iothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von 4. Eduard Oktmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Seſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24. Stun⸗ den angenommen. 8 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: 8. für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ——— auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mr. 59 Pf. 2 Wr.— Pf. . Auswärtige Abonnenten baben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eienren Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 5 6. Schadenersatz. 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Achtzehntes Kapitel., Zuſammenkunft mit Hodgkiß.— unglücksfäͤle der Nez⸗per⸗ cés.— Pläne von Koſato, dem Renegaten.— Sein Streifzug in die Pferde⸗Prairie.— Ueberfall der Schwarzfüße.— Der blaue John und ſein verlorner Poſten.— Ihr großher⸗ ziges Unternehmen.— Ihr Schickſal.— Beſtürzung und Ver⸗ zweiflung in dem Dorfe.— Feierliches Leichenbegängniß.— Handelsverſuche mit den Indianern.— Das Monopol der Hudſonsbai⸗Compagnie.— Vorbereituugen zum Herbſte. — Aufbruch eines Lagers.— Da Capitän Bonneville jetzt eine ſtarke Partie wohl⸗ bewaffneter und ausgerüſteter Leute beiſammen hatte, ſo hielt er es nicht länger für nöthig, ſich in verſteckten Plätzen und feſten Stellungen des Gebirges zu ver⸗ ſchanzen, ſondern zog kühn auf die Schlangenfluß⸗Ebene, hinaus, um ſeinen Schreiber Hodgkiß aufzuſuchen, der bei den Nez⸗percés geblieben war. Er fand ihn am 24. Juni und vernahm von ihm ein anderes Kapitel von Unfällen, die dieſen unglücklichen Stamm neuer⸗ lich betroffen hatten. Nach der Abreiſe des Capitäns Bonneville im März hatte Koſato, der Renegat ſich von den, in der Schlacht erhaltenen Wunden wieder erholt, und mit ſeinen Kräf⸗ ten kehrte ſeine tödtliche Feindſchaft gegen ſeinen Stamm —— zurück. Er raffte jetzt alle ſeine Kräfte zuſammen, die Nez⸗percés zu Repreſſalien an ihren alten Feinden auf⸗ zuhetzen; er erinnerte ſie unaufhörlich an alle Beſchim⸗ pfungen und Räubereien, die ſie neuerlich von ihrer Seite erfahren hatten und verſicherte ſie, daß dieſes ihr Loos ſeyn werde, bis ſie ſich durch eine ausgezeichnete Wiedervergeltung als Männer bewieſen hätten. Die leidenſchaftliche Beredſamkeit dieſes verzwei⸗ felten Menſchen brachte am Ende ihre Wirkung hervor, und eine Bande Braver verband ſich unter ſeiner An⸗ führung in das Land der Schwarzfüße zu dringen, ihre Dörfer anzufallen, ihre Pferde wegzuführen und alle Arten von Räubereien zu begehen. Koſato drang auf ſeinem Streifzuge bis nach der Pferde⸗Prairie vor, wo er auf eine ſtarke Partie der Schwarzfüße ſtieß. Ohne ſich Zeit zu laſſen, ihre Streitkräfte zu berechnen, griff er ſie mit eigenthümli⸗ cher Wuth, tapfer unterſtützt von ſeinen Begleitern an, das Gefecht wurde eine Zeitlang hitzig und blutig fort⸗ geſetzt. Endlich machten ſie, wie es bei dieſen Völkern gewöhnlich iſt, einen Stillſtand und führten eine lange Unterredung oder vielmehr Wortkrieg. „Was brauchen,“ ſagte der Häuptling der Schwarz⸗ füße ſtichelnd,„die Nez⸗percés ihre Heimath zu ver⸗ laſſen und zum Kriege auszuziehen, wenn ſie Gefahr genug vor ihrer eigenen Thüre haben? Wenn Ihr fech⸗ ten wollt, ſo kehrt zu Euern Dörfern zurück; dort wer⸗ Ihr vollauf zu thun finden. Die Krieger der Schwarz⸗ füße haben Euch bisher bekriegt, wie Kinder; jetzt kommen ſie als Männer. Ein großes Heer iſt bei der Hand, ſie befinden ſich auf ihrem Wege nach Euern Städten und ſind entſchloſſen, ſelbſt den Namen der Nez⸗percées in dem Gebirge zu vertilgen. Kehrt, ſage ich Euch, nach Euern Städten zurück und fechtet dort, wenn Ihr noch länger als ein Volk zu beſtehen wünſchet.“ Koſato nahm ihn beim Worte, denn er kannte den Charakter ſeines Stammes. Mit ſeiner Bande in das Dorf der Nez⸗percés zurückeilend, erzählte er Alles, was er geſehen und gehört hatte, und drang darauf, die ſchnellſten und wirkſamſten Maßregeln zur Vertheidigung zu ergreifen. Die Nez⸗percés hörten ihn jedoch mit ihrem gewohnten Phlegma an: die Drohung der Schwarzfüße war ſchon oft gemacht worden und hatte ſich eben ſo oft als eine bloße Großſprecherei erwieſen; ſie erklärten ſolche auch jetzt dafür und ergriffen demnach keine Vor⸗ ſichts⸗Maßregeln. Sie wurden bald überzeugt, daß es keine leere Drohung geweſen war. In wenigen Tagen erſchien eine Bande von drei Hundert Kriegern der Schwarz⸗ füße auf den Hügeln. Alles war jetzt im Dorfe voller Beſtürzung. Die Macht der Nez⸗percés war zu gering, um es mit dem Feinde im offenen Felde aufnehmen zu können; viele der jungen Männer waren zu ihren Ver⸗ wandten an den Columbiafluß gegangen, um ſich Pferde zu verſchaffen. Die Alten verſammelten ſich eilig zum Rathe. Was war zu thun, um den bevorſtehenden Streich abzuwenden, der Vernichtung drohte? In dieſem Augenblicke dringender Gefahr und Schrek⸗ kens trat ein Häuptling der Nez⸗percés, von den Wei⸗ ßen der blaue John genannt, hervor, und machte den Vorſchlag zu einem verzweifelten Plane, den er per⸗ ſönlich in Ausführung zu bringen ſich erbot; den nämlich, mit einer kleinen, aber auserwählten Bande, durch eine Thalſchlucht, die zu dem Lager des Feindes führte, ſich ihm heimlich zu nähern, und durch einen plötzlichen Ue⸗ berfall ihre Pferde wegzutreiben. Wenn dieſer Streich glückte, ſo war dem Feinde der Muth und die Kraft gebrochen, und die Nez⸗percés würden mit Pferden ver⸗ ſehen, ſich dann hinlänglich mit ihnen haben meſſen können.. Neun und zwanzig der erwählteſten Krieger erboten ſich ſogleich, dem blauen John, zur Ausführung dieſes verwegenen Unternehmens zu folgen. Sie bereiteten ſich hierzu mit der, dieſem Völkerſtamme eigenen Feierlich⸗ keit und Andacht. Der blaue John zog ſeine Medizin oder ſeinen Talismann zu Rathe, den jeder Häuptling als eine Art höheren Schutzes in ſeiner Hütte hat. Das Orakel verſicherte ihm, daß ſein Unternehmen vollkom⸗ men gelingen werde, inſofern kein Regen fiele, ehe er durch die Thalſchlucht gekommen ſei; ſollte es aber reg⸗ nen, ſo würde die Bande gänzlich abgeſchnitten werden. — —— 4 — 9— Der Tag war hell und klar und der blaue John überließ ſich der Hoffnung, daß ihm der Himmel günſtig ſeyn werde. Er brach mit ſeinem verlornen Poſten in hohem Muthe auf, und nie entfaltete eine Bande tapferer Krieger einen größeren Aufwand und eine ſchönere Hal⸗ tung: Reiter und Pferde waren bemalt, ausgeſchmückt, und in dem glänzendſten und kriegeriſchten Style aus⸗ gerüſtet, von Waffen und Zierrathen ſchimmernd und mit wehenden Federbüſchen. Das Wetter blieb günſtig bis ſie die Thalſchlucht erreichten; allein eben als ſie in dieſelbe einmarſchirten, ſtieg eine ſchwarze Wolke über dem Gebirge auf, und es erfolgte ein plötzlicher Regenſchauer. Die Krieger dreh⸗ ten ſich nach ihrem Führer um, gleichſam um ſeine Mei⸗ nung über dieſe unglückliche Vorbedeutung in ſeinen Mienen zu leſen; allein das Geſicht des blauen John's blieb unverändert, und ſie drangen ohne Aufenthalt vor⸗ wärts. Sie hatten gehofft, ihren Weg unentdeckt bis in die Nähe des Lagers der Schwarzfüße fortſetzen zu können. Sie waren aber noch nicht weit in den Eng⸗ paß gekommen, als ſie auf eine, auf Recognoscirung ausgeſchickte, Partie des Feindes ſtießen. Sie griffen ſolche an, trieben ſie in das Gebirg und verfolgten ſie eben mit großem Eifer, als ſie hinter ſich ſchreien und heulen hörten, und die Haupttruppe der Schwarzfüße auf ſich anrücken ſahen. Bei dieſem Anblicke wurde der zweite Häuptling — 10— etwas ſchwankend, und er ſchlug den augenblicklichen Rückzug vor. Wir kamen, um zu fechten, erwiederte der blaue John ernſt; ſodann ſein Kriegsgeſchrei erhe⸗ bend, eilte er ſeinen Kriegern zum Gefechte voran. Sie machten einen verzweifelten Angriff auf den Feind; nicht in der Hoffnung zu ſiegen, ſondern mit dem Ent⸗ ſchluſſe, ihr Leben theuer zu verkaufen. Es erfolgte mehr ein furchtbares Blutbad, denn ein regelmäßiges Gefecht. Die verlorne Bande legte Haufen ihrer Feinde zu ihren Füßen nieder, und drang in die Gebirgsſchlucht, wo ſie focht, bis ſie zuſammen⸗ gehauen war. Nur Einer von den dreißigen überlebte ſeine Kameraden. Er ſchwang ſich auf das Pferd eines Schwarzfußes, den er erſchlagen hatte, und entkam in aller Eile, um ſeinem Dorfe die ſchreckliche Nachricht zu überbringen. Wer kann den Schrecken und die Verzweiflung der Einwohner malen; die Blüthe ihrer Krieger war ver⸗ nichtet und ein grauſamer Feind vor der Thüre. Die Luft ward erfüllt, von dem Schreien und Wehklagen der Weiber, die ihre Zierrathen von ſich warfen, ihr Haar zerrauften, wie wahnſinnig umherliefen, die Todten be⸗ klagten und den Lebenden Vernichtung verkündeten. Die übriggeblieben Krieger bewaffneten ſich zum hartnäckigen Widerſtand, zeigten aber durch ihre finſtern Blicke und ernſtes Schweigen, daß ſie die Vertheidigung für hoff⸗ nungslos anſahen. Zu ihrem Erſtaunen enthielten ſich — — 11— die Schwarzfüße, ihre Vortheile zu verfolgen; ſey es, daß ſie durch das bereits vergoſſene Blut befriedigt, oder durch den Verluſt entmuthigt waren, den ſie ſelbſt erlitten hatten. Dem mag ſeyn, wie es will; ſie ver⸗ ſchwanden von den Hügeln und man erfuhr bald, daß ſie nach der Pferde⸗Prairie zurückgekehrt waren. Die unglücklichen Nez⸗percés fingen jetzt noch ein⸗ mal an, wieder zu athmen. Einige ihrer Krieger nah⸗ men Packpferde und begaben ſich in die Thalſchlucht, um die Leichname ihrer geſchlachteten Brüder wegzu⸗ bringen. Sie fanden nur noch die kopfloſen Rumpfe, und die Wunden, womit ſie bedeckt waren, bewieſen, wie tapfer ſie gefochten hatten. Auch das Herz war ihnen ausgeriſſen und mitgenommen worden— ein Be⸗ weis ihrer ausgezeichneten Tapferkeit; denn indem er das Herz, eines wegen ſſeiner Tapferkeit berühmten, oder ſich im Gefecht ausgezeichnet habenden Feindes ver⸗ zehrt, glaubt der indianiſche Sieger ſich den Muth des Verſtorbenen anzueignen. Die Krieger laſen die Leichname der Erſchlagenen auf, banden ſie mit Riemen quer über ihre Packpferde und kehrten in traurigem Zuge nach ihrem Dorfe zurück. Der Stamm kam ihnen entgegen, die Weiber mit herzdurchbohrendem Geſchrei und Wehklagen; die Män⸗ ner, auf deren Geſichter der düſtere Schmerz zum Mar⸗ mor erſtarrt ſchien, mit niedergeſchlagenen Blicken. Die verſtümmelten und faſt unkenntlichen Leichname wurden * mitten in der Verſammlung in Reihen auf den Boden gelegt, und die herzzereißende Scene der Angſt und des Wehklagens, die jetzt erfolgte, würde diejenigen beſchämt haben, welche die Indianer der Herzloſigkeit beſchuldigen. Dies war das betrübte Ereigniß, welches den Stamm der Nez⸗percés während der Abweſenheit des Capitäns Bonneville überwältigt hatte, und er wurde benachrichtigt daß Koſato, der Renegate, der, in dem Dorfe aufgeſtellt, verhindert worden war, dem leez⸗ ten gewagten Unternehmen beizuwohnen, ſich wieder damit beſchäftige, die Rachegefühle ſeiner Adoptiv⸗Brü⸗ der aufzuregen, und ſie anzureizen, den Tod ihrer ge⸗ bliebenen Helden zu rächen. Während ſeines Aufenthaltes auf der Schlangen⸗ fluß⸗Ebene machte Capitän Bonneville ſeinen erſten Ver⸗ ſuch, Liſt bei dem Pelzhandel anzuwenden. Es befand ſich zu dieſer Zeit eine Verſammlung von Nez⸗percés, Flatheads und Cottonois⸗Indianern auf der Ebene ge⸗ lagert, die wohl mit Biberfellen verſehen waren, welche ſie während des Frühlings zuſammengebracht hatten. Dieſe wollten ſie an den dort reſidirenden Pelzhändler der Hudſonsbai⸗Compagnie, der ſich unter ihnen befand, und mit dem ſie zu handeln gewohnt waren, im Tauſch überlaſſen. Der Pelzhändler war gerade faſt gänzlich von Waaren für die Indianer entblößt; da ſeine Früh⸗ lings⸗Vorräthe noch nicht angekommen waren. Capitän Bonneville hatte die geheime Nachricht — 15 erhalten, daß die Vorräthe auf dem Wege waren und bald ankommen würden. Er hoffte jedoch durch eine ſchnelle Manipulation ihrer Ankunft zuvor zu kommen und den Markt für ſich ſelbſt zu ſichern. Er begab ſich daher unter die Indianer, öffnete ſeine Güterballen und legte die verführeriſchten Waaren aus, die in hellfar⸗ bigen Tüchern, ſcharlachfarhigen wollenen Decken, glän⸗ zenden Zierrathen und allem Andern beſtanden, was in den Augen eines Kriegers oder einer Squaw lockend und herrlich ſeyn kann. Dies war jedoch Alles vergeblich. Der Pelzhänd⸗ ler der Hudſonsbai⸗Compagnie kannte ſein Geſchäft vollkommen, ſo wie die Indianer, mit denen er zu thun hatte und er hielt ſie in einer ſolchen Unterwürfigkeit, daß keiner ſeinen Wünſchen öffentlich entgegen zu han⸗ deln wagte; ja noch mehr, er wendete das Blatt bei⸗ nahe um, und erſchütterte nahe die Treue einiger Bi⸗ berfänger des Capitäns, indem er Getränke unter ſie austheilte. Der Letztere war daher froh, einen Wett⸗ ſtreit aufzugeben, bei welchem der Krieg in ſein eigenes Lager geſpielt zu werden im Begriff ſtand. In der That haben die Pelzhändler der Hudſons⸗ bai⸗Compagnie Vortheile über alle Nebenbuhler im Handel jenſeits der Felsgebirge. Dieſes große Monopol vereinigt in ſeinem Mittelpunkt nicht allein ſeine eigene erbliche und lang begründete Macht und großen Einfluß, ſondern auch den ſeiner ehemaligen Nebenbuhler, der — 14— berühmten Nordweſt⸗Compaguie, die jetzt einen inte⸗ grirenden Theil von ihm ausmacht. Sie hat auf dieſe Weiſe ihre Geſchlechte von Händlern, Fängern, Jägern, und Reiſenden, die in ihrem Dienſte geboren und erzo⸗ gen worden und von vorherigen Generationen die Kenntniß und Geſchicklichkeit in Allem ererbt haben, was mit dem Leben und dem Handel der Indianer in Verbindung ſteht. In dem Verlaufe der Jahre iſt es dieſer Compagnie möglich geworden, ihre Verzweigungen nach allen Rich⸗ tungen hin zu erſtrecken; ihr Syſtem des Verkehres iſt auf eine lange und genaue Bekanntſchaft mit dem Cha⸗ rakter und den Bedürfniſſen der verſchiedenen Völker⸗ ſtämme, aller feſten Stellungen, Engpäſſe und gün⸗ ſtigen Jagdreviere des Landes gegründet. Auch ihr Capital und die Weiſe, womit ihre Vorräthe auf verſchiedene Poſten vertheilt und durch regelmäßige Caravanen befördert werden, halten ihre Pelzhänd⸗ ler wohl verſehen und ſetzen ſie in den Stand, den Indianern ihre Waaren zu wohlfeilem Preiſe zu liefern. Ueberdieß werden ihre Leute, die ſie hauptſäch⸗ lich aus Canada nehmen, wo ſie großen Einfluß und Anſehen haben, zu ſehr geringem Lohne gedungen und mit geringen Koſten unterhalten; da die Vorräthe, die ſie mit ſich nehmen, aus wenig mehr als indianiſchem Korn und Fett beſtehen. Sie werden auch zur vollkom⸗ menſten Disciplin und Subordination gebracht, vorzüg⸗ lich wenn ihre Anführer einmal auf die Bühne ihrer Handlungen, das heißt: in das Innere der Wildniß ge⸗ langt ſind. Dieſe Umſtände vereinigen ſich, um der Hudſons⸗ bai⸗Compagnie einen entſchiedenen Vortheil über alle amerikaniſchen Compagnien zu geben, die in ihren Be⸗ zirk kommen; ſo daß ein eigentlicher Wettſtreit mit ihnen faſt unmöglich iſt. Kurz nach des Capitäns Bonneville unwirkſamem Verſuche, Theil an dem Handel des verbündeten Lagers zu nehmen, kamen die Vorräthe der Hudſonsbai⸗Compag⸗ nie an, und der reſidirende Pelzhändler ward in den Stand geſetzt, den Markt zu monopolifiren. Es war jetzt im Beginn des Juli's; in dem letz⸗ teren Theile von welchem Monate Capitän Bonneville eine Zuſammenkunft an dem Roßbache in dem Grünen⸗ Flußthale mit einigen der Partien verabredet hatte, die im verfloſſenen Jahre von ihm abgeſchickt worden waren. Er lenkte ſeine Gedanken jetzt nach dieſer Richtung und machte ſeine Zubereitung zu dieſer Reiſe. Die Cottonois wünſchten ſehr, daß er in ihr Land käme, das, wie ſie verſicherten, voller Biber wäre. Die Ländereien dieſes Stammes ſtoßen nördlich an jene der Flatheads und ſind den Einfällen der Schwarzfüße aus⸗ geſetzt. Es iſt wahr, daß ſich die Letztern bekannten, ihre Verbündeten zu ſeyn; allein ſie hatten ſich ſo viele Handlungen der Treuloſigkeit ſchuldig gemacht, daß die 16— Cottonois in letzterer Zeit auf ihre leere Freundſchaft Verzicht geleiſtet, und ſich den Flatheads und Nez⸗percés angeſchloſſen hatten. Sie hatten dieſe auf ihren Wan⸗ derungen lieber begleiten, als den Gewaltthätigkeiten der Schwarzfüße ausgeſetzt, allein zu Hauſe bleiben wollen. Sie fürchteten nun, daß dieſe Plünderer in ihrer Abweſenheit ihr Land durchſtreifen und die Biberbäue zerſtören würden; dies war die Urſache, warum ſie den Capitän Bonneville trieben, ſeinen Herbſtaufenthalt in dieſem Jagdreviere zu nehmen. Der Letztere konnte jedoch nicht verſucht werden, da ſeine Verbindlichkei⸗ ten ſeine Gegenwart an dem Verſammlungsorte in dem Grünen⸗Flußthale nöthig machte, und er hatte bereits ſeine weiteren Pläne gefaßt. Es erhob ſich jetzt eine unerwartete Schwierigkeit. Die freien Biberfänger machten plötzlich Halt und wei⸗ gerten ſich, ihn zu begleiten. Es war eine lange und ermüdende Reiſe; der Weg ging durch Pierre's Höhle und andere von den Schwarzfüßen unſicher gemachte Gebirgspäſſe. Sie waren nicht geneigt, ſich ſolchen un⸗ nöthigen Mühen und Gefahren zu unterziehen, da ſie gute und ſichere Jagdreviere an den Quellen des Sal⸗ menfluſſes, näher bei der Hand, hatten. Da dieſes freie und unabhängige Burſche waren, deren Eigenwille und Laune gleich einem Geſetze galt, die die ganze Wildniß zur Wahl vor ſich hatten, und der Pelzhändler einer mitwerbenden Compagnie, der ſie = 147— für ihre Dienſte zu bezahlen bereit war, ſich in der Nähe befand; ſo ward es nothwendig ſich ihren Wünſchen zu fügen. Capitän Bonneville rüſtete ſie daher für be⸗ ſagte Jagdgegend aus, ernannte den Herrn Hodgkiß zu ihrem Parteigänger oder Führer und beſtimmte einen Sammelplatz, an dem er ſie in dem Laufe des folgen⸗ den Winters wieder treffen wolle. Die Brigade be⸗ ſtand in einundzwanzig freien Biberfängern und vier oder fünf Miethlingen, als Lagerwächter. Dieſes war nicht ganz die Ordnung einer Fänger⸗ partie, die, wenn ſie zweckmäßig organiſirt ſeyn ſoll, aus zwei Drittheilen Biberfänger beſtehen muß, deren Pflicht ſie beſtändig auf die Jagd hinausruft und einem Drittheile Lagerwächter, welche kochen, packen und ab⸗ packen, die Zelte aufſchlagen, die Pferde verpflegen und alle andere Dienſte verrichten, welche die Indianer ge⸗ wöhnlich ihren Weibern zuweiſen. Dieſer Theil des Dienſtes kann leicht durch franzöſiſche Creolen von Ca⸗ nada und dem Thale des Miſſifippi verſehen werden. Da inzwiſchen die verbündeten Indianer ihren Han⸗ del abgeſchloſſen und ihre Vorräthe erhalten hatten, ſo waren ſie bereit, ſich nach verſchiedenen Richtungen hin zu zerſtreuen. Da ſich gerade eine furchtbare Bande von Schwarzfüßen auf einem nordöſtlichen Gebirge befand, über welches Hodgkiß und ſeine freien Biberfänger kom⸗ men mußten, und da es bekannt war, daß jene ſcharf⸗ ſichtigen Räuber ihre Kundſchafter ausgeſchickt hatten, 69.—71. 2 2 — 18— die jede Bewegung des Lagers beobachteten, ſo daß ſie die Nachzügler oder ſchwache Abtheilungen abſchneiden konnten, ſo beredete Capitän Bonneville die Nez⸗percés, Hodgkiß und ſeine Partie zu begleiten, bis ſie über den feindlichen Bezirk hinaus ſeyn würden. Die Cottonois und Pends⸗Oreilles beſchloſſen zu gleicher Zeit mit einander und dicht unter dem Gebirge hinzuziehen, das von den Schwarzfüßen unſicher ge⸗ macht wurde; während Capitän Bonneville mit ſeiner Partie eine entgegengeſetzte Richtung nach Süd⸗Süd⸗ Oſten einſchlagen aud auf ſeinem Wege, nach dem Grünen⸗Flußthale durch Pierre's Höhle kommen ſollte. Am 6. Juli wurden demnach die ſämmtlichen Lager in einem und demſelben Augenblicke abgebrochen und jede Partei ſchlug eine verſchiedene Reiſe⸗Route ein. Die Gegend war wild und maleriſch; die langen Rei⸗ hen der Pelzhändler, Biberfänger und Indianer in ih⸗ rem rauhen phantaſtiſchen Anzügen, ihren verſchiedenen Waffen, ihren unzähligen Pferden, Einige geſattelt, Andere mit Päcken beladen, wieder Andere in Herden folgend, alle dehnten ſich in verlängerten Caravanen über die weite Landſchaft aus, nach verſchiedenen Punk⸗ ten der Ebenen und Gebirgen hinziehend. Neunzehntes Kapitel. Vorſicht in gefährlichen Engpäſſen.— Vertheidigungsweiſe der Biberfänger auf der Prairie.— Ein geheimnißvoller Be⸗ ſuch.— Ankunft im Grünen⸗Flußthale.— Abentheuer der Ab⸗ theilungen.— Der verlorne Parteigänger.— Erzählung ſeiner Unglücksfälle. Da die Route des Eapitäns Bonneville durch den vermeintlich gefährlichſten Theil der ganzen gefahrvollen Region ging, ſo nahm er ſeine Maßregeln mit militä⸗ riſcher Geſchicklichkeit, und beobachte die ſtrengſte Vor⸗ ſicht. Wenn er ſich auf dem Marſche befand, ſo wur⸗ den immer Kundſchafter vorausgeſchickt, um die ganze Gegend zu durchſpähen, durch die ſie zu kommen hatten. Die Lagerplätze wurden mit der größten Sorgfalt gewählt, und bei Tag und Nacht eine beſtändige Wache unterhalten. Die Pferde wurden bei Nacht eingethan und an Pfähle gebunden und mit Tagesanbruch eine Partie abgeſchickt, um die Nachbarſchaft auf eine halbe Meile in der Runde zu durchſpähen, ſo wie jeden Hain und jedes Gebüſch zu durchſuchen, worin ſich ein lau⸗ ernder Feind verſteckt halten konnte. Wenn es hieß, daß Alles ſicher ſey, ſo wurden die Pferde losgelaſſen 2* — 20— und auf die Weide gethan. Würden ſolche Vorſichts⸗ maßregeln im Allgemeinen von Handelsleuten und Jä⸗ gern beobachtet, ſo würden wir nicht ſo oft von Partien hören die von den Indianern angegriffen wurden. Nachdem wir die militäriſche Anordnung des Capi⸗ täns angeführt haben, ſo mag hier der Weiſe der Ver⸗ theidigung auf der offenen Prairie erwähnt werden, wie ſie uns ein alter Veteran des indiſchen Handels beſchrie⸗ ben hat. Wenn ſich eine Partie von Biberfängern mit einer Ladung von Waaren oder Pelzwerk auf der Reiſe be⸗ findet, ſo hat ein jeder Mann drei Packpferde unter ſeiner Obhut, deren jedes mit drei Päcken beladen iſt. Ein jeder Mann iſt mit einem, mit Eiſen beſchlagenen Pfahle, einem Tragſacke und Leit⸗ oder Sprungriemen für die Pferde verſehen. Die Biberfänger ziehen, eine lange Reihe oder Linie bildend, über die Prairie; bis⸗ weilen bilden ſie auch drei Reihen, die hinlänglich von einander entfernt ſind, um das Anſtoßen der Päcke zu vermeiden. Wird ein Alarm gegeben und es iſt kein bedeckter Ort bei der Hand, dann ſchwenkt ſich die Linie ſo, daß ſich die Fronte, einen Kreis bildend, an den Nachtrab anſchließt. Sodann ſteigen Alle ab, treiben im Centrum des Kreiſes ihre Pfähle in den Boden ein, befeſtigen die Pferde daran, und binden ihnen die Vor⸗ verbeine zuſammen, ſo daß ſie in dem Falle eines Lär⸗ mens nicht entſpringen können. Sie laden ſolche dann — 21= ab, und verwenden ihre Päcke, um die Peripherie des Kreiſes mit einer Bruſtwehr zu verſehen; ſo daß jeder Mann neun Päcke hat, hinter welchen er ſich ſchir⸗ men kann. In dieſer ſchnell gebildeten Feſte erwarten ſie den Angriff des Feindes und ſind im Stande, zahlreichen Indianer Horden Trotz zu bieten. In der erſten Nacht ſeines Marſches lagerte ſich Capitän Bonneville an der Henry's⸗Gabel, die ein obe⸗ rer Arm des Schlangenfluſſes iſt, und nach dem erſten amerikaniſchen Pelzhändler genannt wurde, der ein Fort jenſeits der Gebirge anlegte. Ohngefähr eine Stunde, nachdem Alle zu einem Halt gekommen waren, hörte man Hufſchläge und ein einzelnes Weib von dem Stamme der Nez⸗percés kam angeſprengt. Sie ritt ein Meſtang oder halb wildes Pferd, welches ſie mit einem langen Seile regierte, das ſie als einen Zaum um die untere Kinnlade geſchlungen hatke. Sie ſtieg ab, ging ſtillſchweigend in die Mitte des Lagers und ſetzte ſich, ihr Pferd an der langen Halfter haltend, auf den Bo⸗ den nieder. Die plötzliche und einſame Erſcheinung dieſes Wei⸗ bes, wie ihr ruhiges, dennoch entſchloſſes Benehmen, er⸗ weckte die allgemeine Neugierde. Die Jäger und Bi⸗ berfänger ſammelten ſich um ſie und blickten ſie wie ein geheimnißvolles Weſen an. Sie blieb ſtill, behielt aber ihre ruhige und beſonnene Miene bei. — 22— Capitän Bonneville nahte ſich ihr, und fragte ſie über die Abſicht ihres geheimnißvollen Beſuches. Jhre Antwort war kurz oder ernſt.„Ich liebe die Weißen; ich will mit ihnen gehen.“ Sie wurde ſofort eingela⸗ den, ein Zelt einzunehmen, von dem ſie willig Beſitz nahm, und wurde von dieſer Zeit an, als eine zum La⸗ ger gehörige Perſon betrachtet. Wahrſcheinlich in Folge ſeiner militäriſchen Vor⸗ ſichtsmaßregeln führte Capitän Bonneville ſeine Partie ſicher durch dieſe gefahrvolle Region. Es ereignete ſich kein Vorfall unglücklicher Art, mit Ausnahme, daß ein Pferd verloren ging, das, indem ſie an dem ſchwin⸗ delnden Rande eines Abgrundes vorbei kamen, welcher das Karnieß genannt wird, und ein gefährlicher Paß zwiſchen der Jackſons⸗ und Pierre's Höhle iſt, über den Rand ſtürzte und zerſchmettert ward. Am 13. Juli 1833 kam Capitän Bonneville an dem Grünen⸗Fluße an. Als er in das Thal kam, ſah er es nach allen Richtungen hin mit Büffelgerippen beſtreut; offenbar waren die Indianer erſt kürzlich und in großer Anzahl hier geweſen. Ueber den Anblick beunruhiget und fürchtend, daß hier nicht Alles ganz ſicher ſey, ließ er Halt machen und ſobald es dunkel geworden war, ſchickte er Kundſchafter nach ſeinem Verſammlungsorte an dem Roßbache ab, wo er an dem folgenden Tag mit ſeinen abgeſchickten Fängerpartien zuſammen tref⸗ fen wollte. — 23— Die Kundſchafter kamen früh am Morgen in das Lager zurück, und mit ihnen drei Biberfänger von einer ſeiner Banden an dem Verſammlungsorte, die ihm er⸗ zählten, daß ihn ſeine Leute dort Alle erwarteten. Was die Niederlage unter den Büffeln anbelangte, ſo war ſolche von einer Bande freundlich geſinnter Shoshonie's angeſtellt worden, die mit einer ſeiner Fangpartien zu⸗ ſammen getroffen waren und ſie bis zu ihrem Verſamm⸗ lungsort begleitet hatte. Nachdem ſie dieſe Nachricht mitgetheilt hatten, ſteck⸗ ten die drei Ehrenmänner vom Zuſammenkunftsorte ein Fäßchen„Alkohol“ an, das ſie mitgebracht hatten, um dieſes fröhlige Zuſammentreffen froh zu begehen. Das geiſtige Getränk ging ſchnell im Kreiſe herum; man trank auch die Geſundheit abweſender Freunde und die Partie brach hochbegeiſtert nach dem Sammelplatze auf. Das Zuſammentreffen verbündeter Banden, die auf dieſen gefährlichen Unternehmungen von einander ge⸗ trennt geweſen find, iſt immer intereſſant; da jede ihre Geſchichten von Gefahren und Abentheuern zu erzählen hat. Dieſes war der Fall mit den verſchiedenen Abthei⸗ lungen die von Capitän Bonneville abgeſchickt worden waren, und jetzt am Roßbache zuſammen kamen. Hier befand ſich die Abtheilung von fünfzig Mann, die er im vergangenen Monat November vom Salmenfluſſe abge⸗ ſchickt hatte, um am Schlangenfluſſe zu überwintern. Sie hatten im Laufe ihrer Frühlingsjagd manche Widerwär⸗ — 24— tigkeiten erduldet und manchen Verluſt nicht ſowohl durch die Indianer, als durch die weißen Menſchen er⸗ litten. Sie waren mit einer concurirenden, nebenbuh⸗ leriſchen Partie von Biberfängern, vorzüglich mit einer der Felsgebirgs⸗Pelzhandels⸗Compagnie in Berührung gekommen, und hatten lange Geſchichten über die Mit⸗ tel zu erzählen, die angewendet wurden, die Vorhand im Einkauf zu haben und ſich einander Schaden zu zufügen. In der That waren in dieſen heftigen und niedrigen Streitigkeiten die Biberfänger einer jeden Partie mehr darauf Bedacht, ihren Nebenbuhlern Schaden zuzufügen, als zu ihrem eigenen Vortheile zu handeln; indem fie einander die Fallen zerbrachen, die Biberwohnungen zer⸗ traten und zerſtörten, kurz, Alles thaten, was in ihrer Macht ſtand, einander eine glückliche Jagd zu verder⸗ ben. Wir enthalten uns das Nähere dieſer erbärmli⸗ chen Zwiſtigkeiten weiter auseinander zu ſetzen. Die traurigſte Erzählung von Unglücksfällen jedoch, die der Capitän Bonneville anzuhören hatte, war von Seiten eines Parteigängers, den er im verfloſſenen Jahre mit zwanzig Mann abgeſchickt hatte, in der Um⸗ gebung des Krähenlandes, und an den Nebenſtrömen des Yellowſtone's zu jagen, von wo er ſich zu ihm in ſein Winterlager am Salmenfluſſe begeben ſollte. Die⸗ ſer Parteigänger erſchien an dem Sammelplatze ohne ſeine Leute, und er hatte eine höchſt betrübte Erzählung von ſeinen Unglücksfällen zu machen. 3 Während er im Krähenlande jagte, kam er mit einem Dorfe dieſes Stammes, deſſen Einwohner bekannte Schurken, Betrüger, Pferdediebe und Erzſtraßenräuber der Gebirge ſind, in Berührung. Dieſe verlockten die meiſten ſeiner Leute zu deſertiren, Pferde, Fallen und Kleidungsſtücke mitzunehmen; und wenn er verſuchte, ſich der Ausreiſſer zu bemächtigen, ſo ſuchten die Krie⸗ ger der Krähen Händel mit ihm, erklärten die Ausreiſ⸗ ſer für ihre guten Freunde, die entſchloſſen wären, unter ihnen zu bleiben, und welche ſie nicht behelligen ließen. Der arme Parteigänger war daher gezwungen, ſeine Vagabunden unter dieſen Vögeln gleicher Art mit ihnen zu laſſen, und da er zu ſchwach zum Verſuche war, den gefährlichen Gebirgspaß zu paſſiren, um mit Capi⸗ tän Bonneville am Salmenfluſſe zuſammen zu kommen, ſo begab er ſich mit einigen wenigen ſeiner Leute, die ihm treu geblieben waren, in die Nähe von Fort Tullock am Jellowſtone, unter deſſen Schutz er in die Winter⸗Quar⸗ tiere ging. Er fand bald, daß die Nähe des Forts eben ſo ſchlimm, als die Nachbarſchaft der Krähen war. Seine Leute ſtahlen ſich beſtändig von dort weg, und nahmen an Biberfellen mit, was ſie heimlich wegbringen konn⸗ ten oder ihnen unter die Hände kam. Dieſe tauſchten ſie an die Schmarozzer des Forts gegen Whisky aus, und pflegten dann ſich zu betrinken und zu ſchwelgen. Der unglückliche Parteigänger that einen andern Schritt. Ein Paar freie Biberfänger unter ſeine Leute — 298— nehmend, die er in der Nähe des Forts angetroffen hatte, brach er frühzeitig im Frühling auf, um an den Quellen des Pulverfluſſes Biber zu fangen. Im dem Laufe ſeiner Reiſe wurden ſeine Pferde, indem ſie ein ſteiles Gebirg überſtiegen, ſo abgemattet, daß ihn dies ver⸗ anlaßte, ſie über Nacht graſen gehen zu laſſen. Der Ort war einſam, der Paß ſchroff; es fand ſich auch nicht eine Spur von einem Indianer in der Umgegnd; kein Grashälmchen, das von einem Fußtritt nieder getreten geweſen wäre. Allein wer kann auf Sicherheit rechnen mitten in dem Lande der Indianer, wo der Feind in der Stille der Verborgenheit lauert, und auf den Schwingen des Windes zu kommen und zu gehen ſcheint? Die Pferde waren kaum losgelaſſen worden, als ein Paar Krieger der Arickara oder Rickaree⸗Indianer in das Lager kamen. Sie affectirten ein offenes, freundliches Benehmen, allein ihr Anblick und ihre Bewegungen erweckten den Arg⸗ wohn einiger Veteranen der Biberfänger, die mit der Liſt der Indianer wohl bekannt waren. Ueberzeugt, daß ſie Spionen und zu irgend einem treuloſen Zwecke abgeſchickt ſeyen, nahmen ſie ſolche in Verwahrung und beſchäftigten ſich eben, die Pferde in das Lager zu trei⸗ ben; es war jedoch ſchon zu ſpät; die Pferde waren bereits fort. In Wahrheit war ihnen eine Kriegspar⸗ tie der Arikara's mehrere Tage lang auf der Spur ge⸗ folgt, mit der Geduld und der, Indianern eigenen Aus⸗ dauer, den Augenblick der Nachläſſigkeit und eingebilde⸗ ten Sicherheit erſpähend, um einen guten Fang zu thun. Die beiden Spionen waren offenbar in das Lager ge⸗ ſchickt worden, um die Aufmerkſamkeit abzulenken, wäh⸗ rend ihre Verbündeten ſich mit der Beute davon machten. Der unglückliche Parteigänger wurde, ſo ſeiner Pferde beraubt, wüthend gegen ſeine Gefangenen, er befahl ihnen Hände und Füße zu binden und ſchwur, ſie um⸗ bringen zu laſſen, wenn ihm ſein Eigenthum nicht wie⸗ der zurück geſtellt würde. Die Räuber, die bald merk⸗ ten, daß ſich ihre Spione in Gefangenſchaft befanden, erſchienen jetzt zu Pferde und unterhandelten. Der An⸗ blick derſelben, auf den von ihnen geſtohlenen Pferden beritten, ſetzte die Biberfänger in Harniſch; allein es war nutzlos ſie anzugreifen, da ſie nur ihre Pferde um⸗ zukehren und auſſer den Bereich der Fußgänger davon zu eilen brauchten.. Es wurde jetzt ein Vergleich verſucht. Die Arik⸗ kara's erboten ſich, was ſie für ein gutes Gebot hielten, ein oder ſelbſt zwei Pferde für einen Gefangenen zu geben. Die Gebirgsjäger wießen ihr Erbieten verächt⸗ lich ab, und erklärten, daß wenn ſie nicht alle Pferde zurückgäben, die Gefangenen verbrennt werden ſollten. Um ihrer Drohung Gewicht zu geben, wurde ein Holz⸗ ſtoß von Scheitern und Wellen aufgerichtet und ange⸗ zündet. Die Unterhandlung dauerte fort; die Arikara's ließen ein Pferd los, dann ein zweites als Daraufgabe — 28— auf ihren Vorſchlag, da ſie aber fanden, daß nichts, als die Hinterlaſſung der ganzen Beute das Leben der Ge⸗ fangenen erkaufen konnte, ſo überließen ſie ſolche ihrem Schickſale, und begaben, ſich unter vielen Worten beim Abſchiede und einem kläglichen Geheule weg. Da die Gefangenen ſie weg eilen ſahen, und wußten, wel⸗ ches erſchreckliche Schickſal ſie erwartete, ſo machten ſie eine verzweifelte Anſtrengung, um zu entkommen. Es gelang ihnen beinahe, ſie wurden aber ſchwer ver⸗ wundet und wieder ergriffen, dann zu dem flammenden Holzſtoße geſchleppt, und im Angeſicht ihrer ſich ent⸗ fernenden Kameraden verbrannt. Dieſer Art find die rohen Grauſamkeiten, die weiße Menſchen begehen ler⸗ nen, welche unter den Wilden leben, und dieſer Art ſind die Thaten, die zu einer furchtbaren Vergeltung von Seiten der Indianer führen. Sollten wir von irgend einer Grauſamkeit hören, welche die Arakara's an den weißen Menſchen verübt haben, ſo möge man ſich er⸗ innern, auf welche empörende Weiſe ſie erſt neuerlich dazu gereizt worden ſind. Individuelle Vorfälle dieſer Art leben in dem Gedächtniſſe des ganzen Stammes fort, und es iſt ein Ehren⸗ wie ein Gewiſſenspunkt, ſolche zu rächen. Der Verluſt ſeiner Pferde vollendete den Ruin des unglücklichen Parteigängers. Er ward in die Unmög⸗ lichkeit verſetzt, ſeine Biberjagd weiter zu verfolgen, oder ſeine Brigade zu erhalten; er konnte nur daran — 29— denken, wie er wieder in das civiliſirte Leben zurück⸗ kommen ſollte. An dem erſten Strome den ſie antrafen, bauten ſich ſeine Leute Kähne aus Baumſtämmen und überließen ſich dem Strome. Einige verdingten ſich in verſchiedenen Handels⸗Niederlaſſungen, an welchen ſie vorbeikamen, andere kehrten zu ihren Niederlaſſungen zurück. Was den Parteigänger anbelangt, ſo fand er Mittel zu dem Sammelplatze an dem Grünen⸗Flußthale zu kommen, den er zur gehörigen Zeit erreichte, um dem Capitän Bonneville dieſe traurige Erzählung ſeiner Un⸗ glücksfälle zu machen. Zwanzigſtes Kapitel. Verſammlung in dem Grünen⸗Flußthale.— Beſuche und Schmauſereien der Anführer.— Frohe Trinkgelage der Biber⸗ fänger.— Rohe Gebirgsburſche.— Indianiſche Schönen.— Die Macht glänzender Knöpfe und rother wollener Decken.— Ankunft von Vorräthen.—Schwelgereien und Ausſchweifungen⸗ — Tolle Wölfe.— Der umgekommene Indianer.— Das Grüne⸗Flußthal war zu dieſer Zeit die Scene einer jener General⸗Verſammlungen von Handelsleuten, Biberfängern und Indianern, deren wir bereits er⸗ wähnt haben. Die drei Nebenbuhler⸗Compagnien, die vergangenes Jahr bemüht geweſen waren, ſich im Han⸗ deln, Biberfangen ac., zu überbieten und einander zu über⸗ liſten, hatten jetzt ihr Lager dicht neben einander auf⸗ geſchlagen und erwarteten ihre jährlichen Vorräthe. Ohngefähr vier Meilen von dem Sammelplatze des Ca⸗ pitäns Bonneville befand ſich jener der amerikaniſchen Pelzhandels⸗Compagnie und dicht neben dieſem war jener der Felsgebirgs⸗Pelzhandels⸗Compagnie. Nach der heftigen Nebenbuhlerſchaft und beinahe Feindſchaft, die ſich dieſe Compagnien in ihren letzten Jagdſtreifereien bewieſen hatten, hätte man erwarten 82 — ſollen, daß, nachdem ſie eine ſo nahe Stellung genom⸗ men hatten, ſie ſich ernſt und vorſichtig von einander entfernt halten würden, und daß wenn ſie ja in Be⸗ rührung mit einander kämen, Hader und Blutvergießen entſtehen würden. Nichts von Allem dieſem! Nie trafen ſich zwei Advokaten, nachdem ſie ſich vor Gericht mit einander gezankt haben, mit mehr geſellig guter Laune bei einem Kränzchensſchmauſe. Iſt die Jagdzeit vorüber, dann find alle vergangene Streiche und angewandten Kunſtgriffe vergeſſen, alle Zwiſte und Streitigkeiten in Vergeſſenheit gerathen. Von der Mitte des Juni's bis zu der Mitte September's iſt alles Biberfangen einge⸗ ſtellt, weil ſie ſich dann hären und ihre Felle von ge⸗ ringem Werthe ſind. Dies ſind die Ferien des Biber⸗ fängers, in welchen er voller Luſt und Späße, und zu Saturnalien in den Gebirgen aufgelegt iſt. In gegenwärtiger Jahreszeit befanden ſich alle Par⸗ teien ebenfalls in guter Laune. Das Jahr war ergiebig geweſen, und die Nebenbuhlerſchaft, hatte, indem ſie ihren Nutzen zu vermindern drohte, ihren Witz ge⸗ ſchärft, ſie zur Thätigkeit erweckt, und ſie gelehrt, jede günſtige Gelegenheit beſtens zu benutzen; ſo daß, als ſie an ihren gegenſeitigen Verſammlungsorten einge⸗ troffen waren, eine jede Compagnie ſich im Beſitz eines reichen Vorraths von Pelzwaaren befand. Die Führer der verſchiedenen Compagnien kamen daher auf dem Fuße vollkommener guter Kameradſchaft zuſammen. machten ſich einander Beſuche, und bewir⸗ theten ſich, ſo gut, als es ihre verſchiedenen Lager ver⸗ mochten, allein die beſte Bewirthung für den würdigen Capitän war die, die„Ritter“ der verſchiedenen Lager zu ſehen, wie ſie es ſich im Laufen, Springen, im Schie⸗ ßen mit der Büchſe und im Pferderennen einander zu⸗ vorzuthun ſuchten; und dann ihre rohen Schmauſereien und Gelage! Sie tranken, ſangen, lachten und ſchrieen mit einander, und ſuchten einer den andern bei Erzäh⸗ lung ihrer Abentheuer und Thaten im Prahlen und Lü⸗ gen zu überbieten. Hier befanden ſich die freien Biber⸗ fänger in ihrer Herrlichkeit; ſie betrachteten ſich als die „Hähne der Kette“ und trugen immer den Kamm am höchſten. Dann und wann wurde die Vertraulichkeit etwas zu weit getrieben und artete in Zwiſt und Bal⸗ gerei aus, die ſich aber mit einer herzlichen Verſöhnung und„benebelten Liebkoſungen“ endigten. Die Gegenwart des Stammes der Shoshonie'’s gab bisweilen Veranlaſſung zu Eiferſüchtelei⸗ und Zwiſt. Die Schönen der Schoshonie's wurden Gegenſtände der Nebenbuhlerei bei einigen verliebten Gebirgsjägern. Glücklich war der Biberfänger der eine rothe Decke, eine Schnur bunter Perlen, oder Tütchen der köſtlichen rothen Farbe darbieten konnte, um das Lächeln einer Schönen der Shoshonie's zu gewinnen. Die Caravanen langten gerade in dieſem Augen⸗ blicke der Galanterie und der guten Kameradſchaft mit — 535— 7 ihren Vorräthen in dem Thale an. Jetzt wollte jedes Individuum der verſchiedenen Lager es dem Andern an unbeſonnener Verſchwendung zuvorthun. Die Ballen wurden haſtig aufgeſchnitten, und ihr bunter Inhalt ausgepackt. Eine Kaufmanie verbreitete ſich unter den verſchiedenen Banden: Kriegs⸗ und Jagbedarf und Putz⸗ ſachen wurden mit gleicher Begierde geſucht— Büchſen, Jagdmeſſer, Biberfallen, Scharlachtuch, rothe Decken, glänzende Knöpfe und ſchimmerndes Spielzeug wurden zu jedem Preiſe gekauft, und man ließ die Rechnungen anwachſen, ohne daran zu denken, wie ſie je wieder abgetragen werden ſollten. Die freien Biberfänger waren vorzüglich ausſchweifend in ihren Einkäufen; denn wenn ein freier Biberfänger ſich an einigen wenigen Thalern und Cents ſtoßen wollte, um etwas zu erlangen, das ihm geſiele, ſo würde ihn dies in dem Anſehen ſeiner Kameraden zum Dümmlinge herabwürdigen. Wenn ein Pelzhändler ſich weigern würde, einem dieſer freien und großſprecheriſchen Burſche Credit zu geben, ſo würde dies eine kaum zu vergebende, arge Beſchimpfung ſeyn, welche Rechnungen er auch noch immer unberichtigt offen ſtehen hätte. Jetzt erfolgten neue ſinnloſe Verſchwendungen und Ausſchweifungen. Die Biberfänger waren neu ausge⸗ rüſtet und gekleidet und paradirten umher mit ihren auf indianiſche Weiſe angeſchirrten Pferden. Die Schönen der Shoshonie's ſtolzirten ebenfalls in allen Regen⸗ 69.