B—————— Lei bibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Olkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. ceih und Leſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 3 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Nückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgege ne eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Sunmae hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —— 1 Mk. 50 Pf——— An 3 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2* Mk.— Pf. „„ 4 ¹Auswär tige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zuru tiſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, lorene und defeecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. . Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Waſter erleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſehen hahe n ö Bracebridge⸗Hall 7 oder die Charaktere. . Aus dem Engliſchen des 4 Waſhington Irving . überſetzt 1 20n 4 S. H. Spiker. Berlin, Im Verlage von Duncker und Humblot. Inhalt des Erſten Bandes. Der Verfaſſerr. Seite 1. Die Hallee 13. Deer geſchaͤftige Mann.. 19. Alte Diener——.—.. 29. Die Wittwe 41. Die Liebenden..... 48. Familien⸗Reliquien.. 54. Der alte Soldat Das Gefolge der Wittwe 7 Hans Baargeld... 77. Alte Junggeſellen.. 88. Weiber 3...—. 95. Geſchichten⸗Erzaͤhlen.. 102. Per dicke Herr....... 10o. Baͤume des Waldes Ein litterariſcher Alterthumsforſcher Das Pachterhaus Reitkunſt Liebesanzeichen Falknerei.. 4 Die Falkeniagd. St. Markus⸗Abend Lebensart Wahrſagen Liebeszauber Die Bibliothek... Der Student von Salamanea Seite 130. 442. Vorrede des Ueberſetzers. Um uber das vorliegende Werk, deſſen Ei⸗ genthuͤmlichkeiten und Vorzuͤge, ein richtiges Ur⸗ theil faͤllen zu koͤnnen, wird es noͤthig ſeyn, aͤber die ſchriftſtelleriſche Thaͤtigkeit des Ver⸗ faſſers, ſeine Verhaͤltniſſe und diejenigen Ei⸗ genſchaften, wodurch er ſich den ihm itzt ge⸗ buͤhrenden Rang unter den Schriftſtellern ge⸗ ſichert hat, einige Worte zu ſagen. Herr Wafhington Irving, ein gebo⸗ rener Amerikaner, aus der Provinz New⸗ York, trat in ſeinem Vaterlande, nach eini⸗ gen unbedeutenderen Arbeiten*), zuerſt mit ei⸗ ner humoriſtiſchen Geſchichte ſeines Geburts⸗ *) Einer Sammlung vermiſchter Aufſätze unter dem Titel Salmagundi, und einer Skisze des Lebens des eugliſchen Dichters Campbell. VI ſtaates New⸗York auf, welche er unter dem angenommenen Namen Dietrich Knicker⸗ bocker herausgab, und welche durch die Ori⸗ ginalitaͤt der Darſtellung, ſo wie durch die an den Tag gelegte genaue Bekanntſchaft mit den Eigenthuͤmlichkeiten ſeines Vaterlandes, allge⸗ meines Aufſehen erregte und von den ameri⸗ kaniſchen Kritikern ſehr guͤnſtig beurtheilt wur⸗ de*). Ihr folgte ein Werk, welches die Grund⸗ lage des vorliegenden bildet, und unter dem Titel das Skizzenbuch(thesketch book) an das Licht trat, eine Benennung, die der Verfaſ⸗ ſer von einer in England gewoͤhnlichen Sitte reiſender Kuͤnſtler oder Dilettanten hergenom⸗ men zu haben ſcheint, Buͤcher bei ſich zu fuͤh⸗ ren, in welche ſie fluͤchtige Umriſſe der Gegen⸗ den, die ſie ſehen, der Trachten, die ihnen auf⸗ fallen u. ſ. w. niederlegen. Sein Werk ent⸗ hielt naͤmlich eine Reihe ſolcher Umriſſe, zum Theil von Gegenſtaͤnden in ſeinem Vaterlande, Amerika: die groͤßere Zahl derſelben war —— 5 *) S. Bristed's resources of the United States, S. 359. Ein Abdruck des Werkes iſt in dieſem Jahre in London erſchienen. VII jedoch von dem abgenommen, was er waͤhrend ſeines Aufenthaltes in England, theils in der Hauptſtadt ſelbſt, theils auf dem Lande, geſe⸗ hen und beobachtet hatte, Wahrnehmungen, zu welchen ein laͤngeres Verweilen in dieſem Lande (aus welchem auch die Vorrede zu der erſten, amerikaniſchen, Ausgabe ſeines Skizzenbuchs datirt iſt) ihm Gelegenheit gab. Das Werk machte ſchon bei ſeinem Erſcheinen in Ameri⸗ ka großes Aufſehen und rechtfertigte die Erwar⸗ tungen, welche man von dem Verfaſſer gehegt hatte(der zwar unter dem analogen Na⸗ men Geoffrey Crayon aunfgetreten war, jedoch bald entdeckt ward), erhielt aber in England, als es dort bekannt wurde, einen ſo außerordentlichen und ungewoͤhnlichen Beifall, daß man, mit Ausnahme der Erzeugniſſe aus der Feder des„Verfaſſers von Waverley,“ kein aͤhnliches Beiſpiel einer ſo guͤnſtigen Auf⸗ nahme einer ſchriftſtelleriſchen Arbeit in Eng⸗ land wuͤrde anfuͤhren koͤnnen. Alle Ruͤckſich⸗ ten der Parteilichkeit gegen einen Schriftſtel⸗ ler aus einem Lande, das der Englaͤnder noch immer mit einem gewiſſen ſchmerzlichen Ge⸗ VIII fuͤhl und mit dem Unwillen einer zuͤrnenden Vorliebe betrachtet, und gegen deſſen littera⸗ riſche Erzeugniſſe die engliſchen Kritiker immer eine beſondere Strenge ausgeuͤbt haben, wichen vor der Neuheit der Ideen, der Gewandtheit der Darſtellung und dem aͤchten Stempel des Genies, der jenem Meiſterwerke unverkennbar aufgedruckt war. Alle Urtheile waren ein⸗ ſtimmig in ſeinem Lobe, in allen engliſchen Zeitſchriften ſah man Auszuͤge davon und ſchon waren unberufene Haͤnde beſchaͤftigt, einen vollſtaͤndigen Abdruck des Skizzenbuchs in England zu veranſtalten, als der Verfaſſer felbſt die Herausgabe ſeines Buches uͤbernahm, und dem Londoner Abdrucke durch Hinzufuͤ⸗ gung einiger neuen, groͤßtentheils aus Amerika entlehnten, Abſchnitte, einen Vorzug vor der amerikaniſchen Originalausgabe zu ertheilen ſuchte. Er widmete fein Werk, in dieſer Ge⸗ ſtalt, dem einzigen Manne, deſſen Darſtellungs⸗ gabe, trotz ihrer weſentlichen Verſchiedenheit von der feinigen, eben ſo allgemein angeſpro⸗ chen hatte— Sir Walter Scott, in den Ausdruͤcken, welche dieſem Namen gebuͤhren; IX und der Beifall, mit welchem das Skizzenbuch, ſo von ihm ſelbſt in das Mutterland eingefuͤhrt, von dem kritiſchen Publikum aufgenommen wurde, war ſo groß, daß in einem Jahre vier Auflagen davon erſchienen. Mehr als Alles ſcheint den Verfaſſer waͤhrend ſeines Aufenthalts in England, wo er nun bereits ſeit zwei Jahren lebt*9, das engliſche Landleben, und namentlich der wahr⸗ haft nationale Geiſt, welcher noch bei einem großen Theile der Vornehmeren, ſo wie der Leute aus geringeren Klaſſen, zumal in einiger Entfernung von der Haußtſtadt, vorhanden iſt, angezogen zu haben. Den uͤberzeugendſten Be⸗ weis davon giebt ein Abſchnitt in ſeinem Skizzenbuch, Landleben in England uͤber⸗ ſchrieben, und ein Englaͤnder ſelbſt koͤnnte von einem Miteingebornen keine guͤnſtigere und anziehendere Schilderung des haͤuslichen Le⸗ bens auf dem Lande erwarten, als ſie dieſer Fremdling gegeben hat. Mehrere einzelne *) Das er aber, wie man ſagt, in kurzem verlaſſen wird, um eine Reiſe nach Deutſchland zu machen. X Gemaͤlde, ebenfalls von jenem Standpunkte aufgenommen, z. B. die Dorfkirche, Be⸗ graͤbniſſe auf dem Lande, zeugen von der Vorliebe, womit der Verfaſſer alles um ihn her Vorgehende betrachtet hat. Mit ganz beſonderer Sorgfalt iſt aber die Schilderung des Aufenthalts auf einem Landſitze, Brace⸗ bridge⸗Hall, behandelt, wohin der Verfaſ⸗ ſer um Weihnachtszeit geraͤth, als er, bei einem Ausfluge in Yorkſhire, zufaͤllig die fruͤhere Bekanntſchaft mit einem der Soͤhne des Be⸗ ſitzers, Frank Bracebridge, erneuert. Dieſe Schilderung, vielleicht eine der ge⸗ lungenſten in Skizzeubuch, giebt ein aͤußerſt lebendiges Bild von dem Leben auf einem engliſchen Landhauſe, deſſen Beſitzer noch der alten unverdorbenen Sitte treu geblieben iſt, und hat dabei dem Verfaſſer Gelegenheit verſchafft, bei der Schilderung einzelner, zum Hausſtande gehoͤriger Perſonen, namentlich des Squire ſelbſt, Meiſter Simon's, des Oxforder Studenten, u. ſ. w. ſeine Mei⸗ ſterſchaft in Ausfuͤhrung von Charakter⸗Ge⸗ maͤlden an den Tag zu legen. 3 XI Auf dieſen Grund iſt nun das vorliegende Werk gebaut, welches, wie das Skizzenbuch ſelbſt, aus einer Reihe einzelner Schilderun⸗ gen beſteht, nur mit dem Unterſchiede, daß ſaͤmmtliche Bilder hier von einem Standpunk⸗ te aufgenommen ſind, und dem Ganzen ein abermaliger Beſuch in Bracebridge ⸗Hall, oder kurzweg die Halle, zur Veranlaſ⸗ ſung dient. Die Perſonen, welche dort das Gemaͤlde belebten, treten auch hier, ganz wie ſie dort waren, wieder auf: die Staffage iſt indeſſen noch durch einige untergeordnete Cha⸗ raktere vermehrt, von denen ein jeder ſeine eigenthuͤmlichen Seiten hat, und wozu die Ori⸗ ginale in England nicht ſchwer aufzufinden ſeyn duͤrften.*) Dem Ganzen eine mannigfalti⸗ gere Faͤrbung zu geben, ſo wie es uͤberhaupt mehr in ſich zu verbinden, laͤßt der Verfaſſer, unter ſeinen Augen, eine Reihe haͤuslicher Er⸗ *) Den zweiten Titel des Werkes, the humourists, habe ich am beſten durch die Charaktere wiederzugeben ge⸗ glaubt, da hier humour nicht fur Laune genommen iſt⸗ ſondern die eigenthümliche Richtung oder Neigung Jemandes andeutet. 3 1 1 —— 8 XII eigniſſe vorgehen, welche durch die verſchiede⸗ nen Verhaͤltniſſe, Launen und Neigungen der Haupt⸗ und Nebenperſonen herbeigefuͤhrt wer⸗ den, und das Ganze ſchließt mit einer Bege⸗ benheit, welche des Verfaſſers Abreiſe von der Halle, und mit ihr das Ende der Schilderung, ſehr ungezwungen veranlaßt.— Die Erzaͤh⸗ lungen, welche in beiden Theilen des Werkes vorkommen, ſind, wie im Skizzenbuche Rip van Winkle, die Geiſterbraut u. ſ. w., eingewoben, um zu groͤßeren, die Aufmerkſam⸗ keit auf einige Zeit feſthaltenden, Abſchnitten Gelegenheit zu geben, und der Student von Salamanca, Annette Delarbre und Dolph Heyliger ſtehen an Intereſſe denen im fruͤheren Werke gegebenen nicht nach. Was die Eigenthuͤmlichkeit des Verfaſſers betrifft, ſo wird ſie dem Leſer, der ſie aus dem Skizzenbuch noch nicht kennt, aus wenigen Seiten des vorliegenden Werkes hinlaͤnglich klar werden. Vor allen Dingen geht aus ihm eine Auffaſſungsgabe hervor, wie ſie gewiß wenige neuere Schriftſteller beſitzen. Kein Zug, der nicht aus dem Leben gegriffen und mit & — XIII Leben wiedergegeben waͤre; keine Einzelheit, die ſich nicht dem Ganzen geſchickt anpaßte und es abrunden huͤlfe; nichts, was nicht gerade hieher und nirgends anders hin gehoͤrte. Da⸗ zu kommt eine Feinheit des Gefuͤhls, welcher ſich(was Wenigen geſchickt zu erſcheinen weiß) das wirklich Anſprechende ſogleich darbietet, und welche dieß hervorzuheben verſteht, ohne ſich deswegen den Anſtrich des Gezwungenen zu geben, oder der Wahrheit zu nahe zu tre⸗ ten; beſonders wird dieß bei den Gemaͤlden be⸗ merklich, wo der Amerikaner, bei der Span⸗ nung, welche zwiſchen ſeinem Volke und den Englaͤndern beſteht, ſehr leicht etwas weiter ge⸗ hen koͤnnte, als es ſonſt vielleicht ein Fremder, bei Schilderungen engliſcher Sitten, ſich geſtatten wuͤrde. Selbſt ſeine komiſchen Gemaͤlde, in denen mitunter die Farben ziemlich dreiſt aufgetragen ſind, erſcheinen nicht als Zerrbilder, und auch noch da, wo die Sonderbarkeit des Geſchil⸗ derten nahe an das Ueberſpannte ſtreift, weiß der Verfaſſer ſehr geſchickt das urſpruͤnglich Treffliche, und namentlich das wahrhaft Na⸗ tionale, hervortreten zu laſſen. XIV Neben dem Geiſte ſpricht aber auch das Herz ſehr lebendig in Allem, was der Ver⸗ faſſer beſchreibt. Man leſe ſeine Schilderun⸗ gen: alte Diener, Baͤume des Wal⸗ des, der St. Markus⸗Abend, und man wird geſtehen muͤſſen, daß wer fuͤr ſo ehrenvolle Zuͤge in der menſchlichen, fuͤr ſolche Schoͤnhei⸗ ten in der unbelebten Natur, ſo empfaͤnglich iſt, ſie ſo aufzufaſſen, ſie ſo wiederzugeben im Stande iſt, auch ein guter Menſch ſeyn muͤſſe. Dieſelbe Gutmuͤthigkeit ſpricht ſich in ſeinem Humor aus, und die wahrhafte Komik, welche z. B. in der Erzaͤhlung der dicke Herr uͤber⸗ all hervorleuchtet, muß um ſo anſprechender ſeyn, da ſie nicht den Stachel der Satire in ſich traͤgt. Ernſt und Scherz— Alles ſteht dem geiſtreichen Verfaſſer gleich wohl an: auch iſt es nicht das geringſte ſeiner Verdienſte, ſie in einer ſo unterhaltenden Miſchung vor⸗ zutragen. Was die Sprache, wie ſie in dem Ori⸗ ginale herrſcht, angeht, ſo duͤrfte es nicht leicht unter den lebenden Proſaiſten Englands(ſelbſt die beruͤhmteſten nicht ausgeſchloſſen) einen XV geben, der ſie ſo in ihrem ganzen Umfange zu handhaben wuͤßte. Die Amerikaner moͤgen, wenn ſie(wie es wenigſtens die Englaͤnder ſagen) behaupten wollen, daß ſie die engliſche Sprache richtiger ſchreiben, als die Eingebor⸗ nen ſelbſt, etwas zu weit gehen: ſo viel iſt in⸗ deß gewiß, daß die Mittel, welche die engli⸗ ſche Sprache, nach ihrer Entſtehungsart, be⸗ ſitzt, ſich aller moͤglichen Wendungen mit gleich großer Leichtigkeit zu bedienen, von Niemanden mit mehrerer Gewandtheit benutzt werden koͤn⸗ nen, als es von unſerem Verfaſſer geſchehen iſt. — Seine Kenntniß beſchraͤnkt ſich indeß nicht al⸗ lein auf die Sprache Englands: er iſt auch mit der Litteratur des Landes, und namentlich mit der aͤlteren, vollkommen vertraut, und die Mot⸗ to's der einzelnen Kapitel beweiſen, daß er in mehr als einem Zweige derſelben wohl bewan⸗ dert iſt. In England uͤber England geſchrie⸗ ben, iſt auch dieß Werk(wie ein geiſtreicher engliſcher Recenſent es von dem Skizzen buch ſagt) vollkommen engliſch, und keine, in an⸗ dern Werken bis zum Ekel gehaͤufte, Citate aus den Klaſſikern, beleidigen durch den Prunk einer zuſammengebettelten Gelehrſamkeit. Soviel von dem Originale.— Sollte man finden, daß der Ueberſetzer vielleicht zu viel erklaͤren wollen und zu viele Anmerkun⸗ gen gemacht hat, ſo glaubt er, ſich damit gegen dieſen Vorwurf rechtfertigen zu koͤnnen, daß er, bei einem ſo rein nationalen Werke, dadurch den Genuß der Eigenthuͤmlichkeiten in den Schilderungen zu erhoͤhen geſucht hat. Vieles wuͤrde dem, mit dem inneren, haͤusli⸗ chen Leben in England nicht vollkommen Ver⸗ trauten am Ende doch unerklaͤrlich geblieben ſeyn, da der Verfaſſer— uͤberzeugt von engli⸗ ſchen Leſern verſtanden zu werden— nur die Erlaͤuterung des Allerfremdartigſten gab. So wuͤrde der Ueberſetzer es ſich nicht haben verzeihen koͤnnen, wenn er ſich es beimeſſen muͤßte, das Original nicht nach Wuͤrden von dem deutſchen Publikum geſchaͤtzt zu ſehen, und hat demnach lieber dem Vorwurfe ſich aus⸗ ſetzen wollen, Ueberfluͤſſiges gegeben, als Noth⸗ wendiges weggelaſſen zu haben. 4 Bracebridge⸗Hall oder die Charaktere. Erſter Band Der Verfaſſer. Werther Leſer! Da ich abermals die Feder zur Hand nehme, ſo moͤchte ich gleich zu Anfang einige wenige Be⸗ merkungen machen, um recht verſtanden zu wer⸗ den. Die Baͤnde, welche ich zuvor herausgege⸗ ben, haben eine Aufnahme gefunden, die meine kuͤhnſten Erwartungen uͤbertroffen hat. Gern moͤchte ich dieſe ihrem inneren Werthe zuſchrei⸗ ben, allein, der Autor⸗Eitelkeit ungeachtet, kann ich mir es nicht verbergen, daß ihr Erfolg einer weniger ſchmeichelhaften Urſach zu danken gewe⸗ ſen iſt. Man hat ſich nicht genug daruͤber wun⸗ dern koͤnnen, wie ein Mann aus den Wildniſſen von Amerika ſich in ſo leidlichem Engliſch aus⸗ drucken koͤnne: man ſah mich als eine neue und ſonderbare Erſcheinung in der Litteratur an, als eine Art von Halbwilden, mit einer Feder in der Hand, ſtatt auf dem Kopfe, und man war I. A ————— 2— 4 nicht wenig neugierig, zu hoͤren, was denn ſolch ein Weſen uͤber die geſittete Geſellſchaft vorzu⸗ bringen haben wuͤrde. Mit dem Reiz der Neuheit iſt es itt vor⸗ uͤber, und natuͤrlich auch mit der Nachſicht, welche ſie hervorbrachte. Ich muß erwarten, eine ſtrengere Kritik uͤber mich ergehen und mich mit demſelben Maaße meſſen zu laſſen, wie es an die Erzeugniſſe gleichzeitiger Schriftſteller gelegt wird. Selbſt die guͤnſtige Behandlung, welche meine fruͤheren Schriften erfahren haben, wird die Ürſach ſeyn, daß die folgenden mit groͤßerer Strenge behandelt werden, da es nichts giebt, deſſenwegen die Welt einen Mann haͤrter ſtraft, als weil er uͤber die Gebuͤhr gelobt worden iſt. In dieſer letteren Hinſicht wuͤnſche ich indeß, der Strenge des Leſers vorgreifen zu duͤrfen, und bitte ihn, der vielen unverſtaͤndigen Sachen wegen, die zu meinem Lobe geſagt worden ſind, nicht ſchlechter von mir zu denken. E Ich weiß ſehr wohl, daß ich oft auf ſchon betretenem Boden gehe, und Gegenſtaͤnde behandele, die bereits von gewandteren Federn eroͤrtert wor⸗ den ſind. Man hat auch viele Schriftſteller als meine Muſter genannt, und ich wuͤrde mich ſehr geſchmeichelt fühlen, wenn ich die geringſte 2 —— 5 Aehnlichkeit mit ihnen zu haben glaubte; die Wahrheit zu geſtehen, ſchreibe ich aber nach kei⸗ nem mir bewußten Vorbilde, und durchaus ohne den Gedanken an Nachahmung oder Wettei⸗ fer. Wenn ich zufaͤllig mich an Gegenſtaͤnden verſuche, die von engliſchen Schriftſtellern beinahe erſchoͤpft worden ſind, ſo thue ich dieß keineswe⸗ ges, um zu Vergleichen Anlaß zu geben, ſondern in der Hoffnung, daß, wenn die Feder eines Frem⸗ den ſie eroͤrtert, ſie vielleicht eine neue Anziehungs⸗ kraft gewinnen duͤrften. Wenn mam alſo zuweilen finden ſollte, daß ich weit lieber bei Gegenſtaͤnden verweile, die dem Leſer ſchon laͤngſt wohlbekannt ſind, ſo bitte ich, daß man ſich erinnern moͤge, unter welchen Um⸗ ſtaͤnden ich ſchreibe. In einem neuen Lande ge⸗ boren und erzogen, aber von Jugend auf mit der Litteratur eines alten vertraut, erfuͤllte ſich mein Gemuͤth ſchon fruͤh mitz geſchichtlichen und dichteriſchen Erinnerungen, welche ſich auf Ge⸗ genden, Sitten und Gewohnheiten Europa's bezogen, auf die meines eigenen Landes aber keine Anwendung finden konnten. Fuͤr ein ſo beſonders vorbereitetes Gemuͤth haben die gewoͤhn⸗ lichſten Gegenſtaͤnde und Auftritte, bei der An⸗ kunft in Europa, etwas ungemein Anziehen⸗ A2 „ 4 des und Neues. England iſt fuͤr einen Ame⸗ rikaner eben ſo claſſiſcher Boden, als es Italien fuͤr einen Englaͤnder iſt, und das alte London eben ſo reich an Stoff zu hiſtoriſchen Gedan⸗ kenverbindungen als das maͤchtige Rom. In der That iſt es ſchwer, das ſonderbare Gemiſch von Gedanken zu beſchreiben, welche in eines Amerikaners Kopfe ſich zuſammendraͤngen, wenn er in England landet. Zum erſtenmale ſieht er eine Welt vor ſich, von der er in jedem Abſchnitte ſeines Lebens geleſen, und mit der er eben ſo oft ſich beſchaͤftigt hat. Die Erinne⸗ rungen der Kindheit, der Jugend und des Mannes⸗ alters, aus der Kinderſtube, der Schule und dem Studirzimmer haͤufen ſich auf einmal um ihn: ſeine Aufmerkſamkeit wird zwiſchen großen und kleinen Gegenſtaͤnden getheilt, von denen je⸗ der vielleicht eine gleich angenehme Reihe von Erinnerungen in ſeinem Gefolge hat. „Was aber ganz vorzuͤglich ſeine Aufmerk⸗ ſamkeit auf ſich zieht, ſind die Eigenthuͤmlichkeii⸗ ten, welche ein altes Land und einen alten Zu⸗ ſtand der Geſellſchaft von einem neuen unter⸗ ſcheiden. Ich bin mit den in Staub zerfallenden Denkmaͤlern fruͤherer Zeitalter nie ſo vertraut geweſen, als daß der lebendige Antheil, mit dem — 5 ich ſie zuerſt betrachtet, ſich haͤtte abſtumpfen ſol⸗ len. An Gegenden gewoͤhnt, die gewiſſermaßen erſt eine Geſchichte erhalten ſollten, wo alles in der Kunſt neu und im Fortſchreiten begriffen war, und eher auf die Zukunft als auf die Ver⸗ gangenheit hindeutete,— kurz, wo des Menſchen Werk nur an ſein kurzes Vorhandenſeyn erin⸗ nerte, und erſt in der Entfernung die Ausbildung verhieß— lag fuͤr mich in dem Anblick von unge⸗ heueren, in Alter ergrauten und in Truͤmmer dahinſinkenden Gebaͤudemaſſen, etwas unbeſchreib⸗ lich Ergreifendes. Ich kann die ſtumme, aber gewaltige Bewegung nicht beſchreiben, mit der ich eine große kloͤſterliche Truͤmmer, wie die Ab⸗ tey von Tintern,“) in dem Schooße eines ſtillen Thales ruhend, und von der Welt abgeſchieden, als ob ſie immer nur fuͤr ſich gelebt haͤtte, oder eines kriegeriſchen Bauwerks, wie das Schloß von Conway, das in ſtarrer Oede, auf ſeiner Felſen⸗ hoͤhe, eine leere, doch drohende Erſcheinung ent⸗ ſchwundener Macht da ſteht, betrachtet habe. Sie verbreiten einen großartigen, duͤſtern und fuͤr mich ganz ungewoͤhnlichen Reiz uͤber eine Landſchaft: ich ſah zum erſtenmale Spuren des Alters eines — *) Eine der ſchönſten klöſterlichen Ruinen, in Süd⸗Wales. Conway liegt ebenfalls in Wales, aber nördlich, Ueberſ. 6 Volks, des Zerfallens von Reichen, und Beweiſe der voruͤbergehenden und dahinſchwindenden Herr⸗ lichkeiten der Kunſt, in der ewig fruͤhlingsgleichen und wiederbelebenden Fruchtbarkeit der Natur. Fuͤr mich enthielt Alles gleich reichhaltigen Stoff: uͤberall waren die Spuren der Geſchichte zu ſehen, und die Dichtkunſt hatte uͤber das Land ihren Hauch verbreitet und es geheiligt. Ich fuͤhlte die lebendige Friſche der Empfindung ei⸗ nes Kindes, dem Alles neu iſt. Fuͤr jede Woh⸗ nung, die ich ſah, bildete ich mir in Gedanken auch die Bewohner und die Lebensweiſe, von dem Pallaſte des Großen, in ſeiner fuͤrſtlichen Ruhe zwiſchen ſtattlichen Haynen und einſamen Parks, bis zu der mit Stroh gedeckten Huͤtte mit ihrem kleinen Garten und ihrem ſorgfaͤltig gepflegten Geisblatt darin. Ich glaubte, mich an der Annehmlichkeit und Friſche eines ſo durchaus mit einem Teppich von Gruͤn beleg⸗ ten Landes gar nicht ſaͤttigen zu koͤnnen, wo je⸗ des Luͤftchen den Duft der balſamiſchen Flur und der Jelaͤngerjelieber⸗Hecken athmete. Ueber⸗ all fand ich Denkzeichen der Dichtkunſt: in dem bluͤhenden Hagedorn, der Maßliebe, der Schluͤſ⸗ ſelblume, oder irgend einem anderen Gegenſtand, der von der Muſe einen beſondern Werth erhal⸗ 7 ten hat. Als ich zum erſtenmale den Geſang der Nachtigall hoͤrte, fuͤhlte ich mich mehr von der herrlichen Fuͤlle erneuerter Gedankenverbin⸗ dungen als von der Melodie ihrer Toͤne berauſcht, und ich werde nie das hohe Entzuͤcken vergeſſen, mit dem ich zuerſt die Lerche ſich, beinahe zu meinen Fuͤßen, erheben und ihren tonvollen Flug ſie zu den Wolken emportragen ſah. So durchſtreifte ich England wie ein er⸗ wachſenes Kind, mich uͤber jeden Gegenſtand, groß und klein, gleich freuend, wobei ich eine ſo ſtaunende Unwiſſenheit, eine ſo einfaͤltige Ge⸗ nießluſt verrieth, daß meine kluͤgeren und erfah⸗ reneren Mitreiſenden mich ſehr oft anſtarrten, und ich ihnen nicht ſelten ein Laͤcheln ablockte. Von eben der Art war die ſeltſame Verwir⸗ rung der Ideen, welche auf mich einſtuͤrm⸗ ten, als ich mich London naͤherte. Einer mei⸗ ner fruͤheſten Wuͤnſche war der geweſen, dieſe große Hauptſtadt zu ſehen. Ich hatte ſoviel davon in den erſten Buͤchern geleſen, die man mir als Kind in die Hand gegeben hatte, und ich hatte ſo viel davon von denen um mich her gehoͤrt, die aus dem alten Lande gekommen waren! Ich war mit den Namen der Straßen, Pläͤtze und oͤffentlichen Gebaͤude dafelbſt vertraut, 8 * ehe ich noch die meiner Vaterſtadt kannte. Es war, fuͤr mich, der große Mittelpunkt der Welt, um den ſich alles andere zu drehen ſchien. Ich erinnere mich, als Kind, einen ſchlechten kleinen Kupferſtich, der die Themſe, die Londoner⸗Bruͤcke und die St. Pauls⸗Kirche darſtellte und vorn vor einem alten Hefte eines Wochenblatts ſtand, ſehr gedankenvoll betrachtet zu haben, ſo wie ein Bild von den Gaͤrten von Kenſington*), worauf Herren mit dreieckigten Huͤten und breiten Schoͤ⸗ ßen, und Damen in Reifroͤcken und Fluͤgelklei⸗ dern, das in meinem Schlafzimmer hing: ſelbſt der ehrwuͤrdige Holzſchnitt von dem St. Johan⸗ nis⸗Thore**) der, ſeit undenklichen Zeiten, vor dem Gentleman's Magazine ſteht, war nicht ohne Reiz fuͤr mich, und ich beneidete die ſonderbar ausſehenden kleinen Leute, die unter den Bogen des Thores umherzuſtehen ſchienen. Wie ſchwoll aber mein Herz, als man mir die Thuͤrme der Weſtminſter⸗Abtey zeigte, wie *) Dicht bei London, einem beliebten Sonntagsſpatzier⸗ gange der Londoner. Sie gehören zu dem Königl. Pallaſte gleiches Namens, den der Herzog von Suſſey bewohnt. Ueberſ. **) Dieß iſt, außer Templebar, das einzige übriggebliebene Thor in London. Es ſteht an dem Eingange von St. John's Sauare im nördlichen Theile von London. Ueberſ. 7 9 9 8 ſie ſich uͤhber die dichten Wipfel des St. James Park's erhoben und ein duͤnner blauer Nebel auf ihren grauen Zinnen lag! Ich konnte dieſes große Mauſoleum alles deſſen, was in unſerer vaͤterlichen Geſchichte beruͤhmt iſt, nicht betrach⸗ ten, ohne meine Begeiſterung ſich auf das hoͤchſte entflammen zu fuͤhlen. Mit welcher Begierde er⸗ forſchte ich jeden Theil der Hauptſtadt! Ich be⸗ gnuͤgte mich nicht mit den Dingen, welche die bedeutſameren Unterſuchungen des gelehrten Rei⸗ ſenden zum Gegenſtande haben: ich ergoͤtzte mich daran, alle die Gefuͤhle meiner Kindheit wieder hervorzurufen, den Sachen nachzuſpuͤren, welche in meiner Jugendzeit mir als Wunder erſchienen waren. Die Londoner⸗Bruͤcke, welche in den Ammen⸗ liedern eine ſo große Rolle ſpielt, Gog und Ma⸗ gog*) und die Löwen im Tower, alles dieß rief mir Erinnerungen an meine Kinderjahre und an die guten alten Weſen zuruͤck, die, itzt nicht mehr am Leben, damals noch mein er⸗ ſtauntes Ohr mit den Beſchreibungen davon er⸗ fuͤllt hatten. Mit der ganzen Wiederkehr der *) Die beiden großen bemalten und vergoldeten Rieſenbil⸗ der über der Thüre des großen Saales der Guildhall, im Innern. Ueberſ. 10 kindiſchen Theilnahme blickte ich zuerſt in New⸗ berry's*) Laden, auf St. Paul's Kirch⸗ hofe, dieſen Urquell der Litteratur. Hr. New⸗ berry war der erſte, der in meinem kindiſchen Ge⸗ muͤthe den Begriff eines großen und guten Mannes entſtehen ließ. Er gab alle Bilderbuͤcher der damali⸗ gen Zeit heraus, und rechnete, aus reiner Liebe zu den Kindern,„nichts fuͤr Papier oder Druck, und nur anderthalb Pence fuͤr den Einband!“ Ich habe dieſe einzelnen Umſtaͤnde ange⸗ fuͤhrt, werther Leſer, um Dir die Menge von Gedankenverbindungen zu zeigen, welche ſich in meinem Gemuͤthe durchkreuzen, wenn ich mir mit dem zu ſchaffen mache, was in England vor⸗ geht. Ich hoffe, daß jene mich zum Theil ent⸗ ſchuldigen werden, wenn ich abgedroſchene und ge⸗ woͤhnliche Gegenſtaͤnde behandle, oder meiner Vorliebe fuͤr alles Alte und Verſchollene zu ſehr freien Lauf laſſe. Ich weiß, daß es itzt Sitte iſt, uͤber alte Zeiten, alte Buͤcher, alte Sitten und alte Gebaͤude beinahe außer ſich zu gera— then; bei mir iſt aber, in ſo fern ich mit ange— ſteckt worden bin, das Gefuͤhl wahr und aͤcht. Fuͤr jemanden aus einem jungen Lande ſind alle *) Jetzt Harris: eine Bnchhandlung, wo nur Finder⸗ ſchriften verkauft werden. Ueberſ. yyn— — — 11 alten Sachen gewiſſermaßen neu, und man kann den wohl entſchuldigen, deſſen Geburtsland un⸗ gluͤcklicherweiſe keine einzige Truͤmmer aufzuwei⸗ ſen hat, wenn er ſich etwas um Alterthuͤmer be⸗ kuͤmmert. 3 Da ich, außerdem, in einer verhaͤltnißmaͤßi⸗ gen republikaniſchen Einfachheit erzogen worden bin, ſo fallen mir ſelbſt die gewoͤhnlichſten Um⸗ ſtaͤnde, welche mit einem ariſtokratiſchen Zuſtande der buͤrgerlichen Geſellſchaft verknuͤpft ſind, auf. Sollte ich indeß zuweilen mich damit beluſtigen, einige von den Sonderbarkeiten und den dichte⸗ riſchen Eigenthuͤmlichkeiten der letztern hervorzu⸗ heben, ſo will ich damit gar nicht uͤber ihre poli⸗ tiſchen Verdienſte entſchieden haben. Mein ein⸗ ziger Zweck iſt, Charaktere und Sitten zu ſchil⸗ dern. Ich bin kein Politiker. Je laͤnger ich das Studium der Politik betrachtet habe, deſto mehr habe ich es verworren gefunden und mich, ſo wie bei der Religion, mit dem Glauben, in dem ich auferzogen worden bin, begnuͤgt, mein Betragen nach ſeinen Vorſchriften eingerichtet, und gewandteren Haͤnden das Geſchaͤft uͤberlaf⸗ ſen, Andere zu bekehren. Ich werde alſo auf dem Wege, den ich bisher eingeſchlagen habe, fortgehen, die Gegenſtaͤnde —— 12² mehr von ihrer poetiſchen als von ihrer politi⸗ ſchen Seite betrachten, ſie beſchreiben, wie ſie ſind, nicht wie ſie ſeyn ſollten, und die Welt in einem ſo angenehmen Lichte zu ſehen ſuchen, als die Umſtaͤnde es erlauben wollen. Ich bin immer der Meinung geweſen, daß außerordentlich viel Gutes daraus entſtehen koͤnnte, wenn man die Leute in guter Laune gegen ein⸗ ander erhielte. Ich kann mich vielleicht in mei⸗ ner Philoſophie irren, allein ich werde dennoch fortfahren, danach zu leben, bis ich mich von ih⸗ rer Truͤglichkeit uͤberzeugt habe. Wenn ich ge⸗ funden haben werde, daß die Welt ganz ſo ſey, wie grinſende Cyniker und wimmernde Poeten ſie geſchildert haben, ſo will ich mich auch bekeh⸗ ren und mit auf ſie ſchimpfen. Bis dahin hoffe ich aber, daß Du, werther Leſer, nicht ſchlecht von mir denken wirſt, weil ich nicht glauben kann, daß die Welt ſo ſchlecht ſey, als man ſie ſcchildert. 8 Aufrichtig der Deinige Gottfried Crayon. 1 —— — —jʒ —— Die Halle. Das alte Haus und die beſte Haushaltung, in dieſer und der nächſten Grafſchaft, denn wenn gleich der Haus⸗ herr ſich nur Sauire ſchreibt, ſo kenne ich doch keinen Lord, der ihm gliche. Die luſtigen Bettler. Wenn der Leſer das Skizzenbuch kennt, ſo wird er ſich wahrſcheinlich der Familie Bracebridge erinnern, bei der ich einſt die Weihnachtszeit zu⸗ brachte. Ich bin jetzt abermals zum Beſuche in der Halle,)und zwar zu einer Hochzeit einge⸗ laden, die in kurzem gefeiert werden ſoll. Des Squire's zweiter Sohn, Gui do, ein ſchoͤner, le⸗ bendiger junger Hauptmann, wird ſeines Vaters Muͤndel, die reizende Julie Templeton, heira⸗ then. Schon haben ſich die Freunde und Ver⸗ wandten verſammelt, das froͤhliche Feſt zu bege⸗ hen, denn der alte Herr iſt ein Feind aller Hei⸗ rathen in der Stille.„Es geht nichts daruͤber,“ pflegt er zu ſagen:„ein junges Paar froͤhlich vom ²) Kurzweg für Bracebridge⸗Hall, das Herrenhaus, den Schauplatz der Geſchichte. Ueberſ⸗ Stapel laufen zu laſſen und ihnen vom Ufer nachzurufen; ein ordentlicher Anlauf iſt die halbe Reiſe.“ Ehe ich weiter fortfahre, muß ich bitten, daß man den Squire nicht mit den uͤber Stock und Block dahinreitenden Fuchsjaͤgern verwechsle, die man ſo oft beſchrieben hat, und die, in der That, in England beinahe ganz ausgeſtorben ſind. Ich bediene mich dieſes laͤndlichen Titels theils, weil der Hausherr in der Nachbarſchaft allgemein ſo ge⸗ nannt wird, theils weil er mir die haͤufige Wie⸗ derholung ſeines Namens erſpart, der zu einem von den alten harten engliſchen Namen gehoͤrt, uͤber welche Franzoſen gewoͤhnlich zu verzweifeln pflegen. Der Squire iſt, in der That, noch ſo ein Ueberbleibſel von dem Geſchlecht der alten eng— liſchen Landbeſitzer: etwas verbauert, weil er faſt immer auf ſeinem Gute gelebt hat, und etwas launenhaft, wie Englaͤnder gewoͤhnlich zu wer⸗ den pflegen, wenn ſie nach ihrer eigenen Weiſe leben koͤnnen. Sein Steckenpferd, welches darin beſteht, fuͤr alte engliſche Sitten und Gewohn⸗ heiten eine abgoͤttiſche Verehrung zu haben, mag ich indeß ganz gut leiden: es ſchlaͤgt etwas in meinen eigenen Geſchmack, da ich eine lebendige —o 15 und ungeſaͤttigte Wißbegierde nach allem dem habe, was die alten und wahren Charakterzuͤge meines Vaterlandes angeht. In der Familie des Squire liegen ebenfalls einige Zuͤge, die mir national zu ſeyn ſcheinen. Es iſt eine der alten ariſtokratiſchen Familien, welche, wie ich glaube, England ganz eigenthuͤm⸗ lich ſind, und von denen man, in andern Laͤn⸗ dern, kaum einen Begriff hat, das heißt, Fami⸗ lien von alter guter Abkunft, die, wenn ſie gleich keinen Titel, doch einen großen Stolz auf ihre Vorfahren haben, auf allen Adel aus neuerer Zeit herabſehen, und es fuͤr eine Beeintraͤchtigung ihrer Waͤrde halten wuͤrden, wenn ſie den ehr⸗ wuͤrdigen Namen ihres Hauſes in einen neueren Titel verſchmelzen ſollten. Dieß Gefuͤhl gewinnt durch das Anſehen, deſſen ſie auf ihrem Erbgut genießen, noch an Staͤrke. Das Schloß iſt ein altes Herrenhaus, welches in einer entfernten und ſchoͤnen Gegend in Yorkſhire liegt. Die Bewohner deſſelben ſind in der umliegenden Gegend immer als„die Großen dieſer Erde“ angeſehen worden, und das kleine, zunaͤchſt der Halle gelegene Dorf betrach⸗ tet den Squire beinahe mit lehnsmaͤnniſcher Ehr⸗ furcht. Ein altes Herrenhaus und eine alte Fa⸗ 46 3 milie der Art, ſind zwei Dinge, die man heuti⸗ ges Tages ſelten antrifft, und wahrſcheinlich hat die eigenthuͤmliche Denkweiſe des Squire dazu beigetragen, dieſes Beiſpiel einer engliſchen Haus⸗ haltung in der Abgeſchiedenheit, noch ganz in dem wahren alten Stile zu erhalten. Man hat mir wiederum in der ausgeleg— ten Stube, in dem alten Fluͤgel des Hauſes, meine Wohnung angewieſen. Die Ausſicht von meinem Fenſter aus bietet indeß einen, von dem zur Zeit meines Winterbeſuchs ganz verſchiede⸗ nen, Anblick dar. Obgleich es noch fruͤh im April iſt, ſo haben doch einige wenige warme Tage die Reize des Fruͤhlings hervorgelockt, wel⸗ che, wie mich duͤnkt, bei ihrem erſten Hervor⸗ treten immer am meiſten anziehen. Die Par⸗ terres in dem altvaͤteriſchen Garten prangen mit Blumen, und der Gaͤrtner hat bereits ſeine aus⸗ laͤndiſchen Gewaͤchſe herausgebracht und die ſtei⸗ nernen Baluſtraden damit beſetzt. Die Baͤume haben ſchon gruͤne Knospen und zarke Blaͤtter, und wenn ich mein raſſelndes Fenſter aufſchiebe, ſo kommt mir der Geruch der Reſeda entgegen, und ich hoͤre das Geſumme der Bienen von den Blumen gegen die beſonnte Mauer, den tonreichen —,— 4 17 Geſang der Droſſel und das froͤhliche Gezwit⸗ ſcher des kleinen Haͤnflings. Waͤhrend meines Aufenthaltes in dieſer Vorrathskammer aller alten Gebraͤuche, will ich von Zeit zu Zeit Skizzen von dem entwerfen, was vor meinen Augen vorgeht, und von den Charakteren, die mir vorkommen. Man glaube indeß nicht, daß ich einen Roman ſchreiben will, auch kann ich den Leſer nicht mit Verwickelun⸗ gen oder wunderſamen Abenteuern unterhalten. In der Halle, von der ich rede, giebt es, ſoviel ich weiß, weder Fallthuͤren, noch Schieber in der Vertaͤfelung, noch ein Burgverließ, und uͤberhaupt ſcheint hier gar nichts Geheimnißvolles zu ſeyn. Die Familie iſt eine wuͤrdige, wohldenkende Fa⸗ milie, die man wahrſcheinlich, von einem Ende meines Werkes bis zum andern, regelmaͤßig eſſen und trinken, aufſtehen und zu Bett gehen ſehen wird, und der Squire iſt ein ſo wohlwollender alter Mann, daß ich durchaus nicht begreife, wa⸗ rum er der bevorſtehenden Heirath irgend ein Hinderniß in den Weg legen ſollte. Kurz, ich kann kein einziges außerordentliches Ereigniß vor⸗ ausſehen, welches ſich waͤhrend der ganzen Dauer meines Aufenthalts in der Halle ereignen koͤnnte. Ich ſage dieß dem Leſer ganz aufrichtig, 18 damit er nicht, wenn er mich etwa engliſche Al⸗ tagsauftritte langſam durchgehen ſieht, in der Hoffnung, weiter hinten auf irgend ein wunder⸗ bares Abenteuer zu ſtoßen, voraus eile. Ich lade ihn dagegen ein, ganz gemaͤchlich mit mir fortzuſchlentern, ſo wie er etwa einen Spazier⸗ gang auf das Feld machen und von Zeit zu Zeit ſtill ſtehen wuͤrde, um eine Blume zu pfluͤcken, auf den Geſang eines Bogels zu horchen, oder eine Aus⸗ ſicht zu bewundern, ohne daß er darum beſorgt ſeyn darf, gar bald das Ende ſeines Laufes zu erreichen. Sollte ich indeſſen auf meinen Wanderungen durch das alte Haus irgend etwas Merkwuͤrdiges ſe⸗ hen oder hoͤren, was in die Einfoͤrmigkeit dieſes Altagslebens irgend eine Abwechſelung bringen koͤnnte, ſo werde ich nicht ermangeln, es zu des Leſers Unterhaltung zu berichten: Der Leſer rüſtigſter wird Euch gar bald erkalten, Wie wichtig auch des Buches Inhalt ſey, Wird Luſt'ges nicht und Neues es enthalten, Mit Lügen wohl geſpickt und voll von Neckerei. ⁸) *) Der Spiegel für obrigkeitliche Perſonen(eines der älteren metriſchen Sitten⸗Bücher der Engländer.) —„ Der geſchaͤftige Mann. Ein heruntergekommener Mann, der faſt ganz von ſeiner ei⸗ genen heitern Laune und aus meines, Herrn Beutel lebt, was dieſem ganz wohl bekommt. Er er⸗ heitert meinen Herrn mit ſeinen Geſchichten und Lie⸗ dern und allerhand närriſchen Streichen, daß Ihr Euch ſelbſt darüber wundern würdet— er iſt jetzt gerade bei ihm, Brome's luſtiges Volk. Niemand hat mich bei meiner Ruͤckkehr nach der Halle herzlicher begruͤßt, als Hr. Simon Bracebridge, oder Meiſter Simon, wie ihn der Squire gewoͤhnlich nennt. Ich begegnete ihm gerade, als ich in den Park trat, wo er einen Huͤhnerhund dreſſirte, und er empfing mich mit all' der gaſtfreundlichen Herzlichkeit, mit der je⸗ mand einen Freund in eines andern Hauſe be⸗ willkommnet. Ich habe ihn dem Leſer ſchon als einen lebhaften, junggeſellenartig- ausſehenden, 20 kleinen Mann vorgeſtellt*), ſo wie als den Witz⸗ ling und den verjaͤhrten Stutzer aus einer gro⸗ ßen Familie und als das Factotum des Squire. Ich fand ihn, wie gewoͤhnlich, uͤberaus geſchaͤf⸗ tig: er hatte eine Menge Kleinigkeiten zu thun, einer Menge von Leuten Red' und Antwort zu geben, und war bei ſehr lauter guter Laune, denn es giebt wenig gluͤcklichere Menſchen als einen geſchaͤftigen Nichtsthuer. Ich beſuchte ihn am andern Morgen in ſeiner Stube, welche er in einem entfernten Winkel des Hauſes hat, da er, wie er ſagt, gern fuͤr ſich iſt und Niemanden im Wege ſeyn mag. Er hat ſie nach ſeinem Ge⸗ ſchmacke eingerichtet, ſo daß ſie eine vollſtaͤndige Anſicht von den Begriffen eines alten Jungge⸗ ſellen von Bequemlichkeit und Anordnung giebt. Die Moͤbel beſtehen aus allen moͤglichen alten Stuͤ⸗ cken, aus allen Theilen des Hauſes, je nachdem ſie ſeinen Anſichten entſprechen oder in irgend eine Ecke ſeines Zimmers paſſen, und er kann ſehr beredt werden, wenn er einen alten Lehn⸗ ſtuhl lobt, bei welcher Gelegenheit er weidlich auf die neueren Stuͤhle loszieht, an denen von der —— *) Im Skizzenbuche. 21 Wuͤrde und der Bequemlichkeit der alterthuͤmli⸗ 3 chen hohen Lehnen nichts mehr zu finden ſey. An ſein Zimmer ſtoͤßt ein kleines Cabinet, das er ſein Studirzimmer nennt. Hier befinden ſich einige ſchwebende Buͤcherbretter, von ſeiner eigenen Erfindung, auf denen mehrere alte Werke aͤber Falknerei, Jagdweſen und Hufſchmiedekunſt, und eine oder zwei Sammlungen von Gedichten und Liedern aus der Regierung der Koͤnigin Eli⸗ ſabeth ſtehen, die er ſtudirt, um dem Squire zu ſchmeicheln, ferner: das Romanen⸗Magazin, das 5 Magazin fuͤr Jagdliebhaber, der Wettrenn⸗ Kalender, ein oder zwei Kalender von New⸗ gate*), ein Adelslexikon, und ein Wappenbuch. Seine Jagdkleider hangen an Pfloͤcken in einem kleinen Cabinet, und in die Waͤnde ſeines Zimmers ſind Haken eingeſchlagen, um ſein An⸗ gelgeraͤth, ſeine Peitſchen, Sporn und eine Lieb⸗ lings-Vogelflinte daran zu hangen, die, ein vorzuͤgliches Stuͤck, mit eingelegter Arbeit verziert iſt, und die er von ſeinem Großvater geerbt hat. So hat er auch ein Paar alte Fld⸗ ten mit einer Klappe, und eine Violine, die er — f 8 *) Die Liſten der im Gefängniſſe von Newgate befindli⸗ chen Verbrecher. Ueberſ⸗ 4 * 5 22 ſelbſt mehrere Male geflickt und ausgebeſſert hat, und von der er verſichert, es ſey eine aͤchte Cre⸗ moneſer: ich habe ihn indeß nie darauf ſpielen hoͤren, ohne daß es mir durch Mark und Bein gegangen waͤre. Aus ſeinem kleinen Neſte hoͤrt man ihn oft in der Mittagsſtille irgend ein lang' vergeſſenes Stuͤckchen abfiedeln, denn er thut ſich etwas dar⸗ auf zu Gute, eine ausgeſuchte Sammlung guter. altengliſcher Muſik zu beſitzen, und will von neueren Tonſetzern nichts wiſſen. Am meiſten werden indeſſen ſeine muſikaliſchen Kenntniſſe des Abends gemeinnuͤtzig, wo er zuweilen den Kindern zum Tanze in dem großen Saale auf— ſpielt, bei denen, ſo wie bei den Dienſtboren, er fuͤr einen zweiten Orpheus gilt. Auch in ſeiner Stube ſieht man Spuren ſeiner verſchiedenen Beſchaͤftigungen; hier liegen halbabgeſchriebene Muſik⸗Blaͤtter, Muſterzeich⸗ nungen, ziemlich ſchlecht gezeichnete Skizzen von Landſchaften, eine Camera lucida, eine Zau⸗ berlaterne, fuͤr die er Glaͤſer malt, kurz es iſt das Kabinet eines Mannes, der allerhand Faͤhig⸗ keiten beſitzt, etwas von Allem weiß, und nichts Ordentliches thut. — 5— 3 2 23 Nachdem ich eine Zeitlang in ſeinem Zimmer verweilt und ſeine kleinen Erfindungen bewun⸗ dert, fuͤhrte er mich auf dem Gehoͤft umher, um mir die Staͤlle, den Hundeſtall und andern Ne⸗ bengelaß zu zeigen, wobei er wie ein General erſchien, der die verſchiedenen Abtheilungen ſeines Lagers beſichtigt, denn der Squire uͤberlaͤßt ihm, wenn er da iſt, die Aufſicht uͤber alle dieſe Sa⸗ chen. Er erkundigte ſich nach den Pferden, un⸗ terſuchte ihre Fuͤße, verordnete ein Bad fuͤr das eine, einen Aderlaß fuͤr das andere, und fuͤhrte mich dann zu ſeinem eigenen Pferde, uͤber deſſen Verdienſte er ſich ſehr weitlaͤuftig ausließ, und das, wie ich bemerkte, den beſten Platz im Stalle hatte.* Hierauf ward ich zu einer neuen, von ihm und dem Sauire angelegten Spielerei gefuͤhrt, welche er die Falknerei nannte, und worin ſich mehrere ungluͤckliche Voͤgel befanden, welche dort ihre Erziehung erhielten. Unter dieſen war auch ein ſchoͤner Falk, den Meiſter Simon beſon⸗ ders dreſſirte, und wobei er mir erzaͤhlte, daß ich in einigen Tagen, eine Ergoͤtzlichkeit nach gu⸗ ter alter Weiſe haben ſollte. Auf unſerer Wande⸗ rung bemerkte ich, daß die Stallknechte, die Wildhuͤ⸗ ——— ter, die Bahnpeitſcher*) und andere Unterbe⸗ diente, alle auf ziemlich vertrautem Fuße mit Mei⸗ ſter Simon zu ſeyn ſchienen, und gern mit ihm ſcherzten, obgleich ſie augenſcheinlich vor ſeinen Ausſpruͤchen uͤber Dinge, die zu ihrem Geſchaͤft gehoͤrten, eine große Ehrfurcht hatten. Nur Einer machte davon eine Ausnahme, ein wunderlicher alter Jaͤger, ſo hitzig wie ein Pfefferkorn, ein magerer alter Kerl, duͤnn wie Drath, der eine abgetragene ſammetne Jockey⸗ Muͤtze und ein Paar lederne Beinkleider trug, die, von langem Gebrauch, wie lackirt ausſahen. Er war ſehr widerſprecheriſch und vorwitzig, und hielt, wie es mir vorkam, zuweilen aus bloßem Murrſinn, dem Meiſter Simon das Gegenſpiel. Dieß war beſonders der Fall in Ruͤckſicht auf die Behandlung des Falken, den der alte Mann unter ſeiner beſondern Aufſicht zu haben ſchien, und wobei er, nach Meiſter Simon's Behauptung, auf dem beſten Wege war, ihn ganz zu verderben. Der Letztere ſprach ſehr viel uͤber Magen raͤu⸗ men, impfen, curirenund dem Falken den But⸗ zen geben, was fuͤr den alten Chriſty boͤhmiſche —„ Doͤr⸗ — *) Wnippers-in, die Leute, welche bei Wettrennen, mit Peitſchen die Bahn freihalten. Ueberſ. ———— 25 Doͤrfer waren, nichts deſtoweniger behauptete er aber doch ſeine Meinung und ſchien ſich aus allen den Kunſtphraſen durchaus nichts zu machen. Ich wunderte mich Anfangs uͤber die Ge⸗ laſſenheit, mit welcher Meiſter Simon ſeine Widerſpruͤche ertrug, bis er mir, ſpaͤterhin, die Sache erklaͤrte. Der alte Chriſty iſt der aͤlteſte Bediente im Hauſe, hat den groͤßeren Theil ei⸗ nes Jahrhunderts unter Hunden und Pferden verlebt, und iſt ſchon bei Herrn Bracebridge's Vater in Dienſten geweſen. Er weiß den Stamm⸗ baum eines jeden Pferdes auswendig, und hat die Urgroßvaͤter der meiſten geritten. Er kann von jeder Fuchsjagd, die vor 60 oder 70 Jah⸗ ren gehalten worden iſt, vollſtaͤndige Nachricht geben, und weiß die Geſchichte eines jeden Hirſch⸗ geweihes im Hauſe und jeder, an die Thuͤr des Hundeſtalls genagelten Jagdbeute, zu erzaͤhlen. Das ganze gegenwaͤrtige Geſchlecht iſt un⸗ ter ſeinen Augen aufgewachſen und haͤlt ihm, in ſeinem hohen Alter, vieles zu Gute. Er be⸗ gleitete den Squire nach Oxford, als dieſer dort ſtudirte, und erleuchtete die ganze Univer⸗ ſitaͤt mit ſeiner Jagdgelehrſamkeit. Alles dieß traͤgt dazu bei, den alten Mann hartnaͤckig zu machen, da er findet, daß er von allen dieſen I. B 26 hochwichtigen Sachen viel mehr weiß als die uͤbri⸗ ge Welt. Auch Meiſter Simon iſt ſein Schuͤ⸗ 2 ler geweſen und erkennt es an, daß er ſeine er⸗ ſten Kenntniſſe von der Jagd dem Unterrichte Chriſty's zu danken hat, und ich weiß nicht, ob ihn nicht der alte Mann noch jetzt fuͤr einen bloßen Gelbſchnabel anſieht. Als wir zuruͤckkamen und uͤber den Raſen vor dem Hauſe gingen, hoͤrten wir die Glocke an des Portier's Haͤuschen ziehen, und kurz dar⸗ auf kam eine Art Zug langſam die Allee herauf. Als mein Gefaͤhrte ihn kommen ſah, blieb er ſtehen,* G blickte einen Augenblick hin, und lief dann, mit ei⸗ nem ploͤtzlichen Ausrufe, ihm entgegen. Der Zug naͤherte ſich, und ich erkannte nun eine blonde friſch ausſehende aͤltliche Dame, in einem altvaͤ⸗ teriſchen Reitkleide und mit einem breitrandigen weißen Filzhute, wie man ihn auf Sir Joſua Reynolds' Bildern ſieht. Sie ritt einen glatten weißen Klepper, und ein Bediente in reicher Li⸗ vree, auf einem uͤberfuͤtterten Jagdpferde, folgte ihr. Etwas weiter hinter kam ein alter ſchwer⸗ faͤlliger Halbwagen, von zwei ſehr feiſten Pferden gezogen, und von einem eben ſo dicken Kutſcher gefahren, neben dem ein Page in einer aben⸗ teuerlichen gruͤnen Livree ſaß. In dem Wa⸗ ——— „ — 27 gen befand ſich ein ſteifes, geziertes Frauenzim⸗ mer, die halb wie eine Geſellſchafterinn, halb wie eine Kammerjungfer ausſah, und zwei gemaͤſtete Hunde, die ihre haͤßlichen Geſichter zu den Wa⸗ genfenſtern hinausſteckten und unaufhoͤrlich bellten. Die ſaͤmmtliche Beſatzung trat in's Gewehr, die Fremde zu empfangen. Der Sauire half ihr vom Pferde und kuͤßte ſie herzlich, die ſchoͤne Julie flog ihr in die Arme, und Beide umfingen ſich mit einer romantiſchen Glut, wie Freundin⸗ nen aus einer Penſion. Juliens Geliebter, gegen den ſie ſich ausgezeichnet wohlwollend benahm, geleitete ſie in das Haus, und eine Reihe der alten Bedienten, die ſich in dem großen Saale verſammelt hatten, verneigte ſich tief, als ſie voruͤberging. Ich bemerkte, daß Meiſter Simon ganz vorzuͤglich aufmerkſam und ehrerbietig gegen die alte Dame war. Er ging neben ihrem Pferde her die Allee hinauf, nahm, waͤhrend ſie die Be⸗ gruͤßungen der uͤbrigen Mitglieder der Familie empfing, von dem dicken Kutſcher Notiz, ſtrei⸗ chelte die glatten Pferde, und ſagte namentlich der Kammerfrau der Dame, jener ſteifen, ſauer⸗ ſehenden Veſtalin in der Kutſche, einige Worte. Ich ſah ihn den ganzen Morgen uͤber nicht B 2 7 5 28— wieder: der Strudel den die Erſcheinung der Dame erregte, riß auch ihn mit ſich fort. Nur einen Augenblick, wo er etwas fuͤr die gute Dame auszurichten hatte, lief er an mir vorbei, um mir zu ſagen, daß dieß Lady Lillycraft, eine Schweſter des Squire, ſey, die ein großes Vermoͤgen beſitze, welches nach ihrem Tode der Capitain erben wuͤrde, und daß ihr Gut in einer. Grafſchaft von England laͤge, in welcher vor⸗ treffliche Jagd ſey. — 8 — Alte Diener. In der That ſind alte Diener die Gewährsmäuner für eine ehrenwerthe Haushaltung. Sie ſind wie Ratten in einem Hauſe, oder Milben in einem Käſe, deren Aufenthalt für das Alterthum und den Ueherftuß ihrer Wohnung zeugt. E⸗ iſt wohl moͤglich, daß ich bei der Erzaͤhlung meiner Anekdoten von der Halle zuweilen laͤnger bei ganz gewoͤhnlichen Sachen verweile, und zwar deswegen, weil es mir ſcheint, daß ſie dazu die⸗ nen, den wahren Nationalcharakter in ein helle⸗ res Licht zu ſetzen. Es ſcheint das Studium des alten Squire zu ſeyn, ſo viel als moͤglich bei dem zu bleiben, was er fuͤr die alte Graͤnz⸗ ſcheide der engliſchen Sitten haͤlt. Seine Be⸗ diente kennen Alle ſeine Weiſe, und ſind groͤßten⸗ theils ſchon von Kindheit an daran gewoͤhnt, ſo daß, im Ganzen, ſeine Haushaltung eines von den wenigen, jetzt noch anzutreffenden Muſtern 30 der Familieneinrichtung eines engliſchen Land⸗ gutbeſitzers aus der alten Schule darbietet. Bebrigens ſind hier die Bediente ein nicht we⸗ niger eigenthuͤmlicher Beſtandtheil der Haushal⸗ tung. Die Haushaͤlterinn iſt zum Beiſpiel in der Halle geboren und erzogen und nie 20 Mei⸗ len davon weg geweſen, und doch hat ſie ein ſo ſtattliches Anſehen, daß es ſelbſt einer Dame, die an der Koͤniginn Eliſabeth Hofe geglaͤnzt, keine Schande machen wuͤrde. Ich glaube beinahe, daß ſie dieß von den alten Familienbildern an⸗ genommen hat. Indeß kann es auch von dem Bewußtſeyn ihrer Wichtigkeit in der Sphaͤre, worin ſie ſich immer bewegt hat, herruͤhren, denn ſie wird in dem benachbarten Dorfe und von den Frauen der Paͤchter gar hoch geehrt, genießt eines großen Anſehens in der Haushaltung, und regiert die Dienerſchaft in ſtiller, aber unbeſtrit⸗ tener Herrſchaft. Mrs. Wilkins iſt eine magere alte Frau, hat blaue Augen, ſpitze Naſe und Kinn. Ihre Kleidung iſt immer nach einer und derſelben Mode. Sie traͤgt eine kleine, wohlgeſtaͤrkte Halskrauſe, einen geſtickten Bruſtlatz, weit abſtehende Roͤcke, und ein bogenfoͤrmig aufgenommenes, vorn of⸗ fenes Ueberkleid, das, bei beſonderen Gelegen⸗ * * — — 31 heiten, von altvaͤteriſchem Seidenzeuge iſt, ent⸗ weder ein Vermaͤchtniß von irgend einer fruͤhe⸗ ren Frau vom Hauſe, oder ein Erbſtuͤck von ih⸗ rer Mutter, die ebenfalls hier Haushaͤlterinn war. Ich habe eine gewiſſe Ehrfurcht vor die⸗ ſen alten Kleidern, da ich nicht zweifle, daß ſie vor langen Jahren in eben dieſen Zimmern ge⸗ glaͤnzt haben, wo ſie die Reize einer unvergleich⸗ lichen Familienſchoͤnheit erhbhten, und ich habe von der alten Haushaͤlterinn oft zu den Familien⸗ bildern emporgeblickt, um zu ſehen, ob ich nicht den alten Brokat ihres Kleides an einer der Da⸗ men mit langen Taillen wiedererkennte, die von den Waͤnden auf mich herablaͤcheln. Ihr Haar, das ſchneeweiß iſt, iſt vorn ge⸗ kraͤuſelt, und ſie ztraͤgt eine kleine Haube dar⸗ uͤber, die ſehr ſauber gefaͤltelt und unter dem Kinn zuſammengebunden iſt. Ihr Benehmen iſt einfach und nach altem Schnitt, und erhaͤlt nur durch die Wuͤrde ihres Amtes einen etwas erha⸗ benen Anſtrich. Die Halle iſt ihre Welt, und die Geſchichte der Familie die einzige Geſchichte die ſie weiß, das ausgenommen, was ſie in der Bibel geleſen hat. Sie kann die Lebensbeſchrei⸗ bung der Originale aller Bilder in der Gallerie erzaͤhlen, und iſt eine vollſtaͤndige Familienchronik. 8 „. 8 32— Der Squire behandelt ſie mit großer Ach⸗ kung. Meiſter Simon hat mir erzaͤhlt, es ſey unter den Dienſtboten eine Anekdote im Umlauf, daß man, als Beide noch jung geweſen, den Squire ſie einmal in der Bildergallerie kuͤſſen ſehen. Da man indeſſen nichts weiter zwiſchen ihnen bemerkte, ſo gab die Sache zu keinem großen Gerede Anlaß, nur fiel es auf, daß ſie, kurz nach⸗ her, die Pamela eifrig zu leſen anfing und die Hand des Dorfgaſtwirths ausſchlug, den ſie ſonſt nicht zuruͤckſtoßend behandelt hatte. Der alte Haushofmeiſter, der fruͤher Bediente geweſen und ebenfalls einer ihrer verſchmaͤhten Anbeter war, pflegte die Anekdote zuweilen bei den klei⸗ nen Klaͤtſchereien zu erzaͤhlen, die dann und wann ſich unter den ordentlichſten Dienſtboten bilden, und durch den gewoͤhnlichen Hang der Regierten entſtehen, gegen die Regierung zu ſpre⸗ chen. Er hat indeß, ſeitdem er ein hoͤheres Amt erlangt, dieß gaͤnzlich unterlaſſen und ſchuͤttele unwillig den Kopf, wenn davon geſprochen wird. Gewiß iſt es, daß die alte Dame noch bis auf dieſen Tag gern davon ſpricht, wie der Squire ausgeſehen, als er noch ein junger Mann und auf der Univerſitaͤt war, und ſie behauptet, daß keiner von ſeinen Soͤhnen mit dem verglichen 343 — 59 werden koͤnne, was er in ihrem Alter war, wo er in Scharlach gekleidet ging, ſein Haar friſirt und gepudert und einen dreieckigen Hut trug. Sie hat eine Nichte bei ſich, eine Waiſe, Phoͤbe Wilkins mit Namen, ein niedliches ſanf⸗ tes Maͤdchen, das vor einem oder zwei Jahren nach der Halle verpflanzt worden und itzt beinahe ſchon fuͤr jede andere Lebensbeſchaͤftigung verdor⸗ ben iſt. Sie iſt eine Art von Gefaͤhrtinn und Begleiterinn der ſchoͤnen Julie, und dadurch, daß ſie in den Zimmern der jungen Dame umher⸗ geſchlentert, hier und da einen Roman geleſen und abgelebten Putz geerbt hat, ein Mittelding zwiſchen einer Kammerjungfer und einer Mode⸗ dame geworden. Sie wird von den Dienſtbo⸗ ten als eine reiche Erbinn angeſehen, da das ganze Vermoͤgen ihrer Tante ihr dereinſt zufallen wird, welches, wenn die Sage wahr iſt, aus einer run⸗ den Summe guter goldener Guineen, dem auf⸗ geſparten Reichthum zweier Haushaͤlterinnen und Geſchlechter, beſtehen muß: der Kleider und ſo mancher andern kleinen Sachen und Spielereien von Werth, die im Zimmer der Haushaͤlte⸗ rinn angehaͤuft ſind, nicht zu gedenken. Die alte Haushaͤlterinn gilt uͤberhaupt bei den Dienſtboten und den Dorfbewohnern fuͤr ziemlich reich, und⸗ * 34 in ihrem Zimmer ſteht eine lakirte Kommode und ein großer mit Eiſen beſchlagener Kaſten, welche, nach der Ausſage der Hausmaͤdchen, un⸗ ermeßliche Schaͤtze enthalten. Die alte Dame iſt eine große Freundinn Meiſter Simon's, der in der That ihr, als ei⸗ ner im Hauſe ſehr angeſehenen Perſon, etwas den Hof macht; auch haben ſie zuſammen manche Er⸗ orterungen uͤber Punkte der Familiengeſchichte, wo⸗ bei er, trotz ſeiner ausgedehnten Kenntniß und des Stolzes darauf, doch gewoͤhnlich ihre groͤ⸗ ßere Genauigkeit einraͤumt. Auch kommt er ſel⸗ ten zur Halle zuruͤck, wenn er den andern Zwei⸗ gen der Familie einen Beſuch abgeſtattet hat, ohne Mrs. Wilkins irgend ein Andenken von den Damen, in deren Hauſe er geweſen iſt, mit⸗ zubringen. Alle Kinder der Familie betrachten uͤberhaupt die alte Dame mit angeborner Ach⸗ tung und Anhaͤnglichkeit, und ſie ſcheint ſie da⸗ gegen, wie ihre eigenen anzuſehen, da ſie unter ihren Augen groß geworden ſind. Der Oxrforder Student iſt indeſſen ihr Liebling, wahrſcheinlich als der juͤngſte, obgleich er auch der leicht⸗ fertigſte iſt, und ihr von Jugend auf allerlei klei⸗ ne Streiche geſpielt hat. 8 Ich kann nicht umhin, einer kleiner Feier⸗ —— —— 2 —— 35 lichkeit zu gedenken, welche, wie ich glaube, der Halle ganz eigenthuͤmlich iſt. Nachdem bei dem Mittagseſſen, das Tiſchtuch weggenommen wor⸗ den, ſegelt die alte Haushaͤlterinn in das Zim⸗ mer und tritt hinter den Stuhl des Sauire, worauf er ihr, mit eigener Hand, ein Glas Wein einſchenkt, das ſie mit eben ſo großer Ehrerbie⸗ tung als Wuͤrde auf die Geſundheit der Geſell⸗ ſchaft austrinkt, und ſich ſodann entfernt. Der Squire uͤberkam dieſe Gewohnheit von ſeinem Vater und hat ſie ſeitdem beibehalten. Die Dienſtboten aller engliſchen Familien, die vorzuͤglich auf dem Lande leben, haben eine ganz eigenthuͤmliche Art und Weiſe. Alle ihre Verrichtungen thun ſie mit Ruhe, Ordnung und Ehrerbietung. Sie ſind immer nett, ſchicklich und, wenn ich ſo ſagen darf, ge⸗ ſchaͤftsmaͤßig gekleidet; ſie bewegen ſich ohne Ueber⸗ eilung und Laͤrm im Hauſe umher; man bemerkt nichts von dem Geraͤuſchvollen der Beſſchaͤfti⸗ gung, oder von laut ertheilten Befehlen, und nichts von der ſichtbaren Art das Hausweſen zu fuͤhren, welche beinahe an Qual graͤnzt. Man wird nicht von den Anſtalten, Einem Bequem⸗ lichkeit zu verſchaffen, beunruhigt, und doch ge⸗ ſchieht Alles, und geſchieht ordentlich. Die haͤus⸗ 36 liche Arbeit wird wie durch Zauberei verrich⸗ tet, aber dieß iſt die Zauberei des Syſtems. Nichts wird in einzelnen gewaltſamen Bewegun⸗ gen, noch zu unrechter Zeit gethan: das Ganze geht wie ein wohlgeoͤltes Uhrwerk, ohne Laͤrm und Anſtoß. Engliſche Dienſtboten werden gewoͤhnlich mit keiner großen Nachſicht behandelt, oder durch Lobeserhebungen ſehr angefeuert, denn die Eng⸗ laͤnder ſind lakoniſch und zuruͤckhaltend gegen ihre Leute: aber ein beifaͤlliges Kopfnicken und ein freundliches Wort, von dem Herrn oder der Ge⸗ bieterinn, thun hier eben ſo viel, als großes Lob und Nachſicht anderwaͤrts. Auch die Dienſtbo⸗ ten legen ihre Zuneigung zu ihren Brodherren nicht oft auf eine auffallende Weiſe an den Tag; allein, wenn ſie gleich aͤußerlich ſtill ſind, ſo ha⸗ ben ſie doch eine ſehr innige Anhaͤnglichkeit an ſie, und das gegenſeitige Wohlwollen von Herren und Dienern iſt, wenn es gleich nicht lebendig hervortritt, doch um nichts weniger ſtark und ausdauernd in alten engliſchen Familien. An die Benennung eines„alten Dieners des Hauſes“ knuͤpfen ſich in allen Theilen der Welt tauſend freundliche Gedankenverbindungen, und es giebt keinen groͤßern, unwiderſtehlichern An⸗ — *— ½-—— 37 ſpruch auf die naͤheren Herzens⸗Wohlthaten, als den„im Hauſe geboren worden zu ſeyn.