jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. ——VV Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Ednard Oktmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Teih- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen.. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von den angenommen. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt:—.. für wöchentlich— 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 3—— auf 1 Monat: p wer.— Pf. 1 Wer. 50 f. 2 wer.— Pf. „ 3 4 4 5. Auswärtige Abonnenten baben fur Hin⸗ und Zuruͤckſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. din beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern dc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defeete Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, de das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattſinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben ——-—-— AA n tene Waſhington Irv ing's ſammtliche Werke. Abentheuer des Capitäns Bonneville. Erſter Theil. 3 Frankfurt am Main, 1837. Verlag von J. D. Sauerländer. Abentheuer des Capitäns Bonneville oder Secenen jenſeits der Felsgebirge des fernen Weſtens. Von Waſhington Irving. Aus dem Engliſchen von F. I. Rhode. Erſter Theil. d à Frankfurt am Main, 1837.* Verlag von J. D. Sauerländer. V — —õ— Einleitun g. Während ich damit beſchäftigt war, die Geſchichte der großen Unternehmung, der Gründung von Aſtoria, zu ſchreiben, ſuchte ich mir alle mögliche mit dem Gegen⸗ ſtand zuſammen hängende mündliche Belehrungen zu ver⸗ ſchaffen. Nirgends erhielt ich intereſſantere Nachrichten, als an der Tafel von John Jacob Aſtor, der als Pa⸗ triarch des Pelzhandels in den vereinigten Staaten, ge⸗ wöhnlich mehrere Perſonen abentheuerlichen Schlages an ſeinem Tiſche bewirthete, von denen Einige an ſeiner großen Unternehmung Theil genommen hatten. Andere hatten für ihre eigene Rechnung Streifzüge nach den Felsgebirgen und dem Columbiafluſſe unternommen. Einer dieſer Perſonen, die ich beſonders lieb ge⸗ wann, war Capitän Bonneville von der Armee der ver⸗ einigten Staaten, der auf einer Art von herumſtreiche⸗ riſcher Unternehmung dem Soldaten den Biberfänger und Jäger ganz eigenthümlich aufgeprägt hatte. Da ſeine Streifzüge und Abentheuer das Haupt⸗ Thema der folgenden Seiten bilden, ſo wird eine kurze biographiſche Skizze von ihm dem Leſer wohl nicht un⸗ willkommen ſeyn. Capitän Bonneville iſt von franzöſiſcher Herkunft. Sein Vater war ein würdiger, alter Emigrant, der vor langen Jahren in dieſes Land gekommen war, und ſeinen Wohnſitz in Neu⸗York aufgeſchlagen hatte.— Er wird als ein Mann dargeſtellt, der für das ſchmutzige Ringen einer geldgierigen Welt nicht ſehr gemacht war; allein ein glückliches Temperament, eine herrliche Einbildungskraft und eine Einfachheit des Her⸗ zens beſaß, die ihn befähigten, ihren Prüfungen und Anfechtungen zu widerſtehen. Er war ein wohl unterrichteter, mit den lateiniſchen und griechiſchen Autoren wohlbekannter Mann, der die neuern Claſſiker vorzüglich liebte. Sein Buch war ſein Elyſium; war er einmal in ſeinen Voltaire, oder Cor⸗ neille, Racine oder ſeinen engliſchen Lieblings⸗Schrift⸗ — ſteller Shakespeare vertieft, dann vergaß er die Welt mit all ihren Freuden und Leiden. Man ſah ihn oft bei heiterem Sommerwetter, unter einem der Bäume der Batterie, oder dem Portiko der St. Pauls⸗Kirche in Broadway mit entblößtem Haupte und den Hut an ſeiner Seite liegend ſitzen. Seine Augen waren auf ſein Buch geheftet, und er ſo ganz mit ſich ſelbſt be⸗ ſchäftigt, daß er weder auf die Zeit noch die Vorüber⸗ gehenden Acht hatte. Capitän Bonneville hatte, wie man finden wird, etwas von ſeines Vaters Gutmüthigkeit und ſeiner reizbaren Einbildungskraft geerbt, obgleich Letztere in früheren Jahren durch mathematiſche Studien gezügelt worden war. Er wurde in unſerer National⸗ Militär⸗Academie zu Weſt⸗Point erzogen, wo er ſeine Studien rühmlich abſolvirte, und von wo aus er in die Armee trat, in welcher er ſeitdem verblieben iſt. Die Natur unſers Militärdienſtes führte ihn nach der Gränze, wo er, eine Reihe von Jahren hindurch, ſeinen Stand⸗ ort auf verſchiedenen Poſten des fernen Weſtens hatte. 4 Hier kam er in häufige Berührung mit den indianiſchen Pelzhändlern, Biberfängern der Felsgebirge, und andern Streifern der Wildniſſe und wurde von ihren Schilde⸗ rungen ſo wilder Naturſcenen und Abentheuer, und ihren Erzählungen von ſich weiterſtreckenden, herrlichen und noch unerforſchten Gebieten ſo hingeriſſen, daß ein Zug nach den Felsgebirgen ſein ſehnlichſter Wunſch und die Unternehmung, jene noch unbetretenen Länderſtriche zu erforſchen, der Hauptgegenſtand ſeines Ehrgeizes wurde.. Nach und nach ſuchte er jene ſchwankende Sehnſucht ſeiner Tagsträume zu verwirklichen. Nachdem er ſich mit den Erforderniſſen einer Handelsunternehmung jen⸗ ſeits der Gebirge bekannt gemacht hatte, entſchloß er ſich, ſeinen Plan in Ausführung zu bringen. Auf ſein Erbieten, den öffentlichen Nutzen mit ſeinen Privat⸗Ab⸗ ſichten zu verbinden, und ſiatiſtiſche Notizen über jene unbebauten Länder und wilden Völkerſtämme, die er auf ſeinen Wanderungen antreffen könne, für das Kriegs⸗ Departement zu ſammeln, erhielt er einen Urlaub, mit der Sanction zu ſeiner Expedition, von dem befehligen⸗ den General⸗Major. Es fehlte jetzt nichts zur Ausfüh⸗ rung des Lieblings⸗Projectes des Capitäns, als die Mittel und Wege. Die Ausrüſtung zu dem Zuge er⸗ forderte viele tauſend Dollars, was ein abſchreckendes Hinderniß für einen Soldaten war, deſſen Capital ſelten in etwas mehr als einem Schwerte beſteht. Voll jedoch ooon jenen feurigen Hoffnungen, die einem ſanguiniſchen Temperamente eigen ſind, begab er ſich nach Neu⸗York, länder daſelbſt befanden, und die einen ſo großen Schmerz — 1Xx— dem großen Herde des amerikaniſchen Unternehmungs⸗ geiſtes, wo immer Fonds zu Entwürfen vorhanden ſind, ſo chimäriſch oder romantiſch ſie auch ſeyn mögen. Hier hatte er das Glück, einen Gentleman von hohem Anſehen und großem Einfluſſe anzutreffen, der in Kinderjahren ſein Spiel⸗Kamerade geweſen war, und noch die alte Schulfreundſchaft für ihn hegte. Er nahm ſich der Pläne des Capitäns an; führte ihn bei mehre⸗ ren Handelsleuten von ſeiner Bekanntſchaft ein, und in kurzer Zeit ward eine Geſellſchaft zuſammen gebracht, die die nöthigen Fonds herbeiſchaffte, um die vorgeſchla⸗ gene Maßregel in Ausführung zu bringen. 5 Einer der thätigſten Männer dieſer geſellſchaftlichen Verbindung war Herr Alfred Seton, der in ſeiner frü⸗ hen Jugend eine der Expeditionen des Herrn Aſtor nach ſeinen Handelsniederlaſſungen an dem Columbia⸗ fluſſe begleitet, und ſich durch ſeine Thätigkeit und ſeinen Muth auf einem der innern Poſten ausgezeichnet hatte. Herr Seton war einer jener amerikaniſchen Jünglinge, die ſich zur Zeit der Uebergabe Aſtorig's an die Eng⸗ und Unwillen darüber äußerten, die Flagge ihres Landes herabnehmen zu ſehen. Die Hoffnung, dieſe Flagge noch einmal an den Ufern des Columbiafluſſes aufgepflanzt zu ſehen, mag wohl mit einer der Beweggründe geweſen ſeyn, weshalb er ſich in das gegenwärtige Unternehmen einließ. Alſo unterſtützt und mit allem wohl verſehen, unter⸗ nahm Capitain Bonneville ſeine Reiſe nach dem fernen Weſten und hatte bald die Felsgebirge überſtiegen. Ein Jahr nach dem andern verſtrich, ohne daß er zurückkehrte. Der Termin ſeines Urlaubs war abgelaufen, doch noch keine Nachricht von ihm in dem Haupt⸗Quartier zu Waſhington eingetroffen. Er wurde für wirklich todt oder verloren gehalten, und ſein Name aus der Armee⸗ Liſte geſtrichen. Es war im Herbſte 1835, daß ich auf dem Landſitze des Herrn John Jacob Aſtor zu Hellgate, zuerſt mit dem Capitän Bonneville zuſammen kam. Er war damals, nach einem mehr als dreijährigen Aufenthalte in den Gebir⸗ gen, eben zurückgekehrt, und befand ſich auf ſeinem Wege nach dem Haupt⸗Quartiere, in der Hoffnung, wieder angeſtellt zu werden. Soviel ich von ihm vernahm, hatten ſeine Wanderungen in der Wildniß, ſo ſehr ſie auch ſeine Neugierde und Neigung zu Abentheuern befriedigt hatten, ſeine Glücksumſtände doch nicht ſehr verbeſſert. Gleich Corporal Trim hatte er in ſeinen Feldzügen„ſeinen Gefüh⸗ — r— len Genüge geleiſtet,“ und dieß war Alles. Er hatte in der That zu viel von einem aufrichtigen und offenherzigen Soldaten an ſich und zu viel von dem Temperamente ſeines Vaters geerbt, um einen liſtigen Biberfänger oder knauſerigen Handelsmann aus ihm machen zu können. Im ganzen Weſen des Capitäns lag etwas, das mich für ihn einnahm. Er war wohl gebaut, von mittlerer, unterſetzter Statur, und ein militäriſcher Frackrock von fremdem Schnitte, der den Dienſt geſehen hatte, gab ihm das Anſehen der Feſtigkeit. Sein Geſicht war frei, offen und einnehmend, ſehr von der Sonne gebräunt, und hatte eine etwas franzöſiſche Phyſiognomie. Er beſaß ein freundliches ſchwarzes Auge, eine hohe Stirne, und wenn er ſeinen Hut aufſitzen hatte, den Blick eines Mannes in frohen Jugendtagen; ſowie er aber ſeinen Kopf entblößte, gab ihm ſein kahler Scheitel einige Jahre mehr, als er wirklich hatte. Da ich damals hinſichtlich eines jeden Umſtandes, der mit dem fernen Weſten zuſammenhing, äußerſt neugierig war; ſo richtete ich zahlreiche Fragen an ihn, und erhielt dadurch eine Menge ſo außerordentlich auf⸗ fallende Umſtände, mit einer, mit Beſcheidenheit ver⸗ miſchten Offenheit, in einer ſo gefälligen Manier und —— in einem ſo ſanften Tone mitgetheilt, daß ſolches ſonder⸗ bar gegen die wilde und oft abſchreckende Natur des Inhaltes ſeiner Mittheilungen abſtach. Ihr konntet Euch nur ſchwer überzeugen, daß die ſanftmüthige, ſo ruhig ausſehende Perſon vor Euch, der wirkliche Held der erzählten lebhaften Scenen war. Nach Verlauf von drei, vier Monaten, daß ich mich gerade in der Stadt Waſhington befand, traf ich wieder mit dem Capitän zuſammen, der den langſamen Gang der Betreibung ſeiner Angelegenheiten bei dem Kriegs⸗ gerichte abwartete. Ich fand ihn bei einem Waffenge⸗ fährten, einem Major der Armee, einquartirt. Hier ſchrieb er an einem mit Landcharten und Papieren be⸗ deckten Tiſche, der in der Mitte eines großen Baraken⸗ Zimmers ſtand, das mit indianiſchen Waffen, Trophäen, Kriegsanzügen und mit den Häuten verſchiedener wilden Thiere bunt ausgeſchmückt, und rings mit Abbildungen indianiſcher Spiele und Ceremonien, Kriegs⸗ und Jagd⸗ ſcenen behangen war. Mit einem Worte, der Capitän vertrieb ſich die Langeweile während der Verhandlung ſeiner Angelegenheiten vor Gericht, dadurch, daß er ſich in der Autorſchaft verſuchte, ſeine Reiſe⸗Notizen noch einmal abſchrieb, ordnete und vermehrte. Wenn er ſo — x& ͤ— in ſeinem merkwürdigen Gemache an ſeinem Tiſche ſaß, erinnerte er mich mit ſeinem kahlen Kopfe, von etwas fremdartigem Ausſehen, an einige jener antiken Abbil⸗ dungen von Autoren, die ich in alten ſpaniſchen Werken geſehen habe. Der Erfolg ſeiner Arbeiten war eine Manuſeript⸗ Maſſe, die er nachher zu meiner Verfügung ſtellte, um daſſelbe zur Herausgabe vorzubereiten. Ich fand ſolches voll intereſſanter Züge von dem Leben in dem Gebirge und den ſonderbaren Kaſten und Racen, ſowohl von weißen als von rothen Menſchen, unter denen er ſich aufgehalten hatte. Sie trugen überdieß durchaus den Stempel ſeines eigenen Charakters und ſeiner Gut⸗ müthigkeit, ſowie ſeines wohlwollenden Gemüthes und ſeiner Empfänglichkeit für das Große und Schöne. Das Manuſcript bildete die Haupt⸗Materie zu dem folgenden Werke. Ich habe ſolches gelegenheitlich nur mit einzelnen Thatſachen und Umſtänden verwebt, die ich aus verſchiedenen Quellen ſchöpfte, vorzüglich aus Zeitſchriften und mündlichen Beſprechungen mit mehreren Zeitgenoſſen des Capitäns, die Augenzeugen der, von ihm beſchriebenen, Scenen waren. Auch habe ich dem Ganzen ebenfalls einen Ton und Anſtrich nach den eigenen Beobachtungen gegeben, die ich auf einem Ausfluge in das „ — G— Land der Indianer, jenſeits der Gränze der Civiliſation zu ſammeln Gelegenheit hatte. Das Werk iſt jedoch, wie ich zuvor bemerkte, im weſentlichen die Erzählung des Capitäns, und in vielen ſeiner maleriſcheſten Stel⸗ len bin ich nur wenig von ſeiner eigenen Sprache ab⸗ gewichen. Erſtes Kapitel. Zuſtand des Pelzhandels der Felsgebirge.— Amerikaniſche Unternehmungen.— General Ashley und ſeine Geſellſchafter. — Sublette, ein berühmter Anführer.— Jährliche Zuſammen⸗ künfte in den Gebirgen.— Liſt und Gefahr bei dieſem Handel. — Banden von Trappern, oder Biber⸗(Otter⸗) Fängern.— Indianiſche Banditen.— Krähen und Schwarzfüße.— Berg⸗ bewohner.— Handelsleute des fernen Weſtens,— Charakter und Gewohnheiten der Trapper. In einem ohnlängſt herausgegebenen Werke haben wir Nachricht von dem großen Unternehmen des Herrn John Jacob Aſtor gegeben, einen amerikaniſchen Hauptſtapel⸗ platz für den Pelzhandel an der Mündung des Columbia⸗ oder Oregonfluſſes zu gründen; von dem Fehlſchlagen dieſes Unternehmens durch die Wegnahme von Aſtoria durch die Briten im Jahr 1814, und auf welche Weiſe die Controle des Handels des Columbiafluſſes und was davon abhängt, in die Hände der Nordweſt⸗Compagnie fiel. Wir haben ebenfalls die bedauerliche Sorgloſigkeit der amerikaniſchen Regierung angeführt, daß ſie ver⸗ ſäumte, den Herrn Aſtor zum Schutze der amerikaniſchen Flagge zu verwenden, und ihn mit einer kleinen militä⸗ riſchen Macht zu unterſtützen, um ihn zu befähige 3 — 16— wieder in den Beſitz von Aſtoria bei der Wiederkehr des Friedens zu ſetzen; als der Poſten von der britiſchen Regierung förmlich aufgegeben, obgleich derſelbe von der Nordweſt⸗Compagnie noch immer beſetzt gehalten wurde. Durch dieſe Sorgloſigkeit iſt die Oberherrſchaft in dieſem Landſtrich für die vereinigten Staaten wirklich verloren gegangen, und es wird beiden Regierungen viele Mühe und Schwierigkeiten koſten, die Sachen auf jenen gerechten und richtigen Fuß wieder herzuſtellen, auf den man ſie leicht hätte ſetzen ännen, wenn man dem orſchlage des Herrn Aſtor Gehör gegeben hätte. Wir werden jetzt einige beſondere Umſtände nachfolgender Begebenheiten anführen, um den Leſer bis zu jener Pe⸗ riode hinzuleiten, von welcher wir auszugehen haben, um ihn ſo für die Begebenheiten unſerer Erzählung vor⸗ zubereiten. In Folge der Unthätigkeit und Nachläſſigkeit der amerikaniſchen Regierung, gab Herr Aſtor jeden Gedanken auf, Aſtoria je wieder zu gewinnen, und machte daher keine fernere Verſuche mehr, ſeine Unternehmungen bis jen⸗ ſeits der Felsgebirge auszudehnen, und die Nordweſt⸗ Compagnie betrachtete ſich als die Herrin des Landes. Sie genoſſen die Gewalt, die ſie auf eine etwas er⸗ ſchlichene Weiſe erlangt hatten, nicht lange unbeläſtigt. Es erhob ſich eine heftige Mitbewerbung zwiſchen ihnen und ihren alten Nebenbuhlern der Hudſonsbai⸗ Compagnie, 3 unter großen Koſten und Opfern und bisweilen ſelbſt mit Lebensverluſt fortgeſetzt wurde. Sie endete mit dem Ruin der meiſten Theilhaber der Nordweſt⸗Compagnie und der Verſchmelzung des Reſtes des Etabliſſements im Jahre 1821 in die Geſellſchaft ihrer Nebenbuhler. Von dieſer Zeit an genoß die Hudſonsbai⸗Compagnie das Monopol des indiſchen Handels, von der Küſte des fried⸗ lichen Oceans an, bis zu den Felsgebirgen, und in be⸗ trächtlicher Ausdehnung nach Norden und Süden. Sie verlegten ihre Niederlage von Aſtoria nach Fort Van⸗ couver, einem befeſtigten Poſten auf dem linken Ufer des Columbiafluſſes, ohngefähr 60 Meilen von ſeiner Mündung; von wo ſie ihre innern Poſten verſahen, und ihre Brigaden von Biberfängern ausſandten. Die Felsgebirge bildeten einen mächtigen Schlag⸗ baum zwiſchen ihnen und den vereinigten Staaten, und ihre finſtern und furchtbaren Engpäſſe, ihre felſig unebe⸗ nen Thäler und die großen weſtlichen, durch ihre Ströme bewäſſerten Ebenen, blieben für den amerikaniſchen Bi⸗ berfänger beinahe eine terra incognita. Die Schwierig⸗ keiten, die Herr Henry, von der Miſſouri⸗Compagnie, der erſte Amerikaner, welcher Biber an den Gewäſſern des Columbiafluſſes zu fangen ſuchte, im Jahr 1808 erfuhr, und die furchtbaren Mühſeligkeiten, welche Wil⸗ ſon, P. Hunt, Ramſay Crooks, Robert Stuart und andere unternehmende Aſtorianer auf ihren unglücklichen Expeditionen über die Gebirge zu beſtehen hatten, ſchienen eine Zeit lang von allen Unternehmungen in dieſer 66.— 68. 