A E Bracebridge⸗Hall oder die Charaktere. Aus dem Engliſchen — 3 des ü berſetzt 4 Waſhington Irving von S. H. Spiker. Zweiter Baänd. 1 Berlin, Im Verlage von Duncker und Humblot. 182 3. 4 ———— Inhalt des zweiten Bandes. Engliſche Landgutsbeſitzer.. Seeite 3. Bekenntniſſe eines alten Junggeſellen 4 17. Engliſcher Ernſt.. 23. Zigeuner 4.... 3. 36. Maitagsgebraͤuche 3.... 46. Die Angeſehenſten im Dorfe... 553. Der Schulmeiſter... 60. Die Schule...... 70. Ein Dorfpolitiker..... 77. Der Rabenhorſt.. 4 1. 86. Der Maitag...... 1400. Die Handſchrift..... 3 119. Annette Delarbre—.... 123. Reiſen...... 1567. — —— r Volksaberglaubren SGcike 40s. Der Verbrecher Familienungluͤck. Liebes⸗Kummer Der Geſchichtſchreiber Das Spuk⸗Haus; aus den Handſchriften Dolph Heyliger Das Sturmſchiff. Fortſetzung von Dolph Heyliger Die Hochzeit Des Verfaſſers Abſchied.. — des verſtorbenen Dietrich Knickerbocker. 197. Bracebridge⸗Hall oder die Charaktere. Zweiter Band. II. A Engliſche Landgutsbeſitzer. — Sein ruhig Leben, das ihn nimmer hintergangen, Iſt voll von ſüßem Reiz, den holder Friede ſchenkt. Der Buche glattes Laub hat freundlich ihn empfangen — In kühler Schatten Raum, bis Mittag nicht mehr ſengt. Sein Leben wogt nicht hin auf ſturmbewegtem Meere, Nicht in der argen Welt, in ſchnödem Müſſiggang. Zufrieden, ſtill, er lebt, zu ſeines Gottes Ehre. Phineas Fletcher. Es macht mir immer großes Vergnuͤgen, den Sauire bei ſeinen Wanderungen auf ſeinem Gute zu begleiten, auf denen er oft von einer Art Miniſte⸗ rialrath umgeben iſt. Sein Premierminiſter, der Haushofmeiſter, iſt ein ſehr ehrenwerther, alter 2 Mann, der eine Art Wegerecht behauptet, das heißt, ſeinen eigenen Weg zu gehen, da er ſeit undenklicher Zeit im Hauſe iſt. Er liebt das Gut ſogar noch mehr als den Squire, und macht 1 dieſem bei manchen von ſeinen Verbeſſerungen, 2 4 A 2 — 4 arge Querſtriche, da er gern jeden Plan mißbil⸗ ligt, der nicht von ihm ſelbſt ausgeht. Auf einer oder der andern von dieſen Wan⸗ derungen habe ich den Squire einer bedeutenden Veraͤnderung erwaͤhnen hoͤren, die er bei der Be⸗ nutzung oder dem Anbau der Felder beabſich⸗ tigte. Natuͤrlich widerſprach der Haushofmei⸗ ſter augenblicklich, und nun erfolgte eine lange Er⸗ oöͤrterung uͤber ein Hecken, oder ein etwas hoͤher liegendes Stuͤck Land, bis der Squire, der eine hohe Meinung von des Mannes Wiſſen und Rechtlich⸗ keit hat, die Sache aufzugeben ſchien. Dieſe Nachgiebigkeit pflegte, wie ich bemerkte, den Al⸗ ten ſogleich zu erweichen, und nachdem er ein oder zwei Felder lang in Stillſchweigen, die Haͤnde auf dem Ruͤcken, heruntergegangen, drehte er ſich kurz um gegen den Squire, und ſagte: „er habe die Sache bei ſich reiflicher uͤberdacht, und glaube, nach allem, daß er auch der Mei⸗ nung Sr. Gnaden ſeyn duͤrfe.“ Chriſty, der Jaͤger, gehoͤrt ebenfalls zu des Squire gelegentlichen Begleitern, und dieſer wendet ſich bei allem, was Ortsgeſchichte betrifft, an ihn, wie an eine Chronik des Guts, da er, ſo zu ſagen, viele von den Baͤumen gekannt hat, als ſie noch Eicheln waren. Der alte Nimrod 4— 8— 4— 5 iſt, wie wir geſehn haben, ziemlich vorlaut, was die Gegenſtaͤnde des Wiſſens betrifft, auf die er ſich etwas zu Gute thut; aber der Squire wi⸗ derſpricht ihm ſelten, und iſt in der That einer der geduldigſten Machthaber, die je von ihrem Miniſterium beherrſcht wurden. Er lacht oft ſelbſt daruͤber, und giebt au⸗ genſcheinlich dieſen alten Maͤnnern mehr aus ei⸗ gener Laune, als aus Mangel an Kraft, ſein An⸗ ſehen zu behaupten, nach. Er findet Gefallen an dieſer rechtlichen, unabhaͤngigen Geſinnung des Alters, und weiß ſehr wohl, daß dieſe ge⸗ treuen Anhaͤnger ihn im Herzen lieben und eh⸗ ren. Ueber die Erhaltung ſeiner eignen Wuͤrde und die gehoͤrige Ehrerbietung derer, die ihn umgeben, iſt er ganz unbeſorgt, und nichts wird ihm ſchneller zuwider, als ein Anſchein von Krie⸗ cherei oder Speichelleckerei. Ich habe nicht leicht einen Herrſcher geſehn, der ſtattlicher einherzoͤge, als der Squire, wenn er dieſe Wanderungen durch ſeine vaͤterli⸗ chen Felder und ſeine angeſtammten Waldungen vornimmt, mit mehreren dieſer treuen Begleiter um ſich, und von einer Leibwache von Hunden be⸗ gleitet. So wie er eine gewiſſe Offenheit und Mann⸗ lichkeit unter ſeinen Untergebenen gern hat, iſt er 6 auch der perſoͤnliche Freund ſeiner Paͤchter; er er⸗ kundigt ſich nach ihren haͤuslichen Verhaͤltniſſen, und ſteht ihnen in Zeiten der Noth und des Drangſals treulich bei. Dieß hat ihn zu einem der beliebteſten und folglich auch zu einem der gluͤcklichſten Landgutsbeſitzer gemacht. In der That kenne ich keinen beneidenswer⸗ theren Stand, als den eines engliſchen Gentle⸗ man, von unverdorbenem Herzen und richtigem Gefuͤhl, welcher den groͤßern Theil ſeiner Zeit auf ſeinem Erbgute auf dem Lande zubringt. Die Trefflichkeit der Wege und die Schnelligkeit und Puͤnktlichkeit der oͤffentlichen Befoͤrderungsmittel ſetzen ihn in den Stand, ſich alle moͤglichen Ge⸗ nuͤſſe und Bequemlichkeiten zu verſchaffen, und alle Nachrichten und Neuigkeiten aus der Haupt⸗ ſtadt zu haben, waͤhrend er von dem Laͤrm und der Zerſtreuung derſelben weit entfernt iſt. Auf ſeinem eigenen Grund und Boden ſteht ihm eine Menge von Mitteln zur Beſchaͤftigung und Be⸗ luſtigung zu Gebot; er kann ſich durch laͤndliche Verrichtungen, durch Jagd, durch Studium und durch die Annehmlichkeiten einer freundlichen Geſell⸗ ſchaft, die er in ſeinen gaſtfreien Saͤlen verſam⸗ melt, ſeine Zeit auf das angenehmſte verkuͤrzen. Sind ſeine Anſichten und Gefuͤhle hoͤher und 4— 4— — 7 weiterhinaus ſtrebend, ſo ſteht es ganz in ſeiner Macht, Gutes zu thun, und dieſes Gute unmittelbar wieder auf ſich ſelbſt zuruͤckwirken zu ſehen. Er kann ſeinem Vaterlande weſentliche Dienſte lei⸗ ſten, indem er an der uneigennuͤtzigen Ausuͤ⸗ bung der Geſetze Theil nimmt, auf die Meinun⸗ gen und Grundſaͤtze derer, die um ihn ſind, ein wachſames Auge hat, die Aufklaͤrung unter ih⸗ nen verbreitet, welche zu ihrer Wohlfahrt beitra⸗ gen kann, ſich ungezwungen unter ſie miſcht, ihr Vertrauen zu gewinnen ſucht, ihre Klagen ſelbſt anhoͤrt, ſich von ihren Wuͤnſchen ſelbſt unterrich⸗ tet, ſich ſelbſt dazu darbietet, um ihre Beſchwer⸗ den zu den gehoͤrigen Quellen der Milderung oder Unterſtuͤtzung gelangen zu laſſen, und indem er, wenn es noͤthig iſt, als der unerſchrockene und unbeſtechliche Beſchuͤtzer ihrer Freiheiten, als der aufgeklaͤrte Verfechter ihrer Rechte auftritt. Alles dieß kann, wie es mir ſcheint, ohne irgend eine Aufopferung perſonlicher Wuͤrde, ohne irgend herabwuͤrdigende Kuͤnſte, um ſich beliebt zu machen, ohne gemeinen Vorurtheilen zu ſchmei⸗ cheln, oder in gemeine Klagen einzuſtimmen, durch den wohlgeleiteten Einfluß eines aufrichti⸗ gen, freundſchaftlichen Raths, und eines freien, offenen und großſinnigen Betragens geſchehen. 8 Was man auch von engliſchem Poͤbel und eng⸗ liſchen Demagogen ſagen mag, ſo habe ich nie ein Volk gefunden, das mehr fuͤr Vernunft zugaͤng⸗ lich waͤre, mehr Ueberlegung beſaͤße, und, ſelbſt in den ſtuͤrmiſchſten Zeiten, vernuͤnftigen Gruͤnden leichter Gehoͤr gaͤbe, als die Englaͤnder. Sie haben einen ſehr ſcharfen Blick fuͤr Alles, was maͤnnlich und ehrenvoll iſt, und wiſſen es zu ſchaͤtzen: ſie ſind von Natur und durch Gewohn⸗ heit methodiſch und ordentlich, und fuͤhlen den Werth alles deſſen, was regelmaͤßig und achtbar iſt. Sie laſſen ſich zuweilen vielleicht von So⸗ phiſtereien hintergehen, ſich durch die allgemeine Noth und die Verdrehungen raͤnkeſuͤchtiger Men⸗ ſchen zu Unruhen verleiten; man oͤffne ihnen aber die Augen, und ſie werden ſich bald um das Ban⸗ ner des Wahren und einer ruhigen, geſunden Vernunft, vereinigen. Sie hangen ſehr an her⸗ gebrachten Gewohnheiten, an laͤngſt beſtehenden Na⸗ men, und die Liebe zur Ordnung und zur Ruhe, welche die Nation auszeichnet, giebt den Abkoͤmm⸗ lingen der alten Familien, deren Vorvaͤter, ſeit un⸗ denklicher Zeit, Grundbeſitzer geweſen ſind, ein bedeutendes Gewicht. Wenn die reichen, die wohlerzogenen, die be⸗ vorrechteten Klaſſen ihre Pflichten vernachlaͤſſigen, — 9 wenn ſie es verabſaͤumen, das Intereſſe des Volks zu ſtudiren, die Liebe deſſelben zu gewinnen, ſeine Anſichten aufzuklaͤren und ſeine Rechte zu ſchuͤz⸗ zen, dann wird dieſes allerdings mißvergnuͤgt, un⸗ ruhig, und faͤllt Demagogen in die Haͤnde: denn der Demagoge tritt allemal da ein, wo der Patriot austritt. Es iſt unter den hochlebenden, und, wie ſie ſich einbilden, hochſinnigen Leu⸗ ten eine gewiſſe gaͤng' und gebe Art zu reden, daß man den Poͤbel unterdruͤcken muͤſſe; alle gu⸗ ten Aerzte wiſſen aber, daß es beſſer iſt, das Blut zu reinigen als das Geſchwuͤr geradezu anzu⸗ greifen, erweichende Mittel, ſtatt aͤtzender, zu gebrau⸗ chen. Es iſt, in einem Lande wie England, wo ſo viel Freiheit herrſcht und wo man auf ſeine Rechte ſo eiferſuͤchtig iſt, ganz widerſinnig, wenn irgend Jemand einen ariſtokratiſchen Ton anneh⸗ men, und herabwuͤrdigend von dem gemeinen Volke ſprechen will. Es giebt keinen Rang, der Je⸗ manden von der Meinung und Neigung der Mitmen⸗ ſchen ganz unabhaͤngig macht, keinen Rang, keine Auszeichnung, die Einen von ſeinem Mitunterthan ſchiede; und wenn, durch eine allmaͤhlige Vernach⸗ laͤſſigung auf der einen oder durch Eiferſucht auf der andern Seite, die Staͤnde in der buͤrgerli⸗ chen Geſellſchaft ſich wirklich einmal trennen ſoll⸗ 10 ten, ſo moͤgen die, welche auf der Anhoͤhe ſte⸗ hen, ſich in Acht nehmen, daß ſich der Abgrund nicht zu ihren Fuͤßen aufthue. Die Staͤnde ſind, in allen wohleingerichteten Staaten, gegenſeitig an einander gebunden und einander wichtig, es kann in einer freien Regierung keine Luͤcke geben, und wenn eine ſolche ſich zu oͤffnen droht und die rei⸗ chen und gebildeten Leute ſich von den Armen trennen, ſo werden die boͤſen Regungen der Ge⸗ ſellſchaft herbei eilen, ſie auszufuͤllen und das Ganze auseinander ſprengen. Obgleich ich in einem Freiſtaat geboren und erzogen bin, und mit der Zeit, durch Beobach⸗ tung und Erfahrung, mich in republikaniſchen Grundſaͤtzen beſtaͤrkt habe, ſo bin ich doch gegen die Vorzuͤge nicht unempfindlich, welche bei andern Regierungsverfaſſungen Statt finden moͤ⸗ gen, noch gegen die Thatſache, daß ſie fuͤr die Lage und die Verhaͤltniſſe der Staaten, wo⸗ rin ſie beſtehen, ſich am beſten paſſen moͤgen. Ich habe mich immer bemuͤht, ſie aus dem Ge⸗ ſichtspunkte zu betrachten, wie ſie wirklich ſind, und zu beobachten, wie ſie dem Ent⸗ zwecke entſprechen, welchen ſie erreichen ſollen. Wenn ich, demnach, die gemiſchte Beſchaf⸗ fenheit der Verfaſſung dieſes Landes und ihre 441 Stellvertretungs⸗Geſtalt betrachtet habe, ſo habe ich auch mit Bewunderung wahrgenommen, wie Reichthum und Kenntniß uͤber die ganze Flaͤche deſe ſelben verbreitet ſind, und daß es hier nicht, wie in andern Reichen, der Fall iſt, in denen man auf dem Lande nichts davon antrifft und wo Alles in den groͤßeren und kleineren Staͤdten vereinigt iſt. Ich ſehe die großen landwirthſchaftlichen Anla⸗ gen des Adels und die kleineren der Mittelklaſſe als eben ſo viele Behaͤlter des Reichthums und der Kenntniſſe an, welche uͤber das Koͤnigreich, unabhaͤngig von den Staͤdten, verſtreut ſind, um die umliegende Gegend zu bewaͤſſern, zu erfri⸗ ſchen, und fruchtbar zu machen. Ich betrachte ſie auch als die erhabenen Wohnſitze von Va⸗ terlandsfreunden und Staatsmaͤnnern, wo ſie, im Genuſſe einer ehrenvollen Unabhaͤngigkeitt und geſchmackvollen Muße, ihr Gemuͤth vorbereiten, um in den geſetzgebenden Verſammlungen zu glaͤn⸗ 4 zen, deren Berathungen und Entſcheidungen das Studium und die Muſter anderer Voͤlker bilden und die Intereſſen der Welt in Anſpruch nehmen. Ueberraſcht und getaͤuſcht habe ich mich da⸗ her ſehr oft gefuͤhlt, wenn ich gefunden, daß ich mich uͤber dieſen Gegenſtand eher einem uto⸗ piſchen Traume, als einer wohlbegruͤndeten Mei⸗ 12 nung hingegeben habe. Es hat mir weh gethan, zu finden, daß dieſe ſchoͤnen Guͤter nur zu oft mit Schulden belaſtet, verpfaͤndet waren, oder ſich in den Haͤnden von Glaͤubigern befanden, und daß deren Eigenthuͤmer von ihrem vaͤterlichen Er⸗ be weichen mußten. Ich hoͤre, daß hier ein Aufwand herrſcht, welcher eben ſo groß als der Reichthum iſt; daß die Großen ruͤckſichtlos ver⸗ geuden, die Geringeren ſinnlos ihnen nach⸗ ahmen wollen; daß in allen hoͤheren Staͤnden eine leichtſinnige, von aller wahren Freude ent⸗ fernte Verſchwendungsſucht eingeriſſen iſt, welche oft dieſe glaͤnzenden Haushaltungen zu Grunde richtet, den Stolz und die Grundſaͤtze der Vorfah⸗ ren vernichtet, und viele der Abkoͤmmlinge entweder zu bloßen Amtsjaͤgern macht, oder ſie zwingt, ſich in das Ausland zu fluͤchten. So ſind Manche gezwungen, ſich der Regierung in die Haͤnde zu geben, und ein Hof, welcher der reinſte und eh⸗ renwertheſte in Europa ſeyn ſollte, wird ſehr oft von vornehmen aber zudringlichen Augendienern verunehrt. So muͤſſen Manche ihr Vaterland meiden, fuͤllen die Gaſthoͤfe fremder Laͤnder, und verſchwenden an unerkenntliche Fremde den Reich⸗ thum, den ſie ihren arbeitſamen Unterthanen ab⸗ gepreßt haben. Ich habe dieſe letztere Klaſſe nie — ———— ——— 6 1 1 — ——— ———— 13 ohne eine Miſchung von Vorwurf und Betruͤb⸗ niß betrachten koͤnnen. Da ich die beinahe ab⸗ goͤttiſche Verehrung der Englaͤnder gegen ihre Heimath kenne, ſo kann ich mir wohl denken, wie groß ihre Zerknirſchung und Reue ſeyn muß, wenn ſie, auf den ſonnenverbrannten Ebenen von Frankreich, an Englands gruͤne Felder denken, an die ererbten Haine, an das gaſtliche Dach ih⸗ rer Vaͤter, die ſie veroͤdet, oder im Beſitze von Fremden zuruͤckgelaſſen haben. Die jetzige Noth⸗ wendigkeit zu Einſchraͤnkungen iſt noch kein Grund, das Vaterland zu meiden. Die Auswande⸗ rer haben ſich mit dem Wohlſtande deſſelben gehoben: ſo moͤgen ſie auch deſſen Gluͤckswechſel mit ertragen und ſeine Schickſale mit erdulden. Es ziemt ſich nicht fuͤr die Reichen, zu fluͤchten, weil das Vaterland leidet: ſie moͤgen, nach Ver⸗ haͤltniß, das allgemeine Uebel theilen; ſie ſind es dem Lande, das ſie zu Ehren und Ueberfluß em⸗ porgehoben hat, ſchuldig. Wenn die Armen ſich an ihrem kaͤrglichen Biſſen Brod etwas abbre⸗ chen muͤſſen; wenn ſie den Forderungen des Be⸗ duͤrfniſſes nicht genuͤgen koͤnnen, und nur darauf ſinnen muͤſſen, mit wie Wenigem ſie auskommen können, um nicht ganz zu verhungern; dann muͤſ⸗ ſen die Reichen nicht entweichen und die Huͤlfs⸗ quellen der Armen nicht noch mehr ſchmaͤlern, damit ſie ſelbſt in einem wohlfeileren Lande im Ueberfluſſe leben koͤnnen. Sie moͤgen ſich auf ihre Guͤter begeben und Einſchraͤnkungen machen, ſie moͤgen zu der edlen Einfachheit zuruͤckkehren, dem praktiſchen geſunden Verſtand, dem recht⸗ lichen Stolz, welche die Grundlage des wahren engliſchen Charakters bilden, und auf dieſer wie⸗ derum das Gebaͤude eines wohlbegruͤndeten und ehrenwerthen Wohlſtandes auffuͤhren. Auf der laͤndlichen Einfachheit der Sitten des engliſchen Adels, auf der Art, womit ſie, auf ihren vaͤterlichen Beſitzungen, ihren Pflichten ob⸗ liegen, beruhen vornemlich die Tugend und die Wohlfahrt der Nation. So lange als ſie den groͤßeren Theil ihrer Zeit in der Ruhe und Rein⸗ heit des Landlebens zubringen, von den Denkmaͤ⸗ lern ihren erlauchten Ahnen, von allem dem um⸗ geben, was einen edlen Stolz, einen lebendigen Wetteifer, wohlgefaͤllige und großartige Gefuͤhle einfloͤßen kann, ſo lange ſind ſie feſte Stuͤtzen, und das Volk mag ihnen ſicher ſeine Intereſſen und ſeine Ehre anvertrauen. Sobald ſie aber die knechtiſchen Belagerer der Zugaͤnge des Ho⸗ fes werden, und ſich den politiſchen Haͤndeln und den herzloſen Zerſtreuungen der Hauptſtadt hin⸗ 15 geben, von dieſem Augenblicke an verlaͤugnen ſie den wahren Edelmuth ihrer Natur und werden die Blutſauger ihres Vaterlandes. Ich bin uͤberzeugt, daß der groͤßere Theil des hoͤheren Adels und der mittleren Klaſſe in England hohe Begriffe von Ehre und Unabhaͤn⸗ gigkeit haben. Sie haben dieß erſt neuerlich bei ſehr wichtigen Gelegenheiten bewieſen und ein Beiſpiel der Anhaͤnglichkeit an Grundſaͤtze, mit Verachtung aller Ruͤckſicht, aller Partei und Macht gegeben, welches mehrere von den feilen und kriechenden Hoͤfen in Europa in Erſtaunen geſetzt haben muß. Dieß ſind die herrlichen Fol⸗ gen der Freiheit, wenn ſie an einer Verfaſſung Theil hat. Es ſcheint mir aber, daß jene Leute ſehr leicht die ausuͤbende Beſchaffenheit ihrer Pflich⸗ ten vergeſſen und ſich einbilden, daß ihre bedeu⸗ tenden Vorrechte nur dazu da ſind, um ihnen Mit⸗ tel zu ihrer Selbſtbefriedigung an die Hand zu geben. Sie haͤtten zu bedenken, daß bei einer Ver⸗ faſſung, wie die engliſche iſt, die bevorrechteten Staͤnde eben ſo viel Nutzen ſtiften ſollen, als ſie zur Zierde gereichen, und daß ihre Tugenden ſie allein zu beidem faͤhig machen koͤnnen. Ihre Pflichten ſind zwiſchen dem Beherrſcher und dem Unterthan getheilt: ſie umgeben den Thron, dem ſie Glanz und Wuͤrde ertheilen, indem ſie zu⸗ gleich ſeine Strahlen maͤßigen und mildern, bis ſie in ſanftem und freundlichem Licht auf das Volk fallen. Zu Muße und Reichthum geboren, ſind ſie die Anwendung ihrer Talente und Mittel dem Vaterlande ſchuldig. Sie laſſen ſich mit den Wolken vergleichen, welche, von der Sonne angezogen und zum Himmel erhoben, deren Glanz zuruͤckſtrahlen und erheben, waͤhrend ſie die Erde, der ſie ihre Entſtehung verdankten, dadurch be— lohnen, daß ſie ihre Schaͤtze in fruchtbringenden Schauern ihr zuruͤckgeben. 42 2 Bekenntniſſe eines alten Junggeſellen. Ein ſtilles eingezog'nes Leben will ich führen. Der Köhler von Croydon.*) Jo ſaß, vor einem oder zwei Morgen in mei⸗ nem Zimmer, leſend, als Jemand an die Thuͤr klopfte und Meiſter Simon hereintrat. Er ſah ungemein friſch aus, hatte einen hellgruͤnen Reitrock an, trug einen Strauß Veilchen im Knopfloch, und hatte ganz das Anſehen eines al⸗ ten Junggeſellen, der ſich verjuͤngen will. In⸗ deſſen bemerkte ich an ihm nicht ſeine gewoͤhn⸗ liche Munterkeit und Lebendigkeit: er ſchlenterte im Zimmer mit einer gewiſſen Zerſtreutheit um⸗ her, brummte das alte Lied:„geh', Roſe, hin und ſag' ihr an, was mich ſo tief betruͤbt“ lehute *) Ein Schauſpiel aus dem Anfange des 17ten Jahrhun⸗ derts, von einem unbekannten Verfaſſer. Ueberſ. 18— ſich dann an ein Fenſter, blickte auf die Gegend hin, und ſtieß einen ſehr vernemlichen Seufzer aus. Da ich gar nicht gewohnt war, Meiſter Simon ſo gedankenvoll zu ſehen, ſo glaubte ich, daß ihm irgend etwas Unangenehmes durch den Kopf gehe, und ſuchte deswegen dem Geſpraͤch eine erheiternde Wendung zu geben; aber er war nicht in der Laune, darauf einzugehen, und ſchlug mir vor, daß wir einen Spaziergang machen ſollten. Es war ein ſchoͤner Morgen, und die Luft mit der angenehmen Fruͤhlingswaͤrme erfuͤllt, wel⸗ che allen Froſt in unſerem Blute aufzuthauen und die ganze Natur in Bewegung zu bringen ſcheint. Selbſt die Fiſche fuͤhlten ihren Einfluß: die vorſichtige Forelle kam aus ihrer dunkeln Ver⸗ tiefung hervor, ſich an das Maͤnnchen anzuſchlie⸗ ßen, die Ploͤtze und der Weißfiſch ſtiegen zur Oberflaͤche des Baches empor, um ſich zu ſonnen, und der verliebte Froſch quakte zwiſchen den Bin⸗ ſen. Ja, wenn eine Auſter wirklich Liebe fuͤhlen kann, wie es in einem Spruͤchwort oder in ei⸗ nem Geſange*) heißt, ſo muß es an einem ſol⸗ chen Morgen ſeyn.— *) Ich erinnere mich, einen ſolchen komiſchen Geſang von Grimaldi, dem berühmten Harlekin, auf dem Drury⸗ 4— 4— 19 Das Wetter aͤußerte denn auch ſeinen Ein⸗ fluß auf Meiſter Simon, jedoch ſo, daß er ganz ſeiner nachdenklichen Stimmung nachzuhangen ſchien. Statt kraͤftig einherzugehen, mit ſeiner Hundepeitſche zu knallen, drollige Lieder zu pfei⸗ fen oder Jagdanekdoten zu erzaͤhlen, lehnte er ſich auf meinen Arm und ſprach von der bevor⸗ ſtehenden Vermaͤhlung, wobei er mehrere Ab⸗ ſchweifungen uͤber den Charakter der Frauen machte, etwas von zaͤrtlichen Neigungen ſprach, und mehrere vortreffliche, wenn gleich nicht ganz neue, Bemerkungen uͤber Ungluͤck in der Liebe machte. Es war klar, daß er etwas auf dem Herzen hatte, das er mitzutheilen wuͤnſchte, allein er wußte nicht, wie er es anfangen ſollte. Ich war neugierig zu ſehen, wohin das endlich fuͤh⸗ ren wuͤrde, aber auch entſchloſſen, ihm nicht zu Huͤlfe zu kommen. Boshafterweiſe ſuchte ich die Unterhaltung auf etwas anderes zu bringen und ſprach von ſeinen gewoͤhnlichen Unterhaltungsge⸗ genſtaͤnden, von Hunden, Pferden und Jagen, aber er antwortete ſehr kurz, und kam immer, ent⸗ — lane Theater vortragen gehört zu haben, worin der Refrain immer der war,„daß auch eine Auſter verliebt ſeyn kön⸗ ne.“ Ueberſ. 4 20 weder geradezu oder durch Umſchweife, auf ſeine empfindſame Ader zuruͤck. Endlich gelangten wir zu einer Gruppe von Baͤumen, welche uͤber einen murmelnden Bach ſich hinuͤberbog und an deren Fuß eine laͤndliche Bank ſtand. Die Baͤume waren uͤber und uͤber mit Buchſtaben und Spruͤchen, welche, zugleich mit der Rinde, aus aller Form und Geſtalt her⸗ ausgewachſen waren, bedeckt, und es ſchien, als ob dieſes Gebuͤſch ſeit undenklichen Zeiten zu einem Familienregiſter gedient habe. Hier blieb Meiſter Simon ſtehen, riß einen ganzen Buſch Blumen aus, warf ſie eine nach der andern in das Waſſer, und fragte mich endlich, indem er ſich ploͤtzlich zu mir wandte: ob ich je verliebt gewe⸗ ſen ſey. Ich muß geſtehn, daß mich die Frage etwas ſtutzen machte, denn ich liebe es eben nicht, meine verliebten Thorheiten laut einzugeſtehen, und wuͤrde namentlich nie daran denken, meinen Freund, Meiſter Simon, zum Vertrauten zu machen. Er erwartete indeß meine Antwort nicht; die Anfrage war, von ſeiner Seite, ein blo⸗ ßes Vorſpiel, und nach mehreren Umſchweifen und ſonderbaren Einleitungen, erzaͤhlte er mir eine ganz artige Geſchichte von ſeinem Ungluͤck in der Liebe. 21 Wcohrſcheinlich wird der Leſer glauben, daß dieſe ſich auf die muntere Wittwe bezog, die ihn, vor nicht gar langer Zeit, auf dem Pferderen⸗ nen von Doncaſter ſo uͤbel ablaufen ließ— allein er irrt ſich. Sie betraf eine zaͤrtliche Nei⸗ gung, die er einſt fuͤr eine ſchoͤne junge Dame fuͤhlte, welche Verſe machte und die Harfe ſpielte. Er pflegte ihr Staͤndchen zu bringen, und beſchrieb mir mehrere zaͤrtliche und verliebte Auftritte, worin er ſich offenbar, in ſeinen geiſtigen Augen, als einen zierlichen Romanenhelden erblickte, waͤh⸗ rend ich, ungluͤcklicherweiſe, ihn nur als einen knappen, kleinen, alten Junggeſellen vor mir ſah, mit einem Geſichte, wie ein vertrockneter Apfel, der aber noch roth ausſieht. Die genaueren Umſtaͤnde dieſes zaͤrtlichen Romans habe ich bereits vergeſſen, auch hoͤrte ich ihn mit einem Herzen wie Kieſelſtein an, denn es ward mir ſchwer, ein Laͤcheln zu verbergen, waͤh⸗ rend er den Verliebten machte, dann und wann einen Seufzer ausſtieß, und ſich Muͤhe gab, ſchwer⸗ muͤthig und empfindſam auszuſehen. Alles, deſſen ich mich erinnere, war, daß die Dame, wenigſtens ſeiner Erzaͤhlung nach, aller⸗ dings nicht ganz gleichguͤltig gegen ihn war, denn 22 ſie nahm alle die Muſik an, die er fuͤr ſie ab⸗ ſchrieb, und alle die Muſter, die er fuͤr ſie zeich⸗ nete, und er fing, nach einer lange fortgeſetzten Auf⸗ merkſamkeit, bereits an, ſich zu ſchmeicheln, daß er eine zaͤrtliche Flamme in ihrem Herzen ange⸗ facht habe, als ſie ploͤtzlich die Hand eines reichen, vorlauten, fuchsjagenden Baronets annahm, der weder Muſik verſtand, noch empfindſam war, und der nach einem vierzehntaͤgigen Courmachen ihr Herz mit Sturm eroberte. Meiſter Simon konnte nicht umhin, mit einer Bemerkung uͤber beſcheidenes Verdienſt und die Macht des Geldes uͤber das andere Geſchlecht, zu ſchließen. Als ein Andenken von ſeiner Lei⸗ denſchaft zeigte er mir ein Herz, welches er in die Rinde eines der Baͤume eingeſchnitten hatte, das aber im Laufe der Zeit gewaltig ausgewach⸗ ſen war: auch zeigte er mir eine Locke von ih⸗ rem Haar, die er, in einem Liebesknoten, in ſei⸗ ner Bruſtnadel trug. Ich habe ſelten einen alten Junggeſellen geſehen, der nicht, zu irgend einer Zeit, ſeine al⸗ berne Stunde gehabt haͤtte, wo er zaͤrtlich und empfindſam wurde, von Herzensangelegenheiten ſprach, und irgend ein zaͤrtliches Geſtaͤndniß zu machen hatte. Beinahe jeder Mann hat eine — — 23 romantiſche Zeit in ſeinem Leben gehabt, auf die er mit Vergnuͤgen zuruͤckblickt und uͤber die er dann und wann ſehr breit werden kann. Er denkt ſich, wie er zu jener Zeit war, jung und leichtfertig, und vergißt, daß ſeine Zuhoͤrer keinen andern Begriff von dem Helden der Erzaͤhlung haben, als wie er ihnen erſcheint, itzt, da er ſie vortraͤgt, als ein vielleicht verſchrumpfter, gril⸗ lenhafter, duͤnnbeiniger alter Herr. Bei ver⸗ heiratheten Maͤnnern iſt das nicht ſo leicht der Fall; dieſe verliebte Romantik verliert ſich ge— woͤhnlich nach der Heirath; warum, weiß ich wahr⸗ haftig nicht: bei einem Junggeſellen erſtirbt ſie aber nie, wenn ſie auch zuweilen ſchlummern mag. Es werden immer gewiſſe voruͤbergehende Spuren davon bei ihm ſichtbar werden, und nie⸗ mals mehr, als an einem Fruͤhlingsmorgen auf dem Lande, oder an einem Winterabende, wenn er in ſeinem einſamen Zimmer ſitzt, ſein Feuer aufruͤhrt und von Heirathen ſchwatzt. Sobald Meiſter Simon ſein Bekennt⸗ niß abgelegt, oder, wie man gewoͤhnlich ſagt,„ſein Gewiſſen erleichtert hatte“ war er wieder der alte. Er hatte ſich uͤber das ausgeſprochen, was ihm im Kopfe herumgegangen war, und hielt ſich nun uͤberzeugt, daß ich ihn fuͤr einen Mann von 24— Gefuͤhl anſehe. Ehe wir unſern Morgenſpazir⸗ gang beendigt, ſang er ſchon wieder froͤhlich wie ein Heimchen, pfiff ſeinen Hunden und erzaͤhlte naͤrriſche Geſchichten, und ich erinnere mich, daß er gerade an dieſem Tage, bei Tiſche, ſich uͤber das Heirathen ganz beſonders luſtig machte, und meh⸗ rere vortreffliche Sachen ſagte, die nicht in Joe Miller ſtehen*), und welche machten, daß die Braut erroͤthete und vor ſich nieder ſah, woruͤber die alten Herren am Tiſche aber in ein lautes Gelaͤchter ausbrachen, und namentlich dem Gene⸗ ral die Thraͤnen in die Augen traten. *) Eine alte, bekannte engliſche Anekdotenſammlung, wie unſer Vademecum. Ueberſ. Engliſcher Ernſt. „Das luſtige England!“ Alte Redensart. Nichts iſt wohl ſeltener, als daß ein Mann ſein Steckenpferd ohne Belaͤſtigung reiten kann. Jc) ſinde, daß der Squire keinesweges ſeinen Launen ſo ungeſtoͤrt nachhangen darf, als ich es glaubte: er iſt in neuerer Zeit haͤufig dabei gehindert wor⸗ den, und hat namentlich eine Art wohlgemeinter Verfolgung von einem gewiſſen Hrn. Faddy er⸗ dulden muͤſſen, einem alten Herrn von einigem Gewicht(wenigſtens des Beutels), der vor kur⸗ zem in die Nachbarſchaft gezogen iſt. Er iſt ein achtbarer wohlhabender Fabrikant, der, nachdem er durch Dampfmaſchinen und Baumwollenſpin⸗ nereien ein großes Vermoͤgen erworben, ſich von dem Geſchaͤft zuruͤckgezogen hat und nun ein II.. B 26 Landmann geworden iſt. Er hat einen alten Landſitz in Pacht genommen, ihn aufgeſtutzt, anma⸗ len und antuͤnchen laſſen, bis er ungefaͤhr wie ſeine Fabrik ausgeſehen hat. So hat er ſich es auch beſonders angelegen ſeyn laſſen, die Mauern und Hecken auszubeſſern, und uͤberall auf ſeinem Grund und Boden Tafeln aufhangen laſſen, daß hier Selbſtſchuͤſſe*) und Fußangeln gelegt waͤren. Ueberhaupt iſt er auf ſeine gutsherrlichen Rechte ſehr eiferſuͤchtig; er hat einen Fußſteig, der uͤber ſeine Felder fuͤhrte, ganz eingehen laſſen, und An⸗ ſchlaͤge mit großen Buchſtaben verkuͤndigen, daß wer auf dieſem Grunde und Boden eigenmaͤch⸗ tig etwas vornehme, nach der ganzen Strenge der Geſeßze behandelt werden ſolle. Er hat alle die ſtaͤdtiſchen Angewohnheiten und das geraͤuſchvolle Weſen des Geſchaͤfts mit auf das Land gebracht, und gehoͤrt zu den wohlmeinenden, nuͤtzlichen, langweiligen, zudringlichen, unertraͤglichen alten Herren, welche uͤberall die Geſellſchaft durch ihre vortrefflichen Plaͤne zur Befoͤrderung der oͤffentli⸗ chen Wohlfahrt ermuͤden und zur Merzweiſlhn bringen. 4) Spring guns, Flintenläufe mit Schlöſſern, welche los⸗ geßen, Geald man auf eine Feder(spring) tritt, die mit dem Hahn in Verbindung ſteht. Ueberſ. 27 Hr. Faddy hat große Luſt, mit dem Squire ſehr vertraut zu werden; zuweilen beſucht er ihn, um ihm einen Plan zum Beſten der Umgegend vor⸗ zulegen, der in der Regel einer oder der andern eigenthuͤmlichen Anſicht des Sqauire ſchnurſtracks zuwiderlaͤuft, dabei aber doch als nuͤtzliche Maaß⸗ regel ſich zu ſehr empfiehlt, als daß man ſich ihm ge⸗ radezu entgegenſetzen koͤnnte. So hat er ihn durch die puͤnktliche Vollſtreckung des Geſetzes gegen Vagabonden entſetzlich geplagt, wie auch dadurch, daß er die Zigeuner verfolgt, und Kirmeſſe und Feſttagsſpiele unterdruͤcken will, die er fuͤr große Mißbraͤuche, und fuͤr die Haupturſachen der Tod⸗ ſuͤnde der Traͤgheit haͤlt. In allem dieſem liegt offenbar etwas von der Prahlerei der neu erlangten Bedeutſamkeit; der Handwerker waͤchſt nach und nach zum Ariſto⸗ kraten empor und wird gewaltig unduldſam ge⸗ gen Alles, was nicht zum guten Ton gehoͤrt. Er laͤßt oft das Wort„gemeines Volk'“ einfließen, ſpricht viel von ſeinem Park, ſeinen Treibhaͤu⸗ ſern, von der Nothwendigkeit, die Jagdgeſetze ſtrenge zu handhaben, und bedient ſich haͤufig der Redensart„die Leute hoͤheren Standes in der Umgegend.“ Vor kurzem kam er einmal, mit einer aͤu⸗ B 2 28 — ßerſt wichtigen Miene, nach der Halle, damit er und der Squire, wie er ſich ausdruͤckte„mit ein⸗ ander zu Rathe gingen“ wie man am beſten den Luſtbarkeiten im Dorfe, an dem bevorſtehenden Maitage, Einhalt thun koͤnnte. Sie zoͤgen, ſagte er, Maͤſſiggaͤnger aus der ganzen Nachbarſchaft hieher, welche den Tag mit Muſik, Tanz und Voͤllerei hinbrächten, ſtatt zu Hauſe zu bleiben und fuͤr ihre Familien zu arbeiten. Da nun der Squire, ungluͤcklicherweiſe, die Hauptſtuͤtze aller dieſer Maitagsluſtbarkeiten iſt, ſo kann man denken, daß die Vorſchlaͤge des ſcharfſinnigen Hrn. Faddy eben nicht ſehr freund⸗ lich aufgenommen wurden. Der alte Herr hat zwar zu wiel Lebensart, als daß er einen Gaſt, in ſeinem eigenen Hauſe, ſeine Unzufriedenheit merken laſſen follte; kaum hatte er indeß ſich ent⸗ fernt, als der Sguire ſeinem Unwillen uͤber den Einbruch der ſummenden Gewerbsfliege in ſeine poetiſchen Spinnweben freien Lauf ließ. In ſeiner Hitze zog er gegen die ganze Claſſe der Fa⸗ brikanten los, die, wie ich erfuhr, er uͤberhaupt als Ruheſtorer anſieht.„Ja' ſagte er in großer Bewegung, ⸗das Herz blutet mir, wenn ich alle unſere ſchoͤnen Fluͤſſe durch Baumwollenſpinne⸗ reien geſtaut und damit aberbaut, unſere Thaͤler 29 von Dampfmaſchinen rauchen, und den Laͤrm des Hammers und des Webeſtuhls alle unſere laͤnd⸗ lichen Ergoͤtlichkeiten verſcheuchen ſehe. Was ſoll aus dem froͤhlichen alten England werden, wenn ſeine Landſitze in Manufakturen umgewandelt und ſeine tuͤchtigen, wackern Landleute zu Nadlern und Strumpfwirkern werden? Vergebens habe ich mich nach dem froͤhlichen Sherwood*), und allen den belaubten Schlupfwinkeln Robin Hood’sumgeſehen: die ganze Gegend iſt mit Manu⸗ fakturſtaͤdten bedeckt. Ich habe auf den Truͤm⸗ mern von Dudley Caſtle*) geſtanden und mit wundem Herzen auf die einſt ſo bluͤhenden, fruchtbaren Lehnguͤter umhergeſchaut. Ich ſah ein phlegraͤiſches Gefilde, eine Feuergegend, die von Kohlengruben, Oefen und Schmelzhuͤtten rauchte, welche Flammen und Rauch ausſpieen. Die bleichen, geſpenſterhaft ausſehenden Leute, die ſich zwiſchen den giftigen Daͤmpfen umherbe⸗ wegten, ſahen mehr wie Teufel denn wie Men⸗ ſchen aus, und die raſſelnden Räder und Ma⸗ ſchinen, die man durch die ſchmutzig⸗duͤſtere Luft —, Landfibe, wie Sherwood Hall(in Nottingham⸗ ſhire), erinnern durch ihre Namen noch an den Sitz Robin Hood's. Ueberſ. **) Ein verfallnes, zur Stadt Dudley, nicht weit von Birmingham, gehöriges Schloß. Ueberſ. 30 ſah, hatten das Anſehen von Marterwerkzeugen in dieſer Hoͤlle. Was ſoll aus dem Lande werden, wenn ſich dieſe Uebel im Innerſten deſſelben ent⸗ ſpinnen? Ja, dieſe Fabriken werden unſere laͤnd⸗ lichen Sitten in Grund und Boden verderben, ſie werden den Volkscharakter untergraben, und nicht zu einer einzigen poetiſchen Zeile Stoff laſſen!“ 3 Der Squire wird uͤber ſolche Gegenſtaͤnde leicht beredt, und ich konnte nicht umhin, bei dieſer ſonderbaren Klage uͤber den Gewerbfleiß und die Fortſchritte des oͤffentlichen Wohlſtandes zu laͤcheln. Ich hoͤre indeß, daß er uͤber die wach— ſende Ausbreitung der Gewerbe, als eine Zer⸗ ſtoͤrung der Freuden des Lebens, ernſtlich betruͤbt iſt. Er betrachtet einen jeden neuen kuͤrzeren Weg, um etwas zu vollbringen, als einen Eingriff in den gewohnten bequemen Schlendrian, und glaubt, daß die Welt bald zu einem großen Geſchaͤfts⸗ hauſe ſich geſtalten werde, wo das Leben auf eine ma⸗ thematiſche Berechnung aller Zweckmaͤßigkeiten zuruͤckgefuͤhrt, und alles durch Dampf betrieben werden wird. So behauptet er auch, daß das Volk von ſeinem freien und froͤhlichen Geiſt in dem Grade verloren, als es ſeine Aufmerkſamkeit auf Handel „——y 2 — 31 und Fabriken gerichtet habe, und daß in alten Zeiten England zwar eine muͤßige, aber auch eine froͤhliche kleine Inſel geweſen ſey. Zur Unter⸗ ſtuͤzung dieſer ſeiner Behauptung fuͤhrt er die Haͤufigkeit und den Glanz der alten Feſte und Luſtbarkeiten, und die Lebendigkeit an, womit ſie von allen Volksklaſſen begangen wurden. Sein Gedaͤchtniß iſt ganz mit den Nachrichten erfuͤllt, die Stow, in ſeiner Beſchreibung von London, von den Feſttagsfeierlichkeiten in den Rechtsſchu⸗ len, den Weihnachts-Vermummungen und den Maskeraden und Freudenfeuern auf den Straßen giebt.„London,“ ſagt er,„glich, zu jenen Zeiten, den Staͤdten des feſten Landes in Ruͤckſicht auf ſeine maleriſchen Sitten und Vergnuͤgungen. Nach dem Kroͤnungsmahle von Richard II. zum Bei⸗ ſpiel, tanzte der Koͤnig, die Praͤlaten, die Edel⸗ leute, die Ritter und die uͤbrige Geſellſchaft in der Weſtminſter⸗Halle nach der Muſik der Bar⸗ den, die mittleren Klaſſen folgten dem Beiſpiele des Hofes, und ſo hinunter bis zum Niedrigſten, und das ganze Volk war damals ein tanzendes, luſtiges Volk.“ So fuͤhrt er ein lebendiges Bild der Stadt in jenen Zeiten an, wie es bei Stow zu finden iſt, und das dem gleicht, was man itzt noch oft in der muntern Stadt Pa⸗ 32 ris ſehen kann, denn er ſagt, daß an Feſttagen, nach dem Abendgebet, die Maͤchen in London, im Angeſicht ihrer Gebieter und Gebieterinnen, ſich vor den Thuͤren zu verſammeln pflegten, und um die Blumengehaͤnge tanzten, die quer uͤber die Straße gezogen waren, waͤhrend Eine von ihnen das Tambourin ſchlug. „Wo finden wir wohl, heutiges Tages, ſo froͤhliche Gruppen 29 pflegt der Squire dann aus⸗ zurufen, indem er traurig den Kopf ſchuͤttelt: „und die Kleiderpracht, die unter allen Klaſ⸗ ſen der Geſellſchaft herrſchte, und ſogar die Straßen ſchoͤn und maleriſch machte? Ich habe— ſagt Gervaſius Markham— einen ganz gewoͤhn⸗ lichen Kellner geſehen, mit ſeidenen Struͤmpfen, Strumpfbaͤnder dazu, reich mit goldenen Treſſen beſetzt, die uͤbrige Kleidung dazu paſſend, und daruͤber einen mit Sammet gefuͤtterten Mantel! Naſhe, der im Jahre 1593 ſchrieb, ruft bei ſeinen Be⸗ merkungen uͤber den Aufwand der Kleidung des Volkes aus:„England, die Schaubuͤhne aller Prachtanzuͤge, der Affe aller Ueberfluͤſſigkeiten an⸗ derer Voͤlker, das fortdauernd in alle moͤgliche auslaͤndiſche Kleidungen verlarvt iſt.“ Dieß ſind einige wenige von den Quellen, welche der Squire anfuͤhrt, um die geglaubte 22 fruͤhere Lebendigkeit des Volks, und ſeinen gegen⸗ waͤrtigen einfoͤrmigen Charakter recht grell gegen uͤber zu ſtellen.„John Bull,“ pflegt er zu ſa⸗ gen,„war damals ein ſtattlicher Cavalier, mit einem Degen an der Seite und einer Feder auf dem Hute: ittt aber iſt er ein gruͤbelnder Buͤr⸗ ger, in einem dunkelbraunen Rocke, und mit Ka⸗ maſchen.“ Vebrigens ſcheint in dem Volkscharakter; ſeit den Zeiten, von welchen der Squire ſo gern ſprichs, in der That eine Veraͤnderung vorgegangen zu ſeyn: ſeit den Tagen naͤmlich, wo dieß kleine Ei⸗ land ſeine alte Lieblingsbenennung des„luſtigen Englands“ erhielt. Dieß iſt vielleicht dem wach⸗ ſenden Druck der Zeiten, ſo wie der RNothwen⸗ digkeit beizumeſſen, die ganze Aufmerkſamkeit auf die Mittel zum Unterhalt wenden zu muͤſſen: aber Englands froͤhlichſte Gewohnheiten herrſchten gerade zu der Zeit, wo das gemeine Volk verhaͤlt⸗ nißmaͤßig wenig von den Bequemlichkeiten und Annehmlichkeiten genoß, deren es ſich itzt zu er⸗ freuen hat. Noch mehr aber mag es in der all⸗ gemeinen Begierde nach Gewinn, und in dem be⸗ rechnenden Weſen liegen, wozu der Handel Gele⸗ genheit gegeben hat: am meiſten glaube ich indeß, es der allmaͤhlig wachſenden Freiheit der Unter⸗ 34 thanen und der ſich immer mehr ausdehnenden Unbeſchraͤnktheit und Regſamkeit der oͤffentlichen Meinung zuſchreiben zu muͤſfen. Ein freies Volk iſt gewoͤhnlich ernſt und nachdenkend. Es hat große und wichtige Ge⸗ genſtaͤnde, die ſeine Aufmerkſamkeit beſchaͤftigen. Es fuͤhlt, daß es ſein Recht, ſein Vortheil, ſeine Pflicht iſt, ſich in die offentlichen Angelegenheiten zu miſchen, und uͤber das allgemeine Wohl zu wachen. Die beſtaͤndige Beſchaͤftigung des Ge⸗ muͤths mit politiſchen Gegenſtaͤnden giebt uͤber⸗ haupt zu viel ſchaͤrferem Denken Anlaß, und ein ernſteres, gemeſſeneres Anſehen. Ein Volk wird dadurch weniger froͤhlich, aber geiſtig thaͤtiger und kraͤftiger. Seine Einbildungskraft verliert an Beweglichkeit, gewinnt aber an innerer Staͤrke; ſein Geiſt erhaͤlt weniger Geſchmack und Zier⸗ lichkeit, dafuͤr aber auch mehr Großartiges, we⸗ niger reges Leben, aber dafuͤr eine deſto innigere Begeiſterung. Wenn die Menſchen durch eine despotiſche Regierung von dem Reiche maͤnnlichen Denkens ausgeſchloſſen werden; wenn es gefahrvoll wird, einen ernſten, erhabenen Gegenſtand zu eroͤrtern, ja ſchon daruͤber nachzudenken, dann wenden ſie ſich zu den unſchaͤdlicheren Beſchaͤftigungen des ** 35 Geſchmacks und der Unterhaltung: Kleinigkeiten erhalten Wichtigkeit, und muͤſſen die heißhunge⸗ rige Thaͤtigkeit des Verſtandes beſchaͤftigen. Kein Weſen hat weniger Sorge und Ueberlegung, als ein Sklav, keiner tanzt froͤhlicher in den unbe⸗ ſchaͤftigten Zwiſchenraͤumen: man mache ihn aber frei, man gebe ihm Rechte und ein Intereſſe zu bewachen, und er wird nachdenkend und arbeit⸗ ſam werden. Die Franzoſen ſind ein ungleich aufgeweck⸗ teres Volk als die Englaͤnder. Und warum? Vielleicht ſchon aus natuͤrlicher Anlage, aber gro⸗ ßentheils deswegen, weil ſie immer an Regierun⸗ gen gewoͤhnt geweſen ſind, welche die freie Aus⸗ uͤbung des Denkvermoͤgens mit Gefahren zu um⸗ geben wußten, und wo nur der ſicher war, der Augen und Ohren gegen das verſchloß, was im Staate vorging und ſich mit den voruͤbergehen⸗ den Vergnuͤgungen des Tages beſchaͤftigte. In den letztern Jahren haben ſie mehr Gelegenheit gehabt, ihren Geiſt zu uͤben, und feit der Zeit hat ſich ihr Nationalcharakter fehr weſentlich ge⸗ aͤndert. Die Franzoſen haben nie ſo viel Frei⸗ heit genoſſen, als gegenwaͤrtig, und die Franzoſen ſind itzt, verhaͤltnißmaͤßig, ein ernſtes Volk geworden. — —— Zigeuner. — Was iſt das gegen gänzliche Freiheit? die, wie ſie alle Bett⸗ ler haben, heute hier und morgen dort zu ſchmanſen und luſtig zu ſeyn, am andern Tage hinzugehn, wohin ſie wollen, und ſo immer weiter, durch das ganze Kö⸗ nigreich? Das iſt Freiheit; die Vögel in der Luft kön⸗ nen nicht freier ſeyn. Brome's luſtiges Volkt. — Sei der Zuſammenkunft mit den Zigeunern⸗ von der ich in einem der vorigen Kapitel erzaͤhlt, habe ich, dem ausdruͤcklichen Verbote des Squire zum Trotz, mehrere derſelben in der Gegend der Halle umherſchleichen geſehen. Sie gehoͤren zu 4 einer Bande, welche lange in der Nachbarſchaft gehauſet hat, zum großen Verdruſſe der Paͤch⸗ ter, deren Huͤhnerhoͤfe ſehr oft in der Nacht von ihnen heimgeſucht worden. Anderer Seits 1 1 — 37 werden ſie indeß gewiſſermaßen von dem Squire geſchuͤttt, der dieſe Menſchenart als noch zu den guten alten Zeiten gehoͤrig anſieht, in denen es— unter uns geſagt— ein Uebermaaß von nichtsnutzen Leuten gegeben zu haben ſcheint. Dieſes herumſtreifende Volk wird„Ster⸗ nen⸗Thomas Bande“ genannt, nach dem Namen ihres Anfuͤhrers, eines beruͤchtigten Wilddiebes. Ich habe haͤufig von den Unthaten dieſes„Guͤnſt⸗ lings des Mondes“ gehört, denn jeden naͤchtli⸗ chen Raub, der in einem Parke, einem Pferch, oder auf einem Bauerhofe begangen wird, legt man ihm zur Laſt. Der Sternen⸗Thomas macht uͤbrigens ſeinem Namen Ehre, er ſcheint im Dunkeln zu wandern, und iſt, wie ein Fuchs, am Morgen an dem Unheil zu erkennen, das er an⸗ geſtiftet hat. Er erinnert mich an den furchtba⸗ ren Mann im Ammenliede: Wer ſchleicht um Mitternacht um s Haus? Der blut'ge Thomas iſts! Wer ſchleppt die Schafe all' hinaus? Das iſt er, ganz gewiß! Kurz der Sternen⸗Thomas iſt der Suͤnden⸗ bock in der ganzen Nachbarſchaft, aber dabei ſo verſchmitzt und gewandt, daß man ihn nie ent⸗ 38 decken kann. Der alte Chriſty und der Wildhuͤ⸗ ter haben manche Nacht gewacht, in der Hoff⸗ nung, ihn einmal zu ertappen, und Chriſty durch⸗ ſtreift deswegen oft den Park mit ſeinen Hun⸗ den, aber Alles vergebens. Man behauptet, daß der Squire allen ſeinen Unthaten nachſehe, in⸗ dem er eine gewiſſe Vorliebe fuͤr den Landſtrei⸗ cher habe, da dieſer in aller Art von Leibesuͤbungen ſehr gewandt ſey, ſehr gut mit der Armbruſt ſchieße und der beſte Mohrentaͤnzer im Lande ſey.*) Der Squire laͤßt die Bande ungeſtoͤrt an der Graͤnze ſeines Gebiets ihr Weſen treiben, unter der Bedingung, daß ſie nicht in die Naͤhe ſeines Hauſes kommen. Die bevorſtehende Hoch⸗ zeit hat indeß zu einer Art von Saturnalien in der Halle Veranlaſſung gegeben, und alle Zucht und Ordnung aufgehoben. Der weibliche Theil des Hausſtandes iſt in großer Bewegung: jedes *) Die Mohrentänze, morris dances, deren Urſprung John⸗ ſon von den Mauren herleiten will, waren eine Feſtlichkeit, die man, in alten Zeiten, in England, um Frühlingsanfang, anſtellte und welche zu den Mai⸗Luſtbarkeiten überhaupt ge⸗ hörte. Der Tanz wurde von fünf Mannern, mit Schellen 5 behangen und mit Schwertern bewaffnet, die ſie an einander ſchlugen, getanzt, wozu noch ein als Mädchen verkleideter Knabe kam, der die Maienköniginn hieß. Man ſehe weiter unter den Abſchnitte: der erſte Mai. Ueberſ. ₰ — — —— — — 39 Hausmaͤdchen traͤumt von Hochzeitsſchleifen*) und denkt an einen Mann. Dieß iſt die Zeit der Ernte fuͤr die Zigeuner: durch einen Theil des Parks geht ein oͤffentlicher Fußſteig; auf dem kommen ſie herein, ſind beſtaͤndig in der Naͤhe, wahrſagen den Dienſtmaͤdchen und werden zuwei⸗ len auch wohl unter der Hand zu den jungen Damen hineingefuͤhrt. Der Oxforder Student ſcheint ſeine Freude daran zu haben, ihnen heimlich die gehoͤrigen Winke zu geben, ſo daß alle ſchwachen Koͤpfe uͤber ihre wundervollen Eroͤffnungen verdreht werden. Der General konnte ſich von ſeinem Erſtaunen uͤber die Mittheilungen, die ihm das Zigeunermaͤdchen an einem der vorigen Abende gemacht hatte“) gar nicht erholen; er beobachtete zwar gegen uns aͤber den Gegenſtand ein gewiſſes ſcheues Still⸗ ſchweigen und ſchien die Sache obenhin zu be⸗ handeln, aber ich habe bemerkt, daß er, ſeit der Zeit, ſeine Aufmerkſamkeiten gegen Lady Lilly⸗ craft und ihre Hunde verdoppelt hat. *) Wedding favours. Es iſt in England Sitte, daß bei einer Hochzeit Bediente, Kutſcher, Vorreiter und alle übrigen Dienſtboten, ja die Pferde ſelbſt, große Bandſchleifen tra⸗ gen. Ueberſ. **) S. Theil I. S. 224. 40 So habe ich auch Phoͤbe Wilkins, die artige, liebeſteche Nichte der Haushaͤlterinn, eine lange Berathung mit einer jener alten Sibyllen hinter einem großen Baume in der Allee halten, und ſich oft umblicken ſehen, ob ſie auch nicht beobachtet werde. Ich glaube, daß ſie uͤber den Ausgang ihres Liebeszwiſtes mit dem jungen Baargeld etwas zu erfahren wuͤnſchte, denn ge⸗ woͤhnlich werden die Orakel uͤber Liebeshaͤndel, mehr als uͤber alles Andere, befragt. Ich fuͤrch⸗ te indeſſen, daß, in dieſem Fall, der Beſcheid nicht ſo guͤnſtig als gewoͤhnlich war, denn ich ſah die arme Phoͤbe gedankenvoll nach dem Hauſe zu⸗ ruͤckgehen; ſie ließ den Kopf hangen, hatte den Hut in der Hand, und das Band ſſchleifte auf der Erde nach. Ein anderes Mal begegnete ich, als ich mich um eine Ecke der Terraſſe, am Ende des Gar⸗ tens, wandte, dicht bei einer Gruppe von Baͤu⸗ men und bei einer großen ſteinernen Vaſe, einem Schwarme junger Maͤdchen aus dem Hauſe, bei welchem auch eben jene Phoͤbe Wilkins war. Ich konnte Anfangs gar nicht begreifen, was ihr Rothwerden und Kichern und ihre anſcheinende Verwirrung bedeuten ſollte, bis ich den rothen Mantel einer Zigeunerinn in dem Geſtraͤuch ver⸗ 41 ſchwinden ſah. Einige Augenblicke nachher ſah ich Meiſter Simon und den Oxforder Studen⸗ ten einen der Gaͤnge des Gartens hinunterſchlei⸗ chen, und Beide kitzelten ſich und lachten uͤber das wohlgelungene Schelmſtuͤck, denn ſie hatten offenbar die Zigeunerinn angeſtiftet und ihr un⸗ ter den Fuß gegeben, was ſie ſagen ſolle. Und doch liegt immer etwas Angeneh⸗ mes in dieſem Spiel mit der Zukunft, ſelbſt wann wir von der Truͤglichkeit der Vorausſagung uͤberzeugt ſind. Es iſt ſonderbar, wie leicht der Sinn ſich ſelbſt betruͤgt, und mit welcher Ehr⸗ furcht wir ſelbſt dieſe Zukunftsverkuͤndiger an⸗ zuhoͤren pflegen. Ich, meines Theils, kann die⸗ ſen armen Landſtreichern, die uns durch glaͤnzen⸗ de Hoffnungen und Erwartungen zu ſchmeicheln ſuchen, nicht zuͤrnen. Ich habe mir von jeher Luftſchloͤſſer gebaut, und das groͤßte Vergnuͤgen in den Taͤuſchungen gefunden, welche die Ein⸗ bildungskraft um die gemeine Wirklichkeit zu weben weiß. Je aͤlter ich aber werde, deſto ſchwerer finde ich es, mich auf dieſe ſchoͤne Art zu hintergehen, und ich wuͤrde es jedem Propheten, wie falſch er auch ſeyn moͤchte, danken, wenn er die Wolken, welche die Zukunft verhuͤllen, zu Pal⸗ laͤſten, und alle die unbeſtimmten Ausſichten in ein Feenland umzaubern wollte. Der Squire, der, wie ich ſchon geſagt habe, insgeheim den Zigeunern nicht uͤbel will, hat ſchon Manches ihretwegen leiden muͤſſen. Nicht daß ſie ſeine Nachſicht durch Undank vergaͤlten, denn ſie veruͤben auf ſeinem Gute keine bedeu⸗ tenden Diebſtaͤhle, aber weil ihre Entwendungen und der Unfug, den ſie anrichten, zu lautem Ge⸗ murre in dem Dorfe Anlaß geben. Ich be⸗ greife des alten Herrn Anſichten uͤber dieſen Punkt ſehr wohl: ich ſelbſt habe große Nachſicht gegen alle Arten landſtreicheriſchen Daſeyns in der hellen Sonne, und muß geſtehen, daß es mir Vergnuͤgen macht, die Art und Weiſe der Zi⸗ geuner zu beobachten. Die Englaͤnder, welche von Jugend auf an ſie gewoͤhnt ſind und oft von ihren kleinen Pluͤnderungen leiden, betrachten ſie nur als ein Uebel; mir ſind dagegen ihre Eigen⸗ thuͤmlichkeiten ſehr aufgefallen. Es macht mir Vergnuͤgen, ihre klare, braͤunliche Geſichtsfarbe, ihre romantiſchen dunkeln Augen, ihr rabenſchwar⸗ zes Haar, ihre geſchmeidigen, ſchlanken Geſtalten zu ſehen, und zu hoͤren, wie ſie im ſanften Silberton glaͤnzende Verſprechungen von Ehrenbezeugungen —ꝛ ⁴2 43 und Guͤtern, von weltlichem Reichthum und von Frauenliebe, geben. Auch ihre Lebensart hat etwas ſehr phan⸗ taſtiſches und maleriſches. Sie ſind die freien Buͤrger der Natur, und behaupten, dem Geſetze und dem Evangelium, den Gefaͤngniſſen und der Obrigkeit zum Trotz, ihre angeſtammte Unabhaͤn⸗ gigkeit. Es iſt merkwuͤrdig, zu beobachten, wie dieſe eigenſinnige Anhaͤnglichkeit an die wilde Un⸗ ſtaͤtigkeit eines herumziehenden Lebens, ſich von einem Geſchlechte auf das andere fortgepflanzt hat, und ſich mitten in einem der gebildetſten, bevoͤlkertſten und ſyſtematiſchſten Laͤnder der Welt erhaͤlt. Sie unterſcheiden ſich gaͤnzlich von dem geſchaͤftigen, erwerbſamen Volke um ſie her, und ſcheinen, wie die Indianer in Amerika, entweder uͤber die gewoͤhnlichen Sorgen und Muͤhen des Lebens erhaben zu ſeyn, oder unter ihnen zu ſte⸗ hen. Ohne Gewalt, Ehre und Reichthum zu ach⸗ ten, gleichguͤltig gegen die Ereigniſſe der Zeit, das Steigen und Fallen der Kornpreiſe oder der Staats⸗Papiere, ſcheinen ſie die ſich abquaͤ⸗ lende, abhaͤrmende Menge um ſich her zu ver⸗ lachen und nach der Philoſophie zu leben, welche das alte Lied enthaͤlt: „Wer Ehrgeiz ſich haͤlt fern, Lebt in der Sonne gern Selbſt ſucht, was ihn ernaͤhrt, Was er bekommt, verzehrt: Er komm uns entgegen! entgegen! Kein Feind ihm draͤut, Als boͤſe Zeit, Und Winter mit Stuͤrmen und Regen.*) So wandern ſie von einer Grafſchaft in die andere und halten ſich in der Naͤhe der Doͤr⸗ fer oder in ſolchen Gegenden, wo es reiche Meier⸗ hoͤfe und anſehnliche Landſitze giebt. Gewoͤhn⸗ lich ſchlagen ſie ihr Lager an irgend einer ſchoͤnen Stelle auf, entweder auf einem gruͤnen ſchatti⸗ gen Winkel an der Landſtraße, oder an dem Rande einer Gemeinwieſe unter einer ſchuͤtzen⸗ den Hecke, oder am Saume eines ſchoͤnen, gro⸗ ßen Gehoͤlzes. Man findet ſie immer auf Maͤrk⸗ ten, bei Pferderennen, bei laͤndlichen Feſten und wo es uͤberhaupt Vergnuͤgen, Gedraͤnge und Muͤſ⸗ ſiggang giebt. Sie ſind die Orakel der Milch⸗ maͤdchen und einfaͤltigen weiblichen Dienſtboten, haben zuweilen aber auch die Ehre, in den wei⸗ ßen Haͤnden der Toͤchter der Gutsherren zu le⸗ ſen, wenn dieſe auf ihrer Vaͤter Beſitzungen um⸗ *) Shakeſpeare's Wie es euch gefällt. Ueberſ. —— — ——— ꝙꝙ 45 herwandeln. Sie ſind die Plage aller guten Hausfrauen und erwerbſamen Paͤchter, und den Friedensrichtern ein Dorn im Auge: haben aber, wie alles, das dem Landſtreicheriſchen zugewendet iſt, etwas, das die Phantaſie anzieht. Sie gehoͤren, in dieſen kalten Wirk⸗ lichkeitstagen, zu den letzten Spuren von dem bun⸗ ten Volke fruͤherer Zeiten, und paaren ſich, in meinem Sinn, höͤchſt ſonderbar mit Feen und Hexen, Kobolden, Robin⸗Hood und den uͤbrigen phantaſtiſchen Geſtalten der Dichtkunſt. Maitags⸗Gebrauche. — Es war in ſchöner Zeit, in unſchuldsvollen Tagen, (Denn damals gab es Lieb' und Freundſchaft noch) Als man in jedem Dorf den Maienbaum ſah ragen, Es Pfingſtbier gab und Maienſpiel man pflog: Als luſt'ge Junker ſich, von Freud' erhöht, Mit ſchmucken Dirnen um den Baum gedreht, Da lud die Freundſchaft ihre Gäſte ein und auch der Arme konnte ſich des Feſtes freu'n. pasquil's Palinodie.*) — De April iſt beinahe voruͤber, und wir naͤhern uns mit großen Schritten dem poetiſchen Tage, den man, in alter Zeit, fuͤr die Graͤnze hielt, welche Winter und Sommer von einander ſchied. Bei allen ſeinen Launen, muß ich indeß geſtehn, aus dem 17ten Jahrhundert, das den drol⸗ „Pasquil's Palinodie, und ſein Gang nach der Schenke, wo man, nach einer Schau über den Keller⸗ mit einer angenehmen Pinte(alben. Quart) dichteriſchen Sherry's Eereswein) bewirthet wird.“ Ueberſ. *) Ein Gedicht ligen Titel führt: 47 daß ich den April liebe. Ich habe dieſe Tage abwechſelnden Lachens und Weinens gern, wo Sonnenſchein und Schatten in Wogen uͤber die Landſchaft hinzugleiten ſcheinen. Ich liebe es, den ploͤtlichen Schaum uͤber die Wieſe hinrau⸗ ſchen, und der ganzen Natur ein froͤhlicheres Ausſehen geben zu ſehen, und wie dann die hel⸗ len Sonnenſtrahlen die fliehenden Wolken ver⸗ jagen und alle Regentropfen in Diamanten ver⸗ wandeln. Ich brachte einen Morgen der Art, in Ge⸗ ſellſchaft des Squire, in einem der ſchoͤnſten Theile des Parks zu. Wir gingen an einem reizenden Gehoͤlz hin, und er ſchickte ſich ſo eben an, mir eine Art Lebensbeſchreibung mehrerer ſeiner Lieb⸗ lingsbaͤume zu geben, als wir die Schlaͤge einer Art mitten aus einem dichten Buſche hoͤrten. Der Squire blieb ſtehen und horchte mit ſicht⸗ barem Misbehagen. Er lenkte ſeine Schritte nach der Richtung, woher der Schall kam: die Strei⸗ che wurden immer lauter, je naͤher wir kamen: es war offenbar eine kraͤftige Hand, welche die Axt fuͤhrte. Der Squire beſchleunigte ſeine Schritte, aber vergebens, ein lauter Knack und ein darauf folgendes Gekrach zeigten an, daß das Unheil geſchehen und ein Kind des Waldes ge⸗ 48 fallen ſey. Als wir an den Ort kamen, ſahen wir Meiſter Simon und mehrere Andere um einen hohen und ausgezeichnet geraden Baum ſte⸗ hen, der ſo eben gefaͤllt worden war. Der Squire ward, wenn er gleich ſonſt im⸗ mer bei ſehr guter Laune war, durch dieſen Umſtand gaͤnzlich verſtimmt. Er empfand daſſelbe Gefuͤhl, wie ein Monarch bei dem Morde eines ſeiner getreuen Unterthanen, und fragte, mit ei⸗ niger Rauhheit, nach der Veranlaſſung der That. Es ergab ſich, daß dieſe auf Anſtiften Meiſter Simon's geſchehen war, der den Baum, we⸗ gen ſeiner Hoͤhe und Geradheit ausgeſucht hatte, zum Maienbaume zu dienen, da der alte, wel⸗ cher auf der Dorfwieſe ſtand, nicht mehr dienſt⸗ tauglich war. Wenn irgend etwas den Zorn meines wuͤrdigen Wirthes haͤtte beſaͤnftigen koͤn⸗ nen, ſo waͤre es der Gedanke geweſen, daß der Baum fuͤr eine ſo gute Sache gefallen ſey, und ich ſah, daß zwiſchen ſeiner Liebe fuͤr ſeine Baͤu⸗ me und ſeiner Anhaͤnglichkeit an den erſten Mai ein ſtarker Kampf obwaltete. Er kkonnte indeß den niedergeſtuͤrzten Baum nicht betrachten, ohne in eine Klage auszubrechen und ihm eine Art Leichenrede zu halten, wie Marcus Antonius bei Ca⸗ — 49 Caͤſars Leichnam; auch verbot er, daß kuͤnftig auf ſeinem Grunde und Boden irgend ein Baum ohne ſeine ausdruͤckliche Genehmigung niedergehauen werden ſollte, da er, wie er ſagte, die Macht uͤber Leben und Tod ſich vorbehalten wolle. Dieſe Erwaͤhnung des Maienbaumes erregte meine Aufmerkſamkeit, und ich fragte, ob die al⸗ ten, damit verbundenen Gebraͤuche in dieſem Theile des Landes wirklich noch beobachtet wuͤrden. Der Sauire ſchuͤttelte traurig den Kopf, und ich fand, daß ich mit meiner Frage eine empfindliche Stelle beruͤhrt hatte, denn er wurde ganz duͤſter bei ſeiner Klage uͤber den gaͤnzlichen Verfall des Maitages. Obgleich dieſer in dem benachbarten Dor⸗ fe regelmaͤßig begangen wird, ſo geſchieht dies doch nur, weil er von dem wuͤrdigen Sqauire wieder aufge⸗ friſcht worden, und er ihn, auf ſeine Koſten, in ei⸗ nem gezwungenen Zuſtande des Daſeyns erhaͤlt. Er erfaͤhrt fortwaͤhrend Widerſtand, und es verurſacht ihm große Schwierigkeit, die Bauer⸗ luͤmmel dahin zu bringen, daß ſie ihre Rollen leidlich ſpielen. Er ſchafft jedes Jahr eine„Mai⸗ enkoͤniginn“ an: was aber Robin Hood, Bru⸗ der Tuck, den Drachen, das Steckenpferd, und die uͤbrige bunte Schaar betrifft, welche den Tag II. C 50— durch ihre Mummerei zu beleben pflegte, ſo hat⸗ er es nicht gewagt, ſie wieder einzufuͤhren.*) DBei allem dem ſehe ich nicht ohne großen Antheil dem verſprochenen Schatten des alten Maientages entgegen, wenn es auch nur ein Schatten iſt, und finde immer groͤßeres Gefallen an dem ſonderbaren, doch harmloſen Stecken⸗ pferde meines Wirthes, wodurch er ſich mit an⸗ genehmen Gedankenverbindungen umgiebt und gleichſam eine kleine poetiſche Welt um ſich her ſchafft. Ich, der ich in einer neuen Welt erzo⸗ gen worden bin, mag vielleicht auf die ſchwachen Spuren alter Gebraͤuche, welche ich hier und da antreffe, einen zu großen Werth legen, und der Antheil, mit dem ich von ihnen ſpreche, wird vielleicht Manchem unter denen, die ſie ſo nachlaͤſ⸗ ſig untergehen laſſen, ein Laͤcheln ablocken. Wie gleichguͤltig aber auch diejenigen, welche dabei aufgewachſen ſind, dagegen ſeyn moͤgen, ſo giebt doch, meines Erachtens, der zuruͤckbleibende Hauch derſelben dem Landleben einen Reiz, den nichts anderes ihm ſo leicht mittheilen könnte. Ich werde nie das Enszücken vergeſſen, wo⸗ d *) Alle dieſe Perſonen gehörten u dem Aufzuge, der an dem Maitage Statt fand. Vergl. Brand's popular Anti- quities Vol. I. p. 179— 222. Ueberſ. 51 mit ich den erſten Maienbaum ſah. Dieß war an den Ufern des Dee, dicht an der maleriſchen alten Bruͤcke, welche von der ſonderbaren kleinen Stadt Cheſter aus uͤber dieſen Fluß fuͤhrt. Die Alterthuͤmer dieſes ehrwuͤrdigen Orts hatten mich bereits in fruͤhere Zeiten verſetzt, und wenn man ſie unterſucht, ſo iſt dieß eben ſo gut, als ob. man in einem alten Buche mit Moͤnchs⸗ ſchrift laͤſe, oder die Malereien im Froiſſart⸗) anſähe. Der Maienbaum an dem Rande die⸗ ſes poetiſchen Fluſſes vollendete die Taͤuſchung. Meine Einbildungskraft umgab ihn mit Blumen, und bevoͤlkerte das gruͤne Ufer mit allem dem tan⸗ zenden Gewimmel eines Maitages. Der bloße Anblick dieſes Maienbaumes gab meinen Gefuͤhlen einen hoͤheren Schwung; er verbreitete, den Reſt des Tages uͤber, einen Reiz uͤber die Gegend, ſo daß, waͤhrend ich uͤber einen Theil der angenehmen Ebene von Cheſhire ging und an den ſchoͤnen Ufern von Wales hinzog, wo ich zwiſchen ſchwel⸗ lend en Huͤgeln hinunter in ein langes, gruͤnes Thal blickte, durch welches„die Deva ihre Zau⸗ *) Eine alte franzöſiſche Chronik des 14ten Jahrhunderts, wel⸗ che mehrere Male in das Engliſche überſetzt, und mit den, in alten Handſchriften derſelben befindlichen, dazu gehörigen Bil⸗ dern, herausgegeben worden iſt. Ueberſ. C 2 52 berwogen waͤtzt“*) meine Einbildungskraft alles in ein vollkommenes Arkadien verwandelte. Ob es nun in den dichteriſchen Zuſammen⸗ ſtellungen liegt, die ſchon fruͤh ſich in meiner Seele gebildet haben, oder ob es, gleichſam, ein ſympathetiſches Aufleben und Erbluͤhen der Ge⸗ fuͤhle in dieſer Jahreszeit iſt, genug, ich empfinde jedesmal, wo ich auch ſeyn mag, eine gewiſſe wohl⸗ ehnende Ausdehnung meines Herzens bei der Ruͤckkehr des Mai's. Man ſagt, daß um dieſe Zeit die Voͤgel unruhig in ihren Kaͤfigen werden, als ob die Jahreszeit auf ſie Einfluß haͤtte, ſie das Freudenleben ahneten, das in den Waͤldern beginnt, und ſich danach ſehnten, aus ihrer Skla⸗ verei zu entfliehen und ſich in den Jubel des Jahres zu miſchen. Auf aͤhnliche Weiſe habe ich mich, ſelbſt mitten in der Hauptſtadt, ange⸗ regt gefunden, wenn die Fenſter, die den ganzen Winter lang finſter verſchloſſen geblieben waren, wiederum geoͤffnet wurden, um den Balſamhauch des Mau's einzulaſſen, wenn die ſuͤßen Geruͤche des Landes in die Stadt hexreindufteten und Blu⸗ *) Miktons Lyzeidas. Der Dee galt in alten Zeiten ſir den Schauplatz aller Zaubereien des nördlichen Englands, zun men wollte ſogar aus dem langſamen oder ſchnelleren Fließen deſſelben Ereigniſſe wahrſagen können. Ueberſ. — 53 men auf den Straßen ausgerufen wurden. Ich habe immer dieſe ſo eingeſtroͤmten Blumenſchaͤtze als eben ſo viele Botſchafter der Natur ange⸗ ſehen, welche uns einladen, die jungfraͤuliche Schoͤnheit des Jahres zu genießen, ehe ihre Friſche durch die Hitze des ſonnigen Sommers leidet. Man kann ſich leicht denken, welche Luſt es in dem froͤhlichen alten London geweſen ſeyn muß, als jede Thuͤr mit Bluͤtenzweigen verziert, jeder Hut mit Hagedorn geſchmuͤckt war, und Robin Hood, Bruder Tuck, Jungfrau Mariana), die Mohrentaͤnzer und alle die uͤbrigen phanta⸗ ſtiſchen Masken und Luſtigmacher in jedem Theile der Staoͤt um den Maienbaum ihre Poſſen trieben. Ich bin kein blinder Verehrer alter Zeiten und Sitten, bloß ihres Alters wegen. Waͤhrend ich indeß mich uͤber das Verſchwinden mehrerer rohen Gebraͤuche und ungebildeter Vergnuͤgungen fruͤherer Tage freue, kann ich nicht umhin, zu beklagen, daß dieſes unſchuldige und phantaſtiſche Feſt außer Gebrauch gekommen iſt. Es ſchien dieſem gruͤnenden, hirtenartigen Lande angemeſ⸗ ſen, und darauf berechnet, den zu allgemeinen Ernſt *) Dieſe Jungfrau Mariana iſt eines mit der obener⸗ wähnten Maienköniginn. Ueberſ. 