—— “ veutſher, engliſher und Nkanege. Literatur Eduard ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und Jeſebedingungen. 1. Oftensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ 7 Uhr bis Abends 8 hraiff en. 2. Lesepreis. Bei Nit 5 eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. ines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 4 faution. Ünbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme einos Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe binterlegen⸗ we lche bei deſſen Zurückgabe von mir zuröückerſtattet wird. 1 4. Abonnemont. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wochentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————— Au 1 Monat: 4 W— aif 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 6. Schadenersatz. Für belchmußte zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich b ei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der eſer Vußn Erſatz des Ganzen verpflichtet. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird Lefönrpen darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden ag von Morgens 2 5. Answärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurkckſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 3 8 b ———„ —-— —— Erzaͤhlungen eines Reiſenden. Erſter Band. 2 —xinn Von dem Verf. dieſes Werks ſind folgende Schriften, in Ueberſetzungen von S. H. Spiker, in demſelben Verlage erſchienen: Bracebridge⸗Hall, oder die Charaktere. 2 Baͤnde. 8. 1823. Skizzenbuch von Gottfried Crayon. 2 Bde. 8. (wird nächſtens fertig.) Jonathan Oldſteyle's Briefe. 8. 1824. Erzaͤhlungen eines Reiſenden. Von Washington Irving. Ich bin weder ein Minotaur, noch ein Centaur, noch ein Satyr, noch eine Hyäne, noch ein Pavian, ſondern ein bloßer Reiſender: das glaubt mir nur. Ben Jonſon(Cyntbia's Feſt). Aus dem Engliſchen uͤberſetzt von S. H. Spiker. Er ſier Ban d. ——— Berlin, 5 verlegt bei Duncker und Humblot. 1825. — „ 6 fr Inhalt des Erſten Bandes. — Vorrede des Ueberſetzers. Vorrede des Verfaſſers Erſte Abtheilung. Seltſame Geſchichten von einem nervenſchwachen Herrn. Der große Unbekannte Die Jagdmahlzeit(Einleitung zu den Wanden Erzaͤhlungen). Meines Oheims Abenteuer. Das Abenteuer meiner Baſe Der kecke Dragoner Das Abenteuer des Deutſchen Sundenten Das Abenteuer mit dem geheimnißvollen Bilde (Einleitung zu den folgenden Erzaͤhlungen). 80. Seite Das Abenteuer mit dem geheimnißvollen Fremden 97. Geſchichte des jungen Italiaͤners. 113.* 4 Zweite Abtheilung. Buckthorne und ſeine Freunde. Gelehrten⸗Leben...... 174. Ein gelehrtes Mittagseſſen........ 178. Der Clubb der naͤrriſchen Leute...... 185. Der arme Teufel von Schriftſteller..... 196. . Berühmtheit....... 2439. Der prakkiſche Philoſoph........ 244. 5 Der junge Mann von großen Ausſichten — Vorrede des Ueberſetzers. Dem Publikum ein neues Werk Waſhington Irving's zu uͤbergeben, kann ihm nur einen neuen Genuß verſprechen heißen. Wenn wir aber in dieſem Werke den Verfaſſer in der gan⸗ zen Reinheit ſeiner Gedanken, ſeiner Bilder und ſeiner Sprache wiederfinden, mit der er uns in ſeinen fruͤheren Schriften erſchienen iſt, ſo heißt dieß wohl zugleich auf die angenehmſte Weiſe an das erinnern, was wir ihm bereits zu dan⸗ ken haben. Wer den Verfaſſer aus manchen Ab⸗ ſchnitten in Bracebridge⸗Hall verehren gelernt, und die ungemeine Zartheit bewundert hat, mit der er jedes Lebensverhaͤltniß in Anklang bringt, wird mit Freuden ihn in den Abſchnitten wie⸗ derbegruͤßen, wo er auf eine ſo unnachahmliche Weiſe einem der ſchoͤnſten Gefuͤhle der menſchli⸗ VIII Q—q— chen Bruſt, der Liebe des Kindes zu ſeiner Mutter, ein unvergaͤngliches Denkmal errichtet, und die Erzaͤhlung von Buckthorne's Schickſalen gewiß dem Geiſtreichſten und Wahrſten an die Seite ſetzen, das je aus der Feder des ausge⸗ zeichneten Amerikaners gefloſſen iſt.— Die Man⸗ nigfaltigkeit des Talents, welche wir ſchon an ihm zu bewundern gewoͤhnt ſind, laͤßt uns bald in England, bald in Italien, bald in Amerika verweilen, und Witz und Laune beleben ohne Ausnahme die Schilderungen, zu denen nur ein geiſtreicher Beobachter ſo ſeine Farben waͤhlen kann. Dem Ueberſetzer konnte bei ſeiner neuen Ar⸗ beit keine groͤßere Ermuthigung zu Theil werden, als die freundliche, ja, wenn er ſagen darf, ſchmeichelhafte Art, mit welcher der Verfaſſer ſeine Ueberſetzung von Bracebridge⸗Hall bewill⸗ kommnete. Er hofft, bei dieſem neuen Verſuche ſeinem Urbilde, ſo viel dieß moͤglich iſt, eben ſo nahe geblieben zu ſeyn, als fruͤher, und wird ſich freuen, wenn das Deutſche Publikum eine Ar⸗ beit mit Wohlwollen aufnimmt, die er mit Liebe und nicht ohne Sorgfalt unternommen und voll⸗ endet hat. Vorrede des Verfaſſers. — An den Leſer! Werther und theurer Leſer! Biſt Du je, mitten auf einer angenehmen Reiſe von einer verraͤtheriſchen Krankheit hinter⸗ ruͤcks uͤberfallen, zu Boden geworfen worden und genoͤthigt geweſen, die laͤſtigen Minuten, wie ſie voruͤber gingen, in der Einſamkeit einer Wirths⸗ hausſtube zu zaͤhlen?— Iſt das bei Dir der Fall geweſen, ſo wirſt Du Dich geneigt fuͤhlen, Mitleid mit mir zu empfinden. Denke Dir mich, wie ich in meiner Reiſe an den Ufern des ſchoͤnen X— Rheins hinauf unterbrochen worden, und Unpaͤß⸗ lichkeit halber in der alten Grenzſtadt Mainz liegen bleiben muß! Jede Quelle der Unterhal⸗ tung iſt erſchoͤpft; ich kenne den Ton einer jeden Uhr, die in dieſem Orte ſchlaͤgt, jeder Glocke die gelaͤutet wird; ich weiß, auf die Sekunde, wann ich den erſten Schlag der Preußiſchen Trommel hoͤren werde, welcher die Garniſon zur Parade ruft, oder in welcher Stunde die ent⸗ fernten Toͤne der Oeſterreichiſchen Regimentsmuſik erſchallen werden. Alles dieſes bin ich uͤberdruͤſſig geworden, und ſelbſt der wohlbekannte Tritt mei⸗ nes Arztes, wenn er langſam den Gang herauf⸗ kommt und ſchon das Knarren ſeiner Schuhe die Heilung verkuͤndet, gewaͤhrt mir keine ange⸗ nehme Unterbrechung mehr fuͤr die Einfoͤrmigkeit meines Stubenlebens. Eiine Zeitlang ſuchte ich den Lauf der traͤgen Stunden dadurch zu befluͤgeln, daß ich bei der artigen kleinen Tochter meines Wirths, Katha⸗ rina, Deutſch lernte; allein ich fand bald daß ſelbſt das Deutſche nicht die Kraft beſaß, einem abgeſtumpften Ohre zu ſchmeicheln, und daß das Conjugiren von„ich liebe“ keine Gewalt XI mehr hatte, wie roſig auch die Lippen waren, von denen es kam. Ich verſuchte zu leſen, aber mein Geiſt konnte ſich nicht ſammeln; ich blaͤtterte Band auf Band durch, warf aber alle mit Mißvergnuͤgen weg. Nun gut, ſagte ich am Ende voll Verzweiflung, wenn ich kein Buch leſen kann, ſo will ich eines ſchreiben. Es konnte keinen gluͤcklicheren Ge⸗ danken geben: er verſchaffte mir zu gleicher Zeit Beſchaͤftigung und Unterhaltung.— In alten Zeiten hielt man das Schreiben eines Buches fuͤr ein ſehr muͤhſames und ſchwe⸗ res Unternehmen, ſo daß man die allerunbedeu⸗ tendſte litterariſche Unterſuchung ein„Werk“ nannte, und die Welt mit Scheu und Ehrfurcht von den Arbeiten der Gelehrten ſprach. Alles dieß verſteht man itzt viel beſſer. Dank ſey es den Verbeſſerungen, die man bei allen Arten von Manufaktur eingefuͤhrt hat, die Kunſt des Buͤchermachens iſt auch dem allergewoͤhnlichſten Verſtande zugaͤnglich gemacht worden. Jedermann ſchriftſtellect. Das Zuſammenſchreiben eines Quartbandes iſt ein bloßer Zeitvertreib fuͤr Muͤſ⸗ ſiggaͤnger; ein junger Mann von Erziehung bringt XII ſeine zwei Klein⸗Octavbaͤnde waͤhrend der Jagd⸗ zeit zuſammen, und die junge Dame ſchreibt ihre Reihe von Baͤndchen mit eben der Leichtigkeit, wie. ihre Urgroßmutter ein halbes Dußend Stuhlſitze wirkte. Da ich alſo einmal den Gedanken gefaßt hatte, ein Buch zu ſchreiben, ſo kann der Le⸗ ſer wohl denken, daß die Ausfuͤhrung mir nicht ſchwer ward. Ich durchſuchte meine Mappe, rief mir in Gedanken die fliegenden Materia⸗ lien zuruͤck, die Jemand natuͤrlich auf Rei⸗ ſen ſammelt, und habe ſie hier in dieſem klei⸗ 5* nen Werke zuſammengeſtellt. 4. Da ich weiß, daß wir in einem Erzaͤhlung⸗. ſchreibenden und Erzaͤhlung⸗leſenden Zeitalter le⸗ ben, und daß die Welt ſich gern durch Fabeln belehren laͤßt, ſo habe ich das, was ich Andern beizubringen wuͤnſchte, in eine gewiſſe Anzahl von Erzaͤhlungen eingekleidet. Sie beſitzen viel⸗ leicht nicht das Unterhaltende, was den Erzaͤh⸗. lungen Mancher von meinen Zeitgenoſſen eigen † iſt; allein ich thue mir etwas auf die geſunde Moral zu Gute, welche jede von ihnen enthaͤlt. Dieſe mag Anfangs nicht ſo deutlich hervortre⸗ XIII ten, aber der Leſer wird ſie gewiß am Ende herausfinden. Ich bin dafuͤr, die Welt durch gelinde Arzneimittel, nicht durch heftig wirkende, zu heilen; ja, der Patient ſollte es eigentlich nie wiſſen, daß er ein ſtarkes Mittel genommen hat. Ich habe daruͤber viel aus Erfahrung unter den Haͤnden meines wuͤrdigen Aeskulap in Mainz gelernt. Ich bin demnach nicht fuͤr die unverſchleier⸗ ten Erzaͤhlungen, welche ihre Moral auf der Oberflaͤche tragen, ſo daß ſie Einem in die Au⸗ gen ſchlaͤgt; ſie ſind ganz dazu gemacht, die ekelen Leſer abzuſchrecken. Im Gegentheil habe ich oft die Moral meiner Erzaͤhlungen zu ver⸗ ſtecken, und ſo viel als moͤglich durch Suͤßigkei⸗ ten und Gewuͤrze zu verbergen geſucht, ſo daß, waͤhrend der einfaͤltige Leſer mit offenem Munde einer Geiſter⸗ oder Liebesgeſchichte zuhoͤrt, ihm eine Pille voll geſunder Moral den Schlund hinunterfliegt, und er am Ende den Betrug gar nicht merkt. Da das Publikum immer gern etwas Naͤ⸗ heres uͤber die Quellen erfahren mag, aus de⸗ nen ein Schriftſteller ſeine Erzaͤhlungen ſchoͤpft, XIV ohne Zweifel, um zu wiſſen, wie weit es ſich darauf verlaſſen kann: ſo will ich hier nur be⸗ merken, daß das Abenteuer vom Deutſchen Stu⸗ denten, oder vielmehr der letztere Theil deſſelben auf eine Anekdote gegruͤndet iſt, welche mir, als irgendwo im Franzoͤſiſchen gedruckt, erzaͤhlt worden iſt; auch habe ich ſeit der Zeit gehoͤrt, daß ein Engliſcher Schriftſteller eine ſehr geiſtreiche Er⸗ zaͤhlung darauf gegruͤndet hat. Ich habe indeſſen weder die erſte, noch die zweite je gedruckt erhal⸗ ten koͤnnen. Einige von den Umſtaͤnden in dem Abenteuer mit dem geheimnißvollen Bilde und in der Geſchichte des jungen Italiaͤners, ſind ſchwache Erinnerungen von Anekdoten, die ich ſchon vor einigen Jahren gehoͤrt habe; aus wel⸗ cher Quelle ſie aber kommen moͤgen, weiß ich in der That nicht. Das Abenteuer des jungen Malers unter den Banditen iſt beinah gaͤnzlich aus einer glaubwuͤrdigen, handſchriftlichen Erzaͤh⸗ lung entlehnt. Was die uͤbrigen in dieſem Werke enthalte⸗ nen Erzaͤhlungen, und in der That alle mei⸗ nigen uͤberhaupt betrifft, ſo will ich nur das bemerken— daß ich ein alter Reiſender bin. f 4 — XV Ich habe etwas geleſen, mehr noch geſehen und gehoͤrt, und namentlich ſehr viel getraͤumt. Mein Kopf iſt daher voll von allen moͤg⸗ lichen naͤrriſchen Geſchichten. Auf Reiſen wer⸗ den dieſe verſchiedenartigen Stoffe unter einan⸗ der geruͤttelt, wie die Sachen in einem ſchlecht⸗ gepackten Reiſekoffer, ſo daß, wenn ich einen Gegenſtand herausnehme, ich nicht gleich beſtim⸗ men kann, ob ich davon geleſen, gehoͤrt, oder getraͤumt habe; und ſo weiß ich gewoͤhnlich ſelbſt nicht, was ich von meinen Erzaͤhlungen glauben ſoll. Nachdem ich nun dieß Alles vorausgeſchickt, ſo greife, werther Leſer, mit gutem Appetit, und vor allen Dingen, mit guter Laune nach dem, was Dir hier vorgeſetzt wird. Wenn auch die Erzaͤhlungen, die ich geliefert habe, nicht viel Nutz ſind, ſo wird man ſie wenigſtens nicht zu lang finden, ſo daß Niemand ſich an dem— ſelben Gegenſtande langweilen wird.„Die Mannigfaltigkeit iſt ergetzlich“ ſagt der Dichter. Die Abwechſelung hat immer etwas Angeneh⸗ mes, ſelbſt wenn der Uebergang vom Schlim⸗ men zum Schlimmſten Statt finden ſollte, wie XVI ich es wol in einer Landkutſche gefunden habe, wo es oft hoͤchſt behaglich iſt, ſeine Lage zu veraͤndern und ſich wieder an einem neuen Fleck zerſtoßen zu laſſen. Hôtel de Darmstadt, fruͤher Hôtel de Paris in Mainz, ſonſt Maience genannt. Stets der Deinige 1 Waſhington Irving. —* V Erzaͤhlungen eines Reiſenden. Erſter Band. Seltſame Geſchichten von einem nervenſchwachen Herrn. Noch mehr: man fing einmal'nen Fiſch Nen wunderbaren Fiſch, der hatt' ein Schwert, ein langes, 'ne Pik' am Hals,'ne Flint' am Maul,'ne großze, Und Kaperbrief' vom Herzog von Florenz im Rachen. Kleanthes. Das iſt'ne niederträcht'ge Lüge.— Tony.. Allerdings! Denkt Ihr, ich werde Euch die Wahrheit ſagen? Fletcher's Frau auf einen Monat. Der große Unbekannte. De folgenden Begebenheiten hoͤrte ich von dem⸗ ſelben nervenſchwachen Herrn, der mir die romantiſche Geſchichte ven dem dicken Herrn erzaͤhlte, welche in Bracebridge⸗Hall vorkommt. Es iſt ſehr ſon⸗ derbar, daß, ob ich gleich dort ausdruͤcklich geſagt, daß mir die Geſchichte erzaͤhlt worden iſt, und ſogar den Mann beſchrieben habe, der ſie mir erzaͤhlt hat, man A 2 4 doch durchaus hat haben wollen, daß dieſer Vorfall mir begegnet ſey. Nun kann ich aber betheuern, daß ſich nie irgend eine Begebenheit der Art mit mir zugetragen hat. Ich wuͤrde daraus weiter nichts machen, haͤtte nicht der Verfaſſer von Waverley in der Einleitung zu ſeinem Romane: Peveril vom Pik, zu verſtehn gegeben, daß ich ſelbſt der dicke Herr waͤre. Seit der Zeit bin ich nun mit Fragen und Briefen von Herren, und namentlich von Damen ohne Zahl, beſtuͤrmt worden, um zu erfahren, was ich von dem großen Unbekannten wuͤßte. Alles dieß iſt nun ſehr peinlich. Es iſt, als ob man Jemanden zum großen Looſe Gluͤck wuͤnſchte, der eine Niete gezogen hat: denn ich bin eben ſo begierig, wie jeder Andere, hinter das Geheimniß zu kommen, wer dieſer ſonderbare Mann iſt, deſſen Stimme die ganze Welt erfuͤllt, ohne daß Jemand ſagen koͤnnte, von wannen ſie komme.. Auch mein Freund, der nervenſchwache Herr, der ungemein ſcheu und zuruͤckgezogen iſt, beklagt ſich daruͤber, daß man ihn ſehr beunruhigt habe, weil es in ſeiner Gegend ruchtbar geworden, daß er die⸗ ſer Gluͤckliche ſey. Dieß iſt ſo weit gegangen, daß er in zwei oder drei Landſtaͤdten einen bedeutenden Ruf erlangt, und daß man ihn haͤufig aufgefordert hat, ſich in gelehrten Zirkeln ſehen zu laſſen, und 3& 12 zwar nur deswegen„weil er der Herr ſey, der den Verfaſſer von Waverley erblickt habe.“ * Der arme Mann iſt nun noch zehnmal nerven⸗ ſchwacher geworden, als vorher, ſeitdem er, aus ſo guter Quelle, erfahren hat, wer eigentlich der dicke Herr iſt, und kann es ſich gar nicht vergeben, daß er keinen raſcheren Schritt gethan habe, um ihn or⸗ dentlich zu ſehen. Er hat ſich die groͤßte Muͤhe ge⸗ geben, ſich alles das in das Gedaͤchtniß zuruͤckzu⸗ rufen, was er von dieſem ſtattlichen Manne geſehen hat, und deswegen ſeit der Zeit immer ein wachſa⸗ mes Auge auf alte Herren von mehr als gewoͤhnli⸗ * chem Umfange gehabt, die er in Landkutſchen hat einſteigen ſehen. Alles vergebens! Das, was er von ihm erblickt hat, ſcheint dem ganzen Geſchlecht der dicken Herren eigenthuͤmlich zu ſeyn, und der große Unbekannte bleibt eben ſo unbekannt, als er es bisher war. Nachdem ich dieß alles vorausgeſchickt habe, will ich den nervenſchwachen Herrn ſeine Geſchichten be⸗ ginnen laſſen. — 2 Die Jagdmahlzeit. Ich war einſt bei einer Jagdmahlzeit, die ein wuͤrdiger alter Fuchsjaͤger, ein Baronet, gab, der in ſeinem alten, mit Raben bevöͤlkerten Familien⸗ ſitze, in einer der mittlern Grafſchaften, ein luſtiges Junggeſellenleben fuͤhrte. Er war, in ſeinen jun⸗ gen Tagen, ein eifriger Bewunderer des ſchoͤnen Geſchlechts geweſen; nachdem er aber viel gereiſet war, das Geſchlecht in mehreren Laͤndern mit ausge⸗ zeichnetem Erfolge ſtudirt hatte, und, wie er glaubte, in der Art und Weiſe der Frauen gruͤndlich erfahren und als Meiſter in der Kunſt zu gefallen, zuruͤckge⸗ kehrt. war, hatte er die Kraͤnkung gehabt, von einem jungen, ſo eben aus der Penſion gekommenen Maͤd⸗ chen, welches kaum die Anfangsgruͤnde der Liebe kannte, hinter das Licht gefuͤhrt zu werden. Der Baronet war durch dieſe unglaubliche Nie⸗ derlage ganz zernichtet, zog ſich aus Verdruß von der Welt zuruͤck, begab ſich unter das Regiment ſeiner Haushaͤlterin, und beſchaͤftigte ſich, von nun an, wie ein wahrer Nimrod, nur mit der Fuchs⸗ jagd. Was auch die Dichter dagegen ſagen moͤgen, die Liebe vergeht mit dem Alter, und eine Koppel Jagdhunde kann ſelbſt das Andenken an eine Goͤt⸗ tin aus der Penſion aus dem Herzen eines Man⸗ * nes verdraͤngen. Der Baronet war, als ich ihn ſah, ein ſo luſtiger, behaglicher alter Junggeſelle, als nur je einer den Hunden nachgeritten iſt, und die Liebe, die er einſt fuͤr ein Frauenzimmer empfun⸗ den, hatte ſich itzt uͤber das ganze Geſchlecht ver⸗ breitet, ſo daß es kein huͤbſches Geſicht in der ganzen Gegend umher gab, das nicht ſeinen Antheil daran gehabt haͤtte. Ddie Mahkzeit dauerte bis ſpaͤt Abends, denn da der Wirth keine Dame im Hauſe hatte, die uns in das Theezimmer rufen laſſen konnte, ſo behauptete die Flaſche, ohne den Einſpruch ihres maͤchtigen Feindes, des Theekeſſels, ihre Junggeſellen⸗Herr⸗ ſchaft. Der alte Saal, in welchem wir ſpeiſten, hallte von den Ausbruͤchen der kraͤftigen Fuchsjaͤger⸗ Laune wieder, daß die alten Hirſchgeweihe an den Mauern bebten. Nach und nach fing jedoch der Wein und das Wohlleben an, auf die durch die Jagd ſchon etwas abgeſpannten Koͤrper zu wirken. Die leben⸗ digen Geiſter, welche zu Anfang des Mahles auf⸗ geflammt hatten, flimmerten noch eine Zeit lang, und gingen dann, einer nach dem andern, aus, oder gaben nur dann und wann noch einen ſchwachen Schein von ſich. Einige der ruͤſtigſten Sprecher, welche bei dem erſten Anlauf ſo wacker die Zunge geruͤhrt, ſchliefen feſt ein, und es hielten nur einige von den 8 ——OO—C—Q—— langathmigen Rednern aus, die wie kurzbeinige Jagd⸗ hunde, ohne bemerkt zu werden, im Geſpraͤche mit⸗ laufen und immer mit dabei ſind, wenn das Wild verendet. Aber ſelbſt dieſe wurden am Ende ſtill, und man hoͤrte beinahe nichts weiter, als die Naſentoͤne zweier oder dreier alter Eſſer, die, da ſie, waͤhrend ihres Wachens, ſtill geweſen waren, itzt bei ihrem Schlafe die Geſellſchaft dafuͤr entſchaͤdigten. Endlich erweckte die Nachricht, daß der Thee und Kaffee in dem Cederzimmer aufgetragen ſey, Al⸗ les aus dieſer einſtweiligen Betaͤubung. Jeder er⸗ hob ſich, wunderbar geſtaͤrkt, und begann nun, waͤhrend er den erfriſchenden Trank aus des Baronets altmodiſchem, vaͤterlichem Porzellane ſchluͤrfte, daran zu denken, ſich auf den Heimweg zu machen. Hier trat aber ploͤtzlich ein Hinderniß entgegen. Waͤh⸗ rend wir bei unſerm Mahle geſeſſen, hatte ein ge⸗ waltiges Winterunwetter ſich erhoben, von Schnee, Regen und Schlacken begleitet, wozu ein ſo ſchnei⸗ dender Wind kam, daß es Einen bis auf die Kno⸗ chen zu durchſchauern drohte. „Es iſt gar nicht daran zu denken,“ ſagte unſer gaſtfreundliche Wirth,„in ſolchem Wetter ſich hin⸗ aus zu machen. Die Herren werden alſo, wenig⸗ ſtens fuͤr dieſe Nacht, meine Gaͤſte bleiben, und ich werde Anſtalt zu ihrem Unterkommen treffen laſſen.” — Das ungeſtuͤme Wetter, welches immer ſtuͤrmi⸗ ſcher wurde, machte das gaſtfreundſchaftliche Aner⸗ bieten unablehnbar. Die einzige Frage war, ob nicht eine ſo unerwartete Vermehrung der Geſell⸗ ſchaft in einem ſchon uͤberfuͤllten Hauſe die Haus⸗ haͤlterin in Verlegenheit ſetzen wuͤrde*), wie ſie Alle unterbringen wolle. „Bah!“ ſagte der Wirth:„wißt Ihr nicht, daß eines Junggeſellen Haus elaſtiſch iſt, und zweimal ſo viel Leute beherbergen kann, als eigentlich hinein gehen?“ Aus gutmuͤthigem Eigenſinn wurde al⸗ ſo die Haushaͤlterin zu einer Birathung vor uns alle vorgeladen. Die alte Dame erſchien in ihrem Staatskleide von verſchoſſenem Brokat, das von lauter Erregung und Bewegung rauſchte, denn, un⸗ ſers Wirthes Prahlerei ungeachtet, war ſie doch ein wenig in Verlegenheit. Solche Sachen machen ſich indeſſen in eines Junggeſellen Hauſe und mit Gaͤ⸗ ſten, die Junggeſellen ſind, ſehr leicht. Die Frau vom Hauſe kann, ohne große Bedenklichkeiten dabei zu haben, Maͤnner in abgelegenen Winkeln und Kammern un⸗ terbringen und die Bloͤßen des Hauſes ſichtbar wer⸗ den laſſen. Die Haushaͤlterin eines Junggeſellen iſt * ⸗) Put her to her trumps, wörtlich: ſie auf ihre Trüm⸗ pfe zurückbringen. Sp. uͤberdieß ſchon an Aushuͤlfen und unvorhergeſehene Faͤlle gewoͤhnt, und ſo kam dann, nach vielem Hin⸗ und Herlaufen und manchen Berathſchlagungen uͤber das rothe Zimmer, und das blaue Zimmer, und das Damaſtzimmer, und das kleine Zimmer mit dem Erkerfenſter, die Sache endlich in Ordnung. Als alles dieß geſchehen war, wurden wir aber⸗ mals zu der Hauptvergnuͤgung auf dem Lande, zum Eſſen, entboten. Der Zwiſchenraum nach Tiſche, der unter dem Schlummern und der Erfriſchung und Berathung im Cederzimmer vergangen war, ſchien, nach der Anſicht des hochgeroͤtheten Haushofmei⸗ ſters, hinlaͤnglich, um eine angemeſſene Eßluſt zum Abendeſſen zu erwecken. Es war daher ein leichtes Mahl aus den Ueberbleibſeln der Mittagsmahlzeit zuſammengebracht worden, welches aus einem kalten Rinderbraten, gehacktem Wildpret, einer geroͤſteten Truthahnskeule, oder dergleichen, und einigen weni⸗ gen andern leichten Dingen beſtand, welche die Herren vom Lande zu ſich zu nehmen pflegen, um feſt zu ſchlafen und recht ordentlich zu ſchnarchen. Das Schlaͤſchen nach Tiſche hatte den Witz der ganzen Geſellſchaft wieder belebt, und eine Menge trefflicher Einfaͤlle uͤber die Verlegenheit des Wirths und ſeiner Haushaͤlterin wurden von einigen verhei⸗ ratheten Herren aus der Geſellſchaft zu Tage ge⸗ 11 bracht, welche ein Recht zu haben glaubten, ſich uͤber die Haushaltung eines Junggeſellen luſtig zu machen. Von da aus wandte ſich der Scherz auf das Unterkommen, das ein Jeder finden wuͤrde, da er ſo ploͤtzlich in einem ſo alten Hauſe einquartiert werden ſollte. „Bei meiner Seele“, ſagte ein iriſcher Drago⸗ nerhauptmann, einer von den luſtigſten und laͤr⸗ mendſten aus der Geſellſchaft:„bei meiner Seele, ich wuͤrde mich gar nicht wundern, wenn einige von den ſtattlich ausſehenden Herrſchaften, die da an den Waͤnden umher hangen, in dieſer ſtuͤrmi⸗ ſchen Nacht unherzuwandeln anfingen, oder wenn der Geiſt einer dieſer Damen mit den langen Taillen, ſtatt in ihr Grab auf dem Kirchhofe, in mein Bett einkehrte.“ Glauben Sie denn an Geiſter? ſagte ein ma⸗ gerer, zerriſſen ausſehender Herr, mit hervorragen⸗ den Augen, wie ein Hummer. Schon bei Tiſche war mir dieſer Mann aufge⸗ fallen, weil er einer jener unaufhoͤrlichen Frager war, die einen verzehrenden, ungeſunden Appetit bei der Unterhaltung verrathen. Er ſchien nie mit ei⸗ ner Geſchichte zufrieden, lachte nie, wenn Andere lachten, ſondern bekrittelte immer noch den Scherz. Er konnte nie ſich am Kern einer Nuß freuen, ſon⸗ dern quaͤlte ſich immer ab, um noch mehr aus der Schale herauszubringen. Sie glauben alſo an Geiſter? ſagte der frageluſtige Herr. „Das will ich meinen,“ erwiederte der luſtige Ir⸗ laͤnder.„Ich bin in der Furcht und dem Glauben daran aufgewachſen. Wir hatten einen Benſhee in unſerer eigenen Familie, Liebſter*).”» Einen Benſhee, was iſt das?— rief der Fra⸗ ger aus. „Nun, der Geiſt einer alten Dame, welche alle unſere aͤchten mileſiſchen Familien*n) umſchwebt, und an ihren Fenſtern erſcheint, ſobald Jemand daraus ſterben ſoll.“ Eine angenehme Nachricht! rief ein. ültlicher Herr mit einem ſchlauen Blick und einer bewegli⸗ chen Naſe, der er eine ſehr launige Kruͤmmung ge⸗ ben konnte, wenn er ſchalkhaft ſeyn wollte. „Bei meiner Seele, Sie muͤſſen wiſſen, daß es eine Art von Auszeichnung iſt, wenn Einem ein Benſhee erſcheint. Das iſt ein Beweis, daß man f *) Honey(Honig), wie im Originale ſteht, ein allge⸗ meines Schmeichelwort der Irländer. Ueberſ. ) Mileſiſche Familien nennen ſich in Irland die, welche von den Mileſiern abzuſtammen behaupren, die mit den alten Phöniciern lange Zeit vor C. G. nach Irland einge⸗ wandert ſeyn ſollen. Sie haben meiſtens ein O' oder Mac vor ihren Namen. Ueberſ. ‿ 2 13 aͤchtes Blut in ſeinen Adern hat. Aber wahrhaf⸗ tig, da wir gerade von Geiſtern reden, ich glaube nicht, daß es ein Haus, oder eine Nacht giebt, die ſich beſſer dazu paßte, ein Geiſterabenteuer zu er⸗ leben. Giebt es kein Zimmer bei Ihnen, Sir John, worin es ſpukt, und das ein Gaſt bekom⸗ men koͤnnte?“ Vielleicht, ſagte der Baronet laͤchelnd: kann ich Ihnen auch damit aufwarten. „O, das moͤchte ich vor allen Dingen haben, lie— ber Schatz. So ein finſteres, mit Eichenholz aus⸗ getaͤfeltes Zimmer, mit haͤßlichen, jaͤmmerlich aus⸗ ſehenden Bildern, die Einen graunvoll anſtarren, und von denen die Haushaͤlterin eine Menge herr⸗ licher Geſchichten von Liebe und Mord zu erzaͤhlen weiß. Und dann eine duͤſter brennende Lampe, ei⸗ nen Tiſch mit einem roſtigen Schwerte darauf und ein weißes Geſpenſt, das um Mitdarnacht Einem die Bettvorhaͤnge aus einander reißt.— Wahrhaftig, ſagte ein alter Herr an einem Ende des Tiſches: Sie erinnern mich da an eine Anek⸗ dote— O! eine Geiſtergeſchichte! eine Geineen ſcholl es rings um den Tiſch; und Jeder ruͤckte ſei⸗ nen Stuhl etwas naͤher. Die Aufmerkſamkeit der ganzen Geſellſchaft war itzt auf den Sprecher gerichtet. Es war ein alter Herr, mit einem Geſichte, das zwei ganz ungleiche Haͤlften hatte. Auf der einen hing das Augenlied 4 herab, wie eine ausgehaͤngte Fenſterlade. Ueberhaupt war dieſe ganze Seite ſeines Kopfes in einem ver⸗ fallenen Zuſtande und gleich dem Fluͤgel eines Hau⸗ ſes, der verſchloſſen iſt und worin es umgeht. Ich bin uͤberzeugt, die Seite war voll von Geiſterge⸗ ſchichten. Man verlangte allgemein die Erzaͤhlung. „Aber,“ ſagte der alte Herr:„es iſt eine bloße Anekdote, und noch dazu eine ſehr gewöhnliche: Sie ſollen ſie indeſſen hoͤren, wie ſie iſt. Ich habe ſie mei⸗ nen Oheim einmal als etwas erzaͤhlen hoͤren, das ihm ſelbſt begegnet ſey. Er war ein Mann, der manche ſonderbare Abenteuer gehabt hatte. Ich habe ihn wol noch ſeltſamere erzaͤhlen hoͤren.“ Was fuͤr eine Art von Mann war Ihr Oheim? ſagte der fragende Herr..— 3 „Er war ein trockener, ſchlauer Menſch, der ſehr 5 reiſet war und gern von ſeinen Abenteuern r Wie alt mochte er wol ſeyn, als ſich dieß zutrug? Als was ſich zutrug? rief der Herr mit der beweglichen Naſe ungeduldig aus. Ach, Sie haben * — 15 noch keiner Sache Zeit gelaſſen, ſich zuzutragen. Laſſen wir des Oheims Alter in Ruhe und hoͤren wir ſein Abenteuer. Der fragende Herr war hiemit auf einen Au⸗ genblick zum Schweigen gebracht, und der alte Herr mit dem Geſpenſterkopfe begann nun folgender⸗ maßen. Meines Oheims Abenteuer. Vor vielen Jahren und einige Zeit vor der franzoͤſiſchen Revolution hatte mein Oheim mehrere Monate in Paris zugebracht. Die Englaͤnder und Franzoſen lebten damals auf beſſerem Fuße als itzt, und ſahen ſich haͤufig in Geſellſchaft. Die Englaͤn⸗ der reiſeten noch, um Geld zu verzehren, und die Franzoſen waren ihnen dazu immer gern behuͤlflich; itzt aber reiſen ſie, um Geld zu ſparen und behelfen ſich ohne die Franzoſen. Vielleicht gab es damals we⸗ niger und ausgeſuchtere Engliſche Reiſende, als itzt, wo das ganze Volk aufgebrochen iſt und das Feſt land uͤberſchwemmt hat. Auf jeden Fall a wegten ſie ſich mehr und leichter in fremder ſellſchaft, und mein Oheim machte, waͤhrend ſeines Aufenthaltes in Paris, manche ſehr vertraute Be⸗ kanntſchaft unter dem Franzoͤſiſchen Adel. 16 Einige Zeit darauf machte er, im Winter, eine Reiſe in dem Theile der Normandie, welcher das pays de Caux genannt wird. Der Abend brach ſo eben ein, als er die Thuͤrme eines alten Schloſ⸗ ſes uͤber die Baͤume des, mit einer Mauer um⸗ gebenen, Parks hervorragen ſah, und jeder Thurm, mit ſeinem hohen kegelfoͤrmigen Dache, hatte das Anſehen eines Lichts mit ſeinem Daͤmpfer darauf. Wem gehoͤrt dieß Schloß, mein Freund? ſagte mein Oheim zu einem magern, aber feurigen Po⸗ ſtillion, der mit furchtbaren Courierſtiefeln und drei⸗ eckigem Hute vor ihm her trabte. Dem Herrn Marquis von— ſagte der Po⸗ ſtillion, und faßte dabei an ſeinen Hut, theils aus Ehrerbietung gegen meinen Oheim, theils aus Ach⸗ tung gegen den edlen Namen, den er ausſprach. Mein Oheim erinnerte ſich, den Marquis in Paris ganz beſonders gut gekannt zu haben, und daß dieſer oft den Wunſch geaͤußert hatte, ihn ein⸗ mal auf ſeinem vaͤterlichen Schloſſe zu ſehen. Mein war ein alter Reiſender und wußte Dinge zut zu benutzen. Er bedachte einige Augen⸗ te lang, wie angenehm es ſeinem Freunde, dem Marquis, ſeyn duͤrfte, wenn er auf eine ſo freund⸗ liche Weiſe durch einen unvermutheten Beſuch uͤber⸗ raſcht wuͤrde, und wie es ihm ſelbſt ungleich ange⸗ 17 naeehmer ſeyn wuͤrde, in einem Schloſſe ein gutes Unterkommen zu finden, des Marquis wohlbekannte Kuͤche zu genießen und von ſeinem trefflichen Cham⸗ pagner und Burgunder zu koſten, als in dem Gaſt⸗ hofe einer Landſtadt ſchlecht zu wohnen und ſchlecht zu eſſen. Nach einigen Minuten knallte daher der magere Poſtillion mit ſeiner Peitſche, wie der Teu⸗ fel, oder wie ein wahrer Franzoſe, die lange Allee hinunter, welche zum Schloſſe fuͤhrte. Wahrſcheinlich haben Sie Alle Franzoͤſiſche Schlöſ⸗ ſer geſehen, da itzt Jedermann in Frankreich reiſet. Dieß war eines der aͤlteſten; es ſtand frei und al⸗ lein in einer Wuͤſte von Kiesgaͤngen und kalten ſtei⸗ nernen Terraſſen, hatte einen kalt ausſehenden foͤrm⸗ lichen Garten, deſſen Beete in Winkel und Rauten geſchnitten waren, einen kalten, blaͤtterloſen Park, der geometriſch mit geraden Alleen durchſchnitten war, zwei oder drei kalt ausſehende naſeloſe Bildſaͤulen, und Springbrunnen, aus denen ſo viel kaltes Waſ⸗ ſer ſtroͤmte, daß Einem die Zaͤhne haͤtten klappern moͤgen. Dieß war wenigſtens das Gefuͤhl, w mein Oheim bei ſeinem Beſuche an einem W tage dabei empfand. Bei warmen Sommerm mochte es hier ſo heiß ſeyn, daß Einem die Augen haͤtten ausgluͤhen moͤgen. Das Knallen der Peitſche des Poſtillions, das . 18 immer lauter wurde, je naͤher die Reiſenden kamen, machte, daß ein Schwarm Tauben aus dem Tau⸗ benſchlage und die Raben aus dem Dache flogen, und endlich ein Schwarm von Dienern, den Mar⸗ quis an ihrer Spitze, aus dem Schloſſe ſuͤrzte. Er war entzuͤckt, meinen Oheim zu ſehen, denn ſein Schloß hatte, wie das Haus unſeres wuͤrdi⸗ gen Wirths, gerade ſoviel Gaͤſte, als es faſſen konnte, und ſo kuͤßte er meinen Oheim auf beide Backen, nach franzoͤſiſcher Weiſe, und fuͤhrte ihn in das Schloß. Der Marquis machte, mit der ſeinem Vater⸗ lande eigenthuͤmlichen Feinheit, den Wirth. In der That war er auf ſein altes Familienſchloß ſtolz, wovon ein Theil wirklich ſehr alt war. Ein Thurm und eine Kapelle darin waren beinahe vor Menſchenge⸗ denken erbaut, das Uebrige war etwas neuerer Bau⸗ art, da das Schloß waͤhrend der Kriege der Ligue beinahe ganz zerſtoͤrt worden war. Der Marquis verweilte bei dieſer Begebenheit mit großer Selbſt⸗ ger ſamkeit, und ſchien gewiſſermaßen ein Gefuͤhl Dankbarkeit gegen Heinrich den Vierten zu 1, daß er ſeinen vaͤterlichen Sitz der Ehre fuͤr werth gehalten habe, in den Grund geſchoſſen zu werden. Er wußte von der Tapferkeit ſeiner Vor⸗ fahren gar Manches zu erzaͤhlen, und zeigte mehrere * ** ** 19 Blechkappen, Helme, Armbruͤſte und allerhand ge⸗ waltige Stiefeln und Waͤmſer von Buͤffelleder vor, welche die Ligiſten getragen hatten. Vor allen aber zeichnete ſich ein doppelhaͤndiges Schwert aus, wel⸗ ches er kaum aufheben konnte, das er aber vorwies, als einen Beweis, daß es Rieſen in ſeiner Familie gegeben habe⸗ In der That war er nur ein ſehr winziger Nachkomme ſo großer Krieger. Wenn man ihre gewaltigen Geſichter und ihre ſtarken Glieder be⸗ trachtete, wie ſie auf ihren Bildern abgemahlt wa⸗ ren und dann den kleinen Marquis, mit ſeinen Spindelbeinen und ſeinem gelben Laternengeſichte, anſah, mit einem Paar gepuderten Ohrenlocken, oder Taubenfluͤgeln, daran, welche mit jenen davon fliegen zu wollen ſchienen, ſo konnte man ſich kaum davon uͤberzeugen, daß er von demſelben Stamme ſey. Sah man aber ſeine Augen an, die zu bei⸗ den Seiten ſeiner gebogenen Naſe wie die eines Schroͤters hervorblitzten, ſo bemerkte man ſogleich, daß er ganz den Feuergeiſt ſeiner Vorfahren erbt hatte. In der That verraucht ſich der Gei Franzoſen nie, wie auch ſein Koͤrper zuſamme 2 ſchrumpfen mag. Er verdichtet ſich eher und wird entzuͤndlicher, je nachdem die irdiſchen Theile verſchwin⸗ den, und ich habe oft in einem kleinen muthigen 20 franzoͤſiſchen Zwerge ſo viel Herzhaftigkeit gefun⸗ den, daß man einen leidlichen Rieſen damit haͤtte verſehen koͤnnen. Wenn der Marquis, wie er zu thun pflegte, einen der alten Helme aufſetzte, welche in ſeinem Ritterſaale hingen, ſo blitzten, obgleich ſein Kopf ihn eben ſo wenig ausfuͤllte, als eine trockne Erbſe ihre Schote, ſeine Augen aus dem Grunde der eiſernen Hoͤhle wie Karfunkel hervor, und wenn er das gewichtige zweihaͤndige Schwert ſeiner Vorfahren in der Hand wog, ſd haͤtte man glau⸗ ben ſollen, man ſaͤhe den tapfern kleinen David vor ſich, wie er Goliath's Schwert ſchwingt, welches wie ein Weberbaum fuͤr ihn war. Ich bemerke indeß, meine Herren, daß ich zu lange bei der Schilderung des Marquis und ſeines Schloſſes verweile; Sie muͤſſen mich jedoch ent⸗ ſchuldigen; er war ein alter Freund meines Oheims, und ſo oft mein Oheim die Geſchichte erzaͤhlte, ſprach er auch gern ſehr viel von ſeinem Wirth.— Der ne Marquis! er gehoͤrte zu dem Haͤuflein er Hofleute, welche die Sache ihres Herr⸗ ſchers, mit ſo großer aber erfolgloſer Hingebung, in dem Schloſſe der Tuilerien gegen den einbrechen⸗ den Poͤbel an dem ungluͤcklichen zehnten Auguſt vertheidigten. Er hielt ſich tapfer bis zuletzt, wie ein wackerer franzoͤſiſcher Ritter, ſchwang ſeinen kleinen Galanteriedegen mit einem ga-ca gegen eine ganze Legion von Sansculotten, wurde aber von einer Poiſſarde mit einer Pike wie ein Schmet⸗ terling an die Wand geſpießt, und ſeine heldenmuͤ⸗ thige Seele erhob ſich auf ſeinen Taubenfluͤgeln zum Himmel. Alles dieß hat indeß nichts mit meiner Geſchichte zu thun. Alſo zur Sache. Als die Stunde heran⸗ ruͤckte, wo man ſich zur Ruhe begeben ſollte, ward mein Oheim in ſein Zimmer gefuͤhrt, welches in einem alten Thurme befindlich war. Dieß war der aͤlteſte Theil des Schloſſes und in alten Zeiten das donjon oder Verließ geweſen; natuͤrlich war alſo das Zimmer keines von den beſten. Der Mar⸗ quis hatte es ihm indeſſen anweiſen laſſen, theils, weil er wußte, daß er ein Reiſender von Geſchmack war und die Alterthuͤmer liebte, theils, weil die beſſeren Zimmer bereits beſetzt waren. Auch wußte er meinen Oheim bald vollkommen mit ſeiner Woh⸗ nung auszuſoͤhnen, indem er ihm die großen Leute nannte, welche ſie einſt inne gehabt, und welche ſaͤmmtlich, auf eine oder die andere Weiſe, in Ver⸗ bindung mit der Familie geſtanden hatten. Seiner Ausſage nach war Johann Baliol, oder, wie er ihn nannte, Jean de Bailleul, in dieſem ſelben „ Zimmer vor Kummer geſtorben, als er die Nach⸗ richt von dem Siege ſeines Nebenbuhlers, Robert Bruce, in der Schlacht von Bannockburn, er⸗ halten*). Und als er hinzufuͤgte, daß der Herzog von Guiſe darin geſchlafen habe, ſo haͤtte ſich mein Oheim beinahe Gluͤck gewuͤnſcht, daß ihm die Ehre widerfuͤhre, eine ſo vornehme Wohnung zu erhalten. Die Nacht war ſcharf und windig, und das Zimmer nichts weniger als warm. Ein alter Be⸗ dienter mit langem Leibe und langem Geſicht in ſtei⸗ fer auffallender Livree, welcher meinen Oheim be⸗ diente, warf einen Armvoll Holz neben den Ka⸗ min hin, einen ſonderbaren Blick im Zimmer um⸗ her, und wuͤnſchte ihm dann angenehme Ruhe, mit einem Geſicht und einem Achſelzucken, das bei jedem Andern, als bei einem alten franzoͤſi⸗ *¹) Sowohl Valiol als Bruce waren aus vornehmen ſchottiſchen Familien, und machten nach dem Tode der Mar⸗ garethe, Tochter Alepander III. Königs von Schottland, Anſpruch auf die ſchottiſche Krone(1291). Eduard I. König von England, der zum Schiedsrichter in dieſer An⸗ gelegenheit aufgerufen wurde, erklärte ſich für Baliol, nanhm aber ſpäterhin Schottland ſelbſt in Beſitz, ließ Ba⸗ liol einkerkern und gab ihm erſt nach einer zweijährigen Gefangenſchaft ſeine Freiheit wieder, worauf dieſer ſich nach Frankreich zurückzog und dort ſtarb.— Der Sieger bei Bannockburn über Eduard II.(25. Jun. 1314) war der jüngere Bruce, Sohn des Nebenbuhlers Baliol's. Ueberſ. . 23 ſchen Bedienten, hoͤchſt verdaͤchtig ausgeſehen haben wuͤrde. Das Zimmer hatte allerdings ein wildes, ver⸗ fallenes Anſehen, das Jeden, der Romane geleſen hatte, mit Furcht und Ahnung erfuͤllen mußte. Die Fenſter waren hoch und ſchmal, und waren einſt Schießſcharten geweſen; man hatte ſie indeß, ſo viel es die ungeheure Dicke der Mauern hatte er⸗ lauben wollen, ganz roh erweitert, und die ſchlecht paſſenden Fenſterfluͤgel klapperten bei jedem Wind⸗ ſtoß. In einer windigen Nacht wuͤrde man ge⸗ glaubt haben, einen der alten Ligiſten in ſeinen ge⸗ waltigen Stiefeln und klirrenden Sporn im Zim⸗ mer umherſtampfen und raſſeln zu hoͤren. Eine Thuͤr, welche nicht ſchloß, und, wie eine wahre fran⸗ zoͤſiſche Thuͤr, aller Vernunft und allen Anſtrengungen zum Trotze, nicht ſchließen wollte, ging auf einen langen dunkeln Gang hinaus, der Gott weiß wo⸗ hin fuͤhrte, und eben dazu gemacht zu ſeyn ſchien, daß Geiſter, wenn ſie um Mitternacht aus ihren Graͤ⸗ bern kaͤmen, ſich darin eine Bewegung machen koͤnnten. Der Wind pflegte in dieſem Gange ein dumpfes Geſauſe und die Thuͤr hin und her knar⸗ ren zu machen, als bedenke ſich irgend ein Geiſt, ob er hereintreten ſolle oder nicht. Mit einem Worte, das Zimmer war gerade von der un⸗ heimlichen Art, daß ein Geiſt, wenn es deren im Schloſſe gab, es ſich zu ſeinem Lieblings⸗Erho⸗ lungsplatz waͤhlen mußte. Mein Oheim, ein Mann, der ſonſt wol an ſonderbare Abenteuer gewoͤhnt war, ahnte damals keines. Er machte mehrere Verſuche, die Thuͤr zu⸗ zudruͤcken, aber vergebens. Nicht, daß er irgend etwas gefuͤrchtet haͤtte, denn er war ein zu alter Reiſender, als daß ihm ein ſchauerlich ausſehendes Zimmer haͤtte einen Schrecken einjagen ſollen, aber die Nacht war, wie ich geſagt habe, kalt und win⸗ dig, der Sturm heulte um den alten Thurm beinahe eben ſo, wie in dieſem Augenblicke um dieß alte Haus, und der Zug aus dem langen, finſtern Gange blies ſo feucht und kalt herein, als ob er aus einem Gefaͤngniß kaͤme. Da mein Oheim alſo die Thuͤr nicht zumachen konnte, ſo warf er eine Menge Holz in den Kamin, daß bald eine große Flamme aufloderte, die das ganze Zimmer erhellte und den Schatten der Feuerzange auf der Wand ge⸗ genuͤber wie einen langbeinigen Rieſen erſcheinen ließ. Mein Oheim erklomm nun den Gipfel eines halben Dutzends von Matrazzen, die gewoͤhnlich ein franzoͤſiſches Bett bilden, und welche in einer tiefen Niſche aufgethuͤrmt waren, wickelte ſich feſt ein, begrub ſich bis an das Kinn in die Betttuͤcher, und lag —, — 25 lag nun ſo da, ſah nach dem Feuer, dachte daran, wie er von ſeinem Freunde, dem Marquis, ſo liſtig ein Nachtquartier erhalten— und ſchlief endlich ein. Er mochte noch nicht die Haͤlfte ſeines erſten Schlafes genoſſen haben, als er durch die Schloß⸗ uhr erweckt wurde, die in dem Thurme uͤber ſei⸗ nem Zimmer befindlich war, und Zwoͤlf ſchlug. Dieß war gerade ſo eine alte Uhr, wie ſie Geiſter gern haben. Sie hatte einen tiefen, ſchauerlichen Ton und ſchlug ſo langſam und langweilig, daß mein Oheim glaubte, ſie wuͤrde nie aufhoͤren. Er zaͤhlte und zaͤhlte, bis er uͤberzeugt war, er habe Dreizehn gezaͤhlt; dann hielt ſie inne. Das Feuer war herabgebrannt und das Holz beinahe ausgeglimmt; es gab nur noch eine ſchwache blaue Flamme von ſich, die zuweilen in kleine weiße Spitzen aufloderte. Mein Oheim lag mit halbge⸗ ſchloſſenen Augen da, die Nachtmuͤtze beinahe bis auf die Naſe gezogen. Seine Einbildungskraft war bereits auf Abwegen, und begann den gegenwaͤrtigen Schauplatz mit dem Krater des Veſuv, der Fran⸗ zoͤſiſchen Oper, dem Coliſeum in Rom, Dolly's Garkuͤche in London*) und all' dem Gewirr von — ⸗) S. Quintin Dugpard, Thl. 1. S. 8. d. Einl. Ueberſ. I. B 26 bekannten Orten, womit der Kopf eines Reiſenden angefuͤllt iſt, zu vermiſchen;— kurz, er war im Begriff, einzuſchlafen. Ploͤtzlich ward er durch den Schall von Fuß⸗ tritten erweckt, welche langſam auf dem Gange her⸗ zukommen ſchienen. Mein Oheim war, wie ich ihn oft habe von ſich ſagen hoͤren, kein Mann, der ſich ſo leicht ſchrecken ließ. Er lag alſo ſtill, und glaubte, es ſey irgend ein anderer Gaſt oder ein Bedienter, der zu Bett ginge. Die Fußtritte kamen indeß naͤher, die Thuͤr oͤffnete ſich langſam, ob von ſelbſt, oder ob von außem geoͤffnet, konnte mein HOheim nicht unterſcheiden; und eine weiße weibliche Geſtalt ſchwebte herein. Sie ging nach dem Kamin hin, ohne meinen Oheim anzuſehen, der ſeine Nacht⸗ muͤtze mit der einen Hand in die Höhe ruͤckte, und ſie ſtarr anblickte. Sie blieb eine Zeitlang vor dem Feuer ſtehen, das von Zeit zu Zeit aufloderte und blaue und weiße Flammen von ſich gab, ſo daß mein Oheim die Geſtalt ganz genau ſehen konnte.— Ihr Geſicht war geiſterbleich, und wurde es vielleicht noch mehr durch das blaͤuliche Licht des Feuers. Es war ſchoͤn, aber die Schoͤnheit trug das Gepraͤge der Sorge und Bekuͤmmerniß. Es war der Blick Jemandes, der an Ungluͤck gewoͤhnt 27 iſt, den aber das Ungluͤck nicht niederzuſchlagen oder zu uͤberwaͤltigen vermag: denn es lag noch das Ge⸗ bietende ſtolzer, unbeſiegbarer Entſchloſſenheit darin. Dieß war wenigſtens die Meinung meines Oheims, und er hielt ſich fuͤr einen großen Phyſiognomen. Die Geſtalt blieb, wie ich geſagt habe, eine Zeitlang vor dem Feuer ſtehen, ſtreckte dann eine Hand, ſodann die andere aus, dann auch die Fuͤße nach einander, als ob ſie ſich waͤrme: denn Geſpenſter, — und dieſes war doch wol wirklich eines— friert ge⸗ woͤhnlich. Mein Oheim bemerkte weiter, daß ſie Schuhe mit hohen Abſaͤtzen, nach alter Mode, nebſt Schnallen mit unaͤchten oder aͤchten Steinen trug, die blitzten, als ob ſie wirklich vorhanden waͤren. Endlich wandte ſich die Geſtalt langſam, warf ei⸗ nen hohlen Blick in das Zimmer, der, als er uͤber meinen Oheim wegſtreifte, alles Blut in ſeinen Adern ſtocken und das Mark in ſeinen Gebeinen erſtarren machte. Hierauf ſtreckte ſie die Arme zum Himmel empor, faltete die Haͤnde, rang ſie auf eine flehende Weiſe und glitt dann langſam zum Zimmer hinaus. Mein Oheim blieb eine Zeitlang in Betrachtun⸗ gen uͤber dieſen Beſuch liegen, denn obgleich er (wie er bemerkte, als er mir die Geſchichte er⸗ zaͤhlte) ein Mann von ſehr feſtem Charakter war, ſo — B 2 28 liebte er doch auch uͤber eine ſolche Sache nachzuden⸗ ken und verwarf ſie nicht ſogleich, weil ſie außerhalb der gewoͤhnlichen Sphaͤre der Ereigniſſe lag. Da er indeſſen, wie ich vorher erwaͤhnt habe, ein erfahre⸗ ner Reiſender und an ſeltſame Begebenheiten ge⸗ woͤhnt war, ſo ruͤckte er ſeine Nachtmuͤtze ruhig uͤber die Augen, legte ſich mit dem Nuͤcken nach der Thuͤr, zog ſich die Betttuͤcher bis uͤber die Schul⸗ tern, und ſchlief wieder ein. Wie lange er geſchlafen haben mochte, konnte er nicht ſagen, als er durch die Stimme Jeman⸗ des, der neben ſeinem Bette ſtand, geweckt wurde. Er drehte ſich um, und ſah den alten franzoͤſiſchen † Bedienten, mit ſeinen Ohrlocken in feſten Wickeln zu beiden Seiten ſeines langen Laternengeſichts, auf welchem die Gewohnheit ein ewiges Laͤcheln hervor⸗ gebracht hatte. Er ſchnitt tauſend Geſichter, bat tauſendmal Monſieur um Verzeihung, daß er ihn 1 geſtoͤrt habe, ſagte aber, es ſey ſchon ziemlich hoch am Morgen. Waͤhrend mein Oheim ſich ankleidete, rief er ſich den Beſuch der vergangenen Nacht ober⸗. faͤchlich in das Gedaͤchtniß zuruͤck. Er fragte den* alten Bedienten, was fuͤr eine Dame in dieſem Theile des Schloſſes des Nachts umherzuwandeln pflege. Der alte Diener zuckte die Schultern bis an den Kopf, legte eine Hand auf die Bruſt, 29 ſpreizte die andere aus, machte ein hoͤchſt komiſches Geſicht, was ein Compliment andeuten ſollte, und ſagte:.. „Es gehoͤre ſich nicht fuͤr ihn, etwas von den bonnes fortunes von Monſieur wiſſen zu wollen.“ Mein Oheim ſah wohl, daß hier nichts Genuͤ⸗ gendes zu erfahren war.— Nach dem Fruͤhſtuͤck ging er mit dem Marquis in den modernen Zim⸗ mern des Schloſſes ſpaziren und glitt uͤber die wohl⸗ gebohnten Fußboͤden der mit Seide tapezirten Saͤle hin, zwiſchen reich vergoldeten und mit Brokat be⸗ zogenen Moͤbeln hindurch, bis ſie an eine lange Bildergallerie kamen, welche mehrere Bildniſſe, theils in Oelfarben, theils in Kreide ausgefuͤhrt, enthielt. Hier eroͤffnete ſich ein weites Feld fuͤr die Be⸗ redſamkeit ſeines Wirths, der ganz den Stolz eines Edelmanns vom ancien régime hatte. Es gab kei⸗ nen großen Namen in der Normandie, ja kaum in Frankreich, der ſich nicht, auf irgend eine Weiſe, mit ſeinem Hauſe in Beziehung befand. Mein Oheim ſtand da und hoͤrte mit innerer Ungeduld zu, ruhte bald auf einem Beine, bald auf dem andern, waͤhrend der kleine Marquis, mit ſeinem gewoͤhnlichen Feuer und vieler Lebendigkeit, ſich uͤber die Thaten ſeiner Vorfahren verbreitete, deren Bildniſſe an den Waͤn⸗ den hingen,— von den Kriegsthaten der ernſten, ſtahl⸗ ——— 1 8— 30— gepanzerten Krieger, bis auf die Galanterien und Intriguen der blauaͤugigen Herren herab, mit nied— lichen laͤchelnden Geſichtern, gepudertem Haar, Spiz⸗ zenmanſchetten und rothen und blauen ſeidenen Roͤcken und Beinkleidern; wobei er die Eroberungen der lieblichen Schaͤferinnen nicht vergaß, die, mit Reifröcken, und mit Taillen die nicht ſtaͤrker als eine Sanduhr waren, ihre Schafe und ihre Anbe— ter mit ihren zierlichen, mit fliegenden Baͤndern geſchmuͤckten Schaͤferſtaͤben zu weiden ſchienen. Mitten in dem Geſpraͤche ſeines Freundes ward meines Oheims Aufmerkſamkeit durch ein Bildniß in ganzer Figur erregt, welches ihm das wahre Conterfey ſeines Beſuches von voriger Nacht zu ſeyn ſchien. „Mich duͤnkt,“ ſagte er, indem er darauf zeigte, wich habe das Original dieſes Bildniſſes geſehen.“ Pardonnez-moi, erwiederte der Marquis hoͤf⸗ lich, das iſt wol kaum moͤglich, da dieſe Dame ſchon ſeit mehr als hundert Jahren todt iſt. Es war die ſchoͤne Herzogin von Longueville*), welche *) Anna Genovefa von Bourbon, Herzogin von Longue⸗ ville, und ältere Schweſter des Prinzen von Condé. Ge⸗ nauere Nachrichten über ſie finden ſich in(Mailly) Esprit de la Fronde, Vol. II. p. 71. Ueberſ. — — Anhängern zu widerſeten. Ueberſ. 31 * waͤhrend der Minderjaͤhrigkeit Ludwig's des Dier: 3 zehnten eine Rolle ſpielte. „Und haben ihre Schickſale irgend etwas Merk⸗ wuͤrdiges?“ Es konnte nicht leicht eine ungluͤcklichere Frage geben. Der kleine Marquis nahm ſogleich die Stellung eines Mannes an, der im Begriff iſt, eine lange Geſchichte zu erzaͤhlen. Mein Oheim hatte ſich naͤmlich die ganze Beſchreibung des buͤr⸗ gerlichen Krieges der Fronde auf den Hals gezogen, worin die ſchoͤne Herzogin eine ſo ausgezeichnete Rolle geſpielt hatte. Tuͤrenne, Coligny und Maza⸗ rin mußten aus ihren Graͤbern hervorkommen, um ſeiner Erzaͤhlung Schmuck zu verleihen, und ſelbſt die Haͤndel der Barricaden*) und die Heldentha⸗ ten der Thorwege wurden nicht uͤbergangen. Mein Oheim fing an, ſich tauſend Meilen von dem klei⸗ nen Marquis mit ſeinem unbarmherzigen Gedaͤcht⸗ niſſe wegzuwuͤnſchen, als ploͤtzlich die Erinnerungen des kleinen Mannes eine anziehendere Wendung nahmen. Er erzaͤhlte naͤmlich die Gefangenhaltung des Herzogs von Longueville, nebſt den Prinzen *) Der Sperrketten, welche die Bewohner von Paris damals in den Straßen zogen, um ſich der Königin Anna von Oeſterreich, der Vormünderin Ludwig's XIV. und ihren * „ 7 4 — — ——— 8 32 von Condé und Conti im Schloſſe von Vincennes, und von den vergeblichen Verſuchen der Herzogin, die wackern Normaͤnner zu ihrer Befreiung aufzu⸗ regen. Er war itzt an den Theil der Geſchichte gekommen, wo die Herzogin von den königlichen Trup⸗ pen in das Schloß von Dieppe eingeſchloſſen wurde. „Der Muth der Herzogin,“ ſagte der Marquis, „wuchs mit ihrem Ungluͤck. Es war bewunderungs⸗ wuͤrdig, ein ſo zartes und ſchoͤnes Weſen ſo ent⸗ ſchloſſen mit dem Miſgeſchick kaͤmpfen zu ſe⸗ hen. Sie beſchloß, alles anzuwenden, um ihre Flucht zu bewerkſtelligen. Wahrſcheinlich haben Sie das Schloß geſehen, worin ſie eingeſperrt war: es iſt ein altes verfallenes Gebaͤude*), das auf der Spitze eines Huͤgels oberhalb der roſtigen kleinen Stadt Dieppe liegt. In einer finſtern ſtuͤrmiſchen Nacht ſchlich ſie heimlich aus einem kleinen Pfoͤrt⸗ chen des Kaſtells, welches der Feind zu beſetzen ver⸗ geſſen hatte. Dieß Pfoͤrtchen iſt noch heutiges Ta⸗ ges zu ſehen und geht auf eine ſchmale Bruͤcke hin⸗ aus, welche uͤber einen tiefen Graben fuͤhrt, der zwiſchen dem Schloſſe und dem Abhange des Huͤ⸗ gels durchgeht. Ihre Dienerinnen, einige wenige *) Im Originale ſteht an old ragged wart of an edi- ſice, wahrſcheinlich, weil es ſich auf dem Hügel wie ein Auswuchs oder eine Warze gusnahm. Ueberſ. 33 maͤnnliche Bediente und einige tapfere Ritter, welche ihrer Sache treu geblieben waren, folgten ihr. Ihre Abſicht war, den etwa zwei Meilen entfernten Ha⸗ fen zu erreichen, wohin ſie insgeheim ein Schiff hatte kommen laſſen, um, im Nothfalle, darauf. entfliehen zu koͤnnen. „Die kleine Schaar der Fluͤchtlinge war genoͤ⸗ thigt, den Weg zu Fuß zuruͤckzulegen. Als ſie im Hafen anlangte, war der Wind heftig und ſtuͤr⸗ miſch, die Fluth unguͤnſtig, das Schiff lag weit entfernt auf der Hoͤhe der Rhede, und es gab kein anderes Mittel, um an Bord zu kommen, als ſich eines Fiſcherbootes zu bedienen, das wie eine Mu⸗ ſchelſchale von der Brandung hin und her gewor⸗ fen wurde. Die Herzogin entſchloß ſich, das Wa⸗ geſtuͤck zu beſtehen. Die Seeleute ſuchten ſie von ihrem Vorhaben abzubringen, allein das Dringende der Gefahr am Ufer und ihre Geiſtesgroͤße machten, daß ſie auf die Vorſtellungen derſelben nicht achtete. Ein Seemann mußte ſie in ſeinen Armen in das Boot tragen. Die Gewalt des Windes und der Wogen war indeß ſo groß, daß er ſchwankte, das Gleich⸗ gewicht verlor und ſeine koſtbare Buͤrde in das Meer fallen ließ*). *) Esprit de la Fronde, Vol. III. pag. 360. 361. Ueberf. —ö— — 34 „Die Herzogin waͤre beinahe ertrunken, allein ihre eigenen Anſtrengungen und die Bemuͤhungen der Seeleute machten, daß ſie gluͤcklich wieder an das Land kam. Sobald ſie ſich etwas erholt hatte, beſtand ſie darauf, den Verſuch zu wiederholen. Der Sturm war jedoch unterdeſſen ſo heftig ge⸗ worden, daß er allen Bemuͤhungen Trotz bot. Laͤn⸗ ger zu zoͤgern, mußte unausbleiblich Entdeckung und Gefangenſchaft nach ſich ziehen. Es blieb weiter nichts uͤbrig, als Pferde zu nehmen. Sie ſetzte ſich, mit ihren Begleiterinnen, hinter den tapfern Rittern, die ſie geleiteten, auf, und ritt nun landeinwaͤrts, um einen einſtweiligen Zufluchtsort zu ſuchen. „Waͤhrend die Herzogin,“ fuhr der Marquis fort, indem er den Zeigefinger auf meines Oheims Bruſt legte, um deſſen abnehmende Aufmerkſam⸗ keit wieder zu beleben,—„waͤhrend die arme Herzo⸗ gin ſo im Sturme umherirrte, langte ſie bei dieſem Schloſſe an. Ihre Ankunft verurſachte einige Un⸗ ruhe, denn das Getrappel eines Trupps von Pfer⸗ den mitten in der Nacht, der Gang zu einem ein⸗ ſamen Schloſſe hinauf, war, in dieſen bewegten Zeiten und in einem ſo unruhigen Theile des Lan⸗ des, hinlaͤnglich, Beſorgniſſe zu erregen. „Ein großer breitſchulteriger Jaͤger, bis zu den yʒ 35 Zaͤhnen bewaffnet, ſprengte voraus und meldete die Beſucherin an. Alle Beſorgniß war itzt verſchwun⸗ den. Das Hausgeſinde kam heraus, mit Fackeln, ſie zu empfangen, und nie beleuchteten dieſe einen mehr vom Wetter und der Reiſe mitgenommenen Haufen, als den, der itzt auf den Hof trabte. Die arme Herzogin und ihre Begleiterinnen, jede hinter ihrem Ritter, erſchienen mit bleichen, abgehaͤrinten Ge⸗ ſichtern und beſchmutzten Kleidern: und die halb durchnaͤßten, halb ſchlaͤfrigen Pagen und Diener ſchienen jeden Augenblick vor Schlaf und Ermat⸗ tung von ihren Pferden ſinken zu wollen. „Mein Ahnherr empfing die Herzogin mit gro⸗ ßer Herzlichkeit. Sie ward in den großen Saal des Schloſſes gefuͤhrt, und bald praſſelte und gluͤhte das Feuer, ſie und ihr Gefolge zu erwaͤrmen, und jeder Bratſpieß und jede Pfanne ward in Bewe⸗ gung geſetzt, um Erquickungen fuͤr die Wanderer zu bereiten. „Sie hatte ein Recht auf unſere Gaſtfreund⸗ ſchaft,“ fuhr der Marquis fort, indem er ſich etwas mehr in die Hoͤhe richtete,„denn ſie war mit unſe⸗ rer Familie verwandt. Ich will Ihnen erzaͤhlen, wie das zuſammenhing. Ihr Vater, Heinrich von Bourbon, Prinz von Condé— Brachte denn die Herzogin die Nacht in dem —— 36 Schloſſe zu?— fragte mein Oheim queerfeldein, da der Gedanke ihn erſchreckte, in eine der genealogi⸗ ſchen Eroͤrterungen des Marquis hineinzugerathen. „Oh, die Herzogin— die bekam gerade das Zimmer, das Sie vergangene Nacht inne gehabt ha⸗ ben, und das damals eine Art von Staatsgemach war. Ihren Begleitern wurden die Zimmer zuge⸗ theilt, welche auf den anſtoßenden Gang hinausge⸗ hen, und ihr Lieblingspage ſchlief in einem anſto⸗ ßenden Cabinet. Der große Jaͤger, welcher ihre Ankunft angekuͤndigt hatte, und der die Stelle einer Art von Schildwacht oder Leibwache vertrat, ging in dem Gange auf und nieder. Er war ein ſchwaͤrz⸗ licher, ernſter Menſch von gewaltigem Anſehn, und wenn das Licht der Lampe im Gange auf die ſchar⸗ fen Zuͤge ſeines Geſichts und ſeinen muskelhaften Bau fiel, ſo glaubte man Jemanden vor ſich zu ſehen, der das Schloß durch die alleinige Kraft ſei⸗ nes Armes vertheidigen koͤnne. „Es war eine rauhe, ungeſtuͤme Nacht, ungefaͤhr um dieſe Zeit des Jahres— Apropos! da ich eben daran denke, vergangene Nacht war der Jah⸗ restag des Beſuchs der Herzogin. Ich kann das Datum nicht aus dem Gedaͤchtniß verlieren, denn das war eine Nacht, deren unſer Haus nicht ſo leicht vergeſſen kann. Es geht eine ſonderbare Sage — 3 * 44 37 daruͤber in unſerer Familie.“ Hier hielt der Mar⸗ quis inne, und eine Wolke ſchien ſeine buſchichten Augenbraunen zu uͤberſchatten.„Es geht eine Sage— daß ſich ein ſonderbarer Vorfall in jener Nacht zugetragen habe,— ein ſonderbarer, geheim— nißvoller, unerklaͤrlicher Vorfall.“— Hier Zleſaun er ſich auf einmal und hielt inne. Stand er mit jener Dame in Beziehung? fragte mein Oheim begierig. „Mitternacht war vorbei“, fing der Marquis wieder an,—„als das ganze Schloß—“ hier hielt er abermals inne. Mein Oheim machte eine Bewegung, die ſeine geſpannte Neugier verrieth. „Entſchuldigen Sie,“ ſagte der Marquis, indem eine leichte Roͤthe uͤber ſein bleiches Geſicht flog. „Es giebt einige Umſtaͤnde, welche mit der Ge⸗ ſchichte unſerer Familie in Verbindung ſtehen und die ich nicht gern erzaͤhle. Es war damals eine rohe Zeit. Es war eine Zeit, wo große Verbre⸗ chen unter großen Leuten begangen wurden, denn Sie wiſſen, daß vornehmes Blut, wenn es einmal nicht den rechten Weg nimmt, nicht wie das Blut der Canaille, ruhig dahin fließt— die arme Dame!— Doch, ich habe etwas Familienſtolz, der— Sie entſchuldigen mich,— wir wollen lieber von etwas Anderem ſprechen, wenn Ihnen gefaͤllig iſt.”* 38 Meines Oheims ganze Neugier war itzt erregt. Die pomphafte und prachtvolle Einleitung hatte ihn verleitet, etwas Wunderbares in der Geſchichte zu erwarten, wozu jene als eine Art von Eingang diente. Er hatte durchaus keinen Begriff davon, daß er ihrer, durch eine plötzliche Anwandlung thoͤriger Bedenklichkeit, ganz verluſtig gehen ſollte. Außerdem hielt er es, als ein Reiſender, der ſich gern un rrichten wollte, fuͤr ſeine Pflicht, ſich nach Allem zu erkundigen. Der Marquis wich indeſſen allen Fragen aus. „Nun,“ ſagte mein Oheim etwas unwillig:„Sie moͤgen davon denken, was Sie wollen— ich habe die Dame vergangene Nacht geſehen.“. Der Marquis trat zuruͤck, und ſah ihn mit Er⸗ ſtaunen an. 3 „Sie hat mich in meinem Schlafzimmer be⸗ ſucht.“— Der Marquis nahm mit einem Achſelzucken und einem Laͤcheln ſeine Schnupftabacksdoſe zur Hand, und hielt dieß wahrſcheinlich fuͤr einen ſehr plum⸗ pen engliſchen Spaß, den er, Höoͤflichkeits halber, ſehr angenehm finden mußte. 5 Mein Oheim fuhr indeſſen ſehr ernſthaft fort und erzaͤhlte den ganzen Vorfall. Der Marquis hoͤrte ihm mit geſpannter Aufmerkſamkeit zu, und 39 hielt dabei ſeine Schnupftabacksdoſe ungeoͤffnet in der Hand. Als die Geſchichte zu Ende war, ſchlug er bedaͤchtig auf den Deckel ſeiner Doſe, nahm eine lange, toͤnende Priſe Taback— „Bah!“ ſagte der Marquis, und ging nach dem andern Ende der Gallerie. Hier hielt der Erzaͤhler inne. Die Geſellſchaft wartete eine Zeitlang, daß er die Erzaͤhlung wieder anfangen wuͤrde, aber er ſchwieg. Nun, ſagte der fragende Herr: was ſagte Ihr Oheim darauf!? „Nichts,“ erwiederte der Andere. Und was ſagte der Marquis ferner? „Nichts.“ Und iſt das alles? „Das iſt alles,“ ſagte der Erzaͤhler, indem er ſich ein Glas Wein einſchenkte. Ich vermuthe, ſagte der ſchlaue alte Herr mit der neckiſchen Naſe: ich vermuthe, der Geiſt iſt niemand anders, als die alte Haushaͤlterin geweſen, die im Hauſe die Runde machte, um zu ſehen, ob Alles in Ordnung ſey. „Bah!“ ſagte der Erzaͤhler:„mein Oheim war viel zu ſehr an ſonderbare Erſcheinungen gewoͤhnt, um nicht einen Geiſt— von einer Haushaͤlterin unterſcheiden zu koͤnnen!