2 1* 1s Richtung abzuſchrecken. Die amerikaniſchen Pelzhändler begnügten ſich, die Hauptnebenflüſſe des Miſſouri's, den Yellowſtone, und andere Flüſſe und Ströme auf der atlantiſchen Seite der Gebirge auszubeuten, vermieden aber, ſich in jene großen, ſchneegekrönten Sierra's zu wagen. Einer der Erſten, der die Expeditionen jenſeits der Ge⸗ birge wieder aufnahm, war General Ashley von Miſ⸗ ſouri, ein Mann, deſſen Muth und Thaten im Verfolg ſeiner Unternehmungen ihn im fernen Weſten berühmt gemacht haben. In Verbindung mit dem bereits er⸗ wähnten Herrn Henry, legte er 1822 einen Poſten an den Ufern des Yellowſtone⸗Fluſſes an, und in dem fol⸗ genden Jahre drang eine entſchloſſene Bande von Biber⸗ fängern über die Gebirge bis zu den Ufern des Grünen⸗ fluſſes oder Colorado des Weſtens vor, meiſt unter ſeinem indiſchen Namen Seeds⸗ke⸗dee Agie*) bekannt, Dieſer Verſuch wurde von Andern verfolgt und unter⸗ halten, bis man im Jahr 1825 feſten Fuß faßte, und ein vollſtändiges Syſtem des Biberfangs jenſeits der Gebirge organifirte.. Es iſt ſchwer, dem Muthe, der Feſtigkeit und der Beharrlichkeit der Pioniere des Pelzhandels Gerechtigkeit widerfahren zu laſſen, die dieſe früheren Expeditionen *) Der Prairie Hühner Fluß; denn Agie bedeutet in der Sprache der Krähen ſo viel als Fluß. leiteten, und zuerſt ihren Weg durch eine Wildniß bahn⸗ —— — — 10— ten, in der Alles berechnet war, ſie abzuſchrecken und zu entmuthigen. Sie hatten die ſchreckbarſten und ödeſten Gebirge zu überſteigen, öde und pfadloſe Wüſteneien zu durchwandern, die von Menſchen unbewohnt, viel⸗ mehr zuweilen von raubgierigen und grauſamen Wilden unſicher gemacht wurden. Sie hatten keine Kenntniß von dem Lande, das über den Rand ihres Horizonts hinauslag, und mußten ſich erſt belehren, indem ſie wei⸗ terſchritten. Sie erblickten vulkaniſche Ebenen, die ſich rund um ſie ausdehnten und bis zu den Wolken aufge⸗ thürmte Gebirgsketten, die in ewiger Kälte ſtarrten; allein ſie wußten nichts von ihren Engpäſſen, wie man in dieſelben eindringen oder jene überſteigen könne. Sie überließen ſich in gebrechlichen Böten den Flüſſen, ohne zu wiſſen, wohin ihre ſchnelle Strömung ſie führen oder welche Felſen, Sandbänke, oder reiſende Stellen ſie auf ihrer Fahrt antreffen könnten. Sie mußten beſtändig auf ihrer Hut gegen die Gebirgs⸗Völkerſtämme ſeyn, die jeden Engpaß beſetzt hielten, im Hinterhalte auf ihrem Wege lagen, oder ſie in ihren Nachtlagern angriffen; ſo daß man behauptet, daß drei Fünftheile jener beherzten Bande der Trapper oder Biberfänger, die zuerſt in dieſe Region eindrangen, durch die Gewalt der Wilden ge⸗ ffallen ſey. In dieſer wilden und kriegeriſchen Schule ſind eine Menge Anführer gebildet worden, die anfänglich in Dienſten von Ashley ſtanden und nachgehends ſeine 2* 2 Theilhaber wurden; unter welchen wir Smith's, Fitz⸗ patricks, Bridger's, Robert's Campbell's und William Sublette's erwähnen, deren Abentheuer und Thaten ſich der ausſchweifendſten Romantik anreihen. Die durch General Ashley zu Stande gekommene Handelsverbindung unterlag mehreren Veränderungen. Da derſelbe ein hinlängliches Vermögen erworben hatte, ſo verkaufte er ſeinen Antheil und zog ſich zurück; ſein Nachfolger in der Leitung der Geſchäfte war William Sublette: ein Mann, welcher der Erwähnung würdig iſt, wie er auch ſeinen Namen durch ſeine Leiſtungen an der Gränze berühmt machte. Er iſt ein geborner Kentuckier und ſtammt von einer Jägerfamilie ab; da ſein mütterlicher Großvater Oberſt Wheatley, ein Geſell⸗ ſchafter von Boon, einer der erſten Erſpäher des Weſtens, berühmt in den indiſchen Kriegen war, und in einer der Strittigkeiten des„Blutigen Grundes“ getödtet wurde. Wir werden häufige Gelegenheit finden, von dieſem Soublette zu ſprechen und zwar immer zum Lobe ſeines Jägertalentes. Im Jahr 1830 nahm die Geſellſchaft den Namen der Felsgebirgs⸗Pelz⸗Handels⸗Compagnie an, von welcher Capitän Soublette und Robert Camp⸗ vell ausgezeichnete Mitglieder waren. Die glücklichen Geſchäfte dieſer Compagnie erregten indeſſen die Aufmerkſamkeit und den Neid der amerika⸗ niſchen Pelz⸗Handels⸗Compagnie, und führte ſie noch einmal in das Feld ihrer früheren Unternehmungen, Herr Aſtor, der Gründer der Geſellſchaft, hatte ſich von dem thätigen Leben zurückgezogen, und die Geſchäfte der Compagnie wurden von Herrn Ramſay Crooks, vom Schlangenfluſſe her berühmt, geleitet, der noch die Prä⸗ ſidentſchaft bekleidet. Es erfolgte hierauf ein Wettſtreit zwiſchen dieſen beiden Compagnien, um den Handel mit den Gebirgsſtämmen und den Biberfang an den obern Gewäſſern des Columbiafluſſes und der andern großen Strömen, die ſich in den friedlichen Ocean ergießen. Außer dem regelmäßigen Geſchäftsbetrieb dieſer furcht⸗ baren Nebenbuhler, wurden von Zeit zu Zeit vorüber⸗ gehende Unternehmungen, oder vielmehr nur Verſuche von kleineren Geſellſchaften oder waghalſigen Indivi⸗ duen gemacht, wozu ſich noch umherſtreifende Banden unabhängiger Trappers geſellen, die entweder für ſich jagen, oder ſich nur für eine Jagdzeit in die Dienſte der einen oder der andern Haupt⸗Compagnie begeben. Die Folge davon war, daß die Felsgebirge und die weiteren Regionen, von den ruſſiſchen Beſitzungen im Norden an, bis zu den ſpaniſchen Niederlaſſungen Cali⸗ forniens von Banden von Jägern und indianiſchen Händ⸗ lern, nach allen Richtungen hin durchzogen und durch⸗ wühlt wurden; ſo daß es kaum einen Gebirgspaß oder eine Bergſchlucht gibt, die ihnen nicht in ihren raſtloſen Wan⸗ derungen bekannt, oder von ihnen durchdrungen worden wäre, noch irgend einen namenloſer Strom, den nicht ein einzelner Biberfänger beſucht und ausgebeutet habe. Die amerikaniſchen Pelz⸗Handels⸗Compagnien unter⸗ halten jenſeits der Gebirge keine feſten Poſten. Es wird dort Alleg von den daſelbſt reſidirenden Theilhabern beſorgt; das heißt: Theilhabern, die in dem Lande jenſeits der Gebirge wohnen, ſich aber von einem Platze zu dem andern begeben, entweder mit den indianiſchen Stäm⸗ men, deren Handel ſie zu monopoliſiren trachten, oder mit ganzen Truppen ihrer eigenen Leute, die ſie zum Handel oder zum Fangen verwenden. Sie ſchicken in⸗ zwiſchen Banden oder Brigaden, wie ſie ſie nennen, von Biberfängern nach verſchiedenen Richtungen ab, indem ſie jeder derſelben einen gewiſſen Diſtrikt zum Jagen oder zum Fangen anweiſen. In den Monaten Juni und Juli, wo eine Unterbrechung in der Jagd Statt findet, wird eine allgemeine Verſammlung an irgend einem bezeichneten Platze in den Gebirgen gehalten, wo die Geſchäfte des abgelaufenen Jahres durch die dort wohn⸗ haften Theilhaber abgeſchloſſen, und neue Plne für das nächſte Jahr entworfen werden. An dieſen Zuſammenkunfts⸗Ort begeben ſich die verſchiedenen Brigaden der Biberfänger von ihren weit entlegenen Jagddiſtrikten, und bringen die Ausbeute ihres jährlichen Jagdzuges mit. Hierher begeben ſich die in⸗ dianiſchen Stämme, die ihre Pelze der Compagnie ver⸗ handeln. Banden von, freien Biberfängern ſtellen ſich ebenfalls hier ein, um die von ihnen geſammelten Felle — — 25— zu verkaufen, oder ſich für die nächſte Jagdzeit zum Dienſte werben zu laſſen. 3 Nach dieſem Verſammlungsorte ſchickt die Compag⸗ nie jährlich einen Transport neuer Vorräthe aus ihrer Niederlaſſung von der atlantiſchen Gränze, unter Auf⸗ ſicht eines erfahrnen Theilhabers oder Beamten, ab. Von der Ankunft dieſer Sendung hängt der, an dem Ver⸗ ſammlungsorte wohnhafte Theilhaber ab, um für das nächſte Jahr ſeine ganze Maſchinerie in Bewegung zu ſetzen. Da nun die wetteifernden Compagnien ein wach⸗ ſames Auge auf einander haben, und eine jede die Pläne und Bewegungen der andern zu entdecken trachtet, ſo ſuchen ſie gewöhnlich ihre jährlichen Zuſammenkünfte in nicht ſehr großer Entfernung zu halten. Ein heftiger Wettſtreit findet ebenfalls bei der Sendung der gegen⸗ ſeitigen Zufuhren ſtatt, welche zuerſt den Platz ihrer Beſtimmung erreicht. Zu dieſem Endzwecke begeben ſie ſich auf den Weg, ſo wie ſich das Gras auf der atlan⸗ tiſchen Gränzſeite blicken läßt, und machen ſich in aller Eile nach den Gebirgen auf. Diejenige Compagnie, welche zuerſt ihre verführeriſchen Vorräthe von Kaffee, Taback, Schießbedarf, Scharlachtuch, wollenen Decken, bunten Tüchern und glänzenden Spielzeugen anbieten kann, hat die größte Ausſicht, alle Pelze und Felle der Indianer und freien Biberfänger zu erhalten, und ſich ihrer Dienſte für das nächſte Jahr zu verſichern. Sie iſt ebenfalls im Stande, ihre eigenen Biberfänger am — 24— früheſten auszurüſten und abzuſchicken, ſo daß ſie den Vorſprung vor ihren Mitbewerbern gewinnen und am erſten auf den Jagd⸗ und Fang⸗Revieren anlangen. Aus dieſem Wettſtreite im Jagen und Fangen iſt eine neue Art von Liſt entſprungen. Das beſtändige Studiren der wetteifernden Banden iſt: einander zu⸗ vorzukommen und zu überliſten; eine die andere in dem Wohlwollen und der Kundſchaft der indianiſchen Stämme zu verdrängen; eine die Pläne der andern zu durchkreu⸗ zen; ſich einander in den Wegen irre zu führen; kurz, zunächſt ihrem eigenen Vortheile iſt das Streben der indianiſchen Händler dahin gerichtet, ihre Mitbewerber in Nachtheil zu ſetzen. Der Einfluß dieſes wandernden Handels hat ſeine Wirkung auf die Gewohnheiten der Gebirgsſtämme ge⸗ habt. Sie haben gefunden, daß der Biberfang die vor⸗ theilhafteſte Jagd für ſie iſt, und der Handel mit den Weißen hat ihnen Quellen des Luxus eröffnet, wovon ſie vorher keinen Begriff hatten. Sie ſind durch die Einführung der Feuergewehre glücklichere Jäger, zugleich aber auch furchtbarere Feinde geworden. Einige von ihnen, unverbeſſerliche Wilden und von kriegeriſcher Na⸗ tur, haben an den Expeditionen der Pelzhändler vor⸗ theilhafte Gelegenheit zu Beraubungen gefunden. Ban⸗ den von Biberfängern mit ihren Packpferden auf ihren Wegen aufzulauern, und ſie in den felſigen Engpäſſen der Gebirge zu überfallen, iſt bei dieſen Indianern eine eben ſo große Heldenthat geworden, als die Plünderung einer Caravane für den Araber der Wüſte. Die Krähen und Schwarzfüße, die den früheren Reiſenden auf ihrem Wege nach Aſtoria einen ſolchen Schrecken verurſachten, * ſetzen noch ihre räuberiſchen Gewohnheiten fort, ſcheinen ſie aber jetzt ſyſtematiſcher zu betreiben. Sie kennen die Wege und Verſammlungsorte der Biberfänger, wo ſie ihnen auf ihrer Reiſe auflauern ſollen; wo ſie ſolche zur Jagdzeit finden, und ſie in ihren Winterquartieren umſchwärmen können. Das Leben eines Biberfängers iſt daher ein Zuſtand von beſtändigem Kampfe, und er — muß mit den Waffen in der Hand ſchlafen. Es iſt aus dieſem Zuſtand der Dinge ebenfalls noch eine neue Klaſſe von Fängern und Pelzhändlern ent⸗ ſtanden. In den früheren Zeiten der Nordweſt⸗Com⸗ pagnie, als der Handel mit Fellen hauptſächlich an den Ufern von Seen und Flüſſen betrieben wurde, wurden die Expeditionen in Schiffen und Böten gemacht. Die Reiſenden oder Bootleute bildeten die Unteroffiziere und Gemeinen in dem Dienſte der Pelzhändler, und ſelbſt 3 die entſchloſſenen„Männer des Nordens,“ jene großen Raufer und Raubvögel ließen ſich auf ihren Wanderun⸗ gen gerne von Ort zu Ort rudern. Es iſt jetzt eine ganz verſchiedene Klaſſe entſtanden; die„Gebirgsjäger“. Die Handelsleute und Biberfän⸗ ger, welche die hohen Gebirge erſteigen, und ihren ge⸗ fährlichen Beruf mitten in ihren wilden Schluchten ver⸗ folgen. Sie begeben ſich zu Pferde von Ort zu Ort. Dieſe beſtändigen Rittübungen; die Natur des Landes, durch welches ſie kommen; die weiten Ebenen und Ge⸗ birge von reiner und belebender Atmosphäre, ſcheinen eine phyſiſch und geiſtig lebhaftere und beweglichere Gattung von Menſchen aus ihnen gemacht zu haben, als die Pelzhändler und Biberfänger der früheren Tage, die großſprecheriſchen„Männer des Nordens“ waren. Ein Mann, der ein Pferd beſteigt, muß weſentlich ver⸗ ſchieden von dem Manne ſeyn, der ſich in ein Boot kauert. Wir finden ſie demnach entſchloſſen, gewandt, kräftig und thätig; ausſchweifend in Wort, Gedanken und That; ſich nicht um Strapazzen beküämmernd und der Gefahr trotzend; verſchwenderiſch in der Gegenwart und gedankenlos der Zukunft lebend. Einn Unterſchied iſt ſelbſt zwiſchen dieſen Gebirgs⸗ jägern und jenen der niedern Regionen längſt dem Ufer des Miſſouri zu bemerken. Die Letztern ſind gewöhnlich franzöſiſche Creolen, die bequem in ihren Lehm⸗ und Bretterhütten, und vor der Strenge der Jahreszeit wohl geſchützt leben. Sie können ſich oft Vorräthe aus den Niederlaſſungen verſchaffen; ihr Leben iſt im Vergleiche frei von Gefahr, und von dem häufigen Wechſel der höher liegenden Wildniſſe. Die Folge davon iſt, daß ſie minder entſchloſſen, minder unabhängiger und min⸗ der jagdluſtiger als die Gebirgsjäger ſind. Wenn der Letztere auf ſeinem Wege nach und von den Nieder⸗ —— 27— laſſungen durch Zufall unter ſie kommt, ſo iſt er einem Streithahne unter dem gemeinen Geflügel des Hühner⸗ hofs zu vergleichen. Gewöhnt in Zelten oder unter'm freien Himmel zu leben, verachtet er die Bequemlichkei⸗ ten, und ſehnt ſich nach jener, ſeiner Blockhütte. Wenn ſein Mahl nicht zur rechten Zeit fertig iſt, dann nimmt er ſeine Büchſe, begibt ſich nach dem Walde oder der Prai⸗ rie, ſchießt ſein eigenes Wild, zündet ſein Feuer an und kocht ſich ſein Mahl. Mit ſeinem Pferde und ſeiner Büchſe iſt er von der Welt unabhängig und verſchmäht jeden Zwang. Selbſt die Oberaufſeher an den unteren Poſten ſetzen ihn nicht zu Tiſche mit den gemeinen Leu⸗ ten, den Miethlingen der Niederlaſſung, ſondern behan⸗ deln ihn als etwas höheres. Es gibt vielleicht, ſagt Capitän Bonneville, keine Menſchenklaſſe auf der ganzen Erde, die ein angeſtreng⸗ teres, gefahrvolleres und bewegteres Leben führen, und die mehr Liebhaberei mit ihren Beſchäftigungen haben, als die freien Biberfänger des Weſtens. Keine Be⸗ ſchwerde, Mühſeligkeit oder Gefahr, noch irgend eine Entſagung kann den Biberfänger von dem Verfolg ſeines Gewerbes abhalten. Seine Leidenſchaft gleicht zu Zeiten einer Manie. Vergeblich, daß die wachſamſten und grau⸗ ſamſten Wilden auf ſeinem Pfade lauern; vergeblich, daß ſich ihm Felſen, Abgründe und Winterſtröme ent⸗ gegen ſetzen, laßt ihn nur eine einzige Fährte von einem Biber erblicken; ſo vergißt er alle Gefahr und trotzt allen Schwierigkeiten. Bisweilen ſieht man ihn mit ſeinen Fallen auf der Schulter ſich Weg durch reißende Ströme und mitten unter ſchwimmenden Eisſchollen bahnen: zu andern Zei⸗ ten gewahrt ihr ihn mit ſeinen Fallen auf dem Rücken, wie er die ſchroffſten Berge hinauf klettert, und die furchtbarſten Abhänge hinauf oder hinabſteigt, um auf, den Pferden unzugänglichen und von weißen Menſchen noch nie betretenen Pfaden, ſeinen Kameraden unbe⸗ kannte Quellen und Seen aufzuſuchen, an denen er ſein Lieblingswild anzutreffen hoffen darf. So iſt der Ge⸗ birgsbewohner, der kühne Trapper des Weſtens, und ſo wie wir ſie flüchtig gezeichnet haben, iſt die wilde, räu⸗ berähnliche Lebensart, der jetzt in voller Kraft in den Felsgebirgen lebenden, ſo ſonderbaren und bunten Be⸗ völkerung. Nachdem wir dem Leſer auf dieſe Weiſe eine Idee von dem gegenwärtigen Zuſtande des Pelzhandels in dem Innern unſers weitläuftigen Continents beigebracht, und ihn mit der wilden Ritterſchaft der Gebirge bekannt gemacht haben, wollen wir nicht länger zögern, den Capitän Bonneville mit ſeiner Brigade auf das Gefild ihrer Wagniſſe einzuführen, und ſie mit einem Male in die gefahrvollen Ebenen des weiten Weſtens verſetzen. Zweites Kapitel. Abreiſe von Fort Oſage.— Transportweiſe.— Packpferde.— Wagen.— Walker und Cerré.— Ihre Charactere.— Erhe⸗ bende Gefühle beim Betreten der Prairien.— Sonderbarer Aufzug der Biberfänger.— Ihre Spiele und ihr groteskes Ausſehen.— Characterverſchiedenheit der amerikaniſchen und franzöſichen Biberfänger.— Agentſchaft bei den Kanſas.— General Clarke.— Weißfederbuſch.— Nächtliche Lagerſcene.— Unterredung zwiſchen Weißfederbuſch und dem Capitain.— Bienenjäger.— Ihre Verfahrungsweiſe.— Ihre Zwiſte mit den Indianern.— Handelstalent von Weißfederbuſch.— Es war am 1. Mai 1832, daß Capitän Bonneville von dem Gränzpoſten zu Fort Oſage an dem Miſſouri abreiſ'te. Er hatte einen Trupp von 110 Mann ange⸗ worben, die meiſt in dem Lande der Indianer geweſen, und von welchen einige erfahrne Jäger und Biberfänger waren. Fort Oſage und andere Plätze auf der Gränze der weſtlichen Wildniß iſt voll von Menſchen dieſer Art, die bereit zu einer Expedition ſind. Die gewöhnlichen Transportmittel auf jenen großen inländiſchen Expeditionen der Pelzhändler ſind Maulthiere und Packpferde; Capitän Bonneville hatte ſie aber durch Wagen erſetzt. Obgleich ſeine Reiſe durch eine unwegſame Wildniß ging, ſo lag doch der größere Theil ſeiner — 50— Route auf freien, von Wäldern entblößten Ebenen, auf welchen ſich Räderfuhrwerk, nach jeder Richtung hin, be⸗ wegen kann. Die Hauptſchwierigkeit liegt nur darin, über die tiefen Schluchten zu ſetzen, welche die Ströme und Regenbäche durch die Prairien ausgehöhlt haben. Hier iſt es öfters nöthig, an den Ufern einen Weg hin⸗ abzugraben und Brücken für die Wagen zu bauen. Durch den Transport ſeines Gepäckes auf Fuhr⸗ werken dieſer Art, glaubte Capitän Bonneville ſich den großen Zeitverluſt erſparen zu können, der jeden Mor⸗ gen durch das Bepacken der Pferde und die Mühe ver⸗ anlaßt wird, ſelbige am Abend wieder abzupacken. Es wurden ebenfalls weniger Pferde erforderlich, und man lief mindere Gefahr ihres Entlaufens, ihres Verſcheu⸗ chens oder Wegführung durch die Indianer. Die Wa⸗ gen konnten ebenfalls leichter vertheidigt werden, und im Falle eines Angriffs auf der offenen Prairie eine Art von Befeſtigung bilden. Ein Zug von zwanzig Wagen, die von Ochſen, vier Maulthieren oder vier Pferden jeder gezogen wurden, und mit Waaren, Schieß⸗ bedarf und Lebensmitteln beladen waren, befanden ſich in zwei Reihen in der Mitte des Reiſezugs, der eben⸗ falls in einen Vor⸗ und Nachtrab eingetheilt war. Als Unteranführer oder Lieutenante ſeiner Expedi⸗ tion hatte Capitän Bonneville Herrn J. R. Walker und Herrn M. S. Cerré gewählt. Erſterer war von Ten⸗ neſſee gebürtig, ohngefähr 6 Fuß hoch, ſehr robuſt, von ₰ dunkler Geſichtsfarbe und von muthigem Geiſte, obgleich ſanft in ſeinen Manieren. Er hatte lange Jahre in Miſſouri auf der Gränze gelebt; war unter den frühe⸗ ſten Abentheuern geweſen, die die Reiſe nach Santa⸗Fe gemacht hatten, wohin er ging, um Biber zu fangen, und war dort von den Spaniern gefangen genommen worden. Nach ſeiner Befreiung hatte er mit den Spa⸗ niern und Sioux⸗Indianern den Krieg gegen die Paw⸗ nees mitgemacht, war dann nach Miſſouri zurückgekehrt, und hatte wechſelsweiſe den Sheriff, den Handelsmann und Biberfänger gemacht, bis er von Capitän Bonne⸗ ville zum Führer angeworben worden war. Cerreé, ſein anderer Führer, war gleichfalls bei Expeditionen nach Santa⸗Fe geweſen, wobei er ſehr viele Müſhſeligkeiten ausgeſtanden hatte. Er war von mittler Statur, von weißer Geſichtsfarbe, und obgleich er erſt 25 Jahre zählte, wurde er dennoch für einen erfahrnen indianiſchen Pelz⸗ händler gehalten.. Es war dem Capitän Bonneville ſehr daran gele⸗ gen, die Gebirge zu erreichen, ehe die Sommerhitze und die Fliegen das Reiſen über die Prairien beſchwer⸗ lich machten, und ehe die jährlichen mit dem Pelzhandel verbundenen Zuſammenkünfte aufbrächen, und ſich in ihre Jagdreviere zerſtreuten. Die beiden bereits erwähnten, mit einander wett⸗ eifernden, Geſellſchaften, die amerikaniſche Pelzhandels⸗ Compagnie und die Felsgebirgs⸗Pelzhandels⸗Compagnie, hatten ihre verſchiedenen Zuſammenkunftsorte für das gegenwärtige Jahr, in keiner großen Entfernung von einander, in Pierre's Höhle, ein tiefes Thal in dem Her⸗ zen der Gebirge, und hierhin gedachte Capitän Bonne⸗ ville ſeinen Lauf zu richten. Es iſt nicht leicht, den triumphirenden Gefühlen des würdigen Capitäns Gerechtigkeit widerfahren zu laſſen, ſich ſo an der Spitze einer wackern Bande von Jägern, Biberfängern und Weidmännern zu ſehen; die auf die weiten Prairien verſetzt, ihr Geſicht dem gränzenloſen Weſten zuwandten. Der zaghafteſte Bewohner der Städte, der verdorbenſte Zögling der Civiliſation, fühlt ſein Herz erweitert und ſeine Pulſe höher ſchlagen, wenn er ſich zu Pferde in der herrlichen Wildniß befindet; was mußte alſo die Aufregung eines Menſchen ſeyn, deſſen Einbildungskraft durch einen Aufenthalt an der Gränze gereizt worden, und dem die Wildniß eine ro⸗ mantiſche Region war! Sein beherztes Gefolge nahm an ſeiner Freude Theil. Die meiſten von ihnen hatten die ungebundene Freiheit des wilden Lebens bereits genoſſen, und ſahen ſich nach Erneuerung ihrer früheren abentheuerlichen Be⸗ gebenheiten und Thaten um. Schon ihre Erſcheinung ound ihr Aufzug bot eine buntſcheckige, halb civiliſirte, halb wilde Miſchung dar. Viele von ihnen ſahen in ihrer Tracht und ihrem Putze mehr Indianern als weiſ⸗ ſen Männern ähnlich, und ſelbſt ihre Pferde waren 9 —yj— — 35— auf eine barbariſche Weiſe mit wunderlichen bunten Schabraken behangen. Der Aufbruch einer Truppe von Abentheuern zu einer ſolchen Expedition iſt immer belebt und luſtig. Sie füllten die Luft mit ihrem gellenden Jubelge⸗ ſchrei, nach Art der Wilden, und begleiteten es mit lärmenden Scherzen und frohfinnigem Gelächter. Wenn ſie durch die zerſtreuten Weiler und an den einſamen Hüttchen vorbei kamen, welche an der Gränze liegen, erſchreckten ſie die Einwohner durch das Kriegsgeſchrei und Geheul der Indianer, oder verübten an ihnen grobe indianiſche Reiterſtreiche, welche ganz ihrem halbwilden Anſehen entſprachen. Die meiſten dieſer Häuschen wa⸗ ren von Leuten bewohnt, die ſelbſt ähnlichen Expeditionen beigewohnt hatten; ſie bewillkommten daher die Reiſenden als gute Kameraden, bewirtheten ſie mit der Gaſtfreund⸗ ſchaft eines Jägers, und gaben ihnen ein freundliches „Gott ſey mit Euch“ auf den Weg. Hier muß ich der großen Verſchiedenheit erwähnen, die, hinſichtlich des Characters und der Eigenſchaften, zwiſchen den beiden Klaſſen von Biberfängern, dem vamerikaniſchen“ und„franzöſiſchen,“ wie man ſie zur Unterſcheidung nennt, obwaltet. Unter Letzterem ver⸗ ſteht man den franzöſiſchen Creolen von Canada und, Louiſtana, unter Erſterem den Biberfänger von alt ame⸗ rikaniſchem Schlage aus Kentucky, Tenneſſee und andern weſtlichen Staaten. Man bezeichnet den franzöſiſchen 66.