54 des Volkes zu erheitern. Ich ſchaͤtze jeden Ge⸗ brauch hoch, der ein gewiſſes poetiſches Gefuͤhl in das gemeine Volk bringt und die Rauhheit laͤndlicher Sitten mildert, ohne deren Ein⸗ fachheit zu zerſtoͤren. Der Abnahme dieſer gluͤck⸗ lichen Einfachheit ſcheint auch das Verſchwinden dieſes Gebrauchs beigemeſſen werden zu muͤſſen, und der laͤndliche Tanz auf der Wieſe und der freundliche Maiaufzug ſind nach und nach in dem Maaße verſchwunden, als die Vergnuͤgungen der Landleute koſtbarer und kuͤnſtlicher und ſie ſelbſt zu aufgeklaͤrt fuͤr einfachen Genuß geworden ſind. Wie mir der Squire ſagt, ſo haben, in der neueren Zeit, Maͤnner von Geſchmack und Wiſ⸗ ſen Verſuche gemacht, die Anſichten des Volks wiederum zu dieſer urſpruͤnglichen Einfachheit zu⸗ ruͤckzubringen; allein die Zeit iſt voruͤber, das Ge⸗ fuͤhl iſt durch Gewinnſucht und Handelsverkehr erſtickt, das Land aͤfft die Sitten und Vergnuͤ⸗ gungen der Stadt nach, und man hoͤrt itzt wenig mehr vom Maitage, ausgenommen in den Kla⸗ gen der Schriftſteller, welche aus den ſteinernen Mauern der Stadt danach ſeufzen: „Denn ach, denn ach! vergeſſen iſt das Stecken⸗ pferd.“*) *) Ben Jonſon's Satyr. Ueberſ. —— — Die Angeſehenſten im Dorfe. Ja, ich ſage euch, ich bin in unſerer Stadt ſo beliebt, daß ſelbſt der ſchlechteſte Hund in der Stadt mir nicht den kleinen Finger verletzen würde. Der Köhler von Croydon. Da das benachbarte Dorf zu den entlegenen, aber klaͤtſchigen kleinen Orten gehoͤrt, wo eine Kleinigkeit ſchon großes Aufſehn macht, ſo iſt es natuͤrlich, daß ein Feſt, wie der bevorſtehende Maitag, nicht mit Gleichguͤltigkeit betrachtet wird, beſonders da die vornehmen Leute auf der Halle ſo⸗ viel Gewicht darauf legen. Meiſter Simon, das treuliche Factotum des wuͤrdigen Squire, der in allen Dingen ſich nach ſeiner Laune bequemt, geht itzt haͤufig nach dem Dorfe, um die Anord— nungen wegen des bevorſtehenden Feſtes zu tref— fen, und da ich mir von Zeit zu Zeit die Freiheit genommen habe, ihn zu begleiten, ſo habe ich dadurch einige naͤhere Kenntniß von dem Chara⸗ 56 kter und der inneren Politik dieſer ſcharfſinnigen kleinen Gemeine erlangt. Meiſter Simon iſt in der That der Caͤſar des Dorfes. Es iſt wahr, der Squire iſt der Schutzgott, aber ſein Stellvertreter iſt ſein thaͤtiger und geſchaͤftiger Bevollmaͤchtigter. Er hat mit Allem zu thun, iſt mit allen Bewohnern und ihrer haͤuslichen Geſchichte bekannt, giebt den al⸗ ten Leuten Rath bei ihren Geſchaͤften, den jun⸗ gen bei ihren Liebeshaͤndeln und genießt des ſtol⸗ zen Bewußtſeyns, ein großer Mann in einer klei⸗ nen Welt zu ſeyn. So iſt er auch der Vertheiler der Wohl⸗ thaten des Squire, der ungemein mildthaͤtig iſt, und man muß ihm die Gerechtigkeit widerfahren laſſen, daß er dieſen Theil ſeiner Obliegenheiten mit großer Regſamkeit verſieht. Es hat mir oft Vergnuͤgen gemacht, die Miſchung von Geſchaͤf⸗ tigkeit, Wichtigkeit und Herzensguͤte zu beobach⸗ ten, welche in ſeinem Weſen liegt. Er iſt zu lebendig, um die Betruͤbten dadurch zu troͤſten, daß er ſich zu ihnen hinſetzt und mit ihnen ſtoͤhnt, wimmert und ſich ſchneuzt, aber er flattert um— her wie ein Sperling, und zwitſchert Troͤſtung in jede Ecke, jeden Schlupfwinkel des Dorfes. Ich habe ſelbſt geſehen, wie ihn eine alte Frau in — —— * — ——— 57 einem rothen Mantel eine halbe Stunde lang durch eine lange, ſchwindſuͤchtige Erzaͤhlung ihres Elendes feſthielt, die er mit manchen Kopfbewe⸗ gungen, manchem Knall mit der Hundepeitſche und anderen Zeichen der Ungeduld anhoͤrte, am Ende aber dem Squire einen ſehr treuen und ausfuͤhrlichen Bericht uͤber die Sache abſtattete. So habe ich ihn auch beobachtet, waͤhrend er einen ſeiner eilenden Beſuche in der Huͤtte ei⸗ nes abgelebten Dorfbewohners abſtattete, der von dem Squire eine Penſion erhaͤlt; wie er da im Zimmer herumtrippelte, ohne ſich niederzuſetzn, zu dem alten Manne, der in ſeinem Lehnſtuhle aufgerichtet ſaß, mehrere vortreffliche fluͤchtige Bemerkungen uͤber die Kuͤrze des Lebens, die Ge⸗ wißheit des Todes und die Nothwendigkeit machte, ſich auf die große Wanderung vorzubereiten; wie er Stellen aus der Bibel, ſehr nnrichtig, aber zu großer Erbauung der Frau des Bauers, anfuͤhrte, und, beim Herausgehen, der Tochter in die roſige Wange kniff und ſeine Verwunderung aͤußerte, daß ein ſo artiges Geſicht noch keinen Mann bekommen habe. So hat er auch ſeine geheimen Raͤthe im Dorfe, mit denen er ißt ſehr eifrig bei den Vor⸗ bereitungen zu den Maitags⸗Feſtlichkeiten beſchaͤf⸗ 58 tigt iſt. Unter dieſen befindet ſich der Dorfſchnei⸗ der, ein bleicher Kerl, der in der Kirche die Cla⸗ rinette blaͤſ't, und, da er ein großes muſikaliſches Genie iſt, haͤufige Zuſammenkuͤnfte der Muſiker in ſeinem Hauſe hat, worin ſie durch ihre Concerte, die Nacht verdunkeln). Dieſer iſt, demnach, bei Meiſter Simon in großem Anſehn und hat, durch ſeinen Einfluß, alle Livreen auf der Halle zu machen, oder vielmehr zu verderben, be⸗ kommen, die gewoͤhnlich ausſehen, als ob ſie von einem der wiſſenſchaftlichen Schneider von der fliegenden Inſel Laputa gemacht worden waͤren, welche ihren Kunden mit einem Quadranten Maaß nehmen.**) Der Schneider koͤnnte wirk⸗ lich ein beguͤterter Mann werden, wenn er nicht ſo gern klatſchte, die Feſttage hielte, Concerte gaͤbe, und Alles, ſich ſelbſt nicht ausgeſchloſſen, verblieſe: denn die Clarinette macht, daß Er ſelbſt und ſein Hab und Gut gleich ſchlecht beſtellt ſind. Er hat itzt alle ſeine regelmaͤßige Arbeit auf die Seite gelegt, ſo daß alle Hoſen im Dorfe unge⸗ macht und unausgebeſſert bleiben, und iſt nur damit beſchaͤftigt, Kraͤnze von bunten Lappen, ſtatt *) Shakſpeare. 4 *2) Swift's Reiſe Gulliver'es. meber. 59 der Blumen, zu winden, um den Maienbaum da⸗ mit zu ſchmuͤcken. Ein zweiter Rath Meiſter Simon's iſt der Apotheker, ein kleiner, etwas dicker Mann, mit einem Paar hervorſtehender Augen, welche wie die eines Hummers auseinandergehen. Er iſt der kluge Mann im Dorfe, ſpricht immer in Sentenzen, und iſt voll von tiefſinnigen Bemer⸗ kungen uͤber ſeichte Gegenſtaͤnde. Meiſter Si⸗ mon fuͤhrt oft an, was er geſagt hat, und ſpricht von ihm wie von etwas Außerordentlichem, ja er fragt ihn ſogar bei verzweifelten Faͤllen, wenn Pferde oder Hunde krank ſind, um Rath. Des Apothekers Philoſophie, die gerade eine Bemer⸗ kung tief iſt, und aus unbeſtreitbaren Grundſaͤtzen beſteht, wie man ſie etwa aus Mottos auf Ta⸗ backspacketen lernen kann, ſcheint ihn ganz uͤber⸗ waͤltigt zu haben. Bei meiner erſten Unterhal⸗ tung mit ihm bekam ich gleich ein Proͤbchen von ſeiner Philoſophie zum beſten. Er ſagte naͤmlich im Laufe derſelben mit großer Feierlichkeit und großem Nachdruck„der Menſch iſt aus Weis⸗ heit und Thorheit zuſammengeſetzt“, worauf Mei⸗ ſter Simon, der mich am Arme hatte, mir denſelben ſtark druͤckte und mir ins Ohr fluͤſterte, „das iſt eine verteufelt kluge Bemerkung!“ Der Schulmeiſter. Auf Siſyphus“ Steine wächſt kein Moos, an Merkur's Ferſen rein Gras, und auf eines Reiſenden Brod bleibt keine Butter. Denn, ſo wie der Adler bei jedem Fluge eine Feder verliert, was ihn im Alter kahl macht, ſo verliert auch der Reiſende in jedem Lande etwas Wolte, was ihn ſchon in der Jugend zum Bettler macht, da er 7* das für ein Pfund kaufte, was er nicht einmal für ei⸗ 6 nen Penny wiederverkaufen kann— Reue.. Lilly's Euphues. 6 Unter den Angeſehenen im Dorfe, welche des beſondern Vertrauens Meiſter Simon's genie⸗ 4 ßen, iſt Einer, der mir ſo aufgefallen iſt, daß ich 40 ihm eine ganz beſondere Aufmerkſamkeit ſchenken zu muͤſſen glaube. Es iſt Slingsby, der Schulmeiſter, ein magerer, aͤltlicher Mann, der ziemlich aͤrmlich und ſchmutzig ausſieht, eine ge⸗ wiſſe Traͤgheit in ſeinem Weſen, dabei aber et⸗ was Freundliches und Gutmuͤthiges im Blicke hat, * —z . — —X 61 was man nicht oft bei Leuten ſeines Berufs fin⸗ det. Einige Anekdoten von ihm, die ich erfah⸗ ren habe, haben meinen Antheil an ihm erregt. Er iſt im Dorfe geboren, iſt ein Zeitge— noſſe und war ein Spielgeſelle Hans Baar⸗ geld's, als Beide noch Kinder waren. Beide pflegten einander immer auszuhelfen. Slings by war etwas ſchwaͤchlich und feig, lernte aber ſehr gut; Hans dagegen war ſehr flink und kraͤftig außer dem Hauſe, wußte aber deſto ſchlechter in den Buͤchern Beſcheid. Slingsby half des⸗ wegen dem Hans bei ſeinen Aufgaben; Hans ſchlug ſich fuͤr ihn, und Beide waren unzertrenn⸗ liche Freunde. Dieſe gegenſeitige Zuneigung dau— erte fort, ſelbſt nachdem Beide die Schule ver— laſſen hatten, ungeachtet der Unaͤhnlichkeit ihrer Charaktere. Hans nahm den Pflug zur Hand, und ſchickte ſich an, ſeine vaͤterlichen Felder zu beſtellen, waͤhrend der Andere ſorglos den Pfad des Wiſſens dahinſchlenterte, bis er ſogar in das Latein und die Mathematik gerieth. In einer ungluͤcklichen Stunde fiel es ihm indeſſen ein, Land⸗ und Seereiſen zu leſen, und nun ergriff ihn die Begierde, die Welt zu ſehen. Dieſe Begierde ward immer brennender, je groͤ⸗ ßer er ward, und ſo packte er an einem ſchoͤnen 62 klaren Morgen ſein Hab und Gut in einen Ran⸗ zen, warf dieſen uͤber die Schulter, nahm den Wanderſtab zur Hand, und ging auf dem Wege noch zu ſeinem ehemaligen Schulkameraden, um von dieſem Abſchied zu nehmen. Hans wollte ſo eben mit dem Pfluge hinausfahren: unter dem Hofthor gaben ſich die Freunde die Hand; Hans lenkte ſein Geſpann nach dem Felde, und Slingsby pfiff ſein„froͤhlich und wohlgemuth“ und wan⸗ derte davon„ſein Gluͤck zu verſuchen.“ Viele Jahre verfloſſen, und der junge Tho⸗ mas Slingsby war laͤngſt vergeſſen, als an einem freundlichen Sonntagsabende im Herbſt, ein magerer Mann, ſchon bei Jahren, mit einem auf den Elbogen zerriſſenen Rocke, mit einem Paar alter nankinener Kamaſchen, und ſeine wenigen Hab⸗ ſeligkeiten in ein Schnupftuch geknuͤpft, das er amm Ende eines Stockes trug, zum Dorfe hereinſchlen⸗ terte. Er ſchien mehrere Haͤuſer aufmerkſam zu betrachten, guckte in die offenſtehenden Fenſter, ſah die Dorfbewohner ſcharf an, als ſie aus der Kirche zuruͤckkehrten, und blieb dann eine Zeit⸗ lang auf dem Kirchhofe, wo er die Grabſchriften las.. Endlich kam er auch an Hans Baargeld's Hauſe, bedachte ſich aber, ehe er die Gitterthuͤr 63 öͤffnete, und betrachtete das Bild wohlhabender Unabhaͤngigkeit, das ſich ſeinen Blicken darbot. In der Hausthuͤr ſaß Hans Baargeld in ſei⸗ nem Sonntagsſtaat, den Hut auf dem Kopfe, die Pfeife im Munde, und den Bierkrug vor ſich, der Beherrſcher alles deſſen, was er uͤberſchaute. Neben ihm lag ſein fetter Haushund. Von dem wohlbevoͤlkerten Hofe hoͤrte man das verſchieden⸗ artige Geſchrei des Gefluͤgels, die Bienen ſumm⸗ ten vor ihren Stoͤcken im Garten, das Vieh bloͤkte auf der fetten Wieſe, und die vollen Scheu⸗ ern und maͤchtigen Heuſchober zeugten von einer reichlichen Ernte. Der Fremde oͤffnete die Thuͤr und naͤherte ſich zoͤgernden Schrittes dem Hauſe. Der Hund brummte, als er den verdaͤchtigen Ankoͤmmling ſah, wurde aber augenblicklich von ſeinem Herrn beſchwichtigt, der ſeine Pfeife aus dem Munde nahm, und nun, mit neugierigen Blicken, die An⸗ rede des raͤthſelhaften Mannes erwartete. Der Fremde ſah den alten Hans einen Augenblick an, wie er ſo ſtattlichen Umfanges und ſo glaͤnzend gekleidet daſaß, warf dann einen Blick auf ſein eigenes ſchaͤbiges, halbverhungertes Aeußere und das kleine Buͤndel, das er in der Hand hielt, zupfte an ſeiner zuſammengeſchrumpften Weſte, 64 um ſie zu dem zuruͤcktretenden Gurt hinunter⸗ zubringen, warf dann noch einen, halb traurigen, halb launigen Blick auf den ſtattlichen Freiſaſſen, und ſagte„wahrſcheinlich habt Ihr alte Zeiten und alte Spielkameraden(ganz vergeſſen, Herr Tibbets.“ 5 Dieſer betrachtete ihn mit pruͤfendem Blicke,“ geſtand aber, daß er ſich ſeiner nicht mehr er⸗ innere.* „Das glaube ich wohl,“ ſagte der Fremde, „Jedermann ſcheint hier den armen Thomas Slingsby vergeſſen zu haben!“ Was? Ihr waͤret Thomas Slingsby? „Ja wohl, allerdings!“ antwortete der Fremde, ihn mit dem Kopfe zunickend. Hans Baargeld war in einem Augenblick auf den Fuͤßen, ſtreckte ihm die Hand entgegen, ſchuͤttelte ſie ſeinem alten Spießge⸗ ſellen mit Rieſenkraft, ſchlug mit der andern auf die Bank und rief aus:„ſetze Dich, Thomas Slingsby!“ Nun erfolgte eine lange Unterhaltung uͤber alte Zeiten, waͤhrend Slingsby mit dem Be⸗ ſten bewirthet wurde, was im Paͤchterhauſe nur zu haben war, denn er war muͤde und hungrig, und hatte die ganze Eßluſt eines armen Fußgaͤn⸗ gers. Die beiden Spielkameraden beſprachen —— 65 ſich nun uͤber ihre Lebensereigniſſe und Aben⸗ teuer. Hans konnte nur wenig erzaͤhlen, und war uͤberhaupt nicht im Stande, lange zuſam⸗ menhangend zu reden. Wer lange im Gluͤck zu Hauſe gelebt hat, hat wenig Stoff zu Erzaͤhlun⸗ 4 gen: nur arme Teufel, die in der Welt herum— geworfen werden, ſind die wahren Helden der Abenteuer. Hans war auf ſeiner vaͤterlichen Meierei geblieben, demſelben Pfluge gefolgt, den ſeine Vorfahren auf das Feld gefahren hatten, und war, je aͤlter, auch deſto reicher geworden. Thomas Slingsby hatte dagegen, durch ſein Beiſpiel, das alte Spruͤchwort erlaͤutert„ein rollender Stein bewaͤchſt nicht“. Er hatte ſein Gluͤck in der Welt geſucht, ohne es je gefunden zu haben, da man es uͤberhaupt oͤfter zu Hauſe, als in der Fremde findet. Er war in allen Ar⸗ ten von Lagen geweſen, und hatte ein Dutzend verſchiedener Weiſen gelernt, ſich ſeinen Unter⸗ halt zu erwerben, war aber nichts deſtoweniger aͤrmer, als er weggegangen war, in ſein heimath⸗ liches Dorf zuruͤckgekommen, und ſein Ranzen zu einem kuͤmmerlichen Buͤndel zuſammenge⸗ ſchrumpft. Das Gluͤck wollte, daß gerade an dieſem Abend der Squire bei dem Pachterhauſe vorbei⸗ 66 ging, und, wie es oft ſein Gebrauch iſt, einſprach. Er fand die beiden Schulfreunde noch in der Thuͤr ſitzend und ſchwatzend, wie ſie nach dem guten alten ſchottiſchen Sprichwort: ein freundlich Glas auf die alten Zeiten tranken.*) Den Squire zog der Ge⸗ genſatz in dem Aeußeren und den Gluͤcksum⸗ ſtaͤnden dieſer beiden jugendlichen Spielgenoſ⸗ ſen ungemein an: Hans Baargeld, in herrſchaft⸗ lichem Staate, von lauter Herrlichkeiten umge⸗ ben, und mit Guineen, bis ſogar an der Uhrkette, behangen; der arme Pilger Slingsby dagegen, duͤnn wie ein Wieſel, mit all' ſeinem weltlichen Hab und Gut, ſeinem Buͤndel, Hut und Wan⸗ derſtab neben ſich auf der Erde liegend. Des guten Squire Herz fuͤhlte ſich von Mit⸗ leid gegen den armen Kosmopoliten durchdrun⸗ gen, denn er hat eine gewiſſe Neigung fuͤr ſolche halb und halb an das Landſtreicheriſche anſtreifende Cha⸗ raktere. Er uͤberlegte bei ſich, wie er es machen ſoll⸗ te, Slingsbo abermals in ſeinem heimathlichen Dorfe vor Anker zu bringen. Der ehrliche Hans hatte ihm bereits einſtweiligen Aufenthalt un⸗ ter ſeinem Dache angeboten, allen Winken, An⸗ deutungen und halben Einwendungen der ſcharf⸗ 4 ſichtigen Frau Tibbets zum Trotze. Wie man *) Vurns. Ueberſ. 67 aber fuͤr ſeinen laͤngeren Unterhalt ſorgen ſolle, war die Frage. Glauͤcklicherweiſe ſiel es dem Squire ein, daß die Dorfſchule ohne Lehrer ſey. Eine laͤngere Fortſetzung der Unterhaltung uͤber⸗ zeugte ihn, daß Slingsby hiezu eben ſo gut tauge, als zu jeder andern Sache, und nach ei— nem oder zwei Tagen ſchwang er ſchon das Scep⸗ ter in eben dem Schulhauſe, wo er in den Tagen ſeiner Kindheit ſo oft die Eſelsmuͤtze hatte tra⸗ gen muͤſſen.*) Hier iſt er nun ſchon ſeit mehreren Jahren, und da er des Schutzes des Squire und der beſtaͤndigen Freundſchaft des Herrn Tibbets genießt, ſo iſt er in dem Dorfe zu vielem Ge— wicht und großer Bedeutſamkeit gelangt. Ich hoͤre indeß, daß, von Zeit zu Zeit, ſich doch im⸗ mer eine gewiſſe Raſtloſigkeit bei ihm blicken laͤßt, und eine ſtarke Neigung, wieder in die Fremde zu gehen und etwas mehr von der Welt zu ſe⸗ hen: eine Neigung, welche ihn vorzuͤglich im Fruͤh⸗ linge zu befallen ſcheint. Es iſt nichts ſchwerer, als die Vorliebe fuͤr ein Landſtreicherleben zu be— *) Im Originale ſteht horsed, zu Pferde ſitzend, weil in den engliſchen Schulen die Strafe Statt findet, daß die Knaben, die etwas begangen haben, auf einem hölzernen Pferde reiten müſſen. Ueberſ. 68 ſiegen, wenn man ſich ihr einmal ganz hingege⸗ ben hat. Seitdem ich dieſe Anekdoten von dem armen Slingsby gehoͤrt, habe ich mehr als einmal an das Bild gedacht, das es gewaͤhrt haben muß, als er und ſein Schulkamerad, Hans Baargeld, nach einer ſo langen Trennung wieder zuſammen kamen. Es iſt ſchwer zu beſtimmen, welches Loos im Leben das gluͤcklichſte iſt, da jedes ſeine be⸗ ſondere Plage mit ſich fuͤhrt. Wer nie ſeinen Heerd verlaſſen hat, klagt aͤber ſein einfoͤrmiges Daſeyn, und beneidet den Reiſenden, deſſen Le⸗ ben ein beſtaͤndiges Gewebe von Wundern und Abenteuern iſt, waͤhrend der, welcher in der Welt umher getrieben worden iſt, mit manchem Seuf⸗ zer nach dem ſicheren und ruhigen Ufer zuruͤck⸗ blickt, das er Lerlaſſen hat. Ich kann indeß nicht umhin, zu glauben, daß der, welcher zu Hauſe bleibt und die Annehmlichkeiten und Vergnuͤgun⸗ gen, die ſich taͤglich um ihn her darbieten, zu veredeln ſtrebt, doch am Ende die wahrſchein— lichſte Ausſicht hat, gluͤcklich zu werden. Fuͤr ein junges Gemuͤth hat nichts eine groͤßere Anzie⸗ hungskraft, als der Gedanke des Reiſens, und in der alten Redensart, die man in jedem Ammen⸗ maͤhrchen findet„gehen, ſein Gluͤck zu ſuchen“ * 69 liegt ein wahrer Zauber. Eine beſtaͤndige Ver⸗ aͤnderung des Orts und des Gegenſtandes ver— ſpricht eine fortdauernde Folge von Abenteuern und Befriedigung der Neugierde. Es giebt in⸗ deß eine Graͤnze bei allen unſeren Genuͤſſen, und jedes Verlangen traͤgt in ſeiner Befriedigung auch ſchon ſeinen Tod in ſich. Die Neugierde ſtumpft ſich durch die beſtaͤndigen Reize ab. Neu⸗ igkeiten hoͤren auf, Erſtaunen zu erregen, bis am Ende uns nicht einmal mehr ein Wunder in Ver⸗ wunderung ſetzen kann. Wer, wie der arme Slingsby, voll von freudigen Erwartungen in die Welt gegangen iſt, findet nur zu bald, wie ganz anders ſich die Ferne ausnimmt, wenn wir ihr naͤher kommen. Die Ebene wird rauh, die romantiſche Wildniß gewoͤhnlich und kahl: die Zaubertinten, welche ihn angezogen haben, entſchwin⸗ den entweder nach den entfernten Huͤgeln hin, oder zeigen ſich auf der Gegend, die er verlaſſen hat, und jeder Theil der Landſchaft erſcheint gruͤ⸗ ner, als der, auf dem er ſo eben verweilt. Die Schule. — Aber um von großen Leuten und wichtigeren Gegenſtänden wieder auf meine kleinen Kinder und das arme Schul⸗ haus zu kommen, ſo will ich, mit Gotteshülfe, nun wie⸗ der, wie ich es mir vorgeſetzt, ganz ordentlich anfangen, Kinder und junge Leute in Gelehrſamkeit und guten Sitten zu unterrichten. 3 Roger Aſcham. — Nachdem ich dem Leſer ein fluͤchtiges Bild des Dorfſchulmeiſters entworfen habe, wird er nun auch neugierig ſeyn, etwas von der Schule zu er⸗ fahren. Da der Squire einen großen Antheil an der Erziehung der Kinder in der Nachbar⸗ ſchaft nimmt, ſo gab er dem Lehrer, als er ihn in ſein Amt einfuͤhrte, ſogleich ein Exemplar von Roger Aſcham's*)„Schulmeiſter,“ und uͤber⸗ *) Er war ein ausgezeichneter Denker und Lehrer der Kö⸗ niginn Eliſabeth, und dieſer„Schulmeiſter,“ der im Jahre 1570 zuerſt erſchien, iſt eine Anweiſung zur Erlernung der la⸗ teiniſchen Sprache u. ſ. w. Ueberſ. V 71 dieß den Rath, den Theil des alten Peacham*) durchzuleſen, worin er von den Pflichten der Leh⸗ rer ſpricht, und das Lieblingsſyſtem angreift, Kna⸗ ben durch Schlaͤge kluͤger zu machen. Er ermahnte Slingsby, den freien Geiſt der Knaben nicht durch Rauhheit und ſklaviſche Furcht abzuſtumpfen oder zu unterdruͤcken, ſondern ſie frei und froͤhlich auf dem Pfade des Wiſſens hinzuleiten, und dieſen ihnen angenehm und an⸗ ziehend zu machen. Er wuͤnſchte, die Knaben in den Sitten und Gewohnheiten der Bauern aus den guten alten Zeiten aufgezogen zu ſehn, um ſo einen Grund zur Ausfuͤhrung ſeines Lieb⸗ lingsentwurfes zu legen, die alten engliſchen Ge⸗ braͤuche und den Volkscharakter wiederherzuſtel⸗ len. Er empfahl, daß alle die alten Feſttage be⸗ obachtet, und die Spiele der Knaben, in ihren Mußeſtunden, nach dem, was Strutt*) davon berichtet, geregelt werden ſollten, weswegen auch ein Exemplar von deſſen unſchaͤtzbarem Werke, mit Kupfern verziert, in dem Schulhauſe niederge⸗ legt wurde. Vor allem aber ſchaͤrfte er dem Paͤdagogen ein, ſich des Gebrauchs des Birken⸗ zweiges zu enthalten, eines Werkzeuges des Un⸗ *) Das im erſten Theil erwähnte Erziehungsſyſtem. Uebſ. **) In ſeinen Sports and pastimes of ihe people of England(Spiele und Zeitvertreibe des engl. Volks.) Ueberſ. 72— terrichts, welches der gute Squire mit Abſcheu und als ein ſolches betrachtet, das ſich nur fuͤr den thieriſchen Theil der Welt ſchicke, mit dem man nicht vernuͤnftig reden koͤnne. Hr. Slingsby hat des Squire Anweiſung nach ſeinem beſten Willen und Geſchicklichkeit befolgt. Er ſchlaͤgt die Knaben nie, weil er ein zu gutmuͤthiges Weſen iſt, als daß er ſelbſt einem Wurm Schmerzen verurſachen ſollte. Er iſt leicht geneigt, Feiertage zu geben, weil er ſelbſt einen Feiertag liebt, und fuͤhlt eine aͤhn⸗ liche Abneigung, wie die Knaben, gegen alle Ein⸗ ſperrung, weil er ſelbſt auf ſeiner Wanderung durch die Welt, deren Unannehmlichkeit erfahren hat. Was Spiele und Vergnuͤgungen betrifft, ſo werden die Knaben treulich in allen denen un⸗ terrichtet, deren noch gedacht wird, Wurfſteine wer⸗ fen, Wettlaufen, Feind ſpielen, Fangeball, Sauball, Ringen, Springen und dergleichen mehr. Das ein⸗ zige Ungluͤck iſt, daß, waͤhrend der ehrliche Slings⸗ by die Ruthe verworfen, er Roger Aſcham nicht hinlaͤnglich ſtudirt hat, um einen Erſatz zu finden, oder vielmehr nicht die Art und Weiſe verſteht, dergleichen anzuwenden. Seine Schule iſt deswegen, wenn gleich eine der gluͤcklichſten, doch auch eine der ungezogenſten im Lande, und nie iſt wohl ein Er⸗ 732 19 Erzieher von ſeinen Zoͤglingen mehr geliebt oder weniger gefuͤrchtet worden, als Slingsby. Er hat kuͤrzlich einen Huͤlfslehrer angenom⸗ men, der ſeiner wuͤrdig und ebenfalls ein verirr⸗ tes Schaf iſt, das ſich wieder in den Dorfpferch zuruͤckgefunden hat. Dieß iſt Niemand anders, als der Sohn des muſikaliſchen Schneiders, welcher einiges Geld an die Erziehung des Knaben ge⸗ wandt und gehofft hatte, ihn eines Tages die Wuͤrde eines Acciſebeamten oder wenigſtens eines Kirchenſchreibers erlangen zu ſehen. Der Burſch wuchs indeß auf, in eben der Traͤgheit und Mu⸗ ſikliebe als ſein Vater, ließ ſich von dem Ton der Trommel und Pfeife eines Werbecomman⸗ do's beruͤcken, und folgte dieſem zum Heere. Vor kurzer Zeit war er ohne Geld, und ohne ganze Ellenbogen am Rocke, zuruͤck gekehrt, als der verlorene Sohn des Dorfes. Er trieb ſich eine Zeitlang in dem zerriſſenen Soldaten⸗ kittel im Orte herum, mit einer Feld⸗Muͤtze auf eine Seite geſetzt, beſchaͤftigte ſich damit, Steine uͤber den Bach zu ſchnellen, oder ſich vor der Schenkenthuͤr umherzutreiben, war eine Laſt fuͤr ſeinen Vater und wurde von allen behaglichen Hausvaͤtern mit großer Unbehaglichkeit angeſehen. Den ehrlichen Slingsby zog indeſſen etwas II. D 74 ganz beſonders zu dem jungen Menſchen hin. Vielleicht war es die Liebe zu ſeinem Vater, der einer von des Schulmeiſters alten Spießgeſellen iſt; vielleicht die geheime Sympathie, welche Leute von unruhigem Geiſte an einander feſſelt, denn es giebt etwas wahrhaft Magnetiſches in der Neigung zum Herumtreiben; vielleicht war es aber auch das Andenken an die Zeit, wo er ſelbſt, wie dieſer junge Menſch, als eine Truͤmmer an ſeinen heimathlichen Strand angetrieben war. Was denn nun auch der Beweggrund geweſen ſeyn mag, ſo naͤherte ſich Slingsby dem Juͤnglinge. Sie hatten in der Schenkſtube des Dorfes viele Unterredungen uͤber fremde Laͤnder und die ver⸗ ſchiedenen Gegenden und Orte, welche ſie auf ih⸗ rer Wanderung durchn die Welt beſucht. Je laͤnger Slingsby mit ihm ſprach, deſto mehr fand er ihn nach ſeinem Geſchmacke, und da er ihn beinahe ſo gelehrt befand, als er ſelbſt war, ſo nahm er ihn ſogleich als Gehuͤlfe oder Unter⸗ lehrer in die Schule auf. Unter dieſer vortrefflichen Leitung hebt ſich, wie man denken kann, die Schule allgemach, und wenn die Schuͤler nicht in allen Feſttagsſpielen der guten alten Zeit, zu des Squire innigem Ver⸗ gnuͤgen, hinlaͤngliche Fertigkeit erhalten, ſo liegt 75 * die Schuld nicht an ihren Lehrern. Der verlorne Sohn hat ſich bei den Knaben beinahe eben ſo be⸗ liebt zu machen gewußt, als der Paͤdagog ſelbſt. Sein Unterricht beſchraͤnkt ſich nicht allein auf die Schulſtunden, und da er von ſeinem Vater deſ⸗ ſen muſikaliſchen Geſchmack und Talent geerbt, ſo hat er auch die ganze Schule mit dieſer Sucht angeſteckt. Er verſteht es ſehr gut, die Trommel zu ſchlagen, die man oft hinten aus dem Schulhauſe ertoͤnen hoͤrt. So lehrt er auch die halbe Dorfjugend, die Queer⸗ und Pan⸗Pfeife zu ſpielen, und die Jungen ſetzen nun die ganze Nachbarſchaft mit ihrem Laͤrm in Unruhe, wenn ſie auf den Hecken ſitzen, oder am Abend um die Scheunenthore ſchlentern. Unter den Uebungen der Schule hat er auch die alte Kunſt des Bo⸗ genſchießens, eines der Lieblingsgegenſtaͤnde des Squire, mit ſo großem Erfolge wieder einge⸗ fuͤhrt, daß die Springinsfelde, in ganzen los und ledigen Banden, in der Nachbarſchaft umherziehen und ihre Bogen an den Voͤgeln in der Luft und den Thieren auf dem Felde verſuchen, ja zuwei⸗ len auch wohl, zum großen Verdruß der Wild⸗ huͤter, eine Streiferei in das Gebiet des Squire machen. Kurz, die alten engliſchen Sitten und Gebraͤuche werden in dieſer Schule ſo in ihrem D 2 76— ganzen Umfange eingeflchrt, daß es mich gar nicht wundern ſollte, wenn der Squire es noch erlebte, eines ſeiner dichteriſchen Geſichte ver⸗ wirklicht, und ein Geſchlecht entſtehn zu ſehn, das einen wuͤrdigen Nachfolger Robin Hood's) und ſeiner luſtigen Bande von Geaͤchteten zu liefern verſpricht. **) Bon dieſemt Helden alter alten engliſchen Balladen weiß man eigentlich nur ſoviel, daß er, urſprünglich aus dem edlen Geſchlechte der Grafen von Huntingdon abſtam⸗ anend, unter der Regierung Richard I.,(Löwenherz) mit ei⸗ nem großen Haufen Bewaffneter im Lande umherzog, und dch von Raub and Plünderung ernährte, dabei aber doch mit einer gewiſſen Gerechtigkeit und Menſchlichkeit zu Werke ging. Ritſon hat, in ſeinem Robin Hood, einer Sammlung alter Gedichte und Balladen über ihn(1795. 2 Bde)), ſehr mühſapi das zuſammengebracht, was ſich auf ſeine Geſchichte bezieht. Ueberſ.— 8. 8†⸗ Ein Dorfpolitiker. Ich win ein Schelm ſeyn, wenn ich nicht glaube, daß ich dazu beſtimmt war, das Ruder des Staats zu führen: ich bin ſo voll von allerhand kleinen Kriegsliſten, daß ich die Angelegenheiten mit eben ſo großer Leichtigkeit angeordnet, und das Schiff eben ſo geſchickt gegen den Strom der Parteien geführt haben würde, wie ein Schiffer gegen den Wind lavirt. Suckling's Kobolde,(Komödie a. d. J. 16469) Bei einem meiner Beſuche im Dorfe mit Mei⸗ ſter Simon, ſchlug dieſer mir vor, in der Schenke einzuſprechen, welche er mir als ein Mu⸗ ſter einer wahren Landſchenke, und als das Haupt⸗ quartier fuͤr die Dorfklatſchereien zeigen wollte. Ich hatte ſie ſchon fruͤher bei meinen Wanderun⸗ gen durch den Ort bemerkt. Sie hat eine tiefe, weit hineingehende alte Thuͤr, welche in einen großen Saal fuͤhrt, der zur Schenkſtube und zum Zimmer fuͤr die Reiſenden zugleich dient; dieſer hat 78— einen großen Feuerheerd, mit hochlehnigen Si⸗ tzen zu beiden Seiten, wo die klugen Leute aus dem Dorfe bei ihrem Ale ſchwatzen und waͤhrend der langen Winterabende ihre Sitzun⸗ gen halten. Der Wirth iſt ein ſorgloſer, traͤger Menſch, der ſeinen eigenen Bierfaͤſſern nicht un⸗ aͤhnlich ſieht, und gern in der Thuͤr ſteht und ſchwatzt, mit der Peruͤcke auf einer Seite und den Haͤnden in den Taſchen, waͤhrend ſeine Frau und Tochter den Kunden aufwarten. Seine Frau iſt indeſſen dem Geſchaͤft vollkommen ge⸗ wachſen, und hat, durch lange Gewohnheit, eine ſo vollkommene Herrſchaft uͤber alle Beſucher der Schenkſtube erhalten, als ob dieſe, ſtatt ihrer Goͤn⸗ ner, ihre Untergebene waͤren. Es giebt auch kei⸗ nen alten Aletrinker, der ihr nicht den Hof machte, da er wahrſcheinlich ſchon oft bei ihr an der Kreide geſtanden hat. Ich habe ſchon be⸗ merkt, daß ſie ſich mit Hans Baargeld ſehr gut ſteht. Er war in fruͤherer Zeit ihr Liebha⸗ ber, und hat ihretwegen die Schenke immer ge⸗ halten. Auch iſt er hier der wahre Hahn im Korbe. Als wir uns der Schenke naͤherten, hoͤrten wir jemand mit großer Gelaͤufigkeit der Zunge reden, und konnten die bedeutſamen Worte: * 79 Auflagen, Armengelder, Noth des Landmanns deutlich unterſcheiden. Bei naͤ⸗ herer Betrachtung fanden wir, daß der Spre⸗ cher ein magerer, geſchwaͤtziger Kerl war, der den Wirth in eine Ecke der Thuͤr gedraͤngt hat⸗ te, wo dieſer ihm, die Haͤnde wie gewoͤhnlich in den Taſchen, mit einer Miene der ausdrucksloſe⸗ ſten Beiſtimmung zuhoͤrte. Dieſes Zuſammentreffen ſchien einen ſehr ſon⸗ derbaren Eindruck auf Meiſter Simon zu machen; er druͤckte mir den Arm und nahm auf einmal eine andere Richtung, von der Thuͤr weg, als ob er nun nicht hineintreten wollte. Dieſes augenſcheinliche Ablenken machte, daß ich den Redner genauer ins Auge faßte. Er war mager, aber ſehr kraͤftig gebaut, und hatte ein langes, bleiches, gallſuͤch⸗ tig ausſehendes Geſicht, einen ſchwarzen Bart, ſo ungeſchickt raſirt, daß ſein ganzer Hemdkragen davon blutig geworden war, ein wie von Fieber⸗ hitze gluͤhendes Auge, und trug einen Hut, der auf allen Seiten aufgekraͤmpt war, ſo daß er ein hoͤchſt keckes Anſehen erhalten hatte. Er hielt eine Zeitung in der Hand, und ſchien uͤber deren In⸗ halt, zu gaͤnzlicher Ueberzeugung des Wirths, zu ſprechen. Bei Meiſter Simon's Anblick gerieth der — 80 Wirth augenſcheinlich in einige Bewegung, fing an ſich die Haͤnde zu reiben, ſchlich aus ſeiner Ecke her⸗ vor, und machte mehrere tiefe Gaſtwirths⸗Buͤck⸗ linge, waͤhrend der Redner meinen Gefaͤhrten gar nicht weiter zu bemerken ſchien, ſondern nur lauter als vorher ſprach, und, wie mich duͤnkt, mit einer Art von Trotz deklamirte. Meiſter Simon aber lenkte, wie ich vorhin geſagt habe, von der Thuͤr ab, nahm mich unter den Arm, und fluͤſterte mir, waͤhrend wir nun vorbeigingen, im Tone der Scheu und des Schreckens zu,„das iſt ein Radikaler! der lieſ't Cobbett!“*) Ich ſuchte von meinem Gefaͤhrten eine ge⸗ nauere Nachricht uͤber ihn zu erhalten; allein die⸗ ſer ſchien ſogar nicht einmal von ihm reden zu wollen, und antwortete mir daher nur in allge⸗ meinen Ausdruͤcken,„daß er ein verdammt unru⸗ higer Kerl ſey, der eine verwuͤnſchte Sucht zum Reden habe, und Einem immer mit der National⸗ ſchuld und ſolchem dummen Zeuge in den Ohren laͤge,“ woher ich glaube, daß Meiſter Simon, duͤrch irgend ein zufaͤlliges Zuſammentreffen auf dem Felde der Disputation, eine Scheu vor ihm *) Man wird dieſen Apoſtel des Pöbels wahrſcheinlich ſchon aus den engliſchen Blättern hinlänglich kennen. Ueberſ. —— 8¼ bekommen habe, denn dieſe Radikalen ſuchen uͤberall Wortſtreit anzuknuͤpfen und freuen ſich ſehr, wenn ſie einen ordentlichen Menſchen mit⸗ ſammt ſeiner Logik aus dem Sattel heben koͤnnen. Bei ſpaͤterer Nachfrage hat ſich mein Ver⸗ dacht beſtaͤtigt. Ich hoͤre, daß der Radikale erſt vor kurzem in dem Dorfe angelangt iſt, wo er mit⸗ ſeiner Lehre eine furchtbare Verwuͤſtung anzurichten droht. Er hat bereits zwei oder drei der Einwohner⸗ vollkommen bekehrt, oder neue Lichter aus ihnen: gemacht; durch ihn iſt der Glaube mehrerer An⸗ dern ſehr erſchuͤttert worden, und mehreren von den aͤlteſten Dorfbewohnern, welche in ihrem⸗Le⸗ ben nicht an Politik, oder an ſonſt irgend et⸗ was gedacht hatten, iſt der Kopf ganz. ver⸗ dreht.. Die beſtaͤndige Unruhe ſeines Koͤrpers und ſeines Geiſtes macht, daß er ganz mager und ab⸗ gefallen iſt: dazu treibt er ſich beſtaͤndig mit Zei⸗ tungen und Pamphlets in den Taſchen herum, die er bei jeder Gelegenheit hervorzieht. Meh⸗ rere von den tuͤchtigſten Dorfbewohnern haben ein großes Aergerniß daran genommen, daß er von dem Squire und ſeiner Familie ſo gering⸗ ſchaͤtzig ſpricht, ſo wie davon, daß es beſſer ſeyn wuͤrde, man theilte den Park in kleine Grundſtuͤcke 82² und Kuͤchengaͤrten, oder fuͤtterte gute Haͤmmel, ſtatt der nutzloſen Hirſche, darauf. Er iſt dem Squire, der ſehr fuͤrchtet, daß er Politik in das Dorf bringen, und ungluͤckliche, nachdenkende Menſchen aus deſſen Bewohnern machen moͤge, ein großer Dorn im Auge. Noch mehr zuwider iſt er aber dem Meiſter Simon, der bisher, ohne vielen Aufwand von Gelehrſam⸗ keit oder Logik, die politiſchen Anſichten im Orte zu lenken im Stande geweſen iſt, dem es aber kuͤrzlich ſehr viel Muͤhe gekoſtet hat, den von die⸗ ſem Kaͤmpen der Reform bereits ausgeſtreuten Samen des Zweifels und der Ketzereien wieder aus⸗ zurotten. In der That hat dieſer in der Schenk⸗ ſtube bereits das große Wort erlangt, und zwar nicht ſowohl deswegen, weil er die althergebrachten Orakel uͤberzeugt, als weil er ſie niedergeſprochen hat. Der Apotheker konnte, mit aller ſeiner Phi⸗ loſophie, gegen ihn nicht auffkommen. Er hat den Wirth wenigſtens ein Dutzend Mal uͤber⸗ zeugt und bekehrt, der indeß von dem Naͤchſten, der mit ihm ſpricht, ſich eben ſo leicht von dem Gegentheile uͤberzeugen und dazu bekehren laͤßt. Eine heftige Gegnerinn hat er aber an der Wir⸗ thinn, die ſehr eifrig loyal, und dem Koͤnige, dem Meiſter Simon und dem Squire durchaus ergeben — — 83 iſt. Sie faͤllt dann und wann den Reformator mit der ganzen Wuth einer wilden Katze an, und ſchont dann ſelbſt ihres ſanftmuͤthigen Man⸗ nes nicht, den ſie tuͤchtig ausſchilt, daß er auf ſolche niedrigdenkende Politik hoͤre. Was aber die gute Frau noch mehr aufbringt, iſt die voll⸗ kommene Kaͤlte, womit der Radikale auf ihre An⸗ griffe hoͤrt, ſein Geſicht zu einem herausfor⸗ dernden, hochmuͤthigen Laͤcheln verzieht, und, wenn ſie ſich nun ganz außer Athem geſprochen hat, ſie ganz ruhig um einen Trunk von ihrem eigen⸗ gebrauten Biere bittet. Der Einzige, der einigermaßen dieſem furchtba⸗ ren Politiker gewachſen iſt, iſt Hans Baargeld Tibbets, der, dem Radikalen und allen ſeinen Reden zum Trotz, ſeinen Platz in der Schenk⸗ ſtube behauptet. Hans iſt einer der beſtgeſinn⸗ ten Leute im Lande, ohne jedoch viel uͤber die Sache reden zu koͤnnen. Dabei hat er, fuͤr ei⸗ nen zuͤhen Streiter, eine vortreffliche Eigenſchaft, naͤmlich die, nie zu wiſſen, wenn er geſchlagen iſt. Er hat ein halbes Dutzend alter Saͤtze, welche er bei allen Gelegenheiten vorbringt, und die er, ſo oft ſie auch ſein Gegner uͤber den Haufen werfen mag, dennoch immer wieder ins Feld 84 ruͤcken laͤßt. Er iſt wie der Raͤuber im Arioſt*), der, wenn gleich ſein Kopf ihm ein halbes hun⸗ dert Mal abgeſchlagen worden, ihn doch in ei⸗ nem Augenblicke ſich wieder aufſetzte und unver⸗ ſehrt wieder zum Kampfe zuruͤckkehrte. Was ſich nicht mit Hans' einfachem und klaren Glaubenskenntniſſe vertragen will, heißt bei ihm franzoͤſiſche Politik, denn, des Frie⸗ dens ungeachtet, kann er ſich doch nicht uͤberzeu⸗ gen, daß nicht die Franzoſen Plaͤne machen, das engliſche Volk zu Grunde zu richten und ſich der Bank zu bemaͤchtigen. Der Radikale ſuchte ihn eines Tages durch eine lange Stelle aus einer Zeitung zu ſchlagen, aber Hans lieſ't weder Zei⸗ tungen, noch glaubt er an ſie. Statt aller Ant⸗ wort ſagte er ihm eine von den Strophen aus ſeinem Lieblings⸗ und uͤberhaupt einzigen Schrift⸗ ſteller, dem alten Tuſſer*¹) die er auswendig weiß, und die er ſeine goldenen Regeln nennt: Der Fuͤrſten Geſchaͤfte, laß ſtill ſie ruhn Und kuͤmmre Dich um dein eignes Thun: Vor Gott hab' Furcht, ehr' Koͤnig und Geſetze; Doch huͤte Dich, daß nicht ihr Arm Dich verletze! *) Orlando furioso Canto XV, st. 71. Ueberſ. **) S. Theil 1. S. 36.) 85 Als Tibbets dieß mit großem Nachdrucke hergeſagt hatte, zog er einen wohlgefuͤllten, leder⸗ nen Beutel hervor, nahm eine Handvoll Gold und Silber heraus, bezahlte ſeine Zeche an der Schenke mit großer Puͤnktlichkeit, that ſein Geld, Stuͤck vor Stuͤck, wieder in den Beutel, ſteckte dieſen in die Taſche, die er zuknoͤpfte, ſtieß mit dem Stocke recht ordentlich auf den Boden, ſagte dann zu dem Radikalen, mit dem Tone eines Mannes, der ſeinen Gegner gehoͤrig abge⸗ fertigt zu haben glaubt: guten Morgenl! und ſchritt dann mit loͤwengleichem Ernſt aus dem Hauſe. Zwei oder drei von Hans' Bewunde⸗ rern, welche gegenwaͤrtig waren und ſich gefuͤrch⸗ tet hatten, ſelbſt ins Feld zu ruͤcken, ſahen dies als einen vollkommnen Triumph an, und winkten ſich einander zu, als der Radikale den Ruͤcken wandte.„Ja, ja!“ ſagte der Wirth, ſobald auch der Radikale weit genug weg war:„laßt nur den al⸗ ten Hans machen, ich bin ſicher, der giebt ihm noch ſeinen Theil!”“ Der Rabenhorſt. — Der Raben Krächzen, das Geſchrei der Geyer, Die hoch in weiten Kreiſen ob uns ſchweben, Die Hähne, Elſtern auch, ja ſelbſt die düſtre Eule, Wenn ſie den Mond begrüßt, ſie haben Reiz für mich. Cowper. — In einer Gruppe hoher Eichen und Buchen, welche oben auf einer Terraſſe, gerade am Rande des Gartens ſteht, iſt ein alter Rabenhorſt, einer der wichtigſten Beſtandtheile der laͤndlichen Be⸗ ſitzungen des Squire. Der alte Herr legt gro⸗ ßes Gewicht auf ſeine Raben und leidet nicht, daß ein einziger davon getoͤdtet werde. Die Folge davon iſt nun, daß ſie ſich außerordentlich ver⸗ mehrt haben: die Gipfel der Baͤume ſind mit ihren Neſtern beladen, und ſie haben ſogar, ſchon ſeit kanger Zeit, eine Colonie in den Ulmen und Kie⸗ fern des Kirchhofes angelegt, die, wie andere ent⸗ e 87 fernte Colonieen, ſich bereits von dem Mutter⸗ lande losgeſagt hat. B Der Squire ſieht die Raben als einen ſehr alten und ehrenwerthen Stamm an, der ſehr ariſtokratiſch in ſeinen Anſichten iſt, gern an ei⸗ ner Stelle verbleibt, und eine große Anhaͤnglich⸗ keit an Kirche und Staat hat, wie ihre Ge⸗ wohnheit, ſo hoch in der Luft zu bauen, und ſich in der Naͤhe von Kirchen und Kathedralen auf⸗ zuhalten, hinlaͤnglich darthut. Die gute Mei⸗ nung, welche der Squire von ihnen hegt, veran⸗ laßte mich, dieſe ehrenwerthen Voͤgel etwas ge⸗ nauer zu betrachten, denn ich geſtehe, zu meiner Schande, daß ich ſie bisher immer mit ihren Geſchwiſterkindern, den Kraͤhen, verwechſelt hatte, mit denen ſie, beim erſten Anblicke, eine ſo große Familienaͤhnlichkeit haben. Nichts kann indeſſen ungerechter oder beleidigender ſeyn, als die⸗ ſer Irrthum; die Raben und Kraͤhen ſind, in der gefiederten Welt, das, was die Spanier und Portugieſen unter den Voͤlkern ſind, und lieben ſich, grade ihrer Nachbarſchaft und Aehnlichkeit wegen, am allerwenigſten. Die Raben ſind alte, lang⸗ jaͤhrige Hausbeſitzer, hochſinnige Freiſaſſen, die ihre erblichen Wohnſitze ſeit undenklichen Zeiten inne gehabt haben; was aber die armen Kraͤhen be⸗ 88 trifft, ſo ſind ſie eine Art von landſtreicheriſchem, raͤuberiſchen Zigeunervolk, das, ohne eine be⸗ ſtimmte Heimath zu haben, im Lande umher⸗ ſtreift„ihre Haͤnde ſind gegen Jedermann auf⸗ gehoben, und Jedermanns Haͤnde gegen ſie” und man haͤngt ſie auf jedem Kornfelde auf. Mei⸗ ſter Simon verſichert mich, daß wenn ein weib⸗ licher Rabe ſich je ſo weit vergeſſen ſollte, ſich mit einer Kraͤhe in eine Verbindung einzulaſſen, er unwiederbringlich enterbt und von allen ſeinen Bekannten von Stande ausgeſtoßen werden wuͤrde. Der Squire wacht ſorgfaͤltig uͤber die Wohl⸗ fahrt und die Angelegenheiten ſeiner ſchwarzen Nachbarn. Was Meiſter Simon betrifft, ſo behauptet er ſogar, Manche von ihnen dem An⸗ ſehen nach zu kennen, und hat ihnen Namen gegeben; auch weiß er mehrere zu zeigen, von de⸗ nen er ſagt, daß ſie alte Familienhaͤupter ſeyen, und die er mit wuͤrdigen alten Buͤrgern vergleicht, welche in der Welt etwas vor ſich gebracht ha— ben, dreieckige Huͤte und ſilberne Schnallen in den Schuhen tragen. Ungeachtet des beſchuͤtzen⸗ den Wohlwollens des Squire, und des Umſtan⸗ des, daß ſie Buͤrger ſeines Reiches ſind, ſcheinen ſie doch keine Lehnspflicht anzuerkennen, und durch⸗ aus in keinem Verkehr oder naͤherem Verhaͤltniß * — ——— 2 89 zu ſtehen. Ihre luftigen Wohnungen ſind bei⸗ nahe ganz außer Schußweite gebaut, und unge⸗ achtet ihrer Naͤhe bei der Halle, halten ſie ſich in einer ſcheuen, mißtrauiſchen Entfernung von den Menſchen. Es giebt indeß eine Zeit im Jahr, welche alle Voͤgel gewiſſermaßen auf eine Stufe bringt, und den Stolz des kuͤhnſten Luftbewohners de— muͤthigt, naͤmlich die, wo ſie ihre Neſter bauen. Dieß geſchieht ſehr zeitig im Fruͤhling, wenn die Baͤume die erſten Knospen hervorzutreiben, die lange verwelkten Enden der Zweige ſich zu begruͤnen anfangen, wenn die Felderdbeeren und die uͤbri⸗ gen Geſtraͤuche der bedeckten Waldgegenden, ihre zarten gefaͤrbten Blaͤtter anſetzen und die Maaß⸗ liebe und die Schluͤſſelblume unter den Hecken her⸗ vorblicken. Um dieſe Zeit herrſcht eine große Bewegung in der gefiederten Schoͤpfung: Alles flattert unaufhoͤrlich umher, zirpt froͤhlich, und deutet, wie das erſte Aufkeimen in der Pflanzen⸗ welt, das neuerwachende Leben und die wieder⸗ kehrende Fruchtbarkeit des Jahres an. Zu dieſer Zeit vergeſſen die Raben ganz ihre gewoͤhnliche Vornehmheit und ihre ſcheuen und hochſtrebenden Gewohnheiten. Statt in den ho⸗ hen Regionen der Luft zu bleiben, auf den luftigen 90 Baumwipfeln ſich zu wiegen, und mit ſtolzer Ver⸗ achtung auf die gemeinen Weſen herabzuſchauen, welche an der Erde kleben, legen ſie auf eine Zeitlang ihre Wuͤrde ab, kommen zur Erde herab und nehmen die muͤhſeligen, gewerbſamen Eigen⸗ thuͤmlichkeiten eines Arbeiters an. Sie verlieren itzt ihre natuͤrliche Scheu, werden furchtlos und vertraulich, und flattern nach allen Seiten um⸗ her, Baumaterialien zu ſuchen; dann und wann ſieht man auch einen von den geſchaͤftigen al⸗ ten Herren, der, mit unbehuͤlflichem Gange, ſich umher tummelt, als ob er das Podagra oder Huͤhneraugen an den Fuͤßen haͤtte, manchen for⸗ ſchenden Blick umher wirft, jeden Strohhalm, den er findet, in ernſte Betrachtung zieht, ihn erſt mit einem Auge, dann mit dem andern anſieht, bis er einen maͤchtigen Zweig erſpaͤht, der ſtark genug iſt, einen Balken zu ſeinem luftigen Schloſſe abzu⸗ geben, dieſen begierig erfaßt und damit zu dem Baumwipfel hinauffliegt, anſcheinend aus Furcht, daß man ihm die unſchaͤtzbare Beute ſtreitig ma⸗ chen moͤge. Wie andere Erbauer von Luftſchloͤſſern, ſchei⸗ nen dieſe Luftbaumeiſter ſehr ſonderbar in der Wahl ihrer Materialien zu Werke zu gehen, und die am liebſten zu haben, welche aus der Ferne —. —. 91 kommen. So denken ſie, wenn es gleich eine Menge trockener Zweige auf den Baͤumen um⸗ her giebt, nie daran, dieſe zu benutzen, ſondern ſammeln in fremden Landen ein, und kommen, einer nach dem andern, von den Enden der Erde herbeigeſegelt, jeder mit einem koͤſtlichen Stuͤcke Bauholz im Schnabel. Hiebei muß ich nicht eines Umſtandes zu erwaͤhnen vergeſſen, der leider dem ernſten und ehrenwerthen Charakter dieſer alten Edelherren ſehr Abbruch thut, naͤmlich, daß ſie waͤhrend der Banzeit ſich ſehr oft untereinander veruneinigen, ſich kein Gewiſſen daraus machen, einander zu betruͤgen und zu pluͤndern, und daß zuweilen der Rabenhorſt ein Schauplatz gewaltiger Zaͤnkereien und Unruhen iſt, welche durch ein Verbrechen der Art herbeigefuͤhrt worden ſind. Gewoͤhnlich bleibt einer von den Inhabern im Neſte, um es gegen Beraubung zu ſichern, und ich bin Zeuge harter Kaͤmpfe geweſen, wenn etwa ein ſchlauer Nachbar einen Balken, der ihn anzog, zu ſtehlen wagte. Da ich nicht voreilig einem Verdachte Raum geben will, der auf den Charakter eines ſo ehrenwerthen Volkes ein boͤſes Licht werfen koͤnnte, ſo muß ich glauben, daß dieſe Diebſtaͤhle von den hoͤheren Klaſſen durchaus nicht gut ge⸗ 92— heißen, ſondern ſogar von den Machthabenden ſtreng beſtraft werden, denn ich habe dann und wann einen ganzen Schwarm Raben auf das Neſt eines Einzelnen fallen, es ganz in Stuͤcken reißen, die Truͤmmer hinweg tragen, und ſelbſt den ungluͤcklichen Eigenthuͤmer mißhandeln ſehen. Ich habe dieß immer fuͤr eine, ihm von den Po⸗ lizeibeamten, fuͤr irgend eine Veruntreuung auf⸗ erlegte exemplariſche Strafe gehalten, oder ge⸗ „laubt, daß es ein Haufe Gerichtsdiener ſey, der in ſeinem Hauſe eine Execution vollzoͤge. Ein anderes Manoͤver der Raben waͤhrend ihrer Bauzeit hat mich ſehr beluſtigt. Der Ver⸗ walter laͤßt, eben nicht zur Zufriedenheit des Squire, der dieß fuͤr eine Beeintraͤchtigung der Wuͤrde eines Parks haͤlt, welcher nur fuͤr Dann⸗ hirſche beſtimmt ſeyn ſollte, eine bedeutende An⸗ zahl Schafe auf einem Raſenplatze bei dem Hauſe weiden. Dem ſey nun wie ihm wolle, ſo iſt, nicht weit von dem Fenſter des Geſellſchaftszim⸗ mers, ein gruͤner Huͤgel, wo die Mutterſchafe und Laͤmmer ſich gegen Abend zu verſammeln pflegen, um ſich noch in den Strahlen der un⸗ tergehenden Sonne zu waͤrmen. Kaum haben ſie ſich zur Zeit, wenn die klugen Voͤgel bauen, hier eingefunden, als ein ſtattlicher alter Rabe, 93³ von dem Meiſter Simon verſichert, daß er die erſte obrigkeitliche Perſon in der Voͤgel⸗Republik ſey, ſich auf den Kopf eines der Schafe ſetzt, das, anſcheinend dieſer Herablaſſung ſich bewußt, zu graſen aufhoͤrt, und. in bewegungsloſer Ehrfurcht vor ſeiner erhabenen Laſt, ſtill ſtehen bleibt; kaum iſt dieß geſchehen, ſo kommen auch die uͤbrigen Bewohner des Rabenhorſtes, nach dem Beiſpiele ihres Anfuͤhrers, herbei, bis jedes Schaf zwei oder drei auf ſich hat, welche auf ſeinem Ruͤcken kraͤchzen, flattern und kaͤmpfen. Ob ſie nun die Unterwerfung der Schafe dadurch vergelten, daß ſie. zum Vortheil des Rabenhorſtes, einen Beitrag von ihren Fellen erheben, weiß ich nicht gewiß, obgleich ich beinah denken ſollte, daß ſie darin dem Bei⸗ ſpiel aller Schutzherren folgen. Der ſpaͤtere Theil des Mai iſt die Zeit der Truͤbſal fuͤr die Rabenhorſte, wo die Jungen ſo eben aus ihren Neſtern hervorkommen und ſich auf den benachbarten Zweigen wiegen. Ißt kommt die Zeit der Rabenjagd, ein gewalti⸗ ger bethlehemitiſcher Kindermord. Natuͤrlich un⸗ terſagt der Squire alle Gebietsverlezungen der Art; dagegen wird aber, wie ich hoͤre, unter der Colonie um die alte Kirche eine deſto gewalti⸗ gere Niederlage angerichtet. Gegen dieſe dem 94 Verderben geweihte Republik ruͤckt nun das Dorf „mit ſeiner ganzen Ritterſchaft“”*) an. Jeder Muͤſſiggaͤnger, der nur eine alte Flinte oder Don⸗ nerbuͤchſe beſitzt, und die ſaͤmmtlichen Bogenſchuͤtzen aus Slingsby's Schule dazu, ruͤcken ins Feld. Vergebens ermahnt und ſchilt der kleine Pfar⸗ rer, in zornigem Tone, aus dem Fenſter ſeines Studirzimmers, das auf den Kirchhof hinaus⸗ geht: das Geknall dauert von Morgen bis Abends. Da die Leute keine großen Schuͤtzen ſind, ſo treffen ſie nicht oft: dann und wann zeigt aber ein großes Jubelgeſchrei des Belage⸗ rungsheeres der Bauerluͤmmel den Herabſturz eines ungluͤcklichen, feiſten Raben an, der dann mit dem ganzen Gewicht eines Apfelkloßes her⸗ unterplumpt. Daneben giebt es aber in dem Rabenhorſte noch allerhand andere Unruhen und Unannehm⸗ lichkeiten. In einem ſo ariſtokratiſchen, ſo hoch⸗ ſinnigen Verein, worin es ſoviel altes Gebluͤt und ſoviel Ahnenſtolz giebt, muͤſſen ſich natuͤr⸗ lich gar manche Rangſtreitigkeiten erheben und gar manche Ehrenſachen Statt finden. In der That iſt dieß ſehr oft der Fall; zwiſchen Einzelne *) Milton“s Geſchichte von England. Buch 3. Ueberſ. 1 95 entſtehen heftige Fehden, welche zu argen Thaͤt⸗ lichkeiten auf den Baumwipfeln Anlaß geben, und ich habe mehr als einmal einen regelmaͤ⸗ ßigen Zweikampf zwiſchen zwei tapfern Helden des Rabenhorſtes vorfallen ſehen. Ihr Schlacht⸗ feld iſt gewoͤhnlich die Luft, und es wird auf die kuͤnſtlichſte und zierlichſte Weiſe gefochten: ſie kreiſen um einander, ſteigen immer hoͤher und hoͤher, um ſich das Feld abzugewinnen, bis ſie ſich zuweilen, ehe der Streit entſchieden iſt, in die Wolken verlieren. So haben ſie auch dann und wann hart⸗ naͤckige Gefechte mit Falken, die ſich eindraͤngen, und vertreiben dieſe dann ganz foͤrmlich durch ein allgemeines Aufgebot. Ueberhaupt ſind ſie ſehr eiferſuͤchtig auf ihr Gebiet, und leiden es nicht, daß irgend ein Vogel ſich in dem Waͤld⸗ chen oder in ſeiner Naͤhe anſiedele. Eine ſehr alte, ehrwuͤrdige, einzelne Eule, welche ſeit langer Zeit ihren Wohnſitz in einer Ecke des Waͤldchens aufgeſchlagen hatte, iſt von den Raben foͤrmlich hinausgeworfen worden, und hat ſich, der Welt aͤberdruͤſſig, in einen benachbarten Wald zuruͤck⸗ gezogen, wo ſie das Leben eines Klausners fuͤhrt, und allnaͤchtlich uͤber die ihr widerfahrene uͤble Behandlung klagt. 96 Das Geſchrei dieſer ungluͤcklichen Eule hoͤrt man an ſtillen Abenden, wenn die Raben alle zur Ruhe ſind, ſehr deutlich, und ich ſelbſt habe oft, in einer mondhellen Nacht, ihr mit einer Art von geheimem Vergnuͤgen zugehorcht. Es verſteht ſich, daß der Squire dieſen graubaͤrtigen Menſchenhaſſer ſehr in Ehren haͤlt: die Dienſt⸗ boten haben dagegen allerhand aberglaͤubiſche Ge⸗ danken uͤber ihn, und es wuͤrde ſehr ſchwer ſeyn, das Milchmaͤdchen dahin zu vermoͤgen, nach ein⸗ getretener Daͤmmerung in die Naͤhe des Holzes zu gehen, das die Eule bewohnt.„. Außer den Zaͤnkereien der Raben unter ſich, giebt es aber noch andere Unfaͤlle, von denen ſie heimgeſucht werden, und welche oft Trauer uͤber die achtbarſten Familien des Rabenhorſtes brin⸗ gen. Da ſie den aͤchten Rittergeiſt der guten alten Lehnszeiten haben, ſo machen ſie oft, von ihren Schloͤſſern aus, Streifereien, und brand⸗ ſchatzen die Felder des Poͤbels der benachbarten Gegenden, bei welchen ritterlichen Unternehmun⸗ gen ſie dann und wann von dem verroſteten Geſchuͤtz irgend eines widerſpaͤnſtigen Pachters begruͤßt werden. Zu Zeiten begehen ſie auch wohl, waͤhrend ſie ganz ruhig außerhalb der Graͤnzen des Parks in der Luft umherſtreifen, die V V 97 die Unvorſichtigkeit, den herumtreibenden Bogen⸗ ſchuͤtzen aus Slingsby's Schule in den Schuß zu kommen, und einen Pfeil von dem Bogen ir⸗ gend eines heilloſen Jungen zu erhalten. In ſolchem Falle hat der verwundete Abenteuerer zuweilen noch Kraft genug, ſich nach Haus zu fluͤchten und ſeinen Geiſt in dem Rabenhorſt auf⸗ zugeben, wo er dann„ganz draußen“ an einem Zweige haͤngt, wie ein Dieb am Galgen, ein war⸗ nendes Beiſpiel fuͤr ſeine Freunde und ein Ge⸗ genſtand großen Bedauerns fuͤr den Squire. Aller dieſer Widerwaͤrtigkeiten ungeachtet fuͤh⸗ ren die Raben, im Ganzen, doch ein gluͤckliches Schlaraffen⸗Leben. Sind ihre Jungen aufge⸗ zogen und ihrem angebornen Element, der Luft, uͤberlaſſen, ſo ſcheinen die Sorgen der Alten vor⸗ uͤber zu ſeyn, und ſie nehmen nun alle ihre ari⸗ ſtokratiſche Wuͤrde und Traͤgheit wieder an. Ich habe ſie oft um das Vergnüͤgen beneidet, das ſie in ihrer Himmelshoͤhe zu empfinden ſcheinen, wenn ſie mit lautem Freudengeſchrei um ihre luftigen Lauben flattern, zuweilen uͤber denſelben ſchweben, zuweilen ſich auf die hoͤchſten Zweige niederlaſſen, und ſich dort mit ausgeſtreckten Schwingen auf den Luͤften ſchaukeln und wiegen. Zuweilen ſchei⸗ nen ſie einen Modeausflug nach der Kirche zu II. E 98 machen, und ſich dadurch zu beluſtigen, daß ſie weite Kreiſe um die Spitze des Kirchthurms be⸗ ſchreiben; zu andern Zeiten bleibt nur eine Art Beſatzung in dem feſten Platz im Gebuͤſche zu⸗ ruͤck, waͤhrend die uͤbrigen umherſtreifen, das ſchoͤne Wetter zu genießen. Gegen Sonnenuntergang zeigt die Beſatzung die Ruͤckkehr der Ausgeflo⸗ genen an; in weiter Ferne hoͤrt man ſchon ihr Kraͤchzen, ſieht ſie dann, wie eine ſchwarze Wolke, herannahen, und ſo immer naͤher und naͤher kom⸗ men, bis ſie endlich uͤber ihren hohen Wohnſitzen ſchweben. Sie beſchreiben nun mehrere große Kreiſe in der Luft, uͤber der Halle und dem Gar⸗ ten, verengen die Kreiſe immer mehr und mehr, bis ſie ſich endlich allmaͤlig auf das Waͤldchen nie— derlaſſen, und nun ein furchtbares Gekraͤchz er⸗ heben, gleich als wollten ſie die Abenteuer des Tages erzaͤhlen. Ich wandele um dieſe Zeit gern um dieſe duͤſtern Gebuͤſche, um die verſchiedenartigen Toͤne zu hoͤren, welche dieſes luftige Volk, das ſo hoch uͤber mir niſtet, hervorbringt. Wenn die Daͤm⸗ merung heranruͤckt, wird ihre Unterhaltung leiſer, und Einer ſcheint nach dem Andern einzuſchlafen: dann und wann hoͤrt man nur noch einen Klage⸗ ton, als ob einer ein Kiſſen, oder etwas mehr von ₰ 99 der Bettdecke, haben wollte. Erſt ſpaͤt am Abend kommen ſie ganz zur Ruhe, und dann faͤngt ihre klausneriſche Nachbarinn, die Eule, an, ihr einſa⸗ mes Klagegeſchrei aus ihrer jungfraͤulichen Woh— nung in dem Gehoͤtz ertoͤnen zu laſſen. E 2 Der Maitag. — Es iſt des Jahres ſchönſte Zeit, Denn Veilchen blühen weit und breit: Die Roſe keimt am Stock empor, Die Erde deckt der Primel Flor. Zum Maienbaume gehn wir heut, Denn heut' iſt Freud' und Feſtlichkeit. (C. 9X 8) Actäon und Diana.(tsss.) A ich dieſen Morgen im Bett lag, noch halb im Traume, halb in Gedanken befangen, ein Zuſtand, der ſo angenehm auf dem Lande iſt, wo mam die Böͤgel vor dem Fenſter ſingen höoͤrt und die Sonnenſtrahlen durch die Vorhaͤnde fallen, were ich durch den Ton der Muſik erweckt. Als üch hinunter kam, fand ich eine Anzahl Dorf⸗ bewohmer in ihren Feſtkleidern, die eine mit Blu⸗ menfräsgen und Baͤndern geſchmuͤckte Stange tru⸗ gen und wom den Dorfmuſi ikanten begleitet waren, welche der Schneider, der blaſſe Kerl, der die 101¹ 3 Klarinette ſpielt, anfuͤhrte. Sie trugen ſaͤmmt⸗ lich Hagedornzweige, oder, wie man es nennt, den Maien, an den Huͤten, und hatten gruͤne Zweige und Blumen herbeigebracht, die Thuͤr und die Fenſter der Halle damit zu ſchmuͤcken. Sie wa⸗ ren gekommen, um anzuzeigen, daß der Maien⸗ baum auf der Wieſe errichtet werde, und die Hausgenoſſen einzuladen, die Luſtbarkeiten mit anzuſehen. Wie gewoͤhnlich, ward die Halle bald der Schauplatz geſchaͤftigen Treibens und froͤhli⸗ cher Verwirrung. Die Dienerſchaft hatte nichts als Mai und Muſik im Kopfe, und weder die Zungen noch die Fuͤße der Maͤdchen, die ſich ſchon im Voraus auf die Luſtbarkeiten auf der Wieſe und den Tanz am Abend freuten, ließen ſich mehr in Ordnung halten. 6. Zch ging ſchon fruͤh nach dem Dorfe, um die Froͤhlichkeit mit zu genießen. Der Morgen war klar und ſonnig, ſo wie man einen Mai⸗ morgen gewoͤhnlich beſchreibt. Die Felder waren ganz weiß von Schluͤſſelblumen, der Hagedorn mit duftenden Bluͤten bedeckt, die Bienen ſumm⸗ ten an jedem Huͤgel, und die Schwalbe ſtrich hoch in der Luft um den Kirchthurm. Es war einer von den ſchoͤnen Tagen, wo wir mit Wonne die Luft einzuathmen ſcheinen, die uns umgiebt, 10² und uns gluͤcklich fuͤhlen, wir wiſſen ſelbſt nicht warum. Wer den Werth eines wackern Man⸗ nes recht tief gefuͤhlt, oder an einem liebenswuͤr⸗ digen Weibe innig gehangen hat, wird, an einem ſolchen Tage, das Andenken an ſie gewiß zaͤrtlich in ſich erneuern, und ſein Herz von laͤngſt er⸗ ſtorbenen Erinnerungen neu belebt fuͤhlen.„Denn zu der Zeit,“ heißt es in dem trefflichen Romane vom Koͤnig Arthur:„rufen die Liebenden die alte Zaͤrtlichkeit und die alten Liebesdienſte wieder in ihr Gedaͤchtniß zuruͤck, und manches Freund⸗ liche, das durch Nachlaͤſſigkeit in Vergeſſenheit ge⸗ rathen war.” Ehe ich noch das Dorf erreichte, ſah ich ſchon den Maienbaum mit ſeinen bunten Kraͤn⸗ zen und Baͤndern hoch uͤber die Haͤuſer empor⸗ ragen, und hoͤrte den Ton der Muſik. Ich fand, daß man, zum Empfange der Geſellſchaft, in der Naͤhe des Baumes Buden aufgeſchlagen, und eine Laube von gruͤnen Zweigen und Blumen fuͤr die Maienkoͤniginn, ein friſches, roſenwangi⸗ ges Maͤdchen aus dem Dorfe, errichtet hatte. Ein Haufe Mohrentaͤnzer**) tummelte ſich, in ſeinen phantaſtiſchen Kleidungen, auf der Wieſe *) S. oben, S, 38. — 103 umher, und klingelte mit Falkenſchellen: ein Knabe war als Jungfrau Mariane gekleidet, und der Narr klapperte mit ſeiner Buͤchſe, um von den Umſtehenden Beitraͤge einzufordern. Auch die Zigeunerinnen trieben ſchon ihr Spiel in den ver⸗ ſteckten Winkeln des Dorfes, laſen in den Haͤn⸗ den der einfaͤltigen Bauermaͤdchen, und prophe⸗ zeiten ihnen wahrſcheinlich Allen gute Maͤnner und Haufen von Kindern. Der Squire erſchien ebenfalls am Morgen, begleitet von dem Pfarrer, und ward mit lautem Freudengeſchrei empfangen. Er miſchte ſich, den ganzen Tag uͤber, unter die Landleute, und brachte und hatte Vergnuͤgen, wohin er kam. Die Luſt⸗ barkeiten des Tages waren von Slingsby, dem Schulmeiſter, angeordnet, der nicht allein in der Schule Zuchtmeiſter, ſondern im Dorfe auch Ceremonienmeiſter iſt. Er tummelte ſich umher, mit der beſorgten, unruhigen Miene eines Mannes, der die ſchwere Laſt auf dem Gewiſſen hat, fuͤr anderer Leute Unterhaltung zu ſorgen. Er hatte ſich in ein Dutzend Verlegenheiten ge⸗ ſetzt, die Folge einer politiſchen Intrigue, bei wel⸗ cher, beilaͤufig geſagt, Meiſter Simon und der Orforder Student die Hand mit im Spiele hat⸗ ten, und welche die Wahl der Maienkoͤniginn be⸗ 104 traf. Er hatte ſehr heftige Widerſpruͤche von ei⸗ ner Partei erfahren muͤſſen, die aus Ale⸗Trin⸗ kern beſtand und fuͤr die dkalle Schenkjungfer, die Tochter des Wirthes, ſtimmte, hatte aber ei⸗ nen zu guten Ruͤckhalt gehabt, um nicht ſeine Meinung durchzuſetzen, ſo daß es ſcheint, daß dieſe laͤndlichen Kronen, wie alle andere, Gegen⸗ ſtaͤnde lebhafter Bewerbungen und Veranlaſſung zu mancher Kraͤnkung ſind. Ich hoͤre, daß Mei⸗ ſter Simon, wenn gleich unter der Hand, doch einen großen Antheil an der Wahl dieſer Maien⸗ königinnen nimmt, und daß er den Kranz gewoͤhn⸗ lich fuͤr eine der laͤndlichen Schoͤnheiten zu erhal⸗ ten weiß, die ſeinen Beifall gewonnen hat. Im Laufe des Tages wurden mehrere koͤr⸗ perliche und Behendigkeits⸗Uebungen auf der Wieſe vorgenommen, bei welchen ein Haufe von aͤlteren Dorfbewohnern, als Kampfrichter, den Vorſitz fuͤhrte. Unter dieſen ſtand, wie ich ſah, Hans Baargeld oben an, der mit einem gelehr⸗ ten und kritiſchen Auge die Verdienſte der ver⸗ ſchiedenen Bewerber abwog, und ob er gleich ſehr lakoniſch war und zuweilen ſeine Meinung nur durch ein Kopfnicken andeutete, ſo war es doch klar, daß dieſe vor denen der Redſeligſten galt. Der junge Hans Tibbets war der Held 8 — 8 — — 105 4 des Tages und trug die meiſten Preiſe davon, wenn gleich, bei einigen von den Behendigkeits⸗ uͤbungen, der verlorene Sohn, der bei die⸗ ſer Gelegenheit ſehr in ſeinem Elemente zu ſeyn ſchien, ihm ziemlich nahe kame ſein gefaͤhrlichſter Nebenbuhler war aber der beruͤchtigte Zigeuner, der furchtbare Sternen⸗Thomas: Ich freute mich ſehr, dieſen Liebling des Mondes* bei hellem Tageslicht beſchauen zu koͤnnen, und fand, daß er ein großer, ſchwuͤrzlicher, gut aus⸗ ſehender Mann war, mit einer ſtolzen Miene, wie ich ſie zuweilen bei einem indianiſchen Haͤupt⸗ ling gefunden, und mit einer gewiſſen nachlaͤ⸗ ßigen, leichten und beinahe angenehmen Haltung, welche ich ſehr oft an Weſen des Lazaroni⸗Stam⸗ mes bemerkt habe, die ein muͤſſiges, herumtrei⸗ bendes Leben füͤhren und eine vornehme: Abnei⸗ gung gegen alle Arbeit zeigen⸗ Meiſter Simon und der General: recognos⸗ cirten zuſammen die Gegend und erlaubten ſich manchen unſchuldigen Scherz mit den flinken Bauermaͤdchen: Meiſter Simon kuͤßte manche von ihnen, wenn ſie ihm in den Weg kamen, und *) Shakespearers Heinricht IV., Thle I. Auſt. 1. Auftr. 2. Ueberf⸗ 106 erkundigte ſich nach ihren Schweſtern, denn er kennt die meiſten Pachterfamilien. Zuweilen fluͤſterte er ihnen auch etwas zu, that, als ob er ihnen ſchelmiſche Dinge ſagte, und wies, wenn man ihn damit aufzog, den Vorwurf mit Lachen zu⸗ ruͤck, obgleich es klar war, daß er ſich gern fuͤr einen Lothario*) unter ihnen angeſehen wiſſen wollte. Mit den Pachtern ſprach er viel uͤber ihre Grundſtuͤcke und ſchien alle ihre Pferde bei Na⸗ men zu kennen. Ein alter Mann, mit einem run⸗ den rothen Geſichte und einer Nachtmuͤtze unter dem Hute, der Spaßmacher des Dorfes, nahm mehrere Male Gelegenheit, etwas Scherzhaftes an ihn zu richten, waͤhrend ſeine Gefaͤhrten es hoͤrten, zu denen er ſich dann hinwandte und ihnen zunickte, wenn Meiſter Simon weggegangen war⸗ Das gute Vernehmen waͤre indeß, einmal, beinahe geſtoͤrt worden, indem der Radikale, mit zweien oder dreien ſeiner Schuͤler, auf dem Platze erſchien. Er fing bald an, mitten im Gedraͤnge zu predigen, aus dem ich ſeine Stimme heraus⸗ hoͤren und dann und wann ſeine duͤrre Hand, halb aus dem Aermel hervorragen ſehen konn⸗ te, wie er ſie mit heftiger Gebaͤrde in die Luft ₰₰—— 2. *) Aus Rowe's ſchöner Büßenden. Ueberſ. 