblitzten. Er war aus Rom, ein Wundarzt ſeines Gewerbes, ein Dichter aus Liebhaberei, und eine Art von Impro- visatore. In dem gegenwaͤrtigen Augenblicke redete er in⸗ deſſen in gewoͤhnlicher Proſa, aber mit der Gelaͤu⸗ figkeit Jemandes, der gut ſpricht und ſein Talent gern in Ausuͤbung bringt. Eine oder zwei Fragen, welche der Englaͤnder that, zogen wortreiche Gegen⸗ reden nach ſich; denn ein Englaͤnder, der ſich zu Fremden geſellt, wird auf dem Feſtlande als eine wunderbare Erſcheinung angeſehen, und, der Sel⸗ tenheit wegen, immer mit Aufmerkſamkeit behan⸗ delt. Der Improviſatore gab ungefaͤhr dieſelbe Aus⸗ kunft uͤber die Banditen, welche ich bereits er⸗ theilt habe. „Warum ſetzt ſich aber die Polizei nicht in Be⸗ wegung und rottet ſie aus?“ fragte der Englaͤnder. Weil die Polizei zu ſchwach iſt und die Bandi⸗ 84 ten zu ſtark ſind, erwiederte Jener. Sie auszu⸗ rotten duͤrfte wol eine ſchwerere Aufgabe ſeyn, als Sie denken. Sie ſtehen in genauer Verbindung mit den Bergbewohnern und den Leuten aus den Dörfern, ja ſie ſind gewiſſermaßen Eins mit ihnen. Die zahlreichen Banden ſind im Verſtaͤndniß unter einander und mit der Gegend umher. Kein Gens⸗ darme kann ſich naͤhern, ohne daß ſie es nicht ſo⸗ gleich gewahr wuͤrden. Sie haben uͤberall ihre Auf⸗ paſſer, welche ſich in den Staͤdten, Doͤrfern und Gaſthaͤuſern umhertreiben, ſich in jeden Volks⸗ haufen miſchen, und an allen Verſammlungsorten einfinden. Es wuͤrde mich gar nicht wundern, wenn in dieſem Augenblicke Einer uns behorchte. Die ſchoͤne Venetianerin blickte ſich furchtſam um und ward bleich. Hier unterbrach den Improviſatore ein lebendi⸗ ger Neapolitaniſcher Advokat. „Da faͤllt mir,“ ſagte er:„ein kleines Abenteuer eines gelehrten Doktors, eines meiner Freunde, ein, das ſich hier in der Gegend zutrug, nicht weit von den Truͤmmern von Theodorich's Schloß, welche auf dieſen großen, felſigen Hoͤhen oberhalb der Stadt befindlich ſind.“ Natuͤrlich aͤußerte man allgemein den Wunſch, das Abenteuer des Doktors zu erfahren, mit Aus⸗ † 85 nahme des Improviſatore, der, da er gern ſprach und ſich gern ſprechen hoͤrte, auch uͤberdieß gewohnt war, ohne Unterbrechung zu reden, eine etwas ver⸗ drießliche Miene machte, daß er ſo ploͤtzlich unter⸗ brochen wurde, als er gerade in vollem Anlauf war. Der Neapolitaner that indeſſen gar nicht, als ob er ſeinen Verdruß gewahr wuͤrde, ſondern erzaͤhlte folgende Anekdote. —— Das Abenteuer des kleinen Alterthums⸗ forſchers. Mein Freund, der Doktor, war durch und durch Alterthumsforſcher, ein kleiner verroſteter, verſchim⸗ melter alter Kerl, der beſtaͤndig unter Truͤmmern wuͤhlte. Er ſchaͤtzte ein Gebaͤude, wie Ihr Englaͤn⸗ der den Kaͤſe— je verſchimmelter und broͤckliger es war, deſto mehr war es nach ſeinem Geſchmack. Die aͤußern Waͤnde eines alten, namenloſen Tem⸗ pels, oder die geborſtenen Mauern eines zertruͤm⸗ merten Amphitheaters konnten ihn in Entzuͤcken verſetzen, und er fand groͤßeres Vergnuͤgen an die⸗ ſen Kruſten und Abſchnitzeln des Alterthums, als an den beſterhaltenen neuen Palaͤſten. 86 4 Daneben war er ein großer Muͤnzſammler, und hatte ſo eben einen Zuwachs an Reichthum gewon⸗ nen, der ihm beinahe den Kopf verdrehte. Er hatte zum Beiſpiel mehrere Roͤmiſche Conſularmuͤn⸗ zen, ein halbes Roͤmiſches As und zwei Puniſche Muͤnzen aufgetrieben, welche ganz ohne Zweifel Han⸗ nibal's Soldaten gehoͤrt hatten, da ſie auf eben der Stelle geſunden worden waren, wo dieſe ſich einſt in den Apenninen gelagert. So beſaß er auch eine Samnitiſche, nach dem Bundeskriege geſchlagene Muͤnze, und eine von der Philiſtis, einer Koͤnigin, die nie exiſtirt hat;. ganz beſonders ſtolz war er aber auf eine Muͤnze, deren Werth Niemand wuͤrdigen konnte, als wer tiefer in dieſe Dinge ein⸗ geweiht war, die naͤmlich auf der einen Seite ein Kreuz und auf der andern einen Pegaſus hatte, und die, nach ſeiner antiquariſchen Logik, der kleine Mann als ein hiſtoriſches Denkmal von der Ver⸗ breitung des Chriſtenthums anfuͤhrte. Alle dieſe koſtbaren Muͤnzen trug er in einem ledernen Beutel bei ſich, welcher tief unten in einer Taſche ſeiner kleinen ſchwarzen Hoſen ſteckte. Die letzte Raupe, welche er ſich in den Kopf geſetzt hatte, war, den alten Staͤdten der Pelasger nachzuſpuͤren, welche noch itzt in den Bergen der Abruzzen vorhanden ſeyn ſollen, uͤber denen aber eine 87 ganz beſondere Dunkelheit ſchweht*). Er hatte mehrere Entdeckungen in Ruͤckſicht auf dieſe ge⸗ macht, und eine große Menge werthvoller An⸗ und Bemerkungen uͤber dieſen Gegenſtand in ein dickes *) Zu den vielen Lieblingsſpekulationen der Alterthums⸗ forſcher gehört auch die von dem Vorhandenſeyn von Spu⸗ ren alter Pelasgiſcher Städte in den Apenninen, und der mit dem gelehrten Alterthum vertraute Reiſende wirft manchen nachdenklichen Blick auf die dichtbewaldeten Berge in den Abruzzen, wie auf ein verbotenes Feenland der Unterſuchung. Dieſe ſo ſchönen, und, der Rohheit ihrer Bewohner und der Schwärme von Banditen wegen, die ſie unſicher machen, doch ſo unzugänglichen Gegenden, ſind für die Gelehrten ein Land der Fabel. Zu Zeiten iſt wol ein reicher Liebhaber, deſſen Börſe und Bedeutſamkeit ihm eine Bedeckung verſchaffte, bis zu einem beſondern Punkte in dieſen Vergen vorgedrungen, oder ein wandernder Künſt⸗ ler oder Gelehrter unter dem Schutze der Armuth oder der Unbedeutſamkeit dazu gekommen, einige flüchtige Nachrich⸗ ten an Ort und Stelle zu ſammeln, was aber nur dazu gedient hat, die Neugierde mehr zu reizen, und den Ver⸗ muthungen noch freieres Spiel zu verſchaffen. Diejenigen, welche für das Vorhandenſeyn der Pelasgi⸗ ſchen Städte ſtreiten, behaupten, daß die Bildung ver⸗ ſchiedener Königreiche im Peloponnes allmählig die Ver⸗ treibung der Pelasger aus jener Gegend veranlaßt habe, daß aber ihre große Wanderung von der Zeit der Vollen⸗ dung der Mauer um die Akropolis(von Sparta) ange⸗ nommen werden kann, und daß ſie damals nach Italien kamen. Ihnen ſchreiben ſie, ihrer Theorie gemäß, die Einführung der ſchönen Künſte in das Land zu. Es iſt in⸗ deſſen klar, daß ſie, die Barbaren, welche ſich vor der er⸗ ſten Aufdämmerung geiſtiger Bildung flüchteten, nichts mit herüberbringen konnten, was über die Erfindungen hinausging, die ein Urvolk macht, ſo wie nichts, das ſo 88 Buch zuſammengetragen, welches er immer bei ſich fuͤhrte, entweder um ſich Raths darin erholen zu koͤnnen, oder aus Furcht, daß dieß koſtbare Denkmal andern Alterthumsforſchern in die Haͤnde fallen moͤchte. Er hatte deswegen eine große Taſche in einem ſeiner Rockſchoͤße, worin er dieſen un⸗ ſchaͤtzbaren Band trug, der ihm beſtaͤndig gegen ſeine Hinterſeite anſchlug, waͤhrend er ging. Mit den Fruͤchten des Alterthums dergeſtalt ſchwer beladen, ſtieg der gute kleine Mann, waͤh⸗ — manche Zeitalter durch bis auf die Unterſuchungen der heu⸗ tigen Alterthumsforſcher fortgelebt haben könnte. Wahr⸗ ſcheinlicher möchte es indeſſen ſeyn, daß dieſe, fälſchlich Pelasgiſch genannten Städte, mit mehreren, die man wie⸗ der entdeckt hat, gleichen Alters ſind, dem romantiſchen Aricia, das Hippolytus vor der Belagerung von Troja er⸗ baut haben ſoll, dem poetiſchen Tibur, Aesculate und Prae⸗ neſte, das Telegonus nach der Zerſtreuung der Griechen er⸗ paute. Dieſe alle, welche in der Nähe von bewohnten und wohlangebauten Gegenden liegen, hat man wieder entdeckt. So giebt es noch andere, auf deren Trümmern die ſpäteren und gebildeteren griechiſchen Coloniſten ſich angeſiedelt haben, und die durch ihre Rolle in der Geſchichte, oder durch ihre Münzen bekannt geworden ſind; daß ihrer aber noch man⸗ che unentdeckt, mitten in den Abruzzen, vergraben liegen ſollen, iſt Lieblingsgedanke der Alterthumsforſcher. Son⸗ derbar, daß es einen ſo unberührten Boden, ein ſo unbe⸗ kanntes Reich der Erkenntniß bis auf dieſen Tag in dem Herzen des ſo durchwühlten Italiens geben muß. Verf. Wer an dergleichen Unterſuchungen Gefallen ſindet, kann in Micali's Italia avanti il dominio de' Romani reiche Befriedigung erwarten. Ueberſ. 89 rend er ſich einſt in Terracina auf hielt, die Fels⸗ klippen, welche uͤber die Stadt hinuͤberhangen, hinan, um das Schloß des Theodorich zu beſuchen. Er wuͤhlte, gegen Sonnenuntergang, in den Truͤm⸗ mern umher, ganz in ſeine Betrachtungen verſun⸗ ken, und ohne Zweifel im Geiſt unter den Roͤ— mern und Gothen umherwandelnd, als er auf ein⸗ mal Fußtritte hinter ſich hoͤrte. Er wandte ſich um und erblickte fuͤnf oder ſechs junge Leute von rohem, ungeſchlachtem Weſen, wel⸗ che ſehr ſonderbar, halb wie Bauern, halb wie Jaͤ⸗ ger gekleidet waren, und Karabiner in den Haͤnden hatten. Ihr ganzes Benehmen und Aeußere ließen ihm keinen Zweifel uͤber die Geſellſchaft uͤbrig, in welche er gerathen war. Der Doktor war ein kleiner ſchwacher Mann, der aͤrmlich ausſah und noch aͤrmer war. Er hatte nur wenig Gold und Silber bei ſich, aber ſeine merkwuͤrdigen alten Muͤnzen in der Beinkleiderta⸗ ſche. Außerdem hatte er noch einige andere Sachen von Werth, zum Beiſpiel eine alte ſilberne Uhr, dick wie eine Kohlruͤbe, mit Ziffern, groß ge— nug, um auf einer Tafeluhr zu ſtehen, und ei⸗ nige Petſchafte, an einer Stahlkette, welche ihm bis beinahe auf die Knie baumelte. Alle dieſe Sachen hielt er ſehr hoch, da ſie Familien⸗Reli⸗ 90 quien waren. So hatte er auch einen Siegelring, eine aͤchte alte Gemme, welche ſeine halbe Hand bedeckte. Es war eine Venus, die der alte Mann beinahe mit der Inbrunſt eines Wolluͤſtlings verehrte. Was er aber am hoͤchſten anſchlug, war ſeine unſchaͤtzbare Sammlung von Bemerkungen uͤber die Pelasgiſchen Staͤdte, und er haͤtte in die⸗ ſem Augenblicke das Geld, das er in der Taſche hatte, darum gegeben, wenn er ſie ſicher in ſeinem Koffer in Terracina gewußt haͤtte. Er faßte ſich indeſſen ein Herz, wenigſtens ſo gut er es faſſen konnte, da er bedachte, daß er doch immer nur ein winziger kleiner Mann ſey. So wuͤnſchte er denn den Jaͤgern einen„buon giorno'. Die Leute erwiederten ſeinen Gruß, und gaben dem alten Manne einen vertraulichen Schlag auf den Ruͤcken, daß ihm das Herz bis zum Halſe hinaufſprang. Sie geriethen in ein Geſpraͤch, und gingen eine Zeitlang zwiſchen den Hoͤhen hin, waͤhrend der Dok⸗ tor ſie alle in den Grund vom Krater des Veſuv wuͤnſchte. Endlich kamen ſie an eine kleine Oſte ria*) in den Bergen, und ſchlugen vor, hineinzu⸗ gehen und zuſammen einen Becher Wein zu trin⸗ ö,ęannix-— *) Wirthshaus. 91 ken, worin auch der Doktor willigte, obgleich er eben ſo gern Schierling getrunken haͤtte. Einer von der Bande blieb als Schildwacht an der Thuͤr, die Uebrigen polterten in das Haus hin⸗ ein, ſtellten ihre Gewehre in eine Ecke des Zim⸗ mers, und Jeder von ihnen zog eine Piſtole oder ein Stilet aus dem Guͤrtel, das er auf den Tiſch legte. Alle ruͤckten nun Baͤnke an den Tiſch, riefen munter nach Wein, verkehrten mit dem Doktor, als ob er ein alter Spießgeſelle ſey, und beſtanden darauf, daß er ſich niederſetzen und ſich mit ihnen luſtig machen ſolle.. Der wuͤrdige Mann gehorchte mit gezwunge⸗ ner guter Miene, aber mit Furcht und Zittern, ſaß ſehr unbehaglich auf der Ecke des Stuhls, ſah be⸗ denklich auf die Piſtolen mit ihren ſchwarzen Muͤn⸗ dungen und die kalten, blanken Stilette, und fuͤhlte bei jedem Tropfen Wein Sodbrennen. Seine neuen Kameraden ließen indeſſen die Flaſche fleißig im Kreiſe herumgehn und tranken ihm wacker zu; ſie ſangen und lachten, erzaͤhlten vortreffliche Geſchich⸗ ten von ihren Raͤubereien und Gefechten, unter⸗ miſcht mit manchen Spitzbubenſpaͤßen, und der kleine Doktor mußte bei allen ihren Gurgelabſchneider⸗ Scherzen lachen, obgleich ihm das Herz im Buſen verzagte. 92 Nach ihrer Angabe waren ſie junge Leute aus den benachbarten Doͤrfern, welche vor Kurzem aus wildem Jugenduͤbermuth dieſe Lebensart ergriffen haͤtten. Sie ſprachen von ihren Mordthaten wie ein Weidmann von ſeinen Jagdvergnuͤgungen, und einen Reiſenden niederzuſchießen, ſchien fuͤr ſie eine eben ſo große Kleinigkeit zu ſeyn, als einen Haſen zu erlegen. Sie ſprachen mit Entzuͤcken von dem herrlichen, herumſtreifenden Leben, das ſie, frei wie die Voͤgel in der Luft, fuͤhrten; heute hier, morgen dort, die Waͤlder zu durchſtreifen, die Felſen zu er⸗ klimmen, die Thaͤler zu durchſpuͤren; die Welt ihr eigen, wo ſie nur ihrer habhaft werden konnten; volle Boͤrſen, luſtige Geſellſchaften und huͤbſche Weiber. Der kleine Alterthumsforſcher ward von ihren Reden und ihrem Weine ganz benebelt, denn ſie ließen es nicht an vollen Bechern fehlen. Er vergaß beinahe ſeine Furcht, ſeinen Siegelring und ſeine Familien⸗Taſchenuhr; ſelbſt die Abhandlung uͤber die Pelasgiſchen Staͤdte, welche unter ihm warm zu werden anfing, entſchwand auf eine Zeitlang, uͤber das lebendige Bild, das ſie ihm entwarfen, ganz aus ſeinem Gedaͤchtniſſe. Er hat ſelbſt erzaͤhlt, daß er ſich itzt nicht mehr uͤber die in den Ber⸗ gen ſo verbreitete Sucht, Raͤuber zu werden, wundere, denn er habe in dem Augenblicke gefüͤhlt, — —, — 93 daß, waͤre er ein junger und ein kraͤftiger Mann, und die Galeeren nicht im Hintergrunde geweſen, er ſich halb verſucht gefuͤhlt haben wuͤrde, ſelbſt Bandit zu werden. Endlich ruͤckte die Scheideſtunde heran. Der Doktor kam ploͤtzlich zu ſich und ſeiner Furcht zu⸗ ruͤck, als er die Raͤuber wieder zu ihren Waffen grei⸗ fen ſah. Er zitterte itzt fuͤr ſeine Koſtbarkeiten, und vor allen Dingen fuͤr ſeine antiquariſche Ab: handlung. Er ſuchte indeſſen kalt und unbefangen zu ſcheinen, und zog aus ſeiner tiefen Taſche einen langen, ſchlaffen, ledernen Beutel, der in der Aus⸗ zehrung ſchon weit vorgeſchritten war, und auf deſ⸗ ſen Grunde einige wenige Goldſtuͤcke klimperten, als er mit zitternder Hand hineingriff. Der Anfuͤhrer des Haufens bemerkte ſeine Be⸗ wegung, legte die Hand auf des Alterthumsforſchers Schulter und ſagte: Hoͤrt einmal, Signor Dot⸗ tore! wir haben als Freunde und Kameraden zu⸗ ſammen getrunken, ſo laßt uns auch als ſolche ſcheiden. Wir wiſſen, was Ihr wollt, wir wiſſen auch, wer und was Ihr ſeyd, denn wir wiſſen, wer Jeder iſt, der in Terracina uͤbernachtet, oder den Fuß auf die Landſtraße ſetzt. Ihr ſeyd ein reicher Mann, allein Ihr tragt allen euren Reichthum im Kopfe: wir koͤnnen ihn nicht kriegen, und wuͤrden, auch wenn wir es koͤnnten, nicht wiſſen, was wir damit anfangen ſollten. Ich ſehe, Ihr ſeyd wegen eures Ringes beſorgt; aͤngſtigt Euch aber nicht, es lohnt ſich nicht der Muͤhe, ihn zu nehmen; Ihr glaubt, es ſey eine Antike, aber er iſt nachgemacht, — es iſt ein unaͤchtes Ding. Hier wallte der Zorn des Alterthumsforſchers auf; der Doktor vergaß ſich in ſeinem Eifer fuͤr die Aechtheit ſeines Ringes. Himmel und Erde! ſeine Venus unaͤcht? Haͤtten ſie geſagt, daß das Weib ſeines Herzens„„nicht beſſer ſey, als ſie ſeyn ſollte,“ ſo koͤnnte ihn dieß nicht mehr aufgebracht haben. Er fing eine warme Vertheidigungsrede ſei⸗ ner Gemme an. „Nun, nun,“ fuhr der Raͤuber fort:„wir haben itzt keine Zeit, uns mit Euch darum zu ſtreiten, hal⸗ tet ſie werth, ſo viel Ihr wollt. Kommt, Ihr ſeyd ein wackerer kleiner, alter Signor— noch einen Becher Wein, und dann wollen wir die Zeche be⸗ zahlen. Keine Complimente— Ihr ſollt keinen Heller beitragen— Ihr ſeyd unſer Gaſt geweſen— ich will's ſo haben. So— nun macht, daß Ihr nach Terracina zuruͤckkommt, es wird ſchon ſpaͤt, Buon viaggio! Und hoͤrt einmal, ſeht Euch ein we⸗ nig in den Bergen vor— Ihr moͤchtet nicht im⸗ mer in ſo gute Geſellſchaft gerathen. — ͦ Nℳ—:—— —— — 95 Sie warfen die Gewehre auf die Schulter, ſprangen munter die Felſen hinauf, und der kleine Doktor hinkte nach Terracina zuruͤck, voll Freude, daß die Raͤuber ſeine Uhr, ſeine Muͤnzen uud ſeine Abhandlung unangetaſtet gelaſſen, aber noch immer voll Unwillen daruͤber, daß ſie ſeine Venus fuͤr un⸗ aͤcht gehalten hatten. —̃— Der Improviſatore hatte waͤhrend dieſer Erzaͤh⸗ lung ſchon mehrere Zeichen der Ungeduld blicken laſſen. Er ſah, daß er Gefahr lief, ſeinen Unter⸗ haltungsgegenſtand aus den Haͤnden zu verlieren, was fuͤr einen gewandten Sprecher immer eine Unannehmlchkeit, fuͤr einen Improviſatore aber ge⸗ radezu ein Ungluͤck iſt. Und dann war es noch verdruͤßlicher, daß dieß ein Neapolitaner gethan hatte, denn die Bewohner der verſchiedenen italiaͤ⸗ niſchen Staaten haben eine unverſoͤhnliche Eiferſucht gegen einander in allen Dingen, ſie moͤgen bedeu— kend oder unbedentend ſeyn. Er benutzte daher die erſte Pauſe, welche der Neapolitaner machte, um den Faden der Unterhaltung wieder zu erhaſchen. Wie ich vorhin bemerkt habe, ſagte er, ſtreifen die Banditen ſo weit umher, ſie ſind ſo genau mit 96 einander verbunden, und mit den verſchiedenen Staͤnden in der Geſellſchaft ſo genau verknuͤpft— „Was das betrifft,“ ſagte der Neapolitaner:„ſo habe ich gehoͤrt, daß euere Regierung in einigem Verhaͤltniß mit dieſen Leuten ſteht, oder wenigſtens ihren Unthaten nachſieht.“ Neine Regierung? ſagte der Roͤmer hitzig. „Ja, man ſagt, daß der Kardinal Conſalvi“— Still! ſagte der Roͤmer, indem er den Finger aufhob, und ſeine großen Augen im Zimmer um⸗ herſchweifen ließ. „Nun, ich wiederhole nur, was ich in Ronm allgemein gehoͤrt habe,“ ſagte der Neapolitaner dreiſt. „Man ſagt es ganz oͤſſentlich, daß der Kardinal in den Bergen geweſen ſey, und eine Zuſammenkunft mit einigen von den Hauptleuten gehabt habe. Und man hat mir außerdem geſagt, daß, waͤhrend recht⸗ liche Leute im Vorzimmer des Kardinals ſich muͤde geſtanden, und eine Stunde nach der andern auf Gehoͤr gewartet haben, einer von dieſen, nach dem Stilet ausſehenden Leuten, ſich durch die Menge hindurchgearbeitet hat, und ohne Weiteres zu dem Kardinal in das Zimmer gegangen iſt.“ Ich weiß, ſagte der Improviſatore: daß man ſolche Geruͤchte verbreitet hat, und es iſt nicht un⸗ moͤglich, daß die Regierung dieſe Leute zu gewiſſen gei⸗ —— 2 — — 97 Jerr benutzt haben mag; zum Beiſpiel zur Zeit Ihrer vorigen mißrathenen Revolution, als Ihre Carbonari ſo thaͤtig im ganzen Lande waren. Die Nachrichten, welche Leute der Art, die nicht allein mit den Schluchten und verſteckten Oertern in den Bergen, ſondern auch mit den finſtern und gefaͤhr⸗ lichen Schlupfwinkeln der Geſellſchaft ſo bekannt waren;— die jede verdaͤchtige Perſon und alle ihre Bewegungen und Verſtecke, kurz, Alles kannten, was in der Betrugswelt nur eine Rolle ſpielte;— der Nutzen ſolcher Leute, als Werkzeuge in den Haͤnden der Regierung,— dies fiel zu ſehr in die Augen, um uͤberſehen zu werden, und der Cardinal Conſalvi mag, als ein politiſcher Staatsmann, wol Gebrauch von ihnen gemacht haben. Ueberdieß wußte er, daß, bei allen ihren Graͤuelthaten, die Raͤuber immer ſehr ehrerbietig gegen die Kirche und ſehr religioͤs waren. „Religioͤs! religioͤs?“ wiederholte der Englaͤnder. Ja, religioͤs, wiederholte der Roͤmer. Jeder hat ſeinen Schutzheiligen. Sie bekreuzen ſich und ſagen ihre Gebete her, ſobald ſie, in ihren Verſte⸗ cken in den Bergen, die Fruͤh⸗ oder Ave⸗Maria⸗ Glocke aus den Thaͤlern erſchallen hoͤren, und kom⸗ men gar oft aus ihren Schlupfwinkeln hervor und ſetzen ſich einer offenbaren Gefahr aus, um irgend 11 E ein beſonders verehrtes Heiligenbild zu beſuchen. Ich erinnere mich ſelbſt eines ſolchen Beiſpiels. Ich war eines Abends in dem Dorfe Frascati, welches an dem ſchoͤnen Kamme der Huͤgel liegt, die dicht unter den Bergen der Abruzzen ſich aus der Campagna erheben. Alles Volk erging ſich, wie es an ſchoͤnen Abenden in unſern Italiaͤniſchen Doͤrfern und Staͤdten der Fall iſt, in der freien Luft, und plauderte in einzelnen Gruppen auf dem offentlichen Platze. Waͤhrend ich mit einem Hau⸗ fen von Freunden ſprach, ſah ich einen langen, in einen großen Mantel gehuͤlten Mann quer uͤber den Platz gehen, der ſich aber gefliſſentlich im Dunkel dahin ſtahl, als ob er ſich den beobachtenden Blicken zu entziehen wuͤnſche. Die Leute traten zuruͤck, waͤhrend er voruͤberging. Man ſagte ſich in die Ohren, es ſey ein beruͤchtigter Bandit. „Aber warum verhaftete man ihn nicht auf der Stelle!?“ ſagte der Englaͤnder. Weil das Niemanden etwas anging: weil Nie⸗ mand ſich der Rache ſeiner Kameraden ausſetzen wollte: weil nicht Gendarmen genug in der Naͤhe waren, um ſich gegen die Wagehaͤlſe zu ſichern, die er bei der Hand haben konnte: weil die Gendar⸗ men vielleicht keine beſondere Verhaltungsbefehle in Hinſicht auf ihn hatten, und vielleicht keine Luſt ſſͤ— 99 haben mochten, ohne beſtimmte Weiſung ſich in ei⸗ nen zweifelhaften Kampf einzulaſſen. Kurz, ich koͤnnte Ihnen tauſend Gruͤnde angeben, welche aus dem Zuſtande unſerer Regierung und Sitten ent⸗ ſpringen, von denen Ihnen kein einziger genuͤgend erſcheinen duͤrfte. Der Englaͤnder zuckte die Schultern mit einer Miene voll Verachtung. Man hat mir geſagt, fuͤgte der Roͤmer ziem⸗ lich ſchnell hinzu: daß ſelbſt in Ihrer Hauptſtadt London beruͤchtigte Diebe, welche der Polizei als ſolche ſehr wohl bekannt ſind, um Mittag in den Straßen umherwandern, um auf Beute auszuge⸗ hen, und daß man ſie nicht belaͤſtigt, wenn ſie nicht auf einem Diebſtahle ertappt werden. Der Englaͤnder zuckte ebenfalls die Schultern, aber mit einem andern Ausdrucke. Nun wohl, ich richtete alſo meine Augen auf dieſen kuͤhnen Wolf, der ſo durch die Heerde hin⸗ durchſchlich, und ſah ihn in eine Kirche treten. Ich war begierig, Zeuge ſeiner Andacht zu ſeyn. Sie kennen unſere geraͤumigen, prachtvollen Kirchen. Die, in welche er eintrat, war maͤchtig groß und in die Abenddaͤmmerung gehuͤllt. An dem Ende der langen Seitengaͤnge flimmerten ein Paar Kerzen ſchwach auf dem Hauptaltar. In einer der 3 E 2 100— Seitenkapellen brannte ein geweihtes Licht vor dem Bilde eines Heiligen. Vor dieſes Bild hatte der Naͤuber ſich niedergeworfen. Sein Mantel war,. waͤhrend er kniete, etwas von ſeinen Schultern her⸗ abgefallen, und ſein herkuliſcher Koͤrper wurde ſicht⸗ bar; ein Stilet und ein Piſtol ſchimmerten in ſei⸗ nem Guͤrtel, und das Licht, welches auf ſein Ge⸗ ſicht fiel, beleuchtete Zuͤge, die gar nicht haͤßlich, aber ſtark und leidenſchaftlich waren. Indem er betete, ward er gewaltig bewegt, ſeine Lippen zit⸗ terten, Seufzer und Gemurmel, faſt ein Geſtoͤhn, ſtieg aus ſeinem Buſen empor; er ſchlug ſich heftig V an die Bruſt, faltete dann ſeine Haͤnde und rang- ſie krampfhaft, waͤhrend er ſie gegen das Bild aus⸗ ſtreckte. Nie habe ich ein ſo furchtbares Bild der Gewiſſensbiſſe geſehen. Ich beſorgte, daß er mich bemerken moͤchte, und entfernte mich. Kurz nach⸗ her ſahe ich ihn, in ſeinen Mantel gehuͤllt, aus der Kirche kommen. Er ſchritt wieder uͤber den Platz und kehrte, ohne Zweifel, mit entlaſtetem Gewiſſen in die Berge zuruͤck, um eine friſche Puſgahn von Verbrechen zu beginnen. Hier machte der Neapolitaner ſich frtteg ſich der Unterhaltung zu bemeiſtern, und hatte ſo eben die ominoͤſe Bemerkung vorausgeſchickt,„dieß er⸗ innert mich an eine Begebenheit9 als der Impro⸗ ——,———-ü— —— ———;— —,— viſatore, der zu gewandt war, um ſich abermals verdraͤngen zu laſſen, fortfuhr, ohne zu thun, als ob er gehoͤrt habe, daß man ihn unterbrochen. Zu den vielen, mit den Banditen in Bezug ſte⸗ henden Umſtaͤnden, welche den Reiſenden beunruhi⸗ gen und fuͤr ſeine Sicherheit fuͤrchten laſſen, gehoͤrt auch das Verſtaͤndniß, welches Jene zuweilen mit den Gaſtwirthen haben. Viele von den einzeln ge⸗ legenen Wirthshaͤuſern in den einſamen Gegenden des Roͤmiſchen Gebiets, und namentlich in den Ber⸗ gen, ſtehen in dem Rufe, gefaͤhrlich und unſicher zu ſeyn. Dieß ſind die Orte, wo die Banditen ihre Nachrichten einziehen, und wo der ſorgloſe Reiſende, von Allen, die ihn hoͤren oder ihm bheiſte⸗ hen koͤnnten, weit entfernt, unter dem Dolche des mitternaͤchtlichen Moͤrders faͤllt. Bei den Naͤube⸗ reien, welche in ſolchen Gaſthoͤfen begangen werden, fallen oft die graͤßlichſten Mordthaten vor, denn nur die gaͤnzliche Vertilgung ihrer Opfer kann die Noͤrder vor der Entdeckung ſchuͤtzen. Ich beſinne mich auf ein Abenteuer— fuͤgte er hinzu— welches ſich in einem dieſer Berg⸗Wirthshaͤuſer zutrug, und welches, da Sie Alle in der Stimmung zu ſeyn ſcheinen, Raͤuber⸗Anekdoten zu hoͤren, viel⸗ leicht nicht ganz unanziehend fuͤr Sie ſeyn duͤrfte. Nachdem er ſich die Aufmerkſamkeit der Umſte⸗ 102 henden geſichert und ihre Neugierde rege gemacht, hielt er einen Augenblick inne, rollte ſeine großen Augen umher, wie die Improviſatoren zu thun pflegen, wenn ſie ſich das, was ſie aus dem Stege— reif vortragen wollen, zuruͤckzurufen ſuchen, und erzaͤhlte dann, mit großer dramatiſcher Wirkung, die folgende Geſchichte, auf welche er, ohne Zweifel, ſich wohlbedaͤchtig vorbereitet, und ſie gehoͤrig an⸗ geordnet hatte. Die verſpaͤteten Reiſenden. Es war ſchon ſpaͤt am Abend, als eine, von Mauleſeln gezogene, Kutſche ſich muͤhſam einen der Paͤſſe in den Appenninen hinaufwand. Dieß war einer der wildeſten Hohlwege, wo man nur von Zeit zu Zeit ein einzelnes Dorf, das am Gipfel einer Fel⸗ ſenklippe hing, oder die weißen Thuͤrme eines Klo⸗ ſters erblickte, welche aus dem dicken Berglaube hervorguckten. Die Kutſche war von altfraͤnkiſcher und ſchwerer Bauart. Ihre verblichenen Zierrathen verriethen einen fruͤheren Glanz; aber die gebrechli⸗ chen Federn und Achſen ſprachen, durch ihr Knar⸗ ren, den gegenwaͤrtigen Verfall deutlich aus. Dar⸗ innen ſaß, in einer Art von militaͤriſchem Reiſean⸗ — — 103 zug und einer mit Pelz beſetzten Feldmuͤtze, e n gro⸗ ßer, magerer alter Herr, deſſen graue Locken, welche unter derſelben hervorblickten, deutlich verriethen, daß ſeine kriegeriſchen Tage voruͤber ſeyen. Neben ihm war ein bleiches, ſchoͤnes Maͤdchen von acht⸗ zehn Jahren, in einer Art von nordiſcher oder pol⸗ niſcher Tracht. Ein Bedienter ſaß vorn, ein alter, roſtig und muͤrriſch ausſehender Kerl, mit einer Narbe uͤber das ganze Geſicht und einem gelblich⸗ braunen Schnurrbarte, der unter ſeiner Naſe her⸗ vorſtraͤubte; ſein ganzes Anſehen verrieth einen alten Soldaten. Dieſe Equipage war die eines Polniſchen Edel⸗ manns, eines Ueberbleibſels von einer der fuͤrſtlichen Familien, welche fruͤher beinahe mit morgenlaͤndiſcher Pracht gelebt hatten, aber nun durch die Ungluͤcks⸗ faͤlle, welche Polen betroffen, gebeugt worden und verarmt waren. Der Graf war, wie manche an⸗ dere rege Geiſter, des Verbrechens der Vaterlands⸗ liebe ſchuldig befunden worden, und lebte gewiſſer⸗ maßen in der Verbannung. Er hatte ſich eine Zeitlang in den erſten Staͤdten Italien's aufge⸗ halten, um dort die Erziehung ſeiner Tochter zu vollenden, die itzt der alleinige Gegenſtand ſeiner Sorge und ſeiner Freude war. Er hatte ſie in di große Geſellſchaft eingefuͤhrt, wo ihre Schoͤnheit 104 und ihre Talente ihr viele Bewunderer verſchafft hatten, und waͤre ſie nicht die Tochter eines armen, zu Grunde gerichteten Polniſchen Edelmannes ge⸗ weſen, ſo iſt es mehr als wahrſcheinlich, daß viele Bewerber ſich den Beſitz ihrer Hand ſtreitig ge⸗ macht haben wuͤrden. Ploͤtzlich war indeß ihre Ge⸗ ſundheit wankend geworden, ihr Frohſinn war mit den Roſen ihrer Wangen geflohn, und Schweigen und Ermattung hatten ſich ihrer bemaͤchtigt. Der alte Graf bemerkte dieſe Veraͤnderung mit der Be⸗ kuͤmmerniß eines Vaters.„Wir muͤſſen ein an⸗ deres Klima und einen andern Ort ſuchen,“ ſagte er, und nach wenigen Tagen rumpelte die alte Fa⸗ milienkutſche in den Appenninen. Ihr einziger Begleiter war der alte Kaspar, der in der Familie geboren und in deren Dienſt grau geworden war. Er hatte ſeinen Herrn uͤberall be⸗ gleitet, an ſeiner Seite gefochten, ihn in der Schlacht, wo er niedergeſunken war, mit ſeinem Leibe gedeckt, und dabei den Saͤbelhieb erhalten, welcher ſeinem Geſichte etwas ſo Schreckhaftes gab. Er war itzt ſein Kammerdiener, ſein Haushofmei⸗ ſter, ſein Kellermeiſter, ſein Factotum. Das einzige Weſen, an welchem der Alte beinahe mit gleicher Liebe hing, als an ſeinem Herrn, war ſeine junge Gebieterin; ſie war unter ſeinen Augen aufgewach⸗ 105 ſen. Er hatte ſie an der Hand gefuͤhrt, als ſie ein Kind war, und betrachtete ſie itzt mit vaͤterli⸗ cher Zaͤrtlichkeit, ja er nahm ſich ſogar die Frei⸗ heit, ihr, wie ein Vater, uͤber Alles, wovon er glaubte, daß es zu ihrem Beſten diene, frei her⸗ aus ſeine Meinung zu ſagen, und empfand eine vaͤterliche Eitelkeit, wenn er ſah, daß ſie die allge⸗ meine Aufmerkſamkeit und Bewunderung erregte. Der Abend ruͤckte maͤchtig heran; die Reiſenden waren ſchon ſeit einiger Zeit durch enge Bergſchluch⸗ ten am Ufer eines toſenden Gewaͤſſers dahin gefah⸗ ren. Die Gegend war einſam und wild. Die Felſen ragten oft uͤber die Straße hin, und Heer⸗ den weißer Ziegen graſeten an ihren Abhaͤngen und blickten auf die Reiſenden herab. Sie hatten noch zwei bis drei Meilen zuruͤckzulegen, ehe ſie ein Dorf erreichten; aber der Maulthiertreiber Pietro, ein alter Trunkenbold, der ſich auf dem letzten Halt mit einer mehr als gewoͤhnlichen Menge von Wein erquickt, ſaß da, ſang, ſprach abwechſelnd zu ſeinen Maulthieren, und ließ dieſe, der haͤufigen Bitten des Grafen und der Fluͤche des alten Kas⸗ par ungeachtet, einen Schneckengang gehen. Die Wolken fingen an, ſich in ſchweren Maſſen uͤber den Bergen zu ſammeln, und verhuͤllten deren Gipfel. Auch die Luft ward in dieſer Hoͤhe feucht 106 und kalt. Des Grafen Beſorgniß fuͤr ſeine Tochter ſiegte endlich uͤber ſeine gewoͤhnliche Geduld. Er bog ſich zum Kutſchenſchlag hinaus und rief den alten Pietro in zornigem Tone an. „Vorwaͤrts!“ ſagte er.„Es wird Mitternacht, ehe wir den Gaſthof erreichen!'“ Da iſt er ſchon, Signor, ſagte der Maulthier⸗ treiber. „Wo denn?“ fragte der Graf. Dort, ſagte Pietro, indem er auf ein verfalle⸗ nes, ungefaͤhr eine Viertelmeile entferntes Gebaͤude hinwies. „Das ſoll er ſeyn?— das ſieht ja mehr wie eine Truͤmmer, denn wie ein Gaſthof aus. Ich dachte, wir wuͤrden die Nacht in einem behaglichen Dorfe zubringen.“ Pietro ließ itzt eine Reihe klaͤglicher Ausrufun⸗ gen und Betheurungen vernehmen, wie ſie ein nachlaͤſſiger Maulthiertreiber beſtaͤndig auf der Zunge hat.„Solche Wege! und ſolche Berge! und ſeine armen Thiere waͤren ſo ermuͤdet und abgetrieben, ſie wuͤrden lahm werden, ſie wuͤrden nicht im Stande ſeyn, das Dorf zu erreichen. Uebrigens koͤnnte Seine Excellenz ſich keinen beſſern Ort wuͤn⸗ ſchen, als dieß Wirthshaus: es ſey ein wahres castello— ein palazzo— und was fuͤr Leute! fhf— . 107 und was fuͤr eine Speiſekammer! und was fuͤr Betten! Seine Excellenz koͤnnten hier ſo herrlich leben und ſo ruhig ſchlafen, wie ein Prinz!“ Der Graf war leicht zu uͤberreden, denn er wuͤnſchte, ſeine Tochter bald aus der Nachtluft zu bringen, und ſo raſſelte und klapperte denn die alte Kutſche bald zu dem großen Thorwege des Wirths⸗ hauſes hinein. Das Gebaͤude entſprach allerdings in einiger Hinſicht der Beſchreibung des Maulthiertreibers. Es war groß genug, um auf den Namen eines Schloſſes oder Paläſtes Anſpruch zu haben, von ſtarker, aber einfacher und beinahe roher Bauart, und hatte eine Menge unnuͤtzer Raͤume. Es war in der That fruͤher ein Jagdſchloß irgend eines ita⸗ liaͤniſchen Fuͤrſten geweſen, und innerhalb der Mauern und in den Nebengebaͤuden hinlaͤngli⸗ cher Raum, um ein kleines Heer beherbergen zu koͤnnen. Das duͤſtere Gebaͤude ſchien itzt nur einem ſpaͤr⸗ lichen Haushalt zur Wohnung zu dienen. Die Ge— ſichter, welche bei der Ankunft der Reiſenden ſich zeigten, waren mit Schmutz bedeckt, und ſahen fin⸗ ſter aus. Alle aber kannten den alten Pietro, und bewillkommneten ihn, als er ſingend und ſchwatzend und beinahe jauchzend in den Thorweg einfuhr. 108 Die Wirthin erſchien ſelbſt, dem Grafen und ſeiner Tochter die Zimmer anzuweiſen. Sie wurden durch einen langen, finſtern Gang, und ſodann durch eine Reihe von Gemaͤchern gefuͤhrt, welche mit einander in Verbindung ſtanden, ſehr hoch wa⸗ ren und Decken mit langen, quer durchgehenden Balken hatten. Alles hatte indeſſen ein aͤrmliches, ſchmuziges Anſehen. Die Waͤnde waren feucht und kahl; nur hier und da hing ein großes Bild, das ſich nach ſeiner Groͤße zu einem Altarbilde ge⸗ ſchickt haͤtte, und auf dem man, wegen der Schwaͤrze, durchaus nichts mehr erkennen konnte. Die Fremden waͤhlten zwei Schlafzimmer, die mit einander in Verbindung ſtanden, das hintere fuͤr die Tochter. Die Bettſtellen waren ſchwerfaͤllig und plump, und als man die von Pietro ſo ge⸗ ruͤhmten Betten unterſuchte, ſo fand ſich, daß ſie mit Hanf ausgeſtopft waren, der ſich zu großen Klumpen zuſammengeballt hatte. Der Graf zuckte die Achſeln, aber es blieb keine Wahl uͤbrig. Die Kaͤlte drang durch Mark und Bein, und die Reiſenden waren froh, in ein gemeinſchaftliches Zimmer oder Saal zuruͤckzukehren, wo in einer großen Hoͤhle, faͤlſchlich Kamin genannt, ein gewal⸗ tiges Feuer brannke. Man hatte ſo eben einen Armvoll gruͤnes Holz darauf geworfen, das ganze d 1 ——,.—— 109 Wolken von Rauch verbreitete. Dieß Zimmer paßte zu den uͤbrigen im Hauſe. Der Fußbo⸗ den war mit Steinen belegt und ſchmuzig; ein großer eichener Tiſch ſtand in der Mitte, den ſeine Groͤße und ſein Gewicht unbeweglich machten. Das Einzige, was mit dieſem vorherrſchenden Anſehen der Beduͤrftigkeit im Widerſpruch ſtand, war der Anzug der Wirthin. Sie war natuͤrlich ſehr ſchlumpig; ihre Kleider jedoch, obgleich be⸗ ſchmuzt und nachlaͤſſig angelegt, von koſtbaren Stoffen. Sie trug mehrere Ringe von großem Werth an den Fingern, Juwelen in den Ohren, und um den Hals eine Schnur großer Perlen, an welcher ein funkelndes Crucifix hing. Ihr Geſicht verrieth noch Spuren von Schoͤnheit, allein es lag etwas in ihren Zuͤgen, das der jungen Dame einen eigenthuͤmlichen Widerwillen einfloͤßte. Sie war dienſtbefliſſen und unterthaͤnig bei ihren Huͤlfslei⸗ ſtungen, und ſowol der Graf als ſeine Tochter fuͤhlten ſich leichter, als ſie ſie der Sorge einer ſchwaͤrzli⸗ chen, finſter⸗ausſehenden Kuͤchenmagd uͤberantwor⸗ tete, und hinausging, das Abendeſſen zu beſorgen. Kaspar war hoͤchſt aufgebracht auf den Maul⸗ thiertreiber, der, entweder aus Nachlaͤſſigkeit oder abſichtlich, ſeinen Herrn und ſeine Gebieterin in ein ſolches Quartier gebracht hatte, und ſchwor bei 11⁰— 8* ſeinem Knebelbart, an dem alten Schelm Rache zu nehmen, ſobald ſie nur aus den Bergen ſeyn wuͤr⸗ den. Er zankte beſtaͤndig mit der finſtern Dienſt⸗ magd, was nur noch dazu beitrug, den unheimli⸗ chen Ausdruck, mit welchem ſie unter ihren dun⸗ keln ſtarken Augenbraunen hinweg die Reiſenden betrachtete, zu verſtaͤrken. Der Graf war ein gutlauniger, ſich leidend ver⸗ haltender Reiſender. Vielleicht hatte wirkliches Ungluͤck ſeinen Muth gedaͤmpft, und ihn viele von den kleinen Uebeln ertragen gelehrt, welche Leute, die im Gluͤcke leben, ungluͤcklich machen. Er ruͤckte fuͤr ſeine Tochter einen großen zerbrochenen Lehn⸗ ſtuhl an den Kamin, einen zweiten fuͤr ſich ſelbſt, nahm dann eine ungeheure, daliegende Feuerzange zur Hand, und ſuchte das Holz ſo zu legen, daß es wieder Feuer geben ſollte. Seine Bemuͤhungen brachten indeß nur noch ſtaͤrkere Rauchwolken zu Wege, woruͤber der gute Herr beinahe die Geduld verlor. Er trat alſo zuruͤck, warf einen Blick auf ſeine zarte Tochter, ſodann auf das unfreundliche ſchmuzige Zimmer, zuckte die Achſeln, und ſing abermals an, das Feuer anzuſchuͤren. Unter allen Beſchwerden eines unbehaglichen Gaſthofes giebt es keine groͤßere, als unwillige Be⸗ 4 dienung; der gute Graf ertrug eine Zeitlang den 2 — ——.,— —4,— — — 111 Rauch mit Stillſchweigen, um nur nicht die ſauer⸗ ſehende Dienſtmagd anreden zu muͤſſen. Endlich ſah er ſich dennoch genoͤthigt, trockenes Holz zu verlangen. Das Maͤdchen entfernte ſich brummend. Als ſie eilig mit einem Armvoll Reisbuͤndel in das Zimmer trat, glitt ſie aus: ſie fiel, ſchlug mit dem Kopfe gegen die Ecke eines Stuhls, und verletzte ſich bedeutend am Schlafe. Der Stoß betaͤubte ſie eine Weile, und die Wunde blutete ſtark. Als ſie wieder zur Beſinnung kam, fand ſie, daß die Toch⸗ ter des Grafen nach ihrer Wunde ſah, und ſie mit ihrem eigenen Schnupftuche verband. Dieß war eine Huͤlfsleiſtung, der jedes Frauenzimmer von ge⸗ woͤhnlichem Gefuͤhle ſich unterzogen haben wuͤrde; K vielleicht lag aber etwas in der Erſcheinung des lieblichen Weſens, welches ſich uͤber ſie hinbeugte, oder in dem Tone ihrer Stimme, was das Herz des Maͤdchens ruͤhrte, das nicht gewohnt war, ſich von ſolchen Haͤnden gepflegt zu ſehen. Genug, ſie war gewaltſam bewegt. Sie ergriff die zarte Hand der Polin, druͤckte ſie inbruͤnſtig an ihre Lippen, und rief aus:„Moͤge der heilige Franziscus Euch behuͤten, Signora!”“ Die Ankunft neuer Fremden unterbrach die Stille des Wirthshauſes. Es war eine Spaniſche Prinzeſſin mit einem zahlreichen Gefolge. Der 112 ganze Hof des Wirthshauſes gerieth in Aufruhr, das Haus in Bewegung; die Wirthin eilte, ſo vor⸗ nehme Gaͤſte zu empfangen, und der arme Graf, ſeine Tochter und ihr Abendeſſen waren auf einen Augenblick vergeſſen. Der alte Kaspar murmelte ſo viele Polniſche Fluͤche, daß ein Italiaͤniſches Ohr in Verzweiflung daruͤber haͤtte gerathen koͤn⸗ nen; es war indeſſen unmoͤglich, die Wirthin zu uͤberzeugen, daß ſein alter Herr und ſeine junge Gebieterin vornehmer ſeyen, als der ganze Adel von Spanien. Das Geraͤuſch, welches die Ankunft der Frem⸗ den verurſachte, hatte die Tochter in dem Augen⸗ blicke an das Fenſter gezogen, wo die Neuangekom⸗ menen ausſtiegen. Ein junger Cavalier ſprang aus dem Wagen und hob die Prinzeſſin heraus. Dieß war eine kleine verſchrumpfte alte Dame, mit ei⸗ nem Pergament⸗Geſicht und funkelnden ſchwarzen Augen; ſie war reich und prachtvoll gekleidet, und ſtuͤtzte ſich auf ein Rohr mit goldenem Knopfe, das ſo hoch war, als ſie ſelbſt. Der junge Mann war groß und zierlich gebaut. Die junge Graͤfin ſchrak zuruͤck, als ſie ihn erblickte, obgleich die breite Fen⸗ ſterverkleidung ſie verbarg. Sie ſtieß einen tiefen Seufzer aus, indem ſie das Fenſter ſchloß. Was dieſer Seufzer zu bedeuten hatte, kann ich nicht ſa⸗ —— —— 113 gen. Vielleicht war der Gegenſatz zwiſchen der glaͤnzenden Equipage der Prinzeſſin und dem ge⸗ brechlichen, gichtiſch ausſehenden alten Fuhrwerke ihres Vaters, welches dicht daneben ſtand, die Ur⸗ ſach. Was aber auch die Veranlaſſung ſeyn mochte, ſo ſchloß die junge Dame mit einem Seufzer das Fenſter. Sie kehrte zu ihrem Stuhle zuruͤck; ein leiſer Schauer uͤberlief ihre zarte Geſtalt, ſie ſtuͤtzte ihren Elbogen auf die Lehne des Stuhls, legte ihre bleiche Wange in die Hand, und blickte traurig in das Feuer. Der Graf glaubte zu bemerken, daß ſie bleicher als gewoͤhnlich ausſaͤhe. „Fehlt Dir irgend etwas, mein Kind?* ſagte er. Nichts, mein theurer Vater! erwiederte ſie, indem ſie ihre Hand in die ſeinige legte, und ihm laͤchelnd ins Geſicht blickte; aber indem ſie dieß ſagte, ſtieg eine verraͤtheriſche Thraͤne ploͤtzlich in ihr Auge, und ſie wandte den Kopf weg. „Die Luft am Fenſter hat Dich erkaͤltet,“ ſagte der Graf liebreich:„eine ruhige Nacht wird Alles wieder gut machen.“ Der Tiſch zum Abendeſſen ward endlich gedeckt, und ſo eben ſollte auch dieſes aufgetragen werden, als die Wirthin hereintrat, und, mit ihrer gewoͤhn⸗ lichen Unterthaͤnigkeit, ſich entſchuldigte, daß ſie die 114 neuangekommenen Fremden hier eintreten laſſen muͤſſe; allein die Nachtluft ſey kalt, und ſie haͤtten kein anderes Zimmer im Hauſe, worin ein Kamin befindlich ſey.— Sie hatte kaum ihre Entſchuldigung vorgebracht, als die Prinzeſſin, auf den Arm des zierlichen jungen Mannes gelehnt, eintrat. Der Graf erkannte ſie ſogleich als eine Dame, die er haͤufig in Geſellſchaften, ſowol in Rom als in Neapel angetroffen, und zu deren Converſazioni er regelmaͤßig eingeladen geweſen war. Der Cava⸗ lier war ihr Neffe und Erbe, welcher in den glaͤn⸗ zenden Zirkeln, ſeiner ausgezeichneten Eigenſchaften, ſo wie ſeiner großen Ausſichten wegen, ſehr viel Eindruck gemacht hatte, und der einſt mit dem Grafen und ſeiner Tochter zu gleicher Zeit auf der Villa eines Vornehmen, unweit Neapel, zum Be⸗ ſuch geweſen war. Dem Geruͤcht nach hatte er ſich vor Kurzem mit einer reichen Spaniſchen Erbin verlobt. Das Zuſammentreffen war ſowol fuͤr den Gra⸗ fen, als fuͤr die Prinzeſſin ſehr angenehm. Der Erſtere war noch aus der alten Schule, und bis zum Uebermaß hoͤflich. Die Prinzeſſin war in ih⸗ rer Jugend eine große Schoͤnheit, ihr ganzes Leben hindurch eine Modedame geweſen, und liebte es, wenn man ihr den Hof machte. zeſſin ihren eigenen Koch bei ſich — 115 Der junge Mann naͤherte ſich der Tochter, und fing an, eine Art von höoͤflicher Bemerkung zu ma⸗ chen, aber ſeine ganze Art und Weiſe war verlegen, und ſein Compliment verlor ſich in ein undeutliches Gemurmel, waͤhrend die junge Dame ſich verbeugte ohne aufzublicken, die Lippen bewegte ohne nur ein einziges Wort hervorzubringen, und wiederum in ihren Stuhl zuruͤckſank, wo ſie ſitzen blieb, und ſtarr in das Feuer ſah, waͤhrend tauſend verſchie⸗ denartige Empfindungen nach einander ſich in ihren Zuͤgen malten. Die Alten, welche waͤhrend der Zeit mit ihrer ge⸗ genſeitigen Bewillkommung beſchaͤftigt geweſen waren, bemerkten dieſe ſonderbare Begruͤßung der jungen Leute nicht. Es wurde ansgemacht, daß ſie gemein⸗ ſchaftlich zu Abend e lten und da die Prin⸗ h hatte, ſo erſchien bald ein leidliches Abendeſſe auf dem Tiſche, wozu noch ausgeſuchte Weine, Liqueurs und Zucker⸗ werk kamen, welche aus einem ihrer Wagen herbei⸗ gebracht wurden; denn die Prinzeſſin war eine Schmeckerin, und hatte einen feinen Gaumen fuͤr die guten Sachen, die es hienieden giebt. Sie war in der That eine lebhafte kleine alte Dame, in welcher ſich die Lebefrau mit der Frommen verei⸗ nigte. Sie war itzt auf einer Reiſe nach Loretto 116 begriffen, um ein langes Leben voll Galanterien und kleiner Suͤnden durch eine reiche Spende an den heiligen Schrein abzubuͤßen. Sie war allerdings eine ziemlich uͤppige Buͤßende, und ſtach ſehr gegen die urſpruͤnglichen Pilgrimme, mit Brotſack, Stab und Muſcheln, ab; allein es waͤre ſonderbar, von Modeleuten eine ſolche Selbſtverlaͤugnung er⸗ warten zu wollen; auch war an der großen Wirk⸗ ſamkeit der reichen Crucifixe, der goldenen Gefaͤße und des Iuwelenſchmucks, welche ſie dem Schatz der heil. Jungfrau zubrachte, nicht zu zweifeln. Die Prinzeſſin und der Graf plauderten bei dem Abendeſſen ſehr viel von den Begebenheiten und der großen Geſellſchaft, an denen ſie Antheil genommen hatten, und bemerkten nicht, daß ſie ganz allein die Unterhaltung fuͤhrten; die jungen Leute wa⸗ ren einſylbig und gezwungen. Die junge Dame ge⸗ noß, des verbindlichen Zuredens der Prinzeſſin, welche „ ſie fortwaͤhrend aufforderte, bald von dieſem, bald von jenem Leckerbiſſen zu eſſen, gar nichts. Der Graf ſchuͤttelte den Kopf. „Sie iſt dieſen Abend nicht wohl,“ ſagte er. „Ich glaubte beinahe, ſie wuͤrde in Ohnmacht ſin⸗ ken, waͤhrend ſie aus dem Fenſter ſah, als Ir Wagen ankam.“ Ein hohes Roth bedeckte die Wangen der Toch⸗ — — 117 ☛ ter bis zu den Schlaͤfen, aber ſie bog ſich aͤber ih⸗ ren Teller hin, und ihre Locken warfen einen Schat⸗ ten auf ihr Geſicht. Als das Abendeſſen voruͤber war, zogen Alle ihre Stuͤhle zu dem großen Kamin. Die Flamme und der Rauch waren voruͤber, und ein Haufen gluͤhender Aſche verbreitete eine angenehme Waͤrme. Eine Guitarre, welche man aus dem Wagen des Grafen gebracht hatte, lehnte an der Mauer. Die Prinzeſſin bemerkte ſie und fragte:„Koͤnnten wir nicht noch etwas Muſik hoͤren, ehe wir uns auf die Nacht trennen?““ Der Graf war ſtolz auf das Talent ſeiner Toch⸗ ter, und unterſtuͤtzte die Bitte. Der junge Mann, bemuͤht, hoͤflich zu ſeyn, nahm die Guitarre, und reichte ſie, obgleich mit einiger Verlegenheit, der ſchoͤnen Tonkuͤnſtlerin. Sie haͤtte es gern ab⸗ gelehnt, war aber zu verwirrt, dieß zu thun, und in der That ſo angegriffen und bewegt, daß ſie ih⸗ rer Stimme die Kraft nicht zutraute, eine Ent⸗ ſchuldigung hervorzubringen. Sie griff mit zittern⸗ der Hand in das Inſtrument, und nachdem ſie et⸗ was zur Einleitung geſpielt, begleitete ſie ſich damit zu mehreren polniſchen Liedern. Ihres Vaters Au⸗ gen erglaͤnzten, als er ſo daſaß und auf ſie blickte. Selbſt der muͤrriſche Kaspar blieb im Zim⸗ 118 mer, theils aus Vorliebe fuͤr die Muſik ſeines Va⸗ terlandes, noch mehr aber aus Stolz auf die Ton⸗ kuͤnſtlerin. In der That war das Klangreiche der Stimme und die Zartheit des Spiels von der Art, daß ſie ſelbſt ekelere Ohren bezaubert haben wuͤrden. Die kleine Prinzeſſin nickte mit dem Kopfe und ſchlug mit der Hand den Takt zur Muſik, obgleich ganz falſch, waͤhrend der Neffe, in tiefes Nachden⸗ ken uͤber ein ſchwarzes, an der Mauer gegenuͤber hangendes Bild verſunken, daſaß. „Itzt aber,“ ſagte der Graf, indem er ſeiner Tochter die Wangen ſtreichelte⸗„noch eine Gunſt. Singe der Prinzeſſin das kleine Spaniſche Lied vor, das Du ſo liebſt.— Sie haben keinen Begriff,“ fuͤgte er hinzu:„was ſie fuͤr Fortſchritte in Ihrer Sprache gemacht hat, ob ſie gleich ein unartiges Kind geweſen iſt, und ſie in der letzten Zeit ver⸗ nachlaͤſſigt hat.“ Eine hohe Roͤthe ſog uͤber die Wangen der Tochter; ſie zauderte und murmelte etwas, nahm ſich aber ploͤtzlich zuſammen, griff keck in die Gui⸗ tarre und fing an. Es war eine Spaniſche Ro⸗ manze, in welcher von Liebe und Kummer die Rede war. Sie ſang die erſte Strophe mit großem Aus⸗ druck, denn die zitternden ſchmelzenden Laute ihrer Stimme drangen zum Herzen; allein nach und nach — — 119 ward ihre Ausſprache undeutlicher, ihre Lippen beb⸗ ten, der Geſang erſtarb im Munde, und ſie brach in einen Thraͤnenſtrom aus. Der Graf ſchloß ſie zaͤrtlich in ſeine Arme. „Du biſt nicht wohl, mein Kind,“ ſagte er:„und ich plage Dich. Begib Dich in dein Zimmer, und Gott ſegne Dich!“ Sie verbeugte ſich, ohne die Augen außzuſchlagen, gegen die Anweſenden unnd glitt aus dem Zimmer. 1 Der Graf ſchuͤttelte den Kopf, als die Thuͤr ſich ſchloß.