— 68. 3 4* — 3— Biberfänger als leichtſinniger, ſanfter und nachſichtiger gegen ſich ſelbſt. Er muß ſein indianiſches Weib, ſeine Hütte(Lodge) und ſeine kleinen Bequemlichkeiten haben. Er iſt luſtig und gedankenlos, bekümmert ſich wenig um Landesgränzen, verläßt ſich auf ſeine Führer und Kame⸗ raden, für das gemeine Beſte zu ſorgen und wenn er für ſich gelaſſen wird, kommt er leicht in Verlegenheit und iſt verloren.— Der amerikaniſche Biberfänger iſt ſelbſtſtändig und ſteht rückſichtlich des Dienſtes in der Wildniß ohne Glei⸗ chen da. Verſetzt ihn mitten in eine Prairie oder in das Innere der Gebirge, und er wird nie in Verlegen⸗ heit ſeyn. Er bemerkt ſich jeden Gränzſtein; kann ſeinen Weg durch die einförmigſten Ebenen, oder die verwirr⸗ teſten Labyrinthe der Gebirge zurückfinden; keine Gefahr noch Schwierigkeit kann ihn abſchrecken, und er ver⸗ ſchmäht es, ſich über irgend eine Entſagung zu beſchwe⸗ ren. Im Ausrüſten beider Arten von Biberfängern zieht der Creole und Canadier gern die leichte Flinte vor; der Amerikaner greift immer nach der Büchſe, und ver⸗ achtet, was er eine Jagdflinte nennt. VWirr geben dieſe Schilderung auf die Autorität eines Pelzhändlers hin, der, ein fremder von Geburt, lang⸗ jährige Erfahrungen ſammelte.„Ich ſchätze,“ ſagte er, einen Amerikaner drei Canadiern gleich, ſowohl im Puncte des Scharfſinnes, der Gewandtheit ſich zu helfen, des Selbſtvertrauens, als der Furchtloſigkeit ſeines Geiſtes. — 38 In der That kann es Niemand mit ihm dem unbieg⸗ ſamen, unſteten Wanderer der Wildniß aufnehmen.“ Auſſer den beiden eben erwähnten Klaſſen von Bi⸗ berfängern, hatte Capitän Bonneville noch mehrere De⸗ laware Indianer in ſeine Dienſte angeworben, auf deren Geſchicklichkeit als Jäger er ein großes Vertrauen ſetzte. Den 6. Mai kamen die Reiſenden an der letzten Gränzwohnung vorüber, und ſagten der Gemächlichkeit und Sicherheit der Civiliſation ein langes Lebewohl. Die lärmende Fröhlichkeit, womit ſie ihren Marſch be⸗ gonnen hatten, ließ allmählig nach, ſowie derſelbe ſchwie⸗ riger zu werden anfing. Sie fanden die Prairieen von den ſtarken, kalten Regengüſſen durchweicht, die zu ge⸗ wiſſen Jahreszeiten in dieſem Theile des Landes vor⸗ herrſchen. Die Wagenräder ſanken tief in den Koth, und die Pferde oft bis an das Knie, und beide, Roß und Reiter, waren am Abend des 12., als ſie den Kan⸗ ſas, einen ſchönen Strom, erreichten, der ohngefähr 300 Jard breit, ſüdlich in den Miſſouri fällt, völlig abge⸗ mattet. Ob er gleich zu Ende des Sommers und wäh⸗ rend des Herbſtes beinahe an allen Stellen zu durch⸗ waden iſt, ſo ward es doch nothwendig, ein Floß zum Transport der Wagen und Effecten zu bauen. Dieß Alles geſchah im Laufe des folgenden Tages und am Abend war die ganze Partie bei der Agentſchaft des Kanſas⸗Stammes angekommen. Dieſe ſtand unter der Oberaufſicht des Generals Clarke, Bruder des — 2 3 8 federbuſch,“ der Kanſas⸗Häuptling, und — 36— berühmten Reiſenden deſſelben Namens, der mit Lewis die erſte Expedition den Columbiaſtrom hinab unternahm. Er lebte gleich einem Patriarchen von Arbeitern und Dollmetſchern umgeben, die alle niedlich behauſ't und mit herrlichen Pachthöfen verſehen waren. Der an Anſehen dem Agenten am nächſten ſtehende Beamte, war der Schmiede, eine ſehr wichtige und in der That ſehr unentbehrliche Perſon in einer Grenzge⸗ meinde. Die Kanſas gleichen den Oſagen in ihren Geſichtszügen, ihrer Kleidung und Sprache; ſie ziehen Korn und jagen den Büffelochſen, indem ſie um den Kanſasfluß und die in ihn einmündenden Ströme her⸗ umſtreifen. Zu der Zeit des Beſuchs des Capitäns be⸗ fanden ſie ſich im Krieg mit den Pawnees vom Nebraska⸗ oder Plattfluß. 3 Der ungewöhnliche Anblick eines Wagenzuges er⸗ regte ein großes Aufſehen unter dieſen Wilden, die ſich um die Caravane drängten, Alles genau betrachte⸗ ten, und tauſenderlei Fragen an ſie richteten; wobei ſie einen Grad von Reizbarkeit und lebhafter Neugierde zeigten, der jener Gefühlloſigkeit, die man ihrer Race ſo oft vorwirft, gänzlich entgegen geſetzt iſt. Die Perſon, welche des Capitäns Aufmerkſamkeit an dieſem Orte am meiſten auf ſich z3, war„Weiß⸗ ſe wurden bald gute Freunde zuſammen. Weißfederbuſch(denn ſein rit⸗ terlicher Beiname gefällt uns) bewohnt ein großes ſtei⸗ — 57— nernes Haus, das ihm auf Befehl der amerikaniſchen Regierung erbaut wurde; allein das Gebäude iſt nicht in dem entſprechenden Style ausgeführt worden. Von auſſen könnte man es einen Pallaſt nennen, allein von innen iſt es nur eine armſelige Indianerhütte; ſo daß der tapfere Weißfederbuſch in der ſchmutzigen Ausmöb⸗ lirung ſeiner ſtattlichen Wohnung eine eben ſo wunder⸗ lich unſchickliche Zuſammenſtellung zeigte, wie wir an der Galla⸗Ausſtattung eines, zur Abſchließung eines Friedenstraktates nach Waſhington als Geſandter ge⸗ kommenen indianiſchen Häuptlings ſehen, den man groß⸗ müthigerweiſe mit einem aufgeſchlagenen Hut und einer Uniform ausſtaffirte, die wunderlich mit ſeinen verlump⸗ ten Hoſen und ledernen Gamaſchen abſtechen: oben ein Staabs⸗Offizier und unten ein zerlumpter Indianer. Weißfederbuſch wurde von der Höflichkeit des Ca⸗ pitäns ſo eingenommen, und war über ein, oder zwei von ihm erhaltene Geſchenke ſo erfreut, daß er ihn eine Tagsreiſe auf ſeinem Marſche begleitete, und die Nacht hindurch in ſeinem Lager an dem Ufer eines kleinen Stromes zubrachte. Die Art, wie der Capitän gewöhnlich ſein Lager aufſchlug, war die folgende: die 20 Wagen wurden in der Entfernung von 30 Fuß von einander in einem Vierecke aufgeſtellt. In jedem Zwiſchenraume befand ſich eine Rotte, und jede Rotte hatte ihr Feuer, an dem die Leute kochten, aßen, ſchwatzten und ſchliefen. Die Pferde 1 wurden in der Mitte des Vierecks, mit einer Wache zu ihrem Schutze über Nacht, aufgeſtellt. Den Pferden wurde der vordere und hintere Fuß auf der nämlichen Seite zuſammengebunden, ſo daß jeder 18 Zoll von dem andern ſtand. Ein ſo gebundenes Pferd iſt eine Zeitlang ſchrecklich am Gehen gehindert, allein es gewöhnt ſich bald hinlänglich an den Zwang, um ſich langſam fortbewegen zu können. Er verhindert ſein Ausreiſſen und daß es bei Nacht nicht ſo leicht von den lauernden Indianern entführt werden kann. Wenn ein Pferd, das die Füße frei hat, an ein anderes ſo geknebeltes gebunden wird, ſo bildet Letzteres gleichſam einen Pfoſten, um welchen das andere in dem Falle eines ent⸗ ſtehenden Alarms herumzulaufen und zu curbettiren pflegt. Das Lager, von dem wir hier ſprechen, bot eine auffallende Scene dar. Die verſchiedenen Rottenfeuer waren von maleriſchen, ſtehenden, ſitzenden oder liegen⸗ den Gruppen umgeben; Einige waren mit Kochen, An⸗ dere mit dem Putzen ihrer Waffen beſchäftigt, während ein häufiges Gelächter verkündete, daß rohe Späſſe ge⸗ macht, oder luſtige Hiſtörchen erzählt wurden. In der Mitte des Lagers, vor der Haupthütte, ſaßen die beiden Oberhäupter, Capitän Bonneville und Weißfederbuſch, in militäriſcher Kameradſchaft bei einander. Der Capitän freute ſich über die Gelegenheit, auf freundſchaftlichem Fuße mit einem der rothen Krieger der Wildniß, der unverdorbenen Kinder der Natur, zuſammen gekommen —— — 39— zu ſeyn; Letzterer kauerte ſich auf ſein büffelledernes Kleid, ſeine ſtarken Züge und ſeine rothe Haut glänzte in dem hellen Lichte des flammenden Feuers, während er erſtaunliche Geſchichten von den blutigen Thaten ſei⸗ nes Stammes und ihnm ſelbſt, in ihren Kriegen mit den Pawnees, erzählte; denn es gibt keine alten Soldaten, die mehr zu langen Erzählungen von ihren Feldzügen geneigt ſind, als die indianiſchen„Braven.“ Die Streitigkeiten von Weißfederbuſch beſchränkten ſich aber nicht allein auf die rothen Männer, er wußte auch viel von ſeinen Sträußen mit den Bienenjägern zu erzählen, eine Klaſſe von Räubern, von denen er einen beſondern Abſcheu zu haben ſchien. Da die Art der Jagd, worauf ſich dieſe Ehrenmänner legen, noch nicht in einem der alten Jagdbücher beſchrieben, und in der That nur unſerer Weſtgränze eigen iſt, ſo mögen wohl ein Paar Worte über dieſen Gegenſtand den de⸗ ſern nicht unwillkommen ſeyn. Der Bienenjäger iſt gewöhnlich ein Anſiedler, der ſich an der Gränze der Prairieen niederläßt: ein langer ſchmächtiger Kerl, von bleicher fieberhafter Geſichtsfarbe, die er ſich von ſeiner Lebensweiſe auf einem neuen Grund und Boden und in einer, von grünen Balken erbauten, Hütte zugezogen hat. Wenn im Herbſte die Ernte eingethan iſt, ſo bereiten ſich die Gränz⸗Anſiedler in Partieen von zweien oder dreien auf die Bienenjagd auszugehen. Nachdem ſie ſich einen Wagen und eine 40— Anzahl leerer Fäſſer verſchafft haben, ziehen ſie mit Büchſen bewaffnet in die Wildniß hinaus, indem ſie ohne Rückſicht auf die Verordnung der amerikaniſchen Regierung, welche ſtrenge jede Beeinträchtigung auf dem, den indianiſchen Stämmen gehörigen, Gebiete unterſagt, ihre Richtung oſt⸗ weſt⸗ nord⸗ oder ſüdwärts nehmen. Die Waldgürtel, welche ſich über die niedern Prai⸗ rieen, und an den Ufern der Flüſſe hinziehen, ſind mit unzähligen Schwärmen wilder Bienen bevölkert, die in hohle Bäume bauen und ſie mit dem Honig füllen, den ſie von den ergiebigen Blumen der Prairieen einſammeln. Nach der Volksangabe wandern die Bienen gleich den Anſiedlern nach Weſten. Ein in dem Lande wohlbe⸗ kannter, indianiſcher Pelzhändler verſicherte uns, daß binnen 10 Jahren, die er im fernen Weſten zugebracht habe, die Bienen über hundert Meilen nach Weſten vorgerückt ſeyen. Man ſagt an dem Miſſouri, daß der wilde Truthahn und die wilde Biene mit einander ſtromaufwärts zögen; keine von beiden ſindet man in den oberen Gegenden. Es geſchah erſt neuerlich, daß ein wilder Truthahn an dem Nebraska⸗ oder dem Plattfluſſe getödtet wurde, und ſeine Reiſegefährtin, die wilde Biene, um dieſelbe Zeit dort erſchien. Dem ſey, wie ihm wolle. Die Gewohnheit unſerer Bienenjäger iſt: einen weiten Umkreis durch die gehölz⸗ reichen Flußthäler und die Waldſtrecken an den Prairieen zu nehmen, indem ſie auf dem Wege die Bäume be⸗ — 41— zeichnen, in welchen ſie Bienenſtöcke entdeckt haben. Dieſe Zeichen werden insgemein von den andern Bienenjägern, die ihnen etwa auf dem Wege nachkommen, beachtet. Wenn ſie eine hinlängliche Menge derſelben bezeichnet haben, um alle ihre Fäſſer zu füllen, dann wenden ſie ihr Geſicht heimwärts, hauen, wie ſie weiter kommen, die Bäume nieder, und wenn ſie ihren Wagen mit Honig oder Wachs beladen haben, kehren ſie vergnügt in ihre Niederlaſſungen zurück. Da nun den Indianern der wilde Honig eben ſo gut, wie den weißen Männern ſchmeckt, und über die⸗ ſen natürlichen Genuß deſto mehr erfreut ſind, als er in vielen Fällen erſt eine neue Erſcheinung in ihrem Lande iſt; ſo iſt die Folge davon, daß zahlreiche Zwiſte zwiſchen ihnen und den Bienenjägern entſtehen, und vft geſchieht es, daß einer Partie der Letztern, die mit reicher Beute beladen, von ihrem Raubzuge zurückkehrt, von den eingebornen Herren des Bodens aufgepaßt, ihnen der Honig abgenommen, ihr Geſchirr in Stücken zer⸗ ſchlagen, und ihnen überlaſſen wird, ihren Weg ſo gut ſie können, nach Hauſe zurückzufinden, froh, mit keinem größern perſönlichen Nachtheile, als einer tüchtigen Tracht Prügel weggekommen zu ſeyn. Dieſes waren die Diebe, über deren Eingriffe der ta⸗ pfere Weißfederbuſch die bitterſten Beſchwerden führte. Die berühmteſten Bienenjäger der Gränze ſind hauptſächlich die Anſiedler des weſtlichen Ufers des Miſſouri, deren — 22— Lieblingsjagdrevier in dem Gebiete der Kanſas⸗India⸗ nern liegt. Nach der Angabe von Weißfederbuſch wur⸗ den die Sachen jedoch zwiſchen ihm und den Uebertre⸗ zern ziemlich ausgeglichen, da er ſie eben ſo oft Bitter⸗ keiten hatte ſchmecken laſſen, als ſie ihm ſeine Süßig⸗ Eiten geſtohlen hatten. Wir müſſen dieſem tapfern Häuptling jedoch die Ge⸗ ꝛechtigkeit widerfahren laſſen, Proben davon abgelegt zu haben, daß er durch die Nähe der Weißen etwas von dem Lichte der Civiliſation protifirt hatte, wie ſich dies durch ſein savoir faire beim Abſchluß eines Handels er⸗ wies. Er forderte harte Münze für einiges Korn, das er dem würdigen Capitän lieferte, und ließ Letzteren in der Ungewißheit, was er mehr bewundern ſollte, ſeine heimiſchen Heldenthaten, worin er ſich ſo tapfer bewieſen hatte, oder die Geſchicklichkeit, die er ſich als Handels⸗ mann erworben hatte. Drittes Kapitel. Große Prairieen.— Vegetabiliſche Erzeugniſſe.— Tafelförmige Hügel.— Sandſteinplatten.— Der Nebraska⸗ oder Plattfluß. — Kärgliche Mahlzeiten.— Büffelſchädel.— Die Wagen wer⸗ den in Boote vexwandelt.— Herden von Büffelochſen.— Schlöſſerähnliche Klippen.— Das Kamin.— Scott's Fels⸗ klippen— Damit verbundene Geſchichte.— Das Dickhorn oder Ahſahta.— Seine Beſchaffenheit und Lebensweiſe.— Unterſchied zwiſchen ihm und dem„wolligen Schafe“ oder der Gebirgsziege. Von der Mitte bis zu Ende Mai's ſetzte Capitän Bonneville ſeinen Weg weſtlich über große wogende Ebenen fort, die von Bäumen und Geſträuchen entblößt, vom Regen öfters durchweicht und von tiefen Waſſer⸗ gräben durchſchnitten waren, an denen ſie für ihre Wa⸗ gen den Weg an den nachrutſchenden Ufern hinabbahnen und Brücken über die Ströme bauen mußten. Die Sonnenhitze war jetzt eingetreten, und der Wärme⸗ meſſer ſtand Morgens in der Frühe auf ohngefähr 570, ſtieg aber Nachmittags auf ohngefähr 90°. Die kühlen Lüftchen jedoch„ die immerwährend über dieſe weiten Ebenen wehen, machen die Hitze noch erträglich. = 2—. Wild war ſelten, und ſie mußten ihre ſpärlichen Mahlzeiten mit Wurzeln und Gemüſe, wie die indianiſche Kartoffel, die wilde Zwiebel, den Prairie⸗Nachtſchat⸗ ien, zuſtrecken. Sie trafen überdieß eine Menge ro⸗ ther Wurzeln an, von welchen die Jäger einen ſehr ſchmackhaften Trank bereiten. Das einzige menſchliche Weſen, das ihnen auf ihrem Wege entgegen kam, war ein Kanſas⸗Krieger, der von einer einzeln unternomme⸗ nen Herausforderungs⸗Partie nach genommener Genug⸗ thuung zurückkehrte, und den Schädel eines Pawnee's als Trophäe bei ſich trug. Das Land erhob ſich, indem ſie weſtwärts weiter⸗ ſchritten, allmählig, und ihr Weg führte ſie über hohe Bergrücken, von welchen man eine ferne und prachtvolle Ausſicht genoß. Die weite Ebene war im Weſten mit unzähligen Hügeln von kegelförmiger Geſtalt beſäet, wie man ſie nördlich des Arkanſasfluſſes ſieht. Dieſe Hügel ſind, dem Anſehen nach, in derſelben Höhe, wie abgeſchnitten; ſo daß ſie auf der Spitze eine platte Ober⸗ fläche bilden. Es iſt die Muthmaßung Einiger, daß das ganze Land urſprünglich die Höhe dieſer tafelförmigen Hügel gehabt habe, allein durch irgend ein Natur⸗Er⸗ 4 eigniß bis zu ſeinem gegenwärtigen Standpunkte geſun⸗ ken ſey; während dieſe einzeln ſtehenden Hügel durch eine breite Grundlage ſolider Felſen erhalten worden wären. 3 — 43— Capitän Bonneville erwähnt einer andern geologi⸗ ſchen Erſcheinung nördlich des Rothen⸗Fluſſes, wo be⸗ trächtliche Strecken des Landes mit breiten Sandſtein⸗ Platten bedeckt ſeyen, welche die Geſtalt und die Lage von Grabſteinen und das Anſehn hätten, als wenn ſie durch irgend eine unterirdiſche Bewegung mit Gewalt an die Oberfläche heraufgewühlt worden wären.„Die Aehnlichkeit,“ ſagte er,„welche dieſe merkwürdigen Landſtriche an vielen Orten mit alten Kirchhöfen ha⸗ ben, iſt äußerſt auffallend. Man möchte beinahe glauben, unter die Gräber der Prä⸗Adamiten verſetzt worden zu ſeyn.“ Am 2. Juni kamen ſie an dem Hauptſtrome des Nebraska⸗ oder Plattfluſſes, 25 Meilen unter der Spitze der großen Inſel, an. Die niedern Ufer dieſes Fluſſes geben ihm das Anſehen einer großen Breite. Capitän Bonne⸗ ville maß ſie an einem Orte, und fand ſie 2200 JYard von einem Ufer zum andern. Seine Tiefe war 3 bis 6 Fuß, und ſein Bett voller Triebſand. Der Nebraska iſt mit Inſeln beſät, die mit jener Pappelart bedeckt ſind, welche man den Baumwollholzbaum nennt. Nachdem ſie ſich mehrere Tage lang längs dieſes Fluſſes hingehalten hatten, wurden ſie wegen Selten⸗ heit des Wildes genöthigt, ſich an ihrer Koſt abzu⸗ brechen, und bisweilen ein Rind zu ſchlachten. Sie er⸗ trugen ihre tägliche Mühſeligkeiten und Entbehrungen mit frohem Muthe, indem ſie, aller Wahrſcheinlichkeit — 26— nach, ihren Ton nach der fröhlichen Laune ihres Anfüh⸗ rers ſtimmten. 1 „Wenn das Wetter“ ſagt der Capitän,„rauh und unfreundlich war, ſo beobachteten wir die Wolken, in der frohen Hoffnung, bald den blauen Himmel und die liebe Sonne wieder zu ſehen. War unſer Speiſevor⸗ rath zuſammen gegangen, ſo tröſteten wir uns mit der Hoffnung, bald Büffelherden anzutreffen, wo wir nur erlegen und eſſen könnten.