— 71. 3 bogenfarben umher. Es wurde jeder verſchwenderiſchen Grille in ihrer weiteſten Ausdehnung Genüge geleiſtet, und in kurzer Zeit waren die Biberfänger, die all ihren Sold verſchleudert und ſich vielleicht noch tief in Schulden geſteckt hatten, bereit, einen andern beſchwerlichen Feld⸗ zug in die Wildniß mitzumachen. Während dieſer Zwiſchenzeit fröhlicher Ausgelaſſen⸗ heit wurde in den beiden untern Lagern Lärm wegen toller Wölfe gemacht. Einer oder mehrere dieſer Thiere kam drei Nächte hinter einander in die Lager und biß mehrere der Leute. Capitän Bonneville erzählt den Fall von einem Indianer, der in dem untern Lager allgemein beliebt war. Er war von einem dieſer Thiere gebiſſen wor⸗ den. Da er kurz hiernach mit einer Partie auf einem Streifzuge aus war, wurde er ſtill und düſter, und blieb hinter den Uebrigen zurück, als ob er ſie zu ver⸗ laſſen wünſche. Sie hielten ſtill und drangen in ihn, geſchwinder zu gehen;z er bat ſie aber, ihm ja nicht zu nahe zu kommen, und von⸗ ſeinem Pferde ſpringend, fing er an, ſich wüthend auf der Erde zu wälzen, mit den Zähnen zu knirſchen und aus dem Munde zu ſchäu⸗ men. Er behielt noch immer ſeine Sinne bei, und warnte ſeine Begleiter, ſich ihm nicht zu nähern, weil er ſich ſonſt nicht enthalten könne, ſie zu beißen. Sie liefen weg, um Hülfe zu holen; bei ihrer Wiederkunft war er aber nirgendwo zu finden. Sein Pferd und ſeine Kleider waren auf dem Platze, und man ſah drei oder vier Tage nachher einen einzelnen Indianer, den man für denſelben hielt, durch ein Thal gehen. Er wurde verfolgt, verlor ſich aber in das Gebirg und ward nicht mehr geſehen. Ein anderes Beiſpiel hörten wir von einer anderen Perſon anführen, die ſich in dem Lager befand. Einer der Leute der Felsgebirgs⸗Com⸗ pagnie war gebiſſen worden. Er machte ſich kurz nachher in Geſellſchaft zweier weißen Menſchen auf den Weg, um zu den Niederlaſſungen zurückzukehren. Nach Verlauf einiger Tage zeigten ſich Spuren der Waſſerſcheu an ihm, und er ward gegen Abend raſend. Endlich entlief er ſeinen Begleitern und rannte in ein Weidendickicht, wo ſie ihn ſeinem Schickſale überließen. Ein und zwanzigſtes Kapitel. Pläne des Capitäns Bonneville.— Der große Salzſee.— Expedition zu ſeiner Unterſuchung.— Zubereitungen zu einer Reiſe nach dem Dickhorn.— Capitän Bonneville fand ſich jetzt an der Spitze ei⸗ ner entſchloſſenen, wohl eingeübten und gut abgerichte⸗ ten Brigade von Biberfängern, welche alle die Erfah⸗ rungen eines Jahres in den Gebirgen benutzt hatten und fähig waren, ſich vor der Hinterliſt und den Schli⸗ chen der Indianer zu ſichern, und ſich mit Subſiſtenz⸗ mitteln zu verſehen, wo nur immer Wild anzutreffen war. Er hatte ebenfalls eine vortreffliche Herde von Pferden, die in vorzüglichem Zuſtande und für den ſchweren Dienſt geeignet waren. Er beſchloß daher jetzt, kühnere Pläne auszuführen. Einer von dieſen war, ſeine Expeditionen bis zu irgend einem unbekannten Landſtriche des fernen Weſtens zu erſtrecken, jenſeits des, gewöhnlich ſo genannten Büffelbezirks. Dies würde etwas von dem Verdienſte und dem Reize einer Ent⸗ deckung gehabt haben, die für jeden braven und kühnen Geiſt ſo viel Werth hat. Ein anderer ſeiner Lieblings⸗ projecte war, einen Handelspoſten an dem untern Co⸗ — 57— lumbiafluſſe in der Nähe des Multnomah⸗Thales anzu⸗ legen, und ſich zu bemühen, ſeinem Vaterlande einen Theil des verlornen Handels von Aſtoria wieder zu ge⸗ winnen. Der erſte der oben erwähnten Pläne, war dasje⸗ nige, was ihn gegenwärtig vorzüglich beſchäftigte; näm⸗ lich der, unbekannte Regionen zu erforſchen. Unter den erhabenen Gegenſtänden der ungeheuern Wildniß, auf der er umherſchwärmte, befindet ſich einer, der einen lebhaften Eindruck auf ihn gemacht zu haben ſcheint, und dem ſeine Einbildungskraft einen gewiſſen ideali⸗ ſchen Reiz lieh. Dies iſt ein großer See von Salz⸗ waſſer, der den Fuß der Gebirge beſpühlt, ſich aber gegen Weſt⸗Südweſten in eins jener weiten und hoch⸗ liegenden Plateaus erſtreckt, das ſich hoch über die Fläche des friedlichen Oceans erhebt. Capitän Bonneville gibt eine auffallende Beſchrei⸗ bung von dieſem See, wenn er von dem Lande aus, geſehen wird.„Wenn Ihr“ ſagte er,„an ſeinen Ufern das Gebirg hinaufſteigt, ſo ſeht Ihr eine ungeheure Waſſermaſſe ſich vor Euch ausbreiten, und ſich immer wei⸗ ter und weiter in eine ferne Waſſerebene erſtrecken, bis das Auge von der beſtändigen Anſtrengung ermüdet, in blauer dämmernder Ferne aus hohen Gebirgsketten ruht, die ſich, wie zuverläſſig verſichert wird, aus dem Schoße der Waſſer erheben. Näher bei Euch iſt die glatte ru⸗ hige Waſſerfläche mit kleinen Inſeln beſäet, auf wel⸗ chen das Gebirgsſchaf in beträchtlicher Anzahl herum⸗ ſtreift. Welche Strecken von Ebenen jene hohen Ge⸗ birgskuppen umfaſſen, muß für jetzt bloß eine Sache der Vermuthung bleiben, obgleich die Geſtalt der Gipfel und der Feldſtrecken, die man dazwiſchen liegen ſieht, wenig Zweifel übrig läßt, daß aus ihnen Ströme ent⸗ ſpringen, die beſtimmt ſind, große Ebenen zu bewäſſern, die dem Auge wahrſcheinlich durch die Wölbung des See's verdeckt ſind. Aller Wahrſcheinlchkeit nach wird einſt die reiche Erndte von Biberfellen, die man in dieſen Gegenden zu erhalten hoffen darf, Abentheurer verſuchen, dieſe jetzt noch zweifelhafte Region mit Ge⸗ wißheit des Erfolgs in eine beſuchte zu verwandeln. Jedoch von den Mitteln entblößt, ſich Boote zu bauen, ſteht der Biberfänger jetzt an der Küſte und blickt nach einem verheißenen Lande hinber⸗ daß ſeine Füße nie betreten werden.“ Dies iſt die etwas pzantaſereiche Beſchreibung, welche Capitän Bonneville von dieſer Waſſermaſſe macht. Offenbar hat er einen Theil ſeiner Ideen darüber von den Vorſtellungen anderer entlehnt, welche die Schilde⸗ rung etwas übertrieben haben. Man behauptet, daß der See hundert und fünfzig Meilen lang und fünfzig breit ſey. Die Gebirgsketten, wovon Capitän Bonne⸗ ville ſpricht, daß ſie ſich aus ſeinem Schoße erheben, ſind wahrſcheinlich die Gipfel von jenſeits deſſelben lie⸗ genden Gebirgen, die in einer großen Entfernung ge⸗ ſehen werden können, wenn man ſie von einer Anhöhe in der durchſichtigen Atmoſphäre dieſer hohen Region erblickt. Es liegen ſicher mehrere große Inſeln in dem See, von welchen eine ſehr gebirgig ſeyn ſoll, aber keinesweges von dem Umfang, der erforderlich wäre, eine ſolche Reihe von Bergkuppen zu liefern, wie oben erwähnt wurde. d In einer ſeiner früheren Expeditionen über das Ge⸗ birg, ſoll Capitän Sublette in einem Kahn von Thier⸗ häuten vier Mann abgeſchickt haben, um den See zu unterſuchen, welche auch angegeben hätten, ihn umſchifft zu haben, allein außerordentlich vom Durſte gelitten hätten, da das Waſſer äußerſt geſalzen ſey und keine Ströme von friſchem Waſſer in denſelben liefen. Der Capitän Bonneville zweifelt an der Wahrheit dieſes Berichtes, oder daß die Leute ihn rund umſſchifft hätten; weil, wie er ſagt, der See mehrere große Flüſſe aus den Gebirgen aufnähme, die ihn gegen Oſten be⸗ gränzten. Im Frühlinge, wenn dieſe Ströme vom Re⸗ gen und durch das Schmelzen des Schnee's angeſchwollen ſind, dann ſteigt der See mehrere Fuß über ſeinen ge⸗ wöhnlichen Stand. Während des Sommers fällt er all⸗ mählig wieder und läßt einen ſchimmernden Gürtel des ſchönſten Salzes an ſeinen Ufern zurück. Die Erhebung dieſes weiten Plateau's, auf dem dieſer See liegt, wird von Capitän Bonneville auf eine und drei Viertel Meile über die Fläche des Oceans geſchätzt. Die bewunderns⸗ — 20— würdige Reinheit und Durchſichtigkeit in dieſer Atmo⸗ ſphäre, welche in einer erſtaunenden Entfernung Ge⸗ ſtände zu ſehen, und den Knall der Feuergewehre zu hören erlaubt; ihre Trockne, welche veranlaßt, daß die Wagenräder in Stücken fallen, wie wir in früheren Stellen dieſes Werkes geſehen haben, ſind Beweiſe der großen Höhe der Felsgebirgs⸗Ebenen. Daß eine Maſſe Salzwaſſer in einer ſolchen Höhe vorhanden iſt, wird von Capitän Bonneville als eine beſondere Erſcheinung angeführt, obgleich der Salzſee in Mexico nicht viel niedriger liegt.*) Dieſen See und deſſen ſeine Schlupfwinkel genau zu erforſchen, war des Capitäns Hauptplan für das ge⸗ genwärtige Jahr, und da an demſelben ſeine Einbil⸗ dungskraft offenbar den Hauptantheil hatte; ſo glaubte er, daß deſſen Ausführung von großem Nutzen begleitet ſeyn würde, der zahlreichen Biberſtröme wegen, womit dieſer See umgeben ſeyn müſſe. 1 Dieſes wichtige Unternehmen übertrug er ſeinem Lieutenant, Herrn Walker, in deſſen Erfahrung und Ge⸗ ſchicklichkeit er ein großes Zutrauen ſetzte. Er wies ihn *) Der Tezcuco⸗See, der die Stadt Mexico umgibt, der größte und niedrigſte von den fünf Seen anf dem me⸗ xicaniſchen Plateau, der am meiſten mit Salztheilen geſchwängert iſt, liegt ſiebentauſend vierhundert und acht und ſechzig Fuß, oder beinahe ein und eine halbe Meile über der Fläche des Meeres. — 41— an, ſich längs den Küſten des See's hinzuhalten, und auf ſeinem Wege an allen Flüſſen Biber zu fangen. Er befahl ihm ebenfalls, ein Tagebuch zu halten, um in daſſelbe die Begebenheiten eines jeden Tages genau einzuſchreiben, alles Merkwürdige und Intereſſante in demſelben zu bemerken, und auf ſeinem Wege Karten von der umliegenden Gegend zu entwerfen. Es wurde weder Mühe noch Koſten geſpart, die Partie auszurüſten, über die er den Befehl übernehmen ſollte, und die vierzig Mann ſtark war. Sie hatten hinlänglich Lebensmittel für ein Jahr und ſollten mit dem Capitän Bonneville in dem folgenden Sommer an den von ihm beſtimmten Sammelplatze in dem Thale des Bärenfluſſes, dem größten, der in den Salzſee ſich ergießenden Ströme, zuſammentreffen. Die nächſte Sorge des Capitäns Bonneville war, Anſtalten zum ſichern Transport der von ihm geſammel⸗ len Pelzwaaren nach den atlandiſchen Staaten zu tref⸗ fen, die Leitung dieſer Sendung ſollte Herr Cerré über⸗ nehmen, und es war nothwendig, den Weg zu beſtimmen, den er einſchlagen ſollte. Herr Robert Campbell, der Geſellſchafter von Su⸗ blette, befand ſich zu dieſer Zeit in dem Verſammlungs⸗ platze der Felsgebirgs⸗Pelzhandels⸗Compagnie, deren Vorräthe er dorthin überbracht hatte. Er ſtand im Be⸗ griffe, mit den, dieſes Jahr geſammelten, Pelzwaaren zurückzukehren, und beabſichtigte, durch das Krähenland bis zu dem Dickhornfluſſe, wo derſelbe ſchiffbar wird, und von da in Böten dieſen Fluß, den Miſſouri und Jellowſtone hinab nach St. Louis zu gehen. Capitän Bonneville beſchloß ſeine Pelzwaaren auf derſelben Route zu befördern, Cerré bis an den Punkt ſeiner Einſchiffung zu begleiten, und hierauf eine Herbſt⸗ jagd in dem Krähenlande zu halten. —— Zwei und zwanzigſtes Kapitel. Das Krähenland.— Ein Krähen⸗Paradies.— Gewohnheiten der Krähen.— Aneedoten von Roſe, dem weißen Renegaten. — Seine Gefechte mit den Schwarzfüßen.— Seine Erhebung. — Sein Tod.— Arapooiſch, der Krähenhäupling.— Sein Adler.— Abentheuer von Robert Campbell.— Ehre unter den Krähen.— Ehe wir Capitän Bonneville in das Krähenland begleiten, wollen wir einige wenige Thatſachen über dieſe wilde Region und das wilde Volk mittheilen, das ſie bewohnt. Wir ſind nicht genau von den Gränzen des Landes unterrichtet, das die Krähen in Anſpruch nehmen, wenn es welche hat; es ſcheint ſich von den ſchwarzen Hügeln bis zum Felsgebirge zu erſtrecken, einen Theil ſeiner hohen Gebirgsketten einzuſchließen und manche der Ebenen und Thäler zu umfaſſen, welche von dem Windfluſſe, Yellowſtone, dem Pulverfluſſe, dem kleinen Miſſouri und dem Nebraska bewäſſert werden. Das Land wechſelt im Boden und Klima ab; es hat große Sand⸗ und Thonwüſten, beſäet mit großen rothen Sandſteinhügeln; andere Theile ſind grandios und ma⸗ leriſch: es beſitzt warmen Quellen, Kohlenminen und einen Ueberfluß an Wild. = 4— Wir wollen die Beſchreibung des Landes jedoch ſo geben, wie ſie Arapooiſch, der Krähenhäuptling, dem Herrn Robert Campbell von der Felsgebirgs⸗Compag⸗ nie machte. „Das Krähenland“ ſagte er,„iſt ein gutes Land, der große Geiſt hat es genau an den rechten Platz ver⸗ legt; ſo lange Ihr in demſelben ſeyd, geht es Euch wohl; wenn Ihr aus demſelben kommt, ſo werdet Ihr es, welchen Weg Ihr auch nehmt, ſchlimmer finden. „Geht Ihr nach Süden, dann müßt Ihr durch große unfruchtbare Ebenen wandern. Das Waſſer iſt warm und ſchlecht, und Ihr bekommt das Fieber. „Nach Norden zu, iſt es kalt; die Winter ſind lang und ſtreng ohne Gras; Ihr könnt dort keine Pferde halten; Ihr müßt mit Hunden mwiſen Was iſt ein Land ohne Pferde! „An dem Columbia⸗Fluſſe ſind ſie arm und ſchmuz⸗ zig; plätſchern in Böten umher und eſſen Fiſche. Ihre Zähne ſind verdorben; ſie nehmen beſtändig Fiſchgräten aus dem Munde. Fiſche ſind eine armſelige Speiſe. „Nach Oſten zu, wohnen ſie in Dörfern; ſie leben gut; alle in ſie trinken das Lehmwaſſer des Miſſouri,— das iſt ſchlimm. Kein Hund eines Krähen würde ein ſolches Waſſer trinken. „Um die Gabeln des Miſſouri⸗Fluſſes liegt ein ſchönes Land; es hat gutes Waſſer; gutes Gras und eine Menge von Büffeln. In dem Sommer iſt es faſt eben ſo = 35— gut, als das Krähenland; allein im Winter iſt es kalt; das Gras iſt weg und kein Salzkraut für die Pferde da. „Das Krähenland ſteht genau auf dem rechten Flecke. Es hat ſchneeige Gebirge und ſonnige Ebenen; alle Gattungen von Climaten und gute Biſſen in jeder Jahreszeit. Wenn die Sommerhitze die Prärieen ver⸗ ſengt, dann könnt Ihr unten an den Gebirgen hinzie⸗ hen, wo die Luft angenehm kühl, das Gras friſch iſt, und die klaren Ströme aus den Schneegebirgen kom⸗ men. Hier könnt Ihr das Elenthier, den Hirſch und die Antilope jagen, wenn ihre Häute zu benutzen ſind; da findet Ihr eine Menge weiße Bären, und Gebirgs⸗ ſchafe. „Im Herbſte, wenn Eure Pferde fett und ſtark von der Gebirgsweide ſind, dann könnt ihr in die Ebene hinabgehen und den Büffel jagen, oder Biber an den Strömen fangen. Und wenn der Winter kommt, ſo könnt Ihr in der Tiefe der Gehölze, längs den Flüſſen Schutz finden; hier findet Ihr das Fleiſch der Büffel für Euch ſelbſt, und die Rinde des Baumwollholzbau⸗ mes für Eure Pferde; oder Ihr könnt in dem Wind⸗ Flußthale überwintern, wo Salzkraut im Ueberfluſſe iſt. „Das Krähenland iſt genau der rechte Fleck. Alles was gut iſt, iſt dort anzutreffen. Es gibt kein Land, das dem Krähenlande gleich kommt.“ Dies iſt das Lob, das Arapooiſch ſeinem Lande ertheilte. — 46 Wir haben mehrere Gelegenheiten gehabt, von dem raſtloſen und räuberiſchen Geiſte der Krähen zu ſpre⸗ chen. Sie können fünfzehn Hundert Bewaffnete ins Feld ſtellen; allein ihre unaufhörlichen Kriege mit den Schwarzfüßen und ihre herumſchweifende und räube⸗ riſche Lebensweiſe, reiben ſie nach und nach auf. In einem ohnlängſt herausgegebenen Werke haben wir eines Umſtandes in Betreff eines weißen Menſchen erwähnt, der ein vogelfreier, hinterliſtiger Vagabund war, der Herrn Hunt und ſeiner Partie, über die Ge⸗ birge nach Aſtoria zum Wegweiſer und Dolmetſcher diente; der ſie beinahe in die Hände der Krähen lie⸗ ferte, und unter dem Stamme blieb, indem er eine ihrer Weiber heirathete und ihre gleichartigen Gewohnheiten annahm.*) Einige Anecdoten über die nachherigen Schickſale des Renegaten mögen hier nicht am unrechten Ort ſeyn, um ſo mehr, da ſie mit den Schickſalen dieſes Stammes im Zuſammenhange ſtehen. Roſe war von robuſter Statur und furchtloſem Geiſte, und verſchaffte ſich bald durch ſeine verwegenen Thaten einen Rang unter den erſten Helden des Stam⸗ mes. Er ſtrebte nach einer Befehlshaberſtelle und wußte, daß ſolche nur durch verzweifelte Thaten zu erlangen *) Man ſiehezAſtoria 1. Band. — 2— war. Er zeichnete ſich in mehreren Gefechten mit den Schwarzfüßen aus. In einem derſelben hatte ſich eine Horde jener Wilden hinter einer Bruſtwehr verſchanzt, und man konnte ihnen nichts anhaben. Roſe ſchlug vor, das Werk zu ſtürmen. „Wer führt uns an, war die Frage.“ Ich, rief er, und ſich ſelbſt an die Spitze ſtellend, ſtürmte er auf dieſelbe los. Den erſten Schwarzfuß, der ſich ihm entgegen ſtellte, ſchoß er mit ſeiner Büchſe nieder, und die Keule ſeines Opfers ergreifend, tödtete er noch vier andere im Fort. Der Sieg war vollſtänoig, und Roſe kehrte mit Ruhm bedeckt und fünf Hirnſchädeln von Schwarzfüßen, um ſolche als eine Trophäe vor ſeiner Hütte aufzupflanzen, in das Krähendorf zurück. Von dieſer Zeit an, war er unter den Krähen unter dem Namen des Che⸗ku⸗kaats oder„des Töders der Fünfe“ bekannt. Er wurde der Häuptling eines Dorfes oder einer Bande vielmehr, und war eine Zeitlang der Abgott ſeines Stammes. Seine Volksthümlichkeit er⸗ regte jedoch bald Neid unter den einheimiſchen Braven: er war ein fremder Aufdringling, ein weißer Mann. Eine Partie fiel von ſeinem Befehle ab; es erfolgten Streitigkeiten und Bürgerkriege, die zwei oder drei Jahre dauerten, bis endlich Roſe, nachdem er ſeine Brüder auf einander gehetzt hatte, ſie verließ und in 1823 den Miſſouri hinabging. Hier kam er mit einer der früheſten Fänger⸗Expe⸗ ditionen zuſammen, die General Ashley über die Ge⸗ birge geſchickt hatte. Sie war von Smith, Fitzpatrick und Sublette angeführt. Roſe ließ ſich bei ihnen an⸗ werben, um den Führer und Dolmetſcher zu machen. Als er ſie unter die Krähen brachte, war er außeror⸗ dentlich verſchwenderiſch mit ihren Gütern; indem er den Braven ſeines Stammes Geſchenke machte, wie es einem hochherzigen Häuptling zukam. Dies trug wahrſcheinlich dazu bei, ſeine Popula⸗ rität zu erhöhen. Auf dieſem Zuge wurden Smith und Fitzpatrick in dem Grünen⸗Flußthale ihrer Pferde be⸗ raubt, und der Platz, wo die Räuberei Statt fand, heißt noch der Roßbach. Wir ſind nicht unterrichtet, ob die Pferde auf Anſtiftung von Roſe geſtohlen wurden; es iſt jedoch nicht unwahrſcheinlich, denn dieß war ſeine treuloſe Abſicht, bei einer früheren Gelegenheit gegen Herrn Hunt und ſeine Partie geweſen. Die letzte Nachricht die wir von Herrn Roſe haben, iſt von einem indianiſchen Pelzhändler. Als General Atkinſon im Jahr 1825 ſeine militäriſche Expedition, zur Beſchützung des Pelzhandels, den Miſſouri hinauf, unternahm, hielt er eine Conferenz mit der Krähen⸗ Nation, bei welcher Roſe, als ein indianiſcher Würden⸗ träger und Dolmetſcher der Krähen, figurirte. Das Militär war in einiger Entfernung von der Scene des „Großſprechers“ aufgeſtellt. Während der General und — 49— die Häuptlinge Pfeifen rauchten und ſich unterhielten, verließen die Offiziere in der Meinung, daß Alles freund⸗ ſchaftlich hergehe, die Truppen und näherten ſich der Ceremoniell⸗Scene. Einige der ſchlauen Krähen bemerk⸗ ten dies, ſtahlen ſich heimlich nach dem Lager, und es gelang ihnen, unvermerkt die Zündlöcher der Feldſtücke mit Koth zu verſchmieren. Bald hierauf trug ſich ein Mißverſtändniß in der Conferenz zu. Einige der Indianer, welche wußten, daß die Geſchütze nicht zu gebrauchen waren, wurden unverſchämt. Es entſtand ein Tumult. In der Ver⸗ wirrung ſchwang Oberſt O'Fallan eine Piſtole nach dem Geſicht eines Braven und ſchlug ihn mit dem Griffe nieder. Die Krähen waren wüthend. Ein Handge⸗ menge ſtand im Begriffe auszubrechen, als Roſe, bei welchem plötzlich ſeine natürliche Sympathie für die Weißen erwachte, den Kolben ſeiner Flinte an dem Kopf eines Kriegers der Krähen zerſchlug, und ihm ſo tüchtig mit dem Laufe zuſetzte, daß er bald das ganze Gedränge zur Flucht zwang. Da glücklicherweiſe dabei Niemand um's Leben kam, ſo beſänftigten dieſe derben Prügel die Wuth der Krähen und der Tumult endigte, ohne ernſte Folgen zu haben. Was das endliche Schickſal dieſes vagabundirenden Helden war, iſt nicht genau bekannt. Einige ſagen, daß er als Opfer einer Krankheit gefallen ſey, die er ſich durch ſeine ausſchweifende Lebensweiſe zugezogen 69.—71. 4 — 30— habe, Andere behaupten, daß er in einem Zwiſt zwi⸗ ſchen den Krähen ermordet worden wäre. Nach Allem hatte ſein Aufenthalt unter dieſen Wilden, und der Einfluß, den er über ſie erlangte, eine zeitlang eine wohlthätige Wirkung. Man behauptet, daß er ſie nicht allein den Schwarzfüßen furchtbar gemacht, ſondern auch ihnen die Augen geöffnet habe, wie vortheilhaft es für ſie ſey, Freundſchaft mit den weißen Menſchen zu un⸗ terhalten. Nach Roſe's Tod wurde dieſe Politik mit ungleichem Glücke von Arapooiſch, dem bereits erwähnten Häupt⸗ linge, fortgeſetzt, der ſein intimer Freund geweſen war, und deſſen Character er hatte entwickeln helfen. Dieſer ſcharfſinnige Häuptling bemühte ſich bei jeder Gelegenheit, den Hang ſeines Stammes zu Räubereien, wenn er gegen die Weißen gerichtet war, zu bezähmen. „Wenn wir Freundſchaft mit ihnen halten“, ſagte er,„ſo haben wir nichts von den Schwarzfüßen zu fürch⸗ ten, und können die Gebirge beherrſchen.“ Arapooiſch behauptete ein großer Mediziner zu ſeyn, ein Character, der bei den Indianern ein Gemiſch von einem Prieſter, Doctor, Propheten und Beſchwörer iſt. Er trug einen zahmen Adler, als ſeine Medizin oder ſeinen Hausgeiſt mit ſich herum. Den Weißen bekannte er, daß dies Alles Marktſchreierei ſey, allein er ſagte, daß dieſes nöthig wäre, um ihm Gewicht und Anſehen unter ſeinem Volke zu geben. — 81— Herr Robert Campbell, von dem wir die meiſten dieſer Angaben geſammelt haben, war in dem Laufe einer ſeiner Fang⸗Expeditionen in dem Dorfe von Ara⸗ pooiſch einquartirt, und ein Gaſt in der Hütte des Häuptlings. Er hatte etne große Quantität Pelze ge⸗ ſammelt, und aus Furcht geplündert zu werden, hatte er nur einen Theil in der Hütte des Häuptlings nieder⸗ gelegt; den Reſt hatte er in eine Grube vergraben. Eines Abends kam Arapooiſch mit einer finſtern Stirne in die Hütte und ſetzte ſich eine zeitlang hin, ohne ein Wort zu ſagen. Sich endlich an Campbell wendend, verſetzte er:„Ihr habt mehr Pelze bei Euch, als Ihr in meine Hütte gebracht habt. Ja, erwiederte Campbell. Wo ſind ſie? Campbell wußte, wie vergeblich es ſey, bei einem Indianer Ausflüchte gebrauchen zu wollen, ſo wie den Werth einer völligen Aufrichtigkeit. Er beſchrieb genau den Ort, wo er ſeine Pelze verborgen hatte. Es iſt gut, erwiederte Arapooiſch. Es iſt ſo, wie Ihr ſagt. Eure Verſteckgrube iſt Euch jedoch beraubt worden. Geht und ſeht wie viele Felle herausgenommen worden ſind. Campbell unterſuchte die Grube und ſchätzte ſeinen Verluſt auf ohngefähr hundert und fünfzig Biberfelle. Arapooiſch ließ jetzt das Dorf zuſammenkommen, und machte ſeinem Volke bittere Vorwürfe deshalb, 4* einen Fremden beraubt zu haben, der Vertrauen in ihre Ehre geſetzt habe, und befahl, daß, wer die Felle genommen habe, ſie zurück bringen ſolle, mit der Er⸗ klärung, daß, da Campbell ſein Gaſt und ein Bewohner ſeiner Hütte ſey, er, weder etwas eſſen noch trinken würde, bis alle Felle zurückgeſtellt ſeyen. Die Verſammlung brach auf und Alle zerſtreuten ſich. Arapooiſch beauftragte jetzt Campbell, Niemand, der ihm Biberfelle zurückbringe, weder zu belohnen noch zu danken; ſondern Rechnung zu halten, wieviel ihm ab⸗ geliefert worden wären. Nach einer Weile fingen die Pelze an ſich wieder einzufinden, immer wenige auf einmal. Sie wurden in die Hütte niedergelegt, und diejenigen, welche ſie brach⸗ ten, gingen hinweg, ohne ein Wort zu ſagen. Der Tag verſtrich, Arapooiſch ſaß in einer Ecke ſeiner Hütte, in ſein Kleid gehüllt, und bewegte kaum eine Muskel ſeines Geſichtes. Als der Abend kam, fragte er, ob alle Felle eingekommen ſeyen. Es waren über hundert überbracht worden und Campbell äußerte ſich, hiermit zufrieden zu ſeyn. „Nicht ſo,“ erwiederte der Krähenhäuptling. Er faſtete die ganze Nacht durch und nahm keinen Tropfen Waſſer zu ſich. Am folgenden Morgen wurden noch mehr Felle überbracht, und ſie kamen den Tag über fortwährend, zu eins, zwei Fellen auf einmal, ein; bis nur noch einige wenige an der vollſtändigen Anzahl — 33— mangelten. Campbell war jetzt beſorgt, dem Faſten des alten Häuptlings ein Ende zu machen und erklärte abermals, vollkommen befriedigt zu ſeyn. Arapooiſch fragte ihn, wieviel Felle ihm noch fehlten. Da ihm dieſes geſagt wurde, ſo flüſterte er einem ſeiner Leute etwas in das Ohr, der verſchwand. Kurz hierauf wur⸗ den die fehlenden hereingebracht; offenbar waren ſie aber keine der geſtohlenen Felle, ſondern andere, die im Dorfe zuſammengebracht worden waren. „Iſt jetzt Alles richtig?“ fragte Arapooiſch. „Es iſt Alles richtig,“ erwiederte Campbell. „Gut, jetzt bringt mir zu Eſſen und zu Trinken.“ Als ſie allein waren, unterhielt ſich Arapooiſch mit ſeinem Gaſte. „Wenn Ihr ein andermal unter die Krähen kommt“ ſagte er,„ſo verſteckt Eure Waaren nicht; trauet ihnen und ſie werden Euch kein Unrecht thun. Bringt Eure Güter in die Hütte eines Häuptlings und ſie werden dort heilig verwahrt bleiben, verſteckt Ihr ſie aber in einer Grube, dann wird ſie Euch ein Jeder ſtehlen, der ſie findet. Meine Leute haben Euch jetzt Eure Waaren meinethalben zurückgegeben; es gibt aber Einige be⸗ thörte junge Männer in dem Dorfe, die Euch läſtig werden könnten. Verweilt darum nicht länger hier, ſondern bepackt Eure Pferde und zieht ab.“ Campbell benutzte dieſen Rath und kam wohlbehal⸗ ten aus dem Krähenlande. Seitdem behauptete er immer, daß die Krähen nicht ſo ſchwarz ſeyen, als man ſie mache.„Trauet ihrer Ehre, ſagt er, und Ihr ſeyd ſicher: Trauet ihrer Ehrlichkeit und ſie werden Euch das Haar von dem Kopf ſtehlen. Nachdem wir dieſe wenigen Angaben vorausge⸗ ſchickt haben, wollen wir den Faden unſerer Erzählung wieder aufnehmen. Drei und zwanzigſtes Kapitel. Abreiſe aus dem Grünenflußthale.— Popo Agie.— Sein Lauf.— Der Strom in welchen er fällt.— Anſicht der Bluffs.— Die große Theerquelle.— Vulkaniſche Striche im Krähen⸗ lande.— Brennendes Gebirge am Pulverfluſſe.— Schwefel⸗ quellen.— Verborgene Feuer.— Colter's Hölle.— Der Wind⸗ fluß.— Campbell's Partie.— Fitzpatrick und ſeine Biberfän⸗ ger.— Capitän Stewart.— Ein Luſtreiſender.— Capitän Wyeth,— Anecdoten von ſeiner Expedition nach dem fernen Weſten.— Unfälle von Campbell's Partie.— Eine Vereini⸗ gung von Fängerbanden.— Der böſe Paß.— Die reiſſenden Ströme.— Abreiſe von Fitzpatrick.— Einſchiffung von Pelz⸗ waaren.— Capitän Wyeth und ſein Ochſenboot.— Abentheuer des Capitäns Bonneville in dem Dickhorn⸗Gebirge.— Aben⸗ theuer in der Ebene.— Spuren von Indianern.— Vorſicht auf der Reiſe.— Gefahren Rauch zu machen.— Der Sam⸗ melplatz.— 4 Am 25. Juli brach Capitän Bonneville ſeine Zelte ab, und machte ſich nach dem Dickhorn, mit einer Partie von ſechs und fünfzig Mann, mit Einſchluß jener, die ſich mit Cerré einſchiffen ſollten, auf den Weg. Ueber das Grüne⸗Flußthal ſetzend, zog er längs der ſüdlichen Spitze der Windflußgebirgskette hin, und kam bald auf die Spur von Herrn Robert Campbell's Partie, der ihm einen Tag voraus gegangen war. Er verfolgte dieſelbe, bis er wahrnahm, daß ſie die Ufer des Süß⸗ waſſers hinab, nach Süd⸗Oſten führe. Da dieſe Richtung von jener verſchieden war, die er ſich vorgeſetzt hatte, ſo verließ er ſie, und, indem er ſich nach Nord⸗Oſten wandte, kam er bald an die Ge⸗ wäſſer des Popo Agie. Dieſer Strom entſpringt in den Windflußgebirgen. Sein Name iſt gleich den meiſten indianiſchen Namen bezeichnend: Popo heißt in der Krähen⸗Sprache, Kopf, oder Urſprung, und Agie, Fluß. Es heißt demnach der Urſprung eines langen Fluſſes, der, vom ſüdlichen Ende der Windflußgebirge, ſeine Richtung nach Nord⸗Oſten nimmt, bis er in den Yel⸗ lowſtone fällt. Sein Lauf geht gewöhnlich durch Ebe⸗ nen, wird aber zweimal durch Gebirgsketten unterbro⸗ chen, von denen die erſte Kleinhorn, die zweite Dickhorn genannt wird. Nachdem er ſich durch die erſte Kette Bahn gemacht hat, wird er der Hornfluß genannt; nach der zweiten Kette, der Dickhornfluß. Sein Lauf durch letztere Gebirgskette iſt raſch und ungeſtüm, er bildet verſchiedene Waſſerfälle, und ſtürzt ſich in wüthend reiſſenden und langen Strömungen, die dem Schiffer Verderben drohen, Thal abwärts, obgleich ein kühner Biberfänger dieſelbe in einem Kahne hinabgefahren ſeyn ſoll. Am Ende dieſer Strömungen wird der Fluß ſch iff⸗ bar, und hier war es die Abſicht der Partien, Böte zu bauen und ſich einzuſchiffen. Den Popo Agie hinabmarſchirend, bekam Capitän Bonneville noch einmal die ſogenannten„Bluffs“ zu Geſicht, die ſich vom Fuße der Windflußgebirge weit nach Oſten erſtrecken, und dem Auge eine verwirrte Maſſe von Hügeln und rothen Sandſteinklippen darbieten, ei⸗ nige ſpitz und winkelich, einige rund, andere in zackige Felſen und Abgründe ausgehend, oder in phantaſtiſchen Maſſen aufgeſchichtet; allein ſämmtliche nackt und un⸗ fruchtbar. Es ſchien kein der Vegetation günſtiger Bo⸗ den da zu ſeyn, ſondern bloß ſchlechter Sand⸗ oder Kiesboden: über die ganze verödete und unfruchtbare Landſchaft hatte die Atmosphäre jedoch ſolche Tinten und Farben ausgegoſſen, daß ſie ſolche zu einem harmoniſchen Ganzen verſchmolz. In dieſen Gegenden hielt der Capitän Nachſuchung nach der großen Theerquelle, eine der Wunder der Ge⸗ birge, deren mediziniſche Eigenſchaften er von den Bi⸗ berfängern außerordentlich hatte rühmen hören. Naͤch mühſamem Forſchen fand er ſie am Fuße einer Sand⸗ klippe, etwas öſtlich von den Windflußgebirgen, wo ſie in einem kleinen Strome von der Farbe und Dicke des Theers ausſickerte. Die Leute beeilten ſich, ſogleich eine OQuantität davon einzuthun, ſowohl um die ſchwieligen Rücken ihrer Pferde damit einzuſchmieren, als zum Bal⸗ ſam für ihre eigenen, ſchmerzhaften Wunden. Nach der Beſchreibung, die er davon macht, iſt es offenbar das harzige Oel, das man Steinöl oder Naphta nennt, und das einen Hauptbeſtandtheil des ſo wirkſamen britiſchen Oels bildet. Man findet es in verſchiedenen Theilen von Europa und Aſien, auf mehreren der weſtindiſchen Inſeln und an mehreren Stellen der vereinigten Staa⸗ ten. In dem Staate von Neu⸗Nork wird es Seneca⸗ Oel genannt, da es in der Nähe des Senecafluſſes ge⸗ funden wird. Das Krähenland enthält noch andere Naturmerk⸗ würdigkeiten, vor welcher die Indianer eine abergläu⸗ biſche Scheu hegen, und die von den Biberfängern als große Wunder betrachtet werden. Hierhin gehört das brennende Gebirge am Pulverfluſſe, das voller Kohlen⸗ blende iſt. Die Erde iſt hier heiß und aufgeſprungen, und aus den Spalten ſteigen an vielen Orten Rauch und Schwefeldünſte auf, als wenn ſie unterirdiſche Feuer verbärgen. Einen ähnlichen vulkaniſchen Strich findet man am Stinkfluſſe, einem der Nebenflüſſe des Dick⸗ horn, der ſeinen üblen Namen von dem Geruche ſchwe⸗ felhaltiger Quellen und Bäche hat. Dieſer letzterwähnte Ort ward zuerſt von Colter, einem Jäger von Lewis und Clarke's erſter Expeditions⸗ Partie, der im Laufe ſeiner einſamen Wanderungen dorthin kam, entdeckt, und einen ſolchen düſtern Be⸗ richt von ſeinen Schreckniſſen, ſeinen unterirdiſchen Feuern, ſeinen rauchenden Schlünden, ſchädlichen Däm⸗ pfen und dem Alles durchdringenden Schwefelgeruch ab⸗ 539— ſtattete, daß er den, ſeitdem von den Biberfängern immer beibehaltenen Namen,„Colters Hölle“ erhielt. Seinen Marſch an dem linken Ufer des Popo Agie hinab fortſetzend, erreichte Capitän Bonneville bald wie⸗ der die Ebenen, wo er mehrere große Flüſſe fand, die von Weſten her kamen. Unter dieſen befindet ſich der Windfluß, der ſeinen Namen den Gebirgen gibt, in welchen er ſeinen Urſprung nimmt. Dies iſt einer der wichtigſten Ströme des Krähenlandes. Da der Fluß ſehr angeſchwollen war, ſo hielt Capitän Bonneville an ſeiner Mündung, und ſchickte Späher aus, um ſich nach einem Fahrwaſſer umzuſehen.. Während er ſo lagerte, ſah er im Laufe des Nach⸗ mittags, eine lange Linie von Reitern, von der, dem Popo Agie gegenüberliegenden Anhöhe herabkommen. Seine erſte Idee war, daß es Indianer wären; er ent⸗ deckte jedoch bald, daß es Weiße waren, und verge⸗ wiſſerte ſich durch die lange Linie von Packpferden, daß es Campbell's Transportzug ſey, der, nachdem er an dem Süßwaſſerſtrome herabgekommen war, ſich auf ſei⸗ nem Wege nach dem Hornfluſſe befand. Die beiden Partien kamen zwei oder drei Tage nachher, am 4. Auguſt, zuſammen, nachdem ſie durch die Thalſchlucht des Kleinhorngebirgs gekommen waren. In Campbell's Transportzuge befand ſich eine Biberfän⸗ ger⸗Partie von der Felsgebirgs⸗Compagnie, an deren Spitze Fitzpatrick ſtand, der nach Campbell's Einſchiffung als ob ſie den Tod ihrer Herren beklagten. — 60— am Dickhorn alle Pferde unter ſeine Aufſicht nehmen und auf einen Fänger⸗Feldzug ausgehen ſollte. Es be⸗ fanden ſich in dem Lager der Nebenbuhler noch zwei Reiſegeſellſchafter. Der eine war der Capitän Stewart von der brittiſchen Armee, ein Gentleman, der vor⸗ nehme Verbindungen hatte und ſich auf einer Luſtreiſe nach dem fernen Weſten befand, im Laufe welcher er als ein Jäger gelebt, verſchiedene Banden von Pelz⸗ händlern, Biberfängern und Indianern begleitet, und jenen Geſchmack an der Wildniß gefunden hatte, der den vom Jagdgeiſte beſeelten Menſchen eigen iſt. Ein anderer zufälliger Genoſſe von Herrn Campbell's Lager war Capitän Wyeth, derſelbe Anführer der Bande neu⸗engliſcher Salmenfiſcher, von dem wir nach dem Ge⸗ fechte mit den Schwarzfüßen in der Pierre's Höhle ſchie⸗ den. Einige Tage nach dieſem Gefechte machte er ſich von dem Sammelplatze in Geſellſchaft von Milton Su⸗ blette und ſeiner Brigade von Biberfängern wieder auf den Weg. Auf ſeinem Marſche beſuchte er die Wahl⸗ ſtätte und drang bis zu dem verlaſſenen Fort der Schwarzfüße, mitten in dem Gehölze. Es war ein trauriger Anblick. In dem Fort lagen die modernden Leichname der Erſchlagenen, während über demſelben Geyer ſchwebten, oder brütend auf den Bäumen umher ſaßen und indianiſche Hunde auf dem Platze heulten, — 61— Capitän Wyeth reiſ'te eine beträchtliche Strecke ſüdweſtlich mit Milton Sublette, wonach ſie ſich trenn⸗ ten, und der Erſtere mit elf Mann, dem Ueberreſte ſeiner Bande, ſeine Reiſe nach dem Schlangen⸗Fluſſe fortſetzte, den Lauf dieſes an Begebenheiten ſo reichen Stromes hinabzog; die blauen Gebirge überſtieg; auf ſeinem Wege gelegenheitlich Biber fing, und endlich nach überſtandenen Mühſeligkeiten aller Art am 29. October zu Vancouver, an dem Columbiafluſſe, der Hauptfactorei der Hudſonsbai⸗Compagnie anlangte. Er wurde von den Agenten dieſer Compagnie gaſt⸗ freundlich aufgenommen; allein ſeine Leute, die des Wanderns in der Wildniß herzlich müde, oder durch andere Ausſichten verlockt worden waren, weigerten ſich größtentheils, länger in ſeinem Dienſte zu bleiben. Einige gingen nach den Sandwichs Inſeln und andere begaben ſich in anderweitige Dienſte. Ueberdieß fand der Capitän, daß ein großer Theil der mitgebrachten Waaren ihm für den Handel mit den Indianern un⸗ brauchbar waren; mit einem Worte, ſeine, ganz auf ſeine eigenen Koſten unternommenen Expedition ſchlug gänzlich fehl. Er verlor Alles, was er hineingeſteckt hatte, auſſer ſeinen Hoffnungen; denn dieſe blieben ſo ſtark, wie vorher. Er bemerkte ſich daher