107 erhob und ſtatt des Schwertes ein Pamphlet ſchwang. Er zog gegen dieſe eitlen, unſinnigen Vergnuͤgungen in Zeiten der öͤffentlichen Noth los, wo es Jedermanns Geſchaͤft ſey, an andere Dinge zu denken und traurig zu ſeyn. Die ehrli⸗ chen Dorflogiker konnten ſich, zumal da ſeine Proſelyten ihm beiſtanden, gegen ihn nicht hal⸗ ten, als, zu ihrer großen Freude, Meiſter Simon und der General auf einmal auf dem Schlacht⸗ felde eintrafen. Ich ſah ſehr gut, daß Meiſter Si⸗ mon ſich gern zuruͤckgezogen haͤtte, ſobald er wahr⸗ nahm, daß er ſich in der Naͤhe dieſes Branders be⸗ fand, aber der General war zu gutgeſinnt, als daß er in ſeiner Gegenwart ſo etwas haͤtte reden laſſen ſollen, und dachte, ohne Zweifel, daß ein Blick und ein Wort von einem Gentleman hinreichen wuͤrde, einem ſo ſchaͤbigen Redner den Mund zu ſchließen. Dieſer aber kannte kein Anſehen der Perſon, ſondern ſchien ſich vielmehr daruͤber zu freuen, ſo bedeutende Gegner zu haben. Er ſprach mit groͤßerer Gelaͤufigkeit als je, und uͤberſchrie ſie bald mit einer Rede uͤber Auflagen, Armen⸗ gelder und die Nationalſchuld. Meiſter Simon verſuchte, auf ſeine gewoͤhnliche ablenkende Art, uͤber die Sache hinzugehen, ein Kunſtgriff, der bei den Dorfbewohnern ihm immer ſehr gut her⸗ —— ÿÿ 108 ausgeholfen hatte; allein der Radikale gehoͤrte zu den verzweifelten Kerlen, welche Jemanden im⸗ mer ſtreng bei Thatſachen feſthalten, und ſo hatte er auch zwei bis drei Pamphlets in der Taſche, um Alles, was er behauptete, durch gedruckte Be⸗ lege zu beweiſen. Auch der General fand bald, daß er hier einen ernſthafteren Kampf wuͤrde zu beſtehen haben, als es ſeine Wuͤrde erlaubte, und ſah aus, wie ein maͤchtiger hollaͤndiſcher Oſt⸗ indienfahrer, dem von einem kleinen, ſchlechten Kaper gewaltig zugeſetzt wird. Vergebens blies er ſich auf, gab ſich ein Anſehn, ſprach hochtra⸗ bende Worte, und ſuchte durch die Vornehmheit der Art und Weiſe die Armuth der Sache zu verdecken; jeder Hieb des Radikalen machte, daß er blies, wie ein Blaſebalg, und ſchien eine ganze Maſſe Wind aus ihm herauszupreſſen. Kurz, die zwei ehrenwerthen Herren von der Halle wurden gaͤnzlich zum Schweigen gebracht, und dieß noch dazu in der Gegenwart mehrerer gro⸗ ßen Bewunderer Meiſter Simon's, welche ihn immer als untruͤglich angeſehen hatten. Ich weiß auch nicht, wie er und der General es an⸗ gefangen haben wuͤrden, ihre Streitkraͤfte mit An⸗ ſtand aus dem Gefecht zu ziehen, wenn nicht auf einmal angekuͤndigt worden waͤre, daß itzt durch —— 109 eine Pferdehalfter gelacht werde ſollte,) worauf der Radikale ſich mit großer Verachtung entfernte; ſobald er weg war, ſprach Alles gegen ihn. „Habt ihr je ſolch albernes Zeug gehoͤrt, General?“ ſagte Meiſter Simon.„Man kann mit ſo einem Kerl, wenn er einmal den verwuͤnſch⸗ ten Cobbett im Kopfe hat, gar nichts Ver⸗ nuͤnftiges reden.“ Wahrhaftig! ſagte der General, indem er ſich die Stirn wiſchte: ſolche Kerle müßten Alle transportirt werden! Gegen den letztern Theil des Tags ſtatteten auch die Damen von der Halle auf der Wieſe einen Beſuch ab. Die ſchoͤne Julie erſchien, auf den Arm ihres Geliebten gelehnt, und ſah ſehr anziehend bleich aus. Da ſie im Dorfe ſehr beliebt iſt, wo man ſie von Kindheit an gekannt hat, und da man von ihrem neulichen Unfalle ſehr viel geſprochen hatte, ſo verurſachte ihre Er⸗ ſcheinung allgemeines Vergnuͤgen, und einige alte Frauen aus dem Dorfe ſegneten ihr liebes Ge⸗ ſicht, als ſie voruͤber ging. Waͤhrend die Damen umhergingen, ſah ich den Schulmeiſter in angelegentlicher Unterredung *) Eine Beluſtigung, wo es darauf ankommt, die beſten Geſichter zu ſchneiden. Ueberſ. 110 mit dem jungen Maͤdchen begriffen, das die Maienkoͤniginn darſtellte, und bemerkte deutlich, daß er ſie zu irgend einem gewaltigen Unterneh⸗ men aufzumuntern ſuchte. Endlich kam ſie, als die Geſellſchaft ſich ihrer Laube naͤherte, hervor, ſchwankte aber bei jedem Schritt, bis ſie den Ort erreicht hatte, wo die ſchoͤne Julie zwiſchen ihrem Geliebten und Lady Lillycraft ſtand. Die kleine Koͤniginn nahm itzt den Blumenkranz vom Haupte, und ſuchte ihn der auserkohrenen Braut aufzuſetzen, allein Beider Verwirrtng war ſo groß, daß der Kranz zu Boden gefallen ſeyn wuͤrde, haͤtte nicht der Offizier ihn aufgefangen und ihn lachend auf die ſchoͤne Stirn ſeiner er⸗ roͤthenden Geliebten geſetzt. Es lag etwas un⸗ gemein Reizendes in der Verlegenheit dieſer jun⸗ gen Weſen, die Beide ſo ſchoͤn, und doch ſo ver⸗ ſchieden in ihrer Schoͤnheit waren. Meiſter Si⸗ mon ſagte mir nachher, die Maienkoͤniginn habe einige Verſe herſagen ſollen, die der Schulmei⸗ ſter fuͤr ſie geſchrieben habe, ſie habe ſie aber weder verſtanden, noch im Gedaͤchtniß behalten. „Uebrigens,“ fuͤgte er hinzu,„ſpricht ſie, unter uns geſagt, ein furchtbares Engliſch, und ſo hat ſie ſehr klug daran gethan, den Mund zu halten und ſich auf ihr huͤbſches Geſicht zu verlaſſen.“ —— ☛— —— 141 Unter den uͤbrigen Charakteren von der Halle fand ſich auch Mrs. Hannah, Lady Lilly⸗ craft's Kammerfrau, ein, und, zu meiner großen Verwunderung, von dem alten Chriſty, dem Jaͤ⸗ ger, und von ſeinem Geſpenſt von Windhund be⸗ gleitet. Ich finde indeß, daß. ſie wie alte Be⸗ kannte mit einander ſind, und daß wahrſcheinlich die gleiche Richtung ihrer Geſinnungen ſie genaͤhert hat. Mrs. Hannah bewegte ſich mit einer ge⸗ wiſſen geſteiften Wuͤrde unter den Landleuten, die ihr mit groͤßerer Scheu Platz machten, als ihrer Gebieterinn. Ihr Mund ſchien wie herme⸗ tiſch verſchloſſen, ausgenommen, daß dann und wann das Wort„Kerle!“ ihren Lippen ent⸗ ſchluͤpfte, wenn ſie etwa im Gedraͤnge etwas ge⸗ ſtoßen wurde. Es gab indeß noch ein Herz, das nicht in die Froͤhlichkeit des Tages mit einſtimmte; dieß war das der einfachen Phoͤbe Wilkins, der Nichte der Haushaͤlterinn. Das arme Maͤd⸗ chen hat ſeit einiger Zeit nichts gethan, als wei⸗ nen und ſich abhaͤrmen, und das Alles der hart⸗ naͤckigen Kaͤlte ihres Liebhabers wegen. Nie iſt wohl eine kleine Coquetterie haͤrter beſtraft wor⸗ den. Sie erſchien heute auf der Wieſe, von ei⸗ nem ſchmucken Bedienten, ohne Livree, gefuͤhrt, 112 offenbar in der Abſicht, den gefaͤhrlichen Verſuch zu wagen, die Eiferſucht ihres Liebhabers zu er⸗ regen. Sie trug ihre beſten Kleider, nahm ein ſehr froͤhliches Weſen an, ſprach laut und nach Maͤdchenart, und lachte, wenn es nichts zu lachen gab. Es ſchlug indeß, trotz alles dieſes anſchei⸗ nenden leichten Sinns, ein wundes, ſchwerbe⸗ draͤngtes Herz in des armen Geſchoͤpfes Buſen. Ihr Auge ſchweifte umher, ihren treuloſen Liebhaber ſuchend, und ihre Wange erbleichte, ihre erborgte Froͤhlichkeit verſchwand, als ſie ſah, daß er der kleinen Maienkoͤniginn den Hof machte. Meine Aufmerkſamkeit ward itzt durch neuen Laͤrm und Getuͤmmel angezogen. Man hoͤrte Muſik aus der Entfernung, eine Fahne kam den Weg herauf; vor ihr her gingen Muſiker, die eine Art Marſch ſpielten, und eine Menge ruͤſtiger Bauerburſche, die Ritterſchaft ei⸗ nes benachbarten nebenbuhleriſch geſinnten Dor⸗ fes, folgte. 3 Kaum hatten die Neuangekommenen die Wieſe erreicht, als ſie die Helden des Tagks zu einer neuen Anſtrengung ihrer Kraͤfte und Be⸗ hendigkeit herausforderten. Mehrere Kaͤmpfe er⸗ folgten, wodurch ſich die Ehre beider Doͤrfer be⸗ waͤhrte. Bei einer dieſer Uebungen entſpann ſich —,— 113 auch ein ſehr hartnaͤckiger Ringkampf zwiſchen dem jungen Tibbets und dem Anfuͤhrer der Ge⸗ genpartei. Sie zogen und reckten und keuchten, ohne daß Einer des Andern Meiſter werden konnte, bis endlich Beide zu Boden ſtuͤrzten und auf dem Raſen dahinkollerten. In dieſem Augenblicke kam die troſtloſe Phoͤbe herbei. Sie ſah ih⸗ ren abtruͤnnigen Liebhaber in einem heftigen Kampfe, und, wie es ihr duͤnkte, in Gefahr. In einem Augenblick waren Stolz, beleidigtes Ge⸗ fuͤhl und Coquetterie vergeſſen: ſie ſtuͤrzte in den Kreis, ergriff den fremden Kaͤmpfer bei den Haa⸗ ren und war im Begriff, ihre ohnmaͤchtige Rache an ihm auszulaſſen, als eine flinke, ruͤſtige Bau⸗ erdirne, die Geliebte des daniederliegenden Bur⸗ ſchen, wie ein Falk auf ſie herabſtieß, und in ei⸗ nem Augenblicke ihre ſchoͤnen Federn ihr ausge⸗ rupft haben wuͤrde, haͤtte man auch ſie nicht wie⸗ derum ergriffen. Itzt brach ein foͤrmlicher Aufruhr aus. Die Ritterſchaft der beiden Doͤrfer gerieth ſich in die Haaren Schlaͤge wurden ausgetheilt und Knuͤt⸗ tel geſchwungen. Phoͤbe wurde in Kraͤmpfen vom Kampfplatze getragen. Vergebens ſtrebten die Weiſen des Dorfes zu vermitteln. Der ſpruchreiche Apotheker ſuchte das beſaͤnftigende 114 Oel ſeiner Philoſophie auf dieß ſtuͤrmiſche Meer der Leidenſchaften zu gießen, ward aber in den Staub getreten. Slingsby, der Paͤdagog, ein großer Freund der Ruhe, begab ſich, als Mar⸗ ſchall, mitten in das Gedraͤnge, um Frieden zu ſtiften, ward aber zerzauſ't und kam, mit Klei⸗ dern, die in Fetzen von ſeinen Schultern hin⸗ gen, wieder heraus, worauf der verlorene Sohn mit Wuth in die Menge ſtuͤrzte, um die ſeinem Beſchuͤtzer angethane Beleidigung zu raͤchen. Das Gedraͤnge ward dichter: zuweilen ſah ich die Reitkappe des alten Chriſty, wie den Helm ei⸗ nes Anfuͤhrers, mitten im Gewuͤhl auftauchen, waͤhrend Miſtriß Hannah, von ihrem tapfern Vertheidiger getrennt, ſchrie, und rechts und links mit einem verſchoſſenen Sonnenſchirm darein ſchlug, dabei aber von der Menge dermaßen geſto⸗ ßen und umhergezauſ't wurde, wie es wohl noch nicht einer zuͤchtigen Kammerfrau geſchehen iſt. Endlich ſah ich den alten Hans Baargeld ſich einen Weg in das dichteſte Gedraͤnge bah⸗ nen, das er, wie es ſchien, aus einander ſprengte und vi et armis*) Frieden ſtiftete. Es war uͤber⸗ raſchend, zu ſehen, wie itzt auf einmal Ruhe *) Durch Gewalt und Waffen. —— 115 ward. Der Sturm ſchien ſich ploͤtzlich gelegt zu haben. Die Parteien, welche eigentlich kei⸗ nen Grund zu Feindſeligkeiten hatten, waren leicht beſaͤnftigt, und wußten am Ende ſelbſt nicht, wie und warum ſie einander in die Haare ge⸗ rathen waren. Slingsby wurde ſchnell von ſeinem Freunde, dem Schneider, wieder zuſam⸗ mengenaͤht, und erhielt ſeine gewoͤhnliche gute Laune bald wieder. Mrs. Hannah trat auf die Seite, um ihre zerknickten Federn wieder in Ordnung zu bringen: der alte Chriſty nahm ſie, nachdem er ebenfalls ſeine Schaͤden ausge⸗ beſſert, unter den Arm, und ſo ſchleiften ſie nach der Halle zuruͤck, zehn Mal mehr gegen das Men⸗ ſchengeſchlecht erbittert, als vorher. Die Familie der Tibbets allein ſchien ſich erſt allmaͤlig von der gewaltigen Bewegung erholen zu koͤnnen, welche alle dieſe Auftritte ver⸗ anlaßt hatte. Auf den jungen Hans hatte der Heldenmuth der ungluͤcklichen Phoͤbe offenbar einen tiefen Eindruck gemacht. Seine Mutter, welche die Nachricht von dem Handgemenge auf den Kampfplatz gelockt hatte, war nicht wenig in Angſt, und hatte ihre ganze Klugheit noͤthig, ihn abzuhalten, ſeiner Geliebten zu folgen und eine voͤllige Verſoͤhnung zu ſchließen. 116 Was die Unruhe und Beſtuͤrzung der guten Frau vermehrte, war, daß ſelbſt des alten Baar⸗ geld's langſame Faſſungskraft durch dieſen Vor⸗ fall in Thaͤtigkeit geſetzt worden zu ſeyn ſchien. Die unerſchrockene Einmiſchung eines ſo niedli⸗ chen, zarten Maͤdchens fiel ihm naͤmlich ungemein auf, und er wußte durchaus nicht, wie er ſich die gewaltſame Bewegung in ſeiner Familie erklaͤren ſollte. 3 Als alles dieß dem Squire zu Ohren kam, war dieſer nicht wenig aufgebracht daruͤber, daß ſein Maienfeſt durch einen ſolchen Zank ent⸗ weiht worden ſey. Er befahl, daß Phoͤbe vor ihm erſcheinen ſollte; allein das arme Maͤdchen war ſo erſchrocken und niedergeſchlagen, daß ſie ſchluch⸗ zend und zitternd herbeikam, und bei der erſten Frage, welche der Squire an ſie that, wieder in Kraͤmpfe ſiel. Lady Lillycraft, welche gehoͤrt hatte, daß dem ganzen Ungluͤck eine Herzensan⸗ gelegenheit zum Grunde liege, nahm das Maͤd⸗ chen ſogleich zu Gnaden an und unter ihren Schutz, und verſoͤhnte den Squire mit ihr. Dieß war der einzige Vorfall, welcher die Harmonie des Tages ſtoͤrte, mit Ausnahme der durch den Radikalen erlittenen Niederlage Meiſter Simon's und des Generals. Im Ganzen hatte alſo der 117 Squire immer noch Urſach, zufrieden zu ſeyn, daß er ſein Steckenpferd den ganzen Tag uͤber ohne andere Stoͤrung hatte reiten koͤnnen. Der Leſer, welcher mit dieſen Gegenſtaͤnden vertraut iſt, wird eingeſehen haben, daß dieß al⸗ les nur ein ſchwacher Schatten der einſt ſo froͤh⸗ lichen und phantaſtiſchen Gebraͤuche des Maies ge⸗ weſen ſey. Die Landleute haben das eigentliche Gefuͤhl fuͤr dieſe Gebraͤuche verloren, und ſie ſind ihnen beinahe ſo fremd geworden, als den Bauern der Mancha die Rittergebraͤuche in den Tagen des tapfern Don Quixote es waren. In der That, halte ich es fuͤr einen Beweis der Ueberlegung, womit der Squire ſein Steckenpferd reitet, daß er die Sache nicht weiter treibt, und es nicht darauf anlegt, mehrere veraltete Gebraͤuche des Tages wieder hervorzurufen, welche, in den izigen praktiſchen Zeiten, nur geziert und albern erſcheinen wuͤrden. Ich muß ſagen(obgleich ich dieß nur sub rosa thue) daß die allgemeine Zaͤnkerei, welche dieſes Feſt beinahe beſchloſ⸗ ſen haͤtte, in mir den Zweifel erregt hat, ob dieſe laͤndlichen Gebraͤuche denn wirklich immer ſo friedlich und unſchuldig waren, wie wir ſie uns zu denken pflegen, und ob die Landleute, in 118 jenen Tagen, wirklich ſo arkadiſcher Natur waren, wie man ſie uns dargeſtellt hat. Ich fuͤrchte die Tage gab es nie: nur luft'ge Traͤume, ſie formten ſich zum Bild. Des Dichters Hand gab leeren Schatten Koͤrper und Geſtalt, Und, ſtatt der Wahrheit, einen heitern Wahn. Doch ſey es— Nennoch neid' ich jene Zeit, Die ſolchen Traum genaͤhrt. —: — —: Die Handſchzift. Geſtern war, nach dem Geraͤuſch des Maitages, wieder ein Tag der Stille und Ruhe. Am Mor⸗ gen geſellte ich mich zu den Damen, in einem kleinen Zimmer, deſſen Fenſter Thuͤren bilde⸗ ten, aus welchen man auf die Terraſſe des Gartens trat, die mit ausgeſuchten Straͤuchern und Blumen beſetzt war. Die milden Son⸗ nenſtrahlen, welche durch die uͤber die Fenſter hinhangenden Zweige der Baͤume in das Zim⸗ mer fielen, der angenehme Geruch der Blumen, der Geſang der Voͤgel, alles dieß ſchien einen freundlichen, beruhigenden Eindruck auf die Ge⸗ ſellſchaft hervorzubringen, denn es verging einige Zeit, ehe Jemand etwas ſprach. Lady Lilly⸗ craft und Miß Templeton ſaßen an einem zierlichen Arbeitstiſche, vor einem der Fenſter, mit einer artigen Damenarbeit beſchaͤftigt. Der Ka⸗ pitain ſaß auf einer Fußbank zu den Fuͤßen ſeiner 1²⁰ Gebieterinn und ſah einige Muſikalien durch, und die arme Phoͤbe Wilkins, die immer von den Damen verhaͤtſchelt worden iſt, itzt aber bei Lady 9* Lillycraft wegen einiger zaͤrtlichen Geſtaͤndniſſeg die ſie abgelegt hat, beſonders in Gnaden ſteht, ſaß in einer Ecke des Zimmers, mit dicken Augen, gedankenvoll an dem Hochzeitſtaate der ſchoͤnen Julie arbeitend. Das Stillſchweigen ward endlich durch Ihro Herrlichkeit unterbrochen, welche dem Capitain auf einmal etwas zu thun gab.„Ich bin noch in Ihrer Schuld, fuͤr die Erzaͤhlung, die Sie uns neulich vorgeleſen haben,“ ſagte ſie:„ich will Ih⸗ nen dafuͤr eine andere geben, wenn Sie ſie vor⸗ leſen wollen: ſie paßt ſich gerade zu dieſem lieblichen Maimorgen, denn ſie handelt ganz von Liebe!“* Dieſer Borſchlag ſchien Allen Vergnuͤgen zu machen. Der Capitain gab, durch ein Laͤcheln, ſeine Zuſtimmung; Ihro Herrlichkeit klingelte ihrem Pagen und ſchickte ihn nach ihrem Zim⸗ mer, die Handſchrift zu holen.„Da der Capitain,“ ſagte ſie:„uns eine naͤhere Nachricht uͤber den Verfaſſer ſeiner Geſchichte gegeben hat, ſo iſt es billig, daß ich auch Nachricht von dem der mei⸗ nigen gebe. Sie iſt von dem Pfarrer des Kirch⸗ ſpiels 121 ſpiels geſchrieben, in welchem ich wohne. Er iſt ein magerer, aͤltlicher Mann, von ſchwaͤchlichem Koͤrperbau, aber gewiß einer der angenehmſten Leute, die je gelebt haben. Vor einigen Jahren verlor er ſeine Gattinn, eine der lieblichſten Frauen, die man je geſehen. Er hat zwei Soͤhne, die er ſelbſt erzieht und welche Beide bereits ganz koͤſtliche Gedichte machen. Seine Pfarrwohnung iſt ein allerliebſter Ort, dicht bei der Kirche, ganz mit Epheu und Geißblatt bewachſen, und mit dem ſchoͤnſten Blumengarten umgeben, denn Sie wiſſen, unſre Landgeiſtlichen ſind immer Liebhaber von Blumen und machen ihre Pfarrwohnungen zu ordentlichen Landſchaftsgemaͤlden. „Seine Pfarre iſt ſehr eintraͤglich, er iſt aͤußerſt beliebt und thut eine Menge Gutes in der Nach⸗ barſchaft und unter den Armen. Und was fuͤr Predigten haͤlt er! Sie ſollten ihn einmal uͤber einen Text aus dem Hohen⸗Liede Salomonis pre⸗ digen hoͤren, der ganz von Liebe und Ehe han⸗ delt, das Schoͤnſte, was man hoͤren kann! Er predigt wenigſtens einmal im Jahre daruͤber, im Fruͤhling, weil er weiß, daß ich es gern habe. Er ſpeiſet des Sonntags immer bei mir, und bringt mir oft einige von den ſchoͤnſten Dichtungen uͤber den Reiz der Schwermuth und aͤhnliche Gegen⸗ II. F 12² ſtaͤnde, woruͤber ich ſo weinen muß, daß man gar keinen Begriff davon hat. Ich wollte nur, er ließe etwas drucken. Einige Sachen von ihm ſind ſo ſchoͤn, wie man ſie nur in Moore oder Lord Byron findet. „Vor einiger Zeit ward er ſehr krank: man gab ihm den Rath, nach dem feſten Lande zu ge⸗ hen, und ich ließ ihm keine Ruhe, bis er ging, und verſprach ihm, fuͤr ſeine zwei Knaben zu ſorgen, bis er wiederkommen wuͤrde. „Er war uͤber ein Jahr abweſend und genas voͤllig. Als er zuruͤck kam, ſchickte er mir die Erzaͤhlung, die ich Ihnen zeigen will.— Ah, da iſt ſie“o ſagte ſie, als der Page ihr ein ſchoͤ⸗ nes Kaͤſtchen von Atlasholz brachte. Sie ſchloß es auf und ſuchte, unter mehreren Paͤckchen Billets, auf Papier mit erhoͤhten Verzierungen geſchrieben, unter Karten mit Charaden, und Abſchriften von Verſen, ein Futteral von rothem Sammet her⸗ vor, das ſtark von Wohlgeruͤchen duftete. Aus dieſem zog ſie eine, ſehr zierlich auf Velinpapier mit goldenem Schnitt geſchriebene, mit himmel⸗ blauem Bande zuſammengeheftete Handſchrift, die ſie dem Capitain hinreichte, welcher nun folgende Erzaͤhlung las. Annette Delarbre. — Der Krieger aus dem Kampfe kehrt, Der Kaufmann von der See; Mein Lieb von mir geſchieden iſt, Es nimmer wieder ſel', 3 mein Kind Es nimmer wieder ſeh'. uUnd wenn dem Tage folgt die Nacht Und Alles iſt zur Ruh, Denk' ich an die, die ferne ſind, Und thu' kein Auge zu, mein Kind, Und thu' kein Auge zu. Alte ſchottiſche Ballade. Auf einer Reiſe, die ich einſt durch die untere Normandie machte, blieb ich einen oder zwei Tage in der alten Stadt Honfleur, welche nahe an der Muͤndung der Seine liegt. Es war gerade ein Feſttag, und alle Welt draͤngte ſich am Abend zuſammen, um auf dem Jahrmarkt zu tan⸗ zen, der vor der Kapelle Unſerer Lieben Frauen F 2 124 zur Gnade gehalten wurde. Da ich alle unſchul⸗ digen Luſtbarkeiten liebe, ſo ſchloß ich mich der Menge an. Die Kapelle liegt auf der Spitze eines ho⸗ hen Huͤgels oder Vorgebirges, von wo aus deren Glocke von dem Schiffer in der Nacht in großer Entfernung gehoͤrt wird. Man ſagt, daß von ihr der Name des Hafens„Hayre de Gràce“ her⸗ kommen ſoll, der, am andern Ufer der Seine, ge⸗ rade gegenuͤber liegt. Der Weg zur Kapelle hin⸗ auf fuͤhrt im Zickzack, am Rande des ſteilen Ufers hin⸗ er iſt von Baͤumen beſchattet, zwiſchen de⸗ nen ich herrliche Durchſichten auf die alten Thuͤr⸗ me von Honfleur hinab, auf die mannigfal⸗ kigen Landſchaftsgemaͤlde der gegenuͤberliegenden Kuͤſte, die weißen Gebaͤude von Hayre in der Entfernung, und das weite Meer dahinter, genoß. Die Straße war durch Gruppen von Bauermaͤd⸗ chen, in ihren leuchtenden hochrothen Kleidern und ihren hohen Muͤtzen, belebt, und ich fand die Bluͤte der umliegenden Gegend auf der Wieſe verſam⸗ meſt, welche den Huͤgel kroͤnt. Die Kapelle Unſerer Lieben Frauen zur Gnade it ein Lieblingsort der Bewohner von Hon⸗ fleur und der Umgegend, den ſie ſowohl der An⸗ dacht als des Vergnuͤgens wegen beſuchen. In 125 dieſer kleinen Kapelle verrichten die Seeleute, ehe ſie auf Reiſen gehn, und deren Freunde waͤhrend ihrer Abweſenheit, ihre Gebete. Weihgeſchenke hangen an den Waͤnden, die Spenden fuͤr Ge⸗ luͤbde, welche in Zeiten des Schiffbruchs und der Noth gethan worden ſind. Die Kapelle iſt von Baͤumen umgeben. Ueber dem Portal iſt ein Bild der Jungfrau mit dem Kinde, mit der Unterſchrift, die mir als wahrhaft dichteriſch auf⸗ fiel: Etoile de la mer, priez pour nous!(Stern des Meeres, bitte fuͤr uns). Auf einer ebenen Stelle nahe bei der Kapelle, unter einer Gruppe ſtatt⸗ licher Baͤume, tanzt das Landvolk an ſchoͤnen Sommerabenden, und hier werden haͤufig Jahr⸗ maͤrkte und Feſte gehalten, bei welchen ſich die ſaͤmmtlichen laͤndlichen Schoͤnheiten der untern Normandie verſammeln. Das gegenwaͤrtige war eines der Art; Buden und Zelte waren unter den Baͤumen aufgeſchlagen. Man ſah die gewoͤhn⸗ lichen Waaren ausgebreitet, um die laͤndlichen Schonen anzulocken, wundervolle Schauſpiele, um die Neugierigen anzuziehen, Marktſchreier ver⸗ ſuchten ihre Beredſamkeit, Taſchenſpieler und Wahrſager ſetzten die Leichtglaͤubigen in Erſtau⸗ nen, waͤhrend ganze Reihen grotesker Heiligen, . 126 in Holz und Wachs, den Frommen zum Kanfe dargeboten wurden. Bei dieſem Feſte ſah man iauf einen Blick, die ſaͤmmtlichen maleriſchen Trachten des Pays d'Auge und der Côte de Caux verſammelt. Ich ſah hohe ſtattliche Muͤtzen, ſteife Schnuͤr⸗ leiber, wie ſie ſeit Jahrhunderten von der Mut⸗ ter auf die Tochter verpflanzt worden ſind, nach dem Muſter derer, welche zur Zeit Wil⸗ helms des Eroberers getragen wurden, und ich erſtaunte uͤber die genaue Aehnlichkeit der⸗ ſelben mit denen, die ich in der Chronik von Froiſſart und auf den Bildern in illumi⸗ nirten Handſchriften geſehen hatte. Jedem, der in der unteren Normandie geweſen iſt, muß die Schoͤnheit der Landleute, und das Anſehn angeborener Zierlichkeit aufgefallen ſeyn, wel⸗ ches ihnen eigenthuͤmlich iſt. Dieſem Lande haben, offenbar, die Englaͤnder es zu danken, wenn ſie ſo wohl ausſehen. Von dort kamen die friſche Farbe, die ſchoͤnen blauen Augen, das lichtbraune Haar, im Gefolge des Eroberers, nach England hinuͤber, und erfuͤllten das Land mit Schoͤnheit. Der Anblick, der ſich vor meinen Augen entfaltete, war wahrhaft zauberiſch: dieſer Zu⸗ ———— —/ — — — 127 ſammenfluß von friſchen, bluͤhenden Geſichtern, die froͤhlichen Gruppen in ihren ſonderbaren Trach⸗ ten, einige auf der Wieſe tanzend, andere herum⸗ wandelnd oder im Graſe ſitzend, die ſchoͤnen Baumgebilde im Vordergrunde, welche am Ran⸗ de dieſer luftigen Hoͤhe ſtanden, und das helle gruͤne Meer in ſommerlicher Ruhe, in der Ent⸗ fernung. Waͤhrend ich dieſes lebende Bild betrachtete, fiel mir ein ſchoͤnes Maͤdchen auf, das ſich durch die Menge bewegte, ohne, dem Anſchein nach, an den Vergnuͤgungen Theil zu nehmen. Sie war ſchlank und zart gebaut, ihre Wangen faͤrbte nicht das Roth, das man gewoͤhnlich bei den Landleuten in der Normandie findet, und in ih⸗ . ren blauen Augen lag ein ſonderbarer, ſchwer⸗ muͤthiger Ausdruck. Ein ehrwuͤrdiger alter Mann, den ich fuͤr ihren Vater hielt, begleitete ſie. Als ſie voruͤberging, fluͤſterten die Umſtehenden ein⸗ ander zu und warfen ihr bedeutſame Blicke nach, die jungen Maͤnner griffen an ihre Huͤte, und Kinder folgten ihr in einiger Entfernung, und beobachteten ihre Bewegungen. Sie naͤher⸗ te ſich dem Rande des Hügels, da wo eine kleine Flaͤche iſt, von welcher die Bewohner von Honfleur nach Schiſfen ausſehen. Hier ſtand — 128 ſie einige Zeit und ſchwenkte ihr Schnupftuch, wenn gleich nichts weiter zu ſehen war, als zwei oder drei Fiſcherboote, welche wie Punkte auf dem entfernten Meere dahinſchwebten. Alles dieß erregte meine Neugierde, und ich ſtellte einige Erkundigungen uͤber ſie an, auf welche der Prieſter der benachbarten Kapelle mir mit Bereitwilligkeit und Umſicht Auskunft gab. Unſere Unterhaltung lockte einige von den Um⸗ ſtehenden herbei, von denen ein Jeder noch et⸗ was hinzuzufuͤgen hatte, und ſo erfuhr ich Fol⸗ gendes. Annette Delarbre war die einzige Toch⸗ ter eines vornehmeren Landmanns, oder kleinen Eigenthuͤmers, wie man ſie nennt, der in Pont 1'Eveque, einem artigen Dorfe, nicht weit von Honfleur, in dem fruchtbaren, hirtenar⸗ tigen Theil der unteren Normandie, das Pays d'Auge genannt, wohnte. Annette war der Stolz und die Freude ihrer Aeltern, und mit der liebevollſten Nachſicht erzogen worden. Sie war munter, zaͤrtlich, voll Muthwillen und leicht em⸗ pfaͤnglich. Alle ihre Gefuͤhle waren lebendig und gewaltig, und da ſie nie Widerſpruch oder Zwang erfahren hatte, ſo beſaß ſie nur wenig Selbſtbe⸗ herrſchung; nichts als die natuͤrliche Guͤte ihres Herzens verhinderte ſie, fortdauernd Unrecht zu begehen. Selbſt als ſie noch ein Kind war, zeigte ſich ſchon ihre Empfanglichkeit, bei einer Neigung, die ſie zu einem Spielgefaͤhrten, Eugen la Forgwe, faßte, dem einzigen Sohne einer Wittwe, welche in der Nachbarſchaft wohnte. Ihre kindiſche Liebe begriff alles das in ſich, was eine reifere Leidenſchaft bezeichnet; ſie hatte ihre Launen, ihre Eiferſucht, ihre Zaͤnkereien und ihre Verſoͤhnung. Dieſe Neigung nahm einen etwas ernſteren Charak⸗ ter an, als Annette in ihr funfzehntes, Eugen in ſein neunzehntes Jahr trat, und dieſer auf einmal durch die Conſcription zum Heere berufen wurde. Dieß war ein harter Schlag fuͤr ſeine Mut⸗ ter, denn er war ihr einziger Stolz und ihr Troſt; allein es war einer von den Unfaͤllen, wel⸗ che damals, wo fortdauernde und blutige Kriege Frankreich der Bluͤte ſeiner Jugend beraubten, Muͤtter beſtaͤndig zu fuͤhlen beſtimmt waren. Auch faͤr Annette war es ein augenblicklicher Kummer, ihren Liebhaber zu verlieren. Mit zaͤrtlichen, halb kindiſchen, halb jungfraͤulichen Umarmungen, ſchied ſie von ihm. Thraͤnen ſtroͤmten aus ihren blauen Augen, als ſie eine Flechte ihres blonden Haars ihm um das Handgelenk band; aber ein 1 —;— 130 Laͤcheln ſchimmerte durch die Thraͤnen, denn fie war noch zu jung, um zu fuͤhlen, welche ernſte Sache eine Trennung iſt, und wie leicht es ſich fuͤgen kann, daß, wenn wir uns in dieſer weiten Welt trennen, wir uns nie wieder ſehn. Wochen, Monate, Jahre verfloſſen. Annette nahm mit den Jahren auch an Reizen zu, und ward bald die Krone der Schoͤnheiten in der Gegend. Ihre Zeit verging unſchuldig und gluͤcklich. Ihr Vater war in ſeinem Orte ein Mann von Bedeutung, und ſein Haus der Zu⸗ ſammenkunftsort der munterſten Geſellſchaft im Dorfe. Annette hielt eine Art von laͤndlichem Hof: ſie war beſtaͤndig von Geſellſchafterinnen ihres Alters umgeben, unter denen ſie als ein Stern erſter Groͤße hervorſtrahlte. Der groͤßere Theil der Zeit ging mit Kloͤppeln von Spitzen hin, wovon in der Gegend ſehr viel verfertigt werden. Wenn die Maͤdchen bei dieſer zarten, aͤcht weiblichen Arbeit ſaßen, ſo gingen heitere Erzaͤh⸗ lungen und froͤhliche Lieder von Mund zu Mund: Niemand lachte mit leichterem Herzen als An⸗ nette, und wenn ſie ſang, war ihre Stimme ganz Melodie. Die Abende belebte der Tanz, oder die unterhaltenden Geſellſchaftsſpiele, die bei den Franzoſen ſo haͤufig ſind, und wenn Annette des 131 Sonntags Abends bei dem Dorfball erſchien, war ſie der Gegenſtand der allgemeinen Be⸗ wunderung. Da ſie einmal Vermoͤgen zu erwarten hatte, ſo fehlte es ihr nicht an Bewerbern. Es wur⸗ den ihr viele vortheilhafte Antraͤge gemacht, al⸗ lein ſie ſchlug alle aus. Sie lachte uͤber die vorgeblichen Leiden ihrer Bewunderer, und trium⸗ phirte uͤber ſie mit der Laune friſcher Jugend und ſelbſtbewußter Schoͤnheit. Bei allem ihren anſchei⸗ nenden Leichtſinn wuͤrde man aber, wenn man in ihrem Herzen haͤtte leſen konnen, eine ſuͤße Er⸗ innerung an den Geſpielen ihrer Jugend gefun⸗ den haben, die zwar nicht ſo tief eingegraben war, um ſchmerzlich zu ſeyn, aber doch tief genug, um nicht verloren zu gehen; auch wuͤrde, bei allem ihren Frohſinn, die Zaͤrtlichkeit, welche in ihrem Benehmen gegen Eugen's Mutter lag, dem ſchaͤr⸗ feren Beobachter nicht entgangen ſeyn. Oft ſtahl ſie ſich von ihren jugendlichen Gefaͤhrtinnen und ihren Vergnuͤgungen weg, um ganze Tage bei der guten Wittwe zuzubringen, hoͤrte ihren Er⸗ zaͤhlungen von ihrem Sohne zu, und erroͤthete vor geheimem Vergnuͤgen, wenn Briefe von ihm vorgeleſen wurden, daß ſie noch immer der be⸗ 13² — ſtaͤndige Gegenſtand ſeiner Erinnerungen und Er⸗ kundigungen war. 4 Endlich brachte die ploͤtzliche Ruͤckkehr des Friedens, welche ſo manchen Krieger ſeiner hei⸗ mathlichen Huͤtte zufuͤhrte, auch Eugen, als einen jungen, ſonneverbruanten Soldaten, nach dem Dorfe zuruͤck. Ich brauche wohl nicht zu ſagen, mit welchem Entzuͤcken ſeine Mutter ihn begruͤßte, in dem ſie den Stolz und die Stuͤtze ihres Al⸗ ters ſah. Seine Verdienſte hatten ihm Befoͤrderung verſchafft: er brachte aber nichts aus dem Kriege mit, als ein ſoldatiſches Anſehn, einen ehrenvol⸗ len Namen und eine Narbe quer uͤber die Stirn. Unverdorben kam er jedoch aus dem Felde zu⸗ ruͤck, er war frei, offen, edel und feurig. Sein Herz war voll von lebendigen, wohlwollenden Re⸗ Lungen, und vielleicht durch Leiden etwas ſanfter geworden: es war von Zaͤrtlichkeit gegen Annette erfuͤllt. Er hatte haͤufig, durch ſeine Mutter, von ihr gehoͤrt, und ihre Liebe zu der Verlaſ⸗ ſenen hatte ſie ihm doppelt theuer gemacht. Er war verwundet, er war gefangen worden, er war in verſchiedenen Bedraͤngniſſen geweſen, al⸗ lein er hatte immer die Flechte behalten, die ſie ihm um die Hand gewunden hatte. Dieſe war eine Art von Talisman fuͤr ihn geweſen; oft, 133 wenn er auf der harten Erde lag, hatte er ſie betrachtet, und der Gedanke, daß er eines Tages Annette und die ſchoͤnen Fluren ſeines vaͤter⸗ lichen Dorfes wiederſehen wuͤrde, hatte ſein Herz geſtaͤrkt, und ihn in den Stand geſetzt, alle Muͤh⸗ ſeligkeiten zu ertragen. G Er hatte Annette beinahe als Kind verlaſ⸗ ſen; er fand ſie als eine bluͤhende Jungfrau wie⸗ der. Wenn er ſie fruͤher geliebt hatte, ſo betete er ſie itzt an. Mit geheimer Bewundrung be⸗ merkte ſie, wie weit er uͤber allen andern jun⸗ gen Maͤnnern im Dorfe ſtand, und ſein freies, ſtolzes, kriegeriſches Aeußere, das ihn vor allen Uebrigen bei den laͤndlichen Zuſammenkuͤnften auszeichnete. Je laͤnger ſie ihn ſah, deſto ſchnel⸗ ler ging die leichte, ſpielende Anhaͤnglichkeit fruͤhe⸗ rer Jahre in eine brennende, gewaltige Leiden⸗ ſchaft uͤber. Aber Annette war eine laͤndliche Schoͤnheit. Sie hatte die Annehmlichkeit des Herrſchens geſchmeckt, und war, durch beſtaͤndige Nachſicht zu Hauſe und durch die Bewunderung außerhalb deſſelben, eigenwillig und launig ge⸗ worden. Sie war ſich ihrer Gewalt uͤber Eu⸗ gen bewußt, und fand Vergnuͤgen daran, ſie aus⸗ zuuͤben. Zuweilen behandelte ſie ihn mit uͤber⸗ muͤthiger Laune, weidete ſich an der Qual, die 25 134 ſie ihm durch ihr Schmollen verurſachte und dachte in Gedanken, wie bald ſie dieſer durch ihr Laͤ⸗ cheln ein Ende machen koͤnne. Es machte ihr Vergnuͤgen, ſeine Eiferſucht zu erregen, indem ſie einem ſeiner Nebenbuhler eine Zeitlang den Vor⸗ zug zu geben ſchien, um ſie dann durch ein Ueber⸗ maß zuruͤckkehrender Freundlichkeit zu beſaͤnfti⸗ gen. Ihre Eitelkeit fuͤhlte ſich durch dieß Alles geſchmeichelt: es gewaͤhrte ihr einen Triumph, ihre unumſchraͤnkte Macht uͤber den jungen Krie⸗ ger, welcher der allgemeine Gegenſtand der Be⸗ wunderung der Frauen war, ſo an den Tag le⸗ gen zu koͤnnen. Eugen war indeß von zu ernſter, gluͤhender Art, als daß man ſo ihn haͤtte zum Spielwerk gebrauchen koͤnnen. Ex liebte zu innig, als daß ſich nicht Beſorgniſſe ſeiner bemaͤchtigt haͤt⸗ ten. Er ſah Annette von Bewunderern umge⸗ ben; voll von Leben, war ſie die Froͤhlichſte unter den Froͤhlichen bei allen den laͤndlichen Feſten, und ſchien gerade dann am aufgeweckteſten zu ſeyn, wenn er am niedergeſchlagenſten war. Jeder durchſchaute dieſe Laune, nur Er nicht; Jeder ſah, daß ſie ihn vergoͤtterte, Eugen allein ſetzte Miß⸗ trauen in die Aufrichtigkeit ihrer Liebe. Eine Zeitlang ertrug er dieſe Coquetterie mit heimli⸗ cher Ungeduld und Mißtrauen, allein ſein Ge⸗ ———— 135 fuͤhl ward wund und reitzbar, und uͤberwaͤltigte ſeine Selbſtbeherrſchung. Es entſtand ein klei⸗ nes Mißverſtaͤndniß, ein Zank war die Folge davon. Annette, nicht gewoͤhnt, ſich entgegen ge⸗ handelt oder widerſprochen zu ſehen, und dem Ueber⸗ muth jugendlicher Schoͤnheit hingegeben, nahm die Miene der Herabwuͤrdigung an. Sie ver⸗ weigerte ihrem Liebhaber alle Erklaͤrung, und beide ſchieden in Zorn von einander. An demſelben Abend ſah Eugen ſie, voll von Froͤhlichkeit, mit einem ſeiner Nebenbuhler tanzen, und als ihr Auge dem ſeinigen begegnete, das mit unver⸗ ſtelltem Kummer auf ihr ruhte, blitzte das ih⸗ rige mit ungewoͤhnlicher Lebhaftigkeit. Dieß war der Todesſtreich fuͤr ſeine Hoffnungen, die ſchon ſo ſehr durch heimliches Mißtrauen gebeugt worden waren. Stolz und Erbitterung kaͤmpf⸗ ten in ſeinem Herzen, und ſchienen ſeinem Geiſte die gewohnte Schnellkraft wiederzugeben. Er entfernte ſich aus ihrer Naͤhe, mit dem feſten Entſchluſſe, ſie nie wiederzuſehen. Ein Weib iſt, bei Liebesangelegenheiten, im⸗ mer weit beſonnener, als ein Mann, weil Liebe mehr das Studium und Geſchaͤft ihres Lebens iſt. Annette bereute bald ihre Unbeſonnenheit: 8 ſie fuͤhlte, daß ſie ihren Liebhaber unfreundlich 136 behandelt, daß ſie mit ſeinem geraden, edlen We⸗ ſen ein Spiel getrieben hatte— und dann ſah er ſo ſchoͤn aus, als er, nach dem Zank, von ihr hinwegging, die angenehmen Zuͤge von Unwillen ent⸗ flammt. Sie hatte die Abſicht gehabt, ſich mit ihm bei dem Abendtanze auszuſoͤhnen, aber ſeine ploͤtzliche Entfernung vereitelte dieß. Sie gelobte ſich itzt, ihn, wenn ſie ihn wiederſehen wuͤrde, durch die Suͤßigkeit einer vollkommenen Ausſoͤh⸗ nung reichlich zu entſchaͤdigen, und daß ſie kuͤnf⸗ tig ihn nie— nie wieder boͤſe machen wolle; allein dieß Verſprechen konnte nicht mehr in Er⸗ fuͤllung gehn. Ein Tag verging nach dem an⸗ dern, Eugen ließ ſich nicht ſehen. Der Sonntag Abend kam heran, die gewoͤhnliche Zeit, wo ſich das ganze froͤhliche Volk des Dorfes verſam⸗ melte, aber Eugen war nicht da. Sie fragte nach ihm: er hatte das Dorf verlaſſen. Itzt ward ſie unruhig: ſie vergaß alle Sproͤdigkeit und angenommene Gleichguͤltigkeit, und ging zu Eugen's Mutter, um von ihr Aufklaͤrung zu erhalten. Sie fand dieſe in Gram verſenkt, und erfuhr mit Erſtaunen und Beſtuͤrzung, daß Eugen zur See gegangen ſey. Waͤhrend ſein Gefuͤhl noch uͤber ihre an⸗ genommene Verachtung empoͤrt, und ſein Herz 137 ein Raub abwechſelnder Erbitterung und Ver⸗ zweiflung war, hatte er eine Aufforderung ange⸗ nommen, die einer ſeiner Verwandten, der im Hafen von Honfleur ein Schiff ausruͤſtete, zu wiederholten Malen an ihn hatte ergehen laſſen, ihn auf ſeiner Seereiſe zu begleiten. Ent⸗ fernung erſchien ihm als das einzige Heilmit— tel fuͤr ſeine ungluͤckliche Leidenſchaft, und bei dem augenblicklichen Tumult ſeiner Gefuͤhle lag in dem Gedanken, die halbe Welt zwiſchen ſich und ihr liegen zu haben, etwas Beruhigendes. Die Eil, in welcher er abreiſen mußte, ließ ihm keine Zeit zu ruhiger Ueberlegung, und machte ihn taub gegen die Vorſtellungen ſeiner betruͤbten Mutter. Er kam nach Honfleur, gerade noch zur rechter Zeit, um die noͤthigen Anſtalten zu ſeiner Reiſe zu machen; die erſte Nachricht, welche Annette von ſeinem ploͤtzlichen Entſchluſſe erhielt, war in einem Briefe enthalten, den ſeine Mut⸗ ter ihr uͤbergab, worin er ihr die Pfaͤnder ihrer Zuneigung, namentlich die lang' bewahrte Flechte von ihrem Haar, zuruͤckſtellte, und ihr, in Aus⸗ druͤcken, welche mehr Schmerz und Zaͤrtlichkeit als Vorwurf ausſprachen, ein ewiges Lebewohl ſagte. Dieß war die erſte wahre Angſt, die An⸗ 138 nette je empfunden hatte, und ſie ward davon aͤberwaͤltigt. Ihre Lebendigkeit fuͤhrte ſie bald aͤber alle Schranken hinaus; ſie gab ſich eine Zeit lang ganz den Ausbruͤchen des Kummers und der Gewiſſensbiſſe hin, und legte, durch die Heftigkeit ihrer Betruͤbniß, die wahre Innigkeit 4 ihrer Leidenſchaft an den Tag. Auf einmal kam ihr der Gedanke ein, daß das Schiff vielleicht noch nicht abgeſegelt ſeyn koͤnne; ſie ergriff dieſe Hoffnung mit Begierde, und eilte mit ihrem Vater nach Honfleur. Das Schiff war an dieſem Morgen unter Segel gegangen. Von den Anhoͤhen oberhalb der Stadt ſah ſie, wie es, auf der weiten Flaͤche des Meeres, allgemach zum Puͤnktchen wurde, und vor Abends war das weiße Segel ihren Blicken entſchwunden. Sie wandte ſich, in tiefſter Bekuͤmmerniß, zur Kapelle Unſerer Lieben Frauen zur Gnade, warf ſich auf den Boden nieder, und ergoß ſich in heißen Ge⸗ beten und Thraͤnen, fuͤr die gluͤckliche Ruͤckkehr ihres Geliebten. Als ſie nach Hauſe zuruͤckkehrte, war die gewoͤhnliche Munterkeit ihres Geiſtes dahin. Mit Reue und Vorwurf ſah ſie auf ihre fruͤheren Launen zuruͤck, mit Widerwillen wandte ſie ſich von den Schmeicheleien ihrer Bewundrer ab, und 5 139 fand kein Vergnuͤgen mehr an den Beluſtigun⸗ gen des Dorfes. Gedemuͤthigt und ſchuͤchtern ſuchte ſie Eugen's verwaiſte Mutter auf, ward aber von ihr mit uͤberfließendem Herzen empfan⸗ gen, denn ſie ſah in Annette nur die, welche eine gleich abgoͤttiſche Liebe wie ſie, gegen ihren Sohn hatte. Es ſchien Annette Erleichterung bei ihrer inneren Qual zu gewaͤhren, Tage lang bei der Mutter zu ſitzen, jedem ihrer Beduͤrfniſſe zuvorzukommen, ihr die Zeit zu verkuͤrzen, mit der freundlichen Sorge einer Tochter ſich um ſie zu beſchaͤftigen, und auf alle Weiſe ſich zu be⸗ muͤhen, die Stelle des Sohnes zu erſetzen, den ſie hinweggetrieben zu haben ſich vorwarf. Das Schiff hatte unterdeſſen gluͤcklich den beſtimmten Hafen erreicht. Eugen's Mutter er⸗ hielt einen Brief von ihrem Sohne, worin er ſein Bedauern wegen der Uebereilung ſeiner Ab⸗ reiſe bezeigte. Die Reiſe hatte ihm Zeit zu ru⸗ higerer Ueberlegung gelaſſen. Wenn Annette unfreundlich gegen ihn geweſen, ſo durfte er doch nicht vergeſſen, was er ſeiner Mutter ſchuldig war, die itzt bereits dem hoͤheren Alter ſich naͤ⸗ herte. Er klagte ſich ſelbſt an, daß er nur den Eingebungen ſeiner unuͤberlegten Aufwallung gefolgt ſey, verſprach, mit dem Schiſſe zuruͤckzu⸗ 140 4 kehren, ſich in ſein Mißgeſchick zu fuͤgen, und an weiter nichts zu denken, als wie er ſeine Mutter gluͤcklich machen koͤnne.—„Und wenn er zuruͤck⸗ kehrt,“ ſagte Annette, indem ſie freudig die Haͤn⸗ de zuſammenſchlug,„ſo ſoll es nicht meine Schuld ſeyn, wenn er uns je wieder verlaͤßt.“” Die Zeit, wo das Schiff zuruͤck kommen ſollte, ruͤckte heran. Es ward taͤglich erwartet, als auf einmal das Wetter ſtuͤrmiſch wurde. Tag vor Tag liefen Nachrichten von Schiffen ein, die untergegangen, oder an den Strand getrie⸗ ben worden waren, und die Seekuͤſte war mit Truͤmmern bedeckt. Endlich kam die Nachricht, daß man das Schiff bei einem heftigen Sturme ohne Maſten habe umhertreiben ſehen, und man hegte die groͤßten Beſorgniſſe fuͤr ſeine Sicherheit. Annette entfernte ſich nie von der Seite der Mutter Eugen's. Sie beobachtete, mit aͤngſt⸗ licher Aufmerkſamkeit, jede Veraͤnderung auf ih⸗ rem Geſicht, und ſuchte ſie durch troͤſtenden Zu⸗ ſpruch zu erheitern, waͤhrend ihr eigenes Ge⸗ muͤth Folterqualen duldete. Sie gab ſich alle moͤgliche Muͤhe, froͤhlich zu ſcheinen, allein es war eine gezwungene, unnatuͤrliche Munterkeit: ein Seufzer der Mutter war hinlaͤnglich, ſie zu verſcheuchen, und wenn ſie die aufſteigenden Thraͤ⸗ 141 nen nicht laͤnger unterdruͤcken konnte, ſo eilte ſie hinweg und machte ihrer Angſt im Verborgenen Luft. Jeder erwartungsvolle Blick, jede angele⸗ gentliche Frage der Mutter, wenn eine Thuͤr. ſich oͤffnete oder ein fremdes Geſicht ſich zeigte, war ein Dolchſtich fuͤr ſie. Jede getaͤuſchte Er⸗ wartung erſchien ihr als die Folge des Weh's, das ſie hereingebracht, und ihr Herz brach, wenn ſie die Sorge im Auge der Mutter ſich ſo deut⸗ lich ausſprechen ſah. Endlich ward die Span⸗ nung ihr unertraͤglich. Sie verließ das Dorf, und eilte nach Honfleur, in der Hoffnung, jede Stunde, jeden Augenblick, Nachricht von ih⸗ rem Geliebten zu erhalten. Sie ging auf dem Hafendamme auf und ab, und ermuͤdete die See⸗ leute mit ihren Fragen. Taͤglich unternahm ſie eine Wallfahrt nach der Kapelle Unſerer Lieben Frauen zur Gnade, hing einen Weih⸗Kranz an die Mau⸗ er, und brachte ganze Stunden, auf ihren Knieen, vor dem Altar, oder auf dem Rande des Huͤgels zu, auf das zuͤrnende Meer hinauszuſchauen. Endlich kam die Nachricht, daß das lang⸗ erſehnte Schiff ſich zeige. Es hielt auf die Muͤndung der Seine zu, halb zertruͤmmert, mit allen Zeichen, daß es gewaltig vom Stur⸗ me umhergeworfen worden ſey. Seine Ruͤck⸗ 142 kehr verbreitete allgemeine Freude, aber es gab kein leuchtenderes Auge, kein leichteres Herz in dem kleinen Hafen von Honfleur, als An⸗ nette's. Das Schiff ging auf dem Strome vor Anker, und kurz darauf ſtieß ein Boot nach dem Ufer ab. Die Menge ſtroͤmte nach der Spite des Hafendammes, es zu bewillkommen. Annette ſtand erroͤthend und laͤchelnd, zitternd und wei⸗ nend da, denn tauſend ſchmerzlich⸗ angenehme Gefuͤhle bewegten ihre Bruſt, bei dem Gedan⸗ ken an das bevorſtehende Wiederſehen und die Ausſoͤhnung. Ihr Herz klopfte vor Sehnſucht, ſich auszuſchuͤtten, und ihren wackeren Liebha⸗ ber fuͤr alles das zu entſchaͤdigen, womit es ihm weh gethan hatte. Bald wollte ſie ſich an einen Ort ſtellen, wo ſie ſogleich ihm ins Auge fallen muͤßte, und ihn durch ihre Bewillkommung uͤberraſchen: im naͤchſten Augenblicke kam ihr ein Gedanke des Zweifels in den Sinn, und ſie ver⸗ barg ſich zitternd und kraftlos, und hochaufath⸗ mend vor Bewegung, unter der Menge. Ihre Unruhe wuchs, als das Boot naͤher kam, bis ſie zur Pein wurde, und ſie fuͤhlte ſich beinahe leich⸗ ter, als ſie ſah, daß ihr Geliebter nicht darin war. Sie bildete ſich ein, daß irgend ein Um⸗ ſtand ihn am Bord des Schiffes zuruͤckhielte, 143 und ſie fuͤhlte, daß der Verzug ſie in den Stand ſetzen wuͤrde, mehr Kraft fuͤr die Zuſammenkunft zu ſammeln. Als das Boot ſich dem Ufer naͤherte, wurden manche Fragen gethan, auf welche lakoni⸗ ſche Antworten erfolgten. Endlich hoͤrte Annette auch nach ihrem Geliebten fragen. Ihr Herz poch⸗ te: es war eine augenblickliche Pauſe, dann erfolgte eine kurze, aber furchtbar entſcheidende Ant⸗ wort. Er war mit zweien von der Schiffsmann⸗ ſchaft, durch eine Welle vom Verdeck geriſſen worden, und dies mitten in der Nacht, wo es unmoͤglich war, ihm zu Huͤlfe zu kommen. Ein durchdrin⸗ gender Schrei ließ ſich aus der Menge hoͤren, und es fehlte nicht viel, ſo waͤre Annette in die Wellen geſtuͤrzt. Dieſe Umwandlung der Gefuͤhle, nach einem ſo ploͤtzlich voruͤbergehenden Strahle der Hoff⸗ nung, war zu maͤchtig fuͤr ihren ſchon erſchuͤt⸗ terten Koͤrper. Sie ward beſinnungslos nach Hauſe getragen. Eine Zeitlang fuͤrchtete man fuͤr ihr Leben, und es dauerte Monate, ehe ſie wieder genas: aber ſie war ſeitdem nie wieder ganz zur Beſinnung gekommen: das Schickſal ihres Geliebten hatte ihren Verſtand aus ſeinen Schranken gebracht. Man ſpricht, ſagte der, welcher mir alle 144— dieſe Nachrichten gab, nie in ihrer Gegenwart von dieſer Sache: ſie ſelbſt erwaͤhnt ihrer aber zuweilen, und es ſcheint, als ob eine Reihe un⸗ beſtimmter Erinnerungen noch in ihrem Gemuͤ⸗ the lebe, in welchen Hoffnung und Furcht gleich ſtark gemiſcht ſind. Sie ſcheint ein unbeſtimmtes Bewußtſeyn von dem Schiffbruche ihres Gelieb⸗ ten, und dabei doch noch einige Hoffnung zu ſei⸗ ner Ruͤckkehr zu haben. Ihre Aeltern haben alles Mögliche verſucht, ſie aufzuheitern und dieſe truͤben Bilder aus ih⸗ rer Seele zu verbannen. So verſammeln ſie haͤufig die jungen Geſpielinnen um ſie, in deren Geſellſchaft ſie ſonſt ſo großes Vergnuͤgen zu em⸗ pfinden ſchien; dieſe arbeiten, plaudern, ſingen und lachen um ſie her, wie ſonſt, ſie aber ſitzt ſtill unter eihnen, und vergießt zuweilen Thraͤnen, waͤhrend jene am frohſten ſind; giebt keine Ant⸗ wort, wenn man ſie anredet, ſondern blickt, mit uͤberfließenden Augen empor, und ſingt ein trau⸗ riges kleines Lied von einem Schiffbruche, das ſie irgendwo gehoͤrt hat. Das Herz blutet Ei⸗ nem, wenn man ſie ſieht, denn ſie war ſonſt das gluͤcklichſte Geſchopf im Dorfe. Siie bringt den groͤßten Theil ihrer Zeit bei Eugen's Mutter zu, deren einziger Troſt ihre Geſell⸗ — 145 Geſellſchaft iſt, und die ſie mit der Zaͤrtlichkeit einer Mutter liebt. Sie iſt die einzige, die eine vollkommene Gewalt uͤber Annette's Gemuͤths⸗ ſtimmung hat. Das arme Maͤdchen ſcheint, wie ſonſt, ſich Muͤhe zu geben, in ihrer Geſellſchaft froh zu ſeyn, ſieht ſie aber dann wieder mit ei⸗ nem traurigen Blicke an, kuͤßt ihre grauen Haa⸗ re, faͤllt ihr um den Hals und weint bitterlich. Sie iſt indeß nicht immer truͤbſinnig: es giebt Zwiſchenraͤume, in denen ſie Tage lang heiter und belebt erſcheint, allein in dieſen ploͤt⸗ lichen Ausbruͤchen von Frohſinn liegt eine ge⸗ wiſſe Wildheit, welche macht, daß ihre Freunde keine Beruhigung darin ſinden koͤnnen. Sie bringt dann ihr Zimmer in Ordnung, das ganz mit Bildern von Schiffbruͤchen und mit Heili⸗ gen⸗Legenden bedeckt iſt, windet einen weißen Kranz, einem Brautkranz aͤhnlich, und bereitet ſich hochzeitlichen Putz. Sie ſcheint dann der Ruͤckkehr ihres Geliebten entgegenzuſehn: da aber niemand den Gegenſtand beruͤhrt, oder den Na⸗ men ihres Geliebten in ihrer Gegenwart nennt, ſo kann man nur Vermuthungen uͤber die Rich⸗ tung ihrer Gedanken aufſtellen. Dann und wann unternimmt ſie eine Pilgerreiſe nach der Kapelle Unſerer Lieben Frauen zur Gnade, wo ſie Stun⸗ II. G 146— den lang am Altare betet, und die Bilder mit Kraͤnzen bedeckt, die ſie geflochten hat, oder laͤßt ihr Schnupftuch von der Terraſſe wehen, wie Sie geſehen haben werden, wenn ein Schiff ſi ſich in der Entfernung zeigt. Es war jetzt, wie mir der Erzaͤhler ſagte, aͤber ein Jahr vergangen, ohne daß dieſer ſon⸗ derbare Anflug von Wahnſinn ſich aus ihrem Gemuͤth verwiſcht haͤtte: indeß hofften ihre Freun⸗ de, daß er ſich mit der Zeit verlieren wuͤrde. Sie hatten ſie, eine Zeit lang, nach einer der entlegne⸗ ren Gegenden des Landes geſchafft, in der Hoff⸗ nung, daß die Entfernung von dem Schauplatze der Begebenheit einen heilſamen Einfluß auf ſie ha⸗ ben wuͤrde; als aber die Zeit ihres Truͤbſinns eintrat, ward ſie unruhiger und trauriger als je, entwiſchte endlich insgeheim ihren Freunden, machte ſich, ohne den Weg zu wiſſen, auf, und trat ihre gewohnte Wanderung nach der Ka⸗ pelle an. Dieſe Erzaͤhlung zog meine Aufmerkſam⸗ keit von dem Feſte ſelbſt ab, und machte, daß ich ſie ¹ganz der ſchoͤnen Annette zuwandte. Waͤhrend ſie noch auf der Terraſſe ſtand, ertoͤnte die Vesperglocke aus der benachbarten Kapelle. Sie horchte einen Augenblick, und ging dann, 4 147 nachdem ſie einen kleinen Roſenkranz aus dem Buſen gezogen, nach jener Richtung hin. Meh⸗ rere Bauern folgten ihr ſtillſchweigend, und ich ſelbſt fuͤhlte meine Theilnahme zu ſehr erregt, als daß ich nicht haͤtte daſſelbe thun ſollen. Die Kapelle liegt, wie ich vorher geſagt habe, in der Mitte eines Gebuͤſches, auf dem Vorgebir⸗ ge. Das Innere derſelben iſt ganz mit kleinen Modellen von Schiffen und rohen Gemaͤlden von Schiffbruͤchen, von Gefahren und Errettungen auf dem Meere bedeckt, den Weihgeſchenken der Kapitaͤne und Schiffsmannſchaften, welche dem Tode entgangen ſind. Als Annette in die Ka⸗ pelle trat, blieb ſie einen Augenblick vor dem Bilde der Jungfrau ſtehen, das, wie ich bemerkte, erſt ganz kuͤrzlich mit einem Kranz kuͤnſtlicher Blumen geſchmuͤckt worden war. Als ſie die Mitte der Kapelle erreicht hatte, kniete ſie nie⸗ der, und die ihr gefolgt waren, thaten unwill⸗ kuͤhrlich, in einer kleinen Entfernung, daſſelbe. Die Abendſonne ſchien mild durch das verwach⸗ ſene Gebuͤſch, in das Kapellenfenſter. Eine voll⸗ kommene Stille herrſchte innerhalb derſelben, und dieſe Stille war um ſo eindrucksvoller, da ſie mit den entfernten Toͤnen der Muſik und der Froͤhlichkeit, von dem Jahrmarkte her, im „ G 2 4 148 Gegenſatze ſtand. Ich konnte meine Augen von der armen Flehenden nicht abwenden: ihre Lippen be⸗ wegten ſich, waͤhrend ſie die Kugeln des Roſenkranzes durch die Hand laufen ließ, aber ihr Gebet ſtieg im Stillen empor. Meine Einbildungskraft, welche durch den ganzen Auftritt geſpannt war, ließ mich, als ſie ihre Augen zum Himmel er⸗ hob, in ihnen etwas wahrhaft Verklaͤrtes erblicken. Ich bin indeß uͤberhaupt fuͤr weibliche Schoͤnheit ſehr leicht empfaͤnglich, und es lag etwas in dieſem Ge⸗ miſch von Liebe, Froͤmmigkeit und theilweiſer Sin⸗ nesverwirrung, das unausſprechlich ruͤhrend war. Als das arme Maͤdchen die Kapelle verließ, lag eine gewiſſe milde Heiterkeit in ihren Blik⸗ ken, und man ſagte mir, ſie wuͤrde nun nach Hauſe zuruͤckkehren, und wahrſcheinlich Tage, ja Wochen lang, ruhig und froh ſeyn. In dieſer Zeit hatte naͤmlich die Hoffnung die Oberhand bei ihrer Gemuͤthskrankheit; wenn aber die dunkle Seite ihres Gemuͤths, wie ihre Freunde ſie nen⸗ nen, ſich entfalten wolle, koͤnne man es daran bemerken, daß ſie ihre Spindel und ihre Splz⸗ zenarbeit vernachläͤſſige, traurige Lieder ſinge, und im Stillen weine. Sie ging aus der Kapelle hinweg, ohne weiter auf. das Feſt Acht zu geben, laͤchelte und ſprach 149 aber zu Manchen, denen ſie begegnete. Ich folgte ihr mit den Augen, als ſie den ſich ſchlaͤngelnden Pfad nach Honfleur, auf ihres Vaters Arm ge⸗ lehnt, hinunterging. Der Himmel, dachte ich, hat immer ſeinen Balſam fuͤr einen getruͤbten Geiſt und fuͤr ein wundes Herz, und richtet vielleicht einmal dieſe geknickte Blume wieder auf, daß ſie abermals der Stolz und die Freude des Dor⸗ fes werde. Selbſt die Taͤuſchung, welche das arme Maͤdchen umwoben hat, iſt vielleicht ein Nebel, mit welchem die Vorſicht, in ihrer Guͤte, unſre Gedanken umſchleiert, wenn ſie zu viel Elend uͤber uns bringen. Dieſer Schleier, wel⸗ cher den Horizont ihres Gemuͤths umhuͤllt, wird ſich vielleicht allmaͤhlig erheben, wenn ſie erſt im Stande ſeyn wird, dem Kummer, der itzt aus Barmherzigkeit ihren Augen verborgen iſt, feſt und ruhig ins Auge zu blicken. Als ich, ungefaͤhr ein Jahr nachher, von Paris zuruͤckkehrte, verließ ich die große Straße nach Rouen, um einige der anziehendſten Ge⸗ genden der untern Normandie wieder zu beſu⸗ chen. Ich ging durch das liebliche Pays d' Au⸗ ge, erreichte Honfleur an einem ſchoͤnen Nach⸗ 150 mittage, und hatte den Plan, am naͤchſten Mor⸗ gen nach Havre uͤberzuſetzen, um mich von dort nach England einzuſchiffen. Da ich keine beſſere Unterhaltung fuͤr den Abend hatte, ſo ſchlenterte ich den Huͤgel hinan, um die ſchoͤne Ausſicht von der Kapelle Unſrer Lieben Frauen zur Gnade zu genießen, und waͤhrend ich dort war, fiel es mir ein, mich nach dem Schickſal der armen Annette Delarbre zu erkundigen. Der Prieſter, der mir ihre Geſchichte erzaͤhlt hatte, hielt gerade die Vesper, nach deren Beendigung ich ihn an⸗ redete, und von ihm Folgendes erfuhr. Er ſagte mir, daß ſeit der Zeit, wo ich ſie in der Kapelle geſehen, ihre Geiſtesverwirrung ſich ploͤtzlich verſchlimmert und ihre Geſundheit ſichtlich abgenommen habe. Ihre heiteren Zwi⸗ ſchenraͤume wurden kuͤrzer und ſeltener, und hat⸗ ten dann weniger Zuſammenhangendes. Ihre Schwermuth nahm einen matteren, ſtilleren und duͤſterern Charakter an, ſie zehrte ab, ſah bleich und verzweifelnd aus, und man fing an, zu fuͤrch⸗ ten, daß ſie nimmer geneſen wuͤrde. Alle Toͤne der Freude waren ihr zuwider, und ſie war nur dann zufrieden, wenn Eugen's Mutter ſich in ihrer Naͤhe befand. Die gute Frau wachte uͤber ſie mit ſtiller, bekuͤmmerter Sorge, und vergaß 151 beinahe ihren eignen Kummer, waͤhrend ſie den des Maͤdchens zu lindern ſuchte. Zuweilen traten, wenn Annette ihr bleiches Geſicht betrachtete, Thraͤnen in ihre Augen, die ſie eilig trocknete, ſobald die Mutter ſie bemerkte und ſie bat, ſich nicht zu betruͤben, da Eugen bald wieder zuruͤckkehren wuͤrde; ſie nahm dann ploͤtlich, wie ſonſt, eine froͤhliche Miene an, und ſang ein heiteres Lied: auf einmal trat aber die Erinnerung wieder in ihr Gemuͤth, ſie brach in Thraͤnen aus, warf ſich der armen Mutter um den Hals, und bat ſie, ihr nicht zu fluchen, weil ſie ihren Sohn ge⸗ toͤdtet habe. Gerade um dieſe Zeit lief, zu Aller Erſtau⸗ nen, Nachricht von Eugen ein, der, wie es ſchien, noch am Leben war. Er hatte, dem Er⸗ trinken nahe, gluͤcklich einen Balken ergriffen, mit dem er zugleich vom Verdecke herabgeriſſen worden war. Von der Anſtrengung halb er⸗ ſchoͤpft, hatte er ſich daran zu befeſtigen geſucht, und war mit dieſem einen Tag und eine Nacht umhergetrieben, bis ihn die Beſinnung verlaſſen hatte. Als er wieder zu ſich kam, fand er ſich am Bord eines Schiffes, das nach Indien be⸗ ſtimmt war, fuͤhlte ſich aber ſo krank, daß er nicht ohne Huͤlfe ſich bewegen konnte. Seine 152 Geſundheit blieb waͤhrend der ganzen Reiſe ſchwankend; als er nach Indien kam, hatte er mit manchen Schickſalen zu kaͤmpfen, und wurde von Schiff zu Schiff, und von Hospital zu Hos⸗ pital gebracht. Sein kraͤftiger Koͤrperbau hatte ihn gluͤcklich alle dieſe Drangſale uͤberſtehen laſ⸗ ſen, und er war itzt in einem entfernten Hafen, wo er nur auf den Abgang eines Schiffes war⸗ tete, um nach Hauſe zuruͤckzukehren. Es bedurfte großer Vorſicht, dieſe Nachricht der Mutter mitzutheilen, und ſelbſt da noch un⸗ terlag ſie beinahe der Freude. Eine viel groͤßere Verlegenheit aber war die, wie man ſie Annette bekannt machen ſolle. Ihr Gemuͤth befand ſich in einem ſo krankhaften Zuſtande, die Uebergaͤnge waren ſo gewaltſam geweſen, und ihre Geiſtes⸗ verwirrung durch eine ſo verloren gegebne, hoff⸗ nungsloſe Urſach veranlaßt, daß ihre Freunde ſich immer ſorgſam enthalten hatten, mit ihren Gefuͤhlen ein Spiel zu treiben. Sie hatten nie auf den Grund ihres Kummers angeſpielt, noch bei dem Gegenſtande verweilt, wenn ſie davon geſprochen hatte, ſondern ihn immer mit Still⸗ ſchweigen uͤbergangen, in der Hoffnung, daß die Zeit allmaͤhlig die Spuren davon aus ihrem Ge⸗ daͤchtniſſe verwiſchen, oder die Erinnerung wenig⸗ 153 ſtens minder ſchmerzlich machen wuͤrde. Sie wußten itzt nicht, wie ſie, ſelbſt in ihrem Kum⸗ mer, ſie enttaͤuſchen ſollten, damit nicht der ploͤtz⸗ liche Uebergang zum Gluͤck ihre Geiſtesverwir⸗ rung noch mehr verſtaͤrken, oder ihren ſchwachen Koͤrper uͤberwaͤltigen moͤchte. Sie verſuchten es indeß, die Wunde zu ſondiren, die ſie fruͤher nicht zu beruͤhren gewagt hatten, denn ſie beſa⸗ ßen itzt den heilenden Balſam dafuͤr. Sie lei⸗ teten das Geſpraͤch unvermerkt auf die Gegen⸗ ſtaͤnde, welche ſie bisher vermieden, und ſuch⸗ ten die Richtung ihrer Gedanken bei den ver⸗ ſchiedenartigen Stimmungen zu erforſchen, die ſie fruͤher ſo beunruhigt hatten. Sie fanden in⸗ deß, daß ihr Gemuͤth ſogar noch tiefer ergriffen war, als ſie es vermuthet. Alle ihre Gedanken waren verwirrt und unſtaͤt. Ihre lichten und frohen Augenblicke, welche itzt ſeltner als je wur⸗ den, waren ſaͤmmtlich die Wirkung geiſtiger Taͤu⸗ ſchung. Zu ſolchen Zeiten hatte ſie keine Erin⸗ nerung daran, daß ihr Geliebter je in Gefahr geweſen, ſondern ſie dachte nur an ſeine Zu⸗ ruͤckkunft.„Wenn der Winter voruͤber ſeyn wird, ſagte ſie,„und die Baͤume bluͤhen wer⸗ den, und die Schwalbe wieder uͤber das Meer zuruͤckkommt, dann wird er zuruͤckkehren.“ Wenn 154 4 ſie den Kopf hangen ließ und daniedergeſchla⸗ gen war, ſo war es vergebens, ſie an das zu erinnern, was ſie in ihren froheren Augenblik⸗ ken geſagt hatte, und ſie zu verſichern, daß Eu⸗ gen in Kurzem zuruͤckkehren wuͤrde. Sie weinte ſtill fort, und ſchien auf die troͤſtenden Worte nicht zu achten. Zu Zeiten ward ihre Bewe⸗ gung wiederum heftig: ſie klagte ſich dann an, Eugen ſeiner Mutter geraubt, und Kummer uͤber ihre grauen Haare gebracht zu haben. Ihr Ge⸗ muͤth war immer nur fuͤr einen Hauptgedanken empfaͤnglich, von dem ſie nichts abbringen, und den nichts verwiſchen konnte, und wenn es ge⸗ lang, die Richtung ihrer Einbildungskraft zu un⸗ terbrechen, ſo wurden die Bilder derſelben nur noch unzuſammenhangender, und das Fieber, das ihren Geiſt und Koͤrper verzehrte, nur noch hef⸗ tiger. Ihre Freunde waren mehr als je um ſie beſorgt, denn ſie fuͤrchteten, daß ihre Vernunft unwiederbringlich dahin, und ihre Geſundheit gänz⸗ lich zerruͤttet ſey. Unterdeſſen kehrte Eugen nach dem Dorfe zuruͤck. Als man ihm Annette's Geſchichte er⸗ zaͤhlte, ward er heftig davon ergriffen. Er mach⸗ te ſich bittere Vorwuͤrfe, wegen der Uebereilung und Verblendung, die ihn dazu vermocht haͤtten, —,— — 4 155 ſich ſo von ihr loszureißen, und klagte ſich als den Urheber aller ihrer Leiden an. Seine Mut⸗ ter ſchilderte ihm die Angſt und die Gewiſſens⸗ biſſe der armen Annette, die Zaͤrtlichkeit womit ſie an ihr gehangen, und, mitten in ihrem Wahn⸗ ſinn, ſie uͤber den Verluſt ihres Sohnes zu troͤ⸗ ſten geſucht habe, und die ruͤhrenden Ausdruͤcke der Zuneigung, die ſelbſt in ihren unzuſammen⸗ hangendſten Geiſtesabſchweifungen noch vorherrſch⸗ ten: bis ſeine Empfindungen zur Todesqual ge⸗ ſteigert wurden, und er ſeine Mutter bat, mit ihren Erzaͤhlungen einzuhalten.— Noch wagte man es nicht zu veranſtalten, daß Annette ihn ſehe, al⸗ lein er durfte ſie ſehen, wenn ſie ſchlief. Thraͤnen ſtroͤmten ſeine ſonnenverbrannten Wangen hinab, als er die Verwuͤſtung ſah, die Kummer und Krankheit angerichtet hatten, und ſein Herz brach beinahe, als er um ihren Hals noch dieſelbe Haar⸗ flechte bemerkte, die ſie ihm einſt, als ein Pfand kindiſcher Anhaͤnglichkeit gegeben, und die er 44 im Zorn zuruͤckgeſchickt hatte. Endlich beſchloß der Arzt, der ſie beßandane den Verſuch zu wagen, einen der heitern Zwi⸗ ſchenraͤume, wo Hoffnung ihr Gemuͤth belebte, zu benutzen, und die Wirklichkeit gleichſam mit den Taͤuſchungen ihrer Einbildungskraft zu ver⸗ 156 weben zu ſuchen. Dieſe Zwiſchenraͤume waren itzt ſehr ſelten geworden, denn die Natur erlag beinahe unter dem beſtaͤndigen Drucke des geiſti⸗ gen Uebels, und die Gegenwirkung ward taͤglich ſchwaͤcher. Alles ward angewandt, einen heite⸗ ren Augenblick der Art herbeizufuͤhren. Mehrere ihrer Lieblingsgeſpielinnen mußten fortdauernd um ſie bleiben; ſie ſcherzten luſtig, lachten, ſan⸗ gen und tanzten, aber Annette lehnte ſich matt und mit hohlen Augen zuruͤck, und nahm keinen Theil an ihrer Froͤhlichkeit. Endlich war der Winter voruͤber: die Baͤume ſchlugen aus, die Schwalben fingen an, ihre Neſter in den Ecken des Hauſes zu bauen, und das Rothkehlchen und der Zaunkoͤnig zwitſcherten den ganzen Tag un⸗ ter dem Fenſter. Annette's Lebensgeiſter fingen allmaͤhlig wieder an, zu erwachen. Sie kleidete ſich mit ungewoͤhnlicher Sorgfalt, brachte einen Korb mit kuͤnſtlichen Blumen herbei, und fing an, einen Brautkranz von weißen Roſen zu win⸗ den. Ihre Geſpielinnen fragten ſie, warum ſie den Kranz winde.„Wie 2“ ſagte ſie laͤchelnd,„ſeht Ihr nicht, wie die Baͤume ihre Hochzeitkleider anlegen? iſt nicht die Schwalbe uͤber das Meer zuruͤckgekommen? Wißt Ihr nicht, daß die Zeit herannaht, wo Eugen zuruͤckkehren wird? daß 8 157 morgen kommt, und daß wir am Sonntag ge⸗ traut werden? Man hinterbrachte ihre Reden dem Arzte, und dieſer beſchloß ſogleich, ſie zu benutzen. Er verordnete, daß man ſie bei dem Gedanken zu erhalten ſuchen, und danach verfahren ſolle. Im ganzen Hauſe wiederholte man, was ſie geſagt hatte. Jedermann ſprach von Eugen's Ruͤckkehr, als von etwas, das ganz in der Ordnung ſey, man wuͤnſchte ihr Gluͤck zu ihrer bevorſtehenden Vereinigung, und half ihr bei ihren Vorberei⸗ tungen. Am naͤchſten Morgen wurden dieſelben Geſpraͤche fortgeſetzt. Sie ward angekleidet, ihe⸗ ren Geliebten zu empfangen. Aller Herzen klopf⸗ ten vor aͤngſtlicher Beſorgniß. Ein Cabriolet fuhr ins Dorf.„Da kommt Eugen!