Leihbibliothek ½ deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Ottmann in Gießen, 8 Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Jeſebedingungen. — 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 4 ſſ 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe binterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet 8 wird. 5 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt:— 3 für Wchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Mt.— Pf. „ 5„„—„ 3„=„„—„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Sauerländer. Sechs und dreißigſtes Kapitel. Das ſchwer zu erſteigende Gebirg.— Eine Berathung bei dem Pfeiſchen.— Des Capitäns Rede.— Ein Eis⸗Schlagbaum.— Gefahr eines Fehltrittes.— Ankunft am Schlangenfluſſe.— Rückkehr zu dem Portneuf.— Zuſammentreffen mit ihren Gefährten.— Sowie die Reiſenden ihren Weg den Immahah hinauf fortſetzten, und ſich den obern Gewäſſern näherten, fan⸗ den ſie, daß der Schnee an Tiefe zunahm, ſo daß er zwei Fuß hoch lag. Sie waren abermals genöthigt, deshalb einen Pfad für ihre Pferde niederzutreten, und mußten bisweilen auf der Eisdecke des Stromes reiſen. Sie erreichten endlich den Platz, wo ſie das Gebirg zu erſteigen gedachten und, nachdem ſie ſich einen Fuß⸗ weg gebahnt hatten, fanden ſie ſich angenehm überraſcht, den Schnee vom Winde von dieſer Bergſeite weggeweht zu ſehen, ſo, daß ſie den Gipfel mit geringer Schwierig⸗ keit erreichten. Hier lagerten ſie ſich in der Abſicht, ſich einen Weg durch das Gebirg zu ſuchen; ſie wurden aber, nach einem kurzen Verſuche, genöthigt, ihr Vor⸗ haben aufzugeben; denn ſie fanden den Schnee oft in ſo hohen Maſſen aufgeſchichtet liegen, daß die Pferde bis über die Köpfe einſanken. Capitän Bonneville nahm jetzt zwei indianiſche Wegweiſer und machte ſich auf, um die Gegend zu re⸗ cognosciren. Da er eine hohe Bergkuppe wahr nahm, die weit über die andern hinausragte, ſo erſtieg er ſie, und entdeckte von dem Gipfel einen faſt neun Meilen langen Engpaß, der aber ſo voller Schnee lag, daß es un⸗ möglich ſchien, in demſelben fortzukommen. Er ſeeckte ſich jetzt eine Pfeife an, und ſetzte ſich mit den beiden Wegwei⸗ ſern nieder, um mit ihnen eine Berathung nach indiani⸗ ſcher Weiſe zu halten. In ernſtem Nachdenken über ihren Gegenſtand, ſaßen ſie lange ſchweigend und rau⸗ chend da. Endlich begannen die Verhandlungen, und ſeine Meinung, womit die beiden Wegweiſer übereinſtimmten, war die, daß die Pferde unmöglich durch den Schnee fortkommen könnten. Sie hielten es demnach für rath⸗ ſamer, daß die Partie ihren Weg zu Fuß fortſetze, und ſie die Pferde mit nach dem Dorfe zurücknähmen, wo ſie wohl verſorgt werden ſollten, bis der Capitän ſie abholen ließe. Sie beſtanden mit allem Ernſte auf dieſem Vorſchlage und erklärten, daß ihr Häuptling ſich auſſerordentlich erei⸗ fern und ſie ſtreng behandeln würde, wenn eins der Pferde ſeiner guten Freunde, auf dem Wege unter ihrer Begleitung, umkäme. Es wäre demnach gut, wenn ſie es nicht verſuchten. —7— Der Capitän Bonneville, der ruhig ſeine Pfeife fort ſchmauchte, hörte den Indianern ernſt und in der Stille zu. Als ſie geendigt hatten, erwiederte er ihnen, in ihrer eigenen Weiſe ſich auszudrücken. „Meine Freunde,“ ſagte er,„ich habe den Paß ge⸗ ſehen und Eure Worte angehört; Ihr habt wenig Herz. Wenn Beſchwerlichkeiten und Gefahren auf Eurem Wege liegen, ſo kehrt ihr um. Das iſt nicht der Fall bei meiner Nation. Wenn ſich ihnen große Hinderniſſe entgegenſtellen und ſie aufzuhalten drohen, dann ſchwillt ihnen das Herz, und ſie treten ihnen entgegen. Sie ſu⸗ chen die Schwierigkeiten zu überwinden;— doch genug für jetzt. Die Nacht rückt heran, darum laßt uns nach dem Lager zurückkehren. Er ging voran, und ſie folg⸗ ten ihm ſchweigend. Als er das Lager erreichte, fand er ſeine Leute auſſerordentlich entmuthigt. Einer von ihnen hatte die Gegend überſehen, und ſie alles Ernſtes verſichert, daß der Schnee wenigſtens hundert Fuß hoch läge. Der Capitän munterte ſie auf, und goß ihnen durch ſein Beiſpiel neuen Muth ein; er war jedoch noch immer ſehr verlegen, wie er weiter kommen ſolle. Ge⸗ gen die Dämmerung trat ein dünner, rieſelnder Re⸗ gen ein. Es ſiel ihm jetzt ein Mittel bei. Dieſes war, zwei leichte Schlitten zu bauen und ſie auf die andere Seite des Berges zu ziehen, auf dieſe Weiſe einen Weg in dem naſſen Schnee zu bahnen, der, wenn er ſpäterhin fröre, hinlänglich hart ſeyn würde, um die Pferde zu tragen. Dieſer Plan wurde ſchnell in Ausführung ge⸗ bracht. Die Schlitten wurden erbaut, und das ſchwere Gepäck darauf ſo lange hin und zurück gefahren, bis der Weg gebahnt war, wo ſie alsdann, in ihrer ermüdenden Arbeit, nachließen. Die Nacht ward hell und kalt, und am Morgen war ihr Weg mit einer hinlänglichen Eiskruſte belegt, die ſtark genug zu ihrem Vorhaben war. Sie machten ſich jetzt auf ihre Eisbahn und kamen auf derſelben ziemlich gut fort, mit der Ausnahme, daß dann und wann ein Pferd aus der Spur glitt, und gleich bis an den Hals in den Schnee ſank. Jetzt hatten ſie eine beſchwerliche Mühe, denn ſie mußten das um ſich ſchlagende Pferd mit Stricken herausziehen. Eins, das unglücklicher war, als die Uebrigen, mußte, nach mehrmaligem Zurückſtürzen, in dem Schnee zurückgelaſſen werden. Dieſes vielfältigen Aufenthaltes ungeachtet, gelang es ihnen, die übrigen Pferde wohlbehalten auf die an⸗ dere Seite des Gebirgs zu bringen, ehe die Sonne ſo mächtig geworden war, den Schnee aufzuthauen. Ihre Schwierigkeiten und Gefahren hatten aber hiermit noch nicht ihr Ende erreicht. Sie mußten jetzt wieder bergab ſteigen, und die ganze Oberfläche des Schnees war ein Spiegeleis. Es ward daher nothwen⸗ dig zu warten, bis die Sonne die Eiskruſte geſchmolzen und ihnen einen feſten Tritt im weichen Schnee geſichert hatte. Ein furchtbarer Zufall warnte ſie vor der Ge⸗ Gefahr, ſich weiter zu begeben, ehe die glatte Eisdecke geſchmolzen ſey. Eine wilde, junge Stute verirrte ſich, in ihrem raſtloſen Treiben, bis an den Rand des Abhangs. Anglücklicher Weiſe glitt ſie aus, verlor ihr Gleichge⸗ wicht, ſtürzte über Hals und Kopf die ſchlüpferige Ge⸗ birgsſeite, über zwei Tauſend Fuß hoch, hinab und fiel zerſchmettert in der Tiefe nieder. Es war ſehr ſpät am Abend, daß die Partie bis zu dem äußerſten Rande des Schnees gelangte. Hier legten ſie große Klötzer unter ſich, um ſie vor dem Hin⸗ abrutſchen zu ſichern, und lagerten über Nacht. Am nächſten Tage gelang es ihnen, ihr ſämmtliches Gepäck nach dem Lager zu bringen. Sie packten dann Alles ordentlich zuſammen, und beluden damit ihre Pferde; worauf ſie dann abermals ſchnell und fröhlich aufbrachen, und im Laufe des folgenden Tages in einer Gegend anlangten, wo ſie Gras fanden. Die Wegführer der Nez⸗percés erklärten, daß hier alle Schwierigkeiten ein Ende hätten, daß ihr Weg jetzt eben und ohne Hinderniſſe ſey, und ſie fernerhin keiner Wegweiſer bedürften. Sie baten daher um Erlaubniß, nach Hauſe zurückkehren zu dürfen, was ihnen, nebſt vie⸗ len Dankesbezeigungen und Geſchenken für ihre treuen Dienſte, gerne gewährt ward. Sie nahmen von ihren weißen Freunden, rauchend, einen langen Abſchied, wo⸗ rauf ſie ihre Pferde beſtiegen und nach einem wieder⸗ —-— 10— holten, von Segenswünſchen begleiteten Lebewohl ihres Weges ritten. Am folgenden Tage ſtieg Capitän Bonneville völlig das Gebirg hinab und lagerte ſich an das Ufer des Schlan⸗ genfluſſes, wo er acht Zoll hohes Gras im Ueberfluſſe fand. In dieſer Gegend ſah er an den Felsufern des Fluſſes mehrere Prismoiden von Baſalt, die ſich fünfzig bis ſechszig Fuß hoch erhoben. Es fiel mehrere Tage nichts beſonders Merkwürdi⸗ ges vor, während ſie ſich längs dem Schlangenfluſſe hin, und über ſeine Nebenſtröme, bewegten. Nachdem ſie über den Flintenbach gekommen waren, nahmen ſie an mehreren Zeichen wahr, daß ſich weiße Menſchen in der Nähe befänden und Capitän Bonneville mühte ſich ſehr zu entdecken, ob ſolche nicht von ſeinen eigenen Leuten wären, um ſich mit ihnen zu vereinigen. Er erfuhr bald, daß ſie der Hunger aus dieſer Gegend vertrieben habe, und ſie nach den Büffelbezirken gezogen wären, wohin er jetzt ſeinen Lauf richtete. Er fand, während er ſo an dem Schlangenfluſſe hinzog, mehrere kleine Horden der Shoshonies, die an den kleineren Strömen von Forellen und andern Fiſchen lebten, die ſie in dieſer Jahreszeit in großer Anzahl in„Fiſchfallen“ fangen. Der größere Theil des Stammes war jedoch in die Ge⸗ birge gedrungen, um das Elenthier, Rothwild und das Ahſahta oder Dickhorn zu jagen. — 11— Am 12. Mai erreichte der Capitän Bonneville den Portneuf, in deſſen Nähe er das Winterlager ſeiner Geſellſchaft, am vorhergehenden Weihnachtsfeſte, verlaſſen hatte. Er hatte damals gehofft, im Anfange des Mär⸗ zes wieder zurück zu ſeyn, allein die Umſtände hatten ihn über zwei Monate länger aufgehalten, und das Win⸗ terlager mußte ſchon lange vorher aufgebrochen ſeyn. An den Ufern des Portneuf hielt er ſtille und ſchickte Kundſchafter einige Meilen hinauf, um das alte Lager aufzuſuchen, und ſich nach den Signalen der Par⸗ tie umzuſehen oder ihrem gegenwärtigen Aufenthalte zu erkundigen, wenn ſie wirklich den Platz verlaſſen haben ſollten. Sie kehrten zurück, ohne im Stande geweſen zu ſeyn, etwas in Erfahrung zu bringen. Da ſie jetzt von Lebensmitteln entblößt waren, ſo fanden ſie für nöthig, einen kurzen Jagdausflug nach Büffeln zu unternehmen. Sie machten deshalb Verſteck⸗ gruben auf einer Inſel im Fluſſe, in welche ſie ihr Ge⸗ päcke unterbrachten, und brachen dann zu ihrer Jagd⸗ partie auf. Sie waren ſo glücklich ein Paar ſchöne Ochſen zu tödten, die ſie in Stücke zerlegten, und ſich vornahmen, mit dieſem Vorrathe von Lebensmitteln auf das Aeußerſte Haus zu halten, damit ſie nicht wieder genöthigt würden, ſich in offene und gefährliche Jagd⸗ gründe zu wagen. Als ſie, am 18. Mai, nach ihrer Inſel zurückkehrten, fanden ſie, daß die Wölfe an den Verſteckgruben gewe⸗ — 422— ſen waren, den Inhalt herausgekratzt und ihn nach allen Richtungen hin umher geſtreut hatten. Sie machten jetzt Gruben, welche ſicherer waren, legten in dieſelbe ihr ſchwerſtes Gepäck nieder und zogen den Schlangenfluß wieder hinab, bis ſie ſich oberhalb der amerikaniſchen Waſſerfälle lagerten. Hier ſchritten ſie dazu, ſich zu befeſtigen, in der Ab⸗ ſicht ihren Pferden Zeit zu laſſen, ſich wieder auf guter Weide zu erholen, bis es Zeit ſeyn werde, nach dem verabredeten jährlichen Sammelplatze, im Biberflußthale, aufzubrechen. Am 1. Juni erblickten ſie vier Männer auf der andern Seite des Fluſſes, dem Lager gegenüber und nachdem ſie ihre Aufmerkſamkeit durch einige Büchſen⸗ ſchüſſe auf ſich gezogen hatten, nahmen ſie zu ihrer Freude wahr, daß es einige ihrer Leute waren. Von dieſen erfuhr Capitän Bonneville, daß die ganze Partie, die er im vorhergehenden Monat Dezem⸗ ber verlaſſen hatte, an dem Schwarzfußfluſſe, einem Nebenarme des Schlangenfluſſes, nicht ſehr weit über dem Portneuf lagere. Hierher begaben ſie ſich in aller möglichen Eile, und in kurzer Zeit hatte er das Ver gnügen, ſich wieder von ſeinen Leuten umgeben zu ſehen, die ſich herzlich über ſeine Rückkehr freuten; denn ſeine lange verzögerte Abweſenheit hatte ſie fürchten laſſen, daß er und ſeine drei Gefährten von einem feindlichen Stamme umgebracht worden ſeyen. — 135— Sie hatten während ſeiner Abweſenheit viel gelit⸗ ten. Sie waren, vom Hunger gequält, beinahe umge⸗ kommen und genöthigt geweſen, ſich zu den Verſteckgru⸗ ben, am Salmenfluſſe, zu begeben. Hier hatten ſie Ban⸗ den der Schwarzfüße angetroffen, und ſchätzten ſich glück⸗ lich, daß ſie ſich aus dieſer gefährlichen Gegend wie⸗ der hatten zurück ziehen können, ohne einen Verluſt zu erleiden. Es verſtand ſich von ſelbſt, daß Capitän Bonneville, nachdem ſie ſich alſo vereinigt hatten, ſeinen Leuten ein Feſt gab. Zwei Tage wurden demnach zu Feſtlichkeiten und zu Beluſtigungen verwendet, ſo weit ihre Mittel reichten und ihre Lage ſolches erlaubte. Was an Lek⸗ kerbiſſen fehlte, das erſetzte der gute Wille; die freien Trapper zeichneten ſich beſonders bei dieſer Gelegenheit aus, und die Saturnalien wurden mit einer ächten Feſt⸗ tagslaune, beim wohlſchmeckenden Wildprete der Wild⸗ niß, gefeiert. Sieben und dreißigſtes Kapitel. Abreiſe nach dem Sammelplatze.— Eine Kriegspartie der Schwarzfüße.— Ein falſcher Lärm.— Verſtellte Lagerfeuer bei der Nacht.— Kriegeriſche Vorkehrungen.— Gefahr eines nächtlichen Angriffs.— Paniſcher Schrecken unter den Pfer⸗ den.— Vorſichtiger Marſch.— Die Bierquellen.— Ein ver⸗ ſtelltes Trinkgelag.— Ein Scharmützel mit Büffelochſen.— Eine Büffelhetze.— Ankunft an dem verabredeten Sammel⸗ platze.— Zuſammenkunft mehrerer Banden. Nachdem ſie dieſe zwei Tage mit Feſtlichkeiten zu⸗ gebracht hatten, brach Capitän Bonneville mit ſeinem Lager auf und begab ſich mit ſeiner bunten Partie von gemietheten und freien Biberfängern, Halbweißen, In⸗ dianern und Squaws auf den Weg nach dem Haupt⸗ ſammelplatze im Thale des Bärenfluſſes. An den Ufern des Schwarzfußfluſſes hinaufziehend, erreichte er bald die Hügel, in welchen er ſpringt. Sie erblickten hier, auf ihrem Marſche, von der Höhe eines Hügels, eine Kriegs⸗ partie von ohngefähr ſechszig Schwarzfüßen, auf der gerade unter ihnen liegenden Ebene. Seine Lage war gefährlich; denn der größere Theil ſeiner Leute war nach allen Richtungen hin zerſtreut; allein Bedenken zu — — 13— zeigen oder Furcht zu äußern, würde ſo viel geweſen ſeyn, als ſeine Schwäche zu verrathen und ſie zum An⸗ griffe einzuladen. Er nahm daher ſogleich eine kriegeri⸗ ſche Stellung an, befahl den Squaws, die Pferde nach einem Wäldchen von Eſchenbäumen zu führen, ſie abzu⸗ packen und anzubinden, und ließ durch ſeine Handvoll Leute ein fürchterliches Getöſe machen; die Führer ritten auf und ab und ſchrieen was ſie konnten, als wenn zahlreiche Streitkräfte ſich zu einem Angriffe anſchickten. Um die Täuſchung über ſeine Stärke zu unterhal⸗ ten, befahl er, mit der Nacht eine Menge Extrafeuer in ſeinem Lager anzuzünden, und hielt ſtrenge Wache. Seine Leute waren angewieſen, ſich für ein augenblickliches Gefechte in Bereitſchaft zu halten. In ſolchen Fällen ſchläft der erfahrne Biberfänger in ſeinen Kleidern, mit ſeiner Büchſe neben ſich, und den Schrotgürtel und die Pulverflaſche im Griffe, ſo daß er im Fall eines Lärms ſogleich Hand an ſein Gewehr legen und vollkommen bewaffnet aufſpringen kann. Capitän Bonneville war ebenfalls äußerſt beſorgt, die Pferde in Sicherheit zu bringen und ſtellte eine ſorg⸗ ſame Wache bei ihnen auf; denn dieſes ſind der Hauptzweck und die Hauptgefahr eines nächtlichen Angriffs. Die Hauptabſicht des lauernden Wilden geht dahin, einen paniſchen Schrecken unter den Pferden zu verbreiten. In ſolchen Fällen erſchreckt ein Pferd das andere, bis ſie alle unruhig werden und ſich los zu reißen ſuchen. — 16— In einem Lager, worin ſich viele Indianer mit ihren Pferden befinden, iſt ein nächtlicher Aufruhr fürchterlich. Das Rennen der losgeriſſenen Pferde, das Schnauben, Stampfen und Wiehern, der angebundenen; das Heulen der Hunde; das Geheul der Indianer; das Herumren⸗ nen der weißen und rothen Menſchen, mit ihren Mus⸗ keten; das Umſtürzen der Zelten; das Springen der Pferde durch die Feuer; das Auflodern der Flammen, welche die Geſtalten der Männer und Roſſe beleuchten, die ſich im Dunkeln hin und hertreiben, dieſes bildet zu⸗ ſammen eine Scene der wildeſten Verwirrung. Auf dieſe Weiſe werden bisweilen alle Pferde eines Lagers, die ſich auf mehrere Hunderte belaufen, in einer einzigen Nacht, verſcheucht. Die Nacht ging ohne irgend eine Störung vorüber; allein es war keine Wahrſcheinlichkeit vorhanden, daß eine Kriegspartie der Schwarzfüße, die ſich einmal auf der Spur eines Lagers befand, wo die Möglichkeit, Beute zu machen, vorhanden war, ermangeln würde, um daſ⸗ ſelbe herum zu ſtreifen. Der Capitän fuhr daher fort, die ſorgfältigſte Wachſamkeit zu unterhalten; und ſchickte Kundſchafter voraus, und auf jede Anhöhe. In dem Laufe des Tages kam er an die bereits erwähnte Ebene von weißem Thone, um welche ſich die Mineralquellen befinden, die von den Biberfängern die — 1— Biberquellen genannt werden.*) Hier hielten die Leute ſtill, um ſich zu laben. In wenigen Minuten befand ſich an jeder Quelle eine fröhliche Gruppe von Trinkern, die, den Zinnbecher in der Hand, ein verſtelltes Zechge⸗ lag hielten. Sie becherten, tranken ſich einander zu, und ſtießen an. Sie trieben unter ſchallendem Gelächter Kurzweil, und ſangen Trinklieder, bis ihre Einbildungs⸗ kraft ihrem Tranke berauſchende Kräfte beigelegt, und ſie in einen benebelten Zuſtand verſetzt zu haben ſchien. In ihrer augenblicklichen Fröhlichkeit wurden ſie laut und *) In einem geſchriebenen Tagbuche des Capitäns Nata⸗ niel G. Wyeth finden wir folgende Erwähnung dieſer Quellen: „Es iſt hier eine Sodaquelle, oder ich möchte ſagen, fünfzig. Dieſe Quellen werfen einen Kalk aus, der ſich abſetzt und kleine Hügelchen von einem gelbfarbigen Steine bildet. Hier befindet ſich ebenfalls eine warme Quelle, welche Waſſer, mittelſt eines Strahls, ausſpru⸗ delt, das an Geſchmack dem Kimmwaſſer(oder dem Waſſer im Kielraume eines Schiffs) ähnelt. Es befinden ſich hier auch Braunkohlenlager, die ſtch bisweilen ent⸗ zünden und eine tiefe, leichte Aſche hinterlaſſen, in wel⸗ chen die Thiere tief einſinken..... Ich erſtieg ein Ge⸗ birg und von dieſem aus konnte ich ſehen, daß ſich der Bärenfluß dicht um den Fuß des Schafsfelſen wand. Es befanden ſich auf der Ebene viele hundert Hügelchen von gelbem Steine, mit einem Krater auf der Spitze, die von dem Niederſchlage des geſchwängerten Waſſers ge⸗ bildet waren.“ 72.— 74. 2 — 18— verſchwenderiſch in dem Lobe der„Gebirgsſchenke“ und erhoben ihr Getränk über das Gebräude von Hopfen und Malz Es war eine ſonderbare, befremdende Scene; der Region angemeſſen, wo Alles ſonderbar und befremdend iſt, dieſe Gruppe von Biberfängern, Jägern und India⸗ nern, in ihrer wilden Tracht und mit noch wilderern Ge⸗ ſichtern, ihrer lärmenden Fröhlichkeit und ſorgloſen Mie⸗ nen, ſich um dieſe ſprudelnden Quellen luſtig machen und zechen zu ſehen, während ſie ihre Gewehre an der Seite liegen hatten, um nöthigenfalls augenblicklichen Gebrauch davon machen zu können. Maler ſtellen gern Banditen bei ihren rohen und pittoresken Gelagen vor; hier wa⸗ ren aber Gruppen, die noch wilder und maleriſcher aus⸗ ſahen, und es hätte nur eines Angriffs der Schwarzfüße und eines ſchnellen Uebergangs, von einem ſeltſamen Gelage, zu einem wüthenden Handgemenge, bedurft, um dieſes Gemälde aus dem Leben eines Biberfängers zu vervollſtändigen. 8 Das Biergelage ging aber ohne widrige Vorfälle vorüber, und unähnlich den meiſten Zechereien, ließ es weder Kopfſchmerz noch Uebelkeit zurück. Capitän Bon⸗ neville nahm jetzt ſeinen Weg an dem Bärenfluſſe hin⸗ auf, und jagte bisweilen Büffel, die in dieſer Gegend in großer Menge anzutreffen ſind. Bisweilen, wenn er einen großen Ochſen in der Prairie ruhen ſah, ſtahl er ſich in einem Hohlwege bis nahe zu ihm, weckte ihn mit — 19— einem Steine aus ſeinen Betrachtungen und ſchoß nach ihm, wenn er aufſprang. Dieſes Thier ſpringt ſo ſchnell auf ſeine Beine, daß es nicht leicht iſt, die Bewegung der Muskeln wahrzunehmen, wodurch es bewerkſtelligt wird. Das Pferd erhebt ſich erſt auf ſeinen Vorderbei⸗ nen; die zahme Kuh auf ihren Hinterfüßen; allein der Büffel ſpringt mit einemmale aus einer liegenden, in eine aufrechte Stellung, und dies mit einer Geſchwin⸗ digkeit, die das Auge täuſcht. Ob ihm gleich ſeine Größe und ſein watſchelnder Gang das Anſehen gibt, daß er nicht ſehr geſchwind laufe, ſo erfordert es doch ein tüchtiges Pferd, um ihn einzuholen, wenn er in vol⸗ lem Rennen über die Ebene ſpringt, und eine Büffelkuh iſt noch flinker in ihren Bewegungen. Unter den Indianern und Halbweißen der Partie befanden ſich mehrere ſehr geſchickte Reiter und kühne Jäger, die ſich mit einer wunderlichen Art von Büffel⸗ hetzen beluſtigten. Wenn ſie in der Ebene einen großen Ochſen liegen ſahen, ſo ſchickten ſie ſich zu ihrer grau⸗ ſamen Beluſtigung und zur Quälerei des Thieres an. Sie umringten ihn zu Pferde, ſchoſſen ſchnell nachein⸗ ander ihre Pfeile nach ihm ab, bis er, nach hinten und vorn ausſchlagend, wie ein Stachelſchwein voller Pfeile ſtack. Wenn ſie Zeichen von Erſchöpfung an ihm wahr⸗ nahmen, und er nicht länger gereizt werden konnte, dann ſtiegen ſie von ihren Pferden ab und nahten ſich ihm von hinten. Sie erg riffen ihn hierauf beim Schwanze, 2* — 20— zerrten ihn hin und her und zogen ihn rückwärts, bis die Wuth dem Thiere neue Kräfte verlieh, es ſich von ihnen los riß und mit funkelnden Augen und dumpfem Gebrülle auf irgend einen Feind vor ſich los ſtürzte. Wenn aber nach einer kleinen Weile dieſer augenblick⸗ liche Wuthanfall vorüber war, dann ſank es gewöhnlich erſchöpft zu Boden nieder, und gab den Geiſt auf. Die Pfeile wurden ihm alsdann aus dem Leibe geriſſen, ihm die Zunge als Leckerbiſſen aus dem Halſe geſchnitten, und ſein todter Körper zum Schmauſe für die Wölfe liegen gelaſſen. Seinen Lauf den Bärenfluß hinauf verfolgend, kam Capitän Bonneville am 13. Juni an dem kleinen Schlan⸗ genſee an, wo er vier bis fünf Tage lagerte, um ſeine Ufer und Ausflüſſe zu unterſuchen. Die Letzteren fand er ſo außerordentlich ſchlammig und ſo von Sümpfen und Kothlachen umgeben, daß er genöthiget ward, Kähne von Binſen zu erbauen, um ihn unterſuchen zu können. Die Mündungen aller Flüſſe, welche von Weſten her in dieſen See fallen, ſind moraſtig und unbedeutend; auf der Oſtſeite iſt jedoch eine ſchöne Bucht, bisweilen von hohen Felsvorſpringen unterbrochen, die bis an das Ufer des See's gehen, und den maleriſchen Character der Scene erhöhen. Das Waſſer iſt ſehr ſeicht, hat aber einen Ueberfluß von Forellen und andern kleinen Fiſchen. Nachdem er den See beſehen hatte, ſetzte Capitän Bonneville ſeine Reiſe fort, bis er etwas weiter oben, — „ — — 21— an den Ufern des Biberfluſſes, auf die Partie ſtieß, die er im verfloſſenen Jahre abgeſchickt hatte, um den großen Salzſee zu umgehen, und ſeine Größe und die Beſchaf⸗ fenheit ſeiner Ufer zu unterſuchen. Sie waren ohnge⸗ fähr zwanzig Tage an dieſem Orte gelagert geweſen, und ſehr erfreut, wieder mit ihren Kameraden zuſam⸗ men zu kommen, von denen ſie ſo lange getrennt ge⸗ weſen waren. Die erſte Frage, welche Capitän Bonneville an ſie richtete, betraf den Erfolg ihrer Reiſe, und die Kunde, die ſie ſich von dem großen Salzſee verſchafft hätten, der der Gegenſtand ſeiner äußerſten Neugierde und ſei⸗ nes Ehrgeizes war. Den Inhalt ihres Berichts wird man in dem folgenden Kapitel finden. — 22— Acht und dreißigſtes Kapitel. Plan der Salzſee⸗Expedition.— Große Sandwüſten.— Leiden vom Durſte.— Osden'sfluß.— Spuren und Rauch von lau⸗ ernden Wilden.— Diebſtähle bei der Nacht.— Rache eines Biberfängers.— Gewiſſensbiſſe.— Ein mörderiſcher Sieg.— Californiſche Gebirge.— Ebenen längs dem ſtillen Ocean.— Ankunft zu Monterey.— Nachrichten über den Platz und die Umgegend.— Nieder⸗Californien.— Seine Ausdehnung.— Die Halbinſel.— Boden.— Klima.— Erzeugniſſe.— Nieder⸗ laſſung der Jeſuiten.— Ihr Anſehen bei den Indianern.— Ihre Vertreibung.— Ruinen einer Miſſions⸗Niederlaſſung. — Erhabene Naturſcenen.— Ober⸗Californien.— Miſſionen. — Ihre Macht und Politik.— Hülfsquellen des Landes.— Abſichten fremder Nationen darauf.— Es war gerade an dem 24. Juli, in dem vorher⸗ gehenden Jahre 1833, daß die Brigade von vierzig Mann aus dem Grünen⸗Flußthale aufgebrochen war, um auf Entdeckungen, an dem großen Salzſee, auszu⸗ gehen. Sie ſollten ihn völlig umgehen, an allen ihnen in den Weg kommenden Flüſſen Biber fangen, Tag⸗ bücher halten und Karten entwerfen, die geeignet wären, Kenntniß von dem See und der ihn umgebenden Gegend mitzutheilen. & Capitän Bonneville hatte alle ſeine Hülfsmittel auf⸗ geboten, um ſeine Lieblings⸗Expedition auszurüſten. Das ſüdweſtlich der Gebirge liegende, und bis nach Ca⸗ lifornien ſich hinabziehende Land war beinahe noch un⸗ bekannt. Da es auſſerhalb des Büffelbezirkes lag, ſo ward es nicht von den Biberfängern beſucht, die jene Theile der Wildniß vorzogen, wo ihnen die herumirren⸗ den Herden dieſes Thieres einen im Verhältniß reichli⸗ chen und üppigen Unterhalt gewährten. Doch hieß es, daß ſich das Rothwild, das Elenthier und das Dickhorn dort aufhalte, ſo, daß mit etwas Sorgſamkeit und Spar⸗ ſamkeit keine Gefahr vorhanden war, Mangel leiden zu müſſen. Zur Vorſicht hielt die Partie jedoch am Bärenfluſſe ſtill, und jagte mehrere Tage, bis ſie einen, Vorrath von getrocknetem Büffelfleiſch und Wildpret zuſammen⸗ gebracht hatte. Sie gingen dann über die obern Ge⸗ wäſſer des Caſſié⸗Fluſſes und befanden ſich bald auf einer ungeheuern Sandwüſte. Südweſtlich, zu ihrer Lin⸗ ken, ſahen ſie den großen Salzſee, der ſich gleich einem Meere ausdehnte, fanden aber keinen in denſelben ein⸗ mündenden Fluß. Eine Wüſte, die den Sandwüſten Aſtens und Afrika's an Unfruchtbarkeit gleichkam, zog ſich um denſelben hin und erſtreckte ſich nach Südweſten, ſo weit ihr Auge reichen konnte. Hier befand ſich weder ein Baum, noch Vegetation, weder eine Quelle noch ein Pfuhl oder fließendes Waſſer;— nichts als verſengte — 24— Sandwüſten, wo Roß und Reiter Gefahr liefen, um⸗ zukommen. Ihre Leiden wurden endlich ſo groß, daß ſie von ihrem beabſichtigten Wege abwichen, und auf eine Kette von Schneegebirgen zumachten, die ſie im fernen Norden ſchimmern ſahen, und wo ſie Waſſer zu finden hofften. Nach einiger Zeit kamen ſie an einen Fluß, der direct nach dieſen Gebirgen führte, und nachdem ſie ihren bren⸗ nenden Durſt gelöſcht und ſich und ihre Pferde eine zeitlang erfriſcht hatten, hielten ſie ſich längs dieſes Stro⸗ mes hin, der nach und nach, durch eine Menge Bäche, die ſich in ihn ergoſſen, an Größe zunahm. Er nahm, nach ſeiner Annäherung an das Gebirge, eine Krümmung nach Südweſten, und die Reiſenden hielten ſich längs demſelben, fingen auf ihrem Zuge Biber, von deren Fleiſch ſie für jetzt lebten, und ſparten ihr getrocknetes für die Nothdurft der Zukunft. Dieſer Fluß, an den ſie auf dieſe Weiſe gekommen waren, wird von Einigen der Mariafluß genannt, iſt aber allgemeiner als Ogden'’sfluß bekannt, von Herrn Peter Ogden, einem kühnen, un⸗ ternehmenden Führer der Hudſonsbai⸗Compagnie, der ihn zuerſt entdeckte. Die wilde und halb wüſte Region, durch welche unſere Reiſenden kamen, wird von Horden der Shoshokoes oder Wurzelgräber, dem verlaſſenen Zweige des Schlangenſtammes, beſucht. Sie ſind ein ſcheues Volk, die ſich gerne von den Fremden entfernt halten. Die Reiſenden kamen häufig auf ihre Spur — 23— und ſahen den Rauch ihrer Feuer in verſchiedenen Ge⸗ genden dieſer weiten Landſchaft emporſteigen, ſo daß ſie wußten, wo ſie ſich in großer Anzahl in der Nähe befan⸗ den, konnten aber kaum einen von ihnen zu Geſicht be⸗ kommen. Nach einiger Zeit erhielten ſie beunruhigende Be⸗ weiſe, daß, wenn die Shoshokoes ruhig bei Tage ſind, ſie geſchäftig bei der Nacht waren. Dieſe Gaudiebe folgten dem Lager auf dem Fuße nach;— kaum ein Mor⸗ gen, an dem nicht mehrere Artikel vermißt wurden, allein keinen dieſer Diebe bekam man zu ſehen. Was die Biberfänger hauptſächlich erbitterte, war, daß ihnen ihre Fallen an den Flüſſen geſtohlen wurden. Als eines Morgens ein Biberfänger, der einen hef⸗ tigen und rohen Character hatte, fand, daß man ihm ſeine Fallen über Nacht weggenommen hatte, ſo ſchwur er einen ſchrecklichen Eid, den erſten Indianer, ſchuldig oder unſchuldig, umzubringen, dem er begegnen würde. Als er mit ſeinen Kameraden nach dem Lager zurück⸗ kehrte, ſah er zwei unglückliche Wurzelgräber fiſchend am ufer ſitzen. Er ging auf ſie los, legte ſeine Büchſe an, ſchoß einen auf der Stelle nieder, und warf ſeinen blu⸗ tigen Leichnam in den Strom. Der andere Indianer entfloh und man ließ ihn entkommen. Mit ſolcher Gleich⸗ gültigkeit betrachtet man in der Wildniß Handlungen der Gewalt, und ſo groß iſt die Ungebundenheit eines be⸗ waffneten Böſewichts jenſeits der Grenze der Geſetze, 2 — 26— daß die einzige Strafe dieſes verzweifelten Menſchen in einem Verweiſe von dem Anführer der Partie beſtand. Die Biberfänger verließen jetzt die Seene dieſes ſchändlichen Trauerſpiels und hielten ſich weſtlich dem Laufe dieſes Fluſſes hinab, der rechts an einer Gebirgskette, zur Linken aber an einer ſandigen, den⸗ noch aber etwas fruchtbaren Ebene hinlief. Auf ihrer Weiterreiſe ſahen ſie, wie zuvor, Rauchſäulen in ver⸗ ſchiedenen Gegenden der Landſchaft aufſteigen, die ihr ſchuldiges Gewiſſen jetzt in Lärmſignale verwandelte, um einen Aufſtand im Lande zu erregen, und die zerſtreu⸗ ten Horden zu Ausübung ihrer Nache zuſammen zu bringen. Nach Verlauf einiger Zeit ließen ſich die Wilden und bisweilen in beträchtlicher Anzahl ſehen, aber im⸗ mer friedlich. Die Biberfänger hatten ſie jedoch im Ver⸗ dacht eines tief angelegten Planes, ſie in einen Hinterhalt zu locken, in großer Menge das Lager zu überfallen und ſich in deſſen Beſitz zu ſetzen; ſo wie mehrerer anderer und hinterliſtiger Verſchwörungen, die, aller Wahrſchein⸗ lichkeit nach, den armen Wilden nicht in die Köpfe kamen. Sie ſind in der That eine einfache, furchtſame, gutmü⸗ thige Menſchenrace, die an das Kriegführen nicht ge⸗ wöhnt und, auſſer zur Jagd, mit Waffen nicht verſehen ſind. Sie bringen ihr Leben in den großen Sandebenen und längs der nahe liegenden Flüſſe hin, leben zu Zei⸗ ten von Fiſchen, zu andern von Wurzeln, und dem Sa⸗ — 27— men einer Pflanze, die Teichkolbe genannt. Sie ſind ein Volk derſelben Art, wie ſie Capitän Bonneville an dem Schlangenfluſſe angetroffen hatte, nämlich: ſanft⸗ müthig und harmlos. 2 Die Biberfänger bildeten ſich jedoch ein, daß ſie durch ein feindliches Land zögen, und ob ſie gleich keine offenbar feindſelige Handlung vor ſich ſahen, ſo umſchwärm⸗ ten dieſe unverſöhnlichen Feinde dennoch ihr Lager oder belegten ihren Pfad, und warteten nur auf eine Gelegen⸗ heit, ſie zu überfallen. Endlich kamen ſie an die Ufer eines in den Ogden ſich ergießenden Fluſſes, den ſie zu durchwaten genöthiget waren. Hier fanden ſie eine große Menge Shoshokoes auf dem entgegengeſetzten Ufer aufgeſtellt. In der Mei⸗ nung, daß ſie eine feindliche Abſicht hätten, gingen ſie auf ſie zu, legten ihre Büchſen an, und tödteten fünf und zwanzig von ihnen auf der Stelle, die übrigen ent⸗ flohen auf eine kurze Entfernung, hielten dann ſtill, und kehrten, heulend und wimmernd wie die Wölfe, und das kläglichſte Geſchrei ausſtoßend, wieder um. Die Biberfänger jagten ſie nach jeder Richtung; die armen Unglücklichen wehrten ſich nicht, ſondern flo⸗ hen erſchrocken. Es erhellt auch aus den Nachrichten ihrer großſprecheriſchen Sieger nicht, daß, während der ganzen Geſchichte von den Indianern ein Gewehr ge⸗ ſchwungen oder abgeſchoſſen wurde. Wir ſind vollkommen überzeugt, daß die armen Wilden keine feindliche Abſicht, — 28— ſondern ſich bloß aus Neugierde verſammelt hatten, wie andere ihres Stammes gethan hatten, als Capitän Bonne⸗ ville mit ſeinen Gefährten an dem Schlangenfluſſe hinzog. Die Biberfänger ſetzten ihren Weg an dem Ogden fort, bis ſie ſahen, daß er ſich in einen großen ſumpfigen See ergoß, an dem kein Ausfluß zu ſein ſchien. Sie wandten ſich dann ſtracks nach Weſten und überſtiegen die große Kette der californiſchen Gebirge, die zwiſchen den innern Ebenen und den Küſten des ſtillen Oceans liegen. Drei und zwanzig Tage irrten ſie in dieſen Gebir⸗ gen umher, deſſen Spitzen und Rücken an vielen Orten mit ewigem Schnee bedeckt ſind. Ihre Päſſe und Thal⸗ ſchluchten bieten die wildeſte Naturſcene dar; ſie tra⸗ gen eher den Charakter des Erhabenen als des Schönen und ſind voll furchtbarer Abgründe. Die Leiden der Reiſenden in dieſen rauhen Gebir⸗ gen ſtiegen auf's höchſte; ſie waren einmal nahe am verhungern, bis ſie endlich durch ſelbige durchdrangen und hinab auf die Ebene von Neu⸗Californien kamen, eine fruchtbare Region, die ſich voller herrlicher Wälder, grünender Sawannen und Prairieen, die das Anſehen von prachtvollen Parken haben, längs der Küſte hin er⸗ ſtreckt. Von hier ſchlugen ſie ihre Richtung nach Süden ein, kamen an zahlreichen, kleinen Banden von Eingebor⸗ nen vorüber, die ſich an verſchiedenen Strömen befanden und langten endlich in dem ſpaniſchen Dorfe und Poſten Monterey an. Dies iſt ein kleiner, ohngefähr 37 nördlicher Breite gelegener Ort, von etwa zwei hundert Häuſern. Er hat eine geräumige Bucht mit ziemlichem Ankergrunde. Das ihn umgebende Land iſt auſſerordentlich fruchtbar, vorzüglich in den Thälern. Je weiter man in das In⸗ nere dringt, deſto tragbarer iſt der Boden, und das Klima wird als ein ewiger Frühling beſchrieben. In der That wird ganz Californien, das ſich längs des ſtil⸗ len Oceans vom 190 30 bis zum 420 nördlicher Breite hinzieht, als eine der fruchtbarſten und ſchönſten Regio⸗ nen Nordamerika's beſchrieben. Unter⸗Californien, das ohngefähr 700 Meilen lang iſt, bildet eine große Halbinſel, die über die Wendekreiſe hinaus geht, und ſich in der heißen Zone endigt. Sie iſt von dem Feſtlande durch den californiſchen Meerbuſen getrennt, der bisweilen die rothe See genannt wird. In dieſen Meerbuſen ergießt ſich der Colorado des We⸗ ſtens, der Seeds⸗kee⸗dee oder Grünefluß, wie er ebenfalls bisweilen genennt wird. Es zieht ſich durch dieſe Halb⸗ inſel eine finſtere, nackte Gebirgskette hin und ſie hat viele Sandebenen, deren einzige Spur von Vegetation, der eylinderiſche Cactus iſt, der in den Spalten der Felſen wächſt. Wo ſich jedoch Waſſer und tragbarer Boden befindet, da belebt die heiße Natur des Klimas Alles zur erſtau⸗ nenden Fruchtbarkeit. Es gibt Thäler, in welchen man die herrlichen Gewächſe der tropiſchen Länder in üppiger Fülle wachſen ſieht. Man findet hier das Zuckerrohr und die Indigopflanze, die eine ſolche Vollkommenheit erreichen, welche die irgend eines andern Theiles von Amerika übertrifft. Hier blüht die Olive, die Feige, die Dattel, die Pomeranze, die Citrone, der Granat⸗ apfel und andere Früchte, die dem üppigen Klima des Südens angehören und Trauben ſind hier im Ueberfluß, die einen vortrefflichen Wein geben. In dem Innern findet man Salzebenen; Silberminen und einige wenige Goldadern ſollen hier ebenfalls vorhanden ſeyn, und Perlen von dem ſchönſten Waſſer werden an der Küſte gefiſcht. att Auf der Halbinſel Californien ließen ſich 1698 zu⸗ erſt die Jeſuiten nieder, die in Hinſicht der Einwohner insgemein die wohlthätigſten Coloniſten waren. Sie faßten feſten Fuß in dem Lande ohne militäriſche Hülfe, einzig durch ihren religiöſen Einfluß. Sie machten ei⸗ nen Vertrag und traten mit den Eingebornen in die freundſchaftlichſte Verbindung, welche Letzteren damals fünf und zwanzig bis dreißig Tauſend Seelen zählten, und ſie gewannen ihr Zutrauen und eine moraliſche Ge⸗ walt über ſie, die eine vollkommene Veränderung ihrer Lage bewirkte. Sie errichteten elf Miſſionsniederlaſſun⸗ gen, in den verſchiedenen Thälern der Halbinſel, die Vereinigungsplätze für die ſie umgebenden Wilden bil⸗ — 31— deten, wo ſie ſich, wie die Schafe in Pferche, verſammel⸗ ten, und ſich und ihr Gewiſſen den Händen dieſer geiſt⸗ lichen Hirten übergaben. Es ging nichts, wie man uns erzählt, über die unbedingte Anhänglichkeit der indiani⸗ ſchen Bekehrten an die Väter der Jeſuiten, und der katholiſche Glaube wurde weit über die Wildniß ver⸗ breitet. 