Alles, was ihm zu der ferneren Verfolgung ſeiner Pläne nützlich ſeyn konnte, ſammelte alle Nachrichten, die ihm zu er⸗ halten möglich waren, und reiſ'te dann bloß von zwei Leuten begleitet über das Continent zurück. Er hatte ſich bis hierhin durchgeſchlagen ſo gut es ging; eine Weiſe, mittelſt welcher ein Neu⸗Engländer ſeinen Weg durch die ganze Welt und durch alle Schwierigkeiten findet, und war jetzt auf dem Wege nach Boſton, in vollem Vertrauen, eine Compagnie zur Salmenfiſcherei und zum Pelzhandel an dem Columbiafluſſe bilden zu können. Der Partie des Herrn Campbell war auf ihrem Wege von dem Süßwaſſer ein Unglück begegnet. Drei oder vier ſeiner Leute, die zum Auskundſchaften des Landes vor dem Haupttrupp vorausgezogen, wurden eines Abends von fünfzehn bis zwanzig Shoshonie's in ihrem Lager beſucht. Da ſie dieſen Stamm für voll⸗ kommen freundſchaftlich hielten, ſo wurden ſie mit aller Herzlichkeit und allem Vertrauen aufgenommen. In dem Laufe der Nacht fiel der Mann, der die Wache bei den Pferden hatte, in einen tiefen Schlaf. Die Shos⸗ honie's ſchoſſen ihm hierauf in den Kopf und tödteten ihn beinahe, worauf die Wilden ſich mit den Pferden davon machten, und es dem Reſt der Partie überließ, ihren Weg nach der Hauptbrigade zu Fuß zurück zu finden. Die beiden Nebenbuhler⸗Compagnien des Capitäns Bonneville und Herrn Campbell, die ſo zufällig zu ein⸗ ander gekommen waren, ſetzten jetzt ihre Reiſe in guter Kameradſchaft weiter fort; indem ſie ein vereinigtes Lager von ohngefähr hundert Mann bildeten. Der — 65— Capitän fing jedoch an, zu argwöhnen, daß Fitzpatrick und ſeine Biberfänger, die über ihre ferneren Bewe⸗ gungen das tiefſte Schweigen beobachteten, die Abſicht hätten, in denſelben Revieren zu jagen, die er ſich zu ſeinem herbſtlichen Feldzuge auserſehnt hatte; und die weſtlich des Hornfluſſes, an ſeinen Nebenſtrömen lagen. In dem Laufe ſeines Marſches ſchickte er daher heim⸗ lich eine Partie Biberfänger ab, um ihren Weg nach dieſen Revieren einzuſchlagen, während er ſelbſt bei der Hauptbrigade blieb, und zum Verſammlungsorte auf den nächſten Vollmond gegen den 28. Auguſt hin einen Platz beſtimmte, der die Medizinshütte genannt wird. Als er die zweite Gebirgskette, die Dickhorngebirge, erreichte, wo der Fluß ſich ungeſtümm durch einen jähen Engpaß mit Cascaden und reißenden Strömungen ſtürtzt, wurden die Reiſenden genöthigt, ſeine Ufer zu ver⸗ laſſen, und auf einen furchtbar ſteilen Pfad, bezeichnend „der ſchlimme Paß“ genannt, über die Gebirge zu ſteigen. Auf der entgegengeſetzten Seite wieder hinabſtei⸗ gend, kamen ſie abermals an die Ufer des Fluſſes, und es war gegen die Mitte des Auguſt's, daß ſie den Punkt unter den reißenden Strömungen erreichten, wo der Fluß für Böte ſchiffbar wird. Hier ſchickte Capitän Bonneville eine zweite Partie von Biberfängern ab, die aus zehn Mann beſtand, um die, während der Reiſe Abgeſendeten aufzuſuchen, und ſich mit ihnen zu vereinigen, indem er ſie an den nämlichen Verſamm⸗ lungsort, an der Medizinhütte, auf den 28. Aug. beſchied. Es wurde jetzt Alles in Bewegung geſetzt, um Ochſenböte zu bauen, wie ſolche techniſch genannt wer⸗ den; eine leichte zerbrechliche Art von Barken, welche die ſinnreiche Erfindungs⸗Gabe der Wilden characteri⸗ ſiret, da ſolche von Büffelhäuten, die man über Geſtelle ſpannt, verfertigt werden. Man nennt ſie bisweilen auch Häuteboote. Capitän Wyeth war zuerſt fertig und mit ſeiner gewöhnlichen Eilfertigkeit und Kühnheit machte er ſich, in ſeiner gebrechlichen Barke, allein auf ſeine verwegene, gefahrvolle Fahrt, eine faſt unendliche Reihe von Flüſſen hinab, die ſich durch Länder ſchlän⸗ gelten, die voll wilder Horden waren. Milton Su⸗ blette, ſein früherer Reiſegefährte, der mit ihm an den Gefechts⸗Scenen in der Pierre's Höhle Theil genommen hatte, machte die Fahrt in ſeinem Boote mit. Seine Bootsleute beſtanden aus zwei weißen Menſchen und zwei Indianern. Wir werden noch ferner von dem verwegenen Ca⸗ pitän und ſeiner abentheuerlichen Reiſe in dem Laufe unſerer Wanderungen durch den fernen Weſten hören. Die übrigen Partien vollendeten jetzt ihre verſchie⸗ denen Ausrüſtungen. Die des Capitäns Bonneville be⸗ ſtand aus drei Ochſenböten, in welche er alle ſeine Pelzwaaren einſchiffte und ſie Herrn Cerré, mit einer Partie von ſechs und dreißig Mann, zur Beſorgung übertrug. Herr Campbell übernahm den Befehl über ſeine eigenen Böte, und das kleine Geſchwader fuhr bald den klaren Dickhornſtrom hinab. Die geheimen Vorſichtsmaßregeln, die Capitän Bon⸗ neville ergriffen hatte, ſeine Leute zuerſt in die Jagd⸗ reviere weſtlich des Dickhorn's zu bringen, waren ver⸗ muthlich überflüſſig geweſen. Es ſchien nicht, daß Fitz⸗ patrick die Abſicht gehabt hatte, in jener Richtung zu ja⸗ gen. In dem Augenblick, daß Herr Campbell und ſeine Leute ſich mit den Pelzwaaren einſchiffte, übernahm Fitzpatrick alle Pferde, die ſich über Hundert Stück be⸗ liefen und ſchlug den Weg nach Oſten ein, um an dem Kleinhorn, dem Pulver⸗ und dem Zungenfluſſe zu fan⸗ gen. Er wurde von Capitän Stewart begleitet, der das Krähenland zu durchſtreifen wünſchte. Von den Abentheuern, die ihnen in dieſer Region der Vagabun⸗ den und Pferdediebe begegneten, werden wir nachher Einiges zu erzählen haben. Da es Capitän Bonneville jetzt überlaſſen war, ſein Jagdfeldzug ohne Nebenbuh⸗ ler zu verfolgen, ſo brach er am 17. Auguſt nach dem verabredeten Sammelplatze an der Medizinshütte auf. Er hatte nur vier ihm übrig gebliebene Leute bei ſich, und für ſechs und vierzig Pferde zu ſorgen, womit er ſeinen Weg über Berge und Ebenen durch eine räuberi⸗ ſche Region voller Pferdediebe zu nehmen hatte, die für einen ſo zahlreichen und von ſo wenigen Leuten berit⸗ tenen Pferdezug äußerſt gefahrvoll war. Er machte 69.—71. 5 ſich jedoch auf ſeine ſchwierige Reiſe, mit ſeiner gewöhn⸗ lichen Heiterkeit. Am erſten Tage ſeiner Reiſe, Nach⸗ mittags, als er ſich dem Dickhorngebirge näherte, auf deſſen Gipfel er dieſelbe Nacht zuzubringen gedachte, be⸗ merkte er, zu ſeiner Beunruhigung, eine Rauchwolke, die von ſeinem Fuße aufſtieg. Er ließ Halt machen und beobachtete ſie mit banger Beſorgniß. Der Rauch blieb ſich nicht gleich; bisweilen ſchien er verſchwin⸗ den zu wollen und dann erhob er ſich wieder in dicken Säulen. Dem Anſcheine nach, lagerte dort eine große Partie, wahrſcheinlich eine Horde ſchurkiſcher Schwarz⸗ füße. Auf keinen Fall ſchienes für eine ſo kleine Zahl von Menſchen mit einer ſolchen Menge Pferde gera⸗ then, ſich von irgend einem wilden Völkerſtamme er⸗ blicken zu laſſen. Capitän Bonneville und ſeine Gefähr⸗ ten mieden daher dieſe gefährliche Nachbarſchaft, indem ſie ihren Weg mit der äußerſten Vorſicht fortſetzten und den Gipfel des Gebirgs erreichten, ohne, dem Anſcheine nach, von Jemand geſehen worden zu ſeyn. Hier fanden ſie ein verlaſſenes Fort der Schwarz⸗ füße, in welchem ſie ſich verſchanzten, es ſich ſorgenlos bequem machten und die Nacht ohne Beläſtigung hin⸗ brachten. Früh am nächſten Morgen ſtiegen ſie auf der Südſeite des Gebirgs in die große Ebene hinab, die ſich zwiſchen ihm und dem Kleinhorngebirge ausdehnt. Hier trafen ſie bald zahlreiche Fußtapfen und Gerippe — 62— von Büffelochſen an, aus welchen ſie erkannten, daß nicht ferne von hier Indianer ſeyen. Capitän Bonneville ward jetzt ängſtlich für die bei⸗ den kleinen Partien Biberfänger beſorgt, die er abge⸗ ſchickt hatte, daß ſie von den Indianern nicht überfallen würden, ehe er ſich mit ihnen vereinigt habe. Allein noch bekümmerter war er für ſeine eigene Partie, da es kaum zu erwarten war, daß er dieſe kahlen Ebenen durchwandern könne, ohne bemerkt zu werden, wenn Indianer umherſchweiften; und wenn er bemerkt wurde, ſo war ſein Fall ein verzweifelter. Es hing jetzt Alles von der größten Vorſicht ab. Es war gefährlich, eine Flinte abzuſchießen, ein Feuer anzuzünden, oder das geringſte Geräuſch zu machen, wo ſolche ſcharf hörende und ſehende Feinde bei der Hand waren. In dem Laufe des Tages ſahen ſie nicht zu bezweifelnde Spuren, daß die Büffel in großer An⸗ zahl herumgeſtreift und neuerlich erſt weggeſcheut wor⸗ den waren. Dieſe Nacht nahmen ſie ihr Lager mit der größten Behutſamkeit und warfen eine ſtarke Bruſtwehre zu ihrer Beſchützung auf. Die beiden folgenden Tage eilten ſie ſchnell, aber vorſichtig, über die große Ebene, die Nebenflüſſe von dem Hornfluſſe durchwatend; wobei ſie eine Nacht im Gehölze, die nächſte auf einer Inſel zubrachten, und dann und wann, wenn ſie durch eine Thalſchlucht kamen, ſo erſchreckt wurden, daß ſie ihre Büchſen ſpannten. 5* — 68— Am letzten Tage ihres Marſches mußte ihre Vor⸗ ſicht dem Hunger weichen und ſie ſchoſſen einen ſchönen Büffelochſen, mit Gefahr, durch den Schuß verrathen zu werden. Sie machten keinen Halt, um eine Mahlzeit einzunehmen, ſondern nahmen das Fleiſch mit ſich, bis zu dem verabredeten Sammelplatze, der Medizinshütte, wo ſie am Abend glücklich anlangten und ihre Ankunft durch eine herzliche Mahlzeit feierten. Am nächſten Morgen errichteten ſie einen Park für die Pferde und eine Feſte von Baumſtämmen für ſich ſelbſt, wobei ſie fortwährend die größte Vorſicht gebrauch⸗ ten. Sie waren bis Mittag mit dem Kochen fertig, wo das Feuer keinen Schimmer von ſich wirft und ein mäßiger Rauch nicht auf eine große Entfernung geſehen werden kann. Morgens und Abends, wenn es windſtill iſt, ſteigt der Rauch ſenkrecht in einer blauen Säule auf oder ſchwebt in lichten Wolken um die Baumwipfel und kann aus der Ferne geſehen werden. Auf dieſe Weiſe blieb die kleine Partie mehrere Tage lang vorſichtig gelagert, bis am 29. Auguſt die erwarteten Abtheilungen an dem Sammelplatze zuſam⸗ mentrafen. Wie gewöhnlich. hatten ſie dem Capitän viele Geſchichten von Abentheuern zu erzählen, die wir dem Leſer in dem nächſten Kapitel mittheilen wollen. Vier und zwanzigſtes Kapitel. Abentheuer der Partie der Zehn.— Bileams Maulthier.— Ein Stillſtand.— Das geheimnißvolle Elenthier.— Der nächtliche Anfall.— Ein Rückzug.— Beunruhigte Reiſe.— Ein fröhliches Zuſammentreffen.— Abentheuer der andern Partie.— Ein Lockelend.— Rückzug auf eine Inſel.— Ein Siegestanz der Wilden.— Ankunft am Windfluſſe.— Die Abentheuer der Abtheilung der Zehn kommen zuerſt an die Reihe. Als ſich dieſe Biberfänger an dem Orte, wo die Pelze eingeladen worden waren, vom Ca⸗ pitän Bonneville getrennt hatten, zogen ſie bis zu dem Fuße des Dickhorngebirgs, und nachdem ſie ſich gelagert hatten, beſtieg einer von ihnen ſein Maulthier und machte ſich auf, um ſeine Falle in einen benachbarten Strom zu legen. Er war noch nicht weit gekommen, als ſein Maul⸗ thier mit einem Male ſtillſtand. Die Biberfänger ſtie⸗ ßen und prügelten es; allein bei jedem Schlage oder Stoß fing das Maulthier an zu ſchnauben und ſchlug hinten aus; weigerte ſich aber einen Zoll breit weiter zu gehen. Der Reiter ſah ſich jetzt vorſichtig um, um die Urſache ſeines Bedenkens zu entdecken, als er zu ſeinem Schrecken ein indianiſches Fort gewahrte, das man auf Schußweite düſter durch die Dämmerung blicken ſah. Er drehte im Nu um, und ſein Maulthier ſchien jetzt eben ſo beeilt von der Stelle zu kommen, als er ſelbſt, und führte ihn in wenigen Minuten, mit ſeinen Fallen klappernd, zu ſeinen Kameraden zurück. Er wurde wegen ſeiner eilfertigen Flucht ausgelacht; und man hielt ſeine Ausſage für einen falſchen Schrecken. Seine Mitbiberfänger begnügten ſich damit, das Fort in der Ferne zu recognosciren und gaben vor, daß es ver⸗ laſſen ſey. Die Nacht brach herein, und man nahm die ge⸗ wöhnlichen Vorſichtsmaßregeln, die Capitän Bonneville ſeinen Leuten anempfohlen hatte. Die Pferde wurden eingetrieben und angebunden und eine Wache dabei aufgeſtellt. Nachdem dies geſchehen war, wickelten ſich die Leute in ihre Decken, ſtreckten ſich an das Feuer nieder, und da ſie von der langen Tagsreiſe ermüdet waren, und ein gutes Abend⸗Eſſen eingenommen hatten, ſo verſanken ſie bald in einen tiefen Schlaf. Die Lagerfeuer erloſchen nach und nach; Alles war finſter und ſtille, die Schildwache, welche aufgeſtellt war, die Pferde zu bewachen, war eben ſo weit mar⸗ ſchirt und hatte eben ſo herzlich zu Abend gegeſſen, als ſeine Kameraden, und während ſie ſchnarchten, fing ſie an, auf ihrem Poſten zu nicken. Nach einiger Zeit hörte der Mann ein leiſes Traben. Er öffnete halb ſeine geſchloſſenen Augen und ſah um die Zelte zwei oder drei Elenthiere ſchleichen, die hier und dort rupf⸗ ten, ſchnüffelten und graſ'ten. Der Anblick von Elen⸗ thieren, an dem Rande des Lagers, beſtürzten ihn ein wenig, da er aber ſein Abendeſſen eingenommen hatte, ſo kümmerte er ſich nicht um Elenfleiſch; er ließ ſie da⸗ her ruhig fortgraſen, und ſank wieder in Schlummer. Eine Salve aus Feuergewehren vor Tagesanbruch und das Trappeln der Pferde, die ſich loszureißen müh⸗ ten, brachten plötzlich Alle auf die Beine. Der erſte Impuls war, ſich der Pferde zu verſichern. Einige wa⸗ ren weg, andere ſuchten ſich noch loszumachen, ſchlugen hinten aus und zitterten, denn es war ein furchtbarer Aufruhr von Schreien, Heulen und Schießen. Mehrere Biberfänger ſtahlen ſich in der Stille aus dem Lager und es gelang ihnen, die losgeriſſenen Pferde wieder einzutreiben; die übrigen wurden noch feſter gebunden. Es ward eine Bruſtwehr von Sätteln, Gepäcke und La⸗ gergeräthſchaften aufgeworfen, und Alles erwartete ängſt⸗ lich den Anbruch des Tages. Die Indianer hatten ſich inzwiſchen auf einer be⸗ nachbarten Höhe zuſammengezogen, und unterhielten das furchtbarſte Geſchrei, in der Hoffnung, einen pani⸗ ſchen Schrecken im Lager zu erregen oder die Pferde zu verſcheuchen. Als der Tag graute, griffen die Biberfänger ſolche muthig an, und trieben ſie in einige Entfernung zu⸗ rück. Es wurde während einer Stunde ein unſtätes Feuer unterhalten, worauf die Indianer den Streit auf⸗ gaben und ſich zurückzogen, weil ſie einſahen, daß nichts zu gewinnen war. Es erwies ſich, daß ſie eine Partie Schwarzfüße waren, die im Aufſuchen der Krähen, an dem Popo⸗Agie, auf die Spur des Capitäns Bonneville gerathen, und ihm bis zu dem Dickhorn gefolgt waren; ſich aber durch ſeine Wachſamkeit völlig getäuſcht geſe⸗ hen hatten. Sie hatten hierauf der gegenwärtigen Ab⸗ theilung aufgelauert und lagen wirklich in aller Stille in ihrem Fort, als das Maulthier des Biberfängers ſich weiter zu gehen weigerte. Die Wilden zogen ab, indem ſie die feindſeligſten Drohungen, vermiſcht mit Schimpfwörtern in gebroche⸗ nem Engliſch, ausſtießen, und die beleidigendſten Ge⸗ berden machten. In dieſem Handgemenge wurde ein Weißer ver⸗ wundet und zwei Pferde getödtet. Als man jedoch die Morgenmahlzeit bereiten wollte, fehlten eine Anzahl Schalen, Meſſer und andere Artikel, die wahrſcheinlich von den vermeintlichen Elenthieren während des Schlum⸗ mers der weißen Schildwache fortgebracht worden wa⸗ ren. Da die Indianer in der Richtung abgezogen waren, nach welcher die Biberfänger zu reiſen gedach⸗ ten, ſo ſchlugen Letztere einen andern Weg ein und marſchirten eilig über den ſchlimmen Paß, indem ſie vor Abend keinen Halt machten; wo ſie denn, außer 75— dem Bereiche des Feindes, ſich damit begnügten, ihre Pferde anzubinden und eine Wache aufzuſtellen. Sie hatten ſich kaum zum Schlafen niedergelegt, als ein Hund, der einen kleinen Pack mit ein Paar Moccaſins auf den Rücken gebunden hatte, in das La⸗ ger gelaufen kam; denn die Hunde werden bei den In⸗ dianern zum Laſttragen gebraucht. Die Schildwache, die erfährner, als jene vom vorhergehenden Abend war, weckte ihre Kameraden und erzählte ihnen den Umſtand. Offenbar waren Indianer in der Nähe. Es war Alles ſogleich in Bewegung; es wurde ſogleich ein wohlver⸗ wahrter Park für die Pferde erbaut, nach deſſen Vol⸗ lendung ſie ſich dem Schlummer mit der Faſſung von Leuten überließen, die lange an Gefahren gewöhnt ſind. Am folgenden Abend bewies das Spüren von Hun⸗ den um das Lager, und mehrmaliges verdächtiges Ge⸗ räuſch, daß Indianer um daſſelbe herumſchwärmten. In langen Tagmärſchen forteilend, kamen ſie endlich auf eine Spur, die ſie, mit dem geübten Auge alter Jäger, bald für die, jener, von Capitän Bonneville abgeſchick⸗ ten, und auf ihrem Marſche befindlichen Partie Biber⸗ fänger erkannten, die ſie einzuholen abgeſendet waren. Sie nahmen gleichfalls aus verſchiedenen Zeichen wahr, daß dieſe Partie von Seiten der Wilden hart mitge⸗ genommen worden war. Sie verfolgten jetzt dieſe Spur mit der größten Aengſtlichkeit. Dieſelbe führte ſie an die Ufer des ſoge⸗ — 74— nannten Grauen⸗Ochſen⸗Fluſſes und ſeinen Lauf hinab, bis wo er ſich in den Hornfluß ergießt. Hier fanden ſie, zu ihrer größten Freude die Kameraden, die ſie aufzuſuchen gegangen waren, ſämmtlich wohlverſchanzt, in einem äußerſt wachſamen und beſorgten Zuſtande. Wir faſſen jetzt den Faden der Erzählung der Aben⸗ theuer dieſer erſteren Abtheilung der Biberfänger auf: Nachdem dieſe Leute ſich von der Haupt⸗Brigade des Capitäns Bonneville getrennt hatten, zogen ſie mehrere Tage lang langſam den Fluß hinauf, wobei ſie unter⸗ weges Biber fingen. Als ſie eines Morgens nach ihren Fallen ſehen wollten, wies einer der Lagerhüter auf ein ſchönes Elenthier, das in einiger Entfernung graſ'te und bat ſie, es zu ſchießen. Drei der Biberfänger mach⸗ ten ſich zu dieſem Zwecke auf den Weg; indem ſie aber durch ein Gebüſch gingen, wurde von einigen Wilden auf ſie gefeuert, die im Hinterhalte lagen und zu glei⸗ cher Zeit warf das vermeintliche Elenthier ſeine Haut und Hörner ab, und kam als indianiſcher Krieger auf ſie zu. Einer der drei Biberfänger war von der Salve gefallen, die andern flohen nach dem Lager. Sie zogen ſich ſämmtlich nach einer kleinen Inſel in den Fluß zu⸗ rück und flüchteten ſich in die Weiden, indem ſie ergrif⸗ fen, was ſie mit fortbringen konnten. Hier geſellte ſich bald ihr gefallener Kamerade zu ihnen, der bloß am Halſe verwundet worden war. — 73— Die Indianer nahmen indeſſen von dem verlaſſenen Lager mit allen Biberfallen, Anzügen und Pferden Beſitz. Während ſie ſich mit der Beute beſchäftigten, kam ein einzelner Biberfänger, der in ſeinem Berufe abweſend geweſen war, mit ſeinen Fallen dem Lager zugeſchlendert. Er war ſehr nahe gekommen, als ein Indianer auf ihn zu kam und ihm winkte, wegzublei⸗ ben. In demſelben Augenblicke wurde er von ſeinen Kameraden auf der Inſel wahrgenommen, und von ih⸗ nen mit lautem Geſchrei vor ſeiner Gefahr gewarnt. Der arme Schelm ſtand einen Augenblick verwirrt und erſchrocken da, ließ dann ſeine Fallen aus der Hand ſinken, drehte ſich um und lief was er konnte, davon; in ſeinem Laufe durch eine Ladung angefeuert, die ihm die Indianer zum Scherze nachſchickten.— Voll guter Laune über ihren leichten Sieg, bilde⸗ ten die Wilden jetzt einen Kreis um das Feuer, und begannen einen Kriegstanz, von dem die unglücklichen Biberfänger betrübte Zuſchauer waren.*) Nachdem die⸗ *) Wir entlehnen die folgende Beſchreibung eines indiani⸗ ſchen Kriegstanzes aus Keating's Erzählung ꝛc. „Da wir gebeten hatten, daß uns die Krieger einen Kriegstanz geben möchten, ſo ließ Wanotan an dem Nachmittage einen ſolchen vor uns aufführen; er ent⸗ ſchuldigte ſich mit der Unvollkommenheit der Tänzer, da die beſten derſelben abweſend ſeyen. Die Kleider, welche ſie trugen, waren ſorgfältiger geordnet, als gewöhnlich, — 76— ſes geſchehen war, vergaßen ſie, durch das, was ſie für Feigheit der Weißen hielten, kühn gemacht, ihre ge⸗ was anzeigte, daß ſie ſich zu dieſer Gelegenheit einige Mühe gegeben hatten. Unter ihren wunderlichen Zier⸗ 1 1 rathen bemerkte man ein Papier mit Stecknadeln, das geöffnet von dem Kopfe eines der Krieger herabhing. Er bielt in ſeiner Hand einen etwa zehn Fuß langen Stab, S an welchem ein Stück rothes Tuch von derſelben Länge befeſtigt war, das ohngefähr ſechs Zoll Breite hatte. Einer der beiden Ränder dieſes Bandes war an den d 3 Stab befeſtigt, der andere war mit ſchwarzen und wei⸗ ßen Federn beſetzt, die mit ihren Kielen feſt angehef⸗ tet waren und eine Art Franſen bildeten. Dies war eins der beiden Inſignien oder Commando⸗Stäbe der vereinten Nanpashene; die ſonderbarſte Kleidung hatte jedoch Wanotan's Sohn an. Dieſe Kleider waren of⸗ 1 fenbar für ſeinen Vater gemacht und zu groß für ihn, ſo daß ſie ihm ein ſteifes, plumpes Anſehen gaben, welches ſehr an den linkiſchen Gang jener Kinder erin⸗ nerte, die man unter civiliſirten Nationen zu früh die Kleider reiferer Jahre anlegen läßt, wodurch ſie ihre kindliche Anmuth und Gewandtheit verlieren. Dies iſt einer der vielen Züge, wobei es uns Vergnügen macht, eine Parallele zwiſchen dem Hange der Menſchen in ſei⸗ ¹ nem natürlichen Zuſtande und in einer verfeinerten Lage zu ziehen. Dieſer Jüngling trug einen ſehr großen Kopfputz, der aus den Federn des Kriegsadlers gemacht und in Geſtalt genau jenem des Königs der freund⸗ ſchaftlichen Inſeln(einem Pfauenſchweife) ähnlich war, 4 ſo wie er in Coocks Reiſen abgebildet iſt. Sein Kleid war aus vielen Hermelin⸗Fellen zuſammengeſetzt, die auf verſchiedene Weiſe auf einem weißen ledernen Mantel wohnte Buſchklepperei und ſchritten im Freien bis auf zwanzig Schritte von den Weiden vor. Eine ſcharfe Ladung, von Seiten der Biberfänger, brachte ſie plötzlich zum Stillſtande und ſtreckte drei derſelben leblos nieder. Der Häuptling, der ſich auf eine Anhöhe geſtellt hatte, angebracht waren. Die Tänzer ſtanden in einem Kreiſe, ein Jeder mit dem Flügel eines Vogels in der Hand, womit er den Tact zu ſeiner Flinte, Pfeil oder ſonſt etwas ſchlug, das einen Ton von ſich gab. Sie fingen ihren Geſang in leiſem Tone an, ihn einige Minuten lang nach und nach verſtärkend, und ihn dann plötzlich mit einem lauten, gellenden Schrei endigend. Nach ei⸗ ner geringen Unterbrechung fingen ſie dieſelbe leiſe und melancholiſche Melodie wieder an, die ſie ohne Ab⸗ wechſelung beinahe drei Viertel Stunden lang fortſan⸗ gen. Dieſe wurde von einigen nichtsſagenden Worten begkeitet. Bisweilen trat einer der Tänzer in die Mitte des Kreiſes und erzählte ſeine kriegeriſchen Abentheuer. Unter jenen, die dies thaten, befand ſich ein ſchlanker und thätiger Krieger, nicht groß— aber ausgezeichnet durch ſehr dünne Lippen und Naſe. Unter den vielen Thaten, die dieſer Krieger aufzählte, unterließ er ſorg⸗ fältig der Ermordung weißer Menſchen zu erwähnen. Der Tanz, der dieſes begleitete, hatte nichts beſonderes an ſich. Sie lachten häuſig laut und ſchienen die Leibes⸗ übung mit froher Laune mitzumachen. Nachdem der Tanz eine zeitlang gedauert hatte, wurden einige Ge⸗ ſchenke unter ſie vertheilt, bei deren Empfang ſie weg⸗ liefen und dem Anſcheine nach ſo befriediget, wie wir waren.“ um die Bewegung ſeiner Leute zu leiten, befahl, als er drei ſeiner Krieger niedergeſtreckt ſah, den andern ſich zurück zu ziehen. Dies thaten ſie ſogleich und die ganze Horde verſchwand bald hinter einer Waldſpitze; indem ſie die Pferde, die Fallen und den größten Theil des Gepäckes mit ſich fortnahmen. Es war gerade nach dieſem Unglück, daß die Partie der zehn Männer dieſe verlorne Bande der Biberfän⸗ ger in einer Befeſtigung entdeckten, die ſie nach ihrem Unglücke aufgeworfen hatten. Sie waren ſo abgeſchreckt, daß ſie uicht vermocht werden konnten, nach ihren Fal⸗ len zu gehen, die ſie an einen benachbarten Strome angelegt hatten. Die beiden Partien vereinigten jetzt ihre Streitkräfte und nahmen ihren Weg ohne weitere Unfälle nach dem verabredeten Sammelplatze. Aus den Berichten dieſer Partien und dem, was er ſelbſt auf ſeinem letzten Marſche beobachtet hatte, nahm Capitän Bonneville wahr, daß er ſich in einer ſehr ge⸗ fahrvollen Gegend befände. Auch verſicherten ihn zwei wanderden Schlangen⸗Indianer, die das Lager beſuch⸗ ten, daß zwei große Horden. Krähen in Eilmärſchen auf ihn zukämen. Er brach demnach ſein Lager am 1. September ab, und ſchlug ſeinen Weg ſüdlich über das Kleinhornge⸗ birge ein, bis er den Windfluß erreichte. Sich dann nach Weſten wendend, zog er langſam an dem Ufer dieſes Fluſſes hinauf, ſo daß er ſeinen Leuten Zeit ließ — 29— auf ihrem Marſche Biber zu fangen. Da es nicht in dem Plane des gegenwärtigen Jagd⸗Feldzugs lag, bis zu den Verſteckgruben am Grünen⸗Fluſſe zu gehen, die Biber⸗ fänger aber an Fallen Mangel litten, die ihnen die verlornen erſetzten, ſo unternahm es Capitän Bonneville ſelbſt, die Verſteckgruben aufzuſuchen, um ſich welche zu verſchaffen. Zur Begleitung auf dieſem gefährlichen Zuge, der ihn durch die Thalſchluchten der Windfluß⸗ gebirge und das Grüne⸗Flußthal hinauf führte, nahm er nur drei Mann mit ſich. Die Haupt⸗Brigade ſollte fortfahren, bis zur Quelle des Windfluſſes hinauf, Bi⸗ ber zu fangen, in deren Nähe er wieder zu ihnen ſtoßen wollte, gerade an dem Platze, wo der Strom aus dem Gebirge kommt. Wir wollen den Capitän auf ſeinem abentheuerlichen Zuge begleiten. Fünf und zwanzigſtes Kapitel. Capitän Bonneville bricht nach dem Grünen⸗Flußthale auf. — Reiſe den Popo⸗Agie hinauf.— Büffel.— Die weißen Bären.— Der Rauch.— Die warmen AQuellen.— Verſuch über die Windflußgebirge zu gehen.— Der ſteile Abhang.— Gebirgstellen und Felstlüfte.— Kryſtallhelle Seen.— Er⸗ ſteigung einer ſchneeigen Kuppe.— Ein Panorama.—„Les dignes de pitié“, oder die wilden Gebirgsmenſchen.— Nachdem ſie den Windfluß ein wenig oberhalb ſei⸗ ner Mündung durchwatet hatten, ſetzte Capitän Bonne⸗ ville und ſeine drei Begleiter ihren Weg über eine Sandebene fort, dis ſie an den Popo⸗Agie kamen, an deſſen rechten Ufern ſie beinahe in ſüdlicher Richtung hinauf⸗ zogen. Hier ſtießen ſie auf zahlreiche Herden von Büf⸗ feln, und machten einen Stillſtand, in der Abſicht, ſich einen Vorrath von Fleiſch zu verſchaffen. Als ſich die Jäger vorſichtig heranſchlichen, um auf Schußweite des Wildes zu kommen, zeigten ſich ihnen zwei kleine weißen Bären auf ihrem Wege, die ſich auf die Hinterfüße ſtellten und ſie einige Zeit mit befrem⸗ denden Blicken anſahen. Die Jäger blieben bewegungs⸗ los; worauf die Bären, die wahrſcheinlich ihre Neu⸗ gierde befriediget hatten, ſich wieder auf alle Viere fallen ließen, und ihres Weges gingen. — 38— Die Jäger folgten ihnen jetzt, worauf die Bären ſich umdrehten, ſich wieder auf ihre Hinderfüße ſtellten und ihre ernſt⸗komiſche Unterſuchung wiederholten, dies wurde mehrmals wiederholt, bis die Jäger, ärgerlich über ihr ungezogenes Angaffen, ſolches mit einer Ladung aus ihren Büchſen erwiederten. Die Bären machten eins, zwei linkiſche Sprünge, als wenn ſie verwundet worden wären, und marſchirten hierauf mit großer Gravität weiter, in⸗ dem ſie ſich miteinander zu unterhalten ſchienen, und ſich dann und wann umdrehten, um ſich noch einmal nach den Jägern umzuſehen. Es war gut für die Letztern, daß die Bären erſt halbwüchſig waren, und noch nicht die Wildheit ihrer Gattung angenommen hatten. Die Büffel waren über den Knall der Feuergewehre etwas erſchrocken; allein es gelang den Jägern, ein Paar ſchöne Kühe zu erlegen, und, nachdem ſie ſich das beſte Fleiſch davon genommen hatten, marſchirten ſie weiter, bis, nachdem es bereits dunkel geworden war, ſie ſich in ein großes Weidendickicht lagerten, ein großes Feuer anmachten und Büfefelfleiſch für faſt zehn Tage brieten, welches ſie Alles mit gutem Appetit und vieler Fröhlichkeiten verzehrten, worauf ſie ſich für dieſe Nacht zur Ruhe begaben, und gleich ermüdeten und wohlge⸗ ſättigten Jägern einen geſunden Schlaf hatten. Mit Tagesanbruch waren ſie wieder im Sattel und zogen längs dem Fluſſe hin, kamen durch grüne, gras⸗ reiche Wieſen und eine Reihe ſchöner Haine von Weiden⸗ 69.—71. 6 — 82— und Baumwollholzbäumen. Gegend Abend ſah Capitän Bonneville in einiger Entfernung aus dem Gebirge Rauch aufſteigen, gerade in der Richtung des Weges, den er verfolgte. Da er fürchtete, daß eine feindliche Bande in der Nähe ſey, ſo verbarg er die Pferde in einem Gehölze, und kletterte, von einem ſeiner Leute be⸗ gleitet, vorſichtig eine Anhöhe hinauf, von welcher er den Ort der Gefahr überblicken konnte. Hier durchſpähte zeer mit einem Fernglaſe die umliegende Gegend, allein er konnte weder Hütte, noch Feuer, weder einen Men⸗ ſchen noch ein Pferd oder einen Hund entdecken. Es erwies ſich, daß der Rauch, der einen ſolchen Schrecken veranlaßt hatte, nichts als der Dampf mehrerer war⸗ mer oder vielmehr heißer Quellen von beträchtlichem Umfang war, die nach jeder Richtung über den weißen Thonboden hervorſprudelten. Eine der Quellen hielt ohngefähr fünf und zwanzig Yard im Durchmeſſer und war ſo tief, daß das Waſſer eine hellgrüne Farbe hatte. Sie ſchritten nun diagonal über die Kette der Windflußgebirge, die zwiſchen ihnen und dem Grünen⸗ Flußthale lag. Der Landſtrich um ihre ſüdliche Spitze würde ein weiter Umweg geweſen ſeyn, wohingegen, wenn ſie ihren Weg über dieſelben erzwingen konnten, es ihnen möglich war, in gerader Richtung zu bleiben. Die Gebirge waren hoch, hatten Schneekuppen und ſchroffe Abhänge; ſie hofften jedoch irgend einen weg⸗ baren Engpaß zu finden, durch welchen ſie kommen konn⸗ — 83— ten. Sie verſuchten demnach in das Gebirg zu dringen, indem ſie einen der Arme des Popo⸗Agie's aufwärts verfolgten. Sie befanden ſich aber bald in der Mitte von ungeheuern Klippen und Abgründen, die ihnen den Weg verſperrten. Sie kehrten auf dem Wege wieder um, nach dem Fluſſe zurück, und beriethen ſich, wo ſie einen andern Verſuch machen könnten. Sie waren zu dicht unter dem Gebirge, um es überblicken zu können; allein ſie erinnerten ſich jetzt, von der Ebene aus einen ſchönen Abhang bemerkt zu haben, der in einem Winkel von etwa dreißig Graden emporſtieg, und wahrſcheinlich ohne Unterbrechung bis zu der Schneeregion ging. Dieſe ſanfte Anhöhe ſuchten ſie auf, und erſtiegen ſie mit Freuden, in der Hoffnung, auf der Spitze eine jener er⸗ habenen Flächen zu finden, die man in den Felsgebirgen ſo häufig antrifft. Der Abhang war mit grobem Sand⸗ kieſe und mit Quaderſteinen beſtreut. Sie erreichten den Gipfel mit einiger Mühe, fanden aber, ſtatt einer Fläche oder wellenförmigen Ebene, daß ſie ſich an dem Rande einer tiefen und ſteilen Schlucht befanden, aus welcher eine zweite Anhöhe emporſtieg, die der eben er⸗ klommenen ähnlich war. Sie nahmen ihren Weg in dieſe tiefe Schlucht auf einem ſchroffen Pfade oder viel⸗ mehr durch eine Spalte des Felſens, und mühten ſich, auch die zweite Anhöhe zu erklimmen. Sie erreichten den Gipfel nur, um eine zweite Thalſchlucht vor ſich zu ſe⸗ 6* — 84— hen, und wurden jetzt gewahr, daß dieſes große Gebirg, das dem, der es von der fernen Ebene erblickte, einen ſolchen ſanften Abhang und eine ſo flache Seite darbot, von furchtbaren Abgründen unterbrochen, und der Länge nach aus tiefen und gefährlichen Felsſchluchten zuſam⸗ mengeſetzt war. In einer dieſer tiefen und verwilderten Schluchten brachten ſie die Nacht hin, und genoſſen nach ihren ermü⸗ denden Strapazen einen geſunden und ſüßen Schlaf. Zwei weitere Tage ſchwierigen Steigens und Kletterns dienten nur dazu, ſie in das Innere dieſer gebirgigen und furchtbaren Einöde zu bringen, wo ſich ihre Schwie⸗ rigkeiten im Weitergehen vermehrten. Bisweilen klet⸗ terten ſie von Fels zu Fels im Bette eines Bergſtroms hinauf, der ſeine klare Woge hinab in die Ebene rollte; bisweilen bedienten ſie ſich der, von dem Hirſche und dem Gebirgsſchafe gebildeten, Pfade, die ſie aber öfters an den Rand gefahrvoller Abgründe, oder zu ſchroffen Engpäſſen führte, die für ihre Pferde unzugänglich wa⸗ ren. Einſt waren ſie genöthigt ihre Pferde einen Fel⸗ ſen hinabgleiten zu laſſen, bei welchem Verſuche einige dieſer armen Thiere ausglitten, in die Tiefe rollten, und beinahe zerſchmettert wurden. Am Nachmittage des zweiten Tages erreichten die Reiſenden eines jener erhabenen, in dieſes ſonderbare Gebirgsbett eingeſchloſſenen, Thäler. Hier befanden ſich zwei kleine, klare und ſchöne Seen, die gleich Spiegel — 38— in der Mitte von düſtern Felshöhen eingeſetzt, und von grünenden Wieſen umgeben waren, die dem Auge un⸗ ausſprechlich wohl thaten. Dieſe gehören wahrſcheinlich mit zu den Quellen jener mächtigen Flüſſe, die in die⸗ ſen Gebirgen entſpringen, und Hunderte von Meilen durch die Ebenen wandern. In den grünen Weiden, die an dieſen Seen liegen, hielten die Reiſenden ſtill, um auszuruhen, und ihren ermüdeten Pferden Zeit zu laſſen, das ſüßeſte und zär⸗ teſte Gras abzuweiden. Sie hatten nunmehr eine be⸗ trächtliche Höhe oberhalb des flachen Landes erſtiegen; dennoch ſahen ſie ungeheure, übereinander aufgethürmte, Granitfelsmaſſen, die, gleich Zinnen, hoch über ihnen emporragten. Während zwei der Leute bei den Pferden im La⸗ ger blieben, machte ſich Capitän Bonneville in Beglei⸗ tung des Dritten auf, um die benachbarte Höhe zu er⸗ klimmen, in der Hoffnung, eine weite Ausſicht zu ge⸗ winnen, und einen gangbaren Weg durch dieſes unge⸗ heure Labyrinth zu erblicken. Nach vielen Beſchwerlich⸗ keiten erreichte er den Gipfel einer hohen Klippe, allein er konnte von hier aus nichts als gigantiſche Berg⸗ kuppen erblicken, die ſich rings um ihn erhoben, und weit in die Schneeregionen der Atmosphäre emporragten. Er erſah ſich eine derſelben, die ihm die höchſte ſchien, ging über ein dazwiſchen liegendes, enges, Thal und begann ſie zu erklettern. Er fand bald, daß er — 36— eine furchtbare Arbeit unternommen hatte; allein der Stolz des Menſchen iſt nie hartnäckiger, als in Erſtei⸗ gung von Gebirgen. Der Abhang war ſo ſteil und ſchroff, daß er und ſein Begleiter häufig genöthiget waren, mit ihren Flinten auf dem Rücken, auf Händen und Füßen zu kriechen. Häufig von Ermüdung erſchöpft und vom Schweiße triefend, warfen ſie ſich auf den Schnee und nahmen händevoll, um ihren brennenden Durſt zu ſtillen. Sie zogen einmal ſelbſt ihre Röcke aus und hingen ſie auf die Büſche, um, ſo leichter ge⸗ kleidet, über den ewigen Schnee wegklettern zu können. Als ſie noch höher ſtiegen, kamen kühle Lüfte, die ſie erfriſchten und erquickten, um mit neuem Muthe wieder ans Werk zu gehen, bis ſie endlich den Gipfel erreichten. Hier that ſich dem Capitän Bonneville ein Anblick auf, der denſelben eine zeitlang in Erſtaunen ſetzte und wegen ſeiner Unermeßlichkeit überwältigte. Er ſtand in der That auf einem jener Bergrücken, welche die Indianer für Gränzſcheiden der Welt anſehen, von denen man ſagen kann, daß ſich das Land, zu beiden Seiten, bis zu den Hauptweltmeeren hinabſenkt. 1 Wohin er nur ſein Auge wandte, wurde es durch die Größe und Mannigfaltigkeit der Gegenſtände überraſcht. Unter ihm ſchienen ihm die Felsgebirge alle ihre geheimen Schlupfwinkel zu öffnen: tiefe prächtige, Thäler, waſſerreiche Seen, furchtbare Engpäſſe, felſige 1 Thalſchluchten, und ſchäumend⸗reißende Ströme, während, — 87— jenſeits ihrer waldigen Bezirke, ſich das Auge in faſt unermeßliche Landſtriche verlor, die ſich nach allen Sei⸗ ten hin in dämmernd nebelichter Ferne, der Waſſerfläche einer Sommerſee ähnlich, erſtreckten. Wo er nur hin⸗ blickte, ſah er weite Ebenen im Sonnenſtrahle ſchimmern⸗ mächtige Ströme, die ſilberhell ihren Lauf nach dem Ocean einſchlugen, und ſchneeige Gebirge, die Kette über Kette, und Kuppe über Kuppe hervorragten, bis ſie ſich wolkenartig mit dem Horizonte verſchmolzen. Es ſchien ihm eine zeitlang die indianiſche Fabel verwirklicht: er hatte die Höhe erreicht, von welcher der Krieger der Schwarzfüße nach dem Tode zuerſt das Land der Seelen, und die unter ihr liegenden, glückſeli⸗ gen Jagdgeſilde erblickt, in welchen die heitern Woh⸗ nungen der freien und großmüthigen Geiſter liegen. Der Capitän ſtand eine Weile mit ſtarrem, auf die Scene gerichtetem Blicke, und in einer Menge ſchwan⸗ ker und unbeſtimmter Ideen und Empfindungen verloren da. Ein, aus tiefer Bruſt geſchöpfter, Athemzug befreite ihn endlich von der Befangenheit ſeines Geiſtes und er fing an, ſich die Theile dieſes großen Rundgemäldes zu zergliedern. Eine einfache Aufzählung einiger ſeiner vereinzelten Züge mag hinreichen, eine Idee von ſeiner collectiven Pracht und Größe beizubringen. Die Kuppe, auf welcher der Capitän ſeinen Stand genommen hatte, überſah die ganze Windflußgebirgs⸗ kette, die man in der That als einen ungeheuern Berg — 88— anſehen kann, voll ſchneeiger Kuppen und Seitengebirge und voll von engen Thälern. In einigen dieſer Thäler ſchimmerten ſilberne Seen und ſtrömende Flüſſe, gleich⸗ ſam die Quellen jener mächtigen Ströme, die in den atlantiſchen und ſtillen Ocean einmünden. Jenſeits der ſchneeigen Gipfel nach Süden, und weit unten in den Gcbirgen, ſah man den ſtillen Fluß, das Süßwaſſer genannt, ſeinen ruhigen Lauf durch die felſige Region der ſchwarzen Hügel fortſetzen. Oeſtlich ſtrömten die obern Gewäſſer des Windfluſſes durch die Ebene, bis ſie in einem mächtigen Strome vereinigt, ſich Weg durch die Kette des Horngebirgs bahnten, und dann aus dem Auge ſchwanden. Gegen Norden begeg⸗ neten dem Blicke die obern Gewäſſer des Yellowſtone's, dieſes ſich in den Miſſouri ergießenden, großen Fluſſes. In einer andern Richtung ſah man einige der Quellen des Oregon⸗ oder Columbiafluſſes, jenen hohen Landmarken, die drei Tetous, vorüber nach Nordweſten ſtrömen und ſich in die große Lava⸗Ebene ergießen; während, faſt zu des Capitäns Füßen, der Grüne⸗Fluß, oder der Colorado des Weſtens, ſeine Wanderung nach dem californiſchen Meerbuſen fortſetzte: anfänglich bloß ein Bergſtrom, der ſich nordwärts in einer Reihe von Waſſerfällen über Klippen und Abgründe ſtürzt, und ſich in die Ebene tummelt, wo er ſich zu einem großen Fluſſe ausbreitete und in einem Kreiſe ſeinen Weg nach Süden fortſetzte, nachdem er in den Irrgewinden der — 89— weiten Landſchaft ſich abwechſelnd bald erblicken ließ, bald wieder verſchwand, und ſich endlich in einem Horizonte von Gebirgen verlor. Der Tag war ruhig und wol⸗ kenlos und die Atmoſphäre ſo rein, daß man Gegen⸗ ſtände in einer erſtaunlichen Entfernung unterſcheiden konnte. Dieſe ganze ungeheure Landſtrecke war von einer äußeren Kette ſchattiger Kuppen eingeſchloſſen, von denen ſich einige ſchwach am Horizonte auszeichneten, der ſie, wie durch eine Mauer, von dem Reſte der Erde geſchieden, zu umſchließen ſchien. Es iſt zu bedauern, daß Capitän Bonneville keine Inſtrumente bei ſich hatte, um die Höhe dieſer Kuppe zu meſſen. Nach ſeiner Meinung hält er ſie für den höchſten Punkt des nordamerikaniſchen Feſtlandes; wir haben hiervon aber keine hinlängliche Beweiſe. Gewiß iſt, daß die Felsgebirge weit höher ſind, als man vor dieſem glaubte. Wir neigen uns zu der Meinung hin, daß die höchſte Kuppe weiter gegen Norden liegt, und dieſelbe iſt, welche Herr Tomſon, Aufſeher der Nord⸗ weſt⸗Compagnie, maß, der, durch die vereinten Mittel des Barometers und trigonometriſcher Vermeſſungen, ſie 25,000 Fuß über die Oberfläche des Meeres erhaben fand, eine Höhe, die nur unter der der Himalayage⸗ birge ſteht.