“ rief Al⸗ les. Sie ſah ihn an der Thuͤr abſteigen, und ſtuͤrzte mit einem Schrei in ſeine Arme. Ihre Freunde zitterten vor dem Erfolge die⸗ ſes bedenklichen Verſuchs, allein ſie erlag nicht unter demſelben, denn ihre Einbildungskraft hatte ſie ſchon auf Eugen's Ruͤckkehr vorbereitet. Sie war wie ein Traͤumender, dem ein unverhofftes Glaͤck, das im Wachen ſeine Vernunft uͤberwaͤl⸗ tigt haben wuͤrde, nur als die natuͤrliche Folge der Umſtaͤnde erſcheint. Ihre Reden zeigten indeß, 158 daß ihre Sinne noch nicht wieder in ihre Schran⸗ ken zuruͤckgekehrt waren. Sie hatte alles ver⸗ gangene Leid gaͤnzlich vergeſſen, und es hatte eine wilde ſieberhafte Freude, die ſich zuweilen in un⸗ zuſammenhangenden Ausbruͤchen ergoß, ſich ihrer bemeiſtert. Am naͤchſten Morgen erwachte ſie matt und erſchoͤpft. Alle Begebniſſe des vorigen Tages wa⸗ ren aus ihrem Gedaͤchtniſſe verwiſcht, als ob ſie nur Blendwerke ihrer Einbildungskraft geweſen waͤ⸗ ren. Sie ſtand auf, truͤbſinnig und von allem abgezo⸗ gen, und man hoͤrte ſie, waͤhrend ſie ſich ankleidete, eine ihrer traurigen Balladen ſingen. Als ſie in das Wohnzimmer trat, waren ihre Augen vor Weinen geſchwollen. Sie hoͤrte Eugen's Stimme außerhalb, und ſtutzte. Sie fuhr mit der Hand uͤber die Stirn, und ſtand in Nach⸗ denken verſunken da, wie Jemand, der ſich einen Traum ins Gedaͤchtniß zuruͤckzurufen verſucht. Eugen trat in das Zimmer und naͤherte ſich ihr: ſie betrachtete ihn mit einem ſcharfen, pruͤ⸗ fenden Blicke, murmelte einige abgebrochene Worte, und ſank, ehe er ſie erfaſſen konnte, zu Boden. Sie fiel nun in den wilden unzuſammen⸗ hangenden Geiſteszuſtand zuruͤck; der erſte Schlag — 159 war indeß voruͤber, und der Arzt verordnete, daß Eugen itt beſtaͤndig in ihrer Naͤhe bleiben ſollte. Zuweilen erkannte ſie ihn nicht, zu an⸗ derer Zeit redete ſie zu ihm, als ob er zur See gehen wollte, und flehte ihn an, doch nicht in Zorn von ihr zu ſcheiden; wenn er nicht da war, ſprach ſie zuweilen von ihm, als ob er in die Tiefe des Meeres begraben ſey, und ſaß, mit gefaltenen Haͤnden und zu Boden ſehend, ein Bild der Verzweiflung, da. Als dieſe gewaltſame Aufregung der Ge⸗ fuͤhle ſich gelegt und ihr Koͤrper ſich wieder von dem Schlage erholt hatte, der ihn daniederge⸗ beugt, ward ſie ruhiger und gefaßter. Eugen blieb beinahe ununterbrochen um ſie. Er bildete den Gegenſtand, um welchen ſich ihre zerſtreuten Gedanken wieder ſammelten, und welcher ſie wie⸗ derum an das wirkliche Leben knuͤpfte. Aber ihr ſo wechſelndes Uebel ſchien itzt eine neue Rich⸗ tung zu nehmen. Sie ward laͤſſig und traͤge, und konnte, ſtundenlang, ſchweigend und beinahe in einer Art von Schlafſucht, da ſitzen. Wenn ſie aus dieſer Betaͤubung erweckt ward, ſo ſchien es, als ob ihr Gemuͤth ſich anſtrengen wolle, eine beſtimmte Gedankenreihe zu verfolgen, bald aber wieder in Verwirrung geriethe. Sie ſah dann — 160 Jeden, der ſich ihr naͤhrte, mit geſpanntem, for⸗ ſchendem Blicke an, der aber beſtaͤndig getaͤuſcht zu werden ſchien. Zuweilen ſah ſie, wenn ihr Ge⸗ liebter neben ihr ſaß und ihre Hand in der ſei⸗ nigen hielt, ihm gedankenvoll ins Geſicht, ohne ein Wort zu ſagen, bis ſein Herz es nicht mehr zu tragen vermochte; nach dieſen voruͤbergehen⸗ den Augenblicken geiſtiger Anſtrengung, ſank ſie wieder in ihre vorige Schlafſucht zuruͤck. Dieſe Betaͤubung nahm allmaͤhlig zu: ihr Gemuͤth ſchien itzt in eine unbewegliche, todes⸗ gleiche Stille verſunken. Den groͤßern Theil der Zeit uͤber waren ihre Augen geſchloſſen, und ihre Zuͤge beinahe ſo ſtarr und leidenſchaftlos, als die eines Todten. Sie widmete dem, was ſie um⸗ gab, keine Aufmerkſamkeit mehr. Es lag in die⸗ ſer Ruhe etwas Schauerliches, das ihre Freunde mit Beſorgniß erfuͤllte. Der Arzt verordnete, daß man ſie vollkommen ruhig laſſen, oder, wenn ſie einige Bewegung verrathe, man ſie, wie ein Kind, durch irgend ein Lieblingslied einzuſchlaͤ⸗ fern ſuchen ſolle. Sie blieb in dieſem Zuſtande Stunden lang, ſchien kaum zu athmen, und ſcheinbar in Todes⸗ ſchlummer verſunken. In ihrem Zimmer herrſchte die tiefſte Stille. Ihre Umgebungen bewegten 161 ſich mit geraͤuſchloſen Schritten umher: alles ward durch Zeichen und fluͤſternd mitgetheilt. Ihr Geliebter ſaß zu ihrer Seite, ſie mit ſchmerzli⸗ cher Angſt beobachtend, und in der Beſorgniß, daß jeder Athemzug, der ſich ihren bleichen Lippen entſtahl, ihr letzter ſeyn moͤchte. Endlich ſtieß ſie einen tiefen Seufzer aus, und ſchien, nach einigen krampfhaften Bewegun⸗ gen zu ſchließen, von etwas im Schlafe beunru⸗ higt zu werden. Ihre Bewegung nahm zu, von einem undeutlichen Klageton begleitet. Eine von ihren Geſpielinnen, der Verordnung des Arztes eingedenk, ſuchte ſie zu beruhigen, indem ſie ihr, mit leiſer Stimme, ein zaͤrtliches kleines Liedchen vorſang, das Annette beſonders gern hatte. Wahr⸗ ſcheinlich hatte es in ihrem Gemuͤth einen Zuſam⸗ menhang mit ihrer eigenen Geſchichte, denn jedes liebende Maͤdchen hat ein Liedchen der Art, das in ihrem Sinn mit angenehmen oder traurigen Erinnerungen in Verbindung ſteht. Waͤhrend ſie ſang, legte ſich Annette's Be⸗ wegung. Ein ſchwacher Schimmer von Farbe roͤthete ihre Wangen, ihre Augenlieder ſchwollen von aufſteigenden Thraͤnen, welche dort einen Au⸗ genblick zitterten, und dann ſich langſam ihre blei⸗ chen Wangen hinunterſtahlen. Als das Lied 162 geendigt war, ſchlug ſie die Augen auf, und blickte um ſich, wie Jemand, der ſich beim Erwachen an einem fremden Orte findet. „O Eugen! Eugen!“ ſagte ſie,„ich habe einen langen, ſchweren Traum getraͤumt! was iſt ge⸗ ſchehen, und was iſt mit mir vorgegangen 29 Dieſe Fragen ſetzten in Verlegenheit: ehe man ſie aber beantworten konnte, trat der Arzt, der im naͤchſten Zimmer zugegen war, herein. Sie nahm ihn bei der Hand, ſah ihm ins Ge⸗ ſicht, und that dieſelbe Frage. Er ſuchte durch eine ausweichende Antwort ſie von dem Gegen⸗ ſtande abzulenken, allein ſie rief aus:„Nein! nein! ich weiß, daß ich krank geweſen bin und daß ich ſchwer getraͤumt habe. Ich glaubte, Eu⸗ gen habe uns verlaſſen— ſey zur See gegan⸗ gen— und ſey— und ſey ertrunken!— aber er iſt zur See gegangen!“ fuͤgte ſie ernſt hinzu, als eine Erinnerung die andere draͤngte, „und er hat Schiffbruch gelitten— und wir wa⸗ ren Alle ſo ungluͤcklich— und er iſt eines hellen Morgens nach Hauſe gekommen— und— Op⸗ ſagte ſie, indem ſie die Hand mit einem krank⸗ haften Laͤcheln an die Stirn legte:„ich begreife, wie es iſt; alles iſt hier nicht richtig geweſen, ich fange an, mich zu erinnern— aber es iſt 163 Alles nun voruͤber— Eugen iſt hier! und ſeine Mut⸗ ter iſt gluͤcklich— und wir werden nie, nie wieder uns von einander trennen— nicht wahr, Eugen ²* Sie ſank erſchoͤpft in ihren Seſſel zuruͤck: Thraͤnen ſtroͤmten ihre Wangen herab. Ihre, Geſpielinnen umringten ſie, und wußten nicht, was ſie aus dieſem ploͤtzlichen Schimmer der Ver⸗ nunft machen ſollten. Ihr Geliebter ſchluchzte laut. Sie oͤffnete die Augen abermals, und blickte die Anweſenden mit der Miene der innigſten Dank⸗ barkeit an.„Ihr ſeyd Alle ſo gut zu mir!“ ſagte ſie mit ſchwacher Stimme. 3* Der Arzt zog den Vater bei Seite.„Euerer Tochter Verſtand kehrt zuruͤcks ſagte er,„ſie weiß, daß ſie geiſteskrank geweſen iſt, ſie faͤngt an, ſich der Vergangenheit und der Gegenwart bewußt zu werden. Alles, was itzt noch uͤbrig bleibt, iſt, ſie ſtill und ruhig zu laſſen, bis ihre Geſundheit ganz wiederhergeſtellt iſt, und dann laßt ſie, in Gottes Namen, einander heirathen!“ „Die Hochzeit,“ fuhr der gute Prieſter fort, „iſt erſt vor Kurzem geweſen: ſie waren hier, waͤhrend der Flitterwochen, bei dem Feſte, und man konnte, als ſie dort unter jenen Baͤumen tanzten, kein ſchoͤneres und gluͤcklicheres Paar ſehen. Der junge Mann, ſeine Gattinn und 8 164— ſeine Mutter wohnen itzt auf einem ſchoͤnen Pacht⸗ hofe bei Pont l'Eveque, und das kleine Schiff, welches Ihr dort ſeht, mit den weißen Blumen⸗ kraͤnzen darum gewunden, iſt Annette's Dankopfer, Unſer Lieben Frauen zur Gnade dargebracht, da⸗ fuͤr, daß ſie ihr Gebet erhoͤrt und ihren Gelieb⸗ ten in der Stunde der Gefahr beſchuͤtzt hat.“ Als der Capitain geendigt hatte, herrſchte ein augenblickliches Stillſchweigen. Die weich⸗ herzige Lady Lillycraft, welche die Geſchichte auswendig wußte, war Allen mit dem guten Bei⸗— ſpiele des Weinens vorangegangen, und hatte ſehr oft ſchon vorher Thraͤnen vergoſſen, ehe man an die rechte Stelle gekommen war. Die ſchoͤne Julie hatte einige Bewegung verrathen, da, wo von Vorbereitungen zur Hoch⸗ 4* zeit die Rede geweſen war: von allen Zuhorerin⸗ nen war aber keine mehr ergriffen als das einfache Maͤdchen, Phoͤbe Wilkins. Sie hatte allmaͤhlig ihre Arbeit in den Schoos ſinken laſſen, und war, waͤhrend des letten Theiles der Geſchichte, bis* gegen das Ende, wo die gluͤckliche Wendung ih beinahe wieder einen hyſteriſchen Anfall zugezo⸗ gen haͤtte, in ſtetem Schluchzen geblieben.„Geh', trage dieß Kaͤſtchen wieder in mein Zimmer, 165 Kind,“ ſagte Lady Lillycraft ſehr ſanft,„und weine nicht ſo ſehr.“ „Ja, wenn ich nur koͤnnte, Ew. Herrlichkeit zu Befehl— aber ich bin nur froh, daß ſie wie⸗ der ausgeſoͤhnt und verheirathet ſind!“ Beilaͤufig geſagt, faͤngt die Begebenheit die⸗ ſer verlaſſenen Schoͤnen im Hauſe etwas Auf⸗ ſehen zu erregen an, beſonders unter gewiſſen kleinen Damen, die noch nicht lange aus den Kinderſchuhen ſind, und die ſie zu ihren Vertrau⸗ ten gemacht hat. Sie iſt bei allen ſehr beliebt, ganz beſonders aber, ſeitdem ſie ihnen ihre Lie⸗ besgeheimniſſe anvertraut hat. Sie nehmen an ihrem Schickſal mit allem dem gewaltigen Eifer und der uͤberſchwenglichen Mitleidenſchaft Theil, womit die jungen Maͤdchen aus der Koſtſchule gewoͤhnlich in die Verhandlungen einer Liebesangelegenheit ein⸗ gehen. Ich habe ſie haͤufig um P hoͤbe ſich zu ei⸗ ner geheimen Berathſchlagung zuſammendraͤngen, oder auf der Gartenterraſſe, unter meinem Fen⸗ ſter, auf und ab gehen ſehen, wobei ſie einer lan⸗ gen und klaͤglichen Geſchichte ihrer Leiden zuhdr⸗ ten, in welcher ich dann und wann die immer wie⸗ derkehrenden Redensarten„ſagte er“ und„ſagte ſien deutlich vernehmen konnte. Zufaͤllig unterbrach ich einmal einen ſolchen 166 kleinen Kriegsrath, als ſie ſich Alle unter ei⸗ nem Baum zuſammengedraͤngt hatten, und ſehr ernſtlich mit der Betrachtung eines merkwuͤrdi⸗ gen Aktenſtuͤcks beſchaͤftigt waren. Die Bewe⸗ gung, in die ſie bei meiner Annaͤherung geriethen, zeigte deutlich, daß ſie uͤber geheime Sachen be⸗ rathſchlagten, und ich ſah, wie die troſtloſe Phoͤbe entweder einen Liebesbrief oder ein altes Valen⸗ tinsloos*) zuſammenknitterte, in den Buſen ſteckte, und ſich die Thraͤnen von den Wangen wiſchte. Das Maͤdchen iſt ungemein gut, von ſanf⸗ ter weicher Art, und giebt ihre Betruͤbniß uͤber die Grauſamkeit ihres Geliebten nur durch Thraͤ⸗ nen und Niedergeſchlagenheit zu erkennen: wenn ſie aber mit den kleinen Damen zuſammen iſt, die ſich ihrer Sache angenommen haben, ſo ſchlaͤgt ſie in die helle Flamme des Unwillens auf, und ich habe ſie des Sonntags manchen Blick nach dem Kirchſtuhle der Tibbets werfen ſehen, bei dem die ſilbernen Knoͤpfe auf des alten Baar⸗ geld's Jacke haͤtten ſchmelzen moͤgen. *) Es iſt ein noch itzt in England üblicher Gebrauch, am Abend vor dem St. Valentin's Tage(den 14. Febr.), ſo viele mit Namen bezeichnete Looſe in ein Gefäß zu werfen, als Perſonen beiderlei Geſchlechts in der Geſellſchaft ſind, und dieſe ziehen zu laſſen. Der oder die des andern Namen zieht, heißt ſein Valentin oder Valentine. Ueberſ. Reiſen. Ein Bürger, zur Ergötzichkeit, Macht eine Reiſ' ins Land, ſehr weit, Ein Dutzend Meilen und noch mehr, dimmt Abſchied Monden lang vorher, Trinkt auf ſein Wohlergehn, giebt Allen noch die Hand, Als reiſe er nach einem unbekannten Land. Doctor Luſtigmann 1609. — Der Squire hat kuͤrzlich einen abermaligen Stoß im Sattel erhalten und iſt beinahe aus demſelben gehoben worden, naͤmlich durch ſeinen, ſich in Alles mengenden Nachbar, den unermuͤdlichen Hrn. Faddy, der ſeinen Stecken⸗Klepper mit eben ſo großem Eifer reitet, und ſein ganzes Tichten und Trachten ſo ſehr auf die Verbeſſe⸗ rung und Umgeſtaltung der Gegend gerichtet hat, daß der Squire meint: es werde ſich bald nicht mehr der Muͤhe lohnen, darin zu wohnen. Was meinen wuͤrdigen Wirth ißt ſo ſehr außer Faſſung 168 gebracht hat, iſt ein Plan des Manufakturherrn, eine neue Landkutſche einzurichten, welche von der alten Straße ab⸗ und durch ein benachbartes Dorf gehen ſoll. Ich glaube, geſagt zu haben, daß die Halle in einer ſehr abgelegenen Gegend des Landes, und in einiger Entfernung von allen großen Fahrſtra⸗ ßen liegt, ſo daß die Ankunft eines Reiſenden Alles an die Fenſter treibt, und die Ale⸗Trin⸗ ker in der kleinen Schenke eine Weile davon zu reden haben. Ich konnte mir deswegen des Squire's Unwillen uͤber eine, dem Anſchein nach, mit vieler Bequemlichkeit und großem Vortheil verknuͤpfte Maaßregel nicht erklaͤren, bis ich fand, daß gerade die Reiſe⸗Bequemlichkeiten zu ſei⸗ nen groͤßten Beſchwerden gehoͤren. Er zieht naͤmlich gegen alle Landeutſchem Poſtchaiſen und Chauſſeen, als die wahren Urſa⸗ chen der Verderbniß der engliſchen laͤndlichen Sit⸗ ten, los.„Sie haben,“ ſagt er,„jeden albernen Buͤrger in den Stand geſetzt, ſeine Familie im Konigreich herumzuſchleppen, und die Thorheiten und Moden der Stadt, in ganzen Ladungen, nach den entfernteſten Theilen der Inſel befoͤrdert. Das ganze Land wird von dieſen fliegen⸗ den Laſten durchkreuzt; jeder Seitenweg wird von 169 von unternehmenden Reiſenden aus Cheapſide und der Poultry) erforſcht, und jedes Guts⸗ beſitzers Park und Wieſen ſind mit landſchafts⸗ malenden Dilettanten beider Geſchlechter aus der Hauptſtadt uͤberſchwemmet, die ihre tragbaren Stuͤhle und Zeichnenmappen mit ſich fuͤhren. Er beklagt ſich bitter uͤber alles dieß, weil es den Reiz der Zuruͤckgezogenheit vernichte und die Ruhe des Landlebens ſtoͤre, ganz beſonders aber deswegen, weil es die einfachen Sitten der Landleute verderbe, und ihnen die Koͤpfe mit halb ſtaͤdtiſchen Begriffen erfuͤlle.„Ein Gaſthof. worin Landkutſchen einkehren, reicht allein ſchon hin,“ ſagt er,„die Sitten eines ganzen Dorfes zu verderben. Dadurch entſteht ein Haufen von Narren und Muͤſſiggaͤngern, die gemeinen Leute werden Kucker, Gaffer und Neuigkeitskraͤmer, und jeder Bauerluͤmmel will nun den pfiffigen Jockey machen.” Der Squire hat immer noch etwas von den alten lehnsherrlichen Begriffen. Er blickt mit Bedauern auf die guten alten Zeiten zu⸗ *) Cheapſide, eine Straße in der City von London, iſt der Mittelpunkt alles Gewerbverkehres. Die Poultry iſt die Fortſetzung von Cheapſide, nach der Bank hin. Ueberſ. 3 II. H 170 ruͤck, als man nur zu Pferde reiſ'te und die au⸗ ßerordentlichen Beſchwerden des Reiſens— zu de⸗ nen ſchlechte Wege, ſchlechte Gaſthoͤfe und Stra⸗ ßenraͤuber gehoͤrten— jedes Dorf und jeden Wei⸗ ler von der uͤbrigen Welt zu trennen ſchienen. Der Gutsherr war damals eine Art von Mo⸗ narchen in ſeinem kleinen Reiche. Er hielt ſein Hoflager in ſeiner vaͤterlichen Halle, und Jeder⸗ mann blickte zu ihm faſt mit eben ſo großer Pflichtergebenheit und Unterthaͤnigkeit empor, als zu dem Koͤnig ſelbſt. Jeder Bezirk bildete eine kleine Welt fuͤr ſich, hatte ſeine eigenen oͤrtlichen Sitten und Gebraͤuche, ſeine Ortsgeſchichte und ſeine Orts⸗Anſichten. Die Einwohner hingen mehr an ihrer Heimath und dachten weniger an das Umherwandern. Man ſah es als eine große Unternehmung an, wenn Jemand ſich nur aus dem Geſicht des Kirchthurms entfernte, und wer in London geweſen war, galt fuͤr den uͤbri⸗ gen Theil ſeines Lebens als ein Dorf⸗Orakel. Welcher Unterſchied zwiſchen der damaligen Art zu reiſen und der itzigen! Damals zog ein Mann, der einen Beſuch in einer entfernten Ge⸗ gend abſtatten wollte, wie ein irrender Rit⸗ ter auf ein Abenteuer aus, und jeder Ausflug, den eine Familie machte, hatte das Anſehen eines —— 171 Aufzuges. Wie glaͤnzend und phantaſtiſch muß nicht eine ſolche haͤusliche Cavalcade geweſen ſeyn, wo die ſchoͤnen Frauen auf praͤchtig aufgezaͤum⸗ ten Zeltern, mit geſtickten, mit klingenden Sil⸗ bergloͤckchen behangenen, Satteldecken ritten, be⸗ gleitet von reich gekleideten Cavalieren auf feu⸗ rigen Roſſen, mit einem Gefolge von Pagen und Dienern, wie wir ſie auf den alten Tapeten dar⸗ geſtellt ſehen. So wie die Vornehmen damals umherreiſ'ten, mußten ſie ſich wie lebende Bilder ausnehmen. Ihr Anblick ergoͤtzte das gemeine Volk, das ſie zugleich bewunderte, und vor dem ſie wie hoͤhere Weſen voruͤberzogen; und in der That waren ſie dieß, denn mit dieſem ritterlichen Aeußern ſtand die kraͤftige, die Geſundheit er⸗ haltende koͤrperliche Bewegung in Verbindung, die ſie hochſinnig und edel machte. Bei ſeiner Vorliebe fuͤr die alte Art zu rei⸗ ſen, macht der Squire ſeine meiſten Ausfluͤge zu Pferde, wobei er immer uͤber die wenige Begeg⸗ nung auf der Landſtraße klagt, welche daher kom⸗ me, daß wenige Leute auf aͤhnliche Weiſe ihres Weges zoͤgen, und durch die Schnelligkeit, mit welcher Jedermann in Kutſchen und Poſtchaiſen dahin fliege. In den guten alten Zeiten zog dagegen ein Cavalier durch Sumpf und Moor, 172² von Stadt zu Stadt, von Dorf zu Dorf, ſprach mit Moͤnchen und Freiſaſſen und mit Allen, die er ſonſt noch auf dem Wege traf; verkuͤrzte ſich die Zeit durch die Erzaͤhlungen der Mitreiſenden, welche damals wahrhaft wundervoll waren, denn Alles was außerhalb Jemandes Umgebungen lag, war voll von Wunder und Maͤhrchen; hielt zur Nacht in irgend einer Herberge an, wo der Buſch uͤber der Thuͤr guten Wein verkuͤndigte, oder eine artige Wirthinn ſchlechten Wein trinkbar machte; kam beim Abendeſſen mit Reiſenden, wie er ſelbſt, zuſammen, beſprach mit ihnen die Abenteuer des Tages, oder hoͤrte dem Liede oder der luſtigen Geſchichte des Wirthes zu, der gewoͤhnlich ein guter Geſellſchafter war und an ſeinem eigenen Tiſche den Vorſitz fuͤhrte, denn, nach des alten Tuſſer Gaſtwirths⸗Poeſie: Wer Freund, allhier ſich niederſetzt Beim Wirth, zu ſeinem Mahle, Wird finden, daß er beſſer ſpeiſet Und weniger bezahle. Der Squire haͤlt gern in den Gaſthoͤfen an, die man noch hie und da antrifft: alte Haͤuſer von Holz und Moͤrtel oder Calimanco⸗Haͤu⸗ ſer, wie die Antiquare ſie nennen, mit tiefen Thuͤrhallen, hervorragenden Erkerfenſtern mit rau⸗ * 1 173 tenfoͤrmigen Scheiben, mit Holzwerk bekleideten Zimmern und großen Kaminen. Er zieht ſie den geraͤumigeren und moderneren Wirthshaͤuſern vor, und nimmt, um nur ſeiner Laune zu froͤh⸗ nen, lieber mit ſchlechter Koſt und ſchlechter Be⸗ dienung in ihnen vorlieb. Sie erregen, ſagt er, in ihm das Gefuͤhl der alten Zeiten, ſo daß er, wenn es dunkel wird, jeden Augenblick einen Hau⸗ fen muͤder Reiſenden mit Federbuͤſchen und Maͤn⸗ teln, Pluderhoſen, weiten Stiefeln und langen Degen eintreten zu ſehen glaubt. Die Bemerkungen des guten Sauire erin⸗ nerten mich an einen Beſuch in der Tabard⸗ Inn,“ dem Wirthshauſe, welches als der Ver⸗ ſammlungsplatz beruͤhmt iſt, von wo aus Chau⸗ cer's Pilgrime ihre Wallfahrt nach Can⸗ terbury antraten.**) Es liegt in der Vorſtadt *) Eigentlich dem Gaſthofe zum Mantel(Tabard). Ueberf. **) Der ganze Plan der Canterbury tales(Erzählun⸗ gen von Canterbury) des alten engliſchen Dichters Chaucer beſteht darin, daß eine Geſellſchaft von Pilgri⸗ men, welche nach Canterbury wallfahrten wollen, ſich in dem obenerwähnten Gaſthofe verſammeln, und untereinander übereinkommen, daß, zu ihrer allſeitigen Unterhaltung, jeder von ihnen, ſowohl auf dem Hin⸗ als auf dem Herwege, eine Geſchichte erzählen 4“ Ueberſ. 174 Southwark, nicht weit von der Londoner⸗Bruͤcke, und fuͤhrt itzt den Namen„der Talbot.“ Es hat ſeit Chaucer's Zeiten ſehr an Anſehen ver⸗ loren, und iſt itzt weiter nichts als ein Ort, wo die großen Frachtwagen, die nach Kent gehen, einkehren und gepackt werden. Der Hof, ehe⸗ mals der Sammelplatz der Pilgrime, bevor ſie abzogen, war itt mit gewaltigen Laſtwagen bedeckt. Ballen, Kiſten, Trag⸗ und Handkoͤrbe, welche die Leckerbiſſen von Stadt und Land ent⸗ hielten, waren um ſie her aufgehaͤuft, waͤhrend im Stroh und Haͤckſel die Gluckhennen ſcharrten und gluckten, ihre hungrige Brut hinter ſich. Statt Chaucer's bunten und glaͤnzenden Ge⸗ wimmels, ſah ich nur eine Gruppe von Fracht⸗ fuhrleuten und Stalljungen, unter welchen ein Alekrug umher ging, waͤhrend ein langleibiger Hund dabei ſaß, den Kopf auf die eine Seite haltend, mit aufgerecktem Ohr und ſchlauem Blick, als ob er erwarte, daß auch an ihn die Reihe beim Trinken kommen wuͤrde. Dieſes argen Verfalles ungeachtet, freute es mich doch, zu bemerken, daß die itzigen Inhaber den dichteriſchen Ruf ihres Hauſes gar wohl zu kennen ſchienen. Eine Inſchrift uͤber der Thuͤr beſagte, daß dieß das Wirthshaus ſey, worin —,— — —,— 175 Chaucer's Pilgrime die Nacht vor ihrem Abgange zugebracht, und am Ende des Hofes war ein praͤchtiges Schild, auf welchem ſie im Zuge dargeſtellt waren. Eben ſo erfreut war ich auch, als ich bemerkte, daß, wenn gleich der gegenwaͤrtige Gaſthof ein verhaͤltnißmaͤßig neues Anſehn hatte, die Einrichtung des alten Wirths⸗ hauſes noch ganz beibehalten war. Wie in alten Zeiten lief rund um den Hof eine Gallerie, auf welche die Zimmer der Gaͤſte hinausgingen. Von dieſen alten Wirthshaͤuſern leiten die Alterthums⸗ forſcher die gegenwaͤrtige Geſtalt unſerer Theater her. Schauſpiele wurden urſpruͤnglich auf den Hoͤfen der Wirthshaͤuſer aufgefuͤhrt. Die Gaͤſte lehnten ſich uͤber die Gallerien, welche das wa⸗ ren, was ißt der erſte Rang Logen iſt: der kri⸗ tiſche Poͤbel draͤngte ſich, ſtatt im Parterre, auf dem Hofe zuſammen, und die Gruppen, welche aus den Dachfenſtern guckten, waren keine ſchlech⸗ ten Stellvertreter unſerer Zuſchauer auf der Gal⸗ lerie. Als daher das Drama bedeutend genug ward, um zu ſeiner Darſtellung ein eigenes Haus zu haben, nahmen die Baumeiſter bei deſſen Er⸗ bauung ſich den Hof der alten Herbergen zum Muſter. Es machte mir ſo viel Vergnuͤgen, dieſe Spu⸗ 176 ren von Chaucer und ſeinem Gedicht zu fin⸗ den, daß ich mir ein Mittagseſſen in der kleinen Wirthsſtube des Tallbot beſtellte. Waͤhrend es zubereitet wurde, ſetzte ich mich an das Fenſter, blickte nachdenkend auf den Hof hinaus, und rief die Erinnerungen der, mit ſo lebendigen Far⸗ ben, von dem Dichter geſchilderten Auftritte her⸗ vor, bis, nach und nach, Ballen, Kiſten und Koͤrbe, Jungen, Frachtfuhrleute und Hunde, alle vor meinen Augen verſchwanden, und meine Ein⸗ bildungskraft den Ort mit dem bunten Gewim⸗ mel der Pilgrime von Canterbury bevoͤl⸗ kerte. Die Gallerieen fuͤllten ſich wiederum mit muͤſſigen Zuſchauern, in den reichen Kleidungen aus Chaucer's Zeiten, und der ganze Zug ſchien bei mir voruͤber zu gehen. Dort war der ſtattliche Ritter auf ſeinem edlen Roſſe, der in der Chriſtenheit und im Heidenthum umherge⸗ ritten war, und„fuͤr unſern Glauben hatt' in Tramaſſen gefochten;5*— und ſein Sohn, der Jungherr, ein Liebhaber und luſtiger Geſell mit gelocktem Haar und reicher Stickerei, ein *) Die mit Haͤkchen bezeichneten Stellen ſind aus Chau⸗ cer ſelbſt entlehnt, und die hier, nach einander vorkommen⸗ den Charaktere, die der Pilgrime. Tramaſen, Treme⸗ zen iſt eine Provinz von Algier. Ueberſ. 1771 kuͤhner Reiter, Taͤnzer und Reimer, der den gan⸗ zen Tag uͤber ſang und floͤtete„und friſch wie der Maimond“ war;— und ſein„Knappe mit rundem Haar', ein kuͤhner Zaͤger, in Gruͤn gekleidet, mit Horn, Wehrgehaͤng und Dolch, einen maͤch⸗ tigen Bogen in der Hand und ein Buͤndel Pfauen⸗ pfeile unter dem Gurt hervorglaͤnzend;— und die ſchuͤchterne, laͤchelnde, einfaͤltige Nonne, mit ihren grauen Augen, ihrem kleinen rothen Munde und der ſchoͤnen Stirn, ihre zierliche Geſtalt in ein nettes Gewand gekleidet, und mit„aufgeſteck⸗ tem Schleier“, ihre Korallen um den Arm ge⸗ ſchlungen, ihrer goldene Buſennadel mit einem Liebesſpruch und ihrem artigen Schwur„be Sankt Elias;“— und der Kaufmann, feierlich von Rede, und hoch auf ſeinem Pferde ſitzend, mit gabelfoͤrmigem Bart und„flandriſchem Ca⸗ ſtorhute“;— und der feiſte Moͤnch„ſehr fett und wohlgenaͤhrt“ mit beeren⸗braunem Roſſe, ſeine Kappe mit einer goldenen Nadel, mit einem Lie⸗ besknoten daran, befeſtigt, ſein kahler Kopf wie ein Spiegel glatt, und ſein Geſicht glaͤnzend, als ob es geſalbt worden ſey;— und der magere, logiſche, ſpruchreiche Schuͤler von Ochſenfurt *) In den alten Schriftſtellern wird Oxford noch Oxen⸗ forde(Dehſenfurt) geſchrieben. Ueberſ. 178 auf ſeinem halbverhungerten Schulpferde;— und der zechende Gerichtsbote mit flammendem Ge— ſicht, ganz mit Finnen bedeckt, ein Knoblauch⸗ und Zwiebel⸗Eſſer, der„ſtarken, blutrothen Wein“ trinkt, der einen Kuchen, ſtatt des Schildes trug, und Latein in ſeinen Becher murmelte, vor deſ⸗ ſen Schwefelgeſicht„die Kinder ſich gar gewal⸗ tig fuͤrchtetenz— und das flinke Weib von Bath, die Wittwe von fuͤnf Maͤnnern, auf ihrem zelternden Klepper, mit einem Hute, ſo breit als ein Schild, ihren rothen Struͤmpfen und ſchar⸗ fen Sporen;— und der magere, jaͤhzornige Vogt von Norfolk auf ſeinem guten grauen Hengſt, mit glattgeſchorenem Bart, das Haar kurz ver⸗ ſchnitten, mit langen, mageren, wadenloſen Bei⸗ nen, und einem roſtigen Schwert an der Seite;— und der luſtige Bettelmoͤnch, mit lispelnder Zunge und blinzelndem Auge, wohlbeliebt bei Freiſaſſen und Hausfrauen, ein großer Befoͤrderer der Hei⸗ rathen unter jungen Maͤdchen, wohlgekannt in al⸗ len Schenken und von jedem„Hausknecht und luſtigen Kellner:“— kurz, ehe ich aus meiner Traͤu⸗ merei durch die weniger dichteriſche, aber ſoli⸗ dere Erſcheinung eines rauchenden Beefſteak's erweckt wurde, hatte ich den ganzen Zug aus dem Thore der Herberge ziehen ſehen, den brau⸗ 179 nen, doppelgliedrigen, rothhaarigen Muͤller an der Spitze, der den Dudelſack vor ihnen herſpielte, ſammt dem alten Wirth des Tabard, der ihnen ſeinen letzten guten Rath nach Canterbury mitgab.* Als ich dem Squire das Daſeyn dieſes recht⸗ maͤßigen Abkoͤmmlings der alten Tabard⸗Inn erzaͤhlte, funkelten ſeine Augen vor Vergnuͤgen. Er beſchloß, das erſtemal, wo er wieder nach London kaͤme, ſie aufzuſuchen, dort zu Mittag zu eſſen, und, zu des alten Chaucer Andenken, ei⸗ nen Becher von des Wirthes beſtem Weine zu trinken. Der General, der gerade zugegen war, bat ſogleich um Erlaubniß, von der Geſellſchaft ſeyn zu duͤrfen. Denn er liebe, dieſe alten Haͤu⸗ ſer zu beguͤnſtigen, da ſie gewoͤhnlich vortreffliche alte Weine haͤtten. *) Von ihm läßt nämlich der Dichter den Vorſchlag aus⸗ gehen, daß Jeder auf der Reiſe zwei Geſchichten erzählen ſolle. Die ganze Pilgercaravane hat, nach Chaucer's Beſchreibung, T. Stothard auf einem Bilde dargeſteut, nach welchem der Kupferſtecher Heath vor einigen Jahren eine meiſterhaft gearbeitete, große Platte geliefert hat. Ueberſ. Volksaberglauben. „Lebt wohl, ihr güt'gen Feen,“ So ſpricht die Fleiß'ge nun: „Den Faulen thut's ergehen „Wie uns, trotz ihrem Thun“. Fegt auch nicht minder ſie den Heerd, Als Mägde ſonſt gewohnt, Wo findet ſie den ſtillen Werth Durch Geld um Schuh belohnt? Biſchof Corbet.*) JI habe ſchon des Hanges des Squire zu al⸗ lem Wunderſamen erwaͤhnt, ſo wie ſeiner Vor⸗ liebe fuͤr Legenden und Geſchichten. Seine Bi⸗ bliothek enthaͤlt eine ganze eigenthuͤmliche Samm⸗ lung von alten Werken dieſer Art, welche au⸗ genſcheinliche Kennzeichen ihrer vielfaͤltigen Be⸗ nutzung tragen. Bei ſeiner großen Liebe fuͤr *) Ein geiſtlicher Dichter aus dem Ende des 16ten Jahr⸗ hunderts. Seine Gedichte ſind im Jahre 1809 in einer vollſtändigen Ausgabe erſchienen. Ueberſ. 184 alles Veraltete, hangt er auch an Volksaberglau⸗ ben, und hoͤrt, mit ernſter Aufmerkſamkeit, jede Erzaͤhlung an, wie ſonderbar ſie auch klingen mag, ſo daß, da er die Sache begaͤnſtigt, ſein ganzer Hausſtand, ja die ganze Nachbarſchaft, von wunderbaren Geſchichten ganz voll iſt, und erhebt ſich je ein Zweifel gegen irgend eine der⸗ ſelben, ſo pflegt der Erzaͤhler in der Regel zu ſagen„der Squire meine, es ſey etwas daran.” Natuͤrlich wird auch der Halle ein großer Theil des Wunderbaren beigelegt, da gemeine Leute gewoͤhnlich ſehr geneigt ſind, ein großes veraltetes Gebaͤude der Art mit uͤbernatuͤrlichen Einwohnern zu bevoͤlkern. Die finſtern Gaͤnge ſo alter Haͤuſer, die großen, mit groteskem Schnitz⸗ werk und verblichenen Malereien verzierten Zim⸗ mer, der Wiederhall in ihnen, das Heulen des Windes, das Geſchrei der Raben und Kraͤhen von den Baͤumen und Schornſteinen, alles dieß verſetzt in einen Zuſtand, der den Glauben an uͤbernatuͤrliche Dinge ungemein beguͤnſtigt. In einem Zimmer der Halle, einer Thuͤr gerade gegenuͤber, welche auf einen finſtern Gang geht, hangt ein lebensgroßes Bild eines Krie⸗ gers in voller Ruͤſtung. Wenn, beim Eintritt gus dieſem Gang, ich das Bild zu Geſicht 182 bekommen habe, wie es durch die dunkle Vertaͤ⸗ felung, auf der es hangt, noch mehr gehoben wird, ſo bin ich mehr als einmal zuruͤckgefahren, als ob die Geſtalt aus dem Bilde mir entgegentraͤte; — fuͤr aberglaͤubiſche Gemuͤther, welche durch die ſonderbaren und grauſigen Geſchichten, die mit Familienbildern in Verbindung ſtehen, vor⸗ bereitet ſind, wuͤrde es daher in einer mondhel⸗ len Nacht, oder bei dem flackernden Lichte einer Kerze, nur einer geringen Anſtrengung der Ein⸗ bildungskraft beduͤrfen, um die alten Bilder an den Mauern in Bewegung zu ſetzen, wie ſie in ihren Roben und mit ihren Schleppen durch die Gallerieen wandeln. Die Wahrheit zu geſtehen, bekennt der Squi⸗ re, daß er in juͤngern Tagen ein Vergnuͤgen dar⸗ an gefunden, wunderbare Geſchichten in Umlauf zu bringen, und ſie mit den einſamen und ver⸗ rufenen Orten in der Nachbarſchaft in Verbin⸗ dung zu ſetzen. Wo er irgend eine Legende von eigenthuͤmlicher Art las, ſuchte er ſie zu verpflan⸗ zen und ihr auf dem Schauplatze ſeiner Kindheit irgend einen Ort anzuweiſen. Viele von dieſen Geſchichten faßten Wurzel, und er ſagt, daß es ihm oft großes Vergnuͤgen mache, die ſonderbaren Geſtalten zu beobachten, in denen fie in der Er⸗ 183 zaͤhlung irgend einer alten Frau zu ihm zuruͤck⸗ kommen, nachdem ſie Jahre lang unter den Bauern im Umlauf geweſen ſind und manche laͤndliche Zuſaͤtze und Verbeſſerungen erhalten haben. Zu dieſen gehoͤrt ohne Zweifel die von dem Geiſte des Kreuzfahrers, der ich in der Erzaͤhlung von meinem Beſuche zu Weihnachten erwaͤhnt habe) und die von dem wilden Reiter, dem Nimrod der Familie, den man zuweilen in ſtuͤrmiſchen Win⸗ ternaͤchten, mit Hunden und Hoͤrnern, uͤber einem wuͤſten, einige Meilen von der Halle entfernten, Moor dahin galoppiren hoͤrt. Dieſe Geſchichte hat, glaub' ich, ihren Urſprung in der beruͤhm⸗ ten Geſchichte vom wilden Jaͤger, dem Lieblings⸗ geſpenſt in deutſchen Maͤrchen, wenn gleich Meiſter Simon— als ich, eines Abends, mit ihm in der dunklen Allee uͤber dieſen Gegenſtand ſprach— mir zu verſtehen gab, daß er ſelbſt ein oder zwei Mal in der Nacht ſonderbare Toͤne, wie die ei⸗ ner Meute von Hunden, in der Naͤhe gehoͤrt, und daß er einſt, als er etwas ſpaͤt von einem Jagdeſſen heimgekehrt ſey, eine ſonderbare Ge⸗ ſtalt uͤber eben dieſes Moor galoppiren ſehn: da er aber gerade ſcharf geritten ſey, und gern *) Im Skizzenbuche. Ueberſ. 184— nach Hauſe gewollt habe, ſo habe er nicht ange⸗ halten, um ſich genauer zu unterrichten, was es geweſen ſey. Der Volksaberglauben verſchwindet in Eng⸗ land ſehr ſchnell, wegen der allgemeinen Ver⸗ breitung der Aufklaͤrung, und des regen Verkehrs, der im Lande herrſcht: indeß hat er noch immer ſeine Schlupfwinkel und Zufluchtsorte, wozu ei⸗ ne abgelegene Gegend, wie dieſe, ſich ſehr wohl paßt. Der Pfarrer hat mir erzaͤhlt, daß er manche, durch Ueberlieferung uͤberkommene Mei⸗ nungen und Begriffe unter dem gemeinen Volke gefunden, die er ihnen im Laufe der Unterhal⸗ tung abgehorcht hat, wenn ſie gleich, gegen Frem⸗ de, damit zuruͤckzuhalten pflegen, und beſonders gegen die„Vornehmen,“ die gern uͤber ſie lachen. Er ſagt, daß es unter ſeinen aͤlteren Pfarrkin⸗ dern mehrere gebe, die ſich der Zeit noch gar wohl erinnerten, als das Dorf ſeinen Graͤnzgeiſt hatte, ein geiſtiges Weſen, das zu einer Stadt oder einem Dorfe gehoͤrt, und das jedes bevor⸗ ſtehende Ungluͤck durch mitternaͤchtliches Geſchrei und Klagen verkuͤndigt. Er ließ ſich zum letz⸗ ten Male kurz vor dem Tode des Vaters des Herrn Bracebridge hoͤren, der in der ganzen Gegend ſehr beliebt war; einige hartnaͤckige Un⸗ 185 glaͤubige wollen indeß behaupten, es ſey nichts mehr und nichts weniger, als das Geheul eines Kettenhundes geweſen. Mir hat es indeß gro⸗ ßes Vergnuͤgen gemacht, noch einige Spuren meines alten Lieblings, des Kobolds, aufzufin⸗ den, wenn er gleich hier einen von allen ſeinen andern Benennungen ganz verſchiedenen Namen fuͤhrt. Der Pfarrer verſichert mich, daß viele von den Bauern, auch an Hausgeiſter, Dobbies genannt, glauben, welche ſich in beſondern Mei⸗ erhoͤfen und Haͤuſern, wie ſonſt der Kobold, auf⸗ halten. Zuweilen ſpuken ſie in den Scheu— nen und Wirthſchaftsgebaͤuden umher, ſtehen aber dann und wann dem Pachter maͤchtig bei, indem ſie ſein Korn und Heu in Einer Nacht einbrin⸗ gen. Gewoͤhnlich halten ſie ſich aber im Hauſe ſelbſt auf, ſind namentlich gern bei dem großen Heerde, und waͤrmen ſich, nachdem die Hausbe⸗ wohner zu Bett gegangen ſind, an der gluͤhen⸗ den Aſche. Wenn die Waͤrme ihres Aufenthalts, und die Flinkheit der Dienſtmaͤdchen, ſie in be⸗ ſonders gute Laune verſetzt hat, ſo uͤberwinden ſie wohl ihre natuͤrliche Traͤgheit, und thun einen großen Theil der Hausarbeit, bis zum Morgen, buttern, brauen, oder ſpinnen den ſaͤmmtlichen Flachs der ehrlichen Hausfrau. Alles dieß thut 186 aber auch der Kobold, wie es Milton ſo ſchoͤn be⸗ ſchreibt.) Wie ſich der Kobold eifrig muͤht, Wenn ſeine Milch er ſtehen ſieht: Sein Schattenflegel wacker driſcht, IUnnd eh'’ das Sternenlicht erliſcht, Hat er der Arbeit mehr geſchafft, Als zehen Maͤnner ganze Kraft. Dann ſtreckt der muͤde Geiſterknecht Sich an dem Feuerheerde recht,— Geſaͤttigt, er zur Thuͤre flieht/ Noch vor des Hahnes Morgenlied. Außer dieſen Dobbies, die zum Hauſe ge⸗ hoͤren, giebt es noch eine andre Art derſelben, von duͤſterer und ungeſelligerer Natur, die um einſame Scheunen in einiger Entfernung vom Wohnhauſe, oder bei Truͤmmern und alten Bruͤcken ihr Weſen treiben. Dieſe haben eine Menge boshafter, ja oft feindſeliger Raͤnke im Kopfe, und ſpielen beſonders den Reiſenden, die von der Nacht uͤberfallen worden ſind, arge Streiche. Es geht unter den alten Leuten eine Geſchichte im Umlauf, von einem, der bei einer verfallenen Muͤhle, dicht bei einer uͤber einen kleinen Fluß geſchlagenen Bruͤcke, ſpuk⸗ *) Allegro, V. 105. Man vergleiche die Erklärungen in Todd's Ausgabe. Ueberf. 187 te; wie ſpaͤt in der Nacht, als ein Reiſender zu Pferde voruͤber kam, der Dobbie hinter ihn auf⸗ ſprang, und ihn ſo feſt um den Leib faßte, daß dieſer ſich gar nicht helfen konnte, ſondern jeden Augenblick erwartete, zu Tode gedruͤckt zu wer⸗ den. Gluͤcklicherweiſe blieben aber ſeine Ferſen frei, und mit dieſen bearbeitete er die Seiten ſeines Pferdes, das ihn, mit dem wunderbaren Inſtinkt des Pferdes eines Reiſenden, gerade nach der Dorfſchenke trug. Waͤre die Schenke etwas weiter geweſen, ſo wuͤrde er ohne Zweifel erdruͤckt worden ſeyn, ſo aber konnten ihn doch, wie⸗ wohl erſt nach einiger Zeit, die guten Leute wieder zur Beſinnung bringen, und das erſte Zeichen des zuruͤckkehrenden Bewußtſeyn's war, daß er nach einem Glaſe Branntwein verlangte. Dieſe boͤsartigen Dobbies haben viel Aehnlichkeit in ihrer Art und Weiſe mit den Geiſtern, welche Heywood, in ſeiner Hierar⸗ chie), Gnomen oder Kobolde nennt: Sie wohnen bald In alten, finſtern, ſchauerlichen Haͤuſern, Bald bergen ſie ſich tief, in aufgethuͤrmten Reiſern. *)„Die Hierarchie der ſeligen Engel und Lucifers Fall,“ ein Gedicht, 1635. Ueberſ. 188— In Kuͤch' und Keller hoͤrt man ſie ergehen: Der nennt ſie Kobold, Jener nennt ſie Feen. In oͤden Zimmern ſie ſich gern verſtecken, Und pochen an, die Leute zu erwecken: Das Schloß, ſo ſtark es iſt, es ſcheint zu weichen, Und Naͤchte gehn dahin mit ſolchen Streichen. Glas, Topf und Deller, Keſſel und was mehr, Es tanzt auf Schapp und Baͤnken wild umher, Als ob ſich's in der Kuͤche um und um gekehrt, Und findet ſich am Morgen— unyerſehrt. Ein andrer Kobold ſolche Wohnung liebt, Wo einſt des Mordes Unthat ward veruͤbt: Der waͤhlt zur Wohnung ſich ein oͤdes Haus, Zertruͤmmert, einſam, ſtill und voll von Graus. Bei der Erzaͤhlung von unſerer ungluͤcklichen Falkenjagd, ewaͤhnte ich des Umſtandes, daß ei⸗ ner von dieſen Geiſtern die zertruͤmmerte Scheu⸗ ne bewohne, die guf der einſamen Wieſe ſteht, und ein ſo merkwuͤrdiges Echo hat. So erzaͤhlte mir der Pfarrer auch, daß man einſt allgemein geglaubt habe, es verweile ein Haus⸗Dobbie in der Nachbarſchaft des alten Pachterhauſes der Tibbets. Schon ſeit langer Zeit behauptet man, daß einer dieſer gutmuͤthigen Kobolde ſich zu der Familie der Tibbets halte, und mit ihnen gekommen ſey, als ſie nach dieſem Theile des Landes zogen; denn es iſt eine von den Eigen⸗ thuͤmlichkeiten dieſer Hausgeiſter, daß ſie ſich an —————— 4— 189 gewiſſe Familien anſchließen, und dieſen uͤberall⸗ hin folgen, wo ſie gehen. In dem Pachthauſe iſt ein großer, altmodi⸗ ſcher Kamin, der fuͤr einen Kobold, der gern warm liegt, trefflichen Raum gewaͤhrt, vorzuͤglich da Hans Baargeld im Winter tuͤchtige Feuer haͤlt. Die alten Leute im Dorfe erinnern ſich mancher Geſchichten von dieſem Kobold, welche in ihren juͤngeren Tagen in Umlauf waren. Man wollte wiſſen, daß er Gluͤck in das Haus gebracht habe, und die Veranlaſſung ſey, weswe⸗ gen die Tibbets immer beſſer als Andere daran geweſen, ihr Grundſtuͤck immer in beſſerer Ord⸗ nung, ihr Heu fruͤher eingefahren, und ihr Korn beſſer geſetzt geweſen waͤre, als das ihrer Nach⸗ barn. Die itzige Frau Tibbets hatte, als ihr Gatte ſich um ſie bewarb, von ihren Gevatte⸗ rinnen ſehr viele von dieſen Geſchichten gehoͤrt, und fuͤrchtete ſich, als ſie heirathete, etwas, in einem Hauſe zu wohnen, worin ein ſolcher Ko⸗ bold ſpukte; Hans aͤber, der von dieſen Geſchich⸗ ten immer ſehr veraͤchtlich ſpricht, verſicherte ſie, daß in ſeinem Hauſe kein Geiſt waͤre, den er nicht, zu jeder Zeit, durch einen Schlag mit ſei⸗ nem Knuͤttel in das rothe Meer jagen koͤnnte. Seine Frau hat indeß ihrer Beſorgniſſe uͤber die⸗ 190 ſen Gegenſtand nie recht Herr werden koͤnnen, deswegen ein Hufeiſen auf die Schwelle na⸗ geln laſſen, und haͤlt ſich immer einen Abreſchen⸗ zweig, der mit ſeinen rothen Beeren von einem der großen Balken im Wohnzimmer herabhangt — ein ſicherer Schutz gegen alle boͤſen Geiſter. Dieſe Geſchichten verlieren ſich itzt, wie ich geſagt habe, und werden in dem naͤchſten, oder in den naͤchſten zwei Geſchlechtern, wahr⸗ ſcheinlich vergeſſen ſeyn. Es liegt indeß in die⸗ ſem laͤndlichen Aberglauben etwas ungemein An⸗ ziehendes fuͤr die Einbildungskraft, vorzuͤglich in dem, was ſich auf das gutmuͤthige Geſchlecht der Hausgeiſter, und uͤberhaupt auf die ganze Feen⸗ lehre bezieht. Die Englaͤnder haben ihm durch die Art, auf welche ſie ihn mit allem dem in Verbindung geſetzt haben, was es Haͤusliches und Angenehmes im Leben, oder Erquickendes und Schoͤnes in der Natur giebt, einen großen Reiz verleihen. Ich kenne keine bezauberndere We⸗ ſen, als dieß fabelhafte Geſchlecht kleiner Leute, welche ſonſt an den ſuͤdlichen Abhaͤngen*) der Huͤgel und Berge herumſtreiſten, in Blumen und *) Dieſe ſind, nach Lilly, in ſeinem„England,“ die Lieblingsſeiten der Feen. Ueberſ. — — — 191 bei Quellen hauſ'ten, durch das Schluͤſſelloch ſich in die alten Hallen ſtahlen, uͤber Pachthoͤfe und Milchkammern wachten, im Sommer bei Mond⸗ licht auf der Wieſe, und im Winter auf dem Kuͤchenheerde tanzten. Sie ſcheinen mir mit der Art der engliſchen Haushaltung und engli⸗ ſcher Gegenden in genauem Zuſammenhange zu ſtehen. Ich ſehe ſie immer vor mir, wenn ich ein ſchoͤnes engliſches Wohnhaus, mit ſeiner gro⸗ ßen Halle und ſeiner geraͤumigen Kuͤche erblicke, oder ein ehrwuͤrdiges Pachterhaus, worin man ſo viele haͤusliche Bequemlichkeit, und ſo gute Wirthſchaft findet. Es lag etwas vom Volks⸗ charakter in ihrer Liebe zur Ordnung und Rein⸗ lichkeit, in der Sorge, mit der ſie uͤber die Wirth⸗ ſchaft in der Kuͤche und die Verrichtungen der Dienſtboten wachten, die flinke Hausmagd durch einen ſilbernen Sixpence im Schuh belohnten, oder ihren Groll, durch mitternaͤchtliche Schlaͤge und Kniffe, an der traͤgen Milchmagd ausließen. Ich glaube, die guten Wirkungen dieſer alten Feen⸗Regierung ſeyen noch in der Sorgfalt zu erkennen, mit der die engliſchen Hausmaͤdchen, ehe ſie zu Bett gehen, ihre Kuͤche in Ordnung bringen. So habe ich auch geſagt, daß dieſer Feen⸗ glaube mir mit der Eigenthuͤmlichkeit engliſcher 192— Gegenden in Verbindung zu ſtehen ſcheint. Er paßt ſich zu den niedlichen Landſchaften, welche durch Geißblatthecken in kleine, abgezaͤunte Felder und Wieſen getheilt werden, und wo das Gras mit Maßlieben, Butterblumen und blauen Glocken vermiſcht iſt. Als ich zuerſt in England auf dem Lande war, kamen mir beſtaͤndig die angenehmen Bilder in den Sinn, welche die engliſche Feenlehre ſo anziehend machen, und als man mir zum erſten Male einen Kreis im Graſe zeigte, wo, wie man glaubt, die Elfen ſonſt ihre naͤchtlichen Taͤnze ge⸗ halten haben, ſo ſchien es mir einen Augenblick lang, als ob das Feenland keine Fabel ſey. Browne giebt, in ſeinen engliſchen Schaͤferge⸗ dichten*), ein Bild von der Art von Gegend, von welcher ich hier ſpreche: Die Wieſe ſeht, Wo Feen ſich im leichten Tanz gedreht, Die gruͤnen Kreiſe in die Flur gedruͤckt, Als ſey mit Kraͤnzen kuͤnſtlich ſie geſchmuͤckt. In einem dieſer Kreiſe ſeht ihr mitteninn, Den Huͤgel, wo gar oft der Feen Koͤniginn Im Zwielicht ſaß. Ein anderes Bild davon iſt in einem Gedicht — ent⸗ *) William Browne' Pastorals erſchienen im An⸗ fange des 17ten Jahrhunderts.(1613— 1616) uebſ. 193 enthalten, welches Ben Jonſon zugeſchrieben wird: Am Quell, am Bach, auf Fluren gruͤn, Da tanzen wir den Geiſterreihn: Dem Kdnig und der Koͤniginn Wir unſre naͤcht'gen Lieder weihn. Es ſcheint mir in der That, als ob die aͤlteren engliſchen Dichter, nach dem echten Gefuͤhl fuͤr Natur, das ſie auszeichnet, ſich ſehr genau an die einfache und vertrauliche Bilderwelt ge⸗ halten haͤtten, die ſich in dieſen Volksſagen findet, und deshalb in ihre Feenlehre dieſe beſtaͤndigen An⸗ ſpielungen auf das Pachterhaus und die Milch⸗ kammer, die gruͤne Wieſe und die Quelle, verwebt haben, welche unſere Seele mit den herrlichen Bildern des laͤndlichen Lebens erfuͤllt. Es iſt hoͤchſt ſonderbar, zu bemerken, wie die ſchoͤnſten Dichtungen ihren Urſprung unter dem rohen und ungebildeten Volke haben. Es liegt ein unbe⸗ ſchreiblicher Reiz in den Taͤuſchungen, womit die einbildungsreiche Unwiſſenheit einſt jeden Gegen⸗ ſtand bekleidete. Dieſe Daͤmmerungsanſichten der Natur ziehen oft maͤchtiger an, als alle die, welche wir durch die Strahlen der aufgeklaͤrteren Philoſophie erhalten. Die gebildetſten und dich⸗ teriſchſten Gemuͤther ſind daher immer ſehr gern II. J 194 in dieſe gelegentlichen Anſichten der ſogenannten barbariſchen Zeiten zuruͤckgegangen, und haben aus ihnen ihre ſchoͤnſten Bilder und dichteriſchen Hebel entnommen. Wenn wir unſre bewun⸗ dertſten Dichter durchgehen, ſo werden wir fin⸗ den, daß ihre Gemuͤther von dieſen Volksbegrif⸗ fen ganz erfuͤllt ſind, und daß diejenigen das Ge⸗ lungenſte geliefert, die ſich ganz an die Einfach⸗ heit der laͤndlichen Urbilder gehalten haben. Dieß iſt auch der Fall bei Shakſpeare's Sommer⸗ nachtstraum, worin die Beſchaͤftigungen und Vergnuͤgungen der Feen ſo genau beſchrieben werden, und worin alles das, was unter dem Molke uͤber ſie bekannt war, zuſammengefaßt iſt. So geſchieht es, daß die Dichtkunſt in England jeben laͤndlichen Ton, zur Melodie geworden, wiedergiebt; ſo geſchieht es, daß ſie ihre Reize uͤber das Alltagsleben verbreitet hat, ohne irgend et⸗ was an eine andere Stelle zu bringen, ſondern nur indem ſie die Dinge annimmt, wie ſie ſie findet, aber ſie mit den ihr eigenen Zaubertinten verklaͤrt, bis jeder gruͤne Huͤgel und jede Quelle, jede friſche Wieſe, ja jede niedere Blume, voll von Geſang und Sage iſt. Ich habe vielleicht ſchon zu lange bei einem unfruchtbaren Geg enſtande verweilt, allein er 195 bringt tauſend koͤſtliche Erinnerungen aus den luͤcklichen Tagen der Kindheit mit ſich, wo die unvollkommene Kenntniß, die ich ſeitdem gewon⸗ nen habe, in meinem Geiſte noch nicht aufdaͤm⸗ merte, und wo jedes Feenmaͤrchen fuͤr mich eine wahre Geſchichte war. Das Ergoͤtzen uͤber dieſe Erinnerungen hat mich oft ſo außer mich gebracht, daß ich beinahe gewuͤnſcht haͤtte, ich waͤre noch in den Tagen geboren worden, wo man an die Taͤuſchungen der Dichtkunſt wirklich glaubte. Selbſt itzt kann ich dieſe phantaſtiſchen Schoͤpfun⸗ gen der Unwiſſenheit und Leichtglaͤubigkeit nicht betrachten, ohne ein heimliches Bedauern daruͤber zu empfinden, daß ſie alle voruͤber gegangen ſind. Die Erfahrung meiner fruͤheren Tage lehrt mich, daß ſie Quellen des groͤßten Vergnuͤgens waren, und ich lege mir zuweilen die Frage vor, ob der Naturforſcher, welcher die Blumen des Feldes zergliedert, die Haͤlfte von dem Vergnuͤgen bei ihrer Betrachtung empfindet, das der genoß, wel⸗ cher ſie als die Wohnungen der Elfen und Feen anſah. Ich bin uͤberzeugt, daß das wahre In⸗ tereſſe und die wirkliche Gluͤckſeligkeit des Men⸗ ſchen durch die Ausbreitung der Wahrheit be⸗ foͤrdert werden; allein ich kann nicht umhin, uͤber die angenehmen Irrthuͤmer zu trauern, die ſie J 2 196 bei ihren Fortſchritten in den Staub getreten hat. Die Frauen und Sylphen, der Hausgeiſt, der Mondſchein⸗Tanz, Oberon, die Koͤniginn Mab“) und das herrliche Feenreich, alles dieß verſchwindet vor dem Lichte der wahren Philo⸗ ſophie: aber wer wendet ſich nicht oft mit Wi⸗ derwillen von der kalten Wirklichkeit des Mor⸗ gens ab, um die angenehmen Geſichte der Nacht zuruͤckzurufen? *) Die Königinn der Elfen, Titania. Ueberſ. Der Verbrecher. Vor Feuer, vor Waſſer und aller Gefahr Eines ehrlichen Richters Haus bewahr. Ben Jonſon's Wittwe. — Da Froͤhlichkeit in der Halle iſt ploͤtzlich durch einen ſehr bedeutenden Vorfall getruͤbt worden. Im Laufe dieſes Morgens kam ein Trupp Land⸗ leute die Allee herauf: Knaben liefen mit lautem Geſchrei voraus. Als er naͤher kam, ſahen wir Hans Baargeld daherſchreiten, wie er ſeinen Knit⸗ tel in einer Hand ſchwang, und mit der andern einen langen Kerl am Kragen feſthielt, in dem wir, als der Haufen naͤher kam, ſogleich den furchtba⸗ ren Zigeunerhelden, den Sternen⸗Thomas, erkannten. Er war indeß itt ganz furchtſam und demuͤthig, und ſein Muth ſchien, unter der eiſernen Hand des loͤwenherzigen Hans, ihn ganz und gar verlaſſen zu haben. 198 Die ganze Bande der Zigeuner⸗Weiber und Kinder kam langſam hinten nach, Einige in Thraͤ⸗ nen, Andere mit heftigem Geſchrei gegen den al⸗ ten Baargeld, der indeß, ohne ſich ſtoͤren zu laſ⸗ ſen, mit ſeiner Beute vorwaͤrts ſchritt, und ſich an ihr Schimpfen ſo wenig kehrte, als ein Falk, der ei⸗ nen Scheunenthor-Helden gepackt hat, ſich an das Geſchrei und Gekakel ſeines ganzen beſieder⸗ ten Serails kehrt. So war er, auf dem Wege nach der Halle, durch das ganze Dorf gezogen, was natuͤrlich in dieſem leicht erregbaren Orte, wo jede Begebenheit Neugierde und Reden erzeugt, ein gewaltiges Auf⸗ ſehen verurſacht hatte. Das Geruͤcht verbreitete ſich wie ein Lauffeuer, daß der Sternen⸗Thomas verhaftet worden ſey. Die Aletrinker verließen ſogleich die Schenkſtube, Slingsby's Schule ſtuͤrmte hinaus, und Lehrer und Schuͤler vergroͤ⸗ ßerten die Lawine, die ſich dem alten Baargeld und ſeinem Gefangenen nachwaͤlzte. Der Laͤrm vermehrte ſich, je naͤher der Zug der Halle kam, und dieſer brachte die ganze Be⸗ ſatzung von Hunden, und den Schwarm dazu ge⸗ hoͤriger Herumtreiber, in voͤlligen Aufruhr. Der große Bullenbeißer bellte aus dem Hundehauſe, der Huͤhnerhund und der Windhund und der 199 Wachtelhund kamen bellend aus der Thuͤr der Halle, und die kleinen Hunde der Lady Lilly⸗ craft laͤrmten und bellten aus den Wohnzim⸗ merfenſtern. Ich bemerkte indeß, daß die Hunde der Zigeuner alle dieſe Drohungen und Beleidi⸗ gungen unbeantwortet ließen, ſich dicht an die Bande hielten, mit einer ſchuldvollen, wilddiehes⸗ artigen Miene um ſich blickten, und nur dann und wann einen ungewiſſen Blick zu ihren Her⸗ ren hinaufwarfen: woraus man deutlich ſieht, wie die moraliſche Wuͤrde, ſelbſt bei Hunden, in ſchlech⸗ ter Geſellſchaft zu Grunde gehen kann. Als der Haufe an die Vorderſeite des Hau⸗ ſes gekommen war, ward er durch eine Art von Vortrab angehalten, der aus dem alten Chriſty, dem Wildhuͤter und zwei oder drei Hausbedien⸗ ten beſtand, die von dem Laͤrm herbeigelockt wor⸗ den waren. Der gemeine Haufe aus dem Dorfe wich ehrerbietig zuruͤck, die Jungen wurden von Chriſty und ſeinen Genoſſen fortgejagt, waͤh⸗ rend Hans Baargeld ſeinen Platz und ſeinen Gefangenen behauptete, und dabei von dem Schnei⸗ der, dem Schulmeiſter und mehreren andern Wuͤrdentraͤgern des Dorfes, ſo wie von der vor⸗ lauten Brut der Zigeuner umringt blieb, die 200 man weder in Furcht zu jagen, noch zum Still⸗ ſchweigen zu bringen im Stande war. Unterdeſſen war die ſaͤmmtliche Hausgenoſ⸗ ſenſchaft an die Thuͤren und Fenſter gekommen, und der Squire unter das Portal getreten. Haus Baargeld verlangte nun Gehoͤr: er hatte den Gefangenen ertappt, wie er eben auf ſeinem Grund und Boden einen Schafdiebſtahl begehen wollte, und brachte ihn nun hieher, daß er von dem Squire, der zum Friedensgericht gehoͤrt, zur Un⸗ terſuchung gezogen werden ſolle. Es ward ſogleich in dem Bedientenſaale Ge⸗ richt gehalten, einem großen Zimmer, mit ſteiner⸗ nem Fußboden, und mit einem langen Tiſche in der Mitte, an deſſen einem Ende, gerade unter einer ungeheueren Wanduhr, des Squire's Ge⸗ richtsſtuhl ſtand, waͤhrend Meiſter Simon, als Gerichtsſchreiber, ſeinen Platz ebenfalls am Tiſche nahm. Der alte Chriſty hatte es verſucht, die Zigeunerbande abzuhalten, aber vergebens, und ſie nahmen nun, mit den Angeſehenſten im Dorfe und den Hausgenoſſen, den halben Saal ein. Die alte Haushaͤlterinn und der Haushofmeiſter geriethen in ein toͤdtliches Schrecken bei dieſem gefaͤhrlichen Einbruche. Sie eilten, alle Sachen von Werth, ſo wie uͤberhaupt alles Bewegliche auf —;ÿü— —— —— —-— die Seite zu ſchaffen, und hielten ein ſcharfes Augenmerk auf die Zigeuner, damit ſie nicht etwa die Wanduhr oder den eichenen Tiſch weg⸗ truͤgen.. Der alte Chriſty und ſein treuer Beiſtand, der Wildhuͤter, verſahen das Amt der Conſtables, den Gefangenen zu bewachen, und triumphir⸗ ten, daß ſie endlich dieſen furchtbaren Miſſethaͤ⸗ ter in ihre Klauen bekommen. Ich glaube bei⸗ nah, daß der alte Mann es noch nicht vergeſſen konnte, daß er von dem Zigeuner, bei dem Hand⸗ gemenge am Maitage, etwas unſanft behandelt worden war. Meiſter Simon gebot nun Stillſchweigen: allein es war ſchwer, dieß bei einer ſo gemiſchten Verſammlung zu bewirken. Das Geknurre und Gebell der Hunde wollte gar nicht aufhoͤren, und ſo wie es in einer Ecke gedaͤmpft worden war, fing es in der andern wieder an. Die armen Zigeunerhunde, die, wie landſtreicheriſche Diebe, ſich in einem rechtlichen Hauſe nicht breit machen durften, wurden von den vornehmeren Hunden aus dem Hauſe herumgezauſt und gemißhandelt, ohne nur den geringſten Widerſtand zu leiſten, ja ſogar die Klaͤffer der Lady Lillycraft boten ihnen ungeſtraft die Spitze. 202 Die Unterſuchung ward von dem Sauire mit großer Milde und Nachſicht geleitet, theils aus angeborenem Wohlwollen, theils, wie ich glaube, weil ſein Herz mit dem Verbrecher Mit⸗ 3 leiden fuͤhlte, der, wie ich ſchon bemerkt, große Gnade vor ſeinen Augen gefunden hatte, wegen der Gewandtheit, die er bei mehreren Anlaͤſſen in der Kunſt des Bogenſchießens, bei dem Moh⸗ rentanze und in anderen veralteten Geſchicklich⸗ keiten entfaltet hatte. Die Beweiſe waren in⸗ deß zu ſtark. Hans Baargeld erzaͤhlte die Sache nach ſeiner ſchlichten, freimuͤthigen Art, und ohne ſich von den Umgebungen im geringſten ſtoͤren zu laſſen. Er hatte ſchon laͤngſt bemerkt, daß man ſeinen Schafspferch und ſeinen Huͤhner⸗ hof beſtehle, hatte endlich ſich auf die Lauer ge⸗ ſtellt, und den Verbrecher auf der That ertappt, wie er ſo eben, mit einem Schafe auf den Schul⸗ tern, ſich davon machen wollte. Tibbets wurde, waͤhrend ſeiner Ausſage, haͤufig von der Mutter des Verbrechers, einer wuͤthenden alten Hexe, unterbrochen, die eine ge⸗ waltige Zunge hatte und mehrere Male nur mit Muͤhe abgehalten werden konnte, Zaͤhne und Naͤgel an ihm zu verſuchen. Auch die Frau des Gefangenen, die er, wie ich hoͤre, alle Woche 203 nur ein halbes Dutzend Male ſchlaͤgt, wußte Lady Lillycraft durch ihre Thraͤnen und Bitten voll⸗ kommen fuͤr ſich zu gewinnen, und mehrere von den andern Zigeunerfrauen erregten ſtarkes Mit⸗ leid unter den jungen Maͤdchen und den weibli⸗ chen Dienſtboten im Hintergrunde. Das nied⸗ liche ſchwarzaͤugige Zigeunermaͤdchen, deſſen ich, bei einer fruͤhern Gelegenheit, als der Sibylle erwaͤhnt habe, welche dem General die Zukunft verkuͤndete*), ſuchte dieſen tapferen Krieger auf ihre Seite zu bringen, und wagte ſogar eine Annaͤherung an ihren alten Bekannten, Meiſter Simon, ward aber von dieſem mit ſeiner gan⸗ zen amtlichen Wuͤrde zuruͤckgewieſen, indem er vollkommen die Wichtigkeit und den Ernſt ange⸗ nommen, welche ſich hieher paßten. Ich war Anfangs nicht wenig erſtaunt, als ich den ehrlichen Slingsby, den Schulmeiſter, ſeinem alten Spießgeſellen Tibbets ganz entgegen, als eine Art Anwald fuͤr den Beklagten auftreten ſah. Es ſchien, daß er an der ungluͤcklichen Lage des Sternen⸗Thomas Antheil genommen, und auf dem ganzen Wege von dem Dorfe her ſeine Be⸗ redſamkeit zu deſſen Gunſten, wiewohl ohne Wir⸗ *) Siehe Theil I. S. 224. 7 — 1— 20⁰4 kung, verſucht hatte. Waͤhrend Hans Baargeld's Verhoͤr ſtand Slingsby wie das„niederge⸗ ſchlagene Erbarmen“ neben ihm und ſuchte dann und wann durch ein vermittelndes Wort ſeinen Zorn zu beſaͤnftigen, oder irgend einen harten Ausdruck zu mildern. Er ſuchte itzt einige we⸗ nige Bemerkungen an den Squire zu richten, um das Verbrechen des Schuldigen zu beſchoͤni⸗ gen, aber der arme Slingsby ſprach mehr aus dem Herzen als aus dem Kopfe, und war augen⸗ ſcheinlich nur von einem allgemeinen Mitleiden mit jedem armen Teufel, der in der Klemme war, und von einer freiſinnigen Nachſicht gegen alle Arten landſtreicheriſchen Daſeyns beſeelt. Auch die Frauen, groß und klein, waren, mit der ihrem Geſchlecht eigenthuͤmlichen Her⸗ zensweichheit, ſehr auf der Seite der Gnade, und verwandten ſich eifrigſt bei dem Squire, ſo daß der Gefangene, da er ſich ſo unerwartet von thaͤ⸗ tigen Freunden umgeben fand, abermals den Kopf erhoh, und auf einige Zeit das Anſehen der gekraͤnkten Unſchuld annehmen zu wollen ſchien. Allein der Squire war, bei aller ſeiner Herzensguͤte und ſeiner im Hinterhalt liegenden Schwaͤche fuͤr den Gefangenen, zu gewiſſenhaft, als daß er von dem geraden Pfade der Gerech⸗ — 205 tigkeit haͤtte abweichen ſollen. Es kamen zu viele Beweiſe zuſammen, um nicht die Schuld unwi⸗ derſprechlich darzuthun, und ein Verhaftsbefehl wider den Sternen⸗Thomas ward demnach aus⸗ gefertigt. Der Antheil der Frauen ward itzt lebendi⸗ ger, als je, ja ſie wagten ſogar einige Verſuche, Hans Baargeld's Zorn zu beſaͤnftigen: allein die⸗ ſer ſtoͤrrige Machthaber war durch die wieder⸗ holten Streifzuͤge, welche ſich die Diebesbande des Sternen⸗Thomas auf ſeinem Gebiete erlaubt hatte, auf das hoͤchſte entruͤſtet, und entſchloſſen, wie er ſagte,„das Schelmenungeziefer“ gaͤnzlich aus der Gegend zu vertreiben. Um allen weiteren Behelligungen auszuweichen, guͤrtete er, als der Verhaftsbefehl ausgefertigt war, ſeine Lenden, und ſchritt nach ſeiner Reſidenz zuruͤck, begleitet von ſeinem vermittelnden Freunde Slingsby, und verfolgt von einem Trupp der Zigeuner⸗ bande, der hinter ihm her zog und ihn theils mit Bitten, theils mit Verwuͤnſchungen beſtuͤrmte. Es war itzt die Frage, was man mit dem Gefangenen anfangen ſollte, eine Sache von gro⸗ ßer Bedeutung in dieſem friedlichen Orte, wo ein ſo furchtbarer Menſch, wie der Sternen⸗ Thomas, wie ein Falk, der in einem Taubenſchlage 206 gefangen wird, angeſehen werden konnte. Da der Laͤrm und die Unterſuchung eine bedeutende Zeit weggenommen hatten, ſo war es zu ſpaͤt am Tage, ihn nach dem Gefäͤngniſſe der Grafſchaft zu ſchicken, und das im Dorfe war, da es ſeit langer Zeit nicht im Gebrauche geweſen, ganz außer Stande. Der alte Chriſty, der an dem Vorgange einen beſonderen Antheil nahm, ſchlug daher vor, daß der Verbrecher die Nacht uͤber auf den oberen Boden einer Art von Thurm, welcher zu den Wirthſchaftsgebaͤuden gehoͤrte, gebracht wer⸗ den ſolle, wo er und der Wildhuͤter ihn bewachen wollten. Nach vieler Berathſchlagung ward dieſe Maaßregel angenommen, das in Rede ſte⸗ hende Local ward unterſucht und ſicher gemacht, und Chriſty und ſein treuer Verbuͤndeter, der Eine mit einer Vogelflinte, der Andere mit einer alten Donnerbuͤchſe bewaffnet, zogen in das Ge⸗ faͤngniß auf Wache. Dieß iſt die wichtige Begebenheit, welche ſich ſo eben ereignet hat, und ſie iſt in der That in dieſer ſtillen kleinen Welt zu bedeutſam, als daß dieſe nicht dadurch haͤtte um und um gekehrt werden ſollen. Alle Arbeit ſteht ſtill. Das Haus iſt den ganzen Abend uͤber in einer beſtaͤndigen Unruhe geblieben. Zigeunerfrauen, mit ihren Kindern „ 207 auf dem Ruͤcken, haben es, unter Jammern und Wehklagen belagert, waͤhrend das Mannweib, die alte Mutter, auf dem Raſenplatze vor dem Hauſe, auf und abgelaufen iſt, mit dem Kopf geſchuͤttelt und bei ſich geſprochen, und dann und wann, in einem Ausbruche von Wuth, die Fauſt gegen die Halle erhoben und alles moͤgliche Ungluͤck auf Hans Baargeld, und ſogar auf den Squire ſelbſt, herabgewuͤnſcht hat. Lady Lillycraft hat der weinenden Frau des Verbrechers mehrere Male, an der Thuͤr der Halle, Audienz gegeben, und die Dienſtmaͤdchen haben ſich hinausgeſchlichen, um mit den Zigeu⸗ nerfrauen unter den Baͤumen Rath zu halten. Was die kleinen Damen aus der Familie betrifft, ſo ſind ſie alle erbittert auf Hans Baargeld, den ſie wie den boͤſen Rieſen in dem Feenmaͤrchen betrachten. Phoͤbe Wilkins iſſt, gegen ihre ſonſtige Art, die Einzige, welche kein Erbarmen zu haben ſcheint. Sie meint, daß Herr Tibbets vollkommen Recht habe, und daß die Zigeuner eine ſtrenge Strafe verdienen, dafuͤr, daß ſie ſich an den Schafen der Tibbets vergriffen haben. Die Frauen in der Familie haben unterdeſ⸗ ſen alle die ſorgliche Guͤte des Geſchlechts be⸗ waͤhrt, das immer bereit iſt, den Bedraͤngten bei⸗ 208 zuſpringen und zu helfen, ſie moͤgen nun Recht oder Unrecht haben. Lady Lillycraft hat eine Matratze nach dem Wirthſchaftsgebaͤude bringen laſſen, und man hat dem Gefangenen alle moͤg⸗ liche Bequemlichkeiten und Leckerbiſſen zugetragen. Selbſt die kleinen Maͤdchen haben ihren Kuchen und ihr Zuckerwerk geſchickt, ſo daß— ich wette darauf — der Landſtreicher nie beſſer daran geweſen iſt. Der alte Chriſty hat indeß ein ſcharfes Augenmerk, ſchreitet mit ſeiner Donnerbuͤchſe, wie ein alter Kriegsknecht, auf und ab, und ſteht kaum ſelbſt Rede. Die Zigeunerfrauen wagen es nicht, auf Schußweite heranzukommen, und jeder Lump von Jungen iſt aus dem Park gejagt worden. Der alte Kerl iſt entſchloſſen, den Sternen⸗Thomas mit eigenen Haͤnden in das Gefaͤngniß abzulie⸗ fern, und hofft, wie er ſagt, daß man doch we⸗ nigſtens an Einem von der Wildſchuͤtzen⸗Bande einmal ein Exempel ſtatuiren werde. Bei allem dem weiß ich doch nicht, ob nicht der wuͤrdige Squire bei der Sache am meiſten leidet. Sein Pflichtgefuͤhl beſtimmt ihn dazu, ſtrenge zu ſeyn, aber das Uebermaaß des Wohl⸗ wollens in ſeiner Natur macht, daß dieß ihm ei⸗ nen gewaltigen Kampf koſtet. Er iſt nicht ge⸗ wohnt, ſolche Anſpruͤche auf feine Gerechtig⸗ N8 S 209 keit, in ſeinem wahrhaft patriarchaliſchen Gebiete gemacht zu ſehen, und es thut ſeinem wohlwol⸗ lenden Gemuͤthe wehe, daß, waͤhrend Er ſich mit Gedeihen und Gluͤck reichlich geſegnet ſieht, er einem Mitgeſchoͤpfe Leides zufuͤgen ſoll. Er iſt den ganzen Abend uͤber unruhig und niedergeſchlagen geweſen, wuͤnſchte, als er zu Bett ging, den Uebrigen, ſtatt ſeines ſonſtigen, herzlichen und liebevollen Tones, mit einem Seuf⸗ zer wohl zu ruhen, und wird, wahrſcheinlich, eine ſchlafloſere Nacht haben, als ſein Gefangener. Dieſe widerwaͤrtige Begebenheit hat uͤberhaupt das ganze Haus in eine truͤbe Stimmung verſetzt, da die allgemeine Meinung die zu ſeyn ſcheint, daß der ungluͤckliche Verbrecher an den Galgen kommen werde. Morgens.