— „—⸗------— Leihbibliothek . deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur ¹ Ednard Otftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 1 Leih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen.. 2 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von d 2 ſ jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen..— 65 3. G(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet. wird. b 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und G eträgt: (für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ——;õõ——— ¹ auf 1 Monat: 1 Mr. Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Nk. Pf. )„ 3 3„=„ 3„„„„ 1 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung e 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der 8 Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ ſe lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer jun Erſatz des Ganzen verpflichtet. ¹ 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird Jbeſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 2 der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. ————— 32 — ————y—,— — — Waſhington Irving, 8 faͤnmtliche Werke. Vier und vierzigſtes bis ſteben und vierzigſtes Bändchen. oder das neue Skizzenbuch. Gedruckt und verlegt bei Johann David Sauerländer. . Frankfurt am Main, 1832. —— 4 — Die Alyambra, oder das neue Skizzenbuch. Von Waſhington Irving. Aus dem Engliſchen. — ÿ Frankfurt am Main, 1832. Gedruckt und verlegt bei Johann David Sauerländer. An David Wilkie.*) — Mein lieber Herr! Ste werden ſich erinnern, daß wir bei unſern gemeinſchaftlichen Wanderungen in einigen der alten Städte Spaniens, namentlich in Toledo und Sevilla, eine große Miſchung des Sarazeniſchen mit dem Gothiſchen— Ueberbleibſel aus der Zeit der Mau⸗ ren— bemerkten, und mehr als einmal über Scenen und Vorfälle in den Straßen ſtaunten, welche uns Stellen aus den Mährchen der tauſend und einen Nacht zurückriefen. Sie drangen damals in mich, etwas zu ſchreiben, das dieſe Eigenthümlichkeiten erläuterte,„etwas in dem Haroun Al Naſchld Styl,“ das einen Beigeſchmack von jenem arabiſchen Ge⸗ würz hätte, welches Alles in Spanien durchdringt. *) Berühmter engliſcher Maler. Ich erinnere Sie daran, um Ihnen zu zeigen, daß Sie in gewiſſer Hinſicht für dieſes Werk verant⸗ wortlich ſind, in welchem ich einige Arabesken⸗Skizzen aus dem Leben, und auf Volksüberlieferungen ge⸗ gründete Erzählungen gegeben habe, welche während eines Aufenthalts in einem der vorzugsweiſe Mau⸗ riſch⸗Spaniſchen Paläſte der Halbinſel geſammelt wurden. Ich weihe Ihnen dieſe Blätter als ein Andenken an die fröhlichen Scenen, von denen wir in jenem Lande der Abentheuer gemeinſchaftlich Zeugen waren, und als einen Beweis der Achtung für Ihren Werth, die nur von der Bewunderung Ihrer Talente über⸗ troffen wird. Ihr Freund und Reiſegefährte, Im Mai, 1832. der Verfaſſer. — Die Reiſe. Im Frühling 1829 machte der Verfaſſer dieſes Werkes, den die Neugierde nach Spanien geführt hatte, in Ge⸗ ſellſchaft eines Freundes, einem Mitgliede der ruſſiſchen Geſandtſchaft zu Madrid, eine Reiſe von Sevilla nach Granada. Der Zufall hatte uns aus verſchiedenen Re⸗ gionen des Erdballs zuſammengeführt und eine Gleich⸗ artigkeit des Geſchmacks veranlaßte uns gemeinſchaftlich in Andalnſtens romantiſchen Bergen umher zu wandern. Wenn ihm dieſe Blätter zu Geſicht kommen, wohin auch die Pflichten ſeines Berufes ihn geſchleudert haben, ob er an dem Gepränge der Höfe Theil nehme, oder über den ech⸗ teren Glanz der Natur nachſinne, mögen ſie die Scenen un⸗ ſerer abentheuerlichen Genoſſenſchaft und mit ihnen die Erinnerung an Jemand zurückrufen, bei dem weder Zeit noch Entfernung das Andenken an ſein einnehmendes Weſen und ſeinen Werth verlöſchen werden. Und hier ſey es mir, ehe wir die Reiſe beginnen, vergönnt, vorlänufig einiges über ſpaniſche Landſchaften und ſpaniſches Reiſen zu bemerken. Mancher mag ſich wohl in ſeinem Geiſte Spanien als ein mildes, ſüdliches Land denken, mit all den üppigen Reizen des wollüſtigen Italiens ausgeſchmückt., Im Gegentheil iſt es, obgleich — 8— in einigen der Küſtenprovinzen Ausnahmen gefunden werden, zum größern Theil ein ernſtes, melancholiſches Land, mit rauhen Gebirgen, lang hinziehenden Ebenen, baumlos, unbeſchreiblich ſtumm und einſam, dem wilden und abgeſchloſſenen Charakter Afrika's ſich nähernd. Was dieſes Schweigen und dieſe Einſamkeit vermehrt, iſt der Mangel an Singvögeln, eine natürliche Folge des Ab⸗ gangs an Laubwerk und Hecken. Wohl ſieht man den Geier und den Adler über den Bergen kreiſen und über die Ebenen ſchweben, und Gruppen von ſcheuen Trappen auf den Heiden umherſchreiten; allein die Myriaden klei⸗ nerer Vögel, welche den ganzen Charakter anderer Ge⸗ genden beleben, trifft man nur in wenigen Provinzen Spaniens und hier vorzüglich in den Obſtſtücken und Gärten, welche die Wohnungen der Menſchen umgeben. In den innern Provinzen durchſchneidet der Rei⸗ ſende zuweilen große Strecken, die ſo weit das Auge reichen kann, mit Frucht beſäet ſind, jetzt in grünen Wellen wogend, jetzt nackt und ſonnenverbrannt; aber vergebens ſucht er rund umher die Hand, welche den Boden gebaut hat. Endlich bemerkt er irgend ein Dorf an einer ſteilen Höhe oder an einem rauhen Fels, mit zerfallenden Zinnen und den Trümmern eines Wart⸗ thurms, in alten Zeiten ein feſter Platz gegen Bürger⸗ krieg oder Manriſchen Einfall; denn die Gewohnheit, ſich zu wechſelſeitigem Schutz zu verſammeln, wird zu⸗ folge der Räuberei umſtreifender Freibeuter, in den mei⸗ ſten Theilen Spaniens noch unter den Landleuten bei⸗ behalten. Obgleich es aber einem großen Theile von Spanien an dem Schmucke des Laubwerks und der Wälder und den ſanfteren Reizen einer kunſtreichen Anbanung fehlt, ſo hat ſeine Scenerie doch etwas von einem hohen und ſtolzen Charakter, wodurch jener Mangel ausgeglichen wird. Sie hat einige Aehnlichkeit mit den Eigenthüm⸗ lichkeiten ihres Volkes, und ich glaube den ſtolzen, küh⸗ nen, mäßigen und enthaltſamen Spanier, ſeinen männ⸗ lichen Trotz gegen Mühſeligkeiten und ſeine Verachtung gegen Verweichlichung beſſer zu kennen, ſeit ich das Land geſehen habe, welches er bewohnt. Auch in den ſtreng einfachen Zügen der ſpaniſchen Landſchaft iſt etwas, das die Seele mit einem Gefühle der Erhabenheit erfüllt. Die unermeßlichen Ebenen der beiden Kaſtilien und der Mancha, die ſich, ſoweit das Auge nur reichen kann, ausdehnen, erhalten ſelbſt durch ihre Nacktheit und Unabſehbarkeit ein Intereſſe und ha⸗ ben etwas von der feierlichen Größe des Oceans. Wenn man dieſe grenzenloſen Wüſten durchwandert, fällt der Blick da und dort auf eine einzelne Rinderheerde von einem einſamen Hirten gehütet, der bewegungslos wie eine Statue ſteht und deſſen langer, ſchlanker Stab wie eine Lanze in die Luft emporragt; oder man ſieht einen langen Zug von Maulthieren, die ſich langſam die Ein⸗ öde entlang bewegen, wie ein Zug Kamele in der Wüſte; oder einen einzelnen Hirten, der, mit Gewehr und Dolch bewaffnet, durch die Ebene eilt. So hat das Land, ſo haben die Sitten, ſelbſt das Ausſehen des Vol⸗ kes etwas von dem arabiſchen Charakter. Der allge⸗ meine Gebrauch der Waffen beweißt, daß es überall un⸗ ſicher in dem Lande iſt. Der Hirt auf dem Feld, der — 16— Schäfer in der Ebene hat ſeine Flinte und ſein Meſſer. Der reiche Dorfbewohner wagt ſich ſelten in den Markt⸗ flecken, ohne ſeinen Trabuco*) und vielleicht einen Die⸗ ner zu Fuß mit einer Büchſe auf der Schulter bei ſich zu haben, und die unbedeutendſte Reiſe wird mit den Vorbereitungen eines kriegeriſchen Unternehmens ange⸗ treten. Die Gefahren auf der Heerſtraße veranlaſſen auch eine Reiſeart, die in einem kleinen Maßſtab den Ka⸗ rawanen des Oſten gleicht. Die Arrieros, oder Kärner, vereinigen ſich zu Geleitſchaften und gehen an beſtimm⸗ ten Tagen in großen und wohlbewaffneten Zügen ab, während hinzukommende Reiſende ihre Zahl vermehren und ihre Stärke erhöhen. Auf dieſe alt einfache Weiſe wird der Handel des Landes betrieben. Der Maulthier⸗ treiber iſt der allgemeine Vermittler des Verkehrs und der geſetzmäßige Durchzieher des Landes, der die Halb⸗ inſel von den Pyrenäen und den aſturiſchen Gebirgen bis zu den Alpujarras, der Serrania de Ronda und ſelbſt zu den Pforten von Gibraltar durchſtreift. Er lebt mäßig und mähevoll; ſein Alfurjas ie) von grobem Tuche enthält ſeinen knappen Vorrath von Lebensmit⸗ teln; eine Lederflaſche, die an dem Sattelbogen hängt, iſt mit Wein oder Waſſer gefüllt, um auf dem öden Gebirg oder den dürren Ebenen den Durſt zu ſtillen. Eine Maulthierdecke, auf den Boden gebreitet, iſt des *) Kurze Büchſe mit weiter Mündung⸗ **½) Reiſeſack. — 11— Nachts ſein Bette und ſein Packſattel iſt ſein Kiſſen. Seine kleine, aber ſchön gegliederte und kräftige Geſtalt zeugt von Kraft; ſeine Geſichtsfarbe iſt dunkel und ſon⸗ neverbrannt; ſein Auge entſchloſſenen aber ruhigen Aus⸗ drucks, ausgenommen wenn eine plötzliche Erregung es entflammt; ſein Benehmen iſt frei, männlich, höflich und er geht nie an dir vorbei ohne einen ernſten Gruß: „Dios guarde à usted!«„Va usted con Dios, Ca- ballero!“—„Gott ſchirme euch! Gott ſey mit euch; Herr!“ Da dieſe Leute oft ihr ganzes Vermögen in dem Gepäck ihrer Maulthiere tragen, ſo haben ſie ihre Waf⸗ fen, die an den Sattel befeſtigt und augenblicklich zu verzweifeltem Widerſtand bereit ſind, ſtets zur Hand. Ihre vereinte Zahl aber ſichert ſie gegen kleine Banden von Schnapphähnen; und der einſame Bandolero*), bis zu den Zäͤhen bewaffnet und auf ſeinem Andaluſter ſitzend, umſchwebt ſie, wie ein Seeräuber das Geleit⸗ ſchiff eines Kauffahrers, ohne einen Angriff zu wagen. Der ſpaniſche Maulthiertreiber hat einen unerſchöpf⸗ lichen Vorrath von Liedern und Balladen, um ſein un⸗ aufhörliches Wanderleben damit zu erheitern. Die Wei⸗ ßen ſind rauh und einfach, indem ſie nur aus wenigen Inflexionen beſtehen. Dieſe ſingt er mit lauter Stimme und langem, gezogenem Tonfall heraus, während er quer auf ſeinem Maulthier ſitzt, das mit unendlichem Ernſte zu lauſchen und mit ſeinem Schritte den Takt zu der *⁴) Straßenräuber. — 12=— Weiße zu halten ſcheint. Die ſo abgeſungenen Strophen ſind oft alte überlieferte Romanzen, die Manren betref⸗ fend, oder irgend eine Heiligen⸗Legende, oder ein Liebes⸗ liedchen; oder, was noch häufiger der Fall iſt, eine Bal⸗ lade auf einen kecken Schleichhändler, oder einen kühnen Bandolero, denn der Schmuggler und der Räuber ſind poetiſche Helden bei dem gemeinen Volke Spaniens. Oft iſt der Geſang des Maulthiertreibers ein Erzeugniß des Augenblicks und bezieht ſich auf eine örtliche Scene oder auf irgend einen Reiſevorfall. Dieſes Talent des Ge⸗ ſanges und der Improviſation iſt ſehr häufig in Spanien und ſoll ihnen von den Mauren vererbt worden ſeyn. Es hat etwas wild Ergötzliches, dieſen Liedern in den ran⸗ hen und einſamen Gegenden, von denen ſie Kunde geben, zu lauſchen, wenn ſie von dem Geklingel der Glocke des Maulthiers begleitet werden. Es iſt auch von einer ſehr maleriſchen Wirkung, in einem Gebirgspaß auf einen Zug von Maulthiertreibern zu ſtoßen. Zuerſt hört man die Glocken der vordern Maulthiere, die mit ihrem einfachen Tone die Stille der luftigen Höhe unterbrechen; oder vielleicht die Stimme des Maulthiertreibers, der ein träges oder vom Weg abgekommenes Thier ermahnt, oder mit der ganzen Kraft ſeiner Lunge eine alte Ballade ſingt. Endlich ſieht man die Maulthiere ſich langſam den engen Felſenpaß entlang winden, zuweilen ſteile Klippen niederſteigend, ſo daß ſie ſich ſcharf gegen den Himmel abzeichnen, zuweilen aus den tiefen öden Klüften unten ſich empor arbeitend. Wäh⸗ rend ſie ſich nähern, unterſcheidet man ihren bunten Schmuck von wollenen Büſchen, Troddeln und Sattel⸗ — 13— decken, während, bei'm Vorüberziehen, der ſtets bereite Trabuco hinter den Päcken und Sätteln, die unſicher⸗ heit der Straße andeutet. 3 Das alte Königreich Granada, in welches wir nun eintreten, iſt eines der bergigſten Länder Spaniens. Weite Sierras, oder Gebirgsketten, ohne Strauch oder Baum, farbig von mannigfachen Marmorn und Grani⸗ ten, erheben ihre ſonnverbrannten Gipfel gegen einen tief blauen Himmel; allein in ihren ſchroffen Gründen liegen die grünſten und fruchtbarſten Thäler eingeklüftet, wo Wüſte und Garten um den Vorrang ſtreiten und ſelbſt der Fels gezwungen ſcheint, Feigen, Orangen und Zitronen zu ſpenden und ſich mit der Myrthe und der Roſe zu ſchmücken. Der Anblick ummauerter Städte und Dörfer, die wie Adlerneſter an den Klippen hängen und von mauri⸗ ſchen Zinnen umgeben ſind, oder von zerfallenden Wart⸗ thürmen, die auf luftigen Kuppen thronen, führen in den wilden Päſſen dieſer Berge den Geiſt in die ritter⸗ liche Zeit des chriſtlichen und mahomedaniſchen Kriegsle⸗ bens und zu dem romantiſchen Kampf um Granada's Eroberung zurück. Der Reiſende muß, wenn er dieſe hohe Gebirge durchzieht, abſteigen und ſein Pferd die ſteilen und eingekerbten Pfade, die bergan und thalab führen und den zerbrochenen Stufen einer Treppe glei⸗ chen, auf und nieder leiten. Zuweilen windet ſich der Weg ſchwindlige Abgründe entlang, ohne ein Geländer, das ihn vor der Tiefe unten ſchützt, und ſtürzt dann tiefe, dunkle und gefährliche Abhänge nieder. Zuweilen geht er durch rauhe Barrancas, oder Schluchten, von Winter⸗ — 12— ſtrömen ausgewaſchen, der heimliche Pfad der Schmugg⸗ ler; während da und dort das bedeutungsvolle Kreuz, das Denkzeichen einer Räuberei oder eines Mordes, auf einem Steinhaufen an irgend einem einſamen Theil des Weges errichtet, den Reiſenden ermahnt, daß er im Be⸗ reich von Banditen, vielleicht in dieſem Augenblick unter den Augen eines lauernden Bandolero iſt. Zuweilen ſetzt ihn, wenn er ſich durch die engen Thäler windet, ein rauhes Gebrüll in Erſtaunen und er ſleht über ſich, auf einem grünen Einſchnitt der Bergſeite, eine Heerde wilder andaluſiſcher Stiere, die zum Kampfe der Arena beſtimmt ſind. Es iſt etwas Schauerliches in dem An⸗ blick dieſer furchtbaren Thiere, mit ſchreckenhafter Kraft begabt und, faſt Fremdtinge dem Antlitze des Menſchen, in ungezähmter Wildheit ihre heimathlichen Weiden durch⸗ ſtreifend; ſte kennen niemand, als den einſamen Hirten, der ſte hütet und er ſelbſt wagt es zu Zeiten nicht, ihnen nahe zu kommen. Das tiefe Brüllen dieſer Stiere und ihr drohendes Ausſehn, wenn ſie von der Felſenhöhe nie⸗ der blicken, erhöht die Wildheit der rauhen Scenerie umher. Ich habe mich unwillkührlich verleiten laſſen, bei den allgemeinen Zügen des Reiſens in Spanien länger zu verweilen, als meine Abſicht war. Es iſt aber etwas Romantiſches in jeder Erinnerung an die Halbinſel und die Einbildungskraft ſcheidet ungern davon. Am erſten Mai verließen mein Gefährte und ich Sevilla, um nach Grauada zu gehen. Wir hatten alle Vorbereitungen getroffen, welche eine ſolche Reiſe durch gebirgige Gegenden, wo die Wege wenig mehr als bloße — 15— Pfade für Maulthiere und zu häufig von Raͤubern be⸗ lagert ſind, nothwendig machte. Der werthvollere Theil unſeres Gepäcks war durch Arrieros vorausgeſchickt wor⸗ den; wir behielten nur Kleidung und das Nothwendigſte für den Weg und Geld für die Ausgaben der Reiſe bei uns; doch ſteckten wir von letzterm einen kleinen Ueber⸗ ſchuß zu uns, um den Erwartungen der Räuber, wenn wir angegriffen würden, Genüge zu thun, und uns die rauhe Behandlung zu erſparen, die den zu ſparſamen geldarmen Reiſenden erwartet. Zwei ſtarke Pferde wur⸗ den für uns, ein drittes für unſer kleines Gepäck und einen ſtämmigen Biskaier gemiethet, einen Burſchen von ungefähr zwanzig Jahren, der uns durch die Irrgewinde der Bergwege führen, für die Pferde ſorgen, gelegentlich die Stelle unſeres Bedienten und immer die unſeres Wächters vertreten ſollte; denn er hatte einen furchtba⸗ ren Trabuco oder Karabiner, um uns gegen Rateros, oder Straßenräuber zu Fuß, zu vertheidigen; er prahlte mit dieſer Waffe ungemein viel, obgleich ich, zur Unehre ſeiner Anführerſchaft, ſagen muß, daß ſie gewöhnlich un⸗ geladen hinter ſeinem Sattel hing. Er war jedoch ein treues, munteres, gutherziges Weſen, voller Phraſen und Sprichwörter, wie jenes Wunder von Knappen, der be⸗ rühmte Sancho ſelbſt, deſſen Namen wir ihm gaben; und als echter Spanier überſchritt er, obgleich wir ihn mit genoſſenſchaftlicher Vertraulichkeit behandelten, nicht einen Augenblick, ſelbſt nicht in ſeiner beſten Laune, die Grenzen des reſpectvollen Anſtandes. So ausgerüſtet und begleitet begaben wir uns auf die Reiſe, in der echten Stimmung, uns zu vergnügen. — 16— Welch ein Land iſt, mit einer ſolchen Stimmung, Spa⸗ nien für einen Reiſenden, wo das elendeſte Wirthshaus voll Abentheuer wie ein bezaubertes Schloß, und jede Mahlzeit an ſich ſchon eine Heldenthat iſt! Laßt andere äber den Mangel regelrechter Straßen und ſtattlicher Gaſthäuſer und all die künſtlichen Behaglichkeiten eines zu Zahmheit und Alltäglichkeit ausgebildeten Landes klagen; aber mir gebt das rauhe Bergklettern, das um⸗ ſchweifende, aufs Gradewohl hingehende Wanderleben, die offenen, gaſtfreundlichen, obwohl halbwilden Sitten, welche dem romantiſchen Spanien einen ſo echten Hoch⸗ geſchmack geben. Unſer erſtes Nachtlager bot etwas der Art dar. Wir kamen nach einer ermüdenden Reiſe über eine weite, hausloſe Ebene, wo Regenſchauer uns wiederholt durch⸗ näßt hatten, nach Sonnenuntergang zu einer kleinen Stadt in den Bergen. In dem Wirthshaus war eine Abtheilung von Miqueletes,*) welche die Gegend durch⸗ ſtreiften, um Räuber zu verfolgen. Die Erſcheinung von Fremden, wie wir, war in dieſer entlegenen Stadt etwas Ungewöhnliches; unſer Wirth ſtudirte mit zwei oder drei alten geſprächigen Kameraden in braunen Män⸗ teln in einer Ecke der Poſada* unſere Päſſe, wäh⸗ rend ein Alguazil bei dem trüben Licht einer Lampe mit Schreiben beſchäftigt war. Die Päſſe waren in frem⸗ den Sprachen und verwirrien ſie, bis unſer Knappe *) Fußjäger. **½) Wirthshaus. — 17— Sancho ſie in ihren Studien unterſtützte und unſere Wichtigkeit mit der Großſprecherei eines Spaniers er⸗ hob. Mittlerweile hatte die großmüthige Vertheilung einiger Cigarren die Herzen aller um uns gewonnen; nach kurzer Zeit ſchien die ganze Gemeinde in Aufruhr, um uns zu bewillkommnen. Der Corregidor ſelbſt machte uns ſeinen Beſuch, und die Wirthin machte mit Ge⸗ pränge einen Armſtuhl mit einem Strohſitz in unſerer Stube für die Bequemlichkeit dieſer wichtigen Perſon zurecht. Der Anführer der Misqueletes aß mit uns zu Nacht, ein lebendiger, geſprächiger, lachluſtiger Anda⸗ luſter, der einen Feldzug in Südamerika mitgemacht hatte, und uns ſeine Liebes⸗ und Kriegsthaten mit vielem Wort⸗ gepräng, heftigem Mienenſpiel und geheimnißvollem Rol⸗ len der Augen erzählte. Er ſagte uns, er habe eine Liſte aller Ränber der Umgegend, und gedenke, einen wie den andern an's Tageslicht zu ziehen; zugleich bot er uns einige ſeiner Soldaten als Geleit an.„Einer reicht hin, Sie zu ſchützen, Sennores; die Räuber ken⸗ nen mich und kennen meine Leute; der Anblick eines einzigen reicht hin, Schrecken in der ganzen Sierra zu verbreiten.“ Wir dankten ihm fur ſein Anerbieten, ver⸗ ſicherten ihn aber in ſeiner eignen Weiſe, unter dem Schutz unſeres gefürchteten Knappen Sancho flößten uns alle Räuber Andaluſtens keine Angſt ein. Während wir mit unſerm eiſenfreſſeriſchen Freunde zu Nacht aßen, hörten wir die Töne einer Guitarre und den Schall von Caſtagnetten, und dann einen Chor von Stimmen, die eine bekannte Melodie ſangen. In der That hatte unſer Wirth die Sänger und Muſiker und 44— 47, 2 — 18— die ländlichen Schönen der Nachbarſchaft zuſammen ge⸗ rufen, und als wir hinaustraten, bot der Hof des Wirths⸗ hauſes eine Scene echt ſpaniſcher Feſtlichkeit dar. Wir nahmen unſere Sitze bei dem Wirthe, der Wirthin und dem Auführer der Patronille unter dem Bogenthor des Hofes; die Guitarre ging von Hand zu Hand, aber ein jovialer Schuhmacher war der Orpheus des Ortes. Er war ein freundlich ausſehender Burſche mit großem ſchwarzem Backenbart; ſeine Aermel waren bis zu den Ellenbogen aufgerollt; er ſpielte die Guitarre meiſter⸗ haft, und ſang kleine verliebte Lieder mit einem ausdrucks⸗ vollen Seitenblick auf die Frauen, bei denen er augen⸗ ſcheinlich ſehr in Gunſt ſtand. Er tanzte dann zur großen Freude der Zuſchauer mit einer drallen andaluſiſchen Maid den Fandango. Aber keine der anweſenden Mädchen konnte ſich unſers Wirthes hübſcher Tochter, Pepita, vergleichen, die ſich weggeſchlichen und ihre Toilette gemacht, und ihren Kopf mit Roſen geſchmückt hatte, und ſich in einem Bolero mit einem ſchönen jungen Dragoner auszeichnete. Wir hatten unſerm Wirth aufgetragen, Wein und Er⸗ friſchungen unter den Leuten herumzugeben, und obgleich die Geſeuſchaft aus einem bunten Gemiſch von Soldaten, Maulthiertreibern und Dörflern beſtand, überſchritt doch niemand die Grenzen nüchterner Beluſtigung. Die Scene konnte eine Studie für Mahler abgeben: die pittoreske Gruppe der Tänzer, die Miqueletes in ihrer halb mili⸗ täriſchen Tracht, die Landleute in ihre braune Mäntel drappirt, auch darf ich des alten magern Alguazil in einem kurzen ſchwarzen Mantel nicht vergeſſen, der an nichts, was um ihn vorging, Theil nahm, ſondern in — 19— einem Winkel ſaß, und emſig bei'm trüben Licht einer großen kupfernen Lampe ſchrieb, welche in den Tagen des Don Quirote eine Rolle geſpielt haben mochte. Ich ſchreibe keinen regelmäßigen Reiſebericht, und beabſichtige keine Schilderung der mannigfaltigen Begeb⸗ niſſe unſerer mehrtägigen Streifereien uͤber Thäler und Höhen, Niederungen und Berge. Wir reiſeten auf echte Schleichhändlerweiſe, indem wir alles das Rauhe wie das Freundliche hinnahmen, wie ſich's fand, und mit al⸗ len Klaſſen und Ständen in einer Art landſtreicheriſcher Genoſſenſchaft verkehrten. Dieß iſt die rechte Weiſe, in Spanien zu reiſen. Da wir die Spärlichkeit der Spei⸗ ſekammer der Wirthshäuſer und die öden Landſtriche kann⸗ ten, welche der Reiſende oft durchziehen muß, ſorgten wir bei der Abreiſe, daß die Alforjas oder Sattelſäcke unſeres Knappen mit kaltem Mundvoorrath gut verſehen, und ſein Bota oder lederne Flaſche, die einen ſtattlichen Umfang hatte, bis zum Hals mit ausgeſuchtem Valde⸗ penas⸗Wein gefüllt war. Da dieſer Kriegsvorrath für unſern Feldzug ſogar wichtiger war, als ſein Trabuco, er⸗ mahnten wir ihn, ein wachſames Auge darauf zu haben, und ich muß ihm die Gerechtigkeit widerfahren laſſen, und ſagen, daß ſein Namensvetter, der leckere Sancho, ſelbſt ihn als ſorglichen Proviantmeiſter nicht übertrei⸗ fen konnte. Obſchon die Alforjas und die Bota auf der Reiſe wiederholt und kräftig angegriffen wurden, ſchienen ſie doch die wunderbare Eigenſchaft zu haben, daß ſie nie leer wurden; denn unſer wachſamer Knappe ſorgte, daß alles, was von unſerer Abendmahlzeit in den Wirths⸗ 2* — 20— häuſern ubrig blieb, eingepackt und für die Zwiſchenmahl⸗ zeit des nächſten Tags aufgehoben wurde. Welche üppigen Nachmittagsmahle hielten wir auf dem grünen Raſen, zur Seite eines Bachs oder Brun⸗ nens, unter einem ſchattigen Baum! und dann welche köſtliche Sieſta's auf unſern Mänteln, die wir auf das Grün breiteten! Wir hielten eines Nachmittags, um ein Mahl die⸗ ſer Art uns zu nehmen. Es war auf einer freundlichen, kleinen, grünen Wieſe, von Hügeln umgeben, die mit Olivenbäumen bedeckt waren. Unter einer Ulme, am Rand eines ſprudelnden Bächleins, waren unſere Män⸗ tel ausgebreitet; auf einem graſigen Platz weideten die los angebundenen Pferde, und Sancho brachte ſeine Al⸗ forjas mit triumphirender Miene. Sie enthielt die Bei⸗ ſtener von vier Reiſetagen, hatte ſich aber dadurch un⸗ gemein vermehrt, daß ein gut verſehenes Wirthshaus zu Antequerra am vergangenen Abend neuen Vorrath lie⸗ ferte. Unſer Knappe zog den verſchiedenartigen In⸗ halt allmählig hervor, und ſchien nicht zum Ende kom⸗ men zu können. Zuerſt erſchien ein geröſteter Bocks⸗ ſchlegel, der durch das Aufheben nicht viel ſchlechter ge⸗ worden war; dann ein ganzes Rebhuhn; dann ein groſ⸗ ſes Stück geſalzenen Stockfiſches, in Papier gewickelt; daun der Reſt eines Schinkens, dann ein halbes Huhn mit verſchiedenen Broden und einem bunten Haufen von Orangen, Feigen, Roſinen und Wallnüſſen. Auch ſeiner Bota war mit trefflichem Malaga⸗Wein nachgeholfen worden. Bei jedem neuen Zug aus dem Sacke ergötzte er ſich an unſerm ſcherzhaften Staunen, warf ſich zurück auf das Gras und lachte wie ein Kind. Dem einfach⸗ gutmüthigen Burſchen gefiel nichts mehr, als wegen ſei⸗ ner Leckerhaftigkeit mit dem berühmten Knappen des Don Quixote verglichen zu werden. Er war in der Ge⸗ ſchichte des Don ſehr beleſen, und hielt ſie, wie die mei⸗ ſten gemeinen Leute in Spanien, für eine wahre Hiſtorie. „Alles das hat ſich aber doch vor langer Zeit zuge⸗ tragen, Sennor?“ fragte er mich eines Tages mit for⸗ ſchendem Blick. „Vor ſehr langer Zeit,“ war die Antwort. „Ich glaube wohl, vor mehr als tauſend Jahren?“ immer noch zweifelhaft ausſehend. „Ich glaube wohl nicht weniger.“ Der Knappe war zufrieden geſtellt. Während wir, wie geſagt, unſer Mahl hielten, und uns an dem einfach drolligen Weſen unſers Knappen be⸗ luſtigten, näherte ſich uns ein Bettler, der faſt das Aus⸗ ſehen eines Pilgers hatte. Er war augenſcheinlich ſehr alt, hatte einen grauen Bart und ſtützte ſich auf einen Stab, doch hatte das Alter ihn noch nicht gebeugt; er war groß und grade, und zeigte die Trümmer einer ſchönen Geſtalt. Er trug einen runden andaluſiſchen Hut, eine Jacke von Schafspelz und lederne Hoſen, Ka⸗ maſchen und Sandalen. Seine Kleidung war alt und geflickt, aber anſtändig, ſein Benehmen männlich; er re⸗ dete uns mit jener ernſten Höflichkeit an, die man bei dem niedrigſten Spanier bemerkt. Wir waren in einer für ſolchen Beſucher günſtigen Stimmung, und gaben ihm in einem Anfall launenhafter Milde etwas Silber, ein ſchönes Waizenbrod und einen Becher von unſerm trefflichen Malagawein. Er nahm dieß erkenntlich an, doch ohne den kriechenden Tribut der Dankbarkeit. Als er den Wein verſucht hatte, hielt er ihn, mit einem leich⸗ ten Strahl des Erſtaunens in ſeinem Auge, gegen das Licht; dann leerte er den Becher auf einen Zug.„Es ſind viele Jahre,“ ſagte er,„daß ich ſolchen Wein nicht gekoſtet habe. Er thut dem Herzen eines alten Mannes wohl.“ Und dann auf das ſchöne Waizenbrod ſchauend: „Bendito sea tal pan“(geſegnet ſey ſolches Brod). Bei dieſen Worten ſteckte er es in ſeine Taſche. Wir dran⸗ gen in ihn, es ſogleich zu eſſen.„Nein, Sennores,“ ſagte er,„den Wein mußte ich trinken, oder hier laſſen; aber das Brod muß ich für meine Familie mit nach Hauſe nehmen.“. Unſer Freund Saucho ſuchte unſer Ange, und da er darin die Erlaubniß las, gab er dem Alten etwas von den reichen Reſten unſers Mahls, jedoch unter der Be⸗ dingung, daß er ſich niederſetze und eſſe. Er nahm alſo ſeinen Sitz in einiger Entfernung von uns, und begann laugſam und mit einer Nüchteruheit und einem Anſtand zu eſſen, der einem Hidalgo Ehre gemacht hätte. Es war etwas Gemeſſenes, eine ruhige Selbſtbeherrſchung in dem alten Mann, die mich glau⸗ ben ließ, er habe beſſere Tage geſehen. Auch ſeine Sprache hatte, obſchon ſie einfach war, gelegentlich etwas ma⸗ leriſches und faſt poetiſches in der Ausdrucksweiſe. Ich hielt ihn für einen herabgekommenen Adligen. Ich irrte mich; es war nichts als die angeborne Sittenfeinheit des Spaniers, und die poetiſche Wendung der Gedan⸗ ken und Worte, wie man ſie oft in den niedrigſten Klaſ⸗ ——————. ſen dieſes geiſtvollen Volkes findet. Fünfzig Jahre, ſagte er uns, ſey er ein Schäfer geweſen, doch jetzt ſey er ohne Beſchäftigung und verlaſſen.„Als ich jung war,“ ſagte er,„konnte mich nichts grämen oder beunruhigen; ich war ſtets geſund, ſtets heiter; aber jetzt bin ich 79 Jahre alt und ein Bettler, und mein Muth fängt an mich zu verlaſſen.“ Doch war er noch kein eigentlicher Bettler; erſt neuerlich hatte ihn der Mangel zu dieſer Erniedrigung getrieben; er gab uns ein rührendes Gemälde von dem Kampf zwiſchen Hunger und Stolz, als die äußerſte Noth über ihn kam. Er kehrte von Malaga ohne Geld zurück; er hatte eine Zeit lang nichts gegeſſen, und mußte eine der größten Ebenen Spaniens, wo ſich nur wenige Wohnungen finden, durchwandern. Als er vor Hunger faß verging, hielt er an der Thüre einer Venta(Wirths⸗ haus auf dem Lande) an.„Perdon usted por Dios, hermano“(entſchuldigt uns um Gottes willen, Bruder), war die Antwort— in Spanien die gewöhnliche Art, einen Bettler abzuweiſen.„Ich wandte mich,“ ſagte er,„hinweg, meine Scham war größer als mein Hun⸗ ger, denn mein Herz war noch zu ſtolz. Ich kam an einen Fluß mit hohen Ufern und tiefer, raſcher Strö⸗ mung, und fühlte mich verſucht, hinein zu ſtürzen. Wozu ſoll, ſagte ich mir, ein ſolcher alter, unnützer, un⸗ glücklicher Mann, wie ich bin, leben? Als ich aber an dem Rande des Ufers war, gedachte ich der gebenedeiten Jungfrau und wandte mich ab. Ich reiſte weiter, bis ich in einiger Entfernung von der Straße einen Land⸗ ſitz ſah. Ich trat an das außere Thor des Hofes. Die — 24— Thuͤre war verſchloſſen, aber an einem Fenſter waren zwei junge Sennora's. Ich näherte mich und bettelte:„Per- don usted eon Dios, hermano“(entſchuldigt uns um Gottes willen, Bruder), und das Fenſter ſchloß ſich. Ich kroch aus dem Hofe, aber der Hunger übermannte mich und meine Kraft brach. Ich glaubte, meine letzte Stunde ſey gekommen, legte mich drum an dem Thore nieder, empfahl mich der heiligen Jungfrau und verhüllte mein Haupt, um zu ſterben. Nach einer Weile kehrte der Herr des Hauſes zurück; da er mich an ſeinem Thore liegen ſah, enthüllte er mein Haupt, fühlte Mit⸗ leid mit meinem grauen Haare, nahm mich in ſein Haus und gab mir zu eſſen. So ſehen Sie, Sennores, daß man ſtets Vertrauen in den Schutz der Jungfrau ſetzen ſollte.“ Der alte Mann war auf dem Weg zu ſeinem Ge⸗ burtsort, Archidona, das ganz nahe, auf dem Gipfel eines ſteilen und rauhen Berges lag. Er zeigte auf die Ruinen eines alten mauriſchen Schloſſes.„Dieſes Schloß,“ ſagte er⸗„wurde zur Zeit der Kriege von Granada von einem mauriſchen König bewohnt. Die Königin Iſabelle umzingelte es mit einem großen Heere; aber der König blickte aus ſeinem Schloſſe in den Wol⸗ ken nieder, und lachte ihrer höhniſch. Darauf erſchien die Jungfrau der Königin, und fuhrte ſie und ihr Heer einen geheimnißvollen Pfad in den Bergen empor⸗ wel⸗ chen vorher noch niemand gekannt hatte. Als der Maure ſie kommen ſah, war er erſtaunt, ſprang mit ſeinem Pferde von einer Klippe und wurde zerſchmettert. Am Rande des Felſens,“ ſagte der alte Mann,„ſieht man — 25— noch heute die Spuren von den Hufen ſeines Roſſes, Und ſehen Sie, Sennores, dort iſt der Weg, auf welchem die Königin und ihr Heer emporſtiegen; Sie ſehen ihn wie ein Band die Seite des Berges hinanziehen; aber das Wunderbare iſt, man ſieht ihn wohl in einiger Ent⸗ fernung, wenn man aber näher kömmt, verſchwindet er.“ Der geglaubte Weg, auf den er zeigte, war ohne Zweifel ein ſandiger Waſſerriß des Berges, welcher in der Entfernung ſchmal und begrenzt ausſah, aber breit und unbeſtimmt wurde, wenn man näher kam. Der Wein erwärmte das Herz des alten Mannes, und er erzählte uns eine Geſchichte von einem vergrabe⸗ nen Schatze, der unter dem Schloſſe des mauriſchen Kö⸗ nigs liege. Sein Haus grenze an die Grundmauer des Schloſſes. Der Pfarrer und der Notar hätten dreimal von dem Schatze geträumt, und begonnen, an dem durch die Träume bezeichneten Orte zu graben. Sein eigener Schwiegerſohn habe den Klang ihrer Bicken und Spa⸗ ten in der Nacht gehört. Niemand wiſſe, was ſie ge⸗ funden; ſie ſeyen plötzlich reich geworden, hätten aber ihr Geheimniß für ſich behalten. So war der alte Mann einſt vor der Thüre des Glückes geweſen, war aber ver⸗ urtheilt, nie mit ihm unter daſſelbe Dach zu kommen. Ich habe bemerkt, daß die in ganz Spanien gäng' und geben Geſchichten von Schätzen, welche die Mauren vergraben, unter den ärmſten Leuten am gangbarſten ſind. Die gütige Natur tröſtet auf dieſe Art mit Schatten für die Entbehrung des Weſentlichen. Der Durſtige träumt von Quelle und ſtrömenden Bächen; der Hungrige von idealen Schmäußen; und der Arme von Haufen verbor⸗ 26— genen Goldes; es gibt gewiß nichts prächtigeres als die Einbildungskraft eines Bettlers. Die letzte Reiſe⸗Skizze, welche ich geben werde, iſt eine Abendſcene in dem Städtchen Lora. Dieß war ein berühmter kriegeriſcher Grenzpoſten zu den Zeiten der Mauren, und Ferdinand wurde vor ſeinen Wellen zu⸗ rückgeworfen. Es war die Schutzwehr des alten Alia⸗ tac, des Schwiegervaters von Boabdil, als der feu⸗ rige alte Krieger mit ſeinem Schwiegerſohn zu ſeinem unglücklichen Ueberfall auszog, welcher mit dem Tode des Anführers und mit der Gefangenſchaft des Monar⸗ chen endigte. Lora liegt wild in einem öden Gebirgs⸗ paſſe, an den Ufern des Penil, unter Felſen und Laub⸗ werk, Wieſen und Gärten. Das Volk ſcheint noch ganz den kühnen, feurigen Geiſt der alten Zeit zu beſitzen. Unſer Gaſthaus war der Stelle angepaßt. Es war im Beſitz einer jungen und ſchönen andaluſiſchen Wittwe, deren niedliche Basquinna von ſchwarzer Seide, mit Glaskorallen beſetzt, das Spiel einer anmuthigen Form und runder gelenker Glieder hervorhob. Ihr Gang war feſt und elaſtiſch; ihr ſchwarzes Auge voll Feuer, und die Koketterie ihres Weſens und der vielfache Schmuck an ihrem Körper zeigte, daß ſie gewohnt war, bewundert zu werden. 3 Ein Bruder, faſt mit ihr von gleichem Alter, paßte trefflich zu ihr; ſie waren vollkommene Vorbilder der andaluſiſchen Majo und Maja. Er war groß, kräftig, ſchön geformt, mit heller Oliven⸗Geſichtsfarbe, einem dun⸗ keln, ſtrahlenden Auge und lockigem, kaſtanienbraunen Backenbart, der unter dem Kinn zuſammengewachſen war. Er war zierlich in eine kurze grüne ſammtne Jacke gekleidet, die ſeiner Geſtalt angepaßt, und verſchwenderiſch mit ſilbernen Knöpfen geſchmückt war, und hatte in jeder Taſche ein weißes Taſchentuch. Die Hoſen waren von demſel⸗ ben Stoff, mit Reihen von Knöpfen von der Hüfte bis zu den Knieen; ein blaßrothes ſeidenes Halstuch, das durch einen Ring zuſammen gehalten ward, und auf einem ſchön gefaͤltelten Hemde ruhte, um den Hals; einen Gürtel um den Leib; Bottina's oder Kamaſchen vom ſchönſten braunen Leder, zierlich ausgenäht und an der Wade offen, um die Strümpfe ſehen zu laſſen, und branne Schuhe, die einen ſchön geformten Fuß hervorhoben. Während er an der Thüre ſtand, kam ein Reiter die Straße herab, und begann eine leiſe und ernſthafte Unterhaltung mit ihm. Er war in ähnlicher Weiſe ge⸗ kleidet und faſt mit gleicher Zierlichkeit; ein Mann ge⸗ gen dreißig, ſtark gebaut, mit kräftigen römiſchen Ge⸗ ſichtszügen, ſchön, obgleich leicht von den Blattern zer⸗ riſſen, mit einem freien, kühnen und etwas anmaßenden Weſen. Sein kräftiges ſchwarzes Pferd war mit Tro⸗ deln und fantaſtiſchem Putz geſchmückt, und ein Paar weitgemündete Büchſen hingen hinter dem Sattel. Er hatte das Anſehen eines jener Schleichhändler, welche ich in den Bergen von La Ronda geſehen hatte, und ſtand offenbar im Einverſtändniß mit dem Bruder der Wir⸗ thin; ja, wenn ich nicht irre, war er ein Liebling der Wittwe. Das ganze Wirthshaus und ſeine Bewohner hatte in der That etwas von ſchleichhändleriſchem Anſe⸗ hen, und die Büchſe ſtand in einem Winkel neben der Guitarre. Der Reiter, deſſen ich gedachte, brachte ſeinen Abend in der Poſada zu, und ſang mehrere kecke Ge⸗ birgslieder mit vieler Lebhaftigkeit. Während wir zu Nacht aßen, kamen zwei arme Aſturier herein, und ba⸗ ten um Speiſe und Nachtherberge. Sie waren auf einem Markt im Gebirge geweſen, Räuber hatten ſie auf dem Rückweg angefallen, ihnen ein Pferd genommen, das ihren ganzen Waaren⸗Vorrath trug, ſie ihres Gel⸗ des und des größten Theils ihrer Kleidung beraubt, ſie geſchlagen, weil ſie ſich widerſetzt, und ſie faſt nackt auf der Straße gelaſſen. Mein Gefährte befahl mit dem raſchen Edelſinne, der ihm eigen, daß man ihnen Nacht⸗ eſſen und ein Bett geben ſolle, und ſchenkte ihnen eine Summe Geldes, damit ſie ihre Heimath erreichen könnten. Mit dem Vorſchreiten des Abends vermehrten ſich die Perſonen des Drama's. Ein dicker Mann, ungefähr ſechzig Jahre alt, von kräftiger Geſtalt, kam herein, um mit der Wirthin zu ſchwatzen. Er war in der ge⸗ wöhnlichen andaluſiſchen Tracht, hatte aber einen großen Säbel unter dem Arme ſtecken; er trug einen großen Schnurrbart und hatte ein etwas großthueriſches, win⸗ diges Weſen. Alles ſchien ihn mit großer Ehrerbietung zu behandeln. Unſer Burſche Sancho flüſterte uns zu, es ſey Don Ventura Rodriguez, der Held und Kämpe von Lora, berühmt wegen ſeiner Kühnheit und der Kraft ſeines Armes. Zur Zeit des franzöſtſchen Einfalls überraſchte er ſechs Reiter, die eingeſchlafen waren; er brachte erſt ihre Pferde in Sicherheit, griff ſie dann mit ſeinem Sä⸗ bel an, tödtete einen und nahm die übrigen gefangen. Wegen dieſer Thatt bewilligte ihm der König eine Pe⸗ — 29— ſeta(den fünften Theil eines Duro oder Thalers) täglich, und verlieh ihm den Titel eines Don. Es ergötzte mich, das hochfahrende ſeiner Sprache und ſeines Benehmens zu beachten. Er war ſichtbar ein ächter Andaluſter, ſo prahleriſch als hrav. Sein Säbel war ſtets in ſeiner Hand oder unter ſeinem Arm. Er trägt ihn überall mit ſich herum, wie ein Kind ſein Spielzeug, nennt ihn ſeinen Santa Tereſa und ſagt, wenn er ihn ziehe,„trempla la tierra“ zittere die Erde. Ich ſaß bis ſpät in die Nacht da, und lauſchte den vielfachen Geſprächen dieſer dunten Gruppe, welche mit der Rückhaltsloſtgkeit einer ſpaniſchen Poſada mit einan⸗ der verkehrten. Wir hörten Schleichhändlerlieder, Räu⸗ bergeſchichten, Guerillathaten, und manriſche Legenden. Die letzteren waren von unſerer ſchönen Hausfrau, welche einen poetiſchen Bericht von den Infiernos, oder den Höllenlegionen von Lora mittheilte— dunkle Höhlen, in denen unterirdiſche Ströme und Waſſerfälle einen ge⸗ heimnisvollen Ton hervorbringen. Das gemeine Volk ſagt, es ſeyen dort Geldmünzer ſeit der Zeit der Man⸗ ren eingeſchloſſen, und die mauriſchen Könige bewahrten ihre Schätze in dieſen Höhlen. Wenn es der Zweck dieſes Werkes wäre, könnte ich alle ſeine Blätter mit den Begebenheiten und Sce⸗ nen unſerer Wanderung anfüllen; aber mich ladet ein anderer Vorwurf ein. Auf dieſe Weiſe reiſend, kamen wir endlich aus dem Gebirge, und betraten die ſchöne Vega von Granada. Wir verzehrten hier unſer letztes Mittagsmahl unter einer Gruppe von Olivenbäumen, am Rand eines Bächleins, die alte mauriſche Hauptſtadt — 30— in der Entfernung, und von den röthlichen Thürmen der Alhambra*⁴) belebt, während ferne darüber die ſchneeigen Gipfel der Sierra Nevada wie Silber glänzten. Der Tag war ganz wolkenlos, und die Hitze der Sonne durch den kühlen Wind aus dem Gebirge gemäßigt; nach dem Mahle breiteten wir unſere Mäntel aus, und hielten un⸗ ſere letzte Sieſta, von dem Geſumm der Bienen in den Blüthen und dem Girren der Ringeltauben in den na⸗ hen Olivenbäumen eingelullt. Als die heißen Stunden vorüͤber waren, ſetzten wir unſere Reiſe fort; der Weg führte durch Aloegebüſch und indiſche Feigen und durch ein Labyrinth von Gärten; gegen Sonnenuntergang ka⸗ men wir an die Thore von Granada. Der Reiſende, der von einem Gefuhl für das Hi⸗ ſtoriſche und Poetiſche durchdrungen iſt, ſieht in der Alhambra einen eben ſo würdigen Gegenſtand der Ver⸗ ehrung, wie jeder echte muhametaniſche Pilger in dem Kaaba oder dem heiligen Hauſe von Mekka. Wie vtele wahre und fabelhafte Legenden und Erzählungen; wie viele, ſpaniſche und arabiſche Geſaͤnge und Romanzen von Liebe, Krieg und Ritterlichkeit ſind mit dieſem ro⸗ mantiſchen Gebände verbunden! Der Leſer kann ſich daher unſere Freude denken, als uns der Gouverneur der Alhambra kurz nach unſerer Ankunft zu Granada *) d. h. die rothe(Burg), ſo genannt, weil die Strahlen der Sonne ſich dort zuerſt des Morgens röthen, oder wegen der Farbe des Geſteins, aus dem ſie gebaut iſt. — 31— die Erlaubniß gab, ſeine unbewohnften Gemächer in dem mauriſchen Palaſte zu bewohnen. Mein Gefährte wurde bald von den Pflichten ſeines Standes hinweggerufen; ich aber blieb mehrere Monate an das alte bezauberte Gebäude feſtgebannt. Die folgenden Blätter ſind das Ergebniß meiner Träumereien und Unterſuchungen wäͤh⸗ rend dieſer köſtlichen Zeit. Wenn ſie im Stande ſind, etwas von den bezaubernden Reizen des Ortes, der Ein⸗ bildungskraft des Leſers mitzutheilen, ſo wird er es nicht bereuen, eine Zeit lang mit mir in den ſagenvollen Hal⸗ len der Alhambra zu verweilen. Befehlshaberſchaft der Alhambra. — Die Alhambra iſt eine alte Veſte oder ein ummaner⸗ ter Palaſt der mauriſchen Könige von Granada, wo ſte über ihr gerühmtes irdiſches Paradies geboten, und wo ihre Herrſchaft über Spanien am längſten währte. Der Palaſt nimmt nur einen Theil der Veſtung ein, Zu den Zeiten der Mauren konnte die Veſtung ein Heer von vierzig tauſend Mann in ihrem Umfang einſchließen, und diente gelegentlich als feſter Platz für die Herrſcher gegen ihre aufrühreriſchen Unterthanen. Als das Königreich in chriſtliche Hände gekommen war, blieb die Alhambra ein königliches Beſitzthum, und wurde zuweilen von den kaſtiliſchen Monarchen bewohnt. Karl der Fünfte begann ein koſtbares Gebände in ihrem Um⸗ kreis aufzuführen; wiederholte Erdſtöße aber ſchreckten ihn von der Volleendung ab. Die letzten königlichen Be⸗ wohner waren Philipp V. und die ſchöne Königin Eli⸗ ſabeth von Parma, am Anfange des achtzehnten Jahr⸗ hunderts. Man machte große Vorbereitungen zu ihrer Aufnahme. Der Palaſt und die Gärten wurden eini⸗ germaßen hergeſtellt, eine neue Reihe von Gemächern gebaut, und von italieniſchen Künſtlern ausgeſchmückt. Der Aufenhalt des Herrſcherpaars war vorübergehend⸗ und nach ihrer Abreiſe wurde der Palaſt wieder öde und verlaſſen. Doch wurde der Platz mit einigem militäri⸗ ſchen Prunk erhalten. Der Statthalter hatte ihn un⸗ mittelbar von der Krone; ſeine Gerichtsbarkeit erſtreckte ſich auf die Vorſtädte hinab, und war unabhängig von dem Oberbefehlshaber von Granada. Eine bedeutende Garniſon wurde beibehalten, der Kommandant hatte ſeine Zimmer auf der Vorderſeite des alten mauriſchen Palaſtes, und kam nie ohne ein militäriſches Geleite nach Granada. Die Veſte war freilich eine kleine Stadt an ſich, da ſie mehrere Straßen mit Häuſern innerhalb ihrer Mauern hatte, ſowie ein Franziskanerkloſter und eine Pfarrkirche⸗ Die Entfernung des Hofes war jedoch ein Unglück für die Alhambra. Ihre ſchönen Säle wurden öde, und einige verfielen in Trümmer; die Gärten wueden ver⸗ n — 333— wüſtet, und die Brunnen hörten auf zu ſpringen. All⸗ mählig füllten ſich die Wohnungen mit einer zweideuti⸗ gen und geſetzloſen Bevölkerung; mit Schleichhändlern, welche die unabhängige Gerichtsbarkeit des Platzes in Anſpruch nahmen, um ihr Schmuggler⸗Gewerbe dreiſt und ausgedehnt zu betreiben; mit Dieben und Schur⸗ ken aller Art, welche hierher flüchteten, um Granada und ſeine Umgebungen von dieſem Punkte aus zu plün⸗ dern. Die Regierung ſchritt zuletzt kräftig ein; die ganze Gemeinde wurde einer durchgehenden Prüfung unterwor⸗ fen; niemand durfte bleiben, als der, welcher einen ehr⸗ baren Charakter und ein geſetzliches Recht des Aufent⸗ haltes hatte; der größere Theil der Häuſer wurde nie⸗ dergeriſſen, und es blieb ein bloßes Dörfchen mit der Pfarrkirche und dem Franziskanerkloſter. Als Gra⸗ nada, während der neuen Unruhen in Spanien, in den Händen der Franzoſen war, lag eine franzöſiſche Beſatzung in der Alhambra, und die Oberoffiziere bewohnten zu⸗ weilen den Palaſt. Mit jenem erleuchteten Geſchmacke, der die franzöſiſche Nation ſtets bei ihren Siegen aus⸗ zeichnete, wurde dieß Monument mauriſcher Eleganz und Größe von dem gänzlichen Ruin und der Zerſtörung, der es anheim gegeben war, gerettet. Die Daͤcher wur⸗ den hergeſtellt, die Säle und Galerieen vor dem Wetter geſchirmt, die Gärten angebaut, die Waſſerleitungen wieder hergeſtellt, die Brunnen verſendeten wieder ihre glänzenden Waſſerſtrahlen; und Spanien darf ſeinen Eroberern danken, daß ſie ihm das ſchönſte und anzie⸗ hendſte ſeiner hiſtoriſchen Monumente erhalten hat. Bei der Abreiſe der Franzoſen ſprengten ſte einige 44— 47. 3 — 34— Thürme an der äußern Mauer, nund ließen die Veſtung in einem kaum haltbaren Zuſtande. Seit dieſer Zeit hat die militäriſche Wichtigkeit des Platzes ein Ende. Die Beſatzung beſteht aus einer handvoll Invaliden, deren Hauptdienſt darin beſteht, einige der äͤußern Thürme, die gelegenheitlich als Staatsgefängniß dienen, zu bewachen; und der Statthalter verläßt die luftige Höhe der Al⸗ hambra, und wohnt, zu bequemerer Erledigung ſeiner Dienſtpflicht, in der Mitte von Granada. Ich kann dieſe kurze Nachricht von dem Zuſtand der Veſte nicht ſchließen, ohne der ehrenvollen Bemühungen ihres jetzi⸗ gen Statthalters, Den Francisco de Gerna, zu geden⸗ ken, der alle die beſchränkten Hülfsmittel, über die er zu gebieten hat, benützte, um den Palaſt in wohnlichem Stande zu erhalten, und durch ſeine kluge Vorſicht ſei⸗ nen zu gewiſſen Verfall verzögert hat. Wären ſeine Vorgänger den Pllichten ihres Poſtens mit gleicher Treue nachgekommen, ſo wäre die Alhambra noch faſt in ihrer früͤheren Schönheit geblieben; unterſtützte die Regierung ihn mit Mitteln, welche ſeinem Eifer gleich kämen, ſo dürſte dieſes Gebäude noch erhalten werden, um das Land zu ſchmücken, und die Neugierigen und Aufgeklär⸗ ten jedes Himmelſtriches manche Lebensalter hindurch anzuziehen.— Das Innere der Alhambra. Die Alhambra iſt ſo oft und ſo genan von Reiſen⸗ den beſchrieben worden, daß eine bloße Skizze wahr⸗ ſcheinlich hinreichen wird, dem Leſer das Ganze in das Gedächtniß zurückzurufen; ich will daher eine kurze Nachricht von dem Beſuche geben, den wir am Morgen nach unſerer Ankunft zu Granada dort abgeſtattet haben. Indem wir unſere Poſada„La Eſpanda“ verließen, ſchritten wir über den berühmten Platz von Vivarram⸗ bla, einſt die Scene mauriſcher Tourniere und Kampf⸗ ſpiele, jetzt ein beſuchter Marktplatz. Von da kamen wir in das Zacatin, die Hauptſtraße deſſen, was zu der mauriſchen Zeit der Bazaar war, wo die kleinen Läden und engen Gäßchen noch den orientaliſchen Charakter bewahren. Nun gingen wir über einen offenen Platz vor dem Hauſe des Oberbefehlshabers, und ſtiegen eine enge, gewundene Straße hinauf, deren Name uns an die ritterlichen Tage von Granada erinnerte. Man heißt ſie„Calle,“ oder Straße der Gomeres, von einer in der Geſchichte und in Geſängen berühmten mauri⸗ ſchen Familie. Dieſe Straße führte zu einem maſſtven Thorweg, der, in griechiſchem Styl, von Karl V. erbant, den Eingang zu den Bezirken der Alhambra bildet. Am Thore ſchliefen auf einer ſteinernen Bank zwen zerlumpte, abgelebte Soldaten, die Nachfolger Zegris 3* und der Abencerragen, während ein langer, hagerer Burſche, deſſen roſt⸗brauner Mantel augenſcheinlich dazu diente, den zerlumpten Zuſtand der Unterkleidung zu bedecken, im Sonnenſchein ſich gütlich that und mit einer alten Schildwache im Dienſt plauderte. Er kam, als wir in das Thor traten, zu uns und erbot ſich, uns das Schloß zu zeigen. Ich theile das Mißfallen der Reiſenden an dienſt⸗ fertige Ciceroni und fand auch an dem Kleid des Erbö⸗ tigen keinen Gefallen. „Ich hoffe, Ihr ſeyd mit dem Orte gut bekannt?“ „Ninguno mas; pues Sennor, soy hijo de la Al- hambra.“(Niemand beſſer, denn, Herr ich bin ein Sohn der Alhambra.) Der gemeine Spanier hat gewiß eine ſehr poetiſche Art ſich auszudrücken.„Ein Sohn der Alhambra!“ Der Name gewann mich alsbald; ſelbſt das zerriſſene Gewand meines neuen Bekannten erhielt eine gewiſſe Würde in meinen Augen. Es war ein Sinnbild der Schickſale des Ortes und paßte zu der Nachkommenſchaft einer Ruine. Ich ſtellte ihm einige fernere Fragen und fand ſeine Anſprüche geſetzmäßig. Seine Familie hatte von Ge⸗ ſchlecht zu Geſchlecht ſeit der Zeit der Eroberung in der Beſte gelebt. Sein Name war Mateo Pimenes.„Dann ſeyd Ihr vielleicht,“ ſagte ich,„ein Nachkomme des großen Kardinals NXimenes?“—„Dios sabe! das weiß Gott, Sennor. Es kann ſeyn. Wir ſind die älteſte Familie in der Alhambra,— Christianos viejos, aitte Chriſten, ohue einen Mackel von Maunren oder Juden. Ich weiß, daß wir irgend einer großen Familie ange⸗ bören, aber ich vergaß, welcher. Mein Vater kennt das alles genau: denn er hat das Wappenſchild in der Hütte, droben in der Veſte, aufgehängt.“ Es gibt keinen noch ſo armen Spanier, der nicht einige Anſprüche auf eine hobe Abſtammung hätte. Die erſte Bezeichnung dieſes zerlumpten Herrn hatte mich jedoch vollkommen gewon⸗ nen, ſo daß ich die Dienſte des„Sohnes der Alhambra“ gern annahm.. Wir kamen jetzt in eine tiefe, enge Schlucht, mit ſchoͤnem Gebüſch angefüllt, und zu einem ſteilen Aufweg, und vielen Fußpfaden, die ſich durch denſelben wanden, mit ſteinernen Sitzen zur Seite und mit Brunnen ver⸗ ziert. Zu unſerer Linken ſahen wir die Thürme der Alhambra über uns emporragen; zur Rechten, auf der entgegengeſetzten Seite der Schlucht, überragten uns gleichfalls zwei aufſtrebende Thuͤrme auf der felſigen Höhe. Wir hörten, dies ſeyen die Torres vermejos, oder die rothen Thuͤrme, wegen ihrer Farbe ſo genaunt. Man kennt ihren Urſprung nicht. Sie ſind viel älter als die Alhambra: einige glauben, ſie ſeyen von den Römern erbaut worden, andere, von einer wandernden Kolonie der Phönizier. Indem wir den ſteilen und ſchattigen Aufgang hinaufſtiegen, kamen wir an den Fuß eines großen, viereckigen mauriſchen Thurms, der eine Art von Warte bildete, durch die der Haupteingang in die Veſte führte. In der Warte war eine zweite Gruppe alter Invaliden, deren einer am Portal Wache ſtand, wãh⸗ rend die andern, in ihre zerfetzte Mäntel gehuͤllt, auf den ſteinernen Bänken ſchliefen. Dieſes Portal heißt — 38— man das Thor der Gerechtigkeit, von dem Gerichte, welches während der mohamedaniſchen Herrſchaft zum un⸗ mittelbaren Richterſpruch über bleine Streitſachen in dem bedeckten Gang deſſelben gehalten wurde, eine Sitte, welche der orientaliſchen Nation gemein iſt und auf die in der heiligen Schrift gelegentlich angeſpielt wird. Die große Vorhalle, oder den Thorgang bildet ein unermeßlicher arabiſcher Bogen, in Form eines Hufeiſens zur halben Höhe des Thurmes emporſpringend. Auf dem Schlußſtein dieſes Bogens iſt eine rieſige Hand einge⸗ hauen. In dem Gange, auf dem Schlußſtein des Por⸗ tals, iſt in gleicher Art ein gigantiſcher Schlüſſel zu ſe⸗ hen. Die, welche einige Kenntniß von den mohamedani⸗ ſchen Symbolen zu haben glauben, behaupten, die Hand ſey das Sinnbild der Wiſſenſchaft, der Schlüſſel das des Glaubens; der letztere, ſagen ſie, ſey auf der Fahne der Mosleminen zu ſehen geweſen, als ſie Andaluſien unterjochten— ein Gegeuſtück zu dem chriſtlichen Sinn⸗ bild des Kreuzes. Eine andere Erklärung gab uns aber der rechtmäßige Sohn der Alhambra, die auch mehr in Einklang mit den Anſichten des gemeinen Volkes war, an alles, was mauriſch iſt, etwas Geheimnißvolles und Magiſches knüpft und jede Art Aberglauben mit dieſer alten mohamedaniſchen Veſte verbindet. Mateo zufolge war es eine von den älteſten Bewoh⸗ gern herrührende Sage, die er von ſeinem Vater und Großvater gehört hatte, daß die Hand und der Schlüſ⸗ ſel magiſche Bilder ſeyen, von denen das Schickſal der Alhambra abhänge. Der mauriſche König, der ſie ge⸗ baut, ſey ein großer Zauberer geweſen, oder habe ſich, — 39 wie einige glauben, dem Teufel verſchrieben gehabt und habe die ganze Veſte unter einen Zauberbann gelegt. Dadurch war ſie mehrere hundert Jahre geſtanden, trotz Stürmen und Erdbeben, waͤhrend faſt alle andern man⸗ riſchen Gebäͤnde zerfallen oder verſchwunden wären. Die⸗ ſer Zauber, ging die Sage weiter, würde dauern, bis die Hand an den äußern Bogen nieder reiche und den Schlüſſel ergreife, wo denn das ganze Gebäude in Trüm⸗ mer zerfallen und alle von den Manren unter demſelben vergrabenen Schätze an das Licht kommen würden. Trotz dieſer unheilſchwangern Prophezeiung wagten wir es, durch den bezauberten Thorweg zu ſchreiten, in⸗ dem wir ein wenig Zuverſicht gegen die Zauberkünſte in dem Schutze der Jungfrau fanden, von der wir eine Statue über dem Portal bemerkten. Wir gingen durch die Warte, ſtiegen eine kleine, durch Mauern ſich windende Gaſſe hinan und kamen auf eine offene Esplanade innerhalb der Veſte, die Plaza de los Algibes, oder Platz der Ciſternen genannt, wegen der großen Waſſerbehälter unter demſelben, welche zum Bedarf der Veſte von den Mauren in den lebendigen Fels gehauen wurden. Auch iſt hier ein Brunnen von unermeßlicher Tiefe, welcher das klarſte und kälteſte Waſſer liefert,— ein ferneres Denkmal des zarten Ge⸗ ſchmacks der Mauren, welche in ihren Bemühungen, die⸗ ſes Element in ſeiner kryſtallnen Reinheit zu erhalten, unermüdlich waren. Auf der Vorderſeite dieſer Eeplanade iſt das glän⸗ zende Gebäude, welches Karl V. angefangen und das, wie man ſagt, die Wohnung der mauriſchen Könige — 40— abertreffen ſollte. Bei all ſeiner Größe und ſeinem ar⸗ chitektoniſchen Werth erſchien es uns wie eine anmaßende Aufdringlichkeit; wir gingen vorüber und traten in ein einfaches anſpruchloſes Portal, das in das Innere des mauriſchen Palaſtes führte. Der Uebergang war beinahe magiſch; es ſchien als wären wir plötzlich in andere Zeiten und in ein anderes Reich verſetzt und beträten die Szenen der arabiſchen Geſchichte. Wir fanden uns in einem großen Hofe, mit weißem Marmor gepflaſtert und an jedem Ende mit leichten manriſchen Säulengängen geziert: er heißt der Hof der Alberca. In der Mitte war ein großes Baſin, oder ein Fiſchteich, 130 Fuß lang und 30 Fuß breit, mit Goldſiſchen beſetzt und von Roſenhecken begrenzt. An dem obern Ende dieſes Hofes ſtieg der große Thurm bes Comares empor. Aus dem untern Ende gingen wir durch einen mau⸗ riſchen Thorweg in den berühmten Löwenhof. Kein Theil des Gebäudes gibt uns eine vollkommnere Idee von der urſprünglichen Schönheit und Pracht, als dieſes, denn 4 keiner hat von den Verwüſtungen der Zeit weniger ge⸗ litten. In der Mitte iſt der in Liedern und der Ge⸗ ſchichte berühmte Brunnen. Die Alabaſter Baſins er⸗ gießen noch ihre Diamant⸗Tropfen: und die zwölf Lö⸗ wen, welche ſie tragen, ſpenden ihre Kryſtal⸗Ströme wie zu den Zeiten Boabdil's. Der Hof iſt mit Blumen⸗ Beeten ausgelegt und von leichten arabiſchen Arkaden von durchbrochener Gold⸗Arbeit umgeben, welche von leichten weißen Marmorſäulen getragen werden. Eher Eleganz als Größe charakteriſirt die Architectur hier, — 11— wie in allen andern Theilen des Palaſtes; es gibt ſich ein zarter und zierlicher Geſchmack und eine Neigung zu müßigem Vergnügen überall kund. Wenn man auf die feenhafte Zeichnung der Säulengänge und das an⸗ ſcheinend gebrechliche Schnitzwerk an den Wänden ſieht, wird es ſchwer zu glauben, daß ſo vieles den Sturm der Zeit, die Verwuͤſtung der Erdbeben, die Verheerung des Kriegs, und die ſtille, aber nicht minder verderbliche Diebshand des gebildeten Reiſenden überlebt hat; es reicht beinahe hin, die Volksſage zu entſchuldigen, das Ganze werde durch einen Zauber geſchirmt. Auf der einen Seite des Hofes öffnet ſich ein reich verziertes Portal in einen hohen Saal, deſſen Boden mit weißem Marmor ausgelegt iſt und welcher der Saal der zwei Schweſtern heißt. Eine Kuppel oder Laterne gewährt eine mäßige Beleuchtung von oben und freien Luftzug. Der untere Theil der Mauern iſt mit ſchönen mauriſchen Ziegelplatten belegt, auf denen man hier und da die Wappen der mauriſchen Monarchen gemalt ſieht; der obere Theil iſt mit dem ſchönen Stucco bedeckt, das zu Damascus erfunden ward und aus großen, in For⸗ men gegoſſenen und kunſtreich zuſammengeſetzten Platten beſteht, ſo daß das Ganze mühevoll mit der Hand in leichte Reliefs und fantaſtiſche Arabesken, mit Sprüchen aus dem Koran und poetiſchen Inſchriften, in arabiſchen und cufiſchen Charakteren untermiſcht, ausgearbeitet ſcheint. Dieſe Verzierungen der Wände und Kuppeln ſind reich vergoldet und die Zwiſchenräume mit Laſur⸗ ſtein und andern glänzenden und dauerhaften Farben ausgemalt. An jeder Seite des Saales ſind Vertie⸗ fungen für Ottomanen und Ruhebette. Ueder dem in⸗ nern Durchgang iſt ein Balkon, der mit den Frauen⸗ gemächern in Verbindung ſtand. Die vergitterten„Ja⸗ louſten,“ von welchen die dunkeläugigen Schönheiten des Harem's ungeſehen auf die Freuden des Saals her⸗ abblicken konnten, ſind noch zu ſehen. Es iſt unmöglich, auf dieſem ehemaligen Lieblingsſltz orientaliſcher Sitten zu ſchauen, ohne die frühern An⸗ klänge der arabiſchen Mährchenwelt zu fühlen, und faſt zu erwarten, daß der weiße Arm irgend einer geheimniß⸗ vollen Prinzeſſin von dem Balkone winke, oder ein ſchwarzes Auge durch das Gitter blicke. Der Sitz der Schönheit iſt hier, als habe ſle erſt geſtern hier geweilt; ader wo ſind die Zoraydas und Lindaraxas! Auf der entgegengeſetzten Seite des Löwenhofes iſt der Saal der Abencerragen; ſo genannt von den edlen Rittern dieſes erlauchten Stammes, der hier hinterliſtig ermordet wurde. Manche zweifeln an der ganzen Wahr⸗ heit dieſer Geſchichte; allein unſer demuthsvoller Diener Mateo zeigte uns das Pförtchen des Portals, durch wel⸗ ches ſie, einer nach dem andern eingeführt wurden, und den weißen Marmorbrunnen in der Mitte des Saals, wo man ſie enthauptete. Er wieß auch auf gewiſſe röth⸗ liche Flecken auf dem Fußboden; Blutſpuren, welche, nach dem Glauben des Volkes, unverlöſchlich ſind. Da er fand, daß wir ihm leichtgläubig zuhörten, ſetzte er hinzu, man höre oft Nachts in dem Löwenhofe einen leiſen, unbeſtimmten Ton, der dem Murmeln einey Menſchenſchaar gleiche, und dann und wann ein ſchwaches Klingeln, wie fernes Kettenklirren. Dieſes Geräuſch wird wahrſcheinlich durch das ſprudelnde Fließen und den klingenden Fall des Waſſers hervorgebracht, das unter dem Fußboden durch Röhren und Kanäle in die Brunnen geleitet wird; nach der Erzählung des Sohnes der Alhambra aber geht er von den Geiſtern der ermor⸗ deten Abencerragen aus, welche dieſe Scene ihrer Leiden nächtlich beſuchen und die Rache des Himmels auf ihre Mörder herabrufen. Aus dem Löwenhofe gingen wir in den Hol der Alberca, oder des großen Fiſchteiches zurück, ſchritten durch dieſen nnd kamen zu dem Thurm des Comares, nach dem Namen des arabiſchen Baumeiſters ſo genannt. Er iſt von ſtarkem Bau und ſtolzer Höhe, denn er be⸗ herrſcht das übrige Gebäude und überragt die ſteile Hü⸗ gelſeite, welche ſich jählings zu den Ufern des Durro hinabſenkt. Ein mauriſcher Bogengang führte uns in einen weiten, hohen Saal, welcher das Innere des Thur⸗ mes einnimmt und das große Audienz⸗Gemach der ara⸗ biſchen Monarchen war und daher den Namen des Ge⸗ ſandten⸗Saales hatte. Er trägt noch Spuren ſeiner ehemaligen Pracht. Die Wände ſind reich mit Stucco belegt und mit Arabesken verziert; das Tafelwerk der gewölbten Decke, aus Zedernholz gefertigt und der Höhe wegen faſt ganz unſichtbar, glänzt noch in reicher Ver⸗ soldung und den glänzenden Farben des arabiſchen Pin⸗ ſels. Auf drei Seiten des Saals ſind dieſe Fenſter durch die ungemein dicken Mauern gehauen, deren Balkone auf das grünende Thal des Durro, die Straßen und Kloſter des Albaycin blicken und eine Ausſicht auf die ferne Vega gewähren. — 44— Ich koͤnnte fortfahren, die übrigen ſchönen Gemächer dieſer Seite des Palaſtes im Einzelnen zu beſchreiben; den Tocador, oder das Toilettenzimmer der Königin, ein offenes Belvedere, auf der Höhe eines Thurmes, wo die mauriſchen Sultaninnen die reine von dem Gebirg we⸗ hende Luft und die Ausſicht auf das Paradies umher genoſſen; den abgeſchloſſenen kleinen Patio, oder Garten der Lindarara mit ſeinem Alabaſter⸗Brunnen, ſeinem Roſen⸗ und Myrthen⸗, Citronen⸗ und Orangen⸗Gebüſch; die kühlen Säle und Grotten der Bäder, wo der Glanz und die Hitze des Tages zu einem ſanften geheimnißvollen Licht und einer ſteten Friſche gemaͤßigt ſind. Allein ich enthalte mich, bei dieſen Gemälden zu verweilen; meine Aufgabe iſt blos, den Leſer im Allgemeinen in eine Wob⸗ uung einzuführen, wo er, wenn er dazu geneigt iſt, die folgenden Blätter hindurch bei mir weilen und ſich all⸗ mählig mit allen Oertlichkeiten derſelben vertraut ma⸗ chen mag. Ein reicher Vorrath von Waſſer, durch alte mauz riſche Waſſerleitungen aus dem Gebirg hierher geführt, iſt im ganzen Palaſt vertheilt, füllt ſeine Bäder und Fiſchteiche, funkelt in Strahlen in ſeinen Sälen oder murmelt in Röhren das Marmorpflaſter entlang. Wenn es der königlichen Wohnung ſeinen Tribut gebracht und deren Gärten und Weiden beſucht hat, fließt es den lan⸗ gen Weg, der in die Stadt führt, nieder, in kleinen Bächen klingend, in Brunnen ſtrömend und ein ſtetes Grün in den Laubengängen erhaltend, welche den gan⸗ zen Hügel der Alhambra umhüllen und verſchönern. Nur wer in dem heißen Klima des Südens gewohut hat, kann die Freuden einer Wohnung ſchaͤtzen, welche die wehende Kühlung des Gebirgs und die Friſche und Grüne des Thals verbindet. Während die Stadt unten in der Nachmittagshitze ſchmachtet und die ausgedurrte Vega vor dem Auge zit⸗ tert, ſpielen die zarten Lüfte von der Sierra Nevada durch dieſe hohen Säle und bringen die Süße der Gär⸗ ten umher mit ſich. Alles ladet zu jener trägen Ruhe, dem Glücke des ſüdlichen Klima's, ein; und während das halbgeſchloſſene Auge von beſchatteten Balkons auf die glänzende Landſchaft hinaus ſieht, wird das Ohr vom Rauſchen des Laubwerks und dem Murmeln der fließenden Waſſer eingewiegt. Der Thurm des Comares. Der Leſer hat das Innere der Alhambra flüchtig überſchaut und wird nun auch eine allgemeine Vorſtellung von deſſen Umgebung zu haben wünſchen. Der Morgen iſt heiter und lieblich; die Sonne hat noch nicht Kraft genug erlangt, die Friſche der Nacht zu vernichten; wir wollen auf die Spitze des Thurmes des Comares ſteigen und Granade und deſſen Umgebungen überſchauen. Komm denn, werther Leſer und Gefäͤhrte, folge mei⸗ nen Schritten in dieſe Vorhalle, die mit reichem Bild⸗ werk geſchmückt iſt und in den Geſandten⸗Saal führt. Wir wollen aber nicht in den Saal treten, ſondern uns links zu dieſer kleinen Thüre wenden, die ſich in der Mauer öffnet. Gieb Acht! hier iſt eine ſteile Wendel⸗ Treppe und nur ſpärliches Licht; doch auf dieſer engen, dunklen, gewundenen Treppe ſind die ſtolzen Herrſcher von Granada und ihre Gemahlinnen oft zu den Zinnen des Thurms emporgeſtiegen, um der Annäherung der chriſtlichen Heere zu achten, oder auf die Kämpfe in der Vega zu ſchauen. Endlich ſind wir an dem Dache oben und können einen Augenblick Athem holen, während wir einen allgemeinen Blick auf das glänzende Panorama von Stadt und Land; von felſigem Gebirg, grünem Thal und fruchtbarer Ebene; von Schloß, Kathedrale, manriſchen Thürmen und gothiſchen Domen; von zer⸗ fallenden Ruinen und blühenden Laubgängen werfen. Laß uns zu den Zinnen treten und unmittelbar nie⸗ derblicken. Sieh, auf dieſer Seite haben wir den ganzen Plan der Alhambra vor uns ausgebreitet und können in ihre Höfe und Gärten niederſehen. Am Fuße des Thurms iſt der Hof der Alberca mit ſeinem großen Be⸗ cken, oder Fiſchteich, von Blumen umgeben; und dort iſt der Löwenhof mit ſeinem berühmten Brunnen und ſeinen leichten mauriſchen Arkaden; und in dem Mittelpunkt des Gebäudes iſt der kleine Garten, der Lindaraxa, in dem Herzen des Baues, mit ſeinen Roſen und Citronen, und ſeinem Gebüſch von Smaragd Grün begraben. Jener Gürtel von Zinnen, der mit viereckigen Thür⸗ men beſetzt, ſich um die ganze Stirn des Hügels zieht, iſt die äußere Grenze der Veſte. Einige Thürme ſind, wie du ſiehſt, verfallen und Rebenſtöcke, Feigenbäume and Aloen bedecken ihre großen Trümmer⸗ Laß uns auf die nördliche Seite des Thurms ſchauen. Es iſt eine ſchwindliche Höhe; ſelbſt die Grundpfeiler des Thurmes überragen die Bäume an der ſteilen Hü⸗ gelſeite. Und ſieh! ein langer Spalt in der feſten Mauer ſagt uns, daß der Thurm durch eines jener Erdbeben geſpalten worden, welche von Zeit zu Zeit Granada in Schrecken ſetzten, und die früher oder ſpäter, dieſes zer⸗ fallende Gebäude in einen bloßen Trümmerhaufen ver⸗ wandeln müſſen. Die tiefe, enge Schlucht unter uns, die ſich allmählig erweitert, wie ſie von dem Gebirg ausläuft, iſt das Darro⸗Thal; du ſiehſt den kleinen Fluß, wie er ſich unter belaubten Terraſſen und durch Obſt⸗ ſtücke und Blumengärten ſortwindet. Es iſt ein in der alten Zeit berühmter Fluß, denn er führte Gold mit ſich und ſein Sand wird noch dann und wann gereinigt, um das koſtbare Metall auszuſcheiden. Einige jener weißen Pavillons, welche da und dort aus Baumgängen und Weinlaub herausſchimmern, waren ländliche Aufenthalts⸗ orte der Mauren, wo ſie ſich der Friſche ihrer Gärten erfreuten. Der luftige Palaſt mit ſeinen ſchlanken, weißen Thürmen und langen Arkaden, der ſich unter prachtvollen Baumgruppen und hängenden Gärten an jenen Berg lehnt, iſt der Generalife, ein Sommerpalaſt der mauri⸗ ſchen Könige, wohin ſie ſich in den heißen Monaten zu⸗ rückzogen, um eine luftigere Region als die der Alham⸗ bra zu genießen. Der nackte Gipfel der Höhe darüber, wo du einige geſtaltloſe Ruinen ſiehſt, iſt die Gilla del Moro, oder der Sitz des Mauren, ſo genannt, weil ſte der Zufluchtsort des unglücklichen Boadbil während der — 48— Zeit einer Empörung war, und er ſich hier niederſetzte und trauernd auf ſeine empörte Stadt niederblickte. Ein murmelnder Klang des Waſſers tönt dann und wann aus dem Thal empor. Er kömmt aus der Waſ⸗ ſerleitung jener mauriſchen Mühle, nahe am Fuße des Hügels. Der Baumgang jenſeits iſt die Alameda, die Ufer des Darro entlang, ein Lieblingsſpaziergang am Abend und der Zuſammenkunftsort der Liebenden in Sommernächten, wo man von den Bänken an ihren Luſt⸗ wegen die Guitarre in ſpäten Stunden hören kann. Jetzt ſieht man nur einige luſtwandelnde Mönche und eine Gruppe Waſſer⸗Traͤger vom Avellaros⸗Brunuen dort. Du bebſt? es iſt nichts als ein Habicht, den wir aus ſeinem Neſte aufgeſchreckt haben. Dieſer alte Thurm iſt ein wahres Brutneſt für dieſe gefiederten Schwärmer; in jeder Ritze und Spalte ſind eine Menge Schwalben und anderer Vögel, die den ganzen Tag umher flattern, während des Nachts, wenn alle andern Vögel zur Ruhe gegangen ſind, die träumeriſche Eule aus ihrem Verſteck hervorkömmt und ihr bedeutungsvolles Geheul von den Zinnen hören läßt. Sieh, wie der Habicht, den wir verſcheucht haben, unter uns dahin fliegt, die Wipfel der Bäume berührend und ſich zu den Ruinen über dem Generalife emporſchwingend! Laß uns dieſe Seite des Thurmes verlaſſen und un⸗ ſere Augen nach Weſten wenden. Du ſiehſt hier in der Ferne eine Reihe von Bergen, welche die Vega begren⸗ zen, dieſe alte Scheidewand des arabiſchen Granada und des Landes der Chriſten. Unter jenen Höhen bemerkſt du noch jetzt kriegeriſche Städte, deren graue Mauern — 49— und Zinnen mit dem Felſen, auf den ſie gebaut ſind, eins zu ſeyn ſcheinen; während da und dort eine ein⸗ ſame Atalaya, oder Warte, auf einem erhabenen Punkt gebaut, gleichſam aus dem Himmel in die Thäler nach allen Seiten niederſchaut. Von den Schluchten dieſer Berge, durch den Paß von Lope ſtiegen die chriſtlichen Heere in die Vega nieder. Um den Fuß jenes grauen und nackten Berges, der faſt geſondert von den übrigen daſteht und ſein kühnes, felſiges Vorgebirg in die Bruſt der Ebene herausdehnt, kamen die eindringenden Schwa⸗ dronen ſtäubend, mit fliegenden Fahnen und dem Klang von Trommeln und Trompeten. Wie anders iſt jetzt die Scene. Statt der glänzenden Reihe gepanzerter Krieger ſehen wir den geduldigen Zug des mühevollen Maulthier⸗ treibers ſich langſam den Saum des Berges entlang be⸗ wegen. Hinter jenem Vorgebirg iſt die merkwürdige Puente(Brücke) de Pinos, berühmt wegen manches blu⸗ tigen Kampfes zwiſchen Mauren und Chriſten; aber noch berühmter als der Ort, wo Columbus von den Boten der Königin Iſabelle eingeholt und zurückgerufen ward, als er im Begriff war, in Verzweiflung abzureiſen, um ſeinen Entdeckungsplan an den Hof von Frankreich zu bringen. Sieh einen zweiten in der Geſchichte des Entdeckers beruhmten Platz. Jene Linie von Mauern und Thür⸗ men, die in der Morgenſonne glänzen, ganz in der Mitte der Vega, iſt die Stadt Santa Fe, während der Bela⸗ gerung von Granada von den katholiſchen Herrſchern erbaut, nachdem ein Brand ihr Lager zerſtört hatte. In dieſe Manern wurde Columbus von der heldenmüthigen 44— 47. 