„Dem Kinde,“ ſagte er:„fehlt irgend etwas, das ich nicht errathen kann. Sie hat ſeit Kurzem) alle Geſundheit und allen frohen Muth verloren. Sie war immer eine zarte Blume, und ich hatte viele Muͤhe, ſie aufzuziehen. Entſchuldi⸗ gen Sie,“ fuhr er fort:„die Schwaͤche eines Va⸗ ters, allein ich habe vielen Kummer in meiner Fa⸗ milie gehabt. Dieß arme Kind iſt das Einzige, was mir uͤbrig geblieben iſt; es pflegte ſo lebendig zu ſeyn“— Vielleicht iſt ſie verliebt! ſagte die kleine Prin⸗ zeſſin mit einem bedeutſamen Kopfnicken. „Unmoͤglich!“ erwiederte der gute Graf ganz arglos.„Sie hat mir nie ein Wort davon ge⸗ ſagt.”² Wie wenig ließ der gute Herr ſich von den tau— 120—. ſend Sorgen und Bekuͤmmerniſſen und Liebesan⸗ gelegenheiten traͤumen, welche ein jungfraͤuliches Herz in Bewegung ſetzen, und welche ein ſchuͤch⸗ ternes Maͤdchen kaum ſich ſelbſt zu geſtehen wagt! Der Neffe der Prinzeſſin ſtand ploͤtzlich auf und ging im Zimmer auf und ab. Als die junge Dame allein in ihrem Gemache war, machten die langzuruͤckgehaltenen Gefuͤhle ſich mit Gewalt Luft. Sie oͤffnete das Fenſter, um die kuͤhle Luft ihre ſchlagenden Pulſe anwehen zu laſſen. Vielleicht lag ihrer Bewegung etwas gekraͤnk⸗ ter Stolz zum Grunde, obgleich ihr ſanftes Ge⸗ muͤth einer ſolchen Leidenſchaft nicht Raum laſſen zu koͤnnen ſchien. „Er ſah mich weinen!“ ſagte ſie, und eine ploͤtz⸗ liche Roͤthe uͤberflog ihre Wangen, und ihre Stimme erſtarb,—„immerhin, immerhin!“ Und mit dieſen Worten faßte ſie mit ihrem wei⸗ ßen Arme den Fenſterrahmen, verbarg ihr Geſicht in den Haͤnden, und vergoß eine Flut von Thraͤ⸗ nen. So blieb ſie ganz in Gedanken verſunken, bis ſie an ihres Vaters und Kaspar's Stimme im naͤchſten Zimmer erkannte, daß die Geſellſchaft aus⸗ einander gegangen ſey, um ſich zur Ruhe zu bege⸗ ben. Das Licht, welches an einem Fenſter nach dem andern ſichtbar wurde, verrieth, daß man die * 121 die Prinzeſſin in ihre Zimmer fuͤhre, welche in dem andern Fluͤgel des Gaſthofes lagen, und ſie erkannte ganz deutlich die Geſtalt des Neffen, als dieſer vor einem der Fenſter voruͤberging. Sie ſtieß einen tiefen Seufzer aus, und war im Begriff, die Fenſterladen zu ſchließen, als ihre Aufmerkſamkeit durch ein Geſpraͤch erregt wurde, welches zwei Perſonen, die ſo eben um eine Ecke des Gebaͤudes gekommen waren, unter ihrem Fen⸗ ſter hielten. „Aber was wird aus der armen jungen Dame werden?“ ſagte eine Stimme, in welcher ſie die Dienſtmagd erkannte. Pah! die muß auch daran! erwiederte der alte Pietro. „Kann ſie denn aber nicht am Leben bleiben?“ fragte die Andere dringend;„ ſie iſt ſo gut.“ Cospetto, was iſt Dir in den Kopf gefahren? ſagte der Andere unwillig; willſt Du, daß wir uns die ganze Sache des albernen Maͤdchens willen ver— derben ſollen?— Die Sprechenden hatten ſich unter⸗ deß ſo weit von dem Fenſter entfernt, daß die Po⸗ lin nichts weiter hoͤren konnte. „Es lag in dieſem Bruchſtuͤcke einer Unterredung etwas ſehr Beunruhigendes. Bezog es ſich auf ſie? — und wenn dieß der Fall, was fuͤr eine Ge⸗ II. F 122 fahr war es, der man ſie entgehen laſſen ſollte? Sie war mehrere Male im Begriff, an ihres Va⸗ ters Thuͤr zu klopfen, um ihm zu ſagen, was ſie gehoͤrt hatte; ſie konnte ſich aber geirrt, ſie konnte nicht recht verſtanden haben; die Unterhaltung konnte ſich auf Jemand Anderes bezogen haben, und war auf jeden Fall zu unbeſtimmt, um zu irgend einem Schluſſe zu fuͤhren. Waͤhrend ſie ſich noch in die⸗ ſem Zuſtande der Unentſchloſſenheit befand, ward ſie durch ein leiſes Klopfen gegen die Taͤfelung an einer entfernten Ecke des Zimmers aufgeſchreckt. Als ſie das Licht in die Hoͤhe hielt, ſah ſie dort eine kleine Thuͤr, die ſie vorher nicht bemerkt hatte. Dieſe war von Innen verriegelt. Sie trat naͤher, fragte, wer da ſey, und hörte das Dienſtmaͤdchen antworten. Als ſie oͤffnete, ſtand das Maͤdchen bleich und athemlos vor ihr. Es war leiſe herein⸗ getreten, und legte den Finger an den Mund, zum Zeichen der Vorſicht und Verſchwiegenheit. „Fliehen Sie,“ ſagte es:„verlaſſen Sie au⸗ genblicklich dieß Haus, oder Sie ſind verloren!“ Die junge Dame verlangte, zitternd vor Schrek⸗ ken, eine Erklaͤrung. „Ich habe keine Zeit,“ erwiederte das Maͤd⸗ chen:„ich darf nicht— man wird mich vermiſſen, 7 — —jj.,— 123 wenn ich laͤnger hier verweile— fliehen Sie aber augenblicklich, oder Sie ſind verloren.“ Und ich ſoll meinen Vater zuruͤcklaſſen? „Wo iſt er?“ In dem Nebenzimmer. „So rufen Sie ihn herein, verlieren Sie aber keine Zeit.” Die junge Dame klopfte an die Thuͤr ihres Vaters. Er war noch nicht zu Bett gegangen. Sie ſtuͤrzte in ſein Zimmer, und erzaͤhlte ihm, welche furchtbare Warnung ſie ſo eben erhalten habe. Der Graf kam, von Kaspar begleitet, in ihr Zimmer. Seinen Fragen gelang es bald, aus den verlegenen Antworten des Maͤdchens die Wahrheit herauszubringen. Der Gaſthof war von Raͤubern umzingelt. Dieſe ſollten nach Mitternacht hereingefuͤhrt werden, wenn die Begleiter der Prin⸗ zeſſin und alle uͤbrige Reiſende ſchliefen, die dann eine leichte Beute werden mußten. „Aber wir koͤnnen den Gaſthof verrammeln und uns vertheidigen,“ ſagte der Graf. Wie wenn die Leute im Gaſthofe im Einver⸗ ſtaͤndniß mit den Banditen ſind? „Wie ſollen wir aber entrinnen? Koͤnnen wir nicht die Kutſche anſpannen laſſen und wegfahren?“ F 2 124 San Francesco, was ſoll das helfen? Damit man ſahe, daß der Plan verrathen iſt? Das wuͤrde die Naͤuber zur Wuth bringen, und machen, daß ſie ſogleich uͤber Sie herfielen. Sie wiſſen, welch' eine reiche Beute ihrer im Gaſthofe wartet, und werden ſie nicht leicht ſich entgehen laſſen. „Aber wie ſollen wir ſonſt wegkommen?“* Hinter dem Gaſthofe ſteht ein Pferd, ſagte das Maͤdchen: von dem ſo eben ein Menſch abgeſtie⸗ gen iſt, welcher hingeritten war, um noch einen Theil der Bande zu entbieten, der in einiger Entfernung von hier ſtand. „Ein Pferd? und es ſind unſer Drei!“ ſagte der Graf. Und die Spaniſche Prinzeſſin! rief die Tochter aͤngſtlich aus— wie kann man ſie aus der Gefahr retten? „Diavolo! was geht mich die an?“ ſagte das Naͤdchen in ploͤtzlicher Hitze.„Sie habe ich retten wollen, und Sie werden mich verrathen, und dann ſind wir Alle verloren! Horch!“ fuhr ſie fort:„ich werde gerufen— man wird mich entdecken— nur noch ein Wort. Dieſe Thuͤr fuͤhrt zu einer Treppe, und dieſe nach dem Hofe hinunter. Unter dem Wetterdache, am Ende des Hofes, iſt eine kleine Thuͤr, welche nach dem Felde fuͤhrt. Sie werden — —— 125 dort ein Pferd finden; ſetzen Sie ſich auf, nehmen Sie einen Umweg laͤngs dem Schatten der Felſen, welche Sie dort ſehen werden; reiten Sie vorſichtig und ruhig, bis Sie uͤber einen Bach gekommen ſind, und dort einen Weg finden, da, wo drei weiße Kreuze an einen Baum genagelt ſind; ſpornen Sie dann ihr Pferd und ſuchen Sie ſobald als moͤglich das Dorf zu erreichen— aber bedenken Sie, daß mein Leben in Ihren Haͤnden iſt— ſagen Sie nichts von dem, was Sie gehoͤrt oder geſehen ha⸗ ben, was auch in dieſem Gaſthofe vorgehen mag.“ Das Maͤdchen eilte davon. Eine kurze und lebhafte Berathung fand zwiſchen dem Grafen, ſei⸗ ner Tochter und dem alten Kaspar Statt. Die junge Dame ſchien alle Beſorgniß fuͤr ihr Leben, uͤber die Sorge fuͤr die Sicherheit der Prinzeſſin verloren zu haben. In ſelbſtiſchem Schweigen zu entfliehen und ſie ſo ermorden zu laſſen! Schon der Gedanke machte, daß ſie ein Schauer uͤber⸗ lief. Auch die Bravheit des Grafen ſtraͤubte ſich gegen den Gedanken. Er konnte ſich nicht dazu entſchließen, einen Haufen huͤlfloſer Reiſenden ſo im Stiche und in Unwiſſenheit uͤber die Gefahr, welche ihnen drohte, zu laſſen. „Was ſoll aber aus unſerer jungen Dame wer⸗ den,“ ſagte Kaspar:„wenn wir Laͤrm machen, und der 126 ganze Gaſthof in Bewegung geraͤth? Was kann ihr nicht im Handgemenge wiederfahren?“ Dieſe Aeußerung erregte das Vatergefuͤhl des Grafen: er blickte auf ſein liebliches, huͤlfloſes Kind, und zitterte bei dem Gedanken, daß ſie den Raͤu⸗ bern in die Haͤnde fallen koͤnnte. Die Tochter dachte indeſſen durchaus nicht an ſich ſelbſt.„Die Prinzeſſin! die Prinzeſſin! die Prinzeſſin muß von der Gefahr unterrichtet wer⸗ den, in der ſie ſchwebt. Ich bin bereit, ſie mit ihr zu theilen.“ Kaspar gab endlich mit dem Eifer eines treuen alten Dieners den Ausſchlag. Es war keine Zeit zu verlieren.— Das Erſte war, die junge Dame aus der Gefahr zu reißen.„Setzen Sie ſich auf das Pferd“, ſagte er zum Grafen:„nehmen Sie ſie hinter ſich und entfliehen Sie! Eilen Sie nach dem Dorfe, bringen Sie die Bewohner in Bewe⸗ gung, und ſchicken Sie uns Huͤlfe. Ich werde hier bleiben und die Prinzeſſin und ihre Leute auf⸗ ſtoͤren. Ich bin ein alter Soldat, und ich denke, wir werden die Belagerung ſo lange aushalten koͤn⸗ nen, bis Sie uns Huͤlfe ſenden.”“ Die Tochter wollte abermals darauf beſtehen, bei der Prinzeſſin zu bleiben. „Wozu?“ ſagte der alte Kaspar rauh.„Sie 127 koͤnnten uns doch nichts helfen, und wuͤrden uns im Wege ſeyn. Wir muͤßten dann nur fuͤr Sie bedacht ſeyn, ſtatt fuͤr uns ſelbſt ſorgen zu koͤnnen.“ Gegen dieſe Gruͤnde war nichts einzuwenden: der Graf nahm ſeine Piſtolen, gab ſeiner Tochter den Arm und ging nach der Treppe. Die junge Dame zoͤgerte, trat zuruͤck und ſagte mit ſtockender bewegter Stimme:—„Es iſt ein junger Cavalier bei der Prinzeſſin— ihr Neffe— er koͤnnte vielleicht”“— Ich verſtehe ſchon, gnaͤdiges Fraͤulein, erwie⸗ derte der alte Kaspar mit einem bedeutſamen Nik⸗ ken: mit meinem Willen ſoll thmn nicht ein Haar gekruͤmmt werden! Die junge Dame errötheie höhhr, als je: ſie hatte nicht geglaubt, daß der ſchlichte alte Bediente ſie ſo verſtehen wuͤrde. Das meine ich nicht, ſagte ſie zoͤgernd. Sie wuͤrde noch mehr hinzugefuͤgt, oder ſich auf eine Ekklaͤrung eingelaſſen haben, allein die Augenblicke waren koſtbar, und ihr Vater zog ſie hinweg. Sie gingen uͤber den Hof nach einem kleinen Pförtchen, wo das Pferd ſtand, das an einem Ring in der Mauer angebunden war. Der Graf ſtieg auf, nahm ſeine Tochter hinter ſich, und ſo ritten ſie ſo ſtill als moͤglich in der Richtung hin, welche das Maͤdchen ihnen angegeben hatte. Die A 128 Tochter warf noch manchen beſorgten und aͤngſtli⸗ chen Blick auf da de finſtere Gebaͤude zuruͤck. Die 8 Lichter, welche ſchwach durch die beſtaubten Fenſter ſchimmerten, verloren ſich nach einander, ein Zei⸗ chen, daß ſich im Hauſe Alles allmaͤhlig zur Ruhe begab, und ſie zitterte vor Angſt, daß die Huͤlfe erſt dann anlangen moͤchte, wenn jene Ruhe ſchon auf eine ſo nnchtöare Weiſe wuͤrde unterbrochen ſeyn. Schweigend und wohlbehalten ritten ſie an den Felſen hin, durch ihte hinuͤberragenden Schatten allen beobachtenden Augen entzogen. Sie gingen uͤber den Bach, und kamen an den Ort, wo die drei weißen, an den Baum genagelten Kreuze einen Mord bezeichneten, der einſt hier begangen worden war. Gerade als ſie dieſen verdaͤchtigen Platz er⸗ reicht hatten, ſahen ſie mehrere Leute, in der Dunkel⸗ heit einer klippigen Schlucht, von den Felſen herab⸗ kommen.. Wer dar rief eine Stimme. Der Graf gab ſeinem Pferde die Sporn, allein einer von den Leuten ſprang hervor, und ergriff das Pferd bei dem Zuͤgel. Dieß ward unruhig, trat zuruͤck und baͤumte ſich, und die junge Dame waͤre abgeworfen worden, haͤtte ſie ſich nicht an ihrem Vater feſt⸗ gehalten. Der Graf bog ſich vor, hielt dem Raͤu⸗ ber ein Piſtol dicht vor den Kopf und druͤckte ab. Der Raͤuber fiel todt nieder. Das Pferd machte einen Satz vorwaͤrts: zwei oder drei Schuͤſſe fielen, ſo daß die Kugeln den Fluͤchtigen um den Kopf pfiffen, und ſie zur Beſchleunigung ihrer Flucht an⸗ trieben. Sie erreichten wohlbehalten das Dorf. Der ganze Ort war bald in Bewegung, allein die Furcht vor den Banditen ſo groß, daß die Einwohner es nicht wagen wollten, ſich ihnen zu widerſetzen. Eine verzweifelte Bande hatte ſeit ei⸗ niger Zeit jenen Gebirgspaß unſiche gemacht, und man hatte ſchon lange den Verdacht gehegt, daß der Gaſthof einer jener furchtbaren Orte ſey, wohin man die argloſen Wanderer lockte und dann ſtill⸗ ſchweigend auf die Seite ſchaffte. Der koſtbare Schmuck, welchen die ſchlumpige Wirthin trug, hatte dringenden Verdacht erregt. Es hatten ſich ſchon mehrere Faͤlle zugetragen, daß kleine Ge⸗ ſellſchaften von Reiſenden auf eine geheimnißvolle Art auf dieſer Straße verſchwunden waren, von denen man geglaubt, daß die Raͤuber ſie hinwegge⸗ ſchleppt, um ein Loͤſegeld von ihnen zu erpreſſen, ohne daß man jedoch je wieder etwas von ih⸗ nen gehoͤrt haͤtte. Dieß waren die Nachrichten, die der Graf von einzelnen Dorfbewohnern ver⸗ nahm, als er ſie aufmuntern wollte, zur Rettung 129 4 * 130 der Prinzeſſin und ihres Gefolges aus ihrer gefaͤhr⸗ lichen Lage beizutragen. Die Tochter unterſtuͤtzte die Vorſtellungen ihres Vaters mit der ganzen Be⸗ redſamkeit ihrer Bitten, ihrer Thraͤnen und ihrer Schoͤnheit. Jeder verfloſſene Augenblick ſteigerte ihre Angſt, bis ſie zur Verzweiflung wurde. Gluͤck⸗ licherweiſe war ein Trupp Gendarmen in dem Dorfe fuͤr die Nacht einquartirt. Eine Anzahl der jungen Dorfbewohner erbot ſich, ſich an dieſe anzu⸗ ſchließen, und ſo ſetzte das kleine Heer ſich endlich in Bewegung. Als der Graf ſeine Tochter in Sicher⸗ heit gebracht, fuͤhlte er zu ſehr den Soldaten in ſich erwachen, als daß er nicht mit an den Ort der Gefahr haͤtte eilen ſollen. Die Beſorgniß der jungen Dame, waͤhrend ſie den Ausgang erwartete, gaͤßt ſich nicht ſchildern.. Die zu Huͤlfe Eilenden langten gerade zu rech⸗ ter Zeit bei dem Gaſthofe an. Die Raͤuber hat— ten, als ſie gefunden, daß ihre Plaͤne chtdeckt wor⸗ den, und die Reiſenden bereit waren, ſie zu em— pfangen, geradezu und mit großer Wuth angegrif: fen. Die Leute der Prinzeſſin hatten ſich in einer Reihe von Zimmern verſchanzt, und von Thuͤren und Fenſtern aus die Raͤuber abgewehrt. Kaspar hatte bei dieſer Gelegenheit die Erfahrung eines grauen Kriegers, und der Neffe der Prinzeſſin die glaͤnzende Tapferkeit eines jungen Soldaten an den Tag gelegt. Ihr Schießbedarf war indeſſen beinahe erſchoͤpft, und es wuͤrde ihnen ſchwer geworden ſeyn, ſich noch laͤnger zu halten, haͤtte ihnen nicht in dieſem Augenblick das Musketenfeuer der Gen⸗ darmen die gluͤckliche Kunde von der Ankunft der Unterſtuͤtzung gebracht. 1 Es entſpann ſich itzt ein hartnaͤckiges Gefecht, denn ein Theil der Raͤuber ward in dem Gaſthofe ſelbſt uͤberfallen, und mußte ſeinerſeits wiederum eine Belagerung aushalten, waͤhrend ihre Kamera⸗ den verzweifelte Verſuche machten, ihnen unter dem Schutze der benachbarten Felſen und Dickichte Bei⸗ ſtand zu leiſten. Ich kann Ihnen keine ganz genaue Auskunft uͤber das Gefecht geben, da ich es auf verſchiedene Art habe erzaͤhlen gehoͤrt. Genug, die Raͤuber wur⸗ den geſchlagen, mehrere von ihnen getoͤdtet, mehrere gefangen genommen, und dieſe Letzteren, ſo wie die Leute aus dem Gaſthofe, entweder hingerichtet oder auf die Galeeren geſchickt. Ich erhielt alle dieſe Nachrichten im Laufe ei⸗ ner Reiſe, welche ich einige Zeit, nachdem die Be⸗ gebenheit ſich zugetragen hatte, in dieſer Gegend machte. Ich kam bei dem Gaſthofe ſelbſt voruͤber. Er war niedergeriſſen bis auf einen Fluͤgel, in wel⸗ 132 chen ein Haufe Gendarmen einquartirt war. Dieſe zeigten mir noch die Loͤcher von den Kugeln, in den Fenſterrahmen, den Mauern und den Fuͤllungen der Thuͤren. Eine Menge verweſeter menſchlicher Glie⸗ der hing von den Zweigen eines benachbarten Baumes herab, und ſchwaͤrzte ſich an der Luft; man ſagte mir, es ſeyen die Glieder der Naͤu⸗ ber, welche geblieben, und der Verbrecher, wel⸗ che hingerichtet worden waͤren. Die ganze Gegend hatte ein trauriges, wildes, veroͤdetes Anſehen. „Blieben einige von den Leuten der Prinzeſ⸗ ſin?“ fragte der Englaͤnder. So viel ich mich erinnern kann, zwei oder drei. „Doch hoffentlich nicht der Neffe?“' ſagte die ſchoͤne Venetianerin. O nein: er eilte, in Geſellſchaft des Grafen, die Angſt der Tochter durch die Nachricht von dem Siege zu mildern. Die Kraft der Gefuͤhle der jungen Dame hatte ſie waͤhrend der Zwiſchenzeit der Spannung emporgehalten. In dem Augen⸗ blicke, wo ſie ihren Vater wohlbehalten wieder zu⸗ ruͤckkehren ſoh, von dem Neffen der Prinzeſſin be⸗ gleitet, ſtieß ſie einen Schrei des Entzuͤckens aus, und ſank in Ohnmacht. Gluͤcklicherweiſe erholte ſie ſich jedoch bald wieder, ja, was noch mehr iſt, ſie ver⸗ 4 heirathete ſich kurz darauf mit dem jungen Cavalier, und die ganze Geſellſchaft begleitete die Prinzeſſin auf ihrer Wallfahrt nach Loretto, wo man ihre Weihgeſchenke noch in der Schatzkammer der Santa. Caſa ſehen kann. Es wuͤrde ermuͤdend ſeyn, die Unterhaltung in ihrem unregelmaͤßigen Laufe zu verfolgen, wie ſie ſich durch ein Labyrinth von Geſchichten dieſer Art hindurchwand, bis ſie von zwei andern Reiſenden aufgenommen wurde, welche unter der Bedeckung des Procaccio gekommen waren, Hrn. Hobbs und Hrn. Dobbs, einem Ellen⸗ und einem Victualien⸗ haͤndler, welche ſo eben von einem Durchfluge durch Griechenland und Palaͤſtina zuruͤckgekehrt waren. Dieſe waren noch ganz voll von der Geſchichte des Alderman Popkins. Sie waren erſtaunt, daß die Raͤuber es wagen koͤnnten, einen Mann zu be⸗ helligen, der ſo viel an der Boͤrſe gelte, der ein bedeutender Haͤndler aus Trogmorton⸗Street*) und eine Magiſtratsperſon obenein war. In der That aber war die Geſchichte von der Fa⸗ *) Eine Straße, die, in gleicher Linie mit dem nördli⸗ chen Flügel der Bank, von Oſten nach Weſten geht. Ueberſ. 134 milie Popkins nur mehr als zu wahr. Zu viele von den Gegenwaͤrtigen bezeugten ſie, als daß man einen Augenblick daran haͤtte zweifeln ſollen, und der Englaͤnder konnte aus den theils widerſprechenden, theils uͤbereinſtimmenden Ausſagen eines halben Dutzends von Leuten, von denen Jeder gleich begierig war, ſie zu erzaͤhlen und wobei Alle zu gleicher Zeit rede⸗ ten, ungefaͤhr Folgendes herausbringen. Das Abenteuer der Familie Popkins. Der Wagen des Alderman Popkins war nur vor wenigen Tagen bei dem Gaſthauſe in Terracina vorgefahren. Wer eine Engliſche Familienkutſche auf dem feſten Lande ankommen geſehen hat, wird auch wiſſen, welches Aufſehen ſie erregt. Sie iſt ein lebendiger Abriß von England, ein kleines Stuͤck der alten Inſel, welches durch die Welt dahinrollt. Alles daran iſt feſt, nett, ſauber und paßt. Die Raͤder bewegen ſich um Patent-⸗Axen ohne Knar⸗ ren. Der Kaſten haͤngt vortrefflich in Federn, die jeder ſeiner Bewegungen nachgeben und ihn doch vor jedem unſanften Stoße ſchuͤtzen: aus den Wagenfenſtern gucken bluͤhende Geſichter, welche zuweilen einem ſtattlichen Buͤrger zuweilen ei⸗ ner umfangreichen alten Dame, zuweilen einem ſchonen, friſchen jungen Maͤdchen angehören, das ſo eben aus der Koſtſchule gekommen iſt. Und dann iſt der Schwebeſitz mit wohlgekleideten, mit Rind⸗ fleiſch wohl genaͤhrten, feiſten Bedienten beladen, die von ihrer Hoͤhe auf die ganze Welt mit Ver⸗ achtung herabſehen, nicht ein Wort von dem Lande oder dem Volke wiſſen, und feſt uͤberzeugt ſind, daß Alles, was nicht Engliſch iſt, ſchlecht ſeyn muß. So ſah die Kutſche des Alderman Popkins aus, als ſie in Terracina einfuhr. Der Kourier, der vorausgekommen war, um Pferde zu beſtellen, und der ein Neapolitaner war, hatte Wunderdinge von dem Reichthum und der Groͤße ſeines Herrn er— zaͤhlt, und mit der lebhaften Einbildungskraft eines Italiaͤners dem Alderman Titel und Wuͤrden ver⸗ liehen, und der Wirth ſeine gewöhnliche Zugabe von Uebertreibung hinzugefuͤgt, ſo daß, als der Alder⸗ man einfuhr, er zu einem Milor— Magnifico— Principe und Gott weiß, zu was ſonſt noch, ge⸗ worden war!. Man gab dem Alderman den Rath, eine Be⸗ deckung nach Fondi und Itri mitzunehmen, allein er weigerte ſich, es zu thun. Es ſolle Dem das Leben koſten, der ihn auf der Landſtraße beraube: er wuͤrde ſich daruͤber bei dem Geſandten in Nea⸗ 136 pel beklagen, er wolle die Sache zu einer National⸗ Angelegenheit machen. Die Principessa Popkins, eine friſche Dame im Matronenalter, ſchien, un⸗ ter dem Schutze ihres Gatten, eines ſo allmaͤch⸗ tigen Mannes in der City, ſich vollkommen ſicher zu fuͤhlen. Die Signorine Popkins, zwei huͤbſche, friſche Maͤdchen, verließen ſich auf ihren Bruder Tom, der Unterricht im Boxen genommen hatte, und der junge Stutzer ſelbſt ſchwor, daß kein Narr von Italiaͤniſchem Raͤuber es wagen wuͤrde, ſich mit einem Engliſchen Gentleman zu meſſen. Der Wirth zuckte die Achſeln, hielt die Handflaͤ⸗ chen mit einer wahrhaft Italiaͤniſchen Gebaͤrde in die Hoͤhe, und Milor Popkins' Wagen rollte dahin. Sie kamen durch mehrere ſehr verdaͤchtig ausſe⸗ hende Orte, ohne daß ihnen etwas widerfahren waͤre. Die Miſſes Popkins, welche ſehr roman⸗ tiſch waren, und das Zeichnen mit Waſſerfarben gelernt hatten, waren uͤber die wilde Gegend um— her in Entzuͤcken: es ſah dem ſo aͤhnlich, was ſie in Miß Raodcliffe's Romanen geleſen hatten: ſie haͤtten ſo gern einige Anſichten aufgenommen. End⸗ lich kam der Wagen an eine Stelle, wo die Straße ſich um einen langen Huͤgel hinbog. Miſtreß Pop⸗ kins war eingeſchlafen, die jungen Damen waren ganz in die„Liebe der Engel“*) perſunken, und der Stutzer las dem Poſtillon von dem Kutſch⸗ bocke den Text. Der Alderman ſtieg aus, um, wie er ſagte, ſich die Beine etwas zu vertreten, und den Huͤgel hinanzuſteigen. Es war ein langer, ſich kruͤmmender Abhang, ſo daß er dann und wann ſtehen bleiben mußte, ſich zu verſchnaufen und ſich den Schweiß von der Stirn zu wiſchen, wobei er manches Piſch und Puh hoͤren ließ, da er etwas engbruͤſtig und kurzathmig war. Da indeſſen der Wagen noch weit hinter ihm war, und ſich unter der Laſt ſo mancher wohlgefuͤllter Koffer und wohl⸗ genaͤhrter Reiſender nur langſam vorwaͤrts bewegte, ſo hatte er Zeit genug fuͤr ſeinen Spazirgang. Auf einer vorſpringenden Felsſpitze, welche uͤber die Straße hinuͤberragte, am Gipfel des Hhuͤgels, gerade da, wo der Weg wieder anfing bergab zu gehen, ſah er einen Mann ſitzen, welcher Ziegen zu huͤten ſchien. Alderman Popkins gehoͤrte zu den gewiegten Reiſenden, welche gern allerhand Nachrichten auf der Landſtraße einziehen, und ſo nahm er ſich vor, zu dem ehrlichen Mann hinauf zuklimmen, und etwas mit ihm zu ſchwatzen, um ——O—O/q—— *) Eines der neueſten Gedichte des geiſtreichen Th. Movre. Ueberſ. 138 Neuigkeiten zu hoͤren, und eine Lection im Ita⸗ liaͤniſchen zu nehmen. Als er dem Manne naͤher kam, gefielen ihm indeß ſeine Blicke gar nicht. Er hatte ſich halb an den Felſen gelehnt und war in den gewoͤhn⸗ lichen langen Mantel gehuͤllt, ſo daß man, zuſam⸗ mengenommen mit dem, was der heruntergeklappte Hut verbarg, nur einen Theil des ſchwaͤrzlichen Geſichts, ein blitzendes, ſchwarzes Auge, die buſchi⸗ gen Augenbraunen und einen gewaltigen Schnur⸗ bart ſehen konnte. Er hatte auch mehrere Male ſeinem Hunde gepfiffen, der am Abhange des Huͤ⸗ gels herumlief. Als der Alderman ſich naͤherte, er⸗ hob er ſich und gruͤßte ihn, und wie er nun ſo aufrecht daſtand, ſchien er, wenigſtens in Alderman Pop⸗ kins' Augen, Rieſengroͤße zu haben, der indeß, da er ſelbſt nur klein war, ſich wohl geirrt haben konnte. Dieſer waͤre gern wieder in der Kutſche, oder gar auf der Boͤrſe in London geweſen, denn die Geſellſchaft, worin er ſich befand, gefiel ihm kei⸗ nesweges. Er entſchloß ſich indeſſen, gute Miene zum böſen Spiel zu machen, und fing ſo eben eine Unterhaltung uͤber das Wetter, die ſchlechte Ernte und den Preis der Ziegen in dieſem Theile des Landes an, als er ein gewaltiges Geſchrei hoͤrte. Er lief an den Rand des Felſens hin, blickte hin⸗ ¹ 2 139 uͤber, und ſah ſeinen Wagen von Raͤubern umgeben. Einer hielt den fetten Bedienten feſt, ein zweiter hatte den Stutzer bei ſeiner geſteiften Halsbinde, und hielt ihm ein Piſtol vor den Kopf, die bei⸗ den Miſſes Popkins kreiſchten aus beiden Wagen⸗ fenſtern, und ihre Kammerjungfer wehklagte vom Schwebeſitz herunter. Alderman Popkins fuͤhlte den ganzen Zorn ei⸗ nes Vaters und einer Magiſtratsperſon in ſich er⸗ wachen. Er faßte ſein Spaniſches Rohr feſter, und war im Begriff, den Felſen hinabzuklimmen, um entweder auf die Raͤuber einzuhauen, oder die Aufruhrakte zu verleſen, als er ſich ploͤtzlich bei dem Arm ergriffen fuͤhlte. Dieß geſchah von ſei⸗ nem Freunde, dem Ziegenhirten, deſſen Mantel in dieſem Augenblicke auseinander fiel, und einen Guͤrtel mit Piſtolen und Stiletten beſpickt ſehen ließ. Kurz, er befand ſich in den Klauen des Haupt⸗ manns der Bande, der auf dem Felſen Platz ge⸗ nommen hatte, um nach Reiſenden auszuſehen und ſeine Leute davon zu benachrichtigen. Itzt begann eine gewaltige Pluͤnderung. Die Koffer wurden umgekehrt, und die ſaͤmmtlichen Herrlichkeiten und der Putzkram der Familie Pop⸗ kins auf die Landſtraße verſtreut. Da gab es ein Chaos von Venetianiſchen Korallen und Roͤmiſchen 140 Moſaiken und Pariſer Hauben, welche den jungen Damen gehoͤrten, und dazwiſchen die Nachtmuͤtzen und baumwollenen Struͤmpfe des Alderman, und die Haarbuͤrſten, Schnuͤrleiber und geſteiften Hals⸗ binden des Stutzers. Die Herren wurden ihrer Boͤrſen und Uhren, die Damen ihrer Juwelen entledigt, und die Raͤuber waren im Begriff, die ganze Geſellſchaft in die Berge zu ſchleppen, als gluͤcklicherweiſe die Er⸗ ſcheinung von Soldaten in der Entfernung ſie noͤthigte, mit ihrer Beute ſich davon zu machen, und es der Familie Popkins zu uͤberlaſſen, die Ueberbleibſel ihres Eigenthums zuſammen zu ſuchen, und ſich auf den Weg nach Fondi zu begeben. Als ſie dort angekommen waren, machte der Alder⸗ man einen fuͤrchterlichen Laͤrm in dem Gaſthofe, droh⸗ te, bei dem Geſandten in Neapel Klage anzuſtellen, und wollte das ganze Land mit dem Stocke zuͤch⸗ tigen. Der Stutzer erzaͤhlte ſehr viel von ſeinem Kampfe mit den Landſtreichern, die ihn nur durch ihre Mehrzahl uͤberwaͤltigt haͤtten. Was die Miſſes Popkins betraf, ſo waren dieſe uͤber das Abenteuer ganz in Entzuͤcken, und den ganzen Abend damit be⸗ ſchaͤftigt, es in ihre Tagebuͤcher einzutragen. Sie behaupteten, der Hauptmann der Bande ſey ein doͤchſt romantiſch ausſehender Mann, und meinten, 141 er moͤge wohl ein ungluͤcklicher Liebhaber oder ein verbannter Edler ſeyn, und Mehrere von der Bande waͤren ſehr huͤbſche junge Leute— ordent⸗ lich maleriſch! „In der That,“ verſetzte der Wirth von Terra⸗ cina:„ſagt man, der Hauptmann der Bande ſey un galant' uomo.“ 3 Ein galanter Mann,*) ſagte der Englaͤnder veraͤchtlich: den ich wie einen Hund aufhaͤngen laſ⸗ ſen wuͤrde! Englaͤndern ſo etwas zu bieten! ſagte Herr Hobbs. Und einer ſolchen Familie, wie die Popkins! ſagte Hr. Dobbs. Die Grafſchaft muͤßte angehalten werden, Scha⸗ denerſatz zu leiſten! ſagte Hr. Hobbs. Unſer Geſandter ſollte ſich bei der Neapolitani⸗ ſchen Regierung beklagen! ſagte Hr. Dobbs. Sie muͤßten alle ſolche Schufte aus dem Lande jagen! ſagte Hobbs. Ja, und wenn ſie es nicht thaͤten, ſo ſollten wir ihnen den Krieg erklären, ſagte Dobbs. —— *) Ich weiß nicht, in welchem Sinne das Wort hier ge⸗ nommen iſt, denn gallant bedeutet auch tapfer: ich glaubte aber das Wortſpiel hier nicht unterdrücken zu müſſen. Ueberſ. 142 Hm! dummes Zeug! brummte der Englaͤnder bei ſich ſelbſt, und ging weg. Den Englaͤnder hatte dieſe Geſchichte und der uͤbertriebene Eifer ſeiner Landsleute etwas zu lang⸗ weilen angefangen, und er war froh, als die Auf⸗ forderung zum Abendeſſen ihn von den uͤbrigen Rei⸗ ſenden erloͤſ'te. Er ging mit ſeinen Venetianiſchen Freunden und einem jungen Franzoſen von ſehr ein⸗ nehmendem Betragen, der ſich im Laufe der Unter⸗ haltung an ſie angeſchloſſen hatte, hinaus. Sie nahmen ihren Weg nach dem Meere, das von dem aufgehenden Monde beleuchtet wurde. Als ſie ſo an dem Ufer hinwandelten, kamen ſie an einen Ort, wo ein Haufen von Soldaten einen Kreis bildete. Sie bewachten eine Anzahl von Galeeren⸗Sklaven, die ſich in der Abendkuͤh⸗ lung erfriſchen, und ſich auf dem Sande umher⸗ treiben und waͤlzen durften.— Der Franzoſe blieb ſtehen, und wies auf den Haufen von Elenden, die bei ihren Spielen be⸗ ſchaͤftigt waren.„Es iſt ſchwer,“ ſagte er:„ſich eine furchtbarere Maſſe von Verbrechen zu denken, als man hier vor ſich ſieht. Viele von dieſen Leu⸗ ten ſind wahrſcheinlich Raͤuber geweſen, ſo wie Sie ſie beſchreiben gehoͤrt haben. Dieß iſt nur zu oft die Laufbahn des Verbrechers in dieſem Lande. Der Vater⸗, der Mutter⸗, der Kindermoͤrder, der Uebelthaͤter jeder Art flieht vor der Gerechtigkeit, und wird ein Berg⸗Bandit. Iſt er dieſer Lebensart voll Gefahr muͤde, ſo wird er zum Verraͤther an ſeinen Gefaͤhrten, uͤberliefert ſie der Gerechtigkeit, er⸗ kauft ſich ſo eine Verwandlung ſeines Urtheils aus dem Tode in die Galeerenſtrafe, und iſt gluͤcklich im Genuſſe des Vorrechts, ſich eine Stunde in dieſem Zuſtande rein thieriſchen Genuſſes am Strande umherwaͤlzen zu koͤnnen.“ Die ſchoͤne Venetianerin ſchauderte, als ſie ei⸗ nen Blick auf die Heerde von Elenden warf, die hier bei ihrer Abendbeluſtigung verſammelt waren. „ Sie erſchienen ihr,“ ſagte ſie:„wie Schlangen, welche ſich durcheinander waͤnden.“ Und doch machte der Gedanke, daß Einige von ihnen Raͤuber, dieſe furchtbaren Weſen, welche ewig ihrer Eilbil⸗ dungskraft vorſchwebten, geweſen waren, daß ſie noch einen ſcheuen Blick auf ſie walf, ſo wie wir ein gewaltiges Raubthier mit einer gewiſſen Furcht und Schrecken betrachten, ſelbſt wenn es in einen Kaͤfig eingeſperrt iſt und an der Kette liegt. Die Unterhaltung wandte ſich wiederum auf die Erzaͤhlungen von Banditen, welche man im 144 Gaſthofe gehoͤrt hatte. Der Englaͤnder behauptete, daß einige davon reine Erfindungen, andere aber 4* Uebertreibungen waͤren. Was die Geſchichte des Iuprooiſakore betraf, ſo erklaͤrte er ſie geradezu fuͤr einen Roman, der nur in dem Gehirn des Er⸗ zaͤhlers entſprungen ſey. „Und doch,“ ſagte der Franzoſe:„liegt etwas Romanhaftes in dem wirklichen Leben dieſer Weſen, und in dem Lande, welches ſie unſicher machen, ſo daß man nicht wohl beſtimmen kann, was man, auf den Grund der Unwahrſcheinlichkeit hin, verwerfen ſoll. Mir ſelbſt iſt ein Abenteuer begegnet, das mir Gelegenheit verſchafft hat, ihre Sitten und Gebraͤuche etwas naͤher kennen zu lernen, und ich habe dieſe gaͤnzlich außerhalb der gewoͤhnlichen Weiſe des Lebens gefunden.. Es lag ein Gemiſch von Offenheit und Beſchei⸗ denheit in der Art des Franzoſen, welches die ganze Geſellſchaft, ſelbſt den Englaͤnder nicht ausgenom⸗ men, gewonnen hatte. Alle fragten begierig nach den genaueren Umſtaͤnden der Begebenheit, auf welche er angeſpielt hatte, und waͤhrend ſie langſam am Meeresſtrande auf und nieder gingen, erzaͤhlte er folgendes Abenteuer. Das Das Abenteuer des Malers. Ich bin, meines Gewerbes, ein Geſchichtsma⸗ ler, und lebte eine Zeitlang in der Familie eines 8 fremden Fuͤrſten auf ſeiner Villa, welche ungefaͤhr funfzehn Meilen von Rom in einer der anziehend⸗ ſten Gegenden Italien's lag. Sie iſt auf den Hoͤ⸗ hen des alten Tusculum belegen. In der Naͤhe ſieht man die Truͤmmer der Villen des Cicero, Sylla, Lucilius, Rufinus und anderer beruͤhmter Roͤmer, welche hier von Zeit zu Zeit nach ihren Anſtrengungen, im Schoße einer ſanften und uͤppi⸗ gen Ruhe Erholung ſuchten. Mitten aus herrli— chen Laubengaͤngen, welche die reine Bergluft er⸗ friſcht, ſtreift das Auge uͤber eine romantiſche Ge⸗ gend, voll von dichteriſchen und geſchichtlichen Er⸗ innerungen, hin: die Albaniſchen Gebirge, Tivoltit, einſt der Lieblingsſitz des Horaz und Maͤcenas, die große, oͤde, traurige Campagna mit dem Tiber, der ſich durch ſie hinſchlaͤngelt, und der Dom St. Pe⸗ ter's, welcher ſich, wie ein Denkmal auf dem Grabe des alten Rom, mitten daraus erhebt! Ich unterſtuͤtzte den Fuͤrſten bei den Nachfor⸗ ſchungen, die er unter den klaſſiſchen Truͤmmern in der Gegend anſtellte. Seine Bemuͤhungen wa⸗ ren ſehr erfolgreich. Viele Ueberbleibſel bewunde⸗ 11. G 4 146 rungswuͤrdiger Statuen und Bruchſtuͤcke ausgezeich⸗ neter Bildhauerarbeit wurden hier ausgegraben, Denkmaͤler des Geſchmacks und der Pracht, welche einſt in den alten Tuskulaniſchen Wohnſitzen geherrſcht hatten. Seine Villa und deren Umgebungen wa⸗ ren mit Statuen, Reliefs, Vaſen und Sarkopha⸗ gen verziert, die man ſo dem Schoße der Erde entriſſen hatte. Die Lebensart, welche man auf der Villa fuͤhrte, war ungemein heiter, und erhielt durch anziehende Be⸗ ſchaͤftigungen und eine mit Geſchmack ausgefuͤllte Muße die angenehmſte Abwechſelung. Jeder brachte ſeinen Tag zu, wie es ſeinem Vergnuͤgen oder ſeinen Beſchaͤf⸗ tigung gemaͤß war, und wir Alle vereinigten uns zu einem froͤhlichen Mittagseſſen um Sonnenuntergang. Es war am vierten November, einem herrlichen, heiteren Tage, wo wir uns auf das erſte Laͤuten der Mittagsglocke in dem Speiſeſaale verſammelt hatten. Das Ausbleiben des Beichtvaters des Fuͤr⸗ ſten uͤberraſchte die Familie. Man wartete verge⸗ bens auf ihn, und ſetzte ſich endlich zu Tiſche. Man ſchrieb Anfangs ſeine Abweſenheit dem Umſtande zu, daß er ſeinen gewoͤhnlichen Spazirgang wei⸗ ter ausgedehnt, und der Anfang des Mittags⸗ mahles ward ohne Beſorgniß eingenommen. Als der Nachtiſch aufgetragen wurde, ohne daß er er⸗ * 147 hnsn waͤre, wurde man aber wirklich unruhig. Man fuͤrchtete, er möchte in irgend einem Abweg im Gehölz krank geworden, oder den Raͤubern in die Haͤnde gefallen ſeyn. Nicht weit von der Villa und nur durch ein kleines Thal bavon geſchieden, erhoben ſich die Berge der Abruzzen, die Schlupf⸗ winkel der Banditen; auch hatten dieſe die Gegend ſchon ſeit einiger Zeit unſicher gemacht, und man hatte den Barbone, einen beruͤchtigten Banditen⸗An⸗ fuͤhrer, ſehr oft in der einſamen Gegend von Tuscu⸗ lum umherſchleichen ſehen. Die verwegenen Unter⸗ nehmungen dieſer Boͤſewichter waren wohl bekannt, und die Hegenſtaͤnde ihrer Raubſucht oder Rache in den eigenen Pallaͤſten nicht ſicher. Bis itzt waren die Beſitzungen des Fuͤrſten noch verſchont geblieben, aber der Gedanke, daß ſo gefaͤhrliche Weſen in der Gegend umherſchwaͤrmten, war ſchon hinlaͤnglich, Unruhe zu erwecken. Die Beſorgniſſe der Geſellſchaft wuchſen, als der Abend herankam. Der Fuͤrſt befahl, daß Wild⸗ huͤter und Bedienten mit Fackeln, Nachſuchungen nach dem Beichtvater anſtellen ſollten. Sie waren noch nicht lange fort, als man ein leiſes Geraͤuſch in dem Gange des Erdgeſchoſſes vernahm. Die Familie ſpeiſete in dem erſten Geſchoß, und die uͤbrigen Dienſtboten waren mit der Aufwartung be⸗ G 2 * 148 ſchaͤftigt. Es war in dieſem Augenblicke Niemand im Erdgeſchoß, als die Haushaͤlterin, die Waͤſche⸗ rin und drei Arbeiter, welche ſich ausruhten und mit den Frauen ſprachen. Ich hoͤrte das Geraͤuſch von unten herauf, und da ich glaubte, daß die Ruͤckkehr des Abweſenden daſſelbe verurſache, ſo verließ ich den Tiſch und eilte die Treppe hinunter, um Nachricht zu erhal⸗ ten und dadurch die Beſorgniß des Fuͤrſten und der Fuͤrſtin zu verſcheuchen. Kaum befand ich mich auf der letzten Stufe, als ich einen, wie einen Banditen gekleideten Menſchen vor mir ſtehen ſah, der einen Karabiner in der Hand hatte und ein Stilet und Piſtolen im Guͤrtel trug. In ſeinen Zuͤgen lag ein Gemiſch von Wildheit und Freude; er ſprang auf mich zuͦ und rief triumphirend aus: Quello à il Principe!*) Ich ſah ſogleich, wem ich in die Haͤnde gefal⸗ len war, bemuͤhte mich aber, Kaͤlte und Geiſtesge⸗ genwart zu behalten. Ein Blick nach dem untern Ende des Ganges verrieth mir, daß dort mehrere Boͤſewichter ſtaͤnden, welche auf eben die Art ge⸗ kleidet und bewaffnet waren wie der, welcher mich ²) Das iſt der Fürſt: Ueberſ. 149 ergriffen hatte. Sie bewachten die beiden Frauen und die Feldarbeiter. Der Raͤuber, der mich feſt bei dem Kragen gepackt hielt, fragte mich zu wie⸗ derholten Malen, ob ich der Fuͤrſt ſey, oder nicht; ſeine Abſicht war offenbar, den Fuͤrſten hinwegzu⸗ ſchleppen und ein ungeheures Loͤſegeld zu erpreſſen. Er war wuͤthend daruͤber, daß er nur unbeſtimmte Antworten erhielt, denn ich fuͤhlte, wie wichtig es ſey, ihn irre zu leiten. Auf einmal kam mir ein Gedanke ein, wie ich mich aus ſeinen Klauen befreien koͤnnte. Ich war zwar unbewaffnet, aber ſehr kraͤftig. Seine Gefaͤhrten waren entfernt. Durch eine ploͤtzliche Anſtrengung konnte ich mich von ihm losreißen und die Treppe hinaufſpringen, wohin der Einzelne mir nicht zu folgen gewagt haben wuͤrde. Kaum hatte ich dieſen Gedanken gefaßt, als ich auch ſchon zur Ausfuͤhrung ſchritt. Des Boͤſewichts Hals war bloß: mit der rechten Hand packte ich ihn da⸗ bei, und mit der linken ergriff ich den Arm, worin er den Karabiner hielt. Er war auf dieſen ploͤtzli⸗ chen Angriff nicht vorbereitet, und mein gewaltiger Griff laͤhmte ſeine Kraͤfte. Er röͤchelte und tau⸗ melte. Schon fuͤhlte ich, wie ſeine Hand losließ, und war im Begriff, mich durch einen Sprung 150— von ihm zu befreien und die Treppe hinauf zu fliegen, ehe er ſich wieder erholen konnte, als mich ploͤtzlich Jemand von hinten ergriff. Itzt mußte ich meinen Fang loslaſſen. Der Bandit, der ſich wieder befreit ſah, fiel mit Wuth uͤber mich her, und verſetzte mir mehrere Schlaͤge mit dem Kolben ſeines Karabiners, von denen der eine mich bedeutend an der Stirn verwundete, ſo daß ich mit Blut bedeckt ward. Er benutzte meine Betaͤubung, mir meine Uhr und was ich noch ſonſt von Werth an mir trug, zu rauben. Als ich mich von dem Schlage wieder erholt hatte, hoͤrte ich die Stimme des Anfuͤhrers der Banditen, welcher ausrief:„Quello è il Principe; siamo contenti: andiamo!**) Die Bande umringte mich ſogleich, ſchleppte mich aus dem Pallaſt, und nahm die drei Arbeiter ebenfalls mit. Ich hatte keinen Hut auf dem Kopfe und das Blut floß aus meiner Wunde; ich ſuchte es indeſ⸗ ſen, vermittelſt meines Taſchentuches, zu ſtillen, das ich mir um die Stirn band. Der Hauptmann der Bande fuͤhrte mich im Triumph davon, da er glaubte, ich ſey der Fuͤrſt. Wir waren ſchon ziem— lich weit entfernt, als einer der Arbeiter ihn uͤber *) Das iſt der Fürſt; das iſt genug; fort! Ueberſ. —— —— 151 ſeinen Irrthum belehrte. Seine Wuth war graͤn⸗ zenlos. Es war zu ſpaͤt, nach der Villa zu⸗ ruͤckzukehren, und den Irrthum wieder gut zu machen, denn itzt mußte ſchon Laͤrm gemacht wor⸗ den und Jedermann bewaffnet ſeyn. Er warf mir einen wuͤthenden Blick zu— ſchwor, daß ich ihn betrogen haͤtte, und Schuld daran waͤre, daß er ſeinen Streich verfehlt— und befahl mir, mich zum Tode vorzubereiten. Die uͤbrigen Raͤuber wa⸗ ren eben ſo wuͤthend. Ich ſah, wie ſie die Hand an ihre Dolche legten, und ich wußte, daß der Tod keine leere Drohung bei dieſen Boͤſewichtern ſey. Die Arbeiter ſahen die Gefahr, worin ihre Beleh⸗ rung mich geſtuͤrzt hatte, und verſicherten angele⸗ gentlich den Hauptmann, daß ich ein Mann ſey, fuͤr den der Fuͤrſt gern ein großes Loͤſegeld zahlen wuͤrde. Dieß brachte eine Unterbrechung hervor. Ich, meines Theils, kann nicht ſagen, daß mich ihre Drohungen ſehr geſchreckt haͤtten. Ich will mich mit meinem Muthe nicht bruͤſten; allein ich bin waͤhrend der letzten Unruhen ſo ſehr an Unfaͤlle gewoͤhnt worden, ich habe den Tod bei ſo man⸗ chen gefahrvollen und furchtbaren Auftritten in der Naͤhe geſehen, daß ich gewiſſermaßen gegen ſeine Schrecken unempfindlich geworden bin. Haͤu⸗ ſige Lebensgefahr macht den Menſchen am Ende ſo 152 gleichguͤltig dagegen, wie ein Spieler es gegen das Geld iſt. Auf die Todesdrohung der Raͤuber erwiederte ich: daß, je eher ſie in Erfuͤllung gehe, deſto beſſer wuͤrde es ſeyn. Dieſe Antwort ſchien den Hauptmann in Erſtaunen zu ſetzen, und die Ausſicht auf das Loͤſegeld, welche die Aeußerung der Arbeiter ihm eroͤffnete, hatte ohne Zweifel einen noch groͤßern Eindruck auf ihn gemacht. Er dachte einen Augen⸗ blick nach, nahm ein ruhigeres Weſen an, und gab ſeinen Gefaͤhrten, die nur darauf gewartet hatten, mein Todesurtheil ausſprechen zu hoͤren, ein Zei⸗ chen.„Vorwaͤrts,“ ſagte er:„wir wollen uns die Sache uͤberlegen!“ Wir eilten itzt ſchnell die Straße von La Mo: lara hinunter, welche nach Rocca Priori fuͤhrt. Mitten auf dieſer Straße liegt ein einſames Gaſt⸗ haus. Der Hauptmann befahl dem Haufen, auf Piſtolenſchußweite davon Halt zu machen, und ge⸗ bot tiefes Stillſchweigen. Er naͤherte ſich der Thuͤr, allein und mit geraͤuſchloſem Schritt; nachdem er die Außenſeite derſelben genau unterſucht, kehrte er eilig zuruͤck, und gab dem Haufen ein Zei⸗ chen, den Marſch ſtillſchweigend fortzuſetzen. Es hat ſich ſeitdem ergeben, daß dieß eines jener ſchaͤnd⸗ lichen Wirthshaͤuſer war, wo die Banditen insge⸗ heim zuſammenkommen. Der Gaſtwirth hatte ein 153 Verſtaͤndniß mit dem Hauptmann, ſo wie hoͤchſt wahrſcheinlich auch mit den Anfuͤhrern der uͤbrigen Banden. Wenn Patrouillen oder Gendarmen in ſeinem Hauſe waren, ſo verkuͤndigte ein verabrede⸗ tes Zeichen außen an der Thuͤr dieß den Raͤubern; war kein ſolches Zeichen da, ſo konnten ſie ſicher hereinkommen und auf guten Empfang rechnen. Nachdem wir unſern Weg etwas weiter ver⸗ folgt, lenkten wir nach der Gegend der bewaldeten Berge ab, welche Rocca Priori umgeben. Unſer Mearſch war lang und beſchwerlich; wir machten manche Umwege und Kruͤmmungen; endlich erklom⸗ men wir einen ſteilen Abhang, den ein dicker Wald bedeckte, und als wir die Mitte erreicht hatten, ward mir angedeutet, mich auf den Boden nieder zu ſetzen. Kaum hatte ich dieß gethan, als die Raͤuber auf ein, von dem Haͤuptling gegebenes Zei⸗ chen, mich umringten, ihre großen Maͤntel an ein⸗ ander hielten, und ſo eine Art von Zelt bildeten, wozu ihre Koͤrper die Saͤulen waren. Der Haupt⸗ mann ſchlug nun Licht an, und ſogleich ward eine Fackel angezuͤndet. Die Maͤntel wurden ausge⸗ ſpannt, damit das Licht der Fackel nicht im Walde geſehen wuͤrde. So aͤngſtlich auch meine Lage war, ſo konnte ich doch dieſen Schirm von dunkelem Zeuge 3 O— gegen den die glaͤnzenden Farben der Kleider der 154 Raͤuber, ihre blinkenden Waffen und die Verſchie⸗ denheit in ihren ſcharfgezeichneten Geſichtern, von der Fackel beleuchtet, einen grellen Abſtich bildeten— nicht anſehen, ohne die maleriſche Wirkung dieſes Auftritts zu bewundern. Sie war wahrhaft theatraliſch. Der Hauptmann hielt nun ein Dintefaß, gab mir Feder und Papier und befahl mir, zu ſchrei⸗ ben, was er mir vorſagen wuͤrde. Ich gehorchte. Es war eine Forderung ganz im Stile der Raͤuber⸗ beredſamkeit,„daß der Fuͤrſt dreitauſend Seudi als Loͤſegeld fuͤr mich ſenden ſolle, und daß jede Wei⸗ gerung meinen Tod nach ſich ziehen wuͤrde.“ Ich kannte die entſchloſſene Gemuͤthsart dieſer Leute zu gut, um nicht uͤberzeugt zu ſeyn, daß dieß keine leere Drohung ſey. Ihre einzige Art, ihren Forderungen Nachdruck zu geben, iſt die, daß ſie die Vollziehung ihrer Drohungen unausbleiblich ma⸗ chen. Ich ſah indeſſen ſogleich, daß dieſe Forderung widerſinnig und in einer unzianlichen Sprache ab⸗ gefaßt war. Ich ſagte dieß dem Hauptmann, und verſicherte ihn, daß eine ſo bedeutende Summe nie gezahlt werden wuͤrde. Auch ſey ich weder ein Freund noch ein Verwandter des Fuͤrſten, ſondern ein blo⸗ ßer Kuͤnſtler, den man dazu brauche, gewiſſe Ge⸗ maͤlde auszufuͤhren. Ich koͤnnte, als Loͤſegeld, weiter 1355 nichts anbieten, als den Preis meiner Arbeiten; genuͤge dieß nicht, ſo moͤchten ſie mein Leben hin⸗ nehmen; es ſey ohnehin etwas, auf das ich gerin⸗ gen Werth legte. Ich ſcheute mich um ſo weniger, eine entſchie⸗ dene Antwort zu geben, da ich ſah, daß Kaltbluͤ⸗ tigkeit und Entſchiedenheit einen Eindruck auf die Raͤuber machten. Wahr iſt es, daß, als ich zu ſprechen aufgehoͤrt hatte, der Hauptmann die Hand an ſein Stilet legte; allein er maͤßigte ſich, griff nach dem Briefe, legte ihn zuſammen und befahl mir in gebieteriſchem Tone, die Addreſſe an den Fuͤrſten zu machen. Hierauf ſandte er einen von den Ar⸗ beitern nach Tusculum, der ſobald als moͤglich zu⸗ ruͤckzukehren verſprach. Die Raͤuber ſchickten ſich nun zum Schlafe an, und mir ſagte man, daß ich daſſelbe thun koͤnne. Sie breiteten ihre großen Maͤntel auf den Boden aus, und legten ſich um mich her. Einer blieb in einer kleinen Entfernung als Schildwacht ſtehen, und ward alle zwei Stunden abgeloͤſ't. Das Selt⸗ ſame und Wilde dieſes Berg⸗Bivouaks unter die⸗ ſen gottesvergeſſenen Leuten, deren Haͤnde beſtaͤndig bereit zu ſeyn ſchienen, nach dein Stilet zu greifen, und in deren Augen das Leben etwas ſo Gewoͤhnli⸗ ches und Unſicheres war, waͤre ſchon hinlaͤnglich 156— geweſen, alle Ruhe zu verbannen. Die Kaͤlte des Erdbodens und des Thaues trugen indeſſen noch mehr, als dieſe geiſtigen Urſachen, dazu bei, meine Ruhe zu ſtoͤren. Die Duͤnſte, welche von dem entfernten mittellaͤndiſchen Meere bis zu dieſen Ber⸗ gen aufſtiegen, verbreiteten, als die Nacht weiter vorruͤckte, eine große Kaͤlte. Mir ſiel indeſſen ein Mittel ein, dem abzuhelfen. Ich rief einen meiner Mitgefangenen von den Arbeitern herbei, und ließ ihn neben mir ſich niederlegen. Sobald eines mei⸗ ner Glieder zu erkalten anfing, ſo legte ich es an die ſtarken Gliedmaßen meines Nachbars, und borgte etwas von ſeiner Waͤrme. Auf dieſe Art war ich im Stande, einigen Schlaf zu genießen. Der Tag brach endlich an, und die Stimme des Haͤuptlings erweckte mich aus meinem Schlum⸗ mer. Er erſuchte mich, aufzuſtehen und ihm zu folgen. Ich gehorchte. Als ich ſeine Geſichtszuͤge aufmerkſam betrachtete, ſchienen ſie mir etwas mil⸗ der geworden zu ſeyn. Er half mir ſogar, den ſtei⸗ len Waldabhang, zwiſchen Felſen und Brombeerge⸗ ſtraͤuch, zu erklimmen. Die Gewohnheit hatte ihn zu einem kraͤftigen Bergkletterer gemacht; ich ſelbſt fand es dagegen ſehr muͤhſam, dieſe ſchroffen Hoͤhen hinanzuklimmen. Wir erreichten endlich den Gipfel des Berges. 