“ Es iſt etwas Gewoͤhnliches, graukoͤpfige Dienſtboten dieſer Art in einer engliſchen Familie„aus der al⸗ ten Schule“ zu ſehen, welche bis zu ihrem Tode darin bleiben, immer mit demſelben ungekuͤnſtelten Wohlwollen behandelt werden, und eben ſo treu und ohne Aufdringlichkeit ihre Schuldigkeit thun. Solche Beiſpiele von Anhaͤnglichkeit ſprechen, denk' ich, fuͤr Herrn und Diener, und ihre Haͤu⸗ figkeit fuͤr den Charakter des Volks. Dieſe Bemerkungen gelten indeſſen nur bei Familien der Art, wie ich ſie eben erwaͤhnt habe, und bei denen, die uͤberhaupt etwas zuruͤckgezo⸗ gen leben und den groͤßern Theil ihrer Zeit auf dem Lande zubringen. Was die gepuderten Hand⸗ langer betrifft, welche in den Saͤlen der Stadt⸗ pallaͤſte umherſchwaͤrmen, ſo geben ſie ein Bild von dem Charakter der Haushaltungen, in die ſie gehoͤren, und ich kenne keine vollſtaͤndigere In⸗ begriffe verderbter Herzloſigkeit und gemaͤſteter Nutloſigkeit, als dieſe. Aber der gute alte Familien⸗Bediente, der, nach unſeren Begriffen, immer mit der Heimath unſers Herzens auf das Innigſte verbunden ge⸗ weſen iſt, der uns in den Tagen unſerer plau⸗ 38 dernden Kindheit in die Schule gefuͤhrt hat, der der Vertraute unſerer kindiſchen Sorgen, Plaͤne und Unternehmungen war, der uns begruͤßte, wenn wir in den Ferien nach Hauſe kamen, und bei allen unſern Feiertagsſpielen der Angeber war, der, wenn wir als Juͤnglinge auf unſern Wanderungen nur von Zeit zu Zeit wieder un⸗ ter das vaͤterliche Dach zuruͤckkehren, uns mit ei⸗ ner Freude empfaͤngt, die nur von der unſerer Aeltern uͤbertroffen wird, der, itzt grau und ſchwach von Alter, noch immer um das Haus unſerer Vaͤter in liebevoller und treuer Dienſtbarkeit um⸗ herſchwankt, der uns, gewiſſermaßen, als ſein eigen betrachtet und mit eigenſinniger Begierde danach ſtrebt, vor allen uͤbrigen Mitbedienten uns immer bei Tiſche zu bedienen, und der, wenn wir des Abends uns nach unſerm Zimmer zur Ruhe begeben, das noch immer nach uns heißt, ſich darin zu ſchaffen macht, um noch einen freundlichen Blick zu erhaſchen und noch ein Wort uͤber vergangene Zeiten zu ſprechen— wer em⸗ pfindet nicht gegen ein ſolches Weſen eine bei⸗ nahe kindliche Zuneigung? Ich kenne mehrere Beiſpiele von Grab⸗ ſchriften auf den Leichenſteinen ſo guter Dienſt⸗ boten, welche ganz das Gepraͤge der einfachen 824 —— — 39 Wahrheit des Gefuͤhls haben. Ich habe, in dieſem Augenblicke, zwei ſolcher vor mir; die eine iſt von einem Grabſteine auf einem Kirchhofe in Warwikſhire abgeſchrieben: „Hier ruhen die Gebeine Joſeph Bat⸗ te's, des vertrauten Dieners von George Birch Esg. von Hamſtead⸗Hall. Sein dank⸗ barer Freund und Gebieter ließ dieſe Inſchrift zum Andenken an ſeine Beſcheidenheit, Treue, ſeinen Fleiß und ſeine Maͤßigkeit ſetzen. Er ſtarb(unverheirathet) im 84ſten Jahre, nach⸗ dem er 44 Jahre lang in derſelben Familie ge⸗ weſen war.“ Die zweite iſt von einem Leichenſtein auf dem Kirchhofe in Eltham abgeſchrieben, und lautet: „Hier ruhen die Ueberbleibſel des Hrn. Ja⸗ mes Tappy, welcher am 8ten September 1818 im 84ſten Jahre entſchlief, nachdem er 60 Jahre in Einer Familie treu gedient, geehrt von jedem Mitgliede derſelben, und itzt betrauert von dem einzigen Ueberlebenden.“ Wenige Denkmaͤler, ſelbſt nicht unter den Beruͤhmteren, haben mein Herz mit ſo freudiger Ruͤhrung erfuͤllt, als dieſe treuherzige Inſchrift auf dem Kirchhofe zu Eltham. Ich fuͤhlte mit dieſem„einzigen Ueberlebenden“, der uͤber dem — ———— 40 Grabe des treuen Anhaͤngers ſeines Geſchlechts trauert, welcher ohne Zweifel ein lebendiges An⸗ denken aller voruͤbergegangenen Freunde und Zei⸗ ten geweſen war, und waͤhrend ich dieſes Denk⸗ mal langer und treuer Dienſte betrachtete, fiel mir die ruͤhrende Rede des alten Adam in„Wie es euch gefaͤllt“ ein, wo er ſagt, als er dem Sohne ſeines alten Herrn folgt: „Gebieter, geh' voran, ich aber bin bereit Zu folgen bis ins Grab mit Lieb' und Dankbalkeit.“ Anmerk. Ich kann nicht umhin, hier einer Grabſchrift zu erwaͤhnen, die ich in der Kapelle des Schloſſes von Windſor geſehen habe und di der verſtorbene Koͤnig zum Andenken an eine Dienerinn des Hauſes errichten laſſen, die eine treue Pflegerinn ſeiner tief betrauerten Tochter, der Prinzeſſinn Amalie, geweſen war.*) Georg III. beſaß viel von dem ſtarken haͤuslichen Gefuͤhle der alten engliſchen Landgutsbeſitzer, und es iſt ein gewiß eben ſo ſeltener Fall in der Geſchichte der Grabdenkmale, als er ehrenvoll fuͤr das. menſchliche Herz iſt, einen Monarchen ein Denk⸗ mal zu Ehren der ſtillen Tugenden eines Dienſt⸗ boten errichten zu ſehen. ³) Es iſt auf der rechten Seite des Einganges aus der Vorkapelle in das Chor befindlich. Ueberſ. Die Wittwe. So mitleidsvoll war ſie durchaus, 2 Sie weinte, ſah ſie eine Maus In einer Falle, blutend, todt. Den Hündchen, die ſie hatte, bot Sie Braten, Milch und Zuckerbrot, und weinte ſehr, war eines todt Auch, wenn es wer mit Ruthen ſchlug. Chaucer. Des ſonderbaren Aufzugs von Lady Lilly⸗ craft, bei ihrer Ankunft, ungeachtet, hat ſie doch nichts von der kleinlichen Foͤrmlichkeit, die ich mir gedacht hatte; im Gegentheil beſitzt ſie einen Grad von Natuͤrlichkeit und Einfalt des Her⸗ zens, wenn ich ſo ſagen darf, der zu ihrer altvaͤteriſchen Art und Weiſe und ihrem harmlo⸗ ſen Pomp ſehr gut paßt. Sie kleidet ſich in ſchwere Seidenzeuge, mit langer Taille, legt viel Roth auf, und ihr beinahe graues Haar iſt ge⸗ kraͤuſelt und mit Nadeln aufgeſtochen. Sie iſt —— 4² pockennarbig, allein die Feinheit ihrer Zuͤge zeigt, daß ſie einſt ſehr huͤbſch geweſen ſeyn muͤſſe, und ſie hat ſehr weiße und wohlgeformte Haͤnde und Arme, worauf, wenn ich nicht ganz irre, die gute Dame noch immer etwas eitel iſt. Ich bin neugierig genug geweſen, einige naͤ⸗ here Nachrichten uͤber ſie einzuziehen. Sie war vor dreißig bis vierzig Jahren eine der groͤßten Schoͤnheiten in der Stadt, regierte zwei Win⸗ ter lang in allem Stolze ihrer Reize, und ſchlug mehrere ſehr vortheilhafte Heirathsantraͤge aus. Ungluͤcklicherweiſe verlor ſie aber durch die Pocken ihre Reize und ihre Anbeter zugleich. Sie be⸗ gab ſich unmittelbar darauf auf das Land, wo ſie kurz nachher ein Gut erbte und einen Baro⸗ net heirathete, einen ihrer fruͤheren Anbeter, deſ⸗ ſen Leidenſchaft ploͤtzlich wieder erwacht war„da er’, wie er ſagte,„jederzeit mehr ihren Geiſt, Mals ihr Aeußeres verehrt habe.“ Der Baronet genoß indeß ihren Geiſt und ihr Vermoͤgen nur etwa ſechs Monate, und war kaum ihrer ſehr muͤde geworden, als er ſich auf einer Fuchsjagd den Hals brach, und ſie nun reich, frei und— untroͤſtlich war. Sie blieb ſeit der Zeit beſtaͤndig auf ihrem Gute, und hat nie das geringſte Verlangen bezeigt, wieder nach * —-—;— — — der Stadt zu kommen und den Schauplatz ih⸗ rer fruͤheren Triumphe und ihrer ungluͤcklichen Krankheit wiederzuſehn. Alle ihre Lieblingserin⸗ nerungen beziehen ſich indeß auf jene kurze Zeit ihrer jugendlichen Schoͤnheit. Sie hat keinen Begriff von der Stadt, als wie ſie zu jener Zeit und vergißt beſtaͤndig, daß ſich in beinahe einem halben Jahrhunderte der Ort und die Menſchen bedeutend veraͤndert haben muͤſſen. Sie ſpricht ſehr oft von den Geſundheiten jener Zeit, als ob ſie noch in der Mode waͤren, und pflegte, bis noch ganz vor kurzem, mit Entzuͤcken von der koͤniglichen Familie und der Schoͤnheit der jungen Prinzen und Prinzeſſinnen zu reden; ſie kann ſich den itzigen Koͤnig nicht anders denken, als wie einen zierlichen, etwas wilden jungen Mann, der aber eine Menuet ganz goͤttlich ge⸗ tanzt habe, und pflegte ſeiner, ehe er auf den Töron kam, oͤfter als des„lieben jungen Prin⸗ zen“ zu erwaͤhnen. So ſpricht ſie auch von den Spazergin⸗ gen im Garten von Kenſington, wo die Her⸗ ren in goldbeſetzten Roͤcken und mit dreieckigen Huͤten, und die Damen in Reifroͤcken, erſchienen und ſo ſtolz in den Alleen einherſchritten, und ſie iſt der Meinung, daß die Damen ſich ſehr ½ 43 ——————— JJJ—- 44 erniedrigt haͤtten, als ſie die Kopfzeuge mit den Kiſſen darunter und die Schuh mit hohen Abfaͤtzen aufgegeben. Auch weiß ſie noch viel von den Offi⸗ zieren zu erzaͤhlen, die ſich unter der Schar ih⸗ rer Verehrer befanden, und ſpricht vertraulich von mehreren jungen Brauſekoͤpfen, die itzt, wahrſcheinlich, in den Baͤdern an Kruͤcken um⸗ hergehen und Podagriſten⸗Stiefeln tragen. Ob das, was die gute Dame von der Ehe kennen gelernt hat, ſie davon ſo abgeſchreckt oder nicht, kann ich nicht ſagen; obgleich aber ihre per⸗ ſoͤnlichen Eigenſchaften und ihre Reichthuͤmer man⸗ che Bewerber herbeigezogen haben, ſo hat ſie ſich doch nie wieder in den gluͤcklichen Stand bege⸗ ben wollen. Dieß iſt um ſo ſonderbarer, da ſie ein ſehr ſanftes und empfaͤngliches Herz zu haben ſcheint, immer von Liebe und ehelicher Gluͤckſe⸗ ligkeit ſpricht, und ſehr fuͤr altvaͤteriſche Galan⸗ terie, zarte Aufmerkſamkeit und ewige Beſtaͤn⸗ digkeit von Seiten der Herren ſtreitet. Sie lebt indeß ganz nach ihrem eigenen Geſchmack. Ihr Haus muß, wie man mir geſagt hat, um Sir Charles Grandiſon's Zeit erbaut und moͤblirt worden ſeyn. Alles, was dazu gehoͤrt, iſt etwas foͤrmlich und ſtattlich, hat aber den An⸗ ſtrich zu einer gewiſſen Weichlichkeit, wie man es bei einer alten, ſehr zartſinnigen und roman⸗ * 3 * 45 tiſchen Dame, die ihre Bequemlichkeit liebt, erwarten darf. Die Kiſſen auf den großen Lehnſtuͤhlen und den breiten Sophas ſind ſo weich, daß man beinahe darin verſinkt, wenn man ſich darauf ſetzt. Die ſeltenſten und ſchoͤnſten Blumen ſtehen in den Zimmern und auf kleinen lakirten Geſtellen, und Riechkißchen liegen auf allen Tiſchen und Kaminſockeln. Das Haus iſt voll von kleinen Schooßhunden, Angolakatzen und Voͤgeln, die eben ſo ſorgfaͤltig bedient werden als ſie ſelbſt. Sie iſt bei ihrem Eſſen etwas eigen und dazu etwas epikuraͤiſch, ißt nur weißes Fleiſch und kleine, fuͤr Frauen beſtimmte Schuͤſſeln; wenn gleich ihre Dienſtboten kraͤftige alte engliſche Koſt haben, wie auch ihr Ausſehen bezeugt. In der That wird ihnen ſo viel nachgeſehen, daß ſie alle verwoͤhnt ſind, und ſollten ſie ihre itzigen Stellen verlieren, ſo taugen ſie fuͤr keine andere. Ihro Herrlichkeit iſt eines von jenen wohlgeſinn⸗ ten Weſen, die von ihren Leuten ſehr geliebt, aber ſchlecht bedient, und von der ganzen Welt betrogen zu werden beſtimmt ſind. Sie wendet einen großen Theil ihrer Zeit auf das Leſen von Romanen, wovon ſie eine ſehr große Bibliothek beſitzt, und womit ſie von den Verlegern in der Stadt beſtaͤndig verſehen wird. Ihre Beleſenheit in dieſem Zweige der Littera⸗ 8 — —— 46— tur iſt unglaublich, und ſie hat ſeit einem halben Jahrhundert mit der Preſſe immer gleichen Schritt gehalten. Ihr Geiſt iſt mit zaͤrtlichen Geſchich⸗ ten aller Art angefuͤllt, von den abgemeſſenen Liebſchaften in den alten Ritterbuͤchern bis zu dem neueſten blau broſchirten Roman, der ganz warm aus der Preſſe kommt, herab, obgleich ſie denen, die in ihrer Jugendzeit, als ſie zuerſt verliebt war, erſchienen ſind, augenſcheinlich den Vorzug giebt. Sie behauptet, daß heutiges Tages keine Geſchichten mehr geſchrieben werden wie Pa⸗ mela und Sir Charles Grandiſon, und das SchloßvonOtranto geht ihr uͤber alle Romane. Sie thut ſehr viel Gutes in der Nachbar⸗ ſchaft, und wird faſt von jedem Bettler in der Grafſchaft um eine Gabe betrogen. Sie iſt die Wohlthaͤterinn eines Dorfes, welches an ihr Gut ſtoͤßt, und nimmt einen beſondern Antheil an al⸗ len Liebesgeſchichten daſelbſt. Sie weiß von je⸗ dem zaͤrtlichen Verhaͤltniß; jedes liebeſieche Maͤd⸗ chen kann ſicher ſeyn, an Ihro Herrlichkeit eine geduldige Zuhoͤrerinn und eine weiſe Rathgeberinn zu finden. Sie giebt ſich große Muͤhe, allen Zwiſt unter Liebenden beizulegen, und ſollte ir⸗ gend ein treuloſer Schaͤfer bei ſeiner Unbeſtaͤn⸗ digkeit beharren, ſo zieht er gewiß den heftigſten Zorn der guten Dame auf ſich. 8 — — 47 Ich habe alle dieſe kleinen Umſtaͤnde theils von Frank Bracebridge,“) theils von Meiſter Simon erfahren. Jetzt kann ich auch die un⸗ ermuͤdete Aufmerkſamkeit des letzteren fuͤr Ihro Herrlichkeit erklaͤren. Ihr Haus iſt eines ſeiner Lieblings⸗Aufenthaltsorte, und er ſpielt daſelbſt eine ſehr bedeutende Rolle. Er macht ihr jaͤhr— lich einmal einen Geſchaͤftsbeſuch, wo er ihre Geſchaͤfte in Ordnung bringt, die, da ſie ſelbſt ſie nicht uͤberſehen kann, leicht in Verwirrung gerathen. Er ſieht die Buͤcher des Verwalters nach und geht auf dem Gute auf die Jagd, wo, wie er ſagt, ſehr viel Wild zu finden iſt, unge⸗ achtet alle Herumtreiber in der Nachbarſchaft dort auf Wilddieberei ausgehen. Man glaubt, wie ich ſchon vorhin geſagt habe, daß der Capitain den groͤßeren Theil ihres Vermoͤgens erben werde, da er immer ihr beſonderer Liebling geweſen iſt, denn ſie hat eine gewiſſe Vorliebe fuͤr einen rothen Rock. Sie iſt itzt nach der Halle gekommen, um bei ſeiner Hochzeit gegenwaͤrtig zu ſeyn, da ſie an allen Liebes⸗ und Eheſachen einen großen Antheil nimmt. *) Einer von den Söhnen des Sauire, der den Verſ. in das Haus einführte, Ueberſ. —— ———— ——— Die Liebenden. Stehe auf meine Freundinn, meine Schöne, und komme her. Denn ſiehe, der Winter iſt vergangen, der Regen iſt weg und dahin. Die Blumen ſind hervorgekommen im Lande, der Lenz iſt herbeigekommen und die Turteltaube läſſet ſich hören in unſerm Lande. Das bohe Lied Salomonis. Far Jemanden, der ein Stuͤck von einem Philo⸗ phen und ein Junggeſell obenein iſt, und der, nach einigen Erfahrungen uͤber die Thorheiten des Le⸗ bens, mit geuͤbtem Auge die Wege des Mannes ſo wie die des Weibes betrachtet, fuͤr einen Sol⸗ chen, ſage ich, iſt es ſehr unterhaltend, das Be⸗ tragen eines jungen liebenden Paares zu be⸗ trachten. Es iſt vielleicht kein ſo ernſtes und wiſſenſchaftliches Studium als das der Liebe der Pflanzen*), aber es iſt gewiß eben ſo anziehend. Es *) Eine Anſpielung auf Darwin's ſchönes Gedicht, the — —j,.,— 49 Es hat mir demnach viel Vergnuͤgen gemacht, ſeitdem ich in der Halle angekommen bin, die ſchoͤne Julie und ihren Geliebten zu beobachten. Sie hat ganz das reizende, verſchaͤmte Bewußt⸗ ſeyn eines natuͤrlichen Maͤdchens, das noch nicht in den Kuͤnſten der Coquetterie erfahren iſt und das ſeine erſte Eroberung gemacht hat, waͤhrend, ſei⸗ nerſeits, der Capitain ſie mit der Miſchung von Liebe und Entzuͤcken betrachtet, womit eine jugendliche Liebe auf eine ſo ſchoͤne Beute hinblicken muß. Ich beobachtete ſie geſtern im Garten, waͤh⸗ rend ſie allein einen der einſamen Gaͤnge hinab⸗ gingen. Die Sonne ſchien mit koͤſtlicher Waͤrme, und bildete große abwechſelnde Maſſen von glaͤn⸗ zendem Gruͤn und tiefblauen Schatten; der Kuckuck, dieſer Bote des Fruͤhlings, ließ ſich leiſe in der Entfernung hoͤren; die Droſſel ſchlug im Hagedorn und die gelben Schmetterlinge ſpiel⸗ ten, gaukelten und liebelten in der Luft.— Die ſchoͤne Julie hatte ſich auf ihres Geliebten Arm gelehnt, hoͤrte, mit niedergeſchlagenen Augen, mit ſanftem Erroͤthen auf ihren Wangen und einem ruhigen Laͤcheln um ihre Lippen, auf das, was er ſprach, und hielt dabei in der nachlaͤſſig whe loxcs of tho plants, den zweiten Theil ſeines botanic garden. Ueberſ. I. 6 C 84 50 zu ihrer Seite herabhangenden Hand einen Blu⸗ menſtrauß. So ſchlenterten ſie langſam weiter, und als ich ſie kommen ſah, ſie betrachtete, wie ſie mit einander gingen, ſo konnte ich nicht umhin, zu denken, daß es doch ewig Schade ſey, daß die Jah⸗ reszeit ſich veraͤndere, daß junge Leute alt wuͤrden, daß die Bluͤthen den Fruͤchten Platz machten und daß Liebende ſich heiratheten.— Nach dem, was ich in der Familie habe er⸗ fahren koͤnnen, iſt die ſchoͤne Julie die Tochter eines Lieblingsfreundes des Squire, noch von der Univerſitaͤt her, der, nachdem er Oxford verlaſſen, in die Armee trat, nach Indien ging, dort meh⸗ rere Jahre diente und in einem Scharmuͤtzel mit den Eingebornen blieb. In ſeinem letzten Augenblicke empfahl er noch ſchriftlich, mit zit⸗ ternder Hand, ſeine Gattin und ſein Kind dem Wohlwollen ſeines Jugendfreundes.— Die Wittwe und ihr Kind kehrten nach England huͤlf⸗ los und beinahe hoffnungslos zuruͤck. Als Hr. Bracebridge Nachricht von ihrer Lage er⸗ hielt, eilte er, ſie zu unterſtuͤtzen. Er kam bei ihnen gerade noch zu rechter Zeit an, um die letzten Augenblicke der an einer Auszehrung da⸗ hinſterbenden Mutter zu verſuͤßen, und ſie durch die Verſicherung zu beruhigen, daß es ihrem Kinde nie an einem Beſchuͤtzer fehlen ſolle. —— 4 88 54 Der gute Squire kehrte mit ſeinem kindli⸗ chen Pfande in ſeine Burg zuruͤck, wo er ſie mit einer wahrhaft vaͤterlichen Zaͤrtlichkeit erzie⸗ hen ließ. Da er ſich ſelbſt die Muͤhe gegeben hat, uͤber ihre Erziehung die Aufſicht zu fuͤhren und ihren Geſchmack zu bilden, ſo hat ſie meh⸗ rere ſeiner Anſichten angenommen, und haͤlt ihn fuͤr den kluͤgſten, ſo wie fuͤr den beſten Mann. Einen großen Theil ihrer Zeit hat ſie auch bei Lady Lillycraft zugebracht, die ſie in der Art und Weiſe der alten Schule unterrichtet und ihren Geiſt mit allen Arten von Geſchichten und Romanen genaͤhrt hat. Ihro Herrlichkeit hat in der That auch bei der Heirath zwiſchen Julie und dem Capitain ſehr die Hand im Spiele ge⸗ habt, da ſie Beide auf ihren Landſitz gezogen, ſobald ſie nur gemerkt hat, daß ſich eine Neigung zwiſchen ihnen entwickelte: denn die gute Dame iſt nie gluͤcklicher, als wenn ein Paar Turtel⸗ tauben um ſie girren. Es macht mir großes Vergnuͤgen, wenn ich ſehe, wie die ſchoͤne Julie von allen Dienſtboten in der Halle geliebt wird. Von ihrer Kindheit an haben ſie mit ihr getaͤndelt, und jeder von ihnen ſcheint Anſpruch darauf zu machen, Theil an ihrer Erziehung gehabt zu haben, ſo daß man C 2 —— —— 52 ſich nicht wundern darf, wenn ſie ſo vollkommen geworden iſt. Der Gaͤrtner lehrte ſie Blumen pflegen, die ſie ſehr liebt. Der alte Chriſty, der eigenſinnige Jaͤger, wird milder, wenn ſie ſich naͤhert, und da ſie leicht und mit Anſtand zu Pferde ſitzt;, ſo maßt er ſich das Verdienſt an, ſie reiten gelehrt zu haben, waͤhrend die Haus— haͤlterinn, die ſie beinahe wie ihre Tochter betrach⸗ tet, zu verſtehen giebt, daß ſie ihr die erſten Auf⸗ klaͤrungen uͤber die Geheimniſſe der Toilette gegeben habe, denn ſie war in ihren juͤngeren Tagen, Kam⸗ mermaͤdchen bei der verſtorbenen Mrs. Brace⸗ bridge. Was den letztern Anſpruch betrifft, ſo glaube ich beinahe, daß er gegruͤndet iſt, da ich bemerkt habe, daß der Anzug der jun⸗ gen Dame etwas nach der alten Schule ſchmeckt, wenn er gleich'durch ihren angebornen Geſchmack veredelt worden, und daß ihr Haar oft ganz ſo angeordnet iſt, wie ich es an Sir Peter Lely's Portraͤten in der Bildergallerie ſahe. Selbſt ihre muſikaliſche Bildung hat etwas von dieſem altvaͤteriſchen Charakter an ſich, und viele von ihren Liedern duͤrften ſich wohl nicht auf den Pianos unſerer neuern Clavierſpieler fin⸗ den. Ich habe indeß ſo viel von den neueren Moden, den neueren Talenten und den neueren Modedamen kennen gelernt, daß ich dieſen An⸗ — ———— 53 flug eines aͤlteren Stils bei einem ſo jungen und ſo liebenswuͤrdigen Maͤdchen ſehr gern habe, und es hat mir eben ſo viel Vergnuͤgen gewaͤhrt, ſie eines von den alten Liedern von Herrick, Ca⸗ rew oder Suckling hertrillern zu hoͤren, die einer alten einfachen Melodie angepaßt ſind, als wenn ich eine Dilettantinn die ſchoͤnſte Bravourarie von Mozart oder Roſſini haͤtte vortragen hoͤren⸗ Wir haben von Zeit zu Zeit des Abends ganz artige Muſik; ſie und der Capitain laſſen ſich hoͤren, wozu bisweilen Meiſter Simon kommt, der etwas die Violine kratzt, wobei er auch zuweilen herauskommt und um eine oder zwei Noten zuruͤckbleibt. Er paukt auch wohl einmal auf dem Piano und fingt die dritte Stimme in einem Trio, worin man ihn ſehr bald an einem gewiſſen zitternden Tone, und hier und da an einer falſchen Note erkennen kann.— Ich lobte einmal in ſeiner Gegenwart der ſchoͤnen Julie Stimme, als ſie eben geſungen hatte, wor⸗ auf er mich verſicherke, daß er ihren muſikaliſchen Geſchmack gebildet, lund hinzuſetzte, daß ſie ſehr gelehrig ſey„ſo wie denn uͤberhaupt,“ fuͤgte er nach ſeiner ſchlauen Art hinzu, indem er ein all⸗ gemeines Urtheil uber ſie faͤllte:„ſie ein ſehr net⸗ tes Maͤdchen iſt und keine Albernheiten an ſich hat.“ Familien⸗Rellquien. — Die Züge meiner Infelice, ihre Stirn', ihr Aug' Das Grübchen in der Wange!— und ſo füß Hat des gewandten Malers Pinſel ſie geſchildert, Daß dieſe Lippen friſch, wie ihre, prangen.— Die falſchen Farben dauern, wenn die wahren Schon längſt erloſchen ſind. Von allen Den Roſen, die auf ihren Wangen blühn, Von allem Liebreiz, der in ihrem Auge So heiter lacht, von aller Harmonie, Die ihrem Mund' entſtrömt, von allem was, Weit über allen Frauen⸗Werth, verborgen In ihrem weißen Buſen lag,— ſteh, alles Auf der bemalten Tafel ruht es dort! 4. Dekker. Ein altengliſches Familien⸗ Wohnhaus iſt ein fruchtbarer Gegenſtand fuͤr das Studium. Man findet darin Erlaͤuterungen fruͤherer Zeiten, Spu⸗ ren des Geſchmacks, der Launen und der Sitten mehrerer Geſchlechter. Die Veraͤnderungen und Zuſaͤtze bei den verſchiedenen Stilen der Bau⸗ kunſt, die Moͤbel, das Silbergeſchirr, die Bilder, — 55 die Tapeten, die kriegeriſchen und Jagdgeraͤthſchaf⸗ 2 ten der verſchiedenen Zeitalter und Moden, alles dieß giebt Stoff zu ſonderbaren und unterhalten⸗ den Forſchungen. Da der Squire ſehr ſorg⸗ faͤltig alle Familien⸗Reliquien ſammelt und . aufbewahrt, ſo iſt die Halle voll von Andenken dieſer Art. Wenn ich mich im Hauſe umſehe, ſo kann ich mir dabei von dem Charakter und den Gewohnheiten, die zu gewiſſen Perioden der Familiengeſchichte vorhanden geweſen ſind, ein ſehr lebendiges Bild machen. Ich habe bei einer fruͤheren Gelegenheit der Ruͤſtung des Kreuzfah⸗ rers gedacht, welche in dem großen Saale haͤngt. So ſind hier auch mehrere Reiterſtiefeln mit un-⸗ geheuren dicken Sohlen und hohen Abſatzen, welche Cavalieren*) gehoͤrten, die zur Zeit der Covenanter**) die Halle mit dem Klange und Geraͤuſch ihrer Waffen erfuͤllten. Eine Menge ungeheuerer Trinkgefaͤße von alter Form; große venetianiſche und gruͤne Rheinweinglaͤſer, mit 8 *) Ein Name für die Anhänger der königlichen Gewalt, während der Unruben unter Karls I. Regierung. Ueberſ. **) Der Covenant war eine, im Jahre 1638 von den Schotten feierlich beſchworene, antikatholiſche Glaubenserklä⸗ rung, zu deren Aufrechthaltung ein großer Theil von Schott⸗ land unter die Waffen trat. Ueberſ. 3* 56 den Apoſteln in halb erhabener Arbeit darauf, bleiben noch als Denkmale eines oder zweier Ge⸗ ſchlechter, die ein Leben voll tobender Voͤllerey fuͤhr⸗ ten und zuerſt das Podagra in die Familie brachten. Ich uͤbergehe mehrere ſolcher Anzeichen der Nei⸗ gungen, welche den Vorfahren des Sqauire eigen ge⸗ weſen ſind, kann aber nicht unterlaſſen, eines Hirſch⸗ geweihes in dem großen Saale zu gedenken, eines der Siegeszeichen eines wohlberittenen Squire aus vorigen Zeiten, der der Nimrod dieſer Gegend war. Noch ißt ſind manche Erzaͤhlungen von ſeinen wundervollen Thaten im Gange, die der alte Chriſty, der Jaͤger, erzaͤhlt, der es ſehr uͤbel nimmt, wenn man nur im Geringſten dar⸗ an zweifelt. Einige wenige Meilen von der Halle iſt eine furchtbare Kluft, welche den Namen des Squire⸗Sprunges fuͤhrt, weil er auf der Jagd daruͤber hinweggeſetzt haben ſoll; auch kann gar kein Zweifel an der Sache obwalten, da der alte Chriſty noch die Spuren der Roßhufe auf den Felſen zu beiden Seiten der Kluft zeigt.— Mei⸗ ſter Simon haͤlt das Andenken dieſes Squire in großen Ehren, und erzaͤhlt eine Menge wun⸗ derbarer Geſchichten von ihm, die er bei allen Jagdſchmauſereien zu wiederholen pflegt, und ich hoͤre, daß ſie, je aͤlter, deſto wunderbarer werden. Er 57 beſitzt noch ein Paar in Rippon*) gemachter Sporn, welche einſt dieſem maͤchtigen Jaͤger gehoͤrten, und die er nur bei beſondern Gelegenheiten traͤgt. Der Ort, welcher die meiſten Andenken an vergangene Zeiten aufzuweiſen hat, iſt die Ge⸗ maͤldegallerie, und es iſt ein beſonders angenehmes, wenn gleich etwas melancholiſches Gefuͤhl, wenn man die langen Reihen von Portraͤten betrach⸗ tet, welche den groͤßten Theil der Sammlung ausmachen. Dieſe bilden eine Art Lebensbeſchrei⸗ bung der ausgezeichneten Mitglieder der Familie, die ich, mit Huͤlfe der ehrwuͤrdigen Haushaͤlterinn, welche die Familien⸗Geſchichtſchreiberinn iſt, und mit gelegentlicher Einhuͤlfe von Meiſter Simon, ſehr wohl zu leſen im Stande bin. Hier ſieht man, zum Beiſpiel, das ganze Leben einer ſchoͤ⸗ nen Frau, in mehreren Bildern. Das eine ſtellt ſie als ein kleines Maͤdchen, mit langer Taille und einem Reifrock dar, wie ſie ein Kaͤtzchen auf dem Arme haͤlt und den Zuſchauer aus den Augenwinkeln anblickt, als ob ſie den Kopf nicht herumwenden koͤnnte. Auf einem zweiten fin⸗ den wir ſie in der Friſche jugendlicher Bluͤthe, zu der Zeit, wo ſie eine beruͤhmte Schoͤnheit und ſo hartherzig war, daß mehrere ungluͤckliche An⸗ *) Eine Stadt in Yorkſhire, vie ſonſt ihrer Sporenmanu⸗ fakturen willen berühmt war. Ueberſ. 58 beter daruͤber in Verzweiflung geriethen und ſchlechte Verſe machten. Auf einem dritten iſt ſie als eine ſtattliche Frau, in der Reife ihrer Reize, abgebildet, und neben ihr ſieht man das Bild ihres Gatten, eines tapfern Oberſten mit ei⸗ ner Wolkenperuͤcke und golbeſetztem Hute, der in der Fremde im Kriege blieb, und endlich findet ſich in der Kirche, deren Thurmſpitze man aus dem Fen⸗ ſter der Gallerie ſehen kann, ihr Grabdenkmal, auf welchem man ihr Bildniß in Marmor ſieht, das ſie als eine ehrwuͤrdige Dame von 76 Jahren darſtellt.— So habe ich auch einige große Maͤnner aus der Familie durch eine Reihe von Bildniſſen, von ihrer fruͤheſten Kindheit, bis zu dem amtlichen Gewande oder dem Komman⸗ doſtab u. ſ. w. verfolgt, bis ſie in der allge⸗ meinen Ruheſtaͤtte, der benachbarten Kirche, bei⸗ geſetzt worden. Hier iſt auch eine Gruppe, die mich ganz be⸗ ſonders anzieht. Sie beſteht aus vier Schwe⸗ ſtern von beinahe gleichem Alter, welche vor un⸗ gefaͤhr einem Jahrhundert bluͤhten, und, nach ih⸗ ren Bildern zu urtheilen, ungemein ſchoͤn waren. Ich kann mir denken, welch ein Schauplatz der Froͤhlichkeit und Ritterlichkeit dieſes alte Haus geweſen ſeyn muß als ſie in der Bluͤthe ihrer 59 Reize waren, als ſie, gleich anmuthigen Erſcheinun⸗ gen, durch die Saͤle glitten, oder zu den Toͤnen der Muſik, bei den Feſten und Taͤnzen in der Cedergallerie, leicht dahin ſchwebten, oder ihre zarten Fuͤße dem Sammt des Raſens ihre Spu⸗ ren eindruͤckten! Wie muͤſſen die treuen Familien⸗ Bedienten ſie mit einem Gemiſch von Liebe, Stolz und Ehrfurcht betrachtet, und die brennenden Au⸗ gen der eiferſuͤchtigen Bewunderer ſie mit bei⸗ nahe peinlicher Bewunderung verfolgt haben! Wie muͤſſen Melodie und Geſang und zaͤrtliche Sere⸗ naden in dieſen Hoͤfen ertoͤnt und ihr Nachhall den zoͤgernden Schritt der Geliebten umfluͤſtert haben! Wie muͤſſen bei dem Anblicke dieſer Thuͤr⸗ me, aus der Ferne ſich zeigend, wie ſie ſich aus den Baͤumen erheben, und bei dem Anblick dieſer Mau⸗ ern, wenn man die Schoͤnheiten wie Edelſteine darin verborgen ſich dachte, die Herzen der jungen Fante geſchlagen haben! Auch habe ich wirklich an Ort und Stelle noch einige ſchwache Spuren dieſes Reiches der Liebe und der Romantik, als die Halle noch eine Art Hof der Schoͤnheit war, ent⸗ deckt. In mehreren von den alten Roma⸗ nen in der Bibliothek findet man Randgloſſen, Mitleidenſchaft und Beifall ausſprechend, bei den langen Reden, worin die Reize der Frauen 60 erhoben werden, oder die Verſicherungen ewiger Treue oder Klagen uͤber die Grauſamkeit irgend einer tyranniſchen Schoͤnen enthalten. Die Stellen von den Zuſammenkuͤnften, Erklaͤrungen und Ab⸗ ſchiedsſcenen zarter Liebenden, tragen ebenfalls die Spuren einer haͤufigen Leſung, ſind einge⸗ kniffen, mit bewundernden Noten verſehen, und auf den Raͤndern mit Anfangsbuchſtaben bezeich⸗ net, und bei den meiſten Anmerkungen ſteht der Tag des Monats und das Jahr. Auch in meh⸗ rere Fenſter ſind mit Diamanten poetiſche Ergie⸗ ßungen eingeſchnitten, die aus den Schriften der ſchoͤnen Mrs. Philips, der einſt ſo beruͤhmten Orinda, entlehnt ſind. Einige von dieſen ſchei⸗ nen von den Geliebten geſchrieben zu ſeyn, an⸗ dere aber, mit zarter und wankender Handſchrift und nicht ganz richtig in der Orthographie, ruͤh⸗ ren offenbar von den jungen Damen ſelbſt oder von Freundinnen her, welche auf der Halle zum Beſuche waren. Mrs. Philips ſcheint ihre Lieb⸗ lingsſchriftſtellerinn geweſen zu ſeyn, und ſie haben die Namen der bei ihr vorkommenden Helden und Hel⸗ dinnen unter ihre genaueren Bekannten vertheilt. Zuweilen klagen die Verſe, von einer maͤnnlichen Hand, uͤber die Grauſamkeit der Sehoͤnen, und die „Leiden einer beſtaͤndigen Liebe, waͤhrend die weib⸗ 61 liche Hand ſich, ganz ſchnoͤde, uͤber die Trennung von ihren Freundinnen beſchwert. Das Erker⸗ fenſter meines Schlafzimmers, welches, ohne Zwei⸗ fel, von einer dieſen Schoͤnheiten bewohnt wor⸗ den iſt, traͤgt mehrere dieſer Inſchriften. Ich habe in dieſem Augenblick eine vor mir, unter dem Titel: Camilla, die von Leonora ſcheidet. Vergangne Freude— iſt dahin: Die Gegenwart wie nichtig! Was bleibt zum Troſt dem truͤben Sinn, Iſt dieſe ſchon ſo fluͤchtig? Dicht dabei ſteht eine zweite, vielleicht von der Hand eines kuͤhnen Liebhabers, der ſich waͤh⸗ rend der Abweſenheit der Dame in ihr Zimmer geſchlichen hatte, uͤberſchrieben: An Camilla. Ich will in Deiner Gunſt allein, Nicht fuͤr die Ehre leben, Und, kann ich ſo nur gluͤcklich ſeyn, Nach eitlem Ruhm nicht ſtreben. TDheodoſius 1700. Wenn ich dieſe halberloſchenen Denkmale der Galanterie und Zaͤrtlichkeit betrachte, wenn ich die verblichenen Bilder dieſer ſchoͤnen Maͤd⸗ chen anſehe, und daran denke, daß ſie ebenfalls ſchon vor langer Zeit gebluͤht haben, alt gewor⸗ den, geſtorben und dahin gegangen ſind, und mit ihnen alle ihre Annehmlichkeiten, ihre Triumphe, 62 ihre Eiferſucht, ihre Bewunderer, das ganze Reich der Liebe und des Vergnuͤgens, in welchem ſie herrſchten—„alles todt, alles begraben, alles vergeſſen“ ſo fuͤhle ich, daß einen Wolke der Schwermuth alle Froͤhlichkeit, die mich itzt um⸗ giebt, verdunkelt. Ich betrachtete, in Nach⸗ denken verſunken, dieſen Morgen das Bild der Dame, deren Gatte im Auslande blieb, als die ſchoͤne Julie, auf den Arm des Capitaͤns gelehnt, in die Gallerie trat. Die Sonne ſchien durch die Reihe von Fenſtern auf ſie, waͤhrend ſie hindurch⸗ ging, und ſie ſchien, abwechſelnd, in Glanz aufzu⸗ tauchen und in Schatten zu verſinken, bis die Thuͤr am Ende der Gallerie ſich hinter ihr ſchloß. Ich fuͤhlte eine innige Traurigkeit bei dem Ge⸗ danken, daß dieß ein Bild ihres Looſes ſey: noch einige wenige Jahre Sonnenſchein und Schatten, und all' dieß Leben, dieſe Lieblichkeit, dieſer Freudengenuß werden voruͤber, und nichts mehr vorhanden ſeyn, um an dieß ſchoͤne Weſen zu erinnern, als ein vergaͤngliches Bild mehr, das vielleicht die alltaͤglichen Betrachtungen ir⸗ gend eines kuͤnftigen Muͤſſiggaͤngers, wie ich, ver⸗ anlaſſen wird, wenn ich und mein Gekritzel laͤngſt unſer kurzes Daſeyn durchlebt haben und ver⸗ ageſſen ſeyn werden. Der alte Soldat. — Ich habe in der Fremde einiges Leder abgetragen, eine oder zwei heidniſche Seelen von ihrem Körper befreit, dieſes gute Schwert in dem ſchwarzen Blute heidniſcher Chri⸗ ſten getränkt, einige Unglänbige damit bekehrt— aber laßt das gut ſeyn. A — De Halle wurde vor einigen Tagen durch die Ankunft des General Harbottle in einige Bewegung gebracht. Man hatte ihn ſchon ſeit mehreren Tagen erwartet, und Mehrere von der Familie ſeiner Erſcheinung mit einiger Ungeduld entgegengeſehen. Meiſter Simon verſicherte mich, daß ich den General ungemein lieb gewin⸗ nen wuͤrde, denn er ſey noch ein Mann aus der alten Schule und ein vortrefflicher Tiſchgeſell⸗ ſchafter. Auch Lady Lillycraft ſchien am Morgen der Ankunft des Generals einige Unruhe zu verrathen, denn er war einer von ihren fruͤ⸗ heren Bewunderern geweſen, und ſie erinnerte 64— ſich ſeiner nur als eines zierlichen jungen Faͤhn⸗ richs, der ſo eben nach London gekommen war. Wirklich brachte ſie eine Stunde laͤnger bei ihrer Toilette zu, und erſchien mit ungewoͤhnlich ſorg⸗ faͤltig friſirtem und gepudertem Haar und einer ſtaͤrkern Lage Schminke. Ihre Ueberraſchung und ihr Verdruß waren daher ſichtbar, als ſie den ſchlanken, artigen Faͤhnrich in einen corpu⸗ lenten alten General mit einem Doppelkinn ver⸗ wandelt ſah; indeß war es doch zum Malen, ihre gegenſeitigen Begruͤßungen zu ſehen, die Zier⸗ lichkeit ihres tiefen Knixes und die Art der alten Schule, mit welcher der General ſeinen Hut ab⸗ nahm, einen Bogen damit beſchrieb, und ſeinen gepuderten Kopf beugte. Die Bewegung, welche ſeine Erſcheinung verur⸗ ſacht hat, und die vorhergegangene lange Erwartung derſelben, hatten mich veranlaßt, den General mit et⸗ was groͤßerer Aufmerkſamkeit zu beobachten, als dieß ſonſt wohl geſchehen ſeyn wuͤrde; und die weni⸗ gen Tage, welche er auf der Halle zugebracht hat, haben mich, wie ich glaube, bereits in den Stand geſetzt, dem Leſer ein ziemlich aͤhnliches Bild von ihm zu entwerfen. * Er iſt, wie Meiſter Simon ganz richtig bemerkt hat, ein Soldat aus der alten Schule, — — 65 der einen gepuderten Kopf hat, Seitenlocken und einen Zopf traͤgt. Sein Geſicht iſt gebaut, wie. der Spiegel eines hollaͤndiſchen Kriegsſchiffes, oben ſchmal und unten breit; er hat volle rothe Backen und ein doppeltes Kinn, ſo daß man, um nach der heutigen Art zu reden, ſeine Eß⸗ Organe als ungemein vollſtaͤndig entwickelt an⸗ ſehen kann.— Der General iſt, wenn gleich ein Veteran, doch ſehr wenig im wirklichen Feld⸗ dienſt geweſen, ausgenommen bei der Einnahme von Seringapatnam, die eine Epoche in ſeiner Geſchichte bildet. Er traͤgt einen gro⸗ ßen Smaragd im Buſenſtreif, und einen Dia⸗ manten am Finger, die er bei dieſer Gelegenheit bekommen, und wer das Ungluͤck hat, einen von beiden ins Auge zu faſſen, kann ſicher ſeyn, die ganze Geſchichte der Belagerung hoͤren zu muͤf⸗ ſen. Nach des Generals Unterhaltung zu ur⸗ theilen, iſt die Einnahme von Seringapatnam das wichtigſte Ereigniß, das ſich im letzten Jahr⸗ hundert zugetragen hat. Als es auf dem feſten Lande kriegeriſch aus⸗ zuſehen anfing, befoͤrderte man ihn raſch, damit er nicht juͤngeren, verdienſtvollen Offizieren im Wege ſeyn moͤchte, und legte ihn, nachdem man ihn gluͤcklich bis zum General emporgehoben 66 hatte, bei Seite. Von dieſer Zeit an haben ſich ſeine Feldzuͤge vorzuͤglich auf die Badeorte be⸗ e ſchraͤnkt, wo er den Brunnen gegen einen leich⸗ ten Anfall von Leberkrankheit braucht, den er aus Indien mitgebracht, und mit alten Damen, denen er in ſeinen juͤngeren Tagen den Hof gemacht hat, Whiſt ſpielt. Ueberhaupt ſpricht er von allen Schoͤnheiten des letzten halben Jahrhun⸗ derts, und iſt, nach dem zu urtheilen, was er hie und da fallen laͤßt, von mancher mit einem auf⸗ munternden Laͤcheln beehrt worden. Er iſt ſehr viel in Garniſon geweſen, und* kann faſt von allen Orten erzaͤhlen, wo gute Quartiere ſind, und wo die Einwohner gute Mit⸗ tagseſſen geben. Er ißt, wenn er in der Stadt wohnt, jeden Tag gaußer dem Hauſe, da man ihn hier einladet, weil man ihn dort geſehen hat. Eben ſo wird er auf die Landhaͤuſer geladen und kennt, aus eigener Anſchauung, die Haͤlfte der Land⸗ V ſize im Koͤnigreiche, auch weiß Niemand mehr Hof⸗ geſchichten, und uͤber die Stammbaͤume und die Hei⸗ rathen adelicher Haͤuſer beſſer Auskunft zu geben. f Da der General ein alter Hageſtolz und ein alter Elegant iſt, und mehrere Damen auf der Halle ſind, namentlich ſeine alte Flamme, Lady Jocelyne, ſo ſpielt er hier ſehr den An⸗ 67 genehmen. Er bringt alſo gewoͤhnlich einige Zeit bei ſeiner Toilette zu, ruͤckt jeden Morgen erſt ſpaͤt in's Feld und erſcheint dann mit wohl⸗ friſirtem und gepuderten Haar und einer Roſe im Knopfloche. Nach dem Fruͤhſtuͤck geht er, im Sonnenſchein, auf der Terraſſe ſpazieren, brummt dazu ein Lied, huſtet zwiſchen jeder Strophe, hat dabei eine Hand auf dem Ruͤ⸗ cken und ſetzt mit der andern abwechſelnd ſeinen Stock auf den Boden, und hebt ihn wieder zur Schulter empor. Sollte er, auf einem dieſer Morgenſpaziergaͤnge, irgend einer von den aͤlte⸗ ren Damen aus der Familie begegnen, wie dieß haͤufig mit Lady Lillycraft der Fall iſt, ſo hat er ſogleich den Hut in der Hand— eine Erinnerung an die ſteife Gruppe von Herren und Damen, auf den alten Kupferſtichen von der Terraſſe von Windſor oder dem Garten von Kenſington. Er ſpricht haͤufig vom Dienſt, und brummt gern das alte Lied: Wir, Burſche, wir 4 Kennen keine Traurigkeit! Wir, Burſche, wir Sind vielleicht nur heut noch hier! Ich glaube indeß nicht, daß der General ſich je großer Todesgefahr ausgeſetzt habe, es ſey denn 68— durch einen Schlagfluß oder durch eine Unver⸗ daulichkeit. Er ſpricht uͤber alle auf dem feſten Lande gelieferte Schlachten und eroͤrtert das Verdienſt der Befehlshaber, weiß aber am Ende immer die Rede auf Tippoo Saib und auf Seringapatnam zu bringen. Man hat mir geſagt, daß der General bei dem letzten Kriege ein wackerer Kaͤmpe in den Geſellſchaftszim⸗ mern, auf Paraden und in bden Baͤdern geweſen fey, und daß manche alte Dame, wenn die Furcht vor einer Landung Buonaparte's ſich ihrer bemeiſtert, mit Hoffnung und Vertrauen auf ihn hingeblickt habe. Er iſt vollkommen wohlgeſinnt, und findet ſich, wenn er in der Hauptſtadt iſt, puͤnktlich bei allen Levers ein. Er weiß manche merkwuͤrdige Aeußerungen des verſtorbenen Koͤnigs zu erzaͤh⸗ len, namentlich eine, wo der Koͤnig ihm bei einem Manoͤver ein Compliment uͤber ſein vor⸗ treffliches Pferd geſagt habe. Er ſpricht mit großer Waͤrme von der koͤniglichen Familie, be⸗ ſonders aber vom itzigen Koͤnige, den er fuͤr den erſten Mann von Ton, und fuͤr den beſten Whiſt⸗ ſpieler in Europa, erklaͤrt. Der General flucht mehr, als es itzt gerade Mode iſt, allein es war zur Zeit der alten Schule ſo gebraͤuchlich. Da⸗ gegen nimmt er es aber mit allem dem, was die 2— 2— 69 Religion betrifft, ſehr genau, und iſt ein eifriger Verfechter der herrſchenden Kirche. Er wieder⸗ holt, bei dem Gottesdienſte, die Antworten mit ſehr lauter Stimme, und betet mit großer In⸗ brunſt fuͤr den Koͤnig und die koͤnigliche Familie. Bei Tiſch wird, bei der zweiten Flaſche, ſeine gute Geſinnung ſehr angeregt, und das Lied God save the King verſetzt ihn in vollkommene Ver⸗ zuͤckung. Er iſt mit dem itzigen Zuſtande der Dinge ſehr wohl zufrieden, und wird leicht un⸗ willig, wenn man uͤber allgemeinen Verfall und von der Noth des Landmanns ſpricht. Er ſagt, er ſey ſo viel als nur irgend Jemand im Lande umhergereiſt, und habe nichts als Wohlſtand geſehen, und in der That bringt er einen großen Theil ſeiner Zeit damit zu, von einem Landſitz zum andern zu zie⸗ hen und in den Parks ſeiner Freunde umherzu⸗ reiten.„Man ſpricht immer von der allgemei⸗ nen Noth,“ ſagte er einmal bei Tiſche zu mir, waͤhrend er ein Glas trefflichen Burgunder herun⸗ terſchluͤrfte, und ſeine Augen auf die reichbeſetzte Tafel warf:„man ſpricht von allgemeiner Noth, aber wo iſt ſie denn? ich ſehe nichts davon. Ich ſehe keinen Grund, den die Leute zum Klagen haben. Glauben Sie mir auf mein Wort, das Gerede uͤber die allgemeine Noth iſt alles dummes Zeug!“ Das Gefolge der Wittwe. Kleine Hund' und alle miteinander! König Lear. Als ich die Ankunft der Lady Lillycraft auf der Halle berichtete, haͤtte ich eigentlich auch er⸗ zaͤhlen ſollen, wie ſehr es mich beluſtigte, ihren Wagen abpacken und ihr Gefolge unterbringen zu ſehen. Es liegt fuͤr mich etwas ungemein Unterhaltendes in der Anzahl kuͤnſtlicher Beduͤrf⸗ niſſe, und dem Heere eingebildeter Bequemlichkeiten aber wahrer Laſten, womit ſich Prachtliebende gewoͤhnlich zu beſchweren pflegen. Es macht mir viel Vergnuͤgen, alles das ſonderbare Treiben mit anzuſehn, welches eine dieſer kleinen Rei⸗ ſen veranlaßt: die Anzahl vierſchroͤtiger Be⸗ dienter und Begleiter aller Art, welche ſich mit einem unendlich abgemeſſenen und wichtigen Weſen umhertummeln, um beinahe nichts zu thun; die Anzahl ſchwerer Koffer und Pakete f ——— 71 und Paßpſchachteln, welche der Dame gehoͤren; die angelegentliche Beſorgniß der Kammerfrau um irgend eine gewoͤhnliche, ſchlecht ausſehende Schachtel; die Kiſſen, welche in der Kutſche auf⸗ gehaͤuft ſind, einen weichen Sitz noch weicher zu machen und die gefuͤrchtete Möglichkeit des Zuſammengeruͤtteltwerdens zu verhindern; die Riechflaͤſchchen, ſtaͤrkenden Tropfen, Koͤrbe mit Zwieback und Fruͤchten, die Buͤcher, alle dieſe Schutzwehren gegen Hunger, Ermuͤdung und Lan⸗ geweile; die Reitpferde, um auf der Reiſe eine Abwechſelung zu haben,— und alle dieſe Anſtalten, dieſer Prunk, dazu, um vielleicht irgend ein ganz unnuͤtzes Menſchenkind ein kleines Stuͤck auf der Erde weiter zu befoͤrdern! Ich will von dem letzteren Theile dieſer Be⸗ merkungen durchaus keine Anwendung machen auf Lady Lillycraft, vor deren einfacher Herzens⸗ guͤte ich eine große Achtung habe, und die in der That eine ſehr liebenswerthe, wuͤrdige Sterbliche iſt. Indeß kann ich doch nicht umhin, etwas von dem bunten Gefolge zu erzaͤhlen, das ſie mitgebracht hat und das in der That von der uͤberwiegenden Herzensguͤte zeugt, die es ihr un⸗ umgaͤnglich nothwendig macht, etwas um ſich zu haben, woran ſie ſie auslaſſen kann. 4* 72² Zuerſt hat Ihro Herrlichkeit einen wohlge⸗ naͤhrten Kutſcher, mit einem rothen Geſichte und Backen, die wie Wammen herabhangen. Er be⸗ herrſcht ſeine Gebieterinn offenbar in Ruͤckſicht auf die fetten Pferde, und faͤhrt nur aus, wenn er es fuͤr gut findet, und wenn er meint, daß es „gut fuͤr das Vieh ſeyn wuͤrde.“ Sie hat ei⸗ nen Lieblingspagen zur Aufwartung um ſich, ei⸗ nen huͤbſchen Knaben von ungefaͤhr zwoͤlf Jah⸗ ren, der aber ein naſeweiſer Burſche, ſehr ver⸗ woͤhnt, und auf dem beſten Wege iſt, ein Tau⸗ genichts zu werden. Er iſt gruͤn gekleidet, und hat eine Menge goldener Schnuͤre und vergol⸗ deter Knoͤpfe an ſeinen Kleidern. Sie hat im⸗ mer einen oder zwei Begleiter dieſer Art, und erſetzt ſie durch andere, ſobald ſie 14 Jahr ge⸗ worden ſind. So hat ſie auch zwei Hunde mit⸗ gebracht, von einer großen Anzahl kleiner Klaͤffer, die ſie zu Hauſe haͤlt; der eine davon iſt ein fet⸗ ter Wachtelhund, Zephyr genannt— der Him⸗ mel bewahre mich indeß vor einem ſolchen Ze⸗ phyr! Er hat das Geſchick und alle Behaglich⸗ keit verloren, ſeine Augen ſpringen beinahe zum Kopfe heraus, er keucht vor Fettigkeit, und be⸗ wegt ſich nur mit großer Muͤhe. Der andere iſt ein kleines, altes, graumaͤuliges Murmelthier, mit — 73 mit einem ungluͤcklichen Auge, das wie eine Kohle gluͤht, wenn man es nur anſieht: ſeine Naſe iſt aufgeworfen, ſein Maul iſt ganz in Runzeln ge⸗ faltet, ſo daß man ſeine Zaͤhne ſehen kann, kurz er hat ganz das Anſehen eines Hundes, der es ſchon weit im Menſchenhaſſe gebracht hat und der Welt ganz muͤde iſt. Wenn er geht, ſo traͤgt er ſeinen Schweif ſo gerade in die Hoͤhe gerichtet, daß dieſer ſeine Fuͤße vom Boden zu heben ſcheint, und er geht ſelten auf mehr als drei Fuͤßen, wo⸗ bei er den vierten, zur Aushuͤlfe, empor haͤlt; die⸗ ſer letztere Kruͤppel heißt Beauty. Dieſe Hunde haben eine Menge vornehmer Beſchwerden, von denen andere Hunde gar nichts wiſſen, und werden von Lady Lillycraft auf das allerzaͤrtlichſte gepffegt. Sie werden von ihrem Mit⸗Guͤnſtling, dem Pagen, uͤberfuͤttert und mit allen Arten von Leckerbiſſen verſorgt: allein ihr Magen iſt oft ſchwach und in Unord⸗ nung, ſo daß ſie nicht eſſen köͤnnen. Indeſſen habe ich auch wohl den Pagen, wenn ſeine Ge⸗ bieterinn nicht zugegen war, ihnen einen boshaften Kniff beibringen oder einen Schlag uͤber den Kopf geben ſehen. Sie haben Kiſſen zu ihrem ausſchließ⸗ lichen Gebrauch, worauf ſie am Feuer liegen, ſchauern und winſeln aber ſogleich, wenn nur der I. D — 4 geringſte Luftzug ſie beruͤhrt. Sobald Jemand in das Zimmer tritt, erheben ſie ein fuͤrchterli⸗ ches, beinahe betaͤubendes Gebell. Sie ſind hoͤchſt ungeſchliffen gegen alle andere Hunde im Hauſe. Ein ſchoͤner großer Huͤhnerhund, ein großer Lieb⸗ ling des Squire, hat ein fuͤr allemal die Erlaub⸗ niß, in das Beſuchzimmer zu kommen; laͤßt er ſich aber ſehen, wenn jene Schmarotzer da ſind, ſo fahren dieſe mit fuͤrchterlicher Wuth auf ihn los, und ich habe oft die großartige Ruhe und Verachtung bewundert, mit der er auf ſei⸗ ne elenden Angreifer herabzuſehen ſcheint. Wenn Ihro Herrlichkeit ausfaͤhrt, ſo werden dieſe Hunde immer mit in die freie Luft genommen, wo ſie dann aus den beiden Kutſchfenſtern ſehen und alle gemeinen, zu Fuße gehenden Hunde anbellen. Dieſe Hunde ſind eine beſtaͤndige Plage fuͤr die Hausgenoſſen; da ſie immer im Wege ſind, ſo tritt ihnen hier und da Einer auf die Zehen, und nun erhebt ſich erſt hier ein Geheul, dann dort, von Seiten ihrer Gebieterinn, ein Wehkla⸗ gen, ſo daß das ganze Zimmer in Aufruhx und Verwirrung geraͤth. Endlich iſt noch die Kammerfrau der Lady 7 vorhanden, Mrs. Hannah, eine foͤrmliche, ſteife ☛☚ 8— — 475 alte Jungfer, und eine der unduldſamſten und unertraͤglichſten, die je gelebt haben. Sie hat ihre Tugend erhalten, bis ſie ſauer geworden iſt, und nun ſchmeckt jedes Wort und jeder Blick von ihr wie Eſſig. Sie iſt der wahre Gegenſatz ih⸗ rer Gebieterinn, denn die Eine liebt und die An⸗ dere haßt alle Menſchen. Wie ſie zu einander gekommen ſind, kann ich nicht errathen, allein ſie haben ſchon mehrere Jahre mit einander ge⸗ lebt, und da dieſer Jeſabel Weſen widerwaͤrtig und herrſchſuͤchtig, das ihrer Gebieterinn aber an⸗ genehm und nachgiebig iſt, ſo hat die erſtere voll⸗ kommen die Oberhand erhalten und tyranniſirt die gute Dame insgeheim. Lady Lillycraft beklagt ſich zuweilen, ganz im Vertrauen, gegen ihre Freunde daruͤber, ſchweigt aber ſogleich, wenn Mrs. Hannah ſich ſehen laͤßt. In der That iſt ſie ſo an ſie ge⸗ woͤhnt, daß ſie nicht ohne ſie fertig werden zu koͤnnen glaubt, wenn gleich ein großer Gegen⸗ ſtand des Studiums in ihrem Leben der ge— weſen iſt, Mrs. Hannah durch kleine Ge⸗ ſchenke und Gefaͤlligkeiten bei guter Laune zu erhalten.. 5* Meiſter Simon hat eine heilige Scheu D 2 1 ☛☚ 6 76 vor dieſer alten Jungfrau. Er fluͤſterte mir vor einigen Tagen zu, ſie ſey eine verwuͤnſchte Schwe⸗ fel— und hier fuͤgte er noch ein Beiwort hinzu, das ich um aller Welt willen nicht wiederholen moͤchte. Ich habe indeß bemerkt, daß er immer ſehr hoͤflich gegen ſie iſt, wenn ſie einander be⸗ gegnen. —— ,— Hans Baargeld. Mein Beutel iſt mein liebes Weib, Das ſag' ich allzumalen, Wohl kommt's zu Statten Seel und Leib. Thut Jeder für ſich bezahlen. Und reit' ich in ſtolzer Pracht daher, dein Silber und Gold bringt mir Ehre: Doch ob es auch dem alſo wär', Wenn mein Beutel gefüllt nicht wäre? Das Buch von vder Jagd. An dem aͤußerſten Ende des benachbarten Dorfs wohnt eine Art von kleinem Herrſcher, der, ſo viel ich weiß, der Stellvertreter einer der aͤlteſten le⸗ gitimen Linien der heutigen Zeit iſt; denn das Reich, welches er reglert, hat ſeiner Familie ſeit undenklichen Zeiten zugehoͤrt. Sein Gebiet be⸗ greift eine bedeutende Anzahl guter fetter Mor⸗ gen Landes, und der Sitz ſeiner Macht iſt auf einem alten Meierhofe, wo er, unbelaͤſtigt, in dem ſtarken eichenen Seſſel ſeiner Vorfahren thront. 78 Der Mann, auf den ich anſpiele, iſt ein tuͤchti⸗ ger alter Freiſaſſe, Johann Tibbets mit Na⸗ men, oder Hans Baargeld Tibbets, wie er in der ganzen Nachbarſchaft heißt. Er zog zuerſt am Sonntage auf dem Kirch⸗ hofe meine Aufmerkſamkeit auf ſich, wo er, nach dem Gottesdienſte, auf einem Grabſteine ſaß, und, den Hut etwas auf eine Seite geſetzt, einem klei⸗ nen Kreiſe von Zuhoͤrern eine Rede hielt. Ich glaubte, er lege ihnen das Geſetz und die Pro⸗ pheten aus; als ich aber etwas naͤher kam, fand ich, daß er uͤber die Verdienſte eines braunen Pferdes redete. Er gab mir ein ſo getreues Bild eines derben engliſchen Landmanns, wie man ihn ſo oft in engliſchen Buͤchern geſchildert findet— wiewohl mit einigem, ihm eigenthuͤmlichen aͤußeren Staat— daß ich nicht umhin konnte, mir ſein ganzes Aeußere genauer einzupraͤgen. Er war zwiſchen 50 und 60 Jahr alt, von ſtarkem, muskelhaftem Bau, wenigſtens ſechs Fuß hoch, und hatte ein Geſicht, finſter wie ein Loͤwe, das kurze, krauſe, eiſengraue Locken umſchat⸗ teten. Sein Hemdkragen war heruntergeklappt, und zeigte einen, mit demſelben krauſen grauen Haar bedeckten Hals; er trug ein farbiges, ſei⸗ denes Halstuch, ſehr locker umgebunden, das in . . ☚ den Buſen geſteckt war und mit einer Nadel, mit einem falſchen gruͤnen Stein darin, an der Schleife prangte. Sein Rock war von dunkelgruͤnem Tuch, mit ſilbernen Knoͤpfen, und auf jedem der⸗ ſelben ein Hirſch, mit ſeinem eigenen Namen, Jo⸗ hann Tibbets, darunter. Er trug eine Unter⸗ weſte von gebluͤmtem Zitz, zwiſchen der und ſei⸗ nem Rock noch eine zweite, unzugeknoͤpfte, von ſcharlachrothem Tuch, zu ſehen war. Auch ſeine Beinkleider waren an den Knieen unzugeknoͤpft, aber nicht aus Nachlaͤfſigkeit, ſondern um ein Paar breite Scharlach Strumpfbaͤnder ſehen zu laſſen. Seine Struͤmpfe waren blau, mit weißen Zwickeln. Er trug große ſilberne Schuh⸗ ſchnallen, eine breite Schnalle mit unaͤchten Stei⸗ nen in ſeinem Hutbande, ſeine Handknoͤpfe wa⸗ ren goldene ſieben Schilling⸗Stuͤcke, und er hatte zwei oder drei Guineen als Zierrath an ſeiner Uhrkette hangen. Als ich mich genauer nach ihm erkundigte, hoͤrte ich, daß er aus einer Pachterfamilie ſtam⸗ me, welche immer auf derſelben Stelle gewohnt und daſſelbe Grundſtuͤck beſeſſen habe, und daß die Haͤlfte des Kirchhofes mit den Grabmaͤlern ſei⸗ ner Verwandten beſetzt ſey. Er iſt ſein ganzes Leben lang ein bedeutender Menſch im Ort ge⸗ 80 weſen. In ſeiner Jugend war er einer der groͤß⸗ ten Wildfaͤnge in der Nachbarſchaft. Niemand konnte es ihm beim Ringen, Springen, Klopf⸗ fechten und andern Leibesuͤbungen zuvorthun. Wie der beruͤhmte Pinner von Wakefield, war er der Kaͤmpe des Dorfs, trug auf allen Maͤrk⸗ ten den Preis davon und warf uͤberall den Hand⸗ ſchuh hin. Selbſt noch heute ſprechen die alten Leute von ſeiner Bravheit und ſetzen ihm alle ſpaͤreren Helden des Raſenplatzes nach, ja, ſie behaupten ſogar, daß wenn Hans Baargeld noch itzt auftraͤte, Niemand gegen ihn wuͤrde beſtehen koͤnnen. Als Hans' Vater ſtarb, ſchuͤttelten die Nach⸗ barn die Koͤpfe, und ſagten, daß der junge hoff⸗ nungsvolle Mann wohl bald das alte Erbgut an den Mann bringen wuͤrde, allein Hans ſtrafte alle ihre Prophezeihungen Luͤgen. Sobald er ſein vaͤterliches Gut antrat, ward er ein anderer Menſch, nahm ein Weib, bekuͤmmerte ſich ordent⸗ lich um ſeine Geſchaͤfte und ward ein thaͤtiger, wackerer Landmann. Mit ſeinem Erbgute uͤber⸗ kam er aber auch mehrere alte Familien⸗Grund⸗ ſatze, an denen er feſt hing. Er ſah nach allen Sachen ſelbſt, legte ſelbſt Hand an den Pflug, arbeitete tuͤchtig, aß ordentlich, ſchlief feſt, und E . 81 tanzte nie, wenn er nicht die Muſik ſeines Gel⸗ des in beiden Taſchen dazu hatte. Er hat im⸗ mer ein oder zwei hundert Pfund in Golde lie⸗ gen, und bezahlt alles gleich baar. Dieß hat ihm auch ſeinen Beinamen erworben— worauf er, beilaͤufig geſagt, etwas ſtolz iſt— und iſt die Urſach, daß das ganze Dorf ihn fuͤr einen ſehr reichen Mann anſieht. Bei aller ſeiner guten Wirthſchaft hat er ſich jedoch nie die Annehmlichkeiten des Lebens ver⸗ ſagt, ſondern an jedem voruͤbergehenden Vergnuͤ⸗ gen Theil genommen. Es iſt ſein Grundſatz, „daß, wer arbeitet, auch wieder ſpielen kann.“ Er iſt mithin auf allen Jahrmaͤrkten und Kirch⸗ weihen zu finden, und hat ſich bei den Spielen in allen Doͤrfern ſeiner Grafſchaft durch ſeine Staͤrke und Behendigkeit einen Namen erworben. Er erſcheint auch oft bei Pferderennen, und wet⸗ tet ſeine halbe, zuweilen auch wohl ſeine ganze Guinee, haͤlt ſich ein gutes Reitpferd, iſt noch bis auf den heutigen Tag gern bei der Hetzjagd, und gewoͤhnlich im Augenblicke mit da, wo das „Wild erlegt wird. Er begeht die laͤndlichen Fei⸗ erlichkeiten, und empfaͤngt Alles mit derſelben Gaſtfreiheit, wegen der ſein vaͤterliches Haus ſo bekannt war; er giebt bei dem Erntefeſte vollauf, 82 laͤßt wacker tanzen, und haͤlt, vor allen Din⸗ gen, die ſogenannten luſtigen Naͤchte*) im Weih⸗ nachten. Bei aller ſeiner Liebe zu Vergnuͤgungen, iſt Hans aber keinesweges ein laͤrmender Geſellſchaf⸗ ter. Man ſieht ihn, ſelbſt mitten in der Froͤh⸗ lichkeit, ſelten lachen, ſondern er behaͤlt immer dieſelbe ernſte, loͤwengleiche Miene. Er verſteht nicht gleich einen Scherz, und ſitzt dann, daruͤber bruͤtend, mit verſtoͤrten Blicken da, waͤhrend die aͤbrige Geſellſchaft ſich vor Lachen kaum hal⸗ ten kann. Dieſer Ernſt hat vielleicht mit ſeiner wachſenden Gewichtigkeit zugenommen, denn er faͤngt nach gerade an, an ſeinem Ge⸗ burtsorte eine Art Patriarchenwuͤrde zu erlan⸗ gen. Obgleich er ſelbſt nicht laͤnger an den Lei⸗ besuͤbungen Theil nimmt, ſo fuͤhrt er doch im⸗ mer den Vorſitz dabei, und wird bei allen Gele⸗ genheiten zum Schiedsrichter gerufen. Er er⸗ haͤlt bei allen Feſttags⸗Spielen die Ordnung auf *) Dieß iſt eine ländliche Vergnügung, welche in einigen Theilen von Yorkſhire zu dieſer Zeit bei den Landleuten Statt findet. Es giebt dann Ueberfluß an Hausmannskoſt, Thee, Kuchen, Früchten und Ale; es werden allerhand Lei⸗ besübungen vorgenommen, Spiele geſpielt, gelärmt, getanzt und geküßt. Gewöhnlich bricht man um Mitternacht auf. Verf. 83 dem Platze, nimmt, wenn es zum Streite kommt und dieſer geſchlichtet werden ſoll, die, welche ſich nicht fuͤgen wollen, beim Kragen, und ſchuͤttelt ſie tuͤchtig. Niemand wagt es, eine Hand ge⸗ gen ihn aufzuheben oder gegen ſeine Entſcheidun⸗ gen Einſpruch zu thun, denn die jungen Leute ſind mit der angewohnten Scheu vor ſeiner Brav⸗ heit aufgewachſen und ſehen ihn fuͤr den Herrn und Meiſter des Kampfplatzes an. Er iſt ein regelmaͤßiger Beſucher der Dorf⸗ ſchenke; die Wirthinn iſt in der Jugend ſein Lieb⸗ chen geweſen, und er ſteht ſich immer noch gut mit ihr. Indeſſen trinkt er ſelten etwas anders als einen Schluck Ale, raucht ſeine Pfeife, und bezahlt ſeine Rechnung, ehe er die Schenkſtube verlaͤßt. Hier giebt er ſeine kleinen Staatsge⸗ ſetze, richtet uͤber Wetten, die ihm gewoͤhnlich zur Entſcheidung vorgelegt werden, giebt uͤber die Beſchaffenheit und die Eigenſchaften von Pfer⸗ den ſein Urtheil, und macht ſogar zuweilen den Richter bei kleinen Streitigkeiten ſeiner Nachbarn, die ſonſt von den Landadvokaten zu bedeutenden Prozeſſen ausgeſponnen worden waͤren. Hans iſt bei ſeinen Entſcheidungen ſehr gewiſſenhaft und unpartheiiſch, kann ſich aber auf keine langen Eroͤr⸗ terungen einlaſſen, geraͤth bald in Verwirrung, und — 84 verliert die Geduld, wenn viel hin und her in der Sache geſprochen wird. Gewoͤhnlich faͤllt er dann mit ſtarker Stimme in die Rede, und bringt die Sache dadurch zum Schluſſe, daß er das„worauf es ankommt“, oder mit andern Wor⸗ ten,„das Lange und Kurze bei der Sache aus⸗ ſpricht.“ Hans machte vor langen Jahren eine Reiſe nach London, die ihm ſeit der Zeit immer Stoff zur Unterhaltung geliefert hat. Er ſah den al⸗ ten Koͤnig auf der Terraſſe in Windſor, und dieſer blieb ſtehen und zeigte ihn einer der Prin⸗ zeſſinnen, da ihm wahrſcheinlich Hans' aͤcht⸗land⸗ mannaͤhnliches Ausſehen auffiel. Dieß iſt eine ſeiner Lieblings⸗Anekdoten, und hat wahrſchein⸗ lich dazu beigetragen, ihn, aller Taxen und Ar⸗ mengelder ungeachtet, zu einem ſehr treuergebenen Unterthan zu machen. Auch war er einmal auf dem Bartholomaͤus⸗Markt*), wo man ihm die Haͤlfte ſeiner Knoͤpfe vom Rocke ſchnitt, und eine Bande Taſchendiebe, welche der aͤußere Schein von Gold und Silber an ihm anzog, machte ei⸗ *) Einer der belebteſten Jahrmärkte in London, der all⸗ jährlich am Bartholomäus⸗Tage(den 2ſten Auguſt) auf dem großen Viehmarkt in Weſt⸗Smithfield gehalten wird. Ueberſ.