“ 2 2 B 2 —————— 3 40 Rund um den Tiſch lief itzt ein Gemurmel, theils aus Scherz, theils aus Unwillen uͤber die getaͤuſchte Erwartung. Ich konnte nicht umhin, zu glauben, daß der alte Herr noch einen zweiten Theil der Geſchichte im Ruͤckhalte habe, aber— er ſchluͤrfte ſeinen Wein und ſagte nichts weiter, und es lag ein ſonderbarer Ausdruck in ſeinem verfall⸗ nen Geſicht, der mich zweifelhaft ließ, ob das Ganze Scherz oder Ernſt geweſen ſey. „Hm! ſagte der ſchlaue Herr mit der beweglichen Naſe:„die Geſchichte von Ihrem Oheim erinnert mich an eine aͤhnliche, welche eine meiner Baſen, von muͤtterlicher Seite, zu erzaͤhlen pflegte, wiewol ich nicht weiß, ob ſie die Vergleichung aushalten wird, da der guten Dame nicht ſo leicht ſonderbare Sachen begegneten. Auf jeden Fall will ich ſie aber erzaͤhlen.“ Das Abenteuer meiner Baſe. Meine Baſe war eine Frau von ſtarkem Kör⸗ perbau, kraͤftigem Geiſt und großer Entſchloſſen⸗ heit; ſie war, was man eine ſehr maͤnnliche Frau nennen wuͤrde. Mein Oheim war ein magerer, ſchwaͤchlicher, kleiner Mann, ſehr ſanft und nach⸗ giebig, und keinesweges meiner Baſe gewachſen. 4 41 Man ſah, daß er vom Tage ſeiner Verheirathung an allmaͤhlig zu vergehen anfing. Seiner Frau ge⸗ waltiger Geiſt war zu maͤchtig fuͤr ihn: er verzehrte ihn. Meine Baſe trug indeſſen alle moͤgliche Sorg⸗ falt fuͤr ihn, die Aerzte aus der halben Stadt muß⸗ ten ihm verordnen, ſie ließ ihn alle ihre Recepte einnehmen, und gab ihm ſo viele Arznei ein, daß ein halbes Spital damit haͤtte geheilt werden koͤnnen. Alles war indeß vergebens. Mein Oheim wurde immer kraͤnker, je mehr ihm eingegeben und je mehr er gepflegt wurde, bis er am Ende die lange Reihe der ehelichen Opfer vermehrte, welche aus lauter Liebe umgekommen ſind. 1 „Und ſein Geiſt erſchien ihr?“ fragte der neu⸗ gierige Herr, der den vorigen Erzaͤhler ſo ausge⸗ fragt hatte.* Das werden Sie gleich hoͤren, antwortete der Erzaͤhler. Meine Baſe nahm ſich den Tod ih⸗ res guten, armen Mannes ſehr zu Herzen. Viel⸗ leicht fuͤhlte ſie einige Gewiſſensbiſſe, ihm ſo viele Arznei gegeben und ihn ſo lange gepflegt zu haben, bis er daran ſtarb. Genug, ſie that alles, was eine Wittwe nur thun kann, ſein Andenken zu ehren. Sie ſparte keine Koſten, ſowol in Hinſicht der Be⸗ ſchaffenheit, als der Menge ihrer Trauergewaͤnder; ſie trug ein Miniaturbild von ihm, ſo groß wie 4 42 eine kleine Sonnenuhr, und ſein Bild in ganzer Figur hing in ihrem Schlafzimmer. Jedermann erhob ihr Benehmen bis in den Himmel, und man kam darin uͤberein, daß eine Frau, die das Anden⸗ ken ihres erſten Gatten ſo ehre, werth ſey, bald einen zweiten zu bekommen. Nicht lange darauf entſchloß ſie ſich, ihren Wohnſitz auf einem alten Landhauſe in Derbyſhire aufzuſchlagen, das ſeit langer Zeit nur unter der Aufſicht eines Haushofmeiſters und einer Haushaͤl⸗ terin geſtanden hatte. Sie nahm den groͤßeren Theil ihrer Dienerſchaft mit ſich, da ſie beſchloſſen hatte, den Ort zu ihrem Hauptwohnſitz zu machen. Das Haus lag in einem einſamen, wilden Theile des Landes, zwiſchen den grauen Huͤgeln von Der⸗ byſhire und hatte eine Ausſicht auf einen hingerichteten Moͤrder, der auf einer wuͤſten Anhoͤhe in Ketten hing. Die Dienerſchaft aus der Stadt war vor Schrecken außer ſich, bei dem Gedanken, an ſo ei⸗ nem fuͤrchterlichen, heidniſchen Orte wohnen zu muͤſſen, beſonders als ſie am Abend in der Be⸗ dientenſtube zuſammenkamen, und nun die Geſpen⸗ ſtergeſchichten erzaͤhlt wurden, die ein Jeder des Tages uͤber gehoͤrt hatte. Sie fuͤrchteten ſich, allein durch die finſtern, ſchwarzausſehenden Zimmer zu gehen. Die Kammerjungfer, die an den Nerven litt, er⸗ 43 klaͤrte, daß ſie nie in einem„graͤßlichen, umgehen⸗ den alten Gebaͤude“ allein ſchlafen koͤnne, und der Bediente, ein gutherziger junger Menſch, bot alles Moͤgliche auf, ſie zu erheitern. Meine Baſe ſelbſt ſchien von dem einſamen An⸗ ſehen des Hauſes uͤberraſcht zu ſeyn. Ehe ſie zu Bett ging, unterſuchte ſie demnach alle Thuͤren und Fenſter, ob ſie auch feſt verſchloſſen waͤren, ſchloß das Silber mit eignen Haͤnden ein, und trug die Schluͤſſel, ſo wie ein kleines Kaͤſtchen mit Gelde und Juwelen, in ihr eignes Zimmer: denn ſie war eine achtſame Frau, und liebte nach allen Dingen ſelbſt zu ſehen. Nachdem ſie die Schluͤſſel unter ihr Kopfkiſſen gelegt und ihre Kammerjungfer ent⸗ laſſen hatte, ſetzte ſie ſich noch an ihre Toilette und ordnete ihr Haar, denn da ſie, ungeachtet ihres Grames um meinen Oheim, noch eine ſtattliche Wittwe war, ſo war ſie etwas eigen in ihrem Aeußern.— So ſaß ſie einige Zeit und betrachtete ſich im Spiegel, erſt von der einen Seite, dann von der andern, wie Frauen zu thun pflegen, wenn ſie ſehen wollen, ob ſie ſich gut ausgenommen ha⸗ ben: denn ein ſtattlicher Squire aus der Nachbar⸗ ſchaft, der ihr den Hof gemacht hatte, als ſie noch Maͤdchen war, hatte ihr heute die Aufwartung ge⸗ macht, um ſie auf dem Lande willkommen zu heißen. 44 Ploͤtzlich glaubte ſie, etwas hinter ihr ſich be⸗ wegen zu hoͤren. Sie ſah ſich ſchnell um, erblickte aber nichts. Nichts war zu ſehen, als das Bild ihres lieben ſeligen Mannes in Lebensgroͤße, das an der Wand hing. Sie weihte ſeinem Andenken einen tiefen Seuf⸗ zer, wie ſie immer zu thun gewohnt war, wenn ſie in Geſellſchaft von ihm ſprach, und fuhr dann fort, ihre Nachtkleider in Ordnung zu bringen und an den Squire zu denken. Ihr Seufzer wurde durch einen andern, oder durch einen tiefen Athem⸗ zug beantwortet. Sie blickte ſich abermals um, und Niemand war zu ſehen. Sie meinte, daß es der Wind ſey, der durch die Maͤuſeloͤcher des alten Hauſes pfeife, und fuhr gemaͤchlich fort, ihr Haar in Papillotten zu wickeln, als ſie auf einmal eines der Augen des Bildes ſich bewegen zu ſehen glaubte. „Waͤhrend ſie ihm den Nuͤcken zukehrte?“ ſagte der Erzaͤhler mit dem verfallenen Kopfe.„Gut!“ Ja, mein Herr! erwiederte der Redner trocken; ihr Ruͤcken war allerdings dem Bilde zugewendet, allein ſie ſah es im Spiegel. Wie ich alſo geſagt, ſo bemerkte ſie, daß das Bild ein Auge bewege. Eine ſo ſonderbare Erſcheinung mußte, wie Sie wol denken koͤnnen, ſie nicht wenig erſchrecken. Um ſich — 45 jedoch zu uͤberzeugen, ob ſie recht geſehen habe, legte ſie die eine Hand an die Stirn, als ob ſie ſie reiben wollte, ſah durch die Finger und bewegte dabei das Licht mit der andern Hand. Das Licht der Kerze fiel auf das Auge und ſpiegelte ſich darin. Allerdings bewegte ſich dieſes. Ja, was noch mehr war, es ſchien ihr zuzuwinken, ſo wie ihr Gatte es zuweilen bei ſeinem Leben gethan hatte. Einen Augenblick uͤberlief ſie ein Schauer, denn ſie war allein und fuͤhlte ſich in einer furchtbaren Lage. Der Schauer war indeſſen nur voruͤbergehend. Meine Baſe, die beinahe ſo entſchloſſen war, als Ihr Oheim, mein Herr(hier wandte er ſich zu dem alten Herrn, der die Geſchichte erzaͤhlt hatte), ward ſogleich wieder ruhig und beſonnen. Sie fuhr fort, ihre Kleider in Ordnung zu brin⸗ gen. Sie brummte ſogar ein Lied und ſang keine einzige falſche Note. Sie warf zufaͤllig einen Toi⸗ lettenkaſten um, nahm ein Licht und las das Her⸗ ausgefallene nach einander auf, verfolgte ein Nadel⸗ kiſſen, das unter das Bett rollte, oͤffnete dann die Thuͤr, ſah einen Angenblick auf den Gang hinaus, als ſey ſie zweifelhaft, ob ſie gehen ſollte, und ging dann ruhig hinaus.— Sie eilte die Treppe hinunter, befahl den Be⸗ dienten, ſich mit dem zu bewaffnen, was ihnen 46 zuerſt in die Haͤnde fiele, ſtellte ſich an ihre Spitze und kehrte beinahe augenblicklich wieder zuruͤck. Ihr ſchnell aufgebotenes Heer ſtellte eine furcht⸗ bare Macht auf. Der Haushofmeiſter hatte eine verroſtete Donnerbuͤchſe, der Kutſcher eine gezogene Peitſche*), der Bediente ein Paar Cavalleriepiſto⸗ len, der Koch ein gewaltiges Hackemeſſer, und der Kellermeiſter eine Flaſche in jeder Hand. Meine Baſe bildete, mit einem rothgluͤhenden Schuͤreiſen, den Vortrab, und war, nach meiner Meinung, die furchtbarſte von Allen. Die Kammerjungfer, welche ſich fuͤrchtete, allein in der Bedientenſtube zu bleiben, bildete den Nachtrab, roch an einer zerbrochenen Flaſche mit fluͤchtigem Salz, und aͤußerte die groͤßte Furcht vor den Geſpenſtern. „Geſpenſter!“ ſagte meine Baſe entſchloſſen. „Ich will ihnen den Bart ſchon verſengen.“ Man trat in das Zimmer. Alles war ſtill und ruhig, wie in dem Augenblick, wo ſie es verlaſ⸗ ſen hatte. Man naͤherte ſich dem Bilde meines Oheims.. „Nehmt das Bild herab!“ rief meine Baſe. *) Ich geſtehe, daß ich mir den Zuſatz loaded(geladen) bei einer Peitſche nicht anders, als durch einen Scherz er⸗ klären kann, und habe ihn deßwegen ſo wiederzugeben geſucht. Ueberſ. 47 Ein tiefer Seufzer, und ein Ton, wie Zaͤhneknir⸗ ſchen, ließ ſich aus dem Bilde hoͤren. Die Be— dienten fuhren zuruͤck: das Kammermaͤdchen ſtieß einen ſchwachen Schrei aus und hielt ſich an dem Bedienten feſt. „Den Augenblick!“ fuͤgte meine Baſe hinzu und ſtampfte mit dem Fuße. Man nahm das Bild herab, und aus einer Niſche dahinter, in welcher fruͤher eine Uhr geſtan⸗ den hatte, zog man einen breitſchultrigen, ſchwarz⸗ baͤrtigen Kerl, mit einem armlangen Meſſer hervor, der aber wie ein Espenlaub zitterte. „Nun, und wer war das? doch wol kein Geiſt?“ ſagte der fragluſtige Herr. Ein Strauchdieb, welchen das Vermoͤgen der reichen Wittwe angezogen hatte, oder vielmehr ein marodirender Tarquinius, der ſich in ihr Zimmer geſchlichen hatte, um ihrer Boͤrſe Gewalt anzuthun und ihre Chatulle zu pluͤndern, wenn Alles im Hauſe ſchlafen wuͤrde. Geradezu geſagt, fuhr er fort, war der Landſtreicher ein luͤderlicher Muͤſſig⸗ gaͤnger aus der Nachbarſchaft, der einſt in dem Hauſe gedient, und den man gebraucht hatte, um zu helfen, als man es zum Empfange der Beſitze⸗ rin in Stand ſetzte. Er bekannte, daß er dieſen Verſteck zu ſeinem ſchaͤndlichen Plane ſich auserſe⸗ 48 hen, und ein Auge des Bildniſſes als einen Beob⸗ achtungspunkt gebraucht hatte. „Und was that man mit ihme wurde er ge⸗ haͤngt?“ fing der Frager wieder an. 4 Gehaͤngt! wie waͤre das moͤglich geweſen? rief ein Advokat mit buſchichten Augenbraunen und einer Falkennaſe. Es war ja kein todeswuͤrdiges Verbre⸗ chen. Er hatte keinen Raub begangen, Nieman⸗ den angefallen oder Einbruch veruͤbt. Meine Baſe, ſagte der Erzaͤhler, war eine ent⸗ ſchloſſene Frau, die das Geſetz gern ſelbſt handzu⸗ haben pflegte. So hatte ſie auch ihre eigenen An⸗ ſichten von Reinlichkeit. Sie befahl, daß der Kerl in die Pferdeſchwemme geſchleppt werden ſolle, um alle Uebelthat abzuwaſchen, und daß man ihn nach⸗ her mit einem eichenen Handtuche wieder trocken mache. „Und was wurde nachher aus ihm?“ ſagte der frageluſtige Herr. Das kann ich wirklich nicht genau ſagen. Ich glaube, er wurde auf eine Bildungsreiſe nach Bo⸗ tany⸗Bay geſchickt. „Und ihre Baſe,“ ſagte der frageluſtige Herr, „die ließ gewiß nachher ihre Kammerjungfer mit in ihrem Zimmer ſchlafen. Nein, mein Herr, ſie that etwas Kluͤgeres; ſie gab 49 gab kurz nachher ihre Hand dem ſtattlichen Squire, denn ſie pflegte zu ſagen, es ſey doch eine unange⸗ nehme Sache fuͤr eine Frau, auf dem Lande ſo al⸗ lein zu ſchlafen. „Da hatte ſie Recht,“ bemerkte der frageluſtige Herr, indem er ſehr weiſe dazu mit dem Kopfe nickte:„mir thut es nur leid, daß der Kerl nicht gehaͤngt wurde.“” Alle waren daruͤber einig, daß der letzte Erzaͤh⸗ ler ſeine Geſchichte am genuͤgendſten geendet habe, wobei jedoch ein anweſender Landgutsbeſitzer be⸗ merkte, es ſey Schade, daß der Oheim und die Baſe, welche in den beiden Geſchichten die Haupt⸗ rollen geſpielt, einander nicht geheirathet haͤtten: das wuͤrde gewiß ein ſchoͤnes Paar gegeben haben. „Aber bei dem allen,“ ſagte der frageluſtige Herr: „iſt in der letzten Geſchichte doch kein Geiſt vorge⸗ kommen.“ O! wenn Ihnen an Geiſtern liegt, Liebſter, rief der iriſche Dragonerhauptmann:— wenn Ihnen an Geiſtern liegt, ſo ſollen Sie ein ganzes Regi⸗ ment haben. Und da dieſe Herren hier uns die Begebenheiten ihrer Oheime und Baſen erzaͤhlt ha⸗ ben, ſo will ich Ihnen auch ein Kapitel aus mei⸗ ner eignen Familiengeſchichte zum Beſten geben. Der kecke Dragoner, oder das Abenteuer meines Großvaters. Mein Großvater war ein kecker Dragoner, denn Sie muͤſſen wiſſen, daß dieß ein Handwerk iſt, das ſchon lange in der Familie einheimiſch geweſen. Alle meine Vorfahren waren Dragoner, und ſind auf dem Felde der Ehre geſtorben, mich ausgenom⸗ men, und ich hoffe, meine Nachkommen werden daſſelbe von ſich ſagen koͤnnen: indeſſen will ich da⸗ mit nicht prahlen.— Genug, mein Großvater war, wie ich eben geſagt habe, ein kecker Dragoner, und hatte in den Niederlanden gedient. Er gehoͤrte zu demſelben Heere, das, nach der Ausſage des Oheims Tobias*), ſo fuͤrchterlich in Flandern fluchte. Er ſelbſt konnte recht ordentlich fluchen, und war uͤberdieß ebenderſelbe Mann, der die Lehre einfuͤhrte, deren Corporal Trim*) erwaͤhnt, naͤm⸗ lich von der Grundhitze und Grundfeuchtigkeit, oder mit andern Worten, wie man ſich gegen die feuch⸗ ten Duͤnſte des Grabenwaſſers durch Branntwein verwahren koͤnne. Dem ſey nun, wie ihm wolle; *) In Sterne's Triſtram Shandy. Ueberſ. **) Ebendaſelbſt. Ueberſ. 51 ſo gehoͤrt das nicht zu meiner Geſchichte. Ich ſage das auch nur, um Ihnen zu beweiſen, daß mein Großvater kein Mann war, den man ſo leicht hin⸗ ter das Licht fuͤhren kondte. Er hatte ſich etwas verſucht, oder, nach ſeinem eignen Ausdrucke, den Teufel kennen gelernt— und das will etwas ſagen. Nun, meine Herren, mein Großvater war auf dem Heimwege nach England, wohin er ſich in Oſtende einzuſchiffen gedachte— uͤber das alles moͤg⸗ liche Ungluͤck kommen moͤge, denn das war der Ort, wo ich drei lange Tage durch Sturm und widrige Winde zuruͤckgehalten wurde, und keinen Teufel von einem luſtigen Kameraden oder einem niedlichen Ge⸗ ſichte hatte, die mich haͤtten aufheitern koͤnnen. Nun, wie ich ſage,— mein Großvater war auf dem Wege nach England, oder vielmehr nach Oſtende— gleichviel, das kommt auf eins hinaus. So ritt er denn einen Abend, gegen Eintritt der Nacht, ganz luſtig nach Bruͤgge hinein. Wahrſcheinlich kennen Sie Alle, meine Herren, Bruͤgge: eine naͤrriſche, altfraͤnkiſche flamlaͤndiſche Stadt, die, wie man be⸗ hauptet, einſt ein großer Handelsplatz war, und wo viel Geld verdient wurde, als die Mynheers noch in ihrem Glanze waren, heutzutage aber beinahe ſo groß und ſo leer als die Taſche eines Irlaͤnders iſt. Es war die Zeit des alljaͤhrlichen Marktes. E2 52 Ganz Bruͤgge war voll Menſchen: die Kanaͤle wim⸗ melten von hollaͤndiſchen Booten, und die Straßen von hollaͤndiſchen Kaufleuten, und vor Guͤtern, Waaren und Ballen, Bauern in weiten Hoſen, und Frauen mit einem halben Dutzend Roͤcken konnte man ſich kaum bewegen. Mein Großvater ritt froͤhlich dahin auf ſeine unbefangene, ſchlendrige Weiſe, denn er war ein ſorgenloſer, in den Tag hinein lebender Menſch— ſah umher auf die bunte Menge und die alten Haͤu⸗ ſer mit den Giebeln nach der Straße und den Storchneſtern auf den Schornſteinen, nickte den Juffrouws, die ſich an den Fenſtern ſehen ließen, und ſcherzte rechts und links mit den Frauen auf der Straße, die alle daruͤber lachten und die Sache ſehr gut aufnahmen, denn obgleich er nicht ein Wort von der Sprache wußte, ſo hatte er doch immer eine gewiſſe Art und Weiſe, ſich den Frauen verſtaͤndlich zu machen. Da es, wie geſagt, Marktzeit war, ſo war die ganze Stadt voll, jeder Gaſthof und jede Schenke angefuͤllt, und mein Großvater zog vergebens von einer zur andern, ein Unterkommen zu finden. End⸗ lich ritt er nach einem alten rumpligen Gaſthofe, der ausſah, als ob er jeden Augenblick zuſammen⸗ fallen wollte, und aus dem alle Ratten weggelaufen — 53 ſeyn wuͤrden, wenn ſie nur in irgend einem andern Hauſe Platz gefunden haͤtten. Es war gerade ſo ein ſonderbares Gebaͤude, wie man ſie auf hollaͤndi⸗ ſchen Bildern ſieht, mit einem hohen Dache, das bis in die Wolken geht, und ſo vielen Dachfenſtern uͤbereinander, wie Mahomet's ſieben Himmel. Daß es nicht ſchon zuſammengefallen war, daran war ein Storchneſt auf dem Schornſteine Schuld, das den Haͤuſern in den Niederlanden immer Gluͤck bringt, und gerade in dem Augenblicke, wo mein Großvater vor demſelben anlangte, ſtanden zwei ſolche langbeinige Segensvoͤgel, wie Geiſter, oben auf dem Schornſteine. Sie haben auch wahrhaftig das Haus bis itzt zuſammengehalten, denn Sie koͤnnen es noch ſehen, wenn Sie durch Bruͤgge rei⸗ ſen, wie es da ſteht: nur iſt dermalen eine Brauerei darin, wo ſtarkes flamlaͤndiſches Bier gebraut wird, — wenigſtens war es ſo, als ich nach der Schlacht von Waterloo des Weges kam. Mein Großvater beguckte das Haus ſehr neu⸗ gierig, als er heran kam. Es wuͤrde ihm vielleicht nicht ſo ſehr aufgefallen ſeyn, haͤtte er nicht, mit großen Buchſtaben, die Worte uͤber der Thuͤr ge⸗ leſen: Hier verkoopt men goeden drank. Mein Großvater hatte ſoviel von der Sprache ge⸗ 54 lernt, um zu wiſſen, daß das Schild etwas Gutes zu trinken verhieß.„Das iſt das rechte Haus fuͤr mich,“ ſagte er, und hielt an der Thuͤr ſtill. Die plötzliche Erſcheinung eines ſchmucken Dra⸗ goners war eine Begebenheit, fuͤr einen alten Gaſt⸗ hof, der ſonſt nur von den friedlichen Soͤhnen des Handels beſucht wurde. Ein reicher Buͤrger von Antwerpen, ein ſtattlicher ſtarker Mann mit einem breiten flamlaͤndiſchen Hut, und der die Hauptper⸗ ſon und der große Beſchuͤtzer des Hauſes war, ſaß mit ſeiner reinen, langen Pfeife an der einen Seite der Thuͤr: ein fetter, kleiner Wachholderbranntwein⸗ brenner aus Schiedam ſaß rauchend an der andern, und der dicknaſige Wirth ſtand in der Thuͤr, die behagliche Wirthin mit gekniffter Haube neben ihm, und die Tochter der Wirthin, ein derbes flandri⸗ ſches Maͤdchen, mit großen goldenen Ohrgehaͤngen, ſtand an einem Seitenfenſter. „Hm!“ ſagte der reiche Buͤrger von Antwerpen, mit einem ſcheelen Blicke auf den Fremden. „Der duyvel!“ ſagte der fette kleine Brannt⸗ weinbrenner aus Schiedam. Der Wirth ſah, mit dem Scharfblicke eines Gaſtgebers, daß der neue Gaſt durchaus nicht den alten behagen wollte, und, die Wahrheit zu ſagen, gefielen ihm ſelbſt meines Großvaters Schelmenaugen 55 nicht beſonders. Er ſchuͤttelte den Kopf.„Nicht eine Dachſtube im Hauſe ſey unbeſetzt.“ „Nicht eine Dachſtube!“ ſagte die Wirthin. „Nicht eine Dachſtube!“ ſagte die Tochter. Der Buͤrger von Antwerpen und der kleine Branntweinbrenner aus Schiedam fuhren fort, fin⸗ ſter ihre Pfeifen zu rauchen, und ſchielten den Feind auer unter ihren breiten Huͤten weg an, ſagten aber nichts. Mein Großvater war kein Mann, der ſich ſo leicht abſchrecken ließ. Er warf ſeinem Pferde den Zuͤgel auf den Hals, ſetzte ſeinen Hut auf ein Auge, ſtemmte einen Arm in die Seite und ſagte: „Bei meiner Treu! ich will nun aber dieſe Nacht in dem Hauſe ſchlafen!“ Und damit ſchlug er ſich auf die Lende, groͤßern Nachdrucks wegen, daß es der Wirthin durch alle Glieder drang. Geſagt, gethan— er ſprang vom Pferde, und ging zwiſchen den ſtarrenden Mynheers quer durch nach der Fremdenſtube.— Vielleicht ſind Sie ſchon einmal in der Schenkſtube eines alten flamlaͤndiſchen Gaſthofes geweſen— es war ein ſo ſchoͤnes Zim⸗ mer, als man nur eins ſehen kann, hatte einen Fußboden von Mauerſteinen, einen großen Kamin mit der ganzen bibliſchen Geſchichte auf Kacheln, und auf dem Vorſprunge prangte ein ganzes Regt⸗ 56 ment zerbrochener Theekannen und irdener Kruͤge, eines halben Dutzends großer Delfter Schuͤſſeln nicht zu gedenken, die ſtatt Bilder an den Waͤnden hingen; und die kleine Schenke in dem Winkel, und das dralle Schenkmaͤdchen dahinter, mit einer ro⸗ then kattunenen Muͤtze und gelben Ohrgehaͤngen. Mein Großvater ſchnalzte mit den Fingern uͤber dem Kopfe, waͤhrend er im Zimmer umherblickte.— „Bei meiner Treu, das iſt gerade das Haus, das ich gewuͤnſcht habe,“ ſagte er. 2, Die Beſatzung ſchien noch einigen Widerſtand leiſten zu wollen, allein mein Großvater war ein alter Soldat, und ein Irlaͤnder dazu, der ſich nicht ſo leicht zuruͤckſchlagen ließ, beſonders wenn er be⸗ reits in die Feſtung eingedrungen war. Er be⸗ ſchwatzte alſo den Wirth*), kuͤßte ſeine Frau, kiz⸗ zelte ſeine Tochter und griff dem Schenkmaͤdchen an das Kinn: und Alle kamen darin uͤberein, daß es doch Jammerſchade und noch dazu eine wahre Suͤnde ſeyn wuͤrde, einen ſo kecken Dragoner auf die Straße zu werfen. So hielten ſie denn eine Berathung, d. h. mein Großvater und die Wirthin, und man kam *) Im Originale ſteht: he blarneyed. Blarney iſt näm⸗ lich der Schimpfname für alle Irländer, und das Verbum heißt alſo ſo viel als: den iriſchen Dialekt ſprechen. — 7 Ueberſ. 57 endlich dahin uͤberein, ihm ein altes Zimmer zu geben, das ſeit einiger Zeit verſchloſſen gewe⸗ ſen war. „Man ſagt, es ſpuke darin,“ fluͤſterte des Wirths Tochter;„aber Ihr ſeyd ein kecker Dragoner, und habt gewiß keine Furcht vor Geiſtern.“ Nicht im Geringſten! ſagte mein Großvater, indem er ihr in die derbe Wange kniff. Sollte ich aber doch von Geiſtern geplagt werden, ſo bin ich zu meiner Zeit auch am rothen Meere geweſen, und weiß eine ſehr gute Art, ſie zu bannen, mein Kind. Bei dieſen Worten fluͤſterte er dem Maͤdchen etwas in's Ohr, woruͤber ſie lachte, und ihm im Scherz eine Ohrfeige gab. Kurz, Niemand wußte beſſer mit den Weibern fertig zu werden, als mein Großvater. Es dauerte nicht lange, ſo nahm er, wie er uͤberall zu thun pflegte, vollſtaͤndigen Beſitz vom Hauſe, und tobte uͤberall umher: bald in den Stall, um nach ſeinem Pferde, bald in die Kuͤche, um nach ſeinem Abendeſſen zu ſehen. Mit Jedem hatte er was zu thun, oder ihm etwas zu ſagen: er tauchte mit den Hollaͤndern, trank mit den Deut⸗ ſchen, ſchlug dem Wirth auf die Schulter, und trieb Poſſen mit ſeiner Tochter und dem Schenkmaͤd⸗ 58 chen: und ſeit Alley Crokers*) Zeiten hatte man keinen ſolchen durchtriebenen Menſchen geſehen. Der Wirth betrachtete ihn mit Verwunderung: des Wirths Tochter ſenkte den Kopf und kicherte, ſo⸗ bald er nahe kam: und wenn er ſo den Gang hin⸗ unter ſchritt, mit dem Degen, der ihm nachſchleppte, ſo ſahen ihm die Maͤdchen nach, und fluͤſterten ein⸗ ander zu:„was das fuͤr ein netter Menſch iſt!“ Bei dem Abendeſſen nahm mein Großvater die oberſte Stelle ein, als ob er hier zu Hauſe waͤre: legte Jedem vor, ſich ſelbſt nicht zu vergeſſen, ſprach mit Jedem, er mochte ſeine Sprache verſtehen oder nicht, und wußte ſich ſogar bei dem reichen Buͤr⸗ ger von Antwerpen einzuſchmeicheln, den man in ſeinem Leben noch gegen Niemand vertraulich geſe⸗ hen hatte. Kurz, er kehrte die ganze Wirthſchaft um, und gab ihr einen ſolchen Schwung, daß ſelbſt das Haus davon zu wanken anfing. Er ſaß laͤn⸗ ger bei Tiſche, als alle Andern, den kleinen Brannt⸗ weinbrenner von Schiedam ausgenommen, der kange Zeit in ſich gekehrt zu bleiben pflegte, bis er los⸗ *) Alley oder Ally(abgekürzt von Alliſon, als Vor⸗ name) Croker, war eine, ihrer Galanterie wegen bekannte Dubliner Schönheit im Anfange des vorigen Jahrhunderts, deren Name noch durch ehekee Volksgeſänge verewigt iſt. Ueberſ. 59 brach: aber dann war er auch der eingefleiſchte Teu⸗ fel. Er faßte eine gewaltige Zuneigung zu meinem Großvater, und ſo ſaßen ſie denn und tranken und rauchten, erzaͤhlten einander Geſchichten, ſangen hollaͤndiſche und irlaͤndiſche Lieder, ohne daß der Eine von dem ein Wort verſtanden haͤtte, was der Andere ſang, bis der kleine Hollaͤnder in ſeinem eignen Wachholderbranntwein mit Waſſer unterge⸗ gangen war und zu Bett gebracht werden mußte, wobei er fortwaͤhrend aufſchluckte, und den Refrain eines gemeinen hollaͤndiſchen Liebesliedes ſang.„ Meinem Großvater wurde endlich ſeine Woh⸗ nung angewieſen und er eine große Treppe hinauf⸗ gefuͤhrt, die aus einer Laſt von Holz zuſammenge⸗ zimmert war, ſo wie durch lange unabſehbare Gaͤnge, welche mit verſchwaͤrzten Bildern von Fiſchen, Fruͤchten und Wild und laͤndlichen Luſtbarkeiten, von großen Kuͤchen und ſtattlichen Buͤrgermeiſtern behangen waren, wie man ſie in den altfraͤnkiſchen flamlaͤndiſchen Gaſthoͤfen zu ſehen pflegt,— bis er endlich ſein Zimmer erreichte. Es war eine altvaͤ⸗ teriſche Stube, mit allem moͤglichen Plunder ange⸗ fuͤllt. Sie hatte ganz das Anſehen eines Hoſpitals fuͤr invalide und ausgediente Moͤbel, wohin alles Kranke oder Dienſtunfaͤhige geſchickt wurde, um ent⸗ weder lebenslaͤnglich gepflegt, oder vergeſſen zu wer⸗ 1 60 den. Auch haͤtte man ſie fuͤr einen allgemeinen Ver⸗ ſammlungsort alter rechtmaͤßigen Mobilien halten koͤn⸗ nen, wo jede Gattung und jedes Land ſeinen Re— praͤſentanten hatte. Es gab hier nicht zwei Stuͤhle, die einander aͤhnlich geweſen waͤren. Hier ſah man hohe und niedrige Lehnen, lederne und gewirkte Sitze, und Strohſitze, und gar keine Sitze, und zer⸗ brochene Marmortiſche mit kuͤnſtlich geſchnitzten Bei⸗ nen, welche Kugeln in den Klauen hielten, als ob ſie Kegel ſpielen wollten. Mein Großvater machte, als er eintrat, eine Verbeugung gegen dieſe bunte Verſammlung, ent⸗ kleidete ſich, und ſetzte dann ſein Licht in den Ka⸗ min, wobei er die Feuerzange um Verzeihung bat, welche in der Ecke des Kamins der Feuerſchaufel den Hof zu machen und ihr allerhand verliebten Unſinn in das Ohr zu fluͤſtern ſchien. Die uͤbrigen Gaͤſte lagen itzt bereits in tiefem Schlaf, denn die Mynheers ſind gewaltige Schlaͤ⸗ fer. Die Hausmaͤdchen krochen, eine nach der an⸗ dern, gaͤhnend zu ihrer Dachſtube hinauf, und es gab dieſe Nacht gewiß keinen Weiberkopf im Gaſt⸗ hofe, der nicht von dem kecken Dragoner getraͤumt haͤtte. Mein Großvater begab ſich ebenfalls zu Bett, und zog den großen Daunenſack uͤber ſich, worun⸗ — — von feuriger Art, und dieß Schwitzbad brachte ihn 61 ter man, in den Niederlanden, die Leute zu erſtik⸗ ken pflegt: und ſo lag er denn, zwiſchen zwei Fe⸗ derbetten zerſchmelzend, wie eine Sardelle zwiſchen zwei Schnitten Butterbrot. Er war ein Mann beinahe außer ſich. Es dauerte nicht lange, ſp glaubte er, daß ihn eine ganze Legion kleiner Teu⸗ fel zwicke, und das Blut in allen ſeinen Adern war in einer Fieberhitze. Er lag indeſſen ſtill, bis Alles im Hauſe ruhig geworden war, und man nichts mehr höͤrte, als das Schnarchen der Mynheers aus den verſchiede⸗ nen Zimmern, welche einander in allen moͤglichen Toͤnen und Cadenzen, wie die Froͤſche im Moraſte, antworteten. Je ruhiger es im Hauſe wurde, deſto unruhiger wurde mein Großvater. Er wurde waͤr⸗ mer und immer waͤrmer, bis es ihm am Ende im Bette zu heiß wurde, als daß er laͤnger darin haͤtte aushalten koͤnnen. „Vielleicht hatte das Maͤdchen es zu ſehr ge— waͤrmt?“ ſagte der frageluſtige Herr, neugierig. Ich glaube, gerade das Gegentheil, erwie⸗ derte der Irlaͤnder.— Doch, dem ſey wie ihm wolle, es ward zu heiß fuͤr meinen Groß⸗ vater. „Wahrhaftig, das ertrag' ich nicht laͤnger,“ ſagte 62— er. Und damit ſprang er aus dem Bett, und fing an, im Hauſe umherzuwandeln. „Und wozu das?“ ſagte der frageluſtige Herr. Nun, um ſich abzukuͤhlen— oder vielleicht, um ein behaglicheres Bett aufzuſuchen— oder vielleicht— nun, es kommt nichts darauf an, wo⸗ nach er ging— er hat es wenigſtens nie geſagt— und es nutzt zu nichts, daß wir die Zeit mit Ver⸗ muthungen verlieren. Nun, mein Großvater war eine Weile aus ſei⸗ nem Zimmer entfernt geweſen, kam, vollkommen abgekuͤhlt, zuruͤck, und hatte ſo eben die Thuͤr er⸗ reicht, als er innen ein ſonderbares Geraͤuſch ver⸗ nahm. Er blieb ſtehen und horchte. Es war, als ob Jemand, dem Aſthma zum Trotz, ein Lied brummte. Es fiel ihm ein, daß man geſagt hatte, es ſpuke im Zimmer; da er aber keinen Glauben an Geiſter hatte, ſo oͤffnete er leiſe die Thuͤr, und blickte in das Zimmer. Hier ſah er ein Treiben, das den h. Antonius ſelbſt in Verwunderung geſetzt haben wuͤrde. Bei dem Schein des Feuers erblickte er einen bleichen, ſpitzgeſichtigen Kerl, in einem langen flanellenen Rocke und einer hohen, weißen Nachtmuͤtze mit ei⸗ naer Troddel daran, der am Feuer, mit einem Bla⸗ ſebalge, ſtatt des Dudelſacks, unter dem Arme ſaß, ——ꝛü— 63 aus dem er die aſthmatiſchen Toͤne hervorpreßte, die meinen Großvater ſo beunruhigt hatten. Waͤh⸗ rend er ſo ſpielte, ſchnitt er tauſend ſonderbare Ge⸗ ſichter, nickte mit dem Kopfe, und wackelte dazu mit der Nachtmuͤtze. Meinem Großvater kam dieß ſehr ſonderbar und dreiſt vor, und er war im Begriff, zu fragen, wie er dazu komme, ſein Blaſeinſtrument in einem frem⸗ den Zimmer zu ſpielen, als eine neue Erſcheinung ihn in Verwunderung ſetzte. An der entgegenge⸗ ſetzten Seite des Zimmers gerieth ploͤtzlich ein lang⸗ lehniger, krummbeiniger Stuhl, mit Leder uͤberzo⸗ gen, und uͤberall ſehr abenteuerlich mit meſſingenen Naͤgeln beſchlagen, in Bewegung, ſtreckte erſt einen Klauenfuß, dann einen krummen Arm aus, bewegte dann ein Bein, und glitt nun ſehr zierlich zu ei⸗ nem mit verſchoſſenem Brokat uͤberzogenen Lehnſeſ⸗ ſel, der ein Loch im Sitze hatte, hin, und forderte ihn zu einer Geiſtermenuet auf. Der Muſikant ſpielte nun immer gewaltiger, und bewegte den Kopf und die Nachtmuͤtze, als ob er toll geworden waͤre. Nach und nach ſchien die Tanzwuth auch alle uͤbrigen Moͤbel zu ergrei⸗ fen. Die altvaͤteriſchen, langlehnigen Stuͤhle ſtell⸗ ten ſich in Paare, und fuͤhrten einen Contretanz auf; ein dreibeiniger Stuhl tanzte einen Matroſen⸗ 64— tanz*), obgleich ihm das uͤberzaͤhlige Bein dabei gewaltig im Wege war, und die verliebte Feuer⸗ zange faßte die Schaufel um den Leib, und drehte ſie im raſchen Walzer umher. Kurz ſaͤmmtliche Mo⸗ bilien kamen in Bewegung: Balancẽ, Kreuz, Ronde rechts und links, wurden gemacht, wie beſeſſen: Alles tanzte, mit Ausnahme einer großen Kleiderkommode, die, wie eine alte Dame, in der Ecke ſtehen blieb, und nach der Muſik Knixe machte, weil ſie zu ſchwerfaͤllig zum Tanze war, oder vielleicht auch deßwegen, weil ſie Niemand auffoderte. Meinem Großvater ſchien das Letztere beſonders wahrſcheinlich, und da er, wie ein wahrer Irlaͤn⸗ der, ein beſonderer Verehrer des ſchoͤnen Geſchlechts und jederzeit zu einem Spaß aufgelegt war, ſo ſprang er in das Zimmer, rief dem Muſikanten zu, Paddy O' Rafferty aufzuſpielen, lief auf die Kom⸗ mode los, und nahm ſie bei den Griffen, um ſie zum Tanz zu fuͤhren, aber huſch! war die ganze Luſtbarkeit zu Ende. Die Stuͤhle, Tiſche, Zange und Schaufel ſtanden in einem Augenblick ſo ruhig an ihren Plaͤtzen, als ob nichts vorgefallen waͤre, und der Muſikant fuhr in den Schornſtein hinauf, und ließ den Blaſebalg in der Eil zuruͤck. Mein *) Hornpipe. 4 33 — — vor ihm, und die beiden Griffe abgebrochen in ſei⸗ gab es etwas, das mehr Wirklichkeit geweſen waͤre. 65 Großvater aber fand ſich auf einmal in der Mitte der Stube auf dem Boden, die Kommode weit offen nen Haͤnden.* „Das war am Ende ein bloßer Traum!“ ſagte der frageluſtige Herr. Den Teufel auch! erwiederte der Irlaͤnder. Nie Wahrhaftig, ich haͤtte Den ſehen wollen, der mei⸗ nem Großvater geſagt haͤtte, es ſey ein Traum ge⸗ weſen! Da nun die Kommode ziemlich ſchwer war, und mein Großvater auch, beſonders von der Ruͤck⸗ ſeite, ſo kann man leicht denken, daß, wenn zwei ſolche Maſſen zu Boden fielen, es einigen Laͤrm verurſacht haben mußte In der That zitterte das ganze Haus, als ob es ein Erdbeben geſpuͤrt haͤtte. Die ſaͤmmtliche Beſatzung gerieth in Aufruhr. Der Wirth, welcher unten ſchlief, kam eilig mit einem Licht heraufgelaufen, um ſich nach der Urſach des Laͤrms zu erkundigen; aber ſeiner Haſt ungeachtet, war ſeine Tochter doch fruͤher auf dem Schauplatz des Tumults geweſen, als er. Dem Wirthe folgte die Wirthin, dieſer die dralle Schenkjungfer, und dieſer wiederum die zimperigen Hausmaͤdchen, die alle, ſo gut ſie konnten, die Kleidungsſtuͤcke zuſam⸗ 66 menhielten, die ihnen zuerſt in die Haͤnde gefallen waren, alle aber gewaltige Eil' hatten, zu ſehen, was denn eigentlich in der Stube des kecken Dra⸗ goners vorgehe. Mein Großvater erzaͤhlte den wunderbaren Auf⸗ tritt, von dem er Zeuge geweſen war, und die ab⸗ gebrochenen Griffe der daliegenden Kommode dienten zur Bekraͤftigung der Wahrheit der Sache. Ge⸗ gen ein ſolches Zeugniß war nichts einzuwenden, beſonders wenn man es mit einem Menſchen, von meines Großvaters Art, zu thun hatte, der wol im Stande zu ſeyn ſchien, jedes ſeiner Worte durch den Degen oder den Shillelah zu bekraͤftigen*). Der Wirth kratzte ſich im Kopfe, und ſah ſehr albern aus, wie er zu thun pflegte, wenn er in Verlegenheit war. Die Wirthin kratzte— doch nein, ſie kratzte ſich nicht am Kopfe, ſondern ſie machte ein finſteres Geſicht, und ſchien mit der Er⸗ klaͤrung nicht ſo ganz befriedigt zu ſeyn. Die Tochter der Wirthin bekraͤftigte ſie indeſſen und *) Ein Shillelah iſt ein Knilttel von Eichenholz, ohne welchen die Bauern in Irland nie ausgehen, und der ſehr oft zur tödtlichen Waffe wird. Ein guter Shillelah vererbt ſich oft, durch mehrere Geſchlechter, vom Vater auf den Sohn, und wird überhaupt ſo hoch gehalten, daß ein Ir⸗ länder faſt eher ſein Leben, als ſeinen Shillelah laſfen würde. Ueberſ. 67 ſagte, ſie erinnere ſich, daß der Letzte, der dieß Zim⸗ mer bewohnt habe, ein beruͤhmter Gaukler geweſen, welcher am St. Veit's Tanze geſtorben ſey, und wahrſcheinlich die ſaͤmmtlichen Moͤbeln damit ange— ſteckt habe. Dieß klaͤrte die ganze Sache auf, beſonders da die Hausmaͤdchen verſicherten, daß ſie ſeltſame Sa⸗ chen in dieſem Zimmer haͤtten vorgehen ſehen, und da ſie dieß ſaͤmmtlich„bei ihrer Ehre“ verſicherten, ſo konnte wol kein Zweifel mehr daruͤber obwalten. „Und legte ſich Ihr Großvater wieder in dieſem Zimmer zu Bett?“ ſagte der frageluſtige Herr. Das kann ich Ihnen wirklich nicht ſagen. Wo er den uͤbrigen Theil der Nacht zubrachte, iſt ein Geheimniß, woruͤber er nie Aufſchluß gegeben hat. Auch war er, obgleich ein dienſterfahrener Mann, nur ſehr ſchlecht in der Geographie bewandert, und verirrte ſich zuweilen wol, wenn er des Nachts in den Gaſthoͤfen umherging, auf eine Art, daß es ihn in nicht geringe Verlegenheit geſetzt haben wuͤrde, wenn er am Morgen daruͤber haͤtte Aus⸗ kunft geben ſollen. „»„War er denn ein NMachuwandler ſagte der ſchlaue Herr. Nicht, das ich wuͤßte. Na dieſem langen iriſchen Ronnam eneſtand 68 eine kleine Pauſe, worauf der Herr mit dem ver⸗ fallenen Kopfe bemerkte, daß die Geſchichten, die bisher erzaͤhlt worden waͤren, ſaͤmmtlich eine komi⸗ ſche Richtung haͤtten.„Ich erinnere mich indeſſen,“ ſagte er:„eines Abenteuers, das ich waͤhrend mei⸗ nes Aufenthalts in Paris erzaͤhlen gehoͤrt habe, fuͤr deſſen Wahrheit ich buͤrgen kann, und das von ſehr ernſter und ſonderbarer Art iſt.“ Das Abenteuer des deutſchen Studenten. In den unruhigen Zeiten der franzoͤſiſchen Re⸗ volution kehrte, an einem ſtuͤrmiſchen Abend, ein junger Deutſcher, ſehr ſpaͤt, durch den alten Theil von Paris mach ſeiner Wohnung zuruͤck. Die Blitze leuchteten, laute Donnerſchlaͤge hallten durch die hohen, engen Straßen,— doch, ich muß Ih⸗ nen erſt etwas von dem jungen Deutſchen ſelbſt er⸗ zaͤhlen. Gottfried Wolfgang war ein junger Mann aus einer guten Familie. Er hatte einige Zeit in Goͤt⸗ tingen ſtudirt, war aber, da er uͤberhaupt ein ſchwaͤrmeriſches und begeiſtertes Gemuͤth hatte, tief in die ſonderbaren und gruͤbelhaften Lehren hin⸗ eingerathen, welche ſo oft den deutſchen Studenten den Kopf verwirren. Sein abgeſchiedenes Leben, 69 ſein angeſtrengter Fleiß und die eigenthuͤmliche Be⸗ ſchaffenheit ſeines Studiums, hatten eine große Wirkung, ſowol auf ſeinen Geiſt, als auf ſeinen Koͤrper, hervorgebracht. Er hatte ſich in phanta⸗ ſtiſche Gruͤbeleien uͤber geiſtige Weſen eingelaſſen, bis er, wie Swedenborg, ſich eine eigene uͤberſinn⸗ liche Welt um ſich her geſchaffen hatte. So hatte er ſich auch in den Kopf geſetzt, ich weiß nicht warum, daß ein boͤſes Geſchick uͤber ihn walte, ein boͤſer Daͤmon oder Geiſt, der ihn zu verſtricken und ſein Verderben herbeizufuͤhren trachte. Dieſer Ge⸗ danke, welcher auf ſeine melancholiſche Gemuͤthsart wirkte, hatte den traurigſten Einfluß auf ihn. Er zehrte ab, und ward tiefſinnig. Seine Freunde ent⸗ deckten bald die Geiſteskrankheit, die ihn quaͤlte, und entſchieden ſich dahin, daß das beſte Heilver⸗ fahren eine Veraͤnderung des Aufenthalts ſey, und ſo ward er denn nach Paris geſchickt, um im Glanze und der Froͤhlichkeit dieſer Stadt ſeine Studien zu vollenden... Wolfgang langte gerade beim Ausbruche der Revolution in Paris an. Die Geiſtesverwirrung des Volks ergriff anfangs auch ſein entflammtes Ge⸗ muͤth, und die politiſchen und philoſophiſchen Theo⸗ rien des Tages zogen ihn nicht wenig an: die Blut⸗ auftritte, welche ihnen folgten, emporten indeß ſein Gefuͤhl, verekelten ihm die menſchliche Geſellſchaft und die Welt, und machten ihn nur immer mehr zum Einſiedler. Er ſchloß ſich in ein einſames Zim⸗ mer im Pays latin, dem Viertel der Studenten, ein. Hier verfolgte er in einer finſtern Straße, nicht weit von den Moͤnchsmauern der Sorbonne, ſeine Lieblings⸗Gruͤbeleien. Zuweilen brachte er mehrere Stunden hintereinander in den Bibliothe⸗ ken von Paris, dieſen Katakomben abgeſchiedener Autoren, zu, und wuͤhlte unter ihren Stoͤßen be⸗ ſtaubter und verſchollener Werke nach Nahrung fuͤr ſeine unnatuͤrliche Wißbegierde. Er war gewiſſer⸗ maßen ein gelehrter Vielfraß, der im Beinhauſe verweſeter Literatur ſich naͤhrte. Wolfgang war, obgleich eingezogen und abge⸗ ſchieden, doch von feuriger Gemuͤthsart, die aber eine Zeitlang allein auf ſeine Einbildungskraft wirkte. Er war zu ſchuͤchtern und kannte die Welt zu we⸗ nig, um ſich den Schoͤnen zu naͤhern; allein er war ein leidenſchaftlicher Bewunderer weiblicher Schoͤnheit, verlor ſich in ſeinem einſamen Zimmer ſehr oft in Traͤumereien uͤber Geſtalten und Geſich⸗ ter, die er geſehen hatte, und ſeine Einbildungskraft ſchmuͤckte ſich dann Bilder des Reizes aus, welche alle Wirklichkeit weit uͤberſtiegen. Waͤhrend ſein Geiſt ſich in dieſem erregten und 71 verzuͤckten Zuſtande befand, hatte er einen Traum, welcher eine außerordentliche Wirkung auf ihn her⸗ vorbrachte. Ihn traͤumte, er ſehe ein weibliches Geſicht von uͤberſchwaͤnglicher Schoͤnheit, und der Eindruck dieſes Bildes war ſo ſtark, daß er immer wieder davon traͤumte. Es lebte bei Tage in ſei⸗ nen Gedanken, es erfuͤllte ihn Nachts im Schlum⸗ mer, und er verliebte ſich endlich auf das leiden⸗ ſchaftlichſte in dieſes Traumbild. Dieß dauerte ſo lange, daß es einer der feſten Gedanken wurde, welche die Gemuͤther melancholiſcher Leute beunru⸗ higen, und welche man zuweilen faͤlſchlich fuͤr Ver⸗ ruͤcktheit anſieht. So war Gottfried Wolfgang und ſein Zuſtand zu der erwaͤhnten Zeit beſchaffen. Er kehrte, an ei⸗ nem ſtuͤrmiſchen Abend ſpaͤt, durch einige der alten und finſtern Straßen des Marais, des alten Thei⸗ les von Paris, zuruͤck. Die lauten Donnerſchlaͤge hallten zwiſchen den hohen Haͤuſern der engen Stra⸗ ßen wieder. So kam er nach dem Place de Grève, dem Platze, wo die oͤffentlichen Hinrichtungen voll⸗ zogen werden. Der Blitz zuckte um die Zinnen des alten Rathhauſes, und erhellte von Zeit zu Zeit fluͤchtig den freien Platz vor demſelben. Als Wolf⸗ gang quer uͤber den Platz ging, ſchauderte er zu⸗ ruͤck, ſich dicht bei der Guillotine zu befinden. Das 2 Reich des Schreckens hatte damals ſeine groͤßte Hoͤhe erreicht: das furchtbare Werkzeug des Todes ſtand immer bereit, und ſein Geruͤſt war fortdau⸗ ernd mit dem Blute der Tugendhaften und Edlen uͤberſchwemmt. Noch an dieſem Tage war es eifrig thaͤtig bei der Blutarbeit geweſen, und ſtand itzt, in ſeiner ganzen Graͤßlichkeit, mitten in einer ſchwei⸗ genden und ruhenden Stadt, da, neue Opfer er⸗ wartend. 3 Wolfgang's Herz ſank, und er wandte ſich ſchau⸗ dernd von dem furchtbaren Werkzeuge ab, als er eine Schattengeſtalt, gleichſam zuſammengehockt, am Fuße der Stufen, welche zum Geruͤſte hinauffuͤhr⸗ ten, ſitzen ſah. Mehrere helle Blitze hintereinander zeigten ihm die Erſcheinung noch deutlicher. Es war eine weibliche Geſtalt, ſchwarz gekleidet. Sie ſaß auf einer der untern Stufen des Geruͤſtes, vor⸗ waͤrts gebeugt, ihr Haupt in ihrem Schoße ver⸗ borgen, ihr langes, aufgeloͤſ'tes Haar auf den Bo⸗ den herabhangend, und ganz durchnaͤßt von dem Re⸗ gen, der in Stroͤmen fiel. Wolfgang blieb ſtehen. Es lag etwas Furchtbares in dieſem einſamen Denk⸗ male des Schmerzes. Das Frauenzimmer gehoͤrte, ſeinem Aeußern nach, nicht zum gemeinen Stande. Er wußte, daß dieß Zeiten voll von Wechſel⸗Er⸗ eigniſſen waren, und daß manches Haupt, welches ſonſt — 73 ſonſt auf Daunen geruht, itzt ohne Obdach umher⸗ irre. Vielleicht war dieß eine ungluͤckliche Trauernde, die das furchtbare Beil zur Verlaſſenen gemacht hatte, und die, mit gebrochenem Herzen, am Strande des Lebens ſaß, von welchem Alles, was ihr theuer, in das Meer der Ewigkeit hinuͤbergegangen war. Er naͤherte ſich ihr und redete ſie im Tone des Mitgefuͤhls an. Sie erhob das Haupt und ſtarrte wild auf ihn hin. Wie groß war ſein Er⸗ ſtaunen, als er, bei dem hellen Leuchten des Blitzes, das Geſicht erblickte, welches ihn in ſeinem Traume ſo verfolgt hatte! Es war bleich und ſchmerzens⸗ voll, aber entzuͤckend ſchön. Zitternd vor gewaltigen und mit einander ſtrei⸗ tenden Empfindungen, redete Wolfgang abermals zu ihr. Er aͤußerte etwas daruͤber, daß ſie in ſo ſpaͤter Nacht, und der Wuth eines ſolchen Unwetters ſich ausſetze, und erbot ſich, ſie zu ihren Freunden zu begleiten. Sie deutete mit einer furchtbar ſprechenden Geberde auf die Guil⸗ lotine.. „Ich habe keinen Freund auf Erden!“ ſagte ſie. Aber doch eine Heimath, ſagte Wolfgang. „Ja— im Grabe!“ Das Herz des Studenten wollte bei dieſen Worten brechen. 1 D „Wenn ein Fremder,“ ſagte er,„ohne Gefahr der Mißdeutung, Ihnen ein Anerbieten machen darf, ſo wuͤrde ich Ihnen meine ſchlechte Wohnung als einen Zufluchtsort, und mich ſelbſt als einen treuen Freund anbieten. Ich ſelbſt bin freundlos in Paris, und ein Fremder; kann Ihnen aber mein Leben nuͤtzen, ſo ſteht es Ihnen zu Dienſten, und ich werde es gern aufopfern, um Sie vor allen Be leidigungen oder Unwuͤrdigkeiten zu ſchuͤtzen.“ Es lag eine gewiſſe rechtliche Aufrichtigkeit in dem Weſen des jungen Mannes, welche nicht ohne Wirkung blieb. Auch ſeine fremde Sprache zeugte zu ſeinen Gunſten und davon, daß er kein eingebuͤr⸗ gerter Bewohner von Paris ſey. In der That liegt in der wahren Begeiſterung eine Beredſamkeit, die keinen Zweifel zulaͤßt. Die heimathloſe Fremde vertraute ſich unbedingt dem Schutze des Stu⸗ denten. Er unterſtuͤtzte die Wankende, als ſie uͤber den Pont neuf und bei dem Platze voruͤber gingen, wo Heinrich des Vierten Bildſaͤule von dem Volke umgeſtuͤrzt worden war. Das Unwetter hatte nach⸗ gelaſſen, und der Donner rollte nur noch in der Entfernung. Ganz Paris war ſtill: dieſer große Vulkan der menſchlichen Leidenſchaften ruhte eine Weile, um zum Ausbruche des naͤchſten Tages neue Kraͤfte zu ſammeln. Der Student fuͤhrte ſeinen Schuͤtzling, durch die alten Straßen des Pays latin und an den finſtern Waͤnden der Sorbonne hin, nach dem großen raͤucherigen Hotel, welches er be⸗ wohnte. Die alte Portiere, welche ſie einließ, war ſtarr vor Erſtaunen uͤber den ungewoͤhnlichen An⸗ blick, den melancholiſchen Wolfgang mit einer Be⸗ gleiterin kommen zu ſehen. Als man das Zimmer betrat, erroͤthete der Stu⸗ ddent zum erſtenmale uͤber die Aermlichkeit und ſchlech⸗ te Beſchaffenheit ſeiner Wohnung. Er hatte nur ein Zimmer— einen altfraͤnkiſchen Saal, der mit ſchwerem und abenteuerlichem Schnitzwerk, den Ueberbleibſeln fruͤherer Pracht, verziert war, denn es war eines von den Hotels in dem Viertel des Palaſtes Luxemburg, welches einſt einem Adlichen gehoͤrt hatte. Es lag voll von Buͤchern und Pa⸗ pieren und all' den gewoͤhnlichen Umgebungen ei⸗ nes Studenten, und ſein Bett ſtand in einer Ni⸗ ſche am einen Ende. Als Licht gebracht wurde, und Wolfgang die Frremde genauer betrachten konnte, fuͤhlte er ſich mehr als je von ihrer Schoͤnheit hingeriſſen. Ihr Geſicht war bleich, aber von blendender Weiße, und trat, gehoben durch das uͤppige, rabenſchwarze Haar, welches in reichen Locken darum hing, noch mehr D 2 76 hervor. Ihre Augen waren groß und feurig, es lag ein ſonderbarer Ausdruck darin, der beinahe an Wildheit graͤnzte. So viel ihre ſchwarze Kleidung von ihrem Koͤrperbau zu ſehen erlaubte, ſo war die⸗ ſer vollkommen ebenmaͤßig. Ihr ganzes Aeußere war ungemein auffallend, obgleich ſie auf das Ein⸗ fachſte gekleidet war. Das einzige ſchmuckaͤhnliche, was ſie an ſich hatte, war ein breites, ſchwarzes Band, welches ſie um den Hals trug, und das mit einem Schloſſe von Diamanten befeſtigt war. Der Student gerieth itzt in Verlegenheit, was er mit dem huͤlfloſen Weſen, das ſich ſeinem Schutze anvertraut hatte, beginnen ſolle. Er dachte daran, ihr ſein Zimmer zu uͤberlaſſen, und anderwaͤrts ein Unterkommen zu ſuchen. Allein ihre Reize hatten ihn ſo verzuͤckt, es ſchien ein ſolcher Zauber ſeine Gedanken und Sinne befangen zu haben, daß er ſich nicht aus ihrer Naͤhe entfernen konnte. Auch ihr Benehmen war ſonderbar und unerklaͤrlich. Sie ſprach nicht mehr von der Guillotine. Ihr Schmerz hatte ſich gemildert. Die Aufmerkſamkeiten des Studenten hatten Anfangs ihr Vertrauen, und dann, wie es ſchien, ihr Herz gewonnen. Sie war augenſcheinlich eine Enthuſiaſtin, wie er ſelbſt, und Enthuſiaſten verſtehen ſich bald. In der Begeiſterung des Augenblicks geſtand br - — 77 Wolfgang ſeine Leidenſchaft. Er erzaͤhlte ihr die Geſchichte ſeines geheimnißvollen Traums, und wie ſie ſein Herz beſeſſen, noch ehe er ſie geſehen. Seine Erzaͤhlung ſchien ſie ſonderbar zu ergreifen, und ſie geſtand ihm, daß ſie eine eben ſo unerklaͤrliche Hin⸗ neigung zu ihm gefuͤhlt habe. Es war die Zeit unge⸗ bundener Theorie und leidenſchaftlicher Handlung. Alle Vorurtheile und aller Aberglauben ſollten verbannt ſeyn: Alles ſtand unter dem Reich der„Goͤttin der Vernunft⸗. Unter anderem Plunder alter Zeiten ſing man auch die Formen und Feierlichkeiten der Ehe als uͤberfluͤſſige Bande fuͤr edle Gemuͤther zu be⸗ trachten an. Geſellſchafts⸗Vertraͤge waren an der Tagesordnung. Wolfgang war zu ſehr Theoretiker, um nicht von den freiſinnigen Lehren des Tages an⸗ geſteckt worden zu ſeyn. „Warum ſollen wir uns trennen?“ ſagte er: „unſere Herzen ſind eins: in den Augen der Ehre und der Vernunft ſind wir vereinigt. Was bedarf es der gemeinen Formen, hochgeſinnte Gemuͤther mit einander zu verbinden?« Die Fremde hoͤrte ihm mit Bewegung zu: ſie hatte offenbar in derſelben Schule ihre Erleuchtung empfangen. „Sie haben weder Heimath, noch Familie,⸗ fuhr er fort:„laſſen Sie mich Ihnen Alles, oder —— 78 vielmehr laſſen Sie uns einanden Alles ſeyn. Wenn die Form noͤthig iſt, ſo ſoll ſie beobachtet werden— darauf haben Sie meine Hand. Ich gehoͤre Ihnen auf immer.“ Auf immer! ſagte die Fremde feierlich. „»Auf immer!“ wiederholte Wolfgang. Die Fremde ſchloß die ihr dargebotene Hand in die ihrigen: So bin ich die Ihre, lispelte ſie, und ſank an ſeine Bruſt. 3 Am naͤchſten Morgen verließ der Student ſeine Braut noch ſchlafend, und ging ſchon fruͤh aus, um eine geraͤumigere, ſeiner itzigen veraͤnderten Lage ann gemeſſene, Wohnung zu ſuchen. Als er zuruͤckkehrte, fand er dis Fremde mit dem Kopfe uͤber das Bett haͤngend, und einen Arm daruͤber geſtreckt liegen. Er redete ſie an, erhielt aber keine Antwort. Er naͤherte ſich ihr, ſie aus ihrer unbequemen Stel⸗ lung zu wecken. Er ergriff ihre Hand, ſie war kalt— er fuͤhlte keinen Puls— ihr Geſicht war bleich und geiſteraͤhnlich— kurz, ſie war eine Leiche. Vor Schrecken außer ſich, brachte er das Haus in Bewegung. Alles gerieth in Verwirrung. Man ſandte nach der Polizei. Als der Polizeibeamte her⸗ 79 eintrat, fuhr er, beim erſten Blick auf die Leiche, voll Schrecken zuruͤck. „Gerechter Himmel!““ tief er er ans,„wie kam dieß Frauenzimmer hieher?“ Wiſſen Sie etwas von ihr? ſagte Wolfgang haſtig. „Ob ich etwas weiß!“ rief der Polizeibeamte: „ geſtern iſt ſie guillotinirt worden!“ Er trat naͤher, loͤſ'te das ſchwarze Band vom Halſe der Leiche ab, und das Haupt töllte auf den Boden! Der Student gerieth außer ſich.„Der Feind! der Feind hat mich in ſeiner Gewalt!“ kreiſchir er: i bin auf ewig verloren!“ Man ſuchte ihn zu beruhigen, aber vergebens. de furchtbare Glaube, daß ein boͤſer Geiſt den todten Koͤrper belebt habe, um ihn in die Falle zu locken, hatte ſich ſeiner bemaͤchtigt. Er verlor den Verſtand, und ſtarb in einem Irrenhauſe.* Damit endigte der alte Herr mit dem Geſpen⸗ ſterkopfe ſeine Erzaͤhlung. „Und iſt dieß wirklich eine Thutſachene ſagte der frageluſtige Herr. Eine unbezweifelte Thatſache, erwiederte der An⸗ dere. Ich habe ſie aus der allerbeſten Quelle: der — Student ſelbſt hat ſie mir erzaͤhlt. Ich ſah ihn in einem Irrenhauſe in Paris*). 3 Das Abenteuer mit dem geheimnißvollen Bilde. Da eine Geſchichte der Art immer wieder eine andere erzeugt, und da die ganze Geſellſchaft von dem Gegenſtande voͤllig eingenommen und ſehr dazu geneigt ſchien, alle ihre Verwandten und Vorfahren auf die Bahn zu bringen: ſo iſt nicht fuͤglich zu beſtimmen, wie viele ſonderbare Abenteuer wir noch haͤtten hoͤren muͤſſen, wenn nicht ein fetter alter Fuchsjaͤger, der die Zeit uͤber ganz ruhig geſchlafen hatte, itzt ploͤtzlich mit einem lauten, langgezogenen Gaͤhnen erwacht waͤre. Dieſer Ton zerſtoͤrte den Zauber, die Geiſter flo⸗ hen, als ob ſie das Hahnengeſchrei gehoͤrt haͤtten, und es entſtand ein allgemeiner Aufbruch zu Bett. „Und nun geht's nach dem Spukzimmer,“ ſagte der iriſche Hauptmann, indem er ein Licht nahm. *) Der letzte Theil der obigen Geſchichte gründet ſich auf eine Anekdote, die man mir erzählt hat, und die ire gendwo, im Franzöſtſchen, gedruckt vorhanden ſeyn ſoll. 3 Ich habe nie das Buch erhalten können. Verf. 1 81 „Ja, wer iſt denn nun der Held dieſer Nacht?““ ſagte der Herr mit dem verfallenen Kopf. „Das werden wir am Morgen ſehen,“ ſagte der alte Herr mit der beweglichen Naſe:„wer bleich und geiſterhaft ausſieht, der hat den Geiſt geſehen.“ „Nun, meine Herren,“ ſagte der Baronet:„ gar manche ernſthafte Sachen werden im Scherz geſagt, — in der That, Einer von Ihnen wird die Nacht in dem Zimmer zubringen muͤſſen.“ Wie, ein Spukzimmer?— ein Spukzimmer? — Ich will das Abenteuer beſtehen— ich— ich — ich! ſo ſagte ein Dutzend von Gaͤſten, die Alle zu gleicher Zeit ſprachen und lachten. „Nein, nein,“ ſagte der Wirth:„es iſt ein Ge⸗ heimniß mit einem meiner Zimmer verknuͤpft, wor⸗ uͤber ich wol die Herren auf die Probe ſtellen moͤchte:— und ſo, meine Herren, ſoll denn Nie⸗ mand von Ihnen wiſſen, wer das Spukzimmer be⸗ kommen hat, bis die Umſtaͤnde dieß entdecken. Ich ſelbſt will nicht einmal etwas davon wiſſen, ſondern die Sache ganz dem Zufall und der Vertheilung der Haushaͤlterin uͤberlaſſen. Indeſſen will ich, wenn Ihnen dieß einige Genugthuung gewaͤhren kann, zur Ehre meines vaͤterlichen Hauſes bemerken, daß es beinahe kein Zimmer darin giebt, welches nicht werth waͤre, daß es darin ſpukte. Wir trennten uns nun, um ſchlafen zu gehen, und jeder begab ſich in das ihm angewieſene Zim⸗ mer. Das meinige lag in einem Fluͤgel des Ge⸗ 3 baͤudes, und ich mußte unwillkuͤrlich uͤber die Aehn⸗ lichkeit deſſelben, in Hinſicht auf die Verzierung, mit allen den verhaͤngnißvollen Zimmern, welche in den Erzaͤhlungen bei unſerer Abendtafel vorgekom⸗ men waren, laͤcheln. Es war geraͤumig und duͤ⸗ ſter, und mit pechſchwarzen Bildern behangen: ein Himmelbett von altem Damaſt, groß genug, um ein Prunklager zu ſchmuͤcken, und eine Anzahl ſehr ſchwerer, altfraͤnkiſcher Moͤbel ſtanden darin. Ich ruͤckte mir einen großen, mit Klauenfuͤßen ver⸗ 5 ſehenen Lehnſtuhl vor den gewaltigen Kamin, ſchuͤrte das Feuer auf, blickte hinein, und dachte uͤber die ſeltſamen Geſchichten nach, die ich gehoͤrt hatte, bis ich, theils von den Anſtrengungen der Jagd, theils von dem Wein und Wohlleben, das ich bei unſerem Wirthe genoſſen, uͤberwaͤltigt, in meinem Stuhle einſchlief. 3 Das Unbequeme meiner Lage machte, daß mein Schlummer ſehr unruhig war, und alle moͤglichen wilden und furchtbaren Traͤume mich beaͤngſtigten. Das ganze Mittags⸗ und Abendeſſen gerieth in of⸗ fene Empoͤrung gegen mich. Ein fetter Hammel⸗ braten waͤlzte ſich hexenartig auf mich, ein Plum⸗ 83 pudding lag wie Blei auf meinem Gewiſſen, das Bruſtbein eines Kapauns erfuͤllte mich mit ſchreck⸗ lichen Gedanken, und eine geroͤſtete Truthahnskeule ſchritt in allen moͤglichen Teufelsgeſtalten vor mei⸗ ner Einbildungskraft voruͤber. Kurz der Alp druͤckte mich auf das heftigſte. Irgend ein ſonderbares, un⸗ beſtimmtes Unheil, das ich nicht abwenden konnte, ſchien mich zu bedrohen: es war etwas Schreckli⸗ ches und Widriges, das ich nicht von mir abwaͤlzen konnte. Ich wußte, daß ich ſchlief, und ſuchte mich zu ermuntern; aber jede Anſtrengung vermehrte nur das Uebel, bis ich endlich, hoch aufathmend, kaͤm⸗ pfend und beinahe mit dem Gefuͤhl des Exrwuͤrgt⸗ werdens, ploͤtzlich von meinem Stuhl gerade auf⸗ ſprang, und ſo erwachte. Das Licht auf dem Kaminvorſprunge war her⸗ untergebrannt, der Docht hatte ſich getheilt, und das herabgelaufene Wachs hatte an der Seite nach mir zu, einen großen Zacken gebildet*). Die ſo in Unordnung gerathene Kerze gab eine ſlak⸗ kernde, breite Flamme von ſich, und warf ein ſtarkes Licht auf ein Bild uͤber dem Kamin, das ich bis itzt noch nicht bemerkt hatte. Dieſes Bild ſtellte bloß *) A winding-sheet, Todtenhemde, wie man es in England nennt. Ueberf. 84 einen Kopf, oder vielmehr ein Geſicht vor, das mich unverruͤckt anzuſtarren ſchien, und zwar mit einem Aus⸗ drucke, der mich auf das aͤußerſte erregte. Das Bild war ohne Rahmen, und ich konnte mich bei dem erſten Anblick kaum uͤberreden, daß es nicht ein lebendiges Geſicht ſey, welches aus dem dunkelen eichenen Ge⸗ taͤfel hervorblicke. Ich ſaß in meinem Stuhle und betrachtete es, und je laͤnger ich es anſah, deſto mehr beunruhigte es mich. Noch nie hatte ein Bild einen ſolchen Eindruck auf mich gemacht. Die Bewegungen, welche es in mir hervorbrachte, wa⸗ ren ſeltſam und unbeſtimmt. Sie glichen unge⸗ faͤhr denen, welche man den Augen des Baſilisken zuſchreibt, oder der geheimnißvollen bezaubernden Kraft, welche manche Wuͤrmer haben ſollen. Ich fuhr mehrere Mal mit der Hand uͤber die Augen, als ob ich das Blendwerk damit von mir wegſchie⸗ ben wollte— aber vergebens. Meine Augen wand⸗ ten ſich ſogleich wieder auf das Bild, und ſeine er⸗ kaltende, langſam anſchleichende Wirkung auf mein Fleiſch und Blut hatte ſich dadurch nur verdoppelt. Ich ſah auf andere Bilder im Zimmer, ſowol um meine Aufmerkſamkeit von dieſem abzuwenden, als um zu ſehen, ob ſie denſelben Eindruck auf mich hervorbringen wuͤrden. Einige davon waren furcht⸗ bar genug dazu, wenn die bloße Furchtbarkeit eines Bildes es gethan haͤtte.— Aber nein— mein Auge glitt uͤber alle mit der vollkommenſten Gleich⸗ guͤltigkeit hin; kaum aber kehrte es zu dieſem Ge⸗ ſicht uͤber dem Kamin zuruͤck, ſo war es, als ob ich einen elektriſchen Schlag durch den ganzen Koͤrper gefuͤhlt haͤtte. Die anderen Bilder waren unbe— ſtimmt und verblichen, dieſes aber trat aus dem ein⸗ fachen, ſchwarzen Grunde auf das ſtaͤrkſte und mit einer wunderbaren Wahrheit der Faͤrbung hervor. Der Ausdruck, welcher darin lag, war der des To⸗ deskampfes— des Kampfes inneren, koͤrperlichen Schmerzes: allein es lag etwas Drohendes in der Miene, und einige Blutstropfen vermehrten noch die Graͤßlichkeit deſſelben. Dieſe beſondern Um⸗ ſtaͤnde waren es indeß nicht, welche meine Gefuͤhle ſo in Aufruhr brachten: was das Bild in mir er⸗ regte, war ein Seelenſchauer und ein gewiſſer un⸗ ergruͤndlicher Abſcheu. Ich ſuchte mich zu uͤberreden, daß dieß alles nur Trug der Einbildungskraft, daß mein Gehirn durch die Duͤnſte des Guten, das ich bei unſerem Wirth genoſſen, und zum Theil auch durch die ſon⸗ derbaren Erzaͤhlungen von Bildern, die bei dem Abendeſſen vorgekommen waren, eingenommen ſey. Ich beſchloß, dieſe Wolken von meinem Geiſte wo moͤglich zu verſcheuchen, ſtand von dem Stuhle auf, “ 86 ging im Zimmer umher, ſchnalzte mit den Fingern, machte mich uͤber mich ſelbſt luſtig, ja, lachte uͤber⸗ laut.— Dieß Lachen war ein erzwungenes, und der Wiederhall in dem alten Zimmer klang hoͤchſt miß⸗ toͤnend in mein Ohr.— Ich trat an das Fenſter, und ſah durch die Scheiben, ob ich etwas von der Gegend erkennen koͤnnte. Es war pechfinſter, der Sturm heulte draußen, und waͤhrend ich ſo den Wind in den Baͤumen brauſen hoͤrte, fiel mir, in der Scheibe, der Wiederſchein des verwuͤnſchten Geſichts in die Augen, als ob es von außen durch das Fenſter hereinblicke. Selbſt dieſer Wiederſchein machte, daß mir ein Schauer durch Mark und Bein ging. Wie es anfangen, um dieſes unangenehmen Ner⸗ venkrampfs(denn das war es itzt nach meiner Ueberzeugung) Herr zu werden? Ich beſchloß, mir Gewalt anzuthun, um das Bild nicht zu betrach⸗ ten, ſondern mich ſchnell zu entkleiden und zu Bett zu gehen.— Ich fing an, mich auszuziehen, konnte aber, aller Anſtrengungen ungeachtet, mich nicht enthalten, dann und wann einen Blick auf das Bild zu werfen, und ein einziger Blick war itzt hinlaͤnglich, mich in Bewegung zu bringen. Selbſt, wenn ich ihm den Ruͤcken zuwandte, war der Gedanke, daß dieß ſonderbare Geſicht hinter mir, mir uͤber die Schultern blicke, mir unertraͤglich. Ich 87 warf meine Kleider vollends ab und eilte, in das Bett zu kommen, aber das Geſicht blickte mich immer an. Von meinem Bett aus konnte ich es ganz deutlich ſehen, und war eine Zeitlang nicht im Stande, meine Augen davon abzuziehen. Meine Nerven waren auf das furchtbarſte gereizt. Ich loͤſchte das Licht aus und ſuchte einzuſchlafen— alles verge⸗ bens. Das Feuer, das etwas aufglimmte, warf ein ungewiſſes Licht in das Zimmer, wobei jedoch die Gegend, wo das Bild hing, in tiefem Schatten blieb. Wie, dachte ich, iſt dieß etwa das Zimmer, von dem unſer Wirth ſagte, es ſchwebe ein Ge⸗ heimniß daruͤber? Ich hatte ſeine Worte nur fuͤr Scherz genommen; ſollten ſie etwa mehr zu bedeu⸗ ten gehabt haben? Ich ſah mich um.