*) Lange blickte Capitän Bonneville voll Erſtaunen *) Man ſehe den Brief von Profeſſor Renwick im Anhange zu Aſtoria. und Begeiſterung um ſich. Endlich ermahnten ihn die froſtig⸗winterlichen Winde, die ihn in dieſer ſchneebe⸗ deckten Höhe umwehten, zum Hinabſteigen. Er erreichte bald wieder den Platz, wo er und ſein Begleiter ihre Röcke abgeworfen hatten, die ſie jetzt ſröhlich wieder anzogen, und ſtiegen ihren Weg, die Kuppe, wieder hinab, wo ſie glücklich bei ihren zurückgelaſſenen Begleitern, an dem Ufer des See's, ankamen. Ohngeachtet der Wildheit, und faſt unerſteiglichen Natur, dieſer Gebirge, haben ſie ihre Bewohner. Als Einer der Partie zum Jagen aus war, kam er auf die vereinzelte Spur eines Menſchen, in einem einſamen Thale. Indem er ſie bergauf verfolgte, erreichte er die Spitze eines Felſens, von welchem er drei Wilde unten durch das Thal laufen ſah. Er feuerte ſeine Flinte ab, um ihre Aufmerkſamkeit rege zu machen, da er ſie hier⸗ durch wieder zurückzubringen hoffte; ſie flohen aber nur deſto eiliger und verſchwanden in den Felſen. Der Jäger kehrte zurück und berichtete, was er ge⸗ ſehen hatte. Capitän Bonneville ſchloß daraus ſogleich, daß ſie einer nicht zahlreichen Art von Eremiten⸗Rage angehörten, welche die höchſten und faſt unzugänglichen Felſenfeſten bewohnen. Sie ſprechen die Shoshonie⸗ ſprache und ſind wahrſcheinlich Abkömmlinge dieſes Stam⸗ mes, ob ſie gleich ihre Eigenheiten haben, die ſie von allen andern Indianern unterſcheiden. Sie find äußerſt arm; haben keine Pferde und ſind von allen Bequem⸗ — 91— lichkeiten entblößt, die durch den Umgang mit den Wei⸗ ßen erlangt werden können. Ihre Waffen beſtehen aus Bogen und Pfeilen mit Steinſpitzen, womit ſie den Hirſch, das Elenthier und das Gebirgsſchaf jagen. Man findet ſie zerſtreut in den Ländern der Shoshonie's, der Flatheads, Krähen und Schwarzfüße; allein ſie wohnen immer an einſamen Plätzen und in Felsklüften. Ihre Fußtritte werden ſehr oft von den Biberfän⸗ gern in den hohen und einſamen Thälern der Gebirge, und der Rauch ihrer Feuer in den Abgründen wahrge⸗ nommen, allein ſie ſelbſt trifft man ſelten, und noch ſeltener werden ſie zu einer Unterredung gebracht; ſo groß iſt ihre Scheu und ihre Furcht vor Fremden. Da ihre Armuth die Räuber nicht zur Verſuchung reizt, und ſie in ihren Gewohnheiten ein harmloſes Volk ſind, ſo werden ſie nie bekriegt. Sollte Einer je⸗ doch in die Hände einer Kriegspartei fallen, ſo kann er ſicher ſeyn, der wilden Trophäe eines Hirnſchädels, und jener barbariſchen Sitte eines Schädeltanzes halber, geopfert zu werden. Dieſe unglücklichen Weſen, die bloß eine Kette zwiſchen der menſchlichen und viehiſchen Natur bilden, wurden von den creoliſchen Biberfän⸗ gern, die ihnen die Benennung„Les dignes de pitié, oder die Bemitleidenswerthen beigelegt haben, mit Mit⸗ leiden und Verachtung angeſehen. Sie ſcheinen geeig⸗ neter zu ſeyn, die wilden Gebirgsmenſchen genannt zu werden. Sechs und zwanzigſtes Kapitel. Eine rückgängige Bewegung.— Bett eines Bergſtroms.— Alpen⸗Scene.— Waſſerfälle.— Biberthäler.— Biber an ihrer Arbeit.— Ihre Baukunſt.— Ihr Verfahren, Bäume zu fällen. — Weiſe die Biber zu fangen.— Wettſtreit in der Geſchick⸗ lichkeit.— Ein Biber auf der Huth vor der Falle.— Ankunft an den Verſteckgruben im Grünen⸗Flußthale.— Die Ausſicht von der Schneskuphe des Windfluß⸗ gebirges hatte, indem ſie des, Capitäns Bonneville En⸗ thuſiasmus erregte, ihn zu gleicher Zeit Mherzeug daß es . unthunlich ſey, ſich mit Gewalt einen Durchgang weſtwärts durch die ſich anhäufenden Hinderniſſe von Klippen und Abgründen zu bahnen. Sich demnach nach Oſten wendend, Abſicht, die ſüdliche Spitze des Gebirges zu um ehen. Hinabzuſteigen und ſich aus dem Innern dieſer felſigen Wildniß herauszuwinden, war beinahe eben ſo ſchwie⸗ rig, als in dieſelbe einzudringen. Seinen Weg in dem Bette eines Sturzbaches, dem Anfange eines künftigen Stromes bergab nehmend, ſtieg er von Fels zu Fels, von Abſatz zu Abſatz, zwiſchen un⸗ geheuern Klippen und überhängenden Felsſpitzen hinab, die ſich bis zum Himmel erhoben. Er hatte öfters über ſuchte er wieder in die Ebene zurückzukommen, ühen — 93— den rauſchenden Bergſtrom und wieder zurück zu ſetzen, wie er ſich ſchäumend und toſend durch ſein ſteiniges Bett wälzte, oder von ſenkrechten Felswänden einge⸗ ſchloſeen war; und drohend war die Gefahr für die Pferde, die Beine in den Riſſen und Spalten des ſchlüpferigen Felsbodens zu zerbrechen. Dieſe tiefe Schlucht hatte ganz die Wildheit und Erhabenheit einer Alpenſcene. Bisweilen kamen die Rei⸗ ſenden unter Waſſerfällen durch, die von einer ſolchen Höhe ſtürzten, daß das Waſſer, gleich einem Gußregen, in den Strom fiel. An andern Stellen ergoß ſich der Strom, zu Schaum verſprützend, und unter einem ſchrecklichen Getöſe von Klippe zu Klippe. Am zweiten Tage ihres Herabſteigens kamen die Reiſenden, nachdem ſie über die ſteilſten Höhen des Ge⸗ birgs gekommen waren, an einen Ort, wo die tiefe felſige Schlucht ſich bisweilen in kleine Thalflächen aus⸗ breitete, und der Strom in kurzen Zwiſchenräumen ein friedliches Anſehen gewann. Hier war nicht allein der Fluß ſelbſt, ſondern jedes Bächelchen, das in ihn floß, durch Gemeinſchaften induſtriöſer Bibern ſo abgedämmt, daß die Nachbarſchaft davon überſchwemmt und Sümpfe gebildet wurden. Während eines mittäglichen Haltes, in einem dieſer Biberthäler, verließ Capitän Bonneville ſeine Begleiter und ſchlenderte den Strom hinab, um ſich in der Ge⸗ gend umzuſehen. Er war noch nicht weit gekommen, —“ ——õʒ—y — — 92— als er an einen Biberteich kam, und einen ſeiner flei⸗ ßigen Einwohner geſchäftig an ſeiner Arbeit auf dem Deiche ſah. Die Neugierde des Capitäns wurde er⸗ regt, das Verfahren dieſer weitberühmten Baumeiſter zu ſehen; er näherte ſich daher mit der äußerſten Vor⸗ ſicht und Behutſamkeit, ſchob, ohne das geringſte Ge⸗ räuſch zu machen, die Zweige der Waſſerweiden aus⸗ einander und legte ſich, nachdem er eine Stellung eingenommen hatte, die ihm erlaubte, den ganzen Teich zu überſehen, platt auf den Boden nieder, um den ein⸗ ſamen Arbeiter zu beobachten. Nach einer Weile erſchienen drei andere oben auf dem Deiche, welche Stöcke und Büſche brachten, womit ſie gerade nach dem Deiche gingen, der, wie Capitän Bonneville bemerkte, der Ausbeſſerung bedurfte. Nach⸗ dem ſie ihre Bürde auf den durchbrochenen Theil des Deiches niedergelegt hatten, tauchten ſie unter und er⸗ ſchienen bald hierauf wieder auf der Oberfläche. Jeder brachte jetzt etwas Schlamm, womit ſie die eben hinge⸗ legten Stöcke und Büſche verſchmierten. Dieſes Mauern wurde einige Zeit fortgeſetzt, es ward friſches Holz und friſcher Schlamm zugetragen und damit auf dieſelbe Weiſe verfahren. Nachdem dieſes geſchehen war, erlaubten ſich die fleißigen Biber eine kleine Erholung, indem ſie ſich einander um den Teich nachliefen, und ſich neckend auf dem Waſſer herumtrieben oder untertauchten, wobei ſie in ihrer Luſt oft laut mit ihrem Schwanze auf dem Waſſer plätſcherten. Während ſie ſich ſo fröhlich unterhielten, erſchien ein anderer der Brüderſchaft und ſah ihrem Spiele eine zeitlang mit Ernſt zu, ohne Theil daran nehmen zu wollen. Er kletterte dann in der Nähe, wo der Capitän ſich verborgen hielt, an dem Ufer herauf, richtete ſich auf den Hinterfüßen in ſitzender Stellung auf, legte ſeine Vorderpfoten an den Stamm eines jungen Fich⸗ tenbaumes, und fing an die Rinde mit ſeinen Zähnen abzuſchälen. Bisweilen biß er ein kleines Stückchen ab, das er, ſeine ſitzende Stellung beibehaltend, zwiſchen ſeinen Pfoten hielt, und nach Art der Affen an dem⸗ ſelben nagte. Die Abſicht des Bibers war aber offenbar den Baum zu fällen, und er fuhr in ſeiner Arbeit fort, bis er durch die Annäherung von Capitän Bonneville's Leu⸗ ten geſtört ward, die wegen der verlängerten Abweſen⸗ heit ihres Führers beſorgt, ihn aufzuſuchen kamen. So wie ſte ihre Stimmen vernahmen, tauchten alle Biber, geſchäftig oder nicht, ſchnell unter, und ließen ſich nicht 3 mehr ſehen. Capitän Bonneville bedauerte dieſe Unterbrechungz er hatte viel von der Klugheit der Biber im Fällen der Bäume gehört, wobei ſie, wie geſagt wird, es ſo einzurichten wiſ⸗ ſen, daß ſie in eine ſolche Lage und in einer ſolchen Richtung in das Waſſer fallen, daß ſie ſolche an den gewünſchten — 96— Ort hinbringen können. Im gegenwärtigen Falle war der Baum eine ſchlanke, gerade Fichte und da ſie ſtrack aufgewachſen war, und kein Lüftchen ging, ſo hätte ſie der Biber nach jeder Richtung hin fällen können, die ihm gefiel, wenn er wirklich fähig geweſen wäre in der Sache zu unterſcheiden. Offenbar war er beſchäftigt geweſen, den Baum zu ringeln, und ſeinen erſten Ein⸗ ſchnitt hatte er auf der Seite nach dem Waſſer zu ge⸗ macht. Capitän Bonneville ſtellt die berühmte Klugheit des Bibers hierin im Ganzen in Abrede, und glaubt, daß das Thier keinen andern Zweck gehabt habe, als den Baum zu fällen, ohne jene feine Berechnung der Art oder Richtung ſeines Falles. Man hat ihnen, glaubt er, dieſe Eigenſchaft bloß aus dem Umſtande zugeſchrie⸗ ben, daß die meiſten der, an den Strömen wachſenden, Bäume entweder über den Strom hängen, oder doch ihre größten Zweige in dieſer Richtung ausſtrecken, des Raumes, des Lichtes und der Luft halber, der ſich ih⸗ nen nach dieſer Seite darbietet. Der Biber nagt na⸗ türlich jene Bäume zuerſt an, die ihm am nächſten und an den Ufern des Stromes oder Teiches ſtehen. Er macht rings Einſchnitte in ſie oder ringelt ſie, nach dem Kunſt⸗Ausdrucke, mit den Zähnen, und wenn ſie fallen, ſo fallen ſie natürlich in jener Richtung, wohin ihre Stämme und Zweige das Uebergewicht haben. 5 1 — 9— „Ich habe“ ſagte Capitän Bonneville,„oft Bäume geſehen, die achtzehn Zolle im Durchmeſſer an der Stelle hatten, wo ſie von dem Biber durchgenagt waren; ſie lagen aber nach allen Richtungen hin, und oft ſehr un⸗ bequem für den Zweck des Thieres. Sie zeigen in der That ſo wenig Scharfſinn hierin, daß bei einem unſe⸗ rer Lager, an dem Schlangenfluſſe, man einen Biber fand, deſſen Kopf in den Einſchnitt, den er gemacht hatte, eingeklemmt war, da der Baum über ihn ge⸗ fallen war, und ihn feſtgehalten hatte, bis er ver⸗ endete.“ 4 Freilich zeigt der Biber, nach dem Capitän, eine große Unterſcheidungsgabe in der Wahl des Holzes, das ihm die Rinde zu ſeinem Winterunterhalte liefern ſoll. Die ganze Ziberfamilie, alt und jung, zieht zu dieſer Beſchäftigung aus, und macht oft kleine Tagsreiſen, ehe ſie das Geſuchte findet. Bisweilen nagen ſie Bäume der erſten Größe ab und ſuchen dann die Zweige aus, deren Rinde am meiſten nach ihrem Geſchmacke iſt, dieſe zerbeißen ſie in Stücke von ohngefähr drei Fuß Lnge, ſchleppen ſie an das Waſſer und laſſen ſie nach ihren Bäuen ſchwimmen, wo ſie ſolche für den Winter auf⸗ bewahren.. Sie befleißigen ſich in ihren Bäuen ſehr der Rein⸗ lichkeit und der Bequemlichkeit, und nach ihren Mahl⸗ zeiten tragen ſie die Scheiter, von welchen ſie die Rinde abgenagt haben, heraus und werfen ſie in den Strom 69.—71. 7 — 98— über ihren Deich. Sie ſind überdies ſehr eiferſüchtig auf ihre Reviere und äußerſt ſtreitſüchtig, indem ſie ei⸗ nem fremden Biber nie erlauben, in ihr Geheg zu kommen, und kämpfen oft mit ſolcher Heftigkeit mit einander, daß ſie ſich beinahe in Stücke zerreißen. Im Frühling, welches die Begattungszeit iſt, läßt das Männchen das Weibchen zu Hauſe und macht eine Ver⸗ gnügungsreiſe, indem es oft in weiter Entfernung um⸗ herſtreift, ſich in jedem klaren und ruhigen Waſſer auf ſeinem Wege beluſtigt und bisweilen die Ufer hinauf⸗ ſteigt, um die zarten Sproſſen der jungen Weidenbü⸗ ſche zu freſſen. Wie der Sommer vorrückt, gibt es ſeine Junggeſellen⸗Streifzüge auf, denkt an ſeine häuslichen Pflichten, kehrt zu ſeinem Weibchen und ſeiner neuen Nachkommenſchaft zurück, und führt ſie Alle zu einem Streifzuge aus, um Wintervorräthe einzuſammeln.“ Nachdem wir den Gemeingeiſt dieſes preißwürdigen kleinen Thieres, als Mitglied einer Gemeinſchaft, und ſein liebenswürdiges, exemplariſches Benehmen als Fa⸗ milienvater gezeigt haben, thut es uns leid, die Ge⸗ fahren erzählen zu müſſen, von welchen ſie umgeben ſind, und welche Fallen ihm und ſeiner arbeitſamen Fa⸗ milie geſtellt werden. „Die Uebung“ ſagt Capitän Bonneville,„hat dem erfahrnen Trapper in Allem, was zu ſeinem Gewerbe gehört, einen ſolchen Scharfblick gegeben, daß er die geringſte Spur eines Bibers entdecken kann, ſo unſicher — 99— ſie auch ſeyn mag; und wenn auch der Bau deſſelben durch dichte Büſche und überhängende Weiden verſteckt wäre, ſo kann er doch gewöhnlich mit einem einzigen Blicke genau die Zahl ſeiner Bewohner beſtimmen. Er ſchreitet jetzt zu ſeinem Werk, ſeine Falle zu legen, die er an dem Ufer, an einem dazu ausgeſuchten Platze, zwei oder drei Zoll unter dem Rande des Waſſers, auf⸗ ſtellt, und ſie mit einer Kette an einen tief in den Schlamm eingeſchlagenen Pfahl befeſtigt. Man löſ't dann die Rinde von einem kleinen Zweige ab, auf das eine Ende, von welchem man die„Medizin“ ſteckt, wie die Trapper den beſondern Köder nennen, deſſen ſie ſich bedienen. Dieſes Ende des Zweiges ſteht ohngefähr vier Zoll hoch über dem Waſſer hervor, das andere ſteckt zwiſchen den Klappen der Falle. Der Biber, der eine ſehr feine Naſe beſitzt, wird bald durch den Ge⸗ ruch des Köders angezogen. Wie er die Schnautze dar⸗ nach ausſtreckt, wird ſein Bein in der Falle gefangen. In ſeiner Angſt ſchlägt er ſich in das tiefe Waſſer über. Da die Falle an dem Pfahle befeſtigt iſt, ſo widerſteht ſie ſeiner Anſtrengung, ſolche an das Ufer zu ſchleppen; die Kette, woran ſie befeſtigt iſt, trotzt ſeinen Zähnen; er zappelt eine zeitlang, ſinkt endlich zu Boden und er⸗ trinkt. Bei Felsboden, in welchen man keinen Pfahl ein⸗ ſchlagen kann, wird ſie in den Strom geworfen. Der gefangene Biber verfängt ſich oft mit der Kette an un⸗ 7* — 100— tergeſunkene Stämme oder ſchwimmendes Bauholz; wird er hervorgezogen, dann iſt er oft in die Dickichte der Bachweiden verwickelt. In ſolchen Fällen koſtet es dem Trapper eine genaue Nachſuchung, und er muß biswei⸗ len herumſchwimmen, um ſeinen Fang zu finden. Bisweilen geſchieht es, daß mehrere Glieder einer Biberfamilie nach einander gefangen werden. Die Ueber⸗ lebenden werden dann außerordentlich ſcheu, und kön⸗ nen kaum dahin gebracht werden, nach dem Ausdrucke der Trapper, an die Medizin zu gehen. In einem ſol⸗ chen Falle gibt der Biberfänger den Gebrauch des Kö⸗ ders auf, und verbirgt ſeine Fallen auf den gewöhnli⸗ chen Pfaden und Kreuzgängen der Biberwohnungen. Der Biber, der jetzt die Falle merkt, naht ſich ihr äußerſt vorſichtig, und läßt ſolche ſchlau, mittelſt eines Stück Holzes, zuklappen. Zu andern Zeiten wirft er die Falle durch dieſelben Mittel zu unterſt zu oberſt, und ſchleppt ſie ſelbſt bisweileu nach dem Deiche, wo er ſie in den Schlamm verſteckt. Der Biberfänger gibt es jetzt auf, ihn überliſten zu wollen, ſchultert ſeine Falle, mar⸗ ſchirt weiter und gibt zu, daß er den Biber diesmal nicht überliſten könne. An dem folgenden Tage, nachdem Capitän Bonne⸗ ville Einſicht von den Arbeiten der fleißigen und fröhli⸗ chen Bibergemeinde, von denen er eine ſo erbauliche Nach⸗ richt gegeben hat, genommen hatte, gelang es ihm, ſich aus den Windflußgebirgen zu winden, und die Ebene — 101— oſtwärts zu erreichen. Er nahm hierauf einen großen Umweg, in einer Krümmung nach Süden, ſo daß er um den Fuß der Gebirge kam, und ohne weitere wich⸗ tige Zufälle an dem alten, verabredeten Sammelplatze, im Grünen⸗Flußthale, am 17. September anlangte. Er fand die Verſteckgruben, in welche er ſeine über⸗ flüſſigen Güter und Anzüge niedergelegt hatte, alle wohl verwahrt; und nachdem er ſie geöffnet und aus ihnen die nöthigen Vorräthe genommen hatte, ließ er ſie wie⸗ der zuwerfen, wobei er ſorgfältig alle Spuren vertilgte, die ſie dem ſcharfen Blicke der indianiſchen Räuber verrathen konnten. Sieben und zwanzigſtes Kapitel. Weg nach dem Windfluſſe.— Gefährliche Nachbarſchaft.— Schrecken und Vorſichtsmaßregeln.— Verſtelltes Lager.— Erſcheinung eines indianiſchen Spions.— Mitternächtliche Bewegung.— Ein Gebirgs⸗Engpaß.— Das Windflußthal.— Nachſpürung einer Partie.— Verlaſſene Lager.— Anzeigen von Krähen.— Zuſammentreffen mit Kameraden.— Der erwiſchte Biberfänger.— Krähenſpäße.— Krähenſpionen.— Ein Lageraufbruch.— Rückkehr nach dem Grünen⸗Flußthale. — Zuſammentreffen mit Fitzpatrick's Partie.— Ihre Aben⸗ theuer unter den Krähen.— Orthodoxe Krähen. Am 18. September machte ſich Capitän Bonneville und ſeine drei Begleiter früh und vergnügt auf, um die Hauptbrigade zu erreichen, von der ſie ſich an dem Windfluſſe getrennt hatten. Ihr Weg lag das Grüne⸗ Flußthal hinauf, indem ſie dieſen Strom zur rechten Hand behielten, und jenſeits deſſelben die Kette der Windflußgebirge. An dem Ende des Thals mußten ſie durch einen Engpaß, der ſie, oberhalb des nördlichen Endes dieſer Gebirge, zu der Quelle des Windfluſſes hinauf führte, wo ſie, nach der getroffenen Verabredung, die Hauptbrigade antreffen ſollten. Wir haben bereits der gefährlichen Natur dieſer Gegenden Erwähnung gethan, die von herumſtreifenden ſo bemerkte er, ſo weit er ſehen konnte, abermals Büf⸗ Banden der Krähen und Schwarzfüße unſicher gemacht werden, denen die zahlreichen Engpäſſe des Landes, Hauptplätze zu Hinterhalten und Ueberfällen darbieten. Die Reiſenden hielten darum ein wachſames Auge, auf Alles, was auf eine lauernde Gefahr hindeuten konnte. Ohngefähr zwei Stunden nach Mittag, als ſie den Gipfel eines Hügels erreichten, erblickten ſie Büffel auf der Ebene unten, die nach allen Richtungen hinliefen. Auch glaubte einer der Leute einen Flintenſchuß gehört zu haben; man ſchloß daher, daß ſich irgend eine Partie Indianer unten befände, welche Büffel jage. Die Pferde wurden ſogleich in einen engen Hohl⸗ weg verſteckt und der Capitän, der eine Anhöhe erſtieg, ſich aber vor den Blicken verborgen hielt, ſpäh'te mit dem Fernrohre in der ganzen Umgegend umher. Man ſah keinen einzigen Indianer, und ſo ſetzten ſie, nach⸗ dem ſie eine Stunde ſtille gehalten hatten, ihre Reiſe wieder fort. Ueberzeugt jedoch, daß er ſich in einer ge⸗ fährlichen Nachbarſchaft befände, ging er mit der äußer⸗ ſten Vorſicht weiter, ſeinen Weg durch Vertiefungen und Hohlwege nehmend, und ſo viel als möglich jeden offenen Strich oder Anhöhe vermeidend, die ſeine kleine Partie dem wachſamen Auge eines indianiſchen Kund⸗ ſchafters verrathen konnte. Nachdem er endlich an dem Rande eines ofenen Wieſengrundes angelangt war, der an den Fluß ſtieß, — 104— fel, die in großem Schrecken davon eilten. Sie ver⸗ ſteckten noch einmal ihre Pferde und er und ſeine Be⸗ gleiter beobachteten lange die verſchiedenen Gruppen der Thiere, wie jede ein paniſcher Schrecken ergriff, und ſie wegliefen; ſie ſuchten aber vergeblich die Urſache Bimn n zu entdecken. Sie ſtanden jetzt im Begriff, in die Gebirgsſchlucht, oben in dem Grünen⸗Flußthale, zu kommen, wo man ihnen auflauern und ſie angreifen konnte. Sie packten ihren Pferde die Päcke demnach auf die ficherſte und bequemſte Weiſe auf, um, wenn es nöthig werden ſollte, ſchnell die Flucht ergreifen zu können. Nachdem dieſes geſchehen war, machten ſie ſich wieder auf den Weg, wobei ſie ſich ängſtlich nach jeder Richtung umſchauten. Es ging jetzt gegen den Abend, allein ſie durften nicht denken die Nacht über an einem ſo gefährlichen Platze liegen zu bleiben. Capitän Bonneville entſchloß ſich daher gegen Sonnenuntergang Halt zu machen, ein Feuer anzuzünden, als wenn er ſich lagern, kochen und zu Abend eſſen wolle; allein ſo wie es hinreichend dun⸗ kel geworden wäre, ſich ſchnell auf die Höhe des Ge⸗ birgs zu begeben und irgend einen abgeſchiedenen Platz für ihr Nachtlager zu ſuchen. Sobald demnach die Sonne unterging, hielt die kleine Partie ſtille, zündete ein großes Feuer an, ſteckte ihr Büffelfleiſch an hölzerne Stäbe, und wenn ſolches hinlänglich gebraten war, pflanzten ſie ihre ſchmackhafte — 105— Speiſe vor ſich auf, ſchnitten mit ihren Jagdmeſſern große Stücke davon ab, und aßen mit Jägersappetit zu Nacht. Wie ſie wohl wußten, konnte die Flamme ihres Feuers nicht verfehlen, die Aufmerkſamkeit irgend einer indianiſchen Horde auf ſich zu ziehen; ſie hofften aber, auf und davon zu ſeyn, ehe ein Räuber den Platz er⸗ reichen könne. 4 Während ſie ſo haſtig ihr Abendeſſen zu ſich nah⸗ men, fuhr Einer der Partie plötzlich auf, und rief„In⸗ dianer!“ Alle waren ſogleich mit ihren Büchſen in der Hand auf den Beinen, konnten aber keinen Feind ſehen. Der Mann erklärte jedoch, daß er einen Indianer, auf der Fährte, auf welcher ſie zu dem Lagerplatz gekommen waren, ſich vorſichtig hätte nähern ſehen, daß er aber im Augenblicke, wo man ihn wahrgenommen, ſich nie⸗ dergeworfen habe und verſchwunden ſey. Er drang demnach in Capitän Bonneville, ſogleich aufzubrechen; der Ca⸗ pitän nahm aber die Sache etwas kaltblütiger. Der Umſtand, daß der Indianer ſich zu verbergen geſucht, hatte, überzeugte ihn, daß er keiner von einer Partie ſey, die zu einem Angriffe heranrücke. Er war wahr⸗ ſcheinlich ein Kundſchafter, der ihre Spur verfolgt hatte, bis er ihr Feuer erblickte. In dieſem Falle, dachte er, würde er zurückkehren und ſeinen Kameraden herichten, was er geſehen habe. In der Vorausſetzung, daß die Weißen über Nacht in dem Lager blieben, würden ſie ſich entfernt halten, bis ſehr vätn der Nacht, wo fie — 4106— ſolche im Schlafe glaubten. Sie würden dann, der in⸗ dianiſchen Taktik gemäß, ſich heimlich nähern, ſich rings um in den Hinterhalt legen, und ſich ſo zu ihrem An⸗ . griffe, zur gewöhnlichen Frühſtunde, vorbereiten. So ſchloß Capitän Bonneville, in Folge deſſen er ſeinen Leuten rieth, ſich vollkommen ruhig zu verhalten, und ſo zu handeln, als ob ſie ſich nicht fürchteten, bis die Zeit zum Aufbruche erſchienen ſey. Sie ſetzten dem⸗ nach ihre Mahlzeit mit anſcheinendem Appetit und Fröh⸗ lichkeit fort, ſchürten ſodann ihr Feuer und legten fri⸗ ſches Holz an, wie zu einer Beiwache. Sobald jedoch die Nacht völlig hereingebrochen war, verließen ſie ihr brennendes Feuer, marſchirten ſchnell in den Weidenbüſchen weiter, ſchwangen ſich dann in ihre Sättel und machten ſich ſo geräuſchlos als möglich davon. In dem Verhältniſſe, daß ſie den Punkt der Gefahr hinter ſich ließen, ließen ſie in ihrem ſtrengen und ängſtlichen Schweigen nach, und fingen an, ſich auf Koſten ihrer Feinde luſtig zu machen, die, wie ſie ſich vorſtellten, nunmehr in der Nähe ihrer verlaſſenen Feuer herumſchlichen, die ſchickliche Zeit zum Angriffe abwarten und ſich eine große Täuſchung bereiten würden. Als ſie, gegen Mitternacht, ſich überzeugt hielten, in ſichere Entfernung gekommen n ſeyn, ſtellten ſie Einen von ihnen für den Fall zur Wache aus, wenn etwa der Feind ihrer Spur nachgeeilt wäre. Sie lenk⸗ ten ſodann ſchnellgh ein dichtes und graſiges Weiden⸗ 8 — 107— gebüſch ein, und hielten die Nacht über an dem Fuße des Gebirges ſtille; ſtatt, wie ſie es eigentlich beabſich⸗ tiget hatten, ſich auf deſſen Anhöhe zu begeben. Ein Biberfänger in der Wildniß erhaſcht, wie der Matroſe auf dem Ocean, ſein bischen Vergnügen mit⸗ ten in der Unruhe, und hat, von Gefahren umringt, einen geſunden Schlaf. Die kleine Partie traf jetzt ihre Vorkehrungen zum Schlafen mit vollkommner Ruhe; ſie wagten es freilich nicht, ein Feuer anzuzünden und zu kochen, ob dies gleich allgemein von den Jägern ge⸗ ſchieht, wenn ſie Halt machen und Lebensmittel bei ſich haben. Sie tröſteten ſich jedoch damit, daß ſie ruhig ihr Pfeifchen rauchten, dann die Wache einriefen, und, indem ſie die Pferde losließen, ſich auf ihre Pritſchen niederſtreckten, wobei ſie übereinkamen, daß der erſt Erwachende die Uebrigen wecken ſollte. In kurzer Zeit waren ſie in einen eben ſo tiefen Schlaf verſunken, als ob ſie ſich in der Mitte einer Feſtung befänden. Etwas vor Tag waren ſie Alle munter. Es war die Stunde, in welcher die Indianer auf Räubereien auszugehen pflegten. Eine Schildwache wurde ſogleich abgeſchickt, ſich in einiger Entfernung auf ihrer Fährte aufzuſtellen, und ſogleich Lärm zu machen, wenn er ei⸗ nen Feind ſehen oder hören ſollte. So wie ſich der Tag blicken ließ, ſuchten die Uebri⸗ gen die Pferde, brachten ſie nach dem Lager und ban⸗ den ſie an, bis eine Stunde nach umnenaufgang, wo, — 108— nachdem die Schildwache berichtet hatte, daß Alles ruhig ſey, ſie ſich noch einmal in ihre Sättel ſchwangen, und mit Vermeidung des unmittelbar hinführenden Weges, die verſteckteſten und geheimſten Pfade, das Gebirg hinauf, verfolgten. Um Mittag hielten ſie ſtille und nahmen eilig ein Mahl zu ſich, worauf ſie ihre Richtung wieder nachsdem Wege einſchlugen, von dem ſie abgewichen waren. Sie wurden jetzt gewahr, welcher Gefahr ſie eben entronnen waren. Es fanden ſich hier Spuren von Indianern, die ſie offenbar verfolgt hatten, die aber in ihrer Nach⸗ ſuchung getäuſcht, ſo eben wieder umgekehrt waren. Im Vertrauen, daß ſie jetzt einen ſchönen Vor⸗ ſprung gewonnen hätten, und vor Nacht nicht eingeholt werden könnten, ſelbſt wenn die Indianer ihre Jagd erneuern ſollten, eilten ſie ſchnell weiter und lagerten ſich erſt ſpät, indem ſie ſich ſorgfältig in einem ſiche⸗ ren Winkel des Gebirgs verbargen. Ohne weitern Schrecken ſetzten ſie ihren Weg nach den obern Gewäſſern des Windfluſſes fort, und erreichten die Gegend, in welcher ſie mit ihren Gefährten zuſam⸗ men zu kommen verabredet hatten. Dies war im Um⸗ kreiſe des Krähenlandes, da das Windflußthal ein Lieb⸗ lingsaufenthalt dieſes unruhigen Stammes iſt. Nach langem Suchen kam Capitän Bonneville auf eine Spur, die offenbar von ſeiner Hauptbrigade ge⸗ macht worden wangg ſie war jedoch ſo alt, daß er fürch⸗ ———— —— — 109— tete, daß ſeine Leute die Gegend wieder verlaſſen hätten, indem ſie vielleicht von einer, auf den Raub ausſeyenden, kriegeriſchen Partie vertrieben worden wären. Er ſetzte ſeine Nachforſchungen ſmit vieler Beſorgniß und nicht wenigen Strapazen fort; denn ſeine Pferde waren ab⸗ geritten und durch die forcirten Märſche und das Klet⸗ tern in den felſigen Engpäſſen beinahe verkrüppelt. Gegen 9 Uhr an dem folgenden Tage, kam Capitän Bonneville an ein, von ſeinen Leuten verlaſſenes Lager, von wo ſie augenſcheinlich umgekehrt waren, er konnte aber keine Spur finden, warum ſie dieſes gethan hatten; ob ſie ein Unglück betroffen hatte, ob ſie beunruhigt worden, oder nach welcher Richtung hin ſie gegangen waren. Er war jetzt verlegener denn je. Am folgenden Tage ſetzte er ſeinen Marſch mit ver⸗ mehrter Beſorgniß fort. Die Hufen ſeiner Pferde wa⸗ ren jetzt ſo abgelaufen, und von den Felſen ſo verwun⸗ det, daß er ihnen Stiefel von Büffelfellen machen ließ. Gegen Mittag kam er an ein anderes Lager ſeiner Leute, verlor aber bald nachher ihre Spur. Nach müh⸗ ſamem Suchen fand er ſie noch einmal, ſich in ſüdlicher Richtung, längs dem öſtlichen Fuße der Windflußgebirge, die ſich zu ſeiner Rechten erhoben, hinwendend. Er machte jetzt mit aller Eile vorwärts, in der Hoffnung, die Partie einzuholen und ſchlief dieſe Nacht in einem andern ihrer Lager, da ſies erſt ganz kurz verlaſſen hatten. So wie es hell genug war, die Ge⸗ — 110— genſtände gehörig unterſcheiden zu können, nahm er die Gefahr wahr, die ſeiner Hauptbrigade wahrſcheinlich auf dem Fuße folgte. Um das ganze Lager waren Spu⸗ ren von Indianern, die daſſelbe umſchwärmt haben mußten, während ſie die Nacht darin zubrachten, und dieſe noch umſchwärmen mußten. In der Ueberzeu⸗ gung, daß jetzt ſeine Haupttruppe nicht mehr in ei⸗ ner großen Entfernung ſeyn könne, ließ er einen Kund⸗ ſchafter ſein beſtes Pferd beſteigen und ſchickte ihn voran, um ſie einzuholen, ſie vor ihrer Gefahr zu warnen, und ihnen zu befehlen, Halt zu machen, bis er ſie ein⸗ geholt habe. Zu ſeiner größten Freude kam ihm der Kundſchafter, an dem Nachmittage, mit ſechs Kameraden von der Hauptpartie, auf ſeinem Rückwege entgegen. Sie hat⸗ ten friſche Pferde zu ſeiner Bedienung bei ſich, und am folgenden Tage(25. September) waren Alle, nach einer Trennung von beinahe drei Wochen wieder vereinigt. Ihre Zuſammenkunft war herzlich und fröhlich, denn ſie hatten beide Gefahren und Verlegenheiten über⸗ ſtanden. 6 3 Die Hauptpartie war auf ihrem Wege, das Wind⸗ flußthal hinauf, von einer Kriegspartie der Krähen ver⸗ folgt worden. Man hatte an einem Orte nach ihr en gefeuert, ohne ihnen jedoch Schaden zu thun; an einem andern Orte war eins ihrer Pferde losgeſchnitten und weggeführt wordeng endlich fanden ſie ſich ſo dicht ein⸗. — 111— geſchloſſen, daß ſie genöthiget waren, eine rückgängige Bewegung zu machen, um nicht überfallen und über⸗ wältigt zu werden. Dieſes war die Bewegung, die dem Capitän Bonneville eine ſolche Verlegenheit verur⸗ ſacht hatte. Die ganze Partie blieb jetzt zwei oder drei Tage gelagert, um Menſchen und Pferden einige Ruhe zu gönnen. Einige der Biberfänger gingen jedoch ih⸗ rem Berufe, an den umliegenden Strömen, nach. Während einer von ihnen beſchäftigt war, ſeine Fallen zu legen, hörte er ein Getrabe von Pferden, und indem er aufſah, erblickte er eine Krähenpartie, die in nicht großer Entfernung mit einem beträchtlichen Reiterzuge vorbeikam. Der Biberfänger eilte ſich zu verbergen, wurde aber von dem ſcharfſehenden Auge eines Wilden erblickt. Mit Heulen und Schreien zogen ſie ihn aus ſeinem Verſtecke hervor, ſchwangen ihre To⸗ mahawks und Scalpiermeſſer über ſeinen Kopf und der arme Biberfänger hielt ſich eine zeitlang für verloren. Glücklicherweiſe waren die Krähen mehr in ſcherzhafter, als blutiger Laune. Sie machten ſich eine zeitlang herz⸗ lich, auf Koſten ſeines Schreckens, luſtig und nachdem ſie verſchiedene Krähenſtreiche und Poſſen mit ihm getrie⸗ ben hatten, ließen ſie ihn, ohne ihm ein Leid uzufü⸗ gen, gehen. Es iſt wahr, daß ſie ihn nackt auszogen; der Eine nahm ſein Pferd, der Andere ſeine Flinte, ein Dritter ſeine Fallen und ein Vierter ſeine wollene Decke und ſo ging es weiter mit allen Kleidungsſtücken, ſelbſt bis zum Hemde, und er fadennackt daſtand; alsdann machten ſie ihm aber großmüthig ein Geſchenk mit ei⸗ nem zerriſſenen Büffelkleide, und entließen ihn unter vielen Complimenten und ſpöttiſchem Gelächter. Als der Biberfänger in einem ſo traurigen Aufzuge nach dem Lager zurückkam, ward er von ſeinen Kameraden mit hellem Gelächter empfangen und ſchien mehr über die Art ſeiner Entlaſſung gekränkt, als vergnügt darü⸗ ber, mit dem Leben davon gekommen zu ſeyn. Ein Umſtand, den er dem Capitän erzählte, ließ die Urſache dieſer außerordentlichen Fröhlichkeit, von Seiten der Krähen, errathen. Sie hatten offenbar ei⸗ nen guten Fang gethan und wie Spieler, welche ge⸗ winnen, befanden ſie ſich in äußerſt guter Laune. Unter ſechs und zwanzig ſchönen Pferden und einigen Maul⸗ thieren, aus denen ihre Reiterei beſtand, erkannte der Biberfänger ſehr viele, die Fitzpatricks Brigade zuge⸗ hört hatten, als ſie an dem Dickhorn von einander ſchieden. Es ſtand demnach zu vermuthen, daß dieſe Vagabunden ihm auf der Spur geweſen waren und ei⸗ nen Theil ſeiner Pferde geſtohlen hatten. An dem Tage nach dieſer Geſchichte kamen drei Krähen in das Lager von Capitän Bonneville, mit der treuherzigſten, unſchuldigſten, wo nicht unverſchämteſten Miene, die man ſich denken kann, und gingen mit jener, nicht aus der Faſſung zu bringenden, kaltblütigen Un⸗ befangenheit umher, worin die Indianer es mit unſern — 113— modiſchen Gentlemen aufnehmen. Da ſie nicht unter jenen geweſen waren, die den Biberfänger ausgezogen hatten, wenn ſie auch offenbar von derſelben Bande wa⸗ ren, ſo ließ man ſie unbeläſtigt. Wirklich behandelte ſie Capitän Bonneville mit ſeinem gewöhnlichen Wohlwol⸗ len und Gaſtfreundſchaft, indem er ihnen erlaubte, den ganzen Tag über im Lager zu bleiben und ſelbſt die Nacht darin zuzubringen. Zugleich ließ er jedoch alle ihre Bewegungen ſtreng bewachen und ſtellte Nachts eine bewaffnete Schildwache in ihrer Nähe auf. Die Krähen machten Vorſtellungen dagegen, daß Letztere bewaffnet war. Dies erregte indeſſen nur den Verdacht des Ca⸗ pitäns, daß ſie Spione ſeyen, die Verrätherei im Sinne hätten; er verdoppelte daher ſeine Vorſichtsmaßregeln. Zugleich verſicherte er ſeine Gäſte, daß, ſo willig er ſie auch in ſeinem Lager aufnähme und bewirthe, doch ein Jeder ihres Stammes, der es wagen würde, ſich ihm bei der Nacht zu nähern, gewiß erſchoſſen werden würde, was ein ſehr unglücklicher und ſehr beklagenswerther Umſtand ſeyn würde. Sie gaben letztere Bemerkung völlig zu, und ſtimmten bald hierauf einen wilden Ge⸗ ſang an, den ſie lange fortſetzten und wodurch ſie wahr⸗ ſcheinlich ihre Freunde, die um das Lager herumſchwärm⸗ ten, benachrichtigten, daß die weißen Menſchen auf ihrer Huth ſeyen. Die Nacht ging ohne Störung vorüber. Am Mor⸗ gen drangen die drei Gäſte der Krähen ſehr in Capitän 69.— 71. 