* xr 85 nen regelmaͤßigen Angriff auf ihn, als er irgend einem Schauſpiel zuſah. Hier aber waren ſie an den Unrechten gekommen, denn Hans verrichtete unter der Bande ſo große Wunder, wie Sim⸗ ſon einſt unter den Philiſtern. Einer von ſeinen Nachbarn, der ihn nach der Stadt begleitet hatte und mit ihm auf dem Jahrmarkte war, ſtattete einen Bericht von ſeinen Thaten ab, der den Stolz des ganzen Dorfes erregte, und dle Ein⸗ wohner deſſelben bildeten ſich nichts geringers ein, als daß ihr Held ganz London beſiegt und alle Waffenthaten Bruder Tuck's, oder des be⸗ ruͤhmten Robin Hood weit hinter ſich gelaſ⸗ ſen habe.) In der letzteren Zeit hat der alte Mann es ſich etwas leichter gemacht: er arbeitet weni⸗ ger und laͤßt ſich uͤberhaupt mehr Zeit, da ſein Sohn herangewachſen iſt und ihn ſowohl bei den Arbeiten in der Wirthſchaft, als auf dem Kampfplatze, vertritt. Wie allen Soͤhnen ausge⸗ zeichneter Maͤnner iſt ihm aber ſeines Vaters Ruf nachtheilig, denn er wird dieſen in der oͤffentlichen Meinung nie erreichen koͤnnen. Obgleich er ein 1 *) Man wird ſich, aus Jvanhoe, dieſer beiden Charakters erinnern. Ueberſ. 86 huͤbſcher, thaͤtiger Burſch von drei und zwanzig Jahren und beinahe der Hahn im Korbe iſt, ſo behaupten doch die alten Leute, daß er nichts ge⸗ gen das ſey, was Hans Baargeld geweſen, als er ſo alt war. Der junge Mann ſelbſt geſteht auch ſeinen geringeren Werth ein, und hat eine uͤberaus hohe Meinung von dem Alten, der ihn allerdings alle ſeine Fechterkuͤnſte gelehrt hat und noch itzt ihn ſo in der Zucht haͤlt, daß, wie man ſagt, er ſich nicht bedenken wuͤrde, ihn thaͤtlich zurechtzuweiſen, wenn er ſich gegen das vaͤter⸗ liche Regiment auflehnen wollte. Der Squire haͤlt ſehr viel von Hans, und zeigt ihn allen denen, die zu ihm kommen, als eine Probe von dem wahren alten engliſchen „Eichenſtamme.“ Er ſpeiſt oft bei ihm, und ko⸗ ſtet etwas von ſeinem eigengebrauten Bier, das vortrefflich iſt. Er hat Hans ein Geſchenk mit des alten Tuſſer:„hundert Punkte guter Haus⸗ haltung“ gemacht, woran er bis itzt immer zu leſen gehabt hat, und das bei allen haͤuslichen und laͤndlichen Geſchaͤften ſein Noth⸗ und Huͤlfs⸗ buch geworden iſt. Er hat bei ſeinen Lieblings⸗ ſtellen Ohren gemacht und weiß viele von den dichteriſchen Lehrſaͤtzen auswendig. Tibbets iſt zwar kein Mann, der ſich vor 87 vornehmen Bekanntſchaften beugt, oder ſich durch ſie erhoben fuͤhlte; der rauhen Gemuͤths⸗ und Sittenunabhaͤngigkeit, die er zu erhalten ſtrebt, ungeachtet, ſchmeicheln ihm jedoch die Aufmerk⸗ ſamkeiten des Squire, den er von ſeiner Kind⸗ heit an gekannt hat und den er fuͤr einen wah⸗ ren Ehrenmann erklaͤrt. So ſteht er auch auf ſehr gutem Fuße mit Meiſter Simon, der eine Art geheimen Rath fuͤr ſeine Familie macht; ſein großer Liebling iſt aber der Oyforder Student, den er, als er noch ein Knabe war, ringen und klopffechten gelehrt hat, und den er als den vielverſprechendſten jungen Mann in der ganzen Grafſchaft betrachtet. ——- Alte Junggeſellen. — Der Junggeſelle fröhlich iſt, Und führt ein luſtig Leben, Er iſt mit guter Compagnie, Tagtäglich wohl umgeben. Evans' alte Balladen. Es giebt keine Rolle in dem Luſtſpiele des menſch⸗ lichen Lebens, die ſchwerer gut zu ſpielen waͤre, als die eines alten Junggeſellen. Wenn ein ein⸗ zelner Mann mithin dieſen bedenklichen Zeitpunkt erreicht hat, wenn er anfaͤngt, es fuͤr eine unbe⸗ ſcheidene Frage zu halten, wenn man ſich nach ſeinem Alter erkundigt, ſo moͤchte ich ihm rathen, ſich genau vorzuſehen, was er thut. Dieſe Pe⸗ riode tritt allerdings bei manchen Leuten ſpaͤter ein, als bei andern: ich bin mehr als einmal Zeuge ge⸗ weſen, wenn zwei runzlige alte Burſche dieſer Art, die einander mehrere Jahre lang nicht geſehen hat⸗ ten, zuſammenkamen, und habe mich dann an dem freundlichen Complimentenwechſel ergoͤtzt, der bei 6 89 ſolchen Gelegenheiten Statt findet. Eine Be⸗ merkung hoͤrt man unfehlbar:„aber, mein Gott, Sie ſehen juͤnger aus, als da ich Sie das letzte Mal ſah!?“ Wenn aber Jemandes Freunde anfangen ihm daruͤber Complimente zu machen, daß er ſo jung ausſehe, ſo kann er ſicher ſeyn, daß ſie mei⸗ nen, er werde alt. Zu dieſen Bemerkungen veranlaßt mich das Benehmen Meiſter Simon's und des Generals, die große Freunde geworden ſind. Da der er⸗ ſtere um viele Jahre juͤnger iſt, als der letztere, ſo ſieht dieſer ihn ganz wie einen jungen Spring⸗ insfeld an, haͤlt ihn aber zugleich auch fuͤr einen Mann von großem Geiſt und bedeutenden Ta⸗ lenten. Ich habe ſchon geſagt, daß Meiſter Si⸗ mon der Elegant der Familie iſt, und von allen aͤltlichen Damen aus dieſem Kreiſe wie ein jun⸗ ger Menſch betrachtet wird: denn ein alter Jung⸗ geſell iſt in einer alten Familienverbindung, wie ein Schauſpieler in einer regelmaͤßigen Truppe „der in unſterblicher Jugend fortbluht“ und ein halbes Jahrhundert lang die Romeos und Rangers ſpielt. 6 Meiſter Simon hat uͤberdieß etwas eine Kamaͤleonsnatur, und nimmt in jeder andern *) In Hoadly's argwöhniſchem Ehemann. Ueberſ. 90 Geſellſchaft auch wieder eine andere Farbe an. Bei Lady Lillycraft iſt er ſehr aufmerkſam und geſchaͤftig, und etwas ſentimental, ſchreibt kleine, unbedeutende Stuͤckchen und Liebeslieder fuͤr ſie ab, und zeichnet Koͤcher und Tauben und Pfeile und Amors zum Sticken in die Ecken ih⸗ rer Schnupftuͤcher. Er laͤßt ſich indeß gegen die uͤbrigen verheiratheten Frauen in der Familie ſehr gehen, und fluͤſtert ihnen manche Spaͤße zu, die ihnen ein zweideutiges Lachen abnoͤthigen, oder ihm einen Schlag mit dem Faͤcher zuziehen. Kommt er aber in junge Geſellſchaft, zum Bei⸗ ſpiel mit Frank Bracebridge, mit dem Oxfor⸗ der Studenten oder dem General, ſo macht er den Wuͤſtling und ſpricht ſehr nach Junggeſellenart von dem andern Geſchlecht. Hierin folgt er beſonders dem Beiſpiele des Generals, den er als einen Mann betrachtet, der ſich etwas in der Welt umgeſehen hat. Dieſer erzaͤhlt heilloſe Geſchichten nach dem Eſſen, wenn die Damen ſich entfernt haben, und giebt jene als einige von den beſten, die in dem Mulli— gatawney⸗Club, einer Geſellſchaft luſtiger Ge⸗ ſellen in London, aufgetiſcht werden. So wie⸗ derholt er auch die ſchwerfaͤlligen Scherze des alten Major Pendergaſt, des witzigen Kopfs 91 im Club, die aber, wenn gleich der General, vor Lachen, ſie kaum hervorbringen kann, Hrn. Bra⸗ cebridge immer ernſthaft machen, da er eine große Abneigung gegen alle unanſtaͤndigen Spaͤße hat. Kurz, der General iſt ein vollſtaͤndiges Beiſpiel von dem allmaͤhligen Sinken in der gro⸗ ßen Welt, und wie ein junger vergnuͤgungsſuͤch⸗ tiger Mann allmaͤhlig ſich zu einem alten Herrn, der gern unanſtaͤndige Sachen erzaͤhlt, geſtaltet. Ich ſah ihn und Meiſter Simon, vor ei⸗ nem oder zwei Abenden, auf einer Wieſe mit ei⸗ nem flinken Milchmaͤdchen ſprechen, und konnte bald, daran, daß ſie ſich dann und wann anſtie⸗ ßen, daß der General die Schultern zuckte, die Backen aufblies und in ein kurzes, unwiderſteh⸗ liches Lachen ausbrach, merken, daß ſie das Maͤd⸗ chen neckten. Als ich ſo durch die Hecke nach ihnen hinblickte, konnte ich mich nicht enthalten, zu denken, daß ſie ein vortreffliches Modell zu einem Bilde der Suſanna mit den Alten, abge⸗ geben haben wuͤrden. Es iſt wahr, das Maͤd⸗ chen ſchien vor der Staͤrke des Feindes keine beſondere Furcht zu haben, und es iſt ſehr die Frage, ob, wenn einer von den Herren allein ge⸗ weſen waͤre, ſie ihm nicht mehr als gewachſen geweſen ſeyn duͤrfte. Solche alte Kumpane ſind 92 ſehr unternehmend, wenn ſie bei einander ſind, und bringen leicht ein Frauenzimmer durch ihre Scherze zum Erroͤthen, allein ſie ſind ſo ruhig als die Laͤmmer, wenn ſie einzeln einem huͤbſchen Weibe in die Haͤnde fallen. Seiner Jahre ungeachtet iſt der General augenſcheinlich eitel auf ſein Aeußeres und macht gern Eroberungen. Ich habe ihn des Sontags, in der Kirche, die Bauermaͤdchen mit ſehr ver⸗ daͤchtigen Blicken muſtern, ja ihnen wirklich ver⸗ liebte Blicke zuwerfen ſehen, ſelbſt wenn er Lady Lillycraft mit großer Feierlichkeit uͤber den Kirchhof fuͤhrte. Der General iſt uͤberhaupt eher wie ein Veteran im Dienſt des Amor als in dem des Mars anzuſehen, da er ſich in allen Garni⸗ ſonen und Quartieren auf dem Lande ausgezeich⸗ get und den Dienſt in jedem Ballſaale in Eng⸗ land mitgemacht hat. Es giebt keine beruͤhmte Schoͤnheit, die er nicht auch belagert haͤtte, und wenn man in einer Sache, bei der kein Mann ſich immer ganz genau an die Wahrheit haͤlt, ſeinen Worten trauen darf, ſo iſt es unglaublich,. welches Gluͤck er bei den Schoͤnen gemacht hat. Iht iſt er wie ein abgelebter und abgedankter Krieger zu betrachten, der aber noch immer ſeis nen Hut mit einer gewiſſen ſoldatiſchen Art auf⸗ 3 93 ſetzt, und gleich von Einhauen ſpricht, ſobald er Pulver riecht.. Ich habe ihn ſich ſehr frei bei der Flaſche uͤber die Thorheit des Capitains ausſprechen hoͤ⸗ ren, eine Frau zu nehmen, da er der Meinung iſt, ein junger Soldat muͤſſe ſich um nichts be⸗ kuͤmmern als um„ſeine Flaſche und die freund⸗ liche Wirthinn.“ Er fuͤgt jedoch hinzu, daß der Dienſt auf dem feſten Lande einen ſehr nachthei⸗ ligen Einfluß auf die jungen Offiziere gehabt habe, und daß leichte Weine und franzoͤſiſche Qua⸗ drillen ſie in Grund und Boden verdorben haͤt⸗ ten. Es iſt, ſagt er, itzt nichts mehr von dem unter ihnen zu finden, was im alten Dienſte lag. Es giebt itzt keine Leute mehr wie die, die ſechs Flaſchen zu ſich nehmen konnten, die Seele der Regimentsta⸗ fel und bei den Weibern ganz des Teufels waren. Ein Junggeſell, behauptet der General, ſey ein freier, unabhaͤngiger Mann, der fuͤr kein anderes Gepaͤck zu ſorgen hat, als fuͤr ſein Felleiſen: ein verheiratheter Mann, der ſeine Frau am Arme hangen habe, erinnere ihn dagegen immer an einen Nachtleuchter mit dem daran gehakten Daͤmpfer. Dieß Alles Wuͤrde mich nicht kuͤmmern, wenn es bloß bei dem General bliebe, allein ich fuͤrchte, daß er auch meinen Freund, Meiſter Simon, 94 mit zu Grunde richten werde, der bereits ſeine Ketzereien zu wiederholen und wie Jemand zu reden anfaͤngt, der ſich im Leben umgeſehen hat und in der Stadt Beſcheid weiß. Der General ſcheint auch ſchon wirklich Meiſter Simon un⸗ ter ſeine Fluͤgel genommen zu haben, und ſpricht davon, ihm, wenn er nach der Stadt kommt, die Merkwuͤrdigkeiten zu zeigen und ihn in eine Verſammlung ausgeſuchter Koͤpfe, in dem Mul⸗ ligatawney⸗Club, zu fuͤhren, der, wie ich hoͤre, aus alten Nabobs, Beamten im Dienſte der oſtindiſchen Compagnie und anderen Leuten aus Indien beſteht, die im Morgenlande gedient haben, und von Curry*) ausgebrannt und mit einem Anſatz von Leberkrankheit zuruͤckgekehrt ſind. Sie haben ihren regelmaͤßigen Club, wo ſie Mulligatawney⸗Suppe eſſen,*) den Hukat rauchen, von Tippoo Saib, Se⸗ ringapatnam und Tiger⸗Jagden ſprechen und Einer in des Andern Geſellſchaft hoͤchſt langwei⸗ lig gluͤcklich ſind. *) Dem oſtindiſchen ſtarkgepfefferten Reisgericht mit Ge⸗ flügel. Ueberſ. **) Eine ſehr ſtark gewürzte Suppe, deren Z enens aus Indien herſtammt, und die ſeit einigen Jahren in Lo⸗ don Mode geworden iſt. Ueberſ. Weiber. Ja, glaub' es, Mann, es iſt kein größrer Segen, Als in des Weibes ſtiller, froher Liebe, Und wem ſie fehlt, dem fehlt ſein halbes Weſen. Freund ohne Wanken, friedlicher Geſpiele, Nahrhafte Koſt, ein Rather ohne Stolz, Iſt dieſe ſchöne Hälfte unſ'res Lebens. Sir P. Sidney. Jch hoͤre, wegen der nahe bevorſtehenden Bege⸗ benheit, die uns auf der Halle verſammelt hat, um mich her ſoviel von Heirathen ſprechen, daß meine Gedanken ſich ganz beſonders auf dieſen Gegenſtand hin gerichtet haben. Alle Junggeſel⸗ len im Hauſe ſcheinen uͤberhaupt itzt eine Art Feuerprobe durchgehen zu muͤſſen, denn Lady Lillycraft iſt eine von jenen zaͤrtlichen, in Ro⸗ manen wohlbeleſenen Damen aus der alten Schule, deren ganzes Gemuͤth von Flammen und Pfeilen erfuͤllt iſt, und die von nichts als Beſtaͤndigkeit und Banden der Ehe traͤumen. Sie hat be⸗ 96 ſtaͤndig etwas mit Herzensangelegenheiten zu thun, und iſt, um mich einer poetiſchen Redensart zu bedienen, ganz mit dem„Purpurlicht der Liebe“ umwoben. Selbſt der General ſcheint den Ein⸗ fluß dieſer ſentimentalen Atmoſphaͤre zu empfin⸗ den: er ſchmiltzt, wenn die Lady ſich naͤhert, und vergißt ſo lange alle ſeine Ketzereien uͤber Hei⸗ rath und das Geſchlecht. Die gute Dame iſt gewoͤhnlich mit kleinen Beweiſen ihres vorherrſchenden Geſchmackes, zaͤrt⸗ lichen Romanen, reichgebundenen kleinen Samm⸗ lungen von Gedichten, die mit Sonnetten und Liebeserzaͤhlungen angefuͤllt und mit Roſenblaͤttern wohlriechend gemacht ſind, umgeben: auch hat ſie immer ein Stammbuch bei der Hand, in welches alle ihre Freunde etwas einſchreiben muͤſſen. Als ich dieß letztere vor einigen Tagen durchſah, fand ich eine Reihe poetiſcher Bruchſtuͤcke von der Hand des Squire, welche vielleicht als Winke an ſein Muͤndel uͤber ihre kuͤnftige Verbindung dienen ſollten. Mehrere davon gefielen mir ſo, daß ich mir die Freiheit nahm, ſie abzuſchreiben. Sie ſind aus Thom. Davenport s, 1061 heraus⸗ gekommenem Schauſpiel„die Stadt⸗Nachtmuͤtze“) ent⸗ 8 „) The city night cap. Es findet ſich in Dodsley's und anderen neueren Sammlungen alter Schauſpiele, Uebſ. — 97 entlehnt, worin er, in der Rolle der Abſtemia, eine geduldige und treue Frau geſchildert hat, ein Bild, welches ſich leicht dem der beruͤhmten Griſelda an die Seite ſtellen laſſen duͤrfte. Ich habe oft bedacht, wie Schade es doch ſey, daß Schauſpiele und Romane immer mit einer Heirath ſchließen, und nicht noch ein Auf⸗ zug oder ein Band dazu kommt, worin wir er⸗ fahren, wie der Held und die Heldinn ſich als Eheleute betrugen. Der Hauptzweck dieſer Gei⸗ ſteserzeugniſſe ſcheint der zu ſeyn, jungen Damen Anweiſung zu geben, wie ſie Maͤnner bekommen, nicht aber, wie— ſie ſich dieſe erhalten ſollen; und dieß letztere duͤnkt mi aller Beſcheidenheit geſagt, ein Deſideratum bei Eheſtande neuerer Zeit zu ſeyn. Es iſt ganz erſchrecklich fuͤr die, welche ſich noch nicht in den heiligen Stand be⸗ geben haben, zu ſehen, wie bald die Flamme der romantiſchen Liebe in der Ehe erliſcht, oder viel⸗ mehr erſtickt wird, und wie truͤbſelig der leiden⸗ ſchaftliche, poetiſche Liebhaber zu einem phleg⸗ matiſchen, proſaiſchen Ehemanne herabſinkt. Ich glaube, dieß ganz weſentlich dem obenerwaͤhnten Mangel bei unſeren Schauſpielen und Romanen zuſchreiben zu muͤſſen, welche einen ſo wichtigen Theil der Studien unſerer jungen Damen aus⸗ I. E 98 machen, und welche ſie zwar lehren, Heldinnen zu ſeyn, aber ſie gaͤnzlich im Stich laſſen, wenn ſie Frauen ſeyn ſollen. Das Schauſpiel, aus wel⸗ chem die vor mir liegenden Stellen gezogen wor⸗ den ſind, macht indeß eine Ausnahme hiervon, und ich kann mir das Vergnuͤgen nicht verſagen, einige davon hier mitzutheilen, zum Nutzen des Le⸗ ſers und zur Ehre eines dramatiſchen Schriftſtellers, der es keck gewagt hat, fuͤr eine Frau ein dra— matiſches Intereſſe zu erregen, ſelbſt nachdem ſie verheirathet war! Folgendes iſt eine Empfehlung der Abſte⸗ mia gegen ihren Ge Lorenzo: Sie iſt gemeſſen, doch nicht truͤbe, liebt das Schweigen, Nicht, daß ihr Worte fehlten(wenn ſie ſpricht, Entzuͤndet ſie in Wunder ſchnell die Liebe) aber Weil Seelenharmonie ſie weiſes Schweigen nennt. Wahrhaftig zuͤchtig iſt ſie, doch ſo wenig ſproͤde, Daß ſelbſt die Aermſten liebevoll ſie nennen, und Was trefllich iſt) ſie ſcheut gefliſſentlich, Sich fremder Augen Urtheil auszuſetzen. Selten geht Sie oder nie hinaus, wenn Ihr ſie nicht geleitet, Und dann mit ſuͤßer Scheu, als ſchritte ſie Auf duͤnnem Eis, und freut ſich, mag ſie wohl In Eures Fußes Spuren treten, folgt Euch felderweit: und ſo benimmt ſie ganz Der Zeit ihr Laſtendes durch ihres Herzens Milde. 99 Aller dieſer Vortrefflichkeiten ungeachtet, hat Abſtemia das Ungluͤck, die unverdiente Eifer⸗ ſucht ihres Gatten zu erregen. Statt indeſſen ſeine rauhe Behandlung durch belfernde Vor⸗ wuͤrfe und mit der ſtuͤrmiſchen Heftigkeit der ho⸗ hen, luftigen Tugend zu erwiedern, wodurch die Funken des Zornes ſo oft zu lichten Flammen ange⸗ blaſen werden, erduldet ſie ſie mit der Sanftmuth felbſtbewußter, aber geduldiger Tugend, und laͤßt ſich daruͤber in folgende ſchoͤne Zeilen gegen einen Freund aus, der Zeuge ihrer langen Leiden ge⸗ weſen iſt: — ſabſi Du mich nicht, Wie alle ſeine Unbill ich ertrug, ſo wie der Ozean Die wilde Barke laͤßt die Bruſt durchpfluͤgen, Und dennoch fließt alsbald ſo glatt, daß nimmer Das Aug' entdecken kann, wo ſeine Wunde gaͤhnet? Lorenzo, von falſchen Eingebungen auf das Aeußerſte gereizt, verſtoͤßt ſie endlich: bis zuletzt behaͤlt ſie aber, ſeiner Grauſamkeit ungeachtet, ihre ruhige Milde und ihre Liebe zu ihm. Sie be⸗ weint ſeinen Irrthum mehr als ſeine Unfreund⸗ lichkeit, und bejammert die Verblendung, welche ſeine Zuneigung in eine Quelle der Bitterkeit verwandelt hat. Es liegt eine ruͤhrende Erha⸗ benheit in ihrem Scheidewort an Lorenzo nach ihrer Trennung: 3 E 2 100 Leb' wohl, Lorenzo, Den meine Seele liebt! Vermaͤhlſt Du je dich wieder, So magſt ein gutes Weib Du finden, ſo gut, daß nie Du ihr mißtrauen magſt, noch mag ſie es verdienen, Daß Du ihr mißtrauſt. Und wenn einſt Du hoͤrſt, Daß ich geſtorben ſey, ſo frage nach, was ich zuletzt Geredet: ſagen wird man Dir, daß bis Zum letzten Hauch, ich treulich Dich geliebt, und wandelſt Du mit Deiner zweiten Wahl Auf angenehmen Auen, und Du ſprichſt von mir, So denke dir, Du ſaͤh'ſt mich ſchwach und bleich Dir deinen Pfad mit Blumen ſtreu'n. Doch mag ſie nie Dir meine Schuld bezahlen: 3(weinend) Ja, kraͤnkte ſie nur im Gedanken Dich, ſo mag Sie ſterben in der Ungehuͤhr Empfaͤngniß. Bereichre mich mit einem Kuſſe noch. Leb' wohl! Laß es Dich nicht betruͤben, wenn Du hoͤrſt Daß ich unſchuldig war: vergeſſe nicht⸗ Daß, mag hienieden gleich die Unſchuld leiden, Sie uͤber Dornen geht, um dort den Thron zu finden. Nach kurzer Zeit entdeckt Lorenzo ſeinen Irrthum und die Unſchuld ſeines gekraͤnkten Wei⸗ bes. Im Uebermaß ſeiner Reue ruft er ſich ihre ganze weibliche Vortrefflichkeit ins Gedaͤcht⸗ niß, ihre milde, ausdauernde, weibliche Staͤrke unter Leiden und Schmerz: — o Abſtemia! Wie lieblich blickſt Du itzt: ja, Du erſcheinſt 101 Viel keuſcher als der jugendliche Morgen, Der mit Erroͤthen ſich erhebt, wenn ſanft dahin Der Weſtwind uͤber ſeinen Buſen weht.— Ja, itzt Gedenk ich, wie am Tiſch ſie ſaß und wie gehorſam Ihr' Aug auf meinem weilt, als zieme es ſich nicht, Daß es wo anders hin, als meines blicke! O, Wie ſtolz war ſie, wenn ſie ſich ſelbſt verſagte, Mir zu gefallen! Doch wo iſt ſie itzt, Die ſchoͤne Seele?— Wie die Silberwolke Hat ſie ſich ſelbſt in Thraͤnen hin ergoſſen, In's todte Meer, und iſt nicht mehr zu finden. Es iſt billig, daß der Leſer, wenn er, nach den vorhergehenden Bruchſtuͤcken, an Abſtemia's Schickſalen Antheil nimmt, erfahre, daß ſie in die Arme ihres Gatten zuruͤckkehrte und von ihm mit doppelter Liebe empfangen ward, ſo wie je⸗ der gute Menſch, um begangene Ungerechtigkeiten wieder gut zu machen, ein uͤberfließendes Maaß von wiederkehrendem Wohlwollen ſpendet: Du Reichthum, koͤſtlicher als Koͤnigreiche: itzt Bin, uͤber jeglichen Verdacht hinaus, Ich uͤberzeugt, und lieblicher biſt Du In deiner reinen Wahrheit, als ein Opfer, Das, uͤberdeckt mit Kraͤnzen, hin zum Tode Man fuͤhrt. Die Winde Indiens, Die von der Kuͤſte wehen und des Schiffers Herz Mit der Gewuͤrze Balſamduft erquicken, Sie haben nicht das Koͤſtliche, das Du In Dich verſchließeſt. — 102 Mich hat dieſes kleine dramatiſche Gemaͤlde mehr angezogen und geruͤhrt, als manche beliebte zaͤrtliche Dichtung, obgleich ich, wie ich ſchon vor⸗ her geſagt habe, nicht glaube, daß weder Abſte⸗ mia, noch die geduldige Griſelda, je ſehr viele Nachahmerinnen finden werden. Indeſſen habe ich es immer ſehr gern, wenn die Dichtkunſt dann und wann ihr Gebiet auch uͤber den Hoch⸗ zeittag hin ausdehnt, und eine Frau lehrt, wie ſie auch nach der Heirath noch anziehend ſeyn koͤnne. Es iſt nicht noͤthig, einem unverheiratheten Frauen⸗ zimmer die Nothwendigkeit anſchaulich zu machen, angenehm zu ſeyn, auch bedarf eine jugendliche Schoͤnheit nur wenig der Kunſt, um zu gefallen. Die Natur hat ſie mit hinlaͤnglichen Reizen um⸗ geben. Die Jugend ſelbſt iſt ſchon anziehend. Die Friſche der erbluͤhenden Schoͤnheit bedarf keiner fremden Huͤlfe, ſie in das Auge fallen zu machen; ſie gefaͤllt, ſchon weil ſie friſch, knospend und ſchoͤn iſt. Keine Frau kann erwarten, daß ſie ihrem Manne alles das ſeyn werde, was er in ihr zu ſehen glaubte, als er ihr Geliebter war. Die Maͤnner ſind dazu beſtimmt, immer betrogen zu werden, und zwar nicht ſo ſehr durch die Kuͤnſte des Geſchlechts, als durch ihre eigene Einbildung. Sie bewerben ſich um Göͤttinnen, „ 1 1 * X 103, und heirathen— bloße Sterbliche. Eine Frau ſollte mithin wohl erwaͤgen, worin eigentlich der Reiz beſtanden, der ſie ſo anziehend machte, als ſie ein Maͤdchen war, und ſich bemuͤhen, dieſen zu erhalten, wenn ſie Frau wird. Etwas ſehr Bedeutſames iſt ohne Zweifel, die große Achtſam⸗ keit auf ſich ſelbſt und ihr Benehmen, welche einem unverheiratheten Frauenzimmer allemal ei⸗ gen iſt. Dieſe ſelbe Eigenheit und Zuruͤckhal⸗ tung ſollte ſie in ihrer Perſon und ihrem Weſen behalten, und in den Augen ihres Gatten immer noch eine gewiſſe friſche und jungfraͤuliche Zart⸗ heit zu bewahren ſuchen. Sie ſollte bedenken, daß eine Frau um ſich werben laſſen, aber nicht werben, ſich liebkoſen laſſen, aber nicht liebkoſen muß. Der Mann iſt, in der Liebe, ein undank⸗ bares Weſen; die Guͤte macht, daß man ihn ver⸗ liert, ſtatt ihn zu gewinnen. Das Geheimniß der Gewalt eines Weibes beſteht nicht ſowohl im Geben, als im Verſagen. Sie muß die Lei⸗ denſchaft durch tauſend kleine Zartheiten im Be⸗ nehmen wach zu erhalten, und ſich vor der ge⸗ faͤhrlichen Vertraulichkeit einer genauen Bekannt⸗ ſchaft mit jeder Schwaͤche und Unvollkommen⸗ heit, zu welcher die Ehe ſo leicht Anlaß giebt, ſorgfaͤltig zu bewahren ſuchen. Durch dieſe Mittel 104 kann ſie, wenn ſie gleich ihre Perſon hingegeben hat, doch noch immer ihre Gewalt erhalten, und den Roman der Liebe ſelbſt noch uͤber die Flit⸗ terwochen hinaus ſpielen. „Die einen klugen Gatten hat,“ ſagt Jere⸗ „mias Taylor*):„muß, durch den Schleier der „Beſcheidenheit, durch die ehrbaren Gewaͤnder der „Keuſchheit, die Zierde der Sanftmuth, und die „Kleinode des Glaubens und der Mildthaͤtigkeit, „eine ewigliche Zaͤrtlichkeit in ihm erwecken. Sie „muß keine Schminke, als die des Erroͤthens „kennen: ihr Glanz muß die Reinheit ſeyn, und „ſie muß durch Milde und Freundſchaft um ſich „her leuchten; ſie wird dann angenehm im Leben „ſeyn, und wenn ſie ſtirbt, ſchmerzlich vermißt „werden.“ Ich bin unvermerkt in eine Reihe von Be⸗ merkungen uͤber einen vielbeſprochenen Gegen⸗ ſtand gerathen, der, noch dazu, fuͤr einen Junggeſellen nicht ohne Gefahr iſt. Damit man aber nicht glaube, daß meine Bemerkungen allein auf die Frau gerichtet ſeyn ſollen, ſo will ich mit *) Einer der gelehrteſten und verdienſtvollſten ireländiſchen Geiſtlichen des 17ten Jahrhunderts, Biſchof von Down. Eine Auswahl ſeiner Werke hat Reg. Heber kürzlich, in ſechs Baͤnden, herausgegeben, Ueberſ. 4 —— 105 einer andern Stelle aus Jeremias Taylor ſchließen, in welcher der Pflichten beider Theile Er⸗ waͤhnung geſchieht, wobei ich gern ſeine Predigt uͤber den Trauring allen denen empfehlen moͤchte, die, kluͤger als ich, im Begriff ſind, in den heili⸗ gen Stand der Ehe zu treten. „Es giebt keine Pflicht, welche nicht Beide gemeinſam betraͤfe und ſich nur durch den Na⸗ men unterſcheidet und ihre Verſchiedenheit durch Umſtaͤnde und kleine Zufaͤlligkeiten erhaͤlt: und was bei dem Einen Liebe heißt, heißt bei dem Andern Achtung: und was bei der Frau Gehor⸗ ſam iſt, iſt bei dem Manne Pflicht. Er ſchafft an, und ſie verwendet, er giebt Befehle, und ſie vollzieht ſie; er regiert ſie durch ſein Anſehen, ſie ihn durch ihre Liebe; ſie muß ihm auf alle Weiſe gefaͤllig, un der ihr auf keine Weiſe mißfaͤllig zu ſeyn ſuchen.“ Geſchichten⸗Erzaͤhlen. — Ei Lieblings⸗Abend⸗Zeitvertreib auf der Halle, und dem der wuͤrdige Squire ſehr gern Vor⸗ ſchub leiſtet, iſt Geſchichten⸗Erzaͤhlen„eine gute altvaͤteriſche Kamin⸗Beluſtigung', wie er es nennt. 4 Ich glaube, daß er beſonders deswegen ſo dafuͤr 3 eingenommen iſt, weil es eine der Hauptergötz⸗ 3 lichkeiten in jenen Zeiten war, wo Herren und Damen noch nicht ſo viel laſen. Dem ſey indeß, wie ihm wolle, ſo fordert er oft, bei dem Abend⸗ eſſen, wenn die Unterhaltung etwas zu ſtocken anfaͤngt, Einen oder den Andern aus der Geſell⸗ ſchaft auf, eine Geſchichte zu erzaͤhlen, ſo wie man ſonſt Jemanden zum Singen aufforderte, und es iſt ſehr erbaulich, die muſterhafte Geduld 2 und ſelbſt das Vergnuͤgen zu ſehen, womit der 4 gute alte Herr da ſitzt und einer abgedroſchenen V Erzaͤhlung zuhoͤrt, die wenigſtens hundert Mal vorgetragen worden iſt. 1 Eines Abends kam die Reihe auch an die 107 Erzaͤhlungen von geheimnißvollen Leuten, die zu verſchiedenen Zeiten eine Rolle geſpielt und die Welt mit Zweifeln und Vermuthungen erfuͤllt ha⸗ ben, wie der wandernde Jude, der Mann mit der eiſernen Maske, der die Neugierde von ganz Europa in Bewegung ſetzte, das unſichtbare Maͤdchen, und, zuletzt, wiewohl nicht die unbedeu⸗ tendſte, die Dame mit dem Schweinsruͤſſel. Endlich ward Einer in der Geſellſchaft auf⸗ gerufen, der fuͤr einen Geſchichten⸗Erzaͤhler das we⸗ nigſt verſprechende Aeußere hatte. Es war ein magerer, bleicher, ſchwindſuͤchtig ausſehender, ſehr nervenſchwacher Mann, der an einer Ecke des Tiſches, gleichſam in ſich ſelbſt zuſammengefallen und, wie eine Schildkroͤte in der Schale, bei⸗ nahe ganz in ſeinen Rockkragen verborgen, da geſeſſen hatte. Schon die Anforderung ſchien ihn in ein Nervenzucken zu verſetzen, doch wei⸗ gerte er ſich nicht, ihr nachzukommen. Er reckte den Kopf aus ſeiner Schale, ſchnitt ein paar ſelt⸗ ſame Geſichter, ehe er ſeine Muskeln in Ord⸗ nung bringen oder ſeine Stimme in ſeine Macht bekommen konnte, und ſagte dann, daß er etwas von einem geheimnißvollen Weſen erzaͤhlen wolle, dem er kuͤrzlich auf ſeiner Reiſe begegnet ſey, und das dem Mann mit der eiſernen Maske fuͤglich an die Seite geſtellt werden koͤnne. Seine außerordentliche Erzaͤhlung machte ei⸗ nen ſo lebendigen Eindruck auf mich, daß ich ſie, ſo gut ich mich derſelben noch erinnern kann, zur Unterhaltung des Leſers niedergeſchrieben habe. Ich meine, ſie hat alle die Beſtandtheile der geheimnißvollen und romantiſchen Erzaͤhlungs⸗ art in ſich, die heutiges Tages ſo ſehr geſucht iſt. Der dicke Herr. Ein Roman aus der Landkutſche. Ich tret' ihm in den Weg, und ſollt' es mich vernichten! Hamlet. Es war ein regniger Sonntag, in dem duͤſtern Monat November. Auf meiner Reiſe hatte mich eine leichte Unpaͤßlichkeit befallen, von der ich mich ſo eben wieder erholt, allein ich fuͤhlte noch im⸗ mer etwas Fieber, und war genoͤthigt den gan— zen Tag in einem Gaſthofe in der kleinen Stadt Derby das Zimmer zu huͤten. Ein feuchter Sonntag, in einem Gaſthofe auf dem Lande! Wer das Gluͤck gehabt hat, eine aͤhnliche Erfahrung zu machen, kann allein von meiner Lage urthei⸗ len. Der Regen ſchlug gegen die Scheiben: die Glocken riefen mit truͤbſeligem Klange zur Kirche. Ich ging ans Fenſter, um irgend einen Gegenſtand der Unterhaltung aufzufinden, allein es ſchien, als ob ich mich gaͤnzlich außerhalb dieſer ganzen Sphaͤre 110 befaͤnde. Die Fenſter meines Schlafzimmers gingen auf Ziegeldaͤcher und Schornſteine, und aus de⸗ nen meines Wohnzimmers hatte ich eine freie Ausſicht— auf den Stallhof. Ich kenne nichts, das einem Menſchen die Welt ſo verleiden koͤnnte, als ein Stallhof an einem regnigen Tage. Dieſer Hof war mit naſſem Stroh bedeckt, das von Rei⸗ ſenden und Stalljungen umhergetreten war. In einer Ecke war ein ſtehender Pfuhl, mit einer Inſel von Miſt in der Mitte: mehrere halber⸗ ſaͤufte Huͤhner hatten ſich unter einen Karrn zu⸗ ſammengedraͤngt, und unter ihnen war auch ein elender, trauriger Hahn, der uͤber den Regen al⸗ les Leben und allen Muth verloren hatte, und deſſen herabhangender Schweif gleichſam in Eine Feder zuſammengeklebt war, an welcher das Waſſer von ſeinem Ruͤcken herablief. Nahe bei dem Karrn ſtand eine halb ſchlafende Kuh, wiederkaͤuend, die ſich ruhig beregnen ließ, und von deren rauchen⸗ der Haut Dampfwolken aufſtiegen; ein glasaͤu⸗ giges Pferd, der Einſamkeit des Stalles muͤde, ſteckte ſeinen geſpenſtiſchen Kopf zum Fenſter hin⸗ aus, waͤhrend der Regen aus der Dachrinne dar⸗ auf herabtroͤpfelte; ein ungluͤcklicher Hofhund, an das dicht dabeiſtehende Hundehaus angekettet, ſtieß von Zeit zu Zeit einen Laut aus, der zwiſchen — 111 einem Gebelle und Geſchrei mitten inne lag; eine Kuͤchenmagd trottete, auf Kothſchuhen, hin und her auf dem Hofe, und ſah ſo finſter wie das Wetter aus: kurz alles war troſtlos und truͤbſelig, ausgenommen ein Volk eifrig ſaufender Enten, welche ſich, wie luſtige Geſellen, um einen Pfuhl verſammelt hatten und einen heilloſen Laͤrm bei ihrem Getraͤnk machten. Ich war einſam und verdroſſen, und wuͤnſchte Unterhaltung. Mein Zimmer ward mir bald unleidlich. Ich verließ es, und begab mich nach der ſogenannten Stube der Reiſenden. Dieß iſt ein gemeinſames Zimmer, welches ſich in den mei⸗ ſten Wirthshaͤuſern findet und eigends fuͤr eine Klaſſe von Gaͤſten beſtimmt iſt, welche man Rei⸗ ſende oder Muſterreiter nennt, eine Art von ir⸗ renden Rittern des Handels, welche unaufhoͤr⸗ lich das Reich, in Gigs*), zu Pferde oder auf der Landkutſche, durchſtreifen. Sie ſind die ein⸗ zigen, mir heut zu Tage bekannt gewordenen, Nach⸗ folger der alten irrenden Ritter. Sie fuͤhren 1 daſſelbe fahrende abenteuerliche Leben, wie jene, nur mit der Ausnahme, daß ſie die Lanze gegen eine Fahrpeitſche, den Schild gegen eine Muſter⸗ *) Zweirädrigen Wagen mit einem Pferde. Ueberſ. 112— karte, und den Panzer gegen einen Reiſe⸗Oberrock vertauſcht haben. Statt die Reize unvergleich⸗ licher Schoͤnheit zu verfechten, ſtreifen ſie itzt um⸗ her, ſtreichen den Ruhm und die Soliditaͤt irgend eines großen Kaufmanns oder Manufak⸗ turiſten heraus, und ſind zu jeder Zeit bereit, in ſeinem Namen einen Handel abzuſchließen, da es heutiges Tages die Mode iſt, mit einander zu handeln, ſtatt zu fechten. So wie, in den guten alten Ritterzeiten, die Gaſtſtube der Herberge des Abends mit den Waffen ermuͤdeter Krieger, als Panzerhemden, Schwertern und offnen Helmen, behangen geweſen ſeyn wuͤrde, ſo hangen in dem Zimmer der Reiſenden itzt die Geraͤthſchaften ih⸗ rer Nachfolger, Reiſe⸗Oberroͤcke, Peitſchen aller Art, Sporn, Kamaſehet⸗ und Huͤte mit Wacha tuch uͤberzogen. Ich hoffte, einige dieſer ehrbaren Herren zu finden, um mich mit ihnen unterhalten zu koͤn⸗ nen, ſah mich aber getaͤuſcht. Es waren aller⸗ dings zwei oder drei im Zimmer, ich konnte in⸗ deß nichts mit ihnen anfangen. Einer hatte ſo eben ſein Fruͤhſtuͤck zu ſich genommen, zankte uͤber das Brod und die Butter, und ſchalt den Auf⸗ waͤrter; ein Anderer knoͤpfte ſich ein Paar Ka⸗ maſchen an und fluchte dabei auf den Hausknecht, —,— — 1 113 daß er ſeine Schuhe nicht ordentlich gereinigt habe; ein Dritter ſaß da, trommelte mit den Fin⸗ gern auf den Tiſch und ſah dem Regen zu, wie er an der Fenſterſcheibe hinunterlief; Alle ſchie⸗ nen vom Wetter angeſteckt, und verſchwanden Ei⸗ ner nach dem Andern, ohne ein Wort gewechſelt zu haben. Ich ſchlenterte zum Fenſter hin und betrach⸗ tete die Leute, wie ſie ſich ihren Weg zur Kirche auf den Steinen ausſuchten, dabei die Roͤcke bis auf die Mitte der Wade aufhoben und triefende Regenſchirme trugen. Die Glocke hoͤrte auf zu toͤnen, und die Straßen wurden leer. Ich be⸗ ſchaͤftigte mich nun damit, die Toͤchter eines ge⸗ genuͤberwohnenden Handwerkers zu beobachten, die, da ſie, aus Furcht ihren Sonntagsſtaat zu verderben, zu Hauſe geblieben waren, ihre Reize an den Vorderfenſtern des Hauſes ſehen ließen, um die zufaͤlligen Bewohner des Gaſthofes damit zu bezaubern. Sie wurden indeß endlich von einer wachſamen, eſſigſauer ausſehenden Mutter hinweggerufen, und ich hatte nun außen nichts weiter, womit ich mich haͤtte unterhalten koͤnnen. Was ſollte ich nun thun, den langen Tag hinzubringen? Ich war gewaltig nervenſchwach und fuͤhlte mich einſam, und alles, in und an 8 E 114 einem Gaſthofe ſcheint darauf berechnet zu ſeyn, einen langweiligen Tag noch langweiliger zu ma⸗ chen. Alte Zeitungen, nach Bier und Taback rie⸗ chend, und die ich ſchon ein halbes Dutzend Male geleſen hatte; nichtsnutze Buͤcher, noch ſchlech⸗ ter als das Regenwetter.— Ich langweilte mich zu Tode mit einem alten Bande des Damen⸗ Magazins, ich las alle an die Scheiben gekritzelte gewoͤhnliche Namen ehrgeiziger Reiſender, die ewi⸗ gen Familien der Smiths und Browns, und Jackſons und Johnfons, und alle anderen Soͤhne, und entzifferte mehrere Bruchſtuͤcke von Gaſthofsfenſterpoeſie, die ich in allen Theilen der Welt gefunden habe. Der Tag blieb truͤbe und duͤſter, die ſchmutzi⸗ gen, zerriſſenen, ſchwammigen Wolken zogen ſchwer⸗ faͤllig dahin, ſelbſt der Regen war einfoͤrmig: es war ein langweiliges, fortdauerndes, eintoͤniges Geoplaͤtſcher, außer daß zuweilen das Raſſeln der Tropfen auf einen voruͤbergehenden Schirm den belebenden Gedanken an einen ſtaͤrkern Schauer erweckte. Es war(um mich einer Modephraſe zu bedie⸗ nen) ordentlich eine Erquickung, als endlich ein Horn ertoͤnte und eine Landkutſche die Straße herunter⸗ rollte, oben ganz mit Paſſagieren beſpickt, welche, 115 unter baumwollene Regenſchirme zuſammenge⸗ kauert, Einer neben dem Andern brieten, und von den Daͤmpfen naſſer Ueberroͤcke und Maͤntel rauchten. Der Ton des Horns lockte eine Menge herumtreibender Jungen und Hunde aus ihren Schlupfwinkeln hervor, ſo wie den rothkoͤpfigen Stallknecht, das namenloſe Thier, Stiefel ge⸗ nannt*), und das uͤbrige Geſindel, das in die Umgegend eines Gaſthofes zu finden iſt. Das dadurch entſtandene Leben war aber nur voruͤber⸗ gehend: die Kutſche rollte wieder weg, Jungen und Hunde, Stallknecht und Stiefel, Alles kroch wieder in ſeine Loͤcher, die Straße ward wieder ſtill, und der Regen fiel nach wie vor. Es war auch gar keine Hoffnung, daß es ſich aufklaͤren wuͤrde: der Barometer ſtand auf Regenwetter, der Wirthinn bunte Katze ſaß bei dem Feuer, wuſch ſich, und ſtrich ſich mit den Pfoten uͤber die Ohren, und als ich in den Kalender ſah, fand ich eine boͤſe Prophezeiung, die, von einem Ende des Monats bis zum andern, die ganze Seite hinunterging, und lautete:„an— hal— ten— der Regen!“ Ich ward gewaltig truͤbſinnig. Die Stun⸗ *) Boots, der Hausknecht, der die Stiefeln und Schuhe reinigt und die Kleider ausklopft. Ueberſ. bildungskraft that das Uebrige. 116— den ſchienen gar nicht voruͤberſchleichen zu wol— len. Selbſt das Ticken der Uhr ward mir zu⸗ wider. Endlich ward die Stille im Hauſe durch den Klang einer Glocke unterbrochen. Kurz nach⸗ her hoͤrte ich einen Aufwaͤrter an der Schenke ſagen:„der dicke Herr von Nr. 13. will ſein Fruͤhſtuͤck haben. Thee, Brod und Butter, Schin⸗ ken und Eyer: die Eyer nicht zu hart.“ In einer Lage, wie die meinige, wird jede Begebenheit wichtig. Itzt bot ſich mir ein Ge⸗ genſtand der Forſchung dar, und meine Einbil⸗ dungskraft erhielt freien Spielraum. Waͤre der Gaſt von oben Hr. Smith, oder Hr. Brown, oder Hr. Jackſon, oder Hr. Johnſon, oder kurzweg der Herr von Nr. 13. genannt wor⸗ den, ſo waͤre weiter nichts damit zu machen ge⸗ weſen. Aber„der dicke Herr!“ ſchon der Name hatte etwas Maleriſches. Man hatte nun gleich den Maaßſtab; ich verkoͤrperte mir den Mann vor den Augen meines Geiſtes, und meine Ein⸗ Er war dick, oder, wie Einige es nennen, ſtark, wahrſcheinlich alſo bei Jahren, da manche Leute mehr Umfang gewinnen, wenn ſte alt wer⸗ 4* den. Nach ſeinem ſpaͤten Fruͤhſtuͤcken, und daß er dieß auf ſeinem Zimmer that, zu ſchließen, — 11¹7 mußte es ein Mann ſeyn, der nach ſeiner Be⸗ quemlichkeit zu leben gewohnt und uͤber die Noth⸗ wendigkeit des fruͤhen Aufſtehens hinaus war, ohne Zweifel alſo ein runder, roth ausſehender, ſtarker, alter Mann. Es wurde abermals heftig geklingelt. Der dicke Herr verlangte ungeduldig nach ſeinem Fruͤh⸗ ſtuͤkk. Er war offenbar ein Mann von Bedeu⸗ tung, der es ſich in der Welt wohl ſeyn ließ, gewohnt war, ſchnell bedient zu werden, einen ſtarken Appetit hatte, etwas verdruͤßlich war, wenn ihn hungerte:„vielleicht, dachte ich, iſt es ein Alderman von London, oder, wer weiß, ob es nicht gar ein Parliaments⸗Mitglied iſt 2 Das Fruͤhſtuͤck ward hinaufgeſchickt, und nun blieb es eine kurze Zeitlang ruhig; wahrſcheinlich machte er nun den Thee. Nicht lange, ſo ward wieder heftig geklingelt, und ehe Jemand kom⸗ men konnte, abermals und noch heftiger.„Mein Himmel! was fuͤr ein jaͤhzorniger alter Herr!“ Der Aufwaͤrter kam ſehr verdruͤßlich herunter. Die Butter war alt, die Eyer waren zu hart, der Schinken zu ſalzig— der alte Herr war alſo ſehr eigen bei ſeinem Eſſen: Einer von de⸗ nen, die eſſen und brummen, den Aufwaͤrter be⸗ 118 ſtaͤndig auf den Fuͤßen erhalten und mit dem ganzen Hausſtande auf dem Kriegsfuße ſtehen. Die Wirthinn ward aͤrgerlich. Ich muß bemerken, daß ſie eine lebhafte, etwas coquette Frau war, etwas boͤſe und etwas ſchlampig, aber dennoch ſehr huͤbſch; dabei hatte ſie einen Tropf zum Manne, wie boͤſe Weiber gewoͤhnlich haben. Sie ſchalt die Leute tuͤchtig aus, daß ſie ein ſo ſchlechtes Fruͤhſtuͤck hinaufgeſchickt, ſagte aber gar nichts gegen den dicken Herrn, woraus ich deut⸗ lich ſah, daß er ein Mann von Bedeutung ſeyn muͤſſe, der in einem Wirthshauſe auf dem Lande Laͤrm und viel zu ſchaffen zu machen ſich erlau⸗ ben duͤrfe. Andere Eyer, anderer Schinken, Brod und Butter, wurden hinaufgeſchickt. Dieſe Sen⸗ dung ſchien beſſer aufgenommen zu werden, we⸗ nigſtens hoͤrte ich keine Klage weiter. Ich war noch nicht oft in der Reiſeſtube auf⸗ und abgegangen, als ich abermals klingeln hoͤrte. Kurz nachher ward im Hauſe hin und her gelaufen und geſucht. Der dicke Herr wollte die Times oder den Morning Chronicle haben. Er mußte alſo ein Whig, oder viel⸗ mehr, nach ſeiner Art, entſcheidende und be⸗ fehlshaberiſch, wo er es ſeyn konnte, ein Radi⸗ cal ſeyn. Ich hatte gehoͤrt, Hunt ſey ein 2. 11¹9 ſtarker Mann: wer weiß, dachte ich, ob es nicht gar Hunt ſelbſt iſt! Itzt begann meine Neugierde zu erwachen. Ich fragte den Aufwaͤrter, wer der dicke Herr ſey, der alle dieſe Bewegung verurſache, konnte aber nichts erfahren. Niemand ſchien ſeinen Namen zu wiſſen. Die Wirthe vielbeſuchter Gaſthoͤfe kuͤmmern ſich ſelten um die Namen oder Be— ſchaͤftigungen ihrer durchreiſenden Gaͤſte. Die Farbe des Rocks, die Geſtalt oder Statur des Mannes, geben bald den Reiſenamen her. Es heißt entweder der große Herr, oder der kleine Herr, oder der ſchwarze Herr, oder der braune Herr, oder, wie hier, der dicke Herr. Wenn ſich einmal eine ſolche Benennung gemacht hat, ſo reicht dieſe fuͤr Alles aus und ſpart die Muͤhe einer genauern Nachfrage. Regen— Regen— Regen! unbarmherzi⸗ ger, unaufhoͤrlicher Regen! An Ausgehen nicht zu denken, und keine Beſchaͤftigung oder Unter⸗ haltung zu Hauſe. Von Zeit zu Zeit hoͤrte ich uͤber meinem Kopfe gehen. Es war in des dicken Herrn Zimmer. Nach der Schwere ſeiner Tritte, mußte pr ein ſtarker Mann ſeyn; ein alter, weil ſeine Schuhſohlen ſo knarrten. Offenbar iſt er, dachte ich, ein alter, reicher Sonderling von ſehr 8⁴ 120 regelmaͤßiger Lebensart, und macht ſich itt, nach dem Fruͤhſtuͤck, eine Bewegung. Ich las nun alle Ankuͤndigungen von Kut⸗ ſchen und Gaſthoͤfen, die am Kamin ſteckten. Das Damen⸗Magazin war mir zuwider gewor⸗ den: es war ſo langweilig als das Wetter. Ich ging, da ich nicht wußte, was ich thun ſollte, hin⸗ auf und wieder auf mein Zimmer. Kaum war ich hier, als ich in einem Schlafzimmer in der Naͤhe Laͤrm hoͤrte. Eine Thuͤr ging auf und ward heftig zugeworfen, ein Hausmaͤdchen, deſſen friſches, freundliches Ausſehen mir aufgefallen war, ging in vollem Ingrimm die Treppe hinab. Der dicke Herr war grob gegen ſie geweſen!— Dieß Ereigniß machte, daß eine ganze Schaar meiner Folgerungen zum Henker ging. Der Un⸗ bekannte konnte kein alter Mann ſeyn: denn alte Herren ſind gewoͤhnlich gegen die Hausmaͤdchen nicht ſo unartig. Er konnte aber auch kein jun⸗ ger Mann ſeyn: denn junge Herren machen nicht ſo boͤſe. Er mußte ein Mann von mittleren Jahren ſeyn, und dazu verwuͤnſcht haͤßlich, ſonſt wuͤrde das Maͤdchen es nicht ſo uͤbel genommen haben. Ich geſtehe, daß ich nicht wußte, woran ich war.— Nach einigen Minuten hoͤrte ich die Stimme der Wirthinn. Ich ſah ſie auf einen „ Au⸗ 2 121 Alugenblick, als ſie die Treppe hinauf ging: ihr Geſicht gluͤhte, die Haube flog ihr um den Kopf, und ihre Zunge war in beſtaͤndiger Bewegung. Sie wolle ſolche Wirthſchaft nicht im Hauſe haben, wahrhaftig nicht! Wenn die Herren auch ihr Geld darauf gehen ließen, ſo gebe das doch kein Recht dazu. Sie wuͤrde es nicht leiden, daß ihre Maͤdchen ſo behandelt wuͤrden, wenn ſie ihre Arbeit thaͤten— auf keinen Fall! Da ich allen Zank haſſe, vorzuͤglich mit Frauen, und noch dazu mit huͤbſchen Frauen, ſo ſchlich ich in mein Zimmer zuruͤck und machte die Thuͤr halb zu: allein meine Neugierde war zu ſehr geſpannt, als daß ich nicht haͤtte horchen ſollen. Die Wirthinn marſchirte unerſchrocken auf die feindliche Feſtung zu, und drang mit Sturm ein; die Thuͤr ſchloß ſich hinter ihr. Ich hoͤrte ihre Stimme einen oder zwei Augen⸗ blicke in lautem, ſcheltenden Tone. Dann ward ſie allmaͤhlig gemaͤßigter, wie ein Windſtoß in einer Dachſtube, dann hoͤrte ich ſie lachen, und dann war alles ſtill. Nach einer kleinen Weile kam die Wirthinn mit einem ſeltſamen Laͤcheln wieder heraus, und ſetzte ſich ihre Haube zurecht, die ſich ein wenig auf die eine Seite verſchoben hatte. Als ſie I. *8 122 herunter kam, hoͤrte ich, wie der Wirth ſie fragte, was es denn gaͤbe, worauf ſie ihm antwortete: Ach! gar nichts; das Maͤdchen iſt eine Naͤrrinn. Itzt wußte ich noch weniger, als vorher, was ich aus dieſem unerklaͤrlichen Menſchen machen ſollte, der ein freundliches Hausmaͤdchen boͤſe, und eine böſe Wirthinn ſo freundlich machen konnte. Er konnte doch nicht ſo alt, ſo muͤrriſch und ſo haͤß⸗ lich ſeyn. Ich mußte mich nun von Neuem an ſein Ge⸗ maͤlde machen, und ihn wieder ganz anders ma⸗ len. Ich dachte mir itzt, daß er Einer von den wohlbeleibten Herren ſey, die man ſo haͤufig an den Thuͤren von Gaſthoͤfen auf dem Lande her⸗ umſtolzieren ſieht. Luſtige, naſſe Kerl, mit ge⸗ wuͤrfelten Halstuͤchern*), und die durch Bier einen immer noch groͤßeren Umfang erhalten; Leute, die ſich in der Welt umgeſehen und in Highgate geſchworen*), ſich an das Schen⸗ *) Belcher Landkenhiefs genannt, nach dem berühmten Boxer, Tom Belcher, der ſie zu tragen pflegte. Uebſ. **) Dieß iſt eine Anſpielung auf einen alten, itzt verſcholle⸗ nen, ſcherzhaften Gebrauch, wonach Reiſende, die zum erſten Male unter dem Bogen weggingen, der über die Landſtraße, die nach Highgate führt, geſchlagen iſt, auf ein Paar Hör⸗ ner einen Schwur ablegen mußten, nie die Magd zu küſſen, wenn ſie die Frau küſſen dürften, nie dünnes Bier zu trinken, wenn ſie ſtarkes hätten u. ſ. w. Ueberſ. —— 123 kenleben gewoͤhnt haben, alle Kniffe der Kuͤ⸗ fer kennen, und wiſſen, wie es die gottloſen Gaſtwirthe machen. Sie leben groß auf klei⸗ nem Fuße, ſind verſchwenderiſch, wenn es nicht uͤber eine Guinee geht, nennen alle Aufwaͤrter bei Namen, zerren die Maͤdchen umher, plaudern mit der Wirthinn an der Schenke, und ſchwaz⸗ zen bei einer Pinte Portwein oder bei einem Glaſe Negus,*) nach dem Mittagseſſen. Der Morgen ging mit dieſen und aͤhnlichen Hirngeſpinnſten voruͤber. So wie ich ein Glau⸗ bensſyſtem mir zuſammengeſtellt hatte, ſtuͤrzte eine Bewegung des Unbekannten es wieder zuſammen und brachte alle meine Gedanken in Verwirrung. So ſind die Fieberphantaſieen eines Einſamen. Ich war, wie ich ſchon geſagt habe, ſehr nerven⸗ ſchwach, und das fortdauernde Nachdenken uͤber das, was den Unſichtbaren anging, fing an zu wirken; ich ward fieberhaft unruhig. Die Eſſenszeit ruͤckte heran. Ich hoffte, der dicke Herr wuͤrde in der Stube der Reiſen⸗ den eſſen, und ich ihn nun endlich zu Geſicht be⸗ kommen; doch nein— er ließ ſich das Eſſen auf ſein Zimmer bringen. Was bedeutete nun aber *) Warmer rother Wein mit Nelken und Muskatnuß. Uebſ. F 2 124[/— dieſe Einſamkeit und dieß geheimnißvolle Weſen? Er konnte kein Radical ſeyn: es lag etwas zu Ariſtokratiſches in ſeiner Abſonderung von der uͤbrigen Welt, und daß er ſich dazu verurtheilte, ſich, an einem regnigen Tage, ganz langweilig ſelbſt Geſellſchaft zu leiſten. Und dann lebte er auch zu gut, fuͤr einen unzufriedenen Politiker. Er ſchien ſich eine Menge von Schuͤſſeln brin⸗ gen zu laſſen, und wie ein Lebemann bei ſeiner Flaſche zu ſitzen. Meine Zweifel uͤber dieß letzte Kapitel wurden bald geloͤſ't; denn er konnte noch nicht ſeine erſte Flaſche getrunken haben, als ich ihn leiſe ein Lied brummen hoͤrte, und als ich ge⸗ nauer aufhorchte, fand ich, daß es: God save the King! war. Itzt war es klar, daß er kein Radical, ſondern ein treuer Unterthan war, Einer, der bei ſeiner Flaſche patriotiſch wurde, und bereit war, ſich fuͤr den Koͤnig und die Ver⸗ faſſung zu ſtellen, wenn dieß auch ſelbſt nicht mehr ganz gerade geſchehen konnte. Aber wer konnte er ſeyn? Meine Vermuthungen fingen an, in's Blaue hinauszuſchweifen. War er nicht viel⸗ leicht ein Mann von Bedeutung, der incognito reiſ'te?„Gott weiß es“, ſagte ich am Ende zu mir, als mir gar nichts mehr uͤbrig blieb:„es iſt 125 vielleicht gar Jemand aus der koͤniglichen Fa⸗ milie, denn die ſind Alle ſtark!“* Das Wetter blieb regnig. Der geheimniß⸗ volle Unbekannte blieb in ſeinem Zimmer, und ſo viel ich beurtheilen konnte, auf ſeinem Stuhl, denn ich hoͤrte nicht, daß er ſich bewegte. Unter⸗ deß fuͤllte ſich aber, je ſpaͤter es wurde, auch die Stube der Reiſenden immer mehr. Einige neue Ankoͤmmlinge traten, bis oben zugeknoͤpft in ihre Oberroͤcke, ein, Andere kamen nach Hauſe, die in der Stadt umher geweſen waren; Einige * aßen zu Mittag, Andere tranken Thee. Waͤre ich bei beſſerer Laune geweſen, ſo wuͤrde mir es Unterhaltung gewaͤhrt haben, dieſe beſondere Klaſſe von Leuten genauer zu beobachten. Es waren vorzuͤglich Zwei darunter, die, regelmaͤßige Land⸗ ſtreicher, mit allen den hergebrachten Scherzen der Reiſenden vollkommen vertraut waren. Sie wußten dem aufwartenden Dienſtmaͤdchen tau⸗ ſend naͤrriſche Dinge zu ſagen, nannten ſie dabei bald Louiſe, Ethelinde, und noch mit einem Dutzend anderer ſchoͤner Namen, jedesmal wenn ſie riefen bei einem andern, und lachten dabei unmaͤßig uͤber ihre Neckerei. Ich ſelbſt hatte meine Aufmerkſamkeit indeß einzig und al⸗ lein auf den dicken Herrn gerichtet. Er hatte meine Einbildungskraft einen ganzen Tag in 126 Spannung erhalten, und dieſe ließ ſich itzt nicht mehr von der Spur abbringen. Der Abend ging nach und nach voruͤber. Die Reiſenden laſen die Zeitungen zwei oder drei Male durch. Einige verſammelten ſich um das Feuer und erzaͤhlten ſich lange Geſchichten von ihren Pferden, ihren Abenteuern, ihrem Umwerfen und„Zuſammenbrechen“. Der Credit verſchiedener Kaufleute und der Ruf mehrerer Gaſthoͤfe wur⸗ den eroͤrtert, und die beiden Schaͤlke erzaͤhlten mehrere auserleſene Anekdoten von huͤbſchen Haus⸗ maͤdchen und gefaͤlligen Wirthinnen. Alles dieß ging vor, waͤhrend ſie ruhig ihre„Nachtmuͤtzen“ zu ſich nahmen, das heißt, große Glaͤſer mit Brannt⸗ wein, Waſſer und Zucker oder irgend eine an— dere Miſchung der Art, worauf ſie, Einer nach dem Andern, nach dem Hausknechte und dem Haus⸗ maͤdchen klingelten, und in alten Schuhen, die zu ſehr unbequemen Pantoffeln verſchnitten worden waren, nach ihren Schlafzimmern wanderten. Nur Ein Mann blieb uͤbrig: ein kurzbeini⸗ ger, langleibiger, vollbluͤtiger Kerl, mit einem großen Kopfe und ſemmelblondem Haar. Er ſaß allein, mit einem Glaſe Portwein⸗Negus und einem Löffel vor ſich, nippte und ruͤhrte, und drehte und nippte, bis nichts mehr uͤbrig war als der Löffel. Er ſchlief allmaͤhlig kerzengerade . 127 auf ſeinem Stuhle ein, mit dem leeren Glaſe vor ſich, und das Licht ſchien ebenfalls einzuſchlafen, denn der Docht wurde lang und ſchwarz, brannte, wie man ſagt, zu einer Lilie, und verdunkelte das wenige Licht, das noch in der Stube war.— Die Duͤſterkeit, welche itzt eintrat, war anſteckend. An den Waͤnden umher hingen die geſtaltloſen, beinahe geiſteraͤhnlichen Oberroͤcke der dahinge⸗ gangenen Reiſenden, die ſchon lange in tiefen Schlaf begraben lagen. Ich hoͤrte nur das Tik⸗ ken der Uhr, das tiefe Aufathmen des ſchlafenden Zechers, und das Herabtropfen des Regens aus den Dachrinnen des Hauſes. Die Thurmuhren ſchlugen Mitternacht. Auf einmal ſing der dicke Herr uͤber meinem Kopfe zu gehen an und ſchritt langſam auf und nieder. In allem dieſem lag etwas ungemein Grauſenhaftes, vorzuͤglich fuͤr Je⸗ manden, der ſich in dem Nervenzuſtande befand, wie ich,— die geſpenſtiſchen Oberroͤcke, dieſe tie⸗ fen Gurgeltoͤne, und die knarrenden Fußtritte des geheimnißvollen Weſens!— Seine Tritte wur⸗ den immer ſchwaͤcher und ſchwaͤcher, und ver⸗ hallten endlich ganz. Ich konnte es nicht laͤn⸗ ger aushalten. Ich fuͤhlte die Verzweiflung eines Romanenhelden in mir.„Sey er, wer oder was er wolle, ſagte ich zu mir ſelbſt, ich muß ihn ſehen!“ ich nahm einen Nachtleuchter und 128 eilte nach Nr. 13. hinauf. Die Thuͤr war an⸗ gelehnt. Ich zauderte— ich trat hinein— das Zimmer war leer. Ein großer geraͤumiger Arm⸗ ſtuhl ſtand neben dem Tiſche, auf welchem ein leeres Bierglas und ein Stuͤck der Times zu ſehen war, und das Zimmer roch gewaltig nach Stilton⸗Kaͤſe.*) Der geheimnißvolle Fremde hatte ſich offen⸗ bar nur ſo eben erſt entfernt. Ich wanderte, ſchmerzlich getaͤuſcht, nach meinem Zimmer zu— ruͤck, welches man mir itzt nach vorne heraus an⸗ gewieſen hatte. Als ich den Gang hinunterging, ſah ich ein Paar großer Stiefeln, mit ſchmutzigen gewichsten Klappen, an der Thuͤr eines Schlaf⸗ zimmers ſtehen. Ohne Zweifel gehoͤrten ſie dem Unbekannten, allein es waͤre doch nicht zu rathen geweſen, ein ſo furchtbares Weſen in ſeiner Hoͤhle zu ſtoͤren: er konnte ja ein Piſtol, oder noch et⸗ was aͤrgeres, auf mich abfeuern. Ich ging alſo zu Bett, und lag die halbe Nacht in einem ge⸗ waltig angegriffenen Zuſtande; ſelbſt wenn ich ſchlief, kam mir im Traume der dicke Herr mit ſeinen gewichsten Klappen vor. *) Einer der pikanteſten engliſchen Kaͤſe, der nach ſeinem Verfertigungsorte, einem Dorfe in Huntingdonſhire, ſo heißt. Er hat eine Cylinderſorm. Ueberſ. — 129 Ich ſchlief am andern Morgen ziemlich lange, und ward endlich durch allerhand Laͤrm und Unruhe im Hauſe erweckt, deren Veranlaſſung ich Anfangs nicht ergruͤnden konnte, bis ich, als ich wacher wurde, fand, daß eine Poſtkutſche von der Thuͤr des Hauſes abgehe. Auf einmal rief man von unten herauf:„der Herr hat ſeinen Regenſchirm vergeſſen! Holt doch des Herrn Regenſchirm aus Nr. 13.19 Ich hoͤrte ſogleich ein Hausmaͤdchen die Treppe heraufpoltern und eine kreiſchende Stimme antworten, als ſie gelaufen kam:„hier iſt er, hier iſt des Herrn Regenſchirm!“ Der geheimnißvolle Fremde war alſo im Begriff, fortzufahren. Dieß war die einzige Aus⸗ ſicht, ihn je kennen zu lernen. Ich ſprang aus dem Bette, kroch nach dem Fenſter, riß die Vor⸗ haͤnge auseinander, und kam gerade noch zu rech⸗ ter Zeit, um den Ruͤcken einer Perſon zu ſehen, die in die Kutſche ſtieg. Die Schoͤße eines braunen Rocks gingen hinten auseinander und eroͤffneten mir die Ausſicht auf die breite Scheibe eines Paars brauner Hoſen. Die Thuͤr wurde zugeſchlagen:„alles richtig!“ hieß es, die Kut— ſche rollte davon— und das war alles, was ich je von dem dicken Herrn geſehen habe. 4. 4. Baͤume des Waldes. (— „Eine lebende Gallerie alter Bäume.“ Einer der Gegenſtaͤnde, womit ſich der Squire vorzuͤglich zu bruͤſten pflegt, ſind die ſchoͤnen Baͤu⸗ me auf ſeinem Gute, auf welchem ſich, in der That, einige der ſchoͤnſten befinden, die ich in Eng⸗ land geſehen habe. Es liegt etwas Erhabenes und Feierliches in den großen Gaͤngen ſtattlicher Eichen, welche ihre Zweige hoch in der Luft ver⸗ ſchraͤnken und unter denen die Fußgaͤnger wie wahre Zwerge erſcheinen. Eine Allee von Eichen oder Ulmen, ſagt der Squire, iſt der wahre Saͤu⸗ lengang, der zu eines Gutsbeſitzers Hauſe fuͤhren muß. Stein und Marmor kann Jeder aufrich⸗ ten, das iſt Werk von Tagen; ich aber halte mich an die Saͤulengaͤnge, die mit der Familie alt und groß geworden ſind, und die durch ihre Groͤße verkuͤndigen, wie lange die Jamilie beſtanden hat. — Der Squire hat eine große Verehrung vor gewiſſen ehrwuͤrdigen, mit Moos bedeckten Baͤu⸗ men, welche er als den alten Adel ſeines Beſitze thums anſieht. Es ſteht hier noch die Truͤmmer einer ungeheuern Eiche, die von der Zeit und den Stuͤrmen ſo mitgenommen und zerzauſt wor⸗ den, daß kaum noch etwas davon uͤbrig geblieben i*ſt, ob er gleich behauptet, daß Chriſty ſich noch aus ſeiner Kindheit erinnere, ſie geſund und bluͤ⸗ hend geſehen zu haben, bis ſie vom Blitze getrof⸗ fen wurde. Es iſt ißt ein bloßer Stamm mit einem knotigen Aſte, der un die Luft emporrragt, und an deſſen Ende ein gruͤner Zweig heraus⸗ waͤchſt. Auf dieſe mannhafte Truͤmmer legt der Squire einen großen Werth: er nennt ſie ſeinen Fahnentraͤger, und vergleicht ſie mit einem er⸗ grauten Krieger, der in der Schlacht zwar zu Boden geſtuͤrzt worden iſt, ſein Banner aber bis zum letzten Augenblicke noch emporhaͤlt. Auch hat er ringsumher ein Gitter errichten laſſen, um ſie vor aller Beſchaͤdigung zu ſichern. Nur mit großer Schwierigkeit kann der Squire dahin gebracht werden, einen Baum auf ſeinem Gute faͤllen zu laſſen. Einige betrachtet er mit Ehrfurcht, da ſie von ſeinen Vorfahren gepflanzt worden ſind, andere mit einer Art vaͤ⸗ — —— 132— terlicher Zaͤrtlichkeit, da er ſie ſelbſt geſetzt hat, und er hat eine Art Scheu, mit wenigen Hieben der Axt das umzuſtuͤrzen, was Jahrhunderte, es aufzubauen, gekoſtet hat. Ich geſtehe, daß ich nicht umhin kann, in einiger Art die Gefuͤhle des guten Squire zu theilen. Obgleich ich in einem Lande aufgewachſen bin, das mit Waͤldern bedeckt iſt, wo man die Baͤume als Hinderniſſe betrachtet und ſie ohne Zoͤgern und Gewiſſens⸗ biſſe faͤllt, ſo habe ich doch nie einen ſchoͤnen Baum ohne Betruͤbniß niederhauen ſehen koͤnnen. Die Dichter, welche von Natur Freunde der Baͤume, ſo wie von allem ſind, das ſchoͤn iſt, ha⸗ ben kunſtvoller Weiſe einen großen Antheil an ihnen zu erwecken geſucht, indem ſie ſie als die Wohnſitze der Waldgottheiten dargeſtellt haben, ſo daß jeder große Baum ſeinen Schutzgeiſt, oder eine Nymphe haben ſoll, deren Daſeyn mit ſei⸗ ner Dauer verknuͤpft iſt. Evelyn*) macht in ſeiner„Sylva“ einige ſehr angenehme und geiſt⸗ reiche Anſpielungen auf dieſen Glauben.„So wie der Fall einer ſehr alten Eiche,“ ſagt er:„der *) Ein überaus geiſtreicher Staatsmann und Schriftſteller aus der Zeit Karl's II. Seine Sylva iſt eines der frü⸗ heſten und beſten Werke, die über Forſteultur in England erſchienen ſind. Ueberſ. V V — — — ————õ— ——— 2 133 einem Donnerſchlage gleicht, oft mehrere Meilen weit gehoͤrt wird, obgleich ich die Baͤume oft zu meinem großen Widerwillen, faͤllen laſſen muß, ſo habe ich doch nie das Seufzen dieſer Nymphen (welche daruͤber klagen, daß man ſie ihrer alten Wohnungen beraubt) ohne einige Bewegung und ohne Mitleid hoͤren koͤnnen.“ An einer andern Stelle, wo er von einem heftigen Winde ſpricht, der die Forſten verheert hat, ſagt er:„Mich daͤucht, ich hoͤre noch— und es iſt gewiß, daß ich es fuͤhle— das traurige Stoͤhnen unſerer Waͤlder; der neuliche Orkan hat ſo manche Tauſende herr⸗ licher Eichen umgeſtuͤrzt, die Baͤume dahingeſtreckt, und ſie liegen nun in graͤßlichen Stellungen da, wie ganze Regimenter, welche unter dem Schwerte des Eroberers gefallen ſind, und haben Alles zer⸗ ſchmettert, was unter ihnen wuchs. Nach den oͤffentlichen Nachrichten,“ ſetzt er hinzu:„ſollen nicht weniger als drei Tauſend wackere Eichen, al⸗ lein in einem Theile des Waldes von Dean*) umgeſtuͤrzt worden ſeyn.