1 Die wachſende Macht und der Einfluß der Jeſuiten in der neuen Welt, erregte endlich die Eiferſucht der ſpaniſchen Regierung, und ſie wurden aus der Colonie verbannt. Der Gouverneur, der nach Californien kam, um ſie zu vertreiben, und die Regierung des Landes zu übernehmen, erwartete, eine reiche und mächtige Brü⸗ derſchaft zu finden, die in ihren Miſſionen Schätze zu⸗ ſammen geſcharrt habe, und eine Armee von Indianern, die bereit ſtünde, ſie zu vertheidigen. Er fand aber im Gegentheile einige wenige ehrwürdige, ergraute Prieſter, die ihm demüthig entgegen kamen und denen ein Gedränge weinender und unterwürſiger Eingebornen folgte. Das Herz des Gouverneurs wurde, wie man ſagt, durch dieſen unerwarteten Anblick ſo gerührt, daß er Thränen vergoß; er hatte aber ſeine Befehle zu voll⸗ ziehen. Die Jeſuiten wurden an den Ort ihrer Einſchif⸗ fung von ihren einfältigen, ſie liebenden Pfarrkin⸗ dern begleitet, die unter Schluchſen und Thränen von ihnen Abſchied nahmen. Viele von den Letzteren ver⸗ — 323— ließen ihre Heimath, und wanderten zu ihren ſüdlichen Brüdern, ſo daß nur ein Reſt von ihnen auf der Halb⸗ inſel blieb. Die Franziskaner folgten ſogleich den Jeſuiten und ſpäterhin die Dominikaner, welche Letztere ihre Sachen jedoch übel betrieben. Nur noch in zwei der Miſſions⸗ Niederlaſſungen befinden ſich Prieſter, die übrigen liegen all in Ruinen, mit Ausnahme einer einzigen, die als ein Denkmal der früheren Macht und des blühenden Zu⸗ ſtandes des Ordens da ſtand. Es iſt ein herrliches Ge⸗ bäude, einſt der Sitz des Oberen der dortigen Jeſuiten. Es liegt in einem ſchönen Thale, ohngefähr halbweges zwiſchen dem californiſchen Meerbuſen und dem weiten Ocean; da die Halbinſel hier ohngefähr ſechzig Meilen breit iſt. Das Gebäude iſt von gehauenen Steinen er⸗ baut, ein Stockwerk hoch, und hat zwei hundert und zehn Fuß in der Fronte, und ohngefähr fünf und fünfzig Fuß in der Tiefe. Die Mauern ſind ſechs Fuß dick und ſechszehn Fuß hoch und das Dach beſteht aus einem Steingewölbe, etwa zwei und einen halben Fuß dick. Es ſteht jetzt verlaſſen und öde; das ſchöne Thal iſt ohne Einwohner und auf dreißig Meilen von dem Platze kein menſchliches Weſen zu finden. Wenn ſich der Reiſende dieſem verlaſſenen Miſſions⸗ hauſe nähert, ſo muß er über das Gebirg San Juan, das man für die höchſte Gebirgskuppe Californiens hält. Von dieſer hohen Kuppe eröffnet ſich eine weite und — 235— prächtige Ausſicht; den großen californiſchen Meerbuſen, mit dem ſich jenſeits deſſelben ausdehnenden blauen, mit Inſeln beſäten, Meere, in einer, und in einer andern Richtung die ungeheure Lava⸗Ebene von San Gabriel. Das lichte Klima gibt der ungeheuren Ausſicht ein ita⸗ lieniſches Anſehen. Der Himmel iſt von dunkelblauer Farbe, und der Sonnenuntergang oft über alle Beſchrei⸗ bung prachtvoll. Dies iſt nur eine flüchtige und unvoll⸗ ſtändige Skizze dieſer merkwürdigen Halbinſel. Ober⸗Californien erſtreckt ſich von dem 31° 10 bis um 420 nördlicher Breite, an dem ſtillen Ocean hin, und landeinwärts bis zur großen Kette der ſchneebedeckten Gebirge, welche es von den Sandebenen des Innern trennt. Es befinden ſich ohngefähr ein und zwanzig Miſ⸗ ſionen in dieſer Provinz, von denen die meiſten vor etwa fünfzig Jahren errichtet wurden und die allgemein unter der Obhut jener Franziskaner ſtehen. Dieſe er⸗ ſtrecken ihren Schutz über ohngefähr fünf und dreißig tauſend indianiſche Bekehrte, die auf den Ländereien um die Miſſionsanſtalten wohnen. Jede dieſer Anſtal⸗ ten beſitzt fünfzehn Quadratmeilen Land, das in kleine Parzellen vertheilt iſt, im Verhältniß der Menge der indianiſchen Convertiten, die der Miſſion zugehören. Einige ſind mit hohen Mauern umgeben, allein im All⸗ gemeinen ſind ſie offene Weiler, die aus Reihen von Hütten beſtehen. Sie ſind von Backſteinen erbaut, die 72.— 74. 3 3— 34— in der Sonne getrocknet ſind, bisweilen geweißt und mit Zügeln gedeckt. Viele von ihnen liegen in dem Innern, ferne von allem militäriſchen Schutze, und von dem guten Willen der Eingebornen abhängig, der ihnen nie abgeht. Sie haben in der Unterweiſung der Indianer in nützlichen Künſten ziemliche Fortſchritte gemacht. Jede Niederlaſſung hat ihre eingebornen Gerber, Schuh⸗ macher, Weber, Schmiede, Steinhauer und andere Werk⸗ meiſter. Andere werden in der Landwirthſchaft und der Zucht von Rindvieh und Pferden unterrichtet, während die Weiber Wolle kartätſchen und ſpinnen, weben und andere ihrem Geſchlechte im civiliſirten Leben angewie⸗ ſene Geſchäfte verrichten. Es wird zwiſchen den Unverheiratheten beiderlei Geſchlechts nach den Arbeitsſtunden kein Umgang geſtat⸗ tet; ſie werden in abgeſonderte Zimmer eingeſchloſſen und die Schlüſſel den Prieſtern überliefert. Die Produkte des Landes und aller aus deren Ver⸗ kauf erwachſender Nutzen ſteht ganz zur Verfügung der Prieſter. Was nicht zum Unterhalt der Miſſionen er⸗ forderlich iſt, legen ſte, zur Vermehrung des unter ihrer Aufſicht ſtehenden Kapitals, an. Die Hauptreichthümer der Miſſionen beſtehen in Häuten und Talg, überhaupt in dem Handel des Landes. Früchte könnten in unge⸗ meſſener Menge um dieſe Miſſionsanſtalten herum an⸗ — 33— gebaut werden, wenn ein Markt für ſie da wäre, Oliven und Trauben werden ebenfalls in den Miſſionen gezogen. Pferde und Hornvieh ſind in dieſen Gegenden im Ueberfluß vorhanden. Die Erſteren können um den Preis von drei bis fünf Dollars erkauft werden, ſind aber von einer geringen Zucht. Maulthiere, die hier ſehr groß und ſchätzbar ſind, koſten ſieben bis zehn Dollars. Es liegen verſchiedene vortreffliche Häfen längs der Küſte: San Diego, Santa Barbara, Monterey, die Bai von San Francisco und der nördliche Hafen Bondago; alle bieten Ankerplätze für Schiffe der größten Gat⸗ tung dar. Der Hafen von San Francisco iſt zu gut bekannt, um eines weitläufigen Berichtes über dieſen Platz zu bedürfen. Die Einfahrt von der See iſt ſieben und ſechszig Faden tief und im Innern können ganze Flotten in vollkommener Sicherheit vor Anker liegen. Zwei große Flüſſe, die in den Gebirgen zwei oder drei hun⸗ dert Meilen öſtlich entſpringen, und durch ein Land ſtrömen, das unübertrefflich an Boden und Klima iſt, ergießen ſich in dieſen Hafen. Das umliegende Land liefert äußerſt ſchönes Bauholz für Schiffe. Dieſer herr⸗ liche Hafen vereinigt mit einem Worte Vortheile, die ihn nicht allein zu einer Niederlage von Schiffsbauma⸗ terialien befähn, ſondern ihn faſt zum Haupt⸗Militär⸗ poſten dieſer Giwäſſer eignen. 3* Dies iſt ein ſchwacher Umriß der californiſchen Küſte und des Landes, deſſen Werth die Aufmerkſamkeit der Seemächte immer mehr auf ſich zieht. Die Ruſſen haben ſtets ein Kriegsſchiff auf dieſer Station und haben be⸗ reits auf den Gränzen um ſich gegriffen, indem ſie von dem Hafen Bondago Beſitz nahmen, und ihn mit mehre⸗ ren Kanonen befeſtigten. Neuerdings ſind dieſe Gegenden, ſowohl von den Ruſſen, als von den Engländern, aufgenom men worden, und wir zweifeln nicht, daß der Tag nicht mehr fern iſt, wo man finden wird, daß dieſes vernachläſſigte, und bis zu neueren Zeiten faſt unbekannte, Land Quellen des Reichthums beſitzt, die hinlänglich ſind, ein mächtiges und blühendes Reich zu erhalten. 3 Seine Einwohner kennen ſeinen wahren Reichthun⸗ nur zu wenig; ſie haben nicht Unternehmungsgeiſt ge⸗ nug, ſich mit dem weiten Innern bekannt zu machen, das beinahe wie eine terra incognita da liegt, noch beſitzen ſie die Kunſt und Induſtrie, die fruchtbaren Striche ge⸗ hörig anzubauen, die längs der Küſte liegen, oder den Fremdhandel zu verfolgen, der alle Hülfsquellen eines Landes in vortheilhafte Bewegung ſetzt. 537— Neun und dreißigſtes Kapitel. Vergnügtes Leben zu Monterey.— Mexicaniſche Reiter.— Ein kühner Dragoner.— Gebrauch des Laſo's.— Die Vaque⸗ ros.— Ein Bärenfang mit Schlingen.— Hetze zwiſchen einem Ochſen und einem Bären.— Abreiſe von Monterey.— In⸗ dianiſche Pferdediebe.— Grauſamkeiten der Reiſenden.— Un⸗ wilte des Capitäns Bonneville hierüber.— Die wandernde Biberfängerbande wurde zu Mon⸗ terey gut aufgenommen: die Einwohner wünſchten ſie bei ſich zu behalten, und boten jenen, die ſich auf mecha⸗ niſche Künſte verſtanden, einen außerordentlich hohen Lohn an. Wenn ſie auf das Land gingen, ſo wurden ſie, von den Prieſtern der Miſſionen ebenfalls freundſchaftlich bewirthet, da dieſe gegen Fremde immer gaſtfreundlich ſind, von welchem Range oder Religion ſie auch ſeyn mögen. Sie litten keinen Mangel an Lebensmitteln, da ihnen erlaubt wurde, ſo viel von den großen Herden, des auf dem Lande weidenden Hornviehes, zu tödten, als ſie wollten, unter der Bedingung jedoch, daß ſie die Häute den Eigenthümern ablieferten. Sie wohnten Sttiergefechten und Pferderennen bei; vergaßen den Zweck ihrer Expedition, verſchleuderten freigebig das nicht ihnen gehörende Eigenthum, kurz, ſie ſchwelgten in einem voll⸗ kommenen Narrenparadieſe. Was ſie vorzüglich ergötzte, waren die Reitkünſte der Californier. Die große Menge und Wohffeilheit der Pferde in dieſem Lande machen einen Jeden zum Reiter. Die Mexicaner und Halbweißen Californiens bringen den größten Theil ihrer Zeit im Sattel zu. Sie ſind furchtloſe Reiter, und ihre gewagten Ritte, auf noch nicht abgerichteten Füllen und wilden Pferden, ſetzten unſere Biberfänger in Erſtaunen, ob ſie gleich an die verwegenen Reiter der Prairieen gewöhnt waren. Ein mexicaniſcher Reiter hat in manchen Stücken eine große Aehnlichkeit mit den alten ſpaniſchen Rittern, vorzüglich mit dem ruhmredigen Caballero Andaluſtens. Einen mexicaniſchen Dragoner, zum Beiſpiel, beſchreibt man in einer runden, blauen Jacke, mit rothen Puffen und Kragen; in Hoſen von blauem Baumwollſammet, die bis an die Kniee aufgeknöpft ſind, um ſeine weißen Strümpfe zu zeigen; Stiefelchen von Hirſchfell; einem runden Hute, und ſein Haar in einen Zopf gebunden. Auf ſeinem Sattelknopfe trägt er eine lange Muskete, deren Schloß mit einem Fuchsbalg verwahrt iſt. Er hat einen Harniſch von doppeltem Hirſchfelle an, und trägt eine Ochſenhaut zum Schild; ſitzt auf einem mauriſchen Sattel, der vorn und hinten hoch iſt; ſeine Füße ſtellt er in ſchachtelähnliche Steigbügel, nach Weiſe der Mau⸗ ren, und ein furchtbares Paar eiſerner Sporen klirren 9 an ſeiner Ferſe. So ausgerüſtet und beritten, betrachtet er ſich als die Herrlichkeit Californiens und den Schrek⸗ ken des Univerſums. Ein californiſcher Reiter reitet ſelten aus, ohne ſeinen Laſo, das heißt: ohne einen langen Strick mit einem Schlupfe, womit ſie bewundernswürdig geſchickt ſind. Der Laſo, der ſich jetzt faſt gänzlich auf das ſpa⸗ niſche Amerika beſchränkt, ſoll von hohem Alterthume ſeyn, und urſprünglich aus dem Morgenlande herſtammen. Er war, wie man uns erzählt, bei einem Hirtenvolke, per⸗ ſiſchen Urſprungs, im Gebrauche, von welchen achttauſend die Armee des Xerxes begleiteten. Die ſpaniſchen Ame⸗ rikaner bedienen ſich ſeiner zu mehreren Zwecken, unter andern zum Holzſchleifen. Ohne abzuſteigen, ſchlingen ſie den Schlupf um ein Klotz, und ſchleppen es nach Hauſe. Die Vaqueros, oder indianiſchen Viehtreiber, haben den Gebrauch des Laſo's ebenfalls von den Spa⸗ niern gelernt, und verwenden ihn, um wildes Vieh da⸗ mit zu fangen, indem ſie ihnen denſelben um die Hörner werfen. Der Laſo iſt ebenfalls ſtark im Gebrauche, um dem Publikum ein, etwas barbariſches, Lieblingsſchauſpiel zu liefern; nämlich Hetzen zwiſchen Bären und wilden Och⸗ ſen. Zu dieſem Zwecke begeben ſich drei oder vier Rei⸗ ter in einen, von Bären beſuchten, Wald, legen einen todten Ochſen hin und verbergen ſich in der Nähe. Die Bären werden bald von dem Köder angelockt. Sobald — 40— als ſich einer ſehen läßt, der zu ihrem Zwecke paßt, rei⸗ ten ſie mit ihren Laſo's auf ihn zu, und legen ihm, auf eine geſchickte Weiſe, Schlingen an alle Beine. Wenn ſie ihn hierauf in vollem Rennen fortgeriſſen haben, bis er ermüdet iſt, dann verſichern ſie ſich ſeiner beſſer, bin⸗ den ihn auf den todten Ochſen und ziehen ihn im Triumphe nach dem Platze, wo er auftreten ſoll. Er iſt jetzt zu ſolcher Wuth gereizt, daß ſie genöthiget ſind, ihn mit kaltem Waſſer zu übergießen, um ſolche etwas abzuküh⸗ len; und gefährlich würde es für Roß und Reiter ſeyn, wenn er ſich in dieſer Wuth von ſeinen Banden los⸗ machen könnte. Ein wilder Ochs, der grimmigſten Art, den man gefangen, und auf dieſelbe Weiſe gereizt hat, wird dann vorgeführt, und beide Thiere auf dem Kampfplatze eines kleinen Amphitheaters losgelaſſen. Ein Gefecht, auf Tod und Leben, beginnt ſodann augenblicklich, und anfänglich immer zum Nachtheile von Petz, ermüdet, wie er durch die vorherige Mißhandlung iſt. Endlich durch das wie⸗ derholte Stoßen des Ochſens gereizt, packt er ihn mit ſeinen ſcharfen Tatzen am Maule, und hängt ſich an ſeinen empfindlichſten Theil an, indem er ihn vor Wuth und Todesangſt brüllen macht. In der Hitze und der Wuth ſtreckt der Ochſe ſeine Zunge heraus, die der Bär augenblicklich packt, ſeinen furchtbaren Gegner mit einem verzweifelten Anſatze über den Haufen wirft, und ihn dann ohne Mühe völlig tödtet. — 41— Auſſer dieſen Beluſtigungen wurden die Reiſenden auch mit einem Stiergefechte in der echten, alt ſpaniſchen Manier fetirt, da die Californier für die beſten Stier⸗ fechter in dem mexicaniſchen Gebiete gehalten werden. Nach einem ziemlich langen Aufenthalte zu Monte⸗ rey, der mit dieſen erbaulichen, aber nicht ſehr vortheil⸗ haften Unterhaltungen hingebracht wurde, begab ſich der Anführer dieſer vagabundirenden Partie wieder auf ſeine Rückreiſe. Statt ſeinen Weg zurück durch das Ge⸗ virg einzuſchlagen, gingen ſie um deſſen ſüdliche Spitze, und kamen, nachdem ſie eine Reihe niedriger Hügel über⸗ ſtiegen hatten, in die Sandebene, ſüdlich des Ogden’'s und litten, indem ſie über dieſelben zogen, äußerſt Man⸗ gel an Waſſer. In dem Laufe ihrer Reiſe begegneten ſie einer Partie Mexicaner, die eine Horde von Eingebornen verfolgten, welche Pferde geſtohlen hatten. Die Wilden dieſes Theiles von Californien, ſchildert man als äußerſt arm, und nur mit Pfeilen mit Steinſpitzen bewaffnet, da es nicht in der klugen Politik der Spanier liegt, ſie mit Feuergewehren zu verſehen. Da es ihnen ſchwer hält, mit ihren ſtumpfen Schaften das Wild der Ge⸗ birge zu erlegen, ſo verſchaffen ſie ſich bisweilen Nah⸗ rung dadurch, daß ſie die Pferde der Spanier fangen. Sie treiben ſie heimlich in Gebirgsengen und Hohlwege, ſchlachten ſie ohne Schwierigkeit und trocknen ſich das Fleiſch für Vorräthe. Bisweilen führen ſie welche weg⸗ — 22— um ſie an ferne Stämme zu verhandeln, und auf dieſe Weiſe gehen die ſpaniſchen Pferden unter den Indianern von Hand zu Hand, bis ſie endlich ſelbſt ihren Weg über die Felsgebirge finden. Die Mexicaner ſind beſtändig wachſam, um dieſe Diebe aufzufangen; die Indianer überliſten ſie jedoch meiſt, und zwingen ſie, weite Ausflüge zu thun, um ihre geſtohlenen Pferde ausfindig zu machen. Zwei der Leute der eben erwähnten mexicaniſchen Banden geſellten ſich zu jener der Trapper, und erwie⸗ ſen ſich als würdige Gefährten von ihnen. In dem Laufe ihrer Reiſe durch das, von den armen Wurzel⸗ gräbern durchzogene, Land ſcheinen ſie unter ſich ge⸗ wetteifert zu haben, wer ſich am gröblichſten gegen die Eingebornen vergehen könne. Die Biberfänger betrach⸗ teten ſie noch immer als gefährliche Feinde, und wahr⸗ ſcheinlich legten ihnen die Mexicaner den Pferdediebſtahl zur Laſt; wir wüßten ſonſt nicht die ſchändlichen Grau⸗ ſamkeiten zu erklären, deren ſie ſich, ihrem eigenen Ge⸗ ſtändniß gemäß, gegen ſie ſchuldig machten, die armen Indianer gleich wilden Thieren zu jagen, und ſie ohne Barmherzigkeit zu tödten. Die Mexicaner zeichneten ſich in dieſer rohen Jagd aus, indem ſie ihre unglück⸗ lichen Opfer in vollem Galopp jagten, ihnen ihre Laſo's um den Hals warfen, und ſie zu Tode ſchleiften. Dieſes ſind die wenigen Einzelheiten dieſer ſchänd⸗ lichen Expedition; wenigſtens Alles, was Capitän Bon⸗ neville die Geduld hatte, darüber nieder zu ſchreiben; denn ſo ſehr ſchmerzte ihn das Mißlingen ſeines Planes und ſo unwillig war er über die ihm erzählten Grau⸗ ſamkeiten, daß er ſich mit Abſcheu und Entſetzen von den Erzählern wegwendete. Hätte er ein wenig von von dem Lynchgeſetze der Wildniß Gebrauch gemacht, und jene geſchickten Reiter in ihren eigenen Laſo's auf⸗ gehangen, ſo würde dies eine wohl verdiente und heil⸗ ſame Handlung der vergeltenden Gerechtigkeit gewe⸗ ſen ſeyn. 1 Das Fehlſchlagen dieſer Expedition war ein Schlag für den Stolz des Capitäns, und noch ein größerer für ſeine Börſe. Der große Salzſee blieb ununterſucht und zu gleicher Zeit waren die Mittel, die er ſo freigebig geliefert hatte, um ſeine Lieblings⸗Expedition auszurüſten, ſammt den Pelzwaaren, die auf dem Wege geſammelt worden waren, alle zu Monterey verſchleudert worden. Er hatte daher ſeinen Geſellſchaftern in den vereinigten Staaten für dieſes Jahr nur ſehr geringe Retouren zu machen, und lief große Gefahr, daß ſie entmuthigt würden, und die Unternehmung fahren ließen. Vierzigſtes Kapitel. Erzählungen der Reiſenden.— Lauernde Indianer.— Buk⸗ key's Prophezeihungen.— Zeichen und Vorbedeutungen.— Der mediziniſche Wolf.— Ein Aufruhr.— Ein Hinterhalt.— Die aufgefangenen Lebensmittel.— Triumph von Buckey.— Ankunft von Vorräthen.— Großes Trinkgelage.— Capitän Wyeth und ſeine neu angeworbene Bande.— Das Entſetzen und die Empörung, die Capitän Bonneville über die Ausſchweifungen der californiſchen Abentheurer fühlte, wurde nicht von ſeinen Leuten ge⸗ theilt; im Gegentheil wurden die Begebenheiten dieſer Expedition eine Lieblingsunterhaltung in dem Lager. Die Helden von Monterey trugen in allen Klatſchereien unter den Jägern die Palme davon. Ihre lebhaften Beſchreibungen, der ſpaniſchen Bärenhetzen und der Stier⸗ gefechte vornehmlich, wurden mit großem Vergnügen angehört; und wäre eine andere Expedition ali⸗ fornien in Vorſchlag gebracht worden, ſo würde die Schwierigkeit geweſen ſeyn, alle jene zurückzuhalten, die ſich mit Begierde als Freiwillige dazu gemeldet hätten. Der Capitän war noch nicht lange an dem verab⸗ redeten Sammelplatze, als er an mehreren Zeichen wahr⸗ 66 nahm, daß Indianer in der Nähe lauerten. Offenbar war die Bande Schwarzfüße, die er auf ſeinem Marſche geſehen hatte, ſeiner Partie auf der Spur gefolgt und auf Unheil bedacht. Er ſuchte die Wachſamkeit in ſei⸗ nem Lager zu erhalten. Es war aber eben ſo ſchwierig, die Disciplin unter den Biberfängern in einem Sam⸗ melplatze aufrecht zu erhalten, als bei den Matroſen in einem Hafen. Buckey, der Delawar⸗Indianer, nahm an dieſer Sorg⸗ loſigkeit der Jäger, wo der Feind bei der Hand war, großen Anſtoß und predigte beſtändig Vorſicht. Er war etwas geneigt, an Zeichen und Vorbedeutungen zu glau⸗ ben, was ſeine weißen Kameraden beluſtigte. Er war ein großer Träumer, der an Zauber und Talismane oder„Medizine“ glaubte, und konnte an dem Geheul oder dem Bellen des kleinen Prairiewolfes vorher ſagen, wenn ſich ein Fremder näherte. Wenn dieſes Thier, durch die größeren Wölfe, von den, auf den Jagdrevieren 1 von den Jägern zurückgelaſſenen, getödteten Thieren ver⸗ jagt wird, dann folgt es der Spur des friſchen Fleiſches, das man nach dem Lager bringt. Der Geruch des ge⸗ röſte er gebratenen Fleiſches, der von jedem Lüft⸗ chen fortgeweht wird, hält ſie in der Nähe um das La⸗ ger herum; indem ſie, nach jedem Luftzuge ſchnüffelnd, die Naſe wie hungrige Hunde in die Höhe ſtrecken, und durch ein wimmerndes Geheul und ungeduldiges Bellen ihren Heißhunger zu erkennen geben. Dieſes wird von — 46— den abergläubiſchen Indianern für ein Warnungszeichen angeſehen, daß ſich Fremde in der Nähe befinden, und wenn es ſich zufällig trifft, daß ſolche Vorahnungen, gleich den Wetterprophezeihungen der Kalender, bisweilen in Erfüllung gehen, dann iſt dieſes hinlänglich, tauſend fehlgeſchlagene Fälle zu entſchuldigen. Dieſes kleine heulende, fleiſchwitternde Thier wird deshalb von den Indianern der mediziniſche Wolf genannt, und dies war eins von Buckey's unfehlbaren Orakeln. ½ Eines Morgens erſchien der propheitſche Delaware⸗ Indianer mit einem finſtern Geſichte. Er war voller Vorahnungen; es erhellt aber nicht, ob er wahrſageriſche Träume oder Anzeichen des mediziniſchen Wolfes gehabt hatte.„Es laure,“ ſagte er,„Gefahr auf ihrem Wege und ehe die Sonne untergehe, würde ein Gefecht vor⸗ fallen.“ Er wurde mit ſeiner Prophezeihung ausgelacht, indem er, wie ſie ſagten, zu viel zu Abend gegeſſen habe und von böſen Träumen heimgeſucht worden ſey. In dem Laufe des Morgens brach eine 2 ger zur Büffeljagd auf, und nahm ein M um das Fleiſch, das ſie ſich verſchaffen könnten, zurückzu⸗ bringen. Sie waren einige Stunden abweſend geweſen, als ſie in voller Eile klirrend ins Lager zurückkamen und das Kriegsgeſchrei: die Schwarzfüße, die Schwarz⸗ füße! hören ließen. Es griff Alles zu den Waffen. — 2— Es erwies ſich, daß die Jäger, die ihr mit den be⸗ ſten Stücken Büffelfleiſch beladenes Maulthier am Zaume führend, gemächlich zurückkehrten, dicht an einem, mit Bäumen überwachſenen, kleinen Strome vorbeikamen, der ohngefähr zwei Meilen von dem Lager entfernt lag. Püötzlich ſprang eine Partie der Schwarzfüße, die in den Gebüſchen im Hinterhalt gelegen hatte, mit einem furchtbaren Geheule auf, und feuerte eine Salve auf die Jäger ab. Die Letztern legten ſich ſogleich flach auf ihre Pferde, trieben ſie an, und blickten nicht um ſich, bis ſie das Lager erreicht hatten. Glücklicher Weiſe waren ſie ohne Wunden davon ge⸗ kommen, allein das Maulthier war, ſammt dem Pro⸗ viant, in die Hände der Feinde gefallen. Dies war ein Verluſt und eine Kränkung, die unerträglich ſchienen. Alle ſprangen, mit der Büchſe in der Hand, nach ihren Pferden, und galoppirten davon, um die Schwarzfüße zu beſtrafen, und das Büffelfleiſch wieder zu erobern. Sie ka⸗ men zu ſpät; die Diebe hatten ſich davon gemacht und Alles, was ſie von ihrem Maulthiere noch fanden, wa⸗ ren die Hufabdrücke, die es hinterlaſſen hatte, indem es in vollem Trabe mit ſeiner ſchmackhaften Ladung in das Gebirg davon geritten worden war, um den entſprun⸗ genen Wilden ein Banket von gebratenem Fleiſche, auf Koſten der weißen Menſchen zu verſchaffen. Die Partie kehrte, um ihre Rache getäuſcht, noch ſchmerzlicher aber, um ihr Abendeſſen betrogen, in ihr — 48— Lager zuück. Buckey, der Delaware⸗Indianer ſaß ganz ruhig mit ſeiner Pfeife bei dem Feuer. Als die Jäger die Umſtände des Ueberfalls erzählten, hörte er ſie ſchwei⸗ gend und mit ruhiger Miene an, deutete dann nach Weſten hin, und ſagte:„Die Sonne iſt noch nicht un⸗ tergegangen; Buckey hat nicht wie ein Narr geträumt.“ Alle Gegenwärtigen erinnerten ſich jetzt der Vorher⸗ ſagung des Indianers bei Tagesanbruch, und ſchienen, über ihre anſcheinende, Erfüllung, betroffen. Sie riefen ebenfalls in ihr Gedächtniß eine lange Reihe vorherge⸗ gangenen Vorahnungen und Wahrſagungen zurück, die zu verſchiedenen Zeiten von dem Delaware⸗Indianer gemacht worden waren, und fingen in ihre Leichtgläu⸗ bigkeit an, ihn als einen wahrhaften Propheten zu betrach⸗ ten, ohne zu bedenken, wie natürlich es war, die Ge⸗ fahr vorherzuſagen, und welche Wahrſcheinlichkei er vor ſich hatte, daß ſeine Prophezeihung im gegenwärtigen Falle in Erfüllung gehen werde, da mehrere Anzeigen von lauernden Feinden vorhanden waren. Die verſchiedenen Banden, von Capitän Bonne⸗ ville's Brigade waren jetzt einige Zeit beiſammen ge⸗ weſen. Sie hatten ihre Feſte und ihren Jubel und alle Arten von ungebundenen Gelagen und ſelbſt rohen Schmauſereien gehabt, wie ſelbige immer bei ſolchen Gelegenheiten Statt finden. Die Pferde ſowohl, als ſie ſelbſt, hatten ſich von ihrem erlittenen Hungern und ihren Strapazen erholt und waren wieder zum activen — 49— Dienſte fähig. Es zeigte ſich ſelbſt eine Ungeduld unter den Leuten, wieder auszuziehen und auf neue wandernde Expeditionen auszugehen. In dieſer Lage der Dinge langte Herr Cerré an dem Sammelplatze, mit einer Zufuhrparthie, an, welche Güter und Ausrüſtungen aus den amerikaniſchen Staa⸗ ten überbrachte. Man wird ſich erinnern, daß dieſer thätige Führer ſich im vorherigen Jahre, auf dem Dick⸗ horn, in einem Ochſenboote, eingeſchifft hatte, das mit einer jährlichen Sammlung von Pelzwaaren befrachtet worden war. Es waren ihm in dem Laufe ſeiner Reiſe Unglücksfälle begegnet, eine ſeiner gebrechlichen Barken war umgeſchlagen, und ein Theil der Pelzwaaren ver⸗ loren gegangen oder beſchädigt worden. Bei der Ankunft der Vorräthe ſtiegen ihre rauſchen⸗ den Luſtbarkeiten auf das Höchſte. Eine wüſte Schwel⸗ gerei folgte der andern, es wurde getrunken, getanzt, geprahlt, geſpielt, ſich geſtritten und geſchlagen. Alkohol oder Weingeiſt, der bei ſeiner verführbaren Eigenſchaft, die größte Menge geiſtigen Stoffes in dem geringſten Umfange enthält, iſt der einzige Likör, der über die Felsgebirge gebracht wird, und das berauſchende Ge⸗ tränk dieſer Gelage. Er wird den Trappern zu vier Dollars die Pinte ausgemeſſen. Wenn ſie von dieſem berauſchenden Tranke erhitzt ſind, dann machen ſie alle Arten von Poſſen und tolle Streiche, und verbrennen bisweilen alle ihre Kleider in trunkener Prahlerei. Ein 72.— 74. 4 Lager, das ſie ch von dieſem geräuſchvollen Schwelgen er⸗ holt, bietet ein ernſt⸗komiſches Schauſpiel von trüben Augen, Kopfweh und bleichen Geſichtern dar. Wie ſo mancher Biberfänger hat nicht ſchon in einem einzigen fröhlichen Rauſche, den ſauer verdienten Lohn eines Jahres vergeudet, wie ſo viele andere haben ſich nicht in Schulden geſtürzt, und müſſen ſich für vergangene Vergnügungen abmühen? Alle fühlen ſich überſättigt, da ſie den Becher des Vergnügens bis auf den Boden geleert haben, und ſehnen ſich, auf eine neue Biberjagd auszugehen; denn Erduldungen und ſchwere Mühen, ge⸗ würzt mit dem Reize wilder Abentheuer und beendigt mit einem jährlichen tollen Gelage, ſind das Loos des nimmer ruhenden Biberfängers. Der Capitän traf jetzt ſeine Vorkehrungen für das laufende Jahr. Cerré nnd Walker ſollten ſich mit einer Anzahl von Leuten, n As unfaen geweſen wa⸗ ren, und den Päcken, E vergangenen Jahre geſam⸗ melten Felle nach Saint Louis begeben; eine andere Partie unter Anführung eines gewiſſen Montero nach den Krähenlande; an ſeinen verſchiedenen Strömen und den ſchwarzen Hügeln Biber fangen, und von da an den Arkanſas ziehen, wo er in die Winterquartiere zu gehen gedachte. Der LCapitän ſelbſt behielt ſich vor, für ſich ſelbſt eine gan⸗ verſchiedene Richtung einzuſchlagen. Er be⸗ abſichtigte eine andere Expedition mit drei und zwanzig Mann an den untern Theil des Columbiafluſſes zu un⸗ ternehmen, und ſich von da nach dem Thale des Mult⸗ nomah zu begeben. Nachdem er in dieſen Theilen über⸗ wintert und einen Handel mit jenen Stämmen, bei denen er bei ſeinem erſten Beſuche verweilt, eingeleitet hätte, wollte er im Frühling zurückkehren, über die Fels⸗ gebirge gehen, und ſich mit Montero und ſeiner Partie, im Monat Juni, an dem verabredeten Sammelplatze am Arkanſas, vereinigen, wo er ſeine jährliche Zufuhr aus den amerikaniſchen Staaten zu erhalten hoffte. Wenn der geneigte Leſer ſeine Augen auf die Karte werfen, und ſich die weite Ausdehnung des Landes be⸗ merken will, das jene projectirten Wanderungen in ſich begreift, ſo kann er ſich eine Idee davon machen, wie ein Mann in dieſen weiten Wildniſſen die Entfernungen gering zu achten lernt. Am 3. Juli, als eben die verſchiedenen Partien im Begriffe ſtanden, nach ihren gegenſeitigen Revieren auf⸗ zubrechen, erhielt Capitän Bonneville die Nachricht, daß Capitän Wyeth, der unermüdliche Anführer der Salme fiſcherei⸗Partie, der ſich vor ohngefähr einem Jahre am Ufer des Dickhorn von ihm getrennt hatte, um dieſen wilden Strom in einem Ochſenboote hinabzufahren, ſich mit einer friſch angeworbenen Bande von Jägern und Trappern in der Nähe, und ſich noch einmal auf dem Wege nach den Ufern des Columbiafluſſes befände. 4* Da wir an der neuen Unternehmung dieſes„Eaſtern⸗ mans“ ein großes Intereſſe nehmen, und uns ſein be⸗ harrlich⸗weiterſtrebender Geiſt gefällt, und da ſeine Be⸗ wegungen das Leben in der Wildniß auf eine eigene Weiſe bezeichnen, ſo wollen wir, während Capitän Bon⸗ neville mit ſeinem Lager aufbricht und ſeine Pferde ſattelt, uns mit des Leſers Erlaubuiß, ein Jahr in der Zeit und einige hundert Meilen in der Entfernung, an die Ufer des Dickhorn, zurück verſetzen, und mit Capi⸗ tän Wyeth in ſeinen Ochſenboote abfahren. Wenn uns ſeine abentheuerliche Reiſe nun auch hunderte von Mei⸗ len, über reiſſende Ströme in großen Krümmungen hin⸗ abführt, ſo iſt doch die magiſche Gewalt der Feder ſo groß, daß wir verſprechen, den Leſer zurück in das Bi⸗ berflußthal zu verſetzen, wenn das letzte Pferd geſattelt iſt. * Ein und vierzigſtes Kapitel. Reiſe in einem Ochſenboote. Das Boot und ſeine Bemannung.— Sandbarren, Waſſer⸗ ſchnecken*), Bären und Büffel.— Eine Krähencalvalcade.— Ind ianiſche Rhetorik.— Arapooish.— Krähenmerkwürdigkei⸗ ten.— Handelsliſt.— Fort Caß.— Schwarzfüße.— Naſeweiſe Jäger.— Die alten Feuerſteinflinten.— Nächtliche Reiſe.