— Das ſchwach beleuchtete Gemach hatte alles, was es zu einem Spukzimmer machen konnte. Meine gereizte Ein⸗ bildungskraft ließ mich allerhand ſonderbare Erſchei⸗ nungen ſehen— die alten Bilder wurden immer bleicher und bleicher, immer ſchwaͤrzer und ſchwaͤr⸗ zer, und die Streiflichter und Schatten, welche auf die ſeltſamen Moͤbel ſielen, gaben ihnen nur noch ſeltſamere Geſtalt und Ausſehen.— Ein großer, dunkeler Kleiderſchrank von alterthuͤmlicher Form, reich mit Meſſing verziert und glaͤnzend gebohnt, fing an, mir hoͤchſt aͤngſtlich zu werden. So bin ich denn wirklich, dachte ich bei mir ſelbſt, der Held des Spukzimmers? Liegt wirklich ein Zauber auf mir, oder iſt das alles von dem Wirthe angelegt, um auf meine Koſten ſich einen Scherz zu machen?— Der Gedanke, von meiner eigenen Einbildungskraft die ganze Nacht uͤber ge⸗ peinigt worden zu ſeyn, und am naͤchſten Tage meiner hohlen Blicke wegen noch dazu geneckt zu werden, war unertraͤglich: aber ſelbſt der Gedanke war ſchon hinlaͤnglich, die Wirkung hervorzubrin⸗ gen und mich noch nervenſchwacher zu machen.— Hm! ſagte ich, ſo kann die Sache doch nicht ſeyn. Wie koͤnnte mein wuͤrdiger Wirth ſich wol einbilden, daß ich, oder irgend Jemand anders, durch ein bloßes Bild ſich ſo in Unruhe verſetzen laſſen wuͤrde? Meine eigene krankhafte Einbildungs⸗ kraft iſt es, die mich peinigt! Ich drehte mich im Bette um, und legte mich bald auf dieſe, bald auf jene Seite, um einzuſchla⸗ fen; aber Alles vergebens. Wenn man nicht in ei⸗ ner ruhigen Lage einſchlafen kann, ſo erreicht man ſelten durch das Umherwerfen den Zweck. Das Feuer verloſch allmaͤhlig und das Zimmer ward fin⸗ ſter. Dennoch hatte ich immer den Gedanken, daß jenes unerklaͤrliche Geſicht mich im Dunkeln anſaͤhe, mich beobachte— ja, was noch aͤrger war, die 89 Dunkelheit ſchien ſeine Schrecken noch zu vermeh⸗ ren. Es war, als ob ein unſichtbarer Feind Einen in der Nacht umſchwebte. Statt Eines Bildes, das mich peinigte, waren itzt ihrer hundert da. Ich glaubte es nach allen Seiten zu ſehen. Hier iſt es, dacht' ich, und dort iſt es! und dort! und ſtarrt mit ſeinem furchtbaren und geheimnißvollen Ausdrucke mich unverwandt an! Nein— wenn ich doch einmal dieſen ſonderbaren und ungluͤcklichen Einfluß fuͤhlen ſoll, ſo will ich lieber einem einzelnen Feinde mich dreiſt entgegenſtellen, als mich ſo von tauſend Ebenbildern deſſelben verfolgen laſſen! Wer ſich je in einem ſolchen Zuſtande der Ner⸗ venerregung befunden hat, wird wiſſen, daß, je laͤn⸗ ger er dauert— er auch deſto unbeſiegbarer wird. Die Luft des Zimmers ſchien am Ende von der ſchrecklichen Gegenwart des Bildes erfuͤllt zu ſeyn. Ich glaubte, es uͤber mir ſchweben zu ſehen. Ich fuͤhlte beinahe, wie das furchtbare Antlitz von der Mauer her meinem Geſichte immer naͤher kam— wie es mich anzuhauchen ſchien. Das iſt nicht laͤnger auszuhalten, ſagte ich endlich, und ſprang aus dem Bette: das ertrag⸗ ich nicht laͤnger!— ich waͤlze und werfe mich nun die ganze Nacht hier umher, mache mich ſelbſt zum Geſpenſte und werde 90 alles Ernſtes zu dem Helden des Spukzimmers.— Was auch die Folgen ſeyn moͤgen, ſo will ich dieß verwuͤnſchte Zimmer verlaſſen, und anderswo meine Ruheſtaͤtte aufſchlagen— am Ende koͤnnen ſie mich doch nur auslachen, und das geſchieht mir gewiß, wenn ich eine ſchlafloſe Nacht zubringe, und am Morgen mit einem hohlen und verſtoͤrten Geſicht zum Vorſchein komme. Alles dieß murmelte ich halb vor mir hin, waͤh⸗ rend ich haſtig meine Kleider umwarf, aus dem Zimmer und, die Treppe hinunter, nach dem Be⸗ ſuchzimmer tappte. Hier gelang es mir, nachdem ich uͤber zwei oder drei Moͤbel geſtolpert war, ein Sopha zu erreichen, auf das ich mich hinſtreckte, und worauf ich die Nacht zuzubringen beſchloß. Sobald ich mich nicht mehr in der Naͤhe des ſon⸗ derbaren Bildes befand, war es, als ob der Zau⸗ ————— ber geloͤſ't ſey. Es hatte alle ſeine Kraft verloren. Ich war itzt ſicher, daß es ſein eigenes duͤſteres Zimmer nicht verlaſſen koͤnne, denn ich hatte, mit einer gewiſſen inſtinktartigen Vorſicht, den Schluͤſ⸗ ſel umgedreht, als ich die Thuͤr zumachte. Ich gelangte daher bald zu einem gewiſſen Zuſtande der Ruhe, aus dieſem in eine Art von Betaͤubung, und fiel endlich in einen tiefen Schlaf, aus welchem ich nicht eher erwachte, als bis das Hausmaͤdchen, mit 91 ihrem Beſen und ihrem Morgenliede, kam, das Zimmer in Ordnung zu bringen Sie ſtutzte, als ſie mich auf dem Sopha liegen ſah: ich vermuthe indeſſen, daß Erſcheinungen der Art, nach Jagd⸗ mahlzeiten, in ihres Herrn Junggeſellenwirthſchaft nicht ungewoͤhnlich waren, denn ſie fuhr fort in ihrem Geſange und mit ihrer Arbeit, und bekuͤm⸗ merte ſich nicht weiter um mich. Ich hatte einen unuͤberwindlichen Widerwillen gegen die Ruͤckkehr in mein Zimmer, ſuchte alſo nach der Stube des Kellermeiſters zu kommen, machte meine Toilette, ſo gut ich konnte, und war einer der erſten bei dem Fruͤhſtuͤckstiſch. Unſer Fruͤhſtuͤck war ein derbes Fuchsjaͤger⸗Mahl, und die Geſellſchaft verſammelte ſich vollzaͤhlig dabei. Als dem Thee, Kaffee, kaltem Fleiſch und ſtarkem Ale(denn alles dieß ward im Ueberfluß aufgetra⸗ gen) nach dem Geſchmacke der Gaͤſte ihr gehoͤriges Recht widerfahren war, entſpann ſich die Unterhal⸗ tung mit der ganzen Lebendigkeit und Friſche der Mcorgenlaune.— „Aber, wer iſt denn der Held des Spukzim⸗ mers, der vergangene Nacht den Geiſt geſehen hat?“ ſagte der frageluſtige Herr, indem er ſeine Hummeraugen am Tiſche umherſchweifen ließ. Dieſe Frage ſetzte jede Zunge in Bewegung, 92 und es gab eine Menge Neckereien, Beobachtungen von Geſichtern, gegenſeitiger Anklage und Widerrede. Einige hatten viel getrunken, und Einige hatten ſich noch nicht raſirt, ſo daß es verdaͤchtige Geſichter genug in der Geſellſchaft gab. Ich allein konnte nicht mit Leichtigkeit und Lebendigkeit in den Scherz eingehen— ich fuͤhlte meine Zunge gebunden, und mich ſelbſt verlegen. Die Erinnerung deſſen, was ich in der vergangenen Nacht geſehen und empfun⸗ den hatte, war meinem Geiſte noch immer gegen⸗ waͤrtig. Es war mir, als ob das geheimnißvolle Bild noch immer ſeine Herrſchaft uͤber mich aus⸗ uͤbte. So glaubte ich auch, zu bemerken, daß das Auge des Wirths mit einer Art von Neugier auf mich gerichtet ſey. Kurz, ich war mir bewußt, daß ich der Held der Nacht geweſen war, und es war mir, als ob ein Jeder dieß in meinen Blicken leſen koͤnne. Der Scherz ging indeß voruͤber, und kein Verdacht ſchien auf mir zu ruhen. Ich wuͤnſchte mir ſo eben Gluͤck, ſo davongekommen zu ſeyn, als ein Bedienter hereintrat und ſagte: der Herr, wel⸗ cher auf dem Sopha in dem Beſuchzimmer geſchla⸗ fen, habe ſeine Uhr unter einem von den Kiſſen lie⸗ gen laſſen. Er hielt meine Repetiruhr in der Hand. „Wie!“ ſagte der frageluſtige Herr:„ hat Einer von den Herren auf dem Sopha geſchlafen?“ —— 93 Soho! Soho! ein Haſe— ein Haſe! rief der alte Herr mit der beweglichen Naſe. Ich konnte nicht umhin, die Uhr als die mei⸗ nige anzuerkennen, und ſtand eben in großer Ver⸗ wirrung auf, als ein vorlauter, alter Squire, der neben mir ſaß, mich auf die Schulter ſchlug und ausrief:„Hoͤr', Junge, Du haſt den Geiſt ge⸗ ſehen!“ Die Aufmerkſamkeit der ganzen Geſellſchaft war augenblicklich auf mich gerichtet, und wenn mein Geſicht vorher bleich geweſen war, ſo gluͤhte es itzt beinahe zum Zerſpringen. Ich ſuchte zu lachen, konnte aber nur eine Verzerrung hervorbringen, und fand, daß die Muskeln meines Geſichts ganz ver⸗ kehrt anzogen und durchaus nicht gehorchen wollten. Es koſtet wenig Muͤhe, eine Geſellſchaft Fuchs⸗ jaͤger zum Lachen zu bringen: es wurden alſo tau⸗ ſend Scherze und Spaͤße uͤber die Sache gemacht, und da ich nie ein großer Liebhaber von Spaͤßen geweſen bin, wenn man ſie auf meine Koſten macht, ſo fing die Sache an, mir etwas empfindlich zu werden. Ich gab mir Muͤhe, kalt und ruhig aus⸗ zuſehen, und meinen Aerger zu verbergen, allein die Kaͤlte und Ruhe eines Mannes, der aufgebracht iſt, ſind verdammt verraͤtheriſch. „Meine Herren,“ ſagte ich, indem ich das 94 Kinn etwas in die Hoͤhe zog, und einen fruchtlo⸗ ſen Verſuch machte, ein Laͤcheln hervorzubringen: „alles das iſt ſehr luſtig— ha, ha!— ſehr lu— ſtig— allein Sie muͤſſen wiſſen, daß ich ſo wenig aberglaͤubiſch bin, wie Sie Alle— ha, ha!— und was Furchtſamkeit oder dergleichen betrifft— Sie moͤgen laͤcheln, meine Herrn, aber ich glaube nicht, daß Einer unter Ihnen ſagen kann, daß— wenn man ſagt, es ſpuke in einem Zimmer— ich wiederhole es, meine Herren(hier wurde ich etwas heftig, da ich ein verwuͤnſchtes Grinzen auf allen Geſichtern um mich her entſtehen ſah) daß, wenn man ſagt, es ſpuke in einem Zimmer— ich mehr an dergleichen alberne Maͤhrchen glaube, als irgend Jemand. Da Sie mir aber die Sache ſo nahe legen, ſo muß ich Ihnen nur ſagen, daß ich in meinem Zimmer allerdings etwas ganz Sonderbares und mir Unerklaͤrliches gefunden habe(ein allge⸗ meines Gelaͤchter). Meine Herren, es iſt mein vollkommener Ernſt: ich weiß ſehr wol, was ich ſage: ich bin vollkommen ruhig, meine Herren(hier ſchlug ich mit der Fauſt auf den Tiſch): beim Him⸗ mel, ich bin ruhig. Ich ſcherze weder, noch moͤchte ich, daß man ſich mit mir einen Scherz machte. (Das Gelaͤchter in der Geſellſchaft hoͤrte auf, und man machte die komiſchſten Anſtrengungen, ernſt⸗ oese 95 haft auszuſehen). Es iſt in dem Zimmer, das man mir vergangene Nacht angewieſen, ein Bild, das den allerſonderbarſten und unbegreiflichſten Ein⸗ druck auf mich gemacht hat.“„ Ein Bild? ſagte der alte Herr mit dem Geſpen⸗ ſterkopfe. Ein Bild! rief der Erzaͤhler mit der beweg⸗ lichen Naſe. Ein Bild, ein Bild! ſo ließen ſich meh— rere Stimmen vernehmen. Itzt entſtand ein un⸗ maͤßiges Gelaͤchter. Ich konnte mich nicht laͤnger halten. Ich ſprang vom Stuhle auf, ſah die Geſellſchaft rund umher mit einem Blicke voll ge— waltigen Zorns an, ſteckte beide Haͤnde in die Ta⸗ ſchen, und ſchritt an eines der Fenſter hin, als ob ich haͤtte hinausſpringen wollen. Ich blieb indeß ſte⸗ hen, ſah in die Gegend hinaus, ohne nur das Ge⸗ ringſte davon zu erkennen, und fuͤhlte meinen Grimm ſo in mir aufſteigen, daß er mich beinahe erſtickte. Der Wirth ſah, daß es Zeit war, ſich in die Sache zu miſchen. Er hatte waͤhrend des ganzen Auf⸗ tritts einen gewiſſen Ernſt behauptet, und trat nun auf, um mich gewiſſermaßen gegen die uͤberfließende Luſtigkeit meiner Geſellſchafter in Schutz zu nehmen. „Meine Herren,“ ſagte er:„ich verderbe nicht gern einen Scherz, aber Sie haben itzt genug ge⸗ lacht, und den Scherz mit dem Spukzimmer in vollem Maße genoſſen. Ich mrs itzt meinem Gaſte 96 beiſtehen. Ich muß ihn nicht allein gegen Ihren Scherz in Schutz nehmen, ſondern ihn auch mit ſich ſelbſt auszuſoͤhnen ſuchen, denn ich glaube, er iſt auf ſeine eigenen Empfindungen boͤſe: und vor allen Dingen muß ich ihn um Verzeihung bitten, daß ich ihn zum Gegenſtande einer Art von Ver⸗ ſuch gemacht habe.— Ja, meine Herren, es iſt al⸗ lerdings etwas Seltſames und Eigenthuͤmliches in dem Zimmer, das unſerem Freunde fuͤr die vergan⸗ gene Nacht angewieſen worden iſt: es iſt in mei⸗ nem Hauſe ein Bild befindlich, das einen ſonder⸗ baren und geheimnißvollen Einfluß beſitzt, und mit dem eine ſehr merkwuͤrdige Geſchichte in Verbindung ſteht. Es iſt ein Bild, auf welches ich, mehrerer Um⸗ ſtaͤnde wegen, einen gewiſſen Werth lege; und obgleich ich oft mich verſucht gefuͤhlt habe, es zu vernich⸗ ten, da es bei Jedem, der es betrachtet, ein ſo ſeltſames und unbehagliches Gefuͤhl hervorbringt, ſo habe ich es doch nie uͤber mich vermoͤgen koͤnnen, dieß Opfer zu bringen. Es iſt ein Bild, das ich ſelbſt nicht gern betrachte, und vor dem ſich meine ganze Dienerſchaft fuͤrchtet. Ich habe es daher in ein Zimmer verbannt, das nur ſelten gebraucht wird, und wuͤrde es geſtern Abend haben verhaͤn⸗ gen laſſen, haͤtte nicht die Beſchaffenheit unſerer Unterhaltung und das naͤrriſche Geſpraͤch uͤber das „—* Spuk⸗ Spukzimmer, mich dazu bewogen, es unverhuͤllt zu laſſen, um zu verſuchen, ob es auf einen, mit deſ⸗ ſen Geſchichte gaͤnzlich unbekannten Fremden wol einen Eindruck machen wuͤrde.“ Des Baronets Rede hatte den Gedanken durch⸗ aus eine andere Richtung gegeben. Alle waren be⸗ gierig, die Geſchichte des geheimnißvollen Bildes zu hoͤren, und ich ſelbſt fuͤhlte mich, ſonderbarer Weiſe, ſo ergriffen, daß ich meinen Unwillen uͤber den Verſuch, den der Wirth mit meinen Nerven angeſtellt hatte, ganz vergaß, und in die allgemeine Bitte, die Erzaͤhlung zum Beſten zu geben, ſogleich mit einſtimmte. Da der Morgen ſtuͤrmiſch und an Aus⸗ gehen nicht zu denken war, ſo war es dem Wirthe ſehr willkommen, ein Mittel gefunden zu haben, die Geſellſchaft zu unterhalten: und ſo zog er denn ſeinen Lehnſtuhl an das Ieier, und beaanin folgen⸗ dermaßen. Das Abenteuer mit dem geheimnißvollen . Fremden. Vor vielen Jahren, als ich noch ein junger Mann war, und ſo eben Orford verlaſſen hatte, wurde ich auf Reiſen geſchickt, um meine Erziehung zu vollenden. Meine Aeltern hatten vergebens ver⸗ I.. 4 E * 98 ſucht, mir die Weisheit einimpfen zu laſſen, und ſo ſchickten ſie mich hinaus in die Welt, in der Hoffnung, daß ich ſie vielleicht auf dem natuͤrlichen Wege erlangen moͤchte. Dieß ſcheint, mir wenig⸗ ſtens, der Grund zu ſeyn, warum neun Zehntheile unſerer jungen Leute in die Fremde geſandt wer⸗ den. Auf meiner Reiſe blieb ich denn auch eine Zeitlang in Venedig. Das Romantiſche des Ortes zog mich an: das Abenteuerliche und Intriguen⸗ hafte, welches dieſer Tummelplatz der Masken und Gondeln hatte, beluſtigte mich, und in ein Paar ſchmachtende ſchwarze Augen, die, unter einem ita⸗ liaͤniſchen Mantel hervor, auf mein Herz losſtuͤrm⸗ ten, hatte ich mich nicht wenig verliebt. So ſuchte ich mich denn zu uͤberreden, daß ich in Venedig bliebe, um Menſchen und Sitten zu ſtudiren:— wenigſtens gelang mir dieß bei meinen Freunden, und mehr wollte ich nicht. Eigenthuͤmlichkeiten des Charakters und Beneh⸗ mens pflegten von jeher einen Eindruck auf mich zu machen, und meine Einbildungskraft war ſo voll von romantiſchen Ideenverbindungen mit Italien, daß ich uͤberall nur Abenteuer erwartete. Alles ſchien in jener alten Meerjungfrau von Stadt die⸗ ſen Hang befriedigen zu wollen. Ich hatte Zim⸗ mer in einem praͤchtigen duͤſteren Palaſte am gro⸗ ßen Kanal, welcher fruͤher das Eigenthum eines Nagnificco geweſen war, und worin man noch die Spuren verfallener Groͤße entdecken konnte. Mein Gondolier war einer der ſchlauſten ſeines Gewerbes, thaͤtig, luſtig, geſcheut, und, wie alle ſeine Genoſſen, verſchwiegen wie das Grab: das heißt, verſchwiegen gegen die ganze Welt, ausgenom⸗ men gegen ſeinen Herrn. Ich hatte ihn noch nicht eine Woche, als er mich ſchon hinter alle Vorhaͤnge in Venedig hatte blicken laſſen. Ich liebte das Schweigen und das Geheimnißvolle des Orts, und wenn ich zuweilen vor meinem Fenſter eine ſchwarze Gondel geheimnißvoll, in der Abenddaͤmmerung, nur durch ihre kleine ſchimmernde Laterne bemerk⸗ bar, dahin gleiten ſah, ſo ſtieg ich in meine eigne Zendaletta, und gab das Zeichen zum Nachſetzen.— Doch die Erinnerung an meine Jugendthorheiten macht, daß ich von meinem eigentlichen Gegenſtande abgekommen bin, ſagte der Baronet, ſich ſelbſt unterbrechend.— Zur Sache alſo. u den Orten, die ich zu beſuchen pflegte, ge⸗ hoͤrte auch ein Caſino, unter den Bogengaͤngen an der einen Seite des Markusplatzes. Hier verweilte ich haͤufig und aß Gefrornes, in den warmen Som⸗ mernaͤchten, wo Jedermann in Italien bis zum Mor⸗ gen außer dem Hauſe iſt. Eines Abends ſaß ich E 2 100 ebenfalls hier, als ein Haufe Italiaͤner ſich an ei⸗ nem Tiſche am andern Ende des Saales niederließ. Ihre Unterhaltung war froͤhlich und belebt, und wurde mit aͤcht italiaͤniſcher Lebendigkeit und Ge— berdenſpiel gefuͤhrt. Ich bemerkte indeſſen unter ihnen einen jungen Mann, welcher an dem Ge⸗ ſpraͤch weder Theil zu nehmen, noch Vergnuͤgen daran zu finden ſchien, obgleich er ſich zwang, darauf zu achten. Er war groß und ſchlank, und hatte ein ungemein einnehmendes Aeußere. Seine Zuͤge waren ſchoͤn, obgleich angegriffen. Sein ſtarkes, ſchwarzes, glaͤnzendes Haar ringelte ſich leicht um ſeinen Kopf und ließ die ungemeine Blaͤſſe ſeines Geſichts noch mehr hervortreten. Sein Ge⸗ ſicht war abgezehrt, tiefe Furchen ſchienen, nicht von dem Alter, denn er war offenbar noch in der Bluͤthe ſeiner Jahre, ſondern von dem Kummer darauf eingegraben zu ſeyn. Sein Auge war voll von Ausdruck und Feuer, aber wild und unſtaͤt. Er ſchien von irgend einer ſonderbaren Einbildung oder Furcht gequaͤlt zu werden; allen ſeinen Bemuͤ⸗ hungen, ſeine Aufmerkſamkeit auf das Geſpraͤch ſeiner Begleiter zu richten, ungeachtet, bemerkte ich naͤmlich, daß er von Zeit zu Zeit den Kopf langſam um⸗ wandte, hinter ſich zuruͤckblickte, und dann ploͤtzlich wegſah, als ob er etwas Unangenehmes gewahr ge⸗ — 101 worden ſey. Dieß geſchah mehrere Male in einer Minute, und er ſchien ſich kaum von einer Ueberra⸗ ſchung erholt zu haben, als er ſich ſchon wieder zu einer zweiten vorbereitete. Nachdem die Geſellſchaft eine Zeitlang im Ca⸗ ſino geſeſſen hatte, bezahlte ſie die genoſſenen Er⸗ friſchungen, und entfernte ſich. Der junge Mann war der letzte, welcher den Saal verließ, und ich bemerkte, daß er, in dem Augenblicke, wo er aus der Thuͤr ging, noch einmal auf dieſelbe Art einen Blick zuruͤckwarf. Ich konnte der Verſuchung nicht widerſtehen, mich aufzumachen und ihm zu folgen, denn ich war in dem Alter, wo ein romantiſches Gefuͤhl der Neugierde ſehr leicht erweckt wird. Die Leute wandelten langſam; den Bogengang hinun⸗ ter, und ſprachen und lachten im Gehen. Sie gingen uͤber die Piazetta, blieben aber mitten auf derſelben ſtehen, um ſich an dem Anblicke zu er⸗ goͤtzen. Es war eine von den mondhellen Naͤchten, welche unter dem reinen Himmel von Italien ſo herrlich und klar ſind. Die Strahlen des Mon⸗ des fielen auf den hohen Markusthurm, und beleuch⸗ teten die praͤchtige Vorderſeite und die gewaltigen Kuppeln der Kirche. Die Geſellſchaft aͤußerte ihr Vergnuͤgen in lebendigen Ausdruͤcken. Ich beob⸗ achtete den jungen Mann. Er allein ſchien abge⸗ — „* 102 zogen und mit ſich ſelbſt beſchaͤftigt. Auch hier fiel mir derſelbe verſtohlene Blick, uͤber die Schulter weg, auf, der im Caſino meine Aufmerkſamkeit erregt hatte. Die Leute gingen weiter, ich folgte ihnen; ſie wandelten die Straße Broglio hinunter, wandten ſich um die Ecke des herzoglichen Palaſtes, ſtiegen in eine Gondel und ruderten ſchnell davon. Das Geſicht und das Benehmen des jungen Mannes blieben mir noch immer gegenwaͤrtig. Es lag in ſeinem Aeußern etwas, das mich ungemein an— zog. Nach einem oder zwei Tagen traf ich ihn in einer Bildergallerie. Er war offenbar ein Kenner, denn er hob immer die groͤßten Meiſterwerke her⸗ aus, und die wenigen Bemerkungen, welche ſeine Begleiter ihm entlockten, zeugten von einer genauen Bekanntſchaft mit der Kunſt. Sein eigener Ge⸗ ſchmack war aber hoͤchſt ſonderbar widerſprechend. Salvator Roſa in ſeinen Darſtellungen der wilde⸗ ſten und einſamſten Gegenden, Raphael, Tizian und Correggio in ihren vollkommenſten Umriſſen weiblicher Schoͤnheit— dieſe betrachtete er zuweilen mit vor⸗ uͤbergehender Begeiſterung. Dieß ſchien indeſſeen nur ein augenblickliches Vergeſſen zu ſeyn. Im⸗ mer kehrte der ſcheue Blick nach hinten zuruͤck, und immer ſah er ſchnell weg, als ob er etwas Schreck⸗ liches erblickt haͤtte. 1 7 103 Ich traf ihn ſpaͤter haͤufig im Theater, auf Baͤllen, in Concerten, auf dem Spaziergange in den Gaͤrten von S. Giorgio, bei den grotesken Aufzuͤgen auf dem St. Markusplatze, in dem Ge⸗ draͤnge der Kaufleute auf der Boͤrſe am Rialto. Es ſchien, als ob er die Menge ſuche, als ob er dem Ge⸗ wuͤhl und den Vergnuͤgungen nachjage, nie aber ir⸗ gend einen Antheil an der Geſchaͤftigkeit oder Froͤh⸗ lichkeit des Auftrittes nehme. Immer lag ein ge⸗ wiſſes Etwas in ihm, das peinliches Nachdenken oder ungluͤckliche Zerſtreutheit verrieth, und immer jene ſonderbare und ſtets wiederkehrende Bewegung des ſcheuen Zuruͤckblickens. Ich wußte Anfangs nicht, ob dieß nicht eine Wirkung der Beſorgniß ſeyn moͤchte, verhaftet zu werden, oder vielleicht gar der Furcht vor moͤrderiſchen Anſchlaͤgen. War dieß aber der Fall, warum zeigte er ſich beſtaͤndig? warum ſetzte er ſich zu jeder Zeit und an allen Orten der Gefahr aus? Ich ward begierig, dieſen Fremden kennen zu lernen. Ich fuͤhlte mich zu ihm durch das ro⸗ mantiſche Mitgefuͤhl hingezogen, welches zuweilen junge Leute an einander feſſelt. Sein Truͤbſinn gab ihm in meinen Augen einen Zauber, welcher allerdings durch den ruͤhrenden Ausdruck ſeines Ge⸗ ſichts und die maͤnnliche Anmuth ſeiner Geſtalt noch erhoͤht wurde; denn maͤnnliche Schoͤnheit macht 104 ſelbſt auf Maͤnner einen Eindruck. Ich hatte mit der angebornen Scheu und Bloͤdigkeit meiner Lands⸗ leute zu kaͤmpfen; allein ich ward ihrer Meiſter, und ſchmeichelte mich dadurch, daß ich ihn haͤufig im Caſino ſah, allmaͤhlig bei ihm ein. Er ſetzte mir ſeinerſeits keine Zuruͤckhaltung entgegen: ja, er ſchien im Gegentheil gern Geſellſchaft zu haben, und be⸗ ſonders ungern ganz allein zu ſeyn. Als er fand, daß ich wahrhaften Antheil an ihm nahm, gab er ſich ganz meiner Freundſchaft hin. Er hing ſich wie ein Ertrinkender an mich. Er ging Stundenlang mit mir auf dem St. Mar⸗ kusplatze ſpaziren, oder ſaß bei mir bis tief in die Nacht auf meinem Zimmer. Er miethete ſich eine Wohnung unter demſelben Dache mit mir, und ſeine beſtaͤndige Bitte war, daß ich, wenn es mir nicht laͤſtig ſey, ihm erlauben moͤge, bei mir in meinem Saale zu ſeyn. Dieß geſchah nicht deßwe⸗ gen, weil er ein beſonderes Vergnuͤgen an meiner Unterhaltung zu finden ſchien, ſondern weil er der Naͤhe eines menſchlichen Weſens bedurfte, und vor allem der eines Weſens, das Mitgefuͤhl mit ihm hatte.„Ich habe,“ ſagte er:„oft von der Auf⸗ richtigkeit der Englaͤnder gehoͤrt— Gott ſey ge⸗ dankt, daß ich endlich einen von ihnen zum Freunde habe!“ 105 Bei alle dem ſchien er nie dazu geneigt, mein Mitgefuͤhl weiter in Anſpruch zu nehmen, als daß ich ihm Geſellſchaft leiſtete. Er that nie den ge⸗ ringſten Schritt, ſein Herz gegen mich auszuſchuͤt⸗ ten; es ſchien ein feſter verzehrender Kummer in ſeinem Herzen zu liegen, der„weder durch Still⸗ ſchweigen, noch durch Worte“ gelindert werden konnte. Ein geheimer Truͤbſinn nagte an ſeinem Her⸗ zen, und ſchien das Blut in ſeinen Adern auszu⸗ trocknen. Es war keine ſanfte Schwermuth, eine Krankheit der Leidenſchaften, ſondern eine ausdoͤr⸗ rende, verzehrende Todesangſt. Ich konnte zuwei⸗ len bemerken, daß ſein Mund trocken und fieber— haft war; er keuchte mehr, als er athmete; ſeine Augen waren mit Blut unterlaufen, ſeine Wangen bleich und gelblich, und zuweilen faͤrbte ſie ein fluͤch⸗ tiges Roth, ein furchtbares Aufflammen des Feuers, welches ſein Herz verzehrte. Wenn mein Arm in dem ſeinigen ruhte, ſo fuͤhlte ich, wie er ihn zu⸗ weilen mit einer krampfhaften Bewegung an ſich druͤckte, ſeine Haͤnde ballten ſich unwillkuͤhrlich, und eine Art von Schauder durchlief ſein ganzes Weſen. Ich ſprach mit ihm uͤber ſeine Schwermuth und ſuchte ihm die Urſach derſelben zu entlocken, allein 4— — ᷣoqÄ1-—— er vermied alle Mittheilungen.„Forſchen Sie nicht danach, ſagte er:„Sie koͤnnten meinen Kummer doch nicht lindern, wenn Sie ihn wuͤßten, ja Sie wuͤrden ihn nicht einmal zu lindern ſuchen. Im Gegen⸗ theil wuͤrde ich Ihre Theilnahme nicht laͤnger mehr genießen, und dieſe“ ſagte er, indem er meine Hand krampfhaft druͤckte:„iſt mir zu theuer ge⸗ worden, als daß ich ſie auf das Spiel ſetzen ſollte.“ Ich ſuchte wieder Hoffnung in ihm zu erwek⸗ ken. Er war noch jung, das Leben bot ihm noch tauſend Freuden dar; im jugendlichen Herzen liegt eine geſunde Wechſelwirkung, es heilt alle ſeine Wunden ſelbſt.— Es giebt, ſagte ich zu ihm, keinen Kummer, der ſo ſchwer iſt, daß die Ju— gend ihn nicht verwachſen koͤnnte.—„Nein, nein!“ ſagte er, indem er die Zaͤhne zuſammenbiß und mit der Staͤrke der Verzweiflung ſich wiederholt an die Bruſt ſchlug:„hier iſt er! hier! tief eingewur⸗ zelt, und ſaugt mein Herzblut. Er waͤchſt immer mehr, je mehr mein Herz zuſammenſchrumpft. Ich habe einen furchtbaren Mahner, der mir keine Ruhe vergoͤnnt— der mir auf jedem Schritte folgt— und mir auf jedem Schritte folgen wird, bis er mich in mein Grab hinabſchleudert!“ Indem er dieß ſagte, warf er unwillkuͤhrlich ei⸗ nen jener furchtbaren Blicke hinter ſich, und ſchrak 107 5 dann mit mehr als gewoͤhnlichem Schauder zuruͤck. Ich konnte der Verſuchung nicht widerſtehen, dieſer Bewegung zu erwaͤhnen, welche ich fuͤr eine bloße Nervenkrankheit hielt. In dem Augenblicke, wo ich dieß that, ward ſein Geſicht ſcharlachroth und ver⸗ zerrte ſich: er ergriff mich bei den Haͤnden. „Um Gotteswillen,“ rief er mit einer herzzer⸗ ſchneidenden Stimme aus:„ſprechen Sie nie wie⸗ der davon. Laſſen Sie uns dieß Geſpraͤch ganz vermeiden. Sie koͤnnen mir nicht helfen, gewiß, Sie koͤnnen mir nicht helfen, aber wol die Mar⸗ tern vermehren, die ich leide.— Sie ſollen dereinſt Alles wiſſen.“— Ich beruͤhrte den Gegenſtand nie wieder; denn ſo ſehr meine Neugier auch erregt war, ſo hatte ich doch ein zu aufrichtiges Mitgefuͤhl bei ſeinen 4 Leiden, als daß ich ſie durch meine unzarte Beruͤh⸗ rung haͤtte vermehren ſollen. Ich bemuͤhte mich, verſchiedene Mittel aufzufinden, ihn zu zerſtreuen, und ihn aus dem beſtaͤndigen Nachdenken zu erwek⸗ ken, in welches er verſunken war. Er ſah meine . Bemuͤhungen und ſuchte ſie, ſoviel es in ſeiner Nacht ſtand, zu unterſtuͤtzen, denn es lag nichts Auffahrendes oder Störriſches in ſeinem Weſen. Im Gegentheil, war etwas Offenes, Großartiges, 8 Unanmaßendes in ſeinem ganzen Betragen. Alle ſeine Aeußerungen waren edel und erhaben. Er machte keinen Anſpruch auf Nachſicht, er verlangte keine Duldſamkeit. Er ſchien ſich darin zu ergeben, die Laſt ſeines Kummers ſtillſchweigend zu tragen, und wollte ſie nur an meiner Seite tragen. Es lag ein ſtummes Flehen in ſeiner Art, als ob er um meine Geſellſchaft, wie um ein Almo⸗ ſen baͤte, und ein ſtiller Dank in ſeinen Blicken, als ob er mir dafuͤr verpflichtet ſey, daß ich ihn nicht verſtieße. Ich fuͤhlte, daß dieſer Truͤbſinn anſteckend ſey. Er bemaͤchtigte ſich unvermerkt meines Geiſtes, ſtoͤrte mich in allen meinen Vergnuͤgungen und fing allmaͤhlig an, mir das Leben zu verbittern: und doch konnte ich es nicht uͤber mich vermoͤgen, ein Weſen aus meiner Naͤhe zu verbannen, das an mir allein eine Stuͤtze zu finden ſchien. In der That hatte das Großartige ſeines Charakters, welches durch dieſes Dunkel blickte, mein Herz ergriffen. Seine Guͤte gab reichlich und mit offener Hand, ſeine Barmherzigkeit war ruͤhrend und freiwillig. Sie beſchraͤnkte ſich nicht auf bloße Gaben, welche eben ſo ſehr demuͤthigen, als ſie helfen ſollen; der Ton ſeiner Stimme, das Leuchten ſeines Auges, erhoͤhten jede Spende, und uͤberraſchten den armen Bittenden mit der ſeltenſten und ſchoͤnſten aller Mildthaten, 109 der Mildthaͤtigkeit, welche nicht allein in der Hand liegt, ſondern aus dem Herzen kommt. Seine Freigebigkeit ſchien etwas von Selbſterniedrigung und Buße an ſich zu haben. Er demuͤthigte ſich gewiſſermaßen vor dem Bettler.„Welche Anſpruͤche habe ich auf Wohlleben und Ueberfluß— pflegte er fuͤr ſich zu ſagen— wenn die Unſchuld im Elende und in Lumpen dahergeht?“ Die Zeit des Karnevals kam heran. Ich hoffte, daß die froͤhlichen Auftritte, welche ſich itzt darbo— ten, dazu beitragen wuͤrden, ihn aufzuheitern. Ich miſchte mich mit ihm in die bunte Menge, welche den St. Markusplatz anfuͤllte. Wir beſuchten Opern, Maskeraden, Baͤlle— alles vergebens; das Uebel wuchs immer mehr. Er zehrte immer mehr ab und ward immer unruhiger. Oft fand ich ihn, wenn wir von einer dieſer Luſtbarkeiten zuruͤckkehrten und ich in ſein Zimmer trat, mit dem Geſicht auf dem Sopha liegen; ſeine Haͤnde wuͤhlten in ſeinem ſchoͤ⸗ nen Haar, und ſeine Zuͤge trugen noch die Spuren der gewaltſamen Bewegungen ſeines Gemuͤths. Der Karneval ging voruͤber, die Faſtenzeit folgte, die Charwoche kam, wir waren eines Abends bei dem feierlichen Hochamte in einer Kirche gegen⸗ waͤrtig, wobei eine große Muſik aufgefuͤhrt wurde, welche ſich auf den Tod des Errloͤſers bezog. Ich hatte bemerkt, daß er von der Muſik im⸗ mer ſehr maͤchtig erregt worden war: bei dieſer Ge⸗ legenheit fand dieß aber in einem außerordentlichen Grade Statt. Als die ſchwellenden Toͤne in den hohen Gewoͤlben erklangen, ſchien er ganz in An⸗ dacht entzuͤndet zu werden; ſeine Augen erhoben ſich, bis man nur das Weiße davon ſehen konnte; ſeine Haͤnde falteten ſich, bis die Finger ſich tief in das Fleiſch eingedruͤckt hatten. Als die Muſik die To⸗ desangſt des Sterbenden ausdruͤckte, ſank ſein Haupt allmaͤhlig auf ſeine Kniee, und als die ruͤhrenden Worte:„Giesù morl,“ durch die Kirche ertoͤnten, brach er in ein lautes Schluchzen aus.— Noch nie hatte ich ihn weinen geſehen. Es war immer mehr Todesangſt, als Schmerz geweſen, was er verrieth. Ich zog eine gluͤckliche Vorbedeutung aus dieſem Umſtande, und ließ ihn ungeſtoͤrt weinen. Als das Hochamt voruͤber war, verließen wir die Kirche. Er hing an meinem Arme, als wir nach Hauſe gingen; die krampfhafte Bewegung, die ich gewoͤhnlich an ihm bemerkt hatte, war verſchwun⸗ den, und er ſchien weicher und milder geworden zu ſeyn. Er ſprach von dem Gottesdienſte, dem wir ſo eben beigewohnt hatten.„Die Muſik,“ ſagte er:„iſt die Stimme des Himmels; nie hat die Kunde von dem Verſoͤhnungstode unſeres Erloͤſers einen tieferen Eindruck auf mich gemacht.— Ja, mein Freund,“ ſagte er, indem er ſeine Haͤnde mit einer Art von Verzuͤckung faltete:„ich weiß, daß mein Erloͤſer lebet!“ Wir trennten uns. Sein Zimmer war nicht weit von dem meinigen, und ich hoͤrte ihn noch eine Zeitlang ſich geſchaͤftig darin regen. Ich ſchlief ein, ward aber vor Tagesanbruch aufgeweckt. Der junge Mann ſtand in Reiſekleidern vor meinem Bette. Er hielt ein verſiegeltes Paket und etwas Großes, Eingewickeltes in der Hand, und legte al⸗ les dieß auf den Tiſch. „Leben Sie wol, mein Freund,“ ſagte er:„ich bin im Begriff, eine lange Reiſe anzutreten: ehe ich aber gehe, laſſe ich Ihnen dieſe Andenken zu⸗ ruͤck. In dieſem Paket werden Sie meine Ge⸗ ſchichte finden. Wenn Sie ſie leſen, bin ich ſchon weit von Ihnen— gedenken Sie meiner nicht mit Abſcheu!— Sie ſind mein Freund geweſen— Sie haben Balſam in ein gebrochenes Herz getraͤufelt, aber Sie vermochten nicht, es zu heilen. Leben Sie wohl! Laſſen Sie mich Ihre Hand kuͤſſen— ich bin nicht werth, Sie zu umarmen.“ Er ſank auf ſeine Kniee, ergriff, aller meiner Bemuͤhun⸗ gen ungeachtet, es zu verhindern, meine Hand, und bedeckte ſie mit Kuͤſſen. Der ganze Auftritt hatte mich ſo uͤberraſcht, daß ich nicht im Stande war, ein Wort zu ſagen.„Wir werden uns doch wie⸗ derſehen,“ ſagte ich haſtig, als ich ihn nach der Thuͤr eilen ſah.„Nie, nie in dieſer Welt!“ ſagte er feierlich.— Noch einmal trat er an mein Bett, ergriff meine Hand, druͤckte ſie an ſein Herz und ſeine Lippen, und ſtuͤrzte aus dem Zimmer. Hier hielt der Baronet inne. Er ſchien in Ge⸗ danken verloren, ſaß da, ſah zu Boden, und trom⸗ melte mit den Fingern auf die Armlehne des Stuhls. „Und iſt dieſer geheimnißvolle Menſch je zuruͤck⸗ gekehrt?“ ſagte der frageluſtige Herr. Nie! erwiederte der Baronet, mit einem nach⸗ denklichen Kopfſchuͤtterln— ich habe ihn nie wieder geſehen. „Und in welchem Zuſammenhange ſteht dieß al⸗ les mit dem Bilde?“ fragte der alte Herr mit der beweglichen Naſe. Ja woll ſagte der beſtaͤndige Frager.— Iſt es das Bildniß des verruͤckten Italiaͤners? „Nein,“ ſagte der Baron trocken, dem der ſeinem Helden gegebene Name nicht beſonders zu gefallen ſchien.„Dieß Bild befand ſich in dem groͤßeren Pa⸗ ket, welches er mir zuruͤckließ. Das verſiegelte ent⸗ hielt die Erklärung. Auf dem Umſchlage ſtanden 113 einige Zeilen, welche die Bitte enthielten, daß ich es nicht vor dem Verlauf von ſechs Monaten er⸗ oͤffnen moͤchte. Ich habe, trotz meiner Neugierde, mein Verſprechen gehalten. Hier iſt eine Ueberſez⸗ zung des Aufſatzes, die ich vorzuleſen dachte, um da⸗ durch das Geheimniß des Zimmers außzuklaͤren, al⸗ lein ich fuͤrchte, daß ich die Aufmerkſamkeit der Ge⸗ ſellſchaft ſchon zu lange in Beſchlag genommen habe. Man aͤußerte indeſſen den allgemeinen Wunſch, die Handſchrift vorleſen zu hoͤren; beſonders ge⸗ ſchah dieß von dem frageluſtigen Herrn, und ſo zog denn der Baronet ein zierlich geſchriebenes Ma⸗ nuſcript heraus, wiſchte ſeine Brille ab, und las nun folgende Geſchichte vor. Geſchichte des jungen Italiaͤners. Ich bin in Neapel geboren. Meine Aeltern be⸗ ſaßen, wenn ſie gleich von hohem Stande waren, nur wenig Vermoͤgen, oder vielmehr mein Vater war prachtliebend uͤber ſeine Mittel hinaus, und wandte ſoviel an ſeinen Palaſt, ſeine Equipage und ſeine Dienerſchaft, daß er ſich beſtaͤndig in Geld— verlegenheit befand. Ich war der juͤngere Sohn, und wurde deßwegen von meinem Vater nur mit Gleichguͤltigkeit betrachtet, da dieſer, nach ſeinem 114 Familienſtolze, ſein ganzes Vermoͤgen meinem aͤl⸗ teren Bruder zu hinterlaſſen wuͤnſchte. Als ich noch ein Kind war, verrieth ich ſchon eine ungemeine Reiz⸗ barkeit. Alles erregte mich auf die heftigſte Weiſe. Als mich meine Mutter noch auf dem Arme trug, und ehe ich ſprechen konnte, hatte die Muſik bereits eine ſolche Gewalt uͤber mich, daß ich dadurch in einem hohen Grade betruͤbt oder froͤhlich werden konnte. Als ich aͤlter wurde, blieb mein Gefuͤhl ſo lebendig als vorher, und ich konnte ſehr leicht in krampfhafte Wuth oder Freude gerathen. Neine Verwandten und die Bedienten machten ſich ein Ver⸗ gnuͤgen daraus, mit dieſer großen Reizbarkeit ihr Spiel zu treiben. Man brachte mich zu Thraͤnen, kitzelte mich bis zum Lachen, ſetzte mich in Wuth, Alles zur Unterhaltung der Geſellſchaft, welche ein ſolcher Sturm der Leidenſchaft in einem Pygmaͤen⸗ koͤrper hoͤchlich beluſtigte— ohne daß ſie jedoch bedacht, oder ſich vielleicht darum gekuͤmmert haͤtte, wie gefaͤhrlich es ſey, dieſe Erregbarkeit zu naͤhren. So ward ich ein kleines leidenſchaftliches Weſen, ehe die Vernunft gehoͤrig entwickelt war. In kur⸗ zer Zeit war ich zu alt, um laͤnger zum Spielwerk zu dienen, und nun ward ich eine Plage. Die 5 ve g Ausbruͤche und Leidenſchaften, zu denen man mich angereizt hatte, wurden laͤſtig, und ich ward von Denen, die mich dieß gelehrt hatten, gerade deswegen gehaßt, weil ich ſo gelehrig geweſen war. Meine Nutter ſtarb, und meine Gewalt, als ein verzoge⸗ nes Kind, war zu Ende. Itzt war laͤnger keine Nothwendigkeit mehr vorhanden, mir nachzugeben, oder mich zu erdulden, denn man konnte dadurch nichts erreichen, da ich nicht meines Vaters Lieb⸗ ling war. Ich hatte alſo das Schickſal aller ver⸗ zogenen Kinder unter ſolchen Umſtaͤnden, und wurde vernachlaͤſſigt, oder nur in ſo fern beachtet, als man mir zuwider ſeyn und mir widerſprechen konnte. Dieß war die fruͤhe Behandlung eines Herzens, welches, wenn ich daruͤber zu urtheilen im Stande bin, von Natur zu der groͤßten Zaͤrtlichkeit und Liebe geneigt war. Mein Vater hatte, wie ich bereits geſagt habe, mich nie leiden koͤnnen,— in der That verſtand er mich nie: er betrachtete mich als eigenwillig und ſoͤriiſch, und glaubte, daß es mir an natuͤrlicher Liebe zu ihm fehle.— Es war aber das Schroffe in ſeinem eigenen Betragen, das Stolze und Vornehme in ſeinem eigenen Weſen, das mich aus ſeinen Ar⸗ men verſcheucht hatte. Ich dachte ihn mir immer wie ich ihn einſt geſehen hatte, in ſeinem Senator⸗ Anzuge, in Prunk und Stolz daherrauſchend. Die Pracht, welche ſeine Perſon umgab, hatte meine junge Einbildungskraft eingeſchuͤchtert. Ich konnte mich ihm nie mit der zutrauensvollen Nei⸗ gung eines Kindes naͤhern. Meines Vaͤters ganze Zaͤrtlichkeit ruhte auf mei⸗ nem aͤlteren Bruder. Er ſollte der Erbe des Titels und der Wuͤrde der Familie werden, und alles ward ihm zum Opfer gebracht— ich ſelbſt, ſo gut wie alles andere. Man hatte beſchloſſen, mich der Kirche zu weihen, damit auf dieſe Art ſowol meine Leidenſchaften als ich ſelbſt, meinem Vater keine Zeit koſten und Unruhe verurſachen, oder dem In⸗ tereſſe meines Bruders im Wege ſtehen moͤchten. Schon in meinem zarten Alter, und ehe mein Ge⸗ muͤth der Welt und ihren Reizen ſich aufgeſchloſſen oder irgend etwas von derſelben, uͤber den Bezirk des Palaſtes meines Vaters hinaus, kennen gelernt hatte, ward ich in ein Kloͤſter geſchickt, deſſen Su— perior mein Oheim war, und ſeiner Sorge aus⸗ ſchließlich uͤberantwortet. Mein Oheim war ein Mann, der gaͤnzlich der Welt entfremdet war; er hatte nie ihren Vergnuͤ⸗ gungen Geſchmack abgewonnen, weil er ſie nie ge⸗ noſſen hatte, und ſah ſtrenge Selbſtverlaͤugnung als die große Grundlage aller chriſtlichen Tugenden an. Er glaubte, daß Jeder gleiche Geſinnungen mit ihm habe, oder zwang ihn wenigſtens, ſich nach den 117 ſeinigen zu bequemen. Seine Gemuͤthsart und ſeine Gewohnheiten hatten einen großen Einfluß auf die Bruͤderſchaft, deren Superior er war— nie konnte man wol finſterere, graͤmlichere Weſen beiſammen geſehen haben. Auch das Kloſter war ganz dazu geeignet, duͤſtere und truͤbe Gedanken zu erwecken. Es war in einer finſtern Bergſchlucht, ſuͤblich vom Veſuv gelegen; jeder Blick in die Ferne durch unfruchtbare, vulkaniſche Anhoͤhen verſperrt, ein Bergſtrom toſete am Fuße ſeiner Mauern da— hin, und Adler ſchrien um ſeine Thuͤrme. Man hatte mich in einem ſo zarten Alter an dieſen Ort geſchickt, daß ich bald alle beſtimmten Erinnerungen deſſen, was ich verlaſſen hatte, verlor. Als mein Gemuͤth ſich mehr entfaltete, entlehnte es daher ſeine Begriffe von der Welt aus dem Kloſter und deſſen Umgebungen, und die Welt er⸗ ſchien mir als etwas hoͤchſt ſchreckliches. So erhielt meine Gemuͤthsſtimmung ſchon fruͤh eine gewiſſe truͤbe Faͤrbung, und die furchtbaren Erzaͤhlungen der Moͤnche von Teufeln und boͤſen Geiſtern, wo⸗ mit ſie meine jugendliche Einbildungskraft ſchreckten, gaben mir eine Richtung zum Aberglauben, deren ich nie ganz habe Herr werden koͤnnen. Sie fan⸗ den eben das Vergnuͤgen daran, mein lebendiges Gefuͤhl in Bewegung zu ſetzen, das meines Vaters 118 Umgebungen ſich aus Neckerei ſo oft gemacht hat⸗ ten. Ich kann mich noch itzt der Schrecken erin⸗ nern, womit ſie meine Einbildungskraft, bei einem Ausbruche des Veſuv's, zu entflammen wußten. Wir waren von dieſem Vulkan weit entfernt, und Berge lagen zwiſchen uns, allein ſeine krampfhaften Bewegungen erſchuͤtterten ſelbſt die feſten Grundla⸗ gen der Natur. Erdbeben drohten, die Thuͤrme un⸗ ſers Kloſters umzuſtuͤrzen. Ein duͤſteres, ſchreckli⸗ ches Licht erhellte bei Nacht den Himmel, und ein vom Winde herbeigefuͤhrter Aſchenregen fiel in un⸗ ſerem ſchmalen Thale. Die Moͤnche ſprachen da⸗ von, daß die Erde unter uns ausgehoͤhlt ſey; daß Stroͤme geſchmolzener Lava durch ihre Adern floͤſſen, daß Hoͤhlen voll Schwefelflammen ſich durch ihr In⸗ neres zoͤgen, welche den boͤſen Geiſtern und den Ver⸗ dammten zu Wohnſitzen dienten, und daß Feuer⸗ meere unter unſern Fuͤßen waͤren, bereit, uns zu verſchlingen.— Alle dieſe Geſchichten wurden mir bei dem duͤſtern Tone des Donners in den Bergen erzaͤhlt, deſſen dumpfes Rollen die Mauern unſeres Kloſters erbeben machte. Einer von den Moͤnchen war ein Mahler ge⸗ weſen, hatte ſich aber aus der Welt zuruͤckgezogen, und dieß traurige Leben erwäͤhlt, um irgend ein Verbrechen abzubuͤßen. Er war ein truͤbſinniger Ich war feurig, lebendig, aufbrauſend, unge⸗ 119 Menſch, der ſeine Kunſt in der Einſamkeit ſeiner Zelle trieb, ſie aber zu einer Buße fuͤr ſich machte. Seine Beſchaͤftigung war, entweder auf Leinwand, oder in Wachs das menſchliche Geſicht und den menſchlichen Koͤrper im Todeskampfe, und in allen Abſtufungen der Aufloͤſung und Zerſtoͤrung abzubil⸗ den. In ſeinen Arbeiten enthuͤllten ſich die furcht⸗ baren Geheimniſſe des Todtenhauſes, das ekel⸗ hafte Gaſtmahl des Kaͤfers und des Wurms.— Noch itzt zwingt mir die Erinnerung an ſeine Ar⸗ beiten einen Schauder ab. Zu jener Zeit bemaͤch⸗ tigte ſich indeſſen meine ſtarke, doch ſchlechtgeleitete Einbildungskraft mit aller Lebendigkeit ſeiner Kunſt. Es war eine Beſchaͤftigung, und ſie brachte eine Ab⸗ wechslung in die trockenen Studien und die ein— foͤrmigen Pflichten des Kloſterlebens. In kurzer Zeit erlangte ich Gewandtheit des Pinſels, und meine duͤſtern Erzeugniſſe wurden fuͤr wuͤrdig gehal⸗ ten, einige von den Altaͤren in der Kapelle zu zieren. Auf dieſe traurige Weiſe ward ein Menſch er⸗ zogen, der nur von Gefuͤhl und Einbildungskraft beſeelt war. Alles Geiſtreiche und Liebenswuͤrdige in meinem Weſen ward unterdruͤckt und nichts aus⸗ gebildet, als was nutzlos und unangenehm war. ſtuͤm, ganz dazu gemacht, nur Liebe und Anbetung zu empfinden; aber man legte eine bleierne Hand auf alle meine beſſern Eigenſchaften. Man lehrte mich nichts, als Furcht und Haß: ich haßte mei⸗ nen Oheim, die Moͤnche, das Kloſter, in welches ich eingeſchloſſen war, die Welt, ja mich ſelbſt bei⸗ nahe, weil ich, wie ich glaubte, ein ſo haßerfuͤlltes und haſſenswerthes Geſchoͤpf war. Als ich beinahe ſechszehn Jahr alt war, er⸗ laubte man mir, bei einer Gelegenheit einen von den Bruͤdern auf einer Sendung nach einem ent⸗ fernten Theile des Landes zu begleiten. Wir hat⸗ ten bald das duͤſtere Thal hinter uns, worin ich ſo viele Jahre eingeſperrt geweſen war, und kamen, nach einer kurzen Reiſe in den Bergen, in die uͤp⸗ pige freie Landſchaft, welche ſich um die Bucht von Neapel her ausbreitet. Himmel! wie war ich außer mir vor Entzuͤcken, als mein Blick uͤber eine weite Flaͤche des herrlichſten, ſonnigen Landes, durch Gebuͤſche und Weinberge verſchoͤnt, dahin ſtreifte! Der Veſuv erhob ſeine zackigten Gipfel zu meiner Rechten; das blaue Meer, mit ſeiner zaube⸗ riſchen Kuͤſte, mit leuchtenden Staͤdten und pracht⸗ vollen Landhaͤuſern beſetzt, dehnte ſich zu meiner Linken aus, und Neapel, meine Vaterſtadt Neapel, blinkte weit, weit im Hintergrunde! 6 Guter 121 Guter Gott! dieß war alſo die herrliche Welt, die man mir verſchloſſen hatte? Ich hatte itzt das Alter erreicht, worin die Gefuͤhle in ihrer ganzen Bluͤthe und Friſche ſtehen. Die meinigen hatte man zu unterdruͤcken und zu erkaͤlten geſucht: ſie brachen nun mit der ganzen Macht eines verſpaͤte⸗ ten Fruͤhlings hervor. Mein Herz, das bisher un⸗ natuͤrlich zuſammengeſchrumpft war, dehnte ſich itzt unter einem Aufruhr unbeſtimmter, aber wonnevol⸗ ler Empfindungen aus. Die Schoͤnheit der Natur berauſchte, verwirrte mich ganz. Die Geſaͤnge der Bauern, ihre froͤhlichen Blicke, ihre gluͤcklichen Be⸗ ſchaͤftigungen, die mahleriſche Farbenpracht ihrer Kleidung, ihre laͤndliche Muſik, ihre Taͤnze: alles dieß wirkte wie Zauberei auf mich. Meine Seele antwortete der Muſik, mein Herz huͤpfte mir im Buſen. Alle Maͤnner erſchienen mir angenehm, alle Frauen liebenswuͤrdig. Ich kehrte in das Kloſter zuruͤck, das heißt, mein Koͤrper: mein Herz und meine Seele uͤber⸗ ſchritten nie wieder die Schwelle deſſelben. Ich konnte dieſen Blick in eine ſchoͤne und gluͤckliche Welt nie vergeſſen,— in eine Welt, die meinem Gemuͤth ſo zuſagte. Ich hatte mich ſo gluͤcklich ge⸗ fuͤhlt, ſo lange ich darin verweilte: ich war ein Weſen geworden, das ſo verſchieden von dem war, I. F 122 wie ich mich im Kloſter— dieſem Grabe alles Le⸗ bendigen— fuͤhlte. Ich verglich im Geiſte die „Geſichter der Leute, die ich geſehen hatte, und die von Feuer, Friſche und Genuß uͤberſtroͤmten, mit den bleichen, bleifarbigen, glanzloſen Antlitzen der Moͤnche: die Tanzmuſik, mit dem eintoͤnigen Ge⸗ ſange in der Kapelle. Fruͤher hatte ich die An⸗ dachtsuͤbungen des Kloſters nur laͤſtig gefunden: itzt waren ſie mir unleidlich. Der einfoͤrmige Kreislauf der Obliegenheiten verzehrte meinen Geiſt: meine Nerven wurden durch das widrige Geklingel der Kloſterglocke gereizt, die unaufhoͤrlich in den Ber⸗ gen wiederhallte, mich beſtaͤndig in der Nacht aus meiner. Ruhe ſtoͤrte, und mich am Tage zwang, den Pinſel aus der Hand zu legen, um eine langweilige mechaniſche Andachtsuͤbung zu ver⸗ richten. Es lag nicht in meiner Art, lange uͤber etwas nachzudenken, ohne meine Gedanken ins Werk zu ſetzen. Mein Geiſt war ploͤtzlich aufgeregt worden, und in mir erwacht. Ich erſah mir die Gelegen⸗ heit, entfloh aus dem Kloſter, und machte mich, zu Fuße, auf den Weg nach Neapel. Als ich die freundlichen, menſchenerfuͤllten Straßen der Stadt ſah, die Mannigfaltigkeit und Lebendigkeit des Ge⸗ wuͤhls um mich her, die Pracht der Paläͤſte, den 123 Glanz der Equipagen, und das Leben auf den Geſichtern der bunten Menge, ſchien es mir, als ob ich piͤtzlich in eine bezauberte Welt verſetzt ſey, und ich gelobte feierlich bei mir, daß nichts auf Erden mich je wie der in die Einfoͤrmigkeit des Klo⸗ ſters zuruͤckbringen ſolle. Ich mußte fragen, wo meines Vaters Palaſt ſey, denn ich war ſo jung, als ich ihn verließ, daß ich nicht mehr wußte, wo er ſtand. Es gelang mir nicht ohne Schwierigkeit, vor meinen Vater gelaſ⸗ ſen zu werden, denn die Dienerſchaft wußte kaum, daß ein ſolches Weſen, wie ich, vorhanden ſey, und meine Moͤnchskleidung machte eben keinen fuͤr mich ſehr vortheilhaften Eindruck. Selbſt mein Vater erinnerte ſich meiner nicht mehr. Ich nannte ihm meinen Namen, warf mich ihm zu Fuͤßen, flehte ihn um Verzeihung an, und bat ihn, mich nicht wieder nach dem Kloſter zuruͤckzuſchicken. Er empfing mich mehr mit der Herablaſſung ei⸗ nes Goͤnners, als mit der Liebe eines Vaters, hoͤrte ruhig, aber kalt, auf meine Erzaͤhlung von meinen Leiden unter den Moͤnchen und meinem Widerwil⸗ len gegen ſie, und verſprach, daran zu denken, was fuͤr mich geſchehen koͤnne. Dieſe Kaͤlte erſtickte und unterdruͤckte alle die offene Liebe, die in meinem Weſen lag, und die bei der geringſten Waͤrme vaͤ⸗ F 2 terlicher Zuneigung ſich entfaltet haben wuͤrde. Alle meine fruͤhern Gefuͤhle gegen meinen Vater gewan⸗ nen ihre Kraft wieder. Ich betrachtete ihn aber⸗ mals als das prunkhafte vornehme Weſen, das meine kindiſche Einbildungskraft ſo ſehr gedaͤmpft hatte; es war mir, als ob ich gar keine Anſpruͤche an ſein Mitgefuͤhl haͤtte. Mein Bruder war der allei⸗ nige Gegenſtand ſeiner Sorge und Liebe: er hatte ſeine Art und Weiſe geerbt, und nahm eher das Weſen eines Beſchuͤtzers, als eines Bruders gegen mich an. Dieß verletzte meinen Stolz, der ſehr groß war. Von meinem Vater konnte ich Herab⸗ laſſung erdulden, denn ich blickte zu ihm, wie zu einem hoͤheren Weſen, mit Ehrfurcht empor; aber die Beſchuͤtzer⸗Miene eines Bruders, der, wie ich deutlich fuͤhlte, in geiſtiger Hinſicht weit unter mir ſtand, war mir unleidlich. Die Dienerſchaft bemerkte bald, daß ich ein unwillkommener Gaſt ſey, und behandelte mich, nach Art gemeiner Leute, obenhin. So auf allen Seiten zuruͤckgeſtoßen, ſah ich, daß meine Zu⸗ neigung da, wohin ſie ſi ich wenden wollte, nur laͤ⸗ ſtig wurde: ich ward alſo finſter, ſtill und niederge⸗ ſchlagen. Meine G. aͤhle, in mich ſelbſt zuruͤckge— draͤngt, verbarge in meinem Herzen und zehr⸗ ten an demſelben blieb ich einige Tage lang, mehr als ein ungern geſehener Ankoͤmmling, denn als — 125 ein wiedergegebener Sohn, in meines Vaters Hauſe. Ich war einmal dazu beſtimmt, dort nie gekannt zu werden: ich war, durch falſche Behandlung, mir ſelbſt entfremdet worden, und man beurtheilte mich nach meinem fremden Weſen. Eines Tages ſah ich, zu meinem Erſtaunen, ei⸗ nen der Moͤnche meines Kloſters aus meines Va⸗ ters Zimmer ſchleichen. Er bemerkte mich, ſtellte ſich aber, als ob er mich nicht ſaͤhe, und dieſe Ver⸗ ſtellung machte, daß ich Verdacht ſchoͤpfte. Ich war reizbar und argwoͤhniſch geworden: die geringſte Kleinigkeit konnte mein Gefuͤhl verwunden. In dieſem Gemuͤthszuſtande geſchah es, daß ich von einem verwoͤhnten Guͤnſtling, dem Lieblingsdiener meines Vaters, mit auffallender Niehtachtung behan⸗ delt wurde. Der Stolz und die Leidenſchaftlichkeit meines Weſens regten ſich in dieſem Augenblicke; ich ſchlug den Menſchen zu Boden. Mein Vater ging eben voruͤber, und hatte nicht die Ruhe, ſich nach der Urfach des Vorfalls zu erkundigen, auch haͤtte er die lange Reihe von Geiſtesleiden, welche die wahre Veranlaſſung dazu war, nicht verfolgen kön⸗ nen. Er ließ mich hart und zornig an, und bot den ganzen Stolz ſeines Weſens und das Vornehme ſeines Blickes auf, der Schmach, mit welcher er mich behandelte, einen deſto groͤßern Nachdruck zu 126 geben. Ich fuͤhlte, daß ich ſie nicht verdient hatte; ich fuͤhlte, daß ich verkannt wurde; ich fuͤhlte, daß etwas in mir lag, welches einer beſſeren Behandlung werth war: mein Herz empoͤrte ſich gegen die Unge⸗ rechtigkeit eines Vaters. Ich vergaß meiner ge⸗ wohnten Ehrfurcht gegen ihn,— ich antwortete ihm mit Heftigkeit: mein feuriger Geiſt gluͤhte auf mei⸗ nen Wangen, ſpruͤhte aus meinen Augen; aber mein gefuͤhlvolles Herz brach eben ſo ſchnell, und dehe meine Leidenſchaft halb ausgetobt hatte, fuͤhlte ich, daß ſie in meinen Thraͤnen erſtickte und er⸗ loſch. Mein Vater, uͤber dieſes Kruͤmmen des Wurmes verwundert und aufgebracht, befahl mir, mich in mein Zimmer zu begeben. Ich ent⸗ fernte mich ſchweigend, von widerſprechenden Em⸗ pfindungen uͤberwaͤltigt. Ich war noch nicht lange auf meinem Zimmer, als ich in einem anſtoßenden Gemache Stimmen hoͤrte. Mein Vater und der Moͤnch berathſchlag⸗ ten uͤber die Mittel, mich ſchnell nach meinem Kloſter zuruͤckzubringen. Mein Entſchluß war ge⸗ faßt. Ich hatte keine Heimath, keinen Vater mehr. Noch in dieſer Nacht verließ ich das vaͤterliche Haus, begab mich an Bord eines Schiffes, das ſegelfertig im Hafen lag, und uͤherließ mich nun der weiten Welt. Es kuͤmmerte mich nicht nach » Eines öffentlichen Platzes in Genna. Ueberſ. 127 welchem Hafen es ſegelte: jede Gegend in einer ſo ſchoͤnen Welt war beſſer, als mein Kloſter; es kuͤm⸗ merte mich nicht, wohin das Schickſal mich ver⸗ ſchlug: jeder Ort hatte mehr Heimathliches fuͤr mich, als die Heimath, die ich zuruͤckgelaſſen hatte. Das Fahrzeug war nach Genua beſtimmt, und hier langten wir nach einer Reiſe von wenigen Tagen an. Als ich zwiſchen den Daͤmmen, welche den Ha⸗ fen umgeben, in denſelben einlief, und das Amphi⸗ theater von Palaͤſten, Kirchen und herrlichen Gaͤr⸗ ten erblickte, welche ſich uͤber einander erheben, da fuͤhlte ich, wie gerechte Anſpruͤche Genua darauf habe, die Praͤchtige genannt zu werden. Ich ſtieg auf dem Molo ab, gaͤnzlich fremd und ohne zu wiſſen, was ich beginnen, oder wohin ich meine Schritte lenken ſollte. Dieß kuͤmmerte mich indeſ⸗ ſen wenig: war ich doch aus den Feſſeln des Klo⸗ ſters und von den Erniedrigungen im vaͤterlichen Hauſe erloͤſ't. Wenn ich durch die Strada Balbi und die Strada nuova, dieſe Straßen von Palaͤſten, ging, und die Wunderwerke der Baukunſt um mich her anſtaunte; wenn ich am Abend in dem bunten Gewuͤhle alles Glaͤnzenden und Schoͤnen, durch die gruͤnen Laubengaͤnge der Acqua verde*) „† — oder unter den Saͤulengaͤngen und auf den Ter⸗ raſſen der praͤchtigen Gaͤrten der Doria wandelte; dann hielt ich es fuͤr unmöoͤglich, je anderswo aluis⸗ lich zu ſeyn, als in Genua. Wenige Tage reichten hin, mich uͤber meinen Irrthum zu belehren. Meine magere Boͤrſe war bald erſchoͤpft, und zum erſten Male in meinem Leben empfand ich das niedrige Elend der Armuth. Ich hatte nie den Geldmangel gekannt, nie die Moͤglichkeit eines ſolchen Uebels geahnt. Ich kannte die Welt und ihre Wege nicht, und als zuerſt der Gedanke an Mangel mich ergriff, ſo war ſeine Wir⸗ kung gaͤnzlich laͤhmend. Ich wanderte mit leeren Taſchen durch die Straßen, welche nun mein Auge nicht laͤnger ergetzten, als der Zufall meine Schritte zu der praͤchtigen Kirche dell' Annunciata leitete. Ein beruͤhmter Mahler der damaligen Zeit be— ſchaͤftigte ſich gerade mit der Aufſtellung eines ſei⸗ ner Gemaͤlde uͤber einem Altar. Die Fertigkeit, elche ich, waͤhrend meines Aufenthalts im Kloſter, in ſeiner Kunſt erlangt, hatte mich zu einem be⸗ geiſterten Liebhaber derſelben gemacht. Bei dem er⸗ ſten Blicke war ich erſtaunt uͤber das Gemaͤhlde. Es war eine Madonna. So nunſchuldig, ſo lieblich, ein ſo goͤttlicher Ausdruck muͤtterlicher Zaͤrtlichkeit! Ich hatte in dem Augenblick alle Erinnerung an vng 129 ſelbſt in der Begeiſterung fuͤr meine Kunſt verlo⸗ ren. Ich faltete die Haͤnde, und ein Ausruf des Entzuͤckens entſchluͤpfte meinen Lippen. Der Mahler bemerkte meine Bewegung. Sie ſchmeichelte ihm und machte ihm Vergnuͤgen. Mein Aeußeres und mein Benehmen gefielen ihm; er redete mich an. Ich fuͤhlte zu ſehr den Mangel eines Freundes, als daß ich die Zuvorkommenheit eines Fremden haͤtte zuruͤckweiſen ſollen, und es lag in dem Weſen die⸗ ſes Mannes etwas ſo Wohlwollendes und Gewin⸗ nendes, daß er in einem Augenblicke ſich mein Ver⸗ trauen erworben hatte. Ich erzaͤhlte ihm meine Geſchichte, ſagte ihm die Lage, worin ich mich befaͤnde, verbarg ihm aber meinen Namen und Stand. Meine Erzaͤhlung ſchien ihn ſehr anzuziehen: er lud mich in ſein Haus ein, und von dieſer Zeit ward ich ſein Lieblings⸗ ſchuͤr. Er glaubte in mir ein außerordentliches Talent fuͤr die Kunſt zu entdecken, und ſeine Lob⸗ ſpruͤche entflammten meinen ganzen Eifer. Welch' ein herrlicher Abſchnitt in meinem Leben war der, den ich unter ſeinem Dache zubrachte! Ein anderes Weſen ſchien in mir aufgegangen zu ſeyn, oder vielmehr alles, was liebenswuͤrdig und trefflich war, ſchien aus demſelben hervorzugehen. Ich lebte ſo eingezogen, wie ich dieß im Kloſter gethan hatte; 130 allein wie verſchieden war meine Eingezogenheit! Meine Zeit verging damit, mein Gemuͤth mit erha⸗ benen und dichteriſchen Gedanken zu erfuͤllen, uͤber alles Ausgezeichnete und Edle, was es in der Geſchichte und der Dichtung gab, nachzudenken, und alles, was erhaben und ſchoͤn in der Natur iſt, zu ſtudiren und zu verfolgen. Ich war immer ein ſchwaͤrmeriſches, der Einbildung hingegebenes We⸗ ſen, itzt aber erhoben mich meine Traͤumereien und Einbildungen zu einem Zuſtande des Entzuͤk⸗ kens. Ich betrachtete meinen Lehrer als einen wohl⸗ wollenden Genius, der eine zauberiſche Gegend vor meinen Augen eroͤffnet hatte. Er war kein Einge⸗ borner von Genua, ſondern durch den Wunſch mehrerer Leute aus dem Adel bewogen worden, dahin zu kommen, und hielt ſich bereits ſeit meh⸗ reren Jahren dort auf, um einige uͤbernommene Arbeiten zu vollenden. Seine Geſundheit war ſehr wankend, ſo daß er einen großen Theil der Aus⸗ fuͤhrung ſeiner Zeichnungen ſeinen Schuͤlern uͤberlaſ⸗ ſen mußte.— Er hielt mich fuͤr vorzuͤglich geſchickt,“ in der Darſtellung menſchlicher Geſichtszuͤge, einen charakteriſtiſchen, aber fluͤchtigen, Ausdruck aufzux-⸗ faſſen, und ihn auf die Leinwand kraͤftig uͤberzutrg⸗ gen. Ich war deßhalb beſtaͤndig beſchaͤftigt, Koͤpfe. zu zeichnen, und oft, wenn eine beſondere Lieblich⸗ 1 keit und Schoͤnheit des Ausdrucks in einem Ge⸗ ſicht dargeſtellt werden ſollte, ward dieſe Arbeit mir aufgetragen. Mein Wohlthaͤter wollte mich gern bekannt machen, und ſo geſchah es, daß ich, theils vielleicht meiner wirklichen Kunſtfertigkeit wegen, theils durch ſein warmes Lob, in den Ruf kam, meinen Geſichtern einen beſondern Ausdruck zu geben. 8 Unter mehreren Arbeiten, die er uͤbernommen hatte, war auch ein hiſtoriſches Bild fuͤr den Palaſt eines Großen, auf welchem die Portraͤte mehrerer Mitglieder der Familie angebracht werden ſollten. Unter dieſen ward Eines meinem Pinſel uͤbertragen. Es war das eines jungen Maͤdchens, das da⸗ mals noch in einem nahen Kloſter erzogen wurde. Sie kam aus demſelben, um zu ihrem Bilde zu ſitzen. Ich ſah ſie zuerſt in einem Zimmer eines der praͤchtigen Palaͤſte von Genua. Sie ſtand an einem Fenſter, das auf die Bucht hinausging: ein Strahl der Fruͤhlings⸗Sonne fiel auf ihr Ge⸗ ſicht, und verbreitete eine Art von Heiligenſchein um daſſelbe, waͤhrend er das reiche karmoiſinrothe Zimmer erhellte. Sie war erſt ſechzehn Jahr alt— und ach, wie liebenswuͤrdig! Der ganze Anblick uͤber⸗ raſchte mich wie eine reine Erſcheinung des Fruͤhlings, der Jugend und der Schoͤnheit. Ich haͤtte niederfallen und ſie anbeten koͤnnen. Sie war wie eine der Schoöpfungen der Dichter und Mahler, wenn ſie das Ideal der Schoͤnheit darſtellen wol⸗ len, welches ihren Gemuͤthern in der Geſtalt un⸗ beſchreiblicher Vollkommenheit vorſchwebt. Ich durfte ihr Geſicht in mehreren Stellungen zeichnen, und ich verlaͤngerte gefliſſentlich ein Studium, das mein Verderben ward. Je laͤnger ich ſie betrachtete, deſto verliebter ward ich: es lag etwas beinahe Peinliches in dieſer gluͤhenden Bewunderung. Ich war erſt neunzehn Jahre alt, ſchuͤchtern, befangen und un⸗ erfahren. Ihre Mutter behandelte mich mit Auf⸗ merkſamkeit, denn meine Jugend und meine Begei⸗ ſterung fuͤr die Kunſt hatten mir ihre Gunſt er⸗ worben, und ich moͤchte beinahe glauben, daß in meinem Weſen und meiner Art etwas gelegen habe, das Antheil und Achtung einfloͤßte. Aber ſelbſt die Guͤte, mit der man mich behandelte, konnte die Beklommenheit nicht vertreiben, in welche meine Einbildungskraft mich verſetzte, wenn ich mich in der Gegenwart dieſes lieblichen Weſens befand. In ihr lag Etwas, das beinahe mehr als ſterblich war. Sie ſchien zu erhaben fuͤr die Erde: zu zart und hochſtehend fuͤr alles Menſchliche. Waͤhrend ich ihre Reize auf meiner Leinwand darſtellte, und meine Augen auf ihren Zuͤgen weilten, ſog ich das 133 ſuͤße Gift ein, das mich betaͤubte, und abwechſelnd floß mein Herz vor Zaͤrtlichkeit uͤber und bebte vor Verzweiflung. Itzt fuͤhlte ich mehr, als je, das heftige Feuer, das auf dem Grunde meiner Seele geſchlummert hatte. Sie, mein Herr, in einem gemaͤßigtern Klima und unter einem kaͤltern Him⸗ mel geboren, haben keinen Begriff von der Heftig⸗ keit der Leidenſchaft in unſerer ſuͤdlichen Bruſt. Nach einigen Tagen war meine Arbeit geendigt. Bianca kehrte in ihr Kloſter zuruͤck, aber ihr Bild blieb unverloͤſchbar in meinem Herzen. Es wich nicht aus meiner Einbildungskraft, es ward mein feſtſtehender Begriff fuͤr die Schoͤnheit. Sogar auf meinen Pinſel hatte es Einfluß. Ich ward meiner gluͤcklichen Darſtellung weiblicher Lieblichkeit wegen beruͤhmt, allein dieß war nur deswegen, weil ich Bianca's Bild vervielfaͤltigte. Ich beruhigte und naͤhrte meine Einbildungskraft zugleich, indem ich ſie in allen Erzeugniſſen meines Meiſters anbrachte.