“ Ich bin mehr als einmal in den Wildniſſen *) So nannte man ſonſt den ganzen waldigen Theil von Glocesterſhire, zwiſchen der Severn und Mon⸗ mouthſhire, der 30000 engl. Morgen Waldung um⸗ faßte. Ueberſ.— 134 von Amerika ſtehen geblieben, um die Verwuͤſtung eines Windſtoßes zu beobachten, der von den Wolken herabgebrauſt zu ſeyn ſchien und ſich einen Weg mit⸗ ten durch die Waldungen gebahnt, wobei er die ſtaͤrk⸗ ſten Baͤume entwurzelt, zerſpalten und zerſplit⸗ tert, und uͤberall Zeichen ſeiner Bahn hinterlaſſen hatte. Es lag etwas Furchtbares in der gewalti⸗ gen Zerſtoͤrung, welche unter dieſen rieſenhaften Pflanzengeſtalten angerichtet war, und wenn ich ihre prachtvollen Ueberreſte betrachtete, wie ſie ſo gewaltſam zerriſſen und verſtuͤmmelt da lagen, herabgeſtuͤrzt von ihrer Hoͤhe, um auf ihrem hei⸗ miſchen Boden einen fruͤhzeitigen Untergang zu finden, ſo konnte ich nicht umhin, dieſelben ſtarken Gefuͤhle der Mitleidenſchaft zu empfinden, die Evelyn ſo ruͤhrend ausgeſprochen hat. Ich erinnere mich noch, einen Reiſenden von poetiſcher Natur den Unwillen ſchildern gehoͤrt zu haben, den er empfunden, als er, an den Ufern des Miſſouri, eine Eiche von gewaltiger Groͤße von einem ungeheuern wilden Weinſtock uͤberwaͤl⸗ tigt geſehen habe. Der Wein hatte ſeine ge⸗ waltigen Ranken um den Stamm geſchlungen und von dort ſich um jeden Aſt und Zweig ge⸗ wunden, bis der maͤchtige Baum in ſeiner Um⸗ armung erſtickt war. Er glich dem Lgokoon, der * 13⁵ vergeblich aus den ſcheußlichen Windungen des Ungeheuers Python ſich herauszuwickeln ſucht: es war der Loͤwe der Baͤume, der in den Umſchlingungen einer Boa der Pflanzenwelt ſeinen Untergang findet. Ich hoͤre gern der Unterhaltung von gebil⸗ deten Englaͤndern uͤber laͤndliche Gegenſtaͤnde zu, und freue mich oft, zu bemerken, mit wie vielem Geſchmacke und Scharfſinn und mit welchem großen, aufrichtigen Antheil ſie uͤber Sachen re⸗ den, woruͤber ſich, in andern Laͤndern, nur Forſt⸗ und Landleute unterhalten. Ich habe einen Gra⸗ fen uͤber Park⸗ und Wald⸗Gegenden mit der Kennerſchaft und dem Gefuͤhle eines Malers reden hoͤren. Er ließ ſich uͤber die Geſtalt und die Schoͤnheit einzelner Baͤume auf ſeinem Gute mit ſo vielem Stolze aus, und ging dabei ſo in das Einzelne ein, als ob er die Schoͤnheiten von Statuen, die ſich in ſeiner Sammlung befanden, haͤtte anſchaulich machen wollen. Ich fand, daß er ſogar ſehr weite Ausfluͤge gemacht hatte, um Baͤume zu ſehn, die bei den Liebhabern landſchaft⸗ licher Gegenſtaͤnde einen beſonderen Ruf hatten, denn es ſcheint, daß Baͤume, wie Pferde, ihre eigenthuͤmlichen Schoͤnheiten haben, und daß es in Englands einige giobe⸗ welche ihrer Vollkom⸗ 136 menheit wegen einer großen Beruͤhmtheit unter den Baumliebhabern genießen. Es liegt etwas einfach Edles und Reines in einem ſolchen Ge⸗ ſchmacke: es zeugt, wie mich duͤnkt, von einer ſanften, angenehmen Gemuͤthsart, ein ſo leben⸗ diges Gefuͤhl fuͤr die Schoͤnheiten der Pflanzen⸗ welt, und eine ſolche Freundſchaft fuͤr die wackeren glorreichen Soͤhne des Waldes zu haben. Es liegt in dieſem Theile der Landwirthſchaft eine gewiſſe Großartigkeit der Idee, und ich möoͤchte ihn beinahe den heroiſchen Theil derſelben nen⸗ nen. Er iſt freiſinniger, freigeborner und un⸗ ternehmender Maͤnner wuͤrdig. Wer eine Eiche pflanzt, denkt an die kommenden Geſchlechter und pflanzt fuͤr die Zukunft. Nichts kann weniger ſelbſtſuͤchtig ſeyn. Er kann nicht hoffen, daß er einſt in ihrem Schatten ſitzen oder ſich ihres Schutzes erfreuen werde, aber er freut ſich des Gedankens, daß die Eichel, welche Er in die Erde gelegt, einſt zu einem himmelanſtrebenden Baum emporwachſen, und lange noch, nachdem er ſeine vaͤterlichen Felder zu betreten aufgehoͤrt habe, bluͤhen, wachſen und den Menſchen Nutzen ſtif⸗ ten wird. Es liegt uͤberhaupt in dem Weſen ſolcher Beſchaͤftigungen, den Gedanken eine Rich⸗ tung uͤber das bloß Weltliche hinaus zu geben. — — ——:—— — — — 8 4 137 So wie die Blaͤtter der Baͤume alle ſchaͤdliche Duͤnſte einſaugen und eine reinere Luft von ſich geben ſollen, ſo ſcheint es mir auch, als ob ſie alle ſelbſtſuͤchtigen, leidenſchaftlichen Geſinnungen aus uns herauszoͤgen, und wiederum Friede und Menſchenliebe aushauchten. Es liegt in den Waldgegenden eine heitere, ruhige Majeſtaͤt, wel⸗ che in das Innere des Gemuͤthes eingeht, es er⸗ weitert und erhebt, und es mit edlen Regungen erfuͤllt. Auch ſind die meiſten der alten, erbli— chen Waͤlder, welche dieſe Inſel umlauben, eine reichhaltige Quelle deiſföt h Erinnerungen. Die großen Geiſter verfloſſener Jahrhunderte, wel⸗ che in ihnen, nach dem Geraͤuſch der Waffen oder den Muͤhſeligkeiten der Staatsgeſchaͤfte, Erholung ſuchten, ſcheinen noch itzt in ihnen um⸗ zugehen. Wer kann, ohne ſich bewegt zu fuͤhlen, in den ſtattlichen Haynen von Penshurſt wan⸗ deln, wo der tapfere, der liebenswuͤrdige, der zierliche Sir Philip Sidney*) ſeine Jugend zubrachte; oder ohne Vorliebe den Baum be⸗ trachten, der an ſeinem Geburtstage gepflanzt *) Der geiſtreiche Verfaſſer der Arcadia und mehrerer anderer dichteriſchen Werke. Penshurſt⸗Caſtle(in Kent, nahe bei Tunbridge) war ſein väterlicher Landſitz und iſt noch itzt in der Familie. Ueberſ. 138 worden ſeyn ſoll, oder unter den klaſſiſchen Lau⸗ bengaͤngen von Hagley*) wandeln, oder in den einſamen Schatten des Forſtes von Windſor ruhen, und die gewaltigen grauen, wie die alten Thuͤrme des Schloſſes, von der Zeit benagten Eichen betrachten, und ſich nicht wie von den Denkmaͤlern langdauernden Ruhmes umgeben fuͤhlen? Aus dieſem Geſichtspunkte betrachtet, haben angepflanzte Gebuͤſche, ſtattliche Alleen, wohlgepflegte Parks allerdings einen Vortheil uͤber die uͤppigeren Schoͤnheiten der freien Na⸗ tur, denn ſie ſind eine Fundgrube neuer Ge⸗ dankenverbindungen, und geben der ewig anziehen⸗ den Geſchichte des menſchlichen Daſeyns ein neues Leben. Die großen und edlen Gemuͤther eines al⸗ ten Volks haben alſo die Verpflichtung, die hei⸗ ligen Hayne, welche ihre altvaͤterlichen Sitze um⸗ geben, ſorgfaͤltig zu unterhalten und ſie auf ihre Nachkommen fortzupflanzen. Als ein geborener Republikaner und in republikaniſchen Grundſaͤtzen und Gewohnheiten auferzogen, kann ich nichts von der knechtiſchen Verehrung fuͤr Rang und Titel empfinden, bloß weil ſie dieß ſind; aber ich *) Lord Lyttleton's, des Geſchichtsſchreibers, Sitz. Uebſ. — —— Aℳ 139 denke, daß ich bei meinem Glaubensbekenntniß weder Sauertopf noch Froͤmmler bin. Ich kann es ſehr wohl begreifen und fuͤhlen, wie erbliche Auszeichnung, wenn ſie einem edlen Gemuͤ⸗ the anheimfaͤllt, dieß zu wahrhaftem Adel em⸗ porheben kann. Es gehoͤrt zu den Wirkungen des erblichen Ranges, wenn er ſo gluͤcklich von dem Zufall verliehen wird, die Pflichten ſeines Beſitzers zu vervielfaͤltigen und ſeinem Daſeyn gleichſam eine groͤßere Ausdehnung zu geben. Er fuͤhlt ſich dann nicht mehr als ein einzelnes Glied in der Kette, das nur fuͤr ſeine kurze Le⸗ bensſpanne verantwortlich iſt: er verfolgt ſein Daſeyn, in ſtolzer Erinnerung, zuruͤck, und dehnt es, in einem ehrenvollen Vorgefuͤhl, weiter hinaus. Er lebt in ſeinen Vorfahren, und lebt in ſeinen Nachkommen; beiden fuͤhlt er ſich verantwortlich: da er von denen, die ihm vorausgegangen ſind, viel uͤberkommen hat, ſo haͤlt er ſich auch ver⸗ pflichtet, denen viel zu hinterlaſſen, die ihm nachfolgen. Seine Unternehmungen innerhalb ſeines Hausweſens ſcheinen auf ein laͤngeres Da⸗ ſeyn, als das gewoͤhnlicher Menſchen iſt, berech⸗ net. Niemand baut und pflanzt lieber fuͤr kuͤnf⸗ tige Geſchlechter, als hochſinnige Leute, die das Erbtheil vergangener Jahrhunderte beſitzen. 2 140 Ich kann alſo nicht umhin, der Vorliebe und dem Stolze, womit ich Englaͤnder von ed⸗ lem Gemuͤth und hohen ariſtokratiſchen Geſin⸗ nungen jene prachtvollen Baͤume, welche wie Thuͤrme und Pyramiden mitten aus ihren vaͤter⸗ lichen Laͤndereien hervorragen, betrachten, meinen vollen Beifall zu geben. Es iſt eine gewiſſe Verwandtſchaft zwiſchen der ganzen Natur, ſie ſey belebt oder unbelebt, vorhanden: die Eiche ſcheint mir in dem Stolze und der Kraft ihres Wuchſes in Einer Reihe mit dem Lowen und dem Adler zu ſtehen, und ſich wiederum, in der Groß⸗ artigkeit ihrer Eigenſchaften, dem heldenmuͤthigen, verſtandbegabten Menſchen zu naͤhern. Ihre maͤchtige Saͤule, welche gerade zum Himmel auf⸗ ſteigt, ihre Blaͤtterkrone weit uͤber die Un⸗ reinigkeiten der Erde emportraͤgt, und ſie oben in der freien Luft und dem herrlichen Sonnen⸗ ſcheine entfaltet, iſt ein Sinnbild von dem was ein wahrer Edelmann ſeyn ſollte: eine Zu⸗ flucht der Schwachen, ein Schutz der Unterdruͤck⸗ ten, ein Schild der Vertheidigungsloſen, der von ihnen den Ungeſtuͤm des Sturmes oder die ſen⸗ genden Strahlen der Willkuͤhr abhaͤlt. Wer das iſt, iſt ein Schutz und ein Segen fuͤr ſein Geburtsland; wer das nicht iſt, mißbraucht die 141 großen Vortheile, die ihm gegeben ſind, mißbraucht die Groͤße und die Kraft, die er in dem Schooße ſeines Vaterlandes empfangen hat. Wenn dann Orkane entſtehen und der Sturm ihn entwurzelt, wer wird uͤber ſeinen Fall trauern?— druͤckt ihn die ſtarke Hand der Macht darnieder, wer wird aͤber ſein Schickſal ſeufzen?—„was hindert er das Land 20*) *) Lucä XIII. 7. D. Ueberſ. * Ein litterariſcher Alterthumsforſcher. — Gedruckte Bücher verachtet er, als eine Neuerung der ſpäte⸗ ren Zeiten; aber über Handſchriften brütet er unab⸗ läſſig, beſonders wenn die Deckel ganz von Würmern zerfreſſen ſind, und der Staub eine Parentheſe zwiſchen jeder Sylbe macht. Mikro⸗Kosmographie, 1628. Dar Squire findet bei ſeiner Liebe zu allem Alterthuͤmlichen eine große Theilnahme und Stuͤtze an dem Pfarrer, deſſen ich bei meinem erſten Beſuche in der Halle erwaͤhnt habe, und der die Stelle eines Haus⸗Kaplans vertritt. Der Squire hat, ſeitdem ſie in Oxford zuſammen ſtudirten, immer ſehr an ihm gehangen; denn es iſt einer der beſondern Vortheile dieſer großen Univerſitaͤ⸗ ten, daß ſie oft den armen Gelehrten, durch fruͤhe und herzliche Bande, welche das ganze Leben hin— durch dauern, an den reichen Goͤnner knuͤpfen, ohne daß damit die gewoͤhnlichen Demuͤthigungen — 143 der Abhaͤngigkeit und Patronſchaft verbunden waͤren. Unter dem gedeihlichen Schutze des Squire hat alſo der kleine Pfarrer ſeine Stu⸗ dien in Ruhe fortſetzen koͤnnen. Da er faſt gaͤnz⸗ lich unter Buͤchern, und noch dazu unter alten Buͤchern, gelebt hat, ſo weiß er von der Welt ſo gut als gar nichts, und ſein Geiſt hat eine eben ſo altfraͤnkiſche Geſtalt angenommen, als der Gar⸗ ten bei der Halle, worin die Blumen alle in ſteifen Beeten ſtehen und die Tarusbaͤume alle zu Urnen und Pfauen geſchnitten ſind. Seinen Geſchmack an litterariſchen Alter⸗ thuͤmern gewann er zuerſt in der Bodley'ſchen Bibliothek in Oxford, wo er als Student man⸗ che Stunde unter den alten Handſchriften um⸗ herwuͤhlte. Er hat, ſeit der Zeit, die meiſten merkwuͤrdigen Bibliotheken in England beſucht, und viele von den Kathedralen in Anſpruch ge⸗ nommen. Bei aller ſeiner ungewoͤhnlichen und eigenthuͤmlichen Gelehrſamkeit hat er doch nichts von gelehrtem Stolze oder Pedanterei an ſich, ſondern nur den ungezierten Ernſt und die ſchuld⸗ loſe Einfalt, welche dem litterariſchen Alterthums⸗ forſcher eigenthuͤmlich zu ſeyn ſcheinen. Er iſt ein ſchwaͤrzlicher, verſchimmelt aus⸗ ſehender kleiner Mann, von etwas trockenem Weſen, * 144 der aber, wenn man ſeinen Lieblingsgegenſtand beruͤhrt, bald warm, und zuweilen ſogar beredt wird. Kein Fuchsjaͤger kann bei der Erzaͤhlung von ſeiner letzten Jagd mehr in Feuer gerathen, als der wuͤrdige Pfarrer, wenn er von ſeinen Forſchungen nach einer merkwuͤrdigen Urkunde ſpricht, die er von Bibliothek zu Bibliothek ver⸗ folgte, bis er ſie endlich in dem ſtaubigen Kapi⸗ telhauſe einer Kathedrale aufſpuͤrte. Wenn er eine ehrwuͤrdige Handſchrift, mit ihren bunten „Miniatuͤren, ihrem dicken milchweißen Perga⸗ mente, ihrer glaͤnzenden Tinte, und dem Kloͤſter⸗ geruch, den ſie von ſich giebt, beſchreibt, ſo ſollte man einen Pariſer Schmecker zu hoͤren glauben, der von einem Pàté de Périgord oder einer Straß⸗ burger Gaͤnſeleberpaſtete ſpricht. Sein Gehirn ſcheint ganz mit liebeſiechen Gedanken an praͤchtige alte Werke„mit Seide ausgeſchlagen, mit dreifachen goldenen Buͤnden und in geſprenkeltem Leder, in Drathſchraͤnken verſchloſ⸗ ſen und geſichert vor den gemeinen Haͤnden des bloßen Leſers“ erfuͤllt zu ſeyn, und, um mit den treffenden Ausdruͤcken eines geiſtreichen Schrift⸗ ſtellers fortzufahren:„die das Auge wie morgen⸗ laͤndiſche Schoͤnheiten blenden, die durch ihre Git⸗ —QOQO—:—:B——C—Q—ꝑ—ꝑCQ—CQC—4 145 Gitter blicken.“*) Er hat indeß immer großes Verlangen, ſolche Werke in den alten Bibliotheken ſelbſt und in den Kapitelhaͤuſern zu leſen, wohin ſie gehoͤren, denn er glaubt, ein Buch mit gothiſchen Buchſtaben leſe ſich auch am beſten in den ehr⸗ wuͤrdigen Gemaͤchern, wohin das Licht nur muͤh⸗ ſam durch ſtaubige Spitzbogenfenſter und durch be⸗ maltes Glas dringt, und daß ein ſolches ſeinen hal⸗ ben Reiz verliere, wenn es von dem altvaͤteriſch⸗ge⸗ ſchnitzten Buͤcherſchranke und dem gothiſchen Le⸗ ſepulte entfernt werde. Auf ſein Anrathen hat der Squire die Bibliothek nach dieſem alten Ge⸗ ſchmack einrichten und mehrere von den Fenſtern mit bemaltem Glaſe verſehen laſſen, damit ſie ein gehoͤrig gemildertes Licht auf die Blaͤtter ihrer geliebten alten Schriftſteller werfen. Der Pfarrer iſt, wie man mir ſagt, ſeit laͤn⸗ gerer Zeit mit dem Plan zu einem Commentar uͤber Strutt, Brand und Douce*) umgegangen, worin er mehrere gefaͤhrliche Irrthuͤmer aufdecken will, in welche ſie in Ruͤckſicht auf Volksſpiele und *) d'Ifraelis Merkwürdigkeiten der Litteratur. **) Die beiden Erſtern ſind Verfaſſer von Werken über eng⸗ liſche Volksalterthümer, und der Letztere hat Erläuterungen zu Shakespeare geſcchrieben, worin beſonders auf alte Ge⸗ bräuche Rückſicht genommen wird, Ueberſ. I. G 146 8 Volksaberglauben verfallen ſind, ein Werk, das der Squire mit großer Begierde erwartet. So liefert er auch zuweilen Beitraͤge zu der langbe⸗ ſtehenden Vorrathskammer aller Volksgebraͤuche und Alterthuͤmer, dem Gentleman's Maga⸗ zine, und gehoͤrt zu denen, welche dann und wann eine Frage uͤber irgend einen verſchollenen Gebrauch oder eine ſeltene Legende aufwerfen: ja man ſagt, daß mehrere von ſeinen Beitraͤgen wenig⸗ ſtens ſechs Zoll lang geweſen ſeyn ſollen. Er erhaͤlt haͤufig mit der Landkutſche aus verſchiedenen Thei⸗ len des Koͤnigreichs Packete mit ſchimmligen Buͤ⸗ chern und beinahe unleſerlichen alten Handſchrif⸗ ten, denn es iſt ſonderbar, welch' einen lebendi⸗ gen Briefwechſel litterariſche Alterthumsforſcher unter einander fuͤhren, und wie bald der Ruf von irgend einem ſeltenen Buche oder einem„ein⸗ zigen“ Exemplare, das man ſo eben in dem Ge⸗ ruͤlle einer Bibliothek entdeckt hat, ſich unter ihnen verbreitet. Der Pfarrer iſt itzt eben geſchaͤfti⸗ ger als je, da ihm die Ankuͤndigung eines Wer⸗ kes uͤber die Goͤtterlehre des Mittelalters, das unter der Preſſe befindlich ſeyn ſoll, etwas im Kopfe herumgeht. Der kleine Mann hat ſeit langer Zeit alle Geſpenſtergeſchichten, deren er nur habhaft werden koͤnnen, und die zur Erlaͤu⸗ N N 147 terung des Aberglaubens fruͤherer Zeiten dienen, geſammelt, und iſt in einem ordentlichen Fieber daruͤber, daß dieſer furchtbare Nebenbuhler vor ihm in das Feld ruͤcken moͤge. Kurz nach meiner Ankunft in der Halle machte ich, von Hrn. Bracebridge und dem General begleitet, in dem Pfarrhauſe einen Be⸗ ſuch. Der Pfarrer hatte ſich ſeit einigen Tagen nicht ſehen laſſen, etwas, das nicht geringes Er⸗ ſtaunen erregte, da er beinahe taͤglich ſich in der Halle einſtellte. Wir fanden ihn in ſeinem Stu⸗ dirzimmer, einer kleinen finſteren Stube, welche ihr Licht durch ein mit einer Jalouſie verſehenes Fenſter erhielt, das auf den Kirchhof hinaus⸗ ging und von einem Taxusbaum beſchattet war. Sein Stuhl war mit Folianten und Quartan⸗ ten umgeben, welche auf den Boden aufgehaͤuft waren, und ſein Tiſch mit Buͤchern und Hand⸗ ſchriften bedeckt. Die Urſach ſeines ploͤtzlichen Verſchwindens war ein Werk geweſen, das er kuͤrzlich erhalten, und mit dem er ſich in Entzuͤcken von der Welt zuruͤckgezogen und ſich eingeſchloſ⸗ ſen hatte, um ungeſtoͤrt litterariſche Flitterwochen zu verleben. Kein Maͤdchen aus der Penſion kann einen empfindſamen Roman, Don Qui⸗ xote nicht ein Ritterbuch gieriger verſchlungen G 2 ⸗ 148 haben, als der kleine Mann jede Seite dieſes koͤſtlichen Buches. Es war Dibdin's bibliogra⸗ phiſche Reiſe*), ein Werk, das eine eben ſo be⸗ rauſchende Wirkung auf die Einbildungskraft lit⸗ terariſcher Alterthumsforſcher haben muß, als die Abenteuer der Helden der Tafelrunde auf alle aͤchte Ritter, oder die Erzaͤhlungen der fruͤ⸗ heren amerikaniſchen Reiſenden auf die unterneh⸗ menden Gemuͤther des Zeitalters, welche dieſe mit Traͤumen von mexicaniſchen und peruani⸗ ſchen Bergwerken und dem goldenen Koͤnigreiche el Dorado erfuͤllten. Der gute Pfarrer hatte dieſer bibliographi⸗ ſchen Expedition, als einer von ungleich groͤßerer Wichtigkeit wie die nach Afrika oder dem Nord⸗ pole unternommenen, entgegengeſehen. Mit wel⸗ cher Begierde hatte er nicht die Geſchichte der Unternehmung zur Hand genommen! Mit welchem Antheil hatte er den gewaltigen Bibliographen und ſeinen zeichnenden Waffentraͤger*) auf ihren abenteuerlichen Streifereien zwiſchen normaͤnni⸗ — *) Das vorletzte Werk dieſes unerſchöpflichen Bibliographen, ſeine Reiſe durch Frankreich und Deutſchland. Ueberſ. **) Hr. Lewis, ein junger Künſtler, den Hr. Dibdin mitgenommen hatte, um alles vorkommende Merkwürdige zu zeichnen. Ueberſ. 149 ſchen Kaſtellen und Kathedralen, franzoͤſiſchen Bi⸗ bliotheken und deutſchen Kloͤſtern und Univerſitaͤ⸗ ten begleitet, wie ſie in die Gefaͤngniſſe der Hand⸗ ſchriften auf Pergament und der herrlich illumi⸗ nirten Meßbuͤcher eingedrungen waren und nun deren Schoͤnheiten der Welt enthuͤllten! Als der Pfarrer ſeine begeiſterte Lobrede Nauf dieſes hoͤchſt merkwuͤrdige und unterhaltende Werk beendigt, nahm er aus einem kleinen Schub⸗ fache eine Handſchrift, die er kuͤrzlich von einem Correſpondenten erhalten und die ihm nicht we⸗ nig zu ſchaffen machte. Sie war in normaͤnni⸗ ſchem Franzoͤſiſch geſchrieben, mit ſehr alten Schriftzuͤgen, und ſo verſchoſſen und verſtockt, daß ſie kaum zu leſen war. Es war dem An⸗ ſchein nach ein alter normaͤnniſcher Trinkgefang, den vielleicht einer von Wilhelm des Eroberers Zechgenoſſen mit hinuͤber gebracht hatte. Die Schrift war gerade noch leſerlich genug, um ei⸗ nen ruͤſtigen Alterthumsjaͤger auf halber Spur zu erhalten; hier und da verlor er ſie ganz, und dann kamen wieder einige ganz deutliche Worte, die ihn abermals auf die Faͤhrte brachten. So war er den ganzen Tag beſchaͤftigt geweſen, bis er endlich ſich voͤllig im Dunkeln befunden hatte. Der Squire ſuchte ihm zu helfen, konnte 150 aber ebenfalls nichts herausbringen. Der alte General hoͤrte eine Zeitlang der Eroͤrterung zu, und fragte dann den Pfarrer, ob er Capitain Morris' oder Georg Stevens' oder Ana⸗ creon Moore's Trinkgeſaͤnge geleſen haͤtte, und ſagte, als der Andere es verneinte, mit einem ſelbſtgefaͤlligen Kopfnicken„o, wenn Sie Trinklie⸗ der haben wollen, kann ich Ihnen mit den neu⸗ ſten Sammlungen aufwarten— ich wußte gar nicht, daß Sie an dergleichen Dingen Geſchmack faͤnden. Ich kann Ihnen auch das Anekdoten⸗ Lexikon leihen. Ich reiſe nie ohne dieſe: es giebt nichts Beſſeres, in einem Gaſthofe zu leſen.“ Es wuͤrde unmoͤglich ſeyn, die erſtaunte und verlegene Miene des Pfarrers bei dieſem An⸗ trage zu beſchreiben, oder, wie ſchwer es dem Squire wurde, dem General begreiflich zu machen, daß, wenn gleich ein luſtiges Lied aus der gegenwaͤrtigen Zeit in den Ohren der Weis⸗ heit wie Thorheit klaͤnge und es unter der Wuͤrde eines Gelehrten ſey, ſich darum zu bekuͤmmern, ein Gaſſenhauer, den ein Trunkenbold vor mehreren Jahrhunderten geſchrieben habe, ein Gegen⸗ ſtand der ernſthafteſten Unterſuchung und im Stande ſey, ganze Colleges*) an einander zu hetzen. *) Auf univerſitäten. Ueberſ. 1⁵¹ Ich habe ſeitdem die Sache hin und her aͤberlegt, und mir gedacht, was denn wohl das Schickſal unſerer Tageslitteratur ſeyn wuͤrde, wenn ſie ſtuͤckweis, von kuͤnftigen Alterthumsfor⸗ ſchern aus dem Staube von Jahrhunderten her⸗ vorgezogen wuͤrde. Wie bedeutend wuͤrde, zum Beiſpiel, Moore*) unter den bedaͤchtigen Geiſt⸗ lichen und beſtaubten Schulmaͤnnern erſcheinen! Seine feſtlichen und Liebes⸗Geſaͤnge, die itzt nur zur Belebung unſerer geſelligen Zuſammenkuͤnfte oder zur Zierde unſerer großen Geſellſchaften die⸗ nen, werden dann gewiß Gegenſtaͤnde muͤhſamer Unterſuchung und genauer Vergleichung werden. Wie mancher ſteife Profeſſor wird bei ſeiner Lampe um Mitternacht ſitzen oder ſein Gehirn zermartern, um den fehlerloſen Text eines Liedes, wie„komm, ſag' mir, ſpricht Roſa, beim trauli⸗ chen Kuß“ herzuſtellen und die Anſpielungen dar⸗ in zu erklaͤren, und wie mancher alte, trockene Buͤcherwurm, unſerm wuͤrdigen kleinen Pfarrer aͤhnlich, wird, nachdem er vergeblich eine ſchlimme Luͤcke in„Fanny von Timmol“ auszufuͤllen verſucht, die Sache in Verzweiflung aufgeben! Aber nicht allein ausgezeichnete Schriftſtel⸗ *) Der Verfaſſer von Lalla Rukh. Ueberf⸗ 1⁵² ler, wie Moore, werden das Oel in der Lampe kuͤnftiger Alterthumsforſcher in Anſpruch nehmen. Mancher armſelige Schmierer, deſſen Werke itzt in den Laͤden der Paſtetenbaͤcker und Kaͤſekraͤmer in Vergeſſenheit begraben worden, wird dann in Bruchſtuͤcken wieder aufſtehen und in gelehrter Unſterblichkeit erbluͤhen. Am Ende, dachte ich, iſt die Zeit denn doch nicht eine ſo unerbittliche Zerſtoͤrerinn, als man gewoͤhnlich glaubt. Wenn ſie niederreißt, ſo baut ſie auch wieder auf, wenn ſie Einen arm macht, ſo bereichert ſie den Andern; ja, ihre Zerſtoͤrungen ſelbſt geben Stoff zu neuen Streitſchriften, und ihr Roſt iſt koſtbarer als die ſchoͤnſte Vergoldung. Unter ihrer plaſtiſchen Hand werden Kleinigkei⸗ ten zu Gegenſtaͤnden von Wichtigkeit, der Unſinn eines Zeitalters wird die Weisheit des andern, die Seichtheit des Witzlings wird zur Gelehr⸗ ſamkeit des Pedanten, und ein alter Heller er⸗ haͤlt durch den Schimmel mehr Werth als eine neue Guinee. e 4 » 4 4 Das Pachterhaus. — 4 Lieb' und Heu 4.* Sind dick geſäet, doch wachſen Diſteln drunter. Beaumont und Fletcher. De Anekdoten, die man mir von Hans Baar⸗ geld Tibbets erzaͤhlte, machten mir ſo viel Ver⸗ gnuͤgen, daß ich Meiſter Simon vor einem oder zwei Tagen bewog, mich nach ſeinem Hauſe zu fuͤhren. Es war ein altvaͤteriſe es Pachterhaus, von Mauerſteinen gebaut und mit ſonderbar ge⸗ ſtalteten Schornſteinen. Es lag in einiger Ent⸗ fernung von der Landſtraße, mit einem Ausgange nach Suͤden auf einen ſanften, gruͤnen Wieſen⸗ abhang hin. Vorn war ein kleiner Garten mit einer Reihe von Bienenkoͤrben, deren Bewohner zwiſchen Beeten von wohlriechenden Kraͤutern und Blumen umherſummten. Reingeſcheuerte Milcheimer, mit glaͤnzenden kupfernen Reifen, hingen an dem Gartenzaune. An der Mauer 8 2 154 des Hauſes waren Fruchtbaͤume emporgezogen und Blumentoͤpfe ſtanden an den Fenſtern. Ein dicker ausgedienter Bullenbeißer lag im Son—⸗ nenſchein vor der Thuͤr, und eine glatte Katze, ruhig ſchlafend, queer uͤber ihn. Hr. Tibbets war, als wir kamen, nicht zu Hauſe, allein ſeine Gattinn empfing uns freund⸗ lich und herzlich. Es war eine ſtattliche, muͤt⸗ terlich ausſehende Frau, und ein vollkommenes Muſter fuͤr alle Ehefrauen. Sie widerſpricht, nach Meiſter Simon's Ausſage, dem ehrlichen Hans nie, thut dabei doch Alles nach ihrem ei⸗ genen Kopfe, und laͤßt ihn nichts thun, wovon ſie nichts weiß. Sie empfing uns in dem beſten Zimmer des Hauſes, einer Art von Wohnzimmer, mit gro⸗ ßen braunen queer uͤber laufenden Balken, auf die Hr. Tibbets Fremde immer mit einigem Stolze aufmerkſam macht und hinzuſetzt, daß man itzt keine ſolche Balken mehr in den Haͤuſern zu ſe⸗ hen bekomme. Die Moͤbel waren altvaͤteriſch, tuͤchtig und glaͤnzend gebohnt, und die Waͤnde mit bunten Kupfern behangen, auf denen die Geſchichte des verlorenen Sohnes dargeſtellt und worauf er in einem rothen Rocke und ledernen Beinkleidern abgebildet war. Ueber dem Kamin — —yy——— — —— —— 155 hing eine Donnerbuͤchſe und ein ungeſtaltes Bild⸗ niß von Hans Baargeld, als junger Mann, das von demſelben Kuͤnſtler angefertigt worden war, der das Wirthshausſchild gemalt hatte, da ſeine Mutter es ſich in den Kopf geſetzt, daß Tib⸗ bets eben ſo gut ein Recht habe, eine Gallerie von Familienbildern zu beſitzen, als die reh⸗ men Leute in der Halle. Die gute Frau drang ſehr in uns, etwas zu uns zu nehmen, und ſuchte uns durch Auf⸗ zaͤhlung einer Menge von Leckerbiſſen zu reizen, ſo daß wir am Ende wenigſtens einige von ihren ei⸗ gengemachten Weinen koſten mußten. Waͤhrend wir da waren, kam der Sohn und Erbe nach Hauſe, ein wohlausſehender junger Mann, der etwas von einem laͤndlichen Elegant an ſich hatte. Er fuͤhrte uns in den Wirthſchaftsgebaͤuden her⸗ um und zeigte uns das ganze Gehoͤft. Alles verrieth einfachen, aber tuͤchtigen Wohlſtand, al⸗ les war von den beſten Stoffen gemacht und in dem beſten Zuſtande. Nichts war am unrech⸗ ten Ort oder ſchlecht gearbeitet, und uͤberall ſah man, daß man hier mit einem Manne zu thun habe, der etwas fuͤr ſein Geld haben wolle, aber auch beim Weggehen bezahle. Der Pachterhof war wohl verſehen; unter 156 einem Schoppen ſtand ein zweiraͤdriger Karrn in guter Ordnung, auf dem Hans Baargeld ſeine Frau in der Nachbarſchaft umherfuhr. Sein wohlgefuͤttertes Pferd wieherte aus dem Stalle und glaͤnzte, als es auf den Hof gefuͤhrt wurde, um mit dem jungen Hans zu reden,„wie eine Flaſchen;—„denn“ ſagte er:„der alte Mann haͤlt darauf, daß alles um ihn her eben ſo gut daran ſey, als er ſelbſt.“ Es machte mir Vergnuͤgen, den Stolz zu bemerken, womit der junge Mann von ſeinem Vater zu ſprechen ſchien. Er erzaͤhlte uns Meh⸗ reres, das ſeine Gewohnheiten betraf und was ziemlich auf das hinaus lief, was ich ſchon oben angefuͤhrt habe. Er haͤtte nie in ſeinem Leben eine Rechnung ſtehen laſſen, immer fuͤr das Geld geſorgt, ehe er etwas gekauft, und wo moͤg⸗ lich in Gold und Silber bezahlt. Er haͤtte ei⸗ nen großen Widerwillen gegen Papiergeld, und ginge ſelten aus, ohne eine bedeutende Summe in Golde bei ſich zu haben. Als ich bemerkte, daß es ein Wunder waͤre, daß er nie angefallen und beraubt worden ſey, laͤchelte der junge Mann bei dem Gedanken, daß irgend Jemand ſo etwas unternehmen koͤnne, denn ich glaube, er haͤlt * 82 — 85 — 8* 157 dafuͤr daß der alte Mann dem Robin Hood und ſeiner ganzen Bande gewachſen ſey. Ich habe ſchon bemerkt, daß Meiſter Si⸗ mon nie ein Haus betritt, ohne eine Menge von Dingen mit einem oder dem andern Mitgliede der Familie zu reden zu haben, da er eine Art von allgemeinem Rathgeber und Vertrauten iſt. Wir waren noch nicht lange im Pachterhauſe, als die alte Dame ihn in eine Ecke der Stube zog, wo ſie lange Zeit mit einander fluͤſterten, wobei ich an ſeinem Achſelzucken bemerkte, daß einige bedenkliche Sachen zur Sprache kamen, und aus ſeinem Kopfnicken ſchloß, daß er allem, was ſie ſagte, ſeinen vollkommenen Beifall gab. Nachdem wir herausgekommen waren, be⸗ gleitete uns der junge Mann eine kleine Strecke weit, zog dann Meiſter Simon auf die Seite in ei⸗ nen gruͤnen Heckengang, und hier gingen Beide wohl eine halbe Stunde lang, im Geſpraͤche, auf und nieder. Meiſter Simon, der die gewoͤhnliche Tugend aller Vertrauten beſitzt, dem naͤchſten Freunde, der ihnen begegnet, Alles wieder zu er⸗ zaͤhlen, was ſie erfahren haben, eroͤffnete mir, daß von einem Liebeshandel die Rede ſey: der junge Mann habe ſich naͤmlich von den Reizen der Phoͤbe Wilkins, der artigen Nichte der Haus⸗ 158 haͤlterinn auf der Halle, feſſeln laſſen. Wie alle Liebeshaͤndel, hatte auch dieſer ſeinen Kummer und ſeine Noth mit ſich gebracht. Frau Tib⸗ bets war lange auf einem ſehr vertrauten Fuße mit der Haushaͤlterinn geweſen, die oft in das Pachterhaus zum Beſuche kam; als aber die Nachbarn von der Moͤglichkeit einer Heirath zwi⸗ ſchen ihrem Sohn und Phoͤbe Wilkins zu ſprechen anfingen, hieß es:„ich dachte gar!“ und Frau Tibbets fand ſchon den Gedanken laͤcherlich. Das Maͤdchen waͤre eine Art von Kammerjung⸗ fer geweſen, und es waͤre ganz unter der Wuͤr⸗ de des Bluts der Tibbets, die ſeit undenkli⸗ chen Zeiten ihren eigenen Heerd gehabt haͤtten, ſich vor Niemanden zu buͤcken brauchten und Niemanden Dank ſchuldig waͤren, wenn ſich der Sohn und Erbe mit einem Dienſtmaͤdchen ver⸗ heirathet haͤtte! Dieſe ſtolzen Redensarten waren der Haus⸗ haͤlterinn durch eine der, mit beiden Frauen wohlbekannten, zwiſchentragenden Freundinnen, treulich hinterbracht worden. Das Blut der Haushaͤlterinn war, wenn auch nicht ſo alt als das der Frau Tibbets, doch eben ſo hitzig. Sie war gewohnt geweſen, in der Halle und un⸗ ter den Dorfbewohnern die Naſe ſehr hoch zu — 159 tragen, und ihr verſchoſſener Brokat rauſchte un⸗ willig uͤber die ſchnoͤde Art, mit der ſich die Frau eines kleinen Pachters uͤber eine Verbindung mit ihr ausgelaſſen hatte. Sie behauptete, ihre Nichte ſey Geſellſchafterinn und nicht Kammermaͤdchen der jungen Damen geweſen.„Sie habe es, dem Himmel ſey Dank, nicht noͤthig, fuͤr Geld zu arbeiten, und koͤnne ſo muͤßig gehen, wie nur irgend eine junge Dame im Lande, und wenn Jemand ſtuͤrbe, ſo bekaͤme ſie etwas, das doch auch der Rede werth ſeyn wuͤrde, ſo gut wie anderer Leute baar Geld.“ Zwiſchen den beiden ehrenwerthen Frauen hat ſich mithin eine bittere Fehde entſponnen, und den jungen Leuten iſt geſagt worden, an einander. nicht mehr zu denken. Was den jungen Hans betrifft, ſo war er zu verliebt, um vernuͤnftige Gruͤnde anzunehmen, und, da er ohnehin etwas hitzkopfig iſt und ſich vor ſeiner Mutter eben nicht ſehr fuͤrchtet, entſchloſſen, die ganze Wuͤrde der Tibbets ſeiner Leidenſchaft aufzuopfern. Er hatte indeß, kuͤrzlich, einen heftigen Streit mit ſeiner Geliebten gehabt, zu welchem eine kleine Koketterie von ihrer Seite Anlaß gegeben, und ſah ſich itzt nicht mit ihr. Die kluge Mut⸗ ter bot alle ihre Kraͤfte auf, den Bruch unheil⸗ 160 bar zu machen; allein, wie es gewoͤhnlich zu ge⸗ ſchehen pflegt, ging es auch hier: je mehr ſie ſich mit dieſer verkehrten Neigung ihres Sohnes zu ſchaffen machte, deſto ſtaͤrker ward ſie. Unterdeſ⸗ ſen ward der alte Baargeld uͤber den ganzen Handel voͤllig im Dunkeln gelaſſen: beide Theile wußten nicht, wie er die Sache nehmen moͤchte, und fuͤrchteten ſich, den ſchlafenden Loͤwen zu wecken. So ſtand nun die ehrenwerthe Frau Tibbets zwiſchen Vater und Sohn da, hatte alle Haͤnde voll zu thun, und wußte nicht, was ſie anfangen ſollte. Es iſt wahr, daß eben keine große Gefahr da war, daß der ehrliche Baargeld von ſelbſt hinter die Sache kommen werde, denn er war, an und fuͤr ſich, durchaus nicht argwoͤh⸗ niſcher Gemuͤthsart und nichts weniger als ſchlau, allein man mußte taͤglich fuͤrchten, daß die Spinn⸗ weben, die ſeine unermuͤdliche Frau ihm beſtaͤndig um die Naſe zog, endlich einmal ſeine Aufmerk⸗ ſamkeit erregen wuͤrden. Dieß iſt der zerruͤttete politiſche Zuſtand des haͤuslichen Reiches Hans Baargeld's, woraus man ſehen kann, welche Intriguen in den beſtgeleite⸗ ten Regierungen obwalten, und welchen inneren Gefahren ſie ausgeſetzt ſind. In dieſer verwickel⸗ —— 161 ten Lage der Dinge haben Mutter und Sohn den Meiſter Simon zu Rathe gezogen. Bei aller ſeiner Erfahrung in der Leitung von ande⸗ rer Leute Angelegenheiten, findet dieſer aber es ſehr ſchwer, mit beiden Parteien fertig zu wer⸗ den, da er ſieht, daß beider Anſichten und Wuͤnſche ſich ſchnurſtracks zuwider laufen. Reitkunſt. Eine Kutſche wurde damals für ein ſeltſames Thier gehalten, und der Anblick einer ſolchen ſetzte Pferde und Menſchen in das größte Erſtaunen. Einige behaupteten, es ſey eine große Krebsnaſe, die aus China gekommen ſey, und 1 Einige meinten, es ſey einer von den heidniſchen Tem⸗ peln, worin die Cannibalen den Teufel verehrten. 3 Taylor, der Waſſerdichter.*) Io habe, mehr als einmal, zufaͤllig eines der alten Diener des Squire gedacht, des alten Chriſty, des Jaͤgers. Ich finde, daß ſeine wun⸗ derlichen Launen fuͤr die jungen Maͤnner in der Familie eine reiche Quelle der Unterhaltung ſind, beſonders aber macht ſich der Oxforder Student zuweilen das boshafte Vergnuͤgen, den alten Mann in Harniſch zu bringen und dann wieder t *) Ein Dichter aus dem Anfange des 17ten Jahrhunderts, der dieſen Namen führte, weil er ſeines Gewerbes ein Boots⸗ mann war. Uevberſ. — 163 gut zu machen, denn der alte Kerl wird bald ſo ſtachelig, wie ein verfolgter Igel. Er reitet ein altes ehrwuͤrdiges Jagdpferd, Pfeffer genannt, der ein Seitenſtuͤck zu ihm ſelbſt iſt, ein ſtoͤrri⸗ ges, widerſpaͤnſtiges Thier, das aus lauter Aer⸗ ger nie fett geworden iſt, beißt, ſchlaͤgt und alle moͤgliche ſchlechte Angewohnheiten hat. Er iſt ſo zaͤhe und beinah eben ſo alt, als der Reiter, der ihn ſeit undenklichen Zeiten geritten hat und auch der einzige iſt, der noch etwas mit ihm an⸗ fangen kann. Zuweilen aber haben ſie einen foͤrmlichen Zank mit einander und ſtreiten ſich um die Oberherrſchaft, und dann ſoll es ein wah⸗ res Poſſenſpiel ſeyn, die Hitze zu ſehen, in die Beide gerathen, und den hartnaͤckigen Kampf, der darauf folgt, denn ſie kennen ſich mehr als zu gut und ſind in der Kunſt, einander zu plagen und zu aͤrgern, ſehr wohl erfahren. Dieſer mann⸗ haften Fehden ungeachtet, kann doch nichts den alten Chriſty leichter aufbringen, als wenn man die Vorzuͤge ſeines Gauls in Zweifel zieht, und dieſe verficht er mit eben ſo großer Hartnaͤckig⸗ keit, als ein treuer Gatte die Tugenden einer zaͤnkiſchen Ehefrau, die ihm jeden Abend eine Gar⸗ dinenpredigt haͤlt. Die jungen Leute nennen den alten Chriſty 164 ihren„Profeſſor der Reitkunſt.“ Sie gaben mir eine Erklaͤrung dieſes Namens, und bei der Ge⸗ legenheit erhielt ich zugleich noch einige Aufſchluͤſſe uͤber die Erziehungsart des alten Squire. In allen Anſichten meines wackern Wirthes liegt ein Gemiſch von Ueberſpannung und geſundem Men⸗ ſchenverſtand. Sein Gemuͤth iſt wie das neuere gothiſche Weſen, wo neben gewoͤhnlichem Mauer⸗ werk Spitzbogen und allerhand Schnoͤrkelwerk vorkommen. Wenn gleich die Grundlage ſeiner Anſicht richtig iſt, ſo hat er doch tauſend kleine Grillen, die er aus alten Buͤchern geſchoͤpft hat und die uͤber die Oberflaͤche ſeines Geiſtes gar ſonderbar hinausragen. So waͤhlte er bei der Erziehung ſeiner Soͤhne Peacham, Markham) und dergleichen alte engliſche Schriftſteller zu Fuͤhrern. Schon fruͤh nahm er die Knaben aus den Haͤnden der Mut⸗ ter, die, wie alle Muͤtter, huͤbſche, artige Kinder aus ihnen machen wollte, die weder in den Re⸗ gen noch in die Sonne gingen, ſich nie die Haͤnde beſchmutzten und die Kleider zerriſſen. Statt deſſen ließ ſie der Squire frei und wild im Park *) Schriftſteller aus dem 16ten und 17ten Jahrhundert, die über Erziehung junger Edelleute, ritterliche Uebungen und dergleichen geſchrieben haben. Ueberſ. 165 umherlaufen, ohne auf Wind und Wetter zu achten. So ſah er auch darauf, daß ſie bald dreiſte und gewandte Reiter wuͤrden, und damals war es, wo der alte Chriſty, der Jaͤger, eine ungemein wichtige Rolle ſpielte, da ihm die Kna⸗ ben anvertraut wurden, um ſie ſetzen zu lehren, und bei der Jagd ein wachſames Auge auf ſie zu haben. Der Squire wollte nie leiden, daß ſie ſich irgend eines Fuhrwerkes bedienten, und haͤlt noch itzt immer etwas darauf. Er eifert oft gegen den allgemeinen Gebrauch der Kutſchen, und fuͤhrt zu ſeiner Rechtfertigung die Worte des ehrlichen Naſhe an.„Es wurde,“ ſagt Naſhe in ſei⸗ ner Quaternio*),„fuͤr eine Art von Verſtoß, fuͤr eine Verweichlichung gehalten, wenn ein jun⸗ ger Mann in der Bluͤthe ſeines Alters in eine Kutſche kroch und ſich ſo gegen Wind und Wet⸗ ter verwahrte. Unſer großes Vergnuͤgen war, dem wilden Boreas auf einem großen Pferde Trotz zu bieten; es war unſere Luſt und unſer Zeitver⸗ treib, uns zu waffnen und mit Mars und Bel⸗ *)„Quaternio, oder ein vierfacher Weg zu einem glück⸗ lichen Leben; in einem Geſpräch zwiſchen einem Landmann und einem Bürger, einem Gottesgelehrten und einem Wund⸗ arzt.“ London, 1633. Ueberſ. 166 lonen ins Feld zu ziehen. Kutſchen und Wagen aͤberließen wir denen, fuͤr die ſie erfunden wur⸗ den, fuͤr zierliche Damen und Herren, das hin⸗ faͤllige Alter und unvermoͤgende Leute.“ Der Squire behauptet ſteif und feſt, daß die Englaͤnder ſeit der Einfuͤhrung der Kutſchen ſehr viel von ihrer Kraͤftigkeit und Mannhaftigkeit verloren haben.„Man vergleiche einmal,“ pflegt er zu ſagen:„den Mann von gutem Ton aus fruͤheren Zeiten, der immer zu Pferde, geſtiefelt und geſpornt, beſtaubt, aber offen, frei, mannhaft und ritterlich war, mit dem itzigen Mann von Bildung, wie er, ganz Ziererei und Weichlichkeit, in ſeinem uͤppigen Wagen, vor den Chauſſeehaͤu⸗ ſern voruͤber rollt. Die jungen Leute jener Zeit wurden dadurch, daß ſie faſt nur im Sategl leb⸗ ten und ihre ſchaͤumenden Roſſe„wie ſtolze Meere unter ſich hatten“ brav, hochſinnig und edelmuͤ⸗ thig. Es liegt,“ fuͤgt er hinzu,„etwas, das einen Mann zu mehr als einem Sterblichen macht, in dem Gefuͤhl, ein ſchoͤnes Pferd zu beſteigen. Er ſcheint ſein eigenes Weſen verdoppelt und ſeinem eigenen Muthe und ſeinem Scharffinn, die Kraft, die Eile und die Stattlichkeit des herrlichen Thie⸗ res, das er reitet, hinzugefuͤgt zu haben.“ „Es gewaͤhrt ein wahres Vergnuͤgen“ ſagt der 1 ——— ——— 167 alte Naſhe,„einen jungen Mann durch Stim⸗ me, Gerte und Sporn, den großen Bucephalus beſſer lenken und regieren zu ſehen, als es der ſtaͤrkſte Milo, mit aller ſeiner Staͤrke thun koͤnnte, wie er ihn bald im Kreiſe Schritt gehen, traben und galopiren laͤßt, bald zuſammen⸗ nimmt, den Kopf gerade tragen laͤßt, bald zum ſchnellſten Laufe antreibt, ploͤtzlich wieder an⸗ haͤlt, ihn bald vorwaͤrts gehen, ſich baͤumen, zu⸗ ruͤcktreten, ſeitwaͤrts gehen, nach beiden Seiten wenden, den kurzen Galopp, die Kapriole, Cham⸗ bette und Courbetten machen laͤßt.“ Dieſen Anſichten gemaͤß brachte der Squire ſeine Kinder ſchon fruͤh auf das Pferd, und ließ ſie uͤber Stock und Block durch das Land reiten, ohnesdeß ſſie ſi ſich, zur augenſcheinlichen Gefahr ihrer Haͤlſe, an Hecken, Graͤben oder ſteinerne Mauern gekehrt haͤtten. Selbſt auf die ſchoͤne Julie ward dieſes Syſtem zum Theil ausgedehnt, und ſie iſt, in des alten Chriſty Schule, eine der beſten Reiterinnen in der Grafſchaft geworden. Der Squire meint, dieſe Bewegung ſey beſſer als alle Schoͤnheitsmittel und wohlriechenden Sa⸗ chen, die je erfunden worden ſeyen. Er preiſ't die Vorliebe der Frauen aus fruͤheren Zeiten fuͤr das Reiten, als noch die Koͤniginn Eliſabeth ſich 168— kaum vom Regen abhalten ließ, ihren gewoͤhnli⸗ chen Ritt fortzuſetzen.„Und dann bedenkt ein⸗ mal,“ pflegt er zu ſagen,„wie edel und angenehm die Frauen dadurch erſchienen. Was fuͤr ein Unterſchied muß, geiſtig und koͤrperlich genom⸗ men, zwiſchen einer muntern, hochſinnigen Dame jener Zeit, ſtrahlend von Geſundheit und Be⸗ wegung, von jeder wehenden Luft erfriſcht, leicht und zierlich im Sattel ſitzend, mit Federn auf dem Kopfe und dem Falken auf der Hand, und ihren Abkoͤmmlingen von itzt, den bleichen Opfern der Aſſembleen und Baͤlle, ganz entkraͤftet in eine Ecke ihres entnervenden Wagens geſun⸗ ken, ſeyn!“ Des Squire Reitſyſtem hat großen Erfolg gehabt, denn ſeine Soͤhne, welche die ganze Schule durchgemacht haben, ohne ſich einige Glieder oder den Hals zu brechen, ſind itzt geſund, lebendig und thaͤtig, und haben die wahre engliſche Vor⸗ liebe fuͤr die Pferde. Wenn man, in Gegenwart ihres Vaters, ihre Mannhaftigkeit und Offen⸗ heit lobt, ſo beruft er ſich auf den alten perſiſchen Grundſatz und ſagt:„er habe ſie gelehrt, zu rei⸗ ten, zu ſchießen und die Wahrheit zu reden.“ Wahr iſt es, daß der Oxforder Student die Grundſaͤtze des alten Herrn etwas zu buchſtaͤblich be⸗ 169 befolgt hat. Er iſt ein luſtiger junger Menſch, der die Pferde lieber als die Buͤcher hat, und ſich etwas zur Stutzerei hinneigt, wenn gleich die Damen einſtimmig erklaͤren, daß er„die Krone der Flor ſey.“ Im erſten Jahre, wo er in Orford war, hatte er einen Hofmeiſter, der auf ihn Acht geben ſollte, eine Art von trockenem Spahn aus dem großen Stamme der Univerſi⸗ taͤt. Als der junge Mann in den Ferien nach Hauſe kam, that der Squire mehrere Fragen an ihn, wie ihm ſein Collegium, ſeine Studien und ſein Hofmeiſter behagten. „Ja, was den Hofmeiſter betrifft, Vater, ſo habe ich den ſchon vor einiger Zeit gehen laſſen.“ So! und darf man wiſſen, warum? „Ja, Vater, die Jagd war in unſerm Colle⸗ gium ſo ſehr Mode geworden, und ich hatte nicht uͤberfluͤſſig Geld: da verabſchiedete ich denn den Hofmeiſter und ſchaffte ein Pferd an.“ Hm, das wußte ich nicht, Tom,— ſagte der Squire ganz ſanft. Als Tom wieder zu ſeinem Collegium zu⸗ ruͤckkehrte, bekam er doppelt ſo viel als vorher, um Pferd und Hofmeiſter halten zu koͤnnen. ———ʒ— 1 9 Liebesanzeichen. Ich will itzt anfangen zu ſeufzen, Gedichte zu leſen, bleich auszuſehen, nett einher zu gehen, und ganz augenſchein⸗ lich verliebt zu ſeyn. Marſton. — Es wuͤrde mich gar nicht wundern, wenn wir noch ein Paar Turteltauben auf der Halle be⸗ kaͤmen, denn Meiſter Simon hat mir, ganz un⸗ ter der Hand, anvertraut, daß er glaube, der General gehe mit einem Plan auf das empfaͤng⸗ liche Herz der Lady Lillycraft um. In der That habe ich bei dem Veteran eine zunehmende Aufmerkſamkeit und Zuvorkommenheit gegen Ihro Herrlichkeit bemerkt: er wird in ihrer Geſellſchaft ungleich milder, ſitzt neben ihr bei Tiſche, und unterhaͤlt ſie mit langen Geſchichten von Se— ringapatam und drolligen Anekdoten aus dem Mulligatawney⸗Club. Ich habe ſogar be⸗ merkt, daß er ihr, mit der verbindlichſten Galan⸗ 171 terie, eine aufgebluͤhte Roſe aus dem Treibhauſe uͤberreichte, die ſie mit großer Anmuth und Leut⸗ ſeligkeit annahm, denn Ihro Herrlichkeit laͤßt ſich gern die Huldigungen des andern Geſchlechts darbringen. Der General war einer der fruͤhſten Be⸗ wunderer, die, waͤhrend des kurzen Reiches ihrer Schoͤnheit, ihrem Triumphwagen folgten, und ſie hatten vor 30 oder 40 Jahren in London, eine ganze Jahreszeit lang, ein zaͤrtliches Verſtaͤndniß. Sie erinnerte ihn neulich, als ſie ſich mit einander von vergangenen Tagen unterhiel⸗ ten, an die Zeit, wo er einen Schimmel zu rei⸗ ten pflegte und ſo galant neben ihrem Wagen in Hyde⸗Park herritt. Seitdem habe ich bemerkt, daß der Veteran ſie regelmaͤßig begleitet, wenn ſie einen Spazierritt macht, und ich glaube wirk⸗ lich, er bildet ſich ein, daß er noch eben ſo einnehmend ausſehe, als in ſeinen Jugendtagen. Es wuͤrde ein anziehender und merkwuͤrdi⸗ ger Umſtand in den Jahrbuͤchern Cupido's ſeyn, wenn dieſer Funken einer zaͤrtlichen Neigung, nachdem er eine ſo lange Zeit geſchlafen, auf ein⸗ mal aus der Aſche zweier ausgebrannter Herzen in helle Flammen aufſchluͤge. Er wuͤrde ein Bei⸗ ſpiel dauernder Treue gewaͤhren, das einen wuͤr⸗ . H 2 8 172 digen Platz neben denen finden wuͤrde, die in ei⸗ nem der Lieblingsbuͤcher des Squire verzeichnet ſind, worin die Beſtaͤndigkeit der alten Zeiten ge⸗ ruͤhmt wird, in welchen Zeiten, wie man uns er⸗ zaͤhlt,„Maͤnner und Frauen ſieben Jahre ſich ge⸗ liebt, und keine unreinen Triebe zwiſchen ihnen waren, und es wahre Liebe, Aufrichtigkeit und Treue gab: und ſo ward die Liebe zu Koͤnig Ar⸗ thur's Zeiten gepflogen.)** Dieß kann indeß nichts weiter, als etwas ehrwuͤrdige Galanterie ſeyn, da der General ein alter Damenknecht, und die gute Lady an dieſe Art von Aufmerkſamkeit gewoͤhnt iſt. Meiſter Simon glaubt dagegen, der General blicke mit dem ſcharfen Auge eines alten Kriegshelden um ſich, und ſehe ſich, da er auf dem Ruͤckzuge be⸗ findlich ſey, nach guten, warmen Winterquartie⸗ ren um. Sehr viel muß aber auch auf die Un⸗ ruhe gerechnet werden, die Meiſter Simon bei dem allen empfindet, denn er betrachtet Lady Lillycraft's Haus, wie eines ſeiner feſten Plaͤtze, wo er Herr und Meiſter iſt, und ich weiß nicht, ob es ihm, bei aller ſeiner Bewunderung des *) La morte d'Arthur.(Einer der älteſten engliſchen Rit⸗ tzerromane.) Vf. 173 Generals, ganz recht ſeyn wuͤrde, ihn ſowohl im Beſitze der Dame als des Hauſes zu ſehen. Einige andere Kennzeichen moͤchten indeß Meiſter Simon's Andeutungen wohl einige Wahrſcheinlichkeit geben. So habe ich, zum Bei⸗ ſpiel, bemerkt, daß der General die Hunde Ihro Herrlichkeit mit ungemeiner Aufmerkſamkeit be⸗ handelt, und mehrere Male, bei einem Verſuche Beauty auf den Kopf zu ſtreicheln, ſeine Hand augenſcheinlich in Gefahr gegeben hat. Es iſt zu hoffen, daß ſeine Beſtrebungen um die Gebie⸗ terinn eine beſſere Aufnahme finden moͤgen, da alle ſeine Annaͤherungen zu einer Liebkoſung von dem verteufelten kleinen Klaͤffer mit argwoͤhniſch rollendem Auge und einem giftigen Brummen bewillkommnet werden⸗ Auch gegen die Kammerfrau der Lady, die unbefleckte Mrs. Hannah, von der er ſonſt auf eine Art zu ſprechen pflegte, die ich gar nicht weiter erwaͤhnen mag, iſt er itzt ſehr gefaͤllig. Ob ſie nun ihn in eben dem Verdacht hat, wie Meiſter Simon, kann ich nicht ſagen; ſo viel iſt indeß gewiß, daß ſie ſeine Hoͤflichkeiten unge⸗ faͤhr eben ſo gut aufnimmt wie die unverſoͤhn⸗ liche Beauty, ihren Mund zu einem hoͤchſt ſauern Laͤcheln zuſammenzieht, und dazu ausſieht, 174 als ob ſie ihn beißen wollte. Kurz, der arme General ſcheint eben ſo gefaͤhrliche Feinde zu be⸗ kaͤmpfen zu haben, als ein Held in den alten Feenmaͤrchen, der ſich durch furchtbare Ungeheuer aller Art einen Weg zu ſeiner Prinzeſſinn bah⸗ nen und allen Schreckniſſen von Schwefel und Feuer eines Drachen, Trotz bieten mußte. Noch giebt es einen Umſtand, der mich dazu veranlaſſen moͤchte, Meiſter Simon's Verdacht fuͤr nicht ganz ungegruͤndet zu halten. Lady Lillycraft fuͤhrt ſehr gern Stellen aus Gedich⸗ ten an, und wenn die Unterhaltung ſich darauf wendet, ſo iſt der General gaͤnzlich auf dem Trock⸗ nen. Vor einigen Tagen kam die Rede auf Spenſer's Feenkoͤniginn; ſie gab den groͤßern Theil des Morgens uͤber den Stoff zum Ge⸗ ſpraͤch, und der arme General ſaß ganz ſtill da. Nicht lange nachher fand ich ihn in der Biblio⸗ thek, mit der Brille auf der Naſe und einem Buche in der Hand feſt eingeſchlafen. Als ich mich naͤherte, erwachte er, ſchob haſtig die Brille in die Taſche, und fing an mit großer Aufmerk⸗ ſamkeit zu leſen. Nach einer kleinen Weile legte er ein Zeichen in das Buch und ſtellte dieß weg. Es war die Feenkoͤniginn. Ich bin ſo neugierig geweſen, nachzuſehen, wie weit er in ſeinen poe⸗ 4 175 tiſchen Studien gekommen iſt: obgleich ich ihn aber haͤufig mit dem Buche in der Hand gefun⸗ den habe, ſo iſt doch das Zeichen nicht weiter als etwa drei oder vier Seiten vorgeruͤckt, da der General ſehr leicht einſchlaͤft, wenn er zu leſen anfaͤngt. Falknerei. — Kein Falk, der auf der Stange je geſeſſen, Er ſteige hoch, er ſchleife niedrig an: Ich kenne ſeinen Flug, ich weiß ihn abzumeſſen; Ich weiß, was er erjagt, und was ihm frommen kann. Spenſer. Es giebt Manches, deſſen Verfall der wuͤrdige Squire geradezu der Ausbildung der Geſellſchaft und der traurigen Vermehrung unſrer Kennt⸗ niſſe beizumeſſen pflegt: nichts aber bejammert er haͤufiger, als die ungluͤckliche Erfindung des Schießpulvers. Auf dieſe fuͤhrt er beſtaͤndig das Verſchwinden irgend einer Lieblingsſitte, ja, den gaͤnzlichen Untergang aller ritterlichen und roman⸗ tiſchen Gebraͤuche zuruͤck.„Die engliſchen Solda⸗ ten,“ ſagt er,„ſind bei weitem nicht mehr die Leute, die ſie waren, als ſie noch die Armbruſt und den großen Bogen fuͤhrten, als ſie ſich noch auf die Staͤrke ihres Arms verließen, und der engliſche Bogenſchuͤtz einen ellenlangen Pfeil bis an die — 177 Spitze zuruͤckziehen konnte.“” Dieß waren die Zei⸗ ten, wo bei den Schlachten von Creſſy, Poi⸗ tiers und Agincourt, die Bluͤte der franzoͤſi⸗ ſchen Ritter gaͤnzlich durch die engliſchen Bogen⸗ ſchuͤten aufgerieben wurde. Auch die Traban⸗ ten ſind itzt nicht mehr, was ſie waren, als ſie noch, in Friedenszeiten, fortdauernd im Bogenſchie⸗ . ßen geuͤbt wurden, und dieß ein Lieblingszeitver⸗ treib in den Feſttagen war. Zu den andern Uebeln, welche aus der un⸗ gluͤcklichen Erfindung des Schießpulvers entſprun⸗ gen ſind, rechnet der Squire auch den gaͤnzlichen Verfall der edlen Kunſt der Falknerei.„Die Jagd mit dem Schießgewehr,“ ſagt er,„iſt eine hinterliſtige, verraͤtheriſche, einſame Vergnuͤgung: dagegen war die Falkenbeize eine wackere, offene, das Tageslicht nicht ſcheuende Ergoͤtzlichkeit: es war die Erhebung des edlen Waidwerks zum Himmel.“ Ueberdieß war es, nach Brathwaite's Aus⸗ ſage*) die ſtattliche Beluſtigung hoher und auf⸗ ſtrebender Gemuͤther, denn, wie das alte welſche Sprichwort ſagt, konnte man damals einen Mann von Geburt an ſeinem Falken, ſeinem Pferde und ſeinem Jagdhund erkennen. In der That —— *) In ſeiner Times treasury(Schatz der Zeit, oder Aka⸗ demie zur Ausbildung engliſcher junger Herren) 1656. Uebſ. 178 ſah man einen Cavalier ſelten ohne ſeinen Falken auf der Hand, und ſelbſt eine Frau von Stande glaubte, wenn ſie ausritt, ſich nicht vollſtaͤndig aus⸗ geſtattet, wenn ſie nicht ihren Gentil⸗Falken“) an den Riemen auf ihrer zarten Hand hielt. Es wurde in jenen herrlichen Tagen, einem alten Schriftſteller zufolge, fuͤr vollkommen hinreichend gehalten, wenn ein Edelmann ordentlich in das Horn ſtoßen und ſeinen Falken tragen konnte. Studiren und Lernen aber ward den Kindern ge⸗ meiner Leute uͤberlaſſen. Da ich des guten Squire Steckenpferd kenne, ſo hat es mich gar nicht gewundert, daß er, un⸗ ter den verſchiedenen Ergoͤtzlichkeiten aus fruͤhe⸗ ren Zeiten, die er in der kleinen Welt, in der er herrſcht, wieder einzufuͤhren geſucht, auch der edlen Kunſt der Falknerei große Aufmerkſamkeit ge⸗ ſchenkt hat. Hierbei hat ihm natuͤrlich ſein un⸗ ermuͤdlicher Mithelfer, Meiſter Simon, treu⸗ lich beigeſtanden, und ſelbſt der Pfarrer hat uͤber ihre Beſtrebungen, durch mehrere Fingerzeige uͤber den Gegenſtand, die er in alten engliſchen Wer⸗ ken gefunden, ein bedeutendes Licht verbreitet. Was das koͤſtliche Werk der Dame Juliane *) So nennt man alle die Falken, welche vom 15ten Juni bis 15ten September gefangen worden ſind. Ueberſ⸗ —ᷓ́ Barnes*), Markham's Akademie der Leute von Ton, und die uͤbrigen wohlbekannten Abhand⸗ lungen betrifft, welche den alten Jagdliebhabern zu Handbuͤchern dienten, ſo wiſſen ſie ſie halb auswendig; ganz beſonders haben ſie aber eine alte, im Hauſe befindliche Tapete ſtudirt, auf wel⸗ cher eine Geſellſchaft von Cavalieren und ſtattli⸗ chen Edelfrauen, mit Waͤmſern, Baretten und wehenden Federn, zu Pferde, und von Bedienten zu Fuß, ganz in lebendiger Verfolgung des edlen Waidwerks begriffen, abgebildet iſt. Der Squire hat es in ſeiner Gegend ver⸗ boten, irgend einen Falken zu toͤdten, giebt aber eine reichliche Belohnung fuͤr jeden, der ihm le⸗ bendig gebracht wird, ſo daß die Halle mit allen Arten von Raubvoͤgeln wohl verſehen iſt. An dieſen haben ſowohl er als Meiſter Simon ihre Geduld und Erfindungskraft erſchopft, um ſie, wie man es nennt, ſtoßen zu lehren und ſie zur Jagd abzurichten, allein ſie haben nichts als Verdruß und Aerger davon gehabt. Die ge⸗ fiederten Schuͤler haben ſich auf das allerun⸗ lenkſamſte und widerwaͤrtigſte gezeigt, auch macht *) Ueber Falknerei, Jagd und Fiſchfang Die erſte Aus⸗ gabe deſſelben, in St. Albans 1481 gedruckt, gehört zu den älteſten Denkmalen der engliſchen Buchdruckerkunſt. Ueberſ. 4 8 180 es ihnen nicht wenig Muͤhe, die Leute abzurich⸗ ten, die als Unterlehrer unter ihnen dienen und die widerſpaͤnſtigen Voͤgel unter ihre unmittelbare Aufſicht nehmen ſollten. Der alte Chriſty und der Wildhuͤter widerſetzten ſich einſt ganz geradezu die⸗ ſem Erziehungsplan. Chriſty hatte es ſehr geaͤrgert, eine ſolche— wie er ſie nennt— wilde Gaͤnſejagd auf eine Stufe mit einer Fuchsjagd geſtellt zu ſehen, und der Wildhuͤter iſt immer gewohnt geweſen, Fal⸗ ken als arge Wilddiebe zu betrachen, die man nie⸗ derſchießen und zu Aller Schrecken an die Thuͤ⸗ ren der Wirthſchaftsgebaͤude annageln muͤſſe. Chriſty hat ſich endlich dazu bequemt, Hand an die Sache zu legen, aber durch ſein Dazukom⸗ men nur noch mehr verdorben. Er iſt hiebei eben ſo eigenſinnig und ſtoͤrriſch, als bei der Jagd. Meiſter Simon iſt mit ihm in beſtaͤndigem Streit uͤber das Fuͤttern und Aufziehen der Fal⸗ ken. Er lieſ't ihm lange Stellen aus den oben angefuͤhrten Schriftſtellern vor, aber Chriſty⸗ der nicht leſen kann, hat eine tiefe Verachtung gegen alle Buͤchergelehrſamkeit, und beſteht darauf, die Falken nach ſeinen Anſichten zu behandeln, welche ſich auf die Erfahrungen gruͤnden, die er in fruͤhern Jahren bei dem Aufziehen der Kamf⸗ haͤhne gemacht hat. 181 Die Folge davon iſt, daß zwiſchen dieſen beiden, einander ganz widerſprechenden Syſtemen, die armen Voͤgel eine ſehr truͤbſelige, ungluͤckliche Zeit haben. Viele ſind die Opfer von Chriſty's Fuͤtterung und Meiſter Simon's Kuren ge⸗ worden, denn der Letztere iſt kunſtmaͤßig zu Werke gegangen, und hat ſie, wie es in den Buͤchern vorgeſchrieben ſteht, den Magen raͤumen laſſen und dergleichen. So ſind die ungluͤcklichen Fal⸗ ken gewiß nie gefuͤttert und curirt worden. An⸗ dere ſind verloren gegangen, weil ſie nur halb abgerichtet waren, verſtießen ſich, als ſie in das Freie gebracht wurden, und kamen nie wieder in die Schule zuruͤck. Alle dieſe Unannehmlichkeiten hat ſich der Squire, wenn ſie gleich nur unbedeutend waren, ſehr zu Herzen genommen, und verzweifelte ſchon an dem gluͤcklichen Erfolge. Seine Hoffnungen ſind in⸗ deſſen kuͤrzlich dadurch wieder belebt worden, daß er einen ſchoͤnen welſchen Falken bekommen hat, den Meiſter Simon einen ſtattlichen leichten Vogel nannte. Er iſt ein Geſchenk von dem Freunde des Squire, Sir Watkyn Williams Wynne*), und iſt ohne Zweifel ein Abkoͤmm⸗ *) Dem itzigen Parliamentsgliede für die Graſlan Den⸗ 8 bigh in Wales Ueberſ. 8 182 ling irgend einer alten Linie welſcher Luftfuͤrſten, die ſeit langer Zeit ihr Wolkenkoͤnigreich, von Wynnſtay bis zu dem Gipfel des Snow⸗ den, an dem Saume von Penmanmawr, be⸗ herrſcht haben.*) Seitdem der Squire dieß unſchaͤtzbare Ge⸗ ſchenk erhalten, hat eine ſo große Ungeduld, hinaus ins Freie zu gehen und einen Verſuch damit zu machen, ſich ſeiner bemeiſtert, wie Don Quigxote ſie nur gehabt haben kann, ſeine Waf⸗ fen zu verſuchen. Man hat ihm zwar eingewen⸗ det, daß man erſt ſehen muͤſſe, ob der Vogel auch geſund und gehoͤrig abgerichtet ſey, allein dieſe Einwendungen haben dem brennenden Verlangen weichen muͤſſen, ein neues Spielwerk zu brau⸗ chen, ſo daß man ſich entſchloſſen hat, mag es nun recht oder nicht recht, die Jahreszeit oder nicht ſeyn, morgen eine foͤrmliche Falkenjagd zu veranſtalten.. Die Halle iſt, wie immer, wenn der Squire wiederum einen Ritt auf ſeinem Steckenpferde verſuchen will, in vollkommnem Aufruhr. Miß *) Wynnſtay iſt der Landſitz des Sir W. W. Wynne. Der Snowden iſt der höchſte Berg in Wa⸗ les, und Denmanmaur eine hohe am Meere gelegene Felswand, im nördlichen Theile dieſer Provinz. Ueberſ. * —õx‧ 183 Templeton, die in großer Achtung vor allen Launen ihres Vormundes erzogen iſt, hat erklaͤrt, von der Partie ſeyn zu wollen, und Lady Lil⸗ lycraft hats ebenfalls geaͤußert, daß ſie auf den Kampfplatz hinausreiten und eine Zuſchauerinn abgeben werde. Dieß hat dem alten Herrn un⸗ gemein viel Vergnuͤgen gemacht: er betrachtet es als eine guͤnſtige Vorbedeutung fuͤr das Wieder⸗ aufleben der Falknerei, und zweifelt nicht mehr, daß die Zeit wieder kommen werde, wo eine Edel⸗ frau ſtolz darauf war, ſtatt eines Papageyen oder eines Schooßhundes, einen Falken umher zu tragen. Ich habe mich an den geſchaͤftigen Zuruͤ⸗ ſtungen des unruhigen Geiſtes, Meiſter Simon, ſo wie an den beſtaͤndigen Querſtrichen, die der alte Hitzkopf, Chriſty, ihm macht, ungemein er⸗ goͤtzt. Sie haben ein halbes Dutzend Berath⸗ ſchlagungen daruͤber gehalten, wie der Falk auf die morgende Jagd vorbereitet werden muͤſſe. Der alte Nimrod iſt, wie gewoͤhnlich, dabei in Eifer gerathen, ſo daß Meiſter Simon alles zugegeben und gutmuͤthig geſagt hat„nun, nun, wie Ihr es fuͤr gut findet, Chriſty, werdet nur nicht hitzig“; eine Antwort, die den alten Mann immer zehn Mal mehr als alles andere aͤrgert. 