157 Hier fuͤhlte ich die ganze Begeiſterung meiner Kunſt auf einmal erwachen, und vergaß in einem Augenblick alle meine Gefahren und Anſtrengungen bei dem prachtvollen Anblicke eines Sonnenaufgangs, mitten auf dem Gebirge der Abruzzen. Auf dieſen Hoͤhen war es, wo Hannibal zuerſt ſein Lager aufſchlug und ſeinen Begleitern Rom zeigte. Das Auge uͤberſieht hier eine weite Strecke Lan⸗ des. Die kleinen Anhoͤhen von Tusculum mit ihren Villen und heiligen Truͤmmern, liegen unten, und die Sabiniſchen Huͤgel und die Albaniſchen Berge ziehen fich auf beiden Seiten dahin; jenſeits Tusculum und Frascati breitet ſich die ungeheure Campagna aus, mit ihren Reihen von Graͤbern, den zertruͤmmerten Waſſerleitungen, welche hier und dort daruͤber hingehen, und den Thuͤrmen und Kuppeln der ewigen Stadt in der Mitte. Denken Sie ſich dieſe Landſchaft von dem Glanze der aufgehenden Sonne beleuchtet, und wie ſie ſich vor meinen Blicken ausbreitete, als ich aus den majeſtaͤtiſchen Waͤldern der Abruzzen hervor⸗ blickte. Denken Sie ſich dazu den wilden Vorder⸗ grund, der durch die Gruppen von Banditen noch wilder wurde, die auf ihre wild⸗maleriſche Art gekleidet waren, und Sie werden ſich nicht mehr wundern, daß die Begeiſterung eines Malers in 158 einem Augenblick alle ſeine andern Gefuͤhle uͤber⸗ waͤltigte. Die Banditen waren uͤber die Bewunderung er⸗ ſtaunt, welche ich uͤber einen Anblick aͤußerte, der durch die haͤufige Anſchauung in ihren Augen zu etwas ganz Gewoͤhnlichem geworden war. Ich be⸗ nutzte den Umſtand, daß ſie hier anhielten, zog ein Buch Zeichenpapier hervor, und fing an, einen fluͤchtigen Umriß der Landſchaft zu entwerfen. Die Anhoͤhe, auf welcher ich ſaß, war wild und ein⸗ ſam, und von der Gebirgskette von Tusculum durch ein, beinahe drei Meilen breites Thal ge⸗ trennt, wenn gleich die Klarheit der Luft die Ent⸗ fernung weniger bedeutend erſcheinen ließ. Dieſer Kamm war einer der Lieblingsſchlupfwinkel der Ban⸗ diten, da man von hier aus die ganze Gegend uͤberſehen konnte; waͤhrend er zu gleicher Zeit mit Waͤldern bewachſen und von allen volkreichen Wohn⸗ orten weit entfernt war. Indeß ich zeichnete, wurde meine Aufmerk⸗ ſamkeit durch das Geſchrei von Voͤgeln und das Bloͤken von Schafen angezogen. Ich ſah mich um, erblickte aber nichts von den Thieren, von welchen dieſe Laute kamen. Sie wiederholten ſich indeß, und ſchienen von den Gipfeln der Baͤume zu kommen. Als ich genauer hinſah, bemerkte ich 159 ſechs von den Raͤubern in den Gipfeln von Eichen ſitzen, welche an dem windigen Kamme des Ber⸗ ges wuchſen, und von denen man eine weite, freie Ausſicht hatte. Von hier aus ſpaͤheten ſie umher, wie die Geier, blickten in das Thal tief unter uns hinab, und gaben ſich einander durch Zeichen etwas zu verſtehen, oder unterredeten ſich mit einander in Toͤnen, welche der Reiſende leicht fuͤr das Geſchrei von Falken und Kraͤhen, oder fuͤr das Bloͤken der Bergheerden halten konnte. Nachdem ſie die Ge⸗ gend umher durchſpaͤht, und ihre ſonderbare Un⸗ terhaltung beendigt hatten, ſtiegen ſie von ihren luf⸗ tigen Sitzen zu ihren Gefangenen herab. Der Haupt⸗ mann ſtellte drei ſeiner Leute als Poſten an den drei nackten Seiten des Berges auf, waͤhrend er ſelbſt, mit einem von ihnen, auf den er das meiſte Ver⸗ trauen zu ſetzen ſchien, zuruͤckblieb, uns zu bewachen. Ich hatte mein Skizzenbuch noch in der Hand; der Hauptmann verlangte es zu ſehen, und aͤußerte, nachdem er es fuͤchtig durchgeblaͤttert, daß er itzt ſich von der Wahrheit meiner Ausſage uͤberzeugt halte, daß ich ein Maler ſey. Ich glaubte einen Schim⸗ mer von guter Geſinnung bei ihm erwachen zu ſehen, und beſchloß, dieß zu benutzen. Ich weiß, daß auch die ſchlechteſten Menſchen ihre guten Ei⸗ genſchaften und Seiten haben, auf denen man ih⸗ 160 nen beikommen kann, wenn man ſie nur zu ſtudi⸗ ren weiß. In der That liegt ein ſonderbares Ge⸗ miſch in dem Charakter des Italiaͤniſchen Raͤubers. Bei einer ruͤckſichtsloſen Wildheit verraͤth er oft Zuͤge von Wohlwollen und guter Laune. Er iſt nicht immer durchaus ſchlecht, ſondern hat ſeine Lebensart in Folge eines unvorſaͤtzlichen Verbre⸗ chens, der Wirkung jener ploͤtzlichen Ausbruͤche der Leidenſchaft, zu denen die Gemuͤthsart der Italiaͤner ſich ſo leicht hinneigt, ergriffen. Dadurch wird er gezwungen, ſich in die Berge zu begeben, oder, wie ſie es mit einem Kunſtausdruck nennen,„d'an- dare alla campagna“*). Er iſt nun ein Raͤuber ſeines Gewerbes geworden, kann aber auch, wie ein Soldat, der nicht im Felde iſt, ſeine Waffen und ſeine Wildheit ablegen, und wie andere Men⸗ ſchen erſcheinen. Ich nahm, von den Bemerkungen des Haupt⸗ manns uͤber meine Skizzen, Gelegenheit, mich in eint Unterhaltung mit ihm einzulaſſen. Ich fand ihn geſellig und mittheilend. Nach und nach kam ich auf einen ganz unbefangenen Fuß mit ihm. Ich glaubte an ihm eine gewiſſe Eigenliebe zu bemerken, die ich zu benutzen beſchloß. Ich nahm einen ge⸗ *) Sich auf das Land begeben. Ueberſ. —— 161 wiſſen ſorgloſen Freimuth an, und ſagte ihm, daß ich, als ein Kuͤnſtler, in den Zuͤgen leſen zu koͤnnen glaubte, und daß es mir ſchiene, als bemerke ich etwas in ſeinem Geſicht und ſeinem Betragen, was ihn zu einer hoͤhern Laufbahn beſtimme,— daß er nicht dazu geboren ſey, das Gewerbe zu treiben, dem er ſich hingegeben,— daß er Talente und Eigenſchaften be— ſitze, welche ihn zu einer edlern Thaͤtigkeit faͤhig machten,— und daß wenn er ſeine Lebensart aͤndere, der Muth und die Eigenſchaften, welche ihn itzt zu einem Gegenſtande des Schreckens machten, ihm in einer geſetzmaͤßigen Laufbahn den Beifall und die Bewunderung der menſchlichen Geſellſchaft ge⸗ winnen wuͤrden. Ich hatte mich in meinem Mann nicht geirrt; meine Rede hatte ihn geruͤhrt und angeregt. Er ergriff meine Hand, druͤckte ſie und antwortete be⸗ wegt:„Ihr habt die Wahrheit errathen; Ihr habt mich richtig beurtheilt.“ Er ſchwieg einen Au⸗ genblick, und fing dann, mit einer gewiſſen An⸗ ſtrengung, wieder an:„Ich will Euch Einiges aus meinem Leben erzaͤhlen, und Ihr werdet bald ſe⸗ hen, daß mehr die Bedruͤckung, die ich von An⸗ dern zu erleiden hatte, als meine eigenen Verbre⸗ chen es waren, die mich in die Berge trieben. Ich ſuchte meinen Mitmenſchen nuͤtzlich zu ſeyn, und — 7 162 ſie verfolgten mich nur.“ Wir ſetzten uns in das Gras, und der Raͤuber erzaͤhlte mir Folgendes aus ſeiner Geſchichte. Die Geſchichte des Banditen⸗Haͤuptlings. Ich bin aus dem Dorfe Preoſſedi gebuͤrtig. Mein Vater war ziemlich bemittelt, und wir lebten ruhig und unabhaͤngig von dem Anbau unſerer Fel⸗ der. Alles ging ganz gut, bis ein neuer Anfuͤhrer der Sbirren nach unſerm Dorfe geſchickt wurde, um die Polizei zu handhaben. Er war ein hoͤchſt willkuͤhrlicher Menſch, der in Alles eindringen wollte, und ſich, bei der Ausuͤbung ſeines Amtes, alle moͤgliche Plackereien und Bedruͤckungen erlaubte. Ich war gerade achtzehn Jahr alt, und beſaß eine natuͤrliche Liebe zur Gerechtigkeir und Vertraͤglichkeit. Ich hatte auch einige Erziehung genoſſen, und wußte ſo viel von der Geſchichte, um Menſchen und deren Handlungen etwas beurtheilen zu koͤnnen. Dieß floͤßte mir einen Haß gegen dieſen Dorf⸗Des⸗ poten ein. Eben ſo ward meine Familie ein Ge⸗ genſtand ſeines Verdachts und ſeines Widerwillens, und mußte mehr als einmal den willkuhrlichen Ge⸗ brauch ſeiner Macht empfinden. Alles dieß erregte 9 mein Gemuͤth, und ich duͤrſtete nach Rache. Ich hatte immer einen heftigen und kraͤftigen Charakter, und dieſer beſtimmte mich, da ich von Gerechtig⸗ keitsliebe beſeelt war, mit Einem Streiche das Land von dem Tyrannen zu befreien. Voll von meinem Plane, ſtand ich eines Mor⸗ gens vor Tagesanbruch auf, verbarg ein Stilet un⸗ ter meiner Weſte— hier ſehen Sie es noch(und damit zog er einen langen ſpitzen Dolch hervor), und lauerte ihm in den Umgebungen des Dorfes auf. Ich kannte alle ſeine Gaͤnge, ſo wie ſeine Gewohnheit, ſeine Runden zu machen, und wie ein Wolf in der Morgendaͤmmerung umher zu ſchleichen. Endlich begegnete ich ihm und griff ihn mit Wuth an. Er war bewaffnet; allein ich kam uͤber ihn, ohne daß er ſich deſſen verſehen haͤtte, und war voll von jugendlicher Kraft. Ich gab ihm mehrere Stiche, um meiner Sache gewiß zu ſeyn, und ſtreckte ihn todt zu meinen Fuͤßen nieder. Als ich mich uͤberzeugt, daß ich ihn abgefertigt hatte, kehrte ich in aller Eil⸗ nach dem Dorfe zu⸗ ruͤck, hatte aber das Ungluͤck, als ich daſſelbe be⸗ trat, zweien Sbirren zu begegnen. Sie redeten mich an, und fragten, ob ich ihren Anfuͤhrer nicht geſehen haͤtte. Ich nahm eine unbefangene Miene 164 an, und antwortete, nein. Sie gingen weiter und brachten nach wenigen Stunden den Leichnam nach Proſſedi zuruͤck. Da ſie ſchon Verdacht gegen mich geſchoͤpft hatten, ſo ward ich itzt verhaftet und in das Gefaͤngniß gefuͤhrt. Hier lag ich mehrere Wochen, bis der Fuͤrſt, welchem Proſſedi gehoͤrte, den Befehl gab, mir den Proceß zu machen. Ich ward verhoͤrt, und ein Zeuge aufgeſtellt, welcher be⸗ hauptete, mich nicht weit von dem blutenden Koͤr⸗ per fliehen geſehen zu haben; ſo ward ich zu drei⸗ ßigjaͤhriger Galeerenſtrafe verurtheilt. „Verwuͤnſcht ſeyen dieſe Geſetze!“ rief der Ban⸗ dit, ſchaͤumend vor Wuth, aus:„Verwuͤnſcht ſey eine ſolche Regierung! und zehntauſend Fluͤche auf das Haupt des Fuͤrſten, der mich ſo ſtreng richten ließ, waͤhrend ſo manche andere Fuͤrſten Moͤrder, die tauſendmal ſchuldiger ſind, hegen und beſchuͤtzen! Was hatte ich denn weiter verbrochen, als was mir die Liebe zur Gerechtigkeit und zu meinem Va— terlande eingegeben? Warum war meine That ein groͤßeres Verbrechen, als die des Brutus, der den Caͤſar fuͤr die Sache der Freiheit und Gerechtigkeit opferte?“ Es lag in dem ploͤtzlichen Ausbruche des Raͤu⸗ berhauptmanns, der ſich einem der groͤßten Namen des Alterthums ſo an die Seite ſtellte, etwas, das — 1 65 erhaben und laͤcherlich zu gleicher Zeit war. Es be⸗ wies indeſſen, daß er wenigſtens die bedeutendſten Ereigniſſe in der Geſchichte ſeines Vaterlandes kannte. Er ward nun ruhiger und fuhr in ſeiner Erzaͤhlung fort. Man brachte mich gefeſſelt nach Civita Veechia*). Ich gluͤhte vor Rache. Vor ſechs Monaten hatte ich ein Maͤdchen geheirathet, das ich leidenſchaftlich liebte, und die itzt ſchwanger war. Meine Familie war in Verzweiflung. Lange Zeit machte ich ver⸗ gebene Verſuche, meine Ketten zu zerbrechen. End⸗ lich fand ich ein Stuͤck Eiſen, das ich ſorgfaͤltig verbarg, und aus dem ich, vermittelſt eines zuge⸗ ſpitzten Feuerſteins, eine Art von Feile zu machen ſuchte. Ich benutzte die Nacht zu dieſem Geſchaͤft, und es gelang mir, als es beendigt war, nach einer geraumen Zeit, einen von den Ringen meiner Kette loszufeilen. Ich entkam gluͤcklich. Nehrere Wochen lang irrte ich in den Bergen um Proſſedi umher, und fand Mittel, mein Weib von meinem Verſteck in Kenntniß zu ſetzen. Sie kam oft, mich zu beſuchen. Ich hatte mich ent⸗ ſchloſſen, mich an die Spitze einer bewaffneten — *) Dem Hafen im Römiſchen Gebiet, wo die Galeeren liegen, auf welche man die Sträflinge ſchickt. Ueberſ. 166 Bande zu ſtellen. Sie ſuchte lange Zeit, mich von dieſem Entſchluſſe abzubringen; als ſie mich aber entſchieden fand, ging ſie in meinen Racheplan ein, und brachte mir ſelbſt meinen Dolch. Durch ihre Vermittelung ſetzte ich mich mit mehreren wackeren Geſellen aus der Nachbarſchaft, von denen ich wußte, daß ſie bereit waren, in die Berge zu ge— hen und nur auf eine Gelegenheit warteten, ihrem kecken Muth Luft zu machen, in Verbindung. Es bildete ſich bald ein Verein, wir verſchafften uns Waffen, und haben ſchon Gelegenheit genug gehabt, uns fuͤr die Unbilden und Kraͤnkungen zu raͤchen, die man den meiſten von uns angethan hat. Alles iſt uns bis itzt gelungen, und haͤtten wir nicht das Verſehen begangen, Euch fuͤr den Fuͤrſten zu halten, ſo waͤre unſer Gluͤck gemacht geweſen. Hiermit beſchloß der Raͤuber ſeine Geſchichte. Er war durch ſeine Erzaͤhlung vollkommen mit mir ausgeſoͤhnt worden, und erklaͤrte, daß er auf mich, des Irrthums wegen, deſſen unſchuldige Urſach ich geweſen ſey, durchaus keinen Groll mehr habe; ja, er ließ ein gewiſſes Wohlwollen gegen mich blicken, und wuͤnſchte, daß ich eine Zeitlang bei ihnen Allen bleiben moͤchte. Er verſprach, mir — 167 einige Grotten zu zeigen, welche ſie jenſeits Velletri bewohnten, und wohin ſie ſich in den Zwiſchenraͤu⸗ men ihrer Unternehmungen zuruͤckzoͤgen. Er ver⸗ ſicherte mich, daß ſie dort ein luſtiges Leben fuͤhr— ten, ſehr gut zu eſſen und zu trinken haͤtten, auf Moos ſchliefen, und von jungen ſchoͤnen Maͤdchen bedient wuͤrden, die ich zu Modellen nehmen koͤnnte. Ich geſtehe, daß meine Neugierde durch die Be⸗ ſchreibungen der Grotten und ihrer Einwohner ſehr angeregt wurde, denn dadurch wurden die Raͤuber⸗ geſchichten, die ich immer als bloße Schoͤpfungen der Einbildungskraft angeſehen hatte, zur Wirklichkeit. Ich haͤtte ſeine Einladung gern angenommen und dieſe Hoͤhlen beſucht, haͤtte ich mich nur fuͤr ſicher in dieſer Geſellſchaft gehalten. 1 Nach gerade fing ich an, meine Lage weniger peinlich zu finden. Ich hatte offenbar den Haͤupt⸗ ling fuͤr mich gewonnen, und hoffte, daß er mir, gegen ein maͤßiges Loͤſegeld, meine Freiheit geben wuͤrde. Ein neuer Schrecken wartete indeß mei⸗ ner. Waͤhrend der Hauptmann mit Unruhe der Nuͤckkehr des Boten entgegenſah, den man an den Fuͤrſten geſchickt hatte, kam der Raͤuber, der als Schildwacht auf der Seite des Berges, die nach la Molara hinging, geſtanden hatte, mit großer Eile 4 168 auf uns zugelaufen.„Wir ſind verrathen!“ rief er uns zu.„Die Polizei von Frascati iſt uns auf den Ferſen. Ein Haufen Karabiniers hat ſo eben vor dem Gaſthauſe unten am Berge gehalten.“ Zugleich legte er die Hand an ſein Stilet und that einen Schwur, daß, wenn die Soldaten nur die geringſte Bewegung gegen den Berg zu machten, ich und meine Mitgefangenen mit ihrem Leben da⸗ fuͤr buͤßen ſollten. Der Hauptmann nahm ſein ganzes voriges, wil⸗ des Weſen an und billigte Alles, was ſein Gefaͤhrte ſagte; ſobald dieſer aber wieder auf ſeinen Poſten zuruͤckgekehrt war, wandte er ſich mit milderer Art zu mir. Ich muß, ſagte er, um als Haͤuptling aufzutreten, einent gefährlichen Untergebenen zu Willen leben. Es iſt bei uns Geſetz, unſere Ge⸗ fangenen eher zu toͤdten, als ſie uns mit Gewalt abnehmen zu laſſen. Fuͤrchtet indeß nichts. Soll⸗ ten wir uͤberfallen werden, ſo haltet Euch zu mir. Fliehet mit uns, und ich ſtehe Euch fuͤr Euer Leben. Es lag in dieſer Einrichtung eben nichts Troͤſt⸗ liches, da ich dadurch nur zwiſchen zwei Feuer ge⸗ rathen ſeyn wuͤrde. Ich wußte, im Fall, daß es zur Flucht kaͤte, nicht, wovon ich mehr zu fuͤrch⸗ ten haben duͤrfte, von den Karabinern der Ver⸗ fol⸗ folger, oder von den Stiletten der Verfolgten. Ich ſchwieg indeſſen, und bemuͤhte mich, ruhig zu ſcheinen. Eine ganze Stunde lang blieb ich in dieſem Zuſtande der Gefahr und der Angſt. Die Naͤuber, welche ſich zwiſchen dem Laube verbargen, bewach⸗ ten mit Adleraugen die Karabiniere unten, wie dieſe beim Gaſthauſe umherſchlenterten, zuweilen ſich der Thuͤr naͤherten, itzt auf einige Minu⸗ ten verſchwanden, dann wieder zum Vorſchein ka⸗ men, ihre Waffen unterſuchten, nach verſchiede⸗ nen Gegenden hinwieſen, und dem Anſchein nach ſich uͤber die Gegend befragten. Keine einzige Be⸗ wegung, keine Gebaͤrde entging den ſcharfen Augen der Raͤuber. Endlich wurden wir unſerer Beſorg⸗ niſſe uͤberhoben. Die Karabinine griffen, nachdem ſie Erfriſchungen zu ſich genommen, wieder zu ihren Waffen, zogen an dem Thale nach der gro⸗ ßen Straße hin, und ließen die Berge hinter ſich. „Ich bin beinahe uͤberzeugt,“ ſagte der Haͤuptling, „daß ſie nicht nach uns ausgeſandt waren. Sie wiſſen zu gut, wie es Gefangenen, die ſich in unſern Haͤnden befinden, bei ſolchen Gelegenheiten ergeht. Unſere Geſetze ſind in dieſer Nuͤckſicht eiſern, und ihre Be⸗ folgung iſt zu unſerer Sicherheit nothwendig. Soll⸗ ten wir einmal von ihnen abweichen, ſo bekaͤmen wir nimmer ein Loͤſegeld.“ II. H 169 170 Noch war von dem erwarteten Boten nichts zu ſehen. Ich ſchickte mich an, meine Skizzen wieder vorzunehmen, als der Hauptmann ein Buch Papier aus ſeinem Ranzen nahm.„Hier,“ ſagte er lachend, „Ihr ſeyd ein Maler, malet mein Bild. Die Blaͤt⸗⸗ ter in Eurer Brieftaſche ſind zu klein, zeichnet es auf dies Papier. Ich willigte gern ein, denn dieß war ein Modell, wie es ein Maler ſelten vor ſich hat. Ich erinnerte mich, daß Salvator Roſa in ſeiner Jugend ſich freiwillig eine Zeitlang unter den Banditen von Calabrien aufgehalten, um ſeine Einbildungskraft mit der wilden Gegend und den wilden Menſchen, die ihn umgaben, zu erfuͤllen. Ich griff bei dieſem Gedanken mit Begeiſterung nach meinem Griffel. Der Hauptmann war das gefuͤgigſte Original, das man ſich denken konnte, und nachdem ich ihn mehrere Male ſeine Stellung veraͤndern laſſen, brachte ich ihn in eine ſolche, die mir zuſagte.* Denken Sie ſich eine kraͤftige, muskelhafte Geſtalt in der phantaſtiſchen Kleidung eines Banditen, mit Piſtolen und Dolchen im Guͤrtel, ſeinen fleiſchigen Hals entbloͤßt, ein Halstuch, locker darum ge⸗ ſchlagen, und die zwei Zipfel vorn mit Ringen aller Art, der Beute von Reiſenden, durchſchlungen; Reliquien und Medaillen auf der Bruſt, den Hut — n mit verſchiedenfarbigen Baͤndern verziert, ſeine Jacke und ſeine kurzen Beinkleider von lebhaften Farben und ſchoͤn geſtickt, und ſeine Beine mit Halbſtie⸗ feln oder Kamaſchen bekleidet. Denken Sie ſich ihn auf einer Anhoͤhe, zwiſchen wilden Felſen und verwitterten Eichen, auf ſeinen Karabiner gelehnt, als ob er auf irgend eine Utternehmung ſaͤnne, waͤhrend tief im Grunde Doͤrfer und Villen, die Schauplaͤtze ſeiner Raͤubereien, ſichtbar werden, und die weite Campagna ſich undeutlich in die Ferne hinzieht. Dem Naͤuber geſiel die Skizze, und er ſchien ſich ſelbſt auf dem Papier zu bewundern. Kaum hatte ich meine Arbeit vollendet, als der Arbeiter zuruͤckkam, der nach meinem Loͤſegeld ausgeſchickt worden war. Er hatte Tusculum zwei Stunden 8 nach Mitternacht erreicht, und brachte mir einen Brief von dem Fuͤrſten, den er im Bette gefunden. Wie ich es vorausgeſagt hatte, behandelte dieſer die Forderung als ausſchweifend, bot aber fuͤnfhun⸗ dert Scudi fuͤr meine Loslaſſung. Da er in dem Augenblick kein Geld bei ſich hatte, ſo hatte er ei⸗ nen Wechſel uͤber den Betrag geſchickt, der Dem ausgezahlt werden ſollte, welcher mich geſund und wohlbehalten nach Rom braͤchte. Ich reichte dem Hauptmann den Wechſel hin; er nahm ihn mit ei⸗ H 2 172 nem Achſelzucken.„Was nuͤtzen uns Wechſel?“ ſagte er:„wen koͤnnen wir nach Rom ſenden, ſie auszahlen zu laſſen? Wir ſind Alle gezeichnete Leute: an jedem Thor, an Militaͤrpoſten, an Kir⸗ chenthuͤren angeſchlagen und beſchrieben. Nein, wir muͤſſen Gold und Silber haben; laßt die Summe baar einzahlen, und Ihr ſollt eure Freiheit erhalten.“ Der Hauptmann legte mir abermals ein Blatt Papier vor, um ſeinen Entſchluß dem Fuͤrſten zu melden. Als ich den Brief geendigt hatte, und den Bogen von dem Buche Papier wegnahm, fand ich auf der andern Haͤlfte das Bildniß, welches ich ſo eben gezeichnet hatte. Ich wollte es abreißen und es dem Haͤuptling geben. „Halt!“ ſagte er:„das mag mit nach Rom gehen; die Leute moͤgen dort ſehen, was ich fuͤr eine Art von Kerl bin. Vielleicht faſſen der Fuͤrſt und ſeine Freunde nach meinem Geſicht eine eben ſo gute Meinung von mir, wie Ihr.“ Dieß ſagte er im ſcherzenden Tone; allein es war klar, daß eine gewiſſe Eitelkeit dabei zum Grunde lag. Selbſt dieſer vorſichtige, mißtrauiſche Banditen⸗Haͤuptling vergaß auf einen Augenblick, uͤber den gemeinen Wunſch, bewundert zu wer⸗ den, ſeine gewoͤhnliche Vorſicht und Bedaͤchtlich⸗ keit. Er dachte nicht daran, wie gut man ſein⸗ —— — 173 Bild zu ſeiner Verfolgung und Ueberfuͤhrung be— nutzen konnte. Der Brief ward zuſammengefaltet und addreſ⸗ ſirt, und der Bote ging abermals nach Tuscu⸗ lum ab. Es war elf Uhr Morgens, und bis itzt hatte ich noch nichts gegeſſen. Aller meiner Angſt zum Trotz, fing ich an, einen gewaltigen Heißhun⸗ ger zu fuͤhlen. Ich war daher ſehr froh, als ich den Hauptmann davon reden hoͤrte, daß man etwas eſſen muͤſſe. Er ſagte, daß ſie ſeit drei Tagen in den Felſen und Waͤldern ſich umhergetrieben, mit der Unternehmung gegen Tusculum beſchaͤftigt, waͤhrend welcher Zeit ihre ſaͤmmtlichen Vorraͤthe aufgezehrt worden waͤren. Er wuͤrde indeſſen itzt Maßregeln ergreifen, Lebensmittel anzuſchaffen. Nachdem er mich demnach unter der Aufſicht ſeiner Kameraden zuruͤckgelaſſen, in welche er ein unbe⸗ dingtes Vertrauen zu ſetzen ſchien, entfernte er ſich, und verſicherte mich, daß wir in weniger als zwei Stunden ein gutes Mittagseſſen haben ſollten. Woher es kommen ſollte, war mir ein Naͤthſel, ob⸗ gleich es klar war, daß dieſe Leute ihre geheimen Freunde und Kundſchafter im ganzen Lande hatten. Die Bewohner dieſer Berge und der Thaͤler, welche ſie einſchließen, ſind ein rohes, halb wildes Volk. Die Staͤdte und Doͤrfer in den Abruzzen 174 ſind von der uͤbrigen Welt ganz abgeſchieden, bei⸗ nahe den Hoͤhlen wilder Thiere aͤhnlich. Es iſt wunderbar, daß ſo rohe, ſo wenig bekannte und be⸗ ſuchte Wohnſtaͤtten mitten in einem der bereiſ'te⸗ ſten und gebildetſten Laͤnder in Europa zu ſinden ſind. In dieſen Gegenden ſchleicht der Raͤuber ein⸗ her, ohne daß Jemand ihm etwas in den Weg legte. Kein Bergbewohner ſteht einen Augenblick an, ihm heimliches Obdach und Beiſtand zu geben. Die Schaͤfer, welche ihre Heerden in den Bergen weiden, ſind die Haupt⸗Abgeordneten der Raͤuber, wenn dieſe Botſchaften nach den Thaͤlern hinunter ſenden wollen, um Loͤſegeld zu fordern oder Lebens⸗ mittel zu verlangen. Ddie Schaͤfer in den Abruzzen ſind ſo wild, wie die Gegenden, in welchen ſie ſich aufhalten. Sie tragen ein rohes Gewand von ſchwarzen oder brau⸗ nen Schaaffellen, haben hohe kegelfoͤrmige Huͤte, und grobe Sandalen von Tuch, welche mit Rie⸗ men, wie die der Raͤuber, um die Beine be⸗ feſtigt ſind. Sie tragen lange Staͤbe, auf welche ſie ſich zu lehnen pflegen, wo ſie dann ungemein maleriſche Punkte in der Landſchaft bilden, und ſind von ihrem beſtaͤndigen Gefaͤhrten, einem Hunde, begleitet. Sie ſind eine beſondere, frageluſtige Art von Menſchen, welche zu jeder Zeit die Einfoͤrmig⸗ Q·¶2êoQ 175 keit ihres einſamen Lebens gern durch die Unterhal⸗ tung mit einem Voruͤbergehenden unterbrechen, und der Hund hoͤrt dann aufmerkſam zu, und ſieht eben ſo klug und fragebegierig aus, als ſein Herr. Doch ich ſchweife von meiner Geſchichte ab. Ich war itzt mit einem der Raͤuber, dem vertrau⸗ ten Gefaͤhrten des Haͤuptlings, allein. Er war der juͤngſte und kraͤftigſte in der Bande, und obgleich in ſeinem Geſicht etwas von der wuͤſten Wildheit lag, welche dieſer verzweifelten, gottloſen Lebensart eigen zu ſeyn ſcheint, ſo waren doch noch einige Spuren maͤnnlicher Schoͤnheit darauf zu erblicken. Als Kuͤnſtler konnte ich nicht umhin, es zu bewun⸗ dern. Er hatte einen gewiſſen Zug der Abgezogen⸗ heit und des Nachdenkens, und zuweilen eine Be⸗ wegung innerlichen Leidens und der Ungeduld. Er ſaß auf der Erde, mit den Elbogen auf den Knieen, den Kopf zwiſchen ſeinen geballten Faͤuſten ruhend, und ſeine Augen mit dem Ausdruck trau⸗ rigen und bittern Nachdenkens auf den Boden ge⸗ heftet. Durch wiederholte Unterhaltungen war ich mit ihm vertraut geworden, und hatte ihn an Geiſt weit uͤber die uͤbrige Bande erhaben gefunden. Ich war begierig, eine Gelegenheit zu ergreifen, die Gefuͤhle dieſer ſonderbaren Weſen genauer kennen zu lernen. Ich glaubte, in den Geſichtszuͤgen die⸗ t 176 ſes Einen, Spuren von Selbſtverdammung und von Gewiſſensbiſſen zu leſen, und die Leichtigkeit, wo⸗ mit ich mir das Vertrauen des Haͤuptlings zu er⸗ werben gewußt hatte, machte mir Muth, eben dieß bei ſeinem Anhaͤnger zu verſuchen. Nach einer kurzen vorlaͤufigen Unterhaltung wagte ich es, ihn zu fragen, ob er kein Bedauern daruͤber empfinde, ſeine Familie verlaſſen, und die⸗ ſes gefaͤhrliche Gewerbe ergriffen zu haben.„Ich fuͤhle“, erwiederte er:„nur uͤber Eines Reue; dieſe aber wird nur mit meinem Leben enden.“ Indem er dieß ſagte, druͤckte er ſeine geballten Faͤuſte ge⸗ gen ſeine Bruſt, biß die Zaͤhne feſt zuſammen, und fuͤgte dann mit tiefer Bewegung hinzu:„hier im Innern iſt etwas, das mich erſtickt: es iſt wie ein gluͤhendes Eiſen, das mein Herz verzehrt. Ich koͤnnte Euch eine traurige Geſchichte erzaͤhlen— aber itzt nicht— ein anderes Mal.” Er ſiel in ſeine vorige Stellung zuruͤck, ſaß mit dem Kopfe zwiſchen den Haͤnden, und mur⸗ melte einzelne, abgebrochene Ausrufungen vor ſich hin, die zuweilen wie Fluͤche und Verwuͤnſchungen zu klingen ſchienen. Ich ſah, daß er in einer Stim⸗ mung war, worin man ihn nicht ſoͤren durfte, und ſo uͤberließ ich ihn ſich ſelbſt. Nach einer kleinen Weile machte die Erſchoͤpfung, welche dieſer Aus⸗ 177 bruch ſeiner Gefuͤhle hervorgebracht, und wahrſchein⸗ lich auch die Anſtrengungen, welchen er auf dieſer Unternehmung ſich unterzogen, daß er ſchlaͤfrig zu werden anfing. Er kaͤmpfte eine Zeitlang gegen dieſe Anwandlung, allein die Waͤrme und Stille des Mittags machte ſie unwiderſtehlich, und endlich ſtreckte er ſich in das Gras hin und ſchlief ein. Itzt bot ſich mir eine Gelegenheit dar, zu entwi⸗ ſchen. Mein Waͤchter lag vor mir, in meiner Gewalt. Seine kraͤftigen Glieder erſchlafft durch den Schlaf— ſeine Bruſt frei fuͤr den Stoß— ſein Karabiner der ohnmaͤchtigen Hand entſunken und zu ſeiner Seite liegend— ſein Stilet halb aus der Taſche hervorragend, in der er es gewoͤhnlich trug. Al⸗ lein zwei ſeiner Kameraden waren noch im Geſicht, wiewol weit von uns entfernt am Rande des Berges, den Ruͤcken uns zugewendet, und ihre Aufmerkſamkeit ganz damit beſchaͤftigt, zu beobach⸗ ten, was in der Ebene vorging. Durch einen Streifen dazwiſchenliegenden Waldes und am Fuße eines ſteilen Abhanges erblickte ich das Dorf Rocca Priori. Sich des Karabiners des ſchlafenden Raͤu⸗ bers bemaͤchtigen, ſeinen Dolch ergreifen und ihn in ſein Herz zu ſenken,— waͤre das Werk eines Augenblicks geweſen. Waͤre er ohne Geraͤuſch ge⸗ ſtorben, ſo haͤtte ich durch den Wald und hinunter 178— nach Rocca Priori eilen koͤnnen, ehe man meine . Flucht entdeckt haͤtte Und waͤre ſelbſt Laͤrm ent⸗ ſtanden, ſo hatte ich doch einen bedeutenden Vor⸗ ſprung vor den Raͤubern, und es war möglich, daß ich bald aus dem Bereich ihrer Schuͤſſe kam. Hier war alſo eine Gelegenheit zur Flucht und zur Rache zugleich, die zwar gefahrvoll aber ſehr verfuͤhreriſch war. Waͤre meine Lage bedenklicher geweſen, als ſie es wirklich war, ſo wuͤrde ich ihr nicht widerſtanden haben. Ich bedachte mich indeſ⸗ ſen einen Augenblick. Mein Verſuch wuͤrde, waͤre er gegluͤckt, unfehlbar den Tod meiner beiden Mit⸗ gefangenen nach ſich gezogen haben, welche feſt ſchliefen, und die ich nicht zeitig genug erwecken konnte, um mit mir zu fliehen. Der Arbeiter, wel⸗ cher nach dem Löſegelde gegangen war, waͤre viel⸗ leicht ebenfalls der Rache der Naͤuber zum Opfer geworden, ohne daß deswegen das Geld, welches er mitbrachte, gerettet worden waͤre. Außerdem ließ mich das Benehmen des Haͤuptlings gegen mich eine baldige Befreiung hoffen. Dieſe Betrachtun⸗ gen trugen den Sieg uͤber die erſte maͤchtige Anre⸗ gung davon, und die ſtuͤrmiſche Bewegung, welche ſie zur Folge gehabt hatte, legte ſich. Ich nahm abermals meine Zeichnenmaterialien zur Hand, und vertrieb mir die Zeit damit, die 179 praͤchtige Ausſicht aufzunehmen. Es war itzt bei⸗ nahe Mittag, und Alles ruhge, wie der Bandit, welcher ſchlafend vor mir hingeſtreckt war. Die Mit⸗ tags⸗Stille, welche auf dieſen Bergen lag, die weite Landſchaft tief unter mir, in welcher die entfernten Staͤdte glaͤnzten und die mit Wohnungen und an⸗ dern Spuren von Leben beſaͤet, dabei aber doch in tie⸗ fes Schweigen begraben war, machte einen maͤch⸗ tigen Eindruck auf mich. Auch die Thaͤler, welche zwiſchen den Bergen liegen, haben einen beſondern Anſtrich von Einſamkeit. Man hoͤrt um Mittag nur wenige Laute, welche die allgemeine Stille un⸗ terbrechen. Zuweilen vernimmt man das Pfei⸗ fen des einſamen Maulthiertreibers, der mit ſeinen traͤgen Thieren die Straße entlang zieht, welche durch die Mitte des Thales geht, zuweilen den ſchwachen Ton einer Hirtenfloͤte von einem Abhange des Berges, oder den Ton der Glocke eines Eſels, der langſam daher ſchreitet, und dem ein Moͤnch mit nackten Fuͤßen und kahler glaͤnzender Glatze folgt, der Lebensmittel nach ſeinem Kloſter bringt. Ich hatte eine Zeitlang unter meinen ſchlafen⸗ den Gefaͤhrten gezeichnet, als ich endlich den Haupt⸗ mann der Bande herbeikommen ſah, von einem Bauer begleitet, welcher einen Mauleſel fuͤhrte, der mit einem wohlgefuͤllten Sacke beladen war. Ich fuͤrch⸗ 180— tete Anfangs, daß dieß eine neue Beute ſeyn möchte, welche den Raͤubern in die Haͤnde gefallen waͤre, allein der ſorgloſe Blick des Bauers beruhigte mich bald, und ich freute mich, zu hören, daß dieß un⸗ ſer verſprochenes Mahl ſey. Die Raͤuber kamen itzt von allen drei Seiten des Berges herbeigelau⸗ fen, und ſchienen die ſcharfe Witterung der Geyer zu haben. Jeder war beſchaͤftigt, das Maulthier abzupacken, und den Sack von ſeinem Inhalte zu entledigen. 3 Das erſte, was zum Vorſchein kam, war ein ungeheurer Schinken, von einer Farbe und Derb⸗ heit, welche Teniers' Griffel begeiſtert haben wuͤrde. Ihm folgte ein großer Kaͤſe, ein Sack mit geſotte⸗ nen Kaſtanien, ein kleines Faß Wein und ein Vor⸗ rath von gutem Hausbrote. Alles ward mit einer Art von Ordnung auf dem Graſe ausgebreitet, und der Hauptmann, der mir ſein Meſſer anbot, for⸗ derte mich auf, zuzugreifen. Wir Alle ſetzten uns um die Vorraͤthe her, und man hoͤrte lange Zeit nichts, als den Ton der Bewegung der Kinnbacken, oder das Herauslaufen des Weines aus dem Faſſe, wie dieſes wacker im Kreiſe umherging. Mein lan⸗ ges Faſten, die Bergluft und die Bewegung hatten meine Eßluſt ſehr erregt, und nie iſt mir ein Mahl trefflicher und zugleich maleriſcher vorgekommen. Von Zeit zu Zeit ward Einer von der Bande abgeſchickt, um einen ſpaͤhenden Blick auf die Ebene 3 zu thun. Es war indeſſen kein Feind zu erblicken, und wir konnten ungeſtoͤrt unſere Mahlzeit halten. Der Bauer empfing beinahe den dreifachen Preis fuͤr ſeine Lebensmittel, und begab ſich, ſehr zufrie— den mit ſeinem Handel, den Berg wieder hinunter. Ich fuͤhlte mich durch die tuͤchtige Mahlzeit, welche ich gehalten, neugeſtaͤrkt, und obgleich die Wunde, welche ich den Abend vorher erhalten, mich noch ſchmerzte, ſo zogen mich doch die ſonderbaren Auf⸗ tritte um mich her ungemein an, und machten mir Vergnuͤgen. Alles war maleriſch an dieſen wilden Geſchoͤpfen und ihrem Schlupfwinkel. Ihre Nacht⸗ lager, ihre Gruppen auf den Poſten, ihre traͤge Mittagsruhe auf dem Berge, ihre ungekuͤnſtelte Mahlzeit auf dem Raſen, zwiſchen Felſen und Baͤu⸗ men, alles dieß bot Studien fuͤr einen Maler dar. Am hoͤchſten ward aber meine Begeiſterung am Abend geſteigert. Die untergehende Sonne, welche hinter der wei⸗ ten Campagna verſchwand, warf ihre kraͤftigen gol⸗ denen Strahlen auf die bewaldeten Gipfel der Abruzzen. Mehrere ſchneebedeckte Berggipfel glaͤnz⸗ ten in der Entfernung, und ihr Glanz bildete einen ſtarken Gegenſatz gegen andere, welche, in Schat⸗ 182 ten gehuͤllt, in dunkeln Farbentoͤnen von Purpur und Violet erſchienen. Als der Abend weiter vor⸗ ruͤckte, nahm die Landſchaft einen ernſteren Charakter an. Die unermeßliche Einſamkeit rings umher, die wilden Berge, mit ihren Felsvorſpruͤngen und Ab⸗ gruͤnden, mit großen Eichen, Kork⸗ und Kaſtanien⸗ baͤumen untermiſcht, und die Gruppen von Ban⸗ diten im Vorgrunde, erinnerten mich an die wilden Gebilde Salvator Roſa's. Die Zeit zu verkuͤrzen, ſchlug der Hauptmann ſeinen Kameraden vor, mir ihre Juwelen und ge⸗ ſchnittenen Steine zu zeigen, da ich doch wahr⸗ ſcheinlich ein Kenner ſolcher Gegenſtaͤnde, und ſie abzuſchaͤtzen im Stande ſeyn wuͤrde. Er ging mit ſeinem Beiſpiele voran, die Andern folgten ihm, und nach wenigen Minuten ſah ich das Gras vor mir von Geſchmeide und Steinen funkeln, welche einen Alterthumsforſcher oder eine Modedame in Entzuͤcken verſetzt haben wuͤrden. Unter dieſen befanden ſich einige koſtbare Steine, desgleichen alte Gemmen und Kameen von großem Werthe, die wahrſcheinlich einſt Reiſenden von hohem Range gehoͤrt hatten. Ich hoͤrte, daß die Raͤuber ihre Beute in den Grenzſtaͤdten zu verkaufen pflegten: da dieſe aber gewoͤhnlich nur ſchwach bevoͤlkert ſind, und wenig Reiſende dahin kommen: ſo konnten 2* 183 ſolche werthvolle Gegenſtaͤnde des Geſchmacks und des Prunkes dort keine Abnehmer finden. Ich machte ſie dagegen auf die Wahrſcheinlichkeit auf⸗ merkſam, bedeutende Preiſe fuͤr dieſe Koſtbarkeiten von den reichen Fremden zu erhalten, mit denen Rom damals angefuͤllt war./ Der Eindruck, welchen dieſer Wink auf ihre habſuͤchtigen Gemuͤther machte, ward ſogleich ſicht⸗ bar. Einer von der Bande, ein junger Mann und der am wenigſten bekannt war, bat den Haupt⸗ mann um Erlaubniß, am folgenden Tage verkleidet nach Rom gehen zu duͤrfen, um dort ſeinen Han⸗ del anzufangen, und verſprach ihm, auf Raͤuber⸗ Ehre (ein heiliger Schwur unter ihnen), in zwei Tagen ſich an irgend einem Orte anzufinden, den er be⸗ ſtimmen moͤchte. Der Hauptmann willigte ein, und itzt trug ſich ein ſonderbarer Auftritt zu: die Raͤu⸗ ber draͤngten ſich naͤmlich eifrig um Jenen her, und Jeder gab ihm von ſeinen Koſtbarkeiten, das was er zu verkaufen wuͤnſchte, und ſagte ihm, wie viel er dafuͤr verlangen ſollte. Es war unter ihnen viel Verhandelns und Tauſchens und Verkaufens von Koſtbarkeiten, und ich ſah, wie der junge Naͤuber⸗ Handelsmann meine Uhr, an welcher eine Kette und Petſchafte von Werth waren, dem Schurken, der mich ausgepluͤndert hatte, fuͤr ſechszig Scudi 184— abkaufte. Dieß gab mir eine ſchwache Hoffnung, daß, wenn ich nach Rom käme, ich auf eine oder die andere Art wieder zum Beſitz derſelben gelan⸗- gen duͤrfte*). * Der Tag nahm unterdeſſen allmaͤhlig ab, und kein Bote von Tusculum erſchien. Der Gedanke, noch einen Tag in den Waͤldern zubringen zu muͤſ⸗ ſen, war uͤberaus niederſchlagend, denn ich hatte nachgerade an dem, was ich von dem Raͤuberleben geſehen hatte, zur Genuͤge. Der⸗ Hauptmann be⸗ fahl ſeinen Leuten, ihm zu folgen, damit er ih⸗ nen ihre Poſten anweiſen koͤnnte, und fuͤgte hinzu, daß, wenn der Bote nicht vor Nachts eintraͤfe, ſie alle nothwendig an einem andern Orte ihr Lager aufſchlagen muͤßten. Ich blieb itzt wieder mit dem jungen Banditen allein, der mich vorher bewacht hatte: ich bemerkte noch denſelben duͤſtern Ausdruck und das wildblickende Auge an ihm, waͤhrend zuweilen ein bitteres, ſardo⸗ niſches Laͤcheln in ſeinen Zuͤgen ſichtbar wurde. Ich *) Den Künſtler trog ſeine Hoffnung nicht. Der Räu⸗ ber ward an einem der Thore von Nom angehalten, denn Etwas, das in ſeinem Blicke oder in ſeinem Benehmen lag, hatte Verdacht erregt. Man durchſuchte ihn, und die Koſtbarkeiten, welche man bei ihm fand, bezeichneten bald ſein Gewerbe. Der Künſtler wandte ſich an die Polizei⸗ und erhielt ſeine Uhr wieder. Verf. — —,— — 185 war entſchloſſen, dieſes wunde Herz zu ſondiren, und erinnerte ihn deshalb an eine Art von Ver⸗ ſprechen, das er mir gegeben hatte, mir die Urſach ſeiner Leiden zu erzaͤhlen. Es ſchien mir, als ob ddie unthibie Geiſter zuweilen gern eine Gele⸗ 5 eit ergriffe ſich zu erleichtern, und als freue⸗ een ſie ſich, ein friſches, geſundes Gemuͤth vor ſich zu haben, dem ſie ſich mittheilen koͤnnten. Ich hatte kaum meine Bitte ausgeſprochen, als er ſich auch ſchon neben mich niederließ, und mir ſeine Ge⸗ ſchichte, ungefaͤhr mit folgenden Worten, erzaͤhlte. —— Die Geſchichte des jungen Naͤubers. Ich ward in dem Staͤdtchen Froſinone, welches am Rande der Abruzzen liegt, geboren. Mein Va⸗ ter hatte ſich ein kleines Vermoͤgen im Handel er⸗ worben, und ließ mir, da er mich fuͤr die Kirche be⸗ ſtimmte, eine Art von Erziehung geben. Ich hatte indeſſen zu viel in luſtiger Geſellſchaft gelebt, um an der Kapuze Geſchmack zu finden, und ſo ward ich denn ein Herumlaͤufer im Orte. Ich war ein . leichtſinniger Menſch, zuweilen etwas zankſuͤchtig, aber im Ganzen ſehr gutmuͤthig; ſo ging es mir denn eine Zeitlang ganz gut, bis ich mich verliebte. 186 Es wohnte in unſerer Stadt ein Landmeſſer oder Landvogt des Fuͤrſten, der eine Tochter, ein ſchoͤnes Maͤdchen von ſechszehn Jahren, hatte: ſie ward von den Aeltern fuͤr etwas Beſſeres, als unſere ge⸗ woͤhnlichen Kleinſtaͤdterinnen angeſehen, und bei⸗ nahe gaͤnzlich im Hauſe zuruͤckgehalten. Ich ſah Roſetta nur von Zeit zu Zeit, und verliebte mich bis zum Wahnſinn in ſie— ſo friſch und zart ſah ſie aus, und ſo ſehr unterſchied ſie ſich von den ge⸗ woͤhnlichen ſonnenverbrannten Frauenzimmern, an die ich gewöhnt geweſen war. Da mein Vater mich immer gehoͤrig mit Geld verſah, ſo kleidete ich mich ſehr gut, und nahm alle moͤgliche Gelegenheiten wahr, mich vor der kleinen Schoͤnen zu meinem Vortheil zu zeigen. Ich pflegte ſie in der Kirche zu ſehen, und da ich etwas die Guitarre ſpielen konnte, ſo ließ ich zu⸗ weilen des Abends ein Lied unter ihrem Fenſter er⸗ toͤnen, und ſuchte mir eine Zuſammenkunft mit ihr in ihres Vaters Weinberge zu verſchaffen, der nicht weit von der Stadt entfernt war, und wohin ſie zuweilen ging. Es war augenſcheinlich, daß ich ihr nicht mißfiel, allein ſie war jung und ſchuͤchtern, auch hatte ihr Vater ein wachſames Auge auf ſie, und meine Aufmerkſamkeit fuͤr ſie beunruhigte ihn, denn er hatte eine ſchlechte Meinung von mir, und — — 187 wollte eine beſſere Heirath fuͤr ſeine Tochter ſtiften. Die Schwierigkeiten, welche man mir in den Weg legte, machten mich wuͤthend, da ich bei den Wei⸗ bern immer mit leichter Muͤhe mein Gluͤck gemacht hatte, indem man mich fuͤr einen der artigſten jun⸗ gen Burſche im Orte hielt. Ihr Vater brachte endlich einen Freier fuͤr ſie, einen reichen Pachter aus einer benachbarten Stadt. Der Hochzeittag ward angeſetzt, und man machte alle Anſtalten zur Verbindung. Ich ſah ſie einen Augenblick am Fenſter, und es ſchien mir, als ob ſie traurig nach mir hinblickte. Itzt beſchloß ich bei mir, daß aus der Heirath nichts werden ſolle, koſte es, was es wolle. Ich begegnete ihrem Braͤu⸗ tigam auf dem Marktplatze, und konnte den Aus⸗ bruch meiner Wuth nicht zuͤgeln. Wir wechſelten einige empfindliche Worte,— ich zog mein Stilet und ſtieß es ihm ins Herz. Ich floh in eine be⸗ nachbarte Kirche, und erhielt fuͤr weniges Geld Ab⸗ laß, wagte es aber nicht, aus meiner Freiſtatt her⸗ vorzukommen. Um dieſe Zeit bildete unſer Hauptmann ſeine Schaar. Er hatte mich von meiner Kindheit an gekannt, kam, als er von meiner Lage hoͤrte, heim⸗ lich zu mir, und machte mir ſo lockende Anerbie⸗ kungen, daß ich darin willigte, mich unter ſeine 188 Leute zu begeben. In der That hatte ich ſchon mehr als einmal daran gedacht, dieſe Lebensart zu erwaͤhlen, da ich mehrere wackere Kerle aus den Bergen gekannt hatte, welche ihr Geld unter uns jungen Leuten aus der Stadt ganz luſtig zu verzeh⸗ ren pflegten. Ich verließ alſo meine Freiſtatt eines Abends ſpaͤt, begab mich nach dem beſtimmten Zu⸗ ſammenkunftsorte, leiſtete den vorgeſchriebenen Eid, und ward nun Einer von der Schaar. Wir blieben eine Zeitlang in einem entfernten Theile der Berge; unſere wilde, abenteuerliche Lebensart ſprach meine Einbildungskraft wunderbar an und beſchaͤftigte alle meine Gedanken. Bald aber kehrten dieſe mit ihrer ganzen Heftigkeit zu Roſetta zuruͤck; die Ein⸗ ſamkeit, in welcher ich mich oft befand, ließ mir Zeit, uͤber ihrem Bilde zu bruͤten, und wenn ich in den Bergen Wache bei unſerem ſchlafenden Lager hielt, ſo ſteigerten ſich meine Gefuͤhle beinahe zum Fieber⸗ Endlich wechſelten wir unſern Lagerplatz und beſchloſſen, auf die Straße zwiſchen Terracina und Neapel hinunter einen Streifzug zu machen. Auf dieſer Unternehmung blieben wir auch einen oder zwei Tage in den bewaldeten Bergen, welche ſich oberhalb Froſinone erheben. Ich kann Ihnen meine Gefuͤhle nicht beſchreiben, als ich hinunter auf den Ort ſah, und die Wohnung Roſetta's erblickte. q 189 Ich beſchloß, mir wo moͤglich eine Zuſammenkunft mit ihr zu verſchaffen; aber zu welchem Endzweck? Ich konnte nicht erwarten, daß ſie ihr vaͤterliches Haus verlaſſen und mich auf meinem gefahrvollen Leben in den Bergen begleiten wuͤrde. Sie war dazu zu fein erzogen„ und wenn ich auf die Wei⸗ ber blickte, welche zu Einigen aus unſerer Schaar gehoͤrten, ſo konnte ich den Gedanken, daß ſie de⸗ ren Gefaͤhrtin werden ſollte, nicht ertragen. An eine Ruͤckkehr zu meinem vorigen Leben war nicht zu denken, denn es war ein Preis auf meinen Kopf geſetzt. Dennoch wollte ich mich bemuͤhen, ſie zu ſehen; das Gewagte und Fruchtloſe der Sache war es gerade, was mich anreizte, ſie ins Werk zu ſetzen. Vor ungefaͤhr drei Wochen uͤberredete ich un⸗ ſern Hauptmann, ſich in die Naͤhe von Froſinone hinunter zu begeben, in der Hoffnung, einige der vornehmſten Einwohner des Orts in unſere Gewalt zu bekommen, und ſie zu zwingen, Loͤſegeld zu be⸗ zahlen. Wir lagen gegen Abend im Hinterhalt, nicht weit von dem Weinberg von Roſetta's Va⸗ ter. Ich entfernte mich heimlich von meinen Ge⸗ faͤhrten, und naͤherte mich, den Ort zu beobachten, wohin ſie ſo haͤufig gegangen war. Wie ſchlug mein Herz, als ich unter den Weinreben ein wei⸗ 4 190 ßes Kleid ſchimmern ſah! Ich wußte, es mußte Roſetta ſeyn, da die anderen Frauenzimmer im Orte ſich ſelten weiß kleideten. Ich naͤherte mich behutſam und ohne Geraͤuſch, bis ich die Weinſtoͤcke ausein⸗ ander bog und ploͤtzlich vor ihr ſtand. Sie ſtieß einen gellenden Schrei aus, allein ich nahm ſie in meine Arme, legte ihr die Hand auf den Mund, und beſchwor ſie, zu ſchweigen. Ich ſagte Alles, was mir die Wuth der Leidenſchaft eingab, erbot mich, meiner Lebensart zu entſagen, mein Schickſal ihren Haͤnden anzuvertrauen, und mit ihr dahin zu fliehen, wo wir ſicher mit einander ſeyn koͤnnten. Alles, was ich ſagen oder thun konnte, war nicht im Stande, ſie zu beruhigen. Statt der Liebe ſchienen Schrecken und Furcht ſich ihrer Bruſt be⸗ maͤchtigt zu haben. Sie ſuchte ſich meinem Arme zu entwinden, und erfuͤllte die Luft mit ihrem Geſchrei. Ploͤtzlich waren wir von dem Hauptmann und meinen uͤbrigen Gefaͤhrten umringt. Ich wuͤrde in dieſem Augenblicke Alles darum gegeben haben, waͤre ſie wohlbehalten aus unſeren Haͤnden und in ihres Vaters Hauſe geweſen. Es war zu ſpaͤt. Der Hauptmann erklaͤrte ſie fuͤr unſere Beute, und befahl, daß ſie in die Berge gebracht werden ſollte. Ich ſtellte ihm vor, daß ſie meine * — Beute ſey, daß ich fruͤheres Anrecht auf ſie habe, und erwaͤhnte meiner fruͤhern Liebe. Seine Ant⸗ wort war ein bitteres Laͤcheln; er bemerkte, daß Naͤuber mit Dorfliebſchaften nichts zu thun haͤtten, und daß, nach den Geſetzen der Schaar, alle Ero⸗ berungen der Art durch das Loos vertheilt werden muͤßten. Liebe und Eiferſucht tobten in meinem Herzen, allein ich hatte nur die Wahl zwiſchen Ge⸗ horſam und Tod. Ich uͤbergab ſie dem Haupt⸗ mann, und wir brachen nach den Bergen auf. Der Schrecken hatte ſie uͤberwaͤltigt, und ihre Schritte waren ſo ſchwach und wankend, daß man ſie unterſtuͤtzen mußte. Ich konnte den Gedanken nicht ertragen, daß meine Kameraden ſie beruͤhren ſollten, und bat daher, indem ich eine erzwungene Ruhe annahm, daß man ſie mir anvertrauen moͤchte, da ſie mehr an mich gewoͤhnt ſey. Der Haupt⸗ mann betrachtete mich einen Augenblick lang mit pruͤfendem Blicke; ich hielt ihn indeſſen aus, ohne wegzublicken, und er willigte ein. Ich nahm ſie in meine Arme; ſie war beinahe beſinnungslos. Ihr Haupt ruhte auf meiner Schulter; ich fuͤhlte ihren Athem an meiner Wange, und er ſchien die Flamme anzufachen, die mich verzehrte. O Gott! dieſes reizende Gut in meinen Armen zu halten, und doch denken zu muͤſſen, daß es nicht mein ſey! 192 Wir langten am Fuße des Berges an. Ich er⸗ ſtieg ihn mit Muͤhe, beſonders da, wo das Gehoͤlz dicht war, allein ich wollte meine koſtbare Buͤrde nicht im Stiche laſſen. Ich dachte indeſſen mit Wuth daran, daß ich dieß bald wuͤrde thun muͤſſen. Der Gedanke, daß ein ſo zartes Geſchoͤpf meinen rohen Gefaͤhrten hingegeben werden ſollte, brachte mich zum Wahnſinn. Ich fuͤhlte den Muth in mir, mit dem Stilet in der Hand mir einen Weg durch ſie Alle zu bahnen, und Roſetten im Triumph davon zu tragen. Kaum hatte ich dieſen Gedanken gefaßt, als ich auch meine Tollkuͤhnheit einſah; allein mein Gehirn war bis zum Fieber von dem Gedan⸗ ken erhitzt, daß ein Anderer, als ich, ihre Reize beſitzen ſollte. Ich ſuchte meine Gefaͤhrten eine Strecke zuruͤckzulaſſen und ihnen einen Vorſprung abzugewinnen, im Fall ſich irgend eine guͤnſtige Ge⸗ legenheit zum Entwiſchen darkbieten ſollte. Verge⸗ bene Anſtrengung! Die Stimme des Hauptmanns befahl plötzlich, anzuhalten. Ich zitterte, mußte aber gehorchen. Das arme Maͤdchen ſchlug ein wenig das truͤbe Auge auf, hatte aber weder Kraft noch Bewegung. Ich legte ſie auf das Gras nieder. Der Hauptmann warf mir einen furchtbaren, arg⸗ woͤhniſchen Blick zu, und befahl mir, mit meinen Gefaͤhrten die Waͤlder zu durchſtreifen, um zu ſe⸗ hen, 4 hen, ob nicht etwa ein Schaͤfer zu finden ſey, um dieſen zu ihrem Vater zu ſchicken, und ein Loͤſegeld zu verlangen.—.. Ich erblickte ſogleich die ganze Gefahr. Mich mit Gewalt widerſetzen zu wollen, wuͤrde gewiſſer Tod geweſen ſeyn,— aber ſie in der Gewalt des Haupt⸗ manns allein zu laſſen! Ich ſprach itzt mit einer Glut, welche meine Leidenſchaft und meine Ver⸗ zweiflung mir eingaben, mich aus. Ich erinnerte den Hauptmann daran, daß ich der Erſte geweſen ſey, der ſich ihrer bemaͤchtigt, daß ſie meine Beute ſey, und daß meine fruͤhere Zuneigung zu ihr ſie unverletzlich fuͤr meine Gefaͤhrten machen muͤſſe. Ich beſtand alſo darauf, daß er mir ſein Wort ge⸗ ben ſolle, ſie unangetaſtet zu laſſen, da ich ſonſt ſeinen Befehlen nicht gehorſamen wuͤrde. Seine ganze Antwort war die, den Hahn ſeines Karabi⸗ ners zu ſpannen, und auf dieſes Zeichen thaten meine Kameraden daſſelbe. Sie lachten hoͤhniſch uͤber meine ohnmaͤchtige Wuth. Was konnte ich thun? Ich fuͤhlte, daß jeder Widerſtand Tollheit geweſen ſeyn wuͤrde. Von allen Seiten drohte man mir, und meine Kameraden zwangen mich, ihnen zu folgen. Sie blieb allein mit dem Haͤuptling— ja, allein— und beinahe leblos!