4 — 50— Königin zurückgerufen; und innerhalb derſelben wurde der Vertrag abgeſchloſſen, welcher zur Entdeckung der weſtlichen Erde führte. Hier, nach Süden hin, ſchwelgt das Auge in den üppigen Reizen der Vega; eine blühende Wildniß von Baͤumen und Gärten und fruchtbaren Obſtſtücken, durch welche der Kenil ſich in Silberringen windet und wo er unzäͤhlbare Waſſergräben unterhält, die durch alte man⸗ riſche Kanäle gefüllt werden und die Landſchaft in ein ſtetes Grün kleiden. Hier ſind die theuern Lauben und Gärten und ländlichen Wohnungen, für welche die Mau⸗ ren mit ſolcher verzweifelten Tapferkeit fochten. Selbſt die Pachthäuſer und Hütten, welche nun von den Bauern bewohut werden, zeigen Spuren von Arabesken und an⸗ dern geſchmackvollen Verzierungen, welche beweiſen, daß ſie in den Tagen der Araber zierliche Wohnungen gewe⸗ ſeu waren. Jenſeit des umlaubten Landſtrichs der Vega, nach Süden, ſtehſt du eine Reihe öder Hügel, an denen ſich ein langer Zug von Manlthieren langſam hinab bewegt. Von dem Gipfel eines dieſer Hügel warf der un⸗ glückliche Boabdil ſeinen letzten Blick nach Granada zu⸗ rück und machte ſeinem Seelenkampfe Luft. Es iſt der Platz, berühmt in Lied und Geſchichte,„der letzte Seuf⸗ zer des Mauren,“ genannt. Hebe nun dein Auge zu dem ſchneeigen Gipfel jener Gebirgsmaſſe, die wie eine weiße Sommerwolke in dem blauen Himmel glänzt. Es iſt die Sierra Nevada, der Stolz und die Freude Granada's; die Quelle ſeiner küh⸗ lenden Winde und ewigen Grüne, ſeiner ſtrömenden Brunnen und unerſchöpflichen Bäche. Dieſe herrliche Gebirgsmaſſe gibt Granada jene Verbindung von Won⸗ nen, die in einer Stadt des Südens ſo ſelten ſind: die friſche Vegetation und die gemäßigten Lüfte des nörd⸗ lichen Klimas mit der belebenden Kraft einer tropiſchen Sonne und dem wolkenloſen Azur eines ſüdlichen Him⸗ mels. Dieſer luftige Schnee Schatz iſt es, der, nach dem Verhältniſſe der ſteigenden Sommerhitze ſchmelzend, durch jede Schlucht und Spalte der Alpuxarras Bäche und Ströme niederſendet und ſmaragdnes Grün und Frucht⸗ barkeit in einer ganzen Kette glücklicher und abgeſchloſ⸗ ſener Thäler verbreitet. Man darf dieſe Berge wohl die Glorie von Gra⸗ nada nennen. Sie beherrſchen die ganze Ausdehnung von Andaluſten und können von ſeinen fernſten Theilen geſehen werden. Der Maulthiertreiber begrüßt ſie, wann er ihre eiſtge Spitzen auf dem heißen Boden der Ebene erblickt; und der ſpaniſche Matroſe ſieht auf dem Deck ſeiner Barke, fern, fern auf dem blauen Schooße des mittelländiſchen Meeres mit ſinnigem Auge auf ſie, denkt an das ergötzliche Granada und ſingt mit leiſer Stimme eine alte Romanze von den Mauren. Doch genug— die Sonne ſteht hoch uber den Ber⸗ gen und ergießt ihre vollen Strahlen auf unſere Häupter. Schon iſt das hohe Dach des Thurmes heiß unter un⸗ ſern Füßen: laß uns es verlaſſen, niederſteigen und unter den Arkaden an der Löwenquelle uns erfriſchen. —¶¶·e····¶ 4 ½ Gedanken uͤber die mauriſche Herr⸗ ſchaft in Spanien. — Einer meiner Lieblingsplätze iſt der Balkon des mitt⸗ lern Fenſters des Saales der Geſandten, in dem ſtolzen Thurme des Comares. Ich hatte mich eben dort nieder⸗ geſetzt und mich des Schluſſes eines langen glänzenden Tages gefreut. Wie die Sonne hinter die blauen Berge von Alhama niederſank, ſandte ſie einen Glanzſtrom das Darro⸗Thal hinauf, welcher eine melancholiſche Pracht über die röthlichen Thürme der Alhambra verbreitete, während die Vega, mit einem leichten ſchwuͤligen Dunſt, der die Strahlen der Abendſonne auffing, bedeckt, in der Ferne wie ein goldener See dalag. Kein Lufthauch ſtörte die Stille der Stunde; und obgleich dann und wann der ſchwache Klang, von Muſik und Luſt aus den Gärten des Darro aufſtieg, machte dies die Grabesſtille des Gebäudes, das mich überſchattete, nur noch eindring⸗ licher. Es war eine jener Stunden und Scenen, denen das Gedächtniß eine faſt magiſche Gewalt anheim gibt, und ſeine zurückblickenden Strahlen, wie die Abendſonne, die dieſe zerbröckelnden Thürme überglänzt, zurückſendet, um die Herrlichkeiten der vergangenen Zeit zu beleuchten. Wie ich die Wirkung des ſinkenden Tageslichtes auf dieſe mauriſchen Gebäude betrachtete, wurde ich zur Er⸗ wägung des leichten, zierlichen und üppigen Charakters, — 53— der in ſeiner ganzen innern Architektur vorherrſchend iſt, und zu einer Vergleichung mit der großartigen aber dü⸗ ſtern Feierlichkeit der gothiſchen, von den ſpaniſchen Herr⸗ ſchern aufgeführten Gebände veranlaßt. Selbſt der ar⸗ chitectoniſche Styl zeigt die entgegengeſetzten und unver⸗ einbaren Naturen der zwei kriegeriſchen Völker, die ſich ſo lange hier die Herrſchaft über die Halbinſel ſtreitig machten. Ich verſiel allmählig in ernſtes Nachdenken über das ſonderbare Schickſal der arabiſchen oder man⸗ riſchen Spanier, deren ganzes Daſeyn wie eine vorüber⸗ gegangene Erzählung klingt und gewiß eine der ſeltſam⸗ ſten, und doch glänzendſten Epiſoden in der Geſchichte abgibt. Mächtig und dauerhaft, wie ihre Herrſchaft war, wiſſen wir doch kaum, wie wir ſie nennen ſollen. Sie ſind gewiſſermaßen eine Nation ohne rechtmäßiges Land und ohne einen Namen. Eine ferne Welle der großen arabiſchen Ueberſchwemmung, auf den Strand Europa's geworfen, ſchien ſie den ganzen Ungeſtümm des erſten Ausbruchs der Strömung zu haben. Ihre Siegerbahn, von Gibraltar's Felſen bis zu den Klippen der Pyrenaͤen war ſo raſch und glänzend, wie die mohamedaniſchen Siege in Syrien und Aegypten. Ja, wäre ihnen auf den Ebenen von Tours nicht Einhalt gethan worden, ſo wäre ganz Frankreich, ganz Europa mit derſelben Leich⸗ tigkeit überwältigt worden, wie die Reiche des Oſten, und der Halbmond würde heute auf den Tempeln von Paris und London glänzen. Innerhalb der Grenzen der Pyrenäen zurückgewor⸗ fen, gaben die vereinigten Horden Aſtens und Afrika's, aus denen dieſer große Einfall beſtand, den mohameda⸗ niſchen Grundſatz der Eroberung auf und ſuchten in Spanien eine friedliche und dauernde Herrſchaft zu grün⸗ den. Als Eroberer hatten ſie eben ſo viel Heldenmuth ats Mäßigung, und in beidem übertrafen ſie eine Zeit⸗ lang alle Nationen, mit denen ſie kämpften. Von ihrer Heimath getrennt, liebten ſie das Land, das ihnen, wie ſie glaubten, Allah gegeben hatte, und waren bemüht, es mit allem zu verſchönern, was zur Glückſeligkeit des Menſchen beitragen kann. Indem ſle ihre Macht auf ein Syſtem weiſer und billiger Geſetze gründeten, Künſte und Wiſſenſchaften eitrig pflegten, Ackerbau, Manufactu⸗ ren und Handel förderten, bildeten ſie allmählig ein Reich, dem an glücklichem Gedeihen keines der Reiche der Chriſtenheit gleichkam; und indem ſie ſich mit der Anmuth und Verfeinerung, welche das arabiſche Reich im Oſten auszeichnete, umgaben, verbreiteten ſie das Licht des orientaliſchen Wiſſens in den weſtlichen Regio⸗ nen des umnachteten Europa's. Die Städte des arabiſchen Spaniens wurden der Aufenthalt chriſtlicher Künſtler, um ſich in den nützlichen Künſten zu unterrichten. Die Univerſttäten von Toledo, Cordooa, Sevilla und Granada wurden von dem blei⸗ chen Wißbegierigen anderer Länder beſucht, um die Wiſ⸗ ſeuſchaft der Araber und ihre gehäuften Schätze des Al⸗ terthums kennen zu lernen: die Freunde des heiteren Wiſſens begaben ſich nach Cordova und Grauada, um morgenländiſche Poeſte und Muſtik einzuſaugen; und die ſtahlgekleideten Krieger des Nordens eilten dahin, ſich in den anmuthsvollen Uebungen und den zierlichen Sit⸗ ten des Ritterthums zu vervollkommnen. — — 55— Wenn die mohamedaniſchen Denkmäler in Spanien, wenn die Moſchee von Cordova, der Alcazar von Se⸗ villa, und die Alhambra von Granuada noch Inſchriften haben, welche die Macht und Dauer ihrer Herrſchaft ruhmredig erheben— darf dieſe Ruhmredigkeit als anmaßend und eitel belacht werden? Geſchlechter um Geſchlechter, Jahrhunderte um Jahrhunderte waren vorübergegangen und ſtets behielten ſie Beſitz von dem Land. Eine längere Periode war verfloſſen, als die, ſeit England von dem normaniſchen Eroberer unterjocht wor⸗ den, und die Nachkommen von Muſa und Tirac moch⸗ ten eben ſo wenig ahunen, daß ſie auf demſelben Weg, den ihre triumphirenden Vorfahren durchſchritten, in die Verbannung getrieben würden, als die Nachkommen von Rollo und Wilhelm und ihrer alten Genoſſen ſich es träumen laſſen, an die Kuͤſte der Normandie zurückge⸗ worfen zu werden. Bei all dem war dennoch das mohamedaniſche Reich in Spanien eine ſchöne ausländiſche Pflanze, welche keine dauernde Wurzel in den Boden ſchlug, den ſie verſchö⸗ nerte. Von allen ihren Nachbarn im Weſten durch un⸗ überſchreitbare Schranken des Glaubens und der Sitten geſchieden, und durch Seen und Meere von ihrem Stamme im Oſten getrennt, waren ſie ein iſolirtes Volk. Ihr ganzes Daſeyn war ein verlängerter, obſchon ſtattlicher und ritterlicher Kampf um einen Anhaltspunkt in einem eroberten Lande. Sie waren die Vorpoſten und Grenzen des Isla⸗ mismus. Die Halbinſel war das große Schlachtfeld, wo die gothiſchen Eroberer des Nordens und die mosle⸗ — 56— mitiſchen Eroberer des Oſtens auf einander ſtießen und um die Herrſchaft kämpften; und der feurige Muth der Araber wurde zuletzt durch die hartnäckige und aus⸗ dauernde Tapferkeit der Gothen beſiegt. Nie war die Vernichtung eines Volkes vollſtändiger, als die der mauriſchen Spanier. Wo ſind ſie? fragt die Geſtade der Barbarei und ihre öden Plätze! Der verbannte Reſt ihres einſt mächtigen Reichs verſchwand unter den wilden Völkern Afrika's und hörte auf, eine Nation zu ſeyn. Sie haben nicht einmal einen beſtimm⸗ ten Namen zuruͤckgelaſſen, obgleich ſie faſt acht Jahr⸗ hunderte hindurch ein beſtimmtes Volk waren. Das Land, das ſie als Heimath angenommen, das ſie Jahr⸗ hunderte lang beſeſſen, weigert ſich, ſie anzuerkennen, es wäre dann als Eindringlinge und unrechtmäßige Beſitzer. Wenige zertrümmerte Denkmäler ſind alles, was übrig geblieben iſt, um von ihrer Macht und Herrſchaft Zeug⸗ niß zu geben, wie einſame Felſen, welche fern in dem Innern zurückgeblieben ſind, von der Ausdehnung irgend einer großen Ueberſchwemmung Zeugniß geben. So die Alhambra. Ein moslemitiſches Gebäude inmitten eines chriſtlichen Landes; ein orientaliſcher Palaſt inmitten der gothiſchen Bauten des Weſten; ein zierliches Andenken an ein tapſeres, verſtändiges und anmuthreiches Volk, das eroberte, herrſchte und verſchwand. — oöf. Die Haushaltung. — Es iſt Zeit, ein Bild von meiner häuslichen Ein⸗ richtung in dieſer ſeltſamen Wohnung zu geben. Der königliche Palaſt der Alhambra iſt der Sorgfalt einer guten alten jungfräulichen Dame, Donna Antonia Mo⸗ lina genannt, anvertraut, die jedoch, der ſpaniſchen Sitte zufolge, bei dem vertraulicheren Name Tia Antonia (Tante Antonia) gerufen wird. Sie hält die mauriſchen Säle und Gärten in Ordnung und zeigt ſie den Frem⸗ den; zufolge deſſen geſteht man ihr alle von Beſuchern erlegten Nebengelder und den ganzen Ertrag der Gärten zu, ausgenommen, daß man erwartet, ſie werde einen gelegentlichen Tribut von Früchten und Blumen an den Statthalter abgeben. Ihre Wohnung iſt in einer Ecke des Palaſtes; und ihre Familie beſteht aus einem Neffen und einer Nichte, den Kindern von zwei verſchiedenen Brüdern. Der Neffe, Manuel Molina, iſt ein junger Mann von gediegenem Werth und ſpaniſcher Gravität. Er hat in der Armee, ſowohl in Spanien als in Weſt⸗ indien gedient; allein er ſtudirt jetzt Medizin, in der Hoffnung, einſtmal Arzt in der Feſtung zu werden, eine Stelle, die mindeſtens 150 Thaler des Jahres einträgt. Was die Nichte betrifft, ſo iſt ſie ein dickes, kleines, ſchwarzäugiges andaluſiſches Fräulein, Dolores genannt, die aber, wegen ihrer glänzenden Augen und ihrer fröh⸗ lichen Laune einen heiterern Namen verdient. Sie iſt die erklärte Erbin aller Habe ihrer Tante, die in ge⸗ wiſſen baufälligen Häuſern in der Feſtung beſteht und ein jährliches Einkommen von 150 Thaler abwirft. Ich war noch nicht lange in der Alhambra, als ich entdeckte, daß eine ruhige Liebſchaft zwiſchen dem beſonnenen Ma⸗ nuel und ſeiner ſtrahlenängigen Baſe vor ſich ging und daß nichts fehlte, ihre Hände und ihre Erwartungen zu vereinigen, als das Doctor⸗Diplom und eine Dispen⸗ ſation vom Pabſte, wegen ihrer Verwandtſchaft. Mit der guten Dame Antonia habe ich einen Ver⸗ trag gemacht, demzufolge ſie mir Koſt und Wohnung gibt, während die frohherzige kleine Dolores mein Zim⸗ mer in Ordnnng hält und bei dem Eſſen die Stelle einer Dienerin vertritt. Ferner ſteht mir zu Befehl ein lan⸗ ger, ſtotternder, gelbhaariger Burſche, Pepe genannt, der im Garten arbeitet und gern Bedientenſtelle ver⸗ treten möchte; darin aber war ihm Mateo Rimenes, der Sohn der Alhambra, zuvorgekommen. Dieſer mun⸗ tere und geſchäftige Burſche hat es, ich weiß nicht wie, zu machen gewußt, daß er ſtets, ſeitdem ich ihm zuerſt an dem äußern Thor der Feſtung begegnete, um mich hockte und ſich in alle meine Plane verwob, bis er ſich als meinen Kammerdiener, Cicerone, Führer. Wächter und hiſtoriographiſchen Knappen anſtellte und feſtſetzte; ich bin auch genöthigt geweſen, dem Zuſtand ſeiner Garde⸗ robe nachzuhelfen, damit er ſeinen mannigfachen Dienſtver⸗ richtungen keine Schande mache, ſo daß er ſeinen alten grauen Mantel, wie die Schlange ihre Haut, abgelegt hat und jetzt in der Feſtung zu ſeinem unendlichen Ver⸗ gnügen, und zum großen Staunen ſeiner Kameraden in einem ſchmuken andaluſiſchen Hur und Jacke erſcheint. Der Hauptfehler des ehrlichen Mateo iſt eine übertrie⸗ bene Aengſtlichkeit, nützlich zu werden. Da er ſich es bewußt iſt, daß er ſich in meinen Dienſt eingeſchlichen hat, und daß meine ruhigen und einfachen Gewohnheiten ſeine Lage zu einer Sinecure machen, ſo weiß er ſich nicht zu rathen, um Mittel aufzufinden, ſich für mein Beſtes recht wichtig zu machen. Ich bin gewiſſermaßen das Opfer ſeiner Dienſtfer⸗ tigkeit; ich kann meinen Fuß nicht über die Schwelle des Palaſtes ſetzen, um die Feſtung zu umgehen, ſo iſt er an meiner Seite, um alles, was ich ſehe, zu erklären; wenn ich es unternehme, in den umliegenden Hügeln umherzuſtreifen, ſo beſteht er darauf, mich als Wache begleiten zu wollen, obgleich ich ihn ſtark in Verdacht habe, er möchte wohl der Länge ſeiner Beine mehr ver⸗ trauen, als der Stärke ſeines Armes, wenn ich ange⸗ griffen würde. Bei allem dem iſt der arme Burſche doch zuweilen ein unterhaltender Gefährte; er iſt einfachen Herzens von unendlich guter Laune und hat die Red⸗ ſeligkeit und Klatſchhaftigkeit eines Dorfbarbiers; auch kennt er alle Franbaſen⸗Hiſtörchen des Ortes und ſeiner Umgebungen; worauf er ſich aber am meiſten zu gut thut, iſt ſein Vorrath von örtlichen Kenntniſſen, da er die wunderbarſten Geſchichten zu erzählen weiß von je⸗ dem Thurm und Gewölbe und Thorweg der Feſtung, denen allen er den unbedingteſten Glauben ſchenkt. Die meiſten hörte er, ſeiner eignen Auskunft zu Folge, von ſeinem Grosvater, einem kleinen ſagenrei⸗ chen Schneider, welcher faſt bis zu einem Alter von hundert Jahren lebte, während deren er nur zwei Wan⸗ derungen jenſeits des Umkreiſes der Veſte gemacht hatte. Seine Werkſtätte war, während des größern Theils ei⸗ nes Jahrhunderts der Zuſammenkunftsort eines Häuf⸗ chens von ehrbaren Gevattern, welche halbe Nächte hier zubrachten und von vergangenen Dingen und den wun⸗ dervollen Begebenheiten und den verborgenen Geheim⸗ niſſen des Palaſtes plauderten. Das ganze Leben, We⸗ ben, Denken und Thun dieſes kleinen hiſtoriſchen Schnei⸗ ders war auf dieſe Art an die Mauern der Alhambra gebunden; innerhalb derſelben war er geboren, hatte er gelebt, fand er ſein Auskommen; innerhalb derſelben ſtarb und ward er begraben. Zum Glück für die Nach⸗ kommenſchaft iſt ſeine Sagen⸗Weisheit nicht mit ihm geſtorben. Der wahrheitsliebende Mateo pflegte als ein kleiner Knabe den Erzählungen ſeines Grosvaters und der plauderhaften Gruppe, die ſich um den Arbeitstiſch verſammelt hatte, aufmerkſam zuzuhören und beſitzt ſo einen Vorrath ſchätzbarer Kenntniſſe über die Alhambra, welche man nicht in den Büchern findet und welche der Aufmerkſamkeit jedes wißbegierigen Reiſenden werth ſind. Dies ſind die Perſonen, welche zu meinen häusli⸗ chen Beauemlichkeiten in der Alhambra beitragen, und es fragt ſich, ob irgend ein Potentat, Moslem oder Chriſt, der mir in dieſem Palaſte voranging, mit grö⸗ ßerer Treue bedient wurde oder einen heitrern Scepter führte. Wenn ich am Morgen aufſtehe, bringt mir Pepe, der ſtotternde Gärtnerburſche, einen Strauß friſch ge⸗ pflückter Blumen, welche dann von der geſchickten Hand — 61— der Dolores, die einen weiblichen Stolz in die Aus⸗ ſchmückung meines Zimmers ſetzt, in Vaſen geordnet wer⸗ den. Meine Mahlzeiten nehme ich zu mir, wo es die Laune will; zuweilen in einem der mauriſchen Säle, zuweilen unter den Arkaden des Löwenhofes, von Blu⸗ men und Brunnen umgeben; und wenn ich ausgehe, führt mich der eifrige Mateo zu den romantiſcheſten Plätzchen des Gebirgs und in die köſtlichen Luſtörter der umliegenden Thäler, die ohne Ausnahme die Scenen ir⸗ gend einer wundervollen Geſchichte ſind. Obgleich ich den größeren Theil des Tages gern al⸗ lein zubringe, begebe ich mich doch zuweilen an den Aben⸗ den in den kleinen häuslichen Kreis der Donna Antonia. Dieſer verſammelt ſich gewöhnlich in einem alten mauri⸗ ſchen Gemach, welches ſowohl als Küche als auch als Geſellſchaftsſaal dient, indem man einen rohen Fener⸗ heerd in einer Ecke anbrachte, deſſen Rauch die Wände entfärbte und die alten Arabesken faſt unſtchtbar machte. Ein Fenſter, mit einem Balkon, der das Thal des Darro überſieht, läßt den kühlen Abendwind herein; und hier nehme ich mein frugales Abendmahl, das aus Milch und Früchten beſteht, ein und miſche mich in die Unterhal⸗ tung der Familie. Die Spanier beſitzen ein natürliches Talent oder, wie man es nennt, Mutterwitz, welcher ſie zu verſtändigen und angenehmen Geſellſchaftern macht, was auch ihr Stand und wie vernachläſſigt auch ihre Erziehung ſeyn mag: dazu kömmt, daß ſie nie pöbelhaft ſind; die Natur hat ſie mit einer angeborenen Würde des Geiſtes ausgeſtattet. Die gute Tia Antonia iſt eine Frau von ſtarkem und verſtändigem, obgleich ungebilde⸗ — 62— ten Geiſte; und die glüh⸗äugige Dolores hat, obgleich ſie im ganzen Laufe ihres Lebens nicht über drei oder vier Bücher geleſen, ein einnehmendes Gemiſch von Nai⸗ vetät und geſundem Verſtand und überraſcht mich oft durch das Treffende ihrer kunſtloſen Einfälle. Der Neffe unterhält uns häufig durch das Vorleſen irgend eines alten Luſtſpiels von Calderon oder Lope de Vega, wozu ihn augenſcheinlich der Wunſch treibt, ſeine Baſe Dolores ſowohl zu unterhalten, als ihrer Bildung ein wenig nachzuhelfen; obgleich das kleine Fräulein zu ſei⸗ ner großen Demüthigung gewöhnlich vor dem Ende des erſten Aktes einſchläft. Zuweilen erhäͤlt die Tia Antonia von ihren demuths⸗ vollen Freunden und Angehörigen, den Bewohnern des nahen Dorfes oder den Weibern der invaliden Soldaten, einen Beſuch. Sie ſehen mit großer Ehrerbietung zu ihr, als der Schirmerin des Palaſtes, empor und ma⸗ chen ihr den Hof, indem ſie ihr die Neuigkeiten des Or⸗ tes oder die Gerüchte hinterbringen, die ſie zu Granada aufgeleſen haben. Indem ich dieſem Abendgeplauder lauſchte, habe ich manche merkwürdige Thatſache erfah⸗ ren, welche zur Erläuterung der Sitten des Volkes und den Eigenthümlichkeiten der Nachbarſchaft dienen. Es ſind dies einfache Einzelnheiten über einfache Freuden; die Natur des Ortes iſt es allein, was ihnen Intereſſe und Wichtigkeit gibt. Ich betrete bezauberten Boden und bin von romantiſchen Bildern umgeben. Von mei⸗ ner erſten Kindheit an, als ich an den Ufern des Hud⸗ ſon zuerſt in die Blätter der alten ſpaniſchen Geſchichte von den Kriegen von Grauada mich vertiefte, war dieſe Stadt ein Gegenſtand meiner wachen Tränme und oft durchſchritt ich im Geiſt die romantiſchen Hallen der Alhambra. Sieh da den Tagtraum nun verwirklicht! Doch kann ich meinen Sinnen kaum trauen und glau⸗ ben, daß ich wirklich den Palaſt des Boabdil bewohne und von ſeinen Balkons auf das ritterliche Granada hinabſchaue. Während ich durch dieſe orientaliſche Ge⸗ mächer ſtreife, und das Murmeln der Brunnen und den Geſang der Nachtigallen höre; während ich den Duft der Roſen einathme und den Einfluß des balſami⸗ ſchen Klima's fühle, bin ich faſt verſucht, mich in das Paradies Mohamed's zu denken und in der dicken klei⸗ nen Dolores eine der ſtralen⸗äugigen Houris zu ſehen, die beſtimmt ſind, das Glück der echten Gläubigen zu fördern. Der Fluͤchtling. Seit ich die vorſtehenden Blätter niedergeſchrieben habe, hatten wir eine kleine Trübſal⸗Scene in der Alhambra, die eine Wolke über das ſonnige Antlitz der Dolores warf. Dieſes kleine Fräulein hat eine weib⸗ liche Leidenſchaft für Hausthiere aller Art und einer der verfallenen Höfe der Alhambra iſt voll dieſer ihrer Lieblinge. Ein ſtattlicher Pfau und ſeine Henne ſcheinen den königlichen Scepter über aufgeblähte Truthähne, zänkiſche Perlhühuer und ein durcheinander von gemei⸗ — 64— nen Hahnen und Hühnern zu fähren. Die große Luſt der Dolores aber vereinigte ſich ſeit einiger Zeit in ei⸗ nem jungen Taubenpaare, die neulich in den heiligen Eheſtand getreten ſind und eine geſprenkelte Katze und ihre Jungen in dem Herzen des Mädchens ausſtachen. Als Wohnung, in welchem ſie ihre Haushaltung beginnen ſollten, hatte ſie ein kleines Gemach an der Küche, deſſen Fenſter auf einen der ruhigen mauriſchen Höfe ging, eingerichtet. Hier lebten ſie in glücklicher Unwiſſenheit alles deſſen, was jenſeits des Hofs und ſei⸗ nen ſonnigen Dächer vorging. Nie hatten ſie daran ge⸗ dacht, über die Zinnen zu fliegen oder ſich zu den Sptz⸗ zen der Thürme empor zu ſchwingen. Ihre tugendhafte Verbindung wurde endlich mit zwei fleckenloſen und milch⸗ weißen Eiern geſegnet, zur großen Freude ihrer zärtli⸗ chen kleinen Herrin. Nichts konnte löblicher ſeyn als das Benehmen der jungen verheiratheten Leute bei dieſer intereſſanten Gelegenheit. Sie ſaßen abwechſelud auf dem Neſte, bis die Eier ausgebrütet waren und ſolange ihre ungefiederte Brut der Wärme und Bedeckung be⸗ durfte; während das eine ſo das Neſt hütete, ging das andere nach Nahrung aus und brachte reichen Vorrath zurück. Dieſe Scene ehelichen Glücks erhielt plötzlich einen argen Stoß. Als Dolores hente früh den Tauber füt⸗ terte, fiel es ihr ein, ihn ein wenig in die große Welt blicken zu laſſen. Sie öffnete daher ein Fenſter, welches auf das Darro⸗Thal geht, und ließ ihn jenſeits der Zinnen des Alhambra fliegen. Zum erſtenmal in ſeinem Leben ſollte der erſtaunte Vogel die volle Kraft ſeiner — — — 65— Flügel verſuchen. Er ſenkte ſich in das Thal hinab und hob ſich dann plötzlich empor und ſchwebte faſt bis zu den Wolken hinan. Er hatte ſich nie vorher zu einer ſolchen Höhe erhoben oder eine ſolche Luſt an dem Flie⸗ gen gefühlt, und wie ein junger Verſchwender, der eben in den Beſitz ſeines Vermögens kömmt, machte ihn dies Uebermaaß von Freiheit und das grenzenloſe, ſeiner Thatkraft plötzlich geöffnete Feld, ſchwindlich. Den gan⸗ zen Tag ſchwebte er in launenhaften Kreiſen von Thurm zu Thurm, von Baum zu Baum. Vergeblich jeder Ver⸗ ſuch, ihn durch Frucht, die auf die Dächer geſtreut wurde, zurück zu locken; er ſcheint alle Gedanken an die Heimath, an ſeine zärtliche Gattin und die nackten Jungen vergeſſen zu haben. Um die Augſt der Dolores noch zu vermehren, ſtießen zwei palomas ladrones, oder Räuber⸗Tauber zu ihm, deren Inſtinkt es iſt, verirrte Tauben in ihren Schlag zu locken. Wie viele andere gedankenloſe Jünglinge bei ihrem erſten Ausflug in die Welt, ſcheint der Flüchtling ganz bezaubert von dieſen erfahrnen, aber verderbten Gefährten, die es unternom⸗ men haben, ihm die Welt zu zeigen und ihn in die Ge⸗ ſellſchaft einzuführen. Er flog mit ihnen über alle Dä⸗ cher und Kirchenthuürme von Granada. Ein Donner⸗ wetter war über die Stadt hingezogen, aber er hatte ſein Haus nicht geſucht; die Nacht war herangekommen und er blieb aus. Um die Sache noch pathetiſcher zu machen, ging das Weibchen, das mehrere Stunden auf dem Neſt geblieben war, ohne daß es abgelöſt worden, endlich herans, um ſeinen abtrünnigen Gatten zu ſu⸗ chen; es blieb aber ſo lange weg, daß die Juugen aus 44— 47. 5 — 66— Mangel an Wärme und Schutz der ekterlichen Bruſt, zu Grunde gingen. In ſpäter Abendſtunde brachte man Doloren die Nachricht, der Ausreiſſer ſey auf den Thür⸗ men des Generalife geſehen worden. Nun hat zufällig der Adminiſtrator dieſes alten Palaſtes auch einen Tau⸗ benſchlag, unter deſſen Inſaſſen zwei oder drei jener ver⸗ führeriſchen Tauben, der Schrecken aller benachbarten Taubenfreunde, ſeyn ſollen. Dolores ſchloß ſofort, die zwei gefiederten Ganner, welche bei ihrem Flüchtling ge⸗ ſehen worden, ſeyen dieſe des Generalife. Alsbald wurde in dem Gemach der Tia Antonia ein Rath gehalten. Das Generakife iſt ein, von der Alhambra getrenntes Rechtsgebiet und folglich beſteht zwiſchen ihren Aufſe⸗ hern einige Spitzfindigkeit, wenn nicht Eiferſucht. Es wurde daher beſchloſſen, Pepe, den ſtotternden Gärtner⸗ burſchen als Geſandten an den Adminiſtrator zu ſchicken und ihn zu erſuchen, wenn ein ſolcher Flüchtling in ſeinen Bereich komme, ihn als Unterthanen der Athambra aus⸗ zuliefern. Sonach ging Pepe mit ſeinem diplomatiſchen Auftrage durch die mondbeglänzten Baumgänge und Pfade ab, kehrte aber nach einer Stunde mit der trau⸗ rigen Nachricht zurück, in dem Taubenſchlag des Gene⸗ ralife fey kein ſolcher Vogel zu finden. Der Admini⸗ ſtrator jedoch habe ſein erhabenes Wort zum Pfand ge⸗ geben, wenn ein ſolcher Flüchtling dort, ſelbſt um Mit⸗ ternacht, erſcheine, ſolle derſelbe ſofort angehalten und als Gefangener an ſeine kleine ſchwarz⸗äugige Gebieterin abgeliefert werden. So ſteht es mit dieſem mekancholiſchen Vorgang, der in dem ganzen Palaſt ſo viel Schmerz verurſacht — 63— und die untröſtliche Dolores auf ein ſchlaftoſes Kiſſen geſendet hat. „Nachts weilen die Sorgen,“ ſagt das Sprichwort, „aber die Freude kömmt am Morgen.“ Das erſte, was mir heute morgen, als ich mein Zimmer verließ, in die Augen fiel, war Dolores mit dem flüchtigen Tauber in ihren Händen und mit Augen, die vor Freude funkel⸗ ten. Er war in früher Stunde auf den Zinnen erſchie⸗ nen, ſchen von Dach zu Dach umherflatternd; endlich bam er doch in das Fenſter und überlieferte ſich als Ge⸗ fangener. Er gewann aber wenig Vertrauen durch ſeine Rückkehr; denn die gefräßige Art, mit welcher er die ihm vorgeſetzte Nahrung verſchlang, zeigte, daß er, wie der verlorene Sohn, durch den baaren Hunger nach Hauſe getrieben worden war. Dolores ſchalt ihn wegen ſeines treuloſen Benehmens und gab ihm alle Arten von ſchlimmen Namen(obgleich ſie, nach Frauenart, ihn zu gleicher Zeit zärtlich an ihren Buſen drückte und mit Kiſſen bedeckte). Ich bemerkte jedoch, daß ſie die Vor⸗ ſicht gebraucht hatte, ihm die Flügel zu beſchneiden, um künftigen Ausflügen zuvorzukommen, eine Maßregel, die ich zum Heile allen denen erwähne, die flüchtige Liebha⸗ ber oder umſtreifende Männer haben. Mehr als eine ſchätzbare Lebensregel läßt ſich aus der Geſchichte von Dolores und ihrer Taube abnehmen. Des Verfaſſers Wohnung. Als ich meine Wohnung in der Alhambra aufſchlug, wurde das eine Ende einer Rethe leerer Gemächer von neuerer Bauart, die zur Wohnung des Statthalters be⸗ ſtimmt ſind, zu meiner Aufnahme eingerichtet. Sie wa⸗ ren auf der Vorderſeite des Palaſtes und hatten die Ausſicht auf die Esplanade; jenſeits ſtießen ſie an eine Anzahl kleiner, theils Mauriſcher, theils neuerer Zim⸗ mer, die Tia Antonia und ihre Familie bewohnten; dieſe liefen in einem großen Gemach aus, das der guten alten Dame als Beſuchzimmer, Küche und Audienzſaal diente. Es war zu den Zeiten der Mauren nicht ohne bedeutenden Glanz, allein ein Feuerheerd war, wie ge⸗ ſagt, in eine Ecke gebaut worden, deſſen Rauch die Wände entfärbt und die Verzierungen beinahe vernichtet, und eine düſtere Färbung über das Ganze verbreitet hat. Aus dieſen düſtern Gemächern führt ein enger finſterer Gang und eine dunkle Wendeltreppe hinab zu einem Winkel des Thurms des Comares, welchen man entlang tappt und nun, bei dem Oeffnen einer kleinen Thüre un⸗ ten, plötzlich geblendet wird, indem man in das glänzende Vorzimmer des Geſandten⸗Saales, den funkenſprühen⸗ den Brunnen des Hofes der Alberca vor ſich, eintritt. Ich war nicht zufrieden, in Zimmern des Palaſtes wohnen zu ſollen, die neu waren und auf der Vorder⸗ ſeite lagen, und wünſchte mich in dem Herzen des Ge⸗ bäudes einzuniſten. Als ich eines Tags in den mauri⸗ ſchen Sälen umherſtreifte, fand ich in einer entlegenen Galerie eine Thüre, welche ich nie zuvor bemerkt hatte und die offenbar zu geräumigen, vor dem Publikum ver⸗ ſchloſſenen Gemächern führte. Hier war alſo ein Ge⸗ heimniß; hier war der bezauberte Flügel des Schloſſes. Ich verſchaffte mir jedoch den Schlüſſel ohne Mühe; die Thüre führte in eine Reihe leerer Zimmer von europät⸗ ſcher Bauart, obgleich ſie über eine mauriſche Arkade, den Garten der Lindaraxa entlang, gebaut waren. Die Decken zweier hohen Zimmer hatten tiefe Verzierungs⸗ felder von Cedernholz, in welche Früchte und Blumen neben grotesken Masken und Geſichtern, reich und künſt⸗ lich eingegraben, obgleich an vielen Stellen verdorben waren. Die Wände waren offenbar in alten Zeiten mit Damaſt behangen, jetzt aber nackt und mit den nichts⸗ ſagenden Namen eitler Reiſenden überdeckt; die Fenſter, welche ohne Faſſung, und Wind und Wetter geöffuet wa⸗ ren, gingen auf den Garten der Lindaraxa und die Orangen⸗ und Zitronenbäume bogen ihre Zweige in das Zimmer. Jenſeits dieſer Zimmer waren zwei weniger hohe, auch in den Garten gehende Säle. In den Fel⸗ dern der verzierten Decken waren Körbe von Früchten und Kränze von Blumen von einer geſchickten Hand ge⸗ malt und ziemlich gut erhalten. Auch die Mauern wa⸗ ren in Fresco, im italieniſchen Styl gemalt gewe⸗ ſen, aber die Malereien faſt verwiſcht; die Fenſter waren in demſelben wüſten Zuſtande, wie in den andern Gemächern. Dieſe merkwürdige Reihe von Zimmern en⸗ digte in einer offenen Galerie mit Gelaͤndern, welche in rechten Wiukeln eine andere Seite des Gartens entlang lief. Die ganze Zimmerreihe hatte eine Zierlichkeit und Anmuth in ihrer Ausſchmückung, und es war etwas ſo Freundliches und Abgeſchloſſenes in ihrer Lage, dieſen entlegenen kleinen Garten entlang, daß ſie ein Intereſſe an ihrer Geſchichte erweckten. Als ich nachfragte, erfuhr ich, ſte ſeyen eine in dem Anfange des vergangenen Jahr⸗ hunderts, zur Zeit, als Philipp V. und die ſchöne Eli⸗ ſabeth von Parma in der Alhambra erwartet wurden, von italieniſchen Künſtlern verzierte Zimmerreihe, welche für die Königin und die Damen ihres Gefolges beſtimmt waren. Eines der höchſten Zimmer war ihr Schlafge⸗ mach geweſen; und eine kleine Treppe, welche aus dem⸗ ſelben führt, jetzt aber vermanert iſt, öffnete ſich auf ein entzuͤckendes Belvedere, urſprünglich ein Söller der mau⸗ riſchen Sultaninnen, aber zu einem Toilettenzimmer für die ſchöne Eliſabeth eingerichtet, daher es noch heute den Namen des Tocador, oder der Toilette der Königin hat. Das Schlafzimmer, deſſen ich erwähnt habe, hatte von dem einen Fenſter die Ausſicht auf das Generalife und ſeine umlaubten Terraſſen; unter einem andern Fen⸗ ſter ſpielte der Alabaſter⸗Brunnen des Gartens der Lin⸗ daraxa. Der Garten führte meine Gedanken noch wei⸗ ter zurück, in die Periode einer andern Herrſchaft der Schönheit, zu den Tagen der mauriſchen Sultaninnen. „Wie ſchön iſt dieſer Garten!“ ſagt eine arabiſche Inſchrift,„wo die Blumen der Erde mit den Sternen des Himmels wetteifern! Was kann mit der Vaſe jenes Ala⸗ baſter⸗Brunnens, gefüllt mit cryſtalnem Waſſer, verglichen — 71— werden? Nichts als der Mond, wenn er voll iſt und in der Mitte eines wolkenloſen Himmels glänzt!“ Jahrhunderte ſind entſchwunden, und doch— wie vieles von dieſer Scene von offenbar ſo vergänglicher Schönheit blieb noch! Der Garten der Lindaraxa war noch mit Blumen geſchmückt; der Brunnen bot noch ſei⸗ nen cryſtalnen Spiegel dar; es iſt wahr, der Alabaſter hat ſeine Weiße verloren und das Baſin darunter, mit Unkrant bedeckt, iſt der Aufenthalt der Eidechſen; aber es war ſelbſt in der Verfallenheit etwas, das das Inte⸗ reſſe der Scene erhöhte, indem es von dem Wechſel ſprach, der das unwiderrufliche Loos des Menſchen und aller ſeiner Werke iſt. Auch die Oede dieſer Gemächer, einſt die Wohnung der ſtolzen und anmuthreichen Eliſa⸗ beth, hatte einen rührenderen Reiz für mich, als wenn ich ſie in ihrem frühern Glanz, von dem Prunke eines Hofes ſtralend, geſehen hätte. Ich beſchloß ſofort, in dieſen Zimmern meine Wohnung aufzuſchlagen. Mein Entſchluß erregte großes Staunen in der Fa⸗ milie, die ſich gar keinen vernünftigen Grund für die Wahl einer ſo einſamen, entlegenen und verlaſſenen Woh⸗ nung denken konnten. Die gute Tia Antonia betrachtete es für höchſt gefährlich; die Nachbarſchaft, ſagte ſie, ſey mit Tagedieben angefüllt; die Höhlen der nahen Berge wimmelten von Zigennern; der Palaſt ſey im Verfall und an vielen Orten leicht zugänglich; und das Gerücht von einem Fremden, der allein in einer der zerfallenden Zimmerreihe wo die übrige Bewohnerſchaft ihn nicht hören könne, wohne, möchte des Nachts leicht unwill⸗ kommene Beſucher reizen, beſonders da man von Frem⸗ — 22— den immer annehme, daß ihre Börſe gut gefüllt ſey. Dolores ſchilderte die ſchreckliche Einſamkeit des Platzes, wo weitum nichts zu ſehen ſey als Fledermäuſe und Eu⸗ len; ſodann hielten ſich auch ein Fuchs und eine wilde Katze um die Gewölbe auf und ſtreiften Nachts umher. Ich war nicht von meinem Einfall abzubringen; daher wurde ein Zimmermann zur Beihülfe hergerufen, ſo wie der ſtets dienſtfertige Mateo Pimenes, welche Thuren und Fenſter bald in einen Zuſtand von ziemli⸗ cher Sicherheit brachten. Aller dieſer Vorbereitungen ungeachtet mus ich bekennen, daß die erſte Nacht, welche ich in dieſen Zimmern hinbrachte, unausſprechlich traurig war. Die ganze Familie gab mir das Geleite bis in mein Gemach und ihr Abſchiednehmen von mir und ihre Rückkehr, die öden Vorzimmer und hallenden Galerien entlang, erinnerten mich an jene Geiſtergeſchichten, wo man den Helden allein läßt, um die Fährlichkeiten eines bezauberten Hauſes zu beſtehen. Selbſt die Gedanken an die reizende Eliſabeth und an die Schönheiten ihres Hofes, weiche einſt dieſe Zim⸗ mer verherrlicht hatten, erhöhten jetzt durch den Kon⸗ traſt dieſes Düſter. Hier war der Schauplatz ihrer vor⸗ übergehenden Freude und Lieblichkeit; hier waren ſogar noch die Spuren ihrer Zierlichkeit und ihrer Vergnügun⸗ gen; allein was und wo waren ſie?— Staub und Aſche, Bewohner des Grabes, Schattenbilder des Gedächtniſſes! Eine unbeſtimmte und unbeſchreibliche Furcht über⸗ ſchlich mich. Ich hätte ſie gern den Gedanken an Räu⸗ ber, welche durch die Abendunterhaltung in mir geweckt worden, zugeſchrieben, aber ich fühlte, daß es etwas nichtigeres und abgeſchmackteres war. Mit einem Worte, die lange begrabenen Eindrücke der Ammenſtube belebten ſich wieder und behaupteten ihre Gewalt über meine Phantaſte. Alles begann von dem Drängen meines Gei⸗ ſtes angeſteckt zu werden. Das Flüſtern des Windes in den Zitronenbäumen unter meinem Fenſter hatte et⸗ was unheimliches. Ich warf meinen Blick auf den Gar⸗ ten der Lindaraxa; die Bäume bildeten einen Schlund voll Schatten, das Dickicht unbeſtimmte und geſpenſti⸗ ſche Geſtalten. Ich war froh, als ich mein Fenſter ge⸗ ſchloſſen hatte; allein ſelbſt mein Gemach wurde ange⸗ ſteckt. Eine Fledermaus hatte den Weg herein gefunden und flatterte über meinem Kopfe und gegen meine ein⸗ ſame Lampe; die grotesken Geſichter, welche in die Ce⸗ derndecke geſchnitzt waren, ſchienen mich anzuſtarren und mir Geſichter zu ſchneiden. Mich zuſammennehmend und über dieſe augenblick⸗ liche Schwäche halb lächelnd, entſchloß ich mich, ihr Trotz zu bieten, nahm meine Lampe in die Hand und eilte fort, in dem alten Palaſt einen Spaziergang zu machen. Trotz aller geiſtigen Anſtrengung war die Auf⸗ gabe ernſt. Die Strahlen meiner Lampe verbreiteten ſich nur in einer ſehr beſchränkten Entfernung um mich; ich ging gleichſam in einem bloßen Lichtkreis, jenſeit deſ⸗ ſen dichte Finſterniß herrſchte. Die gewölbten Gänge glichen Höhlen; die Gewölbe der Säle waren in Dun⸗ kel vergraben; welcher ungeſehene Feind konnte nicht vor mir oder hinter mir lauſchen! mein eigner Schatten, der auf den Wänden ſpielte und der Widerhall meiner eig⸗ nen Fußtritte ſchreckten mich. — 22— Waͤhrend ich in dieſem erregten Zuſtand den großen Geſandtenſaal durchſchritt, kamen wirkliche Töne zu je⸗ gen muthmaßlichen Gebilden. Tiefes Stöhnen, unbe⸗ Kimmtes Rufen ſchien gewiſſermaßen unter meinen Fü⸗. Sen emporzuſteigen; ich hielt an und lauſchte. Es ſchien nun wieder außerhalb des Thurms zu ſchallen. Zuwei⸗ len klang es wie das Heulen eines Thieres, dann wie⸗ der war es erſticktes Schreien mit vernehmlichem Toben des Wahnſinns vermiſcht. Die durchſchauernde Wirkung dieſer Klänge, in dieſer ſtillen Stunde und an dieſer ſonderbaren Stelle, benahm mir alle Luſt, meinen einſa⸗ men Spaziergang fortzuſetzen. Ich kehrte munterer in mein Gemach zurück als ich es verlaſſen hatte und ath⸗ mete freier, als ich wieder innerhalb ſeiner Wände und die Thüre hinter mir verriegelt war. Als ich am Mor⸗ gen erwachte und die Sonne durch mein Fenſter herein ſchien und jeden Theil des Gebäudes mit ihren holden und wahrheitkündenden Strahlen beleuchtete, konnte ich mich kaum der Schatten und Trugbilder erinnern, welche das Düſter der vergangenen Nacht herauf beſchworen hatte, oder es glauben, daß die Scenen um mich her, ſo nackt und bekannt, ſich mit ſolchen eingebildeten Schrek⸗ ken hätten bekleiden können. Doch war das düſtere Geheul und Rufen nichts ein⸗ gebildetes; mein Mädchen Dolores gab mir Auskunft deßhalb; es war das Raſen eines Wahnſinnigen, eines Bruders ihrer Tante, der heftigen Anfällen unterworfen war, während deren man ihn in ein gewölbtes Zimmer unter dem Geſandten⸗Saal einſperrte. 1 Die Alhambra im Mondlichte. Ich habe ein Gemälde meiner Zimmer bei meiner erſten Beſitznahme derſelben gegeben; wenige Abende ha⸗ ben eine gänzliche Veränderung in der Scene und in meinen Gefühlen hervorgebracht. Der Mond, der da⸗ mals unſichtbar war, hat allmählig Gewalt über die Nacht erlangt und zieht jetzt in vollem Glanze über den Thürmen hin und ſtreut eine Maſſe ſanften Lichtes in jeden Hof und Saal. Der Garten unter meinem Fen⸗ ſter iſt lieblich beleuchtet; die Orangen⸗ und ECitronen⸗ bäume ſind mit Silber getüpft; der Brunnen funkelte in den Mondſtrahlen und ſelbſt das Erröthen der Roſe iſt ſchwach ſichtbar. Ich ſaß ſtundenlang an meinem Fenſter, trank die Süße des Gartens in mich und dachte über das launen⸗ volle Loos derer nach, deren Geſchichte in den zierlichen Denkmälern rundum ſich trüb abzeichnet. Zuweilen ging ich um Mitternacht, wenn alles ruhig war, hinaus und durchwanderte das ganze Gebäude. Wer kann eine Mondſcheinnacht unter einem ſolchen Himmel und an einem ſolchen Orte genng preißen? Die Temperatur ei⸗ ner andaluſiſchen Sommer⸗Mitternacht iſt wahrhaft himm⸗ liſch. Wir ſcheinen in eine reinere Atmoſphäre emporge⸗ hoben; es iſt eine Heiterkeit der Seele, eine Schwung⸗ kraft des Geiſtes, eine Elaſtizität des Körpers, welche das bloße Daſeyn zu einem Freudegenuß macht. Auch auf die Alhambra wirkt das Mondlicht wie ein Zauber. Jeder Riß, jede Spalte des Alters, jede zerſtäubende Farbe und jeder Wetterflecken verſchwindet; der Mar⸗ mor nimmt ſeine urſprüngliche Weiße wieder an; die langen Säulenreihen glänzen in den Mondſtrahlen; die Säle ſind mit ſanftem Glanze gefüllt, bis uns zuletzt das ganze Gebände wie ein bezauberter Palaſt aus den arabiſchen Mährchen vorkömmt. Zu einer ſolchen Zeit ſtieg ich auf den kleinen Pa⸗ villon, welcher die Toilette der Königin genannt wird, um mich an ſeiner mannichfaltigen und ausgedehnten Ausſicht zu ergötzen. Rechts glänzten die ſchneeigen Gipfel der Sierra Nevada wie Silberwolken gegen das dunklere Firmament und alle Umriſſe des Gebirgs er⸗ ſchienen geſänftigt und doch zart angedentet. Meine größte Wonne jedoch war es, mich über die Bruſtwehr des Tocador zu lehnen und auf Granada hinabzublicken, das wie eine Karte unter mir ausgebreitet lag, in tiefe Ruhe begraben, und ſeine weißen Paläſte und Klöſter gleichſam im Mondenſchein ſchlafend. Zuweilen hörte ich die ſchwachen Klänge der Caſtag⸗ netten einer Tanzgeſellſchaft, die noch in der Alameda weilte; ein anderes Mal drang der ungewiſſe Klang ei⸗ ner Guitarre zu mir und die Töne einer einzelnen Stimme erhoben ſich aus einer einſamen Straße und malten mir irgend einen jungen Ritter, der vor dem Fenſter ſeines Liebchens ein Ständchen bringt— eine artige Sitte früherer Tage, die jetzt leider überall in Abnahme kommt, die entlegenen Städte und Dörfer — 77— Spaniens ausgenommen. Dieſer Art waren die Sce⸗ nen, welche mich ſo manche Stunde in den Höfen und auf den Balkons des Schloſſes weilen ließen, und wo ich mich jener Miſchung von Träumerei und Empfindung erfreute, welche in den ſuͤdlichen Himmelsſtrichen die Tage hinwegſtiehlt, und der Morgen war oft nahe, wenn ich mein Bett aufſuchte und mich von den fallenden Waſ⸗ ſern des Brunnens der Lindarara in Schlaf wiegen ließ. Bewohner der Alhambra. Ich habe es oft bemerkt, daß je ſtolzer ein Haus in den Tagen ſeines Glückes beſetzt war, ſind ſeine Be⸗ wohner in den Tagen ſeines Verfalls um ſo ärmlicher, und daß die Paläſte der Könige gewöhnlich zuletzt der Aufenthalt von Bettlern werden. Die Alhambra iſt in einem reißenden Zuſtande ähn⸗ lichen Uebergangs. Wo ein Thurm verfällt, nehmen zer⸗ lumpte Familien Beſitz davon und machen ſich in Ge⸗ meinſchaft mit den Fledermäuſen und Eulen zu Bewoh⸗ nern ſeiner vergoldeten Säle und hängen die Lumpen, dieſe Banner der Armuth, aus ſeinen Fenſtern und Schießſcharten. Es hat mich ergötzt, manche dieſer ſcheckigen Cha⸗ raktere zu beobachten, welche die alte Wohnung von Koͤnigen ſo an ſich geriſſen haben und die hierher geſetzt — 28— zu ſeyn ſchemnen, um dem Drama des menſchlichen Stol⸗ zes einen komifärn Scüns zu geben. Einer derſelben trägt fogar den Spotttitet einer Königin. Es iſt dies eine kleine alte Fran, welche Maria Antonia Sabonea heißt, aber gewöhnlich La Reyna Coquina oder die Mu⸗ ſchelkönigin genaunt wird. Sie iſt klein genug, um eine Fee abzugeben und ſie mag nach allem, was ich erfahren konnte, eine Fee ſeyn, denn niemand kennt ihren Ur⸗ ſprung. Ihre Wohnung iſt eine Art Kämmerchen unter der äußern Treppe des Palaſtes und ſte ſitzt in dem kühlen ſteinernen Gange, braucht ihre Nadel emſig, ſingt vom Morgen bis in die Nacht und hat für jeden, der vorbei kömmt, einen Scherz in Bereitſchaft; denn ob⸗ gleich ſie eine der ärmſten Frauen iſt, ſo lebt doch kaum ein kuſtigeres kleineres Weſen. Die Gabe des Geſchich⸗ ten⸗Erzählens iſt ihr Hauptverdienſt, denn ich glaube wahrhaftig, daß ſie eben ſo viele Erzählungen zu ihrem Befehl hat als die unerſchöpfliche Scheherezade der tau⸗ fend und einen Nacht. Manche derſelben habe ich ſie in den Abend⸗Tertulias der Dame Antonia, bei deuen ſie ſich zuweilen einfinden darf, erzählen hören. Daß irgend eine Feengabe an dieſem geheimuißvol⸗ len kleinen alten Weibe ſeyn muß, geht ſchon aus ihrem ungemeinen Glück hervor, indem ſie, obgleich ſehr klein, ſehr häßlich und ſehr arm, ihrer eigenen Erzählung zu Folge fünf und einen halben Mann gehabt hat, wobei ſie einen jungen Dragoner, der während der Brautzeit ſtarb, für einen halben rechnet. Mit dieſer kleinen Feen⸗ königin wetteifert ein ſtattlicher alter Burſche mit einer dicken Naſe, der in einem verbrauchten Kleids mit einem — 79— aufgekrempten wachstaftnen Hut und einem rothen Fe⸗ derbuſch umher geht. Er iſt einer der rechtmäßigen Söhne der Alhambra und hat ſein ganzes Leben in Erfüllung mancherlei Pflichten hingebracht; ſo war er Unter⸗Al⸗ guazil, Küſter in der Pfarrkirche, und Wärter bei dem Ballſpiel⸗Hof, der am Fuße eines der Thürme errichtet worden war. Er iſt arm wie eine Kirchenmaus, aber ſo ſtolz als er zerlumpt iſt, denn er rühmt ſich von dem edeln Hauſe der Aguilar abzuſtammen, aus welchem Gonſalvo de Cordova, der große Feldherr, hervorging. Ja, er trägt wirklich den Namen Alonzo de Aguilar, der in der Geſchichte der Eroberung von Granada ſo berühmt iſt, obgleich die ruchlofen Schelmen der Veſte ihm den Titel el padre santo, oder der heilige Vater gegeben haben— die gewöhnliche Bezeichnung des Pab⸗ ſtes, die ich in den Augen echter Katholiken für viel zu geheiligt glaubte, als daß man ſſe ſo ſcherzhaft anwen⸗ dete. Es iſt eine ſeltſame Laune des Schickſals, in der grotesken Perſon dieſes Lumpen einen Namensverwand⸗ ten und Abkömmling des ſtolzen Alonzo de Aguilar, des Spiegels der andaluſiſchen Ritterſchaft, zu bieten, der faſt ein Bettlerleben in dieſer einſt ſo ſtolzen Feſtung führt, welche ſein Ahnherr zerſtören half; und doch möchte das Loos der Nachkommen von Agamemnon und Achil⸗ les ein aͤhnliches ſeyn, wären ſie in der Naͤhe der Rui⸗ nen von Troja geblieben. Von dieſer bunten Geſellſchaft möchte wohl die Fa⸗ milie meines geſprächigen Gebeitsmannes, Mateo Nime⸗ nes, wenigſtens der Zahl, nach, einen ſehr wichtigen Theil ausmachen. Seine Anſprüche, ein Sohn der Alhambra — 36— zu ſeyn, ſind nicht ungegründet. Seine Familie hat die Veſte ſeit der Zeit der Eroberung bewohnt, und die Ar⸗ muth von dem Vater auf den Sohn vererbt, denn noch nie hatte ein Glied dieſer Familie einen Maravedi in ſeinem Beſitze. Sein Vater, ein Bandmacher ſeines Ge⸗ werbes, und ſeit dem Tode des hiſtoriſchen Schneiders das Haupt der Familie, iſt jetzt faſt 70 Jahre alt, und lebt in einer Hütte von Schilf und Lehm, die er ſich mit eigner Hand grade über dem eiſernen Thore gebaut hat. Das Geräth beſteht aus einem zerbrechlichen Bette, einem Tiſch und zwei oder drei Stühlen, einer hölzernen Küſte, welche ſeine Kleider und die Archive der Fa⸗ milie enthält, d. h. einige Papiere, alte Prozeßſachen betreffend, die er nicht leſen kann; aber der Stolz ſei⸗ ner Hütte iſt ein Familien⸗Wappen, das prachtvoll ge⸗ malt und in einem Rahmen an der Mauer aufgehängt iſt, und durch ſeine Felder deutlich die verſchiedenen ed⸗ len Häuſer andeutet, mit welchen dieſe armſelige Brut verwandt ſeyn will. Was Mateo ſelbſt betrifft, ſo hat er ſein möglich⸗ ſtes gethan, um ſeinen Stamm fortzupflanzen, da er eine Frau und eine zahlreiche Nachkommenſchaft hat, welche eine faſt dach⸗ und fachloſe Hütte in dem Dorfe bewoh⸗ nen. Wie ſie es anfangen, ſich zu erhalten, kann Er nur ſagen, der in alle Geheimniſſe ſchaut; die Erhaltung einer ſpaniſchen Familie dieſer Art bleibt mir ſtets ein Räthſel; indeſſen leben ſie, und was mehr iſt, ſcheinen ſich ihres Daſeyns zu freuen. Die Frau geht Sonntags in dem Pasco von Granada mit einem Kind im Arme und einem halben Dutzend auf der Ferſe, ſpazieren, und — 81— die älteſte Tochter, die jetzt zur Jungfrau übergeht, flicht ſich Blumen in das Haar, und tanzt luſtig zu den Caſtagnetten. Es gibt zwei Klaſſen von Leuten hier, denen das Leben ein langer Feiertag zu ſeyn ſcheint— den ſehr reichen und den ſehr armen; den einen, weil ſte nichts zu thun brauchen, den andern, weil ſte nichts zu thun haben; es verſteht aber niemand die Kunſt, nichts zu thun und von nichts zu leben, beſſer, als die armen Klaffen von Spanien. Das Klima thut die eine Hälfte und das Temperament das übrige. Man gebe einem Spanier Schatten im Sommer und die Sonne im Winter, et⸗ was Brod, Zwiebeln, Oel, Erbſen, einen alten Mantel und eine Guitarre, ſo mag die Welt ſich drehen wie ſie will. Was Armuth! ſie hat für ihn nichts beſchim⸗ pfendes. Sie umgibt ihn mit einem grandioſen Styl, wie ſein zerlumpter Mantel. Er iſt ein Hidalgo ſelbſt in Fetzen. 3 Die Söhne der Alhambra ſind eine treffliche Ver⸗ anſchaulichung dieſer praktiſchen Philoſophie. Wie die Mauren glaubten, das himmliſche Paradies hänge über dieſem begünſtigten Fleck, ſo bin ich manchmal geneigt zu denken, ein Abglanz von dem goldnen Zeitalter ſchwebe noch über der zerlumpten Bewohnerſchaft. Sie haben nichts— ſie thun nichts— ſie ſorgen für nichts. Und dennoch, obgleich ſie augenſcheinlich die ganze Woche müßig ſind, beobachten ſie alle Feiertage und Heiligenfeſte eben ſo eifrig, wie der thätigſte Handwerker. Sie be⸗ ſuchen alle Tänze und Feſte zu Granada und deſſen Um⸗ gebungen, zünden am Abend des St. Johannistags Freu⸗ 44— 47. 6 denfeuer auf den Hügeln an, und haben neulich die mond⸗ hellen Nächte durchtanzt, um die Erndtefeuer eines klei⸗ nen Stück Feldes innerhalb der Veſte, welches kaum einige Büſchel Waizen abwarf, feſtlich zu begehen. Ehe ich dieſe Bemerkungen ſchließe, muß ich einer der Unterhaltungen dieſes Ortes gedenken, die mir be⸗ ſonders aufftel. Ich hatte öfter einen langen ſpaniſchen Kerl bemerkt, der auf dem Gipfel eines der Thürme ſaß, und zwei oder drei Angelruthen handhabte, als wollte er nach den Sternen angeln. Das Thun dieſes Luftfiſchers ſetzte mich eine Zeit lang in Verlegenheit, und dieſe Verlegenheit wuchs, als ich andere bemerkte, welche auf gleiche Weiſe auf verſchiedenen Theilen der Zinnen und Baſtionen beſchäftigt waren; das Geheim⸗ niß erſchloß ſich mir nicht eher, als bis ich Mateo i⸗ menes zu Rath zog. Die reine und luftige Lage des Veſte ſcheint ſie, wie Macbeths Schloß, zu einem fruchtbaren Heckneſt für Schwalben und andere Vögel gemacht zu haben, die mit der Feiertagsluſt von Jungen, welche eben aus der Schule gelaſſen worden, zu Tauſenden um ihre Thürme ſpielen. Dieſe Vögel nun in ihrem gedankenloſen Um⸗ herkreiſen mit Angeln, an denen Fliegen ſtecken, zu fan⸗ gen, iſt eines der Lieblings⸗Vergnügungen der zerfezten „Söhne der Alhambra,“ welche mit dem zu nichts brauch⸗ baren Witze ausgemachter Müßiggänger auf dieſe Art die Kunſt erfunden haben, in dem Himmel zu angeln. Der Loͤwenhof. Der beſondere Reiz dieſes alten träumeriſchen Pa⸗ laſtes beſteht in ſeiner Macht, vage Träumereien und Bilder der Vergangenheit hervorzurufen, und ſo die nackte Wirklichkeit mit den Täuſchungen des Gedächt⸗ niſſes und der Einbildungskraft zu umkleiden. Da es mich ergötzt, in dieſen„eiteln Schatten“ zu wandeln, ſuche ich auch gern die Theile der Alhambra auf, welche dieſem Schattenſpiel des Geiſtes am günſtigſten ſind, und dieß iſt bei keinem mehr der Fall, als bei dem Löwen⸗ hofe und den Sälen umher. Hier iſt die Hand der Zeit am ſanfteſten verfahren, und die Spuren manriſcher Ele⸗ ganz und Pracht beſtehen faſt noch in ihrem urſprüng⸗ lichen Glanze. Erdbeben haben die Grundpfeiler dieſes Gebäudes erſchüttert, und ihre härteſten Thürme geſpal⸗ ten; allein ſieh, nicht Eine jener ſchlanken Säulen kam aus ihrer Stelle, nicht Ein Bogen jenes leichten und gebrechlichen Ganges iſt gewichen! Und all die niedliche Bildnerei an den gewölbten Decken, augenſcheinlich ſo zart gehalten, wie die Cryſtalarbeit eines Morgenfroſtes beſteht noch nach dem Verlaufe von Jahrhunderten, und iſt ſo neu, als käm ſie eben aus der Hand des arabiſchen Künſtlers. Ich ſchreibe inmitten dieſer Andenken der Vergangenheit, in der frühen Stunde des Frühmorgens, in dem unglücklichen Saal der Abencerragen. Der blut⸗ 82 3416 befleckte Brunnen, der Sage nach das Denkmal ihrer Ermordung, iſt vor mir; der hohe Waſſerſtrahl fprengt faſt ſeinen Thau auf mein Papier. Wie ſchwer iſt es, die alte Geſchichte von Gewaltthat und Blut mit dem lieblichen und friedvollen Schauſpiele rundum zu vereinen! Alles ſcheint hier berechnet, freundliche und glückliche Gefühle zu erregen, denn alles iſt mild und ſchön. Selbſt das Licht fällt ſanft von oben herab, durch die Laterne eines wie von Feenhänden gemalten und gearbeiteten Domes. Durch den weiten und mit Bildnerei gezierten Bogen des Portals ſehe ich den Löwenhof in dem Glanz der Sonne, die ſeine Colonnaden entlang ſtrahlt, und in ſeinem Brunnen funkelt. Die lebhafte Schwalbe ſenkt ſich in den Hof, erhebt ſich wieder aufwärts, und ſchießt ziſchend über die Dächer dahin; die geſchäftige Biene treibt ſich ſummend unter den Blumenbeeten umher, und bunte Schmetterlinge flattern von Pflanze zu Pflanze und fliegen dann empor und ſpielen mit einander in der ſon⸗ nigen Luft. Die Phantaſte braucht ſich nur ſehr wenig anzuſtrengen, um ſich irgend eine ſinnige Schönheit des Harems zu mahlen, welche in dieſen abgeſchloſſenen Pläͤtz⸗ chen orientaliſcher Ueppigkeit weilt. Der aber, welcher dieſe Scene gern mehr im Einklang mit ihrem Geſchick ſehen möchte, muß kommen, wenn die Schatten des Abends den Glanz des Hofes mildern, und ihr Düſter uͤber die Säle umher verbreiten. Es kann dann nichts heiter⸗wehmüthigeres, oder mit der Ge⸗ ſchichte entſchwundener Größe übereinſtimmenderes geben. In ſolchen Stunden ſuche ich wohl auch den Saal der Gerechtigkeit auf, deſſen tiefe ſchattenvolle Arkaden ſich am obern Ende des Hofes hiuziehen. Hier wurde in Gegenwart von Ferdinand und Iſabella und ihres ſtegtrunkenen Geleites, das feſtliche Hochamt bei der Be⸗ ſitnahme von Alhambra gehalten. Das Kreuz iſt ſogar noch auf der Wand zu ſehen, an welcher der Altar ſtand, und wo der Groß⸗Kardinal von Spanien und andere der höchſten kirchlichen Würdenträger des Landes den Got⸗ tesdienſt hielten. Ich malte mir das ganze Schauſpiel, als das ſtegreiche Heer dieſen Ort füllte— dieſes Gemiſch von Prälaten in ihrem Ornat, und von geſchornen Mönchen, von ſtahlbepanzerten Rittern und ſeidnen Höflingen, wenn Kreuze und Krummſtäbe und Kirchenfahnen ſich mit den ſtolzen Wappenzeichen und den Bannern der Edlen Spa⸗ niens miſcht, und im Triumph über dieſe arabiſchen Säle flattert. Ich male mir Columb, den künftigen Entdecker einer Welt, wie er in einem fernen Winkel ſeinen be⸗ ſcheidenen Platz nimmt, ein demüthiger und vernachläßig⸗ ter Zuſchauer des Feſtgepränges. Meine Phantaſte läßt mich dieß katholiſche Herrſcherpaar ſehen, wie es ſich vor dem Altar niederwirft, und ſeinen inbrünſtigen Dank für den Sieg darbringt, während die Gewölbe die hei⸗ ligen Geſänge und das lauttönende Te Deum wi⸗ derhallten. Die kurze Täuſchung iſt vorüber— das Feſt ent⸗ ſchwindet dem innern Auge— Monarchen, Prieſter und Krieger kehren in die Vergeſſenheit zurück, ſo wie die armen Mosleminen, über welche ſie triumphirten. Ihre Siegshalle iſt öde und leer. Die Fledermaus fliegt um ihr Dämmergewölbe und die Enle krächzt aus dem na⸗ hen Thurm des Comgres. — 86— Als ich vor einigen Abenden in den Loͤwenhof trat, erſchrack ich über den Anblick eines beturbanten Mauren, der ruhig am Brunnen ſaß. Es ſchien einen Augenblick, als ob eines der Märchen des Ortes ſich verwirklicht, und ein alter Bewohner der Alhambra den Zauber von Jahrhunderten vernichtet hätte, und ſichtbar geworden wäre. Es fand ſich aber, daß es ein gewöhnlicher Sterb⸗ licher war, ein Eingeborner von Tetuan in der Berberei der einen Laden in dem Zacadin von Granada hatte, wo er Rhabarber, Flittern und Wohlgerüche feil hielt. Da er das Spaniſche geläufig ſprach, konnte ich mich mit ihm unterhalten, und fand ihn klug und verſchlagen. Er ſagte mir, er komme zuweilen im Sommer den Hü⸗ gel herauf, um einen Theil des Tages in der Alhambra hinzubrigen, wo er an die alten Paläſte in der Berberei erinnert werde, welche in einem ähnlichen Style, obgleich mit weniger Pracht, gebaut wären. Als wir im Palaſt umhergingen, zeigte er auf ver⸗ ſchiedene arabiſche Inſchriften, welche viele poetiſche Schön⸗ heit enthielten. „Ja, Sennor,“ ſagte er,„als die Mauren Grana⸗ da inne hatten, waren ſie ein muntreres Volk, als ſie heut zu Tage ſind! Sie dachten nur an Liebe, Muſik und Poeſte. Sie machten Verſe bei jeder Gelegenheit, und ſetzten ſie alle in Muſik. Der, welcher die beſte Verſe machen konnte, nnd die, welche die klangvollſte Stimme hatte, konnten der Gunſt und Beförderung ge⸗ wiß ſeyn. Wenn in jenen Tagen jemand Brod forderte, hieß es: mach' mir einen Vers; und der ärmſte Bettler, welcher in Reimen bettelte, wurde oft mit einem Gold⸗ ſtück belohnt.“ „Und iſt das ſo verbreitete Gefühl für Poeſie,“ ſagte ich,„bei euch jetzt gänzlich verloren 2* „Keineswegs, Sennor; das Volk der Berberei, ſelbſt aus den nidrigſten Klaſſen, macht noch immer wie in den alten Tagen, Verſe, und auch gute Verſe; allein das Talent wird nicht belohnt wie ehedem; der Reiche zieht das Klingeln ſeines Goldes dem Klang der Poeſie und Muſik vor.“ Während er ſprach, heftete ſich ſein Auge auf eine der Inſchriften, welche der Macht und dem Ruhme der mauriſchen Herrſcher, den Gebietern dieſes Gebäudes, Unſterblichkeit verkündeten. Er ſchüttelte den Kopf und zuckte mit den Schultern, als er ſie überſetzte.„Das wäͤre wohl der Fall geweſen,“ ſagte er;„die Moslemi⸗ nen könnten noch jetzt in der Alhambra regieren, wäre Boadbdil kein Verräther geweſen, und hätte er die Haupt⸗ ſtadt den Chriſten nicht übergeben. Die ſpaniſchen Mo⸗ narchen wären nie im Stande geweſen, ſie in offnem Kampf zu erobern.“ Ich bemühte mich, das Andenken des unglücklichen Boabdil von dieſem Flecke zu reinigen, und zu zeigen, daß die Streitigkeit, welche zum Sturze des maunriſchen Thrones geführt, ihren Urſprung in der Grauſamkeit ſeines tigerherzigen Vaters gehabt hätten; aber der Maure ließ keine Rechtfertigung gelten. „Mulei Haſſan,“ ſagte er,„mag grauſam geweſen ſeyn; allein er war tapfer, wachſam, ein Freund des Va⸗ terlandes. Wäre er recht unterſtützt worden, ſo wäre 88—= Granada unſer geblieben; allein ſein Sohn Boabdil durchkreuzte ſeine Plane, lähmte ſeine Macht, ſäete Ver⸗ rath in ſeinen Palaſt und Zwieſpalt in ſein Lager. Der Fluch Gottes komme auf ihn wegen ſeiner Verrätherei!“ Mit dieſen Worten verließ der Maure die Alhambra. Der Zorn meines beturbanten Gefaͤhrten ſtimmt mit einer Anecdote überein, die mir ein Freund erzählte, welcher während einer Reiſe in der Berberei den Paſcha von Tetuan geſprochen hatte. Der mauriſche Statthal⸗ ter fragte ſehr eifrig nach dem Land, und vorzüglich nach dem glücklichen Gebiete Andaluſtens, den Wonnen Gra⸗ nada's und den Ueberbleibſeln des königlichen Palaſtes daſelbſt. Die Antworten weckten alle jene theueren den Mauren ſo tief im Herzen ruhenden Erinnerungen an die Gewalt und den Glanz ihrer alten Herrſchaft in Spanien. Der Paſcha wandte ſich zu ſeinem mohame⸗ daniſchen Gefolge, raufte ſeinen Bart, und brach in lei⸗ denſchaftliche Klagen aus, daß ſolch eine Herrſchaft den echten Gläubigen entriſſen worden. Er tröſtete ſich je⸗ doch mit der Gewißheit, daß die Macht und das Glück der ſpaniſchen Nation im Abnehmen ſey, und daß eine Zeit kommen würde, wo die Mauren ihr rechtmäßiges Land wieder eroberten; daß der Tag vielleicht nicht mehr ſern ſey, wo der mohamedaniſche Gottesdieuſt wieder in der Moſchee von Cordova gefeiert, und ein mohameda⸗ daniſcher Prinz auf ſeinem Throne in der Alhambra ſitzen wuͤrde. Der Art iſt der allgemeine Wunſch und Glaube un⸗ ter den Mauren der Berberei, die Spanien und beſon⸗ ders Andaluſten für ein rechtmäßiges Erbe anſehen, deſ⸗ — 89— ſen ſte durch Verrath und Gewalt beraubt worden. Dieſe Gedanken werden von den Nachkommen der ver⸗ bannten Mauren von Granada, welche in den Städten der Berberei zerſtreut ſind, genährt und fortgepflanzt. Viele derſelben wohnen zu Tetuan, behalten ihre alten Namen, z. B. Paez und Medina, bei, und verſagen es ſich, in irgend eine Familie zu heirathen, welche nicht auf gleich hohe Abſtammung Anſprüche hat. Ihr ge⸗ rühmtes Geſchlecht wird mit einem Grad von Ehrfurcht von dem Volke betrachtet, welchen man bei Mohame⸗ danern erblichen Vorzügen, ausgenommen in dem könig⸗ lichen Stamme, ſelten erzeigt. Dieſe Familien ſollen fortwährend nach dem irdi⸗ ſchen Paradieſe ihrer Vorfahren ſeufzen, und Freitags in ihrer Moſchee Gebete anſtellen, Allah anflehend um die Beſchleunigung der Zeit, wo Granada den Recht⸗ gläubigen wieder zugeſtellt wird, ein Ereigniß, dem ſie eben ſo ſehnſüchtig und vertrauungsvoll entgegen ſehen, wie die chriſtlichen Kreuzfahrer der Entdeckung des hei⸗ ligen Grabes. Ja, man ſetzt hinzu, einige derſelben be⸗ wahrten noch die alten Karten und Urkunden der Be⸗ ſitzungen und Gärten ihrer Vorfahren zu Granada, und ſogar die Schlüſſel ihrer Häuſer, welche ſie als Beweiſe ihrer erblichen Anſprüche aufheben, um fie an dem Tag der gehofften Wiederherſtellung des alten Zuſtandes vor⸗ zuzeigen. Der Löwenhof hat auch ſeinen Theil uͤbernatürlicher Sagen. Ich habe bereits des Glaubens an das Mur⸗ meln von Stimmen und das Klirren von Ketten ge⸗ dacht, Töne, welche man den Geiſtern der ermordeten Abencerragen zuſchreibt. Mateo Nimenes erzählte vor einigen Abenden bei einer der Geſellſchaften in der Dame Antonia Gemache eine Thatſache, welche ſich während der Lebzeiten ſeines Großvaters, des ſegenreichen Schnei⸗ ders, zugetragen hatte. Ein Invalide hatte die Pflicht über ſich, die Alham⸗ bra den Fremden zu zeigen. Als er eines Abends in der Daͤmmerung durch den Löwenhof ging, hörte er in dem Saal der Abencerragen Fußtritte. Er dachte, einige Be⸗ ſucher hätten ſich dort verſpätet, und ſchritt näher, um ſie zu begleiten, als er zu ſeinem Erſtaunen vier reich gekleidete Mauren erblickte, mit vergoldeten Harniſchen, Säbeln und Dolchen, welche von koſtbaren Steinen fun⸗ kelten. Sie gingen feierlichen Schrittes auf und ab, ſtanden jetzt aber ſtill, und winkten ihm. Der alte Sol⸗ dat aber ergriff die Flucht, und konnte nachher nie wier der dahin gebracht werden, die Alhambra zu betreten, So wenden Menſchen manchmal ihrem Glück den Rücken; denn es iſt Mateo's feſter Glaube, die Mauren hätten den Platz bezeichnen wollen, wo ihre Schätze verborgen liegen. Ein Nachfolger des Invaliden war klüger; er kam arm in die Alhambra, aber nach Verlauf eines Jah⸗ res reiſte er nach Malaga, baute Häuſer, hielt ſich einen Wagen, und lebt noch dort als einer der reichſten, ſo wie der älteſten Leute des Ortes, was alles, wie Mateo weiſe ahnt, zufolge der Auffindung des goldnen Geheim niſſes dieſes geſpenſtiſchen Mauren geſchah.’ —— — 91— Boabdil el Chico. Meine Unterhaltung mit dem Mann in dem Loͤwen⸗ hofe veranlaßte mich, über das ſeltſame Schickſal Boab⸗ dils nachzudenken. Seine Unterthanen nannten ihn„el Zogoybi“ oder„der Unglückliche“ und nie war ein Bei⸗ name beſſer angewendet. Sein Unglück begann faſt in der Wiege. In ſeiner zarten Jugend wurde er von einem unmenſchlichen Vater gefangen, und mit dem Tode bedroht, dem er nur durch eine Liſt ſeiner Mutter enr⸗ ging; in ſpätern Jahren wurde ſein Leben durch die Feindſeligkeiten eines eroberungsſüchtigen Oheims ver⸗ bittert und öfter gefährdet; ſeine Regierung wurde durch Einfälle von außen und durch Entzweiungen im Innern beunruhigt; er war abwechſelnd der Feind, der Gefan⸗ gene, der Freund und immer der Spielball Ferdinands, bis die vereinte Liſt und Macht dieſes treuloſen Königs ihn beſiegte und entthronte. Verbannt aus ſeinem Hei⸗ mathlande flüchtete er zu einem Fürſten Afrika's, und ſiel ruhmlos in einer Schlacht, für die Sache eines Frem⸗ den fechtend. Sein Unglück hörte aber noch nicht mit ſeinem Tode auf. Wenn Boabdil den Wunſch hegte, in der Geſchichte ehrenvoll genannt zu werden,— wie grau⸗ ſam wurde er dann in ſeinen Hoffnungen getäuſcht! Wer hat der romantiſchen Geſchichte der mauriſchen Herrſchaft in Spanien die geringſte Aufmerkſamkeit gewidmet, ohns bei der angeführten Abſcheulichkeit Boabdils vor Zorn zu erglühen? Wen haben die Leiden ſeiner lieblichen und holden Gemalin, welche er, auf eine falſche Anklage der Untreue, zu einer Probe auf Leben und Tod verurtheilte, nicht gerührt? Wen hat es nicht empört, daß er in einem Anfall von Zorn ſeine Schweſter und ſeine zwei Kinder umgebracht haben ſollte? Wem hat das Blut nicht ge⸗ kocht bei dem unmenſchlichen Morde der tapfern Aben⸗ cerragen, die er, der Erzählung zufolge, ſechs und dreißig an der Zahl, in dem Löwenhof enthaupten ließ? Alle dieſe Anklagen ſind in mannigfachen Formen wieder zum Vorſchein gebracht worden; ſie gingen in Balladen, Dra⸗ men und Romanzen über, bis ſie in dem Gemüthe des Publikums zu feſt Wurzel gefaßt hatten, als daß man ſie hätte vernichten können. Jeder Fremde von Bildung, der die Alhambra beſucht, fragt nach dem Brunnen, wo die Abencerragen gemordet worden; und blickt mit Schrek⸗ ken auf die vergitterte Galerie, wo, der Sage nach, die Königin gefangen ſaß; jeder Bauer der Vega und der Sierra ſingt die Geſchichte in rohen Strophen zur Be⸗ gleitung ſeiner Guitarre, während ſeine Zuhörer ſelbſt den Namen Boabdils verwünſchen lernen. Nie jedoch wurde ein Mann ſchmähliger und unbil⸗ liger verläumdet. Ich habe alle authentiſchen Chroni⸗ een und Briefe unterſucht, welche von Spaniern, den Zeitgenoſſen Boabdils, geſchrieben wurden; manche der⸗ ſelben beſaßen das Vertrauen des katholiſchen Herrſcher⸗ paars, und waren während des ganzen Krieges in dem Lager gegenwärtig geweſen. Ich habe alle arabiſche Quellen, welche ich vermittelſt Ueberſetzungen benutzen — 33— konnte, geprüft, und kann nicht finden, was dieſe ſchwarze und gehäſſige Anklage rechtfertigt. Das ganze dieſer Er⸗ zählungen läßt ſich auf ein Werk zurückführen, was ge⸗ wöhnlich den Titel hat:„die bürgerlichen Kriege von Granada,“ und eine angebliche Geſchichte der Streitig⸗ keiten der Zegries nud Abencerragen während der letzten Zuckungen der mauriſchen Herrſchaft enthält. Dieſes Werk erſchien urſprünglich in ſpaniſcher Sprache, und ſollte von einem Gines Perez de Hila, einem Eingebor⸗ nen von Murcia, aus dem Arabiſchen übertragen ſeyn. Es wurde ſeitdem in mehrere Sprachen überſetzt, und Florian hat vieles in ſeinem Gonſalvo von Cordova daraus genommen; ſeitdem hat es in gewiſſem Grad das Anſehen eines wirklichen Geſchichtswerkes in Anſpruch genommen, und wird gewöhnlich von dem Volk, beſon⸗ ders aber von den niedern Klaſſen Granada's, geglaubt. Das ganze iſt jedoch eine Maſſe von Dichtungen mit wenigen entſtellten Wahrheiten vermiſcht, welche ihm das Anſehen geſchichtlicher Treue geben. Es enthält innere Proben ſeiner Falſchheit, indem die Sitten und Ge⸗ bräuche der Mauren darin auf das übertriebenſte ent⸗ ſtellt, und Begebenheiten geſchildert werden, welche ganz unverträglich ſind mit ihren Gewohnheiten und ihrem Glauben, und von einem mohamedaniſchen Schriftſteller nie berichtet worden wären. Ich geſtehe, es ſcheint mir in den abſichtlichen Ver⸗ drehungen dieſes Buches etwas faſt Verbrecheriſches zu liegen: man muß der romantiſchen Dichtung ohne Frage einen großen Spielraum zugeſtehen; allein es gibt Gren⸗ zen, die man nicht überſchreiten darf, und die Namen — 94— ausgezeichneter Todten, welche der Geſchichte angehören, dürfen nicht mehr verläumdet werden, als die berühmten Lebenden. Auch hätte man denken ſollen, der unglück⸗ liche Boabdil habe wegen ſeiner zu rechtfertigenden Feind⸗ ſeligkeit gegen die Spanier genug gebüßt, da er ſeines Thrones beraubt worden, und man brauche ſeinen Na⸗ men nicht noch ſo muthwillig zu beflecken, und ihn zu einem Schimpfwort und zum Gegenſtande der Schmach in ſeinem Heimathland und ſelbſt in der Wohnung ſei⸗ ner Väter zu machen! Damit ſoll nicht behauptet werden, daß die Hand⸗ lungen, welche Boabdil zugeſchrieben werden, ohne alle hiſtoriſche Begründung ſind; ſo weit man ihnen aber ſol⸗ gen kann, ſcheinen ſie von ſeinem Vater, Aben Haſſan, ausgegangen zu ſeyn, der ſowohl von chriſtlichen arabi⸗ ſchen Geſchichtſchreibern als ein Mann von wildem und grauſamem Charakter geſchildert wird. Er war es, der das berühmte Geſchlecht der Abencerragen morden ließ, weil er ſle im Verdacht einer Empörung hatte, durch die er von ſeinem Thron geſtoßen werden ſollte. Auch die Geſchichte der Beſchuldigung gegen die Gemalin Boabdils und ihrer Einkerkerung in einen der Thürme, läßt ſich als ein Begebniß in dem Leben ſeines tigerherzigen Vaters nachweiſen. Aben Haſſan heirathete in ſeinen vorgerückten Jahren noch eine ſchöne chriſtliche Gefangene von edler Abkunft, welche den manriſchen Namen Zorayde annahm, und mit der er zwei Söhne hatte. Sie war von ehrgeizigem Charakter, und bemüht, ihren Kindern die Nachfolge auf dem Throne des Va⸗ ters zu ſichern. Zu dieſem Zwecke wirkte ſte auf das arwöhniſche Gemüth des Koͤnigs, und entflammte ihn mit Eiferſucht gegen die Kinder ſeiner andern Weiber und Beiſchläferinnen, die ſie der Anſchläge gegen ſeinen Thron und ſein Leben bezüchtigte. Einige derſelben wur⸗ den von dem wilden Vater ermordet. Ayra la Horra, die tugendhafte Mutter Boabdils, welche einſt die ganze Liebe ſeines Herzens beſeſſen hatte, wurde gleichfalls ein Gegenſtand ſeines Verdachtes. Er ſperrte ſie und ihren Sohn in den Thurm des Comares, und hätte Boabdil ſeiner Wuth geopfert, wenn ihn ſeine Mutter nicht des Nachts vermittelſt ihrer und ihrer Dienerinnen Schaͤr⸗ pen vom Thurme gelaſſen, und ſo in den Stand geſetzt hätte nach Guadix zu flüchten. Dieß iſt der einzige Schatten einer Begründung der Geſchichte der angeklagten und gefangenen Königin, den ich auffinden konnte, und nach dieſem erſcheint Boabdil als der Verſolgte, nicht aber als der Verfolger. Während des ganzen Zeitraums ſeiner kurzen, ſtür⸗ miſchen und unglücklichen Herrſchaft, gibt Boabdil Be⸗ weiſe eines milden und freundlichen Charakters. So gewann er ſich durch ſeine leutſeligen und anmuthigen Sitten die Herzen des Volkes, war ſtets friedfertig, und ließ diejenigen, welche ſich gegen ihn empört, niemals die Strenge ſeines Armes fühlen. Er war perſönlich tapfer, allein es fehlte ihm an moraliſchem Muthe, und in ſchwierigen und wirren Zeiten war er ſchwankend und unentſchloſſen. Dieſe Schwäche ſeines Geiſtes beſchleu⸗ nigte ſeinen Fall, während ſie ihn jener heroiſchen Grazie beraubte, welche ſeinem Schickſale Größe und Würde gegeben, und ihn werth gemacht hätte, das glänzende 86— Drama der mohamedaniſchen Herrſchaft in Spanien zu ſchließen. Erinn erungen an Boabdll. ⸗ Während die Schickſale des unglücklichen Boabdil meinen Geiſt noch lebhaft beſchäftigten, begab ich mich daran, die mit ſeiner Geſchichte verbundenen Andenken, welche noch in dieſem Schauplatze ſeiner Herrſchaft und ſei⸗ nes Unglücks zu finden ſind, kennen zu lernen. In der Gemälde⸗Galerie des Palaſtes des Generalife hängt ſein Porträt. Das Geſicht iſt mild, ſchön und etwas melan⸗ choliſch, die Farbe ſchön, das Haar gelb. Wenn es ein treues Abbild des Mannes iſt, ſo mag er ſchwankend und unſicher geweſen ſeyn, allein es iſt nichts Grauſa⸗ mes oder Unfreundliches in ſeinem Anblick. Ich beſuchte zunächſt den Kerker, wo er in ſeiner Jugend eingeſperrt war, als ſein Vater ihn zu verder⸗ ben dachte,— ein gewölbtes Gemach in dem Thurm des Comares, unter der Geſandtenhalle; ein ähnliche⸗, durch einen engen Gang getrenntes Zimmer war das Gefängniß ſeiner Mutter, der tugendhaften Ayxa la Horra. Die Mauern ſind von einer merkwürdigen Dicke, und die kleinen Fenſter mit Eiſenſtangen vermacht. Eine ſchmale ſteinerne Galerie mit einer niedrigen Bruſtwehr zieht ſich rund um die drei Seiten des Thurms, grade unter den Fenſtern, aber in einer bedentenden Höhe vom — 97— Boden. Man nimmt an, daß die Königin von dieſer Galerie zur Nachtzeit mit ihren und den Schärpen ihrer weiblichen Dienerſchaft, ihren Sohn an der Hügel⸗ ſeite herabgelaſſen habe, an deren Fuß ein Diener mit einem raſchen Roſſe harrte, um den Prinzen in das Ge⸗ birge zu bringen. Während ich über dieſe Galerie ging, mahlte mir meine Phantaſte die angſtvolle Königin, wie ſie ſich über die Bruſtwehr lehnte, und mit dem fieberhaften Klopfen eines Mutterherzens auf den letzten Widerhall des Pfer⸗ dehufs lauſchte, als ihr Sohn das enge Thal des Darro entlang flog. Mein nächſter Gang galt dem Thore, durch welches Boabdil aus dem Alhambra ſchied, als er im Begriff war, ſeine Hauptſtadt zu überliefern. Mit der melan⸗ choliſchen Laune eines niedergeſchmetterten Geiſtes for⸗ derte er von dem katholiſchen Herrſcher, daß fortan nie⸗ mand mehr durch dieſes Thor ſolle gehen duͤrfen. Den alten Cyhroniken zufolge wurde durch die Theilnahme Iſabellens an ſeinem Unglück dieſe ſeine Bitte erfüllt, und das Thor vermauert. Eine Zeit lang fragte ich vergeblich nach einem ſolchen Portale; endlich aber er⸗ fuhr mein armer Diener Mateo von den alten Bewoh⸗ nern der Veſte, daß ein zerfallener Thorweg beſtehe, durch welchen, der Sage nach, die mauriſchen Könige die Alhambra verlaſſen hätten, der aber niemals, ſo lange den älteſten Bewohnern denke, offen geweſen wäre. Er führte mich zu der Stelle. Der Thorweg iſt in dem Mittelpunkt eines ehemaligen unermeßlichen Thur⸗ mes, la Torre de los Siete Suelos, oder der Thurm 41— 47. 