“ Wir zweifeln, ob der muntere Capitän nicht ſeinen eigenen frohen Muth beſchreibt, der jedem Gegenſtande um ihn eine fröhliche Farbe lieh. Es lagen jedoch ſichere Beweiſe vor, daß das Land nicht immer ganz von Wild entblößt geweſen, denn einſt erblickten ſie an einem Orte ein Feld, das mit Büffel⸗ ſchädel ausgeſchmückt war, die Kreiſe, Bogenlinien und andere mathematiſche Figuren, gleichſam wie zu einer myſtiſch religiöſen Feierlichkeit oder Ceremonie bildeten. Es waren ihrer eine unzählige Menge, und ſie ſchienen von einem, dem großen Geiſte aus Dankbarkeit darge⸗ brachten Opfer, für irgend eine glückliche Jagd, her⸗ zurühren. 8 Am 11. Juni kamen ſie an die Gabel des Nebraska, 5 wo er ſich in zwei gleiche und ſchöne Ströme theilt. Einer dieſer Stromarme erſtreckt ſich nach Weſt⸗Süd⸗ Weſten bis nahe zu den Quellen des Arkanſas hinauf. In der Richtung dieſes Stromes lag, wie Capitän — 27— Bonneville wohl wußte, der Weg zu den Camanche⸗ und Kioway⸗Indianern und den nördlichen, mexicaniſchen Niederlaſſungen. Der Lauf des andern Stromarmes war ihm unbekannt. Es war möglich, daß ſeine Quel⸗ leu zwiſchen ſchroffen und unerſteiglichen Klippen lagen, daß ſie ſich ſchäumend durch Felsſchluchten und über ſteile Abhänge ſtürzten; allein ſein Lauf war die wahre Richtung, die der Capitän einzuhalten hatte, und dieſen Strom hinauf beſchloß er ſeinen Weg nach den Felsge⸗ birgen zu verfolgen. Da er es unmöglich fand, des Triebſandes und anderer gefährlichen Hinderniſſe wegen, in dieſer Nachbarſchaft über den Fluß zu ſetzen, ſo zog er zwei Tage lang an dem ſüdlichen Arme des Stromes, bloß in der Abſicht hin, ſich einen bequemen Ort zum Uebergange zu ſuchen. Endlich machte er Halt, ließ die Räder von den Wagen abnehmen, ſie mit Büffelhäuten überziehen, mit einer Miſchung von Talg und Aſche anſtreichen und ſich auf dieſe Weiſe Böte von roher Arbeit verfertigen. In dieſen fuhren ſie ihre Effecten über den Strom, der 600 Yard breit war, und eine raſche und ſtarke Strömung hatte. Es befanden ſich in jedem Boote drei Mann, um es zu regieren; Andere wadeten durch und drückten die Barken vor ſich her. Auf dieſe Weiſe kam Alles ſicher über. Ein Marſch von 9 Meilen führte ſie über wogende Prairieen, nach dem nördlichen Strome, wo ſir ſich an dem willkommenen Anblick von Büffelherden — 428— weideten, von denen einige durch die Ebene ſprangen, andere graſ'ten oder in den von der Natur gebildeten Wieſen ruhten. Ein oder zwei Tage lang an dem nördlichen Strom⸗ arme fortziehend, und von den Muskitos und Büffel⸗ fliegen arg geplagt, erreichten ſie an dem Abend des 17. einen kleinen, aber ſchönen Hain, aus welchem die ver⸗ wirrten Töne von Singvögeln kamen, die erſten, die ſie angetroffen hatten, ſeitdem ſie über die Gränze von Miſſouri gekommen waren. Nach ſo manchen Tagen einer ermüdenden Reiſe, durch eine nackte einförmige und ſtille Landſchaft, war es entzückend für ſie, noch einmal den Geſang der Vögel zu hören, und das Grüne eines Haines zu ſchauen. Es war ein ſchöner Sonnenunter⸗ gang und der Anblick der glühenden Strahlen, welche die Baumſpitzen und rauſchenden Zweige vergoldeten, ſchien jedes Herz froh zu machen. Sie ſchlugen ihr Lager in dem Haine auf, zündeten ihre Feuer an, und nahmen froh ihre einfache Mahlzeit ein, worauf ſie ſich dem ſüßeſten Schlafe überließen, den te ſeit ihrer An⸗ kunft in den Prairieen genoſſen hatten. Das Land wurde nun ſchroff und uneben. Die Vorſprünge hoher Klippen gingen bis an den Fluß, und zwangen die Reiſenden bisweilen ſeine Ufer zu verlaſ⸗ ſen und ihre Richtung nach dem Innern zu nehmen. In einem der wilden und einſamen Päſſe wurden ſie durch die Fährte von 4 oder 5 Fußgängern erſchreckt, — 49— von denen ſie muthmaßten, daß ſie Spione von einem Raublager, entweder der Aarickara⸗ oder Krähen⸗In⸗ dianer ſeyn könnten. Dieſes nöthigte ſie, ihre Wach⸗ ſamkeit bei Nacht zu verdoppeln, und vorzüglich gute Aufſicht auf ihre Pferde zu halten. In dieſen ebenen und hoch liegenden Regionen ſahen ſie zum erſten Male den ſchwarzſchwänzigen Hirſch; eine Gattung, die größer als die gewöhnliche iſt, und hauptſächlich in felſigen und gebirgigen Gegenden ge⸗ funden wird. Sie hatten ebenfalls eine große Büffel⸗ herde*) erreicht; Capitän Bonneville ſtieg einen hohen Felsvorſprung hinauf, der eine weite Ausſicht auf die umliegenden Ebenen darbot. So weit ſein Auge rei⸗ chen konnte, ſchien die Gegend ganz geſchwärzt von un⸗ zähligen Büffelherden zu ſeyn. Keine Sprache, ſagte er, könne eine hinlängliche Idee von der unendlichen, lebendigen Maſſe beibringen, die ſich ſo ſeinem Auge dar⸗ geboten habe. Er bemerkte, daß die Ochſen und Kühe ſich in abgeſonderten Herden ſammelten. Dem Lager dieſes Platzes gegenüber befand ſich eine ſonderbare Erſcheinung, die zu den Seltenheiten des Landes gehört. Man nennt ſie das Kamin. Der untere Theil beſteht aus einem coniſchen Damme, der *) Von den amerik. Jägern uneigentlich ſo genannt. Der Büffel der Prairieen iſt der Biſonochſe. Anm. des Ueberſ. 66.— 68. 3 4 ſich aus der nackten Ebene erhebt; von dem Gipfel ſchießt ein Schaft oder eine Säule, ohngefähr 120 Fuß in die Höhe, woher es ſeinen Namen hat. Die Höhe des Ganzen beträgt nach Capitän Bonneville 175 Nard. Es iſt aus verhärtetem Thon und abwechſelnden Lagen von rothen und weißen Sandſteinen zuſammen geſetzt, und kann über 30 Meilen weit geſehen werden. Am 21. ſchlugen ſie ihr Lager mitten unter hohen und überhängenden Klippen von verhärtetem Thon und Sandſtein auf, welche Thürmen, Schlöſſern und befeſtig⸗ ten Städten ähnlich ſahen. In einiger Entfernung war es kaum möglich, ſich zu überzeugen, daß die Hand der Kunſt nicht geholfen habe, dieſe grillenhafte Gebilde der Natur zu vollenden. Sie haben, eines traurigen Um⸗ ſtandes wegen, den Namen„Scottsklippen“ erhalten. Vor langen Jahren kam eine Partie vom obern Fluſſe in Böten herab, als ihre ſchwache Barken um⸗ ſchlugen und all ihr Pulver verdarb. Ihre Büchſen wur⸗ den ihnen daher unnütz. Sie konnten ſich mithin keine Nahrung durch die Jagd verſchaffen, und mußten ſich zu ihrem Unterhalte auf Wurzeln und wilde Früchte ver⸗ laſſen. Nachdem ſie auſſerordentlich vom Hunger gelit⸗ ten hatten, kamen ſie an die Gabel des Larimie's, ein kleiner Nebenfluß, der ſich ohngefähr 60 Meilen ober⸗ halb der eben erwähnten Klippen in den nördlichen Arm — 31— des Nebraska's ergießt. Hier wurde einer von der Partie, Namens Scott, von einer Krankheit befallen, und ſeine Begleiter mußten Halt machen, bis er entweder geneſen ſey oder ſich wieder ſo weit erholt habe, um die Reiſe fortſetzen zu können. Während ſie ſich ringsum nach eßbaren Wurzeln umſahen, entdeckten ſie eine friſche Fährte von weißen Männern, die offenbar erſt kurz vor ihnen dieſes Weges gekommen waren. Was ſollten ſie thun? Durch einen angeſtrengten Marſch konnten ſie die Partie einholen und ſo ihre Heimath ſicher erreichen. Verweilten ſie, ſo konnten Alle vor Hunger und Erſchöpfung umkommen. Scott war indeſſen unfähig ſich zu bewegen. Sie wa⸗ ren zu ſchwach, ihm fortzuhelfen, und fürchteten, daß eine ſolche Bürde ſie hindern würde, die vorausgegangene Partie einzuholen. Sie entſchloſſen ſich daher, ihn ſei⸗ nem Schickſale zu überlaſſen. Unter dem Vorwande nach Nahrung und Kräuter ſuchen zu gehen, die in ſeiner Krankheit wirkſam ſeyn könnten, verließen ſie ihn und eilten der Fährte nach. Es gelang ihnen, die Partie, welche ſie ſuchten, einzuholen, verheimlichten aber, daß ſie Scott ſo treulos verlaſſen hatten, und ga. ben vor, daß er an einer Krankheit Peſtorben ſey. Als an dem folgenden Sommer dieſelben dii dieſe Gegenden in Geſellſchaft mit Andern 4* ſtießen ſie plötzlich auf die gebleichten Gebeine und den grinſenden Schädel eines menſchlichen Skelets, das ſie an gewiſſen Merkmalen für die Ueberreſte von Scott erkannten. Dieß war 60 Meilen weit von dem Platze wo ſie ihn verlaſſen hatten und es ſcheint, daß der un⸗ glückliche Mann dieſe ungeheure Strecke fortgekrochen war, ehe der Tod ſeinem Elende ein Ende machte. Die ſchroffen und maleriſchen Klippen in der Nähe von ſei⸗ nem einſamen Grabe, haben ſeit dieſer Zeit ſeinen Na⸗ men geführt. In der Mitte dieſer wilden und auffallenden Natur⸗ ſeene erblickte Capitän Bonneville zum erſten Male Herden von Ahſahta's oder Dickhörnern, ein Thier, das ſich in großer Anzahl in dieſen Klippen aufhält. Sie paſſen zu der Natur einer ſolchen Scene und tragen viel zu ihrer romantiſchen Wirkung bei, indem ſie gleich Ziegen von Klippe zu Klippe ſpringen, und ſich oft, unter Anführung eines ehrwürdigen Patriarchen, um die hohen Felsplatten der Gebirge ſchaaren, deſſen Hörner ſich unter ſeine Schnautze herab winden, bisweilen auch über den Rand der Abgründe ſchauen, ſo hoch, daß ſie größer, als eine Krähe erſcheinen. In der nen ſie ihr Vergnügen daran zu finden, die furchtbarſten Plätze zu ihrem Standpunkte ohne Zweifel aus einem Gefühle von Das Thier wird gewöhnlich das Gebirgsſchaf ge⸗ genannt, und häufig mit dem ſogenannten„wolligen Schafe“ verwechſelt, das man nördlicher um das Ge⸗ biet der Flatheads findet. Das Letztere bewohnt gleich⸗ falls im Sommer Klippen, ſteigt aber im Winter in die Thäler herab. Es hat weiße Wolle gleich einem Schafe, die ſpärlich mit langen Haaren durchwachſen iſt. Es hat aber kurze Beine, einen tief herabhängenden Bauch, und einen Bart gleich einer Ziege. Seine Hörner ſind ohn⸗ gefähr 5 Zoll lang, etwas nach hinten gekrümmt, pech⸗ ſchwarz und ſchön polirt. Seine Klauen ſind von der⸗ ſelben Farbe. Dieſes Thier iſt keineswegs ſo thätig, als das Dickhorn; es ſpringt nicht viel, ſondern ſitzt meiſt auf ſeinen Hinterfüßen. Es iſt auch nicht ſo häufig, und wird ſelten mehr als zu zwei oder drei auf einmal bei einander geſehen. Seine Wolle allein gibt ihm eine Aehnlichkeit mit dem Schafe; es gehört eigentlich mehr zu dem Ziegengeſchlechte. Das Fleiſch ſoll einen müffi⸗ gen Geruch haben. Einige haben ſein Fell für ſehr ſchätzbar gehalten, da es ſo fein, wie jenes der Ziegen von Caſhmir ſeyn ſoll. Man kann ſolche aber nicht in hinlänglicher Anzahl erhalten. Das Ahſahta, Argali, oder Dickhorn hat im Gegen⸗ theile kurze Haare wie ein Hirſch, und gleicht ihm an Geſtalt, hat aber den Kopf und die Hörner eines Schafs, und ſein Fleiſch ſoll dem köſtlichſten Hammelfleiſch gleich kommen. Die Indianer halten es für ſüßer und ſchmack⸗ hafter, als alles andere Wildpret. Es hält ſich häufig in den Felsgebirgen auf, vom 50. Grade nördlicher Breite bis ganz herab nach Californien, gewöhnlich in der höchſten Region, die der Vegetation fähig iſt. Bis⸗ weilen wagt es ſich in die Thäler hinab, allein bei dem geringſten Lärmen eilt es zu ſeinen Lieblingsklippen und ſteilen Anhöhen zurück, wo es dem Jäger gefähr⸗ lich, wo nicht unmöglich wird, ihm zu folgen. —jjj,,— Viertes Kapitel. Ein Alarm.— Krähen⸗Indianer.— Ihre Erſcheinung.— Die Weiſe ihrer Annäherung.— Ihr rachſüchtiges Vorhaben. — Ihre Neugierde.— Feindſchaft zwiſchen den Krähen und Schwarzfüßen.— Liebreiches Betragen der Krähen.— Gabel des Larimie's.— Erſte Beſchiffung des Nebraskafluſſes.— Hohe Lage des Landes.— Dünne der Atmosphäre.— Ihre Wirkung auf das Holzwerk der Wagen.— Die ſchwarzen Hügel.— Ihre ſchroffen und zackigen Umriſſe.— Indianiſche Hunde.— Trophäen der Krähen.— Oede und unfruchtbare Gegend.— Die Ufer des Süßwaſſers.— Büffeljagd.— Aben⸗ theuer von Tom Cain, dem irländiſchen Koche.— Wenn Capitän Bonneville auf dem Marſch war, ſo ſchickte er immer einige ſeiner beſten Jäger voraus, um ſowohl die Landſchaft zu erſpähen, als ſich nach Wildpret umzuſehen. Am 24. Mai, als die Caravane ſich langſam an den Ufern des Nebraska's hinauf be⸗ wegte, kamen die Jäger galoppirend und ihre Mützen ſchwenkend zurück, und erhoben das Lärmgeſchrei:„In⸗ dianer, Indianer!“ Der Capitän befahl ſogleich Halt zu machen. Die Jäger kamen jetzt heran, und verkündeten, daß ein groſ⸗ ſer Kriegs⸗Trupp von Krähen⸗Indianern ſich eben oben an dem Fluſſe befinde. Der Capitän kannte den Character dieſer Wilden, die einer der herumſchweifendſten, kriege⸗ riſchſten, liſtigſten und räuberiſchſten Stämme des Ge⸗ birgs ſind: Pferdediebe von der erſten Klaſſe, die leicht zu blutigen Gewalthandlungen gereizt werden. Es wurde demnach Befehl gegeben, ſich für ein Gefecht in Bereitſchaft zu ſetzen, und ein jeder nahm ſchnell ſeinen, ihm bei allen kriegeriſchen Vorfällen in der allgemeinen Marſchordnung angewieſenen Poſten ein. Alles wurde in Schlachtordnung geſetzt; der Capi⸗ tän ſtellte ſich an die Spitze ſeiner kleinen Truppe, und ſetzte ſich langſam und vorſichtig in Bewegung. Nach einer kleinen Weile bekam er die Krieger der Krähen zu Geſicht, die hinter Klippen hervorkamen. Es waren ihrer ohngefähr 60; ſchöne, martialiſch ausſehende Leute, bemalt, zum Kriege gerüſtet und auf Pferden ſitzend, deren Geſchirr auf die wunderlichſte Art ausgeſchmückt war. Sie kamen ſtolzirend und in ſtattlicher Manier, viele raſche und geſchickte Schwenkungen ausführend, denn ſie übertrifft Niemand im Reiten, und ihre bunten Farben, ihre prunkhafte phantaſtiſche Ausſchmückung, die in der Morgenſonne glänzte und ſchimmerte, gab ihnen ein wahrhaft wunderliches Ausſehen. 3 Die Art ihrer Annäherung hat für einen, der mit der Tactik und den Ceremonien dieſer rohen Ritterſchaft der Wildniß nicht bekannt iſt, das Anſehen einer directen Feindſeligkeit. Sie kamen in einem Haufen heran ga⸗ loppirt, ſo, als wenn ſie einen wüthenden Angriff machen wollten; ſo wie ſie aber in die Nähe kamen, theilten ſie ſich rechts und links und ſchwenkten ſich raſch in einem Kreiſe rund um die Reiſenden herum, wobei ſie, wie die Wahnſinnigen, heulten und ſchrieen. Nachdem dieſes geſchehen war, legte ſich ihre ver⸗ ſtellte Wuth, und der Häuptling näherte ſich dem Capitän, der vorſichtig in Schlachtordnung aufmarſchirt geblieben, ob er gleich von der friedlichen Natur ihres Manövers unterrichtet worden war. Die Friedenspfeife wurde ge⸗ raucht, und jetzt machte Alles gute Kameradſchaft. Die Krähen waren im Verfolge einer Bande von Chewennen begriffen, die in der Nacht ihr Dorf ange⸗ griffen und einen ihrer Leute getödtet hatten. Sie hat⸗ ten bereits 25 Tage die Spur der Räuber verfolgt, und waren entſchloſſen, nicht eher nach Hauſe zurück zu kehren, als bis ſie ihren Rachedurſt geſtillt hätten. Einige Tage vorher hatten mehrere ihrer Späher, die in einiger Entfernung von dem Haupt⸗Corps das Land durchſtreiften, Capitän Bonneville's Reiſezug ent⸗ deckt. Sie waren ihm eine Zeit lang heimlich gefolgt, erſtaunt über den langen Zug von Wagen und Ochſen, vorzüglich aber über den Anblick einer Kuh und eines Kalbes, die ruhig der Caravane folgten, und die ſie für eine Art von gezähmten Büffeln hielten. Nachdem ihre Neugierde befriedigt war, hatten ſie ihrem Häupt⸗ linge die Nachricht von Allem, was ſie geſehen, hinter⸗ bracht. Er war demnach von ſeinem Wege zum Ver⸗ 7 folge ſeiner Rache abgewichen, um die ihm beſchriebenen Wunder zu ſehen. „Jetzt, wo wir bei Euch geweſen ſind,“ ſagte er zu dem Capitän Bonneville,„und dieſe Wunder mit eigenen Augen geſehen haben, ſind unſere Herzen er⸗ freut.“ Es kann in der That nichts über die Neugierde gehen, welche dieſe Leute über die Gegenſtände vor ihnen an den Tag legten. Wagen waren von ihnen noch nie geſehen worden, und ſie unterſuchten ſie mit der größten Genauigkeit; allein das Kalb war beſonders der Gegen⸗ ſtand ihrer Bewunderung. Sie betrachteten es mit dem lebhafteſten Intereſſe, während es die Hände leckte, die es zu füttern pflegten und waren über den gutmüthigen Ausdruck ſeines Geſichts und ſeiner vollkommenen Ge⸗ lehrigkeit erſtaunt. Nach einer langen weiſen Berathung kamen ſie endlich darin überein, daß es die„große Medizin“ der Weißen ſeyn müſſe, eine Benennung, welche die India⸗ ner einem jeden Dinge von geheimer und übernatür⸗ licher Wirkung beilegen, das man als einen Talisman verwahrt. Sie wurden jedoch von ihrer Vermuthung gänzlich durch ein Erbieten der Weißen, ihnen das Kalb gegen ein Pferd zu überlaſſen, abgebracht; die große Medizin war hierdurch in ihren Augen auf der Stelle geſunken und ſie lehnten den Tauſch ab. Auf das Geſuch des Krähen⸗ Häuptlings lagerten beide Partien bei einander und brachten den Reſt des — 39— Tages eine in der Geſellſchaft der andern zu. Dem Capitän war jede Gelegenheit willkommen, die ihm die Bekanntſchaft der„unverdorbenen Söhne der Natur“ verſchaffte, was ſo lange der Gegenſtand ſeiner ſchwär⸗ meriſchen Wünſche geweſen war, und in der That ge⸗ hören dieſe wilden Pferdediebe zu einem der berüchtig⸗ ſten Völkerſtämme der Gebirge. Der Häuptling hatte hierauf ſeine Hirnſchädel zu zeigen und ſeine Schlachten zu erzählen. Der Schwarz⸗ fuß iſt der Erbfeind des Krähen und Feindſchaft gegen denſelben wird einem religiöſen Grundſatze gleich geach⸗ tet; denn jeder Stamm hat, außer ſeinen zufälligen Geg⸗ nern, noch irgend einen, mit dem er in ewiger Feind⸗ ſchaft lebend keine dauernde Verſöhnung eingehen kann. Die Krähen und Schwarzfüße ſind im Ganzen ſehr würdige Feinde, da ſie Spitzbuben und Schurken der er⸗ ſten Klaſſe ſind. Da ſie ihre Raubzüge über dieſelben Gegenden erſtrecken, ſo kommen ſie öfter mit einander in Berührung, und dieſe zufälligen Streitigkeiten dienen dazu, ſie wachſam und ihre Leidenſchaft ſtets rege zu erhalten. Die gegenwärtige Krähen⸗Partie zeigte jedoch nichts von dem gehäſſigen Character, weswegen ſie berüchtigt ſind. Während des Tages und der Nacht, daß ſie ſich mit unſern Reiſenden in ihrem Lager in Geſellſchaft be⸗ fanden, war ihr Benehmen außerordentlich freundſchaft⸗ lich. Sie waren wirklich faſt beläſtigend in ihrer Auf⸗ — 60— merkſamkeit, und hatten eine Manier zu ſchmeicheln, die zu Zeiten ſehr zudringlich wurde. Erſt nach der Tren⸗ nung an dem folgenden Morgen ward dem Capitän und ſeinen Leuten das Geheimniß dieſer freundlichen Zuthun⸗ lichkeit klar. Während ihrer brüderlichen Schmeichelei hatten die Krähen die Taſchen ihrer weißen Brüder zu leeren, ſelbſt die Knöpfe von ihren Kleidern zu entwenden und noch mehr ſich ihrer Jagdmeſſer zu bemächtigen gewußt. V Durch die Gleichheit der Sonnenhöhen, die der Ca⸗ pitän Bonneville in dieſem letzten Lager aufnahm, über⸗ zeugte er ſich, daß er ſich im 41° 47 nördlicher Breite befände. Um 6 Uhr des Morgens ſtand der Wärme⸗ meſſer auf 59“e, um 2 Uhr N. M. auf 92⁰ und Abends um 6 Uhr auf 70o. Die ſchwarzen Hügel oder Gebirge ſah man jetzt in der Ferne, ihre ſchroffen und zackigen Umriſſe an dem Horizonte abzeichnen, und unſern Reiſenden auf ihrem Wege ein ſchwer zu überſteigendes Hinderniß entgegen zu ſetzen drohen. Am 26. Mai ſchlugen die Reiſenden ihr Lager an der Gabel des Laramie's, eines klaren und ſchönen