— Ich habe mit Entzuͤcken in einer der Kapellen der Annunciata geſtanden, als ich einſt von der Menge die himmliſche Schoͤnheit einer Heiligen erhe⸗ ben ſah, die ich gemahlt hatte. Ich habe das Volk andachtsvoll ſich vor dem Bilde beugen ſehen: es beugte ſich vor Bianca's Lieblichkeit. Ich blieb in dieſer Art von Traum, ich moͤchte Meine Einbildungskraft hat eine ſolche Staͤrke, daß das Bild, welches ſich darin gebildet hatte, in ſei⸗ ner ganzen Kraft und Friſche darin lebte. Ich war uͤberhaupt ein einſames, nachdenkliches Weſen, das ſich gern Traͤumereien hingab und Gedanken naͤhrte, die einmal feſten Fuß in mir gefaßt hatten. Aus dieſem lieblichen, melancholiſchen, herrlichen Traum ward ich durch den Tod meines wackern Wohlthaͤters erweckt. Ich kann den Schmerz, in welchen mich dieſer Todesfall verſetzte, nicht be⸗ ſchreiben. Allein, und mit gebrochenem Herzen, ſtand ich itzt da. Er vermachte mir ſein kleines Vermoͤ⸗ gen, das, ſeiner angebornen Freigebigkeit und des Aufwandes wegen, mit welchem er zu leben pflegte, in der That nur ſehr unbedeutend war, und em⸗ pfahl mich vor ſeinem Sterben noch ſehr dringend dem Schutze eines Großen, der auch ſein Gönſſer geweſen war. Dieſer Letztere war ein Mann, der fuͤr ſehr freigebig galt. Er war ein Liebhaber und Beſchuͤz⸗ zer der Kuͤnſte, und gab ſich augenſcheinliche Muͤhe, dafuͤr angeſehen zu werden. Er glaubte, in mir Spuren kuͤnftiger Groͤße zu ſehen: mein Pinſel hatte bereits Aufmerkſamkeit erregt, er nahm mich unter ſeinen beſondern Schutz. Da er aber ſah, beinahe ſagen Wahnſinn, laͤnger als ein Jahr. — — —*— —. 135 daß ich vor Gram ganz niedergebeugt und unfaͤhig war, in dem Hauſe meines verſtorbenen Wohlthaͤ⸗ ters irgend etwas zu arbeiten, ſo lud er mich ein, eine Zeitlang auf einer Villa zuzubringen, welche er am Ufer des Meeres, in der mahleriſchen Ge⸗ gend von Seſtri di Ponente*) beſaß. Ich fand in der Villa des Grafen einzigen Sohn, Filippo. Er war beinahe von meinem Al⸗ ter, und hatte ein angenehmes Aeußere und ein ein⸗ nehmendes Betragen. Er hing mir bald an und ſchien ſich bei mir beliebt machen zu wollen. Ich glaubte, etwas Hergebrachtes in ſeinem Wohlwollen und viel Launen in ſeinem Weſen zu entdecken, al⸗ lein ich hatte einmal Niemanden in meiner Naͤhe, an den ich mich haͤtte haͤngen koͤnnen, und mein Herz fuͤhlte die Nothwendigkeit, etwas zu beſitzen, um daran zu ruhen. Seine Erziehung war ſehr vernachlaͤſſigt worden: er betrachtete mich als an geiſtiger Faſſungskraft und Ausbildung weit uͤber ihm ſtehend, und erkannte ſtillſchweigend mein Ueber⸗ gewicht an. Ich fuͤhlte, daß ich, in Hinſicht der *) Ein kleiner Ort, nicht weit von Genua, der, weil er gegen Abend von der Stadt gelegen iſt, im Gegen⸗ ſatze eines zweiten, gegen Morgen liegenden Seſtri (Seſtri di Levante), den Namen Seſtri di Ponen⸗ te ſührt. Ueberſ. 136 Geburt, mit ihm gleich ſtand, und dieß gab mei⸗ nem Betragen eine gewiſſe Unabhaͤngigkeit, die ih⸗ res Zwecks nicht verfehlte. Die Laune und Tyran⸗ nei, welche ich ihn zuweilen an Andern ausuͤben ſah, uͤber welche er gebieten konnte, hatte ich nie zu empfinden. Wir wurden vertraute Freunde und waren haͤuſig beiſammen. Dennoch liebte ich allein zu ſeyn, und den Traͤumereien meiner eigenen Ein⸗ bildungskraft in der Gegend, welche mich umgab, nachzuhangen. Von der Villa hatte man eine weite Ausſicht auf das mittellaͤndiſche Meer und die mahleriſche liguriſche Kuͤſte. Sie lag einzeln mitten in einem kuͤnſtlich angelegten Garten, der mit Bildſaͤulen und Springbrunnen verziert war, und Gebuͤſche und Alleen und ſchattige Raſenplaͤtze enthielt. Alles, was dem Geſchmacke ſchmeicheln oder das Gemuͤth angenehm beſchaͤftigen konnte, war hier zu finden. Die Ruhe, welche in dieſem zierlichen Aufenthalt herrſchte, machte, daß der Sturm meiner Gefuͤhle ſich allmaͤhlig legte, und indem ſie ſich mit dem romantiſchen Zauber miſchte, der noch immer meine Einbildungskraft gefangen hielt, eine ſanfte, wolluͤſtige Melancholie hervorbrachte. Ich hatte noch nicht lange unter dem Dache des Grafen verweilt, als unſere Einſamkeit durch * eine neue Bewohnerin belebt wurde. Dieß war die Tochter eines Verwandten des Grafen, welcher kuͤrzlich in bedraͤngten Umſtaͤnden geſtorben war, und ſein einziges Kind ſeinem Schutze uͤbergeben hatte. Ich hatte von Filippo ſchon oft von ihrer Schoͤnheit reden gehoͤrt, allein meine Phantaſie war von Einem Bilde ſo erfuͤllt, daß ſie kein An⸗ deres mehr zuließ. Wir waren in dem mittleren Saal der Villa, als ſie anlangte. Sie war noch in Trauer, und naͤherte ſich, auf des Grafen Arm ge⸗ lehnt. Als ſie die Marmortreppe hinanſtiegen, fiel mir die Zierlichkeit ihres Wuchſes und ihrer Be⸗ wegungen, und die Grazie auf, womit der Mez⸗ zaro, der bezaubernde Schleier der Genueſerinnen, um ihre ſchlanke Geſtalt geworfen war. Sie tra⸗ ten ein. Himmel! wie groß war meine Ueberra⸗ ſchung, als ich Bianca vor mir ſah! Sie war es ſelbſt, bleich von Gram, aber ihre Schoͤnheit noch gereifter, als da ich ſie zuletzt geſehen hatte. Die Zeit hatte alle Lieblichkeit ihrer Geſtalt entwickelt, und der Kummer, den ſie gehabt, uͤber ihr Geſicht eine unwiderſtehliche Zaͤrtlichkeit ausgegoſſen. Sie erroͤthete und zitterte, als ſie mich erblickte, und Thraͤnen traten in ihre Augen, denn ſie erin⸗ nerte ſich, in weſſen Palaſt ſie mich zu ſehen gewohnt geweſen war. Meine Empfindungen ver⸗ 138 mag ich nicht zu ſchildern. Nach und nach ward ich Meiſter der großen Schuͤchternheit, die mich anfangs in ihrer Gegenwart ſo beengt hatte. Die Gleichheit unſerer Lage brachte uns einander naͤher. Wir hatten Beide unſere beſten Freunde in der Welt verloren, und waren Beide einigermaßen auf das Wohlwollen Anderer angewieſen. Als ich ſie naͤher und ihren Geiſt kennen lernte, beſtaͤtigte ſich alles das, was meine Einbildungskraft mir von ihr vor⸗ gemahlt hatte. Ihre Unbekanntſchaft mit der Welt, ihr zartes Gefuͤhl fuͤr alles Schoͤne und Angenehme in der Natur, erinnerte mich an meine eigenen Re⸗ gungen, als ich zuerſt aus dem Kloſter entwiſchte: ihre richtige Beurtheilungskraft entzuͤckte mich, ihre Sanftheit umſtrickte mein Herz, und ihre jugend⸗ liche, zaͤrtliche, aufkeimende Lieblichkeit verſetzte mich in einen wonnevollen Taumel. Ich betrachtete ſie mit einer Art von Anbetung, wie etwas mehr als Sterbliches, und fuͤhlte mich durch den Gedanken an meinen Unwerth ihr ge⸗ genuͤber nicht wenig gedemuͤthigt. Doch war ſie ſterblich, war eins der empfaͤnglichſten, zartfuͤhlend⸗ ſten, ſterblichen Geſchoͤpfe— denn ſie liebte mich! Wie ich zuerſt dieſe entzuͤckende Wahrheit ent⸗ deckte, kann ich nicht mehr ſagen; ich glaube, ſie zeigte ſich mir allmaͤhlig, wie ein Wunder, das alle ——ꝛ—ꝛ—xxöF—— * 139 meine Hoffnungen und meinen Glauben uͤbertraf. Wir waren Beide in dem Alter der Zaͤrtlichkeit und der Liebe, ſahen uns beſtaͤndig, hatten dieſelben fei⸗ neren Beſchaͤftigungen, denn Muſik, Dichtkunſt und Mahlerei waren unſer Beider Lieblingsvergnuͤgungen, und wir lebten, beinahe ganz von aller uͤbrigen Geſellſchaft getrennt, in einer lieblichen und roman⸗ tiſchen Gegend. Iſt es ein Wunder, daß zwei junge Herzen, die einander ſo nahe waren, ſich in⸗ nig verbanden?— O ihr Goͤtter, welch' ein Traum— welch' ein voruͤbergehender Traum ungetruͤbter Seligkeit ging damals an meiner Seele voruͤber! Die Welt um mich her war mir ein Paradies, denn ein Weib — ein liebliches, herrliches Weib, theilte es mit mir! Wie oft ſtreifte ich an den mahleriſchen Ufern von Seſtri umher, oder erklomm ſeine wil⸗ den Berge, ſah die Kuͤſte mit Landhaͤuſern beſaͤet, und den blauen See tief unter mir, und den ſchlanken Leuchtthurm von Genua auf ſeinem ro⸗ mantiſchen Vorgebuͤrge in der Entfernung, und glaubte, wenn ich dann Bianca's ſchwankende Schritte unterſtuͤtzte, daß in einer ſo ſchoͤnen Welt kein Ungluͤck ſeyn koͤnne! Wie oft horchten wir zuſammen auf die Toͤne der Nachtigall, wenn ſie ihr reizendes Lied in den Mondſcheinlauben des 8* 140 Gartens ſang, und wunderten uns, wie die Dich⸗ ter je etwas Trauriges in ihrem Geſange hatten finden koͤnnen! Warum iſt dieſe Bluͤthenzeit des Lebens und der Zaͤrtlichkeit ſo voruͤbergehend! warum kommt aus dieſer Roſenwolke der Liebe, welche eine ſolche Morgenglut uͤber den Morgen unſerer Tage verbreitet, ſo leicht ein Wirbelwind und Sturm hervor! Ich war der erſte, welcher aus dieſem ſeligen Liebesrauſche erwachte. Ich hatte Bianca's Herz gewonnen: aber was ſollte daraus werden? Ich hatte weder Reichthum, noch Ausſichten, die mich zu Anſpruͤchen auf ihre Hand berechtigten: ſollte ich, ihre Unkenntniß der Welt, ihre zutrauensvolle Neigung benutzend, ſie zu meiner eigenen Ar⸗ muth herabziehen? Hieß dieß die Gaſteißeit des Grafen, Bianca's Liebe vergelten? Zum erſten Male fing ich an, zu fuͤhlen, daß auch gluͤckliche Liebe ihre Bitterkeit haben kann. Eine verzehrende Sorge lagerte ſich um mein Herz. Ich ſchlich im Palaſte wie ein Verbrecher umher: es war mir, als haͤtte ich deſſen Gaſtfreiheit ge⸗ mißbraucht, als waͤre ich ein Dieb, der in ſeinen Mauern verweilte. Ich konnte den Grafen nicht laͤnger mit unbefangenem Blicke anſchauen. Ich klagte mich der Treuloſigkeit an, glaubte, daß er V V 1 141 ſie in meinen Blicken laͤſe, und fing an, mir ſelbſt zu mißtrauen und mich zu verachten. Sein Be⸗ tragen gegen mich war immer vornehm und herab⸗ laſſend geweſen, itzt erſchien es mir kalt und ſtolz. Auch Filippo ward zuruͤckhaltend und fremd, wenig⸗ ſtens glaubte ich das zu bemerken. Himmel! war dieß Alles Hirngeſpinnſt? oder war ich der ganzen Welt verdaͤchtig geworden? war ich ein ungluͤcklicher argwoͤhniſcher Menſch, der Blicke und Geberden be⸗ wachte, und ſich mit falſchen Deutungen plagte? oder, wenn dieſe gegruͤndet waren, ſollte ich unter einem Dache bleiben, wo man mich nur duldete, und daſelbſt ſo lange verweilen, als man mich litt? Das iſt nicht laͤnger auszuhalten, rief ich aus: ich will mich aus dieſem Zuſtande der Selbſterniedrigung losrei⸗ ßen— ich will dieſen Zauber zerſtoͤren und flie⸗ hen— fliehen! wohin?— aus der Welt! denn wo bleibt die Welt, wenn ich Bianca zuruͤcklaſſe? Mein Geiſt war von Natur ſtolz, und empoͤrte ſich in mir bei dem Gedanken, mit Verachtung an⸗ geſehen zu werden. Mehrere Male war ich im Be⸗ griff, meine Familie und meinen Rang zu entdek⸗ ken, und die Gleichheit meines Standes in Bian⸗ ca's Gegenwart darzuthun, wenn ich glaubte, daß ihre Verwandten ſich ein Anſehen der Vornehm⸗ heit gaben. Aber dieß Gefuͤhl war voruͤbergehend. 142 Ich ſah mich als von meiner Familie ausgeſtoßen und verachtet an, und hatte mir ſelbſt es feier⸗ lich gelobt, nie meine Verwandtſchaft mit ihr zu offenbaren, bis ſie ſelbſt ſie geltend machen wuͤrde. Dieſer Kampf meines Geiſtes zehrte an meiner Zufriedenheit und meiner Geſundheit. Es ſchien mir, als ob die Ungewißheit, geliebt zu werden, weniger unertraͤglich ſey, als davon uͤberzeugt zu ſeyn, und dieſer Ueberzeugung nicht froh werden zu duͤrfen. Ich war nicht laͤnger der begeiſterte Be⸗ wunderer Bianca's, ich hing nicht laͤnger mehr mit Entzuͤcken an dem Tone ihrer Stimme, oder ſog mit unerſaͤttlichen Blicken die Schoͤnheit ihrer Ge— ſichtszuͤge ein. Selbſt ihr Laͤcheln konnte mich nicht mehr erfreuen, denn ich fuͤhlte, daß ich ein Ver⸗ brechen begangen hatte, es fuͤr mich zu gewinnen. Dieſe Veraͤnderung an mir konnte ihr nicht entgehen: ſie fragte mich mit ihrer gewoͤhnlichen Freimuͤthigkeit und Einfachheit nach der Urſach der⸗ ſelben. Ich konnte der Frage nicht ausweichen, denn mein Herz war zum Zerſpringen voll. Ich ſchilderte ihr den Kampf meiner Seele, meine ver⸗ zehrende Leidenſchaft, die bitteren Vorwuͤrfe, die ich mir machte.„Ja,“ ſagte ich,„ ich bin deiner un⸗ wuͤrdig; ich bin von meiner Familie ausgeſtoßen— — 143 ein unſtaͤter, namenloſer, heimathloſer Fluͤchtling, der nichts als Armuth zu ſeinem Antheil hat— und doch habe ich es gewagt, Dich zu lieben— habe es gewagt, Liebe von Dir zu begehren!“ Meine Bewegung entlockte ihr Thraͤnen, aber meine Lage erſchien ihr nicht ſo hoffnungslos, als ich ſie ihr geſchildert hatte. In einem Kloſter er⸗ zogen, wußte ſie nichts von der Welt, von ihren Beduͤrfniſſen, ihren Sorgen, und welche Frau nimmt bei Herzensangelegenheiten auf die Kleinigkeiten der Welt Ruͤckſicht? Ja, noch mehr— ſie entbrannte in ſuͤßer Begeiſterung, wenn ſie von meinen Gluͤcks⸗ umſtaͤnden und von mir ſelbſt ſprach. Wir hatten oft zuſammen vor den Werken der beruͤhmten Meiſter verweilt; ich hatte ihr deren Geſchichte, den großen Ruf, den Einfluß, den Reichthum, den ſie erlangt hatten, erzaͤhlt. Sie waren die Gefaͤhrten der Fuͤrſten, die Guͤnſtlinge der Koͤnige, der Stolz und die Zierde der Voͤlker. Alles dieß wandte ſie auf mich an. Ihre Liebe ſah in allen den großen Her⸗ vorbringungen Jener nichts, was ich nicht eben ſo gut erreichen koͤnnte, und wenn ich das liebliche Geſchoͤpf von Innigkeit ergluͤhen und ihr Geſicht von den Traͤumen meines Ruhms verklaͤrt ſah, ſo erhob mich dieß auf einen Augenblick in den Him⸗ mel ihrer eigenen Einbildungskraft. 144 Ich verweile zu lange bei dieſem Theile meiner Geſchichte; allein ich kann nicht umhin, bei einem Abſchnitte meines Lebens mich aufzuhalten, auf welchen ich, bei allen ſeinen Sorgen und Kaͤmpfen, dennoch mit Liebe zuruͤckſehe, denn meine Seele war damals noch mit keinem Verbrechen befleckt. Ich weiß nicht, welches der Erfolg dieſes Kampfes zwiſchen Stolz, Zartgefuͤhl und Leidenſchaft geweſen ſeyn wuͤrde, haͤtte ich nicht in einer neapolitaniſchen Zeitung die Nachricht von dem Tode meines Bru⸗ ders geleſen. Sie war von der dringenden An⸗ frage nach Kunde von mir und von der Bitte be⸗ gleitet, daß, wenn dieſe Anzeige zu meinen Au⸗ gen gelangen ſollte, ich ſogleich nach Neapel eilen moͤchte, um einen kranken und betruͤbten Vater zu troͤſten. Ich hatte von Natur ein liebendes Gemuͤth, allein mein Bruder hatte nie als Bruder gegen mich gehandelt. Ich hatte mich ſchon lange als gaͤnzlich von ihm geſchieden betrachtet, und ſein Tod machte nur geringen Eindruck auf mich. Der Gedanke an meinen Vater, und daß er krank ſey und leide, ruͤhrte mich dagegen auf das Innigſte, und wenn ich mir dieſen hochfahrenden, ſtolzen Mann dachte, wie er itzt gebeugt und verlaſſen ſey, und von mir Troſt erwarte, ſo verſchwand aller Unwillen uͤber die fruͤ⸗ here — 145 here Vernachlaͤſſigung, und die ganze Waͤrme kind⸗ licher Liebe erwachte wieder in mir. Das vorherrſchende Gefuͤhl, welches alle andere uͤberwaͤltigte, war das Entzuͤcken uͤber die ploͤtzliche Veraͤnderung in meinen Gluͤcksumſtaͤnden. Heimath, Name, Rang und Reichthum warteten mein, und die Liebe ließ mich eine noch entzuͤckendere Ausſicht in der Ferne ſehen. Ich eilte zu Bianca und warf mich ihr zu Fuͤßen. O Bianca, rief ich aus, endlich darf ich Dich die Meinige nennen. Ich bin nicht laͤnger mehr ein namenloſer Abenteuerer, ein ver⸗ nachlaͤſſigter, verſtoßener Fluͤchtling. Sieh— lies — blicke auf die Kunde, die mich meinem Namen und mir ſelbſt wiedergiebt! Ich will bei dem Auftritt, der itzt folgte, nicht weiter verweilen. Bianca freute ſich der gluͤcklichen Veraͤnderung meiner Lage, weil ſie ſah, daß ſie mein Herz von einer ſchweren Sorgenlaſt befreite; was ſie ſelhſt betraf, ſo hatte ſie mich meinetwegen geliebt und nie den geringſten Zweifel gehegt, daß mein eigenes Verdienſt mir Ruf und Vermoͤgen er⸗ werben wuͤrde. Ich fuͤhlte itzt meinen ganzen angebornen Stolz in mir erwachen. Ich ging nicht mehr mit an den Boden gehefteten Augen umher. Die Hoffnung ließ mich zum Himmel aufblicken: meine Seele war J. G 146 von friſchem Feuer entflammt, und dieß leuchtete aus meinem Geſicht. Ich wollte dem Grafen die Veraͤnderung in meinen Verhaͤltniſſen anzeigen, ihm ſagen, wer und was ich ſey— und foͤrmlich um Bianca's Hand anhalten; allein er war auf eines ſeiner entfernten Guͤter gereiſet. Ich ſchloß Filippo meine ganze Seele auf. Itzt, zum erſten Ma⸗ le, machte ich ihn mit meiner Leidenſchaft, mit den Zweifeln und Beſorgniſſen, die mich ver⸗ zehrt, und mit der Kunde, die ſie ſo ploͤtzlich zer⸗ ſtreut hatte, bekannt. Er uͤberhaͤufte mich mit Gluͤckwuͤnſchen und mit den waͤrmſten Ausdruͤcken des Antheils. Ich umarmte ihn in der Fuͤlle mei⸗ nes Herzens— ich fuͤhlte Gewiſſensbiſſe daruͤber, daß ich ihn fuͤr ſo kalt gehalten, und bat ihn um Verzeihung, je an ſeiner Freundſchaft gezweifelt zu haben.. Nichts iſt ſo warm und enthuſiaſtiſch, als eine ploͤtzliche Herzensergießung zwiſchen jungen Maͤn⸗ nern. Filippo ging mit der lebendigſten Theilnahme in unſre Angelegenheiten ein. Er war unſer Ver⸗ trauter und Rathgeber. Es ward beſchloſſen, daß ich itzt nach Neapel eilen ſollte, mich in meines Vaters Zuneigung und in meinem vaͤterlichen Hauſe feſtzuſetzen, und daß ich in dem Augenblicke, wo die —— 147 Verſoͤhnung bewerkſtelligt ſeyn, und ich die Zuſtimmung meines Vaters erlangt haben wuͤrde, zuruͤckkehren und bei dem Grafen um Bianca's Hand anhalten ſolle. Filippo machte ſich anheiſchig, die Einwilli⸗ gung ſeines Vaters auszuwirken, und uͤbernahm es uͤberhaupt, fuͤr unſer Beſtes zu ſorgen, und der Kanal zu ſeyn, durch welchen wir unſere Briefe wechſeln koͤnnten. Mein Abſchied von Bianca war zaͤrtlich— lie⸗ bevoll— beaͤngſtigend. Er fand in einem kleinen Garten⸗Pavillon Statt, der einer unſerer Lieblings⸗ orte geweſen war. Wie oft kehrte ich nicht zuruͤck, um ihr noch einmal Lebewohl zu ſagen, um ſie noch einmal in ſprachloſer Bewegung auf mich blik⸗ ken zu ſehen, noch einmal den entzuͤckenden Anblick der Thraͤnen, welche ihre lieblichen Wangen benetz⸗ ten, zu genießen, noch einmal die zarte Hand, das freiwillig gegebene Pfand der Liebe, zu ergreifen, und ſie mit Thraͤnen und Kuͤſſen zu bedecken! Himmell! ſelbſt in dem Trennungsſchmerz zweier Liebenden liegt ein Entzuͤcken, das tauſend ruhige Vergnuͤgungen der Welt aufwiegt. Noch ſehe ich ſie vor mir, wie ſie an dem Fenſter des Pavillon ſtand, die Weinranken zuruͤckbog, welche es um⸗ ſchatteten, wie ihre zarte Geſtalt in jungfraͤulichem Lichte hervorſtralte, ihr Geſicht in Thraͤnen und La⸗ G 2 148 cheln ſchwamm, und ſie mir tauſend und aber⸗ mals tauſend Mal Lebewohl zurief, waͤhrend ich, zoͤ⸗ gernd, im Rauſche der Liebe und Bewegung, die Allee hinunter wankte! Als das Boot mich aus dem Hafen von Genua trug, wie begierig blickte mein Auge an der Kuͤſte von Seſtri hin, bis es die Villa ent⸗ deckte, die zwiſchen Baͤumen am Fuße des Berges hervorſchimmerte! So lange es Tag blieb, ſah ich unaufhoͤrlich darauf hin, bis ſie nur noch als ein weißer Punkt zu ſehen war, und mein angeſtreng⸗ ter unverwandter Blick entdeckte ſie da noch, als alle uͤbrigen Gegenſtaͤnde ſchon laͤngſt in eine un⸗ deutliche Maſſe zuſammengeſchmolzen oder von der Abenddaͤmmerung verhuͤllt waren. In Neapel angelangt, eilte ich ſogleich mei⸗ nem vaͤterlichen Hauſe zu. Mein Herz ſehnte ſich nach dem langentbehrten Segen der Vaterliebe. Als ich das ſtolze Portal des ahnherrlichen Palaſtes be⸗ trat, war meine Bewegung ſo gewaltig, daß ich nicht ſprechen konnte. Niemand kannte mich. Die Bedienten betrachteten mich mit Neugier und Er⸗ ſtaunen. Wenige Jahre geiſtiger Erhebung und Entwickelung hatten in dem armen fluͤchtigen Bur⸗ ſchen aus dem Kloſter eine große Veraͤnderung her⸗ vorgebracht. Nichts deſtoweniger war es hoͤchſt nie⸗ —— 149 derſchlagend fuͤr mich, daß mich Niemand in mei⸗ nem rechtmaͤßigen Beſitzthum erkannte. Ich kam mir vor wie der verlorne Sohn bei ſeiner Ruͤckkehr. Ich war ein Fremdling in meinem vaͤterlichen Hauſe geworden. Als ich mich zu erkennen gab, aͤnderte ſich indeſſen Alles. Ich, der ich einſt bei⸗ nahe aus dieſen Mauern hinausgeſtoßen worden war, und wie ein Verbannter hatte fluͤchten muͤſſen, ward itzt mit lauter Freude, mit knechtiſcher Dienſt⸗ gefliſſenheit bewillkommt. Einer der Diener eilte, meinen Vater auf meinen Empfang vorzubereiten: meine Begierde nach der vaͤterlichen Umarmung war indeſſen ſo groß, daß ich ſeine Ruͤckkehr nicht er⸗ warten konnte, ſondern ihm nacheilte.— Welch' ein Anblick, als ich in das Zimmer trat! Mein Vater, den ich in der ganzen Bluͤthe eines kraͤfti⸗ gen Alters verlaſſen, deſſen edle und majeſtaͤtiſche Haltung meiner jugendlichen Einbildungskraft ſo große Ehrfurcht eingefloͤßt hatte, war itzt gebeugt und entkraͤftet. Ein Schlagfluß hatte ſeine ſtatt⸗ liche Koͤrpergeſtalt zernichtet, und eine wankende Trinmer hinterlaſſen. Er ſaß, geſtuͤtzt, in ſei⸗ nem Stuhle, mit bleichem, ſchlaffen Geſicht und glaͤſernem, umherirrenden Auge. Sein Verſtand hatte bei der Zerſtoͤrung ſeines Körpers augenſchein⸗ lich mit gelitten.— Der Bediente bemuͤhte ſich, um ſeine Lippen, er ſtreckte ſchwach ſeine zitternde. ihm verſtaͤndlich zu machen, daß ein Beſuch da ſey. Ich wankte zu ihm hin und ſank zu ſeinen Fuͤßen. Alle ſeine fruͤhere Kaͤlte und Gleichguͤltigkeit gegen mich waren vergeſſen. Ich ſah in ihm nur meinen Vater, und dachte nur daran, daß ich ihn verlaſſen hatte. Ich umfaßte ſeine Kniee, meine Stimme ward beinahe von krampfhaften Seufzern erſtickt. „Verzeihung, Verzeihung, mein Vater!“ war Al⸗ les, was ich hervorbringen konnte. Sein Bewußt⸗ ſeyn ſchien allmaͤhlig zuruͤckzukehren. Er betrachtete mich einige Augenblicke lang mit einem unſtaͤten, forſchenden Blicke: ein krampfhaftes Beben ſchwebte Hand aus, legte ſie auf mein Haupt und brach dann in eine Fluth kindiſcher Thraͤnen aus. Von dieſem Augenblicke an durfte ich nur ſel⸗ ten mich von ihm entfernen. Ich ſchien der ein⸗ zige Gegenſtand zu ſeyn, der ſein Herz in dieſer Welt noch anſprach, alles Uebrige war tödt fuͤr ihn. Er hatte beinahe ganz die Sprache verloren, und ſein Verſtand ſchien gaͤnzlich verſchwunden zu ſeyn. Er war ſtumm und ruhig, außer daß zuwei⸗ len Anfaͤlle eines kindiſchen Weinens ohne irgend eine unmittelbare Urſach eintraten. Wenn ich das Zimmer verließ, ſo richkete er ſeinen Blick unver⸗ wandt auf die Thuͤr, bis ich wieder zuruͤckkehrte, 151 und bei meinem Eintritt vergoß er abermals einen Strom von Thraͤnen. Mit ihm, bei dieſem zerruͤtteten Zuſtande ſeines Geiſtes, uͤber meine Angelegenheiten reden zu wollen, wuͤrde mehr als unnuͤtz, ihn allein zu laſſen, wenn auch auf noch ſo kurze Zeit, grauſam und unnatuͤr⸗ lich geweſen ſeyn. Dieß war eine neue Pruͤfung meiner Neigung. Ich gab Bianca ſchriftliche Nach⸗ richt von meiner Ankunft und von meiner itzigen Lage, und ſchilderte mit wahren und deshalb le⸗ bendigen Farben die Qualen, welche unſere Tren⸗ nung mir verurſachte, denn fuͤr den jugendlichen Liebhaber iſt jeder Tag der Abweſenheit ein verlor⸗ nes Jahrhundert der Liebe. Ich ſchloß meinen Brief in ein Schreiben an Filippo ein, durch wel⸗ chen unſer Briefwechſel gefuͤhrt wurde, und empfing von ihm eine Antwort worin Freundſchaft und Mitgefuͤhl ſprachen, von Bianca eine, die voll von Verſicherungen der Liebe und Beſtaͤndigkeit war. Woche auf Woche, Monat auf Monat verging, ohne daß ſich meine Lage geaͤndert haͤtte. Der Le⸗ bensfunke, welcher beinahe erloͤſchen zu wollen ſchien, als ich meinen Vater zum erſten Male ſah, fuhr fort zu gluͤhen, ohne anſcheinend ſchwaͤcher zu wer⸗ den. Ich bewachte meinen Vater unausgeſetzt, treu⸗ lich, ich moͤchte ſagen geduldig. Ich wußte, daß 152 ſein Tod allein mich befreien konnte— und doch wuͤnſchte ich ihn nie herbei. Ich war zu ſehr erfraut, meinen fruͤhern Ungehorſam ſo wieder gut machen zu koͤnnen, und da ich in fruͤheren Zei⸗ ten aller Freuden der verwandtſchaftlichen Bande hatte entbehren muͤſſen, neigte ſich mein Herz zu einem Vater hin, der in ſeinem Alter und ſeiner Huͤlfloſigkeit den einzigen Troſt in mir geſucht hatte. Mieeine Leidenſchaft fuͤr Bianca wuchs durch die Abweſenheit taͤglich, und wurzelte ſich durch ſtetes Denken an ſie nur deſto tiefer bei mir ein. Ich erwarb mir weder neue Freunde, noch gewann ich neue Be⸗ kanntſchaften, oder trachtete nach den Vergnuͤgun⸗ gen von Neapel, welche mein Rang und mein Ver⸗ moͤgen mir darboten. Mein Herz beſchraͤnkte ſich nur auf wenige Gegenſtaͤnde, hing aber mit deſto innigerer Leidenſchaft an ihnen. Bei meinem Va⸗ ter zu ſitzen— ſeinen Beduͤrfniſſen zuvorzukom⸗ men, und in der Stille ſeines Zimmers an Bianca zu zdenken, war meine beſtaͤndige Beſchaͤftigung. Zuweilen ergriff ich auch den Pinſel und entwarf das Bild, welches meiner Einbildungskraft beſtaͤn⸗ dig gegenwaͤrtig war. Jeden Blick, jedes Laͤcheln von ihr, das in meinem Herzen lebte, trug ich auf die Leinwand uͤber. Ich zeigte meinem Vater die — 153 Bilder, in der Hoffnung, dadurch einen Antheil fuͤr den bloßen Schatten meiner Liebe bei ihm zu erregen: allein ſeine Geiſteskraft war zu ſehr gaüun⸗ ken, als daß er ihnen mehr als eine kindiſche Aufmerkſamkeit haͤtte ſchenken ſollen. Wenn ich Briefe von Bianca erhielt, ſo war dieß eine neue Quelle des Vergnuͤgens in meiner Einſamkeit fuͤr mich. Es iſt wahr, daß ihre Briefe immer ſelte⸗ ner wurden, aber ſie waren immer voll von Ver⸗ ſicherungen unwandelbarer Liebe. Sie athmeten nicht die unbefangene und unſchuldige Waͤrme, wo⸗ mit ſie ſich in der Unterhaltung ausdruckte, allein ich erklaͤrte mir dieß aus der Verlegenheit, in wel⸗ che unerfahrene Gemuͤther oft verſetzt werden, wenn ſie ihre Gedanken zu Papier bringen wollen. Fi⸗ lippo verſicherte mich ihrer unwandelbaren Treue. Beide bejammerten, in den ſtaͤrkſten Ausdruͤcken, unſere fortdauernde Trennung, obgleich ſie der kind⸗ lichen Liebe Gerechtigkeit widerfahren ließen, welche mich an der Seite meines Vaters feſthielt. So waren, in dieſer verlaͤngerten Verbannung, beinahe zwei Jahre vergangen. Fuͤr mich waren dieß eben ſo viele Jahrhunderte. Feurig und un⸗ geſtuͤn von Natur, weiß ich nicht, wie ich eine ſo lange Abweſenheit haͤtte erdulden koͤnnen, waͤre ich nicht uͤberzeugt geweſen daß Bianca's Treue 154 eben ſo feſt, wie die meinige ſey. Endlich ſtarb mein Vater. Sein Leben ſchwand beinahe unmerk⸗ lich. Ich hing in ſtummer Trauer uͤber ihn, und war Zeuge des letzten Kampfes der Natur. Seine letzten gebrochenen Worte hauchten noch Segnun⸗ gen uͤber mich aus. Ach! 4 e ſind nie in Erfuͤl⸗ lung gegangen! Als ich ſeiner Leiche die Iwbihrende Ehre erwie⸗ ſen und ſie zu den Graͤbern unſerer Ahnen be⸗ ſtattet hatte, brachte ich ſchnell meine Angelegenhei⸗ ten in Ordnung, richtete es ſo ein, daß ich ſie ſelbſt aus der Entfernung ſehr leicht leiten konnte, und ſchiffte mich mit klopfendem Herzen wiederum nach Genua ein. Die Reiſe war gluͤcklich, und wie groß war mein Entzuͤcken, als ich zuerſt, in der Morgendaͤm⸗ merung, die dunkeln Gipfel der Apenninen wie 4 Wolken uͤber dem Horizont ſich erheben ſah. Der wohlthuende Hauch des Sommers ließ uns gemaͤchlich auf den langen, ſchaukelnden Wellen dahin gleiten, die uns nach Genua hinwaͤlzten. Nach und nach erhob ſich die Kuͤſte von Seſtri wie ein Werk der Zauberei aus dem Silberſchooße des Meeres. Ich erblickte die Reihe von Doͤrfern und Palaͤſten, welche ihre Ufer bedeckten. Mein Auge. wandte ſich nach dem wohlbekannten Punkt, und 155 fand endlich, aus dem Gewirr entfernter Gegen⸗ ſtaͤnde, die Villa heraus, welche Bianca einſchloß. Sie war ein bloßer Punkt in der Landſchaft, aber er leuchtete weit daher, der Polarſtern meines Herzens. Einen langen Sommertag uͤber blickte ich nun wieder darauf hin, allein wie verſchieden waren meine Empfindungen bei meiner Ruͤckkehr von denen bei meiner Abreiſe! Immer groͤßer und groͤßer ward die Villa vor meinen Augen. Mein Herz ſchien zu ſchwellen, wie ſie. Ich betrachtete ſie durch ein Fernglas. Nach und nach konnte ich ein⸗ zelne Theile erkennen: den Balcon an der Mit⸗ telſeite, wo ich zuerſt Bianca ſah; die Terraſſe, wo wir ſo oft die koͤſtlichen Sommerabende zuge⸗ bracht; das Zelt an ihrem Zimmerfenſter: ich glaubte beinahe, ihre Geſtalt dahinter zu erkennen. O wenn ſie wuͤßte, daß ihr Geliebter in dem Boote ſey, deſſen weißes Segel itzt auf dem ſonnigen Buſen der See glaͤnzte! Meine liebende Ungeduld wuchs, als wir uns der Kuͤſte naͤherten, das Schiff ſchien traͤge uͤber die Wellen dahin zu ſchleichen: ich haͤtte in das Meer ſpringen und nach der erſehnten Kuͤſte ſchwimmen moͤgen. Die Abendſchatten fingen allmaͤhlig an, die Ge⸗ gend einzuhuͤllen, aber der Mond ſtieg in ſeinem vollen Glanze und ſeiner Schoͤnheit empor, und 156— verbreitete ſein ſanftes, den Liebenden ſo angeneh⸗ mes Licht uͤber die romantiſche Kuͤſte von Seſtri. Meine Seele ſchwamm in unausſprechlicher Zaͤrt⸗ lichkeit. Ich dachte ſchon im Voraus an die himm— liſchen Abende, die ich wiederum mit Bianca, im Lichte dieſes herrlichen Mondes wandelnd, zubrin⸗ gen wuͤrde. Es war ſpaͤt Abends, als wir in den Hafen einliefen. Sobald ich, am naͤchſten Morgen, die Foͤrmlichkeiten der Landung beſeitigt hatte, warf ich mich auf ein Pferd, und eilte nach der Villa. Als ich um das felſige Vorgebirge ſprengte, auf welchem der Leuchtthurm ſteht, erhoben ſich tauſend Beſorgniſſe und Zweifel in meinem Herzen. Die Ruͤckkehr zu Denen, welche wir lieben, hat etwas Beklemmendes, ſo lange wir nicht wiſſen, welche Uebel oder Veraͤnderungen die Abweſenheit hervor⸗ gebracht haben mag. Die Heftigkeit meiner Bewe⸗ gung machte, daß ich am ganzen Koͤrper zitterte. Ich ſpornte mein Pferd zu verdoppelter Eile an: es war mit Schaum bedeckt, als wir Beide athem⸗ los an dem Thorwege anlangten, welcher zu den Anlagen um die Villa hin fuͤhrt. Ich ließ mein Pferd in einem Bauerhauſe, und ging durch den Garten, um die Ruhe fur die bevorſtehende Zu⸗ ſammenkunft wieder zu gewinnen. Ich machte mir „ — 157 ſelbſt Vorwuͤrfe, daß ich mich von bloßen Zweifeln und Vermuthungen hatte ſo ploͤtzlich uͤbermannen laſſen, allein ich war von jeher dazu geneigt gewe⸗ ſen, mich dem ploͤtzlichen Andrange meiner Gefuͤhle hinzugeben. 3 Als ich in den Garten trat, fand ich noch Al⸗ les ſo, wie ich es verlaſſen hatte, und dieß beru⸗ higte mich. Hier waren die Alleen, worin ich ſo oft mit Bianca gewandelt und mit ihr dem Ge⸗ ſange der Nachtigall gelauſcht hatte: dieſelben Schat⸗ ten, in denen wir ſo oft, waͤhrend der Mittags⸗ hitze, geſeſſen. Hier waren noch dieſelben Blumen, die ſie ſo ſehr liebte, und welche noch immer von ihrer Hand gepflegt zu werden ſchienen. Alles trug Bianca's Spur und Hauch. Hoffnung und Freude wallten bei jedem Schritte in meinem Buſen auf. Ich ging bei einer kleinen Laube voruͤber, worin wir oft geſeſſen und geleſen hatten— ein Buch und ein Handſchuh lagen auf der Bank— es war Bianca's Handſchuh: es war ein Band des Me⸗ taſtaſio, den ich ihr geſchenkt hatte. Der Hand⸗ ſchuh lag da im Buche, wo meine Lieblingsſtelle war. Ich druͤckte Beides mit Entzuͤcken an mein Herz. Itzt iſt Alles gut! rief ich aus: ſie liebt mich, ſie iſt noch mein! Ich eilte froͤhlich die Allee enttang, die ich 158 bei meiner Abreiſe ſo langſam hinunter gewankt war. Ich erblickte ihren Lieblings⸗Pavillon, wo wir Abſchied von einander genommen hatten. Das Fenſter war offen, dieſelben Weinreben ſchlangen ſich noch darum hin, gerade ſo, als damals, wo ſie weinend mir ein Lebewohl zuwinkte. O, welch' ein gluͤcklicher Unterſchied zwiſchen itzt und damals! Als ich neben dem Pavillon voruͤberging, hoͤrte ich die Toͤne einer weiblichen Stimme: ſie durchbebten mich, und drangen ſo zu meinem Her⸗ zen, daß mir kein Zweifel uͤbrig blieb. Ehe ich es denken konnte, fuͤhlte ich, daß dieß Bianca's Stim⸗ me ſeyn muͤßte. Einen Augenblick blieb ich, von der Bewegung uͤberwaͤltigt. Ich fuͤrchtete, ſie zu ſehr zu ͤberraſchen. Leiſe ſtieg ich die Stufen des Pavillons hinan. Die Thuͤr war offen. Ich ſah Bianca an einem Tiſche ſitzen: ſie wandte mir den Ruͤcken zu: ſie ſang ein ſanftes, melancholiſches Lied, und zeichnete dabei. Ein Blick reichte hin, mir zu entdecken, daß ſie eines meiner Bilder ko⸗ pire. Ich blickte einen Augenblick in einem ent⸗ zuͤckenden Taumel der Empfindung auf ſie hin. Sie hielt ein mit Singen: ein tiefer Seufzer, bei⸗ nahe ein Schluchzen, folgte. Itzt konnte ich mich nicht laͤnger halten.„Bianca!“ rief ich, mit halb unterdruͤckter Stimme. Sie fuhr auf bei dem 159 Tone, ſtrich die Locken zuruͤck, die ihr Geſicht um⸗ ſchatteten, warf einen Blick auf mich, ſtieß einen gellenden Schrei aus, und waͤre zu Boden geſtuͤrzt, wenn ich ſie nicht in meinen Armen aufgefangen haͤtte. Bianca, meine Biancal rief ich aus, indem ich ſie an meine Bruſt druͤckte und meine Stimme in dem Schluchzen krampfhafter Freude erſtickte. Sie lag ohne Bewußtſeyn oder Bewegung in meinen Armen. Beſtuͤrzt uͤber die Wirkung meiner Vorei⸗ ligkeit, wußte ich nicht, was ich thun ſollte. Durch tauſend Schmeichelworte ſuchte ich ſie wieder in das Leben zuruͤckzurufen. Nur langſam erholte ſie ſich, und ſagte endlich, mit ſchwacher Stimme und halb geoͤffneten Augen:„wo bin ich?“ Hier, antwortete ich, indem ich ſie an meine Bruſt druͤckte: hier, nahe an dem Herzen, das dich anbetet, in den Armen deines treuen Ottavio!„Oh nein! nein! nein!“ kreiſchte ſie, indem ſie ploͤtzlich zum vollen Bewußtſeyn erwachte, voll Schrecken—„fort! fort! verlaſſe mich! verlaſſe mich!“ Sie riß ſich aus meinen Armen, ſtuͤrzte in eine Ecke des Saales, und bedeckte ihr Geſicht mit den Haͤnden, als ob mein bloßer Anblick ihr ſchrecklich ſey. Ich war wie vom Donner geruͤhrt. Ich wollte meinen Sinnen nicht trauen. Ich folgte ihr 160 zitternd und verwirrt. Ich wollte ihre Hand er⸗ greifen: aber ſie wich voll Abſcheu vor jeder Be⸗ ruͤhrung zuruͤck. Guter Gott, Bianca!l rief ich aus, was bedeu⸗ tet dieß Alles? Iſt dieß mein Empfang nach einer ſo langen Abweſenheit? Iſt dieß die Liebe, die Du zu mir hegteſt? Bei dem Worte Liebe uͤberlief ſie ein Schauder. Sie wandte ihr von Angſt erfuͤlltes Geſicht zu mir: „Nichts mehr davon— nichts mehr davon!“ keuchte ſie:„ſprich nicht von Liebe mit mir— ich— ich bin verheirathet!“ Ich taumelte, als ob ich einen toͤdtlichen Streich empfangen haͤtte— mein Herz brach. Einen oder zwei Augenblicke lang war Alles ein Chaos um mich her. Als ich mich erholt hatte, ſah ich Bianca auf einem Sopha liegen, ihr Geſicht in die Kiſſen vergraben, und höͤrte ſie krampfhaft ſchluchzen. Der Unwillen uͤber ihren Wankelmuth verdraͤngte auf ei⸗ nen Augenblick jedes andere Gefuͤhl bei mir. „Treulos— meineidig!“ rief ich aus, indem ich durch das Zimmer ſchritt. Doch ein abermali⸗ ger Blick auf das ſchoͤne, ſo gebeugte Weſen er⸗ ſtickte meinen ganzen Zorn. Der Unwillen konnte mit ihrem Bilde nicht zugleich in meiner Seele Raum haben. Man hat mir geſagt, Du ſeyeſt todt!“ Briefwechſel?““ „Filippo!“ 161 „O Bianca!“ rief ich angſtvoll aus:„haͤtte ich mir dieß traͤumen laſſen koͤnnen? Haͤtte ich glauben koͤnnen, daß Du mir untreu werden wuͤrdeſt?“ Sie erhob ihr von Thraͤnen uͤberſtroͤmtes, ganz von der Bewegung verſtelltes Geſicht, und warf mir einen bittenden Blick zu.„Ich Dir untreu? Wie, ſagte ich: unſeres ununterbrochenen Brief⸗ wechſels ungeachtet? Sie blickte mich wild an:„Briefwechſel⸗ welcher Haſt Du nicht zu wiederholten Malen Briefe von mir empfangen und beantwortet? Sie faltete feierlich und inbruͤnſtig die Haͤn⸗ de.„So wahr ich hoffe, ſelig zu werden— 4 nie!“ Ein furchtbarer Argwohn bemaͤchtigte ſich mei⸗ ner. Wer ſagte Dir, ich ſey todt? „Man ſagte, das Schiff, auf welchem Du Dich nach Neapel einſchiffteſt, ſey untergegangen..) Aber wer ſagte es dir? Sie hielt einen Augenblick inne, und zitterte:— Moͤge Gott im Himmel ihn dafuͤr verfluchen! rief ich aus, indem ich meine geballten Faͤuſte nach oben erhob. 163 wiederholte ich, indem ich ſie bei der Hand ergriff und ihr faͤrſchend in's Geſicht blickte: ſage mir— wagt er es, Dich hart zu behandeln? „Nein! nein! nein!“ rief ſie ſtammelnd und ver⸗ legen— aber ein Blick auf ihr Geſicht ſprach mehr als Worte zu mir. Ich las in ihren bleichen, ver⸗ graͤmten Zuͤgen, in dem ploͤtzlichen Schrecken und der gewaltſam bekaͤmpften Angſt, die aus ihren Augen ſprach, die ganze Geſchichte eines durch Ty⸗ rannei gebrochenen Gemuͤthes. Großer Gott! und dieſe ſchoͤne Blume war mir entriſſen worden, um ſo zertreten zu werden? Dieſer Gedanke brachte mich zum Wahnſinn. Ich biß die Zaͤhne zuſam⸗ men und ballte die Faͤuſte: der Schaum ſtand mir vor dem Munde, jede Leidenſchaft ſchien ſich in die Wuth aufgeloͤſ't zu haben, welche wie eine Lava in meinem Herzen kochte. Bianca ſtarrte in ſprachlo⸗ ſem Schrecken vor mir zuruͤck. Als ich neben dem Fenſter voruͤberging, ſtreifte mein Blick die Allee hinunter. Verhaͤngnißvoller Augenblick! ich ſah Filippo in der Entfernung. Mein Gehirn war umnachtet— ich ſprang aus dem Pavillon und ſtand mit Blitzesſchnelle vor ihm. Er ſah mich, als ich ſo auf ihn zuſtuͤrzte— er erblich, blickte wild zur Rechten und zur Linken, als ob er entfliehen wolle, und zog dann zitternd ſein Schwert. 162 „O fluche ihm nicht, fluche ihm nicht!' rief ſie aus:„er iſt— er iſt— mein Gatte! n Dieſer Aufſchluß enthuͤllte mir das ganze Ge⸗ webe des Betrugs, den man mir geſpielt hatte. Mein Blut rollte wie fluͤſſiges Feuer durch meine Adern. Die Wuth drohte, mich zu erſticken— eine Zeitlang war ich von dem Gewuͤhle furchtbarer Ge⸗ danken, die ſich in meinem Gemuͤthe draͤngten, ganz verwirrt. Das arme Opfer der Taͤuſchung, das vor mir lag, glaubte, ich zuͤrne ihr. Sie ſtam⸗ melte mit ſchwacher Stimme ihre Entſchuldigung her. Ich will nicht dabei verweilen. Ich ſah bald mehr, als ſie mir entdecken wollte: ich ſah, auf ei- nen Blick, wie man uns Beide verrathen hatte. Wohl, wohl, murmelte ich bei mir ſelbſt in un⸗ terdruͤckten Toͤnen gepreßter Wuth. Er ſoll mir Rechenſchaft dafuͤr geben. Bianca vernahm meine Worte. Ein neuer Schrecken verbreitete ſich uͤber ihr Geſicht.„Um aller Barmherzigkeit willen, ſuche ihn nicht auf!— ſage nichts von dem, was vorgegangen iſt— um meinetwegen ſage ihm nichts— ich allein wuͤrde dafuͤr buͤßen muͤſſen!““ Ein neuer Verdacht ſtieg in meiner Seele em— por.— Wie, rief ich aus, Du fuͤrchteſt ihn alſo? iſt er unfreundlich gegen Dich? ſage mir, 164 „Elender!“ rief ich:„wohl magſt Du ziehen!“ Ich ſprach nichts mehr— ich riß ein Stilet her⸗ vor, ſchlug damit das Schwert zuruͤck, das er in der zitternden Hand hielt, und ſtieß ihm den Dolch in die Bruſt. Er fiel ſogleich, aber meine Wuth war noch nicht geſaͤttigt. Ich ſtuͤrzte auf ihn, mit dem Blutdurſt eines Tigers, ich verdoppelte meine Stoͤße, verſtuͤmmelte ihn in meinem Wahnſinn, er⸗ griff ihn bei der Kehle, bis er mit Wunden bedeckt und im Krampfe des Erſtickens unter meinen Haͤn⸗ den den Geiſt aufgab. Starr hinblickend auf das im Tode ſcheußliche Antlitz, das mit ſeinen hervor⸗ Juellenden Augen mich anzuſtarren ſchien, blieb ich einen Augenblick ſtehen. Ein durchdringendes Ge⸗ ſchrei erweckte mich aus meinem Wahnſinn. Ich ſah mich um, und erblickte Bianca, die in Ver⸗ zweiflung auf uns zuſtuͤrzte. Meine Sinne ſchwan⸗ den— ich erwartete ſie nicht, ſondern floh von dem Schreckensorte. Wie ein zweiter Kain ſtuͤrzte ich aus dem Garten— die Hoͤlle im Buſen, und mit dem Fluche auf meinem Haupt. Ich floh, ohne zu wiſſen, wohin? beinahe ohne zu wiſſen, warum? Mein einziger Gedanke war, mich immer weiter von den Schreckniſſen zu entfernen, die ich zuruͤckgelaſſen hatte, als ob ich zwiſchen mir und meinem Gewiſſen einen Zwiſchenraum gewinnen — 165 koͤnnte. Ich floh in die Apenninen, und wanderte mehrere Tage zwiſchen ihren wilden Hoͤhen umher. Wie ich mein Leben friſtete, weiß ich nicht— welche Klippen und Abgruͤnde ich uͤberſchritt, und wie ich dieß bewerkſtelligte, weiß ich nicht. So wanderte ich immer weiter, dem Fluch zu entrinnen, der an mir klebte. Ach! Bianca's Geſchrei toͤnte ewig in. meinen Ohren, das furchtbare Antlitz meines Opfers ſchwebte mir ewig vor den Augen. Filippo's Blut ſchrie von dem Boden auf zu mir,— Felſen, Baͤume und Baͤche, alle verkuͤndeten mein Verbrechen. Itzt fuͤhlte ich, wie die Laſt der Gewiſſensbiſſe unertraͤg⸗ licher ſey, als jedes andre geiſtige Bedraͤngniß. O! haͤtte ich nur dieß Verbrechen abwaͤlzen koͤnnen, das an meinem Herzen nagte— haͤtte ich das Gefuͤhl der Unſchuld wieder erkaufen koͤnnen, das meinen Buſen erfuͤllte, als ich in den Garten von Seſtri trat— haͤtte ich mein Opfer wieder in das Leben zuruͤckrufen koͤnnen— ich wuͤrde ihn mit Entzuͤk⸗ ken haben betrachten koͤnnen, ſebſt wenn Bianca in ſeinen Armen gelegen haͤtte. 2 Nach und nach legte ſich dieß wuͤthende Fieber der Gewiſſensbiſſe, und ward zu einer beſtaͤndigen Geiſteskrankheit, zu einer der furchtbarſten, womit je ein Ungluͤcklicher heimgeſucht worden iſt. Wohin ich ging, ſchien mich das Antlitz Deſſen den ich er⸗ * 166 mordet hatte, zu folgen. Wohin ich meinen Kopf wenden mochte, erblickte ich es hinter mir, mit den Verzerrungen des Todesaugenblickes. Vergebens habe ich dieſer graͤßlichen Erſcheinung zu entweichen geſucht. Ich weiß nicht, iſt es ein Blendwerk des Geiſtes, die Folge meiner ungluͤcklichen Erziehung im Kloſter, oder eine Erſcheinung, die der Himmel wirklich herabgeſandt hat, mich zu ſtrafen; aber es iſt immer da — jederzeit und uͤberall. Weder Zeit, noch Gewohn⸗ heit haben mich mit ſeinen Schrecken vertraut ma⸗ chen können. Ich bin von Ort zu Ort gereiſet— habe mich in alle moͤgliche Vergnuͤgungen geſtuͤrzt — Zerſtreuungen aller Art geſucht;— alles— alles veergebens. Einſt nahm ich meine Zuflucht zu mei⸗ nem Pinſel, als einen verzweifelten Verſuch. Ich mahlte ein getreues Bild dieſes geſpenſtiſchen Ant⸗ litzes, und ſtellte es vor mich, in der Hoffnung, daß es mir gelingen wuͤrde, durch das beſtaͤndige Anſchauen der Copie den Eindruck des Originals zu ſchwaͤchen. Aber ich verdoppelte mein Ungluͤck nur, ſtatt es zu vermindern. Dieß iſt der Fluch, der an meine Ferſe gebannt iſt— der mein Leben mir zu einer Buͤrde, und doch den Gedanken an den Tod ſchrecklich gemacht hat. Gott weiß es, was ich gelitten— welche Tage auf Tage, welche Naͤchte auf Naͤchte in ſchlafloſer Qual ich verlebt 167 habe, welch' ein Wurm unaufhoͤrlich an meinem Herzen genagt— welch' ein unausloͤſchliches Feuer in meinem Gehirn gebrannt hat! Er weiß das Unrecht, das den armen ſchwachen Menſchen dahin brachte, das die ſanfteſte aller Neigungen in die wildeſte Wuth verwandelte. Er weiß am beſten, ob ein gebrechliches, irrendes Geſchoͤpf durch lang⸗ dauernde Qual und graͤnzenloſe Gewiſſensbiſſe das Verbrechen eines Augenblicks der Sinnloſigkeit ge⸗ nugſam abgebuͤßt hat. Oft, oft habe ich mich in den Staub geworfen, und ihn angefleht, mir ein Zeichen ſeiner Verzeihung zu geben und mich ſter— ben zu laſſen.— So weit hatte ich vor einiger Zeit geſchrieben. Ich hatte dieſe Kunde des Elends und des Verbre⸗ chens Ihnen laſſen wollen, damit Sie ſie laͤſen, wenn ich nicht mehr waͤre. Mein Gebet zum Himmel iſt endlich erhoͤrt worden. Sie waren Zeuge meiner Bewegung am vorigen Abend in der Kirche, wo das Gewoͤlbe des Tempels von den Worten der Verſoͤhnung und Er⸗ oͤſung erſcholl. Ich vernahm eine Stimme, die aus der Muſik zu mir ſprach, ich hoͤrte ſie uͤber die Toͤne der Orgel und den Geſang des Chores hinaus— ſie ſprach in lauter himmliſcher Melodie zu mir verhieß mir Barmherzigkeit und Verge⸗ 168 bung, verlangte aber volle Buße von mir.— Ich gehe, dieſe zu thun. Morgen bin ich auf dem Wege nach Genua, um mich den Haͤnden der Ge⸗ rechtigkeit zu uͤberliefern. Sie, der Sie mit mei⸗ nem Leiden Mitleid gehabt, der Sie den Balſam der Theilnahme in meine Wunde getraͤufelt haben, beben Sie nicht vor meinem Andenken zuruͤck, nun, da Sie meine Geſchichte wiſſen. Bedenken Sie, daß, wenn Sie mein Verbrechen leſen, ich es be⸗ reits mit meinem Blute gebuͤßt haben werde! Als der Baron geendet hatte, aͤußerte man all⸗ gemein den Wunſch, das Bild dieſes furchtbaren Antlitzes zu ſehen. Nach vielem Bitten willligte der Baron endlich ein, jedoch unter der Bedingung, daß Jeder einzeln es ſehen ſolle. Er rief ſeine Haus⸗ haͤlterin, und befahl ihr, die Herren, Einen nach dem Andern, in das Zimmer zu fuͤhren. Alle ka⸗ men mit verſchiedenen Erzaͤhlungen von dem Ein⸗ druck zuruͤck. Auf Einige hatte es dieſen, auf An⸗ dere jenen gemacht; Einige waren ſtaͤrker ergriffen, Andere weniger; Alle aber kamen darin uͤberein, daß etwas in dem Bilde liege„ was eine ganz ei⸗ genthuͤmliche Wirkung auf das Gefuͤhl hervorbringe. Ich ſtand mit dem Baron in einem tiefen Er⸗ ker⸗ „. 169 kerfenſter, und konnte nicht umhin, meine Verwun⸗ derung zu aͤußern. Wie dem auch ſeyn mag, ſagte ich, ſo giebt es doch gewiſſe Geheimniſſe in unſerer Natur, gewiſſe unerforſchliche Regungen und Ein⸗ fluͤſſe, welche es rechtfertigen moͤchten, wenn man aberglaͤubiſch iſt. Wer kann es erklaͤren, wie es zugeht, daß ſo viele Leute von verſchiedenem Cha⸗ rakter ſo wunderbar von einem bloßen Bilde ergrif⸗ fen werden? Und beſonders, wenn kein Einziger es wirklich geſehen hat! ſagte der Baronet laͤchelnd. „Wie das?“— rief ich aus:„es nicht geſe⸗ hen hat?“ Kein Einziger! erwiederte er, und legte den Fin⸗ ger auf die Lippe, zum Zeichen der Verſchwiegen⸗ genheit. Ich ſah, daß Einige von Ihnen bei muth⸗ williger Laune waren, und ich wollte nicht, daß das Andenken des armen Italiaͤners zum Geſpoͤtt werden ſollte. Ich gab alſo der Haushaͤlterin einen Wink, Jeden in ein anderes Zimmer zu fuͤhren! Dieß iſt das Ende der Geſchichten des nerven⸗ ſchwachen Herrn. 2 —— Zweite Abtheilung.* Buckthorne und ſeine Freunde. Kein' beſſere Welt, als die unſ're, zum Leben, Will man leih'n, will verthun, will in Alles ſich geben: 8 Doch zu betteln, zu borgen, befriedigt zu werden, e Giebt's nicht eine ſchlechtere Welt hier auf Erden. Von einer Scheibe in einem Wirthshausfenſter. U den Sepenſtinden welche die Neugier eines Reiſenden anziehen, war einer, nach dem ich ein⸗ mal ein großes Verlangen hatte— Anekdoten aus dem Leben der Gelehrten; und da ich mich gerade in London, einem der beruͤhmteſten Orte, wo Buͤ⸗ ſie herausgeben. Der Zufall machte mich mit ei⸗ nem Gelehrten, Namens Buckthorne, einem unge⸗ woͤhnlichen Menſchen, bekannt, der ſehr viel in der Gachrte Leben. 8 ℳ cher herauskommen, befand, ſo war ich ungemein begierig, etwas uͤber die Geſchoͤpfe zu wiſſen, welche Hauptſtadt gewe en war, und mir die Naturge⸗. ſchichte einer jeden ſeltſamen Creatur hererzaͤhlen konn⸗ te, welche in jener menſchlichen Wildniß anzutreffen iſt. Er gab mir ſehr gern einige nuͤtzliche Finger⸗ zeige uͤber den Gegenſtand meiner Unterſuchungen. „Die Gelehrten⸗Welt,“ ſagte er:„beſteht aus kleinen Verbruͤderungen, von denen eine jede ihre Mitglieder fuͤr die Lichter des Weltalls anſieht und — — 174 alle anderen als voruͤbergehende Lufterſcheinungen betrachtet, welche bald niederfallen und vergeſſen werden, waͤhrend ihre eigenen Planeten bis zur Unſterblichkeit unveraͤndert fortſcheinen.“ Wie kann man nun aber, ſagte ich: dazu ge⸗ langen, einen Blick in dieſe Verbruͤderungen zu thun? Ich denke mir den Verkehr mit Schrift⸗ ſtellern als eine Art von geiſtigem Tauſchhandel, wo man ſeine Waaren zu Markte bringen und im⸗ mer quid pro quo*) geben muß. „O! da ſind Sie ſehr im Jerthume,“ ſagte Buckthorne laͤchelnd:„das muͤſſen Sie nicht er⸗ warten, ſich dadurch unter witzigen Koͤpfen beliebt zu machen, daß Sie glaͤnzen. Dieſe gehen in Ge⸗ ſelſchaſt um ſelbſt zu glaͤnzen, und nicht den Glanz Anderer zu bewundern. Ich hatte ſonſt ſelbſt dieſe Auſicht, und ging nie in eine Geſellſchaft von Ge⸗ lehrten, ohne meine Rolle vorher einzulernen; die Falge davon war aber, daß ich bald den Namen eines unertraͤglichen langweiligen Schwaͤtzers erhielt, und gewiß bald ganz in den Bann gethan worden waͤre, haͤtte ich nicht meinen Operationsplan ge⸗ andert. Nein, mein Herr, es giebt nichts, was bei. mſigen Apſen mehre Gluͤck macht, als ein gu⸗ Etwas für Etwas. Ueberſ. 175 ter Zuhoͤrer; oder ſind Sie einmal beredt, ſo ſeyn Sie dieß, wenn Sie mit einem Schriftſteller unter vier Augen ſind, und loben Sie dann ſeine Werke, oder, was beinahe eben ſo gern gehoͤrt wird, ſetzen Sie die ſeiner Zeitgenoſſen herab. Wenn er von den Erzeugniſſen eines vertrauten Freundes vortheilhaft ſpricht, widerſprechen Sie ihm geradezu: ſagen Sie, ſein Freund ſey ein Dummkopf. Glauben Sie nicht, daß er ſich daruͤber beleidigt fuͤhlen wird, denn ſo viel auch die Leute von der Reizbarkeit der Schriftſteller reden, ſo habe ich doch nie einen uͤber dergleichen Widerſpruͤche boͤſe werden ſehen. Nein, nein, Schriftſteller geben die Fehler ihrer Freunde mit großer Offenherzigkeit zu. Auch wollte ich Ihnen uͤberhaupt rathen, nicht viel von neuen Werken zu reden, es ſey denn, daß Sie ſpoͤttiſche Bemerkun⸗ gen uͤber die ausgezeichnetſten lebenden Schriftſteller machen wollen.“— Nun, ſagte ich: ſo will ich auch weiter keine loben, als die nicht wenigſtens ſchon ſeit einem halben Jahrhundert todt ſind. „Selbſt dabei,“ bemerkte Hr. Buckthorne:„wuͤrde ich Ihnen rathen, etwas vorſichtig zu Werke zu gehen, denn Sie muͤſſen wiſſen, daß manche alte Schriftſteller mit zu den Fahnen der verſchiedenen Sekten gehoͤren, und ihre Verdienſte eben ſo wol 176 die Gegenſtaͤnde der Eroͤrterung von einer oder der andern Seite geworden ſind, als die Verdienſte le⸗ bender Staatsmaͤnner und Politiker. Ja, es ſind, um mich einer Redensart aus der Suͤdſee zu be⸗ dienen, ganze Abſchnitte in der Litteratur fuͤr Tabu*) erklaͤrt worden. Es wuͤrde zum Beiſpiel in einigen Cirkeln einem Manne ſeinen ganzen kri⸗ tiſchen Ruf koſten, wenn er nur ein Wort zum Lobe irgend eines Schriftſtellers unter der Regie⸗ rung Karl's des Zweiten, oder ſelbſt der Koͤnigin Anna ſagen wollte, da man ſie alle fur⸗ vereaynt Franzoſen erklaͤrt hat.“ Aber ſagen Sie mir, entgegnete ich; woran ſal ich denn erkennen, daß ich ſicher gehe, da ich die lit⸗ terariſchen Wahrzeichen und die Graͤnzlänte des Mo⸗ degeſchmacks gar nicht kenne? „O! erwiederte er:„gluͤcklicherweiſe giebt es ei⸗ nen Strich der Litteratur, der eine Art von neutra⸗ lem Gebiet bildet, wo ſich die Gelehrten freundlich begegnen, und ihrem frohen Muthe den Zuͤgel ſchie⸗ ßen laſſen, die Regierung der Eliſabeth und Ja⸗ kob's; da koͤnnen Sie durch die Bank Alles loben. Hier heißt es: je aͤrger deſto beſſer; und je dunkler *) Die bekannte Art, wie die Südfee- ⸗Inſulaner ihre Begräbnißplätze und dergleichen Orte für unveslezlich er⸗ klären. Ueberſ. 1 177 der Schriftſteller, je ſeltſamer und verzwickter ſein Styl, deſto mehr wird Ihre Bewunderung davon zeugen, daß Sie ein Kenner ſind, der, wie jeder Schmecker, das Wild am liebſten hat, welches etwas alt ſchmeckt. „Doch— fuhr er fort— da Sie die Gelehrten⸗ Geſellſchaften naͤher kennen lernen zu wollen ſcheinen, ſo werde ich Sie bei Gelegenheit in irgend eine Coterie einfuͤhren, wo die ausgezeichneten Koͤpfe dieſer Zeit ſich verſammeln. Ich kann Ihnen jedoch nicht verſprechen, daß dieß alles Leute vom erſten Range ſeyn werden. Unſere großen Geiſter ſind nicht ſehr geſellig, man ſieht ſie ſelten in Schwaͤr⸗ men, ſondern ſie fliegen mehr einzeln in der großen Geſellſchaft umher. Sie miſchen ſich lieber, wie gewöhnliche Leute, unter die Menge, und pflegen Ijn der Regel nichts weiter von dem Schriftſteller an ſich zu haben, als ſeinen Ruf. Nur die gerin⸗ gere Klaſſe haͤlt ſich zuſammen, gewinnt durch ihre Verbindungen Staͤrke und Wichtigkeit, und traͤgt alle unterſcheidenden Kenngkichen ihrer Gattung an wſuh 22 ———— ——— Ein gelehrtes Mittagseſſen. Einige Tage nach meiner Unterhaltung mit Herrn Buckthorne kam er zu mir, und nahm mich mit zu einem regelmaͤßigen gelehrten Mittagseſſen. Ein angeſehener Buchhaͤndler, oder vielmehr eine Com⸗ pagnie von Buchhaͤndlern, deren Firma noch laͤnger als die der Herren Schadrach, Meſchech und Abed⸗ nego*) lautet, gab daſſelbe. Es uͤberraſchte mich, zwanzig bis dreißig Gaͤſte hier verſammelt zu ſehen, von denen ich vorher kei⸗ nen gekannt hatte. Hr. Buckthorne erklaͤrte mir dieß dadurch, daß er ſagte, dieß ſey ein Geſchaͤfts⸗ Eſſen, oder eine Art Manoͤvertag, welchen das Haus etwa zweimal im Jahre ſeinen Schriftſtellern gäbe. Sie geben allerdings zuweilen kleinere Mit⸗ tagseſſen an zwei oder drei Gelehrte, aber dieß ſind dann gewoͤhnlich ausgezeichnete Schriftſteller, Lieblinge des Publikums, deren Werke die fuͤnfte und ſechſte Auflage erlebt haben.„Es giebt,“ ſagte er mir:„gewiſſe geographiſche Graͤnzlinien in dem Felde der Litteratur, und Sie koͤnnen ziem⸗ lich genau von der Beliebtheit eines Schriftſtellers nach dem Weine urtheilen, den ſein Verleger ihm * „) Die drei Männer im feurigen Ofen. Ueberſ. 179 vorſetzt. Ein Schriftſteller geht ungefaͤhr bei der dritten Ausgabe uͤber die Portwein⸗Linie hinaus und kommt in den Bordeaux⸗Bezirk; wenn er aber bis zur ſechſten oder ſiebenten gelangt iſt, ſo kann er in Champagner oder Burgunder ſchwelgen.“ Nun, ſagte ich: wie weit ſind denn die Herren, die ich hier um mich ſehe, gekommen: ſind Einige darunter, denen Bordeaux vorgeſetzt wird? „O nein, keinesweges. Bei dieſen großen Mit⸗ tagseſſen findet man nur den Mittelſchlag der Schriftſteller, Leute von einer oder zwei Auflagen, oder, wenn Andere eingeladen werden, ſo iſt dieß ein Zeichen, daß es eine Art von republikaniſcher Geſellſchaft iſt. Sie verſtehen mich— eine Ge⸗ ſellſchaft aus der Gelehrten⸗Republik; und daß ſie ſich nur auf gewoͤhnliche, derbe Gerichte gefaßt ma⸗ chen darf.” Dieſe Fingerzeige ſetzten mich in den Stand, die Anordnung der Taſel beſſer beurtheilen zu koͤn⸗ nen. An den beiden Enden ſaßen zwei von den Herren der Firma des Hauſes, und der Wirth ſchien in Hinſicht des litterariſchen Ranges ſeiner Gaͤſte Addiſon's Anſicht gefolgt zu ſeyn*). Ein 2 *) In ſeinem Gedicht: Account of the Preaneat nnan 8 poets. Works, Vol. 6. Ueberf. 180 beliebter Dichter hatte den Ehrenplatz inne, ihm ge⸗ genuͤber ſaß ein Reiſender auf geglaͤttetem Papier in Quart, mit Kupfern. Ein ſehr ernſt ausſehen⸗ der Alterthumsforſcher, der mehrere gruͤndliche Werke geſchrieben hatte, die oft angefuͤhrt, aber wenig ge⸗ leſen wurden, ward mit großer Achtung behandelt, und erhielt ſeinen Platz neben einem wohlgekleide⸗ ten, ſchwarz angethaenen Herrn, der einen duͤnnen, artigen, auf geglaͤttetes Papier gedruckten Octav⸗ band uͤber Staatswirthſchaft herausgegeben hatte, welcher anſing, Mode zu werden. Mehrere Leute von drei kleinen Octavbaͤnden, die gut abgingen, ſaßen ungefaͤhr in der Mitte des Tiſches, und das untere Ende nahmen einige unbedeutende Dichter, Ueber⸗ ſetzer und Schriftſteller ein, die noch nicht ſehr be⸗ kannt geworden waren. Die Unterhaltung bei Tiſche war eindeln und abgebrochen, blitzte hier und da, an verſchiedenen Theilen des Tiſches, ſchwach auf und gab dann Rauch von ſich. Der Dichter, welcher das Be⸗ wußtſeyn eines Mannes zu haben ſchien, der ſich mit dem Publikum gut ſteht und unabhaͤngig von ſeinem Buchhaͤndler iſt, war ungemein lebendig und aufgeweckt, und ſagte manche witzige Sachen, welche den Herrn von der Firma neben ihm zum Jnuimahen brachten und die ganze Geſellſchaft ergetz⸗ * 181 ten. Der andere Herr von der Firma aber blieb immer ernſthaft und ſchnitt vor mit der Miene ei⸗ nes gewiegten Geſchaͤftsmannes, welcher nur auf das achtet, was er in dieſem Augenblick unter den Haͤnden hat. Die Urſach dieſes Ernſtes gab mir mein Freund Buckthorne an. Er ſagte mir, daß die Geſchaͤfte des Hauſes unter die verſchiedenen Compagnons auf das Bewundernswuͤrdigſte vertheilt waͤren.