7 — 98— der ſieben Stockwerke genannt. Es iſt ein in den aber⸗ gläubiſchen Geſchichten der Umgegend berühmter Ort, da er der Schanplatz wunderſamer Erſcheinungen und man⸗ riſcher Verzauberungen iſt. Dieſer einſt furchtbare Thurm iſt jetzt ein bloßes Wrack, denn, als die Franzoſen die Veſtung verließen, ſprengten ſie ihn mit Pulver in die Luft. Große Mauer⸗ ſtücke liegen zerſtreut umher, in den üppigen Kräutern begraben, oder von Weinreben und Feigenbäumen über⸗ ſchattet. Der Bogen des Thores, obgleich durch die Erſchütterung geſprungen, ſteht noch; allein der letzte Wunſch des armen Boabcdil iſt wider, obgleich unabſicht⸗ lich, erfüllt worden, denn das Portal wurde mit loſen Steinen aus den Trümmern verſchüttet, und bleibt un⸗ zugänglich. Indem ich dem Weg des mauriſchen Königs, wie ihn die Sage beſchreibt, folgte, ritt ich über den Hügel los Martyros, und kam an dem Garten des Kloſters deſſelben Namens entlang, und dann eine rauhe Schlucht hinab, welche mit Aloegebüſch und indianiſchen Feigen bewachſen war, und an deren Seite Höhlen und Hütten waren, welche von Zigeunern wimmelten. Es war der Weg, den Boabdil gewählt hatte, um nicht durch die Stadt ziehen zu müſſen. Der Abhang war ſo ſteil und holprich, daß ich gezwungen war, abzuſteigen, und mein Pferd zu führen. Als ich dieſe Schluͤcht verlaſſen hatte, und an der Puerta de los Molinos(Mühlenthor) vorüber war, fuͤhrte mich mein Weg über den öffentlichen Spaziergang, der Prato genannt, und indem ich dem Lauſe des Nenil — 99— folgte, kam ich an eine kleine mauriſche Moſchee, welche jetzt in die Kapelle oder Einſtedelei von San Sebaſtian umgeſchaffen iſt. Eine Tafel in der Mauer berichtet, daß Boabdil an dieſer Stelle den kaſtilianiſchen Herrſchern die Schlüſſel von Granada übergeben habe. Von hier ritt ich langſam durch die Vega zu einem Dorfe, wo die Familie und der Haushalt des unglücklichen Boab⸗ dil ihn erwartete, denn er hatte ſie in der Nacht vor⸗ her aus der Alhambra vorausgeſchickt, damit ſeine Mut⸗ ter und ſeine Gemahlin nicht an ſeiner perſönlichen De⸗ müthigung Theil nehmen, oder den Blicken der Sieger blosgeſtellt werden möchten. Indem ich dem Wege die⸗ ſer traurigen Schaar königlicher Verbannten folgte, kam ich an den Fuß einer Kette öder und trauriger Höhen, welche den Saum des Alpuxarra⸗Gebirgs bildet. Von dem Gipfel einer dieſer Höhen warf Boabdil ſeinen letzten Blick auf Granada; er trägt den ausdrucks⸗ vollen Namen ſeiner Leiden, la Cueſta de las Lagrimas, (Thränenhügel). Jenſeits deſſelben windet ſich ein ſan⸗ diger Weg durch eine ranhe, freudloſe Oede, welche dem unglücklichen König doppelt trübſelig erſchienen ſeyn mag, da ſie zur Verbannung führte. Ich ſpornte mein Pferd auf die Höhe eines Felſen, wo Boaddil ſeinen letzten ſchmerzvollen Ruf ausſtieß, als er ſeine Augen von dem letzten Abſchiedsblick ab⸗ wandte: er heißt jetzt noch El ultimo Fuſpiro del Moro, (der letzte Seufzer des Mauren). Wer wundert ſich uͤber ſeinen Schmerz, ſich aus einem ſolchen Königreich und einer ſolchen Wohnung verbannt zu ſehen? Mit 7* — 100— der Alhambra ſchien er alle Ehren ſeines Stammes al⸗ len Ruhm und alle Freuden des Lebens aufzugeben. Hier war es auch, wo ſein Kummer durch den Vor⸗ wurf ſeiner Mutter, Ayra, welche ihm ſo oft in den Zei⸗ ten der Gefahr beigeſtanden, und ſich vergeblich bemüht hente ihm ihren eigenen entſchloſſenen Geiſt einzupflan⸗ zen, noch verbittert wurde.„Du thuſt wohl,“ ſagte ſie, „ daß du das wie ein Weib beweinſt, was du nicht wie ein Mann vertheidigen konnteſt,“— eine Rede, welche mehr von dem Stolz der Fürſtin als der Zärtlichkeit der Mutter zengt. Als der Biſchof Guevara Karl dem Fünſten dieſe Anekdote erzählte, ſtimmte der Kaiſer in den Ausdruck der Verachtung über die Schwäche des ſchwankenden Boabdils ein.„Wär' ich Er, oder Er ich geweſen,“ ſagte der ſtolze Herrſcher,„ſo hätte ich die Alhambra eher zu meinem Grabe gemacht, als ich ohne ein König⸗ reich in der Alpurxarra gelebt hätte.“ Wie leicht haben die, welche in Macht und Glück leben, dem Beſtegten Heldenmuth predigen! wie wenig begreifen ſie, daß das Leben ſelbſt an Werth bei dem Unglücklichen ſteigen kann, dem nichts als das Leben bleibt. — 101— Der Balkon. In dem Geſandtenſaal, am mittleren Fenſter, iſt ein Balkon, deſſen ich bereits erwähnt habe; er ſpringt wie ein Käſicht auf der Fläche des Thurms hoch, mitten in der Luft, über den Wipfeln der Bäume hervor, welche an der ſteilen Hügelſeite wachſen. Er dient mir zu einer Art Warte, wo ich mich oft niederſetze, nicht nur den Himmel oben, ſondern auch die Erde unten zu beobachten. Neben der prächtigen Ausſicht über Berg Thal und Vega, welche er überſchaut, eröffnet ſich dem Blicke auch unmittelbar unten eine geſchäftige kleine Scene des menſchlichen Lebens. An dem Fuße des Hägels iſt eine Alameda, oder öffentlicher Spaziergang, welcher, obgleich er nicht ſo modiſch iſt, wie der neuere und glänzendere Pasco an dem Eenil, ſich doch eines maleriſchen und manchfaltigen Beſuchs erfreut. Hierher begeben ſich die Leute höhern Standes in den Vorſtädten, ſo wie Prie⸗ ſter und Mönche, welche des Appetites und der Ver⸗ dauung wegen ſpazieren gehen, Majos und Majas, die Stutzer und Schönen der niedern Klaſſen, in ihren an⸗ daluſiſchen Kleidern, großthueriſche Schleichhändler und zuweilen, auf geheime Verabredung, halbvermummte und myſteriöſe Müßiggänger aus den höheren Ständen. Es iſt ein bewegtes und buntes Gemälde ſpaniſchen Lebens und Charakters, an deſſen näherer Bekanntſchaft — 102— ich mich erfreue; und wie der Naturforſcher ſein Mikroscop hat, um ihn bei ſeinen Nachforſchungen zu fördern, ſo habe ich ein kleines Taſchen⸗Telescop, welches mir die Geſichter der bunten Gruppen ſo nahe bringt, daß ich manchmal glaube, ich könnte nach dem Spiel und Aus⸗ drucke ihrer Züge ihre Unterhaltung errathen. Ich bin auf dieſe Art gewiſſermaßen ein unſichtbarer Zuſchauer, und kann, ohne meine Einſamkeit zu verlaſſen, mich in einem Augenblick mitten in die Geſellſchaft ſtürzen,— ein ſeltner Vortheil für Jemand, der etwas ſcheuen und ſtillen Charakters iſt und gern das Drama des Lebens beobachtet, ohne ein Theilnehmer auf der Bühne zu werden. Unter der Alhambra liegt eine bedentende Vorſtadt, welche die enge Höhlung eines Thales ausfüllt und ſich an dem entgegengeſetzten Hügel der Albaycia hinauf er⸗ ſtreckt. Viele Häuſer ſind in dem manriſchen Style, um Patios, oder Höfe, erbaut, die von Brunnen gekühlt und dem Himmel offen ſind; und da die Bewohner den größern Theil ihrer Zeit während des Sommers in die⸗ ſen Höfen und auf den platten Dächern hinbringen, ſo ergibt es ſich, daß ein luftiger Zuſchauer wie ich, der aus den Wolken auf ſie niederſehen kann, manchen Blick in ihr häusliches Leben zu thun im Stande iſt. Ich genieße einigermaßen die Vortheile des Stu⸗ denten in der berühmten alten ſpaniſchen Geſchichte, deſſen Auge ſich ganz Madrid dachlos darbot; und mein geſprächiger Knappe, Mateo Kimenes, vertritt gelegent⸗ lich die Stelle meines Asmodens, um mir Aneecdoten — 103— über die verſchiedenen Wohnungen und ihre Inſaſſen mitzutheilen. Ich mache mir jedoch lieber ſelbſt muthmaßliche Ge⸗ ſchichten und kann ſo ſtundenlang ſitzen und aus zufälli⸗ gen Begebenheiten und Andeutungen, die unter meinen Augen vorgehen, das ganze Gewebe von Planen, Intri⸗ guen und Beſchäftigungen mancher der geſchäftigen Sterb⸗ lichen da unten ausſpinnen. Es gibt kaum ein hübſches Geſicht oder eine einnehmende Geſtalt, die ich täglich ſehe, von denen ich mir nicht ſo allmählig eine dramati⸗ ſche Skizze gemacht habe, obgleich manche meiner Cha⸗ raktere gelegentlich in geradem Widerſpruch mit der ih⸗ nen zugetheilten Rolle handeln und ſo mein ganzes Dra⸗ ma verwirren werden. Als ich vor einigen Tagen die Gaſſen der Albaycia mit meinem Augenglaſe muſterte, ſah ich die Prozeſſion einer jungen Nonne, die im Be⸗ griffe war, den Schleier zu nehmen, und bemerkte man⸗ cherlei Umſtände, welche meine lebhafte Theilnahme an dem Schickſale dieſes jungen Weſeus erregten, die im Begriffe ſtand, ſich in ein lebendiges Grab verſchließen zu laſſen. Ich verſicherte mich zu meiner Freude, daß ſie ſchoͤn war; und aus der Bläſſe ihrer Wangen ging es hervor, daß ſite eher ein Opfer als eine ſich freiwillig dem Himmel weihende Fromme war. Sie war in bränt⸗ lichen Putz gehüllt und hatte einen Kranz weißer Blu⸗ men in den Haaren; aber ihr Herz ſträubte ſich gewiß über dieſe wunderliche geiſtige Verbindung und ſeufzte nach ſeiner irdiſchen Liebe. Ein ſchlanker, ernſtausſehen⸗ der Mann ſchritt bei der Prozeſſton in ihrer Nähe; es war augenſcheinlich der tyranniſche Vater, der aus irgend — 194— einem frömmelnden oder ſchmutzigen Grunde dieſes Opfer erzwungen hatte. Unter dem großen Geleite war ein brauner ſchöner Jüngling, in andaluſiſcher Tracht, der ein tiefſchmerzvolles Auge auf ſie zu feſſeln ſchien. Er war ohne Zweifel der geheime Liebhaber, von welchem ſie für ewig getrennt werden ſollte. Mein Unwille wuchs, wie ich den boshaften Ausdruck gewahrte, welcher ſich in den Zügen der begleitenden Mönche und Kloſterbrüder mahlte. Die Proͤzeſſlon erreichte die Kapelle des Klo⸗ ſters; die Sonne ſchien zum letzten Male auf den Kranz der armen Novize, als ſie die verhängnißvolle Schwelle überſchritt und in dem Gebäude verſchwand. Die Menge ſtrömte hinein mit Mönchskapuzen, Kreuzen und Ge⸗ ſang; der Liebhaber weilte einen Augenblick an dem Thore. Ich konnte den Aufruhr ſeiner Gefühle ahnen; allein er bemeiſterte ſle und trat ein. Es war eine lange Pauſe— ich dachte mir das Schauſpiel, welches das Innere der Kapelle bot: die arme Novize ihres vorüber⸗ gehenden Putzes beraubt, in das Kloſtergewand gekleidet, der bräutliche Kranz aus ihren Haaren genommen, ihr ſchönes Haupt der langen ſeidnen Locken baar— ich hörte ſie das unwiderrufliche Gelübde flüſtern. Ich ſah ſte auf ihrer Bahre ausgeſtreckt; die Bläſſe des Todes über ſie verbreitet; der Leichen⸗Gottesdienſt war vor⸗ über; ich hörte die tiefen Töne der Orgel und das klage⸗ volle Requiem, das die Nonnen ſangen; der Vater ſah mit hartem fuͤhlloſem Geſichte zu. Den Liebhaber— doch nein, meine Phantaſie mochte den Liebhaber nicht ſchildern; das Gemälde blieb hier leer. Nach einer Weile ſtrömt der Haufe wieder heraus — 105— und zerſtreute ſich auf verſchiedenen Wegen, um ſich des ſonnigen Lichtes zu erfreuen, und ſich in die regen Sce⸗ nen des Lebens zu miſchen; das Opfer aber blieb drin⸗ nen. Faſt die letzten, welche heraus kamen, waren der Vater und der Liebhaber; ſie waren in eruſter Unter⸗ haltung. Der letztere war heftig in ſeinem Geberden⸗ ſpiel; ich erwartete irgend eine gewaltſame Entwicklung meines Drama's; aber die Ecke eines Hauſes trat da⸗ zwiſchen und ſchloß die Scene. Mein Auge hat ſich ſeit⸗ dem mit ſchmerzlicher Theilnahme auf das Kloſter ge⸗ wendet. Ich ſah ſpät in der Nacht ein Licht in dem entlegenen Fenſter eines ſeiner Thürme brennen.„Dort,“ ſagte ich,„ſitzt die unglückliche Nonne in ihrer Zelle und weint, während ihr Geliebter vielleicht in vergeblichem Kummer in der Gaſſe unten hinſchreitet!“ Der geſchäftige Mateo unterbrach mein Nachſinnen und zerriß in einem Nu das Spinnengewebe meiner Phantaſte. Mit ſeinem gewöhnlichen Eifer hatte er die das Ereigniß betreffenden Thatſachen geſammelt, welche alle meine Tranmbilder verſcheuchten. Die Heldin mei⸗ nes Romans war weder jung noch ſchön; ſie hatte kei⸗ nen Geliebten— ſle war aus freier Wahl in das Klo⸗ ſter als einen ehrenvollen Zufluchtsort gegangen und eine der fröhlichſten Nonnen, die in jenen Mauern wohnten. Es dauerte eine Zeitlang, ehe ich das Unrecht ver⸗ geben konnte, das mir die Nonne anthat, indem ſie, allen Regeln des Romans zuwider, ſo glücklich in ihrer Zelle war; ich lenkte meine düſtere Laune jedoch dadurch ab, daß ich einen oder zwei Tage lang die zierlichen — 106— Koketterien einer ſchwarzäugigen Brünette beobachtete, welche, unter dem Verſteck eines mit blühendem Gebüſch überrankten Balkons und eines ſeidnen Zeltes eine ge⸗ heimnißvolle Zwieſprache mit einem ſchönen, braunen, ſtark bebarteten Ritter pflog, der häufig in der Straße unter ihrem Fenſter war. Zuweilen ſah ich Morgens in aller Frühe ihn, bis zu den Augen in einen Mantel ge⸗ hüllt, ſich wegſtehlen. Zuweilen wartete er an einer Ecke in allerlei Verkleidungen, augenſcheinlich eines ge⸗ heimen Zeichens harrend, um in das Haus zu ſchlüpfen. Dann klang dort in der Nacht die Guitarre, und eine Laterne flog auf dem Balkon hin und her. Ich dachte mir einen Liebeshandel wie den des Grafen von Alma⸗ viva, ward aber wieder in allen meinen Vermuthungen betrogen, denn man unterrichtete mich, der geglaubte Liebhaber ſey der Mann der Dame und ein bekannter Schleichhändler; und alle ſeine geheimnißvollen Zeichen und Bewegungen hätten ohne Zweifel irgend einen Schmuggel⸗Anſchlag zur Abſicht. Manchmal ergötzte ich mich von dieſem Balkon aus den allmähligen Wechſel zu beachten, welchem, zufolge der verſchiedenen Tageszeiten, die Scenen unten unter⸗ worfen waren. Kaum hatte die grane Dämmerung den Himmel geſtreift, und den frühſten Hahn aus den Hütten der Hügelſeite gekräht, ſo gaben die Vorſtädte auch ſchon Zeichen der wiederkehrenden Belebung; denn die frühen Morgendämmerungsſtunden in der Sommerjahreszeit un⸗ ter einem warmen Himmelsſtriche ſind köſtlich. Alles beeifert ſich, in den Geſchäften des Tages der Sonne — 107— den Rang abzugewinnen. Der Maulthiertreiber tritt mit ſeinem beladenen Zug die Reiſe an, der Reiſende befeſtigt ſeinen Karabiner hinter ſeinem Sattel und be⸗ ſteigt an der Thüre des Wirthshauſes ſein Pferd; der braune Bauer treibt ſeine zaudernden Thiere an, die mit Körben ſonniger Früchte und friſchen thaubedeckten Ge⸗ müßen beladen ſind, denn bereits eilen die ſorglichen Hausfrauen auf den Markt. Die Sonne iſt aufgegangen und funkelt das Thal entlang, das durchſichtige Laub der Bäume überglänzend. Die Morgenglocken klingen harmoniſch in der reinen bellen Luft und verkündigen die Stunde der Andacht. Der Maulthiertreiber hält mit ſeinen belaſteten Thieren vor der Kapelle, ſteckt ſeinen Stab hinten in ſeinen Gürtel und tritt, den Hut in der Hand, und ſein kohl⸗ ſchwarzes Haar glättend, ein, um eine Meſſe zu hören, und bringt ſein Gebet um eine glückliche Fahrt durch die Sierra dar. Und nun ſchleicht ſich mit Feentritten die holde Sennora fort, mit der zierlichen Basquinna angethan, den raſtloſen Fächer in der Hand, und das dunkle Auge unter der anmuthig gefalteten Mantilla hervorglühend: ſie ſucht eine der beſuchteſten Kirchen auf, um ihr Morgengebet darzubringen; aber die zierliche Toilette, der niedliche Schuh, das Spinnengewebe des Strumpfes, die ſchön geflochtenen Rabenlocken, die friſch gepflückte Roſe, welche wie ein Edelſtein aus ihnen her⸗ ausglänzt, zeigen, daß die Erde die Herrſchaft über ihre Gedanken mit dem Himmel theilt. Laß ſie nicht aus dem Auge, ſorgfaͤltige Mutter, oder jungfränliche Tante, — 108— oder wachſame Duenna, wer du immer ſeyn magſt, die hinter ihr geht. Während der Morgen vorſchreitet, vermehrt ſich das Geräuſch der Arbeit auf allen Seiten; die Straßen wimmeln von Menſchen, Roſſen und Saumthieren und es herrſcht ein Summen und Brauſen, gleich den Wogen des Meeres. Wie die Sonne ſich dem Mittag nähert, neigt ſich allgemach der Lärm und das Geräuſch; wenn die Sonne am höchſten ſteht, tritt eine Pauſe ein. Die keichende Stadt verſinkt in Schlaffheit und mehrere Stunden herrſcht eine allgemeine Ruhe. Die Fenſter ſind geſchloſſen, die Vorhänge niedergelaſſen; die Bewoh⸗ ner haben ſich an die kühlſten Orte ihrer Behauſung zurückgezogen; der gemäſtete Mönch ſchuarcht in ſeinem Schlafgemach; der ſinnige Laſtträger liegt neben ſeiner Bürde auf dem Pflaſter hingeſtreckt; der Bauer und der Arbeiter ſchlafen unter den Bäumen der Alameda, von dem ſchwülen Zirpen der Heuſchrecke eingewiegt. Die Straßen ſind verlaſſen, wenn man den Waſſerträger ausnimmt, der das Ohr mit dem Anpreißen der Ver⸗ dienſte ſeines kryſtalnen Getränkes,„kälter als der Bergſchnee,“ erfriſcht. Wenn die Sonne ſich ſenkt, belebt ſich allmählig alles wieder und wenn die Vesperglocke ihren verhallen⸗ den Klang hören läßt, ſcheint ſich die ganze Natur zu freuen, daß der Tyrann des Tages gefallen iſt. Jetzt wird die Freude laut, denn die Städter ſtrömen heraus, die Abendluft einzuathmen, und ſchwärmen während der kurzen Dämmerung in den Laubgängen und Gärten des Darro und des Kenil umher, — 1i— Beim Anbruch der Nacht nimmt das wandelhare Schauſpiel einen neuen Charakter an. Licht um Licht flimmert allgemach auf; hier eine Kerze in einem Bal⸗ konfenſter, dort ein frommes Lämpchen vor dem Bilde eines Heiligen. So taucht die Stadt nach und nach aus dem über ihr waltenden Dunkel auf und glänzt von zerſtreuten Lichtern, wie das geſtirnte Firmament. Jetzt erklingt aus Höfen und Gärten, aus Straßen und Gaſ⸗ ſen der Ton unzähliger Guitarren und der Schall der Caſtagnetten und verſchmilzt auf dieſer luftigen Höhe zu einem leiſen aber allgemeinen Concerte. Den Augen⸗ blick genießen, iſt das Glaubensbekenntniß des fröhlichen und verliebten Andaluſters und er übt daſſelbe nie eifri⸗ ger aus als in den balſamiſchen Sommernächten, wo er ſeine Geliebte mit Tanz, Liebesliedern und der rühren⸗ den Serenade zu kirren ſtrebt. Ich ſaß eines Abends auf dem Balkon und freute mich des leichten Lufthauchs, der die Seite des Hügels entlang durch die Gipfel der Bäume ranſchte, als mein guter hiſtoriographiſcher Mateo, welcher mir zur Seite war, auf ein geräumiges Haus in einer unbekannten Straße der Albaycia deutete und davon, ſo weit ich mich erinnern kann, folgendes Geſchichtchen erzählte. 1 Das Abentheuer des Maurers. Es war einmal ein armer Maurer zu Granada, der alle Feſt⸗ und Feiertage und oben drein den blauen Montag feierte und doch, aller Frömmigkeit ungeachtet, ärmer und ärmer wurde und für ſeine zahlreiche Familie kaum Brod auftreiben konnte. Einſt Nachts wurde er durch ein ſtarkes Klopfen an der Thür aus ſeinem erſten Schlaf aufgeſtört. Er öffnete die Thure und ſah einen langen, magern und ſkeletartig ausſehenden Geiſtlichen vor ſich.. „Hört, guter Freund,“ ſagte der Fremde;„ich habe wahrgenommen, daß Ihr ein guter Chriſt ſeyd und daß man Euch vertrauen kann; wollt Ihr euch noch in dieſer Nacht einem Dienſte unterziehen?“ „Von ganzem Herzen, Sennore Padre, vorausgeſetzt daß ich gehörig bezahlt werde.“ „Dies ſoll geſchehen; Ihr muͤßt Euch aber die Au⸗ gen verbinden laſſen.“ Der Maurer hatte nichts dagegen einzuwenden; der Geiſtliche zog ihm daher eine Kapuze über und führte ihn durch viele holperige Gäßchen und ſich windende Durchgänge, bis ſie vor dem Thor eines Hauſes anhiel⸗ ten. Der Geiſtliche nahm einen Schlüſſel hervor, drehte ihn in einem knarrenden Schloſſe und öffnete etwas, das wie eine ſchwere Thüre klang. Sie traten ein, das Thor wurde geſchloſſen und verriegelt und der Maurer — 111— durch einen hallenden Gang und geräumige Säle in einen innern Theil des Gebändes geführt. Hier wurde die Hülle von ſeinen Augen genommen nnd er ſah ſich in einem Patio, oder Hof, den eine einzige Lampe ſchwach beleuchtete. In der Mitte war das vertrocknete Becken eines alten mauriſchen Brunnens, unter welchem der Prieſter ihn ein kleines Gewölbe aufführen hieß; Stein und Mörtel waren zu dieſem Zweck zur Hand. Der Maurer arbeitet ſonach die ganze Nacht, ohne jedoch das begounene Werk zu vollenden. Grade vor Tages⸗ anbruch legte der Geiſtliche ihm ein Goldſtück in die Hand, verband ihm die Augen wieder und führte ihn in ſeine Wohnung zurück. „Seyd Ihr geſonnen,“ ſagte er,„wieder zu kom⸗ men und eure Arbeit zu vollenden?“ „Sehr gern, Sennor Padre, vorausgeſetzt, daß ich wieder ſo gut bezahlt werde.“ „Gut denn, Morgen um Mitternacht werde ich Euch wieder holen.“ So geſchah es und das Gewölbe wurde fertig. „Jetzt,“ ſagte der Mönch,„müßt Ihr mir die Kör⸗ per herbringen helfen, welche in dieſem Gewölbe begra⸗ ben werden ſollen.“ Bei dieſen Worten ſträubte ſich des armen Maurers Haar empor; er folgte dem Geiſtlichen zitternden Schrit⸗ tes in ein entlegenes Gemach des Hauſes und erwar⸗ tete, irgend ein gräßliches Todten⸗Schauſpiel ſehen zu müſſen, erholte ſich aber, als er drei oder vier ſtattliche Gefäße in einer Ecke ſtehen ſah. Sie waren augen⸗ ſcheinlich mit Geld gefüllt und nur mit großer Mühe 112 — 112— brachten er und der Prieſter ſie fort und verwahrten ſie in ihrem Grabe. Das Gewölbe wurde jetzt geſchloſſen, das Pflaſter wieder hergeſtellt und alle Spuren des Ge⸗ ſchehenen vernichtet. Die Angen des Maurers wurden wieder verbunden und er auf einem, von dem frühern vverſchiedenen Wege heimgeführt. Als ſie eine lange Zeit durch ein wirres Labyrinth von Gaſſen und Gängen gewandert waren, hielten ſie an. Der Geiſttliche legte jetzt zwei Goldſtücke in ſeine Hand.„Wartet hier,“ ſagte er,„bis ihr die Glocke in der Hauptkirche zur Metten länten hört. Wenn Ihr es wagt, eure Augen vor die⸗ ſer Zeit zu enthüllen, ſo trifft Euch Unglück.“ Mit die⸗ ſen Worten ging er weg. Der Maurer wartete gewiſ⸗ ſenhaft und unterhielt ſich damit, daß er die Goldſtücke in ſeiner Hand wägte und ſſe aneinander klingen ließ. Im Augenblick, wo die Glocke der Kathedrale zur Met⸗ ten läutete, enthüllte er(eine Augen und fand ſich an dem Ufer des Penil, von wo er ſich eifrig nach Hauſe begab und ganzer vierzehn Tage mit ſeiner Familie von dem Erwerb ſeiner zweinächtigen Arbeit ſchwelgte; als dieſe vorüber, war er wieder ſo arm wie immer. Er fuhr fort ein wenig zu arbeiten und viel zu be⸗ ten und feierte Jahr aus Jahr ein alle Feſt⸗ und Feier⸗ tage, während ſeine Familie ſo hungrig und zerlumpt heranwuchs wie eine Bande Zigeuner. Als er eines Abends an der Thüre ſeiner Hütte ſaß, kam ein reicher alter Knicker, der als Beſitzer vieler Häuſer und als ein ſilziger Hausherr bekannt war, zu ihm. Der Goldmann betrachtete ihn einen Augenblick unter einem Paar arg⸗ wöhniſcher zottiger Augenbraunen hervor. — 113— „Man ſagt mir, Freund, Ihr wäͤret ſehr arm.“ „Die Sache iſt nicht zu läugnen, Sennor— ſie ſpricht von ſelbſt.“ „Dann kann ich vorausſetzen, daß Ihr euch einer Arbeit unterzieht und wohlfeil ſeyn werdet?“ „So wohlfeil, mein Herr, wie irgend ein Maurer in Granada.“ „Das iſt's, was ich fuche. Ich habe ein altes Haus, das baufällig iſt, und mich mehr Geld koſtet, um es in gutem Stand zu erhalten, als es werth iſt, denn Nie⸗ mand will darin wohnen; ich muß mich daher bemühen, es ſo wohlfeil als möglich ausflicken und zuſammenhalten zu laſſen.“ Der Maurer wurde ſonach in ein großes verlaſſenes Haus geführt, das in Trümmer zu zerfallen ſchien. Nach⸗ dem er durch mehrere leere Säle und Zimmer gekommen war, trat er in einen innern Hof, wo ein alter mauri⸗ ſcher Brunnen ſein Auge feſſelte. Er weilte einen Augen⸗ blick, denn eine träumeriſche Erinnerung an den Ort er⸗ wachte in ihm. „Hört,“ ſagte er,„wer hat dieſes Haus früher be⸗ wohnt?“ „Hätte er die Peſt,“ rief der Hausherr:„es war ein alter geiziger Pfaffe, der nur für ſich ſelbſt ſorgte. Er ſoll unermeßlich reich geweſen ſeyn und da er keine Ver⸗ wandte hatte, nahm man an, er werde alle ſeine Schätze der Kirche vermachen. Er ſtarb plötzlich und die Prie⸗ ſter und Mönche eilten herbei, um Beſitz von ſeinem Reichthum zu nehmen; man konnte aber nichts finden, als einige Dukaten in einer ledernen Börſe. Das ſchlimmſte 44— 47. 8 — 114— iſt mir dabei anheim gefallen, denn der alte Kerl bewohnt fortwährend ſeit ſeinem Tode mein Haus, ohne Miethe zu bezahlen und einen Todten kann man nicht vor Ge⸗ richt belangen. Die Leute geben vor, ſie hörten die ganze Nacht hindurch in dem Zimmer, wo der Geiſtliche ſchlief, ein Klingeln von Gold, als wenn er ſeine Baar⸗ ſchaft überzählte, zuweilen auch in dem Hofe ein gewal⸗ tiges Aechzen und Stöhnen. Dieſe Geſchichten mögen nun wahr oder falſch ſeyn, ſie haben meinem Haus einen ſchlechten Namen gemacht und kein Miethsmann will darin bleiben.“ „Genug,“ ſagte der Maurer beherzt:„laßt mich ohne Miethe in eurem Hauſe wohnen, bis ein beſſerer Mieths⸗ mann ſich findet und ich will mich verbindlich machen, es auszubeſſern und den wandernden Geiſt, der es beun⸗ ruhigt, zu beſänftigen. Ich bin ein guter Chriſt und ein armer Mann, und fürchte mich vor dem Teufel ſelber nicht, wenn er auch in der Goſtalt eines dicken Geld⸗ ſacks käme!“ Das Aunerbieten des ehrlichen Maurers wurde mit Freuden angenommen; er zog mit ſeiner Familie tu das Haus und erfüllte alle ſeine Verbindlichkeiten. Er brachte daſſelbe allmählig in ſeinen vorigen Zuſtand; das Klin⸗ geln des Goldes wurde Nachts nicht mehr in der Kam⸗ mer des verſtorbenen Geiſtlichen gehört, ſondern begann bei Tag in den Taſchen des lebenden Manrers ſich ver⸗ nehmen zu laſſen. Mit einem Wort, er wurde auf ein⸗ mal, zum Erſtannen aller ſeiner Nachbarn, wohlbabend und galt bald für einen der reichſten Leute zu Granada; ler ſchenkte der Kirche große Summen, ohne Zweifel um — 115— ſo ſein Gewiſſen zu beruhigen, und enthüllte erſt auf dem Todesbett ſeinem Sohn und Erben das Geheimniß von dem Gewölbe. Ein Spaziergang auf die Huͤgel. Ich mache oft gegen Abend, wenn die Hitze nachge⸗ laſſen hat, zu meiner Unterhaltung lange Spaziergänge auf die benachbarten Hügel und in die tiefen, ſchattigen Thäler, wobei mich mein hiſtoriographiſcher Knappe, Mateo, begleitet, deſſen Leidenſchaft für das Plaudern ich bei ſolchen Gelegenheiten die unbeſchränkteſte Freiheit zugeſtehen; und es iſt kaum ein Fels, eine Ruine, oder ein zertrümmerter Brunnen, oder ein einſames Thal, von denen er nicht eine wunderbare Geſchichte oder, vor allen Dingen, irgend ein goldenes Mährchen zu erzählen wüßte; denn niemals war ein armer Teufel im Verthei⸗ len verborgener Schätze ſo freigebig. Vor einigen Abenden machten wir einen langen Gang dieſer Art, bei welchem Mateo noch mittheilender war, als gewöhnlich. Gegen Sonnenuntergang verlie⸗ ßen wir das große Thor der Gerechtigkeit und während wie einen Baumgang hinauf ſtiegen, hielt Mateo unter einer Gruppe von Feigen und Granatbäumen, am Fuße des mächtigen verfallenen Thurmes an, den man den Thurm der ſieben Stockwerke(de los Siete Sueles) nennt. Er zeigte auf einen niedrigen gewölbten Gang 1 8* — 116— an dem Fundament des Thurmes und erzählte mir von einem ſcheuslichen Spukgeiſt oder Kobold, der ſeit der mauriſchen Zeit dieſen Thurm inne haben ſoll, um die Schätze eines moslemitiſchen Königs zu bewachen. In der Mitte der Nacht kömmt er zuweilen heraus und durchſtreift die Wege zu der Alhambra und die Straßen von Granada in der Geſtalt eines kopfloſen Pferdes, unter furchtbarem Gebell und Geheul von ſechs Hunden verfolgt.— „Haſt du ihn aber auch ſelbſt, Mateo, jemals bei einer deiner Streifereien getroffen?“ fragte ich. „Nein, Sennor, Gott ſey geprieſen! Aber mein Großvater, der Schneider, kannte mehrere Perſonen, die ihn geſehen hatten, denn er ging zu jener Zeit bei weitem öfter um, als jetzt, manchmal in dieſer, manch⸗ mal in jener Geſtart. Jedermann zu Granada hat von dem Bellado gehört, denn die alten Weiber und die Ammen ſchrecken die Kinder damit, wenn ſſe ſchreien. Manche behaupten, es ſey der Geiſt eines granſamen mauriſchen Königs, der ſeine ſechs Söhne umgebracht und in dieſem Gewölbe verſcharrt hätte, und daß ſie ihn jetzt zur Rache Nachts verfolgen.“ Ich enthalte mich, bei den wundervollen Einzelnhei⸗ ten zu verweilen, die der gutmüthige Mateo über dieſes furchtbare Geſpenſt mittheilte, das in der That ſeit un⸗ denklicher Zeit ein Lieblingsgegenſtand für Ammenmär⸗ chen und Volksſagen zu Granada abgab und deſſen ein alter und gelehrter Geſchichtſchreiber und Topograph die⸗ ſer Stadt ehrenvolle Erwähnung gethan hat. Ich will nur noch einmal anführen, daß der unglückliche Boabdil 3 durch dieſes Thor ging, um ſeine Hauptſtadt zu über⸗ geben. Wir verließen dieſe begebnißreichen Trümmer und ſetzten unſern Weg fort, indem wir die reichen Frucht⸗ gärten des Generalife umgingen, in welchem einige Nach⸗ tigallen ihren herrlichen Geſang hören ließen. Hinter dieſen Gärten kamen wir an mehreren mauriſchen Waſ⸗ ſerbehältern mit einer Thüre, die in den felſigen Buſen des Hügels gehauen, aber verſchloſſen war, vorüber. Nach Mateo's Bericht waren dieſe Teiche Lieblingsbade⸗ plätze von ihm und ſeinen Kameraden in ihrer Knaben⸗ zeit, bis die Geſchichte von einem ſcheußlichen Mauren, der aus der Thüre in den Felſen hervorſtürzte, um die ſorglos Badenden aufzufangen, ſie wegſchreckte. Dieſe bezauberten Behälter hinter uns laſſend, und unſern Spaziergang fortſetzend, ſtiegen wir einen einſa⸗ men Maulthier⸗Pfad, der ſich um die Hügel wand, empor und fanden uns bald inmitten des wilden und melancho⸗ liſchen Gebirgs, baumlos und nur da und dort mit ſpar⸗ ſamem Grün gefärbt. Alles was ich umher ſah, war wild und unfruchtbar und es war kaum möglich, ſich den Gedanken als wirklich zu denken, daß nur in geringer Entfernung hinter uns das Generalife mit ſeinen blüthen⸗ reichen Fruchtgängen und terraſſenartigen Gärten liege und daß wir in der Nachbarſchaft des prächtigen Gra⸗ nada, dieſer Stadt der Lauben und Brunnen ſeyen. Allein das iſt der Charakter Spaniens— wild und öde, ſobald man das bebaute Land verläßt; die Wüſte und der Garten ſind immer neben einander. Die kleine Höhlung, durch welche wir hinauf gingen, — — 118— hieß nach Mateo's Angabe el Barranco de la Tinaja oder die Schlucht des Zubers, weil in fruheren Zeiten hier ein Zuber voll mauriſchen Goldes gefunden worden war. Das Gehirn des armen Mateo geht immerdar mit ſolchen goldnen Sagen um. „Aber was bedeutet das Kreuz, das ich auf jenen Steinhaufen, dort in dem engen Theil der Schlucht ſehe?“ „O, das iſt nichts— vor einigen Jahren wurde ein Mautthiertreiber dort ermordet.“ „Ei, Mateo, dann habt ihr Räuber und Mörder ſelbſt an den Thoren der Alhambra?“ „Jetzt nicht, Sennor; dies war ehedem der Fall, als eine Menge lüderlichen Geſindels um die Veſte zu ſchwär⸗ men pflegte; aber ſie ſind alle ausgerottet worden. Nicht als wenn manche von den Zigeunern, welche in den Höh⸗ len auf der Hügel⸗Seite wohnen, nicht zu allem fähig wären; aber wir haben ſeit langer, langer Zeit hier keinen Mord gehabt. Der Mann, der den Maulthier⸗ treiber mordete, wurde in der Veſte gehangen.“ Unſer Weg führte den Barranco, an einer kühnen, ranhen Höhe zur Linken hinauf, die„Silla del Moro“ oder Stuhl des Mauren genannt ward, nach der bereits erwähnten Sage, daß der unglückliche Boabdil während einer Volksempörung hierher ſich geflüchtet und während des ganzen Tags auf dieſem felſigen Gipfel geſeſſen habe, trauervoll auf die empörte Stadt niederſchauend. Wir kamen endlich zu dem höchſten Theile des Vorgebirgs über Granada, der Sonnenberg genannt. Der Abend kam herau; die untergehende Sonne vergol⸗ dete eben die höchſten Spitzen der Berge. Da und dort — 119— ließ ſich ein einſamer Schäfer ſehen, der ſeine Heerde die Abhänge hinabtrieb, um ſie während der Nacht einzu⸗ pferchen; oder ein Maulthiertreiber und ſeine zaudernden Thiere, die auf einem Bergpfade hinſchritten, um vor Nacht die Stadtthore zu erreichen. Jetzt klangen die tiefen Töne der Glocke der Kathe⸗ drale die Schlucht herauf und verkündigten die Stunde des Gebets. Dieſer Klang wurde von den Thürmen aller Kirchen und den lieblichen Glocken der Klöſter in den Bergen beantwortet. Der Schäfer hielt an dem Bug des Hügels, der Maulthiertreiber inmitten der Straße; jeder nahm ſeinen Hut ab und blieb eine Zeitlang bewe⸗ gungslos, ſein Abendgebet fluͤſternd. Es iſt überall etwas freundlich feierliches in dieſem Gebrauch, durch welchen, auf ein klangreiches Signal, alle menſchliche Weſen in dem ganzen Lande in demſelben Augenblicke ſich verei⸗ nigen, um Gott für die Gnaden des Tages ihren Dank darzudringen. Er verbreitet eine kurze Heiligkeit über das Land und der Anblick der in ihrer ganzen Glorie ſich ſenkenden Sonne trägt nicht wenig zur Feierlichkrit der Sceue bei. In dem gegenwärtigen Augenblicke wurde die Wir⸗ kung durch die wilde und einſame Natur des Ortes er⸗ höht. Wir waren auf dem nackten und zerriſſenen Gip⸗ fel des bezauberten Sonnenbergs, wo zerfallene Waſſer⸗ becken und Ciſternen und die zertrümmerten Fundamente ausgedehnter Bauten von früherer Bevölkerung ſprachen, wo aber jetzt alles ſtumm und verlaſſen war. Während wir unter dieſen Spuren alter Zeiten wan⸗ delten, deutete Mateo auf eine runde Grube, die tief in — 120— das Herz des Berges einzuſchueiden ſchien. Es war augenſcheinlich ein tiefer Brunnen. welchen die unermüd⸗ lichen Mauren gegraben hatten, um ihr Lieblings⸗Element in ſeiner höchſten Reinheit zu gewinnen. Mateo hatte jedoch eine andere Geſchichte bereit, die mehr nach ſeinem Geſchmacke war. Der Ueberlieferung zufolge war dies der Eingang zu den nnterirdiſchen Höhlen des Berges, in welchen Boabdil und ſein Hof durch magiſche Gewalt gefeſſelt lagen und von wannen ſie zu beſtimmten Zeiten aufbrachen, um ihre alten Behauſungen wieder zu be⸗ ſuchen. Das dunkelnde Zwielicht, das in dieſem Himmels⸗ ſtriche von ſo kurzer Dauer iſt, ermahnte uns, dieſen Zauberboden zu verlaſſen. Als wir die Bergſchluchten hinabſtiegen, war kein Schäfer und kein Maulthiertreiber mehr zu ſehen und nichts mehr zu hören als unſere Fuß⸗ tritte und das einſame Zirpen des Heimchens. Die Schatten des Thales wurden tiefer und tiefer, bis alles rundum dunkel war. Der luftige Gipfel der Sierra Nevada zeigte allein noch einen zögernden Strahl des Tageslichts; ſeine ſchneeigen Zacken glänzten gegen das dunkelblaue Firmament und ſchienen, wegen der unge⸗ meinen Reinheit der Atmoſphäre uns ganz nahe zu ſeyn. „Wie nahe die Sierra dieſen Abend zu ſeyn ſcheint,“ ſagte Mateo;„es iſt, als könnten Sie ſie mit ihrer Hand berühren, und doch iſt ſie viele Meilen entfernt.“ Während er dies ſagte, ging ein Stern über dem ſchnee⸗ igen Gipfel des Berges auf, der einzige, der jetzt ſchon an dem Himmel ſichthar war, und ſo rein, ſo groß, ſo hell und ſchoͤn, daß er dem ehrlichen Mateo Ausrufungen der Freude entlockte. „Que estrella hermosa! que clara y limpia ecs! — No pueda ser estrella mas brillante! (Welch ein ſchöner Stern! wie klar und hell— es kann keinen glänzenderen Stern geben.) Ich habe dieſe Empfänglichkeit des gemeinen Man⸗ nes in Spanien gegen die Reize natürlicher Gegenſtände oft bemerkt. Der Glanz eines Sterns, die Schönheit, der Duft einer Blume, die cryſtalne Reinheit einer Quelle, erfüllt ihn mit einer Art poetiſchen Entzückens; und dann— welche wohlklingende Worte bietet ſeine prächtige Sprache dar, um ſeine Begeiſterung auszu⸗ ſprechen. „Aber was ſind das für Lichter, Mateo, welche ich die Sierra, Nevada entlang, grade unter der Schneere⸗ gion glänzen ſehe, und die man für Sterne nehmen könnte, wären ſie nur nicht ſo röthlich und gegen die dunkle Seite des Berges?“ „Das ſind Feuer, Sennor, welche die Leute unter⸗ halten, die zum Bedarf von Granada Schnee und Eis ſammeln. Jeden Nachmittag gehen ſie mit Eſeln und Maulthieren hinauf und wechſeln dann ab, ein Theil ruht und wärmt ſich an den Feuern, während die andern die Körbe mit Eis füllen. Dann geht es vergab zurück, ſo daß ſte mit Sonnenaufgang die Thore von Granada erreichen. Dieſe Sierra Nevada, Sennor, iſt ein Eis⸗ klumpen in der Mitte von Andaluſien, um im Sommer alles kühl zu erhalten. Es war nun völlige Nacht; wir kamen durch den Barranco, wo das Kreuz des ermordeten Maulthier⸗ treibers ſtand, als ich eine Anzahl Lichter gewahrte, welche ſich in einiger Entfernung bewegten und offendar auf die Schlucht zugingen. Als ſie näher kamen, zeigte es ſich, daß es Fackeln waren, die von einem Zug ſelt⸗ ſamer in Schwarz gekleideter Geſtalten getragen wur⸗ den: es wuͤrde zu jeder Zeit eine hinreichend ſchauerliche Prozeſſton geweſen ſeyn, ſie war es aber doppelt an die⸗ ſem wilden und einſamen Platze. Mateo näherte ſich und ſagte mir mit leiſer Stim⸗ me, es ſey eine Trauerprozeſſion, die eine Leiche auf den Kirchhof im Gebirg begleite. Wie der Zug an uns vorüberkam, machte das trau⸗ rige Fackellicht, das auf die rauhen Geſichter und die Leichenkränze der Begleiter fiel, die phantaſtiſchſte Wir⸗ kung, die aber vollkommen geſpenſtiſch wurde, als das Licht das Geſicht des Todten beleuchtete, der, der ſpa⸗ niſchen Sitte zufolge, unbedeckt auf einer offenen Bahre getragen wurde. Ich ſtarrte eine Zeitlang dem traurigen Zuge nach, wie er ſich die dunkle Schlucht des Berges empor wand. Ich gedachte einer alten Geſchichte von einem Zuge von Teufeln, welche einen Sünder den Kra⸗ ter von Stromboli hinauf trugen. „Ha, Sennor,“ rief Mateo,„ich könnte Ihnen eine Geſchichte von einer Prozeſſion erzählen, die einſt in dieſen Bergen geſehen worden iſt; allein Sie würden mich auslachen und ſagen, es ſey eines der Vermächtniſſe meines Großvaters, des Schneiders.“ „Keineswegs, Matro. Mich ergötzt nichte mehr, als eine wunderoolle Geſchichte.“ — 123— „Gut, Sennor; ſie handelt gerade von einem der Männer, von welchen wir geredet haben, die anf der Sierra Nevada Schnee ſammelu.“ „Sie müſſen wiſſen, daß vor vielen, vielen Jahren, zu meines Großvaters Zeiten, ein alter Burſche lebte, Tio Nicolo genannt, der die Körbe ſeines Maulthiers mit Schnee und Eis gefüllt hatte und im Begriff war, den Berg herab zurückzukehren. Da er ſehr ſchläfrig war, ſtieg er auf ſein Maulthier und fiel bald in Schlaf; ſein Kopf nickte und knickte von einer Seite zur andern, während das ſicher ſchreitende alte Manlthier den Rand von Abgründen entlang und ſteile und zerriſſene Bar⸗ rancos hinab ſo ſicher und ſtaͤtig ging, als beſchritte es ebenen Boden. Zuletzt wachte Tio Nicolo auf, ſah um ſich und rieb ſich die Augen— und, es iſt wahr, er hatte allen Grund dazu. Der Mond verbreitete faſt die Helle des Tags umher und er ſah die Stadt unter ſich, ſo deutlich wie Ihre Hand da, und mit ihren weißen Gebänden glänzend, wie eine ſilberne Schüſſel im Mond⸗ ſchein; aber, Gott! Sennor, ſie glich nichts weniger als der Stadt, die er vor wenigen Stunden verlaſſen hatte! Statt der Kathedrale mit ihrem großen Dom und ih⸗ ren Thürmen und den Kirchen mit ihren ſchlanken Spiz⸗ zen und den Klöſtern mit ihren Thürmchen, alle von dem heiligen Kreuze überragt, ſah er nichts als mauriſche Moſcheen, Minarete, Kuppein, alle mit dem glänzenden Halbmond, wie Sie ihn auf den Flaggen der Berberei ſehen, geſchmückt. Nun, Sennor, Sie denken ſich wohl, daß Tio Nicolo mächtig verblüfft war; während er aber auf die Stadt niederblickte, marſchirte eine große Armee den Berg herauf, und wand ſich die Schluchten entlang zuweilen im Mondſchein, zuweilen im Schatten. Als ſle näher kam, ſah er, daß es Fußvolk und Reiterei war, alle in mauriſcher Rüſtung. Tio Nicolo bemühte ſich, ihnen aus dem Weg zu gehen, allein ſein Maulthier ſtand ſtockſtill und wollte nicht von der Stelle rücken, zu gleicher Zeit zitterte es wie ein Laub— denn ſtumme Thiere, Sennor, erſchrecken über ſolche Dinge eben ſo ſehr wie menſchliche Weſen. Gut, Sennor, die Kobold⸗ Armee zog daran vorüber; da waren Männer, die Trom⸗ peten zu blaßen, andere, die Trommeln zu ſchlagen und Cymbeln zu ſpielen ſchienen, und doch gaben ſie keinen Ton von ſich; alles zog ohne das mindeſte Geräuſch da⸗ hin, grade wie ich auf dem Theater von Granada ge⸗ malte Heere über die Bühne ziehen ſah, und alle ſahen blaß wie der Tod aus. Zuletzt, in dem Nachtrab der Armee ritt zwiſchen zwei ſchwarzen mauriſchen Reitern der Großinquiſitor von Granada auf einem Maulthier, ſo weiß wie Schnee. Tio Nicolo wunderte ſich, ihn in dieſer Geſellſchaft zu ſehen, denn der Großinquiſttor war berühmt wegen ſeines Haſſes gegen die Mauren und, in der That gegen alle Arten von Ungläubigen, Inden und Ketzer, und pflegte ſie mit Feuer und Schwert zu verfolgen. Tio Nicolo jedoch fühlte ſich jetzt ganz ſicher, da ihm ein Prieſter von ſolcher Heiligkeit zur Hand war. So machte er das Kreuzeszeichen und bat ihn um ſeinen Segen, als er, Hombre! einen Schlag erhielt, der ihn und ſein altes Maulthier über den Rand eines ſteilen Abſchuſſes, Kopf oben Kopf unten, zu Bo⸗ den warf. Tio Nicolo kam erſt lange nach Sonnen⸗ —- 125— aufgang wieder zur Beſinnung, wo er ſich in der Tieſe einer ſteilen Schlucht fand, während ſein Maulthier ne⸗ ben ihm graßte und der Schnee in ſeinen Körben voll⸗ kommen geſchmolzen war. Er kroch, arg zerſchlagen und zerquetſcht nach Granada zurück, freute ſich aber doch, als er fand, daß die Stadt, wie gewöhnlich ausſah und chriſtliche Kirchen und Kreuze hatte. Als er die Ge⸗ ſchichte ſeines nächtlichen Abentheuers erzählte, lachte ihn alle Welt aus; einige ſagten, er habe das alles, während er auf ſeinem Maulthier ſaß, geträumt; andere meinten, er habe alles ſelbſt erdacht— allein, was ſeltſam war und die Leute nachher ernſthafter von der Sache denken ließ, war der Umſtand, daß der Großinquiſitor noch in demſelben Jahre ſtarb. Ich habe meinen Großvater, den Schneider, oft ſagen hören, es ſtecke mehr hinter die⸗ ſem Koboldheere, welches das Ebenbild des Prieſters entführt habe, als die Leute zu denken wagten.“ „Ihr wollt alſo zu verſtehen geben, Freund Mateo, es gebe eine Art mauriſchen Limbus oder Fegfeuers in den Eingeweiden dieſer Berge, wohin der Pater Inqui⸗ ſitor gebracht wurde?“ „Gott behüte mich, Sennor! Ich weiß nichts von der Sache— ich erzähle nur, was ich von meinem Groß⸗ vater gehört habe.“ Als Mateo ſeine Geſchichte, die ich etwas kürzer erzählt habe und die mit vielen Erläuterungen geſpickt und mit den kleinſten Einzelnheiten ausgeſponnen war, beendigt hatte, erreichten wir das Thor der Alhambra. — 126— Oertliche Sagen. Das gemeine Volk Spaniens hat eine orientaliſche Leidenſchaft für das Erzählen von Geſchichten und iſt dem Wunderbaren ſehr zugethan. Sie pflegen ſich an den Sommerabenden um die Thuͤren ihrer Hütten und im Winter in den großen höhlenartigen Kaminen der Ventas zu ſammeln und lauſchen mit unerſättlichem Ent⸗ zücken wunderbaren Heiligenlegenden, gefahroollen Reiſe⸗ abentheuern und kecken Thaten von Räubern und Schleich⸗ händlern. Der wilde und einſame Charakter des Lan⸗ des, die niedrige Stufe der Bildung, der Mangel an all⸗ gemeinen Gegenſtänden der Unterhaltung, und das ro⸗ mantiſche abentheuerliche Leben, das jedermann in einem Lande führt, wo das Reiſen noch in ſeinem Urzuſtande iſt— alles trägt dazu bei, dieſe Liebe für mündliche Erzählung zu nähren und einen ſtarken Hang für das Außerordentliche und Unglaubliche zu erzeugen. Kein Ge⸗ genſtand iſt aber vorherrſchender und beliebter, als der von Schätzen, welche von den Mauren vergraben wor⸗ den; er geht das ganze Land hindurch. Wenn man die wilde Sierra, den Schauplatz der älteſten Kämpfe und Siege, durchſchneidet, kann man keinen mauriſchen Ata⸗ laya oder Wartthurm, der auf den Klippen hängt oder über einem auf Felſen gebauten Dorfe thront, ſehen, bei welchem der Maulthiertreiber, wenn man ihn näher be⸗ 127— fragt, mit dem Rauchen ſeines Cigarillo nicht inne hält, um irgend eine Geſchichte von moslemiſchem Gold, das unter ſeinem Fundament vergraben, zu erzählen; ferner gibt es keinen zertrümmerten Alcazar in einem Flecken, der nicht ſeine goldene Sage hat, die unter den armen Leuten der Umgegend von Geſchlecht zu Geſchlecht fort⸗ gepflanzt wurde.. Dieſen liegt, wie den meiſten Volksſagen, nur ſehr wenig thatſächliches zu Grund. Während der Kriege zwiſchen Mauren und Chriſten, welche dieſes Land für Jahrhunderte zerrütteten, waren Städte und Schlöſſer öfterem und plötzlichem Wechſel der Beſitzer unterwor⸗ fen und die Bewohner begruben gern während der Bela⸗ gerungen und Stürmen ihr Geld und ihre Koſtbarkei⸗ ten in die Erde oder verſteckten ſie in Gewölben und Brunnen, wie oft noch heut zu Tag in den despotiſchen und kriegeriſchen Ländern des Oſten geſchieht. Zur Zeit der Vertreibung der Mauren mag auch mancher von ih⸗ nen ſeine koſtbarſten Habſeligketten in der Hoffnung ver⸗ borgen haben, ſeine Verbannung würde nur eine Zeit⸗ lang währen und er dürfte wohl eines Tages wieder kommen und ſeine Schätze hervorziehen können. Es iſt gewiß, daß von Zeit zu Zeit Schätze von Gold⸗ und Silbermünzen zufällig, nach Verlauf von Jahrhunderten, unter den Ruinen mauriſcher Veſten und Wohnungen anfgegraben wurden; und es bedarf nur weniger That⸗ ſachen dieſer Art, um tauſend Sagen zu erzeugen. Die ſo entſtandenen Geſchichten haben gewöhnlich etwas von der morgenländiſchen Färbung und ſind mit dem Gemiſch von Arabiſchem und Gothiſchem bezeichnet, — 128— das mir jegliches Ding in Spanien, und vorzäglich in ſeinen ſüdlicheren Provinzen zu charakteriſtren ſcheint. Der verborgene Schatz iſt ſtets veſtgebannt und durch Zauber und Talismann geſichert. Zuweilen wird er von ſcheuslichen Ungeheuern oder feurigen Drachen, zuweilen von verzauberten Mauren bewacht, die in voller Rü⸗ ſtung, mit gezogenen Schwertern, aber bewegungslos wie Statüen bei ihm ſitzen und Jahrhunderte hindurch eine ſchlafloſe Wache halten. Natürlich iſt die Alhambra, der beſonderen mit ih⸗ rer Geſchichte verbundenen Umſtände zufolge, ein feſter Platz für Volksdichtungen dieſer Art, welche durch man⸗ nichfaltige von Zeit zu Zeit ausgegrabene Ueberbleibſel noch mehr Gewicht erhielten. Einmal hat man ein irdenes Gefäß, mauriſche Münzen und das Gerippe eines Hahns enthaltend, gefunden, welcher, nach der Anſicht gewiſſer ſchlauköpfigen Beſchauer, lebendig begraben ſeyn mußte. Ein anderes Mal wurde ein Gefäß ausgegraben, welches einen großen Scarabäus von gehranntem Thon, mit arabiſchen Inſchriften bedeckt, enthielt und für ein wun⸗ dervolles Amulet voll verborgener Kräfte erklärt ward. Auf dieſe Art ſind die Weiſen des zerlumpten Haufens, der die Alhambra bewohnt, herumgeſprengt worden, bis kein Saal, kein Thurm, kein Gewölbe mehr in der alten Veſte zu finden war, welches nicht zum Schau⸗ platze irgend einer wunderbaren Sage gemacht worden wäre. Da ich, wie ich hoffe, den Leſer durch die vorſte⸗ henden Blätter mit den Oertlichkeiten der Alhambra ei⸗ nigermaßen bekannt gemacht habe, ſo werde ich nun um⸗ ſtändlicher in die damit verbundenen Erzählungen ein⸗ — 129 gehen, die ich aus mancherlei ſagenhaften, während mei⸗ ner Spaziergänge aufgeſammelten Bruchſtücke und An⸗ deutungen emſig in Form und Geſtalt gebracht habe; wie ein Alterthumsforſcher aus wenigen zerſtreuten Buch⸗ ſtaben einer faſt verwiſchten Inſchrift ein regelmäßiges hiſtoriſches Document herausarbeitet. Wenn irgend etwas in dieſen Sagen bei dem allzu bedenklichen Leſer Mißtrauen erregen ſollte, ſo muß er ſich des Charakters des Ortes erinnern und die gehöri⸗ gen Zugeſtändniſſe machen. Er darf hier jene Wahr⸗ ſcheinlichkeitsgeſetze, welche in den gewöhnlichen Scenen und in dem Alltagsleben herrſchen, nicht erwarten; er muß bedenken, daß er die Hallen eines bezauberten Pa⸗ laſtes betritt und daß alles„gefeiter Boden“ iſt. Das Haus des Wetterhahns. Auf der Spitze des luftigen Hügels der Albaycia, dem höchſten Theil der Stadt Granada, ſtehen die Ue⸗ berbleibſel eines ehemaligen königlichen Palaſtes, der kurz nach der Eroberung Spaniens durch die Araber ge⸗ gründet wurde. Er iſt jetzt in eine Fabrik umgewandelt worden und man hatte ſeiner ſo gänzlich vergeſſen, daß es mich, obgleich mir der ſcharfſüchtige und allwiſſende Mateo Pimenes hülfreich zur Seite ſtand, viele Mühe koſtete, ihn zu finden. Dieſes Gebäude trägt heute noch de Nawen⸗ unter welchem es Jahrhunderte hindurch — 47. 9 — 130— bekannt war, nämlich: La Casa del Gallo de Viento, d. h. das Haus des Wetterhahns. Es erhielt dieſen Namen von der Bronze⸗Statue eines Kriegers zu Pferd, der mit Schild und Speer bewaffnet auf einem ſeiner Thürme ſtand und ſich mit jedem Winde drehte, und einen arabiſchen Spruch hatte, der, in das Spaniſche überſetzt, ſo lautete: Dice el sabio Aben Habuz, Que asi se defiende el Andaluz. Der weiße Aben Habuz ſpricht, Der Andaluſier ſchirmt ſich anders nicht. Dieſer Aben Habuz war, nach den manriſchen Chro⸗ niken, Feldherr in dem Ueberfallsheere des Taric, und wurde von ihm als Alcayde von Granada zurückgelaſſen. Er ſoll die Abſicht gehabt haben, die arabiſchen Einwoh⸗ ner durch dieſe Statue immerwährend zu erinnern, daß von Feinden umgeben, wie ſie es waren, ihre Sicher⸗ heit nur davon abhänge, daß ſie ſtets auf ihrer Huth und kampffertig wären.. Die Ueberlieferungen geben andere Kunde von die⸗ ſem Aben Habuz und ſeinem Palaſt und behaupten, die⸗ ſer bronzene Reiter ſey urſprünglich ein Talisman von großer Kraft geweſen, obgleich er in ſpätern Jahrhun⸗ derten ſeine magiſchen Eigenſchaften verloren habe und in einen bloßen Wetterhahn ausgeartet ſey. Nachſtehendes bezieht ſich auf die hier angeführte Sage. .C‿aa— — 131— S ag e von dem arabiſchen Aſtrologen. In alten Zeiten, vor vielen. hundert Jahren war ein mauriſcher König, Aben Habuz genannt, der über das Königreich Granada regierte. Er war ein in Ru⸗ heſtand verſetzter Eroberer, das heißt, ein Mann, der in ſeinen jüngeren Tagen ein ſtetes Raub⸗ und Plünderle⸗ ben geführt hatte, und nun, da er ſchwach und alt ge⸗ worden, ſich nach Ruhe ſehnte und nichts mehr wünſchte, als mit aller Welt in Frieden zu leben, ſeine Lorbeern zu wahren und ſich der Beſitzungen ruhig zu erfreuen, die er ſeinen Nachbarn entriſſen hatte.. Es begab ſich aber, daß dieſer ſehr vernünftige und friedliche alte König es mit jungen Nebenbuhlern zu thun hatte; Prinzen, welche von ſeiner frühern Leiden⸗ ſchaft für Ruhm und Kampf erfüllt und geneigt waren, ihn wegen den Schulden, die er bei ihren Vätern ge⸗ macht, zur Rechenſchaft zu ziehen. Auch gewiſſe ferne Diſtrikte ſeiner eigenen Länder, welche er während der Tage ſeiner Kraft ſehr hochfahrend behandelt hatte, zeig⸗ ten jetzt, da er ſich nach Frieden ſehnte, große Luſt, ſich aufzulehnen und drohten, ihn in ſeiner Hauptſtadt zu umzingeln. So hatte er auf allen Seiten Feinde und da Granada von wilden und rauhen Bergen umgeben 9 ⅔ — 132— iſt, welche den annähernden Feind verſtecken, war der unglückliche Aben Habuz in einem ſteten Zuſtande der Unruhe und des Wachens, indem er nicht wußte, auf welcher Seite die Feindſeligkeiten ausbrechen würden. Vergebens baute er ſich Wartthürme auf den Ber⸗ gen, ſtellte er Wachen bei jedem Engpaß mit dem Be⸗ fehle auf, die Annäherung eines Feindes zur Nachtzeit durch Feuer, bei Tag durch Rauch zu verkünden. Seine behenden Feinde vereitelten alle Vorſichtsmaßregeln und pflegten aus irgend einem unbeachteten Paß hervorzu⸗ brechen, verwüſteten ihm das Land unter der Naſe und machten ſich dann mit den Gefangenen und der Beute davon in die Berge. War je ein friedlicher und ruhiger Krieger in einer unbehaglicheren Lage? Während Aben Habuz durch dieſe Schwierigkeiten und Störungen gequält wurde, kam ein alter arabiſcher Arzt an ſeinen Hof. Sein grauer Bart ging ihm bis auf den Gürtel und er hatte jedes Zeichen des höchſten Alters, und doch hatte er faſt den ganzen Weg von Egyp⸗ ten zu Fuß gemacht, ohne einen andern Beiſtand, als einen mit Hieroglyphen gezeichneten Stab. Sein Ruf war ihm voraugegangen. Er hieß Ibrahim Ebn Abn Ajeeb, hatte, wie man ſagte, ſeit den Tagen Mahomed's immerwährend gelebt und ſollte der Sohn von Abu Ajeeb, dem letzten der Gefährten des Propheten ſeyn. Als Kind war er dem ſtegreichen Heer Amru's nach Egyp⸗ ten gefolgt, wo er viele Jahre geweilt und bei den egyp⸗ tiſchen Prieſtern die verborgenen Wiſſenſchaften, beſon⸗ ders Magie, ſtudirt hatte. Ueberdies hatte er, wie es hieß, das Geheimniß ge⸗ — 1233— funden, das Leben zu verlängern, wodurch er zu dem hohen Alter von mehr als zweihundert Jahren gekom⸗ men, obgleich er, da er das Geheimniß erſt in ſeiner Greiſenzeit entdeckt hatte, nur ſeine grauen Haare und Runzeln erhalten konnte. Dieſer wundervolle alte Mann wurde von dem Kö⸗ nig in Ehren gehalten, denn, wie alle ausgelebten Kö⸗ nige, ſchenkte auch er den Aerzten eine ausgezeichnete Gunſt. Er hätte ihm eine Wohnung in ſeinem Palaſt angewieſen, aber der Sternkundige zog eine Höhle an der Seite des Hügels vor, der ſich über Granada er⸗ hebt und derſelbe iſt, auf welchem ſeitdem die Alhambra gebaut wurde. Er ließ die Höhle erweitern, ſo daß ſie einen geräumigen Saal bildete, an deſſen Decke eine runde Oeffnung war, durch welche er, wie aus einem Brunnen den Himmel beobachten und die Sterne ſelbſt am hellen Mittag ſehen konnte. Die Wände dieſes Saals waren mit egyptiſchen Hieroglyphen, mit cabali⸗ ſtiſchen Symbolen und mit den Sternbildern in ihren Kreiſen bedeckt. Dieſen Saal verzierte er mit mancher⸗ lei Geräthſchaften, welche von geſchickten Handwerkern Granada's unter ſeiner Leitung gefertigt worden, deren geheime Eigenſchaften aber ihm allein bekannt waren. Nach einer kurzen Zeit wurde der weiſe Ibrahim der vertrauteſte Rath des Königs, der ihn in jedem dringenden Falle um ſeinen Rath anging. Aben Habuz ſchalt eines Tags auf die Ungerechtigkeit ſeiner Nachbarn und beſchwerte ſich über die raſtloſe Wachſamkeit, welche er üben müſſe, um ſich gegen ihre Einfälle zu ſichern; als er geendigt hatte, ſchwieg der Aſtrolog eine Zeitlang, dann ſagte er:„Wiſſe, o König, daß ich während meines Aufenthaltes in Egypten ein großes Wunder ſah, das einer der alten heidniſchen Prieſter erdacht hatte. Auf einem Berge, über der Stadt Borſa, wo man das große Thal des Nils überſchauen konnte, war die Figur eines Widders und darüber die eines Hahns, die beide, aus gegoſſenem Erz gefertigt, ſich anf einem Stifte dreh⸗ ten. Wenn dem Lande ein Einfall drohte, ſo drehte ſich der Widder in der Richtung des Feindes und der Hahn krähte, worauf die Bewohner der Stadt ſofort Kunde von der Gefahr und von der Richtung erhielten, in wel⸗ cher ſie ſich naͤherten und bei Zeiten Vorſorge treffen konn⸗ ten, ſie abzuwehren. „Gott iſt groß!“ rief der friedfertige Aben Habuz; „welch ein Schatz wäre ein ſolcher Widder, der ſein Auge auf dieſe Berge umher richtete, und dann ſolch ein Hahn, der zur Zeit der Gefahr krähte! Allah Akbar! wie ſicher würde ich in meinem Palaſt mit ſolchen Schild⸗ wachen auf der Höhe ſchlafen 1 Der Aſtrolog wartete, bis die Verzückungen des Königs nachgelaſſen hatten und fuhr dann fort. „Nachdem der ſiegreiche Amru(möge er in Frieden ruhen) die Eroberung Egyptens vollendet hatte, blieb ich bei den alten Prieſtern des Landes, lernte die Ge⸗ bräuche und Zeremonien ihres Götzenglaubens kennen und ſuchte mich in den Beſitz der geheimen Weisheit zu ſetzen, wegen welcher ſie ſo berühmt ſind. Ich ſaß eines Tags an den Ufern des Nils und unterhielt mich mit einem alten Prieſter, als dieſer auf die mächtigen Py⸗ ramiden zeigte, die ſich wie Berge aus der benachbarten — 135— Wüſte erhoben.„Alles, was wir dich lehren können,“ ſagte er,„iſt nichts gegen die Weisheit, die in jenen mächtigen Gebäuden aufbewahrt wird. In dem Mittel⸗ punkt der mittlern Pyramide iſt ein Grabgemach, in welchem die Mumie des Hohenprieſters eingeſchloſſen iſt, welcher dieſes erſtaunliche Gebände errichten half; und bei ihm iſt ein wundervolles Buch der Weisheit vergra⸗ ben, welches alle Geheimniſſe der Kunſt und Magie ent⸗ hält. Dieſes Buch war Adam nach ſeinem Fall gegeben worden und kam dann von Geſchlecht zu Geſchlecht auf Salomon den Weiſen, welcher durch ſeine Hülfe den Tempel von Jeruſalem baute; wie er in den Beſitz des Erbauers der Pyramiden gekommen, iſt dem allein be⸗ kannt, der alles weiß.“ „Als ich dieſe Worte von dem egyptiſchen Prieſter gehört hatte, entflammte ſich mein Herz, in den Beſitz dieſes Buchs zu gelangen. Ich hatte über die Dienſte vieler Krieger aus unſeren ſiegreichen Heeren und über eine Anzahl Eingebornen zu gebieten; mit dieſen ging ich an's Werk und öffnete die dichte Maſſe der Pyramide, bis ich, nach großer Mühe, auf einen ihrer innern und verborgnen Gänge kam. Dieſen folgte ich und beſchritt ein furchtbares Labyrinth, durch das ich in das Herz der Pyramide und grade in das Grabgemach kam, wo die Mumie des Hohenprieſters feit Jahrhunderten lag. Ich öffnete die äußern Umhüllungen der Mumie, löſte ihre manchfachen Umſchläge und Binden und fand endlich das koſtbare Buch auf ihrer Bruſt. Ich faßte es mit zittern⸗ der Hand und ſuchte aus der Pyramide zu kommen, in⸗ dem ich die Mumie ihrem dunkeln und ſtillen Grabe über⸗ — 136— ließ, um dort den Tag der Auferſtehung und des Ge⸗ richtes zu erwarten.“ „Sohn des Abu Ajeeb,“ rief Aben Habuz,„du haſt viele Länder geſehen und wunderbare Dinge beob⸗ achtet; allein wozu nützt mich das Geheimniß der Py⸗ ramide und das gelehrte Buch des weiſen Salomon?“ „Wohl kann es dir nützlich werden, o König! durch das Studium dieſes Buches unterrichtete ich mich in al⸗ len magiſchen Künſten und habe über den Beiſtand der Geiſter zur Förderung meiner Plane zu gebieten. Das Geheimniß des Talismans von Borſa iſt mir daher be⸗ kannt und ich kann einen ſolchen Talisman, ja, einen von noch höherer Kraft fertigen.“ „O weiſer Sohn des Abu Ajeeb,“ rief Aben Ha⸗ buz,„ein ſolcher Talisman wäre beſſer als alle Wart⸗ thürme auf den Hügeln, und als alle Wachen an den Grenzen. Gib mir einen ſolchen Schirm und alle Reich⸗ thümer meiner Schatzkammer ſollen zu deinem Befehle ſeyn.“ Der Aſtrologe begab ſich ſogleich an die Arbeit, um den Wüunſchen des Königs Genüge zu thun. Er ließ auf der Höhe des königlichen Palaſtes, welcher auf dem Scheitel des Albayan⸗Hügels ſtand, einen großen Thurm bauen. Dieſer Thurm ward von Steinen erbaut, die aus Egypten gebracht worden und, wie man ſagte, von einer der Pyramiden genommen waren. In dem obern Theil des Thurms war ein runder Saal, deſſen Fenſter nach allen Punkten des Compaſſes ſahen, und vor jedem Fenſter war ein Tiſch, auf welchem, wie auf einem Schach⸗ brett, ein kleines Heer von Reiterei und Fußvolk nebſt — 137— einem Ebenbild des Potentaten, der in jener Richtung herrſchte, alle aus Holz geſchnitzt, aufgeſtellt waren. Für jeden dieſer Tiſche war eine kleine Lanze da, nicht dicker als eine Nadel, auf welcher gewiſſe chaldäiſche Charak⸗ tere gegraben waren. Dieſer Saal wurde ſtets ver⸗ ſchloſſen gehalten; die Thüren waren von Erz und das Schloß von Stahl; der Schlüſſel dazu befand ſich in des Königs Händen. Auf der Spitze des Thurms war die auf einem Stiften befeſtigte Bronzſtatue eines mauriſchen Reiters, mit einem Schild in dem einen Arm und ſeine Lanze ſenkrecht tragend. Das Geſicht dieſes Reiters war der Stadt zugewendet, als wache es über ſte; wenn aber ein Feind ſich näherte, wandte ſich die Statue in dieſer Richtung und legte die Lanze wie zum Angriff ein. Als dieſer Talisman fertig war, wurde der König ganz ungeduldig, ſeine Kraft zu erproben und ſehnte ſich eben ſo ſehr nach einem Einfall, als er je nach Ruhe geſeufzt hatte. Sein Wunſch wurde bald erfällt. Ei⸗ nes Morgens frühe brachte die Schildwache, welche den Thurm zu bewachen hatte, die Nachricht, das Geſicht des bronzenen Reiters ſey gegen die Berge von Elvira gewendet und ſeine Lanze zeige genan nach dem Paß von Lope. „Laßt die Trommeln und Trompeten zu den Waf⸗ fen rufen,“ ſagte Aben Habuz:„ganz Granada ſoll ſich bereit machen.“ „O Koͤnig,“ ſagte der Aſtrologe:„beunruhige deine Stadt nicht und laß deine Krieger nicht zu den Waf⸗ fen rufen; wir bedürfen den Beiſtand des Heeres nicht, — 138— um dich von deinen Feinden zu befreien. Entlaſſe deine Diener und laß uns allein in den geheimen Saal des Thurmes gehen.“ Der alte Aben Habuz ſtieg, ſich auf den Arm des noch ältern Ibrahim Ehn Abu Ajeeb lehnend, die Thurm⸗ treppe hinan. Sie ſchloſſen das eherne Thor auf und traten ein. Das Fenſter, welches gegen den Paß von Lope ſah, war offen.„In dieſer Richtung,“ ſagte der Aſtrologe,„liegt die Gefahr: nähere dich, o König, und betrachte das Geheimniß des Tiſches.“ König Aben Habuz näherte ſich dem anſcheinenden Schachbrett, auf welchem die kleinen hölzernen Bilder aufgeſtellt waren, als er zu ſeinem Erſtaunen bemerkte, daß ſie alle in Bewegung waren. Die Roſſe bäumten und hoben ſich, die Krieger ſchwangen ihre Waffen, und man hörte das leiſe Klingen von Trommeln und Trom⸗ peten und das Schallen von Waffen und das Wiehern der Roſſe; aber alles nicht lauter und deutlicher als das Summen von Bienen oder den Sommerfliegen in das ſchläfrige Ohr deſſen tönt, der am Nachmittag im Schat⸗ ten liegt. „Sieh, o König,“ ſagte der Aſtrologe,„einen Be⸗ weis, daß deine Feinde jetzt eben zu Felde gezogen ſind. Sie müſſen durch jene Berge, durch die Engpäſſe von Lope, vorgerückt ſeyn. Wenn du einen paniſchen Schrek⸗ ken und Verwirrung unter ſie bringen und ſie ohne Blutverluſt in die Flucht jagen willt, ſo triff dieſe Bil⸗ der mit dem Knopf dieſer magiſchen Lanze; willſt du aber Mord und Blutbad unter ihnen anrichten, ſo triff ſie mit der Spitze.“ — 1³9— Ein ſchwarzgelber Streif flog über das Geſicht des friedlichen Aben Habuz, er faßte die kleine Lanze mit zitternder Haſt und ſchwankte an den Tiſch, während ſein grauer Bart vor freudiger Erwartung wackelte.„Sohn des Abu Ajeeb,“ rief er aus:„Ich denke, wir wollen ein wenig Blut ſehen.“ Bei dieſen Worten ſtach er einige der Zwergenge⸗ ſtalten mit der Lanze und bearbeitete andere mit dem dicken Ende, worauf die erſtere todt auf den Tiſch fielen, die übrigen aber ſich gegen einander wandten und ein buntes Gefecht begannen. Es koſtete den Aſtrologen Mühe, der Hand des fried⸗ lichſten aller Monarchen Einhalt zu thun und ihn von einer gänzlichen Vernichtung ſeiner Feinde abzuhalten; endlich vermochte er es über ihn, den Thurm zu verlaſ⸗ ſen, worauf eine Streifwache in das Gebirg gegen den Paß von Lope geſandt wurde. Dieſe kehrte mit der Nachricht zurück, ein chriſtli⸗ ches Heer ſey durch das Herz der Sierra, faſt bis An⸗ geſichts von Granada vorgedrungen, wo aber unter den Kriegern ein Zwieſpalt ausgebrochen ſey. Sie hätten ihre Waffen gegen einander gekehrt und ſich nach einem großen Blutbad über die Grenze zurückgezogen. Aben Habuz war außer ſich vor Freude, daß ſich die Kraft des Talismans ſo erprobt hatte.„Endlich,“ ſagte er,„werde ich ein ruhiges Leben führen und habe alle meine Feinde in meiner Gewalt. O weiſer Sohn des Abu Ajeeb, was kann ich dir als Lohn für ſolch eine Wohlthat bieten?“ „Die Beduͤrfniſſe eines alten Mannes und eines — 140— Philoſophen, o König, ſind gering und einfach; gewäh⸗ re mir nur die Mittel, meine Höhle zu einer wohnli⸗ che Einſledelei einzurichten und ich bin zufrieden.“ „Wie edel iſt die Entſagung des wahrhaft Weiſen!“ rief Aben Habuz aus, innerlich hoch erfreut über das Wohlfeile der Belohnung. Er ließ ſeinen Schatzmeiſter kommen und gebot ihm jede Summe zu zahlen, die Ibrahim fordern würde, um ſeine Einſiedelei zu vollen⸗ den und einzurichten. Auf Befehl des Aſtrologen mußten nun verſchiedene Kammern in den harten Felſen gehauen werden, welche eine Reihe Gemächer bildeten, die mit ſeinem aſtrologi⸗ ſchen Saal zuſammenhingen; er ließ jene mit üppigen Ottomanen und Divans zieren und die Wände mit den reichſten Seidenzeugen von Damaskus bekleiden.„Ich bin ein alter Mann,“ ſagte er,„und kann meine Kno⸗ chen nicht mehr auf ſteinernen Lagern ruhen laſſen, und dieſe feuchten Mauern müſſen eine Bekleidung haben.“ Auch Bäder ließ er einrichten und verſah ſie mit allen Arten von Wohlgerüchen und aromatiſchen Oelen; „denn ein Bad,“ ſagte er,„iſt nothwendig, um der Spröde des Alters entgegenzuarbeiten und der durch Denken eingeſchrumpften Geſtalt Friſche und Federkraft zu geben.“ Er ließ die Gemächer mit unzählbaren ſilbernen und cryſtalnen Lampen behängen, die er mit wohlriechen⸗ den, nach einem von ihm in den egyptiſchen Gräbern ge⸗ fundenen Recept gefertigten Oele füllte. Dieſes Oel war ſeiner Natur nach unverbrennlich und verbreitete einen ſanften Glanz wie das gemäßigte Tagslicht.„Das — 141— Licht der Sonne,“ ſagte er,„iſt zu lebhaft und grell für das Auge eines Greiſes und das Lampenlicht iſt den Studien eines Philoſophen angemeſſener.“ Der Schatzmeiſter des Königs Aben Habuz ſeufzte über die Summen, die täglich gefordert wurden, um dieſe Einſiedelei einzurichten und brachte ſeine Klagen vor den König. Aber das königliche Wort war gege⸗ ben: Aben Habuz zuckte die Schultern.„Wir müſſen Geduld haben,“ ſagte er:„dieſer alte Mann hat ſeine Idee von dem Aufenthaltsort eines Philoſophen dem Innern der Pyramiden und den ausgedehnten Trümmern Egyptens entlehnt; aber alles hat ja ein Ende und ſo auch die Einrichtung ſeiner Höhle.“ Der König hatte recht; die Einſtedelei ward endlich fertig und bildete einen prachtvollen unterirdiſchen Pa⸗ laſt.„Ich bin jetzt zufrieden,“ ſagte Ibrahim Ehn Abu Ajeeb zu dem Schatzmeiſter:„ich will mich in mei⸗ ne Zelle verſchließen und meine Zeit den Wiſſenſchaften weihen. Ich begehre nichts mehr, nichts, als einen un⸗ bedentenden Zeitvertreib, um mich in den Zwiſchenſtun⸗ den der geiſtigen Arbeit zu zerſtreuen.“ „O weiſer Ibrahim, fordere, was du willſt: ich bin gehalten, dir alles für deine Einſamkeit Nöthige zu liefern.“ „Dann wünſchte ich einige Tänzerinnen zu haben,“ ſagte der Philoſoph. „Tänzerinnen?“ wiederholte der erſtaunte Schatz⸗ meiſter. „Täͤnzerinnen,“ erwiederte der Weiſe ernſthaft: „wenige werden hinreichen, denn ich bin ein alter Mann — 142— und ein Philoſoph, von einfachen Sitten und leicht zu⸗ frieden zu ſtellen. Sorge aber, daß ſie jung ſind und ſchön anzuſchauen; denn der Anblick der Jugend und der Schönheit iſt fuͤr einen alten Mann erfriſchend.“ Während der Philoſoph, Ibrahim Ebn Abu Ajeeb, ſeine Zeit ſo weiſe in ſeiner Einſtedelei hinbrachte, fuͤhrte der friedfertige Aben Habnz in ſeinem Thurme furchtbare Kriege dem Bild nach. Es war höchſt rühmlich für ei⸗ nen alten Mann von ruhigen Sitten, wie er, ſich das Kriegführen zu erleichtern und im Stand zu ſeyn, in ſeinem Gemache ſich damit zu ergötzen, daß er ganze Armeen wie eben ſo viele Schwaͤrme Fliegen, verjagte. Er ſchwelgte eine Zeitlang in der Befriedigung ſei⸗ ner Launen und neckte und beleidigte ſogar ſeine Nach⸗ barn, um ſie zu Einfällen in ſein Land zu verleiten; al⸗ lein allmählig wurden ſie der wiederholten Unfälle müde und endlich wagte es keiner mehr, ſein Gebiet zu über⸗ ſchreiten. Viele Monden blieb der bronzene Reiter auf dem Friedensſtand, die Lanze in die Luft emporhaltend, und der würdige alte König fing an, den Abgang ſeines gewohnten Zeitvertreibs ſchmerzlich zu empfinden und über die einförmige Ruhe verdrüßlich zu werden. Endlich drehte ſich eines Tages der Reiter plötzlich rundum, ließ ſeine Lanze ſinken und deutete auf die Berge von Guadix. Aben Habnz eilte in ſeinen Thurm, allein der magiſche Tiſch in jener Richtung blieb ruhig; kein einziger Krieger bewegte ſich. Ueber dieſen Um⸗ ſtand in Ungewißheit, ſchickte er einen Trupp Reiter aus, um das Gebirge zu durchſpähen und ſich auf Kundſchaft — 143— zu legen. Nach einer Abweſenheit von drei Tagen ka⸗ men ſie zurück. „Wir haben jeden Bergpaß durchſucht,“ ſagten ſie „aber nicht ein Helm ward ſichtbar, nicht ein Speer. Alles was wir auf unſerm Streifzug gefunden haben, war ein chriſtliches Fräulein von ungemeiner Schönheit, welche in der Mittagszeit an einem Brunnen ſchlief und die wir als Gefangene mit uns weggeführt haben.