— Es war gegen die Mitte des Auguſt 1833, daß Ca⸗ pitän Wyeth, wie ſich der Leſer erinnern wird, ſein Ochſenboot unterhalb der Strömungen des Dickhorn abſtieß, und den Partien von Campbell und Capitän Bonneville vorauseilte. Sein Boot war aus drei Büf⸗ felhäuten zuſammengeſetzt, die über ein leichtes Geſtell gezogen, zuſammengenäht und deſſen Nähte mit Elenfett und Aſche zugeklebt waren. Es war achtzehn Fuß lang und ohngefähr fünf Fuß ſechs Zoll breit, hatte einen Schnabel an jedem Ende und einen runden Kiel, der ohngefähr anderthalb Fuß ins Waſſer ging; eine zu *) Ins Waſſer umgeſunkene Bäume. — 34— große Tiefe für dieſe obern Flüſſe, die voller ſeichter Stellen und Sandbarren ſind. Das Schiffsvolk beſtand aus zwei Halbweißen, welche weiße Menſchen zu ſeyn behaupteten, ob ſie gleich halb franzöſiſche Creolen und Shawnee's oder Pola⸗ wattomie's waren. Sie behaupteten überdieß, durchaus Gebirgsleute und ſehr vorzügliche Jäger zu ſeyn,— wie ſich dieſes die Vagabunden der Wildniß gewöhnlich rühmen. Auſſer dieſen hatten ſie noch einen jungen Nez⸗percé, einen Burſchen von achtzehn Jahren, eine Art von Die⸗ ner für alle Arbeiten, bei ſich, deſſen Hauptzweck, wie der aller indianiſchen Diener, der war, ſo wenig als möglich zu arbeiten. Ueberdieß hatten ſie noch einen halbweißen Knaben, Namens Baptiſt, den Sohn eines Hudſonsbaihändlers, mit einer Schönen der Flatheads erzeugt; der mit Capitän Wyeth reiſ'te, um die Welt zu ſehen und ſeine Erziehung zu vollenden. Füge man zu dieſen noch Herrn Milton Sublette, der die Reiſe als Paſſagier mitmachte, ſo haben wir die Bemannung des kleinen Ochſenbootes vollſtändig. Dies war ſicher eine ſehr geringe Mannſchaft, um ſich durch ein, voll feindlicher Horden wimmelndes, Land zu wagen, und mit einer gebrechlichen Barke dieſe end⸗ loſen Flüſſe, durch reißende Strömungen, hinab, über Waſſerſchnecken und Sandbarren hin und hergeſtoßen, zu ſchiffen; allein ſo ſind dieſe Muſcheln, womit der kühne 8 — 3— Schwärmer der Wildniß ſich auf die wildeſten Ströme wagt, und es iſt erſtaunend, welche Püffe und Stöße dieſe Boote aushalten können, und welchen Wechſel ſie erleben. Ihre Dauer iſt jedoch beſchränkt. Sie müſſen oft ausgeſchöpft und getrocknet werden, um zu verhin⸗ dern, daß die Häute nicht durchweicht werden, faulen und in Stücke zerfallen. Der Fluß nahm ſeine Richtung etwas nordöſtlich; er lief ohngefähr fünf Meilen in einer Stunde über ein ſandiges Bett. Die Ufer waren größtentheils ange⸗ ſchwemmt und dick mit Baumwollholzbäumen, vermiſcht, mit Eſchen⸗ und Pflaumenbäumen, bewachſen. Dann und wann ſprangen die Kalkſteinfelſen und Vorgebirge bis an das Ufer vor, und bildeten maleriſche Vorgebirge. Ueber dem Waldſaume erhoben ſich Ketten nackter Hügel. Milton Sublette war der Pelorus*), dieſer aben⸗ theuerlichen Barke, da er in dieſer verwegenen Gattung der Schifffahrt erfahren war. Sie erforderte alle Auf⸗ nerkſamkeit und Geſchicklichkeit, um Sandbarren, Waſ⸗ frſchnecken oder umgeſunkene Bäume zu vermeiden. Oft war überdies die Wahl ſchwer, wo ſich der Fluß bä Inſelgruppen in verſchiedene Arme theilte, und oft fuhren die Reiſenden auf, und mußten wieder zurück kelren. * Steuermann Hannibals. A. d. U. — 36— Sie mußten ebenfalls ihr Augenmerk vorſichtig auf die Ufer richten, denn ſie kamen durch das Innere des Krähenlandes, und konnten beſtändig von einem Hinter⸗ halte überfallen werden, der an dem Ufer lauerte. Die furchtbarſten Feinde, die ſie jedoch ſahen, waren drei graue Bären, die ruhig an dem Ufer ſpatzieren gingen und ſie als ſie vorüberfuhren, mit Erſtauen anzublicker ſchienen. Sie ſahen ebenfalls Herden von Büffeln her⸗ umziehen oder wie zahmes Hornvieh auf der Weide lagerr. Mit Ausnahme ſolcher Bewohner herrſchte eine vollkon⸗ mene Einſamkeit in dem Lande. Sie fanden keine Spur von einer menſchlichen Wohnung; denn die Krähen, wie wir bereits gezeigt haben, ſind ein wanderndes Volk, eine Race von Jägern und Kriegern, die in Zelten und zu Pferde leben, und beſtändig umherziehen. Mit der Nacht landeten ſie, zogen ihr Boot auf's Trockene, ſchlugen ihr Zelt auf und zündeten ein lodern⸗ des Feuer an. Sie erlaubten ſich dann, da es der erſtt Abend ihrer Reiſe war, einen Schmaus zu halten, und ihr Büffelfleiſch mit einem begeiſternden Trunke Alkohrl zu würzen; worauf ſie einen geſunden Schlaf hatter, und weder von Krähen noch Schwarzfüßen träumten. Früh am Morgen ließen ſie ihr Boot wieder vom Sa⸗ pel laufen, und überließen ſich darin dem Strome. Auf dieſe Weiſe reiſ'ten ſie zwei Tage ohne eiten weſentlichen Vorfall, mit Ausnahme eines Gewiters, — 57— das ſie nöthigte ans Land zu ſteigen, und zu warten bis es vorüber war. Am dritten Morgen gewahrten ſie in einiger Ent⸗ fernung mehrere Menſchen an dem Ufer des Stromes. Da ſie, ihrer Berechnung nach, nicht weit mehr vom Fort Caß entfernt ſeyn konnten, welches ein Handels⸗ poſten der amerikaniſchen Pelzhandels⸗Compagnie iſt; ſo kamen ſie auf die Vermuthung, daß es einige Leute aus dem Fort ſeyen. Als ſie näher kamen, erkannten ſie ſolche für Indianer. Da ſie ein Weib wahrnahmen, das von den Uebrigen abgeſondert war, ſo fuhren ſie ans Land, und redeten ſie an. Sie benachrichtigte ſie, daß die Hauptmacht der Krähennation, aus fünf Horden unter ihren verſchiedenen Häuptlingen beſtehend, ſich nur etwa zwei oder drei Meilen weiter unten, auf ihrem Wege längs dem Strome herauf befände. Ddies war eine ſehr unangenehme Nachricht; ſich zurückziehen konnten ſie nicht, und der Fluß bot keinen verborgenen Winkel dar. Sie fuhren alſo weiter, in dem Vertrauen, daß das Fort Caß ſo nahe ſey, daß ſich die Krähen dadurch von einer Plünderung würden ab⸗ halten laſſen. Als ſie noch zwei Meilen weiter hinab⸗ geſchifft waren, erblickten ſie die erſte Bande, an dem Ufer zerſtreut und Alle gut beritten. Einige waren mit Flinten, Andere mit Bogen und Pfeilen bewaffnet und etliche Wenige mit Lanzen. Es war ein furchtbar ma⸗ leriſcher Anblick, indem ſie ihre Pferde mit ihrer gewohn⸗ — 38— ten Gewandtheit und Leichtigkeit lenkten. Nichts kann lebhafter ſeyn, als eine Bande berittener Krähen. Sie ſind ein ſchöner Menſchenſchlag, von ohngefähr ſechs Fuß Höhe, geſchmeidig und lebhaft, mit Falkenaugen und Habichtsnaſen. Die Letztern ſind den Indianern auf der Oſtſeite der Felsgebirge gemein, jene der Weſtſeite haben gewöhnlich ſtracke oder flache Naſen. Capitän Wyeth wäre an dieſer Cavalcade gern un⸗ bemerkt vorbeigekommen, allein der Fluß war an die⸗ ſem Orte nicht über neunzig Yard breit; er wurde daher wahrgenommen, und von dieſen vagabundirenden Kriegern und wie wir vermuthen, in keiner ſehr höf⸗ lichen Sprache angerufen, denn unter ihren andern Ta⸗ lenten rühmt man an den Krähen, daß ſie eine unver⸗ gleichliche Schimpfwörter⸗Rhetorik beſitzen, und daß ſie damit, wenn es die Gelegenheit erheiſcht, nicht ſparſam ſind. Denn obgleich die Indianer im Allgemeinen ſehr hochtrabend, blumenreich und ſehr umſchweifend bei allen großen Verhandlungen ſind, ſo ſind ſie doch, wenn man den Biberfängern und Handelsleuten Glau⸗ ben beimeſſen will, in ihren gewöhnlichen Geſprächen ſehr fade Vagabunden; ſie nehmen keinen Anſtand, eine Sache bei ihrem Namen zu nennen, und wenn ſie ein⸗ mal in das Schimpfen gerathen, ſo können die Schimp⸗ fereien des berühmten Topfs und Keſſels in der Fabel, ſchmähſüchtigen Andenkens, nicht mit der rohen Gemein⸗ heit ihrer Schmähungen verglichen werden. ———— — 39— Um ähnlichen Complimenten oder vielleicht gefähr⸗ licheren Wurfgeſchützen zu entgehen, landete Capitän Wyeth mit der beſten Miene, die er dazu machen konnte, und näherte ſich dem Häuptling der Bande. Es war Araporish, der vormalige Freund des geächteten Roſe, ein Mann, von dem wir bereits erwähnt haben, daß er die freundſchaftlichen Verhältniſſe zwiſchen ſeinem Stamme und den Weißen zu befördern wünſchte. Er war ein ſchlanker, ſtattlicher Mann, von gutem Anſehen, und nahm die Reiſenden ſehr wohlwollend auf. Auch ſeine Leute drängten ſich um ſie, und waren nach der Weiſe der Krähen dienſtfertig aufmerkſam. Einer von ihnen fand einen beſondern Gefallen an Baptiſt, dem jungen Flathead, aber noch einen größeren an einem Ringe, den er an ſeinem Finger trug, und den er ihm mit ei⸗ ner erſtaunenden Fertigkeit abzuziehen, und an ſeinen eigenen zu ſtecken wußte und mit ſchnellen Schritten un⸗ ter der Menge verſchwand. Ein anderer fand nicht weniger Gefallen an dem jungen Nez⸗percé, und er mußte ſein Meſſer mit ihm tauſchen, indem er ein neues Meſſer aus der Scheide des Nez⸗percé zog und ihm ein altes an deſſen Stelle ſteckte. Ein dritter trat hinzu, und vertauſchte dieſes alte Meſſer mit noch einem älteren, und ein vierter verhalf ſich zu Meſſer, Scheide und Allem. Capitän Wyeth uud ſeine Begleiter hatten viele Mühe aus den — 60— Klauen dieſer dienſtfertigen Krähen zu entkommen, ohne ganz ausgeplündert worden zu ſeyn. Indem ſie den Fluß etwas weiter hinabkamen, kam ihnen die zweite Bande zu Geſicht. Sie lenkten ihr Schiff daher nach der entgegengeſetzben Seite, in der Abſicht, an ihnen vorbei zu kommen. Den Krähen war nicht auszuweichen. Einige legten ihre Flinten auf das Boot an, und drohten zu feuern, Andere zogen ſich aus, ſtürzten ſich in den Strom und kamen herüber geſchwom⸗ men. Aus der Nothwendigkeit eine Tugend machend, warf der Capitän Wyeth, dem Erſten, der ihm nahe kam ein Seil zu, als wenn er nach dem Ufer hinüber⸗ gezogen zu werden wünſchte. Auf dieſe Weiſe ward er von jeder Bande überge⸗ holt, und als er und ſeine Leute aus den Händen der letzten kamen, hatte man ſie um eine Menge überflüſſi⸗ ger Dinge leichter gemacht. Aller Wahrſcheinlichkeit nach, hielt nichts, als die Nähe des amerikaniſchen Han⸗ delspoſtens dieſe Landſtreicher ab, das Ochſenboot mit ſammt ſeinem Inhalt, für eine gute Priſe zu erklären. Dieſe Banden befanden ſich in vollem Marſche, waren zum Krieg gerüſtet, und hatten erſichtlich böſe Abſichten. Sie waren in der That die nämlichen Ban⸗ den, die im Herbſte 1833 das Land durchſtrichen, Fitz⸗ patrick ſeiner Pferde und Effecten beraubt, Capitän Bonneville und ſeine Gefährten verfolgt und angegriffen, — 61— ihren Jagdzug unterbrochen und ſie, mit einem Worte, aus dem Krähenlande vertrieben hatten. Es wurde vermuthet, daß ſie zu dieſen böſen Strei⸗ chen von der amerikaniſchen Pelzhandels⸗Compagnie auf⸗ gereizt waren, die die Pläne ihrer Nebenbuhler der Felsgebirgs⸗Compagnie zerſtören wollten, denn zu dieſer Zeit waren ſie im heftigſten Streite begriffen, und der Handel des Krähenlandes war der Hauptgegenſtand ih⸗ res Wetteifers. Was dieſes ſehr wahrſcheinlich macht, iſt, daß die Krähen in ihren Räubereien keineswegs blutdürſtig zu ſeyn ſchienen; ſondern, daß ihre Abſicht hauptſächlich dahin ging, den Partien ihre Fallen und Pferde zu rauben, wodurch ſie ſie unfähig machten, ihre Jagd zu verfolgen. Wir müſſen bemerken, daß in dieſem Jahre die Felsgebirgs⸗Compagnie ihre Pläne, die Flüſſe hinauf verfolgte, rivaliſirende Poſten in der Nähe der amerika⸗ niſchen Compagnie anlegte, auch zur ſelbigen Zeit, von der wir hier ſprechen, Capitän Sublette den Yellowſtone in einem flachen Fahrzeuge hinauf fuhr, das mit Vor⸗ räthen beladen war, ſo, daß ſich vorausſehen ließ, daß ihre Nebenbuhlerſchaft auf das Aeußerſte getrieben wer⸗ den würde. Die letzte Bande der Krieger der Krähen, war kaum in der Staubwolke verſchwunden, die ſie aufgeregt hatten, als unſare Reiſenden an der Mündung des Fluſſes anlangten und in den Yellowſtone einfuhren. — 62— Sich auf dieſem Strome hinabwendend, fuhren ſie auf das Fort Caß zu, welches auf dem rechten Ufer, ohnge⸗ gefähr drei Meilen unter dem Dickhorn, liegt. Auf der entgegengeſetzten Seite ſahen ſie eine Partie von ein und dreißig Wilden, die ſie bald für Schwarzfüße erkannten.*) Die Breite des Fluſſes ſetzte ſie in den Stand, ſich in gehöriger Entfernung zu halten, und ſie landeten bald an dem Fort Caß. Dieſes war bloß eine Befeſtigung gegen die Indianer, und beſtand nur aus einer Ein⸗ pfählung von ohngefähr hundert und dreißig Fuß im Gevierte, mit zwei Baſtionen an den äußerſten Enden. M'Tulloch, ein Agent der amerikaniſchen Compagnie, war mit zwanzig Mann an dieſem Poſten aufgeſtellt. Zwei Boote von fünfzehn Tonnen Laſt lagen hier; es kann aber, zu gewiſſen Jahreszeiten, ein Dampfboot bis zu dem Fort herauf kommen. 8 Sie waren kaum angelangt, als die Krieger der Schwarzfüße an dem gegenſeitigen Ufer erſchienen und zum Freundſchaftszeichen zwei amerikaniſche Flaggen ent⸗ falteten. Sie ſprangen in den Fluß, ſchwammen her⸗ über, und wurden im Fort freundlich aufgenommen⸗ Es waren dieſelben Leute, die im vorhergegangenen Jahre dem Gefechte in der Pierre's⸗Höhle beigewohnt hatten. Sie waren ein grimmig und raubſüchtig ausſehender *) Eine intereſſante Nachricht von dieſem Völkerſtamme und ihren Feinden, den Flatheads, findet man im Anhange. 63— Schlag Menſchen, ſchlank und mit Habichtsnaſen, die ſehr den Krähen glichen. Sie erklärten, daß ſie auf ei⸗ ner friedlichen Sendung begriffen ſeyen, um Frieden mit den Krähen zu ſchließen, und machten ſich in aller Eile auf, um ſie noch vor Abend einzuholen. Capitän Wyeth prophezeihte, daß ſie ihre Schädel verlieren würden, denn er hatte die Krähen ſich äußern hören, daß ſie Rache an ihnen ausüben wollten, weil ſie zwei oder drei ihrer Brüder ermordet hatten, die ſich im Vertrauen auf einen abgeſchloſſenen Friedens⸗ vertrag unter ſie gewagt hatten. Es iſt jedoch wahr⸗ ſcheinlich, daß dieſe friedliche Botſchaft nur ein Vorwand war, und die wahre Abſicht der Krieger der Schwarz⸗ füße die war, ſich um die Krähenbanden herum zu hal⸗ ten, ihre Pferde zu ſtehlen und die Nachzügler zu ſcal⸗ pieren. In dem Fort Caß verfügte Capitän Wyeth über ei⸗ nige Päcke Biberfelle, und eine Quantität Büffelkleider. Am folgenden Morgen, den 18. Auguſt, machte er ſein Boot wieder flott und fuhr den Yellowſtone hinab, der ſich nach oſt⸗ nordöſtlicher Richtung krümmte. Der Fluß hatte angeſchwemmte Gründe, die rings mit einer großen Menge von ſüßem Baumwollholz bewachſen und gele⸗ gentheitlich von„Bluffs“ oder von Sandſteinen unterbro⸗ chen waren. Der Strom führt zuweilen Granit⸗ und Porphyrfelsſtücke hinab.. — 64— In dem Laufe des Tages ſahen ſie etwas ſich am Ufer unter den Bäumen bewegen, das ſie irrthümlich für Wild irgend einer Art hielten, und da ſie Mangel an Lebensmitteln litten, ſo trieben ſie ihr Boot nach dem Ufer. Gerade noch zur rechten Zeit entdeckten ſie, daß es eine Partie Schwarzfüße war, die in den Gehölzen lauerte, und in aller Eile machten ſie ſich davon, nach dem entgegengeſetzten Ufer. Es kam ihnen hierauf eine Herde Elenthiere zu Geſicht. Capitän wollte ſogleich mit der Büchſe in der Hand Jagd auf ſie machen, allein er ſah offenbare Unzufriedenheit bei ſeinen halbweißen Jä⸗ gern, die es als einen Eingriff in ihre Rechte betrachte⸗ ten, daß er ſich in Dinge miſche, denen er nicht gewach⸗ ſen ſey; denn dieſe Veteranen der Wildniß ſind außer⸗ ordentlich naſeweis im Punkte der Jägerei, und hart⸗ näckig in der Behauptung ihrer Ueberlegenheit, ſo, daß ſie mit unendlicher Verachtung auf alle unerfahrnen An⸗ fänger herabblicken. Die beiden Ehrenmänner eilten daher ſelbſt fort, kehrten aber nach einiger Zeit mit leerer Hand zurück. Sie legten dies aber gänzlich ihren Flinten zur Laſt, welche elende, alte Stücke mit Feuerſteinſchlöſſern waren, die, mit all ihrem Schärfen und Hämmern, beſtändig ver⸗ ſagten. Dieſe großen Prahlhänſe der Wüſte ſind ſehr oft außerordentlich ſchlechte Schützen, und es iſt ein Glück für ſie, wenn ſie alte Flinten haben, womit ſie ſich ent⸗ ſchuldigen können. — 630— Am nächſten Tage kamen ſie an einer Herde Büffel vorbei, die auf einer Wieſe brüllten. Abermals mach⸗ ten ſich Caſtor und Pollux der Wildniß auf, und aber⸗ mals verſagten ihre Flinten und es ging nichts los, als die Büffel. Capitän Wyeth fand jetzt, daß er Gefahr liefe, ſein Mittageſſen zu verlieren, wenn er ſich auf ſeine Jäger verließe; er nahm daher ſeine Büchſe und ging ſelbſt. Nach Verlauf einer Stunde kehrte er mit Büf⸗ felfleiſch beladen zurück, und dies zur großen Beſchä⸗ mung der beiden beſtellten Jäger, denen es zu großem Aerger gereichte, ſich von einem Neuling übertroffen zu ſehen. Es wurden jetzt alle Hände in Bewegung geſetzt. Ein Feuer wurde unter einem ungeheuern Baumwoll⸗ holzbaume angezündet, der ein ſchönes Wieſenplätzchen überſchattete; koſtbare Büffelrückenſtücke wurden an dem⸗ ſelben gebraten, und bei einer herzlichen, verlängerten Mahlzeit erholten ſich die unglücklichen Jäger nach und nach von ihrem Verdruſſe, drohten, ihre alten Flinten abzuſchaffen, ſobald ſie die Niederlaſſungen erreichten, und rühmten ſich mehr als je der wundervollen Schüſſe die ſie gethan hätten, als ſie Flinten beſeſſen, die ihnen nie verſagt hätten. Da ſie ihr Boot ans Land gezogen hatten, ehe ſie, ſich an die Mahlzeit ſetzten, damit ſolches trocknen könne, ſo machten es die Reiſenden wieder flott, und ſetzten 72.— 74. 3 5 — 66— ihren Weg fort. Sie hatten ſich aus ihrem alten Zelte ein Segel gemacht, das ſie aufzogen, ſo oft ihnen der Wind günſtig war, und ſo fuhren ſie leicht den Strom hinab. Ungeachtet der Gefahren zu See und zu Land, von denen ſie umringt waren, war ihre Reiſe angenehm. So oft ſie konnten, lagerten ſie ſich, der größeren Sicher⸗ heit halber, auf Inſeln. Wenn ſie ihr Lager an dem Ufer und in einer gefährlichen Nachbarſchaft aufſchlagen mußten, dann verlegten ſie ſolches, nachdem es dunkel geworden war, und ließen ihr Feuer brennen. Sie fuh⸗ ren dann noch weiter den Fluß hinab, und zündeten im zweiten Lager kein Feuer an. Bisweilen blieben ſie die ganze Nacht auf dem Strome, wobei einer wachte und ſteuerte, während die Andern ſchliefen. In ſolchen Fäl⸗ len zogen ſie ihr Boot gegen die Mitte des folgenden Tages zum Trocknen an's Land; denn, aller Vorſicht un⸗ geachtet, fing es nach und nach an, Waſſer zu ziehen, ſich zu durchweichen, und zu faulen. Das Beſchiffen dieſer wilden Flüſſe in der Stille der Nacht, hatte etwas angenehm Feierliches und Ge⸗ heimnißvolles. Die Reinheit der Atmoſphäre in dieſen erhabenen Regionen vermehrte den Glanz der Sterne, und erhöhte die Pracht des Firmamentes. Das Rau⸗ ſchen der ſich am Schiffchen brechenden Wellen, das — — 67— dumpfe Getöſe der ſie umgebenden Wildniß, das ſchreck⸗ bare Geheul, oder vielmehr Gewimmer, der Wölfe in den Ebenen, das hohle Geſtöhn oder Brüllen der Büf⸗ fel, und das helle Gewieher der Elenthiere, dieſes Alles machte auf das Ohr einen Eindruck, der dem Tage fremd iſt. Zwei und vierzigſtes Kapitel. Reiſe in einem Ochſenboote. (Fortſetzung.) Die Fiſchaare.— Der Yellowſtone.— Wanderungen der Büf⸗ fel.— Der Büffel in der Schlinge.— Eine Trophäe der Wil⸗ den.— Supblette's einmaſtiges Boot.— Schiffsgefecht mit einem Bären.— Ein indianiſches Nachtlager.— Gefährliche Lage.— Stürme und Waſſerſchnecken.— Die beiden geſchickten Jäger hatten ſich kaum von einem Verdruſſe erholt, als ſie vom Schickſale beſtimmt waren, einen andern zu erdulden. Als das Boot ſchnell um ein niederes Vorgebirg fuhr, das dünn mit Bäumen überwachſen war, ſchrie einer der Jäger:„Indianer!“ Das Boot ward ſogleich vom Ufer abgeſtoßen, und ein jeder ergriff ſeine Büchſe.„Wo ſind ſie,“ rief Capitän Wyeth. „Dort— dort! ſie ſind zu Pferde,“ ſchrie einer der Jäger. „Ja, ſie haben weiße Schärpen an!“ rief der Andere. Capitän Wyeth ſah nach der Richtung, nach welcher ſie hindeuteten, konnte aber nichts entdecken, als zwei „ — 69— Fiſchaare, die auf einem niedern, verdorrten Aſte, jen⸗ ſeits der Gebüſche, ſaßen, und durch die ſchnelle Bewe⸗ gung des Bootes ſich in entgegengeſetzter Richtung zu bewegen ſchienen. Die Entdeckung eines ſo groben Ver⸗ ſehens bei zwei Veteranen, die ſich auf die Sicherheit und Schärfe ihres Geſichtes etwas zu gute thaten, er⸗ regte ein herzliches Lachen auf ihre Unkoſten, und machte ihren Prahlereien ein Ende. Oberhalb ſeines Zuſammenfluſſes mit dem Dickhorn, iſt der Yellowſtone ein klarer Strom, ſeine Gewäſſer werden aber nach und nach trübe, und nehmen die gelbe Lehmfarbe des Miſſouri an. Der Strom machte ohn⸗ gefähr vier Meilen in einer Stunde, und hatte dann und wann reißende Strömungen, von denen einige ge⸗ fährlich ſchienen, worüber aber die Reiſenden ohne Zu⸗ fall kamen. Die Ufer des Fluſſes waren an manchen Orten ſteil, mit Schichten von erdpechhaltiger Kohle. Sie kamen jetzt in eine Gegend, wo ſie Büffel die Menge antrafen,— ein immer wanderndes Thier, das in zahlloſen Herden von Gegend zu Gegend dieſer wei⸗ ten Wildniß zieht, Ebenen überſchreitet, durch die engſten Thalſchluchten dringt, über Ströme ſchwimmt, und in ſteter Bewegung auf ſeinen endloſen Wanderungen durch eine fortererbte Erkenntniß geleitet wird, wie die befinn⸗ ten Geſchwader des Oceans, zu gewiſſen Jahreszeiten ihre geheimnißvollen Wege durch die Tiefe des Meeres finden, und die entfernteſten Küſten wieder aufſuchen. 8 — 70— Dieſe großen wandernden Herden der Büffel haben ihre langgewohnten Pfade und Heerſtraßen, die ſich, tief ausgetreten, durch das Land hinziehen, und nach den ſicherſten Gebirgspäſſen und Furten der Ströme führen. Wenn einmal eine große Colonne in ſchnelle Bewegung geſetzt iſt, dann geht es, über alle Hinderniſſe hinweg, raſch vorwärts; die Vordern werden von der ſich hinter ihnen bewegenden Maſſe fortgetrieben. In ſolchen Zei⸗ ten brechen ſie durch ein Lager und treten Alles nieder, was ihnen unter die Füße kommt. Die Reiſenden hatten das Schickſal, einſt Nachts an einem dieſer Landungsplätze und genau auf ihrer Fährte zu lagern. Sie waren noch nicht lange eingeſchlafen, als ſie durch das große Gebrüll und Getrabe, das Rau⸗ ſchen, Plätſchern und Schnauben der Thiere in dem Fluſſe aufgeweckt wurden. Sie hatten eben noch Zeit eine Büffelarmee an dem entgegengeſetzten Ufer in den Strom kommen, und auf ihren Lagerplatz zuſchwimmen zu ſehen. In aller Eile brachten ſie ihr Boot weg, und veränderten ihren Lagerplatz, um welche Zeit die Spitze der Colonne das Land erreicht hatte, und am Ufer hin⸗ auf ſtieg. Es war ein ſonderbarer Anblick bei dem ungewiſ⸗ ſen Mondlichte dieſes unzähliche Gedränge zu ſehen, wie ſie ſich ſchnaubend, brüllend und plätſchernd ihren Weg durch den Fluß bahnten. Bisweilen kommen ſie in einer ſolchen dichten Maſſe, und einer ſolchen langen Colonne, daß ſie gleichſam einen Damm über den Fluß bilden, deſſen Waſſer ihnen über den Rücken, oder durch ihre Geſchwader ſchießt. Man hört das Gebrüll und das Geräuſche einer dieſer großen Herden, die über den Fluß ſetzt, in einer ſtillen Nacht bisweilen Meilen weit. Die Reiſenden hatten jetzt Wild im Ueberfluſſe. Sie konnten ſo viele Büffel tödten, als es ihnen gefiel. Sie waren in ihren Verheerungen bisweilen muthwillig, vor⸗ züglich unter zerſtreuten Herden, die ſchwimmend in die Nähe des Bootes kamen. Einmal kam ein alter Ochſe ſo nahe, daß die Halbweißen ihn mit einer Schlinge zu fangen verſucht wurden, wie man ein wildes Pferd fängt. Sie Schlinge ward ihm glücklich um den Kopf geworfen und an ſeinen Hörnern befeſtigt, und ſie ver⸗ ſprachen ſich jetzt einen großen Spaß. Der Büffel machte ein furchtbares Getöſe im Waſſer, brüllte, ſchnaufte und ſchlug um, und ſie ſchwammen mit einander ſtromab⸗ wärts. Endlich faßte er Fuß auf einer Sandbarre und riß aus, indem er gleich einem, mit der Harpune ver⸗ wundetem Wallſiſch, das Boot mit ſich fortwirbelte, ſo daß die Jäger genöthigt waren, das Seil fahren zu laſſen, und der ehrwürdige Ochſe ſich mit dieſem ſonder⸗ baren Kopfputze nach den Prairieen fort machte. Am 24. Auguſt fuhr das Ochſenboot mit ſeiner abentheuerlichen Bemannung in den breiten Strom des Miſſourifluſſes ein. Hier landeten die Reiſenden, etwa ſechs Meilen oberhalb der Mündung des Yellowſtone's am Fort Union, ein diſtribuirender Poſten der amerika⸗ niſchen Pelzhandels⸗Compagnie im Weſten. Es war ein eingepfähltes Fort, von etwa zwei hundert und zwanzig Fuß im Geviert, und angenehm auf hohen Ufern gele⸗ gen. Hier wurden ſie von Herrn MKenzie, dem Ober⸗ Intendanten, gaſtfreundlich bewirthet, und blieben drei Tage bei ihm. Auch wurde ihnen hier der lang entbehrte Genuß, von Brod, Butter, Milch und Käſe zu Theil, denn das Fort war mit zahmen Rindvieh wohl verſe⸗ hen. Man ſagt, daß die Atmoſphäre dieſer erhaben lie⸗ genden Gegenden, zum Anbau von Gemüſen zu trocken ſey; die Reiſenden hatten aber doch, indem ſie den Yel⸗ lowſtone hinabfuhren, Pflaumen, Trauben, Kirſchen und Johannisbeeren angetroffen, und Eſchen und Ulmen be⸗ merkt. Wo dieſe wachſen, da kann das Klima nicht un⸗ verträglich mit dem Gartenbaue ſeyn. Im Fort Union traf Capitän Wyeth ein trauriges Andenken an einen ſeiner Leute an. Es war eine Pul⸗ verflaſche, die ein Handlungsdiener von einem Krieger der Schwarzfüße erkauft hatte. Man fand die Anfangs⸗ Buchſtaben des Namens des armen More darauf, des unglücklichen Jünglings, der ein Jahr vorher durch die Schwarzfüße in der Jackſons⸗Höhle umgebracht worden war, und deſſen Gebeine nachher Capitän Bonneville gefunden hatte. Dieſe Flaſche war entweder in dem Stamme von Hand zu Hand gegangen, oder vielleicht durch denſelben Wilden, der ihn erſchlagen hatte, nach dem Fort gebracht worden. Da das Ochſenboot ſich jetzt beinahe abgenutzt hatte und für den breiten und ungeſtümen Miſſouriſtrom gänzlich unbrauchbar geworden war, ſo ward es aufge⸗ geben und an ſeiner Stelle ein von den Schwarzfüßen aus einem Baumwollholzſtamme verfertigter Kahn, von ohngefähr zwanzig Fuß Länge gekauft. Hierin zog Ca⸗ pitän Wyeth ſeine Segel auf, und lenkte, dem gaſtfreund⸗ lichen Ober⸗Intendanten des Forts Union, ſein Lebewohl ſagend, ſeinen Kiel nach Oſten, den Miſſouri hinab. Er war noch nicht viele Stunden gefahren, als er an dem Abend ein großes, flaches Boot erreichte, das vor Anker lag. Es erwies ſich, daß es das Boot von Ca⸗ pitän William Sublette und mit Munition befrachtet war, um der amerikaniſchen Pelzhandels⸗Compagnie einen mächtigen Widerſtand entgegen zu ſetzen. Die Reiſen⸗ den gingen an Bord deſſelben, und wurden mit der herzlichen Gaſtfreundſchaft der Wildniß aufgenommen. Sie brachten einen geſelligen Abend im Geſpräche über Scenen und Abentheuer der Vergangenheit, hauptſächlich über das denkwürdige Gefecht in Pierre's Höhle hin. Hier beſchloß ſich Milton Sublette, ſeine Weiter⸗ reiſe in dem Kahn aufzugeben, und bei ſeinem Bruder zu bleiben. Die Reiſenden nahmen daher am andern Morgen von einander freundlichen Abſchied, und der Capitän ſetzte ſeinen Lauf weiter fort. Es war jetzt 2 keiner mehr in ſeinem Boote, der je auf dem Miſſouri gereiſ't war; ſie hatten jedoch eine leichte Fahrt den Strom hinab, und waren ohne Gefahr, ihren Weg zu verfehlen.. Den ganzen Tag über fuhren die Reiſenden wei⸗ ter, landeten am Abend und aßen zu Nacht. Sie ſchiff⸗ ten ſich dann wieder ein, ließen den Kahn den Strom hinabgleiten, und wechſelten im Wachen und Schlafen ab. Die Nacht war hell und ruhig, die Elenthiere un⸗ terhielten ein beſtändiges Winſeln und Schreien, da es der Anfang der Jahrszeit war, wo ſie in der Brunſt ſind. Mitten in der Nacht fuhr der Kahn auf einer Sandbarre auf und Alles wurde durch den Stoß und den Aufruhr des toſenden Waſſers aufgeweckt, das ſich rings an ihm brach. Sie waren alle über Bord zu ſpringen und hart zu arbeiten genöthigt, um ihn wieder flott zu machen, was ſie nur mit vieler Mühe zu Stande brachten. In dem Laufe des folgenden Tages ſahen ſie, zu verſchiedenen Zeiten, drei grauliche Bären an dem Ufer. Der letzte ſtand auf einer Landſpitze, und ging deutlich auf den Fluß zu, um über zu ſchwimmen. Die beiden halbweißen Jäger waren jetzt begierig, das Manövre mit der Schlinge zu wiederholen, da ſie ſich ſchmeichelten, Meiſter Petz zu fangen, und ſich dann den beſondern Spaß zu machen, ihm den Hals zuzuſchnüren, und ihn zu erſäufen. Ihre einzige Furcht war nur die, daß er — 25 erſchrecken und ans Land zurückkehren möchte, ehe ſie zwiſchen ihn und das Ufer kommen könnten. Sie hiel⸗ ten ſich daher zurück, bis er mitten in den Strom ge⸗ kommen war, und fuhren dann mit aller Macht auf ihn zu, um ihm den Rückweg abzuſchneiden, und ihn von hinten zu faſſen. Einer der Ehrenmänner ſtellte ſich auf den Bug des Schiffes mit einem. Seile, das mit einem Schlupfe verſehen war, und der andere hand⸗ habte mit dem Nez⸗percé die Ruder. 73 Es fiel dem ehrlichen Meiſter Petz aber nichis we⸗ niger ein, als ſeinen Rülkzug zu nehmen. Als ihm das Boot ſich eben nähern wollte, drehte er ſich, mit einem ſchrecklichen Gebrumme und furchtbar 1 ahn fletſchen, plötzlich um, und machte auf ſelbigez Der erſchrok⸗ kene Jäger rief ſeinem Käne aden 1 weg zu rudern. Sie hatten taum d bt um erreht, als der Bär ſeine ungeheuern d.hen auf die untern Balken legte, und an Bord zu kommen verſuchie. Das Boot ſchlug nächſt um, und eine Waſferfluth kam über den Schanddeckel. Jetzt war Alles in Lärm, Schrecken und Verwirrung. Ei der ſchrie, der Bär brüllte und brummte;— Einer kuffte ſeine Flinte auf, allein das Waſſer hatte ſie um ruchbar gemacht; Andere griffen noch herzhafter zu ihren Rudern, und ſchlugen dem al⸗ ten Meiſter Petz auf Kopf und Tatzen, ſo daß er ge⸗ nöthigt ward, ſeinen Hal Sie ruderten jetzt aus allen Kräften, der Bär nahm ſeinen Weg eilig nach dem Ufer, und ſo endete die zweite Heldenthat mit der Schlinge; die Jäger nahmen ſich vor, kein Schiffsgefecht mehr mit grauen Bären zu halten. Die Reiſenden waren jetzt aus dem Bezirk der Krähen und Scharzfüße, nahten ſich aber dem Lande der Rees oder Arickara's, einem nicht minder gefährlichen Völkerſtamme, die kleine Partien gewöhnlich feindſelig behandelten. Auf ſeiner Reiſe durch ihr Land, legte Capitän Wyeth den ganzen Tag bei, und fuhr ruhig bei Nacht den Strom hinab. Auf dieſe Weiſe ſetzte er ſeine Fahrt fort, bis er glücklich durch die gefährlichen Bezirke gekommen zu ſeyn glaubte, wo er ſeine Tag⸗ reiſen wieder aufnahm. Am 3. September hatte er um die Mittagszeit ge⸗ landet, um eine Mahlzeit zu halten, und während Einige Feuer anmachten, ſtieg einer der Jäger auf ein hohes Ufer, um ſich nach Wild umzuſehen. Er hatte kaum ſeine Augen umhergeworfen, als er Pferde auf dem ge⸗ genüberliegenden Ufer graſen ſah. Er duckte ſich nieder und ſchlich nach dem Lager zurück, um zu berichten, was er geſehen hatte. Bei weiterer Recognoscirung zählten die Reiſenden zwei und zwanzig Zelthütten und ſchloſſen aus der Anzahl der Pferde, daß hier etwa hundert In⸗ dianer im Lager liegen müßten. — 7— Sie zogen jetzt ihr Boot in aller Eile in ein Dik⸗ kicht von Waſſerweiden und hielten ſich den ganzen Tag über verborgen. So wie die Nacht eingetreten war, ſchifften ſie ſich wieder ein. Der Mond ging frühzeitig auf, ſo daß ihnen nur noch zwei Stunden übrig blieben, um im Dunkeln an dem Lager vorüber zu kommen. Die Nacht war jedoch wolkig und es ging ein brauſen⸗ der Wind. In der Stille und mit bewickelten Rudern glitten ſie den Strom hinab und hielten ſich dicht unter den, dem Lager gegenüber liegenden Ufer, ſeine verſchiedenen Zelthütten und Feuer und die dunkeln Geſtalten beobach⸗ tend, die ſich zwiſchen ihnen hin und her bewegten. Plötzlich, als ſie ſich um eine Landſpitze drehten, ſahen ſie ſich dicht vor einem anderen Lager, auf ihrer eigenen Seite des Fluſſes. Es ſchien, daß nicht mehr, als die eine Hälfte der Bande übergeſetzt hatte, und ſie befanden ſich nur noch wenige Nards vom Ufer; deutlich ſahen ſie die Wilden um das Feuer, theils ſtehen, theils liegen. Pferde graſ'ten um ſie herum, mehrere der Zelthütten waren noch aufgeſchlagen, andere bereits über den Strom gebracht worden. Der rothe Feuerſchein auf dieſe wilden Gruppen und barſchen Geſichtern, der gegen die ſie umgebende Dunkelheit abſtach, machte auf die Reiſenden, die ſolches plötzlich erblickten, einen ſchreckbaren Eindruck. Die Hunde des Lagers wurden ihrer gewahr und bellten; — 78— die Indianer gaben aber glücklicher Weiſe auf ihr Ge⸗ bell nicht Acht. Capitän Wyeth drehte ſein Boot ſogleich in die Mitte des Stromes, als es unglücklicher Weiſe auf einer Sandbarre auffuhr, und ſitzen blieb. Dies war eine gefährliche und prüfungsvolle Lage; denn er ſaß zwiſchen zwei Lagern und auf Schußweite von bei⸗ den feſt. Sie ſprangen jetzt Alle in das Waſſer, und verſuchten, das Boot wieder flott zu machen; da aber keiner ein Wort von ſich zu geben wagte, ſo konnten ſie nicht mit einander ziehen, und ihre Arbeit war ver⸗ „geblich. Aunuf dieſe Weiſe arbeiteten ſie lange, bis der Ca⸗ pitän Wyeth auf den Gedanken kam, ein Signal mit ſeinem Hute zu geben, damit Alle auf einmal angriffen. Dieſes war von Erfolg; ſie ſchoben ihr Boot wieder in tiefes Waſſer, ſtiegen ein, und hatten das Vergnügen, die Lagerfeuer der Wilden bald in der Entfernung ſchwinden zu ſehen. Der folgende Tag war windig, und ihr Boot wurde beinahe durch das Segel umgeworfen. Gegen Abend legte ſich der Wind, und es erfolgte eine ſchöne, ruhige Nacht. Sie ließen die Nacht hindurch ihren Kahn den Strom hinab ſchwimmen und wechſelten im Wachen und Steuern um. Die tiefe Stille der Nacht wurde bisweilen von dem Wimmern der Elenthiere, dem hei⸗ ſeren Gebrüll der Büffel, dem Geſchrei der großen Eulen und Uhu's, und dann und wann von dem Geplätſcher — 790— eines Bibers, oder dem trommelähnlichen, dumpfen Ge⸗ räuſche des Schwans unterbrochen. Ein Theil ihrer Reiſe war außerordentlich ſtürmiſch; ſie hatten ſcharfe Winde, furchtbare Gewitter und durch⸗ dringende Regen. Sie waren mehreremale durch Treibholz und umgeſunkene Bäume gefährdet worden. Einſt kamen ſie, nachdem ſie die ganze Nacht fortgeſchwommen, und der Mond untergegangen war, unter eine große Waſſerſchnecke, oder einen umgeſunkenen Baum, deſſen verdorrte Aeſte über dem Waſſer hervorragten. Dieſe ergriffen den Maſt, während das Boot ſich mit der Seite gegen den Strom ſchwengte, und ſich mit Waſſer zu füllen begann. Es rettete ſie hier nichts von einem totalen Schiffbruche, als daß ſie den Maſt abhieben. Sie trieben dann den Strom hinab; einer der unglücklichen Halbweißen blieb jedoch an der Waſſerſchnecke hängen, wie ein Affe an der Stange. Sie mußten jetzt wieder ans Ufer fah⸗ ren, ſich mühſam gegen den Strom hinaufarbeiten, um eine Strecke über der Waſſerſchnecke zu erreichen, dann wie⸗ der in den Fluß ſtoßen und zu ſeiner Erlöſung hinabfahren. Wir enthalten uns alle Umſtände und Abentheuer einer länger als monatlichen Reiſe, umſtändlich zu be⸗ richten, welche die Kreuz und Quer alle Krümmungen dieſes weitläufigen Fluſſes hinabging, und im Laufe welcher ſie bisweilen an einem Poſten der beiden Pelz⸗ handels⸗Compagnien oder einer Regierungs⸗Agentſchaft, bei einem indianiſchen Stamme anhielten. Auch wer⸗ — 80— den wir uns nicht bei der Veränderung des Klimas und der Produkte verweilen, da die Reiſenden von Nor⸗ den nach Süden über mehrere Grade der Breite fuhren, und in den Regionen der Eichen und Sycamore*), der Maulbeer⸗ und Baßholzbäume, der Papageien und wil⸗ den Truthühner ankamen. Es iſt dies eines der charac⸗ teriſchen Eigenſchaften des mittlern und untern Miſſouris noch mehr aber des Miſſiſippi, deſſen reißender Strom durch eine Reihe von Breitegraden fließt, ſo daß er den Reiſenden faſt von den Eisregionen bis zu den tropi⸗ ſchen führt. Die Reiſe des Capitän Wyeth zeigt eine regelmä⸗ ßige und ungehinderte Strömung der Flüſſe auf der Oſtſeite der Felsgebirge, im Contraſt mit jenen der Weſtſeite, wo den Reiſenden beſtändig Felſen und reiſ⸗ ſende Strömungen bedrohen und ſich ihm entgegen⸗ ſetzen. Wir ſehen ihn in einer gebrechlichen Barke von Häuten, ſich am Fuße der Felsgebirge dem Strome über⸗ laſſen, und von Fluß zu Fluß hinabſchwimmen, wie ſich einer in den andern ergießt, und ſo hätte er über zwei Tauſend Meilen fortfahren mögen, bis ſeine kleine Barke in den Ocean getrieben wäre. Für jetzt laſſen wir ihn am Cantonnement Leaven⸗ worth, dem Gränzpoſten der vereinigten Staaten anhal⸗ ten, wo er am 27. September ankam. *) Adamsfeigenbäume. — 81— Hier war ſeine erſte Sorge, ſeinen Nez⸗percé⸗In⸗ dianer und den halbweißen Knaben Baptiſt vacciniren zu laſſen. Als ſie ſich dem Fort näherten, wurden ſie von der Schildwache begrüßt. Der Anblick eines Sol⸗ daten in voller Uniform, mit dem langen Meſſer, wie er meinte, das auf ſeiner Muskete glänzte, flößte Bap⸗ tiſt eine ſolche Furcht ein, daß er davon lief und was er konnte um Gnade ſchrie. Der Nez⸗percé würde ihm gefolgt ſeyn, wenn ihn Capitän Wyeth nicht verſichert hätte, daß er nichts zu befürchten habe. Als ſie ſich der Operation mit der Lanzette unter⸗ werfen mußten, war daß Weib des Doctors und eine andere Dame gegenwärtig— beide ſchöne Frauenzim⸗ mer. Es waren die erſten weißen Frauen, die ſie ge⸗ ſehen hatten, und ſie konnten ihre Augen nicht von ihnen abwenden. Als ſie in das Boot zurückkehrten, erzählten ſie ihren Gefährten Alles, was ſie im Fort bemerkt hat⸗ ten, waren aber vorzüglich beredt über die weißen Squaws, die, wie ſie ſagten, ſchneeweiß und ſchöner wären, als irgend ein menſchliches Weſen, das ſie bis⸗ jetzt geſehen hätten. Wir wollen den Capitän nicht weiter in ſeiner Reiſe begleiten, ſondern bloß anführen, daß er ſeinen Weg nach Boſton einſchlug, wo es ihm glückte, eine Compag⸗ nie unter der Firma„die Columbiaflußfiſcherei⸗ und Handels⸗Compagnie“ zuſammen zu bringen, um ſeinen Hauptzweck einer Salmenſiſcherei und eines Handels mit 72.