8 — 114— Bonneville, daß ſeine Partie ſie nach ihrem Lager be⸗ gleiten möchte, das, wie ſie ſagten, ganz in der Nähe ſey. Statt ihrer Einladung Folge zu geben, reiſ'te Capitän Bonneville in möglichſter Eile ab; da er be⸗ gierig war, aus der Nähe einer ſolchen räuberiſchen Horde zu kommen; doch ließ er in der Eile ſeines Mar⸗ ſches nach, als am zweiten Tage, wo er die Ufer des Süßwaſſers, jenſeits der Gränze des Krähenlandes, er⸗ reichte, und ein gefallener tiefer Schnee alle Spuren ſeines eingeſchlagenen Weges verwiſcht hatte. Er reiſ'te jetzt einige Tage etwas langſamer, um die Spitze des Gebirgs, gegen den Grünen⸗Fluß, und kam am 14. Oktober abermals bei den Verſteckgruben an. Hier fanden ſie Spuren der Indianerhorde, die in dem Engpaſſe, nach den obern Gewäſſern des Wind⸗ fluſſes zu, Jagd auf ſie gemacht hatten. Da ſie auf ihrem Wege über die Gebirge alle Spuren von ihnen verloren hatten, ſo hatten ſie ſich umgedreht, und wa⸗ ren auf ihrer Fährte, das Grüne⸗Flußthal hinab, nach den Verſteckgruben zurück gegangen. Eine derſelben hatten ſie ausfindig gemacht und ſie geöffnet; allein glücklicher⸗ weiſe enthielt ſie nichts als Bruchſtücke von altem Ei⸗ ſen, das ſie umher geworfen hatten, und wieder weg⸗ gegangen waren. Als Capitän Bonneville ihr verlaſſenes Lager unterſuchte, fand er, daß es neun und dreißig Feuerſtellen zählte, und er hatte mehr als je Urſache, ſich Glück zu wünſchen, den Klauen einer ſo furchtbaren Bande Freibeuter entgangen zu ſeyn. Unter dem Schutze der Gebirge nahm er ſeine Rich⸗ tung jetzt ſüdlich, und am 25. Oktober erreichte er die Furt des Liberge, eines Nebenfluſſes des Colorado, wo er plötzlich auf die Fährte dieſer nämlichen Kriegspartie ſtieß, die erſt ſo kürzlich über den Strom gekommen war, daß die Ufer ſich noch von dem Waſſer benetzt fanden, das ſie darauf verſprützt hatten. Nach ihrer Fährte zu urtheilen, konnten es nicht weniger, als drei⸗ hundert Krieger, wahrſcheinlich von der Krähen⸗Nation, ſeyn. Capitän Bonneville war in großer Beſorgniß, daß eine ſo überwältigende Macht ihn an einem Orte über⸗ falle, wo er die Mittel nicht habe, ſich ſchnell zu ver⸗ ſchanzen. Er marſchirte jetzt nach Hane's Gabel, einem andern Nebenfluſſe des Colorado, wo er ſein Lager aufſchlug und bis zum 26. Oktober blieb. Da er dicke Rauchwolken gegen Süden aufſteigen ſah, ſo vermuthete er, daß dieſes Shoshonie's ſeyen, und ſchickte Kund⸗ ſchafter aus, um ſich Nachricht zu verſchaffen und ein Zelt einzukaufen. Es war in der That eine Bande Shoshonie's, allein bei ihnen lagerte Fitzpatrick und ſeine Trapper⸗Partie. Dieſer thätige Anführer hatte eine merkwürdige Geſchichte von ſeinen Schickſalen in dem Krähenlande zu erzählen. Nachdem er ſich von dem Capitän Bonne⸗ 8½ — 116— ville, an den Ufern des Dickhorns, getrennt hatte, war er nach Weſten gegangen, um an den Pulver⸗ und Zungenflüſſen zu fangen. Er hatte zwanzig bis dreißig Mann und ohngefähr hundert Pferde bei ſich. Ein ſo großer Zug von Pferden konnte nicht durch das Krä⸗ henland kommen, ohne die Aufmerkſamkeit ſeiner frei⸗ beuteriſchen Horden auf ſich zu ziehen. Eine große Bande von Krähen war bald auf ihrer Spur, und kam am 5. September mit ihnen zuſammen, als ſie eben den Zungenfluß erreicht hatten. Der Krähenhäuptling kam unter anſcheinender großer Freundſchaft auf ſie zu, und ſchlug Fitzpatrick vor, bei einander zu lagern. Da der Letztere jedoch kein Vertrauen in die Krähen ſetzte, ſo lehnte er die Einladung ab, und ſchlug ſein Lager drei Meilen weiter auf. Von hier ritt er in Beglei⸗ tung von zwei oder drei Mann ab, um den Krähen⸗ häuptling zu beſuchen, von dem er mit anſcheinender Herzlichkeit empfangen wurde. Inzwiſchen hatte ſich jedoch eine Partie junger Braven, die ſich durch ſein Mißtrauen aller Bedenklichkeiten der Ehre enthoben glaubten, heimlich auf einem Umwege nach ſeinem La⸗ ger begeben. Capitän Stewart, der in Abweſenheit von Fitzpatrick dort geblieben war, benahm ſich ſehr muthig; die Krähen waren aber zu zahlreich und thätig. Sie hatten vom Lager Beſitz genommen, nahmen Alles als gute Beute weg und führten ſämmtliche Pferde mit ſich fort. Auf ihrem Rückwege begegneten ſie Fitzpatrick, —— — 117— der nach ſeinem Lager zurückkehrte, und endigten ihre Heldenthat damit, daß ſie ihn beraubten und beinahe nackt auszogen. Es fand eine Unterhandlung zwiſchen den geplün⸗ derten Weißen und den ſiegreichen Krähen Statt. Welche Beredſamkeit und Geſchicklichkeit Fitzpatrick anwandte, dieſes wiſſen wir nicht, allein es gelang ihm, den Krä⸗ henhäuptling zu vermögen, ihm ſeine Pferde und viele ſeiner Fallen, ſammt ſeinen Büchſen und einigen Schüſſen Munition für jeden Mann wieder zu erſtatten. Er machte ſich ſodann in aller Eile auf, das Krähenland zu verlaſſen, ehe ihn ein neues Unglück beträfe. Nach ſeiner Abreiſe wurden einige der orthodoxeſten Krähen von Gewiſſfensbiſſen heimgeſucht, daß ſie ſich ſolch einen Reiterzug hatten entgehen laſſen. Beſorgt, dieſen für den Ruf der Krähen⸗Nation ſo großen Schand⸗ fleck wieder auszuwaſchen, ließen ſie nicht nach, ſeine Spur zu verfolgen und ihn auf ſeinem Marſche ſo lange zu umſchwärmen, bis ſie ihm eine Anzahl ſeiner beſten Pferde und Maulthiere geſtohlen hatten. Ohne Zweifel war dieſes dieſelbe Bande, die den einſamen Biberfän⸗ ger an dem Popo⸗Agie überfallen und ihm großmüthig ein altes Büffelkleid für ſeine Büchſe, ſeine Biberfallen und ſeinen Anzug gegeben hatten. Mit dieſen Anecdo⸗ ten wollen wir für jetzt von dem Krähenlande und ſei⸗ ner herumſtreifenden Ritterſchaft Abſchied nehmen. — 118— Acht und zwanzigſtes Kapitel. Eine Region voller Naturmerkwürdigkeiten.— Die Ebene von weißer Thonerde.— Heiße Quellen.— Die Bierquelle.— Abreiſe, um die freien Biberfänger aufzuſuchen.— Die Ebene vom Portneuf.— Lava.— Spalten und Schlünde.— Ban⸗ neck⸗Indianer.— Ihre Vüffeliagd.— Eine Jägers⸗Mahlzeit. — Schüſſelhelden.— Herausforderung eines abweſenden Fein⸗ des.— Der naſſe Kamerade.— Der indianiſche Spion.— Zuſammenkunft mit Hodgkiß.— Seine Abentheuer.— Die indianiſchen armen Teufel.— Triumph der Banneck⸗India⸗ ner.— Politik der Schwarzfüße im Krieg.— Nach Ueberſteigung eines ſehr hohen Bergrückens kam Capitän Bonneville jetzt an den Bärenfluß, der von ſeiner Quelle bis zu ſeiner Einmündung in den große Salzſee die Figur eines Hufeiſens bildet. Eine der Hauptquellen dieſes Fluſſes war, obgleich man in der Vermuthung ſtand, daß es dort eine Menge von Bibern gäbe, noch nie von Biberfängern heimgeſucht worden, da ſie zwiſchen felſigen Bergen entſpringt und durch gefallene Fichten und ungeheure Abgründe ver⸗ ſperrt iſt. Dieſen Fluß hinabziehend, lagerte die Partie am 6. November an der Ausmündung eines See's, der ohngefähr dreißig Meilen lang und zwei oder drei — 119— Meilen breit war, ſich völlig in niedere Gebirgsketten eingebettet befand, und mit dem Bärenfluſſe, mittelſt eines unzugänglichen Sumpfes, in Verbindung ſtand. Er wird, zum Unterſchied von dem großen Salzwaſſer⸗ See, der kleine See genannt. Am 10. November beſuchte Capitän Bonneville einen Platz in der Gegend, der voller Naturmerkwürdigkeiten iſt. Eine Fläche, von ohngefähr einer halben Meile ins Geviert, bot eine flache Ebene von weißem Thon oder Walkererde dar, die vollkommen fleckenlos, einer Platte von pariſchem Marmor, oder einer Decke von glänzen⸗ dem Schnee, gleicht. Die Wirkung davon iſt zu allen Zeiten auffallend ſchön; im Sommer, wenn ſie vom Grün der Vegetation umgeben iſt, oder im Herbſte, wenn ihre glänzende, fleckenloſe Oberfläche gegen das verwelkte Gras abſticht. Von einer fernen Anhöhe ge⸗ ſehen, leuchtet ſie wie ein, in die braune Landſchaft ein⸗ geſetzter, Spiegel. um dieſe Ebene herum befinden ſich zahlreiche Quellen von verſchiedener Größe und Temperatur. Eine derſelben, die ſiedheiß iſt, ſprudelt gewaltig und unauf hörlich, und erhebt ſich bis zur Höhe von zwei, drei Fuß. An einem andern Platze befindet ſich eine Oeffnung in der Erde, aus welcher eine Dampfſäule aufſteigt, die eine beſtändige Wolke bildet. Der Boden rings herum tönt bis auf eine gewiſſe Entfernung hohl, und erſchreckt den einſamen Biberfänger, wenn er den Huftritt ſeines — 120— Pferdes, den Ton einer gedämpften Trommel von ſich geben hört. Er denkt ſich, daß ein geheimer Schlund, ein Ort unter ihm ſey, wo ſich verborgene Feuer be⸗ fänden, und ſieht ſich mit ängſtlich beſorgten Empfin⸗ dungen um. Die größte Merkwürdigkeit dieſer ſonderbaren Re⸗ gion iſt jedoch die Bierquelle, von welcher die Bi⸗ berfänger wunderbare Erzählungen machen. Man ſagt, daß ſie auf ihrer Reiſe durch das Land einen Seiten⸗ weg einſchlagen, um von ihrem Waſſer mit eben ſo vieler Begierde zu trinken, als der Araber irgend einen berühmten Brunnen in der Wüſte aufſucht. Capitän Bonneville ſagt von ihr, daß ſie einen Biergeſchmack habe. Seine Leute tranken mit Begierde und wieder⸗ holt davon. Sie ſchien ihm keine Heilkräfte zu beſitzen oder irgend eine Wirkung hervorzubringen. Die In⸗ dianer weigern ſich jedoch davon zu trinken, und ſuchen es den Weißen abzurathen. Wir haben ſie auch die Sodaquelle nennen, und ſagen hören, daß ſie Eiſen⸗ und Schwefeltheile bei ſich führe. Wahrſcheinlich beſitzt ſie etwas von den Eigen⸗ ſchaften des Ballſtoner Waſſers. Für Capitän Bonneville war jetzt die Zeit gekom⸗ men, die Partie freier Biberfänger aufſuchen zu gehen, die er Anfangs Juli unter dem Befehle des Herrn Hodg⸗ kiß abgeſchickt hatte, um an den oberen Gewäſſern des Salmen⸗Fluſſes Biber fangen zu gehen. Seine Abſicht war, ſie mit der Partie zu vereinigen, womit er gegen⸗ wärtig reiſ'te, damit Alle mit einander in die Winter⸗ quartiere gehen könnten. Er nahm demnach am 11. Nov. einen zeitigen Abſchied von ſeiner Bande, welcher er den Schlangenfluß zum Sammelplatze anwies und machte ſich, von dreien ſeiner Leute begleitet, auf den Weg. Sein Weg führte ihn quer über die Ebene des Portneuf, ein Nebenarm vom Schlangenfluſſe, ſo nach einem unglücklichen kanadiſchen Biberfänger genannt, der von den Indianern ermordet wurde. Das ganze Land, durch welches er kam, trug ſichtbare Spuren vul⸗ kaniſcher Ausbrüche und Feuer in alten Zeiten. Es la⸗ gen große Maſſen von Lava nach allen Richtungen zer⸗ ſtreut umher; die Felſen und Klippen hatten ſichtbar vom Feuer gelitten, und an einigen Plätzen ſchienen ſie in einem flüſſigen Zuſtande geweſen zu ſeyn; die Ebene war von tiefen Spalten und Schlünden aufgeriſſen, die zum Theil mit Lava angefüllt waren. Sie waren indeſſen noch nicht weit gekommen, als 3 ſie deutlich einen Trupp Reiter mit verhängtem Zügel auf ſie zugeſprengt kommen ſahen. Sie drehten ſich augenblicklich um, und beeilten ſich in das nahe liegende Dickicht eines Waldſtromes zu kommen, um ſich unter den Bäumen zu verſchanzen. Die Indianer machten nun Halt, und einer von ihnen kam allein auf ſie zu⸗ geritten. Er erreichte den Capitän Bonneville und ſeine Leute eben, als ſie abſteigen und Poſto faſſen wollten. 122— Ein paar Worte zerſtreuten alle Beſorgniſſe. Es war eine Partie von fünf und zwanzig Banneck⸗Indianern, die mit den Weißen auf freundſchaftlichem Fuße ſtehen, und ſie machten ihnen durch ihren Abgeſandten den Vorſchlag, daß beide Partien neben einander lagern und Büffel jagen ſollten, von denen ſie ganz in der Nähe mehrere große Herden entdeckt hatten. Capitän Bonneville willigte freudig in dieſen Vorſchlag ein, da er neugierig war, die Art ihres Jagens kennen zu lernen. Beide Partien lagerten ſich demnach beiſammen auf einem bequemen Platz und bereiteten ſich zur Jagd. Die Indianer ſtellten zuerſt einen jungen Menſchen auf eine kleine Erhöhung in der Nähe des Lagers auf, um ſich nach Feinden umzuſehen. dann beſtiegen die Läufer, wie ſie genannt werden, raſche Pferde und ritten mit Pfeilen und Bogen bewaffnet, langſam und vorſichtig auf die Büffel los, indem ſie ſich ſo viel als möglich in Vertiefungen und Hohlwegen verborgen hielten. Als ſie in die gehörige Entfernung gekommen waren, ward ein Signal gegeben, und gleich einer Koppel Hunde brachen ſie auf einmal unter einſtimmigem Ge⸗ ſchrei hervor, ſtürzten ſich mitten unter die Herde und ſchoſſen ihre Pfeile links und rechts ab. Die Ebene ſchien unter dem Getrabe der fliehenden Büffel zu zit⸗ tern. Die Kühe flohen in paniſchem Schrecken; die Ochſen, die wüthend waren, ſtießen ein dumpfes Ge⸗ — 125— brüll aus, drehten ſich bisweilen um, und ſtürzten ſich verzweifelnd auf ihre Verfolger. Nichts übertraf den Muth, den Anſtand und die Ge⸗ wandtheit, womit die Indianer ihre Pferde lenkten, in der erſchrockenen Herde herumſprengten, und nie das Ziel ihrer Pfeile verfehlten. Mitten in der anſcheinenden Verwirrung wählten ſie ihr Opfer mit kluger Einſicht, indem ſie gewöhnlich nach den fetteſten Kühen ſchoſſen, da das Fleiſch der Ochſen in dieſer Jahrszeit beinahe werthlos war. In wenigen Minuten hatte ein jeder Jäger drei oder vier Thiere gelähmt. Ein einziger Schuß war zu dieſem Zwecke hinreichend, und das einmal angeſchoſſene Thier wurde am Ende der Jagd vollends erlegt. Oft wurde eine Kuh von einem einzigen Pfeile auf der Stelle getödtet. Einmal ſah Capitän Bonneville einen Indianer eine Kuh mit ſeinem Pfeile durch und durch⸗ ſchießen, ſo daß derſelbe auf der andern Seite in den Boden drang. Die Ochſen ſind jedoch nicht ſo leicht zu tödten, wie die Kühe, und koſten dem Jäger immer mehrere Pfeile; indem ſie bisweilen die Pferde angrei⸗ fen und ſie, obgleich ſchwer verwundet, mit im Leibe ſteckendem Schafte, wüthend vor ſich hertreiben. Nach⸗ dem das große Getümmel der Jagd vorüber war, ſchrit⸗ ten die Indianer dazu, die entkräfteten Thiere zu töd⸗ ten; ſie zerlegten ſolche hierauf und kehrten mit Fleiſch beladen nach dem Lager zurück, wo die ausgeſuchteſten — 124— Stücke bald an einem großen Feuer gebraten wurden, und ein Jägermahl erfolgte, bei welchem Capitän Bon⸗ ville und ſeine Leute ſich durch vorausgegangene Faſten angeſchickt hatten, ſich ihrer Rollen trefflich zu entledigen⸗ Es gibt Leute, ſagt man, denen der Muth bei ge⸗ fülltem Magen wächſt. Dies ſchien bei den Braven der Banneck⸗Indianer der Fall zu ſeyn, die im Verhält⸗ niſſe, daß ſie ſich mit Büffelfleiſch anfüllten, immer mu⸗ thiger wurden, bis, nachdem ſie ihre Abendmahlzeit zu ſich genommen hatten, ſie Kriegsgeſänge anzuſtimmen be⸗ gannen, um ihre großen Thaten und die Siege zu prei⸗ ſen, die ſie über die Schwarzfüße errungen hatten. Von ihrem Thema erhitzt, und vom Selbſtlob aufgeblaſen, fuhren dieſe hochherzigen Schüſſelhelden von ihren Sitzen auf, entfernten ſich etwas vom Feuer und redeten ihre Feinde, die Schwarzfüße, unter Schnauben und Toben trotzig an, als ob ſie dieſelben hören könnten. Sie ſchlugen ſich dabei die Brüſte, ſchwangen ihre Waffen und rühmten ſich ſchreiend ihrer Thaten, wobei ſie die Schwarzfüße erinnerten, wie oft ſie ihre Städte in Thrä⸗ nen und Blut gebadet hätten; ſie warfen ihnen vor, wie oft ſie ſolche geſchlagen, wie viele Krieger ſie ihnen ge⸗ tödtet und wie viele Schädel ſie im Triumphe davon getragen hätten. Nachdem ſie Alles hervorgebracht hatten, was den Zorn eines Mannes zu reizen oder ſeine Tapferkeit an⸗ zuſpornen vermag, forderten ſie ihre vermeinten Zuhörer — —-— 125— heraus, jetzt, wo ihrer, der Banneck⸗Indianer, nur we⸗ nige an der Zahl ſeyen, zu kommen, und ihre Rache an ihnen zu nehmen. Da ſie keine Antwort auf dieſe ta⸗ pfere Prahlerei erhielten, ſo endigten ſie damit, alle Arten von Hohn und Schmähungen gegen die Schwarz⸗ füße auszuſtoßen, und ſie Memmen und Feiglinge zu ſchelten, die ihre Herausforderung nicht anzunehmen wagten. Solcher Art ſind die Rotomontaden und Groß⸗ ſprechereien, denen ſich die„rothen Menſchen“ gerne in ihren ruhmſüchtigen Augenblicken hingeben; denn mit all ihrer gerühmten Verſchloſſenheit ſind ſie zu Zeiten ſehr geneigt, über den Gegenſtand ihrer Thaten beredt zu werden und in ihre eigene Trompete zu ſtoßen. Nachdem ſie ihrer Tapferkeit in dieſen heftigen Er⸗ gießungen Luft gemacht hatten, beruhigten ſich die Bra⸗ ven der Bannecks nach und nach, ließen ihre Hahnen⸗ kämme ſinken, legten ihre aufgeſpreizten Federn wieder in Ordnung und begaben ſich zur Ruhe, ohne eine ein⸗ zige Wache bei ihrem Lager aufzuſtellen; ſo daß, wenn die Schwarzfüße ſie beim Worte hätten nehmen wollen, wohl wenige von dieſen Prahlhänſen übrig geblieben ſeyn würden, ihre Aufſchneidereien fortzuſetzen. An dem folgenden Morgen kaufte Capitän Bonne⸗ ville einen Vorrath von Büffelfleiſch von dieſen ruhm⸗ redigen Freunden, die bei all ihrem Windmachen in der That eine hülfloſe Horde waren, entblößt von Feuerge⸗ wehren und faſt Allem, was den Reichthum in dem Le⸗ ben wilder Menſchen ausmacht. Als der Kauf abge⸗ ſchloſſen war, brachen die Bannecks nach ihrem Dorfe auf, das, wie ſie ſagten, an der Mündung des Port⸗ neuffluſſes lag und Capitän Bonneville ſchlug mit ſeiner Begleitung ſeinen Weg nach dem Schlangenfluſſe ein. An dem Ufer dieſes Fluſſes angekommen, fand er deſſen Fluth raſch und ungeſtüm, doch nicht ſo tief, um ihn nicht durchwaten zu können, Indem er über den⸗ ſelben ſetzte, verlor jedoch eins ſeiner Pferde den Grund, und ſein Reiter ward mitten in dem Strome aus dem Sattel geworfen. Beide, Roß und Mann, wurden je⸗ doch unbeſchädigt wieder herausgezogen, mit Ausnahme, daß der Letztere durch und durch naß war, ſo daß es noth⸗ wendig ward, ein Feuer anzuzünden, um ihn zu trocknen. Während ſie damit beſchäftigt waren, blickte einer der Partie in die Höhe und nahm einen indianiſchen Spion wahr, der ſie von dem Gipfel einer benachbarten Höhe vorſichtig ausſpäh'te. In dem Augenblicke, daß er ſich entdeckt ſah, verſchwand er hinter dem Hügel. Aus ſeinen verſtohlenen Bewegungen ſchöpfte Capitän Bonneville den Argwohn, daß es ein Kundſchafter aus dem Lager der Schwarzfüße ſey, und er ſeinen Kamera⸗ den anzuzeigen gehe, was er geſehen hatte. Es war nicht rathſam, in einer ſolchen Nähe zu verweilen, ſo daß das Anzünden eines Feuers unterlaſſen wurde, der durchnäßte Reiter im triefenden Zuſtande ſein Pferd beſtieg, und die kleine Bande im Ge⸗ — — 127— ſchwindſchrittte direct auf die Ebene zumachte, bis ſie in ziemlicher Entfernung von dem Platze waren, wo ſie ſich gefährdet geglaubt hatten. Sie lagerten hier über Nacht, mitten in einer üppigen Fülle von Salbei oder Wurmſamenkraut, das ihnen Futter für ihre Pferde lieferte, zündeten ein großes Feuer für ihren durchnäß⸗ ten Kameraden an und bereiteten hierauf ein köſtliches Mahl von Büffel⸗Rückenſtücken und Rippen und andern Leckerbiſſen, die ſie mitgebracht hatten. Nach einer herz⸗ lichen Mahlzeit, die mit, den ſtädtiſchen Epikuräern un⸗ bekanntem, Appetite eingenommen wurde, ſtreckten ſie ſich auf ihr Lager von Fellen nieder, und genoſſen unter dem Zeltdache des geſtirnten Himmels den geſunden Schlaf kühner und gut geſättigter Gebirgsjäger. Sie ſetzten ihre Reiſe mehrer Tage, ohne irgend ei⸗ nen der Bemerkung werthen Umſtand, fort und kamen am 19. November auf die Spuren der Partie, in deren Aufſuchung ſie begriffen waren; wie die, der Feuerſtellen auf der Prairie und verlaſſener Lagerplätze. Dieſe wur⸗ den Alle ſorgfältig unterſucht, um an ihrer Friſche oder ihrem Alter die wahrſcheinliche Zeit zu entdecken, wo die Biberfänger ſie verlaſſen hatten. Endlich kamen ſie, nach langem Umherwandern und Nachſuchen, auf die regel⸗ mäßige Fährte einer Jagdpartie, die in die Gebirge führte, und indem ſie ſolche ſchnell verfolgten, langten ſie am 20., gegen 2 Uhr Nachmittags, an der Lagerſtätte von — 128— Hodgkiß und ſeiner Bande freier Biberfänger, in der Tiefe eines Bergthales, an. Man wird ſich erinnern, daß dieſe freien Biber⸗ fänger, die ihre eigenen Herren waren, zu gehen wohin ſie wollten, ſich in dem vorhergegangenen Monat Juni geweigert hatten, den Capitän Bonneville nach dem Grü⸗ nen⸗Fluſſe zurück zu begleiten, da ſie es vorgezogen hatten, um die obern Gewäſſer des Salmenfluſſes zu fangen, wo ſie eine Menge Biber und eine minder gefährliche Nachbarſchaft zu finden hofften. Ihr Fang war nicht ſehr glücklich ausgefallen. Sie waren in die große Ge⸗ birgskette gedrungen, in welcher einige der obern Arme des Salmenfluſſes entſpringen; die gefallenen Fichten und furchtbaren Abgründe hatten ihnen aber ſo unüber⸗ ſteigliche Hinderniſſe in den Weg gelegt, daß ſie einen 3 großen Theil ihrer Zeit vergeblich in dieſen Gebirgen 1 verſchwendet hatten. Einmal waren ſie durchgedrungen und hatten den Boiſéefluß erreicht; da ſie aber eine Bande Banneck⸗Indianer antrafen, von welchen ſie Feind⸗ 5 2. ſeligkeiten befürchteten, ſo hatten ſie ihre Zuflucht wieder in den Gebirgen geſucht, wo ſie von Capitän Bonneville aufgefunden wurden. In der Nähe ihres Lagerplatzes hatte der Capi⸗ tän das gute Glück, eine Familie jener Wanderer der Gebirge anzutreffen, die ſo bezeichnend„Les dignes de Pitiée oder die indianiſchen armen Teufel genannt wer⸗ den. Dieſe ſchienen ihren Titel jedoch verwirkt zu ha⸗ * ben, da ſie eine ſchöne Partie Biber⸗, Elen⸗, Hirſch⸗ und Gebirgsſchaffelle bei ſich führten. Dieſe kaufte ihnen der Capitän Bonneville nach einer billigen Schätzung ab, und entließ ſie, erſtaunt über ihren Reichthum und ohne Zweifel als Gegenſtände des Neides ihres ganzen mitleidswerthen Stammes. Da Capitän Bonneville nunmehr durch Hodgkiß und ſeine Bande freier Biberfänger verſtärkt war, ſo ſtellte er ſich an die Spitze der vereinigten Partien und machte ſich auf den Weg, diejenigen wieder zu erreichen, die er ohnlängſt an der Bierquelle zurückgelaſſen hatte, damit er mit ſämmtlichen in die Winterquartiere am Schlangenfluſſe gehen könne. Auf ſeinem Wege über⸗ ſielen ihn mehrere dichte Geſtöber von Schnee, der jedoch gleich wieder zerſchmolz, ſo daß er ſeinem Marſche nicht hinderlich wurde, und am 4. Dezember traf er ſeine andere Partie, die an dem nämlichen Platze lagerte, wo er an der Büffeljagd mit den Banneck⸗Indianern Theil genommen hatte. 8 Das Lager dieſer großſprecheriſchen Horde befand ſich nur ohngefähr drei Meilen weiter, und es ging da⸗ mals hoch und feſtlich, und prahleriſcher bei ihnen her, denn je, da ſie einen ungeheuern Sieg feierten. Es ſcheint, daß eine Partie ihrer Braven, die auf eine Jagd aus waren, eine Bande Schwarzfüße wahrgenommen hatten, die, wie ſie glaubten, ihr Nachtlager zu über⸗ fallen kämen. Die Bannech's ſtellten ſich ſogleich zu bei⸗ 69.— 71. 9 — 130— den Seiten eines düſtern Hohlweges auf, durch den die Feinde kommen mußten, und griffen ſie, als ſie ſich gerade in der Mitte deſſelben befanden, mit großer Wuth an. Die Schwarzfüße, die plötzlich von einem paniſchen Schrecken ergriffen wurden, warfen ihre Büffelkleider weg und flohen, indem ſie einen ihrer Krieger todt auf dem Platze ließen. Die Sieger rafften die Beute begie⸗ rig auf, allein die größte Priſe war der Schädel eines Braven der Schwarzfüße. Sie trugen ihn im Triumphe nach ihrem Dorfe, wo er ſeitdem ein Gegenſtand ihrer größten Triumphe und Erluſtigungen blieb. Er war auf eine Stange mitten im Dorfe aufgeſteckt worden, und die Krieger hatten den Schädeltanz unter Kriegs⸗ feſten, Kriegsgeſängen und kriegeriſchen Anreden um ihn getanzt. Er war dann den Knaben und Weibern überlaſſen worden, die ihn unter Jubel, Geſängen und grotesken Tänzen in dem Dorfe herumtrugen, wobei ſie von Zeit zu Zeit ihren Spott, von Schimpfreden und Schmähungen begleitet, an ihm ausließen. * Die Schwarzfüße ſcheinen bei dieſer Gelegenheit dem Character nicht entſprochen zu haben, der ſie zum Gegenſtande ſolcher Schrecken gemacht hat. In der That iſt ihr Benehmen im Krieg für den unerfahrnen Beobachter voller Widerſprüche; da ſie zu einer Zeit, unbeſonnen in ihrem Muthe, keine Gefahr ſcheuen, zur andern faſt bis zur Feigheit vorſichtig ſind. Um ſich dieſen anſcheinenden Widerſpruch erklären zu können, muß man ihre Kriegsgrundſätze kennen. Wenn eine Kriegspartie einen Krieger in dem Gefecht verliert, ſo bringt ſie, ſo ſiegreich ſie auch geweſen ſeyn mag, ihrem Volke eine Veranlaſſung zur Trauer zurück, welche den Ruhm ihrer That verdunkelt. Hierdurch iſt der Krieger in einem allgemeinen Gefechte oft minder hef⸗ tig und ſorglos, als er in einem Privatſtreite iſt, und die Häuptlinge werden in ihren kühnſten Unternehmun⸗ gen durch die Furcht zurückgehalten, ihre Krieger zu opfern. Dieſe onderbarkeit iſt nicht allein auf die Schwarz⸗ füße beſchräntt. Bei den Oſagen, ſagt Capitän Bonne⸗ ville, iſt der Gebrauch, daß wenn ein Krieger in der Schlacht fällt, ſeine Kameraden, wenn ſie auch mit der ausgezeichnetſten Tapferkeit gefochten und einen rühmlichen Sieg davon getragen haben, ihre Waffen auf dem Schlacht⸗ felde zurücklaſſen, mit niedergeſchlagenen Blicken nach Hauſe zurückkehren, vor dem Lager halten und warten, bis die Verwandten des Erſchlagenen kommen und ſie einladen, ſich wieder unter ihr Volk zu miſchen. Neunundzwanzigſtes Kapitel. Winterlager an dem Portneuf.— Schöns Quellen.— Die Banneck⸗Indianer.— Ihre Ehrlichkeit.— Capitän Bonneville bereitet eine Expedition vor.— Weihnachten.— Die amerika⸗ niſchen Waſſerfälle.— Wilde Naturſcenen.— Fiſcherfälle.— Schlangen⸗Indianer.— Pitoreske Naturſcenen am Brüneau. — Ueberblick eines amerikaniſchen Landes von einem Berge. — Der Pulverfluß.— Die Shoshokoes oder Wurzelgräber.— Ihr Character, ihre Gewohnheiten, Wohnungen und Hunde. — Eitelkeit auf ihr Aeußerſtes getrieben.— Indem Capitän Bonneville ſein Winterlager in der Nähe des Portneuf aufſchlug, hatte er ſich in eine kleine Entfernung von ſeinen Freunden, den Banneck⸗ Indianern, zurückgezogen, um von der beſchwerlichen Zudringlichkeit ihrer vertrauten Freundſchaft verſchont zu bleiben. Indem er dieſes jedoch that, war er genöthiget geweſen, ſein Winterquartier an dem äußerſten Rande des flachen Landes zu nehmen, wo er von Eis und Schnee umgeben war, und zum Unterhalte ſeiner Pferde nichts Beſſeres, als Wurmſamenkraut hatte. Die Ban⸗ neck hingegen lagerten mitten unter ſchönen Quellwaſ⸗ ſern, wo ſich Gras im Ueberfluſſe befand. Einige dieſer Quellen ſtrömen in hinlänglicher Quantität aus der — Erde, um eine Mühle zu treiben, und aus ihnen ent⸗ ſtehen ſchöne kryſtallhelle Bäche, die voller großer Forel⸗ len ſind, welche man in dem durchſichtigen Waſſer hin⸗ und herſchwimmen ſieht. Der Winter fing jetzt an, ſich regelmäßig einzuſtellen. Der Schnee war häufig und in großer Maſſe gefallen und bedeckte den Boden bis zu einem Fuß hoch, wobei die fortwährende Kälte das Thauen verhinderte. Nach und nach legte ſich das Mißtrauen, das anfäng⸗ lich zwiſchen den Indianern und Biberfängern beſtanden hatte, und machte gegenſeitigem Zutrauen und Wohl⸗ wollen Platz. Einige Geſchenke überzeugten die Häupt⸗ linge, daß die Weißen ihre Freunde wären: auch erhielten die Weißen Beweiſe von der Ehrlichkeit, und von Treue und Glauben, von Seiten ihrer wilden Nachbarn. Bis⸗ weilen nöthigte ſie der Schnee und der Mangel an Fut⸗ ter, ihre ſchwächſten Pferde hinauszuthun, um ſich Unter⸗ halt zu ſuchen. Wenn ſie zufällig ſich nach dem Lager der Banneck⸗Indianer verirrten, ſo wurden ſie ſogleich zurückgebracht. Wir müſſen jedoch geſtehen, daß wenn die verirrten Pferde zufällig kräftig und in gutem Zu⸗ ſtande waren, ſolches, ob er gleich ſicher war, ſie von den ehrlichen Banneck⸗Indianern zurück zu erhalten, dennoch erſt nach Verlauf mehrerer Tage in einem ma⸗ gern und abgejagten Zuſtande geſchah, und immer mit der Bemerkung, daß ſie es in weiter Entfernung gefun⸗ den hätten. Solche, die lieblos urtheilten, waren ge⸗ — 134— neigt, zu argwöhnen, daß ſie in der Zwiſchenzeit wohl zu der Büffeljagd benutzt worden waren; diejenigen, welche aber an die Moralität der Indianer, hinſichtlich des Pferdefleiſches, gewöhnt waren, hielten es für einen beſondern Beweis ihrer Ehrlichkeit, daß ſie es nur zurück⸗ gebracht hatten. Durch dieſe und andere Umſtände demnach über⸗ zeugt, daß ſeine Leute in der Nähe eines Stammes lagerten, der ſo ehrlich als tapfer war, und daß ſie ihren Winter hinbringen würden, ohne beunruhiget zu werden, bereitete ſich Capitän Bonneville eine weite und gefahrvolle Kundſchafts⸗Expedition zu unternehmen. Die⸗ ſes war bis in die Niederlaſſungen der Hundſon's⸗Bai⸗ Compagnie, an den Ufern des Columbiafluſſes vorzu⸗ dringen und ſich mit dem Lande und den indianiſchen Stämmen bekannt zu machen; da es zum Theil in ſei⸗ nem Plane lag, irgendwo in den untern Gegenden die⸗ ſes Fluſſes einen Handelspoſten anzulegen, um Antheil an dem Handel zu nehmen, der den Vereinigten Staa⸗ ten durch die Wegnahme von Aſtoria verloren gegangen war. Dieſe Expedition mußte ihn natürlich durch das Schlangenflußgebiet und über die blauen Gebirge, die Scenen, führen, wo Hunt und Crooks, und ihre aſto⸗ riſchen Banden, die ſie zuerſt beſuchten, ſo viele Müh⸗ ſeligkeiten und Unglücksfälle zu überſtehen gehabt hatten, und er mußte ſie in der nämlichen ſchrecklichen Jahres⸗ zeit, im tiefen Winter, bereiſen. „ Der Gedanke an Gefahren und Strapazen ſchien den unternehmenden Geiſt des Capitäns jedoch nur an⸗ zufeuern. Er wählte zu ſeiner Reiſe drei Gefährten, packte einen kleinen Vorrath von Bedürfniſſen in der tragbarſten Form zuſammen und wählte für ſie und ihr Gepäck fünf Pferde und Maulthiere. Seine Abſicht war, mit ſeiner Bande in dem Winterlager, nahe an dem Port⸗ neuf, früh im März, wieder zuſammen zu kommen. Nachdem er ſeine Vorbereitungen getroffen hatte, beſtieg er, am Chriſttage morgens, ſein Pferd, und be⸗ gab ſich mit ſeinen drei Gefährten auf den Weg. Jen⸗ ſeits des Lagers der Banneck⸗Indianer machten ſie einen kleinen Stillſtand, um ihre Weihnachts ⸗Mahlzeit zu halten, die, wenn auch keine fröhliche, doch mindeſtens eine herzliche war, worauf ſie ihre Reiſe wieder fortſetzten. Sie waren genöthiget, langſam zu reiſen, um ihre Pferde zu ſchonen, denn der Schnee hatte an Tiefe zu⸗ genommen, ſo daß er achtzehn Zolle hoch lag, und ob er gleich etwas hart und gefroren war, ſo war er es doch Acht hinlänglich, um feſten Fuß darauf faſſen zu können. 95 Ihr Weg lag weſtlich, an der linken Seite des Schlan⸗ genfluſſes hinab und ſie brauchten mehrere Tage, um die erſten oder amerikaniſchen Waſſerfälle zu erreichen. Die ufer dieſes Fluſſes haben auf eine beträchtliche Entfer⸗ nung, oberhalb und unterhalb der Fälle, einen vulkani⸗ niſchen Character: Maſſen von Baſaltfelſen ſind über⸗ einander aufgethürmt; das Waſſer ſprudelt hier aus Felsſpalten durch enge Betten rinnend, oder ſtürzt ſich, in ſchönen Cascaden, über den Rücken von Baſaltſäulen, hinab. Jenſeits dieſer Fälle kamen ſie an einen maleriſchen, aber unbedeutenden Fluß, der Caſſié genannt. Er lauft durch ein ebenes und ohngefähr vier Meilen breites Thal, wo der Boden gut iſt; die vorherrſchende Kälte und Trockene des Clima's iſt der Vegetation jedoch un⸗ günſtig. Nah bei dieſem Fluſſe befindet ſich ein kleiner Berg von granathaltigem Asbeſtſchiefer. Man findet in der Nähe ebenfalls Granit in kleinen Blöcken und weiſ⸗ ſen Sandſtein. Von dieſem Fluſſe genoſſen die Reiſen⸗ den die Ausſicht nach den ſchneeigen Höhen der nördlich gelegenen Salmenflußgebirgee. Indem er ſeinen Lauf weſtwärts nahm, hielt ſich Capitän Bonneville mehrere Meilen vom Schlangenfluß entfernt, und ging über die obern Gewäſſer ſeiner Ne⸗ benſtröme, ob er gleich das offene Land öfters ſo voller vulkaniſcher Felſen fand, daß ſie ihm das Reiſen außer⸗ ordentlich beſchwerlich machten. So oft er ſich dem Schlangenfluſſe näherte, fand er, daß er durch eine breite Kluft, zwiſchen ſteilen und ſenkrechten Wänden von Ba⸗ ſaltfelſen, hinlief. Nach einer Reiſe von mehreren Tagen über eine flache Ebene, kam er an einen Theil des Fluſſes, der ihn mit Erſtaunen und Verwunderung erfüllte. So weit das Auge reichen konnte, war der Fluß von ſenkrechten Fels⸗ — 157— wänden, zwei hundert und fünfzig Fuß hoch, eingeſchloſ⸗ ſen, die gleich düſtern und finſtern Zinnen überhingen, und an ihrem Fuße lagen Blöcke und Bruchſtücke in Maſſen, mitten in dem ſchäumenden und wirbelnden Strome. Gerade oberhalb ſtürzte ſich der ganze Strom in einem Waſſerfalle über vierzig Fuß hoch mit einem donnernden Getöſe herab, und ſpritzte eine Staubwolke in die Höhe, die wie Silberſtaub in der Luft ſchwebte. Dieſer Waſſerfall wird von Einigen die Fiſcherfälle ge⸗ nannt; da die Salmen hier in ungeheurer Menge ge⸗ fangen werden, weil ſie über dieſe Fälle nicht hinaus können. Nachdem er über Nacht an dieſem Platze gelagert hatte, ſtieg Capitän Bonneville am nächſten Morgen, nach Sonnenaufgang, mit ſeiner Partie einen engen Hohlweg oder vielmehr eine Spalte in der großen Baſaltfelſen⸗ wand hinab, die an dem Fluſſe hinlief. Dies war auf mehrere Meilen der einzige Weg, auf dem er zu dem Rande des Stromes gelangen konnte. Der Schnee lag in einer dünnen Kruſte längs den Ufern des Fluſſes, ſo daß ihnen ihre Reiſe, von hier an, weit leichter wurde, als ſie bisher geweſen war. Sie fanden hier Fußſpuren, die durch die Eingebornen ge⸗ macht worden waren, und die ihnen den Weg ſehr er⸗ leichterten. Bisweilen begegneten ſie Bewohnern dieſer wilden Region, eine furchtſame, nur dürftig mit den Nothwen⸗ — 158— digkeiten des Lebens verſehene Race. Ihre Kleidung beſtand in einem Mantel von vier Fuß im Gevierte, der aus Streifen von Kaninchenfellen zuſammen geſetzt war; dieſen hingen ſie über die Schultern herab, auf die gewöhnliche Art, wie die Indianer die Decken tragen. Ihre Waffen waren Bogen und Pfeile, die Letzteren waren mit Obfidian,*) beſchlagen, den man in der Nähe häufig antrifft. Ihre Baracken hatten die Geſtalt von Heuſchobern, und waren von Weidenzweigen, mit langem Graſe bedeckt, erbaut, ſo daß es warm und be⸗ haglich in denſelben war. Sie hatten kleine Umfaſſungen vom Wurmſamenkraut, das drei Fuß hoch war, und ihnen ein hüttenähnliches Anſehen gab. Drei oder vier dieſer Wohnungen lagen bisweilen, an einem auffallend wilden Orte, zuſammengruppirt und hatten eine male⸗ riſche Wirkung. Sie waren bisweilen zahlreich genug, um einen kleinen Weiler zu bilden. Von dieſem Volke erkaufte Capitän Bonneville's Partie häufig Salmen, der auf eine ſehr geſchickte Weiſe getrocknet war, wie ebenfalls der Rogen. Dieſer ſcheint ihr Hauptnahrungs⸗ Artikel zu ſeyn; ſie waren jedoch außerordentlich begie⸗ rig hiergegen Büffelfleiſch einzutauſchen. Die hohen Felswände, in welche die Reiſenden ſo lange eingeſchloſſen geweſen waren, zeigten jetzt bis⸗ *) Auch isländiſcher Achat genannt, ein der höchſten Poli⸗ tur fähiger, flintartiger, halbdurchſichtiger Stein von ſchwarzer Farbe. Anm. d. Ueberſ. — 159— weilen Oeffnungen, durch die ſie in die Ebene hinabſtei⸗ gen, und die beträchtlichen Krümmungen des Fluſſes abſchneiden konnten. Durch dieſe ganze ungeheure und ſonderbare Felskluft ſollen die Ufer des Fluſſes den wil⸗ deſten und romantiſchten Character darbieten. Die Fel⸗ ſen bilden die mannigfaltigſten Maſſen und Zuſam⸗ menſtellungen. Mehrere kleine Ströme kommen rau⸗ ſchend und ſprudelnd durch enge Klüfte und Hohlwege. Einer, von ziemlicher Größe, quoll aus einer Felſenwand, etwa fünf und zwanzig Fuß unter ihrer Spitze und nach⸗ dem er ohngefähr hundert Fuß in faſt horizontaler Linie fortgelaufen war, fiel er in zahlreichen kleinen Cascaden auf das Felsufer des Fluſſes herab. In ſeinem Lauf durch dieſen großen und ſonderba⸗ ren Engpaß iſt der Schlangenfluß über drei hundert Yard breit und ſo klar, wie OQuellwaſſer. Bisweilen ſchleicht er ruhig und geräuſchlos hin, dann wälzt er ſeine empörte Woge wieder Meilen weit, in tauſend reißenden und für das Auge ergötzlichen Strömungen fort, und lullt das Ohr mit dem ſanften Toſen ſeiner plätſchernden Waſſer ein. Manche der Nebenarme des Schlangenfluſſes neh⸗ men es an Wildheit ihrer maleriſchen Naturſcenen mit ihm auf. Man führt hierunter beſonders den ſogenann⸗ ten Brüneau an. Sein Strom rinnt mehr durch eine ungeheure Felskluft, denn durch ein Thal, da ſie ſich über hundert und fünfzig Meilen aufwärts erſtreckt. Wenn — 140— man über die Ebene kommt, ſtößt man plötzlich auf ſie. Es kommt Euch vor, als wenn Ihr einen Stein von Klippe zu Klippe hinüber werfen könntet; dennoch iſt das Thal zwei tauſend Fuß tief, ſo daß Euch der Fluß, als ein unbedeutender Strom erſcheint. Baſaltfelſen erheben ſich ſenkrecht von ſeinen Ufern, ſo daß es unmöglich iſt, von der Ebene her, an das Waſſer zu gelangen, oder von dem Rande des Fluſſes nach der Ebene. Sein Strom iſt hell und klar. Man findet heiße Quellen an den Ufern deſſelben. Eine ſprudelt aus den Felſen, vierzig Fuß hoch über dem Fluſſe, in einem Strome, der hin⸗ länglich iſt, eine Mühle zu treiben, und eine Dampf⸗ wolke aufſteigen zu laſſen. Wir finden ein characteriſchtiſches Gemälde dieſer vulkaniſchen Region von Gebirgen und Strömen, in dem vor uns liegenden Tagebuche des Capitäns Wyeth, der eine Kuppe in der Gegend beſtieg, die wir beſchrei⸗ ben. Von dieſem Gipfel aus geſehen, ſagt er, erſcheint das Land nur als ein unbeſchreibliches Chaos. Die Spitze der Berge bieten, ſo weit das Auge reicht, einen und dieſelbe Schichte dar, und ſcheinen in früherer Zeit das ebene Land gebildet zu haben, die Thäler eher durch das Einſinken der Erde enſtanden zu ſeyn, als durch das Erheben der Berge. Durch die alſo entſtandenen tiefen Felsſpalten und Klüfte ſtrömen Flüſſe und Bäche; was es äußerſt ſchwierig macht, ihnen zu folgen. Alle dieſe Baſaltkanäle werden von den Biberfängern gehauene — 441— Felſen genannt. Viele der Gebirgsſtröme verſchwinden in den Ebenen; entweder, daß ſie von dem dürſtenden Boden der poröſen Lava⸗Oberfläche eingeſogen, oder von Schlünden und Erdſpalten verſchlungen werden*) —O é⏑⏑̈— *) Die obige maleriſche Beſchreibung dieſer Region von Bergen und Strömen erinnert uns an das folgende belebte Gemälde der Gegenden des Winnepeek⸗Fluſſes von Keating.