Leihbibliothe deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Oftmann in Giehen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und LCeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Daution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 3 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für wöchentlich Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 3 5 3 3 5 11 0 Ir— 5 9— 1 u 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersätz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 4 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. ———4— Singemachtes Waſhington Irving. Anus dem Eugliſchen. 34 2— 3 Frankfurt am Main, 1827. Gedruckt und verlegt bei Johann David Sauerländer. 1. Das Vorwort. Mit Geſott'nem, Gebrat'nem, Gebacktem, Geräuchertem, Geröſt'tem, Zerſchnitt'nem, Zerhacktem Tractir'n wir die Stadt⸗ plalmanazar. Da Jedermann weiß oder wiſſen ſollte, vas Eingemachtes iſt, ſo wollen wir uns die Muͤhe ſparen, es zu erklaͤren; wir haſſen ohnedies Mühen, wie wir alles Niedrige und Ge⸗ meine haſſen— und den, der ſich unndͤthigerweiſe derglei⸗ chen macht, halten wir fuͤr einen des hoͤchſten Mitleids und der tiefſten Verachtung wuͤrdigen Menſchen. Auch wollen wir uns den Kopf nicht heis machen, um Nachricht von uns zu geben, aus zwei Gruͤnden: erſtens bekuͤmmert dies Nie⸗ manden; zweitens, wenn dies auch waͤre— wir halten uns nicht gebunden, uns mit dem, was andere bekuͤmmert, abzu⸗ geben, ſondern uns um uns ſelbſt zu bekuͤmmern; und ſelbſt das nehmen wir uns die Freiheit zu vernachlaͤſſigen, wenn es uns eben behagt. Dazu koͤnnten wir noch einen dritten Grund fuͤgen; wenige Menſchen ſind nemlich im Stand, eine ertraͤgliche Auskunft von ſich ſelber zu geben, wie ſehr ſie — 6— ſich auch anſtrengen: dieſer Grund kann jedoch, offen geſtan⸗ den, nicht auf uns angewendet werden. Udber zwei oder drei Dinge wollen wir indeſſen das Publikum gratis belehren, beſonders weil es uns Vergnüͤ⸗ gen macht und angemeſſen ſcheint, daß ſie bekannt werden, und zum Theil, weil wir nicht wuͤnſchen, daß im Anfang un⸗ ſerer Bekanntſchaft ſich eine Mishelligkeit zwiſchen uns draͤnge. Unſere Abſicht iſt einfach die Jugend zu unterrichten, das Alter zu beſſern, die Stadt zu reformiren und das Zeital⸗ ter zu geißeln: das iſt ein ſchweres Unternehmen und daher beginnen wir es mit Vertrauen. Wir beabſichtigen zu die⸗ ſem Zweck ein treffendes Bild von der Stadt aufzuſtellen;. und da jeder ſeine eigene Fratze auf der Leinwand ſehen will, ſo dumm oder haͤßlich ſie auch ſeyn mag, ſo zweifeln wir nicht, daß die ganze Stadt zu unſerer Ausſtellung ſtroͤ⸗ men werde. Unſer Gemaͤlde wird nothwendig eine große Mannigfaltigkeit von Figuren umfaſſen; ſollte irgend einem Herrn oder einer Dame die Aehnlichkeit ſeines oder ihres Portraits nicht gefallen, ſo koͤnnen ſie die uͤble Laune da⸗ durch zerſtreuen, daß ſie uͤber die Portraits ihrer Nachbarn lachen— das iſt die ſogenannte poetiſche Gerechtig⸗ keit. 3 Wir halten uns, wie alle aͤchte und tuͤchtige Schriftſtel⸗ ler, fuͤr untruͤglich; daher werden wir, mit der gewoͤhnli⸗ chen Schuͤchternheit unſerer Bruͤder vom Gaͤnſekiel, uns die Freiheit nehmen, uns in Alles, ſey es nun oͤffentliche oder Privat⸗Sachen, einzumengen. Wir ſind Kritiker, Liebha⸗ ber, Dilettanten und Kenner; und da wir am Kitzeln unſe⸗ 5 ‿ — 7— rer Finger fuͤhlen, daß jede Anſicht, die wir in irgend ei⸗ nem dieſer Charaktere ausſprechen, richtig ſeyn wird, ſo ſind wir entſchloſſen, eine ſolch, ob ſie auch in Zweifel gezo⸗ gen, widerlegt, oder ſelbſt das Gegentheil bewieſen wird, nie zu widerrufen. Wir erſuchen das Publikum beſonders, einſehen zu wol⸗ len, daß wir keine Goͤnnerſchaft ſuchen. Wir ſind im Ge⸗ gentheil entſchieden, daß die Goͤnnerſchaft ganz auf unſerer Seite ſeyn ſoll. Wir haben nichts mit den Vortheilen zu thun, die aus dem groͤßern oder geringern Abſatz dieſer Schrift entſtehen koͤnnten; jener wird uns nicht ſtolz oder reich, dieſer nicht arm oder demuͤthig machen. Wir benach⸗ richtigen daher das Publikum, unſere Blaͤtter blos um ſei⸗ ner ſelbſt Willen zu kaufen;— hoͤrt es unſern Rath nicht, ſo laßt es dies mit ſeinem Gewiſſen und der Nachwelt aus⸗ machen. Endlich laden wir alle Herausgeber von Zeitungen und literariſchen Journalen ein, uns im Voraus tuͤchtig zu lo⸗ ben; wir verſichern, daß wir im Sinne haben, ihr Lob zu verdienen. Den Neu⸗Yorker Blaͤttern fuͤr allein ſeligma⸗ chende Kritik biethen wir in Freundſchaft die Hand, erklaͤ⸗ rend, daß: nach unſern Abhandlungen keine andern ſo nahe Anſpruͤche an Unſterblichkeit haben, als die ihrigen. Wir ver⸗ ſprechen ihnen einen Austauſch von Hoͤflichkeiten; ſie ſollen uns fromme Artikel liefern und wir geben ihnen geſunde Original⸗Abhandlungen uͤber alle Arten von wiſſenſchaft⸗ lichen Gegenſtaͤnden. 2. Theater⸗Kritik. Macbeth wurde bei gedraͤngtem Hauſe und zu un ſe⸗ rer großen Zufriedenheit gegeben. Da wir Kemble nie in dieſem Charakter geſehen haben, ſo wiſſen wir durchaus nichts zu ſagen, ob Herr Cooper ihn gut oder ſchlecht gab. Wir glauben jedoch, daß er in Bezug auf das Koſtuͤm fehl griff, da der gelehrte Linkum Fidelius der Meinung iſt, die Schotten haͤtten zu Macbeths Zeiten keine Sandalen, ſon⸗ dern Holzſchuhe getragen. Macbeth war auch dafuͤr be⸗ kannt, daß er ſeine Jacke offen trug, um die ſchottiſche Geige beſſer ſpielen zu koͤnnen— eine erbliche Fertigkeit der Glamis⸗Familie. Wir haben dieſen Charakter in China von dem beruͤhm⸗ ten Chow⸗Chow, dem Roscius jenes großen Reiches, dar⸗ ſtellen ſehen. Dieſer talentvolle Kuͤnſtler ſpielte in Holz⸗ ſchuhen; dies gab ihm Gelegenheit, einen großen Effekt her⸗ vorzubringen,— denn, wenn er den luftigen Dolch zuerſt ſah⸗ machte er einen wunderbar hohen Bocksſprung und ſchreuderte ſeine Schuhe an die Koͤpfe der Kritiker im Par⸗ terre, worauf die Zuhoͤrer, unendlich entzuͤckt, ſich die Schnauzbaͤrte dreimal ſtrichen und die Haͤnde erhoben. Madame Villiers hat uns als Lady Macbeth ſehr ge⸗ 8 ¹ 8 8 „ H fallen; ſie wuͤrde jedoch, unſerer Anſicht nach, mit groͤßerer Wirkung in der Nachtſzene geſpielt haben, wenn ſie das Licht, ſtatt es in der Hand zu halten oden auf den Tiſch zu ſtellen, wie ein großer Dramaturg ſcharfſinnig bemerkte, in ihre Nachthaube geſteckt haͤtte. Dies wuͤrde ſehr maleriſch geweſen ſeyn und die Zerruͤttung ihrer Sinne nur um ſo ſtaͤrker bezeichnet haben. Mad. Villiers iſt keinesweges ſtark genug fuͤr dieſe Rolle; Lady Macbeth war, wie wir glauben, eine Frau von ſehr ausgedehntem Maße und ſtammte aus dem Rieſen⸗ geſchlecht, obgleich ſie von ihrer kleinen Hand ſpricht, was, im Schlafe geſprochen, nichts beweißt. Wir moͤchten dieſe Rolle in den Haͤnden der Frau ſehen, welche Glum⸗ dalca, die Koͤnigin der Rieſen, in Tom Thumb ſpielte; ſie iſt von herrlichen Dimenſionen und hat, wenn ſie gut raſirt iſt, ein ganz anziehendes Geſicht; da ſie auch von ſtarken Nerven iſt, ſo wird ſie bei ſo gewoͤhnlichen Ereigniſſen, wie ſie in Macbeth vorkommen, nicht zu ſehr erſchrecken.— Vor wenigen Tagen war ich mit meinem Freund Sni⸗ vers, dem Pfahlbuͤrger, im Theater; er iſt in der Ge⸗ ſchichte des Aſchenbroͤdels, des Blaubarts und allen den herr⸗ lichen Werken genau bekannt, die einen Mann jetzt befaͤhi⸗ gen, das neue Drama zu erfaſſen. Snivers iſt einer der unertraͤglichen Kerle, die mit nichts zufrieden ſind, das ſie nicht erſt in die Kreuz und Quer gezogen und platt ge⸗ ſchlagen haben, um zu ſehen, ob es mit ihren Anſichten von Kunſtwerken uͤbereinſtimmt; und da er keiner von den ſchnellſten im Denken iſt, ſo koͤmmt er manchmal mit ſei⸗ nem Urtheil, wenn jedermann vergeſſen hat, wovon die Rede war. Snivers iſt ferner ein großer Kritiker, denn er findet alles ſchlecht— ein Hauptcharakterzug der neuern Kritik. Doch meint er unſer Theater ſey, allſeitig betrach⸗ tet, eben nicht ſo ganz wegzuwerfen und Cooper haͤlt er fur einen unſerer beſten Schauſpieler. Man gab Othello; wenn ich frei ſprechen ſoll, ſo habe ich ihn ſchon ſchlechter geben ſehen. Die Schauſpieler ſchienen mir ihr Beſtes zu leiſten, und wo das der Fall iſt, ſollte man nicht mit ih⸗ nen hadern. Der kleine Rutherford, der Roſcius der Buͤhne von Philadelphia, war ſo groß wie moͤglich; was ihm an Koͤrperhoͤhe abging, erſetzte er durch Geſichterſchneiden. Ich liebe das wilde Geſichterſchneiden im Trauerſpiel; und wenn ein Menſch ſeinen Kopf nur gehoͤrig haͤlt, tuͤchtig ſchreit und große Schritte auf der Buͤhne macht, ſo nehm' ich ihn ſtets fuͤr einen großen Schauſpieler im Trauerſpiel, und ſo thut auch mein Freund Snivers. Che der erſte Aufzug voruͤber war, fing Snivers an, ſein kritiſches hoͤlzernes Schwert wie ein Hanswurſt zu ſchwingen. Er tadelte zuerſt Cooper, weil er ſich nicht ſchwarz gemacht wie einen Neger;„denn,“ ſagte er,„ daß Othello ein ſchwarzer Spitzbube wor, ergibt ſich aus meh⸗ reren Stellen des Stuͤcks. Ich glaube, Othello war ein geborner Aegyptier, weil ihm eine Eingeborne dieſes Lan⸗ des das Tuch ſeiner Mutter gab: war das, ſo war er ſo ſchwarz wie mein Hut; denn Herodot ſagt uns, die Ae⸗ gyptier haͤtten platte Naſen und gekraͤuſeltes Haar,— eine ſichere Probe, daß ſie alle Neger waren.“ Ein Rothkopf 4 f„fß˙‧ 8 E * — 11— von Philadelphia, ein bekannter kritiſcher Haudegen, der ne⸗ ben uns ſaß, ſtimmte Snivers bei, als er Cooper mehr und mehr herabſetzte; ich wagte wegen des letztern keine Ein⸗ rede, da ich wußte, wie man in Philadelphia uͤber Cooper dachte. Lange ſtritt man dort uͤber die Vorzuͤge Coopers und ſeines Nebenbuhlers Fennel; die Parthieen erbitterten ſich auf das hoͤchſte; man maß endlich die beiden Kuͤnſtler und die beſte und genaueſte Meßruthe bewies, daß Fennel um 3 Zoll und 1 Linie groͤßer ſey als Cooper. Seit die⸗ ſer Meſſung kam Cooper in Philadelpha nicht mehr zu An⸗ ſehen. Ich beobachtete waͤhrend der Darſtellung meinen Freund. Da er von Mancheſter kam und aus ſeiner Knopf⸗ Fabrik einen Beſuch in London gemacht und Kemble geſehen hatte, glaubte ich ſein Geſicht wie eine Art Thermometer fuͤr den Ausdruck meines Beifalls und meines Misfallens anſehen zu koͤnnen. Ich haͤtte eben ſo gut auf die Hinterſeite ſeines Kopfes ſehen koͤnnen; denn ich bemerkte nicht, daß ihm, au⸗ ßer ſeiner eigenen Perſon, irgend etwas gefiel. Sein Hut ſaß ein wenig auf der Seite, er ſaugte am Knopf ſeines Stockes und war von Kopf bis zu den Fuͤßen ein Gentle⸗ man; in ſeinem Geſicht aber war nicht mehr Ausdruck als in dem einer chineſiſchen Frau auf einer Theetaſſe. Als Cooper eine ſeiner Pulver⸗Exploſionen der Leidenſchaft gab, rief ich:„Schoͤn! ſehr ſchoͤn!“—„Verzeiht,“ ſagte Snivers,„das iſt erbaͤmlich!— Die Bewegung, mein lie⸗ ber Herr, ſeht nur auf die Bewegung! Wie abſcheulich! Beachtet Ihr nicht, daß der Schauſpieler ſich auf die Stirne ſchlaͤgt, waͤhrend er, da die Leidenſchaft noch nicht ihre hoͤchſte Hoͤhe erreicht hat, nur auf ſeine— Weſten⸗ taſche ſchlagen ſollte? Dieſe rhetoriſche Figur iſt ein herrli⸗ cher Theaterſtreich und ihre Beachtung unterſcheidet den aͤchten Kuͤnſtler von dem gewoͤhnlichen mechaniſchen Spaß⸗ macher. Verſchiedene Grade der Leidenſchaft erfordern ver⸗ ſchiedene Schlaͤge, was wir Kritiker in ein Syſtem ge⸗ bracht haben:— der Schauſpieler ſchlaͤgt, ſtark erregt, auf ſeine Weſtentaſche— gut!— Die Leidenſchaft waͤchſt, er ſchlaͤgt ſich auf die Bruſt;— ſehr gut!— Was aber den Ausbruch Maximus betrifft, ſo zieht er nach ſeiner Stirne aus, wie ein braver Burſche— vortrefflich!— Nichts herrlicher, als ſo ein Abgehen, wo ſich der Kuͤnſtler von einem Ende der Buͤhne bis zum andern auf die Stirne ſchlaͤgt.“—„Ausgenommen,“ ſagte ich,„einer jeder Schlaͤge auf die Bruſt, wie ich ſie oft bei unſern dicken Helden und Heldinnen bewundert habe, welche ihren ganzen Koͤrper erſchuͤttert, wie eine Pyramide von Gelée.“ Der Philadelphier ließ ſich bald darauf in Eroͤrterungen mit meinem Freunde ein; ihre Unterhaltung betraf den be⸗ ruͤhmten Wunſch der Desdemona, der Himmel moͤchte ſie wie Othello geſchaffen haben. Snivers behauptete, die edle Desdemona habe nur gewuͤnſcht, Othello aͤhnlich zu ſeyn, um ſeiner Liebe deſto gewiſſer zu bleiben, was ein beſcheide⸗ ner Wunſch und auch natuͤrlich ſey, da er ihre Vorliebe fuͤr platte Naſen beurkunde, wie dies bei einem großen Philoſo⸗ n phen unſerer Zeit der Fall ſey.*) Der Philadelphier be⸗ hauptete dagegen, Desdemona habe ein Mann ſeyn wollen und kein Maͤdchen, damit ſie Gelegenheit gehabt haͤtte, die Menſchenfreſſer zu ſehen, was, wenn man oie Neugier des Geſchlechts bedenke, ein natuͤrlicher Wunſch ſey. Da man ſich auf mich berief, ſo trat ich ſogleich der letztern Anſicht bei, da es mir ein ſehr thoͤrichter, und daher ſehr natuͤrk⸗ cher Wunſch eines jungen Maͤdchens vor einem Manne zu ſeyn ſcheint, den ſie gern heirathen wollte. Dann war es ein Zeichen der heftigen Neigung, welche ſie fuͤhlte, die Ho⸗ ſen zu tragen, was wahrſcheinlich ſpaͤter der Fall war, wenn wir nach dem Titel„unſeres Capitaine's Capitaine“⸗ ſchließen duͤrfen, den ihr Caſſio gab— eine Phraſe, welche, wie ich glaube, anzeigt, daß Othello, in dieſer Zeit, ſehr ſchmaͤhlich hintergangen wurde. Ich glaube, meine Gruͤnde warfen ſelbſt Snivers nieder, denn er ſah ſehr wunderlich drein und ſchwieg gaͤnzlich uͤber die Sache. Bald kam er auf einen neuen Fehlgriff; Cooper ſtarb ſchlecht,„ſtarb nicht natuͤrlich, wie er ſagte; denn ein ge⸗ lehrter Phyſikus hatte ihm geſagt, wenn ein Menſch toͤdt⸗ lich vom Schwert getroffen ſey, ſo muͤſſe er einen Luft⸗ ſprung von wenigſtens fuͤnf Fuß machen und niederfallen, „todt wie ein Salm in eines Fiſchhaͤndlers Korbe.“— Wenn ein ſolcher Mann von dieſem Grundgeſetz abwich und *) Anſpielung auf Jefferſon, der einer afrikaniſchen Schönheit hold geweſen ſeyn ſoll. — 4— grade niederfiel, wie ein Klotz und zwei oder drei Minuten umher rollte, immerfort ſprechend, ſo ſey das, meinte der gelehrte Arzt, dem Eigenſinn des menſchlichen Geiſtes zuzu⸗ ſchreiben, der ſich ergoͤtze, der Natur einen Streich zu ſpie⸗ len und allen hergebrachten Geſetzen zuwider zu ſterben.— Ich erwiederte: was mich betrifft, ſo glaube ich, daß je⸗ derman das Recht hat, in jeder ihm beliebige Lage zu ſter⸗ ben; und daß die Art, dies zu thun, gaͤnzlich von dem ei⸗ genthuͤmlichen Charakter der Perſon, die ſterben will, al⸗ haͤngt. Ein Perſer ſtirbt nicht ruhig, wenn er ſein Geſicht nicht dem Oſten zugekehrt hat;— ein Mahomedaner wen⸗ det ſeine letzten Blicke gern nach Mekka; ein Franzoſe ſieht nach Weſtenz aber Mynheer Van Brumblebottom, der Roscius von Rotterdam donnert ſtets gern auf ſeinem Eh⸗ renſitz nieder, wenn er eine toͤdtliche Wunde erhaͤlt. Da er ein gewichtiger Mann iſt, ſo bringt dies einen elektriſiren⸗ den Eſſekt hervor, denn das Theater bebte wie der Olym⸗ pus, wenn Jupiter den Kopf ſchuͤttelte.“ Der Philadel⸗ phier ſchwor, Mynheer muͤſſe groß ſeyn in einer Sterbe⸗ ſzene, daß er ſo gut verſtehe, dem Ganzen die Krone aufzu⸗ ſetzen. Es iſt ein hergebrachtes Geſchrei der Buͤhnen⸗ Kritiker, ein Schauſpieler gebe den Charakter nicht natuͤrlich, wenn er zufaͤllig nicht grade ſo ſtirbt, wie ſie es haben wollen. Ich glaube, die Auffuͤhrung eines Stuͤckes zu Pekin wuͤrde ihnen vollkommen behagen; ich wuͤnſchte herzlich, ſie gingen dahin und ſaͤhen eine ſolche; die Natur wird da in den kleinſten Kleinigkeiten mit gewiſſenhafter Treue nachgeahmt⸗ — Hier bleiben ein Ungluͤcklicher oder eine Ungluͤckliche, die zu⸗ faͤllig vergiftet oder erſtochen worden ſind, auf der Buͤhne, um zu heulen und zu jammern und den Zuſchauern Geſich⸗ ter zu ſchneiden, bis es dem Dichter gefaͤllt, ſie ſterben zu laſſen; waͤhrend die armen ehrlichen Mitſpielenden umher⸗ ſtehen und maͤchtiglich Beiſtand leiſten, indem ſie erbaͤrmlich klagen und heulen. Die Zuſchauer— zaͤrtliche Herzen!— nehmen ihre weißen Taſchentuͤcher heraus, wiſchen ſich die Augen, blaſen die Naſen auf, und ſchwoͤren, es ſey ſo na⸗ tuͤrlich wie das Leben, waͤhrend ſie den armen Schauſpieler ohne den gewoͤhnlichen chriſtlichen Beiſtand ſterben laſſen. In China iſt es im Gegentheil das erſte, daß man nach dem Doktor und Tchoouk oder Notar laͤuft. Die Zuſchauer wer⸗ den waͤhrend des ganzen fuͤnften Aktes mit gelehrten Bera⸗ thungen der Aerzte unterhalten, und wenn der Patient ſter⸗ ben muß, ſo thut er dies seoundum artem und es bleibt ihm ſtets Zeit, ſein Teſtament zu machen. Der beruͤhmte Chow⸗Chow hat das meiſte Kunſtgeſchick im Selbſtmord; er traͤgt ſtets eine Blaſe mit Ochſenblut unter ſeinem Gewand; dieſe ſpritzt, wenn er ſich den Todesſtreich gibt, zur unendlichen Freude der Zuſchauer, bis in die entfernte⸗ ſten Logen herum. Meo den. Mistreß Toole hat eine Zeitlang die Modewelt allein beherrſcht und uͤber Hauben, Huͤte, Federn, Blumen, Flit⸗ tergold und dergl. eine unumſchraͤnkte Herrſchaft ausgeuͤbt. Sie hat unſere Frauen an⸗ und ausgezogen, wie es ihr eben geſiel; ſie bald mit Sammt und Watte belaſtend, bald ſie zitternd auf die Straße ſchickend, kaum mit einer Be⸗ deckung fuͤr ihren.... und bald ſie zwingend, ei⸗ nen langen Schweif, wie der eines Papierdrachen, auf den Ferſen nachzuſchleppen. Ihr despotiſcher Scepter wird je⸗ doch bald nicht mehr ſo⸗ ſtreng walten. Eine gefaͤhrliche Nebenbuhlerin erhob ſich in der Perſon der Madame Bou⸗ chard, einer unerſchrockenen kleinen Frau, eben kommend von den Hauptquartieren der Mode und der Thorheit, und wie ein zweiter Buonaparte in die modiſche Welt hier her⸗ einbrechend. Mrs. Toole ſcheint jedoch entſchloſſen, ihren Boden zur Ehre von Alt⸗England tapfer zu vertheidigen. Die Damen haben begonnen, ſich unter der Fahne der ei⸗ nen oder der andern dieſer Heldinnen von der Nadel auf⸗ zuſtellen, und alles deutet auf offenen Krieg hin. Madame Bouchard zieht glaͤnzend ins Feld, ein flammenrothes Kleid als Standarte ſchwingend; und Mrs, Toole, nicht entmu⸗ thigt, bricht auf unter dem Schutz eines Waldes kuͤnſtlicher Blumen, wie Malcolm's Heer. Beide Partheien haben große Verdienſte und beide verdienen den Sieg. Mrs. Toole's Preiſe ſind die hoͤchſten; Madame Bouchard aber machte die tiefſten Knixre. Madame Bouchard iſt eine kleine Frau— und hat keine Hoffnung noch zu wachſen;— aber ſie iſt ſehr liebenswuͤrdig— und ſo iſt's mit Mrs. Toole. Mrs. Toole wohnt in Broadway und Madame Bouchard in Courtlandt⸗Street; aber Madame ſoͤhnt wegen ihres ſchlechteren Budenplatzes dadurch aus, daß ſie zwei Knixe macht, wenn Mrs. Toole einen macht: dann ſpricht ſie franzoͤſiſch wie ein Engel. Mrs. Toole ſieht am beſten aus— aber Madame Bouchard traͤgt eine bezaubernde, kleine, miſerabele Peruͤcke. Mrs. Toole iſt groͤßer— aber Madame Bouchard hat die laͤngſte Naſe.— Mrs. Toole lobt das Roaſt⸗Beef— aber Madame Bouchard bleibt den Zwiebeln treu—: kurz die Verdienſte der beiden Da⸗ men ſind ſo gleich, daß kein Richter die Wagſchaalen un⸗ terſcheiden kann. Es ſcheint jedoch die Anſicht durchgrei⸗ fend zu werden, daß Madame Bouchard das Feld behaup⸗ ten werde, da ſie eine Peruͤcke traͤgt, eine lange Naſe hat, franzoͤſiſch ſpricht, Zwiebeln liebt und nicht mehr als das Zehnfache uͤber den Werth ihrer Waaren berechnet. Unter der Leitung dieſer Hohenprieſterinnen der Mode wer⸗ den jetzt folgende Morgenkleider getragen:— Wenn es ſehr kaltes Wetter iſt, wird ein duͤnnes Muslin⸗Ueberkleid angerathen— es paßt am beſten zu dem Wetter, da es vollkommen kuͤhl iſt. Hals und Arme nackt, damit ſie ge⸗ W. Irving's Werke. 198 2 — 18— hoͤrig roth bemalt werden koͤnnen von dem General⸗Naſen⸗ Maler Froſt. Schuhe von Bocksleder, die duͤnnſten, die man haben kannz denn ſie befoͤrdern Erkaͤltungen und hel⸗ fen den Damen ſo zu einem intereſſanten Anſehen.