— 3 Hier hielt der Raͤuber, von ſeinen Gefuͤhlen II. 4 * 194 uͤberwaͤltigt, in ſeiner Erzaͤhlung inne. Große Tropfen Schweiß ſtanden auf ſeiner Stirn, er ath⸗ mete nicht, er keuchte; ſeine gebraͤunte Bruſt ſtieg und fiel wie die Wellen des ſtuͤrmiſchen Meeres. Als er etwas ruhiger geworden war, fuhr er in ſeiner Erzaͤhlung fort. Es dauerte nicht lange, ſagte er, ſo fand ich ei⸗ nen Schaͤfer. Mit der Schnellfuͤßigkeit eines Hir⸗ ſches lief ich zuruͤck, um, wo moͤglich, wieder an dem Ort zu ſeyn, ehe das geſchehen war, was ich befuͤrchtet hatte. Ich hatte meine Gefaͤhrten weit hinter mir gelaſſen, und erreichte ſie ſchon wieder, ehe ſie die Haͤlfte des Weges zuruͤckgelegt, den ich gemacht hatte. Ich eilte mit ihnen zu dem Orte, wo wir den Hauptmann zuruͤckgelaſſen. Als wir uns naͤherten, ſah ich ihn neben Roſetten ſitzen. Sein triumphirender Blick und der troſtloſe Zu⸗ ſtand des ungluͤcklichen Maͤdchens ließen mir kei⸗ nen Zweifel uͤber ihr Schickſal uͤbrig. Ich weiß nicht, wie ich meine Wuth bemeiſterte.. Nur mit großer Schwierigkeit, und indem man ihr die Hand fuͤhrte, war ſie dazu zu bringen, ei⸗ nige wenige Zuͤge hinzumalen, wodurch ſie ihren Vater erſuchte, dreihundert Seudi als ihr Loͤſegeld zu ſenden. Der Schaͤfer ward mit dem Briefe ab⸗ geſchickt. Als er weggegangen war, wandte ſich — 195 der Haͤuptling ſehr ernſt zu mir.„Ihr habt,“ ſagte er:„ein Beiſpiel von Meuterei und Eigen⸗ willen gegeben, welches, wenn ich es hingehen laſ⸗ ſen wollte, der Schaar ſelbſt nachtheilig werden duͤrfte. Haͤtte ich Euch behandelt, wie es unſere Geſetze vorſchreiben, ſo wuͤrde ich Euch dieſe Ku⸗ gel durch den Kopf gejagt haben. Aber Ihr ſeyd einer meiner alten Freunde; ich habe mit Eu⸗ rer Thorheit und Eurer Wuth Nachſicht gehabt. Ich habe Euch ſogar vor einer thoͤrigen Leid nſchaft geſchuͤtzt, die Euch ganz entnervt haben wuͤrde. Was das Maͤdchen betrifft, ſo muß den Geſetzen unſerer Verbindung Genuͤge geſchehen.“ Mit die⸗ ſen Worten ertheilte er ſeine Befehle; es wurden Looſe gezogen, und das huͤlfloſe Maͤdchen der Schaar uͤberlaſſen. Hier hielt der Raͤuber abermals inne; er ſchaͤumte vor Wuth, und es dauerte einige Augen⸗ blicke, ehe er ſeine Erzaͤhlung wieder anfangen konnte. Die Hoͤlle, ſagte er, tobte in meinem Herzen. Ich ſah die Unmoͤglichkeit, mich zu raͤchen, und ich fuͤhlte, daß, nach den Geſetzen, zu denen wir uns unter einander verbindlich gemacht, der Hauptmann vollkommen Recht hatte. Ich ſtuͤrzte halb ſinnlos davon, warf mich auf die Erde, riß J 2 196 das Gras mit den Haͤnden aus, ſchlug mir gegen den Kopf und knirſchte mit den Zaͤhnen vor Wuth und Verzweiflung. Als ich endlich zuruͤckkehrte, ſah ich das ungluͤckliche Opfer, bleich, mit aufgeloͤſ'tem Haar und zerriſſener und in Verwirrung gebrachter Kleidung. Eine Regung des Mitleids brachte auf einen Augenblick meine leidenſchaftlichen Gefuͤhle zum Schweigen. Ich trug ſie zum Fuße eines Baumes hin und legte ſie ſanft an denſelben. Ich nahm meine Kuͤrbisflaſche, die mit Wein gefuͤllt war, brachte ſie an ihre Lippen, damit ſie etwas zu ſich nehmen moͤge. In welch' einem Zuſtande war ſie itzt!— ſie, die ich einſt als den Stolz von Froſinone gekannt, die ich noch vor Kurzem in ih⸗ res Vaters Weinberge ſo friſch, ſo ſchoͤn, ſo gluͤck⸗ lich geſehen hatte! Sie hatte die Zaͤhne zuſammen⸗ gebiſſen, die Augen an den Boden geheftet, ihre Geſtalt war ohne Bewegung, und in einem Zu⸗ ſtande gaͤnzlicher Fuͤhlloſigkeit. Ich hing uͤber ihr, mit allen Qualen der Erinnerung an das, was ſie geweſen, und des Jammers uͤber das, was ſie itzt war. Ich warf einen Blick des Abſcheus auf meine Gefaͤhrten umher, die mir wie Teufel er⸗ ſchienen, welche ſich des Falles eines Engels freuen, und ich empfand einen Abſcheu gegen mich ſelbſt, daß ich ihr Mitſchuldiger war. 197 Der Hauptmann, immer voll Argwohn, ſah mit ſeinem gewoͤhnlichen Scharfblick, was in mei⸗ nem Innern vorging, und befahl mir, nach dem Rande des Waldes zu gehen, um in die Gegend auszuſpaͤhen, und die Nuͤckkehr des Schaͤfers zu erwarten. Ich gehorchte natuͤrlich, und ſuchte die Wuth, die in mir loderte, zu erſticken, obgleich ich fuͤr den Augenblick fuͤhlte, daß er mein toͤdt⸗ lichſter Feind ſey. Auf dem Wege drang indeß ein Strahl der Ueberlegung in meine Seele. Ich ſah ein, daß der Hauptmann nur die furchtbaren Geſetze mit Strenge befolge, denen wir Anhaͤnglichkeit geſchworen hat⸗ ten; daß die Leidenſchaft, welche mich verblendet hatte, mit vollkommenem Rechte zur Urſach mei⸗ nes Untergangs geworden waͤre, haͤtte er nicht Nachſicht mit mir gehabt; daß er mich durchſchaut und mich verhindert hatte, in meinem Grimme eine unuͤberlegte Handlung zu begehen, indem er mich fortgeſchickt. Von dieſem Augenblicke fuͤhlte ich, daß ich ihm vergeben konnte. In dieſe Gedanken verſunken, langte ich aum Fuße des Berges an. Die Gegend war einſam und ſicher, und es dauerte nicht lange, ſo ſah ich den Schaͤfer in einiger Entfernung quer uͤber die Ebene daher kommen. Ich eilte ihm entgegen. Er 198 hatte nichts erlangt. Er hatte den Vater in der tiefſten Betruͤbniß gefunden. Dieſer hatte den Brief mit heftiger Bewegung geleſen, war dann, durch eine ploͤtzlich erlangte Gewalt uͤber ſich ſelbſt, ruhi⸗ ger geworden, und hatte kaltbluͤtig geantwortet: „meine Tochter iſt von dieſen Elenden entehrt wor⸗ den; man gebe ſie ohne Loſegeld frei, oder laſſe ſie ſterben!“ Ich ſchauderte bei dieſer Antwort. Ich wußte, daß, nach den Geſetzen unſerer Schaar, ihr Tod unvermeidlich war. Unſer Eid brachte es ſo mit ſich. Ich fuͤhlte jedoch, daß, da ich ſie nicht ſelbſt hatte beſitzen koͤnnen, ich im Stande ſey, ihr Hen⸗ ker zu werden!— Hier hielt der Raͤuber abermals in großer Be⸗ wegung inne. Ich ſaß da, in Nachdenken uͤber ſeine letzten Worte verſunken, aus denen ich ſah, bis zu welcher furchtbaren Hoͤhe die menſchlichen Leidenſchaften gelangen koͤnnen, wenn ſie alles mo⸗ raliſchen Zwanges entledigt ſind. Es lag eine furchtbare Wahrheit in dieſer Geſchichte, welche mich an einige der tragiſchen Gebilde im Dante erinnerte. Wir kommen itzt zu dem verhaͤngnißvollen Au⸗ genblicke, fing der Bandit wieder an. Nachdem ich den Bericht des Schaͤſers angehoͤrt, kehrte ich —— — 199 mit ihm zuruͤck, und der Haͤuptling vernahm von ſeinen Lippen den abſchlaͤglichen Beſcheid des Va⸗ ters. Auf ein Zeichen, das wir Alle verſtanden, folgten wir ihm bis zu einiger Entfernung von dem Opfer. Hier ſprach er ihr Todesurtheil aus. Alle waren bereit, ſeine Befehle zu vollziehen, allein ich that Einſpruch. Ich ſagte, daß ſowol das Mitleid als die Gerechtigkeit ihre Befriedigung erhalten muͤßten; daß ich eben ſo gut wie jeder Andere jenes unerbittliche Geſetz billige, welches Allen zur Warnung dienen ſolle, die ſich weigerten, das fuͤr unſere Gefangenen geforderte Löſegeld zu zahlen; daß aber das Opfer, wenn es einmal noͤthig ſey, doch ohne Grauſamkeit hingerichtet werden muͤſſe. Die Nacht ruͤckt heran, fuhr ich fort; ſie wird bald in Schlaf verſunken ſeyn. Laßt ſie uns dann aus der Welt ſchaffen. Alles was ich, in Ruͤckſicht auf meine fruͤhere Liebe zu ihr, verlange, iſt, daß ich den Streich fuͤhren darf. Ich werde ihn eben ſo ſicher, aber mit weniger Haͤrte fuͤhren. Meh⸗ rere erhoben ihre Stimmen gegen meinen Vor⸗ ſchlag, aber der Hauptmann gebot ihnen Still⸗ ſchweigen. Er ſagte mir, daß ich ſie in ein Dik⸗ kicht in einiger Entfernung fuͤhren moͤchte, und daß er ſich auf mein Verſprechen verlaſſe. Ich eilte, mich meiner Beute zu bemaͤchtigen. 200 Es lag eine Art von verzweiflungsvollem Triumph darin, daß ich endlich ausſchließlich zu ihrem Beſitz gelangt war. Ich trug ſie in den dichten Wald. Sie war noch in demſelben Zuſtande der Fuͤhlloſig⸗ keit oder der Betaͤubung. Ich war froh, daß ſie mich nicht erkannte; denn, haͤtte ſie nur einmal meinen Namen genannt, ſo wuͤrde dieß meinen Vorſatz uͤberwaͤltigt haben. Sie ſchlief endlich in den Armen desjenigen ein, der ſie erdolchen ſollte. Ich hatte manchen Kampf zu beſtehen, ehe ich mich entſchließen konnte, den Streich zu fuͤhren. Mein Herz war indeſſen durch die neuerlichen Qualen, die es erdulden muͤſſen, zerriſſen, und ich war be⸗ ſorgt, daß uͤber mein Zoͤgern ein Anderer ihr Hen⸗ ker werden moͤchte. Als ihre Ruhe eine Zeitlang gedauert hatte, machte ich mich ſanft von ihr los, um ihren Schlaf nicht zu ſtoͤren, ergriff ploͤtzlich meinen Dolch, und ſtieß ihn ihr in die Bruſt. Ein ſchmerzliches, innerliches Gemurmel, doch ohne irgend eine krampfhafte Bewegung, begleitete ihre letzten Seufzer.— So endete dieſe Ungluͤckliche! Er hoͤrte auf, zu reden. Ich ſaß von Schrek⸗ ken betaͤubt da, bedeckte mein Geſicht mit den Haͤnden, und ſuchte ſo gleichſam mich der furcht⸗ — 201 baren Bilder zu erwehren, die er vor meinem Geiſte entfaltet hatte. Die Stimme des Haupt⸗ manns erweckte mich aus dieſem Schweigen;„Ihr ſchlaft,“ ſagte er:„und es iſt Zeit, uns auf den Weg zu machen. Kommt, wir muͤſſen dieſe Hoͤ⸗ hen verlaſſen, da die Nacht einbricht, und der Bote noch nicht zuruͤckgekehrt iſt. Ich werde Je— manden auf den Bergrand ſtellen, um Jenen nach dem Orte zu fuͤhren, wo wir die Nacht zubringen wollen.” Dieß war keine angenehme Neutgkeit fuͤr mich. Ich war tief ergriffen von der graͤßlichen Geſchichte, die ich gehoͤrt hatte. Ich war zerriſſen und ermuͤ⸗ det, und der Anblick der Banditen fing an, mir unertraͤglich zu werden. Der Hauptmann verſammelte ſeine Kameraden. Wir ſtiegen ſchnell von dem Walde herab, den wir mit ſo vieler Schwierigkeit am Morgen erklommen, und kamen bald dahin, wo eine Art von gebahnter Straße zu ſeyn ſchien. Die Naͤuber zogen mit großer Vorſicht weiter, mit geſpanntem Gewehr, und indem ſie mit ſcharfen und ſpaͤhenden Augen umherblickten. Sie beſorgten, der Buͤrger⸗Pa⸗ trouille in die Haͤnde zu fallen. Wir ließen Rocca Priori hinter uns. Es war ein Brunnen dicht dabei, und da ich ungemein durſtig war, ſo bat ich um Erlaubniß anzuhalten und zu trinken worauf 202 der Hauptmann ſelbſt hinging und mir Waſſer in ſeinem Hute brachte. Wir ſetzten unſere Reiſe fort, als ich am Ende eines Baumganges, welcher quer uͤber die Straße ging, ein Frauenzimmer, weiß ge⸗ kleidet, zu Pferde ſah. Sie war allein. Ich dachte an das Schickſal des armen Maͤdchens in jener Erzaͤhlung, und zitterte fuͤr ihre Sicherheit. Einer von den Raͤubern erblickte ſie in eben dem Augenblicke, ſtuͤrzte ſich in das Gebuͤſch und lief ſchnell in der Richtung hin, die ſie genommen hatte. Am Ende des Baumganges blieb er ſtehen, ſetzte ein Knie auf die Erde und legte nun ſeinen Karabiner an, entweder um ſie zu ſchrecken, oder um ihr Pferd niederzuſchießen, im Fall ſie zu ent⸗ fliehen ſuchen ſollte, und erwartete ſo, daß ſie naͤ⸗ her kommen ſollte. Ich hielt meine Augen voll innerer Angſt auf ſie geheftet. Ich fuͤhlte die groͤßte Verſuchung, zu ſchreien, und ſie auf die Gefahr aufmerkſam zu machen, obgleich dieß meinen eige⸗ nen Untergang zur Folge gehabt haben wuͤrde. Es war ein furchtbarer Anblick, dieſen Tiger ſich zu⸗ ſammenſchmiegen zu ſehen, um ſich mit einem Sprunge auf das unſchuldige Opfer zu ſtuͤrzen, wel⸗ ches, deſſen unbewußt, in ſeiner Naͤhe voruͤberzog. Nur ein Zufall konnte ſie retten. Zu meiner Freude beguͤnſtigte ſie dieſer, denn ſie ſchien, ganz von ohn⸗ — 203 gefaͤhr, einen entgegengeſetzten Weg einzuſchlagen, der aus dem Walde hinausfuͤhrte, und wohin ſich der Raͤuber nicht wagte. Dieſer zufaͤlligen Abwei— chung vom Wege verdankte ſie ihre Rettung. Ich konnte nicht begreifen, warum der Haupt⸗ mann der Bande ſich ſo weit von der Hoͤhe weg⸗ gezogen hatte, auf welcher er die Schildwacht auf⸗ geſtellt, um die Ruͤckkehr des Boten zu erwarten. Ihn ſelbſt ſchien die Gefahr, der er ſich ausſetzte, beſorgt zu machen. Seine Bewegungen waren ſchnell und unruhig; ich konnte kaum Schritt mit ihm halten. Endlich, nachdem wir drei Stunden lang eine Art von Gewaltmarſch gemacht hatten, ſtiegen wir am Ende deſſelben Gehoͤlzes wieder berg⸗ an, auf deſſen Hoͤhe wir am Tage gelagert gewe⸗ ſen waren, und ich hoͤrte zu meinem großen Ver⸗ gnuͤgen, daß wir unſer Nachtquartier erreicht haͤt⸗ ten.„Ihr muͤßt ermuͤdet ſeyn,“ ſagte der Haupt⸗ mann:„allein es war noͤthig, die Umgegend zu muſtern, um nicht in der Nacht uͤberfallen zu wer⸗ den. Waͤren wir auf die beruͤhmte Buͤrgergarde von Rocca Priori geſtoßen, ſo wuͤrdet Ihr etwas Schoͤnes geſehen haben.“ So groß war die uner⸗ muͤdliche Aufmerkſamkeit und Umſicht dieſes Raͤu⸗ ber⸗Haͤuptlings, der in der That fortdauernde Be⸗ weiſe von militaͤriſchem Talent gab. 204 Die Nacht war herrlich. Der Mond ging an dem wolkenloſen Himmel auf, und beleuchtete ſchwach die großen Umriſſe der Berge, waͤhrend die Lichter, die wie irdiſche Sterne in dem weiten, dunklen Raume der Landſchaft aufblitzten, die einſa⸗ men Huͤtten der Schaͤfer bezeichneten. Durch die Anſtrengung und die vielen Gemuͤthsbewegungen, die auf mich eingewirkt hatten, erſchoͤpft, ſchickte ich mich an, zu ſchlafen, von der Hoffnung einer baldigen Befreiung eingewiegt. Der Hauptmann befahl ſeinen Gefaͤhrten, etwas trockenes Moos zu⸗ ſammenzuſuchen, machte mit ſeinen eigenen Haͤnden eine Art von Matrazze und Kiſſen daraus, und gab mir ſeinen weiten Mantel zur Decke. Dieſe unerwarteten Aufmerkſamkeiten von Seiten dieſes wohlwollenden Gurgelabſchneiders ſetzten mich in Erſtaunen und machten mir Vergnuͤgen, denn es iſt Nichts auffallender, als die Gaͤng⸗ und Gebe⸗ Dienſtleiſtungen, die man im gewoͤhnlichen Le⸗ ben als etwas ganz Natuͤrliches betrachtet, neben dem ſchroffen und nackten Verbrechen zum Vor⸗ ſchein kommen zu ſehen. Es iſt, als ob man die zarten Blumen und das friſche Gras der Thaͤler in den Felſen und unter der Aſche der Vulkane wachſen faͤnde. Ehe ich einſchlief, hatte ich noch eine Unterre⸗ — 205 dung mit dem Hauptmann, der großes Zutrauen zu mir zu hegen ſchien. Er erwaͤhnte unſerer fruͤ⸗ hern Unterhaltung am Morgen, ſagte mir, er ſey ſeines unſichern Gewerbes uͤberdruͤſſig, habe ſich ein hinlaͤngliches Vermoͤgen erworben, und wuͤnſche nun, in die Welt zuruͤckzukehren, und im Schoße ſeiner Familie ein friedliches Leben zu fuͤhren. Er wuͤnſchte zu wiſſen, ob es nicht in meiner Macht ſtaͤnde, ihm einen Paß nach den Vereinigten Staa⸗ ten von Amerika zu verſchaffen. Ich gab ſeinen guten Vorſaͤtzen meinen ganzen Beifall, und ver⸗ ſprach alles Moͤgliche zu thun, um deren Gelingen zu befoͤrdern. Hierauf trennten wir uns auf die Nacht. Ich ſtreckte mich auf mein Mooslager, das mir, nach meinen Anſtrengungen, wie ein Dau⸗ nenbett erſchien, und ſchlief, durch den Naͤuber⸗ mantel gegen alle Feuchtigkeit geſchuͤtzt, ganz feſt, ohne zu erwachen, bis das Zeichen zum Aufſtehen gegeben wurde. Es war beinahe ſechs Uhr, und der Tag brach ſo eben an. Da der Ort, wo wir die Nacht zu⸗ gebracht hatten, zu frei lag, ſo begaben wir uns weiter hinauf in das Dickicht. Es ward ein Feuer angezuͤndet; ſo lange die Flamme loderte, wurden die Maͤntel wieder darumher gehalten, als aber nichts mehr uͤbrig war, als die gluͤhende Aſche, 206 ließ man ſie nieder, und die Naͤuber ſetzten ſich in einen Kreis. Der ganze Auftritt erinnerte mich lebhaft an ei⸗ nige aͤhnliche, die im Homer beſchrieben ſind. Es fehlte nur noch das Opfer auf den Kohlen, und das heilige Meſſer, um die ſaftreichen Theile abzuſchnei⸗ den und zu vertheilen. Meine Gefaͤhrten haͤtten ſich mit den gewaltigen Helden Griechenlands meſ⸗ ſen koͤnnen. Statt der Feſtmahle Achill's und Aga⸗ memnon's, ſah ich hier auf dem Graſe die Ueber⸗ bleibſel des Schinkens aufgetiſcht, auf den am vorigen Abend ein ſo gewaltiger Angriff gemacht worden war, und zu welchen das ſich geſellte, was von Brot, Kaͤſe und Wein ſich noch vorfand. Wir hatten kaum unſer einfaches Fruͤhſtuͤck begonnen, als ich abermals das nachgemachte Bloͤken der Schafe vernahm, dem aͤhnlich, wie ich es am vorigen Tage gehört hatte. Der Hauptmann beantwortete es in demſelben Tone. Bald nachher ſahen wir zwei Maͤnner von der bewaldeten Anhoͤhe, wo wir den vorigen Abend zugebracht hatten, herabkommen. Als ſie ſich naͤherten, fand es ſich, daß es die Schildwacht und der Bote war. Der Hauptmann ſtand auf und ging ihnen entgegen. Er gab ſeinen Kameraden ein Zeichen, ſich um ihn zu verſam⸗ meln. Sie hielten eine kurze Berathung, worauf * — 207 er ſchnell zu mir trat, und ſagte:„Euer Loͤſegeld iſt bezahlt! Ihr ſeyd frei!“— Obgleich ich meine Befreiung ſchon als gewiß angeſehen hatte, ſo kann ich Ihnen doch nicht be⸗ ſchreiben, in welches Entzuͤcken dieſe Nachricht mich verſetzte. Ich nahm mir gar nicht die Zeit, meine Mahlzeit zu endigen, ſondern traf ſogleich Anſtal⸗ ten zum Weggehen. Der Hauptmann nahm mich bei der Hand, erſuchte mich um die Erlaubniß, mir ſchreiben zu duͤrfen, und bat mich, den Paß nicht zu vergeſſen. Ich erwiederte ihm, daß ich hoffte, ihm weſentlich nuͤtzlich ſeyn zu koͤnnen, und daß ich mich auf ſeine Ehre verließe, daß er des Fuͤrſten Verſchreibung uͤber die fuͤnfhundert Scudi zuruͤckgeben wuͤrde, da itzt das baare Geld gezahlt ſey. Er betrachtete mich einen Augenblick mit Er⸗ ſtaunen, ſchien ſich dann zu beſinnen, und ſagte: E giusto, eccolo— addio!*) Er gab mir die Verſchreibung, druͤckte mir noch einmal die Hand, und wir ſchieden. Die Arbeiter durften mich be⸗ gleiten, und wir traten mit großer Freude unſern Nuͤckweg nach Tusculum an. — *) Ganz recht, da iſt ſie— lebt wohl? Ueberſ. ——— 208— Hier hoͤrte der Franzoſe auf, zu reden. Die Uebrigen gingen einige Augenblicke ſchweigend am Ufer hin. Die Erzaͤhlung hatte einen tiefen Eindruck, und namentlich auf die Venetianiſche Dame, gemacht. Bei dem Theile, welcher ſich auf das junge Maͤdchen aus Froſinone bezog, war ſie ſehr erſchuͤttert. Sie ſchluchzte laut, hing ſich fe— ſter an ihren Gatten, und als ſie, wie um Schutz flehend, zu ihm hinaufblickte, ſielen die Strahlen des Mondes auf ihr ſchoͤnes klares Geſicht, und ließen es bleicher als gewoͤhnlich erſcheinen, waͤh⸗ rend Thraͤnen in ihren ſchoͤnen dunklen Augen glaͤnzten. „Coraggio, mia vita!“*) ſagte er: indem er leiſe und ſchmeichelnd die weiße Hand beruͤhrte, welche auf ſeinem Arme lag. Die Geſellſchaft kehrte itzt nach dem Gaſthauſe zuruͤck, und trennte ſich auf die Nacht. Die ſchoͤne Venetianerin war, obgleich von der ſanfteſten Ge⸗ muͤthsart, doch beinahe boͤſe auf den Englaͤnder, der Unglaͤubigkeit wegen, die er den ganzen Abend uͤber verrathen hatte. Sie konnte ſeinen Widerwil⸗ len gegen alles„dumme Zeug“, wie er es nannte, der eine Art von Gewalt uͤber ihn zu haben, und *) Muth, mein Leben! Ueberſ. 1 209 4½ ſeine Meinungen, ja ſeine Handlungen zu leiten ſchien, durchaus nicht begreifen. „Ich ſtehe dafuͤr“, ſagte ſie zu ihrem Gatten, als ſie ſich zur Ruhe begaben:„ich ſtehe dafuͤr, daß, bei aller angenommenen Gleichguͤltigkeit, des Eng⸗ laͤnders Herz ſchon bei dem Anblicke eines Bandi⸗ ten erbeben wird.“ Ihr Gatte verwies ihr ſanft und gutmuͤthig ihre uͤbele Meinung. „Dieſe Englaͤnder machen, daß ich alle Geduld verliere,“ ſagte ſie, als ſie ſich zu Bett legte:— „ſie ſind ſo kalt und gefuͤhllos!“ Das Abenteuer des Englaͤnders. Am Morgen war Alles in Bewegung im Gaſt⸗ hauſe von Terracina. Der Procaccio hatte ſchon bei Tagesanbruch ſeinen Weg nach Rom fortgeſetzt, aber der Englaͤnder wollte erſt noch aufbrechen, und der Abgang einer Engliſchen Equipage iſt hinrei⸗ chend, um ein Gaſthaus in vollkommener Bewe⸗ gung zu erhalten. Bei dieſer Gelegenheit war aber mehr Getuͤmmel als gewoͤhnlich, denn der Englaͤn⸗ der hatte, da er viele Sachen von Werth bei ſich fuͤhrte, und ſich itzt davon uͤberzeugt hatte, daß die Straße wirklich unſicher ſey, ſich an die Polizei Cÿ—— gewandt, und ſich gegen reichliche Bezahlung eine Bedeckung von acht Dragonern und zwoͤlf Sol⸗ daten zu Fuß, bis Fondi, verſchafft. Vielleicht lag auch etwas Prunkliebe zum Grunde, obgleich ſich, die Wahrheit zu ſagen, in ſeinem Weſen nichts davon ausſprach. Er bewegte ſich, ſchweigſam und verſchloſſen wie gewoͤhnlich, unter der gaffenden Menge umher, gab lakoniſche Befehle an John, waͤhrend dieſer die tauſend und eine unentbehrlichen Bequemlichkeiten fuͤr die Nacht wegpackte, lud ſeine Piſtolen mit der groͤßten Kaltbluͤtigkeit mit doppelter Ladung, und ſteckte ſie in die Taſchen ſeines Wa— gens, wobei er gar nicht auf ein Paar blitzender Augen merkte, welche aus dem Haufen der Muͤſ⸗ ſiggaͤnger auf ihn blickten. Die ſchoͤne Venetianerin kam itzt mit einer Bitte, welche ſie mit dem ſuͤßen Tone ihrer Stimme vorbrachte, daß er naͤmlich erlauben moͤge, daß ihr Wagen ebenfalls unter dem Schutze ſeiner Bedek⸗ kung mitfahren duͤrfe. Der Englaͤnder, der eifrig damit beſchaͤftigt war, ein zweites Paar Piſtolen fuͤr ſeinen Bedienten zu laden, und den Ladeſtock zwiſchen den Zaͤhnen hielt, nickte, als etwas, das ſich verſtaͤnde, ein Ja, ohne jedoch die Augen da— bei aufzuſchlagen. Die ſchoͤne Venetianerin war etwas aͤrgerlich uͤber dieſe anſcheinende Gleichguͤltigg — 211 keit:„o Dio!“ ſagte ſie leiſe, als ſie ſich entfernte: „quanto sono insensibili questi Inglesi!“⁰ Endlich fuhren ſie mit großem Gepraͤnge ab. Die acht Dragoner galoppirten voraus, die zwoͤlf Soldaten marſchirten hinterher, und der Wagen fuhr langſam in der Mitte, damit das Fußvolk Schritt damit halten koͤnne. Sie waren kaum ein Paar hundert Schritt gefahren, als es ſich fand, daß eine ganz unentbehrliche Sache zuruͤckgelaſſen worden war. Des Englaͤnders Boͤrſe fehlte naͤm⸗ lich, und John wurde nach dem Gaſthofe zuruͤck⸗ geſchickt, ſie zu ſuchen. Dieß verurſachte einigen Verzug, und der Wagen der Venetianer fuhr un⸗ terdeſſen langſam weiter. John kam ſehr verdruͤt⸗ lich und außer Athem zuruͤck; die Boͤrſe war nicht zu finden. Sein Herr ward zornig; er erinnere ſich noch des Orts, wo ſie gelegen haͤtte; er habe nicht den geringſten Zweifel, daß der Italiaͤ⸗ niſche Bediente ſie eingeſteckt habe. John ward abermals zuruͤckgeſchickt. Er kam wiederum ohne die Boͤrſe zuruͤck; aber der Wirth und der ganze Haushalt hinter ihm. Tauſend Ausrufe und Be⸗ theuerungen, von allen Arten von Gebaͤrden und Verzerrungen begleitet:—„Niemand habe ſeine Boͤrſe geſehen— Exeellenz muͤßten ſich irren!“ Nein— Excellenz irrten ſich nicht— die Boͤrſe 212 habe auf dem Marmortiſche unter dem Spiegel ge⸗ legen; eine Boͤrſe, halb mit Silber und halb mit Gold gefuͤllt. Abermals tauſend Gebaͤrden und Verzerrungen und Schwuͤre bei dem heil. Janua⸗ rius, daß Niemand irgend eine Boͤrſe geſehen habe. Der Englaͤnder ward wuͤthend. Der Marqueur habe ſie eingeſteckt— der Wirth ſey ein Schuft— das Wirthshaus eine Diebeshoͤhle— es ſey ein ſchaͤndliches Land— er ſey von einem Eude bis zu dem andern betrogen und ausgezogen worden— aber er wolle ſich Genugthuung verſchaffen— er wolle gerade nach der Polizei fahren. Er war im Begriff, den Poſtillonen zu befeh⸗ len, umzukehren, als bei dem Aufſtehen eines der Kiſſen im Wagen ſich verſchob, und die Geldboͤrſe klimpernd auf den Boden fiel. Alles Blut in ſeinem Koͤrper ſchien im Geſicht zuſammenzufließen—„hol der Henker die Boͤrſe,“ ſagte er, als er ſie aufhob. Er warf eine Hand⸗ voll Geld zur Erde vor den bleichen, ſich buͤcken⸗ den Marqueur;„da— und fort damit!“ rief er aus.„John, ſage den Poſtillonen, ſie ſollen weiter fahren.“ Es war uͤber dieſen Wortwechſel mehr als eine halbe Stunde vergangen. Der Wagen der Venetianer * 213 war langſam weiter gefahren; die Reiſenden hatten von Zeit zu Zeit hinausgeblickt, und jeden Augen⸗ blick erwartet, daß die Bedeckung ihnen folgen wuͤrde. Nach und nach waren ſie um eine Ecke der Straße gebogen, die ſie dem Anblicke entzog. Das kleine Heer hatte ſich unterdeſſen wieder in Bewe⸗ gung geſetzt, und nahm ſich ſehr maleriſch aus, wie es ſich um den Fuß der Felſen herumzog, waͤhrend die Morgenſonne ſich in den Waffen der Soldaten ſpiegelte. Der Englaͤnder lehnte ſich in ſeinem Wagen zu⸗ ruͤck, auf ſich ſelbſt aͤrgerlich, uͤber das, was ge⸗ ſchehen war, und demnach auf die ganze Welt ſchlecht zu ſprechen. Da dieß indeſſen bei Leuten, die zu ihrem Vergnuͤgen reiſen, nichts Ungewoͤhn⸗ liches iſt, ſo iſt es kaum der Muͤhe werth, es zu bemerken. Die Reiſenden waren von der Meeres⸗ kuͤſte zwiſchen die Huͤgel hinauf gekommen, und hat⸗ ten ſo eben eine Stelle der Straße erreicht, von der man ziemlich weit in die Ferne ſehen konnte. „Ich ſehe den Wagen der Dame gar nicht, Sir,“ ſagte John, indem er ſich vom Kutſchbocke herabbog. „Pah!“ ſagte der Englaͤnder verdruͤßlich— „quaͤle mich nicht Inf. dem Wagen der Dame; muß ich mich denn ewig mit fremder Leuten An⸗ 214 gelegenheiten behelligen laſſen?“ John ſagte nichts weiter, denn er kannte ſeines Herrn Laune. Die Straße ward itzt immer wilder und oͤder; man fuhr langſam, im Schritte, einen Huͤgel hin⸗ auf; die Dragoner waren eine Strecke voraus und hatten ſo eben den Gipfel des Huͤgels erreicht, als ſie einen lauten Ruf oder vielmehr Geſchrei erho⸗ ben, und fort galoppirten. Der Englaͤnder er⸗ wachte auf einmal aus ſeinem finſtern Nachdenken. Er ſteckte den Kopf aus dem Wagen, welcher itzt auf dem Kamme des Huͤgels angelangt war. Vor ihm lag ein langer Hohlweg, auf der einen Seite von ſteilen, ſchroffen Hoͤhen begraͤnzt, die mit Strauchwerk und einzelnem Gebuͤſch bedeckt waren. In einiger Entfernung ſah er den Wagen der Venetianer umgeworfen; eine zahlreiche Bande von Naͤubern pluͤnderte ihn ſo eben; der junge Mann und ſein Bedienter waren ſchon uͤberwaͤltigt und zum Theil entkleidet, und die Dame in den Haͤnden zweier der Boͤſewichter. Der Eng⸗ laͤnder griff nach ſeinen Piſtolen, ſprang aus dem Wagen, und rief John zu, ihm zu folgen. Die Naͤuber, welche bei dem Wagen beſchaͤftigt waren, hatten unterdeſſen, als ſie die Dragoner herankommen ſahen, ihre Beute fahren laſſen, und in der Mitte der Straße Poſto gefaßt; ſie legten 215 ruhig an, und feuerten. Einer von den Dragonern ſtüͤrzte, ein zweiter ward verwundet, und der ganze Haufe ward auf einen Augenblick zum Stehen ge⸗ bracht, und gerieth in Verwirrung. Die Naͤuber luden ſogleich wieder. Die Dragoner ſchoſſen ihre Karabiner ab, aber ohne anſcheinende Wirkung. Sie empfingen eine zweite Salve, welche, obgleich keiner von ihnen ſtuͤrzte, ſie doch in Verwirrung brachte. Die Raͤuber luden ſchon zum zweiten Male, als ſie die Fußſoldaten anruͤcken ſahen. Itzt hieß es: Scampa via!“*) ſie ließen ihre Beute fahren und zogen ſich in die Felſen hinauf; die Soldaten ihnen nach. So ſchlugen ſie ſich von Klippe zu Klippe, von Strauch zu Strauch, wobei die Raͤu⸗ ber ſich von Zeit zu Zeit umwandten, um auf ihre Verfolger zu feuern, und die Soldaten ihnen nach⸗ kletterten und ihre Musketen abſchoſſen, ſobald ſie damit zu treffen glaubten. Zuweilen ward ein Raͤuber oder Soldat niedergeſchoſſen, und rollte die Klippen herab. Die Dragoner feuerten waͤhrend der Zeit von unten, ſobald ſich nur ein Raͤuber ſehen ließ. Der Englaͤnder war nach dem Kampfplatze geeilt und die auf die Dragoner gerichteten Kugeln waren —— *) Macht euch aus dem Staube! Ueberſ. bei ihm voruͤbergeſauſt, indem er weiter ging. Ein Gegenſtand nahm indeſſen ganz beſonders ſeine Auf⸗ merkſamkeit in Anſpruch. Es war die ſchoͤne Ve⸗ netianiſche Dame in den Haͤnden zweier Naͤuber, welche, in der Verwirrung des Gefechts, ſie, ihres Schreiens ungeachtet, in die Berge hinaufgeſchleppt hatten. Er ſah ihre Kleider zwiſchen dem Geſtraͤuch hindurchblicken und ſprang die Felſen hinauf, um den Raͤubern den Weg abzuſchneiden, waͤhrend ſie ihre Beute davon trugen. Die Steilheit der Berge und die Geſtraͤuche dazwiſchen hielten ihn auf und hinderten ihn. Er verlor die Dame aus dem Ge⸗ ſicht, konnte ſich aber nach ihrem Geſchrei richten, das immer ſchwaͤcher und ſchwaͤcher wurde. Dieſe Raͤuber waren zur Linken, waͤhrend das Knallen der Musketen davon zeugte, daß das Gefecht zur Rechten fortdauere. Endlich erreichte er einen rauhen Fußſteig, der kaum ſichtbar in eine der Felsſchluchten ſich hineinzog, und ſah, wie die Boͤſewichter in ei⸗ niger Entfernung die Dame einen Hohlweg hinauf⸗ ſchleppten. Einer von ihnen, der ihn ſich naͤhern hoͤrte, ließ ſeine Beute fahren, ging auf ihn zu, legte den Karabiner den er uͤber den Ruͤcken ge⸗ tragen hatte an, und ſchoß. Die Kugel fuhr dem Englaͤnder durch den Hut, und nahm etwas von ſeinem Haar mit weg. Er erwiederte den Schuß mit — 217 mit einer ſeiner Piſtolen, und der Raͤuber ſtuͤrzte. Der andere Buſchklepper ließ itzt die Dame fallen, zog ein langes Piſtol aus dem Guͤrtel und ſchoß, nachdem er ſcharf gezielt hatte, auf ſeinen Gegner. Die Kugel ging dieſem zwiſchen dem linken Arm und der Seite hindurch, und verwundete ihn leicht am Arm. Der Englaͤnder trat naͤher und ſchoß ſein zweites Piſtol ab, wodurch der Raͤuber zwar verwundet wurde, jedoch nicht bedeutend. Der Bandit zog nun ein Stilet hervor und ſuͤrzte auf ſeinen Gegner los, der den Stoß auf⸗ fing, wodurch er bloß eine leichte Wunde erhielt, und ſich itzt mit ſeinem Piſtol vertheidiate, das ein herausſpringendes Bajonett hatte. Beide pack⸗ ten ſich nun, und es kam zu einem verzweifelken Kampfe. Der Raͤuber war ein vierſchroͤtiger, fei⸗ ſter, kraͤftiger, muskelhafter und gewandter Menſch. Der Englaͤnder war zwar groͤßer von Ge⸗ ſtalt und ſtaͤrker, aber weniger gewandt, weni⸗ ger an Ringerkuͤnſte und koͤrperliche Uebungen ge⸗ woͤhnt, bewies jedoch, daß er ſich zu verthei⸗ digen wiſſe, und hierin wohl erfahren ſey. Beide ſtanden an einer klippigen Anhoͤhe, und der Eng⸗ laͤnder bemerkte, daß ſein Gegner ihn an den Rand des Abgrundes zu draͤngen ſuche. Ein Blick zur Seite zeigte ihm, daß der Raͤuber, den er zuerſt verwun⸗ II. K 218 det, mit dem Stilet in der Hand heraufklimme, ſeinem Kameraden beizuſtehen. Jener hatte bereits den Gipfel der Klippe erreicht, und war nur noch we⸗ nige Schritte entfernt; der Englaͤnder ſah, daß ſeine Lage verzweifelt ſey, als er plötzlich den Knall eines Piſtols hoͤrte, und der Boͤſewicht ſtuͤrzte. Der Schuß kan von John, der gerade zur rechten Zeit gekommen war, ſeinen Herrn zu retten. Der erſte Raͤuber ſchien unterdeſſen, vom Blut⸗ verluſt und der Heftigkeit des Kampfes erſchoͤpft, zu wanken. Der Englaͤnder benutzte ſeinen Vor⸗ theil, drang auf ihn ein, und ſtieß ihn, als deſſen Kraͤfte immer mehr abnahmen, kopfuͤber den Ab⸗ grund hinab. Er blickte ihm nach, und ſah ihn bewegungslos unten zwiſchen den Felſen liegen. Der Englaͤnder ſuchte nun die ſchoͤne Venetia⸗ nerin auf. Er fand ſie beſinnungslos auf der Erde liegen. Mit Huͤlfe ſeines Bedienten trug er ſie hinunter auf die Landſtraße, wo ihr Gatte wie ein Wahnſinniger ſich gebaͤrdete. Er hatte ſie verge⸗ bens geſucht, und bereits aufgegeben; als er ſie ſo wohlbehalten wiederſah, war ſeine Freude eben ſo ausſchweifend und zuͤgellos. Er wuͤrde die Be⸗ ſinnungsloſe an ſeine Bruſt geſchloſſen haben, haͤtte der Englaͤnder ihm nicht Einhalt gethan. Der 219 Letztere, der itzt ploͤtzlich in Aufregung gekommen war, verrieth eine zaͤrtliche Theilnahme und maͤnn⸗ liche Galanterie, wie man ſie von ſeinem gewohnten Pflegma nicht erwartet haben wuͤrde. Seine Aufmerk⸗ ſamkeit war indeſſen wirkſamer Art, und erſchöpfte ſich nicht in Worten. Er ſchickte John zu ſeinem Wagen, um Staͤrkungsmittel aller Art herbeizuho⸗ len, und bekuͤmmerte ſich, ohne an ſich zu denken, nur um ſeine liebenswuͤrdige Gerettete. Die von Zeit zu Zeit an der Hoͤhe hin fallenden Schuͤſſe zeigten, daß die Raͤuber auf ihrem Ruͤckzuge ſich noch immer vertheidigten. Die Dame gab unter⸗ deſſen Zeichen des wiederkehrenden Bewußtſeyns. Der Englaͤnder, der ſie von dieſem gefahrvollen Orte zu entfernen wuͤnſchte, ſchaffte ſie zu ſeinem eigenen Wagen, uͤbergab ſie dort der Sorge ihres Gatten, und befahl den Dragonern, ſie nach Fondi zu begleiten. Der Venetianer beſtand darauf, daß der Englaͤnder ſich mit in den Wagen ſetzen ſolle, welches dieſer ablehnte. Nun ergoß ſich jener in ei⸗ nen Strom von Dankſagungen und Segnungen, al⸗ lein der Englaͤnder winkte den Poſtillonen, zuzu⸗ fahren. John verband nun ſeines Herrn Wunden, wel⸗ che nicht bedeutend waren, obgleich der Blutverluſt ihn geſchwaͤcht hatte. Der Venetianiſche Wagen 4 K 2— † 220 war unterdeſſen wieder aufgerichtet, und das Ge⸗ paͤck wieder aufgeladen worden; Beide ſtiegen ein, fuhren ebenfalls nach Fondi, und uͤberließen es den Fußſoldaten, die Banditen aus ihren Schlupf⸗ winkeln herauszutreiben. Noch ehe man Fondi erreichte, war die ſchoͤne Venetianerin aus ihrer Ohnmacht vollkommen wie⸗ der zu ſich gekommen. Sie fragte, wie gewoͤhnlich in ſolchen Faͤllen, wo ſie ſey? „In dem Wagen des Englaͤnders.“ Wie ſie aus den Haͤnden der Raͤuber entkom⸗ men ſey? „Der Englaͤnder habe ſie gerettet.“ Ihr Entzuͤcken war ohne Graͤnzen, und begei⸗ ſterte Ausrufungen des Dankes miſchten ſich darin. Tauſendmal warf ſie ſich's vor, ihn der Kaͤlte und Gefuͤhlloſigkeit beſchuldigt zu haben. In dem Augenblick, wo ſie ihn wiedererblickte, ſtuͤrzte ſie, mit der Lebhaftigkeit ihres Volkes, in ſeine Arme, und hing, in ſprachloſem Erguſſe der Dankbarkeit, an ſeinem Halſe. Nie hatten die Umarmungen ei⸗ ner ſchoͤnen Frau einen Mann ſo in Verlegenheit geſetzt.. St! Stl ſagte der Englaͤnder. „Sie ſind verwundet!“ ſchrie die ſchoͤne Ve⸗ netianerin, als ſie Blut auf ſeinen Kleidern ſah. 221 Pahl das iſt gar nichts! „Mein Befreier! mein Schutzengel!“ rief ſie aus, indem ſie ihm abermals um den Hals fiel, und an ſeiner Bruſt ſchluchzte. Hm! ſagte der Englaͤnder ſehr gutmuͤthig, aber indem er etwas einfaͤltig dabei ausſah: das iſt Alles dummes Zeug! Die ſchoͤne Venetianerin hat indeſſen die Eng⸗ laͤnder nie wieder der Gefuͤhlloſigkeit beſchuldigt. Vierte Abtheilung. Die Schatzgraͤber. Aus den Papieren des verſtorbenen Dietrich Knickerbocker. Itzt fallen mir der Alten Worte ein, Die in der Jugend Mahrchen mir erzahlt, Von Geiſtern und Geſpenſtern, die bei Nacht Sich ſehen laſſen, wo ein Schatz vergraben. Marlow's Jude von Malta(1633). Das Hoͤllenthor. Ungefähr ſechs Meilen von der beruͤhmten Stadt der Manhattoes*), in dem Sunde oder Meeres⸗ arm, welcher zwiſchen dem Feſtlande und Naſ⸗ ſau⸗ oder Long⸗Island ſich hinzieht, liegt eine ſchmale Meerenge, wo der Waſſerſtrom zwiſchen weithervorragenden Vorgebirgen gewaltſam zuſam⸗ mengedruͤckt, und zwiſchen Felſen und Klippen furchtbar eingeengt wird. Da er nun zu allen Zeiten ein ſehr heftiger, ungeſtuͤmer Strom iſt, ſo grollt er gewaltig uͤber dieſe Hinderniſſe, bildet ſchaͤumende Strudel, tobet und brauſet in Wirbeln, wuͤthet und bruͤllt in Faͤllen und Brandungen, und, kurz, uͤberlaͤßt ſich allen Arten von tollkoͤpfigen Wuthausbruͤchen. Wehe jedem ungluͤcklichen Fahr⸗ zeuge, das zu ſolchen Zeiten in ſeine Klauen geraͤth! *) New⸗York; ſ. Bracebridge⸗Hall. Thl. II. S. 233. Ueberſ. 226 Dieſe tobende Stimmung herrſcht indeſſen nur zu gewiſſen Zeiten, wenn Fluth iſt; bet der Ebbe iſt der Strom gewoͤhnlich ſo ruhig, als man es nur wuͤnſchen kann. Kaum aber faͤngt die Fluth an zu ſteigen, ſo beginnt er auch, unruhig zu wer⸗ den; bei der Halbfluth bruͤllt er mit aller Macht, wie ein Stier, der mehr zu trinken haben will; wenn dagegen die Fluth den hoͤchſten Stand er— reicht hat, wird er ruhig und ſchlaͤft eine Zeitlang ſo feſt, wie ein Alderman nach ſeinem Mittags⸗ eſſen. Man kann ihn mit einem zankſuͤchtigen Zecher vergleichen, der nur dann ganz ruhig iſt, wenn er entweder gar nichts zu trinken, oder zur Genuͤge getrunken hat, der aber, wenn er halb be⸗ rauſcht iſt, einen Teufelslaͤrm macht. Dieſe gewaltig laͤrmende, tobende, trinkſuͤchtige kleine Meerenge war fuͤr die Hollaͤndiſchen Seefah⸗ rer in den alten Tagen ein ſehr gefaͤhrlicher, boͤſer Platz, der ihren, wie Faͤſſer gebauten kleinen 2 Barken auf das allerempoͤrendſte Trotz bot, ſie ſo herumdrehte, daß jeder Andere, nur ein Hollaͤnder nicht, ſchwindelig geworden waͤre, und ſie haͤufig auf Felſen und Riffen ſtranden ließ, wie es dem beruͤhmten Geſchwader Oloff's des Traͤumers ging, als er einen Ort ſuchte, um die Stadt der Manhat⸗ toes zu gruͤnden. Deswegen nannten die Hollaͤnder ——— 1 8 3——— — 5— die Meerenge auch, aus reinem Verdruß, Hellegat, und uͤberwieſen ſie feierlich dem Teufel. Dieſer Name iſt ſeit der Zeit ſeht geſchickt in das Eng⸗ liſche Hell-gate, und in Unſinn durch den Namen Hurl-gate*) uͤbertragen worden, und zwar von gewiſſen fremden Eindraͤngern, die weder Hollaͤn: diſch noch Engliſch verſtauden— und moͤge der heil. Nikolaus ſie dafuͤr ſtrafen!. Dieſes ſogenannte Hoͤllenthor war fuͤr mich, in meinen Knabenjahren, ein ſehr furchtbarer und ge⸗ faͤhrlicher Ort bei meinen Unternehmungen, indem ich dieſe kleinen Gewaͤſſer ſehr fleißig befuhr, und mehr als einmal Gefahr lief, Schiffbruch zu leiden und zu ertrinken, wenn ich an den freien Tagen, fuͤr die ich, wie andere Hollaͤndiſche Jungen, im⸗ mer große Vorliebe hatte, meine Reiſen anſtellte. In der That hatte dieſer Ort, theils ſeines Na⸗ mens, theils mehrerer ſonderbaren Umſtaͤnde wegen, welche damit verknuͤpft waren, fuͤr meine hinter die Schule gehenden Gefaͤhrten und fuͤr mich ſelbſt weit mehr Schrecken, als Scylla und Charybdis fuͤr die Seefahrer in alten Zeiten gehabt haben moͤgen. Mitten in dieſer Meerenge und dicht bei einer —— *) Wortlich, das Welz⸗ oder Werf⸗Thon. Ueberſ. 228 Gruppe von Felſen, welche man die Henne mit ihren Kuͤchlein nennt, lag das Wrack eines Schif⸗ fes, welches bei einem Sturm in den Strudel ge⸗ rathen und geſtrandet war. Man erzaͤhlte uns eine fuͤrchterliche Geſchichte davon, daß dieß das Wrack eines Piraten ſey, und noch eine Mordgeſchichte dabei, deren ich mich itzt nicht genau mehr erin⸗ nern kann, welche aber machte, daß wir es immer mit großer Furcht betrachteten, und auf unſeren Kreuzzuͤgen uns weit davon entfernt hielten. In der That war das traurige Anſehen des einzelnen Schiffrumpfes und der furchtbare Ort, wo es lag und verfaulte, hinreichend, um ſeltſame Gedanken zu erwecken. Eine Reihe von Balken, welche die Zeit geſchwaͤrzt hatte, ragte, bei hohem Waſſer, ſo eben uͤber die Oberflaͤche deſſelben hervor; dagegen lag aber bei der Ebbe ein großer Theil des Rum⸗ pfes ganz frei da, und ſeine großen Rippen oder Balken, welche zum Theil von ihren Planken ent⸗ bloͤßt und ganz mit Seekraut bedeckt waren, ſahen wie das gewaltige Geripp irgend eines Seeungeheuers aus. Auch war der Rumpf eines Maſtes noch zu ſehen, mit einigen wenigen Tauen und Rollen, die im Winde umherbaumelten und pfiffen, waͤhrend die Seemewen um das traurige Gerippe krei⸗ ſeten und ſchrieen. Ich erinnere mich noch ganz —— —— 229 dunkel einiger Geſpenſtergeſchichten, welche die Matroſen erzaͤhlten, von Geiſtern, die des Nachts um dieß Wrack her, mit nackten Schaͤdeln, und mit blauen Lichtern, ſtatt der Augen, in den Augenhoͤh⸗ len, ſich ſehen laſſen ſollten; allein ich habe die naͤ⸗ heren Umſtaͤnde alle vergeſſen. In der That war die ganze Gegend, wie im Alterthum die Meerenge von Pylorus, fuͤr mich ein Schauplatz von Fabeln und Dichtungen. Von der Meerenge bis zu den Manhattoes haben die Ufer des Sundes eine ſehr mannigfache Geſtalt, indem ſie haͤufig durch Felsſpitzen, die mit Baͤu— men bewachſen ſind, unterbrochen und durchſchnitten werden, was ihnen ein ſehr wildes und romanti⸗ ſches Anſehen giebt. In meiner Knabenzeit gab es hier eine Menge Sagen von Piraten, Gei⸗ ſtern, Smugglern und vergrabenem Gelde, was Alles einen wunderbaren Eindruck auf mein und meiner Geſpielen junge Gemuͤther machte. Als ich zu reiferen Jahren kam, ſtellte ich ſorg⸗ faͤltige Unterſuchungen uͤber die Wahrheit dieſer ſon⸗ derbaren Sagen an, denn ich habe von jeher gern mich in Forſchungen uͤber die wichtigen, aber dun⸗ keln Zweige der Geſchichte meiner Geburts⸗Provinz eingelaſſen. Es ward mir indeſſen ungemein ſchwer, beſtimmte Auskunft zu erhalten. Es iſt unglaub⸗ lich, welche Menge von Fabeln ich zugleich mit an das Tageslicht brachte, wenn ich eine Thatſache aus dem Dunkel hervorziehen wollte. Ich will gar nichts von des Teufels Stufen ſagen, auf wel⸗ chen der hoͤlliſche Feind, queer uͤber die Meerenge, von Connecticut nach Long⸗Island ging, da ich ſehe, daß dieſer Gegenſtand von einem meiner wuͤr⸗ digen Freunde und gleichzeitigen Geſchichtſchreiber, dem ich das Naͤhere daruͤber mitgetheilt habe, ge⸗ lehrt behandelt werden ſoll*). Auch will ich nichts von dem ſchwarzen Manne mit dem dreieckigen Hute erwaͤhnen, welcher im Hintertheile einer Goͤlle ſaß, ſich bei ſtuͤrmiſchem Wetter in der Ge⸗ gend des Hoͤllenthors ſehen zu laſſen pflegte, unter dem Namen des Piraten⸗Spuks be⸗ kannt war, und den der alte Gouverneur Stuyve⸗ ſant, wie es heißt, einſt mit einer ſilbernen Kugel erſchoß,— weil ich nie einen glaubwuͤrdigen Zeugen. finden konnte, der das Geſpenſt geſehen hatte, aus⸗ genommen die Wittwe des Maͤnus Conklen, des *) Eine ſehr anziehende und glaubwürdige Nachricht vom Teufel und ſeinen Stufen findet ſich in einer gehalt⸗ vollen Denkſchrift, welche nach Hrn. Knickerbocker's Tode, von ſeinem Freunde, einem ausgezeichneten Juriſten in New⸗Dork, in der hiſtoriſchen Geſellſchaft daſelbſt, vorge⸗ leſen worden iſt. Verf. 3 . — — 231 Grobſchmieds, in Frogsneck*). Die arme Frau war aber etwas ſtockblind, und konnte ſich mithin leicht geirrt haben, obgleich ſie im Finſtern weiter ſah, wie manche andere Leute. Alles dieß fuͤhrte mich indeſſen, was die Erzaͤhlun⸗ gen von Piraten und ihrem vergrabenen Gelde be⸗ traf, wonach ich am begierigſten war, nicht gar weit, und Folgendes iſt alles, was ich noch irgend Glaub⸗ wuͤrdiges waͤhrend einer langen Zeit zuſammenzu⸗ bringen im Stande geweſen bin. Kidd, der Pirat. In den alten Zeiten, als Karl der Zweite ſo eben das Gebiet der Neuen⸗Niederlande Ihro Hoch⸗ moͤgenden, den Herren Generalſtaaten von Holland entriſſen hatte, und ſich Alles noch in einem ſehr unruhigen Zuſtande befand, war dieſe Provinz der allgemeine Zufluchtsort umherſtreifender Abenteurer, lockerer Zeiſigẽ, und aller moͤglichen Arten von un⸗ beſchaͤftigten Leuten, die von ihrem Verſtande leben, und den altvaͤteriſchen Zwang von Geſetz und Evan⸗ gelium verabſcheuen. Unter dieſen ſtanden die Buc⸗ *) Einem kleinen Orte in der Provinz New⸗Dork, Geiſſchai Cheſter. Ueberſ. caniers obenan. Dieſe waren Meerſtreicher, welche vielleicht in Kriegeszeiten auf jenen Schulen der Seeraͤuberei, den Kapern, erzogen worden waren, und nachdem ſie einmal die Suͤßigkeit des Beute— machens geſchmeckt, einen beſtändigen Hang danach behalten hatten. Es iſt nur ein Schritt vom Ka⸗ per zum Piraten: Beide ſchlagen ſich aus Liebe zum Beutemachen, nur mit dem Unterſchiede, daß der Letztere der Wackerſte iſt, denn er bietet ſowol dem Feinde, als dem Galgen Trotz. Welches nun aber auch die Schule ſeyn mochte, worin ſie erzogen worden waren, ſo waren die Buc⸗ caniers, die ſich in der Gegend der Engliſchen Colonien hielten, verwegene Leute, und richteten in Friedenszeiten auf den Spaniſchen Niederlaſſungen und unter den Spaniſchen Kauffahrteiſchiffen gro⸗ ßen Unfug an. Der leichte Zugang zu dem Man⸗ hattoe⸗Hafen, die große Anzahl von Schlupfwinkeln in ſeinem Bereich und die Gelindigkeit der kaum eingerichteten Regierung, machten ihn zu einem gro⸗ ßen Verſammlungsorte aller Piraten, wo ſie ihre Beute abſetzen, und neue Raubzuͤge verabreden konn⸗ ten. Da ſie reiche Ladungen aller Art, die Herr⸗ lichkeiten der Tropenlaͤnder und die koſtbare Beute aus den Spaniſchen Provinzen mitbrachten, und dieſe mit dem zum Spruͤchwort gewordenen Leichtſinn * — 233 aller Freibeuter verſchleuderten, ſo waren ſie fuͤr die erwerbfleißigen Kaufleute aus den Manhattoes immer ein willkommener Beſuch. Man ſah alſo Schaaren dieſer Wagehaͤlſe, Landlaͤufer aus allen Landen und Klimaten, am hellen e auf den Straßen des kleinen Fleckens herumſtolziren, deſſen ru⸗ hige Mynheers aus dem Wege ſtoßen, ihre reiche auslaͤndiſche Beute fuͤr den halben oder Viertels⸗ Preis an den ſchlauen Kaufmann verhandeln, und ſodann ihre Priſengelder in den Schenken verzeh⸗ ren, trinken, ſpielen, ſingen, fluchen, ſchreien, und die ganze Nachbarſchaft durch mitternaͤchtlichen Laͤrm und wildes Toben in Aufruhr bringen. Endlich erreichten dieſe Unthaten eine ſolche Hoͤhe, daß ſie ein Aergerniß fuͤr die Provinzen wurden, und die Vermittelung der Regierung noͤthig ward. Man traf deswegen Maßregeln, dem weit um ſich gegriffenen Uebel Graͤnzen zu ſetzen, und dieſes Ungeziefer aus den Colonien zu vertreiben. Unter Denen, welche den Auftrag erhielten, dieſe Anordnung in Ausfuͤhrung zu bringen, befand ſich auch der beruͤchtigte Capitaͤn Kidd. Er hatte ſchon lange fuͤr ein ſehr zweideutiges Weſen gegolten: fuͤr eines von den unbeſtimmten Thieren des Oceans, welche weder Fiſch, noch Fleiſch, noch Vogel ſind. Er hatte etwas von einem Kaufmann, noch etwas mehr aber von einem Smuggler an ſich, und dabei einen bedeutenden Anflug von einem Seeraͤuber. Er hatte mehrere Jahre lang, in einem kleinen lockern, wie ein Mosquito gebauten Fahrzeuge, das alle Gewaͤſ⸗ ſer befahren konnte, mit den Piraten Handel ge⸗ trieben. Er kannte alle ihre Schlupfwinkel und Verſtecke, war ewig auf geheimnißvollen Reiſen, und ſo geſchaͤftig, wie Mutter Cary's Kuͤchelchen*) im Sturm. Dieſer unerklaͤrliche Menſch ward von der Re— gierung als der Mann auserſehen, welcher die Pi⸗ raten zur See verfolgen ſollte, nach dem guten al⸗ ten Spruche, daß man„einen Dieb abſchicken muͤſſe, um Diebe zu fangen“, oder wie die Ottern zu⸗ weilen ihre Geſchwiſterkinder, die Fiſche, fangen muͤſſen. Kidd ſegelte alſo im Jahre 1695 auf einem wohl bewaffneten und wohl bemannten, netten Fahrzeuge, die Galeere Adventure genannt, ab. Als er indeſ⸗ ſen in die Gegend ſeiner alten Schlupfwinkel kam, ließ er ſein Schiffsvolk neue Bedingungen eingehen, nahm eine Menge ſeiner alten Kameraden in Dienſt, Ritter vom Meſſer oder vom Piſtol, und ging dann *) Mother Cary’s chicken, ſo nennen die Seeleute ge⸗ wiſſe Vögel, die ſich ſehen laſſen, wenn ein Sturm im Anzuge iſt. Ueberſ. 