(Engliſchem Herausgeber.) „Es war in unſerm Abendlager, daß ſich die herrliche Ausſicht des Winnepeek zuerſt vor unſern Blicken ent⸗ faltete, und Alles verwirklichte, was ſich die Phantaſie von wilder und erhabener Schönheit vorſtellen kann, und was Alles übertraf, das wir je geſehen hatten. Was wir am meiſten an der Ausſicht des Winnepeeks be⸗ wundern, ſind die ungeheure Waſſermaſſe, die außer⸗ ordentliche Geſchwindigkeit ſeines Stroms, die große Mannigfaltigkeit in der Geſtalt der Cascaden und Waſ⸗ ſerfälle und die unvergleichliche Wildheit der Fels⸗Scenen, welche durch dieſelben hervorgerufen werden, und durch ihre Düſterkeit und das ewig Unveränderliche ihres An⸗ blicks gegen die ſilberhellen Sturzfluthen abſtechen, die, aus einer ſpiegelglatten, ruhigen Fläche, in einen tumult⸗ voll ſchäumenden Katarakt übergehen. Es vermehrt den Effect des Felsbettes des Winnepeel's, daß ſeine zahl⸗ reichen Fälle alle andere übertreffen, die wir geſehen haben. Der Waſſerfall des Nigara's, deſſen Waſſer⸗ Volumen weit über dieſelben geht, iſt in Vergleich mit denſelben einförmig. Die horizontalen Schichten der Nebenfelſen des Letztern, ſtehen an maleriſchem Effect dem dunkeln, vom ewigen Waſſer beſpielten, Granit, und Syenit ſo weit nach, als die Höhe der Klippen am — 142— Am 12. Januar 1834 erreichte Capitän Bonneville den Pulverfluß; bei weitem der größte Strom, den er Niagara, jene der Felsufer des Winnepeek's, übertrifft. Die Waſſerfälle dieſes Fluſſes haben noch einen andern Vortheil, nämlich den, daß das ganze Land ein pittores⸗ kes Anſehen durch ſie gewinnt, was das Gemüth vorbe⸗ reitet und es in der geeigneten Stimmung erhält, die Pracht ſeiner Katarakten zu würdigen, während die Ge⸗ gend um den Nigara flach, einfoͤrmig und unintereſſant iſt. Am Winnexpeek erblicken wir beſtändige Abwechſe⸗ lungen in den Felſen, welche dazu beitragen, jene der Landfläche mehr heraus zu heben. Sie haben bisweilen das ſchieferartige Anſehen eines Gneiß⸗ und Asbeſtſchie⸗ fers, welcher verſchwindet, wo der dunkelfarbige Granit oder der röthliche Syenit wieder zum Vorſchein kommt. Da dieſe voller Adern von ſchwefelhaltigem Feldſpathe ſind, ſo haben ſie im gigantiſchem Maßſtabe das ſchöne geäderte Anſehen, das einigen Marmorarten Italiens ihre ſo wohl verdiente Berühmtheit gegeben hat. An unſerm Lagerplatze brachten die Waſſer einen jener be⸗ ſondern Effecte hervor, der, wenn man ſie einmal ge⸗ ſehen hat, einen unausköſchlichen Eindruck auf das Gemüth macht. Nachdein das Waſſer über zahlreiche 5 Felſen gekommen iſt, welche verſchiedenartige Cascaden vilden, deren ganze Höhe ohngefähr dreißig Fuß beträgt, wird es plötzlich von einem, in hohe Felſen eingeſchloſſe⸗ nen, Becken aufgenommen, wo es wegen der kleinen Oeffnung, durch welche es abfließt, eine zeitlang ſtehen bleiben muß. Hier nimmt das Waſſer den Character einer unruhigen See an, deren Wogen hoch ſteigen und 4 ſich an den Ufern und den wenigen Fersinſeln brechen, ſeit ſeiner Abreiſe von dem Portneuf geſehen hatte. Er ſtieß ohngefähr drei Meilen, oberhalb ſeines Einfluſſes —C—C— die man in der Mitte des Beckens ſieht. Es iſt von dieſer Eigenſchaft, daß der Ort von den Eingebornen ſeinen Namen„der Fall der bewegten Waſſer“ erhalten hat. Man kann ihn den untern Fall des Winnepeek⸗ Fluſſes nennen. Wir erreichten ihn gerade zur Zeit, daß wir die ſchöne Wirkung der untergehenden Sonne beobachten konnten, deren, von dem Strome zurückge⸗ worfenen, Strahlen ihm das Anſehen eines Feuermeeres gab. Dieſe wurde bald durch den Mond erſetzt, der ein ruhigeres Licht auf ſeine Wogen warf, und den Reiz der Ausſicht durch das melancholiſche Anſehen erhöhte, das er über ſie verbreitete. Eine der merkwürdigſten Eigen⸗ thümlichkeiten dieſer Fälle iſt das furchtbare Geräuſch, das ſie verurſachen und das im Vergleiche zu ihrer Größe jenes der Waſſerfälle vom Niagara, von Montmorency, Schaffhauſen, Sanct Antonius, Cohoes und andere über⸗ treffen ſoll, die irgend Jemand von unſerer Reiſepartie geſehen hatte. Begetation wird auf dieſen Felſen ſelten gefunden, was zu der maleriſchen Wirkung des Platzes beiträgt. Statt der dichten Wälder, welche früher den Niagara umgaben, haben wir hier nur den ſpärlichen Wachsthum von Espen, Birken, Pechtannen und an⸗ dern immer grünenden Bäumen, deren insgeſammt ſchlanker Wuchs, das wilde und unfruchtbare Anſehen dieſer Felſen vermehren hilft. Die Nacht, welche wir in der Nähe dieſer Waſſerfälle zubrachten, war eine der intereſſanteſten unſerer Expedition. Unſere Zelten waren ſo aufgeſchlagen, daß wir die herrlichen Wirkungen der auf der Oberfläche dieſes ocean⸗ähnlichen Beckens flim⸗ — 144— in den Schlangenfluß, auf ihn. Hier befand er ſich ober⸗ halb der untern Engpäſſe des letztern Fluſſes, in einer offenen und ebenen Gegend. Die Eingebornen ließen ſich jetzt in beträchtlicher Anzahl ſehen, und zeigten die unerſättlichſte Neugierde, rückſichtlich der weißen Männer; indem ſie ſtundenlang dem froſtigſten Wind ausgeſetzt, in Gruppen bei einan⸗ der ſaßen, bloß um das Vergnügen zu haben, die Frem⸗ den zu begaffen, und jede ihrer Bewegungen zu be⸗ obachten. Sie ſind von jenem Zweige des großen Schlangenſtammes, den man die Shoshokves, oder Wur⸗ zelgräber, nennt; weil ſie größtentheils von den Wurzeln der Erde leben, ob ſie gleich auch Fiſche in großer Menge fangen und etwas Weniges jagen. Sie ſind im Allge⸗ meinen ſehr arm, faſt von allen Bequemlichkeiten des Lebens entblößt, und außerordentlich träge, dabei aber eine ſanfte, gutmüthige Menſchenrace. Sie unterſcheiden ſich in mancher Hinſicht von dem andern Zweige der Schlangen⸗Indianer, den Shoshonies, welche Pferde be⸗ ſitzen, mehr herumſtreifen, verwegener ſind und Büffel jagen. Am folgenden Tage, als ſich Capitän Bonneville der Mündung des Pulverfluſſes näherte, entdeckte er mernden, Mondſtrahlen ſehen konnten, und unſere Au⸗ gen waren beſtändig auf daſſelbe gerichtet, bis das Toſen des Waſſers uns in den Schlaf lullte. — 143— mindeſtens hundert Familien dieſer Wurzelgräber, wie man ſie gewöhnlich nennt, an einem Platze beiſammen. Die Weiber und Kinder hielten ſich in der Entfernung, auf Felſen und Klippen ſitzend, da ihre brennende Neu⸗ gierde etwas durch die Furcht niedergehalten ward. Von ihren erhabenen Sitzen ſahen ſie mit der geſpann⸗ teſten Aufmerkſamkeit nach den Fremden hin und be⸗ trachteten ſie mit ſolcher Ehrfurcht, als ob ſie überna⸗ türliche Weſen wären. Die Männer waren jedoch keinesweges ſo ſcheu und zurückhaltend, ſondern Capitän Bonneville und ſeinen Gefährten durch ihre Neugierde außerordentlich läſtig. Nichts entging ihrer Bemerkung; ſie unterſuchten Alles genau, woran ſie ihre Hände legen konnten. Um ſolche neugierige Nachbarn los zu werden, hielten ſich die Reiſenden bis auf eine ziemliche Entfernung in ihrem Marſche an, ehe ſie ihr Nachtlager aufſchlugen. Das Land hier herum war durchgängig eben und ſandig, brachte wenig Gras, aber eine beträchtliche Menge Wurmſamenkraut hervor. Einzeln gelegene Hü⸗ gel gaben der Ebene einige Mannigfaltigkeit; ſie wa⸗ ren in derſelben Höhe wie abgeſchnitten, ſo daß ſie tafelförmige Gipfel hatten. Hierin glichen ſie den zer⸗ ſtreuten Hügeln der großen Prairieen öſtlich der Felsge⸗ gebirge; vorzüglich jenen auf den Ebenen der Arkanſas. Die hohen Felswände, welche bisher den Schlan⸗ gen⸗Fluß wie einen Kanal einſchloſſen, hatten fetzt 69.—71. 10 — 146— aufgehört, und die Ufer waren von gewöhnlicher Höhe. Es muß bemerkt werden, daß die großen Thäler oder Ebenen, durch welche der Schlangen⸗Fluß ſeinen Lauf wand, gewöhnlich von großer Breite waren, und ſich auf beiden Seiten dreißig bis vierzig Meilen weit erſtreckten, wo die Ausſicht durch ununterbrochene Ge⸗ birgsreihen begränzt ward. Die Reiſenden fanden in der Gegend des Pulver⸗ Fluſſes nur wenig Schnee, ob es gleich fortwährend bitter kalt war. Sie lernten jedoch etwas von ihren unglücklichen Freunden, den Wurzelgräbern, das ihnen auf ihren Winterwanderungen in der Folge trefflich zu Statten kam. Sie hatten häufig Gelegenheit zu be⸗ merken, daß ſie lange, aus der Rinde des Wurmſa⸗ menkrautes geflochtene, Stricke bei ſich führten, deren ſie ſich als langſam brennende Lunten bedienten, die ſie immer in brennendem Zuſtande unterhielten. Wenn ſie ſich zu erwärmen wünſchten, dann laſen ſie ein we⸗ nig getrocknetes Wurmſamenkraut zuſammen, legten die Lunte an, und hatten in dem Augenblicke ein erquicken⸗ des Feuer.* Capitän Bonneville entwirft eine traurige Schil⸗ derung von einem Dorfe dieſer Wurzelgräber, das er ſah, als er über die Ebene des Pulver⸗Fluſſes zog. „Sie leben,“ ſagt er,„ohne irgend einen andern Schutz vor der Strenge der Jahreszeit, als eine Art von Wet⸗ terſchirm, der ohngefähr drei Fuß hoch, aus Wurmſa⸗ — 147— menkraut geflochten iſt, und wie ein Halbmond um ſie geſtellt wird.“ So oft er ſie aber antraf, hatten ſie immer eine große Anzahl halb verhungerter Hunde bei ſich, denn dieſe Thiere ſcheinen in dem wilden, wie in dem civiliſirten Leben, die Begleiter der Bettler zu ſeyn. Man muß jedoch zugeben, daß dieſe Hunde von größerem Nutzen, als die Bettlerhunde unſrer Städte waren. Die Kinder der Indianer gebrauchten ſie, das kleine Wild in der Umgegend zu fangen, wie die Ka⸗ ninchen und Prairiehunde, in welcher Art kleiner Jagd ſie einige Geſchicklichkeit beweiſen. Bisweilen ſtreben die Wurzelgräber auch nach Erjagung eines edleren Wildes und es gelingt ihnen auch die Antilope, das flinkeſte Thier der Prairieen, zu fangen. Die Art, wie ſie dies bewerkſtelligen, iſt etwas ſonderbar. Wenn der Schnee verſchwunden und der Boden et⸗ was weich geworden iſt, ſagt der Capitän, dann bege⸗ ben ſich die Weiber in das dichteſte Wurmſamen⸗Feld, rupfen das Kraut in großer Menge aus, und machen eine, ohngefähr hundert Acker Landes einſchließende, drei Fuß hohe Hecke davon. Es wird eine einzige Oeffnung gelaſſen, damit das Wild durch dieſelbe hinein kann. Wenn dieſes geſchehen iſt, verbergen ſich die Weiber hinter dem Wurmſamenkraut und warten geduldig auf Antilopen, die bisweilen in beträchtlicher Anzahl in dieſe Falle gehen. Sobald ſie darin ſind, geben die Weiber das Signal und die Männer beeilen ſich, ihrer Seits 10* — 448— ihre Rolle zu ſpielen. Es geht nur Einer auf einmal in den Park, und wenn er die erſchrockenen Thiere rund an der Umzäunung herum gejagt hat, ſo wird er von einem ſeiner Kameraden erſetzt. Auf dieſe Weiſe löſen ſich die Jäger einander ab, ſo daß ſie, einer nach dem andern, die Jagd ohne Er⸗ müdung fortſetzen. Die armen Antilopen werden am Ende ſo abgemattet, daß die ganze Jagdpartie der Män⸗ ner nun in den Park kommt und ſie mit Prügeln todt ſchlägt, ſo daß nicht eine entwiſcht, die in die Umzãäu⸗ nung gekommen iſt. Ein ſehr merkwürdiger Umſtand bei dieſer Jagd iſt, daß ein ſo flinkes und behendes Thier, wie die Anti⸗ lope, die ſich zu Erhaltung eines Lebens ſo anſtrengt, rings an dieſer verhängnißvollen Hecke herumläuft, ohne den Verſuch zu machen, die niedrige Einfaſſung zu über⸗ ſpringen. Dies iſt jedoch in der That der Fall, und dies ihre einzige Weiſe, die Antilope zu jagen. Ungeachtet die Shoshokoe's in ihren Wohnungen von allen Bequemlichkeiten entblößt ſind, und ungeachtet der Unſauberkeit ihres Anſehens, ſcheint es ihnen doch nicht an Scharfſinn zu fehlen. Sie verfertigen gute Stricke, und ſelbſt einen ziemlich feinen Bindfaden, aus einer Gattung Unkraut, das ſie in ihrer Umgebung fin⸗ den, und machen Näpfe und Krüge, mittelſt einer Art von Korbmacherarbeit aus Striemen von geflochtenem — — 149— Holze, die ſie, mit Hülfe von etwas Wachs, vollkommen waſſerdicht machen. Außer den Wurzeln, von welchen ſie hauptſächlich ihre Nahrung ziehen, ſammeln ſie eine beträchtliche Menge von Samen ein, den ſie mit einer Hand aus den Aehren der Pflanzen, in hölzerne Gefäße ausſchwin⸗ gen, die ſie zu dieſem Zwecke verwenden. Der alſo ge⸗ ſammelte Samen wird gewannet und geröſtet, ſodann zwiſchen zwei Steinen zu einer Art Mehl vermahlen, welches, mit Waſſer vermiſcht, einen wohlſchmeckenden Teig oder eine Grütze gibt. Es ſammeln ſich welche unter dieſem Volke, die betriebſamer und haushälteriſcher ſind, als der Reſt, einen Vorrath von getrocknetem Salmen und andern Fiſchen für den Winter. Dieſe waren ſie bereitwillig den Reiſenden für irgend einen, den Indianern nützli⸗ chen, Gegenſtand zu verhandeln, und überließen deren eine große Menge für einen Pfriemen, ein Meſſer oder eine Fiſchangel. Andere befanden ſich in dem dürftig⸗ ſten, verhungertſten Zuſtande und laſen ſelbſt die Fiſch⸗ gräten auf, welche die Reiſenden nach ihrer Mahlzeit wegwarfen, wärmten ſie noch einmal an dem Feuer, und nagten ſie mit der größten Begierde ab. 2 Je weiter der Capitän Bonneville in dem Lande dieſer Wurzelgräber kam, deſto mehr überzeugte er ſich von ihrem unwiſſenden und hülfloſen Zuſtande. Sie waren, ſagt er, von der nöthigen Bedeckung entblößt, — 1 — 450— um ſie vor der Witterung zu ſchützen, und ſchienen in gänzlicher Unwiſſenheit irgend einer Schicklichkeit oder eines Vortheiles in dem Gebrauche der Kleidung zu ſeyn. Ein altes Weib hatte durchaus nichts um oder an ſich, als ein Stück Bindfaden um den Hals, woran ein Knopf hing. Welche Stufe der menſchlichen Entblößung iſt je⸗ doch entblößt genug für die Eitelkeit, obgleich dieſe ſo nackt und hülflos ausſehenden Geſchöpfe weder eine Toi⸗ lette zu machen, noch Schönheit zu betrachten hatten, ſo war doch ihre größte Leidenſchaft— ein Spiegel. Er war in ihren Augen eine„große Medizin.“ Der Anblick eines ſolchen reichte zu jeder Zeit hin, ſie in eine An⸗ wandlung von heftiger Begierde und Entzücken zu ver⸗ ſetzen, und ſie waren bereit, Alles, was ſie hatten, für ein kleines Stückchen hinzugeben, in welchem ſie ihre häßliche Figur beſchauen konnten. Mit dieſem einfachen Beiſpiele von Eitelkeit, in ihrem naturgemäßen, aber rüſtigen Zuſtande, wollen wir unſere Bemerkungen über die Wurzelgräber beſchließen. Drei und dreißigſtes Kapitel. Temperatur des Klima's.— Wurzelgräͤber zu Pferde.— Ge⸗ birgsausſicht.— Das„Grand Rond.“— Schwierigkeiten am Schlangenfluſſe.— Erſteigung der blauen Gebirge.— Hun⸗ gersnoth.— Ausſicht in das Immahah⸗Thal.— Der erſchöpfte Reiſegefährte.— Die Temperatur der Regionen, weſtlich der Fels⸗ gebirge, iſt weit milder, als die der nämlichen Breiten⸗ grade auf der atlantiſchen Seite. Die obern Ebenen, die von der Seeküſte entfernt liegen, ſind jedoch im Winter beträchtlichen Abwechſelungen unterworfen, da hohe, mit ewigem Schnee„gekrönte Sierra's“ ſie durch⸗ ziehen, welche öfters die Urſache von Windſtößen von der bitterſten Kälte ſind. Dies erfuhren Capitän Bonneville und ſeine Ge⸗ fährten, auf ihrer Weiterreiſe nach Weſten. Als ſie die Banneck⸗Indianer verließen, war der Schlangen⸗Fluß hart zugefroren; als ſie weiter kamen, war er aufge⸗ gangen und trieb Eis. Es verſchwand nach und nach, und das Wetter wurde warm und angenehm, als ſie ſich dem Kleinen⸗Wyer, einem Nebenfluſſe deſſelben, nä⸗ — 432— herten und der Boden, der im Allgemeinen aus wäſſeri⸗ gem Thone und in Zwiſchenräumen aus Sand beſtan⸗ den hatte, wurde ſanft für den Huftritt der Pferde. Nach einiger Zeit näherten ſich jedoch die Gebirge dem Strome, und liefen an demſelben hin. In den Thälern lag der Schnee tief und ſie fanden das Waſſer noch einmal zugefroren. Hier wurden ſie von einer Partie Wurzelgräber heimgeſucht, die ſich, dem Anſcheine nach, in der Welt zu erheben begannen, denn ſie hatten Pferde zum Rei⸗ ten, führten Waffen bei ſich, und waren insgeſammt beſſer gekleidet und ausgeſtattet, als irgend Einer, den Capitän Bonneville geſehen hatte. Sie kamen juſt von der Ebene des Boiſſé⸗Fluſſes, wo ſie viele ihres Stammes zurückgelaſſen hatten, die eben ſo verſehen waren, wie ſie; Flinten, Pferde und bequeme Kleider hatten. Sie erhielten dies Alles von den Nieder⸗Nez⸗percés, mit welchen ſie häufig Handel trieben. Sie ſchienen von dieſem Stamme ihre friedlichen Grundſätze einge⸗ ſogen zu haben, da ſie in ihren Manieren mild und harmlos waren. Gleich ihnen, hatten ſie ebenfalls einige religiöſe Geſinnungen; denn Capitän Bonneville be⸗ merkte, daß ſie vor dem Eſſen ihre Hände wuſchen, und ein kurzes Gebet verrichteten, was, wie er vernahm, eine unabänderliche Sitte bei ihnen war. Von dieſen Indianern erhielten ſie beträchtliche Vorräthe von Fiſchen und ein, in vortrefflichem Zuſtande — 155— befindliches, Pferd, um ein anderes zu erſetzen, das für die Reiſe zu ſchwach geworden war. Die Reiſenden ſetzten ihren Weg nun mit erneuer⸗ tem Muthe fort. Der Schnee, es iſt wahr, wurde immer tiefer und tiefer, ſo wie ſie weiter kamen, allein ſie zogen fröhlich ihres Weges, in Erwägung, daß ſie wohl verſehen für die Reiſe waren, wesnign kange mehr andauern konnte. Sie hatten die Abſicht gehabt, die Ufer des Flin⸗ tenbaches hinauf zu ziehen, der von Weſten kommend, in den Schlangen⸗Fluß einmündet; ſie wurden aber von den Eingebornen verſichert, daß in dieſer Richtung nicht fortzukommen ſey. Letztere riethen ihnen, ſich längs dem Schlangen⸗Fluſſe zu halten, wo ſie von dem Schnee nicht aufgehalten werden würden. Sie nahmen einen der Wurzelgräber zu ihrem Führer, zogen längs dem Fluſſe hin und fanden zu ihrem Vergnügen das Land vom Schnee frei, wie es ihnen vorausgeſagt worden war, ſo, daß ihre Pferde einmal wieder gute Weide fanden. Ihr Wurzelgräber erwies ſich als einen herrlichen Führer, der fröhlich vorausging. Er that ein oder zwei Fehlſchüſſe nach einem Hirſche und einem Biber; fand aber gegen Nacht eine Kaninchenshöhle, deren Bewohner er hervorzog, ſich hiervon und einem ihm von den Reiſenden gegebenen Fiſche ein herrliches Abendeſſen bereitete, und ſich dann zur Ruhe begab, anſcheinend voll guter Dinge und Laune. — 134— Am nächſten Tage kamen die Reiſenden an einen Ort, wo die Hügel an den Fluß vorſprangen und hier und dort Zwiſchenräume von wogenden Wieſen ließen. Der Fluß war mit Eis belegt, in langen Zwiſchenräu⸗ men von Hügeln unterbrochen. Der Führer hielt ſich, zu verſchiedenen Zeiten über den Fluß ſetzend, um Wild zu verfolgen, an der Spitze der Partie, bis er unglück⸗ licherweiſe einen andern Wurzelgräber antraf, und ſich, ohne Abſchied zu nehmen, mit ihm wegſtahl. Sich nunmehr ſelbſt überlaſſen, ſetzten ſie ihren Marſch fort, bis ſie an einige indianiſche Hütten kamen, deren Einwohner eine, von den bisher gehörten, ganz verſchiedene Sprache redeten. Einer von ihnen verſtand jedoch die Sprache der Nez⸗perces und durch ihn erkun⸗ digten ſie ſich nach ihrem Wege. Dieſe Indianer waren außerordentlich wohlwollend und ehrlich, und verſahen ſie mit einer kleinen Quantität Fleiſch, allein keiner von ihnen konnte vermocht werden, ihnen zum Führer zu dienen. 4 Unmittelbar auf dem Wege der Reiſenden lag ein hohes Gebirg, das ſie mit einiger Schwierigkeit erſtie⸗ gen. Die Ausſicht von dem Gipfel war groß, aber ent⸗ muthigend. Direct vor ihnen erhoben ſich die höchſten Kuppen des Immahah, die weit höher waren, als die Höhe, auf welcher ſie ſtanden. Auf der andern Seite konnten ſie den Lauf des Fluſſes verfolgen, der durch tiefe Klüfte, zwiſchen Felſen und Abgründen hinrollend, ſich endlich in der fernen Wildniß der Gebirge verlor, welche den Hintergrund der verwilderten Landſchaft bildeten. Die Reiſenden verweilten lange mit ängſtlich ver⸗ legenen Blicken, dieſe Anhäufung von Hinderniſſen be⸗ trachtend, die ihnen das Gebirg entgegenſtellte, und ſuchten irgend einen Ausgang aus demſelben zu ent⸗ decken. Die Annäherung des Abends nöthigte ſie ihre Arbeit aufzugeben und ſich einen Lagerplatz für die Nacht aufzuſuchen. Nachdem ſie ihren Weg in möglichſter Eile fort⸗ geſetzt, und eine Reihe tiefer Schneetriften durchwatet hatten, erreichten ſie endlich ein Thal, das unter den Biberfängern das„Grand Rond“ genannt wird, welches ſie ganz vom Schnee befreit fanden. Dieſes iſt ein ſchönes und fruchtbares Thal, das ohngefähr zwanzig Meilen lang, und fünf oder ſechs breit iſt. Ein klarer kalter Fluß, die Fourche de glace oder der Eisfluß genannt, ſtrömt durch daſſelbe. Seine geſchützte Lage, in dem Schoße der Gebirge, macht es Winters zu einem guten Weidegrunde; wo alsdann die Elenthiere in großer Anzahl, durch den Schnee von den Gebirgen getrieben, in daſſelbe hinabkommen. Die Indianer begeben ſich alsdann dorthin, um zu jagen. Sie kommen gleichfalls in dem Sommer hin, um die Camaſchwurzel zu graben, die dort in ungeheurer Menge wächſt. Wenn dieſe Pflanze in der Blüthe ſteht, dann — 136— iſt das ganze Thal von ihren blauen Blumen gefärbt, und ſieht aus wie ein wogender Ocean. Nachdem ſie die Nacht in dieſem Thale zugebracht hatten, erkletterten die Reiſenden die benachbarten An⸗ höhen, um ſich einen beſſern Weg zu erſpähen, als den⸗ jenigen, auf den ſie unglücklicher Weiſe gerathen waren, und nach langem Rekognosciren, entſchloſſen ſie ſich, ihren Weg noch einmal nach dem Fluſſe einzuſchlagen, und auf dem Eiſe zu reiſen, wenn an den Ufern nicht fortzukommen ſeyn ſollte. An dem zweiten Tage nach dieſem Entſchluſſe be⸗ fanden ſie ſich wieder an dem Schlangenfluſſe, allein gegen ihre Erwartung war er beinahe vom Eiſe frei. Es lief ein ſchmaler Eisſtreifen längs dem Ufer hin, und bisweilen befand ſich eine Art von Brücke über den Strom, die von altem Eiſe und Schnee gebildet war. Eine kurze Zeit zogen die Reiſenden mit ziemlicher Leichtigkeit langſam an dem Ufer hin, ſie kamen aber endlich an einen Ort, wo der Strom ſeinen Weg in das Herz der Gebirge nahm, und ſich zwiſchen furcht⸗ baren Baſalt⸗Felswänden durchwand, die ſich von dem Rande des Waſſers ſenkrecht erhöben, und aus froſtig düſterer Höhe dräuend herabblickten. Hier belagerten Schwierigkeiten aller Art ihren Pfad. Der Schnee lag zwei bis drei Fuß hoch, allein er war weich und nachgebend, ſo daß die Pferde nicht feſten Fuß faſſen konnten, ſondern immer vorwärts ein⸗ — 4 — 137— ſanken, und ſich durch die beſtändigen Anſtrengungen abſtrapazirten. Bisweilen zwangen ſie die Felſen⸗Vor⸗ ſprünge auf den ſchmalen Eisſtreifen fortzuwandern, die ſich an dem Ufer hinzogen; zu Zeiten mußten ſie über Steinmaſſen klettern, die von den überhängenden Felſen herabgeſtürzt waren, und bisweilen über die gefährlichen Brücken von Eis und Schnee über die Ströme ſetzen, wo ſie bei jedem Tritte bis an das Knie einſanken; manchmal hatten ſie ſchlüpferige Anhöhen zu erſteigen, oder auf Felskarnießen hin zu ziehen, die mit Eis und Hagel belegt waren, die Felswand auf einer Seite und den gähnenden Abgrund auf der andern, wo ein einziger Schritt unheilbringend wurde. An einer nied⸗ rigen und minder gefährlichen Stelle ſtürzten wirklich zwei ihrer Pferde in den Fluß; eins ward mit großer Schwierigkeit gerettet, allein das ſteile Ufer verhinderte, dem andern zu Hülfe zu kommen, und es ward von dem reißenden Strome fortgeriſſen. Dieſen Weg ſetzten ſie, männlich den Schwierigkeiten und Gefahren trotzend, mühſelich fort, bis zu einer Stelle, wo das Strombett nur eine enge Felskluft bildete, de⸗ ren ſenkrechte Wände jedes Weiterſchreiten unmöglich machten. Sie wendeten ſich jetzt gegen das Gebirg und verſuchten kühn, es zu überſteigen, allein, nachdem ſie beinahe den Gipfel erk een hatten, fanden ſie ihren Weg abermals durch unüberſteigliche Hinderniſſe geſperrt. Es erübrigte ihnen jetzt nichts anders, als wieder umzukehren. Ein felſiges Gebirg iſt jedoch ſchwieriger und gefährlicher hinab⸗, als hinaufzuſteigen. Sie mußten gleichſam vorſichtig und langſam, Schritt für Schritt, hinabkriechen, und während ſie ſich ſelbſt mit Schwierig⸗ keit auf den Beinen hielten, ihren Pferden behülflich ſeyn, und ſie bei den Halftern feſthalten, wenn die armen Thiere über ſchlüpferige Felſen ſtolperten oder auf beeisten Abhängen ausglitten. Auf dieſe Weiſe langten ſie nach einem Tage über⸗ ſtandener bitterer Kälte und unaufhörlichen, beſchwerlichen Strapazen und Mühen, mitten durch die rauheſte Gegend, mit Einbruch der Nacht wieder an dem Lagerplatze an, von welchem ſie am Morgen ausgegangen waren, und zum erſtenmale im Verlauf ihrer gefahrvollen Expedition ſank ihnen der Muth, unter ſolchen vervielfältigten Mühſeligkeiten. Eine herzliche Abendmahlzeit, ein beruhigendes Pfeiſchen, und ein geſunder Schlaf über Nacht verſetzte ſie Alle in beſſere Stimmung, und ſie beriethen ſich am Morgen, welchen Weg ſie ferner einzuſchlagen hätten. Ohngefähr vier Meilen hinter ihnen, hatten ſie einen kleinen Bergrücken bemerkt, der dicht bis an den Fluß hinlief. Es wurde beſchloſſen, dieſen Bergrücken zu erſteigen und ſich einen Weg in das Th uu ſuchen, das hinter ihm liegen mußte. Sollte die l ſchlagen, ſo blieb nur noch eine einzige Alternative übrig: nämlich die — 159— ihre Pferde zu ſchlachten, das Fleiſch für Mundvorrath zu trocknen, von den Häuten Boote zu machen und ſich in dieſen dem Strom zu überlaſſen,— ein Unterneh⸗ men, das äußerſt gefährlich war. Ein kurzer Marſch brachte ſie an den Fuß des Ber⸗ ges; allein ſein ſteiler felſiger Seitenabhang entmuthigte ſie beinahe. Der einzige Weg, ihn zu erklimmen, ging über Felsbruchſtücke, die, aufeinander gethürmt, eine Reihe von Klippen bildeten, die beinahe bis zum Gipfel hinaufreichten. Mit unbeſchreiblicher Schwierigkeit und Gefahr ſchlugen ſie ihren Weg in einem Zickzack über dieſe ein, klommen von Fels zu Fels, ihre Pferde nach ſich ziehend, die wie Gebirgszzgen in den Klippen her⸗ um kletterten und dann und wann einen ſchweren Stein ablöſ'ten, der in dem Augenblicke, wo ihn der Huf ver⸗ ließ, den Berg hinabrollte und ein furchtbares Ge⸗ töſe machte. Einige Zeit, nachdem es dunkel geworden war, er⸗ reichten ſie eine Art von Platte, wo ſie ſich zu lagern wagten. Die Winde, die über dieſe nackte Höhe ſtrichen, hatten allen Schnee in das Thal hinabgeweht, ſo daß die Pferde eine ziemliche Winterweide an dem dürren Graſe fanden. Obgleich auf das äußerſte verhungert, waren die Reiſende ch genöthigt, ein frugales Mahl zu halten, indem ſie hen, daß ihre Reiſe ſich wahr⸗ ſcheinlich weit über das vorgeſetzte Ziel verlängern werde. — 160— Sie bemerkten in der That am folgenden Tage, daß, ob ſie gleich zu einer beträchtlichen Höhe gekommen waren, ſie ſich dennoch erſt auf einem Abſatze des Ge⸗ birges befanden. Es erwies ſich, daß es eine große Sierra, oder ein Felsrücken von ungeheurer Höhe war, der in paralleler Linie mit dem Strome laufend, ſich nach und nach zu hohen Kuppen erhob, deren Umriſſe aber von tiefen und jähen Schluchten unterbrochen waren. Es war dieſes in der That ein Zweig der blauen Ge⸗ birgskette, worin die erſten Abentheurer, auf ihrer Fahrt nach. Aſtoria, ſolche Mühſeligkeiten zu beſtehen gehabt hatten. Wir wollen uns nicht herausnehmen, die Reiſenden, im Erſteigen dieſer furchtbaren Gebirge, Schritt für Schritt zu begleiten, in welche ſie ſo ganz ohne ihr Vorwiſſen gekommen waren. Tag nach Tag dauerten ihre Mühſeligkeiten fort, ſie hatten Kuppe nach Kuppe zu überſteigen, und mit Schwierigkeiten und Strapazen zu kämpfen, die nur dem Gebirgstrapper bekannt ſind. Da ſie ihren Weg nach Norden einſchlugen, ſo hatten ſie die Südſeite der Anhöhen zu erſteigen, wo die Sonne den Schnee ſchmolz, ſo daß der Abhang naß und ſchlüp⸗ ferig war und beide, Menſchen und Pferde, in beſtän⸗ diger Anſtrengung erhalten wurden. Auf der nördlichen Seite hingegen, lag der Schneein ſo hohen Maſſen, daß ſie genöthiget waren, zuerſt einen Weg zu bahnen, auf dem ſie die Pferde hinabführen konnten. Dann — 161— und wann fanden ſie Hinderungen an den zahlreich ge⸗ fallenen Fichten, die nach jeder Nichtung hin ihnen im Wege lagen. Mitten in dieſen Beſchwerden und Strapazen gin⸗ gen ihnen die Lebensmittel aus. Sie blieben drei Tage, ohne etwas zu ſich zu nehmen und waren ſo abgezehrt, daß ſie ſich kaum hinſchleppen konnten. Da endlich eins der Maulthiere aus Ermüdung und Hunger verenden wollte, ſo beeilten ſie ſich, ſolches zu ſchlachten. Mit dieſer geringen Aushülfe hielten ſie Haus; ſie trockneten das Fleiſch und lebten drei Tage von der Nahrung, die ihnen das Ausſaugen der Knochen gewährte. Was das Fleiſch anbelangt, ſo wurde es eingepackt und ſo lange aufgehoben, als ſie ſich ohne daſſelbe behelfen konnten, da ſie nicht im Stande waren, zu wiſſen, wie lange ſie in dieſer verödeten Gegend herum irren würden. Einer der Leute ward jetzt vorausgeſchickt, um die Gegend auszukundſchaften und wo möglich einen gang⸗ baren Weg ausfindig zu machen. In der Zwiſchenzeit ſchritt der Reſt der Partie langſam weiter. Nach Verlauf von drei Tagen kehrte ihr ausgeſchick⸗ ter Kundſchafter wieder zurück, und benachrichtigte ſie, daß der Schlangenfluß gerade unter der Sierra oder dem Bergrücken hinfließe, auf dem ſie ſich befänden; daß er frei von Abgründen ſey, und in nicht großer 69.— 71. 11 — 162— Entfernung in grader Linie vor ihnen läge, daß ſie ihn aber unmöglich erreichen könnten, ohne einen bedeutenden Umweg zu machen. Der einzige Weg, den ſie einſchlagen könnten, wäre der, links über das Gebirg zu gehen. Die Reiſenden lenkten daher ihre Schritte dieſe Anhöhe hinauf, und ihre Erſteigung in lhrem gegenwärtigen, ſchwachen Zuſtande, war einer der ſchwierigſten Theile ihrer mühſeligen Reiſe. Zwei Tage lang kletterten ſie langſam von Fels zu Fels; bei jedem Schritt einen Pfad durch den Schnee für ihre wanken⸗ den Pferde bahnend. Endlich erreichten ſie den Gipfel, wo der Schnee weggeweht war, allein im Herabſteigen auf der andern Seite, ſanken ſie oft tief in den Schnee, der in Vertiefungen und Hohlwegen aufgehäuft lag. Ihre Vorräthe waren jetzt erſchöpft, und ſie und ihre Pferde nahe, vor Ermüdung und Hunger umzu⸗ kommen, als eines Nachmittags, als eben die Sonne hinter einer blauen Linie ferner Gebirge ſinken wollte, ſie an den Rand einer Anhöhe kamen, von welcher ſie das ſchöne Thal Immahah erblickten, das in lächelndem Grün unter ihnen ausgeſtreckt lag. Der Anblick machte ſie beinahe närriſch vor Freude. Hierdurch aufs neue ermuthigt, vergaßen ſie eine zeit⸗ lang ihre Ermüdung und eilten das Gebirg hinab, in⸗ dem ſie ihre ermatteten Pferde nachſchleiften, und ſie * — 165— bisweilen zwangen, dreißig bis vierzig Fuß auf einmal hinabzugleiten. Endlich erreichten ſie die Ufer des Immahah. Das junge Gras begann eben zu ſproſſen, und das ganze Thal gewährte den Anblick des milden, friſchen Grüns und der Ruhe, durch den Contraſt der furchtbaren Re⸗ gion erhöht, aus der ſi ſie eben herabgeſtiegen waren. Zur Vermehrung ihrer Freude bemerkten ſie, an dem Rande des Stromes hin, Phne. von Indianern, die ſie auf die Vermuthung brachten, daß ſich ein Lagerplatz der Nieder⸗Nez⸗percés in der Gegend befände, da ſie in dem gewöhnlichen Bezirke dieſes friedlichen und gaſtfreund⸗ lichen Stammes lag. Die Ausſicht, einen neuen Vorrath von Lebensmit⸗ teln zu erhalten, trieb ſie zu einer neuen Anſtrengung an, und ſie ſetzten ihren Weg ſo geſchwind fort, als es ihr und ihrer Pferde ſchwacher Zuſtand erlaubte. End⸗ lich warf ſ ich einer ſeiner Leute, der mehr erſchöpft als die Uebrigen war, auf das Gras nieder, und erklärte, daß er nicht mehr fort könne. Der Verſuch, ihn wieder auf die Beine zu bringen, war vergeblich; ſein Muth hatte ihn verlaſſen und ſeine Antworten zeigten die hartnäckige Apathie der Verzweiflung. Seine Gefährten blieben daher auf dem Platze lagern, zündeten ein helles Feuer an, und ſuchten nach Wurzeln umher, um ihn wieder zu ſtärken und zu beleben. 11*½ 164= Sie hielten ſämmtlich hierauf eine kärgliche Mahl⸗ zeit, ſetzten ſich aber um das Feuer und fingen an, von den überſtandenen Gefahren und Mühſeligkeiten zu ſpre⸗ chen; ſie ſuchten ſich mit der Ueberredung zu beruhigen, daß Alles jetzt zu Ende ſey, und legten ſich mit der tröſtlichen Hoffnung nieder, daß der folgende Tag ſie in Gegenden bringen werde, wo ſie Ueberfluß fänden. Ein und dreißigſtes Kapitel. Weiterreiſe im Thale— Ein indianiſcher Reiter.— Der Ca⸗ pitän verſinkt in eine Schlafſucht.— Der Patriarch der Nez⸗ percés.— Gaſtfreundliche Bewirthung.— Der Kahlkopf.— Der Tauſchhandel.— Werth eines alten ſchottiſchen Mantels. — Preis eines indianiſchen Geſchenkes.— Die ungeſtörte Ruhe einer Nacht hatte den erſchöpf⸗ ten Wanderer hinlänglich erquickt, um ſeine Reiſe wie⸗ der fortſetzen zu können, und ſie machten ſich jetzt der indianiſchen Spur nach. Bei all ihrer Begierde, ſich Hülfe zu verſchaffen, waren ſie doch in einem ſo ſchwa⸗ chen und erſchöpften Zuſtande, daß ſie nur langſam wei⸗ ter kommen konnten. Auch darf man ſich nicht verwun⸗ dern, daß ſie den Muth beinahe eben ſo verloren hatten, wie ihre Kräfte. Es waren jetzt, am 16. Februar, drei und fünfzig Tage, daß ſie mitten im Winter gereiſ't, und allen Arten von Entbehrungen und Erduldungen ausgeſetzt geweſen waren, und die letzten zwanzig Tage waren ſie in den wilden und öden Labyrinthen des Schneegebirgs herum⸗ geirrt, waren eiſige Abhänge auf und ab geklettert, und faſt vor Kälte und Hunger umgekommen. — 165— Den ganzen Morgen verfolgten ſie die Spur der Indianer, ohne ein menſchliches Weſen zu ſehen, und fingen an, entmuthigt zu werden, als ſie gegen Mittag einen Reiter in einiger Entfernung erblickten. Er kam direct auf ſie zugeritten, als er ſie aber wahrnahm, hielt er ſein Pferd plötzlich an, und machte Halt, und nachdem er ſie eine Zeit lang ſehr ſcharf beobachtet hatte, ſchien er, ſich vorſichtig zurückziehen zu wollen. Sie ſuchten ihm jetzt durch Zeichen ihre friedliche Abſicht zu erkennen zu geben, und ihn mit der größten Aengſtlichkeit zu veranlaſſen, ſich ihnen zu nähern. Er blieb einige Zeit unſchlüſſig, da er ſich aber endlich über⸗ zeugt hatte, daß es keine Feinde waren, ſo kam er auf ſie zugeſprengt. Es war ein ſchöner, phantaſtiſch ausgeſchmückter Wilder, mit ſtolzer Miene, der einen ſehr feurigen Hengſt, mit bunter Schabaracke und prächtigem Geſchirre ritt. Man ſah, daß er ein Krieger von Anſehen unter ſeinem Stamme war. Sein ganzes Benehmen hatte etwas von barbariſcher Würde; er fühlte vielleicht ſeine jetzige Ueberlegenheit in ſeiner Rüſtung, und in dem Muthe ſeines Hengſtes, in Vergleich mit den armen, zerriſſenen und ermatteten Biberfängern und ihren halb verhunger⸗ ten Pferden. Indem er ſich ihnen mit einer Protections⸗Miene näherte, reichte er ihnen ſeine Hand, und lud ſie, in der Nez⸗percé⸗Sprache, nach ſeinem Lager ein, das nur einige — 167— Meilen entfernt war, wo er die Fülle für ſie und ihre Pferde habe, und wo er mit Vergnügen all ſeine gute Dinge mit ihnen theilen wolle. Dieſe gaſtfreundliche Einladung ward mit vielem Vergnügen angenommen. Er verweilte nur einen Au⸗ genblick, um ihnen Nachweiſungen zu geben, wo ſie ſein Lager finden könnten, drehte ſich dann um, ließ ſei⸗ nem feurigen Pferde die Zügel ſchießen, und war bald aus dem Geſichte. Die Reiſenden folgten ihm mit fro⸗ hem Herzen, aber mit Schneckenſchritten, denn ihre armen Pferde konnten kaum ein Bein dem andern nachſchleifen. Den Capitän Bonneville wandelte jetzt jedoch plötz⸗ lich eine Aenderung ſeiner Gefühle an. Bisher hatte die Nothwendigkeit, ſeine Partie anzuführen, und für alle Nothfälle Vorkehrungen zu treffen, ſeinen Geiſt in einer gewiſſen Spannung erhalten und ſein ganzes Weſen auf⸗ geregt und geſtärkt. Er hatte noch niemals den Muth ſinken laſſen, oder war nahe daran geweſen, zu unter⸗ liegen. Jetzt jedoch, wo alle Gefahr vorüber war, wo der Marſch von einigen Meilen ihnen Ruhe und Ueber⸗ fluß brachte, hatte ihn ſeine Thatkraft plötzlich verlaſſen, und ſeine geiſtigen und phyſiſchen Fähigkeiten befanden ſich in einer gänzlichen Abſpannung. Er war noch nicht zwei Meilen von dem Punkte gekommen, wo er die Zuſammenkunft mit dem Häupt⸗ linge der Nez⸗percés gehabt hatte, als er ſich zur Erde niederwarf, ohne Macht und Willen eine Muskel zu — 168— rühren, oder etwas zu denken, und er ſank faſt ſogleich in einen tiefen und traumloſen Schlaf. Seine Gefähr⸗ ten machten abermals Halt, lagerten ſich an ſeiner Seite und brachten hier die Nacht hin. Am nächſten Morgen erwachte Capitän Bonneville ſehr erquickt aus ſeinem langen und tiefen Schlafe, und ſie ſetzten miteinander ihren langſamen Weg fort. Sie waren noch nicht lange auf dem Marſche, als acht oder zehn Nez⸗percés ihnen mit friſchen Pferden entgegen ge⸗ ritten kamen, um ſie nach ihrem Lager zu bringen. So treſſlich beritten, ſchien ihnen ein neues Leben eingegoſ⸗ ſen zu ſeyn, und in ſchnellem Trabe erreichten ſie bald die Zelthütten der Nez⸗percés. Hier fanden ſie zwölf Familien, die unter der pa⸗ triarchaliſchen Regierung eines alten und ehrwürdigen Häuptlings beiſammen lebten. Er empfing ſie mit der Gaſtfreundſchaft des goldenen Zeitalters und mit einem Mahle derſelben Art; denn während er ſeine Arme zu ihrer Bewillkommnung öffnete, beſtand die einzige Mahl⸗ zeit, die er ihnen vorſetzte, aus Wurzeln der Erde. Sie hätten etwas Kräftigeres und Nahrhafteres wünſchen mögen, allein in Ermangelung von etwas Beſſerem ver⸗ ſchlangen ſie dieſe Mahlzeit mit großem Appetit. Nach⸗ dem das Eſſen vorüber war, wurde die beſte Pfeife an⸗ gezündet, und ging im Kreiſe herum, und auch dieſes war ihnen ein ſehr willkommner Luxus, da ſie zwölf 1— 469— Tage vorher Pfeifen und Tabak in dem Gebirge verlo⸗ ren hatten. Während ſie ſich ſo erquickten, wurden ihre Pferde auf die beſten Weideplätze geführt, die in der Nähe wa⸗ ren; wo man ſie los ließ, um ſich an dem friſch aufge⸗ ſchoſſenen Graſe zu letzen, ſo daß ſie eine beſſere Mahl⸗ zeit hatten, wie ihre Herren. Capitän Bonneville fühlte ſich unter dieſem ruhigen, harmloſen Volke wie zu Hauſe. Sein langer Aufent⸗ halt unter ihren Vettern, den Ober⸗Nez⸗percés, hatte ihn mit ihrer Sprache, ihrer Art ſich auszudrücken, und all ihren Gewohnheiten vertraut gemacht. Er fand über⸗ dies bald, daß er ihnen, wenigſtens durch Gerüchte, und die beſtändigen gegenſeitigen Beſuche und Botſchaften zwiſchen den beiden Zweigen des Stammes wohl be⸗ kannt war. Sie redeten ihn bei ſeinem Namen an, gaben ihm ſeinen Titel als Capitän, mit einem franzöſi⸗ ſchen Accente; ſie belegten ihn aber auch bald mit ihrem eigenen Titel, der, wie es bei Titeln der Indianer ge⸗ wöhnlich der Fall iſt, eine eigene Bedeutung hatte. Jener des Capitäns hatte einen etwas wunderlichen Urſprung. Wenn er unter ihnen ſaß, plauderte und rauchte, dann nahm er bisweilen ſeine Mütze ab. Wenn er die⸗ ſes that, ſo erregte dieſes ein Aufſehen in ſeiner Umge⸗ bung. Die Indianer richteten ſich aus ihrer liegenden — 170— Stellung halb auf, und ſahen, mit ihrem gewöhnlichen Ausrufe des Erſtaunens, ſeinen unbedeckten Kopf an. Der würdige Capitän war völlig kahl; eine in ihren Augen ſehr erſtaunliche, Erſcheinung. Sie wußten nicht, ob er in einem Gefechte ſcalpirt worden ſey, oder ob er dieſe Strafe des Krieges durch ein Verhängniß der Natur erhalten habe. In kurzer Zeit ward er bei ihnen, unter ſeinem indianiſchen Namen, bekannt, der den kah⸗ len Häuptling bedeutete. Ein Beiname, bemerkt der Capitän, zu welchem ich in der Geſchichte, ſeit den Tagen Karls des Kahlen, kein ähnliches Beiſpiel finden kann. Obgleich die Reiſenden mit Wurzeln und Tabak be⸗ wirthet worden waren, ſo ſehnten ſich ihre Mägen doch nach etwas Soliderem. Als ſie ſich den Zelthütten der Nez⸗percés näherten, hatten ſie die Hoffnung gehegt, Vildpret und getrockneten Salmen zu erhalten; Träume dieſer Art beſeelten ihre Einbildungskraft und konnten nicht wegbeſchworen werden. Der ſcharfe Appetit eines Gebirgstrappers, durch ein vierzehntägiges Faſten geſtei⸗ gert, überwand endlich alle Bedenklichkeiten ihres Stol⸗ zes, und ſie bettelten geradezu bei ihren gaſtfreundſchaft⸗ lichen Wilden um etwas Fiſch oder Fleiſch. Den Letztern hielt es jedoch ſchwer, ihre ſehr beſchränkten Wintervor⸗ räthe anzubrechen; ſie waren aber bereit, ihnen Wurzeln im Ueberfluſſe zu verſchaffen, die, wie ſie ſagten, vor⸗ trefflich ſchmeckten. - 171— Endlich dachte Capitän Bonneville auf Mittel, ihnen die lang erſehnte Befriedigung zu verſchaffen. Er hatte, ſagt er, einen warmen, ſchottiſchen Mantel bei ſich; einen alten, unſchätzbaren und bequemen Reiſegefährten, der Regen, Schnee und Winde ausgehalten, ohne daß er hierdurch mehr, als etwas von ſeinem früheren Glanze eingebüßt hatte. Dieſer buntfarbige Mantel hatte Be⸗ wunderung auf ſich gezogen, und die Begierde der Krie⸗ ger und Weiber in einem ſehr hohen Grade erregt. Es fiel jetzt dem Capitän Bonneville bei, dieſes regenbogen⸗ farbige Gewand in die ſo erſehnten, ſchmackhaften Spei⸗ ſen zu verwandeln. Es fand ein augenblicklicher innerer Seelenkampf in der Wahl zwiſchen einem alten, guten Bekannten, und der beabſichtigten Befriedigung ihrer Lüſte Statt, und er entſchied ſich zu Gunſten der Letzte⸗ ren, ſagt er, mit einer größeren Eilfertigkeit, als ein richtiger Geſchmack und der wahre Sinn wohl erfordert hätte. In wenigen Augenblicken war ſein ſchottiſcher Man⸗ tel in zahlreiche, längliche Stücke zerſchnitten.