— Sei⸗ dene Struͤmpfe mit durchbrochenen Zwickeln; die fleiſchfar⸗ benen ſind die beliebteſten, da ſie den Anſchein geben, als gehe man in bloßen Fuͤßen, denn Nacktheit iſt die Zeit⸗ wuth. Die Struͤmpfe nachlaͤſſig beſpritzt mit Koth, damit ſie mit dem Kleid uͤbereinſtimmen, das gegen drei Zoll mit dem modefarbigſten Schmutz, den man finden kann, geraͤn⸗ dert iſt; wenn die Damen drei oder vier Straßen mit ih⸗ ren Kleidern gefegt haben, duͤrfen ſie ſie aufheben, um— die Zwickel der Struͤmpfe zu zeigen. Shawl ſcharlach, purpurn, flammenroth, orangegelb; uͤber eine Schulter ge⸗ zogen; das eine Ende auf der Erde nachſchleifend. Wenn die Damen keinen Shawl zur Hand haben, ſo iſt ein rother Unterrock, maleriſch uͤber die Schultern gewor⸗ fen, eben ſo gut. Das heißt man„a la drabble“ geklei⸗ det ſeyn. Wenn die Damen Morgens nicht ausgehen, ſo iſt der gewoͤhnliche Haus⸗ Anzug ein beſchmutztes, zerknittertes, zerriſſenes Kleid— ein gelbliches, weißliches, raͤuchriges Halstuch— das Haar ſeltſamlich geſchmuͤckt mit Stuͤckchen Zeitungsblaͤtter oder Fetzen von dem Briefe eines geliebten Freundes. Das nennt man„à la Cendrillon“ gehn. Das Recept zu einem vollen Anzug iſt folgendes: Nimm Spinnengewebe, Krepp⸗ Atlas, Seidenſpitzen, Marli, Gaze, Elfenbein, Baͤnder, Litzen, Schnuͤre und kuͤnſtliche Blumen, — 19— ſo viel als hinreicht, eine ſtarke Pfarrgemeinde damit zu putzen; dazu kommen ſo viele Flittern, Perlen und Krims⸗ krams, als hinreichen, allen Modeſchoͤnheiten von Nootka⸗ Sound die Koͤpfe zu verdrehen. Laßt Madame Bouchard oder Mrs. Toole alle dieſe Dinge zuſammenkitten, eines auf das andere, uͤberklebt ſie reichlich mit Sternen, Flitter⸗ gold und Rauſchwerk, und ſie werden einen Anzug bilden, der, auf den Ruͤcken einer Dame gehaͤngt, ohne Zweifel Schoͤnheit, Jugend, Anmuth und alles das erſetzt, was man den lieblichſten Feen andichten kann. 4. E in B r i e f von Muſtapha Rub a Dub Keli Khan an Aſem Hachem, erſten Sklaventreiber des Paſcha's von Tripoli. Du erfaͤhrſt durch dieſen Brief, vortrefflicher Schüler Mahomeds, daß ich eine Zeitlang in Neu⸗York gewohnt habe, in der groͤßten, prachtvollſten und kultivirteſten Stadt der vereinigten Staaten von Amerika. Aber was ſind mir ſeine Freuden? Ich wandere, ein Gefangener, durch ſeine glaͤnzenden Straßen; ich wende ein truͤbes Auge jedem neuen Tage zu, der mich von meiner Heimath verbannt ſieht. Die chriſtlichen Ehegatten hier klagen bitterlich uͤber 2* — 20— jede Abweſenheit von Haus, obgleich ſie nur Ein Weib zu⸗ ruͤcklaſſen, um uͤber ihre Abreiſe zu klagen;— was muß das Geſuͤhl Deines ungluͤcklichen Vetters ſeyn, waͤhrend er ſich haͤrmt uͤber ſeine Trennung von drei und zwanzig der lieblichſten und gehorſamſten Weiber in ganz Tripoli? Oh, Allah! Soll Dein Diener nie wieder in ſeine Heimath kommen, nie wieder ſeine geliebten Weiber ſehen, die in ſeinem Gedaͤchtniß ſtrahlen, ſchoͤn wie die Morgenroſen in Oſten und anmuthsvoll wie Mahomed's Kameel! So ſchoͤn aber auch, maͤchtiger Sklaven⸗Treiber, meine Weiber ſind, ſo werden ſie doch von den Frauen dieſes Landes weit uͤbertroffen. Selbſt diejenigen, welche in den Straßen mit bloßen Armen und Schultern(et cetera) herumlaufen, deren Kleider zu knapp ſind, um ſie vor der Rauhheit des Wetters oder den forſchenden Blicken der Neugierigen zu ſchuͤtzen, und die niemanden anzugehoͤren ſcheinen, ſind lieblich wie die Houris, welche das Elyſium der echten Glaͤubigen bevoͤlkern. Wenn demnach die, ſo wild in den Straßen herumlaufen, und die ſich niemand anzueignen bemuͤht, ſo wunderſchoͤn ſind,— welcher Art muͤſſen die Reize derer ſeyn, die in den Serails eingeſperrt ſind und die nie herausgelaſſen werden? Gewiß, das Land der Schoͤnheit, das Thal der Anmuth kann nichts ſo un⸗ nachahmlich Schoͤnes enthalten. Bei all der Schoͤnheit dieſer unglaͤubigen Weiber jedoch ſollen ſie einen Fehler haben, der üͤberaus zu beklagen iſt. Wuͤrdeſt Du es glauben, Aſem, was mir beſtimmt von ei⸗ nem beruͤhmten Derwiſch(oder Doctor wie man ihn hier — 21— nennt) verſichert wurde, daß wenigſtens der fuͤnfte Theil derſelben— eine Seele hat? So unglaublich Dir dies auch ſcheinen mag, ſo bin ich um ſo geneigter zu glauben, daß ſie im Beſitz dieſes fuͤrchterlichen Luxusartikels ſind, als ich ſelbſt einige Erfahrungen deshalb gemacht habe und von andern Aehnliches hoͤre. Bei einem Gang durch die Straßen ſah ich ein allerliebſt ausſehendes Weibchen, die Seele genug hatte, ihres Mannes Ohren zu ſeines Her⸗ zens Zufriedenheit zu zerblaͤuen und ſelbſt mein Schnurbart zitterte vor Unwillen uͤber den verworfenen Zuſtand dieſer armen Unglaͤubigen. Man ſagt mir ferner, einige der Frauen haͤtten Seele genug, ſich der Hoſen der Maͤnner zu bemaͤchtigen; ich denke jedoch, dieſe ſeyen verheirathet und eingeſperrt; denn ich habe, bei meinen Wanderungen, keine geſehen, die dieſe Bekleidung getragen haͤtte; andere, hoͤr' ich, haben Seele genug, zu ſchwoͤren— ja, bei dem Bart des großen Omar, der dreimal zu den 124000 Pro⸗ pheten unſeres heiligſten Glaubens betete und in ſeinem Le⸗ ben nur einmal ſchwor— ſie ſchwoͤren in der That, Aſem! Gehe in die Moſchee, guter Aſem, danke unſerm heilig⸗ ſten Propheten, daß er ſo huldvoll der Ruhe aller treuer Muſelmaͤnner gedacht und ihnen Weiber gegeben hat, die nicht mehr Seele haben als Katzen und Hunde und andere nothwendige Hausthiere. Du wirſt ohne Zweifel begierig ſeyn zu hoͤren, wie wir in dieſem Lande empfangen wurden und wie wir von einem Volke behandelt werden, das wir gewohnt waren als ein unerleuchtetes und barbariſches zu betrachten. Als wir landeten, wurden wir, meiner Anſicht nach auf Befehl der Obrigkeit von einem großen und reſpekta⸗ beln Geleit von Buben und Negern in unſere Wohnungen gefuͤhrt; ſie jubelten und warfen die Huͤte in die Hoͤhe, gewiß um dem edeln Muſtapha, dem Capitain einer Jacht, Ehre anzuthun: ſie waren etwas lumpig und ſchmutzig, was ihre Kleider angeht, dies mußte man jedoch der re⸗ publikaniſchen Einfachheit zuſchreiben. Einer von ihnen warf, im Feuer der Bewunderung, einen alten Schuh auf den Kopf deines Freundes, was ihm eine unhoͤfliche Begruͤ⸗ ßung ſchien, bis uns der Dolmetſcher unterrichtete, daß dies die gewoͤhnliche Weiſe ſey, wie man große Maͤnner hier ehre; je ausgezeichneter, deſto mehr ſeyen ſie den Be⸗ leidigungen des Poͤbels unterworfen. Ich beugte darauf mein Haupt dreimal, die Hand an dem Turban, und hielt eine Rede in arabiſch⸗griechiſcher Sprache, die mit vielem Beifall aufgenommen wurde und einen ganzen Platzregen von alten Schuhen, Huͤten u. ſ. w. zur Folge hatte, der uns alle ungemein erquickte. Du wirſt nicht erwarten, daß ich Dir jetzt ſchon Aus⸗ kunft gebe uͤber Geſetze und Politik dieſes Landes. Ich er⸗ ſpare ſie fuͤr einen kuͤnftigen Brief, wenn ich in dem Verwickelten und anſcheinend Widerſprechenden jener Gegen⸗ ſtaͤnde mehr eingeweiht ſeyn werde. Dieſes Reich wird von einem großen und maͤchtigen Paſcha beherrſcht, dem ſie den Titel eines Praͤſidenten geben. Er wird von Leuten gewaͤhlt, die von einer Ver⸗ ſammlung gewaͤhlt werden, die das Volk waͤhlt— daher wird der Poͤbel„ſouveraͤnes Volk“ genannt— und das Land ein„freies⸗—; denn die Staatsverwaltung ſoll ei⸗ nem Schiff gleichen, das am beſten von ſeinem Schweif be⸗ herrſcht wird. Der gegenwaͤrtige Paſcha iſt ein einfacher alter Herr— manche halten ihn fuͤr einen Humoriſten, da er Freude daran hat, Schmetterlinge aufzuſtecken und Froſch⸗ larven in Spiritus zu ſetzen: er hat jedoch an Popularitaͤt verloren, da man es ihm ſehr uͤbel nahm, daß er rothe Ho⸗ ſen trug und ſein Pferd an einen Pfoſten band.*) Das Volk der vereinigten Staaten hat mich verſichert, es bilde ſelbſt die kluͤgſte Nation unter der Sonne; Du kenneſt aber die Barbaren der Wuͤſte, die ſich waͤhrend der Sommer⸗Son⸗ nenwende verſammeln und ihre Pfeile nach jenem glaͤnzenden Stern abſchießen, um ſeine brennenden Strahlen zu ver⸗ nichten, und welche ſich derſelben Anſpruͤche ruͤhmen; ich wage nicht zu entſcheiden, wer von beiden die hoͤchſte Stelle verdient. Ich habe mit einigem Erſtaunen bemerkt, daß die Maͤn⸗ *) Andere Anſpielungen auf Jefferſon, der als Präſident der vereinigten Staaten ſelbſt dann, wenn ein wenig Prunk und Pracht nicht übel angewendet geweſen wäre, ſich in die gröbſten Kleider kleidete und ohne einen Be⸗ dienten ritt; ſo daß es ſich nicht ſelten zutrug, daß man ihn, wenn die Geſchäfte des Staates ſeine perſön⸗ liche Gegenwart erforderte, allein in das Regierungs⸗ „Gebäude zu Waſhington reiten ſah, wo er denn, wenn er ſein Pferd an den nächſten Pfoſten gebunden hatte, die wichtigen Angelegenheiten der Nation zu verhandeln begann. d. Herausg. ner in dieſem Lande eben nicht ſehr eilen, ſich mit dem ein⸗ zigen Weibe, das die Geſetze ihnen zu ehelichen erlauben, zu verbinden: dieſe Verkehrheit muß wahrſcheinlich dem Un⸗ gluͤck zuzuſchreiben ſeyn, daß ſie keine weiblichen Stummen haben. Du weißt, wie unſchaͤtzbar dieſe ſtillen Gefaͤhrtin⸗ nen ſind; welche Preiſe man fuͤr ſie im Morgenland be⸗ zahlt und welche unterhaltende Frauen ſie abgeben. Welche ergoͤtzliche Unterhaltung gewaͤhrt es nicht, die ſtumme Be⸗ redſamkeit ihrer Winke und Zeichen zu ſehen; aber eine Frau, die beides, eine Seele und eine Zunge hat— fuͤrch⸗ terlich, fuͤrchterlich! Iſt es zu verwundern, wenn dieſe un⸗ gluͤcklichen Unglaͤubigen ſich fuͤrchten, eine Verbindung mit einer ſo unheilbringend begabten Frau einzugehen: Du haſt ohne Zweifel in den Werken Abul Feraj's, des arabiſchen Geſchichtſchreibers die Sage geleſen, daß die Muſen einſt im Begriff waren, ſich in die Haare zu fallen, wegen einer zehnten, die in ihre Zahl aufgenommen wer⸗ den ſollte, bis dieſe ihnen durch Zeichen zu verſtehen gab, daß ſie ſtumm ſey, worauf ſie dieſelbe mit großem Jubel aufnahmen. Ich ſollte Dich vielleicht belehren, daß es nur neun chriſtliche Muſen gibt, welche fruͤher heidniſch waren, dann aber bekehrt wurden, daß man aber von einer zehn⸗ ten in dieſem Lande nichts weiß, es muͤßte denn ein ſchaͤbi⸗ ger Dichter ſeiner Geliebten ein uͤbertriebenes Compliment machen wollen; bei welcher Gelegenheit muß ſie dann als zehnte Muſe oder vierte Grazie auftreten, obgleich ſie un⸗ wiſſender iſt als eine Hottentotin und anmuthsloſer als ein tanzender Baͤr. Seit meiner Ankunft hier habe ich mehr ——— — — ————— * als hundert dieſer uͤbernatuͤrlichen Muſen und Grazien ge⸗ ſehen— Allah bewahre mich, daß ich auf mehr dergleichen ſtoße! 1 1e Wenn ich dieſes Volk beſſer kenne, ſchreibe ich Dir wie⸗ der; wache indeß uͤber mein Haus und ſchlage meine ge⸗ liebten Weiber nicht, ſie muͤßten denn ihre Naſen aus den Fenſtern ſtecken. Denke nicht, daß ich Deiner in dieſer un⸗ ermeßlichen Hauptſtadt mit ihren ungeheuern Pallaͤſten, himmelhohen Moſcheen und den ſchoͤnen Frauen, die wild in Heerden in den Straßen herumlaufen, vergeſſen werde. Allah gebe Dir Freude auf Erden und mache Dich zu ei⸗ nem Paſcha mit drei Roßſchweifen in Edens geſegneten Luſt⸗ hainen, Der Bal l. Ich war nicht wenig erſtaunt, als ich neulich Morgens von Will Wizard aufgefordert ward, ihn am Abend auf den Ball der Mrs. Nica zu begleiten. Die Einladung war an ſich einfach genug,, es war nur ſeltſam, daß ſie von Will kam:— unter allen meinen Bekannten iſt Will am wenigſten geneigt und geeignet, in Geſellſchaft von Damen zu gehen—; nicht als ob er nicht gern bei ihnen ſey; im Gegentheil; er iſt wie jeder aus Staub und Erde zuſam⸗ mengeſetzte Sterbliche ein großer Bewunderer des ſchoͤnen Geſchlechts, und waͤre er zum Dichter geboren worden, ſo haͤtte er gewiß eine Goͤttin von ungelenkem Namen ſo lange bereimt und beverſelt, bis ſie beruͤhmt geworden waͤre wie Petrarchs Laura oder Wallers Sachariſſa; aber Will iſt ein ſolcher Stuͤmper im Verbeugen, er hat ſo viele wun⸗ derliche Junggeſellengewohnheiten und findet es ſo muͤhſam, artig zu ſeyn, daß er es gewoͤhnlich vorzieht, mit Frau Baſen ſeines Geſchlechtes zu ſchwatzen und ſeine Eigarre zu rauchen und ihnen ſeine langen Geſchichten zu erzaͤhlen; und himmellange Geſchichten ſind es, das weiß ich. Laß ihn einmal von China oder der Tartarei oder von den Hotten⸗ toten beginnen— der Himmel helfe den Armen, die das Opfer ſeiner Weitſchweifigkeit ſind! Es waͤre ihnen beſſer, man baͤnde ſie an den Schwanz eines Irrlichtes. Mit ei⸗ nem Wort— Will erzaͤhlt wie ein Reiſender. Da ich ſei⸗ nen Charakter kannte, war ich um ſo beſorgter bei ſeinem Einfall, eine Geſellſchaft zu beſuchen, da ich oft von ihm gehoͤrt hatte, er ſehe das gerade ſo an, als wenn man ihn drei Stunden in eine Dampfmaſchine ſperre. Ich wunderte mich ſogar, wie er zu einer Einladung gekommen ſeyn moͤge;— das klaͤrte ſich bald auf. Es ſcheint, Will hat, als er neulich von Canton kam, einer Dame, mit der er in der Schule geliebaͤugelt, ein Geſchenk mit einem Thee⸗ kiſtchen gemacht; ſie lud ihn daher ein, eine Taſſe dieſes Thee's bei ihr zu trinken— der wohlfeilſte Weg, ſich dank⸗ bar zu beweiſen. Ich nahm willfaͤhrig den Antrag an, in⸗ dem ich von ſeinen excentriſchen Bemerkungen einige Unter⸗ * haltung erwartete, und da er mehrere Jahre abweſend ge⸗ weſen, wollte ich mich an ſeinem Staunen uͤber die Pracht und die Eleganz der neuern Geſellſchaft weiden. Als ich Will am Abend abrief, fand ich ihn in vollem Staate meiner wartend. Ich betrachtete ihn mit wahrer Angſt. Da er noch einen Funken von Ehrfurcht gegen die Dame hegte, die ſein Herz einſt beherrſcht hatte, ſo hatte er ſich ungewoͤhnliche Muͤhe gegeben, ſeine Perſon heraus⸗ zuputzen, und ſtellte ſich mir in dem glaͤnzenden Style ei⸗ nes Modeſtutzers letzter Zeit dar. Sein Haar ſtand nach allen Seiten in Maſſen auseinander; ſein dunkelrother Rock war mit goldnen Knoͤpfen geſchmuͤckt und reichte kaum—; ſeine weißen Kaſimir⸗Hoſen waren ſo eng, daß er in ih⸗ nen aufgewachſen zu ſeyn ſchien; ſeine maͤchtigen Waden, der dickſte Theil ſeines Koͤrpers, waren in himmelblaue ſei⸗ dene Struͤmpfe gepackt, die man eben fuͤr ſchoͤn hielt. Am ſtolzeſten war er auf ſeine Weſte von chineſiſchem Seiden⸗ zeug, mit Roſen und Tulpen drauf, die er fuͤr eine Arbeit der Nang⸗Fu, Tochter des großen Chin⸗Chin⸗Fu, die ſich in die Grazie ſeiner Perſon verliebt hatte und ihm beim Abſchied dieſes Geſchenk ſendete, ausgab; er verſicherte mich, ſie ſey eine vollkommene Schoͤnheit, mit lieblicher Schiefheit der Augen uud einem Fuße begabt, nicht breiter als der Daumen eines Alderman:— er verbreitete ſich dann weit uͤber ſein ſilberbeſprengtes Rockfutter, das bei den jungen Mandarins von Canton ein wuͤthendes Gluͤck gemacht habe. Ich halte es fuͤr ein erbaͤrmliches Geſchaͤft, einen Men⸗ ſchen mit ſich ſelbſt in Disharmonie zu bringen; daher — — 28— ſchwieg ich, wie gern ich auch einige Aenderungen in mei⸗ nes Freundes maleriſchem Coſtuͤm gemacht haͤtte, ſtill, ja ich ſagte ihm einiges Schoͤne uͤber ſeine alberne Erſcheinung. Als wir in den Saal traten, beachtete ich Will's Mie⸗ nen ſcharf, in der Erwartung des Staunens, das ſich hier ſei⸗ ner bemaͤchtigen mußte: er iſt aber einer der pfiffigen Kerls, die uͤber nichts ſtaunen, oder doch es nie geſtehen. Er ſtellte ſich in die Mitte des Saals und ſpielte mit ſeiner großen ſtahlenen Uhrkette, rund umher auf die Geſellſchaft, Geraͤthe und Gemaͤlde ſchauend, wie ein Mann, der„zu ſeiner Zeit verdammt ſchoͤnere Sachen geſehen hat“ und zu meiner groͤßten Verwirrung und Scham ſah ich ihn ſeine große japaneſiſche Tabacksdoſe herausnehmen, auf der eine Flaſche, eine Pfeife und ein gemeiner Spruch waren, und im Angeſicht der ganzen Geſellſchaft ſeiner Naſe zu einer Priſe verhelfen.— Ich wußte, daß es ganz vergeblich war, einen Burſchen von Will's ſokratiſcher Natur beſſern zu wollen, da er un⸗ endlich zufrieden mit ſich ſelber war; als er daher ſeine Doſe zugemacht und in die Taſche gebracht hatte, zog ich ihn in einen Winkel des Saals, wo er die Geſellſchaft be⸗ obachten konnte, ohne daß wir uns der Beobachtung ſelbſt ganz preisgaben. „Bitte, wer iſt jene brennende Figur," ſagte Will, die wie ein Vulkan in Roth aufflammt, und die wie ein euriger Drache in Flammen gekleidet ſcheint?“— Dies, ſagte ich, iſt Miß Lauretia Schwindaus;— ſie iſt die Koͤnigin des Tags— und der Nacht— hat viele Launen und noch mehr Excentricitaͤten— ſie hat manchen ungluͤcklichen Knaben durch ihre Reize zum albernen Gecken gemacht; ſieh, ſie ſteckt die rothe Flagge aus, zum Zeichen, daß hier„keine Gnade“ gegeben wird. „Dann laß mich ja aus der Sphaͤre ihrer Reize blei⸗ ben,“" ſagte Will:„ich moͤchte nicht einmal mit ihrer Schleppe in Beruͤhrung kommen, damit mich dieſelbe nicht, gleich dem Schweif eines Kometen, verbrenne.— Aber wer iſt jener holde Juͤngling, der eine junge Dame herumfuͤhrt und ſeine liebliche Geſtalt in dem Spiegel zu betrachten Gelegenheit nimmt?“ Sein Name, ſagte ich, iſt Vil Dimple:— er iſt der allgemeine Laͤchler, er koͤnnte von Dan nach Bethſaba rei⸗ ſen und jeden anlaͤcheln, bei dem er vorbeikoͤmmt.— Dim⸗ ple iſt ein Frauenknecht— ein Held bei Theeparthien, be⸗ ruͤhmt wegen ſeines Wohlgeruchs und Pirouetten; ein Fi⸗ delbogen iſt ſein Goͤtze und ein Tanz ſein Elyſium. „Ein ſehr huͤbſcher junger Herr,“ rief Wizard; er er⸗ innert mich an einen zeitlichen Zierling auf Haiti. Du mußt wiſſen, daß der edle Deſſalines ſeinem Hof eines ab⸗ ſcheulichen ſchonen Sommerabends einen Ball gab: Diſſy und ich waren große Freunde:— Hand und Handſchuh:— einer der herablaſſendſten großen Maͤnner, die ich je kannte. Welche Fuͤlle von ſchwarzen und gelben Schoͤnheiten? Welche Pracht von Madras⸗Tuͤchern, Korallen, Hahnen⸗ ſchweifen und Pfauenfedern!