„So iſt zum Beiſpiel— ſagte er— der ernſt⸗ hafte Herr der vorſchneidende Compagnon, und muß nach den Gelenken ſehen, der Andere dagegen der lachende Lönnpasitin der auf die Sbähe bören muß.” Die allgemeine Unterhaltung ward hauptſaͤh⸗ lich am oberen Ende der Tafel gefuͤhrt, da die dort ſitzenden Schriftſteller den meiſten Muth zum Spre⸗ chen zu haben ſchienen. Was das Volk am untern Ende betraf, ſo ſpielten ſie, wo nicht bei dem Re⸗ den, doch bei dem Eſſen, eine große Figur. Nie hat man wohl einen hartnaͤckigern, gewaltigern, aus⸗ dauerndern Angriff auf die Schuͤſſeln geſehen, als der es war, den dieſe Phalanx machte. Als das Tiſchtuch weggenommen wurde, und der Wein in der Runde umherzugehen anfing, wurden ſie ſehr luſtig und ſcherzhaft unter einander. Ihre Scherze pflegten indeß, wenn ja einer davon zum obern 182 Ende der Tafel hinkam, ſelten eine große Wirkung hervorzubringen. Selbſt der Lach⸗Compagnon ſchien es nicht fuͤr noͤthig zu halten, ihn mit einem Laͤ⸗ cheln zu beehren, was mein Nachbar Buckthorne mir dadurch erklaͤrte, daß er mir ſagte, ein Schrift⸗ ſteller muͤſſe ſich erſt eine gewiſſe Beliebtheit im Publikum verſchaffen, ehe ein Buchhaͤndler es uͤber ſich vermoͤchte, uͤber ſeine Spaͤße zu lachen. Unter dieſem Haufen zweifelhafter Herren, welche unterhalb des Salzes ſaßen*), richtete ich mein Augenmerk beſonders auf Einen. Er war ziemlich ſchlecht gekleidet, obgleich er ſeinen abgetragenen ſchwarzen Rock auf das Beſte herauszuputzen ge⸗ ſucht hatte und ſeine Hemdkrauſe gefaͤltelt und weit herausgezogen trug. Sein Geſicht war ſchwaͤrzlich, aber bluͤhend, vielleicht etwas zu ſehr, beſonders um die Naſe, obgleich dieſe Roſenfarbe ſeinen blinzeln⸗ den ſchwarzen Augen nur einen groͤßern Glanz gab. Er hatte das Anſehen eines luſtigen Bruders, zu⸗ gleich aber doch auch den Anſtrich eines armen Teufels, was der Laune eines Mannes etwas ungemein Wei⸗ ches giebt. Ich habe ſelten ein Geſicht geſehen, das mehr verſprochen haͤtte: nie iſt aber wol ein Ver⸗ *) Das Salz wird auf Engliſchen Tiſchen immer in die Mitte geſtellt. Ueberſ. I 183 ſprechen ſo ſchlecht gehalten worden. Er ſagte nichts, aß und trank mit der gewaltigen Eßluſt eines Dach⸗ ſtubenbewohners, und hielt kaum ſo lange inne, um zu lachen, ſelbſt wenn am obern Ende der Tafel etwas Witziges geſagt wurde. Ich erkundigte mich, wer er ſey. Buckthorne betrachtete ihn aufmerk⸗ ſam; Hm! ſagte er: ich habe das Geſicht irgendwo geſehen, aber ich kann mich nicht erinnern, wo. Es kann nicht fuͤglich ein Schriftſteller von Bedeu⸗ tung ſeyn. Wahrſcheinlich ſchreibt er Predigten, oder bearbeitet fremde Reiſen.“ Nach Tiſche begaben wir uns in ein anderes Zimmer, um Thee und Kaffee zu trinken, und wurden hier durch einen Schwarm untergeordneter Gaͤſte ver⸗ ſaͤrkt— Verfaſſer von kleinen Buͤchern in Pappe und von Pamphlets mit blauem Heftdeckel. Dieſe waren noch nicht wichtig genug geworden, um zum Mittagseſſen eingeladen zu werden, ſondern wurden nur gelegentlich gebeten, den Abend.„freundſchaftlich hier zuzubringen.“ Sie betrugen ſich mit großer Ehrerbietung gegen die Herren von der Firma, und ſchienen ſich ſogar etwas vor ihnen zu fuͤrchten: da⸗ gegen machten ſie aber der Frau vom Hauſe auf das Angelegentlichſte den Hof, und hatten die Kin⸗ der unbeſchreiblich lieb. Einige wenige, die es nicht wagten, ſich ſo weit hervorzumachen, ſtanden ſchuͤch⸗ ——y— 184 tern in den Ecken, und ſprachen mit einander oder blaͤtterrten in den Mappen mit Kupfern, die ſie hoͤchſtens fuͤnftauſend. Male geſehen hatten, oder wuͤhl⸗ ten in den Muſikſtuͤcken, die auf dem Piano lagen. Der Dichter und der Herr vom duͤnnen Octav⸗ bande waren diejenigen, die ſich am lebendigſten in dem Putzzimmer umherzubewegen und zu Hauſe zu ſeyn ſchienen, und waren offenbar Leute, die haͤufig in Geſellſchaften am Weſtende der Stadt kamen. Sie ſetzten ſich zu beiden Seiten der Hausfrau nie⸗ der, ſagten ihr tauſend Schmeicheleten und Hoͤflich⸗ keiten, und ich glaubte, daß ſie bei mancher vor Vergnuͤgen umkommen wuͤrde. Alles, was ſie ſag⸗ ten und thaten, hatte einen Anklang von Modele⸗ ben. Vergebens ſah ich mich nach dem armen Teu⸗ fel von Schriftſteller in dem abgetragenen ſchwar⸗ zen Rocke um: er war verſchwunden, gleich nach⸗ dem wir vom Tiſche aufgeſtanden waren, da er ſich wahrſcheinlich vor dem hellen Licht in dem Putz⸗ zimmer fuͤrchtete. Da ich nichts weiter fand, das meine Aufmerkſamkeit haͤtte erregen koͤnnen, ſo em⸗ pfahl ich mich, kurz nachdem der Kaffee herumge⸗ geben worden war, und ließ den Dichter und den duͤnnen, artigen, geglaͤtteten Ortav⸗Herrn als Mei⸗ ſter des Kampfplatzes zuruͤck. 25n vas — Der Club der naͤrriſchen Leute*). Es war, glaube ich, am naͤchſten Abend, daß mir mein ſonderbarer Freund Buckthorne, als ich mit ihm aus dem Coventgarder⸗Theater kam, vor⸗ ſchlug, mich abermals einen Blick in das Leben und den Charakter der Leute thun zu laſſen. Da er mich geneigt fand, eine Unterſuchung der Art an⸗ zuſtellen, ſo fuͤhrte er mich durch eine Menge von Durchgaͤngen und Gaſſen in der Naͤhe von Covent⸗ garden, bis wir vor einer Taverne ſtehen blieben, aus welcher wir den lauten Frohſinn einer luſtigen Geſellſchaft aufhallen hoͤrten. Man vernahm itzt ein lautes Gelaͤchter, dann war es eine Zeitlang ſtille, dann ward wieder gelacht, als ob ein vor⸗ zuͤglicher Geſellſchafter eine Geſchichte erzaͤhlte. Nach einer kleinen Weile ſang Jemand etwaß, und am Ende einer jeden Strophe ertoͤnte ein wieherndes Gelaͤchter und man ſchlug heftig auf den Tiſch. „„Hier iſt es,“ fluͤſtere mir Buckthorne zu, „das iſt der Club der naͤrriſchen Leute, ein belieb⸗ *) Es gab, oder giebt vielleicht noch, in London in der That eine Geſellſchaft, welche ſich der Club der„odd fel- lows“ nannte(der Vf. nennt die ſeine the club of queer ellows) und von der mehrere bedeutende Leute in London Mitglieder waren. Ueberſ. * —;— 186 ter Ort fuͤr alle untergeordneten Witzlinge, Schau⸗ ſpieler der dritten Klaſſe und Theaterkritiker, die fuͤr die Zeitungen ſchreiben. Es kann Jedermann eintreten, wenn er an der Schenke Sirpenue Ein⸗ laßgeld zahlt. Wir traten mithin ohne Umſtaͤnde ein, und ſetzten uns an einem einzelnen Tiſche, in einem finſtern Winkel des Zimmers, nieder. Der Club ſaß um einen Tiſch, auf welchem Getraͤnke man⸗ cherlei Art, nach Jedes Geſchmack, ſtanden. Die Mitglieder ſchienen in der That naͤrrriſche Leute zu ſeyn; wie groß war aber mein Erſtaunen, als ich in dem erſten Witzling der Geſellſchaft den armen Teufel von Schriftſteller erkannte, der mir bei dem Mittagseſſen des Buchhaͤndlers wegen ſeines vielver⸗ ſprechenden Geſichts und ſeiner gaͤnzlichen Schweig⸗ ſamkeit aufgefallen war. Die Sache ſtand indeß itzt ganz anders. Dort war er eine bloße Ziffer, hier war er der Oberherr, der ausgezeichnete Geiſt, das allwaltende Genie. Er ſaß am oberen Ende des Tiſches, mit dem Hut auf dem Kopfe, und ei⸗ nes ſeiner Augen ſtrahlte ſogar noch mehr als ſeine Naſe. Er hatte einen Spaß und einen Hieb fuͤr Jedermann, und wußte bei jeder Gelegenheit etwas Paſſendes zu ſagen. Es konnte nichts geſagt, oder gethan werden, das nicht einen Witzfunken aus ihm — 187 herausgelockt haͤtte, und ich kann feierlich betheuern, daß ich ſelbſt von Vornehmen viel ſchlechteren Witz 1 gehoͤrt habe. Seine Spaͤße waren, wie nicht zu laͤugnen iſt, etwas derb, allein ſie paßten zu dem Kreiſe, in welchem er den Vorſitz fuͤhrte. Die ganze Geſellſchaft war in der ſeligen Stimmung, in welcher ſchon etwas Witz ſehr viel thut. Er brauchte nur die Lippen zu oͤffnen, ſo erſchallte ein wieherndes Gelaͤchter, ja, zuweilen ſchon, ehe er einmal Zeit zum Sprechen gehabt hatte. Ein gluͤcklicher Zufall wollte, daß wir gerade eintraten, als ein Lied geſungen wurde, das er aus⸗ druͤcklich fuͤr den Club gemacht, und das er mit zwei luſtigen Geſellen ſang, welche wuͤrdige Gegen⸗ ſtaͤnde fuͤr Hogarth's Griffel geweſen ſeyn wuͤrden. Da ſie jeder eine Abſchrift davon hatten, ſo konnte ic es zu leſen bekommen. MNunter, ja munter im Kreiſe den Wein Und munter geſungen dazu; Denn der, der nicht trinkt, muß din Eſel wol ſenn, Drum, Nachbar, ſo trink' ich Dir zu. Munter, ja munter, die Naſe ins Glas Bis roſig ſte färbet der Schein: Denn röthet die Naſ' ſich, ich ſage Dir das, Iſt's'n Zeichen von frohem Verein. 1e Wir warteten bis die Geſellſchaft aufbrach und Niemand mehr da war, als der Witzling. Er ſaß nun am Tiſche, die Fuͤße lang ausgeſtreck, und weit auseinander, hatte die Haͤnde in den Beinkleiderta⸗ ſchen, ſein Kopf war auf die Bruſt geſunken, und er ſah mit glanzloſem Geſicht auf einen leeren Krug. Sein Frohſinn war dahin, ſein Feuer ganz Eelöſchen⸗ Mein Begleiter naͤherte ſich ihm und erweckte ihn aus ſeinem Anfalle von finſtrer Laune, indem er ſich als Jemand bei ihm einfuͤhrte, der mit ihm bei dem Buchhaͤndler gegeſſen habe. „Luebrigens,“ ſagte er:„iſt mir ſo, als ob ich Sie auch ſchon fruͤher geſehen haͤtte: Ihr Geſicht kommt mir ſehr bekannt vor, obgleich ich, bei mei⸗ nem Leben, mich nicht erinnern kaun, wo 49 Sie geſehen habe.“ Das iſt ſehr wahrſcheinlich, erwiederte Jener laͤchelnd: viele von meinen alten Freunden haben mich vergeſſen. Indeſſen iſt mir, die Wahrheit zu ſa⸗ gen, mein Gedaͤchtniß in dieſem Augenblicke eben ſo untreu, als das Ihrige. Wenn indeſſen mein Name dieſem etwa zu Huͤlfe kommen kann— ich heiße Thomas Dribble, Ihnen aufzuwarten. „Wier Thomas Dribble, der in des alten Bir⸗ chell Schule in Warwickſhire war?“ 1 Derſelbe,— ſagte der Andere kaltbluͤtig. „Nun, ſo ſind wir alte Schulkameraden, obgleich — ich mich nicht wundere, daß Sie mich nicht erken⸗ 189 nen; ich war mehrere Jahre juͤnger als Sie. Er⸗ innern Sie ſich des kleinen nch, Buckthorne nicht?“ e Ihßt folgte ein Shulkanerzde⸗ Cekangunge⸗ Auß rritt, und ein langes Geſpraͤch uͤber alte Schulzei⸗ ten und Schulſtreiche. Herr Dribble ſchloß endlich damit, daß er bemerkte,„die Zeiten haͤtten ſich, ſeit jenen Tagen, doch ſehr geaͤndert.“ In der That, ſagte ich: Herr Dribble, Sie jchennen mir hier ein ganz anderer Mann zu ſeyn, als dort bei Tafel. Ich haͤtte gar nicht gedacht, daß ſo viel in Ihnen laͤge; dort hoͤrte man nicht ein Wort von Ihnen, und hier erhalten Sie den 3 Tiſch in einem beſtaͤndigen Gelaͤchtr. „Ach, mein lieber Herr, erwiederte er kopfſchuͦt⸗ reind und mit Achſelzucken;„ich bin nur ein Leucht⸗ 4 wurm. Am Tage ſcheine ich nicht. Uebrigens iſt 68 auch eine ſchwere Sache fuͤr einen armen Teu⸗ fel von Schriftſteller, an der Tafel eines reichen Hier bin ich dagegen, wenn gleich übſt nun ein armer Teufel, doch unter noch viel aͤrmeren Teufeln, Leuten, die mich als einen Ge⸗ . Buchhaͤndlers zu glaͤnzen. Wer wuͤrde wol uͤber jirgend etwas, das ich, ſage, lachen, wenn einige von den bekannten Witzlingen des Tages in meiner 190 lehrten und einen ſchoͤnen Geiſt betrachten, und alle meine Spaͤße kommen hier wie reines Gold aus der Muͤnze in Umlauf. Sie ſind ungerecht gegen ſich ſelbſt, ſagte ich, ich habe wahrhaftig aus Ihrem Munde dieſen Abend beſſere Sachen gehoͤrt, als von manchem je⸗ ner ſchönen Geiſter, die Sie ſo eingeſchuͤchtert zu haben ſcheinen. „Ja, mein Herr, die haben aber auch das Gluͤck zum Freunde: ſie ſind Mode— und es geht nichts daruͤber, Mode zu ſeyn. Wer einmal als ein Witz⸗ kopf bekannt iſt, der mag ſagen, was er will, ſo lacht man. Er kann ſo viel Unſinn reden, als er will, und Alles wird ihm durchgehen. Niemand unterſucht Geld genauer, das von einem reichen Manne kommtvz ſobald aber ein armer Teufel eine Guinee oder einen Spaß in Umlauf bringt, ſo be⸗ trachtet man ſie auf beiden Seiten. Witz und Geld werden nie fuͤr aͤcht gehalten, wenn ſie von Jemand ausgehen, der einen abgetragenen Rock 1. traͤgt.— 3 4 3 8 „Ich meines Theiles— fuhr er fort, indem er ſeinen Hut etwas mehr auf die eine Seite ruͤckte— ich haſſe alle die glaͤnzenden Mittagsmahle; es geht nichts uͤber die Freiheit, die man in einer Garkuͤche genießt. Ich will lieber meinen Beaſſteak und mei⸗ 191 nen Krug mit Bier unter Leuten meiner Art zu mir nehmen, als in einer verwuͤnſcht hoͤflichen, zierlichen Geſellſchaft, die nie uͤber einen guten Spaß, der aus dem Munde eines armen Teufels kommt, lacht, weil man das fuͤr gemein halten koͤnnte, Bordeaux⸗Wein trinken und Wildpret eſ⸗ ſen.— Ein guter Spaß waͤchſt auf feuchtem Bo⸗ den, gedeiht, wo es niedrig iſt, verwelkt aber auf den verwuͤnſchten duͤrren, hohen Gegenden. Ich bin ſonſt auch in vornehmer Geſellſchaft geweſen, habe mich aber beinahe darin ganz zu Grunde ge⸗ richtet, ſo langweilig, ſchaal und artig wurde ich. Nur dadurch wurde ich gerettet, daß mich meine Hauswirthin feſtnahm und ins Gefaͤngniß werfen ließ, wo eine Reihenfolge von Singe⸗Geſellſchaften, acht⸗Pfennigs⸗Ale und der Verkehr mit armen Teufeln meinen Geiſt wieder naͤhrten und in den alten Zuſtand zuruͤck brachten.“ Da es jetzt ſpaͤt zu werden anfing, ſo trennten wir uns, obgleich ich gern noch etwas mehr von dieſem praktiſchen Philoſophen gewußt haͤtte. Ich war daher ſehr erfreut, als Buckthorne vorſchlug, daß wir uns wiederum treffen ſollten, um von den alten Schulzeiten zu ſchwatzen, und deßwegen ſeinen Schulkamerädenenach ſeiner Addreſſe fragte. Die⸗ ſer ſchien Anfangs ſeine Wohnung nicht namngaſt machen zu wollen, nahm aber auf einmat eine dreiſte Miene an und rief aus:„Green- arbour- court*)— Nummer— in Green- arbour- court. Klaſſiſcher Boden, k laſſiſcher Boden! Dort hat Goldſmith ſeinen Pfarrer von Wakefield geſchrieben. Ich habe immer gern in gelehrten Sa dofäendah gewohnt.. Dieſe launige Vertheidigung ſeier ſchlechten Wohnung beluſtigte mich ungemein. Auf dem Heimwege verſicherte mich Buckthorne, daß dieſer Dribble der erſte Witzling und groͤßte Schalk in 2 der Schule in ihren beiderſeitigen Knabenjahren, und einer der Unglüͤcklichen geweſen ſey, die 4 man große Genies nennt. Da er ſah, daß ich ſehr neugierig war, mehr von ſeinem alten Schul⸗ kameraden zu wiſſen, ſo verſprach er mir, mich bei ſeinem vorhabenden Beſuche in Grear arbosr-com nichnehnen⸗ 8 f nnn einem der folgenden Morgen kam er zu mir, . und wir gingen itzt auf unſere Unternehmung aus. 3 Er fuͤhrte mich durch eine Menge von ſonderbar ausſe⸗ 3 henden Gaſſen und Hoͤfen und verſteckten Durchgaͤn⸗ 3 gen, denn er r ſchien a in der ganzen verwirrten Geogra⸗ Au— hie — *) Wörtlich: der grüne Lauben⸗Sof. neber.. 193 phie der Hauptſtadt ſehr bewandert. Endlich ka⸗ men wir auf dem Fleet⸗Market*) heraus, und bogen nun in eine enge Straße ein, welche zum Fuße einer hohen ſteinernen Treppe fuͤhrte, die Break⸗neck⸗ſtairs**) heißt. Dieſe fuͤhrte, wie Buckthorne mir ſagte, zu dem Green-arbour-court; hier moͤchte der arme Goldſmith wol oft ſeinen Hals beim Herunterſteigen auf das Spiel geſetzt haben. Als wir den Hof betraten, konnte ich nicht umhin, bei dem Gedanken zu laͤcheln, in welchen abgelege⸗ nen Winkeln das Genie doch oft ſeine Bankerte er⸗ zeugt! Und die Muſen, dieſe launigen Damen, die ſo oft ſich weigern, in Palaͤſte einzukehren, und ih⸗ ren Verehrern in glaͤnzenden Studirzimmern und vergoldeten Saͤlen ein einziges Laͤcheln verſagen,— welche Löcher und Winkel beſuchen ſie nicht, um ihre Gunſtbezeugungen an irgend einen zerlumpten Schuͤler zu verſchwenden! Ich fand, daß dieſer Green- arbour-court ein kleiner Platz mit hohen, elenden Haͤuſern darum her war, deren Eingeweide, nach den alten Kleidern 4 *) Eine mit Buden und Schragen beſetzte Straße, welche von Fleet⸗ſtreet nach Holborn führt, und wo man be⸗ ſtändig Fleiſch, Gemüſe u. dergl. haben kann, weswegen ſte auch Fleet⸗Markt heißt. Ueberſ. **) Die Halsbrech⸗Treppe. Ueberſ. I. 4 3 194 und dem Troͤdelkram, die zu allen Fenſtern heraus⸗ hingen, zu urtheilen, herauszufallen ſchienen. Dieß mußte eine Gegend ſeyn, wo nur Waſchfrauen wohnten, denn es waren auf dem kleinen Platze Leinen gezogen, auf welchen Zeug zum Trocknen hing. In dem Augenblicke, wo wir den Platz betra⸗ ten, entſpann ſich ein Handgemenge zwiſchen zwei Mannweibern, uͤber das Recht auf ein Waſchfaß, und ſogleich war die ganze Gegend in Aufruhr. Aus allen Fenſtern guckten Koͤpfe mit Nachthauben heraus, und es entſtand ein ſolcher Zungenlaͤrm, daß ich mir haͤtte die Ohren zuhalten moͤgen. Jede Amazone nahm entweder fuͤr eine oder die andere der beiden Streitenden Partei, ſchwang ihre, von Seifenſchaum triefenden Arme, und feuerte damit aus dem Fenſter, wie aus den Schießſcharten einer Feſtung, waͤhrend Haufen von Kindern, welche in jeder fruchtbaren Zelle dieſes Bienenſtocks im Neſte und in der Wiege lagen, von dem Laͤrm erweckt, ihre gellenden Stimmen erhoben, und damit das allgemeine Concert verſtaͤrkten. Armer Goldſmith! welche boͤſe Jeit mußt Du, mit deiner ruhigen Gemuͤthsart und deiner Ner⸗ venſchwaͤche, in dieſe Hoͤhle des Getoͤſes und der Gemeinheiten eingepfercht, gehabt haben! Wie ſon⸗ T V T 195 derbar iſt es nicht, daß, waͤhrend jeder Anblick und jeder Ton hinreichend war, das Herz zu vergaͤllen und es mit Menſchenhaß zu erfuͤllen, aus ſeiner Feder nur Hyblaͤiſcher Honig floß. Und doch iſt es mehr als wahrſcheinlich, daß er mehrere ſeiner un⸗ nachahmlichen Gemaͤlde aus dem gemeinen Leben ge⸗ rade nach den Auftritten entwarf, welche ihn in dieſer Wohnung umgaben. Die Stelle, wo erzaͤhlt wird, daß Frau Tibbs genoͤthigt geweſen ſey, ihres Man⸗ nes zwei Hemden in einer Nachbarin Hauſe zu wa⸗ ſchen, die ihr nicht ihr Waſchfaß leihen wollte, iſt vielleicht kein Gebilde der Einbildungskraft geweſen, ſondern eine Thatſache, die ſich vor ſeinen Augen ereignete. Seine Wirthin mag ihm zu dem Bilde geſeſſen haben, und des Stutzers Tibbs aͤrmliche Gar⸗ derobe ein fac simile ſeiner eigenen geweſen ſeyn. Wir konnten nur mit Muͤhe Dribble's Woh⸗ nung auffinden. Sie war zwei Treppen hoch, und er wohnte in einem Zimmer, das auf den Hof hin⸗ ausging. Als wir eintraten, ſaß er auf dem Nande ſeines Bettes, und ſchrieb an einem zerbrochenen Tiſche. Er empfing uns indeſſen mit einem freien, nfene Armen; Teufel⸗ Weſen, das unwiderſtehlich Anfangs ſchien er allerdings etwas verlegen, auf ſeine Weſte etwas weiter zu, und ſteckte einen halben Buſenſtreif ein. Er nahm ſich aber ſogleich J2 196 zuſammen, blickte uns mit einer halb kecken, halb liſtigen Miene an, als er uns entgegentrat, uns zu empfangen, zog einen dreibeinigen Stuhl fuͤr Herrn Buckthorne herbei, wies mich zu einem plundrigen, alten, damaſtenen Seſſel hin, der wie ein entthron⸗ ter Monarch in der Verbannung ausſah, und hieß uns in ſeiner Dachſtube willkommen. Wir vertieften uns bald in unſrer Unterhaltung. Buckthorne und er hatten ſich viel von jugendlichen Schul⸗Auftritten zu erzaͤhlen, und da nichts mehr dazu beitraͤgt, Jemanden das Herz zu oͤffnen, als Erinnerungen dieſer Art, ſo hatten wir bald einen kurzen Umriß ſeines gelehrten Lebens. Der arme Teufel von Schriftſteller. Ich fing mein Leben ſchon dadurch widerwaͤrtig an, daß ich in der Schule der Schalk und der helle Kopf war, und hatte nachher das Ungluͤck, daß ich das große Genie in meinem Geburtsdorfe ward. Mein Vater war ein Land⸗Advocat, und hatte die Abſicht, daß ich einmal ihm im Amte fol⸗ gen ſollte; allein ich hielt zu viel auf mein Genie, als daß ich es in ſeine Fußſtapfen haͤtte zwaͤngen ſollen, und ſo gerieth ich in ſchlechte Geſellſchaft und nahm ſchlechte Gewohnheiten an. Verſtehen 197 Sie mich nicht unrecht. Ich will damit ſagen, daß ich in eine Geſellſchaft von Dorfgelehrten und Dorfgelehrtinnen gerieth, und Dorfverſe machte. Es war in unſerem Dorfe zur Mode geworden, gelehrt zu ſeyn. Es gab immer kleine Haufen von auserwaͤhlten Geiſtern unter uns, die ſich haͤufig verſammelten, eine litterariſche, wiſſenſchaftliche und philoſophiſche Geſellſchaft bildeten, und ſich fuͤr die gelehrteſten Philos*) hielten, die es nur geben konnte. Jeder fuͤhrte einen großen Namen, der ihm nach irgend einer zufaͤlligen Sitte oder Angewohnheit beigelegt wurde. Ein ſchwerfaͤlliger Menſch unter uns trank eine ungeheure Menge Thee, waͤlzte ſich in ſeinem Lehnſtuhl, ſprach in einzelnen Redensar⸗ ten und uͤber Alles ab, und erhielt deßwegen den Namen Dr. Johnſon; ein Anderer, der ein Geiſt: licher war, rohe Scherze ausgehen ließ und Knit⸗ telverſe ſchrieb, galt fuͤr den Swift unſerer Ver⸗ bruͤderung. So hatten wir auch unſern Pope, Goldſmith und Addiſon, und eine gelehrte Dame, bei der wir uns haͤuſig verſammelten, die uͤber Nichts mit der ganzen Welt im Briefwechſel ſtand, und Briefe, ſo ſteif und foͤrmlich, wie ein gedruck⸗ tes Buch, ſchrieb, ward fuͤr eine zweite Mrs⸗ Mon⸗ *) Nach dem Griechiſchen Vielwiſſer, der unter Domi⸗ tian lebte. Ueberſ. 198 tague ausgegeben. Ich war, nach Aller Meinung, das jugendliche Wunder, der poetiſche Juͤngling, das große Genie, der Stolz und die Hoffnung des Dorfes, welches durch ihn dereinſt ſo beruͤhmt wer⸗ den ſollte, als Stratford am Avon*). Mein Vater ſtarb, und hinterließ mir ſeinen Segen und ſein Geſchaͤft. Sein Segen brachte mir nichts ein, und was ſein Geſchaͤft betraf, ſo ließ es mich bald im Stich, denn ich machte nichts als Gedichte, und konnte es nicht uͤber mich ver⸗ moͤgen, mich um die Rechtsgelehrſamkeit zu bekuͤm⸗ mern, und meine Clienten hatten, wenn gleich große Achtung vor meinen Talenten, doch kein Zutrauen zu einem poetiſchen Advocaten. Ich buͤßte alſo meine Geſchaͤfte ein, gab mein Geld aus, und vollendete mein Gedicht. Dieß hieß: die Freuden der Schwermuth, und wurde von dem ganzen Kreiſe bis zum Himmel erhoben. Die Freuden der Einbildungskraft, die Freuden der Hoff⸗ nung und die Freuden der Erinnerung**) waren, obgleich jedes derſelben ſeinem Verfaſſer den erſten Rang als Dichter geſichert hatte, nichts als Proſa in Beraleich mit dem ineintgth Mrs. Montague *) Der Geburtsort Shateſy eare's. Ueberſ. Berühmte Gedichte von Akenſide, Cam pbell und Rogers. Ueberſ. 1 — 199 weinte dabei von Anfang bis zu Ende. Alle Mit⸗ glieder der litterariſchen, wiſſenſchaftlichen und phi⸗ loſophiſchen Geſellſchaft erklaͤrten es fuͤr das erſte Gedicht des Jahrhunderts, und waren ſchon voll von dem Aufſehen, das es in der großen Welt er⸗ regen wuͤrde. Man hegte nicht den geringſten Zwei⸗ fel, daß die Londoner Buchhaͤndler ganz toll danach — ſeyn wuͤrden, und die einzige Beſorgniß meiner Freunde war die, daß ich mich dadurch zu Grunde richten wuͤrde, daß ich es zu wohlfeil verkaufte. Je⸗ desmal, wo ſie daruͤber ſprachen, ſchlugen ſie den Preis hoͤher an. Sie rechneten die großen Sum⸗ men her, welche gewiſſe beliebte Schriftſteller fuͤr ihre Gedichte erhielten, und erklaͤrten geradezu, daß das meinige mehr werth ſey, als alle dieſe zuſam⸗ mengenommen, und danach bezahlt werden muͤſſe. Ich, meines Theils, war in meinen Erwartungen ſehr beſcheiden, und beſchloß bei mir, mit tauſend Guineen zufrieden ſeyn zu wollen. So ſteckte ich denn mein Gedicht zu mir, und begab mich nach London. Meine Reiſe war ſehr angenehm. Mein Herz war leicht, wie meine Boͤrſe, und mein Kopf voll Ahnungen von Ruhm und Geld. Mit welchem Stolz ſah ich nicht von der Hoͤhe von Highgate*) 142 ») Einem Dorfe, nordlich von London, von dem man eine herrliche Ausſicht auf die Hauptſtadt hat. Ueberſ. 200 auf Alt⸗London! Ich war wie ein General, der auf einen Ort blickt, den er einzunehmen denkt. Die große Hauptſtadt lag ausgebreitet vor mir, in eine Wolke ihres eigenen, ſchmuzigen Rauchs ge⸗ huͤllt, der ſie der Helle eines ſonnigen Tages ent⸗ zog, und eine Art von kuͤnſtlichem ſchlechten Wet⸗ ter fuͤr ſie bildete. An den aͤußerſten Enden der Stadt, gegen Weſten hin, nahm der Rauch allmaͤh⸗ lig ab, bis Alles klar und ſonnig war, und das Auge ununterbrochen bis zu der blauen Reihe der Huͤgel von Kent ſtreifen konnte. Mein Auge wandte ſich beſonders nach der Ge⸗ gend, wo die maͤchtige Kuppel der St. Paulskirche ſich dunkel aus dieſem gewaltigen Chaos erhob, und ich malte mir in Gedanken das maͤchtige Reich der Gelehrſamkeit aus, welches an ihrem Fuße ſich hin⸗ zieht*). Wie bald ſollten nicht die„Freuden der Schwermuth“ dieſe Welt von Buchhaͤndlern und Buchdruckern in emſige Geſchaͤftigkeit und Entzuͤk⸗ ken verſetzen! Wie bald erwartete ich nicht, meinen Namen von Buchdruckerjungen in Paternoſter⸗Row und Angel⸗court und Ave⸗Maria⸗lane, wiederho⸗ *) Die nächſte Straße nördlich von der St. Paulskirche iſt nämlich Paternoſter⸗Row, eine enge Gaſſe, worin die berühmteſten Buchhändler von London wohnen. Ueberſ. 201 len zu hoͤren, bis der Ton in Amencorner wieder⸗ hallte!*) Als ich in der Stadt angelangt war, begab ich mich ſogleich zu dem modiſchſten Buchhaͤndler. Na⸗ tuͤrlich beguͤnſtigt ihn jeder angehende Schriftſteller. Auch warres in dem Dorf⸗Cirkel ausgemacht wor⸗ den, daß er der Gluͤckliche ſeyn ſollte. Ich kann Ihnen nicht beſchreiben, wie ſtolz ich durch die Straßen ging; mein Haupt war in den Wolken. Ich fuͤhlte es von Himmelsluft umſpielt, und glaubte es ſchon mit einem Heiligenſchein gelehrten Ruhmes umgeben zu ſehen. Indem ich bei den Fenſtern der Buchlaͤden vorbeiging, dachte ich mir ſchon die Zeit, wo mein Werk unter den Wundern des Tages auf geglaͤttetem Papier erſcheinen, und mein Geſicht, in Kupfer geäͤtzt, oder in Holz ge⸗ ſchnitzt, neben denen von Scott, Byron und Moore glaͤnzen wuͤrde. Als ich in das Haus des Buchhaͤndlers trat, lag etwas in der Vornehmheit meines Anſehens und der Schaͤbigkeit meiner Kleidung, das den La⸗ dendienern Ehrerbietung einfloͤßte. Wahrſcheinlich hielten ſie mich fuͤr einen Mann von Bedeutung, vermuthlich fuͤr Einen der nach griechiſchen Wurzeln *) Sämmtlich Orte, wo Buchhändler und Buchdrucker wohnen. Ueberſ⸗ 4 202 gruͤbe, oder in die Pyramiden eindraͤnge. Ein ſtol⸗ zer Mann, der ein ſchmuziges Hemd traͤgt, iſt im⸗ mer ein impoſanter Gegenſtand in der gelehrten Welt; man muß ſich geiſtig ſehr ſicher fuͤhlen, ehe man es wagen kann, ſich ſchlecht zu kleiden; nur ein großes Genie oder ein großer Gelehrter wagt es, ſchmuzig einher zu gehen, und ſo wurde ich ſogleich in das Allerheiligſte dieſes Hohenprieſters der Mi⸗ nerva eingefuͤhrt. Die Herausgabe von Buͤchern iſt von dem ſehr verſchieden, was ſie zur Zeit Bernard Lintot's 4) war. Ich fand den Buchhaͤndler, einen modern ge⸗ kleideten Mann, in einem zierlichen Beſuchzimmer, 1 das mit Sophas und Bildern beruͤhmter Schriftſteller, und Schraͤnken mit praͤchtig gebundenen Buͤchern prangte. Er ſchrieb an einem zierlichen Tiſche Briefe. Dieß hieß Geſchaͤfte auf einem hohen Fuß 1 treiben. Der Ort ſchien ſich ganz zu den pracht⸗ vollen Werken zu paſſen, die hier erſchienen. Ich freute mich uͤber die Wahl, welche ich an dieſem Buchhaͤndler getroffen, denn ich habe immer Maͤn⸗ ner von Geſchmack und Geiſt gern in meinen Schutz genommen. *) Einer der berühmteſten Londoner Buchhändler zu An⸗ fang des vorigen Jahrhunderts, und unter andern Popes Derleger Ueberſ. 5 Ich trat mit der erhabenen, poetiſchen Haltung zu dem Tiſche, mit welcher ich in unſerem Dorf⸗Cirkel zu erſcheinen pflegte, obgleich ich auch etwas von einer Beſchuͤtzer⸗Miene dabei annahm, wie man das ungefähr thut, wenn man Jemandes Gluͤck machen will. Der Buchhaͤndler hielt, die Feder in der Hand, mit Schreiben inne, und ſchien in ſtum⸗ mer Erwartung deſſen zu harren, was eine ſo ſelt⸗ ſame Erſcheinung verkuͤndigen wuͤrde. Ich ſuchte ihn ſogleich wieder in ſeine gewoͤhn: liche Faſſung zu bringen, denn ich fuͤhlte, daß ich nur kommen, ſehen und ſiegen durfte. Ich nannte ihm meinen Namen und den Titel meines Gedichts, zeigte ihm meine koͤſtliche Rolle voll ausgeſtrichener Stellen, legte ſie mit Bedeutſamkeit auf den Tiſch, und ſagte ihm, um alle Weitlaͤuftigkeiten zu erſpa⸗ ren, und ſogleich zur Sache zu konninadims— der 36 Preis ſey tauſend Guineen. Sees a nn Ich hatte ihm keine Zeit zum Reden Weuſn. auch ſchien er nicht große Luſt dazu zu haben. Er ſah mich einen Augenblick mit einer Miene voll ſonderbarer Verlegenheit an, betrachtete mich vom Kopf bis zu den Fuͤßen, blickte dann auf das Ma⸗ nuſcript herab, dann wieder hinauf zu mir, wies ſodann auf einen Stuhl, pfiff leiſe vor d ſich dn. und fuhr fort zu ſchreiben. 3 .* Antwort, in der Vermuthung, daß er ſich die Sache uͤberlege; aber er hielt nur von Zeit zu Zeit inne, um friſch einzutauchen, ſich das Kinn oder die Na⸗ ſenſpitze zu ſtreichen, und fuhr dann fort zu ſchrei⸗ ben. Es war augenſcheinlich, daß er mit einem andern Gegenſtande angelegentlich beſchaͤftigt war; aber ich konnte es mir nicht denken, daß er ſich mit irgend etwas anderem zu thun machen ſollte, waͤhrend mein Gedicht unbeachtet auf dem Tiſche (laͤge. Ich hatte mir eingebildet, daß alles an⸗ dere den„Freuden der Schwermuth Platz machen wuͤrde. 8 3 Mein Stolz fible ſ ſi ch am Ende enpart. Ich maßm mein Manuſcript, ſchob es in die Taſche, und ſchritt aus dem Zimmer, jedoch nicht ohne bei dem Herausgehen einiges Geraͤuſch zu machen, da⸗ mit man mich hoͤren ſollte. Der Buchhaͤndler war indeſſen zu ſehr in weniger wichtige Geſchaͤfte ver⸗ tieft, als daß er es bemerkt haͤtte. Ich ging die Treppe hinab, ohne zuruͤckgerufen zu werden. Ich trat auf die Straße, aber kein Diener wurde mir nachgeſchickt, noch rief mir der Buchhaͤnd⸗ ler aus dem Fenſter des Beſuchzimmers nach. Ich habe ſpaͤterhin gehoͤrt, daß er mich fuͤr einen Verruͤckten oder fuͤr einen Thoren angeſehen habe. Ich ſaß eine Zeitlang da, und wartete auf ſeine 205 Ich uͤberlaſſe Ihnen zu urtheilen, in wie fern er ſich in ſeinem Urtheile geirrt hatte. Als ich um die Ecke war, ſank mir der Muth. Mein Stolz und meine Erwartungen legten ſich, ſo daß ich dem naͤchſten Buchhaͤndler, an den ich mich wandte, gemaͤßigtere Bedingungen machte. Ich hatte indeſſen nicht mehr Gluͤck bei ihm, ſo wenig, wie bei einem Dritten und Vierten. Ich bat nun die Buchhaͤndler, ſelbſt Gebote zu thun, aber kein Menſch wollte ſich dazu verſtehen. Man ſagte mir, Gedichte waͤren weiter nichts als Plunder; Jeder⸗ mann mache Gedichte; der Markt ſey uͤberladen damit. Dann ſagte man auch, der Titel meines Gedichts ſey gar nicht anziehend; die„Freuden' aller Art waͤren abgenutzt, itzt gaͤlte nichts mehr als Schrecken, und ſelbſt dieſe waͤren beinahe verbraucht. Erzaͤhlungen von Piraten, Raͤubern und blutdur⸗ ſtigen Tuͤrken gingen noch ziemlich; aber dann muͤß⸗ ten ſie ſchon unter einem in Ruf ſtehenden, wohl⸗ bekannten Namen in die Welt treten, ſonſt ſaͤhe ſie das Publikum nicht an. Endlich bot ich einem Buchhaͤndler an, ihm mein Gedicht zu leſen zu geben, damit er ſelbſt dar⸗ uͤber urtheilen könne.„Ja, mein lieber Herr— Herr— ich habe wahrhaftig Ihren Namen ver⸗ geſſen,“ ſagte er, indem er einen Blick auf mei⸗ „ 206 nen verſchoſſenen Rock und meine ſchlechten Kama⸗ ſchen warf,„ja, wir ſind itzt ſo mit Geſchaͤften uͤberladen, und haben noch ſo viel Manuſcripte, die wir leſen ſollen, daß uns keine Zeit uͤbrig bleibt, neue Sachen anzuſehen; wenn ſie aber nach ein oder zwei Wochen, oder lieber gegen die Mitte des naͤchſten Monats wiederkommen koͤnnen, ſo werden wir Ihre Schrift anſehen, und Ihnen eine Ant⸗ wort geben koͤnnen. Vergeſſen Sie nicht, den Mo⸗ nat nach dem kommenden; guten Morgen: wir wer⸗ den immer ſehr erfreut ſeyn, Sie zu ſehen, wenn Sie des Weges kommen.“ Mit dieſen Worten ver⸗ beugte er ſich auf das Hoͤflichſte gegen mich. Kurz, ſtatt des erwarteten Wettſtreits, ſich in den Beſitz meines Gedichts zu ſetzen, konnte ich es nicht ein⸗ mal dahin bringen, daß man es las! Unterdeſſen ward ich von meinen Freunden mit Briefen be⸗ ſtuͤrmt, die durchaus wiſſen wollten, wann das Werk erſcheinen wuͤrde, wer mein Verleger ſey, mir aber vor allen Dingen Linwragtern es ja nchnas zu wohlfeil wegzulaſſen. Es blieb mir itzt nur ein Ausweg übrig Jch beſchloß, das Gedicht ſelbſt drucken zu laſſen, und dann uͤber die Buchhaͤndler zu triumphiren, wenn es zur herrſchenden Modelektuͤre wuͤrde. Ich gab alſo die„Freuden der Schwermuth' heraus und rich⸗ tete mich dadurch zu Grunde. Die Exemplare ausgenommen, welche ich den Herausgebern der Reviews und meinen Freunden auf dem Lande ſchickte, iſt, wie ich glaube, auch nicht eins je aus der Niederlage des Buchhaͤndlers gekommen. Die Rechnung des Druckers erſchoͤpfte meinen Beutel, und die einzige Erwaͤhnung meines Werks geſchah in den Ankuͤndigungen, die ich ſelbſt bezahlt hatte. Ich haͤtte dieß Alles ruhig ertragen, es, wie gewoͤhnlich, den ſchlechten Maßregeln des Ver⸗ legers, oder dem Mangel an Geſchmack bei dem Publikum zugeſchrieben, und, wie gewoͤhnlich, die Nachwelt zur Richterin aufgerufen: allein meine Freunde im Dorfe wollten mich nicht ſo ruhig blei⸗ ben laſſen. Sie dachten ſich mich im Geiſte, wie ich mit den Großen ſchmauſ'te, mit den Gelehrten umging, und ſchon auf der hohen Laufbahn des Glückes und des Rufes wandelte. Alle Augen⸗ blicke kam Jemand mit einem Schreiben aus dem Dorf⸗Cirkel, worin er mir dringend empfohlen und gebeten wurde, daß ich ihn doch in die große Ge⸗ ſellſchaft einfuͤhren moͤchte, nebſt einem Wink, daß eine Empfehlung an einen beruͤhmten gelehrten Mann von Rang beſonders angenehm ſeyn duͤrfte. Ich beſchloß alſo, meine Wohnung zu veraͤndern, meinen Briefwechſel aufzr geben, und meinen Dorf⸗ Bewunderern gaͤnzlich aus den Augen zu kommen zu ſuchen. Ueberdieß wuͤnſchte ich, einen zweiten dichteriſchen Verſuch zu machen. Das Mißlingen meines erſten hatte mich nicht im mindeſten muth⸗ los gemacht. Mein Gedicht war offenbar zu didak⸗ tiſch. Das Publikum war ſchon klug genug: es las nicht mehr, um ſich zu unterrichten.„Schrek⸗ ken will man itzt haben?“ ſagte ich⸗„nun gut, daran ſoll es nicht fehlen.“ Ich ſah mich alſo nach einem ruhigen, einſamen Orte um, wo mich meine Freunde nicht erreichen koͤnnten, und wo ich Muße haͤtte, irgend eine koͤſtliche Schuͤſſel noetiſchet„Hoͤl⸗ lenbruͤhe“ zu bereiten. Es machte mir einige Maͤhe, einen Ort nach meinem Sinn zu finden. Der Zufall fuͤhrte mich in die Naͤhe von Canonbury⸗Caſtle. Dieß iſt ein alter Thurm von Mauerſteinen, dicht bei dem„lu⸗ ſtigen Islington*)“, ein Ueberbleibſel eines Jagdſchloſſes der Koͤnigin Eliſabeth, wo ſie, als noch alles umher Wald war, die Vergnuͤgungen des Landlebens genoß. Was ihm in meinen Augen *) Islington iſt eines von den nördlich von London gelegenen Dörfern, und ſteht durch eine, von Weſt⸗ Smith⸗ ſield aus führende, große Straße mit der Hauptſtadt in Ver⸗ bindung. Das hier angeführte Gebäude heißt 2wohuſn Canonbury⸗ houſe⸗ Ueberſ⸗.. 209 einen beſondern Reiz gab, war der Umſtand, daß es der Aufenthalt eines Dichters geweſen war. Hier hatte Goldſmith gewohnt, als er ſein„ Verlaſſenes Dorf“ ſchrieb. Man zeigte mir das Zimmer, worin dieß geſchehen war. Es war ein Ueberbleibſel der urſpruͤnglichen Bauart des Schloſſes, und hatte hoͤtzerne Vertaͤfelung und gothiſche Fenſter. Das alterthuͤmliche Anſehen deſſelben, und daß es der Wohnſitz des armen Goldſmith geweſen war, zogen mich an. „Goldſmith war ein angenehmer Dichter“, ſagte ich zu mir ſelbſt,„ein ſehr angenehmer Dichter, ob er gleich zur alten Schule gehoͤrte. Er dachte und fuͤhlte nicht ſo gewaltig, wie es itzt Mode iſt; haͤtte er indeſſen in den itzigen Zeiten gelebt, wo es ſo heiße Herzen und heiße Koͤpfe giebt, ſo wuͤrde er gewiß ganz anders geſchrieben haben.“ Nach einigen Tagen war ich in meiner Woh⸗ nung ganz eingerichtet, meine Buͤcher waren aufge⸗ ſtellt, mein Schreibpult ſtand neben einem Fenſter, das auf das Feld hinausging, und ich fuͤhlte mich eben ſo behaglich, als Robinſon Cruſoe, nachdem er ſeine Huͤtte vollendet hatte. Mehrere Tage ge⸗ noß ich der Neuheit der Veraͤnderung und des Rei⸗ zes, welchen eine neue Wohnung immer beſitzt, ehe man ihre Fehler ausgefunden hat. Ich ſtreifte auf 210 den Feldern umher, wo, wie ich glaubte, Gold⸗ ſmith herumgeſtreift war: ich durchſtrich das luſtige Islington, verzehrte mein einſames Mittagsbrot im ſchwarzen Ochſen, der Sage nach, einſt einem Land⸗ hauſe Sir Walter Raleigh's, und ſaß da, nippte meinen Wein, und dachte uͤber die alten Zeiten nach, in einem ſeltſam ausſehenden alten Zimmer, wo manche Berathſchlagung gehalten worden war. Alles dieß ging einige Tage lang ganz gut: der Reiz der Neuheit waͤhrte noch, die Gedankenver⸗ bindungen, welche dieſe merkwuͤrdigen Orte in mir hervorbrachten, begeiſterten mich, und ich glaubte den Geiſt der Autorſchaft in mir erwachen zu fuͤhlen. Der Sonntag kam aber, und mit ihm die ganze City, die um Canonbury⸗Caſtle her ſchwaͤrmte. Ich konnte mein Fenſter nicht oͤffnen, ohne von dem Geſchrei und dem Laͤrm auf dem Cricket⸗ Platze*) geſtoͤrt zu werden. Auf dem ſonſt ſo ru⸗ higen Wege unter meinein Fenſter hoͤrte ich nichts als Fußtritte und Geſpraͤch, und um mein Ungluͤck vollſtaͤndig zu machen, fand es ſich, daß mein ſti⸗⸗ —») Cricket, ein Lieblings⸗ Bewegungsſpiel der Engländer, wird von mehreren Perſonen mit hölzernen Schlägeln und kleinen feſten Ballen geſpielt, die man, auf der Erde hin, durch mehrere ſegenanate Thore oder Pforten(wichers treiben muß. Ueberſ. — 211 ler Wohnſitz eine„Merkwuͤrdigkeit“ war, indem der Thurm und deſſen Inhalt den Fremden fuͤr Siyxpence gezeigt wurde. Unaufhoͤrlich polterten Buͤrger mit ihren Fami⸗ lien die Treppe hinauf, um von dem Thurme aus die Gegend zu beſehen und durch das Fernrohr nach der Stadt zu gucken, ob ſie nicht etwa die Schorn⸗ ſteine ihres Hauſes erkennen koͤnnten. Oft wurde ich mitten in einer Gedankenreihe oder in einem Augenblicke der Begeiſterung durch das Anklopfen meiner unausſtehlichen Wirthin geſtoͤrt, die mich fragte:„ob ich wohl erlauben wollte, daß ein Herr und eine Dame hereinkaͤmen, um Hrn. Goldſmith's Zimmer zu ſehen.“ Wenn Sie wiſſen, was eines Schriftſtellers Arbeitsjimmer und was ein Schrift⸗ ſteller ſelbſt iſt, ſo koͤnnen Sie wohl begreifen, daß dieß nicht auszuhalten war. Ich verbot es ein fuͤr allemal, daß mein Zimmer gezeigt werden ſolle: dieß geſchah aber nun in meiner Abweſenheit, wo alle meine Papiere in Unordnung gebracht wurden: ja, ich fand, als ich eines Tages nach Hauſe kam, einen verwuͤnſchten Kraͤmer und ſeine Toͤchter, die meine Manuſcripte begafften, und meine Wirthin in Todesſchrecken uͤber meine Erſcheinung. Ich ſuchte die Sache dadurch zu erſchweren, daß ich den Schluͤſſel zu mir ſteckte: aber auch das half mir zu nichts. Ich hoͤrte meine Wirthin eines Tages einigen ihrer Kunden auf der Treppe erzaͤh⸗ len, daß das Zimmer itzt von einem Schriftſteller bewohnt werde, der immer in Zorn gerathe, wenn er unterbrochen wuͤrde, und ich konnte ſogleich aus einem leiſen Geraͤuſch vor der Thuͤr ſchließen, daß ſie durch das Schluͤſſelloch nach mir ſahen. Bei Apollo's Haupte, das war zu viel! Bei aller mei⸗ ner Begierde nach Ruhm, und meinem Ehrgeiz, von Millionen bewundert zu werden, hatte ich doch nicht Luſt, mich Einzelnen als eine Merkwuͤrdigkeit, fuͤr Sixpence, und noch dazu durch das Schluͤſſel⸗ koch, zeigen zu laſſen. So ſagte ich denn Canon⸗ bury⸗Caſtle, dem luſtigen Islington und dem Schlupfwinkel des armen Goldſmith Lebewohl, ohne nur um eine einzige Zeile in meinen Arbeiten vor: geruͤckt zu ſeyn. Mein naͤchſter Wohnſitz war ein kleines, weiß⸗ getuͤnchtes Haus, welches nicht weit von Hampſtead grade auf dem Kamm eines Huͤgels liegt, und von wo man uͤber Chalk⸗Farm und Camden⸗Town(die ſich durch die beiden Haͤuſer, Mutter⸗Roth⸗Kappe und Mutter⸗Schwarz⸗Kappe auszeichnen) und dann quer uͤber Crackſcull⸗Commun nach der entfernten Stadt die Ausſicht hat. Das Haus war an und fuͤr ſich keinesweges 213 merkwuͤrdig, aber ich betrachtete es mit Ehrfurcht, denn es war der Zufluchtsort eines verfolgten Schrielers geweſen. Dorthin hatte ſi ch der arme Steele zuruͤckgezogen, und hatte dort im Hinterhalt gelegen, wenn er von Glaͤubigern und Gerichtsdie⸗ nern verfolgt wurde, dieſen Plagen der Schriftſtel⸗ ler und freiſinnigen Leute ſeit undenklichen Zeiten her: und hier hatte er mehrere Stuͤcke des Spec⸗ tator geſchrieben. Von hier aus hatte er auch die kleinen Billette an ſeine Gattin gerichtet, welche ſo voll von Gefuͤhl und Laune ſind, und in denen der Charakter des zaͤrtlichen Gatten, des ſorgloſen Man⸗ nes und des leichtſinnigen Verſchwenders, auf eine ſo ſeltſame Weiſe gemiſcht, ſich ausſprechen. Ich glaubte, als ich zuerſt das Fenſter ſeines Zimmers erblickte, wenn ich erſt darin ſaͤße, ganze Baͤnde ſchreiben zu koͤnnen*). Mit nichten! Es war eben die Zeit der Heuernte und, zum Ungluͤck, dem Hauſe gerade gegenuͤber ein kleines Bierhaus, das einen Heuwa⸗ gen im Schilde fuͤhrte. Ob es ſchon zu Steele's Zeiten da geweſen war, kann ich nicht ſagen, allein ») Mehr über Steele, und eine ſehr artige Abbildung dieſes Hauſes, das auf Haverſtock⸗Hill(dem Hügel von Ha⸗ verſtock) liegt, findet man in Drake 3 Essays, illustrative of the Tatler, Spectator and Guardian. Ueberſ⸗ 214 es vereitelte alle meine Verſuche, irgend etwas Zu⸗ ſammenhaͤngendes zu denken, oder in Begeiſterung zu gerathen. Es war der Zuſammenkunftsort aller Irlaͤndiſchen Heumacher, welche auf den großen Fel⸗ dern in der Naͤhe maͤhen, und aller Fuhrleute und Kaͤrrner, welche dieſes Weges ziehen. Hier pfleg⸗ ten ſie ſich in den langen Sommerabenden, oder bei dem Licht des Erntemondes zu verſammeln und um den Tiſch vor der Thuͤr zu ſitzen, zu zechen, zu lachen, ſich zu zanken, zu ſchlagen, ſchlaͤfrige Lieder zu ſingen, und ſo die Stunden zu vertroͤdeln, bis der tiefe feierliche Ton der Glocke der St. Paulskirche die Schelme an die Heimkehr erinnerte. Am Tage war ich noch weniger im Stande, zu ſchreiben. Es war Hochſommer. Die Maͤher waren auf den Feldern beſchaͤftigt, und der Duft des friſchgemaͤhten Heues rief die Erinnerungen an meine vaͤterlichen Felder wieder bei mir zuruͤck. Statt daher in meinem Zimmer zu bleiben und zu ſchreiben, wanderte ich um Primroſe⸗Hill, auf den Hoͤhen von Hampſtead, den Schaͤfer⸗Feldern*) *) Primroſe⸗Hill, wortlich der Schlüſſelblumen⸗Hilgel⸗ iſt die bedeutendſte Anhöhe in der unmittelbaren Nähe von London gegen Nordweſt. Man kann von da aus ganz Lon⸗ don vor ſich liegen ſehen, und die Ausſicht iſt in der That ſehr reizend. Hampſtead, das noch weiter noͤrdlich lieat, 215 und in allen den arkadiſchen Gegenden umher, welche die Londoner Barden ſo ſehr gefeiert haben. Ich kann Ihnen nicht ſagen, wie viele herrliche Stun⸗ den ich verlebt habe, wenn ich ſo an den Schobern friſchgemaͤhten Heues, oder auf den lieblichen Ab⸗ haͤngen einiger dieſer Huͤgel lag, und den Duft der Felder einathmete, waͤhrend die Sommerfliege um mich her ſummte oder der Grashuͤpfer mir in den Buſen ſprang, und wenn ich, mit halbgeſchloſſenen Augen auf die raͤucherige Maſſe von London blickte, und auf das entfernte Getoͤſe ſeiner Volksmenge lauſchte, und die armen Erdenſoͤhne bedauerte, die in ſeinen Eingeweiden wuͤhlen, wie die Gnomen im„finſtern Goldbergwerk.“— Man mag uͤber Londoner Idyllen ſagen, was man will, ſo muß man doch eingeſtehen, daß in der Naͤhe von London gegen Weſten, die Gegend eine Menge von laͤndlichen Schoͤnheiten beſitzt; und Jeder, der auf das Thal von Weſt⸗End*), mit ſei⸗ ner ſanften Vertiefung von gruͤnem Wieſengrund, die ſich nach Suͤden hin oͤffnet und mit Vieh hie und da bedeckt iſt, auf den Kirchthurm von Hampſtead, iſt ein angenehmes Dorf, worin viele Bewohner von Lon⸗ don, beſonders aus der City, Häuſer haben. Ueberſ. *) Einem kleinen Dörfchen, das weſtlich von Dampſtead liegt. Urberſ. der ſich aus uͤppigem Gebuͤſch auf dem Kamme ei⸗ nes Huͤgels erhebt, und auf die gelehrte Hoͤhe von Harrow*) hinabgeblickt hat, wird geſtehen muͤſ⸗ ſen, daß er in der Naͤhe einer großen Hauptſtadt nie eine vollkommenere laͤndliche Landſchaft geſehen habe**). Ich fand indeſſen, daß, meiner haͤufigen Woh⸗ nungsveraͤnderungen ungeachtet, ich um nichts beſ. ſer daran war, und ſah nach gerade ein, daß ſowol in dem gelehrten Leben, wie im Handel, das alte Sprichwort gilt:„ein rollender Stein bewaͤchſt nicht.“ 8 Die ruhige Schoͤnheit der Gegend verdrehte mir ganz den Kopf. Ich konnte meine Einbildungs⸗ kraft durchaus nicht zu der Schreckensſtimmung hinaufſchrauben. Ich konnte in dieſer lieblichen Land⸗ ſchaft keinen Blut⸗ und Mordauftritt empfinden, und die ſchmucken Buͤrger in ihren kurzen Beinkleidern und Kamaſchen verdraͤngten alle Gedanken an Helden und Banditen aus meiner Seele. Ich konnte an nichts, als an ſanfte Gegenſtaͤnde denken,„die Freu⸗ *) Wo eine der höheren Schulen von England, der von Eaton an NRange gleich, befindlich iſt. Ueberſ. *) Ein Urtheil, das gewiß Jeder unterſchreibt, der dieſe herrliche Gegend genauer kennt. Ueberſ. Freuden des Fruͤhlings, die Freuden der Einſam⸗ keit, die Freuden der Ruhe, die Freuden der Em⸗ pfindung, nichts als Freuden; und die ſchmerzliche Erinnerung an die„Freuden der Schwermuth' war noch zu friſch, als daß ich mich haͤtte von jenen taͤuſchen laſſen. 65 8 Der Zufall kam mir endlich zu Huͤlfe Ich war haͤufig, auf meinen Spazirgaͤngen, um den Huͤ⸗ gel von Hampſtead umhergeſchlentert, der eine Art von Parnaß fuͤr die Hauptſtadt bildet. Gewoͤhnlich nahm ich dann mein Mittageſſen in J ack Straw's Schloß ein. Was dieſen Namen fuͤhrt, iſt ein . Dorf⸗Wirthshaus, und derſelbe Ort, wo jener be⸗ ruͤchtigte Empoͤrer und ſeine Anhaͤnger ihren Kriegsrath zu halten pflegten*). Dieſes iſt ein Lieblingsort der Londoner Buͤrger, wenn ſie ſich auf dem Lande vergnuͤgen wollen, da man hier eine an⸗ genehme, friſche Luft genießt, und eine ſchoͤne Aus⸗ ſicht auf die Stadt hat⸗ Ich ſaß eines Tages in dem Gaſtzimmer dieſes Wirthshauſes, bruͤtete uͤber einem Beefſteak und einer Pinte Portwein, und 5.*) Er war einer der Spießgeſellen Wat Tyler's, der unter Richard II.(1361) eine große Empörung in London anzettelte, welche aber durch die Entſchloſſenheit des Mayors von London, Walworth, und durch die Geiſtesgegenwart des Königs bald gedämpft wurde. Ueberſ. T K meine Einbildungskraft fuͤllte ſich mit Bildern aus dem Alterthume und der Heldenzeit. Mir hatte ſchon lange ein Gegenſtand und ein Held gefehlt. Beide kamen mir itzt plötzlich in den Sinn; ich ent⸗ ſchloß mich, ein Gedicht auf die Geſchichte Jack Straw's zu machen. Ich war von meinem Ge⸗ genſtande ſo erfuͤllt, daß ich fuͤrchtete, ein Anderer moͤchte mir zuvorkommen. Ich wunderte mich, daß keiner von den Dichtern des Tages, bei ſeinen Nachforſchungen nach Naͤuber⸗Helden, an Jack Straw gedacht hatte*). So machte ich mich denn uͤber Hals und Kopf an die Arbeit, und warf auf mehrere Bogen Papier einzelne fuͤchtige Gedanken, Schlachten und Schilderungen hin, um ſie ſogleich bei der Hand zu haben. In wenigen Tagen hatte ich mir den Gliederbau meines Gedichts gemacht, und es bedurfte itzt weiter nichts, als ihm auch Fleiſch und Blut zu geben. Ich pflegte meine Handſchrift zu nehmen, in der Gegend von Caen⸗ Wood**) umherzuſchlentern und laut zu leſen, und dann im Schloſſe zu Mittag zu eſſen, um meine Gedanken in der rechten Richtung zu erhalten.— *) Iſt es eine kleine Bosheit, oder was ſonſt, daß der Vf. Southey's zu deſſen großem Verdruſſe kürzlich erſt wieder aufgefriſchten Drama's Wat Tyler nicht gedenkt? 33 Ueberſ. **) Dem Grafen von Mansſield gehöriger Landſitz. Ueberſ. 6 8 Eines Tages war ich hier noch ziemlich ſpaͤt im Schenkzimmer, und Niemand weiter da, als ein Mann, der bei ſeiner Pinte Portwein am Fenſter ſaß und die Voruͤbergehenden in Augenſchein nahm. Er hatte einen gruͤnen Jagdrock an. Seine Ge: ſichtszuͤge waren ſehr auffallend; er hatte eine Habichtsnaſe, ein ſehr romantiſches Auge— nur daß er etwas darauf ſchielte— und es lag im Ganzen, wie es mir wenigſtens vorkam, etwas Poetiſches in ſeinem Kopfe. Ich war ganz eingenommen von dem Manne, denn Sie muͤſſen wiſſen, daß ich et⸗ was Phyſiognom bin, und ſo nahm ich ihn benn ohne Weiteres fuͤr einen Dichter oder Philoſo⸗ phen an. 1 kn aa e Da ich gern neue Bekanntſchaften mache, in⸗ dem ich jeden Menſchen fuͤr ein Buch aus der wenſchlichen Natur anſehe, ſo ließ ich mich bald in eeine Unterredung mit dem Fremden ein, der, wie ich zu meinem großen Vergnuͤgen fand, ganz zu⸗ gaͤnglich war. Nachdem ich mein Mittagseſſen ver⸗ zehrt, geſellte ich mich zu ihm am Fenſter, und wir wurden bald ſo vertraut, daß ich vorſchlug, wir ſollten eine Flaſche Wein mit einander trinken, worin er ſehr gern willigte. 1anaee e Ich war zu voll von meinem Gedicht, um lange uͤber dieſen Punkt zu ſchweigen, und fing da⸗ K 2 220 her bald an, uͤber den Urſprung dieſes Wirthshau⸗ ſes und die Geſchichte von Jack Straw zu reden. Ich fand, daß mein neuer Bekannter uͤber dieſen Gegenſtand vollkormmen unterrichtet, und in jeder Hinſicht einerlei Meinung mit mir war. Der Wein und die Unterhaltung regten mich auf. In der Fuͤlle meines ſchriftſtelleriſchen Gefuͤhls erzaͤhlte ich ihm von meinem Gedicht, und trug ihm einige Stellen daraus vor. Er war in Entzuͤcken dar⸗ uͤber. Er hatte augenſcheinlich eine Augſahedene poetiſche Richtung. Hoͤren Sie,“ ſagte er, indem er mein Glas fuͤllte:„unſere Dichter blicken gar nicht um ſi ch. „Ich weiß nicht, warum wir unſere Raͤuber und Empoͤrer außerhalb Alt⸗England ſuchen wollen. Mir gefäͤllt Ihr Jack Straw— er iſt⸗ ein va⸗ terlaͤndiſcher Held. Es iſt ein Engländer dis zu den 3 Fingerſpitzen— hol' mich der ee das ehrliche Alt⸗England ſoll leben!— Das iſt meine An⸗ eingſicht*). 2 d 38 Sch. ehre Ihre Auice, rief ich ato ans, he *) Der Verf. läßt hier im Original den Gprecher einen ſehr bekannten Londonismus machen, und ihn ſtatt these are my sentiments, them's(them 1s) my sentiments ſa⸗ gen.„Die Londoner pflegen nämlich immer Katte these, them zu ſagen. Ueberſ. 8 gewaltige Naͤuberbanden; das waren noch herrliche — 221 ſtimmt ganz mit der meinigen uͤberein. Ein Eng⸗ liſcher Boͤſewicht iſt ſo gut ein poetiſcher Boͤſewicht, als ein Italieniſcher„ein Deutſcher, oder einer aus dem Archipelagus: aber es faͤllt ſchwer, unſere Dich⸗ ter davon zu uͤberzeugen. 3 „Deſto ſchlechter!“ ſagte der Mann im gruͤnen Rock.„Was, zum Henker, wollen ſie denn haben? Was haben wir mit ihren Archipelaguſſen von Ita⸗ lien und Deutſchland zu ſchaffen? Haben wir nicht Buͤſche und Wieſen und Landſtraßen auf un ferer kleinen Inſel— ja, und tuͤchtige Kerle, die darauf das Wegelagerer⸗Handwerk treiben koͤnnen? Bleib' im Vaterlande, ſag' ich— das iſt meine An⸗ ſicht. Mein Herr, Ihre Geſundheit— ich bin voll⸗ kommen Ihrer Meinung.“ 1 15 Die Dichter in alten Zeiten hatten die richtigen Begriffe uͤber hieſen Gegenſtand, fuhr ich fort: man ſehe nur e den alten Balladen von Robin Hood, Allan a Dale und andern tuͤchtigen Leuten aus jener Zeit. „Sehr recht, ſehr recht, mein Herr, unterbrach eer mich.„Robin Hood! das war der rechte Mann, der Einem Halt! zurufen konnte, und dabei nie ei⸗ nen Schritt wich⸗n 8 Ach, ſagte ich: in den alten Zeiten da gab es 222 poetiſche Tage! Der luſtige Haufen aus dem Forſt von Sherwood, der ein ſolches unſtaͤtes und male⸗ riſches„Leben unter dem gruͤnen Baume“*) fuͤhrte. Ich habe oft ihre Schlupfwinkel zu ſehen, und den Schauplatz der Unternehmungen des Bruder Tuck*), Clym von der Klippe, und Sir William von Cloudeslie zu betreten gewuͤnſcht. .„ Nun, ſagte der Herr im gruͤnen Rock:„wir haben ſeit der Zeit doch auch manche ganz ordent⸗ liche Banden gehabt. Zum Beiſpiel: die wackeren Kerle, welche ſich in den großen Heiden in der Naͤhe von London, bei Bagſhot und Hounslow und Blackheath hielten. Mein Herr, Ihre Gaſundheit, Sie trinken gar nicht.“ Sie haben doch wahrſcheinlich, ſagte ich indem ich mein Glas leerte⸗ von dem beruͤhmten Turpin gehoͤrt, der hier in Hampſtead geboren war, und der mit ſeiner Bande, vor etwa hundert Jahren, in dem Forſte von Epping zu lauern pflegter „Was werde ich nicht,“ rief er aus:„das ver⸗ ſſteht ſich! das war ein tuͤchtiger alter Kerl. Kern⸗ feſt, wie ein Baum, der alte Terpentin, wie wir eihn zu nennen pflegten. Ein ganzer Kerl, das!“ ») Shakeſpeare“s, wie es euch gefällt. Ueberf. eis*) S. Bracebridge⸗Hall. Thl. 2. S. 56. Ueberſee — 223 Nun, fuhr ich fort: ich habe Waltham⸗Abbey und die Kirche von Chingford*) bloß der Geſchichte wegen beſucht, die ich als Knabe von ſeinen dor⸗ tigen Abenteuern habe erzaͤhlen hoͤren, und den Forſt von Epping ſelbſt nach der Hoͤhle durchſucht, wo er ſich zu verbergen pflegte. Sie muͤſſen wiſ⸗ ſen, ſetzte ich hinzu, daß ich eine Art von Liebha⸗ ber von Straßenraͤubern bin. Das waren doch kuͤhne, kecke Leute; die beſten Stellvertreter der al⸗ ten irrenden Ritter. Ach, das Land iſt doch nach und nach ſehr ruhig und alleaͤglich geworden! Der alte Engliſche Geiſt ſtirbt ganz aus Die kuͤhnen Wegelagerer ſind zu auflauernden Buſchkleppern und hinterliſtigen Taſchendieben herabgeſunken; es giebt heut zu Tage keinen kecken, anſtaͤndigen Raub, der auf der Landſtraße begangen wuͤrde; man kann in England von einem Ende zum andern in einer ſchlaͤfrigen Kutſche oder einer knarrenden Saͤnfte dahin reiſen, ohne daß man irgend ein anderes Abenteuer haͤtte, als wenn man etwa einmal ummge⸗ worfen wird, oder feuchtes Bettzeug, oder ein ſchlechtes Mittagseſſen bekoͤmmt. Man hoͤrt gar nichts mehr davon, daß Landkutſchen von einem 2 Beides kleine Orte in Eſſey, ungefähr zwei Deutſche Meilen von London. Uaberſ⸗ e ☛ 224 wohlberittenen Haufen entſchloſſener Kerle, mit Pi⸗ ſtolen und ſchwarzen Floren uͤber die Geſichter gezo⸗ gen, beraubt wuͤrden. Was fuͤt eine ſchoͤne poetiſche Begebenheit war es nicht, im haͤuslichen Leben, wenn ſo ein Familienwagen, auf der Fahrt nach dem Landhauſe, gegen die Daͤmmerung hin ange⸗ griffen wurde, und der alte Herr ſeine Boͤrſe und ſeine Uhr, die Damen ihre Halsketten und Ohr⸗ ringe einem hoͤflichen Straßenraͤuber auf einem aͤch⸗ ten Race⸗Pferde geben mußten, der nachher uͤber die Hecken ſetzte, und quer uͤber das Feld hin ga⸗ loppirte, zur großen Bewunderung von Fraͤulein Karoline, der Tochter, die nachher eine lange„ ro⸗ mantiſche Erzaͤhlung des Abenteuers an ihre Freun⸗ din, Fraͤulein Juliane, in der Stadt, ſchrieb. Ach, mein Herr, heut zu wanes hoͤrt man von keinen ſlchen Vorfaͤllen mehr! „Das,“ ſagte mein Gefährte, Andemns er die Pauſe benutzte, die ich machte, um wieder Athem zu ſchoͤpfen und das Glas Wein auszutrinken, das eer mir ſo eben eingeſchenkt hatte:„das liegt nun, wenn Sie mir erlauben wollen, gerade nicht in dem Mangel an alt⸗Engliſchem Geiſt. Das iſt die Wirkung des verwuͤnſchten Wechſel⸗Syſtems. Die Leute fuͤhren itt nicht mehr, wie ſonſt, Saͤcke mit Geld bei ſich. Sie haben Poſt⸗ Wech⸗ 225 ſel*) und Anweiſungen auf Bankiers. Eine Kut⸗ ſche berauben iſt, als ob man eine Kraͤhe faͤngt, wo man fuͤr ſeine Muͤhe nichts als Aas und Fe⸗ dern hat. Eine Landkutſche in alter Zeit war da⸗ gegen ſo reich, wie eine Spaniſche Galione. Da gab es noch ordentliche Goldfuͤchſe! und eine Pri⸗ vat⸗Equipage warf Einem wenigſtens peine ein oder zwei Hundert ab.. wt. Fatti Ich kann es gar nicht ſagen, wie ſehr mich die Redensarten meines neuen Bekannten ergetzten. Er ſagte mir, daß er oft nach dem Schloſſe kaͤme, und ſich ſehr freuen wuͤrde, mich naͤher kennen zu ler⸗ nen, und ich verſprach mir ſe elbſt manchen angenehmen Nachmittag in ſeiner Geſellſchaft, wo ich ihm mein Gedicht, je nachdem ich weiter darin vorruͤckte, vor⸗ leſen und ſeine Bemerkungen benutzen wuͤrde: denn es war augenſcheinlich, daß er wahrhaft poetiſches Gefuͤhl beſaßt. han tlem es 0 Hier, mein Herr:“ ſagte er, indem er mir die Flaſche hinſchob.„hol' mich der Henker, Sie ge⸗ fallen mir! Sie ſind ein Mann nach meinem Her⸗ zen. Ich mache ſonſt nicht ſo ſchnell neue Bekannt⸗ *) Allgemeine, von der Bank ausgeſtellte, auf den Na⸗ men des Präfentirenden lautende, und von ihm wieder zu endoſſirende Wechſel, die von jedem Bankier regliſirt werden. Eine äußerſt bequeme Einrichtung für Reiſende⸗ Ueberſ⸗ „ 226 ſchaften. Unſer eines muß etwas auf ſeiner Hut ſeyn. Wenn ich aber einen Mann von Ihrem Schlage finde, hol' mich der Henker, ſo fliegt ihm mein ganzes Herz entgegen. Das iſt meine An⸗ ſicht. Hier, auf Jack Straw's Geſundheit! die wird man doch itzt wohl trinken Kännen ohne Hach verrath zu begehen!“ Von ganzem Herzen, ſagte ich frählich: um. Dick Turpin's Geſundheit dazu! „Ja,“ ſagte der gruͤne Mann:„das ſind die Leute fuͤr die Dichter. Der Kalender von New⸗ gate*), mein Herr, der Kalender von deugates das iſt eine Lektuͤre fuͤr Siel! b. Wir fanden an einander ſo großes Dehagee daß wir bis ſpaͤt zuſammen blieben. Ich beſtand darauf, die Rechnung zu berichtigen, denn meine Boͤrſe und mein Herz waren gleich voll, wofuͤr er, bei unſerer naͤchſten Zuſammenkunft, die Zeche be⸗ zahlen ſollte. Da die Kutſchen, die zwiſchen Lon⸗ don und Hampſtead fahren, ſchon alle abgegangen waren, ſo mußten wir zu Fuß nach Hauſe zuruͤck⸗ kehren. Er war von dem Plane meines Gedichts ſo entzuͤckt, daß er von nichts weiter redete. *) So nennt man die Liſte der Verbrecher, die in dem Gefängniſſe Newgate in London ſiben, und die Alonſtia all⸗ jährlich herauskam. Ueberſ. mnchin W9fr d I4V2ud inn 227 Ich mußte ihm alle Stellen daraus herſagen, deren ich mich erinnern konnte, und obgleich ich dieß auf eine ſehr unvollkommene Weiſe that, da ich ein ſchlechtes Gedaͤchtniß habe, ſo war er doch ganz außer ſich. Dann und wann brachte er eine Stelle daraus vor, die er zwar graͤßlich verſtuͤmmelte, dabei ſich aber die Haͤnde rieb und ausrief:„Beim Inpiter, das iſt ſchoͤn, das iſt erhaben! Der Henker ſoll mich holen, Herr, wenn ich begreifen kann, wie Sie auf die Gedanken gekommen ſind!“ Ich muß geſtehen, daß mir die Art und Weiſe, wie er die Stellen wiederholte, und wodurch zu⸗ weilen reiner Unſinn daraus wurde, nicht beſonders gefiel: welcher Schriftſteller macht ſich indeſſen aus Kleinigkeiten etwas, wenn er gelobt wird? Ich hatte nie einen koͤſtlicheren Abend verlebt. Die Zeit verging, ich weiß nicht, wie. Ich konnte mich gar nicht von ihm trennen, ſondern ging, Arm in Arm mit ihm, weiter, bei meiner. Woh⸗ nung voruͤber, durch Camden⸗town und quer uͤber Crackſcull⸗Common, und ſprach den ganzen Weg uͤber von meinem Gedicht. Als wir auf der Haͤlfte der Wieſe waren, un⸗ terbrach er mich mitten in einer Stelle, die ich anfuͤhrte, um mir zu ſagen, daß dieſer Ort einſt * „ 228 der Buſchklepper wegen beruͤchtigt geweſen ſey; daß ſie ſich, von Zeit zu Zeit, noch ſehen ließen, und daß noch kuͤrzlich ein Mann, der ſich habe verthei⸗ digen wollen, hier erſchoſſen worden ſey.„Das war ein rechter Narr!