4 Die Falkenjagd. Der Falke hebt ſich von der Fauſt: Es ſtreift durch Feld und Flur Der Jäger ſeinem Vogel nach, Zu finden ſeine SSpur6. und wenn er ſeinen Falken ſieht, Hört ſeiner Schellen Klang, So ruft er freudig ſein ho ho! Den ganzen Wald entlang. 2 Robinſon's Handvoll ſangeuehnler Vergnü⸗ gungen(1584). 4 8 8 Schon fruͤh am Morgen war die Halle in Be⸗ wegung, und mit Zubereitungen zur heutigen Jagd beſchaͤftigt. Mit Sonnenaufgang hoͤrte ich Meiſter Simon unter meinem Fenſter pfeifen und ſingen, waͤhrend er die Riemen fuͤr die Beine des Falken in Ordnung brachte, und konnte dann und wann eine Strophe aus ei⸗ nem ſeiner alten Lieblingslieder unterſcheiden. 4 * —— —— Zur Erbſenzeit, wenn's Huͤfthorn laut Des Rehbocks Tod verkuͤndet, Der Knabe mit der Rohrflͤt' dort Die Wollenheerde weidet. Ein tuͤchtiges, durch einen Ueberfluß von kalten Speiſen verſtaͤrktes Fruͤhſtuͤck, wurde in dem großen Saale aufgetragen. Die ganze, aus Bedienten und Mitlaͤufern beſtehende Beſatzung war in Bewegung, verſtaͤrkt durch Muͤſſiggaͤn⸗ ger aus dem Dorfe. Die Pferde wurden vor der Thuͤr auf und ab gefuͤhrt: Jeder hatte et⸗ was zu ſagen und etwas zu thun, und hierhin und dorthin zu laufen. Ein furchtbares Hunde⸗ gebell erhob ſich, da einige von denen, die uns begleiten ſollten, ungeduldig wurden; andere aber, die zu Hauſe bleiben ſollten, mit der Peitſche in ihren Stall zuruͤckgebracht werden mußten. In dieſem Augenblicke haͤtte man das Haus des gu⸗ ten Squire ganz fuͤglich fuͤr eins der alten Schloͤſſer aus der Lehnszeit, mit ſeinem wilden Treiben darin, anſehen koͤnnen. Nachdem das Fruͤhſtuͤck eingenommen wor⸗ den, ſchickte ſich die Ritterſchaft der Halle an, ins Feld zu ziehen. Die ſchoͤne Julie war mit von der Geſellſchaft, im Jagdkleide, mit einer wehenden Feder auf dem Hute. Als ſie ihren Lieblingsgaul beſtieg, ſah ich mit Vergnuͤgen, 186 daß der alte Chriſty ſeinen gewoͤhnlichen Murr⸗ ſinn verlaͤugnete, und herzu eilte, ihren Sattel und ihr Zaumzeug in Ordnung zu bringen. Er faßte an ſeine Muͤtze, als ſie ihm zulaͤchelte und dankte, und ſah dann rund umher die uͤbrigen Diener mit einem Blicke an, in welchem ich Stolz und Freude uͤber das ſchoͤne Anſehen ſei⸗ ner Schuͤlerinn las. Auch Lady Lillycraft hatte ſich entſchloſſen, bei der Jagd zu ſeyn. Sie trug ihren breiten weißen Filzhut, unter dem Kinn zugebunden, und einen Reitanzug aus dem letzten Jahrhunderte. Sie ritt ihren glatten, zelternden Klepper, deſſen Gang bequem wie der eines Wiegenpferdes war, und wurde von dem General begleitet, der wie einer der tapfern Helden auf den alten Kupfern von der Schlacht von Blenheim ausſah. Auf der andern Seite ritt der Pfarrer, denn dieſe Jagd war eine gelehrte Beſchaͤftigung, an der er großen Antheil nahm, und wobei er, nach ſeiner Kenntniß der Sitten und Gebraͤuche, ſehr we⸗ ſentlichen Rath ertheilt hatte. Endlich war alles in Ordnung, und wir bra⸗ chen auf. Ein Ritt bringt immer in gute Laune, und das Ganze hatte wirklich etwas ſehr hei⸗ teres und belebendes. Die jungen Maͤnner aus r 5 1 — -— — 187 der Familie begleiteten Miß Templeton. Sie ſaß ſehr leicht und mit Anſtand im Sattel, waͤhrend ihre Federn in der Luft wehten und flatterten, und die Gruppe nahm ſich, wie ſie unter den Baͤumen erſchien und wieder ver⸗ ſchwand, in dem kecken Muthe der Jugend da⸗ hin ziehend, ungemein huͤbſch aus. Der Sqͤuire und Meiſter Simon ritten neben einander, be⸗ gleitet von dem alten Chriſty, auf ſeinem Pfeffer. Chriſty trug den Falken auf der Fauſt, da er behauptete, der Vogel ſey am meiſten an ihn gewoͤhnt. Ein Schwarm von Fuß zaͤn⸗ gern, der aus einigen Leuten von der Halle und Muͤßiggaͤngern aus dem Dorfe beſtand, und zwei oder drei Waſſerhunde, um das Wild aufzutrei⸗ ben, kamen hinterdrein. Eine Art Reſerve⸗Corps, das aus La dy Lillicraft, General Harbottle, dem Pfar⸗ rer und einem dicken Bedienten beſtand, folgte ruhig, als Nachtrab. Ihro Herrlichkeit zelterte ge⸗ maͤchlich auf ihrem Klepper einher, waͤhrend der Ge⸗ 4. neral, auf einem großen Jagdpferde, mit der Miene der ſorgſamſten Galanterie auf ſie herabblickte.— Da ich kein Jaͤger bin, ſo hielt ich mich zu die⸗ ſer letzteren Abtheilung, oder blieb vielmehr noch etwas nach, das ganze Gemaͤlde vecht aufzufaſſen, 188— und der Pfarrer hielt von Zeit zu Zeit an, und trottete neben mir her. Der Zug ging nach einer ſanften, von dem feuchten Gruͤn des Fruͤhlings dampfenden, in ei⸗ niger Entfernung von der Halle belegenen Wieſe. Ein kleiner Fluß ſtroͤmte durch dieſelbe hin, von Weiden bekraͤnzt, deren zartes Fruͤhlaub bereits zu ſproſſen anfing. Die Jaͤger wollten Reiher auf⸗ ſuchen, welche ſich an dem Fluſſe halten ſollten. Unter den Anfuͤhrern der Jaͤger war be— reits eine Meinungsverſchiedenheit. Der Sauire, Meiſter Simon und der alte Chriſty hielten von Zeit zu Zeit an, um zu berathſchlagen, wie die Offiziere bei einem Heere im Felde, und ich ſah, an gewiſſen Kopfbewegungen, daß der alte Chriſty ſo feſt auf ſeinem Sinn beharrte, als ein alter eigenſinniger deutſcher Oberbefehlshaber. Als wir uͤber die ruhige Wieſe dahin ſpreng⸗ ten, hoͤrten wir, wie ein ſehr deutliches Echo, welches von der beſonnten Mauer eines alten Gebaͤudes herkam, das am jenſeitigen Uferende lag, jeden Ton wiederholte, und hielt an, um dieſem„Geiſte des Tones“ zuzuhoren, der gern an ſolchen ruhigen und ſchoͤnen Orten zu wei⸗ len ſcheint. Der Pfarrer ſagte mir, daß dies ein Ueberbleibſel eines alten Meierhofes waͤre, 1 4 M — 189 von dem die Landleute glaubten, daß er von einem Dobbie oder laͤndlichen Geiſte, dem Ko⸗ bold aͤhnlich, bewohnt werde. Sie glaubten oft, daß das Echo die Stimme des Dobbie ſey⸗ welcher ihnen antworte, und huͤteten ſich, ihn nach dem Eintritt der Daͤmmerung zu ſtoͤren. Er fuͤgte hinzu, daß der Squire uͤber die Er⸗ haltung dieſer Truͤmmer, des damit verknuͤpften Aberglaubens wegen, ſehr ſorgfaͤltig wache. Da ich ſie als die Wohnung eines„luftigen Nichts“ betrachtete, ſo konnte ich nicht umhin, mich da⸗ bei der ſchoͤnen Beſchreibung eines Echo's in Webſter's Herzoginn von Malfy*) zu erin⸗ nern. Dort uͤber'm Fluſſe ſeht Ihr eine Mauer, Die Truͤmmer eines Kloſterganges, die, Wie mich es duͤnkt, das ſchoͤnſte Echo giebt, Das ich gehoͤrt: ſo deutlich ſpricht es Euch Jedwedes eu'rer Worte nach, daß Manche ſchon Geglaubt, es ſey ein Geiſt, der ihnen Antwort gebe. Der Pfarrer verbreitete ſich in einer Erlaͤute⸗ rung, uͤber eine artige und phantaſtiſche Benen⸗ nung welche die Hebraͤer dem Echo geben, indem ſie es Bath⸗kül, d. h. die Tochter der Stim⸗ *) Einem Trauerſpiel aus dem Anfange des 17ten Jahr⸗ hunderts. Ueberſ. 190 me, nannten; ſie hielten es fuͤr ein Orakel, wel⸗ ches in dem zweiten Tempel die Stelle der Urim und Thummim vertrat, womit der erſte begabt war.*) Der kleine Mann ging ſo eben ſehr tief und gelehrt in den Gegenſtand ein, als wir durch ein gewaltiges Laͤrmen, Schreien und Bel⸗ len unterbrochen wurden. Ein Schwarm Kraͤ⸗ hen, durch den Anmarſch unſers Haufens beunru⸗ higt, war ploͤtzlich von einer Wieſe aufgeflogen, und ſogleich erhob der zu Fuß folgende Poͤbel ſeine Stimme, und rief:„Jetzt, Chriſty! jetzt iſt es Zeit, Chriſty!“ Der Squire und Meiſter Si⸗ mon, die am Ufer des Fluſſes nach einem Rei⸗ her ausſahen, riefen Chriſty wiederholentlich zu, ſich ruhig zu verhalten; allein der alte Mann, durch das Durcheinanderrufen der Stimmen ganz beſtuͤrzt und verwirrt gemacht, hatte gaͤnzlich den Kopf verloren; in ſeiner Betaͤubung nahm er die Haube ab, warf den Falken in die Hoͤhe, und davon flogen die Kraͤhen, und der Falke ſtieg. Ich hatte auf einer Erhoͤhung dicht bei Lady Lillicraft und ihrem Gefolge ſtill ge⸗ halten, von wo ich die Jagd ſehr gut uͤberſehen konnte. Es machte mir viel Vergnuͤgen, die 4) Bekker's bezauberte Welt. Verf. 191 ganze Geſellſchaft auf der Wieſe zu beobachten, wie Alle nach der Richtung hinritten, in welche der Vogel flog, ihre klaren lachenden Geſichter zum hellen Himmel empor gekehrt, um die Jagd zu verfolgen, waͤhrend die Begleiter zu Fuß hin⸗ terher ſtolperten, aufſahen und dazu ſchrien, und die Hunde ihren Antheil, ſehr geraͤuſch⸗ voll, durch Springen und Bellen zu erkennen gaben. Der Falke hatte ſich aus dem Kraͤhenſchwar⸗ me einen einzelnen Vogel zur Beute auserſehen. Es war hoͤchſt ſonderbar, dies Beſtreben der bei⸗ den Voͤgel zu ſehen, uͤber einander zu ſteigen, der eine, um den Stoß zu vermeiden, der andere, um herabzuſtoßen. Bald gingen ſie durch eine helle flockige Wolke, bald waren ſie gegen den klaren blauen Himmel zu ſehn. Ich geſtehe, daß ich, da ich kein Jaͤger bin, einen weit groͤßeren Antheil an dem armen Vogel nahm, der fuͤr ſein Leben kaͤmpfte, als an dem Falken, der mir die Rolle eines Soͤldners zu ſpielen ſchien. End⸗ lich gewann der Falk die Oberhand, und ſtieß nun ploͤtzlich auf ſeine Beute herab, allein die Kraͤhe ließ ſich eben ſo ſchnell ſinken, ſtieg dann ſchief wieder empor, und wich ſo dem Stoße aus, worauf ſie kraͤchzend nach einem duͤrren 192 Baum am Rande eines benachbarten Huͤgels entflog, waͤhrend der Falke, nach mißlungenem Stoße, ſich abermals in die Luft erhob und ſich zu verſtoßen ſchien. Vergebens rief und pfiff der alte Chriſty und ſuchte den Vogel wieder herabzulocken, er kehrte ſich nicht an ihn, wie denn auch ſein Rufen in dem Geſchrei und dem Gebell der Miliz unterging, die ihm in das Feld gefolgt war. In dieſem Augenblicke machte ein Schrek⸗ kensausruf der Lady Lillicraft, daß ich mich umwandte. Iht ſah ich eine gaͤnzliche Verwir⸗ rung unter den Jaͤgern, in dem kleinen Thale vor uns. Sie galoppirten und liefen nach dem Rande des Ufers hin, und es erſchrekte mich nicht wenig, das Pferd der Miß Templeton ohne ſeine Reiterinn dahin galoppiren zu ſehen. Ich ritt ſo⸗ gleich zu dem Orte, wohin die Andern eil⸗ ten, und ſah, als ich das Ufer erreichte, welches weit uͤber den Fluß hinweg ragte, die ſchoͤne Julie, bleich, blutend, und dem Anſchein nach leblos, in den Armen ihres verzweifelnden Liebha⸗ bers liegen. Sie hatte, waͤhrend ſie, die Augen in die Hoͤhe gerichtet, ſorglos dahin galoppirte, ſich unverſehens dem Ufer zu ſehr genaͤhert: die⸗ ſes hatte nachgegeben, und ſie und ihr Pferd wa⸗ — 193 waren bis zu dem kieſigen Rande des Fluſſes hinabgerollt. Nie ſah ich eine groͤßere Beſtuͤr⸗ zung. Der Capitaͤn war außer ſich, Lady Lil⸗ lycraft im Begriff in Ohnmacht zu fallen, der Squire in der groͤßten Angſt, und Meiſter Si⸗ mon gaͤnzlich außer Faſſung. Das ſchoͤne Ge⸗ ſchoͤpf gab endlich Zeichen des ruͤckkehrenden Le⸗ bens: ſie ſchlug die Augen auf, blickte um ſich, auf die beſorgt umherſtehende Gruppe, laͤchelte ſanft, legte ihre Hand in die ihres Geliebten, und ſagte mit ſchwacher Stimme:„ich habe mir nicht viel Schaden gethan, Guido!“ Ich haͤtte ſie fuͤr dieſen einzigen Ausruf an mein Herz druͤcken koͤnnen. Es fand ſich in der That, daß ſie, beinahe durch ein Wunder, mit einer kleinen Verletzung am Kopfe, einer Verſtauchung des Knoͤchels und einigen leichten Quekſchungen davon gekommen war. Nachdem das Blut geſtillt worden, brach⸗ te man ſie in ein benachbartes Bauerhaus, bis ein Wagen herbeigeholt werden konnte, ſie nach Hauſe zu ſchaffen, und als dieſer gekommen war, kehrte der Zug, der ſo froh auf die Unter⸗ nehmung ausgegangen war, langſam und gedan⸗ kenvoll nach der Halle zuruͤck. Die Selbſtuͤberwindung, welche dieſes junge 1. J 194— Maͤdchen gezeigt hatte, und ihr Beſtreben, unter Schmerz und Gefahr, nur diejenigen, die um ſie her beſchaͤftigt waren, aufzuheitern, hatte mir ungemein wohlgefallen. Deſto wohlthuender war mir daher die allgemeine Betruͤbniß, welche die Dienſtboten bei ihrer Ruͤckkehr zeigten. Sie ka⸗ men in Haufen die Allee hinab, Jeder voll Be⸗ gierde, ihr Beiſtand zu leiſten. Der Haushof⸗ meiſter ſtand mit einer auserleſenen herzſtaͤrken⸗ den Arzenei bereit, die alte Haushaͤlterinn kam mit einem halben Dutzend, von ihren eigenen Haͤnden, nach dem Familien⸗Recepten⸗Buche be⸗ reiteter Mittel, waͤhrend ihre Nichte, die ſchmel⸗ zende P hoͤbe, da ſie auf keine andere Art huͤlf⸗ reich ſeyn konnte, die Haͤnde ringend da ſtand und laut weinte. Die bedeutendſte Folge dieſes Unfalls wird der Aufſchub der Hochzeit ſeyn, welche in kurzem gefeiert werden ſollte. Obgleich ich mit der Un⸗ geduld des Capitains herzliches Mitleid habe, ſo bin ich doch uͤber dieſe Verzoͤgerung ſonſt nicht ſehr unwillig, da ſie mir noch mehr Gelegenheit geben wird, die hier verſammelten Charaktere zu ſtudiren, die mich immer mehr und mehr unter⸗ halten. Es entgeht mir nicht, daß der wuͤrdige Squire 195 uͤber den ungluͤcklichen Ausgang ſeines Verſuches mit der Falkenjagd, und dieſe ungünſtige Folge⸗ rung aus ſeiner Lobrede auf das Reiten der Frauen, ſehr betreten iſt. Auch Chriſty iſt ſehr verdruͤß⸗ lich, da ihm Meiſter Simon gewaltige Vor⸗ wuͤrfe gemacht hat, daß er ſeinen Falken auf Aas⸗ vögel ſtoßen laſſe. Was den Falken betrifft, ſo iſt dieſer bei der Verwirrung, in die Alle durch den Unfall der ſchoͤnen Julie verſetzt worden ſind, gaͤnzlich vergeſſen worden; wahrſcheinlich hat er aber ſeinen Weg zuruͤck nach der gaſtfreundlichen Halle des Sir Watkin William Wynne genommen, und muſtert, waͤhrend ich dieſes ſchrei⸗ be, ſeine Schwingen in den luftigen Lauben von Wynnſtay. St. Markus⸗Abend. O es iſt grauenvoll, nicht mehr zu ſeyn, Und, halb im Seyn, zu wandern nach dem Tode! Einherzugehn, wie Geiſter thun, bei Tageslicht Im dunkeln Hayn, und wenn das Dunkel kommt, Zu wandeln Pfade, die zu Gräbern führen, Im ſchweigenden Gewölb, wo unſer bleicher Leib Begraben liegt, ob ihm zu ſchweben, und Nicht eingehn dürfen in die todte Hülle. Dryden. Da Unterhaltung nahm dieſen Abend eine ſon⸗ derbare Wendung, und lenkte ſich auf einen Aber⸗ glauben, der ſonſt in dieſem Theile des Landes ſehr gaͤng und gebe war, und namentlich ſich auf die⸗ ſen Abend, nemlich den vor dem St. Markus⸗Ta⸗ ge.), bezog. Man glaubte, wie uns der Pfarrer ſagte, daß wer, drei Jahre lang, an dieſem Abend, von elf bis ein Uhr in der Nacht an der Kirchthuͤr wache, die Schatten derjenigen, die in dem Laufe *) Den 23ſten Aprii. 8 197 des Jahres ſtuͤrben, in ihren gewoͤhnlichen Klei⸗ dern, bei ſich voruͤber, in die Kirche gehen ſehen wuͤrde. So furchtbar auch ein ſolcher Anblick geweſen ſeyn duͤrfte, ſo verſicherte der Pfarrer uns doch, daß es ſonſt etwas ſehr Gewoͤhnliches geweſen ſey, daß Leute ſich dieſen naͤchtlichen Wachen unterzo⸗ gen haͤtten. Er hatte von mehr als einem Bei⸗ ſpiele der Art zu ſeiner Zeit gewußt. Eine alte Frau, welche dieſen Geiſterzug geſehen zu haben behauptete, war, noch ein ganzes Jahr nachher, ein Gegenſtand des groͤßten Schreckens, und ver⸗ urſachte viel Unruhé und Ungluͤck. Wenn ſie ih⸗ ren Kopf geheimnißvoll uͤber Jemand ſchuͤttelte, ſo galt dieß fuͤr ein Todesurtheil, und ſie hatte einer Kranken beinahe den Tod zugezogen, indem ſie traurig zum Fenſter hineinſah. Auch ein alter Mann, von einer finſtern, melancholiſchen Gemuͤthsart, hatte vor mehreren Jahren zwei ſolche Wachen gehalten, und ſchon fing man im Dorfe an, davon zu reden, als er, zum Gluͤck fuͤr die oͤffentliche Ruhe, kurz nach der dritten Wache ſtarb, wahrſcheinlich an einer Er⸗ kaͤltung, die er ſich zugezogen huͤtte, denn die Nacht war ſehr ſtuͤrmiſch. Man ſagte indeß im Dorfe, er habe ſeinen eigenen Schatten bei ſich voruͤber in die Kirche gehen ſehen. 198— Dieß fuͤhrte zu der Erwaͤhnung eines an— dern Aberglaubens von eben ſo ſonderbarer und trauriger Art, der indeß ganz beſonders auf Wales beſchraͤnkt iſt. Dieſer betrifft die ſogenann⸗ ten Todtenlichter, kleine wandernde Flaͤmmchen von einem blaſſen, blaulichen Lichte, welche wie Kerzen in der freien Luft umherſchweben und den Weg bezeichnen ſollen, den eine Leiche nehmen wird. Ein ſolches ward ſpaͤt in der Nacht zu Lany⸗ lar geſehen, wie es an dem Ufer des Iſtwith auf und ab huͤpfte, und von den Nachbarn beob⸗ achtet wurde, bis ſie, der Sache muͤde, zu Bett gingen. Nicht lange nachher kam ein huͤbſches Landmaͤdchen, aus Montgomeryſhire, ihre Freunde zu beſuchen, die auf dem jenſeitigen Ufer des Fluſſes wohnten. Sie glaubte, an derſelben Stelle durch den Fluß waten zu koͤnnen, wo man das Licht zuerſt geſehen hatte; allein man widerrieth ihr, dieß zu thun, da das Waſſer ſehr hoch ſey. Sie ging am Ufer auf und ab, ge⸗ rade da, wo ſich das Licht bewegt hatte, und er⸗ wartete, daß das Waſſer fallen wuͤrde. Endlich verſuchte ſie es dennoch, durchzuwaten, ertrank aber in den Fluten.*) *) A ubrey's Miſcellaneen. Verf. Ein Buch über Träume u. Geiſtererſcheinungen, zuerſt 1721 in London erſchienen. Uebſ. 4 199 * Es lag etwas Trauriges in dieſer kleinen Er⸗ zaͤhlung von laͤndlichem Aberglauben, das alle Zu⸗ hoͤrer zu ergreifen ſchien. In der That iſt es ſonderbar zu ſehen, wie ein Geſpraͤch der Art die Aufmerkſamkeit eines ganzen Kreiſes feſſeln, und ſeine Froͤhlichkeit, ſo laͤrmend ſie auch geweſen ſeyn mag, laͤhmen kann. Ich ſah, wie Einer nach dem Andern ſich weiter uͤber den Tiſch legte, die Augen feſt auf den Pfarrer geheftet, und als die Rede auf Todtenlichter kam, die man in der Naͤhe des Zimmers einer jungen Dame geſehen hatte, welche am Abend vor ihrer Hochzeit ſtarb, erblich Lady Lillycraft. Ich bin oͤfters Zeuge geweſen, wenn Ge⸗ ſchichten dieſer Art in Abendgeſellſchaften erzaͤhlt wurden; ſie wurden oft im Scherz angefangen, und mit Laͤcheln angehoͤrt, aber ſelbſt die froͤhlich⸗ ſten und aufgeklaͤrteſten Zuhoͤrer konnten ſich, wenn die Unterhaltung eine Zeitlang ſo fork⸗ dauerte, nicht enthalten, einen lebendigen und ernſten Antheil daran zu nehmen. Ich glaube, daß in jedem Gemuͤth etwas Aberglauben ver⸗ borgen liegt, und wenn Jemand ſeine geheimen Anſichten und Regungen genauer pruͤfte, ſo wuͤrde er dieſen am Ende, ſich ſelbſt unbewußt, entdecken. Er ſcheint in der That einen Beſtandtheil un⸗ 200— ſeres Weſens zu bilden, wie der Inſtinkt bei den Thieren, und unabhaͤngig von unſerer Vernunft zu wirken. Man findet ihn oft bei großen Gei⸗ ſtern, beſonders bei Damen, die einen dichteriſchen Schwung haben und hoch hinaus ſtreben. Ein großer und ausgezeichneter Dichter unſerer Tage, deſſen Leben und Schriften von einem Geiſte zeugen, der einer gewaltigen Anſpannung faͤhig iſt*), ſoll an Anzeichen und geheime Warnungen glauben; Caͤſar ließ, wie es bekannt iſt, ſich von ſol⸗ chem Glauben ſehr leiten, und Napoleon hatte ſei⸗ ne guten und boͤſen Tage, und ſeinen Gluͤcksſtern. Was den wuͤrdigen Pfarrer betrifft, ſo hege ich keinen Zweifel, daß er ſich ſehr zum Aberglau⸗ ben hinneige. Er iſt von Natur leichtglaͤubig, und wendet einen ſo großen Theil ſeiner Zeit dazu an, Volksſagen und uͤbernatuͤrlichen Erzaͤh⸗ lungen nachzuſpuͤren, daß ſein Geiſt wahrſcheinlich eine aͤhnliche Richtung erhalten hat. Er hat ſich kuͤrzlich in die Daͤmonolatria des Nicolaus Remigius, die von uͤbernatuͤrlichen Ereigniſſen in Lothringen handelt, und in die Schriften des Joachimus Camerarius, den Voſſius den Phoͤnix von Deutſchland nennt, hineingearbeitet, *) Sir Walter Scott. Ueberſ⸗ 201 und unterhaͤlt die Damen mit Geſchichten aus dieſen Buͤchern, die ſie ſo furchtſam machen, daß ſie des Abends beinahe nicht zu Bette gehen moͤ⸗ gen. Mir ſelbſt haben einige der phantaſtiſchen kleinen aberglaͤubiſchen Zuͤge, die er aus Blef⸗ kenius, Scheffer und Andern angefuͤhrt hat, großes Vergnuͤgen gemacht; z. B. der Glaube der Lapplaͤnder an die Hausgeiſter, welche ſie in der Nacht aufwecken und ſie antreiben, hinaus auf den Fiſchfang zu gehen; die Sage vom Thor, dem Gotte des Donners, welcher Macht uͤber Le⸗ ben und Tod, Geſundheit und Krankheit hat, und der, mit dem Regenbogen bewaffnet, ſeine Pfeile auf die boͤſen Geiſter abſchießt, welche die Spiz⸗ zen der Felſen und Berge bewohnen und die Seen umſchwaͤrmen; die von den Juls oder Jula⸗ folket, irrenden Geiſterhaufen, welche die Luft durch⸗ ſtreifen, und an Berg und Wald und an den mondbeſchienenen Abhaͤngen der Huͤgel auf und nieder ſteigen. Der Pfarrer geſteht ſeinen Glauben an Gei⸗ ſter nie geradezu, allein ich habe bemerkt, daß er eine ſehr verdaͤchtige Art hat, große Namen vor⸗ zuſchieben, wenn es auf die Vertheidigung uͤber⸗ natuͤrlicher Saͤtze ankommt, und Philoſophen und Heilige zu ſeiner Vertheidigung herbeizurufen. 202 Er laͤßt ſich ſehr weitlaͤuftig uͤber die Anſichten der alten Philoſophen von Larven oder naͤchtlichen Erſcheinungen, den Geiſtern der Boͤſen, welche wie Verbannte auf der Erde wandelten aus; ſo wie auch uͤber die geiſtigen Weſen, welche in der Luft hauſ'ten, aber von Zeit zu Zeit auf die Erde herabkamen und ſich unter die Sterblichen miſchten, und als Vermittler zwiſchen ihnen und den Goͤt⸗ tern auftraten. Er fuͤhrt auch aus Philo, dem juͤdiſchen Rabbi, dem Zeitgenoſſen der Apoſtel und⸗ nach Einigen, dem Freunde des heil. Paulus, eine Stelle an, worin er ſagt, daß die Luft voll von Geiſtern verſchiedenes Ranges ſey, von denen ei⸗ nige beſtimmt ſeyen, eine Zeit lang in ſterblichen Leibern zu leben, und, nach ihrer Erloͤſung aus dieſen, zwiſchen Himmel und Erde, als Boten im Dienſte der Gottheit, ſich auf und ab zu bewegen. Der wuͤrdige kleine Mann nimmt aber ei⸗ nen dreiſteren Ton an, wenn er die Kirchenvaͤ⸗ ter anfuͤhrt, z. B. den heil. Hieronymus, der es als die Meinung aller Schriftgelehrten angiebt, daß die Luft mit Gewalten erfuͤllt ſey, welche einan⸗ der bekaͤmpfen, den Lactantiu s, welcher ſagt, daß boͤſe und gefaͤhrliche Geiſter auf der Erde wandeln und ſich dadurch, daß ſie zu dem Ver⸗ derben des Menſchengeſchlechts beitragen, uͤber — * — 203 ihren eigenen Fall zu troͤſten ſuchen, und den Cle⸗ mens von Alexandrien, welcher der Mei⸗ nung iſt, daß die Seelen der Seligen von allen dem, was unter den Menſchen vorgeht, ſo gut wie die Engel Kenntniß haben. Ich bin itzt allein in meiner Stube, allein dieſe Saͤtze haben ſich meiner Einbildungskraft ſo bemeiſtert, daß ich nicht ſchlafen kann; das Zimmer ſelbſt, in welchem ich ſitze, iſt ganz dazu gemacht, einem ſolchen Gemuͤthszuſtand noch mehr Ausdehnung zu geben. Die Waͤnde ſind mit Tapeten behangen, auf denen die Figuren ver⸗ ſchoſſen ſind und wie koͤrperloſe Schatten aus⸗ ſehen, welche dem Auge entſchwinden. Ueber dem Kamin haͤngt das Bild einer Dame, die, nach der Ausſage der Haushaͤlterinn, ſich uͤber den Tod ihres Geliebten, der in der Schlacht von Blenheim blieb, zu Tode haͤrmte. Sie hat ein bleiches, ſchmerzliches Geſicht, und ſcheint ihre Augen traurend auf mich zu heften. Die Familie ſelbſt iſt ſchon lange zur Ruhe gegangen: ich habe die Tritte der Einzelnen verhallen, und die Thuͤren, in der Entfernung, ſich ſchließen hoͤ⸗ ren. Der Ton der Stimmen und des Lachens erreichen mein Ohr nicht mehr. Die Glocke der Kirche, in welcher ſo manche der fruͤheren 4* 204 Bewohner dieſes Hauſes begraben liegen, hat ſchon die ſchauerliche Stunde der Mitternacht verkuͤndet. Ich habe an dem Fenſter geſeſſen, meine Be⸗ trachtungen uͤber die in Daͤmmerung begrabene Landſchaft angeſtellt, und die Lichter beobachtet, wie ſie, eines nach dem andern, in dem entfernten Dorfe verſchwinden, und den Mond, wie er in ſeiner ſtillen Majeſtaͤt ſich erhebt und alle die ſilberne Pracht des Himmels mit ſich herauf⸗ fuͤhrt. Waͤhrend meine Blicke uͤber dieſe ruhi⸗ gen Gebuͤſche und ſchattigen Wieſen hinſtreiften, wie ſie ſo, von den Streifen des thauigen Mon⸗ denlichts verſilbert und halb beleuchtet, erſchienen, draͤngte ſich Gedanke auf Gedanke in mein Ge⸗ muͤth uͤber dieſe geiſtigen Weſen, welche auf dieſer Erde wandeln, Gleich ungeſehn von uns, wir wachen oder ſchlafen*). Giebt es denn, in der That, ſolche Weſen? Iſt dieſer Raum zwiſchen uns und der Gottheit durch unzaͤhlige Klaſſen geiſtiger Weſen ausge⸗ fuͤllt, welche dieſelbe Stufenfolge zwiſchen der menſchlichen Seele und der goͤttlichen Vollkom⸗ menheit bilden, die von dem Menſchen herab *) Milton's verlorenes Paradies. Ueberſ. 4 —— 20⁵ bis zu dem kleinſten Inſekt geht? Es iſt eine ſchoͤne und erhabene Lehre, welche von den fruͤhe⸗ ſten Kirchenvaͤtern gepredigt worden, daß es Schutz⸗ engel giebt, welche uͤber Staͤdte und Voͤlker wa⸗ chen, fuͤr das Wohl guter Menſchen ſorgen, und die Schritte der huͤlfloſen Kindheit behuͤten und leiten! Nichts, ſagt der heil. Hieronymus, giebt uns einen groͤßeren Begriff von der Wuͤrde un⸗ ſerer Seele, als daß Gott Jedem von uns, in dem Augenblick unſerer Geburt, einen Engel gegeben hat, uͤber ſie zu wachen. Selbſt die Lehre von den abgeſchiedenen Geiſtern, die zuruͤckkehren, um die Orte und die Menſchen wieder zu ſehen, welche ihnen waͤh⸗ rend ihres ſterblichen Daſeyns theuer waren, iſt in ſich ſelbſt feierlich und erhaben, wenn gleich der abgeſchmackte Aberglaube des Volks ihrer Wuͤrde Eintrag gethan hat. Wie wenig es auch koſten mag, ſie laͤcherlich zu machen, ſo richtet ſich doch die Aufmerkſamkeit unwillkuͤhrlich dar⸗ auf, ſobald ſie zum Gegenſtande einer ernſtlichen Eroͤrterung wird, und ihr Vorhandenſeyn in al⸗ len Zeitaltern und Laͤndern, und ſelbſt unter neu entdeckten Voͤlkern, welche mit den uͤbrigen Thei⸗ len der Welt noch keinen Gedankenumtauſch gehabt haben, zeugt dafuͤr, daß ſie eine von 206 den geheimnißvollen und beinahe inſtinktmaͤßigen Ueberzeugungen ſy, zu denen wir uns, wenn wir uns frei uͤberlaſſen waͤren, ſchon von ſelbſt hin⸗ neigen wuͤrden. 5 Alles Stolzes der Vernunft und der Philoſophie ungeachtet, wird im Gemuͤthe im⸗ mer ein gewiſſer truͤber Zweifel zuruͤckbleiben, und vielleicht nie ganz verſchwinden, da er einen Gegenſtand betrifft, der keinen beſtimmten augen⸗ ſcheinlichen Beweis zulaͤßt. Alles, was mit un⸗ ſerer geiſtigen Natur im Zuſammenhange ſteht, iſt voll von Zweifel und Schwierigkeit. Wir find„wunderbarlich gemacht“ wir ſind von Ge⸗ heimniſſen umgeben, und Geheimniſſe fuͤr uns ſelbſt. Wer hat wohl je die Beſchaffenheit der Seele in ihrer Berbindung mit dem Leibe er⸗ gruͤnden koͤnnen, oder i in welchem Theilen des menſch⸗ lichen Koͤrpers ſie ihren Sitz habe? Wir wiſſen nur, daß ſie vorhanden iſt; woher ſie aber gekom⸗ men ſey, wann ſie in uns gekommen ſey, wie ſie in uns bleibt, wo ſie iſt, und wie ſie wirkt: die⸗ ſem allen hat man nur nachgruͤbeln und wider⸗ ſprechende Theorieen daruͤber aufſtellen koͤnnen. Wenn wir alſo uͤber dieſes geiſtige Weſen, ſelbſt waͤhrend es einen Theil unſeres Selbſt bildet und uns beſtaͤndig bewu ßt iſt, im Dunkeln ſind, wie 207 köͤnnen wir ſeine Kraͤfte und Wirkungen beſtim⸗ men wollen, wenn es aus ſeinem fleiſchlichen Gefaͤngniß erloͤſ't iſt? Es iſt mithin mehr die Art, wie dieſer Aberglauben herabgewuͤrdigt worden iſt, als ſeine innere Thoͤrigkeit, die ihn veraͤchtlich gemacht hat. Mam erhebe ihn uͤber die werthloſen Zwecke, zu denen man ihn gebraucht hat, man entkleide ihn des ſinſtern Schreckens, womit man ihn umgeben hat, und es giebt keinen Glauben in dem ganzen Kreiſe derer, die ſich auf Erſcheinungen beziehen, wel⸗ ſcher der Einbildungskraft einen ſchoͤneren Schwung geben oder das Herz ſanfter ruͤhren koͤnnte. Er wuͤrde auf dem Todtenbette zu einem wahren Troſte werden, und die Bitterkeit der Thraͤnen ver⸗ ſuͤßen, welche das quaͤlende Gefuͤhl unſerer ſterblichen Trennungſuns auspreßt. Was koͤnnte beruhi⸗ gender ſeyn, als der Gedanke, daß die Seelen derjenigen, die wir einſt liebten, zuruͤckkehren duͤr⸗ fen und uͤber unſere Wohlfahrt wachen? daß liebevolle Schutzgeiſter neben unſerem Kiſſen ſitzen, wenn wir ſchlafen, und uns in unſern huͤlfloſe⸗ ſten Stunden beſchirmen? daß Schoͤnheit und Unſchuld, welche in das Grab geſunken ſind, den⸗ noch ungeſehen uns umlaͤcheln, und ſich in den ſeligen Traͤumen offenbaren, worin wir die 208 Stunden voruͤbergegangener Freuden noch einmal durchleben? Ein Glaube dieſer Art muͤßte, denk' ich, ein neuer Antrieb zur Tugend ſeyn, der ſelbſt in unſern geheimſten Augenblicken, durch den Ge⸗ danken, daß die, welche wir einſt liebten und ehr⸗ ten, unſichtbare Zeugen unſerer Handlungen ſind, unſere Schritte leitet. So wuͤrde er auch die Einſamkeit und Ver⸗ laſſenheit— welche wir immer lebendiger fuͤhlen, je weiter wir auf unſerer Pilgerſchaft durch die Wild⸗ niß der Welt fortſchreiten, und je haͤufiger es uns wi⸗ derfahren iſt, daß die, welche liebend und froh, mit uns die Wanderung antraten, Einer nach dem Andern von unſerer Seite gewichen ſind— weit weniger druͤckend machen. Man betrachte den Aberglauben aus dieſem Geſichtspunkte, und ich geſtehe, ich wuͤrde gern daran glauben. Ich ſehe nichts darin, das mit dem liebreichen und erbarmungsvollen Weſen unſerer Religion in Mißklang ſtaͤnde, oder gegen die Wuͤnſche und Neigungen des Herzens im ge⸗ ringſten anſtrebte. 2 Es giebt dahingegangene Weſen, die ich ge⸗ liebt habe, wie ich nie wieder in dieſer Welt lie⸗ ben werde— die mich geliebt haben, wie man mich nie wieder lieben wird! Wenn ſolche Weſen je in ihren ſeligen Sphaͤren die Neigungen be⸗ 44 209 halten, welche ſie auf Erden empfanden; wenn ſie einen Antheil nehmen an dem armſeligen Trei⸗ ben dieſer voruͤbergehenden Sterblichkeit, und wenn es ihnen vergoͤnnt iſt, mit denen, die ſie auf Er— den geliebt haben, in Gemeinſchaft zu ſtehen, ſo fuͤhle ich, daß ich itzt, in dieſer ſpaͤten Stunde der Nacht, in dieſem Schweigen und dieſer Ein⸗ ſamkeit, ihre Erſcheinung mit dem heiligſten, rein⸗ ſten Entzuͤcken begruͤßen wuͤrde. Wahrlich, ſolche Erſcheinungen waͤren ein zu großes Gluͤck fuͤr dieſe Welt: ſie wuͤrden mit die⸗ ſem unvollkommenen Zuſtande des Daſeyns un⸗ vertraͤglich ſeyn. Wir befinden uns hienieden auf einem Schauplatze geiſtiger Sklaverei und geiſti⸗ gen Zwanges; unſere Seele iſt durch Graͤnzen und Schranken eingeſchloſſen, durch ſterbliche Ge⸗ brechlichkeit gefeſſelt und von allen den groben Hinderniſſen des Stoffes befangen; vergebens wuͤrde ſie es verſuchen, unabhaͤngig von dem Koͤr⸗ per zu handeln und ſich mit andern in einem geiſtigen Verhaͤltniſſe zu verbinden. Sie kann hier nur durch ihre fleiſchlichen Organe wirken. Ihre irdiſche Liebe beſteht aus voruͤbergehenden Um⸗ armungen und langen Trennungen. Aus wie kur⸗ zen, abgeriſſenen Augenblicken beſteht nicht der Genuß der innigſten Freundſchaft! Wir nehmen 210 einander bei der Hand, wir wechſeln einige we⸗ nige freundliche Worte und Blicke, wir freuen uns miteinander einige wenige kurze Augenblicke, und dann vergehen Tage, Monate und Jahre, und wir ſehen und wiſſen nichts von einander. Oder wenn wir annehmen, daß wir wirklich die ganze Dauer dieſes unſers ſterblichen Lebens mit den Geliebten zugebracht haben, ſo ſchließt das Grab bald ſeine Thore, und unſre Geiſter muͤſſen in Trennung und Verweiſung bleiben, bis ſie wie⸗ der in dem vollkommenen Zuſtande des Daſeyns zuſammentreffen, wo Seele mit Seele in ſe⸗ liger Gemeinſchaft leben, und es weder Tod, noch Abweſenheit, noch irgend eine andere Unterbres chung unſerer Gluͤckſeligkeit geben wird. ** In dem vorhergehenden Abſchnitt habe ich der Schriften einiger alter juͤdiſcher Rabbis erwaͤhnt. Sie ſind voll von wilden Theorieen, allein unter dieſen finden ſich mehrere wahrhaft poetiſche Aufſchwuͤnge, und ihre Gedanken ſind oft ungemein ſchoͤn eingekleidet. Was ſie uͤber das Weſen der Engel ſagen, iſt ſonderbar und phantaſtiſch, obgleich es ſich ſehr der Lehre der alten Philoſophen naͤhert. In den Schriften — —:-— — — —— 211 des Rabbi Eleazar, findet ſich eine Erzaͤhlung von der Verſuchung der erſten Aeltern und dem Falle der Engel, auf welche der Pfarrer mich, als auf die wahrſcheinliche Grundlage des„ver⸗ lorenen Paradieſes,“ aufmerkſam machte. Nach Eleazar, ſprachen die dienenden En⸗ gel zu der Gottheit:„Was hat der Menſch ſo vorzuͤgliches, daß Du ihn ſo erhebeſt? Iſt er aus etwas anderem, denn aus Eitelkeit zuſammenge⸗ ſetzt? Kaum vermag er nur, uͤber irdiſche Dinge zu verkuͤnfteln.” Hierauf erwiederte Gott:„Glaubt Ihr, daß ich nur von Euch hier oben erhoben und geprieſen ſeyn will? Ich bin derſelbe auf Erden, der ich hier bin. Wo giebt es Einen unter Euch, der alle Geſchoͤpfe bei Namen nennen koͤnnte 2* Und es gab keinen, unter ihnen, der dieß zu thun im Stande geweſen waͤre. In dieſem Au⸗ genblicke trat Adam auf, und nannte alle Ge⸗ ſchoͤpfe bei ihren Namen. Als die dienenden En⸗ gel dieß ſahen, ſprachen ſie zu einander:„Laßt uns berathſchlagen, wie wir Adam zur Suͤnde ver⸗ leiten koͤnnen gegen den Schoͤpfer, damit er nicht etwa unſer Herr werden moͤge.“ Sammazl, ein großer Fuͤrſt des Himmels, war bei dieſer Berathung gegenwaͤrtig, mit den Heiligen der erſten Stufe und den Seraphim 212 von ſechs Heeren. Sammasl erlas mehrere aus den zwoͤlf Stufen, ihn zu begleiten, und ſtieg hinab, um unter allen den Geſchoͤpfen, die Gott erſchaffen, Schau zu halten. Und er fand keines verſchlagener, und faͤhiger Boͤſes zu thun, als die Schlange. Der Rabbi handelt nun von der Verfuͤh⸗ rung und dem Falle des Menſchen, von dem dar⸗ auf folgenden Fall des boͤſen Engels, und der Strafe, welche Gott uͤber Adam, Eva und die Schlange verhaͤngte.„Gott ließ Alle vor ſich treten, ſprach neun Verwuͤnſchungen uͤber Adam und Eva aus, und verdammte ſie zum ſterblichen Tode: und er vertrieb Sammasõl und ſein Heer aus dem Himmel. Er nahm der Schlange, die vor⸗ her die Geſtalt eines Kameels beſaß(und auf der Sammasl geritten hatte), ihre Fuͤße, und verfluchte ſie unter allen lebenden Thieren.” 45 — — Lebensart. Die wahre Lebensart gehöret ins Gebiet Des tugendſamen Lebens, nicht zu dem, Was Fleiſch iſt; denn gebunden iſt Das Blut, doch göttlich frei iſt ſie. Spiegel für obrigkeitliche Perſonen. Jch habe ſchon einiger Eigenthuͤmlichkeiten des Squire bei der Erziehung ſeiner Soͤhne gedacht, allein man muß nicht glauben, daß ſeine Anwei⸗ ſung ſich nur auf ihre koͤrperliche Ausbildung be⸗ zogen habe. Er gab ſich große Muͤhe, auch ih⸗ ren Geiſt zu bilden, und ihnen, wie er es nennt, gute alte engliſche Grundſaͤtze einzupraͤgen, wie ſie in Peacham's und ſeiner Zeitgenoſſen Schrif⸗ ten enthalten ſind. Es giebt einen Schriftſteller, von dem er nie ohne Unwillen reden kann, und dieß iſt Cheſterfield. Er behauptet, daß dieſer, zu ſeiner Zeit, ſehr viel dazu beigetragen habe, den wahren Volkscharakter zu verderben, und ſtatt 214 des offenen, maͤnnlichen Freimuths, eine hohle hinterliſtige Hoͤfiſchkeit einzufuͤhren. Seine Grund⸗ ſaͤtze waren, wie er meint, nur darauf berechnet, den ſchoͤnen Enthuſiasmus der Jugend abzukuͤh⸗ len, ſie dahin zu bringen, daß ſie ſich der roman⸗ tiſchen Hinneigung ſchaͤme, welche die Daͤmme⸗ rungszeit einer großherzigen Mannheit iſt, und ihnen eine kalte Politur und eine fruͤhzeitige Weltabgeſchliffenheit zu geben. „Viele von Lord Cheſterfield's Saͤtzen wuͤrden aus einem jungen Mann einen bloßen Lebemann machen, allein ein engliſcher Mann von Familie ſoll nicht ein bloßer Lebemann ſeyn. Er hat kein Recht, ſo ſelbſtiſch nachſichtig gegen ſich ſelbſt zu ſeyn: ſeine Muße, ſeine Bequemlich⸗ keit, ſein Reichthum ſind Schulden gegen ſein Vaterland, die er immer abzutragen bereit ſeyn muß. Er ſollte ein Mann in jeder Hinſicht ſeyn, einfach, offen, hoͤflich, geſcheut, gebildet und wohl unterrichtet, aufrichtig, unerſchrocken und unei⸗ gennuͤtzig, wie einer der ſich ſehr wohl unter freien Leuten ſehen laſſen, ſich mit Staatsmaͤnnern mef⸗ ſen und ſein Vaterland und deſſen Rechte zu Hauſe und in der Fremde vertreten kann. In einem Lande wie England, wo dem Verſtande eine ſo freie und unbegraͤnzte Laufbahn eroͤffnet 215 iſt, und wo Meinung und Beiſpiel ein ſo großes Gewicht beim Volke haben, muͤßte jeder Mann, der Vermoͤgen und Muße hat, ſich verpflich⸗ tet fuͤhlen, auf eine oder die andere Art zur Wohl⸗ fahrt und zum Ruhme der Nation beizutragen. In einem Lande, wo Verſtand und Thaͤtigkeit in Feſſeln geſchlagen und beſchraͤnkt werden, moͤ⸗ gen Leute von Rang und Vermoͤgen wohl un⸗ geſtraft Muͤſſiggaͤnger werden und ſich mit Klei⸗ nigkeiten beſchaͤftigen; aber ein engliſcher Tauge⸗ nichts hat keine Entſchuldigung, und dieß iſt viel⸗ leicht der Grund, warum er der niedrigſte und unausſtehlichſte ſeiner Art in der Welt iſt.“ So pflegte der Squire, wie mir Frank Bracebridge ſagt, ſeinen Soͤhnen zu pre⸗ digen, wenn ſie im Begriff waren, das vaͤter⸗ liche Haus zu verlaſſen, der eine, um zu reiſen, der andere, um zum Heere zu gehen, der dritte, um die Univerſitaͤt zu beziehen. Er nahm ſie dann mit in die Bibliothek, in welcher rund umher die Bilder von Sidney, Surrey, Raleigh, Wyatt*) und Andern hangen.„Betrachtet *) Howard Graf von Surrey, und Sir Thomas Wyatt der ältere, Staatsmänner aus der Zeit Heinrich VIII., und engverbundene Freunde, deren Gedichte gewöhnlich zuſammen herausgegeben worden und auch in dieſer Geſtalt in der vor 216 dieſe Muſter aͤchter engliſcher Ehrenmaͤnner, mei⸗ ne Soͤhne,“ pflegte er dann mit Begeiſterung zu ſagen:„Dieß waren Maͤnner, welche die Annehm⸗ lichkeit des zarteſten und feinſten Geſchmacks mit den ſtrengen Tugenden des Soldaten verbanden, die Alles, was mild und zierlich, neben dem was kraͤftig und maͤnnlich iſt, und die wahre Ritter⸗ lichkeit des Geiſtes beſaßen, welches die hoͤhere Stufe der Mannlichkeit iſt. Sie ſind die Leuch⸗ ten, denen die Jugend des Landes nachwandeln ſollte. Sie waren die Muſter und die Abaöt⸗ ter ihres Landes daheim, und ſie verherrlichten deſſen Wuͤrde im Auslande.“—„Surrey— ſagt Camden— war der erſte Edelmann, der ſeiner ho⸗ hen Geburt durch die Schoͤnheit der Gelehrſamkeit einen noch groͤßern Glanz gab. Er war als der tapferſte Soldat, der feinſte Liebhaber und der vollkommenſte Gentleman ſeiner Zeit aner⸗ kannt.“ Was Wyatt betrifft, ſo ſagt ſein Freund Surrey zu ſeinem Lobe, daß ſeine Ge⸗ ſtalt majeſtaͤtiſch und ſchoͤn, ſein Geſicht ernſt und mild geweſen ſey, daß er geſungen und die Laute mit beſonderer Lieblichkeit geſpielt, fremde Sprachen zier⸗ einigen Jahren von Nott beſorgten Prachtausgabe erſchie⸗ nen ſind. Ueberſ. 4 — — 217 zierlich und fließend geſprochen und einen uner⸗ ſchoͤpflichen Vorrath von Witz beſeſſen habe. Und ſeht, wie dieſe erlauchten Freunde geprieſen wer⸗ den: ſie waren es, die, nachdem ſie Italien durch⸗ reiſ't und dort die angenehmen und großartigen Formen und den Stil der italiaͤniſchen Poeſie kennen gelernt, unſerer rohen und ungebildeten Dichtungsart eine groͤßere Feinheit gaben und deswegen mit Recht die Verbeſſerer unſrer eng⸗ liſchen Dichtkunſt und unſeres Stils genannt werden koͤnnen.„Und Sir Philipp Sidney, der uns die ſchoͤnſten Denkmale zierlich ausge⸗ druckter Gedanken und edler Gefuͤhle hinterlaſſen hat, und der von ſeinem ritterlichen Geiſte ſo heldenmuͤthige Beweiſe im Felde gab, und Sir Walter Raleigh, der feine Hofmann, der un⸗ erſchrockene Krieger, der unternehmende Entdecker, der aufgeklaͤrte Philoſoph, der großſinnige Maͤr⸗ tyrer: dieß ſind die Maͤnner, welche Engläͤnder aus den gebildeten Klaſſen ſtudiren ſollten. Che⸗ ſterfield wuͤrde mit ſeiner kalten Hofſitte ſol⸗ che Geiſter nur erkaͤltet und kleinlich gemacht und die aufſtrebende Romantik in ihrer Gemuͤthsart im Keime erſtickt haben. Sidney haͤtte dann nie ſeine Arcadia geſchrieben, noch Surrey bei der Vertheidigung der Schoͤnheiten ſeiner I. K 218 Geraldine die Welt in die Schranken gefordert. — Dieß ſind die Maͤnner, meine Soͤhne,“ pflegt der Squire fortzufahren,„welche beweiſen, wozu ſich unſer Volkscharakter erheben kann, wenn ſein maͤchtiges und gewaltiges Weſen gehoͤrig verar⸗ beitet und gelaͤutert wird. Die feſteſten Koͤr⸗ per ſind der ſtaͤrkſten Politur faͤhig, und es giebt keinen Charakter, der einen ausgezeichneteren und fleckenloſeren Glanz erlangen koͤnnte, als der des wahren engliſchen Gentleman.“ Als Guido im Begriff war, zum Heere ab⸗ zugehn, nahm der Squire ihn abermals bei Seite, und gab ihm eine lange Ermahnung. Er warnte ihn gegen den aͤußern Schein einer kalten Gleich⸗ guͤltigkeit, den, wie er ſagte, die jungen engliſchen Offiziere ſich zu geben ſuchten, da es bei ihnen zum Studium geworden ſey, den Soldaten in dem Manne von Ton verſchwinden zu laſſen. „Ein Soldat,“ ſagte er,„ohne Stolz und Begeiſte⸗ rung fuͤr ſein Handwerk, iſt weiter nichts als ein blutbedeckter Soͤldling. Nichts kann ihn von dem gedungenen Moͤrder unterſcheiden, als der Geiſt der Vaterlandsliebe, der ihn durchdringt, oder der Durſt nach Ruhme.— Es iſt heut zu Tage Mode, mein Sohn,“ ſagte er,„ſich uͤber den ritterlichen Geiſt luſtig zu machen: wenn aber 219 dieſer erſt erloſchen iſt, ſo wird der Beruf des Soldaten ein bloßes Bluthandwerk.“ Er fuͤhrte ihm nun die Thaten Eduard's, des ſchwarzen Prin⸗ zen, vor die Augen, der ſein Spiegel aller Rit⸗ terlichkeit iſt, tapfer, großmuͤthig, leutſelig, menſch⸗ lich, brav im Felde; als er aber auf ſeine Ar⸗ tigkeit gegen ſeinen Gefangenen, den Koͤnig von Frankreich, zu reden kam, wie er ihn in ſeinem Zelte nicht als Gefangenen, ſondern als Sieger empfing, ihn, wie Einer aus ſeinem Gefolge, bei Tafel bediente, bei ſeinem Einzuge in London un⸗ bedeckt und auf einem gewoͤhnlichen Pferde neben ihm ritt, waͤhrend ſein Gefangener in voller Pracht auf einem ſtolzen weißen Roſſe ſaß, da ſtanden dem alten Manne die Thraͤnen der Begeiſterung in den Augen. Bei dem Abſchiede gab der gute Squire ſeinem Sohne, als eine Richtſchnur, eines ſeiner Lieblingsbuͤcher, das Leben des Ritters Bayard, von Godefroy. Auf ein weißes Blatt des Buches hatte er eine Stelle aus der Morte d Arkhur geſchrieben, welche eine Lobrede des Sir Hector, uͤber den Leichnam des Sir Lancelot vom See enthaͤlt, und wovon der Squire behauptet, daß ſie alles das umfaſſe, was ein wahrer Soldat ſeyn muͤſſe.„Ach, Sir K 2 je die Lanze einlegte.“ 220 Lancelot! Du wareſt die Krone aller chriſtli⸗ chen Ritter! Itzt liegſt Du hier— irdiſche Rit⸗ terhaͤnde konnten ſich nie mit Dir meſſen. Und Du warſt der ehrſamſte Ritter, der je einen Schild trug, und Du warſt der treueſte Freund deines Freundes, der je ein Pferd beſtieg, und der treueſte Liebhaber unter den ſuͤndhaften Menſchen, der je ein Weib liebte. Und Du warſt der wackerſte Manm, der je ein Schwert ſchwang, und der ſtatt⸗ lichſte, der je im Getuͤmmel der Ritter war. Und Du warſt der ſanfteſte und liebreichſte, der“ je in der Halle bei den Frauen aß, und der ge⸗ waltigſte Kaͤmpfer gegen deinen Todfeind, der * — ‿— — —— Wahrſagen. — Die Stadt, wie das Dorf und die Meieret, Im Guten, im Böſen, ſie ſteuern uns bei. Und iſt das Wetter kalt und ſtreng, So giebt's in der Scheune noch Stroh in Meng'⸗ Iſt's warm und ſchön, mit Ja und mit Nein, Wir niſten in Hecken, im Heu uns ein. Die luſtigen Bettler. — Ac ich eines Iüende mit dem Oxforder Stu⸗ denten, Meiſter Simon und dem General, auf einer Wieſe, nicht weit vom Dorfe ſpazieren ging, hoͤrten wir auf einmal den Toͤn einer ſchlecht geſpielten Fiedel, und ſahen, als wir nach der Ge⸗ gend hinblickten, woher er kam, eine Rauchſaule zwiſchen den Baͤumen aufſteigen. Der Ton der Muſik iſt immer anziehend, denn wo Muſik iſt, iſt auch gute Laune oder guter Wille. Wir ſchlugen einen Fußpfad ein, und konnten nun, durch eine Oeffnung in der Hecke, den Muſiker 1 222 und ſeine Geſellſchaft ſehen, als der Oxforder Student uns ploͤtzlich einen Wink gab und uns ſagte, daß wenn wir ihm folgen wollten, wir ei⸗ nen herrlichen Spaß haben ſollten. Es fand ſich, daß dieß ein Lager der Zigeu⸗ ner war, welches aus drei bis vier kleinen Huͤt⸗ ten oder Zelten beſtand, von Betttuͤchern oder Segeltuch gemacht, die uͤber Reife geſpannt wa⸗ ren, welche man in den Boden eingegraben hatte. Es lag auf der einen Seite eines gruͤnen Hecken⸗ ganges, dicht an einer Hagedornhecke, und eine große Buche breitete ihre Zweige daruͤber hin. Ein kleiner Bach rieſelte, dicht dabei, durch den gruͤnen, einem Teppich gleichen Raſen. An einem krummen gebogenen Stuͤcke Eiſen, hing ein Theekeſſel uͤber einem Feuer, das von trockenen Reiſern und Blaͤttern angezuͤndet war, und zwei alte Zigeunerinnen, mit rothen Maͤn⸗ teln, ſaßen zuſammengehockt im Graſe und ſchwatz⸗ ten bei ihrem Thee: denn dieſe Geſchoͤpfe haben, wenn ſie gleich unter freiem Himmel leben, doch ihre Begriffe von dem Behagen, das man an einem Feuer empfindet. Zwei oder drei Kinder ſchliefen auf dem Stroh, das in den Zelten um⸗ hergeſtreut war; ein Paar Eſel weideten in dem Heckengange, und ein ſehr diebsartig ausſehender 223 Hund lag neben dem Feuer. Einige von den juͤnge⸗ ren Zigeunerinnen tanzten nach einer Fiedel, die ein lang aufgeſchoſſener Junge, in einem alten Ueber⸗ rock und mit einer Pfauenfeder im Hutbande, ſpielte. Als wir uns naͤherten, kam ein Zigeuner⸗ maͤdchen, mit einem Paar ſchoͤner, ſchelmiſcher Augen, herbei, und erbot ſich, wie gewoͤhnlich, uns wahrzuſagen. Ich konnte nicht umhin, an dem Maͤdchen eine gewiſſe loſe Zierlichkeit zu bewun⸗ dern. Ihr langes, ſchwarzes Seidenhaar war ganz ſonderbar in viele kleine Flechten getheilt und nachlaͤſſig aufgeſteckt, auf eine Art, die ein Maler erfunden zu haben ſtolz geweſen ſeyn wuͤrde. Ihr Kleid war von gebluͤmtem Zitz, ziemlich zer⸗ lumpt und nichts weniger als rein, aber von ei— nem ſehr harmoniſchen und angenehmen Farben⸗ ſpiel, denn dieſe Geſchoͤpfe haben ein beſonders geuͤbtes Auge in der Wahl der Farben. Sie hatte einen Strohhut in der Hand, und einen rothen Mantel uͤber einen Arm geworfen. Der Oxforder Student wollte ſich ſogleich wahrſagen laſſen, und das Maͤdchen begann ihren Spruch mit der gewoͤhnlichen Zungengelaͤufigkeit ihres Geſchlechts; allein er zog ſie auf die Seite, nahe bei der Hecke, da er, wie er ſagte, nicht ha⸗ 224— ben wollte, daß man hinter alle ſeine Geheimniſſe kaͤme. Ich bemerkte, daß er zu ihr ſprach, ſtatt daß ſie ihm etwas geſagt haͤtte, und ſah an den verſtohlenen Blicken, die er zuweilen auf uns warf, daß er dem Maͤdchen einige Winke gab. Als ſie zu uns zuruͤckkehrte, nahm er eine ſehr ernſthafte Miene an.„Wahrhaftig!“ ſagte er, „es iſt zum Erſtaunen, wie dieſe Geſchoͤpfe zu ihrer Kenntniß kommen; das Maͤdchen hat mir Dinze geſagt, von denen ich glaubte, Niemand wiſſe ſie, als ich ſelbſt.“ Das Maͤdchen machte ſich nun an den Gene⸗ ral.„Gnaͤdiger Herr,“ ſagte ſie,„ich ſehe es Ihnen am Geſicht an, daß Sie ein gluͤcklicher Mann ſind; aber Ihr Gemuͤth iſt nicht ruhig, wahrhaf⸗ tig nicht, gnaͤdiger Herr; aber haben Sie guten Muth, geben Sie mir ein gut Stuͤck Silber, und ich will Ihnen auch recht ſchoͤn wahrſagen.“ Der General hatte ihren Angriff auf ihn im Scherz genommen und ſich ſogar von ihr bei der Hand nehmen laſſen; als ſie aber von Silber zu reden anfing, begann er zu huſten, machte ein ernſthaftes Geſicht, wandte ſich zu uns, und fragte, ob wir nicht lieber unſeren Spazier⸗ gang fortſetzen wollten.—„Mein Herr,“ ſagte das Maͤdchen liſtig:„Sie wuͤrden nicht ſo eilen, wenn 225 Sie wuͤßten, was ich Ihnen von einer ſchoͤnen Dame ſagen koͤnnte, die nicht gleichguͤltig gegen Sie iſt. Nun, alte Liebe roſtet nicht; Manche kommt, um bei einer Hochzeit zu ſeyn, und geht als Braut weg!“— Hier fluͤſterte das Maͤdchen dem General etwas zu, woruͤber er roth wurde, in Verwirrung gerieth, und ſich nun geduldig an die Hecke fuͤhren ließ, wo er dem Maͤdchen mit großer Aufmerkſamkeit zuzuhoͤren ſchien, und ihr am Ende, mit der Miene eines Mannes, der ſein Geld nicht weggeworfen zu haben glaubt, eine halbe Krone gab. Das Maͤdchen verſuchte nun einen Angriff auf Meiſter Simon, der indeß zu lange in der Welt gelebt hatte, um ſich ſo leicht fan⸗ gen zu laſſen, beſonders, da er wußte, daß das Ganze ſich mit einem Ausfall auf ſeine Boͤrſe endigen wuͤrde, ein Punkt, uͤber den er etwas kitzlich iſt. Da er indeſſen noch immer in dem Rufe ſtehen will, ein loſer Geſell zu ſeyn, ſo griff er ihr unter das Kinn, machte einige ziem⸗ lich derbe Scherze, und nahm die Miene eines Wildfangs an, wie ſie zuweilen die jungſeyn⸗ wollenden Herren aus der alten Schule auf dem Theater ſich geben.„Ach, ihr Gnaden,“ ſagte das Maͤdchen, mit einem boshaften Laͤcheln:„Sie wa⸗ 226 ren voriges Jahr, wo ich etwas von der bewuß⸗ ten Wittwe ſagte, nicht bei ſolcher Laune; haͤtten Sie aber freundſchaftlichen Rath angenommen, ſo wuͤrden Sie vergangenes Jahr auf dem Pfer⸗ derennen von Doncaſter keinen Floh in's Ohr bekommen haben!“ Es lag in dieſer Rede ein geheimer Stich, der Meiſter Simon ganz aus der Faſſung zu bringen ſchien. Er riß dem Maͤdchen verdruͤßlich ſeine Hand weg, knallte mit der Peitſche, pfiff den Hunden, und ſagte, daß es hohe Zeit ſey, nach Hauſe zu gehen. Das Maͤdchen war in⸗ deſſen entſchloſſen, ihre Ernte nicht aufzugeben. Sie wandte ſich itzt zu mir, und da ich mich nicht ſehr ſtark fuͤhle, wenn ein huͤbſches Geſicht mit im Spiele iſt, ſo lockte ſie mir bald mein Geld ab, und ſagte mir dagegen wahr. Wenn das eintrifft, was ſie mir prophezeit hat(und ich bin ganz entſchieden, es fuͤr wahr zu halten) ſo muß ich noch einer der gluͤcklichſten Menſchen in Cu⸗ pido's Jahrbuͤchern werden. Ich ſah ſehr wohl, daß der Oxforder Stu⸗ dent bei allen dieſen Geheimniſſen die Hand im Spiele hatte, und ſich mit dem General, deſſen zaͤrtliche Annaͤherung an die Wittwe der Auf⸗ merkſamkeit des Schalks nicht entgangen war, 227 einen Scherz machen wollte. Ich war indeß etwas neugierig, zu erfahren, was die geheimniß⸗ vollen Winke bedeuten ſollten, die Meiſter Si⸗ mon ſo ploͤtzlich in Verlegenheit geſetzt hatten, und blieb daher abſichtlich mit dem Oxforder zu⸗ ruͤck. Als ich ihn fragte, lachte er herzlich und gab mir folgenden Aufſchluß. Die Wahrheit iſt, daß es Meiſter Simon, ſeit meinem Beſuche auf der Halle um Weih⸗ nachten, gar uͤbel ergangen iſt. Er wurde da⸗ mals ſehr mit einer Wittwe geneckt, einer huͤbſchen, ſtattlichen Frau, wie er mir unter vier Augen ſagte. Ich glaubte, daß das Selbſtbehagen, welches er bei dieſer Gelegenheit verrieth, von der gewoͤhn⸗ lichen Schwaͤche alter Junggeſellen herruͤhrte, ſich gern mit Heirathen und Courmachen auf⸗ ziehen zu laſſen, und gern Vorwuͤrfe uͤber ihren Wankelmuth und ihr falſches Herz zu hoͤren. Man verſicherte mich indeß, Meiſter Simon habe ſich wirklich uͤberredet, die Wittwe ſey ihm nicht abgeneigt, weswegen er auch einige außer⸗ ordentliche Ausgaben fuͤr neue Kleider gemacht und ſich wirklich durch Frank Bracebridge einen Rock bei Stultz*) hatte beſtellen laſſen. 5) Einer der berühmteſten Modeſchneider in London. lUebſ 228— Er fing nun an, davon zu reden, wie nothwendig es ſey, daß ein Mann ſich einen feſten Hausſtand bilde, ehe er alt wuͤrde, machte ein ernſthaftes Geſicht, wenn von Heirathen und der Wittwe zugleich die Rede war, und fragte heimlich den Squire und den Pfarrer um ihre Meinung, ob es wohl raͤthlich ſey, eine Wittwe mit einem an⸗ ſehnlichen Wittwenthum zu heirathen, die aber mehrere Kinder habe. Ein angeſehenes Mitglied einer großen Fa⸗ milie kann nicht fuͤglich lange von Heirathen re⸗ den, ohne daß die Sache ruchtbar wuͤrde, und man raunte ſich bald zu, daß Herr Simon Bracebridge nach dem Pferderennen von Doncaſter mit einem neuen Pferde gegangen waͤre, wahrſcheinlich aber in einem Curricle*), mit einer Dame neben ſich wiederkommen wuͤrde. Meiſter Simon ging auch wirklich nach dem Pferderennen, und zwar mit einem neuen Pferde, und die ſtattliche Wittib erſchien in ihrem Cur⸗ ricle: ungluͤcklicherweiſe fuhr ſie aber ein junger ſchmucker irlaͤndiſcher Dragoneroffizier, mit dem Meiſter Simon, bei aller ſeiner Selbſtgefaͤllig⸗ *) Zweirädrigen Wagen mit zwei Pferden. tieberſ. —— —— 229 keit, ſich nicht vergleichen konnte, und den ſie kurz nachher heirathete. Meiſter Simon konnte mehrere Monate lang ſeines Verdruſſes nicht Herr werden, da er ſich fruͤher nie ſo ganz bloß gegeben hatte. Selbſt die Allerbeſchraͤnkteſten in der Familie er⸗ laubten es ſich, Scherz mit ihm zu treiben, und Niemand kann, in der Regel, dieß weniger ver⸗ tragen, als wer ſelbſt Keinen ſchont. Er fluͤch⸗ tete ſich daher eine Zeit lang zu Lady Lilly⸗ craft, bis Gras uͤber die Sache gewachſen ſeyn wuͤrde, ſah ihre Rechnungsbuͤcher durch, hielt den Kirchenchor in Ordnung, und brachte einem Dom⸗ pfaffen loyale Geſinnungen bei, indem er ihn God save the King pfeifen lehrte. Er hat itzt die Kraͤnkung beinahe verſchmerzt, traͤgt den Kopf wieder in die Hoͤhe, lacht wieder ſo viel als irgend Einer, ſpricht wieder mit Bedauern von verheiratheten Leuten, und macht ſich uͤber Wittwen luſtig, wenn Lady Lillycraft nicht dabei iſt. Seine einzige Pruͤ⸗ fungsſtunde tritt ein, wenn der General ihn packt, der ungemein ſchwerfaͤllig und beharrlich bei ſei⸗ nen Neckereien iſt, und ein ganzes Mittagseſſen lang einen und denſelben ſchlechten Scherz in die Unterhaltung einzuflechten weiß. Meiſter 230 Simon pflegt dann wohl dieſe Angriffe durch eine Strophe aus einem ſeiner alten Buͤcher„Cu⸗ pido's Liebesadvokat“ abzuwehren, welche alſo lautet: Was hilft's, um Witwen lange ſich bewerben? Ein Blick— und ihren Sinn erkennt der Kluge ſchon; Alt oder jung, ſie ſind uns zum Verderben, Und treiben mit dem Juͤngling Spott und Hohn. Liebes⸗Zauber. — Komm, weine nicht, mein Kind, Vergiß ihn, ſüße Trauernde: wie er Giebt jeden Tag es hundert Andre noch. Sir J. Suckling. Eine bevorſtehende Heirath iſt, in einer Fami⸗ lie, immer ein Gegenſtand von großer Wichtig⸗ keit, ganz beſonders aber in einer Haushaltung, wie dieſe, in einem entfernten Theile des Lan⸗ des. Meiſter Simon, der Alles ausſpuͤrt, und durch den Haushofmeiſter und die Haushaͤlterinn Alles erfaͤhrt, was vorgeht, ſagt mir, daß die Dienſtmaͤdchen unablaͤſſig ihr Gluͤck auf die Probe ſtellen, und daß die Domeſtiken⸗Stube in der letzteren Zeit zu einer wahren Zauberwerkſtatt geworden iſt. Es iſt ſehr ergoͤtzlich, zu ſehen, wie die Son⸗ derbarkeiten des Haupts einer Familie ſich allen Zweigen derſelben mittheilen. Der Squire hatte, 232 nach ſeiner Liebe fuͤr Alles, was nach der alten Zeit ſchmeckt, ſo viele ernſte Unterredungen mit dem Pfarrer uͤber Volksaberglauben und alte Gebraͤuche, bei Tiſche gehabt, daß dieſe, von den zuhoͤrenden Bedienten aus dem Eßzimmer in die Kuͤche hinterbracht, und von ſo hohem Orte her beglaubigt, das ganze Haus angeſteckt haben. Die Dienſtboten ſind mit den gewoͤhnlichen Arten, ihr Gluͤck zu verſuchen, und den Mitteln, ſich Beſtaͤndigkeit des Geliebten zu ſichern, ſehr wohl bekannt. Sie erforſchen ihr Schickſal durch Striche, die ſie in die Aſche ziehen, oder durch Herſagung eines Spruchs, waͤhrend ſie dabei in einen Eimer Waſſer blicken. Der Sankt⸗Mar⸗ kus⸗Abend war, wie ich gehoͤrt habe, fuͤr ſie eine ſehr lebendige Zeit, da er der beſtimmte Abend fuͤr mehrere geheimnißvolle Gebraͤuche iſt. Meh⸗ rere von ihnen ſaͤeten Hanfſamen, zur Ernte fuͤr treue Liebhaber;*) ja ſie unternehmen ſogar die feierlichen und furchtbaren Vorbereitungen zum *) Dies bezieht ſich auf einen alten Aberglauben in Eng⸗ land, wonach Mädchen, die ihren künftigen Gatten zu ſehen wünſchen, Hanfſamen ſäen und dabei ſagen ſollen, daß ihr Lieb⸗ haber kommen und den Hanf ernten möge. Wenn ſie ſich alsdann umſehen, ſolten ſie ihren künftigen Gatten erblicken. Ueberſ. —— 233 ſtummen Kuchen. Dieſer muß, ohne daß man etwas genoſſen habe, und in tiefem Stillſchweigen, gebacken werden. Die Beſtandtheile deſſelben ſind, nach alter Ueberlieferung, folgende:„eine Eierſchale voll Salz, eine Eierſchale voll Malz und eine Eierſchale voll Gerſtenmehl. Wenn der Kuchen fertig iſt, wird er in eine Pfanne gethan, und dann erſcheint der kuͤnftige Gatte. Man dreht den Kuchen um, und entfernt ſich. Wird aber waͤhrend dieſer furchtbaren Feierlichkeit ein Wort geſprochen oder das Faſten gebrochen, ſo iſt nicht vorauszuſehen, welche ſchreckliche Fol⸗ gen dgraus entſtehen koͤnnen.