— Es galt, wie hier, den hoͤchſten Kopfputz, die laͤngſte Schleppe, die meiſten Far⸗ ben, die bunteſten Flittern zu haben! In Mitten der Freude, als alles Duft, Glanz, Laͤrm und Wonne war— wer kam? Tucky Platz! Die gelben Schoͤnheiten erroͤthe⸗ ten blau, und die ſchwarzen erroͤtheten ſo roth, als ſie konnten, vor Entzuͤcken: es entſtand eine allgemeine Bewe⸗ gung von Faͤchern; jedes Auge lachte und glaͤnzte vor Se⸗ ligkeit, Tucky Platz zu ſehen, denn er war der Stolz des Hofes, der Spiegel der Artigkeit, das Muſter der An⸗ muth, das Vorbild der Mode, der Gegenſtand der Anbe⸗ tung aller der dunkelfarbigen Schoͤnheiten von Haiti. Solch eine Breite der Naſe! Solch eine Fuͤlle der Lippen! Seine Beine ſo lieblich gekruͤmmt, wie eine Gurke; ſein Geſicht beim Tanzen glaͤnzend wie ein Keſſel, und im Sommer, wenn man ſich windab von ihm hielt, der wohlriechendſte Juͤngling auf ganz Haiti. Wenn er lachte, ſo erſchienen von Ohr zu Ohr ein Gebiß von Zaͤhnen, welches mit dem des Hayfiſches an Weiße wetteiferte; er pfiff wie Engel, ſpielte die dreiſaitige Geige wie Apollo und im Tanz that es ihm kein Neger von Long⸗Island zuvor: kurz, er war ein zweiter Lothario. Und die dunkelfarbigen Nymphen von Haiti erklaͤrten ihn ſammt und ſonders fuͤr einen ewigen Adonis. Tucky wandelte umher, pfiff vor ſich hin, ohne jemand anzuſchauen; ſeine nonchalance war unwiderſtehlich⸗ Ich fand Will mit Haut und Haaren in einer ſeiner Reiſegeſchichten; Gott weiß, wohin ihn ſeine Parallele zwi⸗ ſchen den zwei Frauenhelden gefuͤhrt hatte, wenn die Muſik in einem nahen Sagale die Geſellſchaft nicht zum Tanz auf⸗ gefordert haͤtte. Der Klang der Inſtrumente ſchien begeiſtert auf den — 31— ehrlichen Will zu wirken; er erhielt die Hand einer alten Bekanntin zu einem Contre⸗Tanz. Es war ein wahrer Teufelstanz; manches zerriſſene Kleid und manche arme Zehe verfluchte den Tanz der Nacht, denn beſonders Will donnerte die Figuren herab, wie eine Kutſche mit Sechſen beſpannt, oft im Takt, öͤfter nicht, jetzt ein halbes Dutzend kleiner Franzoſen uͤberrennend und nun ſchlimme Einfaͤlle in das Spinnengewebe der Damen und in ihre lange Schlep⸗ pen machend. Da jedes Glied von Will's Koͤrper an dem Tanze Theil nahm, ſo flogen bald Huͤte und Peruͤcken im Saale umher und als einem dicken alten Hollaͤnder, der ſich nicht ſchnell genug buͤckte, die dickgepuderte Peruͤcke vom Kopfe flog, wandelte Will, wie der fromme Held Aeneas bei ſeinem erſten Beſuche bei der Koͤnigin Dido, wahrhaft in einer Wolke von Puder. Will's Taͤnzerin theilte ſeine Bedeutendheit bei dem Schauſpiele: ſie war eine junge Dame von ungeheuern Verhaͤltniſſen und da ihr Korſet enge war, ſo glich ſie ganz einem Apfelpudding, den man in der Mitte zuſammengebunden hatte, oder, wenn man ihr Flammenkleid erwog, einem in rothe Vorhaͤnge geſchla⸗ genen Bette nebſt Kiſſen und Polſtern. Der Tanz war aus:— gern haͤtte ich Will weggebracht,— aber nein! Er war nun in ſeiner guten Laune und daher nichts mit ihm anzufangen. Er beſtand darauf, daß ich ihn bei Miß Sophia Funkel einfuͤhren ſolle, einer jungen Dame, die be⸗ ruͤhmt war wegen ihres Witzes und ihrer unſchuldigen Leb⸗ haftigkeit und die, wie ein Brillant, den Glanz der Mode erhoͤhte. Ich ſtellte ihn alſo vor und begann eine Unter⸗ — 32— haltung, an der er, wie ich hoffte, Theil nehmen wuͤrde: aber nein! Er ſtellte ſich vor ſie, ſpreitzte die Beine wie ein Koloß, die Haͤnde in den Taſchen, das Geſicht ganz Aufmerkſamkeit. Er ſchwieg lange, bis er endlich, bei einem ihrer guten Einfaͤlle, das ganze Haus mit einem donnernden Gelaͤchter einſtuͤrzen zu wollen ſchien. Was war mit einem ſo unverbeſſerlichen Kerl anzufangen? Mein Zorn ſtieg auf's Hoͤchſte, als er endlich zu ſprechen be⸗ gann und Miß Sophien ſagte, eines ihrer Worte habe ihn an etwas erinnert, das ihm in China begegnet ſey. Jetzt ging es weiter im Style der Reiſenden: er beſchrieb, wie man den chineſiſchen Reis mit Hammelfleiſch kochte— lobte weitlaͤuftig die geſottenen Vogelneſter: als er ſich endlich auf den Boden ſtreckte, um zu zeigen, wie man ſich in China mit gekreuzten Beinen ſetze, da entfloh ich. 6. Die Familie Cockloft. Wenn der Stammbaum, welcher in meines Vaters Bib⸗ liothek haͤngt, einigermaßen wahr iſt, ſo iſt die Familie Cockloft eine ſehr alte. Sie leiket ihren Urſprung von ei⸗ nem beruͤhmten Helden der Vorzeit her, einem Verwandten der Voreltern des Koͤnigs von England, der aus Unzufrie⸗ denheit ſein Vaterland verließ und nach Wales ging, wo er mit dem Prinzen Madoc in freundſchaftliche Verhaͤltniſſe trat, und dieſen beruͤhmten Argonauten auf der Reiſe be⸗ gleitete, welche mit der Entdeckung dieſes Landes endigte. Bin ich nun gleich ein Glied dieſer Familie, ſo kam mir dennoch oft in den Sinn, die Richtigkeit dieſes Theils ihrer Innalen zu bezweifeln, zum großen Verdruß meines Vet⸗ ters Chriſtopher, den man als das Haupt unſerer Familie anſehen muß, und der, obgleich orthodox wie ein Biſchoff, eher die zehn Gebote aufgaͤbe, als er ein einziges Glied des 3 Stammbaums fahren ließe. Sett undenklicher Zeit war es Geſet bei den Cocklofts, wieder eine Cockloft zu heirathen; bei der großen Fruchtbarkeit der Familie wuchs und mehrte ſia ſich wie die von Adam und Eva. In der That iſt ihre Anzahl unglaublich, man wird kaum eine Gegend des Lan⸗ des betreten, ohne auf einen Sproͤßling zihter Cocklofts zu W Irving's Werke. 195 — 34— ſtoßen. Wer nur einige Beobachtungsgabe oder Erfahrung hat, wird bemerkt haben, daß, wo ſich in einer Familie nur die Vettern und Baſen heirathen, jedes Glied derſel⸗ ben im Verlaufe weniger Generationen wunderlich, launig und originell wird; ſo verſchieden von dem gewoͤhnlichen Stamme der Mulatten, als waͤr er von anderm Geſchlechte. Das traf auch in unſerer und beſonders in dem Zweige der Familie ein, deren Haupt Chriſtopher Cockloft Esg. vor⸗ ſtellt. Chriſtopher iſt der einzige verheirathete Mann ſeines Namens, der in der Stadt(Neu⸗York) wohnt. Seine Fa⸗ milie iſt klein, da er die meiſten ſeiner Kinder in ihrer fruͤ⸗ heſten Jugend verlor, weil er eine uͤbertriebene Sorgfalt hegte, ſie mit Vegetabilien zu erziehen. Dies war eine ſei⸗ ner erſten Seltſamkeiten, und zwar eine verzweifelte, wie ſeine Kinder geſagt haͤtten, waͤren ſie nicht die Opfer ſeines Experiments geworden, ehe ſie ſprechen konnten. Er hatte von einem oder dem andern Winkel⸗Philoſophen erfahren, es herrſche eine vollkommene Aehnlichkeit zwiſchen Kindern und Pflanzen, und beide muͤßten auf gleiche Weiſe erzogen werden. Daher beſprengte er jeden Morgen ſeine Kinder ſammt ſeinen Geranien mit Waſſer, und ſetzte ſie dann hin⸗ aus in die Sonne; wenn das Wetter bedeutend trocken war, ſo wiederholte er dieſes weiſe Experiment drei⸗ oder viermal des Morgens. Die Folge davon war, daß die Kinder ei⸗ nes nach dem andern dahinſtarben, Jeremy und ſeine zwei Schweſtern ausgenommen, welche ein Trio von ſeltſamen, unbeholfenen und mumiengleichen Originalen ausmachen, wie — 35— Hogarth ſie in ſeinen gluͤcklichſten Stunden je erdacht hat. Mistreß Cockloft, die breitere, wenn nicht die beſſere, Haͤlfte meines Vetters machte oft Einwendungen gegen ſein vegetabiliſches Erziehungsſyſtem; ſie nahm ſogar den Pfar⸗ rer des Sprengels, in welchem meines Vetters Landhaus lag, zu Huͤlfe; aber umſonſt: Chriſtoph war beharrlich, und rechnete das Fehlſchlagen ſeines Planes auf die nicht genaue Befolgung deſſelben. Da ich der Mistreß Cockloft erwaͤhnt habe, ſo will ich, da ich in der Laune bin, etwas mehr uͤber ſie hinzufuͤgen. Sie iſt eine uͤberaus haͤusliche Frau, eine warme Bewunde⸗ rerin glaͤnzender Mahagony⸗Moͤbeln, ſauberer Herzen und ihres Gatten, den ſie fuͤr den kluͤgſten Mann in der Welt anſieht. Sie geht jeden Sonntag und Feiertag in die Kirche, und beſteht darauf, daß Niemand eine Kanzel be⸗ ſteigen duͤrfe, der nicht von einem Biſchoff ordinirt ſey 3 ja, ihre Orthodoxie geht ſo weit, daß alle Beweisgruͤnde der Welt ſie nie uͤberreden werden, daß je ein Presbyteria⸗ ner oder Baptiſt, oder auch ein Calviniſt, eine moͤgliche Hoffnung habe, in den Himmel einzugehen. Den Heiden⸗ glauben verabſcheut ſie am meiſten; ſie bekam faſt Gichter, als ſie, hoͤrte, daß mein Vetter darauf beſtand, einer ſeiner Knaben ſolle Pindar gekauft werden, welcher, wie ihr der Pfarrer ſagte, ein heidniſcher Schriftſteller, und beruͤhmt war wegen ſeiner Liebe fuͤr Boxen und Pferderennen. Alle Eigenſchaften kurz zuſammen zu faſſen, Mistreß Cockloft iſt im wahren Sinne des Worts eine gute Art von Frau, und ich wuͤnſche meinem Vetter oft zu ihrem Beſitze Gluͤck 3* — 35 Der uͤbrige Theil der Familie beſteht aus Jeremy Cock⸗ loft, dem Juͤngern, deſſen bereits gedacht worden, und den zwei Miß Cocklofts oder vielmehr den jungen Lady's, wie ſie von dem Geſinde ſeit undenklicher Zeit genannt werden: nicht als waͤren ſie in der That jung(die juͤngſte iſt auf der Schattenſeite der dreißig) ſondern weil es eben Ge⸗ wohnheit in der Familie iſt, jedes unter fuͤnfzig Jahren jung zu nennen. Im ſuͤdoͤſtlichen Fluͤgel des Hauſes bin ich im ruhigen Beſitz eines altmodiſchen Gemaches, wo ich und mein Lehnſtuhl uns ungeſtoͤrt unterhalten koͤnnen„ die Eſſſenszeit abgerechnet. Der alte Vetter hat dieſes Gemach ſcherzhaft„Vetter Launies Paradies“ getauft, und weiß einen oder zwei Spaͤße daruͤber, die er ſo regelmäͤßig auf⸗ tiſcht, wie bei der ſtehenden Familientafel Beefſteaks und Zwiebeln taͤglich am untern Ende des Tiſches ſtehen, trotz Hammel, Gefluͤgel und Wildpret. Obgleich die Familie klein iſt, ſo fehlt es doch nicht, wie in vielen alten Haͤuſern der Art, an Ehrenmitgliedern. Hier werden die Stadtzuſammenkuͤnfte der Cocklofts gehalten; das Haus iſt ſtets belebt durch die Geſellſchaft eines halben Dutzends von Oheimen, Tanten und Vettern im vierzehnten Glied, die von allen Gegenden des Landes herkommen, und einen uͤbermaͤßigen Reſpekt vor Vetter Chriſtopher zu ha⸗ ben betheuern, alle Glieder des Hauſes bis auf den Koch in der Kuͤche durch ihre Hoͤflichkeit in Anſpruch nehmend. Wir waren neulich drei Wochen lang mit der Geſellſchaft zweier wuͤrdigen alten Jungfern heimgeſucht worden, die wegen ei⸗ nes Prozeſſes vom Lande herein gekommen waren. Sie ha⸗ e ben waͤhrend der ganzen Zeit wenig mehr gethan, als daß ſie die Geſchichte ihrer Dorfnachbarn wieder erzaͤhlten, Struͤmpfe ſtrickten und Schnupftabak nahmen: die ganze Familie iſt beſeſſen von Kirchhofgeſchichten, von abgeſchiede⸗ nen Geiſtern, weißen Pferden ohne Koͤpfe und mit großen Glotzaugen in der Gegend des Schweifes. Jeremy zeigt ſich bei ſeinen Verwandten vom Lande ſtets zu ſeinem Vor⸗ theil; ſie halten ihn fuͤr ein Wunder, und ſtehen in ſprach⸗ loſem Erſtaunen mit offenem Munde, wenn er ſeine Natur⸗ philoſophie auskramt. Er brachte neulich einen ſchlichten al⸗ ten Oheim faſt von Sinnen, als er fuͤr ſeine Anſicht aus⸗ gab, die Erde wuͤrde einſt durch einen Kometen zu Aſche werden, die Welt drehe ſich ohne allen Zweifel um die Sonne, und der Mond ſey ganz ſicher bewohnt. Das Familienhaus hat eben ſo viel Alterthuͤmliches, wie ſeine Bewohner. Da die Cocklofts bemerkenswerth ſind we⸗ gen ihrer Anhaͤnglichkeit an Alles, was lange in der Fa⸗ milie beſtand, wird es auch mit ihrem alten Hauſe ſo ge⸗ halten, ich moͤchte behaupten, ſie ſaͤhen es eher uͤber ſich zu⸗ ſammenfallen, als ſie es verließen. Die Folge iſt, daß es geflickt und ausgebeſſert, wie es iſt, an Wunderlichkeit und Fratzenhaftigkeit ganz ſeinen Bewohnern gleicht, es muß ge⸗ pflegt und nach ſeinen Launen behandelt werden, wie das alte Leibpferd eines Monarchen, und erinnert an das be⸗ ruͤhmte Schiff, in welchem ein gewiſſer Admiral die Erde umſegelte, und welches ſo geflickt und verbaut war, daß am Ende kein Stuͤck vom Original mehr uͤbrig geblieben war. Woher der Wind blaſen mag, das alte Haus laͤßt — 38— ein gefaͤhrliches Droͤhnen hoͤren, und jeder Sturm gibt dem Zimmermann Arbeit auf einen Tag; auch kommt dieſer ſo regelmaͤßig zu dem Haus, wie der Arzt zu der Familie. Dieſe Vorliebe fuͤr das Alterthuͤmliche in der Familie zeigt ſich in jedem Einzelnen. Das Geſinde iſt ſaͤmmtlich im Dienſte unſers Hauſes grau geworden. Wir haben einen kleinen, alten, muͤrriſchen graukoͤpfigen Neger, der zwei oder drei Generationen der Cocklofts uͤberlebt hat, und daher eine nicht unwichtige Perſon im Haus geworden iſt. Er⸗ nennt die ganze Familie bei ihrem Taufnamen, erzaͤhlt lange Geſchichten, wie er ſie als Kinder auf ſeinem Schooß ge⸗ ſchaukelt, und iſt eine vollſtaͤndige Cockloft⸗Chronik der letz⸗ ten ſiebenzig Jahre. Der Familienwagen wurde im letzten franzoͤſiſchen Kriege gemacht, und die alten Pferde waren ohne Zweifel in Noah's Arche zur Welt gekommen.— Das Schnurrenhafte iſt den Cocklofts angeboren, und jedes Glied des Hauſes iſt ein Humoriſt sui generis(ſeiner Art) vom Herrn bis zum Lakayen. Selbſt die Katzen und Hunde ſind Humoriſten: wir haben, ein kleines dickes Thier von einem Hunde, welcher, ſo oft die Kirchenglocke gelaͤutet wird, an die Straßenthuͤre laͤuft, ſeine Naſe in die Hoͤhe hebt und auf das Erbaͤrmlichſte heult. Jeremy beſteht darauf, es ſey dies der großen Zartheit der Organiſation ſeiner Ohren zu⸗ zuſchreiben, und belegt ſeine Behauptung durch viele gelehrte Beweiſe, die Niemand verſteht; allein ich bin der Meinung, es ſey eine bloße Cockloft⸗Schnuyre, die der kleine Hund macht, weil er von einer Race von Hunden ſtammt, die ſeit meines Großvaters Gedenken in der Familie heimiſch . waren. Oft beſagte Vorliebe fuͤr das Familien⸗Alterthuͤm⸗ liche hat auch in dem Hauſe den vielen alten Quark und Troͤdel angehaͤuft, den man uͤberall in demſelben findet, vom Keller bis zum Speicher: jedes Zimmer, jede Kammer, je⸗ der Winkel enthaͤlt dreifüßige Stuͤhle, Uhren ohne Zeiger, Schwerter ohne Scheiden, Kraͤmphuͤte, zerbrochene Leuchter und Spiegelrahmen, an welchen phantaſtiſche Geſtalten von gefiederten Schafen und wolligen Voͤgeln und andere Thiere zu ſehen ſind, die nur in den Heraldiſchen Werken einen Namen haben.— Die ſchweren Mahagony⸗Stuͤhle im Saale ſind von ſo ungeheueren Proportionen, daß es eine ſehr ernſtliche Unternehmung iſt, einen von der Stelle zu brin⸗ gen; und oft geben ſie einen hoͤchſt zweideutigen Laut von ſich, wenn man ſich ſchnell darauf ſetzt. Das Kamingeſims iſt mit kleinen vergoldeten Schaͤferinnen geziert, denen hier ein Fuß, dort eine Naſe fehlt; das Kamin ſelbſt umgeben hollaͤndiſche Backſteine, auf welchen eine Menge Gegenſtaͤnde aus der Bibel dargeſtellt ſind, und welche die gute alte Seele eines Vetters mit unendlichem Vergnuͤgen erzaͤhlt. Der arme Jeremy haßt ſie wie Gift, denn in ſeiner Jugendzeit mußte er die Geſchichte eines Backſteins jeden Sonntag Morgen lernen, ehe ihm erlaubt wurde, zu ſeĩ⸗ nen Geſpielen zu gehen: dies war etwas fuͤrchterliches fuͤr Jeremy, der das Erſte vergeſſen hatte, wenn er das Letzte lernte, und immer wieder von vorne anfangen mußte. Mein Vetter Chriſtopher erfreute ſich eines unbegrenz⸗ ten Anſehens in dem Hauſe ſeiner Vorfahren: er iſt wahr⸗ haft, was man einen alten guten Degen nennt: er hat ein — 40— bluͤhendes froͤhliches Geſicht, und wenn ihr ſeinen Wein lobt, und uͤber ſeine langen Geſchichten lacht, ſo iſt er und ſein Haus zu euern Dienſten. Die erſte Bedingung iſt leicht zu erfüllen, denn, die Wahrheit zu ſagen, ſein Wein iſt vortrefflich: was ſeine Geſchichten betrifft, die nicht die beſten ſind, und die er oft wiederholt, ſo kann man der Anwandlung des Gaͤh⸗ nens wohl nicht widerſtehen, da ſie, neben ihren an⸗ dern Eißzenſchaften, unertraͤglich lang ſind. Seine Weit⸗ ſchweifigkeit iſt um ſo betruͤbender fuͤr mich, da ich alle ſeine Hiſtorien auswendig weiß; ſobald er eine derſel⸗ ben beginnt, faͤllt mir eine gewiſſe Straße ein, wo der Reiſende das Ende mehrere Meilen vorher ſieht. Zum großen Ungluͤck aller ſeiner Bekannten iſt Vetter Chriſto⸗ pher mit einem vortrefflichen Gedaͤchtniſſe geſegnet, und kann mit der fuͤhlloſeſten Gewiſſenhaftigkeit Tag und Da⸗ tum, Namen und Umſtaͤnde des Dinges angeben. Das ſind aber kleine Schwachheiten, deren man nur mit einem zaͤrt⸗ lichen achtungsvollen Mitleiden gedenkt oder vergißt, wenn man die reiche Fuͤlle ſeines freundlichen und edeln Herzens kennt. Es wuͤrde euch erfreuen, zu ſehen, mit welcher gaſt⸗ freundlichen Froͤhlichkeit er den Beſuchenden in ſeinem Hauſe bewillkommt: der aͤrmſte Mann muß ſich, wenn er Chri⸗ ſtopher Schwelle betreten, zu ihm ſetzen und ſein Glas Wein trinken. Die ehrlichen Paͤchter in der Naͤhe ſeines Landſitzes lieben und achten ihn: ſie kommen nie voruͤber, ohne daß er nach dem Beſinden ihrer Familien fragt, und ihnen herzlich die Haͤnde ſchuͤttelt. Zwei Arten von Leuten nur verſagt er ſeine Gaſtfreundlichkeit— naͤmlich Franzo⸗ * —,— — acber mehr ſeine Anhaͤnglichkeit an die alte Regierung, als — 41— ſen und Demokraten. Der alte Herr ſieht es fuͤr eim Suͤnde gegen gute Erziehung an, mit einem Beſuchenden mit dem Hut auf dem Kopfe zu ſprechen: ſobald aber ein Demokrat ſeine Schwelle betritt, ſo muß Pompey ihm den Hut bringen, den ex dann aufſetzt und ſeinen Mann mit einem:„Nun, Herr, was wollt Ihr von mir?“ begruͤßt. Die Franzoſen verachtet Vetter Chriſtopher ſehr, und glaubt feſt, ſie aͤßen in ihrem Lande nichts als Froͤſche und Waſſerſuppe. Dieſes ungluͤckliche Vorurtheil ruͤhrt theils von einer Großtante her, die einſt mit einem franzoͤſiſchen Grafen davon gegangen war, von dem man hernach erfuhr, er ſey der Sproͤßling einer Generation von Barbieren; theils auch von dem kleinen lebendigen Funken von Toryism, der in einem geheimen Winkel ſeines Herzens gluͤht. Er war ein eifriger Anhaͤnger der Krone; an der neuen Unab⸗ haͤngigkeit hatte er großen Verdruß, und wenn er dieſen auch nicht laut aͤußert, ſo ehrt er doch immer des Koͤnigs Geburtstag, indem er wenige, ihm gleichdenkende, Freunde zum Mittageſſen einlädt, und ſeine Tafel mit mehr als ge⸗ woͤhnlicher Auswahl beſetzt. Wenn man zufaͤllig der Re⸗ volution gedenkt, ſo ſchuͤttelt er den Kopf, und wenn ihr ihn genau beachtet, ſo wird euch ein heimliches Laͤcheln der Verachtung in ſeinen Augenwinkeln nicht entgehen, welches eine entſchiedene Mißbilligung des Wortes bezeichnet. Er bemerkte einſt in der Aufrichtigkeit ſeines Herzens gegen mich, die gruͤnen Erbſen kaͤmen einen Monat ſpaͤter, ſeit⸗ dem ſie unter der neuen Regierung wuͤchſen. Nichts beweiſt — 42— daß er einſt nach Halifar reiſte, blos um in der Kirche fuͤr den Koͤnig beten zu hoͤren, wie dies fruͤher hier gebraͤuch⸗ lich geweſen. Er will deſſen zwar nicht recht geſtaͤndig ſeyn; ich weiß es aber ſehr gewiß.— Es iſt nicht wenig zu verwundern, daß ein Mann, der ſo gern lange Ge⸗ ſchichten erzaͤhlt, zu einem andern von demſelben Charakter eine lebhafte Zuneigung faſſe: es iſt aber bei meinem alten Herrn der Fall: ſein Guͤnſtling und ſein Lieblingsgefaͤhrts iſt Will Wigard; dieſer ſitzt, wie irgend ein Glied der Fa⸗ milie, vor dem Kamin, ſtemmt ſeine Fuͤße auf das meſſingne Gitter, raucht ſeine Cigarre, und ſpinnt die furchtbar lan⸗ gen Geſchichten ſeiner Reiſen einen ganzen Abend hindurch ab, zum groͤßten Vergnuͤgen des alten Herrn und der Lady, beſonders aber der jungen Lady's, die ihm mit unzaͤhlichen, „O Himmel!“„Iſt es moͤglich?“„Du mein Gott!“ zuhoͤren, und auf ihn ſchauen, wie auf einen zweiten Sie⸗ bad, den Matroſen.— Die Miß Cockiloft's, welche ich um Verzeihung bitte, ſie nicht fruͤher eingefuͤhrt zu haben, ſind ein Paar ſehr er⸗ goͤtzliche Fraͤulein. Barbara, die aͤlteſte, hat lange ſchon dem Charakter einer Schoͤnen entſagt, und das ſtete, nuͤch⸗ terne, gemeſſene, Schnupftabak⸗ nehmende Weſen angenom⸗ men, welches ihren Jahren und ihrem Verſtande angemeß ſen iſt. Sie iſt eine gutmuͤthige Seele, welche ich nur Ein⸗ mal leidenſchaftlich erregt: es war dies bei der Gelegenheit, als ein Liebling von ihr einem huͤbſchen Maͤdchen vor ihren Augen die Hand kuͤßte: und in der That, ſie wurde blos boͤſe daruͤber, weil, wie ſie ſehr richtig bemerkte, dies das 1— 43— Kind verderbte. Ihre Schweſter Margerg oder Maggie, wie ſie im vertraulichen Styl genannt wird, ſchien geneigt⸗ ihre Stelle als jugendliche Schoͤnheit fortwährend zu be⸗ haupten, das aͤnderte ſich aber vor einigen Monaten. Sie hoͤrte naͤmlich, daß ein Herr zufaͤllig bemerkte, ſie nehme ſehr ſchnell ab, alsbald verſchmaͤhte ſie die Geſellſchaften, nahm eine Katze in hohe Gunſt, und fing an, uͤber die An⸗ maßung der jungen Moͤdchen zu ſchmaͤhen. Von dieſem Augenblick an ſetzte ich ſie in die Reihe der alten Jung⸗ fern.