— Die Wolken vom vergangenen Abend haben ſich alle verzogen. Dem Squire iſt eine Centner⸗Laſt vom Herzen genommen, und Alles laͤchelt wieder. Der Wildhuͤter ſtellte ſich ſchon fruͤh, mit ganz beſchaͤmter Miene, ein, und ließ den Kopf hangen. Der Sternen⸗Thomas war in der Nacht entwiſcht; wie er von dem Boden herunter gekommen iſt, weiß Niemand: der Teu⸗ fel muß ihm geholfen haben. Der alte Chriſty war ſo aͤrgerlich, daß er ſich gar nicht ſehen 210— laſſen wollte, ſondern ſich in den Hundeſtall ein⸗ geſchloſſen hatte und ſich von Niemanden ſpre⸗ chen ließ.— Was den Sauire vorzuͤglich beru⸗ higt, iſt, daß nur geringe Wahrſcheinlichkeit vor⸗ handen iſt, daß der Verbrecher je wieder einge⸗ bracht werden koͤnnte, indem er ſich auf einem der beſten Jagdpferde des alten Herrn davon gemacht hat. Familien⸗Ungluͤck. „Die Nacht war ſtürmiſch; wo wir ſchliefen, „Sind Schornſtein' eingeſtürzt. Shakſpeare's Makbeth. Wer haben, einen oder zwei Tage lang, einen Stoß unfreundlichen Wetters gehabt, das in die⸗ ſem angenehmen, blumenreichen Monat einge⸗ ſtuͤrmt und auf eine Zeit die Schoͤnheit der Landſchaft ganz vernichtet hat. Geſtern Abend erreichte das Unwetter ſeine hoͤchſte Stufe: der Regen ſchlug in Stroͤmen gegen die Fenſter, und der Wind pfiff und tobte um die alte Halle mit einer wahrhaft winterlichen Heftigkeit. Der Morgen war indeß klar und heiter: das Antlitz des Himmels ſchien wie rein gewaſchen zu ſeyn, und die Sonne ſtrahlte mit einem Glanze, der von keiner einzigen Dunſtwolke getruͤbt wurde; als ich aber aus meinem Fenſter ſah, erblickte ich die Verwuͤſtung, welche unter den Geſtraͤu⸗ —· 242 chen und Blumen angerichtet war. Die Gaͤnge des Gartens hatten Kanaͤle fuͤr die kleinen Gießbaͤche gebildet, Baͤume waren ihrer Zweige beraubt, und ein kleiner, ſilberhell dahin fließen⸗ der Bach, welcher ſich durch den Park ſchlaͤn⸗ gelte, und am Ende des Raſenplatzes dahin floß⸗ war zu einem truͤben, gelben Waſſer geworden. Auf einer weiten Beſitzung, wie dieſe, wo das Haus groß, alt, ja etwas mit Altersſchwaͤ⸗ che heimgeſucht iſt, und eine Menge weitlaͤuftiger Umgebungen hat, iſt ein Sturm eine ſehr bedeu⸗ tende Begebenheit, und fuͤhrt eine Menge von Sorgen und Ungluͤcksfaͤllen mit ſich. Waͤhrend der Squire ſein Fruͤhſtuͤck im gro⸗ ßen Saale zu ſich nahm, ward er fortdauernd durch ſchlimme Botſchaften, von einem oder dem andern Theile ſeiner Beſitzungen, unterbrochen, ſo daß er mir beinahe wie der Befehlshaber einer belagerten Stadt vorkam, der, nach einem großen Angriff, in ſeinem Hauptquartier Bericht von den Beſchaͤdigungen an den verſchiedenen Thei⸗ len des Orts erhaͤlt. Itzt meldete die Haus⸗ haͤlterinn, daß ein Schornſtein hinuntergefallen und ein gewaltiges Loch in der Decke, uͤber der Bil⸗ dergallerie, entſtanden ſey, ſo daß ein ganzes Ge⸗ ſchlecht ſeiner Ahnen Gefahr liefe, hinwegge⸗ 213 ſchwemmt zu werden. Dann kam der Haushof⸗ meiſter mit einer klaͤglichen Geſchichte von dem Ungluͤck, das in den Holzungen angerichtet ſey, waͤhrend der Wildhuͤter den Verluſt eines ſeiner ſchoͤnſten Rehboͤcke bedauerte, der, aufgetrieben und todt, den angeſchwellten Fluß hinunter⸗ ſchwaͤmme. Als der Squire ausgehen wollte, ward er vor der Thuͤr von dem alten gichtbruͤchigen Gaͤrt⸗ ner angeredet, der, mit verſtoͤrtem Geſicht, ihm, wie ich glaubte, die Verwuͤſtung ſeiner Blumen⸗ beete und die Zerſtoͤrung ſeiner Spalierfruͤchte berichtete. Ich bemerkte indeß, daß dieſe Nach⸗ richt einen ganz beſonderen Ausdruck der Betruͤb⸗ niß, nicht allein auf des Squire und Meiſter Simon's, ſondern auch auf den Geſichtern Juliens und der Lady Lillycraft hervor⸗ brachte, welche zufaͤllig anweſend waren. Einige wenige Worte, welche zu meinem Ohre gelang⸗ ten, verriethen mir, daß hier ein haͤuslicher Un⸗ fall mit im Spiele, und daß irgend eine un⸗ gluͤckliche Familie, durch den Sturm, ihres Ob⸗ daches beraubt worden ſey. Den Damen ent⸗ ſchluͤpfte mancher Ausruf des Mitleids: ich hoͤrte die Worte„arme huͤlfloſe Weſen“ und„ungluͤck⸗ liche kleine Geſchoͤpfe“ mehrere Male wieder⸗ 214 holen, welche der alte Gaͤrtner, durch ein ſehr truͤbſinniges Kopfſchuͤtteln beantwortete. Ich fuͤhlte meine Theilnahme ſo ſehr er⸗ regt, daß ich nicht umhin konnte, den Gaͤrtner, als er ſich entfernen wollte, zu mir zu rufen, und ihn zu fragen, welche ungluͤckliche Familie denn ſo gelitten habe? Der alte Mann griff an ſeinen Hut, und ſtarrte mich einen Augenblick an, als ob er meine Frage nicht recht verſtuͤnde. „Familie!“ antwortete er,„von einer Familie iſt nicht die Rede, Ihr Gnaden, aber im Raben⸗ horſt iſt viel Ungluͤck geſchehen!“ Ich hatte den Tag vorher bemerkt, daß der ſtarke, in Stoͤßen brauſende Wind, unter dieſen luftigen Familienvaͤtern ſehr viel Unruhe erregt hatte; ihre Neſter waren naͤmlich alle voll von Jungen, die in Gefahr waren, aus ihren baum⸗ bewegten Wiegen herausgeworfen zu werden. Selbſt die alten Yoͤgel ſchienen Muͤhe zu haben, einen feſten Fuß zu behaupten: einige ſchwaͤrmten kraͤchzend in der Luft umher, oder mußten, wenn ſie ſich wo niederließen, ſich anklammern, die Fluͤgel ausbreiten, die Schweife ausſpreizen, und ſchwankten ſo auf den oberſten Zweigen hin und her. In der Nacht hatte ſich indeß ein furchtba⸗ 215 rer Unfall in dieſem ſehr weiſen und politiſchen Gemeinweſen zugetragen. Es ſtand hier ein großer Baum, der hoͤchſte in der Gruppe, welcher eine Art von vornehmen Viertels in der Hauptſtadt zu ſeyn ſchien, mit den Wohnſitzen derer bedeckt, die Meiſter Simon als den Adel und die Leute von Stande betrachtet⸗ Ein duͤrrer Zweig dieſes Baumes hatte, bei der Heftigkeit des Sturmes, nachgegeben, und war mit ſeinen ſaͤmmtlichen Luftſchloͤſſern zur Erde geſtuͤrzt. Man muß die Eigenthuͤmlichkeiten des gu⸗ ten Squire und ſeiner Hausgenoſſen kennen, um zu begreifen, welch eine allgemeine Bekuͤm⸗ merniß dieß Ungluͤck hervorbrachte. Es war or⸗ dentlich eine oͤffentliche Truͤbſal in dieſem laͤndli⸗ chen Reiche, und Alles ſchien an den armen Ra⸗ ben, wie an Mitbuͤrgern, Theil zu nehmen. Der Boden war bedeckt mit der unbefiederten Brut, die von den Dienſtmaͤdchen und den kleinen Damen der Familie in die Schuͤrzen genommen, und in den Buſen geſteckt wurde. Dieſer Zug der Natur, dieſe wahrhaft weibliche Theilnahme, bei den Leiden der Abkoͤmmlinge und der muͤtterlichen Angſt der alten Voͤgel, machten mir ungemeines Vergnuͤgen. 216 Eben ſo anziehend war es auch, die allge⸗ meine Bewegung und die Bedraͤngniß zu ſehen, welche in der ganzen gefiederten Republik zu herr⸗ ſchen ſchien, die gemeinſchaftliche Sache, welche Alle zu machen ſchienen, und das unaufhoͤrliche Umherkreiſen, das Flattern, das Klagegeſchrei, wel⸗ ches ſich in dem ganzen Rabenhorſt verbreitet zu ha⸗ ben ſchien. Es liegt in dem ganzen beſiederten Geſchlecht eine gewiſſe Mitleidenſchaft, ſobald den Jungen irgend ein Ungluͤck begegnet, und das Geſchrei eines verwundeten Vogels in der Bruͤtezeit ſetzt die Bewohner einer ganzen Baumgruppe in Unruhe und Bewegung. Doch, beſchraͤnkt ſich dieß allein auf die befiederte Welt? Mir ſcheint die Natur, in dieſer Hinſicht, eine rege Mitleidenſchaft eingepflanzt zu haben, welche ſich durch alle ihre Werke erſtreckt. Es iſt eine durchgaͤngige Eigenſchaft des weibli⸗ chen Herzens, bei dem Geſchrei kindlicher Huͤlf⸗ loſigkeit zu erwarmen, und einen inſtinktmaͤßigen Antheil an dem Ungluͤck der Alten und Jun⸗ gen zu nehmen. Bei dieſer Gelegenheit wa⸗ ren die Damen der Familie nichts als Mit⸗ leid und Erbarmen, und ich werde nie den Blick vergeſſen, den Lady Lillycraft dem General zuwarf, als dieſer die Bemerkung machte, daß die 217 die jungen Voͤgel einen vortrefflichen Curry*) oder eine außerordentlich gute Rabenpaſtete ge ben wuͤrden. *) Das obenerwähnte Reisgericht mit Geflügel, wozu die Brühe aus einem ſcharfſchmeckenden indiſchen Pflanzenpulver bereitet wird. Ueberſ. — Liebes⸗Kummer. . 5— Das arme Kind ſaß am Baume früh, Singt, alle grüne Weide: Die Hand auf dem Herzen, den Kopf auf dem Knie, Singt, Weide, Weide, Weide: Singt, Weide⸗grün muß mein Kränzlein ſeyn. Altes Lied.*) Da die ſchoͤne Julie ſich von ihrem Unfalle bei der Falkenjagd beinahe ganz erholt hat, ſo iſt man der Meinung, daß es nach gerade Zeit ſeyn duͤrfte, einen Tag zur Hochzeit anzuſetzen. Jede haͤusliche Begebenheit in einer ehrenwerthen und ariſtokratiſchen Familie, wie dieſe, iſt eine Sache von Bedeutung, und ſo hat die Anberau⸗ mung dieſes wichtigen Tages natuͤrlich zu vielen Berathungen und Hin⸗ und Herreden Anlaß gegeben. Erſt ganz kuͤrzlich haben ſich einige kleine *) Von Shakespeare in ſeinem Othello wiederholt. tlebſ. * 219 Schwierigkeiten und Verzugsgruͤnde gezeigt, wel⸗ che in den verſchiedenen eigenthuͤmlichen Anſich⸗ ten liegen, die man auf der Halle hat. So habe ich, zum Beiſpiel, eine ſehr feierliche Berathung zwiſchen Lady Lillycraft, dem Pfarrer und Meiſter Simon mit angehoͤrt, ob nicht die Heirath bis auf den folgenden Monat derſchoben werden muͤßte.. Bei allen den Reizen, welche der blumige Monat Mai hat, finde ich, daß es doch ein altes Vorurtheil gegen ihn giebt, wonach man es nicht fuͤr gut haͤlt, in demſelben zu heirathen. Ein altes Sprichwort ſagt:„im Mai heirathen, heißt Armuth heirathen. Da nun Lady Lilly— craft ſehr an gluͤckliche und ungluͤckliche Tage und Zeiten glaubt, und uͤberhaupt in allem dem, was die Leidenſchaft der Liebe betrifft, ſehr aberglaͤu⸗ biſch iſt, ſo ſcheint dieß alte Sprichwort ſich ihrer ganz bemeiſtert zu haben. Sie erinnert ſich zweier oder dreier Beiſpiele aus ihrer Be⸗ kanntſchaft, wo Heirathen, in dieſem Monat ge⸗ ſchloſſen, ſehr ungluͤcklich ausfielen: ja, Eine ihrer Couſinen, die am erſten Mai heirathete, verlor ihren Gatten durch einen Fall vom Pferde, nach⸗ dem Beide zwanzig Jahre ſehr gluͤcklich mit einan⸗ der gelebt hatten. K 2 220 Der Pfarrer ſchien den Einwuͤrfen von Ihro Herrlichkeit großes Gewicht beizulegen, und be⸗ ſtaͤtigte das Daſeyn eines ſolchen Vorurtheils, das nicht allein in neueren Zeiten entſtanden, ſondern ſchon bei den Alten gaͤng und gebe ge⸗ weſen ſey. Zur Beſtaͤtigung ſeiner Behauptung fuͤhrte er eine Stelle aus dem Ovid an, welche einen großen Eindruck auf Lady Lillycraft machte, da ſie in einer Sprache angefuͤhrt wurde, welche ſie nicht verſtand. Selbſt Meiſter Si⸗ mon ſtutzte daruͤber, hoͤrte mit einer ſehr geſpann⸗ ten Miene zu, und bemerkte, am Ende, mit Kopf⸗ ſchuͤtteln ſehr ſcharfſinnig, daß Ovid allerdings ein ſehr weiſer Mann ſey⸗ Aus dieſer ernſten Berathung lernte ich uͤber⸗ haupt mehrere wichtige Dinge in Bezug auf das Heirathen; ſo zum Beiſpiel, daß, wenn zwei Heira⸗ then in einer Kirche vollzogen werden, die erſte gluͤcklich, die andere ungluͤcklich wird. Wenn, auf dem Gange zur Kirche, der hochzeitliche Zug dem Leichenbegaͤngniß einer Frau begegnet, ſo iſt dieß ein Zeichen, daß die Braut zuerſt ſterben wird; begegnet man dem eines Mannes, ſo ſtirbt der Braͤutigam zuerſt. Tanzt das neuvermaͤhlte Paar an ſeinem Hochzeitstage, ſo fuͤhrt die Frau das Regiment in der Ehe. Dieſe und manche 2241 andere merkwuͤrdige und unbeſtreitbare Thatſa⸗ chen derſelben Art, brachten mich mehr als je⸗ mals zum Nachdenken uͤber die Gefahren, welche dieſen gluͤcklichen Stand umgeben, und uͤber die ſorgloſe Unwiſſenheit der Sterblichen, in Hin⸗ ſicht des gewaltigen Wagſtuͤcks, das ſie unter⸗ nehmen. Ich enthalte mich indeß, mich uͤber dieſen Gegenſtand weiter auszulaſſen, indem ich nicht geneigt bin, zur Vermehrung der Anzahl alter Junggeſellen Anlaß zu geben. Ungeachtet des gehoͤrigen Gewichts, welches der Squire auf Ueberlieferungen und alte Meinungen legt, freue ich mich doch, zu finden, daß er den Credit dieſes Liebe⸗Monats aufrecht zu erhalten ſucht und zu ſeinem Beiſtande eine ganze Legion dichteriſcher Gewaͤhrsſtellen auffuͤhrt, was denn die jungen Leute zum Entſchluß beſtimmt haben muß, da ich hoͤre, daß ſie nichts dagegen ein⸗ wenden, ſich im Mai zu heirathen, und die Fol⸗ gen getroſt abwarten wollen. Die Hochzeit wird alſo in wenigen Tagen Statt finden, und die Halle iſt itzt ſchon in voller Beſchaͤftigung. Die Haushaͤlterinn tummelt ſich vom Morgen bis zum Abend umher, mit geſchaͤftiger und wichti⸗ ger Miene, da ſie tauſend Anſtalten zu treffen hat, indem der Squire bei der Gelegenheit offe⸗ 222— nes Haus zu halten gedenkt: und was die Haus⸗ maͤdchen betrifft, ſo kann man keiner ins Geſicht ſehen, ohne daß ſie nicht zu erroͤthen und ver⸗ ſchaͤmt zu laͤcheln anfinge. Waͤhrend indeß dieſe Haupt⸗Liebes⸗Ange⸗ legenheit mit einer den Regeln eines Romanes ganz zuwiderlaufenden Ruhe ihren Fortgang hat, kann ich nicht ſagen, daß die Neben⸗Intriguen eines aͤhnlichen Gluͤcks genoͤſſen. Die„knospende Liebe“ zwiſchen dem General und Lady Lilly⸗ craft ſcheint in dieſer belebenden Jahreszeit et⸗ was vom Mehlthau gelitten zu haben. Mir kommt es vor, als habe der General das nie wieder gut machen koͤnnen, was er durch ſein Einſchlafen bei des Capitaͤns Geſchichte verdor⸗ ben hat. Meiſter Simon meint, die Sache ſey ohne Hoffnung, da Ihro Herrlichkeit erklaͤrt habe, daß er durchaus ganz ohne Gefuͤhl ſey. Eben ſo unguͤnſtig iſt dieſe Zeit fuͤr die ver⸗ laſſene Phoͤbe Wilkins geweſen. Ich fuͤrchte, der Leſer wird am Ende ungeduldig daruͤber wer⸗ den, daß ich ſo oft von dieſem Liebesverhaͤltniß aus dem niedern Leben ſpreche, allein ich muß geſtehen, daß ich an dem Liebeskummer einfacher Maͤdchen aus dieſer Klaſſe einen ganz beſondern Antheil zu nehmen geneigt bin. Wenige Leute haben — 223 einen Begriff von der vielen Sorge und Noth, welche dieſe armen Geſchoͤpfe bei ihren Herzens⸗ angelegenheiten haben. Wir ſprechen und ſchreiben ſo viel von der Leidenſchaft der Liebe, wir geben ihr alle Faͤrbun⸗ gen der Empfindſamkeit und der Romantik, und pflegen den Schauplatz ihres Einfluſſes in das hoͤhere Leben zu verlegen; bei dem allen weiß ich aber nicht, ob ſie nicht uͤber weibliche Weſen aus einer niedrigeren Sphaͤre eine viel unumſchraͤnk⸗ tere Herrſchaft ausuͤbt. Wie oft wuͤrden wir, koͤnnten wir in das Herz blicken, die Neigung, in ihrer ganzen Innigkeit, eher in dem Buſen des armen Kammermaͤdchens, als in dem der glaͤn⸗ zenden Schoͤnheit finden, welche ſie ſchmuͤckt um Eroberungen zu machen und deren Kopf wahr⸗ ſcheinlich ganz mit zierlichen Herren, Ballſalen und Kronleuchtern erfuͤllt iſt. Bei dieſen Maͤdchen aus dem niedern Stande iſt die Liebe emn rechtliches, wichtiges Geſchaͤft. Sie denken nicht an Verſorgung, an ein Haus, an Equipagen und Nadelgeld. Das Herz— das Herz iſt Alles in Allem bei den armen Geſchoͤp⸗ fen! Es giebt ſelten Eine, die nicht ihre Liebes⸗ ſorgen und ihre Liebesgeheimniſſe, ihre Zweifel, ihre Hoffnungen und Beſorgniſſe, wie nur eine 224 Romanenheldinn ſie haben kann, und zehnmal aufrichtiger, haͤtte. Und dann noch ihr geheimer Schatz von Liebeszeugniſſen— der zerbrochene Sixpence, die vergoldete Buſennadel, die Haar⸗ locke, der unleſerliche Liebesbrief, alles dieß in ihren Kaſten verſchloſſen, worin ihr Sonntags⸗ ſtaat liegt, und fuͤr geheime Beſchauung auf⸗ bewahrt. Wie mancher Noth und Pruͤfung iſt ſie nicht von der luchsaͤugigen Frau, oder von der verbluͤhten Veſtalinn, ihrer Gebieterinn, ausgeſetzt, die wie ein Drache uͤber ihre Tugend wacht und den Liebhaber von der Thuͤr ſcheucht! Aber wie angenehm ſind dann nicht auch die ſuͤßen Augen⸗ blicke, die ſie an allen Feſttagen hat, und an de⸗ nen ſie ſich waͤhrend manches langen Tages, wo ſie arbeiten und zu Hauſe bleiben muß, in der Erinnerung ergoͤtzt! Iſt ſie auf dem Lande— ſo gewaͤhrt der Tanz am Jahrmarkt oder bei der Kirchmeß, die Zuſammenkunft auf dem Kirch⸗ hofe nach dem Gottesdienſt, oder der Abendſpa⸗ ziergang im gruͤnen Heckengange, aͤhnliche Freu⸗ den. Iſt ſie in der Stadt, ſo iſt es vielleicht ein einziger verſtohlener Augenblick, wo ſie durch die eiſernen Staͤbe des Vorplatzes eine Unterre⸗ dung pflegen kann, und dabei jede Minute fuͤrch⸗ —, —, 225 ten muß, geſehen zu werden— und wie froͤhlich iſt das arme Geſchoͤpf dann den ganzen Tag nach⸗ her bei ihrer Arbeit! Armes Weſen! und wenn ſie nun, nach allem Kreuz und aller Noth, ſich verheirathet, vertauſcht ſie alsdann nicht ein verhaͤltnißmaͤßig angenehmes und behagliches Leben, mit einem, das voll von Plage und Ungewißheit iſt? Vielleicht iſt der Liebhaber, fuͤr den ſie ſich, in der Waͤrme ihres Herzens, den Launen des Gluͤcks hingegeben hat, ein werthloſer Menſch, der, als Ehemann, lieder⸗ lich und hartherzig wird und ſich nach dem Ale⸗ hauſe gewoͤhnt: ein freudenloſes Haus, Arbeit, Mangel und Kinderpflege, dieß iſt dann ihr Schickſal. Wenn ich die arme Phoͤbe ſo mit niederge⸗ ſchlagenen Augen und den Kopf auf eine Seite hangend herumgehen ſehe, ſo kann ich nicht um⸗ hin, mich an das pathetiſche Bildchen zu erin⸗ nern, das Desdemona entwirft. Meine Mutter hatt' ein' Magd, hieß— Barbara; Sie liebte: doch der ſie geliebt, war falſch und ward ihr untreu; ſie hatt' ein Lied von Weide: Es war ein altes Ding, doch ſprach's ihr Schickſal aus, Und ſterbend ſang ſie's noch. Ich hoffe indeſſen, daß dieſer Phoͤbe Wilkins 226 ein beſſeres Loos aufgeſpart iſt, und daß ſie noch in dem alten Reiche der Tibbets„das Regiment fuͤhren wird!“ Sie iſt zu ſchwach, um gegen harte Zeiten oder harte Herzen zu kaͤmpfen. Sie war, wie man mir ſagt, der Liebling ihrer verſtorbe⸗ nen Mutter, welche auf die Schoͤnheit ihres Kin⸗ des ſtolz war und ſie viel weichlicher erzog, als dieß bei einem Maͤdchen vom Lande geſchehen ſollte, und ſeitdem ſie eine Waiſe geworden iſt, haben die guten Damen von der Halle ſie vol⸗ lends verzaͤrtelt und verzogen. Ich habe ſie kuͤrzlich lange Berathſchlagun⸗ gen auf dem Kirchhofe, mit Slingsby, dem Schulmeiſter, halten, und mit ihm laͤngs der He⸗ cken bei dem Dorfe auf und ab gehen ſehen. Ich glaubte Anfangs, der Paͤdagog waͤre auch von der hier in den letzten Zeiten ſo verbreite⸗ ten Krankheit angeſteckt, allein ich that ihm Un⸗ recht. Der ehrliche Slingsby war, wie es ſcheint, ein Freund und Spießgeſell ihres verſtor⸗ benen Vaters, des Kirchenſchreibers, ſteht aber auch auf ſehr vertrautem Fuße mit der Fami⸗ lie der Tibbets. Von ſeiner Zuneigung zu bei⸗ den Theilen bewogen, und vielleicht von der Dame Tibbets heimlich angeſtiftet, hat er daher es un⸗ ternommen, mit Phoͤbe uͤber die Sache zu reden. 227 Er giebt ihr indeß wenig Hoffnung. Slings by hat eine gewaltige Meinung von der ariſtokrati⸗ ſchen Geſinnung des alten Baargeld, und glaubt, daß, wenn Phoͤberauch die Sache mit dem Sohne wieder ausgliche, der Vater doch immer gaͤnzlich gegen dieſe Verbindung eingenommen bleiben wuͤrde. Das arme Maͤdchen iſt daruͤber bei⸗ nahe in Verzweiflung, und Slingsby, der viel zu gutmuͤthig iſt, als daß er nicht an ihrer Noth den waͤrmſten Antheil nehmen ſollte, hat ihr den Rath ertheilt, alle Gedanken auf den jungen Hans aufzugeben, und ihr dagegen ſeinen gelehrten Amts⸗ gehuͤlfen, den verlorenen Sohn, zum Stellvertreter vorgeſchlagen. Er hat ſogar, in der Fuͤlle ſeines Herzens, ſich erboten, ihnen das Schulhaus ein⸗ zuraͤumen, obgleich er dann abermals in der wei⸗ ten Welt ohne Heimath ſeyn wuͤrde. Der Geſchichtſchreiber. Hermione.— kommt, ſetzt euch hieher, Erzählt uns was. Mamilius. Was Luſi'ges oder Ernſtes? Hermione. So inſtig als ihr wollt. 1. Mamilius. Was Ernſtes paßt zum Winter: Ich weiß was von Geſpenſtern. Hermione. So erzählt uns das. Shakespearr's Wintermärchen. — Da wir in einem Zeitalter leben, wo viele Ge⸗ ſchichten erzaͤhlt werden, ſo habe ich mich gele⸗ gentlich verſucht gefuͤhlt, dem Leſer eine von den vielen Erzaͤhlungen vorzutragen, welche auf der Halle bei dem Abendeſſen aufgetiſcht werden. Ich haͤtte deren koͤnnen eine ganze Reihe geben, welche der der Tauſend und einen Nacht an Zahl beinahe gleich kaͤme; allein einige davon wa⸗ ren ziemlich abgedroſchen und langweilig, andere 229 wagte ich nicht, dem Drucke anzuvertrauen, und noch andere waren des Generals Geſchichten, und bezogen ſich vorzuͤglich auf Tigerjagden, Elephan⸗ ten⸗Reiten und Seringapatam, gewuͤrzt mit den wundervollen Thaten Tippu Saib's und den trefflichen Spaͤßen des Majors Pendergaſt. Ich hatte immer ganz ruhig an einer Ecke des Tiſches geſeſſen, wo ich ungeſtoͤrt meiner Laune nachleben konnte, hoͤrte aufmerkſam zu, wenn die Erzaͤhlung gut war, und nickte, wenn ſie ſich etwas zum Langweiligen hinneigte, ein wenig ein, was ich fuͤr die moͤglichſte Vollkom⸗ menheit der Zuhoͤrerſchaft halte. Vor einigen Abenden ward ich indeß aus ei⸗ nem leichten Schlummer, in den ich bei einer der Geſchichten des Generals gefallen war, durch eine ploͤtzliche Aufforderung des Squire erweckt, auch meinerſeits etwas zur Unterhaltung der Ge⸗ ſellſchaft beizutragen. Da ich Anderen ſo lange zu⸗ gehoͤrt hatte, ſo konnte ich mich nicht fuͤglich wei⸗ gern; weder mein Gedaͤchtniß noch meine Erfin⸗ dungskraft waren indeß in dem Stande, einem ſo unerwarteten Begehren zu genuͤgen, und ſo bat ich denn um Erlaubniß, eine handſchriftliche Er⸗ zaͤhlung aus der Feder meines Landsmanns, des ver⸗ ſtorbenen Herrn Dietrich Knickerbocker, des 230 Geſchichtſchreibers von New⸗York, vorleſen zu duͤrfen. Da dieſer alte Chronikenſchreiber den Leſern vielleicht grade nicht genauer bekannt ſeyn mag, als er es der Geſellſchaft auf der Halle war, ſo werden ein oder zwei Worte uͤber ihn ſelbſt, ehe ich an ſeine Handſchrift komme, hier nicht an der unrechten Stelle ſtehen. Dietrich Knickerbocker war aus New⸗ York gebuͤrtig und ſtammte aus einer der alten hollaͤndiſchen Familien ab, welche ſich urſpruͤng⸗ lich in dieſer Provinz niederließen, und daſelbſt blieben, als die Englaͤnder im Jahre 1664 davon Beſitz genommen hatten. Die Abkoͤmmlinge die⸗ ſer hollaͤndiſchen Familien wohnen noch itt in verſchiedenen Doͤrfern und Gegenden in mehrern Theilen des Landes, und haben, mit einem beſon⸗ dern Eigenſinne, die Kleidungen, Sitten und ſelbſt *) Man wird ſich aus der Vorrede zum erſten Theile er⸗ innern, daß der Verfaſſer unter der Maske dieſes D. Kni⸗ ckerbocker mit ſeiner„Geſchichte von New⸗York“ auftrat. Er bedient ſich dieſes Namens auch in dem erſten Theile des „Skizzenbuchs,“ wo er die geiſtreiche Erzählung Rip van Winkle, als aus Knickerbocker's Papieren entlehnt, ein⸗ führt, und hat wahrſcheinlich die vorliegende Gelegenheit be⸗ nutzt, ſeine Leſer mit dieſem, in ſeine ſchriftſtelleriſche Iden⸗ tität verwebten Charakter, anleheinend genauer bekannt zu machen. Ueberſ. 8 231 die Sprache ihrer Vorfahren beibehalten, ſo daß ſie in der gemiſchten Bevoͤlkerung dieſes Staates eine ganz eigenthuͤmliche und ſonderbare Erſchei⸗ nung bilden. In einem Dorfe, deſſen Kirchthurm⸗ ſpize man von New⸗York aus ſehen kann, und das ſich an dem Abhange eines Huͤgels, an dem entgegengeſetzten Ufer des Hudſon erhebt, ſprechen mehrere von den alten Leuten, ſelbſt heu⸗ tiges Tages noch, das Engliſche mit einem frem⸗ den Accent, der Pfarrer predigt in hollaͤndi⸗ ſcher Sprache, und die angeerbte Liebe zur Ruhe und zum Stillſchweigen waltet noch ſo ſehr vor, daß man in einem dieſer ſchlaͤfrigen kleinen Doͤr⸗ fer, an einem warmen Sommertage, das Sum⸗ men einer großen Fliege von einem Ende des Or⸗ tes bis zum andern hoͤren kann. In dem lobenswerthen Sinne, welcher die⸗ ſen wuͤrdigen Leuten angeboren iſt und ſich unter ih⸗ nen erhaͤlt, unternahm es Herr Knickerbocker, eine Geſchichte ſeiner Geburtsſtadt zu ſchreiben, welche die Regierung ihrer drei hollaͤndiſchen Gou⸗ verneure umfaßte, zu der Zeit, wo ſie noch unter der Herrſchaft der Hochmoͤgenden von Holland ſtand. Bei der Ausfuͤhrung dieſes Planes legte der kleine Hollaͤnder eine große Gruͤndlichkeit in der hiſtoriſchen Unterſuchung, ſo wie ein außer⸗ 4 ordentliches Bewußtſeyn der Bedeutſamkeit ſeines Gegenſtandes an den Tag. Sein Werk iſt in⸗ deß ſo wenig verſtanden worden, daß man es— fuͤr ein bloßes Werk der Laune erklaͤrt hat, worin die Thorheiten der Zeit, ſowohl politiſcher als moraliſcher Art, durchgehechelt wuͤrden, und wor⸗ in man launige Anſichten der menſchlichen Na⸗ tur faͤnde.— Wir wollen dieß dahin geſtellt ſeyn laffen: in ſeinen nachgelaſſnen Papieren fanden ſich indeß mehrere Erzaͤhlungen von leichterer Art, dem Anſchein nach, aus Materialien zuſammengeſtellt, welche er waͤhrend ſeiner tiefen Unterſuchungen Behufs ſeiner Geſchichte geſammelt, und, als der oͤffentlichen Bekanntmachung nicht werth, an die Seite gelegt hatte. Mehrere von dieſen Er⸗ zaͤhlungen fielen durch einen Zufall, der hier nicht weiter eroͤrtert zu werden braucht, in meine Haͤnde, und eine von eben dieſen, mit ihrer Ein⸗ leitung nach Hrn. Knickerbocker's eigenen Worten, war es, die ich vorlas, um auf dieſe Art meine Schuld abzutragen. Ich fuͤge ſie hier bei, fuͤr diejenigen Leſer, welche Geſchichten lieben.. 4 232 4 Das Spuk⸗Haus. Aus den Handſchriften des verſtorbenen Dietrich Knickerbocker. Früher gab es beinahe in jedem Orte ein Haus der Art. Stand ein Haus an irgend einem düſteren Orte, oder war es auf irgend eine alte romantiſche Weiſe ge⸗ baut, oder hatte ſich eine beſondere Begebenheit, ein Mord, ein plkötzlicher Todesfall, oder dergleichen, darin zugetragen, ſo kam ein ſolches Haus gleich in beſondern Ruf, und man hielt es für die Wohnung eines Geſpenſtes. Bourne's Volksalterthümer. In der Nachbarſchaft der alten Stadt der Manhattos' ſtand, vor nicht gar vielen Jah⸗ ren, ein altes Gebaͤude, das, als ich noch ein Knabe war, immer das Spuk⸗Haus genannt wurde. Es war eins der wenigen Ueberbleibſel der Baukunſt der alten hollaͤndiſchen Koloniſten, und mußte zur Zeit, als es gebaut wurde, ein Haus von einiger Bedeutung geweſen ſeyn. Es beſtand aus einem Mittelgebaͤude und zwei Fluͤgeln, de⸗ *) Manhattan iſt der alte indianiſche Name der Inſel New⸗York, worauf die Stadt liegt. Ueberſ⸗ 234 ren Giebel wie Treppen ausſahen. Es war theils von Holz, theils von kleinen hollaͤndiſchen Mauerſteinen aut, wie ſie die Koloniſten mit aus Holland Tuc, ehe ſie entdeckt hatten, daß man auch anderwaͤrts Mauerſteine machen koͤnne. Das Haus ſtand in einiger Entfernung von der Landſtraße, in der Mitte eines großen Feldes, und eine große Allee von Heuſchrecken⸗ baͤumen,*) unter denen mehrere vom Blilitze zer⸗ ſpalten und zwei oder drei vom Winde umge⸗ ſtuͤrzt worden waren, fuͤhrte dahin. Einige we⸗ nige Apfelbaͤume wuchſen zerſtreut auf dem Felde; auch ſah man noch Spuren eines ehemaligen Kuͤchengartens, aber die Umzaͤunung war nieder⸗ geriſſen, die Kuͤchengewaͤchſe verſchwunden oder in Unkraut ausgeartet, und nur hie und da ſtand ein verwilderter Roſenbuſch, oder eine hohe Son⸗ nenblume, die zwiſchen Brombeerſtraͤuchern em⸗ porgeſchoſſen war, und kummervoll das Haupt ſenkte, als ob ſie die Zerſtoͤrung um ſich her be⸗ ſchaue. Ein Theil des Daches des alten Hau⸗ ſes war eingefallen, die Fenſter waren zertruͤm⸗ mert, die Thuͤrfelder zerbrochen, und mit unbeho⸗ —— F *) Eine Art Väume vom Alkaziengeſchlecht, die man häufig in Amerika findet. Ueberſ. 1 23⁵ belten Brettern ausgebeſſert, und zwei roſtige Wetterhaͤhne ſtanden an den Enden des Giebels, die beim Herumdrehen einen gewaltigen Laͤrm und Pfeifen machten, aber ume falſch zeigten. Schon bei gutem Wetter ſah das Haus hoͤchſt öde und verlaſſen aus, war aber das Wetter ſtuͤrmiſch, ſo brachte das Heulen des Windes, der durch das alte verfallene Haus pfiff, und das Knarren und Klappern einiger etwas loſe hangenden Fenſterladen, eine ſo ſchauerliche Wir⸗ kung hervor, daß die ganze Nachbarſchaft ſich vor dem Hauſe graute und es geradezu fuͤr den Verſammlungsort von Kobolden erklaͤrte. Ich entſinne mich des alten Gebaͤudes ſehr wohl, und ich weiß noch recht gut, wie oft ich, als ein muͤſſiger, unbaͤndiger Junge, mich mit eini⸗ gen von meinen gottloſen Spielgefaͤhrten, des Nach⸗ mittags an Feſttagen, wenn wir auf einen Frei⸗ beuterzug in die Obſtgaͤrten ausgingen, bei demſel⸗ ben umhergetrieben habe. Nahe bei dem Hauſe ſtand ein Baum, der die allerſchoͤnſten und anlockend⸗ ſten Fruͤchte trug, aber es war behexter Boden; denn man erzaͤhlte ſich ſo viele furchtbare Ge⸗ ſchichten von dem Orte, daß wir es gar nicht wagten, ans ihm zu naͤhern. Zuweilen verſam⸗ melten wir uns wohl zu einem Haufen und naͤ⸗ 236— herten uns mun dem Hesperiden⸗Baume, wobei wir immer ein Auge auf das alte Gebaͤude richteten und ſcheue Blicke auf ſeine zertruͤmmer⸗ ten Fenſter warfen: in dem Augenblicke aber, wo wir uns unſerer Beute bemaͤchtigen wollten, konnte ein Ausruf von einem aus der Schar, oder ein zufaͤlliges Geraͤuſch, uns Alle in den toͤdtlich⸗ ſten Schrecken verſetzen, ſo daß wir uͤber Hals und Kopf davon eilten, und nicht eher ſtill ſtan⸗ den, als bis wir wieder auf der Landſtraße wa⸗ ren. Da wurden dann eine Menge ſchreckli⸗ cher Geſchichten von ſonderbaren Toͤnen und Seufzern, oder von irgend einem ſcheußlichen Ge⸗ ſicht, das ſich ploͤtzlich an einem der Fenſter ſe⸗ hen laſſen, erzaͤhlt. Endlich wagten wir uns gar nicht mehr in die einſame Gegend, ſondern blie⸗ ben in der Entfernung ſtehen und warfen Stei⸗ ne nach dem Gebaͤude, und es lag etwas ſchreck⸗ haft Angenehmes in dem Tone, wie ſie am Dache hinklapperten, oder zuweilen einige Bruchſtuͤcke Glas aus dem Fenſter ſchlugen, daß ſie klingend herabfielen. Der Urſprung dieſes Hauſes war in die Dunkelheit verloren, welche die fruͤhere Zeit der Provinz, als ſie unter der Herrſchaft Ihrer Hochmoͤgenden, der Generalſtaaten, ſtand, deckt. 237 Einige behaupteten, es ſey ein Landhaus des Wil⸗ helm Kieft, gewoͤhnlich der Muͤrriſche genannt, eines der hollaͤndiſchen Gouverneure von Neu⸗ Amſterdam geweſen; Andere ſagten, es ſey von einem Seeoffizier erbaut worden, der unter van Tromp gedient, und der, da man ihn zuruͤckgeſetzt, aus Verdruß den Dienſt aufgegeben habe, ein Philoſoph geworden ſey, und ſeinen ganzen Reich⸗ thum hierhergebracht habe, um damit nach ſei⸗ ner Laune leben zu koͤnnen und die Welt zu ver⸗ achten. Die Veranlaſſung zu dem gaͤnzlichen Verfall des Hauſes war ebenfalls ein Gegen⸗ ſtand des Streites. Einige behaupten, ein Prozeß daruͤber ſchwebe vor Gericht, und es habe be⸗ reits mehr Prozeßkoſten verurſacht, als es werth ſey; die am allgemeinſten angenommene und folg⸗ lich wahrſcheinlichſte Urſach war aber die, daß es darin ſpuke, und daß Niemand ruhig darin woh⸗ nen koͤnne. In der That konnten auch nur wenig Zweifel daruͤber obwalten, daß dieß der Fall ſey: des wurden ſo manche Geſchichten erzaͤhlt, welche dieß beſtaͤtigten, und es war keine alte Frau in der Gegend, welche nicht wenigſtens ein Duz⸗ zend der Art in Bereitſchaft hatte. Ein alter graukoͤpfiger Kerl von Neger, der dicht dabei wohn⸗ te, hatte einen ganzen Sack voll davon zu erzaͤh⸗ 238 len, von Nnen manche ihm ſelbſt begegnet wi⸗ ren. Ihh erinnere mich noch ſehr wohl, wie ich manches Mal mit meinen Schulkameraden mich bei ihm aufgehalten, und mir von ihm einige derſelben erzaͤhlen laſſen. Der alte Menſch wohn⸗ te in einer Huͤtte, mitten auf einem kleinen, mit Kartoffeln und Mais beſtellten Fleck Landes, den ſein Herr, bei ſeiner Freilaſſung, ihm ge⸗ ſchenkt hatte. Oft kam er zu uns heraus, mit ſeiner Hacke in der Hand, und erzaͤhlte uns, waͤhrend wir, wie eine Reihe Schwalben, in dem milden Zwielicht eines Sommerabends, auf den Zaunpfaͤhlen ſaßen, ſo grauſende Geſchichten, die er mit einem ſo furchtbaren Rollen ſeiner weißen Augen begleitete, daß wir uns, wenn wir im Dunkel nach Hauſe zuruͤckkehrten, bei⸗ nahe vor unſeren eigenen Fußtritten fuͤrchteten. Der arme alte Pompejus! Manche Jahre ſind ſchon verfloſſen, ſeitdem er geſtorben iſt, und nun den Geiſtern Geſellſchaft leiſtet, von denen er ſo gern ſprach. Er ward in einer Ecke ſei⸗ nes eigenen kleinen Kartoffelfeldes begraben: der Pflug ging bald uͤber ſein Grab hin, machte es mit dem uͤbrigen Felde gleich, und Niemand dach⸗ te mehr an den graukoͤpfigen Neger. Durch einen eigenen Zufall, ging ich einmal, mehrere — — 239 Jahre nachher, als ich ſchon zu einem jungen Mann herangewachſen war, in der Gegend ſpa⸗ zieren, und fand einen Haufen Leute mit einander uͤber einen Schaͤdel ſchwatzen, der ſo eben beim Pfluͤgen zum Vorſchein gekommen war. Natuͤrlich entſchieden ſich Alle dahin, daß es das Gebein Jemandes ſey, der ermordet worden, und brach⸗ ten es mit einigen von den Erzaͤhlungen vom Spuk⸗Hauſe in Verbindung. Ich errieth ſo⸗ gleich, daß es der Schaͤdel des armen Pompe⸗ jus ſey, ſchwieg indeß, denn ich huͤte mich viel zu ſehr, die Genuͤſſe anderer Leute zu ſtoͤren, als daß ich je eine Geſchichte von einem Geiſt oder einem Morde verderben ſollte. Ich trug indeß Sorge, die Gebeine meines alten Freundes an einem Orte begraben zu laſſen, wo ſie nicht ſo leicht wieder beunruhigt werden konnten. Als ich ſo eben auf dem Raſen ſaß, und dem Begraͤb⸗ niß zuſah, gerieth ich in eine kurze Unterhaltung mit einem alten Herrn aus der Nachbarſchaft, Johann Joſſe Vandermoer genannt, ei⸗ nem guten geſchwaͤtzigen Mann, deſſen ganzes Leben nur mit dem Hoͤren und Wiedererzaͤhlen der Neuigkeiten in der Provinz hinging. Er er⸗ innerte ſich des alten Pompejus und ſeiner Geſchichten vom Spuk⸗Hauſe noch ſehr wohl, 240 verſicherte mich aber, daß er eine wiſſe, die viel abenteuerlicher ſey, als alle, die Pom⸗ pejus je erzaͤhlt habe, und als ich große Neu⸗ gierde bezeigte, ſie zu hoͤren, ſetzte er ſich auf den Raſen neben mir nieder, und erzaͤhlte mir die folgende Geſchichte. Ich habe mich be⸗ muͤht, ſie, ſoviel als moͤglich, mit ſeinen eigenen Worten wiederzugeben; allein es iſt itzt viele Jahre her, ich bin alt geworden, und mein Ge⸗ da3ͤchtniß iſt nicht mehr das beſte. Ich kann deswegen fuͤr die Sprache nicht einſtehen, bin aber dafuͤr ſehr genau in Alllem⸗ was Thatſa⸗ chen betrifft. D. K. Dolph Dolph Heyliger. Die Stadt, worin ich wohne, ruf' ich auf, Ganz Kilborn ſey mein Zeuge, bin ich nicht In Schüchternheit geboren und genährt in Schet. Bringt einen Hund mir, der es ſagen kann, Daß ich ihn ſchlug, wenn er mich nicht gereizt; Bringt eine Katze mir, die es beſchwöre, Daß ich den Schwanz ihr angeſteckt,— und gleich Will ich'nen Thaler geben, iſt es wahr. (Swift) Mährchen von der Tonne, — J den fruͤhſten Zeiten der Provinz New⸗ York, wo ſie noch unter der Tiranney des engliſchen Gouverneurs, Lord Cornbury, ſchmach⸗ tete, der ſeine Grauſamkeiten gegen die hollaͤn⸗ diſchen Bewohner ſo weit trieb, daß er keinem Dominie,“) oder Schulmeiſter, geſtattete, ohne ſeine beſondere Erlaubniß, in ſeiner vaterlaͤndi⸗ ſchen Sprache zu lehren,— zu dieſer Zeit wohnte *) Pfarrer, Prediger. Heverſ. II. L in der artigen kleinen alten Stadt der Manhattos eine freundliche, muͤtterliche Frau, welche unter dem Namen der Frau Heyliger bekannt war. Sie war die Wittwe eines hollaͤndiſchen Schiffs⸗ capitains, der ploͤtzlich an einem Fieber geſtorben war, weil er zu einer Zeit, wo alle Einwohner, voll Schrecken, den Ort gegen den ploͤtzlichen Ue⸗ berfall eines franzoͤſiſchen Kapers zu befeſtigen ellten,*) zu uͤbermaͤßig gearbeitet, und zu ſtark gegeſſen hatte. Er hinterließ ihr ſehr wenig Geld, und einen unerwachſenen Sohn, das ein⸗ zige uͤberlebende von mehreren Kindern. Die gute Frau mußte ſehr haushalten, um auszukom⸗ men und anſtaͤndig zu leben. Da indeß ihr Gatte als ein Opfer ſeines Eifers fuͤr die oͤf⸗ fentliche Sicherheit gefallen war, ſo war man allgemein der Meinung,„daß Etwas fuͤr die Wittwe gethan werden muͤſſe;“ die Hoffnung auf dieſes„Etwas' machte, daß ſie einige Jahre lang ganz ertraͤglich lebte, und unterdeſſen be⸗ mitleidete ſie Jedermann und ſprach gut von ihr, und das half ebenfalls mit. Sie wohnte in einem kleinen Hauſe, in ei⸗ ner kleinen Straße, welche die Gartenſtraße hieß⸗ 9 Im Jahre 1705. — 243 wahrſcheinlich nach einem Garten, der zu einer oder der anderen Zeit da geweſen ſeyn mochte. Da ihre Verlegenheit mit jedem Jahre groͤßer ward, und die Leute immer weniger von dem „Etwas fuͤr ſie thun“ ſprachen, ſo mußte ſie am Ende ſelbſt Etwas fuͤr ſich thun, um ihre gerin⸗ gen Mittel zu vermehren, und ihre Unabhaͤngigkeit ſich zu erhalten, auf die ſie etwas eiferſuͤchtig war. In einer Handelsſtadt lebend, hatte ſie auch etwas von dem Geiſte derſelben geerbt, und entſchloß ſieh deswegen, Etwas in der großen Lotter ie des Handels zu wagen. Ploͤtlich erſchien daher, zum groͤßten Erſtaunen der ganzen Straße an ihrem Fenſter eine lange Reihe von Koͤnigen, und Koͤniginnen aus Pfefferkuchen, die Arme in die Seite geſtemmt, nach unveraͤnderlicher kö⸗ niglicher Art und Weiſe. Eben ſo waren meh⸗ rere zerbrochene Bierglaͤſer, einige mit Zucker⸗ mandeln, andere mit Murmeln gefuͤllt, zu ſehen, ſo wie Kuchen von allerlei Art, Gerſtenzucker, hollaͤndiſche Puppen, hoͤlzerne Pferde, hie und da auch vergoldete Bilderbuͤcher, und auch wohl eine Straͤhne Zwirn oder ein Pfund Lichte. Vor der Hausthuͤr ſaß die Katze der guten alten Da⸗ me, mit anſtaͤndiger, ehrbarer Miene, und ſchien die Voruͤbergehenden zu muſtern, Bemerkungen 92 2 244 uͤber ihre Kleidung zu machen, dann und wann ihren Hals auszurecken und mit ploͤtzlich erwachter Neugier auszuſchauen, was am andern Ende der Straße vorgehe: aber, wenn zufaͤllig ein muͤſſiger, herumtreibender Hund vorbeikam, und unartig ſeyn wollte,— da haͤtte man ſehen ſollen, wie ſich ihr Haar ſtraͤubte, wie ſie brummte und ſpuckte, und die Krallen zeigte! Sie ward dann ſo boͤſe, als nur eine betagte, haͤßliche Jungfer es werden kann, wenn irgend ein gott⸗ loſer Wuͤſtling in ihre Naͤhe kommt. Obgleich aber die gute Frau Heyliger zu die⸗ ſen niedrigen Mitteln, ihren Unterhalt zu erwer⸗ ben, ihre Zuflucht hatte nehmen muͤſſen, ſo behielt ſie dennoch einen gewiſſen Familienſtolz, da ſie von den Van der Spiegels aus Amſterdam ab⸗ ſtammte, auch hing das Familienwappen, gemalt und in einen Rahmen gefaßt, uͤber ihrem Kamin. In der That wurde ſie aber auch von allen den zrmeren Leuten im Orte ſehr geachtet; ihr Haus war der Verſammlungsort aller alten Weiber in der Nachbarſchaft: dieſe pflegten im Winter des Nachmittags einzuſprechen, wenn ſie an dem einen Ende des Kamins ſaß und ſtrickte, die Katze am andern ſchnurrte und der Theekeſſel vor dem⸗ ſelben ziſchte, wo ſie dann mit ihr bis ſpaͤt in den 245 Abend hinein ſchwatzten. Bei ihr war immer ein Lehnſtuhl bereit fuͤr Peter de Groodt, zuweilen auch der lange Peter, auch wohl Peter Langbein genannt, den Kirchenſchreiber und Kuͤ⸗ ſter der kleinen lutheriſchen Kirche, der ihr gro⸗ ßer Freund und das Orakel ihres Kamins war. Ja der Dominie ſelbſt hielt es nicht unter ſeiner Wuͤrde, dann und wann einzutreten, ſich mit ihr uͤber den Zuſtand ihrer Seele zu unter⸗ halten, und ein Glas ihres beſonders guten Kirſchbranntweins zu trinken. So ermangelte er auch nie, am Neujahrstage ſich einzufinden, und ihr ein froͤhliches neues Jahr zu wuͤnſchen, und die gute Dame, welche in gewiſſen Sachen etwas eitel war, that ſich immer ſehr viel darauf zu Gute, ihm einen ſo großen Kuchen gegeben zu haben, wie nur irgend jemand in der Stadt. Ich habe ſchon geſagt, daß ſie einen Sohn hatte. Dieſer war ihr einziges Kind, konnte aber nicht eben der Troſt ihres Alters genannt werden, denn unter allen Jungen, war Dolph Heyliger der gottloſeſte. Nicht, daß der Spring⸗ insfeld eigentlich ein boͤſes Herz gehabt haͤtte, nein, er war nur voll von Spaͤßen und Schnur⸗ ren, und hatte das kecke neckende Weſen, das man, bei den Kindern reicher Leute, ſehr ange⸗ 246 nehm, bei armen Kindern aber hoͤchſt unziemlich findet. Er zog ſich beſtaͤndig Haͤndel zu, und ſeine Mutter ward unaufhoͤrlich mit Klagen be⸗ ſtuͤrmt, uͤber irgend einen loſen Streich, den er hatte ausgehen laſſen; kurz, er hatte noch nicht ſein vierzehntes Jahr erreicht, als ſchon die ganze Nachbarſchaft ſagte:„das iſt ein ver⸗ wuͤnſchter Junge, der tollſte Junge in der ganzen Straße!“ Ja, ein alter Herr, in einem violetten Rocke, und mit einem ſchmalen rothen Geſichte und Wieſelaugen, ging ſo weit, die Frau Heyliger zu verſichern,„daß ihr Sohn gewiß noch, uͤber kurz oder lang, an den Galgen kommen wuͤrde!“ Bei allem dem liebte die arme alte Frau ihren Knaben. Es ſchien, als ob ſie ihn immer lieber gewoͤnne, je tollere Streiche er ausfuͤhrte, und daß, je mehr er die Gunſt der Uebrigen ver⸗ loͤre, er deſto groͤßere Fortſchritte in der ihrigen machte. Muͤtter ſind immer unbedachte, weichherzige Weſen: man kann ſie durch keine Gruͤnde von ihrer Verzaͤrtelung abbringen; in dieſem Fall war das Kind der armen Frau das Einzige, was in dieſer Welt ihr, als Gegenſtand ihrer Liebe, uͤbrig geblie⸗ ben war; und ſo muͤſſen wir uns nicht wun⸗ dern, wenn ihre Freunde, die ihr zu beweiſen ſuch⸗ 247 ten, daß Dolph einſt ſein Leben durch einen Strick einbuͤßen wuͤrde, tauben Ohren pre⸗ digten. Aber auch der kleine Schelm hing mit großer Liebe an ſeiner Mutter. Er wuͤrde ihr, um kei⸗ nen Preis, muthwillig Kummer verurſacht haben, und hatte er etwas Unrechtes begangen, ſo war es hinreichend, um ſein Herz mit Schmerz und Reue zu erfuͤllen, wenn er bemerkte, daß ſeiner armen Mutter Auge gedanken⸗ und kummervoll auf ihm ruhte. Allein er war ein leichtſinniger Bube, und konnte, wenn es auch ſein Leben haͤtte koſten ſollen, der Verſuchung nicht wider⸗ ſtehen, Poſſen zu treiben und Unheil anzurichten. Obgleich er ſehr leicht lernte, ſobald er einmal dazu gebracht werden konnte, ſo ließ er ſich doch leicht von ſchlechter Geſellſchaft verleiten, und ging hinter die Schule, um Vogelneſter zu ſu⸗ chen, Obſtgaͤrten zu pluͤndern oder auf dem Hudſon zu ſchwimmen. So wuchs er zu einem großen, vierſchroͤti⸗ gen Jungen auf, und ſeine Mutter fing nach gerade an, bei ſich zu uͤbeglegen, was ſie mit ihm thun, oder wie ſie es anfangen ſolle, daß er ſelbſt etwas thaͤte, um fortzukommen, denn er hatte ſchon einen ſo unguͤnſtigen Ruf, daß Nie⸗ 248 mand ihn zu irgend etwas gebrauchen zu wol⸗ len ſchien. Sie pflog manche Berathungen mit Peter de Groodt, dem Kirchenſchreiber und Kuͤſter, der ihr erſter geheimer Rath war. Pe⸗ ter wußte indeß eben ſo wenig zu rathen, als ſie ſelbſt, denn er hatte keine große Meinung von dem Knaben, und glaubte, daß er nie ein gutes Ende nehmen wuͤrde. Er gab ihr einſt den Rath, ſie ſolle ihn zur See gehen laſſen, etwas, wozu man gewooͤhnlich nur in den verzweifelnd⸗ ſten Faͤllen raͤth, allein Frau Heyliger wollte auf dieſen Gedanken durchaus nicht eingehen: ſie koͤnnte Dolph unmoͤglich ſo weit aus den Au⸗ gen laſſen. Eines Tages ſaß ſie, ſtrickend, an ihrem Kamin, in großer Noth, als der Kuͤſter ploͤtzlich mit ungewoͤhnlich heiterer, freudiger Miene ein⸗ trat. Er kam gerade von einem Leichenbegaͤng⸗ niſſe. Man hatte einen Knaben von Dolph's Jahren beerdigt, der bei einem beruͤhmten deut⸗ ſchen Doktor in der Lehre geweſen, und an der Schwindſucht geſtorben war. Es iſt wahr, das man ſich zuraunte, der Knabe ſey deswegen ge⸗ ſtorben, weil der Doktor an ihm ſeine Ver⸗ ſuche gemacht, wenn er neue Miſchungen oder einen beruhigenden Trank erfunden, allein es 249 iſt moͤglich, daß dieß nur boͤſer Leumund war: wenigſtens hielt Peter de Groodt es nicht der Muͤhe werth, davon zu reden, obgleich, wenn wir Zeit zum Philoſophiren haͤtten, es einen ganz eigenthuͤmlichen Gegenſtand der Betrachtung ab⸗ geben wuͤrde, zu unterſuchen, warum die Familie eines Arztes immer ſo mager und leichenartig, die eines Schlaͤchters dagegen, ſo munter und friſch ausſieht. Peter de Groodt trat alſo, wie ich geſagt habe, mit ungewoͤhnlich heiterem Geſicht in das Haus der Dame Heyliger. Er war voll von einem gluͤcklichen Gedanken, der ihm bei dem Begraͤbniſſe in den Kopf gekommen war, und uͤber den er bei ſich wohlgefaͤllig gelaͤchelt hatte, waͤhrend er die Erde auf das Grab des Schuͤlers des Doktors hinunterſchaufelte. Es war ihm naͤhmlich eingefallen, daß, da die Stelle des Ver⸗ ſtorbenen bei dem Doktor itzt offen ſey, dieß ein vortreffliches Unterkommen fuͤr Dolph ſeyn wuͤrde. Der Knabe hatte Talente, konnte im Moͤrſer ſtoßen, ſo gut, wie nur ein Knabe in der Stadt, Auftraͤge ausrichten; und was bedurfte es weiter fuͤr einen Studenten? Dieſer Einfall des weiſen Peters eroͤffnete der Mutter eine hoͤchſt glaͤnzende Ausſicht. Schon 250 ſah ſie mit den Augen ihres Geiſtes Dolph mit einem Rohrſtocke an der Naſe, einem Thuͤr⸗ klopfer an der Thuͤr ſeines Hauſes, und den Buch⸗ ſtaben M. D. hinter ſeinem Namen— als einen der Angeſehenſten in der Stadt. Die Sache war bald in Richtigkeit gebracht: der Kuͤſter hatte einigen Einfluß auf den Dok⸗ tor, da ſie bei ihren beiderſeitigen Beſchaͤftigun⸗ gen ſehr oft in Beruͤhrung kamen, und ſchon am naͤchſten Morgen kam er, um den Knaben, mit ſeinen Sonntagskleidern angethan, zu dem Dr. Karl Ludwig Knipperhaͤuſen zu fuͤhren. Der Doktor ſaß, als ſie hereintraten, in einem Lehnſtuhle, in einer Ecke ſeines Studir⸗ zimmers oder Laboratoriums, und hatte ein gro⸗ ßes Buch mit deutſcher Schrift vor ſich. Er war ein kurzer, dicker Mann, mit einem breiten ſchwarzen Geſicht, das durch eine Sammet⸗ muͤtze, die er trug, noch dunkler erſchien. Er hatte eine kleine Stutznaſe, dem Pique⸗As nicht unaͤhnlich, und eine Brille auf derſelben, deren Glaͤſer zu beiden Seiten ſeines ſchwaͤrzlichen Ge⸗ ſichts wie ein Paar Erkerfenſter hervorblitten. Dolph fuͤhlte ſich von Ehrfurcht durch⸗ drungen, als er vor den gelehrten Mann trat, 251 und blickte, mit kindiſchem Erſtaunen, die Dinge an, welche in dieſem Gemach des Wiſſens, das ihm wie die Hoͤhle eines Zauberers erſchien, ſich ſeinen Augen darboten. In der Mitte ſtand ein Tiſch mit Klauenfuͤßen, auf welchem Moͤrſer, Phiolen und Buͤchſen ſtanden und worauf eine vergoldete Wagſchale lag. An dem einen Ende ſtand ein ſchwerfaͤlliger Kleiderſchrank, welcher itzt zur Aufbewahrung von Arzeneien und Mi⸗ ſchungen diente; an demſelben hing des Doktors Hut und Mantel, ſein Rohr mit goldenem Knopfe, und oben darauf grinzte ein Menſchenſchaͤdel.— Auf dem Kamingeſimſe ſtanden glaͤſerne Gefaͤße, mit Schlangen und Eidechſen, und ein menſchli⸗ cher Foͤtus in Weingeiſt aufbewahrt. Ein Ka⸗ binet, deſſen Thuͤren ausgenommen waren, ent⸗ hielt drei Schaͤppe mit Buͤchern, unter welchen ſich einige maͤchtige Folianten befanden: eine Samm⸗ lung, wie ſie Dolph noch nie ſo geſehen hatte. Da indeß die Bibliothek nicht das ganze Kabi⸗ net einnahm, ſo hatte des Doktors ſparſa⸗ me Haushaͤlterinn den uͤbrigen Raum mit Toͤp⸗ fen mit eingemachten Fruͤchten angefuͤllt, und im Zimmer hingen, mitten unter den furchtbaren Werkzeugen der Hellkunde, Schuuͤre mit rothen. 2⁵² Pfefferſchoten und gewaltigen Gurken, ſorgfaͤltig zur Samengewinnung aufbewahrt. Peter de Groodt und ſein Schuͤtzling wurden von dem Doktor, der ein ſehr weiſer, wuͤrdevoller, kleiner Mann war und niemals laͤchelte, mit großer Gravitaͤt und Foͤrmlichkeit empfangen. Er betrachtete Dolph von oben bis unten, ſah uͤber und unter ſeiner Brille hin⸗ weg, und des armen Jungen Herz pochte gewal⸗ tig, als die großen Glaͤſer ihn wie zwei Voll⸗ monde anſtarrten. Der Doktor hoͤrte Alles, was Peter de Groodt zu Gunſten des jugendli⸗ chen Bewerbers hervorbrachte, an, benetzte dann ſeinen Daumen mit der Zungenſpitze, und fing an, ſehr bedaͤchtlich Blatt vor Blatt in dem vor ihm liegenden Buche umzuwenden. Endlich, nach manchen Hm's und So's, und nachdem er ſich mehremale das Kinn geſtrichen, und nach aller der Zoͤgerung und Bedaͤchtlichkeit, womit ein weiſer Mann ſich endlich zu dem entſchließt, was er gleich Anfangs zu thun beſchloſſen hat, willigte der Doktor ein, den Knaben als Lehrling anzu⸗ nehmen, ihm Bett, Koſt und Kleidung zu geben, und ihn in der Heilkunde zu unterrichten, wo⸗ fuͤr er ſeine Dienſte bis zum ein und zwanzigſten Jahre in Anſpruch nahm. So war denn unſer 253 Held auf einmal, aus einem nichtsnutzen Jungen, der auf den Straßen umherlief, zu einem Stu⸗ denten der Arzneikunde geworden, der unter der Leitung des gelehrten Doktors Karl Ludwig Knipperhauſen, fleißig ſeine Moͤrſerkeule handhabte. Dieß war, fuͤr ſeine zaͤrtliche alte Mutter, eine ſehr gluͤckliche Veraͤnderung. Sie freute ſich innig bei dem Gedanken, daß ihr Sohn doch itt ſeiner Vorfahren wuͤrdig auferzogen wer⸗ de, und ſah ſchon in Gedanken den Tag, wo er im Stande ſeyn wuͤrde, es dem Advokaten, der in dem großen Hauſe gegenuͤber wohnte, oder vielleicht dmm Dominie ſelbſt, gleich zu thun. Doktor Knipperhauſen war in der Pfalz geboren, von wo aus er, mit mehreren ſei⸗ ner Landsleute, ſich, der Religionsverfolgung we⸗ gen, nach England gefluͤchtet hatte. Er gehoͤrte zu den 3000 Pfaͤlzern, welche im Jahre 1711, unter dem Schutze des Gouverneurs Hunter, nach Amerika kamen. Wo der Doktor ſtudirt, wie er ſeine aͤrztlichen Kenntniſſe erlangt, und wo er ſein Diplom erhalten, moͤchte itzt ſchwer anzugeben ſeyn, denn ſchon damals wußte es Niemand; doch iſt es gewiß, daß von ſeinen tiefen Kenntniſſen und ſeiner geheimen Wiſſenſchaft die 254 gemeinen Leute weit und breit umher ſprachen und ſie bewunderten. Seine Praxis war von der aller andern Aerzte durchaus verſchieden: ſie beſtand naͤmlich darin, geheimnißvolle Miſchungen zu bereiten, de⸗ ren Zuſammenſetzung ihm allein bekannt war, und bei deren Zubereitung und Darreichung er, wie er ſagte, jedesmal die Sterne befragte. Die Meinung, welche man von ſeiner Geſchicklichkeit hatte, und die beſonders unter den deutſchen und hollaͤndiſchen Einwohnern verbreitet war, war ſo hoch, daß ſie immer in verzweifelten Faͤllen zu ihm ihre Zuflucht nahmen. Er war einer von den untruͤglichen Aerzten, welche immer ploͤtz⸗ liche und uͤberraſchende Kuren verrichten, wenn der Kranke von allen gewoͤhnlichen Aerzten auf⸗ gegeben worden iſt, wenn nicht— wie ſie wohlweiß⸗ lich bemerken— man zu lange gezoͤgert hat, ehe man ihnen denſelben uͤbergab. Die Bibliothek des Doktors war der allgemeine Unterhaltungs⸗ und Bewundrungs⸗Gegenſtand in der Nachbar⸗ ſchaft, ja, ich moͤchte ſagen, in dem ganzen Flecken. Die guten Leute betrachteten naͤmlich mit Ehr⸗ furcht einen Mann, der drei ganze Schaͤppe voll Buͤcher durchgeleſen hatte, von denen einige ſo groß wie eine Hausbibel waren. Unter den Mit⸗ —-——— — 255 gliedern der kleinen lutheriſchen Gemeine war ſchon mancher Streit entſtanden, wer der weiſere Mann ſey, der Doktor oder der Dominie. Ei⸗ nige von ſeinen Bewunderern gingen ſogar ſo weit, zu behaupten, er wiſſe mehr, als der Gouver⸗ neur ſelbſt— kurz, man war allgemein der Meinung, ſein Wiſſen ſey ohne Ende!— Kaum war Dolph Heyliger in des Doktors Familie aufgenommen, als die Wohnung ſeines Vorgaͤngers ihm eingeraͤumt ward. Dieß war eine Dachſtube, in dem, mit einem ſteilen Dache bedeckten hollaͤndiſchen Hauſe, wo der Re⸗ gen auf die Schindeln herabraſſelte, der Blitz durch die Ritzen geſehen werden konnte und der Sturm hindurch pfiff, und wo ganze Schwaͤrme hungri⸗ ger Ratten, wie doniſche Koſacken, allen Fallen und allem Rattengift zum Trotz, herumgaloppirten. Es dauerte nicht lange, ſo war er ganz in die mediciniſchen Studien verſunken, drehte Mor⸗ gens, Mittags und Abends Pillen, deſtillirte Tine⸗ turen, oder ſtieß in den Moͤrſer, an dem einen Ende des Laboratoriums, waͤhrend der Doktor an dem andern, wenn er ſonſt nichts zu thun hatte oder Kranken⸗Beſuche erwartete, in ſeinem Schlaf⸗ rocke ſaß, mit der Sammetmuͤtze auf dem Kopfe, und uͤber dem Inhalt irgend eines Folianten bruͤ⸗ 256— tete. Es iſt wahr, daß Dolph's regelmaͤßiges Stampfen, oder vielleicht das einſchlaͤfernde Sum⸗ men der Sommerfliegen, dann und wann den kleinen Mann in einen ſanften Schlummer wieg⸗ ten, allein ſeine Brille wachte dann wenigſtens und war eifrig auf das Buch gerichtet. Es gab indeß noch eine zweite Perſon im Hauſe, welcher Dolph ſich unterordnen mußte. Der Doktor ſtand naͤmlich, wenn er gleich ein Junggeſell und ein Mann von großer Wuͤrde und Gewicht war, doch, wie viele andere weiſe Leute, unter dem Pantoffel. Er hing gaͤnzlich von ſeiner Haushaͤlterinn ab, einer magern, un⸗ ruhigen, zaͤnkiſchen Frau, die eine kleine, runde, geſteppte deutſche Muͤtze und ein gewaltiges klin⸗ gelndes Bund Schluͤſſel trug, welches an ihrer ungemein langen Taille befeſtigt war. Frau Ilſe hatte den Doktor auf ſeinen verſchiedenen Wan⸗ derungen, von Deutſchland nach England und von England nach dieſer Provinz, begleitet, ſein Haus⸗ weſen und ihn ſelbſt regiert, wobei ſie zwar uͤber ihn mit ſehr ſanftem Scepter ge⸗ herrſcht hatte, dafuͤr aber gegen die ganze uͤbrige Welt deſto ſtrenger geweſen war. Wie ſie dieß Uebergewicht uͤber ihn erlangt hatte, kann ich nicht ſagen. Die Leute meinten zwar— aber — 257 was haben die Leute ſeit Anbeginn der Welt nicht gemeint? Wer weiß denn, wie Frauen immer zum Regiment gelangen? Ein Ehemann kann allerdings zuweilen Herr in ſeinem Hauſe ſeyn, wer hat aber wohl je einen Junggeſellen gekannt, der nicht von ſeiner Haushaͤlterinn re⸗ giert worden waͤre? Frau Ilſe's Gewalt beſchraͤnkte ſich indeß nicht auf des Doktors Haushalt allein. Sie war eines von den ausſpuͤrenden Weſen, welche aller andern Leute Angelegenheiten weit beſſer, als dieſe ſie ſelbſt, kennen, und deren allſehende Augen und allerzaͤhlende Zungen die Schrecken einer ganzen Nachbarſchaft ſind. Nichts, das nur ir⸗ gend von boͤſem Leumund in dieſer kleinen Welt ruchtbar wurde, konnte der Frau Ilſe entgehen. Sie hatte ihren Haufen Gevatterinnen, die un⸗ ablaͤſſig in ihr kleines Wohnzimmer kamen, um ihr irgend eine herrliche Neuigkeit zu bringen; ja, ſie konnte oft ein ganzes Buch von geheimen Geſchichten hererzaͤhlen, waͤhrend ſie die Haus⸗ thuͤr in der Hand hielt und mit einer dieſer ge⸗ ſchwaͤtzigen Alten, der bitterſten Decemberkaͤlte zum Trobe, ſich unterhielt.— Daß der arme Dolph bei dem Doktor und ſeiner Haushaͤlterinn ein gar beſchwerliches 258 Leben fuͤhrte, laͤßt ſich denken. Da Frau Ilſe die Schluͤſſel fuͤhrte und Alles in Allem war, ſo haͤtte es ſich der Gefahr ausſetzen heißen, Hungers zu ſterben, ihr zu mißfallen: und doch fand Dolph es ungleich ſchwerer, ihren Cha⸗ rakter, als die Arzneikunde ſelbſt, zu ſtudiren. Wenn er nicht im Laboratorium zu thun hatte, ſo mußte er bald da, bald dorthin gehen, ihre Auftraͤge auszurichten, und am Sonntage ſie nach und aus der Kirche begleiten und ihre Bibel tragen. Oft ſtand dann der arme Junge, vor Kaͤlte zitternd und ſich auf die Finger hauchend, oder ſeine erfrorene Naſe haltend, auf dem Kirchhofe, waͤhrend Frau Ilſe und ihre Gevat⸗ terinnen, in einen Haufen zuſammengedraͤngt, da⸗ ſtanden und irgend einen guten Namen in Stuͤ⸗ cke riſſen. Bei allen den großen Vortheilen, welche Dolph genoß, machte er doch nur ſehr lang⸗ ſame Fortſchritte in ſeiner Kunſt. Die Schuld daran lag indeß nicht an dem Doktor, denn die⸗ ſer gab ſich unablaͤſſige Muͤhe mit ihm, hielt ihn fleißig beim Moͤrſer beſchaͤftigt, oder ließ ihn die Stadt mit Medicinglaͤſern und Pillenſchachteln durchtraben, gerieth, wenn der Burſche je in ſeinem Dienſteifer nachließ, wozu er wohl — 259 geneigt war, in einen gewaltigen Zorn, und fragte ihn dann, ob er je ſein Handwerk erlernen zu koͤnnen glaube, wenn er nicht fleißiger ſtudire. Die Wahrheit iſt, daß Dolph noch immer die Liebe zu luſtigen Streichen und Naͤnken hatte, die ihm in ſeiner Kindheit eigen geweſen war; ja, die Neigung dazu hatte, mit den Jahren, noch zugenommen, und dadurch doppelte Kraft erlangt, daß ſie unterdruͤckt und ihr Gewalt an⸗ gethan worden war. Er wurde noch unlenkſa⸗ mer, und verlor taͤglich mehr in den Augen des Doktors und der Haushaͤlterinn. Unter der Zeit trieb der Doktor ſeine Pra⸗ xis fort und ward immer reicher und beruͤhmter. Einen beſonderen Ruf erwarb er ſich durch ſeine Behandlung ſolcher Krankheitsfaͤlle, von denen in Buͤchern gar nicht die Rede war. Er hatte mehrere alte Frauen und junge Maͤdchen von Bezaube⸗ rung geheilt, einem gewaltigen Uebel, welches da⸗ mals in der Provinz ſo herrſchend war, als itzt die Waſſerſcheu; ja, er hatte ſogar ein derbes Bauermaͤdchen ganz wiederhergeſtellt, welches ſchon krumme Stecknadeln und Naͤhnadeln von ſich gegeben hatte, was man fuͤr eine ſehr verzwei⸗ felte Stufe der Krankheit haͤlt. So raunte man ſich auch zu, daß er im Beſitz der Kunſt ſey, 2A 260— Liebespulver zu bereiten, und liebeſieche Kranke beider Geſchlechter wandten ſich deswegen oft an ihn. Alle dieſe Faͤlle bildeten indeß den gehei⸗ men Theil ſeiner Praxis, wobei man ſich, nach der hergebrachten Phraſe*)„unbedingt auf Ehre und Verſchwiegenheit verlaſſen konnte.“ Dolph mußte ſich deswegen aus dem Studirzimmer entfernen, ſobald Rathfragende der Art kamen, obgleich man behaupten will, daß er von den Geheimniſſen der Kunſt mehr am Schluͤſſelloche, als durch ſein ganzes uͤbriges Studium zuſam⸗ mengenommen, erlernt habe. Als des Doktors Reichthum ſich mehrte, be⸗ gann er auch daran zu denken, ſeine Beſitzungen zu erweitern, und, wie andere große Leute, ſich ein Landhaus, als ſeinen kuͤnftigen Wohnſitz, aus⸗ zuerſehen. Zu dem Ende hatte er eine Meierei, oder, wie die hollaͤndiſchen Anſiedler es nannten, eine bouwery, gekauft, welche einige Meilen von der Stadt entfernt war. Dieß war der Auf⸗ enthaltsort einer reichen Familie geweſen, welche vor einiger Zeit nach Holland zuruͤckgekehrt war. Mitten in der Beſitzung ſtand ein großes Wohn⸗ haus, das aber ſehr verfallen war, und das, ge⸗ *) Der Londoner Quackfalber, beſonders derer, die in den Zeitungen und durch Anſchläge ihre Dienſte anbieten. Uebſ. — —j]— — —j]— 2641 wiſſen Geruͤchten zufolge, den Namen des Spuk⸗Hauſes erhalten hatte. Entweder dieſer Geruͤchte, oder des ſchlechten Zuſtandes der Be⸗ ſitzung willen, hatte der Doktor keinen Pachter bekommen koͤnnen, und— damit das Haus nicht ganz verfallen moͤchte, ehe er ſelbſt es bewohnte— einen Bauer mit ſeiner Familie in einen Fluͤgel deſſelben einziehen laſſen, mit der Verguͤnſti⸗ gung, das Land zu gewiſſen Theilen anbauen zu duͤrfen. Der Doktor fuͤhlte ißzt die ganze Wuͤrde eines Landgutsbeſitzers in ſich erwachen. Er hatte etwas von dem Stolze deutſcher Grund⸗ herren und betrachtete ſich beinahe wie den Be⸗ ſitzer eines Fuͤrſtenthums. Er fing an, uͤber das Laͤſtige der Geſchaͤfte zu klagen, und ritt gern hinaus„nach ſeinem Gute zu ſehen.