235 nach dem Oſten unter Segel. Statt gegen die Pira⸗ ten zu kreuzen, ward er ſelbſt Pirat; er ſteuerte nach Madeira, Bonaviſta*) und Madagaſcar, und kreuzte in der Gegend der Einfahrt des rothen Meeres. Hier, unter andern Raͤubereien, die er trieb, nahm er auch ein reich beladenes, mit Mauren bemanntes, wenn gleich von einem Englaͤnder befehligtes Kauffahrtei⸗ ſchiff von Quedah**). Kidd haͤtte dieß gern fuͤr eine ſehr verdienſtliche Unternehmung und fuͤr eine Art von Kreuzzug gegen die Unglaͤubigen ausgege⸗ ben, allein die Regierung hatte ſchon lange allen Ge⸗ ſchmack an dergleichen chriſtlichen Triumphen verloren. Nachdem Kidd ſo auf den Meeren herumgeſtreift war, ſeine Priſen verkauft und Schiff um Schiff gewechſelt, hatte er die Dreiſtigkeit, mit Beute be⸗ laden, und mit einer Schaar laͤrmender Gefaͤhrten nach Boſton zuruͤckzukehren. Die Zeiten hatten ſich indeß geaͤndert. Die Buccaniers konnten ſich in den Colonien nicht laͤn⸗ ger ungeſtraft mit ihren Backenbaͤrten ſehen laſſen. Der neue Gouverneur, Lord Bellamont, hatte ſich durch ſeinen Eifer, den er bei Ausrottung dieſer *) Eine von den Cap Verdiſchen Inſeln. Ueberſ. **) Einem Hafen auf der Weſtſeite der Halbinſel Ma⸗ lacca. Ueberſ. 236 Verbrecher bewieſen, einen Namen gemacht, und war um ſo mehr gegen Kidd erbittert, da er ſelbſt dazu beigetragen, daß dieſer zu dem Amt er⸗ nannt wurde, welches er ſo ſchlecht verwaltet hatte. Kaum hatte er ſich alſo in Boſton ſehen laſſen, als ſich die Nachricht von ſeiner Wiedererſcheinung ver⸗ breitete, und man Maßregeln traf, dieſen Beutel⸗ ſchneider vom Ocean in Verhaft zu nehmen. Der Ruf von Verwegenheit, den Kidd erlangt hatte, ſo wie die entſchloſſenen Kerle, welche ihm, wie Schlaͤchterhunde, auf den Ferſen folgten, machten, daß man nicht ſogleich dazu ſchritt, ihn gefaͤnglich einzuziehen. Er benutzte dieß, wie man ſagt, um den groͤßern Theil ſeiner Schaͤtze zu vergraben, und ging nun ganz unbefangen in den Straßen von Böſton umher. Ja, er wagte ſogar, ſich zu wider⸗ ſetzen, als er eingezogen ward, ward aber uͤberwaͤl⸗ tigt, und mit ſeinen Begleitern ins Gefaͤngniß ge⸗ worfen. Die Furcht, welche dieſer Pirat und ſeine Mannſchaft Allen einfloͤßte, war ſo groß, daß man es fuͤr das Beſte hielt, eine Fregatte abzuordnen, um die Verbrecher ſaͤmmtlich nach England zu brin⸗ gen. Es wurden große Anſtrengungen gemacht, ihn vom Tode zu retten, aber vergeblich: er und ſeine Kameraden wurden vor Gericht gezogen, verurtheilt und auf dem Hinrichtungs⸗Dock*) in London ge⸗ haͤngt. Kidd ſtarb nach langem Todeskampfe, denn der Strick, mit welchem er zuerſt aufgeknuͤpft wurde, riß durch ſeine Schwere und er ſtuͤrzte zur Erde. Er ward indeſſen zum zweiten Male aufge⸗ knuͤpft, und dießmal blieb er hangen: daher kam ohne Zweifel die Sage, daß Kidd feſt ſey, und daß man ihn habe zweimal haͤngen muͤſſen. Dieß iſt der allgemeine Umriß von Kidd's Le⸗ ben: er hat indeſſen zu unzaͤhligen andern Sagen Veranlaſſung gegeben. Die Behauptung, daß er, vor ſeiner Verhaftung, einen unermeßlichen Schatz an Gold und Juwelen vergraben, verdrehte allen ehrlichen Leuten an der Kuͤſte die Köpfe. Ein Ge⸗ ruͤcht folgte auf das andere, daß man hier oder dort, bald in dieſem, bald in jenem Theile des Lan⸗ des Gold gefunden, und daß man Muͤnzen mit mau⸗ riſchen Inſchriften ausgegraben habe, vermuthlich die Beute von ſeinen morgenlaͤndiſchen Priſen, welche aber das gemeine Volk mit aberglaͤubiſcher Furcht betrachtete, indem es wahrſcheinlich die mauriſchen Schriftzuͤge fuͤr teufliſche oder Zauber⸗Charaktere anſah. ) An der Themſe, wo Alle, welche ſich Verbrechen zur See ſchuldig gemacht haben, aufgeknüpft werden. Ueberft 238 Einige behaupteten, der Schatz ſey in einer ein⸗ ſamen, unangebauten Gegend zwiſchen Plymouth und Cape Cod*) vergraben: nach und nach kamen aber auch andere Gegenden, nicht allein auf der oͤſtlichen Kuͤſte, ſondern auch von denen der Meer⸗ enge, und ſelbſt denen von Manhattan⸗ und Long⸗ Island in dieſen goldhaltigen Ruf. In der That hatten die ſtrengen Maßregeln Lord Bellamont's eine poͤtzliche Beſtuͤrzung unter den Buccaniers in allen Provinzen verbreitet: ſie hatten ihr Geld und ihre Juwelen an einſamen, unzugaͤnglichen Orten an den wilden Fluß⸗ und Meeresufern verſteckt, und ſich dann im Lande zerſtreut. Der Arm der Ge⸗ rechtigkeit verhinderte Manchen unter ihnen, je wie⸗ der zu ſeinen verborgenen Schaͤtzen zuruͤckzukehren, welche nun als Gegenſtaͤnde der Unternehmungen fuͤr die Schatzgraͤber zuruͤckblieben, und wahrſchein⸗ lich bis auf dieſen Tag noch bleiben. Dieß iſt die Urſach der haͤufigen Sagen von den geheimnißvollen Zeichen, welche man an Baͤu⸗ men und Felſen bemerkt, und welche die Orte be⸗ *) In Maſſachuſetts. Plymouth iſt eine der älteſten Städte in dieſer Provinz, und Cape Cod(wörtlich das Stockfiſch⸗Vorgebürge) eine große Landzunge, welche eine geräumige Bucht, Cape Cod⸗Bay genannt, bildet. Ueberſ.* 239 zeichnen ſollen, wo Schaͤtze vergraben liegen, und oft hat man ſchon der Beute der Piraten nachge⸗ ſpuͤrt. In allen Erzaͤhlungen, deren es einſt eine Menge von dieſen Unternehmungen gab, ſpielte der Teufel eine Hauptrolle. Entweder machte man ſich ihn durch allerhand Feierlichkeiten und Anru⸗ fungen geneigt, oder ſchloß einen foͤrmlichen Bund mit ihm. Und dennoch mochte er immer gern den Schatzgraͤbern irgend einen Streich ſpielen. Manche gruben, bis ſie auf einen eiſernen Kaſten ſtießen, und dann kam ploͤtzlich etwas in die Quere. Ent⸗ weder ſtuͤrzte die Erde nach und fuͤllte die Grube aus, oder die Grabenden wurden durch irgend ein ſeltſames Geraͤuſch oder eine Erſcheinung hinweg⸗ geſchreckt; zuweilen erſchien auch wol der Teufel ſelbſt und bemaͤchtigte ſich der Beute, wenn ſie ſie ſchon in Haͤnden zu haben glaubten, und beſuchten ſie am naͤchſten Tage den Ort, ſo war auch nicht eine Spur ihrer Arbeiten vom vorigen Tage zu ſehen. Alle dieſe Geruͤchte waren indeſſen ſehr unbe⸗ ſtimmt, und reizten eine lange Zeit meine Neu⸗ gier, ohne ſie zu befriedigen. Es giebt nichts in der Welt, wozu man ſo ſchwer gelangen kann, als die Wahrheit, und dieſe iſt einmal das Einzige in der Welt, wonach ich ſtrebe. Ich nahm alle meine 240 Lieblingsquellen glaubwuͤrdiger Nachrichten in An⸗ ſpruch, naͤmlich die aͤlteſten Einwohner, und vor⸗ zuͤglich die alten Hollaͤndiſchen Weiber aus der Pro⸗ vinz; allein, ob ich mir gleich ſchmeichle, in der Geſchichte der Merkwuͤrdigkeiten meiner Geburts⸗ Provinz beſſer bewandert zu ſeyn, als die Meiſten, ſo fuͤhrten meine Unterſuchungen mich doch lange 4 Zeit hindurch zu keinem befriedigenden Ergebniß. Endlich traf es ſich, daß ich an einem ſtillen Tage, im Spaͤt⸗Sommer, mich von meinem ange⸗ geſtrengten Studiren durch einen Fiſchfang in den Gewaͤſſern zu erholen ſuchte, welche der Lieblings⸗ aufenthaltsort meiner Kindheit geweſen waren. Ich war mit mehreren ehrenwerthen Buͤrgern aus mei⸗ nem Geburtsorte zuſammen, unter denen ſich mehr als ein erlauchtes Mitglied der Koͤrperſchaft befand, 4 deſſen Namen, duͤrfte ich ihn nennen, meiner gerin⸗ gen Schrift gewiß zu großer Ehre gereichen wuͤrde. Unſer Fang war nicht ſehr orgiebig. Die Fiſche biſ⸗ ſen ſchlecht an, und wir veraͤnderten mehrere Male unſern Angelplatz, ohne deswegen beſſeres Gluͤck zu haben. Endlich legten wir uns in einer Felsſchlucht an der Kuͤſte, auf der oͤſtlichen Seite der Manhattan⸗ Inſel vor Anker. Es war ein ſtiller, warmer Tag. Der Strom wirbelte und ſtrudelte bei uñs vorbei, ohne daß er nur eine Welle geſchlagen oder ſich ge⸗ kraͤu⸗ 3 241 kraͤuſelt haͤtte, und Alles war ſo ſtill und ruhig, daß wir beinahe auffuhren, wenn der Taucherkoͤnig ſich von dem Aſte irgend eines trockenen Baumes herabſchwang, und, nachdem er eine Zeitlang in der Luft geſchwebt um zu zielen, auf ſeine Beute hinab in das glatte Waſſer ſtuͤrzte. Waͤhrend wir uns, von der Stille und Waͤrme des Tages und der Langweiligkeit unſers Fanges halb ſchlaͤfrig, in unſer Boot hinlehnten, uͤbermannte der Schlummer Einen von unſerer Geſellſchaft, einen ehrenwerthen Aldermann, der, waͤhrend er einnickte, das Senk⸗ blei ſeiner Angelſchnur auf dem Grunde lie⸗ gen ließ. Beim Erwachen, fand er, daß, nach dem Gewicht zu urtheilen, er etwas Bedeutendes gefangen haben muͤſſe. Als er es heraufzog, ſahen wir, zu unſerm großen Erſtaunen, daß es ein lan⸗ ges Piſtol von ſonderbarer, auslaͤndiſcher ſtalt ſeh, welches, nach ſeinem verroſteten Anſehen und dem Umſtande, daß der Stock von Wuͤrmern zerfreſſen und mit Entenmuſcheln bedeckt war, eine lange Zeit im Waſſer gelegen zu haben ſchien. Die unerwartete Erſcheinung dieſes Kriegswerkzeuges gab zu vielen Vermuthungen unter meinen friedlieben⸗ den Gefaͤhrten Anlaß. Einer meinte, daß es wol waͤhrend des Revolntionskrieges in das Waſſer ge⸗ fallen ſeyn koͤnne; ein Anderer war der Meinung, 1I.* 4 * 242 daß es, nach ſeiner beſondern Geſtalt, den Reiſen⸗ den aus den aͤlteſten Zeiten der Niederlaſſung ge⸗ hoͤrt haben moͤge, und vielleicht gar dem beruͤhmten Adrian Block, welcher die Meerenge erforſchte und die nachher durch ihren Kaͤſe ſo bekannt gewordene Block⸗Inſel*) entdeckte. Ein Dritter erklaͤrte da⸗ gegen, nachdem er das Piſtol eine Zeitlang betrach⸗ tet hatte, daß es aͤcht Spaniſche Arbeit ſey. Ich bin uͤberzeugt, ſagte er: daß, wenn das Piſtol reden koͤnnte, es ſonderbare Geſchichten von heißen Gefechten unter den Spaniſchen Dons er⸗ zaͤhlen wuͤrde. Ich habe keinen Zweifel, daß es noch von den Buccaniers aus alten Zeiten her⸗ ſtammt, und wer weiß, ob es nicht vielleicht Kidd ſelbſt gehoͤrt hat? „Ah! der Kidd war ein entſchloſſener Kerl,“ rief ein alter eiſerner Wallſiſchfaͤnger vom Cap Cod aus. „Es giebt ein ſchoͤnes, altes Lied von ihm nach der Melodie von Mein Nam' iſt Captän Kidd, Ich ſegelte und ſegelt'— Und dann heißt's darin, wie er den Teufel da⸗ durch fuͤr ſich gewann, daß er die Bibel vergrub: „ *) Der ſlidlichen Küſte der Provinz Rhode ² Jsland gegenüber,, Ueberſ. 243 Ich hatt' die Bibel in der Hand Und ſegelte und ſegelt' Und ich vergrub ſie in den Sand Und ſegelte.— „Wahrhaftig, wenn ich wuͤßte, daß das Piſtol wirklich Kidd gehoͤrt haͤtte, ſo wuͤrde ich, der Sel⸗ tenheit wegen, viel Werth darauf legen. Beilaͤufig geſagt, erinnere ich mich einer Geſchichte von einem Kerl, der einmal Kidd's vergrabenes Geld wieder ausgrub; einer von meinen Nachbarn hatte ſie nie⸗ dergeſchrieben, und ich lernte ſie auswendig. Da die Fiſche gerade nicht anbeißen, ſo will ich ſie Euch erzaͤhlen, um uns die Zeit zu vertreiben.“. Und mit dieſen Worten gab er uns folgende Erzaͤhlung zum Beſten. Der Teufel und Tom Walker. Einige wenige Meilen von Boſton, in Maſſa⸗ chuſetts, iſt eine tiefe Bucht, welche mehrere Meilen weit von Charles⸗Bay aus ſich in das Land hin⸗ einzieht, und ſich zuletzt in einen dicht beholzten Sumpf oder Moraſt endigt. Auf der einen Seite dieſer Bucht iſt eine ſchoͤne dunkele Baumgruppe; auf der andern erhebt ſich das Ufer ſteil vom Waſ⸗ ſer hinauf zu einem ſchroffen Felsruͤcken, auf wel⸗ chem einige zerſtreute Eichen von großem Alter und 8 L 2 244— von ungeheurem Umfange ſtehen. Unter einem die⸗ ſer rieſenhaften Baͤume ſoll, nach den alten Sa⸗ gen, Kidd der Pirat einen großen Schatz vergra⸗ ben haben. Die Bucht machte es ſehr leicht, heim⸗ lich in der Nacht den Schatz, auf einem Boote, bis dicht an den Fuß des Huͤgels zu ſchaffen; die 4 Hoͤhe des Platzes, wo man ſich uͤberall umſehen konnte, ob auch Niemand in der Naͤhe ſey, und die ausgezeichneten Baͤume gaben ſehr gute Kenn⸗ zeichen ab, woran man den Ort wiederfinden konnte. Den alten Sagen zufolge, war uͤberdieß der Teufel bei dem Vergraben des Schatzes gegenwaͤr⸗ tig geweſen, und nahm ihn unter ſeine beſondere Obhut, wie er es denn mit jedem Schatze thun ſoll, beſonders wenn er auf ſchlechtem Wege erworben iſt. Dem ſey nun wie ihm wolle, ſo kehrte Kidd nie wieder zuruͤck, ſeinen Reichthum wieder an ſich zu nehmen, indem er kurz darauf in Boſton ver⸗ haftet, nach England geſchickt, und dort als Pirat gehaͤngt wurde. Ungefaͤhr um das Jahr 1727, gerade in der Zeit, wo es viele Erdbeben in Neu⸗England gab, die mehrere große Suͤnder zur Buße brachten, wohnte in der Naͤhe dieſes Ortes ein magerer, geiziger Kerl, Namens Tom Walker. Er hatte eine Frau, die eben ſo geizig war, als ſs 245 und Beide waren ſo genau, daß ſie ſogar einander zu betruͤgen ſuchten. Was der Frau nur in die Haͤnde gerieth, verſteckte ſie; eine Henne durfte nur kakeln, ſo war ſie ſchon bei der Hand, um das friſch gelegte Ey. in Sicherheit zu bringen. Ihr Mann ſuchte beſtaͤndig umher, um ihre gehei⸗ men Verſtecke zu entdecken, und es gab gar vielen und heftigen Streit daruͤber, was gemeinſames Ei⸗ genthum ſey. Beide wohnten in einem ganz ver⸗ fallen ausſehenden Hauſe, welches abgeſondert lag, und ſahen wie halbverhungert aus. Einige we⸗ nige einzelne Sadebaͤume, die Sinnbilder der Un⸗ fruchtbarkeit, ſtanden nahe dabei. Aus ihrem Schornſtein ſtieg nie eine Rauchwolke auf, und kein Reiſender hielt vor der Thuͤr des Hauſes an. Ein elendes Pferd— deſſen Nippen man ſo genau zaͤhlen konnte, wie die Staͤbe eines Roſtes— ſchritt auf ei⸗ nem Felde, wo eine duͤnne Moosdecke kaum die zer⸗ riſſenen Lager von Puddingſtein bedeckte und ſeinen Hunger reizte, ohne ihn zu befriedigen, umher, lehnte zuweilen ſeinen Kopf auf den Zaun, ſah die Voruͤbergehenden mitleidig an, und ſchien aus die⸗ ſem Lande des Hungers Befreiung zu erflehen. Sowol das Haus als ſeine Bewohner ſtanden in einem ſehr uͤblen Rufe. Tom's Weib war ein oßer Zankteufel, von hoͤchſt gewaltſamer Gemuͤths⸗ „ 246 art, beweglicher Zunge und ſtarkem Arm. Sehr oft hoͤrte man die Frau, wie ſie im Wortſtreit mit ihrem Manne begriffen war, und ſein Geſicht verrieth es zuweilen, daß ihre Streitigkeiten nicht immer bei Worten ſtehen blieben. Niemand wagte es daher, ſich darein zu miſchen. Der einſame Neiſende fuhr bei dem entſetzlichen Geſchrei und dem Gekeife er⸗ 5 ſchrocken zuſammen, warf einen Seitenblick auf die Hoͤhle der Zwietracht, zog ſeines Weges fuͤrbas, und freute ſich, wenn er ein Junggeſell war, ſeines eheloſen Standes! Eines Tages, wo Tom Walker weit weg in der Gegend geweſen war, nahm er einen, wie er meinte, kuͤrzern Weg nach Hauſe, durch den Moor. Wie alle kuͤrzeren Wege, war dieß ein ſehr uͤbel gewaͤhlter. Der Moor war mit großen duͤſteren Fichten und Schierlingstannen, von denen einige neunzig Fuß hoch waren, bewachſen, wodurch er ſchon um Mit⸗ tag dunkel und ein Zufluchtsort aller Eulen in der Nachbarſchaft wurde. Er war voll von Gru⸗ ben und Löchern, die zum Theil mit Unkraut und Moos bewachſen waren, und deren gruͤne Ober⸗ faͤche die Reiſenden oft in einen Abgrund von ſchwarzem, erſtickenden Schmutz lockte. Auch waren hier dunkle, ſtehende Pfuhle, die Wohnſitze der Froſchbrut, der Bruͤllfroͤſche und Waſſerſchlange —--— 247 wo die Staͤmme der Fichten und Schierlingstan⸗ nen halb im Waſſer verſunken, halb verfault und den Alligators aͤhnlich dalagen, wenn dieſe in den Moraͤſten ſchlafen. Tom hatte ſchon lange ſeinen Weg durch die⸗ ſen verraͤtheriſchen Forſt mit großer Behutſamkeit geſucht, und war uͤber Buͤſche von Binſen und Wurzeln, welche in dem tiefen Sumpf nur ſehr unhaltbaren Grund gewaͤhrten, fortgeſtiegen, oder war, wie eine Katze, ſorgſam auf den umgeſtuͤrz⸗ ten Baumſtaͤmmen herumgeklettert, wobei ihn zu⸗ weilen das ploͤtzliche Geſchrei der Rohrdommel, oder das Gequaͤk der wilden Ente auſſchreckte, welche aus irgend einem einſamen Pfuhl ſich er⸗ ich erreichte er feſten Boden, der wie in den tiefen Buſen des Moores hinein ſich erſtreckte. Dieß war eines der Bollwerke der Indianer, waͤhrend ihrer erſten Kriege mit den Koloniſten, geweſen. Sie hatten hier eine Art von Fort angelegt, welches ſie als beinahe unuͤberwind⸗ lich angeſehen, und als einen Zufluchtsort fuͤr ihre Squaw's*) und Kinder betrachtet hatten. Von dem alten Indianiſchen Fort war indeſſen itzt nichts mehr uͤbrig, als einige wenige Verſchanzungen, ») Frauen. Ueberſ. 248 welche mit dem ſie umgebenden Boden beinahe. gleich geworden, und an manchen Stellen mit Eichen und andern Waldbaͤumen, deren Laub ge⸗ gen die dunkeln Fichten und Schierlingstannen des Moors einen ſtarken Gegenſatz bildete, zum Theil ganz uͤberwachſen waren. b Es war ſchon ſpaͤt am Abend, als Tom Walker 2 das alte gats fprhre und er hielt deswegen eine Weile an, um ſich auszuruhen. Jeder Andere wuͤrde an dieſem einſamen, oͤden Orte ungern verweilt haben, denn die gemeinen Leute hatten eine ſehr ſchlechte Meinung davon; indem ſeit der Zeit der Kriege mit den Indianern, allerhand ſonderbare. Sagen daruͤber in Umlauf geweſen waren; man hatte naͤmlich behauptet, daß die Wilden hier ihre Bezauberungen vorgenommen und de en Geiſte 6 geopfert haͤtten. Tom Walker war indeſſen der Mann nicht, u ſich von Beſorgniſſen der Art ſchrecken zu laſſen. Er ruhte eine Zeitlang auf dem Stumpf einer un. geſtuͤrzten Schierlingstanne aus, horchte auf das weiſſagende Geſchrei des Laubfroſches, und ruͤhrte mit ſeinem Wanderſtabe in einem Haufen ſchwar⸗ zer Erde zu ſeinen Fuͤßen. Als er ſo, ohne an et⸗ was zu denken, die Erde umwuͤhlte, ſtieß er mit dem Stocke auf etwas Hartes. Er ſcharrte es aus konnte. Wahr t — 249 der Erde heraus, und ſiehe da! ein zerſpaltener Schaͤdel, mit einem Indianiſchen Tomahawk noch tief darin ſteckend, lag vor ihm. Der Roſt, womit die Waffe bedeckt war, zeugte davon, daß eine ge⸗ raume Zeit vergangen ſeyn mußte, ſeitdem dieſer Todesſtreich gefuͤhrt worden war. Es war ein ſchauerliches Denkmal des gewaltigen Kampfes, der in dieſem letzten Bollwerke der Indianiſchen Krie⸗ ger Statt gefunden hatte.„Hm!“”— ſagte Tom Walker, indem er dem Schaͤdel einen Stoß mit dem Fuße gab, damit der Schmuz davon abfallen ſollte. „Laß den Schaͤdel in Ruhe!“ ſagte eine rauhe e. Tom blickte auf, und ſah einen großen Mann ſich gerade gegenuͤber auf dem Stump ⸗s Baumes ſitzen. Er war ungemein ver⸗ wundert aber, da er Niemanden kommen geſehen vder Egehäre⸗ ch mehr betroffen aber, als er, ſo tt ten wollte, bemerkte, daß der Neger, noch ein Indianer ſeyn tes, daß er halb nach Indianiſcher Weiſe gekleidet war, u d einen rothen Gurt oder Guͤrtel um den Leib trug; allein ſein Geſicht war weder ſchwarz, noch kupferfarben, ſondern ſchwaͤrzlich und dunkel und mit Ruß beſchmiert, als ob er am Feuer und in der Schmiede zu arbeiten pflege. Er 250— hatte einen Schopf von ſtruppigem ſchwarzen Haar, das nach allen Gegenden hin vom Kopfe ſtarrte, und trug eine Axt auf der Schulter. 1 Einen Augenblick ſah er Tom mit einem Paar großer rother Augen wild an. „Was thuſt Du auf meinem Grund und Bo⸗ den?“ ſagte der ſchwarze Mann mit heiſerer, brummender Stimme. Euren Grund und Boden? antwortete Tom ſpoͤttiſch: es iſt eben ſo wenig eurer, als meiner; er gehoͤrt dem Diakonus Peabody. „Hol' der Henker den Diakonus Peabody,“ ſagte der Fremde:„wie ich hoffe, daß das auch geſchehen wird, wenn er ſich nicht mehr um ſeine eigenen Suͤnden und weniger um die ſeiner Nach⸗ barn bekuͤmmern wird. Blick einmal in, und ſieh, wie es mit dem Diakonus Peaboht ht.“ Tom ſah dahin, wo der Fremde hinwies, und erblickte einen von den großen Baͤumen, von Außen ganz geſund und bluͤhend, aber am Mark angefault, und ſah, wie er beinahe ganz abge⸗ hauen war, ſo daß er bei dem erſten Windſtoß ſtuͤrzen mußte. Auf der Rinde des Baumes ſtand der Name des Diakonus Peabody, eines bedeuten⸗ den Mannes, der durch ſeine ſchlauen Handelsver⸗ traͤge mit den Indianern reich geworden war. Tom 251 blickte nun weiter umher und ſah, daß die meiſten unter den hohen Baͤumen mit dem Namen irgend eines großen Mannes aus der Kolonie bezeichnet, und alle mehr oder weniger angehauen waren. Der, auf welchem er geſeſſen hatte, und der offenbar eben itzt erſt gefaͤllt worden war, trug den Namen Crown⸗ inſhield, und er erinnerte ſich eines Mannes die⸗ ſes Namens von gewaltigem Reichthum, der ſich ſehr gemein damit gebruͤſtet hatte, und der, wie man ſich zuraunte, durch Buccaniren dazu gelangt war. „Er iſt gerade reif zum Brennen!“ ſagte der Mann mit einem triumphirenden Gebrumme.„Du ſiehſt, ich habe guten Vorrath von Brennholz zum Winter.“ Abe ches Recht habt Ihr denn, ſagte Tom, des Diakonus Peabody Holz zu ſchlagen? „Das Recht des fruͤhern Beſitzes,“ ſagte der Andere.„Dieß Holz gehoͤrte mir lange vorher, ehe Einer von eurem weißgeſichtigen Geſchlecht ei⸗ nen Fuß auf den Boden ſetzte.“ Und wer eyd Ihr denn, wenn ich fragen darf? ſagte Tom. 8 „O, ich habe verſchiedene Namen. In einigen Laͤndern heiße ich der wilde Jaͤger, in andern der ſchwarze Bergmann. In dieſer Gegend bin ich unter dem Namen des ſchwarzen Heidelaͤufers 252 bekannt. Ich bin derjenige, dem die rothen Maͤnner dieſen Fleck weihten, und zu deſſen Ehre ſie dann und wann einen Weißen roͤſteten, um ein ſuͤßduf⸗ tendes Opfer zu bringen. Seitdem Ihr weißen Wilden die rothen Maͤnner ausgerottet habt, belu⸗ ſtige ich mich damit, bei den Verfolgungen von Quaͤkern und Wiedertaͤufern den Vorſitz zu fuͤhren; ich bin der große Beſchuͤtzer und Anſtifter aller Sklavenhaͤndler, und der Großmeiſter aller Hexen von Salem“*). Das Ergebniß von allem dieſem iſt, daß, wenn ich mich nicht irre— ſagte Tom ganz keck— Ihr Der ſeyd, den man gewoͤhnlich den boͤſen Feind nennt. „Derſelbe, aufzuwarten!' erwiederte der ſchwarze Mann mit einem halb hoͤflichen Kopfnicken Dieß war, nach der alten Sage, zu dieſer Zuſammenkunft, obgleich er vertraulich klingt, als daß man der Sage Glauben beimeſſen ſollte. Man ſollte denken, daß, ein ſo ſon⸗ derbares Weſen an dieſem wilden, einſamen Orte anzutreffen, jedes Andern Nerven erſchuͤttert haben wuͤrde. Tom war indeſſen ein unverzagter Kerl, der ſich nicht ſo leicht ſchrecken ließ, und hatte ſo *) In Maſſaachuſetts. Wahrſcheinlich bezieht ſich dieß auf einen alten, noch aug den Zeiten der Indianer her⸗ rührenden Aberglauben. Ueberſ. 4 253 lange mit einem boͤſen Weibe gelebt, daß er ſelbſt den Teufel nicht fuͤrchtete. Man ſagt, daß Beide, nach dieſem Anfange, auf Tom's Heimwege eine lange und ernſthafte Unterre⸗ dung mit einander hatten. Der ſchwarze Mann erzaͤhlte von den großen Geldſummen, welche Kidd, der Pirat, unter den Eichen auf dem hohen Berg⸗ ruͤcken nicht weit vom Moraſt vergraben habe. Alle dieſe ſtanden unter ſeinem Befehl und in ſei⸗ ner Macht, ſo daß Niemand ſie finden konnte, als wer ſich ihn geneigt gemacht hatte. Er erbot ſich, ſie alle zu Tom Walker's Verfuͤgung zu ſtellen, da er eine beſondere Vorliebe fuͤr dieſen gefaßt hatte, jedoch ſollte er ſie nur unter gewiſſen Be⸗ dingungen bekommen. Welches dieſe Bedingungen waren, kann man ſich leicht denken, obgleich Tom ſie nie oͤffentlich ſagte. Sie mußten aber wol ſehr hart geweſen ſeyn, denn er verlangte Bedenkzeit, ſich die Sache zu uͤberlegen, und Tom war eben nicht der Mann, der ſich an Kleinigkeiten kehrte, wenn von Geld die Rede war. Als ſie an das 8 Ende des Moraſtes kamen, blieb der Fremde ſte⸗ hen.—„Woran ſoll ich aber erkennen, daß Alles, was Ihr mir da geſagt habt, wahr iſt?“ ſagte Tom. Hier iſt mein Zeichen, ſagte der ſchwarze Mann, und druͤckte ſeinen Finger auf Tom's * 254 1 Stirn. Mit dieſen Worten wandte er ſich zuruͤck * in das Dickicht des Moraſtes, und ſchien, wie Tom erzaͤhlte, in die Erde hinabzuſinken, immer tiefer und tiefer, bis nichts mehr zu ſehen blieb als Kopf und Schultern, und ſo immer weiter, bis er ganz verſchwunden war. Als Tom nach Hauſe kam, fand er den ſchwarzen Abdruck eines Fingers, der, wie es ſchien, in ſeine Stirn eingebrannt war, und den nichts ver⸗ wiſchen konnte. Die erſte Neuigkeit, welche ſeine Frau ihm er⸗ zaͤhlte, war die von dem ploͤtzlichen Tode Abſalon Crowninſhield's, des reichen Buccaniers. Dieſer war in den Zeitungen mit dem gewoͤhnlichen Pomp verkuͤndigt worden, naͤmlich,„daß ein großer Mann in Iſrael, dahin ſey.“ 4 Tom gedachte des Baumes, welchen ſein ſchwar⸗ zer Freund ſo eben gefaͤllt hatte, und der zum Bren⸗ nen reif war.„Laß den Freibeuter braten,“ ſagte Tom:„was geht's mich an!“ Er war itzt uͤber⸗ zeugt, daß das, was er gehoͤrt und geſehen, kein Blendwerk ſey. Er war ſonſt nicht gewohnt, ſeine Frau zu ſei⸗ ner Vertrauten zu machen, da dieß aber kein an— genehmes Geheimniß war, ſo theilte er es ihr wil⸗ lig mit. Ihre ganze Habſucht erwachte bei dieſer * . ʒ 2⁵⁵ Erzaͤhlung von dem verborgenen Golde, und ſie drang in ihren Mann, die Bedingungen des ſchwar⸗ zen Mannes einzugehen, und das in ſeine Gewalt zu bekommen zu ſuchen, was ſie auf ihr ganzes Le⸗ ben reich machen wuͤrde. So wenig Tom auch dagegen haben mochte, ſich dem Teufel zu verkau⸗ fen, ſo war er doch entſchloſſen, es nicht ſeinem Weibe zu Gefallen zu thun, und ſo ſchlug er es, aus reinem Widerſpruchsgeiſt, geradezu ab. Beide hatten manchen bittern Zank uͤber dieſen Gegen⸗ ſtand; je mehr ſie aber ſprach, deſto mehr beſtaͤrkte ſich bei Tom der Entſchluß, ſich nicht, ihr zu Ge⸗ fallen, vom Teufel holen zu laſſen.& Endlich beſchloß ſie, den Handel auf ihre eigene Hand zu machen, und, wenn er ihr gelaͤnge, allen Gewinn fuͤr ſich zu behalten. Da ſie eben ſo furchtloſen Gemuͤths war, wie ihr Mann, ſo machte ſie ſich, gegen das Ende eines Sommerta⸗ ges, nach dem alten Indianiſchen Fort auf. Sie war mehrere Stunden abweſend. Als ſie wieder zuruͤckkam, gab ſie kurze und muͤrriſche Antworten. 256 hen mit einem Suͤhnopfer; was dieß aber ſey, ſagte ſie nicht. Am naͤchſten Abend ging ſie abermals nach dem Moraſt, mit ſchwer beladener Schuͤrze. Tom war⸗ tete lange auf ihre NRuͤckkunft, aber vergebens. Mitternacht kam heran, ſie ließ ſich nicht ſe— hen; es ward Morgen, Mittag, abermals Nacht, aber ſie kam nicht. Tom ward itzt fuͤr ihre Sicher⸗ heit beſorgt, beſonders da er fand, daß ſie die ſil⸗ berne Theekanne, die ſilbernen Loͤffel und alles Be⸗ wegliche von Werth in der Schuͤrze mitgenommen hatte. Es verging noch eine Nacht, es kam noch ein Morgen, aber keine Frau. Kurz,— man hoͤrte nie wieder etwas von ihr. Was eigentlich ihr Schickſal geweſen, weiß Nie⸗ mand, eben weil es ſo Mancher zu wiſſen glaubte. Es iſt eine von den Thatſachen, welche von Ge⸗ ſchichtſchreibern verſchieden dargeſtellt werden. Ei⸗ nige behaupteten, daß ſie ſich in den Irrgaͤngen des Moraſtes verloren, und in irgend eine Grube oder ein Loch gefallen ſey; Andere, die weniger mild geſonnen waren, gaben zu verſtehen, daß ſie ſich mit dem eroberten Hausrath davon gemacht, und ſich nach einer andern Provinz begeben habe, waͤh⸗ rend noch Andere verſicherten, daß der Verſucher ſie in einen boͤſen Sumpf gel ckt, 1 dem ihr —yy—— 257 Hut ſchwimmend gefunden werde. Zur Beſtaͤtigung dieſer Angabe erzaͤhlte man, wie man einen großen ſchwarzen Mann, mit einer Axt auf der Schulter, an demſelben Abend habe aus dem Moraſt kommen ſehen, der etwas, in eine gewuͤrfelte Schuͤrze ge⸗ wickelt, mit einer Art von ſchadenfrohem Triumph davongetragen habe. Der am allgemeinſten angenommenen und wahr⸗ ſcheinlichſten Sage nach, ward Tom Walker ſo unru⸗ hig uͤber den Verluſt ſeines Weibes und ſeiner Habe, daß er ſich endlich ſelbſt auf den Weg machte, um Beide in dem Indianiſchen Fort aufzuſuchen. Ei⸗ nen ganzen langen Sommernachmittag uͤber ſuchte er ſie an dem duͤſtern Orte, aber keine Frau war zu ſehen. Er rief ſie wiederholentlich bei Namen, aber ſie war nirgends zu hoͤren. Die Rohrdrom⸗ mel allein antwortete auf ſeinen Ruf, waͤhrend ſie bei ihm voruͤberflog, oder der Bruͤllfroſch kraͤchzte klaͤglich aus einem benachbarten Pfuhl. Endlich ward, wie man erzaͤhlt, gerade in der Daͤmmer⸗ ſtunde, als die Eulen zu ſchreien und die Fleder⸗ maͤuſe zu ſchwirren anfingen, ſeine Aufmerkſamkeit durch das Geſchrei mehrerer Aaskraͤhen erregt, welche um einen Cypreſſenbaum flatterten. Er blickte auf und ſah ein, in eine gewuͤrfelte Schuͤrze geknuͤpftes Buͤndel, welches an einem Aſt des Bau⸗ 258 mes hing, und einen großen Geier dicht daneben, als ob er Wache dabei hielte. Er that einen Freu⸗ denſprung, denn er erkannte ſeines Weibes Schuͤrze, und glaubte ſicher, daß ſie ſeinen Hausrath ent⸗ halte. Wenn ich nur erſt mein Eigenthum wiederhabe, ſagte er troͤſtend bei ſich ſelbſt: ſo will ich ſchon ohne die Frau fertig werden. Als er den Baum hinankletterte, breitete der Geier ſeine maͤchtigen Schwingen aus, und ſchwebte ſchreiend den tiefen Schatten des Waldes zu. Tom nahm die gewuͤrfelte Schuͤrze, fand aber, o jam⸗ mervoller Anblick! nur ein Herz und eine Leber darin! Dieß war, nach der glaubwuͤrdigſten alten Sage, Alles, was von Tom's Weibe noch zu finden war. Wahrſcheinlich hatte ſie den ſchwarzen Mann ſo be— handeln wollen, wie ſie ihren Mann zu behandeln pflegte; obgleich aber ein boͤſes Weib immer als dem Teufel vollkommen gewachſen angeſehen wird, ſo ſchien ſie doch, in dieſem Falle, den Kuͤrzern ge⸗ zogen zu haben. Sie hatte indeſſen gewiß einen harten Kampf gekaͤmpft, denn man ſagt, Tom habe, in der Naͤhe des Baumes, mehrere tiefe Eindruͤcke von Pferdefuͤßen, und Haͤndevoll von Haaren ge⸗ funden, die ganz ſo ausſahen, als ob ſie aus dem 259 ſtruppigen ſchwarzen Schopfe des Heidelaͤufers ge⸗ kommen waͤren. Tom kannte ſeines Weibes Hel⸗ denmuth aus Erfahrung. Er zuckte die Achſeln, als er die Zeichen des harten Kampfes betrachtete. „Wahrhaftig“, ſagte er zu ſich ſelbſt:„dem boͤſen Feinde muß das gehoͤrig ſauer geworden ſeyn!“ Tom troͤſtete ſich uͤber den Verluſt ſeines Ei⸗ genthums mit dem ſeines Weibes, denn er war ein Mann, der Geiſtesſtaͤrke beſaß. Er fuͤhlte ſo⸗ gar eine gewiſſe Anwandlung von Dankharkeit ge⸗ gen den ſchwarzen Heidelaͤufer, der, wie er die Sache betrachtete, ihm einen Dienſt geleiſtet hatte. Er ſuchte deswegen genauere Bekanntſchaft mit ihm zu ma⸗ chen, obgleich eine Zeitlang ohne Erfolg: der alte Schwarzbein ließ ſich nicht ſehen, denn, was die Leute auch ſagen moͤgen, ſo kommt er nicht alle⸗ mal, wenn man ihn ruft; er verſteht ſchon, wie er ſpielen muß, ſobald er ein ſicheres Spiel hat. Endlich— erzaͤhlt man— als Tom's Begierde durch den langen Verzug auf das Hoͤchſte geſpannt war, und er Alles eingegangen waͤre, um nur nicht des verheißenen Schatzes verluſtig zu gehen, ſey er eines Abends dem ſchwarzen Manne, in ſeiner gewoͤhnli⸗ chen Heidelaͤufer⸗Kleidung begegnet, wie er, mit der Axt auf der Schulter, am Rande des Moraſtes hinging, und ein Lied vor ſich her brummte. Er 8 260 erwiederte indeß Tom's Zuvorkommenheit ſehr gleich⸗ guͤltig, gab kurze Antworten, und fuhr fort, ſein Lied zu brummen. Nach und nach brachte ihn Tom indeß auf das Geſchaͤft, und Beide ſingen nun an, uͤber die Be⸗ dingungen zu ſtreiten, unter welchen Jener den Schatz des Piraten heben ſolle. Es war eine Be— dingung dabei, die gar nicht erwaͤhnt zu werden braucht, da ſie in allen Faͤllen, wo der Teufel eine Gunſt gewaͤhrt, ſtillſchweigend angenommen wird; allein es waren deren noch andere, wenn gleich un⸗ wichtigere, worauf diefer mit einem unbeugſamen Ei⸗ genſinn beharrte. Er beſtand naͤmlich darauf, daß das Gold, zu deſſen Findung er verhelfe, nun auch zu ſeinem Dienſt verwandt werden muͤſſe. Er ſchlug deswegen vor, daß Tom es im ſchwarzen Handel anlegen, d. h. daß er ein Sklavenſchiff aus⸗ ruͤſten ſolle. Dieß ſchlug Tom indeſſen ganz ent⸗ ſchieden ab; er ſey ſchlecht genug in allen Gewiſ⸗ ſensſachen, aber ſelbſt der Teufel ſolle ihn nicht dazu vermoͤgen, Sklavenhaͤndler zu werden. Dadieſer nun den Tom ſo bedenklich uͤber den Punkt fand, ſo beſtand er nicht weiter darauf, ſondern ſchlug dagegen vor, daß er ein Wucherer werden ſolle: indem der Teufel es ſehr gern ſieht, wenn die Wucherer ſich vermehren, da er ſie gewiſ⸗ 261 ſermaßen als ſeine ganz beſonderen Angehoͤrigen be⸗ trachtet. Dieß fand keinen Widerſpruch, denn es war eine Sache gerade nach Tom's Geſchmack. „Du mußt den naͤchſten Monat einen Maͤckler⸗ laden in Boſton eroͤffnen“, ſagte der ſchwarze Mann. Morgen, wenn Ihr wollt, ſagte Tom Walker. „Du mußt Geld zu zwei Procent den Monat ausleihen.“ Ich will vier nehmen! erwiederte Tom Walker. „Du mußt Verſchreibungen erpreſſen, Unterpfaͤn⸗ der unabloͤsbar machen, den Kaufmann bis zum Bankrutt treiben“— Ja, bis er zum Teufel geht! rief Tom Walker begierig aus. „Du biſt noch ein Wucherer, wie ich ihn ha⸗ ben will!“ ſagte der Schwarzbein, voll Freude. „Wann willſt Du das Geld haben?“ Noch heute Nacht. „Abgemacht!“ ſagte der Teufel. Abgemacht! ſagte Tom Walker. Und damit ga⸗ ben ſie ſich die Haͤnde, und der Handel war ge⸗ ſchloſſen. Nach wenigen Tagen ſaß Tom Walker mum hinter dem Schreibpulte, in ſeinem Comptoir, in 262 Boſton. Der Ruf, daß er ein Mann ſey, der baar Geld beſitze, und gegen eine gute Erkenntlich⸗ keit auch leihe, verbreitete ſich bald. Man wird ſich der Zeit des Gouverneurs Belcher, wo das Geld beſonders knapp war, noch wohl erinnern. Dieß war eine Zeit, wo man nichts als Papier ſah. Das Land war mit Regierungsſcheinen uͤber⸗ ſchwemmt; die beruͤchtigte Land⸗Bank war errichtet worden: es war eine allgemeine Spekulationswuth. Den Leuten war der Kopf uͤber die Plaͤne zu neuen Niederlaſſungen und zu Anlegung neuer Staͤdte in der Wuͤſtenei ganz verdreht: Laͤnderei⸗Haͤndler gingen umher mit Plaͤnen von Bezirken und Stadtgebie⸗ ten und El⸗Dorados, die, Gott weiß wo, lagen, die aber Jedermann kaufen wollte. Kurz das große Spekulationsfieber, das dann und wann im Lande ausbricht, hatte ſich in einem furchtbaren Grade verbreitet, und Jedermann traͤumte davon, auf ein⸗ mal ſein Gluͤck mit Nichts zu machen. Wie ge⸗ woͤhnlich ließ aber auch dieß Fieber bald wieder nach, der Traum war verſchwunden, und die ein⸗ gebildeten Schaͤtze mit ihm; die Patrioten waren ſehr uͤbel daran, und das ganze Land hallte von dem natuͤrlichen Geſchrei uͤber„harte Zeiten“ wieder. Gerade in dieſer vortheilhaften Zeit der oͤffentli⸗ 263 chen Bedraͤngniß trat Tom Walker als Wucherer in Boſton auf. Seine Thuͤr war bald von Kun⸗ den belagert. Die Beduͤrftigen und die Wohlha⸗ benden, der wagende Spekulant, der traͤumende Guͤterhaͤndler, der heruntergekommene Kraͤmer, der wankende Kaufmann, kurz Jeder, der durch ver⸗ zweifelte Mittel und verzweifelte Opfer Geld her⸗ beizuſchaffen genoͤthigt war, eilte zu Tom Walker. Tom war dergeſtalt zum allgemeinen Freunde aller Beduͤrftigen geworden, und benahm ſich auch wie ein„Freund in der Noth“, d. h. er verlangte immer puͤnktliche Wiederbezahlung und gute Sicher⸗ heit. Die Haͤrte ſeiner Bedingungen richtete ſich nach der Noth, in welcher der Anſuchende ſich be⸗ fand. Er haͤufte Verſchreibungen und Unterpfaͤn⸗ der an, preßte und preßte ſeine Kunden immer mehr, und ſchickte ſie am Ende trocken wie Schwaͤm⸗ me hinweg. Auf dieſe Weiſe ſcharrte er Geld auf Geld zu⸗ ſammen, ward ein reicher und angeſehener Mann, und trug ſeinen dreieckigen Hut auf der Boͤrſe ſehr hoch. Er baute ſich, wie es gewöhnlich zu geſche⸗ hen pflegt, aus Prunkliebe ein großes Haus, ließ aber aus Geiz den groͤßern Theil deſſelben unvoll⸗ endet und unmoͤblirt. Er ſchaffte ſich ſogar, in der Fuͤlle ſeiner Eitelkeit, eine Kutſche an, obgleich die * 264 Pferde, welche ſie zogen, beinahe verhungern muß⸗ ten, und wenn man die ungeſchmierten Raͤder knar⸗ ren und pfeifen höoͤrte, ſo haͤtte man glauben ſollen, es ſeyen die Seelen der armen Schuldner, die er ſo preßte. Als Tom alt wurde, ward er auch nachdenktch. Nachdem er das Gute dieſer Welt genoſſen, fing er an, uͤber die an dere Betrachtungen anzuſtellen. Mit Betruͤbniß dachte er an den Handel, den er mit ſeinem ſchwarzen Freunde abgeſchloſſen, und bot ſeine ganze Erſindungskraft auf, dieſen zu hinter⸗ gehen. Auf einmal ward er alſo ein gewaltiger Kirchengaͤnger. Er betete laut und inbruͤnſtig, als erobern wolle. Ja, man haͤtte, nach dem Geraͤuſch⸗ vollen ſeiner ſonntaͤglichen Andacht, immer ſicher ſchließen koͤnnen, wann er in der Woche am mei⸗ ſten geſuͤndigt hatte. Die ruhigen Chriſten, welche beſcheiden und unverdroſſen gen Zion gewallfahrtet waren, machten ſich ſelbſt Vorwurfe, daß ſie ſich auf ihrer Laufbahn ſo ploͤtzlich von dieſem Neubekehrten hatten uͤberfluͤgeln laſſen. Tom war ſo ſtreng in der Religion als in Geldſachen, ein ſtrenger Beobach⸗ ter und Richter ſeiner Nachbarn, und ſchien zu glauben, daß jede Suͤnde, welche auf ihre Rech⸗ nung kaͤme, ihm auf ſein Folio zu Gute geſchrie⸗ ben ob er den Himmel durch die Staͤrke ſeiner Lungen 265 ben wuͤrde. Ja er ſprach ſogar davon, wie raͤth⸗ lich es ſeyn wuͤrde, die Verfolgungen gegen die Quaͤker und Wiedertaͤufer wieder in Anregung zu bringen. Kurz, Tom ward eben ſo ſehr wegen ſei⸗ nes Religionseifers, als wegen ſeiner Reichthuͤmer beruͤhmt. Aller dieſer puͤnktlichen Aufmerkſamkeit auf die aͤußern Formen ungeachtet, hatte doch Tom immer eine geheime Furcht, daß der Teufel am Ende ſich ſein Recht nicht nehmen laſſen wuͤrde. Damit er ihn alſo nicht uͤberrumpeln koͤnne, ſo trug er, wie man ſagte, immer eine kleine Bibel in der Rock⸗ taſche. Eben ſo hatte er eine große Foliobibel auf ſeinem Pulte im Comptoir, in der man ihn haͤufig leſen fand, wenn die Leute kamen, um Geſchaͤfte mit ihm zu machen. Bei ſolchen Gelegenheiten pflegte er ſeine alte gruͤne Brille in das Buch zu legen, um die Stelle zu bezeichnen, wo er ſtehen geblieben war, und wandte ſich dann um, trgend einen wucheriſchen Handel abzuſchließen. Manche behaupten, Tom ſey in ſeinen alten Tagen etwas verwirrt geworden, und habe, als er ſein Ende nahe geglaubt, ſein Pferd neu beſchlagen, ſatteln und zaͤumen, und ſodann, mit den Fuͤßen nach oben, begraben laſſen, weil er der Meinung war, daß, am juͤngſten Tage, in der Welt das Unterſte II. M zu Oberſt kommen, und er, in dieſem Falle, ſein Pferd fertig zum Aufſteigen finden wuͤrde, um doch wenigſtens mit ſeinem alten Freunde in Wett⸗ rennen halten zu koͤnnen. Dieß iſt indeſſen muth⸗ maßlicher Weiſe weiter nichts, als ein Alt⸗Weiber⸗ Maͤrchen.— Wenn er gleichwol wirklich ſolche Vorkehrungen traf, ſo waren dieſe ganz unwirkſam, wenigſtens wie es die alte Legende beſagt, der zufolge die Ge⸗ ſchichte auf folgende Art endet. An einem heißen Nachmittage, in den Hundsta⸗ gen, gerade als eine furchtbare ſchwarze Gewitter⸗ wolke heraufzog, ſaß Tom in ſeinem Comptoir, mit ſeiner weißen linnenen Muͤtze, und in ſeinem Schlaf⸗ rocke von indiſchem Seidenzeuge. Er war im Be⸗ griff, ein Unterpfand unloͤsbar zu machen, wo⸗ durch er den Untergang eines ungluͤcklichen Laͤnderei⸗ Spekulanten befoͤrdert haben wuͤrde, fuͤr den er aͤu⸗ ßerlich die groͤßte Freundſchaft gezeigt hatte. Der arme Laͤnderei⸗Haͤndler bat ihn, ihm nur noch einige Monate Friſt zu goͤnnen. Tom war eigenſinnig und gereizt, und wollte ihm auch nicht einen Tag laͤnger bewilligen. „Meine Familie wird zu Grunde gerichtet, und dem Kirchſpiel zur Laſt fallen“, ſagte der Laͤnderei⸗ Haͤndler. 267 Jeder iſt ſich ſelbſt der Naͤchſte, erwiederte Tom. Ich muß in dieſen ſchweren Zeiten fuͤr mich ſelbſt ſorgen. „Sie haben ſchon ſo viel Geld an mir ver⸗ dient!“ ſagte der Spekulant. Tom's Geduld und ſein Mitleid waren zu Ende. Mich ſoll der Teufel holen, ſagte er: wenn ich einen Heller dabei verdient habe. In dieſem Augenblick klopfte es dreimal ſehr laut an die Thuͤr, welche nach der Straße ging. Tom ging hinaus, um zu ſehen, wer da ſey. Ein ſchwarzer Mann hielt ein ſchwarzes Pferd, das vor Unge⸗ duld wieherte und ſtampfte. „Tom, Du ſollſt geholt werden!“ ſagte der ſchwarze Mann, ſehr rauh. Tom ſchrak zuruͤck, doch zu ſpaͤt. Er hatte ſeine kleine Bibel in ſeiner Rocktaſche, und ſeine große Bibel auf dem Schreib⸗ pulte, unter dem Unterpfande, das er ſo eben un⸗ abloͤslich machen wollte, zuruͤckgelaſſen. Nie war wol ein Suͤnder mehr uͤberraſcht worden. Der ſchwarze Mann hob ihn, wie ein Kind, in den Sattel, gab dem Pferde einen Schlag, und dieß galoppirte davon, Tom auf demſelben, mitten im Ge⸗ witter. Die Comptoir⸗Diener ſteckten die Federn hin⸗ ter die Ohren, und ſahen ihm aus den Fenſtern nach. M 2 268 Dahin flog Tom Walker, und ſtob die Straßen hinab, wobei ſeine weiße Muͤtze auf und ab wankte, ſein Schlafrock im Winde flatterte, und das Roß bei jedem Tritte Funken aus dem Pfaaſter ſchlug. Als die Diener ſich nach dem ſchwarzen Manne umſahen, war dieſer verſchwunden. Tom Walker kehrte nie wieder zuruͤck, das Un⸗ terpfand unabloͤslich zu machen. Ein Landmann, welcher an der Graͤnze des Moraſtes wohnte, ſagte aus, daß er, als das Gewitter am ſtaͤrkſten ge⸗ weſen, ein lautes Geklapper von Hufen und ein Geheul an der Landſtraße gehoͤrt habe; daß, als er ans Fenſter gelaufen ſey, er eine Geſtalt er⸗ blickt, wie ich ſie ſo eben beſchrieben, die auf ei⸗ nem Pferde geſeſſen habe, das wie toll, uͤber die Felder, uͤber die Huͤgel und hinunter in den ſchwar⸗ zen Schierlingstannen⸗Grund nach dem alten In⸗ dianiſchen Fort galoppirt ſey, und daß kurz darauf ein Blitz nach jener Gegend hin gezuͤckt, von dem es geſchienen habe, als ob er den ganzen Wald in Flammen ſetze. Die guten Leute in Boſton ſchuͤttelten die Koͤpfe und zuckten die Achſeln, allein ſie waren, von der erſten Gruͤndung der Colonie an, an Hexen und Geſpenſter und Spiele des Teufels in allen Geſtal⸗ 269 ten ſo ſehr gewoͤhnt geweſen, daß ſie gar nicht ſo erſchreckt waren, als man erwarten konnte. Man ernannte Leute, welche Tom's Habſeligkeiten in Empfang nehmen ſollten, allein es war nichts da, das ſie haͤtten verwalten koͤnnen. Als man ſeine Kaſten unterſuchte, fand man alle ſeine Verſchrei⸗ bungen und Sicherheiten zu Aſche verbrannt. Statt mit Gold und Silber, war ſein Geldkaſten mit Hobel⸗ und Saͤgeſpaͤnen angefuͤllt; ſtatt ſeiner zwei halbverhungerten Pferde lagen zwei Gerippe im Stalle, und am andern Tage gerieth ſein gro⸗ ßes Haus in Brand, und brannte bis auf den Grund ab. So nahm Tom Walker und ſein ganzer ſchlecht⸗ erworbener Reichthum ein Ende; moͤgen alle hab⸗ ſuͤchtigen Geldwucherer ſich dieſe Geſchichte zu Her⸗ zen nehmen! Die Wahrheit der Erzaͤhlung iſt gar nicht zu bezweifeln. Noch itzt iſt das Loch un⸗ ter den Eichen zu ſehen, wo Tom Kidd's Schaͤtze ausgrub, und in der benachbarten Gegend, ſo wie in dem Indianiſchen Fort, laͤßt ſich bei Nacht oft eine Geſtalt zu Pferde ſehen, welche mit einem Schlafrock und weißer Muͤtze angethan, und ohne gweifel der umgehende Geiſt des Wucherers iſt. In der That iſt die Geſchichte ſelbſt zum Spruͤch⸗ 270 — ⏑—— wort und der Urſprung jener Volksredensart ge⸗ worden, die in Neu-England ſo haͤufig iſt:„der Teufel und Tom Walker!“ * Dieß war, ſo viel ich mich noch erinnern kann, der Inhalt der Erzaͤhlung, welche der Wallfiſchfaͤn⸗ ger von Cap Cod zum Beſten gab. Verſchiedene unbedeutende Umſtaͤnde gehoͤrten noch dazu, die ich weggelaſſen habe, und welche den Morgen ſehr an⸗ genehm vertreiben halfen, bis die zum Fiſchen vor⸗ theilhafte Zeit voruͤber war, und man vorſchlug, daß man an das Land gehen und ſich erfriſchen wolle, bis die Mittagshitze voruͤber ſey. Wir landeten alſo an einem koͤſtlichen Fleck auf der Manhattan⸗ Inſel*), in dem ſchattigen und be⸗ laubten Theile, welcher fruͤher der alten Familie Hardenbrook gehoͤrte. Dieß war eine Stelle, die mir von meinen Unternehmungen zu Waſſer aus meiner Kindheit her noch ſehr wohl bekannt war. Nicht weit von dem Orte, wo wir landeten, ſtand ein al⸗ tes Hollaͤndiſches Familienbegraͤbniß, welches an ei⸗ ner erhöheten Uferſtelle erbaut, und fuͤr meine Schulkameraden immer ein Koßer Gegenſtand der *) Auf der die heutige Stadt New⸗York liegt. Ueberſ. 