“ „Ein Fräulein von ungemeiner Schönheit!“ rief Aben Habuz aus und ſeine Augen funkelten vor Erre⸗ gung:„laßt ſie vor uns führen.“ Das ſchöne Fräulein wurde ſonach vor ihn geführt. Sie war in die ganze reiche Pracht gekleidet, welche zur Zeit der arabiſchen Eroberung bei den gothiſchen Spa⸗ niern herrſchte. Perlen von glänzender Weiße waren in ihre Rabenlocken geflochten; Juwelen funkelten auf ihrer Stirne und wetteiferten mit dem Glanz ihrer Augen. Um den Hals hatte ſie eine goldene Kette, an welcher eine ſilberne Leyer befeſtigt war, die an ihrer Seite hing. Die Strahlen ihrer dunkeln leuchtenden Augen fie⸗ len wie Feuerfunken auf das verwitterte, aber noch brenn⸗ bare Herz des Aben Habuz; die elaſtiſche Ueppigkeit ih⸗ res Ganges machte ſeine Sinne taumeln.„Schönſte der Frauen,“ rief er entzückt,„wer und was biſt du?“ „Die Tochter eines der gothiſchen Fürſten, die erſt vor kurzem noch über dieſes Land geboten. Die Heere meines Vaters ſind wie durch Zauberkraft in dieſen Ge⸗ birgen zerſtreut worden; er wurde in die Verbannung geſchickt und ſeine Tochter iſt eine Gefangene.“ „Hüte dich, o König!“ flüſterte Ibrahim Ehn Abu — 144— Ajeeb,„dies kann eine der nordiſchen Zauberinnen ſeyn, von denen wir gehört haben, die die verführeriſcheſten Geſtalten annehmen, um den Sorgloſen zu hintergehen. Mich dünkt, ich leſe Hexerei in ihren Augen und Zau⸗ berkraft in jeder ihrer Bewegungen. Ohne Zweifel iſt ſie die Feindin, welche der Talisman angezeigt hat.“ „Sohn des Abu Ajeeb,“ verſetzte der König:„du biſt, ich gebe es zu, ein weiſer Mann, ein Zauberer nach allem was mir bekannt iſt; allein auf Weiber ver⸗ ſtehſt du dich wenig. In dieſer Kenntniß werde ich kei⸗ nem Menſchen weichen; nicht einmal dem weiſen Salo⸗ mon ſelbſt, der Zahl ſeiner Weiber und Beiſchläferinnen ungeachtet. Was dieſes Fräulein betrifft, ſo ſehe ich nichts Böſes an ihr; ſie iſt ſchön anzuſehen und findet Gunſt vor meinen Augen.“ „Höre, o König!“ erwiederte der Aſtrologe:„Ich habe dir durch meinen Talisman zu manchem Siege ver⸗ holfen, allein ich habe nie an der Beute Theil genom⸗ men. Gib mir darum dieſe verirrte Gefangene, um mich in meiner Einſamkeit an ihrer ſilbernen Leyer zu letzen. Iſt ſie wirklich eine Zauberin, ſo habe ich Gegenmittel, welche allen ihren Zauberkünſten Trotz bieten.“ „Wie, noch mehr Weiber?“ rief Aben Habuz: „Haſt du nicht bereits Tänzerinnen genug, dich zu letzen?“ 3 „Tänzerinnen habe ich, es iſt wahr, aber keine Sängerinnen. Ich möchte gern eine kleine Sängerſchaft haben, um meinen Geiſt zu erfriſchen, wenn er von den Mühen des Studierens getrübt iſt.“ „Still mit deinen Einſtedler⸗Wunſchen,“ ſagte der König ungeduldig.„Dieſes Fräulein habe ich für mich auserſehen. Ich ſinde viel Behagen an ihr; grade ſolch Behagen, wie David, Salomons des Weiſen Vater, au Abiſ Abigail der Sunamiterin.“ Ferneres Bitten und Warnen des Aſtrologen hatten nur eine entſcheidendere Antwort des Königs zur Folge und ſie ſchieden in großem Unwillen. Der Weiſe ſchloß ſich in ſeine Einſtedelei ab, um über ſeine fehlgeſchlagene Erwartung zu brüten; ehe er aber ging, warnte er den König nochmals, ſich vor ſeiner gefährlichen Gefangeuen zu hüten. Aber welcher verliebte Greis wird auf Rath hören? Aben Habuz gab ſich der vollen Herrſchaft ſeiner Leidenſchaft hin. Sein einziges Trachten war, wie er ſich in den Augen der gothiſchen Schönheit angenehm machen koͤnne. Es iſt wahr, durch Jugend konnte er ſich nicht empfehlen, aber er hatte Schätze; und wenn ein Liebhaber alt iſt, ſo iſt er gewöhnlich freigebig. Der Zacatin von Granada wurde der koſtbarſten Erzeugniſſe des Morgenlandes beraubt; Seidenzeuge, Juwelen, Edel⸗ ſteine, herrliche Wohlgerüche, alles was Aſien und Afrika Reiches und Seltenes bot, wurde an die Prinzeſſtn verſchwendet. Alle Arten von Schauſpielen und Feſtlich⸗ keiten wurden zu ihrer Unterhaltung erſonnen; Geſang, Tanz, Turniere, Stiergefechte. Granada war eine Zeitlang der Schauplatz ununterbrochener Feſte. Die gothiſche Prinzeſſin betrachtete alle dieſe Pracht wie je⸗ mand, der an ſolchen Glanz gewöhnt iſt. Sie nahm al⸗ les als einen Tribut hin, den man ihrem Range oder vielmehr ihrer Schönheit ſchuldig war, denn die Schön⸗ heit iſt in ihren Anforderungen ſogar noch hochfahrender 44— 47. 10 — 146— als der Rang. Ja, ſie ſchien ein geheimes Vergnügen zu empfinden, den König zu Ausgaben zu reizen, vor denen ſein Schatzmeiſter zitterte; und dann behandelte ſie ſeine ausſchweifende Freigebigkeit, wie etwas, das ſich von ſelbſt verſteht. Der ehrwürdige Liebhaber konnte ſich überdies bei allem ſeinem Eifer und ſeiner Groß⸗ muth nicht ſchmeicheln, einen Eindruck auf ihr Herz ge⸗ macht zu haben. Sie zürnte ihm nie, es iſt wahr, aber ſie lächelte auch nie. So oft er ſeiner Liebe das Wort reden wollte, ſchlug ſie ihre ſilberne Leyer an. Es war ein geheimnißvoller Zauber in dem Klang. Augenblick⸗ lich fing der König an zu nicken; eine Schläfrigkeit über⸗ ſchlich ihn und er ſank allmählig in Schlaf, aus wel⸗ chem er wunderbar erquickt, aber für eine Weile voll⸗ kommen von ſeiner Liebe abgekühlt, erwachte. Seinem Werben war dies freilich nicht günſtig; aber dieſer Schlaf war ſtets von angenehmen Träumen begleitet, welche die Sinne des ſchläfrigen Liebhabers vollkommen feſſelten; ſo fuhr er fort zu traͤumen, während ganz Granada über ſeine Bethörung ſpottete und über die Schätze ſeufzte, die für eine Leyer vergendet wurden. Endlich brach eine Gefahr auf das Haupt des Aben Habuz herein, vor der ſein Talisman ihn nicht warnen konnte. Eine Empörung brach in ſeiner eignen Haupt⸗ ſtadt aus; ſein Palaſt wurde von hewaffnetem Pöbel umzingelt, der ſein und ſeines chriſtlichen Schätzchens Le⸗ ben bedrohte. Ein Funken ſeines alten kriegeriſchen Gei⸗ ſtes erwachte in der Bruſt des Monarchen. An der Spihe eines Häufleins aus ſeiner Wache brach er her⸗ — 147— aus, jagte die Empörer in die Flucht und erſtickte die Revolution im Keim. Als die Ruhe wieder hergeſtellt war, ſuchte er den Aſtrologen, der ſich immer noch in ſeiner Einſamkeit ver⸗ ſchloſſen hielt und an der bittern Rinde des Unwillens nagte. Aben Habuz näherte ſich ihm mit verhöhnendem Tone:„O weiſer Sohn des Abu Ajeeb,“ ſagte er, „wohl haſt du mir Gefahren vorhergeſagt, welche die gefangene Schönheit veranlaſſen würde: ſag mir darum auch, der du ſo ſchnell die kommende Gefahr erſchauſt, was ich thun muß, um ſie zu vermeiden.“ „Entferne die ungläubige Maid von dir, die der Grund derſelben iſt.“ „Lieber laſſ' ich von meinem Königreich,“ rief Aben Habuz. „Du ſchwebſt in Gefahr, beide zu verlieren,“ ver⸗ ſetzte der Aſtrologe. „Sey nicht rauh und zornig, tiefſter aller Philoſo⸗ phen: bedenke das doppelte Unglück eines Königs und eines Verliebten und erſinne mir Mittel, mich vor den Uebeln, die mir drohen, zu ſchirmen. Ich frage nichts nach Größe, ich frage nichts nach Macht. Ich ſehne mich nur nach Ruhe; hätte ich doch einen ſtillen Auf⸗ enthaltsort, wohin ich mich aus der Welt und allen ih⸗ ren Sorgen, ihrem Prunk und ihrer Unruhe flüchten und den Reſt meiner Tage der Ruhe und Liebe widmen könnte.“ Der Aſtrologe betrachtete ihn einen Augenblick aus ſeinen buſchigen Augenbraunen hervor. 6 — 148— „Und was würdeſt du mir geben, wenn ich dir ei⸗ nen ſolchen Ort verſchaffte?“ „Du möchteſt deinen Lohn ſelbſt beſtimmen und es ſollte, was es auch ſeyn mag, ſofern es ſich im Bereich meiner Macht ſindet, dein ſeyn, ſo wahr meine Seele lebt.“ „S8Du haſt, o König, von dem Garten von Irem gehört, einem der Wunder des glücklichen Arabiens?“ „Ich habe von dieſem Garten gehört; ſeiner iſt in dem Koran gedacht, in dem Abſchnitt, der„die Däm⸗ merung des Tags“ überſchrieben iſt. Ich habe überdies von Pilgern, die zu Mecca waren, wunderbare Dinge von ihm erzählen hören; allein ich hielt es für tolle Fa⸗ beln, wie Reiſende, welche ferne Länder beſucht haben, zu erzählen pflegen.“ „Setze, o König, die Erzählungen der Reiſenden nicht herab,“ erwiederte der Sternkundige ernſthaft; „denn ſie enthalten koſtbare Schätze des Wiſſens, aus den Enden der Erde zuſammengebracht. Was den Pa⸗ laſt und den Garten von Irem betrifft, ſo iſt die allge⸗ meine Sage wahr; ich habe ſie mit meinen eignen Au⸗ gen geſehen— höre auf mein Abentheuer, denn es ſteht mit dem Gegenſtand deines Begehrens in Zuſammenhang. „In meinen jüngern Jahren, als ich ein bloßer Ara⸗ ber der Wüſte war, führte ich die Kamele meines Va⸗ ters. Als wir durch die Wüſte von Aden zogen, ent⸗ fernte ſich eines von den Uebrigen und war verloren. Ich ſuchte es mehrere Tage lang, allein umſonſt, bis ich mich eines Mittags, ermüdet und kraftlos, niederlegte und unter einem Palmbaum, an einem kleinen Brunnen — 149— entſchlief. Als ich erwachte, ſah ich mich an den Thoren einer Stadt. Ich trat ein, und ſchaute prächtige Straßen, Plätze, Märkte; aber alles war ſtumm und ohne Einwohner. Ich wanderte umher, bis ich an einen herrlichen Palaſt mit einem Garten kam, der mit Brun⸗ nen und Fiſchteichen und Laubgängen und Blumen und Obſtſtücken, mit köſtlichen Früchten beladen, geziert war; aber immer war noch niemand zu ſehen. Erſchreckt durch dieſe Einſamkeit, eilte ich wegzukommen, und als ich aus dem Thore der Stadt war, und mich umkehrte, um alles noch ein⸗ mal zu überſehen, war nichts mehr davon da, und nur die ſtumme Wüſte breitete ſich vor meinen Augen aus. „In der Nähe begegnete ich einem alten Derwiſch, der in den Sagen und Geheimniſſen des Landes bewan⸗ dert war, und erzählte ihm, was mir vorgekommen. „Dies,“ ſagte er,„iſt der weitberühmte Garten von Irem, eines der Wunder der Wüſte. Er zeigt ſich nur manchmal einem Reiſenden, wie dir, und erfreut ihn mit dem Anblick von Thürmen, Paläſten und Gartenmauern, von reich beladenen Fruchtbäumen überhangen, und dann verſchwindet er, und nichts bleibt als eine einſame Wüſte. Und dieß iſt ſeine Geſchichte. Als in alten Zeiten die⸗ ſes Land von den Additen bewohnt war, gründete der König Sheddad, der Sohn Ad's, des Urenkels von Noah, eine prächtige Stadt hier. Als ſie vollendet war, und er ihre Größe ſah, ſchwoll ſein Herz von Stolz und Anmaßung, und er bdeſchloß, einen königlichen Palaſt mit Gärten zu bauen, welche mit allem wetteiferten, was in dem Koran von dem himmliſchen Paradies berichtet würde. Allein der Fluch des Hiwmels traf ihn wegen — 150— ſeiner Anmaßung. Er und ſeine Unterthanen wurden von der Erde weggeriſſen, und ſeine glänzende Stadt, der Palaſt und die Gärten wurden unter einen ſteten Zauber gelegt, der ſie jedem menſchlichen Auge verbirgt, nur daß ſie zu Zeiten geſehen werden, wenn man ſeiner Sünden unabläſſig eingedenk iſt.“ „Dieſe Sage, o König, und die Wunder, die ich geſehen hatte, blieben meinem Gedächtniß ſtets gegen⸗ wärtig, und in ſpätern Jahren, als ich in Aegypten ge⸗ weſen, und im Beſitze des Wiſſens des weiſen Salomo war, beſchloß ich zurückzukehren, und den Garten des Irem wieder zu beſuchen. So that ich, und fand ihn meinem gereifteren Blick erſchloſſen. Ich nahm von dem Palaſte Sheddad's Beſitz, und brachte mehrere Tage in dieſem kleinen irdiſchen Paradieſe hin. Die Genien, die den Palaſt bewachen, waren meiner magiſchen Kraft un⸗ terthan, und entdeckten mir die Zauber, durch welche der ganze Garten gewiſſermaßen in's Leben gerufen wor⸗ den, und durch die er unſtchtbar war. Solch einen Pa⸗ laſt und Garten, o König, kann ich dir, ſelbſt hier auf dem Berge über der Stadt machen. Kenne ich nicht alle die geheime Zauberſprüche? und bin ich nicht im Beſttz des Buches des Wiſſens Salomons des Weiſen?“ „O weiſer Sohn des Abu Ajeeb!“ rief Aben Ha⸗ buz, vor Begierde zitternd:„du biſt in der That ein Reiſender, und haſt wundervolle Dinge geſehen und ge⸗ lernt! Verſchaffe mir ein ſolches Paradies, und fordre jeden Lohn, wär' es auch die Hälfte meines Königreichs.“ „Ach!“ verſetzte der Andere:„du weißt, ich bin ein alter Mann und ein Philoſoph, und leicht zufrieden ge⸗ — 151— ſtellt; aller Lohn, welchen ich fordere, iſt das erſte Laſt⸗ thier mit ſeiner Bürde, das in das magiſche Thor des Palaſtes eingehen wird.“ Der König bewilligte mit Freuden ein ſo mäßiges Begehren, und der Aſtrolog begann ſein Werk. Auf dem Gipfel des Hügels, unmittelbar über ſeiner unterirdiſchen Einſiedelei, ließ er einen großen Thorweg, welcher in die Mitte eines ſtarken Thurmes führte, errichten. Außerhalb war eine Vorhalle mit einem hohen Bo⸗ gen, und innerhalb deſſelben ein Thor, welches ſtarke Thü⸗ ren ſchloſſen. Auf den Schlußſteinen des Thores bildete der Aſtrologe mit eigener Hand die Geſtalt eines großen Schlüſſels ab; und auf den Schlußſtein des äußern Bo⸗ gens der Thorhalle, welcher höher war als der des Tho⸗ res, grub er eine rieſige Hand ein. Dieſes waren zwei mächtige Zaubermittel, über welche er viele Sprüche in einer unbekannten Sprache murmelte. Als dieſer Thorweg fertig war, verſchloß er ſich zwei Tage in ſeinen aſtrologiſchen Saal, mit geheimen Be⸗ ſchwörungen beſchäftigt; am dritten beſtieg er den Hü⸗ gel, und brachte den ganzen Tag auf deſſen Gipfel zu. Spät in der Nacht kam er herab, und ging zu Aben Habuz.„Endlich, o König,“ ſagte er,„iſt meine Arbeit vollendet. Auf dem Gipfel des Hügels ſteht einer der entzückendſten Paläſte, die je der Kopf eines Men⸗ ſchen erſonnen, oder das Herz eines Menſchen begehrt hat. Er umſchließt koſtbare Säle und Galerieen, prächtige Gärten, kühle Brunnen und duftreiche Bäder; mit einem Wort, der ganze Berg iſt in ein Paradies umgewandelt. Gleich dem Garten des Irem ſteht er unter dem Schirm eines mächtigen Zaubers, welcher ihn dem Auge und dem Forſchen der Sterblichen, mit Aus⸗ nahme derer entzieht, welche im Beſitz des Geheimniſſes ſeines Talismans ſind.“ „Genug!“ rief Aben Habuz vergnügt:„Morgen früh mit dem erſten Tageslicht wollen wir hinaufgehen, und Beſitz nehmen.“ Der glückliche König ſchlief dieſe Nacht nur ſehr wenig. Kaum hatten die Strahlen der Sonne angefangen um den ſchneeigen Gipfel der Sierra Nevada zu ſpielen, als er ſein Pferd beſtieg, und, nur von wenigen auserwählten Dienern begleitet, einen ſtei⸗ len und engen Pfad emporſtieg, der den Hügel herauf⸗ führte. Neben ihm ritt auf einem weißen Zelter die gothiſche Prinzeſſin, deren ganzes Gewand von Juwelen funkelte, während ihre ſilberne Leier um ihren Hals hing. Der Aſtrologe ſchritt an der andern Seite des Königs, und ſtützte ſich auf ſeinen hieroglyphiſchen Stab, denn er beſtieg nie ein Pferd. Aben Habuz ſchaute auf, um die Thürme des Pa⸗ laſtes über ſich glänzen, und die umlaubten Terraſſen der Gärten die Höhe entlang ziehen zu ſehen; allein es zeigte ſich ihm nichts der Art.„Das iſt das Geheim⸗ niß,“ ſagte der Aſtrolog,„und die Schutzwache des Or⸗ tes; man kann nichts entdecken, bis man den zauberge⸗ bannten Thorweg überſchritten hat, und in den Beſitz des Ortes geſetzt iſt.“ Als ſte ſich dem Thorweg näͤherten, hielt der Aſtro⸗ log an, und zeigte dem König die myſtiſche Hand und den Schlüſſel auf dem Thor und dem Bogen.„Das iſt der Zauber,“ ſagte er,„welcher den Eingang in die⸗ ſes Paradies bewacht. Bis jeune Hand herabreicht, — 133— und dieſen Schlüſſel ergreift, wird weder menſchliche Macht noch Zauberkraft dem Beſitzer dieſes Berges et⸗ was anhaben können.“ Während Aben Habuz mit offnem Munde und ſtummer Verwunderung dieſe myſtiſchen Zauber anſtarrte, ſchritt der Zelter der Prinzeſſin weiter, und trug ſie durch das Portal in die Mitte des Thorweges. „Sieh,“ rief der Aſtrologe,„meinen verſprochenen Lohn— das erſte Thier mit ſeiner Bürde, das in das magiſche Thor eingehen würde.“ Aben Habnz lächelte über dieſen, wie er glaubte, ſcherzhaften Einfall des alten Mannes; als er aber ſah, daß es Ernſt ſey, zitterte ſein grauer Bart vor Unwillen. „Sohn des Abu Ajeeb,“ ſagte er ſtreng:„welche Zweideutigkeit iſt dies! Du kennſt den Sinn meines Verſprechens: das erſte Laſtthier mit ſeiner Bürde, wel⸗ ches in dieſes Thor einſchreiten würde. Nimm das ſtärkſte Maulthier in meinen Ställen, belade es mit dem Koſt⸗ barſten, was mein Schatz enthält, und es iſt dein; aber wage es nicht, deine Gedanken zu ihr zu erheben, die die Freude meines Herzens iſt.“ „Was ſollen mir die Schätze,“ ſagte der Aſtrologe verächtlich:„habe ich nicht das Buch Salomons des Weiſen, und durch dieſes den Schlüſſel zu allen Schätzen der Erde? Die Prinzeſſin iſt nach dem Vertrage mein; dein königliches Wort iſt gegeben; ich ſpreche ſie als mein Eigenthum an.“ Die Prinzeſſin blickte ſtolz von ihrem Zelter nieder, und ein leichtes Lächeln der Verachtung kräuſelte ihre roſige Lippe während dieſes Streites zweier Graubärte — 154— um den Beſitz der Jugend und Schönheit. Der Zorn des Konigs beſtegte ſeine Klugheit.„Elender Sohn der Wüſte,“ rief er,„du magſt in vielen Künſten Meiſter ſeyn; aber erkenne mich als deinen Meiſter, und wage es nicht, mit deinem König zu ſcherzen.“ „Mein Meiſter?“ wiederholte der Aſtrologe:„mein König? der Beherrſcher eines Waulwurfhügels will deſ⸗ ſen Herrſcher ſeyn, der im Beſitz von Salomons Zauber iſt? Lebe wohl, Aben Habuz, herrſche über dein winzi⸗ ges Koͤnigreich, und ſchwärme in deinem Narrenparadies; ich werde dich in meiner philoſophiſchen Einſamkeit aus⸗ lachen.“ Bei dieſen Worten faßte er den Zügel des Zelters, ſtieß ſeinen Stab in die Erde, und ſank mit der gothi⸗ ſchen Prinzeſſin durch den Mittelpunkt des Thorgangs. Der Boden ſchloß ſich über ihm, und keine Spur ver⸗ blieb von der Oeffnung, durch welche er verſchwunden war. Aben Habuz war eine Weile von Staunen ſtumm. Als er ſich erholt hatte, ließ er tauſend Arbeiter mit Aerten und Spaten in den Boden graben, wo der Aſtro⸗ loge verſchwunden war. Sie gruben und gruben, aber umſonſt; der felſige Buſen des Hügels widerſtand ihren Werkzeugen, oder wenn ſte ein wenig eingedrungen wa⸗ ren, füllte ſich die Oeffnung wieder ſo ſchnell als ſle ge⸗ macht worden war. Aben Habuz ſuchte den Eingang der Höhle am Fuße des Hügels, durch welchen man in den unterirdiſchen Palaſt des Aſtrologen gelangte; allein er war nirgends zu ſinden. Wo vorher ein Eingang ge⸗ weſen, war jetzt die feſte Fläche eines Urfelſen. Mit dem Verſchwinden des Ibrahim Ebn Abu Ajeeb hoͤrte auch die Wirkung ſeines Talismans auf. Der bronzene Rei⸗ — 155— ter ſtand nun feſt, ſein Geſicht dem Hügel zuwendend, und mit dem Speer auf die Stelle deutend, durch welche der Aſtrolog verſchwunden war, als ob dort der tödt⸗ lichſte Feind von Aben Habuz noch weilte. Von Zeit zu Zeit konnte man den Klang von Mu⸗ ſik und die Töne einer weiblichen Stimme ſchwach aus der Tiefe des Hügels heraufſchweben hören, und ein Land⸗ mann brachte eines Tages dem König die Kunde, er habe in der vergangenen Nacht einen Spalt in den Felſen ge⸗ funden, durch den er gebrochen ſey, bis er in einen un⸗ terirdiſchen Saal ſah, in welchem der Aſtrologe auf einem prächtigen Divan ſaß, ſchlummernd, und zu dem Klang der ſielbernen Leier der Prinzeſſin, die eine magiſche Ge⸗ walt über ſeine Sinne zu üben ſchien, nickend. Aben Habuz ſuchte den Spalt in dem Fels, aber er war wieder geſchloſſen. Er erneuerte die Verſuche, ſeinen Nebenbuhler aufzugraben, aber alles vergebens. Der Zauber der Hand und des Schlüſſels war zu mäch⸗ tig, als daß ihn menſchliche Gewalt hätte löſen können. Der Gipfel des Berges aber, wo der verſprochene Pa⸗ laſt und Garten gelegen, blieb eine nackte Oede; das geprieſene Elyſtum ward entweder durch Zauberei vor dem Auge verborgen, oder es war ein bloßes Mäarchen des Aſtrologen geweſen. Die Welt nahm gutmüthig das letzte an, und viele nannten den Platz„des Königs Narr⸗ heit,“ während andere ihn„des Narren Paradies“ be⸗ namſeten. Um den Kummer des Aben Habuz zu erhöhen, machten die Nachbarn, welche er mit Trotz und Hohn bebandelt, und, im Beſitz ſeines ſchirmenden Reiters, nach Laune zu Grund gerichtet hatte, und die ſahen, — 156— daß er nicht mehr im Beſitz des Zaubers war, von allen Seiten Einkälle in ſein Gebiet, und der Lebensreſt des friedlichſten der Monarchen war ein Gewebe von Unruhen. Endlich ſtarb Aben Habuz, und wurde begraben. Jahrhunderte ſind ſeitdem vergangen. Die Alhambra iſt auf dem merkwürdigen Berge erbaut worden, und ver⸗ wirklicht in gewiſſem Grade die mährchenhaften Freuden von Irem's Garten. Der bezauberte Thorweg ſteht, indem ihn ohne Zweifel die magiſche Hand ſchirmt, noch vollſtändig, und bildet jetzt das Thor der Gerechtigkeit, den Haupt⸗Eingang zur Veſte. Unter dieſem Thor wohnt der Sage nach, der alte Aſtrolog in ſeinem unterirdi⸗ ſchen Saal, und nickt auf ſeinem Divan, von der Sil⸗ ber Leyer der Prinzeſſin eingewiegt. Die alten Invaliden, welche die Wache an dem Thore haben, hoͤren zuweilen in den Sommernächten die Töne, und nicken, der einſchläfernden Kraft derſelben wei⸗ chend, ruhig auf ihren Poſten. Ja, ein ſo ſchläfriger Einfluß beherrſcht den Palaſt, daß man dieſe Wachen ſelbſt bei Tag auf den Steinbänken der Thorhalle nicken oder unter den nahen Bäumen ſchlafen ſieht, ſo daß es in der That der ſchläfrigſte Poſten in der ganzen Chri⸗ ſtenheit iſt. Alles das, ſagt die alte Legende, wird von Jahrhundert zu Jahrhundert währen, die Prinzeſſin wird die Gefangene des Aſtrologen bleiben, und den Aſtrolo⸗ gen wird die Prinzeſſin in magiſchem Schlummer halten, bis zum letzten Tag, wenn die geheimnißvolle Hand nicht den geſeiten Schlüſſel ergreift, und den ganzen Zauber dieſes behexten Berges aufhebt. Der Thurm der Prinzeſſinnen. — Bei einem Abendſpaziergange durch ein enges Thäl⸗ chen hinauf, welches das Gebiet der Veſte von dem des Generalife trennt, und von Feigenbäumen, Granaten und Myrthen überſchattet iſt, fiel mir der romantiſche Anblick eines mauriſchen Thurms in der äußern Mauer der Al⸗ hambra auf, der über die Baumwipfel empor ſtieg, und die röthlichen Strahlen der untergehenden Sonne zu⸗ rückgab. Ein einziges Fenſter in einer großen Höhe hatte die Ausſicht auf das Thälchen. Während ich hinaufſah, blickte ein junges Frauenzimmer heraus, deſſen Haare mit Blumen geſchmückt waren. Sie hörte offenbar nicht der gemeinen Klaſſe des Volkes an, welche die alten Thürme der Veſte bewohnen; und ihre plötzliche roman⸗ tiſche Erſcheinung erinnerte mich an die Beſchreibungen von gefangenen Schönheiten in den Feenmärchen. Dieſe phantaſtiſchen Ideenverbindungen wurden noch durch die Nachricht beſtärkt, welche mir mein Begleiter Mateo gab, daß dieſes der Thurm der Prinzeſſinnen(la Torre de las Infantas) ſey, und ſo genannt werde, weil er. der Sage nach, die Wohnung der Töchter der mauriſchen Könige geweſen. Ich habe ſeitdem den Thurm beſucht. Man zeigt ihn in der Regel den Fremden nicht, obgleich er der Beachtung werth iſt; denn das Innere ſteht, an Schönheit der Architektur und Zierlichkeit der Aus⸗ — 158— ſchmückung, keinem Theile des Palaſtes nach. Die Ele⸗ ganz des mittlern Saals mit ſeinen Marmorbrunnen, ſeinen hohen Bögen und der reichen Deckenverzierung, die Arabesken und die Stuccoarbeiten des kleinen aber in ſchönen Verhältniſſen gebauten und nur leider durch Zeit und Vernachläßigung ſehr beſchädigten Gamaches— alles ſtimmt mit der Geſchichte überein, daß einſt könig⸗ liche Schönheiten hier geweilt. Die kleine alte Feenkönigin, die unter der Treppe der Alhambra wohnt, und die Abend⸗Tertulias der Dame Antonia zuweilen beſucht, erzählt manche wunderſame Geſchichte von drei mauriſchen Prinzeſſinnen, welche einſt von ihrem Vater, einem tyranniſchen Koͤnig von Gra⸗ nada, in dieſen Thurm geſperrt, und denen nur Nachts erlaubt worden war, in den Bergen umher zu reiten, wo es bei Todesſtrafe niemand wagen durfte, ihnen zu begegnen. Mann kann ſie, der Nachricht jener Frau zu⸗ folge, noch manchmal bei'm Vollmond an einſamen Plätzen die Bergſeite entlang auf reich aufgezäumten Zeltern und von Edelſteinen funkelnd, reiten ſehen; aber ſie verſchwin⸗ den, ſobald man ſie anredet. Ehe ich aber das Weitere in Betreff dieſer Prin⸗ zeſſinnen erzähle, wird der Leſer begierig ſeyn, etwas von der ſchönen Bewohnerin des Thurmes mit den blu⸗ menbegränzten Locken, die aus dem hohen Fenſter ſah, zu erfahren. Es fand ſich, daß ſie ſeit kurzer Zeit die Gattin des würdigen Invaliden⸗Adjutanten war, der, obgleich ziemlich beiahrt, den Muth gehabt hatte, eine junge, dralle andaluſiſche Maid an ſein Herz zu nehmen. Möge der gute alte Caballero in ſeiner Wahl glücklich —— — 159— ſeyn, und in dem Thurm der Prinzeſſinnen einen ſiche⸗ rern Aufenthalt für weibliche Schönheit finden, als er ſich in der Zeit der Mosleminen erwieß, wenn man fol⸗ gender Sage glauben darf! Sage von den drei ſchoͤnen Prin⸗ zeſſinnen. In alten Zeiten herrſchte ein mauriſcher Koͤnig zu Granada, der Mahomed hieß, und dem ſeine Untertha⸗ nen den Beinamen„el Haygari“ oder den Linkiſchen gaben. Einige ſagen, man habe ihn ſo genannt, weil er wirklich ſeine linke Hand beſſer zu brauchen verſtand, als ſeine rechte; andere, weil er gewöhnlich alles an dem unrechten Ende angefangen, oder mit andern Worten, alles, womit er ſich befaßt, verpfuſcht habe. Gewiß iſt es, er lebte ſtets in Trübſal, ſey es nun aus Unglück oder Ungeſchicklichkeit; dreimal wurde er vom Thron ge⸗ ſtoßen, und rettete das eine Mal mit Noth kaum ſein Leben, indem er in der Verkleidung eines Fiſchers nach Afrika floh. Doch war er eben ſo tapfer, als unge⸗ ſchickt, und ſchwang, obgleich linkhändig, ſeinen Sä⸗ bel ſo wacker, daß er ſich jedesmal, kraft harten Kam⸗ pfes, wieder auf den Thron ſchwang. Statt aber aus dem Unglück Weisheit zu lernen, wurde er halsſtarriger, und ſein linker Arm in Eigenwille geſtärkt, Das öffent⸗ — 160— liche Unglück, das er ſo auf ſich und ſein Koͤnigreich brachte, kann man in den arabiſchen Jahrbüchern Gra⸗ nada's nachleſen; die gegenwärtige Sage hat es nur mit ſeinem häuslichen Leben zu thun. Als dieſer Mahomed eines Tags mit einer Schaar ſeiner Höflinge den Fuß des Berges von Elvira ent⸗ lang ritt, begegnete er einem Reiterhaufen, der von einem Streifzug in das Gebiet der Chriſten zurückkam. Sie führten einen langen Zug Maulthiere, welche mit Beute und vielen Gefangenen beiderlei Geſchlechts bela⸗ den waren; unter den letztern ſiel dem König ein ſchönes, reich gekleidetes Fräulein auf, das weinend auf einem kleinen Zelter ſaß, und der tröſtenden Worte einer Duenna, die neben ihr ritt, nicht achtete. Der von ihrer Schönheit geblendete König erfuhr von dem Anführer der Schaar, ſie ſey die Tochter des Alcalde einer Grenzveſte, welche während des Streif⸗ zugs überrumpelt und geplündert worden ſey. Mahomed nahm ſie als königlichen Antheil an der Beute in An⸗ ſpruch, und ließ ſie in ſeinen Harem in der Alhambra führen. Hier that man alles Erſinnliche, um ihre Schwer⸗ muth zu beſänftigen, und der mehr und mehr verliebte König ſuchte ſie zu ſeiner Gemalin zu machen. Die ſpaniſche Maid wieß erſt ſeine Anträge zurück— er war ein Ungläubiger— er war der offene Feind ihres Lan⸗ des— was noch ſchlimmer, er war bei Jahren. Als der König ſah, daß ſeine Bemuhungen frucht⸗ los blieben, beſchloß er, die Duenna, welche mit dem Fräulein gefangen genommen worden, für ſich zu gewinnen. Sie war von Geburt eine Andaluſterin, ihr chriſtlicher — 161— Name iſt aber vergeſſen worden, denn in den mauriſchen Sagen hat ſie keinen andern Namen, als den der klu⸗ gen Kadiga— und klug war ſie in der That, wie ihre ganze Geſchichte deutlich zeigt. Der mauriſche König hatte nicht ſobald eine kurze geheime Unterredung mit ihr gehabt, ſo begriff ſie auch ſchon das dringliche ſeiner Gründe, und unternahm es, ſeine Sache bei ihrer jun⸗ gen Herrin zu führen. „Ei was,“ ſagte ſie,„wozu denn all dieß Weinen und Jammern? iſt es nicht beſſer, die Gebieterin die⸗ ſes ſchönen Palaſtes mit allen ſeinen Gärten und Brun⸗ nen zu ſeyn, als ſich in Eures Vaters alten Grenzthurm einſperren zu laſſen? Daß dieſer Mahomed ein Ungläu⸗ biger iſt, was thut dieß zur Sache? Ihr heirathet ihn, nicht ſeine Religion, und wenn er ein wenig alt zu wer⸗ den anfängt, ſo werdet ihr um ſo eher eine Wittwe und Eure eigne Herrin ſeyn; in jedem Falle ſeyd Ihr in ſeiner Gewalt, und müßt entweder eine Königin oder eine Sclavin ſeyn. Wenn man in die Hände eines Räu⸗ bers gefallen iſt, ſo iſt es beſſer, ſeine Waare um einen guten Preis abzuſetzen, als ſie ſich mit Gewalt abneh⸗ men zu laſſen.“ Die Gruͤnde der klugen Kadiga ſiegten. Die ſpa⸗ niſche Dame trocknete ihre Thränen, und wurde die Gattin Mahomed des Linkiſchen; ſie bequemte ſich ſo⸗ gar, dem Anſcheine nach, zu dem Glauben ihres kö⸗ niglichen Gemals; und ihre kluge Duenna bekannte ſich alsbald zu den Lehren des Moslemim; in die⸗ ſer Zeit erhielt letztere den arabiſchen Namen Kadiga, und die Erlaubniß, die Vertraute der Koͤnigin zu bleiben. 44— 47 11 — 162— Zur gehörigen Zeit wurde der König zu dem ſtol⸗ zen und glücklichen Vater von drei liebenswürdigen Prin⸗ zeſſinnen gemacht, die alle drei zur ſelben Stunde das Licht der Welt erblickten; er mochte ſich wohl Soͤhne gewünſcht haben, tröſtete ſich aber mit dem Gedanken, daß drei auf einmal geborne Töchter etwas ganz hüb⸗ ſches für einen Mann von Jahren wäre, zumal für einen linkiſchen! Wie es bei den moslemitiſchen Monarchen Sitte iſt, berief er bei dieſem glücklichen Begebniß ſeine Aſtro⸗ logen. Sie ſtellten die Nativität der drei Prinzeſſinnen, und ſchüttelten die Köpfe.„Töchter, o König,“ ſagten ſie,„ſind immer ein unſicheres Gut; aber dieſe werden deine Wachſamkeit am meiſten vonnöthen haben, wenn ſie in das mannbare Alter kommen; zu jener Zeit nimm ſie unter deine Schwingen, und vertraue ſie kei⸗ nem andern Schutze.“ Mahomed der Linkiſche war ſeinen Höflingen als ein weiſer König bekannt, und betrachtete ſich gewiß ſelbſt als einen ſolchen. Die Prophezeihung der Aſtrologen verurſachte ihm nur wenig Unruhe, denn er baute auf ſeinen Scharfſinn, ſeine Töchter zu hüten, und das Schick⸗ ſal zu überliſten. Die dreifache Geburt war die letzte eheliche Trophaͤe des Monarchen; ſeine Gemalin gebar ihm keine Kinder mehr, und ſtarb in wenigen Jahren, ihre jungen Töch⸗ ter ſeiner Liebe und der Treue der klugen Kadiga voer⸗ machend. Viele Jahre mußten noch verlaufen, ehe die Prin⸗ zeſſtunen jene Periode der Gefahr— das mannhare Al⸗ — 163— ter— erreichen konnten.„Es iſt aber gut, bei Zeiten vorſichtig ſeyn,“ ſagte der ſchlaue König; und ſonach be⸗ ſchloß er, ſie in dem köͤniglichen Schloſſe Salobrenna erziehen zu laſſen. Dieß war ein ſtattlicher Palaſt, der gewiſſermaßen wie ein Kern in der Rinde einer mäch⸗ tigen mauriſchen Veſtung und auf dem Gipfel eines Hü⸗ gels lag, welcher das mittelländiſche Meer überblickte. Er war eine königliche Wohnung, in welcher die mosle⸗ mitiſchen Monarchen diejenigen ihrer Verwandten, welche ihrer Sicherheit gefährlich ſchienen, eingeſperrt hielten, und ihnen jede Art Wohlleben und Unterhaltung geſtat⸗ teten, in deren Mitte ſie ihr Leben in wollüſtiger Träg⸗ heit hinbrachten. Hier blieben die Prinzeſſinnen, von der Welt abge⸗ ſondert, aber von Freuden umgeben und von Sklavinnen bedient, welche ihren Wünſchen zuvorkamen. Sie hatten zu ihrer Erholung köſtliche Gärten, voll der ſeltenſten Blumen und Früchten, mit aromatiſchen Gebüſchen und wohlriechenden Bädern. Von drei Seiten ſchaute das Schloß auf ein reiches Thal nieder, das mit dem man⸗ nichfaltigſten Anbau geziert, und von dem hohen Alpu⸗ rarra⸗Gebirg begrenzt war; auf der andern Seite zeigte es das weite ſonnige Meer. Die Prinzeſſinnen erwuchſen in dieſer köſtlichen Woh⸗ nung, unter einem glücklichen Klima und einem wolken⸗ loſen Himmel zu wunderbarer Schönheit; allein, ob⸗ gleich ſie alle auf gleiche Weiſe erzogen wurden, gaben ſie doch früh Zeichen einer großen Verſchiedenheit des Charakters. Ihre Namen waren Zayda, Zorayda und 11* — 164— Zorahayda; und ſo folgten ſie in dem Alter, deun es waren genau drei Minuten zwiſchen ihrer Geburt. Zayda, die älteſte, war von unerſchrocknem Geiſt, und ging ihren Schweſtern in allem vorau, wie ſie dieß ſchon bei dem Eintritt in die Welt gethan hatte. Sie war neugierig und wiſſensluſtig, und ſah gern allen Din⸗ gen auf den Grund. 2 Zorayda hatte ein großes Gefühl für Schönheit, was ohne Zweifel der Grund des Vergnügens war⸗ das ſie empfand, wenn ſle ihr eigenes Bild in einem Spiegel oder einem Brunnen ſah, ſo wie ihrer Vorliebe kür Blumen, Juwelen und andern ſchönen Putz. Was Zorahayda, die jüngſte betrifft, ſo war ſie ſauft und ſchüchtern und ungemein gefällig, zugleich beſaß ſle viel hingebende Zärtlichkeit, wie man aus der Menge ihrer Lieblingsblumen und Lieblingsvögel und andern Lieblingsthieren erſah, die ſie alle mit der zärtlichſten Sorgfalt pflegte. Auch ihre Unterhalungen waren freund⸗ licher Art, und es miſchte ſich ihnen etwas ſinniges und träumeriſches bei. Sie ſaß oft ſtundenlang auf einem Balkon, und ſah zu den funkelnden Sternen einer Som. mernacht empor, oder auf die See, die der Mond über⸗ glänzte, und in ſolchen Augenblicken reichte das Lied eines Fiſchers, von dem Strande ſchwach herauftönend, oder die Töne einer mauriſchen Flöte aus einer tanzen⸗ den Barke, hin, ihre Gefühle bis zur Verzückung zu ſtei⸗ gern. Der kleinſte Aufruhr der Elemente aber erfüllte ſte mit Leidweſen, und ein Donnerſchall reichte hin, ſle in eine Ohnmacht zu verſenken. Jahre entſchwanden in Wonne und Heiterkeit; die — 165— kluge Kadiga, der man die Prinzeſſinnen anvertraut hatte, war ihrer Pflicht treu, und weihte ihnen die un⸗ ermüdlichſte Sorgfalt. Das Schloß Salobrenna war, wie geſagt, auf eine Anhöhe an der Seeküſte gebaut. Eine der aͤußern Mauern lief an der Seite des Hügels hinab, bis ſie einen ab⸗ ſchüſſigen Felſen erreichte, der über die See hinaushing, mit einem ſchmalen ſandigen Pfad an ſeinem Fuß, den die ſpülenden Wogen küßten. Eine kleine Warte auf. dieſem Felſen war zu einem Pavillon eingerichtet wor⸗ den, deſſen vergitterte Fenſter die Seeluft zuließen. Hier pflegten die Prinzeſſinnen die warmen Stunden des Mit⸗ tags hinzubringen. Die neugierige Zayda ſaß eines Tags an einem der Fenſter des Pavillons, während ihre Schweſtern, auf Ottomanen ruhend, ihre Sieſta hielten. Ihre Aufmerk⸗ ſamkeit war von einer Barke, die mit abgemeſſenen Ru⸗ derſchlägen die Küſte entlang kam, in Anſpruch genom⸗ men worden. Als ſte näher kam, bemerkte ſie, daß ſie mit Bewaffneten bemannt war. Das Fahrzeug ankerte an dem Fuße des Thurms; eine Anzahl mauriſcher Sol⸗ daten landete an dem ſchmalen Geſtade; ſle führten meh⸗ rere chriſtliche Sclaven. Die neugierige Zayda weckte ihre Schweſtern, und alle drei lugten vorſichtig durch die dichten Jalouſteen des Fenſters, welche verhinderten, daß man ſie ſehen konnte. Unter den Gefangenen wa⸗ ren drei reich gekleidete ſpaniſche Ritter. Sie waren in der Bluͤthe der Jugend und von edlem Anſehen; und die ſtolze Art ihres Beuehmens, trotz der Ketten, mit denen ſte beladen und der Feinde, von denen ſie umge⸗ — 166— ben waren, verrieth die Groͤße ihrer Seelen. Die Prin⸗ zeſſinnen ſchauten mit hoher athemloſer Theilnahme. Da ſie bisher in dieſem Schloſſe mit weiblicher Bedienung eingeſchloſſen waren, und von dem männlichen Geſchlechte nichts geſehen hatten, als ſchwarze Sclaven oder die rauhen Fiſcher am Seegeſtade, kann man ſich nicht wun⸗ dern, daß die Erſcheinung von drei edeln Rittern in dem Stolze der Jugend und männlichen Schönheit eine Re⸗ gung in ihren Herzen hervorbrachte. „Hat je etwas Edleres die Erde betreten, als jener Ritter in Scharlach?“ rief Zayda, die älteſte der Schwe⸗ ſtern.„Seht wie ſtolz er ſich benimmt, als wären alle die um ihn ſeine Sclaven!“ „Aber ſchaut jenen in Grün!“ rief Zorayda:„welche Anmuth! welche Zierlichkeit! welche Hoheit!“ Die holde Zorahayda ſagte nichts, aber ſie gab ins⸗ geheim dem Ritter im Grün den Vorzug. Die Prinzeſſinnen wandten kein Auge ab, bis die Gefangenen aus dem Geſicht entſchwanden; dann ver⸗ hauchten ſie ſchwere Seufzer, wendeten ſich um, blickten einander einen Augenblick an, und ſetzten ſich ſinnig und nachdenkend auf ihre Ottomanen. Die kluge Kadiga fand ſie in dieſer Lage; ſte er⸗ zaͤhlten ihr, was ſie geſehen hatten, und ſelbſt das ver⸗ witterte Herz der Duenna erwärmte ſich.„Arme Kna⸗ ben!“ rief ſie aus:„Ich bürge, das Herz mancher ſchö⸗ nen und hochgebornen Dame ſeufzt in ihrem Heimath⸗ lande über ihre Gefangenſchaft! Ach, meine Kinder, Ihr könnt Euch kaum denken, welches Leben dieſe Ritter in ihrer Heimath führen, Welch eine Pracht bei den Tonr⸗ — 162— nieren! welche Ergebenheit gegen die Frauen! welches Liebeswerben und Ständchenbringen!“ Die Neugierde Zayda's war völlſtändig wach; ſie war unerſättlich in ihren Fragen, und entlockte der Duenna die lebendigſten Gemälde der Scenen ihrer Ju⸗ gendtage und ihres Heimathlandes. Die ſchöne Zorayda richtete ſich empor, und betrachtete ſich ſchlau in einem Spiegel, als die Rede auf die Reize der ſpaniſchen der Frauen kam, während Zorahayda bei der Erwähnung Mondſchein⸗Serenaden einen ſchweren Seufzer unterdrückte. Jeden Tag erneuerte die neugierige Zayda ihre Fra⸗ gen, und jeden Tag wiederholte die kluge Duenna ihre Geſchichten, denen ihre ſchönen Zuhörerinnen mit hoher Theilnahme, obgleich auch unter häufigen Seufzern, lauſchten. Die kluge alte Frau fühlte zuletzt doch das Unheil, das ſie anzuſtellen im Begriff war. Sie war daran gewöhnt, der Prinzeſſinnen nur wie Kinder zu gedenken; ſie waren aber unmerklich unter ihren Augen herangereift, und blühten nun vor ihr als drei liebliche Prinzeſſinnen von mannbarem Alter. Es es iſt Zeit, dachte die Duenna, dem König Nachricht zu geben. Mahomed der Linkiſche ſaß eines Morgens auf einem Divan in einer der kühlen Hallen der Alhambra, als ein Sclave von der Veſte Salobrenna als Bote der weiſen Kadiga ankam, welche ihm zu dem Geburtstage ſeiner Töchter Glück wünſchte. Der Sclave reichte ihm zu gleicher Zeit ein ſchönes Körbchen mit Blumen dar, in denen auf einer Unterlage von Wein⸗ und Feigenlaub ein Pfirſich, eine Aprikoſe und eine Nectarine lag, mit ihrer Blüthe, ihrem Pflaum und ihrer thanigen Lieblich⸗ — 168— keit darauf, und alle in der frühen Zeit verführeriſchen 3 Reife. Der König war in der morgenländiſchen Früchte⸗ und Blumenſprache erfahren, und errieth ſogleich den Sinn dieſes bildlichen Geſchenk. „Alſo,“ ſagte er,„iſt die bedentungsvolle Zeit, welche die Aſtrologen andenteten, gekommen; meine Töoch⸗ ter ſind in einem mannbaren Alter. Was iſt zu thun? Sie ſind vor den Augen der Männer abgeſchloſſen; ſie ſind unter den Augen der klugen Kadiga:— alles ſehr gut— doch aber ſind ſie nicht unter den Augen ihres Vaters, wie durch die Aſtrologen vorgeſchrieben wurde; ich muß ſie unter meine Schwingen nehmen, und darf ſie keinem andern Schutze vertrauen.“ So ſprach er, und befahl, daß ein Thurm in der Alhambra für ihre Aufnahme eingerichtet werden ſolle, worauf er an der Spitze ſeiner Wachen nach der Veſte Salobrenna abreiſ'te, um ſle perſönlich nach Hauſe zu geleiten. Gegen drei Jahre waren vergangen, ſeit Mahomed ſeine Töchter geſehen hatte, und er konnte ſeinen Augen kaum trauen, als er die wunderbare Veränderung ge⸗ wahrte, welche dieſer kurze Zeitraum in ihrem Aeußern hervorgebracht hatte. Sie hatte in dieſem Zwiſchenraume die wundervolle Grenze im weiblichen Leben überſchrit⸗ ten, welche das wilde, ungezähmte und gedankenloſe Mädchen von dem blühenden, erröthenden, nachdenkenden Weibe trennt. Es iſt, wie wenn man aus den flachen, ſchaalen, langweiligen Ebenen der Mancha in die üppi⸗ gen Thäler und ſchwellenden Hügel Andaluſtens übergeht. Zoyda war groß und ſchön gebildet, und hatte eine —— — 169— ſtolze Haltung und ein durchdringendes Auge. Sie trat mit gemeſſenem und entſchiedenem Schritte ein, und machte Mahomed eine tiefe Verbeugung, ihn mehr als ihren Fürſt, denn als ihren Vater behandelnd. Zorayda war von mittlerem Wuchſe mit einem bezaubernden Blick und leichter Haltung, und einer glänzenden Schönheit, welche durch den Beiſtand des Putztiſches noch erhöht wurde. Mit einem Lächeln näherte ſie ſich ihrem Va⸗ ter, küßte ihm die Hand, und grüßte ihn mit mehreren Strophen ans einem beliebten arabiſchen Dichter, wa⸗ dem König große Freude machte. Zorahayda war ſcheu und ſchüchtern, kleiner als ihre Schweſtern, und beſaß eine Schönheit jener zarten, bittenden Art, die Liebe und Schutz ſucht. Sie war wenuig geeignet zu befehlen, wie ihre ältere Schweſter, oder zu blenden, wie die zweite: ſte war eher geſchaffen, ſich an die Bruſt mäaͤnnlicher Liebe zu ſchmiegen, ſich darin feſtzuſetzen, und glücklich zu werden. Mit ſchuͤchternem und faſt wankendem Schritt trat ſie an ihren Vater heran, und würde ſeine Hand gefaßt haben, um ſtie zu küſten, wenn ſie nicht in ſein Antlitz emporgeſehen hätte; da ſie bemerkte, daß ein va⸗ terliches Lächeln darauf glänzte, machte ſich die Zärtlich⸗ keit ihres Weſens Luft, und ſie warf ſich an ſeine Bruß. Mahomed der Linkiſche ſah auf ſeine Töchter mit einem Gemiſch von Stolz und Verlegenheit; denn wäh⸗ rend er über ihre Reize entzückt war, gedachte er der Prophezeihung der Aſtrologen.„Drei Töchter! drei Töchter!“ murmelte er wiederholt für ſich:„und alle in mannbarem Alter! das ſind verfuhreriſche Hesperiden Früchte, welche die Wache eines Drachen fordern.“ — 170— Er ſchickte ſich zur Ruͤckkehr nach Granada an, und ſandte Herolde vor ſich her, mit dem Befehl, niemand auf dem Weg, welchen er nehme, weilen, und bei dem Herannahen der Prinzeſſinnen alle Thüren und Fenſter ſchließen zu laſſen. Als dieß beſtellt, brach er unter dem Geleite einer Schaar ſchwarzer Reiter von ſcheußlichem Anblick, und in glänzende Ruͤſtungen gehüllt, auf. Die Prinzeſſinnen ritten, ſorgfältig verſchleiert auf weißen Zeltern mit ſammtnen Schabraken, welche mit Gold beſetzt waren und auf dem Boden ſchleiften, ne⸗ ben dem König; die Gebiſſe und Steigbügel waren von Gold, und die ſeidnen Zügel mit Perlen und Edelſtei⸗ nen geſchmückt. Die Zelter waren mit kleinen Silber⸗ glocken behängt, welche, während ſie zierlich dahinſchrit⸗ ten, das harmoniſcheſte Klingeln hören ließen. Wehe aber dem unglücklichen Wichte, welcher auf dem Wes zauderte, wenn er das Klingeln dieſer Glöckchen hörte! — Die Wachen hatten Befehl, ihn ohne Gnade nie⸗ derzuhauen. Der Reiterzug näherte ſich Granada, als er an den Ufern des Fluſſes Xenil eine kleine Schaar maue⸗ riſcher Soldaten, welche Gefangene führten, einholte. Es war für die Soldaten zu ſpät, aus dem Wege zu ge⸗ hen; ſie warfen ſich daher mit ihren Geſichtern auf die Erde, und befahlen ihren Gefangenen, ein Gleiches zu thun. Unter den Gefangenen waren dieſelben drei Rit⸗ ter, welche die Prinzeſſinnen vom Pavillon aus geſehen hatten. Sie hatten den Befehl entweder nicht verſtau⸗ den, oder waren zu ſtolz, um ihm zu gehorchen, und 4 — 11— blieben ſtehen, und betrachteten den Reiterzug, der ſich näherte. Der Zorn des Monarchen entbrannte bei dieſem auffallenden Trotz gegen ſeine Befehle. Er zog ſeinen Säbel, ſprengte vorwärts, und war im Begriff, einen linkhändigen Streich zu fuͤhren, der wenigſtens einem der Schauenden tödtlich werden konnte, als die Prin⸗ zeſſinnen ſich um ihn drängten, und um Gnade für die Gefangenen baten; ſelbſt die furchtſame Zorahayda ver⸗ gaß ihre Scheue, und wurde beredt zu ihren Gunſten. Aufgehobenen Säbels hielt Mahomed ein, als der Füh⸗ rer der Wachen ſich ihm zu Füſſen warf.„Deine Ma⸗ jeſtät,“ ſagte er,„laſſe ſich zu keiner That verleiten, welche in dem ganzen Königreich große Aergerniß erre⸗ gen könnte. Du ſſehſt drei tapfere und edle ſpaniſche Ritter vor dir, welche, wie Löwen fechtend, im Kampf gefangen wurden; ſie ſind von hoher Geburt, und kön⸗ nen ein großes Löſegeld einbringen.“—„Genug!“ ſagte der König,„ich werde ihr Leben ſchonen, aber ihre Kühn⸗ heit beſtrafen;— ſetzt ſie in den rothen Thurm, und gebt ihnen ſchwere Arbeit.“ Mahomed machte einen ſeiner gewöhnlichen linkiſchen Streiche. In dem Tumult und der Erregung dieſes ſtürmiſchen Auftritts waren die Schleier der drei Prin⸗ zeſſinnen zurückgefallen, und der Glanz ihrer Schönheit enthüllt worden; und durch die Verlängerung der Ver⸗ handlung hatte dieſe Schönheit Zeit gewonnen, ihre volle Wirkung zu thun. In jener Zeit verliebten ſich die Leute viel ſchneller als jetzt, wie die alten Geſchichten darthun; man darf ſich daher nicht wundern, daß die Herzen der — 172— drei Ritter vollkommen gefeſſelt wurden, deſonders da ſich die Dankbarkeit zu ihrer Bewunderung geſellte; es iſt jedoch etwas wunderbar, obſchon darum nicht minder gewiß, daß jeder von ihnen in eine andere Schönheit verliebt war. Was die Prinzeſſinnen betrifft, ſo waren ſte mehr denn je über die edle Haltung der Gefangenen erſtaunt, und pflegten in ihren Herzen alles liebevoll, was ſie von ihrer Tapferkeit und edlem Geblüt gehört hatten. 1 Die Reiter ſetzten ihren Weg fort; die drei Prin⸗ zeſſinnen ritten nachdenklich auf ihren klingelnden Zeltern entlang, und warfen zuweilen einen verſtohlenen Blick zurück nach den chriſtlichen Gefangenen, und die letztern wurden in ihr angewieſenes Gefängniß im rothen Thurm gebracht. Die für die Prinzeſſinen eingerichtete Wohnung war eine der zierlichſten, die man ſich denken kann. Sie war in einem Thurm, etwas abgeſondert von dem Hauptpe⸗ laſte der Alhambra, obgleich durch die Haptmauer, welche den ganzen Gipfel des Hügels umgab, mit ihm verbun⸗ den. Auf der einen Seite überſchaute man hier das Innere der Veſte, und blickte an dem Fuße des Thurms auf einen kkeinen mit den ſeltenſten Blumen geſchmückten Garten. Auf der andern Seite hatte man die Ausſicht auf eine tiefe belaubte Schlucht, welche das Gebiet der Alhambra von dem des Generalife trennte. Das Innere des Thurms war in kleine ſeenhafte Gemächer getheilt, welche ſchön in dem leichten arabiſchen Style ausge⸗ ſchmückt waren, und einen hohen Saal umgaben, deſſen gewölbte Decke faſt bis zum Gipfel des Thurms empor⸗ — 173— ſtieg. Die Wände und das Getäfel des Saals waren mit Arabesken und erhabener Arbeit, von Gold und glänzenden Farben funkelnd, geziert. In der Mitte des Marmorbodens war ein Alabaſterbrunnen, der ringsum mit aromatiſchem Geſträuch und Blumen beſetzt war, und einen Waſſerſtrahl emporſandte, welcher das ganze Gebäude kühlte, und einen lieblich ſanften Ton verbrei⸗ tete. Um den Saal hingen Käfige von Gold⸗ und Sil⸗ berdraht, in welchen Singvögel von dem ſchönſten Ge⸗ fieder ſo wie der ſüßeſten Stimme waren. Da die Prinzeſſinnen als ſtets fröhlich geſchildert worden waren, ſo lange ſie das Schloß Salobrenna de⸗ wohnten, ſo erwartete der König, ſle entzückt von der Alhambra zu ſehen. Zu ſeiner Verwunderung aber fin⸗ gen ſie an, ſich zu grämen, und melancholiſch und unzu⸗ frieden mit allem um ſie her zu werden. Die Blumen gaben ihnen keinen Duft, der Geſang der Nachtigal Koörte ihre Nachtruhe, und der Alabaſterbrunnen mit ſei⸗ nem ewigen Getropf und Geplätſcher, von Morgen bis zur Nacht und von der Nacht bis zum Morgen, brachte ſie um alle Geduld. Der König, der etwas mürriſcher und tyranniſcher Natur war, nahm dies anfangs ſehr ungnädig auf; al⸗ lein er bedachte, daß ſeine Töchter ein Alter erreicht hät⸗ ten, wo der weibliche Geiſt ſich ausdehnt, und ſeine Wänſche ſich vermehren.„Sie ſind keine Kinder mehr,“ lagte er zu ſich ſelbſt:„ſie ſind Jungfrauen geworden, und verlangen paſſende Gegenſtände, welche ſie anziehen.“ Er ließ demnach alle Schneider, alle Iuweliere, alle Gold⸗ und Silberarbeiter in dem ganzen Zacatin von — 174— Granada in Anſpruch nehmen, und die Prinzeſſiunen wurden mit Kleidern von Seide und Goldſtoff und Brokat, und Kaſimir⸗Shawls und Halsbändern von Perlen und Diamanten, und Ringen und Spangen und Armbändern und allen Arten von koſtharen Dingen überſchüttet. 5 Allein es half alles nichts; die Prinzeſſinnen blieben blaß und ſchmachtend inmitten ihres Putzes, und ſahen aus, wie drei verdorrende Roſenknospen, die an einem Stengel ſchmachten. Der König wußte nicht, was er thun ſollte. Er hatte im Allgemeinen ein lobenswerthes Vertrauen in ſein eigenes Urtheil, und nahm nie Rath an. Die Launen und Einfälle drei mannbarer Töchter aber reichten hin, ſagte er, den ſchlaueſten Kopf zu ver⸗ wirren. So nahm er zum erſten Mal in ſeinem Leben Rath zu Hülfe. Die Perſon, an welche er ſich wandte, war die er⸗ fahrne Duenna. „Kadiga,“ ſagte der König,„ich weiß, du biſt eine der klügſten Frauen der Welt, ſo wie eine der treueſten; aus dieſen Gründen habe ich dich immer um meine Töch⸗ ter gelaſſen. Väter können nicht zu genau zuſehen, wem ſie ein ſolches Vertrauen ſchenken; ich wünſchte jetzt, daß du die geheime Krankheit ausfindig machteſt, welche an den Prinzeſſinnen zehrt, und daß du auf Mittel ſinnſt, ſite der Geſundheit und Freude zurück zugeben.“ Kadiga verſprach unbedingten Gehorſam. In der That wußte ſte mehr von der Krankheit der Prinzeſſin⸗ nen, als dieſe ſelbſt. Sie ſchloß ſich jedoch mit ihnen ein, und bemühte ſich, in ihr Vertrauen ſich einzuſchmeicheln. 5= „Meine liebe Kinder,“ ſagte ſle:„warum ſeyd ihr ſo betrübt und niedergeſchlagen, an einem ſo ſchönen Orte, wo ihr alles habt, was das Herz wünſchen kann?“ Die Prinzeſſinnen ſchauten gedankenlos im Zimmer umher und ſeufzten. „Was wollt ihr denn mehr haben? Soll ich euch den wundervollen Papagei verſchaffen, der alle Sprachen ſpricht und das Vergnügen von Granada iſt?“ „Abſcheulich!“ rief Prinzeſſin Zayda:„ein häßli⸗ cher, kreiſchender Vogel, der Worte ohne Gedanken ſchnattert; man müßte hirnlos ſeyn, ſolch eine Peſt zu ertragen.“ „Soll ich nach einem Affen vom Felſen Gibraltars ſchicken, um euch durch ſeine Schwänke zu zerſtreuen?“ „Ein Affe, pfui!“ rief Zorayda:„der abſcheuliche Nachahmer des Menſchen. Ich haſſe das widerliche Thier.“ „Was ſagt ihr zu dem berühmten ſchwarzen Sän⸗ ger Caſem, aus dem königlichen Harem von Marocco? Er ſoll eine Stimme haben, ſo ſchön, wie die eines Weibes.“ „Mich erſchreckt der Anblick dieſer ſchwarzen Secla⸗ ven,“ ſagte die zarte Zorahayda:„überdies habe ich alle Freude an der Muſik verloren.“ „Ach, mein Kind, ihr würdet nicht ſo ſprechen,“ fagte die alte Fran liſtig,„wenn ihr die Muſik hörtet, die ich die letzte Nacht von den drei ſpaniſchen Rittern, deuen wir auf unſerer Reiſe begegneten, gehört hättet. — 176— Aber Himmel, Kinder! was gibt es denn, das ihr ſo erröthet und in ſolche Glut gerathet?“ „Nichts, nichts, gute Mutter; bitte, fahre fort.“ „Gut; als ich geſtern Abend an dem rothen Thurm vorbei kam, ſah ich die drei Ritter, die nach ihrer Ta⸗ gesarbeit ausruhten. Der eine ſpielte auf der Guitarre — ſo ſchön! und die andern ſangen abwechſelnd, und zwar ſo, daß ſelbſt die Wachen wie Statüen oder be⸗ zauberte Männer ausſahen. Allah verzeihe mir! Ich konnte nicht umhin, mich gerührt zu fühlen, als ich die Lieder meines Heimathlandes hörte. Und dann— drei ſo edle und ſchöne Jünglinge in Ketten und Sclaverei zu ſehen!“ Hier konnte die gutmüthige alte Frau ſich der Thräͤ⸗ nen nicht erwehren. „Vielleicht könnteſt du es einrichten, Mutter, daß wir dieſe drei Ritter ſehen,“ ſagte Zayda. „Ich glaube,“ ſagte Zorayda,„ein wenig Muſik könnte uns ziemlich erheitern.“ 3 Die ſchuͤchterne Zorahayda ſagte nichts, aber ſie ſſchlang ihren Arm um Kadiga's Hals. „Allah ſey mit mir!“ rief die kluge alte Frau: „was ſagt ihr da, meine Kinder? Euer Vater ließ uns alle umbringen, wenn er ſo etwas hörte. Gewiß, dieſs Ritter ſind ſichtlich wohlerzogene und hochherzige Jüng⸗ linge; allein was hilft es? ſie ſind die Feinde unſeres Glaubens und ihr dürft nicht einmal ohne Abſcheu an ſte denken.“ Es iſt eine bewundernswürdige Kühnheit in der weiblichen Willenskraft, beſonders wenn ſie mannharen — 177— Alters ſind, welche weder durch Gefahr noch durch Ver⸗ bote eingeſchüchtert wird. Die Prinzeſſinnen umringten ihre alte Duenna, und liebkoſeten ſie und baten und ſchworen, eine abſchlägige Antwort würde ihre Herzen brechen. 1* 1 Was konnte ſie thun? Sie war ohne Frage die klügſte alte Frau in der ganzen Welt und eine der treue⸗ ſten Dienerinnen des Königs; aber konnte ſie die Her⸗ zen von drei ſchönen Prinzeſſinnen brechen ſehen, wegen des bloßen Geklimpers einer Guitarre? Ueberdies war ſie, obgleich ſie nun ſo lange unter den Mauren war und nach dem Beiſpiel ihrer Gebieterin als treue Gelei⸗ terin ihren Glauben geändert hatte, eine geborene Spa⸗ nierin und trug die Sehnſucht nach dem Chriſtenthum in ihrem Herzen. So ſah ſie ſich⸗ um, wie die Wün⸗ ſche der Prinzeſſinnen zu befriedigen wären. Die chriſtlichen Gefangenen, die in dem rothen Thurme wohnten, ſtanden unter der Aufſicht eines dick⸗ bärtigen, breitſchultrigen Renegaten, Huſſein Baba ge⸗ nannt, der in dem Rufe ſtand, die kitzlichſte Hand zu haben. Sie begab ſich heimlich zu ihm, ließ ein großes Goldſtück in ſeine Hand gleiten und ſagte:„Huſſein Baba, meine Herrinnen, die Prinzeſſinnen, welche in dem Thurme eingeſchloſſen ſind und aller Unterhaltung ent⸗ behren, haben von den muſikaliſchen Talenten der drei ſpaniſchen Ritter gehört und möchten gern eine Probe ihrer Geſchicklichkeit hören. Ich bin überzengt, du biſt zu gutherzig, um ihnen eine ſo unſchuldige Freude zu verſagen.“ 4„Wie? damit mein Kopf uͤber dem Thore meines — 47. 12 — 178— eigenen Thurmes grinzt? denn das wäͤre der Lohn, wenn es der König entdeckte.“ „Keine Gefahr der Art droht; die Sache läßt ſich ſo einleiten, daß die Laune der Prinzeſſinnen befriedigt werden kann, ohne daß ihr Vater deshalb klüger wird. Du kennſt die tiefe Schlucht außerhalb der Mauer, die ſich unmittelbar unter dem Thurme hinzieht. Laß dort die drei Chriſten arbeiten und in ihren Ruheſtunden laß ſie ſpielen und ſingen, als wär' es zu ihrer eignen Un⸗ terhaltung. Dadurch werden die Prinzeſſinnen im Stande ſeyn, ſie von den Fenſtern des Thurmes zu hören und du darfſt überzeugt ſeyn, daß ſie die Gefälligkeit reichlich belohnen.“ Als die gute alte Frau ihre Aurede ſchloß, drückte ſie freundlich die ranhe Hand des Renegaten und ließ ein zweites Goldſtück darin zurück. Ihre Beredſamkeit war unwiderſtehlich. Schon am nächſten Tag mußten die drei Ritter in der Schlucht arbeiten. Während der Mittagshitze ſaßen ſie, während ihre Unglücksgefährten in dem Schatten ſchliefen und die Wache ſchlaftrunken auf ihrem Poſten nickte, unter dem Laubwerk am Fuße des Thurmes und ſangen einen ſpaniſchen Rundgeſang zur Begleitung der Guitarre. Das Thälchen war tief, der Thurm war hoch, aber ihre Stimmen erhoben ſich vernehmlich in der Stille des Sommernachmittags. Die Prinzeſſinnen lauſchten von ihrem Balkon; ihre Duenna hatte ſie die ſpaniſche Sprache gelehrt und die Zartlichkeit des Liedes rührte ſte. Allein die kluge Kadiga war ſchrecklich betroffen. „Allah bewahre uns!“ rief ſie:„ſte ſingen ein Liebes⸗ — 179— liedchen, das an euch gerichtet iſt. Hat je ein Sterb⸗ licher ſolch eine Kühnheit gehört? Ich will zu dem Seclavenaufſeher eilen und ihnen eine tuͤchtige Baſtonade auswirken.“ „Wie? die Baſtonade ſolchen edeln Rittern und deshalb, weil ſie ſo lieblich ſingen?“ die drei Prinzeſſin⸗ nen ſchauderten bei dieſem Gedanken. Bei allem ihrem tugendhaften Zorne war die gute alte Frau ſehr verſöhn⸗ lichen Charakters und leicht zu beſaͤnftigen. Außerdem ſchien die Muſik einen wohlthnenden Einfluß auf ihre junge Herrinnen gehabt zu haben. Eine roſige Glnt färbte bereits ihre Wangen und ihre Angen fingen an zu funkeln. Sie machte daher keine ferneren Einwendungen gegen das Liebeslied der Ritter. 4.24 Als es vollendet war, blieben die Prinzeſſinnen eine Zeitlang ſtumm; endlich nahm Zorayda eine Laute auf und ſang mit ſüßer, obgleich ſchwacher und bebender Stimme ein kleines arabiſches Lied, deſſen Refrain lau⸗ tete:„die Roſe iſt unter ihren Blättern verſteckt, aber ſte lauſcht mit Vergnügen dem Geſang der Nachtigal.“ Von dieſer Zeit an arbeiteten die Ritter faſt täg⸗ lich in dem Abhang. Der gewiſſenhafte Huſſein Baba wurde immer nachſichtiger und ſchlief täglich lieber auf ſeinem Poſten. Eine Zeitlang wurde eine Art Verkehr durch beliebte Geſaͤnge und Romanzen unterhalten, welche ſich gewiſſermaßen auf einander bezogen und die Gefühle der Betheiligten ausſprachen. Allmählig zeig⸗ ten ſich die Prinzeſſinnen auf dem Balkon, wenn ſie dies thun konnten, ohne von den Wachen bemerkt zu wer⸗ den. Sie unterhielten ſich auch mit den Rittern durch 12² — 180— Blumen, mit deren bildlicher Sprache ſie wechſelſeitig bekannt waren: die Schwierigkeiten ihres Verkehres er⸗ höhte deſſen Reiz und ſtärkte die Leidenſchaft, die ſo ſeltſam entſtanden war; denn die Liebe kämpft gern mit Schwierigkeiten und gedeiht am beſten auf dem ärmlich⸗ ſten Boden. Die durch dieſen geheimen Verkehr bewirkte Verän⸗ derung in den Blicken und dem Geiſte der Prinzeſſinnen überraſchte und erfreute den linkiſchen König; niemand aber war ſtolzer als die kluge Kadiga, die alles ihrer geſchickten Anordnung zuſchreiben zu dürfen glaubte. Endlich wurde dieſe telegraphiſche Korreſpondenz un⸗ terbrochen: mehrere Tage hindurch ließen ſich die Rit⸗ ter nicht mehr in der Schlucht ſehen. Die drei ſchönen Prinzeſſinnen ſahen fruchtlos aus ihrem Thurme. Frucht⸗ los neigten ſie ihre ſchwanengleichen Hälſe über den Bal⸗ kon; fruchtlos ſangen ſie wie gefangene Nachtigallen aus ihren Käſigen; nichts war von ihren chriſtlichen Liebha⸗ bern zu ſehen; nicht ein Lant antwortete aus dem Laub⸗ werk. Die kluge Kadiga eilte nach Kundſchaft aus und kam bald mit einem unruhevollen Geſichte zurück.„Ach, meine Kinder,“ ſagte ſie,„ich ſah, wohin dies alles führen würde; allein ihr wolltet euern Willen haben; ihr könnt nun eure Lauten an den Weiden aufhängen. Die ſpaniſchen Ritter ſind von ihren Familien losgekauft worden; ſie ſind drunten zu Granada und züſten ſich zur Rückkehr in ihre Heimath.“ Dieſe Nachricht ſetzte die drei ſchünen Prinzzſſinnen. in Verzweiflung. Die ſchöne Zayda war erzürnt über dieſe ihnen angethane Geringſchätzung, indem ſie ſo ohne V — 181— ein Abſchiedswort verlaſſen worden. Zorayda rang ihre Hände und weinte, und blickte in den Spiegel und wiſchte ſich die Thränen weg und weinte von neuem. Die holde Zorahayda lehnte ſich auf den Balkon und weinte ſchweigend, und ihre Thränen fielen Tropfen um Tropfen in die Blumen des Abhangs, auf dem die treu⸗ loſen Ritter ſo oft geſeſſen. Die kluge Kadiga that alles, was ſie konnte, um ihren Kummer zu mildern.„Tröſtet euch, meine Kin⸗ der,“ ſagte ſie:„dies iſt nichts, wenn ihr daran gewöhnt ſeyd. Es geht in der Welt nicht anders. Ach, wenn ihr ſo alt ſeyn werdet, wie ich, werdet ihr ſchon den Werth dieſer Männer kennen. Ich ſteh' euch dafür, dieſe Ritter haben ihre Geliebten unter den Schönheiten Cor⸗ dova's und Sevilla's und werden bald unter ihren Bal⸗ kons Nachtſtändchen bringen, und nicht mehr an die mauriſchen Schönheiten in der Alhambra denken. Trö⸗ ſtet euch deshalb, meine Kinder, und verbannt ſie aus euern Herzen.“ Die ermunternden Worte der klugen Kadiga ver⸗ doppelten nur den Schmerz der drei Prinzeſſinnen, und zwei Tage lang waren ſie untröſtlich. Am Morgen des dritten trat die gute alte Frau in ihr Gemach, ganz außer ſich vor Unwillen. „Wer hätte ſterblichen Menſchen eine ſolche Frech⸗ heit zugetraut!“ rief ſie, ſobald ſie Worte finden konnte, um ihre Gefühle auszudrücken:„aber dies iſt die Strafe, daß ich zur Täuſchung eures würdigen Vaters die Hand lieh. Sprecht mir nicht mehr von euren ſpaniſchen Rittern.“ „Ei, was hat es gegeben, gute Kadiga?“ riefen die Prinzeſſinnen in athemloſer Angſt. 1 „Was es gegeben hat?— Verrath hat es gegeben; oder was faſt eben ſo ſchlimm iſt, Verrath iſt mir zu⸗ gemuthet worden, mir, der redlichſten aller Unterthanen, der treueſten aller Duennas. Ja, meine Kinder, die ſpa⸗ niſchen Ritter haben es gewagt, mich gewinnen zu wol⸗ len, euch zu überreden, mit ihnen nach Cordova zu flüchten und ihre Frauen zu werden.“ Hier bedeckte die treffliche alte Frau ihr Geſicht mit ihren Händen und gab dem heftigen Ausbruch des Kum⸗ mers und Unwillens Raum. Die drei ſchönen Prinzeſ⸗ ſinnen wurden roth und blaß, und blaß und roth, und zitterten und blickten zu Boden und ſahen ſcheu einander an, aber ſie ſagten nichts. Mittlerweile ſaß die alte Frau da und wiegte ſich vorwärts in wilder Bewegung und brach dann und wann in den Ausruf aus:„daß ich eine ſolche Beleidigung erleben mußte— ich, die treueſte der Dienerinnen!“?“ Endlich näherte ſich ihr die älteſte Prinzeſſin, die den meiſten Muth hatte und immer voran war, legte die Hand auf ihre Schulter und ſagte;„Nun, Mutter, angenommen, wir wären geſonnen, mit dieſen chriſtlichen Rittern zu fliehen— iſt ſo etwas unmöglich?“ Die gute alte Frau ließ plötzlich von ihrem Gram und blickte auf.„Möglich!“ wiederholte ſie:„gewiß möglich iſt es. Haben die Ritter nicht bereits Huſſein Baba, den Renegaten und Anführer der Wache beſto⸗ chen und den ganzen Plan gemacht? Aber dann— nur zu denken, euren Vater zu hintergehen? Euren Vater⸗ — 183— der ſo viel Vertrauen in mich ſetzte.“ Hier gab die würdige Fran einem neuen Ausbruch des Kummers Raum, wiegte ſich wieder vorwärts und rückwärts und raug die Hände. „Aber unſer Vater hat nie Vertrauen in uns ge⸗ ſetzt,“ ſagte die älteſte Prinzeſſin,„ſondern hat uns Rie⸗ geln und Schlöſſern vertraut und als Gefangene be⸗ handelt.“ „Nun, das iſt ſehr wahr,“ erwiederte die alte Frau⸗ ſich wieder ihrem Grame entſchlagend:„er hat euch freilich unvernünftig behandelt, daß er euch hier ein⸗ ſchloß, die Blüthe eures Lebens in einem langweiligen alten Thurm zu vergeuden, wie Roſen, die man in einem Blumentopf verwelken läßt. Aber dann— aus eurem Geburtsland zu fliehen!“ „Und iſt das Land, in das wir fliehen, nicht das Geburtsland unſrer Mutter, wo wir in Freiheit leben werden? Und wird nicht jede von uns, ſtatt eines ſtren⸗ gen alten Vaters, einen jungen Gatten haben?“ „Nun, auch das iſt alles wahr; und euer Vater, ich muß es geſtehen, iſt etwas tyranniſch; aber dann—“ wieder in ihren Kummer verfallend—„wollt ihr mich zurücklaſſen, um ſeiner Rache zuerſt blos geſtellt zu ſeyn?“ „Keineswegs, meine gute Kadiga! kannſt du nicht mit uns fliehen?“ „Sehr wahr, mein Kind; und, die Wahrheit zu ſagen, als ich die Sache mit Huſſein Baba beſprach, gab er mir ſein Wort, für mich zu ſorgen, wenn ich euch auf eurer Flucht begleiten wollte: aber dann über⸗ — 184— legt es, Kinder, wollt ihr dem Glauben eures Vaters entſagen?“ „Der chriſtliche Glaube war der urſprüngliche Glaube unſerer Mntter,“ ſagte die älteſte⸗Prinzeſſin,„ich bin bereit, ihn anzunehmen, und gewiß, meine Schweſtern auch.“* „Abermals recht!“ rief die alte Frau, ſich erhei⸗ ternd:„er war der urſprüngliche Glaube eurer Mutter und bitterlich hat ſie es auf ihrem Todbette beklagt, daß ſie ihm entſagt hatte. Da verſprach ich ihr, für eure Seelen zu ſorgen und freue mich zu ſehen, daß ihr auf dem rechten Wege des Heils ſeyd. Ja, meine Kinder, auch ich bin eine geborne Chriſtin, bin eine Chriſtin im Herzen geblieben und feſt entſchloſſen, zu dem Glauben zurückzukehren. Ich habe von der Sache mit Huſſein Baba geſprochen, der von Geburt ein Spanier iſt und von einem Orte herſtammt, der nicht weit von meiner Vaterſtadt liegt. Auch er iſt begierig, ſeine Heimath wiederzuſehen und ſich mit der Kirche zu verſöhnen; und die Ritter haben verſprochen, für uns, wenn wir geneigt wären, nach der Rückkehr in das Vaterland uns zu verehelichen, anſtändig zu ſorgen.“ Mit einem Worte, es zeigte ſich, daß dieſe äußerſt kluge und vorſichtige alte Frau mit den Rittern und dem Renzgaten Rath gepflogen und den ganzen Plan der Flucht verabredet hatte. Die älteſte Prinzeſſin ſtimmte ihm ſogleich bei, und ihr Beiſpiel beſtimmte, wie gewöhn⸗ lich, den Entſchluß ihrer Schweſtern. Es iſt wahr, die jüngſte zauderte, denn ſie war zart und ſchüchtern und es bekämpften ſich in ihrem Herzen kindliches Gefühl — 185— und jugendliche Leidenſchaft: die letztere aber trug, wie gewöhnlich, den Sieg davon und mit ſtummen Thränen und erſtickten Seufzern bereitete ſie ſich zur Flucht. Der ſchroffe Hügel, auf welchem die Alhambra ge⸗ baut iſt, hatte in alten Zeiten eine Menge unterirrdi⸗ ſcher Gänge, die durch die Felſen gehauen waren, und aus der Veſte zu verſchiedenen Theilen der Stadt und zu fernen Ausfallspforten an den Ufern des Darro und des Xenil führten. Sie waren zu verſchiedenen Zeiten von den mauriſchen Königen als Mittel zur Flucht bei plötzlichen Empörungen, oder als geheime Ausgänge bei Privat⸗Unternehmungen gebaut worden. Viele von ih⸗ nen ſind jetzt kürzlich eingeſtürzt, während andere theils mit Schutt bedeckt, theils vermauert ſind— Denkmäler der eiferſüchtigen Vorſicht und der Kriegsliſt der man⸗ riſchen Regierung. Durch eine dieſer Gänge hatte Huſ⸗ ſein Baba es unternommen, die Prinzeſſinnen zu einer Ausfallspforte jenſeits der Mauer der Stadt zu führen, wo die Ritter mit ſchnellen Roſſen bereit ſeyn ſollten, um die ganze Geſellſchaft über die Grenze zu bringen. Die anberaumte Nacht kam; der Thurm der Prin⸗ zeſſinnen wurde, wie gewöhnlich, verſchloſſen und die Al⸗ hambra war in tiefen Schlaf begraben. Gegen Mitter⸗ nacht lauſchte die kluge Kadiga von dem Balkon eines Fenſters, das in den Garten ging. Huſſein Baba, der Renegat, war bereits unten und gab das verabredete Zeichen. Die Duenna befeſtigte das Ende einer Strick⸗ leiter an dem Balkon, ließ es in den Garten und ſtieg hinab. Die zwei Prinzeſſtunen folgten ihr klopfenden Herzeus; als aber die Reihe an die jüngſte Prinzeſſin, — 186— Zorahayda, kam, zauderte und bebte dieſe. Mehrere Male wagte ſie es, den zarten kleinen Fuß auf die Lei⸗ ter zu ſetzen und eben ſo oft zog ſte ihn zurück, während ihr armes kleines Herz mehr und mehr zitterte, je län⸗ ger ſie zögerte. Sie warf einen kummervollen Blick zurück in das ſeidene Gemach; ſie hatte darin freilich gelebt, wie ein Vogel in ſeinem Käſig; aber innerhalb deſſelben war ſie ſicher: wer konnte ihr ſagen, welche Gefahren ihr drohten, wenn ſte in die weite Welt hinaus flatterte? Dann aber dachte ſie an ihren edlen chriſtlichen Geliebten und ihr kleiner Fuß war augenblicklich auf der Leiter; und plößlich fiel ihr der Vater ein und ſie bebte zurück. Aber vergeblich iſt der Verſuch, den Kampf in der Bruſt eines Weſens zu ſchildern, das ſo jung und zärtlich und liebend, aber ſo ſchüchtern und ſo unbekannt mit der Welt war. Umſonſt das Bitten der Schweſtern, das Schelten der Duenna, das Fluchen des Renegaten unter dem Balkon, die holde kleine mauriſche Maid ſtand ungewiß und ſchwankend an dem Rande der Entweichung, von der Süße der Sünde gelockt, aber durch ihre Gefahren geſchreckt. Jeder Augenblick vermehrte die Gefahr der Ent⸗ deckung. Ein ferner Tritt wurde gehört.„Die Wachen machen die Runde,“ rief der Renegat,„wenn wir zau⸗ dern, ſind wir verloren. Prinzeſſin, ſteigt alsbald nieder oder wir laſſen euch zurück.“ Zorahayda war einen Augenblick in furchtbarer Er⸗ regung; dann machte ſie mit verzweifeltem Entſchluß die Strickleiter los und warf ſie vom Balkon. — 187— „Es iſt eutſchieden?“ rief ſie:„die Flucht iſt mir jetzt unmöglich. Allah geleite und ſegue euch, meine theuren Schweſtern!“ Den zwei aͤlteſten Prinzeſſinnen war der Gedanke, ſie zurückzulaſſen, peinvoll und ſie hätten gern gezögert, aber die Wache kam näher; der Renegat war wüthend und ſie wurden in aller Eile fort zu dem unterirdiſchen Gang gebracht. Sie tappten durch ein ſchauderhaftes Labyrinth, welches durch das Herz des Felſen gehauen war und erreichten glücklich und unentdeckt ein eiſernes Thor, das ſich außerhalb der Mauern öffnete. Hier em⸗ pfingen ſie die ſpaniſchen Ritter, als mauriſche Soldaten verkleidet, und von dem Renegaten angeführt. Zorahayda's Anbeter war äußer ſich, als er hoͤrte, daß ſie ſich geweigert habe, den Thurm zu verlaſſen; allein es war keine Zeit mit Klagen zu verlieren. Die zwei Prinzeſſinnen nahmen ihre Sitze hinter ihren Lieb⸗ habern ein, die kluge Kadiga ſtieg hinter dem Renegaten auf und alle ritten in raſchem Schritt nach der Richtung des Paſſes von Loye hin, der durch die Gebirge nach Cordova führt. Sie waren noch nicht weit, als ſie das Laͤrmen von Trommeln und Trompeten von den Zinnen der Alham⸗ bra hörten. „Unſere Flucht iſt entdeckt,“ ſagte der Renegat. „Wir haben ſchnelle Roſſe, die Nacht iſt dunkel und wir köonnen jeder Verfolgung zuvorkommen,“ erwie⸗ derten die Ritter. Sie gaben ihren Pferden die Sporen und ſlogen durch die Vega. Sie kamen an den Fuß des Elvira⸗ — 188— Berges, der wie ein Vorgebirg in die Ebene hereinragt. Der Renegat hielt an und lauſchte.„Bis jetzt,“ ſagte er,„iſt uns noch keiner auf der Spur; wir werden die Gebirge glücklich erreichen.“ Während er ſprach, ſtieg auf der Zinne des Wartthurms der Alhambra ein blaſ⸗ ſes Feuer in einer lichten Flamme auf. „Verderben!“ rief der Renegat:„dieſes Feuer wird alle Wachen der Päſſe in Bewegung ſetzen. Fort! fort! Spornt wie toll— es iſt keine Zeit zu verlieren.“ Sie ſtuͤrzten fort— der Schall der Huſe ihrer Pferde hallte von Fels zu Fels wieder, als ſie den Pfad entlang flogen, der an dem Felsberg von Elvira hinzieht. Während ſie dahin ſprengten, ſahen ſie, daß das blaſſe Feuer der Alhambra in allen Richtungen beantwortet ward; Licht auf Licht entflammte auf den Atalayas oder Wartthürmen der Berge. „Vorwärts, vorwärts!