Stromes, auf, der in Weſt⸗Süd⸗Weſten ent⸗ ſpringt, im Durchſchnitte 20 Nard Breite hat, und ſich durch breite Wieſengründe voller Johannis⸗ und Sta⸗ chelbeerſträuchen, geſchmückt mit Hainen und Baumgrup⸗ pen, ſchlängelt. Durch die Beobachtung der Sateliten des Jupi⸗ ters mit einem reflectirenden Telescope von Dolland, “ 61 beſtimmte Capitän Bonneville die Länge zu 102⁰° 57 weſtlich von Greenwich. Wir müſſen hier unſerer Erzählung voreilen, um zu bemerken, daß ohngefähr drei Jahre nach der Zeit, von der hier die Rede iſt, Herr Robert Campbell, frü⸗ her Mitglied der Felsgebirgs⸗Pelzhandels⸗Compagnie, von dieſer Gabel aus, den Plattfluß in Böten von Häuten hinabfuhr, und ſo bewies, was immer in Ab⸗ rede geſtellt wurde, daß der Strom ſchiffbar ſey. Um dieſelbe Zeit legte er an der Gabel des Larimie's ein Fort oder Handelspoſten an, dem er den Namen Fort William, nach ſeinem Freunde und Handelsgeſellſchafter, Herrn William Sublette gab. Seit dieſer Zeit iſt der Plattfluß die Hauptſtraße für die Pelzhändler geworden. Durch die Wirkung der Trockne und Verdünnung der Atmosphäre auf ſeine Wagen hatte Capitän Bonne⸗ ville ſchon ſeit mehreren Tagen die hohe Lage des Land⸗ ſtriches bemerkt, zu dem er jetzt allmählig aufſtieg. Das Holzwerk trocknete ein, die Büchſen der Räder nutz⸗ ten ſich beſtändig ab, und es wurde nothwendig, die Speichen durch ſtarke Stangen zu befeſtigen, um ihr Auseinanderfallen zu verhüten. Unſere Reiſenden betraten jetzt eine jener großen Steppen des fernen Weſtens, wo die vorherrſchende Trockene der Atmosphäre das Land zur Cultur untaug⸗ lich macht. In dieſen Regionen findet man im Früh⸗ jahre einen friſchen ſüßen Graswuchs, allein es ſteht — 62— dünn und kurz, und verdorrt im Laufe des Sommers, ſo daß keines für die Jäger übrig bleibt, um im Herbſte Feuer anzuzünden. Es wird allgemein bemerkt, daß oberhalb der Vereinigung der beiden Arme des Platt⸗ fluſſes das Gras nicht brennt, und alle Verſuche zum Land⸗ und Gartenbau in der Nachbarſchaft des Fort's William von wenigem Glück begleitet geweſen ſind. Frucht und Gemüſe, die hier gezogen wurden, waren hinſichtlich der Quantität und Qualität ſehr gering. Die hohe Lage dieſer Ebenen und die Trockene der Atmos⸗ phäre wird dieſe ungeheueren Regionen in einem Zu⸗ ſtande ihrer urſprünglichen Wildheit erhalten. In dem Laufe von eins zwei Tagen weiter, betra⸗ ten unſere Reiſenden jenen wilden und unebenen Strich des Krähenlandes, den man die„Schwarzen Hügel“ nennt, und hier wurde ihre Reiſe äußerſt mühſelig. Schroffe Abhänge und tiefe Schluchten hinderten ſie be⸗ ſtändig am Fortkommen, ſo daß ein großer Theil des Tages in der müßhevollen Arbeit hingebracht werden mußte, Wege durch die Ufer zu ſtechen, Schluchten aus⸗ zufüllen, die Wagen die abſchreckendſten Anhöhen hinauf zu ziehen oder ſie an Stricken die gefährlichſten Abgründe hinabzulaſſen. Die Eiſen ihrer Pferde waren abgenutzt, und ihre Hufen durch die rauhen und ſteinigten Wege verletzt. Die Reiſenden wurden ebenfalls noch von häu⸗ figen aber kurzen Stürmen heimgeſucht, die über die Hügel oder durch die Bergſchluchten kamen und eine — 63— kurze Zeit fürchterlich wütheten und ſich dann legten, indem ſie Alles ruhig und heiter hinter ſich ließen. Mehrere Nächte hindurch war das Lager von herum⸗ ſtreichenden Hunden unſicher gemacht worden, die darauf ausgingen ſich etwas zum Freſſen zu ſtehlen. Sie wa⸗ ren von der Größe eines großen Hühnerhundes, hat⸗ ten kurze aufrechtſtehende Ohren, eine lange buſchige Ruthe und ganz das Anſehen eines Wolfes. Dieſe lau⸗ ernden Gäſte hielten ſich ganz in der Umgebung des Lagers, bis der Tag anbrach, wo ſie, wenn die erſten Schläfer ſich zu regen anfingen, davon eilten, bis ſie ir⸗ gend eine Anhöhe erreichten, wo ſie ſich hinſetzten und mit ſcharfen und hungrigen Blicken jede Bewegung be⸗ obachteten. In dem Momente, daß die Reiſenden ſich in Marſch geſetzt, und das Lager verlaſſen hatten, eil⸗ ten dieſe ausgehungerten Schmarozzer nach den verlaſ⸗ ſenen Lagerfeuern, um über die halbabgenagten Knochen, die Abfälle und die ausgeweideten Gedärme herzufallen, und nachdem ſie ſolche unter Beißen und Knurren gie⸗ rig aufgefreſſen hatten, folgten ſie gewöhnlich der Cara⸗ vane auf der Fährte. Viele Verſuche wurden gemacht, ſie zu locken und zu fangen, allein vergeblich: ihr ſchar⸗ fes und argwöhniſches Auge merkte auf die geringſte Bewegung, bei der ſie ſich umdrehten und davon liefen. Endlich wurde einer von ihnen gefangen genommen; er war furchtbar beängſtigt, duckte ſich nieder und zit⸗ terte, als wenn er augenblicklich umgebracht werden — 6» ſollte. Jedoch durch Liebkoſungen beruhigt, fing er bald darauf an, Zutrauen zu gewinnen, mit dem Schwanze zu wedeln und wurde endlich dahin gebracht, ſeinem Fänger auf der Ferſe zu folgen, wobei er jedoch immer verſtohlen argwöhniſche Blicke um ſich warf und eine Neigung verrieth, bei dem geringſten Lärmen durchzugehen. Am 1. Juli begegnete ihnen abermals eine Truppe kriegeriſchen Krähen. Sie erwieſen ſich ſehr ſtolz und großſprecheriſch und zeigten fünf Hirnſchädel der Cheyen⸗ nen, als Trophäen ihrer Rache, ſie beabſichtigten Schä⸗ deltänze und andere Luſtbarkeiten zur Feier ihrer Siege anzuſtellen. Capitän Bonneville und ſeine Leute waren jedoch keineswegs geneigt, ihre vertrauliche Freundſchaft mit dieſen hinterliſtigen Wilden zu erneuern, und ſie hüteten ſich daher vor ihren raubſüchtigen Liebkoſungen. Sie hatten hier Gelegenheit, eine Vorſicht der Krähen rückſichtlich ihrer Pferde zu bemerken; um nämlich ihre Hufe vor den ſcharfen Felsſpitzen zu beſchützen, über die ſte zu reiten hatten, zogen ſie ihnen Schuhe von Büffel⸗ leder an.. Der Weg unſerer Reiſenden ging gewöhnlich längs des Nebraska⸗ oder Plattfluſſes hin; allein bisweilen, wenn die ſteilen Vorgebirge bis zu dem Rand des Stromes vorſprangen, waren ſie genöthigt, einen Um⸗ weg landeinwärts zu machen. Einer von ihnen führte ſie durch eine offene und freundliche Gegend, von einer Reihe niedriger Gebirge begränzt, die von Oſten nach Weſten ſich erſtreckten. Alles um ſie herum trug die Spuren einer furchtbaren Erd⸗Revolution in lang ver⸗ gangenen Zeiten. Bisher hatten die verſchiedenen Fels⸗ lagen nur eine ſanfte Erhöhung gegen Süd⸗Weſten dar⸗ geboten, allein hier ſchien Alles zu unterſt zu oberſt gekehrt, und aus ſeiner Lage geworfen. An vielen Plätzen ſah man ſchwere Lager weißen Quarzes auf rothem Sandſteine ruhen. Ungeheure Felslager zu Klip⸗ pen aufgethürmt, die bisweilen ſenkrechte Wände und lberhängende Abgründe bildeten. Dieſe öden Wüſten haben ganz das Anſehen der Unfruchtbarkeit; die Thäler ſind von Vegetation entblößt oder nur dürftig mit einer verkümmerten Gattung von Wurmſamen⸗Kraut bewachſen, die von den Handels⸗ leuten und Biberfängern dieſer Gegend gewöhnlich mit dem Namen Salbey belegt wird.*) Von einem erhabenen Puncte ihres Marſches durch dieſe Gegenden genoſſen die Reiſenden eine ſchöne Ausſicht, von den Pulverflußgebirgen bis nach dem Norden, ſich an dem Rande des Horizontes hinziehend, und wegen des Schnees, womit ſie bedeckt waren, eine Kette kleiner weißer, den Himmel mit der Erde verbindenden, Wolken zu ſeyn ſcheinend. Obgleich der Wärmemeſſer um Mittag zwiſchen 80 und 90° ſtand, und ſelbſt bisweilen bis auf 930 ſtieg, *) Eine Biberfängern leicht verzeihliche Verwechſelung. 66.— 68. 5 —. 66— ſo ſah man doch bisweilen Strecken von Schnee auf den Spitzen der niedrigen Berge, zwiſchen welchen die Rei⸗ ſenden ihren Weg fortſetzten, zum Beweis der hohen Lage des ganzen Landſtriches. Indem der Nebraska durch die ſchwarzen Berge fließt, iſt er auf weit engere Kanäle beſchränkt, als in den Ebenen am Fuße derſelben. Allein er iſt tiefer und klarer und bildet einen raſcheren Strom. Auch die Landſchaft bietet mehr Veränderung dar und iſt ſchöner. Bisweilen fließt er ſchnell, aber ſanft durch ein male⸗ riſches Thal, zwiſchen waldbewachſenen Ufern; dann zwingt er ſeinen Weg durch das Innere felſiger Gebirge, ſtürzt ſich ungeſtüm durch enge Thalſchluchten, und brül⸗ lend und ſchäumend über Felſen und jähe Abhänge herab, bis er, wieder beſänftiget, in einem friedlichen Thale ruhig wird. Am 12. Juli verließ Capitän Bonneville den Haupt⸗ arm des Nebraska's, der beſtändig durch ſchroffe Vor⸗ gebirge eingeengt wurde und nachdem er ein Paar Tage lang eine Krümmung nach Süd⸗Weſten, zum Theil über Ebenen von lockerem Sande, gemacht hatte, lagerte er ſich am 14. an das Ufer des Süßwaſſers, ein Strom, der ohngefähr 20 Nard in der Breite hat, 4 oder 5 Fuß tief iſt, zwiſchen niedern Ufern auf einem ſandigen Bo⸗ den hinfließt, und eine der Gabeln oder der obern Arme des Nebraska's bildet. — 67— Sie ſetzten jetzt ihren Weg mehrere Tage hin⸗ durch an dieſem Fluſſe hinauf, meiſt in der Richtung nach Weſten fort. Der Boden war leicht und ſandig, und die Landſchaft abwechſelnd. Häufig waren die Ebenen mit einzelnen Felsblöcken beſät, die manchmal von halb runder Geſtalt und 300 bis 400 Fuß hoch waren. Dieſe ſonderbaren Maſſen hatten bisweilen ein ſehr imponirendes und ſelbſt erhabenes Anſehen, indem ſie ſich mitten aus einer wilden und einſamen Landſchaft erhoben. So wie die Reiſenden weiter kamen, fing die hohe Lage des Landes an, ihnen bemerkbarer zu werden. Die Hügel ringsum waren auf ihren Spitzen beinahe durchgängig mit Schnee bedeckt. Die Leute beklagten ſich über Krämpfe und Colik, aufgeſprungene Lippen, wunden Mund und heftiges Kopfweh. Das Holzwerk der Wagen ſchrumpfte ſo zuſammen, daß es ſchwer hielt, die Räder vom Auseinanderfallen abzuhalten. Das an den Strom ſtoßende Land war häufig von tiefen Schluch⸗ ten ausgefurcht, oder von Felsvorſpringen geſperrt, was, um ſolche zu umgehen, die Reiſenden nöthigte, einen weiten Umweg durch die Ebenen zu nehmen. Im Laufe derſelben ſtießen ſie auf ungeheure Herden von Büffeln, die, wie eine fliehende Armee, ſich von ihrem Vortrabe davon machten. Unter den mancherlei Genoſſen des Lagers befand ſich auch ein gewiſſer Tom Cain, ein roher Irländer, 5*⅔ — 68— der den Dienſt als Koch verſah, und der durch ſeine Miß⸗ griffe und ſein linkiſches Benehmen, in ſeiner neuen Lage in den wilden Gegenden, und bei der wilden Le⸗ bensweiſe, in welche er plötzlich verſetzt worden war, ſich zur Zielſcheibe des Spottes in dem Lager gemacht hatte. Tom fing jedoch an, ein Streben nach etwas höherem, als ſein gegenwärtiger Stand war, zu zeigen, und die Unterhaltung der Jäger und Erzählung ihrer Thaten flößte ihm das Verlangen ein, ſich zur Würde ihres Standes zu erheben. Die Büffel in ſo ungeheuren Herden boten eine verführeriſche Gelegenheit dar, ſeinen erſten Verſuch zu machen. Er ritt in der Marſchlinie, bereit zum Angriff, und hatte die Pulverflaſche und den Schrotbeutel ſehr weiſe an den Sattelknopf gehangen um ſolche bei der Hand zu haben. Die Büchſe hatte er auf der Schulter hangen. In dieſem Zuſtande kam ein Trupp Büffel im größten Lärmen vorüber getrabt und augenblicklich ſprang Tom von ſeinem Pferde, um ſie zu Fuß zu verfolgen. Da er fand, daß ſie ihn weit einter ſich ließen, ſo legte er ſeine Büchſe an, und feuerte b. Sein Schuß brachte indeſſen keine andere Wirkung„* hervor, als die Eile der Büffel zu vermehren und ſein eigenes Pferd ſcheu zu machen, welches durchging und mit ſeinem Schießbedarf davon lief. Tom eilte ihm nach, indem er aus allen Kräften ſchrie, und das ſcheue Pferd und der tolle Irländer verſchwanden bald in den Schluchten der Prairie. 4 — 69— Capitän Bonneville, der ſich an der Spitze der Marſchlinie befand und den Vorfall in einiger Entfer⸗ nung mit angeſehen hatte, ſchickte Tom eine Partie ſeiner Leute nach. Nach einer langen Zwiſchenzeit kehrten ſie zurück, das verſcheuchte Pferd mit ſich führend, allein ob ſie gleich die ganze Gegend durchſtreift, ſich überall um⸗ geſehen und von jeder Anhöhe gerufen hatten, ſo hatten ſie dennoch nichts von ſeinem Reiter geſehen. Da Capitän Bonneville Tom's linkiſches Weſen und Unerfährenheit und die Gefahren eines, Mitten in der Prairie verirrten, unbeholfenen Irländers kannte, ſo machte er Halt und ſchlug ſein Lager zur frühen Stunde auf, damit er des andern Morgens eine regelmäßige Jagd auf ihn anordnen könne. Am andern Morgen wurden mit Anbruch des Tages Späher nach jeder Richtung abſchickt, während der Haupt⸗ trupp ſich nach dem Frühſtücke langſam weiter bewegte. Es war erſt gegen die Mitte des Nachmittags, daß die Jäger mit dem ehrlichen Tom, den Einer hinten aufg packt hatte, zurückkehrten. Sie hatten ihn in einem Zuſtande der größten Angſt und Verlegenheit gefunden, und ſeine Wiedererſcheinung erregte Ausbrüche des Ge⸗ lächters im Lager; allein Tom konnte dießmal nicht mit⸗ „lachen, da es auf ſeine Koſten geſchah. Er war völlig muthlos geworden, und wahrſcheinlich von ſeiner Jagd⸗ Manie für den Reſt ſeiner Tage geheilt. * Fünftes Kapitel. Prächtige Ausſicht.— Windflußgebirge.— Waſſerreichthum. — Ein verlaufenes Pferd.— Eine indianiſche Fährte.— Forel⸗ lenbäche.— Das große Grüne⸗Flußthal.— Ein Alarm.— Eine Bande Biberfänger.— Fontenelle und ſeine Nachrichten.— Erlittener Durſt.— Lager an dem Seeds⸗ke⸗dee.— Liſt eifer⸗ ſüchtiger Pelzhändler.— Befeſtigung des Lagers.— Die Schwarzfüße.— Banditen des Gebirgs.— Ihr Character und ihre Gewohnheiten.— Es war am 20. Juli, daß Capitän Bonneville zuerſt die große Region ſeiner Hoffnungen und Wünſche, die Felsgebirge, erblickte. Er hatte einen Umweg ſüdlich ge⸗ nommen, um einige Hinderniſſe längs des Stromes zu ermeiden, und einen hohen ſelſigen Bergrücken erreicht, ls eine prachtvolle Ausſicht ſich vor ſeinen Augen er⸗ öffnete.— Weſtlich erhoben ſich die Windflußgebirge, die ihre bleichen und ſchneeigen Gipfel in die Wolken erhoben. Dieſe zogen ſich weit nach Nord⸗Nord⸗Weſten hin bis ſie ſich dem Auge anſcheinend in dünnes Gewölk, auflösten, was aber der erfahrne Blick der Jäger⸗Vete⸗ ranen der Partie für die ſchroffen Gebirge des Yellow⸗ ſtone's erkannten, an deſſen Fuß ſich die wilde Landſchaft 11— der Krähen ausdehnt, eine gefährliche, obgleich ergehige Region für die Biberfänger. 8* Südweſtlich ſchweifte das Auge über ungeheure Wild⸗ niſſe mit anſcheinenden Schneenebeln an ihrem Horizonte. Dieſe wurden jedoch als ein anderer Zweig der großen Chippewyan⸗, oder Felsgebirgskette bezeichnet, nämlich als die Eutawgebirge, an deren Fuß die wandernden Jägerſtämme deſſelben Namens ihre Zelten aufſchlagen. Wir können uns die Begeiſterung des würdigen Capitäns denken, als er die weite und gebirgige Scene ſeiner abentheuerlichen Unternehmung ſo plötzlich und enthüllt vor ſich liegen ſah. Wir kennen uns denken, mit welchen Gefühlen von Staunen und Bewunderung er die Windfluß⸗Sierra oder Gebirgsſchichte betrachtet haben muß; jenen großen Waſſerbehälter, aus deſſen Quellen, Seen und geſchmolzenem Schnee, mehrere der mächtigen Ströme ihren Urſprung nehmen, die über Hunderte von Meilen durch mannichfaltige Gegenden und Climate fließen und ihren Weg nach den entgegen ge⸗ ſetzten Gewäſſern des atlandiſchen und des ſtillen Oceans finden. Die Windflußgebirge gehören in der That mit zu den merkwürdigſten der ganzen Felſenkette, und wie es ſcheinen will, zu den höchſten. Sie bilden gleichſam eine hohe Gebirgsſchichte, ohngefähr 80 Meilen in der Länge und 32 in der Breite. Sie ſind mit ſchroffen Klippen verſehen, mit ewigem Schnee bedeckt und haben tiefe, enge Thäler, voller Quellen, Bäche und von Felſen um⸗ gebenen Seen. Aus dieſem großen Waſſervorrathe gehen klare Ströme hervor, die ſich im Hinabfließen vergröſ⸗ ſern, auf der einen Seite in den Miſſouri⸗ und auf der andern in den Columbiafluß einmünden, und zur Ent⸗ ſtehung des Seeds⸗ke⸗dee Agie, oder Grünen⸗Fluſſes, des großen Colorado's des Weſtens Veranlaſſung geben, der ſeine Strömung in den californiſchen Meerbuſen ergießt. Die Windflußgebirge ſind berühmt in den Erzählungen der Jäger und Biberfänger: ihre felſigen Engpäſſe und die rauhen Landſtrecken in ihrer Nachbarſchaft haben Raubhorden des Gebirgs zu Schlupfwinkeln gedient, und zu Scenen blutigen Zuſammentreffens der Krähen mit den Schwarzfüßen gedient. Es war im Weſten dieſer Gebirge in dem Seeds⸗ke⸗dee Agie⸗ oder Grünen⸗ Flußthale, daß Capitän Bonneville Halt zu machen be⸗ abſichtigte, um ſeine Leute und ſeine Pferde nach ihrer ermüdenden Reiſe ausruhen zu laſſen und Nachricht über die ferner von ihm einzuhaltende Richtung einzuziehen. Dieſes Grüne⸗Flußthal und ſeine nächſte Nachbarſchaft bildete, wie wir bereits bemerkt haben, für gegenwär⸗ tiges Jahr den Hauptzuſammenkunftsort für die wett⸗ eifernden Pelzhandels⸗ Compagnien und die bunte, mit ihnen verbundene, civiliſirte und wilde Menſchenmaſſe. Mehrere Tagsreiſen durch rauhe Felswege blieben dem Capitän und ſeinen Leuten jedoch noch zurückzulegen — — 3— übrig, ehe ſie ihr Lager auf dieſem erſehnten Ruheplatz aufſchlagen konnten. Am 21. Juli, als ſie ihre Richtung durch eins der Wieſenthäler des Süßwaſſers verfolgten, ſahen ſie in einiger Entfernung ein Pferd graſen. Es zeigte ſich bei ihrer Annäherung nicht ſcheu, ſondern ließ ſich ruhig ergreifen, und erwies ſich vollkommen gezähmt. Die Späher der Partie gingen ſogleich auf Kundſchaft nach dem Eigenthümer des Thieres aus, ob nicht etwa eine gefährliche Bande von Wilden in der Nähe lauere. Nach einer genauen Nachſuchung entdeckten ſie die Spur einer Partie Indianer, die ganz deutlich erſt neuerlich in der 1 Nachbarſchaft vorüber gekommen waren. Man nahm daher von dem Pferde, als ein verlaufenes, Beſitz, ver⸗ doppelte aber die gewöhnliche Wachſamkeit um das Lager bei Nacht, damit nicht etwa die früheren Eigenthümer auf den Raub ausgingen. Die Reiſenden hatten jetzt eine ſolche Höhe erreicht, daß am 23. Juli bei Tagesanbruch das Waſſer in den Eimern ziemlich dick gefroren war und der Wärmemeſſer auf 22 unter Null ſtand. Die Verdünnung der Luft griff fortdauernd das Holzwerk der Wagen an, und die Räder fielen immer in Stücken. Man erſann endlich ein Mittel zur Abhülfe. Die eiſernen Reife wurden von den Rädern abgenommen; ein hölzernes Band ringsum die Schienen genagelt, der eiſerne Reif ſodann glühend gemacht, wieder angelegt, und ſchnell mit Waſſer — 74— V abgekühlt. Durch dieſes Mittel wurde das Ganze ſehr feſt mit einander verbunden. Ddiie äußerſt hohe Lage dieſer großen Steppen, die am Fuße der Felsgebirge hinlaufen, benimmt ihren Kup⸗ pen die, rückſichtlich ihrer Erhabenheit über die Fläche der See nur wenigen in der bekannten Welt nachſtehen, ſehr viel von ihrer anſcheinenden Höhe. Am 24. verließen unſere Reiſende die Gewäſſer des Süßwaſſers und ihren Weg weſtwärts über einen nie⸗ dern und ſehr felſigen Bergrücken nehmend, der einer der ſüdlichſten Arme der Windflußgebirge iſt, ſchlugen ſie nach einem Marſche von 7 ½ Stunde ihr Lager an ven Ufern eines kleinen klaren Stromes auf, der nach Sü⸗ den floß, und in dem ſie eine Menge ſchöner Forellen ſingen. 