„Von die⸗ ſen,“ fährt er fort,„verfertigte ich mit einem, an mir entdeckten, neuen Talente eines Putzmachers, ſchnell Tur⸗ bane à la turque, und andern Kopfputz verſchiedener Art. Dieſe, kluger Weiſe, an ſolche Weiber vertheilt, die in den Augen der patres conseripti das meiſte An⸗ ſehen und den größten Einfluß zu beſitzen ſchienen, brach⸗ ten uns in kurzer Zeit eine Menge getrockneten Salmen und Hirſchherzen ein, von welchen wir ein köſtliches Abendeſſen bereiteten. Ein abermaliges und genügen⸗ deres Schmauchen folgte auf dieſe Mahlzeit, und ein ſüßer Schlaf, hervorgerufen durch die friedliche Unter⸗ haltung mit unſern Pfeifen, lullte uns in die erquickendſte Ruhe, die man nur durch Mühe und Arbeit erlangen kann. Was den Capitän Bonneville anbelangt, ſo ſchlief er in der Baracke des ehrwürdigen Patriarchen, der of⸗ fenbar die unintereſſanteſte Zuneigung zu ihm gefaßt hatte, wie ſich dies an dem folgenden Morgen erwies. Durch ein gutes Abendeſſen geſtärkt, und erquickt vom„Bade der Ruhe“ ſtanden die Reiſenden im Be⸗ griff, ſich wieder auf ihren Weg zu begeben, als dieſer liebreiche alte Häuptling den Capitän bei Seite nahm, um ihm zu erkennen zu geben, wie gern er ihn habe. Als einen Beweis ſeiner Achtung hätte er ſich vorge⸗ nommen, ihm ein ſchönes Pferd zu verehren, was mehr beweiſe, als Worte zu thun vermöchten, und ſein Wohl⸗ wollen außer Zweifel ſetzen müſſe. Indem der dieſes ſagte, gab er ein Zeichen, und alsbald wurde ein ſchönes, junges Pferd, von brauner Farbe, ſich bäumend und ſchnaubend, vorgeführt. Der Capitän Bonneville war durch dieſes Zeichen ſeiner Freundſchaft ziemlich gerührt; allein ſeine Erfahrung in dem, was man ſprüchwörtlich ein indianiſches Geſchenk nennt, erinnerte ihn, daß auch ein Abſchiedsgeſchenk von ihm nothwendig ſey, um ſeine Freundſchaft ſeiner Seits zu beweiſen. Er legte daher eine ſchöne Büchſe in die Hände des ehrwürdigen Häuptlings, deſſen wohlwollen⸗ des Herz durch dieſes äußere und erſichtliche Zeichen der Freundſchaft ſehr gerührt und befriediget ward. Da unſer würdiger Capitän nunmehr glaubte, die Rechnung der Freundſchaft ausgeglichen zu haben, ſtand er im Begriffe, ſeinen Sattel auf dies edle ge⸗ ſchenkte Thier zu legen, als der liebreiche Patriarch ihn bei dem Aermel zupfte, und ihn zu einer alten, wim⸗ mernden und weinenden Squaw führte, deren ver⸗ ſchrumpftes Geſicht einer egyptiſchen Mumie glich. „Dies iſt,“ ſagte er,„mein Weib; ſie iſt ein gutes Weib und ich habe ſie ſehr gern— ſie hat auch das Pferd gern— ſie hat es ſehr gern und wird ſehr wei⸗ nen, wenn ſie es verliert. Ich weis nicht, wie ich ſie tröſten ſoll, und das erſchwert mir das Herz. Was konnte der würdige Capitän thun, um die weichherzige, alte Squaw zu tröſten, und den ehrwürdi⸗ gen Patriarchen einer Gardinenpredigt zu entheben? Er beſann ſich, daß er noch ein Paar Ohrgehänge habe. Des Patriarchen beſſere Hälfte war freilich in einem Alter und von dem Anſehen, wo von einer perſönlichen Eitelkeit keine Rede mehr hätte ſeyn ſollen; allein wann nimmt die perſönliche Eitelkeit ein Ende? In dem Au⸗ genblicke, wo er die glänzenden Ohrgehänge hervor holte, hatte das ewige Wimmern und Weinen der alten Dame — 174— ein Ende. Mit vieler Begierde befeſtigte ſie den koſt⸗ baren Flitter in die Ohren, und ob ſie gleich ſo häßlich war, wie die Hexe von Endor, ſo watſchelte ſie doch ſo kokettirend weg, daß man ſie für eine Semiramis an Vollkommenheit hätte halten ſollen. Der Capitän hatte jetzt ſein neues Pferd geſattelt und ſein Fuß ſtand im Steigbügel, als der liebreiche Patriarch abermals zu ihm hintrat, und ihm einen jun⸗ gen Nez⸗percé vorſtellte, der ein beſonderes ſauertöpfiſches Anſehen hatte.„Dieſer,“ ſagte der ehrwürdige Häupt⸗ ling,„iſt mein Sohn; er iſt ſehr gut, ein geſchickter Reiter—, er verpflegte dieſes ſchöne Pferd immer, er zog es auf von einem Füllen, und machte es zu dem, was es iſt.— Er hat dieſes ſchöne Pferd ſehr gern— er liebt es, wie einen Bruder— das Herz wird ihm ſchwer werden, wenn es das Lager verläßt.“ Was konnte der Capitän thun, um die jugendliche Hoffnung dieſes ehrwürdigen Paars zu belohnen, und ihn für den Verluſt ſeines Milchbruders, das Pferd, zu tröſten? Er beſann ſich, daß er noch ein Beil habe, das er von ſeinem kleinen Vorrathe etwa noch entbehren könne. Er übergab dieſes Werkzeug nicht ſobald den Händen dieſes hoffnungsvollen Jünglings, als ſein Ge⸗ ſicht ſich aufheiterte, und er ſo triumphirend mit ſeinem Beile wegging, als es ſeine ehrwürdige Mutter mit ihren Ohrgehängen gethan hatte. Der Capitän ſaß jetzt im Sattel und war im Be⸗ griff weg zu reiten, als der liebreiche alte Patriarch zum drittenmal zu ihm trat, mit einer Hand ſanft die Mähne des Pferdes ſtreichelte und in der andern die Büchſe hielt. „Dieſe Büchſe,“ ſagte er,„ſoll meine große Medi⸗ zin ſeyn. Ich will ſie an mein Herz drücken und ſie immer gern haben, meines guten Freundes, des kahl⸗ köpfigen Häuptlings halber. Eine Büchſe iſt jedoch für ſich ſtumm, und ich kann ſie nicht ſprechen laſſen. Wenn ich ein wenig Pulver und Kugeln hätte, dann würde ich ſie mit mir nehmen und dann und wann einen Hirſch ſchießen, und wenn ich meiner hungrigen Familie das Fleiſch nach Hauſe brächte, dann würde ich ſagen: die⸗ ſes wurde erlegt mit der Büchſe meines Freundes, des kahlköpfigen Häuptlings, dem ich ein ſchönes Pferd gab.“ Einer ſolchen Anforderung war nicht zu widerſtehen; der Capitän lieferte ihm ſofort das verlangte Pulver und Blei, gab aber zu gleicher Zeit ſeinem geſchenkten Pferde die Sporen, und eilte, was er konnte, um von allen Freundſchaftsbezeugungen des liebreichen alten Patriar⸗ chen und ſeiner liebenswürdigen Familie weg zu kommen. Zwei und dreißigſtes Kapitel. Ein Lager der Nez⸗percés.— Ein Häuptling mit einem ſehr ſchwierigen Namen.— Die großherzigen Menſchen des Oſtens.— Gaſtfreundliche Bewirthung.— Geheimnißvolle Berathun⸗ gen.— Der geſchwäͤtzige Häuptling.— Ein indianiſches Grab.— Großer indianiſcher Empfang.— Ein indianiſches Feſt.— Oeffentlicher Ausrufer.— Ehrlichkeit der Nez⸗percés.— Des Capitäns Verſuch im Heilen.— Dem Laufe des Immahah folgend, erreichten Capitän Bonneville und ſeine drei Gefährten bald die Gegenden des Schlangenfluſſes. Ihr Weg führte ſie jetzt über eine Reihe ſteiler und zerſtreuter Hügel mit tiefen Thä⸗ lern. Am zweiten Tage, nachdem ſie Abſchied von dem liebreichen alten Patriarchen genommen hatten und eben in eines jener tiefen Thäler ſteil hinabſteigen woll⸗ ten, nahmen ſie einen Rauch wahr und kurz hierauf be⸗ kamen ſie ein Lager der Nez⸗percés zu Geſicht. Als die Indianer ſich verſichert hatten, daß es eine Partie weißer Menſchen ſey, die ſich ihnen näherten, be⸗ grüßten ſie ſolche mit einer Salve aus Feuergewehren, und luden ſie in ihr Lager ein. Dieſe Bande ſtand — 177— gleichfalls unter der Regierung eines ehrwürdigen Häupt⸗ lings, Namens Yo⸗mus⸗ro⸗y⸗e⸗cut, ein Name, womit wir unſere Leſer nicht öfter behelligen wollen, als es noth⸗ wendig iſt. Dieſer alte und ſchwernamige Häuptling bewillkommte den Capitän in ſeinem Lager mit derſelben Gaſtfreundſchaft und demſelben Wohlwollen, das er von Seiten ſeines Vorgängers erfahren hatte. Er erzählte dem Capitän, daß er oft von den Amerikanern und ihren großmüthigen Thaten gehört habe, und daß ſeine Büffel⸗ brüder(die Ober⸗Nez⸗percés) von ihnen immer als den großherzigen Weißen des Oſtens geſprochen hätten, die ſehr gute Freunde der Nez⸗percés wären. Dem Capitän Bonneville ward etwas unwohl bei dem Gedanken, einer ſo großmüthigen, aber koſtſpieligen Benennung entſprechen zu müſſen, und fing an, zu fürch⸗ ten, noch einmal Pfänder der Freundſchaft austauſchen zu müſſen. Er beeilte ſich daher, den alten Häuptling mit ſeinen dermaligen armen Umſtänden bekannt zu machen, und wie wenig von ihm zu hoffen ſey. 1 Er erzählte ihm, daß er und ſeine Gefährten ſich lange unter den Ober⸗Nez⸗percés aufgehalten hätten, daß er ſie ſo lieb gewonnen habe, daß ſie ſich umarmt hätten, und ſie ſich jetzt feſt ans Herz gedrückt hielten. Daß er von ihren Vettern, den Ober⸗Nez⸗percés, ſo viel Gutes von den Nieder⸗Nez⸗percés gehört, daß ihm dies das Verlangen eingeflößt habe, ſie als Freunde und Brüder kennen zu lernen. Daß er und ſeine Gefährten 69.—71. 12 — 178— demnach ein Maulthier mit Geſchenken beladen, und ſich nach dem Lande der Nieder⸗Nez⸗percés aufgemacht hät⸗ ten, daß er aber unglücklicher Weiſe mehrere Tage lang in den Schneegebirgen umhergeirrt wäre, und daß das Maulthier, mit ſammt den Geſchenken, in den Schlangen⸗ fluß geſtürzt und von dem reißenden Strome mit fort⸗ geriſſen worden ſey; daß ſie daher ſtatt mit leichtem Herzen und vollen Händen bei ihren Freunden, den Nez⸗ percés, anzukommen, ſie nackt, hungerig und niederge⸗ ſchlagen angelangt ſeyen, und ſtatt ihnen Geſchenke zu machen, ſie ſich ſelbſt, ihres Unterhalts wegen, auf ſie verlaſſen müßten. „Allein,“ ſo ſchloß er,„wir gehen zu dem Fort der weißen Männer an den Wallah⸗Wallah, und werden bald zurückkehren, und dann werden wir zu unſern Freun⸗ den, den Nez⸗percés, wie die großherzigen Mäner des Oſtens kommen.“ 5 Ob nun der, in dem letztern Theil, ſeiner Anrede, hingeworfene Wink ſeine Wirkung that, oder ob der alte Häuptling in Gemäßheit der gaſtfreundſchaftlichen Ge⸗ fühle handelte, die, dem Capitän zufolge, dem Stamme der Nez⸗percés wirklich eigen ſeyn ſollen, ſo iſt ſo viel gewiß, daß er, als er die dürftigen Umſtände ſeiner Gäſte vernahm, in ſeinen freundſchaftlichen Geſinnungen nicht nachzulaſſen ſchien. Er drang im Gegentheile in den Capitän, bis zum folgenden Tage bei ihm zu ver⸗ weilen, wo er ihn dann mit all ſeinen Leuten bekannt — 179— machen wolle. In der Zwiſchenzeit wolle er ein Füllen ſchlachten, und ihnen das Fleiſch als Mundvorrath mit⸗ geben. Er wolle, wie er ſorgfältig erklärte, ſolches nicht als einen Handelsartikel, ſondern als ein Geſchenk be⸗ trachtet wiſſen; denn er ſähe, daß ſeine Gäſte hungerig, und in der Noth um Lebensmittel ſeyen. Capitän Bonneville gab gerne ſeine Einwilligung zu dieſer gaſtfreundſchaftlichen Anordnung. Das abgezogene Füllen langte zur gehörigen Zeit an; der Capitän be⸗ ſtand aber darauf, daß die eine Hälfte deſſelben für die Familie des Häuptlings aufgehoben werde. Frühzeitig am folgenden Morgen trat die kleine Partie, vom alten Häuptling und einem indianiſchen Wegführer begleitet, ihre Reiſe wieder an. Ihr Weg ging über einen rauhen, von Bergen unterbrochenen, Landſtrich, und die Hügel waren ſchlüpferig vom Eis und Schnee. Auch ihre Pferde waren ſo ſchwach und abgeritten, daß ſie kaum eine jähe Anhöhe hinaufſteigen, oder auf den gefrornen Abhängen feſten Fuß faſſen konnten. 1 Während der ganzen Reiſe waren der alte Häupt⸗ ling und ſein Führer unabläſſig in ihren guten Dienſt⸗ leiſtungen und immer munter, ihnen die beſten Wege aufzuſuchen und ihnen in allen Schwierigkeiten beizu⸗ ſtehen. Wirklich war der Capitän und ſeine Gefährten faſt wegen Allem abhängig von ihren indianiſchen Freunden, denn ſie hatten ihren Tabak und ihre Pfeifen, dieſes große Labſal der Biberfänger, verloren, und nur 12* noch einige wenige Schüſſe Pulver übrig, mit welchen ſie nothwendig Haus halten mußten, um ihre Feuer anzu⸗ zünden. In dem Laufe des Tages hielt der Häuptling mehrere Privatberathungen mit dem Wegführer, und gab offenbare Zeichen von ſich, daß ſie mit irgend einem wichtigen Geheimniſſe beſchäftigt waren. Was es war, das konnte Capitän Bonneville nicht ergründen, auch gab er ſich deshalb keine Mühe. Aus einigen aufge⸗ fangenen Worten vermuthete er jedoch, daß es etwas wäre, wovon ſich der alte Häuptling viel Vergnügen verſprach, und in das er einigermaßen ein Ehre ſetzte, das er aber geheim gehalten wiſſen wollte; er ließ ihn daher ſeine kleinen Pläne unbeläſtigt ausſpinnen. Als ſie am Abend lagerten, hielt der alte Häupt⸗ ling mit ſeinem Geheimenrathe, dem Wegführer, ein an⸗ deres geheimes Zwiegeſpräch, worauf der Bote ſein Pferd beſtieg, und auf eine geheime Sendung abreiſ'te, während der alte Häuptling ſeinen Sitz bei dem Feuer wieder einnahm, und in angenehmen, aber geheimniß⸗ vollen Träumereien ſummend, da ſaß. Am nächſten Morgen ſtiegen die Reiſenden in das Thal des Way⸗lee⸗way, eines beträchtlichen Armes des Schlangenfluſſes, hinab. Hier begegneten ſie dem Weg⸗ führer, der von ſeiner geheimen Botſchaft zurückkehrte. Es wurde abermals eine geheime Conferenz zwiſchen ihm und dem geſchäftigen Häuptling gehalten, der jetzt — 181— mehr als je von Geheim⸗ und Wichtigthuerei aufge⸗ blaſen ſchien. Zahlreiche friſche Fährten und verſchie⸗ dene andere Zeichen gaben dem Capitän Bonneville die Ueberzeugung, daß ein beträchtliches Dorf der Nez⸗percäs in der Nachbarſchaft ſeyn müſſe, da aber ſein würdiger Neiſegefährte, der alte Häuptling, nichts über den Ge⸗ genſtand verlauten ließ, und es einigermaßen mit ſeinen geheimen Operationen in Verbindung zu ſtehen ſchien, ſo richtete er keine Fragen an ihn, ſondern wartete ge⸗ duldig die Entwickelung ſeines Geheimniſſes ab. Auf ihrem Wege kamen ſie an einen kleinen Strom, in welchem ſich zwei oder drei Indianer badeten. Der gute alte Häuptling machte ſogleich Halt, und unterhielt ſich lange mit ihnen. In dem Laufe ſeines Geſpräches wiederholte er ihnen die ganze Geſchichte, die ihm Ca⸗ pitän Bonneville erzählt hatte. In der That ſcheint es ein ſehr geſelliger, mittheilender Mann geweſen zu ſeyn, dem man keinesweges jenes finſter verſchloſſene Weſen zur Laſt legen kann, deſſen man die Indianer im Allge⸗ meinen beſchuldigt. Im Gegentheile liebte er, lange Geſpräche zu halten und zu rauchen. Er war ſichtbar ſtolz auf ſeinen neuen Freund, den kahlköpfigen Häupt⸗ ling, und hatte ſein Vergnügen daran, ſein Lob zu ver⸗ künden und die Macht und den Ruhm der großherzigen Männer des Oſtens hervorzuheben. Nachdem er ſeinen badenden Freunden Alles erzählt, was er auf dem Herzen gehabt hatte, überließ er ſie ihrer Badeluſt, und ging mit dem Capitän und ſeinen Gefährten weiter. Als ſie ſich jedoch dem Way⸗lee⸗Way näherten, fand der alte, mittheilende Häuptling einen andern und ſehr verſchiedenen Gegenſtand, ſeine Beredſamkeit anzu⸗ ſtrengen. An dem Ufer dieſes Fluſſes lag ein einzelner, mit Gras überwachſener, Hügel. Er deutete mit einiger Bewegung nach ihm hin:„Das große Herz und der ſtarke Arm liegen unter dieſem Raſen begraben“, ſagte er. Es war in der That das Grab eines ſeiner Freunde, eines vorzüglichen Kriegers des Stammes, der, bei Ver⸗ folgung einer Kriegspartie der Shoshokoes, die Pferde des Dorfes geſtohlen hatten, auf dieſem Flecke erſchla⸗ gen worden war. Die Feinde nahmen ſeinen Schädel als Trophäe mit fort, allein ſeine Freunde fanden ſeinen Leichnam an dieſem einſamen Orte, und beſtatteten ihn mit, ihre frommen und ehrerbietigen Gefühle bezeichnen⸗ den, Ceremonien, zur Erde. Sie verſammelten ſich um das Grab und trauerten. Die Krieger waren ſtill vor Gram, die Weiber und Kinder bejammerten ihren Ver⸗ luſt mit lautem Wehklagen. Drei Tage lang, ſagte der alte Mann, hielten wir feierliche Tänze für den Todten, und beteten zu dem großen Geiſte, daß unſer Bruder glücklich ſeyn möge in dem Lande der tapfern Jäger und Krieger. Wir tödte⸗ ten hierauf fünfzehn unſerer beſten und ſtärkſten Pferde, um ihm, wenn er in dem Jagdreviere der Glückſeligen — 185— angekommen ſey, zum Gebrauche zu dienen, und nach⸗ dem wir dieſes gethan hatten, kehrten wir bekümmert in unſere Wohnungen zurück. Während der Häuptling noch ſprach, kam ein in⸗ dianiſcher Späher herangeſprengt, übergab ihm ein Pulverhorn, drehte ſich um, und verlor ſich ſchnell wie⸗ der aus dem Geſicht. Die Augen des alten Häuptlings klärten ſich auf, und ſeine Wichtigthuerei kehrte zurück. Sein kleines Geheimniß ſtand im Begriff ſich zu ver⸗ rathen. Er drehte ſich gegen den Capitän um, deutete nach einem nahe liegenden Hügel und benachrichtigte ihn, daß hinter demſelben ein Dorf liege, das von einem kleinen Häuptlinge regiert werde, dem er die Ankunft des kahlköpfigen Häuptlings, mit einer Partie großherziger Menſchen des Oſtens, zu wiſſen gethan habe, um daß er in Bereitſchaft ſey, ſie auf eine ge⸗ ziemende Weiſe zu empfangen. Da unter andern Cere⸗ monien en ſie mit einer Salve aus Feuergewehren zu begrüßen beabſichtigte, ſo hatte er ihnen dieſes Horn voll Pulvir geſchickt, damit ſie die Begrüßung auf eine, ſeiner Wirde angemeſſene Weiſe, erwiedern könnten. Sie marſchirten jetzt zu, bis ſie um die Spitze des Hügels gekommen waren, wo ſich ihnen die ganze Be⸗ völkerung des Dorfes zeigte, die alle auf eine imponi⸗ rende Veiſe und in ihrem ſchönſten Schmucke ausgezo⸗ gen waren. Das Ganze ſah ſehr wunderlich aus, machte aber doch eine beſonders auffallende Wirkung. In der vorderſten Reihe ſah man die Häuptlinge auf⸗ fallend bemalt und geſchmückt, und hinter ihnen folgte der Reſt des Volkes, Männer, Weiber und Kinder. Capitän Bonneville und ſeine Partie nahten ſich langſam, und wechſelten Salutirungsſchüſſe. Die Häupt⸗ linge kamen hierauf einer nach dem andern, und nach ihrem Range und Anſehen auf die Reiſenden zu, um ihnen die Hand der Freundſchaft zu bieten, und traten, einer nach dem andern, wieder ab, ſo bald ſie ſich die Hände gedrückt hatten, um ihren Nachfolgern Platz zu machen. Jene des zweiten Ranges folgten ihnen ſo⸗ dann in der nämlichen Ordnung, bis ihnen alle das Pfand ihrer Freundſchaft gegeben hatten. Dieſe ganze Zeit über blieb, der Sitte gemäß, der Häuptling an der Seite ſeiner Gäſte ſtehen. Wenn ſich welche ſeiner Leute näherten, den er der Freundſchaft oder des Zu⸗ trauens der weißen Menſchen für unwürdig hielt, ſo winkte er ihnen mit der Hand, wegzubleiben, und ſie begaben ſich unterwürfig weg. Wenn Capitin Bonne⸗ ville etwa einen fragenden Blick auf ihn werf, dann pflegte er zu bemerken:„Dies iſt ein böſen Menſch“ oder etwas dieſer Art, und hiermit war die Sache abgethan. 1 Es wurden jetzt Matten, Pfähle und antere Ma⸗ terialien herbeigeſchafft und eine bequeme Zelthütte ward für die Fremden errichtet, worin ſie beſtändig mit Holz und Waſſer und andern Bedürfniſſen verſehen wurden, und alle ihre Effecten wurden in ſichere Verwahrung genommen, auch ihre Pferde abgeſattelt, auf die Weide getrieben und ein Hüther zu ihrer Bewachung aufgeſtellt. Nachdem dies Alles in Ordnung gebracht war, wurden ſie nach dem Hauptgebäude, oder dem Rathhauſe des Dorfes, geführt, wo eine reichliche Mahlzeit oder vielmehr ein Banket ſie erwartete, das alle gaſtronomi⸗ ſche Träume zu verwirklichen ſchien, die ſie während ihres letzten Darbens heimgeſucht hatten; denn hier ſahen ſie nicht allein Fiſche und Wurzeln im Ueberfluſſe, ſondern auch Fleiſch von Hirſchen, Elenthieren und die leckerſten Büffelſtücke. Es iſt unnöthig zu ſagen, mit welcher Gier ſie diesmal über die Mahlzeit herfielen und wie wenig ihre Wirthe nöthig hatten, ihnen, nach dem Prinzip der indianiſchen Gaſtfreundſchaft, das Eſſen aufzunöthigen. . Als die Mahlzeit vorüber war, folgten lange Ge⸗ ſpräche. Der Häuptling zeigte dieſelbe Neugierde, die man gewöhnlich bei ſeinem Stamme findet, um Nachrichten über die vereinigten Staaten zu erhalten, von denen ſie wenig mehr’ wußten, als was ſie durch ihre Vetter, die Ober⸗Nez⸗percés, erfahren hatten, da ſie faſt ausſchließ⸗ lich mit den britiſchen Handelsleuten der Hudſonsbai⸗Com⸗ pagnie Tauſchhandel trieben. Capitän Bonneville that ſein Beſtes, um die Ver⸗ dienſte ſeiner Nation und die Wichtigkeit ihrer Freund⸗ ſchaft für die rothen Menſchen herauszuheben, worin er — 186— einen geſchickten Beiſtand in ſeinem würdigen Freunde, dem alten Häuptlinge mit dem langen Namen fand, der Alles that, um die großherzigen Menſchen des Oſtens herauszuſtreichen. Der Häuptling und Alle, die gegenwärtig waren, hörten mit der geſpannteſten Aufmerkſamkeit und offen⸗ bar mit dem größten Intereſſe zu; auch waren die wichtigen, alſo erzählten Thatſachen nicht auf die Zuhörer der Zelthütte beſchränkt, denn Ausſpruch nach Ausſpruch wurde zum Beſten des ganzen Dorfes von einem öffent⸗ lichen Ausrufer laut wiederholt. Die Sitte, Alles durch öffentliche Ausrufer zu ver⸗ breiten, iſt nicht allein auf die Nez⸗percés beſchränkt, ſondern beſteht bei noch manchen andern Stämmen. Sie hat ihre Vortheile, wo keine Zeitungen ſind, um die Neuigkeiten des Tages zu verkündigen oder zu berichten, was in wichtigen Zuſammenkünften vorgeht. In der That ſind ſolche mündlich gemachten Berichte, die vor allen Parteien gegeben werden, und auf der Stelle widerſprochen und berichtigt werden können, mehr geeig⸗ net, das Publikum genauer zu unterrichten, als jene, die durch die Preſſe verbreitet werden. Der Dienſt eines öffentlichen Ausrufers wird ge⸗ wöhnlich von einem alten Manne verſehen, der wenig mehr zu etwas anderem taugt. Ein Dorf hat gewöhnlich mehrere dieſer wandern⸗ den Zeitungen, wie ſie von den Weißen genennt werden, — 187— die die Neuigkeiten des Tages auszurufen gehen, Nach⸗ richten von den öffentlichen Berathungen, Expeditionen, Tänzen, Feſten und andern Ceremonien geben und ver⸗ lorne Dinge anzeigen. Wenn, während des Aufenthaltes des Capitäns Bonneville, unter den Nez⸗percés, ein Handſchuh, ein Taſchentuch oder etwas von gleichem Werthe verloren oder verlegt worden war, ſo wurde es von dem Finder in die Hütte des Häuptlings gebracht und von einem der öffentlichen Ausrufer verkündet, daß der Eigenthümer kommen und ſein Eigenthum in Em⸗ pfang nehmen möge. Wie ſchwer iſt es doch, den wahren Character dieſer wandernden Stämme der Wildniß zu ergründen! In, einem neuern Werke haben wir Gelegenheit gehabt, von dieſem Stamme aus der Erfahrung anderer Pelz⸗ händler zu reden, die gelegenheitlich unter ihnen geweſen waren, und ſie als ſelbſtſüchtig, ungaſtfreundſchaftlich, übermäßig in ihren Forderungen und der Dieberei erge⸗ ben ſchildern.*) Capitän Bonneville, der ſich lange unter ihnen aufhielt und wiederholte Gelegenheit hatte, ihren wahren Character kennen zu lernen, ſchildert ſie immer als wohlwollend, gaſtfreundlich, gewiſſenhaft, ehr⸗ lich und vor allen andern Indianern, mit denen er in Berührung gekommen war, ihrer religiöſen Geſinnungen halber merkwürdig. Er iſt in der That ſo enthuſiaſtiſch *) Siehe Aſtoria II. Band, Kapitel 22 — 188— in ihrem Lobe, daß er ſie, ſo unwiſſend und barbariſch, als ſie auch ſonſt rückſichtlich ihrer Lage ſeyn mögen, eines der reinherzigſten Völker der Erde nennt. Einige Kuren, die der Capitän Bonneville in ein⸗ fachen Fällen bei den Ober⸗Nez⸗percés gemacht hatte, waren zu den Ohren ihrer Vetter hier gelangt und hat⸗ ten ihm den Ruf eines großen Mediziners verſchafft. Er war demnach nicht lange in dem Dorfe, als Kranke und Sieche ihre Zuflucht in ſeiner Hütte zu nehmen kamen. Der Capitän fühlte den Werth eines ſo zufällig und ſo wohlfeil erworbenen Rufes, und er bemühte ſich, ihn zu erhalten. Da er zu dem Alter gelangt war, wo ein jeder Menſch aus Erfahrung ſo etwas von einem Arzte wird, ſo ſuchte er aus ſeinen geſammelten weni⸗ gen Kenntniſſen in der Heilkunde Vortheil zu ziehen, und war in zwei oder drei Fällen ſo glücklich, die ein⸗ fältigen Indianer zu überzeugen, daß das Gerücht von ſeinen ärztlichen Talenten nicht übertrieben geweſen war. Der einzige Patient, der ſeiner Kunſt trotzte oder vielmehr jeden Verſuch der Hülfe vereitelte, war eine veraltete Squaw, mit einem Kirchhofshuſten und einem Beine im Grabe. Es war zuſammengeſchrumpft und durch rheumatiſche Uebel unbrauchbar geworden. Dies war ein Fall, der die Grenze ſeiner Kunſt überſchritt; er tröſtete das alte Weib jedoch mit dem Verſprechen, daß er ihr in dem Fort an dem Wallah⸗Wallah etwas zu ihrer Linderung verſchaffen, und es ihr bei ſeiner — 189— Rückkehr mitbringen wolle, mit welcher Verſicherung ihr Mann ſo zufrieden war, daß er dem Capitän ein Füllen verehrte, um als Proviſion für die Reiſe geſchlachtet zu werden; eine Belohnung für ärztliche Bedienung, die dankbar angenommen wurde. Während er unter dieſen Indianern verweilte, fand Capitän Bonneville unerwartet den Eigenthümer eines Pferdes, das er von einem Wurzelgräber an dem Big⸗ Wyer gekauft hatte. Der Indianer bewies zur Ueber⸗ zeugung, daß ihm das Pferd vor einiger Zeit von einem unbekannten Diebe geſtohlen worden war. „Ihr habt es jedoch,“ ſagte der bedachtſame Wilde, nehrlich erhandelt— Ihr ſeyd der Pferde bedürftiger, als ich es bin; darum behaltet es, es iſt Euer— es iſt ein gutes Pferd,— behandelt es gut.“ So brachte Capitän Bonneville, der fortwährend Beweiſe des Wohlwollens und der Großmuth er⸗ hielt, die ſeine entblößte Lage ihm nicht zu erwiedern erlaubte, eine kurze Zeit unter dieſem Volke zu, und überzeugte ſich immer mehr und mehr von ihrem vor⸗ trefflichen Character im Allgemeinen. Drei und dreißigſtes Kapitel. Schilderung der Gegend um den Way⸗lee⸗way.— Ein Surro⸗ gat für den Tabak.— Herrliche Naturſcenen am Schlangen⸗ fluſſe.— Der ſchwatzhafte alte Häuptling und ſein Vetter.— Eine Zuſammenkunft der Nez⸗percés.— Ein geſtohlenes Fell. — Der Sündenbock.— Geheime Berathungen.— Der kleine Häuptling.— Seine Gaſtfreundſchaft.— Des Capitäns Nach⸗ richten von den vereinigten Staaten.— Seine Heilkunde. Als Capitän Bonneville ſeine Reiſe wieder fortſetzte, wurde er von dem nämlichen Wegweiſer der Nez⸗percés begleitet, deſſen Kenntniß von ſeinem Lande, rückſichtlich der Wahl der Routen und Lagerplätze, wichtig war. Auch begleitete ihn noch immer der würdige alte Häupt⸗ ling mit dem langen Namen, der geneigt zu ſeyn ſchien, die Honneurs ſeines Landes zu machen und ihn bei jedem Zweige ſeines Stammes einzuführen. Der Way⸗ lee⸗way, an deſſen Ufern der Capitän Bonneville mit ſeinen Pferden jetzt hinabzog, iſt ein beträchlicher Strom, der einer Reihe erhabener und ſchöner Naturſcenen vor⸗ überfließt. Bisweilen erhob ſich die Landſchaft zu kühnen Gebirgshöhen, von großartigem Character; zu andern Zeiten zog ſie ſich im lächelnden Grün der Wieſen und anmuthig wallenden Thälern längs dem Waſſer hin. — 191— Sie trafen häufig auf ihrem Wege kleine Partien der Nez⸗percés an, bei denen ſie ſich, ohne Ausnahme, aufhielten, um ihnen die Hände zu drücken, und die Alle über ſie und ihre Abentheuer eine große Neugierde zeigten; eine Neugierde, die unfehlbar immer durch die Antworten des würdigen Yo⸗mus⸗ro⸗y⸗e⸗cut, der ſich dienſtfertig zum Sprecher der Partie aufwarf, befrie⸗ diget wurde. Das unaufhörliche Pfeifenrauchen bei den langen Geſprächen dieſes vortrefflichen, aber etwas geſchwätzi⸗ gen alten Häuptlings, erſchöpfte endlich ſeinen Vorrath von Tabak ſo, daß er nicht eine Pfeife mehr hatte, wo⸗ mit er ſeinen weißen Gefährten aushelfen konnte. In dieſer Noth zerſchnitt er die Röhre ſeiner Pfeife in dünne Späne, vermiſchte ſie mit gewiſſen Kräutern, und berei⸗ tete ſich ſo ein aushülfliches Surrogat, um ſeine langen Unterredungen mit dem wohlriechenden Dampfe begleiten zu können.— Wenn die Gegend des Way⸗lee⸗way die Reiſenden durch ihre vermiſchte Anmuth und Größe entzückt hatte, ſo erfüllte ſie jene, deren ſie anſichtig wurden, als ſie noch einmal den Schlangenfluß erreichten, mit Verwun⸗ derung und Erſtaunen. Bisweilen ragten finſtere und ungeheure Felſen, die ſich gleich gigantiſchen Wänden und Zinnen erhoben, über den Fluß hinüber. Sie waren durch weite, gähnende Klüfte getrennt, die für vergangene Erdrevolutionen zu zeugen ſchienen; bisweilen zeigte der — 192— Fluß eine anmuthige Spiegelfläche, zu andern toste er nngeſtümm in reißenden Strömungen und ſchäumenden Cascaden. Hier bildeten die aufgethärmten Felsſtücke die wunderſamſten Klippen und Abgründe, dort folgten ihnen anmuthige, mit dem grünen Wieſenteppich beklei⸗ dete, Thäler. Dieſe ganze wilde und abwechſelnde Gegend wurde von ungeheuern Gebirgen beherrſcht, deren ferne Kuppen in die Wolken ragten. „Die Größe und Originalität der Ausſicht, die ſich mir von allen Seiten darbot,“ ſagt Capitän Bonneville, „kann weder mit dem Pinſel, noch mit der Feder geſchil⸗ dert werden. Nichts, das wir je in andern Regionen erblickt hatten, konnte ſich einen Augenblick in wilder Majeſtät und eindrucksvollem Ernſte mit der Reihe der Scenen vergleichen, die unſere Sinnen hier bei jeder Wendung erſtaunten und uns mit Ehrfurcht und Ent⸗ zücken erfüllten.“ Wirklich müſſen wir nach allem, was wir aus dem vor uns liegenden Journal und den Nachrichten anderer Reiſenden ſchöpfen können, die in der denkwür⸗ digen Unternehmung von Aſtoria in dieſe Gegend ka⸗ men, uns zu der Meinung hinneigen, daß der Schlan⸗ genfluß einer der merkwürdigſten von allen Flüſſen die⸗ ſes Feſtlandes iſt, wegen der Mannigfaltigkeit ſeiner merk⸗ würdigen Naturſcenen. Von ſeinen Quellen in den Felsgebirgen, bis zu ſeiner Vereinigung mit dem Columbiafluſſe, ſchlängelt er ſich über ſechshundert Meilen weit durch die abwechſelndſten Gegenden. In einer vul⸗ kaniſchen Region, mitten unter erloſchenen Kratern und Gebirgen entſpringend, deren Spuren von ehemaligen Feuern Grauen erregen, nimmt er ſeinen Weg durch, ſich weit ausdehnende, Lava⸗Ebenen und Sandwüſten, dringt in große, von romantiſchen und öfters furchtbaren Ab⸗ gründen unterbrochene, und mit ewigem Schnee bekrönte, Sierra's oder Gebirgsketten ein, und ſtrömt zu andern Zeiten durch grüne und lächelnde Wieſengründe, und große Landſchaften von italieniſcher Anmuth und Schön⸗ heit. Die wilde Erhabenheit ſcheint jedoch ſein vorherr⸗ ſchender Charakter zu ſeyn. Capitän Bonneville und ſeine Gefährten hatten ihre Reiſe, den Strom des Schlangenfluſſes hinab, ziemlich weit fortgeſetzt, als der alte Häuptling an dem Ufer ſtill hielt, vom Pferde ſtieg, und ihnen empfahl, ihre Pferde hier graſen zu laſſen, während er einen ſeiner Vetter von einer Gruppe Baracken, die auf der andern Seite des Fluſſes lag, herbei rief. Seiner Aufforderung wurde ſchnell Folge geleiſtet. Ein munterer Indianer, von kräftiger Geſtalt, ſprang in einen leichten Kahn von einem Baumwollholzbaume, ſetzte herzhaft die Ruder in Bewegung, und kam bald den Strom herüber. Als er an das Ufer ſprang, ging er mit fröhliger Miene und offenem Benehmen auf Alle zu und reichte ihnen die Hand im Kreiſe herum. 69.— 71. 13 — 194— Der alte Häuptling, deſſen Namen wir nicht wieder⸗ yolen wollen, ſtellte jetzt dem Capitän Bonneville förm⸗ lich ſeinen Vetter vor, deſſen Name, wie wir mit Be⸗ dauern ſagen müſſen, nicht weniger ſchwierig auszuſpre⸗ chen war, da er Hay⸗ſhe⸗in⸗cow⸗cow hieß. Der Letztere zeigte die gewöhnliche Neugierde, von den Fremden Alles in Erfahrung bringen zu wollen, woher ſie kämen, wohin ſie gingen, den Zweck ihrer Reiſe und die Aben⸗ theuer, die ſie beſtanden hätten. Dieſes Alles wurde nun von dem mittheilenden alten Häuptling ſehr weit⸗ läufig und beredt auseinander geſetzt. Sein Vetter horchte auf dieſe pathetiſchen Mittheilungen über den kahlköpfigen Häuptling und ſeine Landsleute, die hoch⸗ herzigen Männern des Oſtens, mit großer Aufmerkſam⸗ keit, und erwiederte in dem gewöhnlichen Style eines indianiſchen Willkommens. Er bat dann die Partie, bis zu ſeiner Rückkehr zu warten, ſprang in ſeinen Kahn und ſchiffte über den Fluß. Nach einer Weile kehrte er zurück und brachte einen, ihnen ſehr angenehmen, Vorrath von Taback, und einen kleinen Vorrath von Lebensmitteln zu der Reiſe mit. Da er kein Pferd bei ſich hatte, ſo ſtieg er hinter einem der Leute auf, und bemerkte, daß er ſich an dem fol⸗ genden Tage eins verſchaffen werde. Sie trabten jetzt ſehr vergnügt und geſellig mit einander weiter. Nach einigen wenigen Meilen begeg⸗ neten ſie Andern, von demſelben Stamme, unter denen — 193— ſich Einer befand, den Capitän Bonneville und ſeine Gefährten, während ihres Aufenthaltes unter den Ober⸗ Neze reés, kennen gelernt hatten, der ſie mit offenen Armen empfing. In dieſer Gegend befand ſich die Hei⸗ math ihres Wegführers, der, unter vielen Glückwünſchen auf den Weg, Abſchied von ihnen nahm. Dieſe Nacht kehrten ſie in der Hütte eines Nez⸗percés ein, wo ſie den Beſuch von mehreren Kriegern, von der andern Seite des Fluſſes, erhielten, Freunde des alten Häuptlings und ſeines Vetters, welche kamen, um mit den weißen Männern zu ſprechen und zu rauchen. Das Herz des guten alten Häuptlings floß von Wohlwollen über, als er ſich ſo von ſeinen neuen und alten Freunden umgeben ſah, und er ſprach mit mehr Einſicht und Lebhaftigkeit als je. Der Abend wurde in vollkommner Harmonie und guter Laune hingebracht und erſt ſpät am Abend nahmen die Gäſte Abſchied und kehrten über den Fluß zurück. Nachdem, was wir bisher immer nur von der Wür⸗ digkeit und den Tugenden der Nez⸗percés anführen konn⸗ ten, thut es uns leid, einen Umſtand erzählen zu müſ⸗ ſen, der berechnet iſt, einen augenblicklichen Schatten auf ihren Character zu werfen. In dem Laufe dieſes ge⸗ ſelligen und vergnügten Abends, den wir eben erwähnt haben, brachte einer von den Leuten des Capitäns, der etwas Kenner in dieſem Fache war, und gerne Selten⸗ heiten ſammelte, ein kleines Fell hervor, das in den 13* — 496— Augen von Leuten, die mit dem Pelzhandel bekannt ſind, eine große Seltenheit iſt. Es zog die Aufmerkſamkeit der Gäſte jenſeits des Fluſſes, die es einer dem andern mittheilten, es mit Blicken der lebhafteſten Bewunderung betrachteten und für eine große Medizin erklärten, auſ⸗ ſerordentlich auf ſich. Am andern Morgen, als der Capitän und ſeine Leute im Begriff ſtanden, abzureiſen, wurde das köſt⸗ liche Fell vermißt. Es wurde Nachſuchung darnach in der Hütte gehalten, war aber nirgend wo zu finden, und es wurde ſtark gemuthmaßt, daß es von einem der Kenner jenſeits des Stromes entwendet worden ſey. Der alte Häuptling und ſein Vetter waren über das vermuthete Verbrechen ihrer Freunde jenſeits des Waſſers ſehr ungehalten, und riefen ihnen zu, herüber zu kommen, um ſich, wegen ihrer ſchändlichen Aufführung, zu verantworten. Die Andern entſprachen der Aufforde⸗ rung mit aller Schnelle der Unſchuld, und wieſen die Idee, ſich eines ſolchen Vergehens an Einem der groß⸗ herzigen Nation ſchuldig gemacht zu haben, mit Verach⸗ tung von ſich. Alle waren verlegen, wem ſie das Ver⸗ brechen der Entwendung des unſchätzbaren Felles zu⸗ ſchreiben ſollten, als zufällig die Augen der Ehrenmän⸗ ner jenſeits des Waſſers auf einen unglücklichen Hund fielen, der dem Eigenthümer der Hütte gehörte. Es war ein diebiſch ausſehender Hund, allein nicht mehr, als die meiſten indianiſchen Hunde, die, in der Maſſe genommen, — 197— wenig beſſer, als eine Vipernbrut ſind. Dem ſey, wie Jes wolle; er wurde ſogleich beſchuldigt, das fragliche Fell gefreſſen zu haben. Ein beſchuldigter Hund iſt gewöhnlich ein verdamm⸗ ter Hund, und ein verdammter Hund gewöhnlich ein hingerichteter. Dies war gegenwärtig der Fall. Der unglückliche Hund wurde vor Gericht geſtellt, ſeine diebi⸗ ſchen Blicke überwieſen ihn ſeiner Schuld und er wurde von ſeinen Richtern jenſeits des Fluſſes verdammt, auf⸗ gehangen zu werden. Vergeblich, daß die Indianer der Hütte, deren großer Liebling er war, Bitten für ihn einlegten; vergeblich, daß Capitän Bonneville und ſeine Gefährten, ihm das Leben zu ſchenken baten, ſeine Richter waren unerbittlich. Er war zwiefach ſchuldig: erſtlich, daß er ihre guten Freunde, die großherzi⸗ gen Männer des Oſtens beſtohlen, zweitens, daß er die Ehre des Stammes der Nez⸗percés in ein zweifel⸗ haftes Licht geſtellt hatte. Er mußte demnach baumeln und wurde vollends mit Steinen todt geworfen. Nachdem das Todesurtheil der Richter alſo voll⸗ zogen worden war, wurde eine post mortem Unterſu⸗ chung mit dem Körper des Hingerichteten vorgenommen, um ſein Verbrechen auſſer allen Zweifel zu ſetzen, da⸗ mit auch kein Schatten von Argwohn auf der Ehre der Nez⸗percés haften bliebe. Alle Anweſenden waren daher während dieſer Ope⸗ ration auf das Höchſte geſpannt. Der Leichnam des — 198— Hundes wurde geöffnet, die Eingeweide ſtreng unter⸗ ſucht, allein zum Schrecken aller Betheiligten ward auch nicht ein Fetzchen von dem Felle gefunden,— der Hund war unſchuldig hingerichtet worden, Es erhob ſich jetzt ein großes Geſchrei, die Lärmend⸗ ſten waren aber jene vom jenſeitigen Ufer, deren Eiferſucht auf ihren guten Namen ſie jetzt antrieb, durch Schreien ihre Unſchuld zu rechtfertigen. Es war mit der äußer⸗ ſten Schwierigkeit, daß der Capitän und ſeine Gefähr⸗ ten ihre Empfindlichkeit beſchwichtigen konnten, indem ſie das Verſchwinden des Fells auf mannigfache Art zu er⸗ klären ſuchten, bis gar keine Rede mehr davon war, daß das Fell geſtohlen worden ſey. Die Verſammlung brach jetzt auf. Die Krieger kehrten über den Fluß zurück, der Capitän und feine Gefährten ſetzten ihre Reiſe fort; allein dem geſprächi⸗ gen Alten Yo⸗mus⸗ro⸗y⸗e⸗cut war eine zeitlang aller Muth benommen, und er fühlte ſich über das, was eben vorgefallen war, tief gekränkt. Er ritt ſchweigend wei⸗ ter, auſſer daß er dann und wann einem Ausbruche ſeines Unwillens Luft machte, den Kopf ſchüttelte mit der Hand nach dem andern Ufer hinwies, und ausrief: „Schlechte Menſchen! das ſind ſehr ſchlechte Menſchen, dort drüben!