“ Die Verſuche fuͤhrten aber, in dem gegen⸗ waͤrtigen Falle, zu keinem Ergebniß. Die den Hanfſamen geſaͤet, hatten den Zauberſpruch ver⸗ geſſen, der dabei hergeſagt werden mußte, und der treue Liebhaber erſchien nicht; und bei dem ſtummen Kuchen verließ ſie, bei dem furchtbaren Schweigen und dem Schrecken der Mitternachts⸗ ſtunde, der Muth, als ſie den Kuchen in die Pfanne gelegt, ſo daß, als die große Hausuhr in der Domeſtiken⸗Stube zwolf ſchlug, ein ploͤß⸗ licher Schauder ſie ergriff, und ſie Alle aus dem Zimmer liefen, das ſie auch nicht eher wieder betraten, als am folgenden Morgen, wo ſie den 234 geheimnißvollen Kuchen zu Aſche gebrannt fan⸗ den. Am meiſten macht ſich mit dieſen Zauber⸗ mitteln Phoͤbe Wilkins, die Nichte der Haus⸗ haͤlterinn, zu ſchaffen. Da ſie eine Art von Standesperſon iſt, und nicht viel zu thun hat, ſo kann ſie ſich mit dieſen Dingen viel mehr be⸗ ſchaͤftigen. Sie hat immer ihren Kopf voll von Liebe und Heirathen gehabt, weiß das Traum⸗ buch auswendig, und gilt, unter den kleinen Maͤd⸗ chen in der Familie, die jeden Morgen zu ihr kommen, ihr ihre Traͤume zu erzaͤhlen, fuͤr eine Art von Orakel.. Bei allem dem Frohſinn, der itt im Hauſe herrſcht, geht das arme Maͤdchen immer mit ei⸗ nem traurigen Geſichte umher, und ſcheint,— mit der Haushaͤlterinn zu reden—„ſeit einiger Zeit in einem ſchlimmen hiſtoriſchen Zuſtande zu ſeyn.“ Sie iſt in dem Dorfe, wo ihr Vater Kirchen⸗ ſchreiber*) war, geboren und erzogen, und war⸗ ſchon fruͤh eine Spielgenoſſinn und Geliebte des jungen Hans Tibbets. Seitdem ſie aber nach der Halle gekommen, t ihr der Kopf et⸗ „ Parish elerk. Eine geiſtliche Stelie, welche die Obliegenheiten des Küſters mit denen eines Schreibers und Gehülfen des Pfarrers vereinigt. Ueberſ. 235 was verdreht worden. Da ſie ſehr huͤbſch und angenehm iſt, ſo hat man ſich ſehr viel mit ihr beſchaͤftigt, und ihr vieles nachgeſehn, und als Nichte der Haushaͤlterinn, hat ſie eine Mittel⸗ ſtelle bekleidet,„wo ſie weder Dienſtbote noch Geſellſchafterinn war.? Sie hat bei dieſer Ge⸗ legenheit etwas von den Moden und Anſichten junger Damen kennen gelernt, und dies hat eine ſo gaͤnzliche Veraͤnderung bei ihr hervorgebracht, daß ihr Sonntagsſtaat ihren vorigen Bekannten aus dem Dorfe ein gewaltiges Aergerniß gege⸗ ben hat. Dieß hat nun auch zu den falſchen Ge⸗ ruͤchten Anlaß gegeben, welche den unbeſiegbaren Familienſtolz der Dame Tibbets erweckt haben. Was aber noch ſchlimmer iſt, ſo hat Phoͤbe, aus einem Anfluge von Coqguetterie, der ihr ei⸗ gen iſt, dieſe auch, bei einer oder zwei Gelegenhei⸗ ten, gegen ihren Liebhaber verrathen, welches zu einem foͤrmlichen Zank Anlaß gegeben, und Hees, der ſehr ſtolz und heftig iſt hat, mehrere Sonntage hintereinander, ſie nicht mit einem Auge angeſehen. Das arme Maäͤtchen iſt voll von Sorgen und Reue, und moͤchte ſich gern mit ihrem Lieb⸗ haber ausſoͤhnen, allein er fuͤhlt ſich ſicher, und haͤlt ſich von ihr entfernt. Hierbei wird er, ohne 236— Zweifel von ſeiner Mutter unterſtuͤtzt, die ihn unaufhoͤrlich an das erinnert, was er ſeiner Fa⸗ milie ſchuldig ſey, denn dieſer Familienſtolz ſcheint dazu beſtimmt zu ſeyn, die ewige Plage der Lie⸗ benden zu werden. Da ich nicht wohl ein huͤbſches Geſicht trau⸗ rig ſehen kann, ſo hat mich die ungluͤckliche Phoͤbe, ſeitdem ich ihre Geſchichte gehoͤrt habe, ſehr gedauert. Es iſt eine harte Sache, in der Liebe mit Widerwaͤrtigkeiten kaͤmpfen zu muͤſſen, aber ganz beſonders in dieſer zaͤrtlichen Jahreszeit, wo jedes lebende Geſchoͤpf, bis zu dem Schmetterling, ſich mit ſeinem Gefaͤhrten liebend ergeht, und die gruͤnen Felder, die knos⸗ penden Gebuͤſche, der Geſang der Voͤgelsund der angenehme Duft der Blumen allein ſchon einem liebeſiechen Maͤdchen den Kopf verdrehen koͤnnten. Ich hoͤre, daß des jungen Baargeld's Kaͤlte der armen Phoͤbe ſehr nahe geht. Statt, wie ſonſt, im Hauſe umher zu traͤllern, ſchleicht ſie bleich und ſeufzend daßin und bricht in Thraͤnen aus, wenn ihre Gefaͤhrtinnen voller Luſt und Vergnuͤgen ſind. Mrs. Hannah, die veſtaliſche Edeldame der Lady Lillycraft, geht viel mit Phoͤbe des Abends in der Allee auf und ab, und ſpricht —.,— —,.— 237 mit ihr, bei welcher Gelegenheit ſie dann einige Tropfen ihres eigenen Wermuths in das honig⸗ gleiche Weſen der Andern einfließen zu laſſen ſucht. Sie ſpricht mit Geringſchaͤtzung und Ab⸗ ſcheu von dem ganzen Geſchlecht, und hat Phoͤ⸗ be den Nath gegeben, die Maͤnner eben ſo von Grunde aus zu verachten, als ſie. Phoͤbe's ſanftes Weſen kann aber nicht ſo leicht umge⸗ wandelt werden, und Haß oder Verachtung ge⸗ gen das menſchliche Geſchlecht, liegt durchaus nicht in ihr. Sie beſitzt ganz die einfache Her⸗ zensguͤte eines armen, ſchwachen, liebenden Wei⸗ bes, und alle ihre Gedanken gehen itzt darauf hin, wie ſie ihren verirrten Schaͤfer wieder zu ſich zuruͤckbringen will.. Die Zauberſpruͤche und Zaubermittel, wo⸗ mit ſich die uͤbrigen Dienſtboten nur beluſtigen, ſind, fuͤr das arme liebesbefangene Maͤdchen, ein Gegenſtand ernſter Wichtigkeit. Sie ſtellt fort⸗ dauernd ihr Schickſal auf allerlei Arten auf die Probe. So ſoll ſie ſechs Mittwoche und drei Freitage hintereinander gefaſtet haben, da ſie ge⸗ hoͤrt hat, daß dies ein unfehlbares Mittel ſey, innerhalb eines Jahres, nach ſeiner Neigung verheirathet zu werden. So traͤgt ſie auch eine Locke, von dem Haar ihres Geliebten, und ein Band, das er ihr einſt gegeben, bei ſich, da dies ℳ 238 einen Liebhaber beſtaͤndig erhalten ſoll. Ja ſie hat ſogar den Mond, der immer in den Traͤu⸗ men und Einbildungen der Liebenden eine große Rolle geſpielt hat, zum Pruͤfſtein ihres Schick⸗ ſals gemacht. Zu dieſem Ende ging ſie eines Abends, bei Vollmond, hinaus, knieete auf einen Stein auf der Wieſe nieder, und ſagte dabei den alten Spruch her: 1 Ich gruͤß' dich, Mond, in deinem Schein, Itzt, guter Mond, ach! zeig' mir fein Den Juͤngling, der mein Mann ſoll ſeyn. Als ſie nach dem Hauſe zuruͤckkam war ſie er⸗ ſchoͤpft und bleich, und legte ſich ſogleich zu Bette. Am andern Morgen erzaͤhlte ſie der Frau des Portiers, daß ſie Jemanden dicht an der Hecke auf der Wieſe geſehen habe, und uͤber⸗ zeugt ſey, es ſey der junge Tibbets geweſen, von dem ſie auch die ganze Nacht getraͤumt habe, worauf die alte Dame ſie verſicherte, daß dies beides ſehr gluͤckliche Zeichen waͤren. Es fand ſich indeß nachher, daß der Mann auf der Wieſe der alte Chriſty, der Zaͤger, geweſen war, der mit ſeinem großen Huͤhnerhunde ſeine naͤcht⸗ liche Runde machte, ſo daß nun Phoͤbe's Glauben an den Zauber einen gewaltigen Stoß erlitten hat. 3 Die Bibliothek. Geſtern erſchien die ſchoͤne Julie, zum erſten Male nach ihrem Unfalle, wieder unten bei uns, und ihre Erſcheinung verbreitete eine ungewoͤhn⸗ liche Heiterkeit uͤber das ganze Haus. Sie war indeß ſehr bleich, und konnte nicht ohne Muͤhe und Schmerzen gehen. Wir fuͤhrten ſie deswe⸗ gen nach einem Sopha in der Bibliothek, einem angenehmen, etwas abgelegenen Zimmer, aus dem man auf Baͤume hinausſieht, und das ſo ruhig iſt, daß die kleinen Vöͤgel auf die Fenſter fliegen und neugierig in das Zimmer ſchauen. Hier verſam⸗ melten ſich nun Mehrere aus der Familie, und erſannen Allerhand, ſie zu unterhalten und ihr angenehm die Zeit zu vertreiben. Lady Lil⸗ lycraft bedauerte, daß es keinen neuen Roman gaͤbe, und war beinahe boͤſe, daß„der Verfaſſer von Waverley“ ſeit drei Monaten noch kein neues Werk zu Tage gefoͤrdert habe. — 240 Es wurde vorgeſchlagen, man ſolle den Pfar⸗ rer bitten, einige ſeiner alten Legenden oder Geiſtergeſchichten mitzutheilen; dagegen ſetzte ſich aber Lady Lillycraft, und behauptete, daß ſie ihr Vapeurs zuzoͤgen. General Harbottle gab zum ſechsten Male eine umſtaͤndliche Erzaͤh⸗ lung von dem Ungluͤcksfalle eines ſeiner Freunde zum Beſten, dem, in Indien, ein Tiger auf der Jagd das Bein abgebiſſen hatte, und bedrohte nun die Geſellſchaft mit einem oder zwei Capiteln von Tippu Saib. Endlich bedachte ſich der Capitain, und ſagte, er glaube, er habe noch eine handſchriftliche Er⸗ zaͤhlung in einem Winkel ſeines Feld⸗Mantel⸗ ſacks ſtecken, die er, wenn er ſie finden koͤnne und die Geſellſchaft es wuͤnſche, ihr vorleſen wolle. Dies Anerbieten ward augenblicklich angenommen. Er entfernte ſich, und kam, kurz darauf, mit einer ſehr beſchmutzten Papierrolle zuruͤck, die von einer gebildeten, aber beinahe un⸗ leſerlich gewordenen Hand beſchrieben war, und wovon ein großer Theil aus Patronenpapier beſtand. ‚Dieß iſt— ſagte er— eine von den Schreibe⸗ reien meines armen Freundes Charles Lightly von den Dragonern. Er war ein ſonderbarer, voman⸗ tiſcher, — » 241 tiſcher, emſiger, phantaſtiſcher Menſch, der Liebling und oft, ihm unbewußt, die Zielſcheibe ſeiner Ka⸗ meraden, die ſich an ſeinen Sonderbarkeiten be⸗ luſtigten. Er hatte, waͤhrend der Feldzuͤge in Spanien, einen ſehr ſchweren Dienſt auf der Halbinſel und zeichnete ſich durch ſeine Tap⸗ ferkeit bedeutend aus. In den Zwiſchenraͤumen der Muße, die ihm der Dienſt uͤbrig ließ, pflegte er im Lande umher zu ſtreifen, beruͤhmte Orte zu beſuchen, und ſeiner Vorliebe fuͤr mau⸗ riſche Truͤmmer nachzuhangen. Wenn er im Quartier war ſchrieb er ſehr viel, und brachte die meiſte Zeit mit der Feder in der Hand zu. „Da ich viel juͤnger im Dienſt, als er, und uͤberhaupt noch ſehr jung war, ſo nahm er mich, gewiſſermaßen, unter ſeine Obhut und wir wur⸗ den bald Freunde. Er pſlegte mir oft vorzuleſen, was er geſchrieben hatte, da er ein großes Zu⸗ trauen zu meinem Geſchmacke hatte, weil ich ſeine Sachen immer lobte. Der Arme! Er ward an meiner Seite bei Waterloo verwundet, und wir lagen eine Zeit lang neben einander, waͤhrend eines harten Kampfes, der dicht bei uns vorſiel. Da meine Verwundung leichter war als die ſeinige, ſo ſuchte ich ihm zu helfen, und das Blut zu ſtillen, das aus einer Wunde in ſeiner Bruſt ſtroͤmte. Er J. L 242 ruhte mit dem Kopfe in meinem Schooße und blickte dankbar zu mir herauf, ſchuͤttelte aber ſchwach den Kopf, gab mir durch Zeichen zu verſtehen, daß es aus mit ihm ſey, und ſtarb wirklich auch einige Minuten nachher, gerade als unſere Leute den Feind zuruͤckgeſchlagen hatten und zu unſerer Unterſtuͤtzung herbeikamen. Ich habe noch ſeinen Lieblingshund, ſeine Piſtolen und meh⸗ rere von ſeinen Handſchriften, die er mir zu verſchiedenen Zeiten gab. Die, aus welcher ich itzt vorleſen werde, iſt eine Erzaͤhlung, die er, wie er mir ſagte, in Spanien ſchrieb, waͤhrend er an einer bei Salamanca erhaltenen Wunde da⸗ nieder lag.“ 3 4 Wir ſchickten uns nun an, die Geſchichte zu hoͤren. Der Capitain ſetzte ſich auf das Sopha, neben die ſchoͤne Julie, die, wie ich bemerkte, das Gemaͤlde, das er von Wunden und Gefahren auf dem Schlachtfelde entworfen, etwas angegriffen hatte. Sie legte itzt ihren Arm zaͤrtlich auf ſeine Schulter, und ihr Auge ward feucht, als ſie auf die Handſchrift des armen, gelehrten Dragoners hinblickte. Lady Lillycraft begrub ſich in einen weichen, mit Kiſſen wohlverſehenen Arm⸗ ſtuhl. Ihre Hunde lagen auf weichen Matten, zuſammengekruͤmmt, zu ihren Fuͤßen, und der — 243 tapfere General nahm in einem Lehnſtuhle zu ihrer Seite Platz, und ſpielte mit ihrem zierli⸗ chen Arbeitsbeutel. Nachdem die Uebrigen ſaͤmmt⸗ lich eben ſo gut untergebracht waren, fing der Capitain an die Erzaͤhlung vorzutragen, von der ich mir, fuͤr den Leſer, eine Abſchrift zu ver⸗ ſchaffen gewußt habe. Der Student von Salamanca. — Was für ein Leben fuͤhre ich bei meinem Herrn! Nichts als den Blaſebalg ziehen, Elemente ſtoßen, und Schmelztiegel reinigen! Es iſt eine ſehr geheime Wiſſenſchaft, denn es kann beinahe Niemand ihre Sprache verſtehen. Sublimi⸗ rung, Calcinirung, Rubificirung, Albificirung, Fermen⸗ tirung und noch mehrere Ausdrücke der Art, die eben ſo ſchwer auszuſprechen, als zu begreifen ſind. Lilly's Galathea. Einft wohnte in der alten Stadt Granada, ein junger Mann Namens Antonio de Cas⸗ tros. Er trug ſich wie ein Student von Sa⸗ lamanca, las haͤufig in der Bibliothek der Uni⸗ verſitaͤt, und beſchaͤftigte ſich, in den Mußeſtun⸗ den, mit der Unterſuchung der Ueberbleibſel mau⸗ riſcher Pracht, derenwegen Granada ſo be⸗ ruͤhmt iſt. Waäͤhrend ſeiner Beſchaͤftigung mit den Stu⸗ dien, bemerkte er haͤufig einen alten Mann, von ſonderbarem Aeußeren de ebenfalls, wie er, die 8 — 245 Bibliothek beſuchte. Er war mager und abge⸗ lebt, doch augenſcheinlich dies mehr durch ange⸗ ſtrengtes Studiren als durch ſein Alter gewor⸗ den. Seine Augen lagen, wenn ſie gleich glaͤn⸗ zend und ſchwaͤrmeriſch waren, tief im Kopfe, und wurden von den daruͤberhangenden Augen⸗ braunen beſchattet. Seine Kleidung war immer dieſelbe: ſie beſtand aus einem ſchwarzen Wamms, einem kurzen ſchwarzen Mantel, der ſehr kahl und abgenutzt war, einer kleinen Halskrauſe und einem großen uͤberſchattenden Hute. Sein Durſt nach Wiſſen ſchien unerſaͤtt⸗ lich zu ſeyn. Er konnte ganze Tage in der Bi⸗ bliothek, in Studien verſunken, zubringen, und eine Menge von Schriftſtellern nachſchlagen, als ob er einen anziehenden Gegenſtand, durch alle ſeine Verzweigungen verfolge, ſo daß er, wenn der Abend herannahte, in Buͤchern und Hand⸗ ſchriften beinahe vergraben war. Antonio's Neugierde war aufgeregt, und er fragte die Diener uͤber den Fremden. Niemand wußte ihm indeß Auskunft zu geben, außer, daß er, ſeit einiger Zeit, zuweilen auf die Bibliothek komme, daß er beſonders Buͤcher uͤber geheime Wiſſenſchaften leſe, und daß er namentlich arabi⸗ ſchen Handſchriften nachforſche. Sie fuͤgten 4 8 246 Hiinzu, daß er ſich nie mit Jemanden in ein Ge⸗ ſpraͤch eingelaſſen habe, ausgenommen, um nach einzelnen Werken zu fragen, daß er, nach beſon⸗ ders anhaltendem Studiren, mehrere Tage, ja ſelbſt Wochen lang, unſichtbar bleibe, und wenn er die Bibliothek wieder beſuche, verwelkter und hagerer als je ausſehe. Der Student fuͤhlte ſich von dieſen Nachrichten ganz beſonders an⸗ gezogen: er fuͤhrte ein muͤſſiges Leben, und be⸗ ſaß alle die launenhafte Neugier, welche dem Muͤſſiggange eigen iſt. Er beſchloß demnach, ſich mit dem Buͤcherwurme naͤher bekannt zu ma⸗ chen, und wo möoͤglich auozukundſihaften, wer und was er ſey. Das naͤchſte Mal, wo er den alten Mann in der Bibliothek ſah, fing er ſeinen Plan aus⸗ zufuͤhren an, indem er ihn um die Erlaubniß bat, in eines der Buͤcher hineinblicken zu duͤrfen, das — Unbekannte nicht mehr zu brauchen ſchien. Dieſer nickte mit dem Kopfe, zum Zeichen der Ge⸗ waͤhrung, aber ohne ein Wort zu ſagen. Nach⸗ dem Antonio das Buch, mit anſcheinend großer Aufmerkſamkeit durchgeſehen, gab er es, mit vie⸗ len Dankbezeugungen zuruͤck; der Femde ant⸗ wortete nicht darauf. „Darf ich fragen, Senor,“ ſagte Antonio ——— 247 mit einigem Zoͤgern:„darf ich fragen, was Ihr in allen dieſen Buͤchern ſucht 2“ Der alte Mann erhob ſein Haupt, mit dem Ausdrucke des Erſtaunens, ſeine Studien zum er⸗ ſtenmale, und auf eine ſo zudringliche Weiſe un⸗ terbrochen zu ſehen, ſah dann den Studenten von der Seite, vom Fuß bis zum Kopfe an, und ſagte ruhig:„Weisheit, mein Sohn, und die Nachforſchung erfordert jeden Augenblick meiner Aufmerkſamkeit.“ Hierauf richtete er die Augen wieder auf das Buch, und fuhr in ſeinen Stu⸗ dien fort. „Aber Vater,“ ſagte Antonio,„koͤnnt ihr nicht einen Augenblick abmuͤſſigen, um Andern den Weg zu zeigen? Wir, die wir die Pfade des Wiſſens nicht kennen, muͤſſen zu erfahrenen Reiſenden, wie Ihr ſeid, unſere Zuflucht nehmgn, um zurecht gewieſen zu werden.“ Der Fremde ſah ihn verſtoͤrt an:„Ich habe kaum Zeit genug, mein Sohn, um zu lernen,“ ſagte er:„geſchweige denn, um zu lehren. Ich ſelbſt kenne den Pfad der wahren Weisheit nicht; wie kann ich ihn alſo Andern zeigen?“ Aber Vater— 1 „Senor,“ ſagte der alte Mann, ſanft, A 248 aber mit Ernſt,„Ihr ſeht, daß ich nur noch we⸗ nige Schritte bis zum Grabe habe. In dieſer kurzen Zeit ſoll ich das ganze Geſchaͤft meines Daſeyns vollendet haben. Ich habe keine Zeit„ zu Worten: jedes derſelben iſt ein verlorenes Sandkorn aus meinem Stundenglaſe. Laßt mich ungeſtoͤrt.“ Gegen eine ſo entſchiedene Abfertigung war nichts mehr einzuwenden. Der Student fand ſich abgewieſen, und erlaubte ſich keine Widerrede. Obgleich neugierig und forſchend, war er doch von Natur beſcheiden, und erroͤthete, bei reiferem Nachdenken, uͤber ſeine eigene Zudringlichkeit. Sein Gemuͤth ward bald von andern Gegenſtaͤn⸗ den angezogen: er brachte mehrere Tage damit zu, unter den verfallenden Truͤmmern mauriſcher Baukunſt, den traurigen Denkmaͤlern eines zier⸗ lichen und uͤppigen Volkes, umher zu wandern · In den verlaſſenen Hallen der Alhamb ra, des Paradieſes der mauriſchen Koͤnige, ſchritt er einher. Er betrat den großen Hof der Lö⸗ wen, beruͤchtigt durch den daſelbſt veruͤbten Mord der tapferen Abencerragenz er betrachtete, mit Bewundrung ihre muſiviſchen Kuppeln, praͤch⸗ tig in Gold und azurblau bemalt, ihre Mar⸗ —————— morbecken, ihren, von Loͤwen getragenen und mit Inſchriften bedeckten Alabaſterbehaͤlter.*) Seine Einbildungskraft ward entflammt, als er durch dieſe Ruinen wandelte: ſie waren ganh dazu gemacht, die Begeiſterung eines ju⸗ gendlichen Gemuͤths zu entzuͤnden. Die meiſten von dieſen Hallen waren, in jenen Zeiten, durch Springbrunnen verſchoͤnert. Der gute Geſchmack der Araber fand an der glaͤnzenden Reinheit und der belebenden Friſche des Waſſers großes Ge⸗ fallen, und errichtete an allen Orten dieſem zar⸗ ten Element Altaͤre. Die Dichtkunſt vermaͤlt ſich in der Alhambra mit der Baukunſt, ſie ſcheint aus den Mauern ſelbſt zu athmen. Wo⸗ hin Antonio ſeine Augen wandte, ſah er arabi⸗ ſche Inſchriften, worin die Dauer der mauriſchen Macht, und ihr Glanz in dieſen Pallaͤſten be⸗ ſtimmt vorausgeſagt war. Ach! wie wenig iſt dieſe Prophezeiung in Erfuͤllung gegangen! Viele von den Becken, aus welchen die Springbrunnen einſt ihre glaͤnzenden Strahlen aufſteigen ließen, waren itt trocken und beſtaubt. Einige von den Pallaͤſten waren in Kloͤſter umgeſchaffen, und 4*) Man ſehe die Abbildungen in Muryhy's Prachtwerk über die arabiſchen Alterthümer Spaniens, Ueberſ 250 der barfuͤßige Moͤnch durchſchritt itzt die Hoͤfe, welche einſt von dem Glanze der mauriſchen Ritterſchaft geſtrahlt, und von den Toͤnen ihrer Muſik wiederhallt hatten. Auf ſeinen Streifereien begegnete Antonio, mehr als ein Mal, dem alten Manne aus der Bibliothek. Er war immer allein, und ſo ge⸗ dankenvoll, daß er Niemanden um ſich her zu be⸗ merken ſchien. Er ſchien damit beſchaͤftigt, jene halb vergrabenen Inſchriften zu ſtudiren, welche, hie und da, unter den mauriſchen Truͤmmern gefunden werden, und aus der Erde noch die Wunder fruͤherer Groͤße zu verkuͤndigen ſcheinen. Der groͤßere Theil derſelben iſt ſeit der Zeit uͤberſezt worden: damals glaubten indeß Viele, daß ſie ſinnbildliche Andeutungen, und goldene Spruͤche der arabiſchen Weiſen und Sterndeuter enthielten. Waͤhrend Antonio den Fremden dieſe Inſchriften, wie es ſchien, entziffern ſah, fuͤhlte er lebhaftes Verlangen, ſeine Bekannt⸗ ſchaft zu machen und an ſeinen Unterſuchun⸗ gen Theil zu nehmen; allein die Zuruͤckweiſung, die er in der Bibliothek erfahren, hielt ihn ab, weitere Annaͤherungen zu wagen. Eines Abends hatte er ſeine Schritte nach dem heiligen Berge gelenkt, von welchem man „ — 3 251 das ſchoͤne Thal, das der Darro bewaͤſſert, die fruchtbare Ebene der Vega, und die ganze reiche, mannigfaltige Landſchaft von Berg und Thal uͤberſehen kann, welche Granada mit einem irdiſchen Paradieſe umgiebt. Es war Zwielicht, als er ſich an dem Orte befand, wo heutiges Tages die Kapellen liegen, welche unter dem Na⸗ men der heiligen Oefen bekannt ſind. Sie werden ſo nach den Grotten genannt, worin einige der fruͤheſten Heiligen verbrannt worden ſeyn ſollen. Gerade zu der Zeit, wo Antonio dieſen Ort beſuchte, war er ein Gegenſtand großer Neu⸗ gierde geworden. In einer Vertiefung einer die⸗ ſer Grotten hatte man kuͤrzlich mehrere beſchrie⸗ bene Bleitafeln entdeckt; die Buchſtaben darauf waren arabiſche, auf einer derſelben fanden ſich jedoch unbekannte Schriftzuͤge. Der Pabſt hatte eine Bulle ergehen laßen, worin er bei Strafe der Excommunication Jedem verbot, von dieſen Ta⸗ feln zu reden, allein dieſes Verbot hatte die Neugier nur noch mehr erregt, und Geruͤchte verbreiteten ſich, daß dieſe Tafeln einen Schatz geheimnißvoller und verbotener Kenntniſſe ent⸗ hielten. Waͤhrend Antonio den Ort genauer betrach⸗ tete, wo man dieſe geheimnißvollen Handſchriften f * 2⁵52 gefunden hatte, erblickte er abermals den alten Mann aus der Bibliothek, der unter den Truͤm⸗ mern umher wandelte. Seine Neugierde er⸗ wachte itzt auf das Neue: Zeit und Ort waren dazu gemacht, ſie anzuregen. Er beſchloß, die⸗ ſen Forſcher nach geheimnißvoller, vergeſſener Lehre, genauer zu beobachten, und ihn in ſeinen Schlupfwinkel zu verfolgen. Es lag etwas Aben⸗ theuerliches in der ganzen Sache, das ſeiner Nei⸗ gung zum Romantiſchen entſprach. Er folgte demnach dem Fremden in einer kleinen Entfer⸗ nung, Anfangs mit Vorſicht, ſpaͤter aber mit groͤßerer Dreiſtigkeit, da er ihn ſo gaͤnzlich in ſeine Gedanken verſunken ſah, daß er ſich ſehr wenig um Gegenſtaͤnde der Außenwelt kuͤmmerte. Der Weg fuͤhrte am Saume des Berges und ſodann an den ſchattigen Ufern des Darro hin. Itzt ging der Alte, in einiger Entfernung von der Stadt, einen einſamen Weg entlang, der zwiſchen den Huͤgeln hinlief. Die Daͤmme⸗ rung trat allgemach ein, und es war ganz dun⸗ kel, als der Fremde vor dem Portal eines einſa⸗ men Hauſes ſtill ſtand. Dieß ſchien ein bloßer Fluͤgel, ein zertruͤmmertes Bruchſtuͤck eines einſt bedeutenden Gebaͤudes zu ſeyn. Die Mauern waren ſehr dick, die Fenſter ſchmal und faſt durch⸗ 25³ gaͤngig mit eiſernen Stangen verwahrt. Die Thuͤr war von Bohlen, mit eiſernen Naͤgeln dicht benagelt, und einſt ſehr ſtark geweſen, wenn gleich itzt halb zertruͤmmert. An dem ei⸗ nen Ende des Gebaͤudes, ſtand ein verfallener Thurm, im mauriſchen Stile. Das Gebaͤude war vermuthlich einſt ein Landſitz oder Luſtſchloß der Mauren, und ſo ſtark befeſtigt geweſen, daß es, in jenen kriegeriſchen Zeiten, jedem ploͤtzlichen Angriffe Widerſtand leiſten konnte. Der alte Mann klopfte an das Portal. An einem kleinen Fenſter, gerade uͤber demſelben, erſchien ein Licht, und ein Frauenkopf blickte her⸗ aus, der als Modell zu einer von Raphaels Hei⸗ ligen gedient haben koͤnnte. Ihr Haar war ſehr ſchoͤn eingeflochten, und in ein ſeidenes Netz zuſammengenommen, und ihr Geſicht, nach dem, was man bei Lichte ſehen konnte, hatte die wei⸗ che dunkele Farbe, welche einer ſuͤdlichen Schoͤn⸗ 4 heit ſo wohl anſteht. „Ich bin es, mein Kind,“ ſagte der Alte. Der Kopf verſchwand ſogleich, und bald darauf öffnete ſich ein Pfoͤrtchen im großen Portal. Antonio, der ſich dem Gebaͤude genaͤhert hatte, warf einen fluͤchtigen Blick auf die zarte weib⸗ liche Geſtalt. Ein Paar ſchoͤner ſchwarzer Au⸗ 254— gen, blickte erſtaunt uͤber den Anblick eines Fremden, und die Thuͤr ſchloß ſich ſchnell. Es lag etwas in dieſer ploͤtzlichen Erſcheinung der Schoͤnheit, das die Einbildungskraft des Studenten wunderbar ergriff. Sie glich einem Demant, der aus ſeinem dunkeln Behaͤltniß her⸗ vorſtrahlt. Antonio ſchlich umher, das duͤſtere Gebaͤude mit wachſendem Antheile betrachtend. Einige wenige wilde Toͤne, die zwiſchen Felſen und Baͤumen, in einer kleinen Entfernung, hervor⸗ drangen, feſſelten ſeine Aufmerkſamkeit. Er fand, bei naͤherer Nachſuchung, einen Haufen Zigeuner, deren es, zu jener Zeit, eine große Anzahl in Spanien gab, und die in Huͤtten und Felshoͤh⸗ len, in der Nachbarſchaft von Granada wohnten. Einige waren eifrig um ein Feuer beſchaͤftigt, waͤhrend Andere auf die rohen„Toͤne horchten,“ welche einer ihrer Gefaͤhrten, der am Rande des Felſens ſaß, auf einem geſpaltenen Rohr hervor⸗ brachte. Antonio ſuchte von ihnen einige Nachrich⸗ ten uͤber das alte Gebaͤude und deſſen Einwoh⸗ ner einzuziehen. Der unter ihnen, welcher der Sprecher zu ſeyn ſchien, war ein hagerer Kerl, ſchnellfuͤßig, mit fluͤſternder Stimme, und einem verdaͤchtigen Blicke. En ſchuͤttelte bei des Stu⸗ —— —— — — 255 denten Fragen, den Kopf, und ſagte: Alles ſey allerdings im Gebaͤude nicht richtig. Ein alter Mann, den Niemand kenne, und deſſen ganze Umgebungen nur aus einer Tochter und einer Dienerinn zu beſtehen ſchienen, bewohne es. Er und ſeine Gefaͤhrten, ſetzte er hinzu, hielten ſich in den benachbarten Huͤgeln auf, und wenn ſie des Nachts umhergewandert waͤren, ſo haͤtten ſie oft ein ſonderbares Licht in dem Thurme geſe⸗ hen, und ſonderbare Geſaͤnge daraus ertoͤnen ge⸗ hoͤrt. Einige von den Landleuten, welche in den Weinbergen an den Huͤgeln arbeiteten, waͤren der Meinung, daß der alte Mann ein Schwarzkuͤnſt⸗ ler ſey, und gingen nicht gern in der Nacht bei dem Thurme voruͤber.„Was uns indeß be⸗ trifft,“ ſagte der Zigeuner,„ſo ſind wir kein Volk, das ſich dergleichen Furcht ſehr viel in den Kopf kommen laͤßt.“ Der Student ſuchte nun genauere Nach⸗ richten einzuziehen, aber dieſe waren von den Zigeunern nicht zu erhalten. Sie fingen ſchon an, fuͤr das, was ſie mitgetheilt, eine Belohnung zu begehren, und der Gedanke an die Einſam⸗ keit des Ortes, und die landſtreicheriſche Lebens⸗ art der Bewohner, war hinglaͤnglich ihn zu be⸗ wegen, ihnen ohne Weitenes eine Erkenntlichkeit zu geben, und nach Hauſe zu eilen. 39 g 5 256 Er ſetzte ſich nieder, zu ſtudiren, allein ſein Kopf war zu voll von dem, was er geſehn und gehoͤrt hatte. Sein Auge verweilte auf dem Buche, aber ſeine Einbildungskraft war bei dem Thurm, und malte ihm beſtaͤndig das kleine Fen⸗ ſter vor, mit dem ſchoͤnen Kopfe, der daraus hervorgeſehn hatte, oder die halb offene Thuͤr mit der Nymphengeſtalt dahinter. Er ging zu Bett, allein dieſelben Gegenſtaͤnde ſchwebten ihm auch im Traume vor. Er war jung und reiz⸗ bar, und der aufgeregte Zuſtand ſeiner Gefuͤhle, der durch ſein Umherwandern in den Wohn⸗ ſizen der dahin geſchwundenen Annehmlichkeit und Tapferkeit entſtanden war, hatte ihn fuͤr einen ploͤtzlichen Eindruck, wie ihn weibliche Schoͤn⸗ heit erregt, empfaͤnglich gemacht. Am naͤchſten Morgen ging er abermals in die Gegend des Thurms ſpazieren. Das Tages⸗ licht ließ dieſen noch ſchauerlicher erſcheinen, als er in der Abenddaͤmmerung ſich ausgenommen hatte. Die Mauern zerfielen in Truͤmmer, und Unkraut und Moos wuchſen in jeder Spalte. Er ſah mehr einem Gefaͤngniſſe als einem Wohn⸗ hauſe aͤhnlich. In einem Winkel bemerkte An⸗ tonio jedoch ein Fenſter, das gegen die es umge⸗ bende Verwahrloſung abzuſtechen ſchien. Inner⸗ ——— 8 257 halb deſſelben hing ein Vorhang herab, und Blu⸗ men ſtanden auf dem Geſims. Waͤhrend er hinſah, ward der Vorhang etwas zuruͤckgezogen und ein zarter weißer Arm, von der ſchoͤnſten Ruͤndung, kam zum Vorſchein, der die Blumen begoß.— Der Student machte ein Geraͤuſch, um die Aufmerkſamkeit der ſchoͤnen Blumenliebhaberinn zu erregen. Dieß gelang ihm. Der Vorhang ward weiter zuruͤckgezogen, und er erblickte, auf einen Augenblick, daſſelbe liebliche Geſicht, wel⸗ ches er am vorigen Abend geſehen hatte. Es war nur ein Augenblick; der Vorhang ſank ſo⸗ gleich wieder, und das Fenſter ſchloß ſich. Haͤtte er die Unbekannte unter andern Umſtaͤnden ge⸗ ſehn, ſo wuͤrde ihre Schoͤnheit wahrſcheinlich nicht dieſen Eindruck auf ihn gemacht haben: allein die Vermuthung, daß ſie eingeſchloſſen ſey und ge⸗ fangen gehalten werde, gab ihr den Werth eines wohlverwahrten Edelſteins. Er ging mehrere Male vor dem Hauſe auf und ab, ſah aber nichts weiter. Am Abend war er abermals da. Das ganze Aeußere des Hauſes war duͤſter: aus den Fenſtern kam kein freundlicher Strahl des Lichts, . der von dem geſellſchaftlichen Leben im Innern ein Anzeichen gegeben haͤtte. Antonio horchte 258 am Portal, allein ſein Ohr vernahm keinen Laut von Stimmen. In dieſem Augenblick hoͤrte er das Zuſchlagen einer entfernten Thuͤr, und da er fuͤrchtete, bei dem unwuͤrdigen Geſchaͤft des Horchens belauſcht zu werden, ſo begab er ſich ſchnell auf die andere Seite des Weges, und ſtellte ſich in den Schatten eines zertrümmerten Bo⸗ genganges. Er bemerkte izt ein Licht, das aus einem der Fenſter des Thuͤrmes hervorkam. Es war unſtaͤt und von wechſelnder Geſtalt, gewoͤhnlich ſchwach und gelblich, als ob es von einer Lampe kaͤme: zuweilen aber erſchien dazwiſchen ein hel⸗ ler Glanz von einer lebhaften metalliſchen Farbe, woorauf eine dunkele Glut folgte. Eine dicke Rauchſaͤule ſtieg von Zeit zu Zeit auf, und hing, wie ein Baldachin, uͤber dem Thurme. Ueber⸗ Haupt lag etwas ſo Schauerliches und Geheim⸗ nißvolles in dem Gebaͤude und ſeinen Bewohnern, daß Antonio ſich beinahe geneigt fuͤhlte, den Glau⸗ ben der Landleute anzunehmen, und es, wie ſie, fuͤr die Hoͤhle eines maͤchtigen Zauberers, und die reizende Jungfrau fuͤr eine bezauberte Schoͤn⸗ heit zu halten. 6 Es verging abermals einige Zeit, und nun erſchien ein Licht in dem Fenſter, wo er den ſchoͤ⸗ 259 nen Arm geſehen hatte. Der Vorhang war her⸗ abgelaſſen, aber ſo duͤnn, daß Antonio den Schat⸗ ten einer Perſon bemerken konnte, die zwiſchen dem Vorhange und dem Licht hin und her ſchwebte. Er glaubte zu ſehen, daß die Formen deſſelben ſehr zart ſeyen, und nach der Lebhaftigkeit der Bewegungen zu ſchließen, mußte ſie jung ſeyn. Es blieb ihm kein Zweifel uͤbrig, daß dies das Schlafzimmer der ſchoͤnen Unbekannten ſey. We⸗ nige Augenblicke nachher vernahm er den Ton einer Guitarre, von einer weiblichen Stimme be⸗ gleitet. Er ſchlich behutſam naͤher, und horchte. Es war eine ſchwermuͤthige mauriſche Ballade, und er erkannte darin die Klagen eines der Abencerragen, bei ſeinem Scheiden aus den Mauern des lieblichen Granada. Sie ſprach Leidenſchaft und Zaͤrtlichkeit aus, und ſang die Reize eines fruͤheren Lebens, und die Stunden der Liebe an den Ufern des Darro und in den ſeligen Raͤumen der Alhambra genoſſen. Sie trauerte uͤber den Fall der Abenc erragen und rief die Rache auf ihre Unterdruͤcker herab.— Antonio fuͤhlte ſich von der Muſik ergriffen: ſie war im Einklang mit dem Orte. Es war eine Stimme vergangener Zeiten, welche in den gegen⸗ 260— waͤrtigen wiedertoͤnte und aus den Denkmaͤlern ihres entſchwundenen Ruhmes ſich erhob. Die Stimme verſtummte, nach einiger Zeit verſchwand das Licht und Alles war ſtill.„Sie ſchlaͤft!““ ſagte Antonio zaͤrtlich. Er verweilte in der Naͤhe des Gebaͤudes mit dem anbetungs⸗ vollen Gefuͤhl, womit ein Liebhaber um die Laube ſchleicht, welche eine ſchlafende Schoͤnheit verbirgt. Der aufgehende Mond warf ſeine Silberſtrahlen auf die grauen Mauern und ſpiegelte ſich in den Fenſtern. Die vorher ſo duͤſtere Landſchaft ward allmaͤhlig von ſeinem Glanze erhellt. Da er fand, daß das Dunkel ihn nicht laͤnger verhuͤlle, und fuͤrchtete, daß man ſein Umherſchleichen be⸗ merken moͤchte, ſo entfernte er ſich zoͤgernd. Die Neugierde, welche anfaͤnglich den Juͤng⸗ ling zu dem Thurme hingezogen hatte, wich itzt Gefuͤhlen von romantiſcherer Art. Seine Stu⸗ dien hatten beinahe keinen Reiz mehr fuͤr ihn. Er fing an, das alte Haus zu belagern, nahm ein Buch mit ſich und brachte nun den groͤßeren Theil des Tages unter den Baͤumen in der Naͤhe des Hauſes zu, wobei er es unablaͤſſig im Auge behielt, um die Gaͤnge der geheimnißvollen, rei⸗ zenden Bewohnerinn deſſelben auszuſpuͤren. Er fand indeſſen bald, daß ſie nur ausging, um ſich ——— 261 in die Meſſe zu begeben, wohin ihr Vater ſie begleitete. Er wartete an der Thuͤr der Kirche und reichte ihr das Weihwaſſer dar, in der Hoff⸗ nung, ihre Hand beruͤhren zu koͤnnen, allein ſie lehnte es beſcheiden ab, ohne die Augen aufzu⸗ ſchlagen, und nahm es ſelbſt aus dem Keſſel. Sie war außerſt andaͤchtig, wandte nie ihre Au⸗ gen von dem Altar oder dem Prieſter ab, und wenn ſie nach Hauſe zuruͤckkehrte, war ihr Ge⸗ ſicht beinahe gaͤnzlich von ihrer Mantilla ver⸗ borgen. Antonio hatte itzt ſeine Nachforſchungen mehrere Tage lang fortgeſetzt, und fuͤhlte ſich immer mehr und mehr angezogen, ohne je⸗ doch ſeinem Ziele nur um einen Schritt naͤher kommen zu koͤnnen. Wahrſcheinlich hatte man ſein Umherſchleichen um das Haus bemerkt, denn er ſah das ſchoͤne Antlitz nicht mehr am Fenſter, unnd der weiße Arm erſchien nicht mehr, die Blu⸗ men zu begießen. Sein einziger Troſt war noch der, allnaͤchtlich auf ſeine Beobachtungsſtelle zu ſchleichen, um ihrem Geſange zuzuhoͤren, und wenn er zufaͤllig ihren Schatten erblicken konnte, wie er vor dem Fenſter hin und her ging, ſo duͤnkte er ſich uͤbergluͤcklich.. Bei einer dieſer naͤchtlichen Beobachtungen, 262 welche zu wahren Feſten fuͤr ſeine Einbildungs⸗ kraft geworden waren, hoͤrte er Fußtritte nahen, und eilte daher, ſich in dem Schatten des gegen⸗ uͤberſtehenden Bogengangs zu verbergen. Ein Cavalier, in einen weiten ſpaniſchen Mantel ge⸗ huͤllt, kam daher. Er blieb unter dem Fenſter ſtehn und begann nach einer kleinen Weile eine Serenade zu ſingen, die er mit der Guitarre be⸗ gleitete. Seine Stimme war voll und maͤnnlich, er ſpielte das Inſtrument mit Fertigkeit und ſang mit leidenſchaftlich beredter Glut. Die Feder an ſeinem Hute war mit einer Spange von Juwelen befeſtigt, die im Mondſchein glaͤnzten, und als, waͤhrend des Spiels, ſein Mantel ihm von der einen Schulter herabſank, ſah Antonio, daß er reich gekleidet war. Es war offenbar ein Mann von Stande. Antonio's Seele durchzuckte itzt der Gedanke, daß die unbekannte Schoͤnheit ihre Liebe bereits einem Andern geſchenkt habe. Sie war jung, und gewiß nicht unempfindlich, und es liegt nicht in der Art ſpaniſcher Frauen, gegen Muſik und Be⸗ wunderung ihr Ohr zu verſchließen. Dieſe Ver⸗ muthung hatte etwas uͤberaus niederſchlagendes: der ſchoͤne Traum mehrerer Tage war auf ein⸗ mal zerſtoben. Er hatte, fruͤher, nie Liebe gefuͤhlt, 263 und da die Morgentraͤume derſelben immer be⸗ ſeligend ſind, ſo haͤtte er gern in der Taͤuſchung weiter gelebt. Was habe ich aber mit ihren Neigungen zu thun? dachte er bei ſich: ich habe keine Anſpruͤche auf ihr Herz, ja nicht einmal auf ihre Bekannt⸗ ſchaft. Wie kann ich wiſſen, ob ſie meiner Liebe werth iſt? Oder wenn ſie es iſt, muß nicht ein ſo ſtattlicher Liebhaber, mit ſeinen Juwelen, ſei⸗ nem Range und ſeiner verwuͤnſchten Muſik, ſie ganz bezaubert haben?— In welche Traͤume⸗ reien verliere ich mich! Ich muß wieder zu mei⸗ nen Buͤchern zuruͤck: die Beſchaͤftigung mit ihnen wird bald alle dieſe Gaukeleien der Einbildungs⸗ kraft verjagen! 4 Je laͤnger er aber nachdachte, deſto feſter umwob ihn der Zauber, mit dem die Einbildungs⸗ kraft ihn umſponnen hatte, und itzt, wo außer den Hinderniſſen, welche dieſe bezauberte Schoͤn⸗ heit umgaben, noch ein Nebenbuhler aufgetreten war, erſchien ſie ihm zehn Mal liebenswuͤrdiger und befitzenswerther.— Es war einigermaßen ein Troſt fuͤr ihn, zu ſehen, daß der Galanterie des Unbekannten von dem Thurme aus keine Auf⸗ munterung zu Theil wurde. Das Licht am Fenſter war erloſchen. Der Vorhang blieb han⸗ 264 gen, und keines der gewoͤhnlichen Zeichen war zu bemerken, daß die Serenade wohlgefaͤllig aufge⸗ nommen worden ſey. Der Cavalier verweilte noch einige Zeit an der Stelle, ſang mehrere andere zaͤrtliche Lieder, mit einem Geſchmacke und Gefuͤhl, das Anto⸗ nio's Herz erbeben machte, und entfernte ſich end⸗ lich. Der Student blieb zuruͤck, mit uͤbereinan⸗ dergeſchlagenen Armen an den zertruͤmmerten Bogen gelehnt, und ſuchte Staͤrke zu gewinnen, ebenfalls den Ort zu verlaſſen; allein ein roman⸗ tiſcher Zauber feſſelte ihn an den Boden.„Es iſt zum letzten Male,“ ſagte er zu ſich ſelbſt, um den Streit zwiſchen ſeinem Herzen und ſeinem Kopfe zu ſchlichten:„es iſt zum letzten Male; ſo will ich denn des Traumes mich noch einige Au⸗ genblicke laͤnger erfreuen!ꝰ Als ſein Auge an dem alten Gebaͤude hin⸗ ſtreifte, um ihm den letzten Abſchiedsblick zuzu⸗ werfen, ſah er das ſonderbare Licht in dem Thurme, das er bei ſeinem erſten Hierſeyn bemerkt hatte. Es ſtrahlte auf, und ſank, wie vorher. Eine Rauch⸗ faͤule ſtieg in die Luft empor, und hing in duͤſteren Wolken uͤber dem Thurme. Es war augenſchein⸗ lich, daß der alte Mann mit einer von den Vor⸗ kehrungen beſchaͤftigt war, welche ihm in der Nach⸗ 265 Nachbarſchaft den Namen eines Zauberers zuge⸗ zogen hatten. Auf einmal erfuͤllte eine allgemeine, glaͤn⸗ zende Helle das Gemach, ein lauter Knall folgte, und dieſem eine dunkle Roͤthe. Eine Geſtalt er⸗ ſchien am Fenſter, welche laute Schreie der Angſt und der Unruhe ausſtieß, und aus der ſchmalen Oeffnung waͤlzte ſich Rauch und Flamme zugleich. Antonio eilte zu dem Portal hin, und klopfte heftig an, aber nur Laute der Wehklage antworteten ihm, und er ſchloß daraus, daß die Frauen bereits imn duͤlfloſer Beſtuͤrzung waͤren. Mit der Staͤrke— der Verzweiflung ſprengte er daher die Thuͤr, und ſtuͤrzte in das Haus.— Hier ſah er ſich in einem kleinen gewoͤlbten Vorſaal, und bei dem Lichte des Mondes, der zur Thuͤr hinein ſchien, bemerkte er eine Treppe zur Linken. Er eilte dieſe hinauf: ſie fuͤhrte zu einem ſchmalen Gange, aus dem ihm eine Rauchſaͤule entgegen wallte. Hier fand er die beiden Frauen in beſinnungsloſer Angſt: eine von ihnen faltete die Haͤnde, und beſchwor ihn, ihren Vater zu retten. Der Gang leitete zu einer Wendeltreppe, welche zum Thurme hinauf fuͤhrte. Er ſprang dieſe hinauf, und kam nun an eine kleine Thuͤr, durch deren Spalten ihm eine Helle entgegen I. M 266 blitzte und Rauch herausſtroͤmte. Er ſprengte die Thuͤr auf, und ſah ſich nun in einem altvaͤteri⸗ ſchen gewoͤlbten Gemache, worin ſich ein Ofen und verſchiedene chemiſche Werkzeuge befanden. Eine zerſprungene Retorte lag am Boden, ein Haufen brennbarer, beinahe ganz verzehrter Sachen, wor⸗ unter auch einige Buͤcher und Papiere, brannten noch ſchwach und erfuͤllten das Zimmer mit ei⸗ nem erſtickenden Dampfe; dicht an der Schwelle lag der angebliche Zauberer. Er blutete, ſeine Kleider waren zerriſſen, und er ſchien leblos zu ſeyn. Antonio hob ihn auf, trug ihn in ein Zimmer hinab, worin ein Licht ſtand, und legte ihn auf ein Bett. Die Dienerinn ward weg⸗ geſchickt, um alle Huͤlfsmittel herbeizuholen, die im Hauſe zu finden waren, die Tochter aber warf ſich verzweiflungsvoll neben ihren Vater nieder, und kein Zureden vermogte, ſie von dem erſten Schreck zuruͤckzubringen. Ihre Kleidung war in Unordnung: ihr aufgeloͤſ'tes Haar wallte in reicher Fuͤlle um ihren Hals und Buſen, und es war nicht moͤglich, ein reizenderes Bild des Schreckens und der Verwirrung zu ſehen. Durch den thaͤtigen Beiſtand des Studen⸗ ten gab der Alte bald wieder Zeichen des Lebens 267 von ſich. Seine Wunden ſchienen, wenn gleich bedeutend, doch nicht gefaͤhrlich. Sie waren of⸗ fenbar eine Folge des Zerplatzens der Retorte; in der Beſtuͤrzung hatten ihn die erſtickenden metalliſchen Duͤnſte umgeben und ihn uͤbermannt, und waͤre Antonio nicht zu ſeinem Beiſtande her⸗ beigekommen, ſo wuͤrde er wahrſcheinlich nicht wieder zu ſich ſelbſt gekommen ſeyn. Er ermannte ſich nur allgemach, und blickte verſtoͤrt im Zimmer umher, auf die bewegte Gruppe und den Studenten, der ſich uͤber ihn hinlehnte. „Wo bin ich?'' ſagte er wild. Bei dem Tone ſeiner Stimme ſtieß ſeine Tochter einen ſchwachen Schrei der Freude aus. „Meine arme Inez!“ ſagte er, indem er ſie um⸗ armte; er fuͤhrte ihre Hand an ſeine Stirn, ſchien aber, als er ſie mit Blut bedeckt wieder wegnahm, auf einmal zur Beſinnung zu kommen, und von einer innern Bewegung uͤberwaͤltigt zu werden. „Ach,“ rief er aus:„Alles iſt voruͤber! Alles ver⸗ loren, Alles verſchwunden, in einem Augenblick vernichtet! Die Frucht eines Menſchenlebens iſt dahin!“* 3 Seine Tochter ſuchte ihn zu beruhigen, al⸗ lein er fing an irre zu reden, ſprach unzuſam⸗ menhangend von boͤſen Geiſtern, und davon, daß M 2 268 die Wohnung des gruͤnen Loͤwen itzt zerſtoͤrt ſey. Nachdem ſeine Wunden verbunden worden, und man ihm die in ſeiner Lage noͤthigen Arzenei⸗ mittel gereicht hatte, ſank er in eine Art von Betaͤubung. Antonio wandte itt ſeine Auf⸗ merkſamkeit auf die Tochter, deren Leiden bei⸗ nahe eben ſo groß, als die ihres Vaters geweſen waren. Als es ihm, mit großer Muͤhe, gelun⸗ gen war, ihre Beſorgniſſe zu mildern, ſuchte er ſie zu uͤberreden, ſich zu entfernen und ſich die ihr ſo noͤthige Ruhe zu goͤnnen, wobei er ſich er⸗ bot, bis zum Morgen bei ihrem Vater zu blei⸗ ben.„Es iſt wahr,“ ſagte er,„ich bin ein Frem⸗ der und mein Anerbieten duͤrfte leicht zudringlich ſcheinen, allein ich ſehe, Ihr ſeyd verlaſſen und huͤlflos, und ich muß ſchon die Graͤnzen der blo⸗ ßen Foͤrmlichkeit uͤberſchreiten. Solltet Ihr, in⸗ deſſen, irgend eine Bedenklichkeit fuͤhlen, ſo ſprecht nur ein Wort, und ich werde mich augenblicklich entfernen.” Es lag in Antonio's Betragen ein Gemiſch von Offenheit, Herzlichkeit und Beſcheidenheit, welches ſogleich Vertrauen einfloͤßte, und ſein ein⸗ faches Studentengewand war eine Empfehlung in der Wohnung der Armuth. Die Frauen wil⸗ ligten darein, den Leidenden ſeiner Sorge zu uͤber⸗ „ * 269 laſſen, um am Morgen deſto beſſer im Stande zu ſeyn, dieſen zu pflegen. Als ſie ſich entfernten, wuͤnſchte die alte Dienerinn ihm allen Segen des Himmels; die Tochter bezeugte ihren Dank nur durch Blicke, aber waͤhrend dieſe durch die Thraͤnen fielen, die ihre ſchoͤnen dunkeln Augen fuͤllten, ſchienen ſie dem Studenten tauſendmal beredter zu ſprechen. So war er denn durch ein ſonderbares Spiel des Zufalls ganz in dieſem geheimnißvollen Aufenthalte einheimiſch geworden. Als er ſich ſelbſt uͤberlaſſen war, und die erſte Bewegung, die den Auftritt veranlaßt, ſich gelegt hatte, fuͤhlte er ſein Herz lauter ſchlagen, waͤhrend er in dem Gemach umherblickte, worin er ſaß. Es war das Zimmer der Tochter, das gelobte Land, zu dem er ſo manchen ſehnſuͤchtigen Blick hinauf⸗ geſandt hatte. Die Moͤbel waren alt, und ruͤhr⸗ ten wahrſcheinlich aus den beſſeren Tagen des Hauſes her, aber Alles war mit Geſchick ange⸗ ordnet. Die Blumen, die er ſie hatte pflegen ſehen, ſtanden am Fenſter; eine Guitarre war an einen Tiſch gelehnt, auf dem ein Crucifip ſtand, vor dem ein Meßbuch und ein Roſenkranz lag. Es war eine gewiſſe Reinheit und Heiter⸗ keit uͤber dieſen Wohnſitz der Unſchuld verbreitet, 270— und alles zeugte von einem keuſchen und ruhigen Gemuͤthe. Einige wenige weibliche Kleidungs⸗ ſtuͤce lagen auf den Stuͤhlen: dort ſtand das Bett, in welchem ſie geſchlafen, dort lag das Kiſſen, auf dem ihre ſchoͤne Wange geruht hatte! Der arme Antonio wandelte auf bezaubertem Boden, denn wo iſt ein Feenland, das mehr Zauber in ſich faßte, als das Schlafgemach der Unſchuld und Schoͤnheit! Aus verſchiedenen Ausdruͤcken, welche dem Alten bei ſeiner Geiſtesabweſenheit entſchluͤpft waren, und aus dem, was er bei einem nachhe⸗ rigen Beſuche im Thurme, zu welchem er hin⸗ aufgeſtiegen war, um zu ſehen, ob das Feuer auch geloͤſcht ſey, geſehen hatte, ſchloß Antonio, daß der Leldende ein Alchymiſt ſey. Der Stein der Weiſen war ein Gegenſtand, wonach Traͤu⸗ mer in jenen Tagen ſehr eifrig forſchten; die aberglaͤubiſchen Vorurtheile der Zeit und die haͤu⸗ figen Verfolgungen, welche von denen ausgingen, die ihnen anhingen, machten indeß, daß alle Jene ihre Verſuche ſehr im Geheimen, in einſamen Haͤuſern, in Hoͤhlen und Truͤmmern, oder in dem Dunkel kloͤſterlicher Zellen anſtellten. Waͤhrend der Nacht hatte der Alte abermals einige Anfaͤlle der Raſtloſigkeit und des Irrere⸗ 271 dens; er nannte die Namen Theophraſtus, Geber, Albertus Magnus, und ande⸗ rer Weiſen, die ſeine Kunſt getrieben, ſprach von Zeit zu Zeit von Fermentation und Projection, bis er, gegen Tagesanbruch, abermals in einen ruhigen, wohlthuenden Schlaf ſank. Als die Morgenſonne ihre erſten Strahlen in das Zim⸗ mer warf, trat die ſchoͤne Inez, von der Diene⸗ rinn begleitet, erroͤthend in das Zimmer. Der Student nahm itzt Abſchied, da er ſelbſt der Ruhe bedurfte, erhielt aber leicht die Erlaubniß wiederkommen und ſich nach dem Befinden des Baters erkundigen zu duͤrfen. Als er ſich zum zweiten Male einſtellte, fand er den Alchymiſten matt und nicht ganz ſchmerzensfrei, jedoch ſo, daß dieſer Schmerz mehr geiſtigen als koͤrperlichen Urſprunges zu ſeyn ſchien. Seine Beſinnung war ganz zuruͤckgekehrt, und man hatte ihm die naͤheren Umſtaͤnde, die ſeine Rettung und die ihm nachher von dem Studenten gewidmete Sorgfalt betrafen, mitge⸗ theilt. Er konnte nur durch Blicke ſeinen Dank zu erkennen geben, den indeß Antonio nicht be⸗ gehrte: ſein eigenes Herz belohnte ihn fuͤr das, was er gethan, und er freute ſich beinahe des Ungluͤcks, das ihm einen Eingang in die geheim⸗ 272 nißyolle Wohnung verſchafft hatte. Der Alchy⸗ miſt war noch ſo huͤlflos, daß er vieles Beiſtandes bedurfte, und Antonio blieb deswegen den groͤße⸗ ren Theil des Tages bei ihm. Er wiederholte ſeinen Beſuch am naͤchſten und am darauf fol⸗ genden Tage: ſeine Geſellſchaft ſchien dem Kran⸗ ken immer angenehmer zu werden, waͤhrend er ſelbſt ſeinen Antheil an dieſem mit jedem Tage zunehmen fuͤhlte. Sehr moͤglich, daß die Gegen⸗ wart der Tochter nicht wenig zur Vermehrung der Theilnahme beitrug. Er hatte lange und haͤufige Unterhaltungen mit dem Alchymiſten. Sehr bald ward es ihm klar, daß Begeiſterung und Einfalt zuſammen⸗ genommen, wie es bei Leuten der Art gewoͤhnlich der Fall iſt, bei ihm zum Grunde lagen, ſo wie eine ſonderbare und ausgedehnte Beleſenheit uͤber Gegenſtaͤnde von geringem Nutzen, bei einer gro⸗ ßen Unwiſſenheit uͤber taͤglich vorkommende Dinge und einer gaͤnzlichen Unkenntniß der Welt. Er war in den ungewoͤhnlichen und dunkeln Zweigen des Wiſſens ſehr wohl bewandert, und hatte ei⸗ nen großen Hang zu traͤumeriſchen Forſchungen. Antonio, deſſen Gemuͤth von romantiſcher Art war, hatte ſich ſelbſt eine Zeitlang mit den verborge⸗ nen Wiſſenſchaften beſchaͤftigt, und ging in dieſe —v ——— 273 Gegenſtaͤnde mit einer Waͤrme ein, welche den Philoſophen entzuͤckte. Ihre Unterhaltungen be⸗ trafen haͤufig Sterndeuterei, Wahrſagekunſt und das große Geheimniß. Der alte Mann vergaß dann ganz ſeine Schmerzen und Wunden, erhob ſich, wie ein Geſpenſt, in ſeinem Bette, und ſprach mit flammender Beredſamkeit uͤber ſeine Lieb⸗ lingsgegenſtaͤnde. Ward er von fern an ſeine Lage erinnert, ſo pflegte dieß nur einen neuen Ausbruch ſeiner Gefuͤhle zu veranlaſſen. „Ach! mein Sohn,“ pflegte er dann zu ſagen, iſt nicht dieſe Schwaͤche und dieſes Leiden aber⸗ mals ein Beweis fuͤr die Wichtigkeit jener Ge⸗ heimniſſe, mit denen wir umgeben ſind? Warum werden wir von Krankheiten an unſer Lager ge⸗ feſſelt, welken im Alter dahin und ſehen un⸗ ſern Geiſt gleichſam in uns verloͤſchen, wenn dies nicht deswegen geſchieht, weil wir jene Geheim⸗ niſſe, das Leben und die Jugend zu erhalten, die unſeren erſten Aeltern, vor ihrem Falle, bekannt waren, nicht mehr beſitzen? Dieſe wieder aufzu⸗ finden, haben die Philoſophen bisher alle ihre Kraͤfte aufgeboten; allein in dem Augenblicke, wo ſie in Begriff ſind, die koſtbaren Geheimniſſe ſich fuͤr immer zu ſichern, hat ihr kurzes Leben ein Ende: ſie ſterben und mit ihnen geht alle ihre 274 Weisheit und Erfahrung verloren. Nichts geht, wie van Nuysment*) bemerkt, der Vollkom⸗ menheit des Menſchen ab, als ein laͤngeres, we⸗ niger von Krankheiten und Sorgen unterbroche⸗ nes Leben, um die genaue und vollſtaͤndige Kennt⸗ niß der Dinge zu erlangen.“” Endlich gelang es Antonio, ſo ſehr das Herz ſeines Kranken zu gewinnen, daß dieſer ihm die fluͤchtigen Umriſſe ſeiner Geſchichte mittheilte. — Felix de Vasque;, der Alchymiſt, war ein Caſtilianer von einer alten und achtbaren Familie. Er heirathete ſehr fruͤh eine ſchoͤne Frau, welche aus einer der mauriſchen Familien abſtammte. Die Heirath mißfiel ſeinem Vater, der das reine ſpaniſche Blut durch dieſe fremde Beimiſchung fuͤr beſudelt anſah, wenn gleich die Dame ihre Abkunft von den Abencerragen, den tapfer⸗ ſten der mauriſchen Ritter, herleitete, die, nach ihrer Vertreibung aus den Mauern von Gra⸗ nada, den chriſtlichen Glauben angenommen hatten. Der beleidigte Stolz des Vaters war durch nichts zu verſoͤhnen. Er ſah ſeinen Sohn nie wieder, hinterließ ihm, nach ſeinem Tode, nur einen kleinen Theil ſeiner Beſitzung, und vermachte *) Ein Alchymiſt aus dem 17ten Jahrhundert. Sein Haupt⸗ werk iſt: Traité du sel et do Pesprit du monde. Ueberſ⸗ —— 275 das Uebrige, in ſeinem Grimme, zur Erbauung von Kloͤſtern und zu Leſung von Meſſen fuͤr die Seelen im Fegefeuer. Don Feliy lebte lange Zeit in der Naͤhe von Valladolid in Bedraͤng⸗ niß und Verlegenheit, und lag hier auf das em⸗ ſigſte den Studien ob, da er, waͤhrend ſeines Aufenthalts auf der Univerſitaͤt von Salamanca, Geſchmack an den geheimen Wiſſenſchaften ge⸗ wonnen hatte. Er war voll Begeiſterung und Durſt nach Wiſſen: von einem Zweige deſſelben ging er zum andern uͤber, ſo lange, bis er auf die Erforſchung des großen Geheimniſſes kam. Er hatte dieſe Nachforſchungen anfaͤnglich deswegen begoͤnnen, um ſich aus ſeiner izigen Dunkelheit zu erheben und den Rang und die Wuͤrde wieder zu erhalten, wozu ſeine Geburt ihn berechtigten: ſie endigten indeß, wie gewoͤhn⸗ lich, damit, daß ſie jeden andern Gedanken ver⸗ draͤngten und das Geſchaͤft ſeines Lebens wurden. Er ward endlich aus dieſer geiſtigen Abgezogen⸗ heit durch Ungluͤck aufgeſchreckt, welches uͤber ſeine Familie hereinbrach. Ein boͤsartiges Fieber raffte ſeine Gattinn und alle ſeine Kinder, bis auf dieſe Tochter, hinweg. Dieſer Verluſt uͤber⸗ waͤltigte und betaͤubte ihn auf einige Zeit. Mas * 276 ihn an ſeine Heimath feſſelte, war dahin, und er fuͤhlte ſich einſam und verlaſſen. Als er ſich wieder ermannt hatte, beſchloß er, den Schauplatz ſeiner Demuͤthigung und ſeines Ungluͤcks zu ver⸗ laſſen, ſein einzig uͤbriggebliebenes Kind mit ſich zu nehmen, und nicht eher wieder nach Caſtilien zuruͤckzukehren, als bis er im Stande ſeyn wuͤt 3 die Ehre ſeiner Familie wieder geltend zu mae Er hatte ſeitdem ſehr oft ſeinen Woh 3 veraͤndert. Bald hielt er ſich in zahlreich be⸗ voͤlkerten Staͤdten auf, bald zog er ſich in die tiefſte Einſamkeit zuruͤck. Er hatte Bibliotheken durch⸗ ſucht, Inſchriften entziffert, Adepten verſchiedener Laͤnder beſucht, und die Strahlen, welche durch die Bemuͤhungen verſchiedener großer Geiſter auf die Geheimniſſe der Alchymie geworfen wor⸗ den waren, in einen Brennpunkt zu ſammeln getrachtet. Er war einſt bis nach Padua ge⸗ reiſt, um die Handſchriften des Pietro d'A⸗ bano zu unterſuchen, und ein Gefaͤß zu ſehen, welches, in der Gegend von Eſte ausgegraben, dort, wie man vermuthete, von Maximus Olybius in die Erde verborgen worden war, und das große Elixir enthalten hatte.*) *) Dieß Gefäß ward im J. 1533 gefunden. Es verſchloß ein kleineres, worin ſich eine brennende Lampe befand, die — baren Handſchriften erzaͤhlte, die in den ſpa⸗ 277 Waͤhrend Don Felix ſich in Pa duaaufhielt, ward er mit einem Adepten bekannt, der mit dem Arabiſchen vertraut war, und ihm von den unſchaͤtz⸗ niſchen Bibliotheken verborgen ſeyn muͤßten, wel⸗ che aus der allgemeinen Zerſtoͤrung der mauri⸗ ſchen Schulen und Univerſitaͤten gerettet worden waͤren, ſo wie von der Moglichkeit, die koſtbaren unbekannten Schriften Geber's, Alfarabi's und Avicenna's, der großen Aerzte der arabi⸗ ſchen Schule, aufzufinden, die, wie wohlbekannt ſey, zugleich auch von der Alchymie gehandelt haͤt⸗ ten. Vor allem aber ſprach derſelbe von den arabi⸗ ſchen Bleitafeln, welche kuͤrzlich in der Nachbarſchaft zwiſchen zwei Phiolen, einer goldenen und einer ſilbernen, ſtand, welche beide eine ſehr helle Flüſſigkeit enthielten. Auf dem größeren Gefäß war eine Inſchrift, des Inhalts, daß Naximus Olybius, in das kleinere, Elemente einge⸗ ſchloſſen, die er mit großer Mühe zubereitet habe. Die Ge⸗ lehrten ſtellten manche Nachforſchungen darüber an: die gang⸗ barſte Meinung war indeß die, daß dieſer Maximus Oly⸗ bius ein Bewohner von Padua geweſen ſey, das große Geheimniß entdeckt habe, und daß dieſe Schalen Flüſſigkei⸗ ten enthielten, von denen die eine die Metalle in Gold, die andere in Silber verwandele. Die Bauern, welche die Ge⸗ fäße fanden, und glaubten, daß dieſe koſtbare Flüſſigkeit ge⸗ wöhnliches Waſſer ſey, goſſen ſte aus, und ſo iſt die Kunſt, Metalle zu verwandeln, nach wie vor, ein Geheimniß geblieben⸗ 278 von Granada ausgegraben worden ſeyen, und welche, wie die Adepten zuverſichtlich glaubten, die verlorenen Geheimniſſe der Kunſt enthielten. Der unermuͤdliche Alchymiſt lenkte ſeine Schritte abermals nach Spanien, voll von le⸗ bendiger Hoffnung. So kam er nach Granada, und hatte ſich bisher eifrig mit dem Studium des Arabiſchen, der Entzifferung von Inſchriften, dem Umherſuchen in Bibliotheken und der Auf⸗ ſuchung jeder moͤglichen, von den arabiſchen Wei⸗ ſen zuruͤckgelaſſenen Spur beſchaͤftigPt.— Auf allen ſeinen Wanderungen hatte Inez ihn beglei⸗ tet, auf rauhen und ebenen Wegen, in Gluͤck und Ungluͤck, ohne eine Klage laut werden zu laſſen, ſondern immer beſchaͤftigt, ſeine Sorgen durch ihre unſchuldigen und erheiternden Liebkoſungen zu mildern. Ihr Unterricht war die angenehmſte Beſchaͤftigung in ſeinen Erholungsſtunden gewe⸗ ſen. Sie war waͤhrend ſeiner Wanderungen gufgewachſen, und hatte weiter keine Heimath, kals die an ſeiner Seite, gekannt. Familie, Freunde, Heimath, Alles war, fuͤr ſie, in ihm ver⸗ eint. Er hatte ſie auf ſeinen Aymen getragen, als ſie ihr Wanderleben antraten, ſie, wie ein Adler ſein Junges, auf den Felsklippen der Sierra Morena gebettet; ſie hatte, in ihrer 279 Kindheit, in den Einoͤden der Battuecas*) um ihn geſpielt; ſie war ihm, wie ein Lamm dem Schaͤfer, uͤber die rauhen Pyrenaͤen auf die ſchoͤnen Ebenen von Languedoc gefolgt, und war itzt aufgewachſen, um ſeine ſchwachen Schritte unter den zertruͤmmerten Wohnſitzen ihrer muͤt⸗ terlichen Ahnen zu leiten. Das Vermoͤgen des Alchymiſten war durch ſeine Reiſen und ſeine Verſuche allmaͤhlich zu⸗ ſammengeſchmolzen. Die Hoffnung, jene beſtaͤn⸗ dige Begleiterinn der Alchymiſten, hatte ihn im⸗ mer weiter gefuͤhrt: oft war er im Begriff, die Fruͤchte ſeiner Arbeit zu erndten, und eben ſo oft ward ſeine Hoffnung vereitelt. Mit der Leichtglaͤubigkeit, welche ſo oft ſeiner Kunſt an⸗ klebt, ſchrieb er das Mißgluͤcken mehrerer ſeiner Verſuche der Geſchaͤftigkeit der boͤſen Geiſter zu, welche ſich dem Alchymiſten in den Weg ſtel⸗ len, und ihn bei ſeinen einſamen Arbeiten plagen. „Ihr unablaͤſſiges Bemuͤhen,“ ſagte er,„iſt es jeden Zugang zu den erhabenen Wahrheiten 33 verſchließen, welche den Menſchen in den Stand ſeßen würden, ſich aus der Tiefe, zu der er herabgeſunken iſt, zu erhehen, und zu ſeiner ur⸗ *) Einer Gegend in Leon, untvent 5 algmanca. Uebhſ⸗ 280 ſpruͤnglichen Vollkommenheit zuruͤck zu kehren.” Der boͤsartigen Einwirkung dieſer Daͤmone ſchrieb er auch ſein letztes Misgeſchick zu. Er ſey der ruhm⸗ vollen Entdeckung ganz nahe, nie ſeyen die An⸗ zeichen guͤnſtiger geweſen; alles ſey gut gegan⸗ gen, als, in dem entſcheidenden Augenblicke, der ſeine Arbeiten mit Erfolg kroͤnen ſollte und ihn auf den Gipfel menſchlicher Macht und Gluͤckſeligkeit erhoben haben wuͤrde, das Sprin⸗ gen der Retorte ſein Laboratorium und ihn ſelbſt zu Grunde gerichtet habe. „Ich muß itzt,“ ſagte er,„wo ich an der Schwelle des Eingangs zu dem Geheimniß ſtehe, meine Forſchungen aufgeben. Meine Buͤcher und Papiere ſind verbrannt, meine Geraͤthſchaf⸗ ten zerbrochen. Ich bin zu alt, dieſen Uebeln die Stirn zu bieten. Die Glut, welche mich einſt begeiſterte, iſt erloſchen, mein Koͤrper iſt durch Studiren und Wachen erſchoͤpft, und die⸗ ſes letzte Ungluͤck hat mich dem Grabe ſchnell naͤher gebracht.