— Die jungen Lady's werden indeſſen immer noch von einem halben Dutzend alter„beaux“ beſucht, welche den hohen Ton angaben, als die Miß Cockloft's noch Kinder waren, an denen aber die Hand der Zeit(die, nebenher be⸗ merkt, faſt Alles kann, nur nicht die Leute wieder jung 42 machen) gewaltige Verunglimpfungen veruͤbte. Dennoch ſind 5 ſie um die Gunſt der Frauen emſig bemuͤht, werfen ehr⸗ furchtsvoll zaͤrtliche Blicke auf ſie, und wiederholen dieſel⸗ ben honigſuͤßen Phraſen und verzuckerten Sentiments bei den kleinen Schoͤnen, welche ſie einſt ſo verſchwenderiſch in die Ohren ihrer Mutter gefluͤſtert hatten. Ich bitte, hier be⸗ merken zu duͤrfen, daß ich bei dieſer Skizze durchaus nicht an alte Hageſtolze gedacht habe: im Gegentheil behaupte ich, daß nach einer ſchönen Dame, dem non plus ultra, ein alter Hageſtolz das anziehendſte Weſen auf Erden iſt, indem er, in ſeliger Vereinzelung lebend, aber nichts thut, als was ihm und Andern Freude macht; wenn er ein we⸗ nig Geiſt hat, wird es ihm an Launen, Selrſamkeiten und verſteinerten Gewohnheiten nicht fehlen, ohne welche ich ei⸗ * nen Mann fuͤr bloßes Beef ohne Senf halte, gut fuͤr nichts, als fuͤr Lady's den Botengaͤnger zu machen, Logen im Thea⸗ ter zu beſorgen, die Rolle eines Ofenſchirms bei Theater⸗ parthien zu ſpielen, oder die eines Spazierſtocks in den Straßen. Ich ſpreche hier blos von den alten Knaben, welche die oͤffentlichen Spaziergaͤnge beſetzt halten, auf die Maͤdchen aus jedem Winkel der Straße ſtoßen, und vor, hinter und um Modeſchoͤnheiten hertrippeln, und, ſtatt ju⸗ gendlicher Froͤhlichkeit und Scherze, nur Grimaſſen, Grin⸗ ſen und ſtudierte Lebhaftigkeit zu Gebot haben. Ich habe zuweilen einen dieſer„ehrwuͤrdigen Juͤnglinge“ ſich beſtre⸗ ben ſehen, ſeine eingewinterten Gefuͤhle zu etwas zu erhe⸗ ben, das wie Liebe ausſah, indem der Sonnenſchein der Schoͤnheit auf die harte Kruſte ſeines Herzens wirkte: ich, dachte dabei an eine alte Fliege, welche ſich beſtrebte, durch eine Glasſcheibe gegen ein Licht zu fliegen, ohne je nahe genug zu kommen, um ſich zu waͤrmen oder die Fluͤgel zu verbrennen. 8 Die vollkommenſte Gleichmaͤßigkeit herrſcht in dieſer Fa⸗ milie: wenn ein Glied derſelben eine neue Grille ausheckt, ſo folgen alle Uebrigen wie wilde Gaͤnſe in einer Linie. Da die Familie, die Dienerſchaft, die Pferde, Katzen und Hunde miteinander alt geworden ſind, ſo haben ſich auch ihre Ge⸗ wohnheiten untereinander ganz und gar verſchwiſtert: und obgleich jedes Einzelne voll wunderlicher Punkte, Wirbel, Rhomboiden u. ſ. f. iſt, ſo harmoniren ſie doch auf irgend eine Weiſe miteinander, wie eben ſo viele gerade Linien: es iſt in der That ein erfreulicher Anblick, ſie Alle ſo ein⸗ —— — 45— trachtsvoll zu ſehen. Wann aber eines aus dem Tone faͤllt, ſo iſt es, wie eine falſchgeſtimmte Geige,— das ganze Conzert koͤmmt in Aufruhr: ihr ſeht eine Wolke uͤber jeder Stirn im Hauſe, und ſelbſt die alten Lehnſtuͤhle keuchen dann affectuoso. Wenn mein Vetter, wie es ſich wohl manchmal fuͤgt, einige Symptome von Aerger oder Unbe⸗ haglichkeit, um welcher Urſache willen iſt gleichguͤltig, ver⸗ raͤth, ſo wird er zu Tode gequaͤlt mit Fragen, die keinen andern Zweck haben, als den guten Willen des Fragenden zu beweiſen, und den Gefragten aufzubringen:— denn Je⸗ dermann weiß, wie man durch eine impertinente Frage, „was habt Ihr?“ aufgebracht werden kann, wenn man ſelbſt nicht weiß, was man hat. Vor einiger Zeit kam der alte Herr in einem wahren Sturm nach Hauſe: der arme Caͤſar(die Dogge) wurde aus dem Wege geſtoßen, als er durch den Gang ging: er warf den Hut heftig auf den Tiſch, nahm die Doſe und drei ungeheuere Priſen Tabak heraus, und warf eine vierte der Katze in die Augen, als er ſich zum Kamin ſetzte. Nun begann der Angriff von allen Seiten. Miß Cockloft begann ihr„Lieber, Beſter!“ ſo ſchnell ſie konnte, zu wiederholen; von den jungen Lady’s ſtellte ſich jede an eine Ecke des Lehnſtuhls; Jeremy war im Nachtrab: das Geſind humpelte herein: der Hund hob forſchend ſeine Naſe in die Hoͤhe— Alles fragte, nahm An⸗ theil, troͤſtete. Nach den liebevollſten Nachforſchungen von allen Seiten ergab ſich, daß mein Vetter ſeine ſeidnen Struͤmpfe beſchmutzt hatte, als er uͤber die Straße ging und ein Wagen mit einem Herrn vorbeifuhr, der die Fa⸗ milie fruͤher mit Gebäͤck und Semmeln verſorgt hatte. Mis. Cockloft erhob ihre Augen, die jungen Lady's ihre Naſen: die nun beginnende Unterhaltung uͤber die Anmaßung der 4 Emporkömmlinge und die Gemeinheit der ſeyn wollende: Gentleman und Lady's, welche ihre Beſuche zwei Haͤnſer f weit zu Wagen machen, Leute einladen, von denen ſie aus⸗ gelacht werden und ihre alten Bekannten nicht mehr kennen — ich ſage, dieſe Unterhaltung wuͤrde Jeden ergoͤtzt und erbaut haben, der ſie gehoͤrt haͤtte.— — 47— 7. Mein Oheim John. 4 Wer durch die Gewohnheit des Nachdenkens einige Raͤth⸗ ſel ſeines Geiſtes ſich geloͤſt, und wem die taͤglichen Lebens⸗ ſorgen Zeit gelaſſen haben, ſich Rechenſchaft uͤber ſeine Ge⸗ fühle zu geben, wird wiſſen, daß die Gegenwart nur die Zeit der Erinnerung iſt. Die Bluͤthen, die Zephyre, die Nachtigallenſchlaͤge des Fruͤhlings, nach ihrer truͤbſelig lan⸗ gen Abweſenheit wiederkehrend, bringen natuͤrlich vergangene Zeiten und begrabene Gefuͤhle in unſere Erinnerung; das Fluͤſtern des dichtbelaubten Schattenganges ſchlaͤgt an das Ohr der Betrachtung, wie die ſuͤßen Laute weit entfernter Freunde, die das rauhe Triebrad der Welt lange von uns geſchieden und unſerm Verlangen unerreichbar gemacht hat. In ſolchen Stunden kehrt unſer Blick ſehnſuchtsvoll und wemuͤthig auf die Tage unſerer Jugend und zu den froͤh⸗ lichen Gefäͤhrten zuruͤck, welche mit uns in das Leben ſchrit⸗ ten, ſich aber in der Mitte des Weges von uns trennten, um irgend einen Seitenweg einzuſchlagen, der ſie mit ver⸗ fuͤhreriſchen Ausſichten lockte, und von denen wir dann ewig getrennt bleiben. Auch wird dann, wenn uns eine ſchwere Sorge druͤckt, wenn wir einen alten Freund oder theuern Gefährten verloren haben, ſein Schatten uns umſchweben; — 48— das Andenken ſeiner Tugenden wird auf unſerem Herzen laſten, und tauſend liebe Erinnerungen, in den alten Freu⸗ den und Mitternachtzerſtreuungen des Winters verloren, treten lebendig vor uns. Dieſe Gedanken erinnern mich an meinen Oheim John, und in will die Geſchichte ſeiner Liebe und ſeine Unfaͤlle heute ezaͤhlen. Es ſind nun fuͤnfzehn Jahre, als ich meinen Oheim bei einem Beſuch in ſeinem alten Wohnſitze zum Letztenmale ſah. Er las, als ich bei ihm anlangte, eben die Zeitungen, — denn es war Wahlzeit, und er zeigte ſich ſtets als war⸗ men Foͤderaliſten, und hatte zu ſeiner Zeit Manchen zu dem⸗ wahren politiſchen Glauben bekehrt, beſonders einen alten Pachter, welcher immer, gerade vor der Wahl, ein heftiger Anti wurde, um ſich von meinem Oheim von ſeinen Irr⸗ thuͤmern uͤberzeugen zu laſſen, der nie verfehlte, dieſe Ueber⸗ zeugung durch ein bedeutendes Geſchenk zu belohnen. Nachdem wir die Angelegenheiten der Nation beſeitigt hatten, und mein Compliment bei den alten Familien⸗Chro⸗ niken in der Kuͤche gemacht habe— eine unerlaͤßliche Artig⸗ keit— rief der alte Herr mit innerm Behagen:„Gut, ich denke, Du liebſt das Forellenfiſchen? Ich habe Alles dazu vorbereiten laſſen: aber erſt mußt Du einen⸗Gang mit mir machen, um meine Verbeſſe ſerungen zu ſehen.“ Ich mußte wohl einwilligen, obgleich ich wußte, daß mich mein Oheim zu einem ſchlechten Tanz fuͤhren werde, und daß ich eine Kothlache oder eine Pfuͤtze zu ſehen bekaͤme. Obgleich ich mehrere Jahre abweſend geweſen, ſo war — 49— die Landſchaft nicht veraͤndert, und jeder Gegenſtand trug dieſelben Zuͤge, welche er gehabt hatte, als ich noch ein Schulknabe war: denn auf dieſem Fleckchen der Erde war ich groß geworden in der Furcht der Geiſter und manches der zehn Gebote brechend. Der Bach, oder Strom, wie man ihn in Europa nennen wuͤrde, murmelte noch in ſeiner gewohnten Ruhe durch die Wieſen, und ſeine Ufer warzn noch mit den Waſſerweiden umbuſcht, welche auf ſeine Ober⸗ flaͤche hinabhingen. Daſſelbe Echo wohnte noch im Thale, und dieſelbe ſtille, ſanfte Ruhe erfuͤllte die ganze Szene. Selbſt mein guter Oheim war nur wenig veraͤndert, aus⸗ genommen, daß ſein Haar ein wenig grauer geworden, und ſeine Stirne ihre fruͤhere Heiterkeit verloren hatte. Von ſeiner ehemaligen Thaͤtigkeit jedoch hatte er nichts verloren, und lachte uͤber die Schwierigkeit, welche ich fand, ihm zu folgen, wie er ſo durch Buſch und Hecken fortſchlenderte, immer von ſeinen Verbeſſerungen ſprechend und erzaͤhlend, was er da und dort noch zu thun vorhabe. Endlich, nach⸗ dem er mir ſeine neuen Zaͤhne, ſeinen beruͤchtigten zwei⸗ jaͤhrigen Zuchtſtier, ſeinen eben erfundenen Karren, der vor dem Pferde hergehen ſollte, gezeigt hatte, geſiel es ihm, nach Haus zurückzukehren und zu Mittag zu eſſen. Nach Tiſch und dem Dankgebet— bei ihm keine Cere⸗ monie, ſondern ein herzliches Opfer— oͤffnete mein Oheim ſeine Kuͤſte, nahm ſein Fiſchergeraͤth heraus, und eilte, ohne ein Wort zu verlieren, mit jenen wahrhaft furchtbaren Schritten fort, welcher ſich einſt Papa Neptun bediente, als er der Belagerung von Troja beizuwohnen ſich aufmachte. W. Irving's Werke, 19s 4 * — 50— Forrellenſiſchen war meines Oheims Lieblingsſache, und ob⸗ gleich ich immer zwei Fiſche fing, bis er eines einzigen hab⸗ haft werden konnte, ſo gab er doch nie zu, daß ich ihm in dieſer freien Kunſt uͤberlegen war, ſondern bemuͤhte ſich, es fuͤr ein ſehr ſeltſames Phaͤnomen zu erklaͤren. Wir machten dann, dem Lauf des Baches folgend, ei⸗ nen Spaziergang, und erzaͤhlten uns, was uns in verſchie⸗ denen Zeiten begegnet war. Es war ein Umkehren des Stundenglaſes der Zeit und ein Zuruͤckrollen der Sandkoͤr⸗ ner, welcha den Strom der Jahre bezeichnet hatten. End⸗ lich begannen die Schatren zu wachſen, der Suͤdwind legte ſich, und eine vollkommene Ruhe trat ein, während die Sonne auf den Huͤgelgipfeln in goldenem Glanze ihre Strahlen durch die Baͤume zog, und eine Art von Sab⸗ bath⸗Stille ſich uͤber das ganze Thal verbreitete, anzeigend, daß die Zeit herannahe, welche den Paͤchter von ſeiner Feld⸗ arbeit, den Stier von dem Pfluge, den Schulknaben von ſeinem Buchſtabier⸗Zuche fuͤr eine Weile befreite, und den Schaͤfer zu ſeinem bluͤhenden Milchmaͤdchen nach Hauſe brachte. Wie wir ſchweigend den letzten Strahlen der Sonne nachſahen, ſagte mein Oheim in einem ernſt⸗wehmuͤthigen Tone, waͤhrend er ſeinen Arm auf einen alten umgefallenen Baum ſtemmte:„Ich weiß nicht, wie es kommt, aber ſolch ein Abend und ſolch eine ſtill⸗ruhige Szene, wie dieſe, macht mich immer ein wenig traurig: in ſolchen Augenolik⸗ ken ſeh ich auch wohl mit Betruͤbniß auf den Zeitpunkt, wenn ich dieſe Beſitzung, wo ich jung geweſen und alt ge⸗ — 51— worden bin, wo jeder Gegenſtand umher mir durch lange Bekanntſchaft theuer geworden iſt,— wenn ich alles dieſes verlaſſen muß. Ich fuͤrchte den Tod nicht, denn ich hoffe, weſentlichere Tugenden hinter mir zu laſſen, als mein Grab⸗ ſtein Euch erzaͤhlen wird, und dauerndere Andenken, als Kirchen und Hospitaͤler, durch Schaͤtze erbaut, welche Schlech⸗ tigkeit oder Gefuͤhlloſigkeit den Duͤrftigen vorenthielt oder raubte:— dennoch kann ich mich in einer ſolchen Stunde und vor einer ſolchen Szene des Wunſches nicht entſchlagen, noch ein wenig laͤnger in dieſem friedlichen Aſyl zu wan⸗ deln: noch ein wenig mehr des Senmenſcheins auf dieſer Welt zu erfreuen, und noch manchmal mit Dir zu ſiſchen.⸗ Als er ſchloß, hob er die Hand ein wenig von dem gefalle⸗ nen Baum, und ſie langſam an ſeine Seite legend, ſah er gen Himmel und wandte ſich heimwaͤrts. Das Gefuͤhl, der Blick, die Bewegung— Alles ſchien prophetiſch zu ſeyn. und ſo war es auch, denn als ich ihm am naͤchſten Mor⸗ gen die Hand ſchuͤttelte, und Lebewohl ſagte, geſchah es,— zum Letztenmal. Er war drei und ſechszig Jahre alt, und ſtarb als Ha⸗ geſtolz, obſchon er ſein ganzes Leben verſuchte, ſich zu ver⸗ heirathen, und ſich ſtets am Ziel ſeiner Wuͤnſche glaubte. Das Fehlſchlagen derſelben war weder einer Mißbildung ſei⸗ nes Geiſtes, noch einem anſtoßenden Aeußern 5 zuſchreiben: denn man hatte ihn in ſeiner Jugend ſchoͤn genannt, und ich ſelbſt kann bezeugen, daß ſein Herz ſo gut war, wie der Himmel nur irgend eines gebildet hatte: auch an ſeiner Ar⸗ muth lag es nicht, denn er hatte ein ſchoͤnes Auskommen, 4* Die Wahrheit iſt, mein Oheim hatte einen uͤberſchweng⸗ lichen Widerwillen, etwas in Eile zu thun.—„Ein Mann muß bedenken, ſagte er einſt zu mir, daß er immer ein Weib bekommen, ſie aber nicht immer wieder los werden kann. Was mich betrifft, fuhr er fort, ich bin noch ein junger Mann,(er war vierzig Jahre alt,) und bin ent⸗ ſchloſſen, ſcharf umzuſchauen, Alles wohl zu erwaͤgen und zu erkunden, was meiner harrt, bevor ich heirathe: kurz, ich will nichts in Eile thun, deſſen ſey uͤberzeugt.“ Nach die⸗ ſer Grille handelte er. Er begann mit jungen Maͤdchen und endigte mit Witrwen. Er machte den jungen Maͤdchen den Hof, bis ſie alte Jungfern wurden, oder ſich verheira⸗ theten, und die Wittwen, die nicht ſoviel Geduld haben, heiratheten gewoͤhnlich ſchon nach dem Trauerjahre, waͤhrend mein guter Oheim ſich bald auf dem Gipfel des Glucks zu ſehen glauhte, einen jungen Burſchen, der keine ſolche Ab⸗ neigung hatte, etwas in Eile zu thun. Solche Mißfaͤlle haͤtten meinen Oheim gewiß niederge⸗ beugt— denn es fehlte ihm nicht an Gefuͤhl— haͤtte er aicht etwas entdeckt, das Alles wieder ausglich. Er troͤſtete ſich— denn er war ein wenig eitel und haͤtſchelte ſeinen Stolz, der ſeine Hauptleidenſchaft war— indem er ſeinen Freunden triumphirend erzaͤhlte:„er haͤtte ſie wohl bekom⸗ men koͤnnen.“ Wer weiß, wieviel Bitteres im Gefolge ge⸗ taͤuſchter Zuneigung iſt, wenn verwundete Eitelkeit und ver⸗ haͤrteter Stolz damit im Spiele ſind, wird ſich mit meinem Oheim uͤber dieſe Entdeckung freuen. Mein Oheim hatte von einer unglaublichen Menge der⸗ heiratheter Maͤnner gehoͤrt, und in einer unzaͤhlbaren Reihe von Buͤchern geleſen, ein Mann koͤnne nur im verheirathe⸗ ten Stande gluͤcklich ſeyn: er entſchloß ſich alſo fruͤh zu heirathen, um dieſes einzigen Gluͤcks recht bald theilhaftig zu werden. Er that alſo der Tochter eines benachbarten geachteten Pachters ſchoͤn, von deren Reizen die Umgegend entzuͤckt war. Aber die junge Dame war mehr als reizend: — ſie war fuͤnf oder ſechs Monate in einem Erziehungs⸗ hauſe in der Stadt geweſen, wo ſie gelernt hatte, auf At⸗ las⸗Sammt zu malen, und Schaafe nachzubilden, die man fuͤr Woͤlfe anſehen konnte, ihren Kopf aufrecht zu halten, geſtreckt auf dem Stuhle zu ſitzen, und jede Art nuͤtzlicher Kenntniß als ihrer Aufmerkſamkeit unwuͤrdig anzuſehen. Als ſie nach Hauſe zuruͤckkehrte, hatte ſie Alles vergeſſen, was ſie vorher wußte, ſo daß ſie, als ſie eine Magd die Kah melken ſah, ihren Vater mit bezaubernder Unwiſſenheit fragte:„was thut dieſes ſeltſam ausſehende Ding dort dem wunderlichen Thiere?“— Der alte Mann ſchuͤttelte ſeinen Kopf daruͤber; aber die Mutter war uͤber dieſe Art von Bildung ſehr erfreut, und in ihrer Tochter Talente ſo ver⸗ liebt, daß ſie in der That ein Gemaͤlde der jungen Lady einrahmen ließ. Dieſes ſtellte die Grabſzene aus Romeo und Julie dar. Romeo hatte einen orangefarbenen Man⸗ tel, den eine breite goldene Schnur um ſeinen Hals feſt⸗ hielt, eine weiße Atlasweſte, lederne Hoſen, blaue ſeidene Struͤmpfe und weiß getupfte Stiefeln. Die liebenswuͤrdig⸗ Julie glaͤnzte in einem flammenfarbigen Kleide, mit rieſen⸗ haften ſilbernen Sternen beſaͤet, eine hochgekroͤnte Mußlin⸗ — 54— haube, die bis zur Spitze des Grabgewoͤlbes reichte, an den Füßen trug ſie langzugeſpitzte Schuhe, und ihr Leibchen war das genaue Fac-simile eines umgekehrten Zuckerhutes In dieſe vollendete junge Lady alſo verliebte ſich mein Oheim gewaltig tief, und da ſie ſeine erſte Liebe war, ſo dachte er ſich dabei auch auf eine außerordentliche Weiſe zu gehaben. Einmal wenigſtens alle vierzehn Tage, und ge⸗ wöhnlich Sonntag Abends, zog er ſeine Lederhoſen an,(denn er war ein großer Stutzer,) beſtieg ſein graues Pferd, Pop⸗ per genannt, und ritt hinaus, Miß Palema zu ſehen, die eine kleine halbe Stunde entfernt wohnte. Miß Palema konnte gegen ſolche Beweiſe von Anhaͤnglichkeit nicht ge⸗ fallos ſeyn, und empfing ihn alſo mit betraͤchtlicher Freund⸗ lichkeit; ihre Mutter verließ immer das Gemach, wenn er kam,— und mein Oheim hatte ſeine Erklaͤrung ſo gut als gemacht, als er ihr eines Abends ſehr bedeutungsvoll ſagte:„er glaube, er werde bald ſeine Lage aͤndern;“ bald aber, man weiß nicht warum, fing er an zu denken, er thue etwas in zu großer Eile, und es ſey hohe Zeit, die Sache reiflich zu erwaͤgen: er erwaͤgte alſo uͤber einen Mo⸗ nat ohne Unterlaß, und es iſt nicht zu ſagen, wie weit er noch den Faden ſeiner Zweifel fortgeſponnen haͤtte, waͤr' er nicht zufaͤllig aus ſeiner Ungewißheit durch die Nachricht ge⸗ riſſen worden, ſeine Lady habe den Schreiber eines Advoka⸗ ten geheirathet, den ſie den Sonntag zuvor in der Kirche . sgeſehen, wo er den Beifall der ganzen Gemeinde durch den großen Ernſt geerndet hatte, mit welchem er eine hollaͤndi⸗ ſche Predigt anhoͤrte. Das junge Volk in der Umgegend— lachte nun viel uͤber meinen Oheim; er aber zuckte ſeine Schultern, nahm eine geheimnißvolle Miene an, und ſagte: „Still, Leutchen, ich haͤtte ſie wohl bekommen koͤnnen.“ Das Zimmer, welches ich jetzt bewohne, war einſt das meines ehrwuͤrdigen Oheims: mancherlei erinnert noch an die ſolide Vortrefflichkeit und liebenswuͤrdige Ueberſpannung dieſes galanten alten Herrn. Ueber dem Kamin haͤngt das Portrait der jungen Dame, in ein weites blau ſeidenes Kleid gekleidet: Blumen und Locken ſind auf dem Gemaͤlde nicht geſpart: ſie haͤlt in der einen Hand ein Buch, welches ſie auf ein? ſehr liebenswuͤrdige Weiſe vernachlaͤſſigt, um ſich gegen den Beſchauer zu wenden, und ihn anzulaͤcheln; in der andern Hand ſieht man Blumen, welche, wie ich zur Ehre der Mutter Natur annehme, nur Erzeugniſſe der Phantaſie des Malers ſind: ein wenig hinter ihr iſt etwas an einem blauen Bande angebunden; ob es aber ein kleiner Hund, ein Affe, oder eine Taube iſt, muß dem Urtheil kuͤnf⸗ tiger Ausleger uͤberlaſſen bleiben.— Dieſe kleine Dame iſt der Ueberlieferung zufolge die zweite oder dritte Flamme meines Oheims geweſen, und er waͤre unfehlhar mit ihr da⸗ von gelaufen, wenn ſie mit ihm gegangen waͤre: er konnte ſie aber nie zu der Maaßregel uͤberreden, denn die Maͤd⸗ chen jener Zeit ließen ſich nicht ganz ſo leicht entfuͤhren, wie Columbine. Mein Oheim, deſſen Plane mißgluͤckt wa⸗ ren, hatte den ſehr klugen Gedanken und entfuͤhrte das Portrait der Lady, welches er im Triumph in die Cock⸗ lofthalle brachte und in ſeinem Schlafgemach als ein Denk⸗ mal ſeines unternehmenden Geiſtes aufhaͤngte. Der alte Herr ruͤhmte ſich gewaltig dieſes ritterlichen Manduvers wegen, er laͤchelte immer, erhob ſeinen Stock, wenn er das Gemaͤlde betrachtete, und erzaͤhlte die That nie, ohne beizuſetzen:„Ich haͤtte warlich das Original ent⸗ fuͤhren koͤnnen, wenn ich mich entſchloſſen haͤtte, noch ein wenig laͤnger den Raͤdern ihres Wagens nachzulaufen; denn, um dem Maͤdchen Gerechtigkeit widerfahren zu laſſen, ich 8 glaube, ich habe ihr ganz wohl gefallen; aber ich habe es immer verſchmaͤht zu ſchmeicheln, mein Knabe— immer— das war meine Art ſo.