“ welchen kurzen Ausbrüchen ſein würdiger Vetter Hay⸗ſhe⸗in⸗cow⸗cow in tief brummendem Tone ſeine Beiſtimmung gab, die ſo viel ſagen wollte, als: Amen. 1 — 199— Nach einiger Zeit klärte ſich das Geſicht des alien Häuptlings wieder auf, und er hielt verſchiedene leiſe Berathungen mit ſeinem Vetter, welche mit der Abreiſe des Letztern endigten, der ſeinem Pferde die Peitſche gab, davon ſprengte, und bald aus dem Geſichte war. In der That näherten ſie ſich jetzt dem Dorfe eines an⸗ dern Häuptlings, der ſich ebenfalls durch einen etwas langen Namen auszeichnete, nämlich: O⸗puſh⸗y⸗e⸗cut, gewöhnlich aber der große Häuptling genannt. Der Vetter war vorausgeſchickt worden, um ihn von ihrer Annäherung zu benachrichtigen; wie zuvor, erſchien ein Herold, der ein Pulverhorn trug, um ſie in den Stand zu ſetzen, die beabſichtigte Salutirung zu beantworten. Es bot ſich ihnen, bei ihrer Annäherung zu dem Dorfe ein ähnliches Schauſpiel dar, wie ſolches in dem Dorfe, des kleinen Häuptling Statt gefunden hatte. Die ganze Bevölkerung ſchien auf den Beinen zu ſeyn, in Linien gereiht, und mit der gewöhnlichen Rückſicht auf Rang und Würde geſchmückt. Sodann kam das Ab⸗ feuern der Gewehre und das Schütteln der Hände, an welcher letzten Ceremonie jeder einzelne Mann, Weib oder Kind mit Theil nahm, denn die Indianer haben die Idee, daß dieſes unter den Weißen zur Eröffnung einer Freundſchaft eben ſo unumgänglich nothwendig ſey, als das Pfeifenrauchen unter den rothen Menſchen. Die Reiſenden wurden jetzt zu dem Banket einge⸗ führt, wo die erwählteſten Speiſen, die das Dorf auf⸗ bringen konnte, in reichem Maße aufgetragen waren. Man unterhielt ſie nachher mit geſchickten Leibesübungen und Pferderennen; in der That ſchien ihr Beſuch in dem Dorfe das Signal eines förmlichen Feſtes zu ſeyn. In der Zwiſchenzeit war ein Zelt von Fellen zu ihrer Un⸗ terbringung aufgeſchlagen worden. Ihre Pferde und ihr Gepäck wurden in Verwahrung genommen, und ſie mit Holz und Waſſer im Ueberfluß verſehen. Sie begaben ſich daher Abends in ihr Quartier, in der Hoffnung, die Ruhe genießen zu können, deren ſie ſo ſehr bedurften. Dieſe ward ihnen jedoch nicht vergönnt. Es warteten hier eine Menge Gäſte auf ſie, alle begierig, eine Pfeife mit ihnen zu rauchen und ſich in ein Geſpräch mit ihnen einzulaſſen. Es wurde ſogleich eine Pfeife angezündet, beſtändig wieder geſtopft, und bis tief in die Nacht brennend erhalten. Wie gewöhnlich, zeigten ſie ſich äußerſt begierig von ihren Gäſten Alles, ihren Begrif⸗ fen Angemeſſene, über die Amerikaner zu erfahren, gegen welche ſie die brüderlichſte Rückſicht bezeigten. Der Capitän bediente ſich in ſeinen Antworten faß⸗ licher Beiſpiele, um Eindruck auf ſie zu machen, und ihnen eine Idee von der Macht ſeiner Nation beizubrin⸗ gen, die ſie veranlaſſen könnte, mit Wohlwollen und Ach⸗ tung alle einzeln Verirrte zu behandeln, die ihnen in den Weg kommen möchten. Auf ihre Frage, wie zahlreich das Volk der verei⸗ nigten Staaten ſey, verſicherte er ſie, daß ſie eben ſo — 201— unzählbar, wie die Grashälmchen in den Prairieen ſeyen, und daß, ſo groß der Schlangenfluß auch wäre, ſie ihn in einem einzigen Tage austrinken würden, wenn ſie an ſeinen Ufern gelagert wären. Auf dieſe und ähn⸗ liche ſtatiſtiſchen Bemerkungen horchten ſie mit geſpannter Aufmerkſamkeit und anſcheinendem, unbedingtem Glauben. Es war in der That eine auffallende Scene. Der Capitän ſaß, in ſeiner Jägerkleidung mit ſeinem kahlen Kopfe, vortragend in der Mitte und ſein Auditorium von Wilden, deren bemalte Geſichter und muskulöſe Geſtal⸗ ten die Flamme beleuchtete, Alle ſtarr und bewegungs⸗ los, wie eben ſo viele Statüen um ihn herum;— mit Ausnahme, wenn die Pfeife umging, eine Frage gethan wurde, oder eine auffallende geographiſche Nachricht mit der Bewegung des Erſtaunens und dem halb unterdrück⸗ ten Ausrufe der Verwunderung und des Vergnügens aufgenommen wurde. Der Ruf des Capitäns, daß er Krankheiten heilen könne, war ihm bis zu dieſem Dorfe gefolgt, und der große Häuptling, O⸗puſh⸗y⸗e⸗cut bat ihn jetzt, ſeine Kunſt an ſeiner Tochter zu verſuchen, die ſeit drei Tagen an Schmerzen litte, für welche die Doctoren der Nez⸗per⸗ cés kein Linderungsmittel finden könnten. Der Capitän fand ſie in den peinlichſten Schmerzen auf einem Lager von Matten hingeſtreckt. Ihr Vater bezeigte ihr die vät er lichſte Liebe und verſicherte den Capitän, daß, wenn er — 202— ſie heilen würde, ihm die Amerikaner am Herzen lie⸗ gen ſollten. Der würdige Capitän bedurfte keiner ſolchen Auf⸗ forderung. Sein wohlwollendes Herz war bereits durch die Leiden des armen Mädchens gerührt worden, und ſein Mitleiden vermehrte ſich bei ihrem Anblicke, denn ſie war erſt ſechszehn Jahre alt, und ungewöhnlich ſchön an Geſtalt und Zügen. Die einzige Schwierigkeit des Capitäns beſtand darin, daß er ihre Krankheit nicht kannte, und daß ſeine mediziniſchen Kenntniſſe von der gewagte⸗ ſten Art waren. Nachdem er einige Zeit darüber nachgedacht hatte, griff er, wie ein Mann, der von einer Menge Zweifel beſtürmt wird, endlich zu einem verzweifelten Mittel. Auf ſeine Anordnung wurde das Mädchen in eine Art von Dampfbad geſetzt, deſſen ſich die Nez⸗percés häufig bedienen, und hierin wurde ſie gehalten, bis es ihr bei⸗ nahe ſchwach wurde. Er gab ihr ſodann eine Doſis Schießpulver in kaltem Waſſer ein und befahl, ſie in Büffelhäute einzuwickeln und mit Pelzen und wollenen Tüchern bedeckt, ſchlafen zu legen. Das Mittel glückte. Am nächſten Morgen war ſie von Schmerzen befreit, aber außerordentlich ſchwach, wo⸗ rauf ihr der Capitän verordnete, einen Napf Füllen⸗ kopfsbrühe zu trinken und ſich einige Zeit diät zu halten. Der große Häuptling war in den Ausdrülken ſeines Dankes für die Wiederherſtellung ſeiner Tochter unbe⸗ — 203— gränzt. Er würde den Capitän noch lange als Gaſt bei ſich behalten haben, allein die Zeit ſeiner Abreiſe war gekommen. Als dem Capitän ſein Pferd zum Aufſteigen gebracht wurde, erklärte der Häuptling, daß ſein Hengſt ſeiner nicht würdig ſey, und ließ eines ſeiner beſten Pferde herbeibringen, das er ihm an ſeiner Stelle zum Geſchenk machte und dabei erklärte, daß es ſein Herz erfreue, hn ſo wohl beritten zu ſehen. Er erwählte hierauf einen jungen Nez⸗percés, um ſeine Gäſte nach dem näch⸗ ſten Dorfe zu begleiten und ſeinen Auftrag, rückſichtlich ihrer, zu überbringen, worauf ſich, beide Theile unter Ausdrücken gegenſeitiger Freundſchaft und Gefühle des Wohlwollens trennten. Das Dampfbad, deſſen wir erwähnt haben, iſt bei den Nez⸗percés häufig im Gebrauche, hauptſächlich der Reinlichkeit wegen. Ihre Schwitzhäuſer, wie ſie ſie nennen, ſind kleine und enge Baracken und der Dampf wird durch Waſſer hervorgebracht, das ſie langſam auf glühende Steine gießen. 3 Indem ſie über die Gränze von O⸗puſh⸗y⸗e⸗cut's Gebit kamen, verließen die Reiſenden das erhabene Tafelland und alle jene wilden und romantiſchen Scenen, die eben beſchrieben worden ſind. Sie kamen jetzt über ein ſanft wogichtes Land von ſolcher Fruchtbarkeit, daß es die entzückende Bewunderung von zweien der Begleiter des Capitäns erregte, einem Kentuckier und — 2094— einem Eingebornen des Ohio⸗Staates. Sie erklärten, daß es jedes Land überträfe, das ſie je geſehen hätten, und riefen oft, was es für ein Vergnügen ſeyn würde, einen ſo fruchtbaren Boden zu pflügen und den Schoß ſeiner Fülle ſich unter der Pflugſchar öffnen zu ſehen. Man übernachtete abermals in dem Dorfe eines Häuptlings, Namens He⸗mim⸗el⸗pily, wo die nämlichen Cermonien Statt fanden, und ihnen die nämliche Freund⸗ ſchaft, wie in dem vorhergehenden Dorfe, erwieſen wurde. Sie nahmen jetzt ihren Lauf nach Weſt⸗Südweſten, durch ein ſchönes, fruchtbares Land, das reicher an Ge⸗ hölzen, als die meiſten Striche war, durch die ſie gekom⸗ men waren. Sie trafen auf ihrem Wege mehrere Banden der Nez⸗perces, von welchen ſie immer mit dem höchſten Wohlwollen behandelt wurden. Innerhalb ſie⸗ ben Tage, nachdem ſie das Gebiet von He⸗mim⸗el⸗pilp verlaſſen hatten, erreichten ſie den Columbiafluß bei dem Fort Wallah⸗Wallah, wo ſie am 4. März 1834 ankamen. Vier und dreißigſtes Kapitel. Das Fort Wallah⸗Wallah.— Sein Commandant.— India⸗ ner in ſeiner Umgebung.— Bemühungen des Herrn Pam⸗ brune zu ihrer Aufklärung.— Religion.— Codex der Geſetze. — Bezirk der Nieder⸗Nez percés.— Camaſch⸗ und andere Wur⸗ zeln.— Pferde der Nez⸗percés— Vorbereitungen zur Abreiſe. — Verweigerung von Lebensmitteln.— Ein Faulenzer und Vielfraß.— Das Fort Wallah⸗Wallah iſt ein, grade oberhalb der Mündung des Fluſſes dieſes Namens, am linken Ufer des Columbiafluſſes gelegener, Handelspoſten der Hudſonsbai⸗Compagnie. Es iſt von Treibholz erbaut und bezweckt die Vertheidigung gegen einen Angriff der Eingebornen. Zu der Zeit, daß Capitän Bonneville dort ankam, beſtand die ganze Beſatzung nur aus ſechs oder acht Mann und der Poſten ſtand unter der Ober⸗ aufſicht des Herrn Pambrune, einem Agenten der Hud⸗ ſonsbai⸗Compagnie. Der größere Poſten und Fort der Compagnie, wel⸗ ches die Hauptniederlage ſeines Handels an dem ſtillen Ocean bildet, iſt das Fort Vancouver, welches, an dem rechten Ufer des Columbiafluſſes, gegen ſechszig Meilen 3 von der See und gerade über der Mündung des Walla⸗ mut liegt. An dieſen Punkt verlegte die Compagnie 1821, nach ihrer Vereinigung mit der Nordweſt⸗Com⸗ pagnie, ihr Etabliſſement von Aſtoria. Capitän Bonneville und ſeine Gefährten wurden von Herrn Pambrune, dem Ober⸗Intendanten mit Höf⸗ lichkeit empfangen; denn ſo feindſelig die Mitglieder der britiſchen Handelsgeſellſchaft auch gegen die Unterneh⸗ mungen amerikaniſcher Handelsleute ſeyn mögen, ſo haben ſie ſich doch immer gegen die Handelsleute ſelbſt ſehr höflich und gaſtfreundlich bewieſen. Das Fort Wallah⸗Wallah iſt von dem Volksſtamme deſſelben Namens, wie von den Skpynſes und den Nez⸗ percés umgeben, die ihre, auf ihren Jagdzügen geſam⸗ melten Pelze und Rauchwaaren dorthin bringen. Die Wallah⸗Wallah ſind ein ausgearteter, geſchwächter Volks⸗ ſtamm. Die Nez⸗percés ſind die zahlreichſten und die umgänglichſten unter den drei eben erwähnten Völker⸗ ſtämmen. Herr Pambrune benachrichtigte den Capitän Bonne⸗ ville, daß er ſich Mühe gegeben habe, die chriſtliche Re⸗ ligion, in der römiſch katholiſchen Form, unter ihnen zu verbreiten, wo ſie offenbar Wurzeln geſchlagen habe, aber verändert und modificirt worden ſey, um ſolche ihrer Idee und Handelsweiſe anzupaſſen; wobei jedoch die Hauptpunkte des Glaubens und ſeine Vorſchriften der Moral feſtgehalten worden wären. Derſelbe Gentle⸗ man hatte ihnen einen Geſetz⸗Codex gegeben, nach dem ſie ſich mit gewiſſenhafter Treue richteten. Vielweiberei, die ſonſt in einer großen Ausdehnung unter ihnen Statt fand, wurde jetzt ſelten zugelaſſen, alle Verbrechen, die der chriſtliche Glaube verwirft, und ſelbſt der Diebſtahl, der ein ſo verzeihliches Laſter unter den Indianern iſt, war neulich, nach dem Ausſpruche eines Häuptlings, mit Hängen beſtraft worden. Gewiß ſcheint eine beſondere Empfänglichkeit für moraliſche und religiöſe Verbeſſerung bei dieſem Stamme vorhanden zu ſeyn, und es möchte ſcheinen, daß ſie einer der ſehr— ſehr Wenigen ſeyen, die durch den Umgang mit weißen Menſchen in Moralität und Sitten zugenommen haben. Die Partie, welche ſie ohn⸗ gefähr zwanzig Jahre vorher, in der von Herrn Aſtor ausgerüſteten Expedition beſuchte, beklagte ſich, über ihre Selbſtſucht, ihre Geldſchneiderei und ihren Hang zu Diebereien. Während des verlängerten Aufenthalts des Capitäns Bonneville waren gerade die entgegenge⸗ ſetzten Eigenſchaften unter ihnen anzutreffen. Die Nieder⸗Nez⸗percés ſtreifen um den Way⸗lee⸗way, Immahah, Jenghies und andere Ströme im Weſten der Gebirge. Sie jagen den Biber, das Elenthier, den Hirſch, den weißen Bären und das Gebirgsſchaf. Auſſer dem Fleiſche dieſer Thiere, bedienen ſie ſich zur Speiſe einer Menge Wurzeln, von welchen einige wohl verdien⸗ ten, in die atlantiſchen Staaten verpflanzt und angebaut — 2908— zu werden. Unter dieſen iſt die Camaſchwurzel, eine füße Wurzel, von der Form und Größe einer Zwiebel, die wirklich köſtlich ſeyn ſoll. Auch die Cowiſch oder Biscuitwurzel, von der Größe einer welſchen Nuß, von der ſie ein ſehr ſchmackhaftes Mehl bereiten, nebſt der Jackap, Aiſiſch, Quako und andern Wurzeln, die ſie dämpfen. 5 Im Auguſt und September halten ſich dieſe In⸗ dianer an den Strömen auf, wo ſie eine große Menge Salmen fangen und trocknen, der, ſo lange er dauert, ihre Hauptnahrung iſt. Im Winter vereinigen ſie ſich in Dörfern, die aus bequemen Hütten oder Baracken gebildet werden, die man mit Matten deckt. Sie find gewöhnlich in Hirſchfelle oder wollene Zeuge gekleidet, ſehr gut bewaffnet, und vor Allen, wegen der Menge ihrer Pferde berühmt, die ſie brennen und dann in Herden in ihren fruchtbaren Ebenen herumſtreifen laſſen. Dieſe Pferde ſind hauptſächlich von der Klepper⸗Race; aber merkwürdig ſtark und ausdauernd. Sie werden in großer Anzahl nach den Niederlaſſungen der Hudſons⸗ bai⸗Compagnie gebracht, und für eine Bagatelle verkauft. Dies iſt die Nachricht, die uns Capitän Bonneville von den Nez⸗percés gibt; die, wenn er ſie nicht mit einem zu unparteiiſchen Auge anſah, gewiß zu den ſanft⸗ müthigſten und minder barbariſchen Völkerſchaften der fernen Wildniß gehören. Sie gaben ihm ohne Unter⸗ ſchied ihren ernſtlichen Wunſch zu erkennen, daß ein — 209— amerikaniſcher Poſten unter ihnen errichtet werden möchte, und erklärten wiederholt, daß ſie mit den Ameri⸗ kanern lieber, als wie mit jedem andern Volke handeln möchten. Capitän Bonneville hatte beabſichtiget, eine zeitlang in dieſer Gegend zu bleiben, um Bekanntſchaft mit den Eingebornen zu machen, Nachrichten einzuziehen, und Verbindungen anzuknüpfen, die für den Handel vortheil⸗ haft ſeyn könnten. Die Verzögerungen, die er jedoch auf ſeiner Reiſe erlitt, nöthigten ihn, ſeinen Aufenthalt zu verkürzen, und ſobald als möglich wieder abzureiſen, um den verabredeten Sammelplatz am Portneuf zur be⸗ ſtimmten Zeit zu erreichen. Er hatte genug geſehen, um ſich zu überzeugen, daß ein amerikaniſcher Handel mit Vortheil nach dieſen Gegenden getrieben werden könne, und er faßte den Entſchluß, bald mit einer ſtär⸗ kern, beſſer zu dieſem Zwecke ausgerüſteten, Partie zu⸗ rück zu kehren.— Da er einiger Lebensmittel zu ſeiner Reiſe bedurfte, ſo wendete er ſich an Herrn Pambrune, um ſolche käuflich von ihm zu erhalten; er fand aber bald den Unterſchied der Behandlung zwiſchen einem Gaſte und einem Nebenbuhler. Der würdige Ober⸗Intendant, der ihm alle mögliche Gaſtfreundſchaft erwieſen hatte, nahm jetzt plötzlich eine finſtere Miene und ernſtes Betragen gegen ihn an, und bemerkte ihm, daß, ſo geneigt er ſich fühle, ihm perſönlich zu dienen, er ſich dennoch durch 69.— 71. 14 ſeine Pflichten gegen die Hudſonsbai⸗Compagnie ver⸗ bunden erachte, nichts zu thun, was den Beſuch anderer Handelsleute unter den Indianern, in dieſem Theile des Landes, erleichtern, oder ermuthigen könne. Er bemühte ſich, dem Capitän Bonneville abzurathen, nach den blauen Gebirgen zurückzukehren, indem er ihn verſicherte, daß dieſes zu dieſer Jahreszeit außerordentlich ſchwierig und gefährlich, wo nicht unmöglich ſeyn würde. Er rieth ihm daher, den Herrn Payette, einen Anführer der Hud⸗ ſonsbai⸗Compagnie zu begleiten, der im Begriff ſtand, mit einer Anzahl von Leuten, auf einem ſicherern Um⸗ wege, den Agenten der Compagnie unter den Obern⸗ Nez⸗percés Vorräthe zu überbringen. Ueber ſeine Weigerung, ihn mit Lebensmitteln zu verſehen, jedoch aufgebracht, und an der Aufrichtigkeit ſeines Rathes zweifelnd, entſchloß ſich Cäpitän Bonne⸗ ville auf dem nähern Wege, durch die Gebirge, zurück⸗ zukehren; ob er gleich ſeinen Lauf einigermaßen ab⸗ weichend von jenem nahm, auf dem er gekommen war, in Folge der Nachrichten, die er von den benachbarten Indianern eingezogen hatte. Von ihren Nez⸗percés⸗Führern begleitet, begab er ſich demnach am 6. März mit ſeinen drei Gefährten auf den Rückweg. Im Anfang ihrer Reiſe kamen ſie wie⸗ der durch mehrere Dörfer der Nez⸗percés, in welcher ſie auf ihrem Hinwege eine ſo wohlwollende Aufnahme ge⸗ funden hatten. Sie wurden immer mit Herzlichkeit em⸗ * pfangen, und es ward Alles gethan, ihnen ihre Reiſe zu erleichtern. Als ſie das Dorf Way⸗lee⸗way verließen, geſellte ſich ein Nez⸗percé zu ihnen, deſſen Geſellſchaft ihnen, der Dankbarkeit und des Wohlwollens halben, das ſie im Allgemeinen für dieſen Stamm hegten, angenehm war. Er wurde aber der kleinen Partie bald zur Laſt, da er ein ſchweigſeliger, tölpiſcher, im höchſten Grade fauler Menſch und ein großer Freſſer war. Den einzigen Be⸗ weis von Verſtand, den er von ſich ablegte war, daß er ſich ſchlau von aller Arbeit loszumachen, und die Mühen Anderer zu benutzen wußte. Wenn er auf dem Marſche war, ſo blieb er immer zögernd hinter den Uebrigen zurück und ließ ihnen die Mühe, den Weg durch alle Schwierigkeiten und Hinderniſſe zu bahnen, um ihnen faul und gemächlich in der Fährte nachzuſchlendern, die ſie durch den Schnee getreten hatten. Wenn ſie des Abends lagerten und Andere beſchäftigt waren, Brenn⸗ holz zu ſammeln, die Pferde zu verſorgen und das Abendeſſen zu kochen, ſo ſetzte ſich dieſer würdige Sancho der Wildniß ruhig und behaglich zum Feuer, plotzte ſein Pfeiſchen, und beäugelte in der Stille, mit gierig ſehn⸗ ſüchtigen Blicken, die wohlſchmeckenden Biſſen, die zum Abendeſſen gebraten wurden. Kam jedoch die Eſſenszeit, dann war er der Thä⸗ tigſte, er ließ ſich hier nicht länger faul finden, und wartete nicht, bis es ihm die Andern zuvorthaten, ſon⸗ 14* — 212— dern legte ſo anhaltend Hand an, daß er die Bemühun⸗ gen ſeiner Tiſchgenoſſen gänzlich zu Schanden machte, ob ſie gleich erfahrene Schüſſelhelden waren, die es ſich nicht leicht zuvor thun ließen. Sie hatten noch keine ſolche Meiſterſchaft im Kauen geſehen, noch eine ſolche wunderbare Magenthätigkeit erlebt, wie bei dieſem unkul⸗ tivirten, gebornen Gaſtronomen. Wenn er ſich endlich, nach mehrmals erneuerten Schüſſelattaquen, voll gepropft hatte, dann wickelte er ſich ein, und legte ſich, ſtarr wie eine Anaconda hin, um langſam bis zum nächſten Mahle wieder zu verdauen. Die Gefräßigkeit dieſes Ehrenmannes diente den darüber erſtaunten Reiſenden anfänglich zur Beluſtigung; ſie wurde aber zum Scherze bald zu viel, da ſie den Fleiſchtöpfen Verheerung drohte, und man ſah ihn bei der Mahlzeit ſchielend für einen Währwolf an, der das Mark der Geſellſchaft zu verzehren beſtimmt ſey. Nur das Gefühl der Dankbarkeit, die ſie gegen dieſe Nation hatten, konnte ſie vermögen, einen ſolchen Gaſt bei ſich zu dulden. Er entledigte ſie aber bald ihrer Verpflichtungen, indem er den Saldo rein aufzehrte. Fünf und dreißigſtes Kapitel. Der uneingeladene Gaſt.— Freie und leichte Manieren.— Späße zum Willkommen.— Ein verlorner Sohn.— Abſchied des Vielfraßes.— Piötzlicher Glückswechſel.— Gefahr eines Be⸗ ſuchs bei armen Verwandien.— Ausplünderung eines Glücks⸗ ritters.— Eine Vagabunden⸗Teilette.— Erſatz des ſehr ſchönen Pferdes.— Beſchwerliche Reiſe.— Der uneingeladene Gaſt und das patriarchaliſche Füllen.— Ein Bettler zu Pferd. — Eine Kataſtrophe.— Abſchied der luſtigen Vagabunden. Als Capitän Bonneville mit ſeinen Leuten eines Abends, im Gebirge, in der Nähe des Schlangenfluſſes gelagert, an ihrem Feuer ſaßen, und ein gutes Abend⸗ eſſen zu ſich nahmen, wurden ſie plötzlich durch den Be⸗ ſuch eines uneingeladenen Gaſtes überraſcht. Es war ein zerlumpter, halb nackter, indianiſcher Jäger, der mit einem Bogen und Pfeilen bewaffnet war, und einen erlegten Bock über ſeine Schulter hängen hatte. Er nahte ſich munteren Schrittes, mit offener, vergnügter Miene, warf ſeinen Bock ab, und ſetzte ſich ohne eine Einladung abzuwarten, zu ihnen an das Eſſen nieder, das er ohne Umſtände verzehren half und ſich rechts und — 214— links lebhaft, auf die ungezwungenſte Weiſe mit Schwaz⸗ zen unterhielt. Kein gewandter und ausgelernter Schma⸗ rotzer einer Hauptſtadt hätte ſich geſchickter benehmen können. Die Reiſenden waren anfänglich ganz überraſcht, und konnten nur die Leichtigkeit bewundern, womit die⸗ ſer zerlumpte Cosmopolite ſich mit ihnen vertraut ge⸗ macht hatte. Während ſie aufſtanden, ließ er ſich die Mahlzeit gut ſchmecken, zu der er ſo zufällig gekommen war und griff, von der Spitze ſeiner Naſe bis hinter die Ohren mit Fett beſchmiert, bald tief in die Schüſſel. Als ſich die Geſellſchaft von ihrem Erſtaunen er⸗ holte, wurde ſie über dieſe Zudringlichkeit etwas ärger⸗ lich. Ihr uneingeladener Gaſt war, gegen die Gewohn⸗ heit ſeines Stammes, eben ſo ſchmutzig als zerlumpt, und ſie fanden keinen Geſchmack an einem ſolchen Tiſch⸗ genoſſen. Sie ſchöpften ihm daher eine reichliche Por⸗ tion auf ein Stück Rinde, das ſtatt einer Schüſſel diente und baten ihn, ſich hierauf zu beſchränken, ſtatt in der Schüſſel herumzufahren. Er fügte ſich hierin auf das willigſte und fuhr fort zu eſſen und zu ſchwatzen, zu lachen und ſich zu be⸗ ſchmieren, bis ſein ganzes Geſicht vom Fett und guter Laune glänzte. Im Laufe der Mahlzeit wurde ſeine Aufmerkſamkeit auf die Geſtalt des Gaſtronomen gelenkt, der wie gewöhnlich ſtumm und ſauertöpfiſch da ſaß, und ſich voll propfte. Ein ihm zugeworfener komiſcher Sei⸗ — 215— tenblick bewies, daß er ihn etwa von früherher kannte, oder daß er ſeinen Character ſogleich auffaßte. Er machte ihn ſogleich zum Ziel ſeiner Spötteleien und zog ihn mit zwei oder drei ſo witzigen Einfällen auf, daß der träge Dummkopf dazu die Ohren ſpitzte und die ganze Geſell⸗ ſchaft beluſtigt ward. Von dieſer Zeit an, ſtieg der ungeladene Gaſt in ihrer Gunſt; man fing an, an ſeinen Scherzen Geſchmack zu finden, man hielt ſein ſorglos freies und ungezwun⸗ genes Weſen für äußerſt unterhaltend, und am Ende ge⸗ ſtanden die Reiſenden, daß es der luſtigſte Kamerad und unterhaltendſte Vagabund wäre, den ſie in der Wildniß angetroffen hätten. Nach dem Abendeſſen erklärte der furchtbare She⸗ wee⸗ſche⸗ouaiter, denn dieſes war der einfache Name, unter dem er ſich ankündigte, ſeine Abſicht, die Geſell⸗ ſchaft ein oder zwei Tage zu begleiten, wenn ſie nichts dagegen einzuwenden hätte, und um ſeine Zudringlich⸗ keit wieder gut zu machen, verehrte er ſeinen geſchoſſe⸗ nen Bock als Anwartſchaft auf ſeine Jägertalente. Er hatte jetzt den durch ſeine erſte Erſcheinung ge⸗ machten ungünſtigen Eindruck ſo völlig verwiſcht, daß er in dem Lager gerne geſehen ward, und der Nez⸗percé⸗ Wegweiſer ſich anheiſchig machte, ihn über Nacht unter⸗ zubringen. Bei Tagesanbruch am nächſten Morgen, lieh er ſich eine Flinte, und begab ſich in das Gebirg; auch ſah man ihn nicht wieder, als einige Minuten nach⸗ — 216— dem die Partie ihr Nachtlager aufgeſchlagen hatte, wo er ſich wieder in ſeiner gewöhnlichen freien und ſorglo⸗ ſen Manier einſtellte, und ein anderes treffliches Stück Rothwild abwarf, das er ziemlich weit auf ſeinem Rük⸗ ken getragen hatte. Dieſen Abend beluſtigte er die ganze Partie, ſund ſeine offene, mittheilende und von aller Verſtellung ſreie Sinnesart ſetzte ſie bald in Kenntniß ſeiner Geſchichte. Er war eine Art von verlornem Sohne ſeines Dorfes, der locker in die Tage hinein lebte und die Vorſchriften und ernſten Ermahnungen des Häuptlings nicht achtete. Er war demzufolge aus dem Dorfe gejagt worden, durch dieſe Verbannung aber keineswegs entmuthigt, hatte er ſich zu den Gränz⸗Indianern begeben, und auf das Un⸗ gewiſſe hin, ein herumſchweifendes Leben geführt, das in völliger Uebereinſtimmung mit ſeiner, um die Zukunft unbekümmerten, Laune ſtand, ſo lange er etwas in der Gegenwart hatte; da er keinen Nahrungsmangel fürchtete, ſo lange er Jagdwerkzeuge beſaß, und ein gutes Jagd⸗ revier hatte. Da Capitän Bonneville einen erfahrnen Jäger an ihm fand, und ihm ſeine Sonderbarkeit, ſein ſeltſamer und luſtiger Humor geſiel, ſo ſtattete er ihn als den Nimrod der Partie, dem alle bald ſehr zugethan wur⸗ den, ſchön aus. Einen der erſten und ausgezeichnetſten Dienſte, die er leiſtete, war jenen unerſättlichen Viel⸗ fraß zu vertreiben, welcher der Partie bisher ſo läſtig — 217— geweſen war. In der That konnte der täppiſche Nez⸗ percé, der gegen jede grobe Behandlung, wodurch ihn die Reiſenden aus ihrer Geſellſchaft zu verdrängen ge⸗ ſucht hatten, völlig unempfindlich geweſen war, den gut⸗ müthigen Spötteleien und Foppereien nicht widerſtehen, womit der witzige She⸗wee⸗ſhe ihn aufzog. Seine Scherze peinigten ihn ſichtbar, und er ſaß blinzelnd da, wie die Eule bei Tageslicht, wenn ſie die ſchadenfrohen Vögel necken und beiſſen. Endlich fand man ſeinen Platz an dem Mittagstiſche leer; es wußte Niemand wann und wohin er gegangen war; er ward aber nicht mehr geſehen, und die reichli⸗ chen Reſte die von der Mahlzeit übrig geblieben, be⸗ wieſen, welch einen großen Freſſer ſie verloren hatten. Die kleine Partie zog jetzt von dieſem Alpe befreit, ver⸗ gnügt weiter; She⸗wee⸗ſhe verſorgte ſie mit Witzen und Speiſen. Er hatte immer eine glückliche Jagd und war immer bereit in dem Lager und auf dem Marſche Dienſte zu leiſten; indeß ſeine Scherzen und Poſſenrei⸗ ßereien, ſelbſt ſein äußerſt komiſches Geſicht, dazu beitru⸗ gen, ſie in guter Laune zu erhalten. Auf dieſe Weiſe reiſ'ten ſie, bis ſie an die Uſer des Immahah kamen, und ſich in der Nähe der Zelthütten der Nez⸗percés lagerten. Hier bekam She⸗wee⸗ſhe plötz⸗ lich den Einfall, ſein Volk zu beſuchen, und ſich ihnen in dem glücklichen Zuſtande zu zeigen, zu dem er ſo plötzlich gelangt war. Er reiſ te demnach eines Mor⸗ * —-— 218— gens in ſeinem Jägeranzuge, und mit allem zu ſeinem Berufe Gehörige wohl ausgerüſtet, ab. Sein munterer, hüpfen⸗ der Gang und die Fröhlichkeit ſeines Geſichtes bewieſen, welche Befriedigung es ihm gewährte, Jene, die ihn in Lumpen aus ihrer Geſellſchaft geſtoßen hatten, zu überraſchen; allein wie verändert war ſein Ausſehen, als er den Abend wieder zu der Partie zurückkehrte. Er kam ins Lager geſchlichen, wie ein gebiſſener Hund mit dem Schwanze zwiſchen den Beinen. Fort war ſein ganzer Putz, er war ſo nackt, wie er geboren wurde, mit Ausnahme eines dürftigen Lappens, der die Stelle eines Feigenblattes vertrat. Seine Mitreiſenden er⸗ kannten ihn anfänglich nicht, ſondern hielten ihn für einen herumſtreichenden Wurzelgräber, der ſich in das Lager ſchleichen wolle; als ſie aber in dieſem dürftigen Zuſtande ihren Hauptſpaßvogel erkannten, den ſie am Morgen ſo ſtolz und fröhlig abreiſen ſahen, ſo konnten ſie ihre Schadenfreude nicht unterdrücken und begrüßten ihn mit lautem und wiederholtem Gelächter. She⸗wee⸗ſhe ließ ſich nicht ſo leicht niederſchlagen, er lachte ſo herzlich mit, als Einer, und ſchien ſeinen Glückswechſel als einen herrlichen Spaß zu betrachten. Capitän Bonneville hielt es jedoch für geeignet, ſeine luſtige Laune zu dämpfen und fragte ihn mit einigem Ernſte, um die Urſache ſeines veränderten Zuſtandes. Er erwiederte auf die offenſte und ſelbſt gefälligſte Weiſe, die man ſich denken kann,„daß er bei ſeinen Vettern — 219— geweſen wäre, die ſehr arm ſeyen, daß ſie vergnügt ge⸗ weſen wären, ihn wieder zu ſehen, aber noch vergnüg⸗ ter über ſein gutes Glück; daß ſie ihn umarmt und ſeine Kleider bewundert hätten: der Eine hätte dies, der An⸗ dere jenes ihm abgebettelt.“ Theils durch die Sorglo⸗ ſigkeit des armen Teufels, theils durch ſeine wirkliche Großmuth war es ſeinen dürftigen Vettern gelungen, ihm all ſeine Kleider und ſeinen Putz auszuziehen, mit Ausnahme des Feigenblattes, mit dem er nach dem La⸗ ger gekommen war. Da Capitän Bonneville ſeine gänzliche Sorgloſigkeit und Mangel an Vorſicht ſah, ſo entſchloß er ſich, ihn in der Hoffnung, daß ihm dieſes eine heilſame Lehre ſeyn werde, ein wenig leiden zu laſſen, und ihm auf keine Weiſe mehr Geſchenke zu machen, während er in der Nachbarſchaft von ſeinen dürftigen Vettern wäre. Es wurde ihm daher ſelbſt überlaſſen, ſich in ſeinem nackten Zuſtande zu helfen, was ihn aber nicht zu be⸗ kümmern, oder auch nur ein Jota von ſeiner guten Laune zu nehmen ſchien. Bei ſeinen müßigen Streifereien, um das Lager“ gelang es ihm, ein Hirſchfell zu erhaltem, in deſſen Mitte er ein Loch ſchnitt, und den Kopf hindurch ſteckte, ſo daß die beiden Enden vornen und hinten herunter⸗ hingen und es einem ſüdamerikaniſchen Poncho, oder dem Waffenrock eines Heroldes ähnlich ſah. Dieſe Enden band er unter den Armen zuſammen und ſtellte ſich in — 220— dieſem Aufzuge noch einmal dem Capitän, mit ſelbſtzu⸗ friedner Miene, vor, als ob er es für unmöglich hielte, daß etwas an ſeinem Putze ausgeſetzt werden könne. Eine kleine Weiterreiſe brachte unſere Reiſenden zu dem kleinen Dorfe der Nez⸗percés, das von dem würdi⸗ gen und liebreichen Patriarchen regiert wurde, der dem Capitän Bonneville das koſtbare Geſchenk eines ſehr ſchönen Pferdes gemacht hatte. Der alte Mann nahm ſie in ſeinem Dorfe noch einmal mit ſeiner gewöhnlichen Herzlichkeit auf und ſeine ehrwürdige Squaw und ſein hoffnungsvoller Sohn, vereinigten ſich in dankbarer Rückerinnerung an das Beil und die Ohrgehänge, mit ihm, in ſeinen freundlichen Bewillkommnungswünſchen. Da der ſo ſehr gerühmte Hengſt, einſt die Freude und der Stolz dieſer intereſſanten Familie, jetzt beinahe durch die Reiſe zu Grund gerichtet, und unfähig war, das vor ihnen liegende Gebirg zu erſteigen, ſo ſtellte ihn Capitän Bonneville dem ehrwürdigen Patriarchen mit erneuertem Danke für ſeine unſchätzbare Gabe zu⸗ rück. Er war etwas erſtaunt, an deſſen Stelle ſogleich ein ſchönes zwei Jahr altes Füllen zu erhalten, ein Er⸗ ſatz, den er, wie er nachmals vernahm, nach der Sitte der Indianer in ſolchen Fällen, als ein Recht hätte in Anſpruch nehmen können. Wir finden nicht, daß wegen dieſes Füllen noch Nach⸗ forderungen gemacht wurden. Dieſes Geſchenk mag da⸗ her als die Folge einer, unter den Indianern für einen hohen Ehrenpunkt angeſehenen, Sitte betrachtet werden; man wird aber bald finden, daß der Erwerb dieſes Füllen ein unglückliches Ereigniß für die Partie war. Während ihres Aufenthaltes in dieſem Dorfe, hatte der Wegweiſer der Nez⸗percés einige Einwohner um den Gebirgsſtrich über welche die Partie kommen mußte, um Rath gefragt. Er ſah jetzt beſorgt aus und gab ſich finſtern Vorahnungen hin. Man hatte ihm geſagt, daß der Schnee in den Gebirgspäſſen ſehr tief läge, und daß ſich ihre Schwierigkeiten im Weitergehen vermehren würden. Er bat den Capitän Bonneville daher, ſo langſam zu reiſen, daß die Pferde in den harten Zeiten, die ſie zu überſtehen hätten, bei Kräften und Muth er⸗ halten würden. Der Capitän überließ ihm die Reguli⸗ rung des Marſches gänzlich und ging, ſich mit der Jagd unterhaltend, ſeiner Partie voraus, ſo daß er gewöhnlich im Laufe des Tages ein oder zwei Hirſche ſchoß⸗ und vor den Uebrigen an dem Platze ankam, den ihm der Führer als Lagerplatz für den Abend bezeichnet hatte. Inzwiſchen folgten die Andern, dem Wegführer auf der Ferſe, und begleiteten den luſtigen Vagabunden She⸗ wee⸗ſhe. Das Naturgewand, das dieſer drollige Menſch trug, ließ alle ſeine untern Theile den beißend kalten Winden des Gebirges ausgeſetzt. Sein Witz war aber nie eingefroren, noch ſein ſonniges Temperament be⸗ wölkt, und ſeine unzähligen Poſſen nnd treffende Witz⸗ — 222— worte verſetzten ſeine Gefährten, indem ſie ſein eigenes Blut in Circulation erhielten, in die trefflichſte Laune. So verſtrich der erſte Tag nach ihrer Abreiſe von dem Patriarchen. Der zweite begann auf die nämliche Weiſe; der Capitän immer voraus, und die übrigen der Partie ihm langſam nachfolgend. She⸗wee⸗ſhe trabte die meiſte Zeit über zu Fuß über den Schnee, indem er ſich durch die angeſtrengte Bewegung, und alle Arten von närriſchen Springen, warm erhielt. Zufällig kam das Füllen des Patriarchen, das man, als an den Sattel noch nicht gewöhnt, frei folgen ließ, in der Höhe ſeiner Narrheiten, in ſeine Nähe, ſo daß er es erreichen konnte. In einem Nu war er auf ſei⸗ nem Rücken, ſchlug ein Schnippchen mit ſeinen Fingern und jauchzte laut vor Vergnügen. Das Füllen, das an eine ſolche Laſt nicht gewöhnt und halb wild von Natur war, fing an, ſich zu bäumen und zu ſchnauben, und ſchlug vorn und hinten aus; endlich ſprengte es in vol⸗ lem Rennen über die gefährlichſten Gründe davon. Da der Weg gewöhnlich an ſteilen Seiten und Ab⸗ hängen der Berge lag, ſo ſchwebten Pferd und Reiter in beſtändiger Gefahr, und entgingen, mehr als einmal, mit genauer Noth, dem Tode. Allein dieſen tollen Wil⸗ den konnte nichts abſchrecken. Er hing, wie ein Pflaſter, berg auf, berg ab, an dem Füllen, in wilder Luſt bel⸗ fernd und ſchreiend. Nie machte ein Bettler zu Pferde einen ſo luſtigen Ritt. Seine Gefährten folgten ihm mit den Augen; bisweilen lachend, bisweilen bei ſeinen waghalſigen Streichen den Athem haltend, bis ſie das Füllen einen plötzlichen Seitenſprung machen und ſeinen Reiter, Hals über Kopf, über einen Abgrund abſetzen ſahen. 7 Es erhob ſich ein allgemeiner Schrei des Schreckens, und Sämmtliche eilten nach dem Flecke. Sie fanden den ar⸗ men Schelm ſchrecklich zerquetſcht und zerſchlagen, unten, zwiſchen den Felſen, liegen. Auch in dieſer Lage hatte ihn ſein luſtiger Humor noch nicht ganz verlaſſen und er mühte ſich über den Schrecken und die Angſt derjenigen zu lachen, die ihm zu Hülfe kamen. Er wurde aus ſei⸗ nem Felſenbette hervorgezogen und ein Bote an den Capitän Bonneville abgeſchickt, ihn von dieſem Vorfalle zu benachrichtigen. Letzterer kehrte in aller Eile zurück und ließ die Partie an dem erſten, bequemen Orte Halt machen. Hier wurde der verwundete Mann auf ein Büffel⸗ fell niedergelegt, und Capitän Bonneville der bei allen Gelegenheiten den Doctor und Wundarzt der Partie machte, ſchritt zur Unterſuchung ſeiner Wunden. Die Hauptwunde war in dem Schenkel, und ſehr lang und tief, ſo, daß ſie bis zum Knochen reichte. Der Cäpitän ließ ſich jetzt eine Nadel mit einem Faden geben und ſetzte ſich in Bereitſchaft, die Wunde zuzunähen, indem er den Patienten ermahnte, ſich der Operation muthig zu unterwerfen. Seine Fröhlichkeit — 224— war jetzt zu Ende, er konnte nun nicht einmal ein ſchwa⸗ ches Lächeln erzwingen, und zuckte bei dem erſten Nadel⸗ ſtich ſo fürchterlich, daß der Capitän gezwungen ward, einzuhalten und ihm eine gute Doſis Alkohol zu verord⸗ nen. Dieſer ſammelte ſeine Geiſter wieder etwas und erwärmte ſein Herz; er behielt jedoch die ganze Zeit der Operation über, ſeine Augen auf die Wunde geheftet; mit gefletſchten Zähnen und einem wunderlich, weiner⸗ lichen Geſichte; wobei er die Naſe bisweilen auf die ihm eigene komiſche Weiſe rümpfte. Als die Wunde zugenäht war, wuſch ſie der Capi⸗ tän mit Rum ab, und verordnete eine zweite Doſis da⸗ von dem Patienten, der über Nacht eingewickelt und ihm gerathen wurde, ruhig zu ſchlafen. Er war jedoch un⸗ ruhig und ängſtlich; und drückte zu wiederholtenmalten ſeine Beſorgniß aus, daß ſein Bein am nächſten Morgen ſo geſchwollen ſeyn werde, daß er nicht mit der Partie weiter reiſen könne; auch beruhigte er ſich nicht eher, als bis ſich der Capitän entſchieden zu Gunſten ſeiner Wünſche ausſprach. Früh am nächſten Morgen kehrte ſeine muntere Laune in etwas zurück, als er fand, daß ſein verwundetes Bein nicht dicker geworden war. Als er es aber verſuchte, daſſelbe zu gebrauchen, fand er, daß er unfähig war, zu ſtehen. Er machte mehrere Verſuche ſich mit der Hoffnung zu ſchmeicheln, daß er dennoch fortkommen könne; endlich aber ſchüttelte er in Verzweif⸗ lung den Kopf, und ſagte, daß, da er nur ein Bein habe, — 2235— Es that einem Jeden der Partie leid, ſich von einem ſo aufgeweckten Geſellſchafter und unter ſo traurigen Um⸗ ſtänden trennen zu müſſen. Er wurde noch einmal ge⸗ kleidet und ausgeſtattet, indem ihm ein Jeder etwas zum Abſchied ſchenkte. Man half ihm ſodann auf ein Pferd, das ihm Capitän Bonneville zum Geſchenk machte, und reiſ'te, nach vielen Aeußerungen gegenſeitigen Wohl⸗ wollens zum Abſchiede, nach ſeinem ehemaligen Wohn⸗ orte ab, um ohne Zweifel noch einmal von ſeinen theuern, aber dürſtigen Vettern ausgeplündert zu werden. es ſau ſeyn würde, die Gebirgsreiſe zu verſuchen.