“ So ſchloß er mit dem Tone der tiefſten Niedergeſchlagenheit. Antonio ſuchte ihn zu troͤſten und zu ermuntern, allein der ar⸗ me Alchymiſt war auf einmal zu einem klaren Bewußtſeyn der Uebel gelangt, welche ſich um ihn her zuſammenzogen, und gab ſich der Ver⸗ 281 zweiflung hin. Nach einer Pauſe und einigem Nachdenken, wagte Antonio, mit verlegener Mie⸗ ne, einen Vorſchlag zu thun. „Ich habe ſchon laͤngſt,“ ſagte er,„eine Liebe fuͤr die geheimen Wiſſenſchaften genaͤhrt, aber mich immer zu unwiſſend gefuͤhlt, und zu großes Mistrauen zu mir gehegt, mich ihnen hinzugeben. Ihr habt Erfahrung erlangt, Ihr beſitzt die Kenntniß eines ganzen Lebens: es waͤre Schade, wenn dieſe unnuͤtz erworben ſeyn ſollte. Ihr ſagt, Ihr waͤret zu alt, Euch den Muͤhſelig⸗ keiten des Laborirens laͤnger zu unterziehen: laßt mich ſie auf mich nehmen. Eure Kenntniß, meine Jugend und Thaͤtigkeit, was werden dieſe vereint nicht bewirken koͤnnen? Als Pro⸗ begeld, und als eine Grundlage, auf die wir bauen koͤnnen, will ich eine Summe Geldes herſchießen, die Ueberbleibſel eines Vermaͤchtniſſes, welches mich in den Stand geſetzt hat, meine Erziehung zu vollenden. Ein armer Student kann nicht mit großen Reichthuͤmern pralen, allein ich hoffe, daß wir bald uͤber allen Mangel hinaus ſeyn werden, und ſollte unſer Unternehmen nicht ge⸗ lingen, nun ſo muß ich, wie andere Juͤnger der Wiſſenſchaft, zu meinem Kopfe meine Zuflucht nehmen, mich durch die Welt zu bringen.“ 282 Nach vielem Bedenken willigte der Alchymiſt endlich ein, die Dienſte des Studenten anzuneh⸗ men und ſeine Verſuche wieder anzufangen. Das Laboratorium ward aufgeraͤumt, der Stu⸗ dent fand ſich unangemeldet und haͤufig ein, und der Philoſoph ſchien durch die Betriebſamkeit ſeines Schuͤlers neuen Eifer und neues Leben zu erhalten. Bei allem ſeinem Eifer fuͤr die Auf⸗ findung der goldenen Kunſt, waren indeß die Gefuͤhle des Studenten fuͤr den Gegenſtand, der ihn zuerſt in die Naͤhe des zertruͤmmerten Hau⸗ ſes gebracht hatte, keinesweges erkaltet. Waͤh⸗ rend der Krankheit des Alten hatte er haͤufig Gelegenheit, der Tochter nahe zu ſeyn, und jeden Tag bezauberten ihre Reize ihn mehr. Es lag eine reine Einfalt, eine beinahe leidende Annehmlichkeit in ihrem Benehmen, und doch war in allem dieſen, etwas— ſey es nun jungfraͤuli⸗ che Schuͤchternheit, Bewußtſeyn ihrer hohen Ab⸗ kunft, ein Anflug caſtilianiſchen Stolzes, oder alles dieſes zuſammen— das eine ungebuͤhrliche Vertraulichkeit abwies und die Annaͤherung er⸗ ſchwerte. Die Gefahr, worin ihr Vater ſchwebte, und die Maßregeln, die zu ſeiner Huͤlfe getrof⸗ fen werden mußten, hatten Anfangs dieſe Schuͤch⸗ ternheit und Zuruͤckhaltung uͤberwunden; ſobald — 283 jener aber ſich erholte und ihre Beſorgniſſe ſich verminderten, ſchien ſie ſich der Vertraulichkeit, die ſie ſich gegen den jugendlichen Fremden er⸗ laubt, mit Schrecken bewußt und jeden Tag ſchuͤchterner und ſtiller zu werden. Antonio hatte manche Buͤcher geleſen: dieß war aber das erſte Werk in Frauengeſtalt, das er aufſchlug. Schon das Titelblatt hatte ihn angezogen, je weiter er aber las, ein deſto groͤ⸗ ßeres Vergnuͤgen empfand er. Inez ſchien zur Liebe gemacht; ihr ſchwarzes Auge rollte ſchmach⸗ tend unter den ſeidenen Augenwimpern, und wo⸗ hin es ſich wandte, verweilte und ruhte es: Zaͤrt⸗ lichkeit lag in jedem Strahle deſſelben. Gegen ihn allein war ſie zuruͤckhaltend und ſcheu. Ißt, wo ihr Beiſtand im Krankenzimmer nicht mehr noͤ⸗ thig war, ſahe er wenig mehr von ihr, als er vor ſeinem Eintritte in das Haus geſehen hatte. Bisweilen begegnete er ihr, auf ſeinem Wege nach oder aus dem Laboratorium: ſie laͤchelte und erroͤthete dann, ſchwebte aber, nach einem fluͤchtigen Gruße, weiter, und verſchwand. Wenn Antonio in dem Laboratorium allein war, ſo verfolgten ihn dieſe Blicke, dieſes Laͤcheln, das er im Vorbeigehen erhalten hatte. Er be⸗ trachtete ſie dann aus allen moͤglichen Geſichts⸗ 284 punkten, und dachte mit aller der ſelbſtgefalligen, ſelbſtquaͤlenden Vernuͤnftelei eines Liebhabers da⸗ ruͤber nach. Die Gegend um ihn her war ganz dazu gemacht, die Wolluſt des Gefuͤhles zu er⸗ wecken, welche den Wachsthum einer Leidenſchaft ſo ſehr befoͤrdert. Das Fenſter des Thurms lag oberhalb der Baͤume des romantiſchen Tha⸗. les des Darro, und ſahe auf eine der lieblich⸗ ſten Gegenden der Vega“) hinab, wo Citronen⸗ und Orangengebuͤſche von kuͤhlen Quellen und Baͤchen des klarſten Waſſers erfriſcht wurden. Der Penils und der Darro ſchlaͤngelten ſich glaͤnzend durch die Ebenen, und blitzten zwiſchen ihren Lauben hindurch. Die umliegenden Huͤgel und die mit Schnee bedeckten Berge ſchienen in den blauen Himmel zu verſchmelzen. Die lieb⸗ liche Luft, welche um den Thurm ſpielte, war von dem Dufte der Myrten und Orangenbluͤten durch⸗ drungen, und das Ohr ſchwelgte in den ſchmelzen⸗ den Toͤnen der Nachtigall, welche, in dieſen gluͤckli⸗ chen Gegenden, den ganzen Tag lang ſingt. Zu⸗ weilen ließ ſich auch der Geſang eines Maul⸗ *) Die Vega(der Obſtgarten) von Granada, ein fruchtbares angebautes Thal, das ſich an der Mittags⸗ und Abendſeite der Stadt hinzieht. Ueberſ. 285 thiertreibers vernehmen, der an dem einſamen Wege hinzog, oder die Toͤne einer Guitarre, wo⸗ nach eine Gruppe ſpaniſcher Bauern im Schat⸗ ten tanzte. Alles dieß reichte hin, den Kopf des jungen Liebhabers mit dichteriſchen Traͤumen anzufuͤllen, und Antonio malte ſich oft in Ge⸗ danken aus, wie er unter dieſen herrlichen Ge⸗ buͤſchen, und an dieſen angenehmen Flußufern, mit Inez hinwandeln und ſein Leben in Liebe mit ihr wuͤrde zubringen koͤnnen. Oft ward er unwillig uͤber ſeine eigene Schwaͤche, und ſuchte dieſe Hirngeſpinnſte mit Gewalt zu entfernen. Mit muͤhevoller Anſtren⸗ gung wandte er ſich dann zu den geheimen Stu⸗ dien, oder beſchaͤftigte ſich mit irgend einem ver⸗ wickelten Verfahren: allein wenn es ihm zum Theil gelungen war, ſeine Aufmerkſamkeit zu ſammeln, ſo erklang Inez' Laute, oder die ſanf⸗ ten Toͤne ihrer Stimme unterbrachen die Stille im Gemach, oder ſchienen um den Thurm zu ſchweben. Es war keine große Kunſt in ihrem Spiel, Antonio aber duͤnkte es, nie eine Muſik gehoͤrt zu haben, welche ſich dieſer vergleichen laſ⸗ ſen koͤnne. Es lag eein Zauber darin, wenn ſie einige ihrer Volksmelodien ſang, jener kleinen ſpaniſchen Romanzen und mauriſchen Balladen, 286 welche den Zuhoͤrer in Gedanken an das Ufer des Guadalquivir oder an die Mauern der Alhambra verſetzen, und ihn von Schoͤnheiten, Balkonen und Serenaden im Mondlicht, traͤu⸗ men laſſen. Nie war wohl ein armer Student in einer ſchlimmeren Lage, als Antonio. Die Liebe iſt im Studierzimmer immer eine laͤſtige Geſellſchaft, aber in dem Laboratorium eines Alchymiſten bringt ihre Einmiſchung nichts als Ungluͤck. Statt auf die Retorten und Schmelztiegel Acht zu geben, und den Gang eines Verſuches zu be⸗ obachten, welcher unter ſeiner Obhut gemacht werden ſollte, verlor ſich der Student in einen jener Liebestraͤume, aus dem ihn am Ende eine verderbliche Entwickelung erweckte. Der Philo⸗ ſoph fand, wenn er von ſeinen Unterſuchungen in den Bibliotheken zuruͤckkehrte, Alles verkehrt gegangen, und Antonio, in Verzweiflung, uͤber den Truͤmmern der Arbeit eines ganzen Tages. Der alte Mann blieb indeſſen bei dieſem allen ganz ruhig, denn ſein Leben war eine Kette von Verſuchen und fehlgeſchlagenen Hoffnungen ge⸗ weſen. So dauerte es eine Zeitlang fort. Das Geld des Studenten ging allmaͤhlich in Rauch auf, 287 jede Glut des Ofens machte ihn um einen Du⸗ Wcaten aͤrmer, ohne ihn, dem Anſchein nach, dem goldenen Geheimniß, nur um einen Zollbreit naͤ⸗ her zu bringen. Dennoch ſtand der junge Mann dabei, und ſah ohne Murren ein Goldſtuͤck nach dem andern verſchwinden: er hatte ja taͤglich Gelegenheit, Inez zu ſehen, ihre Gunſt war ihm koͤſtlicher als Gold und Silber, und jedes Laͤ⸗ cheln von ihr einen Dukaten werth. Zuweilen ging er, in der Abendkuͤhle, wenn die Arbeiten im Laboratorium aufgehoͤrt hatten, mit dem Alchymiſten in dem Garten ſpazieren, welcher zu dem Hauſe gehoͤrte. Noch itzt waren Ueberbleibſel von Terraſſen und Baluͤſtraden vor⸗ handen, ſo wie hie und da eine marmorne Ur⸗ ne, oder eine umgeſtuͤrzte, unter Unkraut und wilden Blumen begrabene Statue zu ſehen. Dieß war der Lieblingsort des Alchymiſten, den er in ſeinen Erhohlungsſtunden beſuchte und wo er ſeinen Traͤumereien vollen Lauf ließ, dieſe Abendſpazlergaͤnge aber noch verlaͤngerte, wenn Antonio ihn begleitete. Dieß that er zuweilen ſeines Schuͤlers willen, denn er fuͤrchtete, daß die fortdauernde Anſtrengung und die ununterbro⸗ chene Einſchließung in den Thurm, am Ende ſeiner Geſundheit ſchaden duͤrften. Damit in⸗ 288 deß der Student die in dieſen Erhohlungsſtun⸗ den verfloſſene Zeit nicht fuͤr verloren halten moͤchte, pflegte der gute Alchymiſt ſie durch Mit⸗ theilung von Kenntniſſen, die mit ihrer Beſchaͤf⸗ tigung in Verbindung ſtanden, zu wuͤrzen, und, mit ſeinem Zoͤgling auf- und abgehend, ihm, wie ein Philoſoph des Alterthums, mündlichen Unter⸗ richt zu ertheilen. Antonio pflegte dieſen peripatet ſchen Vorle⸗ ſungen mit der ganzen Glut eines entſchiedenen Juͤngers zuzuhoͤren; allein es gab noch einen an⸗ dern Umſtand, der ihnen einen beſondern Reiz mittheilte. Der Garten war auch Inez' Erho⸗ lungsort, wo ſie ihre Spaziergaͤnge machte, die einzige Bewegung, welche ihr abgeſchiedenes Le⸗ ben ihr erlaubte; waͤhrend Antonio, in ſtiller Pflichtergebenheit, neben ſeinem Lehrer hinwan⸗- delte, ſah er oft, auf einen vpeni die Ge⸗ ſtalt der Tochter, welche gedankenvoll, im ſanften Zwielicht, in den Alleen auf und ab ging. Zu⸗ weilen begegneten ſie ihr unerwartet, und das Herz des Studenten pochte dann noch einmal ſo laut. Erroͤthen faͤrbte die Wange der Inez, allein ſie ging unaufhaltſam weiter und ſchloß ſich nie an ſie an. (Eines Abends war er bis ziemlich ſpaͤt mit dem ——— 289 dem Alchymiſten an dieſem ſeinem Lieblingsorte geblieben. Auf einen ſchwuͤlen Tag war ein herr⸗ licher Abend gefolgt, und die balſamiſche Luft des Gartens hatte etwas beſonders Erfriſchendes. Der Alte ſaß auf dem Bruchſtuͤcke eines Fußge⸗ ſtells, und ſah wie ein Theil der Truͤmmer aus, worauf er ruhte. Er erbaute ſeinen Schuͤler durch lange Lehren der Weisheit aus den Ster⸗ nen, wie dieſe mit glaͤnzendem Schimmer an dem dunkelblauen Gewoͤlbe des ſuͤdlichen Himmels er⸗ ſchienen, als der Mond aufging und ſein ſtrah⸗ lendes Licht uͤber die Gebuͤſche verbreitete. An⸗ tonio horchte mit anſcheinend geſpannter Auf⸗ merkſamkeit auf die Lehren des Weiſen, allein ſein Ohr war trunken von der Melodie von Inez' Stimme, die, an einer von den mondbe⸗ leuchteten Stellen des Gartens, zu ihrer Laute ſang. Der alte Mann hatte ſeinen Gegenſtand erſchoͤpft, und blickte. nun in ſtillem Nachdenken zum Himmel hinauf. Antonio konnte der Ver⸗ ſuchung nicht widerſtehn, einen Blick auf die ſproͤde Schoͤnheit zu werfen, welche ſo, in ihrer Einſamkeit und Tonfuͤlle, die Rolle der Nachti⸗ gall ſpielte. Er verließ daher den Alchymiſten, und ſchlich leiſe eine der Alleen entlang. Die Muſik hatte aufgehoͤrt, und er glaubte den Ton I. N 290 von Stimmen zu hoͤren. So kam er an die Ecke eines Gebuͤſches, das eine Art von Grotte verdeckte, welche mit einem marmornen Spring⸗ brunnen verziert war. Der Mond ſchien hell auf die Stelle, und bei ſeinem Licht ſah er den unbekannten Nebenbuhler zu Iney Fuͤßen. Er hielt ſie bei der Hand, die er mit Kuͤſſen bedeckte, ſobald er aber Antonio bemerkte, ſprang er auf, und riß ſein Schwert halb aus der Scheide, waͤh⸗ rend Inez nach dem Hauſe zu floh. Antonio's eiferſuͤchtige Beſorgniſſe und Ver⸗ muthungen waren itzt beſtaͤtigt. Er wartete den Ausbruch des Zornes ſeines b. egluͤckten Ne⸗ benbuhlers uͤber dieſe Unterbrechung nicht ab ſondern entfernte ſich in tiefem Schmerze von dem Orte. Daß Inez einen Andern liebte, war ſchon qualvoll genug: daß ſie aber eines entehrenden Liebesverſtändniſſes ſchuldig ſeyn koͤnn⸗ te, emporte ihn bis in das Innfpſta ſeiner Seele. Der Gebanke an Betrug bei einem ſo jungen, ſchuld⸗ loſen Geſchoͤpfe, erregte in ihm ein Mißtrauen gegen die menſchliche Natur, welches jungen offenen Gemuͤthern ſonſt ſo widerwaͤrtig er⸗ ſcheint; und wenn er an den guͤtigen unbekuͤmmer⸗ ken Vater dachte, den ſie betrog, und deſſen ganze Liebe nur in ihr ſich vereinigte, ſo erfuͤllte es ihn r. * 291 auf einen Augenblick mit einem Gefuͤhl des Un⸗ willens, ja beinahe des Abſcheus. Er fand den Alchymiſten noch auf der Stelle ſitzen, wo er ihn verlaſſen hatte, und in traͤume⸗ riſche Betrachtung des Mondes verſunken.„Komm her, mein Sohn,“ ſagte er, mit ſeiner gewoͤhnli⸗ chen Begeiſterung,„komm und lies mit mir in die⸗ ſem großen Buche der Weisheit, das naͤchtlich ſich vor uns entfaltet. Sehr weislich ſagten die chaldaͤiſchen Weiſen, der Himmel ſey ein geheim⸗ nißvolles Blatt, das denjenigen, die es zu leſen verſtehn, manches verkuͤndet, ihnen Gutes und Boͤſes eroͤffnet, und die geheimen Beſchluͤſſe des Schickſals ihnen enthuͤllt.“ Das Herz des Studenten bebte vor Weh⸗ muth um ſeinen ehrwuͤrdigen Meiſter, und in dieſem Augenblick ward ihm die ganze Nichtig⸗ keit ſeiner Weisheit klar.„Ach, armer alter Mann,“ dachte er,„was nuͤtzt Dir all' dein Studiren? Du laͤßt es Dir nicht traͤumen, welcher Verrath ge⸗ gen dein Gluͤck unter deinen Augen, ja, in dei⸗ nem Buſen, begangen wird, waͤhrend Du Dich in luftige Traͤumereien uͤber die Sterne verlierſt! O, Inez! Inez! wo ſoll man Wahrheit und Unſchuld finden? wo iſt das Weib, auf das man N 2 292 ſich verlaſſen kann, wenn ſelbſt Du zu hinterge⸗ hen faͤhig biſt?“ Dieß iſt wohl ein gewoͤhnlicher Ausruf, wie er jedem Liebhaber entſchluͤpft, wenn er findet, daß ſeine Geliebte nicht ganz die Göttinn iſt, die er ſich gedacht hat. Bei dem Studenten aber entſprang er aus der Angſt eines redlichen Herzens. Er kehrte in bedauerungswuͤrdiger Gei⸗ ſtesverwirrung in ſeine Wohnung zuruͤck. Er beſchloß, ſeine Studien im Thurme aufzugeben, und es der Abweſenheit zu uͤberlaſſen, den Zau⸗ ber zu entkraͤften, der ihn befangen hatte. Er duͤrſtete nicht mehr nach der Entdeckung des gro⸗ ßen Elirirs: der Traum der Alchymie war vor⸗ aͤber, denn welchen Werth hatte, ohne Inez, noch der Stein der Weiſen? Er ſtand, nach einer ſchlaflos zugebrachten Nacht, von ſeinem Lager auf, entſchloſſen, dem Alchymiſten Lebewohl zu ſagen und ſich von Gra⸗ nada ganz loszureißen. Mehrere Tage erhoh er ſich mit demſelben Entſchluſſe, und jede Nacht ſah ihn zu ſeinem Lager zuruͤckkehren, ſeine Un⸗ ſſenheit bejammern, und einen neuen Ent⸗ den Morgen faſſen. Unterdeſſen ſah Inez weniger als je. Sie ſpazierte nicht länger im Garten, ſondern blieb beinahe gaͤnzlich — — 293 in ihr Zimmer eingeſchloſſen. Begegnete ſie ihm, ſo erroͤthete ſie ſtaͤrker als gewoͤhnlich; einſt blied ſie ſogar ſtehen, als wollte ſie zu ihm reden, machte aber, nach einigem verlegenen Zoͤgern und nach hoͤherem Erroͤthen, nur eine zufaͤllige Be⸗ merkung und entfernte ſich dann. Antonio las in dieſer Verwirrung ein Bekenntniß ihrer Schuld und das Bewußtſeyn, daß dieſe Schuld entdeckt ſey. „Was konnte ſie zu ſagen haben? Vielleicht eine Rechtfertigung uͤber den Auftritt im Garten;— aber, wie kann ſie ſich rechtfertigen, oder warum ſollte ſie ſich gegen mich rechtfertigen? Was bin ich ihr?— oder vielmehr, was iſt ſie mir 2ν— rief er ungeduldig aus, und faßte abermals den Entſchluß, ſich aus dieſen Schlingen los zu reißen und die⸗ ſen bezauberten Ort auf ewig zu verlaſſen⸗ In eben dieſer Nacht kehrte er zu ſeiner Wohnung zuruͤck, voll von dieſem muthigen Ent⸗ ſchluſſe, als er, an einer dunkeln Stelle des We⸗ ges, einem Manne begegnete, den er an ſeiner Groͤße und Geſtalt fuͤr ſeinen Nebenbuhler er⸗ kannte: er ging nach der Richtung des Thurmes hin. Dieß war die beſte Gelegenheit, alle Zwei⸗ fel, wenn es deren noch gab, zu loͤſen. Er ent⸗ ſchloß fich, dem unbekannten Cavalier zu folgen, und unter dem Schutze der Dunkelheit, ſeine Be⸗ 294 wegungen zu beobachten. Ward dieſer in den Thurm eingelaſſen, oder ſonſt guͤnſtig aufgenom⸗ men, ſo mußte dieß, wie Antonlo fuͤhlte, ſein Ge⸗ muͤth beruhigen und ſeinen ſchwankenden Ent⸗ ſchluͤſſen Feſtigkeit geben koͤnnen. Je naͤher der Unbekannte dem Thurme kam, deſto vorſichtiger und behutſamer benahm er ſich dabei. Unter einer Baumgruppe geſellte ſich ein Zweiter zu ihm, und Beide fluͤſterten mit einan⸗ der. In Inez' Zimmer brannte ein Licht; der Vorhang war herabgelaſſen, aber das Fenſter of⸗ fen, da die Nacht warm war. Nach einiger Zeit ward das Licht ausgeloͤſcht. Itt verſtrich eine geraume Zeit. Der Cavalier und ſein Gefaͤhrte blieben unter den Baͤumen, gleichſam auf der Lauer, ſtehen: endlich naͤherten ſie ſich dem Thur— me mit leiſen und vorſichtigen Schritten. Der Ca⸗ valier nahm eine Blendlaterne, die ſein Gefaͤhrte ihm reichte, und warf ſeinen Mantel ab. Hier⸗ auf brachte der Andere etwas aus dem Gebuͤſch, das Antonio bald fuͤr eine leichte Leiter er⸗ kannte; ſie ward gegen die Mauer gelehnt, und der naͤchtliche Saͤnger ſtieg hinauf. Ein peinli⸗ ches Gefuͤhl bemeiſterte ſich Antonio's. Itzt wa⸗ ren alle Beſorgniſſe beſtaͤtigt. Er war im Begriff, den Ort zu verlaſſen, um nie wieder —— — 295 dahin zuruͤckzukehren, als er einen unterdruͤckten Schrei aus Inez' Zimmer hoͤrte. Ein Augenblick und der am Fuß der Lei⸗ ter ſtehende lag am Boden. Antonio wand ein Stilet aus ſeiner kraftloſen Hand, und eilte die Leiter hinauf. Er ſprang zum Fenſter hinein, und fand Inez ſich gegen den, den er fuͤr ſei⸗ nen Nebenbuhler hielt ſtraͤubend. Der letztere, in ſeinem Angriffe geſtoͤrt, nahm ſeine Laterne auf, wandte deren volles Licht gegen Antonio, zog ſein Schwert und drang furchtbar auf ihn ein. Eluͤcklicherweiſe ſah der Student das Licht, an der Klinge hin blitzen, und wandte den Hieb mit dem Stilet ab. Itt folgte ein hartnaͤckiger, aber ungleicher Kampf. Antonio focht, dem vol⸗ len Scheine des Lichts ausgeſetzt, waͤhrend ſein Gegner im Schatten ſtand: auch war ſein Sti⸗ let nur eine ſchwache Waffe gegen den Degen. Er ſah itztt, daß nichts ihn retten koͤnne, als wenn er feinem Gegner auf den Leib ruͤcke und deſſen Waffe unterlaufe: er ſtuͤrzte deswegen wuͤthend auf ihn ein, und fuͤhrte einen gewaltigen Stoß mit dem Stilet nach ihm, erhielt aber dagegen eine Wunde mit dem verkuͤrzten Schwert. In demſelben Augenblick empfing er von hinten einen Stoß von dem Mitgehuͤlfen, der unterdeß die * 4 4 e 296 Leiter hinangeſtiegen war: dieſer ſtreckte ihn da⸗ nieder, und die Thaͤter benutzten dieß, ſich davon zu machen. Unterdeſſen hatte Inez' Geſchrei ihren Va⸗ ter und die Dienerinn herbeigebracht. Antonio lag beſinnungslos in ſeinem Blute. Man brachte ihn in das Zimmer des Alchymiſten, der itzt die Aufmerkſamkeit vergalt, welche der Student einſt ihm erwieſen hatte. Zu ſeinen mannigfachen Kenntniſſen gehoͤrte auch eine Bekanntſchaft mit der Wundarzneikunſt, welche in dieſem Augenblick von groͤßerem Nutzen war, als ſeine ganze chy⸗ miſche Gelehrſamkeit. Er ſtillte das Blut, wel⸗ ches aus den Wunden ſeines Zoͤglings floß, die, bei naͤherer Unterſuchung, weniger gefaͤhrlich wa⸗ ren, als man Anfangs gefuͤrchtet hatte, und ver⸗ band ſie. Einige wenige Tage war indeß ſein Zuſtand bedenklich und nicht ohne Gefahr. Der alte Mann wachte mit der Zaͤrtlichkeit eines Vaters uͤber ihn. Er fuͤhlte ſich ihm auf doppelte Weiſe dankbar verpflichtet, ſowohl ſeiner Tochter, als ſeiner ſelbſt wegen; er liebte ihn, als einen treuen und ei⸗ frigen Schuͤler, und fuͤrchtete, daß die Welt der vielverſprechenden Talente eines ſo betriebſamen Alchymiſten beraubt werden moͤchte. Antonio's Koͤrperſtaͤrke machte, daß ſeine * — 297 Verletzungen bald heilten: es lag indeß ein Balſam in Ine' Blicken und Worten, welcher auch auf die ſchwereren Wunden ſeines Herzens ſeine Heil⸗ kraft aͤußerte. Sie nahm den lebendigſten An⸗ theil an ſeiner Herſtellung, und nannte ihn ihren Befreier, ihren Erhalter. Es ſchien, als ob ihre Dankbarkeit, durch die Waͤrme, womit ſie die⸗ ſelbe an den Tag legte, ihn fuͤr alle fruͤhere Kaͤlte entſchaͤdigen zu wollen ſuche. Was indeſſen am meiſten zu Antonio's Geneſung beitrug, war die Erklaͤrung, welche er aͤber ſeinen vermeinten Ne⸗ benbuhler erhielt. Dieſer hatte Inez nicht lange vor⸗ her in der Kirche geſehen, und ſie ſeit dieſer Zeit fortdauernd mit ſeinen Aufmerkſamkeiten verfolgt. Er hatte ſie auf ihren Spaziergaͤngen aufgeſucht, bis ſie ſich nicht mehr aus dem Hauſe, ausge⸗ nommen in Begleitung ihres Vaters, entfernen konnte, ſie mit Briefen, Serenaden und allen den Kuͤnſten beſtuͤrmt, wodurch er einer dringen⸗ den, aber heimlichen und unehrbaren Bewerbung Nachdruck geben zu koͤnnen glaubte. Der Auftritt im Garten hatte ſie ſelbſt eben ſo ſehr, als An⸗ tonio, uͤberraſcht. Ihr Verfolger war von ihrer Stimme herbeigelockt worden, und hatte den Ein⸗ ſturz eines Theiles der Mauer benutt, um in den Garten zu gelangen. So hatte er ſie uͤber⸗ 4 298 raſcht, ſie mit Gewalt zuruͤckgehalten, und ihr ſo eben ſeine ehrloſe Leidenſchaft geſchildert, als die Erſcheinung des Studenten ihn unterbrach und ihr Gelegenheit gab, zu entfliehen. Ihrem Vater Beſorgniß und Angſt zu erſparen, hatte ſie ihm die Verfolgungen, denen ſie ausge⸗ ſetzt war, verſchwiegen, und ſich entſchloſſen, ſich noch ſtrenger in das Haus zu verſchließen, war aber auch hier, wie es ſich ergab, nicht ſicher vor ſeinen Nachſtellungen geweſen. Antonio fragte ſie, ob ſie den Namen die⸗ ſes ungeſtuͤmen Bewerbers wiſſe? Sie antwortete, daß er ihr unter einem angenommenen Namen ſeine Antraͤge gemacht, daß ſie ihn aber einſt Don Ambroſio de Loxa nennen hoͤren. Antonio kannte dieſen, dem Namen nach, und wußte, daß er einer der entſchiedenſten und gefaͤhrlichſten Wuͤſtlinge in ganz Granada ſey. Er war gewandt, gebildet, und, wenn er wollte, ſehr einſchmeichelnd, aber unternehmend und toll⸗ kuͤhn bei Befriedigung ſeiner Leidenſchaften, hef⸗ tig und unverſoͤhnlich in ſeiner Rache. Antonio war erfreut, daß Inez ſeinen Verfuͤhrungskuͤn⸗ ſten widerſtanden, und daß ſeine glaͤnzende Verderbtheit ſie mit Abſcheu erfuͤllt hatte; aber — — —— 299 er zitterte, wenn er an die Gefahren dachte, denen ſie ausgeſetzt geweſen, und an die, von denen ſie vielleicht itzt noch bedroht war.— Es war in— deß zu vermuthen, daß der Feind auf eine Zeit lang zur Ruhe genoͤthigt ſeyn werde. Blutſpu⸗ ren hatten ſich bis zu einiger Entfernung von der Leiter gefunden, wo ſie ſich unter den Ge⸗ buͤſchen verloren, und da man nun ſchon eine Zeit lang nichts von ihm geſehen und gehoͤrt hatte, ſo ſchloß man, daß er eine bedeutende Wunde em⸗ pfangen habe. Als der Student von fannen Wunden zu geneſen anfing, durfte er Inez und ihrem Va⸗ ter im Hauſe Geſellſchaft leiſten. Wahrſchein⸗ lich war das Zimmer, worin ſie ſich gewoͤhnlich aufhielten, in fruͤheren Zeiten ein Prachtzimmer geweſen. Der Fußboden war von Marmor; die Waͤnde hier und da mit Ueberbleibſeln von Tapeten behangen; die mit Schnitzwerk ver⸗ zierten, reich vergoldeten Stuͤhle vor Alter wurm⸗ ſtichig geworden, und mit verſchoſſenem zerlumpten Goldſtoff bedeckt. An der Wand hing ein lan⸗ ger, roſtiger Degen, das einzige Ueberbleibſel, wel⸗ ches der alte Mann aus der 3 Zeit ſeiner ritterlichen Vorfahren uͤbrig behalten hatte. Wohl wuͤrde der Gegenſatz zwiſchen dem Hauſe und deſſen 8 44 * 300— Bewohnern, zwiſchen der gegenwaͤrtigen Armuth und den Spuren dahingeſchwundener Groͤße ein Laͤcheln haben ablocken koͤnnen; allein die Ein— bildungskraft des Studenten hatte uͤber das Ge⸗ baͤude und die, welche es bewohnten, einen ſo ro⸗ mantiſchen Schleier geworfen, daß Alles in Zau⸗ ber gehuͤllt erſchien. Der Philoſoph ſchien, mit ſeinem gebeugten Stolz und ſeiner ſonderbaren Beſchaͤftigung, ſich ganz zu den traurigen Truͤm⸗ mern zu paſſen, die ihm zum Wohnſitz dienten, waͤh⸗ rend um die Tochter ſich eine natuͤrliche Gei⸗ ſteszierlichkeit verbreitet hatte, welche deutlich zeigte, daß ſie der Wohnung, in deren gluͤckliche⸗ ren Tagen, zum Schmuck gedient haben wuͤrde. Welche koͤſtliche Augenblicke waren dieß fuͤr den Juͤngling! Inez war ißt nicht mehr ſchuͤchtern und zuruͤckhaltend. Sie war von Natur unbe— fangen und vertrauensvoll, obgleich die Art von Verfolgung, der ſie von dem einen Bewunderer ausgeſetzt geweſen war, ſie auf eine Zeit gegen den andern argwoͤhniſch und vorſichtig gemacht hatte. Ist fuͤhlte ſie ein unbedingtes Vertrauen zu An⸗ tonio's Aufrichtigkeit und innerem Werth, ge⸗ miſcht mit einer uͤberfließenden Dankbarkeit. Wenn ihre Augen den ſeinen begegneten, ſo ſtrahl⸗ ten ſie von lebendigem Antheil und von Wohl⸗ ——u— — 301 wollen, und Antonio, den itzt der Gedanke an ei⸗ nen beguͤnſtigten Liebhaber nicht laͤnger beunru⸗ higte, fing wieder an, auf Erhoͤrung zu hoffen. Endlich war Antonio ſo weit hergeſtellt, daß er in ſeine Wohnung nach Granada zuruͤck⸗ kehren konnte. Er fuͤhlte indeß eine gewiſſe Un⸗ ruhe, den Thurm verlaſſen zu muͤſſen, waͤhrend den beinahe ganz vertheidigungsloſen Bewohnern deſſel⸗ ben noch heimliche Gefahr drohte. Er fuͤrchtete, daß Don Ambroſio, von ſeinen Wunden geneſen, einen neuen Verſuch, ſey es durch heimliche Liſt, oder mit offenbarer Gewalt unternehmen moͤchte. Nach allem, was er gehoͤrt hatte, hielt er ihn faͤr einen zu unverſoͤhnlichen Feind, als daß er die Vereitelung ſeines Plans ungerochen haͤtte hingehen laſſen, und fuͤr zu entſchloſſen und furcht⸗ los, als daß er, wenn ſeine Kuͤnſte nicht aus⸗ reichten, vor irgend einer kuͤhnen That haͤtte zuruͤckſchrecken ſollen, um ſeine Zwecke zu errei⸗ chen. Er theilte ſeine Beſorgniſſe dem Alchy⸗ miſten und ſeiner Tochter mit, und ſchlug ihnen vor, die gefaͤhrliche Gegend von Granada zu verlaſſen. 3. „Ich habe,“ ſagte er,„Verwandte in Valen⸗ cia, die zwar arm, aber ſehr wacker und theil⸗ nehmend ſind. Bei ihnen werdet Ihr Freund⸗ „ a. 302 ſchaft und Ruhe finden, und wir koͤnnen dort unſere Arbeiten ungeſtoͤrt fortſetzen. Er ſchil⸗ derte ihnen die Schoͤnheit und Annehmlichkeit von Valencia mit aller Anhaͤnglichkeit eines Eingebornen, und aller der Beredſamkeit, womit ein Liebhaber die Felder und Gebuͤſche malt, in welche er den Schauplatz ſeiner kuͤnftigen Gluͤck⸗ ſeligkeit verlegt. Seine Beredſamkeit, von Inez' Beſorgniſſen unterſtuͤtzt, wirkte auf den Alchymi⸗ ſten, der, in der That, an ein zu unſtaͤtes Leben ge⸗ woͤhnt war, als daß er ſich viel um ſeinen Aufent⸗ haltsort haͤtte kuͤmmern ſollen, und man be⸗ ſchloß daher, daß, ſobald Antonio ganz wieder⸗ hergeſtellt ſeyn wuͤrde, man den Thurm verlaſſen und nach der herrlichen Gegend von Valencia lehen wolle.*) 893 *) Hier ſind die ſtärkſten Seidenzeuge, die ſüßeſten Weine, die beſten Hele, und die ſchönſten Weiber in ganz Spanien zu finden. Selbſt die unvernünftigen Thiere machen ſich hier Betten von Rosmarin oder andern wohlriechenden Kräu⸗ tern, und wenn man auf der See iſt und der Wind vom Lande weht, ſo kann man, mehrere Meilen ehe man das Land ſieht, an dem ſtarken Geruch, den es von ſich giebt, es ſchon erkennen. So wie das Klima das angenehmſte in ganz Spanien iſt, ſo iſt es auch das zuträglichſte, und man nennt es gewöhnlich das zweite Italien, was die Mauren (von denen mehrere Tauſende von hier verjagt und nach der Barbarei verbannt wurden) zu dem Glauben brachte, das — 3 303 — Um ſeine Kraͤfte allmaͤhlig wieder zu erhal⸗ ten, gab der Student die Arbeiten in dem Labo⸗ ratorium auf einige Zeit auf, und brachte die wenigen Tage vor ſeiner Abreiſe damit zu, noch einmal die bezaubernde Umgegend von Gra⸗ nada zu durchſtreifen. Er fuͤhlte, wie Geſund⸗ heit und Kraft wiederkehrten, waͤhrend er die reine, milde Luft, welche um die Huͤgel ſpielte, einathmete, und die Zufriedenheit ſeines Ge⸗ muͤths trug zu ſeiner ſchnelleren Geneſung bei. Inez war a uf ſeinen Spaziergaͤngen oft ſeine Begleiterinn. Ihre Abkunft von muͤtterlicher Seite floͤßte ihr einen großen Antheil an dieſem einſtigen Lieblings ſitze der arabiſchen Macht ein. Sie blickte mit Begeiſterung auf ſeine pracht⸗ vollen Denkmale, und ihr Gedaͤchtniß war mit den Sagen und Balladen von mauriſcher, Tap⸗ ferkeit erfuͤllt. Das einſame Leben, welches ſie gefuͤhrt hatte, und der Hang ihres Vaters zur Schwaͤrmerei, hatten einen großen Einfluß auf ihren Charakter gehabt, und ihm eine Faͤrbung gegeben, die man, in neueren Zeiten, romanen⸗ haft genannt haben wuͤrde. 2 ——QO— ß Paradies liege in dem Theile des Himmels, der über dieſer Stadt hange. Howell s Briefe(1645). Verf. ———— 3⁰4 Auf einem ihrer Abendſpaziergaͤnge hatten ſie den Berg der Sonne erſtiegen, auf welchem der Generalife, der Freudenpallaſt zur Zeit der mauriſchen Herrſchaft, itzt ein duͤſteres Ca— pucinerkloſter, liegt. Sie waren in dem Gar⸗ ten umhergewandelt, unter Orangen, Citronen und Cypreſſengebuͤſchen, wo das Waſſer, in Stroͤ⸗ men herabſtuͤrzend, in Springbrunnen rieſelnd, oder in blitzenden Strahlen emporſteigend, die Luft mit Harmonie und Friſche erfuͤllte. In der ganzen Schoͤnheit dieſes Gartens liegt eine ge⸗ wiſſe Schwermuth, welche ſich allmaͤhlig auch der Seelen der Liebenden bemeiſterte. Duͤſtere Erinnerungen aus vergangenen Zeiten knuͤpfen ſich an dieſen Ort. Er war der Lieblingsauf⸗ enthalt der ſchoͤnen Koͤniginn von Granada, wo die Vergnuͤgungen eines glaͤnzenden und uͤp⸗ pigen Hofes ſie umgaben. Hier, unter ihren eigenen Roſenlauben, war es, wohin die Verlaͤum⸗ der jene unwuͤrdige Geſchichte ihrer Schande verlegten, und ſo dem tapferen Stamme der Abencerragen den Todesſtoß beibrachten.*) Der ganze Garten ſieht zerſtoͤrt und ver— laſſen aus. Mehrere von den Springbrunnen *) Vergleiche de Hita's Geſchichte der bürgerl. Kriege in Granada. Cap. 14. 15. Ueberſ. 7 305 ſind trocken und zertruͤmmert. Das Waſſer hat ſich aus ſeinen marmornen Becken entfernt, und wird von Unkraut und trocknem Laub erſtickt. Da, wo der Wind ſonſt mit Roſen ſpielte und Wohlgeruͤche von den Orangenbluͤthen herwehte, rauſcht itzt nur duͤrres Rohr. An den einſamen Orten, die einſt Geſang oder Tanz und die Se⸗ renade des Liebhabers belebten, laͤßt itzt die Glocke des Kloſters ihre traurigen Klaͤnge erſchallen, oder hallt eine ſchlaͤfrige Abendhymne dahin. Wohl moͤgen die Mauren den Verluſt dieſes irdiſchen Paradieſes betrauern; wohl moͤgen ſie ſeiner in ihren Gebeten gedenken und den Himmel anfle⸗ hen, es den Glaͤubigen wieder zu ſchenken; wohl moͤgen ihre Geſandten an ihre Bruſt ſchlagen, wenn ſie dieſe Denkmaͤler ihres Stammes ſehen, und unter der dahinſchwindenden Herrlichkeit von Granada ausruhen und weinen! Es iſt unmöoͤglich, auf dieſem Schauplatze ent⸗ ſchwundener Liebe und Froͤhlichkeit umherzuwan⸗ deln, und nicht die ganze Zaͤrtlichkeit des Herzens erwachen zu fuͤhlen. Hier war es, wo Antonio zuerſt ſeine Leidenſchaft zu entdecken und in Wor⸗ ten das auszuſprechen wagte, was ſeine Augen ſchon laͤngſt ſo beredt erzaͤhlt hatten. In ſeinem Geſtaͤndniß ſprach ſich die Leidenſchaft, aber auch 306 die Offenheit aus. Er konnte keine glaͤnzenden Ausſichten eroͤffnen: er war ein armer Student „der ſich auf ſeinen Geiſt verlaſſen mußte, ſich zu ernaͤhren, und ſich zu kleiden.“ Ein lieben⸗ des Weib rechnet indeſſen nie. Inez hoͤrte ihn mit geſenkten Augen an, welche jedoch in einem feuchten Schimmer ſchwammen, der darauf hindeu⸗ tete, daß ihr Herz ihm gewonnen ſey. Es lag keine Sproͤdigkeit in ihrem Weſen: ſie hatte nicht lange genug in der Geſellſchaft gelebt, um ſie zu erlangen. Sie liebte ihn mit der ganzen Reinheit von zeitlicher Ruͤckſicht mit der eine aͤchte Frau liebt, und es gelang ihm, ihr unter einem ſchuͤchternen Laͤcheln und Erroͤthen ein be⸗ ſcheidenes Geſtaͤndniß ihrer Liebe zu entlocken. Sie wandelten im Garten, in jenem See⸗ lenrauſche, den nur gluͤcklich Liebende kennen. Die Welt um ſie her war ein Feenland gewor⸗ den, und in der That breitete ſich vor ihren Augen eine der feenhafteſten Gegenden aus, gleich als ob ſie ihren Traum irdiſcher Gluͤckſeligkeit verwirklichen wollte.— Sie ſahen, zwiſchen Oran⸗ gengebuͤſchen, auf die Thuͤrme von Granada unter ihnen hinab: jenſeits lag die herrliche Ebene. der Vega, von der Abendſonne in Streifen be⸗ leuchtet, und die entfernten Huͤgel im roſenfar⸗ 307 benen und purpurnen Lichte: es ſchien ein Sinn⸗ bild der gluͤcklichen Zukunft zu ſeyn, die Liebe und Hoffnung vor ihrem Blick enthuͤllten. Als ob dies ganze Gemaͤlde ſeine Vollendung erhalten ſollte, begann ein Haufe Andaluſier ei⸗ nen Tanz, auf einer der Gallerieen des Gartens. Zwei Maͤnner mit ihren Guitarren ſpielten dazu. Die ſpaniſche Muſik iſt wild und klagend, allein die Eingebornen tanzen dabei mit Leben und Begeiſterung. Die maleriſchen Bewegungen der Taͤnzer, die Maͤdchen mit ihrem Haar in ſeidenen Netzen, deren Knoten und Troddeln den Ruͤcken hinabhingen, mit der Mantilla) um ihre zierliche Geſtalt, mit den Basquinas*“) unter de⸗ nen ihre zarten Fuͤße hervorblickten, mit in die Luft ausgebreiteten Armen, die Caſtagneten ſchla⸗ gend, nahmen ſich ſehr ſchoͤn auf dieſer luftigen Hoͤhe aus, waͤhrend ſich die Abendlandſchaft un⸗ ter ihnen ausbreitete. Als der Tanz geendet war, naͤherte ſich ei⸗ nes von den Paaren aus der Geſellſchaft An⸗ tonio und Inez; das Maͤdchen ſtimmte eine ſanfte, zuaͤrtliche, mauriſche Ballade an, welche der Mann mit der Guttarre begleitete. Sie bezog *) Schleier. **) Röcken. 308 ſich auf die Geſchichte des Gartens, die Leiden der ſchoͤnen Koͤniginn von Granada und das Ungluͤck der Abencerragen. Es war eine der alten Balladen, welche man in dieſem Theile von Spanien haͤufig hoͤrt und welche wie Echos um die Truͤmmer mauriſcher Groͤße ſchweben. Inez' Herz war in dieſem Augenblicke fuͤr jede zaͤrt⸗ liche Regung empfaͤnglich, und Thraͤnen drangen in ihre Augen, waͤhrend ſie der Erzaͤhlung zuhoͤrte. Die Saͤngerinn trat ihr naͤher: ſie hatte eine ausgezeichnete Geſtalt, war jung, ſchoͤn und in ijihren ſchoͤnen ſchwarzen Augen lag ein Gemiſch von Wildheit und Schwermuth. Sie heftete dieſe mit dem Ausdruck der Trauer auf Inez, ging dann ploͤtzlich in eine andere Weiſe uͤber, und ſang nun eine zweite Ballade, welche von naher Gefahr und Verrath handelte. Dieß wuͤrde leicht fuͤr eine zufaͤllige Laune der Saͤngerinn ha⸗ ben gelten koͤnnen, haͤtte nicht in ihrem Blick, ihrer Weiſe und Gebaͤrde, etwas gelegen, welches Bedeutung gab und Aufmerkſamkeit erregen mußte. Inez wollte ſo eben ſich nach dem Sinn dieſer offenbar perſoͤnlichen Anwendung des Ge⸗ ſanges erkundigen, als Antonio ſie unter⸗ brach und ſie ſanft von dem Orte wegzog. Waͤh⸗ 309 rend ſie in Aufmerkſamkeit auf die Muſik ver⸗ loren war, hatte er einen Haufen von Maͤnnern bemerkt, die im Schatten der Baͤume zuſammen getreten waren und einander zufluͤſterten. Sie waren in die von den Spaniern ſo haͤufig ge⸗ tragenen großen Maͤntel gehuͤllt, trugen große Huͤte, und ſchienen, waͤhrend ſie ihn und Inez ſehr ſcharf beobachteten, ſich der Aufmerkſamkeit gefliſſentlich entziehen zu wollen. Da Antonio ſie und ihre Abſicht nicht kannte, ſo eilte er, eis nen Ort zu verlaſſen, wo die laͤnger werdenden Abendſchatten ihn ſelbſt und Inez leicht der Zu⸗ dringlichkeit und Beleidigungen ausſetzen konnten. Als ſie am Abhange des Huͤgels durch einen mit Pappeln und Oleandern vermiſchten Ulmen⸗ wald gingen, welcher ſich an der, von der Al⸗ hambra hinuntergehenden, Straße hinzieht, bemerkte Antonio abermals dieſe Leute, die, dem Anſchein nach, ihnen in der Entfernung folgten, und erblickte ſie, ſpaͤterhin, noch einmal zwiſchen den Baͤumen am Darro. Er ſagte daruͤber weder Inez noch ihrem Vater irgend etwas, da er nicht zu unnoͤthiger Unruhe Anlaß geben wollte, war aber ungewiß, wie er die Plaͤne, welche gegen die huͤlfloſen Bewohner des 310 Thurmes geſchmiedet zu werden ſchienen, entdecken oder abwenden ſolle. Spaͤt am Abend nahm er Abſchied von ih⸗ nen, noch immer in dieſer quaͤlenden Beſorgniß befangen. Als er das ſchauerliche alte Gebaͤude verließ, ſah er Jemanden im Schatten der Mauer ſtehen, der offenbar ſeine Bewegungen beobach⸗ tete. Er eilte der Geſtalt nach, ſie glitt indeſ⸗ ſen dahin und verſchwand zwiſchen einigen Truͤm⸗ mern. Kurz darauf hoͤrte er ein leiſes Pfeifen, das von einem andern, in einer kleinen Entfer⸗ nung, beantwortet wurde. Er hatte itzt keinen Zweifel mehr, daß irgend etwas Unheimliches im Werke ſey, und eilte daher zum Thurme zuruͤck, die Bewohner deſſelben zu benachrichtigen, auf ihrer Hut zu ſeyn. Kaum hatte er ſich indeß umgewandt, als er von hinten mit herkuliſcher Staͤrke niedergeriſſen wurde. Vergebens ſtraͤubte er ſich: er war von Bewaffneten umringt. Ei⸗ ner von dieſen warf ihm einen Mantel uͤber, der ſeine Stimme erſtickte, huͤllte ihn darin ein und nun ward er mit unwiderſtehlicher Schnelligkeit fortgeriſſen. Der naͤchſte Tag verging, ohne daß Anto⸗ nio ſich bei dem Alchymiſten eingefunden haͤtte. Ein zweiter und ein dritter verfloſſen, und er * 311 erſchien noch nicht, auch hatte man in ſeiner Wohnung nichts von ihm vernommen. Seine Abweſenheit gab Anfangs zu Erſtaunen und Ver⸗ muthungen Anlaß, und erregte endlich Beſorgniß. Inez erinnerte ſich der ſonderbaren Winke der Balladenſaͤngerinn auf dem Berge, welche ſie vor bevorſtehender Gefahr zu warnen ſchien, und ihre Seele erfuͤllten bange Ahnungen. Sie lauſchte auf jeden Ton am Thore, auf jeden Fuß⸗ tritt auf der Treppe; ſie nahm ihre Guitarre und ſchlug ein Paar Toͤne an, allein es wollte nicht helfen: ihr Herz unterlag der Spannung und der Angſt. Sie hatte noch nie gefuͤhlt, was es heißt, wirklich verlaſſen zu ſeyn, und ward ſich itzt erſt der ganzen Staͤrke der Neigung be⸗ wußt, die ihr Herz erfuͤllte; denn wir wiſſen nicht eher, wie ſehr wir lieben, und wie noth⸗ wendig der Gegenſtand unſerer Liebe zu unſerem Gluͤcke iſt, als bis wir die traurige Leere der Trennung empfinden.. Auch der Philoſoph fuͤhlte die Abweſenheit ſeines Schuͤlers faſt eben ſo lebhaft, als ſeine Tochter. Das belebende Jugendfeuer des Juͤng⸗ lings hatte ihm neue Waͤrme eingefloͤßt und ſeinen Arbeiten, durch die Anweſenheit eines Gefaͤhrten, neuen Reiz gegeben. Indeſſen beſaß er Huͤlfs⸗ * 3¹² quellen und Troſtgruͤnde, welche ſeiner Tochter ab⸗ gingen. Seine Beſchaͤftigungen waren von der Art, daß ſie jeden andern Gedanken verdraͤngten und den Geiſt in einem Zuſtande beſtaͤndiger Spannung erhielten. Auch hatten ſich, in der letzten Zeit, Anzeichen der guͤnſtigſten Art of⸗ fenbart. Vierzig Tage und vierzig Naͤchte war der Proceß gluͤcklich fortgeſchritten: des alten Mannes Hoffnung wuchs taͤglich, und er ſah itzt, abermals, dem entſcheidenden Augenblicke entge⸗ gen, wo er nicht allein die Major lunaria, ſon⸗ dern auch die tinctura solaris,*) das Mittel Gold zu machen und das menſchliche Leben zu verlaͤngern, finden wuͤrde. Er blieb deshalb be⸗ ſtaͤndig in ſeinem Laboratorium eingeſchloſſen und bewachte ſeinen Ofen, denn ein einziger Augen⸗ blick konnte abermals alle ſeine Hoffnungen ver⸗ eiteln. So ſaß er eines Abends, bei einer ſeiner einſamen Beobachtungen in Nachdenken verſun⸗ ken; es war ſpaͤt, und ſeine Nachbarinn, die Eule, ſchrie von der Zinne des Thurmes, als ſich die Thuͤr hinter ihm öͤffnete. Da er glaubte, daß zes ſeine Tochter ſey, die zu ihm komme, ſich vor dem *) Die Silber⸗ und Goldtinetur. Ueberſ⸗ —:— — —— 313 dem Schlafengehn bei ihm zu beurlauben, wie es ihre Sitte war, ſo rief er ſie bei Namen, aber eine rauhe Stimme antwortete ihm. Er fuͤhlte ſich bei dem Arme ergriffen, und erblickte, als er ſich umſah, drei fremde Maͤnner im Zimmer. Er verſuchte, ſich von ihnen loszumachen, aber vergebens. Er rief nach Huͤlfe, aber ſie ſpotte⸗ ten ſeines Geſchreis. „Ruhig, Traͤumer!“ ſagte der eine;„glaubſt Du, daß die Diener der heiligen Inquiſition ſich von deinem Huͤlferuf werden abſchrecken laſſen? Fort mit ihm, Kameraden„“ Ohne ſeiner Einwendungen und Bitten zu achten, bemaͤchtigten ſie ſich ſeiner Buͤcher und Papiere, nahmen ſchnell etwas Schriftliches uͤber das Zimmer und idie Geraͤthſchaften auf, und fuͤhr⸗ ten ihn dann als Gefangenen hinweg. Inez hatte, ſich ſelbſt uͤberlaſſen, einen trau⸗ rigen und einſamen Abend zugebracht. An einem Fenſter ſitzend, welches in den Garten ging, hatte ſie gedankenvoll einen Stern nach dem andern am tiefen Blau des Himmels aufblinken ſehen, und einer Menge ſehnſuchtsvoller Gedanken nach ihrem Geliebten Naum gegeben, bis ihre Thraͤ⸗ nen zu fließen begannen. Ploͤtzlich ward ſie durch den Laut von Stimmen aufgeſchreckt, welche aus I. 9 314 einem entfernten Theile des Gebaͤudes zu kommen ſchienen, und nicht lange darauf hoͤrte ſie das Gepolter mehrerer Leute, welche die Treppe hin⸗ abſtiegen. Verwundert uͤber dieſe ungewoͤhnlichen Toͤne in ihrer einſamen Wohnung, blieb ſie ei⸗ nige Augenblicke in dem Zuſtande zittern⸗ der Spannung, als auf einmal die Dienerinn mit Schrecken in allen Zuͤgen in das Zimmer ſturzte, und ihr meldete, daß ihr Vater ſo eben von Bewaffneten hinweggeführt werde. Inez hoͤrte ſie nicht weiter an, ſondern flog die Treppe hinunter, die Fortgehenden einzuholen. Kaum war ſie uͤber die Schwelle des Hauſes getre⸗ ten, als ſie ſich von Fremden feſtgehalten ſah.— „Hinweg! hinweg!' rief ſie wild,„haltet mich nicht auf, ich muß meinem Vater folgen.“ Wir kamen, Euch zu ihm zu fuͤhren, Senüora, ſagte einer von den Maͤnnern ehrfurchtsvoll. „Und wo iſt er 29 Er iſt nach Granada gegangen, erwiederke der Menſch: ein unerwarteter Vorfall macht ſeine Gegenwart daſelbſt nothwendig, allein er iſt un⸗ ter Freunden. 3 „Wir haben keine Freunde in Granada,“ ſagte Inez, indem ſie zuruͤcktrat; in dieſem Au⸗ genblick fiel ihr aber Antonio ein, und daß etwas, 4 315 das mit ſeinem Schickſale in Beziehung ſtaͤnde, ihn dahin gerufen haben moͤge.„Iſt Senor Antonio de Caſtros bei ihm 25 fragte ſie haſtig. Ich weiß es nicht, Senora, erwiederte der Menſch. Es iſt ſehr moͤglich. Ich weiß nur, daß euer Vater ſich unter Freunden befin⸗ det, und wuͤnſcht, daß Ihr ihm folgen moͤget. „So laßt uns gehen,“ ſagte ſie ſchnell. Die Maͤnner fuͤhrten ſie einige Schritte weg bis zu einem Orte, wo ein Maulthier ſtand, halfen ihr, es beſteigen, und geleiteten ſie nun langſam nach der Stadt. Granada war an dieſem Abend der Schau⸗ plaß einer phantaſtiſchen Luſtbarkeit. Es war eines der Feſte der Maeſtranza, einer Ver⸗ bindung des Adels zum Behuf der Aufrechthaltung der mannlichen Gebraͤuche des alten Ritterthums. Auf einem der Plaͤtze war ein Turnier gehalten worden: die Straßen erſchallten noch, von Zeit zu Zeit, von dem Laͤrm einer einzelnen Trom⸗ mel oder dem Geſchmetter einer Trompete, wel⸗ che ein herumziehender Haufe luſtigen Volks er⸗ toͤnen ließ. Zuweilen begegneten ſie Cavalieren, die„mit reicher alterthuͤmlicher Kleidung ange⸗ than“ von ihren Waffentraͤgern begleitet wurden, und kamen einmal auch bei einem glaͤnzend be⸗ 9 2 7 316 leuchteten Pallaſte voruͤber, aus welchem Ge— raͤuſch von Muſik und Tanz erſchallte. Kurz darauf erreichten ſie den Platz, wo das Tur⸗ nier gehalten worden war. Er war noch dicht mit Leuten bedeckt, welche ſich um die Buden draͤngten, wo Erfriſchungen verkauft wurden, und der Schein der Fackeln beleuch⸗ tete die fuͤr dieſes Feſt errichteten Gallerieen, „die buntfarbigen Gezelte, die Trophaͤen und die uͤbrige Zubehoͤr der Feſtlichkeit.„ Inez Fuͤh⸗ rer ſuchten gefliſſentlich alles Aufſehen zu ver⸗ meiden und einen dunklen Theil des Platzes zu erreichen, wurden aber an einer Stelle von der Menge aufgehalten, die einen Haufen herum⸗ ziehender Muſiker umgab. Dieſe ſangen eine von den Balladen, welche die Spanier ſo leidenſchaft⸗ lich lieben. Die Fackeln, welche Einige aus der Menge trugen, warfen einen hellen Schein auf Imez, und der Anblick eines ſo holden Weſens, ohne Mantilla oder Schleier, ſo verſtoͤrt ausſe⸗ hend, und von Maͤnnern gefuͤhrt, welche die ſie umgebende Froͤhlichkeit keinesweges. zu theilen ſchienen, erweckte die Neugier. Eine von den Ballabenſängerinnen naͤherte ſich, ſchlug ihre Gui⸗ tarre mit beſonderem Ausdruck an, und begann nun, ein klagendes Lied voll duͤſterer Ahnungen zu 317 ſingen. Inez fuͤhlte ſich ſeltſam uͤberraſcht. Es war dieſelbe Balladenſaͤngerinn, welche ſich in dem Garten des Generalife ihr genaͤhert hatte. Dieß war auch daſſelbe Lied, das ſie da⸗ mals geſungen. Es erwaͤhnte drohender Gefah⸗ ren, und dieſe ſchienen allerdings ſich um ſie zu ſammeln. Sie wollte mit dem Maͤdchen reden, um zu erfahren, ob ſie eine beſtimmtere Kennt⸗ niß von einem Uebel habe, das ihr drohe; in dem Augenblicke aber, wo ſie zu ſprechen anfangen wollte, ergriff einer ihrer Begleiter ſogleich das Maulthier, welches ſie ritt, beim Zuͤgel, und fuͤhrte es durch das Gewuͤhl, waͤhrend ein anderer dro⸗ hende Worte zu der Balladenſaͤngerinn ſprach. Dieſe erhob noch einmal warnend ihre Hand, ehe Inez ſie aus dem Geſicht verlor. Waͤhrend ſie noch in Erſtaunen uͤber dieſe ſonderbare Begebenheit verloren war, hielt man am Thore eines großen Gebaͤudes ſtill. Einer ihrer Begleiter pochte an, die Thuͤr oͤffnete ſich, und man betrat nun einen gepflaſterten Hof. „Wo ſind wir 2“ fragte Inez aͤngſtlich⸗„In dem Hauſe eines Freundes, Senora,“ antwortete der Menſch.„Steiget die Treppe mit mir hin⸗ an, und Ihr werdet in einem Augenblick eueren Vater finden.“ 318 Man ſtieg die Treppe hinauf: dieſe fuͤhrte zu einer Reihe glaͤnzender Zimmer, durch welche man ging, bis man zu einem inneren Ge⸗ mache kam. Die Thuͤr oͤffnete ſich, Jemand trat naͤher: wie groß war aber ihr Schrecken, als ſie, nicht ihren Vater, ſondern Don Am⸗ broſio vor ſich erblickte! Diejenigen, welche ſich des Alchymiſten be⸗ maͤchtigt, waren wenigſtens der Wahrheit treuer geblieben. Sie waren allerdings Diener der In⸗ quiſition, und ſie hatten den Alchymiſten in tiefem Schweigen in das finſtere Gefaͤngniß dieſes furcht⸗ baren Gerichts gefuͤhrt. Dies war ein Ort, deſ⸗ ſen Anblick ſchon die Freude erſtarren ließ und jeder Hoffnung beinah den Zugang verwehrte. Es war eines jener ſcheußlichen Gemaͤcher, wel⸗ che die wilden Leidenſchaften der Menſchen in dieſer ſchoͤnen Welt entſtehen laſſen, um den fa⸗ belhaften Hoͤhlen der Daͤmonen und der Verdamm⸗ ren hienieden etwas an die Seite ſtellen zu koͤnnen. Hier ſchlich ein Tag nach dem andern dahin, ohne daß das Fortſchreiten der Zeit anders bemerklich geworden waͤre, als durch das Abnehmen und die Wiedererſcheinung des Lichts, welches durch das enge Fenſter des Kerkers, worin der ungluͤckliche Alchymiſt, nicht ſowohl 319 eingeſchloſſen, als wirklich begraben war, ſparſam einfiel. Sein Gemuͤth quaͤlte Ungewißheit und Beſorgniß uͤber das Schickſal ſeiner Tochter, die ſo huͤlflos und unerfahren war. Er ſuchte von dem, der ihm ſeine taͤgliche Nahrung brachte, Nachricht daruͤber einzuziehn. Der Menſch ſtarrte ihn an, als wundere er ſich, daß man in der Wohnung des Schweigens und des Geheimniſſes eine Frage thun koͤnne, entfernte ſich aber, ohne ein Wort zu ſagen. Jeder folgende Verſuch war eben ſo fruchtlos. Den armen Alchymiſten druͤckte mancher Kummer, und es war nicht der geringſte, daß er in ſeinen Arbeiten unterbrochen worden war, als er dem Gelingen derſelben wieder ſo nahe zu ſeyn glaubte, und der Gedanke an die Vereite⸗ lung ſeiner Hoffnungen quaͤlte ihn mehr, als die Furcht vor allem dem, was die erbarmungsloſe Inquiſition ihn leiden laſſen moͤchte. Alle Kunſtgriffe des inquiſitoriſchen Scharf⸗ ſinns wurden angewandt, den alten Mann in eine Schlinge zu locken, und von ihm ein Geſtaͤnd⸗ niß zu erhalten, das man gegen ihn ſelbſt brau— chen koͤnnte und das die heimliche Auskunft be⸗ ſtaͤtigte, die man uͤber ihn ſich zu verſchaffen ge⸗ wußt hatte. Man hatte ihn beſchuldigt, ſchwarze 320 Kunſt und Sterndeuterei getrieben zu haben, und insgeheim ſcheinbare Beweiſe zuſammengebracht, um dieſe Beſchuldigung zu bekraͤftigen. Das Stillſchweigen, welches um den Thurm herrſchte, ſeine Verfallenheit, ja die Ruhe ſeiner Bewohner ſelbſt, wurden als Beweiſe angefuͤhrt, daß etwas Unheimliches darin vorgehe. Des Alchymiſten Unterredungen und Selbſtgeſpraͤche im Garten waren belauſcht und in einem falſchen Lichte dar⸗ geſtellt worden. Das Licht und die ſonderbaren naͤchtlichen Erſcheinungen im Thurme wurden mit gewaltigen Uebertreibungen berichtet. Schreie und Gekreiſch ſollten von dort aus ſich um Mit⸗ ternacht haben hoͤren laſſen, wo, wie man be⸗ ſtimmt verſicherte, der alte Mann durch ſeine Zaubereien Geiſter hervorrufe, und ſelbſt die Todten zwinge, ſich aus ihren Graͤbern zu erhe⸗ ben und auf ſeine Fragen zu antworten. Der Alchymiſt ward, nach dem Gebrauche der Inquiſition, in gaͤnzlicher Unwiſſenhelt uͤber ſeinen Anklaͤger, uͤber die gegen ihn aufgeſtellten Zeugen, ja uͤber die Verbrechen ſelbſt, deren man ihn beſchuldigte, gelaſſen. Er ward im Allgemeinen befragt, ob er wiſſe, warum man ihn eingezogen habe und ſich irgend eines Vergehens bewußt ſey, welches die Ahndung des heiligen Gerichts ver⸗ —* v“ 321 diene? Man befragte ihn genauer uͤber ſein Va⸗ terland, ſein Leben, ſeine Gewohnheiten, ſeine Beſchaͤftigungen, ſeine Handlungen und Meimm⸗ gen. Der alte Mann antwortete offen und frei⸗ er war ſich keiner Schuld bewußt, keiner Kuͤnſte faͤhig und in keiner Verſtellung geuͤbt. Nachdem er die allgemeine Ermahnung erhalten, zu uͤberlegen, ob er keine Handlung begangen, welche Strafe verdiene, und ſich, durch Eingeſtaͤndniß, der wohl⸗ bekannten Milde des Gerichts wuͤrdig zu ma⸗ chen, ward er in ſeine Zelle zuruͤckgeſchickt. Er ward itzt in ſeinem Kerker von verſchmitz⸗ ten Dienern der Inquiſition beſucht, welche, un⸗ ter dem Schein der Theilnahme und des Wohl⸗ wollens, zu ihm kamen, um ihm in ſeinem Gefaͤng⸗ niß durch freundliche Unterredung die Zeit zu kuͤrzen. Sie brachten, wie zufaͤllig, das Ge⸗ ſpraͤch auf Alchymie, einen Gegenſtand, den ſie mit großer Vorſicht und anſcheinender Gleichguͤl⸗ tigkeit beruͤhrten. Sie haͤtten indeß dieſer Liſt 8 nicht bedurft. Der ehrliche Schwaͤrmer kannte keinen Argwohn. Kaum hatten ſie ſeinen Lieblings⸗ gegenſtand beruͤhrt, als er ſein Ungluͤck und ſeine Verhaftung vergaß und ſich in eine feurige Lob⸗ rede auf die goͤttliche Kunſt ergoß. Die Unter⸗ haltung ward nun kuͤnſtlich auf die Eroͤrterung 322 elementariſcher Dinge gelenkt, allein keine Kunſt vermochte ihm das Eingeſtaͤndniß abzulocken, daß er bei ſeinen Arbeiten die Huͤlfe von Geiſtern gebraucht oder angerufen habe, obgleich er glaube, daß er ſehr oft durch die unſichtbare Einwirkung der Geiſter an der Erreichung ſeiner Zwecke verhin⸗ dert worden ſey. Die Inquiſitoren waren nicht wenig verle⸗ gen daruͤber, daß ſie ihn zu keinem verfaͤnglichen Geſtaͤndniſſe bringen konnten; ſie maßen das Mißlingen ihrer Plaͤne der Liſt, dem Eigenſinne des Beklagten, kurz jeder andern Urſache, nur nicht der wahren bei, naͤmlich daß der harmloſe Schwaͤrmer kein Verbrechen zu bekennen hatte. Sie hatten hinlaͤngliche Beweiſe geheimer Art gegen ihn, allein es war der Gebrauch der In⸗ quiſition, das Geſtaͤndniß der Gefangenen zu er⸗ halten zu ſuchen. Ein Auto da Fe war vor der Thuͤr. Die ehrwuͤrdigen Vaͤter wuͤnſchten ſehn⸗ lichſt, den Angeklagten uͤberfuͤhren zu koͤnnen, denn ſie hatten gern eine bedeutende Anzahl von Verbrechern bei der Hand, um dieſe Tri⸗ umphe mit gehoͤrigem Gepraͤnge begehen zu kͤnnen. Er ward endlich zu einem großen Ver⸗ hoͤr gebracht. Das Zimmer, worin dieß gehalten wurde, — 323 war groß und duͤſter. An dem einen Ende ſtand ein großes Crucifix, das Zeichen der Inquiſition. Ein langer Tiſch, an welchem die Inquiſitoren und ihr Schreiber ſaßen, nahm die Mitte des Zim⸗ mers ein: an dem andern Ende ſtand ein Seſ⸗ ſel fuͤr den Gefangenen. Dieſer ward hereingefuͤhrt, wie gewoͤhnlich mit entbloͤßtem Kopfe und barfuß. Er war durch Einkerkerung und Gram geſchwaͤcht, ſo wie durch das unablaͤſſige Bruͤten uͤber das Schickſal ſeiner Tochter und die ungluͤckliche Unterbrechung ſeiner Verſuche. Er ſaß zuſammengebuͤckt und theilnahmlos da: ſein Haupt ſank auf ſeine Bruſt hinab, ſein ganzes Aeußere war das eines Mannes, der„hoffnungslos und verlaſſen, ſich ſelbſt aufgegeben hat.“ Die Anklage ward itzt in gehoͤriger Form vorgebracht; er ward bei ſeinem Namen, Fe⸗ lix de Vasquez, ehemals wohnhaft in Ca⸗ ſtilien, aufgerufen, um ſich auf die gegen ihn erhobenen Beſchuldigungen, der ſchwarzen Kunſt und Geiſterbannerei, zu rechtfertigen. Man er⸗ oͤffnete ihm, daß die Beſchuldigungen hinlaͤnglich begruͤndet waͤren, und fragte ihn, ob der bereit ſey, durch ein volles Bekenntniß die wohlbe⸗ 324 kannte Milde der heiligen Inquiſition in An⸗ ſpruch zu nehmen. Der Philoſoph verrieth einiges Erſtaunen uͤber die Beſchaffenheit der Anklage, erwiederte aber ganz einfach„ich bin unſchuldig.“ Welchen Beweis koͤnnt Ihr fuͤr euere Un⸗ ſchuld beibringen? „Euch kommt es zu, euere Beſchuldigungen zu erweiſen,“ antwortete der Alte.„Ich bin hier fremd, habe mich nur eine Zeitlang hier aufge⸗ halten, und kenne Niemanden außerhalb der Schwelle meiner Wohnung. Ich kann zu mei⸗ ner Rechtfertigung nichts weiter beibringen, als das Wort eines Edelmanns und eines Caſti⸗ lianers. Der Inquiſitor ſchuͤttelte den Kopf, und ging abermals die Fragen uͤber ſeine Lebensart und ſeine Beſchaͤftigungen durch. Der arme Alchymiſt war zu ſchwach und zu gebeugt, als daß er haͤtte mehr als kurze Antworten geben koͤnnen. Er bat, daß irgend ein wiſſenſchaftli⸗ cher Mann ſein Laboratorium und alle ſeine Buͤ⸗ cher und Papiere unterſuchen moͤge, woraus hinlaͤnglich klar werden wuͤrde, daß er nur mit dem Studium der Alchymie beſchaͤftigt geweſen ſey. Auf dieſe Vertheidigung bemerkte der In⸗ — quiſitor, daß Alchymie ein bloßer Deckmantel fuͤr heimliche und todeswuͤrdige Suͤnden geworden ſey, und daß die, welche ſie trieben, ſich keine Bedenken uͤber die Mittel machten, ihren unerlaubten Durſt nach Golde zu befriedigen. Einige haͤtten un⸗ ter Zauberſpruͤchen und gottloſen Gebraͤuchen die Huͤlfe boͤſer Geiſter angerufen, ja ſogar ihre Seelen dem Erbfeinde des Menſchengeſchlechts verkauft, damit ſie nur, waͤhrend ihrer Lebens⸗ zeit, in unermeßlichem Reichthum ſchwelgen koͤnnten. Der arme Alchymiſt hatte alles geduldig, oder wenigſtens ruhig, mit angehoͤrt. Er hatte es verſchmaͤht, ſeinen Namen anders, als durch ſein Wort zu vertheidigen, er hatte uͤber die Anſchuldigung der Zauberei gelaͤchelt, ſo lange ſie ſich auf ihn ſelbſt beſchraͤnkt hatte; als aber die erhabene Kunſt, welche das Studium und die Luſt ſeines ganzen Lebens geweſen war, an⸗ gegriffen ward, konnte er nicht laͤnger ſchweigen. Sein Haupt erhob ſich allmaͤhlig von ſeiner Bruſt, ein fluͤchtiges Roth uͤberzog in einzelnen Streifen ſeine Wangen, erſchien, verſchwand, kehrte wieder, und ward am Ende zu einer brennenden Gluth. Der kalte Schweiß verſchwand von ſeiner Stirnz ſeine Augen, die beinahe erloſchen geweſen waren, 325 326 flammten wieder auf, und glaͤnzten in dem ge⸗ woͤhnlichen Feuer ihrer Schwaͤrmerei. Er ver⸗ breitete ſich in eine Rechtfertigung ſeiner Kunſt. Seine Stimme war anfangs ſchwach und ge⸗ brochen, allein ſie gewann Staͤrke, als er weiter ſprach, bis ſie in melodiſcher Tiefe ertoͤnte. Waͤh⸗ rend ſeiner geiſtigen Erhebung richtete er ſich all⸗ maͤhlig auf von ſeinem Sit, und warf den duͤnnen ſchwarzen Mantel zuruͤck, in den er ſich bis itzt eingehuͤllt hatte; ſelbſt das Fremdartige ſeines Anſehens und ſeiner Blicke gab dem, was er ſprach, etwas noch Eindringlicheres: es war, als ob ein Todter ploͤtzlich belebt worden ſen Der Inquiſitor, der ihn ruhig hatte fortre⸗ den laſſen, um aus ſeiner argloſen Begeiſterung vielleicht irgend etwas ſchoͤpfen zu koͤnnen, un⸗ terbrach ihn mitten in ſeiner Rede.