271 Furcht und der Maͤhrchen geweſen war. Wir hat⸗ ten auf einer unſerer Kuͤſtenfahrten hineingeblickt, und waren uͤber den Anblich der modernden Saͤrge und beſchimmelten Gebeine darin erſchrocken: was ihm aber in unſern Augen das meiſte, wiewol furchterregende, Intereſſe gab, war der Umſtand, daß es in einiger Hinſicht mit dem Piraten⸗Wrack in Verbindung ſtand, welches zwiſchen den Felſen des Hoͤllenthors lag und verfaulte. So ſtanden auch einige Sagen von Smugglern damit in Be⸗ ziehung, vorzuͤglich aus einer Zeit, wo dieſer ein⸗ ſame Fleck einem angeſehenen Buͤrger, Namens Baargeld⸗Provoſt, gehörte, einem Mann, von dem man ſich zuraunte, daß er in gar manchen und ge⸗ heimen Verbindungen mit den Gegenden jenſeits des Meeres geſtanden habe. Alle dieſe Sachen wa⸗ ren indeſſen in unſern Gemuͤthern auf die unbe⸗ ſtimmte Weiſe unter einander gerathen, wie in den Erinnerungen aus den Kinderjahren dieſe Gegen⸗ ſtaͤnde ſich gewoͤhnlich vermiſchen. Waͤhrend ich noch ſo uͤber dieſe Dinge nach⸗ dachte, hatten meine Gefaͤhrten unter einem großen Kaſtanienbaume, auf dem gruͤnen Raſen, welcher ſich bis zum Ufer hinabzog, ein Mahl aus dem Inhalte unſeres wohl verſehenen Reiſekorbes auf⸗ getiſcht, und hier thaten wir uns auf dem kuͤhlen 272 Grasteppiche, waͤhrend der warmen, ſonnigen Nittagsſtunde guͤtlich. Auf dem Graſe dahinge⸗ lehnt, und der Art von ſtillem Bruͤten nachhaͤn⸗ gend, die ich ſo gern habe, rief ich mir alle die dunkeln Erinnerungen aus meiner Kindheit von dieſem Orte zuruͤck, und ging ſie, wie die unvoll⸗ ſtaͤndig zuſammengetengenen Bruchſtuͤcke eines Trau⸗ mes, zur Unterhaltung meiner Gefaͤhrten, wieder durch. Als ich geendet hatte, brach ein ehrenwer⸗ ther alter Buͤrger, Johann Joſſe Vandermoer— derſelbe, welcher mir einſt die Abenteuer Dolph Heyliger's erzaͤhlte*)— das Stillſchweigen, und bemerkte, daß er ſich einer Schatzgraͤber⸗Geſchichte erinnere, welche hier in der Gegend vorgefallen ſey und wol den Anlaß zu einigen von den Sagen gegeben haben könne, die ich in meinen Knaben⸗ jahren gehoͤrt. Da wir wußten, daß er einer der glaubwuͤrdigſten Erzaͤhler in der Provinz ſey, ſo baten wir ihn, uns doch das Naͤhere mitzutheilen, und der glaubwuͤrdige Johann Joſſe Vandermoer trug uns demnach, waͤhrend wir uns an einer rei⸗ nen langen Pfeife, mit Blaſe Moore's beſtem Ta⸗ back gefuͤllt, labten, folgende Erzaͤhlung vor. *) S. Bracebridge⸗Hall Thl. 2. S. 239. Ueberſ. —— ———— 273 Wolfert Webber, oder die goldenen Traͤume. In dem Jahr der Gnade Ein Tauſend, Sie⸗ ben Hundert und— Null, denn ich erinnere mich nicht genau der Zeit: genug, es war ziemlich fruͤh im fruͤhſten Theile des vergangenen Jahrhunderts— wohnte in der alten Stadt der Manhattoes ein eh⸗ renwerther Buͤrger, Wolfert Webber mit Namen. Er ſtammte von dem alten Kobus Webber aus dem Briel in Holland, einem der urſpruͤnglichen Anſiedler, ab, welcher dadurch beruͤhmt war, daß er den Kohlbau eingefuͤhrt hatte, und der waͤhrend der Schutzherrſchaft Oloff's van Kortlandt, ſonſt auch der Traͤumer genannt, in die Provinz hin⸗ uͤber gekommen war. Das Feld, auf welches ſich Webber und ſeine Kohlſtauden zuerſt verpflanzt hatten, war ſeitdem immer in der Familie geblieben, welche mit der lo⸗ benswuͤrdigen Beharrlichkeit, derenwegen unſere Hol⸗ laͤndiſchen Buͤrger beruͤhmt ſind, denſelben Zweig des Ackerbaues forttrieb. Der ganze Famillienver⸗ ſtand hatte ſich, ſeit mehreren Geſchlechtern, auf das Studium und die Entwicklung dieſes einen edlen Kuͤchengewaͤchſes hingewandt, und dem Um⸗ ſtande, daß dieß der Brennpunkt des Geiſtes der⸗ 274 3. ſelben war, muß ohne Zweifel die bewunderungs⸗ wuͤrdige Groͤße und der Ruf, in welchem die Web⸗ berſchen Kohlkoͤpfe ſtanden, beigemeſſen werden. Die Webberſche Dynaſtie dauerte in einer un⸗ unterbrochenen Folge fort, und nie gab wol eine Linie unzweifelhaftere Beweiſe von Legitimitaͤt. Der aͤlteſte Sohn uͤberkam jedesmal das Geſicht und das Beſitzthum ſeines Vaters, und haͤtte man die Bil⸗ der dieſer Folge von ruhigen Herrſchern gemalt, ſo wuͤrden ſie eine Reihe von Koͤpfen abgegeben ha⸗ ben, welche an Geſtalt und Groͤße denen der Kuͤ⸗ chengewaͤchſe— ihrer Unterthanen— wunderbar aͤhnlich geweſen waͤren. Der Sitz der Regierung blieb unveraͤndert in dem Familienhauſe, einem Gebaͤude nach Hol⸗ laͤndiſcher Art, mit einer Vorderſeite, oder vielmehr einem Giebel von gelben Mauerſteinen, welcher oben ſpitz zulief, und der den gewoͤhnlichen eiſernen Wetterhahn auf der Spitze hatte. Alles an dieſem Gebaͤude trug das Gepraͤge langangeſiedelter Behag⸗ lichkeit und Sicherheit. Schaaren von Mauer⸗ ſchwalben bewohnten die kleinen, an die Wand ge⸗ nagelten Kaſten, und Hausſchwalben bauten ihre Neſter unter dem Geſimſe, und Jedermann weiß, daß dieſe hausliebenden Voͤgel den Wohnungen, wo ſie ihren Sitz aufſchlagen, Gluͤck bringen. Es war —— 275 . hoͤchſt ergetzlich, an einem klaren, ſonnigen Morgen im Fruͤhſommer, ihren froͤhlichen Geſang zu hoͤren, wie ſie in der reinen, angenehmen Luft umher⸗ ſchwaͤrmten, und gleichſam die Groͤße und das Gluͤck der Webbers verkuͤndigten. So lebte dieſe treffliche Familie ruhig und be⸗ haglich im Schatten eines maͤchtigen Knopfbau⸗ mes*) fort, welcher nach und nach ſo groß ge⸗ worden war, daß er ihren Palaſt ganz uͤberſchattete. Die Stadt fing indeſſen allmaͤhlig an, ihre Vor⸗ ſtaͤdte um dies Beſitzthum auszubreiten. Haͤuſer er⸗ hoben ſich, welche die Ausſicht benahmen. Die laͤnd⸗ lichen Heckengaͤnge in der Nachbarſchaft wurden zu geraͤuſchvollen und volkreichen Straßen; kurz die Webbers wurden, bei allen ihren laͤndlichen Gewohn⸗ heiten, nach und nach zu Mitkbewohnern einer Stadt. Nichts deſtoweniger behaupteten ſie immer ihre angeerbte Weiſe und angeſtammten Beſitzungen mit der ganzen Hartnaͤckigkeit kleiner Deutſcher Fuͤr⸗ ſten mitten im Reiche. Wolfert war der Letzte ſei⸗ nes Stammes, er erbte die patriarchaliſche Bank vor der Thuͤr, unter dem Familienbaume, und fuͤhrte das Scepter ſeiner Ahnen, als eine Art von laͤnd⸗ lichem Herrſcher, mitten in einer Hauptſtadt. *) Button-wood tree, Platanus occident., der Amerika⸗ niſche Platanus: der orientaliſche heißt, auf Engliſch, plane. 276. Um eine Theilnehmerin an den Sorgen und Suͤßigkeiten der Regierung zu haben, hatte er ſich eine Ehehaͤlfte erkieſet, eine von der trefflichen Gat⸗ tung, welche man ruͤhrige Frauen zu nennen pflegt: das heißt, ſie gehoͤrte zu den merkwuͤrdigen kleinen Hausfrauen, welche immer geſchaͤftig ſind, wenn es auch nichts zu thun giebt. Ihre Thaͤtigkeit hatte indeß eine ganz beſondere Richtung genommen: ihr ganzes Leben ſchien einem anhaltenden Stricken ge⸗ widmet zu ſeyn; ſie mochte ſich nun zu Hauſe, oder außerhalb deſſelben befinden, gehen oder ſitzen, ſo wa⸗ ren ihre Stricknadeln in beſtaͤndiger Bewegung, und man will ſogar behaupten, daß ſie durch ihren un⸗ ermuͤdeten Fleiß ihre Haushaltung, beinahe das ganze Jahr hindurch, mit Struͤmpfen verſehen habe. Dieß ehrenwerthe Paar war mit einer Toch⸗ ter begluͤckt, welche mit großer Zaͤrtlichkeit und Sorgfalt erzogen worden war: es war auf ihre Er⸗ ziehung ungemeine Aufmerkſamkeit gewandt worden, ſo daß ſie alle moͤgliche Stiche machen, alle Arten von ſaurem und ſuͤßem Eingemachten anfertigen, und ihren Namen in das Muſtertuch zeichnen konnte. Der Einfluß ihres Geſchmacks war auch im Fami⸗ liengarten bemerkbar, wo das Zierliche ſich mit dem Nuͤtzlichen zu verbinden anfing; die Kohlbeete wa⸗ ren mit ganzen Reihen von feurigen Ringelblumen . 277 und Herbſtroſen umzogen, und rieſenhafte Sonnen⸗ blumen ſtreckten ihre großen, luſtigen Angeſichter uͤber die Hecken, und ſchienen die Voruͤbergehenden auf das Schoͤnſte zu beliebaͤugeln. So regierte und lebte Wolfert Webber auf ſei⸗ nen vaͤterlichen Hufen, friedlich und vergnuͤgt. Da⸗ bei hatte er jedoch, wie alle Herrſcher, auch ſeine Sorgen und Plagen. Der Wachsthum ſeiner Ge⸗ burtsſtadt verurſachte ihm zuweilen viel Verdruß. Sein kleines Grundſtuͤck ward nach und nach von Straßen und Haͤuſern eingezwaͤngt, die ihm Luft und Sonnenſchein benahmen. Dann und wann beunruhigten ihn auch die Graͤnzbewohner, wie ſie immer an den aͤußerſten Enden einer Hauptſtadt hauſen; ſie unternahmen bisweilen mitternaͤchtliche Streifzuͤge auf ſein Gebiet, und fuͤhrten ganze Rotten ſeiner edelſten Unterthanen als Gefangene mit ſich fort. Zuweilen kamen auch wol herum— irrende Schweine, wenn das Thor offen ſtand, herein, und verwuͤſteten Alles, und unnuͤtze Buben enthaupteten oft die prachtvollen Sonnenblumen, den Stolz des Gartens, wenn ſie ihre Haͤupter ſo liebevoll uͤber die Mauern hinſtreckten. Dieß Alles waren indeß unbedeutende Unbilden, welche dann und wann die ruhige Flaͤche ſeines Gemuͤths be⸗ wegten, wie ein Sommerluͤftchen die Flaͤche eines 278 Muͤhlgrabens bewegt, die tiefe Ruhe ſeiner Seele aber nicht truͤben konnten. Er pflegte dann wol einen zuverlaͤſſigen Stecken zu ergreifen, welcher hinter der Thuͤr ſtand, ploͤtzlich hinaus zu fah⸗ ren, den Ruͤcken des Angreifenden, war es nun Schwein, oder Bube, damit zu bearbeiten, und dann wieder, wunderbar erfriſcht und beruhigt, in ſein Haus zuruͤckzukehren. Die Haupturſach des Kummers fuͤr den ehrli⸗ chen Wolfert war indeſſen der zunehmende Wohl⸗ ſtand der Stadt. Die Koſten des Lebensunterhalts verdoppelten und verdreifachten ſich, er aber konnte die Groͤße ſeiner Kohlkoͤpfe nicht verdoppeln und verdreifachen, und die Anzahl der Mitbewerber ver⸗ hinderte das Steigen der Preiſe. Waͤhrend alſo Alles um ihn her reicher wurde, ward Wolfert aͤr⸗ mer, und konnte doch nicht, und wenn es ihm ſein Leben gekoſtet haͤtte, ausfindig machen, wie dem Uebel abzuhelfen ſey. Dieſe wachſende Sorge, welche von Tage zu Tage zunahm, machte allmaͤhlig einen tiefen Ein⸗ druck auf unſern ehrenwerthen Buͤrger, ſo daß am Ende auf ſeiner Stirn zwei oder drei Runzeln ſicht⸗ bar wurden, Dinge, welche bis itzt in der Familie der Webbers unerhoͤrt geweſen waren, und den Ecken ſeines Huts einen Ausdruck der Aengſtlichkeit „ 279 zu geben ſchienen, der den ruhigen, breitkraͤmpigen, niedrigkoͤpfigen Kaſtorhuͤten ſeiner erlauchten Vor⸗ fahren gaͤnzlich widerſprach. Vielleicht wuͤrde ſelbſt dieß nicht einmal die Heiterkeit ſeines Geiſtes weſentlich getruͤbt haben, haͤtte er nur fuͤr ſich und ſeine Frau zu ſorgen ge⸗ habt; allein ſeine Tochter wuchs heran, und Jeder⸗ mann weiß, daß, wenn Tboͤchter zu reifen anfan⸗ gen, weder Fruͤchte noch Blumen ſo genau bewacht werden muͤſſen, als dieſe. Ich beſitze kein Talent, weibliche Reize zu ſchildern, ſonſt wuͤrde ich das Entfalten dieſer kleinen Hollaͤndiſchen Schoͤnheit beſchreiben, wie ihre blauen Augen immer dunke⸗ ler und dunkeler, ihre Roſenlippen immer roͤther wurden, und wie ſie reifte und reifte und immer runder und runder wurde, in dem entfaltenden Hauch von ſechszehn Sommern, bis ſie in ihrem ſiebenzehnten Fruͤhling, wie eine halb aufgebluͤhte Roſe, ihr Mieder zu ſprengen drohte. Ah! koͤnnte ich ſie nur herzaubern, wie ſie da⸗ mals war in dem ererbten Putze aus der alten Hollaͤndiſchen Kleiderkommode, zu welcher ibre Mut⸗ ter ihr den Schluͤſſel anvertraut hatte; der Hoch⸗ zeitſtaat ihrer Großmutter, zum itzigen Gebrauch eingerichtet, mit verſchiedenen Zierrathen, welche als Erbſtuͤcke in der Familie von Geſchlecht auf Ge⸗ 280— ſchlecht uͤbergingen; ihr hellbraunes Haar, das mit Buttermilch in glatte Wellenlinien gebracht, zu bei⸗ den Seiten ihrer ſchoͤnen Stirn herabhing, die Kette von gelbem Jungfrauengold, welche ihren Hals umgab: das kleine Kreuz, das gerade am Eingant des. ſanften Thales der Gluͤckſeligkeit hin, als ob es den Ort heiligen wolle; das— doch, ein alter Mann, wie ich, muß nicht weib⸗ liche Schönheit langweilig beſchreiben. Genug, Amy hatte ihr ſechszehntes Jahr erreicht. Schon ſeit laͤngerer Zeit ſah man in ihrem Muſtertuche verſchlungene Herzen, grauſam von Pfeilen durch⸗ bohrt, und treue⸗Liebesknoten, mit dunkelblauer Seide genaͤht, und es war klar, daß ſie anfing, ſich nach anziehenderen Beſchaͤftigungen, als dem Auf⸗ ziehen von Sonnenblumen oder dem Gurken⸗Ein⸗ machen zu ſehnen. In dieſer bedenklichen Zeit des weiblichen Da— ſeyns, wo das Herz im Buſen eines Maͤdchens, wer ſein Sinnbild, das kleine Herzchen, welches außen haͤngt, ſich gern mit einem einzigen Gegen⸗ ſtande beſchaͤftigt, erſchien ein neuer Beſuch unter Wolfert Webber's Dache. Dieß war Dirt Wal⸗ dron, der einzige Sohn einer armen Wittwe, der ſich aber mehrer Vaͤter ruͤhmen konnte, als ir⸗ gend ein Burſch in der Provinz, denn ſeine Mut⸗ 281 ter hatte vier Maͤnner gehabt, und nur ein Kind, ſo daß er, obgleich in der letzten Ehe geboren, doch darauf Anſpruch machen konnte, die Spaͤtfrucht ei⸗ ner langen Urbarmachung zu ſeyn. Dieſer Sohn von vier Vaͤtern vereinigte die Verdienſte und die Kraft ſeiner Erzeuger. Wenn er auch kaß oße Familie vor ſich zaͤhlte, ſo ſchien er doch ei e nachlaſſen zu wollen, denn man mußte nur den friſchen, ſtraffen Juͤngling ſehen, um ſich zu uͤber⸗ zeugen, daß er dazu gemacht ſey, der Siäifter eines kraͤftigen Stammes zu werden. 5* Dieſer junge Mann ward nach und nach ein haͤufiger Beſuch in der Familie. Er ſprach wenig, aber er ſaß lange; er ſtopfte dem Vater die Pfeife, wenn ſie leer war; er hob der Mutter die Sllleck⸗ nadel oder den Wollenknaͤuel auf, wenn er auf die Erde fiel; ſtrich der weißbraunen Katze*) das glatte Fell, und goß aus dem glaͤnzenden kupfernen Keſ⸗ ſel, der vor dem Feuer ſimperte, fuͤr die Tochter Waſſer in die Theekanne. Alle dieſe ruhigen, lei⸗ nen Dienſte mögen, an ſich ſelbſt, ſehr unwichtig 8 Im Originale tortoise-shell cat, eine Lieblings⸗ Katzenart in England, die man ihrer drei Farben wegen, welche ſich auch auf der Schildkrötenſchaale finden, gelb, weiß und braun, Schildkrötenſchaalen⸗Katzen nennt. Ueberſ. 282 ſcheinen, die wahre Liebe, in das Hollaͤndiſche uͤber⸗ ſetzt, ſpricht ſich aber am beredteſten ſo aus. Sie waren bei der Webberſchen Familie an keine Un⸗ dankbaren verſchwendet. Der einnehmende, junge Mann fand in den Augen der Mutter große Gunſt. Die weißbraune Katze gab, obgleich ſie die geſetz⸗ teſte und bedaͤchtigſte ihrer Art war, unverkennbare Zeichen des Wohlwollens, wenn er kam; der Thee⸗ keſſel ſchien, wenn er ſich naͤherte, ihm ein freudi⸗ ges Willkommen entgegen zu ſimpern, und wenn man die ſchuͤchternen Blicke der Tochter richtig aus⸗ legte, wie ſie ſo ſittſam neben ihrer Mutter ſaß, mit ihren Gruͤbchen in den Wangen, und naͤhte, ſo gab ſie der Frau Webber, oder dem Kaͤtzchen, oder dem Theekeſſel an Wohlwollen nichts nach. Wolfert allein bemerkte nichts von dem, was da vorging; gaͤnzlich in Nachdenken uͤber den Wachsthum der Stadt und ſeiner Kohlkoͤpfe ver— ſunken, ſaß er da, blickte in das Feuer, und dampfte ſtillſchweigend ſeine Pfeife. Eines Abends indeſſen, als die artige Amy, der Sitte gemaͤß, ih⸗ rem Liebhaber bis zur aͤußern Thuͤr leuchtete, und er, ebenfalls der Sitte gemaͤß, ihr einen Abſchieds⸗ kuß gab, klang der Schmatz ſo gewaltig den lan⸗ gen ſtillen Eingang hinab, daß ſelbſt Wolfert's ſtum⸗ pfes Ohr es vernahu. Itzt eroͤffnete ſich ihm lang⸗ 283 ſam eine neue Quelle der Angſt. Es war ihm nie in den Kopf gekommen, daß dieß Kind, das nur noch Tags vorher, wie es ihn duͤnkte, um ſeine Kniee hergekrochen war, und mit Puppen und Kin⸗ derhaͤuſern geſpielt hatte, itzt auf einmal an Liebe und Eheſtand denken ſollte. Er rieb ſich die Au⸗ gen, unterſuchte die Sache genauer, und fand end⸗ lich, daß, waͤhrend er von andern Dingen getraͤumt hatte, ſie zu einem mannbaren Maͤdchen herange⸗ wachſen, und, was noch ſchlimmer, ſchon verliebt war. Dieß gab zu neuen Sorgen fuͤr den armen Wolfert Anlaß. Er war ein ſehr zaͤrtlicher Vater, aber er war auch ein beſonnener Mann. Der junge Menſch war ein lebendiger, ruͤhriger Burſch, aber er hatte weder Geld noch Gut. Wolfert's Gedan⸗ ken hatten alle eine Richtung, und er ſah, im Fall einer Heirath, nichts anders vor ſich, als dem jun⸗ gen Paare einen Winkel in ſeinem Kohlgarten zur Mittgift zu geben, obgleich das Ganze kaum zum Unterhalte ſeiner Familie hinreichte. Als ein kluger Vater beſchloß er daher, dieſe Leidenſchaft im Keime zu erſticken, und verbot dem jungen Mann das Haus, obgleich dieß ſeinem vaͤterlichen Herzen nahe ging, und manche ſtille Thraͤne daruͤber in das klare Auge ſeiner Tochter ſtieg. Sie benahm ſich indeſſen wie ein Muſter von 284 kindlicher Liebe und Gehorſam. Sie ſchmollte und grollte nicht, bot nie der vaͤterlichen Gewalt Trotz, gerieth nicht außer ſich oder bekam hyſteriſche Zu⸗ faͤlle, wie manches zierliche, romanenleſende, junge Frauenzimmer es wol thun wuͤrde; dieß war bei ihr durchaus nicht der Fall. Sie war keine ſolche heroiſche, rebelliſche Flitterpuppe. Im Gegentheil ergab ſie ſich, wie eine gehorſame Tochter, ſchlug ihrem Liebhaber die Hausthuͤr vor der Naſe zu, und wenn ſie ihm eine Zuſammenkunft geſtattete, ſo geſchah dieß bloß am Küchenfenſtes oder uͤber den Gartenzaun. Wolfert uͤberlegte ſich dieſe Sechen reiflich in ſeinem Gemuͤthe, und ſeine Stirn n verzog ſich in ungewoͤhnliche Sorgenfalten, als er eines Sonn⸗ abends Nachmittags ſeine Schritte nach einer Dorf⸗ ſchenke wandte, welche ungefaͤhr zwei(engl.) Meilen von der Stadt lag. Dieß war ein Lieblingszuſammen⸗ kunftsort fuͤr den Hollaͤndiſchen Theil des Ortes, da die Schenke beſtaͤndig in einer Hollaͤndiſchen Li⸗ nie von Gaſtwirthen geblieben war, und noch immer das Anſehen und einen Anklang der guten alten Zeiten hatte. Es war ein, nach Hollaͤndiſcher Art gebau⸗ tes Haus, welches wahrſcheinlich einſt der Landſitz eines reichen Buͤrgers in den fruͤheſten Zeiten der Niederlaſſung geweſen war. Es ſtand nicht weit 4 285 von einer Landſpitze, Corlear's⸗Haken genannt, welche in die Meerenge hinausgeht, und an wel⸗ cher das Waſſer bei der Ebbe und Fluth ſich mit großer Heftigkeit bricht. Das ehrwuͤrdige und ſchon etwas verfallene Haus war ſchon von weitem an einer Gruppe von Elmen und Sykomorbaͤu— men zu erkennen, welche eine gaſtfreundliche Ein⸗ ladung zuzuwinken ſchienen, waͤhrend einige Thraͤ⸗ nenweiden mit ihrem feuchten, hangenden Laube, welches Waſſerfaͤllen gleicht, eine Kuͤhlung verſpra⸗ chen, die dieſen Fleck im Sommer hoͤchſt anzie⸗ hend machten. Hierhin begaben ſich alſo, wie eben geſagt, mehrere der alten Bewohner der Manhattan⸗ Inſel; Einige ſpielten mit Schuͤſſern*) und Wurf⸗ ſteinen, oder ſchoben Kegel, waͤhrend noch Andere ruhig ihre Pfeife ſchmauchten und die oͤffentlichen Angelegenheiten beſprachen. Wolfert erſchien an einem rauhen Herbſtnach⸗ mittage in der Schenke. Das Gebuͤſch von Ulmen und Weiden hatte ſeine Blaͤtter verloren, die in raſſelnden Wirbeln auf den Feldern umherflogen. Die Kegelbahn war verlaſſen, denn die fruͤhzeitige *) Das Engliſche shuffle-(oder richtiger shevel) board, ein Spiel, das auf einer langen Tafel mit Stücken Metall geſpielt wird, die man nach einem Ziele ſchiebt(shevels). Daher der Name. Ueberſ. 286 Kaͤlte des Tages hatte die Geſellſchaft in das Haus getrieben. Da es Sonnabend Nachmittag war, ſo hielt der gewoͤhnliche Club ſeine Sitzung, der na⸗ mentlich aus wirklichen Hollaͤndiſchen Buͤrgern be⸗ ſtand, obgleich, wie es an einem Orte, der eine ſo bunte Bevoͤlkerung hat, natuͤrlich iſt, ſich gelegent⸗ lich auch Leute von anderer Art und Vaterlande darunter einfanden. Neben dem Kamin ſaß, in einem gewaltigen, mit Leder uͤberzogenen Lehnſtuhl, der Direktor die⸗ ſer kleinen Welt, der ehrwuͤrdige Ramm, oder wie man es ausſprach, Ramm Rapelye. Es war ein Mann aus Walloniſchem Stamme, und ſein Ge⸗ ſchlecht ſeines Alterthums wegen beruͤhmt, denn ſeine Urgroßmutter war das erſte weiße Kind ge⸗ weſen, welches in der Provinz geboren worden war. Noch weit beruͤhmter war er aber wegen ſei⸗ nes Reichthums und ſeiner Wuͤrde; er hatte lange Zeit die ehrenwerthe Stelle eines Alderman beklei⸗ det, und war ein Mann, vor welchem der Gou⸗ verneur ſelbſt den Hut abzog. Er hatte ſeit undenk⸗ licher Zeit den mit Leder uͤberzogenen Stuhl in Beſitz, und waͤhrend er dieſen Regierungsſitz inne hatte, an Umfang zugenommen, bis er, nach einer Reihe von Jahren, ſeinen ganzen Raum ausfuͤllte. Sein Wort galt fuͤr entſcheidend bei ſeinen Unter⸗ 287 thanen, denn er war ſo reich, daß man es nie von ihm erwartete, daß er eine Meinung mit Gruͤnden unterſtuͤtzen werde. Der Wirth wartete ihm mit ganz beſonderer Dienſtbefliſſenheit auf, nicht, daß er beſſer bezahlt haͤtte, als die Uebrigen, ſondern weil das Geld eines reichen Mannes immfer beſſer zu klingen ſcheint. Der Wirth hatte dem erhabe⸗ nen Ramm immer etwas Angenehmes oder einen Scherz ins Ohr zu ſagen. Wahr iſt es, daß Ramm nie lachte, immer einen bullenbeißerarti⸗ gen Ernſt beobachtete, und ſelbſt eine gewiſſes finſte⸗ res Weſen an ſich hatte; dann und wann beehrte er jedoch den Wirth mit einem Zeichen des Beifalls, was, ob es gleich nichts mehr oder weniger als eine Art von Grunzen war, den Wirth dennoch mehr erfreute, als ein lautes Lachen von einem aͤr⸗ mern Manne. „Das wird eine rauhe Nacht fuͤr die Schatz⸗ graͤber werden,“ ſagte der Wirth, als ein Wind⸗ ſtoß um das Haus brauſ'te, und mit den Fenſtern raſſelte.. Wie ſind die ſchon wieder bei der Arbeit? ſagte ein Engliſcher Capitaͤn auf halbem Solde und mit Einem Auge, der haͤufig in der Schenke zu finden war. „„Ja wol,“ ſagte der Wirth:„ſie haben Recht. * 288 Das Gluͤck iſt ihnen vor Kurzem guͤnſtig geweſen. Nan ſagt, es ſey ein großer Topf mit Geld ge⸗ rade hinter Stuyveſant's Kuͤchengarten ausgegraben worden. Die Leute meinen, Peter Stuyveſant, der Hollaͤndiſche Gouverneur, haͤtte es da ver⸗ graben.“ Dummes Zeug!afagte der iaugige Seeheld, indem at etwas Waſſer zu einem Reſt von Brannt⸗ wein goß. „Nun, Ihr moͤgt es glauhen oder nicht,“ ſagte der Wirth etwas empfindlich.„Jedermann weiß aber, daß der alte Gouverneur einen großen Theil ſeines Geldes zur Zeit der Hollaͤndiſchen Unruhen vergraben hat, als die Engliſchen Rothroͤcke ſich der Provinz bemaͤchtigten. Sie ſagen auch, der alte Herr gehe um, und das in derſelben Kleidung, in er auf dem Bilde abgemalt iſt, das in dem Stammhauſe haͤngen 4b 2 Dummes Zeug! ſagte der Offizier auf halbem Solde.. „Dummes Zeug, ſo viel Ihr wollt! Hat ihn aber Cornelius van Zandt nicht um Mitternacht mit ſeinem hoͤlzernen Bein und mit gezogenem De⸗ gen, der wie Flammen blitzte, auf der Wieſe um⸗ herwandern ſehen? Und warum kann er anders umgehen, als weil die Leute den Ort aufgefun⸗ den 289 den haben, wo er in alten Zeiten ſein Geld zu ver⸗ ſtecken pflegte?”* Hier wurde der Wirth von einigen Gurgeltoͤnen Ramm Rapelye's unterbrochen, welche verkuͤndig⸗ ten, daß er mit der ungewoͤhnlichen Hervorbrin⸗ gung eines Gedankens ſchwanger gehe. Da er ein zu großer Mann war, als daß ein kluger Gaſtdeber ihn nicht haͤtte ſchonen ſollen, ſo ſchiöteg der Wirth ehrerbietig ſtill, bis er ſich ausſprechen wuͤrde. Deln gewaltige Koͤrper dieſes maͤchtigen Buͤrgers verrieth itzt alle Kennzeichen, die ein Vulkan blicken laͤßt, wenn ein Ausbruch deſſelben bevorſteht. Erſt ging ein gewiſſes Wogen des Bauches, einem Erdbeben nicht unaͤhnlich, vorher; dann kam eine Wolke Ta⸗ backsrauch aus dem Krater, dem Munde; dann er⸗ hob ſich ein gewiſſes Knarren in der Kehle, als ob der Gedanke durch die waͤſſerige Region ſich einen Weg bahne; dann nnf mehrere einzelne ⸗ ken einer Redensart her Sfewvosfen, die ſich in ein Huſten endigten, und endlich brach ſeine Stimme mit dem langſamen, aber entſchjedenen Ton eines Mannes hervor, der, wenn er ſich auch nicht des Gewichts ſeiner Gedanken, doch des ſeiner Boͤrſe bewußt iſt, wobei jeder einzelne Theil ſeiner Rede von einem muͤrriſchen Stoß Tabacksrauch bezeichnet wurde. 3 II. N 290 „Wer ſpricht davon, daß Peter Stuyveſant umgegangen ſey?“— Paff—„Hat man nicht mehr Ehrerbietung vor Leuten?“— Paff—„Pe⸗ ter Stuyveſant wußte zu gut mit dem Gelde um— zugehen, als daß er es haͤtte vergraben ſollen.“— Paff—„Ich kenne die Stuyveſantſche Familie“ „— Paff—„Alle zuſammen.“— Paff—„Es giebt keine achtbarere Familie in der Provinz.“— Paff—„Leute von altem Schrot und Korn,“— Paff—„Ordentliche Haushalter;— keine Gluͤcks⸗ pilze, wie ſie itzt ſind.“— Paff— Paff— Paff —„Sprecht mir nichts mehr von Peter Stuyve⸗ ſant's Umgehen.“ Paff— Paff— Paff— Paff. „Hier zog der furchtbare Ramm die Stirn in Falten, ſchloß ſeinen Mund, bis beide Winkel ſich runzelten, und ſing an mit ſolcher Heftigkeit zu rauchen, daß ſein Haupt bald von eben ſolchen Dampfwolken umhuͤllt war, wie der furchtbare Gipfel des Berges Aetna. Ein allgemeines Stillſchweigen folgte auf den plöͤtzlichen Verweis, den dieſer ſteinreiche Mann er⸗ theilt hatte. Der Gegenſtand war indeſſen zu an⸗ ziehend, als daß man ihn haͤtte ſo leicht aufgeben ſollen. Das Geſpraͤch begann bald wieder, und zwar ging es von dem Munde Peechy Prauw van Hook's, des Geſchichtſchreibers des Clubs, eines — 291 von den langweiligen, ſchwatzhaften alten Leuten, aus, welche, wenn ſie alt werden, ihre Worte nicht mehr an ſich halten zu koͤnnen ſcheinen. Peechy konnte zu jeder Zeit, an einem Abend, ſo viele Geſchichten erzaͤhlen, als ſeine Zuhoͤrer in einem Monat zu verdauen im Stande waren. nahm itzt die Unterhaltung wieder auf, indem er verſicherte, daß, ſeines Wiſſens, Geld zu verſchiedenen Zeiten in mehreren Gegenden der Inſel ausgegraben worden ſey. Die gluͤcklichen Leute, welche es ent⸗ deckt, haͤtten immer drei Tage vorher davon ge⸗ traͤumt, und was bemerkenswerth ſey, ſo waͤren dieſe Schaͤtze immer nur von irgend einem Ab⸗ koͤmmling der guten alten Hollaͤndiſchen Familien entdeckt worden, woraus deutlich hervorginge, daß ſie in alten Zeiten von Hollaͤndern vergraben wor⸗ den waͤren. „Geht doch mit Euren Hollaͤndern!“ ſagte der Offizier auf halbem Soide.„Die Hollaͤnder hat⸗ ten damit nichts zu thun. Kidd, der Pirat, und ſeine Mannſchaft, haben ſie alle vergraben.“ Dieß war ein Thema, welches die ganze Ge⸗ ſellſchaft auf einmal in Bewegung brachte. Der Name Kidd war in jenen Zeiten wie ein Talis⸗ man, und ſtand mit tauſend wunderbaren Geſchich⸗ ten in Verbindung. Der Offizier auf halbem Solde N 2 bemaͤchtigte ſich der Unterhaltung, und erzaͤhlte alle Raͤubereien und Unternehmungen Morgan's, Black⸗ beard's*) und der ganzen Reihe blutiger Bucca⸗ niers, als allein von Kidd ausgegangen. Der Offizier hatte wegen ſeines kriegeriſchen Berufes und ſeiner Erzaͤhlungen von Pulver und Kanonen, großes Gewicht unter den friedliebenden Mitgliedern des Clubs. Alle ſeine Geld⸗Geſchich ten von Kidd und der Beute, die er vergraben, fanden an Peechy Prauw's Erzaͤhlungen hartnaͤk⸗ kige Nebenbuhler, der, um ſeine Hollaͤndiſchen Ah⸗ nen nicht von einem fremden Freibeuter verdunkeln zu laſſen, jedes⸗ Feld und jedes Ufer in der Nach⸗ barſchaft mit den verborgenen Schaͤtzen Peter Stuy⸗ veſant's und ſeiner Zeitgenoſſen bereicherte. Wolfert Webber verlor nicht ein Wort von die⸗ ſer ganzen Unterhaltung. Gedankenvoll und von prachtvollen Traͤumen erfuͤllt, kehrte er nach Hauſe zuruͤck. Der Boden ſeines Geburts⸗Eilandes ſchien 4 ihm aus Goldſtaub zu beſtehen und jedes Feld von Reichthuͤmern zu ſtrotzen. Sein Kopf ſchwindelte ihm beinahe bei dem Gedanken, wie oft er, ganz *) Morgan und Blackbeard(Schwarzbart) waren die zwei raubſüchtigſten und blutgierigſten unter dieſer ganzen furchtbaren Rotte. Ueberſ. 293 unbewußt, uͤber Stellen hinweggegangen ſey, wo un⸗ ermeßliche Summen, kaum vom Raſen bedeckt, un⸗ ter ſeinen Fuͤßen gelegen haͤtten. Sein ganzer Geiſt gerieth in Aufruhr uͤber dieſes Gewirr von neuen Gedanken. Als er die ehrwuͤrdigen Wohnſitze ſeiner Vorfahren und das kleine Reich erblickte, wo die Webbers ſo lange und ſo zufrieden gehauſet hatten, fuͤhlte er ganz das Unwuͤrdige ſeines Schickſals. „Ungluͤcklicher Wolfert!“ rief er aus.„Andere koͤnnen zu Bett gehen, und traͤumen dann von gan⸗ zen Fundgruben von Reichthum; ſie brauchen nur am Morgen einen Spaten zur Hand zu nehmen, und graben Dublonen wie Kartoffeln aus, waͤhrend du von Muͤhſeligkeiten traͤumen und zur Armuth er⸗ wachen,— deine Felder von einem Jahr zum an⸗ dern bearbeiten mußt, und doch nichts als Kohl⸗ koͤpfe ziehſt.“ Wolfert Webber ging mit ſchwerem Herzen zu Bett, und es waͤhrte lange, ehe die goldenen Ge⸗ ſichte, welche ſein Gehirn verwirtt hatten, ihm Ruhe vergoͤnnten. Eben dieſe Geſichte gingen aber auch auf ſeine Gedanken im Schlafe uͤber, und nahmen eine beſtimmtere Geſtalt an. Ihn traͤumte, daß er mitten in ſeinem Garten einen unermeßlichen Schatz entdeckt habe; bei jedem Spa⸗ tenſtoß kam eine Goldbarre zum Vorſchein, dia⸗ 294— mantene Kreuze funkelten aus dem Staube hervor, Goldſaͤcke zeigten ihre geruͤndeten Baͤuche und ſtroz⸗ ten von Quadrupeln*) oder ehrwuͤrdigen Dublo⸗ nen, und Kaſten bis an den Rand mit Moödores, Dukaten und Piſtarinen**) gefuͤllt, thaten ſich vor ſeinen Augen auf, und gaben ihren glaͤnzenden Inhalt von ſich. Wolfert erwachte aͤrmer als je. Er hatte keine Luſt, an ſein taͤgliches Geſchaͤft zu gehen, das ihm ſo kleinlich und uneintraͤglich vorkam, ſondern ſaß den ganzen Tag am Kamin, und ſah Goldbarren und Haufen Gold im Feuer. Am andern Tage hatte er denſelben Traum. Er war abermals in ſeinem Garten, grub und foͤrderte ganze Haufen verborgener Reichthuͤmer an das Tageslicht. Es lag etwas ſehr Sonderbares in dieſer Wiederholung. Er brachte abermals einen Tag in Nachdenken zu, und ob es gleich der Rein⸗ mache⸗Tag war, und im Hauſe, wie es in Hol⸗ laͤndiſchen Haushaltungen gewoͤhnlich iſt, das Oberſte *) Im Originale ſteht pieces of eight, eine wörtliche Ueberſetzung des Spaniſchen Pesos de ocho, weil dieſe Goldmünze acht Escudos de oro, oder 16 Piaſter enthält. Die Dublone hat dagegen nur den Werth von zwei Escu⸗ dos oder vier Piaſtern. Ueberſ. **) Der Mosdor iſt eine alte Portugieſiſche Goldmünze von ungefähr vier Thalern an Werth. Piſtarine iſt wahr⸗ ſcheinlich gleichbedeutend mit Esendillo d'Oro zu 1 ½ rthlr. —— —— 295 zu unterſt gekehrt wurde, ſo ſaß er doch unbewegt in dem allgemeinen Getuͤmmel da. In der dritten Nacht ging er mit klopfendem Herzen zu Bett. Er ſetzte ſeine rothe Nachtmuͤtze mit der verkehrten Seite nach Außen auf, um Gluͤck zu haben. Es war ſchon tiefe Mitternacht, als ſein beunruhigtes Gemuͤth ſich dem Schlafe uͤberließ. Der goldene Traum kam abermals wieder, und abermals ſah er ſeinen Garten von Goldbarren und Goldſaͤcken ſtrotzen. Wolfert ſtand am naͤchſten Morgen ganz ver⸗ wirrt auf. Ein Traum, der ſich dreimal wieder⸗ holte, war noch immer eingetroffen, und geſchah das, ſo war ſein Gluͤck gemacht. In ſeiner Auf⸗ regung zog er die Weſte verkehrt an, und dieß war eine Beſtaͤrkung des guten Gluͤcks. Er zweifelte itzt nicht laͤnger, daß ein großer Schatz irgendwo auf ſeinem Kohlfelde verborgen liege, der nur dar⸗ auf warte, gehoben zu werden, und es reuete ihn, ſo lange auf der Oberflaͤche des Bodells umherge⸗ ſcharrt zu haben, ſtatt tiefer zu graben. Er ſetzte ſich, voll von dieſen Entwuͤrfen, an den Theetiſch, ſagte ſeiner Tochter, ſie moͤge ein Stuͤck Gold in ſeine Taſſe thun, und fragte, als er ſeiner Frau einen Teller mit Kalatſchen hin⸗ reichte, ob ſie ſich nicht eine Dublone nehmen wolle. 296— Seine Hauptſorge war itzt, wie er dieſen un⸗ geheuern Schatz heben koͤnne, ohne daß dieß be⸗ kannt wuͤrde. Statt auf ſeinem Grundſtuͤck regel⸗ maͤßig am Tage zu arbeiten, ſtahl er ſich itzt des Nachts aus dem Bette, und wuͤhlte und grub mit dem Spaten und der Picke ſein vaͤterliches Grund⸗ ſtuͤkk von einem Ende zum andern um. Nach kur⸗ zer Zeit war der ganze Garten, der mit ſeiner Phalanx von Kohlkoͤpfen, die wie ein Krautheer in Schlachtordnung da ſtanden, einen ſo erfreuli⸗ chen und geregelten Anblick gewaͤhrt hatte, ein Schauplatz der Verwuͤſtung geworden, waͤhrend der unerbittliche Wolfert, mit der Nachtmuͤtze auf dem Kopfe und der Laterne und dem Spaten in der Hand, durch die niedergemetzelten Reihen ging, wie der Engel der Zerſtoͤrung ſeiner eigenen Kraut⸗ welt. Jeder Morgen zeugte von den Verwuͤſtungen der verwichenen Nacht; Kohlſtauden aller Alter und Arten, von der zarten Sproſſe bis zum ausgewach⸗ ſenen Kohlkopfe, lagen jammervoll da, aus ihren ruhigen Beeten geriſſen, wie nutzloſes Unkraut, und verwelkten im Sonnenſchein. Vergebens machte Wolfert's Weib ihm Vorſtellungen, vergebens weinte ſeine geliebte Tochter uͤber die Zerſtoͤrung einer Lieblings⸗Goldblume. Du ſollſt bald Gold von * *. 297 einer andern Art haben, rief er dann aus, und griff ihr an das Kinn.„Du ſollſt eine Schnur von Nanddukaten zu deinem Hochzeitshalsbande haben, mein Kind!“ Die Familie fing endlich an, um des armen Nannes Verſtand beſorgt zu werden. Er ſprach Nachts, im Schlafe, von Fundgruben aͤchter Per⸗ len, Diamanten und Goldbarren. Am Tage war er truͤbſinnig und zerſtreut, und ging wie im Traume umher. Die Frau Webber hielt haͤufige Berathungen mit allen alten Frauen in der Nach⸗ barſchaft. Es verging keine Stunde am Tage, wo man nicht einen Haufen derſelben die weißen Muͤtzen an ihrer Thuͤr ſchuͤtteln ſah, waͤhrend die arme Frau ihnen jammervoll ihre Noth klagte. Auch die Tochter ſuchte ſich haͤufiger durch verſtohlene Zu⸗ ſammenkuͤnfte mit ihrem beguͤnſtigten Schaͤfer, Dick Waldron, zu troͤſten. Die angenehmen kleinen Hollaͤndiſchen Lieder, womit ſie das Haus zu er⸗ quicken pflegte, ertoͤnten immer ſeltener, ſie vergaß ihre Naͤherei und blickte zuweilen nachdenklich ihrem Vater ins Geſicht, wenn er ſo bruͤtend bei dem Kamin ſaß. Wolfert fing eines Tages einen ihrer Blicke auf, als ſie dieſe aͤngſtlich auf ihn richtete, und erwachte auf einen Augenblick aus ſeinen gol⸗ denen Traͤumen.„Sey froͤhlich, mein Kind,“ ſagte 298 er frohlockend:„warum biſt Du ſo niedergeſchla⸗ gen? Du ſollſt dereinſt Dich neben den Brinker⸗ hoffs und den Schermerhorns, den Van Hornes und den Van Dams ſehen laſſen koͤnnen.— Bei St. Nikolaus, der Patron ſelbſt ſoll froh ſeyn, wenn er Dich fuͤr ſeinen Sohn bekommen kann!“ Amy ſchuͤttelte den Kopf bei dieſer thoͤrigen Prah⸗ lerei, und zweifelte mehr als jemals, daß es mit des guten Mannes Verſtande ganz richtig ſey. Wolfert fuhr unterdeſſen unermuͤdet mit Gra⸗ ben fort, aber das Feld war groß, und da ihm im Traume kein beſtimmter Fleck erſchienen war, ſo mußte er auf gut Gluͤck graben. Der Winter trat ein, ehe ein Zehntheil des Landes der Ver⸗ heißung durchforſcht worden war. Der Boden ge⸗ fror ganz hart und die Naͤchte wurden zu kalt, um den Spaten zu handhaben. Kaum hatte aber der zuruͤckkehrende Fruͤhling den Erdboden erweicht und die kleinen Froͤſche fingen auf den Wieſen an zu quaken, als Wolfert ſeine Arbeit mit verdoppeltem Eifer wieder anfing. Die Ordnung ſeines Ge⸗ ſchaͤfts war itzt ganz umgekehrt. Statt den ganzen Tag wacker zu arbeiten, ſeine Kuͤchengewaͤchſe zu pflanzen und zu verpflanzen, blieb er in muͤßiges Nachdenken verſunken, bis die Schatten der Nacht ihn wieder an ſeine geheime Arbeit riefen. Auf * 299 dieſe Art fuhr er ſort, Nacht auf Nacht, Woche auf Woche, Monat auf Monat zu graben, fand aber nicht einen Stuͤber. Im Gegentheil wurde er, je laͤnger er grub, immer aͤrmer. Der frucht⸗ bare Boden ſeines Gartens war abgegraben, und Sand und Kies nun von unten heraufgebracht, bis das ganze Feld eine Sandwuͤſte darbot. Die Jahreszeiten folgten ſich allmaͤhlig einander. Die kleinen Froͤſche, welche im Anfange des Fruͤh⸗ lings auf den Wieſen gequakt hatten, quakten dann waͤhrend der Sommerhitze als Bruͤll⸗Froͤſche, und ſchwiegen nun gaͤnzlich. Die Haus⸗ und Mauer⸗ ſchwalben kamen, zwitſcherten um das Dach her, bauten ihre Neſter, zogen ihre Jungen auf, hielten ihre Zuſammenkuͤnfte am Rande der Traufe, und flo⸗ gen dann davon, einem andern Fruͤhling entgegen. Die Raupe webte ſich ihr Todtenhemd, ſchwebte darin von dem großen Knopfbaum vor dem Hauſe herab, ward zum Schmetterling, flatterte noch im letzten Sonnenſchein des Sommers, und verſchwand dann; endlich wurden die Blaͤtter des Knopf⸗ baumes erſt gelb, dann braun, fielen eines nach dem andern ab, drehten ſich in den kleinen Wir⸗ beln von Wind und Staub umher, und fluͤſterten, daß der Winter nahe ſey. Wolfert erwachte allmaͤhlig, wie das Jahr ãůůſx ſich ſeinem Ende naͤherte, aus ſeinem Reichthums⸗ traume. Er hatte, beim Herannahen des Win⸗ ters, nichts zum Verbrauche fuͤr ſeine Haushal⸗ tung geerntet. Die Kaͤlte war anhaltend und ſtreng, und die Familie empfand zum erſten Male wirkli⸗ chen Mangel. In Wolfert's Gemuͤth begann nach und nach eine Veraͤnderung vorzugehen, wie ſie ſich gewoͤhnlich bei Denen einſtellt, deren gol⸗ dene Traͤume von der bedraͤngenden Wirklichkeit unterbrochen worden ſind. Der Gedanke, daß er dar⸗ ben koͤnne, fing an, ſich ſeiner zu bemeiſtern. Er hatte ſich bereits als einen der ungluͤcklichſten Men⸗ ſchen in der Provinz betrachtet, weil er einen ſo unberechnenbaren Verluſt an dem nicht entdeckten Schatze erlitten, und itzt, wo Tauſende von Pfun⸗ den ſeinen Nachforſchungen entgangen waren, war es hoͤchſt druͤckend fuͤr ihn, um Schillinge und Pence in Sorgen ſeyn zu muͤſſen. Die bleiche Sorge lagerte ſich auf ſeiner Stirn, er ging mit geldſuchender Miene umher, die Augen zu Boden geſchlagen und mit den Haͤnden in den Taſchen, wie die Leute zu thun pflegen, wenn ſie ij hes darin haben. Er konnte ſogar nicht am Stadtarmenhauſe voruͤbergehen, ohne einen wehmuͤthigen Blick darauf zu werfen, als ob dieß zu ſeinem kuͤnftigen Wohnorte beſtimmt ſey. Die Sonderbarkeit ſeines Betragens und ſeiner Blicke gab zu vielen Vermuthungen und Bemerkungen Anlaß. Seit langer Zeit hatte man ihn ſchon fuͤr geiſteskrank gehalten, und Jedermannn ihn bemitleidet; endlich fing man an zu vermuthen, daß er auch arm ſey, und nun wich man ihm aus. Die reichen alten Buͤrger von ſeiner Bekannt⸗ ſchaft kamen ihm bis an die Thuͤr entgegen, wenn er ſie beſuchen wollte, empfingen ihn ſehr gaſtfrei auf der Schwelle, druͤckten ihm beim Abſchiede ſehr herzlich die Hand, ſchuͤttelten die Koͤpfe, wenn er wegging, ſagten theilnehmend:„der arme Wol⸗ fert!“ und ſahen ſie ihn auf der Straße zufaͤllig daherkommen, ſo wandten ſie ſich ſchnell um die Ecke. Der Barbier und der Schuhflicker aus der Nachbarſchaft und ein zerlumpter Schneider aus einer nahen Gaſſe, drei der aͤrmſten aber luſtigſten Kerle in der Welt, betrachteten ihn indeſſen mit dem uͤberfließenden Mitgefuͤhl, welches gewoͤhnlich dem Mangel an Mitteln eigen iſt, und es leidet keinen Zweifel, daß ihre Taſchen gewiß zu ſeinem Befehl geſtanden ſeyn wuͤrden, waͤren ſie nur nicht leer ge⸗ weſen.— So verließ Jedermann das Webberſche Haus, als ob die Armuth anſteckend waͤre wie die Peſt: Alle, nur der ehrliche Dick Waldron ausgenommen, 302 der ſeine verſtohlenen Beſuche bei der Tochter im⸗ mer fortſetzte, und in der That immer liebevoller zu werden ſchien, je mehr das Gluͤck ſeine Geliebte verließ. Es waren ſchon mehrere Monate vergangen, ohne daß Wolfert ſeinen alten Vergnuͤgungsort, die Landſchenke, beſucht haͤtte. Er machte eines Sonn⸗ abends Nachmittags einen Spazirgang, und dachte uͤber ſeine Bedraͤngniß und ſeine getaͤuſchten Er⸗ wartungen nach, als ſeine Fuͤße, unbewußt, den gewohnten Weg einſchlugen, und er, als er aus ſeinem Nachdenken erwachte, ſich vor der Thuͤr der Schenke befand. Einige Augenblicke bedachte er ſich, ob er hineintreten ſollte, doch ſein Herz ſehnte ſich nach Geſellſchaft, und wo kann ein zu Grunde gerichteter Mann dieſe beſſer finden, als in einer Schenke, wo weder gute Beiſpiele noch guter Rath zu finden ſind, die ihn außer Faſſung brin⸗ gen koͤnnten? Wolfert traf mehrere von den alten Beſuchern der Schenke auf ihren Poſten, und auf ihren gewoͤhnlichen Pläͤtzen ſitzend, an: einer aber fehlte, der große Ramm Rapelye, der ſeit vielen Jahren den mit Leder uͤberzogenen Staatsſitz eingenommen hatte. An ſeiner Stelle ſaß ein Fremder, der in⸗ deſſen, ſowol in dem Stuhle, als in der Schenke, — — — — — 303 vollkommen zu Hauſe zu ſeyn ſchien. Er war nur von mittlerer Koͤrpergeſtalt, hatte aber eine breite Bruſt, und war vierſchroͤtig und muskelhaft. Seine breiten Schultern, Doppelglieder und krummen Knie waren Zeichen von gewaltiger Staͤrke. Sein Geſicht war dunkel und verwittert. Seine Naſe war von einer tiefen Narbe, welche von einem Hiebe mit einem Pallaſch herzuruͤhren ſchien, bei⸗ nahe geſpalten, und in ſeiner Oberlippe eine Luͤcke, durch welche ſeine Zaͤhne wie die eines wilden Bul⸗ lenbeißers hindurchblickten. Ein rauher Schopf ei— ſengrauen Haares vollendete das Grauenvolle ſeines widrigen Geſichts. Seine Kleidung hatte etwas Amphibienartiges. Er trug einen alten Hut mit einer mattgewordenen Treſſe darum, welcher nach militai⸗ riſche Weiſe auf der einen Seite ſeines Kopfes ſaß; eine abgetragene Uniform mit Metallknoͤpfen, und ein Paar weite Pluderhoſen, oder vielmehr Bein⸗ kleider, denn ſie waren unter den Knieen zuſammen⸗ gebunden. Er gab Allen mit herriſcher Stimme Befehle, ſprach mit einer knarrenden Stimme, welche wie das Praſſeln brennender Dornen unter einem Topfe klang, fluchte auf den Wirth und die Dienſt⸗ boten nach Herzensluſt, und wurde mit noch groͤ⸗ ßerer Unterthäͤnigkeit bedient, als man ſie je dem maͤchtigen Ramm ſelbſt bewieſen hatte. 304 Wolfert's Neugierde, zu wiſſen, wer und was dieſer Fremde ſey, der ſich in dieſem alten Beſitz⸗ thume eine ſo unumſchraͤnkte Gewalt angemaßt hatte, erwachte. Peechy Prauw zog ihn bei Seite, in einen entfernten Winkel des Saales, und theilte ihm hier, mit gedaͤmpfter Stimme und mit großer Vorſicht, Alles mit, was er uͤber dieſen Gegenſtand wußte. Vor mehreren Monaten war der ganze Gaſthof, in einer finſtern, ſtuͤrmiſchen Nacht, von wiederholtem, langgedehnten Rufen erwacht, welches dem Geheul eines Wolfes aͤhnlich klang. Es kam vom Waſſer her, und man erkannte endlich, daß das Haus auf Matroſenweiſe angerufen wurde: Wirthſchaft, Halloh!— Der Wirth eilte mit dem erſten Aufwaͤrter, dem Kellner, Hausknecht und dem Laufjungen, das heißt, mit ſeinem alten Ne⸗ ger Cuff, heraus. Als ſie ſich dem Orte naͤher⸗ ten, woher die Stimme kam, fanden ſie dieſes am⸗ phibienartige Weſen am Ufer, ganz allein und auf einer großen eichenen Schiffskiſte ſitzend. Wie er dahin gekommen, ob er von einem Boote an das Land geſetzt, oder auf ſeiner Kiſte herangetrie⸗ ben worden ſey, konnte Niemand ſagen, denn er ſchien nicht ſehr geneigt, Fragen zu beantwor⸗ ten, und es lag etwas in ſeinen Blicken und in ſei⸗ nem Weſen, das allen Fragern ploͤtzlich Stillſchwei⸗ —„ gen gebot. Genug, er nahm ein Eckzimmer im Gaſthofe in Beſitz, in welches ſeine Kiſte mit gro⸗ ßer Muͤhe hineingeſchafft wurde. Hier war er ſeit⸗ dem geblieben, und hatte ſich im Gaſthofe ſelbſt und in der Nachbarſchaft aufgehalten, wobei er al⸗ lerdings zuweilen auf einen, zwei oder drei Tage verſchwunden,— aber gegangen und wiedergekommen war, ohne von ſeinem Thun nur die geringſte An⸗ deutung oder Rechenſchaft zu geben. Er ſchien im⸗ mer ſehr viel Geld zu haben, obgleich oft von ſon⸗ derbarem auslaͤndiſchen Gepraͤge, und bezahlte re⸗ gelmaͤßig jeden Abend ſeine Rechnung, ehe er ſich zur Ruhe begab. Er hatte ſich ſein Zimmer nach ſeiner eigenen Art eingerichtet: eine Hangematte ſtatt des Bettes, an der Decke befeſtigt, und die Waͤnde mit verroſteten Piſtolen und Pallaſchen von fremder Arbeit verziert. Einen großen Theil ſeiner Zeit brachte er in dieſem Zimmer zu, wo er am Fenſter ſaß, von dem man eine weite Ausſicht auf die Meerenge hatte: mit einer kurzen, altvaͤteriſchen Pfeife im Munde, einem Glaſe mit Rum und war⸗ mem Waſſer neben ſich, und einem Taſchenfernrohr in der Hand, womit er jedes Boot in Augenſchein nahm, das ſich auf dem Waſſer ſehen ließ. Große Schiffe mit langen Raaen ſchienen nur ſehr wenig ſeine Aufmerkſamkeit zu erregen; ſobald er aber ir⸗ gend etwas mit einem Giekſegel ſah, oder eine Schuͤte oder Joͤlle zum Vorſchein kam, gleich war das Fernglas vor dem Auge, und er betrachtete es mit der geſpannteſten Aufmerkſamkeit. Alles dieß wuͤrde haben geſchehen koͤnnen, ohne daß man beſonders darauf geachtet haͤtte, denn in dieſen Zeiten war die Provinz ein ſo allgemeiner Sammelplatz fuͤr Abenteurer von allen Arten und Klimaten, daß Sonderbarkeiten in der Kleidung oder im Betragen nur ſehr wenig Aufmerkſamkeit erreg⸗ ten. Nach kurzer Zeit fing indeſſen dieſes fremde Seeungeheuer, das ſo ſonderbar auf das Land ge⸗ worfen war, an, in die langhergebrachten Gewohn⸗ heiten des Hauſes einzugreifen, die alten Kun⸗ den beherrſchen zu wollen, und ſich, auf eine hoͤchſt diktatoriſche Weiſe, in die Kegelbahn⸗ und Schenk⸗ zimmerangelegenheiten zu miſchen, bis er am Ende eine unumſchraͤnkte Herrſchaft uͤber die ganze Schenke erlangte. Es war vergebens, ſich ihm widerſetzen zu wollen. Er war nicht geradezu zaͤnkiſch„aber ſehr ungeſtuͤm und entſchieden, wie Einer, der gewohnt iſt, auf der Schanze eines Schiffs unumſchraͤnkt zu gebieten, und es lag etwas den Teufel Heraus⸗ forderndes in Allem, was er ſagte und that, das allen Umſtehenden große Scheu einfloͤßte. Selbſt den Offizier auf halbem Solde, welcher ſo lange 7 4 —— der Held des Clubbs geweſen war, brachte er bald zum Schweigen, und die ruhigen Buͤrger waren ſtarr vor Erſtaunen, ihren ſo leicht entzuͤndlichen Kriegesmann ſo ſchnell und ruhig erloͤſchen zu ſe⸗ hen. Und dann waren die Erzaͤhlungen, die man von ihm hoͤrte, ganz von der Art, daß einem fried⸗ liebenden Manne dabei die Haare zu Berge ſtan⸗ den. Da gab es kein Seegefecht, keinen Kreuzzug oder Freibeuter⸗Abenteuer, welches in den letzten zwanzig Jahren vorgefallen, womit er nicht auf das Genaueſte bekannt zu ſeyn das Anſehn gehabt haͤtte. Er ſchien das groͤßte Vergnuͤgen daran zu finden, von den Unternehmungen der Buccaniers in Weſt⸗ indien und auf dem Spaniſchen Meere zu reden. Wie funkelten ſeine Augen, wenn er beſchrieb, wie ſie den Silberſchiffen aufgelauert,— die hartnaͤk⸗ kigen Gefechte, Raa⸗Nocke an Raa⸗Nocke, Bat⸗ terie an Batterie,— das Entern und die Wegnahme der gewaltigen Spaniſchen Gallionen! Mit wel⸗ chem inneren Kitzel ſchilderte er nicht den Ueberfall dieſer oder jener reichen Spaniſchen Colonie, die Ausraͤumung einer Kirche, die Pluͤnderung eines Kloſters! Man haͤtte glauben ſollen, man hoͤre ir⸗ gend einen Schmecker das Braten einer fet⸗ ten Gans um Michaelis beſchreiben, wenn er erzaͤhlte, wie ein Spaniſcher Don geroͤſtet worden 308 ſey, um ihn zur Entdeckung ſeiner Schaͤtze zu zwin⸗ gen— eine Schilderung, die er ſo ins Kleine aus⸗ malte, daß alle die alten reichen Buͤrger ſich un⸗ ruhig in ihren Stuͤhlen umwendeten. Alles dieß erzaͤhlte er mit unendlicher Freudigkeit, als ob er dieß als einen trefflichen Scherz anſaͤhe, und dann ſah er ſeinen naͤchſten Nachbar mit einem ſo gewal⸗ tigen Seitenblick an, daß der arme Mann aus lauter Verzagtheit laut lachen mußte. Wenn indeſſen Je⸗ mand es ſich herausnahm, ihm in ſeinen Erzaͤhlun⸗ gen widerſprechen zu wollen, ſo ward er augenblick⸗ lich Feuer und Flamme. Selbſt ſein dreieckter Hut nahm dann auf einen Augenblick eine drohende Miene an, und ſchien den Widerſpruch uͤbel zu ver⸗ merken.„Wie zum Teufel konnt Ihr das beſſer wiſſen wollen, als ich?— Ich ſage Euch, es war aber ſo!