“ Seine kleinen Ausfluͤge nach ſeinem Landgute wurden mit einem Geraͤuſch und einem Prunk angeſtellt, welche in der ganzen Nachbarſchaft großes Auf⸗ ſehn machten. Sein glasaͤugiges Pferd ſtand eine volle Stunde, ſtampfend und die Fliegen abweh⸗ rend, vor dem Hauſe. Dann wurde des Dok⸗ tors Mantelſack gebracht und aufgeſchnuͤrt; nach einer kleinen Weile kam Jemand mit dem Mantel, rollte ihn zuſammen und band ihn an den Sat⸗ 252— tel feſt, dann ward der Regenſchirm auf den Mantel geſchnallt, waͤhrend mittlerweile ein Haufe zerlumpter Jungen, dieſe ſcharfbeobachtende Klaſſe von Geſchoͤpfen, ſich vor der Thuͤr ver⸗ ſammelte. Endlich erſchien auch der Doktor, mit einem Paar Rälerſtiefeln angethan, welche bis uͤber die Kniee reichten und mit einem dreiecki⸗ gen, vorn heruntergeklappten Hute. Da er ein kleiner, ſtarker Mann war, ſo waͤhrte es einige Zeit, ehe er in den Sattel kommen konnte, und wenn er ſaß, ſo dauerte es wiederum einige Zeit, bis der Sattel und die Steigbuͤgel in die gehoͤrige Ord⸗ 1 2 nung gebracht waren, waͤhrend deſſen er ſich an dem Erſtaunen und der Bewunderung der ju⸗ gendlichen Verſammlung weidete. Selbſt, wenn er ſchon weggeritten war, hielt er mitten in der Straße wieder an, oder trabte zwei bis drei Male zuruͤck, um noch einige nachtraͤgliche Be⸗ fehle zu geben, auf welche entweder die Haushaͤl⸗ terinn an der Thuͤr, Dolph aus der Studir⸗ ſtube, die ſchwarze Koͤchinn aus dem Keller, oder das Hausmaͤdchen aus dem Dachſtubenfen⸗ ſter, antwortete, und gewoͤhnlich wurden ihm noch einige Worte nachgeſchrieen, wenn er um die Ecke bog. Die ganze Nachbarſchaft kam durch dieſen 9 —— —— — 263 Pomp und dieſe Umſtaͤnde in Bewegung. Der Schuhflicker lief von ſeinem Leiſten, der Friſeur ſteckte ſeinen friſirten Kopf, mit dem Kamme hin⸗ ter dem Ohre, zum Fenſter hinaus, ein Haufe verſammelte ſich an der Thuͤr des Materialiſten, und von einem Ende der Straße b zum andern hoͤrte man ſich zuraunen„der Doktor reitet auf ſein Landgut hinaus!“ Dieß waren goldene Augenblicke fuͤr Dolph. Kaum war der Doktor aus dem Geſicht, als Moͤrſer und Moͤrſerkeule verlaſſen wurden: das Laboratorium mochte ſehen, wie es fertig wurde, und der Student war uͤber alle Berge, um ir⸗ gend einen luſtigen Streich auszufuͤhren.— Ueberhaupt muß man geſtehn, daß der Knabe, als er aͤlter wurde, die Weiſſagung des alten, vio⸗ letten Herrn keinesweges Luͤgen ſtrafen zu wollen ſchien. Er war der Naͤdelsfuͤhrer bei allen Feſt⸗ tags⸗Luſtbarkeiten und bei jedem mitternaͤchtli⸗ chen Laͤrm, immer bereit zu allen moͤglichen heil⸗ loſen Streichen und tollen Abenteuern. Nichts iſt belaͤſtigender, als ein Held im klei⸗ nem Maahſtabe, oder vielmehr ein Held in einer kleinen Stadt. Dolph ward bald der Schre⸗ cken aller ſchlaͤfrigen, haͤuslichen, alten Buͤrger, welche den Laͤrm haßten und keinen Geſchmack 2* 264 an Tollheiten fanden. Auch die ehrbaren Frauen hielten ihn fuͤr nichts Beſſeres, als fuͤr einen Ruch⸗ loſen, nahmen, ſobald er ſich nur ſehen ließ, ihre Toͤchter unter ihre Fluͤgel, und ſtellten ihn ihren Soͤhnen als ein warnendes Beiſpiel dar. Nie⸗ mand ſchien Awas von ihm zu halten, als die Wildfaͤnge im Orte, welche durch ſein gerades, unternehmendes Weſen angezogen wurden, und die Neger, welche jeden muͤſſigen nichtsnutzen jungen Menſchen fuͤr eine Art von Gentleman halten. Selbſt der gute Peter de Groodt, welcher ſich immer als eine Art Beſchuͤtzer des Knaben angeſehen hatte, fing an, an ihm zu verzweifeln, und ſchuͤttelte bedenklich den Kopf, wenn die Haushaͤlterinn ihm ihre Leiden klagte, waͤhrend er ein Glas ihres Himbeerliqueurs hin⸗ unterſchluͤrfte.. Die Mutter ließ ſich indeß, aller Unbaͤndig⸗ keit des Knaben ungeachtet, von ihrer Vorliebe fuͤr ihn nicht abbringen, noch ſich durch die Er⸗ zaͤhlungen von dem durch ihn angerichteten Un⸗ heil muthlos machen, womit ihre guten Freunde ſie fortdauernd erfreuten. Sie genoß allerdings wenig von dem Vergnuͤgen, das reichen Leuten zu Theil wird, ihre Kinder beſtaͤndig loben zu hoͤren, allein ſie betrachtete alle dieſe Klagen als eine 265 eine Art von Verfolgung, welche ſie zu erdulden habe, und hatte den Knaben deswegen nur um ſo lieber. Sie ſah ihn zu einem ſtattlichen, gro⸗ ßen, wohlausſehenden Juͤngling heranwachſen, und betrachtete ihn mit dem heimlichen Stolze eines Mutterherzens. Es war ihr groͤßter Wunſch, daß Dolph wie ein Gentleman einhergehen moͤchte, und alles Geld, das ſie erſparen konnte, ward dazu angewandt, ſeine Boͤrſe zu fuͤllen und ſeinen Kleidervorrath zu vermehren. Oft ſah ſie ihm aus dem Fenſter nach, wenn er ſo in ſei⸗ nem beſten Anzuge aus dem Hauſe trat; ihr Herz klopfte dann vor Vergnuͤgen, und einſt, als Pe⸗ ter de Groodt, dem des Juͤnglings ſtattliches Anſehn, an einem Sonntagsmorgen, auffiel, ſagte: „Nun, Dolph wird doch wirklich ein netter Burſch!“ da trat die Thraͤne des Stolzes in ihr Auge, und ſie rief aus:„ja, Nachbar! Nach⸗ bar! ſie moͤgen ſagen, was ſie wollen, der arme Dolph wird es doch noch einmal mit dem Be⸗ ſten unter ihnen aufnehmen!“ Dolph Heyliger hatte itzt beinahe ſein ein und zwanzigſtes Jahr erreicht, und das Ende ſeiner aͤrztlichen Studien nahte heran. Allein man muß geſtehen, daß er wenig mehr von der Kunſt wußte, als damals, wo er zuerſt des Dok⸗ II. M 266 tors Haus betreten hatte. Dieß ruͤhrte indeß nicht etwa von einer Langſamkeit im Begreifen her, denn er verrieth eine wunderbare Fertigkeit, ſich in andern Faͤchern des Wiſſens, die er doch nur in Zwiſchenraͤumen ſtudirt haben konnte, zu vervollkommnen. So war er, zum Beiſpiel, ein trefflicher Schuͤtz, und erhielt alle Preiſe an Gaͤnſen und Truthuͤhnern, in den Weihnachts⸗ feiertagen. Er war ein dreiſter Reiter, ſeine Gewandtheit im Springen und Ringen war be⸗ ruͤhmt, er blies ziemlich gut die Floͤte, konnte ſchwimmen wie ein Fiſch, und war der Beſte beim Fuͤnfball oder beim Kegelſchieben.. Alle dieſe Talente konnten ihm indeß des Doktors Gunſt nicht erwerben, der immer muͤr⸗ riſcher und unduldſamer ward, je naͤher das Ende der Lehrzeit herankam. Auch Frau Ilſe fand beſtaͤndig Veranlaſſung, einen Sturm zu er⸗ regen, der ihn umbrauſ'te, und begegnete ihm ſel⸗ ten im Hauſe, ohne ihre Zunge in Bewegung zu ſetzen, ſo daß, am Ende, das Klingeln ihrer Schluͤſſel, wenn ſie ſich naͤherte, fuͤr Dolph ein Zeichen eben der Art war, wie es der Klang der Glocke des Souffleurs iſt, wenn es auf dem Theater donnern und blitzen ſoll. Nur die un⸗ erſchoͤpfliche gute Laune des leichtſinnigen Juͤnglings 1 * 267 konnte machen, daß er alle dieſe haͤusliche Ty⸗ rannei ertrug, ohne ſich ganz offen dagegen auf⸗ zulehnen. Es war klar, daß der Doktor und ſeine Haushaͤlterinn bereits alle Anſtalten mach⸗ ten, den armen Burſchen aus dem Neſte zu ja⸗ gen, ſobald nur ſeine Zeit voruͤber ſeyn wuͤrde: eine ſehr wenig umſtaͤndliche Art, deren ſich der Doktor bediente, um ſich unnuͤtzer Schuͤler zu entledigen. Der kleine Mann war indeß ſeit kurzem mehr als je dadurch verſtimmt worden, daß ſein Landgut ihm allerhand Sorgen und Muͤhen ver⸗ urſacht hatte. Schon oft wurde durch die Geruͤchte und Erzaͤhlungen, welche von dem alten Hauſe im Umlaufe waren, ihm den Kopf warm ge⸗ macht, und nur mit großer Muͤhe hatte er ſelbſt den Bauer und ſeine Familie dahin bringen koͤn⸗ naen, dort noch laͤnger, miethsfrei, zu wohnen. Je⸗ des Mal, wo er auf die Meierei hinaus kam, ſah er ſich durch irgend eine neue Klage uͤber ſon⸗ derbares Geraͤuſch und furchtbare Erſcheinungen belaͤſtigt, von denen die Bewohner des Nachts beunruhigt worden waren, ſo daß er aͤrgerlich und tobend nach Hauſe kam und ſeine Galle an dem ganzen Haushalt ausließ. Dieß war in der That ein Umſtand, der ſowohl ſeinem Stolz als ſeiner Boͤrſe ſehr fuͤhlbar zu werden drohte. M 2 4 268 Er war in Gefahr, allen Nutzen von ſeinem Ei⸗ genthume einzubuͤßen, und dann, welche Demuͤ⸗ thigung fuͤr einen Landgutsbeſitzer, der Inhaber eines Hauſes zu ſeyn, in dem es ſpukte! Man wollte indeß die Bemerkung gemacht haben, daß der Doktor, bei allem ſeinen Aerger uͤber die erhobenen Klagen, ſich nie dazu entſchloß, ſelbſt in dem Hauſe zu ſchlafen: ja, man konnte ihn nicht einmal dahin bringen, nach dem Eintritt der Dunkelheit auf dem Gehoͤft zu bleiben, ſon⸗ dern, ſobald die Fledermaͤuſe, in der Daͤmme⸗ rung, zu ſchwirren begannen, machte er ſich auf, um nach der Stadt zuruͤckzukehren. Die Wahr⸗ heit zu ſagen, hatte der Doktor ſelbſt einen heimlichen Glauben an Geiſter, da er den fruͤheren Theil ſeines Lebens in einem Lande zugebracht, wo dieſer be⸗ ſonders rege iſt, und man trug ſich mit der Sage, daß er, als ein Knabe, einſt den Teufel ſelbſt auf dem Blocksberge geſehen habe. Endlich aber brach das Ungewitter uͤber des Doktors Haupt aus. Eines Morgens, als er in ſeinem Studirzimmer uͤber einem Buche nickte, ward er auf einmal durch das ploͤtzliche Herein⸗ toben der Haushaͤlterinn aus ſeinem Schlum⸗ mer aufgeſtoͤrt. „Das iſt eine ſchoͤne Geſchichte!“ rief ſie 269 aus, indem ſie in das Zimmer trat.„Da kommt ſo eben Klaus Hopper mit Kind und Kegel von der Meierei, und ſchwoͤrt hoch und theuer, daß er gar nichts mehr damit zu thun haben wolle. Die ganze Familie iſt vor Schrecken au⸗ ßer ſich, denn in dem alten Hauſe tobt und geht es dermaßen um, daß ſie nicht ruhig in ihren Betten davor ſchlafen koͤnnen!“ Donner und Blitz! rief der Doktor unge⸗ duldig aus; wird denn das Geſchwaͤtz von dem Hauſe nie aufhoͤren? Was fuͤr einfaͤltiges Volk, das ſich durch einige Ratten und Maͤuſe aus einer guten Wohnung vertreiben laͤßt! „Nein, nein,“ ſagte die Haushaͤlterinn, in⸗ dem ſie ſehr weiſe den Kopf ſchuͤttelte, und ſich daruͤber aͤrgerte, daß einer ſo wahrhaften Geiſter⸗ geſchichte kein Glauben beigemeſſen wurde.„Da⸗ hinter ſteckt mehr, als Ratten und Maͤuſe. Die ganze Nachbarſchaft ſpricht von dem Hauſe, und dann hat man Erſcheinungen darin geſehen.— Peter de Groodt hat mir erzaͤhlt, daß die Fa⸗ milie, von der Sie das Haus gekauft haben, und die nach Holland ging, allerhand daruͤber habe fallen laſſen, und geſagt habe: ſie wuͤnſche Ihnen Gluͤck zu dem Kaufe— und dann wiſſen Sie ja ſelbſt, daß keine Familie darin wohnen will.“” 270 Peter de Groodt iſt ein Einfaltspinſel, — ein altes Weib, ſagte der Doktor verdruͤßlich; ich wette, er hat den Leuten alles das Zeug in den Kopf geſetzt. Das iſt eben ſo, wie der Un⸗ ſinn von dem Geiſt, der auf dem Kirchthurm ſpukte und der ihm zur Entſchuldigung dienen ſollte, daß er nicht die Glocke in der kalten Nacht gelaͤutet hatte, wvo Harman Brinkerhoff's Haus abbrannte. Schickt mir'mal den Klaus herein. Klaus Hopper erſchien, ein einfaͤltiger Dorfluͤmmel, der ganz betroſſen, ſich in der Stu⸗ dirſtube des Doktor Knipperhauſen zu fin⸗ den, und viel zu ſehr außer Faſſung war, um uͤber das, was ihn in Schrecken verſetzt hatte, eine genauere Auskunft zu geben. Er ſtand da, drehte ſeinen Hut in der Hand herum, ruhte bald auf dem einen, bald auf dem andern Beine, blickte dann und wann den Doktor an, und warf, von Zeit zu Zeit, einen ſcheuen Blick nach dem Tod⸗ tenkopfe, der ihn von dem Kleiherſchrans herab anzugrinſen ſchien. Der Doktor bot alles Moͤgliche auf, ihn zu bewegen, wieder nach ſeiner Meierei zuruͤckzukeh⸗ ren, aber vergebens; er blieb eigenſinnig bei ſei⸗ nem Entſchluſſe, und gab am Ende eines jeden 271 Beweisgrundes oder einer jeden Aufforderung, dieſelbe kurze, unveraͤnderliche Antwort:„ich kann nicht, Herr“. Der Doktor war„ein klei⸗ aner Topf, der bald uͤberkocht“ und ſeine Geduld durch dieſen beſtaͤndigen Verdruß wegen ſeines Guts bereits erſchoͤpft. Klaus Hopper's eigenſin⸗ nige Weigerung ſchien ihm an offenbare Em⸗ poͤrung zu graͤnzen: ſeine Galle lief uͤber, und Klaus war froh, ſich zuruͤckziehen zu koͤnnen, um nur nicht die heiße Bruͤhe auf den Kopf zu be⸗ kommen. Als der Landmann in das Zimmer der Haus⸗ haͤlterinn trat, fand er hier Peter de Groodt und mehrere wahre Glaͤubige bereit, ihn zu em⸗ pfangen. Hier ſuchte er ſich fuͤr den Zwang zu entſchaͤdigen, den er im Studirzimmer ſich hatte anthun muͤſſen, und gab nun ein ganzes Pack Geſchichten uͤber das Spuk-Haus zum Beſten, welche alle ſeine Zuhoͤrer in Erſtaunen ſetzten. Die Haushaͤlterinn glaubte ſie ſaͤmmtlich, ſelbſt wenn es auch nur dem Doktor zum Trotz gewe⸗ ſen waͤre, dafuͤr, daß er ihre Nachrichten ſo unfreund⸗ lich aufgenommen hatte. Peter de Groodt verglich ſie mit mancher wunderbaren Erzaͤhlung aus den Zeiten der hollaͤndiſchen Herrſchaft: von des Teufels Stufen, und von dem Seeraͤu⸗ 272 ber der auf der Galgeninſel gehangen wurde und noch eine ganze Nacht lang hing, nachdem der Galgen ſchon wieder niedergeriſſen worden war, und von dem Geiſte des ungluͤcklichen Gou⸗ verneurs Leisler, der wegen Verraͤtherei aufge⸗ hangen wurde und nun in dem alten Fort und dem Gouvernementshauſe ſpukte. Die Klatſch⸗ geſellſchaft ging endlich auseinander, Jeder mit furchtbaren Geſchichten beladen. Der Kuͤſter er⸗ leichterte ſein Gewiſſen ſchon in einer Kirchen⸗ vorſteher⸗Verſammlung, welche an demſelben Tage gehalten wurde, und die ſchwarze Koͤchinn verließ ihre Kuͤche, brachte den halben Tag am Stra⸗ ßenbrunnen, dieſem Klatſchplatze der Maͤgde, zu, und theilte Allen, die dort Waſſer zu holen kamen, ihre Neuigkeiten mit. In kurzer Zeit war die ganze Stadt voll von dem, was ſich im Spuk⸗ hauſe zugetragen hatte. Einige behaupteten, Klaus Hopper habe den Teufel geſehen, waͤh⸗ rend Andere zu verſtehen gaben, daß das Haus von den Geiſtern einiger der Patienten heimge⸗ ſucht werde, welche der Doktor aus dieſer Welt„ hinaus curirt habe, und daß dieß die Urſach ſey, warum er ſich nicht darin zu wohnen getraue. Alles dieß brachte den kleinen Doktor ge⸗ waltig in Harniſch. Er gelobte Jedem, welcher 273 dadurch, daß er die Volksvorurtheile rege zu machen ſuche, den Werth ſeines Grundſtuͤcks verringere, blutige Rache. Er beklagte ſich laut daruͤber, daß er durch bloße Popanze aus ſeinem Eigenthum verdraͤngt werde, beſchloß aber insgeheim, durch den Dominie den Teu⸗ fel aus dem Hauſe treiben zu laſſen. Seine Freude war daher ſehr groß, als, mitten in die⸗ ſer Bedraͤngniß, Dolph ſich erbot, in das Spukhaus zu ziehen. Der Burſch hatte alle die Erzuͤhlungen Klaus Hopper's und Peter de Groodt's mit angehoͤ3rt; er liebte Aben⸗ teuer, hing ſehr am Uebernatuͤrlichen, und ſeine Einbildungskraft war durch dieſe wunderbaren Erzaͤhlungen auf das ſtaͤrkſte entflammt worden. Ueberdieß fuͤhrte er im Hauſe des Doktors ein ſo unbehagliches Leben, der unertraͤgliche Zwang des Fruͤhaufſtehens war ihm ſo zur Plage ge⸗ worden, daß er uͤber die Ausſicht, kuͤnftig ein Haus fuͤr ſich zu haben, und waͤre es auch von Geſpenſtern bewohnt, in ein wahres Ent⸗ zuͤcken gerieth. Sein Anerbieten ward mit Freuden angenommen, und es ward beſchloſſen, daß er noch dieſe Nacht den Poſten beſetzen ſolle. Die einzige Bedingung, die er dabei machte, war, daß die Unternehmung vor ſeiner Mutter ge⸗ 274 heim gehalten werden ſolle, denn er wußte, daß die arme Frau kein Auge ſchließen wuͤrde, wenn ſie erfuͤhre⸗ daß ihr Sohn mit den Maͤchten der Finſterniß einen Kampf wagen wolle. Als die Nacht einbrach, machte ſich Dolph auf den Weg zu dieſer gefaͤhrlichen Unterneh⸗ mung. Die alte ſchwarze Koͤchinn, ſeine einzige Freundinn im Hauſe, hatte ihm etwas zum Abend⸗ eſſen und ein Binſenlicht gegeben, und band ihm ein Amulet um den Hals, das ſie von einem afrikaniſchen Zauberer bekommen hatte und das als Schutzmittel gegen alle boͤſen Geiſter dienen ſollte. Der Doktor und Peter de Groodt, welcher letztere ſich bereit erklaͤrt hatte, ihn zu begleiten und zuzuſehen, daß er gluͤcklich dort ein⸗ quartirt wuͤrde, geſellten ſich zu ihm. Der Him⸗ mel war bezogen, und es war ſehr finſter gewor⸗ den, als ſie bei den Umgebungen des Hauſes an⸗ langten. Der Kuͤſter ging mit der Laterne vor⸗ an. Waͤhrend ſie die Akazien⸗Allee hinunter⸗ gingen, ſtreifte das ſchwankende Licht von Buſch zu Buſch und von Baum zu Baum, ſo daß der mannhafte Peter nicht wenig in Angſt gerieth und ſich auf ſeine Begleiter zuruͤckzog; der Dok⸗ tor aber hielt Dolph's Arm noch feſter, und machte die Bemerkung, daß der Boden ſehr — 275 ſchluͤpfrig und uneben ſey. Beinahe waͤren ſie aber gaͤnzlich in die Flucht geſchlagen worden, als eine Fledermaus um die Laterne ſchwirrte; und das Summen der Inſekten von den Baͤumen und das Quaken der Froͤſche aus einem benach⸗ barten Teiche, bildeten zuſammen ein hoͤchſt ein⸗ toͤniges und trauriges Concert. Die Vorderthuͤr des Hauſes öͤffnete ſich mit einem Knarren, bei welchem der Doktor zu er⸗ bleichen anfing. Man trat nun in einen ziem⸗ lich großen Saal, wie man ſolche in amerikaniſchen Landhaͤuſern haͤufig findet, und der, bei warmen Wetter, zum Wohnzimmer dient. Itzt ging man eine breite Treppe hinauf, welche unter den Trit⸗ ten der Aufſteigenden knarrte und aͤchzte, und wo⸗ bei jede Stufe, wie die Taſte eines Claviers, ei⸗ nen beſondern Ton von ſich gab. Sie fuͤhrte zu einem zweiten Saale, im obern Stockwerk, aus welchem man in das Zimmer ging, worin Dolph ſchlafen ſollte. Es war groß, und duͤrf⸗ tig moͤblirt; die Fenſterladen waren geſchloſſen, da ſie indeß ſehr zerbrochen waren, ſo mangelte es nicht an freier Luft. Es ſchien das heilige Gemach geweſen zu ſeyn, welches, bei den hollaͤndi⸗ ſchen Frauen, fuͤr das beſte Schlafzimmer gilt, das man von allen im Hauſe am beſten einrichtet, worin 276 aber faſt nie Jemand ſchlafen darf. Itzt war ſein Glanz dahin. Einige zerbrochene Moͤbel ſtanden im Zimmer umher, in der Mitte aber ein ſchwerer Tiſch von Fichtenholz und ein großer Lehnſeſſel, welche beide aus gleicher Zeit mit dem Gebaͤude ſelbſt herzuruͤhren ſchienen Der Ka⸗ min war groß, und vorn mit hollaͤndiſchen Flieſen belegt, auf denen Geſchichten aus der heiligen Schrift vorgeſtellt waren: einige davon waren indeß herausgefallen und lagen zerſtreut auf dem Heerde umher. Der Kuͤſter hatte das Binſenlicht angezuͤndet, und der Doktor, der ſich furchtſam im Zimmer umſah, war im Begriff, Dolph zu ermahnen, gutes Muthes zu ſeyn, und ſich ein Herz zu faſſen, als ein Geraͤuſch im Kamine, wie Stimmen und Handgemenge, dem Kuͤſter einen ploͤtzlichen Schrecken einjagte. Er vergriff, mit der Laterne, die Flucht, der Doktor folgte ihm hart auf dem Fuße, die Stufen der Treppe aͤchzten und knarrten, als ſie hinunterſtolperten, und ver⸗ mehrten durch das Geraͤuſch, das ſie verurſach⸗ ten, nur ihre Angſt und Eil. Die Vorderthuͤr ſchlug hinter ihnen zu, und Dolph hoͤrte⸗ ſie die Allee hinunterſtolpern, bis der Ton ihrer Tritte ſich in der Entfernung verlor. Daß er ſich nicht ihrem uͤbereilten Ruͤckzuge anſchloß, ruͤhrte viel⸗ —— x ———— —— — 271⁷ 2* leicht davon her, daß er etwas mehr Muth als ſeine Geſellſchafter beſaß, oder weil er, mit Einem Blick, die Urſache ihres Schreckens bemerkt hatte, naͤm⸗ lich ein Neſt von Schwalben, welches den Schorn⸗ ſtein hinuntergeſtuͤrzt war. Itzt war er ſich ſelbſt uͤberlaſſen. Er ver⸗ rammelte die Hausthuͤr durch Riegel und Eiſen⸗ ſtangen, und nachdem er geſehen, daß die uͤbrigen Eingaͤnge ebenfalls befeſtigt waren, kehrte er in ſein einſames Zimmer zuruͤck. Als er ſein Abendeſſen aus dem Korbe genommen, wo⸗ mit die gute alte Koͤchinn ihn verſehen, und es verzehrt hatte, verſchloß er die Stubenthuͤr und legte ſich auf eine, in der Ecke des Zimmers be⸗ findliche Matratze nieder. Die Nacht war ruhig und ſtill, und nichts unterbrach das tiefe Schwei⸗ gen, als das eintoͤnige Zirpen der Grille aus dem Kamin eines entfernten Zimmers. Das Binſenlicht, welches mitten auf dem ſichtenen Ti⸗ ſche ſtand, warf einen ſchwachen gelblichen Schein umher, der das Zimmer nur matt erleuchtete und abenteuerliche Geſtalten und Schatten an den Waͤnden aus den Kleidern ſchuf, welche Dolph uͤber einen Stuhl geworfen hatte. Bei aller Herzhaftigkeit des Juͤnglings lag doch in dieſer Einſamkeit etwas Baͤngliches, und — 278 er fuͤhlte ſeinen Muth ſinken, als er auf ſeinem harten Bette lag und im Zimmer umherblickte. Er dachte an ſein muͤſſiges Leben, an ſeine un⸗ gewiſſen Ausſichten, und ſtieß dann und wann einen tiefen Seufzer aus, wenn ihm ſeine arme Mutter einfiel, denn es giebt nichts, das uͤber das heiterſte Gemuͤth duͤſterere Schatten werfen koͤnnte, als die Stille und das Schweigen der Nacht. Auf einmal glaubte er, einen Ton zu hoͤren, als ob Jemand unten ginge. Es kam langſam und feierlich naͤher— trap— trap— trap! Offenbar war es der Tritt eines gewichtigen Menſchen, und wie war dieſer in das Haus ge⸗ kommen, ohne Geraͤuſch zu machen? Er hatte alle Schloͤſſer und Riegel genau unterſucht, und war uͤberzeugt, daß jeder Eingang feſt verſchloſ⸗ ſen war. Die Tritte kamen indeß naͤher, trap— trap— trap! Es war klar, daß der ſich Naͤ⸗ hernde kein Raͤuber ſeyn konnte, denn ſein Tritt war zu laut und gemaͤchlich, und ein Raͤuber wuͤrde entweder leiſer oder ſchneller gegangen ſeyn. Itzt war er die Treppe hinauf: die Tritte toͤnten langſam auf dem Flure wieder, und ſchallten durch die ſchweigenden und leeren Gemaͤcher. Selbſt die Grille hatte ihren melancholiſchen Geſang eingeſtellt, und nichts unterbrach die ſchauerliche 279 Deutlichkeit jedes Fußtrittes. Die Thuͤr, in⸗ wendig verſchloſſen, ging langſam von ſelbſt auf. Die Tritte kamen in das Zimmer, aber Niemand war zu ſehen. Sie ſchritten langſam und hoͤrbar durch daſſelbe— trap— trap— trap! aber, was den Ton hervorbrachte, blieb unſichtbar. Dolph rieb ſich die Augen und ſtarrte um ſich her; er konnte in jeden Winkel der ſchwach erleuchteten Stube ſehn, aber Alles war leer: und doch hoͤrte er dieſe geheimnißvollen Fußtritte, welche feierlich in die Stube umher⸗ ſchritten. Auf einmal hoͤrten ſie auf, und nun herrſchte eine Todtenſtille. Es lag etwas un⸗ gleich Furchtbareres in dieſem unſichtbaren Beſuche, als in irgend Etwas geweſen ſeyn wuͤrde, das ſich den Augen dargeſtellt haͤtte. Das Geſtalt⸗ loſe und Unbeſtimmte darin war hoͤchſt ſchauer⸗ lich. Dolph fuͤhlte ſein Herz laut in der Bruſt pochen: ein kalter Schweiß rann uͤber ſeine Stirn, und er lag eine Zeitlang in heftiger Bewegung. Indeſſen ereignete ſich nichts, das ſeine Beſorg⸗ niß haͤtte ſteigern koͤnnen. Sein Licht brannte nach und nach in den Leuchter hinein, und er ſchlief ein. Als er erwachte, war es heller Tag: die Sonne ſchien durch die Spalten der Fenſter⸗ lade, und die Voͤgel ſangen froͤhlich um das Haus 280 her. Der klare, heitere Tag verſcheuchte bald alle die Schrecken der vergangenen Nacht. Dolph lachte, oder that wenigſtens, als ob er uͤber alles das lachte, was geſchehen war, und ſuchte ſich zu uͤber⸗ reden, daß Alles nur ein Spiel der Einbildungs⸗ kraft geweſen ſey, welche von den Geſchichten, die er gehoͤrt hatte, aufgeregt worden; allein, was ihn etwas betroffen machte, war, daß er die Thuͤr ſeines Zimmers von innen verſchloſſen fand, waͤhrend er doch ſie ganz deutlich hatte auf⸗ gehen ſehen, als die Fußtritte ſich vernehmen ließen. Er kehrte, in großer Verwirrung, nach der Stadt zuruͤck, beſchloß aber, durchaus nichts von der Sache zu erwaͤhnen, bis ſeine Zweifel, durch eine zweite Nachtwache, entweder beſtaͤtigt oder widerlegt worden waͤren. Sein Still⸗ ſchweigen ſetzte alle die Klatſchſchweſtern, welche ſich an des Doktors Hausthuͤr verſammelt hat⸗ ten, in Verzweiflung. Sie waren darauf ge⸗ ſpannt, eine ſchreckliche Maͤhr zu hoͤren, und ge⸗ riethen beinahe in Wuth, als er ſie verſicherte, daß er nichts zu erzaͤhlen habe. In der naͤchſten Nacht hielt Dolph aber⸗ mals Wache. Er betrat itzt das Haus nicht ohne geheimes Beben. Mit beſonderer Aufmerk⸗ ſamkeit unterſuchte er Schloͤſſer und Riegel an 281 allen Thuͤren und verwahrte ſie gehoͤrig. Er verſchloß die Thuͤr ſeines Zimmers und ſetzte ei⸗ nen Stuhl dagegen, verzehrte dann ſein Abend⸗ brod, warf ſich auf ſeine Matratze und ſuchte einzuſchlafen. Allein dieß war vergebens: tauſend Phantaſieen erhielten ihn wachend. Die Zeit floß langſam dahin, als ob Minuten ſich zu Stunden ausdehnten. Als die Nacht heran⸗ ruͤckte, gerieth er in eine immer fieberhaftere Bewegung, und er ſprang beinahe von ſeinem Lager auf, als er den geheimnißvollen Fußtritt auf der Treppe hoͤrte. Itzt kam es herauf, feier⸗ lich und langſam wie vorher, trap— trap— trap! Es ging uͤber den Flur, die Thuͤr flog aber⸗ mals auf, als ob kein Schloß, oder irgend ein anderes Hinderniß, da geweſen waͤre, und eine ſonderbar ausſehende Geſtalt ſchritt in das Zimmer. Es war ein aͤltlicher Mann, groß und ſtark, der nach alter flamlaͤndiſcher Art gekleidet war. Er trug eine Art von kurzem Mantel, mit einem Kleide darunter, das uͤber den Huͤften geguͤrtet war, Pluderhoſen mit gro⸗ ßen Bauſchen oder Schleifen an den Knieen, und rothbraune, oben ſehr weite Stiefel, die weit von ſeinen Beinen abſtanden. Sein Hut war breit und herabgekraͤmpt, und eine Feder ſchwankte auf der einen Seite hinuͤber. Sein eisgraues Haar hing in großen Maſſen auf ſeinen Hals hinab, und er hatte einen kurzen greiſen Bart. Er ging langſam im Zimmer herum, als ob er unterſuchen wolle, ob Alles ſicher ſey, hing dann ſeinen Hut an einen Haken neben der Thuͤr, ſetzte ſich in den Lehnſtuhl, legte ſich mit dem Elbogen auf den Tiſch, und ſah nun Dolph mit unverwandten verſteinernden Blicken an. Dolph war von Natur durchaus nicht feig, aber in dem unbedingten Glauben an Ko⸗ bolde und Geiſter erzogen worden. Tauſend Geſchichten, die er von dieſem Gebaͤude gehoͤrt hatte, gingen ihm durch den Kopf, und waͤhrend er dieſen ſonderbaren Mann, in ſeiner ſeltſamen Kleidung, mit ſeinem bleichen Antlitz und ſeinem ſtarren, fiſchartigen Auge ſah, begannen ſeine Zaͤhne zu klappern, ſein Haar ſtraͤubte ſich em⸗ por, und ein kalter Schweiß rann ſeinen ganzen Koͤrper hinab. Wie lange er in dieſer Lage ge⸗ blieben ſey, konnte er nicht ſagen, denn er war wie ein Verzauberter. Er konnte ſeine Blicke von dem Geſpenſte nicht abziehen, ſondern lag da und ſtarrte es an, alle ſeine Gedanken in Betrachtung verſunken. Der alte Mann blieb hinter dem Tiſche ſitzen, ohne ſich zu bewegen, oder — 283 nur das Auge abzuwenden, und hielt beſtaͤndig den todtenſtarren Blick auf Dolph geheftet. Endlich ſchlug der Haushahn, auf einer benach⸗ barten Meierei, die Fluͤgel, und kraͤhte laut und froͤhlich, daß es uͤber die Felder hin ertoͤnte. Bei dieſem Ton erhob ſich der alte Mann langſam, und nahm ſeinen Hut von dem Haken: die Thuͤr oöͤffnete ſich und ſchloß ſich wieder hinter ihm: man konnte ihn langſam die Treppe hinunterge⸗ hen hoͤren— trap— trap— trap! und als er unten war, war Alles wieder ſtill. Dolph lag da und horchte mit geſpannter Aufmerkſam⸗ keit, zaͤhlte jeden Tritt, horchte, und horchte aber⸗ mals, ob die Schritte ſich wieder vernehmen laſſen wuͤrden, bis er, von Wachen und innerer Bewe⸗ gung erſchoͤpft, in einen unruhigen Schlummer verfiel. Das Tageslicht brachte wiederum neuen Muth und neue Zuverſicht. Gern haͤtte er Alles, was vorgegangen war, als einen bloßen Traum be⸗ trachten moͤgen, allein dort ſtand noch der Stuhl, in welchem der Unbekannte geſeſſen hatte, dort war der Haken, an den er ſeinen Hut gehaͤngt, und dort war die Thuͤr, noch ſo, wie er ſelbſt ſie verſchloſſen hatte, und der Stuhl, den er dage⸗ gen geſetzt. Er eilte die Treppe hinunter und 284 unterſuchte die Thuͤren und Fenſter, Alles war in demſelben Zuſtande, wie er es verlaſſen, und durchaus kein Ein⸗ oder Ausgang, zu dem ein lebendes Weſen herein oder durch den es hin— ausgegangen ſeyn koͤnnte, ohne eine Spur hinter ſich zu laſſen.„Ei was!“ ſagte Dolph zu ſich ſelbſt, „es war nur ein Traum.“ Aber das wollte nichts helfen: je mehr er ſich bemuͤhte, den Vorgang aus ſeinem Gedaͤchtniſſe zu entfernen, deſto mehr verfolgte ihn der Gedanke daran. Obgleich er uͤber alles das, was er geſehen und gehoͤrt, das ſtrengſte Stillſchweigen beob⸗ achtete, ſo verriethen doch ſeine Blicke die un⸗ behagliche Nacht, welche er zugebracht hatte. Es war augenſcheinlich, daß unter dieſer geheim⸗ nißvollen Zuruͤckhaltung irgend etwas Wunder⸗ bares verborgen war. Der Doktor nahm ihn mit auf ſeine Studirſtube, verſchloß die Thuͤr, und ſuchte ihm nun ein umſtaͤndliches und ver⸗ trauliches Geſtaͤndniß abzulocken: er konnte nichts aus ihm herausbringen. Frau Ilſe zog ihn bei Seite in die Speiſekammer, allein ſie hatte nicht mehr Gluͤck, und Peter de Groodt hielt ihn eine ganze Stunde bei dem Knopfe, und zwar auf dem Kirchhofe, dem beſten Platze um eine Geiſtergeſchichte zu ergruͤnden, ward aber * —j— — 285 darum nicht kluͤger als die Uebrigen. Eine ver⸗ ſchwiegene Wahrheit erzeugt indeß immer ein Dutzend in Umlauf kommender Luͤgen; ſie iſt wie eine in der Bank niedergelegte Guinee, welche ein Dutzend Stellvertreter von Papier hat. Ehe der Tag voruͤber war, war auch ſchon die Nach⸗ barſchaft voll von Geruͤchten. Einige ſagten, daß Dolph Heyliger in dem Spuk⸗Hauſe gewacht haͤtte, mit Piſtolen, die mit ſilbernen Kugeln geladen geweſen waͤren, Andere, daß er ein langes Geſpraͤch mit einem Geſpenſte ohne Kopf gehalten, und noch Andere, daß der Doktor Knipperhauſen und der Kuͤſter die Lauben⸗ ſtraße hinunter bis zur Stadt von einer Legion von Geiſtern ihrer Kunden verfolgt wor⸗ den waͤren.*) Einige ſchuͤttelten die Koͤpfe und hielten es fuͤr ſehr ſchlecht von dem Doktor ge⸗ handelt, Dolph allein in dem ſchrecklichen Hauſe die Nacht zubringen zu laſſen, wo er von Gei⸗ ſtern, Gott weiß wohin, entfuͤhrt werden koͤnne, waͤhrend Andere, mit Achſelzucken, meinten, daß wenn der Teufel den Burſchen hole, dieß ſich nur das Seinige nehmen hieße. *) Der Küſter iſt in England und rika) gewöhnlich zugleich Todteng 4 4 4 286 Dieſe Geruͤchte kamen endlich auch der gu⸗ ten Frau Heyliger zu Ohren, und verurſachten ihr, wie man leicht denken kann, eine gewaltige Unruhe. Wenn ſich ihr Sohn der Gefahr ei⸗ nes Angriffs lebendiger Feinde ausgeſetzt haͤtte, ſo wuͤrde das in ihren Augen weit weniger ſchrecklich geweſen ſeyn, als daß er allein die Schrecken des Spuk⸗Hauſes zu beſtehen gewagt hatte. Sie eilte zu dem Doktor, und brachte einen großen Theil des Tages damit zu, Dolph zu uͤberreden, ſeine Nachtwache nicht zu wieder⸗ holen: ſie erzaͤhlte ihm eine Menge von Geſchich⸗ ten, die ſie ſo eben von ihren Klatſchgevatterin⸗ nen gehoͤrt hatte, von Leuten welche entfuͤhrt worden waren, wenn ſie in alten verfallenen Haͤuſern gewacht hatten. Allein dieß war Alles ver⸗ gebens. Dolph's Stolz und ſeine Neugierde wa⸗ ren erregt. Er ſuchte ſeine Mutter zu beruhigen, und verſicherte ſie, daß von allen den Geruͤchten, die ſie gehoͤrt habe, kein Wort wahr ſey. Sie ſah ihn zweifelhaft an und ſchuͤttelte den Kopf, da ſie aber fand, daß ſein Entſchluß unerſchuͤt⸗ terlich ſey, brachte ſie ihm eine dicke hollaͤndiſche Bibel, mit metallenen Clauſuren, die er mitneh⸗ men ſolle, als ein Schwert wider die Maͤchte der Finſterniß, und im Falle dieſe nicht hinreichend 5 ——,—x 287 ſeyn ſollte, gab ihm die Haushaͤlterinn noch den Heidelberger Katechismus als Dolch mit. In der naͤchſten Nacht ſchlug alſo Dolph ſein Quartier zum dritten Male in dem alten Hauſe auf. Es mochte nun Traum oder nicht geweſen ſeyn, genug, daſſelbe erfolgte abermals. Gegen Mitternacht, als Alles ſtill war, ließ ſich derſelbe Ton in den oͤden Hallen vernehmen— trap— trap— trap! wieder kam es die Treppe herauf, die Thuͤr ging abermals von ſelbſt auf, der alte Mann trat ein, ging im Zimmer um⸗ her, hing ſeinen Hut an und ſetzte ſich an den Tiſch. Den armen Dolph uͤberfiel dieſelbe Furcht und Angſt, jedoch nicht ſo gewaltig, als fruͤher. Er lag eben ſo, wie vorher da, ohne Bewegung und wie bezaubert, und ſtarrte die Geſtalt an, welche, wie fruͤher, ihn mit einem erſtorbenen, ſtarren, ihn bis in das Innerſte durch⸗ kaͤltenden Blicke betrachtete. So blieben Beide eine lange Zeit einander gegenuͤber, bis Dolph nach und nach Muth zu faſſen begann. Dieß Weſen, mochte es nun todt oder lebendig ſeyn, mußte durchaus bei ſeinem Beſuche irgend einen Zweck haben, und er erinnerte ſich, gehoͤrt zu ha⸗ ben, daß Geiſter nicht eher reden duͤrfen als bis ſie angeſprochen werden. Er— a 288 Entſchloſſenheit zuſammen, und nachdem er zwei oder drei Verſuche gemacht, ehe er ſeine Zunge in Bewegung ſetzen konnte, richtete er ſeine Rede an den Unbekannten mit der feierlichſten Beſchwoͤrungsformel, deren er ſich nur erinnern konnte, und fragte ihn, was der Zweck ſeines Beſuches ſey. Kaum hatte er ausgeſprochen, als der alte Mann aufſtand und ſeinen Hut von der Wand nahm: die Thuͤr ging auf, und er ſchritt hinaus, wobei er, indem er uͤber die Schwelle trat, auf Dolph zuruͤckblickte, als ob er erwarte, daß die⸗ ſer ihm folgen werde. Der Juͤngling zoͤgerte keinen Augenblick. Er nahm das Licht in die Hand, die Bibel unter den Arm, und gehorchte der ſtillſchweigenden Aufforderung. Das Licht warf einen ſchwachen, ungewiſſen Schimmer von ſich, doch konnte er deutlich die Geſtalt vor ſich ſehen, wie ſie die Treppe hinab ging. Er folgte zitternd. Als ſie am Fuße der Treppe angekom⸗ men war, wandelte ſie durch den Saal hindurch und nach der Hinterthuͤr des Gehoͤfts. Dolph hielt das Licht uͤber die Baluſtrade: in ſeiner Begierde, den Unbekannten nicht aus den Augen zu verlieren, bewegte er aber die duͤnne Kerze ſo ſchnell, daß ſie erloſch. Die blaſſen Strahlen des g 289 des Mondes, welche durch ein ſchmales Fenſter hereinfielen, leuchteten indeß ſo viel, daß er nahe an der Thuͤr noch ein ungewiſſes Bild der Ge⸗ ſtalt im Auge hatte. Er ging deshalb die aͤußere Treppe hinab und wandte ſich nach dem Orte hin; als er aber dorthin gekommen, war der Un⸗ bekannte verſchwunden. Die Thuͤr war feſt ver⸗ riegelt und verrammelt, ein anderer Ausgang nicht vorhanden, und doch war das Weſen, wel⸗ cher Art es auch ſeyn mochte, verſchwunden. Er riegelte die Thuͤr auf, und blickte in das Freie hinaus. Es war eine neblige, mondhelle Nacht, ſo daß man in einiger Entfernung Gegenſtaͤnde unterſcheiden konnte. Er glaubte nun, den Un⸗ bekannten auf einem Fußſteige zu ſehen, der von der Thuͤr ab weiter fuͤhrte. Dem war in der That ſo, aber wie war er aus dem Hauſe gekommen? — Dolph nahm ſich indeß nicht die Zeit, laͤn ger zu uͤberlegen, ſondern folgte. Der alte Mann wandelte mit gemeſſenem Schritte, ohne ſich um⸗ zuſehen, und ſeine Fußtritte ſchallten auf dem har⸗ ten Boden. Er ging durch den Baumgarten am Hauſe, immer auf dem Fußſteige. Dieſer fuͤhrte zu einem Brunnen, welcher die Meierei mit Waſſer verſah. An dieſem Brunnen verlor Dolph die Geſtalt aus dem Geſicht. Er rieb. II. N 290 ſich die Augen und blickte wieder hin, aber der Unbekannte war nicht mehr zu ſehen. Er trat an den Brunnen: Niemand war da. Die ganze Umgegend war frei, und leicht zu uͤberſehen, und weder ein Buſch, noch ſonſt ein Schlupf⸗ winkel vorhanden. Er blickte in den Brunnen hinein und ſah, in einer großen Tiefe, den Him⸗ mel ſich in dem ſtillen Waſſer ſpiegeln. Nach⸗ dem er hier einige Zeit verweilt, ohne von ſeinem geheimnißvollen Fuͤhrer irgend etwas geſehen oder gehoͤrt zu haben, kehrte er voll von Grauen und Erſtaunen nach dem Hauſe zuruͤck. Er verrie⸗ gelte die Thuͤr und tappte zu ſeinem Bett hin, allein es dauerte lange Zeit, ehe er einſchla⸗ fen konnte. Seine Traͤume waren abenteuerlich und verworren. Es duͤnkte ihn, als folge er dem alten Mann an dem Ufer eines großen Fluſſes hin, bis ſie zu einem Schiffe kamen, welches ſo eben unter Segel gehen wollte, worauf ſein Fuͤh⸗ rer ihn an Bord brachte und dann verſchwand. Er ſah den Befehlshaber des Schiffes, einen klei⸗ nen, ſchwaͤrzlichen Mann, mit ſchwarzem, krau⸗ ſem Haar, der auf dem einen Auge blind und auf dem einen Fuße lahm war: der uͤbrige Theil ſeines Traumes war aber aͤußerſt verworren. Zu⸗ 291 weilen ſegelte er, zuweilen war er wieder am Lande, itzt tobte Sturm und Ungewitter um ihn her, dann wanderte er wieder ruhig auf unbekann⸗ ten Straßen. Die Geſtalt des alten Mannes miſchte ſich indeß ganz wunderbar in alle Ereig⸗ niſſe des Traumes, und das Ganze endigte deut⸗ lich damit, daß er ſich wiederum am Borde des Schiffes, auf der Heimreiſe befand, und einen großen Sack voll Geld hatte! Als er erwachte, zeigten ſich die grauen, kal⸗ ten Daͤmmerungsſtreifen am Horizont, und die Haͤhne verkuͤndigten in der ganzen Gegend, von Hof zu Hof, den Morgen. Dolph ſtand wuͤ⸗ ſter und verwirrter als je auf. Alles, was er ge⸗ ſehen und getraͤumt hatte, wogte ihm verworren durch den Kopf, und er fing an zu ſinnen, ob nicht ſein Verſtand gelitten habe, und ob nicht das, was in ſeinem Geiſte vorgehe, nur Fieberphanta⸗ ſieen waͤren. In ſeinem itzigen Gemuͤthszuſtande hatte er durchaus keine Luſt, unmittelbar zu dem Doktor zuruͤckzukehren, und ſich von den Haus⸗ leuten hin und her befragen zu laſſen. Er hielt ein kaͤrgliches Fruͤhſtuͤck von den Ueberbleibſeln des geſtrigen Abendeſſens, und wanderte dann in das Freie hinaus, um uͤber alles das nachzuden⸗ ken, was ihm begegnet war. In Gedanken ver⸗ N 2 — 292 loren, irrte er umher und war allmaͤlig in die Naͤhe der Stadt gekommen, als er ploͤtzlich von einem Laͤrm und Getoͤſe um ſich her aufgeſchreckt wurde. Er ſah ſich dicht am Waſſer, unter einem Haufen Volkes, welcher ſich nach einem Hafen⸗ damme hindraͤngte, von wo aus ein Schiff ſo eben unter Segel gehen wollte. Unbewußt ward er mit dem Haufen fortgeriſſen, und fand, daß das Schiff eine Schaluppa war, die den Hudſon hinauf nach Albany gehen wollte. Des Ab⸗ ſchiednehmens und Kuͤſſens von alten Frauen und Kindern, war gar kein Ende: Koͤrbe mit Brod und Kuchen, ſo wie Lebensmittel aller Art, wurden an Bord gebracht, ungeachtet der maͤch⸗ tigen Fleiſchſtuͤcke, die von dem Hintertheil des Schiffs herabhingen, denn eine Reiſe nach Al⸗ bany war damals eine große Unternehmung.) Der Befehlshaber der Schaluppe tummelte ſich umher, und gab eine Menge Befehle, auf welche eben nicht ſehr geachtet wurde, denn Der zuͤn⸗ dete ſich ſo eben ſeine Pfeife an, und Jener ſchliff ſein Schiffsmeſſer. Die Geſtalt des Befehlshabers zog auf ein⸗ mal Dolph's Aufmerkſamkelt auf ſich. Er *) Albany iſt etwa 30 deutſche Meilen von New⸗YVork entfernt. Ueberſ. 293 war klein und ſchwaͤrzlich, hatte krauſes, ſchwar⸗ zes Haar, war blind auf einem Auge, lahm auf einem Beine— derſelbe Befehlshaber, den er im Traume geſehen hatte! Ueberraſcht und betroffen, ſah er ſich genauer um und erinnerte ſich immer mehrerer einzelner Umſtaͤnde aus ſeinem Traume: das Aeußere des Schiffes, der Fluß und eine Menge anderer Gegenſtaͤnde ſchienen mit den dunkeln Bildern, die unbeſtimmt in ſei⸗ ner Erinnerung aufſtiegen, uͤbereinzuſtimmen. Waͤhrend er ſo eben uͤber alle dieſe Um⸗ ſtaͤnde nachdachte, rief ihm auf einmal der Capi⸗ tain auf hollaͤndiſch zu:„macht, daß Ihr an Bord kommt, junger Mann, oder Ihr bleibt hier!' Der Zuruf ſchreckte ihn auf; er ſah, daß die Schaluppe gelichtet hatte und ſich ſchon von dem Hafendamme entfernte: es war ihm, als ob er von einem unwiderſtehlichen Drange getrieben wuͤrde; er ſprang auf das Verdeck, und im naͤch⸗ ſten Augenblicke flog die Schaluppe, von Wind und Fluth beguͤnſtigt, dahin. Dolph's Gedan⸗ ken und Gefuͤhle waren in gaͤnzlicher Aufregung und Verwirrung. Die Ereigniſſe, welche ihn kuͤrzlich betroffen, hatten einen tiefen Eindruck auf ihn gemacht, und er konnte nicht umhin, an einen gewiſſen Zuſammenhang zwiſchen ſeiner ge⸗ — 294 genwaͤrtigen Lage und dem Traume der vergang⸗ nen Nacht zu glauben. Es war ihm, als ſtehe er unter einer uͤbernatuͤrlichen Leitung, und er ſuchte ſich durch einen ſeiner alten und Lieblings⸗ Grundſaͤtze zu beruhigen, daß, wie es auch gehen moͤge, Alles zu ſeinem Beſten ſey. Einen Augen⸗ blick kam ihm wohl der Unwille des Doktors uͤber ſeine ſchnelle Abreiſe, ohne Abſchied genom⸗ men zu haben, in den Sinn, dieß war eine Sache von weniger Bedeutung; dann aber dachte er an den Kummer ſeiner Mutter uͤber ſein ſon⸗ derbares Verſchwinden, und dieſer Gedanke machte ihm das Herz ploͤtzlich ſchwer. Gern haͤtte er gebeten, daß man ihn an das Land ſetzen moͤchte, aber er wußte, daß bei ſolchem Winde und ſolcher Fluth ſeine Bitte doch nur vergeblich geweſen ſeyn wuͤrde. Dann überſtroͤmte ihn aber auch die begeiſternde Liebe zur Neuheit und zu Abenteuern; er ſah ſich ſonderbarer Weiſe und ploͤtzlich in die Welt hineingeworfen, und auf dem Wege, die wunderbaren Gegenden zu erforſchen, welche, an dieſem maͤchtigen Strome hinauf, und jenſeits der blauen Berge lagen, die ſeit der Kindheit ſeinen Geſichtskreis begraͤnzt hatten. Waͤhrend er in dieſen Wirbel von Gedanken ver⸗ ſunken war, ſpannte der Wind die Segel: die — 295 Ufer ſchienen neben ihm voruͤber zu fliegen, und ehe er ſeine Beſinnung wieder erhielt, war die Scha⸗ luppe ſchon bei dem Spiking-devil und den Yonkers ⸗*) vorbei, und der hoͤchſte Schornſtein der Manhattos ſeinem Blicke entſchwunden. Ich habe ſchon oben geſagt, daß eine Reiſe den Hud ſon hinauf in jenen Tagen ein Unter⸗ nehmen von Bedeutung war, ja man hielt es fuͤr eben ſo groß, als itt eine Reiſe nach Eu⸗ ropa. Die Schaluppen waren oft mehrere Tage unter Weges: die vorſichtigen Schiffer zogen die Segel ein, wenn der Wind ſtark wurde, gingen Nachts vor Anker, und ſchickten das Boot an das Land, um Milch zum Thee zu holen, ohne welchen die guten alten Damen, die ſich als Paſ⸗ ſagiere am Bord befanden, nicht leben konnten. Und dann gab es die vielbeſprochenen Gefahren der Tappaan⸗Zee und die Hochlande.**) Kurz, ein weiſer hollaͤndiſcher Buͤrger pflegte von einer ſolchen Reiſe Monate, ja ſogar Jahre vorher, zu reden, und unternahm ſie nie, ohne vorher *) Die Yonkers ſind eine Hügelreihe auf dem öſtlichen Ufer des Hudſon. Ueberſ. **) Die Tappaan⸗Zee iſt eine breite Stelle im Hudſon, Orangetown gegenüber, und die Hochlande ſind eine groß⸗ artige Gebirgsgegend am Hudſon, die nahe bei der Feſtung Weſtpoint anfangt und bis Newbury geht. Ueberſ. 296—— ſeine Angelegenheiten in Ordnung zu bringen, ſein Teſtament zu machen und Fuͤrbitten fuͤr ſich in der hollaͤndiſchen Kirche thun zu laſſen. Auf einer ſolchen Reiſe, dachte Dolph, wuͤr⸗ de er Zeit genug zum Nachdenken haben, um einen Entſchluß faſſen zu koͤnnen, wann er in Albany angekommen ſeyn wuͤrde. Der Capi⸗ tain, mit ſeinem blinden Auge und ſeinem lahmen Beine, erinnerte ihn allerdings an ſeinen ſonder⸗ baren Traum, ſo daß er einige wenige Augen⸗ blicke lang nicht recht wußte, woran er war: al⸗ lein ſein Leben war in der letzten Zeit ein ſo ſonderbares Gemiſch von Traum und Wirklich⸗ keit, Tag und Nacht ſo ſehr eins geweſen, daß er beſtaͤndig in einer Taͤuſchung zu leben glaubte. Indeſſen giebt es immer einen gewiſſen Land⸗ ſtreicher-Troſt, der darin beſteht, daß man in dieſer Welt nichts zu verlieren habe, und damit troͤſtete ſich Dolph und beſchloß, ſich den gegenwaͤr⸗ tigen Genuß ſo gut als moͤglich zu Nutze zu machen. Am zweiten Tage der Reiſe kam man an die Hochlande. Es war gerabe der letzte Theil eines ruhigen, ſchwuͤlen Tages, und das Schiff glitt langſam mit der Fluth zwiſchen dieſen duͤ⸗ ſtern Bergen hin. Ueberall herrſchte die voll⸗ kommene Ruhe, in welche, bei der ermattenden . 297 Hitze eines Sommertages, die Natur verſinkt: das Umdrehen einer Planke, das zufaͤllige Da⸗ niederfallen eines Ruders auf dem Verdecke, hallte von den Bergen wieder und toͤnte lange am Ufer hin, und wenn etwa der Kapitain ein lautes Wort des Befehls erſchallen ließ, ſo riefen tauſend luftige Zungen es ſpottend von jeder Klippe nach. Dolph blickte in ſtummem Entzuͤcken und Ver⸗ wunderung auf dieſe Herrlichkeit der Natur. Zur linken erhob der Dunderberg ſeine bewachſe⸗ nen Seiten, Hoͤhe uͤber Hoͤhe, Wald uͤber Wald, bis in den dunkeln Sternenhimmel hinein. Zur Rechten ſprang das Vorgebirge St. Antonius⸗ Naſe keck hervor, und ein einſamer Adler krei⸗ ſete um daſſelbe, waͤhrend, weiterhin, ſich Berg an Berg reihte, bis alle ſich in einander zu ver⸗ ſchlingen und den maͤchtigen Fluß in ihre Um⸗ armungen aufzunehmen ſchienen. Es lag ein Gefuͤhl ruhig ſchwelgenden Genuſſes in dem An⸗ blick der breiten, gruͤnen Thaͤler, welche hie und da zwiſchen den Abgruͤnden ſich ausdehnten, und der hoch in die Luft ſich erhebenden Wal⸗ dungen, welche uͤber den Rand irgend einer kuͤhn aufgethuͤrmten Klippe hinuͤberragten, waͤhrend ihr. Laub von den Sonnenſtrahlen prachtvoll durch⸗ leuchtet wurde. 298— Waͤhrend Dolph ſo in Bewunderung ver⸗ ſunken war, bemerkte er eine Gruppe glaͤnzender, ſchneeweißer Wolken, welche uͤber die weſtli⸗ chen Hoͤhen heruͤberblickte; dieſer folgte bald eine zweite und dritte, von denen eine jede ſich an die vorige anzuſchließen und in prachtvollem Glanze an dem dunkelblauen Himmel ſich auf⸗ zuthuͤrmen ſchien, und nun hoͤrte man einen dumpfen Donner hinter den Bergen rollen. Der Fluß, welcher bisher ruhig und ſpiegelglatt ge⸗ weſen war und das Bild des Himmels und der Erde zuruͤckgeworfen hatte, fing itzt an, ſich in der Entfernung zu kraͤuſeln, waͤhrend der Wind langſam daruͤber anſchwoll. Die Fiſchreiher krei⸗ ſeten und ſchrieen und ſuchten ihre Neſter auf den hohen duͤrren Baͤumen, die Kraͤhen fluͤchte⸗ ten kraͤchzend in die Felsſpalten, und die ganze Natur ſchien dem Herannahen des Ungewitters entgegen zu ſehen. Die Wolken begannen itzt, in dichten Maſ⸗ ſen, uͤber die Berggipfel zu ziehen, ihre Spiten waren noch glaͤnzend und ſchneeweiß, der untere Theil aber von Rabenſchwaͤrze. Der Regen fiel in einzelnen, großen Tropfen nieder: der Wind ward ſtaͤrker, und die Wellen begannen ſich zu kraͤuſeln: endlich ſchien es, als ob die ſchweren — A 299 Wolken von den Bergſpitzen aufgeriſſen worden ſeyen, und eine Fluth von Regen ſtroͤmte mit to⸗ ſendem Ungeſtuͤm herab. Aus allen Wolken leuch⸗ teten Blitze, ſchlaͤngelten ſich an den Felſen hin, und zerſpalteten und zertruͤmmerten die ſtaͤrkſten Baͤume des Waldes. Der Donner krachte furcht⸗ bar, von Berg zu Berg hallte ſein Rollen wie⸗ der, er tobte uͤber dem Dunderberg), rollte . dann die lange Kette der Hochlande hinunter, wo jedes Vorgebirge ihn einzeln nachhallte, bis der alte Bull⸗hill**) das ganze Ungewitter zuͤr⸗ nend zuruͤckzutoſen ſchien. Eine Zeit lang entzog der fliegende Dunſt und Nebel, ſo wie der Platzregen, die Gegend beinahe ganz dem Anblicke. Es war eine furcht⸗ bare Duͤſterkeit, welche durch die einzelnen, zwi⸗ ſchen den Regentropfen hindurchleuchtenden Blitz⸗ ſtrahlen noch furchtbarer wurde. Nie hatte Dolph einen ſo gewaltigen Kampf der Elemente geſehn: es ſchien, als ob das Ungewitter ſich durch dieſe Bergſchluchten einen Weg hindurch⸗ bahnen wolle, und das ganze Geſchuͤtz des Him⸗ mels dabei aufgeboten habe. *) Der Donnerberg. *) Der Ochſenhügel. 500 Das Schiff ward von dem verſtaͤrkten Winde fortgetrieben, bis es an die Stelle kam, wo der Fluß eine ploͤtzliche Wendung, die einzige in ſei⸗ nem ganzen majeſtaͤtiſchen Laufe*), macht. In V * dem Augenblicke, wo ſie um die Spitze herum⸗ fuhren, kam ein heftiger Windſtoß aus einer Berg⸗ ſchlucht hervor, und machte, daß der Forſt vor ihm erbebte, und der Fluß ſich mit weißem Schaum bedeckte. Der Capitain ſah die Gefahr, und be⸗ fahl, das Segel einzuziehen; ehe dieſer Befehl aber vollſtreckt werden konnte, hatte der Wind ſchon die Schaluppe ergriffen und warf ſie auf die Seite. Izt gerieth Alles in Schrecken und Verwirrung. Das Schlagen der Segel, das Pfeifen und Sauſen des Windes, das Schreien des Capitains und des Schiffsvolkes, das Weh⸗ klagen der Paſſagiere, alles miſchte ſich in das Rollen und Krachen des Donners. Mitten in dieſem Laͤrm richtete ſich die Schaluppe wieder auf, in demſelben Augenblicke legte ſich aber das große Segel um, die Spier ſtrich uͤber die Schanze, und Dolph, der ganz unbeſorgt nach . ²) Dieß muß die Krümmung bei der Weſtſpitze geweſen ſeyn. Verf. Auf dem weſtlichen Ufer des Fluſſes, unter Canterbury. Ueberſ. 1 —— 301 den Wolken ſah, fand ſich ploͤtzlich läͤngelangs im Waſſer. Dießmal war ihm eine ſeiner Nebenbeſchaͤf⸗ tigungen von großem Nutzen. Die vielen Stunden, die er außer der Schule mit Schwimmen im Hudſon zugebracht, hatten ihn zu einem geuͤbten Schwimmer gemacht: bei aller ſeiner Staͤrke und Geſchicklichkeit, konnte er jedoch nicht ohne große Anſtrengung das Ufer erreichen. Sein Verſchwinden von dem Verdecke war von dem Schiffsvolke, welches mit ſeiner eigenen Gefahr beſchaͤftigt war, gar nicht bemerkt worden. Die Schaluppe ward mit unglaublicher Schnelligkeit weiter getrieben: mit Muͤhe kam ſie gluͤcklich um ein langes Vorgebirge an dem öſtlichen Ufer, um welches der Fluß ſich wandte, und welches ſie Dolph's Blicke gaͤnzlich entzog. Eine Spitze des weſtlichen Ufers war es, wo er endlich landete, die Felſen erklomm und ſich nun, matt und erſchoͤpft, am Fuße eines Bau⸗ mes niederwarf. Nach und nach ging das Un⸗ gewitter voruͤber, und die Wolken zogen nach Oſten hin, wo ſie ſich, von den letzten roſigen Strahlen der Sonne beſchienen, in flockigen Maſ⸗ ſen anhaͤuften. Noch konnte man das entfernte Zucken des Blitzes an ihren dunkeln Untertheilen 302 ſehen, und zuweilen das ſchwache Rollen des Don⸗ ners hoͤren. Dolph erhob ſich und ging um⸗ her, um zu ſehen, ob irgend ein Pfad vom Ufer ab fuͤhre: alles aber war wild und hutlos. Die Felſen waren aufeinander gethuͤrmt, maͤchtige Baum⸗ ſtaͤmme lagen zerſplittert umher, wie die Stuͤr⸗ me, welche uͤber dieſe Berge hinziehen, ſie um⸗ geſtuͤrzt hatten, oder wie ſie, vom Alter entkraͤftet, daniedergeſunken waren. Die Felſen waren mit wildem Wein und wilden Roſen bedeckt, die ſo in einander verwachſen waren, daß ſie allen Zu⸗ gang verſperrten, und jede Bewegung, die er machte, zog einen Regen von den tropfenden Blaͤt⸗ tern nach ſich. Er verſuchte, einen dieſer beinahe ſenkrecht herabgehenden Felſen zu erklimmen, al⸗ lein, obgleich ſtark und behend, fand er doch, daß dieß ein herkuliſches Unternehmen ſey. Oft ſtand er nur auf broͤkelnden Vorſpruͤngen des Felſens, dann hielt er ſich wieder an Wurzeln und Zwei⸗ gen, und hing beinahe in der Luft. Die Wald⸗ taube ſchwirrte dicht bei ihm voruͤber, und der Adler ſchrie von der Spitze des uͤberhangenden 4 Felſens herab. Waͤhrend er ſo emporklomm, und im Begriff war, einen Strauch zu erfaſſen, um ſich bei dem Aufſteigen zu helfen, rauſchte etwas zwiſchen den Blaͤttern, und er ſah eine Schlange, 2— 303 beinahe unter ſeiner Hand, blitzesſchnell dahin ſchießen. Sie rollte ſich beinahe augenblicklich in einer herausfordernden Stellung zuſammen, mit plattem Kopfe, aufgeſperrtem Rachen und ſchnell bewegter Zunge, welche wie eine Flamme aus ihrem Munde ſpielte. Dolph's Muth ſank bei dieſem Anblicke, und es fehlte nicht viel, ſo haͤtte er den Strauch fahren laſſen und waͤre in die Tiefe hinabgeſtuͤrzt. Die Schlange blieb indeß nur einen Augenblick in jener Stellung: es war eine inſtinktartige Bewegung der Vertheidi⸗ gung, und da ſie ſich nicht angegriffen ſah, ſo glitt ſie in eine Spalte des Felſens. Dolph's Auge folgte ihr mit der ganzen Spannung der Furcht, und er ſah bald, daß er ſich in der Naͤhe eines Neſtes von Ottern befand, welche, verſchlun⸗ gen durch einander ſich bewegend und ziſchend, in der Kluft lagen. Mit aller Eil ſuchte er aus einer ſo furchtbaren Nachbarſchaft zu entkommen. Seine Einbildungskraft war von dieſen neuen Schhrecken erfuͤllt, in jeder Weinranke ſah er eine Schlange, und in dem Rauſchen eines jeden trockenen Blattes glaubte er das Raſſeln der Ringe einer Klapperſchlange zu hoͤren. Endlich gelang es ihm, den Gipfel eines der Felſenabhaͤnge zu erklimmen, allein dieſer war mit 1 1 b A 6 b 304— einem dichten Walde bedeckt. Wo er zwiſchen den Baͤumen hindurchblicken konnte, ſah er, daß die Kuͤſte aus Hoͤhen und Klippen beſtand, von denen eine ſich uͤber der andern erhob, bis ge⸗ waltige Berge uͤber alles Uebrige hinwegragten. Spuren von Anbau waren nirgends zu erblicken, noch erhob ſich zwiſchen den Baͤumen irgend ein Rauch, der auf das Daſeyn einer menſchlichen Wohnung haͤtte ſchließen laſſen. Alles war wild und einſam. Als er am Rande eines Abhanges ſtand, der uͤber eine tiefe, mit Baͤumen beſetzte Schlucht heruͤberragte, löͤſ'te ſich, unter ſeinen Fuͤßen, ein großes Felsſtuͤck ab und rollte ſchmet⸗ ternd durch die Baumwipfel in die Schlucht hinunter. Ein lautes Geſchrei oder vielmehr Geheul toͤnte aus dem Grunde herauf; einen Augenblick nachher hoͤrte er den Knall einer Flinte, und eine Kugel pfiff uͤber ſeinen Kopf weg, zerſchmetterte Zweige, ſchlug die Blaͤtter danieder und fuhr tief in die Rinde eines Ka⸗ ſtanienbaums. Dolph wartete den zweiten Schuß nicht ab, ſondern nahm eilig die Flucht, in beſtaͤndiger Furcht, ſich von dem Feinde verfolgt zu ſehen. Indeſſen kam er unangetaſtet wieder an das Ufer zuruͤck, und entſchloſſen, nicht weiter in ein —— 303 Land einzudringen, worin ſo manche Gefahren ſeiner warteten. Er ſetzte ſich nun, unbarmherzig triefend, auf einen feuchten Stein nieder. Was ſollte er thun? Wo ſollte er eine Zuflucht ſuchen? Die Stunden der Ruhe naͤherten ſich, die Voͤ⸗ gel ſuchten ihre Neſter auf, die Fledermaͤuſe be⸗ gannen im Zwielicht zu ſchwirren, und der Nacht⸗ falk, der hoch am Himmel dahin flog, ſchien die Sterne hervorzurufen. Die Nacht brach allmaͤ⸗ lig an und huͤllte Alles in Dunkel, und obgleich es noch in der letzten Haͤlfte des Sommers war, ſo war doch der Wind, welcher am Fluſſe und an den traͤufelnden Baͤumen hinwehte, kalt und durchdringend, beſonders fuͤr einen Halb⸗ ertrunkenen. Waͤhrend er traurig und verzweiflungs⸗ voll in dieſer unbehaglichen Lage da ſaß, ſah er ein Licht durch die Baͤume am Ufer ſchimmern, da, wo die Kruͤmmung des Fluſſes eine tiefe Bucht bildete. Dieſer Anblick erweckte bei ihm die Hoffnung, daß hier eine menſchliche Wohnung ſeyn moͤchte, wo er vielleicht etwas erhalten koͤnnte, um die lauten Forderungen ſeines Magens zu befriedigen, und, was ihm, als einem Schiffbruͤ⸗ chigen, eben ſo noͤthig war, wo er ein behag⸗ ————— 306 liches Obdach fuͤr die Nacht finden duͤrfte. Mit großer Muͤhe bahnte er ſich einen Weg nach dem Lichte, an Felsſchichten hin, an denen er in be⸗ ſtaͤndiger Gefahr ſchwebte, in den Fluß hinab zu gleiten, und uͤber große Staͤmme umgeſtuͤrzter Baͤume, von denen einige bei dem letzten Stur⸗ me entwurzelt worden waren, und die ſo dicht lagen, daß er ſich durch ihre Aeſte einen Weg bahnen mußte. Endlich kam er an den Rand eines Huͤgels, der uͤber eine kleine Schlucht hin⸗ uͤberragte, aus welcher das Licht herſchien. Dieß kam von einem Feuer, das am Fuße eines großen Baumes angezuͤndet war, welcher in der Mitte eines zwiſchen den Felſen belegenen Grasplatzes ſtand. Das Feuer warf einen roͤthlichen Schein auf die grauen Klippen und die daruͤber hinhan⸗ genden Baͤume, zwiſchen denen tiefe dunkele Spal⸗ ten waren, welche Eingaͤngen zu Hoͤhlen glichen. Ein kleiner Bach rieſelte dicht dabei, den man an dem zitternden Widerſchein der Flamme er⸗ kannte. Zwei Geſtalten bewegten ſich um das Feuer; mehrere andere ſaßen, gehockt, an dem⸗ ſelben. Da ſie zwiſchen ihm und dem Lichte waren, ſo befanden ſie ſich ganz im Schatten, als aber die Eine ſich zufaͤllig nach der an⸗ dern Seite hinwandte, erſchrak Dolph, denn 2* 2* 307 er ſah, bei der Flamme, die auf ſein bemaltes Geſicht ſchien, und ſich in den ſilbernen Zierra⸗ then ſpiegelte, daß es ein Indianer war. Er ſah itzt genauer hin, und erblickte Gewehre an einen Baum gelehnt, und einen Todten, der am Boden lag. Dolph war itt, wie er einſah, ſchlimmer daran, als vorher, denn hier hatte er offenbar den Feind, der von der Schlucht aus nach ihm geſchoſſen hatte, vor ſich. Er ſuchte ſich deswe⸗ gen in aller Stille zu entfernen, da er ſich die⸗ ſen Halbmenſchen doch, an einem ſo wilden, ein⸗ ſamen Orte, unmoͤglich anvertrauen konnte. Al⸗ lein dies war zu ſpaͤt; der Indianer hatte, mit dem, ſeinem Geſchlecht eigenthuͤmlichen Adlerblick, etwas in dem Gebuͤſch am Felſen ſich bewegen geſehen: er ergriff eine von den Flinten, welche gegen den Baum gelehnt ſtanden, und— ein Augenblick, und Dolph's Neigung zu Aben⸗ teuern waͤre durch eine Kugel geheilt geweſen. Er rief laut den indianiſchen Freundſchaftsgruß; der ganze Haufe ſprang auf, der Gruß ward erwiedert, und der Fluͤchtling eingeladen, ſich zu ihnen an das Feuer zu ſetzen. Als er naͤher kam, fand er, zu ſeiner Be⸗ ruhigung, daß die Geſellſchaft ſowohl aus Wei⸗ 308— ßen als aus Indianern beſtand. Einer davon, offenbar die Hauptperſon oder der Befehlshaber, ſaß auf einem Baumſtamme, nahe bei dem Feu⸗ er. Es war ein großer, ſtarker Mann, ſchon ziemlich bei Jahren, aber kraͤftig und tuͤchtig. Sein Geſicht war beinahe zu der Hautfarbe der Indianer gebraͤunt: er hatte ſtarke, aber nicht unfreundliche Zuͤge, eine Habichtsnaſe und einen Mund wie ein Bullenbeißer. Sein Geſicht war von einem breitkrempigen Hut, mit einem Rehbocksſchwanze daran, halb beſchattet. Sein graues Haar war kurz am Nacken weggeſchnit⸗ ten. Er trug einen Jagdrock, hatte indianiſche Beinkleider und Mockaſins an*) und ein To⸗ mahawk**) ſteckte in dem breiten Wampum⸗Guͤr⸗ tel*) um die Huͤften. Als Dolph ſeine Ge⸗ ſtalt und Zuͤge genauer betrachtete, fiel ihm man⸗ ches auf, das ihn an den alten Mann im Spuk⸗ *) Mockaſins ober Mockaſons ſind Schuhe von weichem Leder, ohne Sohle, welche um die Knöchel Zierra⸗ then haben. Es iſt ein indianiſcher Name. Ueberſ. *¼) Streitaxt. Ueberſ. 4 ***) Wampum nennen die Amerikaner die ſogenannte Venusmuſchel, aus deren violetblauem Theile ſie ihren Schmuck verfertigen, und namentlich ihre Leibgürtel damit beſetzen. Ueberſ. 309 Hauſe erinnerte. Der Mann hier unterſchied ſich indeß ſowohl durch die Kleidung, als durch ſein Alter, auch hatte er ein heiteres Anſehen, und es war ſchwer, zu beſtimmen, worin eigent⸗ lich die Aehnlichkeit lag: aber eine Aehnlichkeit war allerdings vorhanden. Dolph fuͤhlte eine gewiſſe Scheu, als er ſich ihm naͤherte, ward in⸗ deſſen durch die offene, herzliche Bewillkomm— nung, mit der er empfangen ward, bald ermu⸗ thigt. Als er die Augen um ſich her warf, fuͤhlte er ſeinen Muth noch mehr wachſen, denn er ſah, daß der Todte, der ihm einigen Schrek⸗ ken eingejagt, ein erlegter Hirſch war, und noch mehr Beruhigung gewaͤhrte es ihm, als eer an dem kraͤftigen Geruch, der aus einem, an einem zackigen Stock uͤber dem Feuer aufgehaͤngten Keſſel emporſtieg, bemerkte, daß ein Theil davon zum Abendeſſen bereitet werde. Es ergab ſich itzt, daß er auf eine Jagd⸗ geſellſchaft geſtoßen war, wie ſie damals von den am Fluſſe wohnenden Anſiedlern oft veran⸗ ſtaltet wurde. Ein Jaͤger iſt immer gaſtfrei, und nichts macht die Leute geſelliger und zu⸗ traulicher, als wenn ſie in einer Wildniß zuſam⸗ mentreffen. Der Anfuͤhrer der Geſellſchaft ſchenkte ihm einen Trunk belebenden Getraͤn⸗ 310 kes ein, das er ihm mit einem feoͤhlichen Laͤcheln hinreichte, um ſein Herz zu erwaͤrmen, und be⸗ fahl ſodann einem ſeiner Begleiter, einige Klei⸗ dungsſtuͤcke aus einer Pinaſſe zu holen, welche in einer Bucht, nicht weit davon, vor Anker lag, waͤhrend die triefenden Kleider, die unſer Held auf dem Leibe trug, an dem Feuer getrocknet wuͤrden. Dolph erfuhr, wie er geahnet hatte, daß der Schuß aus der Schlucht, der ihn beinah in die Ewigkeit befoͤrdert haͤtte, als er auf dem Abhange ſtand, aus der Geſellſchaft gekommen war. Das Felsſtuͤck, das ſich unter ſeinen Fuͤßen abge⸗ loͤſt, hatte beinahe einen aus der Geſellſchaft er⸗ ſchlagen, und der muntere alte Jaͤger, mit dem breiten Hute und dem Rehbockſchwanze, hatte nach dem Orte hingeſchoſſen, wo er das Gebuͤſch ſich bewegen geſehen, in der Meinung, es ſey ir⸗ gend ein wildes Thier. Er lachte herzlich uͤber den Irrthum, da er das Ganze, nach Jaͤgerart, fuͤr einen herrlichen Spaß anſah:„Aber wahr⸗ haftig, Burſche“ ſagte er,„haͤtte ich nur etwas von Dir geſehen, um danach zielen zu koͤnnen, ſo waͤrſt Du dem Felsſtuͤck gefolgt. Antonius van der Heyden ſchießt ſelten fehl.“ Dieſe letzten Worte befriedigten auf einmal Dolph's 311 Neugier, und einige wenige Fragen, machten ihn vollkommen mit dem Charakter des Man⸗ nes bekannt, den er vor ſich hatte, und mit dem ſeiner ganzen Schaar von Buſchkleppern. Der Anfuͤhrer mit dem breitkrempigen Hute und in dem Jagdrocke, war Niemand anders, als Herr Antonius van der Heyden, aus Albany, von dem Dolph ſchon oft gehoͤrt hatte. Er war, in der That, der Held mancher Erzaͤhlung, und ein Mann von gar ſonderbarer Laune und ſelt⸗ ſamen Gewohnheiten, uͤber die ſeine ruhigen hol⸗ laͤndiſchen Nachbarn ſich gar ſehr verwunderten. Da er ein vermoͤgender Mann war, und von ſeinem Vater große Strecken wilden Landes und ganze Faͤſſer voll Wampum“) geerbt hatte, ſo konnte er ſeiner Laune ungeſtoͤrt nachleben. Statt ruhig zu Hauſe zu bleiben, zu regelmaͤßiger Zeit zu trinken und zu eſſen, ſeine Pfeife auf der Bank vor der Thuͤr zu rauchen, und ſich am Abend in ſein bequemes Bett zu legen, fand er an al⸗ len rauhen, wilden Unternehmungen Behagen. Er war nie gluͤcklicher, als wenn er auf der Jagd in der Wildniß war, unter Baͤumen oder ) Die Indianer bedienen ſich nemlich des Wampunt auch als Münze, wie die Afrikaner des Kauris. Ueberſ. 