“ rief der Renegat unter manchem Fluch:„zur Brücke, ehe das Larmzeichen dort geſehen wird.“ Sie kamen um den Vorſprung der Berge und ſahen die berühmte Puente del Pinos, die einen wilden, oft von Chriſten⸗ und Mosleminen⸗Blut gefärbten Fluß kreuzt. Zu ihrem Schrecken flammte der Thurm auf der Brücke von Lichtern und glänzte von bewaffneten Leuten. Der Renegat hielt ſein Pferd an, erhob ſich in den Steigbügeln und ſchaute einen Augenblick umher, dann winkte er den Rittern, verließ den Weg, ritt eine Zeitlang den Fluß entlang und ſtürzte dann in ſeine Wellen. Die Ritter mahnten die Prinzeſſinnen, ſich an ihnen feſtzuhalten, und folgten dem Renegaten. Der — 189— raſche Strom riß ſie eine Strecke abwärts und die Wo⸗ gen brüllten um ſie; allein die ſchönen Prinzeſſinnen hielten ſich an ihren chriſtlichen Rittern feſt und ließen nie eine Klage hören. Die Ritter erreichten glücklich das jenſeitige Ufer und wurden von dem Renegaten auf rauhen und unbeſuchten Wegen, und wilde Barrancos durch das Herz des Gebirgs geführt, ſo daß alle ge⸗ wöhnlichen Päſſe umgangen wurden. Mit einem Worte, es gelang ihnen, die alte Stadt Cordova zu erreichen, wo ihre Rückkehr in die Heimath und zu den Freunden mit großen Luſtbarkeiten gefeiert wurde, denn ſie gehör⸗ ten zu den edelſten Familien. Die ſchönen Prinzeſſinnen wurden alsbald in den Schoos der Kirche aufgenommen und nachdem ſie in der gebührenden Form Bekennerinnen des Chriſtenthums geworden waren, wurden ſie zu glück⸗ lichen Frauen gemacht. In unſerer Eile, die Flucht der Prinzeſſinnen durch den Strom und die Berge hinan zu ſchildern, vergaßen wir des Looſes der klugen Kadiga zu gedenken. Sie hatte ſich bei dem Fluge durch die Vega wie eine Katze an Huſſein Baba geklammert, bei jedem Satze laut ſchreiend und dem bärtigen Renegaten manchen Fluch entlockend; als er ſich aber anſchickte, in den Fluß zu ſtärzen, kannte ihre Angſt keine Grenzen.„Klammre dich feſt an mich,“ rief Huſſein Baba:„halte dich an meinem Gürtel und bange nicht.“ Sie hielt ſich mit beiden Haͤnden an dem ledernen Gürtel feſt, welcher den breitrückigen Renegaten umſchloß; als er aber mit den Rittern auf dem Berggipfel anhielt, um Luft zu ſchöpfen, war die Duenna nicht mehr zu ſehen. — 190— „Was iſt aus Kadiga geworden,“ riefen die Prin⸗ zeſſinnen beſtürzt. 3 „Allah allein weiß es l“ erwiederte der Renegat: „mein Gürtel ging inmitten des Fluſſes los und Kadiga wurde mit ihm ſtromabwärts geriſſen. Der Wille Allah's geſchehe! Aber es war ein geſtickter Gürtel und von hohem Werthe.“ Es war keine Zeit mit vergeblichem Bedauern zu verlieren; doch beweinten die Prinzeſſiunen den Verluſt ihrer klugen Rathgeberin bitterlich. Dieſe treffliche alte Frau verlor jedoch nicht mehr als die Hälfte ihrer neun Leben: ein Fiſcher, der etwas weiter ſtromabwärts ſeine Netze einzog, brachte ſie auf's Land und war über ſeinen wunderbaren Fiſchfang nicht wenig erſtaunt. Die Sage erzählt nicht, was ferner aus der klugen Kadiga gewor⸗ den; gewiß iſt es, daß ſie ihre Klugheit dadurch beur⸗ kundete, daß ſie ſich nie wieder in das Bereich Maho⸗ med's des Türkiſchen wagte.. Faſt eben ſo wenig weiß man von dem Verhalten dieſes ſcharfſinnigen Königs, als er die Flucht ſeiner Töchter und den Betrug entdeckte, den ihm die treueſte der Dienerinnen geſpielt hatte. Es war das einzige Mal, daß er Jemand um Rath gefragt hatte, und man hörte ſpäter nie wieder, daß er ſich einer ahnlichen Schwäche ſchuldig gemacht hätte. Er war jedoch ſehr beſorgt, die ihm bleihende Tochter, die keine Neigung zum Entweichen hatte, zu bewachen: man glanbt freilich, ſie habe es heimlich bereut, zurückgeblieben zu ſeyn; man ſah ſie dann und wann ſich auf die Ziunen des Thurmes lehnen und traurig auf das Gebirg in der — 191— Richtung von Cordova ſchauen; und manchmal hörte man die Töne ihrer Laute klagende Lieder begleiten, in welchen ſie, wie man ſagte, den Verluſt ihrer Schwe⸗ ſtern und ihres Geliebten beklagte und ihr einſames Le⸗ ben beweinte. Sie ſtarb jung und wurde, dem allge⸗ meinen Gerücht zufolge, in einem Gewölbe unter dem Thurm begraben und ihr früher Tod gab Veranlaſſung zu mehr als einer märchenhaften Sage. Beſucher der Alhambra. Es ſind nun faſt drei Monate vergangen, ſeit ich meine Wohnung in der Alhambra aufſchlug; das Vor⸗ ſchreiten der Jahreszeit hat ſeitdem viele Veränderungen hervorgebracht. Als ich hier ankam, war alles in der Friſche des Mai's; das Laub der Bäume war noch zart und durchſichtig; die Granate hatte ihre glänzende hoch⸗ rothe Blüthe noch nicht abgeſtreift; die Fruchtgärten am Penil und Darro ſtanden in voller Blüthe; die Felſen waren mit wilden Blumen behangen und Granada ſchien vollkommen von einer Wildniß von Roſen umgeben, un⸗ ter welchen unzählige Nachtigallen nicht⸗ nur Nachts, ſondern den ganzen Tag hindurch ſangen. Der vorrückende Sommer hat die Roſen welk und die Nachtigallen ſtumm gemacht, und das entferntere Land beginnt duͤrr und verſengt auszuſehen; aber unmittelbar — 192— um die Stadt nnd in den tiefen engen Thälern am Fuße der ſchneebekappten Berge herrſcht eine ewige Grüne. Die Alhambra hat Plätzchen, welche der zunehmenden Hitze des Sommers angepaßt und unter denen die faſt unterirdiſchen Badezimmer am merkwürdigſten ſind. Dieſe bewahrten noch ihren alten orientaliſchen Charakter, ob⸗ gleich die Spuren des Verfalls leider auch hier ſichtbar werden. Am Eingang, der in einen kleinen, früher mit Blumen gezierten Hof führt, iſt ein Saal, der nicht ſehr geräumig, aber leicht und anmuthig gebant iſt. Man kann ihn von einer kleinen Galerie überſehen, die von Marmorſäulen und mauriſchen Bogen getragen wird. Ein Alabaſter⸗Brunnen in der Mitte des Pflaſters hebt noch ſeine Waſſerſtrahlen empor, um den Ort zu kühlen. Auf jeder Seite ſind tiefe Alkoven mit erhöhtem Boden, wo die aus dem Bade Kommenden ſich auf üppige Kiſſen legten und durch den Duft der gewürzreichen Luft und die ſauften Muſtktöne von der Galerie in wollüſtige Ruhe gewiegt wurden. Jenſeits dieſes Sälchens ſind die in⸗ neren noch heimlicheren und abgeſchloſſeneren Zimmer, in welche das Licht nur durch kleine Oeffnungen in die gewölbten Decken eindrang. Hier war das Allerheiligſte der weiblichen Einſamkeit, wo die Schönheiten des Ha⸗ rem's ſich der Ueppigkeit der Bäder überließen. Ein ſanftes, myſteriöſes Licht herrſcht allum; die zerbrochenen Baͤder ſind noch da, ſo wie Spuren der alten Eieganz. Das durchgehends herrſchende Schweigen und Dunkel hat dieſe Gemächer zum Lieblingsaufenthalt der Fleder⸗ mäuſe gemacht, welche während des Tages in den dun⸗ keln Ecken und Winkeln niſten und, wenn ſie aufgeſcheucht — 193— werden, geheimnißvoll in den dämmernden Zimmern um⸗ herfliegen, und das Verfallene und Verlaſſene derſelben in einem unſäglichen Grade vermehren. In dieſem kühlen und zierlichen, obgleich verfallenen Raum, welcher die Friſche und Abgeſchloſſenheit einer Grotte hat, brachte ich in der letzten Zeit die warmen Stunden hin und ging erſt gegen Sonnenuntergang her⸗ aus; in der Nacht aber nahm ich in dem großen Waſſer⸗ behälter des Haupthofes ein Bad. Auf dieſe Weiſe war ich im Stand, den erſchlaffenden und entnervenden Einfluß des Klima's einigermaßen abzuwehren. Aber mein Traum von abſoluter Herrſchaft iſt zu Ende. Ich wurde kürzlich aus demſelben durch den Knall von Feuergewehren aufgeſchreckt, welcher an den Thürmen wiederhallte, als wenn das Schloß durch Ue⸗ berrumpelung genommen worden wäre. Als ich heraus eilte, fand ich einen alten Cavalier mit einer Anzahl Bedienten im Beſitz des Geſandten⸗Saals. Er iſt ein alter Graf, welcher aus ſeinem Palaſt zu Granada her⸗ aufgekommen iſt, um eine kurze Zeit der reineren Luft wegen in der Alhambra hinzubringen, und der, als ein alter und eingefleiſchter Jäger, bemüht war, ſeinen Appe⸗ tit für das Frühſtück zu ſchärfen, indem er von den Balkons Schwalben ſchoß. Es war ein harmloſes Ver⸗ gnügen, denn obgleich er durch die Raſchheit ſeiner Leute im Laden der Gewehre in den Stand geſetzt war, ein lebhaftes Feuer zu unterhalten, konnte ich ihn doch nicht des Todes einer einzigen Schwalbe anklagen. Ja, die Vögel ſchienen ſelbſt Freude an der Sache zu haben und ſeines Mangels an Geſchick zu ſpotten, indem ſie in 44— 47. 13 — 194— Kreiſen nahe an den Balkons umherſchwärmten und beim Vorbeiſtreichen zwitſcherten. 1 Die Ankunft dieſes alten Herrn hat das Anſehen der Dinge einigermaßen geändert, aber auch Stoff zu angenehmen Betrachtungen gegeben. Wir haben ſchwei⸗ gend die Herrſchaft unter uns getheilt, gleich den letzten Königen von Granada, nur daß wir einen höchſt freund⸗ ſchaftlichen Bund unterhalten. Er herrſcht unbeſchränkt über den Löwenhof und die anſtoßenden Säle, während ich in friedlichem Beſitz der Gebiete der Bäder und des kleinen Gartens der Lindaraxa bleibe. Wir nehmen un⸗ ſere Mahlzeiten gemeinſchaftlich unter den Arkaden des Hofes ein, wo die Brunnen die Luft abkühlen und ſpru⸗ delnde Bächlein die Rinnen des Marmorbodens entlang laufen. Am Abend ſammelt ſich ein häuslicher Kreis um den würdigen alten Herrn. Die Gräfin kömmt mit einer Lieblings⸗Tochter von ungefähr ſechszehn Jahren aus der Stadt herauf. Sodann finden ſich hier die Be⸗ dienſtigten des Grafen ein, der Kaplan, der Anwald, der Schreiber, der Haushofmeiſter und andere Offizian⸗ ten und Geſchäftsleute ſeiner ausgedehnten Beſitzungen. So hält er eine Art Privat⸗Hof, wo Alle zu ſeiner Unterhaltung beizutragen ſuchen, ohne ihr Vergnügen und ihre Selbſtachtung zu opfern. Warlich, was man auch von dem ſpaniſchen Stolze ſagen mag, dem geſelli⸗ gen oder häuslichen Leben bleibt er gewiß fern. Unter keinem Volke ſind die Verhaͤltniſſe zwiſchen Verwandten herzlicher, zwiſchen Vorgeſetzten und Untergebenen freier und natürlicher; in dieſen Beziehungen hat das Leben — 195— in den Provinzen Spaniens vieles von der gerühmten Einfalt der alten Zeiten beibehalten. Jedoch das anziehendſte Glied dieſer Familien⸗Gruppe iſt die Tochter des Grafen, die reizende, obgleich faſt kindliche kleine Carmen. Ihre Geſtalt hat ihre Reife noch nicht erlangt, beſitzt aber ſchon das ausgezeichnete Ebenmaß und die geſchmeidige Grazie, welche in dieſem Lande ſo vorherrſchen. Ihre blauen Augen, ihre ſchöne Geſichtsfarbe, ihr blondes Haar find in Andaluſlen un⸗ gewöhnlich und geben ihrem Weſen eine Milde und Hold⸗ ſeligkeit, welche mit dem gewöhnlichen Feuer der ſpani⸗ ſchen Schönen kontraſtirt, aber mit der argloſen und vertrauensvollen Unſchuld ihrer Sitten vollkommen über⸗ einſtimmt. Sie hat überdies die ganze eingeborne Ge⸗ ſchicklichkeit und Gewandtheit ihrer bezaubernden Lands⸗ männinnen und ſingt, tanzt, und ſpielt die Guitarre be⸗ wunderswürdig. Der Graf gab wenige Tage nach ſeinem Einzuge in die Athambra an ſeinem Namenstag ein kleines Feſt, zu welchem er die Glieder ſeiner Familie und ſeines Haus⸗ halts um ſich verſammelte, während mehrere alte Diener von ſeinen entfernten Guͤtern kamen, um ihm ihre Ver⸗ ehrung zu beweiſen und an dem guten Mahle Theil zu nehmen. Dieſen patriarchaliſchen Geiſt, welcher den ſpa⸗ niſchen Adel zur Zeit ſeines Reichthums charakteriſtrte, hat mit ihrem Vermögen abgenommen; aber einige, die, wie der Graf, ihre alten Familiengüter noch brſitzen, behalten ein wenig von der alten Sitte bei und laſſen ihre Güter von der Nachkommenſchaſt müßiger Inſaſſen üͤberſchwemmen und faſt aufzehren. Zufolge dieſer groß⸗ 13* — 196— artigen altſpaniſchen Sitte, an welcher Edelmuth und Nationalſtolz gleich Theil haben, wurde ein veralteter Diener nie entlaſſen, ſondern erhielt eine Anſtellung für ſeine übrige Lebenszeit; ja, ſeine Kinder und Kindes⸗ kinder, und oft ſeine Verwandten, links und rechts, fie⸗ len allmählich der Familie zu. Daher waren die großen Paläſte des ſpaniſchen Adels, welche ein ſolches Aus⸗ ſehen von leerem Prunke haben, wenn man ihre Aus⸗ dehnung mit der Mittelmäßigkeit und Spärlichkeit der Möbel vergleicht, in den goldenen Tagen Spaniens den patriarchaliſchen Sitten ihrer Beſitzer zufolge durchaus nothwendig. Sie waren wenig beſſer als große Kaſernen für die erblichen Geſchlechter von Anhängern, welche ſich auf Koſten eines ſpaniſchen Edlen mäſteten. Der wür⸗ dige alte Graf, der in verſchiedenen Theilen des König⸗ reichs Güter hat, verſtcherte mich, daß manche derſelben blos die Schaaren ſolcher dort eingeniſteten Inſaſſen er⸗ nährten, welche ſich für berechtigt hielten, freie Wohnung auf dem Gute anzuſprechen, weil es mit ihren Vorfah⸗ ren ſeit mehreren Geſchlechtern ſo gehalten worden. Das Familien⸗Feſt des Grafen unterbrach das ge⸗ wöhnliche Still⸗Leben der Alhambra; Muſik und Ge⸗ lächter hallte in ihren ſonſt ſo ſtillen Sälen wieder; Gruppen von Gäſten unterhielten ſich auf den Galerien und in den Gärten, und geſchäftige Diener aus der Stadt eilten durch die Höfe und trugen Gerichte in die alte Küche, welche wieder von den Tritten der Köche und Mägde lebendig ward und vom ungewohnten Feuer er⸗ glänzte. Das Feſt, denn ein vollſtändiges ſpanifches Mittag⸗ — 197— eſſen iſt ein Feſt, wurde in dem ſchönen mauriſchen Saal gegeben,„La Sala de las dos Hermanas“(Saal der zwei Schweſtern) genannt; die Tafel dröhnte unter der Fülle der Speiſen und eine fröhliche Geſelligkeit herrſchte um den Tiſch; denn obgleich die Spanier gewöhnlich ein enthaltſames Volk ſind, ſo ſind ſie doch bei einem Feſte vollkommne Schmauſer. Für mich ſelbſt war etwas ei⸗ genthümlich Anziehendes darin, bei einem Mahle zu ſitzen, das in den königlichen Sälen der Alhambra von dem Stellvertreter eines ihrer berühmteſten Eroberer gegeben wurde; denn der ehrwürdige Graf ſtammt, ob⸗ gleich er ſelbſt nicht kriegeriſchen Geiſtes iſt, in grader Linie von dem„großen Feldherrn,“ dem berühmten Gon⸗ ſalvo de Cordova ab, deſſen Schwert er in den Archiven ſeines Palaſtes zu Cordova aufbewahrt. Als das Mahl geendigt war, begab ſich die Geſell⸗ ſchaft in den Geſandtenſaal. Hier trug jeder zur allge⸗ meinen Unterhaltung bei, indem er irgend ein Talent geltend machte; Singen, Improviſtren, Erzählen wunder⸗ voller Geſchichten oder Tanzen zu dem allum herrſchen⸗ den Talisman ſpaniſcher Freude, der Guitarre. Die Seele und ber Zauber der ganzen Geſellſchait jedoch war die reichbegabte kleine Carmen. Sie über⸗ nahm eine Rolle in zwei oder drei Scenen aus ſpani⸗ ſchen Komödien und erwies ein hinreichendes dramatiſches Talent; ſie gab Nachahmungen beliebter italieniſcher Sängerinnen mit merkwürdigem und auffallendem Glück, und einer ſeltenen Schönheit der Stimme; ſie ahmte die Dialecte, die Tänze und Balladen der Zigenner und umwohnenden Landleute nach; that aber alles mit einer — 198— Leichtigkeit, einer Zierlichkeit, einer Anmuth und einer durchgehenden Niedlichkeit, welche vollkommen bezaubarud waren. Jedoch der große Reiz ihrer Leiſtungen war ihr gänzliches Freiſeyn von aller Anmaßung oder Ehrgeiz, ſich zeigen zu wollen. Sie ſchien die Vielſeitigkeit ihrer eigenen Talente nicht zu kennen, und iſt in der That gewöhnt, ſie nur zufällig, wie ein Kind, zur Unterhal⸗ tung des häuslichen Kreiſes zu üben. Ihr Beobachtungs⸗ geiſt und ihr Tact müſſen ungemein raſch und fein ſeyn, denn ſie hat ihr Leben in dem Schoos ihrer Familie hin⸗ gebracht und kann nur zufällig und vorübergehend auf die mannigfaltigen Charaktere und Züge geblickt haben, welche ſie in Augenblicken geſelligen Frohſinns, wie der, von dem hier die Rede iſt, aus dem Stegreife zum Be⸗ ſten gab. Mit Freude ſteht man die Liebe und Bewun⸗ derung, mit welcher jeder aus dem Hauſe auf ſie blickt; es wird nie, ſelbſt nicht von den Bedienten, anders ge⸗ heißen, als La Ninna, das Kind, eine Bezeichnung, welche, ſo angewendet, etwas eigenthümlich liebliches und zärtliches in der ſpaniſchen Sprache hat. Ich werde nimmer der Alhambra gedenken, ohne mich der lieblichen kleinen Carmen zu erinnern, wie ſie in deren Marmorſälen in glücklicher und unſchuldiger Luſt ſpielte, zu dem Klang der mauriſchen Caſtagneten tanzte, oder den Silberton ihrer Stimme mit der Mu⸗ ſik der Brunnen verſchmolz. Bei dieſer feſtlichen Gelegenheit wurden viele ſelt⸗ ſame und unterhaltende Sagen und Geſchichten erzählt, von denen ich viele wieder vergeſſen habe; eine derſelben — 199— aber fiel mir am meiſten auf und ich will mich bemühen, dem Leſer eine Unterhaltung zu bereiten. Sage von dem Prinzen Ahmed al Kamel; oder der Liebespilger. — Es war einſt ein mauriſcher König von Granada, wel⸗ cher nur einen Sohn hatte, Ahmed genannt, dem ſeine Höf⸗ linge den Beinamen al Kamel, der Vollkommne, gaben, wegen der unbezweifelbaren Zeichen von Uebervortrefflich⸗ keit, welche ſie ſchon in ſeiner Kindheit bei ihm bemerkten. Die Aſtrologen beſtärkten ſie in ihrer Ahnung, indem ſie alles zu ſeinen Gunſten vorſagten, was zu einem voll⸗ kommnen Prinzen und einem glücklichen König gehörte. Eine Wolke nur ruhte auf ſeinem Schickſal und ſelbſt dieſe war von roſiger Farbe. Er würde, hieß es, ver⸗ liebten Charakters ſeyn und durch dieſe zärtliche Leiden⸗ ſchaft in große Gefahren gerathen; wenn er aber den Lockungen der Liebe bis zu ſeinem mannbaren Alter fern gehalten werden könnte, würden dieſe Gefahren abge⸗ wendet und ſein ſpäteres Leben eine ununterbrochene Bahn des Glückes ſeyn. Um alle Gefahren dieſer Art abzuwenden, beſchloß der König weiſe, den Prinzen in einer Einſamkeit erzie⸗ hen zu laſſen, wo er nie ein weibliches Antlitz ſehen, ja, ſelbſt den Namen Liebe nicht hören könnte. Zu die⸗ ſem Ende baute er einen ſchönen Palaſt auf dem Gipfel — 200— des Hügels jenſeits der Alhambra, inmitten entzückender Gärten, aber von hohen Mauern umgeben; dieß iſt in der That derſelbe Palaſt, den man heut zu Tag unter dem Namen Generalife kennt. In dieſen Palaſt wurde der junge Prinz eingeſperrt und der Bewachung und dem Unterricht von Eben Bonabben uͤbergeben, einem der gelehrteſten und ausgetrocknetſten der arabiſchen Weiſen, der den größten Theil ſeines Lebens in Aegypten mit dem Studium von Hieroglyphen und mit Nachfor⸗ ſchungen in den Gräbern und Pyramiden hingebracht hatte und mehr Reize in einer Mumie ſand, als in den verführeriſcheſten lebendigen Schönheiten. Der Weiſe erhielt den Befehl, den Prinzen in allen Arten von Kenntniſſen zu unterrichten, eine ausgenommen— er ſollte mit der Liebe gänzlich unbekannt bleiben.„Wende zu dieſem Zweck jede Vorſicht an, die dir nöthig ſcheint,“ ſagte der König,„allein bedenke, o Eben Bonnabben, wenn mein Sohn etwas von dieſem verbotenen Wiſſen lernt, ſo lange er unter deiner Pflege iſt, ſo ſollſt dn mit deinem Kopfe dafür büßen.“ Ein verwelktes Lächeln überflog das trockne Geſicht des weiſen Bonabben bei dieſer Drohung.„Möge dein königliches Herz ſo un⸗ beſorgt um deinen Sohn ſeyn, wie das meinige um mei⸗ nen Kopf iſt: ſehe ich wohl aus, wie jemand, der in der müßigen Liebe Unterricht gibt?“ Unter der wachſamen Sorge des Philoſophen wuchs der Prinz in der Emſamkeit des Palaſtes und ſeiner Gärten auf. Er hatte ſchwarze Sklaven zur Bedienung — ſtumme Scheuſale, die nichts von Liebe wußten, oder wenn es der Fall war, keine Worte hatten, es mitzu⸗ — 201= theilen. Seine geiſtige Ausbildung war die beſondere Sorge Eben Bonabben's, der ihn in die tiefſinnige Weis⸗ heit Aegyptens einzuweihen ſuchte; allein darin machte der Prinz kleine Fortſchritte und es war augenſcheinlich daß er keine Neigung zur Philoſophie hatte. Er war jedoch auffallend lenkſam für einen jungen Prinzen, bereit jedem Rath zu folgen und von dem letz⸗ ten Rathgeber ſtets geleitet. Er unterdrückte ſein Gäh⸗ nen und lauſchte geduldig den langen und gelehrten Re⸗ den Eben Bonnabben's, von welchem er ein wenig aus allen Zweigen des Wiſſens lernte und ſo ſein zwanzigſtes Jahr glucklich erreichte, ein Wunder prinzlicher Weis⸗ heit— allein mit der Liebe ganz unbekannt. Um dieſe Zeit aber änderte ſich das Benehmen des Prinzen. Er ließ ſeine Studien vollſtändig liegen und lief in dem Garten umher und ſaß nachdenkend an dem Rande der Brunnen. Unter ſeine verſchiedene Befähi⸗ gungen gehörte auch ein wenig Muſtk; ſie nahm jetzt einen Theil ſeiner Zeit hin und eine Neigung für Poeſte ward ſichtdar. Der weiſe Eben Bonabben erſchrack und bemühte ſich, ihm dieſe müßigen Launen mit einem ern⸗ ſten Vortrag über Algebra aus dem Kopfe zu bringen — allein der Prinz wandte ſich mit Abſchen von dieſer Wiſſenſchaft.„Ich kann die Algebra nicht ausſtehen,“ ſagte er:„ſie iſt mir ein Greuel. Ich muß etwas haben, das mir mehr zum Herzen ſpricht.“ Der weiſe Eben Bonabben ſchüttelte ſeinen trocknen Kopf bei dieſen Worten.„Hier iſt's mit der Philoſo⸗ phie aus,“ ſagte er;„der Prinz hat entdeckt, daß er ein Herz hat. Er hielt ſeinen Zoͤgling nun unter der -— 202— ſorgfältigſten Anfſicht und ſah, das die geheime Zärtlich⸗ keit ſeines Herzens in Thätigkeit war und nur eines Gegenſtandes bedurfte. Er wanderte in den Gärten des Generalife in einem Taumel der Gefäühle umher, deſſen Grund er nicht kannte. Zuweilen ſaß er in köſt⸗ liche Träume verloren; dann pflegte er ſeine Laute zu ergreifen, und ihr die rührendſten Töne zu entlocken und dann warf er ſie zur Seite und brach in Seufzer und Ausrufungen aus. Stufenweiſe dehnte ſich dieſe liebende Neigung auf unbelebte Gegenſtände aus; er hatte ſeine Lieblingsblu⸗ men, die er mit zärtlichem Eifer pflegte; dann ward er manchfachen Bäumen zugethan und vorzüglich au einen von anmuthiger Form und ſchmachtendem Laub verſchwen⸗ dete er ſeine verliebte Inbrunſt, indem er ſeinen Namen in ſeine Rinde ſchnitt, Blumen an ſeine Aeſte hängte und zu ſeinem Lobe Lieder ſang, die er mit ſeiner Harfe begleitete. Der weiſe Eben Bonabben war über dieſen aufge⸗ regten Zuſtand ſeines Zöglings erſchreckt. Er ſah ihn an dem Rand des verbotenen Wiſſens— der kleinſte Wink konnte ihm das unglückliche Geheimniß enthüllen. Das Wohl des Prinzen und die Sicherheit ſeines eige⸗ nen Kopfes machten ihn zittern und er eilte, ihn den Verführungen des Gartens zu entziehen und ſchloß ihn in den höchſten Thurm des Generalife ein. Dieſer ent⸗ hielt ſchöne Gemächer und hatte eine faſt grenzenloſe Ausſicht, allein er lag weit über jener Atmoſphäre der Schönen und jener bezaubernden Lauben, die den Ge⸗ — 203— fühlen des allzu empfänglichen Ahmed ſo gefährlich waren. Was war aber zu thun, um ihn mit dieſem Zwange auszuſöhnen und die trägen Stunden hinzubringen? Er hatte alle Arten angenehmer Kenntniſſe erſchöpft, und der Algebra durfte nicht erwähnt werden. Glücklicher⸗ weiſe war Eben Bonabben, als er in Aegypten reißte, in der Sprache der Vögel von einem jüdiſchen Rabbiner unterrichtet worden, welcher dieſe Wiſſenſchaft in grader Linie von Salomon dem Weiſen hatte, dem die Königin von Seba darin Unterricht gegeben hatte. Als eines ſolchen Studiums nur erwähnt wurde, funkelten die Au⸗ gen des Prinzen vor Freude und er betrieb daſſelbe mit einer ſolchen Wißbegier, daß er es ſo weit brachte, wie ſein Lehrer. Der Thurm des Genueralife war fortan keine Ein⸗ ſamkeit mehr; er hatte Gefäͤhrten zur Hand, mit denen er verkehren konnte. Seine erſte Bekanntſchaft war ein Habicht, welcher ſein Neſt in einer Spalte der hohen Zinnen gebaut hatte, von wannen er weit und breit nach Beute ausflog. Der Prinz fand aber wenig oder nichts an ihm zu achten. Er war ein bloßer Pirate der Luft, großthuend und prahleriſch und ſein Geſchwätz drehte ſich nur um Raub, Muth und verzweifelte Thaten. Seine nächſte Bekanntſchaft war eine Enle, ein mächtig weiſe ausſehender Vogel, mit einem großen Kopf und ſtarren Augen, der den ganzen Tag blinzelnd und glotzend in einem Mauerloche ſaß, aber des Nachts ausflog. Er machte große Anſprüche auf Weisheit, ſprach etwas über Aſtrologie und den Mond und ließ — 204— Winke über geheime Wiſſenſchaften fallen; allein er war der Metaphyſik ſchmählich ergeben und der Prinz fand ſein Geſchwätz noch langweiliger als das des Eben Bo⸗ nabben.— Dann fand ſich eine Fledermaus, die den ganzen Tag an ihren Beinen in der dunkeln Ecke eines Gewöl⸗ bes hing, aber mit dem Zwielicht im Schlarren⸗ Style ausflog. Sie hatte aber über alle Gegenſtände nur Zwie⸗ lichtsideen, verſpottete Dinge, von denen ſte nur unvoll⸗ kommene Kenntniſſe hatte und ſchien an nichts Freude zu haben. Außer dieſen war auch eine Schwalbe da, von wel⸗ cher der Prinz anfangs ſehr eingenommen war. Sie hatte ein gutes Mundwerk, war aber ruhlos, lärmend und immer auf den Flügeln; ſelten blieb ſie lange genug zu einer fortgeſetzten Unterhaltung. Es fand ſich zuletzt, daß ſie eine bloße Schwägerin war, die nur über die Oberfläche der Dinge hinſtreifte, alles zu wiſſen vorgab, aber nichts gründlich wußte. Dies waren die einzigen gefiederten Freunde, mit welchen der Prinz Gelegenheit hatte, die neu erlernte Sprache zu üben; der Thurm war zu hoch, als daß die andern Vögel ihn hätten beſuchen können. Er wurde ſei⸗ ner neuen Freunde bald müde, deren Unterhaltung ſo wenig zu ſeinem Kopfe und gar nicht zu ſeinem Herzen ſprach; allmählig verfiel er wieder in ſeine Einſamkeit. Ein Winter verging, der Frühling erſchloß alle ſeine Blüthen, ſein Grün und ſeine duftige Süße und die glückliche Zeit kam, wo ſich die Vögel paaren und ihre Neſter bauen. Gleichſam in Einem Augenblick erſcholl 4 ein allgemeiner Ausbruch von Geſang und Melodie in den Lauben und Gäͤrten des Generalife und erreichte den Prinzen in der Einſamkeit ſeines Thurmes. Von allen Seiten hörte er daſſelbe allgemeine Wort— Liebe— Liebe— Liebe— in allen Tönen und Weiſen ſingen und beantworten. Schweigend und verwirrt lauſchte der Prinz.„Was mag dieſe Liebe ſeyn,“ dachte er,„von welcher die Welt ſo voll ſcheint und von der ich nichts weiß?“ Er wandte ſich an ſeinen Freund, den Habicht, um ſich belehren zu laſſen. Der wüſte Vogel antwortete in verächtlichem Tone:„du mußt dich an die gemeinen friedlichen Vögel der Erde drunten wenden, welche ge⸗ ſchaffen ſind, uns Fürſten der Luft zur Beute zu dienen. Mein Gewerbe iſt der Krieg und der Kampf meine Freude. Mit einem Worte, ich bin ein Krieger und weiß nichts von einem Dinge, das man Liebe heißt.“ Der Prinz wandte ſich mit Abſchen von ihm und ſuchte die Eule in ihrem Loche auf.„Dies iſt ein Vo⸗ gel von friedlichen Sitten,“ ſagte er,„und kann wohl meine Frage beantworten.“ So bat er dann die Eule um Auskunft, was dieſe Liebe ſey, von welcher alle Vö⸗ gel in den Gebüſchen drunten ſaͤngen. Die Eule aber nahm eine Miene beleidigter Würde an:„Meine Nächte,“ ſagte ſte,„ſind dem Studium und Forſchen geweiht und meine Tage dem Nachdenken in meiner Zelle über alles, was ich gelernt habe. Was dieſe Singvögel betrifft, von denen du ſprichſt, ſo höre ich nie auf ſte— ich verachte ſte und ihre Worte. Al⸗ lah ſey gelobt, ich kann nicht ſingen; ich bin ein Philo⸗ — 206— ſoph und weiß nichts von dieſem Dinge, das Liebe ge⸗ nannt wird.“— Der Prinz begab ſich nun zu dem Gewölbe, wo ſeine Freundin, die Fledermaus, an den Beinen hing, und trug ihr dieſelbe Frage vor. Die Fledermaus zog ihre Naſe mit einem höchſt verdrießlichen Ausdruck em⸗ por.„Warum ſtörſt du mich in meinem Morgenſchlaf mit einer ſolchen müſſigen Frage?“ verſetzte ſie grämlich. „Ich fliege nur in der Dämmerung umher, wenn alle Vögel ſchlafen und bekümmere mich nicht um ihr Trei⸗ ben. Ich bin weder Vogel noch Säugthier und danke dem Himmel dafür. Ich habe ſie alle als Schurken kennen gelernt und haſſe die einen, wie die andern. Mit einem Wort, ich bin ein Miſanthrop— und weiß nichts von dem Ding, das Liebe genannt wird.“ Die letzte Zuflucht des Prinzen war jetzt die Schwalbe: er ſuchte ſie auf und hielt ſie an, als ſie eben die Zin⸗ nen des Thurmes umkreiſ'te. Die Schwalbe war, wie gewöhnlich, in einer mächtigen Eile und hatte kaum Zeit zu antworten.„Auf mein Wort,“ ſagte ſie,„ich habe ſo viele öffentliche Geſchäfte und muß ſo vielen Arbeiten obliegen, daß ich keine Zeit habe, über die Sache nach⸗ zudenken. Ich habe täglich tauſend Beſuche zu machen und tauſend wichtige Geſchäfte zu beſorgen, ſo daß ich nicht einen Angenblick Muße für dieſe kleinen Sing⸗ Sang⸗Geſchichten habe. Mit einem Wort, ich bin ein Weltbürger— ich weiß nichts von dem Dinge, das Liebe genannt wird.“ Bei dieſen Worten ſchoß die Schwalbe in das Thal hinab und war augenblicklich aus dem Blicke verſchwunden. — 207— Der Prinz ſtand getänſcht und verwirrt da; aber ſeine Neugier war durch die Schwierigkeit, ſie zu befrie⸗ digen, nur reger geworden. Während er in dieſer Stim⸗ mung war, trat ſein alter Huͤter in den Thurm. Der Prinz trat ihm lebendig entgegen.„O weiſer Eben Bonabben,“ rief er:„du haſt mir vieles Wiſſen der Erde enthüllt; aber es gibt einen Gegenſtand, über den ich in der tiefſten Unwiſſenheit bin und gern belehrt wäre.“ „Mein Prinz hat nur die Frage vorzulegen und al⸗ les in dem beſchränkten Kreiſe des Verſtandes ſeines Dieners iſt zu ſeinem Befehl.“ „So ſage mir denn, du Ausbund von Weisheit, was iſt das Weſen des Dinges, das man Liebe nennt?“ Der weiſe Eben Bonabben war wie von einem Don⸗ nerkeil getroffen. Er zitterte und erblaßte und es war ihm, als ſäße ſein Kopf ganz locker auf den Schultern. „Was konnte meinen Prinzen zu einer ſolchen Frage verleiten?— wo mag er ein ſo müſſiges Wort gehört haben?“ Der Prinz führte ihn an das Thurmfenſter.„Höre, o Eben Bonabben!“ ſagte er. Der Weiſe lauſchte. Die Nachtigal ſaß in einem Dickicht unten am Thurm und ſang ihrer geliebten Roſe; aus jedem blühenden Zweig und jeder duftigen Laube ſtiegen melodiſche Töne empor und Liebe— Liebe— Liebe war der ſtets wiederkeh⸗ rende Ton. „Allah Akbar! Gott iſt groß!“ rief der weiſe Bo⸗ nabben:„wer kann ſich anmaßen, dieſes Geheimniß dem Herzen des Menſcheu vorenthalten zu wollen, wennkſich — 208— ſelbſt die Vögel der Luft vereinigen, es zu ver⸗ rathen?“ Darauf wandte er ſich zu Ahmed und ſagte:„O mein Prinz! Schließe dein Ohr dieſem verführeriſchen Klange! Verhülle deinen Geiſt dieſem gefährlichen Wiſ⸗ ſen. Wiſſe, dieſe Liebe iſt die Urſache der Hälfte aller Uebel der unglücklichen Menſchheit. Sie iſt's, die Bit⸗ terkeit und Streit zwiſchen Brüdern und Freunden er⸗ zeugt, verrätheriſchen Mord und verheerenden Krieg ge⸗ biert. Kummer und Sorgen, öde Tage und ſchlafloſe Nächte ſind ihr Gefolge. Sie zerſtört die Blüthe und vergiftet die Freuden der Jugend und bringt die Uebel und die Wehen des vorzeitigen Alters herbei. Allah er⸗ halte dich, mein Prinz, in gänzlicher Unwiſſenheit über dieſes Ding, das Liebe genannt wird.“ Der weiſe Bonabben zog ſich eilig zurück und ließ den Prinzen in nur noch größerer Verwirrung zurück. Vergebens verſuchte er, ſich die Sache aus dem Sinn zu ſchlagen; ſte blieb ſtets oben auf in ſeinen Gedanken und quälte und erſchöpfte ihn mit eiteln Vermuthungen.„Ge⸗ wiß,“ ſagte er ſich, als er dem melodiſchen Geſang der Vögel lauſchte:„es iſt kein Kummer in dieſen Tönen: alles ſcheint Zärtlichkeit und Freude! Wenn die Liebe ſo viel Unglück und Streit erzeugt, warum ſchmachten dieſe Vögel nicht in der Einſamkeit, oder zerreißen einander in Stücken, ſtatt fröhlich in den Büſchen umher zu flattern und mit einander in den Blumen zu ſpielen?“— Er lag eines Morgens auf ſeinem Lager und ſann über dieſen unerklärlichen Gegenſtand nach. Das Fen⸗ ſter ſeines Gemaches war offen, um den ſanften Mor⸗ — 299— genwind herein zu laſſen, der beladen mit dem Dufte der Orangenblüthen aus dem Darrothal herauf kam. Die Stimme der Nachtigal, ſtets die gewohnten Töne ſingend, wurde ſchwach gehört. Waͤhrend der Prinz lauſchte und ſeufzte, entſtand ein plötzliches Rauſchen in der Luft; eine ſchöne Tanbe, von einem Habicht ver⸗ folgt, ſchoß in das Fenſter und ſiel keuchend auf den Bo⸗ den, während der Verfolger, ſeiner Beute baar, zu den Bergen hinüberſtrich Der Prinz nahm den ſchwer athmenden Vogel auf, glättete ſein Geſieder und koßte ihn an ſeinem Buſen. Als er ihn durch ſeine Liebkoſungen beruhigt hatte, ſetzte er ihn in einen goldnen Käfig und bot ihm mit eigenen Händen das weißeſte und ſchönſte Waizenbrod und das reinſte Waſſer. Der Vogel aber wollte nichts freſſen und ſaß ſchmachtend und gramvoll da und ſtieß jam⸗ mernde Seufzer aus. „Was fehlt dir?“ ſagte Ahmed:„Haſt du nicht alles, was dein Herz wünſchen kann?“ „Ach, nein!“ erwiederte die Taube:„bin ich nicht von dem Freunde meines Herzens getrennt, und noch dazu in der Frühlingszeit, der wahren Zeit der Liebe?“ „Der Liebe!“ wiederholte Ahmed:„ich bitte dich, mein hübſches Thierchen, kannſt du mir ſagen, was Liebe iſt 2 „Zu gut kann ich dies, mein Prinz. Sie iſt die OQual von einem, das Glück von zweien, der Streit und die Feindſchaft von dreien. Sie iſt ein Zanber, welcher zwei Weſen mit einander verbindet und ſte durch köſt⸗ liches Gleichgefühl vereinigt, ihr Zuſammenſeyn zum 44— 47. 14 — 210— Glück, ihre Trennung zum Unglück machend. Gibt es kein Weſen, zu welchem du durch dieſe Bande zaͤrtlicher Neigung hingezogen wirſt 2, „Ich liebe meinen alten Lehrer, Eben Bonabben, mehr als irgend ein anderes Weſen; allein er iſt oft langweilig und ich fühle mich manchmal glücklicher ohne ſeine Geſellſchaft.“ 8 „Dies iſt nicht das Gleichgefühl, welches ich meine. Ich ſpreche von der Liebe, dem großen Geheimniß und Prinzip des Lebens; der berauſchenden Jugendluſt, der nüchternen Freude des Alters. Blick hinaus, mein Prinz, und ſieh, wie voller Liebe die ganze Natur in dieſer glücklichen Jahreszeit iſt. Jedes geſchaffene Weſen hat ſeinen Geſpielen; der unbedeutendſte Vogel ſingt ſeiner Buhlin; ſelbſt der Käfer wirbt um ſein Weibchen im Staub, und jene Schmetterlinge, die du hoch über dem Thurm flattern und in der Luft ſpielen ſiehſt, ſind glück⸗ lich in ihrer gegenſeitigen Liebe. Ach, mein Prinz, haſt du ſo viele der köſtlichen Jugendtage verlebt, ohne etwas von Liebe zu wiſſen? Gibt es kein holdes Weſen des andern Geſchlechtes— keine ſchöne Prinzeſſin oder lieb⸗ liches Fräulein, die dein Herz gefeſſelt und deine Bruſt mit einem ſanften Sturm ſüßer Pein und zärtlicher Wünſche erfüllt hat?“ „Ich fange an zu verſtehen,“ ſagte der Prinz ſeuf⸗ zend:„ſolch einen Sturm habe ich mehr als einmal ge⸗ fühlt, ohne den Grund zu kennen;— und wo ſoll ich in dieſer öden Einſamkeit einen Gegenſtand ſuchen, wie du ihn beſchreibſt?“. Die Unterhaltung wurde noch einen Augenblick fort⸗ — 211— geſetzt und die erſte Liebeslection des Prinzen war ge⸗ ſchloſſen. „Ach,“ fagte er,„wenn die Liebe wirklich eine ſolche Wonne, und ihre Unterbrechung ſolch ein Elend iſt, ſo verhüte Allah, daß ich die Freude irgend eines ihrer Verehrer ſtöre!“ Er öffnete den Käfig, nahm die Tanbe heraus und trug ſie, nachdem er ſie zartlich geküßt hatte, an's Fenſter.„Gehe, glücklicher Vogel,“ ſagte er,„freue dich des Freundes deines Herzens in den Tagen der Ju⸗ gend und der Fruͤhlingszeit. Warum ſoll ich dich zum Mitgefangenen in dieſem öden Thurme machen, in wel⸗ chem die Liebe nie eintreten kann?“ Die Taube öffnete ihre Flügel mit Entzücken, ſchoß mit Einem Schwung in die Luft und ſenkte ſich dann auf ziſchenden Fittigen in die blühenden Laubengehänge am Darro. Der Prinz folgte ihr mit den Augen und gab nun ditterm Unwillen Raum. Das Singen der Vögel, das ihn fonſt ergoͤtzte, vermehrte jetzt ſeine Bitterkeit. Liebe! Liebe! Liebe! Ach, armer Jüngling, er verſtand jetzt die Töne! Seine Augen ſprühten Feuer, als er den weiſen Bo⸗ nabben zuerſt wieder ſah.„Warum haſt du mich in die⸗ fer tiefen Unwiſſenheit gelaſſen?“ rief er.„Warum iſt mir das große Geheimniß und Prinzip des Lebens vor⸗ enthalten worden, in welchem ich das kleinſte Inſekt ſo bewandert finde? Sieh, die ganze Natnr iſt in einem Taumel der Luſt. Jedes geſchaffene Weſen erfreut ſich ſeines Geſpielen. Dies— dies iſt die Liebe, in welcher ich unterrichtet ſeyn wollte. Warum bin ich allein von 14* — 212— ihren Freuden ausgeſchloſſene Warum iſt ein ſo großer Theil meiner Jugend ohne die Keuntniß ihrer Freuden vergendet worden?“ Der weiſe Bonabben ſah, daß alle fernere Zurück⸗ haltung nutzlos war; denn der Prinz hatte die gefährliche und verbotene Kenntniß erlangt. Er enthüllte ihm da⸗ her die Vorherſagung der Aſtrologen und die Vorſicht, welche man bei ſeiner Erziehung angewendet hatte, um dies gedrohte Unheil abzuwenden.„ Und nun, mein Prinz,“ ſetzte er hinzu, niſt mein Leben in deinen Hän⸗ den. Wenn dein Vater entdeckt, daß du die Leidenſchaft der Liebe kennen gelernt, während du unter meiner Auf⸗ ſicht warſt, ſo muß mein Kopf dafür büßen.“ Deer Prinz war ſo vernünftig wie ein guter Theil junger Lente ſeines Alters und hörte gern auf die Vor⸗ ſtellungen ſeines Führers, da nichts gegen dieſelben ſprach. Ueberdies war er dem weiſen Bonabben wirklich zuge⸗ than und da er bis jetzt nur theoretiſch von der Leiden⸗ ſchaft der Liebe unterrichtet war, ſo willigte er ein, die Kenntniß derſelben lieber bei ſich zu bewahren, als den Kopf des Philoſophen in Gefahr zu bringen. 3 Seine Großmuth ſollte aber auf weitere Proben ge⸗ ſtellt werden. Als er einige Morgen darauf auf den Zinnen des Thurmes ſinnend umherging, kreiſte die Taube, der er die Freiheit wieder gegeben hatte, über ihm in der Luft und ließ ſich furchtlos auf ſeine Schul⸗ ter nieder.. Der Prinz drückte ſte an ſein Herz.„Glücklicher Vogel,“ ſagte er,„der ſo zu ſagen auf den Schwingen — 2183— des Morgens zu den äußerſten Theilen der Erde fliegen kann. Wo warſt du, ſeit wir ſchieden?“ „In einem weiten Lande, mein Prinz, von wannen ich dir zum Lohn für meine Freiheit Nachricht bringe. In meinem wilden Flug, der über Berge und Ebenen dahin geht, hob ich mich in die Luft und ſah unter mir einen köſtlichen Garten mit allen Arten von Früchten und Blumen. Er lag in einer grünen Aue, an den Ufern eines ſchlängelnden Fluſſes; und in der Mitte des Gar⸗ tens war ein prächtiger Palaſt. Ich ließ mich in eine der Baumgruppen nieder, um nach einem mühſamen Fluge auszuruhen. An dem Ufer unter mir war eine junge Prinzeſſin, in der erſten Lieblichkeit und Blüthe ihrer Jahre. Sie war von weiblichen Dienerinnen, jung, wie ſie, umgeben, die ſie mit Blumenkronen und Krän⸗ zen ſchmückten; aber keine Blume des Feldes oder des Gartens konnte mit ihr an Holdſeligkeit verglichen wer⸗ den. Allein ſie blühte hier in geheimem, denn der Gar⸗ ten war von hohen Mauern umgeben und kein Sterbli⸗ cher durfte eintreten. Als ich dieſe ſchöne Maid ſah, ſo jung, ſo unſchuldig, ſo unbefleckt von der Welt, dachte ich, hier ſey ein Weſen, das der Himmel geſchaffen habe, meinem Prinzen Liebe einzuflößen.“ Die Erzählung war ein Feuerfunken in das brenn⸗ bare Herz Ahmed's. Alt die ſtille Liebesſehnſucht ſeines Weſens hatte plötzlich einen Gegenſtand gefunden, und er kaßte eine unermeßliche Leidenſchaft für die Prinzeſſin. Er ſchrieb einen in der leidenſchaftlichſten Sprache abge⸗ faßten Brief, der ſeine glühende Liebe athmete, aber die unglöckliche Gefangenſchaft ſeiner Perſon beklagte, welche ihn abhielt, ſie aufzuſuchen und ſich zu ihren Füßen zu werfen. Er legte Strophen voll der zärtlichſten und rührendſten Beredſamkeit bei; denn er war von Natur ein Dichter und von Liebe begeiſtert. Er überſchrieb ſeinen Brief—„An die unbekannte Schönheit, von dem gefangenen Prinzen Ahmed;“ er durchdüftete ihn mit Moſchus und Roſen und gab ihn der Taube. „Fort, treueſter der Boten!“ ſagte er.„Fliege über Berg und Thal, über Fluß und Ebene; ruhe nicht im Laub, ſetze deinen Fuß nicht auf die Erde, ehe du die⸗ ſen Brief der Herrin meines Herzens gegeben haſt.“ Die Taube ſchwebte hoch in die Luft empor, er ſah ihren Weg und ſchoß in einer graden Richtung davon. Der Prinz folgte ihr mit den Augen, bis ſie ein bloßer Punkt an einer Wolke war und allmählig hinter einem Berg verſchwand. Tag um Tag harrte er auf die Rückkehr des Liebes⸗ boten, aber vergeblich. Er fing an, ihn der Vergeßlich⸗ keit anzuklagen, als eines Abends gegen Sonnenunter⸗ gang der treue Vogel in ſein Gemach flatterte, zu ſeinen Füßen ſiel und ſtarb. Der Pfeil eines muthwilligen Bo⸗ genſchützen hatte ſeine Bruſt durchbohrt, doch hatte er noch ſeine letzte Lebenskraft aufgeboten, um ſeine Bot⸗ ſchaft auszurichten. Wie der Prinz ſich kummervoll über dieſen holden Martyr der Treue beugte, ſah er eine Per⸗ lenſchnur um ſeinen Hals, an welche unter dem Flügel ein kleines Bild in Email befeſtigt war. Es ſtellte eine holde Prinzeſſin, in der erſten Blüthe des Lebens, dar. Es war ohne allen Zweifel die unbekannte Schönheit des Gartens; aber wer und wo war ſie— wie hatte ſte ſeinen Brief aufgenommen und wurde dieſes Gemälde als ein Zeichen ihrer Billigung ſeiner Leidenſchaft ge⸗ ſendet? Unglücklicher Weiſe ließ der Tod der treuen Taube alles in Geheimniß und Zweifel. Der Prinz blickte auf das Gemälde, bis ſeine Augen in Thränen ſchwammen. Er drückte es an ſeine Lippen, an ſein Herz; er ſaß Stunden lang, und betrachtete es, faſt in einem Todeskampf der Zärtlichkeit.«Schönes Bild!“ ſagte er:«ach, du biſt nur ein Bild! Aber deine thauigen Augen glänzen zärtlich auf mich; dieſe roſigen Lippen ſcheinen Ermuthigung auszuſprechen. Eitle Träume! haben ſie nicht einem glücklichern Nebenbuhler eben ſo gelächelt? Aber wo in der weiten Welt kann ich hoffen, das Original zu finden? Wer weiß, welche Gebirge, welche Reiche uns trennen,— welche Unfälle eintreten können! Vielleicht ſammeln ſich jetzt, eben jetzt Anbeter um ſie, während ich als ein Gefangener hier in einem Thurme ſitze, und meine Zeit mit der Anbetung eines gemalten Schattens verliere.» Der Entſchluß des Prinzen Ahmed war gefaßt. Ich will aus dieſem Palaſte fliehen,» ſagte er, ader ein verhaß⸗ tes Gefängniß geworden iſt, und will als ein Liebespilger dieſe unbekannte Prinzeſſin in der ganzen Welt ſuchen.⸗ Während des Tags, wenn alles wach war, aus dem Thurm zu fliehen, war ſchwierig; aber des Nachts war der Palaſt nur unbedeutend bewacht, denn niemand fürchtete irgend einen Verſuch der Art von dem Prin⸗ zen, der immer in ſeiner Gefangenſchaft ſich ſo leidend verhielt. Wie aber ſollte er ſich bei dieſer näͤchtlichen Flacht zurecht finden, da er die Gegend nicht kannte! 216— Die Eule ſiel ihm ein, die gewöhnt war, des Nachts umher zu ſtreifen, und jeden Nebenweg, jeden geheimen Gang kennen mußte. Er ſuchte ſie in ihrer Einſiedelei auf, und fragte ſie hinſichtlich ihrer Kenntniß des Lan⸗ des. Darauf nahm die Eule ein mächtig wichtiges We⸗ ſen an, und ſagte:«adu mußt wiſſen, o Prinz, daß wir Eulen von einer ſehr alten und ausgebreiteten Familte ſind, obgleich ſte vielleicht etwas in Verfall kam, und daß wir in allen Theilen Spaniens zertrümmerte Schlöf⸗ ſer und Paläſte beſitzen. Es iſt kaum ein Thurm auf dieſen Bergen, oder eine Veſte in den Ebenen, oder eine alte Burg in der Stadt, in welcher nicht irgend ein Oheim oder ein Vetter wohnt; indem ich nun dieſe meine zahlreiche Verwandtſchaft zu beſuchen die Runde machte, habe ich in jede Ecke und in jeden Winkel ge⸗ ſchaut, und mich mit allen Geheimniſſen des Landes ver⸗ traut gemacht.“ Der Prinz war überfroh, die Eule in der Ortskunde ſo tief bewandert zu finden, und vertraute ihr unn ſeine zärtliche Leidenſchaft und ſeine beabſich⸗ tigte Entweichung an, und drang in ſle, ihn auf der Reiſe zu begleiten, und mit ihrem Rath zu unterſtützen. „Warlich!o ſagte die Eule mit einem unfreundlichen Blicke:«bin ich ein Vogel, der ſich mit Liebeshändeln befaßt? ich, deren Zeit dem Nachdenken und dem Mond geweiht iſt?“ «Sey nicht bös, höchſt ehrwürdige Enle,“» verſetzte der Prinz, centziehe dich eine Weile dem Mond und dem Nachdenken, und ſey mir bei meiner Flucht behülf⸗ lich, und du ſollſt haben, was dein Herz wünſchen kann.⸗ Das habe ich bereits,» ſagte die Eule,„einig — 217— Mäuſe reichen für meinen frugalen Tiſch hin, und dieſe Mauerhöhle iſt geräumig genug für meine Studien, und was verlangt ein Philoſoph, wie ich, mehr 25 „Bedenke, weiſeſte Eule! Während du in deiner Zelle die Augen verdrehſt und den Mond anſtarrſt, gehen alle deine Geiſtesgaben für die Welt verloren. Ich werde eines Tages gebietender Fürſt, und kauu dich zu irgend einer Stelle von Ehre und Rang be⸗ fördern.⸗ Obſchon der Vogel ein Philoſoph und äber die ge⸗ wöhnlichen Bedürfniſſe des Lebens erhaben war, ſo war er doch nicht ohne Ehrgeiz; ſo wurde er denn endlich dahin gebracht, mit dem Prinzen zu fliehen, und ſein Führer und Mentor bei dieſer Pilgerſchaft zu werden. Die Pläne eines Liehabers ſind ſchnell ausgeführt. Der Prinz nahm alle ſeine Juwelen zuſammen, und ver⸗ barg ſie zur Beſtreitung der Reiſekoſten in ſeinem Ge⸗ wand. Noch in dieſer Nacht ließ er ſich an ſeiner Schärpe von einem Balkon des Thurms, kletterte über die Außenmauer des Geueralife, und entfloh, von der Eule geführt, noch vor Anbruch des Morgens in das Gebirge. Er hielt mit ſeinem Führer Rath über ſeinen künf⸗ tigen Weg. „⸗Wenn ich rathen darf,» ſagte die Eule, aſv em⸗ pfehle ich, nach Sevilla zu gehen. Du mußt wiſſen, daß ich vor vielen Jahren einen Oheim beſuchte, einen Vogel von hohem Rang und Anſehen, der dort in einem zerfallenen Winkel des Alcazar wohnt. Bei meinen nächtlichen Streifereien uͤber der Stadt bemerkte ich häufig ein Licht, das in einem einſamen Thurme brannte. Endlich ließ ich mich auf die Zinnen nieder, und fand, daß es von der Lampe eines arabiſchen Zauberers aus⸗ ging; er war von ſeinen magiſchen Büchern umgeben, und auf ſeiner Schulter ſaß ſein Vertrauter, ein alter Rabe, der mit ihm aus Aegypten gekommen war. Ich bin mit dieſem Raben bekannt, und ſchulde ihm einen großen Theil der Kenntniſſe, die ich beſitze. Der Zau⸗ berer iſt ſeitdem geſtorben, aber der Rabe bewohnt den Tyurm noch, denn dieſe Vögel haben ein wunderbar langes Leben. Ich rathe dir, o Prinz, dieſen Raben auf⸗ zuſuchen, denn er iſt ein Wahrſager und Beſchwörer, und treibt die Schwarzkunſt, derentwegen alle Raben, und beſonders die Aegyptens, berühmt ſind.» Die Weisheit dieſes Rathes drang ſich dem Prin⸗ zen auf, und er nahm demnach ſeinen Weg nach Se⸗ villa. Seinem Gefährten zu Gefallen reiſte er nur des Nachts, und hielt während des Tags in irgend einer dunkeln Höhle oder zerfallenen Warte an, denn die Eule kannte jeden Schlupfwinkel dieſer Art, und hatte einen höchſt antiquariſchen Geſchmack an Rninen. Endlich erreichten ſie eines Morgens bei Tagesan⸗ bruch die Stadt Sevilla, wo die Eule, welche den Glanz und das Lärmen der überfüllten Straßen haßte, vor dem Thore anhielt, und ihre Wohnung in einem hohlen Baume nahm. Der Prinz trat in das Thor, und fand alsbald den magiſchen Thurm, der über die Häuſer der Stadt em⸗ porſtieg, wie ein Palmbaum ſich über das Buſchwerk der Wüſte erhebe; es war in der That derſelbe Thurm, der — 219— heute noch ſteht, und als die Giralda, der berühmte mauriſche Thurm von Sevilla, bekannt iſt. Der Prinz ſtieg auf einer hohen Wendeltreppe zu den Zinnen des Thurms empor, wo er den cabaliſtiſchen Raben fand— einen alten, geheimnißvollen, granköpfigen Vogel, mit ſtruppigem Gefieder, und mit einer Haut über dem Auge, welche ihm den ſtarren Blick eines Ge⸗ ſpenſtes gab. Er ſaß auf dem einen Bein, drehte ſeinen Kopf auf die eine Seite, und prüfte mit dem einen ihm bleibenden Auge eine Figur, welche auf das Pflaſter ge⸗ zeichnet war. 4 Der Prinz näͤherte ſich ihm mit der Ehrfurcht und Scheu, welche ihm ſein ehrwürdiges Ausſehen und ſeine übernatürliche Weisheit einflößte. Vergib mir, alter und nächtlich weiſer Rabe,v rief er aus,«wenn ich einen Augenblick dieſe Studien, welche die Bewunderung der Welt ausmachen, unterbreche. Du ſtehſt einen Jünger der Liebe vor dir, welcher gern deinen Rath hören möchte, wie er zu dem Gegenſtand ſeiner Leidenſchaft gelangen könnte.» „Mit andern Worten,n» ſagte der Rabe mit einem bedeutungsvollen Blick,«du willſt meine Geſchicklichkeit in der Chiromantie erproben. Komm, zeige mir deine Hand, und laß mich die geheimnißvollen Glückslinien entziffern.⸗ « Entſchuldige,» verſetzte der Prinz, ich komme nicht, in die Beſchluͤſſe des Schickſals zu ſchauen, die Allah vor dem Auge der Sterblichen verhüllt hat; ich bin ein Pilger der Liebe, und will nur den Faden zu dem Gegenſtand meiner Pilgerſchaft finden.⸗ — 220— aUnd kannſt du in dem liebereichen Andaluſten um einen Gegenſtand verlegen ſeyn?“» ſagte der alte Rabe, mit ſeinem einen Auge ihn anſchielend;«vor allem kaunſt du in dem üppigen Sevilla in Verlegenheit ſeyn, wo⸗ ſchwarzäugige Mägdlein die Zambra unter allen Oran⸗ gen tanzen 25 Der Prinz erroͤthete, und ſtaunte einigermaßen, einen alten Vogel, mit der einen Kralle im Grabe, ſo locker ſprechen zu hören⸗„Glaube mir„ſagte er ernſt, cich bin auf keiner ſo leichten und luftigen Fahrt, wie du mir zumutheſt. Die ſchwarzäugigen Mäsdlein An⸗ daluſtens, die unter den Orangen des Quadalquivir tan⸗ zen, kümmern mich nicht. Ich ſuche eine unbekannte aber makelloſe Schönheit, das Vorbild zu dieſem Ge⸗ mälde; und ich bitte dich, höchſt mächtiger Raba, ſage mir, wenn es in dem Umfang deines Wiſſens und in dem Bereich deiner Kunſt liegt, wo ich ſie finden kann.“ Der grauköpfige Rabe fand ſich durch den Ernſt des Prinzen getroffen.. „Was weiß ich,» erwiederte er trocken, avon Iu⸗ gend und Schönheit? Meine Beſuche gelten dem Al⸗ ten und Verwitterten, nicht dem Friſchen und Schönen. Des Schickſals Bote bin ich, und krächze das Zeichen des Todes von der Schornſteinſpitze, und ſchlage meine Flügel an des Kranken Fenſter. Du mußt anderswo Nachrichten über deine unbekannte Schönheit ſuchen. .„ Und wo anders ſoll ich ſuchen, als bei den Soͤh⸗ nen der Weisheit, die im Buche des Verhängniſſes be⸗ mandert ſind? Ich bin ein Königsſohn, von den Ster, nen zu einem geheimnißvollen Unternehmen, don weſchem — 221— das Schickſal von Reichen abhängen kann, beſtimmt und ausgeſendet.» Als der Rabe hörte, daß es eine Sache von der höchſten Wichtigkeit ſey, an welche ſich die Theilnahme der Sterne knüpfe, änderte er Sprache und Benehmen, und lauſchte der Geſchichte des Prinzen mit hoher Auf⸗ merkſamkeit. Als dieſer geſchloſſen hatte, verſetzte er: „Was dieſe Prinzeſſin betrifft, ſo kann ich ſelbſt dir keine Nachricht geben, denn ich fliege nur um die Gär⸗ ten und Lauben der Frauen; allein gehe nach Cordova, ſuche den Palmbaum des großen Abderahman auf, der in dem Hofe der Hauptmoſchee ſteht; am Fuße deſſel⸗ ben wirſt du einen berühmten Reiſenden finden, der alle Länder und Höfe beſucht hat, und ein Liebling bei Kö⸗ niginnen und Prinzeſſinnen war. Er wird dir Kunde über den Gegenſtand deines Nachforſchens geben.⸗“ Vielen Dank für dieſen köſtlichen Nachweis,» ſagte der Prinz; alebe wohl, ehrwürdigſter Zauberer." „Lebe wohl, Pilger der Liebe!» ſagte der Rube trocken, und kegann wieder über die Figur nachzugrübeln. Der Prinz verließ ſofort Sevilla, ſuchte ſeinen Rei⸗ ſefährten, der noch in dem hohlen Baum die Augen ver⸗ drehte, und reiſte nach Cordova ab. Hängenden Gärten, Orangen⸗ und Citronen⸗Wäld⸗ chen entlang, welche das ſchöne Quadalquivirthal über⸗ ſchauen, nahten ſie der Stadt. Als ſie an dem Thore ankamen, flog die Eule in ein dunkles Loch in der Mauer hinauf, und der Prinz ging weiter, um den Palmbaum aufzuſuchen, den der große Abderahman in uralten Zei⸗ ten gepflanzt hatte. Er ſtand in der Mitte des Hofes — 222— der großen Moſchee, über Orangen⸗ und Zipreſſenbäume hervorragend. Derwiſche und Fakire ſaßen in Gruppen unter den Säulen des Hofes, und viele der Gläubigen verrichteten ihre Reinigungen an dem Brunnen, bevor ſte die Moſchee betraten. Am Fuße des Palmbaums war eine Menge Men⸗ ſchen verſammelt, und lauſchte den Worten eines Red⸗ ners, der mit großer Geläufigkeit zu ſprechen ſchien. „Dieſer muß,» ſagte der Prinz zu ſich, ader berühmte Reiſende ſeyn, der mir Nachrichten von der unbekann⸗ ten Prinzeſſin geben ſoll.“ Er miſchte ſich in die Menge, ſah aber zu ſeinem Erſtaunen, daß ſie alle einem Papa⸗ geien zuhörten, welcher mit ſeinem hellgrünen Rock, ſei⸗ nem vorwitzigen Auge und ſeiner bündigen Kopfſchleife das Anſehen eines Vogel hatte, der mit ſich ſelbſt im vortrefflichen Vernehmen ſtand. aWie kömmt es,» ſagte der Prinz zu einem der Umſtehenden,«daß ſo viele ernſte Männer an der Ge⸗ ſchwätzigkeit eines ſchnarrenden Vogels Gefallen finden können 25 „Ihr wißt nicht, von wem Ihr ſprecht,» ſagte der Andere;«dieſer Papagei iſt der Abkömmling des be⸗ rühmten perſiſchen Papagei's, berühmt wegen ſeiner Er⸗ zählergabe. Er hat alle Weisheit des Morgenlandes an der Spitze ſeiner Zunge, und kann Gedichte eben ſo ſchnell herſagen, als er ſprechen kann. Er hat viele fremde Höfe beſucht, wo man ihn als ein Orakel der Gelehrſamkeit angeſehen hat. Er war auch der allge⸗ meine Liebling des ſchönen Geſchlechtes, welches eine ungemeine Bewunderung für gelehrte Papageien hat, die Gedichte herſagen können.» Genug!“ ſagte der Prinz; rich will eine geheime Unterredung mit dieſem großen Reiſenden haben.⸗ Er bemühte ſich um eine geheime Zwieſprache, und ſetzte die Urſache ſeiner Wanderſchaft auseinander. Er hatte dieſelbe kaum genannt, als der Papagei in ein trocknes, heiſcheres Lachen ausbrach, das ihm Thränen in die Augen leckte.«Entſchuldige meine Heiterkeit,⸗ ſagte er;«ßgber ich muß immer lachen, wenn ich don Liebe reden höre.» Der Prinz war üÜber dieſe unzeitige Heiterkeit un⸗ willig, und ſagte: Iſt die Liebe nicht das große Ge⸗ heimniß der Natur, das geheime Prinzip des Lebens, das allgemeine Band des Gleichgefühls 2 5 «Larifari!» rief der Papagei ihn unterbrechend; aſage mir nur, woher du dieſes ſentimentale Kauder⸗ welſch haſt? Glaube mir, die Liebe iſt ganz außer Cours; man hört in Geſellſchaft ſchöner Geiſter und feingebil⸗ deter Leute nicht mehr von ihr reden.» Der Prinz gedachte der ganz verſchiedenen Sprache ſeiner Freundin, der Taube, und ſeufzte. Aber, dachte er, dieſer Papagei hat am Hofe gelebt; er ahmt das Weſen eines geiſtreichen und feinen Herrn nach; er weiß nichts von dem Dinge, das Liebe genannt wird. Da er das Gefuhl, welches ſein Herz erfüllte, nicht mehr dem Spotte preisgeben wollte, richtete er ſeine Nachforſchun⸗ gen auf den unmittelbaren Grund ſeines Beſuches. «Sage mir,» ſprach er,«hochgebildeter Papagei, der du allenthalben zu den geheimſten Lauben der Schönheit — 221— Zutritt hatteſt, begegnete dir während deiner Reiſe das Vorbild zu dieſem Porträt?⸗ Der Papagei nahm das Gemälde in ſeine Krallen, neigte den Kopf hin und her, und betrachtete es nen⸗ gierig bald mit dem bald mit jenem Ange.«Auf meine Ehre,» ſagte er, ein ſehr ſchönes Geſicht; ſehr ſchon; allein man ſieht ſo viele ſchöne Frauengeſichter auf ſei⸗ uen Reiſen, daß man ſich kaum— doch halt!— Ei, ei! Ich muß es noch einmal anſehen— ohne alle Frage, es iſt die Prizeſſin Aldegonda; wie konnte ich ein Weſen vergeſſen, das ich ſo ungemein hoch hielt 25 «Die Prinzeſſtn Aldegonda?» wiederholte der Prinz, zund wo kann man ſie finden 2⸗ ⸗Langſam, langſam!“» ſagte der Papagei; aſte iſt leichter zu finden, als zu bekommen. Sie iſt die ein⸗ zige Tochter des chriſtlichen Königs, der zu Toledo herrſcht, und man hat ſie bis zu ihrem ſiebzehnten Ge⸗ burtstag von der Welt abgeſchloſſen, wegen einer Pro⸗ phezeihung dieſer zudringlichen Burſche, der Aſtrologen. Du kannſt ihrer nicht anſichtig werden— kein Sterb⸗ licher kann ſie ſehen. Ich bin vor ſie gelaſſen worden, um ſie zu unterhalten, und verſichere dich auf das Wort eines Papagei's, der die Welt geſehen hat, ich habe ſchon mit viel einfältigeren Prinzeſſinnen geſprochen.⸗ „Ein Wort im Vertrauen, mein lieber Papaget,,“ ſagte der Prinz;«ich bin der Erbe eines Königreichs, und werde eines Tags einen Thron einnehmen. Ich ſehe, du biſt ein Vogel von Talent, und kennſt die Welt. Hilf mir in den Beſitz dieſer Prinzeſſin, und ich werde dich zu einer ausgezeichneten Stelle am Hofe befördern.“ — 225— „Von ganzem Herzen,» ſagte der Papagei;«aber laß es, wenn möͤglich, ein Fanlamt ſeyn, denn wir ſchönen Geiſter haben gegen das Arbeiten einen großen Wider⸗ willen.» Die Uebereinkunft wurde alsbald getroffen. Der Prinz verließ Cordova durch daſſelbe Thor, durch wel⸗ ches er gekommen war, rief die Eule aus dem Mauer⸗ loch, ſtellte ſie ſeinem neuen Reiſegenoſſen als eine Mit⸗ gelehrte vor, und man trat nun die Reiſe an. Es ging bei weitem nicht ſo ſchnell, als die Unge⸗ geduld des Prinzen es wünſchte;z allein der Papagei war an das vornehme Leben gewöhnt, und hatte es nicht gern, daß man ihn früh Morgens ſtörte. Auf der an⸗ dern Seite ſchlief die Eule gern um Mittag, und verlor viele Zeit mit ihren langen Sieſta's. Auch war ihr an⸗ tiqnariſcher Geſchmack hinderlich; denn ſie beſtand darauf, bei jeder Ruine anzuhalten, und ſie zu beſchauen, und hatte lange märchenhafte Geſchichten von jedem alten Thurm und jedem Schloſſe in dem Lande zu erzählen. Der Prinz hatte gehofft, ſie und den Papagei, beide Vögel von Gelehrſamkeit, wurden in ihrer gegenfeitigen Geſellſchaft Freude finden, allein er hatte ſich nie mehr geirrt. Sie waren ewig im Streit. Der eine war ein Schöngeiſt, der andere ein Philoſoph. Der Papagei eitirte Poeſten, kritiſirte neue Leſearten, und war über kleine Punkte der Gelehrſamkeit beredt; die Enle be⸗ handelte alles dieß Wiſſen als nichtig, und fand an nichts Geſchmack, als an Metaphyſtk. Dann ſang der Papagei Lieder, wiederholte gute Einfäͤlle, und riß Witze auf ſeinen feierlichen Nachbarn, und lachte ſchmaͤhlich 44 47. 15 9* — 226— über ſeine eignen Späße; welches ganze Benehmen die Eule als einen empfindlichen Eingriff in ihre Würde anſah, und ſchmollte, zürnte und ſich erboßte, und einen gan⸗ zen langen Tag ſtumm blieb. Der Prinz beachtete die Zänkereien ſeiner Gefähr⸗ ten nicht, da er in den Träumen ſeiner eignen Phantaſie und der Betrachtung des Porträts der ſchönen Prin⸗ zeſſin verloren war. Auf dieſe Weiſe reiſten ſie durch die ranhen Päſſe der Sierra Morena, über die ſonnen⸗ verbranuten Ebenen der Mancha und Caſtiliens, und die Ufer des goldnen Tajo entlang, der ſeine zauberiſchen Irrwege durch halb Spanien und Portugal windet. Endlich kamen ſie zu einer feſten Stadt mit Mauern und Thürmen, die auf einen felſigen Bergvorſprung ge⸗ baut war, um deſſen Fuß der Tajo mit lärmender Hef⸗ tigkeit kreiſte. „Sieh, rief die Eule, edie alte und berühmte Stadt Toledo, eine wegen ihrer Alterthümer berühmte Stadt. Sieh dieſe ehrwürdigen Dome und Thuͤrme, grau von der Zeit und mit ſagenreicher Größe umgeben, die Sceue des Nachdenkes ſo vieler meiner Ahnen.» „Still!» rief der Papagei, ihr feierliches antiquas riſches Entzücken unterbrechend.«⸗Was gehen uns Alter⸗ thümer und Sagen und deine Ahnen an? Sieh das, woran hier mehr liegt— ſieh die Wohnung der Jugend und Schönheit— ſieh endlich, o Prinz, die Wohnung deiner lange geſuchten Prinzeſſin!» Der Prinz ſah in der von dem Papagei angezeig⸗ ten Richtung, und erblickte in einer herrlichen grünen Aue an den Ufern des Tajo einen ſtattlichen Palaſt, — 227— der aus dem Laubwerk eines köſtlichen Gartens empor⸗ ſtieg. Der Ort ſtimmte ganz genan mit der Beſchrei⸗ bung zuſammen, welche ihm die Taube gegeben hatte. Er ſah mit klopfendem Herzen hin.„Vielleicht, dachte er,«ſpielt die ſchöne Prinzeſſin in dieſem Augen⸗ blick unter jenen ſchattigen Laubengaͤngen, oder durch⸗ ſchreitet mit zartem Tritte jene ſchöne Teraſſen, oder ruht unter jenen hohen Daͤchern!“ Als er genauer hinſah, bemerkte er, daß die Gartenmauern ſehr hoch waren, ſo daß ſie jedem Zugang trotzten, während Schaa⸗ ren bewaffneter Wachen um ſie kreiſten. Der Prinz wendete ſich zu dem Papageien: Voll⸗ kommenſter aller Vögel,» ſagte er, adu haſt die Gabe der menſchlichen Rede. Eile in jenen Garten, ſuche das Idol meiner Seele, und ſage ihr, Prinz Ahmed, ein Liebespilger, und von den Sternen geführt, ſey, ſie ſuchend, an den blumigen Ufern des Tajo angekommen.”» Stolz auf ſeine Geſandtenrolle, flog der Papagei dem Garten zu, ſchwang ſich über ſeine hohen Mauern, ſchwebte eine Zeitlang über die Gänge und Alleen deſ⸗ ſelben, und ließ ſich auf dem Balkon eines Pavillons, der auf den Fluß ging, nieder. Hier ſah er, als er durch ein Fenſter blickte, die Prinzeſſin auf ein Lager hingegoſſen, und das Auge auf ein Papier geheftet, wäh⸗ rend Thränen ſich ſachte uͤber ihre blaſſen Wangen her⸗ abſtahlen. Der Papagei putzte ſeine Flügel einen Angenblick, machte ſeinen hellgrünen Rock zurecht, hob ſeine Kopfſchleife, und ſetzte ſich mit einem zierlichen Weſen neben ihr nieder; dann nahm er einen zärtlichen Tou an und ſagte: atrockne 15* — 228— deine Thränen, ſchoͤnſte der Prinzeſſinnen, ich komme, deinem Herzen Troſt zu bringen.“ Die Prinzeſſin erſchrack, als ſie eine Stimme neben ſich hörte, drehte ſich aber um, und da ſie nichts ſah, als einen kleinen grünröckigen Vogel, der ſich vor ihr neigte und beugte, ſagte ſie:«ach, welchen Troſt kannſt du geben, da ich ſehe, daß du nur ein Papagei biſt?„ Den Papagei ärgerte dieſe Frage. Ich habe zu meiner Zeit manche holde Dame getröſtet,» ſagte er. „Doch nichts davon. Jetzt komme ich als Geſandter eines königlichen Prinzen. Wiſſe, daß Ahmed, der Prinz von Granada, hier angekommen iſt, dich zu ſuchen, und daß er eben jetzt auf den blumigen Ufern des Tajo gela⸗ gert iſt!» Die Augen der ſchönen Prinzeſſin funkelten bei die⸗ ſen Worten heller, als die Diamanten in ihrer kleinen Krone.„O lieblichſter der Papageien, rief ſie, awon⸗ nig ſind in der That deine Nachrichten, denn ich war zag und verdrüßlich, und faſt todtkrank aus Ungewiß⸗ heit über Ahmeds Treue. Begib dich zurück, und ſag ihm, die Worte ſeines Briefes ſeyen in mein Herz ge⸗ graben, und ſeine Gedichte ſeyen die Nahrung meiner Seele geweſen. Sag ihm aber auch, er müſſe ſich rüſten, ſeine Liebe durch die Kraft der Waffen zu bewähren; morgen iſt mein ſiebenzehnter Geburtstag, wo der Kö⸗ nig, mein Vater, ein großes Turnier hält; mehrere Prinzen werden in den Schranken erſcheinen, und meine Hand wird der Preis des Siegers ſeyn.» Der Papagei machte ſich, durch das Gebüſch rauſchend, davon, und flog zu dem Prinzen zurück. Das Ent⸗ — 229— zücken Ahmeds, das Original ſeines angebeteten Por⸗ träts gefunden zu haben, und ſie hold und treu zu wiſ⸗ ſen, begreifen nur die begünſtigten Sterblichen, welche das Glück gehabt haben, Tagträume verwirklicht und Schatten in Weſenheit verwandelt zu ſehen. Aber Eines mäßigte noch ſein Entzücken— dieſes bevorſtehende Tur⸗ nier. In der That, die Ufer des Tajo glänzten ſchon von Waffen, und hallten von den Trompeten der vielen Ritter wieder, die mit ſtolzem Gefolge Toledo entgegen zogen, um dem Feſte beizuwohnen. Derſelbe Stern, der das Schickſal des Prinzen lenkte, hatte auch über das der Prinzeſſin beſtimmt, und bis zu ihrem ſiebenzehnten Jahre war ſie von der Welt abgeſchloſſen geweſen, um ſte vor der zärtlichen Leidenſchaft zu bewahren. Der Ruf von ihren Reizen war aber durch dieſe Abſchließung eher erhöht als verdunkelt worden. Mehrere mächtige Fürſten hatten ſich um ihre Hand beworben; ihr Vater, ein König von wunderbarer Schlauheit, wollte ſich keine Feinde machen, indem er für einen derſelben entſchied, und verwieß ſie auf die Entſcheidung durch die Waffen. Unter den Mitbewerbern waren mehrere wegen ihrer Kraft und Tapferkeit berühmt. Welch ein Zuſtand fuͤr den unglücklichen Ahmed, der nicht mit Waffen verſehen, und in den Kuͤnſten des Ritterthums nicht geuͤbt war. «Unſeliger Prinz, der ich bin, ſagte er,«daß ich in der Abaeſchiedenheit unter den Augen eines Philoſophen auf⸗ erzogen wurde! Was nützen mir nun Algebra und Phi⸗ loſophie in Liebesangelegenheiten? Ach, Eben Bonabben, warum haſt du es verſäumt, mich in dem Gebrauch der Waffen zu unterrichten?. Bei dieſen Worten brach — 230— die Eule ihr Schweigen, und ließ ihrer Rede einen Aus⸗ ruf vorangehen, denn dieſer Vogel war ein frommer Muſelmann. «Allah Akbar! Gott iſt groß!o rief ſie. In ſeinen Händen ſind alle geheimen Dinge— er allein regiert das Geſchick der Prinzen!— Wiſſe, o Prinz, daß die⸗ ſes Land voller Geheimniſſe iſt, welche nur denen er⸗ ſchloſſen ſind, die, wie ich, im dunkeln nach den Wiſſen⸗ ſchaften tappen können. Wiſſe, daß in den benachbarten Bergen eine Höhle iſt; in dieſer Höhle nun iſt ein eiſer⸗ ner Tiſch, und auf dieſem eiſernen Tiſch liegt eine voll⸗ ſtändige magiſche Rüſtung, und neben dem Tiſch ſteht ein bezaubertes Pferd, was alles viele Geſchlechter hin⸗ durch dort abgeſchloſſen iſt.» Der Prinz war außer ſich vor Staunen, während die Eule, mit ihren großen runden Angen blinzelnd, und ihre Hörner ſpitzend, fortfuhr. „Vor vielen Jahren begleitete ich meinen Vater bei einer Reiſe durch ſeine Beſitzungen in dieſe Gegenden, und wir übernachteten in jener Höhle, und ſo wurde ich mit dem Geheimniß bekannt. Es iſt eine Sage in un⸗ ſerer Familie, welche ich von meinem Großvater hörte, als ich nur erſt ein kleines Eulchen war, dieſe Rüſtung gehöre einem manriſchen Zauberer, der ſich in die Hoͤhle geflüchtet, als Toledo von den Chriſten eingenommen worden, und dort geſtorben war, Roß und Wehr unter einem Zauberbann laſſend, daß nur ein Moslem ſie ge⸗ brauchen ſolle, und dieſer nur von Sonnenaufgang bis zum Mittag. Wer ſie aber während dieſer Zeit gebraucht, werde jeden Gegner beſiegen.⸗ — 231— «Genug! laß uns dieſe Höhle aufſuchen!» rief Ahmed. Von ſeinem ſagenreichen Begleiter geführt, fand der Prinz die Höhle, welche in einer der wildeſten Schluchten dieſer Felsklippen waren, die um Toledo aufſteigen; nur das mauſende Auge einer Enle oder eines Antiquars hätte den Eingang finden können. Eine Todtenlampe mit nie ſich verzehrendem Oel verbreitete ein feierliches Licht in der Höhle. Auf einem eiſernen Tiſch in der Mitte der Höhle lag die magiſche Rüſtung, die Lanze war daran gelehnt, und darneben ſtand ein arabiſches Roß, zum Kampfe aufgezäumt, aber regungslos wie eine Statüe. Die Rüſtung war glänzend und hell, wie ſie in früherer Zeit geleuchtet hatte; das Roß in einem ſo guten Zuſtand, als käm es eben von der Weide, und als Ahmed ſeine Hand auf ſeinen Hals legte, ſtampfte es den Boden, und ließ ein lantes Wiehern der Frende hören, welches die Wände der Höhle erſchütterte. So ſtattlich mit Roß und Waffen verſehen, beſchloß der Prinz, ſich dem Kampfe in dem bevorſtehenden Turnier zu ſtellen. Der entſcheidende Morgen kam. Die Schranken für den Kampf waren in der Vega oder Ebene grade unter den auf Klippen erbauten Mauern Toledo's her⸗ gerichtet, und Bühnen und Galerieen mit reichen Ta⸗ peten bedeckt, und durch ſeidene Dächer vor der Sonne geſchützt, für die Zuſchauer erbaut. Auf dieſen Galerieen waren alle Schönheiten des Landes verſammelt, wäh⸗ rend unten ſchmucke Ritter mit ihren Pagen und Knap⸗ pen prunkten; hier ſtachen vorzüglich die Prinzen her⸗ — 232— vor, welche in dem Turnier kämpfen ſollten. Alle Schön⸗ heiten des Landes aber wurden verdunkelt, als die Prin⸗ zeſſin Aldegonda in dem königlichen Zelt erſchien, und ſich zum erſten Mal den Blicken einer bewundernden Welt darſtellte. Ein Murmeln des Staunens uͤber ihre unvergleichliche Schönheit lief durch die Menge, und die Prinzen, welche ſich blos auf den Ruf ihrer geruͤhmten Reize um ihre Hand beworben hatten, entbrannten jetzt in zehnfacher Glut für den Kampf. Die Prinzeſſin aber ſah traurig aus. Ihre Wan⸗ gen erblaßten und rötheten ſich, und ihr Auge irrte mit einem ruheloſen und unzufriedenen Ausdruck über die ſchmucken Schaaren der Ritter hin. Die Trompeten ſollten eben zum Kampfe rufen, als der Herold die An⸗ kunft eines fremden Ritters ankündigte, und Ahmed ſich den Schranken näherte. Ein geſtählter Helm, mit Ebel⸗ ſteinen beſetzt, erhob ſich über ſeinem Turban; ſein Pan⸗ zer war mit Gold ausgelegt; Säbel und Dolch waren aus den Werkſtätten von Fez, und funkelten von koſtba⸗ ren Steinen. Ein runder Schild hing an ſeiner Schul⸗ ter, und in ſeiner Hand trug er die mit Zauberkraft begabte Lanze. Die Decke ſeines Arabers war reich ge⸗ ſtickt, und ſiel bis zum Boden nieder, und das ſtolze Thier bäumte ſich und ſchnobberte die Luft und wie⸗ herte vor Freude, die Kampfreihen noch einmal zu ſehen. Die ſtolze und anmuthie Haltung des Prinzen feſſelte jedes Auge, und als man ankündigte, daß er ſich den „Liebespilgery nenne, wurde eine allgemeine Unruhe und Bewegung unter den ſchönen Fräuleins auf den Ga⸗ lerieen bemerklich. Als Ahmed ſich aber an den Schranken darſtellte, ſchloſſen ſich dieſe vor ihm; nur Prinzen, hieß es, wür⸗ den zum Kampfe zugelaſſen. Er nannte ſeinen Namen und Rang. Noch ſchlimmer!