“ und dabei gab er eine ſolche volle Lage von donnernden Fluͤchen und furchtbaren Seemanns⸗ reden, wie man ſie ſonſt nie in dieſen friedlichen Mauern vernommen hatte. Die ehrenwerthen Buͤrger fingen auch endlich an, zu vermuthen, daß er von dieſen Sachen wol mehr, als vom Hoͤrenſagen wiſſen muͤſſe. Mit je⸗ dem Tage wurden ihre Vermuthungen uͤber ihn graſſer und furchtbarer. Die Ungewoͤhnlichkeit ſei⸗ ner Ankunft, die Ungewoͤhnlichkeit ſeines Beneh⸗ mens, das Geheimniß, welches ihn umgab, Alles dieß machte ihn in ihren Augen zu etwas Unbe⸗ greiflichem. Er war eine Art Meeresungeheuer fuͤr ſie— ein Seewilder— er war Behemoth— Le⸗ viathan— kurz, ſie wußten nicht, was er ſey. Der herrſchſuͤchtige Geiſt dieſes ſtuͤrmiſchen See⸗ ungethuͤms ward am Ende ganz unertraͤglich. Er achtete weder Rang noch Stand: widerſprach den reichſten Buͤrgern unbedenklich, nahm von dem ge⸗ heiligten Lehnſtuhle Beſitz, der, ſeit undenklicher Zeit, der Regierungsſitz des erlauchten Ramm Ra⸗ pelye geweſen war:— ja, er ging in einem An⸗ fall ſeines rohen Scherzes ſo weit, daß er dieſem maͤchtigen Buͤrger auf den Ruͤcken ſchlug, ihm ſei⸗ nen Toddy*) austrank, und ihm zunickte— etwas, das man kaum glauben ſollte. Von dieſer Zeit an ließ ſich Ramm Rapelye nicht wieder in der Schenke ſehen, und ſeinem Beiſpiele folgten mehrere der an⸗ geſehenſten Beſucher, welche zu reich waren, als daß ſie ſich ſo mit Gewalt von ihrer Meinung ab⸗ bringen, oder zum Lachen uͤber Jemandes Scherze zwingen laſſen ſollen. Der Wirth war beinahe in Verzweiflung: er wußte indeſſen nicht, wie er das *) Num oder Branntwein mit warmem Waſſer gemiſcht. Ueberſ. 310——. Seeungeheuer und ſeine Schiffskiſte los werden ſollte, die Beide, wie Immobilien oder Auswuͤchſe, mit ſeinem Hauſe ſich verbunden zu haben ſchienen. Dieß war es, was der Erzaͤhler, Peechy Prauw, Wolfert behutſam ins Ohr fluͤſterte, als er ihn in der Ecke des Saales bei dem Knopfe hielt, wobei er dann und wann einen furchtſamen Blick nach der Thuͤr des Schenkzimmers warf, ob ihn auch der ſchreckliche Held der Erzaͤhlung nicht vernehme. Wolfert ſetzte ſich ſchweigend in einen entfernten Winkel des Zimmers, mit gewaltiger Scheu vor dieſem Unbekannten erfuͤllt, der in der Geſchichte der Freibeuterei ſo wohl bewandert war. Es war fuͤr ihn ein wunderbares Beiſpiel von den Umwaͤl⸗ zungen maͤchtiger Reiche, den ehrwuͤrdigen Ramm Rapelye ſo von ſeinem Throne geſtoßen, und einen rauhen Seemann*) aus ſeinem Lehnſtuhle Geſetze vorſchreiben, den Patriarchen Trotz bieten, und die⸗ ſes ruhige kleine Reich mit Laͤrm und Großpralerei erfuͤllen zu ſehen. Der Fremde war an dieſem Abende in unge⸗ *) Im Originale ſteht Tarpawling. Dieß iſt eigentlich die mit Theer beſchmierte grobe Hanfleinewand(Preſen⸗ ning), deren man ſich auf den Schiffen zum Bedecken der Sachen bedient, die nicht durchnäßt werden ſollen, und daher nennt man auch die, damit umgehenden Matroſen ſelbſt, Tarpawlings. Ueberſ. 84 woͤhnlich mittheilſamer Stimmung, und erzaͤhlte eine Menge erſtaunlicher Geſchichten von Pluͤnde⸗ rung und Brand auf dem offenen Meere. Er ver⸗ weilte mit ungemeiner Vorliebe dabei, und hob die furchtbaren Einzelheiten, im Verhaͤltniß zu der Wir⸗ kung, welche ſie auf ſeine Zuhoͤrer machten, immer ſtaͤrker hervor. So gab er einen ausfuͤhrlichen pra— leriſchen Bericht von der Wegnahme eines Spani⸗ ſchen Kauffahrteiſchiffes. Es lag bei einer Wind⸗ ſtille an einem Sommertage gerade auf der Hoͤhe einer Inſel, welche eines der Verſtecke der Piraten war. Dieſe hatten es mit ihren Fernglaͤſern vom Ufer aus genau beobachtet, und ſich ſo von ſeiner Beſchaffenheit und Staͤrke unterrichtet. In der Nacht ruderte eine ausgeſuchte Schaar von Wage⸗ haͤlen auf einem Wallfiſchfaͤngerboot dahin ab. Mit bewickelten Rudern naͤherten ſie ſich dem Schiffe, wie es muͤſſig auf den Wellen ſich wiegte, und die Segel ſchlaff gegen die Maſten ſchlugen. Sie wa⸗ ren ſchon dicht unter dem Hintertheile, als die Schildwache auf dem Verdecke ihre Naͤhe be⸗ merkte. Es entſtand Laͤrm; die Piraten warfen Handgranaten auf das Verdeck, und ſprangen mit gezogenem Saͤbel die Puttingen hinauf. Das Schiffsvolk eilte zu den Waffen, aber in großer Unordnung; Einige davon wurden niedergeſchoſſen, 312 Andere ſuchten eine Zuflucht in den Stengen, An⸗ dere wurden uͤber Bord getrieben und ertranken, waͤhrend noch Andere ſich vom Oberdeck bis zur Schanze herumſchlugen, und tapfer jeden Fußbreit vertheidigten. Es waren drei Spaniſche Herren mit ihren Damen an Bord, und dieſe wehrten ſich auf das Verzweiflungsvollſte. Sie vertheidigten das Schiff von der Kajuͤtentreppe aus, hieben mehrere von den Angreifern nieder, und ſchlugen ſich wie die Teufel, denn ſie waren durch das Geſchrei der Frauen aus der Kajuͤte wie toll gemacht. Einer von den Dons war alt, und bald abgefertigt. Die andern Beiden ſtanden wacker ihren Mann, ob⸗. gleich der Capitaͤn der Piraten ſelbſt unter den An⸗ greifern war. In dieſem Augenblicke erſcholl ein Siegesgeſchrei von dem Oberdeck her—„das Schiff iſt unſer!“ rieſen die Piraten. Einer von den Dons ſenkte ſogleich ſein Schwert und ergab ſich. Der Andere aber, ein hitzkopfiger, kuͤrzlich erſt verheiratheter junger Mann, gab dem Ca⸗ pitaͤn einen Hieb uͤber das Geſicht, der Alles darin aufſpaltete. Der Capitaͤn konnte gercde noch die Worte aus⸗ ſprechen:„keinen Pardon!“ Und was geſchah mit den Gefangenen⸗ ſagte Peechy Prauw begierig. * Wur⸗ 2. Antwort. Eine Todtenſtille folgte auf dieſe Worte. oder nicht achte. — II. 0 Wurden Alle uͤber Bord geworfen! war die Peechy Prauw zog ſich ſtill zuruͤck, wie Je⸗ mand, der unvermuthet an das Lager eines ſchla⸗ fenden Loͤwen geraͤth. Die ehrenwerthen Buͤrger warfen ſcheue Blicke auf die tiefe Narbe, welche quer uͤber das Geſicht des Fremden ging, und ruͤck⸗ ten ihre Stuͤhle etwas weiter ab. Der Seemann aber rauchte, ohne eine Muskel zu bewegen, weiter . fort, als ob er entweder den unguͤnſtigen Eindruck, den er auf ſeine Zuhoͤrer gemacht, nicht bemerke, Der Offizier auf halbem Solde war der erſte, welcher das Stillſchweigen unterbrach, denn dieſer fuͤhlte fortwaͤhrend eine Verſuchung, dieſem Meer⸗ tyrannen, wiewol vergeblich, die Spitze zu bieten,. und ſein verlorenes Uebergewicht in den Augen ſei⸗ ner alten Gefaͤhrten wieder zu erlangen. Er ſuchte nun den kriegeriſchen Erzaͤhlungen des Fremden an⸗ dere, eben ſo furchtbare entgegenzuſetzen. Kidd war, wie gewoͤhnlich, ſein Held, uͤber den er alle in der Provinz im Umlauf befindliche Sagen aufgerafft zu haben ſchien. Der Seemann hatte von jeher einen entſchiedenen Groll gegen den einaͤugigen Krieger gezeigt; bei dieſer Gelegenheit aber hoͤrte 313 314 er ihm mit ganz beſonderer Ungeduld zu. Er ſaß da, den einen Arm in die Seite geſtemmt, den Elbogen des andern auf den Tiſch gelehnt, und in der Hand die kleine Pfeife, aus der er zuͤrnend paffte; die Beine uͤbereinander gelegt, mit einem Fuße fortwaͤhrend auf die Erde pochend, wobei er dann und wann einen Baſiliskenblick auf den ſchwatzenden Capitaͤn warf. Endlich erwaͤhnte der Letztere, daß Kidd mit Eini⸗ gen von ſeiner Mannſchaft den Hudſon hinaufge⸗ fahren ſey, um ſeine Beute heimlich in Sicherheit zu bringen.„Kidd den Hudſon hinaufgefahren!“ brach der Seemann mit einem furchtbaren Fluche ploͤt⸗ lich los;—„Kidd iſt nie den Hudſon hinaufge⸗ kommen!“ Ich ſage Euch aber, ja, erwiederte der Andere. Ja, und man ſagt, er habe einen Theil ſeiner Schaͤtze auf der kleinen flachen Landſpitze vergraben, welche in den Fluß hinausgeht, und die des Teufels Tanzſaal heißt. „Des Teufels Tanzſaal in Euren Hals!“ rief der Seemann aus.„Ich ſage Euch, Kidd iſt nie den Hudſon hinaufgekommen. Was, zum Henker, wißt Ihr denn von Kidd und ſeinen Schlupfwinkeln?“ Was ich davon weiß? wiederholte der Offtzier auf halbem Solde. Nun, ich war in London, als ihm der Prozeß gemacht wurde,— ja, und hatte das Vergnuͤgen, ihn auf dem Hinrichtungs⸗Dock auf⸗ haͤngen zu ſehen. „Dann muß ich Euch ſagen, daß Ihr einen ſo wackern Kerl habt haͤngen ſehen, als nur je Einer auf einer Sohle gegangen iſt. Ja!— und damit bog er ſich naͤher zu dem Offizier hin— es hat man⸗ cher Landlaͤufer zugeſehen, der lieber an ſeiner Stelle haͤtte baumeln ſollen.“* Der Offizier auf halbem Sold ſprach kein Wort mehr, aber die Erbitterung, welche er in ſeiner Bruſt verſchloß, gluͤhte mit gewaltiger Heftigkeit in ſeinem einen Auge, das wie eine Kohle gluͤhte. Peechy Prauw, der nie ſchweigen konnte, be⸗ merkte, daß der Herr allerdings Recht habe. Kidd habe nie Geld oben am Hudſon vergraben, noch ir⸗ gendwo in dieſer Gegend, obgleich Jedermann be⸗ haupte, daß dieß eine Thatſache ſey. Es ſey Bra⸗ diſh und Andere von den Buccaniers geweſen, die Geld verſcharrt haͤtten; Einige ſagten in der Schild⸗ kroͤtenbucht, Andere auf Long⸗Island, noch Andere in der Naͤhe des Hoͤllenthors.„In der That,“ fuͤgte er hinzu:„erinnere ich mich eines Abenteuers Sam's*), des ſchwarzen Fiſchers, das ſich vor vie⸗ len Jahren zugetragen hat, und das, wie Einige *) Abgekürzt für Samuel. Ueberſ. O 2 316— behaupten, in Verbindung mit den Buccaniers geſtan⸗ den haben ſoll. Da wir hier unter Freunden ſind, und da es ſich nicht weiter verbreiten wird, ſo will ich es Euch erzaͤhlen.— Es war in einer dunkeln Nacht, vor vielen Jahren, als der ſchwarze Sam von ſei⸗ nem Fiſchfange am Hoͤllenthor zuruͤckkehrte—“ Hier ward die Erzaͤhlung durch eine ploͤtzliche Bewegung des Unbekannten im Keime erſtickt, der ſeine eiſerne Fauſt, die Knoͤchel unten, mit einer ruhigen Gewalt auf den Tiſch legte, daß die Spuren davon in dem Holze zu ſehen waren, und den Erzaͤhler, zuͤrnend, mit dem Grinzen eines grimmigen Baͤren, uͤber die Schulter hin anblickte. „Hoͤrt einmal, Nachbar!“ ſagte er mit einem be⸗ deutſamen Kopfnicken:„Ihr ſolltet die Buccaniers und ihr Geld in Frieden laſſen— alte Maͤnner und alte Weiber muͤſſen ſich mit ihnen nichts zu ſchaffen machen. Sie haben ſich um das Geld tuͤch⸗ tig herumgeſchlagen, Leib und Seele dafuͤr hingege⸗ ben, und wo es auch liegen mag, ſo glaubt mir nur, der muß einen Bund mit dem Teufel haben, der es bekommt!“ Auf dieſen ploͤtzlichen Ausbruch folgte ein tiefes Schweigen im Zimmer. Peechy Prauw fuhr in ſich ſelbſt zuruͤck, und ſogar der einaͤugige Ofſtzier erblich. Wolfert, der aus einer dunkeln Ecke im Zimmer 1 317 mit geſpannter Aufmerkſamkeit auf alle dieſe Reden von verborgenen Schaͤtzen gehoͤrt hatte, blickte mit einem Gemiſch von Scheu und Ehrfurcht auf den kuͤhnen Buccanier, denn dafuͤr hielt er ihn in der That. Es war ein Geklimper mit Golde und ein Funkeln von Juwelen in allen ſeinen Geſchichten von dem Spaniſchen Meere*), das einer jeden Periode einen Werth gab, und Wolfert wuͤrde Al⸗ les in der Welt darum gegeben haben, haͤtte er nur einmal die ſchwere Schiffskiſte durchwuͤhlen koͤn⸗ nen, welche ſeine Einbildungskraft ihm als bis an den Rand mit goldenen Bechern, mit Cruzifixen und mit ſchoͤnen runden Beuteln voll Dublonen gefuͤllt, darſtellte. Die Todtenſtille, welche in der Geſſellſchaft herrſchte, ward endlich durch den Fremden unter⸗ brochen, der eine ungeheure Uhr von ſonderbarer und alter Arbeit hervorzog, die, wie es Wolfert duͤnkte, ganz Spaniſch ausfah. Als er an einer Feder druͤckte, ſchlug ſie zehn Uhr, worauf der Seemann nach ſeiner Zeche fragte, dieſe mit einer Handvoll auslaͤndiſcher Muͤnzen bezahlte, ſein Getraͤnk vol⸗ *) So nennen die Amerikaner den Theil des atlantiſchen Meeres, welcher den nördlichen Theil von Süd⸗Amerika, von den Inſeln unter dem Winde bis zu der Landzunge von Darien, beſpült. Ueberſ. 318—— lends ausleerte, und dann, ohne von irgend Je⸗ manden Abſchied zu nehmen, ſich aus dem Zimmer waͤlzte, und ſo vor ſich hin brummend die Treppe nach ſeiner Stube hinaufpolterte. Es verging einige Zeit, ehe die Geſellſchaft das Stillſchweigen brach, welches ſich uͤber ſie verbrei⸗ tet hatte. Selbſt die Fußtritte des Fremden, die man dann und wann hoͤren konnte, wenn er in ſei⸗ nem Zimmer auf und abging, floͤßten eine gewiſſe Scheu ein. Indeſſen war die Unterhaltung, worin ſie begriffen geweſen waren, zu anziehend, als daß ſie dieſe nicht haͤtten wieder aufnehmen ſollen. Ein gewaltiges Gewitter kam heraufgezogen, waͤhrend ſie in ihr Geſpraͤch vertieft waren, und die Stroͤme von Regen, welche vom Himmel her⸗ abſtuͤrzten, ließen den Gedanken an die Moͤglichkeit des Nachhauſegehens, ehe das Gewitter voruͤber ſey, gar nicht aufkommen. Alle ruͤckten daher naͤ— her zuſammen, und baten den ehrenwerthen Peechy Prauw, die Erzaͤhlung fortzuſetzen, in welcher er auf eine ſo unartige Weiſe unterbrochen worden war. Er willfahrtete dem Begehren ſehr gern, ſprach je⸗ doch in einem kaum vernehmbaren Tone, der bis⸗ weilen im Rollen des Donners ganz unterging, hielt auch wol dann und wann ein, und horchte mit augenſcheinlichem Schrecken hin, wenn er die —— 319 ſchweren Fußtritte des Fremden uͤber ſeinem Kopfe hörte. Folgendes iſt der Inhalt ſeiner Geſchichte. Das Abenteuer des ſchwarzen Fiſchers. Alle Welt kennt den ſchwarzen Sam, den alten Fiſcher, oder, wie man ihn gewoͤhnlich nennt, den Schmutz⸗Sam, der ſeit einem halben Jahrhundert in der Meerenge gefiſcht hat. Es iſt itzt viele, viele Jahre her, als Sam— der damals ein ſo ruͤſtiger junger Neger war, als es nur einen in der Provinz giebt, und der auf Kilian Suydam's Meierei auf Long⸗ Island*) arbeitete— nachdem er ſein Tagewerk fruͤh geendet, an einem ſtillen Sommerabend in der Naͤhe des Hoͤllenthors fiſchte. Er ſaß in einem leichten Nachen, hatte, da er die Stroͤmungen und Strudel ſehr wohl kannte, nach der Veraͤnderung der Fluth auch ſeinen Platz gewechſelt, und war von der Henne und den Kuͤchelchen nach dem Schweineruͤcken, von dem Schwei⸗ neruͤcken nach dem Topf, und von dem Topf nach *) Der großen Inſel, die New⸗York gegenüber liegt. Ueberſ. 320— der Bratpfanne*) gefahren. Ganz mit ſeinem Fange beſchaͤftigt, hatte er nicht bemerkt, daß die Ebbe ſchnell eintrat, bis das Toſen der Wirbel und Strudel ihn an die nahe Gefahr erinnerte, ſo daß er Muͤhe hatte, ſeinen Nachen zwiſchen den Felſen und Klippen hindurchzuleiten und nach der Spitze von Backwell's Inſel zu kommen. Hier warf er auf einige Zeit Anker und wartete die Fluth ab, um mit dieſer nach Hauſe zuruͤckzukehren. Als die Nacht anbrach, ward es rauh und ſtuͤrmiſch. Ein⸗ zelne dunkele Wolken zogen von Weſten herauf, und dann und wann verkuͤndete das Rollen des Don⸗ ners oder ein Blitz, daß ein Sommergewitter im Anzuge ſey. Sam lenkte daher nach der Wind⸗ ſeite der Manhattan-Inſel, fuhr an der Kuͤſte ent⸗ lang, und ſam ſo in eine behagliche Bucht, dicht unter einem ſteilen, weithinausragenden Felſen, wo er ſeinen Nachen an die, aus einer Spalte im Felſen hervorragende Wurzel eines Baumes band, der ſeine breiten Aeſte wie einen Baldachin uͤber das Waſſer hinſtreckte. Das Ungewitter kam itzt gewaltig her⸗ *) Dieß ſind ſämmtlich Namen von Felſen und Land⸗ ſpitzen, welche in dem ſogenannten Fast- river(dem Oſt⸗ fluſſe), d. h. in der Meerenge, welche den Meerbuſen von Long⸗Island mit der Bucht von New⸗York verbindet, belegen ſind. Ueberſ. 321 auf; der Wind peitſchte den Strom, daß er in wei⸗ ßem Schaum aufſpritzte; der Regen raſſelte auf den Blaͤttern, der Donner bruͤllte weit lauter als er es in dieſem Augenblicke thut, der Blitz ſchien den Schaum des Fluſſes wegzufangen, aber Sam lag, von Fels und Baum geſchuͤtzt, in ſeinem Nachen zuſammengehockt, bis er, von den Wellen ge⸗ wiegt, einſchlief. Als er erwachte, war Alles ruhig. Das Unge⸗ witter war voruͤber, und nur dann und wann deu⸗ tete ein ſchwaches Leuchten im Oſten an, wohin es gezogen ſey. Die Nacht war finſter, und nicht vom Monde erhellt, und Sam ſchloß aus dem Stande der Fluth, daß es ungefaͤhr Mitternacht ſeyn muͤſſe. Er war im Begriff, ſeinen Nachen los⸗ zumachen, um nach Hauſe zuruͤckzue ren, als er in der Entfernung auf dem Waſſer ein Licht ſchimmern ſah, das ſich ſchnell zu naͤhern ſchien. Als es naͤher kam, ſah er, daß es eine Laterne ſey, welche im Buge eines Bootes ſtand, das im Schatten des Ufers dahinglitt. Es lenkte in eine kleine Bucht, dicht bei der, worin er geweſen war, ein. Ein Mann ſprang an das Land, ſuchte mit der Laterne umher, und rief dann aus:„das iſt der Ort— hier iſt der eiſerne Ring.“ Das Boot ward nun ange⸗ bunden, der Mann kehrte an Bord zuruͤck, und half ſeinen Kameraden, etwas Schweres an das Land zu bringen. Als das Licht auf die Geſtalten fiel, ſah Sam, daß es fuͤnf große, verwegen ausſehende Kerle mit rothen wollenen Muͤtzen waren; ihr Anfuͤhrer trug dagegen einen dreieckten Hut. Einige von ihnen waren mit Dolchen oder langen Meſſern und Pi⸗ ſtolen bewaffnet. Sie ſprachen leiſe mit einander, und zuweilen in einer fremden Sprache, welche Sam nicht verſtehen konnte. Als ſie gelandet waren, gingen ſie durch das Gebuͤſch, wobei ſie einander bei dem Heranſchlep⸗ pen ihrer Buͤrde auf das felſige Ufer abloͤſ'ten. Sam's Neugier war geſpannt; er verließ alſo ſeinen Nachen, und erklomm ſchweigend einen Bergruͤcken, von wo aus man den Weg uͤberſehen konnte. Sie waren ſo eben einen Augenblick ſtehen geblieben, um ſich auszuruhen, und der Anfuͤhrer ſuchte mit ſeiner Laterne im Gebuͤſch umher.„Habt Ihr die Spaten mitgebracht?“ fragte Einer. Hier ſind ſie, erwiederte der Andere, der ſie auf der Schulter trug. „Wir muͤſſen tief graben, damit es Niemand entdecken kann,“ ſagte ein Dritter. Sam uͤberlief ein kalter Schauer. Er glaubte itzt uͤberzeugt zu ſeyn, daß dieß eine Moͤrderbande ſey, die ihr Opfer begraben wolle. Seine Kniee — 323 ſchlotterten. Seine Angſt machte, daß er den Zweig eines Baumes ruͤttelte, an dem er ſich feſt hielt, indem er uͤber den Rand der Klippe hin⸗ wegſah. „Was iſt das?“ rief Einer von der Bande, „dort ruͤhrt ſich Jemand im Gebuͤſch!“ Man hielt die Laterne nach der Gegend in die Hoͤhe, woher das Geraͤuſch kam. Einer von den Rothmuͤtzen ſpannte ein Piſtol, und zielte gerade nach dem Fleck, wo Sam ſtand. Dieſer blieb bewegungslos,— athemlos und erwartete, daß der naͤchſte Augenblick ſein letzter ſeyn wuͤrde. Gluͤckli⸗ cherweiſe war ſeine dunkle Hautfarbe ihm guͤnſtig, und leuchtete aus den Blaͤttern nicht hervor. „Es iſt Niemand,“ ſagte der Mann mit der Laterne.„Was, Henker, Ihr werdet doch wol nicht das Piſtol abfeuern und die Gegend in Auf⸗ ruhr bringen wollen?“ Der Hahn ward wieder in Ruhe geſetzt, die Buͤrde aufgeladen, und die Leute gingen langſam am Ufer hin. Sam verfolgte ſie mit den Augen, waͤhrend die Laterne einzelne Streiflichter durch die tropfenden Gebuͤſche warf, und erſt dann, als ſie gaͤnzlich aus dem Geſichte waren, wagte er es, freier zu athmen. Er dachte itzt daran, wieder zu ſeinem Boote zuruͤckzukommen, und ſich aus einer 4 1 ſo gefaͤhrlichen Nachbarſchaft zu entfernen: allein die Neugierde war ſtaͤrker, als er ſelbſt. Er zoͤgerte, zauderte und horchte. Nach einiger Zeit hoͤrte er den Ton der Spaten.„Itzt graben ſie das Grab!” ſagte er bei ſich ſelbſt, und ein kalter Schweiß trat auf ſeine Stirn. Jeder Stoß des Spatens, der durch das ſtille Gehoͤlz ſchallte, war ihm ein Stich ins Herz: es war indeſſen klar, daß die Grabenden ſo wenig Geraͤuſch als moͤglich machten. Alles hatte das Anſehen eines entſetzlichen Geheimniſſes und der Verborgenheit. Sam hatte von jeher großen Geſchmack an allem Furchtbaren gefunden,— eine Mordgeſchichte war ein wahres Feſt fuͤr ihn, und er fehlte nie bei einer Hinrichtung. Er konnte der Verſuchung nicht widerſtehen, ſich, allen Gefahren zum Trotz, dem Schauplatz des Geheimniſſes zu naͤhern, und die mitternaͤchtlichen Geſellen bei ihrer Arbeit zu belauſchen. Er kroch deswegen vorſichtig, Zoll vor Zoll, weiter, und ſchritt mit der groͤßten Behutſamkeit auf den erocknen Blaͤttern, damit ihr Rauſchen ihn nicht verriethe. Endlich kam er an eine Stelle, wo ein ſteiler Felſen zwiſchen ihm und der Bande lag, denn er ſah den Schein ihrer La⸗ ternen die Zweige der Baͤume jenſeits deſſelben be⸗ leuchten. Sam kletterte langſam und ſchweigend außen am Felſen hinauf, guckte uͤber die kahle 4 — 325 Wand deſſelben hinaus, und ſah nun die Boͤſewich⸗ ter gerade unter ſich, und zwar ſo nahe, daß, ob⸗ gleich er jeden Augenblick fuͤrchten mußte, entdeckt zu werden, er es doch nicht wagte, ſich zuruͤckzu⸗ ziehen, da man ſeine leiſeſte Bewegung gehoͤrt ha⸗ ben wuͤrde. So blieb er denn, und ſah mit ſeinem runden ſchwarzen Geſicht uͤber den Rand des Felſens hervor, wie die Sonne, wenn ſie ſo eben ſich uͤber den Horizont erhebt, oder der vollwangige Mond auf dem Zifferblatte einer Wanduhr. Die Rothmuͤtzen hatten beinahe ihre Arbeit geendet: das Grab war ausgefuͤllt, und ſie legten ſorgfaͤltg den Raſen wieder daruͤber. Nachdem dieß geſchehen, ſtreuten ſie trockne Blaͤtter auf den Fleck;„und nun“, ſagte der Anfuͤhrer:„ ſoll der Teufel ſelbſt ihn nicht herausfinden!“* „Moͤrder!“ rief Sam unwillkuͤhrlich. Die ganze Bande fuhr auf, blickte in die Hoͤhe, und ſah nun Sam's runden, ſchwarzen Kopf dicht uͤber ſich. Seine weißen Augen ſtarrten halb aus ihren Hoͤhlen, ſeine weißen Zaͤhne klapperten, und ſein ganzes Geſicht glaͤnzte von kaltem Schweiß. „Wir ſind entdeckt!“ rief der Eine. „Nieder mit ihm!“ rief ein Anderer. Sam hoͤrte ein Piſtol ſpannen, wartete aber den Schuß nicht ab. Er kletterte uͤber Fels und 326 Stein, durch Buſch und Dorn, waͤlzte ſich, wie ein Igel, die Abhaͤnge hinunter, und erkletterte an⸗ dere, wie eine Unze. Von allen Seiten hörte er, wie Einer oder der Andere von der Bande ihm entgegen kam, ihm den Weg abzuſchneiden. Endlich erreichte er den Felsruͤcken am Fluſſe: einer von den Rothmuͤtzen war dicht hinter ihm. Ein ſteiler Fel⸗ ſen ſtand hier, wie eine Mauer, vor ihm, und ſchien ihm den Ausweg zu verſperren, als er gluͤck⸗ licherweiſe die ſtarke, einem Seile aͤhnliche Rebe ei⸗ nes wilden Weinſtocks bis auf die Haͤlfte des Fel⸗ ſens hinunterhangen fah. Mit der Kraft eines Ver⸗ zweifelten ſprang er darauf los, ergriff ſie mit bei⸗ den Haͤnden, und es gelang ihm, da er jung und gelenkig war, ſich zu dem Gipfel der Klippe hinauf zu ſchwingen. Hier ſtand er ganz frei gegen den Himmel: der Rothmuͤtz aber ſpannte ſein Piſtol und druͤckte ab. Die Kugel pfiff Sam neben dem Kopfe vorbei. Der Augenblick der Gefahr gab ihm einen gluͤcklichen Gedanken ein: er ſtieß einen lau⸗ ten Schrei aus, ſiel zu Boden, und löſ'te in dem⸗ ſelben Augenblick ein Felsſtuͤck ab, das mit einem lauten Geplaͤtſcher in den Fluß fiel. „Den hab' ich abgefertigt“, ſagte der Roth⸗ muͤtz zu zweien oder dreien ſeiner Kameraden, als —— ꝙ —— dieſe keuchend ankamen:„der wird nichts wiederer⸗ zaͤhlen, als etwa den Fiſchen im Fluſſe.“ Seine Verfolger gingen itzt wieder zuruͤck, um ſich mit ihren Gefaͤhrten zu vereinigen. Sam glitt ſchweigend den Felſen hinab, ließ ſich ruhig in ſei⸗ nen Nachen nieder, band dieſen los, und uͤberließ ſich nun der reißenden Stroͤmung, die an dieſem Orte die Schnelligkeit eines Muͤhlgrabens hat und ihn bald aus dieſer Gegend hinwegtrieb. Erſt dann jedoch, als er weit entfernt war, wagte er es, ſeine Ruder zu brauchen, und nun flog der Nachen wie ein Pfeil durch das Hoͤllenthor, und ohne daß Sam Ruͤckſicht auf die Gefahren des Topfes, der Brat⸗ pfanne und ſelbſt des Schweineruͤckens genom⸗ men haͤtte, weiter: auch glaubte er nicht eher, daß er vollkommen ſicher ſey, als bis er wohlbehalten in ſeinem Bette, auf dem Hangeboden in dem al⸗ ten Meierhofe der Suydams, lag. Hier hielt der ehrenwerthe Peechy Prauw inne, um Athem zu ſchoͤpfen, und einen Schluck aus dem Gevatterkruge zu thun, welcher neben ihm ſtand. Seine Zuhoͤrer blieber mit offenem Munde und vorgeſtrecktem Halſe ſitzen, wie ein Neſt voll Schwalben, das den Mund aufſperrt, um abermals Futter zu erhalten. 328 2 Und iſt das Alles?“ rief der Offizier auf hal⸗ bem Solde aus.. Das iſt die ganze Geſchichte, ſagte Peechy Prauw. „Und entdeckte Sam nie, was die Norhmräͤß eigentlich vergraben hatten?“ ſagte Wolfert, der nichts als Barren und Dublonen im Kopfe hatte, be⸗ gierig. 88 Nicht, daß ich wuͤßte, ſagte Peechy: er hatte keine Zeit dazu uͤbrig, und, die Wahrheit zu ſagen, nicht beſondere Luſt, einen zweiten Wettl lauf zwi⸗ ſchen den Felſen zu wagen. Uebrigens wuͤßte ich auch nicht, wie er den Ort haͤtte wiederfinden wol⸗ len, wo das Grab gegraben worden war, da bei Tage Alles ganz anders ausgeſehen haben wuͤrde. Und dann, was haͤtte es geholfen, einen Leichnam zu ſuchen, da man doch nicht erwarten konnteet die Möoͤrder an denulgen zu bringen? „Ja, aber ſeyd Ihr denn gewiß, daß es ein Todter war, den ſie begruben?“ ſagte Wolfert. Allerdings, rief Peechy Prauw triumphirend aus. Geht es denn nicht noch, bis auf dieſen Tag, in ber Nachbarſchaft um? Geht um!“ riefen Mehrere in der Geſellſchaft aus, riſſen die Augen noch weiter auf, und ruͤckten ihre Stuͤhle noch naͤher. — — —— r 329 Ja wohl, geht es um, wiederholte Peechy: hat denn Niemand von Euch von dem Vater Roth⸗ muͤtz gehoͤrt, der in dem alten Meierhofe im Holz, am Ufer der Meerenge, nicht weit von dem Hoͤl⸗ lenthore ſpukt? „O! allerdings habe ich etwas der Art erzaͤhlen gehoͤrt, es aber immer fuͤr irgend ein Alt⸗Weiber⸗ maͤhrchen gehalten.“ Alt⸗Weibermaͤhrchen oder nicht, ſagte Peechy Prauw. Der Meierhof liegt dicht neben dem Orte. Er iſt ſchon ſeit undenklichen Zeiten nicht mehr be⸗ wohnt, und ſteht an einer einſamen Stelle am Ufer, aber die, welche dort fiſchen, haben oft ein ſeltſames Geraͤuſch gehoͤrt: man hat im Gehoͤlz des Nachts Licht geſehen, und mehr als ein— mal einen alten Kerl mit einer rothen Muͤtze am Fenſter erblickt: und dieſen halten die Leute fuͤr den Geiſt des Mannes, der dort beganhen worden iſt. Drei Soldaten ſuchten einmal in dem Gebaͤude auf die Nacht ein Obdach, und durchſtoͤberten es von oben bis unten. Sie fanden den alten Vater Roth⸗ muͤtz im Keller auf einem Ciderfaſſe reiten, mit ei⸗ nem Kruge in der einen, und einem Becher in der andern Hand. Er bot ihnen einen Trunk aus ſeie nem Becher an, aber in dem Augenblicke, wo einer von den Soldaten ihn an den Mund ſetzen wollte, — huh! da fuhr ein Blitz durch den Keller, blen⸗ dete ſie Alle auf mehrere Minuten, und als ſie wie⸗ der ſehen konnten, war Krug, Becher und Roth⸗ muͤtz verſchwunden, und weiter nichts da, als das leere Ciderfaß! In dieſem Augenblicke flackerte der Offizier auf halbem Solde, der ſehr ſtill und ſchlaͤfrig geworden war, und mit halberloſchenem Auge uͤber ſeinem Getraͤnk nickte, auf einmal, wie ein verglimmendes Binſenlicht, wieder auf. „Das iſt Alles dummes Zeug!“ ſagte er, als Peechy ſeine letzte Geſchichte geendigt hatte. Nun, ich will Euch die Wahrheit davon gerade nicht verbüͤrgen, ſagte Peechy Prauw, wenn gleich 3 anze Welt ſehr wohl weiß, daß es mit dem . Hauſe und der Gegend nicht ſo ganz richtig iſt: was aber die Geſchichte vom Schmutz⸗Sam betrifft, ſo glaube ich ſo feſt daran, als ob ſie mir ſelbſt be⸗ gegnet waͤre. —*— Der lebhafte Antheil, welchen die Geſellſchaft an dieſer Unterhaltung genommen, hatte ſie gar nicht auf den Aufruhr merken laſſen, welcher drau⸗ ßen unter den Elementen herrſchte, als ſie ploͤt lich durch einen furchtbaren Donnerſchlag elektriſirt wurde: ein polterndes Krachen folgte gleich darauf, wovon das Gebaͤude bis auf den Grund erſchuͤt⸗ tert wurde.— Alle ſprangen von ihren Sitzen auf, und glaubten entweder, daß es ein Erdbeben ſey, oder daß der alte Vater Rothmuͤtz mit allen ſeinen Schrecken uͤber ſie komme. Sie horchten einen Au⸗ genblick, hoͤrten aber weiter nichts, als den Regen, der gegen die Fenſter ſchlug, und den Wind, der zwiſchen den Baͤumen heulte. Die Urſach des Kra⸗ chens ward bald durch die Erſcheinung eines alten Negers klar, der ſeinen Kopf in die Thuͤr ſteckte, und deſſen weiße Stieraugen gegen ſeinen raben⸗ ſchwarzen Schaͤdel abſtachen, der ganz naß vom Re⸗ gen war, und wie ein Spiegel glaͤnzte. Er mel⸗ dete in einer nur halb verſtaͤndlichen Sprache, daß der Kuͤchenſchornſtein vom Blitze getroffen wor⸗ den ſey. Eine dumpfe Pauſe des Unwetters, das ſich itzt abwechſelnd erhob und wieder beruhigte, brachte eine augenblickliche Stille hervor. In dieſem Au— genblicke hoͤrte man einen Flintenſchuß, und ein langgezogener Ruf, einem Schrei aͤhnlich, klang vom Ufer her. Alles ſtuͤrzte an das Fenſter. Itzt fiel ein zweiter Schuß, und ein zweiter langer Ruf ertoͤnte, der ſich wild mit einem ſich ſo eben erhebenden Windſtoß vermiſchte. Es ſchien, als ob der Schrei 332 aus dem Grunde des Gewaͤſſers kaͤme, denn ob⸗ gleich unaufhoͤrliche Blitze Licht uͤber das Ufer ver⸗ breiteten, ſo war doch Niemand zu ſehen. Ploͤtzlich oͤffnete ſich das Fenſter des obern Zim⸗ mers, und der geheimnißvolle Fremde rief ein lau⸗ tes Halloh! hinaus. Man rief ſich hinuͤber und heruͤber zu, aber in einer Sprache, welche Niemand von der Geſellſchaft im Schenkzimmer verſtand: bald vernahm man, wie das Fenſter wieder ge⸗ ſchloſſen ward, und nun erhob ſich oben ein großer Laͤrm, als ob die ſaͤmmtlichen Moͤbel im Zim⸗ mer umhergezogen und geſchleppt wuͤrden. Der Ne⸗ ger⸗Bediente ward abgerufen, und man ſah bald nachher, wie er dem alten Mann behuͤlflich war, die ſchwere Schiffskiſte die Treppe hinunterzu⸗ ſchleppen. Der Wirth war ganz in Verwunderung.. Wie! Ihr werdet doch wol nicht in einem ſolchen Sturm zur See gehen? „Sturm!' ſagte der Andere veraͤchtlich:„ſolch ein Spruͤhwetter werdet Ihr doch wol nicht einen Sturm nennen wollen?“ Ihre werdet bis auf die Haut naß werden— Ihr werdet Euch den Tod holen! ſagte Peechy Prauw theilnehmend. „Donner und Wetter!“ rief das Meerungethuͤm: —,— — — 333 predigt einem Manne nicht etwas vom Wetter vor, der in Wirbeln und Tornados*) gekreuzt hat!“ Der unterthaͤnige Peechy ſchwieg abermals maͤuschenſtill. Die Stimme vom Waſſer her ließ ſich von neuem und mit dem Tone der Ungeduld hoͤ⸗ ren. Die Umſtehenden ſtarrten mit verdoppelter Scheu den Mann der Stuͤrme an, der aus dem Meeresgrunde heraufgekommen zu ſeyn, und itzt wieder dahin zuruͤckgefordert zu werden ſchien. Als er, mit Huͤlfe des Negers, ſeine ſchwere Schiffs⸗ kiſte langſam an das Ufer trug, betrachteten ſie dieſe mit einer aberglaͤubiſchen Regung, und halb im Zwei⸗ fel, ob er ſich nicht in der That darauf ſetzen, und ſo auf den wilden Wogen davonſchiffen werde. Sie folgten ihm in einiger Entfernung mit einer La⸗ terne. Laßt das Licht weg! bruͤllte die heiſere Stimme vom Waſſer her— wir brauchen kein Licht hier! „Donner und Wetter,“ rief der alte Seeheld aus, indem er ſich ſchnell gegen ſie wandte:„zuruͤck nach dem Hauſe mit Euch!“ Wolfert und ſeine Gefaͤhrten traten erſchrocken zuruͤck. Ihre Neugier ließ ſie indeſſen ſich nicht *) Die furchtbaren Orkane, die beſonders auf den weſtindiſchen Inſeln häufig ſind. Ueberſ. 334 ganz entfernen. Ein lang dahinfahrender Blitz zuckte itzt uͤber die Wellen, und ließ ein Boot, mit Leu⸗ ten angefuͤllt, ſehen, das an einer Felsſpitze lag, mit der gewaltigen Brandung ſtieg und ſank, und bei jedem Steigen das Waſſer peitſchte. Nur mit Muͤhe wurde es, vermittelſt eines Bootsha⸗ kens, am Felſen feſtgehalten, denn die Stroͤmung trieb furchtbar um die Spitze herum. Der alte Seeheld hob ein Ende der ſchweren Kiſte uͤber den Dolbort des Boots, und hatte ſo eben den Hand⸗ griff am andern Ende gefaßt, um ſie hineinzuheben, als durch die Bewegung das Boot von der Kuͤſte abgetrieben wurde. Die Kiſte glitt von dem Dol⸗ bort ab, ſank in die Wellen, und zog den Alten kopfuͤber nach ſich. Ein lauter Schrei erſcholl vom Ufer her, und eine Fluth von Verwuͤnſchun⸗ gen von Denen am Bord. Boot und Mann aber wurden von der gewaltigen Schnellig⸗ keit der Fluth hinweggeriſſen. Eine rabenſchwarze Finſterniß trat wieder ein: Wolfert Webber glaubte ein Huͤlfsgeſchrei zu hoͤren, und einen Ertrinkenden die Haͤnde um Beiſtand erheben zu ſehen; als aber der Blitz wieder uͤber das Waſſer hinzuckte, war Alles leer, weder Mann noch Boot mehr zu ſehen, und weiter nichts als das Toben und Wogen der Wellen, wie ſie voruͤberrauſchten. 1 ——— —— Die Geſellſchaft kehrte in die Schenke zuruͤck, um das Voruͤbergehen des Sturmes abzuwarten. Ein Jeder nahm ſeinen Sitz wieder ein, und ſah den Andern voll Bangigkeit an. Der ganze Vorgang hatte nicht fuͤnf Minuten gewaͤhrt, und es waren kaum ein Dutzend Worte geſprochen wor⸗ den. Wenn man den eichenen Stuhl betrachtete, ſo konnte man es ſich kaum denken, daß das ſon⸗ derbare Weſen, das ihn noch vor ſo Kurzem ein⸗ genommen, das ſo voll von Lebenskraft und herkuli⸗ ſcher Staͤrke geweſen war, itzt eine Leiche ſeyn ſollte. Da ſtand noch das Glas, woraus er ſo eben getrunken: dort lag noch die Aſche aus der Pfeife, welche er, ſo zu ſagen, mit ſeinem letzten Athemzuge geraucht hatte. Indem die ehrenwer⸗ then Buͤrger auf dieſe Sachen hinwieſen, draͤngte ſich ihnen zugleich die furchtbare Ueberzeugung von der Ungewißheit des menſchlichen Daſeyns auf, und Jedem war zu Muthe, als ob der Boden, auf wel⸗ chem er ſtand, durch dieſes furchtbare Beiſpiel we⸗ niger ſicher geworden waͤre. Da indeſſen die Meiſten aus der Geſellſchaft jene ſchaͤtzbare Philoſophie beſaßen, welche den Menſchen lehrt, das Mißgeſchick ſeines Naͤchſten mit Muth zu ertragen, ſo ſuchten ſie ſich bald uͤber das trau⸗ rige Ende des alten Seehelden zu troͤſten. Vor⸗ 336 zuͤglich zufrieden war der Wirth daruͤber, daß der arme liebe Mann noch, ehe er weggegangen zgar, ſeine Rechnung bezahlt, und hielt eine Art v chenrede bei dieſer Gelegenheit.„Er kam“, er:„im Sturme, und er ging im Sturme— kam in der Nacht, und er ging in der Nacht ₰△ er kam, Niemand weiß woher, und er iſt hinge⸗ gangen, Niemand weiß wohin. So viel mir be⸗ kannt, iſt er wieder auf ſeiner Kiſte in See gegan⸗ gen, und landet vielleicht, um andere Leute jen⸗ ſeits dieſer Welt zu plagen;— obgleich es doch im⸗ mer Jammerſchade iſt,“ fuͤgte er hinzu:„daß wenn er nun einmal zu Diche Jones' Back*) gegangen iſt, er uns ſeine eigene Back nicht zuruͤckgelaſ⸗ ſen hat.“ Seine Back! St. Nikolas behuͤte uns! rief Peechy Prauw aus: ich moͤchte die Schiffskiſte um alles Geld der Welt nicht in meinem Hauſe haben: ich bin uͤberzeugt, daß er des Nachts wiederkommen und 25 Davy Jones iſt der Name, womit die Seeleute den Teufel bezeichnen, um ihn, durch Nennung ſeines wahren Namens, nicht aufzubringen. To go to Davy Jones' locker nach Davy Jones' Kaſten oder Back(wie man ein ſolches, an die innere Seite des Schiffes genageltes Behältniß, zur Aufbewahrung von allerhand Sachen, nennt) gehen, heißt alſo ſoviel als— zum Teufel gehen. Ueberſ. -2—— † und darum Laͤrm machen, und daß die Schenke zu einem Spukhauſe werden wuͤrde; und was das be, triſf daß er auf ſeinem Kaſten zur See gegangen ſeyse ſoll, ſo beſinne ich mich, was Schiffer On⸗ derdonk's Schiffe auf ſeiner Reiſe von Amſterdam widerfahren iſt. Der Bootsmann ſtarb waͤhrend eines Sturms; man wickelte ihn in ein Lei⸗ chentuch, legte ihn in ſeine eigene Kiſte, und warf ihn uͤber Bord, vergaß aber, in der Eil, ein Gebet uͤber ihn zu ſprechen. Der Sturm bruͤllte nun immer lauter; man ſah den Todten, in ſeiner Kiſte ſitzend und mit dem Leichentuch als — Segel, dicht hinter dem„ge herfahren, und das Meer, wie Feuer, gewaltig vor ihm auf⸗ ſchaͤumen; man lenßte Tag vor Tag und Nacht vor Nacht, und erwartete jeden Augenblick zu ſchei⸗ tern; jede Nacht ſah man den todten Boots⸗ mann in ſeiner Schiffskiſte, wie er dem Schiffe nachzukommen ſuchte, und hoͤrte den Ton ſeiner Pfeife mitten im Winde, und er ſchien ihnen große, berghohe Wellen nachzuſchicken, die das Schiff ver⸗ ſenkt haben wuͤrden, wenn man nicht die Blenden vor den Kajuͤtfenſtern zugemacht haͤtte. So dauerte es fort, bis man ihn in dem Nebel von Neufund⸗ land aus dem Geſicht verlor, und man glaubte nun, daß er ſein Schiff gewendet habe, und nach der II. P 338 ——— Todten⸗Manns Inſel geſteuert ſey*).— Das kommt davon, wenn man Jemanden auf der See begraͤbt, ohne die gehoͤrigen Gebete dabei herzuſagen. K Das Unwetter, welches die Geſellſchaft bisher zuruͤckgehalten hatte, war voruͤber. Die Kuckucksuhr auf dem Hausflur verkuͤndete die Mitternacht. Je⸗ der eilte, nach Hauſe zu kommen, denn dieſe ruhi⸗ gen Buͤrger blieben ſelten bis zu einer ſo ſpaͤten Stunde der Nacht aus. Das Gewitter, welches bis itzt Alles um ſie her verfinſtert, hatte ſich ver⸗ zogen, und ſtand nur noch in flockigen Wolkenmaſſen am Horizont, von. der hellen Sichel des Mondes beleuchtet, welcher wie eine kleine, in einem Pa⸗ laſte von Wolken hangende Silberlampe ausſah. Das ſchreckliche Ereigniß der Nacht, und die entſetzlichen Erzaͤhlungen, welche vorgekommen wa⸗ ren, hatten eine Art von aberglaͤubiſcher Furcht in allen Gemuͤthern zuruͤckgelaſſen. Jeder warf einen ſcheuen Blick auf den Fleck, wo der Buccanier ver⸗ ſchwunden war, und glaubte ihn jeden Augenblick auf ſeiner Kiſte im kuͤhlen Mondſcheine daherſegeln zu ſehen. Die zitternden Strahlen ſpiegelten ſich im Waſſer, aber Alles war ruhig, und die Stroͤ— *) Eine Anſpielung auf die, ſchon in Bracebridge⸗ Hall erwähnte Erzählung Th. Moore's von dem„Ge⸗ ſpenſterſchiffe”, das nach dieſer Inſel ſegelte Ueberſ. — 8 1 mung kraͤuſelte ſich auf dem Flecke, wo er unter⸗ gegangen war. Die Geſellſchaft draͤngte ſich in ei⸗ nen kleinen Haufen zuſammen, als ſie ſich nach Hauſe begab, beſonders, wenn es uͤber ein einſames Feld ging, wo Jemand ermordet worden war; ſelbſt der Kuͤſter, als er zuletzt allein gehen mußte, machte— obgleich er, wie man haͤtte denken ſollen, gewiß an Geiſter und Geſpenſter gewoͤhnt war— einen großen Umweg, um nur nicht uͤber ſeinen ei⸗ genen Kirchhof zu gehen. Wolfert Webber hatte nun einen friſchen Vor⸗ rath von Geſchichten und Anſichten eingeſammelt, uͤber denen er bruͤten konnte. Dieſe Erzaͤhlungen von Geldtoͤpfen und Spaniſchen Schaͤtzen, welche hier und dort und uͤberall zwiſchen den Felſen und in den Buchten dieſer wilden Kuͤſte vergraben waren, machten ihn beinahe ſchwindelig. Heiliger Nikolas! rief er halblaut aus, iſt es denn nicht moͤglich, einen dieſer Schaͤtze zu heben, und in ei— nem Augenblick reich zu werden? Wie hart iſt es doch, daß ich ſo, Tag aus, Tag ein, graben und graben muß, um mir nur ein Stuͤck Brot zu er— werben, waͤhrend Ein gluͤcklicher Stoß mit dem Spaten mich dahin bringen koͤnnte, mein ganzes uͤbriges Leben lang in der Kutſche zu fahren. Indem er ſo in Gedanken Alles das uͤberlegte, ꝓ 2 340 was von dem ſonderbaren Abenteuer des ſchwarzen Fiſchers war erwaͤhnt worden, lieh ſeine Einbildungs⸗ kraft der Erzaͤhlung eine ganz andere Faͤrbung. Er ſah in der Bande von Rothmuͤtzen nichts Anderes, als einen Haufen von Piraten, welche ihre Beute vergruben, und ſeine Begierde erwachte abermals, bei dem Gedanken an die Moͤglichkeit, daß er am Ende dennoch dieſen verborgenen Reichthuͤmern auf die Spur kommen koͤnnte. Ihm war zu Muthe, wie dem habſuͤchtigen Einwohner von Bagdad, als er ſich das Auge mit der Zauberſalbe des Derwi⸗ ſches beſchmiert hatte, und nun alle Schaͤtze der Erde ſehen konnte*). Kaͤſtchen mit vergrabenen Iuwelen, Kiſten mit Barren, und Faͤſſer mit aus⸗ laͤndiſchen Muͤnzen ſchienen, aus ihren Verſtecken hervor, ihn freundlich anzublicken, und ihn anzu⸗ flehen, ſie aus ihren zu fruͤhen Graͤbern zu erloͤſen. Als er unter der Hand Erkundigungen uͤber die Gegend einzog, wo, wie man ſagte, Vater Roth⸗ muͤtz umging, fand er ſeine Vermuthung nur noch mehr beſtaͤtigÄt. Er erfuhr, daß der Ort mehrere Male von erfahrenen Schatzgraͤbern, die Sam's Geſchichte gehoͤrt hatten, beſucht worden ſey, ob⸗ gleich keiner von ihnen Gluͤck gehabt hatte. Im *) In Tauſend und einer Nacht. Ueberſ. 341 Gegentheil hatte ſie immer ein Ungluͤck irgend ei⸗ ner Art verfolgt, wahrſcheinlich, wie Wolfert vor⸗ ausſetzte, deswegen, weil ſie nicht zu gehoͤriger Zeit f und mit den gehoͤrigen Feierlichkeiten zu Werke ge⸗ gangen waren. Den letzten Verſuch hatte ein gewiſ⸗ ſer Cobus Quackenbos gemacht, der eine ganze Nacht lang gegraben, und dabei unglaubliche Schwierig⸗ . keiten gefunden hatte, denn, ſo wie er eine Schau⸗ fel voll Erde aus dem Loche warf, warfen unſicht⸗ bare Haͤnde zwei dafuͤr wieder hinein. Es war ihm indeſſen gelungen, bis auf eine eiſerne Kiſte zu kommen; in dieſem Augenblick hatte ſich aber ein 8 furchtbares Gebruͤll erhoben, ſeltſame Geſtalten hat⸗ ten um das Loch her getanzt und getobt, und am Ende hatte er von unſichtbaren Pruͤgeln eine Tracht Schlaͤge bekommen, daß er ſich eilig aus der ver⸗ botenen Gegend hinwegmachen mußte. Dieß hatte Cobus Quackenbos auf ſeinem Sterbebette ausge⸗ ſagt, es war alſo nicht daran zu zweifeln. Er hatte mehrere Jahre ſeines Lebens auf Schatzgraͤ⸗ berei verwandt, und wuͤrde wahrſcheinlich dadurch . ſein Gluͤck gemacht haben, waͤre er nicht vor Kur⸗ zem an einer Gehirnentzuͤndung im Armenhauſe geſtorben. Wolfert Webber war itzt in einer gewaltigen Angſt, und hatte große Furcht, daß irgend ein anderer 342. Abenteurer die Witterung von dem verborgenen Gelde bekommen moͤchte. Er entſchloß ſich daher, insgeheim den ſchwarzen Fiſcher aufzuſuchen, und ihn zum Fuͤhrer nach dem Orte zu nehmen, wo er die geheimnißvolle Begebenheit der Beerdigung mit angeſehen habe. Sam war leicht aufzufinden, denn er war eines von den alten Gewohnheitsgeſchoͤpfen, welche ſo lange in einer Gegend wohnen, bis ſie ſich einen Platz in der oͤffentlichen Meinung erworben ha⸗ ben, und gewiſſermaßen bekannte Leute geworden ſind. Es gab keinen heilloſen Jungen in der Stadt, der nicht den Schmutz⸗Sam, den Fiſcher, gekannt, und nicht ge⸗ glaubt haͤtte, daß er ein Recht habe, dem alten Ne⸗ ger einen Streich zu ſpielen. Sam hatte, ſeit laͤn⸗ ger als einem halben Jahrhundert, ein Amphibien⸗ leben an den Ufern der Bay und auf den Fiſcher⸗ plätzen in der Meeresenge gefuͤhrt. Er brachte den groͤßten Theil ſeiner Zeit auf und im Waſſer, vor⸗ zuͤglich in der Gegend des Hoͤllenthors, zu, und man haͤtte ihn, bei ſchlechtem Wetter, leicht fuͤr eines von den Geſpenſtern halten koͤnnen, die in dieſer Meerenge umzugehen pflegten. Hier war er zu allen Zeiten und bei jeder Art von Wetter zu ſehen, zuweilen in ſeinem Nachen zwiſchen den Strudeln vor Anker liegend, oder wie ein Hayfiſch um ein Wrack her ſpuͤrend, da in der Naͤhe eines 343 ſolchen die meiſten Fiſche zu finden ſeyn ſollen. Zu⸗ weilen ſaß er auch Stundenlang auf einem Fel⸗ ſen und ſchaute in den Nebel und Staubregen aus, einem einſamen Reiher gleich, der auf ſeine Beute lauert. Er kannte jedes Loch und jeden Winkel in der Meerenge, von dem Wallabout*) bis zum Hoͤllenthor, und von dem Hoͤllenthor bis zu der Teufelsſtufe, und man behauptete ſogar, daß er alle Fiſche im Fluſſe bei ihrem Taufnamen zu nennen wuͤßte. Wolfert fand ihn in ſeiner Huͤtte, die nicht viel groͤßer als ein maͤßiger Hundeſtall war. Sie war aus Ueberbleibſeln von Wracks und Treibholz roh zuſammengeſchlagen, und ſtand auf dem felſigen Theile der Kuͤſte, an dem Fuße des alten Forts, gerade oberhalb des Ortes, wo itzt die Spitze der Batterie liegt. Ein„ſehr alter, fiſchartiger Ge⸗ ruch“**) war uͤber die Gegend verbreitet. Ruder, Paͤtſchen und Angelruthen waren gegen die Mauer des Forts gelehnt; ein Netz lag auf den Sand ausgebreitet, um zu trocknen; ein Nachen war auf das Land gezogen, und an der Thuͤr ſeiner Huͤtte * *) Dieß iſt der nordöſtliche Theil des Ortes Brooklyn auf Long⸗Island. Ueberſ. **) Shakeſpeare's Sturm. Ueberſ. 