— 74. 6 Pelzen zu erreichen. Eine Brigg, die May⸗Dacres, war nach dem Columbiafluße mit Vorräthen abgeſchickt wor⸗ den, und er befand ſich jetzt auf dem Wege, nach dem nämlichen Punkte, an der Spitze von ſechszig Mann, die er zu Saint Louis angeworben hatte. Einige von ihnen waren erfahrene Jäger, und mehr an das Leben der Wildniß gewöhnt, als ſeine erſte Bande„Down⸗Easters.“ Wir wollen jetzt zu Capitän Bonneville und ſeiner Partie zurückkehren, die wir im Biberflußthale zurück⸗ ließen, beſchäftigt ihre Päcke zu machen und ihre Pferde zu ſatteln. Drei und vierzigſtes Kapitel. Abreiſe des Capitäns Bonneville nach dem Columbiafluſſe.— Vorrücken des Capitäns Wyeth.— Anſtrengung die Vorhand zu behalten.— Eine Partie der Hudſonsbai⸗Compagnie.— Eine Gaſterei.— Ein köſtlicher Trank.— Honig und Alkohol. — Arges Zechen.— Der kanadiſche Bonvivant.— Eine Ver⸗ ſteckgrube.— Ein ſchneller Marſch.— Capitän Wyeth und ſeine Pläne.— Seine Reiſegefährten.— Noch mehr Schmau⸗ ſereien.— Eine Unterbrechung.— Es war am 3. Juli, daß Capitän Bonneville zum zweitenmale nach den Ufern des Columbiafluſſes, an der Spitze von drei und zwanzig Mann, aufbrach. Er reiſ'te, um ſeine Pferde munter zu erhalten, gemächlich, bis zum 10. Juli, wo ihm ein Kundſchafter die Nach⸗ richt überbrachte, daß Capitän Wyeth mit ſeiner Bande nur etwa fünfzig Meilen hinter ihm ſey, und in mög⸗ lichſter Eile nachkomme. Dies verurſachte einigen Lärm in dem Lagerz denn es war wichtig, zuerſt in den Büffelbezirken anzukom⸗ men, um ſich Proviſion für die Reiſe zu verſchaffen. Da die Pferde zu ſchwer beladen waren, ſo wurde ſo 6* — 84— hurtig als möglich, eine Verſteckgrube gegraben, um alles überflüſſige Gepäck in derſelben unterzubringen. Als ſie eben beendigt war, ſprang auf dem Boden der⸗ ſelben eine Quelle aus der Erde. Es wurde daher eine zweite Verſteckgrube, etwa zwei Meilen weiter gegra⸗ ben, als ſie aber eben im Begriff waren, ihre Effecten hinein zu legen, ſahen ſie einen Reiterzug mit Packpfer⸗ den über die Ebene kommen, der ſich ganz in der Nähe lagerte. Es zeigte ſich, daß es eine kleine Bande im Dienſte der Hudſonsbai⸗Compagnie war, die unter dem Befehle eines kanadiſchen Veteranen ſtand; einem jener kleinen Anführer, die mit einer geringen Partie von Leuten und einem kleinen Vorrathe von Waaren verwendet werden, einer Bande von Indianern aus einem Jagdreviere in das andere zu folgen, und ihre Rauchwaaren einzu⸗ handeln. Da der Capitän von Seiten der Hudſonsbai⸗Com⸗ pagnie mehrmals Höflichkeits⸗Erweiſungen empfangen hatte, ſo ſchickte er eine Einladung an die Offiziere der Partie zu einem Abendeſſen und beſchäftigte ſich mit den Zubereitungen hierzu. Da die Nachtluft in dieſen hohen Gegenden bis⸗ weilen ſehr kalt zu ſeyn pflegt, ſo wurde bald ein lo⸗ derndes Feuer angezündet, das, ſtatt eines Sommer⸗ nachtsbanket, es einem Weinachtseſſen Ehre gemacht hätte. Die Partien kamen als gute Kameraden zuſammen. Es — — — — 85— war Ueberfluß an Allem vorhanden, was die Jagd in der Nähe darbieten konnte, und es wurde mit dem ge⸗ ſunden Appetit der Gebirgsjäger verzehrt. Sie ſchwatzten über alle Begebenheiten ihrer letzten Feldzüge; allein der kanadiſche Veteran war in einigen ſeiner Unternehmungen nicht glücklich geweſen, und run⸗ zelte düſter die Stirne. Capitän Bonneville bemerkte ſeinen beginnenden Spleen, und bedauerte, daß er kei⸗ nen Rebenſaft habe, ihn zu beſchwören. Der Verſtand des Menſchen in der Wildniß wird aufgeweckt und erfinderiſch. Es fiel dem Capitän ein Gedanke bei, wie er ſich einen köſtlichen Trank bereiten könne. Unter ſeinen Vorräthen befand ſich ein friſch ge⸗ leertes Honigfaß. Dieſes füllte er mit Alkohol an, und rührte die geiſtigen und ſüßen Ingredienzien durchein⸗ ander. Man kann ſich den glücklichen Erfolg leicht vor⸗ ſtellen, es war eine glückliche Miſchung des Starken mit dem Süßen, hinreichend, die mürriſchte Stimmung des Gemüths zu beſchwichtigen, und den ſolideſten Ver⸗ ſtand zu verrücken. Der Trank wirkte bezaubernd: die Kanne ging froh in dem Kreiſe herum, und der erſte tüchtige Schluck ver⸗ ſcheuchte alle Sorgen aus der Seele des Veterans, ein zweiter erhob ſeinen Geiſt in die Wolken. Es war in der That ein fröhlicher Kamerad, wie alle kanadiſche Veteranen zu ſeyn pflegen. Er wurde jetzt ruhmredig, ſprach von allen ſeinen Thaten, ſeinen Jagden, ſeinen — 86— Gefechten mit den indianiſchen Braven und ſeinen Lie⸗ besabentheuern mit indianiſchen Schönen; ſang Bruch⸗ ſtücke aus alten franzöſiſchen Liedern und kanadiſchen Schiffergeſängen, trank immer tiefer und tiefer, und ſang immer lauter und lauter, bis er den höchſten Gip⸗ fel trunkener Fröhlichkeit erreicht hatte. Nach und nach fing er an zu nicken, und fiel endlich im feſten Schlafe zu Boden. Nachdem er lange geſchlafen hatte, richtete er ſich abermals auf, nahm noch einen andern Schluck vom Süßen und Starken, flackerte dann abermals mit franzöſiſcher Froͤhlichkeit auf, und ſank wieder in den Schlaf. Der Morgen fand ihn noch auf dem Schlachtfelde, allein in einer traurigen und kummervollen Lage, da er die Strafe des genoſſenen Vergnügens erlitt, und ſich unter wiederholtem Erbrechen und Krämpfen, der ſüßen Miſchung des Capitäns erinnerte. Es ſchien, als ob der Honig und der Alkohol, der ihm ſo ſanft und ſchlüpferig über die Zunge geglitten war, ſich mit ſeinem Magen im Krieg und ein Schwarm Bienen in ſeinem Kopfe befände. Kurz ſein Zuſtand war ſo traurig und trüb⸗ ſelig, daß ſeine Partie ſich ohne ihn auf den Weg machte, indem ihnen der Capitän verſprach, ihn in dem Laufe des Tages wohlbehalten nachzubringen.. Sobald dieſe Partie weg war, ſchritt Capitän Bon⸗ neville mit ſeinen Leuten dazu, ihre Verſteckgrube zu machen und anzufüllen, und als ſie eben damit fertig — 87— waren, entdeckte man die Partie des Capitäns Wyeth in der Entfernung. Augenblicklich war Alles in Thätigkeit, ſich wieder auf den Weg zu machen. Die Pferde wur⸗ den angeſchirrt und aufgeſtiegen, und da ſie um einen großen Theil ihrer Laſt erleichtert waren, ſo waren ſie im Stande, ſich geſchwinder zu bewegen. Was den würdigen Gaſt von dem vorhergehenden Abend anbe⸗ belangt, ſo wurde er von ſeinem Jägerlager ſorgfältig aufgehoben, auf dem er ſanft und ſchläferig hingeſtreckt lag, dann auf eins der Pferde gepackt und mit ihm fortgejagt, ſo daß er bei jedem Stoße aufſchrie und ächzte. In dem Laufe des Tages holte Capitän Wyeth, der ſich, leicht beritten, an der Spitze ſeiner Bande be⸗ fand, den Capitän Bonneville ein. Ihr Zuſammentref⸗ fen war freundſchaftlich und höflich, und ſie erzählten ſich einander vertraulich die beiderſeitigen Begebenheiten, die ſie erlebt, ſeitdem ſie ſich an dem Ufer des Dickhorn von einander getrennt hatten. Capitän Wyeth kündigte ſeine Abſicht an, einen kleinen Handelspoſten an der Mündung des Portneuf anzulegen, und dort einige ſei⸗ Leute mit einer Menge Güter zurück zu laſſen, um mit den benachbarten Indianern zu handeln. Er war in der That zu dieſer Maßregel gezwungen, weil ſich die Fels⸗ gebirgs⸗Pelzhandels⸗Compagnie geweigert hatte, einen Vorrath von Gütern anzunehmen, den er, laut Accord, für ſie mitgebracht hatte, und über die er auf andere Weiſe nicht verfügen konnte. — 88— Er benachrichtigte den Capitän Bonneville ferner, daß die Streitigkeiten zwiſchen den Felsgebirgs⸗ und amerikaniſchen Pelzhandels⸗Compagnien, die bisher zu nichtswürdiger Hinterliſt und tödtlichen Zwiſten geführt hätten, beigelegt ſeyen, indem ſie das Land unter ſich getheilt und ſich Gränzen geſteckt hätten, innerhalb wel⸗ cher ſie ſich im Handel und Jagen zu beſchränken hät⸗ ten, ſo daß keine auf das Gebiet der andern überſchreite. In der Geſellſchaft des Capitäns Wyeth reiſ ten zwei Gelehrte, Herr Nuttall, ein Botaniker, derſelbe der, zur Zeit der Expedition nach Aſtoria, den Miſſouri hinab⸗ fuhr, und Herr Townshend, ein Ornithologe. Von die⸗ ſen beiden Gentlemen dürfen wir wichtige Nachrichten über dieſe merkwürdige Gegenden erwarten. Es befan⸗ den ſich auch drei Miſſionäre dabei, die nach den Ufern des Columbiafluſſes wollten, um das Licht des Evange⸗ liums in jener weiten Wüſte zu verbreiten. Nachdem ſie einige Zeit, in freundſchaftlicher Unterhal⸗ tung, miteinander geritten waren, kehrte Capitän Wogth zu ſeiner Partie zurück, und Capitän Bonneville reiſ'te eilig weiter, um einen Vorſprung zu gewinnen. Gegen Abend ſchickte er den traurig⸗moraliſirenden, nüchtern gewor⸗ denen Führer der Hudſonsbai⸗Compagnie, unter einer eigenen Bedeckung ſeinen Leuten nach, deren Weg in einer ganz verſchiedenen Richtung lag. Letzterer nahm von ſeinem Wirthe einen herzlichen Abſchied, in der Hoffnung, bei einer ſpäteren Gelegenheit, die ihm ge⸗ — 9— wordene gaſtfreundſchaftliche Bewirthung, auf gleiche Art zu vergelten. Am folgenden Morgen war der Capitän wieder frühzeitig auf dem Marſche, und ſchickte Kundſchafter voraus, um Berg und Thäler nach Büffeln zu durch⸗ ſpähen. Er hatte zuverſichtlich erwartet, an den Quel⸗ len des Portneuf, Wild im Ueberfluſſe anzutreffen, als er aber jene Gegenden erreichte, war auch nicht eine Spur zu ſehen. Endlich entdeckte einer der Kundſchaf⸗ ter, der einen weiten Umweg nach den Quellen des Schwarzfußfluſſes genommen hatte, große Herden von Büffeln die ruhig in den umliegenden Wieſen graſ'ten. Er machte ſich auf die Rückkehr, um ſeine Entdeckung mitzutheilen, und ward wohlwollend und gaſtfreundlich in dem Lager des Capitän Wyeth aufgenommen. So⸗ bald es tagte, eilte er mit der angenehmen Nachricht in ſein eigenes Lager, und gegen 10 Uhr deſſelben Mor⸗ gens, befand ſich Capitän Bonneville mitten unter dem Wilde. Die Päcke waren kaum von den Maulthieren ab⸗ geladen, als die„Läufer“, welche die flinkſten Pferde ritten, ſich ſchon in voller Jagd auf die Büffel befanden. Andere ſeiner Leute waren beſchäftigt, Geſtelle aufzu⸗ ſchlagen und Einrichtungen zu treffen, das Fleiſch zu ſalzen und zu trocknen, und wieder Andere zündeten zu demſelben Endzwecke große Feuer an. Bald erſchienen auch die Jäger, die die erwählteſten Stücke Büffelfleiſch — 90— brachten. Dieſe wurden auf die Geſtelle aufgehangen, und das ganze Lager bot ein Schauſpiel geſchäftiger Thätigkeit dar. Mit Tagesanbruch, am nächſten Morgen, zogen die Jäger wieder aus, und das mit dem nämlichen Erfolge, und nach einer Pauſe, die ſie machten um auszuruhen, hielten ſie eine dritte und letzte Jagd gegen 12 Uhr, denn um dieſe Zeit bekamen ſie die Brigade des Ca⸗ pitän Wyeth zu Geſicht. Da das Wild jetzt in ein entferntes Thal getrieben worden war, ſo wurde Capitän Wyeth genöthigt, ſein Lager dort aufzuſchlagen; er kam aber am Abend, dem Capitän Bonneville einen Beſuch abzuſtatten. Er war vom Capitän Stewart begleitet, der eine Luſtreiſe machte, und ſeinen Appetit nach dem abentheuerlichen Leben der Wildniß noch nicht geſtillt hatte. Bei ihm befand ſich ebenfalls ein Herr M⸗Kay, ein Halbweißer, und Sohn des unglücklichen Abentheurers deſſelben Namens, der mit der erſten Seeexpedition nach Aſtoria kam, und in dem Touquin aufflog. Sein Sohn war in Dienſten der britiſchen Pelzhandels⸗Compagnie aufgewachſen, ein vor⸗ züglicher Jäger und wagehalſiger Parteigänger. Er hatte überdies einen Pachthof in dem Thale des Wal⸗ lamut. Als dieſe drei Gäſte das Lager des Capitäns er⸗ reichten, waren ſie erſtaunt, nicht mehr als ihn, und drei ſeiner Leute in demſelben zu finden, da ſeine Bri⸗ — 91— gade nach allen Richtungen hin zerſtreut war, um die gegenwärtige Jagd ſo viel als möglich zu benutzen. Sie machten ihm Vorwürfe über die Unklugheit, in einer ſo gefahrvollen Gegend, mit einer ſo geringen Wache im Lager, zu bleiben. Capitän Bonneville rechtfertigte die Politik ſeines Benehmens; er nahm nie Anſtand alle ſeine Jäger auszuſchicken, wenn ein wichtiger Zweck er⸗ reicht werden ſollte, und die Erfahrung lehrte ihn, daß er ganz ſicher ſeyn konnte, wenn ſeine Leute in die Um⸗ gegend zerſtreut waren. Er war dann ſicher, daß ſich ihm kein Feind in irgend einer Richtung nähern konnte, ohne von ſeinen Jägern wahrgenommen zu werden, die ein zu ſcharfes Auge hatten, um nicht das geringſte An⸗ zeichen von der Annäherung der Indianer bemerken zu können, und daß dieſe ihn ſogleich im Lager davon be⸗ nachrichtigen würden. Der Capitän ſchritt jetzt mit ſeinen Leuten dazu, ſeine Gäſte auf eine angemeſſene Weiſe zu bewirthen. Es war eine Zeit der Fülle in dem Lager, von allen Leckerbiſſen der Jagd: von Büffelrückenſtücken und Zungen, gebratenen Rippen und Markknochen; alle in Jägers⸗ manier zubereitet, und in ſolcher Menge aufgetragen, wie man ſolches nur in einem füllereichen Jagdrevier kennt, und mit einem Appetite verzehrt, der unſere win⸗ zigen Stadtſchmarotzer in Erſtaunen ſetzen würde. Was aber über Alles ging, war, daß der Capitän, um dieſem wahrhaft mannlichen Gaſtmahle eine bacchantiſche Würze — 92— . zu geben, ſein Fäßchen mit dem ſelbſtgebrauten, honig⸗ ſüßen Nectar herbeiholte, der ſo mächtig auf die Sinne des Veteranen der Hudſonsbai⸗Compagnie gewirkt hatte. Es wurde jetzt wieder wacker gezecht. Nie erregte ein Trank eine größere Fröhlichkeit oder erhielt ſo feurige Lobſprüche. Die Partieen machten wackere Fortſchritte in dieſem glückſeligen Zuſtande, der ihnen am nächſten Tage reich⸗ liche Urſache zur Reue gegeben haben würde, und die Bienen fingen bereits an, ihnen um die Ohren zu ſum⸗ men, als eilig ein Bote mit der Nachricht ins Lager kam, daß Capitän Wyeth's Leute in eine jener tiefen und furchtbaren Schluchten gerathen ſeyen, die mit un⸗ geheuern, vulkaniſchen Felsbruchſtücken angefüllt, um die obern Gewäſſer des Schwarzfuß⸗Fluſſes das ganze Land durchſchneiden. Das Gelage hatte ſogleich ein Ende, und das Fäß⸗ chen mit dem ſüßen und mächtig wirkenden, ſelbſt ge⸗ brauten Getränke wurde verlaſſen. Die Gäſte reiſ'ten in aller Eile ab, um ihren verirrten Gefährten aus der vulkaniſchen Schlucht herauszuhelfen. — Vier und vierzigſtes Kapitel. Schneller Marſch.— Eine Staubwolke.— Wilde Reiter.— Hochleben.— Pferderennen und Büchſenſchießen.— Das Hand⸗ ſpiel.— Fiſchzeit.— Weiſe des Fiſchfanges.— Tafelländer.— Salmenfiſcher.— Des Capitäns Beſuch in einer indianiſchen Zelthütte.— Das indianiſche Mädchen.— Der Taſchenſpiegel. — Abendeſſen.— Beruhigung eines boͤſen Gewißens.— „Auf und fort!“ iſt der erſte Gedanke eines indiani⸗ ſchen Pelzhändlers bei Anbruch des Tages, wenn ein Nebenbuhler bei der Hand, und noch ein weiter Weg zu machen iſt. Früh am Morgen befahl Capitän Bonneville das halbgetrocknete Fleiſch auf die Pferde zu packen, und dem Capitän Wyeth und ſeiner Partie die Jagd der zerſtreuten Büffeln überlaſſend, eilte er ſchnell weg nach Oſten, um die Ebenen des Portneuf wieder zu er⸗ reichen. Sein Weg war rauh und gefährlich, durch vul⸗ kaniſche Hügel, von Klippen und Abgründen unterbrochen, und voller furchtbarer Klüfte, in welchen ſich die Felſen, wie die Mauern aufthürmten. Am zweiten Tage lagerte er jedoch noch einmal in der Ebene, und da es noch frühe am Tag war, ſo begaben ſich einige ſeiner Leute auf die benachbarten Hügel. In⸗ — 94— dem ſie ihre Augen in der Gegend umherwarfen, nah⸗ men ſie eine große Staubwolke wahr, die ſich gegen Süden erhob, und ſich ihnen augenſcheinlich näherte. Sie eilten nach dem Lager zurück, und machten dort Lärm. Es wurden ſogleich Vorbereitungen getroffen, um den Feind zu empfangen, während einige der Leute ſich auf Renner warfen, die zur Jagd gehalten wurden, und fortſprengten, um zu recognosciren. Sie kehrten in kurzer Zeit zurück und gaben Signale, daß nichts zu befürchten ſtehe. Jetzt hatte ſich die Staubwolke ſo ſchnell genähert, als wenn ſie der Wind vor ſich her getrieben hätte, und eine Bande wilder Reiter kam in vollem Galopp, heulend und ſchreiend, wie die Tollhäusler, in das Lager geſprengt. Ihre Kleidung und Ausrüſtung, ihre Art zu reiten und ihr rohes Geſchrei gab der Partie das Anſehen zum Krieg gerüſteter Wilden; es erwies ſich aber, daß ſie hauptſächlich halbweiße und weiße in der Wildniß wild gewordene Menſchen waren, die als Biberfänger und Jäger in dem Dienſte der Hudſonsbai⸗Compagnie ſtanden. Es ging jetzt abermals hoch in dem Lager her. Ca⸗ pitän Bonneville's Leute begrüßten dieſe wilden Strich⸗ vögel, als Menſchen ihres Schlages, oder vielmehr, als die wahren Raubvögel ihrer Gattung. Sie empfingen ſie mit der, bei Gebirgsjägern üblichen, Gaſtfreundſchaft, und bewirtheten ſie an jedem Feuer. Zuerſt theilten ſie ſich gegenſeitig ihre Abentheuer und Thaten mit, und es miſchten ſich Ausbrüche des Gelächters in ihre Scherze, dann kam das Herausſtreichen ihrer Pferde und Büch⸗ ſen, wovon jeder Mund überlief. Dies führte natürlich zum Wettrennen und Zielſchießen; ein Wettritt und eine Schützenprobe folgte der andern. Jubel und Zeichen des Beifalls erhoben ſich von Seiten der ſiegenden Par⸗ tie, dann folgte ein harter Wortwechſel und ein allge⸗ meines Handgemenge ſtand im Begriffe auszubrechen, als plötzlich die Aufmerkſamkeit der Zänker durch eine ſonderbare Art von indianiſchem Geſange oder Chor ge⸗ feſſelt ward, der wie ein Zauber auf ſie zu wirken ſchien. Ihre Wuth war jetzt zu Ende; es erfolgte eine ſtill⸗ ſchweigende Verſöhnung, und die Ideen der ganzen bunten Verſammlung von Weißen, Halbweißen und Squaws waren auf einen neuen Gegenſtand hingelenkt. Sie bildeten ſich alle in Gruppen um die verſchiedenen Feuer herum, und bereiteten ſich auf das unterhaltendſte Vergnügen der Nez⸗percés und der andern Stämme des fernen Weſtens. Der Chorgeſang, der bezaubernd auf ſie gewirkt hatte, war wirklich eine Art von wilder Begleitung zu dem indianiſchen Lieblingsſpiele, das„Handſpiel“ ge⸗ nannt. Dieſes Spiel wird von zwei Partien geſpielt, die in zwei ſich gegenüber ſtehenden Reihen vor einem brennenden Feuer aufgezogen ſind. Es gleicht einiger⸗ maßen dem alten Spiel, wo ein Ring oder ein Knopf von Hand zu Hand geht, und die Hand entdeckt werden — 96— muß, die ihn hält. In gegenwärtigem Spiel, iſt der zu verbergende Gegenſtand oder Cache, wie er von den Bibefängern genannt wird, ein kleiner Holzſpahn, oder ſonſt etwas Unbedeutendes, das man in der geſchloſſenen Hand verbergen kann. Dieſer geht bei der Partie„in der Hand“ hin und zurück, während die Partie„auſſer der Hand“ erräth, wo er verborgen iſt. Um den Spaß um Vieles zu erhöhen, und die Rathenden zu verwirren, werden eine Anzahl von trockenen Pfählen vor jeder Reihe hingelegt, auf welche die Partie„in der Hand“ wüthend mit kurzen Stäben und den Takt zu den be⸗ reits erwähnten Chorgeſängen ſchlägt, der immer lau⸗ ter und wüthender wird, wie ſie das Spiel weiter fort⸗ ſetzten. Da große Wetten auf daſſelbe geſetzt werden, ſo iſt die Ereiferung der Spielenden dabei auſſerordentlich. Beide Theile brechen dabei wechſelsweiſe in einen förm⸗ lichen Chorgeſang aus, ſchlagen, heulen und bringen ſich in eine ſolche Hitze, daß ihnen der Schweiß, ſelbſt in einer kalten Winternacht, den nackten Schultern herab⸗ rinnt. Wie das Spiel weiter fortgeſetzt wird, werden die Wetten verdoppelt und verdreifacht, ihre innere Aufregung ſteigert ſich faßt zur Tollheit, und die Spie⸗ ler ſetzten oft alle ihre zeitliche Habe an einen Pfiffer⸗ ling und wo er ſteckt. Dieſe Spiele dauerten die ganze Nacht durch. Jedes Feuer beleuchtete eine Gruppe, die einem Haufen Tollhäusler ähnlich ſahen, welche ihre ra⸗ ſenden Orgien feiern, und dies würde den ganzen fol⸗ genden Tag fortgedauert haben, wenn Capitän Bonne⸗ ville nicht ſein Anſehen ins Mittel gelegt und zur ge⸗ wöhnlichen Stunde ſeine Marſchordre ertheilt hätte. Seinen Weg den Schlangenfluß hinab nehmend, kehrten ſeine Jäger regelmäßig am Abend, beladen mit wil⸗ den Gänſen, zurück, die kaum fliegen konnten und leicht in großer Anzahl gefangen wurden. Es war jetzt die Zeit des jährlichen Fiſchfeſtes, wo⸗ mit die Indianer dieſer Gegend die erſte Erſcheinung von Salmen in dieſem Fluſſe feiern. Dieſe Fiſche wer⸗ den in großer Anzahl an den zahlreichen Waſſerfällen, von ohngefähr vier Fuß Höhe, gefangen. Die Indianer beſetzen zu beiden Seiten das ſeichte Waſſer unten, und ſtechen ſie, wenn ſie hinauf wollen. An breiteren Thei⸗ len des Fluſſes ſtellen ſie ebenfalls eine Art ſpaniſcher Reiter oder Wände von, mit Weiden durchflochtenen, Latten auf. Hiermit bildeten ſie einen Winkel, in wel⸗ chem eine kleine Oeffnung gelaſſen wird, damit der Salm durchkommen kann. Um dieſe Oeffnung ſtellen ſich die Indianer auf kleinen Holzflößen auf, und bedie⸗ nen ſich ihrer Fiſchgabeln mit großer Geſchicklichkeit. Die in dieſer Region ſo gewöhnlichen Tafelländer haben einen nicht ſehr tiefen Sandboden und ſind mit Salbei, oder beſſer geſagt, mit Wurmſamenkraut über⸗ wachſen. Unter dieſen befindet ſich eine ebene Felslage, hier oder dort in furchtbare Spalten zerriſſen. Die 72.— 74. 7 — 95— ganze Ebene erhebt ſich, wie ſie ſich dem Fluſſe nähert, und endigt ſich in hohe und zackige Felſen, über welche hinauszukommen ſchwierig iſt, und an manchen Orten ſind ſie ſo ſteil, daß es tagelang unmöglich iſt, an den Rand des Waſſers zu gelangen, um die Pferde zu trän⸗ ken. Dies nöthigt die Reiſen bisweilen, die Nähe des Fluſſes zu verlaſſen und einen weiten Umweg durch das Innere zu nehmen. Der Monat Juli war jetzt weit vorgerückt und die Partie litt auſſerordentlich durch das ſchwüle Wetter und den Staub der Reiſe. Die Fliegen und Schnaken wurden den Pferden auſſerordentlich läſtig, vorzüglich wenn ſie ſich an dem Rande des Fluſſes hinhielten, wo er zwiſchen niedern Sandufern läuft. Wenn ſich die Rei⸗ ſenden an dem Nachmittage lagerten, ſo begaben ſich die Pferde an die Sandufer und blieben dort, ohne einen Verſuch zu weiden, bis zur Kühle des Abends. Was die Reiſenden anbelangt, ſo badeten ſie ſich in der klaren und kühlen Fluth, um den Staub der Straße abzuwaſchen und ſich nach der Tageshitze zu erfriſchen. die Nächte waren kühl und angenehm. An einem der Plätze, auf welchem ſie einige Zeit lagerten, war der Fluß beinahe fünfhundert Nard breit, und mit grasreichen Inſeln beſäet, welche Haine von Weiden⸗ und Baumwollholzbäumen ſchmückten. Hier waren die Indianer in großer Anzahl verſammelt, und hatten die Kanäle zwiſchen den Inſeln geſperrt, um die — 99— Salmen mit deſto größere Leichtigkeit ſtechen zu können. Sie waren von einer furchtſamen Menſchengattung, und an den Anblick weißer Menſchen nicht gewöhnt. Capitän Bonneville trat in eine der Hütten und fand deren Bewohner damit beſchäftigt, einen ſchönen Salmen zuzubereiten. Sie thaten ihn in einen Topf, füllten ihn mit kaltem Waſſer an, und hingen ihn über das Feuer. So wie das Waſſer zu kochen anfängt, hält man den Fiſch für gehörig abgeſotten. Sich ohne Umſtände niederlaſſend, zündete der Ca⸗ pitän ſeine Pfeife in der Abſicht an, ſich zu der Mahl⸗ zeit einzuladen. Der Eigenthümer der Hütte ſchien ſeine Zudringlichkeit nicht übel aufzunehmen. Während er ſich mit ihm unterhielt, fühlte der Ca⸗ pitän, daß ſich etwas hinter ihm bewegte. Als er ſich umdrehte, und einige Felle und ein altes Büffelkleid wegſchob, erblickte er ein junges, etwa vierzehn Jahre altes, Mädchen, das darunter gekauert ſaß, ihm mit ih⸗ ren großen ſchwarzen Augen ins Geſicht ſah, und ihn in ſtummem Erſtaunen und Schrecken anzuſtarren fort⸗ fuhr. Der Capitän mühte ſich, ihre Furcht zu verſcheu⸗ chen, und verſuchte zu wiederholten Malen, ihr ein far⸗ biges Band, das er aus ſeiner Taſche zog, um den Hals zu knüpfen. Sie fuhr bei jedem Verſuche zurück, indem ſie einen, einem Gebrumme ähnlichen, Ton von ſich gab; auch konnten alle Schmeicheleien des Capitäns die Schüchternheit der kleinen, wilden Schönen nicht 7* — 100— überwinden, ob er gleich ein freundlich und wohlwollend ausſehender und etwas galanter Mann war. Seine Aufmerkſamkeit war jetzt auf die Eltern gerichtet, denen er eine Ahle und ein wenig Tabak zum Geſchenke machte, und nachdem er ſich hierdurch ihr Wohlwollen erworben hatte, fuhr er fort zu rauchen, und auf den Salmen Acht zu geben. Während er ſo in der Nähe der Thür⸗ ſchwelle ſaß, kam ein kleiner Knabe der Familie an die Thüre; ſo wie er aber den fremden Gaſt erblickte, fing er an vor Schrecken zu ſchreien und lief weg, um ſich hinter langem Stroh hinter der Hütte zu verbergen. Da der Capitän ihre Furchtſamkeit gänzlich zu ver⸗ ſcheuchen, und mit den einfachen Bewohnern der Hütte einen Handel zu eröffnen wünſchte, ſo zog derſelbe jetzt jene, in den Augen der Wilden ſo große Lock⸗ ſpeiſe, einen Taſchenſpiegel, hervor. Sein Anblick war unwiderſtehbar. Nachdem ſie ihn eine Zeitlang mit Staunen und Bewunderung betrachtet hatten, brach⸗ ten ſie ein Biſamratzenfell hervor, und boten es zum Tauſche an. Der Capitän ſchüttelte den Kopf, er kaufte aber das Fell für zwei Knöpfe— überflüſſiges Spiel⸗ zeug, da der ehrenwerthe Beſitzer der Hütte weder Rock noch Hoſen hatte, an welche er ſie hätte annähen können. Der Spiegel blieb aber immer noch der große Gegen⸗ ſtand ihrer Wünſche, vorzüglich in den Augen des Hauswei⸗ bes, die einen Topf mit getrocknetem Mehl und eine Schnur —ÿ — — 101— Biscuitwurzeln hervorholte. Sie erhielt hiergegen eine Kleinigkeit, konnte damit aber nicht den Spiegel er⸗ kaufen. Da der Salm nunmehr gar gekocht war, ſo ver⸗ ſammelten ſie ſich Alle zu einer herzlichen Abendmahlzeit. Es wurde dem Capitän eine große Portion von dem alten Weibe auf friſchem Graſe vorgelegt, das ſtatt des Tellers diente, und er hatte noch nie einen Salmen ge⸗ koſtet, der ſo ganz nach ſeinem Appetit war. Nach dem Abendeſſen zündete der Capitän ſeine Pfeife wieder an, und reichte ſie ſeinem Wirthe, der den Dampf einzog und ſo unabläſſig durch die Naſe bließ, daß ſein Kopf nach einer kleinen Weile Zeichen von Verwirrung und Schwindel von ſich gab. Da er hin⸗ länglich von den wohlwollenden und geſelligen Eigen⸗ ſchaften des Capitäns überzeugt war, ſo ward er leut⸗ ſelig und mittheilender, und ließ endlich einige Worte vom Eintauſche von Pferden gegen Biberfelle fallen. Der Capitän bot ihm hierauf ſein an der Thüre ange⸗ bundenes Pferd an. Der Kauf war bald geſchloſſen, worauf der Indianer einen Haufen von Büſchen weg⸗ raumte, unter welchen ſeine Schätze verborgen lagen, und die übereingekommene Anzahl von Biberfellen her⸗ vorzog. Da bald hierauf einige Leute des Capitäns kamen, ſo ließ er ſich ein anderes Pferd ſatteln, das er beſtieg — 102— unb wegritt, nachdem er vorher einige kleine Geſchenke unter die Bewohner vertheilt hatte. Während ſeines ganzen Beſuches hatte das kleine Mädchen ſeine großen, ſchwarzen Augen ſtarr, und faſt ohne zu blinzeln, auf ihn gerichtet gehalten, und jede ſeiner Bewegungen mit Furcht und Staunen beobachtet; als er wegritt, ſah ſie ihm bewegungslos, wie eine Statüe, nach; jedoch über ſeine Bekanntſchaft erfreut, beſtieg ihr Vater ſein neuerkauftes Pferd, und folgte dem Zuge des Capitäns, von dem er, während ſeines Aufenthaltes in der Nachbarſchaft, ein treuer und nütz⸗ licher Anhänger blieb. Die Furchtſamkeit eines beunruhigten Gewiſſens zeigte ſich in dem Benehmen von einem der Leute des Capitäns, der bei der Expedition nach Californien ge⸗ weſen war. Er hatte, während ihres Umgangs mit den harmloſen Leuten dieſes Ortes, Angſt und Unruhe ge⸗ zeigt. Während ſeine Kameraden offenherzig und ver⸗ gnügt mit den Eingebornen verkehrten, ging er mit un⸗ ruhigem, argloſem Blicke umher, jedes gemalte Geſicht oder Geſtalt forſchend anblickend, und fuhr oft vor dem ſanft müthigſten, harmloſeſten Wilden zurück, der ſich ihm plötzlich näherte, und der ihn ehrerbietig als ein höheres Weſen anſah. Dennoch war dies ein ſonſt ſehr verwe⸗ gener Burſche, der keine Gefahr ſcheute, noch vor einem Gefecht erbleichte. — 1035— Endlich bat er den Capitän Bonneville um Er⸗ laubniß, ſich dieſen Menſchen auſſer dem Geſicht halten zu dürfen. Ihre auffallende Aehnlichkeit mit den Men⸗ ſchen an dem Ogden, ſagte er, ließ ihn immer fürchten, daß ihn welche bei dieſer Expedition geſehen hätten, und vielleicht eine Gelegenheit ſuchten, ſich zu rächen. Selbſt nach dieſem pflegte er, ſo lange ſie ſich in dieſer Gegend auf⸗ hielten, ſich wegzuſchleichen, und bei Seite zu halten, wenn ſich Eingeborne näherten. „So ſind,“ bemerkt Capitän Bonneville,„die Ein⸗ drücke des Schuldbewußtſeyns, ſelbſt auf den herumſtrei⸗ fenden Trapper der Wildniß, der ſonſt wenig weiter zu fürchten hat, als die Biſſe ſeines eigenen ſchuldigen Ge⸗ wiſſens.“ — 104— Fünf und vierzigſtes Kapitel. Ausrüſtung eines Biberfängers.— Gefahren denen er unter⸗ worfen iſt.— Genoſſenſchaft der Biberfänger.— Feindſchaft der Indianer.— Ferner Rauch.— Ein Landbrand.— Der Flintenbach.— Das Grand⸗Rond.— Schöne Weideplätze.— Verlegenheit in einer rauchenden Gegend.— Waldbrände.— Indem Capitän Bonneville an dem Schlangen⸗ fluſſe hinabzog, war es ſeine Abſicht geweſen, ſeine Bi⸗ berfänger an die kleineren Ströme zu zerſtreuen. Auf dieſe Weiſe wird eine Gegend durch kleine, von der Hauptbrigade abgeſonderte Abtheilungen ausgefangen. Die Ausruͤſtung eines Biberfängers beſteht gewöhnlich in einer Büchſe, einem Pfund Pulver, vier Pfund Blei, mit einer Kugelform, ſieben Fallen, einer Axt, einem Beil, einem Meſſer und einer Ahle, einem Feldkeſſel, zwei wollenen Decken, und, wenn an Vorräthen Ueberfluß iſt, ſieben Pfund Mehl. Er hat gewöhnlich zwei oder drei Pferde, um ſich, ſein Gepäck und ſeine Felle fortzubrin⸗ gen. Zwei Trapper gehen gewöhnlich miteinander, um ſich gegenſeitig helfen und unterſtützen zu können; eine größere Partie könnte den Augen der Indianer nicht entgehen. Das Biberfangen iſt ein gefahrvoller Dienſt, und jetzt mehr als ſonſt, denn die Indianer haben, ſeitdem ſie gewohnt worden ſind, mit den Pelzhändlern zu han⸗ deln, den Werth der Biber kennen gelernt. Sie ſehen die Biberfänger daher für Wilddiebe an, die ihnen den Reichthum ihrer Ströme ſtehlen, und ſich in ihren Markt miſchen. Sie nehmen daher keinen Anſtand, den ein⸗ zelnen Biberfänger umzubringen, ſo einen Mitbewerber zu vernichten, und ſich ſeines Raubes zu bemäͤchtigen. Mit Bedauern fügen wir überdies hinzu, daß dieſe Feindſeligkeiten in vielen Fällen durch die Aufreizung von Pelzhändlern herbeigeführt wurden, die ihre Neben⸗ buhler benachtheiligen wollten, die aber öfters ſelbſt die Früchte des angeſtifteten Unheils ärnteten. Wenn zwei Trapper an einem anſehnlichen Fluſſe auf den Biberfang ausgehen wollen, ſo iſt ihre Verfah⸗ rungsweiſe dieſe, daß ſie ihre Pferde in einem abgele⸗ genen Thale unterbringen, wo ſie unbemerkt graſen kön⸗ nen. Dann bauen ſie ſich eine kleine Hütte, höhlen ſich einen kleinen Kahn aus dem Stamme eines Baumwollholz⸗ baumes aus, und in dieſem fahren ſie Abends, ganz in der Stille, tappend am Ufer hin, und legen ihre Fallen. Dieſe ſuchen ſie, auf dieſelbe ſtille Weiſe, Morgens vor Tagesanbruch, wieder auf. Wenn ſie einen Biber fan⸗ gen, dann nehmen ſie ihn mit nach Hauſe, ziehen ihn ab, ſpannen das Fell auf Stäbe und eſſen ſein Fleiſch. Vor dem Feuer aufgehängt, dreht er ſich durch ſein ei⸗ — 406— genes Gewicht, und bratet ſich ganz vorzüglich; ſein Schwanz iſt der Leckerbiſſen des Biberfängers, er wird abgeſchnitten, auf die Spitze eines Stockes geſteckt und gebraten. Man hält ihn ſelbſt für einen größeren Lecker⸗ biſſen, als die Büffel⸗Zungen und Markknochen. Bei all' ihrer Stille und Vorſicht, können die armen Biberfänger nicht immer dem Falkenblicke ihrer Feinde entgehen. Ihre Spur iſt vielleicht Meilen weit entdeckt und verfolgt worden; man hat den Rauch ihrer Feuer aus ihrem heimlichen Thale vielleicht aufſteigen ſehen, oder die Wilden, deren Geruch beinahe eben ſo ſcharf, wie ihr Geſicht iſt, haben ihn gerochen. Bisweilen wer⸗ den ſie überfallen, wenn ſie ihre Fallen legen wollen, zu andren Zeiten werden ſie durch das ſchreckliche Kriegs⸗ geſchrei aus dem Schlafe geweckt, oder es ziſcht ihnen vielleicht mitten in einem Biberbanket eine Kugel oder ein Pfeil um das Ohr. Auf dieſe Weiſe werden ſie bisweilen hingerafft, und man erfährt nichts mehr von ihnen, bis man vielleicht zufällig ihre Gebeine auffindet, die in irgend einer Schlucht bleichen, oder an den Ufern eines namenloſen Fluſſes, der von dieſer Zeit an ihren Namen erhält. Viele der kleinen Ströme jenſeits des Gebirgs verewigen auf dieſe Weiſe die Namen der un⸗ glücklichen Biberfänger, die an ihren Ufern ermordet worden ſind. Das Bekanntwerden mit dieſen Gefahren ſchreckte den Capitän diesmal ab, kleine Trapperpartien abzu⸗ e= — 107— ſchicken, wie er früher die Abſicht gehabt hatte, denn ſeine Kundſchafter brachten ihm die Nachricht, daß furchtbare Banden von Banneck⸗Indianern an dem Boiſée und dem Payette, in nicht großer Entfernung, lagerten, ſo daß es in ihrer Gewalt lag, vereinzelte Umherſtreicher zu entdecken, und umzubringen. Es lag überdies in ſeinem Vortheile, ſeine Partie zuſammen zu halten, um Angriffe auf ſeine Hauptbrigade abzuwehren; er ſetzte daher ſeinen Weg weiter fort, ohne ſeine Kräfte zu theilen, und ein Glück war es, daß er dieſes that, denn bald hierauf traf er auf eine der Erſcheinungen der weſt⸗ lichen Wildniſſe, die ſeine zerſtreuten Leute wirklich ver⸗ hindert haben würden, ſich einander wieder zu finden. Es war mit einem Wort die Zeit, in welcher die Prai⸗ rieen angeſteckt werden. Wie er weiter kam, fing er an, große Rauchwolken zu bemerken, die in der Entfernung aufſtiegen und ſich über das ganze Land verbreiteten. Die Atmoſphäre ward trocken und mit einem düſtern Dampfe geſchwängert, der die Haut trocknete und den Augen weh that. Wenn ſie zwiſchen Bergen reiſ'ten, konnten ſie die Gegenſtände kaum auf wenige Schritte erkennen, und jede Anſtrengung des Geſichts wurde ihnen peinlich. Man konnte deutlich erkennen, daß ein großer Brand in der Gegend ſey, auf welche ſie zureiſ'ten, er war aber noch in einer großen Entfernung, und während des Tags konnten ſie nur den Rauch in größeren und dichteren Säulen aufſteigen, und in einem ungeheuern — 408— Baldachin fortrollen ſehen. Bei Nacht glühte der Him⸗ mel vom MWiderſcheine der unſichtbaren Feuer, der in einer ungeheuren graugelben Lichtmaſſe hoch über dem Horizonte hing. Nachdem er den Flintenbach erreicht hatte, ein wich⸗ tiger Fluß der von der Linken kam, drehte ſich Capitän Bonneville nach dem Gebirge zu, um dieſes zu über⸗ ſteigen, und die große Krümmungen des Schlangenfluſ⸗ ſes abzuſchneiden. Da er ſich jetzt auſſer dem Erreich der Banneck⸗Indianer befand, ſo ſchickte er ſeine Leute nach allen Richtungen aus, um für die Bedürfniſſe des Augenblicks Antilopen zu jagen, indem er ſein getrock⸗ netes Fleiſch für Gegenden aufzuſparen wünſchte, wo das Wild ſelten ſeyn könnte. Vier Tage hindurch, daß die Partie an dem Flin⸗ tenbach hinaufzog, vermehrte ſich der Rauch ſo ſchnell, daß es unmöglich wurde, die Gegend zu überſehen und Grenzſcheiden zu erkennen. Glücklicher Weiſe kamen die Reiſenden auf eine Fährte von Indianern, die ſie zu den Quellen des fourche de glace oder Eisfluſſes führte, bisweilen das Grand⸗Rond genannt. Hier fanden ſie alle Ebenen und Thäler in vollem Brande, der ſich in Flammenwogen über das lange Gras hin verbreitete, alle Büſche und Bäume niederbrannte, ſich in Säulen über die Wälder erhob, und Rauchwolken emporſchickte, welche die Atmosphäre verdunkelten. Um dieſem Feuer⸗ meere zu entgehen, mußten die Reiſenden ihren Weg — 109— am Fuße der Gebirge hin nehmen, allein der Rauch fuhr fort, ihnen ſehr beſchwerlich zu werden. Das Land um die oberen Gewäſſer des Grand⸗ Rond breitet ſich in weiten und ebenen Prairieen aus, die auſſerordentlich fruchtbar ſind, und von vielen Ge⸗ birgsquellen und Bächelchen bewäſſert werden. Auf dieſe Prairieen begaben ſich kleine Banden der Sknyſes, ſowohl um ihre Pferde zu weiden, als ſich an den Salmen gütlich zu thun, die in den nahen Gewäſſern im Ueber⸗ fluſſe vorhanden ſind. Sie fangen dieſe Fiſche in großer Menge, und ohne die mindeſte Schwierigkeit, denn ſie brauchen ſie nur mit den Händen aus dem Waſſer zu holen, wenn ſie in zahlreichen, langen Geſchwadern plät⸗ ſchernd und ſich herumſchlagend, den Hauptſtrom hinauf ziehen. Zu der Zeit, daß die Reiſenden über die Prai⸗ rieen kamen, waren einige der kleineren, ſie durchſchnei⸗ denden, Flüſſe geſtopft voller Salmen, die ſie in großer Anzahl fingen. Wölfe und Bären beſuchen dieſe Flüſſe in jener Jahreszeit, um ſich dieſer großen Fiſchereien zu bedienen. Die Reiſenden hatten viele Tage hindurch die größ⸗ ten Beſchwerlichkeiten und Unannehmlichkeiten von die⸗ ſem großen Brande zu beſtehen, der die ganze Wildniß zu umfaſſen ſchien. Die Sonne war meiſt vom Rauch verdunkelt, und die höchſten Gebirgen waren vor dem Blicke verborgen. Auf das Ungewiſſe in dieſen Regionen der Nebel umherziehend, waren ſie häufig genöthigt, — 110— lange Umwege zu nehmen, um Hinderniſſe zu umgehen, die ſie nicht eher ſehen konnten, als bis ſie auf ſelbige ſtießen. Die Fährten der Indtaner waren ihre ſicherſten Wegweiſer, denn wenn es auch bisweilen das Anſehen hatte, als ob ſolche ſie von ihrem directen Wege ablenk⸗ ten, ſo führten ſie ſolche doch immer nach den Gebirgs⸗ päſſen. Am 26. Auguſt erreichten ſie die Quelle des Way⸗ lee⸗wayfluſſes. Hier fanden ſie in einem Thale des Gebirgs, durch welches dieſer Fluß ſeinen Lauf nimmt, eine Bande der Skynſes, die auſſerordentlich geſellig waren, und gut geſinnnt zu ſeyn ſchienen, und da ſie die Sprache der Nez⸗percés ſprachen, ſo wurde leicht Umgang mit denſelben gepflogen. ½ In den Wieſengründen an dem Ufer des erwähnten Fluſſes, ſchlug Capitän Bonneville für einige Zeit ſein Lager auf, damit ſich ſeine Pferde wieder erholen möch⸗ ten. Er ſchickte jetzt Kundſchafter aus, um die Umge⸗ gend zu durchſpähen, und einen bequemen Paß durch das Gebirg nach dem Wallamut oder Mulinoma⸗ auf⸗ zuſuchen. 