“ Er war ein Moslem, und konnte an einem Turnier nicht Theil nehmen, deſ⸗ ſen Preis die Hand einer chriſtlichen Prinzeſſin war. Die prinzlichen Bewerber umringten ihn mit ſtol⸗ zen und drohenden Mienen; und einer von unverſchämtem Benehmen und herkuliſcher Geſtalt verlachte höhniſch ſeine leichte und jugendliche Form, und ſpottete über ſeinen Liebes⸗Beinamen. Der Zorn des Prinzen ward rege. Er forderte ſeinen Nebenbuhler zum Kampfe her⸗ aus. Sie ſtellten ſich an, umkreiſten ſich, und begannen den Kampf; und bei der erſten Berührung der magiſchen Lanze war der ſennige Spötter aus dem Sattel gewor⸗ fen. Der Prinz hätte jetzt gern eingehalten— aber ach, er hatte es mit einem dämoniſchen Pferd und gleichen Waffen zu thun— wenn ſie einmal im Kampfe waren, konnte nichts ſie zügeln. Das arabiſche Roß ſchoß in das dichteſte Gedräng; die Lanze warf alles, was ihr vorkam, nieder; der ſanfte Prinz wurde wie toll auf dem Kampfplatz umhergeriſſen, und bedeckte ihn mit hoch und niedrig, adlig und ſchlicht, und betrübte ſich uͤber ſeine eignen unfreiwilligen Heldenthaten. Der König ſtürmte und wüthete über dieſe Schmach an ſeinen Un⸗ terthanen und Gäſten. Er ließ alle ſeine Wachen aus⸗ ziehen— ſo ſchuell ſie herankamen, wurden ſie aus dem Sattel geworfen. Der König warf ſeine Staatsgewän⸗ der ab, ergriff Schild und Lanze, und ritt heraus, den Fremdling mit der Gegenwart der Majeſtät ſelbſt zu — 234— ſchrecken. Ach! es erging der Majeſtät nicht beſſer, als dem Pöbel— das Roß und die Lanze achtete der Per⸗ ſonen nicht, und zu Ahmeds Betrübniß wurde er in vollem Lauf gegen den König getragen, und in einem Augenblick waren die königlichen Ferſen in der Luft, und die Krone rollte in den Staub. In dieſem Augenblick erreichte die Sonne die Mit⸗ tagshöhe; der magiſche Bann nahm ſeine Kraft zurück; der Araber durchflog die Bahn, ſetzte über die Schran⸗ ken, ſtürzte in den Tajo, ſchwamm durch deſſen wilde Strömung, trug den Prinzen athemlos und außer ſich in die Höhle, und ſtand wieder neben dem eiſernen Tiſche wie eine Statüe. Der Prinz ſtieg recht froh ab, und legte die Rüſtung an ihre Stelle, um der ferneren Be⸗ ſtimmungen des Schickſals zu harren. Dann ſetzte er ſich in der Hoͤhle nieder, und dachte über den verzwei⸗ felten Zuſtand nach, in welchen ihn dieſes teufliſche Roß und die Waffen gebracht hatten. Er durfte es nicht wagen, ſich zu Toledo ſehen zu laſſen, nachdem er eine ſolche Schmach über deſſen Ritterſchaft gebracht, und deſſen König ſo ſchwer beleidigt hatte. Und was dachte wohl die Prinzeſſin von einem ſo rohen und ſtürmiſchen Begiunen? Voller Unruhe ſandte er ſeine gefiederten Boten aus, um Nachrichten zu ſammeln. Der Papa⸗ gei begab ſich an alle öffentlichen Orte und beſuchten Plätze der Stadt, und kehrte bald mit einer Menge Geplauder zurück. Ganz Toledo war in Beſtürzung. Die Prinzeſſin war ohnmächtig in den Palaſt getragen worden; das Turnier hatte in Verwirrung geendigt; alle Welt ſprach von der plötzlichen Erſcheinung, den — 235— wunderbaren Thaten und dem ſonderbaren Verſchwinden des Moslem⸗Ritters. Einige erklärten ihn für einen mauriſchen Zauberer; Andere hielten ihn für einen Teu⸗ fel, der menſchliche Geſtalt angenommen, während Andere Sagen von bezauberten Kämpen, die in den Höhlen der Berge verſteckt ſeyen, erzählten und glaubten, es könne einer derſelben geweſen ſeyn, der plötzlich aus ſeiner Höhle losgebrochen ſey. Alle waren darüber eins, daß kein gewöhnlicher Sterblicher ſolche Wunder verrichten oder ſolche vollkommene und tapfere chriſtliche Ritter aus dem Sattel heben könnte. Des Nachts flog die Eule fort, ſchwebte über der nächtlichen Stadt und ſetzte ſich auf die Dächer und Schornſteine. Dann nahm ſie ihren Weg empor zu dem königlichen Palaſt, der auf der felſigen Höhe von Toledo ſtand, und ſchlich um ſeine Zinnen und Terraſſen, an je⸗ der Spalte lauſchend und mit ihren dicken glotzigen Au⸗ gen in jedes Fenſter, wo ein Licht war, ſchielend, ſo daß ein oder zwei Staatsfräulein in Ohnmacht fielen. Aber erſt, als die graue Dämmerung über die Berge ſchaute, kehrte ſie von ihrer nächtlichen Wanderung zurück und erzählte dem Prinzen, was ſie geſehen hatte. „Während ich um einen der höchſten Thürme des Palaſtes ſtrich,“ ſagte ſie,„ſah ich durch ein Fenſter eine ſchöne Prinzeſſin. Sie war auf ein Lager gelehnt, Dienerinnen und Aerzte um ſie, alein ſie wollte nichts von ihrem Dienſte und ihrer Hülfe wiſſen. Als ſie weg waren, ſah ich, wie ſie einen Brief aus ihrem Buſen zog, ihn las und küßte und in laute Klagen ausbrach, — 236— worüber ich, ſo ſehr ich auch Philoſoph bin, nicht an⸗ ders als gerührt ſeyn konnte.“ Ahmed's zärtliches Herz betrübten dieſe Nachrichten ſehr.„Zu wahr waren deine Worte, o weiſer Eben Bonabben,“ rief er:„Sorge und Kummer und ſchlaf⸗ loſe Nächte ſind das Loos der Liebenden. Allah be⸗ wahre die Prinzeſſin vor dem verderblichen Einfluß die⸗ ſes Dings, das Liebe genannt wird.“ Fernere Kunde aus Toledo beſtätigte die Nachricht der Eule. Die Stadt war eine Beute der Unruhe und der Verwirrung. Die Prinzeſſin war in den höchſten Thurm des Palaſtes gebracht worden, und jeder Zugang zu demſelben wurde ſtreng bewacht. Mittlerweile hatte eine verzehrende Schwermuth ſich ihrer bemächtigt, deren Grund niemand errathen konnte— ſie wieß jede Nah⸗ rung von ſich und wendete ihr Ohr jedem Troſt ab. Die geſchickteſten Aerzte hatten vergeblich ihre Kunſt verſucht; man glaubte, irgend ein Zauber ſey an ihr ge⸗ übt worden, und der König ließ öffentlich bekannt ma⸗ chen, wer ſie heilen könne, ſollte den reichſten Juwel in dem königlichen Schatze erhalten. Als die Eule, die träumeriſch in einer Ecke ſaß, von dieſer Bekanntmachung hörte, rollte ſie ihre großen Augen und blickte geheimnißvoller denn je. „Allah Akbar!“ rief ſie:„glücklich der Mann, dem dieſe Heilung gelingt, wenn er nur weiß, was er in dem königlichen Schatz wählen ſoll.“ „Was meinſt du, höchſt ehrenwerthe Eule,“ ſagte Ahmed. 3 „Höre, o Prinz, was ich dir berichten will. Wir — 237— Eulen, mußt du wiſſen, bilden eine gelehrte Gilde und ſind dunkelm und ſtäubigem Forſchen ſehr ergeben. Wäh⸗ rend meiner letzten nächtlichen Streiferei um die Dome und Thürme Toledo's, entdeckte ich eine Geſellſchaft an⸗ tiquariſcher Eulen, welche ihre Zuſammenkünfte in einem großen gewölbten Thurm halten, wo der königliche Schatz aufbewahrt wird. Hier beſprachen ſie die Geſtalten und Inſchriften und Zeichen auf alten Gemmen und Inwelen, auf goldenen und ſilbernen Gefäßen, welche, Beweiſe des Geſchmacks aller Länder und Zeiten, in dem Schatz auf⸗ gehäuft ſind; am eifrigſten aber behandelten ſie gewiſſe Reliquien und Zaubermittel, welche ſeit den Zeiten Roderichs des Gothen in der Schatzkammer lagen. Un⸗ ter dieſen war ein Kiſtchen von Sandelholz, welches durch Stahlbande von orientaliſcher Arbeit geſchloſſen und mit myſtiſchen nur wenigen Gelehrten bekannten Charakteren überſchrieben war. Dieſes Kiſtchen und ſeine Inſchrift hatte die Geſellſchaft mehrere Sitzungen beſchäftigt und viele lange und ernſte Streitigkeiten her⸗ beigeführt. Zur Zeit meines Beſuches ſaß eine ſehr alte Enle, die neulich aus Aegypten gekommen war, auf dem Deckel des Kiſtchens und hielt über die Inſchrift einen Vortrag, in welchem ſie bewies, das Kiſtchen enthalte den ſeidnen Teppich von dem Throne Salomon's des Weiſen, der ohne Zweifel von den Inden, welche ſich nach dem Sturz von Jernſalem nach Toledo geflüchtet hatten, mitgebracht worden ſey.“ Als die Eule ihre antiquariſche Rede geſchloſſen hatte, blieb der Prinz eine Zeitlang in Gedanken ver⸗ loren.„Ich habe,“ ſagte er,„von dem weiſen Eben — 238— Bonabben von den wunderbaren Eigenſchaften dieſes Ta⸗ lismans gehört, welcher bei dem Falle Jeruſalems ver⸗ ſchwand und für das menſchliche Geſchlecht verloren zu ſeyn ſchien. Ohne Zweifel bleibt er für die Chriſten von Toledo ein geſchloſſenes Geheimniß. Wenn ich in den Beſitz dieſes Teppichs kommen kann iſt mein Glück ge⸗ wiß.“ 1 Am nächſten Tage legte der Prinz ſeine reiche Tracht bei Seite und kleidete ſich in das einfache Gewand eines Arabers der Wüſte. Er gab ſeinem Geſicht eine dunkle Farbe und niemand hätte in ihm den glänzenden Krie⸗ ger erkannt, der ſo viel Bewunderung und Unheil bei dem Turnier veranlaßt hatte. Den Stab in der Hand, an der Seite die Taſche und eine kleine Hirtenpfeife, begab er ſich nach Toledo, ſtellte ſich an dem Thore des königlichen Palaſtes dar und kündigte ſich als einen Mit⸗ bewerber um den Lohn an, der für die Wiederherſtellung der Prinzeſſin geboten worden. Die Wachen wollten ihn mit Schlägen wegtreiben und ſagten:„was vermag ein herumziehender Araber, wie du, in einem Falle, an wel⸗ chem die Gelehrteſten des Landes ſcheiterten?“ Aber der König hörte den Lärm und befahl, den Araber vor ihn zu bringen. „Mächtigſter König,“ ſagte Ahmed,„du ſiehſt einen Bedouinen vor dir, der den größten Theil ſeines Lebens in den Einöden der Wüſte hingebracht hat. Es iſt be⸗ kannt, daß dieſe Einöden von Dämonen und böſen Gei⸗ ſtern beſucht werden, die uns arme Hirten bei unſerem einſamen Wachen befangen, in unſere Schafe und Heer⸗ den fahren und zuweilen ſelbſt das geduldige Kamel wü⸗ — 239— thend machen; gegen dieſe iſt unſer Zauber die Muſik und wir haben alte Weiſen, welche von Geſchlecht zu Geſchlecht auf uns kamen, und die wir ſingen und pfei⸗ fen, um dieſe böſen Geiſter zu vertreiben. Ich gehöre einem begabten Stamme an und beſitze dieſe Kraft in ihrer vollſten Stärke. Wenn ein böſer Einfluß dieſer Art deine Tochter bezaubert hat, ſo ſetze ich meinen Kopf zum Pfand, daß ich dieſen Bann löſe.“ Der König war ein Mann von Verſtand und wußte, welche wunderbare Geheimniſſe dieſe Araber beſaßen; die zuverſichtliche Sprache des Prinzen erfüllte ihn daher mit Hoffnung. Er führte ihn ſogleich zu dem hohen, durch mehrere Thüren vermachten Thurm, auf deſſen höchſter Höhe das Gemach der Prinzeſſin war. Die Fenſter gingen auf einen Gang mit Geländern und hat⸗ ten die Ausſicht auf Toledo und die Umgegend. Die Fenſter waren verhängt, denn die Prinzeſſin lag drinnen, die Beute eines verzehrenden Kummers, der jede Er⸗ leichterung von ſich wieß. Der Prinz ſetzte ſich auf den Gang und blies auf ſeiner Hirtenpfeife mehrere wilde arabiſche Weiſen, die er von ſeinen Dienern in dem Generalife zu Granada gelernt hatte. Die Prinzeſſin blieb gefühllos und die Doctoren, die zugegen waren, ſchüttelten ihre Köpfe, und lächelten ungläubig und verächtlich. Endlich legte der Prinz die Pfeife bei Seite und fang in einer ein⸗ fachen Melodie die Liebesverſe, durch welche er in dem Briefe ſeine Leidenſchaft erklärt hatte. Die Prinzeſſin erkannte die Worte— eine raſche Freude ſtahl ſich in ihr Herz; ſie erhob ihr Haupt und — 240— lauſchte; Thränen brachen aus ihren Augen und ſtröm⸗ ten über ihre Wangen nieder; ihr Buſen hob ſich und ſiel in dem Aufruhr der Gefühle. Sie hätte gern be⸗ gehrt, daß der Sänger vor ſie gebracht werde, aber jung⸗ fräuliche Scheu hielt ſie zurück. Der König errieth ihren Wunſch und auf ſeinen Befehl wurde Ahmed in das Gemach geführt. Die Liebenden waren klug; ſie wech⸗ ſelten nur Blicke, aber dieſe Blicke ſprachen unendlich viel. Der Trinmph der Muſik war nie vollſtändiger. Die Roſe kehrte auf die ſanfte Wange der Prinzeſſin zurück, die Friſche auf ihre Lippen und das thauige Licht in ihre ſchmachtenden Augen. Alle anweſenden Aerzte ſtarrten einander verwundert an. Der König betrachtete den arabiſchen Sänger mit einem Gemiſch von Bewunderung und Ehrfurcht.„Wun⸗ derbarer Jüngling!“ rief er aus, du ſollſt fortan der erſte Arzt meines Hofes ſeyn und kein anderes Recept will ich brauchen als deinen Geſang. Für jetzt empfange deinen Lohn, den koſtbarſten Juwel in meiner Schatz⸗ kammer. „O König,“ verſetzte Ahmed:„Ich ſetze keinen Werth auf Silber, Gold oder Edelſtein. Eine Reliquie haſt du in deiner Schatzkammer, welche von den Moslemin⸗ denen einſt Toledo gehörte, herſtammt— ein Kiſtchen von Sandelholz, welches einen ſeidenen Teppich enthält: gib mir dieſes Kiſtchen und ich bin zufrieden.“ Alle Anweſenden ſtaunten über die Genügſamkeit des Arabers; dies war noch mehr der Fall, als das Kiſtchen von Sandelholz gebracht und der Teppich her⸗ vorgezogen wurde. Er war von ſchöner grüner Seide, — 211— mit hebräiſchen und chaldäiſchen Charakteren bedeckt. Die Hofärzte blickten einander an, zuckten die Schultern und lächelten über die Einfalt dieſes neuen Arztes, der ſich mit einem ſo elenden Lohn begnügte. „Dieſer Teppich,“ ſagte der Prinz,„deckte einſt den Thron Salomons des Weiſen; er iſt werth, daß man ihn zu Füßen der Schönheit legt.“ Bei dieſen Worten breitete er ihn auf den Gang, unter einer Ottomanne aus, die für die Prinzeſſin ge⸗ bracht worden war; dann ſetzte er ſich ihr zu Füßen und ſagte:. „Wer wird hindern, was in dem Buche des Schick⸗ ſals geſchrieben ſteht? Seht, die Weiſſagung der Aſtro⸗ logen iſt erfüllt. Wiſſe, o König, daß deine Tochter und ich uns lange insgeheim liebten. Sieh in mir den Liebespilger.“ Dieſe Worte waren kaum von ſeinen Lippen, als der Teppich ſich in die Luft erhob und den Prinzen und die Prinzeſſin entführte. Der König und die Aerzte blickten ihm mit offenem Munde und weit geöffneten Augen nach, bis er ein kleiner Fleck an der weißen Bruſt einer Wolke wurde und dann an dem blauen Himmels⸗ gewölbe verſchwand. Der König war in Wuth und ließ ſeinen Schatz⸗ meiſter kommen:„Wie kömmt es,“ rief er,„daß du einen Ungläubigen in den Beſitz eines ſolchen Talismans kommen ließeſt?“ „Ach, Herr, wir kannten ſeine Kraft nicht und konnten die Inſchriften auf dem Kiſtchen nicht entziffern. Wenn es wirklich der Teppich des Throns des weiſen 41— 47. 16 Salomon iſt, ſo beſttzt er magiſche Kraft und kann ſei⸗ nen Beſitzer von Ort zu Ort durch die Luft tragen. Der König ſammelte ein mächtiges Heer und brach nach Granada auf, die Flüchtigen verfolgend. Der Weg war lang und mühſelig. Auf der Vega ließ er Halt machen und ſchickte einen Herold ab, um die Rückgabe ſeiner Tochter zu verlangen. Der König ſeldſt kam ihm mit ſeinem ganzen Hof entgegen. In dem König ſah er den leibhaften Sänger, denn Ahmed war nach dem Tode ſeines Vaters König geworden und die ſchöne Aldigonda war ſeine Sultanin. Der chriſtliche König war leicht zufrieden geſtelt, als er ſah, daß ſeine Tochter ihren Glauben beibehalten hatte: nicht als wenn er beſonders fromm geweſen wäre; aber die Religion iſt immer ein Gegenſtand des Stolzes und der Etiquette bei den Fürſten. Statt blutigen Schlachten folgten ſich jetzt Feſte und Ergötlichkeiten, nach welcher der König ſich ganz vergnügt nach Toledo zurückbegab, und das junge Paar eben ſo glücklich als weiſe in der Alhambra zu regieren fortfuhr. Es muß bemerkt werden, daß die Eule und der Pa⸗ pagei gefondert dem Prinzen in kleinen Tagreiſen nach Granada folgten; jene reiſte bei Nacht und hielt in den verſchiedenen erblichen Beſitzungen ihrer Familie an; die fer glänzte in den fröhlichen Kreiſen jeder Stadt und Burg, die er auf ſeiner Reiſe berührte. Ahmed vergalt die Dienſte dankbar, die ſie ihm bei feiner Pilgerſchaft geleiſtet. Er machte den Weisheits⸗ vogel zu ſeinem erſten Miniſter, den Pagagei zu ſeinem Ceremonienmeiſter. Es iſt unnöthig zu bemerken, daß nie ein Land weiſer regiert oder ein Hof mit pünktli⸗ cherer Sorgfalt in Ordnung gehalten wurde. Sage von des Mauren Vermnaͤchtniß. In der Feſtung der Alhambra, vor dem königlichen Palaſt, iſt eine breite, offene Esplanade, welche der Platz der Ciſternen(La Plaza de los Algibes) genannt wird, weil ſie von Waſſerbehältern, die vor dem Auge verborgen ſind und noch aus der Zeit der Mauren her⸗ ſtammen, untergraben iſt. Ju der einen Ecke dieſes Platzes iſt ein mauriſcher Brunnen, der bis zu erſtaun⸗ licher Tiefe in den lebendigen Fels gehauen und deſſen Waſſer ſo kalt wie Eis und ſo klar wie Kryſtal iſt. Die von den Mauren gebauten Brunnen ſind ſtets in Anſe⸗ hen, denn es iſt bekannt, welche Muͤhe ſte ſich gaben, um zu den reinſten und beſten Quellen und Brunnen durchzudringen. Der, von dem wir hier reden, iſt in ganz Granada berühmt, da die Waſſerträger, bald mit. großen Waſſergefäßen auf ihren Schultern, bald Eſet mit irdenen Krügen vor ſich hertreibend, die ſteilen buſchi⸗ gen Zugänge der Alhambra, vom früheſten Morgen bis zur ſpäten Abendzeit, auf⸗ und abſteigen. Brunnen und Quellen waren immer, ſeit den Tagen der h. Schrift, als Plauderplätze in den heiſen Himmels⸗ ſtrichen bekannt und an dem fraglichen Brunnen wird 16* — 2411— den lieben langen Tag von den Juvaliden, den alten Weibern und anderm neugierigen, nichtsthueriſchen Volk der Feſtung ein ſtändiger Klub gehalten; ſie ſitzen da auf den ſteinernen Bänken, unter einem über den Brun⸗ nen gedeckten Dache, um die Zolleinnehmer vor der Sonne zu ſchützen und beſchwatzen die Vorfälle der Feſtung und fragen jeden Waſſertraͤger, der da kömmt, über die Stadt⸗ neuigkeiten, und machen lange Betrachtungen über alles, was ſie ſehen und hören. Zu jeder Stunde des Tags ſieht man zaudernde Weiber und müßige Mägde hier mit dem Krug in der Hand oder auf dm Kopf weilen, um den Schluß des endloſen Gewäͤſches dieſer Ehren⸗ leute zu hören. Unter den Waſſerträgern, welche einſt zu dieſem Brunnen kamen, war ein ſtarker, breitſchultriger, krum⸗ beiniger kleiner Kerl, Namens Pedro Git, den man aber der Kürze wegen Peregil hieß. Als Waſſerträger war er natürlich ein Gallego, vder Gallicier. Die Na⸗ tur ſcheint Geſchlechter von Menſchen, wie von Thieren, für verſchiedene Arten von Plackerei geſchaffen zu haben. In Frankreich ſind alle Schuhputzer Savoyarden, alle Thürhüter Schweizer— und in den Tagen der Reif⸗ röcke und des Haarpuders konnte niemand eine Sänfte gehörig in Gang bringen, als ein langbeiniger Irländer. So ſind in Spanien die Waſſer⸗ und Laſtträger ſämmt⸗ lich ſtämmige kleine Leute aus Gallicien. Niemand ſagt: „Schafft mir einen Träger,“— ſondern„ruft einen Gallego.“ Um von dieſer Abſchweifung zurückzukommen: Pere⸗ gil der Gallego hatte ſein Geſchäft blos mit einem gro⸗ — 245— ßen irdenen Krug angefangen, den er auf ſeiner Schulter trug; allmählig hob er ſich in der Welt und war im Stand, ſich einen Gehülfen von einer entſprechenden Klaſſe von Thieren anzuſchaffen— nämlich einen ſtarken, zottelhaarigen Eſel. Auf jede Seite dieſes langöhrigen Adjutanten waren in einer Art Korb ſeine Waſſerkrüge, auf welchen Feigenblätter lagen, um ſie vor der Sonne zu bedecken. Es gab keinen fleißigeren Waſſerträger in ganz Granada, und auch keinen fröhlichern. Die Stra⸗ ßen hallten von ſeiner luſtigen Stimme wieder, während er ſeinem Eſel nachtrabte und das gewöhnliche Sommer⸗ lied ſang, das man in allen ſpaniſchen Städten hört: „Quien quiere agua— agua mas fria que la nieve 2 — Wer will Waſſer— Waſſer kälter als Schnee? Wer will Waſſer von Brunnen der Alhambra, kalt wie Eis und klar wie Kryſtal. Wenn er einem Kunden das klare Glas darreichte, hatte er ſtets ein freundliches Wort zur Hand, das zum Lächeln zwang, und wenn es vielleicht eine hübſche Dame oder eine ſchmucke Maid mit Grübchen in den Wangen war, geſchah es ſtets mit einem ſchlauen Lächeln und einem Kompliment über ihre Schönheit, das unwiderſtehlich war. So war Peregil der Gallego in ganz Granada als einer der höflichſten, luſtigſten und glüͤcklichſten Menſchen bekannt. Aber es iſt nicht alles Gold, was glänzt und der hat nicht das leichteſte Herz, der am lauteſten ſingt und am meiſten ſcherzt. Bei allem dieſem vergnügten Aeußern hatte der ehrliche Peregil ſeine Noth und Sorgen. Er hatte einen großen Haufen zerlumpter Kinder zu ernähren, die hung⸗ rig und larmend waren, wie ein Neſt voll junger Schwal⸗ — 246— ven, und ihn jeden Abend bei ſeiner Rückkehr mit ihrem Geſchrei nach Brod umringten. Er hatte auch eine Gehülfin, aber er hatte nichts weniger als Hülfe von ihr. Sie war vor ihrer Heirath eine Dorfſchönheit ge⸗ weſen— berühmt wegen ihrer Geſchicklichkeit, den Bo⸗ lero zu tanzen und die Caſtagnetten zu rühren; und ſle behielt ihre früheren Liebhabereien bei, vergeudete den mühſamen Erwoerb des ehrlichen Peregit in Putz und nahm ſogar den Eſel in Beſchlag, um Luſtparthien auf das Land zu machen, ſo oft ein Sonntag oder Feſttag oder einer der zahlloſen Feiertage kam, die in Spanien. ſo zu ſagen häufiger ſind als die Tage der Woche. Bei allem dem war ſie auch ein wenig von einer Schlumpe, etwas mehr von einer Faullenzerin und vor allem eine Klatſche von der erſten Sorte, die ihr Haus, ihren Haushalt und alles Uebrige vernachläſſigte, um in den Häuſern ihrer geſchwätzigen Nachbarn herumzufahren. Er aber, der dem geſchornen Lamme den Wind zu⸗ mißt, paßt auch das Eheſtandsjoch dem ſich bengenden Nacken an. Peregil ertrug alle die ſchweren Laſten von Weib und Kindern mit ſo mildem Sinne, wie ſein Eſel die Waſſerkrüge, und obgleich er ſeine Ohren wohl für ſich ſchüttelte, wagte er es doch nie, die Haushaltungs⸗ tugenden ſeines ſchlumpigen Weibchens in Zweifel zu ziehen. 2 Er liebte ſeine Kinder auch, wie eine Eule ihre Eul⸗ chen liebt, weil ſie in ihnen ihr eigenes Bild vervielfältigt und verewigt ſieht; denn es war eine ſtarke, breitſchul⸗ trige, krummbeinige kleine Brut. Die größte Freude des ehrlichen Peregil aber war, wenn er ſich zuweilen einen Feiertag machen konnte und einige Maravedis aus⸗ zugeben hatte, das ganze Neſt mit ſich hinaus zu neh⸗ men— einige auf dem Arm, einige an ſeinem Rockſchoß hängend, und einige ihm auf den Ferſen nachtrabend— um ſie in den Gärten der Vega zu bewirthen, während ſeine Frau mit ihren Feiertags⸗Freundinnen in den Au⸗ goöſturas des Darro tanzte. Es war ſpät in einer Sommernacht, und die meiſten Waſſerträger hatten ſich ſchon aus den Straßen ent⸗ fernt.— Der Tag war ungewöhnlich heiß geweſen; die Nacht war eine jener köſtlichen Mondſcheinnächte, welche die Bewohner der ſüdlichen Länder einladen, ſich für die Hitze und Unthätigkeit des Tages zu entſchädigen, indem ſte im Freien bleiben und die gemäßigte Milde der Luft bis nach Mitternacht genießen. Es waren daher noch Leute heraus, die Waſſer forderten. Peregil dachte als ein beſonnener, arbeitſamer, kleiner Vater an ſeine hung⸗ rigen Kinder und ſagte zu ſich: Noch einen Gang zum Brunnen, um einen Puchero für die Kleinen auf den Sonntag zu verdienen. Bei dieſen Worten ſchritt er muthig den ſteilen Pfad zu der Alhambra hinan, ſang unterwegs und gab dann und wann ſeinem Eſel einen tüchtigen Schlag mit ſeinem Prügel in die Seite, ent⸗ weder als Takt zu dem Lied oder als Ermunterung für das Thier; denn tüchtige Schläge dienen bei allen Laſt⸗ thieren Spaniens ſtatt des Hafers. Als er an den Brunnen kam, fand er ihn von al⸗ len verlaſſen, einen einſamen Fremden in mauriſchem Gewand ausgenommen, der auf der Steinbank im Mond⸗ ſchein ſaß. Peregll hielt erſt an und betrachtete ihn mit 248 Staunen, das nicht ganz ohne Furcht war; aber der Maure winkte ihm mit ſchwacher Hand, ſich zu naͤhern und ſagte:„ich bin ſchwach und krank; hilf mir in die Stadt zurück und ich will dir das doppelte von dem be⸗ zahlen, was du mit deinen Waſſerkrügen verdient hätteſt.“ Das biedere Herz des kleinen Waſſerträgers war bei dieſer Bitte des Fremden von Mitleid durchdrungen. „Gott verhüte,“ ſagte er,„daß ich einen Lohn oder eine Gabe für eine Handlung der Menſchlichkeit verlange.“ Er half alſo dem Mauren auf ſeinen Eſel und zog lang⸗ ſam nach Granada hinab; der arme Moslem war ſo ſchwach, daß er ihn auf dem Thiere halten mußte, da⸗ mit er nicht herabfiel. Als ſie in die Stadt kamen, fragte der Waſſerträ⸗ ger, wohin er ihn führen ſolle.„Ach,“ ſagte der Manre ſchwach,„ich habe weder Haus noch Wohnung; ich bin ein Fremdling in dem Lande. Laß mich mein Haupt dieſe Nacht unter deinem Dache niederlegen und du ſollſt reichlich belohnt werden.“ Der ehrliche Peregil ſah ſich auf dieſe Art unerwar⸗ tet mit einem ungläubigen Gaſt belaſtet, war aber zu menſchlich, um einem Manne, der in einer ſo verlaſſe⸗ nen Lage war, ein Nachtlager zu verſagen; er führte den Mauren daher in ſeine Wohnung. Die Kinder, die wie gewöhnlich, wenn ſie den Tritt des Eſels hörten, mit offnem Mund herauskamen, liefen erſchreckt zurück, als ſie den beturbanten Fremden ſahen, und verſteckten ſich hinter ihre Mutter. Die leßtere ſchritt unerſchrocken — 249— heraus, wie eine gluckende Henne vor ihrer Brut, wenn ein verlaufener Hund naht. „Welchen ungläubigen Gefaͤhrten,“ ſagte ſle,„bringſt du in dieſer ſpäten Stunde in das Haus, um die Augen der Inquiſition auf uns zu ziehen?“ „Sey ruhig, Frau!“ ſagte der Gallego:„es iſt ein armer, kranker Fremdling, ohne Freund und Obdach; wirſt du ihn abweiſen, daß er auf der Straße ſterbe?“ Das Weib hätte ſich noch geſträubt, denn obgleich ſte in einer elenden Hütte lebte, ſo war ſie doch eine eiſ⸗ rige Kämpferin für den Kredit ihres Hauſes; aber der kleine Waſſerträger war dieſes Mal hartnäckig und wollte ſich nicht unter das Joch beugen. Er half dem armen Moslem abſteigen und breitete eine Matte und ein Schaafsfell für ihn in dem kühlſten Theil des Hauſes auf den Boden— ein beſſeres Bett konnte ſeine Ar⸗ muth nicht bieten. Nach einer kleinen Weile bekam der Maure die heftigſten Krämpfe, die aller hülfreichen Geſchicklichkeit des einfachen Waſſerträgers trotzten. Das Auge des armen Kranken ſprach ſeine Erkenntlichkeit aus. In ei⸗ nem ſchmerzenfreien Augenblick rief er ihn an ſeine Seite und ſagte mit leiſer Stimme zu ihm:„mein Ende, fürchte ich, iſt nahe. Wenn ich ſterbe, vermache ich dir dieſe Kapſel als Lohn für deine Güte.“ Bei dieſen Worten öffnete er ſeinen Albornoz oder das Ueberkleid, und zeigte eine kleine Kapſel von Sandelholz, die mit einem Riemen um ſeinen Leih gebunden war.„Gott gebe, mein Freund,“ verſetzte der würdige kleine Galle⸗ g0,„daß Ihr viele Jahre lebt, um euch eures Schatzes — 250— zu erfreuen, welcher Art er auch ſeyn mag.“ Der Manre ſchüttelte den Kopf; er legte ſeine Hand auf die Kapſel und ſchien noch etwas in Bezug auf dieſelbe ſagen zu wollen, aber ſeine Krämpfe kamen mit erhöhter Heftig⸗ keit zurück und nach einer kurzen Weile ſtarb er. Des Waſſerträgers Weib war jetzt wie wahnſinnig. „Das kömmt von deiner thörigten Gutmüthigkeit,“ ſagte ſie,„die dich immer in's Unglück ſtürzt, um Au⸗ dern zu helfen. Was wird aus uns werden, wenn man dieſe Leiche in unſerm Hauſe ſindet? Man wird uns als Mörder ins Gefängniß ſtecken, und wenn wir mit dem Leben davon kommen, ſo werden uns die Advokaten und Gerichtsdiener zu Grund richten.“ Der arme Peregil war in gleicher Unruhe und be⸗ reute es beinahe, eine gute That gethan zu haben. End⸗ llich durchkreuzte ihn ein Gedanke.„Es iſt noch nicht Tag,“ ſagte er,„und ich kann die Leiche aus der Stadt bringen und ſie in dem Sand an den Ufern des Penil begraben. Niemand ſah den Mauren in unſer Haus kommen und niemand ſoll etwas von ſeinem Tode er⸗ fahren.“ Wie geſagt, ſo gethan. Die Frau half ihm. Sie wickelten die Leiche des unglücklichen Moslem in die Matte, auf welcher er geſtorbeu war, legten ſie über den Eſel und Peregil zog mit ihr an das Ufer des Fluſſes. 3 Zum Unglück wohnte dem Waſſeerträger gegenüber ein Barbier, Namens Pedrillo Pedrugo, einer der neu⸗ gierigſten, ſchwatzhafteſten und boshafteſten ſeiner klatſch⸗ haften Zunft. Es war ein wieſelköpfiger, ſpinnenbeiui⸗ V — 251— ger Schurke, geſchmeidig und zuthunlich; der berühmte Barbier von Sevilla konnte ihn in umfaſſender Kennt⸗ niß der Angelegenheiten Anderer nicht übertreffen und er konnte nicht mehr bei ſich behalten, wie ein Sieb. Man ſagte, er ſchliefe immer nur mit Einem Auge, und habe Ein Ohr unbedeckt, ſo daß er ſelbſt im Schlaf alles hören und ſehen konnte, was vorging. So viel iſt ge⸗ wiß, er war eine Art von Läſter⸗Chronik für die Neuig⸗ keitsſüchtigen von Granada und hatte mehr Kunden als alle übrigen Barbiere der Stadt. Dieſer ruheloſe Barbier hörte den Peregil zu einer ungewöhnlichen Stunde der Nacht ankommen; auch ver⸗ nahm er das Geſchrei von Weib und Kindern. Alſobald ſteckte er auch ſeinen Kopf aus dem kleinen Fenſter, das ihm als eine Art Luge diente und ſah ſeinen Nachbarn einem Manne in mauriſchem Gewand in ſeine Wohnung helfen. Dies war ein ſo anſſallendes Ereigniß, daß Pe⸗ drillo dieſe Nacht nicht eine Minute ſchlief. Alle fünf Minuten war er an ſeiner Luge und gab auf das Licht acht, das durch die Spalten der Thüre des Nachbars flimmerte, und ſah vor Anbruch des Tags Peregil mit ſeinem ungewöhnlich beladenen Eſel abziehen. Der nengierige Barbier war außer ſich; er ſchlüpfte in ſeine Kleider, ſtahl ſich ſchweigend fort und folgte in einiger Entfernung dem Waſſerträger, wo er ihn denn auf dem Sandufer des Renil eine Grube graben und et⸗ was in dieſelbe verſcharren ſah, das wie die Leiche eines Menſchen ausſah. Der Barbier eilte nach Haus, polterte in ſeiner Bude umher und warf alles drunter und drüber, bis der Tag kam. Jetzt nahm er das Becken unter den Arm und eilte in das Haus ſeines täglichen Kunden, des Alcalde. Der Alcalde war eben aufgeſtanden. Pedrillo Pe⸗ drugo ſetzte ihm einen Stuhl, band ihm eine Serviette um den Hals, ſteckte ihm ein Becken mit heiſem Waſſer unter das Kinn und fing an, ihm den Bart mit den Fingern zu erweichen. „Seltſame Vorfälle!“ ſagte Pedrugo, der munna den Neuigkeitskrämer und den Barbier ſpielte:—„Selt⸗ ſame Vorfälle! Raub— Mord— und Begräbniß— alles in einer Nacht.“ „Holla!— Wie? Was ſagt Ihr da?“ xrief der Al⸗ calde. „Ich ſage,“ verſetzte der Barbier und rieb dem Würdenträger ein Stück Seife über die Naſe und den Mund, denn ein ſpaniſcher Barbier verachtet es, einen Pinſel zu brauchen—„ich ſage, Peregil der Gallego hat einen mauriſchen Muſelmann in dieſer gebenedeiten Nacht beraubt, gemordet und begraben. Maldita sea la noche— verflucht ſey die Nacht!“ „Aber wie habt Ihr das alles erfahren?“ fragte der Alcalde. „Habt Geduld, Sennor, und Ihr ſollt alles hö⸗ ren,“ erwiederte Pedrillo, nahm ihn bei der Naſe und ließ das Raſirmeſſer über ſeine Wange gleiten. Er er⸗ zählte dann alles, was er geſehen hatte und machte beide Operationen zu gleicher Zeit ab, indem er ihm den Bart abkratzte, ſein Kinn wuſch, und ihn mit einer ſchmutzi⸗ — 253— gen Serviette abtrocknete, während er den Moslem be⸗ raubte, mordete und begrub. Nun begab es ſich, daß der Alcalde einer der hoch⸗ fahrendſten und zugleich einer der habſüchtigſten und ſchlechteſten Filze in ganz Granada war. Jedoch konnte nicht geläugnet werden, daß er einen hohen Werth auf die Gerechtigkeit ſetzte, denn er verkaufte ſie nach ihrem Gewichte in Gold. Er dachte ſich, der vorliegende Fall ſey ein Raubmord; ohne Zweifel habe es reiche Beute dabei abgeſetzt; wie war dieſe in die rechtmäßige Hand des Gerichtes zu bringen?— denn den Verbrecher blos zu ertappen— das hieß nur den Galgen füttern:— aber den Raub ertappen— das hieß den Richter berei⸗ chern und dies war, ſeiner Anſicht nach, der große Zweck der Gerechtigkeit. So dachte er und rief ſeinen treue⸗ ſten Aguazil— einen ausgetrockneten, hungrigausſehen⸗ den Schurken, nach der Sitte ſeines Standes in die altſpaniſche Tracht gekleidet, einen breiten ſchwarzen Hut nach allen Seiten aufgeſtülpt; ein ſauberer Kragen; ein 2* kleiner ſchwarzer Mantel von den Schultern flatternd; alte ſchwarze Unterkleider, welche ſeine ſchwanke, dräh⸗ terne Geſtalt noch mehr hervorhoben, während er in ſei⸗ ner Hand einen dünnen weißen Stab trug, das gefürch⸗ tete Abzeichen ſeines Amtes. Der Art war der geſetz⸗ liche Spürhund, von der alten ſpaniſchen Zucht, den er auf die Spuren des unglücklichen Waſſerträgers hetzte; und der Art war ſeine Eile und Zuverſicht, daß er dem armen Peregil auf den Ferſen war, ehe er noch ſein Haus erreichte, und ihn und ſeinen Eſel vor den Spender der Gerechtigkeit brachte. — 254— Der Alcalde warf einen ſeiner fürchterlichſten Blicke auf ihn.«Hörſt du, Verbrecher!“ brüllte er in einem Ton, daß dem armen Gallego die Knie aneinander klap⸗ perten—«hörſt du, Verbrecher, du brauchſt deine Schuld nicht zu längnen, ich weiß bereits Alles. Ein Galgen iſt der beſte Lohn für das Verbrechen, das du begangen haſt; aber ich bin mitleidig und laſſe gern mit mir reden. Der Mann, den du in deinem Hauſe ermor⸗ det haſt, war ein Maure, ein Ungläubiger, ein Feind unſerer Religion. Ohne Zweifel haſt du ihn in einem Anfall religiöſen Eifers todt geſchlagen. Ich will daher nachſüchtiger ſeyn; gib die Habe heraus, welche du ihm genommen haſt und wir wollen die Sache vertuſchen.“ Der arme Waſſerträger rief alle Heilige als Zeugen feiner Unſchuld an; aber ach, keiner von ihnen kam; und wenn ſie gekommen wären, der Alcalde hätte alle Heilige des Kalenders Lügen geſtraft. Der Waſſerträger erzählte die ganze Geſchichte von dem ſterbenden Mau⸗ ren mit der ungeſchmückten Einfachheit ver Wahrheit; aber alles war umſonſt.„Wirſt du darauf beſtehen,„ fragte der Richter,«edaß dieſer Moslem weder Gold noch Juwelen hatte, welche ein Gegenſtand deiner Hab⸗ gier waren 25 «So gewiß ich ſelig zu werden hoffe, Eure Gnaden,⸗ verſetzte der Waſſerträger: aer hatte nichts als eine kleine Kapſel von Sandelholz, die er mir als Lohn für meine Dienſte vermachte.» «Eine Kapſel von Sandelholz? Eine Kapſel von Sandelholz?⸗ rief der Alcalde und ſeine Augen funkel⸗ — 255— ten bei den Gedanken an Edelſteine.«Und wo iſt dieſe Kapſel? wo haſt du ſie derſteckt 2» «Euer Guaden zu dienen,» ſagte der Waſſerträger, eſie iſt in einem der Körbe meines Eſels und ſteht Euer Gnaden herzlich gern zu Dienſten.» Er hatte dieſe Worte kaum geſprochen, ſo f hoß der treffliche Aguazil ſchou fort und erſchien in einem Augen⸗ blick wieder mit der geheimnißvollen Kapſel von San⸗ delholz. Der Alcalde öffnete ſle mit haſtiger und zit⸗ ternder Hand; alles drängte ſich herzu, um die Schätze zu ſehen, welche ſte, wie man hoffte, enthielt, als, zu ihrem Mißmuth, ſich nichts als eine Pergamentrolle mit arabiſchen Buchſtaben bedeckt, und ein Stück von einer Wochskerze zeigte. Wenn nichts durch die Ueberführung eines Gefange⸗ nen zu gewinnen iſt, ſo iſt die Gerechtigkeit, in Spanien ſogar, manchmal unpartheiiſch. Als ſich der Alcalde von ſeinem Verdruß erholt hatte, und ſah, daß wirklich nichts Namhaſtes in der Kapſel war, hörte er leidenſchaftlos auf die Auseinanderſetzung des Waſſerträgers, welche durch das Zeugniß ſeiner Frau bekräftigt ward. So von ſeiner Unſchuld überzeugt, entließ er ihn aus ſeiner Haft; ja, er erlaubte ihm ſogar, ſein mauriſches Ver⸗ mächtniß, die Kapſel von Sandelholz und deren Inhalt als wohloerdienten Lohn für ſeine Dienſte mit nach Hauſe zu nehmen; aber den Eſel behielt er an Geldes ſtatt für Koſten und Gebühren. Da war denn der unglückliche kleine Gallego wieder in die Nothwendigkeit verſetzt, ſein eigner Waſſerträger zu werden und mit einem großen irdenen Krug auf ſeiner — 256— Schulter zu dem Brunnen der Alhambra herauf zu keichen. Wenn er ſich in der Hitze eines Sommernachmittags die Höhe heraufarbeitete, verließ ihn ſeine gewöhnliche gute Laune.„Verdammter Alcalde!» rief er dann wohl aus:«der einem armen Mann die Mittel ſeines Unter⸗ halts, den beſten Freund raubte, den er auf der Welt hatte!“ Und dann brach, bei der Erinnerung an den ge⸗ liebten Gefährten ſeiner Mühen, die ganze Zärtlichkeit ſeines Weſens hervor:„Ach, Eſel meines Herzens!“ rief er aus, indem er ſeinen Krug auf einen Stein ſtellte und ſich den Schweiß von der Stirne wiſchte—«ach, Eſel meines Herzens! Ich weiß es gewiß, du denkſt an deinen alten Herrn! Ich weiß es gewiß, du vermiſſeſt die Waſſerkrüge— armes Thier!“ Um ſeinen Kummer zu vermehren empfing ihn ſeine Frau, wenn er nach Hauſe kam, mit Murren und Grei⸗ nen; ſie hatte nun offenbar den Vortheil über ihn, denn ſie hatte ihn gewarnt, die edle Handlung der Gaſtfreund⸗ ſchaft, welche all dieſes Unheit über ſie brachte, nicht zu üben; und als eine kluge Frau nahm ſie jede Gelegen⸗ heit wahr, ihm ihren überlegeneren Scharfſenn vorzuhal⸗ ten. Wenn ihre Kinder kein Brod hatten oder ein neues Kleid brauchten, ſagte ſie wohl höhniſch— ageht zu euerm Vater— er iſt der Erbe des Koͤnigs Chico von der Alhambra— ſagt ihm, er ſolle euch mit der Büchſe des Mauren helfen.» Wurde je ein armer Erdenmenſch ſo arg geſtraft, weil er eine gute That vollbracht hatte? der unglückliche Peregil war an Leib und Seele niedergeſchlagen, dennoch — 257— ertrug er den Hohn ſeiner Frau mit Gelaſſenheit. End⸗ lich aber, eines Abends, als er nach ſaurer Tagesarbeit heimkehrte, und ſie ihn wieder in der gewöhnlichen Weiſe aushöhnte, verlor er alle Geduld. Er wagte es nicht, ſte es entgelten zu laſſen, aber ſein Auge ruhte auf der Kapſel von Sandelholz, die mit halb offenem Deckel, als ſpotte ſie über ſeine Noth, auf einem Brette lag. Er ergriff ſie und warf ſie zornig auf den Boden.„Ver⸗ flucht der Tag,» rief er,«an welchem ich dich zuerſt er⸗ blickte und deinen Beſitzer unter meinem Dache auf⸗ nahm!⸗ Als das Kiſtchen auf den Boden fiel, öffnete ſich der Deckel weit und die Pergamentrolle ſiel heraus. Peregil betrachtete die Rolle eine Zeitlang in düſterem Schweigen. Endlich ſammelte er ſeine Gedanken— awer weiß,» dachte er, ccielleicht iſt dieſe Schrift nicht un⸗ wichtig, da der Maure ſie ſo ſorgfältig bewahrte 25 Er nahm ſie daher und ſteckte ſie an ſeine Bruſt; und als er am nächſten Morgen Waſſer in den Straßen ausrief, blieb er an dem Laden eines Manren ſtehen, eines Ein⸗ gebornen von Tangiers, der Wohlgerüche und andere Kleinigkeiten verkaufte, und bat ihn, ihm den Inhalt zu erklären. Der Maure las die Rolle aufmerkfam, ſtrich dann den Bart und lächelte.„Dieſe Handſchrift,v ſagte er, centhält eine Zauberformel, um verborgene Schätze, welche gebannt liegen, aufzufinden. Es heißt, ſle habe eine ſolche Kraft, daß die ſtärkſten Riegel und Bande, ja ſelbſt Demantfelſen ihr weichen müſſen.» «„Pah,„ ſagte der kleine Gallego, ⸗was nützt mich 44— 47. 17 — 258— das alles? Ich bin kein Beſchwörer und weiß nichts von begrabenen Schätzen.“ Bei dieſen Worten nahm er ſeinen Waſſerkrug auf die Schulter, ließ die Rolle in den Händen des Mauren und machte ſeine gewöhnliche Runde. Als er aber am Abend in der Dämmerſtunde an dem Brunnen der Alhambra ausruhte, fand er eine Ge⸗ ſellſchaft von Plaudertaſchen verſammelt, deren Unter⸗ haltung, wie das in dieſen abendlichen Stunden nicht ungewöhnlich iſt, ſich um alte Mährchen und Sagen von aͤbernatürlichen Ereigniſſen drehte. Da ſie alle arm wie Ratten waren, verweilten ſie mit Vorliebe bei dem viel⸗ heliebten Stoffe— bei bezauberten Schätzen, welche die Mauren in verſchiedenen Theilen der Alhambra zurück⸗ gelaſſen. Vor allem ſtimmten ſie in dem Glanben über⸗ ein, es lägen tief in der Erde unter dem Thurm der ſieben Stockwerke große Schätze verborgen.* Dieſe Geſchichten machten einen ungewöhnlichen Ein⸗ druck auf den Geiſt des guten Peregil und ſenkten ſich tiefer und tiefer in ſeine Gedanken, als er durch die dun⸗ keln Pfade einſam zurückkehrte.«Wenn denn doch wirk⸗ lich ein Schatz unter dieſem Thurme begraben läge— und wenn die Rolle, die ich bei dem Manren gelaſſen habe, mich in den Stand ſetzte, ſie zu heben!“ In der plötzlichen Verzückung dieſes Gedankens hätte er beinahe ſeinen Waſſerkrug fallen laſſen. Er wälzte ſich dieſe Nacht ruhelos in ſeinem Bette und konnte vor allen den Gedanken, die ſein Gehirn umtrieben, nicht einen Augenblick ſchlafen. Mit dem frühen Morgen eilte er in die Bnude des Mauren und — 259— erzählte ihm alles, was ihm in dem Kopf herum gegan⸗ gen war. Ihr könnt Arabiſch leſen,» ſagte er:«laßt uns miteinander in den Thurm gehen und die Wirkung der Zauberformel verſuchen; ſchlägt es fehl, ſo ſind wir nicht ſchlimmer daran, als vorher; gelingt es, ſo theilen wir den ganzen Schatz, den wir finden, in gleiche Theile.» «Halt„ verſetzte der Moslem: adie Schrift allein reicht nicht hin; ſie muß um Mitternacht, bei dem Licht einer Kerze geleſen werden, welche auf beſondere Art zu⸗ ſammengeſetzt und hergerichtet, und wozu das Erforder⸗ liche nicht in meinem Bereiche iſt. Ohne dieſe Kerze iſt die Rolle von keinem Nutzen.» ⸗„Kein Wort mehr!» rief der kleine Gallego: aich habe eine ſolche Kerze zur Hand und werde ſie den Au⸗ genblick herbringen.) Damit eilte er nach Haus, und kam bald mit dem Ende der gelben Wachskerze zuruͤck, die er in der Kapſel gefunden hatte. Der Maure fühlte und roch daran. Hier ſind ſeltne und koſtbare Wohlgerüche mit dieſem gelben Wachſe verbun⸗ den,» ſagte er. Dies iſt die Art Kerze, wie ſie in der Rolle bezeichnet iſt. So lange ſie brennt, werden die ſtärkſten Mauern und geheimſten Höhlen offen bleiben. Aber wehe dem, der wartet, bis ſie verloſchen iſt. Er bleibt ver⸗ zaubert bei dem Schatze.» Sie kamen nun überein, den Zauber noch in der⸗ ſelben Nacht zu verſuchen. Als daher in ſpäter Stunde ſich nichts mehr regte, als Eulen und Fledermaͤufe, be⸗ ſtiegen ſie die waldbewachſene Anhöhe der Alhambra und näherten ſich dem ſchauerlichen Thurm, der von Baͤumen umbuſcht und durch ſo viele Sagen furchthar gemacht 17* — 260— worden iſt. Bei dem Lichte einer Laterne tappten ſie ſich durch Büſche und über Steine zum Thor eines Ge⸗ wölbes unter dem Thurme fort. Mit Furcht und Zit⸗ tern ſtiegen ſie eine in den Felſen gehauene Treppe hin⸗ ab. Sie führte zu einer leeren, feuchten und öͤden Kam⸗ mer, aus welcher eine zweite Treppe in ein tieferes Ge⸗ wölbe ging. Auf dieſe Art ſtiegen ſie vier verſchiedene Treppen hinab, welche in eben ſo viele Gewölbe, eines unter dem andern, führten; aber der Boden des vierten war feſt; und obgleich der Sage nach noch drei Gewölbe tiefer unten waren, ſo war es doch, wie man behauptete, unmöglich, weiter einzudringen, da ein ſtarker Zauber dieſe untere Theile verſchloß. Die Luft dieſes Gewölbes war feucht und kalt, und roch nach Erde und das Licht verbreitete nur einen ſchwachen Strahl. In athemloſer Ungewißheit ſtanden ſie eine Zeitlang hier, bis ſie die Glocke des Wachtthurms ſchwach zwölf ſchlagen hörten; nun zündeten ſie die Wachskerze an, welche einen Ge⸗ ruch von Myrrhen, Weihrauch und Storar verbreitete. Der Maure begann ſchnell zu leſen. Er hatte kaum geendigt, als ein Geräuſch wie unterirdiſcher Donner entſtand. Die Erde bebte, der Boden that ſich auf, und zeigte eine Treppe. Zitternd und bebend ſtiegen ſie hinab, und ſahen ſich bei dem Licht der Laterne in einem an⸗ dern mit arabiſchen Inſchriften bedeckten Gewölbe. In der Mitte ſtand eine große Kiſte, welche mit ſleben Stahlbanden befeſtigt war, und an deren Enden zwei bezauberte Mauren in voller Rüſtung aber regungslos wie eine Statüe ſaßen, denn ſie waren in der Gewalt des Bannes. Vor der Kiſte ſtanden mehrere mit Gold — 261— und Silber und Edelſteinen gefüllte Krüge. In den größten derſelben ſteckten ſie ihre Arme bis zum Ellbo⸗ gen und holten ſich mit jedem Griffe händevoll breite gelbe Stücke mauriſchen Goldes, oder Spangen und Schmuck deſſelben koſtbaren Metalls, während manchmal ein Halsband von orientaliſchen Perlen ſich an ihre Fin⸗ ger hängte. Stets bebten und athmeten ſie fieberartig, während ſie ihre Taſchen mit der Beute füllten; und manchen furchtſamen Blick warfen ſie auf die bezauber⸗ ten Mauren, die bewegungslos und grimmig da ſaßen, und ſte mit ſtarren Augen anſahen. Endlich faßte ſie bei einem eingebildeten Geräuſch ein paniſcher Schrecken und ſie ſtürzten beide, einer über den andern ſtolpernd, die Treppe hinauf, in das obere Gemach, warfen die Wachskerze um, und verlöſchten ſte, und der Boden ſchloß ſich wieder mit einem donnernden Schall. Von Furcht erfüllt ſtanden ſie nicht eher ſtill, als bis ſie ſich aus dem Thurm herausgetappt hatten, und die Sterne durch die Baͤume glänzen ſahen. Jetzt ſetz⸗ ten ſie ſich auf das Grab, und theilten den Fund, ent⸗ ſchloſſen, für jetzt mit dieſer bloßen oberflächlichen Un⸗ terſuchung der Krüge ſich begnügen zu wollen, aber in einer künftigen Nacht wieder zu kommen, und ſte bis auf den Grund zu leeren. Damit einer des andern ſicher wäre, theilten ſie die Zaubermittel unter ſich; der eine behielt die Rolle, der andere die Kerze; als dieß ge⸗ than war, brachen ſie mit leichten Herzen und wohlge⸗ ſpickten Taſchen nach Granada auf. Als ſte den Hügel hinabſtiegen, flüſterte der ver⸗ ſchlagene Maure dem einfachen kleinen Waſſerträger ein Wort des Rathes zu. «Freund Peregil,„ ſagte er, adieſer ganze Handel muß ein tiefes Geheimniß bleiben, bis wir uns den gan⸗ zen Schatz zugeeignet, und ihn in gute Verwahrung gebracht haben. Wenn der Alcalde auch nur eine Sylbe davon erfährt, ſind wir verloren.» Gewiß,v verſetzte der Gallego, anichts kann wah⸗ rer ſeyn.» „Freund Peregil,„ ſagte der Maure, adu biſt ein kluger Mann, und wirſt gewiß ein Geheimniß für dich behalten könn en; aber du haſt eine Frau.⸗ „Kein Wort ſoll ſie davon erfahren,» erwiederte der Waſſerträger barſch. «Genug,» ſagte der Maure; eich verlaſſe mich auf deine Klugheit und dein Wort.“ Nie war ein Wort beſtimmter und redlicher gegeben worden; welcher Mann kann aber vor ſeiner Frau ein Geheimniß behalten? Gewiß keiner, wie Peregil, der Waſſerträger, der einer der liebevollſten und gutmüthig⸗ ſten Ehemänner war. Als er nach Hauſe kam, fand er ſeine Fran, die gedankenvoll in einem Winkel ſaß.«Ganz recht, rief ſie, als er eintrat; endlich biſt du da, nach⸗ dem du bis in dieſe Stunde der Nacht umherſchwärm⸗ teſt. Mich wundert, daß du nicht wieder einen Mau⸗ ren als Hausgenoſſen heimgebracht haſt.⸗ Darauf brach ſie in Thränen aus, rang ihre Hände, und ſchlug ſich die Bruſt. aUnglückliche Frau, die ich bin,⸗ rief ſie⸗ awas ſoll aus mir werden? Mein Haus von Advokaten und Alguazils beraubt und geplündert; mein Mann ein — 263— Taugenichts, der kein Brod mehr für ſeine Familie heim⸗ bringt, ſondern mit ungläubigen Mauren Tag und Nacht herumſtreicht? O meine Kinder! Meine Kinder! Was wird aus uns werden? Wir werden alle in den Straßen betteln gehen müſſen!“ Der ehrliche Peregil ward durch den Gram ſeiner Frau ſo gerührt, daß er ſich nicht enthalten konnte, auch zu ſchluchzen. Sein Herz war ſo voll wie ſeine Taſche, und mußte ſich ausſchütten. Er ſteckte ſeine Hand in die letztere, that drei oder vier dicke Goldſtücke heraus, und ließ ſie in ihren Buſen gleiten. Die arme Frau war ſtarr vor Staunen, und wußte nicht, was dieſer goldne Regen bedenten ſollte. Ehe ſie ſich von ihrem Staunen erhohlen konnte, zog der kleine Gallego eine goldene Kette hervor, und ließ ſie vor ihr baumeln, während er vor Freude ſprang, und den Mund von einem Ohr zum andern aufriß. „Die heilige Jungfrau ſchirme uns!, rief die Frau. «Was haſt du gethan, Peregil? Du haſt doch nicht Raub und Mord begangen?, Dieſer Gedanke war der armen Frau kaum durch den Kopf geflogen, ſo war er auch ſchon Gewißheit bei ihr. Sie ſah ſchon einen Kerker und einen Galgen vor ſich, und einen kleinen krummbeinigen Gallego, der an demſelben aufgehängt war; und von den durch ihre Phantaſie heraufbeſchwornen Schauern überwältigt, ver⸗ fiel ſie in Krämpfe. Was ſollte der arme Mann thun? Er hatte kein anderes Mittel, ſeine Frau zu beruhigen, und die Trug⸗ bilder ihrer Phantaſte zu verſcheuchen, als daß er ihr — 264— die ganze Geſchichte ſeines Glückes erzählte. Er that dieß jedoch nicht eher, als bis er ihr das feierliche Ver⸗ ſprechen abgedrungen hatte, keinem lebenden Weſen ein Wort von der ganzen Sache zu erzählen. Es würde unmöglich ſeyn, ihre Freude zu beſchrei⸗ ben. Sie ſchlang ihre Arme um den Hals ihres Gat⸗ ten, und erſtickte ihn bald mit ihren Liebkoſungen. Jetzt, Frau„» rief der kleine Mann mit offener Freude,«was ſagſt du jetzt zu dem Vermächtniß des Mauren! Fort⸗ an ſchilt mich nicht mehr, wenn ich einem unslücklichen Mitmenſchen beiſtehe!“ Der ehrliche Gallego legte ſich auf ſeine Schafpelz⸗ Matte, und ſchlief ſo geſund, wie auf einem Pflaumbett. Nicht ſo ſeine Frau! ſie ſchüttelte den ganzen Inhalt ſeiner Taſchen auf die Matte, und zählte die ganze Nacht Goldſtücke von arabiſchem Gepräg, probirte Halsbäuder und Ohrringe, und dachte, wie ſie eines Tages ausſe⸗ hen würde, wenn ſle ſich ihrer Schätze erfreuen dürfte. Am nächſten Morgen nahm der ehrliche Gallego ein dickes Goldſtück, und ging damit in die Bude eines Iuwelenhändlers auf dem Zacatin, um es zum Kauf anzubieten, indem er vorgab, er habe es in den Trüm⸗ mern der Alhambra gefunden. Der Juwelier ſah, daß es eine arabiſche Umſchrift hatte, und von dem reinſten Golde war; er bot aber nur den dritten Theil des Wer⸗ thes, womit der Waſſerträger vollkommen zufrieden war. Peregil kaufte jetzt neue Kleider für ſeine kleine Heerde, ſowie alle Arten von Spielſachen, und reichen Vorrath für ein tuͤchtiges Mahl, worauf er heimkehrte, und alle — 265— ſeine Kinder um ſich her tanzen ließ, während er, der glücklichſte Vater, in ihrer Mitte hüpfte! Die Frau des Waſſerträgers hielt ihr Verſprechen zu ſchweigen, mit erſtaunlicher Pünktlichkeit. Andert⸗ halb Tage ging ſie mit geheimnißvollem Blick und einem Herzen, das zum berſten voll war, umher, aber ſie ſchwieg, obgleich ſie von ihren Gevatterinnen umgeben war. Es iſt wahr, ſte konnte es nicht verwinden, ſich etwas An⸗ ſehen zu geben, entſchuldigte ihre zerriſſenen Kleider, ſprach von dem Beſtellen eine Basquinna, beſetzt mit goldenen Borten und Korallen und einer neuen Spitzen⸗ Mantilla. Sie ließ auch Winke von der Abſicht ihres Mannes fallen, ſein Gewerbe als Waſſerträger aufgeben zu wollen, da es nicht mehr ganz zu ſeinen Geſundheits⸗ umſtaͤnden paſſe. Sie glaubte wirklich, ſie würden ſich alle den Sommer auf das Land zurückziehen, wo die Kinder die Bergluft genießen koͤnnten, denn es ſey un⸗ möglich, in der heißen Jahreszeit die Stadt zu bewohnen. Die Nachbarinnen ſtarrten einander an, und glaub⸗ ten, die arme Frau habe ihren Verſtand verloren; und ihr aufgeblaſenes Weſen, ihr Schönthun und ihre vor⸗ nehmen Anſprüche waren der allgemeine Gegenſtand des Spottes und der Beluſtigung ihrer Freundinnen, ſobald ſte ihnen den Rücken gewendet hatte. Wenn ſie jedoch draußen zuruͤckhaltend war, ſo ent⸗ ſchädigte ſle ſich zu Haus, und legte eine Schnur reicher orientaliſcher Perlen um ihren Hals, mauriſche Span⸗ gen um ihre Arme, und einen Schmuck von Diamanten um ihre Haare, und ſegelte in der Stube rückwärts und vorwärts in ihren ſchlumpigen Fetzen, und ſtand daun — 266— und wann ſtill, um ſich in einem Stück zerbrochenen Spie⸗ gelglaſes zu betrachten. Ja, in dem Drange ihrer al⸗ bernen Eitelkeit konnte ſie einmal nicht widerſtehen, ſich an dem Fenſter zu zeigen, um ſich des Eindrucks ihres Putzes auf die Vorübergehenden zu erfreuen. Das Unglück wollte aber, daß Pedrillo Pedrugo, der zudringliche Barbier, in dieſem Augenblicke müßig in ſeiner Bude auf der entgegengeſetzten Seite der Straße ſaß, als das Funkeln eines Diamants ſein Auge traf. Augenblicks war er an ſeiner Luge, und ſah die ſchlum⸗ pige Frau des Waſſerträgers in der Pracht einer mor⸗ genländiſchen Braut herausgeputzt. Er hatte nicht ſo⸗ bald ein genaues Verzeichniß ihres Schmuckes aufge⸗ nommen, ſo flog er auch ſchon in aller Haſt zu dem Al⸗ ealde. Nach einer kleinen Weile war der hungrige Al⸗ guazil wieder auf der Spur; und ehe der Tag vorüber war, wurde der unglückliche Peregil wieder vor den Rich⸗ ter geſchleppt. «Wie iſt's, Schurke!» rief der Alcalde mit einer fürchterlichen Stimme.«Du ſagteſt mir, der in deinem Hauſe verſtorbene Ungläubige habe nichts als ein leeres Kiſtchen hinterlaſſen, und jetzt höre ich, deine Frau ſtol⸗ ziere in ihren Lumpen herum, mit Perlen und Diaman⸗ ten geſchmückt. Elender, der du biſt! Bereite dich, die Bente deines unglücklichen Opfers herauszugeben, und an dem Galgen zu baumeln, der bereits müde iſt, län⸗ ger auf dich zu warten.“» Der erſchrockene Waſſerträͤger fiel auf ſeine Kniee, und gab eine vollſtändige Erzählung von der wunderba⸗ ren Art, auf welche er zu ſeinem Reichthum gekommen — 267— war. Der Alcalde, der Alguazil und der neugierige Barbier lauſchten mit offenen Ohren auf dieſes arabiſche Märchen von bezauberten Schätzen. Der Alguazil wurde abgeſchickt, den Mauren herzubringen, der bei der Be⸗ ſchwörung zugegen geweſen. Der Moslem trat ein, halb außer ſich vor Schrecken, ſich in den Händen der Har⸗ pien der Gerechtigkeit zu ſehen. Als er den Waſſerträ⸗ ger mit ſeinen Schafsaugen und den niedergeſchlagenen Mienen daſtehen ſah, begriff er alles. Elendes Thier,» ſagte er, als er an ihm vorüber ging,«zhabe ich dich nicht vor dem Plaudern deiner Frau gewarnt?⸗ Die Geſchichte des Mauren ſtimmte genan zu der ſeines Genoſſen; aber der Alcalde ſtellte ſich hartgläu⸗ big, und drohte mit Gefängniß und ſtrenger Unterſuchung. «Langſam, guter Sennor Alcalde„ ſagte der Mu⸗ ſelmann, der unterdeſſen ſeine gewöhnliche Verſchlagen⸗ heit und Selbſtbeherrſchung wieder erlangt hatte.„Laßt uns die Gaben des Glücks nicht durch Streit um ſie vergenden. Niemand weiß von dieſer Sache etwas als wir— bewahren wir das Geheimniß. Es ſind Schätze genng in der Höhle, uns alle zu bereichern. Verſprecht eine gewiſſenhafte Theilung, und alles ſoll bekannt wer⸗ den— verweigert ſie, und die Höhle wird für immer geſchloſſen bleiben.« Der Alcalde berieth ſich heimlich mit dem Alguazil. Der letztere war ein alter Fuchs in ſeinem Gewerbe. „Verſprecht alles„ ſagte er,«bis ihr im Beſitz des Schatzes ſeyd. Ihr kennt dann das Ganze nehmen; und wenn er und ſein Mitfrevler zu murren wagen, ſo — 268— droht ihnen mit dem Scheiterhaufen und dem Pfahl ale Ungläubige und Hexenmeiſter.» Dem Alcalde gefiel der Rath. Er glättete ſeine Stirne und ſagte, zu dem Mauren gewendet: adieſe Geſchichte iſt wunderbar, und mag wahr ſeyn— aber ich muß mich mit eignen Augen davon überzeugen. Noch in dieſer Nacht müßt ihr die Beſchwörung in meiner Gegenwart widerholen. Wenn wirklich ein ſolcher Schatz da iſt, wollen wir ihn freundſchaftlichſt unter uns thei⸗ len, und nicht ferner von der Sache ſprechen; habt ihr mich aber getäuſcht, ſo erwartet von mir keine Guade. Mittlerweile müßt ihr im Gefängniß bleiben.» Der Maure und der Waſſerträger ſtimmten dieſen Bedingungen freudig bei, zufrieden, daß der Ausgaug die Wahrheit ihrer Worte bewähren würde. Gegen Mitternacht machte ſich der Alcalde, beglei⸗ von dem Alguazil und dem zuthunlichen Barbier, alle gut bewaffnet, in aller Stille auf den Weg. Sie führ⸗ ten den Mauren und den Waſſerträger als Gefangene, und hatten ſich den ſtarken Eſel des letztern noch zuge⸗ ſellt, um ihm den gehofften Schatz aufzubürden. Ohne bemerkt zu werden, kamen ſie an den Thurm, banden den Eſel an einen Feigenbaum, und ſtiegen in das vierte Gewölbe des Thurmes hinab. Die Rolle wurde hervorgeholt, die gelbe Wachs⸗ kerze angezündet, und der Maure las die Beſchwörungs⸗ formel. Die Erde bebte wie früher, der Boden öffnete ſich mit einem donnernden Schall, und die ſchmale Treppe ward ſichtbar. Der Alcalde, der Aguazil und der Bar⸗ bier waren ſchreckenbleich, und konnten nicht ſo viel — 239— Muth finden, hinabzuſteigen. Der Maure und der Waß⸗ ſerträger traten in das untere Gewölbe, und fanden die zwei Mauren ſtumm und regungslos, wie früher, da⸗ ſitzen. Sie hoben zwei große mit Goldmünzen und koſt⸗ baren Steinen gefüllte Gefäße weg. Der Waſſerträger ſchleppte ſie, einen nach dem andern, auf ſeinen Schul⸗ tern hinauf; obgleich er aber ein ſenniger kleiner Mann, und an das Tragen von Laſten gewöhnt war, wankte er doch unter ihrem Gewichte, und fand, als er ſie auf den beiden Seiten ſeines Eſels befeſtigt hatte, daß ſie ſo viel ausmachten, als ſein Eſel nur tragen konnte. «Laßt uns für jetzt zufrieden ſeyn,v ſagte der Maure, swir haben hier ſo viel Koſtbares, als wir ohne bemerkt zu werden, fortſchaffen koͤnnen, und genug, um uns alle ſo reich zu machen, als das Herz es nur verlangen kann.“ «Iſt der Schatz noch nicht ganz in unſern Händen?⸗ fragte der Alcalde. «Das Koſtbarſte,» ſagte der Maure, eiſt noch zu⸗ rück— eine große mit Stahlbanden geſchloſſene Kiſte, mit Perlen und Edelſteinen angefüllt.“» „Wir müſſen dieſe Kiſte haben, es koſte, was es wolle,» rief der habſüchtige Alcalde. „Ich werde nicht mehr hinabgehen, ſagte der Maure verdrießlich;«genug iſt genng für einen Vernünftigen— mehr iſt überflüßig.» « Und ich,» ſagte der Waſſerträger,«werde keine Laſt mehr herauftragen, meines armen Eſels Ruͤcken zu brechen.“ Da der Alcalde Befehle, Drohungen und Bitten gleich vergeblich fand, wendete er ſich zu ſeinen Ge⸗ .— 270— treuen.«Helft mir,» ſagte er,«die Kiſte heraufbringen, und ihr Inhalt ſoll unter uns getheilt werden.“ Bei dieſen Worten ſtieg er die Treppen hinab, und zitternd und widerſtrebend folgten ihm der Alguazil und der Barbier. Der Maure ſah ſie kaum in der Tiefe, ſo derlöſchte er die gelbe Kerze; der Boden ſchloß ſich mit dem ge⸗ wöhnlichen Schall, und die drei Helden blieben im Schoos der Erde vergraben. Er eilte jetzt die verſchiedenen Treppen herauf, und holte erſt Athem, als er unter freiem Himmel war. Der kleine Waſſerträger folgte ihm ſo ſchnell, als es ſeine kurzen Beine geſtatteten. «Was haſt du gethau,y» rief Peregil, ſobald er Athem geholt hatte. Der Alcalde und die andern zwei ſind in dem Gewölbe eingeſchloſſen.» «Es iſt der Wille Allah's!» ſagte der Maure fromm. «Und willſt du ſie nicht wieder befreien 25 fragte der Gallego. «Gott bewahre!» verſetzte der Maure, und ſtrich den Bart.«Es ſteht in dem Buche des Schickſals ge⸗ ſchrieben, ſie ſollen verzaubert bleiben, bis irgend ein künftiger Abentheurer den Bann bricht. Der Wille Got⸗ tes geſchehel) Mit dieſen Worten ſchleuderte er das Ende der Wachskerze weit weg in das dunkle Dickicht des Thales. Jetzt war nicht mehr zu helfen, und der Maure und der Waſſerträger ſchritten daher mit dem reich belade⸗ nen Eſel der Stadt zu. Der gute Peregil konnte ſich nicht enthalten, ſeinen langöhrigen Arbeitsgenoſſen, den — 271— er ſo aus den Krallen der Gerechtigkeit gerettet ſah, zu ſtreicheln und zu küſſen, und es ſteht wirklich dahin, was dem einfachen kleinen Burſchen in dem Augenblick mehr Freude machte, das Gewinnen des Schatzes oder das Wiederfinden des Eſels. Die zwei Glücksbrüder theilten ihre Beute freund⸗ ſchaftlich und redlich, nur daß der Maure, der einige Liebhaberei an Flitterſtaat hatte, es zu machen wußte, daß die Perlen, Edelſteine und anderer Tand ſtets auf ſeinen Haufen kamen; aber dann gab er dem Waſſer⸗ träger immer ſtatt der koſtbaren Edelſteine gediegenes Gold, fünfmal ſo groß, womit der letztere herzlich zu⸗ frieden war. Sie waren bedacht, ſich keinen Unannehm⸗ lichkeiten auszuſetzen, ſondern begaben ſich in andere Län⸗ der, um ſich ihres Reichthuws zu erfreuen. Der Maure kehrte nach Afrika in ſeine Vaterſtadt Tetuan zurück, und der Gallego eilte mit Frau und Kindern und ſei⸗ nem Eſel nach Portugal. Hier wurde er unter dem Schutz und Schirm ſeiner Frau ein Mann von einiger Wichtigkeit; denn ſie ſorgte, daß der lange Korper und die kurzen Beine des würdigen kleinen Mannes mit Wamms und Hoſen geſchmückt wurden, ſetzte ihm einen Federhut auf, ſteckte ihm ein Schwert an die Seite, und hieß ihn ſeinen vertraulichen Namen Peregil mit dem wohlklingendern Titel Don Pedro Gil vertauſchen. Seine Nachkommenſchaſt wuchs gedeihlich und fröhlichen Herzens herau, während Sennora Gil von Kopf bis zu den Füßen befranzt, beſpitzt und betrottelt, an allen Fin⸗ gern Ringe, das Muſter einer ſchlumpigen Mode⸗ und Putzdame wurde. 232— Was den Alcalden und ſeine Treuen betrifft, ſo blieben ſie anter dem großen Thurm der ſieben Stockwerke vergraben und bleiben dort heute noch feſtgebannt. Wenn es jemals in Spanien an kuppleriſchen Barbieren, gau⸗ nerhaften Alguazils und beſtechlichen Alcaldes fehlt, kann man ſie ſuchen; wenn ſie aber ſo lange mit ihrer Er⸗ löſung warten ſollen, ſo droht ihre Bezauberung bis zum jüngſten Tag zu währen. 4 Sage von der Roſe der Alhambra; oder der Page und der Geierfalk. Nachdem die Mauren Granada übergeben hatten, war dieſe herrliche Stadt eine Zeitlang der Lieblings⸗ aufenthalt der ſpaniſchen Könige, bis ſie durch aufein⸗ ander folgende Erdbeben, welche viele Häuſer nieder⸗ ſtürzten und die alten moslemitiſchen Thürme bis in ihre Tiefe erſchütterten, von hier verſcheucht wurden. Viele, viele Jahre vergingen nun, während welchen Granada ſelteu von einem königlichen Gaſte beehrt wurde. Die Paläſte des Adels ſtanden leer und verſchloſſen; und die Alhambra ſaß, wie eine vernachläͤſſigte Schönheit, traurig und verlaſſen in den der Pflege beraubten Gär⸗ ten. Der Thurm der Prinzeſſinnen, einſt der Aufent⸗ halt der drei ſchönen manriſchen Königstöchter theilte die allgemeine Verwuͤſtung; und die Spinne ſpann ihr Gewebe über die vergoldete Decke und Fledermäuſe und Enlen niſteten in den Gemächern, welche die Ge⸗ genwart Zayda's, Zorayda's und Zorahayda's ver⸗ ſchönert hatte. Die Vernachläſſigung dieſes Thurmes mag zum Theil den abergläubiſchen Anſichten der Be⸗ wohner zugeſchrieben ſeyn. Das Gerücht ging, der Geiſt der jungen Zorahayda, welche in dieſem Thurm ſtarb, werde oft beim Mondſchein geſehen, wie er neben den Brunnen in dem Saale ſttze oder trauernd um die Zin⸗ nen wandle und die Klänge ihrer Silberlaute hätten Wanderer, die durch die Schlucht kamen, oft um Mit⸗ ternacht gehört. Endlich erhielt Granada wieder königlichen Beſuch. Es iſt allbekannt, daß Philipp V. der erſte Bourbon war, der den ſpaniſchen Scepter führte. Es iſt allbe⸗ kannt, daß er Eliſabetha oder Iſabella(denn es iſt daſ⸗ ſelbe) die ſchöne Prinzeſſin von Parma in zweiter Ehe heirathete; und es iſt allbekannt, daß durch dieſe Kette von Begebniſſen ein franzöſtſcher Prinz und eine italie⸗ niſche Prinzeſſin ſich zuſammen auf den ſpaniſchen Throu ſetzten. Zum Empfange dieſes hohen Paares wurde die Alhambra eingerichtet und in aller Eile ausgeſchmückt. Die Ankunft des Hofes änderte das ganze Ausſehen des kürzlich noch öden Palaſtes. Der Klang der Trommeln und Trompeten, das Stampfen der Roſſe in den Zu⸗ gängen und äußern Höfen, der Glanz der Waffen, das Flattern der Fahnen um Warte und Zinnen rief den alten und kriegeriſchen Ruhm der Veſte zurück. Ein milderer Geiſt herrſchte jedoch in dem königlichen Pa⸗ 44— 47. 18 — 274— 4 laſte. Hier rauſchten ſeidne Gewänder und klang der vorſichtige Tritt und die leiſe Stimme der ehrerbietigen Höflinge in den Vorzimmern; in den Gärten wandelten Pagen und Staatsfräulein und aus offenen Fenſtern ſtahl ſich der Klang der Muſik. In dem Gefolge der Monarchen befand ſich ein Lieblingspage der Königin, Namens Ruyz de Alarcon. Wenn man ihn den Lieblingspagen der Königin nennt, ſo heißt dies ihm eine Lobrede halten, denn Alle im Gefolge der ſchönen Eliſabeth waren durch Anmuth, äußern Reiz und geiſtige Gaben ausgezeichnet. Er hatte eben ſein achtzehntes Jahr erreicht, war leichten, geſchmei⸗ digen Wuchſes und anmuthig wie ein junger Antinous. Gegen die Königin war er ganz Ehrerbietung und Un⸗ terwürfigkeit, in ſeinem Herzen aber war er ein ſpitz⸗ bübiſcher Gelbſchnabel, eigenſinnig und von den Damen am Hofe verwöhnt und wußte mit den Frauen weit beſſer umzugehen, als ſeine Jahre erwarten ließen. Dieſer Page ſtreifte eines Morgens in den Luſt⸗ wäldchen des Generalife, welche das Gebiet der Alham⸗ bra überſchauen, müßig umher. Er hatte zu ſeiner Un⸗ terhaltung einen Lieblings⸗Geierfalken der Königin mit ſich genommen. Bei ſeinem Umherſchlendern ſah er einen Vogel aus dem Gebüſch auffliegen, nahm dem Falken die Haube ab und ließ ihn fliegen. Der Falke ſchwang ſich hoch in die Luft, ſtieß auf ſeinen Raub, und ſchoß, da er ihn verfehlte, tanb gegen den Ruf des Pagen, da⸗ von. Der letztere folgte dem flüchtigen Vogel auf ſeinem launenhaften Fluge mit den Augen, bis er ſah, daß er auf den Zinnen eines einſamen und entfernten Thurms — 275— in den äußern Mauern der Alhambra, an dem Rand eines Abhangs erbaut, der die königliche Veſte von dem Gebiete des Generalife trennte, ſich niederließ. Es war in der That der„Thurm der Prinzeſſinnen.“ Der Page ſtieg in die Schlucht hinab und näherte ſich dem Thurm, aber dieſer hatte keinen Eingang von dem Thälchen und ſeine große Höhe machte jeden Ver⸗ ſuch, ihn zu erſteigen, vergeblich. Er machte daher, in⸗ dem er eines der Thore der Veſte ſuchte, einen weiten Umweg gegen die innerhalb der Mauern gelegene Seite Seite des Thurms. Vor dem Thurm lag ein Garten, von einem Zaun von Schilf umſchloſſen, der mit Myrthen überhangen war. Der Page öffnete ein Pförtchen und ging durch Blumenbeete und Roſengebüſch zu der Thüre. Sie war verſchloſſen und verriegelt. Eine Ritze in der Thüre ließ ihn in das Innere blicken und er ſah einen kleinen mau⸗ riſchen Sal mit Wänden in Stuccoarbeit, leichten Mar⸗ morſäulen und einem Alabaſterbrunnen, den Blumen umgaben. In der Mitte hing ein vergoldeter Käfig mit einem Singvogel, darunter lag auf einem Stuhle eine geſprenkelte Katze, darneben eine Seidenwinde und an⸗ dere Gegenſtände weiblicher Arbeit, und eine Guitarre, mit Bändern geziert, war an den Brunnen gelehnt. Ruyz de Alarcon ſtaunte über dieſe Spuren weib⸗ licher Zierlichkeit und Anmuth in einem einſamen und wie er geglaubt hatte, verlaſſenen Thurm. Sie erin⸗ nerten ihn an die in der Alhambra gängen Mäaͤrchen von bezauberten Sälen und die geſprengelte Katze ſollte wohl eine bezauberte Prinzeſſin ſeyn. 18*¾ — 276— Er klopfte leiſe an der Thüre. Ein ſchönes Geſicht ſchaute oben aus einem kleinen Fenſter, zog ſich ſchnell aber wieder zurück. Er wartete in der Hoffnung, die Thüre würde geöffnet werden; aber ſein Harren war umſonſt; kein Fußtritt war drinnen zu hören— alles war ſtumm. Hatten ihn ſeine Augen getäuſcht oder war die holde Erſcheinung die Fee des Thurms? Er klopfte wieder und härter. Nach einer kleinen Weile blickte das ſtrahlende Geſichtchen wieder heraus; es war das eines blühenden fünfzehnjährigen Mädchens. Der Page nahm augenblicklich ſeine mit Federn ge⸗ ſchmückte Mütze ab und bat in dem höflichſten Tone um die Erlaubniß, den Thurm beſteigen zu dürfen, um ſei⸗ un Falken zu holen. „Ich darf die Thüre nicht öffnen, Sennor,“ erwie⸗ derte das kleine Mädchen erröthend,«meine Tante hat es verboten.« «Ich bitte Euch, ſchöne Maid— es iſt der Lieb⸗ lingsfalke der Königin: ich darf ohne ihn nicht in den Palaſt zuruckkehren.“ „Ihr ſeyd alſo einer der Hoffavaliere 2 «So iſt's, ſchöne Maid; allein ich werde um die Gunſt der Königin und um meine Stelle kommen, wenn ich den Falken verliere.” «Santa Maria! vor euch Hofkavalieren hat mir meine Tante ganz abſonderlich beſohlen die Thüre zu verriegeln.» „Ohne Zweifel vor ſchlechten Kavalieren; aber ich bin kein ſolcher, ſondern ein einfacher, harmloſer Page, — 277— der unglücklich und elend ſeyn wird, wenn ihr die kleine Bitte nicht gewährt.⸗ Das Unglück des Pagen rührte das Herz des klei⸗ nen Mädchens. Es wäre doch gar zu Schade geweſen, wenn er durch die Verweigerung einer ſo unbedeutenden Bitte um ſeine Stelle gekommen wäre. Er konnte auch gewiß keines jener gefährlichen Weſen ſeyn, welche ihre Tante als eine Art Kannibalen, ſtets bereit, gedanken⸗ loſe Mädchen zu ihrem Raub zu machen, geſchildert hatte; er war ſanft und beſcheiden und ſtand ſo bittend da, die Mütze in der Hand, und ſah ſo ſchön aus. Der ſchlaue Page ſah, daß die Beſatzung zu wanken anfing und verdoppelte ſeine Bitten in ſo rührenden Aus⸗ drücken, daß es nicht in der Natur ſterblicher Mädchen geweſen wäre, ihn abzuweiſen; ſo kam denn die kleine erröthende Wächterin des Thurmes herab und öffnete die Thüre mit bebender Hand; und wenn der Page bei dem flüchtigen Anſchaun ihres Geſichtes vom Fenſter herab entzückt war, ſo wurde er, als die ganze Geſtalt ſich ihm darſtellte, bezaubert, hingeriſſen. Ihr andalnſtſches Leibchen und die hübſche Bas⸗ quinna hoben das volle aber zarte Ebenmaß ihrer Ge⸗ ſtalt hervor, die ihre jungfränliche Ausbildung kaum er⸗ reicht hatte. Ihr glänzendes Haar war auf der Stirn mit gewiſſenhafter Genauigkeit getheilt und, dem allge⸗ meinen Gebrauch des Landes zufolge, mit einer friſch gepfluckten Roſe geſchmückt. Es iſt wahr, ihr Geſicht war von der Glut einer ſüdlichen Sonne etwas gebräunt, aber dies diente nur, die reiche Blüthe ihrer Wangen — 278— zu zeigen und den Glanz ihrer ſchmelzenden Augen zu erhöhen. Ruyz de Alarcon ſah alles dies auf einen Blick, denn es kam ihm nicht zu, zu zögern; er murmelte nun ſeinen Dank und ſprang leicht die Wendeltreppe hinauf, um nach ſeinem Falken zu ſehen. Bald kam er, den flüchtigen Vogel auf ſeiner Fauſt, zurück. Das Maͤdchen hatte ſich indeſſen an den Brun⸗ nen im Saal geſetzt und wand Seide; aber in ihrer Erregung ließ ſie die Winde auf die Erde fallen. Der Page ſprang herzu und hob ſle auf, ließ ſich anmuthig auf die Knie nieder und bot ſie ihr dar; aber er faßte die darnach langende Hand und drückte einen glühenderen und inbrünſtigeren Kuß darauf, als er je der ſchönen Hand ſeiner Gebieterin aufgedrückt hatte. „Ave Maria, Sennor!» rief das Mädchen, vor Ver⸗ wirrung und Ueberraſchung noch höher erröthend, denn ſie war nie auf dieſe Weiſe begrüßt worden.. Der beſcheidene Page entſchuldigte ſich tauſendmal und verſicherte ſie, dies ſey bei Hofe die Weiſe, die tiefſte Ehrfurcht und Achtung auszudrücken. Ihr Zorn, wenn ſie ja zornig war, wurde leicht beſänftigt; allein ihre Erregung und Verlegenheit blieb und ſie ſaß da, höher und höher erröthend, die Augen auf ihre Arbeit niedergeſchlagen und den Seidenfaden, den ſie aufwinden wollte, verwirrend. Der liſtige Page ſah die Verwirrung in dem feind⸗ lichen Lager und hätte gern davon Gewinn gezogen, aber die ſchönen Reden, die er hören laſſen wollte, ſtarben ihm auf den Lippen und ſeine Artigkeitsverſuche waren — 279— linkiſch und ohne Erfolg; und zu ſeinem Befremden fand ſich der gewandte Page, der mit ſolcher Anmuth und Ungezwungenheit mit den klügſten und erfahrendſten Hof⸗ damen verkehrt hatte, vor einem einfachen fünfzehnjäh⸗ rigen Mädchen beſchämt und verblüfft. Das kunſtloſe Mädchen hatte in der That in ihrer Beſcheidenheit und Unſchuld einen beſſern Schirm, als in den Riegeln und Schlöſſern, welche ihre ſorgſame Tante vorgeſchrieben hatte. Aber wo iſt die weibliche Bruſt, die gegen das erſte Fluſtern der Liebe geſtählt iſt? Das kleine Mädchen verſtand bei aller ihrer Kunſt⸗ loſigkeit alles, was die ſtotternde Zunge des Pagen nicht auszudrücken im Stande war und ihr Herz zitterte, als ſie zum erſten Mal einen Liebhaber— und einen ſolchen Liebhaber, zu ihren Füßen ſah. Die Schüchternheit des Pagen war zwar ungeheu⸗ chelt, aber nur kurz, und er erlangte ſeine gewöhnliche Ruhe und ſein Selbſtbewußtſeyn wieder, als in der Ferne eine gellende Stimme gehört ward. «Meine Tante kömmt aus der Meſſe zurück,» rief das Mädchen erſchreckt: Ich bitte Sennor, entfernt Euch!