“ rief ich aus:„es iſt eine Albernheit, ſein Leben, oder ſelbſt nur ſeine Glie⸗ der auf das Spiel ſetzen zu wollen, um eine elende Boͤrſe zu retten. Ganz anders iſt dieß bei einem Zweikampfe, wo die Ehre auf dem Spiele ſteht. Ich, meines Theils, fuͤgte ich hinzu, wuͤrde nicht im Geringſten daran denken, einem dieſer Wagehaͤlſe Widerſtand zu leiſten.“ „In der That?“ rief mein gruͤner Freund aus, indem er ſich plötzlich gegen mich wandte und mir eine Piſtole auf die Bruſt ſetzte:„Nun denn, es gilt, Burſch! hier, gieb her, eeleicht⸗ dich. pack' aus! Kurz ich fand, daß die e Muſe: mir r abermals ei⸗ nen Streich geſpielt, und mich einem Buſchklepper in die Haͤnde geliefert hatte, Es war hier nicht mehr Zeit, viele Worte zu machen: ich mußte meine Taſchen umkehren, und da er Fußtritte in der Ent⸗ fernung hoͤrte, nahm er Alles zuſammen, Börſe, Uhr und was er fand, gab mir einen Schlag uͤber meinen ungluͤcklichen Hirnſchaͤdel, der mich auf den Boden hinſtreckte, und machte ſich mit ſeiner Beute davon. 229 Ich ſah von meinem gruͤnen Freunde eine lange Zeit gar nichts, bis ich, nach ein oder zwei Jah⸗ ren, ſein poetiſches Geſicht mitten in einem Hau⸗ fen von ſchwer mit Ketten beladenen Verbrechern ſah, die transportirt werden ſollten. Er erkannte mich ſogleich wieder, nickte mir auf eine hoͤchſt un⸗ verſchaͤmte Art zu, und fragte mich: wie weit ich mit der Geſchichte von Jack Straw's Schloſſe waͤre. Die Begebenheit auf Crackſcull⸗Common machte meinem Sommerfeldzuge ein Ende. Ich war von meiner poetiſchen Begeiſterung fuͤr Empoͤrer, Buſch⸗ klepper und Straßenraͤuber geheilt. Mein Gegen⸗ ſtand war mir zuwider, und, was noch aͤrger, ich war meine Boͤrſe los geworden, worin ſich beinahe Alles befand, was ich auf der Welt beſaß. So gab ich denn, in Verzweiflung, Sir Richard Steele's Haus auf, und bezog eine zwar weniger beruͤhmte, aber nicht weniger dichteriſche und luftige Wohnung in einer Dachſtube in der Stadt. G. Ich beſchloß nun, die Geſellſchaft der Gelehrten aufzuſuchen, und mich in die Bruͤderſchaft der Schriftſteller zu begeben. Die beſtaͤndige Reibung der Geiſter, dachte ich, iſt die Urſache, daß den Schriftſtellern die Funken des Genies entſpruͤhen, und jene herrlichen Erfindungen bei ihnen ſich er⸗ 230 zeugen. Die Poeſie iſt offenbar eine anſteckende Krankheit: ich will mit Dichtern Gemeinſchaft pfle⸗ gen, und wer weiß, vielleicht befaͤllt ſie mich auch, wie dieß Andern geſchehen iſt! Es ward mir nicht ſchwer, in einen Kreis ge⸗ lehrter Bekannten zu kommen, da ich nicht an zu großem Gluͤcke litt; ja, der ſchlechte Erfolg meines Gedichts war eine Art von Empfehlung fuͤr mich. Meine Freunde gehoͤrten zwar nicht zu den glaͤn⸗ zendſten Erſcheinungen in der Litteratur, ihren Re⸗ den nach aber war, wie der Propheten in alter Zeit, die Welt ihrer gar nicht wuͤrdig, und ihr Rame wuͤrde in ſpaͤtern Zeiten noch leben, wenn die Guͤnſtlinge des Tages laͤngſt vergeſſen ſeyn wuͤrden. Ich entdeckte jedoch bald, daß, je mehr ich mich in die Geſellſchaft der Gelehrten begab, ich mich deſto weniger fuaͤhig zum Schreiben fuͤhlte, daß die Poeſie ſich nicht ſo leicht mittheilte, als ich glaubte, und daß im haͤuslichen Leben oft nichts weniger dichteriſch iſt, als ein Dichter. Uebrigens fehlte es mir auch an dem esprit de corps, dieſe gelehrten Vereine zu irgend etwas fuͤr mich zu benutzen. Ich konnte es nicht uͤber mich vermoͤgen, mich an ir⸗ gend eine beſondere Sekte anzuſchließen: Etwas ge⸗ fiel mir an jeder von ihnen allein ich fand, daß —— — 231 mir das nichts half; ſondern daß die ſtillſchweigende Bedingung, unter der Jemand in eine dieſer Sekten aufgenommen wird, die iſt, daß er auf alle uͤbrige ſchmaͤht. Ich bemerkte, daß es kleine Haufen von Schrift⸗ ſtellern gab, welche mit, fuͤr und durch einander lebten. Dieſe hielten ſich fuͤr das Salz der Erde. Sie naͤhrten und erhielten eine gewiſſe hergebrachte Richtung der Gedanken und des Ausdrucks, ſo wie des Scherzes uͤber alle Gegenſtaͤnde, und erhoben einander bis zu den Wolken. Jede Sekte hatte ihr beſonderes Glaubensbekenntniß, betrachtete ge⸗ wiſſe Schriftſteller als Gottheiten, vor denen ſie niederfiel und ſie anbetete, und ſah Jeden, der dieſe gar nicht, oder irgend einen Andern verehrte, fuͤr ei⸗ nen Ketzer und Unglaͤubigen an. Wenn dieſe Leute die Schriftſteller des Tages anfuͤhrten, ſo hoͤrte ich ſie jedesmal Namen erhe⸗ ben, von denen ich faſt nie etwas vernommen hatte, und ſie dagegen Andere herabſetzen, welche die be⸗ ſondern Lieblinge des Publikums waren. Erwaͤhnte ich eines neuen Werks aus der Feder eines Schrift⸗ ſtellees vom erſten Range, ſo hatten ſie es nicht geleſen: ſie haͤtten nicht Zeit, alles das zu leſen, was die Preſſe erzeugte, Er ſchriebe zu viel, um gut zu ſchreiben, und dann geriethen ſie in Entzuͤk⸗ 232 ken uͤber irgend einen Hrn. Timſon oder Tomſon oder Jackſon, deſſen Werke zwar itzt vernachlaͤſſigt wuͤrden, den aber die Nachwelt bewundern und ſich an ihm ergetzen wuͤrde. Ach, welche ſchwere Laſt buͤrdet dieſe nichtachtende Welt tagtaͤglich den Schul⸗ tern der Nachwelt auf! Ganz beſonders erbaulich war es aber, zu hoͤ⸗ ren, mit welcher Geringſchaͤtzung ſie von den Gro⸗ ßen redeten. Ihr Goͤtter! wie unendlich werden doch die Großen von dieſer kleinen Brut der Litte⸗ ratur verachtet! Es iſt wahr, daß ſie zuweilen eine Ausnahme mit dem oder jenem Edelmann machten, der ihnen zufaͤllig bei einer Wahl die Hand geſchuͤt⸗ telt, oder bei einem oͤffentlichen Mittagseſſen mit ihnen angeſtoßen hatte, und von dem ſie nun ſag⸗ ten, er ſey doch ein„verwuͤnſcht guter Kerl“, und kein„Popanz“; gewoͤhnlich war es aber hinrei⸗ chend, daß Jemand einen Titel hatte, um zum Ge⸗ genſtande ihrer tiefen Verachtung zu werden, und man hat keinen Begriff, wie poetiſch und hilaſs⸗ phiſch ſie von dem Adel ſprachen. ¹ ren Auf mich ſelbſt machte dieß nur wenig Eindruck, denn obgleich ich keine Erbitterung gegen die Gro⸗ ßen fuͤhlte, und deswegen von Jemandem nicht ſchlechter dachte, weil er unſchuldigerweiſe durch die Geburt ſchon den Adel erhalten hatte, ſo fuͤhlte ich ————————ÿ y—— 233 doch itzt auch keinen Beruf in mir, die Schmach zu raͤchen, welche die Kleinen uͤber ſie ergoſſen. Dagegen war aber die Feindſeligkeit gegen die gro⸗ ßen Schriftſteller des Tages ſehr gegen meine Nei⸗ gung. Ich konnte auf ſolche Fehden nicht einge⸗ hen, noch an dieſer Feindſeligkeit Antheil nehmen. Ich war ſelbſt noch nicht Schriftſteller genug, um andere Schriftſteller zu haſſen. Ich fand noch im⸗ mer großes Behagen an den Neuigkeiten, die aus der Preſſe kamen, und konnte es ſehr wohl uͤber mein Herz bringen, einen Zeitgenoſſen zu loben, ſelbſt wenn er geſiel. In der That hatte ich einen vielſeitigen Geſchmack, und konnte dieſen nicht auf irgend ein Zeitalter oder eine Gattung von Schrift⸗ ſtellern beſchraͤnken. Ich konnte mit Vergnuͤgen von Byron's gluͤhenden Strophen zu dem kalten und feinen Spotte Pope's uͤbergehen, und, nachdem ich in den heiligen Haynen des verlornen Paradie⸗ ſes umhergewandelt, mich in den zauberiſchen Lau⸗ ben von Lalla Rukh einem wolluͤſtigen Vergeſſen uͤberlaſſen. „ Ich moͤchte unter meinen Schriftſtellern,” ſagte ich:„eben ſo viel Mannigfaltigkeit haben, als unter meinen Weinen, und, waͤhrend die ſtarken und geiſt⸗ reichen mir munden, die ſchaͤumenden und erhei⸗ ternden nicht verachten. Port und Sherry ſind —— vortreffliche Grundpfeiler, ſo auch Madeira oder Bordeaux; Burgunder kann man dann und wann, ohne ſeinem Gaumen Schande zu machen, trinken, und Champagner iſt ein Getraͤnk, das keidtedegas zu verachten iſt.“— Dieſe Rede ließ ich eines Tages in einem ge⸗ lehrten Club vernehmen, als ich gerade etwas von Ale aufgeregt war. Auch ſprach ich ſie etwas mit Nachdruck, denn ich hielt mein Gleichniß fuͤr ſehr geiſtreich. Ungluͤcklicherweiſe beſtanden meine Zuhoͤ⸗ rer aus Leuten, welche Bier tranken und Pope haß⸗ ten; meine Redeſigur wegen der Weine machte alſo gar nichts, und meine kritiſche Duldſamkeit ward als entſchiedene Ketzerei angeſehen. Mit einem Worte, ich ward bald, wie ein Freidenker in der Religion, aus allen Sekten ausgeſtoßen, und zur Beute fuͤr Alle. Das ſind die traurigen Folgen, wenn man in der Litteratur nicht haſſen kann! Doch ich ſehe, Sie fangen an, der Sache muͤde zu werden, und ſo will ich mich denn mit dem uͤbrigen Theile meiner litterariſchen Laufbahn kurz faſſen. Ich will Sie nicht mit den genauern Nach⸗ richten von meinen verſchiedenen Verſuchen, den Pe⸗ gaſus zu beſteigen, aufhalten, ſo wie von den Ge⸗ dichten, die ich geſchrieben habe, und die nie ge⸗ druckt worden, von den Schauſpielen, die ich ein⸗ 8 235 gereicht, und die nie aufgefuͤhrt, von den Ab⸗ handlungen, die ich herausgegeben, und die nie verkauft worden ſind. Es ſchien, als ob Buch⸗ haͤndler, Schauſpieldirectoren und das Publikum ſelbſt eine Verſchwoͤrung angezettelt haͤtten, mich Hun⸗ gers ſterben zu laſſen. Dennoch konnte ich nicht ab⸗ laſſen, Verſuche zu machen, und dieſe Traͤume des Ruhms nicht aufgeben, denen ich nachgehangen hatte. Wie haͤtte ich dem litterariſchen Kreiſe in meinem Geburtsdorfe je wieder unter die Augen treten koͤn⸗ nen, wenn ich ſeine Vorausſagungen ſo gaͤnzlich Luͤgen geſtraft haͤtte? Ich fuhr daher noch einige Zeit fort, des Ruhmes wegen zu ſchreiben, und fuͤhrte dabei natuͤrlich das allerelendeſte Leben, die beſtaͤndige Gefahr, Hungers zu ſterben, ungerech⸗ net. Ich haͤufte ganze Ladungen gelehrter Schaͤtze auf meinen Buͤcherbrettern auf— Ladungen, welche zu Schaͤtzen fuͤr die Nachwelt werden ſollten; doch ach, dadurch kam nicht ein Pfennig in meine Boͤrſe. Wozu nuͤtzte mir alſo dieſer ganze Reichthum in meiner itzigen Bedraͤngniß? Ich konnte meine El⸗ bogen nicht mit einer Ode flicken, oder meinen Hun⸗ ger mit ungereimten Verſen ſtillen.„Kann ein Mann ſeinen Leib mit dem Oſtwinde fuͤllen?“ ſagt das Sprichwort. Eben ſo wenig laͤßt ſich das durch Poeſie thun. e— ailie bud aie Oft bin ich kummervoll, mit beklommenem Her⸗ zen und leerem Magen, gegen fuͤnf Uhr umherge⸗ gangen, und habe gedankenvoll in den Unterge⸗ ſchoſſen im weſtlichen Ende der Stadt, durch die Kuͤchenfenſter das Feuer lodern, die Stuͤcke Fleiſch ſich an den Spießen drehen und die Bruͤhe davon herabtraͤufeln, die Kuͤchenmaͤgde einen Pudding zuſammenſchlagen, oder Truthaͤhne rupfen ſehen, und in dieſem Augenblicke gefuͤhlt, daß, wenn ich nur zu Einer von dieſen Kuͤchen Zutritt haben koͤnnte, Apollo und die Muſen meinetwegen die duͤrren Höhen des Parnaſſes inne haben moͤchten. O, mein Herr, man ſpricht immer von Grabesbe⸗ trachtungen— ſie ſind bei Weitem nicht ſo ſchwer⸗ muthsvoll, als die Betrachtungen eines armen Teu⸗ fels, der keinen Pfennig in der Tafche hat, und der um die Mittagszeit an einer Reihe von Küchen fenſtern voruͤbergeht! Endlich, als ich beinahe dem Hungertode und der Verzweiflung nahe war, kam mir auf einmal der Gedanke in den Sinn, ich ſey doch vielleicht kein ſo kluger Kerl, als das Dorf und ich ſelbſt ge⸗ glaubt haͤtten. Dieß rettete mich. In dem Augen⸗ blicke, wo dieſer Gedanke mir einkam, brachte er auch die Ueberzeugung und Troſt. Ich erwachte wie aus einem Traum— ich uͤberließ die Unſterb⸗ — ———— 237 lichkeit Denen, die von der Luft leben koͤnnen, fing an, um Brot zu ſchreiben, und habe mich ſeitdem ganz wohl dabei befunden. Kein Schriftſteller iſt. ſo gut daran, als der, der keinen Namen zu erwer⸗ ben oder zu verlieren hat. Anfangs mußte ich mich daran gewöhnen und meine Fluͤgel beſchneiden, denn ſonſt haͤtten mich dieſe, wider meinen Willen, zur Poeſie erhoben. Ich beſchloß daher, am andern Ende anzufangen, gab die hoͤheren Gegenden des Handwerks auf, ſtieg geradezu in die allerniedrigſte herab, und wurde ein Kriecher. „ Ein Kriecher! was iſt denn das?“ ſagte ich. O, ich ſehe, Sie kennen die Handwerks⸗Sprache noch nicht; ein Kriecher iſt ein Mann, der Artikel fuͤr die Zeitungen, fuͤr ſo und ſo viel die Zeile, liefert, der alle Arten von Ungluͤck aufſpuͤrt, auf das Bow⸗ Street⸗Amt*) und in die Gerichtshoͤfe geht, und alle uͤbrige Hoͤhlen des Ungluͤcks und der Verbre⸗ 4 chen beſucht. Wir bekommen einen Penny fuͤr die Zeile, und da wir denſelben Artikel faſt an alle Zei⸗ 3 tungen verkaufen koͤnnen, ſo haben wir zuweilen eine ganz anſtaͤndige Tages⸗Einnahme. Dann und wann iſt die Muſe ungnaͤdig, oder es geht an einem Tage ungewoͤhnlich ruhig zu, und dann leiden wir *) Das erſte Polizeiamt in London. neberf. allerdings beinahe Hunger; zuweilen beſchneiden auch die gewiſſenloſen Herausgeber unſere Artikel, wenn ſie ein wenig zu redneriſch ſind, und verkuͤrzen uns mit einem Schnitt um zwei oder drei Pence. Sehr oft habe ich ſo meinen Krug Porter bei meinem Mittagseſſen rein weg verloren, und mit trockenem Munde eſſen muͤſſen. Indeſſen kann ich mich nicht beklagen. Ich bin allmaͤhlig von den niederen Stu⸗ fen des Handwerks höher geſtiegen, und bin itt, wie ich glaube, in der sehas ahſd mhehidth der Ai teratur. 3 „Nun,“ ſagte ich,„was ſind Sie denn itzt? JItzt, ſagte er, bin ich ein regelmäͤßiger Alleer⸗ wweis ehtrlele⸗ und beſchaͤftige mich mit Allem. Ich arbeite die Schriften Anderer zu ſo und ſo viel den Bogen um, bringe Ueberſetzungen in Ordnung, ſchreibe Artikel zweiter Klaſſe, um Luͤcken in Zeit⸗ ſchriften und Journalen auszufuͤllen, trage Land⸗ und Seereiſen zuſammen und liefere Theater⸗Re⸗ cenſionen fuͤr die Zeitungen. Dieſe ganze Schrift⸗ ſtellerei treibe ich natuͤrlich ohne meinen Namen, ſſte verſchafft mir keinen Ruf, ausgenommen bei den Buchhaͤndlern, bei denen ich als ein Schriftſteller bekannt bin, den man zu Allem gebrauchen kann, und immer ſicher bin, Beſchaͤftigung zu erhalten. Das iſt der einzige Ruf, den ich haben will. Ich 239 ſchlafe ruhig, ohne Furcht vor Glaͤubigern oder Kritikern, oder uͤberlaſſe Denen den Ruhm der Un⸗ ſterblichkeit, die ſich darum kuͤmmern oder ſtreiten moͤgen. Verlaſſen Sie ſich darauf, der einzige gluͤckliche Schriftſteller in der Welt iſt der der un⸗ ter der Caie 39 Ruf ſteht. d4ase: Beruͤhmtheit.. rus Als wir aus dem litterariſchen Neſt des ehrli⸗ chen Dribble wieder aufgetaucht, die Gefahren von Break⸗neck⸗ſtairs gluͤcklich uͤberſtanden und uns aus dem Labyrinth von Fleet⸗ Market herausge⸗ wunden hatten, machte Buckthorne noch manche Bemerkungen uͤber den Blick in das Gelehrten⸗Le⸗. ben, den er mich hatte thun laſſen. Ich gab meine Verwunderung daruͤber zu er⸗ kennen, daß ich dieſe Welt ſo ganz verſchieden von dem gefunden hatte, was ich mir darunter gedacht. „„So iſt es immer mit Fremdem,“ ſagte er.„Das Neich der Litteratur erſcheint Denjenigen, welche es aus der Entfernung betrachten, als ein Feenreich; wie mit allen Landſchaften aber, ſo auch hier, der Zauber verſchwindet, wenn man naͤher kommt, und die Dornen und Diſteln werden ſichtbar. Die 240— NRepublik der Gelehrten iſt die aufruͤhreriſchſte und uneinigſte aller Nepabliken, ſowol alter als neuer Zeiten. S „ Sie werden indeſſen,“ ſagte ich laͤchelnd; Bzuch nicht wollen, daß ich des ehrlichen Dribble Erfah⸗ rungen als eine Anſicht jenes Landes gelten laſſen ſoll. Er iſt nichts weiter als eine Eule, die Maͤuſe faͤngt, ein bloßer Gruͤndling. Wir wuͤrden gewiß ein ganz anderes Lied von einem der gluͤcklichen Schriftſteller vernehmen, die wir in den ſeligen Hoͤhen der Mode wie Schwalben an dem blauen Hiuuines eines Söne mertages umherſchweben ſehen.“ 4 Das koͤnnte moͤglich ſeyn,— er: alhein ich zweifele daran. Ich zweifele ſehr, ob Sie nicht, wenn einer, ſelbſt von den beliebteſten, ſeine wirklichen Gefuͤhle kund geben wollte, die Wahrheit von Freund Dribble's Philoſophie, in Ruͤckſicht auf Ruf, beſtaͤtigt finden wuͤrden. Sie wuͤrden finden, wie der Eine von Außen ganz froͤhlich ausſieht, waͤh⸗ rend irgend ein Geyer von Kritiker an ſeiner Le⸗ ber nagt. Ein Anderer, der einfaͤltig genug gewe⸗ ſen iſt, die Modelaune fuͤr Ruhm zu halten, beob⸗ achtet Geſichter und haſcht nach Einladungen, da er bei Weitem mehr danach ſtrebt, in der ſ choͤnen Welt als in der litterariſchen zu glaͤnzen, und ihn die Vernachlaͤſſigung eines ungelehrten Pairs oder einer einer verſchwenderiſchen Herzogin vollkommen un⸗ gluͤcklich machen kann. Die, welche anfangen, Ruhm zu erlangen, quaͤlt, wie Sie finden werden, die Begierde, immer höher zu ſteigen, und die, welche den Gipfel erreicht haben, fuͤhlen beſtaͤndig die Beſorgniß, weeder herabſteigen zu muͤſſen. „Selbſt Denjenigen, welche gegen das Geraͤuſch des Ruhms und die Seifenblaſe des Modeſeyns ganz gleichguͤltig ſind, geht es nicht viel beſſer, da ſie unaufhoͤrlich von laͤſtigen Beſuchen geſtoͤrt und in ihren Beſchaͤftigungen unterbrochen werden; denn ein Schriftſteller muß, was er auch dabei denken mag, wenn er einmal beruͤhmt geworden iſt, ſo lange ſich Preis geben, bis die muͤſſige Neugier des Tages geſtillt iſt, und man ihn auf die Seite ſchiebt, damit er einer neuen Laune Platz mache. Im Gan⸗ zen weiß ich nicht, ob nicht der am gluͤcklichſten i*ſt, der aus Ehrſucht, wie ſehr ſie ihn auch quaͤlen mag, ſich in den Wirbel ſtuͤrzt, da es doppelt laͤ⸗ ſtig iſt, an dem Spiel Theil zu niehuene ohne mit eingeſetzt zu haben. 35 Die Modewelt verlangt beſtaͤndig nach etwas Neuem; zalle ſteben Tage muͤſſen auch ihre ſieben Wun⸗ der haben, ſey es was es wolle. Bald iſt es ein Schriftſteller,„bald ein Feuerfreſſer, bald ein Com⸗ poniſt, ein indiſcher Gaukler oder ein indianiſcher I. L 241 242 Haͤuptling, ein Mann vom Nordpol oder von den Pyramiden; jeder glaͤnzt die kurze Zeit ſeiner Be⸗ ruͤhmtheit hindurch, und macht dann einem neuen Wunder Platz. Sie muͤſſen wiſſen, daß wir un⸗ ter unſeren Damen vom Stande Liebhaberinnen von Seltenheiten beſitzen, die alles mögliche Merk⸗ wuͤrdige um ſich her zu vereinigen ſuchen, Geiger, Staatsmaͤnner, Saͤnger, Krieger, Kuͤnſtler, Phi⸗ loſophen und Dichter, kurz Alles, was nur etwas Beſonderes an ſich hat, ſo daß ihre großen Geſell⸗ ſchaften wie Maskenbaͤlle ſind, wo Alles als Cha⸗ rakter⸗Maske erſcheint. Es hat mir unendliche Unterhaltung— wenn ich in dieſen Geſellſchaften beobachtet habe, wie Jeder ſo gefliſſentlich ſeine Rolle zu ſpielen ſuchte, und ganz aus ſeinem naruͤrlichen Weſen her⸗ ausging. Es giebt kein ſchoͤneres Spiel: Schen⸗ ken und Beſtimmen*⁹), als den Verkehr der Ge⸗ lehrten und der Großen miteinander. Der vor⸗ nehme Mann will immer gern fuͤr einen witzigen Kopf, und der witzige Kopf fuͤr einen vornehmen Mann gehalten werden. 1y Oder cross purposes(widerſprechende Beſtimmungen), wie man es im Engliſchen nennt. Von der einen Seite bekommt man etwas, und von der andern die Beſtimmung dafür. neherſ⸗ * — —— Ich habe oft bemerkt, wie ein Lord ſich be⸗ muͤhte, ſehr geſcheut auszuſehen, und mit einem Ge⸗ lehrten gelehrt zu reden, der ſich das Anſehen eines Herrn nach der Mode gab, und den Ton eines Mannes anzunehmen ſuchte, welcher in der Stadt viel in Geſellſchaft gekommen iſt. Der Pair nannte zwanzig oder dreißig Schriftſteller, um ſich das An⸗ ſehen zu geben, als ob er mit ihnen auf einem vertrauten Fuß ſtaͤnde, waͤhrend der Schriftſteller von Sir John dem und Sir Harry dem ſprach, und den Burgunder lobte, den er bei Lord ſo und ſo getrunken hatte. Beide ſchienen zu vergeſſen, daß ſie einander nur in ihrem wahren Charakter an⸗ ziehend erſcheinen konnten. Haͤtte der Pair nur ſeine Gelehrſamkeit gehabt, ſo wuͤrde der Schrift⸗ ſteller gewiß nie auf ſein langweiliges Geſpraͤch ge⸗ hoͤrt haben, und waͤre der Schriftſteller mit dem ganzen Adel aus dem Hof⸗Kalender bekannt geweſen, ſo wuͤrde ihm dieß nicht das geringſte Anziehende in den Augen des Pairs gegeben haben. Eben ſo habe ich eine vornehme Frau, von ausgezeichneter Schoͤnheit, einen Philoſophen mit ſeichter Metaphyſik langweilen hoͤren, waͤhrend der Philoſoph, ſehr linkiſch, ſich ein Anſehen von Ga⸗ lanterie geben wollte, mit ihrem Faͤcher ſpielte und von der Oper ſchwatzte. Ich habe einen empfind⸗ L 2 244 ſamen Dichter ſehr albern mit einem Staatsmanne uber die Nationalſchuld reden gehört, und als ich mich zu einem Haufen gelehrter alter Herren ge⸗ 8 ſellte, die in einer Ecke zuſammen ſprachen, und 8 erwartete, ſie irgend eine bedeutende Entdeckung er⸗ Sertern zu hoͤren, fand ich, daß ſie öch mit ei⸗ S khetget rſchithte nliſttane 48 8 d Der peaktſth e phtsſet. Die Anekdoten, welche ich von— Schulkameraden gehoͤrt hatte, zuſammengenommen mit einer Menge von Eigenthuͤmlichkeiten, die ich in ihm ſelbſt bemerkt hatte, erregten eine große Neugierde bei mir, auch etwas von ſeiner Ge⸗ ſchichte zu wiſſen. Ich bin ein Reiſender aus der guten alten Schule, und halte ſehr viel auf den Gebrauch, von dem wir in Buͤchern leſen, demzu⸗ folge Reiſende, wenn ſie einander antrafen, ſich hinſetzten und ihre eigene Geſchichte und Bege⸗ benheiten erzaͤhlten. Auch war dieſer Buckthorne ein Mann ganz nach meinem Geſchmack; er hatte ſich in der Welt umgeſehen, war in Geſellſchaften geweſen, und hatte dabei dennoch die Eigenthuͤm⸗ — 245 lchteiten eines Mannes behalten, der viel allein ge⸗ weſen iſt. Er hatte eine gewiſſe ſorgloſe Gutmuͤ⸗ thigkeit an ſich, die mir ungemein gefiel, und von Zeit zu Zeit miſchte ſich eine ſonderbare Faͤrbung der Schwermuth in ſeine froͤhliche Laune, und gab ihr einen doppelten Reiz. Er konnte ſich in weit⸗ laͤuftige Betrachtungen uͤber menſchliche Geſellſchaft und Sitten verlieren, und ſonderbaren Anſichten uͤber die menſchliche Natur nachhangen; allein es lag nichts Boͤsartiges in ſeiner Satire. Sie hatte mehr die Thorheiten der Menſchen, als ihre Laſter zum Ziel, und ſelbſt die Thorheiten ſeiner Mitmen⸗ ſchen behandelte er mit der Gelindigkeit Jemandes, der ſich ſeiner eigenen Gebrechlichkeit bewußt war⸗ Das Gluͤck hatte ihn offenbar etwas kalt behandelt und umhergeworfen, ohne daß es ihn deßwegen bitter gemacht haͤtte, ſo wie manche Fruͤchte muͤr⸗ ber und angenehmer von Geſchmack werden, wenn ſte etwas angeſtoßen und erfroren ſind. Ich habe immer großen Gefallen an der Unter: haltung mit Philoſophen dieſer Art gefunden, welche aus dem„Angenehmen der Widerwaͤrtig⸗ keiten“ Nutzen gezogen haben, ohne von dem Her⸗ ben derſelben etwas anzunehmen, die die Welt rich⸗ tig, aber mit Gutmuͤthigkeit zu beurtheilen gelernt, und die, waͤhrend ſie die Wahrheit des Ausſpruchs: 246 „daß Alles eitel ſey“, anerkennen, dieß d ohne ſich eben daruͤber zu aͤrgern. Buckthorne war ein Mann dieſer Art. Er war im Allgemeinen ein lachender Philoſoph, und wenn etwa ein Nebel des Truͤbſinns ſeine Stirn umdun⸗ kelte, ſo war dieß nur voruͤbergehend, wie ein Sommergewoͤlk, welches bald voruͤberzieht, und die Felder, uͤber welche es nbahinkähtte erfriſcht und belebt. Eines Tages ging ich mit im im Garten von Kenſ ington ſpaziren— denn er war ein wohler⸗ fahrener Kenner aller wohlfeilen Vergnuͤgungen und laͤndlichen Schlupfwinkel innerhalb des Bereichs der Hauptſtadt. Es war ein koͤſtlicher, warmer Fruͤhlingsmorgen, und er in der gluͤcklichen Laune eines idylliſchen Buͤrgers, der ſo eben im Graſe und im Sonnenſcheine ſich ergehen kann. Er hatte eine Lerche beobachtet, welche aus einem Beete von Maaßlieben und Goldblumen aufſtieg, und ſich ſingend bis zu einer glaͤnzenden ſchneeweißen Wolke erhob, welche mitten am Lblauen Hinnmel 1 ſchwebte. „Wenn ich ein Vogel ſeyn plte ſagte er:„ſo moͤchte ich am liebſten eine Lerche ſeyn. Sie ſchwelgt in der ſchoͤnſten Zeit des Tages, in der herrlichſten Jahreszeit, auf friſchen Wieſen und ſich oͤffnenden —— Blumenkelchen, und ſchwingt ſich, wenn ſie ſich an den Suͤßigkeiten der Erde geſaͤttigt hat, zum Himmel auf, als ob ſie ſich in der Harmonie der Morgen⸗ ſterne baden wollte. Hoͤren Sie nur dieß Lied! wie es in das Ohr ſchmettert! Welch' ein Erguß von Muſik, und wie Note auf Note in der herr⸗ lichſten Reihenfolge toͤnt! Wer moͤchte ſich noch um Opern und Concerte kaͤmmern, wenn er auf den Feldern umherwandeln und ſolche Muſik um⸗ ſonſt hoͤren kann? Dieß ſind die Genuͤſſe, woge⸗ gen keine Reichthuͤmer in Betracht kommen, und welche ſelbſt den Armen unabhaͤngig machen⸗ Glück, was ich nicht ſoll ge⸗ nießen. Du raubeſt die Natur und ihre Gunſt mir nicht: Du kannſt des Himmels Fenſter nicht verſchließen, Durch die Aurora blickt in ihrem Roſenlicht: Du hemmeſt meinen Fuß in ſeinem Laufe nicht, Wenn er am Abend folgt dem Strom durch Wald und Feld— Mein Herr, die Werke der Natur enthalten Pre⸗ digten, welche alle Weisheit der Schulen aufwie⸗ gen, wenn wir ſie nur recht zu leſen verſtehen, und eine der angenehmſten Lehren, die ich in einer Zeit der Truͤbſal empfangen habe, war die, welche in den Toͤnen einer Lerche lag.”“ Ich benutzte dieſe Stimmung zur Mittheilung, um Buckthorne meinen Wunſch zu erkennen zu ge⸗ Mich kümmert's wenig⸗ 248 ben, etwas von den Begebniſſen ſeines Lebens zu erfahren, das, wie ich glaubte, reich an Aulktaitten geweſen ſeyn mußte. Er laͤchelte, als ich meinen Wunſch ausſprach. „Ich habe nicht viel zu erzaͤhlen“, ſagte er:„nichts, als ein Gewebe von Irrthuͤmern und Thorheiten. Indeß, wie es mir auch im Leben ergangen ſeyn mag, ſo ſollen Sie doch einen Abſchnitt daraus hoͤ⸗ ren, wonach Sie dann von dem Uebrigen urtheilen moͤgen.“ Und ſo erzaͤhlte er mir, ohne weitere Einleitung, folgende AnRkdot⸗ von ſemen fruͤhern Vihebanheitnr Bu u ck t 5 orne, vder der junge Mann von großen Ausſi tͤten Ich war ſehr arm geboren, aber mit großen Arfaheen— vielleicht einer der groͤßten un⸗ gluͤcksfaͤlle, die Jemanden bei ſeiner Geburt zuſto⸗ ßen koͤnnen. Mein Vater war ein Landedelmann, der letzte aus einer ſehr alten und ehrenwerthen, aber geſunkenen Familie, und wohnte in einem alten Jagdſchloſſe in Warwickſhire. Er war ein eifriger Jaͤger und verzehrte ſein maͤßiges Einkommen ganz, ſo daß ich von der Seite ſehr wenig zu erwarten hatte: aber ich hatte einen reichen Oheim von muͤt⸗ 249 terlicher Seite, einen filzigen, kargenden Knicker, der, wie man zuverſichtlich glaubte, mich zu ſeinem Erben einſetzen wuͤrde, da er ein alter Junggeſelle war, und ich ſeinen Namen fuͤhrte; auch weil er die ganze Welt, mich ausgenommen, haßte. Er war in der That ein hartnaͤckiger Haſſer, der ſelbſt mit ſeinem Menſchenhaſſe geizte, und ei⸗ nen Groll feſthielt, wie eine Guinee. So hatte er, obgleich meine Mutter ſeine einzige Schweſter war, ihr nie die Heirath mit meinem Vater ver⸗ geben, gegen den er einen kalten, ſtillen, unbezwing⸗ lichen Widerwillen hegte, der, wie ein Stein in ei⸗ nem Brunnen, auf dem Grunde ſeines Herzens gelegen hatte, ſeitdem Beide mit einander in die Schule gegangen waren. Meine Mutter betrachtete mich indeſſen als das vermittelnde Weſen, das Al⸗ les wieder verſoͤhnen ſollte, denn ſie ſah mich als eine Art von Wunder an.— Gottes Segen uͤber ſiel mein Herz fließt uͤber, wenn ich ihrer Zaͤrtlich⸗ keit gedenke. Sie war die trefflichſte, nachſichtigſte aller Muͤtter. Ich war ihr einziges Kind: es war Schade, daß ſie deren nicht mehrere hatte, denn ſie beſaß eine Fuͤlle von Liebe in ihrem Herzen, um ein Dutzend zu erziehen!. Ich ward ſchon fruͤh, ganz gegen den Willen meiner Mutter, in eine Schule geſchickt: mein Va⸗ 250 ter hatte darauf beſtanden, daß dieß die einzige Art ſey, Knaben abzuhaͤrten. Der Schulhalter war ein gewiſſenhafter Anhaͤnger des alten Syſtems, der ſeine Schuldigkeit an den, ſeiner Zucht unterge⸗ benen Knaben that, das heißt, der uns recht or⸗ dentlich durchpruͤgelte, wenn wir unſere Lektion nicht wußten. Wir wurden in Kaaſſen vertheilt, und ſo, in Heerden, den Pfad des Wiſſens entlang gepruͤgelt, ungefaͤhr wie Vieh auf den Markt ge⸗ trieben wird, wo denn das, was einen ſchweren Gang, oder kurze Beine hat, fuͤr die groͤßere Be⸗ hendigkeit oder die laͤngeren Gliedmaßen der Uebri⸗ gen mit leiden muß. Ich, meines Theils, war, wie ich zu meiner Schande geſtehen muß, ein unverbeſſerlicher Faul⸗ pelz. Ich habe immer ein poetiſches Gefuͤhl gehabt, das heißt, ich bin immer ein traͤger Menſch gewe⸗ ſen, und habe die groͤßte Neigung gehabt, den Land⸗ ſtreicher zu ſpielen. Ich pflegte, ſo oft ich nur konnte, mich von meinen Buͤchern und aus der Schule weg zu machen, und auf den Feldern um⸗ herzuſchweifen. Verfuͤhrungen aller Art fuͤr eine ſolche Gemuͤthsart umgaben mich. Das Schulhaus war ein altes, weißgetuͤnchtes Gehaͤude, von Holz und Moͤrtel, welches an dem Ende eines ſchoͤnen Dorfes ſtand: dicht bei demſelben war eine ehrwuͤr⸗ —— — 1 251 dige Kirche mit einem hohen gothiſchen Thurme befindlich; vor derſelben breitete ſich ein liebliches, gruͤnes Thal aus, in dem ſich ein kleiner Fluß durch Weidengebuͤſch dahinſchlaͤngelte, und eine Reihe kleiner Huͤgel, welche die Landſchaft begraͤnzte, er⸗ regte ſo manchen Sommer⸗Tages⸗Traum von dem Feenlande, welches dahinter lag. All' der Schlaͤge ungeachtet, welche ich in dee⸗ ſer Schule erdulden mußte, damit ich mein Buch lieb gewinnen ſollte, kann ich doch nicht umhin, mit Vergnuͤgen auf den Ort zuruͤckzublicken. Auch ſah ich dieſe beſtaͤndige Geißelung immer als das allgemeine Loos der Menſchheit, und als die regel⸗ maͤßige Art und Weiſe an, auf welche Gelehrte ge⸗ bildet wuͤrden. 4 Meine gute Mutter pflegte mich von Herzen zu beklagen, wenn ich ihr die harten Pruͤfungen er⸗ zaͤhlte, welche ich fuͤr die Sache der Gelehrſamkeit 8 erdulden mußte; mein Vater aber hatte nur taube Ohren fuͤr ihre Beſchwerden: er war ebenfalls in der Schule gepruͤgelt worden, und ſchwor, es gebe gar keinen andern Weg, einen Mann von Talent aus Jemanden zu machen, obgleich, mit aller Ehr⸗ furcht geſagt, mein Vater eben kein großes Beiſpiel von der Trefflichkeit dieſer Theorie war, denn man hielt ihn fuͤr einen gewaltig beſchraͤnkten Kopſ.. 252 Mein poetiſches Temperament entwickelte ſich ſchon ſehr fruͤh. In der Dorfkirche fand ſich jeden Sonntag ein benachbarter Squire ein, der Guts⸗ herr, deſſen Park ſich bis dicht an das Dorf erſtreckte, und deſſen geraͤumiger Landſitz die Kir⸗ che unter ſeine Fluͤgel zu nehmen ſchien: ja, man haͤtte beinahe glauben ſollen, die Kirche ſey ihm, und nicht der Gottheit geweiht. Der Kuͤ⸗ ſter*) beugte ſich tief vor ihm, und die Kirchen⸗ diener buͤckten ſich in den Staub in ſeiner Gegen⸗ wart. Er trat immer etwas ſpaͤt und mit einigem Geraͤuſch ein, ſtieß ſein ſpaniſches Rohr mit Nach⸗ druck auf den Boden, bewegte ſeinen Hut in der Hand, und blickte ſtolz zur Rechten und Linken, wenn er den Seitengang hinunterging, und der Pfarrer, der allemal des Sonntags bei ihm aß, fing nie eher den Gottesdienſt an, als bis er er⸗ ſchien. Er ſaß, mit ſeiner Familie, in einem gro⸗ ßen Kirchenſtuhle, der praͤchtig ausgeſchlagen war, ließ ſich demuͤthig auf ſammetne Kuͤſſen nieder, und las die Lehren der Sanftmuth und Demuth aus glaͤnzenden maroquinenen und vergoldeten Gebetbuͤ⸗ chern. So oft der Pfarrer davon ſprach, wie *) Im Originale ſteht: ihe parish clerk. Er iſt zu⸗ gleich der Gehülfe und Schreiber des Pfarrers. S. Vrace⸗ bridge⸗Hall, Thl. r. S. 234. Ueberſ.“ „ 2⁵53 ſchwer es ſey, daß ein Reicher in den Himmel ein⸗ gehe, richteten ſich die Augen der Gemeine auf den „großen Stuhl“, und es ſchien mir immer, als ob dem Squire dieſe Anwendung nicht mißfaͤl⸗ lig ſey.* Die Pracht dieſes Kirchenſtuhls und das ganze ariſtokratiſche Weſen der Familie machte einen wun⸗ derbaren Eindruck auf meine Einbildungskraft, und ich verliebte mich ſterblich in eine kleine Tochter des Squire, welche ungefaͤhr zwoͤlf Jahre alt ſeyn mochte. Dieſe Grille entfremdete mich meinen Studien mehr als je. Ich ſchlenterte um des Squire's Park umher, und lauerte in der Naͤhe des Hauſes auf, um das kleine Maͤdchen am Fenſter zu erblicken, oder ſie zu ſehen, wenn ſie auf dem Raſenplatze ſpielte oder mit ihrer Gouvernante ſpa⸗ ziren ging. 4 Ich war nicht unternehmend oder unverſchaͤmt genug, mich aus meinem Verſteck hervorzumachen: mir war ungefaͤhr zu Muthe, wie einem argen Wilddiebe, bis ich eine oder zwei von Ovid's Ver⸗ wandlungen las. Itzt duͤnkte ich mir ſelbſt irgend eine Waldgottheit zu ſeyn und dachte mir ſie als eine ſchuͤchterne Waldnymphe, die ich verfolgte. Es liegt etwas ungemein Reizendes in dieſem erſten Erwachen zaͤrtlicher Neigung. Ich fuͤhle ſelbſt in 254 dieſem Augenblicke noch das Pochen meines jugend⸗ lichen Buſens, wie damals, wenn ich ihr weißes Kleid in dem Geſtraͤuch flattern ſah. Ich trug in meinem Buſen einen Band von Waller, den ich aus der Bibliothek meiner Mutter entwendet hatte, und wandte auf meine kleine Schoͤne alle die Schmeicheleien an, welche dort an Sachariſſa verſchwendet ſind*). Endlich tanzte ich mit ihr auf einem Schulball. Ich war ſo ein linkiſcher Tropf, daß ich kaum mit ihr zu reden wagte. In ihrer Gegenwart uͤber⸗ mannte mich Furcht und Verlegenheit; allein ich ward ſo begeiſtert, daß meine poetiſche Stimmung ſich auf einmal in Verſe ergoß, und ich einige gluͤ⸗ hende Zeilen hinſchrieb, in welchen ich die kleine Dame unter dem Lieblingsnamen Sachariſſa beſang. Zitternd und erroͤthend druͤckte ich ihr die Verſe am naͤchſten Sonntag, als ſie in die Kirche kam, in die Hand. Die kleine Sproͤde gab ſie ihrer Mutter, dieſe wieder dem Squire, dieſer, der kein Gefuͤhl fuͤr Poeſie hatte, ſchickte ſie, voll Ingrimm, an den Schulmeiſter, und der Schulmeiſter pruͤ⸗ gelte mich, mit einer Barbarei, welche der finſtern *) Waller war ein Dichter aus Karl's I. und II. Zei⸗ ten, der ſeine Geliebte unter dem Namen Sachürfſa u ver⸗ herrüichtä hat. Ueberſ. 8 —— 255 Jahrhunderte wuͤrdig war, dafuͤr, daß ich mich un⸗ berufener Weiſe auf den Parnaß gewagt, recht derb und auf eine ganz beſonders demuͤthigende Weiſe ab. Dieß war ein ſchlimmer Anfang fuͤr einen Verehrer der Muſe, und er haͤtte mich wol von meiner Leidenſchaft fuͤr die Poeſie heilen ſollen, al⸗ lein er beſtaͤrkte mich nur darin, denn ich fuͤhlte itzt den Maͤrtyrergeiſt in mir erwachen. Was in⸗ deſſen vielleicht eben ſo gut war, er heilte mich von meiner Leidenſchaft fuͤr die junge Dame; ich empfand eine ſo große Erbitterung uͤber die ſchimpf⸗ liche Strafe, die ich dafuͤr erlitten, weil ich ihre Reize geprieſen, daß ich in der Kirche den Kopf nicht aufheben mochte. Zum Gluͤck fuͤr mein ver⸗ wundetes Gefuͤhl kamen die Hundstags⸗Ferien, und ich ging nach Hauſe. Meine Mutter fragte mich, wie gewoͤhnlich, uͤber alle meine Schulangelegenhei⸗ ten, meine kleinen Freuden, Sorgen und Schmer⸗ zen aus: denn das Knabenalter hat der erſteren ſo gut, wie der letzteren. Ich ſagte ihr Alles, und ſie war hoͤchſt aufgebracht uͤber die Behandlung, welche ich erfahren hatte. Sie gerieth in Zorn uͤber die An⸗ maßung des Squire und die Sproͤdigkeit der Toch⸗ ter: und was den Schulmeiſter betraf, ſo aͤußerte ſie, ſie wiſſe gar nicht, wozu man Schulmeiſter zu haben brauche, und warum die Knaben nicht eben 5 256 ʒ ſo gut zu Hauſe bleiben und dort von Hauslehrern, unter den Augen der Muͤtter, erzogen werden koͤnn⸗ ten. Sie verlangte, die Verſe zu ſehen, welche ich geſchrieben hatte, und war daruͤber entzuͤckt, denn ſie hatte in der That einen ſehr guten Geſchmack fuͤr Poeſie. Sie zeigte ſie ſogar der Frau des Pfarrers, die ſie allerliebſt fand, und die drei Toͤchter des Pfarrers wollten jede eine Abſchrift davon haben. Alles dieß war ungemein wohlthuend, und ich fand mich noch mehr getroͤſtet und ermuntert, als die jungen Damen, welche die Gelehrten in der Gegend waren und Dr. Johnſon's Lebensbeſchrei⸗ bungen der Dichter vom Anfang bis zum Ende ge⸗ leſen hatten, meine Mutter verſicherten, große Ge⸗ nies ſtudirten nie, ſondern waͤren immer muͤſſig, ſo daß ich anfing, auf den Gedanken zu kommen, daß ich wol etwas von der gewöhnlichen Art ab⸗ ginge. Mein Vater war indeß ganz verſchiedener Meinung, denn als meine Mutter in der Fuͤlle ih⸗ res Herzens ihm meine Verſe zeigte, warf er ſie aus dem Fenſter und fragte ſie: ob ſie einen Baͤ⸗ kelſaͤnger nus dem Jungen machen wolle? Er war indeſſen eine gleichguͤltige, gemein⸗ denkende Natur, und ich kann nicht ſagen, daß ich ihn je ſehr lieb gehabt haͤtte: meine Mutter nahm meine e gaͤnze kind⸗ liche Liebe in Anſpruch.. 4 * 257 2 Man pflegte mich, waͤhrend der Ferien, immer auf eine kurze Zeit zum Beſuch zu meinem Oheim deſſen Erbe ich einmal werden ſollte, zu ſchicken, weil man glaubte, daß mich dieß bei ihm im Andenken erhalten, und mich ihm lieb machen wuͤrde. Er war ein verſchrumpfter, aͤngſtlich ausſehender alter Mann, der auf einem verfallenen, alten Landſitze wohnte, den er aus bloßem Geiz ganz zu Grunde gehen ließ. Er hatte nur einen Bedienten, der lange Jahre bei ihm geweſen war, oder vielmehr bei ihm gehungert hatte. Kein weibliches Weſen durfte im Hauſe ſchlafen. Die Tochter des alten Bedienten wohnte an dem Thore, in einer Huͤtte, die ehemals ein Pfoͤrtners⸗Haus geweſen war, und durfte taͤglich ungefaͤhr auf eine Stunde in das Haus kommen, um die Betten zu machen und et⸗ was zum Eſſen zu bereiten. Der Park um das Haus her war ganz verwildert, die Baͤume hatten alles Ebenmaaß verloren, in den Teichen faulte das Waſſer, die Urnen und Bildſaͤulen waren von ih⸗ ren Fußgeſtellen gefallen und in dem hohen Graſe begraben. Die Haſen und Faſanen wurden, ausge⸗ nommen von Wilddieben, wenig beunruhigt, ſo daß ſie ſich ſehr vermehrt hatten und auf den ausge⸗ wachſenen Graspläͤtzen und in den mit Unkraut be⸗ deckten Alleen umhergingen. Um das Gehoͤft zu bewachen, und die Raͤuber, vor denen mein Oheim ſich fuͤrchtete, und Beſuche, vor denen er beinahe eben ſo viel Scheu hatte, abzuhalten, hielt er zwei oder drei große Schweis⸗Hunde, welche immer um das Haus her ſtoͤberten, und der Schrecken der Landleute in der Gegend waren. Sie waren ha⸗ ger und halb verhungert, ſchienen ſchon aus Hun⸗ ger Jeden verſchlingen zu wollen, und ſo hielten ſie allerdings jeden Fremden ab, ſich dieſem vetwänſſh ten Schloſſe zu naͤhern. So war das Haus meines Oheims beſchaffen, das ich dann und wann in den Ferien zu beſuchen pflegte. Ich war, wie ich ſchon oben erwaͤhnt habe, des alten Mannes Liebling, das heißt, er haßte mich went⸗ ger, als die ganze uͤbrige Welt. Man hatte mir ſeine Gemuͤthsart geſchildert, und mir empfohlen, mir ſeine Gunſt zu erwerben; allein ich war zu jung und zu unbeſonnen, um den Hofmann zu machen, und bin in der That nie genug auf meinen Vor⸗ theil bedacht geweſen, um meine Gefuͤhle dieſem unterzuordnen. Wir fuhren indeß ganz gut mit ein⸗ ander, und da meine Beſuche ihm beinahe nichts koſteten, ſo ſchienen ſie ihm auch nicht ſehr unwill⸗ kommen zu ſeyn. Ich brachte meine Angel mit, und verſah den Tiſch zur Haͤlfte aus den ins⸗ teichen. — 259 Unſere Mahle waren einſam und ungeſellig. Mein Oheim ſprach ſelten; er wies auf das, was er haben wollte, und der Bediente verſtand ihn vollkommen. Sein Johann, oder wie man ihn in der Gegend nannte, der eiſerne Johann, war ganz das Seitenſtuͤck zu ſeinem Herrn. Es war ein großer, knocherner, alter Kerl, mit einer duͤrren Peruͤcke, die aus einem Kuhſchwanz gemacht zu ſeyn ſchien, und einem ſo ledernen Geſicht, als ob es auch aus einer Kuhhaut geſchnitten worden waͤre. Er trug gewoͤhnlich eine lange, geflickte Li⸗ vree, welche in die Kleiderkammer des Hauſes ge⸗ hoͤrte, ihm weit am Leibe umher hing, und au⸗ genſcheinlich einem wohlbeleibtern Vorgaͤnger, aus den freigebigen Tagen der Beſitzung, gehoͤrt hatte. Durch die lange Schweigſamkeit ſchienen die An⸗ geln ſeiner Kinnbacken ganz eingeroſtet zu ſeyn, und es koſtete ihm eben ſo viel Muͤhe ſie auseinander zu bringen und eine leidliche Redensart hervorgehen zu laſſen, als es verurſacht haben wuͤrde, die eiſernen Thore des Parks zu eroͤffnen, und die alte Fami⸗ lienkutſche herauszufahren, weſche in der Remiſe vermoderte. Ich muß indeſſen geſtehen, daß meines Onkels Eigenthuͤmlichkeiten mich eine Zeitlang beluſtigten. Selbſt das Duͤſtere des Ortes hatte etwas an ſich, 260 das meine Einbildungskraft beſchaͤftigte. Wenn das Wetter gut war, ſo pflegte ich mich ganz allein damit zu vergnuͤgen, daß ich im Park umher ſchlen⸗ terte, und wie ein Fuͤllen uͤber die Raſenplaͤtze jagte. Die Haſen und Faſanen ſchienen dann ſtarr vor Erſtaunen zu ſeyn, ein menſchliches Weſen bei hellem Tage auf dem verbotenen Grunde umher⸗ wandeln zu ſehen. Zuweilen beluſtigte ich mich da: nit, daß ich Steine ſchleuderte oder mit Bogen und Pfeil nach den Voͤgeln ſchoß, denn eine Flinte zu fuͤhren wuͤrde Hochverrath geweſen ſeyn. Dann und wann begegnete mir ein kleiner, rothkoͤpfiger, zer⸗ lumpter Junge, der Sohn der Frau im Pfoͤrtner⸗ hauſe, welcher auf dem Gehoͤfte wild umher lief. Ich ſuchte ſein Vertrauen zu gewinnen, und ihn zu meinem Geſellſchafter zu machen, allein er ſchien das ſonderbare ungeſellige Weſen, das Allen umher eigen war, ebenfalls angenommen zu haben, und hielt ſich immer entfernt, und ſo behandelte ich in) wie einen zweiten Orſon*), und machte mir eine Luſt daraus, mit meinem Bogen und Pfeilen nach ihm zu ſchießen, wo er dann ſeine Beinkleider mit einer Hand in die Hoͤhe zog, und wie ein nleſc davon n ſprang. Le ) Aus dem alten Noman Valentin und Orſon. Ueberſ. 1 — — In eben dieſer Oede und Wildniß lag etwas, das mich auf eine ſonderbare Art anzog. Die gro⸗ ßen, leeren, verwitterten Staͤlle mit den Na⸗ men der Lieblingspferde uͤber den leeren Krippen, die mit Mauerſteinen zugeſetzten oder mit Brettern vernagelten Fenſter, die zertruͤmmerten Daͤcher, welche mit Raben und Dohlen beſetzt waren: alles dieß hatte ein eigenthuͤmliches, verwahrloſetes An⸗ ſehen, und man wuͤrde das Haus fuͤr gaͤnzlich un⸗ bewohnt angeſehen haben, waͤre nicht eine duͤnne Wolke blauen Rauchs geweſen, die dann und wann, wie ein Korkzieher, aus einem der großen Schorn⸗ ſteine aufſtieg, unter welchem meines Dheims Hun⸗ medoſt bereitet wurde. Meines Oheims Zimmer war in einem entfern⸗ ten Winkel des Gebaͤudes ſehr ſorgfaͤltig verwahrt, und gewoͤhnlich verſchloſſen. Mich ließ man nie⸗ mals zu dieſem Bollwerk zu, wo der alte Mann den groͤßten Theil der Zeit, wie eine alte Spinne, in der Feſtung ſeines Gewebes, zu bleiben pflegte. Der uͤbrige Theil des Hauſes ſtand mir dagegen offen, und ich wanderte ohne Zwang darin umher. Die Feuchtigkeit und der Regen, welche durch die zerbrochenen Fenſter eindrangen, machten, daß die Tapeten von den Waͤnden faulten, die Ge⸗ maͤlde vermoderten und die Moͤbel allmaͤhlig zer⸗ 4 261 262 ſtoͤrt wurden. Ich ſtreifte gern bei ſchlechtem Wet⸗ ter durch die großen, geraͤumigen Zimmer, und horchte auf das Geheul des Windes und das Klap⸗ pern der Fenſter und Fenſterlaͤden. Ich gefiel mir ſelbſt in dem Gedanken, wie ich, wenn ich einmal das Gut bekaͤme, alles ganz auffriſchen und das alte Gebaͤude von Froͤhlichkeit ſo lange erſchallen machen wollte, bis es ſich uͤber ſeine eigene Luſtig⸗ keit zu wundern anfinge. Das Zimmer, worin ich wohnte, war daſſelbe, welches meine Mutter als Maͤdchen inne gehabt hatte. Hier ſtand noch der Toilettentiſch, den ſie ſelbſt verzierte, die Landſchaften, die ſie ſelbſt ge⸗ zeichnet hatte. Sie hatte das Zimmer ſeit ihrer Verheirathung nicht wieder geſehen, und fragte mich oft, ob Alles noch ſo darin ſey, wie ſonſt. Alles war wirklich noch ſo, denn ich liebte das Zimmer ihret⸗ willen, und hatte mich bemuͤht, Alles in Ordnung zu bringen und alle Spruͤnge in den Fenſtern mit ei⸗ genen Haͤnden auszubeſſern. Ich ſah im Geiſte die Zeit voraus, wo ich ſie in dem Hauſe ihrer Vor⸗ fahren wieder bewillkommnen und ſie in den Schau⸗ platz ihrer Kindheit wieder einfuͤhren wuͤrde. Endlich gab mir mein boͤſer Geiſt, oder, was vielleicht gleichviel iſt, die Muſe, den Entſchluß ein, wiederum Verſe zu machen. Mein Oheim, der —* nie in die Kirche ging, pflegte am Sonntage einige Kapitel aus der Bibel zu leſen, und der eiſerne Johann, die Frau aus dem Pfoͤrtnerhauſe und ich bildeten dabei ſeine Gemeine. Es ſchien ihm Alles gleich zu ſeyn, was er las, ſobald es nur aus der Bibel war; ſo waͤhlte er zuweilen das Hohe⸗ Lied Salomonis, und dieſes verdorrte Knochenge⸗ rippe las dann:„daß er mit Blumen erquickt, und mit Aepfeln gelabt werde, denn er ſey krank vor Liebe”“*). Zuweilen wand er ſich, mit der Brille auf der Naſe, durch ganze Kapitel voll ſchwerer hebraͤiſcher Namen im zweiten Buche Moſes hin⸗ durch, bei denen die Frau dann ſeufzte und ſtoͤhnte, B als ob ſie wunderbar geruͤhrt ſey. Sein Lieblings⸗ buch aber war der„Pfad des Pilgers”*), und wenn er an das Kapitel kam, wo von dem Schloſſe des Zweifels und dem Rieſen der Verzweiflung die 5 Rede iſt, ſo dachte ich jedesmal dabei an ihn und an ſeinen duͤſteren alten Landſitz. Dieſer Gedanke beluſtigte mich ſo ſehr, daß ich unter den Baͤumen im Park daruͤber zu ſchreiben anfing, und nach ») Hohe⸗Lied. Cap. 2. Vers 5. **) Ein bekanntes, unzählige Male aufgelegtes, Er⸗ bauungsbuch von J. Bunyan, das, mit dem vollſtandigen 8 Titel„der Pfad des Pilgers aus dieſer Welt in jene“ heißt. Ueberſ. 264 einigen Tagen ſchon ziemlich weit in meinem Ge⸗ dichte fortgeruͤckt war, worin ich eine Beſchrei⸗ bung des Ortes unter dem Namen„das Schloß des Zweifels“ gegeben, und meinen Oheim als„ den Rieſen der Verzweiflung“ dargeſtellt hatte. „Ich verlor mein Gedicht irgendwo im Hauſe, und ſiel bald auf den Gedanken, daß mein Oheim es gefunden habe, da er mir ſehr rauh andeutete, daß ich nun nach Hauſe gehen koͤnne, und nicht eher wiederkommen und ihn zu beſuchen brauche, als bis er mich holen laſſen werde. Uum dieſe Zeit ſtarb meine Mutter.— Ich kann bei dieſer Begebenheit nicht lange verweilen. Mein Herz, ſo leicht und launig es auch iſt, bricht bei jeder Erinnerung daran. Ihr Tod war ein Ereigniß, das vielleicht meinem ganzen kuͤnfti⸗ gen Schickſale eine andere Richtung gab. Mit ihr ſtarb Alles hin, was mir meine Heimath werth ge⸗ macht hatte. Es gab itzt Niemanden mehr, dem ich gern Vergnuͤgen gemacht, oder dem ich nicht gern Kummer verurſacht haͤtte. Mein Vater war ein guter Mann in ſeiner Art, aber er hatte ver⸗ werfliche Grundſaͤtze bei ſeiner Erziehung, und wir dachten uͤber weſentliche Punkte nicht einerlei. Es macht einen großen Unterſchied in Hinſicht der Mei⸗ nung uͤber den Nutzen der Ruthe, welches Ende einem — — 265 Einem zu Theil wird. Ich konnte mir nie meines Vaters Denkweiſe uͤber dieſen Gegenſtand aneignen. Es fing daher an, mir nicht mehr ſonderlich in der Schule zu gefallen, wo ich oft um Sachen willen gepruͤgelt wurde, die mir nicht behagten. Ich ſehnte mich nach Abwechſelung, beſonders da ich nicht mehr zu meinem Oheim gehen konnte, um die Einfoͤrmigkeit der Schule mit der Oede eines Landſitzes zu vertauſchen. Ich war itzt beinahe ſiebenzehn Jahr alt, ziem⸗ lich groß fuͤr mein Alter und voll muͤſſiger Gedan⸗ ken. Ich hatte ein unſtaͤtes, unbezwingliches Ver⸗ langen, verſchiedene Lebensweiſen und verſchiedene Staͤnde kennen zu lernen, und dieſe Liebe zum Herumſtreifen hatte Tom Dribble, der erſte Schuͤ⸗ ler und das große Genie der Schule, der alle Un— ruhe eines Dichters beſaß, in mir genaͤhrt. So ſaß ich denn, an einem ſchönen Sommertage, an meinem Pult in der Schule, und blickte, ſtatt in dem Buche zu ſtudiren, das offen vor mir lag, durch das Fenſter auf die gruͤnen Felder und die blauen Huͤgel hinaus. Wie beneidete ich nicht die Gluͤcklichen, welche oben auf der Landkutſche ſaßen, und, waͤhrend ſie auf dem Wege nach der Hauptſtadt bei dem Schulhauſe voruͤberflogen, ſchwatzten, ſcherzten und lachten! Selbſt die Frachtfuhrleute, wenn ſie neben I. M 266 ihren ſchweren Wagen daher gingen, und das Land von einem Ende bis zum andern durchzogen, wa⸗ ren Gegenſtaͤnde des Neides fuͤr mich: ich dachte mir, was fuͤr Abenteuer ſie wol beſtehen und von welchen ſonderbaren Ereigniſſen ſie Zeugen ſeyn muͤß⸗ ten. Alles dieß malte mir, ohne Zweifel, mein dichteriſches Gemuͤth vor, und fuͤhrte mich in eine eigengeſchaffene Welt, die ich fuͤr die hielt, worin wir leben. So lange meine Mutter noch am Leben war, hielt die ſtaͤrkere Anziehungskraft der Heimath und das maͤchtige Band der Liebe dieſer Neigung zum Umherſtreifen das Gleichgewicht: itzt aber, wo ſie nicht mehr war, hatte dieſe Anziehungskraft aufge⸗ hoͤrt, und die Bande waren zerriſſen. Ich hatte keinen feſten Grund, worin mein Herz Fuß faſſen konnte, ſondern war jeder unbeſtimmten Anregung uͤberlaſſen. Nur die engen Schranken, in welchen mein Vater mich hielt, und die daher ruͤhrende Leere meiner Boͤrſe hielten mich ab, mich ebenfalls oben auf eine Landkutſche zu ſetzen, und mich auf das große Meer des Lebens zu begeben. Um dieſe Zeit ward unſer Dorf auf einen oder zwei Tage, von dem Durchzug mehrerer Leute in Bewegung geſetzt, welche wilde Thiere und andere Sehenswuͤrdigkeiten nach einem großen Markte 267 fuͤhrten, der alljaͤhrlich in einer benachbarten Stadt gehalten wurde. 1 Ich hatte nie irgend einen großen Markt geſe⸗ hen, und meine Neugierde ward durch dieſe Vor⸗ bereitungen dazu maͤchtig angeregt. Ich betrachtete mit Ehrfurcht und Bewunderung die herumziehen⸗ den Leute, welche dieſe Sehenswuͤrdigkeiten*) beglei⸗ teten. Ich ſchlenterte um die Dorſchenke her und hoͤrte voll Neugierde und Vergnuͤgen auf die eigene Sprache und die beſonderen Scherze der Eigenthuͤ⸗ mer der Sehenswuͤrdigkeiten und ihrer Angehoͤrigen, und fuͤhlte ein lebhaftes Verlangen, auf dem Markte zu ſeyn, den meine Einbildungskraft mir als etwas wunderbar Schoͤnes darſtellte. Es kam ein freier Tag, an dem ich vom Mittag bis zum Abend abweſend ſeyn konnte. Ein Wagen ging von unſerem Dorfe nach dem Markte, ich konnte der Verſuchung und Tom Dribble's Bered⸗ ſamkeit nicht widerſtehen, der nach Herzensluſt hin⸗ ter die Schule ging. Wir beſtellten uns Plaͤtze und fuhren voll von jugendlicher Erwartung ab. Ich nahm mir vor, nur einen Blick in das Land der *) Im Engliſchen nennt man eine Sammlung ſeltener Thiere und dergleichen, die im Lande umherziehen und zur Schau ausgeſtellt werden:„a caravan““, eine Karavane. 4 Ueberſ. M 2 * 268 Verheißung zu thun, und zuruͤck zu ſeyn, ehe man meine Abweſenheit gewahr werden koͤnnte. Himmel! wie gluͤcklich war ich, als ich auf dem Markte anlangte. Wie bezauberte mich die Welt voll Luſt und Prunk um mich her, Harlekin's Spaͤße, die Kuͤnſte der Reiter, die Zauber⸗Kunſt⸗ ſtuͤcke und Taſchenſpielereien! Was aber ganz beſon⸗ ders meine Aufmerkſamkeit auf ſich zog, war ein herumziehendes Theater, wo ein Trauerſpiel, eine Pantomime und eine Poſſe— in einer halben Stunde hintereinander— aufgefuͤhrt wurden, und mehr Per⸗ ſonen umkamen, als in Drury⸗Lane oder Covent⸗ Garden an einem ganzen Abend. Ich habe nach der Zeit viele Schauſpiele und von den vorzuͤglichſten Schau⸗ ſpielern in der Welt auffuͤhren ſehen, aber nie halb ſo viel Vergnuͤgen dabei empfunden, als bei dieſer erſten Darſtellung. Es kam hier ein wuͤthender Tyrann mit einer Muͤtze vor, die wie eine umgekehrte Terrine aus⸗ ſah, und mit einem Anzuge von rothem Boy, der praͤchtig mit vergoldetem Leder beſetzt war; dabei war ſein Geſicht von einem ſo furchtbaren Backenbarte beſchattet, die Augenbraunen mit gebranntem Kork ſo gewoͤlbt und vergroͤßert, daß mein Herz bebte, wenn er uͤber das kleine Theater ſchritt. So bezauberten mich auch die uͤberirdiſchen Reize 269 einer ungluͤcklichen Schoͤnen in verſchoſſener roſen⸗ rother Seide und ſchmuzigem weißen Neſſeltuch, die er in grauſamer Gefangenſchaft hielt, um ihre Liebe zu gewinnen, und die von einem unuͤberwind⸗ lichen Thurme von der Groͤße einer Haubenſchach⸗ tel herab weinte, die Haͤnde rang und ein zerriſſe⸗ nes weißes Schnupftuch wehen ließ⸗ Selbſt nachdem das Schauſpiel ſchon voruͤber war, konnte ich mich von dem Orte nicht los⸗ reißen, ſondern verweilte noch, blickte voll Verwun⸗ derung dahin, und lachte uͤber die Schauſpieler, wie ſie ihre Poſſen riſſen, oder auf einem Geruͤſt vor der Bude tanzten, um einen neuen Haufen von Zuſchauern anzulocken*). Das Ganze hatte mich ſo verwirrt gemacht, und ich war in dem Taumel der Gefuͤhle, die auf mich einſtuͤrmten, ſo verloren, daß ich wie ein Verzuͤck⸗ ter war. Ich verlor meinen Gefaͤhrten, Tom Dribble, in einem Getuͤmmel und Handgemenge, zu welchem es in der Naͤhe einer der Ausſtellungen kam, allein mein Gemuͤth war zu ſehr beſchaͤftigt, als daß ich lange an ihn haͤtte denken ſollen. Ich trieb mich umher bis zur Daͤmmerung, wo der *) Dieß geſchieht jedesmal außen vor der Bühne, in der Zeit zwiſchen den Aufführungen, die gewöhnlich den ganzen Tag über fortdauern. Ueberſ⸗ 270 Markt erleuchtet wurde, und ein neuer Zauberan⸗ blick ſich mir eroͤffnete. Die Beleuchtung der Zelte und Buden, die glaͤnzende Wirkung der mit Lam⸗ pen verzierten Theater, mit den dramatiſchen Grup⸗ pen, welche in ihren bunten Kleidern darum her gaukelten, ſtach grell gegen die Dunkelheit der Nacht ab, waͤhrend der Laͤrm der Trommeln, Trompeten, Geigen, Oboen und Cymbeln, mit den Reden der Eigenthuͤmer der Sehenswuͤrdigkeiten, dem Gequaͤke des Harlekin und dem Geſchrei und Gelaͤchter der Menge, ſich vereinigten, den Taumel, worin ich mich befand, vollſtaͤndig zu machen. Die Zeit verfloß, ohne daß ich es bemerkte. Als ich zu mir ſelbſt kam, und an die Schule dachte, eilte ich, die Nuͤckkehr anzutreten. Ich fragte nach dem Wagen, in welchem ich gekommen war— er war ſchon vor mehreren Stunden abge⸗ gangen! ich fragte, welche Zeit es ſey: es war bei⸗ nahe Mitternacht! Ein ploͤtzliches Zittern uͤberfiel mich. Wie ſollte ich nach der Schule zuruͤckgelan⸗ gen?*) Ich war zu ermuͤdet, den Weg zu Fuße zu machen, und wußte nicht, wo ich eine Gelegen⸗ heit finden ſollte, nach Hauſe zu kommen. Und ſelbſt *) Es war nämlich eine ſogenannte boarding-school, eine Koſtſchule, worin der großere Theil der Engliſchen Jugend, beider Geſchlechter, erzogen wird. Ueberſ. wenn ich eine gefunden haͤtte, durfte ich es wagen, ſpaͤt nach Mitternacht, eine Stoͤrung im Schul⸗ hauſe zu verurſachen? den ſchlafenden Loͤwen, den Thuͤrſteher, aus ſeiner Ruhe zu wecken?— Dieß war ein zu furchtbarer Gedanke fuͤr einen pflicht⸗ vergeſſenen Schulknaben. Alle die Schrecken der Ruͤckkehr uͤberſielen mich. Meine Abweſenheit mußte ſchon lange bemerkt worden ſeyn;— und eine gande Nacht auszubleiben! Dieß war eine That der Fin⸗ ſterniß, die nicht ſo leicht abgebuͤßt werden konnte. Die Zuchtruthe des Lehrers breitete ſich in zehnfa⸗ chen Schrecken vor meiner aufgeregten Einbildungs⸗ kraft aus*). Ich malte mir Zuͤchtigung und De⸗ muͤthigung in den mannigfaltigſten Geſtalten vor⸗ und mein Herz ſank bei dieſem Bilde. Ach, wie oft ſind doch die kleinen Uebel der Knabenzeit un⸗ ſern zarten Gemuͤthern eben ſo furchtbar, als die ſchwereren Ungluͤcksfaͤlle der Maͤnnerjahre fuͤr un- ſere ſtaͤrkeren Seelen! Ich wanderte zwiſchen den Buden umher, und haͤtte mir aus meinen itzigen Gefuͤhlen ſehr wohl die Lehre abziehen koͤnnen, wie ſehr die Reize dieſer Welt in uns ſelbſt liegen, denn ich ſah itzt nichts *) In dem freien England wird nämlich dieß Werkzeug noch bei jungen Leuten, die ſchon über die Kinderjahre binaus ſind, ſehr häuſig in Anwendung gebracht. Ueberſ. 272 Froͤhliches oder Ergetzliches mehr in dem Gewuͤhl um mich her. Endlich legte ich mich, erſchoͤpft und verwirrt, hinter einem der großen Zelte nieder, be⸗ deckte mich mit dem Saume der Zeltleinwand, um mich gegen die Nachtkaͤlte zu ſchuͤtzen, und ſchlief ein. Ich hatte noch nicht lange geſchlafen, als ich durch ein froͤhliches Getoͤſe innerhalb einer benach⸗ barten Bude erweckt wurde. Es kam aus dem, ganz roh aus Brettern und Leinwand zuſammenge⸗ ſchlagenen wandernden Theater. Ich guckte durch eine Oeffnung, und ſah nun die ſaͤmmtlichen handelnden Perſonen, aus dem Trauerſpiel, dem Luſtſpiel und der Pantomime, ſich guͤtlich thun, nachdem ſie auch die letzten Zuſchauer entlaſſen. Sie waren luſtig und guter Dinge, und das leichte Theater ſchallte von ihrem Gelaͤchter wieder. Ich war erſtaunt, den Tyrannen aus dem Trauerſpiele, in rothem Boy mit ſeinem gewaltigen Backenbarte, der mein Herz erbeben gemacht hatte, als er auf den Brettern um⸗ herſchritt, itzt in einen fetten, gutmuͤthigen Mann verwandelt zu ſehen: er hatte die glaͤnzende Terrine abgelegt, und ſein lachendes Geſicht war von allen Schreckniſſen, die ihm der gebrannte Kork verlie⸗ hen, gereinigt. So war ich auch ſehr erfreut, die ungluͤckliche Schoͤne in dem verſchoſſenen ſeidenen Kleide und dem ſchmuzigen Neſſeltuch, welche un⸗ ter ſeiner Tyrannei geſchmachtet und mich ſo ſehr durch ihre Leiden betruͤbt hatte, ganz vertraulich auf ſeinem Knie ſitzen und mit ihm aus einem Kruge trinken zu ſehen. Harlekin lag auf einer Bank und ſchlief, und Moͤnche, Satyrn und Veſtalinnen ſaßen in buntem Gemiſch beiſammen, und lachten uͤbermaͤßig uͤber eine derbe Geſchichte, welche ein ungluͤcklicher Graf erzaͤhlte, der in dem Trauerſpiele grauſam ermordet worden war. Dieß war mir in der That ganz neu. Es kam mir vor, als waͤre ich auf einmal auf einen andern Planeten verſetzt worden. Ich ſah und hoͤrte mit ge⸗ ſpannter Neugierde und großem Vergnuͤgen zu. Die Leute erzaͤhlten ſich tauſend naͤrriſche Geſchich⸗ ten und Spaͤße uͤber die Begebenheiten des Tages, machten viel luſtige Beſchreibungen der Zuſchauer die ſie bewundert hatten, und aͤfften ihnen nach. Ihre Unterhaltung war voll von Beziehungen auf ihre Abenteuer an verſchiedenen Orten, wo ſie geſpielt hatten, auf die Leute, die ſie in verſchiede⸗ nen Doͤrfern gefunden, und auf die komiſchen Ver⸗ legenheiten, in welche ſie zuweilen verwickelt gewe⸗ ſen waren. Dieſe leichtſinnigen Geſchoͤpfe wußten itzt allen fruͤheren Sorgen und Muͤhen eine laͤcher⸗ ghe Seite abzugewinnen, und dadurch die Froͤh⸗ lichkeit des Augenblicks zu erhoͤhen. Sie waren 274 von Jahrmarkt zu Jahrmarkt im Lande umhergezo⸗ gen, und wollten am naͤchſten Morgen nach Lon⸗ don aufbrechen. Mein Entſchluß war gefaßt. Ich kam hervor aus meinem Verſteck, kroch durch eine Hecke und kam ſo auf ein benachbartes Feld, wo ich mich nun in einen Lumpenbuben verwandelte. Ich zerriß meine Kleider, beſchmuzte ſie, beſchmierte mir Geſicht und Haͤnde, kroch zu einer von den Buden hin, nahm hier einen alten Hut weg, und ließ meinen neuen an der Stelle. Es war ein ehrlicher Diebſtahl, und ich denke, er wird mir in jener Welt einmal nicht angerechnet werden. Ich trat nun dem Schauplatze der Froͤhlichkeit naͤher, ſtellte mich der dramatiſchen Geſellſchaft vor und bot meine Dienſte als Freiwilliger an. Mir war dabei ſehr aͤngſtlich und furchtſam zu Muthe, denn ich war noch nie in„ſolcher Verſammlung“ gewe⸗ ſen. Ich hatte meine Worte an den Direktor der Geſellſchaft gerichtet. Er war ein ſtarker Mann, ſchmuzig weiß gekleidet, und trug einen rothen, mit Flittergold beſetzten Guͤrtel um den Leib: ſein Geſicht war mit Schminke bemalt, und eine majeſtaͤtiſche Feder wogte von einer alten beflitter⸗ ten ſchwarzen Muͤtze herab. Es war der Jupiter tonans dieſes Olymps, und von allen Untergotthei⸗ ten beides Geſchlechts ſeines Hofes umgeben. Er — 225 ſaß am Ende einer Bünk, an einem Tiſche, den ei⸗ nen Arm in der Seite, den andern am Hentkel ei⸗ nes Kruges, den er langſam niedergeſetzt hatte, in⸗ dem er mich vom Kopf bis zu den Fuͤßen betrach⸗ tete. Es war ein Augenblick furchtbarer Pruͤfung, und ich glaubte die Gruppen umher alle in ſchwei⸗ gender Erwartung umherſtehen und den Hethſchor⸗ wink erwarten zu ſehen. Er fragte mich, wer ich ſey, was ich verſtände und was meine Bedingungen waͤren. Ich gab mich fuͤr einen verabſchiedeten Bedienten aus einer herr⸗ ſchaftlichen Familie aus, und da man gluͤcklicher⸗ weiſe keiner beſondern Empfehlung bedarf, um in ſchlechte Geſellſchaft aufgenommen zu werden, ſo waren die Fragen uͤber dieſen Gegenſtand bald beant⸗ wortet. Was meine Faͤhigkeiten betraf, ſo konnte ich etwas Verſe herſagen und wußte mehrere Auf⸗ tritte aus Schauſpielen auswendig, die ich bei Schul⸗Examen gelernt hatte; ich konnte tanzen,— das war hinlaͤnglich. Man that weiter keine Fragen an mich uͤber meine Faͤhigkeiten: man brauchte ge⸗ rade ſo einen Menſchen, wie ich war, und da ich keinen Gehalt, ſondern nur Eſſen und Trinken und ſicheres Geleit durch die Welt verlangte, ſo war der Handel in einem Augenblick abgeſchloſſen. So war ich denn auf einmal aus einem jungen 276— . 