3 Nach einer Abweſenheit von zwangg Sug kehrten ſie muthlos und ermüdet zurück. Sie hatten ſich in Felsſchluchten des Gebirgs, wo Klippen ihnen beſtändig den Weg verſperrten, verirrt und abgemattet. Oft wa⸗ ren ſie genöthigt, an dem Rande furchtbarer Abgründe — 111— hinzuziehen, wo ihnen ein falſcher Schritt Verderben brachte. In einem dieſer Päſſe ſtürzte ein Pferd über den Saum des Abgrundes und würde in Stücke zerſchmettert wor⸗ den ſeyn, wäre es nicht in den Zweigen eines Baumes hängen geblieben, von wo man es nur mit großer Schwierigkeit wieder herauf holen konnte. Dies waren jedoch nicht die größten Schwierigkei⸗ ten und Gefahren. Der große Landbrand, der der Haupt⸗Brigade auf ihrem Marſche ſo beſchwerlich ge⸗ weſen war, wurde immer fürchterlicher, je weiter dieſe Kundſchafter kamen. Die Flammen, welche raſch über die dünnere Vegetation der Prairieen fortſchritten, nah⸗ men in den holzreichen Thälern und tiefen Schluchten der Gebirge einen ernſteren Charakter an. Einige die⸗ ſer tiefen Schluchten und Engpäſſe ſchickten Flammen und graugelben Rauch, Funken und Aſche empor, ſo daß ſie bei Nacht wie Krater von Vulkanen ausſahen. Haine und Wälder, welche die Felsſpitzen der Gebirge krönten, ſchickten ihre lodernden Feuerſäulen empor und vermehrten die Gluth der Gebirge. Zu dieſem erſtau⸗ nenden Anblicke geſellten ſich die toſenden Windſtöße, welche die Verdünnung der Luft veranlaßte, durch die engen The ler brausten und heulten, und ungeſtümm die Rauch⸗ und Feuerſäulen vor ſich hertrieben. Dann und wann hörte man das Krachen fallender Bäume, die bisweilen mit einem furchtbaren Getöſe, von Klip⸗ pen über Abgründe hinabſtürzten. Bei Tag waren die Berge in einen ſo dichten und erblindenden Rauch gehüllt, daß die Kundſchafter, wenn ſie ſich zufällig trennten, ſich einander nur durch Rufen wieder auffinden konnten. Sie mußten ebenfalls oft durch die noch brennenden Wälder tappen, in beſtändiger Ge⸗ fahr von den Baumäſten und Stämmen erſchlagen zu werden, die ſehr oft auf ihren Weg fielen. Endlich gaben ſie den Verſuch, einen Paß zu finden, als unter den gegenwärtigen Umſtänden hoffnungslos auf, und nahmen ihren Weg wieder nach dem Lager zurück, um über das Fehlſchlagen ihres Verſuchs Be⸗ richt abzuſtatten. Sechs und vierzigſtes Kapitel. Die Skynſes.— Ihr Handel.— Ihre Jagd.— Ihre Nahrung. — Pferde.— Pferderennen.— Frömmigkeit der Skynſes, der Nez⸗percés und Flatheads.— Gebete.— Ermahnungen. — Ein Prediger zu Pferde.— Wirkung der Religion auf die Sitten der Stämme.— Ein neues Licht.— Während der Abweſenheit dieſer Partie war ein geſelliger Umgang zwiſchen der Hauptpartie und den Skynſes unterhalten worden, die ſich in die Nähe des Lagers begeben hatten. Dieſes Volk wohnt um die obern Ge⸗ wäſſer des Way⸗lee⸗way und die umliegende Gegend, und handelt regelmäßig mit der Hudſonsbai⸗Compagnie, der ſie gewöhnlich Pferde für die benöthigten Artikel geben. Sie bringen auch Biberfelle nach den Handels⸗ poſten, die ſie ſich nicht durch das Fangen derſelben, ſon⸗ dern durch den innern Handel mit den menſchenſcheuen und unwiſſenden Shoshokoes und Too⸗el⸗icans ver⸗ ſchaffen, die ſich in fernen und unbeſuchten Theilen des Landes aufhalten, und ſich nicht bis zu den Handelspo⸗ ſten wagen wollen. Die Skynſes jagen bisweilen Rothwild und Elen⸗ thiere und leben einen Theil des Jahres vom Fiſchen. 72.— 74. 8 Ihre Hauptnahrung beſteht aber in Wurzeln, vorzüglich in der Camaſchwurzel. Dieſe zwiebelähnliche Wurzel ſoll von köſtlichem Geſchmacke und äußerſt nahrhaft ſeyn. Die Weiber graben ſolche in großer Menge aus, ſieden ſte ab, und verwahren ſie in Gruben für den Winter. Sie wächſt wild, und bedeckt die Ebenen ganz. Die Menſchen dieſes Stammes waren wohl ge⸗ kleidet und ausgeſtattet. Sie führten einige Büchſen bei ſich, und waren auſſerordentlich verlegen, welche von den Leuten des Capitäns Bonneville einzuhandeln, und boten ein Paar gute Renner für eine leichte Büchſe. Ihre beſten Pferde waren aber für keineng Preis von ihnen zu erhalten. Sie bedienen ſich faſt durchgängig der Reitklepper, die aber von einer unendlich beſſern Zucht, wie jene der vereinigten Staaten, ſind. Sie er⸗ proben gern ihre Geſchwindigkeit und Stärke, und wet⸗ ten gerne auf ſie. Da Capitän Bonneville die vergleichungweiſe Güte ihrer Pferde zu beurtheilen wünſchte, ſo kaufte er einen ihrer Renner, und ſtellte ein Wettrennen zwiſchen die⸗ ſem, einem amerikaniſchen und einem Pferde der Shos⸗ honie's an, die ungefähr für gleich geachtet wurden. Die Bahn war ohngefähr eine und eine halbe Meile hin und zurück. In der erſten halben Meile behielt der Amerikaner um einige Spannen die Vorhand; da er aber den Athem verlor, ſo blieb er hinten, und über⸗ ließ dem Shoshonie und dem Skynſe den Wettkampf. Die anderthalb Meilen blieben ſie ſich gleich, aber auf dem Rückweg kam der Skynſe vor, und gewann die Wette mit großer Leichtigkeit, kaum daß er ſchnaufte, als Alles vorüber war. Die Skynſes beſitzen, wie die Nez⸗percés und die Flatheads, eine ausgezeichnete Frömmigkeit, die mit vielem Erfolg von einigen Reſidenten der Hudſonsbai⸗ Compagnie kultivirt worden iſt. Der Sonntag wird bei dieſen Stämmen ohne Unterſchied gefeiert. An die⸗ ſem Tage werden ſie nie mit ihrem Lager aufbrechen, wenn nicht die äußerſte Gefahr oder Hunger vorhanden iſt; noch werden ſie jagen oder fiſchen, handeln oder irgend eine Art von Arbeit an dieſem Tage verrichten. Ein Theil davon wird mit Gebeten und as igidſen Cere⸗ monien hingebracht. Ein Häuptling, der gewöhnlich auch ein, wie ſie ihn nennen,„Mediziner“ iſt, verſammelt die Gemeinde. Nachdem er den Segen der Gottheit erbeten hat, wendet er ſich an die Verſammlung, ermahnt ſie zur guten Aufführung, fleißig für ihre Familien zu ſorgen, ſich des Lügens und Stehlens zu enthalten, ſich nicht im Spiele zu ſtreiten und zu betrügen, gerecht und gaſt⸗ freundlich gegen alle fremden Menſchen zu ſeyn, die un⸗ ter ſie kämen. Gebete und Ermahnungen werden auch früh am Morgen an Wochentagen gehalten. Bisweilen geſchieht dieſes Alles von dem Häuptling zu Pferd, in⸗ dem er mit dem Hut auf dem Kopfe, langſam im Lager — 116— umherreitet und ſeine Ermahnungen mit lauter Stimme ausruft. Jedesmal höreu die Umſtehenden mit großer Aufmerkſamkeit zu, und antworten am Ende einſtimmig mit einem einzigen Worte, das wahrſcheinlich ſoviel ſagen will, als Amen. Während dieſe Gebete und Ermahnungen gehalten werden, hört jede Beſchäftigung im Lager auf. Wenn ein Indianer an dem Platze vorbeireitet, dann ſteigt er ab, hält ſein Pferd, und wartet mit Ehrerbietung, bis Alles vorbei iſt. Wenn ein Häuptling ſein Gebet oder ſeine Ermahnungen geendigt hat, dann ſagt er:„Ich bin fertig,“ worauf Alle laut antworten. Mit dieſem, wahrſcheinlich von den weißen Men⸗ ſchen herkommenden Gottesdienſte, vermiſchen oben er⸗ wähnte Stämme einige ihrer alten indianiſchen Ge⸗ bräuche, wie z. B. daß ſie nach dem Tact eines Ge⸗ ſanges oder einer Ballade tanzen, was gewöhnlich in einer, zu dieſem Zwecke beſtimmten Zelthütte, geſchieht. Auſſer dem Sonntage halten ſie auch die Hauptfeiertage der römiſch⸗katholiſchen Kirche. Wer auch immer dieſe einfachen Formen der Reli⸗ giöſität unter dieſe armen Wilden eingeführt haben mag, offenbar erkannte er ihren Charakter und ihre Fä⸗ higkeiten, und hat eine große Verbeſſerung in ihren Sit⸗ ten bewirkt. Wir beurtheilen dies nicht allein nach dem Zeugniſſe des Capitäns Bonneville, ſondern auch nach — — 117— dem des Capitäns Wyeth, der mehrere Monate in einem herumziehenden Lager der Flatheads zubrachte. „Die Zeit über, daß ich bei ihnen war,“ ſagt er, „habe ich kein Beiſpiel eines Diebſtahls unter ihnen er⸗ lebt. Auch der geringſte Gegenſtand, ſey es ein Knopf oder eine Nadel, wird Euch überbracht, wenn er gefun⸗ den wird, und öfters weggeworfene Dinge; noch iſt mir ein Streit oder eine Lüge vorgekommen. Dieſes Ent⸗ halten von allen Streitigkeiten überraſchte mich deſto mehr, wenn ich die vielen Veranlaſſungen ſah, die bei den Weißen ſolche erregt haben würde. Das Zuſam⸗ menthun z. B. von zwölf bis achtzehnhundert Pferden, die bei Nacht ins Lager getrieben worden ſind, um an⸗ gebunden und morgens bepackt zu werden; wie das Sam⸗ meln, von Brennmaterial, wo es auſſerordentlich rar iſt; und doch geſchieht dies ohne Verwirrung und Störung. „Sie haben eine ſanfte, muthwillig frohe Gemüths⸗ ſtimmung, die ſich in ihren Geſichtszügen ausdrückt. Sie ſind höflich und anſpruchlos. Wenn Einer ſpricht, ſo hören die Andern aufmerkſam zu; iſt er fertig, ſo gibt der Andere ſeine Beiſtimmung durch ein„Ja“ zu er⸗ kennen, ſtimmt er nicht bei, durch ein„Nein“ und fügt ſeine Gründe bei, die man mit gleicher Aufmerkſamkeit anhört. Selbſt ihre Kinder ſind friedlicher als andere Kinder. Ich hörte nie ein zorniges Wort von ihnen, noch ein Gezänke; ob ihrer gleich wenigſtens fünfhundert beiſammen waren, die ſich mit ſpielen beſchäftigten. Bei . 4 — 118— all dieſer Ruhe des Geiſtes ſind ſie tapfer, wenn ſie auf die Probe geſtellt werden, und in gleicher Anzahl den Schwarzfüßen überlegen.“ Die vorſtehenden Bemerkungen des Capitäns Wyeth über die Flatheads, ſind in der Hauptſache auch auf die Skynſes anwendbar. Capitän Bonneville nahm, während ſeines Aufenthaltes unter ihnen, beſtändig Ver⸗ anlaſſung, in ſeinen Unterredungen mit den Vornehm⸗ ſten unter ihnen, ſie zu Ausübung der Moral und reli⸗ giöſer Gebräuche zu ermuntern, indem er ihnen einen Vergleich zwiſchen ihrem friedlichen und gemächlichen Le⸗ ben und dem anderer Stämme aufſtellte, und dies ihrem höheren Sinne für Moralität und Religion beimaß. Er wohnte oft mit ſeinen Leuten ihrem Gottesdienſte bei, denen er ſtets ein ehrerbietiges Betragen empfahl, und er bemerkte, daß den Indianern die Gegenwart der weißen Menſchen immer Vergnügen machte. Offenbar ſind dieſe Stämme für einen hohen Grad der Civiliſation ſehr empfänglich. Capitän Bonneville iſt der Meinung, daß einige Pächter, die ſich unter ihnen nieder ließen, ſie zu Bebauung der Erde und zum Anbau von Früchten führen könnten. Das Land der Skynſes und der Nez⸗percés iſt wunderbar zur Viehzucht geeig⸗ net. Ein chriſtlicher Miſſionär oder zwei, mit einem ge⸗ ringen Beiſtand der Regierung, um ſie vor der Raub⸗ ſucht der kriegeriſchen Stämme zu ſchützen, könnte den Grund zu einem chriſtlichen Volke mitten in den großen 8 — 119— weſtlichen Wildniſſen legen, das„die Amerikaner nahe am Herzen trüge.“ Wir dürfen jedoch nicht unterlaſſen, hinſichlich der Heilighaltung des Sabbaths in der Wildniß, zu bemer⸗ ken, daßs dieſe Völkerſtämme, die ſo erpicht auf das Spiel und Pferderennen ſind, den Sonntag zu einem, beſonders zu Beluſtigungen dieſer Art beſtimmten, Tage machen, und ſolche keinesweges für auſſer der Zeit halten. „Wenn die Gebete vorüber und die frommen Ge⸗ bräuche vollzogen ſind,“ ſagt Capitän Bonneville,„ſo vergeht keine Stunde des Tages, daß man nicht mit mehreren Pferden in vollem Galopp Wettrennen halten, und in jeder Ecke des Lagers Gruppen von Spielern ſitzen ſieht, die bereit ſind, Alles auf das allverſchlingende Handſpiel zu ſetzen.“ „Die Indianer,“ ſagt Capitän Wyeth,„ſcheinen ihre Vergnügungen mit mehr Geſchmack zu genießen, als die Weißen. Sie ſind große Liebhaber vom Spiel, und ſpielen im Verhältniß ihrer Mittel gewagter und höher als Letztere.“ Die oben erwähnten religiöſen Geſinnungen der Wilden, ſind bisweilen von verſchmitzten Handelsleuten ſchlau benutzt worden, um ſich einen großen Credit und Einfluß unter ihnen zu verſchaffen, indem ſie ſich das An⸗ ſehen gaben„Mediziner“, das heißt mit geheimen Wiſ⸗ ſenſchaften begabte Menſchen zu ſeyn. Auch religiöſe Marktſchreier, die man in der Wildniß ſo gut wie im civiliſirten Leben findet, ſuchen durch ihre Geſinnungen Einfluß bei ihnen zu erlangen. Ein ſolcher ward von Capitän Wyeth, während ſeines Aufenthaltes unter den Flatheads, bemerkt. „Ein neuer großer Mann,“ ſagt er,„erhebt ſich im Lager, der nach Macht und Anſehen ſtrebt. Er verbirgt ſeine Abſichten unter dem weiten Mantel der Religion; trägt ihnen neue Lehren vor, und führt neue Ceremonien bei denen ein, die noch einfältiger ſind, als er ſelbſt. Er hat bereits ein Fünftel des Lagers zu Proſelyten ge⸗ macht, indem er damit anfing, auf Weiber, Kinder und Schwachköpfe zu wirken. Seine Anhänger tanzen alle auf der Ebene, zu ihrer eigenen Vokalmuſik. Die Ein⸗ ſichtsvolleren ſehen zu und lachen, da ſie das Ding für eine zu große Thorheit anſehen, um Schaden zu thun; ſie werden aber bald finden, daß Weiber, Kinder und Thoren die Mehrzahl einer jeden Gemeinde ausmachen, und werden muthmaßlich dem neuen Lichte folgen müſſen, wenn ſie nicht für profane Menſchen angeſehen ſeyn wollen. Sobald ein Prediger oder Pſeudo⸗Prophet die⸗ ſer Art Anhänger genug erlangt hat, übernimmt er ent⸗ weder den Oberbefehl über den Stamm, oder trennt ſich und wirft ſich zum unabhängigen Häuptling oder„Me⸗ diziner”“ auf.“ — — 121—* Sieben und vierzigſtes Kapitel. Mangel im Lager.— Verweigerung von Lebensmittel von Seiten der Hudſonsbai⸗Compagnie.— Benehmen der India⸗ ner.— Ein hungriger Rückzug.— John Day'sfluß.— Die blauen Gebirge.— Salmenfang am Schlangenfluſſe.— Bo⸗ ten aus dem Krähenlande.— Biberflußthal.— Ungeheure Wanderungen der Büffel.— Gefahren der Büffeljagd.— Ein verwundeter Indianer.— Eutaw⸗Indianer.— Ein Antilopen „Surround.“— Die Lebensmittel fingen jetzt an ſehr rar im Lager zu werden, und Capitän Bonneville fand es für noth⸗ wendig, eine neue Gegend aufzuſuchen. Indem er von ſeinen Freunden, den Skynſes, Abſchied nahm, brach er nach dem Weſten auf, und lagerte ſich, nachdem er eine niedrige Gebirgskette überſtiegen hatte, an den oberen Gewäſſern des Ottolais. Da er von hieraus nur noch dreißig Meilen bis zum Fort Wallah⸗Wallah, dem Handelspoſten der Hud⸗ ſonsbai⸗Compagnie, hatte, ſo ſchickte er eine kleine Ab⸗ theilung ſeiner Leute dorthin ab, um Korn für den Un⸗ terhalt ſeiner Brigade zu erkaufen. Die Leute wurden im Fort gut aufgenommen, ihnen aber die Ueberlaſſung von Lebensmitteln beſtimmt verweigert. Es wurden ihnen jedoch verführeriſche Anträge gemacht, wenn ſie ihre gegenwärtigen Dienſte verlaſſen, und in diejenigen der Compagnie treten wollten, ſie ließen ſich jedoch nicht verführen. Als Capitän Bonneville ſeine Boten mit leeren Hän⸗ den zurückkehren ſah, ſo ordnete er einen augenblicklichen Aufbruch an, da ſie von Hunger bedroht waren. Er eilte demnach den Ufern des Ottolais hinab, der in ſchräger Richtung dem Columbiafluſſe zufließt, und etwa fünfzig Meilen unter dem Wallah⸗Wallah in denſelben fällt. Sein Weg ging durch eine ſchöne, wellenförmige Thalebene, voller Pferde, die den Skynſes gehörten, welche ſie dort auf die Weide gethan hatten. Als Capitän Bonneville den Columbiafluß erreichte, glaubte er von den Eingebornen Fiſche und andere Le⸗ bensmittel erkaufen zu können, ſie hielten ſich aber, zu ſeinem Erſtaunen, entfernt, und verſteckten ſich ſelbſt, wenn er ſich ihnen näherte. Er machte bald die Ent⸗ deckung, daß ſie unter dem Zwange der Hudſonsbai⸗ Compagnie ſtanden, die ihnen verboten hatte, mit ihm zu handeln oder Gemeinſchaft mit ihm zu pflegen. Er zog an dem Columbiafluß weiter, es war aber überall daſſelbe, er konnte von den Eingebornen nicht einen Artikel zum Lebensunterhalt erhalten, und war endlich genöthigt, ein Paar von ſeinen Pferden zu ſchlachten, um ſeine verhungerten Leute zu erhalten. Er machte jetzt einen Halt und hielt Rath, was zu thun ſey. Der breite und ſchöne Columbiafluß lag vor ihnen, ruhig und glatt wie ein Spiegel, eine kleine Weiterreiſe brachte ſie in ſeine unteren Regionen, zu dem herrlichen Thale des Wallamut, wo ſie Winter⸗ quartiere zu nehmen vorhatten. Unter dieſen Umſtänden aber weiter zu gehen, hieße ſich dem Verhungern ausſetzen. Die Hülfsquellen des Landes waren ihnen durch den Einfluß eines neidiſchen und mächtigen Monopols abgeſchnitten. Wenn ſie auch den Wallamut erreichten, ſo konnten ſie doch kaum hof⸗ fen, hinlänglichen Lebensunterhalt auf den Winter zu finden; verweilten ſie länger in dem Lande, dann lagerte ſich der Schnee auf die Gebirge, und ſchnitt ihnen den Rückzug ab. Begaben ſie ſich jedoch eilig auf den Rück⸗ weg, dann konnten ſie die blauen Gebirge noch bei Zeit erreichen, um Elenthiere, Rothwild und das Dickhorn zu finden, und nachdem ſie ſich mit Vorräthen verſehen hatten, durch die Gebirge dringen, ehe ſie verſchneiet waren. Dieſe Erwägungen vermochten den Capitän Bonne⸗ ville, dem Columbiafluſſe noch einmal den Rücken zu kehren, und nach den blauen Gebirgen aufzubrechen. Er nahm ſeinen Weg den John Day'sfluß hinauf, der ſeinen Na⸗ men von einem der Jäger der erſten Expedition nach Aſtoria, führte. Da ihm der Hunger auf der Ferſe war, ſo reiſ'te er ſchnell, und erreichte dieſe Gebirge am 1. October. Er drang durch die, von dem John Day'sfluſſe — 124— gebildete Schlucht in dieſelben ein, es war ein ſchroffer Engpaß und ſchwierig; allein er und ſeine Leute waren an ſchwieriges Klettern dieſer Art bereits gewöhnt wor⸗ den. Glücklicherweiſe hatten die Regen des Septembers die Feuer ausgelöſcht, die ſich vorlängſt über dieſe Re⸗ gionen erſtreckt hatten, und die nicht länger in Rauch gehüllten Gebirge, zeigten ſich dem Auge in all ihrer Größe und Erhabenheit. Sie wurden in der Erwartung getäuſcht, Wild im Ueberfluſſe in dieſen Gebirgen anzutreffen. Es waren große Banden von Eingebornen durch ſelbige gezogen, welche, von ihren Fiſchexpeditionen zurückkehrend, alles Wild vor ſich her getrieben hatten. Es geſchah jetzt nur dann und wann, daß die Jäger etwas von ihrer Jagd mitbringen konnten, um die Partie vor dem Verhungern zu ſichern Um ihr Unglück zu vermehren, verirrten ſie ſich, und zogen zehn Tage lang in hohen und kahlen Hügeln von Thonerde herum. Nach langer Verlegenheit fanden ſie endlich ihren Weg nach den Ufern des Schlan⸗ genfluſſes. Indem ſie dem Laufe deſſelben folgten, wa⸗ ren ſie ſicher, den Ort ihrer Beſtimmung zu erreichen. Es war am 20. October, daß ſie noch einmal an dieſem berühmten Fluſſe eintrafen. Die Shoshokoes die ſie auf ihrer Reiſe, den Fluß hinab, in geringer An⸗ zahl angetroffen hatten, lagerten jetzt an ſeinen Ufern, um die Menge der Salmen zu benutzen, und ſich Win⸗ tervorräthe einzuthun. Es waren überall Geſtelle er⸗ — richtet, auf welchen ſie die Fiſche in ungeheurer Menge trockneten. In dieſer Jahrzeit ſind die Salmen aber auſſerordentlich mager, und es bedurfte der Würze ihres Hungers, um ſie den Reiſenden genießbar zu machen. An einigen Stellen waren die Ufer mit ganzen Schich⸗ ten todter Salmen bedeckt, die vom Aufſteigen erſchöpft oder an den Waſſerfällen umgekommen waren, uud deren Geſtank die Luft verpeſtete. Erſt als ſie die Quellen des Portneuf erreichten, befanden ſich die Reiſenden in einem Lande des Ueber⸗ fluſſes. Hier waren die Büffel in ungeheurer Menge, und hier verweilten ſie drei Tag lang, um zu erlegen, zu kochen und zu ſchmauſen, und ſich durch einen tollen Carnevall für lange und hungrige Faſten zu entſchädigen. Auch ihre Pferde fanden gute Weideplätze, und pflegten ein wenig der Ruhe nach der harten Prüfung einer be⸗ ſchwerlichen Reiſe. Zu dieſer Zeit trafen zwei Reiter im Lager ein, die, um Vorräthe zu holen, eigens von Montero's Par⸗ tie abgeſchickt worden waren, welche von ihm mit dem Auftrag abgeſendet worden war, das Krähenland hinauf nach den ſchwarzen Hügeln zu ziehen und am Arkanſas zu überwintern. Sie berichteten, daß Alles wohl bei der Partie ſtehe, daß ſie aber ihre Sendung nicht ganz hät⸗ ten erfüllen können, und ſich noch im Lande der Krähen befänden, wo ſie bleiben wollten, bis ſich der Capitän im Frühjahre mit ihnen vereinige. Der Capitän behielt — 126— die Boten bis zum 17. November bei ſich, wo er, nach⸗ dem er die Verſteckgruben am Biberfluſſe erreicht, und ſich daraus mit den nöthigen Bedürfniſſen verſehen hatte, er ſie zu ſeiner Partie zurückſchickte, indem er ihnen zum Sammelplatze, gegen Ende des folgenden Monats Juni, die Gabeln des Windflußthales im Krähenlände anwies. Er blieb jetzt mehrere Tage in der Nähe dieſer Verſteckgruben gelagert, und da er eine kleine Bande Shoshonie's in ſeiner Nachbarſchaft wahrgenommen hatte, ſo erkaufte er von ihnen Zelte, Pelze und andere Arti⸗ kel zur bequemen Einrichtung für den Winter; er ver⸗ ſtand ſich überdies, mit ihnen den Winter, neben einan⸗ der gelagert zuzubringen. Der von dem Capitän zum Winteraufenthalte er⸗ ſehene Platz lag in einiger Entfernung an dem obern Theile des Biberfluſſes. Er zögerte ſo lange wie mög⸗ lich, ſich ihm zu nähern, um die Büffel nicht aus der Gegend zu vertreiben, die er zu ſeinem Winterunter⸗ halte bedurfte. Er ging darum nur langſam weiter, und blos wenn Mangel an Wild und Gras ihn ſeine Lage zu ändern nöthigte. Das Wetter war bereits außerordentlich kalt geworden, und der Schnee lag ziemlich hoch. Damit die Pferde ſo viel getrocknetes Fleiſch wie möglich mitnehmen könnten, ließ er eine Verſteckgrube graben, in die alles Gepäck untergebracht wurde, das entbehrt werden konnte. Nachdem dieſes — = 427— geſchehen war, brach die Partie, in kleinen Märſchen, nach dem Winterquartiere auf. In dieſem Winter waren ſie jedoch nicht Hunger zu leiden verdammt. Da die Völkerſchaften am Schlan⸗ genfluſſe die Büſſel vor dem Eintritte des tiefen Schnee's gejagt hatten, ſo kamen ſie jetzt in ungeheuern Herden über das Gebirg, und bildeten dunkle Maſſen an ſeinen Seiten, von welchen ihr dumpfes Gebrüll, gleich dem fernen Donner ſich ſammelnder Wetterwolken, erſchallte. Die Wolke brach wirklich, und ſie ſtrömten gleich einer donnerden Fluth in das Thal hinab. Nach Capitän Bonneville iſt es ganz unmöglich, eine Idee von der Wirkung beizubringen, die der Anblick ſo zahlloſer, ge⸗ drängter Herden von ſolcher Größe und Muth hervor⸗ bringen, die alle, wie von einem Wirbelwinde ergriffen, weiter eilen. Wegen der langen Entbehrungen, welche die Reiſenden erduldet hatten, verfolgten ſie ihre ge⸗ genwärtige Jagd mit ungewöhnlichem Eifer. Einer der zur Partie gehörigen Indianer, der ohne Büchſe, Bogen und Pfeile zu Pferde unter eine Herde Büffel kam, ſtieß einer ſchönen Kuh, die dicht an ihm vorbei lief, mit ſolcher Geſchicklichkeit ein Meſſer in die Seite, daß er ſie zu Boden brachte. Es war eine kühne That, der Hunger hatte ihn aber beinahe zur Verzweiflung ge⸗ trieben. Die Büffelochſen haben bisweilen ein ſehr zähes Leben, und müſſen an beſonderen Theilen verwundet werden. Eine Kugel die ihre zottige Stirne trifft, bringt keine andere Wirkung bei ihnen hervor, als daß ſie den Kopf ſchütteln und noch erboster werden, wo hingegen eine Ku⸗ gel, welche die Stirne einer Kuh trifft, tödtlich iſt. Es kamen während dieſer großen Büffelſchlacht Fälle vor, wo ſich die Ochſen, nachdem ſie tödtlich verwundet worden, wü⸗ thend wehrten. Capitän Wyeth ſah ebenfalls Beiſpiele dieſer Art, während er bei Indianer im Lager war. Bei einem großen Büffeljagen verfolgte ein Indianer den Ochſen ſo dicht, daß das Thier ſich plötzlich nach ihm umkehrte. Sein Pferd ſtutzte, oder that vielmehr einen Satz zurück und warf ihn ab. Ehe er aufſtehen konnte, ſtürzte der Ochſe wüthend auf ihn los und durchbohrte ihm die Bruſt, ſo daß er durch die Oeffnung athmete. Er ward in das Lager zurück gebracht und ſeine Wunde verbunden. Da er nicht mit dem Leben davon zu kommen glaubte, ſo berief er ſeine Freunde um ſich, und machte ſein Teſtament mündlich. Es war eine Art von Todten⸗ geſang, und am Schluß eines jeden Satzes antwortete ſeine Umgebung einſtimmig. Die Annäherung des Tod⸗ tes ſchien ihm keinesweges Furcht einzuflößen. „Meine Meinung iſt“, fügt Capitän Wyeth hinzu, „daß die Indianer getroſter ſterben, als die weißen Menſchen, vielleicht weil ſie weniger Furcht vor der Zu⸗ kunft haben.“ — 129— Man kann dem Büffel ſehr nahe kommen, wenn ſich ihm der Jäger gegen den Wind nähert; ſie haben aber einen ſcharfen Geruch, und fliehen erſchrocken vor einer ſich von der Windſeite nähernden Partie, wären ſie auch zwei Meilen weit entfernt. Die großen Herden, die in das Biberflußthal hinab⸗ geſtrömt waren, fanden ſich darin vom Schnee einge⸗ ſchloſſen, und blieben den Winter über in der Nähe des Lagers. Sie lieferten den Biberfängern und ihren in⸗ dianiſchen Freunden ein beſtändiges Carneval, ſo daß Schießen und Eſſen die Hauptbeſchäftigung des Tages zu ſeyn ſchien. Es iſt zum Erſtaunen, welcher Ladun⸗ gen Fleiſch es bedarf, um dem Appetit eines Jägerla⸗ gers Genüge zu leiſten. Es fanden ſich bald auch die Raben und Wölfe ein, um an den guten Biſſen Theil zu nehmen. Dieſe be⸗ ſtändigen Begleiter der Jäger häuften ſich, wie der Win⸗ ter vorſchritt, zu großen Herden an. Erſtere mochten völlig aus dem Geſichte ſeyn, ſo wie ſich aber ein Flinten⸗ ſchuß hören ließ, ſah man ſie in der Luft ſchweben, und Niemand wußte, wo ſie herkamen; indeß man die Wölfe, die auf die Entfernung der Jäger lauerten, um über die Gerippe herzufallen, von der Spitze der Hügel mit gierigen Blicken herabſchauen ſah. Auſſer den Büffeln befanden ſich noch andere vom Schnee darin feſtgehaltene Nachbarn im Thal, deren Ge⸗ genwart nicht ſo vortheilhaft zu werden ſprach. Dieſes 72.— 74. 9 — 150— war eine Horde der Eutaw⸗Indianer, die weiter oben am Fluſſe lagerten. Es iſt ein armer Stamm von Menſchen, die etwa zwiſchen die Shoshonies und Shos⸗ hokoes oder Wurzelgräber gereiht werden mögen, ob ſie gleich kühner und kriegeriſcher als Letztere ſind. Sie be⸗ ſitzen nur wenige Büchſen, und ſind gewöhnlich mit Pfeil und Bogen bewaffnet. Da dieſe Horde und die Shoshonie's Todfeinde zuſammen waren, wegen alter Beſchwerden, und jede Partie in Furcht vor der andern ſtand, ſo waren blutige Vorfälle zu befürchten. Capitän Bonneville un⸗- ternahm es daher, Frieden zwiſchen ihnen zu ſtiften, und ſchickte zu dem Häuptling der Eutaw's, um ihn zu einer freundſchaftlichen Rauchpartie einzuladen, in der Abſicht, eine Verſöhnung zu Stande zu bringen. Seine Einla⸗ dung wurde ſtolz abgelehnt, worauf er ſich perſönlich zu ihnen begab. Es gelang ihm, eine Einſtellung der Feind⸗ ſeligkeiten zu bewirken, bis die Häuptlinge der beiden Stämme in einem Rathe zuſammen kommen könnten. Die Braven der beiden, auf einander eiferſüchtigen, Stämme gaben unwillig ihre Zuſtimmung zu dieſer Uebereinkunft. Sie nahmen ihren Sitz bisweilen auf den Gipfeln der Hügel, von welchen ſie ihre Feinde unten im Thale Büffel jagen ſehen konnten, und ärgerten ſich, daß ihnen die Hände gebunden waren, ſich mit ihnen zu ſchlagen. — ———— —— Es gelang dem würdigen Capitän jedoch, ſeine Ab⸗ ſichten durchzuſetzen. Die Häuptlinge kamen zuſammen, die Friedenspfeife wurde geraucht, das Beil vergraben und der Friede förmlich proklamirt. Die beiden Lager vereinigten ſich hierauf, und hiel⸗ ten geſelligen Umgang mit einander. Es fielen jedoch bisweilen Privatzänkereien bei der Jagd, über die Thei⸗ lung des Wildes, vor, und Schläge wurden bisweilen über einen getödeten Büffel ausgetheilt, die Häuptlinge nahmen aber von dieſen individuellen Zwiſtigkeiten keine Notiz. Eines Tages brachten die Kundſchafter, die auf den Anhöhen geweſen waren, die Nachricht, daß ſich mehrere große Herden Antilopen in einem kleinen Thale in nicht großer Entfernung ſehen ließen. Dies brachte eine Aufregung bei den Indianern hervor, denn beide Stämme befanden ſich in einem ſehr zerriſſenen Zuſtande, und waren der Hemden äußerſt bedürftig, die man von den Fellen der Antilopen macht. Man beſchloß ein„Surround“ anzuſtellen, wie man die Art, dieſe Thiere zu jagen, gewöhnlich nennt. Es nahm jetzt Alles eine geheimthueriſche, feierlich⸗ wichtige Miene an. Die Häuptlinge bereiteten ſich ihre Medizine oder Zauber, ein Jeder nach ſeiner eigenen Weiſe, oder auf ihre vermeinten Orakel, vor, was ge⸗ wöhnlich durch eine Miſchung gewiſſer Kräutern geſchieht, oder ſie zogen die Eingeweide von Thieren zu Rath, 9* — 1352— die ſie geopfert hatten, und leiteten hieraus günſtige Vor⸗ bedeutungen zu ihrem Vorhaben ab. Nachdem ſie lange geraucht und Rath gehalten hatten, ward am Ende verkündigt, daß wer einen Prü⸗ gel ſchwingen könne, Mann, Frau oder Kind, ſich zu einem„Surround“ bereit zu halten habe. Wenn Alle beiſammen waren, zogen ſie in einem Zuge durcheinan⸗ der, an den nächſten Punkt des beſagten Thales und blieben hier ſtehen. Es fand jetzt ein abermaliges Rauchen und Ueber⸗ legen, von welchem die Indianer ſo große Freunde ſind, zwiſchen den Häuptlingen Statt. Es wurden jetzt den Reitern Befehle gegeben, einen Umkreis von ſieben Mei⸗ len zu machen, und die Herde auf dieſe Weiſe zu um⸗ zingeln. So wie dies geſchehen war, ſprengten alle Berittenen gleichzeitig in größter Eile davon, wobei ſie aus vollem Halſe jauchzten und ſchrieen In kurzer Zeit kamen die Antilopen, die in ihren verbor⸗ genen Gehegen aufgeſchreckt worden waren, von allen Sei⸗ ten in das Thal geſprengt. Die Reiter zogen jetzt allmäh⸗ lig ihren Kreis enger, und brachten ſie immer näher und näher zu dem Flecke hin, wo der oberſte Häuptling, umgeben von den Aelteſten, Männern und Weibern ſaß, um die Jagd zu beaufſichten. Die Antilopen, von Er⸗ müdung und Furcht faſt erſchöpft und durch das beſtän⸗ dige Geſchrei verwirrt, machten keinen Verſuch, den — 153— Kreis der Jäger zu durchbrechen, ſondern liefen rund in kleinen Kreiſen herum, bis Männer, Weiber und Kinder ſie mit Knitteln todt ſchlugen. Solcher Art iſt jene Gattung der Antilopenjagd, die man mit dem techniſchen Ausdrucke eines Surrounds (Umkreiſen⸗) bezeichnet. . Acht und vierzigſtes Kapitel. Ein feſtlicher Winter.— Bekehrung der Shoshonie's.— Fröh⸗ lichkeit im Lager.— Ein Zug von zärtlicher Zuneigung.— Die wieder in Anſpruch genommene Squaw.— Eine india⸗ niſche vornehme Dame.— Ein Nachſetzen.— Marktpreis eines böſen Weibes.