312 in Huͤtten von Baumrinden ſchlief, den Fluß hinunter, oder auf irgend einem See im Walde, umher fuhr, fiſchte und ſchoß, und ſich, Gott weiß wo, herum trieb. Er war ein großer Freund der Indianer und ihrer Lebensart, die er fuͤr die wahre natuͤr⸗ liche Freiheit und den maͤnnlichen Lebensgenuß hielt. Wenn er zu Hauſe war, hatte er immer einige Indianer um ſich, die ſich um das Haus umhertrieben und wie Hunde in der Sonne ſchliefen, oder Jagd⸗ und Fiſcherzeug, zu irgend einem neuen Ausfluge, in Bereitſchaft ſetzten, oder mit Pfeil und Bogen nach dem Ziele ſchoſſen. Ueber dieſe Landſtreicher uͤbte Herr Anto⸗ nius eine ſo unbeſchraͤnkte Herrſchaft aus, wie nur ein Jaͤger uͤber ſeine Meute; fuͤr die ſtillen Bewohner der Nachbarſchaft waren ſie aber eine große Laſt. Da er ein reicher Mann war, ſo wagte es Niemand, ihm bei der Befriedigung ſeiner Launen etwas in den Weg zu legen; auch hatte er wirklich etwas Herzliches, Froͤhliches, das ihn allgemein beliebt machte. Wenn er die Straße hinunterging, brummte er ein hollaͤndi⸗ ſches Lied, rief Jeden an, wenn er noch eine Viertelmeile von ihm war, und wenn er in ein Haus eintrat, ſchlug er dem Hausvater ver⸗ trau⸗ — 313 traulich auf den Nuͤcken, druͤckte ihm die Hand, bis er laut aufſchrie, und kuͤßte ſeine Frau und Toͤchter vor ſeinen Augen— kurz, Herr Anto⸗ nius hatte durchaus keinen Stolz noch Arg an ſich. Außer ſeinen indianiſchen Begleitern, hatte er noch drei oder vier ergebene Freunde unter den Weißen, welche ihn als ihren Goͤnner anſa⸗ hen, ſich es aus ſeiner Kuͤche wohl ſeyn ließen, und von ihm gelegentlich auf ſeinen Ausfluͤgen mitge⸗ nommen wurden. Mit einem gemiſchten Haufen dieſer Art, war er itzt auf einem Kreuzzuge auf dem Hudſon, laͤngs den Ufern deſſelben, be⸗ griffen, mit einer Pinaſſe, welche er zu ſeiner Beluſtigung hielt. Es waren zwei Weiße bei ihm, die zum Theil nach indianiſcher Art geklei⸗ det waren, und Mockaſins und Jagdhemden trugen: die uͤbrige Bemannung beſtand aus vier Lieblingsindianern. Sie waren am Fluſſe hinge⸗ ſtreift, ohne irgend einen beſtimmten Zweck, bis ſie ſich in den Hochlanden befanden, wo ſie ſchon zwei oder drei Tage zugebracht, und Hir⸗ ſche gejagt hatten, welche ſich noch in dieſen Bergen hielten. „Es iſt ein Gluͤck, junger Mann,“ ſagte Antonius van der Heyden,„daß Ihr gerade heute uͤber Bord geſchleudert wurdet, da wir II. O * 314 morgen fruͤh wieder nach Hauſe zuruͤckkehren, und Ihr dann vergebens in dieſen Bergen Euch nach einer Mahlzeit umgeſehn haben wuͤrdet.— Doch nun, Burſche, ruͤhrt euch! ruͤhrt euch! laßt ſehen, was es heute zu Abend giebt— der Keſ⸗ ſel hat lange genug geſotten, mein Magen knurrt, und ich glaube, unſer Gaſt wird ſich nicht ſehr noͤthigen laſſen.“ Itz gerieth in dem kleinen Lager Alles in Bewegung: Einer nahm den Keſſel vom Feuer, und leerte einen Theil ſeines Inhalts auf eine große hoͤlzerne Schuͤſſel aus; ein Anderer machte ein plattes Felsſtuͤck zum Tiſche zurecht, waͤhrend ein Dritter mehreres Geraͤth aus der naheliegen⸗ den Pinaſſe brachte; Herr Antonius ſelbſt aber holte eine oder zwei Flaſchen trefflichen Ge⸗ traͤnks aus ſeinem eigenen Flaſchenfutter, da er ſeine Gefaͤhrten zu gut kannte, um einem von ih⸗ nen den Schluͤſſel anzuvertrauen. Die einfache, aber kraͤftige Mahlzeit war bald aufgetragen; ſie beſtand aus dem Wilde, das rauchend aus dem Keſſel kam, kaltem Speck, gekochtem tuͤrkiſchen Weizen und gewaltigen ſchwar⸗ zen hausbackenen Broden. Nie hatte Dolph eine koͤſtlichere Mahlzeit gehalten, und als er ſie — — 315 durch zwei oder drei Zuͤge aus Herrn Antonius Flaſche hinuntergeſpuͤlt, und nun fuͤhlte, wie des kraͤftigen Trunkes Feuer ſich durch alle ſeine Adern verbreitete und ſogar ſein Herz erwaͤrmte, da haͤtte er nicht mit dem Gouverneur der Provinz tauſchen moͤgen. Auch Herr Antonius ward ganz munter und froͤhlich, und erzaͤhlte ein halbes Dutzend derber Geſchichten, bei denen ſeine weißen Be⸗ gleiter unmaͤßig lachten, die Indianer aber, wie gewoͤhnlich, einen unerſchuͤtterlichen Ernſt beob⸗ achteten. „Das iſt das wahre Leben, lieber Junge!“ ſagte er, indem er Dolph auf die Schulter ſchlug:„ein Mann verdient nicht eher ein Mann genannt zu werden, ehe er nicht Wind und Wet⸗ ter Trotz bieten, durch Wald und Flur ſtreifen, un⸗ ter einem Baume ſchlafen, und von Lindenblaͤt⸗ tern leben kann!“ Und nun ſang er eine oder zwei Strophen eines hollaͤndiſchen Trinkliedes, mit einer kurzen dicken hollaͤndiſchen Flaſche in der Hand, wobei ſeine Genoſſen im Chor einſtimmten, daß die Waͤl⸗ der wiederhallten, wie es in dem guten alten Liede heißt: 0 2 316 Sie tobten, daß Himmel und Erde erklang, Nach des Hochamts geheiligter Stille: Nun ging es zum Schmauſe, in froͤhlicher Luſt, Sie tranken des Weines die Fuͤlle. Mitten in dieſer Luſt beobachtete Herr Antonius jedoch die noͤthige Vorſicht. Obgleich er Dolph die Flaſche ohne Weiteres hinſchob, ſo ſchenkte er doch ſeinen Begleitern ſelbſt ein, da er in Hinſicht ihrer wohl wußte, mit wem er zu thun hatte, und gab beſonders den Indianern nur ein ſehr be⸗ ſcheidenes Maaß. Nachdem das Mahl geendet war, und die Indianer getrunken und ihre Pfei⸗ fen geraucht hatten, wickelten ſie ſich in ihre Decken, ſtreckten ſich auf den Boden hin, mit den Fuͤßen nach dem Feuer gekehrt, und ſchlie⸗ fen, wie ermuͤdete Jagdhunde, bald ein. Der aͤbrige Theil der Geſellſchaft ſchwatzte noch bei dem Feuer, welches die Dunkelheit des Waldes und die, durch den letzten Sturm ſehr feucht ge⸗ wordene Luft, ſehr angenehm und behaglich machte. Die Unterhaltung ward allmaͤlig ruhiger, und wand⸗ te ſich auf Jagdabenteuer und auf Unternehmun⸗ gen und Gefahren in der Wildniß, von denen manche ſo ſonderbar und unwahrſcheinlich klangen, daß ich ſie nicht wiedererzaͤhlen will, damit man die Wahrheitsliebe des Herrn Antonius van 31 — 1 der Heyden und ſeiner Genoſſen nicht in Zweifel ziehen moͤge. So wurden auch manche Maͤrchen von dem Fluſſe und den Niederlaſſungen an ſeinen Ufern zum beſten gegeben, in welcher ſchaͤtzbaren Kunde Herr Antonius beſonders bewandert zu ſeyn ſchien. Als der mannhafte Waidmann ſo auf einer kno⸗ tigen Baumwurzel ſaß, die ihm zu einer Art von Lehnſtuhl diente, und dieſe ſchauerlichen Ge⸗ ſchichten erzaͤhlte, waͤhrend das Feuer ſeine ſtar⸗ ken Zuͤge erhellte, kam Dolph mehreremale et⸗ was in den Sinn, das ihn an die Erſcheinung in dem Spukhauſe erinnerte: eine fluͤchtige Aehn⸗ lichkeit, welche ſich nicht auf irgend einen beſtimm⸗ ten Zug zuruͤckfuͤhren ließ, wohl aber im All⸗ gemeinen in ſeinem Antlitz und in ſeiner Ge⸗ ſtalt lag. Der Umſtand, daß Dolph uͤber Bord ge⸗ fallen war, ward wiederum eroͤrtert und gab Ge⸗ legenheit zur Erzaͤhlung verſchiedener Ungluͤcks⸗ faͤlle und beſonderer Faͤhrlichkeiten, welche Rei⸗ ſenden auf dieſem großen Fluſſe, vorzuͤglich in den fruͤheren Zeiten der Colonie, zugeſtoßen wa⸗ ren, von denen Herr Antonius die meiſten geradezu uͤbernatuͤrlichen Urſachen zuſchrieb. Dolph horch⸗ te hoch auf bei dieſer Behauptung, allein der alte Herr verſicherte ihm, daß die am Fluſſe 31838— wohnenden Anſiedler allgemein den Glauben haͤt⸗ ten, daß dieſe Hochlande unter der Herrſchaft uͤbernatuͤrlicher und ſchadenfroher Weſen ſtaͤnden, welche gegen die hollaͤndiſchen Coloniſten, vom Anfange der Niederlaſſung her, einen gewiſſen Groll gefaßt zu haben ſchienen. Demzufolge haͤtten ſie jederzeit ein beſonderes Gefallen darin gefunden, ihre Tuͤcke an den hollaͤndiſchen Schiffern auszulaſſen und ihr Muͤthchen an ihnen zu kuͤhlen, ſie durch Windſtoͤße, widrige Win⸗ de, entgegengeſetzte Stroͤmungen und alle andere Hinderniſſe der Art zu plagen, ſo daß ein hol⸗ laͤndiſcher Schifffahrer immer ſehr vorſichtig und klug bei ſeiner Fahrt ſeyn, am Abend vor Anker gehn, und ſogleich ſeine Gaffel auftoppen oder das Segel einziehn muͤſſe, ſobald er eine ſchwere Wolke uͤber die Berge herkommen ſaͤhe,— rurz, er muͤſſe ſo viele Vorkehrungen treffen, daß er oft eine unglaublich lange Zeit brauche, ehe er ſich den Fluß hinaufgequaͤlt habe. Einige, ſagte er, hielten dieſe feindlichen Maͤchte der Luft fuͤr boͤſe Geiſter, welche die in⸗ dianiſchen Zauberer, in den fruͤhern Zeiten der Provinz, beſchworen, um ſich an den Fremden zu raͤchen, die ſie aus ihrem Lande vertrieben haͤtten. Ja, ſie ſchrieben ihren Bezauberungen das Miß⸗ * —— 1 319 geſchick zu, welches den beruͤhmten Hendrik Hudſon betroffen, als er ſo kuͤhn dieſen Fluß hinaufgeſegelt, um den nordweſtlichen Durchgang zu finden, und mit ſeinem Schiffe, wie er glaubte, auf den Grund gerieth; dieß ſey, wie ſie behaupten wollen, nichts mehr und nichts weniger als ein Werk jener Zauberer geweſen, um zu verhin⸗ dern, daß er in dieſer Richtung nach China gelangte. Der groͤßere Theil, bemerkte Herr Antonius, ſetze indeß alle die außerordentlichen, mit der Schifffahrt auf dieſem Strome verknuͤpften Um⸗ ſtaͤnde, und die Gefahren, in welche die Schiffe geriethen, auf Rechnung der Sage von dem „Sturmſchiffe,“ welches bei Point⸗no⸗point ſpuke. Als Herr Antonius ſah, daß Dolph von dieſer Sage durchaus nichts wiſſe, ſtarrte er ihn einen Augenblick lang voll Ueberraſchung an, und fragte, wo er denn bis itzt gelebt habe, daß er uͤber einen ſo wichtigen Punkt in der Ge⸗ ſchichte ſo gaͤnzlich ununterrichtet ſey? Um in⸗ deß den uͤbrigen Theil des Abends zu verkuͤrzen, erzaͤhlte er die Sage, ſo weit ſein Gedaͤchtniß reichte, mit denſelben Worten, in welchen Myn⸗ heer Selyne, einer der fruͤhern Dichter der Neuen⸗Niederlande, ſie niedergeſchrieben. Nach⸗ 320—. dem er alſo das Feuer geſchuͤrt, daß die Funken umherſpruͤhten, wie die eines kleinen Vulkans, ſetzte er ſich behaglich in ſeiner Baumwurzel zu⸗ recht, und nachdem er den Kopf zuruͤckgelegt und ſo einige Augenblicke lang die Augen geſchloſſen, um ſein Gedaͤchtniß aufzufriſchen, erzaͤhlte er fol⸗ gende Sage. Das Sturmſchiff. ᷣ In den goldenen Zeiten der Provinz der Neuen⸗ Niederlande, als ſie noch unter der Herrſchaft Wouter's van Twiller, auch der Zweifler genannt, ſtand, wurden die Bewohner der Man⸗ hattos an einem ſchwuͤlen Nachmittage, gerade um die Zeit der Sommer⸗Sonnenwende, durch ein gewaltiges Ungewitter erſchreckt. Der Re⸗ gen fiel in ſolchen Stroͤmen, daß er vom Boden wieder aufſpritzte und dieſer davon rauchte. Der Donner ſchien dicht uͤber den Haͤuſern zu krachen und daruͤber hinzurollen, der Blitz ſpielte beſtaͤn⸗ dig um die St. Niklas⸗Kirche und ſuchte drei⸗ mal, wiewohl vergeblich, in den Wetterhahn zu ſchlagen. Garret van Home's Schornſtein ward beinahe von oben bis unten zerriſſen, und Doffue Mildeberger ſank, vom Blitze ge⸗ troffen, ſprachlos von ſeiner hlkoͤpfigen Stute, gerade als er in die Stadt reiten wollte,— kurz, 8 322——,y— es war eines von den faſt beiſpielloſen Ungewittern, wie ſie gewoͤhnlich nun einmal die ehrwuͤrdigen Perſonen erleben, die man in jeder Stadt unter dem Namen der äͤlteſten Einſpöner” kennt. 8 Die guten alten Frauen in den Manhat⸗ tos waren außer ſich vor Schrecken. Sie rafften ihre Kinder zuſammen und fluͤchteten da⸗, mit in die Keller, nachdem ſie auf jeden, eiſernen Bettpfoſten einen Schuh gehangen, damit jener nicht den Blitz anziehen ſolle. Endlich legte ſich das Unwetter: der Donner rollte ſchwaͤcher, und (die untergehende Sonne, welche unter, den ge⸗ ſaͤumten Raͤndern der Wolken hervorbrach, ließ den weiten Buſen der Bucht wie ein Meer 92 ſchmolzenen Goldes erſcheinen. Auf einmal kam von dem Fort die Nach⸗ richt, daß ein Schiff auf die Bucht losſteuere. Sie ging von Mund zu Mund, von„Straße zu Straße, und bald gerieth die ganze kkine Haupt⸗ ſtadt in Aufruhr. Die Ankunft eines Schiffs war, in jenen fruͤhen Zeiten der Niederlaſſung, ein Ereigniß von großer Bedeutung. Es brach⸗ te Naäuigkeiten aus der alten Welt, aus ei⸗ nes Jeden Geburtslande mit, von dem man ſo Samß getrennt war; und von dem jaͤhrlich an⸗ ℳ 4 323 kommenden Schiff erwarteten die Einwohner auch ihren Vorrath von Gegenſtaͤnden des Luxus, ihren Put, ihre Bequemlichkeiten, ja beinahe ihre noth⸗ we en Beduͤrfniſſe. Der guten Frau brachte es 12 neue Haube oder ihr neues Kleid mit, dem Handwerker ſein Arbeitszeug, dem Buͤrger⸗ meiſter ſeine Pfeife und ſeinen Wachholderbrannt⸗ wein, dem Schulknaben ſeinen Kreiſel und ſeine Murmel, und dem ſtattlichen Gutsbeſiter die Mauerſteine, womit er ſein neues Haus bauen wollte. So erwartete Alles, Reich und Arm, Groß und Klein, begierig die Ankunft des Schiffes. Dieſe war alljaͤhrlich das große Feſt fuͤr die Stadt Nell⸗ Amſterdam, und von einem Ende des Jahres zum andern, das Schiff der fortdauernde Gegen⸗ ſtand der Unterhaltung. Die Nachricht vom Fort machte, daß die ganze Bevoͤlkerung des Orts hinunter an die Batterie kam, ſich an dem erſehnten Anblicke zu weiden. Es war eigentlich nicht die Zeit, wo das Schiff erwartet wurde, und die Begebenheit gab zu allerhand Betrachtungen Anlaß. Biele Gruppen hatten ſich in der Gegend der Batte⸗ rie gebildet. Hier ſah man einen Buͤrgergeiſter, mit bedaͤchtigem und ſtattlichem Ernſte, mitten in einem Haufen alter Weiber und muͤſſiger Knaben 1 324 ſeine Meinung verkuͤndigen. Dort ſtand ein Haufe alter abgehaͤrteter Kerle, welche zu ihrer Zeit Matroſen oder Fiſcher geweſen waren und die bei allen ſolchen Gelegenheiten großes Gewicht hat⸗ ten. Unter Letzteren wurden verſchiedene Meinun⸗ gen laut, wodurch ein großer Streit unter den Par⸗ teinehmern entſtand; der aber, auf welchen Alles hin⸗ ſah, dem die Menge folgte, und den ſie beobach⸗ tete, war Hans van Pelt, ein alter hollaͤn⸗ diſcher Schiffscapitain, der den Dienſt verlaſſen hatte und als das Schifffahrts⸗Orakel des Orts angeſehen wurde. Er beobachtete das Schiff durch ein altes, mit getheerter Leinewand uͤberzog⸗ nes Teleſkop, brummte ein hollaͤndiſches Lied vor ſich hin, und ſagte nichts. Was Hans van Pelt brummte, hatte aber bei den Leuten immer mehr Gewicht, als eine ganze Rede von Andern. Das Schiff ward unterdeſſen auch dem blo⸗ ßen Auge immer erkennbarer; es war ein ſtarkes, rundes, nach hollaͤndiſcher Art gebautes Fahrzeug, mit hohem Buge und Hinterſchiff, das die hollaͤn⸗ diſche Flagge fuͤhrte. Die Abendſonne beleuchtete ſeine ſchwellenden Segel, als es uͤber die lang⸗ wogenden Wellen daher kam. Die Schildwacht, welche von der Annaͤherung Nachricht gegeben, ſagte aus, daß ſie das Schiff zuerſt geſehen, als 325 es ſchon mitten in der Bucht geweſen ſey, und daß es ſo ploͤtzlich vor ihr geſtanden habe, als ſey es gerade aus der ſchwarzen Gewitterwolke gekommen. Die Umſtehenden ſahen Hans van Pelt an, um zu hoͤren, was Er zu dem Bericht ſagen wuͤrde: er aber zog ſeinen Mund ſchaͤrfer zuſammen und ſagte nichts, worauf Einige die Koͤpfe ſchuͤttelten und Andere die Achſeln zuckten. Das Schiff ward nun zu mehreren Malen angerufen, gab aber keine Antwort, ſondern ſe⸗ gelte vor dem Fort vorbei und den Hudſon hinauf. Es ward eine Kanone auf daſſelbe ge⸗ richtet, die, mit einiger Schwierigkeit, von Hans⸗ van Pelt geladen und abgefeuert wurde, da die Beſatzung mit dem Geſchuͤtz nicht wohl um⸗ zugehen wußte. Die Kugel ſchien mitten durch das Schiff zu gehen und auf der andern Seite auf dem Waſſer hin zu tanzen, ohne daß von dem Schiffe das mindeſte darauf erfolgt waͤre! Sonderbar war es, daß es alle Segel aufge⸗ zogen hatte und gerade gegen Wind und Stroͤmung ſegelte, welche beide den Fluß hin⸗ unter gingen. Itzt ließ Hans van Pelt, der zu gleicher Zeit Hafenmeiſter war, ſein Boot aus⸗ ſetzen, und ging in See, um ſich an Bord des Schiffes zu begeben: nachdem er aber zwei oder 326 ** drei Stunden umhergerudert, kam er unverrichte⸗ ter Sache wieder. Zuweilen war er dem Schiff ein oder zwei hundert Yards nahe geweſen, und daͤnn war es, in einem Augenblicke, wieder eine halbe Meile von ihm entfernt. Einige behaupteten, daß die Schuld an ſeinen Nuderern aͤge, die ſo kurzen Athem haͤtten, engbruͤſtig waͤren, und alle Augenblicke anhielten, um wieder Athem zu ſchoͤpfen und ſich in die Haͤnde zu ſpeien; aber dieß war wahrſcheinlich nur boͤſer Leumund. Er kam indeſſen nahe genug, um das Schiffsvolk genau zu ſehn; dieß war ganz nach hollaͤndiſcher Art gekleidet, die Offiziere trugen Waͤmſer und hohe Huͤte mit Federn: Niemand an Bord ſprach ein Wort, Alle ſtanden ſo ſtarr da, wie Bildſaͤu⸗ len, und das Schiff ſchien ganz ſich ſelbſt uͤber⸗ laſſen zu ſeyn. So ging es den Fluß hinaufß, und ward in der Abendſonne immer kleiner und kleiner, bis es, wie eine kleine weiße Wolke, wel⸗ che ſich in den Sommerhimmel verliert) gaͤnzlich aus dem Geſicht verſchwand. Die Erſcheinung dieſes Schiffes verſetzte den Gouverneur in eine der groͤßten Verlegenheiten, worin er ſich waͤhrend ſeiner ganzen Verwaltung befunden hatte. Man hegte große Beſorgniſſe 9 für die Sicher heit der erſt neu angelegten Nis⸗ * — 9 327 derlaſſungen am Fluſſe, und fuͤrchtete, daß dieß ein verkapptes feindliches Schiff ſeyn moͤchte, welches abgeſchickt worden ſey, um ſie in Beſitz zu nehmen. Der Gouverneur ließ mehrere Male den Rath zuſammenberufen, damit ihm dieſer mit ſeinen Vermuthungen an die Hand gehen moͤge. Er ſaß in ſeinem Staatsſeſſel, der aus Holz von dem geheiligten Walde im Haag gezimmert war, rauchte aus ſeiner langen Jasminpfeife, und hoͤrte mit an, was ihm ſeine Raͤthe uͤber einen Gegen⸗ ſtand zu ſagen hatten, von dem ſie nichts wuß⸗ ten; aller Vermuthungen der aͤlteſten und weiſe⸗ ſten Haͤupter ungeachtet, blieb der Gouverneur doch noch immer in Zweifel befangen. Boten wurden nach verſchiedenen Gegenden des Fluſſes geſandt, allein ſie kehrten ohne alle Nachrichten zuruͤck— das Schiff war in keinen Hafen eingelaufen. Tag auf Tag, Woche auf Woche vergingen, aber es kam nicht wieder den Hudſon herunter. An Nachrichten von demſel⸗ ben, woran es dem Rath zu liegen ſchien, fehl⸗ te es indeß durchaus nicht. Kein Schaluppen⸗ Capitain kam ohne die Meldung, daß er es an irgend einer Stelle auf dem Fluſſe geſehen habe: „bald hatte man es bei den Palliſaden, bald auf der Höhe von Croton⸗Point*), bald in den Hochlanden erblickt: jenſeits derſelben aber ſchien Niemand es geſehen zu haben. Die Mannſchaft der Schaluppen wich in der Regel in ihren Ausſagen uͤber dieſe Erſcheinungen von einander ab; allein dieß mochte von den ungewiſſen Ge⸗ ſichtspunkten herruͤhren, aus denen ſie das Schiff geſehen hatten. Zuweilen hatten ſie es bei dem Leuchten des Blitzes, in einer pechfinſtern Nacht, erblickt, wo ſie es quer uͤber die Tappaan⸗ Zee gehen oder den weiten Raum der Haver⸗ ſtraw⸗Bay durcheilen ſahen*). Bald erſchien es ſo nahe bei ihnen, als ob es ſie uͤberſegeln wolle, und verſetzte ſie in die groͤßte Unruhe und Beſorgniß: bei dem naͤchſten Blitze ſahen ſie es, aber weit weg, und immer gegen den Wind ſe⸗ gelnd. Zuweilen erſchien es ihnen, in ruhigen, mondhellen Naͤchten, gerade unter einer hohen Klippe in den Hochlanden, ganz in tiefem Schat⸗ ten, ſo daß nur die Oberſegel in den Mondſtrah⸗ len ſchimmerten: wenn aber die Seefahrenden den Ort erreichten, war kein Schiff zu ſehen, *) Eine Landſpitze ſüdlich von St. Antonfus⸗Naſe. Uebſ. **) Eine Stelle, wo ſich, dem Orte Haverſtraw ge⸗ genüber, der Hudſon erweitert, nördlich von Croton. Ueberſ. 3 —A 329 und wenn ſie ein Stuͤck vor ihm voruͤber waren und zuruͤck ſahen, ſiehe, ſo war es wieder da und die Oberſegel wieder vom Monde beleuchtet! Es erſchien immer entweder kurz nach, oder kurz vor, oder mitten im ungeſtuͤmen Wetter, und alle Schif⸗ fer, die den Hudſon befuhren, kannten es un⸗ ter dem Namen des Sturmſchiffes. Dieſe Berichte ſetzten den Gouverneur und ſeine Raͤthe nur noch mehr in Verwirrung, und es wuͤrde endlos ſeyn, die Vermuthungen und Meinungen anzufuͤhren, welche uͤber den Gegen⸗ ſtand auf die Bahn gebracht wurden. Einige fuͤhrten hiehergehoͤrige Faͤlle an, von Schiffen, die man auf der Hoͤhe der Kuͤſte von Neueng⸗ land geſehen habe und die von Hexen und Ko⸗ bolden geſteuert wuͤrden. Der alte Hans van Pelt, welcher mehr als einmal die Reiſe nach der hollaͤndiſchen Colonie auf dem Vorgebirge der guten Hoffnung gemacht hatte, behauptete ſteif und feſt, daß dieß der fliegende Hollaͤnder ſeyn muͤſſe, der ſo lange in der Tafelbay geſpukt, itzt aber, da er nicht in den Hafen einlaufen koͤnnen, ſich anderswohin gewendet habe. An⸗ dere meinten, daß, wenn dieß wirklich eine uͤber⸗ natuͤrliche Erſcheinung ſey, wie man doch allen natuͤrlichen Grund habe, zu glauben, ſo moͤge es 330— wohl Hendrik Hudſon mit ſeiner Mannſchaft vom„halben Monde“ ſeyn, der, wie allgemein be⸗ kannt, in dem oberen Theile des Fluſſes, als er den nordweſtlichen Durchgang nach China ge⸗ ſucht, auf den Grund gerathen ſey. Dieſe Mei⸗ nung hatte bei dem Gouverneur ſehr wenig Ge⸗ wicht, kam aber deſto mehr im Publikum in Umlauf, da man bereits geſagt hatte, daß Hen⸗ drik Hudſon und ſeine Mannſchaft in den Kaatskill Bergen umgingen*), und man es fuͤr ganz natuͤrlich hielt, daß ſein Schiff ſich auf der Stelle ſehen ließe, wo die Unternehmung ge⸗ ſcheitert war, oder daß es die Geiſter⸗Mannſchaft zu dem Orte hinfuͤhre, wo ſie ihre wiederkehren⸗ den Gelage in den Bergen hielt. Inde Ereigniſſe beſchaͤftigten indeß die Ge⸗ danken und Zweifel des weiſen Wouter und ſeines Raths, und das Sturmſchiff hoͤrte auf, ein Gegenſtand der Berathung in der Verſammlung zu ſeyn. Dagegen glaubte aber das Volk deſto feſter daran, und pflegte ſich, waͤhrend der gan⸗ zen Zeit der hollaͤndiſchen Herrſchaft, und beſon⸗ ders kurz vor der Einnahme von Neu⸗Amſter⸗ *) Man ſehe im„Skizzenkuch“ die Erzählung Rip van Winkle. Ueberſ. 9 * —,— 4— 4 ——— ½““ 331 dam und der Unterjochung der Provinz durch ein engliſches Geſchwader, davon zu erzaͤhlen. Um dieſe Zeit ward das Sturmſchiff ſehr haͤufig in der Tappaan⸗Zee und bei Weehawk, ſelbſt bis nach Hoboken hinunter, erblickt, und ſeine Er⸗ ſcheinung ward als eine Vorbedeutung der heran⸗ nahenden Umwaͤlzung und des Sturzes der hol⸗ laͤndiſchen Herrſchaft angeſehen. Seit dieſer Zeit hat man keine beglaubig⸗ ten Nachrichten von dem Schiffe, wenn gleich man noch behaupten will, daß es ſich in der Gegend der Hochlande ſehen laſſe, und um Point⸗ no⸗point kreuze. Die Leute, welche an den Ufern des Fluſſes wohnen, behaupten, daß ſie es zuweilen des Sommers im Mondlicht ſehen, und daß ſie in der ſtillen Mitternacht den Geſang des Schiffsvolkes hoͤren, wenn ſie lothen; allein das Geſicht und das Gehoͤr taͤuſchen ſich an den bergigen Kuͤſten, an den weiten Buchten und den langen Uferſtrichen dieſes großen Fluſſes ſo leicht, daß mir, wie ich geſtehen muß, die Sache ſehr zweifelhaft vorkommt. Gewiß iſt es indeß, daß man in den Hoch⸗ landen, bei Stuͤrmen, ſonderbare Dinge zu Ge⸗ ſicht bekommt, welche mit der alten Geſchichte des Schiffes in Verbindung ſtehen ſollen. Die . 332— Capitaine der Flußfahrzeuge ſprechen von einem kleinen, knollenartig gebauten Kobold, in Pluderho⸗ ſen und mit einem ſpitzen Hute, der ein Sprachrohr in der Hand hat, und ſich in der Gegend des Dunderbergs aufhalten ſoll. Sie behaup⸗ ten, gehoͤrt zu haben, wie er, bei ſtuͤrmiſchem Wetter, mitten im Aufruhr der Elemente, in hollaͤndiſcher Sprache Befehle austheilt, daß ein neuer Windſtoß heranbrauſen, oder ein neuer Donnerſchlag ſich hoͤren laſſen ſolle. Zuweilen will man ihn von einem Haufen kleiner Geiſter, in weiten Hoſen und mit kurzen Waͤmſern, umringt geſehen haben, welche ſich im Dunſt und Nebel Kopfuͤber ſtuͤrzen, und tauſend Spruͤn⸗ ge in der Luft machen, oder wie ein Fliegen⸗ ſchwarm um die St. Antonius⸗Naſe ſummen, und zu dieſer Zeit ſoll das Getoͤſe des Stur⸗ mes immer am heftigſten ſeyn. Einſt ward eine Schaluppe, als ſie bei dem Dunderberg voruͤberſegelte, von einem Ungewitter uͤberfallen, das ploͤtzlich um den Berg herumzog, und ge⸗ rade uͤber dem Fahrzeuge loszubrechen ſchien. Obgleich dieſes ganz dicht und feſt, und wohl mit Ballaſt verſehen war, ſo hatte es doch furcht⸗ bar zu kaͤmpfen, ſo daß das Waſſer ſogar bis uͤber den Dolbort kam. Das ſaͤmmtliche Schiffs⸗ — 332 9550 volk war ſehr verwundert, als man entdeckte, daß ein kleiner, ſpitzer, weißer Hut oben auf dem Maſte ſtecke, den man ſogleich fuͤr den Hut des Herrn vom Dunderberg erkannte. Niemand wagte es, hinaufzuklimmen, und den furchtba⸗ ren Hut abzunehmen. Die Schaluppe fuhr indeß fort, zu kaͤmpfen und zu ſchwanken, als ob ihr Maſt uͤber Bord fallen wollte, und ſchien in beſtaͤndiger Gefahr zu ſchweben, entweder um⸗ zuſchlagen, oder auf den Strand zu laufen. So trieb ſie durch die Hochlande durch, bis ſie vor Pollopol's Inſel voruͤber war, wo, wie man ſagt, die Gerichtsbarkeit des Beherrſchers des Dunderberg's aufhoͤrt. Kaum war ſie uͤber dieſe Graͤnze hinweg, als der kleine Hut ploͤtzlich wie ein Kreiſel ſich in die Luft drehte, alle die Wolken in einem Wirbel zuſammenfaßte, und ſie auf den Dunderberg zuruͤckfuͤhrte, waͤhrend die Schaluppe ſich aufrichtete, und nun ſo ruhig fortſegelte, als ob ſie auf einem Muͤhlbach waͤre. Es wuͤrde auch nichts ſie von dem gaͤnzlichen Schiffbruche haben erretten koͤnnen, waͤre nicht gluͤcklicherweiſe ein Hufeiſen an den Maſt gena⸗ gelt geweſen, eine ſehr kluͤgliche Vorkehrung ge⸗ gen alle boͤſen Geiſter, welche ſeitdem von allen 334— hollaͤndiſchen Capitainen, die dieſen bezauberten Fluß befahren, angewandt worden iſt. Eine andere Geſchichte von dieſem boͤſen Wetter⸗Kobolde, pflegte der Schiffer Daniel Ousleſticker von Fiſh⸗Hill zu erzaͤhlen, ein Mann, der bei Menſchengedenken nie gelogen hatte. Er ſagte, daß er ihn bei einem heftigen Sturme, quer auf ſeinem Bugſpriet habe rei⸗ ten, und die Schaluppe nach der Kuͤſte zu, gerade auf St. Antonius⸗Naſe hin, habe treiben ſehen, daß er aber von Dominie van Gieſon von Eſopus), der ſich gerade am Bord befand und das Lied des h. Nikolaus ſang, ausgetrieben worden ſey; hierauf habe der Kobold ſich wie eine Kugel in die Luft geſchnellt, und ſey in einem Wirbelwinde davon gefahren, wobei er die Nacht⸗ muͤtze der Frau des Dominie mitgenommen, welche man, am naͤchſten Sonntag Morgen, an dem Wetterhahn des Kirchthurms in Eſo⸗ pus, wenigſtens vierzig Meilen davon, han⸗ gen fand! Nachdem ſich mehrere Vorfaͤlle der Art zugetragen hatten, wagten es die regel⸗ maͤßigen Flußſchiffer lange Zeit nicht, vor dem *) Ein Städtchen in der Provinz New⸗York, am Hud⸗ ſon, ½ Meilen von Kingſton. Ueberſ. 22 505 Dunderberg vorbei zu ſegeln, ohne, als Zei⸗ chen der Huldigung gegen den Herrn vom Ber⸗ ge, ihr Segel herab zu laſſen, und man be⸗ merkte, daß alle diejenigen, welche ihm dieſe Ehr⸗ furchtsbezeigung erwieſen, unangetaſtet vorbei ſegeln durften.“) „„Von dieſer Art,“ ſagte Antonius van der Heyden:„ſind einige Erzaͤhlungen, welche Se⸗ lyne, der Dichter, von dieſem Sturmſchiffe nie⸗ dergeſchrieben hat, das, wie er verſichert, dieſe Colonie boshafter Geiſter aus irgend einem, von Geiſtern heimgeſuchten, Lande in Europa hier in unſere Provinz gebracht hat. Ich koͤnnte auch, wenn Ihr wolltet, noch eine ganze Legion aͤhnlicher erzaͤhlen, denn alle die Unfaͤlle, welche die Flußſchiffe in den Hochlanden erdulden muͤſ⸗ ſen, ſollen nichts weiter ſeyn, als Streiche, welche dieſe Geiſter des Dunderberg's ihnen ſpielen; *) Moore hat eine von dieſen Meeresſagen ſehr ſchön zu einer kleinen Erzählung verarbeitet, welche in Wenigem den ganzen Kern dieſer Art übernatürlicher Dichtung ent⸗ hält. Ich ſpreche von ſeinem„Geſpenſterſchiffe,“ das nach der todten Manns⸗Inſel ſegelte Verf. 336— doch ich ſehe, daß Ihr ſchon einzunicken anfangt, und ſo wollen wir uns denn zur Ruhe begeben.“ Des Mondes Silberhoͤrner erſchienen ißt uͤber dem runden Ruͤcken des Old⸗Bull⸗Hill, beleuchteten die grauen Felſen und die rauhen Waͤlder, und glaͤnzten zitternd auf dem Spiegel des Fluſſes: der Thau fiel allmaͤhlig, und die duͤſteren Berge begannen in einem milderen Lichte zu erſcheinen, und in dem thauigen Schimmer eine graue luftige Faͤrbung anzunehmen. Die Jaͤger ſchuͤrten das Feuer an, und warfen fri⸗ ſches Holz darauf, um die Feuchtigkeit der Nacht⸗ luft abzuhalten. Hierauf bereiteten ſie ein La⸗ ger von Zweigen und trockenen Blaͤttern, unter ei⸗ nem Felſenvorſprunge, fuͤr Dolph, waͤhrend An⸗ tonius van der Heyden ſich in einen großen, aus Haͤuten gemachten Mantel einhuͤllte, und ſich neben dem Feuer niederlegte. Es waͤhrte indeß einige Zeit, ehe der Schlaf Dolph's Au⸗ gen ſchloß. Er betrachtete das ſonderbare Schau⸗ ſpiel, das ſich ſeinem Blicke darbot, die wilden Waͤlder und Felſen umher, das Feuer, welches einen fluͤchtigen Schein auf die Geſichter der ſchlafenden Wilden warf, und den Herrn Anto⸗ nius, der ſo ſonderbar, wenn gleich nur entfernt, ihn an den naͤchtlichen Beſucher des Spuk⸗Hau⸗ . 3 ſes 337 ſes erinnerte. Dann und wann vernahm er das Gebruͤll eines wilden Thieres aus dem Walde, das Geſchrei der Eule, oder die Toͤne des Wiedewalls, deren es in dieſer Einoͤde eine Menge zu geben ſchien, oder das Plaͤtſchern ei⸗ nes Stoͤrs, der ſich aus dem Fluſſe erhob und der ganzen Laͤnge nach auf deſſen ruhige Flaͤche zuruͤckfiel. Er verglich alles dieß mit ſeiner ge⸗ wohnten Ruheſtaͤtte, in der Dachſtube des Dok⸗ tors, wo die einzigen Toͤne, die er in der Nacht vernahm, die Glocke des Kirchthurms, welche die Stunden verkuͤndigte, die ſchlaͤfrige Stimme des Nachtwaͤchters, der ſein Lied abſang*), das tiefe Schnarchen des Doktors aus dem untern Zim⸗ mer, oder das vorſichtige Arbeiten einer Ratte im Paneele, waren. Dann kam ihm der Gedanke an ſeine arme alte Mutter in den Sinn; was mußte ſie von ſeinem geheimnißvollen Verſchwinden ge⸗ dacht haben— in welcher Angſt und Beſorgniß um ihn mußte ſie itzt ſchweben? Dieß war der einzige Gedanke, welcher ſich fortwaͤhrend in ſeine Betrachtungen miſchte und ſeinen gegenwaͤrtigen *) Im Originale ſteht, all was well, Alles iſt richtig, weil die Nachtwächter in England und Amerika am Ende einer jeden Stunde immer die Zeit, das Wetter und wie al⸗ les ſtehe, verkündigen. Ueberſ.— II. P 338— Genuß truͤbte; er war mit einem Gefuͤhle des Schmerzes und der Reue verknuͤpft, und Dolph ſchlief mit Zaͤhren in den Augen ein. Fruͤh am naͤchſten Morgen brach, nach ei⸗ nem tuͤchtigen Fruͤhſtuͤck, das Lager auf, und un⸗ ſere Abenteuerer ſchifften ſich wieder auf Anto⸗ nius van der Heyden's Pinaſſe ein. Da kein Wind wehte und man ſich mithin der Segel nicht bedienen konnte, ſo ruderten die Indianer langſam das Fahrzeug, und hielten dabei zu ei⸗ nem von den Weißen geſungenen Liede Takt. Der Tag war heiter und ſchoͤn, der Fluß ſchlug nicht eine einzige Welle, und wie das Schiff das klare Waſſer durchſchnitt, ließ es einen langen wellenfoͤrmigen Streif hinter ſich. Die Kraͤhen, welche das Mahl der ZJaͤger gewittert, ſchwaͤrm⸗ ten bereits in der Luft, gerade uͤber einer duͤnnen blauen Rauchſaͤule, welche ſich aus den Baͤumen erhob und den Ort andeutete, wo Jene ihr letztes Nachtquartier gehalten hatten. Waͤhrend ſie ſo am Fuße der Berge hinfuhren, zeigte Herr Antonius dem Juͤngling einen kahlen Adler, den Beherr⸗ ſcher dieſer Gegenden, welcher auf einem duͤrren Baume, der uͤber den Fluß heruͤberragte, ſaß und, mit emporgerichteten Augen, den Glanz der Mor⸗ genſonne einzuathmen ſchien. Die Annaͤherung .— 339 der Reiſenden ſtoͤrte den Gewaltigen in ſeinen Betrachtungen. Er ſtreckte erſt einen, dann den andern Fluͤgel aus, wiegte ſich einen Augenblick, verließ dann mit ſtolzer Ruhe ſeinen Sitz und ſchwebte langſam uͤber ihren Haͤuptern hin. Dolph ergriff eine Flinte und ſchickte ihm eine Kugel nach, welche einige Federn aus ſeinen Fluͤ⸗ geln knickte: der Knall der Flinte hallte deutlich von Fels zu Felſen wieder und ſetzte tauſend Echos in Bewegung, aber der Beherrſcher der Luft ſchwebte ruhig weiter, ſtieg immer hoͤher und hoͤher, ſtreifte, in weiten Kreiſen, an dem gruͤnen Rande des bewaldeten Berges hin, und verſchwand endlich uͤber dem Saume eines kuͤhn hervorſpringenden Abhanges. Dolph fuͤhlte den Vorwurf, der gewiſſermaßen in dieſer ſtolzen Ruhe lag, und es that ihm beinahe Leid, ſo muthwillig den majeſtaͤtiſchen Vogel angegriffen zu haben. Herr Antonius erinnerte ihn lachend, daß er ſich noch nicht außerhalb des Gebiets des Herrn vom Dunderberg befaͤnde, und ein alter Indianer ſchuͤttelte den Kopf, und bemerkte, daß es kein Gluͤck bringe, einen Adler zu toͤdten; im Gegen⸗ theil muͤſſe ihm der Jaͤger immer einen Antheil an ſeiner Beute laſſen. Es ereignete ſich indeß kein Unfall auf der P 2 340 Reiſe. Man fuhr durch herrliche, einſame Gegen⸗ den, bis man an die Stelle kam, wo die Pollo⸗ pol's Inſel, wie eine ſchwimmende Laube, am Ende der Hochlande lag. Hier landeten die Rei⸗ ſenden, um zu warten, bis die Hitze des Tages abnehmen oder ein guͤnſtiger Wind ſich erheben wuͤrde, welcher ſie der Anſtrengung des Ruderns uͤberhoͤbe. Einige bereiteten das Mittagsmahl, waͤhrend Andere ſich, im Schatten der Baͤume, einer uͤppigen ſommerlichen Ruhe uͤberließen, und gemaͤchlich auf die Schoͤnheit der vor ihnen lie⸗ genden Gegend hinſchauten. Auf der einen Seite waren die Hochlande, ſtarr und klippig, bis zum Gipfel hinauf mit Waͤldern bewachſen, ihre Schatten weit auf das ſpiegelhelle Waſſer hin⸗ werfend, welches ſich an ihrem Fuße kraͤuſelte. Auf der andern ſah man die weite Flaͤche des Fluſſes, der ſich wie ein See ausbreitete, mit ſeinen langen ſonnigen Landſtreifen und ſeinen gruͤnen Vorgebirgen, und die entfernte Linie der Shawangunk⸗Berge, welche ſich ſchlaͤngelnd an dem Hortzonte hinzogen oder mit flockigen Wol⸗ ken hier und da bedeckt waren. Als man ſich am Waſſer gelagert, gingen Einige von der Geſellſchaft in die Waͤlder, um zu jagen; Andere fiſchten; zuweilen beluſtigte man 341 ſich damit, daß Einer nach dem Ziele ſchoß oder Uebungen im Springen, Laufen oder Ringen anſtellte, und Dolph gewann große Gnade in Antonius van der Heyden's Augen durch ſeine Fertigkeit und Gewandtheit in allen dieſen Leibesuͤbungen, welche der Herr als die erſten unter allen Vollkommenheiten eines Mannes anſah. So fuhren ſie luſtig weiter und ſetzten ihre Rei⸗ ſe nur in den angenehmeren Tagesſtunden fort, zu⸗ weilen in der kuͤhlen Morgendaͤmmerung, zuwei⸗ len im ruhigen Abendſchein, und zuweilen wenn das Mondlicht auf den kraͤuſelnden Wellen tanzte, welche an ihrer kleinen Barke hinplaͤtſcherten. Nie hatte ſich Dolph ſo ganz in ſeinem Element gefuͤhlt, nie etwas gefunden, das ſo ganz ſeinem Geſchmacke zugeſagt haͤtte, als dieß wilde, vom Zufall geleitete, Leben. Er war gerade der Mann, wie er Antonius van der Heyden's raſtloſer Gemuͤthsart zuſagte, und er gewann daher immer mehr ſeine Zuneigung. Das Herz des alten Buſchkleppers neigte ſich ganz zu dem jungen Manne hin, der zu ſeinem eigenen Ebenbilde heranzuwachſen ſchien, und als ſie ſich dem Ende ihrer Reiſe naͤherten, konnte er nicht umhin, ſich etwas genauer nach ſeiner Lebensgeſchichte zu er⸗ 34²— kundigen. Dolph erzaͤhlte ihm dieſe ganz of⸗ fenherzig: wie er ſo ſtreng Medicin ſtudiren muͤſ⸗ ſen, ſo wenige Fortſchritte gemacht habe, und wie ſeine Ausſichten itzt ſo unbeſtimmt ſeyen. Herr Antonius konnte ſich mit dem Gedanken gar nicht vertragen, daß ſo außerordentliche Talente und Faͤhigkeiten unter der Peruͤcke eines Arztes ein⸗ gepreſſt und begraben liegen ſollten. Er hegte eine tiefe Verachtung gegen die Heilkunſt, da er nie einen andern Arzt gehabt, als den Schlaͤch⸗ ter, und hatte dabei einen toͤdtlichen Groll ge⸗ gen alle Arten von Studien, ſeitdem er, als ein Knabe, eines unverſtaͤndlichen Buches willen Schlaͤ⸗ ge bekommen hatte. Und daß nun ein junger Menſch, wie Dolph, der ſo wundervolle Faͤhigkei⸗ ten beſaß, der ſchießen, fiſchen, laufen, ſpringen, rei⸗ ten und ringen konnte, daß dieſer Pillen drehen und Juleps reichen ſollte, um ſein Leben zu friſten — nein, das war zu arg! Er ermahnte daher Dolph, daß er nur nicht verzweifeln, und daß er die Medicin zum Teufel werfen ſolle, denn ein junger Menſch von ſo außerordentlichen Talen⸗ ten muͤſſe doch immer ſein Gluͤck machen.„Da Ihr keine Bekannte in Albany zu haben ſcheint,“ ſagte Herr Ankonius,„ſo ſollt Ihr mit mir nach Hauſe kommen und unter meinem Dache bleiben, 343 daß Ihr erſt euch umſehen koͤnnt: unterdeſſen aber wollen wir dann und wann jagen, oder fiſchen gehen, denn es waͤre Schade, wenn Talente, wie die Eurigen, brach liegen ſollten.“ Dolph, der ſich nun einmal dem Zufall uͤberlaſſen mußte, war nicht ſchwer zu uͤberreden. In der That konnte er auch, als er die Sache ſo bei ſich uͤberlegte, was er ſehr kluͤglich und bedaͤchtlich that, nicht umhin, zu denken, daß An⸗ tonius van der Heyden doch„auf eine oder die andere Art“ mit der Geſchichte vom Spuk⸗Hauſe in Verbindung ſtehen muͤſſe; daß der Unfall in den Hochlanden, der ſie auf eine ſo ſonderbare Weiſe zu einander gebracht hatte„auf eine oder die andere Art” zu irgend etwas Gutem fuͤhren muͤſſe; kurz, es iſt nichts ſo bequem, als ſich mit dem:„auf eine oder die andere Weiſe“ in die Umſtaͤnde zu ſchicken zu ſuchen: es iſt eine Hauptſtuͤtze fuͤr Alle, die, wie Dolph Heyliger, vorher handeln und nachher bedenken; und wer, auf dieſe lockere, leichtſinnige Weiſe, ein geſchehe⸗ nes Uebel mit einem zukuͤnftigen Vortheil in Ver⸗ bindung bringen kann, beſitzt ein Geheimniß, gluͤck⸗ lich zu ſeyn, welches beinahe dem Steine der Weiſen an die Seite zu ſetzen iſt. Als die Reiſenden in Albany ankamen, 344 ſchien die Erſcheinung von Dolph's Geſellſchaf⸗ ter allgemeine Freude zu verurſachen. Am Ufer und in den Straßen, uͤberall ward er begruͤßt: die Hunde ſprangen vor ihm her, die Knaben ſchrieen laut, als er voruͤber ging: Jedermann ſchien An⸗ tonius van der Heyden zu kennen. Dolph folgte ſchweigend und bewunderte die Nettigkeit, welche in dem wackern Flecken herrſchte, denn da⸗ mals war Albany noch in ſeinem Glanze und beinahe ausſchließlich von den Nachkommen der urſpruͤnglichen hollaͤndiſchen Anſiedler bewohnt, da die raſtloſen Leute aus Neu⸗England es noch nicht entdeckt und bevoͤlkert hatten. Alles war ruhig und ordentlich, alles ward ſtill und be⸗ daͤchtlich betrieben: man ſah keine Eil, kein Trei⸗ ben, keinen Kampf und Streit, um den Lebens⸗ unterhalt zu gewinnen. Das Gras wuchs in den ungepflaſterten Straßen, und labte das Auge durch ſein erfriſchendes Gruͤn. Hohe Sykomor⸗ baͤume oder hangende Weiden beſchatteten die Haͤuſer; Raupen hingen, an langen ſeidenen Faͤ⸗ den, von ihnen herab, und Schmetterlinge flatter⸗ ten, wie Stutzer, in voller Freude uͤber ihre zier⸗ liche Verwandlung umher. Die Haͤuſer waren nach alter hollaͤndiſcher Art gebaut, mit den Gie⸗ beln nach der Straße; die thaͤtige Hausfrau ſaß 345 vor der Thuͤr mit einer fein geknifften Haube, einem Kleide mit bunten Blumen und einer wei⸗ ßen Schuͤrze, und ſtrickte emſig; der Mann rauchte, auf der gegenuͤberſtehenden Bank ſitzend, ſeine Pfeife, und ein kleines Lieblings⸗Negermaͤdchen, welches auf der Haustreppe zu den Fuͤßen ihrer Gebie⸗ terinn ſaß, war flink bei der Nadel her. Die Schwalben flatterten um die Dachrinnen, oder ſtreiften laͤnggs den Straßen hin und brachten reiche Beute fuͤr ihre Jungen zuruͤck, und der kleine haͤusliche Zaunkoͤnig flog ein und aus in einem kleinen Hauſe, oder in einen alten an der Wand genagelten Hut. Die Kuͤhe gingen bloͤ⸗ kend durch die Straße nach Hauſe, um vor eines jeden Eigenthuͤmers Wohnung gemolken zu werden, und wenn, zufaͤllig, einige zuruͤckblieben, ſo trieb ein Regerknabe, mit einem langen Stachelſtocke, ſie weiter. Waͤhrend Dolph's Begleiter weiter ging, ward er mit einem ruhigen Nicken von den Buͤrgern, und mit freundlichen Worten von ih⸗ ren Weibern bewillkommnet, wobei Alle ihn ganz vertraulich Anton nannten, denn man war es in dieſem patriarchaliſchen Orte, wo Alle ſich von Kindheit an gekannt hatten, gewohnt, einander bei dem Taufnamen zu nennen. Der Herr blieb 346 indeß nicht ſtehen, um wie ſonſt, ſeinen Scherz mit ihnen zu haben, denn er war ungeduldig, nach Hauſe zu kommen. Endlich langte man bei ſeiner Wohnung an. Das Haus war ziemlich groß, nach hollaͤndiſcher Art gebaut, mit großen eiſernen Fi⸗ guren auf den Giebeln, woraus man auf die Zeit ſeiner Entſtehung ſchließen und ſehen konnte, daß es in den fruͤhſten Zeiten der Niederlaſſung erbaut war. Die Nachricht von des Herrn Antonius Ankunft war ihm bereits vorausgeeilt, und die ſaͤmmtlichen Hausgenoſſen ſahen nach ihm aus. Ein Haufe Neger, Groß und Klein, hatte ſich vor dem Hauſe verſammelt, ihn zu empfangen. Die alten, graukoͤpfigen, welche in ſeinem Dienſte alt geworden waren, grinzten vor Freude und machten manche plumpe Verbeugungen und Geſichter, und die kleinen ſprangen um ſeine Kniee her. Das gluͤck⸗ lichſte Weſen unter allen Hausgenoſſen aber war ein ſtarkes, bluͤhendes Maͤdchen, von kleiner Geſtalt, ſein einziges Kind und der Liebling ſeines Herzens. Sie kam aus dem Hauſe geſprungen, allein der Anblick des fremden jungen Mannes, der ihren Vater begleitete, machte, daß ſie plötzlich alle Scheu eines eingezogenen Maͤdchens annahm. Dolph blickte ſie mit Verwunderung und Ver⸗ — ———£— —— 347 gnuͤgen an, denn nie hatte er, wie ihm duͤnkte, eine angenehmere weibliche Erſcheinung geſehen. Sie war nach dem guten alten hollaͤndiſchen Geſchmacke gekleidet, trug ein langes Schnuͤrleib und dicke kurze Noͤcke, die ſo vortrefflich dazu die⸗ nen, die weibliche Geſtalt zu zeigen und hervor⸗ zuheben. Ihr Haar, das unter einer kleinen, runden Muͤtze verborgen war, zeigte ihre weiße Stirn; ſie hatte ſchoͤne blaue Augen, eine knappe, ſchlanke Taille und ſanfte Formen— kurz, mit einem Worte, ſie war eine kleine hollaͤndiſche Göttinn, und Dolph, der bei einer neuen An⸗ regung nie auf halbem Wege ſtehen blieb, ver⸗ liebte ſich ſogleich ſterblich in ſie. Dolph ward itzt in das Haus gefuͤhrt und herzlich bewillkommnet. Im Innern war ein Gemiſch von Herrn Antonius Geſchmack und Gewohnheiten, ſo wie von dem Reichthume ſei⸗ ner Vorgaͤnger zu ſehen. Die Stuben waren mit guten alten Mahogany⸗Meubeln verſehen; die Buͤffets und Schenktiſche glaͤnzten von ge⸗ triebenem Silber und gemaltem Porzellan. Ueber dem Kamin im Wohnzimmer war, wie gewoͤhn⸗ lich, das Familienwappen, gemalt und in einen Rahmen gefaßt, zu ſehen, und uͤber demſelben hing eine lange Entenbuͤchſe, mit einem indiani⸗ 348 ſchen Schrotbeutel und einem Pulverhorn da⸗ neben. Das Zimmer war uͤberhaupt mit meh⸗ reren Gegenſtaͤnden von indianiſcher Arbeit, Frie⸗ denspfeifen, Tomahawks, Scalpirmeſſern, Jagd⸗ taſchen und Wampumguͤrteln verziert, auch wa⸗ ren mehrere Arten Fiſchergeraͤth und zwei oder drei Vogelflinten in den Ecken zu ſehen. Die haͤuslichen Angelegenheiten ſchienen zum Theil nach der Laune des Hausherrn beſorgt, und viel⸗ leicht von der Tochter unter der Hand geleitet zu werden. Eine gewiſſe patriarchaliſche Ein⸗ fachheit und gutmuͤthige Nachſicht war uͤberall bemerkbar. Die Neger traten in das Zimmer, ohne gerufen zu ſeyn, nur um ihren Herrn anzuſe⸗ hen und ihn ſeine Abenteuer erzaͤhlen zu hoͤren, ſtanden horchend an der Thuͤr, bis er eine Geſchichte beendigt hatte und gingen dann mit einem plumpen Grinſen hinaus, um ſie in der Kuͤche zu wiederholen. Ein Paar Lieblings⸗Ne⸗ gerkinder ſpielten mit den Hunden auf der Erde, und theilten mit ihnen ihr Butterbrod. Alle Dienſtboten ſahen geſund und gluͤcklich aus, und als die Tafel zum Abendeſſen bereitet wurde, zeugte die Mannigfaltigkeit und der Ueberfluß an aus⸗ geſuchter Hausmannskoſt, von der unbeſchraͤnkten 349 Freigebigkeit des Herrn und der wohleingerichte⸗ ten Haushaltung der Tochter. Am Abend fanden ſich mehrere von den An⸗ geſehenſten im Orte, die van Renſelaers, die Ganſevorts, die Roſebooms und Andere von Antonius van der Heyden's genaueren Bekannten ein, um zu hoͤren, wie es ihm auf ſeinem Ausfluge ergangen ſey, denn er war der Sindbad*) von Albany, und ſeine Unterneh⸗ mungen und Abenteuer waren die Lieblingsgegen⸗ ſtaͤnde der Unterhaltung der Einwohner. Waͤh⸗ rend dieſe an der Thuͤr des Saales ſchwatzten, und in der Daͤmmerung lange Geſchichten er⸗ zaͤhlten, hatte ſich Dolph einen ſehr guten Platz erwaͤhlt, und unterhielt ſich mit der Tochter, auf einer Fenſterbank ſitzend. Er war ſchon vertraut mit ihr geworden, denn damals war noch nicht die Zeit der gezierten Zuruͤckhaltung und leerer Foͤrmlichkeit, und uͤberdieß liegt etwas wunderbar guͤnſtiges fuͤr die Bewerbung eines Liebhabers in der koͤſtlichen Daͤmmerung eines Sommer⸗ *) Die„Reiſen Sindbäd's, des Seefahrers,“ ein arabi⸗ ſcher oder, urſprünglich, perſiſcher Roman, der im Morgen⸗ lande ſehr viel geleſen wird, ſind im Jahre 1814 in einer fehr zierlichen, von Herrn Langleés beſorgten Ausgabe, ara⸗ biſch und franzöſiſch, erſchienen. Ueberſ⸗ 350 abends. Sie macht die zaghafteſten Zungen be⸗ redt und verbirgt das Erroͤthen der Schuͤchtern⸗ heit. Nur die Sterne blinkten hell, und dann und wann zog ein Gluͤhwurm einen Feuerſtrei⸗ fen an dem Fenſter hin, oder flog, wenn er ſich in das Zimmer verirrt hatte, leuchtend an der Decke umher. Was Dolph dem Maͤdchen an dieſem lan⸗ gen Sommerabend ins Ohr gefluͤſtert, koͤnnen wir nicht ſagen, denn er ſprach ſo leiſe und un⸗ deutlich, daß ſeine Worte nicht zu den Ohren des Geſchichtſchreibers gelangten. Wahrſcheinlich ver⸗ fehlten ſie indeß ihres Eindruckes nicht, denn Dolpih hatte eine natuͤrliche Gabe, dem andern Geſchlecht zu gefallen, und war nie lange in Geſellſchaft mit einem weiblichen Weſen, ohne ihm gehoͤrig den Hof zu machen. Unter der Zeit waren die Fremden, Einer nach dem Andern, weggegangen: Antonius van der Heyden ſaß allein, nickend in ſeinem Stuhle an der Thuͤr, als er ploͤtzlich durch einen herzhaften Kuß erweckt wurde, womit Dolph Heyliger unvorſichtiger Weiſe eine ſeiner Re⸗ den abgerundet hatte, und welcher in der ſtillen Stube wie ein Piſtolenſchuß knallte. Herr An⸗ tonius fuhr auf, rief nach Licht, und ſagte, daß es hohe Zeit ſey, zu Bett zu gehen, druͤckte in⸗ —— 351 deß, als ſie ſich trennten, Dolph herzlich die Hand, ſah ihm freundlich ins Geſicht und ſchuͤt⸗ telte liſtig den Kopf, denn Herr Antonius wußte ſehr wohl, daß er auch einmal jung geweſen war.. Das Zimmer, welches man unſerem Helden zur Wohnung angewieſen hatte, war geraͤumig und mit Eichenholz ausgetaͤfelt. Große Kleider⸗ ſchraͤnke und Kommoden, wohl polirt und mit metallenen Verzierungen verſehen, ſtanden darin. Dieſe enthielten einen reichen Vorrath von Weiß⸗ zeug, denn die hollaͤndiſchen Frauen ſetzten im⸗ mer einen, ſehr ehrenwerthen, Stolz darin, ihre 8 haͤuslichen Schaͤtze Fremden zeigen zu koͤnnen. Dolph's Gemuͤth war indeß zu ſehr be⸗ ſchaͤftigt, um die Gegenſtaͤnde um ihn her genauer zu betrachten: doch konnte er nicht umhin, fort⸗ dauernde Vergleiche zwiſchen dem freien, offenen, frohen Weſen, welches in dieſem Hauſe herrſchte, nnd der kuͤmmerlichen, knickerigen, freudenloſen Wirthſchaft bei dem Doktor Knipperhauſen anzuſtellen. Etwas verkuͤmmerte indeß dieſen 7 Genuß, Tend der Gedanke, daß er von ſeinem wackern Wirthe und der huͤbſchen Wirthinn am Ende doch Abſchied wuͤrde nehmen und wieder in die weite Welt hinausgehen muͤſſen. Lange 352 hier zu bleiben, waͤre eine Thorheit geweſen: er haͤtte ſich dann nur noch ernſtlicher verliebt, und daß ein armer Teufel, wie er, Anſpruͤche auf die Tochter des großen Herrn van der Heyden haͤtte machen ſollen, das waͤre ein Tollhaͤusler-Ge— danke geweſen! Selbſt das Wohlwollen, welches ihm das Maͤdchen bezeigt hatte, erſchien ihm, bei rei⸗ ferer Ueberlegung, eine deſto dringendere Veran⸗ laſſung, ſeine Abreiſe zu beſchleunigen, denn es wuͤrde eine ſchlechte Vergeltung der offenen Gaſt⸗ freundlichkeit ſeines Wirthes geweſen ſeyn, ſeiner Tochter eine, durchaus unkluge, Neigung ein⸗ zuflößen. Kurz Dolph hatte, wie manche andere junge Vernuͤnftler, ein außerordentlich gutes Herz, aber einen ſehr unbeſonnenen Kopf, und es ging ihm wie dieſen, welche vorher handeln und nachher denken, anders handeln als ſie denken, uͤber Nacht vortreffliche Entſchluͤſſe faſſen, und am naͤchſten Morgen vergeſſen, ſie auszufuͤhren. „Das iſt ein ſchoͤnes Ende meiner Reiſe 5' ſagte er, als er ſich in das praͤchtige Federbett faſt begrub und den friſchen weißen Ueberzug bis an das Kinn heraufzog.„Da bin ich nun, ſtatt einen Sack mit Geld gefunden zu haben und mit dieſem nach Hauſe zuruͤckzukehren, an einem ganz fremden Orte, ohne einen Stuͤber in der —,— ————ℳGN—b— —,— 3⁵³ Taſche, und was noch aͤrger iſt, bis uͤber die Oh⸗ ren verliebt. Indeſſen“, fuͤgte er nach einer Pauſe hinzu, indem er ſich ausſtreckte und ſich im Bette umdrehte,„bin ich itzt wenigſtens gut aufgehoben, und ſo will ich denn den gegenwaͤr⸗ tigen Augenblick genießen und den naͤchſten wei⸗ ter ſorgen laſſen, und ich denke, Alles wird ſich noch,„auf eine oder die andere Art“ zum Beſten kehren. Indem er dieſe Worte ſagte, ſtreckte er die Hand aus, das Licht auszuldſchen, als er auf ein⸗ mal, zu ſeiner Verwunderung und ſeinem Schre⸗ cken, die Erſcheinung aus dem Spuk⸗Hauſe vor ſich zu ſehen glaubte, die ihn aus einer ſinſteren Ecke des Zimmers anſtarrte. Ein zweiter Blick beruhigte ihn indeß, denn er uͤberzeugte ſich itzt, daß, was er fuͤr das Geſpenſt gehalten, nichts weiter als ein niederlaͤndiſches Bild ſey, welches in einem dunkeln Winkel hinter einem Kleider⸗ ſchranke hing. Es war indeß das getreue Ab⸗ bild des naͤchtlichen Beſuchers: derſelbe Mantel, daſſelbe geguͤrtete Wamms, derſelbe graue Bart, das ſtarre Auge, der breit heruntergeklappte Hut, mit der auf der einen Seite herabhangenden Feder. Dolph erinnerte ſich itzt der Aehnlichkeit, die er haͤufig zwiſchen ſeinem Wirth und dem alten 354 Manne aus dem Spuk⸗Hauſe zu bemerken ge⸗ glaubt hatte, und war nun vollkommen uͤber⸗ zeugt, daß ſie auf irgend eine Art mit einander in Verbindung ſtaͤnden, und daß ein beſonderes Geſchick uͤber ſeiner Reiſe gewaltet habe. So lag er, als er die Augen auf das geſpenſtiſche Urbild ge⸗ richtet, mit unverwandten Blicken und beinahe eben ſo großer Furcht, da, das Portrait be⸗ trachtend, bis die helltoͤnende Hausglocke ihn er⸗ innerte, daß es ſchon ſehr ſpaͤt ſey. Er loͤſchte das Licht aus, beſchaͤftigte ſich aber noch lange Zeit damit, die ſonderbaren Umſtaͤnde und Be⸗ ruͤhrungen in ſeinem Gemuͤthe hin und her zu betrachten, bis er endlich einſchlief. Aber auch im Traume beſchaͤftigten ihn noch immer die Gedanken, die er im Wachen gehabt. Es duͤnkte ihn, als laͤge er noch, das Bild betrachtend, bis allmaͤhlig es ſich zu beleben ſchien; es ſtieg von der Mauer herab und ſchritt aus dem Zimmer: er folgte ihm und ſah ſich nun bei dem Brun— nen, auf welchen der alte Mann hindeutete, ihn anlaͤchelte, und verſchwand. Als Dolph am Morgen erwachte, ſah er ſeinen Wirth an ſeinem Bette ſtehen, der ihm freundlich guten Morgen wuͤnſchte, und ihn fragte, wie er geſchlafen habe. Dolph antwortete ſehr —,.,— munter, nahm aber ſogleich Gelegenheit, ſich bei ihm nach dem Bilde zu erkundigen, welches dort an der Wand hange.„Ach,“ ſagte Herr Anto⸗ nius„das iſt ein Bild des alten Kilian van der Spiegel, weiland Buͤrgermeiſters von Amſterdam, der einiger Volksunruhen wegen, Hol⸗ land verließ und unter der Regierung Peter Stuyveſant's hieher in die Provinz kam. Er war mein Vorfahr von muͤtterlicher Seite, und ein alter geiziger Filz. Als die Englaͤnder, im Jahre 1664, Neu⸗Amſterdam in Beſitz nah⸗ men, fluͤchtete er tiefer in das Land. Hier ver⸗ fiel er in eine tiefe Schwermuth, und bildete ſich ein, daß man ihn ſeines Vermoͤgens berau⸗ ben wolle, und daß er, am Ende, an den Bettel⸗ ſtab kommen wuͤrde. Er ſetzte deswegen alle ſein Haab und Gut in Geld um und verſteckte dieß. Ein oder zwei Jahre lang verbarg er ſich, bald an dieſem, bald an jenem Orte, in beſtaͤndi⸗ ger Furcht, von den Englaͤndern aufgeſucht zu werden, die, wie er glaubte, ihm ſeine Reichthuͤ⸗ mer abnehmen wollten, und ward endlich, eines Morgens, todt in ſeinem Bette gefunden, ohne daß irgend Jemand im Stande geweſen waͤre, zu entdecken, wo er den groͤßeren Theil ſeines Geldes verborgen habe.“ 333 356— Als Herr Antonius das Zimmer verlaſſen hatte, blieb Dolph eine Zeitlang in Gedanken verſunken. Sein ganzes Gemuͤth war von dem erfuͤllt, was er ſo eben gehoͤrt hatte. Van der Spiegel war ſeiner Mutter Familienname, und er erinnerte ſich, ſie von eben dieſem Kilian van der Spiegel als von einem ihrer Vor⸗ fahren reden gehoͤrt zu haben. Eben ſo hatte er ſie ſagen hoͤren, daß ihr Vater Kilian's recht⸗ maͤßiger Erbe geweſen, der alte Mann aber ge⸗ ſtorben ſey, ohne irgend etwas zu hinterlaſſen. Es ergab ſich itzt, daß Herr Antonius ebenfalls ein Abkoͤmmling, und vielleicht auch ein Erbe die⸗ ſes arm geſtorbenen reichen Mannes ſey, und daß mithin die Heyligers und die van der Heydens mit einander weitlaͤuftig verwandt waren.„Wie,“ dachte er„wenn dieß am Ende die wahre Auslegung meines Traumes waͤre, daß ich auf dieſem Wege mein Gluͤck durch die Reiſe nach Albany machen ſoll, und daß des alten Mannes verborgener Reichthum in dem Brunnen liegt? Aber welche ſonderbare Art, mir dieſe Nachweiſung zu geben! Warum, zum Henker, konnte mir denn der alte Kobold nicht gleich die Sache von dem Brunnen ſagen, ſtatt mich erſt hieher nach Albany zu ſchicken, „ —,— — — ——-— — — 357 um hier etwas zu erfahren, weswegen ich doch den ganzen Weg wieder zuruͤckmachen muß 0 Dieſe Gedanken wogten ihm durch den Kopf, waͤhrend er ſich ankleidete. Er ging die Treppe hinunter, ganz verſtoͤrt, als das klare Geſicht Marien's van der Heyden ihm auf einmal in ſanftem Laͤcheln entgegenſtrahlte, und ihm den Schluͤſſel zu dem ganzen Geheimniſſe zu geben ſchien.„Am Ende,“ dachte er bei ſich ſelbſt,„hat der alte Kobold Recht. Wenn ich ſeinen Reich⸗ thum bekomme, ſoll ich ſeine artige Abkoͤmmlin⸗ ginn heirathen: ſo werden beide Zweige der Fa⸗ milie wieder vereinigt und das Vermoͤgen kommt wieder in die rechten Haͤnde.“ Kaum war ihm dieſer Gedanke in den Sinn gekommen, als auch ſchon die vollkommenſte Ueberzeugung davon ſich ſeiner bemaͤchtigte. Eine lebhafte Ungeduld erfuͤllte ihn, nach Hauſe zu eilen und ſich in den Beſitz des Schatzes zu ſetzen, der, wie er nicht zweifelte, auf dem Boden des Brunnens lag, und den, wie er beſorgte, in je⸗ dem Augenblicke ein Anderer entdecken konnte.— „Wer weiß dachte er bei ſich,„ob nicht dieſer alte Nachtwandler Jedem, der in dem Hauſe bleibt, einen Beſuch abſtattet und ſo vielleicht einem verſchlageneren Menſchen, als ich bin, einen Wink 358 giebt, ſo daß dieſer auf einem kuͤrzeren Wege, als uͤber Albany, zum Brunnen gelangt 2“ Tauſend Mal wuͤnſchte er, daß der ſchwatzhafte alte Geiſt im rothen Meere laͤge und ſein umherirrendes Bild mit ihm: ja er war in einem vollkommenen Fieber. Es vergingen zwei oder drei Tage, ehe ſich eine Gelegenheit fand, den Fluß hinunter zu gehen. Sie ſchlichen ihm, wie Jahrhunderte, dahin, obgleich er ſich in dem angenehmen Laͤcheln Mariens ſonnte und taͤglich verliebter ward. Endlich war aber dieſelbe Schaluppe, von deren Borde er herabgeſchleudert worden war, im Begriff, unter Segel zu gehen. Dolph ent⸗ ſchuldigte ſich, auf eine ziemlich unbeholfene Weiſe, bei ſeinem Wirthe daruͤber, daß er ſchnell abrei⸗ ſen muͤſſe. Antonius van der Heyden ſchien nicht wenig dadurch gekraͤnkt zu ſeyn. Er hatte ſchon den Plan zu einem halben Dutzend Aus⸗ fuͤgen in die Wildniß gemacht, und ſeine In⸗ dianer waren in voller Beſchaͤftigung mit den Vorbereitungen zu einer großen Reiſe nach dem See. Er nahm Dolph bei Seite und bot ſei⸗ ne ganze Beredſamkeit auf, ihn dahin zu brin⸗ gen, alle Gedanken an Geſchaͤfte aufzugeben und ganz bei ihm zu bleiben, aber vergebens, ſo daß er endlich den Verſuch aufgab, allein dabei be⸗ — 359 merkte, wie es doch ewig Schade ſey, daß ein ſo wackrer junger Mann ſich ſo wegwuͤrfe. Nichts deſtoweniger ſchuͤttelte ihm Herr Antonius bei dem Abſchiede herzlich die Hand, ſchenkte ihm eine ſeiner Lieblings⸗Jagdflinten und lud ihn ein fuͤr allemal in ſein Haus ein, wenn er nach Al⸗ bany kaͤme. Die artige kleine Marie ſagte nichts; als er ihr aber den Abſchiedskuß gab, erbleichte ihre ſchoͤne Wange, und eine Thraͤne ſtand in ihrem Auge. Dolph ſprang behend an Bord des Schif⸗ fes. Man ging unter Segel, der Wind war guͤnſtig, und bald verlor man Albany, ſeine gruͤnen Huͤgel und ſeine belaubten Inſeln aus den Augen. Raſch kam man bei den Kaats⸗ kill⸗Bergen voruͤber, deren Zauber⸗Hoͤhen*) klar und wolkenlos da ſtanden. Man ſegelte gluͤcklich durch die Hochlande, ohne daß der Ko⸗ bold vom Dunderberg oder ſeine Genoſſen irgend ein Hinderniß in den Weg gelegt haͤtten, fuhr dann quer uͤber die Bucht von Haver⸗ ſtraw, bei Croton⸗Point voruͤber, die Tap⸗ paan⸗Zee hinunter und an den Palliſaden hin, *) Siehe die Erzählung Rip van Winkle im„Skit⸗ zenbuche“. Ueberſ. 360 bis ſie, am Nachmittag des dritten Tages, das Vorgebirge von Hoboken“ ſahen, welches wie eine Wolke in der Luft hing, und kurz darauf die Daͤcher der Manhattos ſich aus dem Waſ⸗ ſer erhoben. Dolph's erſtes Geſchaͤft war, ſich nach dem Hauſe ſeiner Mutter zu begeben, denn der Gedanke an die Beſorgniß, die ſie ſeinetwegen empfunden haben koͤnnte, ließ ihm keinen Augen⸗ blick Ruhe. Auf dem Wege dahin zerbrach er ſich den Kopf, etwas auszuſinnen, womit er ſeine Abweſenheit beſchoͤnigen koͤnne, ohne deswegen die Geheimniſſe des Spuk⸗Hauſes zu verrathen. Mit⸗ ten in dieſen Gedanken trat er in die Straße, worin das Haus ſeiner Mutter ſtand, und war wie vom Donner geruͤhrt, als er, an deſſen Stelle, einen Truͤmmerhaufen erblickte. Es war hier offenbar ein bedeutendes Feuer geweſen, welches mehrere große Haͤuſer verzehrt hatte, und auch die demuͤthige Wohnung der Frau Heyliger war der Zerſtorung nicht entgangen. Die Mauern waren indeß nicht ſo gaͤnzlich zer⸗ truͤmmert, als daß Dolph nicht noch einige Spu⸗ ren ides Schauplatzes ſeiner Kindheit haͤtte er⸗ ken⸗ *) Hoboken liegt der Stadt New⸗York gerade gegen⸗ über, am weſtlichen Ufer des Hudſon. Ueberſ. 361 kennen ſollen. Der Kamin, um den er oft ge⸗ ſpielt hatte und der mit hollaͤndiſchen Flieſen ver⸗ ziert war, auf welchen einzelne Begebenheiten aus der heiligen Schrift dargeſtellt waren, die er oft mit Bewundrung angeblickt, ſtand noch. In dem Schutte lagen noch die Truͤmmer des Lehnſtuhles der guten Frau, auf dem ſie ſo oft geſeſſen und ihm dabei ſo manche heil⸗ ſame Lehren gegeben hatte; dicht dabei die Hausbibel, mit ihren metallenen Clauſuren, die aber, ach! itzt beinahe ganz zu Aſche verbrannt war. Einen Augenblick uͤbermannte Dolph die⸗ ſer, traurige Anblick, denn er fuͤrchtete, daß ſeine Mutter in den Flammen umgekommen ſeyn moͤchte. Von dieſer quaͤlenden Beſorgniß ward er jedoch durch einen der Nachbarn befreit, der zu⸗ faͤllig voruͤberging und ihm ſagte, daß ſeine Mut⸗ ter noch lebe. Die gute Frau hatte durch dieſen unerwar⸗ teten Ungluͤcksfall Alles verloren, denn die Leute hatten ſich nur bemuͤht, die ſchoͤnen Moͤbel ihrer reichen Nachbarn zu retten, die kleine Huͤtte und die eben ſo kleine Habe der armen Frau Heyliger aber unbekuͤmmert verbrennen laſſen: ja, haͤtte ihr alter Freund Peter de Groodt ihr nicht huͤlfreich beigeſtanden, ſo moͤchte die wuͤrdige Frau II. Q 362 und ihre Katze wohl das Schickſal ihrer Woh⸗ nung getheilt haben. Schrecken und Betruͤbniß hatten ſie uͤber⸗ waͤltigt, und ſie lag itzt da, krank an Koͤrper und gebeugt an Seele. Von Seiten der Leute hat⸗ te ſie das gewohnte Wohlwollen erfahren. Nachdem man die Moͤbel ihrer reichen Nach⸗ barn, ſo viel es ſich thun ließ, der Wuth der Flammen entriſſen, den Beſitzern die gehoͤrigen, foͤrmlichen Beſuche abgeſtattet, ihnen das Beileid uͤber ihren Verluſt bezeugt, und die Damen we⸗ gen der Erſchuͤtterung ihrer Nerven beklagt hatte, fing man auch an, ſich der armen Frau Heyli⸗ ger zu erinnern. Abermals ward ſie ein Ge⸗ genſtand der allgemeinen Theilnahme, Jedermann bedauerte ſie mehr als je, und wenn das Bedauern ſich haͤtte zu Gelde machen laſſen— guter Gott! wie reich waͤre ſie da geweſen! Man entſchloß ſich indeß itzt alles Ernſtes, unverzuͤglich etwas fuͤr ſie zu thun. Der Pfar⸗ rer that deswegen am Sonntage eine Fuͤrbitte fuͤr ſie, in welche die ganze Gemeine von Herzen einſtimmte. Selbſt Cobus Groesbeek, der Aldermann, und Mynheer Milledollar, der große hollaͤndiſche Kaufmann, ſtanden in ihren Kirchenſtuͤhlen auf und ſchonten ihre Stimmen —,— 363 bei der Gelegenheit nicht, und die Gebete ſo gro⸗ ßer Maͤnner mußten doch ihr gehoͤriges Gewicht haben. Auch Doktor Knipperhauſen beſuchte ſie als Arzt, gab ihr, unentgeltlich, ſehr vielen Rath, und erntete ſeiner Mildthaͤtigkeit wegen allgemeines Lob ein. Ihr alter Freund Peter de Groodt war nur ein armer Mann, deſſen Mitleid, Gebet und Rath ihr nur ſehr wenig helfen konnten, und ſo gab er ihr Alles, was er geben konnte— ein Obdach. Dolph lenkte alſo ſeine Schritte nach der demuͤthigen Wohnung Peter de Groodt's. Auf ſeinem Wege dahin rief er ſich alle die Zaͤrtlichkeit und Liebe ſeiner guten Mutter, ihre Nachſicht mit ſeinen Vergehungen, ihre Blindheit gegen ſeine Fehler zuruͤck, und dachte dann an ſein eigenes muͤſſiges, herumſtreichendes Leben.