⸗ „Nicht eher, als bis Ihr mir die Roſe in eurem Haar als Andenken gebt. Sie machte die Roſe haſtig aus ihrem Rabenhaare los. Nehmt,n ſagte ſie, verwirrt und erröthend,«aber geht, ich bitte.» Der Page nahm die Roſe und bedeckte zu gleicher Zeit die ſchöne Hand, welche ſie gab, mit Küſſen. Dann ſteckte er die Blume auf ſeine Mütze, nahm den Falken — 280— auf ſeine Fauſt und ſprang durch den Garten fort, das Herz der holden Jacinta mit ſich nehmend. Als die wachſame Tante in den Thurm kam, be⸗ merkte ſie die Bewegung ihrer Nichte und eine Art Un⸗ ordnung in dem Saal; allein ein erklärendes Wort ge⸗ nügte.«Ein Geierfalke hatte ſeinen Raub bis in den Saal verfolgt.» «Gott ſey uns gnädig! Ein Falke, der in den Thurm fliegt! hat man je von einem ſo frechen Thiere gehört! Ei, unſer Vogel im Käfig iſt nicht mehr ſicher.“» Die wachſame Fredegonda war eine der vorſichtigſten alten Jungfern. Sie hatte einen gehörigen Schrecken und paſſendes Mißtrauen in das, was ſie«das entgegen⸗ geſetzte Geſchlechts nannte, Gefühle, die durch ein lan⸗ ges unverheirathetes Leben noch geſteigert worden waren. Nicht als wenn die gute Frau je durch die Tücken der Männer gelitten hätte, die Natur hatte ihr eine Schutz⸗ wehr in das Geſtcht geprägt, welches jedes Eindringen in ihr Gebiet abhielt; aber die Frauen, die am wenig⸗ ſten Grund haben, für ſich beſorgt zu ſeyn, ſind am erſten bereit, reizendere Bekanntinnen ſtreng zu bewachen. Die Nichte war die Waiſe eines Offiziers, der im Kriege gefallen war. Sie war in einem Kloſter erzogen und neulich ans ihrem heiligen Aſyl geholt und unter die unmittelbare Aufſicht ihrer Tante gegeben worden, unter deren ſchirmender Pflege ſie in der Einſamkeit auf⸗ wuchs, wie die ſich öffnende Roſe unter einem Dornbuſch erblüht. Dieſe Vergleichung iſt nicht ganz zufällig; denn, die Wahrheit zu ſagen, ihre Friſche und ſich eut⸗ faltende Schönheit hatte ſelbſt in dieſer Abgeſchloſſenheit — 281— das öffentliche Auge auf ſich gezogen und das umwoh⸗ nende Landvolk hatte ihr mit der dem Andaluſter eignen poetiſchen Ansdrucksweiſe den Namen adie Roſe der Al⸗ hambra“ gegeben. Die bedächtige Tante fuhr ſort, über die verführe⸗ riſche kleine Nichte ſo lange die treueſte Wache zu hal⸗ ten, als der Hof zu Granada weilte, und ſlie ſchmei⸗ chelte ſich, daß ihre Wachſamkeit erfolgreich ſey. Es iſt wahr, die gute Frau wurde dann und wann über das Klimpern von Guitarren und das Singen von Liedchen, die leiſe aus dem mondbeglänzten Gebüſch unten am Thurme heraufklangen, muͤrſch und ärgerlich; aber ſte ermahnte dann ſtets ihre Nichte, das Ohr gegen ſolche eitle Singerei zu ſchließen, indem ſte ſie verſicherte, dies ſey einer der Kunſtgriffe des entgegengeſetzten Geſchlech⸗ tes,» durch welche einfache Maͤdchen oft in ihr Verderben gelockt würden. Ach! was vermag bei einem einfachen Mädchen eine trockne Predigt gegen ein Mondſchein⸗ Ständchen. Endlich hob Köͤnig Philipp ſeinen Aufenthalt zu Granada auf und reiſ'te plötzlich mit ſeinem ganzen Ge⸗ folge ab. Die wachſame Fredegonda gab auf den könig⸗ lichen Zug acht, wie er aus dem Thor der Gerechtigkeit herauskam und den großen Weg, der in die Stadt führt, hinabging. Als die letzte Fahne aus ihrem Auge ent⸗ ſchwand, wendete ſie ſich freudig zu dem Thurm, denn alle ihre Sorgen waren vorüber. Zu ihrem Staunen ſcharrte ein leichtes arabiſches Pferd den Boden am Gartenpförtchen:— zu ihrem Schrecken ſah ſie durch das Roſengebuͤſch einen Jüngling in buntſchmuckem Kleid zu den Füßen ihrer Nichte. Bei dem Schall von Fuß⸗ tritten bot er ihr ein zärtliches Lebewohl, ſprang leicht uͤber den Myrthen⸗ und Schilfzaun, ſchwang ſich auf ſein Roß und war augenblicklich verſchwunden. 3 Die zärtliche Jacinta verlor in der Heftigkeit ihres Kummers jeden Gedanken an den Unwillen ihrer Tante. Sie ſtürzte ſich in ihre Arme und brach in Seufzer und Thränen aus. „Ay de mil» rief ſie:«er iſt fort!— er iſt fort! — er iſt fort!— und ich werde ihn nie wieder ſehen!⸗ Fort?— Wer iſt fort? Was war dies für ein Jüngling, den ich zu deinen Füßen ſah?» „Ein Page der Königin, Tante, der mir Lebewohl geſagt hat.⸗ Ein Page der Königin, Kind!» wiederholte die wachſame Fredegonda ſchwach:«Und wann wurdeſt dn mit einem Pagen der Königin bekannt?⸗ 1 „Am Morgen, an welchem der Geierfalke in den Thurm kam. Es war der Königin Geierfalke und er ſuchte ihn bei uns.». „O albernes, albernes Mädchen! wiſſe, daß es kei⸗ ne Geierfalken gibt, die halb ſo gefährlich ſind, wie dieſe jungen windigen Pagen, und grade ſo einfältige Vögel, wie du einer biſt, faſſen ſie am erſten mit ihren Krallen.⸗ Die Tante war anfangs unwillig, als ſie erfuhr, daß, trotz ihrer gerühmten Wachſamkeit, ein zaͤrtlicher Verkehr von dem jungen Liebespaar faſt unter ihren Augen unterhalten worden war; als ſie aber fand, daß ihre argloſe Nichte, obgleich ſie ſo, ohne den Schutz von Riegel und Schloß, den Ränken des entgegengeſetzten — 283— Geſchlechtes ausgeſetzt war, die Feuerprobe unverſengt beſtanden hatte, tröſtete ſie ſich mit der Ueberzeugung, daß ſolches nur den keuſchen und vorſichtigen Grund⸗ ſätzen zuzuſchreiben ſey, in welche ſie ſich ſo zu ſagen bis an die Lippen getaucht hatte. Während die Tante dieſe lindernde Salbe auf ihren Stolz legte, erinnerte ſich die Nichte der oft wieder⸗ holten Schwüre der Treue des Pagen. Aber was iſt die Liebe des raſtloſen, umſtreifenden Mannes? Ein irrer Strom, der eine Zeitlang mit jeder Blume an ſeinem Ufer tändelt, dann dahinfließt und ſte alle in Thränen zurückläßt. Tage, Wochen, Monden vergingen und keine Kunde kam von dem Pagen. Die Granate reifte, die Rebe bot ihre Frucht, die Herbſtregen ſtürzten in Strömen von den Bergen nieder; die Sierra Nevada umkleidete ſich mit ihrem ſchneeigen Mantel und die Winterſtürme heulten durch die Säle der Alhambra— immer kam er nicht. Der Winter verging. Wieder brach der mun⸗ tere Frühling hervor, von Geſang, Blüthen und dufti⸗ gen Zephyren begleitet; der Schnee ſchmolz auf den Bergen, bis keiner mehr blieb als der auf dem luftigen Gipfel der Nevada, der durch die warme Sommerluft glänzte. Aber immer ließ ſich nichts von dem vergeß⸗ lichen Pagen hören. Unterdeſſen wurde die arme kleine Jacinta blaß und gedankenvoll. Sie gab ihre früheren Beſchäftigungen und Vergnägen auf, ihre Seide lag verwirrt da, die Gui⸗ tarre unbezogen, ihre Blumen wurden vergeſſen, die Toͤne ihres Vogels überhört und ihre, ſonſt ſo glänzen⸗ — 284— den Angen waren von heimlichem Weinen getrübt. Wenn irgend eine Einſamkeit geeignet iſt, die Leidenſchaft eines ltebesſtechen Mädchens zu nähren, ſo iſt es ein Ort wie die Alhambra, wo alles dazu beiträgt, zärtliche und ro⸗ mantiſche Treäumereien zu erzeugen. Sie iſt ein wahres Paradies für Liebende: wie traurig daher, in einem ſol⸗ chen Paradies allein zu ſeyn— und nicht nur allein, ſoudern verlaſſen! „Ach, albernes Kind,»— ſagte wohl die geſetzte und unbefleckte Fredegonda, wenn ſie ihre Nichte in ihrer trüben Laune ſah: chabe ich dich nicht vor den Liſten und Tuͤcken dieſer Männer gewarut? was konnteſt du aber auch von dem Abkömmling einer ſtolzen und ehr⸗ geizigen Familie erwarten?— du, eine Waiſe, der Sprößling eines geſunkenen und verarmten Geſchlechtes? Sei überzengt, wenn der Jüngling auch treu wäre, würde ſein Vater, einer der ſtolzeſten Edeln am Hofe, ſeine Verbindung mit einem ſo niedrigen und armen Weſen, wie du biſt, unterſagen. Faſſe daher Muth und ſcheuche dieſe eiteln Gedanken aus deinem Kopfe.» Die Worte der unbefleckten Fredegonda dienten nur, die Schwermuth ihrer Nichte zu vermehren, aber ſie ſuchte ihr im ſtillen nachzuhängen. Als ſich einſt ſpät in einer Sommernacht ihre Tante zur Ruhe begeben hatte, blieb ſie allein in dem Saale des Thurms an dem Ala⸗ baſter⸗Brunnen ſitzen. Hier hatte der treuloſe Page zuerſt geknieet und ihre Hand geküßt; hier hatte er ihr ſo oft ewige Treue geſchworen. Des armen kleinen Mädchens Herz war übervoll von traurigen und zärtlichen Erinne⸗ rungen, ihre Thränen begannen zu fließen und fſielen — 285— langſam, Tropfen um Tropfen, in den Brunnen. All⸗ mählig bewegte ſich das Waſſer, ſprudelte auf, wogte hin und her, bis eine weibliche Geſtalt, reich in mau⸗ riſche Gewänder gekleidet, ſich langſam emporhob. Jacinta erſchrack ſo, daß ſie aus dem Saal floh und nicht mehr zurückzukehren wagte. Am nächſten Morgen erzählte ſie ihrer Tante, was ſie geſehen hatte, aber die gute Frau betrachtete es für ein Schattenbild ihres beunruhigten Geiſtes oder dachte, ſie ſey eingeſchla⸗ fen und habe an dem Brunnen geträumt. Du haſt an die Geſchichte der drei mauriſchen Peinzeſſinnen gedacht, welche einſt in dieſem Thurme wohnten,» fuhr ſie fort, eund dies ging in deine Träume über. 3 «Welche Geſchichte, Tante? ich weiß nichts davon.» «Du haſt gewiß von den drei Prinzeſſinnen, Zayda, Zorayda und Zorahayda gehört, welche von dem König ihrem Vater in dieſen Thurm geſperrt wurden und mit drei chriſtlichen Rittern zu fliehen beſchloſſen. Die zwei erſtern flohen auch wirklich, aber die dritte verließ der Muth und man ſagt, ſte ſey in dieſem Thurme geſtor⸗ ben.” «Ich erinnere mich jetzt davon gehört zu haben, ſagte Jacinta;«ja, ich habe über das Schickſal der hol⸗ den Zorahayda oft geweint.» «Wohl magſt du über ihr Schickſal weinen,„ fuhr die Tante fort;«denn Zorahayda's Geliebter war dein Vorfahr. Er trauerte lange um ſeine mauriſche Liebe, aber die Zeit heilte ihn von ſeinem Gram und er hei⸗ rathete eine ſpaniſche Dame, von welcher du abſtammſt.⸗ Jacinta dachte üͤber dieſe Worte nach. Was ich — 286— geſehen habe, iſt kein Hirngeſpinnſt,⸗ ſagte ſie zu ſich, aich weiß es gewiß. Wenn es in der That der Geiſt der holden Zorahayda iſt, der, wie ich höre, in dieſem Thurme wandert,— wovor ſollte mir bangen? Ich will heute Nacht am Brunnen bleiben— vielleicht zeigt ſie ſich mir noch einmal.“» Gegen Mitternacht, als alles ruhig war, ſetzte ſie ſich wieder in den Saal. Wie die Glocke in dem fernen Wartthurm der Alhambra die Stunde der Mitternacht verkündete, bewegte ſich das Waſſer des Brunnens wie⸗ der, es ſprudelte und wogte, bis das Mauriſche Weib wieder empor ſtieg. Sie war jung und ſchön; ihr Kleid war reich an Juwelen und in der Hand hielt ſie eine ſilberne Laute; Jacinta zitterte und war einer Ohnmacht nabe; aber die ſanfte und klagende Stimme der Erſchei⸗ nung und der liebliche Ausdruck ihres blaſſen ſchwermü⸗ thigen Geſichts bernhigten ſie.— eKochter der Sterblichen,“ ſagte ſie,«was fehlt dir? Warum trüben deine Thraͤnen meinen Brunnen und ſtö⸗ ren deine Seufzer und Klagen die friedlichen Wachen der Nacht 25 „Ich weine über die Treuloſigkeit eines Mannes und klage um mein einſames und verlaſſenes Loos. „Tröſte dich; deine Sorgen können noch ein Ende finden. Du ſiehſt eine Mauriſche Prinzeſſin vor dir, welche, wie du, in ihrer Liebe unglücklich war. Ein chriſtlicher Ritter, dein Ahnherr, gewann mein Herz und würde mich in ſein Heimathland und in den Schooß ſei⸗ ner Kirche gebracht haben. In meinem Herzen war ich eine Bekehrte, aber mir fehlte ein Muth, der meinem — 287— Glauben gleich geweſen wäre, und ich zauderte, bis es zu ſpät war. Deswegen haben die böſen Geiſter Ge⸗ walt über mich und ich bleibe in dieſen Thurme gebannt, bis ein reiner Chriſt den Zauber bricht. Willſt du dies unternehmen 25 „Ich will,» antwortete das Mädchen zitternd. «So komm hierher und fürchte nichts; tauche deine Hand in den Brunnen, beſprenge mich mit dem Waſſer und taufe mich nach der Sitte deines Glaubens; ſo wird der Zauber vernichtet werden und mein irrer Geiſt Ruhe finden. Das Mädchen näherte ſich wankenden Schrittes, tauchte ihre Hand in den Brunnen, nahm Waſſer in die bohle Hand und ſprengte es über das blaſſe Antlitz der— Erſcheinung. Dieſe lächelte mit unausſprechlicher Milde. Sie ließ ihre Silberlaute zu Jacinta's Füßen fallen, faltete ihre weißen Arme über ihrem Buſen und verſchwand; es war blos, als wenn ein Schauer von Thautropfen in den Brunnen gefallen wäre. Voll Staunen und Schrecken verließ Jacinta den Saal. Sie ſchloß dieſe Nacht kaum ein Auge und als ſie mit Tagesanbruch aus einem beunruhigten Schlaf er⸗ wachte, ſchien ihr das Ganze einem Fiebertraum ähn⸗ lich. Als ſte aber in den Saal hinabging, zeigte ſich die Wahrheit der Erſcheinung, denn ſie ſah neben dem Brunnen die Silberlaute im Morgenſonnenſchein glaͤnzen. Sie eilte zu ihrer Tante, um ihr alles zu erzäh⸗ len, was ihr begegnet war, und forderte ſie auf, die Laute als Beweis der Wirklichkeit ihrer Erzählung zu — 298— betrachten. Wenn die gute Frau ja noch einige Zweifel hatte, ſo wurden dieſe zerſtreut, als Jacinta das In⸗ ſtrument beruhrte, denn ſlſe entlockte demſelben ſo hin⸗ reißende Tone, daß ſelbſt die eiſige Bruſt der unbefleckten Fredegonda, dieſe Region ewigen Winters, aufthaute und ſich freudig erſchloß. Nur eine übernatürliche Muſik konnte eine ſolche Wirkung hervorbringen. Die außerordentliche Macht der Laute wurde täg⸗ lich bemerkbarer. Der Wanderer, der an dem Thurme vorbeikam, blieb in athemloſem Entzücken ſozuſagen feſt⸗ gezanbert. Seibſt die Vögel ſamm lten ſich auf den be⸗ nachbarten Bäumen, und lauſchten, ihrer eignen Lieder vergeſſend, in ſtummem Entzücken. Das Gerücht verbreitete die Neuigkeit bald weiter. Die Bewohner Granada's ſtrömten zu der Alhambra, um einige Töne der herrlichen Muſtik zu erhaſchen, die um den Thurm der Prinzeſſinnen erſcholl. Die liebliche kleine Künſtlerin wurde endlich ihrer Einſamkeit entrückt. Die Reichen und Mächtigen des Landes ſtritten ſich, ſie zu bewirthen und mit Ehren zu überhäufen, oder vielmehr ſich den Zauber ihrer Laute zu ſichern, um die Modewelt in Schaaren in ihre Säle zu locken. Wohin ſie ging, hielt ihre ſorgſame Tante die Wache eines Drachen an ihrer Seite und ſchreckte den Strom verliebter Bewunderer, die entzückt an ih⸗ rem Geſange hingen, zurück. Die Sage von ihrer wun⸗ dervollen Gabe ging von Stadt zu Stadt. Malaga, Sevilla, Cordova— alle wurden nach und nach in den Strudel hineingeriſſen und man ſprach in ganz Andalu⸗ ſien von nichts mehr, als von der ſchönen Künſtlerin der — 289— Alhambra. Wie konnte es auch bei einem ſo muſikali⸗ ſchen und verliebten Volke, wie die Andaluſter, anders kommen,— da die Macht der Laute magiſch und die Künſtlerin von Liebe begeiſtert war?— Während ganz Andaluſien ſo muſtktoll war, herrſchte an dem ſpaniſchen Hofe eine ganz andere Stimmung. Philipp v. war, wie wohl bekannt iſt, ein ungluͤcklicher Hypochondriſt und allen Arten von Grillen unterworfen. Manchmal blieb er wochenlang im Bette und ächzte in eingebildeten Schmerzen. Ein anderes Mal beſtand er darauf, dem Thron entſagen zu wollen: zum großen Aer⸗ ger ſeiner köntglichen Gemalin, die für den Glanz des Hofes und die Glorie einer Krone eine ziemliche Neigung hatte und den Scepter ihres kindiſchen Gemals mit kluger und feſter Hand führte. Nichts zeigte ſich wirkſamer, die königlichen Schwin⸗ del zu verſcheuchen, als die Macht der Muſtik; der Kö⸗ nig ſorgte daher, die beſten Saͤnger und Tonkünſtler zur Hand zu haben, und behielt den berühmten italieniſchen Sänger Farinellt als eine Art königlichen Leibarztes bei Hofe. 1 In dem Augenblicke jedoch, von welchem wir ſpre⸗ chen, hatte ſich in dem Kopf dieſes weiſen und erlanch⸗ ten Bourbon's eine Grille feſtgeſetzt, welche alle fruhere Einfälle übertraf. Nach einer langen eingebildeten Krank⸗ heit, die allen Arien Farinelli's und den Berathungen eines ganzen Orcheſters von Hofgeigern Trotz bot, gab der Monarch in Gedanken den Geiſt auf und hielt ſich für maustodt. 1 Dies wäre ziemlich harmlos, ja, ſelbſt der Königin 44— 47. 19 — 290— und den Höflingen ganz gelegen geweſen, wenn er ſich bequemt hätte, in der für einen Todten paſſenden Ruhe zu bleiben. Zu ihrer Qual beſtand er aber darauf, die Leichenceremonien mit ſich vorgenommen ſehen zu wollen und begann zu ihrer unausſprechlichen Verwirrung, un⸗ geduldig zu werden und über ihre Nachläſſigkeit und Geringſchätzung, ihn ſo lange unbegraben zu laſſen, bit⸗ ter zu ſchelten. Was war zu thun? Den beſtimmten Befehlen des Königs nicht zu gehorchen, war in den Augen der dienſtwilligen Höflinge eines pünktlichen Ho⸗ fes ſcheuslich— aber ihnen zu gehorchen und ihn leben⸗ dig zu begraben, wäre offenbarer Königsmord geweſen! Mitten in dieſer fürchterlichen Verlegenheit erreichte das Gerücht von einer Künſtlerin, die ganz Andaluſien den Kopf verdrehte, den Hof. Die Königin ſandte in aller Eile Boten ab, ſie nach Sanct Ildefonſo zu be⸗ ſcheiden, wo damals der Hof reſidirte. Als einige Tage darauf die Königin mit ihren Staatsdamen in jenen prächtigen Gärten luſtwandelte, welche mit ihren Gängen, Terraſſen und Brunnen den Ruhm von Verſailles auszuſtechen beſtimmt waren, wurde die weitberühmte Künſterin vor ſie geführt. Die könig⸗ liche Eliſabeth blickte erſtaunt auf das jugendliche und anſpruchsloſe Aeußere des kleinen Weſens, welches der Welt den Kopf verrückte. Sie war in ihrer maleriſchen andaluſiſchen Tracht, hielt ihre Silberlaute in der Hand und ſtand mit beſcheiden geſenkten Augen, aber in einer Einfachheit und Friſche der Schönheit da, welche in ihr ſtets noch adie Roſe der Alhambrav ankündigte. Wie gewöhnlich war ſie von der immer wachſamen — 291— Fredegonda begleitet, welche der wißbegierigen Koͤnigin die ganze Geſchichte ihrer Abſtammung und Herkunft erzählte. Wenn die hohe Eliſabeth von Jacinta's Aeuſ⸗ ſerem freundlich angeſprochen worden war, ſo freute ſie ſich noch mehr, als ſte erfuhr, daß ſie aus einem ver⸗ dienten obgleich herabgekommenen Geſchlechte ſtammte und daß ihr Vater im Dienſte der Krone als braver Krieger gefallen war. ⸗Wenn dein Talent deinem Rufe gleich kömmt,» ſagte ſie, aund du dieſen böſen Geiſt bannen kannſt, der in deinem Könige wohnt, ſo ſoll fortan dein Glück meine Sorge ſeyn und Ehren und Reichthum werden dich erwarten.⸗ Ungeduldig, ihre Geſchicklichkeit zu erproben, begab ſte ſich alsbald in das Gemach ihres launenvollen Ge⸗ mals. Durch Reihen von Wachen und Schaaren von Höf⸗ lingen folgte Jacinta mit geſenktem Auge. Sie kamen endlich in ein großes Gemach, das ſchwarz ausgelegt war. Die Fenſter waren geſchloſſen, um kein Taglicht eindriugen zu laſſen: eine Anzahl gelber Wachskerzen auf ſilbernen Leuchtern verbreiteten ein düſteres Licht und zeigten ſchwach die Geſtalten von Dienern in Trauer⸗ kleidern, und von Höſlingen, die mit geräuſchloſem Schritt und verzweifeltem Geſicht umher ſchlichen. In der Mitte lag auf einem Paradebett, die Hände auf der Bruſt ge⸗ faltet, und bis zur Spitze der Naſe verhuͤllt, der gern begraben ſeyn- wollende Monarch ausgeſtreckt. Die Königin trat ſchweigend in das Gemach, zeigte auf einen Schemel in einem dunkeln Winkel und winkte Jaeinta, ſich niederzulaſſen und anzufangen. 19 8 292— Anfangs rührte ſie die Laute mit bebender Hand, dann aber faßte ſie Muth, und wurde während des Spiels erregt und ließ eine ſo himmliſche Muſik hören, daß alle Anweſenden vor Stannen und Entzücken außer ſich waren. Der Monarch aber, der ſich bereits in der Welt der Geiſter glaubte, dachte die Muſik der Engel oder der Sphären zu hören. Allmählig wechſelte der Vortrag und die Stimme der Künſtlerin begleitete das Inſtrument. Sie ſang eine der alten Balladen von dem ehemaligen Ruhm der Alhambra und den Thaten der Mauren. Ihre ganze Seele ging in den Vortrag ein, denn mit den Erinnerungen an die Alhambra war die Geſchichte ihrer Liebe verwebt. Dies Todtengemach hallte von dem belebenden Geſange wieder. Er fand den Weg in das düſtere Herz des Königs. Er hob ſein Haupt und ſchaute rund um: er richtete ſich in ſeinem Bette auf, ſein Auge begann zu glänzen— endlich ſprang er auf den Boden und rief nach Schild und Schwert. Der Triumph der Muſik, oder vielmehr der bezan⸗ berten Laute, war vollkommen; der Geiſt der Schwer⸗ muth war verſcheucht und gewiſſermaßen ein Todter in das Leben zurückgerufen worden. Die Fenſter des Ge⸗ maches wurden geöffnet; der glorreiche Glanz ſpaniſchen Sonnenſcheins drang in die geweſene Todtenkammer; alle Augen ſuchten die holde Zauberin; aber die Laute war aus ihrer Hand gefallen, ſie war niedergeſunken und wurde im nächſten Augenblick an die Bruſt von Ruyz de Alarcon gepreßt. Die Hochzeit des glücklichen Paares wurde bald darauf mit großem Glanze gefeiert; doch ſtill— ich höre den Leſer fragen, wie Ruyz de Alarcon ſein langes Schweigen entſchuldigte? O, daran war allein der Wi⸗ derſtand eines ſtolzen, eigenſinnigen alten Vaters Schuld; überdies kommen junge Leute, die wirklich einander gern haben, bald zu einem freundlichen Einverſtändniß und begraben alle fruͤheren Beſchwerden, wenn ſie ſich wie⸗ derſehen. Aber wie kam es, daß der ſtolze eigenſinnige Vater in die Heirath willigte? O, ein oder zwei Worte der Königin verſcheuchten bald alle ſeine Bedenklichkeiten, beſonders da es Wuͤrden und Belohnungen auf den blühenden Liebling der Köni⸗ gin regnete. Ueberdies beſaß, wie Ihr wißt, Jacinta's Laute eine Zaubermacht, welche über den eigenſinnigſten Kopf und die härteſte Bruſt gebieten konnte.. Und was wurde aus der bezauberten Lante? O, dies iſt das allermerkwürdigſte bei der Sache und beweiſt offenbar die Wahrheit der ganzen Geſchichte. Dieſe Lante blieb eine Zeitlang in der Familie, wurde aber von dem großen Sänger Farinelli, wie man glaubte, ans bloßer Eiferſucht, entwendet und weggebracht. Nach ſeinem Tode kam ſie in Italien an andere Beſitzer, wel⸗ che mit ihrer geheimnißvollen Macht unbekannt waren, das Silber einſchmolzen und mit den Saiten eine alte Cremoneſer Geige bezogen. Die Saiten haben noch et⸗ was von ihrer magiſchen Kraft. Ein Wort in des Le⸗ ſers Ohr, aber erzählt es nicht weiter— dieſe Geige bezaubert jetzt die ganze Welt— es iſt die Geige Pa⸗ ganini's. Der Veteran. — Zu den ſeltſamen Bekanntſchaften, die ich bei meinen Streifereien um die Veſte gemacht habe, gehört ein braver und mürber alter Invalidenobriſt, der ſich wie ein Habicht in einem der mauriſchen Thürme eingeniſtet hat. Seine Geſchichte, welche er ſehr gern erzählt, iſt ein Gewebe jener Abentheuer, Unfälle und Widerwärtig⸗ keiten, welche das Leben faſt eines jeden Spaniers von Anſehen eben ſo bunt und wunderlich geſtalten, wie die Blätter des Gil Blas.. Er war mit ſeinem zwölften Jahre ſchon in Amerika und rechnet es zu ſeinen bedeutungsvollſten und glück⸗ lichſten Erlebniſſen, General Waſhington geſehen zu ha⸗ ben. Seitdem hat er an allen Kriegen ſeines Vater⸗ landes Theil genommen; er kann aus Erfahrung von den meiſten Gefängniſſen und Kerkern der Halbinſel ſpre⸗ chen; er wurde an einem Fuß gelähmt, an den Händen verſtümmelt und ſo zerhauen und zerſetzt, daß er eine Art wandelnden Monumentes aller Unruhen Spaniens iſt, an welchem man fuͤr jede Schlacht und jeden Strauß eine Schmarre ſehen konnte, wie auf Robinſon Cruſoe's Baum jedes Jahr eingekerbt war. Das größte Unglück des braven alten Herrn ſcheint jedoch geweſen zu ſeyn, daß er während einer Zeit der Gefahr und Verwirrung — 295— zu Malaga kommandirt hatte und von den Einwohnern zum General gemacht worden war, um ſie gegen den Einfall der Franzoſen zu ſchützen. Dies hat ihn in eine Menge gerechter Anſprüche an den Staat verwickelt, welche, wie ich fürchte, ihn bis zu ſeinem Todestage mit Schreiben und Drucken von Bittſchriften und Vorſtellun⸗ gen beſchäftigen werden, zur großen Beunruhigung ſeines Geiſtes, zur Erſchöpfung ſeiner Börſe und zur Buße ſei⸗ ner Freunde, deren keiner ihn beſuchen kann, ohne dem Vorleſen eines furchtbaren, eine halbe Stunde langen Aktenſtückes zuhören und ein halbes Dutzend Flugſchrif⸗ ten in ſeinen Taſchen mitnehmen zu müſſen. Dies iſt aber in Spanien überall ſo: allenthalben ſtögt man auf einen verdienten Wicht, der in einer Ecke brütet und ir⸗ gend einen Lieblingsſchmerz oder ein theures Unrecht nährt. Ueberdies kann man annehmen, daß in Spanien, der einen Prozeß oder einen Anſpruch an die Rigierung hat, mit Beſchäftigung für ſein ganzes uͤbriges Leben ver⸗ ſehen iſt. Ich habe den Veteran in ſeinem Quartier in dem obern Theil des Torre del Vino, oder Wein⸗Thurm be⸗ ſucht. Sein Zimmer war klein aber niedlich und hatte eine ſchöne Ausſicht auf die Vega. Es war mit der Ein⸗ fachheit eines Soldaten eingerichtet. Drei Flinten und ein Paar Piſtolen, alle glänzend und hell, hingen nebſt einem Säbel und einem Stocke an der Wand und über ihnen zwei Krämphüte, der eine für die Parade, der andere für den Alltagsgebrauch. Ein kleines Brett, auf dem ein halbes Dutzend Bücher ſtanden, machte ſeine Bibliothek aus; eines derſelben, ein kleiner alter zer⸗ — 296— freſſener Band philoſophiſcher Maximen, machte ſeine Lieblingslectüre aus. Ueber dieſem lag und brütete er Tag um Tag und wendete jeden Grundſatz auf ſich ſelber an, vorausgeſetzt, daß er einen kleinen Beigeſchmack von Bitterkeit hatte und von der Ungerechtigkeit der Welt handelte. 3 3 Bei allem dem iſt er geſellig und gutmüthig, und, wenn man ihn von ſeinen Kränkungen und ſeiner Philo⸗ ſophie abbringen kann, ein ganz unterhaltender Ge⸗ noſſe. Ich habe die alten wetterzerſchlagenen Söhne des Schickſals gern und freue mich ihrer ungeſchmückten Kriegs⸗ anekdoten. Als ich unſerm Veteran meinen Beſuch machte, erfuhr ich einige merkwürdige Thatſachen über einen alten militäriſchen Befehlshaber der Veſte, welcher in mancher Beziehung viel Aehnlichkeit mit ihm gehabt und in dem Kriege gleiche Schickſale erlebt zu haben ſcheint. Dieſe Einzelnheiten ſind durch Nachforſchungen bei einigen der alten Bewohner des Ortes vermehrt wor⸗ den, beſonders bei dem Vater des Mateo Nimenes, in deſſen mährchenhaften Geſchichten der Treffliche, den ich jetzt bei dem Leſer einführen will, einen Lieblingshelden abgibt. Der Statthalter und der Notar. In fruͤhern Zeiten herrſchte als Statthalter der Alhambra ein männlicher alter Herr, der, weil er einen Arm im Kriege verloren hatte, allgemein unter dem Namen el Gobernador Manco, oder der einarmige Statt⸗ halter bekannt war. Er that ſich wirklich viel darauf zu gut, ein alter Soldat zu ſeyn, trug ſeinen Schnur⸗ bart bis zu den Augen hinauf gedreht, ein Paar Or⸗ donnanz⸗Stiefel und einem Toledo(Saäbel) ſo lang wie ein Spieß, mit dem Taſchentuch in dem Säbelkorb. Ferner war er ungemein ſtolz und empfindlich und hielt ſehr auf ſeine Privilegien und Wuͤrden. Unter ſeiner Herrſchaft wurden die Vorrechte der Alhambra, als königliche Reſidenz und Domaine, auf das ſtrengſte gehandhabt. Niemand durfte mit einem Feuergewehr, oder auch nur mit Säbel und Stock in die Veſtung kommen, wenn er nicht von einem gewiſſen Range war; und jeder Reiter mußte am Thore abſteigen und ſein Pferd am Zügel führen. Da nun der Hügel der Alham⸗ bra ſich aus der Mitte der Stadt Granada erhebt und gewiſſermaßen ein Auswuchs der Stadt iſt, ſo muß es allzeit für den Ober⸗ General, der den Befehl über die Provinz hat, etwas läſtig ſeyn einen Staat im Staat, einen kleinen unabhängigen Poſten in der Mitte ſeines Gebietes zu haben. In dem vorliegenden Falle wurde — 298— dieſes Verhältniß noch verdrießlicher durch die reizbare Eiferſucht des alten Statthalters, welcher bei der ge⸗ ringſten Frage hinſichtlich des Vorrangs und der Ge⸗ richtsbarkeit Feuer ſing, ſo wie durch den lockern land⸗ ſtreicheriſchen Charakter des Volkes, das ſich nach und nach in der Veſte, wie in einem Heiligthum eingeniſtet hatte und von da aus auf Koſten der ehrſamen Bewoh⸗ ner der Stadt ein wahres Diebs⸗ und Ränberleben trieb. So gab es zwiſchen dem General und dem Statt⸗ halter der Veſtung ein ſtetes Hadern und Streiten, was von Seiten des letzteren um ſo heftiger war, in ſo fern der kleinere von zwei benachbarten Herrſchern ſtets am hartnäckigſten auf ſeine Würde haͤlt. Der ſtattliche Pa⸗ laſt des Generals ſtand auf der Plaza Nueva, unmit⸗ telbar am Fuße des Hügels der Alhambra, und hier war ſtets die Scene des lärmenden Prunkens der Wa⸗ chen und Bedienten und der Stadt⸗Offizianten. Eine vorragende Baſtion der Veſte überſchaute den Palaſt und den Platz vor demſelben; und auf dieſer Baſtion ſtolzirte der alte Statthalter gelegentlich auf und ab, ſeinen Teledo um die Hüfte gegürtet, und ſeinen Neben⸗ buhler mit ſcharfem Auge beaufſichtigend, wie ein Ha⸗ bicht ſeinen Raub aus ſeinem Neſte in einem durren Baume belugt. 1 So oft er in die Stadt herabkam, geſchah es ſtets in großem Staat, zu Pferd, von ſeiner Wache umgeben, oder in ſeiner Staatskutſche, einem alten unbehülflichen ſpaniſchen Bau von zierlich ausgeſchnittenem Holz und vergoldetem Leder, von acht Maulthieren, gezogen, von — 299— Läufern, Vorreitern und Lakaien umringt; bei ſolchen Gelegenheiten ſchmeichelte er ſich, als Stellvertreter des Königs jeden Begegnenden mit Schrecken und Bewun⸗ derung zu erfüllen; obgleich die Witzbolde der Stadt, beſonders die, welche um den Palaſt des Generals her⸗ umſtrichen, über ſeinen kleinlichen Prunk ſpotteten, und, auf den lockern Charakter feiner Untergebenen anſpie⸗ lend, ihn mit dem Namen des„Bettlerkönigs, begrüß⸗ ten. Eine der fruchtbarſten Quellen des Haders zwiſchen dieſen zwei mannlichen Nebenbuhlern war das von dem Statthalter angeſprochene Recht, daß alles, was zu ſei⸗ nem und dem Gebrauch der Garniſon beſtimmt ſey, ab⸗ gabenfrei durch die Stadt gehen müſſe. Dieſes Vor⸗ recht hatte nach und nach zu einem ausgedehnten Schleich⸗ handel Veranlaſſung gegeben. Eine Hecke Schmuggler ließen ſich in den Hutten der Alhambra und den zahl⸗ reichen Höhlen der Nachbarſchaft nieder, und trieben un⸗ ter dem Beiſtand der Soldaten der Beſatzung ein ſehr eintraͤgliches Gewerbe. Die Wachſamkeit des Generals war rege. Er hielt mit ſeinem Rechtsanwalt und Factotum, einem ſchlauen, rübrigen Escribano, oder Notar, Rath, der ſich freute, eine Gelegenheit zu haben, den alten Potentaten der Alhambra zu necken, und ihn in ein Labyrinth von ju⸗ riſtiſchen Spitzfindigkeiten zu verwickeln. Er rieth dem General, auf dem Rechte, alles, was durch die Stadt ging, unterſuchen zu dürfen, zu beſtehen, und erwieß dieſes Recht in einem langen Briefe. Statthalter Manco war ein grade ausgehender, derber alter Soldat, der — 300— einen Escribano mehr als den Teufel haßte, und eben dieſen mehr als alle andere Escribano's. Was 2» ſagte er, und drehte ſeinen Schnurrbart zornig empor: cheißt der General dieſen Federmann, mich in Verlegenheit ſetzen? Ich will ihm zeigen, daß ein alter Soldat ſich nicht durch Schulweisheit verblüf⸗ fen läßt.) Er nahm ſeine Feder und kritzelte mit rauher Hand einen kurzen Brief, worin er, ohne ſich herabzulaſſen, in Beweiſe einzugehen, auf dem Rechte freien Durch⸗ gangs, ohne beläſtigendes Nachſuchen, beſtand, und je⸗ dem Mauthbeamten Rache drohte, der ſeine ungeheiligte Hand an irgend eine von dem Banner der Alhambra geſchützte Sendung legte. Waͤhrend dieſe Frage von den zwei eigenſinnigen Herrſchern behandelt wurde, begab es ſich, daß eines Tages ein mit Vorrath für die Veſte beladenes Maulthier an dem Thore des Nenil ankam, durch welches es auf ſeinem Wege zur Alhambra eine der Vorſtädte paſſiren ſollte. An der Spitze des Gelei⸗ tes war ein mürriſcher alter Korporal, der lange unter dem Statthalter gedient hatte, und ein Mann nach ſei⸗ nem Herzen war, ſo feſt und roſtig, wie eine alte Tole⸗ der⸗Klinge. Als ſie dem Stadtthore nahe kamen, ſteckte der Korporal das Banner der Alhambra auf den Pack⸗ ſattel des Manlthiers, richtete ſich kerzengrade empor, und ſchritt mit vorwärts gerichtetem Kopfe, aber dem achtſamen Seitenblick eines Hundes einher, der durch feindlichen Boden geht, und zum bellen und beißen be⸗ reit iſt. «Wer da?, fragte die Wache am Thor. — 301— *Soldat der Alhambra, den Kopf zu wenden. „Was habt ihr geladen? «Lebensmittel für die Beſatzung.⸗ «Weiter!⸗ Der Korporal zog, von dem Geleite gefolgt, ſtracks vorwärts, hatte aber nur wenige Schritte gemacht, als ein Haufe Mauthbeamte aus einem kleinen Zollhanſe ſtürzten. «Halt da!“ rief der Erſte. Maulthiertreiber, halt und öffne deine Päcke. Der Korporal machte rechts um, und ſtellte ſich ſchlagfertig auf. Achtet die Banner der Alhambra,“ ſagte er; adieſe Sachen ſind fͤr den Statthalter. «Was geht uns der Statthalter an! Was geht uns ſeine Flagge an! Maulthiertreiber halt, ſage ich., „Haltet dieß Thier auf eure Gefahr an!) rief der Korporal, den Hahn ſeines Gewehrs ſpannend; Maul⸗ thiertreiber, weiter! Der Mauthiertreiber gab ſeinem Thier eine tigen Puff; der Manthbeamte ſprang hervor, die Halfter, worauf der Korporal zielte, todt ſchoß. Die Straße war ſogleich in Aufruhr. Der alte Korporal wurde ergriffen, und nachdem er manche Stöße, Schläge und Prügel erhalten in tuͤch⸗ und faßte und ihn » ſagte der Korporal, ohne — 302— den war, nach der Alhambra zu ziehen Erlaubniß er⸗ hielten. Der alte Statthalter war in furchtbarer Hitze, als er dieſe Beleidigung an ſeinem Banner und die Gefan⸗ gennahme des Korporals erfuhr. Eine Zeitlang tobte er in den manriſchen Sälen herum, ſchnaubte auf der Baſtion, und blickte Feuer und Schwert auf den Palaſt des Generals hinab. Als er ſeiner erſten Wuth Luft gemacht hatte, ſchickte er einen Boten ab, und forderte die Uebergabe des Korporals, da ihm das Recht zuſtehe, über die Vergehen derer, die unter ſeinem Befehle ſtän⸗ den, zu Gericht zu ſitzen. Der General, von der Feder des frohen Escribano unterſtützt, antwortete ſehr ausführlich, und legte dar, das Verbrechen ſey innerhalb der Stadtmauern und an einem Civildiener begangen worden, es ſey alſo klar, daß es unter ſeine eigne Gerichtsbarkeit gehöre. Des Statt⸗ halters Brief wiederholte ſein Verlangen. Der General gab ein Schreiben von weit größerer Länge und voll juriſtiſchen Scharfſinnes zurück; der Statthalter wurde heiſer und beſtimmter in ſeinem Begehren, und der Ge⸗ neral kühler und länger in ſeinen Antworten, bis der alte löwenherzige Soldat wirklich vor Wuth brüllte, ſich ſo in die Netze juriſtiſcher Spitzfindigkeiten verwickelt zu ſehen. Während der ſchlaue Escribano ſich ſo auf Koſten des Statthalters erluſtigte, leitete er das Verhör des Korporals, der, in ein enges Verlies eingeſperrt, nur ein kleines vergittertes Feuſter hatte, durch welches er — 303— den Freunden einen Theil ſeines Geſichts zeigen, und ihre Tröſtungen empfangen konnte. 3 Ein Berg von geſchriebenen Zeugniſſen war, nach ſpaniſchem Brauch, von dem unermüdlichen Escribano aufgehaͤuft worden; der Korporal war durch dieſelben vollkommen überwältigt. Er wurde des Mordes äber⸗ führt, und verdammt, gehangen zu werden. Vergebens ſchickte der Statthalter Einreden und Drohungen von der Alhambra herab. Der unglückliche Tag kam heran, und der Korporal wurde in capilla ge⸗ bracht, d. h. in die Kapelle des Geheimniſſes, wie man es ſtets mit Verbrechern vor dem Tage ihrer Hinrich⸗ tung hält, damit ſie uͤber ihr herrannahendes Ende nach⸗ denken, und ihre Sünden bereuen können. Als der alte Statthalter ſah, daß es auf das Aenſ⸗ ſerſte gekommen war, beſchloß er, perſönlich nach dem Stand der Dinge zu ſehen. Zu dieſem Ende ließ er ſeine Staatskutſche herausholen, und rumpelte, von ſei⸗ nen Wachen umgeben, den Weg der Alhambra nieder in die Stadt. Er fuhr vor das Haus des Escribano, und ließ ihn an die Thüre rufen. Das Auge des Statthalters glänzte wie eine Kohle, als er den freundlichen Mann des Rechts mit einer frohlockenden Miene herankommen ſah. «Was muß ich hören„» ſagte er,«ihr wollt einen meiner Soldaten hängen 2„ «Alles nach dem Geſetz— alles in ſtrenger Form Rechtens,» ſagte der ſelbſtzufriedene Escribano, kichernd und ſich die Hände reibend.«Ich kann Enrer Excellenz das ganze geſchriebene Zeugenverhör zeigen.“ — 304— „Holt es hierher!» ſagte der Statthalter. Der Escribano eilte in ſeine Arbeitsſtube, froh, daß er eine neue Gelegenheit hatte, auf Koſten des hartköpfigen Ve⸗ terans ſeinen Witz zu zeigen. Er kam mit einem Bündel Papiere zurück, und be⸗ gann mit der Zungenflüchtigkeit ſolcher Leute eine lange Ausſage vorzuleſen. Unterdeſſen hatte ſich ein Haufe Menſchen geſammelt, die mit ausgeſtreckten Hälſen und offenem Munde zuhörten. «Höre, Menſch,» ſagte der Statthalter, aſetze dich in den Wagen, damit ich dich, fern von dieſem verdamm⸗ ten Gedränge beſſer hören kann.“» Der rothe Escribano ſetzte ſich in den Wagen; auf einen Wink wurde die Wagenthüre geſchloſſen, der Kut⸗ ſcher ließ die Peitſche ſpielen— Maulthiere, Wagen und Alles flog wie ein Wetter dahin, und ließ die Menge in gaffendem Staunen. Der Statthalter ruhte nicht eher, als bis er ſeine Beute in einem der ſtärkſten Ker⸗ ker der Alhambra verwahrt ſah. Darauf ſchlug er in militäriſchem Styl einen Waf⸗ fenſtillſtand vor, und trug auf Friedensabſchluß oder Aus⸗ wechſelung der Gefangenen— des Korporals und des Notars— an. Der Stolz des Generals war getrof⸗ fen; er ſchickte eine wegwerfende abſchlägliche Antwort zurück, und ließ mitten auf der Plaza Nueva einen ho⸗ hen und ſtarken Galgen zur Hinrichtung des Korpo⸗ rals bauen. 1 «Oho! iſt es ſo gemeint?“ ſagte der Statthalter Manco. Er gab ſeine Befehle, und augenblicks wurde am Rande der großen vorſpringenden Baſtion, welche — 305— den Platz überſchaute, ein Galgen errichtet. Jetzt,) ließ er dem General ſagen, ajetzt hängt meinen Solda⸗ ten, wenn's Euch beliebt; aber in derſelben Minute, wo er über dem Platze ſchwebt, werdet Ihr Euern Es⸗ cribano in den Lüften baumeln ſehen.» Der General war unbeugſam; Truppen wurden auf dem Platz aufgeſtellt; die Trommeln ſchlugen, die Glok⸗ ken hallten. Eine unermeßliche Menge von Liebhabern ſammelte ſich, um die Hinrichtung zu ſehen. Andrerſeits ſtellte der Statthalter ſeine Beſatzung auf der Baſtion auf, und ließ das Grablied des Notars von der Torre de la Campana oder dem Glockenthurm herabläͤuten. Die Frau des Escribano drängte ſich, mit einer ganzen Schaar kleiner Embryo⸗Escribanos auf der Ferſe, durch die Menge, warf ſich dem General zu Füßen, und bat ihn, dem Stolze nicht ihres Gatten Leben, ihr und ihrer zahlreichen kleinen Kinder Wohl zu opfern; adenn,» ſagte ſte, Ihr kennt den alten Statthalter zu gut, als daß Ihr zweifeln könnt, er werde ſeine Drohung nicht ausführen, wenn Ihr den alten Soldaten hängt.⸗ Ihre Klagen und Thränen, und das Jammergeſchrei der nackten Brut beſtegten den General. Der Korpo⸗ ral wurde unter Bewachung, in ſeinem Galgenkleid, wie ein bekapuzter Mönch, aber geraden Hauptes und eiſer⸗ nen Geſichts in die Alhambra gebracht. Der Escribano wurde, dem Vertrag zufolge, dagegen verlangt. Der ſonſt ſo rührige und ſelbſtzufriedene Mann des Rechts wurde eher todt als lebendig aus ſeinem Loche hervor⸗ geholt. Alle ſeine Gewandtheit und Liſt war dahin; ſein Haar ſoll vor Schrecken faſt ganz ergraut geweſen 44— 47. 20 — — 3606— ſeyn, und fein Blick war traurig und trübſelig, als fühlte er noch den Strick um ſeinen Hals. Der Statthalter blieb mit untergeſtemmten Armen ſtehen, und betrachtete ihn einen Augenblick mit eiſernem Lächeln.«Fortan, mein Freund,» ſagte er,«mäßigt Euern Eifer, Andere an den Galgen zu bringen; ſeyd Eurer Sicherheit nicht zu gewiß, wenn Ihr auch das Recht auf Eurer Seite haben ſolltet; und vor allem, ſeht Euch vor, wenn ihr wieder Eure Schulneisheit an einem alten Soldaten üben wollt.⸗ Statthalter Maneo und der Soldat. Wenn Statthalter Manco, oder der Einarmige, ſich einigermaßen mit ſeiner Beſatzung in der Alhambra zei⸗ gen wollte, ſo ärgerte er ſich über die Vorwürfe, die man ſeiner Veſtung immer machte, ſie ſey ein Heckeneſt für Schurken und Schleichhändler. Ploͤtzlich beſchloß der alte Herrſcher eine Reform; er ging kräftig zu Werk, und warf ganze Vagabunden⸗Neſter aus der Veſte und den Zigeunerhöhlen, von welchen die Hügel umher durch⸗ löchert ſind. Auch ſandte er Soldaten aus, welche die Wege und Stege durchſtreifen, und alle Verdächtige auf⸗ greifen mußten. Eines klaren Sommer⸗Morgens ſaß eine ſolche Streifwache, beſtehend aus dem mürriſchen alten Kor⸗ poral, der ſich in der Notarsgeſchichte ausgezeichnet hat, einem Trompeter und zwei Gemeinen, unter der Gar⸗ tenmauer des Generalife, an der Straße, welche von dem Sonnenberg herab führt, als ſie das Trampeln eines Pferdes und eine männliche Stimme hörten, welche in ranhen, obgleich nicht unmuſtkaliſchen Tönen ein al⸗ tes kaſtilianiſches Kriegslied ſang. Alsbald erblickten ſie einen ſtarken, ſonneverbrann⸗ ten Kerl, der, in die zerkumpte Uniform eines Infante⸗ riſten gekleidet, ein kräftiges arabiſches Pferd, auf die alte mauriſche Art herausgeputzt, führte. Der Korporal war über den Anblick eines fremden Soldaten, der, ein Roß am Zügel, dieſen einſamen Berg niederſtieg, ſehr erſtaunt, ſchritt vorwärts und rief ihn an. «Wer da 25 Gut Freund!⸗ „Wer und was ſeyd Ihr 2⸗ «Ein armer Soldat, der eben aus dem Felde kömmt, und als Lohn einen zerſchlagenen Hirnſchädel und leeren Beutel mitbringt.⸗» Sie waren unterdeſſen in den Stand geſetzt wor⸗ den, ihn genauer zu betrachten. Er hatte ein ſchwarzes Pfaſter ͤber der Stirne, was, nebſt einem granlichen Barte, den dem Teufel trozenden Charakter ſeines Ge⸗ ſichtes noch erhöhte, während ein leichtes Schielen über das Ganze einen gelegentlichen Strahl ſchelmiſcher Laune warf. Als der Soldat die Fragen der Streifwache beant⸗ wortet hatte, ſchien er ſich berechtigt zu erachten, auch 20 ½ — 308— dergleichen vorzubringen.»Darf ich fragen,yp ſagte er⸗ awelche Stadt ich am Fuße des Hügels ſehe 2 5 „Welche Stadt?2 rief der Trompeter:«õnun, das iſt zu arg. Treibt ſich dieſer Burſche hier um den Son⸗ nenberg herum, und fragt nach dem Namen der großen Stadt Granada!» «Granada! Madre di Dios! iſt es möglich?, aVielleicht nicht!“ verſetzte der Trompeter; aund Ihr habt vielleicht keine Vorſtellung davon, daß jenes die Thürme der Alhambra ſind?⸗ „Sohn einer Trompete, verſetzte der Fremde, aſcherze nicht mit mir; und wenn jenes wirklich die Alhambra iſt, ſo führt mich hin, ich habe dem Statthalter ſeltſame Dinge zu berichten. «„Dazu werdet Ihr Gelegenheit haben,» ſagte der Korporal,«denn wir gedenken euch vor ihn zu führen.» Mittlerweile hatte der Trompeter den Zügel des Pfer⸗ des gefaßt, jeder der beiden Gemeinen hatte ſich eines Arms des Soldaten bemächtigt, der Korporal ſelbſt ſtellte ſich an die Spitze des Zugs, kommandirte Vorwärts— marſch!“ und dahin ging der Zug der Alhambra zu. Der Anblick eines zerlumpten Infanteriſten und eines ſchönen arabiſchen Pferdes, welche die Streifwache eingebracht hatte, zog die Aufmerkſamkeit aller Müßig⸗ gänger der Veſte und jener geſchwätzigen Gruppen an, die ſich gewöhnlich früh Morgens um die Brunnen ſam⸗ meln. Das Rad der Ciſterne ruhte, und die Magd in ihren Schlarren ſtand gaffend, den Krug in der Hand, als der Korporal mit ſeinem Fang vorbei kam. Ein — —,— — — 309— bunter Zug ſchloß ſich nach und nach dem Nachtrab des Geleites an. Weiſe Winke, Bemerkungen und Vermuthungen machten die Runde. Es iſt ein Ausreißer,» ſagte der Eine.«Ein Schmuggler,» ſagte ein Anderer. Ein Rän⸗ ber,» ſagte ein Dritter;— bis es ſicher und hergeſtellt war, daß der Hauptmann einer verzweifelten Räuber⸗ bande durch die Kuhnheit des Korporals und ſeiner Leute gefangen worden ſey. Gut, gut,» ſagten ſich die alten Bafen,«Hanptmann oder nicht— er mache ſich einmal aus den Händen des Statthalters Manco los, wenn er kann, obgleich jener nur einhändig iſt.⸗ Der Statthalter Manco ſaß in einem der innern Säle der Alhambra, und trank in Geſellſchaft ſeines Beichtvaters, eines feiſten Franziskanermönchs aus einem benachbarten Kloſter, ſeine Taſſe Morgen⸗Chocolade. Ein ſittſames, ſchwarzäugigiges Mädchen von Malaga, die Tochter ſeines Wirthſchafters, bediente ihn. Die Welt gab zu verſtehen, dieſes Mäͤdchen, die bei aller ihrer Sittſamkeit eine ſchlaue, dralle Hexe war, habe ein wei⸗ ches Fleckchen in dem Eiſenherzen des alten Statthalters gefunden, und habe ihn ganz unter dem Pantoffel. Doch ſtill davon— die häuslichen Angelegenheiten dieſer mäch⸗ tigen Herrſcher der Erde ſollte man nicht ſo genau un⸗ terſuchen. Als die Nachricht kam, ein verdächtiger Fremder, der um die Veſtung herumgeſchlichen, ſey eingefangen worden, und bereits in dem aͤußern Hof unter der Auf⸗ ſicht des Korporals, der die Befehle Seiner Exeellenz erwarte, ſchwellte der Stolz und die Würde des Dienſtes — 310— die Bruſt des Statthalters. Er gab die Chocoladetaſſe in die Hände des ſittſamen Mädchens, ließ ſeinen Säbel mit dem großen Korbe holen, gürtete ihn um, drehte ſeinen Schnurrbart aufwärts, ſetzte ſich in einen großen, hochrückigen Stuhl, nahm eine ſauere und abſchreckende Miene an, und forderte den Gefangenen vor ſich. Der Soldat wurde hereingeführt, von ſeinen Gefangenneh⸗ mern noch gehörig feſtgehalten, und von dem Korporal bewacht. Er zeigte jedoch ein entſchloſſenes, ſelbſtver⸗ trauendes Weſen, und gab den ſcharfen, forſchenden Blick des Statthalters mit einem leichten Schielen zurück, was dem empfindlichen alten Potentaten keineswegs gefiel. «Nun, Beklagter,» ſagte der Statthalter, nachdem er ihn einen Augenblick ſchweigend angeblickt hatte,«was könnt ihr zu eueren Gunſten ſagen— wer ſeyd ihr 25 «Ein Soldat, der eben aus dem Feld kömmt, und nichts davon getragen hat, als Narben und Wunden.⸗ «Ein Soldat— hem— ein Infanteriſt nach dem Rock. Ich höre, ihr hättet ein ſchönes arabiſches Pferd. Ich vermuthe, ihr habt das auch aus dem Krieg davon⸗ getragen neben euern Narben und Wunden.» «Ich habe, mit Eurer Excellenz Erlaubniß, etwas Seltſames in Betreff dieſes Pferdes zu erzählen. In der That, ich habe eine der wunderbarſten Dinge zu be⸗ richten; etwas, das auch die Sicherheit dieſer Veſte, ja von ganz Granada angeht. Allein es iſt ein Gegenſtand, den ich euch nur allein anvertrauen kann, oder uur in Gegenwart ſolcher Leute mittheilen darf, welche euer Zutrauen haben.⸗ — — 311— Der Statthalter dachte einen Augenblick nach, und befahl dann dem Korporal und ſeinen Leuten, ſich zu entfernen, ſich aber außen an der Thure aufzuſtellen, und auf den erſten Ruf zur Hand zu ſeyn.„Dieſer fromme Moͤnch,“ ſagte er,„iſt mein Beichtvater, und ihr könnt alles in ſeiner Gegenwart ſagen— und die⸗ ſes Mädchen“— auf die Dienerin deutend, die mit dem Ausdruck großer Neugierde geblieben war—„die⸗ ſes Maͤdchen iſt ſehr verſchwiegen und beſcheiden, und man kann ihr in allem vertrauen.“ Der Soldat ſah mit einem halb ſchielenden, halb ſtreifenden Blick auf das ſittſame Mädchen.„Es iſt mir ganz recht,“ ſagte er, udaß das Mädchen bleibt.“ Als ſich die Uebrigen alle entfernt hatten, begann der Soldat ſeine Geſchichte. Er war ein Kerl von ge⸗ länfiger und geſchmeidiger Zunge, und hatte eine Sprache zu ſeinem Befehl, die über ſeinen ſcheinbaren Stand ging. „Mit Eurer Excellenz Erlaubniß,“ ſagte er„„ ich bin, wie ich bemerkt habe, ein Soldat, und habe harte Tage im Dienſte verleht; da meine Zeit aber aus war, wurde ich vor kurzem aus der Armee von Valadolid entlaſſen, und trat zu Fuß meinen Weg nach meinem Vaterorte in Andaluſten an. Geſtern Abend ging die Sonne unter, als ich eine große dürre Ebene von Alt⸗ Kaſtilien durchzog.“ „Halt!“ rief der Statthalter;„was ſagt ihr da? Alt⸗Kaſtilien liegt etwa zwei bis dreihundert Meilen von hier.“ „Ganz recht,“ verſetzte der Soldat kalt.„Ich ſagte Enrer Excellenz, ich hätte ſeltſame Dinge zu erzählen; — 312— allein nicht ſeltſamer als wahr, wie Eure Excellenz fin⸗ den wird, wenn ſie mich eines geduldigen Gehörs würdigt.“ „Weiter, Beklagter,“ ſagte der Statthalter, ſeinen Schnurrbart empordrehend. „Als die Sonne unterging,“ fuhr der Soldat fort, „warf ich meine Augen umher, um ein Lager fuͤr die Nacht zu ſuchen; allein ſo weit meine Blicke reichen konnten, war keine Spur einer Wohnung. Ich ſah, daß ich mein Bett auf der nackten Erde, und den Schnap⸗ ſack zum Kiſſen würde machen müſſen; aber die Excellenz iſt ein alter Krieger, und weiß, daß fuͤr den, der im Felde war, ein ſolches Nachtlager kein großes Unglück iſt.“ Der Statthalter nickte Beifall, während er ſein Taſchentuch aus dem Säbelkorbe nahm, um eine Fliege, die um ſeine Naſe ſummte, zu verſcheuchen. „Nun, um eine lange Geſchichte abzukürzen,“ fuhr der Soldat fort,„ich trollte mehrere Meilen weiter, bis ich zu einer Bruͤcke kam, die über eine tiefe Schlucht ging, durch welche ein kleiner Bach floß, den die Som⸗ merhitze faſt ausgetrocknet hatte. An dem Ende der Brücke war ein mauriſcher Thurm, deſſen oberer Theil ganz verfallen war; ein Gewölbe an dem Fundamente aber war wohlerhalten. Hier, dachte ich, iſt ein guter Platz zum Anhalten; ſo ſtieg ich zum Bache nieder, und trank tüchtig, denn das Waſſer war rein und gut, und ich war ausgetrocknet vor Durſt; dann öffnete ich mei⸗ nen Sack, und nahm eine Zwiebel und einige Kruſten, aus denen mein ganzer Mundvorrath beſtand, heraus, ſetzte mich auf einen Stein am Rand des Baches, und fing an mein Abendmahl zu verzehren, worauf ich mein — 313— Nachtquartier in dem Thurmgewölbe aufzuſchlagen ge⸗ dachte; und es wäre ein herrliches Quartier für einen Soldaten geweſen, der eben aus dem Felde kam, wie die Excellenz, als ein alter Soldat, ſich wohl denken kann.“ „Ich habe zu meiner Zeit wohl ſchlimmeres freudig mitgenommen,“ ſagte der Statthalter, indem er ſein Taſchentuch wieder in den Korb ſeines Säbels legte. „Während ich meine Kruſte ruhig zermalmte,“ fuhr der Soldat fort,„hörte ich, daß ſich etwas in dem Ge⸗ wölbe regte; ich horchte— es war der Tritt eines Pferdes. Allgemach kam aus einer Thüre in dem un⸗ tern Theil des Thurms, nahe an dem Rande des Waſ⸗ ſers, ein Mann heraus, der ein mächtiges Pferd am Zü⸗ gel führte. Ich konnte bei dem Sternenlichte nicht ge⸗ nau ſehen, wer er war. Es hatte etwas Verdächtiges, in den Ruinen eines Thurmes, an dieſem wilden, ein⸗ ſamen Orte herumzuſtöbern. Er konnte ein bloßer Wan⸗ derer ſeyn, wie ich; er konnte ein Schmuggler ſeyn; er konnte ein Bandelero ſeyn. Was lag daran! dem Him⸗ mel und meiner Armuth Dank, ich hatte nichts zu ver⸗ lieren; drum ſaß ich ſtill, und nagte an meiner Kruſte. Er führte das Pferd an das Waſſer, ganz nahe dem Flecke, wo ich ſaß, ſo daß ich die beſte Gelegenheit hatte, ihn näher in's Auge zu faſſen. Zu meinem Stan⸗ nen war er in mauriſche Tracht gekleidet, hatte einen Panzer von Stahl, und eine polirte Kopfbedeckung, wie ich aus dem Widerſchein der Sterne darauf unterſchied. Auch ſein Roß war nach mauriſcher Art geſchirrt, mit großen ſchaufelartigen Steigbügeln. Wie geſagt, er führte es an den Rand des Baches, in welchen das — 314— Thier ſeinen Kopf faſt bis zu den Augen ſteckte und trank, bis ich dachte, es müſſe berſten.“ „Kamerad,“ ſagte ich,„dein Pferd trinkt brav; es iſt ein gutes Zeichen, wenn ein Pferd den Kopf tüchtig in das Waſſer ſteckt.“ „Es darf wohl trinken,“ ſagte der Fremde in mau⸗ riſchem Accent;„es iſt ein gutes Jahr, daß es ſeinen lezten Trunk erhalten hat.“ 3 „Bei Santiago,“ ſagte ich,„das läßt ſelbſt die Kameele, die ich in Afrika geſehen habe, hinter ſich zurück. Doch kommt, ihr ſcheint etwas von einem Soldaten— wollt ihr euch ſetzen,— und eine Soldaten⸗Mahlzeit theilen? In der That, ich fühlte den Abgang eines Gefaͤhrten an dieſem einſamen Platze, und wollte mich gern mit einem Ungläubigen begnügen. Ueberdieß iſt ein Soldat, wie die Excellenz wohl weiß, nicht eben ſehr eigen in Bezug auf den Glauben ſeiner Gefaͤhrten, und Soldaten aller Länder ſind zur Friedenszeit Kameraden.“ Der Statthalter nickte wieder Beifall. „Gut, wie ich ſagte, ich lud ihn ein, meine Mal⸗ zeit, wie ſie war, zu theilen, denn ich konnte der gewöhn⸗ lichen Gaſtfreundſchaft zufolge, nicht weniger thun.„Ich habe keine Zeit,“ ſagte er,„zu weilen, um zu eſſen und zu trinken, denn ich muß vor dem Morgen eine große 4 Reiſe machen.“ „In welcher Richtung,“ ſagte ſch. „Andaluſten,“ ſagte er. „Genau mein Weg,“ ſagte ich;„da ihr nun nicht bleiben und mit mir eſſen wollt, laßt ihr mich vielleicht anfſteigen, und mit euch reiten. Ich ſehe, euer Pferd iſt von mächtigem Bau, und Bürge dafuͤr, daß es dop⸗ pelte Laſt trägt.⸗ „Zugegeben!“ ſagte der Reiter, und es wäͤre nicht höflich und ſoldatenmäßig geweſen, es abzuſchlagen, be⸗ ſonders da ich ihm angeboten hatte, mein Abendeſſen mit ihm zu theilen.“ „Haltet euch feſt,“ ſagte er,„mein Roß geht wie der Wind.“ „Keine Sorge,“ ſagte ich, und wir brachen auf. „Das Pferd ging bald vom Schritt zum Trabe, vom Trabe zum Gallop, und vom Gallop zu einem wü⸗ thenden Laufe über. Es war, als wenn Felſen, Bäume, Häuſer— alles windſchnell hinter uns flöge.“ „Welche Stadt iſt dieß?“ ſagte ich. „Segovia!“ ſagte er, und ehe das Wort aus ſei⸗ uem Munde war, waren die Thürme von Segovia ſchon aus den Augen. Wir flogen die Quadarama⸗Berge em⸗ por, am Escurial herab, berührten die Mauern von Ma⸗ drid, und flogen über die Ebenen der Mancha. So ka⸗ men wir Bergauf und Thalab, an Thürme und Städte, all in tiefem Schlaf begraben, über Berge und Ebenen und Flüſſe, die fluͤchtig im Sternenſchein glänzten.“ „Um eine lange Geſchichte abzukürzen, und Eure Excellenz nicht zu ermüden— der Reiter hielt plötzlich an der Seite eines Berges an.„Hier ſind wir,“ ſagte er,„am Ziel unſerer Reiſe.“ Ich blickte umher, konnte aber keine Spur einer Wohnung ſehen; nichts als die Oeffnung einer Höhle. Während ich umſchaute, ſah ich Schaaren von Leuten in mauriſcher Tracht, einige zu Pferd, andere zu Fuß, wie vom Sturm von allen Punk⸗ 3 1 ten der Windroſe herbeigetragen, und wie Bienen in ihren Stock in die Oeffnung der Höhle eilen. Ehe ich fragen konnte, ſtach der Reiter ſeine langen mauriſchen Sporen in des Roſſes Seite, und ſtürzte mit der Menge hinein. Wir kamen einen ſteilen gewundenen Weg ent⸗ lang, der in die Eingeweide des Berges hinabführte. Als wir weiter kamen, zeigte ſich nach und nach der Schimmer eines Lichtes, wie das erſte Dämmern des Tages; woher es aber kam, konnte ich nicht bemerken. Es wurde heller und heller, und ließ mich bald alles umher genau ſehen. Ich bemerkte jetzt, während wir dahin ſtürmten, große Höhlen, die ſich, wie Hallen in einem Zeughaus, rechts und links öffneten. In einigen dieſer Gewölbe waren Schilde und Helme und Panzer und Lanzen und Schwerter an den Wänden aufgehängt; in andern lagen große Haufen Kriegsvorräthe und Feld⸗ geräthe auf dem Boden.“ „Es würde dem Herzen der Excellenz, als einem alten Soldaten, wohl gethan haben, ſolch einen großen Vorrath von Kriegsbedürfniſſen beiſammen zu ſehen. Dann waren in andern Höhlen lange Reihen von Reitern, bis zu den Zähnen bewaffnet, mit erhobe⸗ nen Lanzen und wallenden Fahnen, alle zum Kampf bereit; aber ſie ſaßen alle regungslos in ihren Sätteln, gleich eben ſo vielen Statüen. In andern Hallen ſchlie⸗ fen Soldaten auf der Erde neben ihren Pferden, ſo wie Fußvolk in Gruppen, bereit, ſich in Reih und Glied zu ſtellen. Alle waren in altmodiſcher Maurentracht und Rüſtung.“ „Gut, Excellenz, um eine lange Geſchichte kurz zu — —— — 317— machen, wir kamen endlich in eine unermeßliche Höhle, oder in einen Palaſt, darf ich ſagen, deſſen Waͤnde mit Gold und Silber geädert, und von Diamanten, Sa⸗ phirn und allen Arten edler Steine zu funkeln ſchienen. An dem obern Ende ſaß ein mauriſcher König auf einem goldnen Throne, ſeine Edlen an ſeiner Seite, und eine Wache von afrikaniſchen Schwarzen mit gezogenen Säͤ⸗ beln. Die ganze Schaar, die fortwährend hereinſtrömte, und zu Tauſenden und Tauſenden anſchwoll, ging einer nach dem andern an ſeinem Thron vorüber, und jeder beugte ſich tief, während er vorüber ging. Viele aus der Menge waren in prächtige Gewänder ohne Flecken und Makel gekleidet, und funkelten von Juwelen; an⸗ dere trugen polirte und emaillirte Rüſtungen; waͤhrend andere vermoderte und verwitterte Kleider und Rüſtun⸗ gen trugen, welche ganz zerſchellt, zerſchlagen und mit Roſt bedeckt waren.“ „Ich hatte bisher geſchwiegen, denn es paßt, wie die Excellenz weiß, nicht für den Soldaten, viele Fragen zu thun, wenn er im Dienſte iſt; aber ich konnte mich nicht länger halten.“ „Höre, Kamerad,“ ſagte ich,„was bedeutet denn alles dieß?“ „Das iſt ein großes und furchtbares Geheimniß,“ ſagte der Reiter.„Wiſſe, o Chriſt, daß du den Hof und das Heer Boabdils, des letzten Königs von Gra⸗ nada, vor dir ſiehſt.“ „Was ſagt ihr mir da?“ rief ich.„Boabdil und ſein Hof ſind vor Jahrhunderten aus dem Lande ver⸗ baunt worden, und alle in Afrika geſtorben.“ — 318— „So wird es in euern lügenhaften Chroniken er⸗ zählt,“ verſetzte der Maure;„aber wißt, Boabdil und die Krieger, welche zuletzt für Granada gekämpft haben, ſind alle durch mächtigen Zauber in dem Berge einge⸗ ſchloſſen. Was den König und die Armee betrifft, welche zur Zeit der Uebergabe von Granada wegzogen, ſo war dieß ein bloßer Schattenzug von Geiſtern und Dämo⸗ nen, welche dieſe Geſtalten annehmen durften, um die chriſtlichen Herrſcher zu taͤuſchen. Und ferner laßt mich euch erzählen, Freund, daß ganz Spanien ein in Zan⸗ bermacht befangenes Land iſt. Es gibt keine Höhle auf den Bergen, keinen einſamen Wartthurm auf den Ebe⸗ nen, kein zerfallenes Schloß auf den Höhen, in deren Gewölben nicht von Jahrhundert zu Jahrhundert be⸗ zauberte Krieger ſchlafen, bis die Sünden gebüßt ſind, wegen welchen Allah es zuließ, daß die Herrſchaft eine Zeitlang aus den Händen der Gläubigen kam. Einmal im Jahr, am h. Johannistag, werden ſie, vom Sonnen⸗ niedergang bis zum Sonnenaufgang von dem Zauber erlößt, und dürfen hierher kommen, um ihrem König zu huldigen, und die Menge, welche ihr in die Höhle eilen feht, ſind Moslemin⸗Krieger, welche aus ihrem Aufent⸗ haltsort in allen Theilen Spaniens hierher kommen. Mich betreffend, ſo ſaht ihr den verfallenen Thurm an der Brücke in Alt⸗Caſtilien, wo ich jetzt ſo viele Jahr⸗ hunderte Winter und Sommer hingebracht habe, und wohin ich bei Tagesanbruch zurück muß. Die Abthei⸗ lungen Reiter und Fußvolk, welche ihr in Schlachtord⸗ nung in den umliegenden Hallen aufgeſtellt ſahet, ſind bezauberte Krieger von Granada. Es iſt in dem Buche — 319— des Schickſals geſchrieben, daß wenn der Zauber ge⸗ brochen wird, Boabdil an der Spitze ſeines Heeres aus dem Berge kömmt, ſeinen Thron in der Alhambra und ſeine Herrſchaft über Granada wieder einnimmt, die be⸗ zauberten Krieger aus allen Theilen Spaniens ſammelt, die Halbinſel wieder erobert und ſie der Herrſchaft der Moslemin zurückgibt.» «Und wann wird dies eintreffen? ſagte ich. „Allah allein weiß es: wir hatten gehofft, der Tag der Befreiung ſey gekommen; aber es gebietet jetzt ein wachſamer Statthalter in der Alhambra, ein tapferer alter Soldat, als Statthalter Manco wohl bekannt. So kange ein ſolcher Krieger über den erſten Poſten be⸗ fiehlt und ſtets fertig iſt, den erſten Ausfall aus dem Berge zu vereiteln, fürchte ich, müſſen Boabdil und ſein Heer ſich begnügen, auf ihren Wafſen zu ruhen.» Hier richtete ſich der Statthalter etwas ſenkrecht empor, zog ſeinen Säbel an ſich und drehte ſeinen Schnurr⸗ bart empor. «Um eine kange Geſchichte kurz zu machen und die Excellenz nicht zu ermüden,— der Reiter ſtieg, nachdem er dieſe Kunde gegeben hatte, von ſeinem Roſſe.» «Bleibt hier, fagte er, aund gebt auf mein Pferd acht, waͤhrend ich gehe und vor Boabdil das Knie beuge!⸗ Bei dieſen Worten eilte er weg zu dem Haufen, der ſich dem Thron entgegen drängte.» „Was iſt zu thun 2, dachte ich, als ich ſo mir ſelbſe überlaſſen war: aſoll ich hier warten, bis dieſer Unglanu⸗ bige zurückkömmt und mich auf ſeinem Kobold⸗Pferde wieder hinweg huſcht, der Himmel weiß wohin? Oder — 320— ſoll ich die Zeit benutzen und von dieſer Spuk⸗Geſell⸗ ſchaft mich zurückziehen? Ein Soldat iſt ſchnell entlaſſen, wie die Excellenz wohl weiß. Was das Pferd anging, ſo gehörte es einem offenbaren Feinde des Glaubens und des Reichs und war nach dem Kriegsrecht eine gute Priſe. So ſchwang ich mich von dem Kreuz in den Sattel, wendete die Zügel, preßte die mauriſchen Steig⸗ bügel in die Seiten des Pferdes und trieb es auf dem Wege, den wir hereingekommen waren, auf das raſcheſte vorwärts. Als wir an den Hallen, wo die Moslemin⸗ Reiter in bewegungsloſen Abtheilungen ſaßen, vorüber kamen, glaubte ich Waffenklang und ein hohles Mur⸗ meln von Stimmen zu hören. Ich ließ das Pferd die Steigbügel nochmals ſchmecken und verdoppelte meine Eile. Es ließ ſich jetzt hinter mir ein Ton, wie ein Rauſchen des Windes, vernehmen; ich hörte das Trap⸗ peln von tauſend Pferdehufen; ein zahlloſer Haufe holte mich ein. Ich wurde in dem Gedränge mit fortgeriſſen und ſtürzte aus der Höhle, während Tauſende von dun⸗ keln Geſtalten von den vier Winden des Himmels in allen Richtungen verweht wurden.» «In dem Wirbel und der Haſt dieſer Scene wurde ich beſinnungslos vom Pferd geworfen. Als ich zu mir kam, lag ich am Rand eines Hügels und das arabiſche Roß ſtand neben mir; denn beim Fallen war mein Arm in den Zügel geſchlüpft, was, wie ich glaube, es hinderte, nach Altkaſtilien zurückzujagen.“» «Eure Excellenz mag leicht urtheilen, mit welchem Staunen ich Aloegebüſche und indiſche Feigen und an⸗ dere Beweiſe eines ſüdlichen Klima's um mich, und eine — 321— große Stadt mit Thürmen, Paläſten und einer Kathe⸗ drale unter mir ſah.⸗ «Ich ſtieg ſorgfältig den Hügel nieder, indem ich mein Pferd führte, denn ich fürchtete mich, es wieder zu beſteigen und mir einen mißlichen Streich von ihm ſpie⸗ len zu laſſen. Beim Herabſteigen ſtieß ich auf eure Streifwache, welche mir das Geheimniß enthüllte, daß Granada vor mir liege, und daß ich unter den Mauern der Alhambra ſey, der Veſte des gefürchteten Statthal⸗ ters Manco, des Schreckens aller bezauberten Moslemin. Als ich dies hörte, beſchloß ich ſofort, Eure Excellenz aufzuſuchen, euch von allem, was ich geſehen hatte, zu unterrichten und vor den Gefahren zu warnen, welche euch umgeben und untergraben, damit ihr bei Zeiten Maßregeln ergreift, eure Veſte und ſelbſt das Königreich vor dieſem innern Heere zu ſichern, das in den Einge⸗ weiden des Landes lauert.⸗ «Und höret, Freund,» ſagte der Statthalter, awas würdet ihr als alter Soldat und als Krieger von vie⸗ ler Erfahrung mir zu thun rathen, um dieſem Uebel zuvorzukommen?. «Es ziemt ſich nicht fur den demüthigen gemeinen Soldaten,v ſagte der Fremde beſcheiden,«einen General von Eurer Excellenz Scharfſinn belehren zu wollen; allein es dürfte gut ſeyn, wenn Eure Excellenz alle Höhlen und Eingänge in die Berge mit gutem, feſtem Mauer⸗ werk vermachen ließ, ſo baß Boabdil und ſein Heer in ihrer unterirdiſchen Wohnung vollkommen eingepfropft wären. Wenn auch der gute Pater, fügte der Soldat binzu, beugte ſich ehrerbietig vor dem Mönch und be⸗ 44— 47. 21 kreuzte ſich fromm, adie Vermache mit ſeinem Segen weihen und einige Kreuze und Reliquien und Heiligen⸗ bilder darauf ſetzen wollte, würden ſie, glaube ich, aller Macht unchriſtlichen Zaubers widerſtehen.⸗ «Sie würden ohne Zweifel von großem Nutzen ſeyn,⸗ ſagte der Monch. Der Statthalter ſtemmte jetzt ſeinen Arm unter, legte ſeine Hand auf den Korb ſeines Toledo, heftete ſein Auge auf den Soldaten und wiegte ſeinen Kopf lächelnd von einer Seite auf die andere. «Alſo, Freund,» ſagte er,«ihr glaubt wirklich, ihr könntet mich mit euren Märchen von bezauberten Ber⸗ gen und bezauberten Mauren hinter's Licht führen? Hört, Beklagter— kein Wort mehr! Ein alter Soldat möcht ihr ſeyn, aber ihr ſollt ſehen, daß ihr es mit einem alten Soldaten zu thun habt, und mit einem, den man nicht ſo leicht übertölpelt. Heda! Wache! Legt dieſen Burſchen in Eiſen.» Das ſittſame Mädchen wollte eine Fürbitte fuͤr den Gefangenen einlegen, aber der Statthalter brachte ſie mit einem Blick zum Schweigen. Als ſte den Soldaten banden, fühlte einer von der Wache etwas hartes in ſeiner Taſche; er zog es heraus und ſah, daß es eine lange lederne Börſe war, welche wohl geſpickt ſcheen. Er nahm ſie an einem Ende und leerte den Inhalt vor dem Statthalter auf den Tiſch und nie zeigte ſich eines Freibeuters Taſche ſtattlicher gefüllt. Ringe und Juwelen und Perlenſchnüre und fun⸗ kelnde Diamantkreuze und eine Fülle alter Goldmünzen — 323— ſtelen heraus; viele der letztern flogen klingend auf die Erde und rollten in die fernſten Theile des Zimmers. Die Verrichtungen der Juſtiz wurden eine Zeitlang aufgehoben; die glänzenden Flüchtlinge ſetzten alles in Bewegung. Nur der Statthalter, der von dem echten ſpaniſchen Stolz durchdrungen war, behielt ſeinen ernſten Anſtand bei, obgleich ſein Ange einige Angſt verrieth, bis die letzte Münze und der letzte Juwel wieder in dem Sack waren. Der Moͤnch war nicht ſo ruhig; ſein ganzes Geſicht gkühte wie ein Ofen und ſeine Augen blitzten und zuck⸗ ten bei dem Anblick der Perlenſchnüre und Kreuze. «Ruchloſer Frevler, der du biſt o rief er:«welche Kirche, welches Heiligthnm haſt du dieſer heiligen Ge⸗ genſtände beraubt 25 «Keins von beiden, frommer Pater. Wenn ſie Kir⸗ chenraub ſind, muß der unglaͤubige Reiter, von dem ich geſprochen habe, ſte vor langer Zeit geſtohlen haben. Ich wurde eben unterbrochen, was ich Eurer Excellenz erzäh⸗ ken wollte, daß ich bei der Beſitznahme von dem Pferde des Reiters einen ledernen Sack losmachte, der an dem Sattelbogen hing und wahrſcheinlich das enthielt, was er ehedem, als die Manren das Land beſetzten, in dem Felde erbeutete.» Ganz trefflich; für jetzt werdet ihr euch gefallen kaſſen, euer Quartier in einer Kammer des rothen Thur⸗ mes zu nehmen, welche, obgleich ſie nicht unter einem Zauber ſteht, ein eben ſo ſicherer Aufenthalt für euch feyn wird, wie irgend eine Höhle eurer bezanberten Mauren.⸗ 21* — 321— «Eure Exrcellenz wird nach ihrem Belieben handeln,⸗ agte der Gefangene kalt.„Ich werde Eurer Excellenz für jede Bequemlichkeit in der Veſte dankbar ſeyn. Ein Soldat, der im Felde war, iſt, wie Eure Excellenz wiſ⸗ ſen, wegen ſeiner Lagerſtätte nicht eigen; wenn ich einen reinlichen Kerker und regelmäßige Mahlzeit habe, werde ich mir es ſchon behaglich zu machen wiſſen.