„Senor,“ ſagte er,„alles dieß iſt nichts als eine herumſchwei⸗ fende, ſchwaͤrmeriſche Rede. Ihr ſeyd der Zau⸗ berei angeklagt, und gebt uns zu euerer Verthei⸗ digung eine Lobrede der Alchymie: koͤnnt Ihr nichts Beſſeres zu euerer Rechtfertigung vorbringen?9 Der alte Mann nahm langſam ſeinen Sitz wie⸗ der ein, und wuͤrdigte die Frage keiner Antwort. Seine Wange uͤberzog wiederum die gewohnte Blaͤſſe, aber er ſiel nicht in das Irrereden zuruͤck, „ 327 ſondern ſaß da, mit feſtem, heiteren, geduldigen Blicke, wie Einer, der bereit iſt, zu kaͤmpfen, nicht aber leidend zu dulden. Die Unterſuchung dauerte eine lange Zeit, mit grauſamer Verſpottung der Gerechtigkeit, denn bei dieſem Gerichtshofe wurden die Zeugen nie dem Angeklagten gegenuͤbergeſtellt und die⸗ ſer mußte ſich immer im Dunkel vertheidigen. Ein unbekannter und maͤchtiger Feind hatte ge⸗ gen den ungluͤcklichen Alchymiſten eine Anſchuldi⸗ gung vorgebracht; wer aber? vermochte er nicht zu ergruͤnden. Ein Fremdling, wie Er, der nur einſt⸗ weiligen Aufenthalt im Lande geſucht, abgeſchie⸗ den und harmlos bei ſeinen Beſchaͤftigungen, wie konnte dieſer zu einer ſolchen Feindſeligkeit An⸗ laß gegeben haben? Die Macht der geheimen Ausſage gegen ihn war indeß zu groß: er ward des Verbrechens der Zauberei uͤberfuͤhrt erkannt, und verurtheilt, bei dem bevorſtehenden Auto da Fe ſein Leben auf dem Scheiterhaufen zu enden. Waͤhrend dem ungluͤcklichen Alchymiſten in den Gefaͤngniſſen der Inquiſition ſein Proceß gemacht wurde, hatte ſeine Tochter mit einem nicht weniger harten Schickſale zu kaͤmpfen. Don Ambroſi o, in deſſen Haͤnde ſie gefallen, war, wie ſchon oben geſagt worden, einer der unter⸗ 4 328 nehmendſten und ruchloſeſten Wuͤſtlinge in Gra⸗ nada. Von heißem Blute und gewaltiger Lei⸗ denſchaft, ließ er ſich von keinem Hinderniſſe ab⸗ halten, ſeine Wuͤnſche zu befriedigen, beſaß aber dabei eine Leichtigkeit des Benehmens, Gewandt⸗ heit und Talente, welche ihm bei dem ſchoͤnen Geſchlecht ausgezeichnetes Gluͤck verſchafft hatten. Seine Eroberungen erſtreckten ſich von dem Pal⸗ laſte bis zur Huͤtte; ſeine Serenaden ſtoͤrten die Haͤlfte der Ehemaͤnner von Granada im Schlummer, kein Balkon war ſo hoch, daß er ihn nicht zu erklimmen gewagt, keine Huͤtte ſo nie⸗ drig, daß er nicht ſeine gefaͤhrlichen Netze darum ausgeſpannt haͤtte. So leidenſchaftlich er aber war, ſo unbeſtaͤndig war er auch: das Gluͤck hatte ihn eitel und launiſch gemacht. Kein tieferes Gefuͤhl knuͤpfte ihn an die Opfer ſeiner Kuͤnſte, und manche bleiche Wange, manches verloſchene Auge, welches zwiſchen dem Scheine der Juwe⸗ len matt aufblickte, manches brechende Herz, das unter dem laͤndlichen Mieder ſchlug, zeugte fuͤr ſeine Triumphe und fuͤr ſeine Treuloſigkeit. So viele ruchloſe Eroberungen hatten ihn itzt geſaͤttigt, und er war eines Lebens uͤberdruͤſ⸗ ſig, das eine fortdauernde und ſchnelle Gewaͤhrung darbot. Seine Angriffe auf Inez waren mit 329 Schwierigkeiten und muͤhſeligen Anſtalten ver⸗ knuͤpft geweſen, welche er vorher nicht gekannt hatte. Dieſe erweckten ihn auf einmal aus der Eintoͤnigkeit eines rein ſinnlichen Lebens; ſie lie⸗ ßen ihn den Reiz des Abenteuers empfinden, und itzt, wo er dieſe ſproͤde Schoͤnheit in ſeiner Macht hatte, war er entſchloſſen, ſeinen Genuß durch die allmaͤhlige Beſiegung ihrer Bedenklichkeiten und den langſam herbeigefuͤhr⸗ ten Fall ihrer Tugend zu verlaͤngern. Er war eitel auf ſeine Perſon und ſein Benehmen, dem, wie er glaubte, keine Frau lange widerſtehen koͤnne, und er ſah es als eine Art Probe ſeiner Gewandtheit an, durch Kunſt und Bezauberung zu gewinnen, was er zu jeder Zeit durch Ge⸗ walt erhalten konnte. Als mithin Inez durch ſeine Helfershelfer vor ihn gebracht wurde, ſtellte ex ſich, als ob er ihre Schrecken und ihre Ueberraſchung nicht bemerkte, ſondern empfing ſie mit foͤrmlicher und gemeſſener Hoͤflichkeit. Er war ein zu gewand⸗ ter Vogelſteller, als daß er den Vogel haͤtte er⸗ ſchrecken ſollen, wenn er ſich ſo eben erſt in dem Netze gefangen hatte. Ihre angelegentlichen, verſtoͤrten Nachfragen nach ihrem Vater beant⸗ wortete er nur durch die Bitte, ſich nicht zu be⸗ 5* * 330— unruhigen: er ſey wohlbehalten und wuͤrde ſchon erſchienen ſeyn, wenn er nicht mit einer wichti⸗ gen Angelegenheit beſchaͤftigt waͤre, von der er bald zuruͤckkehren muͤſſe: unterdeſſen habe er aber melden laſſen, daß ſie ruhig ſeine Ruͤckkehr abwarten moͤge. Nach einigen abgemeſſenen Worten bloßer Hoͤflichkeit machte Don Am⸗ broſio eine ſteife Verbeugung und entfernte ſich. Inez' Gemuͤth war voll von Unruhe und Angſt. Die abgemeſſene Foͤrmlichkeit Don Am⸗ broſio's war ihr ſo unerwartet, daß ſie auf einmal alle Anklagen und Vorwuͤrfe unterdruͤckte, die ihren Lippen zu entſtroͤmen im Begriff waren. Haͤtte er boͤſe Abſichten gehabt— wuͤrde er ſie dann wohl mit dieſer kalten Hoͤflichkeit behandelt haben, da ſie ſich in ſeiner Gewalt befand? Aber warum hatte man ſie nach ſeinem Hauſe gebracht? Stand nicht das geheimnißvolle Verſchwinden An⸗ tonio's damit in Verbindung? Ein Gedanke durch⸗ zuckte ploͤtzlich ihre Seele. Antonio war Don Abroſio abermals in den Weg getreten— ſie hatten ſich geſchlagen— Antonio war verwun⸗ det— lag vielleicht im Sterben!— zu ihm hatte ihr Vater ſich begeben. Auf ſeine Bitte hatte Don Ambroſio ſie Beide holen laſſen, ihm ſeine letzten Augenblicke zu verſuͤßen! Dieſe und —x— —.— —“ 331 tauſend andere ſchreckliche Vermuthungen beun⸗ ruhigten ihr Gemuͤth. Vergebens ſuchte ſie von den Bedienten Aufklaͤrung zu erhalten: ſie wuß⸗ ten weiter nichts, als daß ihr Vater dort gewe⸗ ſen, weggegangen ſey und bald wieder zuruͤckkeh⸗ ren wuͤrde.. So ging die Nacht in einem wilden Ge⸗ dankenſturme und unbeſtimmten, doch quaͤlenden Beſorgniſſen hin. Sie wußte nicht, was ſie thun, nicht was ſie glauben, nicht, ob ſie fliehen oder bleiben ſollte: verſuchte ſie zu entfliehen, wie ſollte ſie von hier entkommen und wo ſollte ſie ihren Vater aufſuchen? Als der Tag anbrach, und ſie noch keine Nachricht von ihm erhielt, nahm ihre Unruhe zu; endlich kam eine Bot⸗ ſchaft von ihm, des Inhalts, daß Umſtaͤnde ihn verhinderten, zu ihr zu kommen, daß er ſie aber bitte, ohne Verzug zu ihm zu eilen. Mit ſehnendem und klopfenden Herzen be⸗ gleitete ſie die Maͤnner, welche ſie zu ihm fuͤh⸗ ren ſollten. Sie ahnete nicht, daß ſie dieß Ge⸗ faͤngniß nur mit einem andern vertauſchen ſollte. Don Ambroſio fuͤrchtete, daß man die Spur ſeiner That bis zu ſeinem Pallaſte in Granada verfolgen, oder daß er dort geſtoͤrt werden moͤge, ehe er ſeinen Verfuͤhrungsplan ausgefuͤhrt haͤtte. 332 Er ließ Inez deswegen nach einem Hauſe brin⸗ gen, das er in einer der abgelegenen Berggegen⸗ den in der Naͤhe von Granada beſaß, einem ein⸗ ſamen, aber ſchoͤnen Landſitze. Vergebens ſah ſie ſich, nach ihrer Ankunft, nach ihrem Vater oder nach Antonio um: nur fremde Geſichter begegneten ihren Blicken, ehrfurchtsvolle Diener, die aber nur das ſahen oder wußten, was ihrem Herrn beliebte. Kaum war ſie angekommen, als auch Don Ambroſio erſchien. Sein Betragen war itzt weniger abgemeſſen, doch behandelte er ſie noch mit derſelben Zartheit und Achtung. Inez war indeß zu ſehr erregt und beunruhigt, als daß ſeine Hoͤflichkeit ſie haͤtte taͤuſchen ſollen: ſie ver⸗ langte daher ungeſtuͤm nach ihrem Vater. Don Ambroſio nahm itzt die Miene der Verlegenheit und der groͤßten Bewegung an. Nach einigem Zoͤgern und vieler ſcheinbaren Verwirrung geſtand er ihr endlich, daß die Hinwegfuͤhrung ihres Vaters eine bloße Kriegs⸗ liſt geweſen ſey, ein bloßer falſcher Laͤrm, um ihm die gegenwaͤrtige Gelegenheit zu verſchaffen, ſich ihr zu naͤhern, und die Haͤrte und das Wi⸗ derſtreben zu mildern und zu bekaͤmpfen, die ihn beinahe zur Verzweiflung getrieben haͤtten. — 333 Er verſicherte ſie, deß ihr Vater bereits wie⸗ der zu Hauſe in Sicherheit ſey und ſeinen ge⸗ woͤhnlichen Beſchaͤftigungen obliege, da er voll⸗ kommen uͤberzeugt ſey, daß ſich ſeine Tochter in guten Haͤnden befinde und bald wieder zu ihm zuruͤckkommen wuͤrde. Vergebens warf ſich Inez ihm zu Fuͤßen, und flehte ihn an, ihr die Frei⸗ heit zu geben: er antwortete ihr nur durch ſanfte Bitten, ihm die anſcheinende Gewaltthaͤtigkeit zu verzeihen, zu der er ſeine Zuflucht genommen habe, und ſich nur noch kurze Zeit auf ſeine Ehre zu verlaſſen.— Die Verſicherung von dem Wohl⸗ ſeyn ihres Vaters hatte Inez von einer quaͤlen⸗ den Beſorgniß befreit, aber nur, um ihre Furcht uͤber ihr eigenes Schickſal deſto lauter in ihr wer⸗ den zu laſſen. Don Ambroſio fuhr indeß fort, ſie mit einer geheuchelten Ehrerbietung zu behandeln, welche ihre Beſorgniſſe zum Schwei⸗ gen brachte. Wohl war ſie ſich bewußt, daß ſie eine Gefangene ſey, allein ihre Huͤlfloſigkeit ſchien ſie keinen Angriffen Preis zu geben. Sie be⸗ ruhigte ſich mit dem Gedanken, daß eine kleine Zeit hinreichen wuͤrde, Don Ambroſio von der Truͤglichkeit ſeiner Hoffnungen zu uͤberzeugen, und daß er ſich dadurch bewegen laſſen duͤrfte, ſie wieder zuruͤckzuſchicken. Ihr Schrecken und 334 ihre Unruhe machte daher nach wenigen Tagen, einer ſtillen jedoch tiefen Schwermuth Platz, mit der ſie dem gewuͤnſchten Ereigniß entgegenſah. Unterdeſſen wandte Don Ambroſio alle Mittel an, welche darauf hingehn, die Sinne zu bezaubern, die Gefuͤhle zu erregen und das Herz in Zaͤrtlichkeit zu entflammen. Er war Meiſter in den feinen Kuͤnſten der Verfuͤhrung. Selbſt ſeine Wohnung athmete die entnervende Luft der ſchmachtenden Sehnſucht und des Vergnuͤ⸗ gens. Hier, in halb beleuchteten Saͤlen und daͤmmernden Gemaͤchern, zwiſchen Orangen⸗ und Myrtengebuͤſchen, pflegte er ſich vor den ſpaͤhenden Augen der Welt zu verſchließen, und der Befrie⸗ digung ſeiner Vergnuͤgungen vollen Lauf zu laſſen. Die Zimmer waren auf das koſtbarſte und uͤppigſte moͤblirt: die ſeidenen Lager erhoben ſich bei der ſanfteſten Beruͤhrung, und ſanken, bei dem leifeſten Druck, in flaumiger Weiche zuſammen. Gemaͤlde und Bildſaͤulen ſprachen alle irgend eine claſſiſche Liebesdichtung aus, die aber, mit ver⸗ raͤtheriſcher Zartheit behandelt, und entfernt von aller widrigen Beleidigung der Sittſamkeit, nur de⸗ ſto mehr darauf berechnet war, die Einbildungskraft zu entflammen. Hier ſah man den bluͤhenden Adonis, aber nicht wie er ſich losriß, um der * — 335 laͤrmenden Jagd zu folgen, ſondern mit Blumen bekraͤnzt und in der Umarmung einer himmliſchen Schoͤnheit. Dort koſete Acis mit ſeiner Ga⸗ lathea im Schatten, waͤhrend das ſiciliſche Meer in friedlicher Heiterkeit vor ihnen ſeinen Spiegel ausbreitete. Hier waren Gruppen von Faunen und Dryaden abgebildet, wie ſie, laͤſſig in ihren Sommerlauben gelagert, auf die angenehmen Toͤne der Rohrfloͤte horchten, oder uͤppige Satyrn, wie ſie eine Waldnymphe waͤhrend ihres Mit⸗ tagsſchlummers uͤberraſchten. Dort ſah man, auf der Tgpete, die keuſche Diana, wie ſie, im geheimnißvollen Mondlicht, leiſe dahin trat, den ſchlafenden Endymion zu kuͤſſen, waͤhrend Amor und Pſyche, in unſterblichem Marmor verſchlun⸗ gen, den erſten Kuß der Liebe tauſchten. Die brennenden Strahlen der Sonne wa⸗ ren von dieſen balſamduftenden Hallen entfernt gehalten: ſanfte, zaͤrtliche Toͤne, von unſichtbaren Muſikern hervorgebracht, wallten umher und ſchienen ſich mit den Wohlgeruͤchen zu vermaͤh⸗ len, welche Tauſende von Blumen aushauchten. Des Abends, wenn der Mond ein Feenlicht uͤber das Ganze verbreitete, erhob ſich eine zaͤrtliche Serenade aus den Lauben des Gartens, worin man die ſchoͤne Stimme Don Ambroſio's oft 336 unterſcheiden konnte, oder man hoͤrte von den Bergen den Ton der zaͤrtlichen Floͤte, wie ſie in ihren traͤumeriſchen Cadenzen die tiefſte Schwer⸗ muth der Liebe aushauchte. 7 Unterhaltungen aller Art waren erſonnen, Inez' Einſamkeit zu erheitern und den Gedan⸗ ken an Einſchließung zu verſcheuchen. Gruppen andaluſiſcher Taͤnzer fuͤhrten, in den glaͤnzenden Saͤlen, die verſchiedenen maleriſchen Taͤnze ihres Landes auf, oder vereinigten ſich zu kleinen zaͤrt⸗ lichen Ballets, welche irgend einen ange⸗ nehmen Zug laͤndlicher Liebe und Bewerbung darſtellten. Zuweilen erſchienen auch Gruppen von Saͤngern, welche, zu der romantiſchen Gui⸗ tarre, Lieder voll Leidenſchaft und Zaͤrtlichkeit ſangen. So forderte alles um Inez her zum Ver⸗ gnuͤgen und zur Luſt auf; allein ihr Herz wandte ſich mit Abſcheu von dieſen eitlen Blendwerken ab. Thraͤnen traten in ihre Augen, wenn ihre Gedanken ſich von dieſen Auftritten verfuͤhreri⸗ ſchen Glanzes zu ihrer niedrigen aber tugendhaf⸗ ten Heimath wandten, der man ſie ſo verraͤthe⸗ riſch entfuͤhrt hatte; oder wenn die Zaubermacht der Muſik ſie je in zaͤrtliche Traͤumerei ver⸗ ſenkte, ſo geſchoah dies nur, um mit Liebe bei An⸗ 337 Antonio's Bilde verweilen zu koͤnnen. Verſuchte Don Ambroſio, von dieſer voruͤbergehenden Ruhe getaͤuſcht, in einem ſolchen Augenblicke, eine leiſe Andeutung ſeiner Leidenſchaft, ſo fuhr ſie, wie aus einem Traume, empor, und ſchrak mit unwillkuͤhrlichem Schauder vor ihm zuruͤck. So hatte ſie abermals einen langen Tag in ungewoͤhnlicher Trauer zugebracht. Am Abend bot ein Haufe jener Miethlinge alle die beleben⸗ den Kraͤfte des Geſanges und des Tanzes auf, ſie zu beluſtigen. Waͤhrend aber der hohe Saal von ihren Toͤnen wiederhallte, und der leichte Tritt der Fuͤße auf dem marmornen Fußboden ſich den Wendungen des Geſanges anpaßte, fuͤhlte die arme Inez, ihr Haupt in die ſeidenen Kiſſen verborgen, auf denen ſie ruhte, ihr Elend nur um ſo tiefer.—. Endlich ward ihre Aufmerkſamkeit durch die Stimme einer der Saͤngerinnen angezogen, welche unbeſtimmte Erinnerungen bei ihr er⸗ regte. Sie erhob ihr Haupt und warf einen 5* forſchenden Blick auf die Gruppe, die, wie gewoͤhnlich, ſich am unteren Ende des Saales befand. In dieſem Augenblicke trat eine der Singenden etwas naͤher. Es war ein Moͤdchen, in der phantaſtiſchen Schaͤferkleidung, welche ſich 338 zu der Rolle paßte, die ſie darſtellte, allein ihr Geſicht war nicht zu verkennen; es war die⸗ ſelbe Balladenſaͤngerinn, welche ſchon zweimal Inez in den Weg getreten war, und ihr geheim⸗ nißvolle Winke uͤber das ſie bedrohende Unheil gegeben hatte. Als die uͤbrigen Darſtellungen beendigt waren, ergriff ſie ein Tambourin, ſchwang es hoch uͤber dem Kopfe, und tanzte allein, nach der Melodie ihrer Stimme. Bei dieſem Tanze naͤherte ſie ſich allmaͤhlig dem Lager, worauf Inez ruhte, und warf ihr, waͤhrend ſie das Tambou⸗ rin ſchlug, geſchickt ein zuſammengefaltetes Pa⸗ pier in den Schooß. Inez ergriff es mit Be⸗ gierde, und verbarg es in ihren Buſen. Geſang und Tanz waren beendet: der bunte Haufe ent⸗ fernte ſich, und Inez eilte nun, ſich ſelbſt uͤber⸗ laſſen, das ihr ſo geheimnißvoll zugekommene Pa⸗ pier zu entfalten. Es war mit bewegter Hand in faſt unleſerlichen Zuͤgen geſchrieben, und lau⸗ tete:„Seyd auf euerer Hut! Ihr ſeyd von Ver⸗ rarh umgeben. Traut Don Ambroſio's Zu⸗ ruͤckhaltung nicht: er hat Euch zur Beute auser⸗ ſehen. Ein Opfer ſeiner Treuloſigkeit giebt Euch dieſen Rath; es iſt von zu vielen Gefahren umge⸗ ben, um ſich deutlicher erklaͤren zu koͤnnen.— Euer Vater ſchmachtet in den Kerkern der Inquiſition!“ 339 Inez ſchwindelte, als ſie dieſes furchtbare Papier durchlas. Es war weniger die Beſorg⸗ niß uͤber ihre eigene Gefahr, als die Verzweif⸗ lung uͤber die Lage ihres Vaters, die ſie erfuͤllte. In dem Augenblicke, wo Don Ambroſio er⸗ ſchien, warf ſie ſich zu ſeinen Fuͤßen, und flehte ihn an, ihren Vater zu retten. Don Ambro⸗ ſio war betroffen, gewann aber ſogleich ſeine Gewalt uͤber ſich ſelbſt wieder, und ſuchte ſie durch Schmeichelworte und durch die Verſiche⸗ rung, daß ihr Vater wohlbehalten ſey, zu be⸗ ruhigen; allein Inez war nicht zu beſaͤnftigen: ihre Beſorgniſſe waren zu maͤchtig geworden, als daß ſie durch Worte haͤtten gemildert werden koͤnnen. Sie erklaͤrte ihm, daß ſie beſtimmt wiſſe, daß ihr Vater ein Gefangener der Inqui⸗ ſition ſey, und beſchwor ihn aufs neue, ihn zu retten. 8 Don Ambroſio ſchwieg einen Augenblick in der Ueberraſchung der Verlegenheit, war aber zu gewandt, ſich ſo leicht außer Faſſung bringen zu laſſen.„Daß euer Vater ein Gefangener iſt,“ erwiederte er,„weiß ich laͤngſt. Ich habe es Euch verborgen, um Euch vergebliche Angſt zu erſparen. Ihr kennt itzt die wahre Urſach, warum ich Euch euerer Freiheit beraubt habe: es geſchah, Euch P 2 340 zu ſchuͤtzen, nicht Euch gefangen zu halten. Es iſt Alles geſchehen, eueren Vater zu retten; allein ich bedauere, Euch ſagen zu muͤſſen, daß die Be⸗ weiſe fuͤr die Verbrechen, deren man ihn beſchul⸗ digt, zu unumſtoͤßlich ſind, um entkraͤftet zu wer⸗ den. Indeß,“ fuͤgte er hinzu,„ſteht es dennoch in meiner Macht, ihn zu retten; ich habe Einfluß, es ſtehen mir Mittel zu Gebote: die Anwendung derſelben kann mir vielleicht manche Unannehmlich⸗ keiten zuziehen, ja vielleicht mich in Ungnade verſez⸗ zen, aber was wuͤrde ich nicht thun, um euere Gunſt zu erlangen?— Sprecht, ſchoͤne Inez,“ ſagte er, und ſeine Augen flammten von ploͤtzlicher Be⸗ gierde:„es ſteht bei Euch, das Wort auszuſprechen, das eueres Vaters Schickſal beſtimmt. Ein freund⸗ liches Wort,— ſagt, daß Ihr mein ſeyn wollt, und ihr ſeht mich zu eueren Fuͤßen, eueren Va⸗ ter in Freiheit und in Ueberfluß, und wir Alle ſind gluͤcklich!“ Inez trat mit Verachtung und Mißtrauen zuruͤck.„Mein Vater,“ rief ſie aus,„iſt zu un⸗ ſchuldig und tadellos, als daß er eines Verbre⸗ chens uͤberfuͤhrt werden koͤnnte: dieß iſt ein ſchaͤnd⸗ licher, grauſamer Kunſtgriff!' Don Ambroſio wiederholte ſeine Behauptungen und zugleich ſeine ehrloſen Antraͤge, allein ſeine Leidenſchaft trieb ☛ 341 ihn zu weit. Seine Andeutungen hatten Inez' Unwillen erweckt, waͤhrend ſie ihren Glauben an ihn verſcheucht hatten, und er entfernte ſich, zu⸗ ruͤckgeſchreckt und gedemuͤthigt von dem Stolze und der Wuͤrde, die ſich auf einmal in ihrem Be⸗ tragen ausſprachen. Die ungluͤckliche Inez ward itz von den quaͤlendſten Beſorgniſſen gepeinigt. Don Am⸗ broſio ſah, daß die Larve ihm vom Geſichte gefallen, und daß itzt der Zweck aller ſeiner geheimen Anſchlaͤge klar war. Er war indeß zu weit ge⸗ gangen, um einen Ruͤckſchritt zu thun und aber⸗ mals Zaͤrtlichkeit und Ehrerbietung zu heucheln; auch kraͤnkte und erbitterte ihn ihre Gleichguͤl⸗ tigkeit gegen ſeine Vorzuͤge, und er ſuchte itzt durch Furcht ſeine Abſichten zu erreichen. Er ſchilderte ihr taͤglich die Gefahren, welche ihren Vater bedrohten, und ſchloß damit, daß es allein in ſeiner Gewalt ſtehe, dieſelben abzuwenden. Inez maß ſeiner Ausſage noch immer keinen Glauben bei. Sie kannte die Inquiſition zu we⸗ nig, um zu wiſſen, daß ſelbſt die Unſchuld nicht immer gegen ihre Grauſamkeiten ſchuͤtze, und ver⸗ ließ ſich zu ſehr auf die Tugend ihres Vaters, um zu glauben, daß irgend eine Anſchuldigung gegen ihn Gewicht haben koͤnne. 4 342 Endlich brachte Don Ambroſio, um ihrer Zuverſicht einen ſichern Stoß beizubringen, die Bekanntmachung des bevorſtehenden Auto da Fe, worin die Gefangenen nahmhaft gemacht wurden. Sie uͤberlas ſie fluͤchtig, und fand den Na⸗ men ihres Vaters aufgefuͤhrt, als wegen Zauberei zum Scheiterhaufen verdammt.— Einen Augenblick ſtand ſie von Schrecken uͤberwaͤltigt da Don Am⸗ broſio ſuchte dieſen voruͤbergehenden Zuſtand zu benutzen.„Bedenkt Euch, ſchoͤne Ine;z,“ ſagte er mit dem Tone geheuchelter Zaͤrtlichkeit:„noch iſt ſein Leben in eueren Haͤnden: ein Wort von Euch, ein freundliches Wort, und ich kann ihn retten.“ „Ungeheuer! Elender!“ rief ſie aus, zu ſich ſelbſt kommend, und indem ſie mit unuͤberwindli⸗ chem Abſcheu von ihm zuruͤckwich:„Du biſt die Urſach alles dieſes— du biſt ſein Moͤrder!' und haͤnderingend brach ſie in Ausrufungen des lei⸗ denſchaftlichſten Schmerzes aus. Der verraͤtheriſche Ambroſio ſah die Qua⸗ len ihrer Seele, und erwartete ſeinen Triumph. Sie war, wie er wohl bemerkte, in dem itzigen gereizten Zuſtande nicht in der Stimmung, ſei⸗ nen Worten Gehoͤr zu geben; allein er hoffte, daß beim einſamen Nachdenken der Schrecken ſie beu⸗ gen und ſie ſeinem Willen geneigt machen wuͤrde. 343 Hierin ſah er ſich aber getaͤuſcht. Die Uebergaͤnge in dem Gemuͤthszuſtande der ungluͤcklichen Inez waren mannigfach: bald umſchlang ſie ſeine Kniee mit herzzerreißendem Flehen, bald fuhr ſie mit krampfhaftem Schrecken bei ſeiner Annaͤherung zuſammen; allein jede Erwaͤhnung ſeiner Leiden⸗ ſchaft hatte dieſelben Regungen des Widerwillens und des Abſcheus zur Folge. Endlich nahte der verhaͤngnißvolle Tag her⸗ an.„Morgen,“ ſagte Don Ambroſio, als er ſie eines Abends verließ,„morgen wird das Auto da Fe gehalten. Morgen werdet Ihr den Ton der Glocke hoͤren, welche euerem Vater zum Tode lautet. Ihr werdet beinah den Rauch ſehen koͤn⸗ nen, welcher von ſeinem Scheiterhaufen empor⸗ ſteigt. Ich uͤberlaſſe Euch euerem Nachdenken. Noch ſteht es in meiner Macht, ihn zu retten. Ueberlegt, ob Ihr die Schrecken des morgenden Tages ohne Schauder werdet uͤberſtehn, ob Ihr den Gedanken werdet ertragen koͤnnen, die Ur⸗ ſach ſeines Todes zu ſeyn, und daß dieß allein die Folge der Hartnaͤckigkeit iſt, mit der Ihr ein angebotenes Gluͤck von der Hand weiſet.“ Welche Nacht fuͤr Inez! Ihr Herz erlag beinahe unter dieſen wiederholten, endloſen Be⸗ draͤngniſſen; ihre Staͤrke verſchwand. Auf allen „. † b S ie 344 Seiten waren Schrecken— ihres Vaters Leben, ihre eigene Schande: hier ſchien kein Mittelweg zwiſchen Elend und Verderben.„Iſt denn keine Huͤlfe von den Menſchen— kein Mitleid vom Himmel zu erwarten d' rief ſie aus.„Was ha⸗ ben wir verbrochen, daß wir ſo graͤnzenlos elend ſeyn muͤſſen 2 Als die Morgendaͤmmerung anbrach, ſtieg der fieberhafte Zuſtand ihres Gemuͤths beinahe zum Wahnſinn. Tauſend Mal ruͤttelte ſie an den Thuͤren und den Fenſtern ihres Gemaches, in der Hoffnung, Gelegenheit zum Entweichen zu finden. Ach! bei allem dem Glanze ihres Gefaͤngniſſes war es, fuͤr ihre ſchwachen Haͤnde, zu gut ver⸗ wahrt, als daß dieſe ſich haͤtten einen Weg zur Freiheit bahnen koͤnnen. Wie ein armer Vogel, der gegen die Waͤnde ſeines vergoldeten Kaͤfigs anfliegt, bis er athemlos in Verzweiflung dahin ſinkt, warf ſie ſich in hoffnungsloſer Angſt auf den Boden. Ihr Blut floß gluͤhend in ihren Adern, ihre Zunge war trocken, alle Pulſe ſchlu⸗ gen heftig, ſie keuchte mehr als ſie athmete, ihr Gehirn ſchien ein Feuermeer zu ſeyn.„Heilige Jungfrau!“ rief ſie aus, indem ſie ihre Haͤnde faltete und ihre Augen zum Himmel erhob,„blicke mitleidsvoll herab, und gerlaß mis nicht in die⸗ ſer furchtbaren Stunde!“. Als der Tag anzubrechen begann, hoͤrte ſie leiſe einen Schluͤſſel in der Thuͤr ihres Zimmers drehen. Sie fuͤrchtete, daß es Don Ambroſio ſeyn moͤchte, und ſchon der Gedanke an ihn be⸗ klemmte ihr Herz.— Es war ein Frauenzimmer in baͤuriſcher Kleidung, das Geſicht durch die Mantilla verdeckt. Sie trat ſchweigend in das Zimmer, ſah ſich vorſichtig um, und enthuͤllte dann ihr Geſicht. Es waren die wohlbekannten Zuͤge der Balladenſaͤngerinn. Inez ſtieß einen Schrei der Ueberraſchung, ja beinah der Freude aus. Die Unbekannte trat erſchrocken zuruͤck, legte ihre Finger auf die Lippen, zum Zeichen des Schweigens, und winkte ihr, zu folgen. Inez huͤllte ſich ſchnell in ihren Schleier, und gehorchte. Sie gingen ſchnellen, aber geraͤuſchloſen Schritts durch ein Vorzimmer, queer uͤber einen geraͤumi⸗ gen Saal, und einen Gang entlang. Alles war ſtill: die Hausbedienten lagen noch in tiefem Schlaf. Sie kamen an eine Thuͤr, welche die Unbekannte aufſchloß. Inez ergriff eine boͤſe Ahnung;: ſie wußte nicht, ob nicht eine neue Ver⸗ raͤtherei ihr drohe; ſie legte ihre kalte Hand auf den Arm der Fremden, und ſagte:„wohin fuͤhrſltt ** 2* 1 * „* 346 Du mich?*—„In die Freiheit!“ antwortete ihr dieſe fluͤſternd. „Kennſt Du die Gaͤnge in dieſem Hauſe 2“ Nur zu wohl!— antwortete das Maͤdchen mit einem traurigen Kopfſchuͤtteln. Es lag ein Aus⸗ druck truͤber Wahrheit in ihrem Geſicht, dem man nicht mißtrauen konnte; die Thuͤr oͤffnete ſich auf eine kleine Terraſſe, auf welche mehrere Fenſter des Hauſes hinausgingen. „Wir muͤſſen ſchnell hier hinuͤber gehen,“ ſag⸗ te das Maͤdchen,„man koͤnnte uns bemerken.”“ Sie ſchwebten hinuͤber, als ob ihre Fuͤße kaum den Boden beruͤhrten. Eine Treppe fuͤhrte in den Garten: eine Gitterthuͤr am Ende der⸗ ſelben war leicht aufgeriegelt; ſie gingen ſchnell eine der Alleen hinunter, noch immer im Ange⸗ ſicht des Hauſes, worin indeß Niemand wach zu ſeyn ſchien. Endlich kamen ſie an eine niedrige Seitenthuͤr in der Mauer, welche zum Theil von einem Feigenbaume verdeckt war. Sie war durch roſtige Riegel verſchloſſen, welche den ſchwa⸗ chen Kraͤften der Frauen nicht weichen zu wollen ſchienen. „Heilige Jungfrau!“ rief die Fremde aus, „was ſollen wir thun? Noch einen Augenblick, und wir ſind entdeckt!“ — 7 647 Sie ergriff einen Stein, der dicht dabei kag; einige wenige Schlaͤge, und die Riegel flogen zu⸗ ruͤck. Die Thuͤr knarrte gewaltig, als ſie ſie off⸗ neten; aber im naͤchſten Augenblicke befanden ſie ſich außerhalb, auf einem ſchmalen Wege. „Nun nach Granada,“ ſagte die Fremde, „ſo ſchnell als moͤglich. Je naͤher wir der Stadt ſind, deſto ſicherer ſind wir, denn die Straße iſt dann beſuchter.“ Die drohende Gefahr, verfolgt und einge⸗ holt zu werden, gab ihren Fuͤßen uͤbernatuͤr⸗ liche Kraͤfte: ſie flogen mehr, als ſie gingen. Der Tag war eben angebrochen, die purpurrothen Strei⸗ fen am Rande des Horizonts verkuͤndigten der nahen Aufgang der Sonne; ſchon waren die lich⸗ ten Wolken, welche am weſtlichen Himmel ſchweb⸗ ten, mit Gold und Purpur gefaͤrbt, obgleich die breite Ebene der Vega, welche ſich vor ih⸗ ren Blicken auszubreiten anfing, noch mit dem dunkeln Nebel des Morgens bedeckt war. Bis itzt waren ſie nur einigen einzelnen Bauern auf dem Wege begegnet, die ihnen keinen Beiſtand haͤtten leiſten koͤnnen, falls man ſie eingeholt haͤtte. Sie eilten weiter, und hatten ſchon eine bedeutende Strecke zuruͤckgelegt, als Inez' Kraͤfte, welch⸗ nur ihr Fieberzuſtand noch emporgehalten hatte, —— 348 der Erſchoͤpfung zu weichen begannen: ihre Schritte wurden langſamer, und ſie mußte von Zeit zu Zeit ſtehen bleiben. „Ach!“ ſagte ſie,„meine Glieder verſagen mir den Dienſt! Ich kann nicht weiter!“—„Faßt Muth, faßt Muth,“ ſagte die Andere ermunternd, „nur noch etwas weiter, und wir ſind ſicher. Seht! dort liegt Granada in dem Thale unter uns. Nur etwas weiter, und wir haben die große Land⸗ ſtraße erreicht, und werden dann Voruͤbergehende genug finden, uns zu beſchuͤtzen.“ Inez machte, ſo ermuthigt, neue Anſtren⸗ gungen, weiter zu gehen, allein ihre muͤden Glie⸗ der waren der Kraft ihres Willens nicht gewach⸗ ſen, ihr Mund war vor Angſt und Schrecken trocken, ſie athmete hoch auf nach Luft, und lehnte ſich an einen Felſen.„Es iſt vergebens!“ rief ſie aus,„ich fuͤhle mich einer Ohnmacht nahe.“” Lehnt Euch auf mich, ſagte die Andere: laßt uns in jenes Dickicht gehen, das uns den Augen entziehen wird: ich hoͤre Waſſer rauſchen, dieß wird Euch erfriſchen. Mit vieler Muͤhe erreichten ſie das Dickicht, welches ſich laͤngs eines kleinen Bergſtromes hin⸗ zog, gerade da, wo deſſen perlendes Waſſer ſich uͤber den Felſen ergoß und in ein natuͤrliches Becken 349 hinabrieſelte. Hier ſank Inez erſchoͤpft auf den Boden nieder. Ihre Gefaͤhrtinn brachte ihr Waſſer in der hohlen Hand, und benetzte damit ihre bleichen Schlaͤfe. Das kuͤhlende Element brachte ſie wieder zu ſich: ſie war im Stande, bis an den Rand des Fluſſes zu gehen und aus ſeinen kryſtallenen Fluten zu trinken; und nun erſt konnte ſie, ihr Haupt auf den Buſen ihrer Befreierinn gelegt, dieſer ihren heißen Dank her⸗ ſtammeln. „Ach!“ ſagte die Andere,„ich verdiene keinen Dank: ich bin der guten Meinung, die Ihr von mir habt, nicht wuͤrdig. Ihr ſeht in mir ein Opfer von Don Ambroſio's Kuͤnſten. In meiner fruͤhen Jugend lockte er mich aus der Huͤtte meiner Aeltern; ſeht, an dem Fuße jenes kleinen Berges in der Ferne liegt mein Geburts⸗ ort. Allein er iſt keine Heimath mehr fuͤr mich. Von dort wußte er mich zu entfernen, als ich noch zu jung war, um reiflich zu uͤberlegen. Er erzog mich, brachte mir allerhand kleine Fertig⸗ keiten bei, machte mich fuͤr die Liebe, den Glanz, die feineren Genuͤſſe empfanglich, vernachlaͤſſigte mich endlich, als er meiner uͤberdruͤſſig geworden war, und ſtieß mich in die Welt hinaus. Gluͤcklicher⸗ weiſe haben die Fertigkeiten, die er mich gelehrt 350 hat, mich gegen gaͤnzlichen Mangel geſchuͤtzt, und die Liebe, die er mir eingefloͤßt, hat mich vor einem tiefern Falle bewahrt. Ja! ich bekenne meine Schwachheit: ſeine Treuloſigkeit, ſeine Haͤrte ge⸗ gen mich, haben ihn nicht aus meinem Herzen verdraͤngen koͤnnen. Ich bin erzogen worden, ihn zu lieben, ich habe keinen andern Abgott; ich weiß, daß er ein Schaͤndlicher iſt, allein ich kann nicht umhin, ihn anzubeten. Ich miſche mich in den Schwarm der Miethlinge, die bei ſeinen Vergnuͤgungen eine Rolle ſpielen, damit ich noch laͤnger um ihn, ſeyn und in jenen Saͤlen verwei⸗ len kann, wo ſich einſt als Gebieterinn thronte. Welches Verdienſt habe ich alſo, Euch zu euerer Entweichung behuͤlflich geweſen zu ſeyn? Ich weiß kaum, ob ich aus Mitgefuͤhl und dem Wunſche handle, ein Opfer aus ſeiner Gewalt zu erretten, oder, ob aus Eiferſucht und der Begierde, eine zu maͤchtige Nebenbuhlerinn zu entfernen„' Waͤhrend ſie noch ſprach, ging die Sonne in ihrem vollen Glanze auf. Ihr Licht beleuch⸗ tete zuerſt die Gipfel der Berge; dann blinkte ſie eine Hoͤhe nach der andern hinab, bis ihre Strah⸗ len die Kuppeln und Thuͤrme von Granada ver⸗ goldeten, welche die Wandrerinnen hie und da durch die Baͤume unter ſich ſehen konnten. In — — —— 351 dieſem Augenblicke erklangen die tiefen Toͤne ei⸗ ner Glocke in der Entfernung, die in dumpfem Schall an den Bergen wiederhallten. Inez erbleichte bei dieſem Tone. Sie wußte, daß er von der großen Glocke der Kathedrale kam, wel⸗ che, mit Sonnenaufgang, an dem Tage des Auto da Fe ertoͤnte, um von den Vorbereitungen zur Trauerfeier Kunde zu geben. Jeder Klang koͤnte in ihrem Herzen wieder, und verurſachte ihr ein tiefes koͤrperliches Leiden. Sie ſprang wild auf. „Laß uns gehen,“ rief ſie aus,„wir haben kei⸗ nen Augenblick zu verlieren!“ „Halt!“ erwiederte die Andere;„dort ſehe ich Reuter, welche uͤber jene entfernte Hoͤhe herkom⸗ men, und wenn ich nicht irre, ſo iſt Don Am⸗ broſio an ihrer Spitze.— Ja, er iſt es: wir ſind verloren! Doch halt,“ fuhr ſie fort,„gebt mir euere Schaͤrpe und eueren Schleier, und huͤllt Euch in dieſe Mantilla ein. Ich will jenen Fußpfad hinauf eilen, der nach der Hoͤhe fuͤhrt. Ich werde beim Hinaufgehn den Schleier wehen laſſen zzwielleicht halten ſie mich fuͤr Euch, und muͤſſen abſteigen, mir zu folgen. Eilt Ihr un⸗ terdeſſen vorwaͤrts: Ihr werdet bald die Land⸗ ſtraße erreichen. Ihr habt Juwelen an den Fin⸗ 352 gern; beſtecht den erſten Maulthiertreiber, dem Ihr begegnet, daß er Euch fortſchaffe.“ Alles dieß ſagte ſie mit gefluͤgelter, athem⸗ loſer Eil. Der Tauſch der Kleidungen war irn einem Augenblicke geſchehen. Das Maͤdchen ſtuͤrmte den Bergpfad hinauf, indem ihr weißer Schleier zwiſchen dem dunkeln Geſtraͤuch daher wehte, waͤh⸗ rend Inez, mit neuer Staͤrke beſeelt, oder viel⸗ mehr von neuem Schrecken angeſpornt, nach der Landſtraße hinfloh, und der Vorſicht es uͤberließ, ihre wankenden Schritte nach Granada zu leiten. Ganz Granada war an dem Morgen die⸗ ſes furchtbaren Tages in Bewegung. Die große Glocke der Kathedrale fuhr fort, ihre dumpfen Toͤne von ſich zu geben, welche die ganze Stadt durchhallten, und jedermann zu dem ſchrecklichen Schauſpiele hinriefen, welches bald Statt finden ſollte. Die Straßen, durch welche der Zug ging, waren mit Volk angefuͤllt. Die Fenſter, die Daͤ⸗ cher, jeder Ort, von dem man nur ſehen oder wo man nur ſtehen konnte, war mit Zuſchauern beſetzt. Auf dem großen Platze war ein geraͤumiges, einem Amphitheater aͤhnliches, Geruͤſt aufgeſchla⸗ gen, wo die Urtheile der Gefangenen abgeleſen und die Glaubenspredigt gehalten wurden; dicht dabei waren die Scheiterhaufen errichtet, auf denen —— 3⁵³ die Verurtheilten verbrannt werden ſollten. Sitze fuͤr die Großen, die glaͤnzende und die ſchoͤne Welt waren bereitet, denn ſo gewaltig iſt die ſchreckliche Neugierde, welche in der menſchlichen Natur liegt, daß dieſes grauſame Opfer mit weit groͤßerer Auf⸗ merkſamkeit betrachtet wurde, als ein Schauſpiel oder ein Thiergefecht. Als der Tag vorruͤckte, fuͤllten ſich die Geruͤſte und Balkone mit erwartenden Zuſchauern; die Sonne ſchien hell auf die ſchoͤnen Geſichter und die zierlichen Kleider; man wuͤrde geglaubt h⸗ ben, ein glaͤnzendes Freudenfeſt, ſtatt des Schau⸗ ſpiels menſchlichen Todeskampfes und Untergan⸗ ges, zu ſehen. Wie verſchieden war dieß Gepraͤnge und dieſe Feierlichkeit, von denen, welche Gra⸗ nada in den Tagen ſeiner Groͤße unter den Mauren darbot.„Seine Prachtaufzuͤge, ſeine Turniere, ſeine Ringſtechen, ſeine Johannisfeſte, ſeine Muſik, ſeine Zambras*), ſeine bewund⸗ rerungswuͤrdigen Stockgefechte, ſeine Serenaden, ſeine Concerte, ſeine Geſaͤnge in dem Genera⸗ life, die koſtbaren Livreen der Abencerrages, ihre ausgeſuchten Erfindungen, die Geſchicklichkeit *) Dieſe Zambras waren Feſtlichkeiten der Mauren, bet denen Stiergefechte gehalten, Tänze angeſtellt wurden und dergl. Ueberſ. 354 und Tapferkeit der Alabaces, die herrlichen Klei⸗ dungen der Zegris, Mazas und Gome⸗ les!*)“ Alles dieß war zu Ende. Die Rit⸗ terzeit war voruͤber. Statt des einherſprengen⸗ den Reuterzuges, mit wiehernden Streitroſſen und ſchmetternder Drommete, mit vergoldeter Lanze, Helm und Schild, mit der reichen Pracht der Federn, Schaͤrpen und Banner, wo Purpur und Scharlach, Gruͤn, Orange und jede lebhafte Farbe mit Goldſtoff und glaͤnzender Stickerei gemiſcht wa⸗ ren: ſtatt dieſer ritterlichen Pracht, ſchlich der duͤſtere Zug des Aberglaubens, in Kaputze und Sacktuch, mit Kreuz und Sarg und den furchtbaren Sinnbil⸗ dern des menſchlichen Leidens, daher. Statt des freiſinnigen, mannlichen Ritters, offen und brav, mit der Bandſchleife ſeiner Geliebten am Helm und dem liebeathmenden Denkſpruch auf dem Schilde, der durch tapfere Thaten den Beifall *) Rodd's bürgerliche Kriege von Granada. Verf. (Dies iſt eine Ueberſetzung von de Hita's Historia de los Vandos, y Zegris etc.) Die Alabaces waren ein aus dem afrikaniſchen Königreiche Fez entſprungener Ritterſtamm, dem, ſeiner Tapferkeit willen, die mauriſchen Könige von Gra⸗ nada die erſten Stellen des Reichs anvertrauten; und die Zegris, Mazas, Gomeles und Abencerrages gehörten zu den 32 edlen Ritterſtämmen, welche die Krone des Adels von Granada bildeten. Ueberſ. —— 35⁵ der Schoͤnheit zu erringen ſtrebte,— ging itzt der kahlgeſchorene, unmaͤnnliche Moͤnch daher, mit niedergeſchlagenen Augen, den Kopf und das Herz in dem kalten Kloſter gebleicht, und heimlich ſich des Triumphes der Froͤmmelei erfreuend. Der Ton der Glocken verkuͤndigte, daß der Trauerzug in Bewezung ſey. Er ging langſam durch die Hauptſtraßen der Stadt, und das furcht⸗ bare Banner des heiligen Gerichts ward ihm vorgetragen. Die Gefangenen gingen einzeln, von Beichtvaͤtern begleitet und von Dienern der Inquiſition bewacht. Sie trugen, nach dem Grade ihrer Strafe, verſchiedene Gewaͤnder: die, welche den Tod erleiden ſollten, waren mit der ſcheußlichen Samarra angethan, welche mit Flammen und Daͤmonen bemalt war. Der Zug wurde noch durch Chorknaben, verſchiedene geiſt⸗ liche Orden, oͤffentliche Beamte, vor allen aber durch die Vaͤter des Glaubens, vergroͤßert, welche langſam und in tiefem Ernſt daherſchrit⸗ ten, wahrhaft triumphirend, wie es den Haupt⸗ feldherren, die jenen großen Sieg erfochten ha⸗ ben, zukommt.*) *) Gonſalvius, S. 135. Verf.(In ſeinen entdeckten Kün⸗ ſten der ſpaniſchen Inquiſition. Heidelb. 1567. Ueberſ.) 4 Als das heilige Banner der Inquiſition ſich naͤherte, ſank die zahlloſe Menge auf ihre Kniee, † beugte, als es voruͤberzog, ihre Haͤupter zur Erde, und erhob ſich dann langſam wieder, gleich einer großen wogenden Welle. Ein Gemurmel durch⸗ lief die Menge, als die Gefangenen ſich naͤher⸗ ten: alle Augen ſtrengten ſich an, alle Finger wieſen hin, um die verſchiedenen Klaſſen der Buͤ⸗ ßenden zu bezeichnen, deren Gewaͤnder den Grad der Strafe andeuteten, den ſie erleiden ſollten. Als aber die naͤher kamen, deren ſchreckliches Kleid ſie als zum Flammentode beſtimmt bezeichnete, verſtummte das Volk: Alles ſchien den Athem an ſich zu halten und von der ſonderbaren und traurigen Theilnahme erfuͤllt zu ſeyn, wo⸗ mit wir ein menſchliches Weſen betrachten, wel⸗ ches Leiden und Tod entgegenſieht. Es iſt etwas Gewaltiges— eine ſtumme, lebloſe Menge! Die ſchweigende geſpannte Ruhe der umher verſammelten, auf Mauern, Thore und Daͤcher dicht zuſammengedraͤngten, gleich⸗ ſam in Haufen darauf ſchwebenden Tauſende, erhoͤhte die Wirkung des Gepraͤnges, das ſchreck⸗ bar ſich dahin bewegte. Das leiſe Murmeln der Prieſter, welche Gebete und Ermahnun⸗ gen herſagten, die dumpfen Antworten der Ge⸗ 357 fangenen, dann und wann Stimmen der Chor⸗ knaben in der Entfernung, welche die Litaneien der Heiligen ſangen,— dieſes Alles ließ ſich itzt deutlicher vernehmen. Die Geſichter der Gefangenen waren gei⸗ ſterbleich und troſtlos. Selbſt an denen, welche Verzeihung erhalten hatten, und die den Sanbe⸗ nito oder das Bußgewand trugen, konnte man die Spuren der Schreckniſſe bemerken, die uͤber ſie ergangen waren. Einige waren durch lange Einkerkerung erſchoͤpft, und ſchwankten daher; Andere waren verkruͤppelt, und ihre Glieder durch verſchiedene Torturgrade verdreht; jedes Geſicht bot einen traurigen Spiegel dar, welcher die Ge⸗ heimniſſe des Gefaͤngniſſes verrieth. In den Blicken derjenigen, die zum Tode verurtheilt wa⸗ ren, lag etwas Wildes und Furchtbares. Sie ſchienen, durch das Vergangene aufgereizt, der Zukunft kuͤhn entgegenzutreten. Von dem Muthe der Verzweiflung entflammt, und mit einer jin ſich abgeſchloſſenen Entſchiedenheit, blickten ſie dem gewaltigen Kampfe mit Qual und Tod, welchen ſie in kurzem kaͤmpfen ſollten, in die Augen. Einige warfen zuweilen einen wilden, angſtvollen Blick umher auf den hellen Tag, auf die„ſonnenbeſchienenen Pallaͤſte“, die Ir 358 glaͤnzende, die ſchoͤne Welt, welche ſie bald auf immer verlaſſen ſollten, oder einen Blick ploͤtzli⸗ chen Unwillens auf die ſich zuſammendraͤngenden Tauſende, welche, im Genuſſe der Freiheit und des Lebens, bei dem Anſchaun der furchtbaren Lage der Verurtheilten, ſich ihrer eigenen verhaͤlt⸗ nißmaͤßigen Sicherheit zu freuen ſchienen. Einer unter den Verurtheilten machte je⸗ doch eine Ausnahme. Es war ein alter, etwas gekruͤmmter Mann, von heiterem, wenn gleich niedergeſchlagenen Anſehn, und mit einem ſtrahlen⸗ den, ſchwermuͤthigen Auge. Es war der Alchy⸗ miſt. Das Volk blickte auf ihn mit einer Art von Mitleiden, das es ſonſt gegen die von der Inquiſition verdammten Verbrecher nicht zu fuͤh⸗ len pflegte. Als es aber hoͤrte, daß er des Ver⸗ brechens der Zauberei uͤberfuͤhrt ſey, trat Alles mit Schrecken und Abſcheu zuruͤck. Der Zug hatte itzt den großen Platz erreicht. Die erſte Abtheilung deſſelben hatte bereits das Geruͤſt beſtiegen, und die Verurtheilten naͤherten ſich. Das Gedraͤnge des Volks ward unbeſchreib⸗ lich, und es mußte gleichſam in Wogen von der Wache zuruͤckgewieſen werden. In dem Augen⸗ blicke, wo die Verurtheilten den Platz betraten, hoͤrte man aus der Menge einen Schrei. Ein 1 359 Maͤdchen, bleich, außer ſich, mit herabhangendem Haar, bahnte ſich einen Weg durch das Volk. „Mein Vater! mein Vater!“ war Alles, was ſie ſagen konnte, aber dieſer Ruf toͤnte in jedem Herzen wieder. Die Menge trat unwillkuͤhrlich zuruͤck, und machte ihr Platz. Der arme Alchymiſt hatte ſeinen Frieden mit dem Himmel abgeſchloſſen, und, nach einem har⸗ ten Kampfe, ſein Herz von dieſer Welt abgewandt, als die Stimme ſeines Kindes ihn wiederum zu den irdiſchen Gedanken und Sorgen zuruͤckrief. Er wandte ſich dahin, woher die wohlbekannte Stimme kam, ſeine Kniee ſchlugen zuſammen: er verſuchte, ſeine gefeſſelten Arme auszuſtrecken, und fuͤhlte ſich von den Umarmungen ſeines Kindes umfangen. Die Bewegungen Beider waren zu. gewaltſam, als daß ſie ihnen haͤtten Worte ge⸗ ſtatten ſollen. Krampfhaftes Schluchzen, ab⸗ gebrochene Ausrufe und Umſchlingungen, in wel⸗ chen ſich mehr die Angſt als die Zaͤrtlichkeit aus⸗ ſprach, waren Alles, was zwiſchen ihnen vorging. Der Zug ward dadurch auf einen Augenblick unter⸗ brochen. Die erſtaunten Moͤnche und Diener der Inquiſition fuͤhlten ſich von einer unwillkuͤhrli⸗ i Ehrfurcht vor dieſem Ausbruche natuͤrlicher Zaͤrtlichkeit ergriffen, und der Menge, welche von 360 der kindlichen Liebe, der ungewoͤhnlichen, verzweif⸗ lungsvollen Angſt eines ſo jungen ſchoͤnen We⸗ ſens geruͤhrt war, entſchluͤpften einzelne Worte des Mitleidens. 3 Jeder Verſuch, Inez zu beruhigen, und ſie zu bewegen, ſich zu entfernen, war vergeblich, ſo daß man ſie endlich mit Gewalt von ihrem Va⸗ ter loszureißen ſuchte. Dieſe Bewegung erweckte ſie aus ihrer einſtweiligen Betaͤubung. Mit ei⸗ ner ploͤtzlichen Anwandlung von Wuth, entriß ſie einem der Diener ſein Schwert. Ihr Geſicht, das bisher eine Leichenblaͤſſe bedeckt hatte, faͤrbte ſich auf einmal mit der Roͤthe des Zorns, und Feuer ſpruͤhte aus ihren ſonſt ſo ſanften, ſchmach⸗ tenden Augen. Die Wache trat beſtuͤrzt zuruͤck. Es lag etwas in dieſer kindlichen Begeiſterung, dieſer weiblichen, bis zur Verzweiflung geſteigerten Zaͤrtlichfeit, das ſelbſt die verhaͤrteten Herzen der Soldaten ruͤhrte. Sie ſuchten ſie zu beruhigen, aber vergebens. Ihr Auge war ſchnell und ſcharf, wie das der Woͤlfinn, die ihre Jungen vertheidigt. Mit Einem Arm preßte ſie ihren Vater an ihren Buſen, waͤhrend ſie mit dem andern Jeden be⸗ drohte, der ſich ihr naͤhern wollte. Die Geduld der Wache war bald erſchoͤpft. Sie war aus ehrerbietiger Scheu, aber nicht aus 361 aus Furcht zuruͤckgetreten. Bei aller ihrer Ver⸗ zweiflung ward die Waffe Inez' ſchwacher Hand bald entwunden, und ſie ward, ihres Geſchreis und ihres Straͤubens ungeachtet, durch die Men⸗ ge hindurchgetragen. Das Volk murmelte mit⸗ gleidsvoll, aber die Furcht vor der Inquiſition war ſo groß, daß Niemand Hand anzulegen wagte. 4 Der Zug kam wieder in Gang. Vergebens ſuchte ſich Inez aus den Haͤnden der Diener der Inquiſition, die ſie zuruͤckhielten, loszureißen, als ploͤtlich Don Ambroſio vor ihr ſtand. „Ungluͤckliches Maͤdchen!“ rief er voller Wuth aus: „warum biſt Du deinen Freunden entflohen? Uebergebt ſie meinen Leuten,“ ſagte er zu den Dienern:„ſie ſteht unter meinem Schutze.“ Seine Helfershelfer traten hervor, ſie in Empfang zu nehmen.„O, nein! nein!“ rief ſie voll Schrecken und indem ſie ſich an die Diener feſt anklammerte,„ich bin keinen Freunden entflohen. Er iſt nicht mein Beſchuͤtzer, er iſt der Moͤrder meines Vaters!“* Die Diener waren betreten: die Menge draͤngte ſich neugierig naͤher.„Zuruͤck!“ rief Ambro ſio entruͤſtet, indem er die Naͤhertretenden rund umher wegſchleuderte, und ſagte dann, in⸗ dem er ſich zu den Dienern der Inquiſition I. 3 0 362— wandte, mit ploͤtzlich angenommener Maͤßigung: „meine Freunde, uͤbergebt mir dieß Maͤdchen. Ihr Ungluͤck hat ihren Verſtand verwirrt; ſie iſt, dieſen Morgen, ihren Freunden und Beſchuͤtzern entſprun⸗ gen. Etwas Ruhe und ſanfte Behandlung wird ſie indeß bald wieder zu ſich bringen.“ Ich bin nicht wahnſinnig! ich bin nicht wahnſinnig!— rief ſie heftig aus.— O, rettet mich, rettet mich vor dieſen Leuten! Ich habe keinen Beſchüͤtzer auf Erden als meinen Vater, und die⸗ ſen wollen ſie morden! 8 Die Diener der Inguiſition ſchuͤttelten die Koͤpfe; die Leidenſchaftlichkeit des Maͤdchens ſchien Don Ambroſio's Behauptungen zu beſtaͤtigen, und ſein Rang Ehrfurcht und Glauben zu heiſchen. Sie uͤbergaben ihm das Maͤdchen, und er war im Begriff, Inez ſeinen Hel⸗ fershelfern zu uͤberantworten, als eine Stimme aus der Menge:„laß ſie, Nichtswuͤrdiger!“ aus⸗ rief, und man Antonio ſich muͤhſam einen Weg durch das Volk bahnen ſah. „Ergreift ihn! ergreift ihn!“ rief Don Am⸗ broſio den Dienern der Inquiſition zu:„er iſt ein Mitſchuldiger des Zauberers.“ 1 Luͤgner!— entgegnete Antonio, indem er die 8 — — —— 363 Menge rechts und links auseinander warf, und ſich an den Ort hindraͤngte. Don Ambroſio's Schwert flog aus der Scheide; der Student war bewaffnet und eben ſo behend. Die Degen klirrten; die Menge machte ihnen Platz, als ſie fochten, und ſchloß dann wieder einen Kreis um ſie, ſo daß ſie Inez' Blicken entzogen blieben. Alles war, einen Au⸗ genblick lang, Getuͤmmel und Verwirrung, als die Zuſchauer auf einmal ein Geſchrei erhoben, die Menge ſich theilte, und ſie, wie ihr duͤnkte, An⸗ tonio in ſeinem Blute liegen ſah. Dieſer neue Schlag war zu ſtark fuͤr ihr ſchon ſo bewegtes Gemuͤth. Ein ploͤtzlicher Schwindel ergriff ſie, alles ſchien vor ihren Augen ſich im Krei⸗ ſe zu drehen, ſie ſtieß einige unzuſammenhan⸗ gende Worte aus, und ſank ſinnlos zu Boden. Tage— Wochen vergingen, ehe Inez wie⸗ der ihr Bewußtſeyn erhielt. Endlich ſchlug ſie die Augen auf, als ob ſie aus einem unruhigen Schlummer erwache. Sie lag auf einem praͤch⸗ tigen Bette, in einem Zimmer, das reich verziert war mit Pfeilerſpiegeln und gewichtigen, mit Silber eingelegten Tiſchen von ausgeſuchter Arbeit. Die Waͤnde waren mit Tapeten behangen, die Ge⸗ ſimſe reich vergoldet: durch die offenſtehende Thuͤr Q 2 1 364 ſah ſie einen praͤchtigen Saal mit Statuen und kryſtallenen Kronleuchtern, und jenſeits deſſelben eine glaͤnzende Reihe von Zimmern. Die Fen⸗ ſter ihres Zimmers waren offen, um den ſanften Hauch der Sommerluͤfte einzulaſſen, die herein⸗ ſtreoͤmten mit den Wohlgeruͤchen eines benachbar⸗ ten Gartens geſchwaͤngert, aus welchem auch das erfriſchende Plaͤtſchern eines Springbrunnens und der angenehme Geſang der Voͤgel in vereinter Harmonie ihr Ohr erreichte. Dienerinnen bewegten ſich, mit geraͤuſchlo⸗ ſen Schritten, in dem Zimmer umher; allein ſie fuͤrchtete, ſie anzureden. Sie wußte nicht, ob dieß Alles nicht eine Taͤuſchung ſey, ob ſie ſich nicht noch im Pallaſte Don Ambroſio's be⸗ faͤnde, und ob nicht ihre Flucht und alle damit verknuͤpften Umſtaͤnde nur ein Fie⸗ bertraum geweſen waͤren. Sie ſchloß ihre Au⸗ gen abermals, ſuchte ſich die Vergangenheit zuruͤckzurufen und das Wahre von dem Schein zu trennen. Die letzten Augenblicke ihres Be⸗ wußtſeyns, mit allen ihren Schrecken, traten indeß zu hell vor ihre Seele, als daß ſie an ihrer Wirklichkeit haͤtte zweifeln koͤnnen, und ſie wandte ſich ſchaudernd von der Erinnerung ab, um aber⸗ mals die ruhige heitere Pracht um ſich her zu 365. betrachten. Als ſie wieberum ihre Augen auft ſchlug, fielen ſie auf einen Gegenſtand, der auf einmal alle Beſorgniſſe zerſtreute. Zu den Haͤup⸗ ten ihres Bettes ſaß eine ehrwuͤrdige Geſtaltz. welche mit einem Blicke liebevoller Ana ſt fle zu bewachen ſchien— es war ihr Vater L Den Auftritt, welcher itzt erfolgte, zu be⸗ ſchreiben, will ich nicht verſuchen, noch eine Schil⸗ derung der Augenblicke des Entzuͤckens wagen, welche die Leiden, die Inez' gefuͤhlvolles Herz er⸗ duldet hatte, uͤberſchwenglich lohnten. Sobalde Beide etwas ruhiger geworden waren, verließ der Alchymiſt das Zimmer, einen Fremden einzufuͤh⸗ ren, dem er, wie er ſagte, ſein Leben und ſeine Freiheit danke. Kurz darauf kehrte er zuruͤck, mit Antonio an der Hand, dieſen aber nicht mehr in dem Gewande eines armen Studenten, ſon⸗ dern in der reichen Kleidung eines Edelmannes. Inez ward von dieſem ploͤlichen Gluͤcks⸗ wechſel beinahe uͤberwaͤltigt, und es dauerte eini⸗ ge Zeit, ehe ſie ſich hinlaͤnglich beruhigen konnte, die Erklaͤrung dieſer romanhaften Begebenheiten zu faſſen. Es ergab ſich itzt, daß der Juͤngling, der ſich als ein unbedeutender Student um ihre Liebe beworhen hatte, der einzige Sohn und Er⸗ 4 *† 366 be eines maͤchtigen Großen von Valencia war. Er hatte die Univerſitaͤt Salamanca beſuchen muͤſſen; der Drang, ſich in der Welt umzuſehen und ein Durſt nach Abenteuern hat⸗ ten ihn indeß bewogen, die Univerſitaͤt ohne ſeines Vaters Einwilligung zu verlaſſen und mehrere Theile von Spanien zu beſuchen. Nachdem er ſeiner Wanderungsſucht Genuͤge geleiſtet, hatte er eine Zeitlang unerkannt in Granada verweilt, um ſich, durch ferneres Studium und Selbſtbil⸗ dung, in den Stand zu ſetzen, mit Ehren nach Hauſe zuruͤckzukehren und ſein Vergehen gegen das vaͤterliche Anſehen wieder gut zu machen. Das romantiſche Abenteuer vom Thurme war Anfangs eine bloße Jugendlaune, zu wel⸗ cher der fluͤchtige Anblick eines ſchoͤnen Geſichts Gelegenheit gegeben hatte. Als er ein Schuͤler des Alchymiſten ward, dachte er wahrſcheinlich an weiter nichts, als wie er dadurch einen leich⸗ ten Liebeshandel weiter fortſpinnen koͤnne. Die lange Bekanntſchaft mit Inez hatte indeß ſeine Neigung gefeſſelt, und ihn zu dem Entſchluß ge⸗ bracht, ſie und ihren Vater nach Valencia zu fuͤhren, in der Hoffnung, daß ihre Liebenswuͤr⸗ —— 367 digkeit ſeines Vaters Zuſtimmung zu ihrer Ver⸗ bindung gewinnen wuͤrde. Unterdeſſen hatte man ſeinen Aufenthaltsort entdeckt. Sein Vater hatte erfahren, daß er in den Schlingen eines geheimnißvollen Abenteurers und ſeiner Tochter befangen ſey, und wahrſchein⸗ lich dem Zauber der letzten unterliegen werde. Zuverlaͤſſige Abgeſandte hatten ſich daher ſeiner mit Gewalt bemaͤchtigen, und ihn, ohne Verzug, in das vaͤterliche Haus zuruͤckbringen muͤſſen.— Welche Gruͤnde er geltend gemacht, um ſeinen Vater von der Unſchuld, der Ehre und der ho⸗ hen Abkunft des Alchymiſten, ſo wie von dem vorzuͤglichen Werthe ſeiner Tochter zu uͤberzeugen, wiſſen wir nicht. Soviel iſt indeß gewiß, daß der Vater, wenn gleich ein leidenſchaftlicher Mann, doch ſo weit nachgab, darin zu willigen, daß ſein Sohn nach Granada zuruͤckkehren und Inez, als ſeine Braut, nach Valencia fuͤhren duͤrfe. Voll freudiger Erwartungen, eilte Don An⸗ tonio nach Granada zuruͤck. Noch immer hatte er ſeine Verkleidung nicht abgelegt und dachte ſich ſchon, im Voraus, das Erſtaunen ſei⸗ ner Inez, wenn er, nachdem er ihr Herz und ihre Hand als ein armer Student gewonnen, ſie und ihren Vater auf einmal zu Reichthum und * 368 Glanz erheben wuͤrde.— Zu ſeinem großen Er⸗ ſtaunen fand er den Thurm von ſeinen Bewoh⸗ nern verlaſſen. Vergebens ſuchte er Nachrichten uͤber dieſe zu erhalten: ein geheimnißvoller un⸗ durchdringlicher Schleier hing uͤber ihrem Ver⸗ ſchwinden, und er war wie vom Donner geruͤhrt, als er, zufaͤllig das Verzeichniß der zu dem be⸗ vorſtehenden Auto da Fe Verurtheilten leſend, den Namen ſeines ehrwuͤrdigen Lehrers darun⸗ ter fand. Dieſes trug ſich am Morgen der Hinrichtung zu. Der Zug war ſchon auf dem Wege nach dem großen Platze, und daher kein Augenblick zu verlieren. Der Großinquiſitor war ein Ver⸗ wandter Don Antonio’'s, obgleich ſich Beide nie geſehen hatten. Sein erſter Gedanke war, ſich ihm zu erkennen zu geben, und allen ſeinen Familieneinfluß, das Gewicht ſeines Namens und die Gewalt ſeiner Beredſamkeit aufzubieten, den Alchymiſten zu retten. Allein der Großinguiſt⸗ tor war bereits, in ſeinem ganzen Pomp, nach dem Orte aufgebrochen, wo die traurige Feierlich⸗ keit Statt finden ſollte. Wie konnte man ihm ſich naͤhern? Antonio warf ſich, in fieberhafter Angſt, in die Menge, bahnte ſich einen Weg durch dieſelbe und kam noch gerade zu rechter Zeit, um Inez zu retten. — —— — —— 2* —— 369 Es war Don Ambroſio, welcher in dem Zweikampfe unterlag. Er war gefaͤhrlich verwun⸗ det, und da er ſeinem Ende nahe zu ſeyn glaubte, ſo bekannte er einem der gegenwäͤrtigen Prieſter der Inquiſition, daß er die alleinige Urſach der Verurtheilung des Alchymiſten, und daß die An⸗ klage, auf welche ſich dieſe gruͤnde, durchaus falſch ſey. Don Antonio's Zeugniß gab dieſem Ge⸗ ſtaͤndniſſe noch mehr Gewicht, und ſeine Ver⸗ wandtſchaft mit dem Großinquiſitor trug wahr⸗ ſcheinlich nicht wenig dazu bei, ihm auch ſeine Wir⸗ kung zu geben. So ward der arme Alchymiſt vom Feuertode gerettet, und das Mitleid, welches ſeine Geſchichte erregte, war ſo groß, daß zum erſten Male das Volk ſeine Freude daruͤber be⸗ zeugte, obgleich es den Anblick einer Execution verlor. Den uͤbrigen Theil der Geſchichte koͤnnen die, welche mit dieſer ſchoͤnen Art von Erzaͤhlungen ſchon vertraut ſind, ſich ſehr leicht denken. Don Ambroſio vermaͤhlte ſich mit der lieblichen In ez, und nahm ſie und ihren Vater mit ſich nach Valencia. Die liebende und pflichtgetreue Tochter ward auch ein treues und zaͤrtliches Weib. Bald darauf erbte Antonio ſeines Vaters Rang und Guͤter, und er und ſeine reizende Ge⸗ mahlinn wurden fuͤr das ſchoͤnſte und gluͤcklichſte Paar in Valencia gehalten. 370 Don Ambroſio genas, um ſeine Gewiſ⸗ ſensbiſſe und ſeine Schande in einem Kloſter zu verbergen; das ungluͤckliche Opfer ſeiner Kuͤnſte, welches Inez zu ihrer Flucht behuͤlflich geweſen war, zog ſich ebenfalls, unfaͤhig, die fruͤhere Lei⸗ denſchaft ihres Buſens, bei aller Ueberzeugung von der Werthloſigkeit des Gegenſtandes, zu beſiegen, aus der Welt zuruͤck, und ward Nonne. Der ehrwuͤrdige Alchymiſt ſchlug ſeinen Wohnſitz bei ſeinen Kindern auf. Ein Pavil⸗ lon in dem Garten ihres Pallaſtes ward ihm zum Laboratorium angewieſen, wo er mit erneu⸗ ter Emſigkeit ſeine Forſchungen nach dem gro⸗ ßen Geheimniß fortſetzte. Sein Schwiegerſohn ging ihm zuweilen dabei an die Hand, allein ſein Eifer und ſein Fleiß waren, ſeit der Hei⸗ rath, merklich erkaltet. Indeſſen hoͤrte er noch mit großem Ernſte und Aufmerkſamkeit den Re⸗ den des alten Mannes zu, ſo wie wenn dieſer taͤg⸗ lich laͤngere Stellen aus Paracelſus, San⸗ divogius und. Pietro d'Abano anfuͤhrte. Auf dieſe Art erreichte der gute Alchymiſt, ruhig und behaglich, ein hohes Alter, und ward, zum ungluͤck fuͤr die Menſchheit, in ſeinem neunzig⸗ ſten Jahre der Welt entriſſen, als er ſo eben im Begriff war, den Stein der Weiſen zu ent⸗ decken. 371 Dieß war die Erzaͤhlung des Freundes des Capitains, womit dieſer der Geſellſchaft den Mor⸗ gen zu verkuͤrzen ſuchte. Er ward, von Zeit zu Zeit, im Leſen durch Fragen und Bemerkungen aufgehalten, die ich nicht mitgetheilt habe, um den Faden der Erzaͤhlung nicht zu unterbrechen. Auch ward er ein oder zwei Male von dem Ge⸗ neral geſtoͤrt, welcher einſchlief und, zum großen Aer⸗ ger und Verdruß der Lady Lillycraft, ſehr laut aufathmete. Bei der Erzaͤhlung einer langen und zaͤrtlichen Liebesſcene, welche beſonders nach dem Geſchmack Ihro Herrlichkeit war, brachte der ungluͤckliche General, deſſen Kopf etwas auf ſeine Bruſt herabgeſunken war, in regelmaͤßigen Zwiſchenraͤumen auch einen Ton hervor, welcher ſehr einem lang gezogenen St! glich. Dann folgte ein ſeltſam abgebrochener Kehlton, der ihn ploͤtzlich erweckte; er raͤusperte ſich, blickte et⸗ was betroffen umher, und fing mit dem Arbeits⸗ beutel der Lady zu ſpielen an, den ſie aber ziem⸗ lich verdruͤßlich wegzog. Der gehaltene Ton der Stimme des Capitains war indeß ein zu maͤch⸗ tiges Einſchlaͤferungsmittel fuͤr den armen Ge⸗ neral: er flackerte, wie ein Licht, zu Zeiten auf, und verſank wieder, bis das Ende der Erzaͤhlung ihn abermals ermunterte, ſo daß er aufſprang, aber ungluͤcklicherweiſe auf Lady Lillycraft's 372 Hund, die ſchlafende Beauty, trat, der laut aufſchrie und ihn in das Bein biß, ſo daß ploͤtzlich die ganze Bibliothek von Gebell und Ausrufungen wiederhallte. Nie hat wohl ein Mann ſein Gluͤck mehr vom Grunde aus im Schlafe zerſtoͤrt. Als die Ruhe endlich wiederhergeſtellt war, ſtattete die Geſellſchaft dem Capitain ihren Dank ab, und es ward nun uͤber die Geſchichte ſelbſt geſprochen. Der Pfarrer hatte, wie ich bemerkte, die bleiernen Tafeln, de⸗ ren zu Anfang der Erzaͤhlung, als in Granada ausgegraben, Erwaͤhnung geſchehen war, gar nicht vergeſſen koͤnnen, und that mehrere ſehr an⸗ gelegentliche Fragen an den Capitain uͤber dieſen Gegenſtand. Der General konnte ſich nicht recht in die Geſchichte finden, und meinte, ſie ſey et⸗ was verworren.„Ich bin nur froh,“ ſagte er am Ende,„daß der alte Kerl vom Thurme ver⸗ brannt worden iſt, denn er war offenbar ein ar⸗ ger Betruͤger.“ Ende des erſten Theils. ——ʒ—— Gedruckt bei Johann Friedrich Starcke. —— 2 84 — — fffffffffffn 14 15 16 17 18 19 20 4 4 , e 4 * 8. 1 4 25 4 — . 8 G 4 8 3 —