„Ich bin doch ein arger Suͤnder ge⸗ weſen,“ ſagte Dolph, indem er betruͤbt den Kopf ſchuͤttelte:„ein vollkommener Durchbringer, das iſt nicht zu laͤugnen!— Doch'“ fuͤgte er ent— ſchloſſen hinzu, indem er die Haͤnde zuſammenfal⸗ tete,„wenn ſie nur leben bleibt— wenn ſie nur leben bleibt— ſo will ich auch zeigen, daß ich ganz Sohn ſeyn kann!' Als Dolph ſich dem Hauſe naͤherte, be⸗ 9 2 364 gegnete er Peter de Groodt, welcher heraus⸗ kam. Der alte Mann fuhr erſchrocken zuruͤck, ungewiß, ob ein lebendiges Weſen oder ein Geiſt vor ihm ſtehe. Da es indeß heller Tag war, ſo faßte ſich Peter bald ein Herz, uͤberzeugt, daß ein Geiſt in ſo hellem Sonnenſchein doch nicht ſich zu zeigen wagen wuͤrde. Dolph er⸗ fuhr von dem wuͤrdigen Kirchendiener, welche Be⸗ ſtuͤrzung und welches Gerede ſein geheimnißvolles Verſchwinden veranlaßt habe. Man hatte allge⸗ mein geglaubt, daß ihn die Kobolde entfuͤhrt, welche in dem Spukhauſe umgingen, und der alte Abraham Vandozer, welcher nahe bei den großen Knopfbaͤumen, bei dem drei Meilen⸗ Stein wohnte, verſicherte, daß er, als er eines Abends ſpaͤt nach Hauſe gegangen, einen ge⸗ waltigen Laͤrm in der Luft gehoͤrt habe, gerade ſo, als ob ein Schwarm wilder Gaͤnſe uͤber ſei⸗ nen Kopf hinfloͤge, und daß er nach Norden ge⸗ zogen waͤre. Man betrachtete demnach das Spuk⸗Haus mit zehnmal groͤßerer Furcht als je: Niemand haͤtte, um Alles in der Welt, eine Nacht darin zugebracht, und ſelbſt der Doktor hoͤrte auf, am Tage dahin zu gehen. Dolph's Nuͤckkehr konnte ſeiner Mut⸗ ter nur nach gehoͤriger Vorbereitung hinter⸗ 365 Abracht werden, da die arme Frau ihn als verlo⸗ ren beweint hatte: auch war ihr Muth durch die Menge der Troͤſtenden ſehr geſunken, welche ſie taͤglich durch Erzaͤhlungen von Geiſtern und von Leu⸗ ten, die der Teufel geholt habe, zu erheitern geſucht hatten. Er fand ſie bettlaͤgerig, und das zwei⸗ te Glied der Heyligerſchen Familie, die Katze, ſchnurrend neben ihr, aber gewaltig verſengt und des ſchoͤnen Bartes ganz beraubt, welcher die Zierde ihres Geſichts geweſen war. Die arme Frau ſchlang ihre Arme um Dolph's Hals, und rief aus:„mein Sohn! mein Sohn! Du lebſt alſo noch?“ Eine Zeitlang ſchien ſie, in ihrer Freude aͤber ſeine Ruͤckkehr, alle ihre Verluſte und Sor⸗ gen vergeſſen zu haben. Selbſt die weiſe Mietz gab unverkennbare Zeichen ihrer Freude uͤber die Zuruͤckkunft des jungen Herrn. Sie ſah viel⸗ leicht ein, daß die Familie doch einmal zu Grunde gerichtet und verloren ſey, und fuͤhlte die Theil⸗ nahme, die nur Mitleidende kennen. Doch ſind aͤberhaupt die Katzen ein verkanntes Geſchlecht, und haben bei weitem mehr Anhaͤnglichkeit, als man ihnen gewoͤhnlich zutraut. Die Augen der guten Frau funkelten, als ſie wenigſtens ein Weſen, in ihrer Naͤhe, ſich uͤber ihres Sohnes Ruͤckkehr freuen ſah.„Tib — 366 kennt dich! Das arme unverſtaͤndige Thier! ſagte ſie, indem ſie das bunte Fell ihres Lieblings glatt ſtrich; dann aber fiel ſie wieder in ihren Truͤbſinn zuruͤck, und rief, traurig den Kopf ſchuͤt⸗ telnd, aus:„Ach mein armer Dolph! Deine Mut⸗ ter kann nicht laͤnger fuͤr Dich ſorgen; ſie kann es nicht einmal mehr fuͤr ſich ſelbſt! Was wird gus Dir werden, mein armer Junge?“ „Mutter“ ſagte Dolph„ſprecht nicht ſo; ich bin Euch nur zu lange zur Laſt geweſen: itzt iſt an mir die Reihe, fuͤr Euch, in Euern alten Tagen, zu ſorgen. Seyd gutes Muthes! Ihr, Ich und Tib, wir werden Alle noch beſſere Tage erleben. Ich bin wieder hier, jung, geſund und munter, wie Ihr ſeht; wir wollen nicht verzwei⸗ feln, ich bin uͤberzeugt, daß Alles ſich noch, auf eine oder die andere Weiſe, zum Beſten wenden wird.“² Waͤhrend dieſer Auftritt in der Familie Heyliger Statt fand, erhielt auch Doktor Knipperhauſen die Nachricht von der gluͤck⸗ lichen Ruͤckkehr ſeines Schuͤlers. Der kleine Doktor wußte Anfangs nicht, ob er ſich daruͤber freuen oder betruͤben ſollte. Es war ihm ſehr angenehm, daß dadurch die boͤſen Geruͤchte, wel⸗ che uͤber ſeinen Landſitz in Umlauf gekommen —j— 367 waren, auf einmal widerlegt wurden; dagegen aber war ihm die Ausſicht, daß ſein Schuͤler, den er ſchon gluͤcklich losgeworden zu ſeyn glaubte, nun wieder, als eine ſchwere Laſt, zu ihm zuruͤck⸗ kommen wuͤrde, nichts weniger als erfreulich⸗ Waͤhrend er zwiſchen dieſen beiden Empfindungen ſchwankte, ward er durch die Eingebungen der Frau Ilſe, welche ihm rieth, die boͤsliche Ent⸗ weichung des jungen Menſchen zu benutzen, und ihm auf immer die Thuͤr zu verſchließen, auf ein⸗ mal beſtimmt.— Gegen Schlafenszeit, wo— wie ſich ver⸗ muthen ließ— der abtruͤnnige Schuͤler wieder zu ſeinem alten Quartiere zuruͤckkehren wuͤrde, war daher Alles zu ſeiner Aufnahme vorbereitet. Dolph begab ſich, nachdem er ſeine Mutter moͤglichſt beruhigt, nach der Wohnung ſeines ehe⸗ maligen Herrn und ergriff mit zoͤgernder Hand den Thuͤrklopfer. Kaum hatte er jedoch, ſehr furchtſam, angeklopft, als des Doktors Kopf, in einer rothen Nachtmuͤtze zu einem Fenſter, und der der Haushaͤlterinn, in einer weißen Nacht⸗ muͤtze, zu dem andern herausfuhren. Dolph ward itzt mit einer furchtbaren Fluth von eh⸗ renruͤhrigen Namen und ehrenruͤhrigen Reden begruͤßt, die mit unſchaͤtbaren Rathſchlaͤgen 368 vermiſcht war, von der Art, wie man ſie etwa einem Freunde in Noth oder einem Verbrecher vor Gericht giebt. In wenigen Augenblicken ſah aus jedem Fen⸗ ſter der Straße eine Nachtmuͤtze, welche auf den hel⸗ len Discant der Frau Ilſe und auf das dum⸗ pfe Kraͤchzen des Doktors Knipperhauſen horchte, und von Fenſter zu Fenſter hieß es: „Ach, da iſt ja Dolph Heyliger wieder und treibt ſeine alten Streiche!“ Kurz, der arme Dolph fand, daß er von dem Doktor nichts weiter erwarten durfte, als guten Rath, eine Waare, die ſo wohlfeil iſt, daß man ſie ſogar 3 aus dem Fenſter wirft, und ſo trat er denn ſei⸗ nen Ruͤckzug an, und ſuchte unter des ehrlichen Peter de Groodt's niedrigem Dache ein Un⸗ terkommen.— Am naͤchſten Morgen fruͤh machte ſich Dolph auf den Weg nach dem Spuk⸗Hauſe. Alles war noch ſo, wie er es verlaſſen hatte. Die Felder waren mit einem Grasteppich bedeckt: es ſchien, als ob ſeit ſeiner Abreiſe Niemand ſie be⸗ treten habe. Mit klopfendem Herzen eilte er zum Brunnen. Er blickte hinein, und ſah, daß er ſehr tief war und daß Waſſer auf dem Bo⸗ den ſtand. Er hatte ſich mit einer ſtarken An⸗ gelſchnur verſehen, wie ſie die Fiſcher an der Kuͤſte 8 369 von Newfoundland haben, und am Ende der⸗ ſelben war ein ſchweres Loth und ein großer An⸗ gelhaken befeſtigt. Mit dieſer begann er, den Grund des Brunnens zu unterſuchen und im Waſſer umher zu angeln. Er fand, daß das Waſſer ziemlich tief war, auch ſchien eine Menge Schutt darin zu liegen, da Steine von oben her⸗ abgefallen waren. Mehrere Male blieb der An⸗ gelhaken ſtecken und die Schnur waͤre beinahe zerriſſen. Dann und wann zog er etwas empor, aber es war nichts als unnuͤtzer Plunder, der Schaͤdel eines Pferdes, ein eiſerner Reif, oder ein zertruͤmmerter, mit Eiſen beſchlagener Eimer. So hatte er ſchon mehrere Stunden zugebracht, Rohne etwas gefunden zu haben, das ihn fuͤr ſeine Muͤhe belohnt, oder ihm Muth gemacht haͤtte, in ſeinen Forſchungen weiter fortzufahren. Er ſing nach gerade an, ſich fuͤr einen Thoren zu halten, daß er, auf leere Traͤume hin, auf eine ſolche Jagd ausgegangen ſey, und war im Be⸗ griff, Schnur und Alles in den Brunnen zu wer⸗ fen und alles fernere Angeln aufzugeben. 3 „Noch einen Zug,“ ſagte er,„und das ſoll auch der Letzte ſeyn.“ Er lothete: es ſchien ihm als ob das Loth durch die Ritzen einiger lockeren Steine tiefer hinunter gleite, und als er 3606— die Schnur nach ſich zog, fuͤhlte er, daß der Ha⸗ ken etwas Schweres gefaßt habe. Er mußte nun die Schnur mit großer Behutſamkeit aufwickeln, damit ſie durch das daran befindliche Gewicht nicht zerriſſe. Nach und nach wich der Shutt, welcher auf dem Gegenſtande lag, den der Haken erfaßt hatte, er zog dieſen aus dem Waſſer empor, und wie groß war ſein Entzuͤcken, als er etwas Silberaͤhnliches am Ende ſeiner Schnur blitzen ſah! Beinahe athemlos vor Erwartung, zog er es zum Rande des Brunnens hinauf, verwundert uͤber das große Gewicht des Fundes, und jeden Augenblick beſorgt, daß der Haken abgleiten und ſeine Beute wieder auf den Grund hinabfallen wuͤrde. Endlich hatte er ſie gluͤcklich emporge⸗ bracht und neben den Brunnen niedergeſetzt. Es war eine große ſilberne Terrine, von altfraͤn⸗ kiſcher Geſtalt, reich mit erhabener Arbeit verziert, und mit einem darauf eingegrabenen Wappen, welches dem uͤber ſeiner MuttergKuͤmin befind⸗ lichen aͤhnlich war. Der Deckel war mit Drath befeſtigt, Dolph loͤſ'te dieſen mit zitternder Hand, und als er den Deckel aufhob, ſiehe! da war das Gefaͤß mit glaͤnzenden Goldſtuͤcken, von einem ihm ganz fremden Gepraͤge, angefuͤllt! Es war klar, daß er den Ort gefunden, wo der alte Kilian — —y—. 371 van der Spiegel ſeinen Schatz verborgen hatte. Mit großer Vorſicht, um nicht von ir⸗ gend einem Umherwanderer entdeckt zu werden, entfernte er ſich und vergrub ſeinen Goldtopf an einem verborgenen Orte. Itzt war ſein an⸗ gelegentlichſtes Geſchaͤft, furchtbare Geſchichten von dem Spuk⸗Hauſe zu verbreiten und Jeden von der Annaͤherung an daſſelbe abzuſchrecken, waͤhrend er ſelbſt, an ſtuͤrmiſchen Tagen, wenn Niemand auf den benachbarten Feldern zu ſehen war, haͤufige Beſuche daſelbſt abſtattete; denn im Dunkeln mochte auch Er, die Wahrheit zu geſte⸗ hen, nicht gern dahin gehen. Zum erſten Male in ſeinem Leben war er fleißig und thaͤtig, und trieb ſein Angekgewerbe mit ſolcher Beharrlich⸗ keit und ſo großem Erfolge, daß er in kurzer Zeit ſo viel Schaͤtze emporgeangelt hatte, als ihn, in jenen maͤßigen Zeiten, auf Lebenszeit zu einem reichen Manng machen konnten. Es wuͤrde nur ermuͤden, wenn ich den uͤbri⸗ gen Theil ſeiner Geſchichte weitlaͤuftiger erzaͤhlen wollte. Es ſey genug, zu ſagen, daß er nach und nach ſeinen Fund, ohne Aufſehen und Nach⸗ frage zu erregen, zu Geld zu machen ſuchte, alle ſeine inneren Bedenklichkeiten uͤber den Beſitz 372 deſſelben beſchwichtigte und zugleich ſeiner eigenen Neigung Genuͤge that, indem er die artige Ma⸗ rie van der Heyden zur Gattinn nahm und mit Herrn Antonius gar manchen froͤhlichen Aus⸗ flug machte. Ich kann indeß nicht mit Seilſchweigen uͤbergehen, daß Dolph ſeine Mutter zu ſich nahm, und ſie in ihren alten Tagen ſorgſam pflegte. Die gute Frau hatte noch die Freude, ihren Sohn nicht mehr, wie bisher, zum Gegen⸗ ſtande des Tadels gemacht zu ſehen; im Gegen⸗ theil gewann er taͤglich in der ffentlichen Mei⸗ 4 nung, Jedermann lobte ihn und ſeinen Weinkel⸗ ler, und der ſtolzeſte Buͤrgermeiſter ſchlug nie ſeine Einladung zum Mittagseſſen aus. Dolph erzaͤhlte oft, an ſeinem eigenen Tiſche, die argen Streiche, welche ſonſt der Schrecken der ganzen Stadt geweſen waren; allein alle dieſe galten ittt fuͤr vortreffliche Spaͤße, und der ernſthafteſte Wuaͤrdentraͤger hielt ſich die Seiten beim Zuhoͤ⸗ „ ren. Niemand war uͤber Dolph's wachſendes Anſehen mehr erſtaunt, als ſein alter Herr, der Doktor, und Dolph war ſo gutmuͤthig, daß er wirklich den Doktor zum Hausarzt waͤhlte, je⸗ doch wohlweislich alle von ihm verſchriebenen Recepte aus dem Fenſter werfen ließ. Seine . a 373 Mutter hatte oft ihre Geſellſchaften alter Gevat⸗ terinnen, die bei ihr, in ihrem behaglichen kleinen Zimmer, Thee tranken, und Peter de Groodt wuͤnſchte ihr oft, wenn er am Kamine ſaß und einen ihrer Enkel auf den Knieen wiegte, Gluͤck dazu, daß ihr Sohn ein ſo großer Mann ge⸗ worden ſey, wobei denn die gute alte Frau jedes⸗ mal freudig mit dem Kopfe nickte, und ausrief: „ja, Nachbar! Nachbar! habe ich es Euch nicht immer geſagt, daß Dolph noch, eines Tages, es mit dem Erſten aufnehmen wuͤrde 2“* So lebte Dolph Heyliger froͤhlich und wohlgemuth, ward, je aͤlter, deſto vergnuͤgter, und ſtrafte ſo das alte Sprichwort, von dem durch des Teufels Huͤlfe gewonnenen Gelde, Luͤgen, denn er machte einen guten Gebrauch von ſei⸗ nem Reichthum, ward ein angeſehener Buͤrger und ein wackres Mitglied der Gemeine. Er befoͤrderte alle oͤffentlichen Anſtalten, wie Beafſteak's⸗Ge⸗ ſellſchaften und Singevereine, fuͤhrte den Vorſitz bei allen oͤffentlichen Mittagsmahlen, und war der Erſte, der aus Weſtindien Schildkroͤten kommen ließ. Er trug zur Verbeſſerung der Racen der Rennpferde und der Kampfhaͤhne bei, und war ein ſo wohlwollender Beſchuͤtzer des beſcheidenen Verdienſtes, daß Jeder, der ein huͤbſches Lied ſin⸗ 374 gen oder eine gute Geſchichte erzaͤhlen konnte, auf einen Platz an ſeiner Taſel rechnen durfte. So war er auch ein Mitglied des Stadt⸗ raths, brachte mehrere weiſe Geſetze gegen die Ausrottung des Wildes und uͤber die zweckmaͤßige Benutzung der Auſterbaͤnke in Vorſchlag, und vermachte dem Rathe eine große ſilberne, aus der obenerwaͤhnten Terrine verfertigte, Punſch⸗Bowle, welche noch bis auf den heutigen Tag der Stadt gehoͤrt.. Endlich ſtarb er in hohem Alter an einem Schlagfluſſe, der Folge eines von dem Stadt⸗ rathe gegebenen Gaſtmahles, und ward, mit gro⸗ ßen Ehren, auf dem Kirchhofe der kleinen hol⸗ laͤndiſchen Kirche in der Gartenſtraße beerdigt, wo noch itzt ſein Grabſtein zu ſehen iſt, mit einer beſcheidenen hollaͤndiſchen Inſchrift darauf, ver⸗ faßt von ſeinem Freunde, Mynheer Juſtus Benſon, einem alten trefflichen Dichter der Provinz.* Ddiee vorſtehende Erzaͤhlung kommt aus einer beſſeren Quelle als die meiſten Erzaͤhlungen die⸗ ſer Art, da ich ſie, durch die zweite Hand, aus Dolph Heyliger's Munde ſelbſt habe. Er er⸗ zaͤhlte ſie nur in der letzteren Zeit ſeines Lebens, und auch dann nur in großem Vertrauen(denn 375 er war ungemein verſchwiegen) einigen ſeiner ganz vertrauten Freunde an ſeinem eigenen Tiſche, bei einer außerordentlich gegebenen Bowle Punſch, und ſo ſonderbar das Geſpenſtiſche in der Ge— ſchichte auch klingen mag, ſo erhoben doch ſeine Gaͤſte nie den leiſeſten Zweifel dagegen. Ich muß, ehe ich ſchließe, noch hinzufuͤgen, daß außer ſeinen andern Fertigkeiten, Dolph Heyliger auch als der geſchickteſte Bogenſchuͤtz in der gan⸗ zen Provinz bekannt war.*) *) Eine captivirende Bemerkung für den Sauire. Ueberſ. * —nᷓ—-—— Die Hochzeit. — Nichts mehr, nichts mehr: es werde Ehr und Heil Dem wack'ren Bräutigam, der ſchönen Braut zu Theil; Daß alle Welt von ihrem Leben ſage, Es gleiche jeder Tag dem frohen Hochzeittage. Braithwaite. Aler Bedenklichkeiten und Zweifel der Lady Lillycraft, ſo wie aller ernſtlichen Einwen⸗ dungen ungeachtet, die man gegen den Monat Mai aufgeboten, hat die Hochzeit doch endlich Statt gefunden. Die Trauung geſchah in der Dorfkirche, in Gegenwart einer zahlreichen Ver⸗ ſammlung von Verwandten und Freunden, und vieler von den Paͤchtern. Der Sauire muß durchaus bei ſolchen Gelegenheiten immer etwas Oyvon den alten Feſtlichkeiten haben, und ſo ſtan⸗ den an dem Thore des Kirchhofes mehrere kleine Maͤdchen aus dem Dorfe, mit Koͤrben von Blu⸗ men, die ſie vor die Braut hinſtreuten, und der 377 Kellermeiſter trug den Brautbecher vor ihr her, eine große ſilberne, mit getriebener Arbeit, ver⸗ zierte Schale, eine der Familien⸗Reliquien aus den Zeiten der ſtarken Trinker. Dieſe war mit altem Weine gefuͤllt, und mit einem Rosmarin⸗ zweige, mit bunten Baͤndern umwunden, ganz nach alter Sitte geſchmuͤckt. Gluͤcklich iſt die Braut, welche die Sonne beſcheint, ſagt ein altes Sprichwort, und es war ein ſo ſonniger, freundlicher Morgen, als das Herz ſich nur wuͤnſchen konnte. Die Braut ſah ungemein ſchoͤn aus, aber welche Frau iſt an ihrem Hochzeittage nicht reizend? Ich ken⸗ ne keinen angenehmeren, ruͤhrenderen Anblick, als den einer jungen, ſchuͤchternen Braut, in ih⸗ rem jungfraͤulich⸗weißen Kleide, welche zitternd zum Altar gefuͤhrt wird. Wenn ich ein liebli⸗ ches Maͤdchen, in der Bluͤthe ihrer Jahre, ſehe, wie ſie ihr vaͤterliches Haus, die Heimath ihrer Kindheit, verlaͤßt, und mit dem unbeſchraͤnkten Vertrauen jener reizenden Hingebung, welche den Frauen eigen iſt, die ganze Welt fuͤr den Mann ihrer Wahl hingiebt; wenn ich ſie, nach der gu⸗ ken alten Sprache der Trauungsformel, hoͤre: „fich ihm ergeben in Gutem und Boͤſem, in Reichthum und Armuth, in Krankheit und Wohl⸗ 378— ſeyn, ihn zu lieben, zu ehren und ihm zu gehor⸗ chen, bis der Tod uns ſcheidet,“ dann erinnert mich dieß an die ſchoͤne und ruͤhrende Ergebung der Ruth:„wo Du hingeheſt, da will ich auch hingehen, wo Du bleibſt, da bleibe ich auch, Dein Volk iſt mein Volk, und Dein Gott iſt mein Gott.“ Die ſchoͤne Julie ward an dieſem ſchweren Tage von Lady Lillycraft unterſtuͤtzt, deren Herz von gewohntem Antheil bei allen Lie⸗ bes⸗ und Ehe⸗Angelegenheiten uͤberfloß. Als die Braut ſich dem Altar naͤherte, wechſelte ihre Farbe; bald erroͤthete ſie hoch, bald deckte eine Todtenblaͤſſe ihr Geſicht, und ſie ſchien ſich un- ter ihren Begleiterinnen beinahe ganz verbergen zu wollen. Ich weiß nicht, was bei einer Trauung alle Welt ernſt macht, und gleichſam mit Schauer erfuͤllt, da man doch eine Hochzeit gewoͤhnlich als eine Gelegenheit anſieht, wo Alles ſich freuen und vergnuͤgt ſeyn ſoll. Waͤhrend der Ceremonie ſah ich manche roſige Wange unter den Landmaͤdchen erbleichen, und auf keinem Geſicht, in der ganzen Kirche, ſchwebte ein Laͤcheln. Die jungen Damen aus der Halle waren beinahe ſo ſehr ergriffen, als ob ſie ſelbſt in dem Falle der Braut waͤren, ————9 — 379 und warfen manchen verſtohlenen Blick der Theil⸗ nahme auf ihre zitternde Gefaͤhrtinn. Der em⸗ pfindſamen Lady Lillycraft ſtanden die Thraͤ⸗ nen in den Augen, Phoͤbe Wilkins aber, die gegenwaͤrtig war, weinte und ſchluchzte ganz laut; indeß iſt es, bei der Haͤlfte ſolcher Faͤlle, ſchwer, zu ſagen, woruͤber dieſe naͤrriſchen zaͤrtlichen Ge⸗ ſchoͤpfe eigentlich Thraͤnen vergießen. Auch der Capitain war, wenn er gleich von Natur froͤhlich iſt und einen leichten Sinn hat, bei dieſer Gelegenheit ſehr bewegt, und ließ den Ring, als er ihn der Braut an den Finger ſtek⸗ ken wollte, zu Boden fallen, was, wie Lady Lil⸗ lycraft mich nachher verſichert hat, ein ſehr gluͤckliches Zeichen iſt. Selbſt Meiſter Simon hatte ſeine gewohnte Lebendigkeit ganz verloren, und machte ein hoͤchſt komiſches ernſthaftes Ge⸗ ſicht, was er bei allen feſtlichen Gelegenheiten zu thun pflegt. Er fluͤſterte ſehr viel mit dem Pfarrer und dem Kirchenſchreiber, denn er iſt in ſolchen Faͤllen immer ſehr geſchaͤftig, und wiederholte das Amen mit einer Feierlichkeit und Froͤmmigkeit, welche die ganze Verſammlung erbaute. Sobald indeß die Feierlichkeit voruͤber war, ſchien auch eine wahrhaft zauberiſche Veraͤnde⸗ f 2 380—y— rung eingetreten zu ſeyn. Der Brautbecher ging nach altem Gebrauch umher, um auf die gluͤck⸗ liche Verbindung des jungen Paares zu trinken“): Jedermann ſchien ſeinen Gefuͤhlen freien Raum zu geben, Meiſter Simon machte eine Menge Junggeſellenſpaͤße, und der tapfere General ver⸗ beugte ſich und girrte um die ſuͤße Lady Lilly⸗ craft, wie ein großer Taͤuberich um ſeine Taube. Die Dorfbewohner verſammelten ſich auf dem Kirchhofe, um das gluͤckliche Paar zu gruͤ⸗ ßen, als es aus der Kirche kam; der muſi⸗ kaliſche Schneider hatte ſeine Kapelle aufgeſtellt, und machte eine fuͤrchterliche Muſik, als die er⸗ roͤthende und laͤchelnde Braut durch die Reihen der ehrlichen Landleute nach ihrem Wagen ging. Die Kinder liefen umher und warfen ihre Huͤte in die Höhe, die Glocken laͤuteten, daß alle Kraͤhen und „Raben in der Luft umherflogen und kraͤchzten, und der alte Thurm haͤtte einſtuͤrzen moͤgen, — und uͤberall hoͤrte man die alten roſtigen Flin⸗ ten losknallen. Der verlorene Sohn zeichnete ſich bei die⸗ ſer Gelegenheit ungemein aus. Er hatte oben *) Vergl. Brand's popular antiquities, wo die ganze Reihe der Hochzeitsgebräuche erläutert wird. Ueberf⸗ —,— —,— 381 auf dem Schulhauſe eine Fahne aufgepflanzt, und erhielt, ſchon von Sonnenaufgang an, das ganze Dorf, durch den Ton der Trommel und Pfeife, ſo wie der Panpfeife, in Bewegung, in welcher Gattung der Muſik mehrere von ſeinen Schuͤlern wunderbare Fortſchritte machen. In ſeinem Ei⸗ fer haͤtte er jedoch beinahe ein Ungluͤck angerich⸗ tet: er hatte nemlich vorn vor dem Schulhauſe eine Reihe alter Flintenlaͤufe, wie einen Artillerie⸗ park, aufgeſtellt, die er losbrannte, um den Ca⸗ pitain auf eine militaͤriſche Art zu begruͤßen, als er vorbeiſuhr, wodurch aber die Pferde vor dem Wagen der Braut ſcheu wurden. Der Tag verging unter einer Menge laͤnd⸗ licher Feſtlichkeiten. Unter den Baͤumen im Park waren Tafeln gedeckt, an welchen die ſaͤmmtlichen Landleute aus der Nachbarſchaft mit Roaſt⸗beef und Plum⸗pudding, ſo wie mit einem Meer von Ale bewirthet wurden. Hans Baargeld hatte den Vorſitz bei einer von dieſen Tafeln, und ward von den Freuden des Tiſches ſo begeiſtert, daß er ſeinen gewoͤhnlichen Ernſt ganz ablegte, ein Lied, wiewohl ganz ent⸗ fetzlich falſch, ſang, und zwei oder drei Mal ſo laut lachte, daß ſeine Nachbarn beinahe wie bei dem Donner zuſammengefahren waͤren. Der 382 Schulmeiſter und der Apotheker wetteiferten mit einander, in Reden, die ſie bei dem Weine hiel⸗ ten, und von Zeit zu Zeit gab es Muſik, die von der Dorfkapelle ausgefuͤhrt wurde, und bei der jeder Faun und jede Dryade aus dem Park die Flucht nehmen mußte. Selbſt der alte Chriſty, der von Kopf bis zu Fuß neu gekleidet war, ein paar praͤchtige lederne Beinkleider, und eine un⸗ geheure Schleife an der Muͤtze trug, vergaß ſei⸗ ne gewoͤhnliche Rauheit, und ward von Wein und Luſt ſo begeiſtert, daß er auf einem von den Tiſchen, mit alle dem Anſtande und der Be⸗ 1 weglichkeit einer Marionette, eine Hornpipe“) tanzte. Eben ſo froͤhlich ging es aber auch im Hauſe ſelbſt her, wo eine große Geſellſchaft be⸗ wirthet wurde. Jedermann lachte uͤber ſeine eigenen Spaͤße, ohne auf die ſeiner Nachbarn im Geringſten zu achten. Ganze Maſſen Hoch⸗ zeitkuchen*) wurden vertheilt. Die jungen Da⸗ men waren geſchaͤftig, Stuͤcke davon durch den *) Der bekannte Matroſentanz. Ueberſ. **) Bride⸗cakes, Brautkuchen. Es iſt nemlich in Eng⸗ land Sitte, daß alle Freunde der Braut Kuchen zugeſchickt bekommen, ſie mögen bei der Hochzen geweſen ſeyn oder 1 nicht. Ueberſ. 383 Trauring zu ſtecken, und dann auf dieſen zu traͤumen*), und ich ſelbſt half einem niedlichen kleinen Maͤdchen, das noch in der Koſtſchule ging, eine Menge davon fuͤr ihre Geſpielinnen zuſammenpacken, die, wahrſcheinlich, eine Woche lang alle die kleinen Koͤpfe in der Schule ver⸗ wirrt machen werden. Nach dem Mittageſſen uͤberließ ſich die ganze Geſellſchaft, Groß und Klein, Hoch und Niedrig, dem Tanze, und zwar wurden nicht die neueren Quadrillen, mit ihrem zierlichen Ernſt, ſondern der luſtige, geſellige, alte Contretanz ge⸗ tanzt, der wahre Tanz bei einer Hochzeit, wie der Squire ſagt, wobei die ganze Welt, paar⸗ weiſe, Hand in Hand, umher huͤpft, und jedes Auge und jedes Herz froͤhlich zur Muſik ſich be⸗ wegt. Nach dem guten alten Gebrauch miſch⸗ ten ſich die Bewohner der Halle eine Zeitlang auch in den Tanz der Landleute, fuͤr die ein gro⸗ ßes Zelt als Ballſaal aufgeſchlagen war, und ich *) Ein Gebrauch, der ganz beſonders in YVorkſhire üb⸗ lich iſt, wohin der Verfaſſer den Schauplatz ſeiner Erzählung verlegt hat. Der Kuchen wird nemlich in kleine Stücke geſchnit⸗ ten, dieſe neunmal durch den Ring gezogen, und dann unter das Kopfkiſſen gelegt. Im Traume ſieht dann die Schlafende ihren Geliebten. Ueberſ. 8 384 glaube, daß ich Meiſter Simon nie mehr in ſeinem Element geſehen habe, als bei dieſer Ge⸗ legenheit, wo er unter ſeinen laͤndlichen Bewun⸗ derern als Ceremonienmeiſter auftrat, und mit einer Miene, welche zugleich den Beſchuͤtzer und den galanten Mann andeutete, die ehemalige Mayenkoͤniginn zum Tanze aufzog, eine Ehre, welche allen uͤbrigen ein neidiſches Erroͤthen abjagte. Am Abend war das ganze Dorf erleuchtet, das Haus des Radikalen ausgenommen, der ſich bei allen den Freudensbezeugungen nicht hat ſe⸗ hen laſſen. Vor dem Schulhauſe wurde ein Feuerwerk abgebrannt, welches der verlorene Sohn veranſtaltet hatte, wobei aber das Ge⸗ baͤude beinahe in Brand gerathen waͤre. Der Squire iſt mit den außerordentlichen Dienſten dieſes letzteren Ehrenmannes ſo⸗ ungemein zu⸗ frieden, daß er davon ſpricht, ihn in ſein Ge⸗ folge aufzunehmen, und ihm vielleicht einen be⸗ destenden Poſten in der Staatsverwaltung zu geben, vielleicht den eines Falkoniers, wenn erſt die Falken gehoͤrig abgerichtet ſeyn werden. Es giebt ein wohlbekanntes altes Sprich⸗ wort,„eine Hochzeit macht mehrere,“ oder ſo ungefaͤhr, und ich wuͤrde mich nicht wundern, wenn es ſich, in dem gegenwaͤrtigen Falle, be⸗ waͤhrte. — f 385 waͤhrte. Ich habe unter den jungen Leuten, welche bei dieſer Gelegenheit zuſammengekom⸗ men ſind, mehrere Annaͤherungen bemerkt, auch Viele paarweis in den einſamen Gaͤngen und den bluͤhenden Geſtraͤuchsanlagen des alten Gar⸗ tens umhergehen ſehen, und wenn die Gebuͤſche wirklich fluͤſtern, wie die Dichter uns es glauben machen wollen, ſo weiß der Himmel, was fuͤr Liebesgeſchichten die alten ernſten Baͤume um dieſen ehrwuͤrdigen Landſitz, nicht ſchon ausge⸗ ſchwatzt haben moͤgen. 5 Auch der General hat ſeine Aufmerkſam⸗ keiten in den letzten Tagen verdoppelt, da die Abreiſe Ihro Herrlichkeit herannaht. Ich be⸗ merkte, daß er bei dem Hochzeitmahle, waͤhrend die Speiſen gewechſelt wurden, manchen zaͤrtli⸗ chen Blick auf ſie warf, wiewohl er nicht ſelten, in ſeiner Anbetung, durch die Erſcheinung irgend eines neuen Leckerbiſſens unterbrochen wurde. Der General hat itzt gerade das Alter erreicht, wo das Herz und der Magen ſich das Gleichge⸗ wicht halten, und ein Mann ſehr leicht zwiſchen einer ſchoͤnen Frau und einem Truthahn mit Truͤffeln wanken kann. Waͤhrend des ganzen erſten Ganges hatten Ihro Herrlichkeit eine ge⸗ faͤhrliche Nebenbuhlerinn an einer Schuͤſſel mit II. R 386 geſchmortem Karpfen; und ein Blick von ihm— offenbar ein Kernſchuß nach ihrem Herzen— war ſpaͤterhin wirklichlnahe daran, eine praktikable Bre⸗ ſche zu legen, waͤre ſolcher nicht ungluͤcklicherweiſe, von ſeiner Richtung ab in eine ſehr verfuͤhreriſche Lammsbruſt gegangen, worin er ſogleich eine furchtbare Verwuͤſtung zur Folge hatte. So trieb es der treuloſe General, coquettirte waͤhrend der ganzen Mahlzeit, und beging bei jedem neuen Gerichte eine Treuloſigkeit, bis er am Ende von den vielen Aufmerkſamkeiten, welche er dem Fleiſch, Fiſch und Gefluͤgel, den Paſteten, Gelees, Cremen und Blanc⸗manzer's bezeigt hatte, ſo er⸗ ſchoͤpft war, daß er in ſich ſelbſt zuſammenzuſinken ſchien: ſeine Augen ſchwammen, und ihr Feuer war ſo matt geworden, daß er keinen einzigen Blick mehr uͤber den Tiſch werfen konnte. Auch glau⸗ be ich, daß der General ſich, bei dieſem merkwuͤr⸗ digen Mittagsmahle, eben ſo ſehr in Ungnade gegeſſen habe, als er fruͤher ſich hineingeſchla⸗ fen hat.. Auch der junge Hans Tibbets ſoll von der Trauungsfeierlichkeit, bei der er zugegen war, ſo ergriffen, ſo wie von der Ruͤhrung der armen Phoͤbe Wilkins, die allerdings in ihren Thraͤ⸗ nen nicht ſchlechter ausſah, ſo angezogen worden ſeyn, Aα 387 daß er ſich noch an demſelben Tage, nach dem Eſſen, in einem der Gebuͤſche des Parks mit ihr ausgeſöhnt, und den ganzen Abend mit ihr getanzt hat, zum großen Aerger der Frau Tib⸗ bets und ihrer Hauspolitik. Ich begegnete ih⸗ nen, wie ſie im Parke mit einander ſpaziren gingen, kurz nachdem die Verſoͤhnung Statt ge⸗ funden haben mußte. Der junge Hans trat froͤhlich und mannhaft einher, Phoͤbe aber hing den Kopf, und erroͤthete, als ich mich naͤ⸗ herte. In dem Augenblicke aber, wo ſie an mir vorbeiging, und mir einen Knix machte, warf ſie mir einen ſchlauen Blick unter der Haube weg zu, ſchlug jedoch die Augen ſogleich wieder nie⸗ der. Ich las in dieſem Einen Blicke, ſo wie in dem unwillkuͤhrlichen Laͤcheln, das um ihre roſi⸗ gen Lippen ſchwebte, genug, um mich zu uͤber⸗ zeugen, daß die kleine Hexe wieder gluͤcklich war. Lady Lillycraft unternahm, von ihrem ge⸗ woͤhnlichen Wohlwollen und ihrem Eifer bei al— len dieſen Herzensangelegenheiten bewogen, als ſie von der Wiederverſoͤhnung der beiden Lieben⸗ den hoͤrte, das mißliche Geſchaͤft, Hans Baar⸗ geld die Sache zu eroͤffnen. Ueberzeugt, daß ei⸗ ne ſo ſchickliche Gelegenheit, wie dieſe, ſo leicht nicht wieder kehre, machte ſie noch an dieſem — R 2 388 Abend, im Park, einen Angriff auf das Herz des alten Freiſaſſen, waͤhrend dieſes noch von der Frei⸗ gebigkeit des Squire erwaͤrmt war. Hans war allerdings etwas betroffen, als Ihro Herrlichkeit ihn bei Seite nahm, ließ ſich jedoch von einer ſolchen Ehre nicht außer Faſſung bringen; noch groͤßer ward aber ſein Erſtaunen, als er die Mittheilung ſelbſt vernahm, und auf dieſem We⸗ ge die erſte Nachricht von einem Ereigniſſe er⸗ hielt, welches unter ſeinen Augen vorgegangen war. Er hoͤrte indeß mit ſeinem gewoͤhnlichen Ernſte zu, waͤhrend Ihro Herrlichkeit die Vor⸗ theile der Heirath, die guten Eigenſchaften des Maͤdchens herausſtrich, und den Kummer ſchil⸗ derte, den es in der letzten Zeit erduldet: endlich aber begann ſein Auge zu gluͤhen, und er fing an, mit dem Knopfe ſeines Knittels zu ſpielen. Lady Lillycraft ſah ſogleich, daß etwas bei der Erzaͤhlung nicht ganz den rechten Eindruck gemacht hatte, und eilte, ſeinen aufwallenden Zorn durch eine wiederholte Schilderung der Verdienſte und der Treue der weichherzigen Phoͤbe zu beſaͤnftigen, als der alte Baargeld ſie auf einmal durch den Ausruf unterbrach:„daß, wenn Hans das Maͤdchen nicht heirathe, er ihm alle Knochen im Leibe zerſchlagen wuͤrde!“ Die 389 Heirath wird demnach fuͤr ſo gut als geſchloſſen angeſehen; Frau Tibbets und die Haus⸗ haͤlterinn haben ſich verſoͤhnt, und Thee mit einander getrunken, und Phoͤbe, die wieder ſo gut ausſieht, und ſo munter iſt als ſonſt, trillert vom Morgen bis in die Nacht, wie eine Lerche. Eine von Cupido's ſonderbarſten Launen⸗ deren zu erwaͤhnen ich kaum wagen wuͤrde, wuͤßte ich nicht, daß ich fuͤr Leſer ſchriebe, welche mit der Wunderlichkeit dieſes heilloſen Gottes hinlaͤnglich bekannt ſind, iſt aber folgende. Am Tage nach der Heirath, gerade als Lady Lillycraft mit den Vorbereitungen zu ihrer Abreiſe beſchaͤftigt war, verlangte ihre unbefleckte Kammerfrau, Mrs. Hannah, bei ihr Gehoͤr, und bat, nach vielem Verziehen des Mundes und manchem jung⸗ fraͤulichen Stocken, um Erlaubniß, zuruͤck bleiben zu duͤrfen, ſo wie, daß Lady Lillycraft ihren Platz durch eine andere Dienerinn aaszufuͤllen geruhen moͤchte. Ihro Herrlichkeit ar ganz betroffen:„Wie!— Hanna h wolle vorlaſ⸗ ſen, die ſo lange bei ihr geweſen ſey!“ „Ja, man koͤnne doch nicht anders, man muͤſſe doch einmal einen eigenen Heerd haben.” „ Die gute Lady war noch ganz in Erſtau⸗ 390 nen verſunken, endlich aber entwand ſich das Geheimniß den duͤrren Lippen der jungfraͤulichen Kammerfrau:„ſie habe ſchon ſeit einiger Zeit daran gedacht, ihren Stand zu veraͤndern, und habe endlich, vergangenen Abend, Hrn. Chriſty, dem Jaͤger, das Jawort gegeben.“ Wie, wann, oder wo dieſe ſonderbare Lieb⸗ ſchaft ſich entſponnen hat, habe ich nicht herausbrin⸗ gen koͤnnen, noch wie es Hannah, bei ihrem eſſig⸗ ſauern Weſen gelungen iſt, das ſteinharte Herz des alten Nimrod zu erweichen: genug, die Sache iſt ſo, und jedermann wundert ſich daruͤber. Bel aller Vorliebe Ihro Herrlichkeit fuͤr Eheſtiftungen iſt denn doch dieſer letzte Brand von Hymen's Fackel etwas zu ſtark fuͤr ſie. Sie hat ſich alle Muͤhe gegeben, Mrs. Hannah zur Vernunft zu bringen: allein vergebens; ſie war entſchloſſen, und der geringſte Widerſpruch konnte ſie auf⸗ bringen. Lady Lillycraft wandte ſich nun an den Squire, daß er als Vermittler auftreten möge.„Sie wiſſe nicht, was ſie ohne Mrs. Hannah anfangen ſolle; ſie ſey ſeit ſo langer Zeit daran gewoͤhnt, ſie um ſich zu haben.“” Der Squire war indeß uͤber dieſe Heirath herzlich froh, da die gute Lady dadurch von ei⸗ ner Art von Toiletten⸗Tyranninn befreit wird, „ 391 unter deren Secepter ſie ſchon ſeit Jahren ge⸗ ſchmachtet hat. Statt die Sache zu hintertrei⸗ ben, hat er ſie daher aus allen Kraͤften befoͤr⸗ dert, und erklaͤrt, daß er dem jungen Paar eines der beſten Bauerhaͤuſer auf ſeinem Gute geben wolle. Das ganze Haus billigt nun, wie der Squire, die Heirath, und Alle ſagen, daß, wenn es wahr iſt, daß Ehen im Himmel geſchloſſen werden, es bei dieſer gewiß der Fall geweſen ſey, denn der alte Chriſty und Mrs. Hannah waͤren offenbar eben ſo geſchaffen, neben einan⸗ der zu ſtehen, als die Meſtrbchſe und die Eſ⸗ figflaſche.*) Sobald dieſe Angelegenheir in Ordnung war, beurlaubte ſich Lady Lillycraft bei der Familie auf der Halle, und nahm den Capitain und ſeine erroͤthende Braut mit, welche die Flit⸗ terwochen bei ihr zubringen ſollen. Meiſter Si⸗ mon begleitete ſie zu Pferde, und gedenkt, immer voraus zu reiten, um Anſtalten zu treffen. Der General, welcher vergebens danach trachtete, eine Einladung auf ihren Landſitz zu erhalten, half Ihro Herrlichkeit mit einem tiefen Seufzer in *) Dieſe ſtehen auf einem engliſchen Crust frame ei⸗ ne Platmenage) immer zuſammen. Ueberſ⸗— 392 den Wagen, worauf ſein Buſenfreund, Meiſter Simon, der ſo eben ſein Pferd beſtieg, mir einen bedeutſamen Wink gab, ein ganz verwuͤnſch⸗ tes Geſicht ſchnitt, mir, indem er ſich vom Sat— tel herunterbog, ganz laut ins Ohr ſagte:„das hilft Alles nichts!“ und nun ſeinem Pferde die Sporen gab und davon trabte. Der General blieb eine Zeitlang ſtehen, und ſchwenkte den Hut, waͤhrend die Kutſche die Allee hinab rollte, bis er zu nieſen anfing, wahrſcheinlich, weil er ſich mit bloßem Kopf dem kalten Winde ausgeſetzt hatte. Ich ſah, wie er gedankenvoll nach dem Hauſe zu⸗ ruͤckkehrte und, die Haͤnde auf den Ruͤcken gelegt und mit einer ſehr bedenklichen Miene, ganz „ lkeiſe bei ſich pfiff. Die Gaͤſte ſind itzt beinahe Alle abgereiſ't. Ich habe mich entſchloſſen, morgen ihrem Bei⸗ ſpiele zu folgen, und hoffe, daß der Leſer nicht denken wird, daß ich nur zu lange ſchon auf der Halle verweilt habe. Dazu habe ich mich in⸗ deß durch die Meinung veranlaßt geſehen, ich haͤtte endlich einen von den abgelegenen Or⸗ ten gefunden, wo man noch einige Spuren des alten engliſchen Charakters antrifft. Nicht lan⸗ ge— und alle dieſe werden ebenfalls verſchwun⸗ den ſeyn. Hans Baargeld wird bei ſeinen Vaͤ⸗ 393 tern ruhen; der gute Squire, mit allen ſeinen Eigenthuͤmlichkeiten, wird in der benachbarten Kirche ſeine Grabſtaͤtte finden. Die alte Halle wird in ein modernes Landhaus oder vielleicht in eine Manufaktur umgeſchaffen, der Park in kleine Gehoͤfte und Kuͤchengaͤrten zerſtuͤckelt wer⸗ den. Eine Landkutſche wird taͤglich durch das Dorf gehen: dieſes wird, wie alle gewoͤhnlichen Doͤrfer, von Kutſchern, Poſtillons, Trinkern und Politikern wimmeln, und Weihnachten, der erſte Mai, und alle froͤhlichen Luſtbarkeiten der guten alten Zeiten werden vergeſſen ſeyn. Des Verfaſſers Abſchied. — So laßt uns denn, ohn' weit're Förmlichkeiten, Die Hand uns ſchütteln und von hinnen gehn. Hamlet. — Naczdem ich von der Halle und ihren Bewoh⸗ nern Abſchied genommen, und die Geſchichte mei⸗ nes Beſuches ſo ziemlich zu Ende gebracht habe, bleibt mir eigentlich nichts weiter uͤbrig, als meine Verbeugung zu machen und abzutreten. Es iſt indeſſen eine von meinen Schwaͤchen, mit meinem Leſer, im Laufe eines Werkes, auf einen ſo freund⸗ ſchaftlichen Fuß zu kommen, daß es mir nachher wirklich Muͤhe koſtet, mich von ihm zu trennen, ich ihn gern bei der Hand behalte, und am Ende meines letzten Bandes noch ein Paar Abſchieds⸗ worte mit ihm rede. Wenn ich auf das Werk, das ich nun be⸗ ſchließe, zuruͤckblicke, ſo ſehe ich wohl ein, wie voll von Irrthuͤmern und Maͤngeln es iſt: und wie 395 ſollte es auch anders ſeyn, da ich uͤber Gegen⸗ ſtände ſchreibe und Auftritte ſchildere, von denen ich, als ein Fremder, doch nur eine unvollkom⸗ mene Kenntniß haben kann? Viele werden, ohne Zweifel, uͤber die auffallenden Verſehen laͤcheln, die ich begangen habe, und Manche vielleicht Anſtoß an den Darſtellungen nehmen, die ihnen von vor⸗ gefaßten Meinungen auszugehen ſcheinen. Einige werden meinen, daß ich uͤber Gegenſtaͤnde, wel⸗ che ihrem eigenthuͤmlichen Geſchmacke entſprechen, wohl haͤtte mehr ſagen koͤnnen, waͤhrend Andere der Meinung ſeyn werden, daß ich beſſer gethan haͤtte, ſie ganz unberuͤhrt zu laſſen. a Wahrſcheinlich werden Einige mir den Vor⸗ wurf machen, daß ich Engkand mit zu partei⸗ iſchem Auge betrachtet habe. Dieß kann vielleicht der Fall ſeyn, denn ich werde nie vergeſſen, daß es meiner Vaͤter Land iſt. Und doch ſind die Umſtaͤnde, unter denen ich es geſehen habe, kei⸗ nesweges von der Art geweſen, daß ſie einen vortheilhaften Eindruck auf mich haͤtten hervor⸗ bringen koͤnnen. Den groͤßern Theil der Zeit hindurch, welchen ich daſelbſt zugebracht, habe⸗ ich beinahe, ohne Jemand zu kennen, noch ohne bekannt zu ſeyn, verlebt, keine Gunſtbezeugungen nachgeſucht und keine empfangen, bin ein„Frem⸗ 396 der und Gaſt im Lande“*) geweſen, und habe alle die Kaͤlte und Vernachlaͤſſigung empfinden muͤſſen, welche das allgemeine Loos des Frem⸗ den ſind.. Wenn ich dieſe Umſtaͤnde in Erwaͤgung ziehe, und daran denke, wie oft ich meine Feder mit unzufriedenem Sinn und ſehr niedergeſchlagenem Gemuͤth ergriffen habe, ſo kann ich nicht glau⸗ ben, daß mein Gemaͤlde zu vortheilhaft ausgefal⸗ len ſeyn duͤrfte. Was ich uͤber den engliſchen Charakter geſagt habe, iſt das Ergebniß einer ru⸗ higen, leidenſchaftloſen und vielſeitigen Beobach⸗ tung. Er iſt keinesweges von der Art, daß man ihn ſchnell ſtudiren koͤnnte, denn er bietet einem Fremden immer eine zuruͤckſtoßende, uneinladende Seite dar; wer alſo meine Schilderungen fuͤr zu vortheilhaft haͤlt, beobachte dieß Volk ſo ſcharf und ſo ruhig, als ich es gethan habe, und er wird, wahrſcheinlich, ſeine Meinung aͤndern. Einer Sache bin ich auf jeden Fall gewiß, nemlich, daß ich ehrlich und offen, nach der Ueberzeugung mei⸗ nes Gemuͤths und den Eingebungen meines Herzens, geſprochen habe. Als ich meine fruͤhe⸗ xen Werke ſchrieb, konnte ich nicht hoffen, daß *) Chronika I. 30. 15, Ueberſ. 397 ſie Gnade vor engliſchen Augen finden wuͤrden, denn es fiel mir nicht ein, daß ſie außer meinem eigentlichen Vaterlande bekannt werden wuͤrden, und haͤtte ich nur danach geſtrebt, mich bei mei⸗ nen eigenen Landsleuten beliebt zu machen, ſo wuͤrde ich wohl den kuͤrzeren und offeneren Weg gewaͤhlt haben, der Abneigung, die damals gegen England herrſchte, eher zu ſchmeicheln, als ihr entgegen zu arbeiten. Man erlaube mir bei dieſer Gelegenheit, mein dankbares Gefuͤhl uͤber die Wirkung aus⸗ zuſprechen, welche eine meiner unbedeutenden Ar⸗ beiten hervorgebracht hat. Ich ſpreche von dem Verſuch, im Skizzenbuche, uͤber die littera⸗ riſchen Fehden zwiſchen England und Amerika. Es iſt mir nicht moͤglich, das lebhafte Vergnuͤ⸗ gen zu beſchreiben, welches ich bei dem unerwar⸗ teten Antheil und der Billigung empfunden habe, welche dieſen Bemerkungen dieß- und jenſeits des Meeres widerfahren iſt. Es iſt nicht das klein⸗ liche Gefuͤhl befriedigter Eitelkeit, das mich zu dieſer Aeußerung veranlaßt, denn ich ſchreibe die Wirkung keinesweges meiner Feder zu. Der er⸗ waͤhnte Verſuch war kurz und zufaͤllig hinge⸗ worfen, und die darin enthaltenen Gedanken wa⸗ ren einfach, und boten ſich ganz natuͤrlich dar. 398 „Es war die Sache, die Sache allein.**) Meine Leſer waren ſchon im Voraus geneigt, guͤnſtige Eindruͤcke anzunehmen, meine Landsleute entſpra⸗ chen in ihrem Herzen den kindlichen Gefuͤhlen, die ich, in ihrem Namen, gegen das Mutterland ausgeſprochen hatte, und in jedem engliſchen Ge⸗ muͤthe erwachte eine großmuͤthige Theilnahme an einem einzeln daſtehenden Weſen, das, in einem fremden Lande, ſeine Stimme erhob, den beein⸗ traͤchtigten Charakter ſeines Volks zu vertheidi⸗ gen. Es giebt einige Gegenſtaͤnde ſo geheiligter Art, daß ſie jedes tugendhafte Herz unwider⸗ ſtehlich fuͤr ſich entflammen, und der bedarf nur weniger Beredſamkeit, welcher die Ehre ſeines Wei⸗ bes, ſeiner Mutter oder ſeines Vaterlandes ver⸗ theidigt. Ich freue mich deswegen des Erfolges jenes kurzen Aufſatzes, da man daraus ſehen kann, wieviel Gutes man durch ein freundliches, wenn gleich mit ſchwacher Stimme ausgeſprochenes, Wort zu bewirken im Stande iſt, wenn man es zu gehoͤriger Zeit ſpricht— wie viel Wohlwol⸗ len, in einem jeden Lande, gegen das andere ſchlum⸗ mert, und nur des leiſeſten Funkens bedarf, um *) Othello, 5. Aufz. 2. Auftr. Ueberſ. — —— 399 zur hellen Flamme emporzulodern— und daß, was ich immer geglaubt und behauptet habe, die beiden Voͤlker in Achtung und Freundſchaft ne⸗ ben einander beſtehen wuͤrden, wenn unruhſtif⸗ tende und boͤſe Menſchen ihre verderblichen Fe⸗ dern bei Seite legen und die verwandten Herzen den freundlichen Eingebungen der Natur folgen laſſen wollten. Ich behaupte noch einmal, und mit verſtaͤrk⸗ ter Ueberzeugung von der Wahrheit meiner Be⸗ hauptung, daß bei dem groͤßern Theile meiner Landsleute eine guͤnſtige Stimmung gegen Eng⸗ land herrſcht. Ich wiederhole dieſe Aeußerung, weil ich glaube, daß dieß eine Wahrheit ſey, die man nicht zu oft ausſprechen kann, und weil ſie nicht ohne einigen Widerſpruch geblieben iſt. Alle freiſinnigen und aufgeklaͤrten Bewohner in meinem Vaterlande, alle die, welche der oͤfſentli⸗ chen Meinung ihre Richtung geben, haben den herzlichen Wunſch, mit England auf einem an⸗ genehmen, freundſchaftlichen Fuße zu ſtehen; zu gleicher Zeit hegen ſie aber auch das Mißtrauen, ob dieſer guten Geſinnung von England aus entſprochen werde. Sie haben, durch die von Seiten der engliſchen Schriftſteller auf ihr Va⸗ terland gemachten Angriffe, eine krankhafte Em⸗ 400 pfindlichkeit bekommen, und ihre von Zeit zu Zeit geaͤußerte Reizbarkeit uͤber dieſen Gegenſtand hat man als eine eingewurzelte und unnatuͤrliche Feindſeligkeit ausgelegt. Fuͤr meinen Theil betrachte ich dieſe eifer⸗ fuͤchtige Empfindlichkeit als einen Antheil groß⸗ ſinniger Gemuͤther. Ich wuͤrde glauben, daß meine Landsleute die Unabhaͤngigkeit des Ge⸗ muͤths, welche ihre Naturgabe iſt, ganz verloren, daß ſie den Stolz ganz eingebuͤßt haͤtten, den ſie von dem ſtolzen Volke geerbt, von dem ſie ent⸗ ſprungen ſind, wenn ſie Schmach und Beſchim⸗ pfung ruhig erdulden koͤnnten. Ja, der Unwille ſelbſt, den ſie uͤber die Verunglimpfungen engli⸗ ſcher Schriftſteller aͤußern, beweiſit die Achtung, welche ſie vor der Meinung England's haben, und zeugt von dem Wunſche, ſich mit ihm zu befreun⸗ den; denn wo Eiferſucht iſt, iſt auch Achtung. Man kann leicht ſagen, daß alle dieſe An⸗ griffe die Ergießungen veraͤchtlicher Schmierer ſind, und von der Nation mit Verachtung behan⸗ delt werden; aber ach! die Verlaͤumdungen des Skriblers verbreiten ſich auch in die Fremde, und die ſchweigende Verachtung der Nation iſt nur in der Heimath bekannt. England's Sache iſt es alſo, wie ich ſchon fruͤher behauptet habe, — —— 40⁰¹ den gegenſeitigen Geiſt der Verſoͤhnung zu be⸗ foͤrdern; es braucht nur ſich der Sprache der Freundſchaft und der Achtung zu bedienen, und jedes Herz in Amerika wird ſich leicht gewinnen laſſen. Wenn ich indeß mich ſo aͤußere, ſo will ich damit nichts geſagt haben, was der Wuͤrde meiner Landsleute Eintrag thun koͤnnte. Wir wollen keine Gnade aus England's Hand, wir verlangen keine Gunſtbezeugungen von ihm. Seine Freundſchaft iſt uns nicht unentbehrlich, und ſeine Feindſchaft wuͤrde unſerem Wohlergehen nicht nachtheilig werden. Wir verlangen von Frem⸗ den nichts, wofuͤr wir nicht wieder etwas bieten koͤnnen. In Hinſicht auf England naͤhren wir indeß ein gewiſſes waͤrmeres Gefuͤhl in unſerem Herzen; es iſt die Verwandtſchaft, die noch in un⸗ ſerem Blute liegt. Ohne auf das Intereſſe zu ſehen— alter Feindſeligkeiten uneingedenk— reichen wir als alte Verwandte die Hand. Wir verlangen nichts mehr, als daß Ihr euch nicht ganz von uns entfremden, nicht die alten Bande des Bluts aufloͤſen, euch nicht durch Hohnſpre⸗ cher und Verlaͤumder verleiten laſſen ſollt, ein verwandtes Volk von euch zu ſtoßen: wir moͤch⸗ ten gern Freundſchaft mit euch halten; zwingt uns nicht, euere Feinde zu werden. 3 4⁰² Ich kenne keine eindringlicheren Verſoͤhnungs⸗ worte, als die, welche ein ausgezeichneter engli⸗ ſcher Schriftſteller ausgeſprochen hat:*)„Es giebt ein heiliges Band zwiſchen uns, das keine Ver⸗ haͤltniſſe zerreißen koͤnnen, das des Blutes und der Sprache. Unſere Litteratur muß immer die ihrige ſeyn, und obgleich ihre Geſetze nicht mehr mit den unſrigen uͤbereinſtimmen, ſo haben wir doch dieſelbe Bibel und wenden uns mit demſel⸗ ben Gebete an unſern gemeinſchaftlichen Vater. Nationen ſprechen es nur zu leicht aus, daß ſie angeborne Feinde haben; warum ſollten ſie nicht auch annehmen wollen, daß ſie angeborne Freunde haben 2** Von dem großſinnigen Geiſte beider Laͤnder muͤſſen wir es erwarten, daß ein ſolches natuͤr⸗ liches Band der gegenſeitigen Neigung ſich um ſie ſchlinge. Gewandteren Federn, als die mei⸗ nige iſt, uͤberlaſſe ich es, das ſchoͤne Werk, die Sache der Volksfreundſchaft, zu befoͤrdern. An die Ver⸗ ſtaͤndigen und Aufgeklaͤrten in meinem eigenen Lande richte ich meine Abſchiedsworte, und bitte ſie herzlich, ſich uͤber die kleinlichen Angriffe un— wiſſender und werthloſer Menſchen erhaben tzu *) Southey, in einer Recenſion im Quarterly review, die von ihm herrühren ſoll. 403 zeigen, und mit leidenſchaftsloſem und philoſophi⸗ ſchem Auge auf den moraliſchen Charakter Eng⸗ land's, die geiſtige Quelle unſerer entſtehenden Groͤße, hinzublicken, waͤhrend ich von den Verlaͤum⸗ dungen, welche die engliſche Preſſe beſchimpfen, der Bildung ſeines Vaterlandes und der Groß⸗ ſinnigkeit ſeines Vaterlandes Hohn ſprechen, ab, mich an jeden edelmuͤthigen Englaͤnder wende, und ihn auffordere, Amerika als ein verwandtes, ſeines Urſprunges wuͤrdiges Land zu betrachten, das durch ſein geſundes, kraͤftiges Emporwachſen das beſte Zeugniß fuͤr den Stamm giebt, aus dem es entſproſſen iſt, und das, in dem aufdaͤmmern⸗ den Glanze ſeines Ruhms, der moraliſche Wie⸗ derſchein britiſcher Groͤße iſt. Ich bin uͤberzeugt, daß eine ſolche Auffor⸗ derung nicht unbeachtet bleiben wird; auch habe ich, feit einiger Zeit, eine weſentliche Veraͤnde⸗ rung in der Geſinnung der Englaͤnder gegen Amerika bemerkt. Im Parliamente, dieſem Grund⸗ quell aller oͤffentlichen Meinung, ſcheint, von bei⸗ den Seiten des Hauſes her, ein Wetteifer zu entſtehen, die Sprache der Hoͤflichkeit und Freund⸗ ſchaft zu reden. Eben dieſer Geiſt verbreitet ſich taͤglich mehr in der guten Geſellſchaft. Die Neu⸗ gierde, von meinem Vaterlande etwas zu erfahren, nimmt zu: man hat ein lebhaftes Verlangen, ge⸗ 404 naue Nachrichten daruͤber zu erhalten, das nur zu einem vortheithaften Verſtaͤndniß fuͤhren kann. Der Hohnſprecher wird, hoffentlich, itzt nichts mehr ausrichtenz die guͤnſtige Zeit fuͤr den Ver⸗ laͤumder iſt voruͤber. Die ſchlechten Spaͤße, die abgedroſchenen Satiren, welche ſo lange gaͤng und gebe waren, ſobald die Rede auf Amerika kam, uͤberlaͤßt man itzt den unwiſſenden und ge⸗ meinen Leuten, oder ſie werden nur noch von Miethlingen und Gewohnheits⸗Spaßmachern im Drucke verbreitet. Die Aufgeklaͤrten und Groß⸗ ſinnigen ſind itzt ſtolz darauf, Amerika zum Ge⸗ genſtande ihres Studiums zu machen. Wie indeſſen auch meine Gefuͤhle, jenſeits des Meeres, ausgelegt oder erwiedert werden moͤgen, ſo kann ich nicht umhinm ſie frei und offen darzulegen, denn ich habe immer ge⸗ funden, daß, unumwunden reden, auch ſicher re⸗ den heißt. Ich ſchmeichle mir nicht mit der Hoffnung, daß die beiden Nationen je durch ir— gend ein romantiſches Band des Gefuͤhls an einander geknuͤpft ſeyn werden; allein ich glaube, daß es nicht ſchwer fallen duͤrfte, eine auf⸗ richtige Geſinnung zu erhalten, wenn jeder Wohl⸗ geſinnte dann und wann ein freundliches Wort mit einfließen laͤßt. Wenn ich durch meine Schriften dazu beigetragen haben ſollte, ſo wuͤr⸗ — r —— 40⁵ de es mir eine große Beruhigung gewaͤhren, doch einmal, waͤhrend eines ziemlich ſorglos verbrachten Lebens, nuͤtzlich geweſen zu ſeyn, und durch einen gelegentlichen Gebrauch einer Feder, die im Gan⸗ zen nicht viel Nutzen zu ſtiften vermocht hat, eine mitklingende Saite zwiſchen dem Lande meiner Vaͤter, und dem theuern Lande, das mir mein Daſeyn gab, in Bewegung gebracht zu haben. Mit dieſen Gefuͤhlen nehme ich itzt von dem vaͤterlichen Boden Abſchied. Mit beſorg⸗ tem Auge betrachte ich die Wolke des Dunkels und der Schwierigkeiten, welche ſich auf daſſelbe niederlaſſen, und hoffe ſehnlich, daß ſie ſich zu einem heitern und beſtaͤndigen Sonnenſchein ver— klaͤren moͤge. Waͤhrend ich dieß Lebewohl ſage, iſt mein Herz von liebevoller, doch truͤbſinniger Regung erfuͤllt; ich zoͤgere, und ſpreche, wie ein Kind, wenn es den ehrwuͤrdigen Wohnſitz ſeiner Ahnen verlaͤßt, meinen kindlichen Wunſch aus:„Friede ſey in deinen Mauern, o England! Reichthum in deinen Pallaͤſten; meiner Bruͤder und meiner Gefaͤhrten willen ſage ich itzt, Friede ſey mit Dir!“ Gedruckt bei Johann Friedrich Starcke. Verbeſſerungen. Seite 33. in der Anm. Z. 1. v. u. ſtatt Abſchnitte lies Abſchnitt — 11. 3. 5. ſt. Schaum I. Schauer —. 36. 3. 4. ſt. Hähne l. Heher — 226. 3. 14. 15. ft. der Hecken l. dem Heckengange — 241. 3. 10. ſt. Swift's l. Ben Jonſon's ———— In demſelben Verlage iſt erſchienen: P. A. Wolf's dramatiſche Spiele. Erſter Band. 8. 1823. 3 Enthält: Pflicht um Pflicht;— Precioſa;— Caͤſario;— Adele von Budoy. In farbigem Umſchlage cartonnirt, 1 Thlr. 16 Gr. — Spaniſche Romanzen. Ueberſetzt von Beauregard Pandin. in 12. 1823, geheftet 16 Gr. Bei dieſer kleinen Sammlung ſpaniſcher Romanzen hat der Ueberſetzer beſonders auf Mannigfaltigkeit geſehen, und zu dem Ende alte und neuere, tragi⸗ ſche, comiſche, idylliſche, lyriſche u. ſ. w. zuſammen⸗ geſtellt. In Hinſicht der Ueberſetzung ſelbſt iſt er bemuͤht geweſen, den ſo verſchiedenen Karakter die⸗ ſer Gedichte moͤglichſt treu aufzufaſſen und wiederzu⸗ geben, und er hat ſich hierin Herder's Ueberſetzungs⸗ weiſe im Ganzen zum Vorbild dienen laſſen. Im Vorwort findet ſich hieruͤber das Naͤhere angezeigt und durch Vergleichung mit einer andern, woͤrtlich treuen, aber meiſt undeutſchen Art zu hertrigen, anſchaulich gemacht. Oſſian's Gedichte. Rhythmiſch uͤberſetzt von J. G. Rhode, in 3 Baͤnden. Zweite verbeſſerte Auflage. Geh. 4 Thlr. Wer den Oſſian kennt und verſteht, tritt mit ihm in ein Land, das ihn wunderbar anzieht; er wird heimiſch in dieſem Lande, in dem heroiſchen I b Zeitalter des Barden; heimiſch in einem Gebiete der Poeſie, welches um ſo lebendiger auf ihn wirkt, als Natur und Wahrheit, Kraft und Groͤße, vorzuͤglich darin herrſchen. Die gegenwaͤrtige Ueberſetzung er⸗ ſchien zum erſtenmal 1800, und der Beifall den ſie fand, veranlaßte dieſe neue Ausgabe, die viele Ver⸗ beſſerungen und Bereicherungen erhalten hat. Die Anſicht nach welcher der Verf. bei dieſer Arbeit ver⸗ fahren iſt, indem er den alten Barden nicht in Proſa, aber eben ſo wenig in ſtrenger metriſcher Form, in Herametern oder gereimt, ſondern in freien Verſen, uͤbertrug, iſt, als dem Geiſte des Dichters am ange⸗ meſſenſten, erkannt worden. Zu den Bereicherungen dieſer neuen Ausgabe gehoͤrt die Einleitung des Ueberſetzers; ſie iſt zum Theil hi⸗ ſtoriſch, und verbreitet ſich uͤber das Zeitalter Oſſian's; zum Theil critiſch, den Werth und die Echtheit ſeiner Poeſteen erdrternd, in welcher letzteren Hinſicht ſie den daruͤber gefuͤhrten Streit entwickelt, und das In⸗ tereſſe des Leſers durch Beibringung der Data, wel⸗ che die Entſcheidung deſſelben begruͤndet haben, be⸗ friedigt. Die jedem Geſange vorangeſchickten kur⸗ zen Einleitungen dienen, die hiſtoriſchen Begeben⸗ heiten und die Localitaͤten, auf welche er ſich be⸗ zieht, zu erklaͤren, und den Leſer auf den gehoͤrigen Standpunkt zu verſetzen, um beſſer in den Sinn des Ganzen eingehen zu koͤnnen.— Dieſe Ausgabe ent⸗ haͤlt die 25 Kupfer und Vignetten der erſten Auflage, welche, wie der Preis darthut, hier nur eine Zugabe ſind, und eher als Skizzen betrachtet ſeyn wollen, als daß ſie auf den Werth vollendeter Kupferſtiche Anſpruch machten. Der ſchoͤne Druck und die ge⸗ faͤlige Einrichtung dieſer Ausgabe werden ſie den Liebhabern noch beſonders empfehlen. Anzeigen der Verlagshandlung. Walter Scott's Romane. Wir haben uns bemuͤht, einige von den ausge⸗ zeichnetſten Schoͤpfungen des großen Dichters dem deutſchen Publiceum in Ueberſetzungen vorzulegen, wie ſie der Geſchmack anerkennen darf und wie ſie des Dichters ſelbſt wuͤrdig ſeyn moͤchten. So ſind nach und nach folgende, im Aeußern gleichfoͤrmig ausgeſtattete Werke aus der Reihe dieſer beruͤhmten Dichtungen in unſerm Verlage erſchienen. Robin der Rothe. Ein romantiſches Gemaͤlde, uͤberſetzt von W. A. Lindau. 3 Bde. Zweite ver⸗ beſſerte Auſlage. 1822. geh. 3 Rthlr. 12 Gr. Das Kloſter; uberſetzt von K. L. Methuſ. Muͤller. 3 Baͤnde. 1821. geh. 3 Rthlr. 8 Gr. Der Alterthuͤmler; ein romantiſches Gemaͤlde, uͤberſetzt von W. A. Lindau u. M. M. 3 Bde. 1821. geh... 3 Rhlr. 12 Gr. Der Pirat; uͤberſetzt von S. H. Spiker. 3 Baͤnde. 1822. mit 1 Karte. geh. 3 Rthlr. 8 Gr. Ueber letzteren, als den neueſten unter dieſen Ro⸗ manen, folgt der Ausſpruch eines deutſchen Recen⸗ ſenten.(Allgemeines Repertorium fuͤr 1822. No. 15.) „Dieſe ſehr gelungene Ueberſetzung eines der neue⸗ ſten Werke des ſchottiſchen Dichters iſt ſchon in vie⸗ ler Leſer Haͤnden, wie ſie es zu ſeyn verdient. Der Genius Walter Seott's hat ſich hier einmal an einem ſehr unfruchtbaren Stoffe verſucht, und verdient deshalb um ſo mehr Bewunderung, da er Leben und Reiz ganz eigentlich bis in die ulima Thule aus⸗ gegoſſen hat. Die Shetlaͤndiſchen Inſeln, nordoͤſt⸗ lich von Schottland, ſind es, auf denen die eben ſo intereſſanten als einfachen Begebenheiten, welche ſich hier ereignen, vor den Augen des Leſers voruͤberge⸗ fuͤhrt werden. Ein hier geſtrandeter Seeraͤuber ni⸗ ſtet ſich in einer wackern Familie ein, richtet man⸗ cherlei Unheil an, und erliegt zuletzt ſeinem Schick⸗ ſale. Die, man darf ſagen, plaſtiſche Darſtellung der Charaktere, die anziehende Verwickelung der Be⸗ gebenheiten, die lebendige Schilderung der Situatio⸗ nen und Naturgegenſtaͤnde, Alles finden wir wieder wie in andern Werken des genialen Dichters, und doch wieder auf andere Weiſe. Die Contraſte des Edeln und Unedeln, des Zarten und Rohen, des Ernſten und Komiſchen, des Heiteren und Duͤſteren gewaͤhren in ihrem Wechſel die anmuthigſte Unter⸗ haltung, die ſich Gefuͤhl und Phantaſie wuͤnſchen kann.“ Von den Originalen dieſer Romane iſt Kenilworth, 3 Vol. dem in Hinſicht der Diction ein ſo hoher Rang zu⸗ ſteht, daß er ſich ganz vorzuͤglich eignet in der Ur⸗ ſprache geleſen zu werden, in unſerm Verlage ein Abdruck erſchienen, deſſen Correktheit anerkannt iſt⸗ und der uͤberhaupt in jeder Hinſicht die Liebhaber guter Ausgaben befriedigt hat. Preis geh. 4 Rthlr. Wilhelm Muͤller's Rom, Roͤmer und Roͤmerinnen. Eine Sammlung vertrauter Briefe aus Rom und Albano. 2 Bde. 8. 1820. geh. ord. Papier 2 Rthlr. 8 Gr. Velin⸗Papier 3 Rthlr. Wer niemals in Italien geweſen iſt, wird ſich we⸗ nigſtens durch den Zauber einer anziehenden Beſchrei⸗ 5 4 1 5 4 bung gern dahin verſetzen laſſen, und es duͤrfte das Verdienſt des gegenwaͤrtigen Werkes ſeyn, ſolches, durch ſeine hoͤchſt lebendigen Schilderungen der Eigenthuͤm⸗ lichkeiten des dortigen Lebens, zu vermoͤgen, wie dies unter andern aus folgendem, dem Lit. W. B. fü 1820 entnommenen Urtheil, hervorgeht: 4 „Man wird nicht muͤde uͤber Italien zu ſchrei⸗ ben und zu— leſen. Die Beſchreibungen dieſes Wunderlandes, ſeit Keyßler bis auf unſere Zeit, fuͤl⸗ len ganze Bibliotheken an, und jede Meſſe bringt neuen Vorrath. Man ſollte glauben, das Land waͤre nun genugſam durchſpaͤht, und wir wuͤßten endlich von ſeinen Herrlichkeiten, was man nur wiſſen kann. Das iſt auch allerdings der Fall; aber der Zauber, der das ſchoͤne Land des§ꝛ umleuchtet, iſt unerſchoͤpf⸗ lich und ewig. Dieſer giebt den begeiſterten Reiſen⸗ den die Feder in die Hand, Suada in den Mund, und gewinnt die Herzen der Hoͤrer dieſſeits der Alpen ſtets von neuem, auch wenn er ſie ſchon hundert Mal beruͤhrt hat. Wer den Zauber an der Quelle kennen gelernt, ſeufzt dabei: Et in Arcadia ego! Wem es bisher noch nicht vergoͤnnt geweſen, dahin zu zie⸗ hen, der moͤchte dann gleich den Wanderſtab ergrei⸗ fen, und dem ſonnigen Hesperien zueilen! Herr Muͤller theilt uns eine Sammlung ver⸗ trauter Briefe uͤber Italien mit, die uns zu auf⸗ richtigem Danke verpflichtet. Behaglich, anſpruchslos und dabei geiſt⸗ und gemuͤthvoll, offnet er ſeine reiche Mappe, deren Inhalt durch die lebendige Auslegung des Beſitzers keinen gemeinen Werth erhaͤlt. Wir wiſſen es ihm Dank, daß er uns nicht in Ruinen, Kirchen, Muſeen, Gallerien u. ſ. w. fuͤhrt, ſondern mit⸗ ten in das Leben und Weben des roͤmiſchen Volkes, deſ⸗ ſen Eigenthuͤmlichkeiten ſo ſelten von dem fluͤchtigen Reiſenden erkannt, und noch ſeltner treu und wahr⸗ haft uͤberliefert werden. Aber er giebt uns keine nack⸗ 8 * ſie mit dem Glanz des italiſchen Himmels, umgiebt ſie mit der bunten Staffage des Suͤdens, und ſchmuͤckt ſie mit den Reizen der Phantaſie. Wir erblicken meiſtens warme, lebensfriſche Bilder der neuroͤmiſchen Welt, klar und duftig zugleich, wie ſie dort ſich er⸗ zeugen. Freilich ſtoͤßt man bei naͤherer Beſichtigung auf manchen kleinen Fehler, entdeckt manche Uneben⸗ heit in der Compoſition, manchen zu grellen Pinſel⸗ ſtrich, manche Disharmonie in der Faͤrbung; doch wer moͤchte ſie ruͤgen, wo das Ganze ſo anſpricht, und jedem Theile das Siegel der Wahrheit unverkenn⸗ bar aufgepraͤgt iſt! Dafuͤr glauben wir huͤrgen zu koͤn⸗ nen, die wir ſelbſt lange an den Tiberufern verweilt. Der Verfaſſer, um kurz alles zu ſagen, hat die hier mitgetheilten Zuͤge aus dem Volksleben wahr und gluͤcklich aufgefaßt/ und eine feine Beobachtungsgabe an den Tag gelegt. Er hat durch die ganze Art, wie er geſehen und dargeſtellt, ſich der Verguͤnſtigung, das elaſſiſche Land beſucht zu haben, wuͤrdig gezeigt. Er hat endlich eine ungemeine Leichtigkeit und Ge⸗ wandtheit in Handhabung der Sprache entfaltet, und wenn ſchon zuweilen, wie in den Anfaͤngen der Briefe, die Worte ſich haͤufen, und eine kleine Ge⸗ ſchwaͤtzigkeit durchbricht, ſo iſt das einem vollen, von der ewigen Roma entzuͤckten, Herzen nachzuſehen.“ Nach einer ausfuͤhrlicheren Bezeichnung des In⸗ halts beider Baͤnde ſchließt der Recenſent:„Genug hiermit, um der gebildeten Leſewelt ein Buch zu empfehlen, aus welchem deutſcher Sinn und fuͤdlicher Zauber ihm entgegen wehen!“ 3 ten Sitten⸗ und Charaktergemaͤlde, ſondern beleuchtet —— ſſſſſf Ffffffffffſſſfnfnfnſnnſfſſſſfiſſſſſiſſſſſſnſnſnſin 13 14 15 16 17 18 19 20 241