“— Mein Oheim John hatte eine ſehr gluͤckliche Gemuͤthsart: ich gaͤbe die Haͤlfte meines Ver⸗ moͤgens, wenn ich ſein Talent, ſich ſelbſt zu troͤſten, beſaͤße. 8. Ball ſt on. — Ballſton war urſpruͤnglich nichts mehr, als ein Ort, wo Kummer und Krankheit Linderung ſuchten. Der Kranke, welcher manche oͤde Meile zu den Gaͤrten von Ballſton ge⸗ reiſt war, mit ſchwerem Herzen und abgezehrtem Koͤrper, nannte es einen Vergnuͤgungsort, wenn er, auf Kruͤcken angelangt, mit neubelebtem Geiſt und kreftfrohen Gliedern wieder von dannen tanzte. Im Verlauf der Zeit nahm das Wort„Vergvuͤgen“ hier eine andere Bedeutung an: es glich einem nuͤchternen, unceremonieuſen Contretanz, zu welchem ein Dilettant die Floͤte blaͤſt, oder die dreigaitige Geige eines wandernden Landmuſikers ertoͤnte. Alles jedon verraͤth noch den gluͤcklichen Feiertag, deſſen ſich der Geiſt ſtets erfreut, wann er frei von den Feſſeln des foͤrmlich⸗ oden Lebens ſich bewegen kann, unbekuͤmmert um die geſel⸗ lige Verſeinerung der neuern Sitten: Alles ging hier froͤh⸗ lich zu, und man nannte Ballſton einen reizenden, ſorglo⸗ ſen, unterhaltenden Ort, wo Jeder nach ſeiner Laune le⸗ ben und thun kann, was ihm behagt,— vorausgeſetzt, daß er ſeine Frau nicht bei ſich hat:— als, ach! ploͤtzlich die Mode ihren Einzug in der Geſtalt eines Wagens, eines kaͤufers in Livree und eines Stutzers hielt. Seit dieſer — 58— verhaͤngnißvollen Zeit hat das Wort„Vergnuͤgen“ eine ganz neue Bedeutung angenommen, und heißt nun nichts als„Mode. Das wuͤrdige, modige, tanzende, unnuͤtze Voͤlkchen jedes Standes, das ſich lieber von der Menge erdruͤcken laͤßt, als es die Einfoͤrmigkeit zu Hauſe ertraͤgt, und in der geiſtloſen Geſellſchaft ſeiner eigenen Gedanken verwellt, ſtroͤmte zu den Gaͤrten; nicht um der Freuden der Geſell⸗ ſchaft willen, oder um von der wohlthaͤtigen Kraft des Waf⸗ ſers Gebrauch zu machen, ſondern um ſeine Equipagen und Garderoben zu zeigen, oder was bei weitem erfreulicher iſt, die ihrer modiſchen Nebenbuhler zu beneiden. Das erweckt natuͤrlich den Geiſt eines edeln Wetteifers zwiſchen öſtlichen, mittlern und ſuͤdlichen Staaten; und da jede Dame ſich demnach verbunden fuͤhlt, die ganze Laſt der Wuͤrde und Mode ihrer Gegend auf ſich zu nehmen, ſo muß ſie ohne Erbormen ihre Mitbewe erberinnen von andern Theilen der vereinigten Staaten durch Glanz und Prunk uͤbertreffen. Dieſe Art Nebenbuhlerſchaft fordert ohne Frage bedeutende Vorbereitungen und reiche Zuſchüſſe aus der Kaſſe. Eines einfachen Buͤrgers Ehegensſſig⸗ ländert ein halbes Dutzend Putzlaͤden und laͤßt ihre Famtlie einige Monate darben, um einen Mode⸗Feldzug nach Ballſton machen zu koͤnnen⸗ Sie reiſt nach dem Kriegsſchauplatz mit einer großen Macht von Koſſern und Schachteln, ſowie mit Munitionskiſtchen, gef fuͤllt mit Hauben, Huͤten, Handſchuhen, Shawls und Baͤndern und all der vielfachen Artillerie der modiſchen Kriegsfahrt. Die Frau eines ſuͤblichen Pflanzers legt den N — — 59— ganzen jaͤhrlichen Ertrag einer Reis⸗Pflanzung in Silber⸗ und Goldſtoffen, reichen Schleiern und neuen Livreen aus, traͤgt ganze Faͤſſer von Taback auf ihrem Kopf, und ſchleppt ganze Ballen von Sea⸗Island⸗Baumwolle an ihren Fuͤßen nach; waͤhrend eine Lady von Boſton oder Salem ſich in den Betrag einer Ladung von Thranoͤl klei⸗ det und einen Centner Stockfiſch auf ihrem Kopf herum⸗ traͤgt. Die Pflanzer⸗Frauen haben jedoch gewoͤhnlich bei die⸗ ſem Streite den Vortheil. Denn da es eine ausgemachte Sache iſt, daß wer von Oſt⸗ oder Weſt⸗Indien, Geor⸗ gien oder den Carolina's, oder irgend einem warmen Klima kommt, unermeßlich reich iſt, ſo kann nicht erwartet wer⸗ den, daß ein einfacher Staͤdter aus dem Norden es jenen in der Mode gleich thun kann. Der Pflanzer alſo, der im Ausland mit vier Pferden fahrt, und zu Haus ein Tau⸗ ſend Neger zu ſeinen Dienſten hat, und der nach Ballſton kommt, von einem Dutzend ſchwarzer Amors in praͤchtigen Lioreen umgeben, iſt ohne Frage dem nordiſchen Kaufmann uͤberlegen, der in einem zweiſpaͤnnigen Wagen ankommt; dies iſt nichts mehr, als durchaus nothwendig, und kann folglich keinen Anſpruch auf Mode machen. Er hat jedoch dafuͤr wieder den Troſt, daß er ſich dem ehrlichen Buͤrger uͤberlegen fuhlt, der ſich in einem einfachen Gich zeigt; die⸗ ſer ruͤmpft die Naſe hinwiederum uͤber den Land⸗Squire, der dahin trabt auf ſeinem duͤrren langohrigen Roͤßlein und dem breiten Sattelruͤcken, wogegen dieſer endlich zu ſeiner Beruhigung keinen Anſtand nimmt, einen friedlichen Fuß⸗ — 60— gaͤnger uͤber den Haufen zu rennen, wenn dieſer, der Un⸗ abhaͤngigſte von Allen, ihm nicht vielleicht zur Vergeltung den Hals bricht. Das große Ungluͤck iſt, daß dieſer Geſchmack an der Mode oft ſo koſtſpielig wird, daß die Rechte und Privile⸗ gien des Beutels gefaͤhrdet werden, und ſeltſame Verlegen⸗ heiten in ſeinem Gefolge haben! So erzaͤhlt mein Freund Evergreen von einem jungen Suͤdlaͤnder, der ſeinen Einzug mit einem praͤchtigen Wagen und zwei Vorreitern hielt, vermittelſt derer er die Aufmerkſamkeit aller Frauen auf ſich zog, und eine Kaͤlte zwiſchen verſchiedenen jungen Paa⸗ ren hervorbrachte, welche, wie man vor ſeiner Ankunft dachte, eine betraͤchtliche Zaͤrtlichkeit gegen einander hatten. Im Verlauf zweier Wochen verſchwand die Karoſſe!— Die Klaſſe guter Menſchen, die nichts auf der Welt zu thun zu haben ſcheinen, als ſich in die Angelegenheiten Anderer zu miſchen, fingen an zu ſtaunen. Eine Zeit darauf ver⸗ mißte man einen Vorreiter!— Das vermehrte die Unruhe und das Geruͤcht verbreitete ſich demnaͤchſt, er habe ſeine Pferde gegeſſen und den Neger getrunken. Man ahnte nichts Gutes wegen des noch zuruͤckgebliebenen Dieners, und ſein baldiges Verſchwinden beſtaͤtigte die deshalb laufenden Geruͤchte; kurz, nach einem kleinen Monat reiſte der koͤſt⸗ liche junge Caroliner ganz beſcheiden mit dem oͤffentlichen Wagen ab,— allgemein von ſeinen Freunden bedauert, die ihm ſo großmuͤthig von Allem, was Mode hieß, gehol⸗ fen hatten. Uebrigens ſind der Unterhaltungsgegenſtaͤnde an dieſem reizenden Sitze der Schoͤnheit und Mode ſehr viel. Am Morgen verfuͤgt ſich die Geſellſchaft, einem jungen Bachi⸗ ſchen Gefolge aͤhnlich, in die Gaͤrten; hier haben die Her⸗ ren, welche ſich angenehm machen wollen, Gelegenheit, ſich bei den Frauen in Gunſt zu ſetzen, und es iſt wahrhaft er⸗ freulich, zu ſehen, mit welcher Anmuth und Geſchicklichkeit ſie hier einleitend zu Werke gehen. Nach dem Fruͤhſtuͤck waͤhlt ſich Jedes ſeine Unterhaltung; Einige machen eine Spazierfahrt in den Eichenwaͤldern und erfreuen ſich der romantiſchen und mannichfaltigen Scenerei von verbrannten Baͤumen, Pfoſten und Heckenumzaͤunung; Baumſtuͤcken, Kartoffelplaͤtzen und hoͤlzernen Huͤtten: Andere erklettern die umliegenden Sandhuͤgel, welche wie die Wohnungen einer gigantiſchen Race von Ameiſen ausſehen, und be⸗ trachten andere Sandhuͤgel unter ihnen, und dann— kom⸗ men ſie wieder herab; Andere, die romantiſcher Natur ſind(und abſonderlich junge Damen beſtehen darauf, ſol⸗ cher Natur zu ſeyn, wenn ſie die Baͤder beſuchen, oder ſonſt wohin auf das Land gehen), ſchleichen die Ufer eines kleinen unlautern Baches entlang, der ſich langſam durch die kahlen Ufer waͤlzt, und ſo traͤge iſt, daß er nicht das leiſeſte Murmeln hoͤren laͤßt, die kleinen Froͤſche, die im Sumpfgraſe luſtig ſpielen, beachtend, und dem begeiſtern⸗ den Wohllaut des harmoniſchen Geſangs der Kroͤten lau⸗ ſchend, die auf dem ufer umherkriechen. Einige ſpielen Billard, andere Geige, andere— Narren; das Letztere iſt die vorherrſchende Unterhaltung zu Ballſton. Das und viele Tanzbeluſtigungen und vieles Schlafen Rin den Nachmittagen macht die Mannigfaltigkeit der Ver⸗ gnuͤgungen Ballſtons aus;— ein koͤſtliches Leben von wech⸗ ſelnder Ermattung und Anſtrengung; thaͤtiger Zerſtreuung und traͤgen Muͤſſiggangs; ſchlafloſer Naͤchte und in der ab⸗ geſpannten Gefuͤhlloſigkeit hingebrachter Tage, wo ſie jenen Naͤchten immer folgen. Zuweilen ſtoͤrt in der That ein ausbrechendes Fieber oder eine andere Krankheit auf einen Augenblick die allgemeine Gluͤck fehlen Ballſton nur ſechs Dinge, Wein, gute Wohnung, gute Betten, gu gute Laune, um der entzuͤckendſte Platz in der Welt zu ſeyn, wenn man näͤmlich Botany⸗Bay, die ſchwarze Hoͤhle zu Calcutta und einige äͤhnliche Orte ausnimmt. naͤmlich: gute Luft, guter te Geſellſchaft und ſeligkeit; im Ganzen aber 1 Chriſtopher Cockloft's Geſellſchaft. Manchen Leuten macht es Freude, die Pflanzen zu ſtu⸗ dieren, ein Laub zu zerlegen, eine Tulpe nach allen Sei⸗ ten zu beleuchten; andere entzuͤckt das geſiederte Geſchlecht oder die bunten Farben der Inſekten⸗Zunft. Ein Natur⸗ forſcher bringt mit der laͤſtigen Verfolgung eines Schmet⸗ terlings Stunden hin; ein Mann von gutem Tone wird ganze Jahre mit der Jagd nach einem ſchoͤnen Maͤdchen vergeuden. Ich fuͤhle die gehoͤrige Achtung fuͤr dieſe Lieb⸗ habereien, denn ich habe eine aͤhnliche. Ich oͤffne gern das große Buch des menſchlichen Charakters; mir iſt die Unter⸗ ſuchung uͤber einen Gecken anziehender, als die Zerlegung einer Schwerdt⸗Lilie oder eines Narciſſus; und ich fuͤhle mich tauſend Mal gluͤcklicher, wenn ich der menſchlichen Natur eine neue Seite abgewinnen kann, als wenn ich ei⸗ nen Schrsetterling von der Groͤße eines Adlers faͤnde. In meiner gegenwaͤrtigen Lage habe ich weiten Spiel⸗ raum, dieſem meinem Geſchmack zu froͤhnen; denn vielleicht iſt kein Haus in der Stadt fruchtbarer an Gegenſtaͤnden fuͤr den Anatomiker des menſchlichen Charakters, als das meines Vetters Cockloft. Der gute Chriſtopher, wie ſchon bemerkt worden, iſt einer der edeln alten Kavaliere, die — 64— ſtolz darauf ſind, die gute, ehrbare, komplimentenloſe Gaſt⸗ freundſchaft der alten Zeiten aufrecht zu erhalten. Er iſt nie gluͤcklicher, als wenn er einen Schwarm ehrlicher Ge⸗ noſſen um ſich ſieht und am oberſten Ende ſeines Tiſches ſitzt, allen einen warmen, erfreuenden Willkommen zuwin⸗ kend. Sein Geſicht wird bei jedem Glaſe heiterer; Strah⸗ len von Frohſinn, Wohlwollen und bruͤderlicher Liebe bre⸗ chen alis ſeinen Augen und erheitern und beleben jeglichen Gaſt. Es iſt daher kein Wunder, wenn ſolche vortreffliche geſellige Tugenden einen Schwarm von Gaͤſten herbeilocken; in der That, mein Vetter wird ganz uͤberſchwemmt von ihnen: und alle nennen einſtimmig Chriſtopher Cockloft einen der liebenswuͤrdigſten alten Burſchen in der Welt. Sein Wein verfehlt gleichfalls nie, die Billigung der Freunde zu gewinnen; eben ſo wenig vergeſſen ſie, Mrs. Cockloft's Kuͤche zu preiſen, ſagend, die von Heliogabalus habe ihr die ausgeſuchteſten Anweiſungen zukommen laſſen. Das mannigfaltige der Geſellſchaft, welche dieſe freigebige und liebenswuͤrdige Weiſe in dieſes Haus zog, war mir beſon⸗ ders angenehm; denn da ich als eine privilegirte Perſon in der Familie betrachtet werde, ſo kann ich in der Ecke ſitzen, meiner Vorliebe fuͤr Beobachtung nachhaͤngen und dann in meinen Armſtuhl zuruͤckkehren, wie eine Biene in ihren Korb, ſobald ich hinreichenden Stoff zum Nachdenken ge⸗ ſammelt habe. Will Wigard iſt vorzuͤglich beſorgt, die Zahl der Origi⸗ nale, die unſer Haus beſuchen, zu vermehren; denn er iſt einer der eingefleiſchteſten Wunderlichkeits⸗ Jaͤger, die ich je — — 65— kannte: ſein erſtes Anliegen, wenn er eine neue Bekannt⸗ ſchaft macht, iſt ſtets, ſeinen Freund zu dem alten Cockloft zu komplimentiren, wo er mit einer Priſe aus der goldnen Doſe bewillkommt wird. Will hat die wunderlichſte, ſelt⸗ ſamſte, unbeſchreiblichſte Rotte von Buſenfreunden, die je lebt; wie er mit ihnen bekannt wurde, kann ich nicht be⸗ greifen, wenn ich nicht annehme, daß eine geheime Anzie⸗ hungskraft oder unerklaͤrliche Sympathie die Wunderlichkei⸗ ten aller Laͤnder anzuziehen im Stande iſt. Will's großer Freund war lange Zeit Tom Straddle, den er in der That ſehr gern hatte. Straddle kam eben mit einer Ladung Stahlwaaren aus der Stadt Birming⸗ ham, beruͤhmt wegen ſeiner Federmeſſer⸗, Knopf⸗ und Pfefferbuͤchſen⸗-Manufakturen und wo man Nadeln und Gecken genug macht, um die ganze Welt damit zu uͤber⸗ ſchwemmen. Er war ein junger Mann von Anſehen in Birmingham: hatte zuweilen die Ehre, ſeines Prinzipals Tochter in ihren Einſpaͤnner ſteigen zu helfen, war das Orakel des Wirthshauſes, das er an Sonntagen beſuchte und uͤbertraf alle ſeine Bekannte(wenn man ſeinen Wor⸗ 3 ten glauben darf) im Boren, Biertrinken, Springen uͤber die Stuͤhle und im Nachahmen der Katzenſtimmen und Opernſaͤnger. Straddle war ferner Mitglied des Fall⸗ Klubs, folglich ein vollkommener Muſikkenner und erſter Kunſtrichter in der knopfmachenden Stadt; er konnte ſo⸗ mit uͤber alle Kunſtleiſtungen in Amerika die Naſe ruͤmpfen. Da er zweimal bei oͤffentlichen Zunfteſſen in Birmingham geweſen war und einige gute Speiſen gerochen und von W. Irying's Werke. 198 5 4— 66— Champagner und Burgunder gehoͤrt hatte, ſo konnte er uͤber alle Speiſen und alle Weine in Amerika fluchen, ob⸗ ſchon er zugleich eines der gefraͤßigſten Thiere war, die je das atlantiſche Meer durchſegelten. Straddle war ein hal⸗ bes Dutzend Mal von adeligen Wagen beſpritzt und be⸗ ſchmutzt worden; ja, er hatte einmal das große Gluͤck, von dem Bedienten eines edeln Herzogs aus dem Haus ge⸗ worfen zu werden; er iſt daher berechtigt, vom Adel zu reden und die namenloſen Plebejer Amerika's zu verachten. Kurz, Straddle iſt einer jener prahleriſchen, ſelbſtgefaͤlligen, uͤberklugen, frechen Herrn, die, halb Stutzer, halb Knopf⸗ macher uͤber uns hereinſtroͤmen, es unternehmen, uns den echten Firniß des guten Tons zu geben, und bemuͤht ſind, uns mit einer beſondern und wuͤrdigen Verachtung gegen unſer Heimathland zu erfuͤllen. Straddle war ganz entzuͤckt, als ſeine Dienſtherrn ihn als Agenten nach Amerika zu ſchicken beſchloſſen. Er ſah ſich berufen, in ein Land von Barbaren zu gehen, wo er als ein Wunder aufzutreten dachte: er fuͤhlte ſich im Geiſte ſchon in der Naͤhe des Strandes von Amerika und uͤber⸗ ſchaute die Verwirrung und das Getoͤſe, das ſeine Ankunft dort erregte; die Menſchenmaſſe, die ſich zuſammendraͤngte, ihn zu ſehen, wenn er das Land betrat; den Aufruhr, wenn er durch die Straßen ging; er zweifelte gar nicht, daß ſeine Erſcheinung in Neu⸗York eben ſo viel Aufſehen machen wuͤrde, als wenn ein Tuͤrke oder ein Elephant ſich in den Straßen von Birmingham blicken laͤßt. Er hatte von der Schoͤnheit unſerer Frauen gehoͤrt und kitzelte ſich — 67— mit dem Gedanken, wie vollſtaͤndig er die Stutzer dieſes unkultivirten Landes ausſtechen wuͤrde und welche Schaaren verſchmaͤhter Liebhaber uͤber ſeine Ankunft ſich graͤmen und haͤngen wuͤrden. Will Wigard ſagte mir ſogar, er habe eine ſchoͤne Menge von Stecknadeln, Korallen und Spiegel in ſeinen Koffer gepackt, um die Liebe der Schoͤnen zu ge⸗ winnen, wenn ſie in ihren kleinen Kaͤhnen umher platſcher⸗ ten. Der Grund, den Will fuͤr dieſen Irrthum des guten Straddle in Bezug auf unſere Frauen angab, war, daß er in Guthwu's Geographie geleſen hatte, die„ aborigines“ von Amerika ſeyen alle Wilde; da er das Wort„aborigi- nes“c nicht ganz verſtand, ſo wendete er ſich an einen ſei⸗ ner Mit⸗Lehrlinge und erfuhr von ihm, dies ſey ein latei⸗ niſches Wort, das ſo viel als„Einwohner“ ſagen wolle. Will erzaͤhlt eine andere Anekdote von Straddle, die ihn ſtets wild machte:— Will ſchwoͤrt, der Capitain des Schiffes habe ihm geſagt, Straddle habe an den Kuͤſten von Neufundland ausſteigen und Kohlkoͤpfe holen wollen, die er ſehr gern aß. Straddle laͤugnete dies jedoch hart⸗ naͤckig und erklaͤrte, Will wolle ihn necken und erfinde alles der Art, um ihn zu aͤrgern, wie denn nicht zu laͤugnen iſt, daß ſich Will oft auf ſeine Koſten luſtig machte. Wie dem auch ſey, das iſt gewiß, daß er ſeinen Schneider und Schu⸗ ſter die letzten vier Wochen vor ſeiner Abreiſe in ſteter Be⸗ wegung erhielt; er kaufte ſich einen huͤbſchen Stock, acht⸗ zehn Zoll lang; ein Paar Hoſen von unerhoͤrter Länge, und ein Paar kurze Stiefel, die auf den Zehen zu ſtehen ſchienen, um die Hoſen zu erreichen; ſein Hut hatte die . 5 1 — 68— achte trans⸗atlantiſche Neigung nach dem rechten Ohr. Die Sache war— und er machte kein Geheimniß daraus— er war entſchloſſen, die Eingebornen ein wenig in Erſtau⸗ nen zu verſetzen. Straddle war nicht wenig verbluͤfft, bei ſeiner Ankunft zu finden, daß die Amerikaner etwas civiliſirter waren, als er ſich es gedacht hatte;— man ließ ihn unbelaͤſtigt, ohne Zulauf der Menge, in ſeine Wohnung gehn; er wurde ſogar nicht von einem Einzigen bemerkt;— keine Liebes⸗ briefe flogen uͤber ihn her;— keine Nebenbuhler legten ſich ihm in den Weg, um ihn zu ermorden;— ſelbſt ſein An⸗ zug erregte keine Aufmerkſamkeit, da mehrere Thoren eben ſo laͤcherlich gekleidet waren, wie er. Dies war in der That niederſchlagend fuͤr einen ehrgeizigen Juͤngling, der mit dem Vorſatz, in Staunen zu ſetzen und alles zu feſſeln uͤber das Meer gekommen war. Eben ſo ungluͤcklich war er in ſeinen Anſpruͤchen auf den Charakter eines Kritikers, Kenners und Boxers. Er verachtete unſere Schauſpieler und alles, was dem Theater angehoͤrte; man machte aber ſein kritiſches Talent laͤcherlich;— er tadelte das Eſſen bei⸗ Cockloft, ſelbſt ſeine Weine ſchonte er nicht; man lud ihn daher nicht mehr ein;— er ſtreifte Nachts durch die Stra⸗ ßen mit Laͤrm und Getoͤſe, und ein Nachtwaͤchter pruͤgelte ihn durch;— er ſpoͤttelte eines ehrlichen Handwerkes und erhielt Beulen beim Boxen. So getaͤuſcht wollte er die Stadt mit Sturm nehmen. Er kaufte Pferde und Wagen und raſſelte in einem Gig und Tandem durch die Straßen. Da Straddle's Finanzen nur beſchraͤnkt waren, ſo laͤßt — 60— ſich denken, daß ſeine modiſche Lebensweiſe ſeinen Beutel ſchmaͤlerte. Dieſer Umſtand machte jedoch wenig Eindruck auf Straddle, der ein Junge von Geiſt war— und Jungen von Geiſt verachten ſtets die ſchmutzige Sorgfalt fuͤr anderer Leute Geld. Da ich vermuthete, wie die Sachen ſtanden, ſo ſah ich ſeinen modiſchen Aufzug nie ohne komiſche Ideen⸗ verbindungen. Wenn er einem Schwarm nichtsnutziger Schmarotzer einen Schmauß gab, ſo dachte ich mir ſie als⸗ bald, wie ſie eine Menge Birminghamer Handſaͤgen und Raſirmeſſer verſchlangen. Wenn er in ſeinem Gig durch Broadway raſſelte, ſah ich ihn auf einer Kiſte mit Thee⸗ brettern daherfahren; wenn er zu Pferd ſaß, kam es mir vor, als ſporne er einen Kaſten Stahlwaaren, wie der roſige Bachus ein Bierfaß ſpornt. Auf dieſe Weiſe mußte Straddle Gluͤck machen. Das Verdienſt des Fußgaͤngers wird nicht geachtet in dieſer Stadt; wer ſich aber in einer Equipage zeigt, wird ſicher anerkannt und wie Philipps Eſel, mit Gold beladen, bei aller Welt Zutritt erhalten: in ſeinem Gig ſitzend iſt er wie eine auf ein hohes Fußgeſtell erhobene Statue; man ſieht ſeine Verdienſte ſchon aus der Ferne und die ſchlechte⸗ ſten Augen werden hell. O du erleuchtete Stadt! Wie ſchwillt mein Herz vor Entzuͤcken, wenn ich deine weiſen Einwohner ihre Aufmerkſamkeiten mit ſo wunderbarem Scharfſinn vergeuden ſehe. Straddle wurde ein vollkommener Mann von Ton und man machte ihm den Hof, that ihm ſchoͤn, lud ihn zu Eſſen und Ball. Was man man vorher albern und laͤcherlich an — 70— ihm gefunden, wurde nun fuͤr Mode erklaͤrt. Er kritiſirte unſer Theater und man lauſchte mit Ehrerbietung. Er nannte unſere Concerte barbariſch und das Urtheil Apollo's wuͤrde nicht entſcheidender geweſen ſeyn. Er verſpottete unſere Kuͤche, und der Gott des Magens, wenn ein ſolcher beſtand, ſchien durch ihn zu ſprechen. Er wurde ploͤtzlich ein Mann von Geſchmack— denn er tadelte alles; ſeine Gruͤnde waren entſcheidend, denn— er bot ſogleich eine Wette an.— Kurz, man ſprach von Straddle und ſeiner Equipage, und Straddle ſprach von ſeinen Pferden, bis es dem ſcharfſinnigſten Beobachter unmoͤglich war, zu ſa⸗ gen, ob man Straddle oder ſeine Pferde am meiſten be⸗ wundere, oder ob Straddle ſich oder ſeine Pferde am mei⸗ ſten erhebe. 