— Wild hatten ſie den ganzen Winter hindurch im Ueberfluſſe, und das Lager war reichlich mit Vorräthen verſehen. Rindfleiſch und Hoch⸗Wildpret, Rücken⸗ und Lendenſtücke, Büffelzungen und Markknochen wurden be⸗ ſtändig an allen Feuern gekocht und gebraten, und die Luft war beſtändig mit dem Wohlgeruch der Roſtbraten angefüllt. Es war in der That ein beſtändiger„Schmaus von fetten Biſſen,“ und wenn auch der Lagerwein dabei fehlte, ſo haben wir doch gezeigt, daß ſich bisweilen ein Erſatz dafür in Honig und Weingeiſt fand. Beide, ſowohl die Shoshonie's wie die Eutaws, benahmen ſich mit großer Schicklichkeit. Es iſt wahr, daß ſie ihren guten Freunden, den großherzigen Men⸗ ſchen einige Kleinigkeiten ſtahlen, wenn ſie den Rücken verwendeten, allein in's Geſicht bezeigten ſie ihnen die äußerſte Achtung und Ehrerbietung, und überboten die ——p—— Trapper in allen Arten geſchäftiger Gefälligkeit und luſtigen Spielen. Die beiden Stämme behielten, gegen⸗ einander über, eine friedliche Stellung, was den Capi⸗ tän hoffen ließ, daß alle frühere Erbitterung aufge⸗ hört habe. Die beiden wetteifernden Horden hatten ſich aber noch nicht lange auf dieſe geſellige Weiſe vereint, als ihre frühere Eiferſucht in einer neuen Geſtalt er⸗ wachte. Der oberſte Häuptling der Shoshonie's war ein nachdenkender, einſichtsvoller Mann, er war unter den Nez⸗percés geweſen, hatte ihre neuen, von den Wei⸗ ßen erhaltenen moraliſchen und religiöſen Vorſchriften beobachtet, und ihren gottesdienſtlichen Uebungen bei⸗ gewohnt. Er hatte die Wirkung hiervon in der Achtung geſehen, worin der Stamm bei den Weiſen geſtiegen war, und hatte den Entſchluß gefaßt, ſeinem eigenen Stamme eine Ueberlegenheit, über ihre unwiſſenden Nebenbuhler, die Eutaws, durch dieſelben Mittel zu ver⸗ ſchaffen. Er verſammelte daher ſein Volk, und verkündigte demſelben die Zwitterlehren und gottesdienſtlichen For⸗ men der Nez⸗percés, die er ihnen zur Annahme empfahl. Die Shoshonie's, denen wenigſtens die Neuheit der Sache auffiel, traten dem Vorſchlage mit Eifer bei. Sie fingen an, die Sonn⸗ und Feſttage zu feiern, an denſelben feierliche andächtige Tänze aufzuführen, Ge⸗ ſänge anzuſtimmen und andere fromme Riten zu voll⸗ — 136— ziehen, von welchen die unwiſſenden Eutaws nichts wuß⸗ ten, die es ihnen nur im Schießen, Reiten und dem berühmten Handſpiele gleich zu thun ſuchten. So ſtanden die Sachen im Lager auf einem ver⸗ gnügten und gedeihlichen Fuße, in dieſer bunten Verei⸗ gung von weißen und rothen Menſchen, als eines Mor⸗ gens zwei rüſtige, freie Trapper, die ſich nach Art der Wilden äußerſt herausgeputzt hatten, und Pferde ritten, die eben ſo aufgeſtutzt und muthig wie ſie waren, vol⸗ ler Falkenſchellen, klirrend und klingelnd, mit tollem Jauchzen und Schreien in das Lager ſprengten. Sie kamen eben erſt aus dem Winterlager der amerikaniſchen Pelzhandels⸗Compagnie in dem Grünen⸗ Flußthale, und waren gekommen, um ihren alten Kame⸗ raden von Capitän Bonneville's Brigade einen Beſuch abzuſtatten. Man kann ſich aus den bereits beſchriebe⸗ nen Gelagen der Wildniß leicht einen Begriff von der Weiſe machen, womit dieſe Strichvögel von jenen ihres Gelichters in dem Lager empfangen wurden; welche Schmauſereien und Schwelgereien, welch ein Aufſchnei⸗ den und Prahlen, Schwatzen, Jubeln, Wettrennen und Spielen, Streiten und Balgen, unter den Herzensbrü⸗ dern erfolgte. Wohl hielt Capitän Bonneville einen gewiſſen Grad der Ordnung und der Subordination in ſeinem Lager aufrecht, und unterdrückte jede zu weit getriebene Ausſchweifung; allein die Trapper machen in dieſer Zeit des Müßigganges und der Erholung auf — 157— eine gewiſſe Nachſicht und Ungebundenheit Anſpruch, um ſich für die langen Beraubungen und faſt unglaublichen Strapazen zu entſchädigen, die ſie im activen Dienſte erduldet haben. Mitten in dieſen fröhlichen Schmauſereien kam ein Zug von Zärtlichkeit vor, der die Scene gänzlich umge⸗ ſtaltete. Unter den indianiſchen Schönen, der Eutaws und Shoshonie’s, entdeckten die freien Trapper zwei, die vormals die Rolle ihrer Weiber geſpielt hatten. Dergleichen Verbindungen dauern häufig nur eine gewiſſe Zeit, bisweilen auch jahrelang, wo nicht beſtändig, wer⸗ den aber öfters abgebrochen, wenn der Biberfänger auf eine ferne und beſchwerliche Expedition ausgehen muß. Im gegenwärtigen Falle waren dieſe wilden Ge⸗ ſellen ſehr verlegen, ihre Schönen wieder zu erhalten, auch Letztere gar nicht abgeneigt, ſich noch einmal unter ihren Schutz zu begeben. Der freie Trapper vereinigt in den Augen eines indianiſchen Mädchens Alles, was Vorzügliches und Heroiſches, an einem Krieger ihrer eigenen Nation ſeyn kann, deſſen Gang und Tracht er nachahmt, und mit deſſen Tapferkeit er wetteifert, mit Allem was brav und rühmlich an einem weißen Men⸗ ſchen iſt. Die Nachſicht, womit er ſie überdies behandelt, der Staat, mit dem er ſie herausputzt, das Regiment, das ſie über ſeine Perſon und ſeinen Beutel führt, ſtatt das Packpferd und die Sklavin eines Indianers zu ſeyn, genöthigt ſein Gepäck zu tragen, ſeine Zelthütte aufzu⸗ — 138— ſchlagen, ſein Feuer anzumachen, und ſeine mürriſche Laune und Schläge zu ertragen;— dieſes Alles läßt in den Augen einer Anſpruch machenden Schöne der Wild⸗ niß keinen Vergleich zwiſchen einem freien Trapper und einem indianiſchen Krieger zu. Hinſichtlich des einen Theils der beiden Partien, war die Sache bald in Ordnung gebracht. Die be⸗ rühmte Schönheit war eine verſchmitzte kleine Eutaw⸗ Indianerin, die auf einem kriegeriſchen Streifzug von den Shoshonie's gefangen genommen worden war. Sie wurde gegen einige Artikel von geringem Werthe leicht losgekauft, und ließ ſich hinfort, ſchön herausgeputzt, im Lager ſehen, mit Ringen an den Fingern, Schellen an den Schuhen und einer aufgeblaſenen, koketten Miene, die den Neid, die Bewunderung und den Abſcheu aller in Leder gekleideter, mit ſchwerer Arbeit geplagter Squaws ihrer Bekanntſchaft erregten. Was die andere Schönheit anbelangt, ſo war dies eine ganz verſchiedene Sache. Sie war das Weib eines Kriegers der Shoshonie's geworden. Er hatte freilich ein anderes Weib von einem etwas älteren Dato wie ſie, die alſo den Oberbefehl in der Haushaltung führte, und ſeine neue Frau Gemahlin wie eine Sklavin behandelte, allein die Letztere war das Weib ſeiner letzten Wahl und Laune, und war ihm daher theuer in ſeinen Augen. Ein Verſuch, ſie ihm abzuhandeln, war daher vergeblich, der Vorſchlag ſogar ward zornig und mit Verachtung * abgewieſen. Die Begierde des Biberfängers ward da⸗ durch nur gereitzt, ſein Stolz war gekränkt worden und ſeine Leidenſchaft erwacht. Er bemühte ſich, ſeine ehe⸗ malige Geliebte zu vermögen, mit ihm zu entfliehen. Die Pferde wären flink, die Winternächte lang und dunkel, vor Tagesanbruch könnten ſie ſo weit ſeyn, daß es unmöglich wäre, ſie einzuholen, und wären ſie ein⸗ mal im Lager im Grünen⸗Flußthale angelangt, dann könnten ſie der ganzen Shoshonie⸗Horde trotzen. Die Indianerin horchte und verlangte. Sie ſehnte ſich nach dem Wohlleben und der glänzenden Lage eines Trapperweibes, und von dem Zwange befreit zu ſeyn, den ihr der Eigenſinn der älteren Squaw auflegte; ſie fürchtete ſich aber vor dem Mißlingen ihres Planes und der Wuth ihres Mannes, des Shoshonie's. Sie trenn⸗ ten ſich, die Indianerin in Thränen, und der Tollkopf von Trapper erhitzter von ſeiner Leidenſchaft denn je. Ihre Zuſammenkünfte waren wahrſcheinlich entdeckt und die Eiferſucht des Shoshonie⸗Kriegers aufgeregt worden; man hörte in ſeiner Hütte zornige Stimmen, hörte deutlich ſchlagen und ein Weib ſchreien und wei⸗ nen. Nachts, als ſich der Trapper auf ſeinem Lager hin und her wälzte, vernahm er eine leiſe Stimme, die ihm an ſeiner Zelthüttenthüre zurief. Seine Geliebte ſtand zitternd vor ihm, ſie war bereit ihm zu folgen, wohin er ſie führen würde. — 140— Im Augenblicke war er auf und draußen. Er hatte zwei gute, ſichere, ſchnelle und ausdauernde Pferde. Ver⸗ ſtohlen wurden ſie herbeigebracht und geſattelt, und in wenigen Minuten entfloh er mit ſeiner Priſe über den Schnee, womit das ganze Land bedeckt war. In ihrer Eile wegzukommen, hatten ſie keine Lebensmittel auf die Weiſe mitgenommen; ſie brauchten mehrere Tage, um in Sicherheit zu ſeyn, und mußten über Gebirge und Prai⸗ rieen, die in winterlicher Oede dalagen. Für den Au⸗ genblick dachten ſie an nichts, als an die Flucht; ihre Pferde über die Schneewüſten forttreibend, und in der Einbildung in dem Heulen eines jeden Windſtoßes das Schreien ihrer Verfolger zu vernehmen wähnend. Bei Tagesanbruch ward der Shoshonie ſeinen Ver⸗ luſt gewahr. Er ſchwang ſich auf ſein ſchnellſtes Pferd, um ihnen eiligſt nachzuſetzen. Er fand bald die Spur der Flüchtigen und ſpornte drauf los, in der Hoffnung, ſie einzuholen. Die durch das Thal wehende Winde hatten jedoch die hinterlaſſene Spur der Hufe verweht. Er kannte aber die Lage des Lagers, auf welches ſie zu⸗ ritten, und den directen Weg durch die Gebirge, auf dem er eher, als die Flüchtigen, dort ankommen konnte. Durch die rauheſten Engpäſſe eilte er demnach Tag und Nacht fort, ſo daß er ſich kaum einem Halt zu machen erlaubte, bis er das Lager erreichte. Dies geſchah einige Zeit, ehe die Flüchtigen ankamen. Sechs Tage lang waren ſie auf dem Wege durch die — — 141— beſchneiten Wildniſſe geweſen. Sie kamen abgezehrt von Hunger und Ermüdung, und ihre Pferde brachen faſt unter ihnen zuſammen. Der erſte Gegenſtand, auf den ihre Augen ſielen, als ſie ins Lager kamen, war der Krieger der Shoshonie's. Er ſtürzte, das Meſſer in der Hand, auf ſie zu, um das Herz derjenigen zu durchboh⸗ ren, welche die Falſche gegen ihn geſpielt hatte. Der Trapper deckte die ſich niederduckende Schöne mit ſeinem Körper, und bereitete ſich, ſchwach wie er war, zu einem Kampfe auf Tod und Leben. Der Shoshonie ſtutzte. Seine gewohnte Scheu vor den weißen Menſchen hielt ſeinen Arm zurück; die Freunde des Trappers nahmen ihn feſt. Man unterhandelte. Es fand eine Conversatio eri- minalis, ein ſchiedsrichterlicher Vergleich in Scheideſachen, Statt, wie ſolches häufig im civiliſirten Leben geſchieht Man erklärte, daß ein Paar Pferde ein hinlänglicher Erſatz für eine Frau ſeyen, die vorher ſchon ihr Herz verloren habe. Der Shoshonie⸗Krieger war gezwungen, hiermit ſeine Leidenſchaft zu beſchwichtigen. Er kehrte, freilich etwas niedergeſchlagen in Capitän Bonneville's Lager zurück, wich aber den dienſtfertigen Beileidsbe⸗ zeigungen ſeiner Freunde mit der Bemerkung aus, daß zwei gute Pferde eine gute Bezahlung für ein böſes Weib wären. 12— Neun und vierzigſtes Kapitel. Aufbruch der Winterquartiere.— Reiſe an den Grünen⸗Fluß. — Ein Trapper und ſeine Büchſe.— Neue Ankömmlinge im Lager.— Ein freier Trapper und ſeine Squaw im Elend.— Geſchichte einer Schöne der Schwarzfüße.— Der Winter war jetzt im Abmarſche, auf den Hü⸗ geln und den untern Theilen der Gebirge ſchmolz der Schnee, und die Zeit war gekommen, wo das Lager aufgehoben werden mußte. Capitän Bonneville ſchickte eine Partie nach den Verſteckgruben ab, die alle darin verborgenen Gegenſtände wegbrachte. Am 1. April 1835 ward das Lager abgebrochen, und alles war in Bewe⸗ gung. Die Weißen trennten ſich von ihren Verbünde⸗ ten, den Eutaws und Shoshonie's, mit vielem Bedauern und den Aeußerungen gegenſeitigen Wohlwollens, denn ihr Umgang war den Winter über von der freundſchaft⸗ lichſten Art geweſen. Capitän Bonneville kam mit ſeiner Partie an Ham's Gabel vorbei, und erreichte den Colorado oder den Grünen⸗Fluß, an deſſen Ufern er den Reſt des Frühlings blieb. Es war ihnen bewußt, daß während ————— —— ————— dieſer Zeit eine Bande feindlicher Indianer in ihrer Nähe herumſchweifte, die nur auf eine Gelegenheit lau⸗ erte, zu morden und zu ſtehlen; die Vorſicht und Wach⸗ ſamkeit des Capitäns vereitelte aber alle ihre Umtriebe. In ſolchen gefährlichen Zeiten verläßt der Biber⸗ fänger nie ſeine Büchſe, ſelbſt im Lager nicht, er nimmt ſte mit ſich, wenn er von Zelt zu Zelt geht, um ſeine Kameraden zu beſuchen. Setzt er ſich in einem Zelte nieder, dann legt er ſie neben ſich, daß er ſie gleich greifen kann; geht er aus, dann nimmt er ſie ſo regel⸗ mäßig mit, als ein Bürger ſeinen Stock. Seine Büchſe iſt ſein beſtändiger Freund und Beſchützer. Am 10. Juni befanden ſie ſich etwas öſtlich von den Windflußgebirgen, wo ſie einige Zeit in trefflichem Wei⸗ degrund liegen blieben, um den Pferden Zeit zu laſſen, ihre Kräfte für eine weite Reiſe zu ſammeln, denn es war des Capitäns Abſicht, ſeinen Weg nach den Nieder⸗ laſſungen einzuſchlagen, da er durch eine Verwicklung ſeiner übernommenen Verbindlichkeiten, durch verſchiedene Verluſte und Hinderniſſe weit über die ihm, durch ſeinen Urlaub vorgeſchriebene Zeit, hingehalten worden war. Während die Partie ſo in der Nähe der Windfluß⸗ gebirge ausruhte, kam eines Tages ein einzelner Biber⸗ 1 fänger ins Lager geritten, und ſprach den Capitän Bon⸗ neville an. Er gehöre, ſagte er, zu einer Partie von dreißig Jägern, die eben durch die Nachbarſchaft gekom⸗ men ſeyen, die er aber verlaſſen habe, weil ſie einen — 144— Bruder⸗Biberfänger übel behandelt hätten, den ſie aus ihrer Partie ausgeſtoßen, und ihn mit Sack und Pack und einem indianiſchen Weibe obendrein, mitten in der öden Prairie zurück gelaſſen hätten. Der Reiter machte ein traurige Schilderung von der Lage dieſes hülfloſen Paars, und bat, daß man ihm Pferde leihen möchte, um ſie und ihre Effecten ins Lager zu bringen. Der Capitän war der Mann nicht, einem Unglück⸗ lichen ſeine Hülfe zu verſagen, vorzüglich, wenn ein Weib dabei betheiligt war; es wurden ſogleich Pferde mit einer Bedeckung abgeſchickt, um dem unglücklichen Paare zu helfen. Sie langten am nächſten Tage mit ihrem Gepäcke an; der Mann war ein rüſtiger Gebirgs⸗ jäger, der ein beſonderes weidmänniſches Anſehen hatte, das Weib eine junge Schöne der Schwarzfüße, im Putze und mit dem Geſchmuck einer freien Trappers Braut. Da Capitän Bonneville fand, daß das Weib ſchnell faßte und geſprächig war, ſo ließ ſich Capitän Bonneville in ein Geſpräch mit ihr ein, und erfuhr von ihr manches über die Gewohnheiten und Sitten ihres Volkes, vorzüglich was Krieg und Jagd anbetrifft. Sie rühmen ſich„die beſten Beine des Gebirgs“ zu ſeyn, und jagen den Büf⸗ fel zu Fuß. Dies geſchieht im Frühling, wenn es auf⸗ gethaut hat, und der Boden weich iſt. Die ſchwerfäl⸗ ligen Büffel ſinken dann mit jedem Tritt bis über die Hufen ein, und werden dann leicht von den Schwarz⸗ füßen eingeholt, deren ſchnelle Schritte leicht über die Oberfläche hinſchweben. Man ſagt jedoch, daß die Büf⸗ fel auf der Seite der Felsgebirge, nach dem ſtillen Ocean, flinker und thätiger ſind, als auf der atlanti⸗ ſchen. Jene der Ebenen des Columbiafluſſes, können kaum von einem Pferde eingeholt werden, welches das⸗ ſelbe Thier in der Nähe des Plattfluſſes, dem gewöhn⸗ lichen Jagdbezirke der Schwarzfüße, weit hinter ſich laſ⸗ ſen würde. Im Laufe ihrer ferneren Unterhaltung theilte die Indianerin dem Capitän Bonneville ihre ganze Geſchichte mit, die ein Gemälde des wilden Lebens, der Erdul⸗ dungen und Plackereien enthält, denen ein indianiſches Weib unterworfen iſt. „Ich war,“ ſagte ſie,„das Weib eines Kriegers der Schwarzfüße, und diente ihm treu. Wer war ſo gut verſorgt als er? Welche Hütte war ſo gut verſehen oder ſo reinlich gehalten? Morgens brachte ich Holz und ſtellte immer Waſſer in Bereitſchaft. Ich erwartete ihn, wenn er kam, und er fand ſein Fleiſch immer gekocht und fertig. Wenn er aufſtand, um auszugehen, dann ward er durch nichts aufgehalten. Ich erſpähte ſeine innere Gedanken, um ihm die Mühe des Sprechens zu erſparen. Wenn ich in Geſchäften für ihn ausging, ſo lächelten mich die Häuptlinge und Krieger an, und die jungen Braven ſagten mir im Vertrauen freundliche Dinge, allein meine Füße gingen gerade aus, und meine Augen ſahen Niemand als ihn.“ 72.— 74. 10 — 146— „Wenn er auf die Jagd ging, oder in den Krieg zog, wer half ihn ausſtatten, als ich? Kehrte er zurück, ſo ging ich ihm bis an die Thüre entgegen; ich nahm ihm ſeine Flinte ab, daß er an nichts weiter zu denken brauchte. Während er ſich hinſetzte und rauchte, lud ich die Pferde ab, band ſie an ihre Pfähle, trug ihre Ladung in die Hütte, und war ſchnell zu ſeinen Füßen. Wenn die Moccaſins naß waren, zog ich ſie ihm aus, und that ihm andere an, die trocken und warm waren. Ich bereitete alle Felle, die er von der Jagd mitbrachte; er konnte nie ſagen, warum iſt dies nicht geſchehen? Er jagte das Rothwild, die Antilopen und Büffel und beobachtete den Feind. Alles Uebrige that ich.“ „Wenn die Unſrigen mit ihrem Lager aufbrachen, da beſtieg er ſein Pferd und ritt weg, frei wie vom Himmel gefallen; er hatte nichts mit der Arbeit des Lagers zu thun, ich war es, die die Pferde bepackte, und ſie mit auf den Weg nahm. Wenn wir am Abend Halt machten, und er bei den andern Krieger ſaß und rauchte, dann war ich es, die das Zelt aufſchlug, und wenn er kam, um zu Abend zu eſſen und ſich ſchlafen zu legen, dann war ſein Eſſen und Bett bereit. „Ich diente ihm treu, und was war mein Lohn? Seine Stirne war immer finſter, und ſeine Zunge im⸗ mer giftig; ich war ſein Hund, aber nicht ſein Weib.“ „Wer war es, der mich ſtieß und ſchlug? Er war es. Mein Bruder ſah, wie ich behandelt wurde. Das — 147— Herz ſchwoll ihm meinethalben; er bat mich, meinen Tyrannen zu verlaſſen, und zu entfliehen. Wo ſollte ich hin gehen? Wer ſollte mich beſchützen, wenn ich wieder eingefangen würde, denn mein Bruder war kein Häupt⸗ ling, der mich vor Schlägen, Wunden oder gar dem Tode ſchützen konnte.“ „Endlich ließ ich mich überreden. Ich folgte mei⸗ nem Bruder aus dem Dorfe. Er wies mir den Weg nach den Nez⸗percés, und bat mich zu gehen, und in Frieden unter ihnen zu leben. Wir trennten uns und am dritten Tage ſah ich die Hütten der Nez⸗percés vor mir. Ich hielt einen Augenblick ſtill, und hatte kein Herz weiter zu reiten; allein mein Pferd wieherte, und ich hielt dies für ein gutes Zeichen; ich ließ es daher forttraben. Bald befand ich mich in der Mitte ihrer Zelthütten.“ „Ich ſaß ſchweigend auf meinem Pferde, das Volk verſammelte ſich um mich, und fragte mich, wo ich her⸗ käme. Ich erzählte ihnen meine Geſchichte. Ein Häupt⸗ ling wickelte ſich jetzt in ſeine Wolldecke ein, und hieß mich abſteigen. Ich gehorchte, er nahm mein Pferd, um es wegzuführen. Das Herz ſank mir im Buſen; als ich mich von meinem Pferde trennen ſollte, war es mir, als ob ich von meinem letzten Freunde ſcheiden müſſe. Ich hatte keine Worte, und meine Augen waren trocken. „Als er mein Pferd wegführte, vertrat ihm ein junger Krieger den Weg.„Biſt Du ein Volkshäupt⸗ 10* — 148— ling?“ rief er.„Sollen wir Dich im Rathe hören, und Dir in die Schlacht folgen? Sieh! ein Fremdling flieht zu unſerm Lager, von den Hunden, den Schwarzfüßen, und bittet um unſern Schutz. Laß uns vor Scham unſer Geſicht verbergen! Der Fremdling iſt ein Weib und allein. Wenn ſie ein Krieger wäre oder einen Krieger an ihrer Seite hätte, dann würdeſt Du das Herz nicht haben, ihr das Pferd zu nehmen. Es iſt je⸗ doch Dein, Du haſt nach den Kriegsgeſetzen Anſpruch darauf zu machen; doch ſieh!— ſein Bogen war gezo⸗ gen und ſein Pfeil aufgelegt— Du ſollſt es nie beſtei⸗ gen!— Der Pfeil durchborte dem Pferde das Herz, und es fiel todt nieder.“ „Eine alte Frau erbot ſich mir Mutter zu werden. Sie führte mich in ihre Hütte; mein Herz ging mir bei ihrem Wohlwollen auf, und meine Augen brachen in Thränen aus, gleich der gefroren geweſenen Quelle im Frühling. Sie änderte ihre Geſinnung nicht, ſondern die Tage verſtrichen und ſie blieb mir immer eine Mut⸗ ter. Das Volk rühmte den jungen Krieger laut, und der Häuptling ward beſchämt. Ich lebte in Frieden. „Eine Trapperpartie kam in unſer Dorf, und einer von ihnen nahm mich zu ſeinem Weibe. Es iſt dieſer hier. Ich bin ſehr glücklich, denn er behandelt mich mit vieler Nachſicht, und ich habe ihn die Sprache meines Volkes gelehrt. — 149— „Als wir auf dem Wege in dieſe Gegend waren, ſtellten uns einige Krieger der Schwarzfüße nach, und entführten die Pferde der Partie. Wir folgten, und mein Mann hielt eine Unterredung mit ihnen. Die Gewehre wurden niedergelegt, und die Pfeife angezün⸗ det; Einige der Weißen machten aber den Verſuch, ſich der Pferde mit Gewalt wieder zu bemächtigen, worauf ein Gefecht entſtand. Der Schnee lag tief, und die weißen Männer ſanken mit jedem Tritte tief ein, während die rothen, mit ihren Schneeſchuhen, wie die Vögel darüber hinflogen, und im Angeſichte ihrer Eigenthümer viele Pferde wegtrieben. Mit denen welche uns blieben, ſetzten wir unſre Reiſe fort.“ „Endlich kam es zwiſchen dem Anführer der Partie und meinem Manne zum Wortwechſel. Er nahm uns unſre Pferde weg, die wir in dem Gefechte erhalten hat⸗ ten, und warf uns aus dem Lager. Mein Mann hatte einen guten Freund unter den Trappern. Dies war dieſer hier,(nach dem Manne deutend, der um Hülfe für ſie nachgeſucht hatte). Er iſt ein guter Mann, mit großmüthigem Herzen. Als er vom Jagen zurück kehrte und vernahm, daß wir vertrieben worden wären, leiſtete er auf ſeinen ganzen Lohn Verzicht und folgte uns, um bei dem weißen Capitän gute Worte für uns einzulegen. Fünfzigſtes Kapitel. Eine Zuſammenkunft im Windflußthale.— Montero und ſeine Partie auf ihrem Zuge durch das Krähenland.— Krieg zwiſchen den Krähen und Schwarzfüßen.— Tod von Arapoo⸗ iſch.— Lauernde Schwarzfüße.— Klugheit des Pferdes.— Vertrauen des Jägers auf ſein Pferd.— Rückkehr nach den Niederlaſſungen.— Am 22. Juni hob Capitän Bonneville ſein Lager auf, und begab ſich an die Gabeln des Windfluſſes, dem beſtimmten Sammelplatze. In wenigen Tagen ſtieß die Brigade von Montero zu ihm, die er im vorhergehen⸗ den Jahre abgeſchickt hatte, um, das Land der Krähen hinauf, ſich an den Arkanſas zu begeben. Montero hatte den erſten Theil ſeiner Inſtruction befolgt. Nachdem er an einigen der oberen Ströme gefangen hatte, be⸗ gab er ſich an den Pulverfluß. Hier kam er zu den Dörfern oder Horden der Krähen, die ihn mit unge⸗ wöhnlicher Freundſchaft behandelten, und ihn vermochten, ſeine Winterquartiere bei ihnen aufzuſchlagen. Die Krähen kämpften damals beinahe um ihre Exiſtenz mit ihren alten Feinden, den Schwarzfüßen, die im vergangenen Jahre die Blüthe ihrer Krieger in — 151— verſchiedenen Gefechten hingerafft hatten, unter andern auch Arapooiſch, den Freund der weißen Menſchen. Dieſer einſichtsvolle und große Häuptling hatte mit Be⸗ dauern die Verheerungen geſehen, die der Krieg unter ſeinem Stamme angerichtet hatte; daß er zuſehends an Stärke abnähme, und er nothwendig untergehen müſſe, wenn nicht ein Hauptſchlag zu Abwendung dieſes Uebels ausgeführt werden könne. In einem Gefecht, zwiſchen den beiden Stämmen, hielt er eine Anrede an ſeine Krieger, worin er ſie aufmunterte, Alles an einen wü⸗ thenden Angriff zu ſetzen, worauf er ſie in das dichteſte Gedränge der Feinde führte. Er wurde bald von ſei⸗ nen Leuten getrennt, und fiel bedeckt mit Wunden; ſeine Hinopferung war jedoch nicht vergeblich. Die Schwarz⸗ füße wurden geſchlagen; die Krähen faßten von dieſem Augenblicke an friſchen Muth, und blieben mehrmals Sieger. Montero hatte noch nicht lange unter ihnen gela⸗ gert, als ſie wahrnahmen, daß die Schwarzfüße in ihrer Nähe herumſchweiften. Eines Tages kamen die Jäger in vollem Trabe nach dem Lager, um zu verkündigen, daß eine feindliche Horde in der Nähe ſey. Die Krähen eilten zu den Waffen, ſchwangen ſich auf ihre Pferde, und ſprengten in Schwadronen davon, um ſie zu ver⸗ folgen. Sie holten den ſich zurückziehenden Feind mit⸗ ten in einer Ebene ein. Ein verzweifeltes Gefecht er⸗ folgte. Die Krähen hatten den Vortheil der Mehrzahl und daß ſie zu Pferde fochten. Der größte Theil der Schwarzfüße wurde erſchlagen, die übrigen flüchteten ſich in ein dichtes Weidengehölz, in das die Pferde nicht eindringen konnten, und von wo ſie ein lebhaftes Bogen⸗ ſchießen unterhielten. Die Krähen zogen ſich auſſer Schußweite zurück und ſuchten die Krieger durch Stichelreden und Herausfor⸗ derungen aus ihrem Verſteck zu locken. Einige der Beſt⸗ berittenen ritten abgeſondert von den Uebrigen, Einer von ihnen ritt allein vor, mit jener martialiſchen Miene und jenem ritterlichen Anſtande, wofür der ganze Stamm bekannt iſt. Als er auf Bogenſchußweite von dem Dickichte gekommen war, ließ er den Ziegel ſchießen, ſpornte ſein Pferd zum Galopp an, warf ſich mit ſeinem Körper auf der andern Seite herab, ſo, daß er nur noch an einem Beine hing, und dem Feind keine Zielmarke darbot, und ſchwebte ſo, ſeine Pfeile unter dem Halſe ſeines Pferdes abſchießend, an der Fronte des Gebüſches hin. Er ſchwang ſich dann wieder in ſeinen Sitz auf den Sattel, drehte ſich um, und kehrte ſchreiend und ſpottend zu ſeinen Kameraden zurück, die ihn mit jauch⸗ zendem Beifall empfingen. Ein zweiter und ein dritter Reiter wiederholte dieſe That, die Schwarzfüße ließen ſich aber nicht aus ihrem ſichern Schlupfwinkel locken. Die Sieger fürchteten, die verzweifelten Menſchen auf das Aeußerſte zu treiben, ſo unterließen ſie es, das Gehölz zu ſtürmen. Gegen Nacht gaben ſie den Angriff auf, und kehrten Alle, ſiegestrun⸗ ken mit den Schädeln der Erſchlagenen, zurück. Dann gingen die gewöhnlichen Feſte und Triumphe an; der Schädeltanz um die gräßlichen Trophäen, und alle rohen Beluſtigungen barbariſch geführter Kriege. Als die Krieger mit den Schädeln fertig waren, wurden ſie, wie gewöhnlich, den Weibern und Kindern überlaſ⸗ ſen, und zu Gegenſtänden neuer Paraden und Tänze gemacht. Sie wurden dann als unſchätzbare Trophäen und Zierrathen von den Kriegern aufgehoben, die ſie erfochten hatten. Es iſt zu bemerken, daß ſie, entweder aus Politik oder Furcht, die Schädel weißer Menſchen mit größerer Schonung oder Achtung behandeln, wie die der India⸗ ner. Der Brave, der ihn errungen hat, iſt zu ſeinem Triumphe berechtigt, wenn er ihn verlangt. In dieſem Falle tanzen die Krieger allein um den Schädel; er wird herabgenommen und die zottige Stirne eines Büffels dafür aufgeſteckt, und dem Triumphe und dem Hohne der Menge überlaſſen. Um nicht in dieſe Guerillas verwickelt, und den ſehr zudringlichen Umgang mit den Krähen los zu werden, der ihm läſtig zu werden anfing, entfernte ſich Montero ſieben Meilen von ihrem Lager, baute ſich Winterquar⸗ tiere von Hütten; und unterhielt die Nacht über eine ſorgſame Wache. Beide Tage thaten ſie die Pferde un⸗ ter ſorgfältiger Aufſicht auf die Weide, bei Nacht trie⸗ — 1534— ben ſie ſolche ein, und verſchloſſen ſie in ſtarke Parks, von großen Baumwollholz⸗Klötzern erbaut. 1 Der Schnee war während eines Theils des Winters ſo hoch, daß die armen Thiere nur wenig Unterhalt fin⸗ den konnten. Hier und dort ragte ein Grasbüſchel über dem Schnee hervor; ſie waren gewöhnlich aber genö⸗ thigt, die zarten Zweige und Aeſte abzubroſſen. Wenn ſie am Morgen hinausgelaſſen wurden, benutzten ſie die erſten Augenblicke ihrer Befreiung zum herumſpringen; dann gingen ſie ruhig und traurig ans Werk, ihre dürf⸗ tige Nahrung für den Tag zu ſammeln; indeß die Leute die Rinde des Baumwollholzbaumes zum Futter für den Abend abſchälten. In demſelben Augenblicke, daß die Pferde, wenn ſie gegen Abend langſam und muthlos nach Hauſe kehrten, ihre Eigner mit Decken voller Holzrinde auf ſie zukom⸗ men ſahen, veränderte ſich ihr ganzes Benehmen. Sie fingen ſämmtlich an zu wiehern und zu ſpringen, ſie kamen eilig an die Decken, um zu ſchnüffeln, ſcharrten mit dem Fuße, ſchnaubten, hänſelten und ſprangen mit aufgerecktem Kopf und Schwanz herum, bis ihnen das willkommene Futter vorgeworfen ward. Dieſe Zeichen der Intelligenz und der Freude wurden von den Trap⸗ pern oft als Beweis des Scharfſinns des Thieres an⸗ geführt. Dieſe veteranen Streiflinge der Gebirge ſehen ihre Pferde als, mit beinahe menſchlichem Verſtande begabte, — 133— Weſen an. Ein alter, erfahrner Trapper gibt, wenn er in dunkeln Nächten und gefahrvollen Zeiten die Wache um das Lager bezieht, ſorgfältig auf alle Laute und Zei⸗ chen ſeines Pferdes Acht. Kein Feind betritt oder nähert ſich dem Lager, ohne ſeine Aufmerkſamkeit auf ſich zu ziehen, und ihre unruhigen Bewegungen geben nicht al⸗ lein eine Warnung im Allgemeinen, ſondern dem erfahr⸗ nen Trapper auch die Gegend an, aus welcher ſich die Gefahr naht. 3 Auch bei Tage, wenn der Jäger auf der Prairie beſchäftigt iſt, einen geſchoſſenen Hirſch oder Büffel zu zerlegen, dient ihm ſein Pferd zur treuen Schildwache. Dies kluge Thier ſieht und wittert Alles um ſich her, und gibt durch das Aufrecken ſeinen Kopfes und Gewie⸗ her, die Annäherung eines Fremden zu erkennen. Es ſcheint eine ſtillſchweigende Kameradſchaft, eine Art von brüderlicher Sympathie zwiſchen dem Trapper und ſei⸗ nem Pferde zu beſtehen. Sie verlaſſen ſich gegenſeitig aufeinander, dienen ſich zum Schutz und zur Geſellſchaft, und nichts iſt ſchwieriger, ſagt man, als einen alten, er⸗ fahrnen Trapper auf der Prairie zu überraſchen, wenn er ſeinen alten, treuen Hengſt an der Seite hat. Montero hatte ſein Lager noch nicht lange aus der Nachbarſchaft der Krähen verlegt, und ſich in ſeinem neuen Quartier eingerichtet, als die raubſüchtigen Schwarz⸗ — 136— füße ſein Lager entdeckten und in ſeiner Nähe herumzu⸗ ſtreifen anfingen. Er ließ ſein Lager jedoch ſorgſam bewachen, und vereitelte jeden Verſuch der Feinde, die ſolches in Verzweiflung aufgegeben zu haben ſchienen, und die Gegend verließen. Die Biberfänger ließen da⸗ her in ihrer Wachſamkeit nach, und eines Abends wur⸗ den, nach einem Tage ſchwerer Arbeit, keine Wachen ausgeſtellt, und das Ganze überließ ſich bald dem Schlafe. Gegen Mitternacht wurden jedoch die leichteſten Schlä⸗ fer durch ein Hufgetrappel aus dem Schlafe geweckt, und da ſie Lärm machten, ſo war die ganze Partie bald auf den Beinen und eilte nach den Parks. Die Riegel waren niedergelaſſen, allein kein Feind war zu ſehen oder zu hören, und die Pferde wurden dicht in der Nähe gefunden; man vermuthete, die Riegel ſeyen durch Nach⸗ läſſigkeit offen gelaſſen worden. Es lag noch einmal Alles im Schlafe, als etwa eine Stunde darauf ein zweiter Lärm entſtand, und man entdeckte, daß mehrere Pferde vermißt wurden. Die Uebrigen ſetzten auf, und es wurde eine ſo lebhafte Ver⸗ folgung angeſtellt, daß man achtzehn von den entführten Pferden wieder erhielt, drei blieben aber in dem Be⸗ ſitz der Feinde. Es waren am vorhergehenden Tage Fallen für Wölfe um das Lager herum gelegt worden. Am Morgen entdeckte man, daß ſich ein Schwarzfuß darin gefangen hatten, daß es ihm aber gelungen war, ſie mit ſich fort zu ſchleppen. Man verfolgte ſeine Spur auf eine weite Strecke, die er allein fortgehinkt haben mußte. Endlich ſchien er Kameraden angetroffen zu haben, die ihn von ſeiner ſchmerzlichen Bürde befreiten. Dies waren die Hauptzufälle, die Montero auf ſei⸗ nem Zuge durch das Krähenland erlitt. Die vereinig⸗ ten Jägerpartien feierten jetzt den 4. Juli, in rauher Jägermanier und herzlicher Geſelligkeit, worauf Capi⸗ pitän Bonneville ſeine letzten Vorkehrungen traf. Indem er Montero die Eröffnung einer neuen Jagd überließ, ſtellte er ſich ſelbſt an die Spitze ſeiner übrigen Leute, und begab ſich auf ſeine Rückkehr nach den Gren⸗ zen des civiliſirten Lebens. Wir wollen nicht in das Einzelne ſeiner Reiſe längs dem Nebraska, und ſo von Punkt zu Punkt der Wildniß eingehen, bis er mit ſeiner Bande am 22. Auguſt die Grenzniederlaſſungen erreichte. Hier hätte man, nach ſeinem eigenen Eingeſtänd⸗ niſſe, ſeine Brigade für einen Zug zerlumpter Wilden anſehen können; denn ſeine Leute waren ſo zerriſſen, daß ſie faſt nackt gingen, und ſie hatten, auf ihren drei⸗ jährigen Wanderungen in den Wüſteneien ein wildes Anſehen angenommen. Einige Stunden in einer volkreichen Stadt hinge⸗ bracht, brachte jedoch eine magiſche Wirkung auf ſie hervor. Hüte mit breiten Rändern und hohen Köpfen, — 138— Röcke mit Knöpfen, die ſich ſpiegelten, und Pantalons der weiteſten Art, vertraten die Stelle der abgetragenen Trapperkleidung, und man ſah ihre glücklichen Eigen⸗ thümer in jeder Richtung einherſtolziren, und ihr Geld verſplittern, wie Matroſen, die von einer Kreuzfahrt kommen. Der würdige Capitän ſcheint jedoch keinesweges die frohe Laune ſeiner Leute getheilt zu haben, ſich wieder an einem der Sammelplätze des civiliſirten Lebens zu ſehen, ſondern ſcheint ſich vielmehr nach der Wildniß zurück geſehnt zu haben. „Obgleich die Ausſicht,“ ſagt er,„noch einmal die Segnungen der friedliebenden Geſellſchaft zu genießen, und Tag und Nacht unter dem Schutze der Geſetze hin⸗ zubringen, ihr Anziehendes hatte, ſo war doch die Ver⸗ änderung für diejenigen, deren ganzes Leben in der regen Thätigkeit und beſtändigen Wachſamkeit der Aben⸗ theuer der Wildniß hingebracht worden war, weit ent⸗ fernt, ihnen einen Zuwachs von Zufriedenheit und in⸗ nerer Glückſeligkeit zu verſprechen. Wer, wie ich, faſt von Kindheit an, unter den Söhnen des Waldes herum⸗ geſchwärmt, und über die ungepflügten Ebenen und rauhen Höhen der Wüſten des Weſtens geſtrichen iſt, den wird es nicht erſtaunen zu erfahren, daß, alles Zaubers unge⸗ achtet, den die Welt auf dieſer civiliſirten Seite der Ge⸗ — 159— birge hat, ich doch dem Glanz und dem Genuſſe der Hauptſtadt willig entſagen, und mich wieder mitten in die Gefahren und Erduldungen der Wildniß ſtürzen möchte. Wir haben nur noch hinzuzufügen, daß die Angele⸗ genheiten des Capitäns mit dem Kriegs⸗Departement auf eine befriedigende Weiſe in Ordnung gebracht wor⸗ den ſind, und daß er jetzt im Fort Gibſon, auf unſrer Weſtgrenze, in activem Dienſte ſteht, wo er, wie wir hoffen, fernere Gelegenheiten finden wird, ſeinem eigenen Geſchmacke nachzuhängen, und geographiſche und charac⸗ teriſche Notizzen, über die großen weſtlichen Wildniſſen und ihre bunten Bewohner, zu ſammeln. Wir ſchließen hier unſre Beſchreibung der Felsge⸗ birge, ihrer wilden Bewohnerſchaft, und des von ihnen geführten wilden Lebens, die wir hier niederzulegen beſorgt geweſen ſind, da wir wohl fühlen, daß dieſer ſonderbare Zuſtand der Dinge ſehr dem Wechſel unter⸗ worfen iſt, und bald große Veränderungen erleiden, wo nicht gänzlich verſchwinden muß. Der Pelzhandel ſelbſt, der dieſem Gemälde Leben gegeben hat, iſt im Dahinſchwinden begriffen. Wett⸗ eifernde Partien fangen bald die Ströme aus, beſon⸗ — 160— ders wenn ihre Streitigkeiten ſie den Biber ſorglos aus⸗ rotten laſſen. Gibt es einmal keine Pelzthiere mehr, dann wird das Land ein anderes Anſehen gewinnen: der muntere freie Trapper, mit ſeinem Hengſte, in ſeinem wilden Aufzuge, im Geklirre ſeiner Schellen und Ber⸗ locken; der wilde, befiederte und bemalte, immer auf Raub lauernde kriegeriſche Häuptling; die durch Engpäſſe oder über die nackten Ebenen ziehenden berit⸗ tenen Züge der Handelsteute, und die ihnen verſtohlen auf der Spur folgenden Kriegspartien der Wllden; die Büffeljagden und Jägerlager; die tollen Gelage mitten in der Gefahr; die nächtlichen Angriffe; das wilde Stampfen und Ausreiſſen der Pferde, und die hitzigen Scharmützel in Felſen und Klüften— dieſes ganze ro⸗ manhafte wilde Leben, das jetzt noch in den Gebirgen beſteht, wird dann nur noch in der Erzählung der Gränz⸗ bewohner fortleben, und einem Ritterroman oder Feen⸗ märchen ähnlich ſehen. Eine neue Wendung der Dinge, oder vielmehr neue Modificationen werden unter den umherſchweifenden Völkerſchaften der weiten Wildniß eintreten, die aber vielleicht einen eben ſo großen Abſtich gegen die Gewohn⸗ heiten des civiliſirten Lebens bilden werden. Man ſagt, daß die große Gebirgskette des Chippewyan und die vulkani⸗ ſchen und Sandebenen, die auf beiden Seiten deſſelben liegen, der Cultur unfähig ſeyen. Die Weiden, die man zu einer gewiſſen Jahrzeit dort findet, verwelken bald bei der Trockenheit der Atmoſphäre und hinterlaſſen nichts als öde Wüſten. Ein ungeheurer Gürtel von Felsgebirgen und vulkaniſchen Ebenen, der mehrere hundert Meilen breit iſt, muß immer eine, inmitten zwi⸗ ſchen den Wohnungen der civiliſirten Menſchheit liegende, unverbeſſerliche Wildniß bleiben, die den Indianern eine letzte Zuflucht gewährt. Hier mögen umherſtreifende Jagdvölker, in Zelten und Hütten leben, und den Wan⸗ derungen des Wildes nachziehend, ein wildes unabhän⸗ giges Leben da führen, wo nichts mehr iſt, das die Begierde der weißen Menſchen reizen könnte. Die Ver⸗ miſchung der verſchiedenen Stämme, mit weißen Men⸗ ſchen aller Nationen, wird mit der Zeit Barſtardracen entſtehen laſſen, wie jene der tartariſchen Gebirgsvölker des Caucaſus. Sollten ſie, im Beſitze von ungeheuern Herden von Pferden, ihre gegenwärtigen räuberiſchen und kriegeriſchen Gewohnheiten fortſetzen, dann könnten ſie mit der Zeit die Geiſel der civiliſirten Gränzbewoh⸗ ner, zu beiden Seiten des Gebirgs werden; wie ſie gegenwärtig der Schrecken der Reiſenden und der Han⸗ delsleute ſind. Die in dieſem Werke niedergelegten Thatſachen, thun klar die Politik dar, Militärpoſten und eine bewaff⸗ nete Macht, zum Schutze unſrer Handelsleute, auf ihren Reiſen über die großen, weſtlichen Wildniſſe, zu errichten, 72.