885 Studirenden in einen tanzenden Poſſenreißer ver⸗ wandelt, denn dieß war die Rolle, in welcher ich auftrat. Ich war einer von Denen, welche die Gruppen in den Schauſpielen bildeten, und ward vorzuͤglich auf dem Geruͤſt vor der Bude gebraucht, um Zuſchauer anzuziehen. Man hatte mich als Satyr ausſtaffirt, in einem Kleide von braͤunlichem Fries, nach meinem Wuchſe gemacht, mit einer gro⸗ ßen lachenden Maske, die gewaltige Ohren und kurze Hoͤrner hatte. Dieſe Verkleidung war mir ſehr angenehm, weil ſie mich der Gefahr entzog, entdeckt zu werden, ſo lange wir uns in dieſer Ge⸗ gend befanden, und da ich nur zu tanzen und Poſ⸗ ſen zu reißen hatte, ſo war dieſe Rolle fuͤr einen angehenden Schauſpieler ſehr vortheilhaft, und un⸗ gefaͤhr mit Simon Snug's Loͤwen⸗Rolle*) zu ver⸗ gleichen, der auch nur zu bruͤllen brauchte. Ich kann es nicht beſchreiben, wie gluͤcklich mich dieſe ploͤtzliche Veraͤnderung meiner Lage machte. Ich fuͤhlte mich nicht herabgewuͤrdigt, denn ich hatte zu wenig von der menſchlichen Geſellſchaft ge⸗ ſehen, um an eine Verſchiedenheit des Ranges zu denken, und ein junger Menſch von ſechszehn Jahren iſt ſelten ein großer Ariſtokrat. Ich hatte mich von keinem 2 In Shakeſpeare's Sommernachtstraum. Ueberſ. — — 5 277 Blutsfreund losgeriſſen, denn Niemand in der Welt ſchien ſich mehr um mich zu bekuͤmmern, ſeitdem meine arme Mutter todt war: ich hatte keinem Ver⸗ gnuͤgen entſagt, denn ich fand ein Vergnuͤgen darin, umherzuſtreifen und mich den Eingebungen einer dich⸗ teriſchen Einbildungskraft zu uͤberlaſſen, und dieß genoß ich itzt in ſeinem ganzen Umfange. Es giebt kein ſo wahrhaft poetiſches Leben, als das eines tanzenden Poſſenreißers. Man wird vielleicht ſagen, daß alles dieß auf eine Neigung zum Gemeinen hindeutete. Ich glaube nicht. Nicht daß ich mich ſehr rechtfertigen will; ich weiß zu wohl, was fuͤr ein naͤrriſches Weſen ich bin. Aber in dieſem Falle war es nicht die Liebe zu ſchlechter Geſellſchaft, noch eine Hinneigung zur Fröhnung niedriger Laſter, was mich verfuͤhrte. Ich habe von je das grob Gemeine verachtet, und immer einen Abſcheu gegen das Laſter, ſowohl im niedrigern als hoͤhern Leben, gehabt. Eine ploͤtzliche, unbedachtſame Aufwallung hatte ſich allein meiner bemaͤchtigt. Ich dachte gar nicht daran, dieſes Gewerbe zu meinem Lebensunterhalt zu ergreifen, oder mich an dieſe Leute, als die Klaſſe der Geſellſchaft, in welcher ich kuͤnftig leben wollte, zu haͤngen. Ich hatte nur eine einſtweilige Befriedigung meiner Neugier geſucht, und meiner Laune nachgeben wollen. Ich hatte be⸗ 278 reits eine entſchiedene Vorliebe fuͤr die Eigenthuͤm⸗ lichkeiten des Theaters, und habe immer an dem Schauſpiele des Lebens großes Behagen gefunden, und es gern durch alle feim Auftritte verfolgen moͤgen. 68 Waͤhrend ich mich alſo unter Gaukler und Poſſen⸗ reißer miſchte, ſchuͤtzte mich eben die Lebendigkeit der Einbildungskraft, welche mich unter ſie gefuͤhrt hatte. Ich bewegte mich umher, gleichſam umge⸗ ben von einer mich beſchirmenden Taͤuſchung, wo⸗ mit meine Phantaſie mich umwob. Ich ge⸗ ſellte mich zu dieſen Leuten nur in ſo fern, als ſie einen dichteriſchen Eindruck auf mich machten; ihr launiges Weſen und ein gewiſſees maleriſches Etwas in ihrer Lebensart unterhielten mich allein; ich fand weder an ihren Laſtern Behagen, noch verderbten ſie mich. Kurz, ich miſchte mich unter ſie, wie Prinz Hainz*⁵) ſich unter ſeine verworfenen Ge⸗ faͤhrten miſchte, nur um meiner Laune Genuͤge zu leiſten. Ich forſchte damals meinen Beweggruͤnden nicht ſo genau nach, denn ich war zu unbeſonnen und zu leichtſinnig, um uͤber die Sache Betrachtungen anzu⸗ ſtellen; allein ich thue dieß itzt, wo ich mit Zittern 2 2) In Shakeſpeare's Heinrich IV. Ueberſ. 3 1 ———— —— 229 auf die Feuerprobe zuruͤckblicke, der ich mich darnals ſo ſorglos ausſetzte, und auf die Weiſe, wie ich ſie uͤberſtand. Ich bin feſt uͤberzeugt, daß nur die poetiſche Richtung, welche mich in dieſe Verlegen⸗ heit brachte, mir auch wieder aus derſelben her⸗ aushalf, ohne daß ich ein arger Landſtreicher gewor⸗ den waͤre. k, Voll von dem Genuſſe des Augenblicks, ſchwin⸗ delnd von der Kraft des Thieriſchen, welche bei ei⸗ nem Knaben ſo gewaltig iſt, ſprang ich, tanzte ich, machte tauſend wilde Streiche auf dem Thea⸗ ter, in den Doͤrfern wo wir ſpielten, und ward allgemein fuͤr den angenehmſten Ausbund gehalten, den man je in dieſer Gegend geſehen hatte. Mein Verſchwinden aus der Schule hatte meines Vaters Beſorgniſſe erregt, denn ich hörte eines Tages eine Beſchreibung von mir vor derſelben Bude ausru⸗ fen, worin ich ſpielte, wobei man zugleich eine Be⸗ lohnung verhieß, wenn man Nachricht von mir geben koͤnnte. Ich fuͤhlte keine große Gewiſſens⸗ biſſe daruͤber, daß mein Vater meinetwegen etwas unruhig war; dieß war die Strafe fuͤr ſeine fruͤ⸗ here Gleichguͤltigkeit gegen mich, und konnte dazu beitragen, daß er mich werther hielt wenn er mich wiederfand. 4* Ich habe mich oft gehnderr, daß meine Ka⸗ „ 44 280 meraden in mir nicht das verlorene Schaf erkann⸗ ten, welches ausgerufen wurde, allein ſie waren wahrſcheinlich insgeſammt mit ihren eigenen Ange⸗ legenheiten beſchaͤftigt. Sie arbeiteten alle ſehr ange⸗ ſtrengt in ihrem Poſſenreißer⸗Beruf, denn die Thor⸗ heit war bei den meiſten ein bloßes Gewerbe, und ſie lachten und ſprangen oft mit ſchwerem Herzen. Bei mir war im Gegentheil Alles Wirklichkeit. Ich ſpielte mit Liebe, und tobte und lachte aus un⸗ beſiegbarem Frohſinn meines Gemuͤths. Es iſt wahr, daß ich dann und wann wol auffuhr und ſehr ernſthaft ausſahe, wenn ich einen ploͤtzlichen Schlag mit Harlekin's Peitſche, mitten in meinen Spruͤngen, erhielt, indem mich dieſer an die Birken⸗ ruthe meines Schulmeiſters erinnerte. Allein ich gewoͤhnte mich bald daran, und ertrug alle das Schlagen und Stoßen und Umherwerfen, welches den praktiſchen Witz der umherziehenden Pantomi⸗ men bildet, mit einer Gutmuͤthigkeit, die mich zu dem großen Lieblinge Aller machte. Der Sommer⸗Feldzug der Truppe war bald zu Ende, und wir machten uns nun nach der Hauptſtadt auf, um auf den Maͤrkten zu ſpielen, welche in der Naͤhe derſelben gehalten wurden. Der groͤßere Theil unſeres theatraliſchen Eigenthums ward auf dem geraden Wege dahin geſandt, um — ʒ;— 281 bei Eroͤffnung der Maͤrkte in Bereitſchaft zu ſeyn, waͤhrend eine Abtheilung der Truppe langſam nach⸗ reiſete und in den Doͤrfern auf Weide ging. Das unſtaͤte, fluͤchtige Leben, das wir fuͤhrten, beluſtigte mich ungemein; heute hier, morgen dort, zuweilen in Bierhaͤuſern geſchwelgt, zuweilen unter den Hek⸗ ken auf den gruͤnen Feldern geſchmauſet. Wenn wir zahlreiche Zuhoͤrer hatten, und das Geſchaͤft gut ging, ſo lebten wir auch gut; wo nicht, behalfen wir uns kuͤmmerlich, troͤſteten uns, und ſuchten zus durch die Erwartung des gluͤcklichen Sgee⸗ naͤchſten Tages ſchadlos zu halten. Endlich kuͤndigte die zunehmende Zahl der Kut⸗ ſchen, die, mit Reiſenden beladen, bei uns voruͤber eilten, die wachſende Menge der Equipagen, Karrn, Laſtwagen, Gigs, Heerden von Rindvieh und Schafen, welche die Straße bedeckten, die net⸗ ten kleinen Landhaͤuſer mit ihren niedlichen Blu⸗ mengaͤrten von zwoͤlf Fuß im Quadrat, und ihren zwoͤlf Fuß hohen Baͤumen, ſaͤmmtlich mit Staub bedeckt, die unzaͤhligen Schulen fuͤr junge Damen und Herren, welche an der Landſtraße lagen, damit die Schuͤler die Landluft und die laͤndliche Einſam⸗ keit genoͤſſen;— alles dieß kuͤndigte es an, daß das gewaltige London nahe ſey. Das Treiben und die Volksmenge, das Gewirr, der Laͤrm und der 282 Staub nahmen zu, je weiter wir kamen, bis ich die große Rauchwolke wie einen Prachtbaldachin uͤber dieſer Koͤnigin der Staͤdte in der Luft han⸗ gen ſah. Se zos ich denn in die Hauptſtadt ein, als ein herumziehender Landſtreicher, oben auf dem Wagen einer Schauſpielertruppe, mit einem Haufen von Landſtreichern um mich her. Ich war indeſſen gluͤcklich wie ein Fuͤrſt, denn ich fuͤhlte mich, wie Prinz Hainz, uͤber meine Lage erhaben, und wußte, daß ich ſie zu jeder Zeit aͤndern und wieder in meiner gehoͤrigen Sphaͤre auftreten konnte. Wie funkelten meine Augen, als wir zu Hyde⸗ park⸗Corner hineinfuhren*), und ich glaͤnzende Equipagen ſah, mit gepuderten Bedienten hinten⸗ auf, in reichen Livreen mit ſchoͤnen Blumenſtraͤu⸗ ßen und Stoͤcken mit goldenen Knoͤpfen, und lie⸗ benswuͤrdige Frauen darin, die ſo praͤchtig gekleidet und ſo uͤberaus ſchoͤn waren! Ich bin von jeher fuͤr weibliche Schoͤnheit ſehr empfaͤnglich geweſen; hier ſah ich ſie in ihrem ganzen Zauber, denn was man mir auch von der„ſchmuckloſen Schoͤnheit“ ſagen mag, ſo liegt etwas beinahe Gewaltiges in *) Dem großen Eingange von London für Alles, was von Weſten kommt. Ueberſ. —— der weiblichen Liebenswuͤrdigkeit, wenn ſie durch Juwelen noch gehoben wird. Der Schwanenhals mit Diamanten umgeben, die Rabenlocken, in de⸗ nen Perlen prangen, der Rubin welcher auf dem ſchneeweißen Buſen glaͤnzt, ſind Gegenſtaͤnde, die ich nie ohne Bewegung habe betrachten koͤnnen, und ein blendendweißer Arm, von Armbaͤndern umfangen, und zierliche kleine Finger mit funkelnden Ringen beſetzt, ſind fuͤr mich unwiderſtehlich. Meine Augen ſchmerzten mir, als ich auf die erhabenen und vornehmen Schoͤnheiten blickte, welche bei mir voruͤber kamen. Dieß ließ Alles hinter ſich, was meine Einbildungskraft mir von dem weiblichen Geſchlecht vorgeſpiegelt hatte. Ich ver⸗ ging, einen Augenblick lang, vor Scham uͤber die Geſellſchaft, in der ich mich befand, und trauerte uͤber die gewaltige Kluft, die zwiſchen mir und dieſen herrlichen Weſen zu liegen ſchien. Ich enthalte mich einer genauen Beſchreibung des gluͤcklichen Lebens, das ich in der Umgegend der Hauptſtadt fuͤhrte, wo ich auf den verſchiedenen Maͤrkten ſpielte, welche dort waͤhrend der letzteren Haͤlfte des Fruͤhlings und zu Anfange des Som⸗ mers gehalten werden. Dieſer ununterbrochene Wechſel eines Ortes und eines Schauplatzes mit dem andern gab meiner Einbildungskraft immer 284 neuen Stoff, und erhielt meine Lebensgeiſter in ei⸗ nem beſtaͤndigen Zuſtande der Erregung. Da ich fuͤr mein Alter ſehr groß war, ſo unternahm ich es einſt, Helden im Trauerſpiel darzuſtellen; der Director erklaͤrte aber, nach zwei oder drei Verſu⸗ chen, daß ich fuͤr dieſes Feld durchaus nicht zu brauchen ſey, und unſere erſte tragiſche Schauſpie⸗ lerin, die eine gewaltige Frau war, und alle klei⸗ nen Helden haßte, pflichtete ſeinem Urtheile bei. Die wahre Urſach war die, daß ich einer Sprache, welche keine Bedeutung hatte, deren zu geben, und Natur in Auftritte zu bringen geſucht hatte, in welchen keine war. Man ſagte mir, ich fuͤllte meine Rollen nicht aus, und man hatte Recht. Die Rollen waren alle fuͤr eine ganz andere Art von Maͤnnern gemacht. Unſer erſter tragiſcher Held war ein feiſter, kraͤftiger Menſch, mit einer ungeheuren Stimme, der ſich auf die Bruſt pochte und ſchlug, bis ſeine Peruͤcke davon erbebte, und der ſeinen Bombaſt herausbruͤllte und bellte, bis jede Phraſe wie ein Paukenſchlag in das Ohr drang. Mit eben ſo wenigem Gluͤck, wie ich ſeine Rollen ausfuͤllte, wuͤrde ich auch ſeine Kleider haben aus⸗ fuͤllen koͤnnen. Wenn wir ein Geſpraͤch mit einan⸗ der hatten, ſo verſchwand ich, mit meiner ſchwachen Stimme und meiner betonenden Art, ganz vor ihm. + ———— 285 Eben ſo wenig haͤtte ich einen Knuͤttel mit einem Galanterie⸗Degen pariren koͤnnen. Wenn er fand, daß ich gegen ihn aufzukommen anfing, ſo nahm er zu ſeiner maͤchtigen Stimme ſeine Zuflucht, und ſchleuderte ſeine Töne im Donner nach mir, bis dieſe wieder in dem noch lautern donnernden Beifall der Zuhoͤrer untergingen. Die Wahrheit zu ſagen, ſo glaube ich, daß man nicht ganz ehrlich gegen mich zu Werke ging, und daß eine Kabale im Hintergrunde lag; denn, ohne eitel zu ſeyn, ich war ein beſſerer Schauſpieler als er. Da ich nicht aus Ehrſucht ein Landſtreicherle⸗ ben angefangen hatte, ſo war ich auch uͤber meine wenige Befoͤrderung nicht unmuthig, allein es ging mir nahe, zu ſehen, wie es auch bei einem Land⸗ ſtreicherleben Sorgen und Bekuͤmmerniß giebt, und daß Eiferſucht, Intriguen und toller Ehrgeiz ſelbſt unter Landſtreichern herrſchen. Je vertrauter ich mit meiner Lage wurde, und je mehr die Taͤuſchungen der Einbildungskraft ver⸗ ſchwanden, deſto mehr fand ich uͤberhaupt, daß meine Gefaͤhrten nicht die gluͤcklichen, ſorgloſen Ge⸗ ſchoͤpfe waren, wie ich ſie mir Anfangs gedacht hatte. Sie waren untereinander auf ihre Talente eiferſuͤchtig, zankten ſich um Rollen, wie die Schau⸗ ſpieler auf den großen Theatern, zankten ſich um 286 Kleidungen, und es gab ein Kleid von gelber Seide, mit Roth beſetzt, und einen Kopfputz mit drei zer⸗ knickten Straußfedern, welche unter den Damen der Truppe beſtaͤndig Zwiſtigkeiten erregten. Selbſt die, welche zu den hoͤchſten Ehren gelangt, waren deßwegen nicht gluͤcklicher, als die uͤbrigen, denn Herr Flimſey ſelbſt, unſer erſter Tragiker, ein dem Anſcheine nach froͤhlicher, luſtiger Mann, ge⸗ ſtand mir eines Tages, als ihm das Herz voll war, daß er ſich hoͤchſt ungluͤcklich fuͤhle. Er hatte ei⸗ nen Schwager(keinen Blutsverwandten, ſondern durch Heirath mit ihm verſchwaͤgert) welcher Di⸗ rektor eines Theaters in einer kleinen Landſtadt war. Dieſer Bruder nun„etwas mehr als ver⸗ wandt, aber weniger als befreundet”*), ſah ge⸗ ringſchaͤtzig auf ihn herab, und behandelte ihn ver⸗ aͤchtlich, und zwar deßwegen— weil er nur ein herumziehender Schauſpieler war. Ich ſuchte ihn dadurch zu erheitern, daß ich ihm vorſtellte, wie großen Beifall er taͤglich einernte, aber Alles war vergebens. Er ſagte, daß ihm dieſer durchaus kein Vergnuͤgen mache, und daß er nicht eher gluͤck⸗ lich ſeyn wuͤrde, als bis der Name Flimſey mit dem Namen Crimp auf Einer Stufe ſtaͤnde. ) Shakeſpeare’s Hamlet. Ueberſ. 287 Wie wenig ahnen die, welche vor den Kouliſſen ſitzen, was hinter denſelben geſchieht! wie wenig koͤnnen ſie nach den Mienen der Schauſpieler beurtheilen, was in ihren Herzen vorgeht! Ich habe einen Liebhaber ſich mit ſeiner Geliebten wie Hund und Katze hinter den Kouliſſen zanken ſehen, die einen Augenblick nachher ſich in die Arme flie⸗ gen mußten. Eben ſo habe ich oft gefuͤrchtet, daß, wenn unſere Belvidera ihrem Jaffier den Ab⸗ ſchiedskuß gab*), ſie ihm ein Stuͤck aus der Backe beißen wuͤrde. Unſer erſter Tragiker war, außer⸗ halb des Theaters, ein plumper Spaßmacher, und unſer erſter Poſſenreißer der muͤrriſchſte Menſch, den man nur ſehen konnte. Der Letztere pflegte kei⸗ fend und brummend umherzugehen, und war dabei ſo geſchminkt, daß ſein Geſicht hoͤchſt komiſch war, und ich kann Sie verſichern, daß, was man auch von dem Ernſt eines Affen oder der Traurigkeit ei⸗ ner verliebten Katze ſagen mag, es doch kein trau⸗ rigeres Geſchoͤpf geben kann, als einen Poſſenreißer, wenn er nicht auf der Buͤhne iſt. Das Einzige, worin ſaͤmmtliche Schauſpieler Ei⸗ nes Sinnes waren, war, von dem Direktor hinter ſeinem Nuͤcken Boͤſes zu reden, und gegen ſeine *) In Otway's gerettetem Venedig. ueberſ. Anordnungen ſich aufzulehnen. Dieß iſt indeß, wie ich ſeitdem gefunden habe, ein Zug, der in der menſchlichen Natur uͤberhaupt liegt und in allen Geſellſchaften ſich wieder findet. In allen Verhaͤlt⸗ niſſen des Lebens, die ich genauer betrachtet, habe ich die Menſchen in zwei große Haͤlften ge⸗ theilt gefunden: die, welche reiten, und die, welche geritten werden. Der große Kampf im menſchli⸗ chen Leben ſcheint darauf hinauszugehen, wer ſich im Sattel erhalten werde. Dieß ſcheint mir der Hauptgrundſatz in der Politik, im hoͤheren wie im gemeineren Leben, zu ſeyn. Ich will nicht mo⸗ raliſiren— aber wir koͤnnen nicht immer das Phi⸗ loſophiren laſſen. Doch ich kehre zu mir ſelbſt zuruͤck. Da es, wie ich ſchon erwaͤhnt habe, ausgemacht war, daß ich zum Trauerſpiele nicht paſſe, man mich auch, weil ich meine Rollen wegen meines ſchlechten Ge⸗ daͤchtniſſes nicht gut lernte, fuͤr unfaͤhig erklaͤrte, im Luſtſpiel aufzutreten, und das Fach der jungen Herren uͤbrigens ſchon von einem Schauſpieler in Be⸗ ſchlag genommen war, mit dem ich mich nicht fuͤg⸗ lich in einen Wettſtreit einlaſſen konnte, da er ſie beinahe ſchon ein halbes Jahrhundert lang geſpielt hatte, ſo ſtieg ich wieder zur Pantomime her⸗ ab. Durch die Fuͤrſprache der Frau des Direk⸗ tors, —— — A — 289 tors, die Wohlgefallen an mir gefunden hatte, kam es indeſſen dahin, daß ich von der Rolle des Sa⸗ tyrs zu der des Liebhabers*) befoͤrdert wurde, und, mit beſchoͤnpflaſtertem und geſchminktem Geſicht, mit einer gewaltigen Halsbinde von Papier, einem Hute mit kirchthurmartigem Kopfe und einem himmel⸗ blauen Rocke mit langen Schoͤßen, in Colombine's Liebhaber verwandelt, auftrat. Meine Rolle erfo⸗ derte keinen großen Aufwand von Zaͤrtlichkeit und Empfindſamkeit. Ich hatte weiter nichts zu thun, als die Schoͤne zu verfolgen, mir dann und wann eine Thuͤr vor der Naſe zuſchlagen zu laſſen, mit dem Kopfe zuweilen gegen einen Pfoſten zu laufen, mit Pantalon und dem Bajazzo**) umherzuſtol⸗ pern und mich zu waͤlzen, und die derben Streiche von Harlekin's Pritſche zu erdulden. Das Ungluͤck wollte indeß, daß meine poetiſche Stimmung wieder in mir zu erwachen anfing und mir neue Unruhe verurſachte. Die entzuͤndliche Luft der großen Hauptſtadt, zuſammengenommen mit den laͤndlichen Gegenden, wo die Maͤrkte ge⸗ halten wurden, z. B. dem Park von Greenwich, 4 * * 44 *) In der Pantomime. Ueberſ. **) In der Engliſchen Pantomime der Clown, Tölpel, Rüpel genannt. Ueberſ.* I. 4 N * dem Forſt von Epping und dem lieblichen Thal von Weſt⸗End,— alles dieß hatte einen maͤchtigen Einfluß auf mich. Im Parke von Greenwich war ich Zeuge der alten Feſttagsſpiele, wo man den Huͤgel. hinunter laͤuft*) und in der Runde kuͤßt. Dazu kam das Firmament von bluͤhenden Geſichtern und blauen Augen, die auf mich gerichtet waren, wenn ich auf dem Theater meine Poſſen machte; dieß alles brachte mein junges Blut und meine poetiſche Ader in volle Bewegung. Kurz, ich ſpielte meine Rolle nach dem Leben, und verliebte mich ganz ernſthaft in Colombine. Dieß war ein nettes, artig gebau⸗ tes, anlockendes Maͤdchen, mit einem Schelmenge⸗ ſicht voll Gruͤbchen und ſchoͤnem kaſtanienbraunen Haar, das in Locken darum her wallte. Sobald ich mich wirklich verliebt hatte, war es mit meiner Darſtellung zu Ei.de. Ich war ein Geſchoͤpf von ſo viel Einbildungskraft und Gefuͤhl, daß ich keine angenommene Empfindung heucheln konnte, ſobald mich eine wahre gewaltſam bewegte. Ich konnte mit *) Dieß iſt der Abhang, auf welchem die Sternwarte ſteht. Gewöhnlich faſſen zwei Männer ein Frauenzimmer bei der Hand, und laufen mit ihr, ſo ſchnell als möglich, den Abhang hinunter. Fallen ſie, ſo entſteht ein großes Ge⸗ lächter. Dieß iſt übrigens nur eine Beluſtigung der nie⸗ drigen Volksklaſſe. Ueberſ. — 291 Etwas nicht Scherz treiben, das ſich der Wahr⸗ heit ſo ſehr naͤherte. Welche Lage fuͤr einen Lieb⸗ haber! Ich war ein bloßer Burſch, und ſie trieb mit meiner Leidenſchaft ein Spiel, denn Maͤdchen pflegen in dieſen Dingen bald mehr Gewandtheit und Umſicht zu erlangen, als die unbehuͤlflichen jun⸗ gen Maͤnner. Welche Seelenangſt fuͤhlte ich nicht! So oft ſie vorn vor der Bude tanzte und ihre Reize ſo ruͤckſichtslos enthuͤllte, litt ich Todesquaal. Mich vollends ungluͤcklich zu machen, hatte ich einen wirklichen Nebenbuhler an dem Harlekin, einem kraͤftigen, verſchmitzten jungen Manne von ſechs und zwanzig Jahren. Was blieb einem unbeholfenen unerfahrenen Burſchen, wie ich war, bei einem ſolchen Mitbewerber zu hoffen uͤbrig? Indeſſen hatte ich doch auch einige Vortheile auf meiner Seite. Der Veraͤnderung meines Be⸗ rufes ungeachtet, behielt ich doch noch jenes un⸗ beſchreibliche Etwas, wran man immer den Mann von Erziehung erkennt, das, was in Jemandes Art und Weiſe und Betragen, und nicht in ſeinen Kleidern liegt, kurz das was einem Mann von Er⸗ gewandten, ziehung eben ſo ſchwer wird abzulegen, als einem ge⸗ meinen Menſchen, es anzunehmen. Die Truppe fuͤhlte dieß auch ſehr wohl, und pflegte mich Jack den kleinen Gentleman zu nennen. 8* Auch das Maͤd⸗ N 2 4 chen fuͤhlte das, und hatte es, trotz ihrer Vorliebe fuͤr meinen gewaltigen Nebenbuhler, gern, wenn ich ihr den Hof machte. Dieß brachte mich indeß in eine noch ſchlimmere Lage, indem meine Leidenſchaft da⸗ durch noch mehr angefeuert wurde, daß ſie die Ei⸗ ferſucht jenes bunten Liebhabers erregte.. on Denken Sie ſich nun, was ich litt, wenn ich, ganze Pantomimen hindurch, meiner Colombine fruchtlos nachjagen, es ſehen mußte, wie ſie in den kraͤftigen Armen des gluͤcklichen Harlekin davon⸗ getragen wurde, und ich nun, ſtatt ſie ihm entreißen zu können, mich mit dem Pantalon und dem Ba⸗ jazzo umhexwaͤlzen, und dabei noch die hölliſchen und demuͤthigenden Schlaͤge von meines Nebenbuh⸗ lers hoͤlzerner Waffe ertragen mußte, die der Schurke, hol' ihn der Henker!(entſchuldigen Sie meine Hitze) mit boshaftem Nachdruck mir zu Theil werden ließ; ja, ich konnte ihn hinter ſeiner verwuͤnſchten Larve deutlich kichern und lachen hoͤ⸗ ren! Entſchuldigen Sie, wenn ich bei meiner Er⸗ zaͤhlung etwas in Feuer gerathe ich moͤchte gern kalt bleiben, allein dieſe Erinnerungen bringen mich doch zuweilen in Bewegung. Ich habe von man⸗ chen verzweifelten und bedaurungswuͤrdigen Lagen gehoͤrt, in denen Liebhaber ſich befinden ſollen, aber doch nie von einer ſolchen, wie ich glaube, worin 1 — eine treue Liebe eine ſo harte und eigenthuͤmliche Pruͤfung erdulden mußte. ſine Dieß konnte nicht lange waͤhren; Fleiſch und Blut, wenigſtens ein ſolches Fleiſch und Blut, wie das meinige, konnte dieß nicht ertragen. Ich hatte haͤufige Neckereien und Zaͤnkereien mit meinem Ne⸗ benbuhler, bei welchen er mich mit der kraͤnkenden Nachſicht behandelte, die ein Mann ein Kind beobae mit mir gezankt, ſo haͤtte ich s ahnden koͤnnen, oder wenigſtens ge⸗ wußt, was ich zu thun hatte; aber in Gegenwart meiner Geliebten, wo ich das ganze Weſeu des an⸗ gehenden Mannes in mir erwachen fuͤhlte, ſo oben⸗ hin und wie ein Kind behandelt zu⸗ werden— ihr Goͤtter! das war nicht zu ertragen! Endlich ſpielten wir eines Tages auf dem Markte in Weſt⸗End*), einem Orte, der damals ſehr in der Mode war, und wo man oft eine Menge glaͤnzen⸗ der Eauipagen aus der Stadt verſammelt ſah. Un⸗ ter den Zuſchauern, welche eines Nachmittags in der vorderſten Reihe unſeres kleinen Leinwand⸗Thea⸗ ters, wo ich in einer Pantomime auftrat, ſaßen, war auch eine Anzahl junger Damen aus einer Koſtſchule, mit ihrer Gouvernante. Denken Sie 4 5 .8*) Swiſchen London und Hampſtead. Ueberſt mimnint 8 ſchimpfliche Art, mit Vorwiſſen und ſelbſt unter den 294 ſich meine Verwirrung, als ich, mitten in meinen Poſſen, unter ihnen meine ehemalige Geliebte er⸗ blickte; dieſelbe, welche ich auf der Schule in Ver⸗ ſen beſungen, die, deren Reize mir eine ſo harte Zuͤchtigung zugezogen hatten, die grauſame Sacha⸗ riſſa! Was aber noch aͤrger war, ſo glaubte ich zu bemerken, daß ſie mich erkannt habe, und die Ge⸗ Vhn n meiner wonithidenden Geißelung wie⸗ verlor alles fanet der Rolle, die ich pielte und des Ortes, wo ich mich befand. Ich fuͤhlte mich ſo klein geworden, daß ich haͤtte in ei ein Maͤu⸗ ſeloch kriechen moͤgen— ungluͤcklicherweiſe war aber keines offen, mich aufzunehmen. Ehe ich mich von meiner Verwirrung erholen konnte, war ich ſchon von Pantalon und dem Bajazz zo uͤbergerannt und fuͤhlte Harlekin's Pritſche auf eine fuͤr meine Wuͤrde hoͤchſt erniedrigende Art, auf meinem Ruͤcken. Himmel und Erde⸗ Sollte ich abermals auf dieſe 7 7 Augen dieſer ſchoͤnſten, aber auch ſtolzeſten aller Schoͤ⸗ nen, zum Maͤrtyrer werden? Mein ganzer, lang un⸗ terdruͤckter Zorn flammte itzt auf einmal empor; das ſchlummernde Gefuͤhl des Mannes von Erziehung er⸗. * —,— —— 295 wachte in mir, von dieſer unertraͤglichen Beſchim⸗ pfung reweckt. In einem Augenblick war ich auf den Fuͤßen, ſprang wie ein junger Tiger auf den Harle⸗ kin los, riß ihm die Larve ab, ſchlug ihn ins Ge⸗ ſicht, und vergoß bald mehr Blut auf der Buͤhne, als deſſen waͤhrend eines ganzen tragiſchen Feldzuges von Schlachten und Mordthaten gefloſſen war Sobald Harlekin ſich von ſeinem Erſtaunen 1ua vergalt er mir meinen Angriff mit zich war eine Feder unter ſeinen Haͤnden. Ich war allerdings ein Gegner, denn ich war ein Mann von Erziehung, er aber hatte den gemeinen Vortheil ſtaͤrkerer Knochen und Muskeln. Ich fuͤhlte, daß ich mich mit ihm auf Leben und Tod ſchlagen koͤnnte, und dazu haͤtte es leicht kommen koͤnnen, denn er„machte,“ um mit einem Kunſt⸗ Ausdrucke der Boxer zu reden:„meinen Kopf zur Kanzlei zurecht“*), als die artige Colombine zu meinem Beiſtande herbeiflog. Gott ſegne die Frauen, ſie halten es immer mit den Schwachen und Un⸗ terdruͤckten! *) In Ermangelung eines Woörterbuchs der dant oder slang phrases, fann ich den Ausdruck,„putting my head into chancery, nicht erklären, vermuthe aber, daß es heißen 4 ſoll, den Kopf ſo platt ſchlagen, daß man ihn zu den Ak⸗ ten legen könne, da die Chancery der einzige Gerichtshof iſt, wo Alles ſchriftlich verhandelt wird. Ueberſ. 4. * 296— Das Gefecht ward nun allgemein; die handeln⸗ den Perſonen des Schauſpiels nahmen jeder ſeine Partei. Vergebens ſuchte der Direktor die Sache zu vermitteln; vergebens ſah man ſeine beflitterte ſchwarze Muͤtze und ſeine ſtolzen weißen Federn im dickſten Gewuͤhl umherſtreifen, ſich neigen und wo⸗ gen. Krieger, Damen, Prieſter, Satyrn, Koͤnige, Königinnen, Goͤtter und Goͤttinnen, Alles nahm an dem Scharmuͤtel Theil, und viellei tte man ſeit dem Trojaniſchen Kriege keinen hun Kampf von Goͤttern und M enſchen geſehen. Die Zuſchauer klatſchten Beifall, die Damen kreiſchten und fluͤchteten aus dem Theater, und eine Verwir⸗ rung entſtand, die alle Beſchreibung uͤberſtieg. Nur die Dazwiſchenkunft der Friedensbeamten 5) konnte die Ordnung etwas wieder herſtellen. Die Verwuͤſtung, welche unter der Garderobe und den Dekorationen angerichtet worden war, machte aller Darſtellung fuͤr dieſen Tag ein Ende. Nachdem die Schlacht voruͤber war, fing man an, ſich zu er⸗ kundigen, was die Veranlaſſung dazu gegeben hatte, eine Frage, welche Politiker gewoͤhnlich nach einem blutigen und ungloſene äriege thun, und die 5 d.). der Deauren des deiedentjäters justice of mhe 4 peace. llzebeuh⸗ 36 EA: . 297 nicht immer leicht beantworten laͤßt. Man kam indeſſen bald auf mich und meinen unerklaͤrlichen Ausbruch der Wuth, welchen man nur dem Umſtande zuſchreiben konnte, daß mich eine ploͤtzliche Mordluſt ergriffen haͤtte*). Der Direktor war Richter, Ge⸗ ſchworner und Klaͤger zugleich, und in ſolchen Faͤl⸗ len ninmt die Juſtiz einen ſehr ſchnellen Gang. Er kam als ein ſo erhabenes Wrack aus dem Ge⸗ fecht, wie die Santissima Trinidada**). Seine prachtvollen Federn, welche einſt ſo hoch emporrag⸗ ten, hingen ihm itzt um den Kopf, ſein Staats⸗ kleid hing in Fetzen von ſeinem Ruͤcken herab, und deckte mit Muͤhe die Verwuͤſtungen, die er von hinten erlitten hatte. Er hatte, waͤhrend des Ge⸗ tuͤmmels, von allen Seiten Stoͤße und Hiebe er⸗ halten, denn Alle hatten die Gelegenheit benutzt, irgend einen verborgenen Groll an ſeinem fetten Koͤrper zu raͤchen. Er war ein kluger Mann, hielt es nicht fuͤr raͤthlich, ſeiner ganzen Truppe den Krieg zu erklaͤren, und ſo ſchwor er, daß ich ihm *) Im Original ſteht, my haviug„run a muck.“ So nennen nämlich die Engländer ſene plotzlichen blinden Wuthanfälle der Malayen, in welchen ſie wie raſende Thiere durch die Straßen laufen, und mit ihren Kris Al⸗ les niederſtoßen, was ihnen in den Beg kommt. Ueberſ. **.) Das Spaniſche Admiralſchiff, welches Nelſon in der Schlacht bei Trafalgar ſo übel zurichtete. Ueberſ. 4 298 alle dieſe Stoͤße und Hiebe gegeben, und ich ließ ihn bei dieſem Glauben. Er hatte indeſſen einige Wunden, welche unwiderſprechlich von Weiber⸗An⸗ griffen zeugten, denn ſeine feiſten, roſigen Wangen trugen die Spuren blutender Furchen, welche von den Naͤgeln meiner unerſchrockenen und treuergebe⸗ nen Colombine herruͤhren ſollten. Der Zorn des Monarchen ließ ſich nicht beſaͤnftigen; er hatte an ſeinem Koͤrper und an ſeiner Boͤrſe Eintrag gelit⸗ ten, auch war ſeine Wuͤrde gekraͤnkt worden, und das galt etwas; denn je kleiner der Regent iſt, deſto mehr fuͤhlt er ſeine Wuͤrde verletzt. Er kuͤhlte mit⸗ hin ſeinen Zorn an den Urhebern des Streites ab, und Colombine und ich wurden, ohne Weiteres, aus der Truppe verabſchiedet. Denken Sie ſich alſo mich, einen Burſchen von etwa ſechszehn Jahren, von guter Erziehung, ſei⸗ nem Gewerbe nach ein Landſtreicher, in die Welt hinausgeſtoßen, wie er ſich nun einen Weg durch die Volksmenge auf dem Markte von Weſt⸗End bahnt. Meine Poſſenreißer⸗Jacke flog, in Lumpen, um mich her, die weinende Colombine hing an meinem Arme in glaͤnzender, aber zerriſſener Kleidung, waͤh⸗ rend ihre Thraͤnen ſtromweis das Geſicht hinablie⸗ fen, alle Schminke hinwegſpuͤlten, und im woͤrtli⸗ chen Sinne,„ihre Roſenwangen verheerten.“ 299 Die Menge machte uns Platz, als wir hindurch⸗ gingen, und lachte uns laut nach. Ich fuͤhlte das Laͤcherliche meiner Lage, hatte aber zu viel Galan⸗ terie, die Schoͤne zu verlaſſen, welche Alles fuͤr mich aufgeopfert hatte. Nachdem wir den Markt hinter uns hatten, betraten wir, wie Adam und Eva, unbekannte Gegenden, und hatten die Welt vor uns, um uns einen Platz darin zu waͤhlen. Nie hat es wol ein troſtloſeres Paar in dem lieb⸗ lichen Thale von Weſt⸗End gegeben. Die ungluͤck⸗ liche Colombine warf manchen ſehnſuchtsvollen Blick auf den Markt zuruͤck, der in mehr als gewoͤhnli⸗ chem Glanze zu ſchimmern ſchien. Die Zelte, Bu⸗ den und bunten Haufen erglaͤnzten im Sonnen⸗ ſchein und flimmerten an den Baͤumen hin, und die hellen Flaggen und Wimpel flatterten in der be⸗ weglichen Sommerluft. Mit einem ſchweren Seuf⸗ zer lehnte ſie ſich auf meinen Arm und ging weiter. Ich konnte ihr weder Hoffnung noch Troſt geben, allein ſie hatte ſich mit meinem Schickſal verbun⸗ den, und es lag zu viel von einem Weibe in ihr, als daß ſie mich haͤtte verlaſſen ſollen. n Gedankenvoll und ſchweigend wanderten wie 4 durch die ſchoͤnen Felder, welche jenſeits Hampſtead liegen, und ſchritten weiter, bis die Geige und die Oboe und das Geſchrei und Gelaͤchter von dem 8 300 tiefen Tone der großen Trommel verſchlungen wurde, und ſelbſt dieß ſich in ein undeutliches Gepolter verlor. Wir gingen die angenehme, einſame Nightin⸗ gale⸗lane*) hinunter.— Welcher Ort konnte ei⸗ nem liebenden Paare freundlicher ſcheinen? Aber welch' ein liebendes Paar war dieß? Keine Nachtigall ſtimmte ihren Geſang an, uns in Schlummer zu wiegen; ſelbſt die Zigeuner, welche waͤhrend des Marktes hier ihr Lager aufgeſchlagen hatten, erbo⸗ ten ſich nicht, einem ſo ungluͤcklichen Paare zu weiſ⸗ ſagen, deſſen Geſchick ſie, wie ich glaube, zu deut⸗ lich auf ſeiner Stirn geſchrieben ſahen, und die Kinder der Zigeuner krochen in ihre Huͤtten und blickten furchtſam hervor, waͤhrend wir voruͤber gingen. Einen Augenblick blieb ich ſtehen, und fuͤhlte mich beinahe verſucht, Zigeuner zu werden, allein mein poetiſches Gefuͤhl war fuͤr itzt voll⸗ kommen abgekuͤhlt, und ich ſchritt fort. So wan⸗ derten wir weiter und weiter, wie ein Prinz und eine Prinzeſſin in einem Ammenmaͤhrchen, bis wir einen Theil der Heide von Hampſtead hinter uns hatten, und uns in der Naͤhe von Jack Straw's Schloſſe befanden. Hier ſetzten wir uns, ermuͤdet und muthlos, am Rande des Huͤgels nieder, dicht *) Die Nachtigallenſtraße. Ueberſ. 301 an dem Meilenſteine, wo Whittington einſt die Glocke der Bow⸗Kirche ſeine kuͤnftige Groͤße vor⸗ herverkuͤnden hoͤrte*ſ). Ach! uns forderte keine Glocke auf, als wir troſtlos nach der entfernten Stadt hinblickten. Alt⸗London ſchien ſich ungeſellig in ſeinen Mantel von braunem Rauch zu huͤllen, und einem ſo zerlumpten Paare keine Ermuthigung gewaͤhren zu wollen. Dießmal hatte die Pantomime einen andern Ausgang wie gewoͤhnlich genommen; Harlekin war betrogen, und der Liebhaber hatte Colombine, alles Ernſtes, entfuͤhrt. Was ſollte ich aber mit ihr anfangen? Ich konnte ſie nicht unter meinen Schutz nehmen, zu meinem Vater zuruͤckkehren, mich zu ſeinen Fuͤßen werfen, und, nach dramati⸗ ſchem Gebrauch, um ſeine Verzeihung und ſeinen Segen bitten. Die Hunde wuͤrden eine ſo zerlumpte Schoͤnheit vom Gehoͤft hinuntergejagt haben. Mitten in dieſer meiner Bekuͤmmerniß ſchlug mir Jemand auf die Schulter, und als ich mich umſah, ſtand ein Paar roh ausſehender, handfeſter Kerle *) Die bekannte Sage von dem nachherigen Mayor Whittington, der durch ſeine Katze ein ſo großes Vermögen im Auslande erwarb, und als Mayor von London ſtarb. Er glaubte, bei ſeiner Wanderung, in dem Tone jener Glocke das phrophetiſche: Mayor von London, zu horen. Ueberſ. 302 hinter mir. Da ich nicht wußte, was ich antwor⸗ ten ſollte, ſo ſprang ich auf, und ſchickte mich an, wieder ein Gefecht anzufangen; allein ich ſah mich in einem Augenblick zu Boden geworfen und ge⸗ bunden. „Ruhig, ruhig, junger Herr, ſagte einer von dieſen Leuten, in einem rauhen, aber gutmuͤthi⸗ gen Tone, nichts von dieſen Poſſen: ich denke, Sie haben diesmal ſchon genug Bewegung gehabt.— Es iſt itzt hohe Zeit, die Harlekinaden unterweges zu laſſen, und zu Ihrem Vater zuruͤckzugehen.“ Ich war unerbittlichen Leuten in die Haͤnde ge⸗ fallen. Die grauſame Sachariſſa hatte es ausge⸗ plaudert, wer ich war, und daß man oͤffentlich eine Belohnung geboten habe, wenn man Nachricht von mir erhalten könnte, und dieſe Leute hatten eine Beſchreibung meiner Perſon geleſen, welche in die oͤffentlichen Blaͤtter eingeruͤckt worden war. Dieſe Harpyen waren alſo, aus reiner Gewinnſucht, feſt entſchloſſen, mich in die Haͤnde meines Vaters und in die Klauen meines Schulmeiſters zuruͤckzu⸗ liefern. Vergebens ſchwor ich, daß ich meine treue und betruͤbte Colombine nie im Stich laſſen wuͤrde, ver⸗ gebens riß ich mich von ihnen los, flog hin zu ihr, betheuerte ihr, daß ich ſie ſchuͤtzen wuͤrde, wiſchte ihr * — ———— die Thraͤnen von den Wangen, und zugleich eine Roͤthe, welche mit der Purpurwolke an Glanz gewetteifert haben koͤnnte. Meine Verfolger waren unerbittlich, ja, ſie ſchienen ſich ſogar uͤber unſer Ungluͤck zu freuen, und ſich an dieſem theatraliſchen Gemiſch von Schmutz, Putz und Noth zu weiden. Man trug mich in Verzweiflung fort, und ich mußte meine Colombine huͤlflos in der weiten Welt zu⸗ ruͤcklaſſen; aber ich warf ihr noch manchen kum⸗ mervollen Blick zu, als ſie, traurig mir nachſehend, an dem Rande des Huͤgels von Hampſtead ſtand, ſo verlaſſen und doch ſo anziehend, ſo zerlumpt, ſo ſchmutzig und doch ſo ſchoͤn. So endigte ſich meine erſte Ausflucht in die Welt. Ich kam nach Hauſe zuruͤck, reich an un⸗ nuͤtzen Erfahrungen und voller Furcht uͤber die Be⸗ lohnung, die ich fuͤr meine Ausbildung erhalten wuͤrde. Mein Empfang war aber von dem, was ich erwartet hatte, ganz verſchieden. Mein Vater hatte auch etwas den Teufel im Leibe, und ſchien mich meiner Tollheiten wegen nicht weniger gern zu haben, was er„meine Hoͤrner ablaufen“ nannte. Er hatte gerade an dem Tage, wo ich nach Hauſe zuruͤckkehrte, einige ſeiner Jagdfreunde bei ſich zu Tiſche; ich mußte einige von meinen Abenteuern erzaͤhlen, und ſie lachten herzlich daruͤber. * 304 Ein alter Mann, mit einer uͤbermaͤßig rothen Naſe, ſchien gewaltig fuͤr mich eingenommen zu ſeyn. Ich hoͤrte, wie er meinem Vater zufuuͤſterte, daß ich ein Burſch waͤre, in dem etwas ſteckte, und daß etwas Ordentliches aus mir zu machen ſeyn wuͤrde, worauf mein Vater erwiederte, daß ich gute Enden haͤtte, aber noch ein ſchlechtgezogener Hund waͤre, bei dem die Peitſche zuerſt das Ihrige thun muͤßte. Vielleicht trug dieſe Unterhaltung dazu bei, ihm eine beſſere Meinung von mir beizu⸗ bringen, denn ich fand, daß der rothnaſige alte Herr ein alter Fuchsjaͤger aus der Nachbarſchaft ſey, vor deſſen Urtheil mein Vater große Achtung hatte. Auch, glaube ich, wuͤrde er mir alles Andere eher vergeben haben, als die Poeſie, die er eine ver⸗ wuͤnſchte, ſchleichende, kraͤnkelnde, hausſitzende Be⸗ ſchaͤftigung und das Gift aller kraͤftigen Maͤnnlich⸗ keit nannte. Er ſchwor, daß ſie eines jungen Man⸗ nes von meinen Ausſichten unwuͤrdig ſey, der ei⸗ nes Tages ein ſo großes Gut erben und im Stande ſeyn wuͤrde, Hunde und Pferde zu halten, und Dichter obenein zu dingen, um Lieder fuͤr ihn zu machen. Ich hatte itzt, auf einige Zeit, meiner Luſt zum Herumſchweifen Genuͤge geleiſtet. Ich hatte das poetiſche Gefuͤhl ganz verloren. Meine Liebe zu 305 theatraliſchen Darſtellungen war mir gewaltſam aus⸗ getrieben worden. Ich fuͤhlte mich durch das, was mir ſo oͤffentlich widerfahren war, gedemuͤthigt, und wuͤrde gern mein Haupt irgendwo eine Zeitlang ver⸗ borgen haben, um nicht mehr dem Geſpoͤtte der Welt ausgeſetzt zu ſeyn, denn ich fand die Leute außer dem Hauſe keinesweges ſo nachſichtig, als ſie i meines Vaters Tiſche geweſen waren. Ich konnte nicht zu Hauſe bleiben: meine Heimath hatte etwas unbeſchreiblich Trauriges fuͤr mich, ſeitdem meine Mutter nicht laͤnger dort war und mir lieb⸗ koſ'te. Alles um mich her erinnerte mich ſchmerz⸗ lich an ſie. Der kleine Blumengarten, an welchem ſie ſo viel Vergnuͤgen gefunden hatte, war ganz in Unordnung und mit Unkraut uͤberwachſen. Ich gab mir einen oder zwei Tage lang Muͤhe, ihn wie⸗ der in Ordnung zu bringen, aber mein Herz ward immer ſchwerer, je laͤnger ich arbeitete. Jede ge⸗ ſenkte Blume, die ich ſie ſo ſorgfaͤltig hatte aufzie⸗ hen ſehen, ſchien, mit ſtummer Beredſamkeit, meine Gefuͤhle anzuſprechen. So war unter andern ein 7 Lieblings⸗ Geisblattſtrauch, den ich ſie oft hatte aufmerkſam pflegen und ſie ſagen hoͤren, daß er der Stolz ihres Gartens werden ſolle. Ich fand ihn am Boden hinrankend, verworren und wild, ſich um jedes werthloſe Unkraut ſchl lingen, und glaubte 306 in ihm ein Ebenbild meiner ſelbſt zu ſehen, da er, wie ich, ein bloßer Landſtreicher, ſo wild und un⸗ nuͤtz aufwuchs. Ich konnte nicht laͤnger in dem Garten arbeiten. Mein Vater ſchickte mich zum Beſuch zu mei⸗ nem Oheim, um den alten Herrn an mich zu erin⸗ nern. Ich ward, wie gewoͤhnlich, ohne irgend ein Zeichen des Mißvergnuͤgens empfangen, was wir immer als ein herzliches Willkommen anzuſehen pflegten. Ob er von meinem Ausfluge gehoͤrt habe, oder nicht, konnte ich nicht entdecken, da ſowol er, als ſein Bedienter ſo wortkarg waren. Einen oder zwei Tage. lang ſtreifte ich um die oͤde Wohnung und in dem verwilderten Park umher, und fuͤhlte einmal, wie ich glaube, wieder einen Anflug von Poeſie, denn ich hatte große Luſt, mich in einen Fiſchteich zu ſtuͤrzen: ich kaͤmpfte aber mit dem boͤ⸗ ſen Geiſte, und er wich von mir. Ich fand den rothhaarigen Knaben, wie ſonſt, im Park wild um⸗ herlaufen, empfand aber keine Luſt, ihn itzt zu ja⸗ gen. Im Gegentheil ſuchte ich ihn an mich zu locken und ihn mit mir zu verſoͤhnen, allein der junge Wilde war unbezaͤhmbar. Als ich von meinem Oheim zuruckgekehrt r war, blieb ich noch eine Zeitlang im Hauſe, denn mein Vater war geſonnen, aus mir, wie er ſagte, einen 307 Mann zu machen. Er nahm mich mit auf die Jagd, und ich ward ein großer Liebling des roth⸗ naſigen Squire, denn ich ritt Allem nach, ſcheute auch den gewagteſten Satz mit dem Pferde nicht, und war immer da, wenn das Wild verendete. Sehr oft beleidigte ich indeſſen meinen Vater bei den Waidmahlen ſehr, dadurch daß ich mich auf die un⸗ rechte Seite in der Politik ſchlug. Mein Vater war uͤberaus unwiſſend, in der That ſo unwiſſend, daß er nicht einmal wußte, daß er nichts wußte. Er hielt indeſſen feſt an die Kirche und den Koͤnig, und war voll von altmodiger Politik. Ich hatte nun, waͤhrend meiner Umherzuͤge mit den reiſenden Schau⸗ ſpielern, etwas Kenntniß von Politik und Religion aufgefaßt, und fand mich daher bewandert genug, ihn in Ruͤckſicht auf manche ſeiner veralteten Be⸗ griffe eines Beſſern belehren zu können. Ich hielt es fuͤr meine Pflicht, dieß zu thun; wir pflegten alſo bei den politiſchen Eroͤrterungen, zu denen es zuweilen bei jenen Waidmahlen kam, wol verſchie— dener Meinung zu ſeyn. Ich war in dem Alter, wo ein Mann am we⸗ nigſten weiß, und auf ſein Wiſſen am ſtolzeſten iſt, und ſeine Meinung uͤber Gegenſtaͤnde, von denen er nichts verſteht, am hartnaͤckigſten vertheidigt. Es war ſchwer, mit meinem Vater uͤber irgend et⸗ was zu ſtreiten, denn er wußte nie, wann er wi⸗ derlegt war. Ich brachte ihn zuweilen etwas zur Ruhe, aber dann nahm er zu einem Grunde ſeine Zuflucht, der die Sache jedesmal entſchied, er drohte mir naͤmlich, mich zu Boden zu ſchlagen. Am Ende, glaub' ich, wurde er es muͤde, mit mir zu ſtreiten, weil ich ihm beſtaͤndig widerſprach und vorausritt. Auch der rothnaſige Squire ward am Ende meiner uͤberdruͤſſiig, weil ich eines Tages auf der Jagd, als er und ſein Pferd lang im Kothe lagen, uͤber ihn wegſetzte, und ſo gerieth ich bei der ganzen Welt in Ungnade, und wuͤrde am Ende auf mich ſelbſt unwillig geworden ſeyn, haͤtten mich nicht die drei Toͤchter des Pfarrers immer bei einer ziemlich guten Meinung von mir ſelbſt erhalten. Dieß waren dieſelben, welche mein Gedicht bei einer fruͤhern Gelegenheit bewundert, wo es mich in der Schule in Ungnade gebracht hatte, und ich hatte ſeit jener Zeit immer eine ſehr hohe Meinung von ihrer Urtheilskraft gehegt. In der That wa⸗ ren es auch junge Damen, die nicht bloß Geſchmack hatten, ſondern wirklich Kenntniſſe beſaßen. Ihre Mutter, die eine Gelehrte war, hatte ihre Etzie G hung geleitet. Sie wußten ſo viel von der Bota⸗ nik, um die Kunſtnamen aller Blumen im Garten und ihre geheimen Tugenden dazu, zu kennen. Sien malten in Waſſerfarben, machten Faͤcher von Fe⸗ wußten den Shakeſpeare auswendig. Sie verſtan⸗ der Landleute. 88 it: —— verſtanden auch Muſik, und nicht bloß die gewoͤhn⸗ liche, ſondern kannten Roſſini und Mozart, und ſangen Moore's Iriſche Lieder ganz vortrefflich. Sie hatten ſehr artige kleine Arbeitstiſche, die mit aller⸗ hand ſeltnen Dingen bedeckt waren: Stuͤcken Lava und bemalten Eiern, und Arbeitskaͤſtchen, die ſie ſelbſt bemalt und lackirt hatten. Sie beſaßen beſondere Fertigkeit im Flechten und Netzwerk machen. dern und Feuerſchirme, arbeiteten in Seide und Wolle, ſprachen Franzoͤſiſch und Italiaͤniſch, und den ſogar etwas von Geologie und Mineralogie, und gingen in der Gegend umher, Steine zu zer⸗ ſchlagen, zur Verwunderung und großem Erſtaunen Ich bin vielleicht etwas zu weitlaͤuftig in der Beſchreibung ihrer Vollkommenheiten geworden, al⸗ lein ich will Ihnen nur beweiſen, daß dieß nicht ge⸗ woͤhnliche junge Damen waren, ſondern daß ſie ſchon hoͤhere Anſpruͤche machten. Es war wenigſtens ein Troſt fuͤr mich, in ſolchen Augen Gnade gefunden zu haben. Sie hatten mich in der That immer fuͤr ein Genie gehalten, und betrachteten meinen. letzten tollen Streich als einen neuen Beweis fuͤr dieſe Thatſache. Sie bemerkten, daß Shakeſpenes 8 ſelbſt in der Jugend ein bloßer Pickle*) geweſen ſey, und daß er Wild geſtohlen, wie Jedermann wiſſe, daß er lockere Geſellſchaften beſucht und mit Schauſpielern Gemeinſchaft gepflogen habe, und ſo troͤſtete ich mich denn ungemein mit dem Gedanken, eine ſo entſchieden Shakeſpeareſche Richtung in meinem Charakter zu haben. Die juͤngſte der drei Schweſtern war indeß mein groͤßter Troſt. Es war ein bleiches, empfindſames Kind, mit langen„Hyacinthenlocken”“**), welche um ihr Haupt hingen. Sie machte ſelbſt Verſe, und wir unterhielten einen poetiſchen Briefwechſel mit einander. So hatte ſie auch Geſchmack fuͤr das Drama, und ich lehrte ſie mehrere Auftritte aus Julie und Romeo ſpielen. Ich pflegte die Gartenſcene unter ihrem Gitterfenſter, welches zwi⸗ ſchen Waldreben und Geisblatt hindurch auf den Kirchhof ging, herzuſagen. Ich fing an, ſie fuͤr ungemein huͤbſch und klug zu halten, und ich glaube, ich wuͤrde mich am Ende in ſie verliebt ha- ben, haͤtte nicht ihr Vater unſere theatraliſchen Studien entdeckt. Er war ein arbeitſamer, von Allem abgezogener Mann, der gewoͤhnlich in ſeine *) Smollett's Peregrine Pickle. Ueberſ. **) Milton. Ueberſ. 311 gelehrten und religioͤſen Arbeiten zu ſehr vertieft und vielleicht von Vaterliebe zu ſehr geblendet war, um die kleinen Schwachheiten ſeiner Toͤchter zu be⸗ merken: allein er ſteckte eines Tages, mitten in ei⸗ nem Auftritte, ganz unerwartet den Kopf aus dem Studirzimmer, und machte unſeren Proben ein Ende. Er beſaß ſehr viel von dem proſaiſchen, ge⸗ ſunden Verſtande, gegen den ich, auf meiner poetiſchen Bahn, immer anlief. Mein Ausflug war dem guten Manne nicht von der poetiſchen Seite erſchienen, wie es bei ſeinen Toͤchtern der Fall geweſen war. Er nahm ſeine Vergleichungen aus einer ganz anderen Quelle her betrachtete mich als den verlorenen Sohn, und hegte Zweifel, ob ich je bis zu der gluͤcklichen Wendung mit dem gemaͤſteten Kalbe gelangen wuͤrde. Ich glaube, daß man meinem Vater einen Wink von dieſem neuen Ausbruche meiner poetiſchen Neigung gegeben hatte, denn er deutete miy ploͤtz⸗ lich an, daß es hohe Zeit ſey, mich auf die Uni⸗ verſitaͤt vorzubereiten. Ich fuͤrchtete mich, wieder in die Schule zuruͤckzukehren, aus der ich entlau⸗ fen war. Der Spott meiner Mitſchuͤler und die Blicke aus des Squire's Stuhl wuͤrden aͤrger als der Tod fuͤr mich geweſen ſeyn. Gluͤcklicherweiſe erſparte man mir aber dieſe Demuͤthigung. Mein Vater ſchickte mich in die Koſt zu einem Geiſtli⸗ chen, welcher noch drei oder vier andere Knaben unter ſeiner Aufſicht hatte. Ich begab mich mit Freuden zu ihm, denn ich hatte meine Mutter oft mit großer Achtung ſeiner erwaͤhnen gehoͤrt. Er war einer ihrer Bewunderer in ſeinen juͤngern Ta⸗ gen geweſen, wenn auch ſeine Gluͤcksumſtaͤnde zu beſchraͤnkt und ſeine Anſpruͤche zu beſcheiden gewe⸗ ſen waren, als daß er ſich haͤtte auf ihre Hand Rechnung machen ſollen: allein er hatte immer noch eine zaͤrtliche Achtung gegen ſie behalten. Er war ein guter Mann: ein wuͤrdiges Beiſpiel der ach⸗ tungswerthen Klaſſe unſerer Geiſtlichkeit, welche ſtillſchweigend und ohne Gepraͤnge eine Menge Gutes thut, gleichſam mit in das ganze Syſtem des Landlebens verwoben iſt, und auf daſſelbe mit dem ausdauernden und doch unmerklichen Einfluſſe milder Froͤmmigkeit und gebildeten Verſtandes ein⸗ wirkt. Er wohnt ein einem kleinen Dorfe, nicht weit von Warwick, einer der wenig zahlreichen Gemei⸗ nen, wo die kleine Heerde gewiſſermaßen mit am 1 Buſen des Schaͤfers liegt. Die ehrwuͤrdige Kirche mit ihrem begraſeten Kirchhofe, war einer von den laͤndlichen Tempeln, welche in unſerem Vaterlande umher verſtreut ſind, als ob das Land d dadiu de heiligt werden ſolle. Ich 313 Ich ſehe in dieſem Augenblicke den wuͤrdigen Pfarrer vor mir, mit ſeinem milden, wohlwollen⸗ den Geſicht, das durch ſein Silberhaar noch ehr⸗ wuͤrdiger wurde. Ich ſehe ihn, wie damals, bei meiner Ankunft, in der belaubten Thuͤr ſeiner klei⸗ nen Pfarrwohnung, mit dem Blumengarten davor, ſitend, und ſeine Zoͤglinge wie ſeine Kinder um ihn her verſammelt. Ich werde nie ſeinen Empfang vergeſſen, denn ich glaube, er dachte an meine arme Mutter, und ſein Herz ſchlug ihrem Kinde entge⸗ gen. Sein Auge glaͤnzte, als er mich an der Thuͤr empfing, und er ſchloß mich in ſeine Arme, wie das Pflegekind ſeines Herzens. Noch nie war ich ſo gut angebracht geweſen. Er war eines der treff⸗ lichen Mitglieder unſerer Kirche, welche ihrer kaͤrg⸗ lichen Beſoldung dadurch zu Huͤlfe zu kommen ſu⸗ chen, daß ſie einige Sohne anſtaͤndiger Aeltern unter⸗ richten. Ich bin uͤberzeugt, daß dieſe kleinen Un⸗ terrichts⸗Anſtalten zu den beſten Pflanzſchulen des Talents und der Tugend, in ihrer Art, gehoͤren. Sowol das Herz als der Verſtand werden hier erhoben und gebildet. Der Lehrer iſt der Gefaͤhrte und Freund ſeiner Schuͤler. Sein heiliger Beruf verleiht ihm Wuͤrde in ihren Augen, und ſeine ernſten Obliegenheiten geben ihm die Erhebung des Ge⸗ muͤths und die Beſonnenheit des Benehmens, die I. H8oͤ Denen nothwendig ſind, welche die Jugend lehren ſollen, wuͤrdig zu denken und zu handeln. Ich ſpreche hier nach meinen eigenen fluͤchtigen Beobachtungen, aber ich denke, ich habe nicht un⸗ recht. Auf jeden Fall habe ich ſehr viel von dem, was in dem ungleichartigen Gemiſch meines We⸗ ſens Gutes iſt, der kurzen Zeit zu danken, welche ich unter der Aufſicht dieſes wackern Mannes zu⸗ brachte. Er ging in alle Sorgen, Beſchaͤftigungen und Vergnuͤgungen ſeiner Zoͤglinge ein, gewann unſer Vertrauen, und ſtudirte unſere Herzen und Gemuͤther viel genauer, als wir in unſern Buͤ⸗ chern. Er fand bald die Grundlage meines Charakters heraus. Ich war, wie ich ſchon oben bemerkt habe, etwas freiſinnig in meinen Anſichten gewor⸗ den, und philoſophirte gern ſowol uͤber Politik als uͤber Religion, da ich mich etwas unter den Menſchen und in der Welt umgeſehen, und von meinen Mitphiloſophen, den wandernden Schau⸗ ſpielern, gelernt hatte, alle gemeinen Vorurtheile zu verachten. Er ſuchte nicht meine kleine Ruhm⸗ ſucht zu erſticken, oder die Richtigkeit meiner An⸗ ſicht der Dinge in Anſpruch zu nehmen, ſondern brachte mir nur allmaͤhlig einige Belehrung uͤber dieſe Gegenſtaͤnde bei, wenn gleich auf eine ruhige —,—— 315 anſpruchsloſe Weiſe, welche meine Eigenliebe nicht im Geringſten beleidigte. Ich war erſtaunt, zu bemerken, welche Veraͤnderung eine geringe Sachkennt⸗ niß in Jemandes Anſicht der Dinge hervorzubringen im Stande iſt, und wie verſchieden ſich die Sache geſtaltet, wenn man daruͤber nachdenkt, oder wenn man bloß daruͤber ſchwatzt. Ich gewann eine große Ehr⸗ erbietung vor meinem Lehrer, und fing an danach zu ſtreben, ihm eine gute Meinung von mir beizu⸗ bringen. In meinem Eifer, einen guͤnſtigen Ein⸗ druck auf ihn zu machen, gab ich ihm ein ganzes Ries meiner Gedichte. Er las ſie aufmerkſam durch, laͤchelte und druͤckte mir die Hand, als er ſie mir wiedergab, ſagte aber nichts. Am andern Tage ließ er mich Mathematik anfangen. Ich weiß nicht, wie es zuging— aber das Lehren ſchien bei ihm alle ſeine Strenge verloren zu haben. Ich bemerkte nicht, daß er irgend einer Neigung in den Weg getreten waͤre, oder ſich ei⸗ nem Wunſche widerſetzt haͤtte, aber ich fuͤhlte, daß meine Neigungen ſich ganz veraͤnderten. Ich fing an, Liebe zum Studiren, und einen Eifer zu bekom⸗ men, mich auszubilden. Ich machte ziemlich bedeu⸗ tende Fortſchritte in Wiſſenſchaften, welche ich bis dahin als unergruͤndlich fuͤr mich angeſehen hatte, und wunderte mich ſelbſt uͤber meine Zunahme an O 2 Kenntniſſen. Auch mein Lehrer ſchien ſich, wie mir vorkam, daruͤber zu wundern, denn ich bemerkte oft, wie ſeine Augen mit einem beſonderen Aus⸗ drucke auf mir ruhten; ich habe aber nachher ver⸗ muthet, daß er in meinem Geſicht die Zuͤge meiner Mutter herauszufinden ſuchte. Er brachte die Erziehung nicht in einzelne Auf⸗ gaben, und machte ſie fuͤr den Zoͤgling druͤckend, wel⸗ cher dann nur mit Freuden dem Augenblick entgegen ſieht, wo die Stunde des Studirens verfſloſſen iſt. Wir hatten allerdings unſere beſtimmten Stunden, in denen wir beſchaͤftigt waren, um uns an Me⸗ thode und eine gewiſſe Eintheilung der Zeit zu ge⸗ woͤhnen; allein dieſe waren hoͤchſt angenehm fuͤr uns, und unſer Gefuͤhl war ſtets bei der Sache thaͤtig. Wenn die Lehrſtunden voruͤber waren, ſo dauertke das Geſchaͤft der Erziehung doch fort. Es ſprach ſich in allen unſern Erholungen und Vergnuͤgungen aus. Die Ausbildung nahm ihren ſteten, feſten Gang. Einen großen Theil ſeines Unterrichts er⸗ theilte er uns auf angenehmen Spazirgaͤngen, oder wenn wir an den Ufern des Avon ſaßen; Kenntniſſe, welche man auf dieſe Weiſe gewinnt, machen oft einen tiefern Eindruck, als wenn man ſis durch das Bruͤten uͤber den Buͤchern erlangen ſoll. Viele von den reinen und eindringlichen Leh⸗ 317 ren, welche aus ſeinem Munde hervorgingen, ha⸗ ben ſich in meinem Gemuͤthe mit lieblichen Natur⸗ gegenſtaͤnden verbunden, und dieß macht die Erin⸗ nerung an ſie unbeſchreiblich angenehm fuͤr mich. Ich will gar nicht behaupten, daß ein Wun⸗ der mit mir vorgegangen ſey. Nach allen dem, was geſagt und geſchehen war, blieb ich doch immer ein ſchwacher Schuͤler. Die poetiſche Stimmung lebte immer noch in mir, kaͤmpfte hartnaͤckig mit der Weisheit, und behielt, wie ich fuͤrchte, die Oberhand. Ich fand, daß die Mathematik bei ſchoͤnem Wetter ein ſehr boͤſes Studium war. Sehr oft vergaß ich meine Probleme, um die Voͤgel zu beobachten, die vor den Fenſtern umherhuͤpften, oder die Bienen, welche um das Geisblatt ſummten, und ſobald ich mich nur davonſchleichen konnte, wanderte ich an den begraſ'ten Ufern des Avon umher, und ent⸗ ſchuldigte dieſe Neigung, hinter die Schule zu ge⸗ hen, bei mir ſelbſt mit dem Gedanken, daß ich auf . dem klaſſiſchen Boden wandelte, den Shakeſpeare betreten hatte. Wie habe ich nicht in meiner Traͤg⸗ heit geſchwelgt, wenn ich unter den Baͤumen lag, die Silberwellen beobachtend, welche durch die Bogen der zertruͤmmerten Bruͤcke plaͤtſcherten und den Felſengrund von Warwick⸗LCaſtle beſpuͤlten, und wie oft habe ich dabei an den herrlichen Shakeſpeare * gedacht, und in meiner jugendlichen Begeiſterung die Wellen gekuͤßt, welche ſein Geburtsdorf beſpuͤlt hatten! Mein guter Lehrer begleitete mich oft auf die⸗ ſen einzelnen Spazirgaͤngen. Er ſuchte ſich dieſer Liebe zum Herumſtreifen, welche in mir lag, zu be⸗ maͤchtigen, und ihr eine nuͤtzliche Richtung zu ge⸗ ben. Er ſuchte mich dahin zu bringen, Gedanken mit den Gefuͤhlen in Verbindung zu ſetzen, uͤber die Gegenſtaͤnde um mich her Betrachtungen zu machen, und die Schoͤnheiten der Natur zur Aus⸗ bildung des Verſtandes und des Herzens zu be⸗ nutzen. Er ſuchte meine Einbildungskraft auf hoͤ⸗ here und edele Gegenſtaͤnde zu richten, und ſie mit erhabenen Bildern zu erfuͤllen. Mit einem Worte, er that Alles, was er konnte, meine poetiſche Stim⸗ mung zum Beſten zu wenden, und dem entgegen zu arbeiten, was durch meine großen Ausſichten bei mir verdorben worden war. Waͤre ich fruͤher in die Haͤnde dieſes guten Pfarrers gekommen, oder laͤngere Zeit bei ihm ge⸗ blieben, ſo glaube ich wirklich, daß er etwas aus mir gemacht haben wuͤrde. Er hatte ſchon einen grkoßen Theil deſſen, was man mir eingepruͤgelt hatte, in Ordnung gebracht, und vieles von der unnuͤtzen Weisheit ausgejaͤtet, welche waͤhrend meines — 319 Landſtreicherlebens aufgeſchoſſen war. Schon fing ich an einzuſehen, daß bei all meinem Genie etwas Stu⸗ dium mir nicht ganz unnuͤtz ſeyn duͤrfte, und ſchon zweifelte ich ein wenig, daß ich, ungeachtet meiner Nei⸗ gung zum Herumſtreifen, ein zweiter Shakeſpeare ſey. Gerade als ich dieſe großen Entdeckungen machte, ſtarb der gute Pfarrer. Sein Todestag war ein Tag der Trauer fuͤr die ganze Gegend. Er ver⸗ ſammelte ſeinen kleinen Haufen von Schuͤlern, ſeine Kinder, wie er uns zu nennen pflegte, in ſeinen letzten Augenblicken um ſich, und gab uns itzt, da er uns verlaſſen und wir von einander ſcheiden und uns in der Welt zerſtreuen ſollten, die Abſchieds⸗ lehren eines Vaters. Mich nahm er bei der Hand, redete eindringlich und liebevoll zu mir, erinnerte mich an meine Mutter, und nahm ihren Namen zu Huͤlfe, um ſeinen letzten Ermahnungen groͤßeren Nachdruck zu geben, denn ich glaube, er ſah mich als den Verirrteſten und Leichtſinnigſten in ſeiner ganzen Heerde an. Er hielt meine Hand in der ſeinigen, noch lange, nachdem er ſchon zu ſprechen aufgehoͤrt hatte, und heftete ſeine Augen mit dem Ausdrucke der Zaͤrtlichkeit, ja beinahe des Mitleids, auf mich; ſeine Lippen bewegten ſich, als ob er im Stillen fuͤr mich betete, und ſo erblich er, waͤhrend er noch immer meine Haud hielt. Kein Auge in der Kirche blieb trocken, als von eben der Kanzel, von welcher Er ſo oft gepredigt hatte, die Leichenrede auf ihn gehalten wurde. Als man den Koͤrper der Erde uͤbergab, verſammelte ſich unſer kleiner Haufen um denſelben, und ſah dem Sarge nach, wie er in die Gruft verſenkt ward. Die Leute aus dem Kirchſpiel betrachteten uns mit Theilnahme, denn unſere Trauer ſprach ſich nicht allein durch unſere Kleider aus, ſondern kam auch aus dem Herzen. Wir verweilten noch einige Zeit am Grabe, blieben bei einander, weinend und ſprachlos, und ſchieden dann, wie Kinder, welche den vaͤterlichen Heerd verlaſſen, um ſich nie wieder an demſelben zuſammen zu finden. Wie hatte das liebevolle Weſen dieſes guten Nannes unſere Gemuͤther ſanft gemacht, und un⸗ ſere jungen Herzen durch die innigſten Bande ver⸗ knuͤpft! Ich habe immer eine freudige Regung em⸗ pfunden, wenn ich einen alten Schulkameraden an⸗ getroffen habe, ſelbſt wenn er mit mir hinter die Schule gegangen war; ſobald ich aber, im Verlaufe meines Lebens, einem von der kleinen Heerde begeg⸗ net bin, in welcher ich am Ufer des Avon weidete, ſo hat dieß einen Erguß der Liebe und einen An⸗ trieb zur Tugend bei mir hervorgebracht, der mich —— — 321 fuͤr den Augenblick zu einem viel beſſern Menſchen gemacht hat. Man ſchickte mich nun nach Orford, und der Eindruck, den der Ort auf mich machte, als ich ihn zuerſt als Student betrat, war außerordentlich⸗ Die Gelehrſamkeit erſcheint hier in ihrer ganzen Majeſtaͤt, wohnt in Pallaͤſten, wird durch die hei⸗ ligen Feierlichkeiten der Religion verherrlicht, und iſt mit einem Prunk und einer Gemeſſenheit umge⸗ ben, welche die Einbildungskraft maͤchtig anſpre⸗ chen. In dieſer Geſtalt erſchien ſie mir wenig⸗ ſtens, ſo leichtſinnig ich auch war. Meine fruͤhe⸗ ren Studien, die ich unter dem wuͤrdigen Pfar⸗ rer gemacht, hatten mich gelehrt, ſie mit Ehr⸗ erbietung und Ehrfurcht zu betrachten⸗ Er war hier erzogen worden, und ſprach immer von der Univerſitaͤt mit kindlicher Liebe und klaſſiſcher Ver⸗ ehrung. Als ich die Thuͤrme und Zinnen dieſer praͤchtigſten aller Staͤdte in dichter Menge auf der Ebene emporſteigen ſah, begruͤßte ich ſie in mei⸗ ner Begeiſterung als die Spitzen eines Diadems, womit die Nation die 3 oſſchiſten aßicnnäce hatte. 