3 Straddle war nun im Zenith ſeiner Glorie. Er ſchlen⸗ derte in Geſellſchaftſaͤlen und Speiſezimmern mit derſelben gleichguͤltigen Unbefangenheit umher, wie er dieſe in den Wirthshaͤuſern zu Birmingham zu zeigen pflegte. Er re⸗ dete eine Dame an, wie dort ein Stubenmaͤdchen; und das nahm man fuͤr eine ſichere Probe, daß er in Birmingham an beſſere Geſellſchaft gewoͤhnt war. Er wurde der Held aller Weinſchenken zwiſchen Neu⸗York und Haarlem; man konnte ſicher ſeyn, daß niemand bedient wurde, bevor Straddle und ſeine Pferde nicht beſorgt waren. Er fluchte uͤber alle Wirthe und Kellner in der beſten Weiſe von der Welt und that unendlich bekannt mit ihnen. Er ſtolzirte in 898 Theater, fuhr wie ein Sturm in die Loge und blieb lange genug, um allen denen, die das Ungluͤck hatten, ihm nahe zu ſeyn, die toͤdtlichſte Langeweile zu machen. Von da flog er auf einen Ball, wo er ein Taͤnzchen machte, ein halbes Dutzend Kleider zerriß und die ganze Geſellſchaft fuͤhlen ließ, welche Ehre er ihr anthue, indem er ſich zu kommen herabließ. Die Leutchen hielten ihn fuͤr einen wun⸗ derbar huͤbſchen Burſchen; die jungen Stutzer kultivirten ſeine Bekanntſchaft mit eifrigſter Ausdauer und ſeine Freunde erfreuten ſich zuweilen eines Platzes in ſeinem Wagen oder eines Rittes auf einem ſeiner ſchoͤnen Pferde. Die Schoͤ⸗ nen waren entzuͤckt uͤber die Aufmerkſamkeiten eines ſolchen Modeherrn und ſtaunten uͤber ſeine gelehrten Unterſcheidun⸗ gen zwiſchen Scheeren von geſchmolzenem Stahl und ge⸗ woͤhnlichem Stahl. Die reichen Handelsleute ſuchten ſeine Bekanntſchaft, weil er ein Englaͤnder war und ihre Frauen machten ihm den Hof, weil er von jenſeits des Meeres herkam. Straddle's glaͤnzende Laufbahn war nur kurz. Seine gluͤckliche Reiſe auf der Heerſtraße der Mode wurde durch einen jener Schlagbaͤume unterbrochen, welche die lockere Jugend Schuldner nennt, eine Race von Menſchen, die, wie ein beruͤhmter Schriftſteller ſagt, von Goͤttern und Menſchen gehaßt werden. Die Vorraͤthe gingen aus, im Duͤſtern ließ ſich ein Murmeln von Verdacht hoͤren und jene Peſt der Geſellſchaft, die Schuſter und Schneider, er⸗ hoben ſich in Empoͤrung gegen Straddle. Vergeblich ſeine Ausfluͤchte; vergeblich ſeine Beweiſe, daß er, wenn er ih⸗ nen auch kein Geld gebe, ihnen doch mehr Arbeit und eben ſo viele ſchoͤne Verſprechungen gebe, als irgend ein Juͤng⸗ .— 72—— ling in der Stadt. Sie waren nicht zu beugen; da das Signal der Gefahr gegeben war, ſo ſtuͤrmte ein Heer von Verfolgern auf ihn ein. Straddle ſah, daß nur ein Weg des Heils fuͤr ihn ſey; er entſchloß ſich, alles vornehm ab⸗ 4 zuthun, wie ein Held abzugehen, und im hohen Styl zu endigen; er iſt der fuͤnfzehnte Herr, den ich auf ſeinem Gig zum Teufel fahren ſah. — 73— 10. Miß Charity Cockloft. Es ſtimmt einigermaßen mit meiner Laune uͤberein, in dieſer ſtuͤrmiſchen Nacht„melancholiſch und vornehm“ zu ſeyn, und ich ſehe keinen Grund, warum ich mir dies nicht einmal nachſehen ſollte. Fort denn, Scherz, Luſt und La⸗ chen, fuͤr einige Zeit; laßt meine Seele in trauriger Ehr⸗ furcht zuruͤckblicken und mein Gedaͤchtniß truͤben durch das Andenken an meine gute Baſe Charity— die an einem Franzoſen ſtarb. Bebe nicht, o zweifelnder Leſer, bei Erwaͤhnung einer ſo ungewoͤhnlichen Klage; ſchmerzlich hat es beruͤhrt die alte Familie der Cocklofts, die ihren albernen Widerwillen ge⸗ gen die Franzoſen ſo weit treiben, daß ſie keinen Zwiebel⸗ kopf im Hauſe leiden; mein guter alter Freund Chriſtopher war einſt im Begriff, ſeinen vaͤterlichen Wohnſitz zu ver⸗ laſſen, blos weil eine Kolonie von Froͤſchen ſich in einem benachbarten Sumpf niedergelaſſen hatte. Ich habe Gruͤnde feſt zu glauben, daß er ſeine Grille durchgeſetzt haͤtte, haͤtte nicht eine gluͤckliche Duͤrre die Feinde gezwungen ihre Zel⸗ ten abzubrechen und, wie ein Trupp wandernder Araber, gegen die waͤſſerigern Theile des Landes zu ziehen. Meine Baſe Charity ſchied aus dieſem Leben im neun und fuͤnfzigſten Jahr ihres Alters, obgleich ſie nach ihrem fuͤnf und dreißigſten nicht aͤlter geworden war. In ihrer Jugend war ſie— ihren eigenen Nachrichten zufolge— eine beruͤhmte Schoͤnheit, obgleich ich nie Jemanden gefun⸗ den, der ſich erinnert haͤtte, wann ſie ſchoͤn war; im Gegen⸗ theil, Will's Vater, der ihr in ſeiner Jugend den Hof ge⸗ macht, behauptet, ſie ſey eines der knorrigſten Stuͤcke Menſchheit geweſen, die ihm je vorgekommen, und daß, wenn ſie einiges Gefuͤhl gehabt haͤtte, ſo wuͤrde ſie gewiß über ihre Figur und ihr Geſicht toll geworden ſeyn, als ſie zum erſtenmal in einen Spiegel ſah. In der guten alten Zeit, welche meine Tante in der Bluͤthe der Jugend ſahen, war eine ſchoͤne Dame ein furchtbares Thier dem man mit derſelben Ehrfurcht und Ergebenheit nahte, die der Tartar in Gegenwart ſeines großen Lama's empfindet. Wenn ihr ein Herr die Hand bot— er haͤtte ſie denn in den Wa⸗ gen heben wollen oder ſie in das Geſellſchaftszimmer ge⸗ fuͤhrt— welches Zuͤrnen, welches Rauſchen von Brokat und Tafft! Selbſt die falſchen Edelſteine auf ihren Schuhſchnal⸗ len glaͤnzten vor Unwillen und nahmen fuͤr einen Augenblick den Glanz des Diamanten an! In jenen Tagen war die Perſon einer Schoͤnen geheiligt— ſie war von der gottes⸗ ſchaͤnderiſchen Hand des Fremden nicht entweiht— einfache Seelen!— ſie kannten den Walzer noch nicht! Meine gute Baſe ruͤhmte ſich, dieſe ſproͤde, juͤngferliche Zartheit aufrecht zu erhalten; wenn ſie einmal das altmo⸗ diſche Pfaͤnderſpiel ſpielte und zu einem Kuß verdammt wurde, ſo koſtete es immer mehr Muͤhe ihn zu erhalten, als er werth war: denn ſiee ſetzte ſich in den hartnaͤckigſten Vertheidigungszuſtand und ergab ſich nie eher als bis ſie ihren Gegner geneigt ſah, den Kampf aufzugeben. Will's Vater ſagte, er erinnere ſich einer Schlitten⸗Parthie, bei welcher er ſie gefahren und einen Kuß von ihr erloßt habe: erſt ſpreitzte ſie ſich, dann ſprang ſie aus dem Schlitten in den Schnee und ſtack feſt wie ein Eiszapfe darin, bis er ihr zu Huͤlfe kam. Dieſes Feſt brachte ihr einen Rheuma⸗ tism, von dem ſie nie ganz genaß. Es iſt etwas ſonderbar, daß meine Baſe, obgleich eine große Schoͤnheit und eine reiche Erbin obendrein, nie hei⸗ rathete.— Der Grund, den ſie dafuͤr anfuͤhrt, iſt, ſie habe nie einen Liebhaber gefunden, der dem Herrn Charles Grandiſon geglichen, dem Helden ihrer naͤchtlichen Traͤume und ihrer wachen Phantaſie: ich bin aber privat der An⸗ ſicht, daß es dem Ausbleiben eines Heirathsantrages zuzu⸗ ſchreiben iſt. So viel iſt gewiß, daß ſie mehrere Jahre vor ihrem Tode alle Aufmerkſamkeiten der Maͤnner ablehnte und ſich begnuͤgte uͤber die Wohlfahrt ihrer Mitmenſchen ein wachſames Auge zu haben. Man ſah in der That, daß ſie ſich dem Methodismus zuneigte und man ſah ſie oft bei Liebes⸗Feſten und einſt machte ſie ſogar eine Reiſe von fuͤnk und zwanzig(Engl.) Meilen, um einer großen Ver⸗ ſammlung beizuwohnen. Das beleidigte nun meinen Vetter und ſeine Frau, die ſtreng orthodor war, hoͤchlich: und waͤre Miß Charity nicht von dem friedlichſten Charakter geweſen, ſo haͤtten ihre religidſen Schnurren Zank und Ha⸗ der in die Familie gebracht. Sie war in der That eine ſo gute Seele als nur je eine in der Cockloft Familie gelebt hatte— eine Dame von unbegraͤnzter Herzensgute, die ſich auf Maͤnner, Frauen und Kinder ausdehnt; der letztern haͤtte ſie einige durch ihre Gutmuͤthigkeit faſt umgebracht. War irgend ein Bekanntes krank— der Wind pfiff verge⸗ bens, der Sturm heulte umſonſt— Miß Charity watſchelte durch Koth und Sumpf⸗ die ganze Stadt hindurch, um den Krankenbeſuch zu machen. Mit der geduldigſten Ausdauer ſaß ſie Stunden lang da und erzaͤhlte die melancholiſcheſten Geſchichten von menſchlichem Elend, um die arme Kranken zu ermuthigen. Alle Mittel gegen Zahnweh wußte ſie an den Fingern herzuzaͤhlen. Wehe dem Ungluͤcklichen, der un⸗ ter die mildreiche Hand meiner Baſe Charity kam: er konnte ſicher ſeyn, daß er mit oder gegen ſeinen Willen, ganze Suͤndfluthen von Decocten bekam; mein Vetter Chri⸗ ſtopher trug manchmal ſeine Schmerzen ſchweigend, damit er des Martyrthums ihrer materia medica uͤberhoben bleibe. Meine gute Baſe hatte uͤberdies noch eine bedeutende Ge⸗ ſchicklichkeit in der Aſtronomie; ſie wußte genau, wann die Sonne an jedem Tag des Jahrs auf und unterging;— keine Frau in der Welt konnte mit mehr Gewißheit ſagen, in welcher Minute der Mond wechſelte. Sie hielt die Ge⸗ ſchichte, daß der Mond aus gruͤnem Kaͤſe gemacht ſey, fuͤr eine abſcheuliche Verlaͤumdung ihres Lieblingsplaneten. Aber die Wahrheit darf nicht verſchwiegen bleiben; bei allen ihren guten Eigenſchaften hatte Miß Charity einen bei dem weiblichen Geſchlecht ſehr ſeltnen Fehler— der war Neugierde. Wie ſie dazu kam, kann ich mir durchaus nicht denken— er raͤchte ſich aber an ihr ſelbſt und zerſtoͤrte den Frieden ihres Lebens. Da ſie eine unbeſiegbare Begierde hatte, Jedermann's Charakter, Geſchaͤft und Lebensweiſe zu kennen, ſo miſchte ſie ſich immer in die Angelegenheiten ih⸗ rer Nachbarn; ſo wurden ihr ſelbſt ſolche Leute gram, mit denen ſie es ſehr gut meinte. Wenn eine Familie auf der andern Seite der Straße ein Eſſen gab, ſo ſetzte Miß Cha⸗ rity ihre Brille auf und ſaß an dem Fenſter, bis die ganze Geſellſchaft eingepfercht war; nur damit ſie wußte, wer ein⸗ geladen worden. Wenn ſie eine Geſchichte von jemand aus ihrer Bekanntſchaft hörte, ſo zog ſie alsbald volle Segel auf und ruhte nicht eher als bis ſie„der Sache auf dem Grund“ war, wie ſie ſagte: das hieß ſo viel, als— bis alle Welt ſie kannte. Ich erinnere mich, daß Miß Charity einſt Nachts eine koͤſtliche Geſchichte uͤber eine ihrer Bekanntinnen hoͤrte; un⸗ gluͤcklicherweiſe aber war es zu ſpaͤt, die Sache alsbald in Umlauf zu bringen. Es machte dieſer Umſtand ſie durchaus ungluͤcklich; ſie ſchlief die ganze Nacht keinen Augenblick, fuͤrchtend, ihre Buſenfreundin, Miß Klipklap, moͤchte vor ihr aufſtehen und die Sache verbreiten.— Man muß wiſſen, daß ſtets ein Streit zwiſchen dieſen zwei Damen war, wer alle die holden Saͤchelchen, die man ſich von al⸗ ler Welt erzaͤhlte, zuerſt in Umlauf braͤchte; und dieſer ungluͤckliche Wetteifer ward zuletzt ihrer langen und bewaͤhrten Freundſchaft gefaͤhrlich. Meine Baſe ſtand zwei Stunden fruͤher als gewoͤhnlich auf, zog ihr Pompadour⸗Taft Kleid an und ging aus, das Mißgeſchick ihrer liebſten Freundin zu erzaͤhlen.— Wer haͤtte es gedacht?— Wohin ſie kam, da war Miß Klipklap ihr ſchon zuvorgekommen; ſtatt mit aufgehobenen Haͤnden und offenmundigem Staunen ange⸗ hoͤrt zu werden, mußte die ungluͤckliche Miß ruhig nieder⸗ ſitzen und ſich die ganze Geſchichte mit zahlloſen Zuſaͤtzen, Veraͤnderungen und Verbeſſerung erzaͤhlen laſſenz das war nun zu arg. Es haͤtte den Geduldigſten gereist;— es war zu viel fuͤr meine Tante, die die naͤchſten drei Tage im Bette blieb, weil ſie, wie ſie ſagte, ſich erkaͤltet hatte; ſie litt aber ſicher an der Galle und ſöͤhnte ſich ſeitdem auch nicht mehr mit Miß Klipklap aus. Ich uͤbergehe die uͤbrige Lebensgeſchichte meiner Baſe, in der ſich all das Ungluͤck, die Kränkungen und das Mißbe⸗ hagen zuſammen draͤngten, welche ſolchen wuͤrdigen alten Damen bereitet werden, die das Heil eines ganzen Stadt⸗ viertels auf der Seele haben: ich eile, den melancholiſchen Zufall zu erzaͤhlen, der ſie des Lebens in der vollen Bluͤthe gealterter Jungfraͤulichkeit beraubte. In einer boshaften Laune hatten die Parzen beſchloſſen, daß ein franzoſiſches Erziehungshaus oder Pension Fran- gaise, wie es genannt wurde, der Wohnung meiner Baſe gerade gegenuͤber errichtet wurde.— Schreckliche Begeben⸗ heit! Ungluͤckliche Miß Charity! Es brachte dieſer Vorfall die arme Miß in Gichter! Sie that nichts mehr, als Tag 7 — 70— fuͤr Tag an dem Fenſter Wache halten, ohne jedoch nach vierzehn Tagen um ein Jota kluͤger geworden zu ſeyn, als ſie vorher warz ſie dachte, ihr Nachbar Penſion habe eine ſehr zahlreiche Familie und ſie muͤßten alle maͤnnlichen Ge⸗ ſchlechts ſeyn. Sie konnte ſich nicht denken, welches Ge⸗ ſchaͤft Nachbar Penſion trieb, um einen ſo großen Haus⸗ halt zu beſtreiten, und wunderte ſich, was das ſtarke Geigen in dem untern Saal zu bedeuten habe, warum ein ſo ſtar⸗ ker Zwiebelgeruch aus des Nachbarn Kuͤche kam: kurz, Nach⸗ bar Penſion war ſtets oben an in ihren Gedanken und un⸗ aufhoͤrlich auf dem vordern Ende ihrer Zunge. Dies war, glaube ich, das erſtemal, daß es ihr fehlſchlug, einer Sache „auf den Grund“ zu kommen: dies Fehlſchlagen koſtete ſie manche ſchlafloſe Nacht, wie man ſich wohl denken kann. Ich zweifle jedoch nicht, daß meine Baſe dem Nachbarn Pen⸗ ſion wohl auf den Zahn gefuͤhlt haͤtte, wenn ſie franzoͤſiſch geſprochen oder auch nur verſtanden haͤtte; in jenen Zeiten konnte man ſich aber faſt blos im Engliſchen verſtaͤndlich machen, und es war immer eine feſtſtehende Regel bei den Gliedern der Cockloft Familie, daß kein Maͤdchen franzoͤſiſch lernen ſolle, und dieſe Regel beſteht noch. Meine Baſe Charity hatte eine Zeitlang vergeblich an ihrem Fenſter gelebt, als ſie eines Tages, waͤhrend ſie ihre gewoͤhnliche Schau hielt und alle Qualen unbefriedigter Neu⸗ gier erduldete, einen kleinen, magern, duͤnnbackigen Franzo⸗ ſen von den winzigſten, zwerghafteſten und erbarmungswer⸗ theſten Proportionen an Nachbarn Penſions Thor ankom⸗ — 80— men ſah. Er war weiß gekleidet und trug einen kleinen aufgekraͤmpten Hut: der Wind ſchien durch ihn zu wehen und ihn hin und her zu treiben, ſeine Knochen aneinander ſchlagend und ihn mit ſich fortzufuͤhren drohend. Dieſem verkoͤrperten Geiſte des Hungers folgten drei Karren, mit alten Kiſten, Schachteln, Medicinflaſchen, Papageien und V Affen befrachtet; das Ganze beſchloß eine klaͤffende Schaar kleiner, ſchwarznaͤ ſiger Mopſe. Dies fehlte allein noch um d das Maaß des Kummers meiner Baſe zu fuͤllen:— ſie konnte durchaus nicht begreifen, wer dieſe geheimnißvolle V kleine Erſcheinung ſeyn konnte, die ſo großes Aufſehen machte;— was ſie moͤglicherweiſe mit ſo vielem Gepaͤcke anfange und beſonders mit den Papageien und Affen;— wie ein ſo kleiner Wagen eine ſo große Menge von Kiſten und Schachteln und Medicinflaſchen faſſen konnte. Ehrliche Seele! Sie hatte nie einen Blick in eines Franzoſen Gar⸗ derobe gethan— in dieſe Niederlage alter Roͤcke, Hoſen und Huͤte nach allen Moden, die er erlebt hat. Seit dieſer Zeit wußte ſich Miß Chariot nicht mehr zu helfen;— all ihre Nachforſchungen waren vergeblich; nie⸗ mand konnte ihr die Geſchichte dieſes geheimnißvollen Fremd⸗ lings erzaͤhlen: ſie erholte ſich nicht mehr, ſiel taͤglich mehr zuſammen, legte ſich nach vierzehn Tagen zu Bett und nach einem kleinen Monat ſah ich ſie in das Familiengewoͤlbe bringen— das ſiebte Glied der Cockloft Familie, das an einer wunderlichen Laune geſtorben iſt. Laßt euch warnen, meine ſchoͤnen Landsmaͤnninnen! Und — 81— thr alle, herrliche Frauenbilder in Suͤden, Norden, Oſten und Weſten, verheirathet oder ledig, die ihr euch in die Geſchaͤfte anderer miſcht und eure eigenen vernachlaͤſſigt; die ihr ſo geſchaͤftig ſeyd, die Fehler anderer zu beobachten und keine Zeit findet, eure eigenen zu beſſern— nehmt euch das Loos meiner armen Baſe Charity zu Herzen und meidet den boͤſen Teufel der Neugier. W. Irving's Werke. 198 6 11. Cockloft⸗Hall. Nur wer ſeine Zeit in der raͤuchrigen Atmoſphaͤre der Stadt eingeſchloſſen, unter dem ewigen Raſſeln der Wagen, dem Geſchrei der Menge und den vielen nichts bedeutenden und uͤbertoͤnenden Klaͤngen, welche die Nerven angreifen und den Geiſt abſtumpfen, hinbringt, verſteht und fuͤhlt jene Ausdehnung des Herzens, jene phyſiſche Verjuͤngung, die ei⸗ nem Stadtmenſchen zu Theil wird, wann er ſich aus ſeinem duͤſtern Gefaͤngniſſe wegſtiehlt, um die freie Himmelsluft einzuathmen, und ſich des klaren Antlitzes der Natur zu er⸗ freuen. Wer am Ufer eines unſerer majeſtaͤtiſchen Fluͤſſe geluſtwandelt und die Stunde des Sonnenunterganges geſe⸗ hen hat, wenn die wild⸗romantiſche Szenerie umher durch den wolluͤſtigen Adendduft gemildert und beglaͤnzt wird; wenn die kuͤhnen und ſchwellenden Umriſſe der fernen Berge mit dem gluͤhenden Horizont verſchmelzen, und der reiche Mantel des goldenen Widerſcheines uͤber den ganzen weiten Himmel gezogen iſt— der muß wohl gefuͤhlt haben, wie reich an Freude⸗Quellen die Natur iſt; wie uͤppig an al⸗ lem dem, was die Sinne beleben und die Phantaſie ergoͤtzen kann. Der luͤſterne Zephyr, mit Duͤften gefuͤllt, weht uns lieblich an; das Zirpen der tauſend Inſekten, mit denen un⸗ 1 ———ᷓ, —-— 83— ſere Waͤlder erfuͤllt ſind, bildet ein einfach melodiſches Con⸗ eert; ſelbſt das Bellen des Hundes am Pachterhof, das Bruͤllen des Viehes, das Klingen ihrer Glocken und die Schlaͤge der Axt des Holzhauers am entgegengeſetzten Ufer, ſcheinen die Milde der Landſchaft zu theilen und beruͤhren tonreich das Ohr, waͤhrend die Stimme des Doͤrfners, ein laͤndliches Lied ſingend, in der Entfernung ſich erhebt und die Muſik harmoniſcher Liebe zu athmen ſcheint. In ſolchen Zeiten fuͤhle ich eine ſuͤße, behagliche Ruhe; ein heiliger Friede durchſtroͤmt mein ganzes Weſen; ich werfe meine Augen rund umher und jeder Gegenſtand iſt heiter, einfach und ſchoͤn; keine zerſplitternde Leidenſchaft, keine mißſtimmige Saite klingt da, angeſchlagen von der Hand des Ehrgeizes, der Selbſtſucht, des Haſſes oder der Rache;— ich lebe in Frieden mit der ganzen Welt und ſegne jeden Menſchen als Freund und Bruder.— Gluͤckliche Augenblicke! Ihr erinnert mich an die ſorgloſe Lage mei⸗ ner Knabenjahre, wo mein Leben Gluͤck, mein Hoffen Ge⸗ wißheit, dieſe Welt ein Paradies und jedes Maͤdchen ein Engel war:— gewiß, der Menſch war zu einem Bewoh⸗ ner des Univerſums beſtimmt, ſtatt ſich in dieſe engen Kaͤ⸗ ſige, dieſe Hoͤhlen der Zwietracht, des Streites und der Krankheit zu ſtecken. Wir wurden geſchaffen, die Felder zu durchſtreifen, in den Waͤldern zu ſchwaͤrmen, Luftſchloͤſſer zu bauen und jedes derſelben verwirklicht zu haben. Eine ganze Legion von aͤhnlichen Betrachtungen drang ſich mir auf, und entriß mich dem Einfluß der kalten Wirk⸗ lichkeit vor mir, als ich neulich meinen gewohnten Spazier 6* — 84— 3 gang auf die Batterie antrat. Ich entdeckte hier ploͤtzlich, als ich den glaͤnzenden Wechſel unſeres Sommerhimmels be⸗ trachtete, der mit dem beruͤhmteſten italieniſchen Sonnen⸗ Untergang wetteifern kann, daß ich nur meinen Mantelſack zu packen und meinem Lehnſtuhl fuͤr eine Zeitlang Lebewohl zu ſagen hatte, um mich bald aus der Region des Rauchs, des Dunſtes, des Geraͤuſches in die Wonne einer weit lieb⸗ lichern Ausſicht und eines glaͤnzendern Himmels verſetzt zu ſehen. Des andern Morgens war ich auf dem Weg nach Cock⸗ loft⸗Hall; mein Pompejus folgte mir mit dem Gepaͤck ſo langſam als es ihm beliebte. Vom erſten Augenblick mei⸗ nes Auszugs an belohnte ſich mein raſch ausgefuͤhrter Plan. Ich liebe naͤmlich die ſtarken Uebergaͤnge, wie ſie der raſche Impuls des Augenblicks eingibt— dies iſt die einzige Art, ſich gegen den Erbfeind aller Luſtparthien— die laͤſtigen Voranſtalten— zu ſchützen. Da ich nun meinen Wohnſitz hier bis zur Ankunft des ſchwarzen Eraſtes aufgeſchlagen habe, ſo iſt es eine Hoͤflich⸗ keit, die ich den Leſern ſchuldig bin— ich hoffe, ſie ſind auch meine Freunde— ſie mit dem Aufenthalt, den ich mir gewaͤhlt, bekannt zu machen. Ich thue dies eben ſo wohl mir zu lieb als ihretwegen; denn der Leſer weiß doch gar zu gern, wo ſein Schriftſteller wohnt, ob in einer Hoͤhle, einer Huͤtte, einem Keller oder einem Pallaſte; wenigſtens iſt ein Autor eitel genug, das zu denken; und eines Autors Eitelkeit muß man nachſehen: gute Vagabunde! Es iſt oft dieſe Eitelkeit die einzige Freude, die er in dieſer Welt genießt. — 85— Cockloft⸗Hall iſt der Landſitz der Familie, oder vielmehr die vaͤterliche Wohnung, welche, wie das Mutterland, ganze Colonien ausſendet, die Oberflaͤche der Erde zu bevoͤlkern. Man nennt ſie zuweilen den Familien⸗Bienenſtock— wegen der großen Schwaͤrme, die ſie hervorgebracht hat. Ich weiß nicht, ob ich meinen Leſern ſchon geſagt habe— denn ich ſehe das einmal Geſchriebene nie wieder an,— daß die Fruchtbarkeit der Cocklofts ſpruͤchwoͤrtlich geworden iſt. Die weiblichen Glieder derſelben ſind unglaublich ſegenreiche Muͤt⸗ ter; ſelten geht es unter Zwillingen ab. Ich habe zwei oder drei junge Maͤnner gekannt, die durch dieſen Segen auf das Aeußerſte kamen. Der Himmel laͤchelte ihrer Verbindung und gab ihnen eine zahlreiche und hoffnungsvolle Nachkom⸗ menſchaft, welche ihnen Hab und Gut— aufaß. Jedoch zur Halle zuruͤckzukehren.