— 74. 11 — 162— und ihre Vorpoſten bis in das Innere der großen und ſonderbaren Wildniſſe vorzuſchieben, die wir beſchrieben haben, um einigermaßen die Oberhand in dieſem Lande zu haben, und einer Art von„Räuberſold“ ein Ende zu machen, der bei allen Gelegenheiten von„der wilden KRitterſchaft der Gebirge“ erhoben wird. Anhang. —V⏑ℳ⏑ʃ⏑—— Der Büffel, oder Biſonochſe. E⸗ muß von Wichtigkeit ſeyn, Alles zuſammen zu ſtellen, was auf die Geſchichte dieſes ſonderbaren und merkwürdigen Thieres Bezug hat, das von einem alten Autoren als in einer Hinſicht einem Löwen, in andern Hinſichten aber den Kameelen, Pferden, Ochſen, Schafen oder Ziegen gleichend, dargeſtellt wird*), denn ſeit einem Jahrhundert hat ſich ihre Anzahl ſo vermindert und ihre Wanderungen ſind ſo beſchränkt worden, daß ſein baldiges Verſchwinden von der Oberfläche des Lan⸗ des zu befürchten ſteht. Die Büffel wurden früher in dem ganzen Gebiete der vereinigten Staaten, mit Ausnahme jenes Theil ge⸗ funden, der öſtlich des Hudſonfluſſes und des See's Champlain liegt, und eines ſchmalen Küſtenſtriches am atlantiſchen Meere und dem mexicaniſchen Meerbuſen, welche ſumpfig waren und niedrige, dicke Gehölze hatten. Daß ſie ſich nicht bis auf achtzig Meilen von der atlan⸗ tiſchen Küſte aufhielten, wird aus dem einen Umſtande *) Purchas, his pilgrimage, London 1644. pag. 778. — 166— wahrſcheinlich, daß alle früheren Schriftſteller, die Herr Colhoun darüber zu Rathe gezogen hat, und welche zahl⸗ reich ſind, ihrer nicht als hier exiſtirend erwähnen, aber weiter einwärts. Thomas Morton, einer der erſten Anſiedler von Neu⸗England, ſagt, daß die Indianer „auch Beſchreibung großer Thiere gemacht hätten, die um die Gegenden dieſes See's“(Erecoiſe, jetzt der Ontario See)„leben, womit die chriſtliche Welt vor dieſer Ent⸗ deckung nicht bekannt war. Dieſe Thiere ſind von der Größe einer Kuh, ihr Fleiſch iſt eine ſehr gute Nahrung, ihre Häute geben gutes Leder, ihre Fließe ſind nützlich, da ſie eine Art von Wolle, beinahe ſo fein, wie die Bi⸗ berwolle, ſind, und die Wilden machen Kleider davon. Es ſind jetzt,“ fügt er hinzu,„zehn Jahre, daß es zu den Ohren der Engländer kam.“*) Wir haben dieſe Stelle angeführt, theils um zu zeigen, daß die Feinheit der Büffelwolle, welche ſie ſeit einigen Jahren zum Handelsartikel gemacht hat, ſchon zu Morton's Zeiten bekannt war. Er vergleicht ſie mit jener der Biber, und gewiſſermaßen ſehr richtig, man zeigte uns weiter unten, am Rothen⸗Fluſſe, Hüte, die von ſehr guter Be⸗ ſchaffenheit ſchienen. Sie waren in London von Büffel⸗ wolle verfertigt worden. Es kann eine, beinahe um ein Jahrhundert frühere, Bekanntſchaft der Europäer mit dieſen Thieren dargethan werden; da Guzman 1582 Pe⸗ *) New English Canaan b. F. Morton. Amst. 1639. p. 98. 2 — 167— reits Büffel in der Provinz Cinalon antraf*). De Laet erzählt, auf die Autorität von Gomora, indem er von den Büffeln in Quivira ſpricht, daß ſie beinahe ganz ſchwarz ſeyn, und ſelten weiße Flecken**) an ſich hätten. In ſeiner Geſchichte, bis 1684, zählt Hubbard dieſes Thier nicht unter denjenigen von Neu⸗England auf. Purchas unterrichtet uns, daß 1613 die Abentheurer, „eine langſame Art Rindvieh entdeckten, ſo groß wie die Kühe, welches gutes Fleiſch liefere.“*rn) Aus Lawſon entnehmen wir, daß ſich eine große Menge, Büffel, Elen⸗ thiere ꝛc. ꝛc., in der Nähe vom Cap Fearfluſſe und ſeiner Nebenſtröme befand †). Wir wiſſen auch, daß einige der erſten Anſiedler in dem Abbeville⸗Diſtricte in Süd⸗Carolina im J. 1756 den Büffel dort fanden. Die Partie von de Soto, die Oſt⸗Florida, Georgien, Alabama, Miſſiſippi, das Arkanſasgebiet und Luiſiana von 1539 bis 1543 durchzog, ſah keine Büffel; man erzählte ihnen, daß ſie ſich weiter gegen Norden aufhielten; ſie ſahen aber öfters Büffelhäute, beſonders im Weſten des Miſſiſippi, und Du Pratz der ſein Werk 1758 herausgab, berichtet uns, daß das Thier damals in Nieder⸗Lui ſiana nicht zu finden war. Wir kennen jedoch einen Autoren, *) De Laet, Americae utriusque descript. Lugd. Batav. 1633. ib. vI. G. ) Idem lib. VI. Cap. 17. 5*†) Püörchas, ut supra p. 759. †) Lawson p. 48. 115. — 168— Bernhard Romans, der 1774 ſchrieb und von dem Büffel als einer, Florida verliehenen, Wohlthat der Natur ſpricht. Es kann kein Zweifel obwalten, daß dieſe Thiere ſich dem mexicaniſchen Meerbuſen, an der Bai von Bernhard, näherten. Es iſt wahrſcheinlich, daß dieſe Bai der nied⸗ rigſte Breitegrad iſt, in welchem dieſe Thiere öſtlich der Felsgebirge gefunden wurden. Es kann ebenfalls kein Zweifel über ihre Exiſtenz, weſtlich dieſer Gebirge, übrig bleiben, obgleich Pater Venegas ſie nicht unter den Thie⸗ ren Californiens angeführt hat, und wenn ſte auch nicht weſtlich der Gebirge von Lewis und Clarke geſehen wur⸗ den, noch Harmon oder Mackenzie ihrer bei Neu⸗Cale⸗ donia Erwähnung thun, ein Land, das eine unbeſtimmte Ausdehnung hat, und vom ſtillen Ocean, den Felsge⸗ birgen, dem Gebiete der vereinigten Staaten und den ruſſiſchen Beſitzungen an der Nord⸗Weſtküſte von Ame⸗ rika eingeſchloſſen iſt. Ihre Exiſtenz am Columbiafluſſe, ſcheint aber jetzt ausgemacht zu ſeyn;z man erzählte uns, daß eine Ueberlieferung unter den Eingebornen vorhan⸗ den ſey, daß kurz vor dem Beſuche unſrer unternehmen⸗ den Entdecker, verheerende Feuer über die Prärieen ge⸗ wüthet, und die Büffel öſtlich der Gebirge vertrieben hätten. Herr Doughberty, der geſchickte und intelligente Unteragent, der die Expedition nach den Felsgebirgen begleitete, und Herrn Say ſo viel Wiſſenswürdiges mit⸗ theilte, führt an, daß er einige von ihnen geſehen habe, aber nicht auf ihrer Weſtſeite. Es iſt wahrſcheinlich, daß — 169— die Büffel auf der Weſtſeite der Felsgebirge eben ſoweit hinab kamen, als auf der öſtlichen. De Laet ſagt, auf die Autorität von Herrera hin, daß ſie ſüdlich bis an die Ufer des Naquimi zu graſen kamen.*) In dem⸗ ſelben Kapitel führt dieſer Autor an, daß Martin Perez 1591 die Entfernung der Provinz Cinola, in welcher dieſer Strom fließt, auf drei hundert Stunden von der Stadt Mexico geſchätzt habe. Dieſer Strom ſoll der nämliche ſeyn, der auf Tanners Karte von Nord⸗Ame⸗ rika(Philadelphia 1822) der Kiaqui genannt wird, und zwiſchen dem 27. und 28. Grad nördlicher Breite liegt. Es kann übrigens auch der Rio Gila ſeyn, der im 320⁰ ausmündet. Obgleich wir nun nicht mit Genauigkei beſtimmen können, wie weit die Büffel gegen Süden auf der Weſtſeite der Gebirge hinabſtreifen, ſo iſt doch das Factum ihres Vorhandenſeyns dort in großer Menge, durch de Laet, auf die Autorität von Gomora und durch Purchas hergeſtellt. Die nördliche Grenze ihres Vorhandenſeyns iſt nicht leichter zu beſtimmen. In Hak⸗ luyt's Sammlung finden wir den Auszug eines Brie⸗ fes von Herrn Anthonie Parkhurſt v. J. 1578, in wel⸗ chem er ſich dieſer Worte bedient:„Auf der Inſel Neu⸗ fundland gibt es mächtige Thiere, von der Größe eines Kamels, mit geſpaltenen Klauen. Ich ſah ſie von wei⸗ *) Juxta Yaquimi Fluminis, tauri vaecaeque et praegrandas cervi passuntur. Ut sub. Libr. VI. 6. tem, war aber nicht im Stande, ſie genau zu unterſchei⸗ gen; ihre Fußtritte zeigten jedoch, daß ſie geſpaltene Füße hatten, die dicker als die Kamelfüße waren. Ich vermuthe, daß ſie eine Art von Büffel ſind, die, wie ich geleſen habe, in den umliegenden, und vielen andern Ländern des Feſtlandes vorhanden ſeyn ſollen.*) In derſelben Sammlung p. 689. finden wir, in der Nach⸗ richt von Sir Humfrey Gilberts Reiſen, die 1583 be⸗ gannen, daß geſagt werde, in Neufundland befänden ſich„Buttolfes, oder ein Thier, das ſeiner Fährte und ſeinem Fuße nach ſehr groß, nach Art der Ochſen, ſey.“ Es kann jedoch die Frage aufgeworfen werden, ob dieſes nicht ſtatt der gewöhnlichen Büffel oder Biſon⸗ ochſen unſerer Prairieen, Moſchusochſen**) waren. Wir beſitzen keine Autorität dafür, daß die Büffel ſich nördlich der Seen Ontario, Erie ꝛc. und öſtlich des See's Winnepeak aufhielten. Nach dem, was wir von andern Ländern, zwiſchen dem Nelſonsfluſſe, der Hud⸗ ſonsbai, und den untern Seen mit Einſchluß von Neu⸗ Südwallis und Ober⸗Canada wiſſen, ſind wir geneigt zu glauben, daß ſich die Büffel hier nie in großer An⸗ zahl befanden, wenn wirklich welche im Norden dieſer See'n vorhanden waren. Wir wiſſen aber, daß ſie im *) The principall navigations, voyages, and discoveries of the English nation etc. by Richard Hakluyt. London 1589. p. 676. **.) Muskoxen. — 171— Weſten des Winnepeakſee's, bis zum 620 nördlicher Breite angetroffen werden. Capitän Franklin's Partie tödtete einen am Salzfluß, im ohngefähr 660°. Wahr⸗ ſcheinlich ſind ſie über alle Prairieen zerſtreut, die im Norden von einer Linie begränzt werden, die von dem Punkt anfängt, wo der 620 die Baſis der Felsgebirge berührt, und in ſüdöſtlicher Richtung nach der ſüdlichen Spitze des Winnepeak hinläuft, die nur ſehr wenig über dem 50° liegt. An dem Saskatchawan ſind die Büffel ſehr häufig. Es mag hier am geeigneten Orte ſeyn, zu bemerken, daß die kleinen weißen Büffel, deren Mackenzie öfters auf die Autorität der Indianer hin erwähnt, die ihm er⸗ zählten, daß ſie in den Gebirgen lebten, wahrſcheinlich nicht die Biſonochſen ſind, denn Lewis und Clarke be⸗ richten uns, daß die Indianer das Gebirgsſchaf mit dieſem Namen belegten. Es iſt wahrſcheinlich, daß ſich die Büffel auf der Weſtſeite der Gebirge nicht nördlich des Columbiafluſſes erſtrecken. Gegenwärtig ſieht man ihn kaum auf der Oſtſeite des Miſſiſippi, und ſüdlich vom St. Lorenzfluſſe. Die Partie des Gouverneurs Caß fand i. J. 1819 Büffel öſtlich des Miſſiſippi, oberhalb der St. Antonius⸗Waſ⸗ ſerfälle. Jedes Jahr werden die Wanderungen dieſes Thieres beſchränkt. Im Jahr 1822 war die Grenze der⸗ ſelben, der große Schwanenſee in der Nähe von Camp⸗ Crescent, am St. Peter hinab. Im J. 1823 wurden die — 172— Herren der Columbia⸗Pelzhandels⸗Compagnie genöthigt, fünf Tage in nord⸗weſtlicher Richtung vom Traversſee zu reiſen, ehe ſie das Wild antr fen, ſie tödteten dann aber ſechzig Thiere in kurzer J. Die Herden zogen dann bis ganz in die Nähe des Traversſee, und erſtreck⸗ ten ſich vielleicht ſelbſt etwas den St. Peter hinab. Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß dieſe beſtändigen Einengungen ihres Wanderbezirks ihrer Anzahl Abbruch thun müſſen, und gewiß mehr als die Gewohnheit, nur die Kühe zu tödten, und den Ochſen laufen zu laſſen, eine Gewohnheit, die wahrſcheinlich lange bei den In⸗ dianern beſtanden hat, und die wir daher nicht als die Urſache anſehen können, daß ſich ihre Zahl in neuern Zeiten ſo vermindert hat. Die Civiliſation zerſtört in ihrem beſtändigen Voranſchreiten, die großen Thier⸗ herden, und drängt ſelbſt Jagdvölker zurück, wenn ſie ihre Lebensweiſe nicht ändern. Wenn das Rothwild bezähmbarer wäre, ſo würden dieſe intereſſanten Bewoh⸗ ner unſrer Wälder, längſt ſchon in die Aufenthaltsorte der Büffel, Elenthiere und Biber vertrieben worden ſeyn. Alle Büffel, welche unſere Partie ſah, waren durch⸗ aus von ſchwarzbrauner Farbe. Man ſagte uns, daß man bisweilen weiße oder gefleckte geſehen habe. Das Alter der Thiere ſoll an den Hornabſätzen(rugis) ſicht⸗ bar ſeyn. Herr Colhoun tödete einen Ochſen, der nach dieſer Schätzung ſechs und zwanzig Jahr alt geweſen ſeyn müßte, bei dieſer Berechnung werden vier Abſätze für das erſte Jahr gerechnet. Wenn ſolche richtig iſt, wie allgemein behauptet wird, dann erreicht der Büffel wahr⸗ ſcheinlich ein höheres Alter, als der zahme Ochſe. Der Büffel iſt weit größer an Geſtalt, als das Hausrindvieh und wenn auch ſeine vorderen Theile plump ſind, ſo ſind ſeine hinteren deſto ſchöner geformt. Man hält das Fleiſch der Kühe für wohlſchmeckender als das der Ochſen, vorzüglich während der Brunſtzeit, wo letztere einen ſtarken, ranzigen Geſchmack annehmen; dies war der Fall zu der Zeit, wo unſere Partie ſie ſah. Wir hatten keine Gelegenheit Kühe zu ſchießen, und da die Ochſen mager waren, ſo aßen wir gewöhnlich Zunge und Leber, von denen die wir tödteten. Dieſe bilden, nebſt dem Höcker, den Höckerrippen, den Markknochen, dem Herz und dem Nierenſtücke und dem Jägerbraten(Lendenſtück in der Nähe des Schulterblattes) die leckerſten Biſſen, und ſind, wenn die Büffel häufig ſind, die einzigen Theile, welche gegeſſen werden. Man ſchätzt eine Kuh an dem See Travers gewöhnlich auf zwei hundert fünf⸗ zig, bis drei hundert Pfund gutes Fleiſch, den Kopf und die andern Theile abgerechnet. Man rechnet acht Mark⸗ knochen von den vordern und hintern Beinen. Es iſt ſchwer zu beſtimmen, wieviel Mark ſie, jeder einzeln oder zuſammen, enthalten, allein das Mark von einem Knochen reicht gewöhnlich zu einer Mahlzeit hin. Um es zu erhalten, wird das Fleiſch von den Knochen abge⸗ ſchabt und ſie in das Feuer geworfen. Nachdem ſie — 174— einige Minuten darin gelegen haben, werden ſie aus dem Feuer gezogen, die Knochen zerſchlagen, und das Mark mit einem, am Ende geſpaltenen, Stocke heraus⸗ genommen und ohne etwas dazu gegeſſen. Es iſt ſehr köſtlich, und gleicht, wenn es gebraten iſt, in Farbe und Subſtanz dem Eyerrahme. Einige Perſonen eſſen es lieber roh, es ſchien uns aber in dieſem Zuſtande nicht ſo ſchmackhaft zu ſeyn. Wenn man eine Herde Büffel, vorzüglich wenn ſie aus Ochſen beſteht, verfolgt, ſo hinterlaſſen ſie einen ſtarken Moſchusgeruch hinter ſich, und das Gras kniſtert, als wenn es in Brand ſtünde. Wir erwähnten, daß die Büffelochſen uns häufig ſehr nahe kamen, was von eini⸗ gen unſerer Reiſebegleiter dem ſchlechten Geſichte des Thieres beigemeſſen wurde, deſſen Auge durch die große Menge Haare, die ihr Geſicht bedeckt, verdunkelt ſeyn ſollten; dies iſt wahrſcheinlich je doch unrichtig. Es hat ſeine Urſache entweder in der größeren Furchtloſigkeit der Ochſen während der Brunſtzeit, oder vielleicht in dem Umſtande, daß, ob ſie gleich die Menſchen ſehr gut unterſcheiden können, ſie dies doch nicht allein durch das Geſicht zu thun vermögen. Es iſt der Geruch des Menſchen, der ſie hauptſächlich vertreibt. Wir haben uns Ochſen von der Windſeite unſerer Linie mit der größten Ruhe nähern ſehen. Im Augenblicke aber„ wo ſie den Wind erhielten, trieb ſie der Geruch in der größ⸗ ten Eile fort. Die Schärfe ihrer Geruchsnerven iſt — 175— wohl bekannt; bisweilen, wenn der Wind ſtark iſt, und auf ſie zu weh't, werden ſie die Gegenwart von Menſchen auf zwei oder mehrere Meilen gewahr. Man ſieht Büffel und Elenthiere zugleich auf derſelben Prairie und ſie ſcheinen ſich nicht eins um des andern Gegenwart zu bekümmern, ſie truppen ſich aber nicht in Herden mit ihnen zuſam⸗ men, jedes Thier geſellt ſich nur zu ſeiner eigenen Gat⸗ tung. Wir ſahen auf den Prairieen bei den Büffeln, auſ⸗ ſer den Elenthieren, nur den gewöhnlichen Prairiewolf, welcher der gewöhnliche Begleiter des Büffels zu ſeyn ſcheint. Unter den Vögeln, die wir bemerkten, befand ſich der Fiſchaar(falco leucocephalus), und der Kranich. Man ſieht öfters den Büffel ſich wälzen, und Staub in die Höhe werfen, was, in großer Entfernung geſehen, dem Waſſeerſpritzen eines Wallfiſches gleicht. Die Schwierigkeit dieſes Thier zu tödten, iſt ſehr groß, und man kann dieſes aus der Thatſache abnehmen, daß Herr Peale einem Büffel vierzehn Kugeln in die Bruſt ſchoß, ehe er ihn tödtete, und Herr Scott feuerte in der Abſicht, um zu ſehen, ob eine abgeſchoſſene Kugel das Stirnbein zerſchmettere, ſeine Büchſe auf zehn Schrite nach einem todten Ochſen ab; die Kugel drang nicht durch, ſondern verwickelte ſich nur in das Haar, worin ſie gefunden wurde. Sie hatte jedoch die Stirne ge⸗ troffen, und ließ, ehe ſie zurückſprang, ein Mahl zurück. Dieſes ſtimmte mit Herrn Scott's im Allgemeinen ge⸗ faßter Idee überein; da er die letzten zehn Jahre hin⸗ — 176— durch in einer Büffelgegend angeſtellt geweſen war, und häufig Gelegenheit gehabt hatte, in jeder Richtung nach ihnen zu feuern. Seine Kunſt und Geſchicklichkeit im Schießen ſind am Miſſiſſipi zum Sprichworte geworden. Wir hatten mehrere Gelegenheiten, ſelbſt Zeuge davon zu ſeyn, obgleich die größere Seltenheit des Wildes aller Art, die ihm während der ganzen Expedition, mit Aus⸗ nahme der Prairieen am obern Theile des Rothenfluſſes auffiel, die Gelegenheiten beſchränkte, ſein ſeltenes Ta⸗ lent auszuüben. Wenn wir die große Stärke, Größe, Behändigkeit und Schnelle der Büffel in Erwägung ziehen, ſo iſt zu bedauern, daß noch kein glücklicher Verſuch gemacht wor⸗ den iſt, dieſes edle Thier zu zähmen, und es dem Be⸗ dürfniſſe des Menſchen abzurichten.„Statt ſich zu be⸗ mühen, die vielen ſchätzbaren Thiere, welche früher unſer Land durchſtreiften nützlich zu verwenden, haben ſich die Anſiedler damit begnügt, die europäiſchen einzuführen. Es kann, wie wir glauben, nur wenigem Zweifel unter⸗ liegen, daß der Büffel, bei gehöriger Behandlung, zahm gemacht werden, und mit großem Vortheile den euro⸗ päiſchen Ochs erſetzen kann. Ein anderer Verſuch, der gewiß ſehr interreſſant ſeyn würde, würde der ſeyn, in Erfahrung zu bringen, ob ſich die Racen nicht kreuzen ließen, und was der Erfolg ſeyn würde. Wir haben, es iſt wahr, anführen hören, und es iſt die allgemeine Meinung im Lande, daß ein zahmer Ochs in gewiſſen — 177— Fällen eine Büffelkuh beſprang, und das Kalb die Kenn⸗ zeichen beider an ſich trug; allein dieſer günſtige Erfolg könnte nicht erwartet werden, im Falle die gezähmte Kuh von einem Büffel beſprungen würde, weil das Becken der Erſtern zu klein für die Geburt des Kalbes wäre, und daher Mutter und Kalb bei der Geburt um⸗ kommen müßten. Herr Say hat ſich, jedoch vergeblich, Mühe gegeben, die Quelle dieſes Gerüchtes zu erforſchen; da er immer fänd, daß die Erzählenden darüber bloß aus Muthma ung ſprachen; ſo iſt er geneigt, es zu zweifeln, daß der Verſuch je gemacht worden iſt. In der That, ſagte man uns an dem Winnepeekſee, wo wir ein Paar Büffel ſahen, die mit dem Hausrindvieh gehalten wurden, daß während der Brunſtzeit der Büffelochſe keine gewöhnliche Kühe zu ſich ließe. Vielleicht würde ſich auch dieſer natürliche Widerwille mit der Zeit ver⸗ lieren. Es würde gewiß der Mühe lohnen, den Ver⸗ ſuch zu machen.— Keatings⸗Erzählung ꝛc. 72.— 74. 12 — 178— Capitän Wyeth und der Handel mit dem fernen Weſten. Wir haben den Capitän Bonneville an das Ende ſeiner Ausflüge nach dem Weſten gebracht, wir können dieſes Werk aber nicht ſchließen, ohne Einiges über die Schickſale ſeines Zeitgenoſſen, des Capitäns Wyeth, bei⸗ zufügen; von deſſen Unternehmung wir, in dem Laufe unſerer bunten Erzählung, hier und da Anecdoten ein⸗ geflochten haben. Der Capitän erreichte ſeine Abſicht, einen Handels⸗ poſten an dem Portneuf unter dem Namen Fort Hall anzulegen. Hier wurde zum erſtenmale die amerikaniſche Flagge den Winden entfaltet, welche die großen, nackten Ebenen der Centralwildniſſe beſtreichen. Nachdem er hier zwölf Mann mit einem Vorrathe von Waaren zurückgelaſſen hatte, um mit den benachbarten Stämmen Handel zu treiben, ſetzte er ſeine Reiſe an dem Columbiafluſſe fort, und errichtete einen andern Poſten, Fort William genannt, auf der Inſel Wappatoo, an der Mündung des Wallamut. Dies ſollte die Hauptfactorei ſeiner Compagnie ſeyn, von wo ſie ihre Fiſcherei und ihren Biberfang betreiben, ihren Handel mit dem Innern führen und ihr Schiff jähr⸗ lich zu empfangen und wieder abzurichten haben ſollte. — 179— Der Plan des Capitäns wyeth ſcheint verabredet geweſen zu ſeyn. Er hatte bemerkt, daß die Felsge⸗ birgs⸗Pelzhandels⸗Compagnie, die Banden der freien Trapper ſowohl, wie die Indianer im Weſten der Ge⸗ birge, von den, aus Saint⸗Louis ihnen zugeführten Gü⸗ tervorräthen abhingen, die, in Folge der Unkoſten und Gefahren eines langen Landtransportes, ihnen gegen einen ungeheuern Aufſchlag auf die Einkaufspreiſe ge⸗ liefert wurden. Er ſiel auf die Idee, daß ſie von der Seite des ſtillen Oceans zu weit billigern Preiſen her⸗ beigeſchafft werden könnten. Die Pferde koſteten an den Ufern des Columbiafluſſes weit weniger, als zu Saint Louis; der Landtransport war um vieles kürzer und weit geſicherter vor den Feindſeligkeiten wilder Völker⸗ ſtämme, wo hingegen er auf dem Wege von und nach Saint Louis jährlich viele Menſchenleben koſtete. Auf dieſe Idee gründete er ſeinen Plan. Er ver⸗ band die Salmenfiſcherei mit dem Pelzhandel. Ein be⸗ feſtigter Handelspoſten ſollte an dem Columbiafluſſe an⸗ gelegt werden, um den Salmen⸗ und Pelzhandel mit den Eingebornen des Landes zu betreiben, und für ihre eigene Rechnung Fiſche und Biber zu fangen. Einmal im Jahr ſollte ein Schiff von den amerikaniſchen Staa⸗ ten kommen, Güter für den innern Handel überbringen, und die geſammelten Vorräthe von Salmen und Pelzen zurücknehmen. Ein Theil der alſo überbrachten Güter ſollte nach den Gebirgen gebracht werden, um die Trap⸗ 12* per⸗Partien und die indianiſchen Stämme, im Austauſch gegen ihre Pelze, zu verſehen, die den Columbiafluß hinab geführt werden ſollten, um mit dem nächſten jähr⸗ lichen Schiffe nach Hauſe gebracht zu werden; ſo daß die ausgeführten Güter und die eingeführten Pelze keine doppelte Fracht koſteten. Seine Unternehmung wurde mit einem Muthe, einer Einſicht und Beharrlichkeit ausgeführt, die einen glücklichen Erfolg verdient hätten. Alles, was wir von ihm ſahen, beweiſ't, daß er kein gewöhnlicher Mann iſt. Er ſcheint den Verſtand zu haben, weitausſehende und auffallende Pläne zu faſſen und die Thätigkeit zu beſitzen, ſolche in Ausführung zu bringen. Er hatte noch einmal die amerikaniſche Flagge in den verlornen Regionen von Aſtoria aufgepflanzt, und wäre er im Stande ge⸗ weſen, ſich auf dem Fuße zu erhalten, auf den er ſich mit ſo vielem Muthe geſetzt hatte, dann hätte er ſeinem Lande den ergiebigen Handel an dem Columbiafluſſe wieder erringen können, aus deſſen Beſitz uns unſere Staatsmänner ſo nachläſſig vertreiben ließen. Es iſt unnöthig, bei den einzelnen Vorfällen und Widerwärtigkeiten zu verweilen, die das Fehlſchlagen dieſes Planes veranlaßten. Sie ſind von der Art, wie ſolchen alle Unternehmungen dieſer Gattung, die eine Combina⸗ tion von Land⸗ und See⸗Operationen erfordern, unter⸗ worfen ſind. Was ihm am meiſten fehlte, war ein hin⸗ längliches Capital, um ihn in den Stand zu ſetzen, an⸗ * — 181— fängliche Hinderniſſe zu beſiegen und Verluſte zu decken, und auszuhalten, bis aus mißlungenen Verſuchen ſich endlich ein glücklicher Erfolg ergeben hätte. 1 Mit auſſerordentlichem Bedauern vernehmen wir, daß er genöthigt worden iſt, ſeine Beſitzungen auf der Inſel Wappatoo der Hudſonsbai⸗Compagnie zu überlaſ⸗ ſen, die, wie wir ihr zum Ruhme nachſagen müſſen, ihn, laut ſeiner eigenen Angabe, während ſeines ganzen Un⸗ ternehmens, mit großer Rechtlichkeit, Freundſchaft und Großmuth behandele. Dieſe Compagnie behauptet dem⸗ nach noch eine unbeſchränkte Gewalt über das ganze, von dem Columbiafluſſe und ſeinen Nebenſtrömen be⸗ wäſſerte, Land.Sie hat in der That, ſoweit ihre Privi⸗ legien es geſtatteten, den von Herrn Aſtor entworfenen glänzenden Plan ausgeführt, worauf er ſeine Nieder⸗ laſſung an der Mündung des Columbiafluſſes gründete. Von ihrer Hauptniederlage zu Vancouver werden Par⸗ tien in jeder Richtung abgeſchickt, um die innern Poſten zu verſehen, mit den Eingebornen zu handeln, und an den verſchiedenen Strömen zu fangen. Dieſe verfolgen die Flüſſe, überſchreiten die Ebenen, dringen in das Herz der Gebirge, erſtrecken ihre Unternehmungen nord⸗ wärts bis zu den ruſſiſchen Beſitzungen, und ſüdlich bis zu den Gränzen Californiens. Sie erhält ihre jährlichen Vorräthe zu Vancouver zur See, und von da verſchifft ſie ihre Felle und Pelze nach London. Sie unterhält — 182— ebenfalls einen beträchtlichen Handel mit Waizen und Hausgeräth nach den Inſeln des ſtillen Oceans. Obgleich die Compagnie, vermöge eines Traktates, nur ein Recht auf Theilnahme an dem Handel dieſer Regionen hat, und ſie in der That nur auf Kündigung Inhaber ſind, ſo haben ſie ſich doch die anfängliche Nach⸗ ſicht und nachherige Sorgloſigkeit der amerikaniſchen Re⸗ gierung in aller Stille zu Nutze gemacht, um das Mo⸗ nopol des Handels an dieſem Fluſſe und ſeinen Neben⸗ ſtrömen an ſich zu reiſſen, und greifen umſichtig weiter, ſich in ihrem uſurpirten Beſitze zu behaupten, indem ſie alle feſten Punkte des Landes an ſich bringen. Fort George, urſprünglich Aſtoria, welches durch die Verlegung der Hauptfactorei nach Vancouver verlaſ⸗ ſen wurde, ward im J. 1830 wieder hergeſtellt, und wird jetzt als ein befeſtigter Poſten und Handelshaus unter⸗ halten. Alle Plätze, die an ſchiffbaren Strömen liegen, wurden in Beſitz genommen und an ihnen, durch die Compagnie, erſt neuerlich Poſten angelegt. Das große Capital dieſer Geſellſchaft, ihr lange be⸗ folgtes Syſtem, ihr ererbter Einfluß über die indiani⸗ ſchen Stämme, ihre innere Organiſation, wodurch Alles mit der Regelmäßigkeit einer Maſchine betrieben wird, und der niedrige Sold, den ſie ihren Leuten geben, welche meiſtens Canadier ſind, gewähren ihnen große Vortheile vor den amerikaniſchen Pelzhändlern. Auch iſt es nicht wahrſcheinlich, daß Letzere je feſten Fuß in dem — 183— Lande faſſen werden, bis die Frage über das Territo⸗ rialeigenthum zwiſchen den beiden Ländern entſchieden iſt. Je eher dieſes zu Stande kommt, deſto beſſer. Es iſt eine Frage, die für den Nationalſtolz, wo nicht für das Nationalintereſſe, zu wichtig iſt, um vernachläſſigt werden zu dürfen, und jedes Jahr vermehrt ſich die Schwierigkeit ihrer Löſung. Der Pelzhandel, der jetzt der Hauptgegenſtand der Unternehmungen nach dem Weſten der Felsgebirge bil⸗ det, macht nur einen Theil der eigentlichen Hülfsquellen des Landes aus. Auſſer der Salmenfiſcherei an dem Columbiafluſſe, die zur Quelle eines anſehnlichen Nutzens gemacht werden kann, ſind die Thäler der niedrigern Gegenden, unterhalb der erhabenen vulkaniſchen Pla⸗ teaus, geeignet, zahlloſen Herden ihren Unterhalt zu verſchaffen und eine Bevölkerung von Viehmäſtern und Landbauern zu ernähren. Von dieſer Art iſt zum Beiſpiel das ſchöne Thal des Wallamut, aus welchem die Niederlaſſung zu Van⸗ couver ihre meiſten Vorräthe zieht. Hier hat die Com⸗ pagnie ihre Mühlen und Pachthöfe, und hat einige ihrer ausgedienten Beamten und Diener darin ver⸗ ſorgt. Dieſes, oberhalb der Waſſerfälle liegende, Thal iſt ohngefähr fünfzig Meilen breit, und erſtreckt ſich ſehr weit nach Süden. Durch die an ſeinen Sei⸗ ten hinlaufenden Gebirgsketten geſchützt, iſt ſein Klima — 184— mild; während ſein Boden an Fruchtbarkeit den beſten Ländereien am Miſſouri gleich geſetzt wird. Das Thal des Des Chutes iſt ebenfalls äußerſt für ein Weideland geſchaffen. Hier werden die beſten Pferde aufgezogen, die die Compagnie zu ihren Gebirgsreiſen braucht. Das Thal hat eine ſo glückliche Temparatur, daß das ganze Jahr hindurch Gras wächſt und man den Winter über das Vieh auf der Weide laſſen kann. Dieſe Thäler müſſen die großen Anfangspunkte der zukünftigen Niederlaſſungen in dem Lande werden, allein es müſſen ihrer Viele ſeyn, die von dieſen niedern Ge⸗ birgsregionen eingeſchloſſen, ob ſie gleich jetzt wüſt und unbewohnt liegen und dem Auge des Pelzhändlers und des Trappers nur öde Wüſteneien darbieten, doch unter der Cultur geſchickter Oeconomen und Landbauer, bald ein anderes Anſehen gewinnen, voller Saaten ſtrotzen und mit Viehherden bedeckt ſeyn würden. Auch die Hülfsmittel des Landes können, ſo lang ſie noch in dem Beſitze einer, in jhrem Handel beſchränkten, Compagnie ſind, nur theilweiſe in Thätigkeit geſetzt werden. Allein in den Händen der Amerikaner, die in directem Handel mit Oſtindien ſtehen, würden ſie bald einen Schwung erhalten und den Traum des Herrn Aſtors verwirklichen, indem ſie einem blühenden Handelsſtaate ſeine Entſtehung gäben. ——— Schiffbruch einer japaneſiſchen Junke an der Nord⸗ weſt⸗Küſte. Der folgende Auszug eines Briefes, den wir un⸗ längſt von Capitän Wyeth erhielten, mag intereſſant ſeyn, da er einiges Licht auf die Frage wirft, wie Ame⸗ rika bevölkert worden iſt. „Sind Sie von dem Umſtande unterrichtet worden, daß im Winter 1833 eine japaneſiſche Junke an der Nordweſt⸗Küſte der Königin Charlotteninſel ſcheiterte, und die ganze Schiffsmannſchaft, die durch Hunger und Krankheit auf ihrer langen Fahrt über den ſtillen Ocean ſehr gelitten hatte, bis auf zwei von den Eingebornen umgebracht worden iſt? Dieſe beiden fielen in die Hände der Hudſonsbai⸗Compagnie und wurden nach England geſchickt. Ich ſah ſie bei meiner Ankunft zu Vancouver im Jahr 1834.“ — 186— Inſtructionen für den Capitän Bonneville von dem commandirenden Generalmajor der Truppen der vereinigten Staaten. Hauptauartier der Armee. Waſhington den 3. Auguſt 1831. Der Urlaub, den Sie zu dem Zwecke nachgeſucht haben, Ihr Vorhaben in Ausführung zu bringen, das Land der Felsgebirge und jenſeits derſelben zu unterſu⸗ chen, um Beſchaffenheit und Character der verſchiedenen indianiſchen Stämme kennen zu lernen, welche dieſe Re⸗ gionen bewohnen; Nachforſchungen über den Handel anzuſtellen, der mit denſelben mit Vortheil betrieben wer⸗ den könnte, über die Eigenſchaft des Bodens, über Pro⸗ ducte, Mineralien, Naturgeſchichte, Klima, Geographie und Topographie des Landes, wie über die Geologie verſchiedener, im Gebiete der vereinigten Staaten, zwi⸗ ſchen unſern Gränzen und dem ſtillen Ocean liegender, Ländertheile— iſt gehörig in Erwägung gezogen, dem Kriegsdepartement zur Beſtätigung vorgelegt und von demſelben gut geheißen worden. Sie ſind demnach er⸗ mächtigt bis zum Oetober 1833 von der Armee abweſend zu ſeyn. Wohlverſtanden, daß der Regierung aus Ihrer vorgeſchlagenen Expedition, als von Ihnen ausgehend— keine Unkoſten erwachſen dürfen, und daß Alles, was Sie — — — 187— verlangten, nichts als die Erlaubniß war, ſolche unter⸗ nehmen zu dürfen. Sie werden ſich demgemäß, indem Sie ſich zu Ihrer Unternehmung vorbereiten, mit den nöthigen Inſtrumenten verſehen, und vorzüglich mit den beſten Karten vom Innern, die zu finden ſind. Es wäre überdies wünſchenswerth, daß außer den bereits aufgezählten Gegenſtänden, Sie ſich vorzüglich die Anzahl der Krieger notirten, die in jedem Stamme ſeyn mögen, den ſie antreffen, ihre verſchiedene Stellung in Betreff ihres Kriegs⸗ oder Friedenszuſtandes, und ob ihre friedlichen oder kriegeriſchen Neigungen gegen ein⸗ ander von kürzerer oder längerer Zeit her iſt. Es wird uns angenehm ſeyn, wenn Sie uns die Art ihres Krieg⸗ führens beſchreiben, die Weiſe ihrer Subſiſtenz während eines Kriegs; ob ſie Fuß oder zu Pferde fechten; uns genau die Disciplin und Manövres der Kriegspartien angeben; die Stärke und Größe ihrer Pferde mit einer all⸗ gemeinen Beſchreibung derſelben angeben; kurz jede Nach⸗ richt einziehen, die Sie für die Regierung nützlich erachten. Sie werden ſich jeder Gelegenheit bedienen, uns Nachricht über Ihre Lage und Fortſchritte zukommen zu laſſen, und ſich, nach Ablauf Ihres Urlaubs, wieder in Ihr Standquartier begeben. Ich habe die Ehre zu verharren An Capitän Bonne⸗ Ihr erg. Diener ville vom 7. In⸗ Alexander Macomb, fanterie⸗Regiment General⸗Major, Commandant zu Neu⸗York. der Armee. — 188— Die Flatheads und die Schwarzfüße. Eine große Bande der Flathead⸗Indianer war um das Fort herumgelagert. Sie waren kürzlich erſt aus dem Bezirke der Büffel zurückgekehrt, und hatten ihre Niederlage vom vorhergehenden Jahre durch einen aus⸗ gezeichneten Sieg über ihre Feinde, die Schwarzfüße, ge⸗ rächt; mehrere von den Kriegern der Letztern waren mit ihren Weibern gefangen genommen worden. M'Mil⸗ lans Tabak und Waarenvorräthe waren vor meiner An⸗ kunft gänzlich aufgeräumt worden, und die Indianer ſehr in Noth um Schießbedarf ꝛc. Meine Erſcheinung oder vielmehr jene der Waaren, die ich mitbrachte, ver⸗ urſachte daher beiden Theilen eine große Freude. Die Einwohner rauchten das beliebte Kraut mehrere Tage hinter einander. Unſere Jäger tödteten einige Gebirgs⸗ ſchafe, und ich brachte einen Sack Mehl, einen Sack Reis, eine Menge Thee und Kaffe, etwas Pfeilwurzel und fünfzehn Galonen vorzüglichen Rum mit. Wir ver⸗ lebten ziemlich frohe Weinachts⸗Feiertage, und an einem flackernden Feuer, in dem warmen Zimmer, vergaßen wir die Leiden, die wir auf unſerer traurigen Reiſe durch die Wälder überſtanden hatten; allein mitten in unſern Feſtlichkeiten war etwas, das der Freude, die wir ſonſt genoſſen haben würden, einen großen Abbruch — 189— that; ich meine nämlich die unglücklichen Schwarzfüße, die von den Flatheads gefangen worden waren. Da ich unterrichtet ward, daß ſie einen ihrer Gefangenen umzubringen im Begriffe ſtünden, ſo begab ich mich in ihr Lager, um Zeuge des Schauſpiels zu ſeyn. Der Mann wurde an einen Baum gebunden, wornach ſie einen alten Flintenlauf in das Feuer legten, bis er glühend wurde, und hiermit brannten ſie ihm Beine, Schenkel, Hals, Wangen und Bauch. Sie fingen dann an, das Fleiſch um die Nägel abzulöſen, die ſie ausriſſen, und dann die Finger, Glied für Glied, von der Hand ab⸗ trennten. Während dieſer Grauſamkeiten hörte man den un⸗ glücklichen Gefangenen nie jammern, und ſtatt um Gnade zu bitten, reitzte er ihren barbariſchen Scharfſinn durch er⸗ bitternde Schmähungen, von welchen uns unſer Dollmetſcher einen Theil überſetzte, wie folgt:„Mein Herz iſt ſtark.