1 Der Anblick dieſer Fiſche wurde mit großer Freude, als ein Zeichen, begrüßt, daß ſie die Ströme erreicht hatten, die in den ſtillen Ocean fließen; denn nur in den Strömen der weſtlichen Seite des Felsgebirges wer⸗ den Forellen angetroffen. Es zeigte ſich, daß der Strom, an dem ſie gelagert hatten, wirklich in den Seeds⸗ke⸗dee Agie⸗ oder Grünen⸗Fluß einmündete, in den er ſich in einiger Entfernung ſüdlich ergoß. 1 Capitän Bonneville hielt ſich jetzt überzeugt, den Kamm der Felsgebirge überſtiegen zu haben, und es war ihm einigermaßen ein Triumph, das erſte Individuum geweſen zu ſeyn, das nördlich der mexikaniſchen Provinzen 8 8 — 73— von den Gewäſſern des atlantiſchen Meeres, bis zu jenen des ſtillen Oceans, mit Wagen über dieſelben gekommen war. Herr William Soublette, der kühne Anführer der Felsgebirgs⸗Pelzhandels⸗Compagnie, hatte zwar zwei oder drei Jahre vorher das Thal des Windfluſſes erreicht, das auf der Nordoſtſeite des Gebirgs liegt, war aber nicht weiter gekommen. Es dehnte ſich jetzt ein weites Thal vor den Rei⸗ ſenden aus, auf einer Seite begränzt durch die Wind⸗ flußgebirge und gegen Weſten durch eine lange Reihe hoher Hügel. Capitän Bonneville wurde von einem alten Jäger in der Geſellſchaft verſichert, daß dieſes das große Seeds⸗ke⸗dee Thal ſey, und derſelbe Berichterſtat⸗ ter hätte ihn gerne bereden mögen, daß ein kleiner Fluß von 3 Fuß Tiefe, den er am 25. erreichte, dieſer Strom ſey. Der Capitän hielt ſich jedoch überzeugt, daß d Strom zu unbedeutend wäre, um alle Gewäſſer großen Thales und der anſtoßenden Gebirge aufzu men; er ſchlug daher ſein Lager frühzeitig an ſein Rande auf, damit er den ganzen nächſten Tag vor ſie habe, um den Hauptfluß zu erreichen, den er zwiſchen ſich und der fernen weſtlichen Gebirgskette vermuthete. b Am 26. Juli ſetzte er ſich frühzeitig in Marſch, indem er das Thal nach den weſtlich gelegenen Hügeln quer durchſchnitt, und ſo ſchnell zumarſchirte, als es der abge⸗ mattete Zuſtand der Pferde erlaubte. Gegen 11 Uhr des Vormittags entdeckte man eine große Staubwolke im Hinterhalte, die dem Zuge auf dem Fuße folgte. Es wurde Lärm gemacht, Alle kamen zuſammen und hielten einen Kriegsrath. Einige muthmaßten, daß die Truppe Indianer, deren Spur ſie in der Nähe des ver⸗ laufenen Pferdes entdeckt hatten, ihnen in irgend einer geheimen Feſte des Gebirgs aufgelauert habe, und ſie nun in der freien Ebene angreifen wolle, wo ſie keinen Schutz hätten. Es wurden ſogleich Anſtalten zur Vertheidigung getroffen und ein Trupp Späher auf Kundſchaft abge⸗ ſchickt. Sie kamen bald galoppirend zurück und gaben Signale, daß Alles beruhigt ſeyn könne. Die Staub⸗ wolke wurde durch eine Bande von 50 bis 60 berittenen Biberfängern veranlaßt, die zu der amerikaniſchen Pelz⸗ handels⸗Geſellſchaft gehörten, und ſie bald, mit ihren Packpferden am Zaume, erreichten. An ihrer Spitze ſtand eerr Fontenelle, ein erfahrner Anführer oder Partei⸗ änger, wie man den Anführer einer Partie in der echniſchen Sprache der Trapper nennt. Herr Fontenelle benachrichtigte den Capitän Bonneville, daß er ſich auf ſeinem Wege von der Handelsniederlage der Compagnie an dem Jellowſtone, mit einer Verſtärkung und neuen Vorräthen, für ihre Jagd⸗ und Handels⸗Partieen jenſeits des Gebirgs, nach der jährlichen Verſammlung befinde, und laut ſeiner genommenen Verabredung einen Trupp freier Biberfänger in der Nähe anzutreffen hoffe. Er war in den Hinterhalt von dem Zuge des Capitän Bon⸗ — wo möglich an dem Thaue des ſparſamen Graſes zu neville gefallen, als dieſer eben den Nebraska verlaſſen hatte, und da er fand, daß ſie alles Wild verſcheucht hatten, ſo war er genöthigt geweſen, in forcirten Mär⸗ ſchen nach zu eilen, um einer Hungersnoth zu entgehen: Leute und Pferde waren daher ſehr erſchöpft; allein dieſes war kein Platz zum Haltmachen; die Ebene vor ihnen, ſagte er, ſei entblößt von Gras und Waſſer und Beides erſt in der Nähe des Grünen⸗Fluſſes anzutreffen, der noch in beträchtlicher Entfernung lag. Er hoffe, fügte er hinzu, daß ſeine Leute alle beritten wären, um dieſen Fluß mit genauer Noth noch vor Einbruch der Nacht erreichen zu können, allein er zweifelte an der Möglichkeit der Ankunft des Capitän Bonneville dort mit ſeinen Wagen, vor dem folgenden Tage. Nachdem er dieſe Nachricht mitgetheilt hatte, machte er ſich in aller Eile weiter. Capitän Bonneville folgte ihm ſo geſchwind, als ihm die Umſtänden erlaubten. Der Boden war feſt ſandig; allein die Pferde waren zu ermüdet, um ſich ſchnell bewegen zu können. Nach einem langen, ſe beſchwerlichen Tagsmarſche, und ohne für das Mittags mahl einen Halt gemacht zu haben, waren ſie um 9 Uhr Abends genöthigt, ihr Lager in der freien, von Waſſer und Kräuter entblößten, Ebene aufzuſchlagen. Am folgenden Morgen wurden die Pferde mit dem erſten Blicke des Tages frei gelaſſen, um ihren Durſt löſchen, das hier und dort unter trockenen Sandbänken aufſchoß. Der Boden dieſes Grünen⸗Flußthales beſteht größtentheils aus einem weißlichen Thon, in welchen der Regen nicht eindringen kann; der vielmehr in der Sonne trocknet und Riſſe bekommt. Erſt gegen Mittag erreichte Capitän Bonneville die Ufer des Seeds⸗ke⸗dee oder des Colerado des Weſtens, während welcher Zeit Menſchen und Pferde außerordent⸗ lich gelitten hatten, und ſie beeilten ſich gleichſam mit raſender Begierde ihren brennenden Durſt tn den Wogen des klaren Stromes zu ſtillen. Fontenellen und ſeinem Trupp war es nicht viel beſſer ergangen; dem größten Theile war es gelungen, den Fluß mit einbrechender Nacht zu erreichen, ſie wur⸗ den aber durch die Anſtrengung beinahe aufgerieben; die ferde Anderer waren unter ihnen zuſammen geſtürzt und ſie genöthigt geweſen die Nacht unterweges zuzu⸗ ingen. Am folgenden Morgen ſetzte Fontenelle mit ſeinem Lager über den Fluß; während Capitän Bonneville eine leine Strecke an demſelben hinabzog, wo ſich eine kleine, ber grünende Wieſe befand, die reichliches Futter darbot. Hier ließ man die Pferde graſen und aus⸗ ruhen. Die beſchwerliche Reiſe über das Gebirg hatte ſie ſchon abgemagert und entmuthigt; bei dieſem letzten Marſch über die Ehenen waren ſie jedoch beinahe um⸗ gekommen. 8 — 79— Der Capitän erhielt hier die erſte Probe von der gerühmten Liſt, die bei dem Pelzhandel in Anwendung gebracht wird. Während ſeines kurzen aber geſelligen Lagers in Gemeinſchaft mit Fontenelle, hatte dieſer er⸗ fahrne Biberfänger eine Anzahl Delaware⸗Indianer, die der Capitän mitgebracht hatte, für ſich zu gewinnen gewußt, indem er jedem von ihnen vier hundert Thaler. für die Jagd des nächſten Herbſtes anbot. Der Capitän war etwas erſtaunt, als er dieſe Jäger, auf deren Dienſte er ſicher gerechnet hatte, plötzlich ihre Fallen aufpacken und in das Lager ſeines Nebenbuhlers übergehen ſah. Damit er ſich jedoch einigermaßen mit ſeinem Mitbe⸗ werber auf gleichen Fuß ſetze, ſchickte er zwei Späher in der Abſicht ab, ſich nach der Bande der freien Biber⸗ fänger um zu ſehen, die Fontenelle in der Nachbarſchaft anzutreffen hoffte, und ſich zu bemühen, ſolche in ſein Lager zu bringen. Da es nöthig war, einige Zeit in der Nähe zu verweilen, damit Mann und Pferd ausruhen und ſie ſich wieder erholen könnten, die Gegend aber ſehr ge⸗ fahrvoll war; ſo ſchritt Capitän Bonneville dazu, ſein Lager durch eine Bruſtwehr von Baumſtämmen und Pfählen zu befeſtigen. Ddieſe Vorſicht war damals beſonders nothiwendig wegen der Banden der Schwarzfüße, Indianer, die in der Nähe herumſtreiften. Dieſe Wilden ſind die gefähr⸗ lichſten Banditen der Gebirge, und die erbitterſten Feinde — 80— der Biberfänger. Sie ſind Ismaeliten der erſten Klaſſe, die mit den Waffen in der Hand immer bereit zum An⸗ griffe ſind. Die jungen Braven des Stammes, die von Eigenthum entblößt ſind, gehen in den Krieg, um Beute zu machen, Pferde zu erobern und die Mittel zu gewinnen, ſich eine Hütte aufzuſchlagen, eine Familie zu ernähren und ſich zu einem Sitze in dem öffentlichen Rathe fähig zu machen. Die alten Krieger fechten bloß aus Lieb⸗ haberei für die Sache, und des Anſehens wegen, wel⸗ ches ihnen das Kriegsglück unter ihrem Volke gibt. Sie ſind vorzüglich gute Reiter und im Allgemei⸗ nen gut auf kurzen, kräftigen Pferden beritten, die den Prairiekleppern ähnlich ſehen, welche man zu Saint⸗ Louis antrifft. Gehen ſie jedoch auf eine Kriegs⸗Partie aus, ſo marſchiren ſie zu Fuß, um hierdurch befähigt zu ſeyn, das Land heimlich ausſpähen, ſich in Dickichten und Hohlwegen verborgen halten und mehr Liſt und Aus⸗ flüchte anwenden zu können. Ihre Art Krieg zu führen, beſteht einzig darin; ſich in den Hinterhalt zu legen, zu überrumpeln und plötzliche Ueberfälle bei der Nacht zu machen. Gelingt es ihnen Schrecken zu erregen, ſo ſtürzen ſie wüthend darauf los; iſt aber der Feind wach⸗ ſam und gibt er kein Zeichen der Furcht zu erkennen, ſo werden ſie vorſichtig und bedachtſam in ihren Bewe⸗ gungen. Einige ſind, in ihrer urſprünglichen Art mit Bogen, und Pfeilen bewaffnet; der größere Theil aber hat — 81— leichte amerikaniſche Flinten, die nach dem Muſter von jenen der Hudſons⸗Bai⸗Compagnie verfertigt ſind. Dieſe verſchaffen ſie ſich auf den Handelspoſten der amerikani⸗ ſchen Pelzhandels⸗Compagnie, am Maria⸗Fluſſe, wo ſie ihr Rauchwerk gegen Waffen, Schießbedarf, Kleidung und Spielzeug vertauſchen. Sie ſind außerordentlich auf geiſtige Getränke und Tabak erpicht, für welche ſchädliche Dinge ſie bereitwillig, nicht allein ihre Flin⸗ ten und Pferde, ſondern ſelbſt ihre Weiber und Töchter vertauſchen. Da ſie eine verrätheriſche Menſchenrace ſind, und eine hinterliſtige Feindſchaft gegen die Weißen hegen, ſeitdem einer von ihnen durch Herrn Lewis, dem Handelsgeſellſchafter des Generals Clarke, auf ſei⸗ ner erſten Expedition jenſeits der Felsgebirge getödtet ward; ſo iſt die amerikaniſche Pelzhandels⸗Compagnie beſtändig genöthigt, an dieſem Poſten eine Beſatzung von 60 bis 70 Mann zu unterhalten. Unter dem allgemeinen Namen der Schwarzfüße begreift man mehrere Völkerſtämme, wie die Suxcies, die Peagans, die Blutindianer und die Gros⸗Ventres der Prairieen, die mit einigen andern nördlichen Stäm⸗ men um die ſüdlichen Arme des Jellowſtone⸗ und des Miſſouri⸗Fluſſes herumſtreifen. Die Horden, welche die Windflußgebirge und die umliegende Gegend unſi ſicher machen, waren zu der Zeit, 66.— 68..6 — 82— von welcher hier die Rede iſt, die Gros⸗Ventres der Prairieen, die nicht mit dem Gros⸗Ventres von Miſſouri zu verwechſeln ſind, welche ſich um den untern Theil dieſes Fluſſes herum aufhalten, und gegen die Weißen freundlich geſinnt ſind. Dieſe feindliche Bande hält ſich an den oberen Thei⸗ len des Miſſouri auf, und zählt ohngefähr neun Hundert ſtreitbare Männer. In dem Laufe von zwei oder drei Jahren verlaſſen ſie einmal ihre gewöhnlichen Wohnun⸗ gen und beſuchen die Arapahoes im Arkanſasgebiete. Ihr Weg führt ſie durch das Krähenland und die ſchwar⸗ zen Hügel, oder durch die Länder der Nez⸗percés, Flat⸗ heads, Bannecks und Schoshonies. Da ſie ſich in ihrem Lieblingszuſtande der Feindſeligkeit mit allen dieſen Stämmen befinden, ſo erlauben ſie ſich auf ihrem Zuge die geſetzloſeſten und räuberiſchten Handlungen. Auch nehmen ſie keinen Anſtand, ihre Plünderung auf irgend eine Partie weißer Männer zu erſtrecken, die ihnen in den Weg kommt, indem ſie ihrer Fährte folgen, ihr Lager umſchwärmen, den Caravanen der freien Trapper auf dem Fuße folgen, ihnen auflauern, und den ein⸗ ſamen Biberfänger ermorden. Die Folge hiervon iſt, daß häufige und verzweifelte Gefechte zwiſchen ihnen und den Gebirgsjägern in den engen Thalſclchten und fe⸗ ſten Poſitionen des Felsgebirges vorfallen. — Die Bande war zu dieſer Zeit auf ihrem Heim⸗ wege von einem ihrer gewöhnlichen Beſuche bei den Arapahoes begriffen, und in dem folgenden Kapitel werden wir von einem blutigen Zuſammentreffen zwi⸗ ſchen ihnen und den Biberfängern handeln, das gerade vor Ankunft des Capitäns Bonneville in den Gebirgen Statt gefunden hatte. —— 6 ⁸ à Sechstes Kapitel. Stäblette und ſeine Bande.— Robert Campbell.— Capitän Wyeth und eine Bande„Down⸗Easters“.— Eine YNankee⸗ Unternehmung.— Fitzpatrick.— Sein Abentheuer mit den Schwarzfüßen.— Ein Sammelplatz der Gebirgsjäger.— Das Geſecht in Pierre's Höhle.— Ein indianiſcher Hinterhalt.— Sublette's Rückkehr.— Indem wir den Capitän Bonneville mit ſeiner Bande in dem befeſtigten Lager im Grünen⸗Flußthale verſchanzt laſſen, müſſen wir zurückkehren, um eine Partie der Felsgebirgs⸗„Pelzhandels⸗Compagnie mit Vorräthen von St. Louis auf ihrem Zuge nach dem jährlichen Ver⸗ ſammlungsorte in Pierre's⸗Höhle zu begleiten. Dieſe Par⸗ tie beſtand aus ſechszig Mann wohlberittener Leute, die ſckpferde bei ſich führten. Sie wurden vom Capitän William Sublette, einem Geſellſchafter der Compagnie, und einem der thätigſten, unternehmendſten und berühm⸗ ligt. Er war von ſeinem Handelsgeſellſchafter und ge⸗ prüften Kampfgenoſſen in der Gefahr, Herrn Robert Campbell, einem der Pioniere des Handels jenſeits der Gebirge, begleitet, der Fänger⸗Partieen daſelbſt in Zei⸗ en der größten Gefahr befehligt hatte. 3 teſten Führer in dieſem halb militäriſchen Dienſte befeh⸗ 6* — 83— Als ſich dieſe würdigen Handelsfreunde auf ihrem Wege nach der Gränze befanden, kamen ſie mit einer andern Expedition zuſammen, die ebenfalls auf der Reiſe nach dem Gebirge begriffen war. Dieſes war eine Partie regelmäßiger„Down⸗Easfers“, nämlich Leute aus Neu⸗ England, die mit aller Einſicht und ſcharfſinnigem Geiſte, ihrer Race, ſich jetzt den Weg zu einem neuen Felde ihrer Unternehmung zu bahnen ſuchten, worauf ſie gänz⸗ lich unbekannt waren. Die Partie war von Capitän Nathaniel J. Wyeth⸗ von Boſton ausgerüſtet worden, und wurde von ihm unterhalten und befehligt. Dieſer Mann hatte die Idee gefaßt, daß eine einträgliche Salmenfiſcherei, verbunden mit dem Pelzhandel, an dem Columbiafluſſe angelegt werden könne. Er hatte demnach Kapitalien in Waaren geſteckt, die er für den Handel mit den Indianern ge⸗ eignet hielt, und eine Anzahl Oſtländer in ſeine Dienſte genommen, die den fernen Weſten nie geſehen hatten noch irgend etwas von der Wildniß wußten oder kann ten. Mit dieſen ſchlug er ſeinen Weg querfeld über das feſte Land ein, ohne ſich durch Gefahren, Schwierigkeiten und die Entfernung abſchrecken zu laſſen; auf dieſelbe Weiſe, wie ein neu⸗engliſcher Küſtenfahrer und ſeine Nachbarn kaltblütig eine Reiſe nach dem ſchwarzen Meere oder einen Wallfiſch⸗Kreuzerzug nach dem ſtillen Ocean unternehmen. —-— 87— Sammelplatze in der Pierre's⸗Höhle herab, ihnen in der Abſicht entgegen, ihren Marſch zu beſchleunigen. Erreiſ'te in Geſellſchaft mit ihnen, bis ſie das Süßwaſſer erreichten wo er ein Paar Pferde, ein Reit⸗ und ein Packpferd, nahm, um voraus nach Pierre's⸗Höhle zu eilen, und vor ih⸗ rer Ankunft Anſtalten zu treffen, damit er ſeinen Jagd⸗ Ä 4 feldzug vor der andern Compagnie eröffnen könne. Fitzpatrick war ein entſchloſſener und erfahrner Ge⸗ birgsjäger, der alle Päſſe und Thalſchluchten kannte. Er verfolgte eben ſeinen einſamen Weg, das Grüne⸗Fluß⸗ thal hinauf, als er in einiger Entfernung mehrere Rei⸗ ter erblickte, und Halt machte, um ſie zu erkennen. Er hielt ſie anfänglich für eine Abtheilung aus ihrem Ver⸗ ſammlungsplatze, oder eine Partie freundlicher Indianer. Sie gewahrten ihn, erhoben das Kriegsgeſchrei, und kamen in vollem Rennen auf ihn zugeſprengt. Er ſah ſeetzt ſeinen Irrthum und ſeine Gefahr ein,— es waren Schwarzfüße. Auf ſein raſcheſtes Pferd ſpringend und das andere dem Feinde überlaſſend, machte er nach dem Gebirge hHinauf zu entkommen. Hier verbarg er ſich eine Zeit kang, bis er glaubte daß die Indianer weg ſeyen, wo er ſodann nach dem Thale zurückkehrte. Er wurde aber⸗ mals verfolgt, verlor ſein übriges Pferd und entkam nur dadurch, daß er die Felſen hinaufkletterte. Mehrere Tage lang hielt er ſich unter den Felſen und Abhängen ver⸗ zu, und es gelang ihm, einen der gefährlichſten Engpäſſe — 86— Mit all ihrer angebornen Geſchicklichkeit, ſich in ſchwierigen Fällen helfen zu können, fanden ſich doch Ca⸗ pitän Wyeth und ſeine Leute, als ſie die Gränze erreicht hatten und einſahen, daß die Wildniß Erfahrungen und Gewohnheiten erfordere, die ihnen gänzlich abgingen, in der tiefſten Verlegenheit. Auſſer dem Führer, hatte kei⸗ ner der ganzen Partie je einen Indianer geſehen, noch eine Büchſe gehandhabt; ſie befanden ſich ohne Wegwei⸗ ſer und ohne Dolmetſcher, und waren mit der Jägerei und der Art, wie man ſich durch wilde Horden durchzu⸗ ſchlagen hat, und auf weiten Märſchen über ſteile Ge⸗ birge und unfruchtbare Ebenen durchbringen kann, völlig unbekannt. In dieſer Verlegenheit fand ſie Capitän Sublette in der kleinen Gränzſtadt Independence in Miſſouri, gleichſam von einer Windſtille befallen oder vielmehr völlig aufgefahren, und nahm ſie wohlwollend in das Schlepptau. Die beiden Partieen reiſ'ten freundſchaft⸗ lich mit einander; die Gränzer von Sublette's Partie ertheilten ihren Jankée⸗Kameraden einigen Unterricht in der Jagd und ließen ſie einige Blicke in die Kunſt und das Geheimniß thun, auf welche Weiſe ſie die In⸗ dianer zu behandeln hätten, und ſo kamen ſie ohne Zu⸗ fall an den oberen Armen des Nebraska⸗ oder Platt⸗ fluſſes an. Während ihres Marſches kam Herr Fitzpatrick, der zu jener Zeit jenſeits der Gebirge reſidirte, von dem — 88— borgen, und verhungerte beinahe, da er nur noch eine einzige Ladung in der Büchſe hatte, die er zu ſeiner Selbſtvertheidigung aufſparte. Unterdeſſen hatte Sublette und Campbell mit ihrem Reiſegefährten, Capitän Wpeth, ihren Marſch unbeläſtigt fortgeſetzt, und kamen in dem Grünen⸗Flußthale, damit völlig unbekannt, an, daß in der Nähe ein Feind laure. Sie hatten über Nacht an dem Ufer eines kleinen Fluſ⸗ ſes gelagert, der von den Windflußgebirgen herabkam, als um Mitternacht eine Horde Indianer plötzlich ihr Lager mit ſchrecklichem Geheul und Schreien und einer „Entladung von Flinten und Pfeilen anfiel. Glücklicher⸗ weiſe wurde dadurch kein anderer Schaden angerichtet, als daß ein Maulthier verwundet