344 ſaß der Schmutz⸗Sam ſelbſt, und genoß das wahre Negergluͤck, im Sonnenſchein zu ſchlafen. Viele Jahre waren ſeit Sam's jugendlichem Abenteuer verfloſſen, und der Schnee manches Winters hatte die krauſe Wolle ſeities Haares ge⸗ bleicht. Er erinnerte ſich Unbeſſen aller dimſtaͤnde noch ſehr wohl, denn er hatte die Geſchichte oft erzaͤhlen muͤſſen, obgleich er bei ſeiner Darſtellung in manchen Punkten von Peechy Prauw abwich, wie das denn bei glaubwuͤrdigen Geſchichtſchreibern nicht ſelten der Fall iſt. Was aber die ſpaͤteren Nach⸗ forſchungen der Schatzgraͤber betraf, ſo wußte Sam nichts davon, denn dieß war eine Sache, die ganz außerhalb ſeinem Bereich lag; auch wollte der vor⸗ ſichtige Wolfert ſeinen Gedanken in dieſer Hinſicht keine nene Richtung geben. Sein einziger Wunſch war der, den alten Fiſcher als Lootſen nach dem Orte zu haben, und dieß war leicht zu bewerkſtelligen. Die lange Zeit, die ſeite Sam's naͤchtlichem Aben⸗ teuer verfloſſen war, hatte alle Furcht vor dem Orte bei ihm erſtickt, und das Verſprechen einer kleinen Belohnung brachte ihn auf einmal aus ſei⸗ nem Schlaf und aus dem Sonnenſchein. Die Fluth war ihnen entgegen, ſo daß ſie die Reiſe nicht zu Waſſer machen konnten, Wolfert aber zu ungeduldig, nach dem Lande der Verhei⸗ — — — 345 ßung zu kommen, als daß er die Ebbe haͤtte ab⸗ warten ſollen; ſie machten ſich alſo zu Lande auf. Nachdem ſie vier oder fuͤnf(engl.) Meilen zuruͤck⸗ gelegt, kamen ſie an den Rand eines Gehoͤlzes, das zu jener Zeit den groͤßten Theil der oͤſtlichen Seite der Inſel bedeckte. Dieß lag gerade jenſeits des angenehmen Striches Bloemen⸗dal*). Hier bo⸗ gen ſie in einen langen Gang ein, der ſich zwiſchen Baͤumen und Straͤuchern hindurchwand, der mit Unkraut und Wollkrautſtaͤmmen, als ob er ſelten betreten wuͤrde, bewachſen und ſo dicht uͤberſchattet war, daß man nur eine Art von Zwielicht darin hatte. Wilde Weinranken ſchlangen ſich von einem Baum zum andern, und ſchlugen dem Wanderer ins Geſicht; ihre Kleider blieben an Brombeer⸗ und wilden Roſenſtraͤuchern hangen, indem ſie vor⸗ uͤbergingen, die Bandſchlange glitt uͤber den Weg, die gefleckte Kroͤte ſprang und kroch vor ihnen her, und der raſtlaſe Fliegenfänger pfiff aus jedem Dik kicht ſie an. Waͤre Wolfert ſehr in Sagen beleſen geweſen, ſo haͤtte er glauben koͤnnen, daß er ver⸗ botenen, bezauberten Boden betraͤte, oder daß dieß einige von den Huͤtern waͤren, welche die vergrabe⸗ nen Schaͤtze bewachten. So wie es aber itzt ſtand, *) Das Blumenthal. Ueberſ. machte ſchon die Oede des Ortes und die furchtba⸗ ren, damit in Verbindung ſtehenden Geſchichten, einen maͤchtigen Eindruck auf ihn. Als die Wanderer das untere Ende des Gan⸗ ges erreicht hatten, ſahen ſie ſich nahe an dem Geſtade der Meerenge und auf einer Art von Amphicheater, das von Waldbaͤumen eingeſchloſſen war. Dieſer Fleck war einſt ein Raſenplatz geweſen, itzt aber mit wil⸗ den Roſen und uͤppigem Unkraut bewachſen. An einem Ende, und zwar dicht am Flußufer, ſtand ein Gebaͤude, das nicht viel beſſer als ein Schutt⸗ haufen ausſah, und aus deſſen Mitte ſich eine zu⸗ ſammenhaͤngende Reihe von Schornſteinen, wie ein einzelner Thurm, erhob. Die Stroͤmung der Meer⸗ enge floß dicht am Fuße deſſelben hin, und wild aufgeſchoſſene Baͤume ſenkten ihre Zweige in die⸗ ſelbe. Wolfert hatte keinen Zweifel, daß dieß das Spukhaus des Vaters Rothmuͤtz ſey, und erin⸗ nerte ſich an Peechy Prauw's Erzaͤhlung. Der Abend nahte heran, unn das Licht, welches halb⸗ gebrochen in dieſe Waldgegend fiel, gab dem Gan⸗ zen ein duͤſteres Anſehen, das ganz dazu ge⸗ macht war, einem heimlichen Gefühl der Furcht oder des Aberglaubens noch mehr Nahrung zu ge⸗ ben. Der Nachtrabe, welcher in den hoͤchſten Ge⸗ 347 genden der Luft umherſchwebte, ſtieß ſeinen muͤrri⸗ ſchen, ahnungsvollen Schrei aus, der Holzhaͤher pochte dann und wann einmal an irgend einen hoh⸗ len Baum, und der Feuerfink ſtrich mit ſeinem dunkelrothen Gefieder bei ihnen voruͤber. Sie ka⸗ men itzt an eine Umzaͤunung, welche einſt ein Gar⸗ ten geweſen war. Dieſe zog ſich am Fuße eines Felsruͤckens hin, war aber nichts als eine Wuͤſtenei voll Unkraut, zwiſchen welchem hier und da ein verwildeter Roſenſtrauch oder ein ſtruppig ausſehen⸗ der, mit Moos bewachſener Pfirſiſch⸗ oder Pflau⸗ menbaum ſtand. Am untern Ende dieſes Gartens kamen ſie bei einer Art von Gewoͤlbe voruͤber, das in dem erhoͤheten Ufer, gegen das Waſſer hin, an⸗ gebracht war. Es ſah einem Pflanzenhauſe aͤhn⸗ lich. Die Thuͤr war, wenn gleich verwittert, doch noch ziemlich ſtark, und ſchien erſt vor Kurzem aus⸗ geflickt worden zu ſeyn. Wolfert ſtieß ſie auf; die Angeln knarrten ſehr, die Thuͤr ſchlug an etwas, ei⸗ nem Kaſten aͤhnliches, an, man hoͤrte etwas klappern, und ein Schaͤdel rollte auf den Boden. Wolfert trat ſchaudernd zuruͤck, beruhigte ſich aber wieder, als der Neger ihm ſagte, daß dieß ein Familienge⸗ woͤlbe einer der Hollaͤndiſchen Familien ſey, welchen dieß Gut gehoͤre, eine Angabe, welche dadurch be⸗ ſtaͤligt wurde, daß man mehrere Saͤrge verſchiede⸗ 348— ner Groͤße im Innern erblickte. Sam hatte alle dieſe Oertlichkeiten genau gekannt, als er noch ein Knabe wax, und wußte itzt, daß er von dem ge⸗ ſuchten Orte nicht weit mehr entfernt ſeyn koͤnne. Die Wanderer traten nun ihren Weg zum Ufer hinunter an, kletterten an Felsruͤcken hin, welche uͤber das Waſſer hinausragten, und mußten ſich oft an Geſtraͤuchen und wilden Weinranken feſthalten, um nicht in den tiefen und reißenden Strom zu ſtuͤrzen. Endlich gelangten ſie an eine kleine Bucht, oder vielmehr an einen Einbug in dem Ufer. Dieſer war von ſteilen Felſen geſchuͤtzt und durch ein dichtes Gebuͤſch von Eichen und Kaſtanienbaͤumen beſchat⸗ tet, ſo daß er dadurch eingeſchloſſen und beinahe ganz verborgen wurde. Das Ufer dachte ſich allmaͤhlig in die Bucht ab, aber der Strom floß tief, ſchwarz und reißend an den hervorſtehenden Spitzen hin. Der Neger blieb ſtehen, luͤftete ſein Stuͤck— chen Hut, und kratzte einen Augenblick ſeinen er⸗ grauten Schaͤdel, waͤhrend er dieſe Bucht betrach⸗ tete; ſchlug dann ploͤtzlich in die Haͤnde, ſchritt freudig vorwaͤrts und wies auf einen großen eiſer⸗ nen Ring, der in dem Felſen, und gerade da befeſtigt war, wo eine breite Steinplatte einen be— quemen Landungsplatz darbot. Dieß war der Ort, wo die Rothmuͤtzen gelandet waren. Jahre hatten die vergaͤnglichen Einzelheiten des Ortes veraͤndert; Fels und Eiſen geben aber dem Einfluſſe der Zeit nur langſam nach. Als Wolffert genauer hinſah, bemerkte er drei Kreuze, welche dicht uͤber dem Ringe in den Felſen eingehauen waren, und ohne Zweifel irgend eine geheimnißvolle Bedeutung hatten. Der alte Sam erkannte itzt mit leichter Muͤhe den uͤberhangenden Felſen wieder, unter welchem ſein Nachen waͤhrend des Ungewitters gelegen hatte. Den Weg zu verfolgen, welchen die mitternaͤchtliche Bande eingeſchlagen hatte, war eine ſchwere Auf⸗ gabe. Bei jenem verhaͤngnißvollen Vorfalle hatten die Perſonen des Drama's ſeinen Geiſt ſo ſehr be⸗ ſchaͤftigt, daß er der Gegend nur wenige Aufmerk⸗ ſamkeit gewidmet hatte, und dieſe Orte ſahen uͤberdieß bei Tage und bei Nacht ſehr verſchieden aus. Nach⸗ dem ſie indeſſen eine Zeitlang umhergewandert wa⸗ ren, kamen ſie an eine Oeffnung in den Baͤumen, wovon Sam glaubte, daß ſie dem bewußten Orte aͤhnlich ſaͤhe. Ein Felsruͤcken von maͤßiger Hoͤhe erhob ſich, wie eine Mauer, auf der einen Seite; hier glaubte er die Stelle zu erkennen, von welcher herab er die Grabenden belauſcht hatte. Wolfert unterſuchte den Ort genauer, und entdeckte endlich drei Kreuze, denen uͤber dem eiſernen Ringe aͤhnlich, und welche tief in dem Felſen eingehauen, aber durch das Moos, womit ſie bewachſen, beinahe ganz unkenntlich geworden waren. Sein Herz huͤpfte vor Freuden, denn er zweifelte itzt nicht mehr, daß dieß ein beſonderes Zeichen der Bucca⸗ niers ſey. Alles, was nun noch zu thun uͤbrig blieb, war, den Fleck aufzuſinden, wo der Schatz vergraben lag, denn ſonſt haͤtte man aufs Gerathe⸗ wohl in der Gegend graben muͤſſen, um die Beute zu finden, und er hatte bereits genug ſolcher nutzloſen Arbeit gehabt. Hier aber wußte der alte Neger durch⸗ aus nicht mehr, woran er war, und ſetzte Wolfert durch die Menge von Vermuthungen, welche er aufſtellte, in die groͤßte Verwirrung, denn ſeine Erinnerungen waren alle hoͤchſt dunkel. Zuweilen behauptete er, daß es am Fuße eines dicht dabei ſtehenden Maulbeerbaumes ſeyn muͤſſe, dann war es dicht neben einem großen weißen Stein, dann mußte es wieder am Fuße eines kleinen gruͤnen Hu⸗ gels, in einer geringen Entfernung von dem Fels⸗ ruͤcken geweſen ſeyn, bis endlich Wolfert eben ſo verwirrt ward als er ſelbſt. Die Abendſchatten fingen itzt an, ſich uͤber den Wald zu verbreiten, und Fels und Baum in ein⸗ ander zu fließen. Es war offenbar zu ſpaͤt, um noch irgend etwas zu unternehmen; auch hatte Wol⸗ fert keine Werkzeuge bei ſich, ſeine Unterſuchungen 351 fortzuſetzen. Zufrieden, den Ort ausfindig gemacht zu haben, merkte er ſich alle die Kennzeichen, da⸗ mit er ihn ſogleich wieder auffinden könne, und begab ſich nun auf den Ruͤckweg, feſt entſchloſſen, dieſe goldene Unternehmung ohne Verzug zu ver⸗ folgen. Da die Hauptfurcht, welche bis itzt alle ande— re Gefuͤhle unterdruͤckt hatte, einigermaßen ver⸗ ſchwunden war, ſo begann die Einbildungskraft ihre Wanderungen, und entbot tauſend Geſtalten und Trugbilder, waͤhrend Wolfert durch dieſe unheim⸗ liche Gegend ging. Piraten, in Ketten hangend, ſchienen von allen Baͤumen herabzubaumeln, und er erwartete jeden Augenblick irgend einen Spani⸗ ſchen Don, den Hals von einem Ohr bis zum an⸗ dern aufgeſchnitten, langſam aus der Erde empor⸗ ſteigen und einen geſpenſtiſchen Geldſack ſchuͤtteln zu ſehen. Der Ruͤckweg fuͤhrte durch den verfallenen Gar⸗ ten, und Wolfert's Nerven waren itzt ſo ſehr ge⸗ reizt, daß der Flug eines Vogels, das Rauſchen eines Blatts, das Fallen einer Nuß hinreichte, ſie zu erſchuͤttern. Als Beide den Garten betraten, er⸗ blickten ſie in der Entfernung eine Geſtalt, welche einen von den Gaͤngen langſam herabkam, und un⸗ ter dem Gewicht einer Laſt beinahe zu erliegen * 3⁵²2 ſchien. Sie blieben ſtehen und betrachteten ſie auf⸗ merkſam. Sie ſchien eine wollene Muͤtze, und was noch aͤrger war, eine von blutrother Farbe, zu tra⸗ gen. Die Geſtalt bewegte ſich langſam vorwaͤrts, ſtieg das Ufer hinan, und ſtand vor der Thuͤr des Begraͤbnißgewoͤlbes ſtill. In dem Augenblick, wo ſie eintreten wollten, blickte ſie ſich um. Wie groß war Wolfert's Schrecken, als er das graͤßliche Antlitz des ertrunkenen Buccaniers erkannte! Er ſtieß einen Schrei des Entſetzens aus. Die Geſtalt hob langſam ihre eiſerne Fauſt empor, und ſchuͤttelte ſie mit ſchrecklich drohender Geberde. Wolfelt blieb nicht ſtehen, ſondern eilte davon, ohne noch einmal hinzuſehen, ſo ſchnell ihn ſeine Fuͤße nur tragen wollten, und Sam ſaͤumte nicht, ihm auf dem Fuße zu folgen, da alle ſeine alten Schrecken wieder erwachten. So ſtolperten denn Beide fort uͤber Buſch und Getruͤpp, erſchraken uͤber jeden Brombeerſtrauch, an dem ſie mit den Schoͤßen hangen blieben, und hielten nicht eher an, um Athem zu ſchoͤpfen, als bis ſie ſich aus dieſem gefahrvollen Walde herausgefunden, und die Straße nach der Stadt erreicht hatten. Es vergingen mehrere Tage, ehe Wolfert Muth genug faſſen konnte, die Unternehmung weiter fort⸗ zufuͤhren, ſo ſehr hatte ihn die Erſcheinung des — — 353 graͤßlichen Buccaniers entſetzt. Was fuͤr ein Wi⸗ derſtreit war aber nicht in ſeinen Empfindungen! Er vernachlaͤſſigte alle ſeine Geſchaͤfte, verlor ſeine Eßluſt, war in Gedanken und Worten ſtets ahwe⸗ ſend, und beging tauſend Thorheiten. Seine Ruhe war dahin, und wenn er ſchlief, ſaß der Alp, in der Geſtalt eines gewaltigen Geldſacks, auf ſeiner Bruſt. Er ſprach dann von unzuberechnenden Sum⸗ men, glaubte mit Schatzgraben beſchaͤftigt zu ſeyn, warf die Bettuͤcher rechts und links, als ob er die Erde hinwegſchaufele, griff unter das Bett, als ob er den Schatz ſuche, und zog, wie er glaubte, einen unſchaͤtzbaren Topf Goldes hervor. Frau Webber und ihre Tochter waren in Ver⸗ zweiflung uͤber dieß alles, was ſie fuͤr einen Ruͤck⸗ fall ſeiner Geiſtesverwirrung anſahen. Es giebt zwei Familienorakel, von denen die Hollaͤndiſchen Hausfrauen, in allen ſehr bedenklichen und ſchlimmen Faͤllen, entweder das eine oder das andere zu Rathe ziehen— der Dominie*) und der Doktor. Im gegenwaͤrtigen Falle nahmen ſie ihre Zuflucht zu dem Letztern. Es gab in dieſer Zeit einen kleinen, ſchwarzen, verſchimmelten Arzneigelehrten, der un⸗ ter den alten Weibern der Manhattoes nicht allein *) Prediger. Ueberſ. 354— wegen ſeiner Erfahrenheit in der Heilkunde, ſondern auch wegen ſeiner Kenntniſſe in allen ſeltſamen und geheimnißvollen Dingen beruͤhmt war. Sein eigent⸗ licher Name war Dr. Knipperhauſen, allein er war mehr unter der Benennung des Deutſchen Dok⸗ tors bekannt*). Zu ihm begaben ſich dieſe armen Frauen, um fuͤr die geiſtigen Verwirrungen Wolfert Webber's ſich Rath und Beiſtand zu holen. Sie fanden den Doktor in ſeinem kleinen Stu⸗ dirzimmer ſitzen, mit ſeinem Weisheitsgewande von dunklem Kamelott angethan, und mit der ſchwarzen Sammtmuͤtze, nach Boerhaave's, Van Helmont's und anderer aͤrztlichen Gelehrten Weiſe, auf dem Kopfe. Mit einer gruͤnen, in ſchwarzes Horn gefaßten Brille auf ſeiner dicken Naſe, bruͤtete er uͤber einem Deutſchen Folianten, in welchem die Dunkelheit ſeines Geſichts ſich abſpiegelte. Der Doktor hoͤrte ihren Bericht uͤber die An— zeichen von Wolfert's Krankheit mit tiefer Aufmerk⸗ ſamkeit an; als ſie aber erwaͤhnten, daß er von vergrabenem Gelde raſe, ſpitzte der kleine Mann die Ohren. Ach! die armen Frauen wußten nicht, wen ſie zu Huͤlfe gerufen hatten. **) Wahrſcheinlich iſt dieß derſelbe, deſſen in der Ge⸗ ſchichte von Dolph Heyliger Erwähnung geſchieht. Verf. (Siehe Bracebridge⸗Hall Thl. II. S. 250. Ueberſ.) —xV —„— — —— ₰ Dr. Knipperhauſen hatte ſein halbes Leben da— mit zugebracht, kurze Wege zum Gluͤck zu ſuchen; ein Geſchaͤft, das ſo Manchem ſeine ganze Lebens— zeit koſtet. Er hatte in ſeiner Jugend einige Jahre im Harz in Deutſchland verlebt, und von den Berg⸗ leuten uͤber die Art, Schaͤtze, welche in der Erde ver⸗ borgen ſind, zu ſuchen, manche ſchaͤtzbare Anweiſun⸗ gen erhalten. Auch hatte er unter einem reiſenden Weiſen, der, neben den Geheimniſſen der Arznei⸗ kunde, auch die der Zauberei und Taſchenſpielerkunſt kannte, ſeine Studien weiter fortgeſetzt. Sein Geiſt war daher mit allen Gattungen geheimniß⸗ voller Kunde reichlich ausgeruͤſtet; er hatte etwas in die Aſtrologie, Alchymie und Wahrſagekunſt ge⸗ pfuſcht, wußte, wie man geſtohlenes Geld wieder erlangen koͤnnte und wo Quellen laͤgen, kurz er hatte durch die geheimnißvolle Beſchaffenheit ſeines Wiſſens ſich den Namen des Deutſchen Doktors erworben, was beinahe eben ſo viel als Schwarz⸗ kuͤnſtler heißt. Dem Doktor waren oft Geruͤchte davon zu Oh⸗ ren gekommen, daß in mehreren Gegenden der In⸗ ſel Schaͤtze verborgen laͤgen, und er war lange be⸗ gierig geweſen, dieſen auf die Spur zu kommen. Kaum hatte Wolfert ihm ſeine Traͤume, die er wa⸗ chend und ſchlafend gehabt, erzaͤhlt, als er darin p h 6 die beſtaͤtigten Anzeichen eines Falles von Schatz⸗ graͤberei erblickte, und keine Zeit verlor, der Sache auf den Grund zu gehen. Wolffert hatte das gol⸗ dene Geheimniß lange centnerſchwer auf dem Her⸗ zen gelegen, und da ein Hausarzt eine Art von Beicht⸗ vater iſt, ſo war er froh, eine Gelegenheit zu ha⸗ ben, es auszuſchuͤtten. Der Arzt ward indeſſen, weit entfernt, die Krankheit zu heilen, mit davon angeſteckt. Die Umſtaͤnde, welche bei der Sache zum Vorſchein kamen, erweckten ſeine ganze Ge— winnſucht; ihm blieb kein Zweifel mehr, daß Geld irgendwo in der Gegend der geheimnißvollen Kreuze vergraben liege, und er erbot ſich, Wolfert bei der Nachforſchung behuͤlflich zu ſeyn. Er ſagte ihm, daß bei Unternehmungen der Art ein tiefes Geheim⸗ niß und große Vorſicht beobachtet werden muͤſſe, daß man Schaͤtze nur in der Nacht, mit gewiſſen Formen und Feierlichkeiten, graben koͤnne, daß da⸗ bei gewiſſe Kraͤuter verbrannt, gewiſſe geheimniß⸗ volle Worte wiederholt werden, und daß vor allen Dingen die Schakzraͤber ſich zuvoͤrderſt mit einer Wuͤnſchelruthe verſehen muͤßten, welche die wun⸗ derbare Eigenſchaft beſitze, den Ort auf der Ober⸗ flaͤhhe der Erde anzugeben, unter welchem Schaͤtze verborgen laͤgen. Da der Doktor ſich mit dieſen Dingen ſehr viel beſchaͤftigt hatte, ſo uͤbernahm er —₰——— es, alle noͤthige Vorbereitungen zu treffen, und da das Mondesviertel guͤnſtig war, machte er ſich an⸗ heiſchig, die Wuͤnſchelruthe zu einer gewiſſen Nacht herbei zu ſchaffen*). *²) Folgende Anmerkung fand ſich bei dieſer Stelle von Hrn. Knickerbockers Hand: „Die leichtſinnigen Gemüther, welche immer gern die Geheimniſſe der Natur verhöhnen, haben auch ſehr viel ge⸗ gen die Winnſchelruthen geſchrieben; ich ſtimme indeſſen ganz mit Dr. Knipperhauſen darin überein, daß ich voll⸗ kommen daran glaube. Ich will nicht behaupten, daß man vermittelſt derſelben geſtohlenes und verſtecktes Gut, die Gränzſteine von Feldern, Spuren von Räubern und Möor⸗ dern, oder ſelbſt das Vorhandenſeyn unterirdiſcher Quellen und Waſſerſtröme entdecken könne, obgleich ich nicht glaube, daß man ihr dieſe Eigenſchaften ganz abſprechen kann; aber über ihre Macht, Adern edler Metalle oder verborge⸗ nes Geld zu entdecken, habe ich nicht den geringſten Zwei⸗ fel. Einige ſagen, daß die Ruthe ſich nur in den Händen ſolcher Leute drehe, die in beſondern Monaten des Jahres geboren ſind, weshalb auch Sterndeuter immer die Planeten befragten, wenn ſie ſich einen Talisman verſchaffen woll⸗ ten: Andere aber haben behauptet, daß die Eigenthümlich⸗ keiten der Wünſchelruthe entweder eine Wirkung des Zu⸗ falls, oder des Betrugs Deſſen, der ſie hielte, oder ein Werk des Teufels wären. So ſagt der ehrwürdige Vater Kaspar Sebett in ſeiner Abhandlung über die Magie: Propter haec et similia argumenta audacter ego promi- sero, vim conversivam virgulae bifurcatae nequaquam naturalem esse, sed vel casu, vel fraude virgulam trac- tantis, vel ope diaboli.(Aus dieſen und ähnlichen Grün⸗ den darf ich kühn behaupten, daß die Kraft der gabelför⸗ migen Ruthe, ſich zu drehen, keinesweges eine natürliche ſey, ſodern daß ſie durch Zufall, oder durch die Liſt Deſſen, * den, daß er einen ſo gelehrten und geſchickten Bei⸗ ſtand gefunden habe. Alles ward insgeheim und mit großem Eifer betrieben. Der Doktor hielt mehrere Berathungen mit ſeinem Patienten, und die gute Hausfrau konnte die beruhigende Wirkung ſeiner Beſuche nicht genug loben. Die wunderbare Wuͤnſchelruthe, dieſer große Schluͤſſel zu den Ge— heimniſſen der Natur, war unterdeſſen auf gehoͤrige Weiſe angefertigt. Der Doktor hatte zu dem Ende alle ſeine Kunſtbuͤcher durchgeblaͤttert; der der ſie führt, oder mit Hülfe des Teufels entſtehe u. ſ. w.) Auch Georg Agricola war der Meinung, daß dieß ein blo⸗ ßes Blendwerk des Teufels ſey, die Habſüchtigen und Un⸗ vorſichtigen in ſeine Klauen zu bekommen, und legt in ſei⸗ ner Abhandlung„de re metallica“ ein ganz beſonderes Ge⸗ wicht auf die geheimnißvollen Worte, welche zu ſeiner Zeit Diejenigen ausſprachen, die ſich der Wünſchelruthe be⸗ dienten. Ich zweifle indeſſen nicht, daß die Wünſchelruthe eines von den Geheimniſſen der natürlichen Magie iſt, das ſich aus der Mitleidenſchaft natürlicher Gegenſtände erklä⸗ ren läßt, auf welche die Planeten einwirken, und welche durch den ſtarken Glauben des Einzelnen eine gewiſſe Kraft erhalten. Man ſuche ſich die Wünſchelruthe zu der gehöri⸗ gen Zeit des Mondes, gebe ihr die gehörige Geſtalt, be⸗ diene ſich ihrer mit den nöthigen Feierlichkeiten und mit vollkommenem Glauben an ihre Wirkſamkeit, und ich kann ſie meinen Mitbürgern als ein untrügliches Mittel empfeh⸗ len, die verſchiedenen Orte auf der Manhattan⸗Inſel auf⸗ zufinden, wo in alten Zeiten Schätze vergraben worden ſind.“ D. K. ¹ Wolfert huͤpfte das Herz im Buſen vor Freu⸗ 1 359 ſchwarze Fiſcher ſollte ihn in ſeinem Nachen nach dem Schauplatze der Unternehmung fahren, mit Spaten und Picke den Schatz ausgraben, und ſeine Barke mit der gewichtigen Beute beladen, die ſie gewiß zu finden hofften. Endlich kam die zu dieſem gefahrvollen Unter⸗ nehmen beſtimmte Nacht heran. Ehe Wolfert das Haus verließ, rieth er ſeiner Frau und Tochter, zu Bett zu gehen, und ſich nicht zu beunruhigen, wenn er etwa in der Nacht nicht nach Hauſe kommen ſollte. Wie alle vernuͤnftige Frauen uͤberfiel ſie ſogleich ein Todesſchrecken, als ſie hoͤrten, daß ſie ſich nicht aͤngſtigen ſollten. Sie bemerkten leicht in ſeinem ganzen Weſen, daß irgend etwas Ungewoͤhnliches im Werke ſey, und alle ihre Beſorgniſſe uͤber den ge⸗ ſtoͤrten Zuſtand ſeines Geiſtes erwachten mit zehnfacher Staͤrke; ſie hingen ſich an ihn, beſchworen ihn, ſich der Nachtluft nicht auszuſetzen; aber Alles verge⸗ bens! Wenn Wolfert einmal auf ſeinem Stecken⸗ pferde ſaß, ſo war es nicht leicht, ihn aus dem Sattel zu bringen. Es war eine klare, ſternhelle Nacht, als er aus dem Portal des Webberſchen Palaſtes trat. Er trug einen großen, herunterge⸗ klappten Hut, der unter dem Kinn mit einem Halstuch ſeiner Tochter zuſammengebunden war, da⸗ mit er gegen die Nachtluft geſchuͤtzt ſeyn ſollte, und 360 Frau Webber warf ihm ihren langen rothen Mantel uͤber die Schultern, und befeſtigte ihn an ſeinem Halſe. Der Doktor war von ſeiner Haushaͤlterin, der wachſamen Frau Ilſe, nicht weniger ſorgfaͤltig aus⸗ geruͤſtet und ausſtaffirt worden. Er zog aus, in ſeinem kamelottenen Schlafrock, den er als Ueberrock trug, hatte auf ſeine ſchwarze Sammetmuͤtze noch ei⸗ nen dreieckigen Hut geſtuͤlpt, ein dickes Buch mit Clauſuren unter dem Arm, einen Korb mit Praͤpa⸗ raten und getrockneten Kraͤutern in der einen Hand, und in der andern die wunderthaͤtige Wuͤnſchelruthe. Die große Thurmuhr ſchlug Zehn, als der Dok— tor und Wolfert bei dem Kirchhofe voruͤbergingen, und der Nachtwaͤchter ſchrie mit heiſerer Stimme ein langgezogenes und klaͤgliches:„Zehn iſt die Glock!“*). Der ganze alterthuͤmliche kleine Flek⸗ ken lag ſchon in tiefem Schlafe. Nichts unterbrach das feierliche Schweigen, als zuweilen das Bellen eines luͤderlichen, in der Nacht umherſchweifenden Hundes, oder die Serenade irgend einer romanti⸗ ſchen Kate. Wahr iſt es, daß Wolfert mehr als einmal das Ge⸗ *) Im Originale ſteht All’s well, Alles richtig! eigentlich der Ruf der auf den Schiffen ausgeſtellten Poſten. Ueberſ. 361 Geraͤuſch verſtohlener Fußtritte in einiger Entfer⸗ nung hinter ihnen zu vernehmen„ aubte; dieß konnte aber auch wol nur der Wiederhell ihrer eigenen Schritte auf den ſtillen Straßen ſeyn. Auch duͤnkte es ihn einmal, als ſaͤhe er eine lange Geſtalt ihnen nachſchleichen, welche ſtehen blieb, wenn ſie ſtehen blieben und ſich bewegte, wenn ſie weiter gingen; allein das truͤbe und flackernde Licht der Laterne warf ſo ungewiſſe Lichter und Schatten, daß dieß Alles vielleicht nur Einbildung war. Sie fanden den alten Fiſcher ihrer warten, im Hintertheile ſeines Nachens ſitzend, der dicht an ſeiner kleinen Huͤtte vor Anker lag, und ſeine Pfeife rauchend. Eine Picke und ein Spaten lagen im Boote, ſo wie eine Blendlaterne und eine ſtei⸗ nerne Flaſche mit gutem Hollaͤndiſchen Doppelten, in welchen der ehrliche Sam wahrſcheinlich noch mehr Vertrauen ſetzte, als der Doktor auf ſeine Spezereien. So ſchifften ſich denn die drei wuͤrdigen Leute auf ihrer Nußſchaale von Fahrzeuge zu dieſer naͤcht⸗ lichen Unternehmung ein, mit einer Weisheit und Beherztheit, welche nur der an die Seite geſtellt werden konnte, womit die drei Leute aus Gotham in einer Schaale zur See gingen. Die Fluth ſtieg und kam ſchnell die Meerenge herauf; die Stroͤ⸗ II. Q ₰◻ 362— mung riß ſie mit ſich fort, ohne daß ſie beinahe zu dem Ruder zu greifen brauchten. Die Umriſſe der Stadt lagen im Schatten da; nur hier und da flim⸗ merte ein ſchwaches Licht aus einem Krankenzimmer, oder aus dem Kajuͤtenfenſter eines Fahrzeuges, das auf dem Fluſſe vor Anker lag. Keine Wolke ver⸗ huͤllte den dunkelblauen ſternhellen Himmel, deſſen Lichter auf der Oberflaͤche des ruhigen Stromes ſich abſpiegelten, und eine dahinziehende Lufterſcheinung, welche ihren bleichen Schimmer nach eben der Richtung hin verbreitete, in welcher ſie fuhren, ward von dem Doktor als ein ſehr guͤnſtiges Anzeichen ausgelegt. Nach einer kleinen Weile glitten ſie bei der Spitze, Corlear's Haken genannt, und der laͤndlichen Schenke voruͤber, welche der Schauplatz ſo ſeltſamer Nachtabenteuer geweſen war. Die Bewohner waren ſchon zur Ruhe gegangen, und das Haus war fin⸗ ſter und ſtill. Wolfert fuͤhlte, wie ein kalter Schauer ihn uͤberlief, als ſie bei der Spitze voruͤberfuhren, wo der Buccanier verſchwunden war. Er zeigte ſie dem Doktor Knipperhauſen. Waͤhrend ſie hinblick⸗ ten, glaubten ſie wirklich an derſelben Stelle ein Boot liegen zu ſehen; allein das Ufer warf einen ſolchen Schatten uͤber den Rand des Waſſers, daß ſie nichts deutlich erkennen konnten. Sie waren noch nicht weit gefahren, als ſie den dumpfen Ton entfernter Ruder, die man mit großer Behutſamkeit anzuziehen ſchien, hinter ſich hoͤrten. Sam verdoppelte ſeine Anſtrengungen, und ſo blieben, da er alle Stru⸗ del und Stroͤmungen des Fluſſes genau kannte, die Verfolger, wenn ſie dieß wirklich waren, bald weit zuruͤkt. Nach kurzer Zeit kamen ſie quer bei der Schildkroͤtenbucht und Rips⸗Bucht voruͤber, ver⸗ bargen ſich dann in den tiefen Schatten der Ufer der Manhattan⸗Inſel, und glitten ſchnell weiter, vor aller Entdeckung geſichert. Endlich ließ der Neger ſeinen Nachen in eine kleine Bucht einlaufen, wel⸗ che von Baͤumen dicht beſchattet war, und machte ihn an dem wohlbekannten eiſernen Ringe feſt. Sie landeten itzt, zuͤndeten die Laterne an, ſuch⸗ ten die verſchiedenen Geraͤthſchaften zuſammen, und Alle gingen nun langſam ins Gebuͤſch. Jeder Laut erſchreckte ſie, ſelbſt der Schall ihrer eigenen Fuß⸗ tritte auf den duͤrren Blaͤttern, und das Geſchrei einer Nachteule von dem zertruͤmmerten Schorn⸗ ſtein der nahen Ruine, machte, daß ihnen das Blut in den Adern gerann. Ungeachtet Wolfert mit großer Genauigkeit ſich die ſaͤmmtlichen Zeichen gemerkt hatte, ſo waͤhrte es doch einige Zeit, ehe ſie den freien Fleck zwiſchen den Baͤumen finden konnten, wo der Schatz ver⸗ graben ſeyn ſollte. Endlich kamen ſie an den Fels⸗ Q9 2 364 ruͤcken, und als ſie, mit Huͤlfe der Laterne, die Oberflaͤche unterſuchten, erkannte Wolfert die drei geheimnißvollen Kreuze. Die Herzen Aller ſchlugen raſcher, denn itzt ſtand der wichtige Verſuch bevor, welcher uͤber ihre Hoffnungen entſcheiden ſollte. Wolfert Webber hielt die Laterne, waͤhrend der Doktor die Wuͤnſchelruthe zum Vorſchein brach te. Es war ein gabelfoͤrmiger Zweig, deſſen En⸗ den mit beiden Haͤnden feſt gefaßt wurden, waͤhrend der mittlere Stiel ſenkrecht nach oben gerichtet war. Der Doktor bewegte die Ruthe in einer gewiſſen Entfernung von der Erde, von einem Orte zum andern, aber eine Zeitlang ohne die geringſte Wir⸗ kung, waͤhrend Wolfert das volle Licht der Laterne darauf fallen ließ, und ſie mit athemloſer Aufmerk⸗ ſamkeit betrachtete. Endlich fing die Ruthe an, ſich langſam zu drehen. Der Doktor faßte ſie itzt fe⸗ ſter und ſeine Haͤnde zitterten von der henun ſeines Geiſtes. Die Ruthe fuhr fort, ſich allmaͤhlig zu drehen, bis endlich der Stiel ſeine Stellung gaͤnzlich geaͤndert hatte, ſenkrecht nach unten wies, und ſo unverruͤckt auf eine Stelle zeigte, wie die Magnetnadel nach dem Nordpol. „Dieß iſt der Ort!“ ſagte der Doktor mit faſt unhoͤrbarer Stimme. Wolfert ſtieg das Herz in die Kehle. B — 365 „Soll ich graben?“ ſagte der Neger, indem er zum Spaten griff. Potztauſend, Nein! erwiederte der kleine Dok⸗ tor haſtig. Er befahl itzt ſeinen Gefaͤhrten, ſich dicht zu ihm zu ſtellen, und das unverbruchlichſte Stillſchweigen zu beobachten. Es muͤßten itzt ge⸗ wiſſe Vorkehrungen getroffen und Feierlichkeiten vor genommen werden, um die boͤſen Geiſter, welche um alle verborgenen Schaͤtze ſchwebten, zu verhin⸗ dern, ihnen irgend etwas Leides zuzufuͤgen. Hierauf zog er einen Kreis um den Ort, groß genug, um alle Gegenwaͤrtige zu umſchließen, las dann trockne Zweige und Blaͤtter zuſammen, machte Feuer damit an, und warf gewiſſe Spezereien und getrocknete Kraͤuter hinein, welche er in ſeinem Korbe mitgebracht hatte. Ein dicker Rauch ſtieg empor, der gewaltig nach Schwefel und Aſafoͤtida roch, und der, ſo angenehm er auch den Geruchsorga⸗ nen der Geiſter ſeyn mochte, den armen Wolfert beinahe erſtickte, bei Allen aber ein ſolches Huſten und Schnaufen erregte, daß das ganze Gebuͤſch da⸗ von wiederhallte. Dr. Knipperhauſen oͤffnete nun die Clauſuren des Buches, das er unter dem Arme mitgebracht hatte, und das mit ſchwarzen und ro⸗ then Deutſchen Lettern gedruckt war. Waͤhrend Wolfert die Laterne hielt, las der Doktor, mit 366 Huͤlfe ſeiner Brille, mehrere lateiniſche und deutſche Beſchwoͤrungsformeln daraus her. Hierauf befahl er Sam, die Picke zu nehmen, und Hand an das Werk zu legen. Der feſte Boden bewies durch ſeine Haͤrte, daß er ſeit vielen Jahren nicht beruͤhrt wor⸗ den ſey. Nachdem Sam ſich mit der Picke in die Oberflaͤche hineingearbeitet hatte, kam er an eine Schicht von Sand und Kies, die er mit dem Spa⸗ ten munter zur Rechten und zur Linken herauswarf. „Horch!“ ſagte Wolfert, der Fußtritte in den trockenen Blaͤttern und ein Rauſchen im Gebuͤſch zu hoͤren glaubte. Sam hielt einen Augenblick inne, und ſie horchten— kein Fußtritt war in der Naͤhe zu hoͤren. Die Fledermaus ſchwirrte ſtill bei ih⸗ nen vorbei; ein Vogel, der vom Licht, welches durch die Baͤume blinkte, aus ſeinem Ruheplatze aufgeſchreckt worden war, flog kreiſend um die Flamme her. In der tiefen Stille des Holzes konnten ſie deutlich den Strom an dem Felsufer plaͤtſchern und das entfernte Murmeln und Brauſen des Hoͤl⸗ lenthors hoͤren. Der Neger fuhr in ſeiner Arbeit fort, und hatte ſchon eine ziemlich große Grube gegraben. Der Doktor ſtand am Rande derſelben, las dann und wann Formeln aus ſeinem Buche mit Moͤnchs⸗ ſchrift, oder warf mehr Spezereien und Kraͤuter in 367 das Feuer, waͤhrend Wolfert ſich begierig uͤber die Grube hinbeugte, und jeden Stoß des Spatens beob⸗ achtete. Wenn Jemand dieß Alles mit angeſehen haͤtte, wie es von dem Licht in der Laterne und dem Wieder⸗ ſchein von Wolfert's rothem Mantel beleuchtet wurde, ſo haͤtte er den kleinen Doktor leicht fuͤr irgend einen boͤſen Zauberer halten koͤnnen, der hier in ſeinen Beſchwoͤrungen begriffen ſey, und den graukoͤpfigen eger fuͤr irgend einen ſchwarzen Geiſt, der ſeinen Befehlen gehorchte. Endlich ſtieß der Spaten des alten Fiſchers auf etwas, das hohl klang. Der Ton hallte in Wol⸗ fert's Herzen wieder. Er ſtieß den Spaten noch einmal ein— „Es iſt ein Kaſten,“ ſagte Sam. Voll von Golde, ganz gewiß! rief Wolfert aus, indem er entzuͤckt die Haͤnde zuſammenfaltete. Kaum hatte er dieſe Worte ausgeſprochen, als er einen Ton von oben her vernahm. Er ſah hin⸗ auf, und ſiehe! er erblickte bei dem halbverloͤſchenden Scheine des Feuers, gerade uͤber der Spitze des Felſens, etwas, worin er das graͤßliche Geſicht des ertrunkenen Buccaniers zu erkennen glaubte, der ſcheußlich auf ihn herabgrinzte. Wolfert ſtieß einen lauten Schrei aus, und ließ die Laterne fallen. Sein Schrecken theilte ſich ſei⸗ nen Gefaͤhrten mit. Der Neger ſprang aus der Grube, der Doktor ließ Korb und Buch fallen, und fing an, auf Deutſch zu beten. Nichts als Schrek⸗ ken und Verwirrung herrſchte. Das Feuer war auseinander geworfen, die Laterne ausgeloͤſcht: in der gewaltigen Eil rannten Alle gegeneinander und hinderten ſich. Sie glaubten, daß eine Legion von Teufeln gegen ſie losgelaſſen ſey, und es kam ihnen vor, als ſaͤhen ſie, bei dem ungewiſſen Licht der zer⸗ ſtreuten gluͤhenden Kohlen, ſeltſame Geſtalten in rothen Muͤtzen um ſich her durcheinander ſpringen, und als horten ſie ſie in ihrem Kauderwelſch reden. Der Dok⸗ tor lief nach einer Seite hin, der Neger nach der an⸗ dern, Wolfert aber nahm ſeinen Weg nach dem Ufer. Als er ſo dahinſtolperte, und ſich durch Buſch und Strauch einen Weg zu bahnen ſuchte, hoͤrte er Je⸗ manden hinter ſich. Halb außer ſich, ging er raſch vorwaͤrts. Die Tritte kamen immer naͤher. Er fuͤhlte, wie ihn Jemand bei ſeinem Mantel packte, als auf einmal ſein Verfolger wiederum angegriffen wurde. Ein gewaltiges Gefecht und ein hitziger Kampf entſpannen ſich itzt. Ein Piſtolenſchuß erhellte Felſen und Gebuͤſch auf einen Augenblick, und zwei Ge⸗ ſtalten, die mit einander rangen, wurden ſichtbar, und dann war Alles wieder dunkler als je. Der Kampf dauerte fort: die Kaͤmpfenden hatten einan⸗ — 369 der feſt gepackt, und ſchnauften und ſtoͤhnten und waͤlzten ſich zwiſchen den Felſen umher. Ein Knur⸗ ren und Brummen, wie das eines Hundes, mit Fluͤchen vermiſcht, ließ ſich hoͤren, worin Wolfert die Stimme des Buccaniers zu erkennen glaubte. Er waͤre gern geflohen, allein er ſtand am Rande eines Abgrunds, und konnte nicht weiter. Die Kaͤmpfenden ſtanden itzt wieder auf den Fuͤßen: das Reißen und Ningen begann abermals, als ob die Staͤrke allein den Kampf entſcheiden ſollte, bis der Eine ſeinen Gegner von dem Rande der Klippe hin⸗ abſtuͤrzte, ſo daß er kopfuͤber in den tiefen Strom fiel, der unten dahintoſete. Wolfert hoͤrte den Fal⸗ lenden mit einer Art von roͤchelndem, ſprudelnden Ge⸗ murmel ſinken; allein die Dunkelheit der Nacht verhin⸗ derte ihn, irgend etwas deutlicher zu erkennen, und der reißende Strom fuͤhrte Alles ſo ſchnell hinweg, daß man nichts davon vernehmen konnte. Einer der Kaͤmpfenden war beſeitigt, ob aber Freund oder Feind, oder ob nicht Beide Feinde ſeyn moͤchten, konnte Wolfert nicht beſtimmen. Er hoͤrte den Geretteten ſich naͤhern, und Schrek⸗ ken uͤberfiel ihn aufs Neue. Er ſah da, wo die Umriſſe der Felſen ſich gegen den Horizont abzeich⸗ neten, eine menſchliche Geſtalt auf ſich zukommen. Er konnte ſich nicht irren, es mußte der Buccanier 370 ſeyn. Wohin ſollte er fliehen? auf der einen Seite war ein Abgrund, auf der andern ein Moͤrder. Der Feind naͤherte ſich— itzt war er dicht hinter ihm. Wolfert verſuchte, ſich an der Außenſeite des Felſens herabzulaſſen. Sein Mantel blieb an einem Dornſtrauch, am Rande des Felſens, han⸗ gen. Seine Fuͤße glitten aus, und ſo hing er ſchwebend in der Luft, halb gewuͤrgt von dem Bande, womit ſeine ſorgſame Gattin das Gewand um ſeinen Hals befeſtigt hatte. Wolfert glaubte, ſein letztes Stuͤndlein ſey gekommen; ſchon hatte er dem heil. Nikolaus ſeine Seele befohlen, als das Band riß und er das Felsufer hinabrollte, von Fels zu Fels, und von Buſch zu Buſch ſchnellend, wobei der rothe Mantel wie ein blutiges Banner in der Luft wehte. Es dauerte lange, ehe Wolfert wieder zu ſich kam. Als er die Augen aufſchlug, faͤrbten ſchon die Strahlen der Morgenroͤthe den Himmel. Er fand ſich auf dem Boden eines Bootes liegend, und gewaltig zerſchlagen. Er verſuchte aufzuſitzen, war aber zu wund und zu ſteif, um ſich bewegen zu koͤnnen. Eine Stimme bat ihn in freundlichem Tone, ſtill zu liegen. Er wandte ſich zu dem Spre⸗ chenden— es war Dick Waldron. Dieſer war auf das dringende Verlangen der Frau Webber und ihrer 371 Tochter, die, der lobenswerthen Neugierde ihres Geſchlechts gemaͤß, die geheimen Berathungen Wol⸗ fert's und des Doktors belauſcht hatten, der Geſell⸗ ſchaft auf den Ferſen gefolgt, aber hinter dem leich⸗ ten Nachen des Negers weit zuruͤckgeblieben, und ge⸗ rade zu rechter Zeit gekommen, um den armen Schatz⸗ graͤber aus den Klauen ſeines Verfolgers zu retten! So endete die gefahrvolle Unternehmung. Der Doktor und der ſchwarze Sam kehrten einzeln nach der Stadt der Manhattoes zuruͤck, und Jeder er⸗ zaͤhlte eine graͤßliche Geſchichte von der Gefahr, die er ausgeſtanden habe; der arme Wolfert aber ward, ſtatt triumphirend mit Goldſtuͤcken beladen zuruͤckzu⸗ kommen, auf einer Fenſterlade nach Hauſe getragen, von einem bunten Haufen neugieriger Jungen ver⸗ folgt. Seine Gattin und ſeine Tochter ſahen in der Entfernung den traurigen Zug daherkommen, und brachten die Nachbarſchaft durch ihr Geſchrei in Be⸗ wegung, denn ſie glaubten, daß der arme Mann in einem ſeiner wunderlichen Anfaͤlle die große Schuld der Natur ploͤtzlich abgetragen habe. Da ſie ihn indeſſen noch lebend fanden, ſo brachten ſie ihn eilig zu Bett, und eine Jury von alten Frauen aus der Nachbarſchaft verſammelte ſich, um zu beſtimmen, wie er curirt werden ſolle. 372 Die ganze Stadt war itzt von der Geſchichte der Schatzgraͤber voll. Viele begaben ſich auf den Schauplatz der Abenteuer der verwichenen Nacht; obgleich ſie aber wol den Ort fanden, wo gegraben worden war, ſo entdeckten ſie doch nichts, das ſie fuͤr ihre Muͤhe belohnt haͤtte. Einige behaupteten, daß ſie Truͤmmer einer eichenen Kiſte und einen zerbrochenen Topfdeckel gefunden haͤtten, der ſtark nach vergrabenem Gelde gerochen habe, und daß ſie in dem alten Familiengewoͤlbe noch Spuren von Ballen und Kiſten gefunden; Alles dieß iſt aber ſehr zweifelhaft. In der That iſt bis auf dieſen Tag das Ge⸗ heimniß, welches hinter dieſer Geſchichte ſteckt, nie ganz aufgeklaͤrt worden. Ob an dieſem Orte wirk⸗ lich je ein Schatz vergraben worden; ob, wenn dieß der Fall war, die, welche ihn vergraben, ihn in der Nacht wieder weggeholt, oder ob er noch da iſt, und ſo lange von Gnomen und Geiſtern bewacht wird, bis man ihn auf die gehoͤrige Weiſe heben wird: das ſind Alles Vermuthungen. Ich, meines Theils, neige mich zu der letztern Meinung, und zweifle durchaus nicht daran, daß, noch von den Zeiten der Buccaniers und der Hollaͤndiſchen Kolo⸗ niſten her, ſowol dort als in andern Gegenden der Inſel große Schaͤtze verborgen liegen, und ich wuͤrde * — Denjenigen von meinen Mitkbuͤrgern, die ſich in keine andere Spekulationen eingelaſſen haben, ernſt⸗ lich rathen, danach zu ſuchen. So hat man auch allerhand Vermuthungen daruͤber, wer und was der fremde Seemann geweſen ſey, der eine Zeitlang uͤber die kleine Genoſſenſchaft von Corlear's Haken die Oberherrſchaft gefuͤhrt, ſo ſonderbar verſchwun⸗ den und ſo furchtbar wieder zum Vorſchein gekom⸗ men war. Einige behaupteten, es ſey ein Smuggler gewe⸗ ſen, der ſich an dieſem Orte habe aufhalten muͤſſen, um ſeinen Kameraden bei dem ans Land Schaffen ihrer Guͤter zwiſchen den Felsbuchten der Inſel be⸗ huͤlflich zu ſeyn; Andere, daß er einer der alten Kameraden Kidd's oder Bradiſh's ſey, der zuruͤck⸗ gekommen waͤre, um Schaͤtze wegzubringen, welche fruͤher in der Gegend verborgen worden ſeyen. Der einzige Umſtand, welcher ein ſchwaches Licht auf dieſe geheimnißvolle Sache wirft, iſt ein Geruͤcht, welches im Umlauf war, daß man eine unbekannte, fremdartig gebaute Schaluppe, welche das Anſehen eines Kaperſchiffs hatte, mehrere Tage lang in der Neerenge habe umherkreuzen ſehen, ohne daß ſie gelandet ſey oder ſich irgendwo kund gegeben habe, obgleich man des Nachts Boote zu ihr fahren und von ihr kommen geſehen hatte; und daß man ſie, 4 ——— 374 nach der Begebenheit mit den Schatzgraͤbern, in der Morgendaͤmmerung aus der Muͤndung des Ha⸗ fens habe hinwegſegeln ſehen. Ich muß hier auch noch eines andern Geruͤchts gedenken, das aber, wie ich geſtehe, mir ſehr verdaͤchtig vorkommt, daß man naͤmlich den Bucca⸗ nier, den man fuͤr ertrunken gehalten, vor Tages⸗ anbruch mit der Laterne, auf ſeiner großen Schiffs⸗ kiſte reitend, durch das Hoͤllenthor habe abziehen ſehen, das gerade in demſelben Augenblicke mit verdop⸗ pelter Wuth zu bruͤllen und zu toben anfing. Waͤhrend alle Zungen mit Gereden und Geruͤch— ten vollauf zu thun hatten, lag der arme Wolfert krank und betruͤbt in ſeinem Bette, mit zerſchlage⸗ nem Koͤrper und niedergeſchlagenem Gemuͤth. Seine Frau und Tochter thaten Alles, was ſie konnten, ſeine koͤrperlichen und geiſtigen Wunden zu heilen. Die gute Alte wich nicht von ſeinem Bette, wo ſie vom Morgen bis in die Nacht mit ihrem Strick⸗ ſtrumpfe ſaß, waͤhrend ſeine Tochter ſich mit der liebevollſten Sorge um ihn beſchaͤftigte. Auch fehlte es ihnen nicht an fremdem Beiſtande. Was man auch immer behaupten mag, daß Freunde uns in der Noth gern verlaſſen, ſo hatten ſie ſich daruͤber nicht zu beklagen; es gab kein altes Weib in der Nachbarſchaft, das nicht ſeine Arbeit haͤtte liegen 375 laſſen, um nach Wolfert Webber's Wohnung zu ei⸗ len, ſich nach ſeiner Geſundheit und nach dem naͤ⸗ hern Zuſammenhange ſeines Abenteuers zu erkun⸗ digen. Keine kam uͤberdieß ohne ihr kleines Toͤpf⸗ chen mit Poley⸗, Salbey⸗, Balſam⸗ oder anderm Kraͤu⸗ terthee, und freute ſich, eine Gelegenheit zu haben, ihre Freundſchaft und Arzneikunde an den Tag zu legen. Wie wurde nicht der arme Wolfert eingeſalbt, und doch Alles vergebens! Es war ein ruͤhrender Anblick, zu ſehen, wie er ſich taͤglich abzehrte, im⸗ mer magerer und magerer wurde, und immer grau⸗ ſiger und grauſiger ausſah, und mit jaͤmmerlichem Geſicht unter der alten geflickten Decke auf das Geſchwornengericht der Matronen hinſtarrte, das ſich verſammelt hatte, um zu ſeufzen und zu ſtoͤh— nen und ſich ungluͤcklich um ihn zu geberden. Dick Waldron war der einzige Sterbliche, der noch einen Sonnenſchein uͤber dieß Trauerhaus zu verbreiten ſchien. Er kam ſtets mit freundlichem Blick und maͤnnlichem Geiſt, und ſuchte das bre⸗ chende Herz des armen Schatzgraͤbers aufzurichten, allein Alles vergebens. Es war voruͤber mit Wol⸗ fert. Was noch zu fehlen ſchien, ſein Ungluͤck voll zu machen, war, daß, mitten in ſeinen Drangſalen, ihm eine Kundmachung zugefertigt wurde, daß die Ge⸗ 376 meinde die Abſicht habe, eine neue Straße durch —— ſeinen Kohlgarten zu ziehen. Itzt ſah er nichts mehr vor ſich, als Armuth und Untergang— ſeine letzte Stuͤtze, der Garten ſeiner Vorfahren, ſollte eingehen— und was ſollte dann aus ſeiner armen Frau und ſeinem Kinde werden? Thraͤnen traten ihm in die Augen, waͤhrend er eines Morgens der pflicht⸗ ergebenen Amy nachſah, als ſie aus dem Zimmer ging. Dick Waldron ſaß neben ihm: Wolfert er⸗ griff ſeine Hand, zeigte auf ſeine Tochter, und brach, zum erſten Male ſeit ſeiner Krankheit, ſein Schweigen. „Ich fuͤhle, daß ich ſterben werde!'“ ſagte er, in⸗ dem er matt den Kopf ſchuͤttelte:„und wenn ich todt bin— wird meine arme Tochter—* Ueberlaßt ſie mir, Vater! ſagte Dick, maͤnn⸗ lich feſt: ich will fuͤr ſſie ſorgen! Wolfert blickte dem muntern, uekern jungen Manne ins Geſicht, und ſah, daß Niemand beſſer im Stande ſeyn wuͤrde, fuͤr eine Frau zu ſorgen. „Gut,“ ſagte er, ſie ſey Dein!—„und itzt hole mir einen Notar— ich will mein Teſtament ma⸗ chen und dann ſterben!“ Der Notar kam, ein flinker, ruͤhriger, rund- koͤpfiger kleiner Mann— Roorback(oder Rolle⸗ buck, wie man es ausſprach) mit Namen. Bei —— —— ſeinem Anblick brachen die Frauen in laute Klagen aus, denn ſie ſahen die Unterzeichnung eines Te⸗ ſtaments wie die eines Todesurtheils an. Wolfert gab ihnen mit ſchwacher Hand ein Zeichen, ruhig zu ſeyn. Die arme Amy verbarg ihr Geſicht und ihren Kum⸗ mer im Bettvorhange: Frau Webber nahm ihren Strickſtrumpf, um ihren Schmerz zu verbergen, der ſich aber durch eine kleine Thraͤne verrieth, welche ſtill herabrollte, und an der Spitze ihrer gebogenen Naſe hangen blieb, unterdeß die Katze, das einzige unbefangene Mitglied der Familie, mit dem Wol⸗ lenknaͤuel der guten Frau ſpielte, als dieſer auf den Boden hingerollt war. Wolfert lag da, die Nachtmuͤtze uͤber die Stirn gezogen, mit geſchloſſenen Augen, ſein ganzes Ge⸗ ſicht ein Bild des Todes. Er bat den Rechtsge⸗ lehrten, ſich kurz zu faſſen, denn er fuͤhle, ſein Ende nahe Mran, und er habe keine Zeit zu ver⸗ lieren. Der Notar ſpitzte ſeine Feder, legte ſeinen Bogen Papier zurecht, und machte ſich fertig, zu ſchreiben. Ich gebe und vermache— ſagte Wolfert ſchwach, mein kleines Gut— „Was! das ganze Gut?“ ſagte der Rechtsgelehrte. Wolfert oͤffnete die Augen ein wenig, und ſah den Rechtsgelehrten an. 378 Ja, das ganze, ſagte er. „Wie! das ganze große Stuͤck Landes mit den Kohlkoͤpfen und den Sonnenblumen, durch wel⸗ ches die Stadt⸗Gemeinde ſo eben eine Hauptſtraße ziehen will?“ Daſſelbe, ſagte Wolfert, mit einem tiefen Seuf⸗ zer, und indem er auf ſein Kiſſen zuruͤckſank. „Nun, dann wuͤnſche ich Dem Gluͤck, der es erbt!“ ſagte der kleine Notar, indem er kicherte und unwillkuͤhrlich ſich die Haͤnde rieb. Was meint Ihr damit ſagte Wolfert, indem er die Augen wieder aufſchlug. „Daß er einer der reichſten Leute im Orte wer⸗ den wird!“ rief der kleine Rollebuck aus. Der ſterbende Wolfert ſchien von der Graͤnze — des Lebens noch einmal zuruͤckzukehren, ſeine Augen erhellten ſich, er richtete ſich im Bette auf, ſchob ſeine rothe wollene Nachtmuͤtze zuruͤck, und ſah den Notar groß an. Was Ihr ſagt! rief er aus. „Ja, wahrhaftig!“ ſagte der Andere.„Wenn das große Feld und die gewaltige Wieſe erſt in Straßen zerſchnitten, und in huͤbſche Bauplaͤtze ge⸗ theilt ſeyn werden— ja, dann braucht der, dem ſie gehoͤren, nicht vor dem Patron ſeinen Hut ab⸗ zunehmen!“ - ——— —— — 379 Wahrhaftig? rief Wolfert aus, indem er ein Bein halb zum Bett hinausſtreckte: nun, ſo denke ich, will ich mein Teſtament noch nicht machen! Zu Aller Erſtaunen genas der Sterbende wirk⸗ lich. Der Lebensfunke, welcher nur ſchwach noch in der Lampe geglimmt, erhielt neue Nahrung durch das Oel der Freude, welches der kleine Notar in ſeine Seele getraͤufelt hatte. Er loderte wiederum zur Flamme auf. Heilt nur das Herz, wenn ihr den Koͤrper eines Schwermuͤthigen geneſen ma⸗ chen wollt!— Nach einigen Tagen konnte Wol⸗ fert ſchon das Zimmer verlaſſen, und kaum wa⸗ ren noch einige Tage vergangen, ſo war ſein Tiſch ſchon mit Contracten, Straßenplaͤnen und Riſſen zu Bauſtellen bedeckt. Der kleine Rolle⸗ buck war beſtaͤndig bei ihm, ſeine rechte Hand und Rathgeber, und half ihm, ſtatt ſeines Teſtaments, ſein Gluͤck machen. In der That war Wolfert Webber einer von den vielen wuͤrdigen Hollaͤndiſchen Buͤrgern auf Manhattan, die ihr Gluͤck gewiſſermaßen gegen ih⸗ ren Willen gemacht, die hartnaͤckig an ihren ererbten Hufen gehalten, am Ende der Stadt Ruͤben und Kohl gezogen, und ſich damit kaum das Leben ge⸗ friſtet haben, bis die Gemeinde unbarmherziger Weiſe Straßen durch ihre Grundſtuͤcke gezogen hat, 380 und ſie ploͤtzlich aus ihrem Schlummer, und zu ih⸗ rem Erſtaunen, als reiche Leute erwacht ſind! Kaum waren einige Monate verfloſſen, als eine große lebhafte Straße mitten durch den Webberſchen Garten ging, gerade da, wo Wolfert einen Schatz zu finden getraͤumt hatte. Sein goldener Traum 4 war in Erfuͤllung gegangen. Er hatte in der That eine unerwartete Quelle des Reichthums gefunden. Denn, als ſeine vaͤterlichen Laͤndereien in Bauſtellen getheilt und an ſichere Leute verpachtet waren, brach⸗ ten ſie ihm, ſtatt einer elenden Ernte von Kohl⸗ koͤpfen, eine reichliche Ernte von Zinſen ein, ſo daß es, am erſten Tage eines jeden Vierteljahrs, ein ſtattlicher Anblick war, vom Morgen bis zum Abend, ſeine Pachter, Jeden mit einem kleinen rund⸗ baͤuchigen Geldſack, dem goldenen Ertrage ſeines Bo⸗ dens, an ſeine Thuͤr klopfen zu ſehen. 4* Das alte Haus ſeiner Vorfahren behielt er bei: ſtatt des kleinen Hollaͤndiſchen Hauſes mit gelbem Giebel, das in einem Garten geſtanden hatte, ſtand es itzt kecklich da in der Mitte einer Straße, und war eines der anſehnlichſten Haͤuſer in der Gegend, denn Wolfert hatte es, zu beiden Seiten, durch Fluͤgel vergroͤßert, und oben einen Kuppelbau als Thee⸗ zimmer eingerichtet, zu dem er hinaufſteigen, und wo er bei heißem Wetter ſeine Pfeife rauchen konnte; ₰ ————— 7— —— — ——— 381 und mit der Zeit fuͤllte ſich das ganze Haus mit den rothbaͤckigen Sproͤßlingen Amy Webber's und Dick Waldron's an. Als Wolfert alt, reich und fett wurde, ſchaffte er ſich auch eine große, pfefferkuchenfarbene Kutſche an, die von einem Paar ſchwarzer Flandriſcher Stu⸗ ten, mit Schweifen, welche den Boden beruͤhr⸗ ten, gezogen wurde, und nahm, um den Urſprung ſeiner Groͤße zu verewigen, zum Wappen einen aus⸗ gewachſenen Kohlkopf, den er auf die Kutſchthuͤren malen ließ, mit dem bedeutſamen Wahlſpruch: „Alles Kopf“, um anzudeuten, daß er durch dieſe Koͤpfe groß geworden ſey. Um das Maaß ſeiner Groͤße ganz voll zu ma⸗ chen, ſo ging noch zu ſeiner Zeit der beruͤhmte Ramm Napelye heim zu ſeinen Vaͤtern, und Wolfert Web⸗ ber folgte ihm im Beſitz des ledernen Lehnſtuhls in der Schenkſtube auf Corlear's Haken, wo er lange regierte, ſehr geehrt und geachtet, ſo daß er nie eine Geſchichte erzaͤhlte, die man nicht geglaubt, oder einen Scherz machte, den man nicht belacht haͤtte. Gedruckt bei A. W. Schade in Berlin. Deu ckfehker. 8₰ 2 S. 99. 3. 11. v. u. lies abermals ſtatt ebenfalls. S. 241. Z.§. v. u. l. Schaft ſt. Stock. “ “ 2