38 Eine Zeitlang 38 mir das alte Brfatd eine Menge von Genuͤſſen dar. Es lag ein gewiſſer Zauber in ſeinen moͤnchiſchen Gebaͤuden, ſeinen gro⸗ 322 ßen gothiſchen Vierecken, ſeinen feierlichen Hallen und ſeinen dunkeln Kreuzgaͤngen. Es machte mir großes Vergnuͤgen, mich des Abends dahin zu ſtel⸗ len, wo ich ganz von Colleges umgeben war, wo das Auge keines der neueren Gebaͤude erblickt, um hier die Profeſſoren und Studenten in ihten alterthuͤmlichen Baretten und Gewaͤndern im Dun⸗ keln einherwallen zu ſehen. Ich glaubte, auf Au⸗ genblicke, unter Leute und Gebaͤude aus alter Zeit verſetzt zu ſeyn. So beſuchte ich auch haͤufig den Abendgottesdienſt in New⸗College, um die ſchoͤne Orgel und den Chor eine geiſtliche Muſik in dieſem prachtvollen Gebaͤude auffuͤhren zu hoͤren, das Ma⸗ lerei, Muſik und Baukunſt in ſo bewunderungs⸗ wuͤrdigem Vereine verherrlichen*). Einer meiner Lieblingsplaͤtze war auch der ſchoͤne, von hohen Ulmen beſchattete Spazirgang am Fluſſe, hinter den grauen Mauern von Magdalen⸗College, welcher unter dem Namen von Addiſon's Spazir⸗ gang bekannt iſt, da es ſein Lieblingsort war, als er in Oxford ſtudirte. So pflegte ich mich auch auf der Bodleyſchen Bibliothek einzufinden, und viele Buͤcher anzuſehen, obgleich ich nicht ſagen kann, daß ich ſie ſtudirte, und in der That fing *) S. meine Neiſe in Engkand. Thl. 1. Ueberſ. 323 ich, da ich nicht mehr unter Leitung oder Aufſicht ſtand, allmaͤhlig an, meiner Phantaſie wiederum nachzuhangen. Dieß wuͤrde indeß ganz angenehm und harmlos geweſen ſeyn, und ich waͤre vielleicht aus einer bloßen litterariſchen Traͤumerei zu etwas Beſ⸗ ſerem erwacht. Die Umſtaͤnde waren guͤnſtig dazu, denn die laͤrmenden Zeiten der Univerſitaͤt waren voruͤber. Das ſtarke Trinken war nicht mehr Mode. Die alten Streitigkeiten zwiſchen Phili⸗ ſtern und Studenten*), den Buͤrgerkriegen zwi⸗ ſchen der rothen und weißen Roſe aͤhnlich, waren erloſchen, und Student und Buͤrger ſchliefen ruhig und mit heiler Haut, ohne beſorgt zu ſeyn, in der Nacht zum blutigen Streite aufgerufen zu werden. Es war auf der Univerſitaͤt Mode geworden, zu ſtudiren, und ich pflegte mich immer gern nach der Mode zu richten. Ungluͤcklicherweiſe gerieth ich je⸗ doch in die Geſellſchaft einer beſonderen Verbin⸗ dung von jungen Leuten von großer Lebendigkeit und regem Witz, welche von Zeit zu Zeit in der Haupt⸗ *) Man wird mir erlauben,„Town„ und„Gown“ ſo zu überſetzen, obgleich ich ſehr wohl weiß, daß die Gowns- men(wie man die zur Univerſität gehorigen, d. h. die ei⸗ nen Gown, oder die Kleidung der Mitglieder derſelben tragen, nennt) ſich von unſeren Studenten, in Hinſicht des Verhältniſſes zu den Bürgern, ſehr unterſcheiden. 3 Ueberſ. ſtadt gelebt hatten, und in das dortige Modeleben eingeweiht worden waren. Sie erklaͤrten das Stu⸗ dium fuͤr etwas, womit ſich nur ſchwerfaͤllige Gei⸗ ſter quaͤlten, und wodurch dieſe ſich langſam den Huͤ⸗ gel hinanarbeiteten, waͤhrend das Genie die Spitze mit einem Sprunge erreiche. Ich ſchaͤmte mich, unter ſolchen luſtigen Voͤgeln die Eule zu ſpielen, und ſo warf ich meine Wlchen weg und ward ein Mann von Geiſt. Da mein Bater, Anahte ſeines beſchränkten Ennkommens⸗ mir, in Ruͤckſicht auf meine gro⸗ ßen Ausſichten, eine ziemliche Summe ausgeſetzt hatte, ſo konnte ich unter meinen Gefaͤhrten mich ſehr zu meinem Vortheil ſehen laſſen. Ich hing allen moͤglichen Arten von Vergnuͤgungen und koͤr⸗ perlichen Bewegungen nach. Ich war einer der erfahrenſten Ruderer auf der Iſis*). Ich boxte, focht, ſchoß und jagte, und meine Zimmer im Col⸗ lege waren immer mit Peitſchen aller Art, Sporn, Vogelflinten, Angelruthen, Rapiaren und Bor⸗ Handſchuhen ausgeſchmuͤckt. Von den ledernen Beinkleidern hing ein Bein aus dem halb offnen Kommodenkaſten hervor, und auf dem Boden jedes Kauinere lauen leere e Flaſchen unßhern— — K *) Dem kennen Finſe, der bei den ſießt. Ueberſ. 325 Mein Vater kam, mich im College zu be⸗ ſuchen, als ich gerade auf der Hoͤhe meiner akade⸗ mäſchen Laufbahn war. Er fragte mich, wie es mit meinen Studien gehe, und was es fuͤr Jagd in der Gegend gaͤbe. Er beſichtigte meine verſchie⸗ denen Jagdgeraͤthſchaften mit pruͤfendem Auge, wollte wiſſen, ob einige von den Profeſſoren Fuchs⸗ jaͤger, und ob ſie uͤberhaupt gute Schuͤtzen waͤren, denn er meinte, daß das viele Studiren dem Ge⸗ ſichte doch ſchaden muͤßte. Wir gingen einen Tag mit einander auf die Jagd; meine Gewandtheit machte ihm viel Vergnuͤgen, meine gelehrten Un⸗ terſuchungen uͤber Pferderacen und uͤber Man⸗ ton's*) Flinten ſetzten ihn in Erſtaunen, und ſo reiſ'te er wieder ab, höchlich zufrieden mit den Fortſchritten, welche ich auf der Univerſitaͤt ge⸗ macht hatte. 4 Sah anbt f 312 Ich weiß nicht, wie es zugeht, allein ich kann nicht lange mäͤſſig gehen, ohne mich zu verlieben. Ich war mithin noch nicht lange ein Mann von Geiſt geweſen, als ich mich ſterblich in die Toch⸗ ter eines Kraͤmers in der High⸗ſtreet*8) ver⸗ 1. *) Eines der berühmteſten Büchſenmacher in London⸗ Ueberſ. ») Der vornehmſten und ſchönſten Straße in Orford, in welcher drei oder vier der erſten Colleges liegen, und die, 326 liebte, die in der That von vielen Studenten ver⸗ ehrt wurde. Ich ſchrieb mehrere Sonnette zu ih⸗ rem Lobe, und gab mein halbes Taſchengeld in dem Laden aus, um Sachen zu kaufen, die ich nicht brauchte, damit ich nur Gelegenheit haͤtte, mit ihr zu reden. Ihr Vater, ein ſtrenge ausſehender alter Mann, der glaͤnzende ſilberne Schnallen und eine Peruͤcke mit krauſen Locken trug, hatte ein wach⸗ ſames Auge auf ſie, wie dieß uͤberhaupt bei allen Vaͤtern in Orford, in Ruͤckſicht auf ihre Toͤchter, geſchieht, und wozu ſie auch vollkommen Grund haben. Ich ſuchte mich bei ihm einzuſchmeicheln, und mir ſein Vertrauen zu erwerben, aber Alles vergebens. Ich ſagte mehrere ganz gute Sachen in ſeinem Laden, ohne daß er nur ein einziges Mal gelacht haͤtte; er hatte kein Gefuͤhl fuͤr Witz und Laune. Er war einer von den trockenen Alten, welche junge Leute in gehoriger Entfernung zu hal⸗ ten wiſſen. Er hatte ſchon zwei oder drei erwach⸗ ſene Toͤchter gehabt, und kannte die Art der Stu⸗ denten.— Er war ſo liſtig und bedachtſam wie ein alter grauer Dachs, dem man oft nachgeſtellt hat. Wenn man ihn am Sonntag ſah, wie er ſo wegen der darin beſtndlichen Conditor⸗Läden, Kaffee häu⸗ ſer u. ſ. w. nie von Studenten leer wird. Ueberſ. —— q-— ——— — — — — 327 ſteif und geſtaͤrkt daher ging, in ſeinem netten An⸗ zuge, ſo war dieß hinreichend, alle gottloſen jungen Leute abzuſchrecken, ſich zu naͤhern. 8 Seiner Wachſamkeit ungeachtet, wußte ich es jedoch ſo einzurichten, daß ich mehrere Male mich mit der Tochter unterhielt, waͤhrend ich um etwas in dem Laden feilſchte. Ich zog meinen Handel ge⸗ waltig in die Laͤnge, und beſah die Gegenſtaͤnde ganz genau, ehe ich kaufte. Unterdeſſen pflegte ich ein Sonnett oder ein Akroſtichon unter ein Stuͤck Cambrie zu ſchieben, oder in ein Paar Struͤmpfe hinein zu ſtecken, fluͤſterte ihr allerhand verliebten unſinn in die Ohren, waͤhrend ich um den Preis handelte, und druͤckte ihr zaͤrtlich die Hand, wenn ich meine Halb⸗Pence, in ein Stuͤck weißlich⸗brau⸗ nes Papier gewickelt*), wieder herausbekam. Dieß mag zur Warnung fuͤr alle Kraͤmer dienen, welche ihre artigen Toͤchter zu Ladenmaͤdchen, und junge Studenten zu Kunden haben. Ich weiß nicht, ob meine Worte und Blicke ſehr beredt waren, aber meine Poeſie war unwiderſtehlich, denn das Maͤd⸗ chen hatte, die Wahrheit zu geſtehen, einigen Ge⸗ — *) In den anſtändigeren Läden geben die Kaufleute die Kupfermünze, welche man auf Silber oder Noten wieder herausbekommt, immer in Papier gewickelt wieder. 3 Ueberſ. 328 ſchmack fuͤr Litteratur, und faſt immer ein Buch aus der Leihbibliothek bei der Hand. Durch die göttliche Macht der Poeſie, weſhr bei dem ſchönen Geſchlecht ſo viel vermag, beſiegte ich alſo das Herz dieſer ſchoͤnen kleinen Kraͤmerin. Wir fuͤhrten eine Zeitlang einen empfindſamen Brief⸗ wechſel uͤber den Ladentiſch weg, und ich lieferte ihr ganze Struͤmpfe voll Verſe. Endlich vermochte ich ſie, mir eine Zuſammenkunft zu bewilligen. Aber wie dieſe bewerkſtelligen? Ihr Vater ließ ſie nie aus den Augen; ſie ging nie allein aus, und das Haus ward in dem Augenblicke geſchloſſen, wo der Laden zugemacht wurde. Alle dieſe Schwie⸗ rigkeiten dienten indeſſen nur dazu, dem Abenteuer einen noch groͤßeren Reiz zu leihen. Ich ſchlug ihr vor, daß die Zuſammenkunft in ihrem eigenen Zimmer geſchehen ſollte, deſſen Fenſter ich in der Nacht erklet⸗ tern wollte. Dem Plan war gar nicht zu wider⸗ ſtehen— ein grauſamer Vater, ein heimlicher Lieb⸗ 4 haber und eine verſtohlene Zuſammenkunft! Alles was das kleine Miaͤdchen aus der Leihbibliothek ge⸗ leſen hatte, ſchien itzt verwirklicht werden zu wollen. Was war aber mein Zuec h bei beſe Zuſam⸗ menkunft Das weiß ich wabrzaftd Richr 30 hatte — 329 keine boͤſe Abſichten, kann aber auch nicht ſagen, daß ich gute hatte. Ich mochte das Maͤdchen lei⸗ den und wuͤnſchte, ſie laͤnger zu ſehen, und ſo ward die Zuſammenkunft, wie ich es bei manchen andern Dingen gemacht habe, leichtſinnigerweiſe und ohne Ueberlegung verabredet. Nachdem ich alle meine Anſtalten getroffen, legte ich mir ſelbſt einige Fra⸗ gen vor, allein die Antworten waren ſehr ungenuͤ⸗ gend.„Soll ich das arme, unerfahrene Maͤdchen zu Grunde richten?“ ſagte ich zu mir ſelbſt.„Nein war die ſchnelle und entruͤſtete Antwort.„Soll ich mit ihr davon gehen?— Wohin und zu welchem Endzweck?“„Nun denn, ſoll ich ſie heirathen? — Ein junger Mann von meinen Ausſichten, ei⸗ nes Kraͤmers Tochter heirathen!“„Was ſoll ich alſo mit ihr beginnen? Hm— ja— wenn ich nur erſt in der Stube bin, dann will ich mir das uͤber⸗ legen“— und damit endigte mein Selbſt⸗Examen. Und ſo, geſagt gethan; ich ſchlich mich, von der Dunkelheit beguͤnſtigt, nach der Wohnung mei⸗ ner Dulcinea. Alles war ruhig. Auf das verab⸗ redete Zeichen oͤffnete ſich ihr Fenſter ganz leiſe. Es war gerade uͤber dem hervortretenden Fenſter des Ladens ihres Vaters, und dieß erleichterte mir das Hinaufſteigen. Das Haus war niedrig und die Feſtung deswegen nicht ſehr ſchwer zu erklim⸗ 330 men. Ich kletterte mit pochendem Herzen hinauf, erreichte das Fenſter, bog mich halb in das Zimmer hinein, und ward— nicht von der, meiner har⸗ renden Schoͤnen, mit einer Umarmung empfangen, ſondern von dem ſauertoͤpfiſchen alten Vater, in der krauslockigen Peruͤcke, feſtgehalten. Ich wand mich aus ſeinen Klauen los, und ſuchte mich davon zu machen, aber ſein Geſchrei: Diebe! Raͤuber! machte mich ganz verwirrt. Eben ſo laͤſtig war mir ſein Sonntagsrohr, das mir um den Kopf ſauſte, als ich herabſtieg, und gegen das mein Hut mir nur wenig Schutz gewaͤhrte. Ich hatte nie einen Begriff von der Gelenkigkeit des Armes eines alten Mannes und der Haͤrte eines elfenbeinenen Stockknopfes gehabt. In der Eile und Verwirrung ſah ich nicht, wohin ich trat, und fiel flach auf das Pflaſter nieder. Augenblicklich ſah ich mich von Helfershelfern des Alten umgeben, die, ohne Zweifel, auf der Lauer nach mir geweſen waren. Ich war indeſſen gar nicht vermoͤgend zu entwiſchen, denn ich hatte mir bei dem Fall den Knoͤchel ausgerenkt, und konnte nicht ſtehen. Man bemaͤchtigte ſich meiner als eines Hausdiebes, und um nur ein groͤßeres Verbrechen von mir abzuwaͤl⸗ zen, mußte ich mich eines geringeren anklagen. Ich — 4 geſtand alſo, wer ich ſey und was mich hieher ge⸗ bracht habe. Ach! die Schelme wußten es bereits, und beluſtigten ſich nur auf meine Unkoſten. Meine treuloſe Muſe hatte mir einen ihrer hinterliſtigen Streiche geſpielt. Der alte Baͤr von Vater hatte meine Sonnette und Akroſtichen in den Ecken und Winkeln ſeines Ladens gefunden; er fand keinen Geſchmack an der Poeſie, wie ſeine Tochter, und hatte uns ſcharf, wenn gleich im Stillen, beobach⸗ tet. Er hatte unſere Briefe aufgefangen, unſere Plaͤne entdeckt, und Alles zu meinem Empfange vorbereitet. So war ich denn einmal dazu beſtimmt, immer von meiner Muſe in die Falle gelockt zu wer⸗ den. Moͤge doch Niemand einen Liebeshandel in Verſen fuͤhren! Der FZorn des alten Mannes war einigermaßen dadurch beſaͤnftigt, daß er mir tuͤchtig den Kopf ge⸗ blaͤut und daß ich mir den Fuß verrenkt hatte, und ſo brachte er mich nicht gleich auf der Stelle um. Er war ſogar menſchlich genug, eine Fenſterlade her⸗ zugeben, auf welche ich, wie ein verwundeter Krie⸗ ger, nach dem College zuruͤckgetragen wurde. Der Thuͤrſteher mußte geweckt werden, mich einzulaſſen: das Thor des College ward geoͤffnet, um mich hin⸗ eintragen zu koͤnnen. Am andern Morgen ſprach 332 man ſchon allgemein von der Sache, und ſie ward zum Stichblatt fuͤr das College, von der Speiſe⸗ kammer bis zum Speiſeſaal. Waͤhrend mehrerer Wochen, wo ich meiner Ver⸗ renkung wegen das Zimmer huͤten mußte, hatte ich Zeit zur Reue, und brachte ſie damit hin, daß ich Boethius Troſtgruͤnde der Philoſophie uͤber⸗ ſetzte*). Ich erhielt einen ſehr zaͤrtlichen und unortho⸗ graphiſchgeſchriebenen Brief von meiner Geliebten, die man zu einer Verwandten nach Coventry geſchickt hatte. Sie betheuerte mir darin, daß ſie an mei⸗ nem Ungluͤcke unſchuldig ſey, und gelobte mir treu zu ſeyn„bis zum Tohde“. Ich achtete auf den Brief weiter nicht, denn ich war fuͤr itzt ſowol von der Liebe, als von der Poeſie geheilt. Frauen ſind indeſſen in ihren Neigungen beſtaͤndiger als die Maͤnner, was auch die Philoſophie vom Ge⸗ gentheile behaupten mag. Ich bin verſichert, daß ſie wirklich mehrere Monate lang ihrem Geluͤbde treu blieb, allein ſie hatte es mit einem grauſamen Vater zu thun, deſſen Herz ſo hart, wie ſein Stock⸗ knopf war. Er ließ ſich weder durch Thraͤnen, noch durch Poeſie erweichen, ſondern zwang ſie *) Boethius de Consolatione philosophiae, das Werk eines latein. Philoſophen aus dem 5. Jahrh. Ueberſ. — 333 ohne Weiteres dazu, einen achtbaren jungen Kauf⸗ mann zu heirathen, der ſie, ihr ſelbſt und aller Ro⸗ manenſitte zum Trotze, ſehr gluͤcklich und, was noch mehr iſt, zur Mutter mehrerer Kinder machte. Beide leben noch heutiges Tages als ein gluͤckliches Paar, und haben einen netten Laden, an der Ecke, dem Bilde des guckenden Tom*) gerade gegen⸗ uͤber, in Coventry.„ Ich will Sie nicht laͤnger durch einzelne Zuͤge aus meinem Studentenleben in Orford ermuͤden, obgleich ſie nicht immer ſo tragiſch waren, als die⸗ ſer: auch bezahlte ich nicht immer ein ſo ſtarkes Lehrgeld. Kurz ich lebte nach meiner gewoͤhnlichen verworrenen Art fort, und erlangte nach und nach Kenntniß vom Guten und Boͤſen, bis ich mein ein und zwanzigſtes Jahr erreicht hatte. Ich war *) Dieß bezieht ſich auf eine alte Sage von einem Schneider in Coventry. Als nämlich die Gemahlin des Graſen Leofric von Mercia, Godiva, bei ihrem, auf die Bürger von Coventry erzürnten Gemahl eine Fürbitte für ſie einlegte, erhielt ſie nur unter der Bedingung Gnade für ſie, wenn ſie am hellen Mittag nackt durch die Stadt reiten würde. Die Bürger in den Straßen, durch welche die Gräfin ritt, mußten bei Todesſtrafe die Thüren und Fenſter ihrer Häuſer ſchließen. Als aber der Schneider in ſeiner Neugierde ſich nicht enthalten konnte, etwas her⸗ auszublicken, erblindete er dafür auf der Stelle. 1 Ueberſ. 334 kaum muͤndig geworden, als ich die Nachricht von dem ploͤtzlichen Tode meines Vaters erhielt. Dieß war ein harter Schlag, denn, obgleich er mich nie mit großer Liebe behandelt hatte, ſo war er doch immer mein Vater, und ich fuͤhlte mich bei ſeinem Tode allein und verlaſſen in der Welt. Ich kehrte in meine Heimath zuruͤck, und fand mich nun als den alleinigen Herrn meines vaͤterli⸗ chen Hauſes. Eine Menge truͤber Gedanken umla⸗ gerte mich. Dieß war ein Ort, der mich immer ruhig gemacht und zum Nachdenken gebracht hatte, und namentlich itzt, wo er ſo verlaſſen und truͤbſe⸗ lig ausſah. Ich trat in das kleine Fruͤhſtuͤckszim⸗ mer. Dort hing meines Vaters Peitſche und ſeine Sporn, neben dem Kamin das Geſtuͤtbuch, das Jagd⸗Magazin und der Wettrenn⸗Kalender, die einzigen Buͤcher, die er las. Sein Lieblings⸗ Wachtelhund lag auf dem Teppich vor dem Ka⸗ min*). Das arme Thier, das ſich ſonſt nie um mich bekuͤmmert hatte, kam itzt ſchmeichelnd an mich heran, leckte mir die Hand, ſah ſich rund im *) Auf Engliſch ein hearth rug genannt. Dieß ſind kleine rauhe Teppiche, welche dicht vor den ſogenannten fender oder die von Draht geflochtene Umgebung des Ka⸗ mins gelegt werden, und worauf man die Füße ſetzt, wenn man vor dem Kamin ſitzt. Ueberſ. — — ——³———— — 335 Zimmer umher, winſelte, wedelte ein wenig mit dem Schwanze, und blickte dann gedankenvoll zu mir auf. Ich fuͤhlte die ganze Staͤrke dieſer An⸗ ſprache.„Armer Daſh“, ſagte ich:„wir ſind Beide allein in der Welt, und haben Niemanden, der fuͤr uns ſorgt, und ſo wollen wir denn fuͤr einander ſorgen.“— Der Hund hat mich nachher nie verlaſſen. Ich konnte das Zimmer meiner Mutter nicht betreten— mein Herz brach, wenn ich nur die Thuͤr erblickte. Ihr Bild hing im Wohnzimmer gerade uͤber dem Platze, wo ſie zu ſitzen pflegte. Als ich meine Augen darauf warf, glaubte ich, es ſahe mich zaͤrtlich an: ich brach in Thraͤnen aus. Ich war zwar ein leichtſinniger Menſch, und vielleicht etwas dadurch verhaͤrtet, daß ich in oͤffent⸗ lichen Schulen erzogen und unter Fremden umher⸗ geworfen worden war, die ſich nichts aus mir machten; allein die Erinnerung an die Zaͤrtlichkeit meiner Mutter uͤbermannte mich dennoch. Es lag weder in meinem Alter, noch in meiner Gemuͤthsart, lange niedergeſchlagen zu ſeyn. Es gab eine Ruͤckwirkung in meinem ganzen Syſtem, die, nach jedem Druck, mich wieder erhob, und mein Geiſt hatte nie mehr Spannkraft, als nach⸗ dem er eine Zeitlang niedergedruͤckt geweſen war. Ich brachte Alles, was das Gut betraf, ſo bald als moͤglich in Ordnung, machte mein Eigenthum, das nicht ſehr bedeutend war, mir aber ſehr an⸗ ſehnlich zu ſeyn ſchien, da ich ein dichteriſches Auge beſaß, dem Alles groͤßer erſchien, zu Gelde, und entſchloß mich, da ich mich nach einigen wenigen Monaten frei von allen andern Geſchaͤften und von allem Zwange fand, nach London zu gehen, und dort mich ganz dem Genuſſe zu uͤberlaſſen. Warum haͤtte ich auch dieß nicht thun ſollen?— Ich war jung, belebt und froͤhlich, hatte fuͤr die gegenwaͤr⸗ tigen Genuͤſſe Geld in Fuͤlle, und die Ausſicht auf das Gut meines Oheims. Moͤgen doch, dachte ich bei mir ſelbſt, alle die im College traͤumen und uͤber den Buͤchern ſitzen, welche in der Welt noch ihr Gluͤck machen wollen: dieß wuͤrde fuͤr einen jungen Mann von meinen Ausſichten eine laͤcherliche Plackerei ſeyn. London, feſt entſchloſſen, mich in der Welt recht luſtig zu machen. Ich kam durch mehrere von den Doͤrfern, wo ich, noch vor wenig Jahren, den Harlekin geſpielt hatte, und beſuchte die Schauplaͤtze von *) Ein zweirädriger Wagen, vor welchen zwei Pferde, eines hinter dem andern, geſpannt ſind. Ueberſ. So rollte ich denn in einem Tandem*) nach 337 von manchen meiner Abenteuer und Thorheiten, bloß des ſchwermuͤthigen Vergnuͤgens wegen, wo⸗ mit wir wieder in die Fußſtapfen eines fruͤheren Daſeyns treten, ſelbſt wenn dieſe durch Unkraut und Dornen gefuͤhrt haben. Ich machte, waͤhrend des letzten Abſchnitts meiner Reiſe, einen Umweg, um Weſt⸗End und Hampſtead, die Schauplaͤtze meiner letzten dramatiſchen Großthat und der Schlacht in der Bude, zu beſuchen. Als ich an dem Kamme des Huͤgels vor Hampſtead hin und bei Jack Straw's Schloß voruͤber fuhr, hielt ich an der Stelle an, wo Colombine und ich ſo troſtlos in unſerm zerlumpten Staate geſeſſen und ſo truͤbe auf London hingeblickt hatten. Ich erwartete beinahe, ſie wie⸗ der zu ſehen, am Rande des Huͤgels ſtehend,„wie Niobe, ganz in Thraͤnen“— beitrübe, wie Baby⸗ lon in Truͤmmern! Arme Colombine, ſagte ich mit einem ſchweren Seufzer, Du warſt ein braves, großmuͤthiges Maͤd⸗ chen, ein aͤchtes Weib: treu gegen die Bedraͤngten, und bereit, Dich fuͤr die Sache der unwuͤrdigen Maͤnner aufzuopfern! Ich ſuchte die Erinnerung an ſie bei mir zu verwiſchen, denn ſie war immer mit einem Vor⸗ wurf gegen mich ſelbſt verbunden. Ich fuhr mun⸗ ter auf der Straße hin, und ergetzte mich an dem 1. P Staunen der Stallknechte und Stalljungen, wie ich meine Pferde ſo gewandt die ſteile Straße von Hampſtead hinunter lenkte, als gerade am Ende des Dorfes einer von den Straͤngen des Vorderpferdes losging. Ich hielt an, und da das Pferd ſtaͤtiſch war, und mein Bedienter ſich nicht zu helfen wuß⸗ te, ſo rief ich den kraͤftigen Wirth eines behaglichen Ale⸗Hauſes heran, der, mit einem Bierkrug in der Hand, vor der Thuͤr ſeines Hauſes ſtand. Er kam ſogleich, mir beizuſtehen, begleitet von ſeiner Frau, mit halb offenem Buſen, die ein Kind auf dem Arme trug, und zwei andere hinter ſich hatte. Ich blickte einen Augenblick ſtarr hin, als ob ich mei⸗ nen Augen nicht traute. Ich irrte mich nicht: in dem fetten, von Bier aufgetriebenen Wirthe des Ale⸗ Hauſes erkannte ich meinen ehemaligen Nebenbuhler, den Harlekin, und in ſeiner ſchlumpigen Gattin, die einſt ſo nette Colombine, mit den Gruͤbchen in den Wangen. Die Veraͤnderung meines Aeußeren bei dem Uebergange aus den Juͤnglingsjahren in die des Mannes, ſo wie die Umgeſtaltung meiner aͤußeren Verhaͤltniſſe, machten, daß mich Jene nicht erkann⸗ ten. Sie konnten freilich nicht ahnen, daß der junge, modiſch gekleidete Mann, der in ſeinem eigenen Wagen fuhr, Niemand anders ſey„als der X und ſeinem langen, weiten, himmelblauen Rocke. Mein Herz war noch voll von Wohlwollen gegen Colombine, und ich freute mich zu ſehen, daß ihr Gewerbe bluͤhe. Sobald das Geſchirr wieder in Ordnung gebracht war, warf ich ihr eine Boͤrſe mit einigen Goldſtuͤcken in den weiten Buſen, und ließ dann, als ob ich meinen Pferden einen uͤchti⸗ gen Hieb mit der Peitſche geben wollte, die Schnur um die feiſten Seiten des ehemaligen Harlekin pfeifen. Die Pferde flogen davon, wie der Blitz, und ich war aus dem Geſicht, ehe weder Mann noch Frau ſich von ihrem Erſtaunen uͤber meine freigebigen Geſchenke erholen konnten. Ich habe dieſen Vorfall immer fuͤr einen der ſtaͤrkſten Be— weiſe meines poetiſchen Genies gehalten. Das hieß, poetiſche Gerechtigkeit in ihrer ganzen Ausdehnung handhaben. Ich betrat nun London als Cavalier, und ward bald einer der erſten Leute von Ton in der Hauptſtadt. Ich miethete mir eine modiſche Wohnung in dem Weſt⸗Ende der Stadt, nahm mir den erſten Schnei⸗ der, beſuchte die Mode⸗Verſammlungsoͤrter, ſpielte ein wenig, verlor mein Geld mit Anſtand, und machte eine Menge von nichtsnutzenden Mode⸗Be⸗ kanntſchaften. So erwarb ich mir auch einigen 3 P 2 geſchminkte Liebhaber mit ſeinem alten ſpitzigen Hute 340— Ruf als ein Mann von wiſſenſchaftlicher Bildung, da ich ſchon im Laufe meiner Studien in Oxford ein ſehr gewandter Boxer geworden war. Ich fing daher bald eine Rolle unter den Liebhabern dieſer Kunſt zu ſpielen an, wurde ein genauer Freund ge⸗ wiſſer boxrender Vornehmer und der Gegenſtand der allgemeinen Bewunderung in Fives⸗Court*). Dieſe wiſſenſchaftliche Bildung kann aber einen Mann von Ton zuweilen in arge Verlegenheiten bringen, denn er laͤßt ſich zu leicht dadurch verlei⸗ ten, den irrenden Ritter zu ſpielen und Haͤndel zu ſuchen, denen weniger wiſſenſchaftlich gebildete Leute ruhig ausweichen wuͤrden. So nahm ich es eines Tages uͤber mich, einen Laſttraͤger fuͤr ſeine Unverſchaͤmtheit zu zuͤchtigen: es war ein wahrer Herkules von Menſchen, aber ich war meiner wiſ⸗ ſenſchaftlichen Ueberlegenheit ſo gewiß! Natuͤrlich trug ich den Sieg davon. Der Laſttraͤger ſteckte die Schande ganz ruhig ein, verband ſich ſeinen zer⸗ ſchlagenen Kopf, und ging ſeinem Geſchaͤft ſo ru⸗ hig nach, als ob nichts vorgefallen waͤre, waͤhrend ich mich bei meinem Siege zu Bett legen mußte, 4*) Dem Orte, wo der öffentliche Box⸗Saal iſt, und ſowol Uebungen, als Gefechte für Geld gehalten werden. Aeberſ. und es vierzehn Tage lang nicht wagte, mich mit meinem zerſchlagenen Geſicht ſehen zu laſſen, woraus ich lernte, daß ein Mann von Bildung bei einem ſolchen Gefecht doch ſehr wohl den Kuͤrzeren ziehen kann, wenn er gleich Sieger geblieben iſt. Ich bin von Natur ein Philoſoph, und Nie⸗ mand kann beſſere Betrachtungen anſtellen, als ich, wenn einmal ein Ungluͤck geſchehen iſt. So lag ich denn auf meinem Bett, und machte meine Be⸗ trachtungen uͤber dieſen traurigen Ehrgeiz, wodurch der Mann von Ton mit dem ungebildeten Men⸗ ſchen auf Einer Stufe zu ſtehen kommt. Ich weiß, daß mehrere Weiſe, welche uͤber dieſe Dinge reiflich nachgedacht haben, der Meinung ſind, daß die edle Wiſſenſchaft des Boxens den Bullenbeißer⸗Muth des Volks aufrecht erhaͤlt, und es ſey fern von mir, etwas gegen die großen Vortheile ſagen zu wollen, ein Volk von Bullenbeißern zu werden; allein es ward mir itzt ganz deutlich, daß ſie eigent⸗ lich dahin abzweckt, das Geſchlecht der Engliſchen Schlaͤger nicht ausgehen zu laſſen.„Was iſt denn nun,“ ſagte ich zu mir ſelbſt, als ich mich nicht ohne Unbequemlichkeit im Bette umwandte:„der Fives⸗Court anders, als eine Univerſitaͤt fuͤr Schufte, wo jeder Klopffechter im Lande Student werden kann? Was iſt die Kunſtſprache der Lieb⸗ 342 haber*) anders, als ein Kauderwelſch, wodurch Narren und Schelme mit einander Gemeinſchaft halten und ſich verſtehen, und eine Art von Ober⸗ gewalt uͤber die Uneingeweihten ausuͤben? Was iſt eine Boxerei anders, als ein Zuſammentreffen auf einem öͤffentlichen Kampfplatze, wo die Vornehmen und Gebildeten mit nichtswuͤrdigen und gemeinen Leuten in vertrauliche Beruͤhrung kommen? Was iſt im Grunde die ganze Liebhaberei anders, als eine Verbindungskette, welche von dem Pair bis zum Taſchendiebe herabgeht, und vermittelſt welcher ein Mann von Stande zu der Ueberzeugung gelan⸗ gen kann, er habe bei drei Gaͤngen dem Moͤrder, der itzt am Galgen haͤngt, die Hand geſchuͤttelt**). „Genug!“ rief ich aus, gaͤnzlich uͤberzeugt durch die Staͤrke meiner philoſophiſchen Gruͤnde und durch den Schmerz, den mir meine Quetſchungen verur⸗ ſachten—„ich will nichts mehr mit der Liebha⸗ berei zu thun haben.“ Sobald ich alſo von mei⸗ nem Siege geneſen war, wandte ich meine Auf⸗ *) The fancy, ſo nennt man alle Diejenigen, welche Bopen, Fahren u. ſ. w. als Liebhaberei treiben. Ueberſ. **) Vor dem Anfange eines jeden Ganges, bei dem Bopen, geben ſich die beiden Streitenden die Hände, zum Seichen, das ſie ohne allen heimlichen Groll ihre Sache ausmachen wollen. Ueberſ. 8 —-— — —— merkſamkeit auf ſanftere Gegenſtaͤnde, und ward nun ein eifriger Bewunderer der Damen. Haͤtte in mir mehr Thaͤtigkeit und Ehrſucht gelegen, ſo haͤtte ich, wie ich das von vielen eifrig bemuͤhten Herren von Ton in meiner Naͤhe thun ſah, mich auch wol zu dem Gipfel der Mode hinauf arbei⸗ ten köͤnnen. Allein dieß iſt ein muͤhſames, angſtli⸗ ches, ungluͤckliches Leben: es giebt Niemanden, der ſchlafloſere Naͤchte zubringt, und ſich elender fuͤhlt, als wer dem Laͤcheln der Modedamen huldigt. Ich begnuͤgte mich mit der Art von Geſellſchaft, welche dicht an der Graͤnze der eigentlichen Modewelt liegt, und zu der man leicht Zutritt gewinnen kann. Ich fand hier einen lockeren, zugaͤnglichen, dankba⸗ ren Boden. Ich brauchte nur umherzugehen und Viſitenkarten auszuſtreuen, um ſogleich eine ganze Saat von Einladungen zu ernten. Meine Geſtalt und mein Benehmen waren mir dabei nichts weniger als im Wege. Daneben ging unter den jungen Damen das Gerede, daß ich gewaltig klug ſey und Verſe mache, und die alten Damen hatten es bald herausgefunden, daß ich ein junger Mann von gu⸗ ter Familie, anſehnlichem Vermoͤgen und„großen Ausſichten“ ſey. Ich ließ mich itzt von dem Strome der Zer⸗ ſtreuungen hinreißen, die fuͤr einen jungen Mann ſo berauſchend ſind, und woran Jemand von poe⸗ tiſchem Gemuͤth, wenn er ſie zuerſt koſtet, ſo gro⸗ ßes Behagen findet, von dieſem ſchnellen Wechſel der Eindruͤcke, dieſem Strudel glaͤnzender Gegen⸗ ſtaͤnde, dieſer Reihenfolge anregender Vergnuͤgun⸗ gen! Ich hatte keine Zeit zum Denken: ich fuͤhlte nur. Ich dachte nicht daran, Verſe zu machen: meine ganze Poeſie ſchien ſich in das Leben aufge— loͤſ't zu haben. Alles war wie ein poetiſcher Traum, der mich umgab. Ein bloß ſinnlicher Menſch weiß nichts von den Herrlichkeiten einer glaͤnzenden Haupt⸗ ſtadt; er lebt in einem ewigen Kreiſe von thieriſchen Genuͤſſen und herzloſen Gewohnheiten. Fuͤr einen jungen Mann von poetiſchem Gefuͤhl iſt ſie dage⸗ gen eine idealiſche Welt, ein Reich des Zaubers und der Blendwerke: ſeine Einbildungskraft iſt beſtaͤndig aufgeregt, und giebt jedem Vergnuͤgen einen geiſti⸗ gen Reiz. Ein halbes Jahr Stadtleben brachte mich in⸗ deſſen zu einiger Beſinnung, oder ich ward viel⸗ mehr etwas ernſthafter durch eine meiner alten Krankheiten, ich verliebte mich. Dieß geſchah mir mitt einer ſehr reizenden, obgleich ſehr ſtolzen Schoͤ⸗ nen, die, unter der Aufſicht einer alten Jungfer, ihrer Tante, nach London gekommen war, um die Vergnuͤgungen der Hauptſtadt zu genießen und— 345 ſich zu verheirathen. Es verſtand ſich, daß ſie un⸗ ter Liebhabern nur zu waͤhlen hatte, denn ſie war lange Zeit die Schoͤnheit einer kleinen Stadt, in der eine Kathedrale war, geweſen, und einer von den Dichtern des Orts hatte ihre Reize ſogar in lateiniſchen Verſen beſungen. Ihre Freunde hatten die allerhoͤchſten Begriffe von dem Eindruck, den ſie hervorbringen wuͤrde. Einige fuͤrchteten, daß ſie ſich bei ihrer Wahl uͤbereilen, und irgend einen Mann von untergeordnetem Range heirathen wuͤrde. Die Tante war indeß entſchloſſen, daß ſie Niemand Ge⸗ ringerem, als einem Lord zu Theil werden ſolle. Doch ach! bei allen ihren Reizen fehlte der jun⸗ gen Dame etwas ſehr Nothwendiges— Geld. So wartete ſie denn vergebens auf einen Herzog, Mar⸗ quis oder Grafen, der ſich ihr zu Fuͤßen werfen ſollte. So wie die Modejahrszeit verging, verbluͤh⸗ ten auch der Dame Erwartungen, als ich, gerade gegen das Ende derſelben, hervortrat. Sowol die junge Dame, als ihre Tante, em⸗ pfingen mich ſehr zuvorkommend. Wahr iſt es, ich hatte keinen Rang, aber ſo große Ausſichten! Man raͤumte mir bald einen entſchiedenen Vorrang vor zwei Nebenbuhlern, dem juͤngeren Sohn eines aͤrm⸗ lichen Baronets, und einem Dragonercapitaͤn auf halbem Solde, ein. Ich ruͤckte eigentlich nicht 346 foͤrmlich in's Feld, denn ich war entſchloſſen, mich nicht zu uͤbereilen: allein ich fuhr haͤufig in meiner Equipage durch die Straße, wo ſie wohnte, und wußte immer, daß ich ſie, mit einem Buche in der Hand, am Fenſter finden wuͤrde. Ich nahm meine Reimereien wieder vor, und ſchickte ihr ein langes Gedicht, natuͤrlich ohne Namen, allein ſie kannte meine Hand. Sowol Tante als Nichte verriethen indeß die allerſpaßhafteſte Unwiſſenheit uͤber dieſe Sache. Die junge Dame zeigte mir die Verſe, konnte gar nicht errathen, von wem ſie geſchrieben waͤren, und aͤußerte, daß ſie nichts in der Welt lieber habe, als Poeſie, waͤhrend die Tante ihre Kneip⸗ Brille aufſetzte und das Gedicht, mit unzaͤhligen Feh⸗ lern in Sinn und Betonung, herlas, die fuͤr die Ohren des Verfaſſers eine wahre Qual waren, wobei ſie verſicherte, daß es in den ganzen Ele- gant extracts*) nichts dem Aehnliches gebe. Die Mode⸗Jahreszeit ging zu Ende, ohne daß ich es gewagt haͤtte, mich zu erklaͤren, obgleich ich auf alle Weiſe dazu ermuntert wurde. Ich war noch nicht ganz uͤberzeugt, daß ich in dem Herzen der jungen Dame feſten Fuß gefaßt haͤtte, und, die *) Eine Art von poetiſcher Schul⸗Chreſtomathie, die bereits ein Dutzend Auflagen erlebt hat. Ueberſ⸗ — 347 Wahrheit zu ſagen, trug die Tante bei ihrer Rolle etwas zu ſtark auf, und hatte mich etwas zu augenſcheinlich gern. Ich wußte, daß alte Tanten von den bloß perſoͤnlichen Verdienſten der Bewun⸗ derer ihrer Nichten nicht ſo leicht angezogen wer⸗ den, und ſo wuͤnſchte ich denn, genau zu wiſſen, wie viel von dieſer Gunſt ich dem Umſtande ver⸗ dankte, eine eigene Equipage und große Ausſichten zu haben. Man hatte mir mehrere Winke gegeben, wie ungemein reizend ihr Geburtsort im Sommer ſey, welche angenehme Geſellſchaft man dort habe, welche ſchoͤne Ausfluͤge man in die Gegend machen koͤnne. Kaum waren ſie einige Zeit zu Hauſe geweſen, als ich in großem Staate erſchien, und die Hauptſtraße hinunter fuhr. Am andern Morgen war ich bei dem Morgengottesdienſte, und ſaß mit der Stadt⸗ ſchoͤnheit in Einem Stuhle. Nach dem Gottesdienſte hoͤrte man uͤberall in den Seitengaͤngen ſich zufluͤſtern: „wer iſt das?“ und„was iſt er?“ und die Antwort war wie gewoͤhnlich:„ein junger Mann von guter Familie und Vermoͤgen, und von großen Ausſichten.“ Die Eigenthuͤmlichkeiten des hochwuͤrdigen klei⸗ nen Ortes machten einen großen Eindruck auf mich. Eine Kathedrale mit allen dazu gehoͤrigen Perſonen und Einrichtungen giebt ein Bild aus anderer Zeit und von einer ganz verſchiedenen Ordnung der Dinge. Es iſt ein ehrwuͤrdiges Ueberbleibſel aus einem poe⸗ tiſchen Zeitalter. Noch immer ſchwebt das Still⸗ ſchweigen und die Feierlichkeit des Kloſters darum her. In dem gegenwaͤrtigen Falle, wo die Kathe⸗ drale groß und die Stadt klein war, trat der Ein⸗ fluß derſelben noch mehr hervor. Der feierliche Prunk des Gottesdienſtes, der taͤglich zweimal ge⸗ halten wurde, mit den großartigen Toͤnen der Or⸗ gel und den Stimmen der Chorknaben, welche in dem praͤchtigen Gebaͤude ertoͤnten, verbreitete gleichſam einen fortwaͤhrenden Sabbath uͤber den Ort. Dieſe beſtaͤndige Gottesverehrung, welche ſo fortdauerte, als ob ſie von der Welt ganz unabhaͤngig waͤre, dieß taͤgliche Darbringen von Wohllaut und Lob, das wie Weihrauch vom Altare empor ſtieg, hatte eine maͤchtige Wirkung auf meine Einbildungkraft. Die Tante fuͤhrte mich in ihre Coterie ein, welche aus Familien zuſammengeſetzt war, die mit der Kathedrale in Verbindung ſtanden, und Andern, die ſich zwar in maͤßigen Gluͤcksumſtaͤnden befan⸗ den, aber ſehr achtbar waren, und ſich unter die Fluͤgel der Kathedrale begeben hatten, um mit maͤ⸗ ßigen Koſten in guter Geſellſchaft zu leben. Es war ein gewaltig ariſtokratiſcher kleiner Zirkel, der in ſeinen Verbindungen mit Andern ſehr eigen, und 4 — 349 . ſehr vorſichtig darin war, nichts Gemeines oder An⸗ ruͤchiges zuzulaſſen. Es ſchien, als ob die Hoͤflichkeit der alten Schule ſich hier einen Zufluchtsort geſucht haͤtte. Es fand ein fortwaͤhrender Austauſch von Ar⸗ tigkeiten, von kleinen Geſchenken an Fruͤchten und Leckerbiſſen und von complimentirenden, mit Raben⸗ federn geſchriebenen Billets Statt: denn in einem ruhigen, wohlerzogenen Kreiſe, wie dieſer war, wo man ganz nach ſeinem Behagen lebt, pflegen kleine Obliegenheiten, und kleine Vergnuͤgungen, und kleine Hoͤflichkeiten den Tag auszufuͤllen. Ich habe, an einem warmen Tage, einen fetten, gepuderten Bedienten aus dem eiſernen Thore eines ſtatt⸗ lichen Hauſes treten, und, mit einer ſehr wich⸗ tigen Miene, eine kleine Torte auf einem großen ſilbernen Praͤſentirteller mitten durch den kleinen Ort tragen ſehen. Die Abendunterhaltungen dieſer Leute waren anſpruchslos und nach alter Weiſe. Man verſam⸗ melte ſich zu einer muͤßigen Stunde; die jungen Damen machten Muſtk, die alten ſpielten Whiſt, und man ging ſchon fruͤh auseinander. Bei dieſen geſellſchaftlichen Zuſammenkuͤnften herrſchte kein Prunk. Zwei oder drei alte Saͤnften waren in be⸗ ſtaͤndiger Bewegung, waͤhrend der groͤßere Theil der Geſellſchaft beim Weggehen Holz⸗ und Kothſchuhe anzog, und ſich von dem Bedienten oder dem Dienſt⸗ maͤdchen eine Laterne vortragen ließ, und noch vor Mitternacht verkuͤndete das Klappern der Kothſchuhe und der Schein der Laternen in dem ruhigen, klei⸗ nen Orte, daß die Abendgeſellſchaft auseinander ge⸗ gangen ſey. Bei allen dem fuͤhlte ich mich hier dennoch nicht ſo behaglich, als ich es mir, in Ruͤckſicht auf die Kleinheit des Ortes, gedacht hatte. Ich fand dieſen ſehr verſchieden von andern Landſtaͤdten, und daß es nicht ſo leicht ſey, hier Aufſehen zu machen. Mir Suͤnder war ſogar die Wuͤrde und der An⸗ ſtand des kleinen Kreiſes zuwider! Ich fuͤrch⸗ tete, daß meine fruͤhere Traͤgheit und Thorheit ſich erheben und gegen mich zeugen wuͤrden. Ich fuͤrch⸗ tete die Wuͤrdentraͤger bei der Kathedrale, die ich an den Geſellſchaften Antheil nehmen ſah. Ich ward nervenſchwach furchtſam in dieſer Hinſicht. Das Knarren der Schuhe eines Domherrn, das von einem Ende der ruhigen Straße bis zum an⸗ dern wiederhallte, erfuͤllte mich mit Schrecken, und der Anblick eines Schiffhuts*) reichte hin, mich *) Shovel- oder canonical-huts, wie man ſie nennt, ſind die zu beiden Seiten aufgeklappten Hilte, welche die Geiſtlichen in England tragen. Ueberſ. ——2— 3514 auf eine Zeitlang mitten in meinem hoͤchſten poe⸗ tiſchen Fluge zu hemmen. Auch die gute Tante konnte nicht ruhig bleiben, ſondern wollte mich durchaus fuͤr ein Genie gehal⸗ ten wiſſen, und erhob meine Gedichte gegen Jeder⸗ mann bis zu den Wolken. So lange ſie dieß nur bei den Frauen geltend machte, ging es ganz gut, denn dieſe waren im Stande, Dichtungen aus der neuen romantiſchen Schule zu verſtehen und zu wuͤrdigen. Die gute Dame war aber nicht eher befriedigt, als bis ſie meine Verſe auch einem Dom⸗ herrn vorgeleſen hatte, der ſeit langer Zeit als der anerkannte Kritiker des Orts gegolten hatte. Dieß war ein magerer behender alter Herr, von mildem, feinem Betragen, der uͤber und uͤber in klaſſiſcher Gelehrſamkeit ſteckte, und nicht ſo leicht durch die gewaltige Poeſie der heutigen Zeit in Hitze zu brin⸗ gen war. Er hoͤrte meine kraͤftigſten Gedanken und gluͤhendſten Worte ohne die geringſte Bewegung an, ſchuͤttelte laͤchelnd den Kopf, und verurtheilte ſie als nicht nach horaziſchen Regeln gemacht, und mithin als keine rechtmaͤßige Poeſie. Nehrere alte Damen, welche bis dahin meine Bewunderinnen geweſen waren, ſchuͤttelten, als ſie dieſen Ausſpruch hoͤrten, den Kopf. Es war unmoͤglich, Gedichte zu loben, die nicht nach hora⸗ 352 ziſchen Regeln abgefaßt waren, und alles Unrecht⸗ maͤßige konnte man in guter Geſſellſchaft unmoͤglich dulden. Ich hatte indeſſen, Dank ſey es meinem guten Geſtirn, die Jugend und den Reiz der Neu⸗ heit auf meiner Seite; die jungen Damen blieben alſo dabei, meine Gedichte, Horaz und der Unrecht⸗ maͤßigkeit zum Trotz, zu bewundern. Ich troͤſtete mich mit der guten Meinung der jungen Damen, von denen ich immer gefunden hatte, daß ſie die beſten Richterinnen uͤber Gedichte waren. Was dieſe alten Gelehrten betrifft, ſagte ich, ſo ſind ſie dadurch ganz erkaltet, daß ſie in die froſtige Quelle der Klaſſiker getaucht haben. Indeſſen fuͤhlte ich doch, daß ich an Anſehen verlor, und daß es noͤthig ſey, die Sache zur Entſcheidung zu bringen. Gerade um dieſe Zeit war ein oͤffent⸗ licher Ball, wo ſich die beſte Geſellſchaft des Ortes und die Angeſeheneren aus der Nachbarſchaft ver⸗ ſammeln ſollten; ich gab mir bei dieſer Gelegenheit große Muͤhe mit meiner Toilette, und hatte nie beſſer ausgeſehen. Ich war entſchloſſen, dieſen Abend einen Hauptangriff auf das Herz der jungen Dame zu machen, es mit aller Macht zu beſtuͤr⸗ men, und es am naͤchſten Morgen ſurnch zur Uebergabe aufzufordern. Wie gewoͤhnlich, entſtand ein Gefluͤſter und eine Bewegung, als ich in den Ballſaal trat. Ich war bei ſehr guter Laune, denn ich hatte mich, die Wahr⸗ heit zu geſtehen, durch ein froͤhliches Glas Wein bei dieſer Gelegenheit erheitert. Ich plauderte und ſchwatzte, und ſagte eine Menge von albernen Din⸗ gen bunt durcheinander, mit dem ganzen Selbſtver⸗ trauen eines Mannes, der ſeine Zuhoͤrer kennt— und Alles brachte die gehoͤrige Wirkung hervor. Mitten in meinem Triumph ſah ich, am obern Ende des Saales, ſich einen kleinen Haufen bilden, der nach und nach groͤßer wurde. Ein Gelaͤchter tönte aus demſelben hervor, man warf Blicke auf mich, und kicherte dann wieder auſ's Neue. Ei⸗ nige von den jungen Damen eilten nach entfernten Gegenden des Saales und fluͤſterten ihren Freun⸗ dinnen etwas zu, und wohin ſie kamen, fing das Gekicher und das Hinſehen nach mir an. Ich wußte durchaus nicht, was ich aus dem Ganzen machen ſollte. Ich betrachtete mich vom Kopfe bis zu den Fuͤßen, ſah mich in einem Spiegel von Hinten an, ob irgend etwas Auffallendes an mir zu entdecken ſey; nein— Alles war in Ordnung — ich war ein vollkommener Adonis! Itzt war ich uͤberzeugt, daß es irgend ein ausgezeichneter Einfall von mir ſey, der in dieſem Kreiſe fröͤhlicher Schoͤnheiten verbreitet wuͤrde, und bereitete mich 3 4 354— ſchon darauf vor, mich an einem meiner guten Ge⸗ danken nach gemachtem Umlaufe abermals zu er⸗ getzen. Ich ſchritt alſo langſam den Saal hinauf, laͤchelte jede Dame an, als ich bei ihr voruͤberging, und ward richtig von jeder wiederum angelaͤchelt und bekichert. Ich naͤherte mich der Gruppe, laͤ⸗ chelte und griff mir an das Kinn, wie Jemand, der voll von Selbſtgefaͤlligkeit und ſicher iſt, gut auf⸗ genommen zu werden. Der Kreis kleiner Schoͤ⸗ nen oͤffnete ſich, als ich naͤher trat. Himmel und Erde! wen erblickte ich in ihrer Mitte?— meine fruͤhe und grauſame Liebe, jene ewige Sachariſſa! Sie war allerdings itzt zur vollen Bluͤthe weiblicher Schoͤnheit herangewachſen, verrieth aber durch ihre hoͤchſt anzuͤgliche ſpoͤttiſche Miene, da ſie ſich meiner und der laͤcherlichen Zuͤchtigungen, zu denen ſie zweimal Veranlaſſung gegeben barte voll⸗ kommen erinnere. Ich ſah auf einmal die niederſchmetternde Ge⸗ walt der Laͤcherlichkeit, welche mich bedrohte. Mir ſank der Muth. Die Flamme der Liebe erloſch ploͤtzlich in meinem Buſen, oder ward durch das uͤberwaͤltigende Gefuͤhl der Scham erſtickt. Wie ich den Saal wieder hinunterkam, weiß ich nicht,— ich glaubte Jedermann uͤber mich kichern zu hoͤren. Gerade in dem Augenblick, wo ich die Thuͤr er⸗ 355 reichte, erblickte ich meine Geliebte und ihre Tante, wie ſie auf das, was ihnen Sachariſſa zufluͤſterte, aufmerkſam hoͤrten, ſah, wie die alte Dame Haͤnde und Augen emporhob, und glaubte, im Geſicht der Juͤngeren einen unausſprechlichen Hohn zu leſen. Ich mochte nichts mehr ſehen, ſondern war in zwei Saͤtzen die Treppe hinab. Am naͤchſten Mor⸗ gen trat ich, vor Sonnenaufgang, meinen Ruͤckzug an, und fuͤhlte nicht eher das Erroͤthen von meinen gluͤhenden Wangen verſchwinden, als bis ich die alten Thuͤrme der Kathedrale aus dem Geſicht ver⸗ loren hatte. Gedankenvoll und muthlos kehrte ich nach der Hauptſtadt zuruͤck. Mein Geld war beinahe aus⸗ gegeben, denn ich hatte ſehr gut und ohne Berech⸗ nung anzuſtellen gelebt. Der Traum der Liebe war voruͤber und das Reich des Vergnuͤgens zu Ende. Ich beſchloß, mich einzuſchraͤnken, ſo lange mir noch etwas uͤbrig blieb, verkaufte meine Equipage und Pferde fuͤr die Haͤlfte ihres Werths, ſteckte das Geld ruhig in die Taſche, und ging zu Fuße. Ich hatte keinen Zweifel, daß ich, bei meinen gro⸗ ßen Ausſichten, zu jeder Zeit entweder von Wu⸗ cherern oder von Freunden Geld erhalten koͤnnte, allein ich war gegen Beides eingenommen, und ent⸗ ſchloſſen, durch ſtrenge Wirthſchaft, ſo lange aus 356 meiner ſchwachen Boͤrſe zu leben, bis mein Oheim den Geiſt, oder vielmehr den Beſitz ſeines Gutes aufgegeben haben wuͤrde. Ich blieb alſo zu Hauſe, las, und wuͤrde geſchrieben haben, haͤtte ich nicht zu viel durch meine poetiſchen Erzeugniſſe zu leiden gehabt, die mich gewoͤhnlich in irgend eine beſchaͤ⸗ mende Verlegenheit gebracht hatten. Ich bekam nach und nach etwas Verroſtetes, und gewann ein kuͤmmerliches borgendes Anſehen, was zur Folge hatte, daß man mir aus dem Wege ging. Ich habe nie Veranlaſſung gefuͤhlt, mit der Welt uͤber ihr Betragen zu hadern, denn ſie hat mich immer ſehr gut behandelt. Wenn ich flott und vergnuͤgt gelebt habe und zur Geſelligkeit geneigt geweſen bin, hat ſie mir geliebkoſ't; bin ich dagegen in be⸗ draͤngten Umſtaͤnden geweſen, und habe ich dann ge⸗ wuͤnſcht, in Ruhe zu ſeyn, ſo hat ſie mich— in Ruhe gelaſſen; was kann der Menſch mehr verlangen? Verlaſſen Sie ſich auf mein Wort, dieſe Welt iſt ungleich verbindlicher, als man ſie gewoͤhnlich dar⸗ ſtellt. Mitten in meiner Einſchraͤnkung, Eingezogenheit und meinen Studien, erhielt ich Nachricht, daß mein Oheim gefaͤhrlich krank ſey. Ich eilte auf den Fluͤ⸗ geln der Erbenliebe, ſeinen letzten Athemzug und ſein Teſtament zu empfangen. Ich fand ſeinen —— ——n treuen Bedienten, den eiſernen Johann, die Frau, welche zuweilen im Hauſe arbeitete, und den roth⸗ koͤpfigen Jungen, den kleinen Orſon, den ich zu⸗ weilen im Park herumgehetzt hatte, bei ihm. Der eiſerne Johann keuchte mir eine Art von aſthma⸗ tiſchen Gruß entgegen, als ich in das Zimmer trat, und empfing mich mit einer Art von Laͤcheln, die beinahe eine Aehnlichkeit mit einem Willkommen hatte. Die Frau ſaß heulend am Fuße des Bet⸗ tes, und der rothkoͤpfige Orſon, der itzt zu ei⸗ nem großen Luͤmmel herangewachſen war, ſtand in der Entfernung und ſah in ſtumpfer Geiſtes⸗ leere zu. Mein Oheim lag im Bette. Es war kein Feuer im Kamin, noch irgend eine der Behaglichkeiten eines Krankenzimmers zu ſehen. Die Spinnweben hingen von der Decke des Zimmers herab, der Bett⸗Himmel war mit Staub bedeckt und die Vor⸗ haͤnge zerriſſen. Unter dem Bett hervor guckte das eine Ende ſeines Geldkaſtens. An der Wand hin⸗ gen verroſtete Donnerbuͤchſen, Kavallerie⸗Piſtolen und ein Hieb⸗ und Stichdegen, Waffen, die er in ſeinem Zimmer hatte, um ſein Leben und ſeine Schaͤtze vertheidigen zu koͤnnen. Er hatte in ſeiner Krankheit keinen Arzt gehabt, und ſchien, nach den kaͤrglichen Ueberbleibſeln auf dem Tiſche zu ſchließen, 358—q zu haben.. Als ich in das Zimmer trat, lag er bewegungs⸗ los da, mit ſtarren Augen und offenem Munde, ſo daß ich ihn im erſten Augenblicke fuͤr todt an⸗ ſah. Das Geraͤuſch, das ich bei dem Eintritte ver⸗ urſachte, machte, daß er den Kopf umwandte. Als er mich erblickte, flog ein geſpenſtiſches Laͤcheln uͤber ſein Geſicht, und ſein glaͤſernes Auge glaͤnzte von Vergnuͤgen. Es war das einzige Laͤcheln, das er mir je geſchenkt hatte, und es ging mir zu Herzen. Armer alter Mann, dachte ich, warum haſt Du mich zwingen wollen, Dich ſo allein zu laſſen, da ich doch ſehe, daß meine Gegenwart Dich zu er⸗ heitern vermag? „Neffe,“ ſagte er, nach mehreren Verſuchen zu reden, und mit leiſer, keuchender Stimme:„„ ich freue mich, daß Du gekommen biſt; itzt ſterbe ich zufrieden.— Sieh,“ ſagte er, indem er ſeine ver⸗ welkte Hand erhob und damit hinwies:„ ſieh, dort das Kaͤſtchen auf dem Tiſche; Du wirſt finden, daß ich Dich nicht vergeſſen habe.“ Ich druͤckte ſeine Hand an mein Herz, und die Thraͤnen traten mir in die Augen. Ich ſetzte mich an ſein Bett und beobachtete ihn, allein er ſprach nicht wieder. Meine Gegenwart machte ihm aber ſich beinahe auch die Leiſtungen der Koͤchin verſagt augenſcheinlich Vergnuͤgen, denn dann und wann flog, wenn er auf mich blickte, ein ſchwaches Laͤ⸗ cheln uͤber ſein Geſicht, und er wies, mit matter Geberde, auf das verſiegelte Kaͤſtchen, das auf dem Tiſche ſtand. Als der Tag ſchwand, ſchien auch ſein Leben zu ſchwinden. Gegen Sonnenuntergang ſank ſeine Hand auf das Bett und blieb unbeweg. lich liegen, ſeine Augen brachen, ſein Mund blieb offen, und ſo verſchied er. Das Abſterben meines letzten Verwandten machte einen tiefen Eindruck auf mich. Ich vergoß eine Thraͤne wahrer Trauer am Lager dieſes alten Man⸗ nes, der ſein einziges guͤtiges Laͤcheln gegen mich bis zu ſeinem Sterbebette aufgeſpart hatte, wie die Abendſonne nach einem truͤben Tage noch einmal ſcheint, um dann in Dunkel unterzugehn. Ich uͤberließ die Sorge fuͤr den Leichnam den Dienſtbo⸗ ten, und begab mich zur Ruhe. Es war eine ſtuͤrmiſche Nacht. Der Wind ſchien das Requiem fuͤr meinen Oheim um deſſen Wohnung anzuſtimmen, und die Schweißhunde heulten, als ob ſie von dem Tode ihres alten Herrn etwas gewußt haͤtten. Der eiſerne Johann goͤnnte mir beinahe das Talglicht nicht, das in meinem Zimmer brannte, und deſſen oͤdes Dunkel erhellte, ſo gewoͤhnt war er an die hungrige Sparſamkeit. Ich konnte nicht ſchlafen. Die Erinnerung an die letzten Augenblicke meines Oheims, und die furcht⸗ baren Toͤne um das Haus, erſchuͤtterten mein Ge⸗ muͤth. Dazu kamen die Plaͤne, welche ich fuͤr die— Zukunft machte, und ſo lag ich denn den groͤßten Theil der Nacht uͤber ſchlaflos da, und uͤberließ mich dem poetiſchen Vorgefuͤhl, wie bald ich dieſe alten Mauern von froher Luſt ertoͤnen und wie ich die Gaſtfreiheit der Ahnen meiner Mutter wieder aufleben laſſen wollte. Das Begraͤbniß meines Oheims war anſtaͤndig, aber ohne Aufſehen. Ich wußte, daß Niemand ſein Andenken ehrte, und wollte nicht, daß Jemand bei ſeiner Beerdigung laͤcheln und bei ſeinem Grabe froh ſeyn ſollte. Er ward in der Kirche des benachbar⸗ ten Dorfes beigeſetzt, obgleich es nicht der Begraͤb: nißort ſeines Stammes war, allein er hatte aus⸗ druͤcklich verordnet, daß man ihn nicht bei ſeiner Familie begraben ſollte. Er hatte bei ſeinem Leben mit den meiſten Gliedern derſelben Streit gehabt, und nahm ſeine Erbitterung mit in das Grab. Ich beſtritt die Koſten des Begraͤbniſſes aus meinem eigenen Beutel, damit ich auf einmal aus den Haͤnden der Leichenbeſtatter kaͤme, und dieſe Unheil⸗verkuͤndenden Voͤgel aus dem Gehöft los wuͤrde. Ich lud den Pfarrer des Kirchſpiels und den Dorf⸗Rechtsgelehrten ein, ſich am naͤchſten Morgen in dem Hauſe einzufinden, und der Er⸗ oͤffnung des Teſtaments beizuwohnen. Ich ſetzte ihnen ein treffliches Fruͤhſtuͤck vor, eine Verſchwen⸗ dung, die man ſeit vielen Jahren in dieſem Hauſe nicht ge⸗ 361 gekannt hatte. Sobald die Fruͤhſtuͤcksgeraͤthſchaften hinweggeſchafft waren, ließ ich den eiſernen Johann, die Frau und den Knaben hereinkommen, denn ich woollte, das Alle gegenwaͤrtig ſeyn ſollten, und Al⸗ les in der gehoͤrigen Ordnung zuginge. Das Kaͤſt⸗ chen ward auf den Tiſch geſetzt— es herrſchte eine allgemeine Stille— ich loͤſ'te das Siegel— hob den Deckel auf, und ſah— kein Teſtament— ſon⸗ dern mein verwuͤnſchtes Gedicht vom„Schloſſe des Zweifels und dem Rieſen der Verzweiflung!“ Wer haͤtte vermuthen koͤnnen, daß dieſer alte, abgelebte Mann, der ſo einſylbig, und dem An⸗ ſcheine nach ſo abgeſtumpft war, Jahre lang den unbeſonnenen Scherz eines Knaben aufbewahren wuͤrde, um ihn mit einer ſo berechneten Grauſam⸗ keit dafuͤr zu ſtrafen? Itzt konnte ich mir ſein letz⸗ tes Laͤcheln erklaͤren, das einzige, was mir je von ihm zu Theil geworden war. Er war ſein ganzes Leben hindurch ſehr ernſthaft geweſen, und es war ſonderbar, daß er mit einem Scherz, und hart, daß er mit einem Scherz auf meine Koſten, ge⸗ ſtorben war. Der Rechtsgelehrte und der Pfarrer ſchienen die Sache nicht begreifen zu koͤnnen.„Hier muß ein Irrthum obwalten,“ ſagte der Rechtsgelehrte, „es iſt kein Teſtament da.“ Ol ſagte der eiſerne Johann, indem er ſeine verroſteten Kinnbacken aufthat, wenn Sie ein Te⸗ ſtament ſuchen, das kann ich Ihnen ſchaffen. Er entfernte ſich mit demſelben ſonderbaren Laͤcheln, womit er mich bei meiner Ankunft begruͤßt hatte, I. Q * 362 und das, wie ich fuͤrchten mußte, nichts Gutes fuͤr mich bedeutete. Nach einer kleinen Weile kehrte er mit einem, in allen Punkten vollkommen rich⸗ tigen, gehoͤrig unterſchriebenen und unterſiegelten, von Zeugen beſtaͤtigten, und mit furchtbarer Ge⸗ nauigkeit abgefaßten Teſtament zuruͤck, worin mein Oheim dem eiſernen Johann und deſſen Tochter große Legate, ſein ganzes uͤbriges Vermoͤgen aber dem rothkoͤpfigen Jungen hinterließ, der, zu mei⸗ ner groͤßten Verwunderung, ſein und dieſer Frau Sohn war, die er heimlich geheirathet, wie ich faſt glaube, nur deswegen, um einen Erben zu haben, und ſo meinen Vater und deſſen Nach⸗ kommen um die Erbſchaft zu bringen. In einer kleinen Klauſel ſagte er, daß, da er gefunden, daß ſein Neffe ſo große Anlagen zur Poeſie habe, er vorausgeſetzt, daß er der Reichthuͤmer nicht be⸗ duͤrfe; er empfehle ihn jedoch ſeinem Erben, und wuͤnſche, daß er zinsfrei, ein Dachſtuͤbchen im Schloſſe des Zweifels bekommen moͤge. Ende des erſten Theils. Gedruckt bei A. W. Schade in Berlin. Anzeige. K. F. Becker's Weltgeſchichte. Fuͤnfte ver⸗ beſſerte Auflage. Mit den Fortſetzungen von J. G. Woltmann und K. A. Menzel. 12 Baͤnde. gr. 8. Ueber die erſte Lieferung dieſer Ausgabe(Bd. 1. 2.3. Alte Geſchichte), welche kuͤrzlich dem Publikum uͤberge⸗ b ben worden, iſt von einem, durch gediegene Betrachtun⸗ gen ſich als aͤußerſt kundig verrathenden Referenten(im Lit. Converſationsblatt, 1824. Nr. 200.) Folgendes geur⸗ theilt worden.„Der jetzige Herausgeber hat in der Vorrede die richtigen Grundſaͤtze der Behandlung ent⸗ wickelt, und in den vorliegenden drei Baͤnden beobachtet. Weil aber faſt Niemand die Muͤhe und Schwierigkeit ſolcher beſcheidenen und doch wichtigen Beſſerungen eines fremden Werkes hoch genug anſchlaͤgt, halten wir es fuͤr Pflicht, auf das Verdienſt des jetzigen Herausgebers be⸗ ſonders aufmerkſam zu machen. In manchem groͤßern Theile des Werks, z. B. hinſichtlich der Juͤdiſchen Ge⸗ ſchichte, iſt Ton und Farbe der Darſtellung wuͤrdiger und angemeſſener geworden; manche Gegenſtaͤnde, z. B. Kunſt und Wiſſenſchaft, in volleres Licht geſetzt; an an⸗ deren Stellen das Ergebniß neuer Forſchungen mit weni⸗ gen Worten geſchickt in den Text verflochten, das Urtheil berichtigt und die Sprache geglaͤttet“ Dann:„Auf eine ſeltene Weiſe iſt durch die dreifache Bearbeitung und Durchſicht das Ganze nicht auseinandergefallen und mit ſich ſelbſt in Widerſpruch gerathen, ſondern wahrhaft 1 erzogen worden. Die, welche das Werk ſchon kannten und ſchaͤtzten, muͤſſen es immer lieber gewinnen; und Diejenigen, welche klagten, ſie koͤnnten aus Mangel an lesbaren Werken ihre verborgene Zuneigung zur Geſchichte nicht befriedigen, werden dieſe Entſchuldigungen kuͤnftig nicht mehr vorbringen duͤrfen.“ Die unterzeichneten Verleger erinnern hierbei, daß von dieſem Werke zweierlei Ausgaben erſcheinen, 1) auf gutem weißen Druckpapier( Praͤn. Preis auf alle 12 Baͤnde 12 ⅞ Rthlr.). 2) auf feinem Median der Berliner Patent⸗Papier⸗ fabrik(Praͤn. Preis 162 Rthlr.) fuͤr welche, ſo lange der Praͤnumerationstermin benutzt wird, die angezeigten wohlfeilen Preiſe(die Haͤlfte der ehemaligen) Statt finden. Man kann in allen Buch⸗ handlungen Deutſchlands ſubſeribiren, welche gegen Zah⸗ lung der Haͤlfte des obigen Betrags die erſte Lieferung aushaͤndigen; die andere Haͤlfte iſt bei Empfang der zweiten Lieferung zahlbar. Den Beſitzern der fruͤhern Ausgaben dient zur Nachricht, daß der 11te Band oder die Fortſetzung die⸗ ſes Werks, von Herrn Conſiſt. Nath Menzel(die Geſchichte unſerer Zeit) erſchienen iſt, und der 12te, wel⸗ cher daſſelbe beſchließt, in Kurzem nachfolgen wird Duncker und Humblot. 6 8 4 5 3 K