wurde und mehrere Pferde ſich von ihren Pfählen losriſſen. Das Lager ſtand ſogleich unter Waffen, allein die Indianer zogen ſich mit gellendem Jubelgeſchrei zurück, indem ſie unter dem Schutze der Nacht mehrere Pferde mit fortführten. Dieß war ein etwas unangenehmer Vorgeſchmack des Gebirgslebens für einige von Capitän Wyeth's Leu⸗ ten, die nur an das regelmäßige und friedliche Leben von Neu⸗England gewöhnt waren; auch war es nicht ganz im Geſchmacke der Leute des Capitäns Sublette, die meiſt Creolen und Bürger aus der Stadt St. Louis waren. Sie ſetzten ihren Marſch den nächſten Morgen unter Vorausſchickung von Spähern in der Fronte und in der — 89— Flanke fort, und kamen ohne weitere Beläſtigung in Pierre's Höhle an. Die erſte Frage des Capitäns Sublette, bei Errei⸗ chung des Sammelplatzes, war nach Fitzpatrick. Zu ſeiner großen Beſtürzung hörte er, daß er noch nicht an⸗ gekommen ſey, noch daß man eine Nachricht in Betreff ſeiner erhalten habe. Man war jetzt ſehr beſorgt, daß er in die Hände der Schwarzfüße gefallen ſey, die den mitternächtlichen Angriff auf das Lager gemacht hatten. Es erregte daher eine allgemeine Freude, als er von zwei halb weißen irokeſiſchen Jägern begleitet, anlangte. Er hatte ſich mehrere Tage lang in dem Gebirge ver⸗ ſteckt gehalten, wo er faſt vor Hunger verſchmachtete, bis er endlich der Wachſamkeit ſeiner Feinde in der Nacht entging und ſo glücklich war, zweien irokeſiſchen Jägern zu begegnen, die, da ſie zu Pferde waren, ihn ohne weitere Schwierigkeit nach dem Sammelplatze brach⸗ ten. Er langte dort ſo abgezehrt an, daß er kaum zu erkennen war. Das Thal, welches man Pierre's Höhle nennt, iſt ohngefähr dreißig Meilen lang und fünfzehn breit, gegen Weſten und Süden von niedern, unterbrochenen Berg⸗ rücken eingeſchloſſen, und im Oſten von drei hohen Ber⸗ gen, die drei Tettons genannt, beherrſcht, welche als Wahrzeichen des Landes in weiter Ferne geſehen werden. Ein ſchöner, von Bächelchen und Gebirgsquellen ge⸗ nährter Strom, ſtürzt ſich nordwärts durch das Thal, — 90— und theilt es in zwei Theile. Die Wieſen an ſeinen Ufern ſind breit und ausgedehnt, mit Weiden und Baum⸗ wollholzbäumen bewachſen, die ſo dicht in einander ver⸗ ſchlungen und verflochten ſind, daß ſie beinahe unzu⸗ gänglich ſind. 3 In dieſem Thale war die bunte, mit dem Pelzhan⸗ del beſchäftigte Bevölkerung verſammelt. Hier hatten die beiden mit einander wetteifernden Compagnien mit ihren Genoſſen aller Art; Händlern, Trappern, Jägern und Halbweißen, die von allen Enden her zuſammen gekommen waren, ihr Lager aufgeſchlagen; hier erwar⸗ teten ſie ihre jährlichen friſchen Vorräthe und ihre Be⸗ fehle, um in neuen Richtungen wteder aufzubrechen. Hier hatten ebenfalls die mit dem Pelzhandel in Verbindung ſtehenden Stämme der Wilden, die Nez⸗perces⸗ oder Chopunnish⸗Indianer und Flatheads ihre Zelthütten längs des Stromes aufgeſchlagen, und erwarteten mit ihren Squaws oder Weibern die Austheilung von Waa⸗ ren und Putzſachen. Es befand ſich überdieß hier noch eine Bande von fünfzehn freien Trappern unter den Be⸗ fehlen ihres tapfern Führers aus dem Arkanſasgebiete, Namens Sinelair, die ihr Lager in einiger Entfernung von den übrigen aufgeſchlagen hatte.. So war die heterogene, ſich auf ſieben hundert Mann belaufende Verſammlung geſitteter und wilder Menſchen beſchaffen, die in den Zelten und Hütten der verſchiedenen Lager vertheilt war. ——y— ——— — 91— Die Ankunft des Capitäns Sublette mit Vorräthen, ſetzte die Felsgebirgs⸗Handels⸗Compagnie in volle Thä⸗ tigkeit. Die Waaren und Güter wurden ſchnell ausge⸗ packt und eben ſo ſchnell an die Trapper und Indianer vertheilt; die gewöhnlichen Beluſtigungen und Schwel⸗ gereien fanden Statt, wonach alle Banden ſich nach ihren Beſtimmungen zu zerſtreuen begannen. Am 17. Juli brach eine kleine Brigade von vierzehn Trappern unter Anführung von Herrn Milton Sublette, Bruder des Capitäns, in der Abſicht auf, ihren Weg ſüdweſtlich einzuſchlagen. Sie wurden von Herrn Sin⸗ clair und ſeinen fünfzehn freien Trappern begleitet. Auch Capitän Wyeth nahm mit ſeiner neu⸗engliſchen Bande von Biber⸗ und Salmenfängern, deren Zahl jetzt bis auf elf herabgeſchmolzen war, dieſe Gelegenheit wahr, ſeinen Kreuzzug in die Wildniß, in Geſellſchaft ſolcher erfahrnen Piloten, fortzuſetzen. Den erſten Tag machten ſie ohngefähr acht Meilen in ſüd⸗öſtlicher Richtung, und ſchlugen ihr Lager für die Nacht in Pierre's Höhle auf. Am folgenden Morgen, als ſie eben mit dem Aufbrechen ihres Lagers beſchäftigt waren, bemerkten ſie eine lange Linie von Leuten, die einen Gebirgs⸗Engpaß herabkamen. Sie hielten ſolche anfänglich für Fontenelle und ſeine Partie, da derſelbe täglich erwartet worden war, Capitän Wyeth aber ſah mit dem Fernglaſe nach ihnen hin, und erkannte ſie für Indianer. Sie waren in zwei Abtheilungen getheilt, die im Ganzen Hundert und fünfzig Köpfe, Männer, Weiber und Kinder, ſtark ſeyn mochten. Einige waren beritten, phantaſtiſch bemahlt und geſchmückt, und hatten ſcharlachrothe wollene Decken, die im Winde flatterten. Der grözere Theil war jedoch zu Fuß. Sie hatten die Trapper geſehen, ehe man ſie ſelbſt wahrgenommen hatte, und kamen heulend und ſchreiend in die Ebene herab. Als ſie ſich näherten, erkannte man ſie für Schwarzfüße. Ein Trapver von Sublette's Brigade, ein Halb⸗ weißer, Namens Antoine Godin, beſtieg jetzt ſein Pferd, und ritt ihnen entgegen, als ob er eine Unterredung mit ihnen halten wolle. Er war der Sohn eines irokeſiſchen Jägers, der von den Schwarzfüßen an einem kleinen Strome unten an dem Gebirge, der noch ſeinen Namen trägt, grauſam ermordet worden war. Antoine wurde von einem Flathead⸗Indianer begleitet, deren einſt mäch⸗ tiger Stamm in ihren Kriegen mit den Schwarzfüßen völlig aufgerieben worden war. Beide hegten daher die rachſüchtigſte Feindſchaft gegen dieſe Gebirgsräuber. Die Schwarzfüße machten Halt. Einer der Häuptlinge ſchritt einzeln und unbewaffnet vor und trug die Friedenspfeife, welche Eröffnung gewiß von friedlicher Andeutung war; allein Antoine und der Flathead waren zu Feindſelig⸗ keiten geſtimmt, und wollten es als eine verrätheriſche Bewegung anſehen. 3 „Iſt dein Gewehr geladen?“ fragte Antoine ſeinen rothen Kameraden. „Ja,“ X „Dann ſpanne den Hahn und folge mir.“ Sie begegneten dem Häuptlinge der Schwarzf iße, der ihnen freundſchaftlich die Hand reichte, halbweges. Antoine ergriff ſie. „Feuer!“ rief er. Der Flathead legte ſein Gewehr an und tödtete den Schwarzfuß. Antoine riß ihm ſeine rothe Decke ab, die reich verziert war, und ſprengte damit, wie mit einer Trophäe nach dem Lager, wobei ihm die Kugeln des Feindes nachpfiffen. G Die Indianer zogen ſich ſogleich an den Rand eines Sumpfes zwiſchen Weiden und Baumwollholzbäumen zurück, die mit Weinreben verſchlungen waren. Hier fingen ſie an ſich zu befeſtigen, die Weiber gruben einen Schanz⸗Graben und warfen eine Bruſtwehr von Baum⸗ ſtämmen und Zweigen auf, die tief in dem Gehölze ver⸗ borgen lag, während die Krieger an dem Rande ſchar⸗ muzirten, um die Trapper von ſich zu halten. Die Letzten nahmen ihre Stellung in einer Hohlung in der Fronte, von wo ſie ein Geblänkel unterhielten. Was Capitän Wyeth und ſeine kleine Bande„Down⸗ Easters“ anbelangt, ſo waren ſie über dieſe zweite Probe des Lebens in der Wildniß äußerſt beſtürzt, da die Leute an ein Buſchgefecht und den Gebrauch der Büchſe nicht gewöhnt, nicht wußten, wie ſie ſich benehmen ſollten. Capitän Wyeth benahm ſich jedoch wie ein geſchickter — 94— Befehlshaber. Er ließ alle Pferde in ſein Lager in Sicherheit bringen, dann eine Bruſtwehr von ſeinen Güterballen bildend, beauftragte er ſeine Leute, ihr Fort beſetzt zu behalten, und es nicht zu verlaſſen. Er ſelbſt miſchte ſich mit dem Entſchluſſe unter die andere Führer, ſeinen Antheil an dem Gefecht zu nehmen. In der Zwiſchenzeit war ein Eilbote nach dem Sammelplatze abgeſchickt worden, um Verſtärkung zu verlangen. Capitän Sublette und ſein Geſellſchafter Campbell befanden ſich in ihrem Lager, als der Eilbote ſeine Mütze ſchwenkend, mit dem Lärmgeſchrei über die Ebene geſprengt kam:„Die Schwarzfüße, die Schwarz⸗ füße! ein Gefecht oben im Thal! zu den Waffen, zu den Waffen!“ Der Lärm verbreitete ſich von Lager zu Lager. Es war eine gemeinſchaftliche Sache: ein Jeder griff nach ſeinem Pferde und nach ſeiner Büchſe. Die Nez⸗perces und Flatheads geſellten ſich zu ihnen, und ſo ſchnell als Reiter ſich bewaffnen und beritten machen können, galo⸗ pirten ſie weg;— das Thal wimmelte bald von weißen und rothen Männer, die im vollen Rennen angeſprengt kamen. Sublette befahl ſeinen Leuten im Lagee zu bleiben, da ſie Recruten von St. Louis und mit der Art des Kriegführens mit Indianern unbekannt waren. Er und ſein Freund Campbell freuten ſich an dem Gefecht Theil zu nehmen. Sie warfen ihre Röcke ab, ſchürzten ihre Aermel auf, ſetzten ſich mit Piſtolen und Büchſen be⸗ waffnet zu Pferd und waren unter den Erſten, die fort⸗ ſprengten. Als ſie wegritten machten ſie ihre Teſtamente auf Soldatenweiſe, indem ein Jeder angab, wie im Falle ſeines Todes über ſeine Effecten verfügt werden ſolle und indem Einer den Andern zum Executor ernannte. Die Krieger der Schwarzfüße hatten in der Mei⸗ nung geſtanden, daß die Brigade von Milton Sublette der einzige Feind ſei, womit ſie's zu thun haben wür⸗ den, ſie waren daher höchſt verwundert, das ganze Thal von Reitern wimmeln zu ſehen, die im Galopp zum Ge⸗ fecht herangeſprengt kamen. Sie zogen ſich in ihr Fort zurück, das in dem dunkeln und verwachſenen Gehölze dem Auge gänzlich verborgen lag. Die meiſten ihrer Weiber und Kinder hatten ſich in's Gebirg zurückgezogen. Die Trapper rückten jetzt vor, und näherten ſich dem Sumpfe, indem ſie blindlings in das Diclicht feuerten. Die Schwarzfüße konnten ihre Gegner, die im offenen Felde ſtanden, beſſer ſehen, und ein Halbweißer wurde in der Schulter verwundet. Als Capitän Sublette anlangte, drang er darauf, den Sumpf zu durchwaten und das Fort zu erſtürmen, allein Alle ſträubten ſich aus Furcht vor dem grauen⸗ vollen Anblicke des Platzes und der Gefahr, ſolche ver⸗ zweifelte wilde Menſchen in ihrer Höhle anzugreifen. Selbſt die indianiſchen Verbündeten betrachteten, ob ſie gleich an Buſchgefechte gewöhnt waren, ſolchen als — 96— beinahe unzugänglich und voller Gefahr. Sublette war nicht von ſeinem Vorſatze abzubringen, ſondern erbot ſich, voran in den Sumpf zu waten, und Campbell trat hervor, um ihn zu begleiten. Ehe Sublette ſich in das gefährliche Gehölz begab, nahm er ſeine Waffenbrüder bei Seite und bemerkte ihnen, daß, im Falle er fiele, Campbell, der ſeinen Willen kenne, ſein Teſtamentsexutor ſeyn ſolle. Nachdem dieß geſchehen war, ergriff er ſeine Büchſe und drang, Camp⸗ bell voranſchreitend, in die Gebüſche. Sinclair, der Parteigänger aus den Arkanſas, befand ſich mit ſeinem Bruder und einigen Wenigen ſeiner Leute an dem Rande des Gehölzes. Durch das tapfere Beiſpiel einer beiden Freunde angefeuert, eilte er vorwärts, um ihre Gefah⸗ ren zu theilen.. Der Sumpf war durch die Arbeiten der Biber ent⸗ ſtanden, die, indem ſie den Strom gedämmt, einen Theil des Thales überſchwemmt hatten. Der Platz war ganz mit Gehölz und Dickichten bewachſen, die ſo in einander verflochten und verwickelt waren, daß man ohnmöglich zehn Schritte weit vor ſich ſehen konnte, und die drei Geſellſchafter mußten mit Gefahr, einer nach dem andern, durch das Gebüſch ſchleichen, indem ſie ſich durch Zurückſchiebung der Zweige und Weinreben Bahn mach⸗ ten, dieß aber mit Vorſicht thun, damit ſie nicht die Blicke irgend eines lauernden Schützen auf ſich zogen. Sie wechſelten im Vorangehen ab, indem ein Jeder ohngefähr 20 Yard auf einmal vorſchritt und dann und wann ihren Leuten zuriefen, ihnen zu folgen. Einige der Letztern gingen nach und nach in den Sumpf und folgten ihnen in geringer Entfernung. Sie hatten jetzt einen freieren Platz des Gehölzes erreicht, und erblickten das kunſtloſe Fort bisweilen im Blick durch die Bäume. Es beſtand blößlich, wie wir geſagt haben, aus einer Bruſtwehr von Baumſtämmen und Zweigen, mit wollenen Decken, büffelledernen Klei⸗ dern und ledernen Decken von Lagerhütten, die rund um die Spitze als Schirmdach ausgebreitet waren. Die Bewegungen der Führer waren, indem ſie ſich durch die Gebüſche ſchlichen, von dem ſcharfſichtigen Feinde wahr⸗ genommen worden. Als Sinclair, der den Andern vor⸗ ausging, eben einige Zweige bei Seite ſchob, ward er durch den Leib geſchoſſen und er fiel auf der Stelle. „Tragt mich zu meinem Bruder“, ſagte er zu Campbell. Der Letztere übergab ihn Einigen ſeiner Leute und ſie trugen ihn aus dem Sumpfe. Sublette trat jetzt voran. Indem er das Fort be⸗ augenſcheinigte, ſah er einen Indianer durch eine Oeff⸗ nung blicken. In einem Nu hatte er ſeine Büchſe an⸗ gelegt und die Kugel fuhr dem Wilden ins Auge. Während er wieder lud, rief er Campbell und deu⸗ tete ihm nach dem Loche hin,„gebt auf dieſen Platz Acht und Ihr werdet bald einen Schuß anzubringen haben.“ 66.— 68. 2 — 98— Er hatte kaum dieſe Worte aus dem Munde, als eine Kugel ihm in die Achſel drang und ihn faſt herumwirbelte. Sein erſter Gedonke war, ſeinen Arm mit der andern Hand zu faſſen, und ihn auf und ab zu bewegen. Zu ſeiner Zufriedenheit überzeugte er ſich, daß der Knochen nicht zerſchmettert war. Im nächſten Moment ward es ihm ſo ſchwach, daß er nicht auf⸗ recht ſtehen konnte. Campbell nahm ihn in ſeine Arme, und trug ihn aus dem Gebüſche. Derſelbe Schuß, der Subletten getroſſen, hatte einen andern Mann am Kopfe verwundet. Es wurde jetzt ein lebhaftes Feuer von den Ge⸗ birgsjägern vom Gehölze aus eröffnet, das bisweilen vom Fort beantwortet wurde. Unglücklicherweiſe hatten ſich die Trapper beim Aufſuchen des Forts zerſtreut, ſo daß Capitän Wyeth und eine Anzahl der Nez⸗perces ſich dem Fort von der Nordweſtſeite näherten, während Andere von der entgegengeſetzten Seite kamen; es fand daher ein Kreuzfeuer ſtatt, das den Freunden bisweilen eben ſo viel Schaden that, wie den Feinden. Ein Indianer ward an der Seite des Capitäns Wyeth von einer Kugel getödtet, die, wie er überzeugt war, aus der Büchſe eines Trappers jenſeits des Forts abgeſchickt worden war. Die Zahl der Weißen und ihrer indianiſchen Ver⸗ bündeten, hatte ſich jetzt durch neue Ankömmlinge von dem Sammelplatze ſo vermehrt, daß die Schwarzfüße gänzlich überwältigt wurden. Sie hielten ſich hartnäckig —-— 399— in ihrem Fort, machten jedoch kein Erbieten, ſolches zu übergeben. Es wurde den Tag hindurch ein ſhwaches Feuer auf die Bruſtwehr unterhalten. Dann und wann ſtürzte einer der alliirten Indianer, um ſich zu zeigen, auf das Fort los, feuerte ſein Gewehr über die Bruſtwehr ab, riß ein büffelledernes Kleid oder eine rothe wollene Decke ab, und kehrte damit im Triumphe zu ſeinen Kame⸗ raden zurück. Die meiſten der, von der wilden Beſatzung Gefallenen waren jedoch in dem erſten Angriffe getödtet worden. Einmal beſchloß man, das Fort in Brand zu ſtecken und die Squaws der alliirten Indianer wurden dazu verwendet, Brennmaterialien herbei zu ſchaffen. Dieſer Vorſchlag wurde jedoch wieder fallen gelaſſen, da die Nez⸗perces nicht die Kleider und Decken und andere Beute zerſtört wiſſen wollten, von denen ſie ſicher waren, daß ſie in ihre Hände fallen würden. Wenn die Indianer mit einander kämpfen, ſo reizen und ſchmähen ſie ſich einander gerne. Während einer der Pauſen des Gefechts hörte man die Stimme des Häuptlings der Schwarzfüße rufen. „So lange“, ſagte er,„wir Pulver und Kugeln hatten, fochten wir mit Euch im offenen Felde; als dieſe verbraucht waren, zogen wir uns hierher zurück, um hier mit unſern Weibern und Kindern zu ſterben. Ihr mögt uns in unſerm Fort verbrennen, doch bleibt bei unſerer Aſche und Ihr, die Shr ſo hungrig nach Krieg 7⸗ — 100— ſeyd, werdet bald genug haben. Es ſind noch vier Hun⸗ dert Hütten unſerer Brüder in der Nähe. Sie werden bald hier ſeyn.— Ihre Arme ſind ſtark und ihr Herz iſt groß.— Sie werden uns rächen.“ Dieſe Rede wurde zwei⸗ oder dreimal durch die Dolmetſcher der Nez⸗perces und Creolen überſetzt. Als ſie in's Engliſche übertragen wurde, ließ man den Häupt⸗ ling ſagen, daß vierhundert Hütten ſeines Stammes das Lager am andern Ende des Thales angreifen würden. Es eilte nun jeder zur Vertheidigung des Sammelplatzes. Ein Trupp wurde zurückgelaſſen, um das Fort zu beob⸗ achten, und der Reſt ſprengte nach dem Lager. Als die Nacht herbeikam, ließen die Biberfänger den Sumpf ab, und blieben an dem Rande des Waldes. Am andern Morgen kehrten ihre Kameraden von dem Sammelplatze mit der Nachricht zurück, daß Alles dort ruhig ſey. Als der Tag graute, wagten ſie ſich in den Sumpf und näherten ſich dem Fort. Es war Alles ſtill. Ohne Widerſtand rückten ſie zu demſelben heran. Sie gingen hinein. Es war in der Nacht verlaſſen worden und die Schwarzfüße hatten ihren Rückzug bewerkſtelligt, indem ſie ihre Verwundeten auf Tragbahren von Zwei⸗ gen fortgebracht und Blutſpuren auf dem Graſe hinter⸗ laſſen hatten. Die Leichname von zehn Indianern wurden in dem Sort gefunden, worunter auch derjenige war, dem Sub⸗ lette durch das Auge geſchoſſen hatte. Die Schwarzfüße — 101— berichteten ſpäterhin, daß ſie ſechs und zwanzig Krieger in dieſem Gefechte verloren hätten. Zwei und dreißig Pferde wurden ebenfalls getödtet gefunden, unter wel⸗ chen ſich Einige von jenen befanden, die erſt neuerlich Sublette's Partie in der Nacht weggenommen worden waren, was bewies, daß dieß die nämlichen Wilden waren, die ihn angegriffen hatten. Es erwies ſich, daß ſie eine vorgeſchobene Partie von der Haupttruppe der Schwarzfüße waren, die Herrn Sublette's Partie nachgeſpürt hatten. Fünf Weiße und ein Halbweißer wurden getödtet und mehrere verwun⸗ det. Von den Nez⸗perces wurden ebenfalls ſieben ge⸗ tödtet und ſechs verwundet. Sie hatten einen alten Häuptling, der in dem Rufe ſtand, unverwundbar zu ſeyn. Im Laufe des Gefechts ward er von einer mat⸗ ten Kugel getroffen, und warf Blut aus; allein ſeine Haut war unverletzt, und ſeine Leute waren jetzt mehr als je überzeugt, daß ihm Pulver und Kugeln nichts anhaben könnten. Ein auffallender Umſtand wurde erzählt, der ſich am andern Morgen nach der Schlacht zugetragen haben ſoll. Als Einige der Trapper und ihre indianiſche Allirten ſich durch das Gebüſch dem Fort näherten, ſahen ſie eine Indianerinn von edler Geſtalt und Zügen, die ſich an einem Baum lehnte. Ihr Erſtaunen, ſie allein hier weilen zu ſehen, um in die Hände ihrer Feinde zu fal⸗ len, ſchwand, als ſie den Leichnam eines Kriegers zu nöthigte ihn jedoch ſeine Abreiſe zu verſchieben. ihren Füßen liegen ſahen. Entweder war ſie ſo in Schmerz verſunken, daß ſie ihre Annäherung nicht wahr⸗ genommen hatte, oder ein ſtolzer Geiſt hielt ſie ſchwei⸗ gend und bewegungslos. Die Indianer erhoben, als ſie ſie erblickten, ein gellendes Geſchrei, und ehe die Biber⸗ fänger es verhindern konnten, fiel ihr verſtümmelter Kör⸗ per auf den Leichnam, den ſie nicht hatte verlaſſen wollen. Wir haben dieſe Anecdote von einem der Führer, der dem Gefechte beigewohnt hatte, als unzuverläſſig in Abrede ſtellen hören; allein die That kann Statt gefun⸗ den haben, ohne daß er ſolche geſehen, oder ſie iſt ihm verborgen geblieben. Sie iſt ein Beweis von weiblicher Hingebung, ſelbſt bis zum Tode, ſo wir gerne glauben und nacherzählen. Nach dem Gefecht blieb die Brigade von Milton Sublette, mit den freien Biberfängern und Capitän Wyeth'’s Neu⸗Engländern an dem Verſammlungsorte, um zu ſehen, ob der Haupt⸗Trupp der Schwarzfüße etwa einen Angriff zu machen beabſichtigte; da aber nichts von dieſer Art vorfiel, ſo begaben ſie ſich wieder auf den Marſch und ſetzten ihren Weg nach Süd⸗Weſten weiter fort.