— Ihr thut mir nicht weh.— Ihr könnt mir nicht wehe thun. — Ihr ſeyd Narren.— Ihr verſteht das Mardern nicht. — Verſucht es noch einmal.— Ich fühle noch keine Schmerzen.— Wir foltern Eure Verwandten viel beſſer, daß ſie laut ſchreien, wie die kleinen Kinder.— Ihr ſeyd nicht tapfer.— Ihr habt enge Herzen und fürchtet Euch zu ſchlagen.“ Sich dann an Einen beſonders wendend, verſetzte er:„Es war durch meinen Pfeil, daß du dein Auge verloreſt,“ worauf der Flathead auf ihn zuſtürzte und ihn mit einem Meſſer, in einem Momente, eins ſei⸗ ner Augen ausbohrte; wobei er ihm zugleich die Naſe — 190— beinahe völlig auseinander ſchlitzte. Dies hielt ihn nicht ab, mit dem übrig gebliebenen Auge blickte er einen Andern finſter an, und ſagte.„Ich habe deinen Bruder getödtet, und den alten Narren, deinen Vater ſcalpirt.“ Der Krieger, an den er dieſe Worte gerichtet hatte, ſprang ſogleich auf ihn zu, und zog ihm die Stirnhaut ab. Er ſtand dann im Begriff, ihm ein Meſſer in das Herz zu ſtoßen, als ihn der Häuptling abzuſtehen hieß. Der kahle Schädel, die blutigen Augenhöhle und die verſtümmelte Naſe boten jetzt einen ſchrecklichen Anblick dar, änderten aber keineswegs den trotzigen Ton ſei ne Rede.—„Ich war es,“ ſagte er zu dem Häuptling, „der dein Weib im letztem Herbſte gefangen nahm;— wir ſtachen ihr die Augen aus;— wir riſſen ihr die Zunge aus dem Hals;— wir behandelten ſie, wie einen Hund. Vierzig unſerer jungen Krieger—— Der Häuptling ward wüthend in dem Augenblicke, wo der Name ſeines Weibes genannt wurde, er ergriff eine Flinte, und ehe die letzten Worte ausgeſprochen waren, flog ihre Kugel durch das Herz des braven Krie⸗ gers, und endigte ſeine furchtbaren Leiden. So empö⸗ rend jedoch dieſes gräßliche Schauſpiel war, ſo wurde es doch noch durch die rohen Grauſamkeiten übertroffen, die an den weiblichen Gefangenen verübt wurden, wo⸗ ran, wie ich leider ſagen muß, die Weiber der Flatheads mit einer größeren Wuth, als die Männer, Antheil nah⸗ men. Ich wohnte nur einem Theile der einem unglück⸗ — 191— lichen jungen Weibe auferlegten Qualen bei, deren nä⸗ here Umſtände zu empörend ſind, um ſolche zur öffent⸗ lichen Kenntniß zu bringen. Wir machten gegen die Verübung ſolcher ſchrecklichen Grauſamkeiten Vorſtellungen, ſie erwiederten jedoch, daß die Schwarzfüße ihre Ver⸗ wandten auf dieſelbe Weiſe behandelten; dies das von allen rothen Kriegern befolgte Verfahren ſey, und ſie nicht daran denken könnten, die Befriedigung ihrer Rache dem thörigten und weibiſchen Gefühle der weißen Men⸗ ſchen aufzuopfern. Wir ſahen kurz hierauf ein junges Mädchen vorführen, die, allem Anſcheine nach, nicht über 14 bis 15 Jahren zählte. Sie war von einigen alten Weibern umgeben, die ſie nach einem Ende des Dorfes führten, wohin ihnen eine Anzahl junger Männer folgte. Nachdem wir die ſchändliche Abſicht ihrer Sieger kennen gelernt hatten, erneuerten wir, da wir uns für das unglückliche Opfer intereſſirten, unſere Vorſtellungen, hielten aber beinahe dieſelbe Antwort, wie zuvor. Da wir ſie unbeweglich fanden, und wir alle in unſerer Macht ſtehenden, mit unſerer eigenen Sicherheit verein⸗ baren, Mittel in der Sache der Menſchlichkeit anzu⸗ wenden wünſchten, ſo hießen wir unſere Dolmetſcher, ihnen zu erklären, daß, ſo hoch wir auch ihre Freundſchaft ſchätzten, und welchen Werth wir auch in ihre Pelze ſetzten, wir ihr Land doch für immer verlaſſen würden, wenn ſie nicht aufhörten, ſolche unmännliche und enteh⸗ rende Grauſamkeiten an ihren Gefangenen zu verüben. — 152„ Dies hatte den erwünſchten Erfolg und die unglückliche Gefangene ward zurück zu der Gruppe ihrer beängſtigten Freundes geführt. Unſere Verwendung ward beinahe durch die wüthenden Vorwürfe der teufliſchen alten Prieſterinnen vereitelt, die ſie zum Tode hatten führen wollen. Sie ſagten den jungen Kriegern, daß ſie Feig⸗ linge und Narren wären, die nicht das Herz eines Floh's hätten, und forderten ſie im Namen ihrer Müt⸗ ter, Schweſtern und Weiber auf, in die Fußtapfen ihrer Vorväter zu treten und Rache an den Hunden von Schwarzfüßen zu nehmen. Sie fingen an zu wanken, wir thaten aber, als ob wir nicht verſtünden, was die alten Weiber geſagt hatten. Wir erklärten ihnen, daß dieſe Handlung der Entſagung von ihrer Seite vorzüglich den weißen Männern angenehm ſey, daß ſie ſich hierdurch unſer beſtändiges Verweilen unter ihnen ſichern könnten, und daß wir ſte im Tauſch für ihre Pelze hinlänglich mit Flinten und Schießbedarf verſehen wür⸗ den, um die Angriffe ihrer alten Feinde abzuſchlagen, und ihre Verwandten vor der Gefangennahme zu ſchützen. Dies entſchied die Wankenden, und der Häuptling ver⸗ ſprach getreulich, daß die Geſangenen keinen Qualen mehr unterworfen ſeyn ſollten, was, wie ich glaube, ſtrenge befolgt wurde, wenigſtens für dieſen Winter. Die Flatheads waren früher weit zahlreicher als zu dieſer Periode, allein wegen der beſtändigen Feindſelig⸗ keiten zwiſchen ihnen und den Schwarzfüßen, hat ſich ihre — Zahl ſehr vermindert. Während Stolz, Politik, Ehrgeiz oder Vergrößerungsſucht die civiliſirte Welt öfters mit Blut tränkt, ſo wird als einzige Urſache ihrer ewigen Streitigkeiten von den Wilden ihre Liebe zu den Büffeln angegeben. Es gibt ungeheure Ebenen im Oſten der Gebirge, die in den Sommer⸗ und Herbſtmonaten von zahlloſen Büffelherden beſucht werden. Hierhin begeben ſich die eiferſüchtigen Stämme, um dieſe Thiere zu ja⸗ gen, damit ſie ſich ſo viel von ihrem Fleiſche verſchaffen können, als ſie bis zur kommenden Jagdzeit benöthigt ſind. In dieſen Jagdausflügen treffen ſie öfters zuſam⸗ men, und es erfolgen die blutigſten Kämpfe. Die Schwarzfüße nehmen das unmittelbar um den Fuß der Gebirge liegende Land in Anſpruch, das am meiſten von dem Büffel beſucht wird, und behaupten, daß die Flatheads, die ſich zum Jagen hierher begeben, Eindringlinge ſeyen, denen ſie ſich zu widerſetzen alles Recht hätten. Die Letztern behaupten im Gegentheile, daß ihre Voreltern das Recht, auf dieſen beſtrittenen Ländereien zu jagen, immer in Anſpruch genommen und ausgeübt hätten, und daß, ſo lange einer ihrer Krieger bei Leben bliebe, ſie dieſes Recht nicht aufgeben würden. Die Folgen dieſer beſtändigen Kriege ſind furchtbar, vor⸗ züglich für die Flatheads, welche, da ſie an der Zahl der ſchwächere Theil ſind, hierdurch am meiſten leiden. Unabhängig von ihrer Minderzahl, beſitzen ihre Feinde einen andern großen Vortheil in dem Gebrauche der 72.— 74. 13 Feuergewehre, die ſie von den Handelspoſten der Com⸗ pagnie erhielten, die in dem Departement der Forts des Prairies angelegt ſind. Dieſen hatten die Flatheads nichts entgegen zu ſetzen, als Pfeile und ihren eigenen unerſchrockenen Muth. Ehe wir die Gebirge überſchrit⸗ ten, zeugte jedes Jahr für die allmählige Verminderung ihrer Zahl, und eine gänzliche Vernichtung würde bald die Folge geweſen ſeyn, wenn wir nicht mit einem reich⸗ lichen Vorrathe des„verhaßten Salpeters“ angelangt wären. Sie waren übererfreut, Gelegenheit zu finden, Waffen und Schießbedarf kaufen zu können, und verſahen ſich ſchnell mit einer hinlänglichen Quantität von beiden. Von dieſem Augenblicke an, trat in ihren Angele⸗ genheiten eine entſchiedene, günſtige Wendung ein, und in ihren nachherigen Gefechten blieb ſich die Zahl der Getödteten, Verwundeten und Gefangenen mehr gleich. Die Schwarz⸗ füße wurden hierüber wüthend, und erklärten unſern Leuten an den Forts des Prairies, daß alle weißen Menſchen, die ihnen weſtwärts der Gebirge in die Hände fielen, von ihnen als Feinde behandelt werden würden, weil ſie den Flatheads Waffen geliefert hätten, von wel⸗ chen ſie mit ſo tödtlicher Wirkung für ihre Nation Ge⸗ brauch machten. Ihre Drohung ward, wie ſich nachher ergeben wird, pünktlich in Erfüllung gebracht. Das Land der Flatheads war reichlich mit Rothwildpret, Ge⸗ birgsſchafen, Bären, wildem Geflügel und Fiſchen ver⸗ ſehen, und wenn wir uns mühten, ſie zu überreden, der⸗ — 193— gleichen gefährliche Expeditionen aufzugeben, und ſich auf die Producte ihres eigenen Landes zu beſchränken, dann erwiederten ſie, daß ihre Väter immer auf den Büffelrevieren gejagt hätten, daß ſie von ihrer Kindheit gewohnt ſeyen, daſſelbe zu thun, und daß ſie einen Ge⸗ brauch nicht aufgeben würden, der ſeit mehreren Gene⸗ rationen unter ihrem Volke beſtehe. Mit Ausnahme der grauſamen Behandlung ihrer Gefangenen, die, da ſie allen wilden Völkern gemein iſt, ihnen nicht als ein beſonderes Laſter angerechnet werden kann, haben die Flatheads weniger Fehler an ſich, als andere Stämme, die ich antraf. Sie ſind ehrbar in ihrem Benehmen, tapfer im Feld, ruhig und ihren Häupt⸗ lingen gehorſam; ſie lieben die Reinlichkeit und ſind entſchiedene Feinde der Unwahrheit und des Betrugs je⸗ der Art. Ihre Frauen ſind vortreffliche Hausweiber und Mütter und in ihrer Treue ſo geprüft, daß wir nie von einem Beiſpiele vernahmen, daß eine ihrem Manne un⸗ treu geworden wäre. Sie ſind auch frei von dem Laſter der Verläumdung, das ſo gemein bei den niedern Stäm⸗ men iſt; und die Faulheit iſt ihnen fremd. Beide Geſchlechter ſind verhältnißmäßig ſehr ſchön und ihre Geſichtsfarbe iſt etwas lichter, als das bleichſte Kupfer, wenn es friſch geſcheuert iſt. Sie ſind merkwürdig ſchön gebaut, von etwas ſchlanker Geſtalt, und nie dickleibig. Die Kleidung der Männer beſteht einzig in langen Bein⸗ kleidern, bei den Canadiern Mettaſſes genannt, welche 13* — 196— von den Knöcheln bis zu den Hüften reichen, und durch Schnüre an einen Gürtel befeſtigt ſind, der ihnen um den Leib geht, ſodann aus einem Hemde von einem be⸗ reiteten, bis auf die Knie herabgehenden, Hirſchfelle mit weiten, hängenden Armeln. Die Weiber ſind mit einem weiten Rock aus demſelben Stoffe bedeckt, der von dem Halſe bis auf die Füßen reicht, und mit Franſen, Knöpfen, Trotteln und Falkenſchellen verziert. Die Kleider von beiden Geſchlechtern werden in der Regel mit Pfeifen⸗ erde gereinigt, die in einigen Theilen des Landes im Ueberfluſſe gefunden wird, und jedes Individuum hat zwei oder drei Anzüge zum wechſeln. Sie haben keine beſtändige Kopfbedeckung, ſondern ſchützen ſich bei naſ⸗ ſem und ſtürmiſchem Wetter mit einem Theile ei⸗ nes Büffellederkleides, das vollkommen dem Zweck eines Oberrockes entſpricht. Die Würde eines oberſten Häuptlings ihres Stammes iſt erblich, allein wegen ihrer beſtändigen Kriege haben ſie die weiſe und heilſame Ge⸗ wohnheit angenommen, zu ihrem Anführer in der Schlacht jenen Krieger zu erwählen, der die größte Weisheit, Stärke und Tapferkeit in ſich vereint. Die Wahl findet alle Jahre Statt, und es iſt bisweilen der Fall, daß der General in einem Feldzuge, ein Gemeiner in dem nächſten wird. Dieſes Kriegshaupt, wie ſie ihn nennen, hat, wenn er zu Hauſe iſt, ganz und gar kein Anſehen, wenn aber die Keieger zu ihren Jagd⸗Expeditionen nach den Büffelebenen aufbrechen, dann übernimmt er das oberſte — 197— Commando, das er bis zu ſeiner Rückkehr mit despo⸗ tiſcher Gewalt führt. Er trägt eine lange Peitſche mit einem dicken Stiele der mit Schädelhäuten und Federn verziert iſt, und ernennt gewöhnlich zwei thätige Krie⸗ ger zu ſeinen Adjutanten. Wenn ſie gegen den Feind marſchiren, ſo ſteht er immer an der Spitze, und wenn er zurückkehrt, führt er den Nachtrab an. Es wird während des Marſches eine ſtrenge Ordnung eingehalten, und Herr M'Donald, der einige dieſer Kriegspartien auf das Schlachtfeld beglei⸗ tete, verſicherte mich, daß wenn irgend Einer des Stam⸗ mes aus der Reihe träte, oder ſich ſonſt gegen die Dis⸗ ciplin verfehle, er ſogleich mit der Peitſche des Häupt⸗ lings gezüchtigt würde, welcher ganz unparteiiſch handle, und einen ſeiner Subalternofſiciere für die Nichtbefol⸗ gung ſeiner Befehle mit gleicher Strenge beſtrafe, wie jeden gemeinen Uebertreter. Es hatte ſie jedoch die Gewohnheit, vereint mit einem Gefühle ihrer öffentlichen Pflicht, mit dieſen willkührlichen Handlungen der Ge⸗ walt ausgeſöhnt, über die ſie ſich nie beſchwerten, oder ſich dafür zu rächen verſuchten. Wenn der Feldzug vor⸗ über iſt, und ſie auf ihr eigenes Gebiet zurückkommen, dann hört ſein Anſehen auf; alsdann verſammelt der Friedenshäuptling den ganzen Stamm und ſie ſchreiten zu einer neuen Wahl. Hier findet keine Stimmenwer⸗ bung, keine Cabalen oder Intriguen Statt, und wenn der letzte Anführer entſetzt wird, ſo zieht er ſich von — 198— ſeinen Functionen mit anſcheinender Gleichgültigkeit zurück, ohne Mißvergnügen darüber zu äußern. Der damalige Kriegshäuptling war fünfmal hinter einander gewählt worden. Er war ohngefähr fünf und dreißig Jahre alt und hatte zwanzig Schwarzfüße in verſchie⸗ denen Gefechten getödtet, deren Scalpe er mit trium⸗ phirendem Stolze an eine Stange, vor ſeiner Zelthütten⸗ thüre aufgehangen hatte. Sein Weib war, ein Jahr vorher, von dem Feinde gefangen genommen worden, und ihr Verluſt machte einen tiefen Eindruck auf ihn. Er wurde von allen Kriegern wegen ſeiner überlegenen Einſicht und Tapferkeit hoch geſchätzt, und das Bewußt⸗ ſeyn derſelben, vereint mit der Länge der Zeit, wo er an das Befehlen gewöhnt worden war, hatte ſeinen Manieren einen Grad von Würde mitgetheilt, wie wir ſie an keinem andern Indianer bemerkten. Er wollte kein zweites Weib nehmen, und wenn ihm das Anden⸗ ken derjenigen, die er verloren hatte, ins Gedächtniß zurückkehrte, dann zog er ſich, um ſeinem Grame nach⸗ zuhängen, in die tiefſte Einſamkeit der Wälder zurück, wo, wie uns Einige des Stammes berichteten, man ihn öfters ihren Geiſt herauf beſchwören, und Rache über ihre Räuber herabrufen ſah. Wenn dieſe Ausbrüche des Grames vorüber waren, dann nahm ſein Geſicht den Anſtrich einer ernſten Melancholie an, welche aus⸗ drucksvoll die gemiſchten Gefühle des Kummers und ſeines unbeſänftigten Haſſes gegen die Schwarzfüße be⸗ — 199— zeichnete. Wir luden ihn bisweilen nach dem Fort ein, bei welchen Gelegenheiten wir mit ihm ſeinen Verluſt bedauerten, ihn aber zu gleicher Zeit mit der Weiſe civiliſirter Nationen, Krieg zu führen, bekannt machten. Wir erzählten ihm, daß man die Krieger bloß gefangen nähme, daß man ſie nie martere oder tödte, und daß kein braver weißer Mann einem Weibe oder einem ver⸗ theidigungsloſen Menſchen ein Leid zufüge; daß, wenn eine ſolche Gewohnheit unter ihnen beſtanden hätte, er jetzt durch das Auswechſeln der Gefangenen im Stande ſeyn würde, ſein Weib wieder zu erhalten, die nach ihrem barbariſchen Syſteme nunmehr auf immer für ihn verloren ſey, und daß, wenn es unmöglich wäre, einen Frieden mit ihren Feinden zu Stande zu bringen, doch wenigſtens die Schreckniſſe des Krieges um vieles vermindert werden könnten, wenn ſie die Gewohnheit der Europäer befolgten. Wir fügten hinzu, daß er jetzt eine rühmliche Gelegenheit habe, mit einer ſolchen Groß⸗ muth zu beginnen, wenn er die in dem letzten Feldzuge gemachten Gefangenen ungekränkt zurückſchicken wolle, daß unſere Freunde auf der andern Seite des Gebirgs ihren Einfluß bei den Schwarzfüßen verwenden würden, um dieſem Beiſpiele zu folgen, und daß dies am Ende ein Mittel werden könnte, die beiden auf ſich eiferſüch⸗ tigen Nationen durch die Bande des Friedens zu ver⸗ einigen. Er ſetzte ſich dem anfänglich entgegen, die erſten Schritte zu thun; da wir aber weiter in ihn drangen, — 200— ſo willigte er ein, den Verſuch zu machen, wenn das erbliche Oberhaupt des Stammes nichts dagegen einzu⸗ wenden habe. Als er uns verließ, bediente er ſich der folgenden Worte:„Meine weißen Freunde, Ihr kennt die wilde Natur der Schwarzfüße noch nicht, ſie hoffen unſern Stamm zu vertilgen; ſie ſind um vieles zahl⸗ reicher als wir, und ohne unſere Tapferkeit würden ſie ihre Abſicht längſt erreicht haben. Wir wollen jetzt, Euern Wünſchen gemäß, die Gefangenen zurückſchicken, allein merkt, was ich Euch ſage, ſie werden über die Verwendung Eurer Verwandten, jenſeits der Gebirge, lachen, und darum keinen Mann, Weibnoder Kind ver⸗ ſchonen, deren ſie ſich von unſerer Nation bemächtigen können. Eure Bemühungen, Blut zu ſparen, zeigen, daß Ihr ein gutes Volk ſeyd. Wenn ſie unſerm Bei⸗ ſpiele folgen, ſo werden ſie keinen Gefangenen mehr tödten; ich ſage Euch aber, daß ſie über Euch lachen und Euch Narren ſchelten werden.“ Es freute uns ſehr, unſere Abſicht ſo weit erreicht zu haben, während er, ſeinem Worte getreu, die Aelte⸗ ſten und Krieger verſammelte, denen er den Gegenſtand unſerer Unterredung vortrug, und ihnen nach einer lan⸗ gen Rede rieth, den Verſuch zu machen, der ihren weißen Freunden gefallen und ihre Bereitwilligkeit zeigen würde, unnöthige Grauſamkeiten zu verhüten. Ein ſo uner⸗ warteter Vorſchlag veranlaßte eine lebhafte Debatte, die einige Zeit fortgeführt wurde. Er wurde aher, da er — 201— von einem Manne unterſtützt wurde, für welchen ſie eine ſo hohe Achtung hegten, endlich durchgeſetzt, und man beſchloß, die Schwarzfüße, am Ende des Winters, zu den Ihrigen zu ſchicken. Wir unternahmen es, ſie für ihre Reiſe zu verſehen, oder den Flatheads eine Vergütung dafür zu bezahlen. Dies ward genehmigt, und gegen die Mitte des Märzes reiſ'ten die Gefangenen hinlänglich mit getrocknetem Fleiſch verſehen, ziemlich wohlberitten, ab, um ſie bis zu den Ihrigen zu bringen. Herr M'Millan, der drei Jahre in dieſem Lande ver⸗ lebt hatte, und bekannt mit ihrer Sprache war, benach⸗ richtigte ſie von unſern Bemühungen, ihnen das Leben zu erhalten, und ihnen die Wiederholung von Qualen zu erſparen. Er bat ſie vorzüglich, ihre Landsleute mit dieſem Umſtande bekannt zu machen, damit ſie ein ähn⸗ liches Betragen einhielten. Wir gaben ihnen ebenfalls Briefe an die Intendanten, der verſchiedenen Forts des Prairies mit, worin wir ihnen die Erreichung unſerer Abſicht mittheilten, und ihnen die Nothwendigkeit an das Herz legten, bei den Schwarzfüßen in ihrer Nähe zu verſuchen, ſie zu Befolgung des ihnen von den Flat⸗ heads gegebenen Beiſpiels zu vermögen. Die Ländereien dieſes Stammes bieten eine ange⸗ nehme Abwechſelung von Wäldern und Ebenen, Thälern und Bergen, See'n und Flüſſen dar, auſſer den bereits erwähnten Thierarten haben ſie eine Menge Biber, Ot⸗ ter, Marder, Wölfe und Luchſe ꝛc. — 202— Die Wölfe dieſes Diſtricts ſind ſehr groß und ver⸗ wegen, und befanden ſich in großer Anzahl in der Nähe des Forts, an das ſie oft dicht herankamen, um ſich die Abfälle zu holen. Wir hatten einen ſchönen Hund von vermiſchter Race, deſſen Vater ein Neufund⸗ länder und deſſen Mutter eine Wölfin war, die jung gefangen und von Herrn La Rocque am Lac la Ronge, an dem Engliſchen⸗Fluſſe, gezähmt worden war. Er traf öfters mit ſeinem mütterlichen Stamme zuſammen, wo⸗ bei er gewöhnlich übel zugerichtet wurde. Wenn er einen Wolf in der Nähe des Forts bemerkte, dann ſchoß er mit vielem Muthe auf ihn zu: war es ein Männ⸗ chen, ſo biß er ſich mit ihm herum; war es aber ein Weibchen, ſo ließ er es ruhig entkommen, oder fing an, mit ihm zu ſpielen. Er war öfters eine Woche bis zehn Tage von dem Fort abweſend, und wenn er zurück⸗ kehrte, dann war ſein Körper und ſein Hals mit Wun⸗ den bedeckt, die ihm, bei ſeinen verliebten Abentheuern in den Wäldern, durch die Fangzähne ſeiner männlichen Nebenbuhler beigebracht worden waren. Es war ein edles Thier, aber immer erpichter, einen Wolf aitzüpak⸗ ken, als einen Luchs. Da uns unſer Vorrath von Zucker und Syrop ausgegangen war, ſo wurden wir genöthigt, unſere Zu⸗ flucht zum Birkenſafte zu nehmen, um dieſen Abgang zu erſetzen. Wir erhielten dieſen, indem wir die Stämme der Birken an mehreren Orten anbohrten, und unten — 205— Feldkeſſel aufſtellten, um den Saft aufzufangen. Dieſer ward hernach zur Dicke des Syrops eingekocht, und als ein Zucker⸗Surrogat zum Thee gebraucht. Es iſt eine bittere Süße, und entſprach ſeinem Zwecke ſo ziemlich. Die Flatheads ſind ein geſunder Menſchenſchlag, und wenigen Krankheiten unterworfen. Gewöhnliche Brüche, die durch den Sturz eines Pferdes, oder einen in der Hitze der Jagd über ein Abhang gethanen Fall veranlaßt werden, heilen ſie mittels eines feſten Ver⸗ bandes, mit Holzſtäben, dierder Länge nach rings auf dem Bruch aufgelegt, und mit ledernen Riemen darauf befeſtigt werden. Gegen Quetſchungen wenden ſie ge⸗ wöhnlich Aderläſſe, entweder an den Schläfen, Armen, Handwurzeln oder Knöcheln an, welches mittelſt ſcharfer Kieſelſteine oder Pfeilſpitzen geſchieht; ſie ziehen jedoch den Aderlaß mit der Lanze vor, und brachten uns häufig Patienten, denen dieſe Verfahrungsweiſe ſehr gefiel. Nach den Weihnachten fiel ſehr wenig Schnee, wir hat⸗ ten aber eine bittere Kälte mit einer heitern Luft. Ich empfand einige heftige rheumatiſche Anfälle in den Schul⸗ tern und den Knieen, welche mich ſehr beläſtigten. Ein alter Indianer ſchlug vor, mich davon zu befreien, wenn ich mich der Heilmothode unterwerfen wolle, die er in ähnlichen Fällen mit den jungen Kriegern des Stam⸗ mes anwendete. Auf meine Frage, worin dieſe Me⸗ thode beſtände, die er bei mir in Anwendung zu bringen gedachte, erwiederte er, daß ich bloß einige Wochen lang — 204— früh aufſtehen, mich in den Fluß ſtürzen, und ihm das Uebrige überlaſſen müßte. Dies war ein ſehr froſtiger Vorſchlag, denn der Fluß war feſt zugefroren, nnd es mußte jedesmal erſt ein Loch in das Eis gehauen werden. Ich fragte ihn:„Würde es ſeinem Zwecke nicht eben ſo gut entſprechen, wenn ich das Waſſer in mein Schlafzimmer bringen ließe?2“ Er ſchüttelte aber ſeinen Kopf und erwiederte, daß er erſtaunt ſey, von einem jungen weißen Häuptlinge, der ein geſcheiter Mann ſeyn ſollte, eine ſo närriſche Frage zu hören. In Erwägung jedoch, daß der Rheumatismus den Indianern fremd iſt, während ſo viele unſerer Leute Märtyrer deſ⸗ ſelben werden, und ich überdieß mehr als drei tauſend Meilen von einer wtſſenſchaftlichen, ärztlichen Hülfe ent⸗ fernt war, entſchloß ich mich, das unangenehme Mittel anzuwenden, und fing die Operation am folgenden Morgen an. Der Indianer machte zuerſt etne Oeff⸗ nung in das Eis, die hinlänglich für uns beide war, worauf er mir ein Signal gab, daß Alles in Bereit⸗ ſchaft ſey. In ein weites Büffelkleid gehüllt, begab ich mich an den Ort, warf meine Hülle ab, und wir beide ſprangen in die ſchauerlich kalte Oefſnung hinab. Er fing ſogleich an, mir Schultern, Rücken und Seiten zu reiben, indeß ſich Eiszapfen an meine Haare anſetzten, und während er mir die untern Glieder rieb, wurde mein Geſicht, Hals und Schultern mit Eis überzogen. Als ich erlö'ſt wurde, wickele ich mich in eine wollene Decke ein — 2035— und eilte in mein Schlafzimmer zurück, worin ich zuvor ein gutes Feuer anzumachen befohlen hatte, und in we⸗ nigen Minuten fühlte ich eine angenehme Wärme meinen ganzen Körper überziehen. So froſtig und unangenehm dieſe Abſpühlungen waren, ſo ſetzte ich ſie doch, als ich ſie wohlthätig fand, fünf und zwanzig Tage fort, nach Ablauf welcher mir mein Arzt zu ſagen beliebte, daß es länger nicht nöthig ſey, und daß ich meine Pflicht wie ein weißer Mannn gethan habe. Ich ſpürte nie wieder einen rheumatiſchen Schmerz. Einer unſerer alten Canadier, derlange Jahre an einem ehroniſchen Rheumatis⸗ mus gelitten hatte, fragte den Indianer, ob er ihn nicht auch auf dieſelbe Weiſe heilen könne. Der Letztere erwiederte, daß dies unmöglich wäre, er aber ein anderes Verfahren mit ihm verſuchen wolle. Er baute demnach das Ske⸗ let einer Hütte, in Geſtalt eines Bienenenkorbes, von vier und einen halben Fuß Höhe und drei Fuß Breite das er mit Hirſchfellen bedeckte. Er erhitzte ſodann ei⸗ nige Steine an einem nahen Feuer, und nachdem er den Patienten in der Hütte in einen nackten Zuſtand verſetzt hatte, wurden die heißen Steine hinein gewor, fen, und Waſſer auf ſie gegoſſen. Der Eingang wurde ſodann ſchnell verſchloſſen, der Mann einige Zeit darin gelaſſen, bis er bat, ihn zu erlöſen, indem die Hitze faſt zum Erſticken ſey. Als er aus der Hütte trat, befand er ſich in dem Zuſtande einer reichlichen Ausdünſtung Der Indianer befahl, ihn ſogleich in Decken einzuwickeln — 208— und zu Bette zu bringen. Dieſe Operation wurde mehr⸗ mals wiederholt, und ob ſie gleich keine Radikalkur be⸗ wirkte, ſo hatten ſeine heftigen Schmerzen doch ſoweit nachgelaſſen, daß ſie dem Patienten erlaubten, ſeinen ge⸗ wöhnlichen Geſchäften nachzugehen, und den Schlaf in ziemlicher Ruhe zu genießen. Die Flatheads glauben an das Daſeyn eines guten und böſen Geiſtes, und folglich auch an einen zukünfti⸗ gen Zuſtand der Belohnung und der Strafe. Sie hal⸗ ten dafür, daß nach ihrem Tode die guten Indianer in ein Land gehen, in welchem ein ewiger Sommer herr⸗ ſche; daß er ſein Weib und ſeine Kinder dort antreffe; daß die Ströme voller Fiſche und die Ebenen voll von ihren ſo geliebten Büffeln ſind, und daß er ſeine Zeit, frei von den Schrecken des Krieges oder der Furcht vor Kälte und Hunger, mit jagen und fiſchen hinbringe. Die böſen Menſchen gehen, wie ſie glauben, an einen mit ewigem Schnee bedeckten Ort, ſo, daß ſie immer vor Kälte zittern, Feuer in der Entfernung ſehen, woran er ſich nicht erwärmen, und Waſſer, das ſie ſich nicht verſchaffen können, um ihren Durſt zu löſchen, und Büf⸗ fel und Rothwild, das ſie nicht zu erlegen im Stande ſind, um ihren Hunger zu ſtillen. Ein undurchdringlicher Wald, voller Wölfe, Panther und Schlangen, trennt dieſe„zurücklebende Sclaven des Winters“ von ihren glücklichen Brüdern in den Wteſen des Wohllebens. Ihre Beſtrafung iſt jedoch nicht ewig, und früher oder ——QʒQQNN — 207— ſpäter erhalten ſie, nach den Graden ihrer Verbrechen, die Erlaubniß ſich zu ihren Freunden in die eliſäiſchen Gefilde zu begeben. Ihre Vorſchriften der Moral ſind faßlich, obgleich kurz. Sie ſagen, daß Ehrlichkeit, Tapferkeit, Liebe zur Wahrheit, Achtung gegen die Eltern, Gehorſam gegen ihre Vorgeſetzten und Liebe zu ihren Weibern und Kin⸗ dern die Haupttugenden ſeyen, die ihnen einen Anſpruch auf die Wohnungen der Glückſeligkeit gäben; während die entgegengeſetzten laſterhaften Eigenſchaften ſie zu jenen des Elends führten. Sie haben eine ſonderbare Ueberlieferung hinſichtlich der Biber. Sie glauben feſt, daß dieſe Thiere ein gefallener Völkerſtamm der In⸗ dianer ſey, die durch ihre Gottloſigkeit, den guten Geiſt gegen ſich erzürnt hätten, und von ihm zu ihrer gegenwärtigen Geſtalt verdammt worden ſeyen, daß ihnen aber mit der Zeit ihre menſchliche wieder gegeben werde. Sie behaupten, daß die Biber ſprechen könnten daß ſie ſie miteinander hätten ſprechen hören, und über ein Mitglied, ſo ſich verfehlt, zu Gericht hätten ſitzen ſehen. Liebhaber der Naturgeſchichte ſind bereits hinläng⸗ lich mit dem überraſchenden Scharfſinne dieſer wun⸗ derbaren Thiere bekannt, mit ihrer Geſchicklichkeit Bäume zu fällen, ihrer Kunſt, ſich ihre Häuſer zu bauen, und ihre Vorſicht im Einſammeln und Aufbewahren hinlänglicher Vorräthe, um ſie die Wintermonate hin⸗ — 298— durch zu erhalten, allein Wenige ſind, wie ich denke, mit einer merkwürdigen Gewohnheit derſelben bekannt, welche mehr als irgend eine andere, die Indianer in dem Glauben beſtärkt, daß ſie eine gefallene Menſchenrace ſeyen. Ganz gegen das Ende des Herbſtes verſammelt ſich eine gewiſſe Anzahl von zwanzig bis zu dreißigen, um, ihre Winterwohnungen zu bauen. Sie fangen ſogleich an, Bäume zu fällen, und nichts kann wunderbarer ſeyn, als die Geſchicklichkeit und Geduld, die ſie bei dieſem mühſamen Unternehmen zeigen, ſie ängſtlich auf⸗ blicken, und das Umfallen des Baumes beobachten zu ſehen, wenn der Stamm bald vom Stumpfe getrennt iſt, und wenn dann ſein Krachen den nahen Fall an⸗ kündigt, ſie nach jeder Richtung wegſpringen zu ſehen, um nicht erſchlagen zu werden. 1 Wenn der Baum gefällt iſt, dann werden eilig alle Zweige von demſelben abgelöſ't, der Stamm mit ihren Zähnen in mehrere Stücke von gleicher Länge zerſchnitten, die ſie nach dem Bache rollen, über welchem ſie ihr Haus errichten wollen. Zwei oder drei der Ältern führen ge⸗ wöhnlich die Oberaufſicht über die Andern, und es iſt kein ungewöhnlicher Anblick, ſie diejenigen ſchlagen zu ſehen, die ſich faul beweiſen. Iſt aber einer unverbeſſer⸗ lich, und weigert ſich fortwährend, zu arbeiten, ſo wird er einmüthig von dem Stamme vertrieben, um ſich ſonſt⸗ wo Schutz und Nahrung zu ſuchen. Dieſe Geächteten ſind daher genöthigt, einen elenden Winter, halb ver⸗ — 209— hungert, in einer Erdhöhle an dem Ufer irgend eines Stromes hinzubringen, wo ſie leicht gefangen werden. Die Indianer nennen ſie die faulen Biber, und ihre Pelze ſind nicht halb ſo viel werth, als die der andern Thiere, deren beharrliche Induſtrie und Vorſicht ihnen Nahrung und ein bequemes Unterkommen während der Strenge des Winters verſchaffen. Ich konnte nicht entdecken, warum die Schwarzfüße und Flatheads dieſen bezeichnenden Namen erhalten haben; denn die Füße der Erſteren ſind nicht ſchwärzer, als irgend ein anderer Theil ihres Körpers, während die Köpfe der Letzteren eine verhältnißmäßige Runde haben. Es iſt in der That nur unterhalb der Waſſerfälle und reißenden Ströme, daß wahre Plattköpfe zum Vorſchein kommen, und an der Mündung des Columbiafluſſes, daß ſie ſehr übernatürlich gedeihen. 72.— 74. 14 ſo Vieles ſchon vielfach Beſprochene wiederum neu er⸗ ſcheint, es ſind Ergebniſſe heiterer und romantiſcher Na⸗ tur, welche hier in kecken Zügen, in warmen Localfarben zu Gemälden vereinigt werden, die den Beſchauer an⸗ iehen, belehren und ergötzen. Offen und einfach, wie orick, erzählt der Verfaſſer, unabſichtlich zur Hauptfigur ſeiner Bilder werdend, in deren Weſen ſich die Menſch⸗ lichkeit mit ihren tauſendfachen Schattirungen ſpiegelt. Platen, Graf v., Geſchichten des Königreichs Neapel von 1414 bis 1443. Rthlr. 1. 16 gr. fl. 2. 48 kr. —— die Liga von Cambrai. Geſchichtliches Drama in 3 Akten. Geh. 12 gr. 54 kr. Rückert, Fr., Nal und Damajanti. Eine indi⸗ ſche Geſchichte. Rthlr. 1. 18 gr. fl. 2. 48 kr. Das Publikum erhält hier eine, von dem rühmlich bekannten Dichter Rückert, mitaller ihm, in ſo ſeltenem Grade eigenen Sprachfertigkeit und Reimfülle übertragene indiſche Dichtung, bei der aber alles Fremdartige, ohne Studium der indiſchen Poeſie Unverſtändliche vermieden iſt, ſo daß ſie als eine ſinnige Liebeserzählung erſcheint, über welche ſich nur ein leiſer fremdartiger, aber lieblich ſüßer Duft ausbreitet und ſie umweht. Das Mytholo⸗ giſche, völlig verſtändlich, erſcheint in der Figur, welche am bedeutendſten eingreift, nur als Allegorie des böſen Gelüſtens, welches in unſerer Bruſt wohnt. Liebe, in bezaubernder Schilderung, ihre Leiden und Treue bilden den Inhalt des Büchleins, und wem Sinn für wahre Poeſie einwohnt, wird an dieſer Dichtung, und wem Sinn für Sprachſchönheit und Ausdruck einwohnt, wird an Rückert's Verſen ein Vergnügen genießen, wie es ſelten geboten wird. Schopenhauer, Johanna, Erzählungen. Acht Thle. Zweite wohlfeilere Ausgabe. Auf Velinpap. Rthlr. 10. 20 gr. fl. 19. 24 kr. Auf Druckpap. Rthlr. 8. fl. 14. —— die Reiſe nach Italien. Eine Novelle. Rthlr. 1. 12 gr. fl. 2. 42 kr. —— der Bettler von Sankt Columba.— Mar⸗ garetha von Schottland. Zwei Novellen. Rthlr. 1. 12 gr. fl. 2. 42 kr. —— Noovellen. Zwei Thle. Geheftet. Rthlr. 2. 20 gr. fl. 4. 48 kr. Sta kloff⸗ L., Erzählungen. Rthlr. 1. 16 gr. fl. 2. 48 kr. Stelldichein im Tivoli, das, odel Schuſter und Schneider als Nebenbuhler. Lo⸗ calpoſſe mit Geſang in zwei Acten. Vom Ver⸗ faer des„alten Bürgerkapitain.“ Geh. 12 gr. 45 kr. Thümmels, H. W. v., nachgelaſſene Apho⸗ rismen, aus den Erfahrungen eines Sieben⸗ und Siebzigjährigen. Elyſium und Tarta⸗ rus. Eine Fautasmagorie. Nebſt des Verfaſ⸗ ſers Biographie. Geh. 21 gr. fl. 1. 30 kr. Weitzel, J., Napoleon durch ſich ſelbſt ge⸗ richtet. Geh. 16 gr. fl. 1. 12 kr. —— Scherz und Ernſt; zur Charakteriſtik un⸗ ſerer Zeit. Geh. Rthlr. 1. 18 gr. fl. 3. —