— Nur wollte ich bitten, daß die Excellenz, während ſie ſo ſehr füy mich ſorgt, auch der Veſtung nicht vergeſſe und des Winks gedenke, welchen ich wegen Vermachens der Berg⸗ eingäͤnge fallen ließ." Hier endigte die Srene. Der Gefangene wurde in einen ſtarken Kerker in dem rothen Thurm, das Pferd in der Excellenz Stall und des Reiters Sack in der Excellenz Koffer gebracht. Gegen letzteres äußerte, es iſt wahr, der Mönch einige Bedenklichkeiten, indem er die Frage aufwarf, ob die heiligen Gegenſtände, welche offenbar Kirchenraub wären, nicht in Verwahrung der Kirche gegeben werden müßten; da aber der Statthalter über die Sache kurz gebunden und unbeſchränkter Herr in der Alhambra war, ließ der Mönch klug die Unter⸗ handlung fallen, beſchloß aber, den kirchlichen Würden⸗ trägern Granada's Kunde von dem Vorfall zu geben. Um dieſe raſchen und ſtrengen Maßregeln des alten Statthalters Manco zu erklären, muß bemerkt werden, daß um dieſe Zeit die Alpuxarra Berge in der Nach⸗ barſchaft von Granada von einer Bande Räuber unſſcher gemacht wurden, an deren Spitze ein kühner Burſche ſtand, Manuel Borasco mit Namen, der gewohnt war, auf dem Lande zu plündern, und in mancherlei Verklei⸗ dungen ſelbſt in die Stadt zu ſchleichen, um Nachrichten über den Abgang von Handelsgütern oder von Reiſenden mit wohlgeſpickten Börſen zu erhalten, welchen ſie daun in den entfernten und einſamen Gebirgspäſſen auflauer⸗ ten. Dieſe kecken und wiederholten Unbilden hatten die Aufmerkſamkeit der Regierung auf ſich gezogen und die Befehlshaber der verſchiedenen Poſten hatten die Wei⸗ ſung erhalten, auf ihrer Hut zu ſeyn und alle verdäch⸗ tigen Umzügler aufzugreifen. Statthalter Manco war, zufolge der manchfachen Schmach, welche auf ſeiner Veſte rnhte, beſonders eifrig und bezweifelte jetzt nicht, einen furchtbaren Waghals aus dieſer Bande ertappt zu haben. Mittlerweile verlautete die Geſchichte und wurde das Tagsgeſpräch nicht nur der Veſte, ſondern der ganzen Stadt Granada. Es hieß, der berüchtigte Räuber Ma⸗ nuel Borasco, der Schrecken der Alpuxarras ſey dem alten Statthalter Manco in die Krallen gefallen und von ihm in einem Verlies des rothen Thurmes einge⸗ ſperrt worden; und jeder, der von ihm geplündert wor⸗ den war, eilte hin, um den Schelm ſich anzuſehen. Der rothe Thurm ſteht, wie man wohl weiß, von der Al⸗ hambra geſondert auf einer Schweſter⸗Höhe und wird von der Hauptveſte durch eine Schlucht getrennt, durch welche der Hauptweg führt. Außenmauern waren keine da, ſondern eine Schildwache ging vor den Thüren auf und ab. Das Fenſter des Gemachs, in welches der Soldat eingeſperrt war, war mit ſtarkem Gitter ver⸗ ſehen und hatte die Ausſicht auf einen kleinen freien Platz. Hierher eilten die guten Leute von Granada, um ihn auzuſtarren, wie eine lachende Hyene, die durch — 226 den Köfiz einer Menagerie grinzt. Niemand erkannte ihn jedoch für Manuel Borasco, denn dieſer furchtbare Ränuber war wegen ſeiner wilden Geſichtszüge berüchtigt und hatte keineswegs das launige Schielen des Gefan⸗ genen. Nicht allein aus der Stadt, ſondern aus allen Theilen des Landes kamen Beſucher und in den Köpfen des gemeinen Volkes ſtiegen allmählig Zweifel auf, ob doch nicht etwas Wahres an ſeiner Erzählung ſeyn könnte. Daß Boabdil und ſein Heer in dem Berge eingeſchloſſen, war eine alte Sage, welche viele der alten Einwohner von ihren Vätern gehört hatten. Haufen von Menſchen beſtiegen den Sonnenberg, oder vielmehr den Berg der heiligen Elena, um die von dem Soldaten erwähnte Höhle aufzuſuchen, und blickten und ſchauten in das ttefe dunkle Loch, das, niemand weiß wie weit, in den Berg hinab geht und hier bis auf den heutigen Tag— der fa⸗ belhafte Eingang zu der unterirdiſchen Wohnung Boab⸗ dil's— zu ſehen iſt. Allmählig wurde der Soldat bei dem gemeinen Volke beliebt. Ein Freibeuter des Gebirgs iſt keines⸗ wegs der verhaßte Charakter in Spanien, wie es ein Räuber in andern Ländern iſt: im Gegentheil, er iſt eine Art ritterlicher Perſon in den Augen der niedern Klaſſen. Auch läßt ſich ſtets eine Neigung verſpüren, das Be⸗ nehmen der Vorgeſetzten zu bekritteln, und manche be⸗ gannen jetzt über die ſtrengen Maßregeln des alten Statt⸗ halters Manco zu murren und den Gefangenen in dem Lichte eines Martyrs zu betrachten. Ueberdies war der Soldat ein luſtiger, poſſierlicher Burſche, welcher für jeden, der in die Naͤhe ſeines Fen⸗ — 327— ſters kam, einen Scherz, und für jedes weibliche Weſen ein freundliches Wort bereit hatte. Er hatte ſich auch eine alte Guitarre verſchafft und ſaß an ſeinem Fenſter und ſang Balladen und Liebeslieder, zur großen Luſt der Weiber der Nachbarſchaft, die ſich an den Abenden auf dem Platze verſammelten und Boleros zu ſeiner Mufik tanzten. Er hatte ſeinen krauſen Bart hübſch aufgeputzt und ſein ſonneverbranntes Geſicht fand Gnade vor den Augen der Schönen und die ſittſame Dienerin des Statt⸗ halters erklärte, man könne ſeinem ſchiefen Blicke durch⸗ aus nicht widerſtehn. Dieſes mildherzige Madchen hatte von Anfang her eine innige Theilnahme an ſeinem Looſe gezeigt und da ſie ſich vergebens bemüht hatte, den Statthalter zu erweichen, fand ſie Mittel, die Strenge ſeiner Gefangenſchaft heimlich zu mildern. Jeden Tag brachte ſie dem Gefangenen einige Broſamen des Troſtes, die von des Statthalters Tafel gefallen oder ſeiner Speiſekammer entzogen worden waren, ſo wie auch manchmal eine erheiternde Flaſche guten Val di Pennas oder trefflichen Malaga. Während dieſer Verrath an dem Herrn in dem Mittelpunkt der Citadelle des alten Statthalters vor ſich ging, zog ſich ein Sturm offenen Kriegs bei ſeinen äußern Feinden zuſammen. Der Umſtand, daß ein Sack mit Gold und Iunwelen an der Perſon eines angeblichen Räuders gefunden worden ſey, wurde zu Granada mit vielen Uebertreibungen erzählt. Alsbald erhob des Statt⸗ halters eingefleiſchter Feind, der Gencral, einen Streit üder die Territorial⸗Gerichtsbarkeit. Er beſtand darauf, der Gefangene ſey außerhalh des Gebietes der Alhambra, — 328— und innerhalb ſeines Bereiches feſtgenommen worden. Er begehrte ſonach den Mann und die an ihm gefundenen spolia opima. Da auch der Großinquiſttor durch den Mönch von den Kreuzen und andern heiligen Gegen⸗ ſtänden, welche in dem Sack enthalten, gehörige Nach⸗ richt erhalten hatte, nahm er den Angeklagten, als des Kirchenranbs ſchuldig, in Anſpruch und beſtand darauf, ſeine Beute gehöre der Kirche, ſein Körper aber dem nächſten Auto da fe an. Der Streit ward grimmig, der Statthalter wüthete und ſchwur, ehe er den Gefan⸗ genen übergebe, werde er ihn in der Alhambra als Spion aufhängen, der innerhalb des Bereichs der Veſte auf⸗ gegriffen worden. Der General drohte, er werde eine Ubtheilung ſei⸗ ner Mannſchaft ſchicken, um den Gefangenen aus dem rothen Thurm in die Stadt zu verſetzen. Der Groß⸗ inquiſitor neigte ſich auch dahin, eine Anzahl Diener des heiligen Gerichtes abzuſenden. Die Nachricht von die⸗ ſen Umtrieben kam ſpät Nachts zu den Ohren des Statt⸗ halters.«Laßt ſie kommen,n» ſagte er, aſte werden mich bereit finden; der muß früh aufſtehen, der einen alten Soldaten überrumpelt.) Er gab ſonach Befehl, mit Tagesanbruch den Gefangenen in einen Kerker innerhalb der Mauern der Alhambra zu bringen. Und hörſt du, Kind, ſagte er zu der ſittſamen Dienerin, aklopfe an meine Thüre und wecke mich ehe der Hahn kraͤht, damit ich ſelbſt nach der Sache ſehe.“» Der Tag dämmerte, der Hahn krähte, aber niemand pochte an der Thüre des Statthalters. Die Sonne erhob ſich hoch über die Bergſpitzen und glänzte durch — 329— ſeine Fenſter herein, ehe der Statthalter aus ſeinen Morgentränmen von dem alten Korporal geweckt wurde, der mit einem Geſicht, auf welches der Schrecken ge⸗ ſtempelt war, vor ihm ſtand. «Er iſt fort! er iſt auf und davon!⸗ rief der Kor⸗ poral und ſchnappte nach Athem. «Wer iſt fort— wer iſt auf und davon?⸗ „Der Soldat— der Räuber— der Teufel— nach allem, was ich geſehen habe. Sein Kerker iſt leer, aber die Thüre verſchloſſen— niemand weiß, wie er heraus kam.) „Wer ſah ihn zuletzt 25 «Eure Dienerin! ſie brachte ihm das Nachteſſen.“» ⸗Laß ſie ſogleich rufen. Jetzt gab es neue Verwirrung. Die Kammer des ſittſamen Mädchens war gleichfalls leer, ihr Bett war unberührt; ſie war ohne Zweifel mit dem Augeklagten davon gegangen, da ſie, wie es ſich herausſtellte, ſeit mehreren Tagen ſchon häufige Unterhaltungen mit ihm gepflogen hatte. Dies verwundete den alten Statthalter an ſeiner empfindlichen Seite, aber er hatte kaum Zeit, deshalb zu klagen, als ſich ihm ſchon neues Unheil darbot. Als er in ſein Wohnzimmer ging, fand er ſeinen Koffer ge⸗ oͤffnet und den ledernen Sack des Reiters geſtohlen, und mit ihm ein paar dicke Säcke mit Dublonen. Aber wie und auf welche Weiſe waren die Flüch⸗ tigen entwiſcht? Ein alter Bauer, der in einer Hütte an der, nach der Sierra führenden Straße lebte, er⸗ klärte er habe kurz vor Tagesanbruch den Trab eines — 330— ſtarken Pferdes gehört, das ſich den Bergen zugewen⸗ det. Er habe aus ſeinem Fenſter geſehen und gerade noch einen Reiter mit einem vor ihm ſitzenden Maͤdchen erkannt. »In den Ställen nachgeſehen!“ rief Statthalter Manco. Die Ställe wurden durchſucht; alle Pferde waren an ihrer Stelle, nur nicht der Araber. Statt ſeiner war ein dicker Prügel an die Krippe gebunden und daran ein Zettel, auf welchem die Worte ſtanden: „Geſchenk für Statthalter Manco, von einem alten Soldaten.» Sage von den zwei verſchwiegenen Statuͤen. — Einſt wohnte in einem öden Gemache der Alhambra ein luſtiger, kleiner Burſche, Namens Lope Sanchez, der in den Gärten arbeitete und ſo munter nund lebendig war wie ein Grashüpfer, und den ganzen Tag ſang. Er war das Leben und die Seele der Veſte; wenn ſeine Arbeit gethan war, ſaß er auf einer der ſteinernen Bänke der Esplanade, klimperte auf ſeiner Guitarre und ſang lange Lieder auf Cid, und Bernardo del Carpio und Fernando del Pulgar und andere ſpaniſchen Helden, zur Unterhaltung der alten Soldaten der Veſte, oder ſchlug einen fröhlicheren Ton an und ließ die Mädchen Boleros und Fantangos tanzen. Wie die meiſten kleinen Leute hatte Lope Sanchez eine große dralle Dirne zur Fran, welche ihn faſt in ihre Taſche ſtecken konnte; allein das gewöhnliche Loos der Armen war ihm nicht zu Theil geworden— ſtatt zehn Kinder hatte er nur eines. Dies war ein kleines ſchwarz⸗ äugiges Mädchen von zwölf Jahren, Sanchica genannt, ſo luſtig wie er und die Freude ſeines Herzens. Sie ſpielte um ihn, wenn er in dem Garten arbeitete, tanzte zu den Tönen ſeiner Guitarre, wenn er im Schatten ſaß und lief ſy wild wie ein junges Reh in dem Ge⸗ büſch, den Alleen und den verfallenen Sälen der Al⸗ hambra umher. Es war jetzt St. Johannis⸗Abend und die feiertag⸗ frohen Plaudermäuler der Alhambra, Maͤnner, Weiber und Kinder kamen mit der Nacht den Sonnenberg, der ſich über das Generalife erhebt, herauf, um auf dem abgeplatteten Gipfel ihre Mitte⸗Sommer⸗Nachtwache zu feiern. Es war eine glänzende Mondſcheinnacht und alle Berge waren gran und ſilbern, und die Stadt lag mit ihren Kuppeln und Kirchthürmen im Schatten drunten, und die Vega glich einem Feenland mit bezauberten Bächen, welche aus dem düſtern Laubwerk hervorglänz⸗ ten. Auf der höchſten Höhe des Berges zündeten ſie, nach einer alten Landesſitte, die ſich von den Mauren berſchrieb, Freudenfeuer an. Die Bewohner der umlie⸗ genden Gegend hielten eine ähnliche Nachtwache und auf der Vega und den Seiten der Berge entlang glaͤnzten da und dort Feuer blaß empor. — 332— Lopez Sanchez, der nie vergnügter war als bei ei⸗ ner Feſtlichkeit dieſer Art, ſpielte Guitarre, man tanzte dazu und der Abend verging ſehr heiter. Während ge⸗ tanzt wurde, ſpielte die kleine Sanchica mit einigen ih⸗ rer Genoſſinnen in den Trümmern einer alten mauriſchen Veſte, welche den Berg krönt, und fand, waͤhrend ſle Steinchen in dem Graben ſuchte, eine kleine ſorgfältig in Gagat geſchnittene Hand, die Finger geſchloſſen, und den Daumen feſt auf ſie gedrückt. Ueberfroh über ihr Glück, lief ſie mit ihrem Funde zu der Mutter. Er wurde ſogleich ein Gegenſtand klugen Nachdenkens und manche betrachteten ihn mit abergläubiſchem Mißtrauen. «Wirf's weg»— ſagte der eine— es iſt Mauriſch— ſey überzeugt, es liegt Unheil und Hererei drin.“— „Keineswegs,» ſagte ein Anderer:«du kannſt es den Ju⸗ weliren des Zacatins verkaufen.“ Mitten in dieſer Ver⸗ handlung trat ein dunkelbrauner alter Soldat herzu, der in Afrika gedient hatte und einem Mohren glich. Er unterſuchte die Hand mit einem Kennerblick. Ich habe Dinge dieſer Art bei den Mauren der Berberei geſehen,“ ſagte er: ces iſt ein kräftiges Mittel gegen das Scheek⸗ auge*) und alle Arten von Zauber⸗ und Herxenwerk. Ich wünſche Euch Glück, Lopez, das bedeutet Eurem Kinde etwas Gutes.» Als Sanchez's Weib dies hörte, band ſie die kleine *) Das Schrelauge ſchadet, als bezaubernder Blick, den Kindern. Sehr verbreiteter Aberglauben im Mor⸗ zenland. 8. Gagathand an ein Band und hing es ihrem Töchterchen um deu Hals. Der Anblick dieſes Talismans erinnerte an alle die beliebten abergläunbiſchen Mährchen von den Mauren. Der Tanz wurde vernachläſſigt und ſtie ſetzten ſich in Gruppen auf den Boden und erzählten ſich alte Ge⸗ ſchichten, die ſte von ihren Vorältern gehört hatten. Ei⸗ nige dieſer Erzählungen drehten ſich um die Wunder eben dieſes Berges, auf welchem ſie ſaßen und der ein be⸗ rühmtes Kobold⸗Revier iſt. Eine alte Frau gab eine weitläufige Schilderung von dem Palaſte in den Einge⸗ weiden dieſes Berges, wo der Sage nach Boabdil und ſein ganzer mauriſcher Hof feſtgebannt ſind. Unter je⸗ nen Trümmern, ſagte ſie und deutete auf einige zerfal⸗ lene Mauern und Erdwälle an einem fernen Theil des Berges, aiſt ein tiefes, dunktes Loch, das tief, tief in das Herz des Berges niedergeht. Um alles Geld von Granada möchte ich nicht hineinſehen. Eines Tages hü⸗ tete ein armer Mann auf der Alhambra Ziegen auf die⸗ ſem Berg und kletterte in das Loch hinab, einem Zieg⸗ lein nach, das hinein gefallen war. Ganz wild und ſtier kam er wieder heraus und erzählte von dem, was er geſehen hatte, Dinge, daß jeder glaubte, er ſey toll geworden. Er faſelte einige Tage von geſpenſtiſchen Mauren, die ihn in der Höhle verfolgt hätten, nnt konnte kaum äberredet werden, ſeine Ziegen wieder aut den Berg zu treiben. Er that dies endlich, aber ach, der arme Mann! er kam nie wieder herab. Die Nach barn fanden ſeine Ziegen um die manriſchen Trümmen — 334— weiden, ſein Hut und Mantel lagen in der Nähe des Loches, aber von ihm war nichts mehr zu hören. Die kleine Sanchica lauſchte dieſer Geſchichte mit athemloſer Aufmerkſamkeit. Sie war neugierigen Cha⸗ rakters und fühlte ſogleich ein mächtiges Sehnen, in dieſe gefahrliche Tiefe zu ſchauen. Sie ſtahl ſich von ih⸗ ren Geſpielinnen weg, ſuchte die entferuten Trümmer, und nachdem ſie eine Zeitlang unter ihnen herumgekrochen war, kam ſie an eine kleine Aushöhlung oder Becken, nahe der Spitze des Berges, wo er ſich ſteil in das Thal des Darro hinabſenkt. In der Mitte dieſes Bek⸗ kens gaͤhnte die Oeffnung jenes Loches. Sanchica wagte ſich an den Rand und ſchaute hinein. Alles war ſchwarz wie Pech und gab ein Bild unermeßlicher Tiefe. Ihr Blut ward zu Eis; ſte ging zurück, blickte wieder hin, wollte weglaufen und warf noch einen Blick hinein— ſelbſt das Schanderhafte der Sache war ihr erfreulich. Zuletzt rollte ſie einen großen Stein herbei und warf ihn über den Rand. Eine Zeitlang ſiel er lautlos; dann traf er auf felſige Vorſprünge und ſie hörte ein ſtarkes Krachen, dann ſprang er rumpelnd und ppolternd von Seite zu Seite, mit donnerähnlichem Lärm, fiel endlich tief, tief unten in das Waſſer— und alles war wieder ſtill. Dieſes Schweigen dauerte aber nicht lange. Es ſchien, als wäre etwas in dieſem öden Schlunde wach geworden. Ein murmelnder Ton erhob ſich nach und nach aus der Tiefe, wie das Summen eines Bienen⸗ ſtocks. Es wurde lauter und lauter; es war ein Getös ron Stimmen wie das Laͤrmen einer fernen Menge, und — 335— ein ſchwaches Klirren von Waffen, Cymbelnklaug und Trompetenſchall, als wenn ein Heer in den Eingeweiden des Berges ſich zur Schlacht fertig mache. Mit ſtummem Schrecken ging das Kind weg und eilte zu der Stelle, wo es ſeine Eltern und Geſpielin⸗ nen gelaſſen hatte. Alle waren fort. Das Freudenfeuer war am Erlöſchen und die letzten Rauchwolken kräuſel⸗ ten im Mondſchein empor. Die ſernen Feuer, welche auf der Vega und den Bergen entlang gelodert hatten, waren alle erloſchen und rings ſchien Alles in Ruhe ver⸗ ſunken zu ſeyn. Sanchica rief ihre Eltern und einige ihrer Geſpielinnen bei dem Namen, erhtelt aber keine Antwort. Sie lief die Seite des Bergs hinab und die Gärten des Generalife entlang, bis ſie in die Baum⸗ gänge kam, welche zur Alhambra führen, und wo ſtie ſich auf eine Bank im Gebuſch ſetzte, um Athem zu ſchöp⸗ fen. Die Glocke in dem Wartthurm der Alhambra ſchlug Mitternacht. Es herrſchte eine tiefe Ruhe, als wenn die ganze Natur ſchlieſe, nur daß ein ungeſehener Bach, der unter der Halle des Buſchwerks dahin floß, einen leiſen Klang verurſachte. Die ruhige Lieblichkeit der Nachtluft wiegte ſie in Schlaf, als ihr Auge von einem Glanze in der Entfernung getroffen ward und ſie zu ihrem Staunen einen langen Reiterzug mauriſcher Krieger erblickte, welche die Bergfeite hinab und die laubigen Gänge entlang eilten. Einige waren mit Lan⸗ zen und Schildern bewaffnet; andere mit Saͤbeln und Hellebarden, und mit polirten Harniſchen, welche im Mondſchein glänzten. Ihre Roſſe hoben ſich ſtolz und nirſchten auf ihr Gebis, aber ihr Schritt krachte nicht — 336— mehr Klang hervor, als wenn ihre Hufen mit Filz be⸗ legt geweſen wären, und die Reiter waren alle blaß wie der Tod. Unter ihnen ritt eine ſchöne Dame mit einer Krone auf dem Haupt und langen, goldnen, mit Perlen durchflochtnen Locken. Die Schabrake ihres Zelters war von Scharlachſammt mit Gold geſtickt und ſchleifte auf dem Boden. Aber ſie ritt ganz troſtlos dahin, und hef⸗ tete ihre Augen ſtets auf den Boden. Dann ſolgte ein Zug von prachtvoll in Gewänder und Turbane von verſchiedenen Farben gekleideten Höſ⸗ lingen, und in ihrer Mitte ritt auf einem weißen Roſſe König Boadbdil el chico, in einem königlichen mit Ju⸗ welen bedeckten Mantel und eine von Diamanten fun⸗ kelnde Krone auf dem Haupte. Die kleine Sanchica er⸗ kannte ihn an ſeinem gelben Bart und der Aehnlichkeit mit ſeinem Portrait, das ſie oft in der Gemälde⸗Gale⸗ rie des Generalife geſehen hatte. In Staunen und Be⸗ wunderung ſah ſie auf dieſes königliche Gepränge, das glänzend unter den Bäumen vorüber zog; aber obgleich ſie wußte, daß dieſe Monarchen und Höflinge und Krie⸗ ger, die ſo blaß und ſo ſtumm, außer dem gewöhnlichen Kreis der Natur, und Zauber⸗ und Hexenwerk waren, ſchaute ſte doch kühnen Herzens auf ſie, ſolcher Muth gab ihr der geheimnißvolle Talisman der Hand, der um ihren Hals hing. Als der Reiterzug vorüber war, ſtand ſie auf und folgte. Er ging durch das große Thor der Gerechtigkeit, das weit offen ſtand; die alten Invaliden, welche die Wache hatten, lagen auf den Steinbänken des Thurms, im tiefen und angenſcheinlich bezauberten Schlaf begra⸗ ben und das Schattengepränge ſchwebte geräuſchlos mit fliegendem Banner und ſtattlicher Haltung an ihnen vor⸗ über. Sanchica wäre gern gefolgt; aber zu ihrem Stau⸗ nen ſah ſte in dem Thurm eine Oeffnung in der Erde, welche in die Tiefe deſſelben hinab führte. Sie trat ein wenig näher und wurde ermuthigt, weiter zu ſchreiten, als ſie rohe Tritte in den Felſen gehauen und einen ge⸗ wölbten Gang fand, welcher da und dort mit ſilbernen Lampen erhellt war, welche zumal Licht und lieblichen Duft ausſtrömten. Sie wagte ſich weiter und kam zu⸗ letzt an einen großen Saal, welcher in der Tiefe des Berges eingehauen und prachtvoll im mauriſchen Style ausgeſchmückt und durch Lampen von Silber und Cry⸗ ſtal erleuchtet war. Hier ſaß auf einer Ottomane ein alter Mann in mauriſcher Tracht, mit einem langen weißen Barte, ſchläfrig nickend und einen Stab in der Hand baltend, der ihm ſtets aus den Fingern ſchlüpfen zu wollen ſchien. In einiger Entfernung ſaß eine ſchöne Dame in altſpaniſcher Tracht, mit einer kleinen von Diamanten ganz funkelnden Krone, die Locken mit Per⸗ len durchflochten und einer ſilbernen Laute ſaufte Töne entlockend. Die kleine Sanchica erinnerte ſich nun einer Geſchichte, welche ſie von den alten Leuten der Alhambra hatte erzählen hören und welche eine gothiſche Prin⸗ zeſſin betraf, die ein alter arabiſcher Zauberer in die Mitte des Berges eingeſchloſſen hatte, wo ſie ihn durch die Gewalt der Muſik in einen magiſchen Schlaf ge⸗ bannt hielt. Die Dame hielt erſtaunt inge, als ſie eine Sterb⸗ 41— 47. 22 — 338— liche in dem bezauberten Saal ſah.„Iſt es der heilige Johannisabend?» ſagte ſie. « So iſt's,» verſetzte Sanchica. «Dann iſt für eine Nacht der magiſche Zauber auf⸗ gehoben. Komm hierher, Kind, und fürchte dich nicht. Ich bin eine Chriſtin, wie du, obgleich mich ein Zauber hier feſſelt. Berühre mit dem Talisman, der an deinem Halſe hängt, meine Bande und ich werde dieſe Nacht frei ſeyn.» Bei dieſen Worten öffnete ſie ihre Gewänder und zeigte einen breiten goldnen Ring, der ihren Leib um⸗ ſchloß, und eine goldene Kette, welche ſte an den Bo⸗ den feſſelte. Das Kind zauderte nicht, die kleine Ga⸗ gathand an den goldnen Ring zu halten und augenblick⸗ lich ſiel die Kette zu Boden. Bei dem Klang erwachte der Alte und rieb ſich die Augen; aber die Dame ließ ihre Finger über die Saiten der Harfe gleiten und er fiel wieder in Schlaf und begann zu nicken und ſein Stab in ſeiner Hand zu ſchwanken. Jetzt,» ſagte die Dame,«berühre ſeinen Stab mit deiner zauberreichen Gagathand.“ Das Kind that ſo und er ſiel aus ſeiner Hand und der Alte ſank in tiefen Schlaf auf die Otto⸗ mane. Die Dame legte ihre Laute nun auf die Otto⸗ mane und lehnte ſie gegen den Kopf des ſchlafenden Zau⸗ berers; dann berührte ſie die Saiten, bis die Töne an ſeinem Ohre anſchlugen und ſagte: O mächtiger Geiſt der Muſik, halte ſeine Sinne ſo gefangen, bis der Tag wiederkehrt. Nun folge mir, mein Kind“ fuhr ſie fort, aund du ſolſt die Alhambra ſehen, wie ſie war in ih⸗ ren glorreichen Tagen, denn du haſt einen magiſchen Ta⸗ —— — 339— lisman, der allen Zauber enthullt. Stumm folgte Sanchica der Dame. Sie gingen durch die Oeffnung der Höhle in den Gang des Thores der Gerechtigkeit und von da auf die Plaza de los Algibes, oder die Es⸗ planada innerhalb der Veſte. Dieſe war mit mauriſchen Kriegern, Fußvolk und Reiterei, in Schaaren geordnet und die Fahnen entrollt, angefüllt. Auch ſtanden an dem Portal königliche Wachen und Reihen afrikaniſcher Schwar⸗ zen mit gezogenen Säbeln. Niemand ſprach ein Wort und Sanchica folgte ihrer Führerin furchtlos. Ihr Staunen wuchs, als ſie in den königlichen Palaſt trat, in welchem ſie aufgewachſen war. Der helle Mondſchein erleuchtete alle die Säle und Höfe und Gäͤrten als wär“ es Tag, zeigte aber ein Schauſpiel, das ſich von dem, was ſie hier zu ſehen gewöhnt war, ſehr unterſchied. Die Wände der Gemächer waren nicht mehr von der Zeit befleckt und aufgeriſſen. Statt der Spinnenweben hingen reiche Seidenzeuge von Damaskus hier und die Vergoldungen und arabiſchen Malereien hatten ihren urſprünglichen Glanz und ihre Friſche wieder. Statt der leeren und ſchmuckloſen Säle ſtanden nun Divans und Ottomanen von den reichſten Stoffen da, mit Per⸗ len beſetzt und mit köſtlichen Steinen ausgelegt und alle⸗ Brunnen in den Höfen und Gärten ſprangen. Die Küchen waren wieder in voller Thäͤtigkeit; die⸗ Köche bereiteten geſchäftig Schattengerichte und röſteten und brieten die Phantome von Hühnern und Schnepfen;, Diener eilten aus und ein, Silberſchüſſeln mit Leckereien: tragend und ein koſtbares Mahl herrichtend;. Derr Lö⸗ wenhof war voller Wachen, und Höflingen, und Alfs⸗ 22 8* 22 40— guis,*) wie in den alten Zeiten der Mauren; und an dem obern Ende des Sals der Gerechtigkeit ſaß Boab⸗ dil auf ſeinem Throne, von ſeinem Hofe umgeben und dieſe Nacht einen Schattenſcepter ſchwingend. Ungeach⸗ tet dieſes Gedrängs und ſcheinbaren Durcheinanders, war keine Stimme, kein Fußtritt zu hören; nichts un⸗ terbrach das mitternächtige Schweigen als das Pläͤtſchern der Brunnen. Die kleine Sanchica folgte ihrer Fuͤhrerin in ſtummem Staunen durch den Palaſt, bis ſie an ein Thor kamen, welches zu den gewölbten Gängen unter dem großen Thurm des Comares führte. An jeder Seite des Thores ſaß die Geſtalt einer Nymphe von Alaba⸗ ſter. Ihre Köpfe waren ſeitwärts gewendet und ihre Blicke auf dieſelbe Stelle in dem Gewölbe gerichtet. Die bezauberte Dame ſtand ſtill und winkte das Kind zu ſich. «Hier,» ſagte ſle, iſt ein großes Geheimniß und ich will es dir zum Lohn für deine Treue und deinen Muth ent⸗ hüllen.“ Dieſe verſchwiegenen Statüen bewachen einen großen Schatz, den ein alter Maurerkoͤnig hier verbor⸗ gen hat. Sage deinem Vater, er ſoll die Stelle ſuchen, auf welche ihre Augen gerichtet ſind und er wird etwas finden, das ihn reicher machen wird als irgend ein Mann zu Granada iſt. Deine unſchuldigen Hände aber allein können, da du auch in dem Beſitze des Talismans biſt, den Schatz heben. Heiß deinen Vater ihn klug anwen⸗ den und einen Theil davon zum Leſen täglicher Meſſen für die Befreiung meiner Seele aus dieſem unheiligen Sauber beſtimmen.“» * Mauriſche Prieſter. Als die Dame dieſe Worte geſprochen hatte, führte ſte das Kind weiter zu dem kleinen Garten der Linda⸗ raxa, der nahe bei dem Gewölbe der Statüen iſt. Der Mond zitterte auf, den Wellen des einſamen Brunnens in der Mitte des Gartens und goß ein zartes Licht auf die Orangen⸗ und Eitronenbäume. Die ſchöne Dame riſt einen Myrthenzweig ab und flocht ihn um den Kopf des Kindes. ⸗Laß dir dies ein Andenken an das ſeyn,⸗ ſagte ſie,«was ich dir entdeckt habe, und ein Beweis von deſſen Wahrheit. Meine Stunde iſt gekommen— ich muß in den bezauberten Saal zurückkehren: folge mir nicht, damit dir kein Unglück begegne— lebe wohl. Gedenke meiner Worte und laß Meſſen für meine Erlö⸗ fung leſen.» Bei dieſen Worten ging die Dame in ei⸗ nen dunkeln Gang, der unter den Thurm des Comares führte und war nicht mehr zu ſehen. Aus den Hütten unten an der Alhambra, in dem Darrothale, wurde jetzt das Krähen eines Hahnes ſchwach gehört und ein blaſſer Lichtſtreifen begann ſich über den öſtlichen Bergen zu zeigen. Ein leichter Wind erhob ſich und es klang wie das Raſcheln dürrer Blätter in den Höfen und Gängen, und Thüre um Thuüre ſchloß ſich mit knarrendem Tone. Sanchica kehrte durch die Räͤume zurüͤck, welche ſie vor kurzem noch mit der Schattenmenge angefüllt ſah, aber Boabdil und ſein Scheinhof waren verſchwunden. Der Mond ſchien in leere Säle und Galerien, ihres vorübergehenden Glanzes beraubt, befleckt und von der Zeit verderbt und mit Spinnengewebe behangen. In dem ungewiſſen Licht flatterte die Fledermaus umher und in dem Fiſchteich krächzte der Froſch. Sanchica eilte nun ſo viel ſie konnte zu einer fernen Treppe, welche zu der ärmlichen Wohnung führte, die ihre Familie einnahm. Die Thüre war, wie gewöhnlich, offen, denn Lope Sanchez war zu arm, um Riegel oder Schloß zu bedürfen. Sie ſuchte ſtill ihr Lager, legte den Myrthenkranz neben ſich und verſank alsbald in Schlaf. Am Morgen erzählte ſte ihrem Vater alles, was ihr begegnet war. Lope Sanchez aber betrachtete das Ganze als einen bloßen Traum und lachte das Kind we⸗ gen ſeiner Leichtgläubigkeit aus. Er ging ſeiner gewöhn⸗ lichen Arbeit in dem Garten nach, war aber noch nicht lange da, als ſein Töchterchen faſt athemlos gelaufen kam. Vater, Vater!» rief ſie: aſteh den Myrthen⸗ kranz, den mir die Mauriſche Dame um den Kopf ge⸗ wunden hatte.» Lope Sanchez ſah mit Erſtaunen hin, denn der Stengel der Myrthe war von lauterm Gold und jedes Blatt war ein funkelnder Smaragd! Da er nicht viel mit Edelſteinen zu ſchaffen gehabt hatte, kannte er den wirklichen Werth des Kranzes nicht, aber ſah genug, um ſich für überzeugt zu halten, daß er etwas Weſent⸗ licheres ſey, als die Dinge, aus denen die Träume ge⸗ wöhnlich beſtehen, und daß das Kind auf jeden Fall nicht ganz vergeblich geträumt habe. Seine erſte Sorge war, ſeiner Tochter das unbedingteſte Stillſchweigen au⸗ zubefehlen; in dieſer Beziehung war er jedoch ſicher, denn ſie war verſchwiegener, als ihre Jahre und ihr Ge⸗ — 343— ſchlecht erwarten ließen. Er ging nun in das Gewölbe, in welchem die Statüen der zwei Nymphen von Alaba⸗ ſter ſtanden. Er ſah, daß ihre Köpfe von dem Eingang abgewendet und daß die Blicke einer jeden auf dieſelbe Stelle in dem Innern des Gebäudes gerichtet waren. Lope Sanchez konnte dieſe ſehr kluge Erfindung, ein Ge⸗ heimniß zu bewahren, nur bewundern! Er zog eine Linie von den Augen der Statüen zu dem Punkte, auf den ihr Blick geheftet war, machte ein heimliches Zeichen auf die Wand und ging weg. Lope Sanchez's Geiſt war jedoch den ganzen Tag von tauſend Sorgen beunruhigt. Er konnte nicht umhin, die Statüen von fern im Ange zu behalten und wurde faſt krank aus Angſt, das goldene Geheimniß möchte ent⸗ deckt werden. Jeder Fußtritt, welcher ſich dem Ort nä⸗ herte, machte ihn beben. Er hätte alles drum gegeben, hätte er die Köpfe der Statüen nur wenden können, und vergaß ganz, daß ſie ſchon mehrere Jahrhunderte in der⸗ ſelben Richtung blickten, ohne daß darum jemand klüger geworden wäre. «Hol' ſie der Henker,„ ſagte er zu ſich ſelbſt: aſte werden alles verrathen; hat je ein Menſch gehört, daß man ein Geheimniß ſo bewahrt?5 Wenn er dann je⸗ mand kommen hörte, ſtahl er ſich weg, als ob ſein Wei⸗ len ſo nahe an dieſem Orte Verdacht erregen könnte. Dann kehrte er vorſichtig zurück, ſchaute von ferne hin, um zu ſehen, ob noch alles bei'm alten wäre, aber der Anblick der Statüen erweckte wieder ſeinen ganzen Un⸗ willen.«Ach, da ſtehen ſie,» ſagte er,«und ſehen und ſehen und ſehen immer dahin, wohin ſie nicht ſehen ſoll⸗ — 344— ten. Waͤren ſie bei'm Henker! Sie ſind, wie alle ihres Geſchlechtes; wenn ſie keine Zungen haben, mit denen ſie plaudern können, ſo thun ſie's gewiß mit ihren Augen.⸗» Der äangſtliche Tag naͤherte ſich endlich zu ſeiner Freude ſeinem Ende. In den hallenden Sälen der Al⸗ hambra vernahm man keine Fußtritte mehr; der letzte fremde Beſucher überſchritt die Schwelle, das große Thor wurde verriegelt und vermacht, und die Fledermaus und der Froſch und die heulende Eule nahmen allmählig wieder ihre nächtlichen Rechte in dem verlaſſenen Palaſt in Anſpruch.. Lope Sanchez wartete aber, bis die Nacht weit vor⸗ geſchritten war, ehe er ſich mit ſeiner kleinen Tochter in den Saal der zwei Nymphen wagte. Er fand ſie ſo verſchwiegen und geheimnißvoll wie immer auf den ver⸗ borgenen Schein ſeines Glückes ſchauen. Mit Eurer Erlaubniß, holde Damen,» dachte Lope Sanchez, als er zwiſchen ihnen durchging: aich will Euch von Eurem Dienſte, der die vergangenen zwei oder drei Jahrhun⸗ derte ſo ſchwer auf Euern Herzen gelaſtet haben mag, erlöſen.) Demnach begann er an dem von ihm bezeich⸗ neten Theil der Wand ſeine Arbeit und öffuete nach ei⸗ ner kleinen Weile eine verſteckte Vertiefung, in welcher zwei große Porzelankrüge ſtanden. Er verſuchte ſie her⸗ vorzurücken, aber ſie waren unbeweglich, bis die un⸗ ſchuldige Hand ſeines Töchterchens ſte beruͤhrte. Mit ihrer Hülfe brachte er ſie aus der Niſche und ſah zu ſei⸗ ner großen Freude, daß ſie mit mauriſchen Goldſtücken, nebſt Juwelen und Edelſteinen gefuͤllt waren. Vor Ta⸗ — 345— gesanbruch wußte er ſie in ſeine Stube zu bringen und verließ die zwei wachhabenden Statüen mit ihren auf die leere Wand gerichteten Augen. So war Sanchez plötzlich ein reicher Mann gewor⸗ den; aber der Reichthum brachte, wie gewöhnlich, eine Welt voll Sorgen mit ſich, denen er bisher gänzlich fremd geweſen war. Wie ſollte er ſeinen Schatz ſicher wegbringen? Wie ſollte er ſich deſſelben nur erfreuen, ohne Verdacht zu erregen? Zum erſten Mal in ſeinem Leben erwachte jetzt auch die Furcht vor Räͤubern in ſei⸗ ner Seele. Er blickte mit Schauer und Schrecken auf das Unſichere ſeiner Wohnung und begab ſich daran, Thüren und Fenſter zu verrammeln und zu vermachen; nach allen dieſen Borſichtsmaßregeln konnte er aber doch nicht ruhig ſchlafen. Seine gewöhnliche Heiterkeit war dahin, er hatte für ſeine Nachbarn keinen Scherz und keine Lieder mehr und kurz, er wurde das unglücklichſte Geſchöpf in der Alhambra. Seine alten Kameraden be⸗ merkten ſeine Veränderung, bemitleideten ihn von Her⸗ zen und fingen an, ihn zu verlaſſen, indem ſie dachten, er müſſe in Noth verſunken ſeyn und Gefahr laufen, ſie um Huͤlfe anſprechen zu müſſen. Der Gedanke, daß ſein ganzes Elend Reichthum ſey, lag ihnen ſehr fern. Die Fran unſeres Lope Sanchez theilte ſeine Angſt, aber ſie hatte dafür geiſtlichen Troſt. Wir häͤtten ſchon früher erwähnen ſollen, daß, da Lope ein etwas leichter, unbeſonnener kleiner Mann war, ſeine Frau ſich gewöhnt hatte, in allen wichtigen Gegenſtänden den Rath und Beiſtand ihres Beichtvaters, des Pater Simon zu ſu⸗ chen, eines ſtarken, breitſchultrigen, blaubartigen, rund⸗ — 346— köpfigen Mönchs aus dem nahen Franziskanerkloſter, welcher in der That der geiſtliche Tröſter der Häͤlfte der guten Weiber der Umgegend war. Er war außerdem in großer Achtung in verſchiedenen Nonnenklöſtern, wel⸗ che ihm ſeine geiſtlichen Dienſte durch häufige Geſchenke von jenen Leckereien und Spielereien, die in Klöſtern gemacht werden, belohnten, als da ſind köſtliches Einge⸗ machtes, Zuckerbrot und Flaſchen würziger Herzſtärkun⸗ gen, welche ſich nach Faſten und Wachen als treffliche Erquickung auswieſen. Pater Simon gedieh in der Ausübung ſeiner Pflich⸗ ten. Sein öhliges Geſicht glänzte in dem Sonnen⸗ ſchein, wenn er ſich an einem heißen Tag den Hügel der Alhambra herauf arbeitete. Bei allen Annehmlichkeiten ſeiner Lage zeigte aber doch das knotige Seil um ſeinen Leib die Strenge der Zucht, die er gegen ſich ſelbſt übte; die Menge zog die Mützen vor ihm als einem Spiegel der Frömmigkeit, und ſelbſt die Hunde ſpürten den Ge⸗ ruch der Heiligkeit, welcher ſeiner Kutte entſtrömte und heulten aus ihren Löchern, wenn er vorüberging. Dieſer Art war Pater Simon, der geiſtliche Rath⸗ geber des holdſeligen Weibes von Lope Sanchez; und da der Beichtvater der innigſte Vertraute der Frauen in Spanien iſt, ſo war er bald, im größten Geheimniß, mit der Geſchichte des verborgenen Schatzes bekannt. Der Mönch ſperrte Mund und Augen auf und be⸗ kreuzte ſich zwölfmal bei dieſer Nachricht. Nach einer kur⸗ zen Pauſe ſagte er:„Tochter meiner Seele! Wiſſe, dein Mann hat eine doppelte Sünde begangen— eine Sünde gegen den Staat und die Kirche. Der Schatz, den er — 347— ſo für ſich behalten hat, iſt in den Beſitzungen des Kö⸗ nigs gefunden worden und gehört folglich der Krone; da er aber den Ungläubigen gehörte und gewiſſermaßen den Klauen des Satans entriſſen worden iſt, ſollte er der Kirche geweiht ſeyn. Doch läßt ſich die Sache im⸗ mer noch beilegen. Bringe den Myrthenkranz hieher.⸗» Als der gute Pater dieſen fah, glänzten ſeine Au⸗ gen mehr denn je vor Bewunderung der Größe und Schönheit der Smaragde. Da dieſes die erſten Früchte dieſer Entdeckung ſind,» ſagte er, aſollte es billig from⸗ men Zwecken geweiht ſeyn. Ich will es in einem Schrein vor dem Bild des h. Franziskus in unſrer Kapelle auf⸗ hängen und ihn noch in dieſer Nacht angelegentlich bit⸗ ten, daß dein Mann im ruhigen Beſitz eures Reich⸗ thums bleibe.“ Die gute Fran war froh, daß ſie ſo wohlfeilen Kaufs ihren Frieden mit dem Himmel machen konnte, und der Mönch, der den Kranz unter ſeinen Mantel ſteckte, ſchritt dem Kloſter mit heiligen Schritten zu. Als Lope Sanchez nach Hauſe kam, erzählte ihm ſeine Frau, was vorgegangen war. Er war ſehr ärger⸗ lich, denn ihm fehlte der fromme Sinn ſeiner Frau, und er ſeufzte ſchon ſeit einiger Zeit über die vertraulichen Beſuche des Mönchs.„Frau,p ſagte er,«was haſt du gethan? Du haſt durch dein Plaudern alles auf das Spiel geſetzt.» « Was?» rief die gute Frau: willſt du mir verbie⸗ ten, mein Gewiſſen vor meinem Beichtvater zu ent⸗ Laden? 5 „Nein, Franu! Beichte von deinen Sünden, ſo viel — 348— du nur willſt; aber dieſes Schatzgraben iſt meine Sünde und mein Gewiſſen iſt ſehr leicht unter der Laſt der⸗ ſelben.» Allein das Kkagen half jetzt nichts mehr; das Ge⸗ heimniß war nun einmal ausgeplaudert und ließ ſich, wie auf den Sand gegoſſenes Waſſer, nicht wieder zu⸗ rücknehmen. Ihre einzige Hoffnung gründete ſich auf die Verſchwiegenheit des Mönchs. Während Lope Sanchez am naͤchſten Tag draußen war, ließ ſich ein leiſes Klopfen an der Thüre hören und Pater Simon trat mit freundlicher und ſittſamer Miene ein. «Tochter,» fagte er, eich habe inbrünſtig zu dem h. Franziskus gebetet und er hat mein Gebet erhört. In der Mitte der Nacht iſt mir der Heilige im Traum erſchienen, aber ſein Antlitz zürnte. Höre,» ſagte er, adu beteſt zu mir, um Bergebung wegen dieſes heidni⸗ ſchen Schatzes zu erhalten, während du die Armuth mei⸗ ner Kapelle ſtehſt? Gehe in das Haus des Lope San⸗ chez, bitte in meinem Namen um einen Theil des mau⸗ riſchen Goldes, um zwei Leuchter für den Hauptaltar zu kaufen, und laß ihn das Uebrige in Frieden beſitzen.⸗ Als die gute Frau von dieſer Erſcheinung hörte, kreuzte ſie ſich ehrerbietig, ging zu dem geheimen Plätz⸗ chen, wo Lope ſeinen Schatz verborgen hatte und füllte einen großen ledernen Beutel mit Stücken Mauriſchen Goldes und gab ihn dem Moͤnch. Dagegen ertheilte ihr der Mönch Segen genug, um, wenn der Himmel ihn auslößt, ihr Geſchlecht bis in die ſpäteſten Zeiten zu bereichern, ließ dann den Beutel in den Aermel ſeiner — 349— Kutte gleiten, faltete ſeine Hände über ſeiner Bruſt und ſchied mit einer Miene demüthiger Dankbarkeit. Als Lope Sanchez von dieſem zweiten, der Kirche gemachten Geſchenk hörte, gerieth er faſt außer ſich. «Unglücklicher Mann,n» rief er, ⸗was ſoll aus mir wer⸗ den? Ich werde ſtückweiſe beraubt; ich werde zu Grund gerichtet und an den Bettelſtab gebracht werden!⸗ Nar mit großer Mühe konnte ihn ſeine Frau beru⸗ higen, indem ſte ihn an den ungehenern Reichthum erin⸗ nerte, welcher ihm noch verblieb und ihn fühlen ließ, wie gütig es von dem h. Franziskus ſey, ſich mit einem ſpärlichen Antheil zu begnügen. Unglücklicherweiſe hatte Pater Simon eine Anzahl armer Derwandte, fuͤr welche geſorgt werden mußte, einiger halben Dutzend ſtarker, rundköpfiger Waiſen⸗ und verlaſſener Findel⸗Kinder nicht zu gedenken, die er unter ſeinen Schutz genommen hatte. Er wiederholte daher von Tag zu Tag ſeine Beſuche und ſeine Bitten zum Beſten des h. Dominikus, des h. Andreas, des h. Jakobs, bis der arme Lope in Verzweiflung gerieth und fand, daß er, wenn er ſich dem Bereich des frommen Mönchs nicht entzöge, jedem Heiligen des Kalenders Sühnoper würde bringen müſſen. Er beſchloß daher, den ihm noch bleibenden Schatz zuſammenzupacken, heim⸗ lich in der Nacht aufzubrechen und in einen andern Theil des Köntgreichs zu ziehen. Voll von dieſem Plane, kaufte er ein ſtarkes Manl⸗ thier und band es in einem dunkeln Gewölbe unten in dem Thurm der ſleben Stockwerke an, an derſelben Stelle, wo der Belludo, oder das Kobold⸗Pferd ohne Kopf, um Mitteruacht herauskommen, und durch die Straßen von Granada, gefolgt von einer Meute Höllen⸗ hunde, rennen ſoll. Lope Sanchez ſchenkte der Geſchichte wenig Glauben, benutzte aber die dadurch erweckte Furcht, denn er wußte wohl, daß ſich niemand leicht in den un⸗ terirdiſchen Stall des Geſpenſter⸗Roſſes wagen würde. Im Laufe des Tages ſchickte er ſeine Familie mit dem Befehle weg, ihn in einem entfernten Dorf der Vega zu erwarten. Als die Nacht vorrückte, brachte er ſeinen Schatz in das Gewölbe unter dem Thurm, belud ſein Maulthier damit, führte es heraus und leitete es vor⸗ ſichtig den dunkeln Weg abwärts. Der ehrliche Lope hatte dieſe Maßregeln in der größten Stille genommen, und ſie niemanden, als dem treuen Weibe ſeines Herzens mitgetheilt. Durch irgend eine wunderbare Offenbarung jedoch waren ſle dem Pater Simon bekannt geworden. Der eifrige Mönch ſah dieſe heidniſchen Schätze auf dem Punkt, ſeinen Krallen auf immer entriſſen zu werden, und beſchloß, zum Beſten der Kirche und des h. Franziskus, noch einen Griff in dieſelben zu thun. Als daher die Glocken zu den animas ³⁸) geläutet hatten, und die ganze Alhambra ſtill war, ſchlich er ſich aus ſeinem Kloſter, eilte durch das Thor der Gerechtigkeit nieder und verbarg ſich im Dickicht der Roſen und Lorbeern, welche den großen Zu⸗ gang ſäumen. Hier blieb er und zählte die Viertel⸗ ſtunden, wenn die Uhr auf dem Wartthurm ſchlug und *⁴) Animas, das Abendgeläute, um an die Fürbitte für die Seelen im Fegfeuer zu erinnern. lauſchte auf das ſchauerliche Geheul der Eulen und das ferne Bellen der Hunde aus den Zigeunerhöhlen. Endlich hörte er Fußtritte und ſah durch das Düſter der überſchattenden Bäume etwas, das wie ein Laſtthier ausſah, den Weg herabkommen. Der ſtämmige Moͤnch ſchmunzelte bei dem Gedanken, welchen klugen Streich er dem guten Lope zu ſpielen im Begriff ſtehe. Er band ſeine Kutte auf und krümmte ſich wie eine Katze, die eine Maus auf dem Korn hat, und harrte ſo, bis ſein Raub gerade vor ihm war, wo er aus ſeinem laubigen Verſteck hervorbrach, eine Hand auf das Schul⸗ terblatt, die andere anf das Kreuz legte, und einen Sprung machte, der dem geübteſten Stallmeiſter Ehre gemacht hätte, und ſich rittlings auf dem Thiere feſt⸗ ſetzte. Aha, ſagte der ſtämmige Mönch, ajetzt wollen wir ſehen, wer das Spiel am beſten verſteht.“ Er hatte dieſe Worte kaum ausgeſprochen, als das Thier anfing auszuſchlagen, ſich zu bäumen, und Sätze zu machen, und dann in vollem Lauf den Berg hinabſchoß. Der Mönch verſuchte, das Thier aufzuhalten, aber vergebens. Es ſprang von Fels zu Fels, von Buſch zu Buſch; des Möuchs Kutte war in Fetzen verriſſen und flatterte im Wind; ſein geſchorner Schädel erhielt manchen harten Schlag von den Baumäſten und manche Schramme von dem Geſträuch. Um ſeinen Schrecken und Jammer zu vermehren, ſah er eine Mente von ſteben Hunden in vollem Bellen an ſeinen Ferſen und bemerkte zu ſpät, daß er ſich wirklich auf den ſchrecklichen Belludo ge⸗ ſchwungen hatte, — 352— Fort ſtaͤrmten ſie in Windes⸗Eile, den großen Weg hinab, über die Plaza Nueva, den Zacatin entlang, um die Vivairambla— nie flogen Jäger und Hund ſo pfeilſchnell dahin oder machten einen ſo hölliſchen Lärm. Vergebens rief der Mönch jeden Heiligen des Kalenders an, und die gebenedeite Jungfrau obendrein; ſo oft er einen Namen dieſer Art nannte, wirkte es wie ein fri⸗ ſcher Spornſtoß und verurſachte, daß der Belludo einen haushohen Satz machte. Den übrigen Theil der Nacht bindurch wurde der unglückliche Pater Simon dahin und dorthin und wohin er nicht wollte geführt, bis jeder Knochen an ſeinem Leib mürb war und er ſich zu er⸗ bärmlich wund geritten hatte, als daß man deſſen ge⸗ denken möchte. Wieder ging es über die Vivairambla, den Zacatin, die Plaza Nueva und den Brunnenweg, und die ſleben Hunde heulten und bellten und ſprangen empor und ſchnappten nach den Ferſen des erſchreckten Paters. Der erſte Morgenſtrahl ſchoß eben empor, als ſte den Thurm erreichten; hier ſchlug das Koboldpferd kräftig hinten aus und ſchickte den Mönch mit einem Burzelbaum durch die Luft und ſtürzte, gefolgt von der hölliſchen Menute, in das dunkle Gewölbe und ein tiefes Schweigen folgte dem eben noch ſo betäubendem Lärm. Iſt jemals einem Mönch ſolch ein verteufelter Streich geſpielt worden? Ein Bauer, der mit der Dämmerung an ſeine Arbeit ging, fand den unglücklichen Pater Simon am Fuß des Thurms unter einem Feigenbanme liegen, aber ſo zerquetſcht und zerſchellt, daß er weder ſprechen noch ſich regen konnte. Er wurde mit aller Sorgfalt und Aufmerkſamkeit in ſeine Zelle geführt und das Gerücht verbreitete ſich, Räuber haͤtten ihn ange⸗ griffen und mißhandelt. Ein oder zwei Tage vergingen, ehe er wieder zum Gebrauch ſeiner Glieder kam; er tröſtete ſich mittlerweile mit dem Gedanken, daß er, ob⸗ gleich ihm das Maulthier mit dem Schatz entgangen war, doch vorlänfig einen guten Theil von der heidni⸗ ſchen Beute wegbekommen hätte. Als er ſich wieder bewegen konnte, war es ſeine erſte Sorge, unter ſeinem Lager zu ſuchen, wo er den Myrthenkranz und die le⸗ dernen Beutel mit Gold, die er der Frömmigkeit der Frau Sanchez abgezwungen, verborgen hatte. Wie groß war aber ſein Jammer, als er ſah, daß der Kranz wirklich nur ein verwelkter Myrthenkranz und die leder⸗ nen Beutel mit Sand und Geröll gefüllt waren! Pater Simon hatte bei all ſeinem Schmerze die Klugheit zu ſchweigen, da das Verrathen des Geheim⸗ niſſes ihn bei dem Publikum nur lächerlich gemacht und die Strafe ſeines Vorgeſetzten auf ihn herabgezogen hätte: erſt viele Jahre ſpäter, auf ſeinem Todesbett, ent⸗ deckte er ſeinem Beichtvater ſeinen nächtlichen Ritt auf dem Belludo. Von Lope Sanchez hörte man lange nach ſeinem Abzug aus der Alhambra durchaus nichts. Man erin⸗ nerte ſich ſeiner ſtets gern als eines fröhlichen Genoſſen, obgleich man aus dem Gram und der Schwermuth, welche er kurz vor ſeiner geheimnißvollen Abreiſe in ſeinem Benehmen zeigte, ſchließen zu müſſen glaubte, Armuth und Unglück habe ihn zu einem verzweifelten Entſchluß gebracht. Einige Jahre ſpäter wurde einer 44— 47. 23 —-— 354— ſeiner alten Freunde, ein invalider Soldat, der zu Ma⸗ laga war, von einem ſechsſpännigen Wagen umgeworfen und faſt überfahren. Der Wagen hielt an; ein alter, reich gekleideter Herr, mit einem Degen und Haarbeutel, ſtieg aus, um dem armen Invaliden beizuſtehn. Wie groß war des Letztern Erſtaunen, als er in dieſem vor⸗ nehmen Kavalier ſeinen alten Freund Lope Sanchez er⸗ kannte, der eben die Vermählung ſeiner Tochter San⸗ chica mit einem der erſten Granden des Landes feierte! In dem Wagen ſaß das Brautpaar. Da war auch „Frau Sanchez, die jetzt ſo rund geworden war wie ein Faß, und Federn und Juwelen und Halsbänder von Perlen und Diamantſchmuck und Ringe an jedem Fin⸗ ger, und einen Kleider⸗Putz trug, den man ſeit den Zei⸗ ten der Königin Seba nicht mehr geſehen hatte. Die kleine Sanchina war jetzt zur Frau herangewachſen und nach ihrer Anmuth und Schoͤnheit hätte man ſtie füͤr eine Herzogin, ja geradezu für eine Prinzeſſin halten können. Der Bräutigam ſaß neben ihr— ein etwas abgelebter, ſpindelbeiniger kleiner Mann, aber das be⸗ wies ſchon, daß er von ächtem Geblüt war— denn ein wahrer ſpaniſcher Grande hat ſelten mehr als vier Fuß Höhe. Die Mutter hatte die Heirath gemacht. Der Reichthum hatte das Herz des ehrlichen Lope nicht verderbt. Er behielt ſeinen alten Kameraden meh⸗ rere Tage bei ſich, bewirthete ihn wie ein König, nahm ihn mit in Schauſpiele und Stiergefechte und ſandte ihn endlich ganz beglückt nach Haus, mit einem dicken Sacke Geldes für ſich, und einen andern, der unter ſeinen al⸗ ten Freunden in der Akhambra vertheilt werden ſollte. — 355— Lope erzählt immer, ein reicher Bruder ſey in Amerika geſtorben, und habe ihm eine Kupfermiene hin⸗ terlaſſen; aber die verſchlagenen Plaudertaſchen der Al⸗ hambra beſtanden darauf, ſein Reichthum rühre von nichts anderem her, als dem Umſtande, daß er das von den zwei alabaſternen Nymphen der Alhambra bewahrte Geheimniß entdeckt habe. Es wird bemerkt, daß dieſe zwet höchſt verſchwiegenen Statüen bis auf den heutigen Tag ihre Augen ſehr bedentungsvoll auf dieſelbe Stelle in der Wand gefeſſelt haben, was manchen glauben läßt, es ſey noch irgend ein Schatz, welcher der Aufmerkſam⸗ keit eines unternehmenden Reiſenden werth ſeyn möchte, dort verborgen; obgleich andere, und vorzüglich weib⸗ liche Beſucher ſie mit großem Wohlgefallen als ſtete Monumente der Thatſache betrachten, daß Frauen ein Geheimniß bewahren können. Muhamed Abu Alahmar, der Gründer der Alhambra. Da ich mit den Wundermärchen der Alhambra ſo freigebig geweſen bin, fühle ich mich faſt verbunden, dem Leſer einige Thatſachen mitzutheilen, welche ihre eigent⸗ liche Geſchichte, oder vielmehr die Geſchichte jener ſtatt⸗ lichen Fürſten, ihrer Gründer und Vollender, betreffen, denen die Welt ein ſo ſchoͤnes und romantiſches orienta⸗ liſches Denkmal verdankt. Um dieſe Thatſachen zu ge⸗ winnen, ſtieg ich aus dieſem Phantaſten⸗ und Maͤrchen⸗ 23* Bereich, wo alles eine poetiſche Farbe annehmen muß, herab und wandte meine Unterſuchungen den beſtaubten Bäͤnden der alten Jeſuiter⸗Bibliothek in der Univerſität zu. Dieſes einſt ſo berühmte Behältniß der Gelehrſam⸗ keit iſt jetzt ein bloßer Schatten ſeines frühern Selbſt, denn die Franzoſen beraubten die Bibliothek, als ſie Granada im Beſttz hatten, ihrer Handſchriften und ſel⸗ tenſten Druckwerke. Dennoch enthält ſie, unter vielen gewichtigen Streitſchriften der Jeſuiten, noch manches merkwürdige Werk der ſpaniſchen Literatur; vor allem aber eine Anzahl jener veralteten, ſtaubigen, in Perga⸗ ment gebundenen Chroniken, welche bei mir in beſonderer Achtung ſtehen. In dieſer alten Bibliothek habe ich manche köſtliche Stunde ruhigen, ungeſtörten literariſchen Fouragirens hingebracht, denn die Schlüſſel zu den Thüren und Bü⸗ cherſchränken wurden mir freundlich anvertraut und ich allein gelaſſen, um nach meinem Belieben umher zu ſtö⸗ bern— ein ſeltenes Zugeſtändniß in dieſen Heiligthümern der Gelehrſamkeit, welche nur zu oft den Wißbegierigen bei dem Anblick verſtegelter Quellen des Wiſſens ſchmach⸗ ten laſſen. Im Laufe dieſer Beſuche ſammelte ich folgende Ein⸗ zelnheiten in Betreff der fraglichen hiſtoriſchen Cha⸗ raktere. Die Mauren von Granada betrachteten die Alham⸗ bra als ein Wunder der Kunſt und hatten eine Sage, der König, der ſie gebant, habe ſich mit Zauberei abge⸗ geben, oder ſey doch ein Alchymiſt geweſen, wodurch er in den Stand geſetzt worden wäre, ſich die unermeßlichen — 357— Summen Goldes zu verſchaffen, welche bei dem Baue derſelben verſchwendet wurden. Eine kurze Ueberſicht ſeiner Geſchichte wird das wirkliche Geheimniß ſeines Reichthums darlegen. Der Name dieſes Königs war nach der Inſchrift auf den Wänden einiger Gemächer Abu Abdallah (d. h. Vater von Abdallah), allein in der mauriſchen Geſchichte heißt er gewöhnlich Muhamed Abu Alahmar (d. h. Muhamed Sohn des Alahmar), oder einfach Abn Alahmar, der Kürze wegen. Er war im Jahr der Hegira 591, und nach der chriſtlichen Zeitrechnung 1195 zu Arſoua aus der edlen Familie der Bena Naſar, oder Kinder Naſar's geboren und ſeine Eltern ſparten keine Koſten, ihn für den hohen Stand zu erziehen, zu welchem der Reichthum und das Anſehen ſeiner Familie ihn berechtigten. Die Sarazener Spaniens waren in der Bildung weit vorgeſchritten, jede Hauptſtadt war ein Sitz der Gelehrſamkeit und der Künſte— ſo daß es leicht war, die beſten Lehrer für Jünglinge von Stand und Vermögen zu erhalten. Als Abu Alahmar das mannbare Alter erreicht hatte, wurde er als Alcayde oder Statthalter von Arjoua und Jaen angeſtellt und machte ſich durch ſeine Güte und Gerech⸗ tigkeit ſehr beliebt. Einige Jahre ſpäter, nach Abon Hud's Tod, ſpaltete ſich die mauriſche Macht in Spanien in Factionen und viele Plätze erklärten ſich für Muhamed Abu Alahmar. Da er lebendigen Geiſtes und hohen Ehrgeizes war, ergriff er die Gelegenheit, machte eine Reiſe durch das Land und wurde überall mit Beifallrut empfangen. Im Jahre 1238 hielt er unter dem lebhaf⸗ — 358— teſten Jubel der Menge ſeinen Einzug zu Granada. Er ward mit allen Zeichen der Freude als König ausgeru⸗ fen und wurde bald das Haupt der Moslemin in Spa⸗ nien, da er der erſte des erlauchten Stammes von Beni Naſar war, der auf dem Thron geſeſſen hatte. Seine Regierung machte ihn zu einem Segen ſeiner Untertha⸗ nen. Er gab die Statthalterſchaft ſeiner verſchiedenen Städte den Männern, die ſich durch Tapferkeit und Klugheit ausgezeichnet hatten und bei dem Volke am beliebteſten waren. Er ſetzte eine wachſame Polizei ein und erließ ſtrenge Geſetze zur Handhabung der Gerech⸗ tigkeit. Die Armen und Unglücklichen hatten ſtets freien Zutritt zu ihm und er ſorgte perſönlich für Beiſtand und Abhülfe. Er errichtete Hoſpitäler für Blinde, Alte und Kranke und alle ſolche, welche nicht arbeiten konn⸗ ten und beſuchte ſie oft— nicht an feſtgeſetzten Tagen mit Pracht und Prunk, ſo daß Zeit blieb, alles in Ord⸗ nung zu bringen und jeden Mißbrauch zu verſtecken, ſon⸗ dern plötzlich und unerwartet; durch eigene Beobachtung und genaue Prüfung unterrichtete er ſich von der Be⸗ handlung der Kranken, und dem Benehmen derer, welche zu ihrem Beiſtande angeſtellt waren. Er gründete Schu⸗ len und Univerſttäten, welche er auf gleiche Weiſe be⸗ ſuchte, und wohnte perſönlich dem Unterrichte der Ju⸗ gend bei. Er ließ Fleiſchbänke und öffeutliche Backöfen bauen, damit das Volk geſunde Nahrung zu billigen und regelmäßigen Preiſen erhielt. Er führte reiche Waſſer⸗ leitungen in die Stadt, ließ Bäder und Brunnen, Ka⸗ zaäle und Röhren bauen, um die Vega zu bewäſſern und fruchtbar zu machen. Durch dieſe Mittel herrſchte Reich⸗ — 359— thum und Ueberfluß in dieſer ſchönen Stadt; an ihren Thoren drängte ſich der Handelsfleiß und die Waarenhäu⸗ ſer waren mit dem Luxus und den Guͤtern aller Länder und Himmelsſtriche gefüllt. Während Muhamed Abu Alahmar ſein reizendes Land ſo weis und glücklich regierte, bedrohten ihn plötz⸗ lich die Schrecken des Kriegs. Die Chriſten benützten zu dieſer Zeit die Spaltung der Macht der Moslemin und ſetzten ſich raſch wieder in den Beſitz ihrer alten Gebiete. Jakob der Eroberer hatte ganz Valencia un⸗ terworfen und Ferdinand der Heilige trug ſeine ſlegreiche Waffen nach Andaluſten. Der letztere belagerte die Stadt Jaen und ſchwor, ſein Lager nicht eher aufzuheben, als bis er im Beſitz der Stadt wäre. Muhamed Abu Alah⸗ mar kannte das Unzureichende ſeiner Mittel, mit den mächtigen Herrſchern Caſtiliens einen Krieg zu unter⸗ halten. Er faßte daher einen plötzlichen Entſchluß, be⸗ gab ſich heimlich in das chriſtliche Lager und erſchien un⸗ erwartet vor König Ferdinand. Du ſſehſt in mir,„ ſagte er,«Muhamed, den König von Granada; ich ver⸗ traue deiner Ehre und begebe mich unter deinen Schutz. Empfange alles, was ich beſitze und nimm mich als dei⸗ nen Lehensmann an.“ Bei dieſen Worten knieete er nieder und küßte des Königs Hand als Zeichen der Un⸗ terwerfung. 3 König Ferdinand war durch dieſen Beweis offenen Vertrauens gerührt und beſchloß, ſich nicht an Edelmuth überbieten zu laſſen. Er hob ſeinen fruͤheren Nebenbah⸗ ler von der Erde auf und umarmte ihn als Freund; die Schätze, die er ihm anbot, wies er zurück, nahm — 360— ihn aber als Vaſſal an und ließ ihm die Herrſchaft über ſein Gebiet unter der Bedingung, daß er einen jährlichen Tribut zahle, bei den Cortes als einer der Edlen des Reichs ſich einſtelle und ihm im Kriege mit einer gewiſ⸗ ſen Zahl Reiter diene. Nicht lange darauf wurde Muhamed zum Kriegs⸗ dienſt aufgefordert, um dem König Ferdinand bei ſeiner berühmten Belagerung von Sevilla beizuſtehen. Der mauriſche König zog mit fünfhundert erleſenen Reitern von Granada aus, denn niemand in der Welt wußte beſſer als ſie ein Pferd zu reiten und eine Lanze zu füh⸗ ren. Es war jedoch ein trauriger und demüthigender Dienſt, denn ſie ſollten ihr Schwert gegen ihre Glau⸗ bensbrüder ſchwingen. Muhamed erlangte durch ſeine Tapferkeit bei dieſer berühmten Eroberung einen traurigen Ruhm, echtere Ehren aber durch die Milde, welche er König Ferdinand in der Kriegsführung auzunehmen veranlaſſte. Als im Jahr 1248 die berühmte Stadt Sevilla dem kaſtiliſchen König übergeben ward, kehrte Muhamed traurig und voller Gram in ſein Gebiet zurück. Er ſah das ſich ſammelnde Unheil, welches die Sache der Moslemin be⸗ drohte, und ließ jenen Spruch hören, den er oft im Augenblick der Noth und Verwirrung im Mund führte: «Wie beſchränkt und elend würde unſer Leben ſeyn, wenn unſere Hoffnung nicht ſo weit und ausgedehnt wäre.“ „Que angoste y miserabile seria nuestra vida, sino fuero tan dilatada y espaciosa nuestra esperanza!“ Als der betrübte Sieger ſeinem geliebten Granada nahte, ſtrömte das Volk mit freudiger Ungeduld heraus, — 361— ihn zu ſehen, denn ſie liebten ihn als einen Wohlthäͤter. Sie hatten zu Ehren ſeiner kriegeriſchen Thaten Triumph⸗ bogen errichtet, und wo er vorüber kam, wurde er mit Beifallsruf als El Ghalib oder der Sieger begrüßt. Mu⸗ hamed ſchüttelte den Kopf, als er dieſen Namen hörte. „Wa la ghalib ila Ala!“(Es gibt keinen Sieger als Gott!) rief er aus. Von dieſer Zeit an diente ihm die⸗ ſer Ausruf als Wahlſpruch. Er ließ ihn auf ein ſchrä⸗ ges über ſein Wappen laufendes Band ſchreiben, und er blieb der Wahlſpruch aller ſeiner Nachkommen. Durch Unterwerfung unter das chriſtliche Joch hatte Muhamed den Frieden erkauft, aber er wußte, daß die⸗ ſer nicht ſicher und dauernd ſeyn konnte, wo die Ele⸗ mente ſo widerſtreitend und die Beweggründe der Feind⸗ ſeligkeit ſo tief und alt waren. Er that daher nach dem alten Grundſatz:«waffne dich im Frieden, und bekleide dich im Sommer,» und benützte den eintretenden Zwi⸗ ſchenraum der Ruhe, um ſein Gebiet zu befeſtigen, ſeine Zeughäuſer wieder zu füllen, und diejenigen nützlichen Künſte zu foͤrdern, welche einem Staate Wohlſtand und wirkliche Macht geben. Er ſetzte für die beſten Hand⸗ werker Preiſe aus, und bewilligte ihnen Vorrechte; er verbeſſerte die Zucht der Pferde und anderer nützlicher Thiere; er ermuthigte den Ackerbau, und wußte durch ſeinen Schutz die natürliche Fruchtbarkeit des Bodens um das doppelte zu erhöhen, indem er die lieblichen Thä⸗ ler ſeines Koͤnigsreichs wie einen Garten blühen machte. Er förderte auch den Bau und die Verarbeitung der Seide, bis die Weberſtuͤhle Granada's ſelbſt die von Syrien an Feinheit und Schoͤnheit ihrer Productionen — 362— äbertrafen. Sodann ließ er die Gold⸗, Silber⸗ und an⸗ dere Minen, die in den bergigen Gegenden ſeines Reichs gefunden wurden, fleißig bearbeiten, und war der erſte König von Granada, welcher Gold⸗ und Silbermünzen unter ſeinem Namen ſlagen ließ, wobei er Sorge trug, daß die Münzen geſchickt ausgeprägt wurden. Um dieſe Zeit, etwa in der Mitte des dreizehnten Jahrhunderts und unmittelbar nach ſeiner Rückkehr von der Belagerung von Sevilla begann er den glänzenden Palaſt der Alhambra; er beaufſichtete perſönlich den Bau, und miſchte ſich oft unter die Künſtler und Werk⸗ meiſter, und leitete ihre Arbeiten. Obſchon ſo glanzreich in ſeinen Werken, und ſo groß in ſeinen Unterehmungen, war er von einfachen Sitten, und mäßig in ſeinen Genüſſen. Sein Kleid war nicht nur ohne Glanz, ſondern ſo einfach, daß es ihn nicht von ſeinen Unterthanen auszeichnete. Sein Harem konnte ſich nur weniger Schönheiten rühmen, und dieſe beſuchte er ſelten, obgleich ſie mit großem Glanze unter⸗ halten wurden. Seine Weiber waren Töchter der er⸗ ſten Edlen, und wurden von ihm als Freundinnen und verſtändige Gefährtinnen behandelt. Was mehr iſt, er wußte es dahin zu bringen, daß ſie als Freundinnen unter ſich lebten. Er brachte viele Zeit in den Gärten hin, beſonders in denen der Alhambra, welche er mit den ſeltenſten Pflanzen und den ſchönſten und duftigſten Blumen verſehen hatte. Hier ergötzte er ſich, indem er Geſchichten las, oder ſie ſich vorleſen und erzählen ließ; und zuweilen beſchäftigte er ſich in den Stunden der Muße mit dem Unterricht ſeiner drei Söhne, denen er —— —»63— die gelehrteſten und tugendhafteſten Lehrer ausgeſucht hatte. Wie er ſich frei und ungezwungen Ferdinand als Vaſſal angetragen hatte, blieb er auch ſeinem Worte getreu, und gab ihm wiederholte Beweiſe der Anhäng⸗ lichkeit und Treue. Als dieſer berühmte Monarch 1254 zu Sevilla ſtarb, ſchickte Muhamed Abu Alahmar Ge⸗ ſandte, welche ſeinem Nachfolger Alonzo X. ſein Beileid ausdrückten, und in ihrem Gefolge waren hundert mau⸗ riſche Ritter von ausgezeichnetem Rang, welche während der Begräbnißfeierlichkeit die koͤnigliche Bahre mit bren⸗ nenden Kerzen umgeben und geleiten mußten. Dieſen großen Beweis der Achtung widerholte der mauriſche König den Reſt ſeines Lebens hindurch an jedem Jah⸗ restag des Todes Ferdinands des Heiligen, wo hun⸗ dert mauriſche Ritter von Granada nach Sevilla ziehen, und ihre Plätze um das Ehrendenkmal des erlauchten Todten in der Mitte der reichen Kathedrale, mit bren⸗ nen Kerzen in der Hand, einnehmen mußten. Muhamed Abu Aluhmar behielt ſeine Rüſtigkeit und Geiſteskraft, bis zu einem vorgeruͤckten Alter. In ſeinem neunundſiebzigſten Jahr zog er noch zu Pferd, von der Bläthe ſeiner Ritterſchaft begleitet, in's Feld, um einen Einfall in ſein Gebiet zurückzutreiben. Als das Heer von Granada auszog, brach einer der erſten Ada⸗ lides oder Befehlshaber, welcher in dem Vortrab ritt, zufällig ſeine Lanze an einem Thorbogen. Die Räͤthe des Königs waren durch dieſen Vorfall beunruhigt, ſtell⸗ ten ihn als ein ſchlimmes Vorzeichen dar, und baten ihn zurückzukehren. Ihre Bitten waren umſonſt. Der Köͤniglwiderſtand, und am Nachmittag wurde das Vor⸗ — 364— zeichen, ſagen die mauriſchen Geſchichtſchreiber, auf trau⸗ rige Weiſe beſtätigt. Muhamed wurde plötzlich krank, und wäre faſt von ſeinem Pferde gefallen. Er wurde auf eine Bahre gelegt, und ſollte nach Granada gebracht werden, aber ſeine Krankheit nahm in ſo hohem Grade zu, daß man ſein Zelt in der Vega aufſchlagen mußte. Die Aerzte waren voller Beſtuͤrzung, und wußten nicht, welche Arznei ſie ihm verſchreiben ſollten. Nach weni⸗ gen Stunden ſtarb er unter Blutſpeien und heftigen Krämpfen. Der kaſtiliſche Prinz Don Philipp, der Bruder von Alonzo X. war an ſeiner Seite, als er ſtarb. Sein Körper wurde einbalſamirt, in einen ſil⸗ bernen Sarg gelegt, und unter ungeheuchelten Klagen ſeiner Unterthanen, die ihn als einen Vater beweinten, in der Alhambra in einem koſtbaren Marmorgrab beigeſetzt. Dieß war der erleuchtete patriotiſche Fürſt, der die Alhambra gründete, deſſen Namen noch in ihren ſchön⸗ ſten und anmuthigſten Verzierungen glänzt, und deſſen Andenken geeignet iſt, die erhabenſten Erinnerungen bei denen hervorzurufen, die dieſe verfallenen Scenen ſeines Glanzes und Ruhmes betreten. Obgleich ſeine Unter⸗ nehmungen ausgedehnt, und ſeine Ausgaben unermeß⸗ lich waren, war ſeine Schatzkammer dennoch ſtets ge⸗ füllt, und dieſer ſcheinbare Widerſpruch gab Veranlaſ⸗ ſung zu dem Gerüchte, er ſey in den Zauberküunſten be⸗ wandert, und beſitze das Geheimniß, gemeinere Metalle in Gold zu verwandeln. Wer ſein häusliches Leben, wie es hier angedeutet iſt, beachtet, wird die natürliche Ma⸗ gie und die einfache Alchymie, welche den Ueberfluß in ſeine Schatzkammer brachte, leicht einſehen. Yuſef Abul Hagig, der Vollender der Alhambra. Unter des Statthalters Wohnung in der Alhambra iſt die koͤnigliche Moſchee, wo die mauriſchen Monarchen ihre Andacht im Stillen verrichteten. Obgleich ſie als katholiſche Kirche geweiht iſt, hat ſie doch noch Spuren ihres moslemitiſchen Urſprungs; die ſarazeniſchen Saͤulen mit ihren vergoldeten Kapitälern, und die vergitterte Galerie für die Frauen ſind noch zu ſehen, und die Wap⸗ pen der mauriſchen Könige ſind auf den Mauern mit denen der kaſtilianiſchen Monarchen vermiſcht. An dieſem heiligen Ort ſtarb der berühmte Yuſef Abul Hagig, der hochherzige Fürſt, welcher die Alham⸗ bra ausbaute, und der wegen ſeiner Tugenden und Ta⸗ lenten faſt gleichen Ruhm verdient, wie ihr edler Grün⸗ der. Mit Freuden entreiße ich dem Dunkel, in welchem er allzu lange geblieben iſt, den Namen eines zweiten dieſer Fürſten, eines verſchwundenen und faſt vergeſſenen Geſchlechts, welcher in Zierlichkeit und Glanz in Anda⸗ luſten herrſchte, während ganz Europa vergleichungsweiſe in Barbarei verſunken war. Yuſef Abul Hagig(oder, wie es zuweilen geſchrie⸗ ben wird, Haris) beſtieg im Jahr 1333 den Thron von Granada, und ſeine perſönliche Erſcheinung und ſeine geiſtigen Eigenſchaften waren der Art, daß er ſich Aller — 366— Herzen gewann, und eine gütige und ſegenreiche Regie⸗ rung verſprach. Er hatte ein edles Aeußere, körperliche Kraft, mit männlicher Schönheit gepaart; ſeine Geſichts⸗ farbe war ungemein ſchön, und er erhöhte, den arabi⸗ ſchen Geſchichtſchreibern zufolge, die Wuͤrde und Maje⸗ ſtät ſeiner Erſcheinung dadurch, daß er ſeinen Bart zu einer bedeutenden Länge wachſen ließ, und ihn ſchwarz färbte. 72 hatte ein treffliches mit Schätzen des Wiſſens und der Gelehrſamkeit ausgerüſtetes Gedächtniß; er war lebendigen Geiſtes, galt für den beſten Dichter ſeiner Zeit und war anmuthig, zugänglich und fein in ſeinem Benehmen. Yuſef beſaß den, allen edlen Geiſtern ge⸗ meinſchaftlichen Muth; aber ſein Geiſt war mehr für den Frieden als für den Krieg gebildet, und er war bei den wiederholten Gelegenheiten, wo er zu den Waffen greifen mußte, gewoͤhntich unglücklich. Er nahm die Milde ſeines Charakters mit in das Kriegsleben hin⸗ über, verbot alle muthwillige Granſamkeit, und befahl den Frauen und Kindern, den Bejahrten und Kranken, und allen Mönchen und Perſonen eines frommen und abgezogenen Lebens Gnade und Schutz angedeihen zu laſſen. Unter andern unglücklichen Unternehmungen be⸗ gann er auch, in Verbindung mit dem König von Ma⸗ rocco, einen Feldzug gegen die Könige von Caſtilien und Portugal, wurde aber in der denkwürdigen Schlacht von Salado geſchlagen,— ein großer Unfall, welcher der Macht der Moslemin in Spanien beinahe den Todes⸗ ſtoß gegeben hätte. Naſef erfreute ſich nach dieſer Niederlage eines lan⸗ gen Waffenſtillſtandes, während welcher Zeit er ſich dem — 367— Unterricht ſeiner Unterthanen und der Verbeſſerung ihres geiſtigen Zuſtandes und ihrer Sitten weihte. Zu die⸗ ſern beſtand, mußte eine Moſchee haben; die Mißbrauche und Unziemlichkeiten, welche ſich in die Religionsfeier, die Feſte und öffentlichen Vergnügungen des Volkes ein⸗ geſchlichen hatten, verbot er ſtreng. Er hatte ein wach⸗ ſames Auge auf die Polizei der Stadt, ſtellte Nacht⸗ wächter und Streiſwachen auf, und beaufſichtigte alle ſtädtiſchen Angelegenheiten. Seine Aufmerkſamkeit war auch auf die Vollendung der großen Bauwerke, welche ſeine Vorfahren begonnen hatten, und auf die Errich⸗ tung anderer nach ſeinen eignen Planen, gewendet. Die Alhambro, welche der gute Abu Alahmar gegründet hatte werde ſetzt vollendet. Yuſef ließ das ſchöne Thor der Gerechtigkeit bauen, welches den Haupteingang zur Vae bildet, und das er 1348 vollendete. Er ſchmückte arh viele Höfe und Säle des Palaſtes, wie die In⸗ ſriften an den Wänden beweiſen, wo ſein Namen öfter orkömmt. Er bante endlich den edlen Alcazar oder die Alhambra. Der Genius eines Fuͤrſten drückt ſeiner Zeit ſeinen Charakter auf. Die Edlen Granada's ahmten Yuſefs zierlichen und aumuthsvollen Geſchmack nach, und fuͤll⸗ ten die Stadt Granada bald mit prachtvollen Paläſten, — 368— deren Säle mit Moſaik gepflaſtert,“ die Wände und Decken mit Bildnerarbeit geziert und ſchön vergoldet, und mit himmelblau, roth und andern glänzenden Far⸗ ben ausgemalt, oder mit Cedern und andern koſtbaren Holzarten fein ausgelegt waren, wovon noch Spuren in ihrem ganzen Glanze aus dem Strudel der Jahrhun⸗ derte gerettet worden ſind. Viele von den Häuſern hat⸗ ten Brunnen, welche Waſſerſtrahlen verſpritzten, um die Luft zu kühlen und zu erfriſchen. Sie hatten auch hohe Thürme von Holz oder Stein, ſeltſam verziert und ge⸗ ſchmückt, und mit Metallplatten belegt, welche in der Sonne glänzten. Der Art war der zierliche und ver⸗ feinerte Geſchmack in der Baukunſt, der unter dieſem eleganten Volke herrſchte, ſo daß, um das ſchöne Gleich⸗ niß eines arabiſchen Schriftſtellers zu gebrauchen:«Gra⸗ nada in Yuſefs Tagen eine Silbervaſe war, gfüllt mit Smaragden und Hyazinthen.“» N Eine Aneedote wird hinreichen, den Edelmuth üeſes trefflichen Fürſten zu zeigen. Der lange Waffenſtillſtnd, der auf die Schlacht von Salado gefolgt war, gingzu Ende, und alle Bemühungen Yuſefs, ihn zu verlänger, war vergebens. Sein Todfeind, Alonzo XI. von Kaß lien, zog mit einer großen Macht in's Feld, und bela gerte Gibraltar. NYuſef griff widerſtrebend zu den Waf⸗ fen, und ſchickte Truppen zum Entſatz dieſes Platzes, als er inmitten ſeiner Bekümmerniß die Nachricht er⸗ hielt, ſein gefürchteter Feind ſey plötzlich als ein Opfer der Peſt geſtorben. Statt Freude bei dieſer Gelegen⸗ heit an den Tag zu legen, erinnerte Yuſef an die glän⸗ zenden Eigenſchaften des Verewigten, und war eines — 369— edeln Kummers voll.«Ach, ſagte er, adie Welt hat einen ihrer trefflichſten Fürſten verloren, einen Fürſten, der das Verdienſt in dem Feind wie in dem Freund zu ehren wußte.“ Selbſt die ſpaniſchen Geſchichtſchreiber enthalten Zeugniſſe von ſeinem großmüthigen Charakter. Ihren Nachrichten zufolge theilten die mauriſchen Ritter das Gefühl ihres Königs, und legten Trauer wegen Alonzo's Tod an. Selbſt die von Gibraltar, die ſo eng umzin⸗ gelt waren, beſchloſſen unter ſich, als ſie hörten, der feindliche Monarch liege todt in ſeinem Lager, daß keine feindſelige Bewegung gegen die Chriſten gemacht werden ſolle. An dem Tage, an welchem das Lager abgebrochen ward, und das Heer, Alonzo's Leiche tragend, abzog, kamen die Mauren in Schaaren von Gibraltar, und ſahen ſtumm und betrübt auf den Trauerzug. Dieſelbe Ehrfurcht vor dem Hingeſchiedenen bewieſen alle mau⸗ riſchen Befehlshaber au den Grenzen; ſie ließen das Trauergeleite, das die Leiche des chriſtlichen Königs von Gibraltar nach Sevilla brachte, ruhig ſeines Weges ziehen*). Yuſef überlebte den Feind, den er ſo edel beweint *)„X los moros que estaban en la villa y Castillo de Gibraltar, despues que sopieron que el Rei Don Alonzo era muerto, ordenaron entresi que ninguno non fuesse osado de fazer ningun mo- vimiento contra los Christinnos, nin mover pe- lear contra ellos, estovieron todos quedos y de⸗ zian entre ellos qui aquel dia muriera un noble rey y Gran principe del mundo.“ 44— 47. 24 — 370— hat, nicht lange. Im Jahre 1354, während er in der königlichen Moſchee der Alhamdra betete, ſtürzte plötz⸗ lich ein Wahnſinniger von hinten auf ihn, und ſtieß einen Dolch in ſeine Seite. Das Geſchrei des Königs zog ſeine Wachen und Höflinge zu ſeinem Beiſtande herbei. Sie fanden ihn in ſeinem Blute ſchwimmen, und in Krämpfen. Er wurde in die königlichen Gemächer getragen, ſtarb aber faſt augenblicklich. Der Mörder wurde in Stücke gehauen, und ſeine Glieder öffentlich verbrannt, um das wüthende Volk zufrieden zu ſtellen. Die Leiche des Königs wurde in einem koſtbaren Grabmal von weißem Marmor beigeſetzt, und eine lange Grabſchrift in goldnen Buchſtaben auf blauem Grund verewigte ſeine Tugenden. Hier liegt ein König und Martyr, von erlauchtem Geſchlecht, edel, gelehrt, und tugendhaft; berühmt wegen der Anmuth ſeiner Perſon und ſeiner Sitten, deſſen Güte, Frömmigkeit und Wohl⸗ wollen in dem ganzen Königreiche Granada geprieſen wurde. Er war ein großer Furſt, ein beruͤhmter Feld⸗ herr, ein ſcharfes Schwert der Moslemin, ein ſtarker Fahnenträger unter den mächtigſten Monarchen,“ u. ſ. w. Die Moſchee, welche einſt von dem Sterberuf Yu⸗ ſefs widerhallte, ſteht noch, aber das Grabmal, auf wel⸗ chem ſeine Tugenden verzeichnet waren, iſt ſeit langer Zeit verſchwunden. Sein Name bleibt in den Verzie⸗ rungen der Alhambra eingeſchrieben, und wird in ſteter Verbindung mit dieſem berühmten Gebäude bleiben, das zu verſchoͤnern ſein Stolz und ſeins Freude war. Die Reiſe...... Befehlshaberſchaft der Alhambra... „ . . Das Innere der Alhambra...... Der Thurm der Comares. Gedanken über die mauriſche derſbꝛi in Spanien Die Haushaltung... Der Flüchtling...... Des Verfaſſers Gemach. Die Alhambra im Mondlichte. Bewohner der Alhambra.. Der Löwenhof... Boabdil el Chico... Erinnerungen an Boabdil.. Der Balcon. Das Abentheuer des Maurers. Ein Spaziergang auf die Düge Oertliche Sagen... 3 Das Haus des Wetterhahns— Sage von dem arabiſchen Aſtrologen Der Thurm der Prinzeſſinnen. . . . . . . Sage von den drei ſchoͤnen Prinzeſſinnen Beſucher der Alhambra. Sage vom Prinzen Ahmed al Kamel, oder der Liebespilger...... Sage von des Mauren Vermächtnis... Sage von der Roſe der Alhambra, oder der tPane und der Geierfalke.... Der Veteran... Sage von dem Statthalter und dem Notar Statthalter Manco und der Soldat.. Sage von den zwei verſchwiegenen Statüen. Muhamed Abu Alahmar....... Puſef Abul Hagig.. ————— 3——j——