— Sie liegt lieblich an dem ufer eines freundlichen einſamen Fluſſes; der Stadt nicht ſo nahe, um eine Unzahl muͤßiger, alberner Bekann⸗ ten herbeizulocken, die da einen Nachmittag verbringen wol⸗ len, noch auch ſo weit, um es zu einer abſoluten Handlung des Mitleids oder der Freundſchaft zu machen, um die Reiſe dahin anzutreten. Es iſt eines der aͤlteſten Haͤuſer im Lande, das von meines Vetters Chriſtopher Großvater, der muͤtterlichen Seite auch der meinige war, gebaut wurde, um, wie er ſich ausdruͤckte, ein freundliches Plaͤtzchen zu haben, wo er ſich in ſeinen alten Tagen niederlaſſen und den Reſt ſeines Lebens behaglich hinbringen koͤnnte. Er war in jener Zeit uͤber achtzig Jahre alt; man haͤtte oft, wenn er ſeine Luftſchloͤſſer baute, denken ſollen, er glaube noch zur Zeit der Patriarchen zu leben und wiſſe gewiß, einige Jahr⸗ hunderte ſeien ihm als Lebenszeit geſetzt. Er war lange in Zweifel, ob er ſein Haus mit Schindeln oder mit Schiefer decken ſolle:— ein Schindeldach dauerte nur gegen dreißig Jahre; aber es war auch viel wohlfeiler als ein Schiefer⸗ dach. Er half ſich endlich dadurch, daß er beſchloß, zuerſt ein Schindeldach zu waͤhlen:„iſt das Schindeldach,“ rief er triumphirend aus,„nichts mehr nuͤtze, gut, ſo bleibt mir immer noch Zeit genug, es durch ein anderes von beß⸗ ſerm Material zu erſetzen. Er ward jedoch mit ſeinen Pla⸗ nen nie fertig; kaum hatte er das Dach uͤber ſeinem Kopfe, ſo entdeckte er tauſend Dinge, die noch gemacht ſeyn muß⸗ ten, ehe er ſich„behaglich niederſetzte., Zuerſt wurde an dem Platz jeder Baum und Buſch abgehauen oder mit den . Wurzeln herausgeriſſen, weil ſie nicht nach ſeinem Sinne gepflanzt waren. Er ließ eine ungeheure Menge Eichen, Wallnußbaͤume und Linden ſetzen, alles in großen dichten Gruppen und Alleen, wodurch, wie er ſagte, nach 30 bis 40 Jahr, ein recht huͤbſcher Schatten da erzeugt und beſonders die umliegende Gegend gaͤnzlich abgeſchloſſen werde von ſeinem Gute; denn er war entſchloſſen, alle Ausſichten auf ſein Gut zu beſchraͤnken, und niemanden fuͤr eine Aus⸗ ſicht eine Verbindlichkeit ſchuldig zu ſeyn. Meine gelehrten Leſer werden einſehen, daß dieſe Idee der des Lorenzo von Medizis gleicht, welcher als Grund, warum er eines ſeiner Guͤter allen andern vorzoͤge, angab," er uͤberſehe hier blos ſein eigenes Land:“ ob mein Großvater jemals von Lorenzo von Medizis ein Wort gehoͤrt hatte, iſt mehr als ich ſagen kann: ich nehme vielmehr von der Originalitaͤt der Cocklofts weiter ſchließend, daß es eine der ihm ſelbſt ausgeheckten Grillen war. Eine andere Schnurre des alten Herrn war die, daß er ein großes Felſenſtuͤck ſprengen ließ, um einen Fiſchteich zu haben, obgleich der Fluß keine hundert Ellen von dem Hauſe vorbeifloß und vortreffliche Fiſche lieferte; — er ſagte jedoch, es ginge nichts daruͤber, ſolcherlei Dinge fuͤr ſich ſelbſt zu haben und ſo ging's an die Arbeit mit dem Feuer eines Planmachers, dem eben ein glaͤnzender, nutzlo⸗ ſer Entwurf durch den Kopf flog. Wie er zu ſchaffen fort⸗ fuhr, dehnten ſich ſeine Projekte aus; am Fiſchteich wollte er ein Sommerhaus haben; das ſollte mit Weiden und Lin⸗ den umgeben ſeyn; er wollte einen Keller drunter haben, in den er etwas, bis heute Unbekanntes, thun wollte.„Nach einigen Jahren,“ ſagte er,„wird dies ein herrliches Wald⸗ und Waſſerplaͤtzchen, wo man an Sommernachmittagen luſt⸗ wandeln, ſeine Pfeife rauchen und ſich in ſeinen alten Ta⸗ gen erfreuen kann.“— Dreifach ehrliche alte Seele! Er ſtarb an einem Schlagfluß mit neunzig Jahren, als eben der Fiſchteich geſprengt war. Spoͤttele doch niemand uͤber die Schnurren meines Groß⸗ vaters.— Wenn das Leben, wie nicht zu zweifeln iſt, da weiſe Maͤnner es geſagt haben, nur ein Traum iſt, ſo iſt der der Gluͤcklichſte, der von der Taͤuſchung am meiſten Nutzen zieht. 5 Seit meines Großvaters Tod iſt die Halle durch die Haͤnde einer Reihe aͤchter alter Kavaliere gegangen, Leute, wie er ſelbſt war, welche ſich etwas darauf zu gut thaten, die goldnen Geſetze der Gaſtfreundſchaft genau zu beobach⸗ ten d. h., ihm geraͤumige Wohnung zu geben, ihn mit Fleiſch und Pudding zu ſtopfen, und, wenn moͤglich, mit dem beſten Portwein und Burgunder unter den Tiſch zu bringen. Das Haus ſcheint dem froͤhlichen Gotte geweiht zu ſeyn und iſt voller Denkzeichen, die der Gaſtfreundſchaft gewidmet ſind. Jeder Schrank, jeder Tiſch iſt mit unge⸗ heuern chineſiſchen Punſch⸗Bowlen bedeckt, welche Mrs. Cock⸗ loft mit vielem Prunke aufſtellt, beſonders in ihrem Para⸗ de⸗Bettzimmer, und in denen ein Planmacher herrliche Ver⸗ ſuche mit Taucherglock⸗Booten, die unter dem Waſſer ge⸗ hen ſollen, u.. w. anſtellen koͤnnte. Ich habe fruͤher der großen Verehrung gedacht, welche mein Vetter Chriſtopher gegen alles Geraͤthe hegt; dieſer zufolge iſt die Halle ganz in derſelben Weiſe eingerichtet, wie das Haus in der Stadt. Altmodiſche Bettſtellen mit hohen Himmel; maſſenhafte Kleiderſchränke, die majeſtaͤtiſch auf Adlerklauen ſtehen, und mit glaͤnzenden Metallhandha⸗ ben, Klappen und Beſchlaͤgen geziert ſind. Die Stuͤhle im Geſellſchaftszimmer haben hohe Ruͤcklehnen und lederne Sitze; Mahagony iſt nicht daran geſpart, wie man wohl denkt: ſie erinnern mich ſtets an jene ſteif⸗ langleibige Schoͤnen, die in Reifroͤcken prangten und himmelhohe Federn trugen. Aus der Hoͤhe der Stuͤhle laͤßt ſich ſchließen, daß es nicht Sitte jener Zeit war, ſich uͤber die Lehnen der Damen zu legen, und ihnen etwas ins Ohr zu fluͤſtern, das die Leute eben ſo gut laut agen konnten, denn, wenn ſie keine Patagonier waren, ſo hoͤrte es doch alle Welt. Will Wi⸗ gard behauptet, er habe einen kleinen fetten deutſchen Galan einſt in dieſer Weiſe bemuͤht geſehen, Miß Barbara Cock⸗ loft etwas zuzufluͤſtern; da er aber mit ſeinem langen Kinn nicht uͤber die Ruͤcklehne zuruͤckſegeln konnte, ſo blieb er in der Luft haͤngen, zappelte und gewann erſt feſtes Land, als er faſt erſtickt war:— aber Will iſt der Hyperbel ergeben, weil er ein großer Reiſender war. Dasjenige, auf welches die Cocklofts am ſtolzeſten ſind, iſt der Beſitz verſchiedener Familien⸗Portraits, welche eine eben ſo ehrliche Reihe wohlgefuͤtterten Herren nnd Frauen darſtellen, als je aus einem niederlaͤndiſchen Pinſel derglei⸗ chen hervorgingen. Der alte Chriſtopher, der ein guter Ge⸗ nealogiſt iſt, weiß von jedem eine Geſchichte zu erzaͤhlen und verbreitet ſich weitlaͤuftig uͤber die großen Verdienſte ei⸗ nes Generals in breiten Rockaͤrmeln waͤhrend des alten franzoͤſiſchen Kriegs, ſo wie uͤber die Froͤmmigkeit der Da⸗ me in blauem Sammt, die ihr Buch ſo aufmerkſam durch⸗ geht, und einſt ſo beruͤhmt war wegen ihres ſchoͤnen Arms: ſo ſehr ich aber auch meine theuere Vorfahren liebe, ſo finde ich in dieſen ihren Lebensgeſchichten doch nur wenig mehr zu bewundern, als meines Vetters vortreffliches Gedaͤchtniß, das jeden unbedeutenden Gegenſtand mit einer furchtbaren Treue feſthaͤlt. Das mir in der Halle angewieſene Gemach iſt daſſelbe, das in fruͤherer Zeit von meinem Oheim John bewohnt worden war. Das Zimmer zeigt manches Andenken, das die edle Vortrefflichkeit und die liebenswuͤrdigen Seltſamkei⸗ ten dieſes galanten alten Knaben in mein Gedaͤchtniß zu⸗ — 90— ruͤckrufen. Ueber dem Kamin haͤngt das Portrait einer jun⸗ gen Dame in einem altmodiſchen blauen Seidenkleid, be⸗ bluͤmt und bepelzt und beppofft auf die fuͤrchterlichſte Weiſe: ſie hat in der einen Hand ein Buch, das ſie mit vieler Ge⸗ faͤlligkeit weglegt, um ſich zu dem Beſchauer zu wenden und ihn anzulaͤcheln, in der andern hat ſie eine Blume, die, wie ich zu Ehren der Frau Natur hoffe, ihr Daſeyn und ihre Formen und Farben ganz allein dem Maler zu ver⸗ danken hat: ein wenig hinter ihr ſieht man etwas an ein rothes Band angebunden; ob es aber ein kleiner Hund oder ein Affe oder eine Taube ſey, muß dem Urtheil kuͤnf⸗ tiger Erklaͤrer uͤberlaſſen bleiben.— Dieſe kleine Dame war, der Sage nach, meines Oheims John dritte Flamme; er würde ohne alle Frage mit ihr durchgegangen ſeyn, wenn ſie in dieſe Maaßregel eingewilligt haͤtte; da aber die Damen in jener Zeit noch nicht ſo ſchnell wie Columbine wegliefen, ſo kam mein Oheim, ſo in ſeinen Erwartungen getaͤuſcht auf den gluͤcklichen Gedanken, mit ihrem Gemaͤlde durchzu⸗ gehen; er entfuͤhrte daſſelbe wirklich mit großem Helden⸗ muth, brachte es im Triumph nach Cockloft⸗Hall und haͤngte es in ſein Schlafzimmer als Zeichen ſeines unternehmenden Geiſtes. Der alte Herr ruͤhmte ſich maͤchtig ſeines ritter⸗ lichen Manoͤvres; er ſtieß immer, wenn er das Gemaͤlde betrachtete, mit Wohlgefallen ſeinen Stock auf die Erde und erzaͤhlte die That nie, ohne in die Worte auszubrechen:— „Ich haͤtte, ohne alle Frage, auch das Original entfuͤhren koͤnnen, haͤtte ich ein wenig laͤnger an ihrem Triumph Wa⸗ gen zu gehen mich entſchließen wollen;— denn, um dem — 91— Maͤdchen Gerechtigkeit widerfahren zu laſſen— ich glaube, ſie hatte große Zuneigung zu mir; aber ich verachtete es. ſtets, zu ſchmeicheln, mein Sohn— ſtets,— es war ſo meine Art. Mein Oheim John war von gluͤcklichem Tem⸗ perament; ich haͤtte die Haͤlfte meines We. es drum gege⸗ ben, wenn ich ſein Talent, ſich ſelbſt zu roͤſten, beſeſſen haͤtte. 1 Die Damen Cockloft haben mehrere kluge Verſuche ge⸗ macht, neue Moͤbeln in die Halle einzufuͤhren, jedoch nur mit geringem Erfolg. Neue Moden waren ſtets ein Gegen⸗ ſtand laͤſtigen Widerwillens fuͤr den ehrlichen Chriſtopher, und werden immer von ihm mit wegwerfender Verachtung behandelt. Es iſt eine gewoͤhnliche Bemerkung Chriſto⸗ pher's, daß ſo ein altmodiſches ſolides Geraͤthe von dem Ehrenwerthen des Beſitzers zeuge und andeute, daß des Ei⸗ genthuͤmers Familie gewoͤhnt war ſeit mehreren Generationen ſich etwas zu gut zu thun; wogegen die zerbrechlichen Flit⸗ termoͤbeln der neuen Mode, Embleme friſch gebackener Her⸗ ren ſeyen; nach ſeiner Anſicht welke die Wuͤrde einer Fa⸗ milie und falle ab, ſobald ſolch ein Putzgeiſt in das Haus fahre. Dieſelbe Grille haͤlt ihn ab, ſein Haus mit Pap⸗ peln zu umgeben, die er neue Emporkoͤmmlinge nennt, eben gut genug, die Schindeldach⸗Pallaͤſte des neuen Herrnſtan⸗ des zu zieren, und die Haͤuſer, welche ſie ſchmuͤcken, auch charakteriſirend. Er treibt warlich ſeine Verehrung fuͤr ab⸗ len alten Plunder ſo weit, daß er es kaum ſehen will, wenn man den ehrwuͤrdigen Staub von einem altmodiſchen Thee⸗ brett abkehrt, und laut ſeufzt, wenn man eine Spinne aus ihrem alten Wohnſitze vertreibt. Ein anderer Gegenſtand ſeiner Verehrung iſt ein alter engliſcher Kirſchbaum, der gegen eine Ecke der Halle lehnt und von dem es ungewiß iſt, ob er den Haus oder das Haus ihn aufrecht erhaͤlt. Chriſtopher ſich ihn fuͤr geweiht an, weil er ihn ſelbſt ge⸗ pflanzt und gepflegt hat und eines Tags faſt den Hals ge⸗ brochen haͤtte, indem er von einem ſeiner Aeſte herabfiel. Dies iſt eine ſeiner Lieblingsgeſchichten; und es iſt Grund zu glauben, daß wenn der Baum nicht mehr da waͤre, der alte Herr die ganze Sache vergeſſen wuͤrde, was natuͤrlich ſehr ſchade waͤre. Der alte Baum hat ſeitdem aufgehoͤrt, jemanden zu tragen, und iſt erſtaunlich ſchwaͤchlich;— je⸗ der Sturm raubt ihm eines ſeiner Glieder; niemand, der bei ſolchen Gelegenheiten meinen alten Freund klagen hoͤrt, wird glauben koͤnnen, daß Chriſtopher eines ſeiner eigenen Glieder verloren haͤtte. Er betrachtet den Baum oft mit einer halb melancholiſchen, halb moraliſirenden Laune:— „Wir haben,“ ſagte er dann—„ miteinander aufgebluͤht und werden miteinander hinfallen: noch wenige Jahre— und unſere Haͤupter werden ſinken, und vielleicht vermiſcht ſich der Staub meiner Gebeine mit dem des Baumes den ich gepflanzt habe,— Er glaubt manchmal, der Baum freue ſich, ihn wieder zu ſehen, wenn er nach Cockloft⸗Hall koͤmmt; die Baͤume ſcheinen ihm ein friſches Gruͤn anzuneh⸗ men, um ihm zu ſeiner Ankunft Gluͤck zu wuͤnſchen. Der alte Baum hatte einſt einen Zweig bis zum Fenſter der Miß Barbara getrieben; er verdorrte hernach und Barbara bath ihren Vater, ihn durch den Gaͤrtner abſaͤgen zu laß⸗ ſen. Ich werde des alten Mannes Antwort und den Blick der ſie begleitete, nie vergeſſen.„Wie!, rief er aus:„Wa⸗ rum reißeſt Du nicht die grauen Haare Deines armen al⸗ ten Vaters aus?“ Gaͤhnen meine Leſer bei dieſen langen Familien⸗Einzeln⸗ heiten? Sie moͤgen unſer Buch wegwerfen und es nie wie⸗ der in die Hand nehmen. Ich bekuͤmmere mich nicht um ſolche undankbare Geiſter und werde nicht eine Zeile erlaf⸗ ſen. Wer wendet aber nicht gern ſein Auge zuweilen rund umher auf die Szenen, wo er die froͤhliche Knabenjahre ver⸗ brachte, ehe ſein Herz ſchwer und ſein Kopf grau war? Wer verweilt nicht liebevoll bei dem Andenken der Freunde, die ſich an ſein Herz angeſchloſſen— die alle ſeine Freuden getheilt— jeden gluͤcklichen Augenblick verſchoͤnert haben? Wenn es jemanden gibt, der ſich kalt von dieſen Freuden ab⸗ wendet, ſo laßt ihn verzweifeln— er hat ſich auf ſeinem Lebenswege ſo beſchmutzt und verunreinigt, daß er unfaͤhig iſt, eine der reinſten Vergnuͤgungen zu fuͤhlen, welche die gluͤckliche Jugendzeit uͤberleben. Denen, die das einfache Gefuͤhl noch nicht verloren ha⸗ ben, weihe ich dies ungeſchminkte Familien⸗Gemaͤlde; und in der ehrlichen Aufrichtigkeit eines warmen Herzens lade ich ſie ein, von Geraͤuſch, Sorgen und Muͤhen ſich zu wen⸗ den— um einige Monate mit mir in dem gaſtfreundlichen Hauſe der Cocklofts zu verweilen. Die Bibliothek in Cockloft⸗Hall. Es waͤre eine Suͤnde, von Cockloft⸗Hall zu ſprechen und der Bibliothek zu vergeſſen, da ſie ſich in Bezug auf Nuͤtz⸗ lichkeit und Excentricitaͤt mit der bunten Sammlung des be⸗ ruͤhmten Helden von La Mancha vergleichen laͤßt. Sie iſt groͤßtentheils von meinem Großvater geſammelt worden, der weder Muͤhe noch Koſten ſparte, ſich Abdruͤcke von den aͤlteſten, wunderlichſten und unertraͤglichſten Buͤchern zu verſchaffen, die je in England, Schottland und Irland ausgeheckt worden ſind. Es iſt eine Familienſage, daß der alte Herr einſt ein großes Feſt gab, weil er in den Beſitz eines Exemplars einer Strafrede gekommen war, welche der Erzbiſchoff Anſelm gegen den unziemlichen Luxus der lang⸗ ſchnaͤbeligen Schuhe, wie ſie von den Hoͤflingen jener Zeit getragen worden, geſchrieben hatte: er hatte dieſelbe von ei⸗ nem ehrlichen Ziegelſtreicher in der Nachbarſchaft gekauft und nur vierzigmal mehr dafuͤr gegeben, als ſie werth war. Er hatte ohne Frage eine ſeltſame Verehrung fuͤr alte Schriftſteller und ſeine groͤßte Lobrede auf die Bibliothek war, daß ſie aus Buͤchern beſtand, welche in andern Bib⸗ liotheken nicht zu finden oder nicht mehr im Buchhandel zu dekommen waͤren. Der Grund davon war, wie ich denke, — — daß jeder vernuͤnftige Buchhaͤndler ſich huͤtete, dergleichen Kram wieder aufzulegen. 3 Vetter Chriſtopher bewahrt dieſe Reliquien mit großer Sorgfalt und hat die Sammlung bedeutend vermehrt, denn, wie man weiß, hat er mit der Halle alle die Grillen der fruͤhern Beſitzer derſelben geerbt. Er weiht einen Blick der Verehrung jedem Bande griechiſcher und roͤmiſcher Schriftſtel⸗ ler, wenn dieſe Baͤnde einigermaaßen von Gewicht ſind; von den fraglichen Sprachen verſteht er freilich ſo wenig als— mancher andere. Ein von den Wuͤrmern zerfreſſenes Werk von zehn oder zwoͤlf Baͤnden vergleicht er mit einer alten Familie, die da ehrwuͤrdiger iſt wegen ihres Alters als we⸗ gen ihres Glanzes;— einen verfaulten Folioband ſieht er für einen Herzog an;— einen ſtarken Quartband fuͤr ei⸗ nen Grafen; und eine Reihe vergoldeter Duodezbaͤnde iſt ihm eine eben ſo große Anzahl von Rittern vom Hoſenband⸗ orden. Was aber die neuern literariſchen Werke betrifft, ſo wirft er dieſe in Kiſten und Verſchlaͤge, wie zudringliche Neulinge und betrachtet ſie mit eben ſo großer Verachtung, wie den neugebackenen Adel Englands, der, blos durch ſeine Verdienſte und Talente emporgekommen, fuͤr durchaus un⸗ wuͤrdig angeſehen wird, ſein Blut mit dem jener edeln Sproſſen zu vermiſchen, welche ohne eine einzige Beflek⸗ kung ihre Herkunft von einer langen Reihe vielleicht nutzlo⸗ ſer und liederlicher Vorfahren bis zu Wilhelms des Baſtar⸗ den Koch, Kellner oder Stallknecht hinauf ableiten. Will Wigard, deſſen Studien von ſehr ungewoͤhnlicher Nre ſind, findet großes Vergnuͤgen daran, die Bibliothek — 96— zu durchſtoͤbern: waͤhrend ſeines letzten Beſuchs in der Halle war er ein eifriger Beſucher dieſes Behaͤltniſſes veralteter Gelehrſamkeit. Der Inhalt eines großen Mahagony Schran⸗ kes iſt es vorzuͤglich, was ihn feſſelt. Dieſes ehrwuͤrdige architektoniſche Denkmal zuͤrnt ſeit undenklichen Zeiten in duͤſterer Majeſtaͤt in einer Ecke der Bibliothek: es enthaͤlt eine Menge alter Handſchriften, manche von meines Gros⸗ vaters Hand, andere offenbar lange vor ſeiner Zeit ge⸗ ſchrieben.— Es war in der That der Muͤhe werth, Will zu ſehen, wie er dieſe alten Kratzfuͤße durchſah, deren Erklaͤrung ganze Geſellſchaften von Antiquarien in Verlegenheit brin⸗ gen koͤnnte, und wie er ſich in dieſe Behaͤltniſſe der Nichts⸗ bedeutenheit vertiefte, welche ſeit einem Jahrhundert von menſchlichen Haͤnden unbelaͤſtigt gebli eben waren. Er pflegte Stundenlang dazuſitzen, mit einer phlegmatiſchen Geduld, die man in unſern entarteten Tagen nicht mehr kennt, ausgenommen, die hollaͤndiſchen Kommentatoren vielleicht, in den verſchoſſenen Pergamentblaͤttern grabend und gruͤ⸗ belnd, bis ſein Geſicht wie ein Folio⸗ Blatt mit gothiſchen Lettern gedruckt ausſah: wenn er zuweilen den Sinn einer dunkeln Stelle geahnt zu haben glaubte, dann glich ſein Geſicht ganz einem Kohlblatt, das vor einem heißen Feuer aufgeht. Zu ſolchen Zeiten war es unmöͤglich, den komiſchen Will zu einem Spaziergang zu vermoͤgen, oder ihn zu bewegen⸗ an unſern gewoͤhnlichen Vergnuͤgungen Theil zu nehmen: der erzaͤhlte uns die ganze Woche hindurch kaum eine orien⸗ — 97— baliſche Geſchichte, und rauchte ſo anhaltend, daß niemand, bei Strafe zu erſticken, in die Bibliothek zu gehen wagte. Dies war beſonders der Fall, wenn er auf eine recht wider⸗ ſpenſtige Handſchrift ſtieß; er hat mir ehrlich bekannt, daß eine wurmſtichige Handſchrift, von einer abſcheulichen Hand herruͤhrend, ihn eine Buͤchſe der beſten ſpaniſchen Eigarren gekoſtet habe, ehe er zu dem Verſtaͤndniß derſelben gekom⸗ men; dann aber ſey die ganze Schrift zufaͤllig keine Priſe Tabak werth geweſen. Das iſt die Weiſe meines gelehrten Freundes, man bringe ihn nur auf die Faͤhrte irgend einer wunderlichen, abgeſchmackten Grille und er wird ſie verfol⸗ gen, uͤber Buſch und Graben, bis er ſein Wild entweder zu todt gejagt hat, oder ſelbſt außer Athem gekommen iſt. — Ich habe nie einen Mann gekannt, der ſein Stecken⸗ pferd ſo unertraͤglich ſtagk ritt, wie Will Wigard.— Eine ſeiner Lieblingsbeſchäͤftigungen neuerer Zeit war das Jagen nach Schriften in gothiſchen Lettern gedruckt, die er in hoher Achtung haͤlt; er hat oft zu verſtehen ge⸗ geben, daß die Gelehrſamkeit ſich ihrem Fall eatgegen neige, ſeit man das roͤmiſche Alphabet eingefuͤhrt habe. Ein al⸗ tes Buch, ſeit 300 Jahren gedruckt, iſt ein Schatz; eine verkuͤmmerte Rolle, uͤber die Haͤlfte unlesbar, fuͤllt ſein Herz mit Entzuͤcken. O! mit welchem Enthuſiasmus wird ihn die Entdeckung der Pandekten Juſtinians und der Ge⸗ ſchichte des Livius erfuͤllen; und wenn er die Bemuͤhungen der edeln Medici bei der Habhaftwerdung der verlornen Schätze der griechiſchen und roͤmiſchen Literatur gedenkt W. Irving's Werke. 198 7 glaͤnzt ſein Auge und ſein Geſicht nimmt die ganze Farben⸗ pracht einer illuminirten Handſchrift an. Willl hat in vollkommener Ruhe eine bedeutende Zeit hindurch unter Staub, Moder und Spinnweben vege⸗ tirt, als wir eines Morgens, waͤhrend wir auf dem Vor⸗ platze beiſammen waren und mit exemplariſcher Geduld ei⸗ ner langen Geſchichte unſeres Vetters Chriſtopher uͤber den 3 Revolutionskrieg anhoͤrten, durch die Exploſion eines grim⸗ migen Gelaͤchters aus der Bibliothek aufgeſchreckt wurden. Meine Leſer koͤnnen ſich, wenn ſie des ehrlichen Will's La⸗ chen vielleicht nicht ſelbſt gehoͤrt haben, eine Vorſtellung von dem Gebruͤll machen, das er erhebt. Wenn man ihn in ei⸗ nem Walde hoͤrt, ſo glaubt man, wenn man naͤmlich ein wenig klaſſiſch iſt, die Satyrn und Dryaden haͤtten eben ein Paar laͤndlicher Verliebten im Gebuͤſch entdeckt und machten ſich in unmaͤßigen Ausbruͤchen der Freude uͤber das Erroͤthen der Nympfe und den Zorn des Juͤnglings luſtig: oder, wenn es ploͤtzlich, wie hier der Fall war, in die hei⸗ tere und ſtille Ruhe eines Herbſtmorgens hereinbrach, glich es gewiſſermaßen dem unerwartet daherrollenden Donner an einem Sommertage, wenn keine Wolke an dem Horizont zu ſehen iſt. Kurz, ich empfehle Will's Lachen als ein Hauptmittet gegen den Spleen; und wenn einer unſerer Le⸗ ſer mit dieſem erbaͤrmlichen Uebel gequaͤlt iſt,— was kaum der Fall ſeyn kann, wenn ſie von unſerm Buͤchlein einen guten Gebrauch machen,— ſo rathe ich ihm ernſtlich, ſeine Bekanntſchaft ohne Zögern zu machen. Dieſe wilde Luſt meines ehrlichen Freundes ſetzte, wie man ſich wohl denken kann, die ganze Familie in ein nicht geringes Erſtaunen; wir ſtahlen uns alle, den alte Chriſto⸗ pher ausgenommen, der die Unterbrechung nicht ſehr gut aufnahm, leiſe in die Bibliothek. Wir ſtuͤrmten auf ihn ein und waͤren bei ſeinem Anblick gern in daſſelbe Geläͤchter ausgebrochen, das uns herbei gezogen hatte. Sein Geſicht— ich gebe es aber auf, ein ſchwaches Bild von ſeinem Aeußern zu entwerfen und meine Leſer muͤſſen ſchon warten, bis ſein Portrait, das ſeit ſechs Jahren bei einem beruͤhmten Kupferſtecher in der Arbeit iſt, fertig ſeyn wird:— ich verſpreche feierlich, ſie ſollen einſt ein voll⸗ kommen aͤhnliches Gemaͤlde von Will's unbeſchreiblichem Ge⸗ ſichte erhalten. Als ich uͤber die Urſache ſeines bruͤllenden Freudegeſchreis fragte, gab er eine alte, raͤuchrige, ſtaͤubige, beſchmierte Handſchrift in meine Hand, von der ich unter zehn Worten kaum eines entziffern konnte, ohne mir mehr Muͤhe zu ma⸗ chen, als ſie werth war. Dieſer Beſchwerde uͤberhob er mich jedoch und zeigte in wenig mehr denn 48 Stunden eine Uebertragung in ſchoͤnen roͤmiſchen Buchſtaben vor, mich jedoch verſichernd, die Sache habe unendlich von ihrem wahren Charakter verloren, dadurch daß ſie moderniſirt und in einfaches Engliſch uͤbertragen worden. Um ihm die Muͤhe, welche er ſich gegeben, einigermaßen zu vergelten, konnte ich nicht weniger thun, als es in unſer Buͤchlein auf⸗ nehmen. Will verſichert mich, es ſey nur eine Lage eines erſtaunlich großen Buͤndels, der noch ununterſucht bleibe;— wer der Verfaſſer war, haben wir bis jetzt noch nicht aus⸗ 7* — 100— gemittetlt. Eine Bemerkung auf der Decke, von meines Großvaters Hand, belehrt uns jedoch, daß die Schrift ihm als eine literariſche Seltenheit von ſeinem Buſenfreund, Rip Van Dam, ehemaligen Vize⸗Gorrerdeur von Neu⸗ Amſterdam, geſchenkt worden: wenn der Ruf dieſes Man⸗ nes unſere Zeit nicht erreicht hat, ſo hat dies ſeinen Grund blos darin, daß er ein zu beſcheidener Mann war, um et⸗ was zu thun, das beſonders erwaͤhnt zu werden werth waͤre. 13. 7265 Die Chronuik. — Obengenannte Handſchrift betreffend, ſo theilen wir hier das hundert und neunte Kapitel aus der Chronik der beruͤhmten und alten Stadt Gotham im Auszuge mit, wie wir verſprochen haben. Es begab ſich aber in dieſer Zeit, daß die beruͤhmte und ergoͤtzliche Stadt von Gotham in großem Mißbehagen lag und in gefaͤhrlicher Noth war durch den Einfall und die Angriffe der Hoppingtoten. Dieſe ſind ein Volk, welches ein fern entlegenes Land bewohnt, das uͤberaus anmuthig⸗ lich und fruchtbarlich anzuſehen iſt: ſind aber bei allem dem wunderbarlich dem Wandern ergeben und ziehen oft in maͤch⸗ tigen Schwaͤrmen aus, wie die ehemaligen Szythen, man⸗ cherlei Laͤnder durchlaufend und ungeheure Verwuͤſtungen anrichtend, wo immer ſie ihre Schritte hinwenden. Sie ſind beſonders beruͤhmt wegen der maͤchtigen Kraft ihrer Beine und man hat mit Recht von ihnen geſagt, daß keine Nation in der Chriſtenheit oder anderswo es mit ihnen im Schuͤtteln der Ferſen aufnehmen koͤnne. Dieſer anziehende Vorzug empfiehlt ſie denn allgemein und ſie wiſſen ſich dadurch in die Gunſt und Wohlwollen aller Edeln der Erde einzuſchmeicheln; und es iſt eine beo — 102— merkenswerthe Thatſache, daß ein Hoppingtot, wenn er ſeinen Fuß einmal in eine Geſellſchaft geſetzt hat, ſich kaum eher zufrieden gibt, als bis er den ganzen Koͤrper nach ſich gezogen hat. Der gelehrte Linkum Fidelius iſt in ſei⸗ ner beruͤhmten und unerhoͤrten Abhandlung uͤber den Men⸗ ſchen, beſonders ausfuͤhrlich, wo er von der Nation der Hoppingtoten ſpricht; er verraͤth etwas von dem Pytha⸗ goraͤer in ſeiner Theorie, in ſo fern er Gewicht darauf legt, daß dieſes Volk ſo wunderſamlich geſchickt ſey in allen Uebungen, welche von den Beinen oder Fuͤßen abhaͤngen. Dieſes Volk alſo wurde durch ein Uebermaaß von Hun⸗ ger und eine Fuͤlle von Mangel an den Mitteln, ihn zu ſtillen, auf den Gedanken gebracht, die alte und ehrwuͤr⸗ dige Stadt Gotham ſey vielleicht im Beſitz maͤchtiger Schaͤtze und muͤſſe uͤberdies mit einem reichen Vorrath aller Arten von Fiſch und Fleiſch und Eßbarem und Trinkba⸗ rem und aͤhnlichen geſunden und erfreulichen Vorzuͤgen ver⸗ ſehen ſeyn. Es verſammelte ſich daher ein Rath der ſchnell⸗ fuͤßigſten Krieger und ſie entſchloſſen ſich, ein maͤchtiges Heer aufzubringen, ſich zu den Herren des Landes zu ma⸗ chen und alles Eßbare aufzuzehren. Dazu wurden ſie be⸗ ſonders durch zwei furchtbare und beruͤhmte Krieger ge⸗ ſpornt, Pirouet und Rigadun genannt, weil ſie zwei maͤch⸗ tige, tapfere und unbeſiegliche kleine Maͤnner waren, be⸗ ruͤhmt in allen Fußkaͤmpfen bei feierlichen Gelegenheiten als die Erſten und Beſten. b Dieſe großen Krieger entflammten ſchlechtiglich und ehr⸗ geizig die Gemuͤther ihrer Landsleute durch rieſenhafte Be⸗ — 103— ſchreibungen, in welchen ſie liſtig der wunderbaren Reich⸗ thuͤmer und Schaͤtze des Lurus in Gotham auseinander⸗ ſetzten; wo die Hoppingtoten Kleider finden ſollten fuͤr ih⸗ ren Leib und Leinwand fuͤr ihre Halskrauſen und Spitzen fuͤr ihren Hoſenbeſatz; und wo ſie luſtig und in Fuͤlle leben koͤnnten jeden Tag in der Woche, reichlich vorfindend Pud⸗ ding und Fleiſch und aͤhnliche leckere Dinge.— Pirouet und Rigadun waren uͤberzeugt, daß der Sieg nicht ſchwer werden konnte, denn die Gothamiten waren bis jetzt nicht eingeweiht in das Geheimniß und die Wiſſenſchaft, die Fuͤße zu handhaben, und da ſie wie jener große Klopffech⸗ ter des Alterthums, Achill, alle Angriffe auf die Ferſen am meiſten fuͤrchteten, ſo konnte es nicht fehlen, daß ſie ſich bei dem erſten Angriffe ergeben. Die Hoppingtoten er⸗ hoben, als ihnen alle dieſe ſchoͤnen Sachen in einem Mani⸗ feſt auseinander geſetzt waren, ein bruͤllendes Freudenge⸗ ſchrei, ſchuͤttelten triumphirend ihre Ferſen und waren ganz Ungeduld, nach Gotham hinuͤber zu tanzen und es mit Sturm zu nehmen. Der liſtige Pirouet und der Erzſchelm Rigadun wußten recht gut von ihrem Enthuſiasmus Nutzen zu ziehen. Sie befahlen Jedermann, ſich mit einer verzweifelt kleinen Waffe, Geige genannt, zu waffnen; in den Schnappſack ein Paar ſeidene Hoſen, ein Paar Manſchetten, einen nach Form des Halbmonds geſchnaupten Hut und einige Züge Saiten zu ſtecken;— damit die Armee auf dem Wege nach Go⸗ tham nicht vielleicht Mangel an Lebensmitteln empfaͤnde, ſo erachtete man es fuͤr nothwendig, jedem Krieger zu empfeh⸗ — 104— len, einen Buͤndel Zwiebeln aufzupacken. Dieſe Ordre wurde durch den Klang der Geige bekannt gemacht; Pi⸗ rouet und Rigadun nahmen darauf ihre Armee hinter ſich, man ſpielte das froͤhliche und ermunternde„Ga ira“ und fort ging es mit einem fuͤrchterlichen und entmuthigenden Schnattern von Stimmen gegen die fromme Stadt Gotham. Wie ſie zuerſt vor der Stadt erſchienen und die Bela⸗ gerung begannen, ſo wie von den mannichfachen Beſchwer⸗ lichkeiten, die ſie auf dem Wege fanden, hat die Geſchichte geſchwiegen, weil wichtigeres zu berichten war. Als die Armee der Hoppingtoten in das Angeſicht von Gotham kam, und das Volk der Stadt die ſchlechten und bisher ungeſehenen Spruͤnge und Grimaſſen ſah, welche ſie mach⸗ ten, befiel ein paniſcher Schrecken die guten Buͤrger; und die Weiſen der Stadt geriethen in große Noth und Sorgen, da ſie glaubten, die fremden Krieger ſeyen von dem Ge⸗ ſchlechte der Jig⸗hees, welche ihre Beſiegten roͤſteten und ſtuͤkkweiſe verzehrten, oder Paviane aus ihnen machten. Die Weiſen riefen daher alle tanzenden Maͤnner und alle tan⸗ zenden Frauen auf und ermahnten ſie, mit großen, hefti⸗ gen Redensarten, den Feinden ſich entgegenzuſetzen und die Fuͤße in ſolche Vertheidigung, in ſo ruͤhmliche Stellung, und ſo kuͤhne Evolutionen, Elevationen und Transpoſitio⸗ nen zu bringen, daß die Hoppingtoten⸗Fuͤße alsbald da⸗ durch verwickelt und verſchlungen und die Niederlage kurz und vollkommen wuͤrde. Es begab ſich aber, durch widri⸗ ges Geſchicke, daß einige leichtfuͤßige Juͤnglinge von Gotham, beſonders die Abkoͤmmlinge von drei, ehemals ſo beruͤhmten weiſen Maͤnnern, die wagſamlicher Weiſe uͤber die See ge⸗ reiſt und in das Lager der Feinde gebracht worden waren, wo man ihnen tdͤrichterweiſe ſchmeichelte und ſie einige Mo⸗ nate mit auslaͤndiſchen Luſtbarkeiten und Vergnuͤgungen un⸗ terhielt, worauf ſie zu ihren Freunden zurückgeſendet wur⸗ den, ganz veraͤndert, entartet, alles kopfuͤber und kopfun⸗ ter, ſo daß ſie, von nun an, an gar nichts mehr dachten, als an ihre Ferſen, ſtets bemuͤht, diefelben in diejenige Lage zu bringen, wo ſie am beſten geſehen werden konnten:— kurz, dieſe drei Leutchen gingen von nun an auf den Koͤpfen. Und die Hoppingtoten wurden von Tag zu Tag, und in den ſpaͤten Stunden der Nacht draͤngender in ihrer Be⸗ lagerung der Stadt.— Zuweilen machten ſie am offenen Tag in feierlichem Zug beim Klang der Fidel einen Angriff auf die Stadt in Form eines fuͤrchterlichen Contre⸗Tanzes; bald kamen ſie in einzelnen Abtheilungen und ſtellten ſich an, die Stadt mit einem Cotillon wegzunehmen. Ihre ganze Liſt und teufliſche Kunſt und Feinheit zeigte ſich aber in der Beſtechung der Garniſon durch einen verfuͤhreriſchen und peſtilenzialiſchen Tanz, Walzer genannt. Dieſer war, in Wahrheit, mehr werth, als alle Huͤlfskorps: denn er drohte den guten Gothamiten allen den Kopf zu verdrehen; er zerſtreute ihren Witz wie Spreu in den Luͤften und brachte ſie dahin, daß ſie ſich auf Gnade ergeben wollten und ſelbſt ihre Waffen den Feinden auszuliefern im Begriff waren. Die Feſtungswerke der Stadt fingen endlich an, offen⸗ bare Vorzeichen ihrer Schwaͤche zu geben; denn die Bruſt⸗ — 105— wehren der Schicklichkeit waren ſchaͤndlicherweiſe bedeutend eingefallen. Als der liſtige, ſchurkiſche Pirouet den geſun⸗ kenen Zuſtand der Stadt ſah, ſagte er—„Nun, bei mei⸗ nem Bein“— denn er ſchwor ſtets bei ſeinem Bein, da es ein uͤberaus ſchoͤnes Bein war—„Nun, bei meinem Bein,“ ſagte er: nich will dieſem Volk eine ſeltene und⸗ neue Weiſe zeigen, wie man Staͤdte nimmt; den Staub meiner Tanzſchuhe will ich auf dieſe hartnaͤckige und unhoͤf⸗ liche Stadt ſchuͤtteln.“ Er befahl darauf und beorderte ſeine Soldaten, vom erſten bis zum letzten, ſich bereit zu halten und anzuſchicken, die Stadt durch einen grand ball wegzunehmen. Sie kleiden und putzen ſich alſo ohne Wei⸗ teres zu dem Angriff und es war warlich ein ſchoͤner und prachtvoller Anblick, ein ſehr triumphirendes und unver⸗ gleichliches Schauſpiel, ſie artig aufgeſtellt zu ſehen in glaͤn⸗ zenden und prunkenden ſeidnen Hoſen, mit einer Menge Baͤnder geſchmuͤckt, und in ſeidenen Struͤmpfen von der be⸗ wundernswuͤrdigen Lachsfarbe; in Maroquin⸗Schuhen mit Schnallen, von wunderbarlicher Kunſtfertigkeit zeugend, in⸗ dem ſie ſich von ſelbſt ohne Beihuͤlfe von Klappen oder der⸗ gleichen wie durch Zauberwerk auf den Schuh ſetzten und ſitzen blieben. Sie hatten uͤberdies ungeheure Buſenſtreifen, die an Hals und Bruſt auf eine imponirende Weiſe heraus⸗ ſtanden, aͤhnlich dem Bartgekroͤſe eines alten kalekutiſchen Hahns; endlich noch aufgekraͤmpte Huͤte, welche ſie nicht, wie die Gothamiten, auf dem Kopf trugen, ſondern unter dem Arm, wie ein gebratener Vogel ſeinen Magen. Auf dieſe Art ausgeruͤſtet, greifen ſie die Stadt mit — 107— Sturm an, die Kraft ihrer Beine zeigend und ihre Ferſen mächtiglich ſchuͤttelnd. Ihr Angriff war in dieſer Weiſe:— zuerſt donnerten und gallopirten ſie vor in einem contre tomps, dann theilten ſie ſich in Kolonnen zu einem Ko⸗ ſackentanz, einem Fandango oder einer Gavotte. Daruͤber wunderten ſich die Gothamiten, unerfahren in dieſem frem⸗ den Kriegsſyſteme, unendlich und uͤber alle Maßen und ſtan⸗ den mit offnem Mund, dem Gewehrfeuer der Feinde preis⸗ gegeben. Darauf ſagte Rigadun, ſein linkes Bein mit gro⸗ ßem Ausdruck von Kraft und in ſtolzer Haltung aufhebend: —„Meine Freunde, warum warten wir hier?— ſind nicht die Stadtleute bereits zu unſern Gunſten gewonnen?— Winken uns nicht ihre Frauen und jungen Maͤdchen von den Waͤllen auf eine Weiſe zu, die deutlich zeigt, daß die Vertheidigung nur der Form wegen geſchieht und daß ſie zu unſern Gunſten geſinnt ſind?“— Sprach's und machte nicht laͤngern Laͤrm, ſondern hob ſich in die Hoͤhe, ſchlug einen ſechsfachen Triller mit den Ferſen und ſenkte ſich kuͤhn, majeſtaͤtiſch, kraftvoll, ſchnell jenſeits des Walles. Die Geigen toͤnten, die Hoͤrner machten ein unendliches, weit⸗ hin ſchallendes Getoͤſe und die ganze Armee ſtieg empor, kreuzte die Beine, ſchlug den Triller und folgte dem Bei⸗ ſpiel des Fuͤhrers: in der Stadt aber heulten bei der Muſik alle Hunde und die Katzen verſuchten ſchwach, das Melodi⸗ ſche der Hoppingtoten⸗Muſik nachzuahmen. Die Gotha⸗ miten thaten als ob ſie ſich vertheidigen wollten, da aber alle ihre Frauen zum Vortheil der Feinde bereits gewonnen waren, ſo mußten ſie bald einige erniedrigende Bedingun⸗ — 1⁰8— gen ſich vorlegen zu laſſen, einwilligen: ſie wurden den Hoppingtoten uͤberliefert und mußten nach der Geige dieſer klugen Leute tanzen lernen. Auf dieſe Weiſe wurde die gute Stadt Gotham, dieſe maͤchtige und ſtolze Stadt bela⸗ gert und durch einen Coup de pied genommen. Die Sieger zeigten keine Gnade, ſondern ſtellten Alt und Jung, Reich und Arm, Maͤnner und Frauen unter Tanz und Geige; ſie zwangen ſie, mit einem Wort, voll⸗ kommene Hoppingtoten zu werden. Gewohnheit iſt eine zweite Natur, ſagte der gelehrte Linkum Fidelius— und dieſe originelle und unſchaͤtzbare Bemerkung bewaͤhrte ſich herrlich durch das Beiſpiel der Gothamiten ſeit dieſem un⸗ gluͤcklich und niedrigen Falle. In dem Lauf der Zeit wur⸗ den ſie gluͤhende, gewaltige, verzweifelte Taͤnzer; man denkt an nichts mehr als wie dieſe edle Kunſt auf Baͤllen und in Geſellſchaften genug geuͤbt werde, ſo daß man nie und nir⸗ gends etwas Aehnliches geſehen hat. Sie weihen mitleids⸗ werth ihre Naͤchte der Freude der Beine und ihre Tage der Belehrung nnd Erbauung der Ferſen. Der Kopf iſt nichts mehr gegen das Maſchinenwerk der Beine. Inhalt des neunzehnten Baͤndchen: 1. Das Vorwort.. 1 1... 5 H 2. Theater⸗ Kritik. 3.* 4** 8 3. Moden....... 16 4. Ein Brief 4..... 19 5. Der Ball....... 25 6 6. Die Familie Cockloft.„.. 33 7. Mein Oheim John.. 3. 47 V 8. Ballſton... 9. Chriſtopher Cockloft's Geſellſchft. 63 10. Miß Charity Cockloſt..„. 73 5 11. Sockloft⸗Haill..... 82 12. Die Bibliothek in Cockloft⸗Hall.. 93 13. Die Chronik...„ 4 5. 101 — 4 In demſelben Verlage ſind folgende empfehlungs⸗ werthe Schriften erſchienen und um beigeſetzte Preiſe durch alle Buchhandlungen zu beziehen. Merk s! Ein curiöſes Memento für alle Stände aller Orten, von Abraham a Santa Clara, weil. k. k. Hofprediger. Zur Ergötzung der heutigen Leſe⸗ welt wieder an's Licht geſtellt durch Dr. Hein⸗ mar. Mit dem Bildniſſe des Verfaſſers. gr. 12. Geheftet. Rthlr. 1. oder fl. 1. 45 kr. Auch eine Heerpredigt wider den Tuͤrken, oder: Auf, auf, ihr Chriſten! Das iſt: eine be⸗ wegliche Anfriſchung der chriſtlichen Waffen wi⸗ der den türkiſchen Erbfeind, in Eil' ohne Weil' zuſammengetragen durch D. Abrahama Santa Clara. gr. 12. Geh. 21 ggr. oder fl. 1. 30. Es ſind dieß zwei der witzigſten Schriften von Abraham a Santa Clara, und zwar diejenigen, weiche ſeit hundert Jahren nicht wieder hervortraten, und die hier nach den erſten Ausgaben als ein zuſammenhaͤngendes Ganzes in lesbarer Erneuerung erſcheinen. Es wird genuͤgen, zu de⸗ ren weiteren Empfehlung hier nur den Inhalt mitzutheilen. a) Merk's: 1) Einleitungs⸗Merk's, oder Merk's, Wien! 2) M., Menſch! 3) M., geiſtlicher Herr! 4) M., gelehrter Herr! 5) M., Soldat! 6) M., Jungfer! 7) M., Eheleut'! 8) M., reicher Mann! 9) M., Welt! 10) Schluß⸗Merk's. — b) Heerpredigt: 1) Auf, auf, ihr Chriſten, und ſtrei⸗ tet wider den mahometaniſchen Irrthum und den tuͤrkiſchen Erbfeind! 2) Auf, auf, ihr Chriſten, und laſſet die tuͤrkiſche Macht nicht groͤßer wachſen! 3) Auf, auf, ihr Chriſten, der tuͤrkiſche Saͤbel iſt vor der Thuͤr! 4) Auf, auf, ihr Chriſten, und beſchuldiget wegen der tuͤrkiſchen Großmacht Niemand anders, als die Suͤnden der Zeit! 5) Auf, auf, ihr Chriſten, und vereiniget doch einmal eure beruͤhmten Waffen! 6) Auf, auf, ihr Chriſten, und daͤmpfet doch ein⸗ mal die blutduͤrſtige Tyrannei des Tuͤrken! 7) Auf, auf, ihr Chriſten, und ſteifet euch dabei auf Gott, von dem al⸗ ler Sieg! 8) Auf, auf, ihr Chriſten, und hoffet endlich Sieg! 9) Auf, auf, ihr Chriſten, und zeiget, nebſt goͤttli⸗ cher Huͤlf, dem Tuͤrken auch eure martialiſche Fauſt! 10) Auf, auf, ihr chriſtlichen Soldaten, und erwaͤget wohl, daß euer ſträflicher Wandel ein großes Hindernuß des Siegs ſey! 11) Auf, auf, ihr Chriſten, und ſpiegelt euch in vielen Din⸗ gen an den Tuͤrken! 12) Auf, auf, ihr Chriſten! Naͤchſt den Waffen hilft das Gebet derer, ſo daheim bleiben, den Sieg erhalten! 4 —:—— v. Thuͤmmel's nachgelaſſene Aphorismen, aus den Erfahrungen eines Sieben⸗ und Siebzig⸗ jährigen. Elyſium und Tartarus. Eine Fantasmagorie. Nebſt des Verfaſſers Biogra⸗ phie. 8. Geh. 21 ggr. oder fl. 1. 30 kr. Wir hegen das Vertrauen zu den Gebildeten unſerer Nation, daß ſie bei dem Nachlaſſe eines Thuͤmmel, das Ge⸗ nie jenes herrlichen Mannes anerkennen, da auch in die⸗ ſen Blaͤttern deſſen reiche Lebenserfahrung, der feine, durch⸗ dringende Geiſt und die gediegene klaſſiſche Darſtellungsweiſe ſie in hohem Grade befriedigen werden. Stimmen des Lebens. Drei Erzaͤhlungen von Georg Doring. 3. Rthlr. 1. 16 ggr. oder fl. 2. 48 kr. 3 Die anziehende, geiſt⸗ und gemuͤthreiche Weiſe des Herrn Verfaſſers iſt der deutſchen Leſewelt zu bekannt, als daß wir ſie auf dieſe lieblichen Erzaͤhlungen erſt aufmerkſam zu machen brauchten. 1 ———— —