— Capitän Sublette beabſichtigte, nach Vertheilung ſeiner erhaltenen Vorräthe, wieder nach St. Louis zu⸗ rück zu kehren und die von den Biberfängern und In⸗ dianern geſammelten Felle mitzunehmen; ſeine Wunde Mehrere, die ihn hatten begleiten wollen, wurden über dieſen Verzug ungeduldig. Unter dieſen befand ſich ein junger Boſtonianer, Namens Joſeph More, und einer der Begleiter des Capitäns Wyeth, der genug von dem Gebirgsleben und der Kriegsführung der Wilden geſehen hatte, und ſich ſehnte, wieder zu den Wohnun⸗ gen der civiliſirten Welt zurück zu kehren. Er und ſechs andere, unter denen ſich ein Herr Foy von Miſſiſippi, Herr Alfred K. Stephens, von St. Louis und zwei En⸗ kel des berühmten Daniels Boon befanden, brachen mit einander, vor Abreiſe von Sublette's Partie, in der Meinung auf, daß ſie ihren Weg allein durch die Gebirge finden könnten. Es geſchah gerade fünf Tage nach dem Gefechte an dem Sumpfe, daß dieſe ſieben Kameraden ſich auf ihrem Wege durch die Jackſons⸗Höhle, nicht weit von den drei Tetons, befanden, als, indem ſie einen Hügel hinabrit⸗ ten, ein Trupp Schwarzfüße, der in dem Hinterhalte gelegen hatte,— mit furchtbarem Geſchrei aus dem Ver⸗ ſtecke hervorbrach. Das Pferd des jungen Boſtonianers, der den Uebrigen vorausritt, drehte ſich erſchrocken um, und warf ſeinen ungeſchickten Reiter ab. Der junge Mann kletterte an der Seite eines Hügels hinauf, allein ungewöhnt an ſolche wilde Scenen, verlor er die Gei⸗ ſtesgegenwart, und ſtand wie gelähmt an dem Rande eines Abſatzes, bis die Schwarzfüße hinzukamen und ihn auf der Stelle erſchlugen. Seine Kameraden waren — 104— guf den erſten Lärm entflohen, allein zwei von ihnen, Foy und Stephens hielten, als ſie ſeine Gefahr ſahen, halbwegs im Berge ſtill, kehrten zurück, ſtiegen ab, und eilten zu ſeinem Beiſtande herbei. Foy ward auf der Stelle getödtet, Stephens ſchwer verwundet, entkam aber, um fünf Tage nachher zu ſterben. Die Ueberlebenden kehrten in das Lager des Capi⸗ täns Sublette zurück, um ihm die Nachricht dieſes neuen Unglücksfalles zu überbringen. Dieſer kühne Führer begab ſich, ſobald er die Reiſe vertragen konnte, nach St. Louis, in Begleitung von Campbell. Da ſie eine Menge, reich mit Pelzwaaren beladener Pferde, zu beglei⸗ ten hatten, ſo nahmen ſie einen andern Weg durch die Gebirge, um, wie ſie hofften, der lauernden Bande der Schwarzfüße zu entgehen. 4 Es gelang ihnen die Gränze in Sicherheit zu er⸗ reichen. Wir erinnern uns, ſie zwei oder drei Monaten nachher, mit ihrer Bande durch einen Waldgürtel vom obern Miſſouri ziehen geſehen zu haben. Ihre lange Caravane erſtreckte ſich in einer Linie auf beinahe eine halbe Meile. Sublette trug ſeinen Arm noch in einer Binde. Die Gebirgsjäger ſahen in ihrem groben Jagd⸗ anzuge, mit ihren Büchſen und ſchlichtem Reitzeuge, ihre Packpferde eine Waldanhöhe hinabführend, einen mit Beute beladenen Banditenhaufen ähnlich. Oben, auf — 103— einigen Päcken, ſaßen mehrere halbweiße Kinder, die mit ihren, unter Weichſelzöpfen hervorblitzenden ſchwarzen Augen, wie die leibhaftigen kleinen Teufel ausſahen. Dieſes waren, wie erzählt wurde, Kinder von Biber⸗ fängern, die ſie mit ihren ſchwarzen Weibern in der Wildniß gezeugt hatten. Siebentes Kapitel. Rückzug der Schwarzfüße.— Fontenelle's Lager in Gefahr.— Capitän Bonneville, und die Schwarzfüße.— Freie Biberfän⸗ ger.— Ihr Character, ihre Gewohnheiten, Kleidung, Aus⸗ rüſtung und Pferde.— Gebirgs⸗Jäger.— Ihr Beſuch im Lager.— Gute Kameradſchaft und gute Bewirthung.— Ein Gelage.— Eine Aufſchneiderei.— Ein Zank und Wiederaus⸗ ſöhnung. Als die Krieger der Schwarzfüße ihren mitternächt⸗ lichen Rückzug aus ihrem regelloſen Fort in Pierre's⸗ Höhle bewerkſtelligt hatten, zogen ſie ſich in das Seeds⸗ ke⸗dee oder Grünen⸗Flußthal zurück, wo ſie ſich mit dem Haupt⸗Trupp ihrer Bande vereinigten. Ihre ganze Macht belief ſich auf ſieben hundert waffenfähige Männer, fin⸗ ſter und durch ihr letztes Unglück erbittert. Sie hatten ihre Weiber und Kinder bei ſich, was ſie auſſer Stand ſetzte, irgend ein bedeutendes, kühnes und kriegeriſches Unternehmen auszuführen; als ſie aber in dem Laufe eine Strecke des Grünen⸗Flußthales hinauf gegangen war, um die freien Biberfänger aufzuſuchen, ſo erhoben ihrer Wanderungen Fontenelle's Lager erblickten, der ſie ein furchtbares Kriegsgeſchrei und näherten ſich grim⸗ — 107— mig, als ob ſie es angreifen wollten. Ein weiteres Be⸗ ſinnen ermäßigte jedoch ihre Wuth. Sie erinnerten ſich der eben erhaltenen ernſten Lection und die Stärke von Fontenelle's Stellung, der ſein Lager mit großer Vor⸗ ſicht aufgeſchlagen hatte, konnte ihnen nicht entgehen. Es fand eine förmliche Unterredung Statt. Die Schwarzfüße ſagten nichts von dem letzten Treffen, von welchem Fontenelle noch keine Nachricht erhalten hatte; letzterer kannte jedoch die feindliche und treuloſe Weiſe dieſer Wilden, und benachrichtigte ſie ſorgfältig von dem Lager des Capitäns Bonneville, um ſie in Kenntniß zu ſetzen, daß ſich noch mehrere Weiße in der Nachbar⸗ ſchaft befänden. Die Unterredung endigte damit, daß Fontenelle einen Delaware Indianer von ſeiner Partie abſchickte, um fünfzehn Schwarzfüße in das Lager des Capitäns Bonneville zu führen. Es befanden ſich damals zwei Krähen⸗Indianer in dem Lager des Capitäns, die erſt neuerlich dorthin gekommen waren. Sie ſahen dieſe Abgeſandten ihrer unverſöhnlichen Feinden mit Schrecken, und machten dem Capitän eine fürchterliche Schilderung von ihnen, indem ſie ihn verſicherten, das Beſte was er thun könne, wäre die Abgeſandten der Schwarzfüße auf der Stelle umzubringen. Der Capitän jedoch, der noch nichts von dem Ge⸗ fechte in Pierre's Höhle vernommen hatte, lehnte die Willfahrung dieſes klugen Rathes ab, und behandelte — 108— dieſe grimmigen Krieger mit ſeiner gewöhnlichen Leut⸗ ſeligkeit. Sie brachten einige Zeit in dem Lager zu; ſahen ohne Zweifel, daß Alles mit militäriſcher Geſchick⸗ lichkeit und Wachſamkeit geleitet wurde, und daß ein ſolcher Feind nicht leicht überfallen, noch ungeſtraft be⸗ läſtigt werden könne. Sie nahmen ſodann Abſchied, um Alles, was ſie geſehen, ihren Kameraden mitzutheilen. Die zwei Späher, welche Capitän Bonneville ab⸗ geſchickt hatte, um die Bande der freien Biberfänger aufzuſuchen, die von Fontenelle erwartet wurde, und ſie in ſein Lager einzuladen, waren in ihrem Aufſuchen glücklich geweſen, und am 12ten Auguſt erſchienen dieſe Ehrenmänner. Um die Bedeutung der Benennung freie Biberfänger zu erklären, iſt es nothwendig, die Bedin⸗ gungen anzugeben, unter welchen dieſe Leute ſich in den Dienſt der Pelzhandels⸗Compagnie werben laſſen. Ei⸗ nige von ihnen beziehen einen regelmäßigen Sold, und werden mit Waffen, Pferden, Fallen und andern Er⸗ forderniſſen verſehen. Dieſe ſtehen unter Befehl, und ſind verbunden, Alles zu verrichten, was mit dem Dienſte in Verbindung ſteht, wie zum Beiſpiel: jagen, fangen, die Pferde zu bepacken und wieder abzuladen, die Wache zu beziehen, kurz, jeden kleinen Dienſt des Lagers ver⸗ ſehen zu helfen. Dieſe ſind die gemietheten Biberfänger. Die freien Biberfänger ſind eine unabhängigere Klaſſe, und indem wir ſie beſchreiben, thun wir wenig mehr, — 109— als daß wir die Schilderung abſchreiben, die Capitän Bonneville von ihnen entwirft. „Sie kommen und gehen“ ſagt er,„wann und wo⸗ hin es ihnen beliebt; ſie ſtellen ſich ihre Pferde, Waf⸗ fen und ſonſtige Geräthſchaften ſelbſt; fangen und han⸗ deln für ihre eigene Rechnung und verkaufen ihre Felle und Pelze dem Meiſtbietenden. Bisweilen und in ge⸗ fährlichen Jagdgegenden ſchließen ſie ſich dem Lager ir⸗ gend eines Pelzhändlers des Schutzes halber an. Hier haben ſie ſich einigen Einſchränkungen zu unterwerfen, und ſich den gewöhnlichen Vorſchriften beim Biberfang zu unterziehen, und Theil an den allgemeinen Verpflich⸗ tungen zu nehmen, die, zur Erhaltung der guten Ord⸗ nung und Sicherheit des Lagers, angeordnet ſind. Zur Erwiederung dieſes Schutzes und Aufenthaltes in dem Lager ſind ſie verbunden, alle Biber, die ſie fangen, dem Pelzhändler, der das Lager befehligt, zu einem ge⸗ wiſſen Preiſe für das Fell, zu überlaſſen; ſollten ſie aber vorziehen, einen andern Markt für ihre Waaren aufzuſuchen, dann haben ſie ihm eine Vergütung von dreißig bis vierzig Thalern für die ganze Jagd zu leiſten. Es gibt eine geringere Klaſſe, die entweder aus Klugheit, oder Armuth ohne Pferde und Ausrüſtung, die ihnen von den Pelzhändlern geſtellt werden, in dieſe ge⸗ fährlichen Jagdreviere kommen. Dieſe ſind, wie die ge⸗ mietheten Biberfänger verbunden, ſich auf das Aeußerſte anzuſtrengen, um Biber zu fangen, die ſie ohne abzu⸗ — 110— ziehen in die Lagerhütte des Pelzhändlers abliefern, wo ihnen ein feſtgeſetzter Preis für jeden gut geſchrieben wird. Ob dieſe gleich unter dem allgemeinen Namen der freien Biberfänger mit einbegriffen werden, ſo füh⸗ ren ſie doch die eigenthümlichere Benennung der Fell⸗ trapper. Die wandernden Weißen, die ſich einige Zeit unter den Wilden aufhalten, ſind ohne Ausnahme geneigt, ihre wilden Gewohnheiten anzunehmen; allein keine mehr, als die freien Biberfänger. Sie ſetzen eine gewiſſe Eitelkeit und ihren Ehrgeiz darin, Alles von ſich abzuſtreifen, was den Stempel des geſitteten Lebens trägt, und Sitten und Gewohnheiten, Kleidung, Geberden und ſelbſt den Gang der Indianer anzunehmen. Man kann einem freien Biberfänger kein größeres Compliment machen, als wenn man ihn ſchmeichelt, daß man ihn für einen indianiſchen Helden angeſehen habe, und das Conterfey iſt in der That vollkommen. Sein Haar, das er ſo lang, wie möglich, wachſen läßt, wird ſorgfältig ausgekämmt und hängt ihm entweder nachläſſig über die Schulter, oder es wird in niedliche Zöpfe ge⸗ flochten, mit Otterfellen oder buntfarbigen Bändern auf⸗ gebunden. Ein gefälteltes Jagdhemd von lebhaft farbi⸗ gem Baumwollentuch oder verziertem Leder geht ihm bis auf die Knien herab, unter welchem er ein Paar ſon⸗ derbar faconnirte Beinkleider oder Gamaſchen trägt, — 111— die mit Schnüren, Quaſten und einer Menge Falken⸗ ſchellen behangen, bis zum halben Schenkel herauf, und dicht mit zierlichen Knöpfen beſetzt, bis auf ein Paar Moccaſins oder Wildlederſchuhe von der ſchönſten in⸗ dianiſchen Arbeit hinabreichen. Eine wollene Decke von Scharlach⸗ oder ſonſt einer lebhaften Farbe hängt ihm über die Schultern herab und wird mit einer rothen Binde, worin er ſeine Piſtolen, ſein Meſſer und das Rohr ſeiner indianiſchen Pfeife trägt, um den Leib be⸗ feſtigt:— Vorbereitungen zum Frieden oder Kriege. Seine Flinte iſt verſchwenderiſch mit kleinen ſtählernen Nägeln beſchlagen, mit Zinnober angeſtrichen und einem mit Franſen beſetzten Ueberzuge verſehen, der gewöhnlich aus einem Bockfelle verfertigt, und hier und dort mit einer Feder geſchmückt iſt. Sein Pferd, das dem Gebirgsjã⸗ ger zum Stolz, Vergnügen und Nutzen gereicht, wird nach ſeiner Schnelle, ſeinem Muthe und ſtolzirenden Gange gewählt, und ſteht in ſeiner Schätzung nur ihm ſelbſt nach. Es theilt ſein Wohlwollen und ſeine Eigen⸗ liebe im reichen Maße, und er ſchirrt es prächtig auf. Es iſt auf die auffallendſte und wunderlichſte Art mit Decken geſchmückt; Zaum und Schwanzriemen ſind reich mit Knöpfen und Roſetten beſetzt, und in die Kopf⸗, Mähnen⸗ und Schwanzhaare ſind eine Menge Adlerfe⸗ dern eingeflochten, die in dem Winde flattern. Um dieſe groteske Ausſchmückung zu vervollſtändigen, wird das ſtolze Thier mit Zinnober oder weißem Thon geſtreift 4 unbekannte Menſchen waren— Mangeurs de lard oder Speckeſſer, wie ſolche Neuankömmlinge von dem ſtolzen Veteranen der Wildniß im Uebermuthe genannt werden. Dieſe konnte er mit der Erzählung ſeiner erſtaunlichen Thaten unter den Indianern, der Wunder, die er ge⸗ ſehen und auf ſeinen abentheuerlichen Zügen in die Gebirge verrichtet hatte, ſtundenlang ergötzen. Am Abend zogen die freien Biberfänger ab und kehrten ſehr vergnügt über den Erfolg ihres Beſuches und ihre neue Bekanntſchaft in Fontenelle's Lager mit dem Verſprechen zurück, am folgenden Tage wieder zu kommen. Sie hielten Wort und erneuerten ihre Beſuche täglich. Sie machten mit Capitän Bonneville's Leuten gute Brüderſchaft. Es ging Zug um Zug, bis beide Partien durch das geiſtige Getränk mächtig überzeugt, oder vielmehr überwältigt wurden. Jetzt entſtand Verwirrung und Aufruhr. Man ließ die freien Biberfänger nicht mehr allein prahlen. Die Renomiſten des Lagers und erſten Biberfänger der Par⸗ tie fingen ihrer Seits an, heftig zu werden, und mit ihren überſtandenen Gefahren und vollbrachten Thaten⸗ zu prahlen. Jede Partie ſuchte jetzt die andere im Schreien und Aufſchneiden zu überbieten. Wie es ſich von ſelbſt verſteht, entſtand ein Streit und eine General⸗ Schlägerei nach der Gewohnheit der Gränzländer. Die beiden Factionen zogen mit ihren Streitkräften zu einem förmlichen Treffen aus. Sie gingen thätlich zu Werk, 66.— 68. 8 — 112— oder betupft, was nur immer den auffallendſten Con⸗ traſt mit ſeiner wahren Farbe bilden mag.“ Dieß iſt die Schilderung, die Capitän Bonneville von dieſen Wanderern der Wildniß entwirft, und ihre Erſcheinung im Lager hatte etwas äußerſt Characteriſti⸗ ſches. Sie kamen im Galopp herangeſprengt, feuerten ihre Flinten ab, und erhoben ein gellendes Geſchrei, gleich den Indianern. Ihre von der Sonne gebräunten Geſichter und langes, fliegendes Haar, ihre troddeligen langen Gamaſchen, ihre Moccaſins, ihre buntfarbigen Wollbecken und ihre buntaufgezäumten, bemalten, Pferde gaben ihnen ſo ganz die Miene und das Anſehen von Indianern, daß es ſchwer war, ſich zu überzeugen, daß es Weiße, im civiliſirten Leben erzogene, Menſchen waren. Capitän Bonneville war mit dem jägerhaften Aus⸗ ſehen dieſer Gebirgs⸗Cavaliere ſehr zufrieden und be⸗ willkommte ſie herzlich in ſeinem Lager. Er befahl, ſie umſonſt mit Grog zu bewirthen, was ſie bald in die prahleriſchte Stimmung verſetzte. Sie nannten den Ca⸗ pitän den bravſten Kerl von der Welt und ſeine Leute alle bons garcons, luſtige Burſche, und ſchwuren den Tag mit ihnen zu verleben. Dieß thaten ſie, und der Tag wurde mit Aufſchneidereien und Bramarbaſiren hin⸗ gebracht. Die Vornehmſten der Eiſenfreſſer und Brave unter den freien Biberfängern hatten jeder einen An⸗ hang von Novizen unter des Capitäns Leuten, die noch Neulinge und mit der indianiſchen Lebensweiſe gänzlich — 114— und prügelten ſich tüchtig ab. Fußtritte, Maulſchellen, Fauſtſchläge und derbe Püffe wurden nach Verdienſt aus⸗ getheilt, bis, nachdem ſie ſich einander nach Herzensluſt durchgebläut, und ſich ſo die vertraute Bekanntſchaft ihrer gegenſeitigen Tapferkeit und ſonſtigen guten Eigenſchaf⸗ ten beigebracht hatten, ſie den Kampf damit endigten, daß ſie wärmere Freunde wurden, als es durch eine jahrelange, friedliche Kameradſchaft hätte geſchehen können. Während Capitän Bonneville ſein Vergnügen daran hatte, den Character und die Gewohnheiten dieſer ſon⸗ derbaren Menſchenklaſſe kennen zu lernen, und indem er ihnen für diesmal ihren Tollheiten nachſah, nahm er die Gelegenheit wahr, von ihnen Nachrichten über die ver⸗ ſchiedenen Theile des Landes, das ſie gewöhnlich durch⸗ zogen, den Character der wilden Völkerſtämme und kurz über Alles einzuziehen, was für ſeine Unternehmung von einiger Wichtigkeit ſeyn konnte. Es gelang ihm ebenfalls, mehrere Individuen in ſeine Dienſte zu be⸗ kommen, die ihn auf ſeinen Wanderungen leiten und unterſtützen, und die nächſte Jagdzeit von ihm zum Bi⸗ berfangen verwendet werden konnten Nachdem er ſeine Bande mit ſolchen ſchätzbaren Recruten vermehrt hatte, fühlte er ſich einigermaßen wegen des Verluſtes der Delaware⸗Indianer getröſtet, die ihm Herr Fontenelle verführt hatte. Achtes Kapitel. *½ Pläne für den Winter.— Salmenfluß.— Ueberfluß von Salmen auf der Weſtſeite der Gebirge.— Neue Anordnun⸗ gen.— Verſteckgruben.— Cerrés Abſendung.— Bewegungen in Fontenell's Lager.— Abmarſch der Schwarzfüße.— Ihr Schickſal.— Windgebirgsſtröme.— Buckeye, der delawariſche Jäger, und der grauliche Bär.— Gebeine eines ermordeten Reiſenden.— Beſuch in Pierre's⸗Höhle.— Spuren eines Gefechts.— Nez⸗ percés⸗Indianer.— Ankunft an dem Salmenfluſſe.— 8* Die Nachrichten, die Capitän Bonneville von den freien Trappern erhalten hatte, beſtimmte ſeine ferneren Bewegungen. Er vernahm, daß der Winter im Grünen⸗ Flußthale ſehr ſtrenge wäre, daß der Schnee dort häufig mehrere Fuß hoch fiele und in der Nachbarſchaft nicht gut zu überwintern ſey. Die obern Theile des Salmen⸗ fluſſes wurden ihm als weit vorzüglicher, und überdieß als eine vortreffliche Bibergegend geſchildert, und hier⸗ hin beſchloß der Capitän ſeinen Lauf zu richten. Der Salmenfluß iſt einer der oberen Arme des Oregon⸗ oder Columbiafluſſes und entſteht aus verſchie⸗ denen Quellen einer Gebirgsgruppe, nordweſtlich der Windflußgebirge. Er führt ſeinen Namen von den un⸗ 8* — 116— geheuern Zügen von Salmen, die im September und Detober ſtromaufwärts ſteigen. Die Salmen auf der Weſtſeite der Felsgebirge bieten, wie die Büffel der öſt⸗ lichen Ebenen, den Bedürfniſſen des Menſchen große herumziehende Vorräthe zur Aushülfe dar, die mit der Jahreszeit kommen und gehen. Wie die Büffel in zahl⸗ loſen Herden ihren ſichern Weg zu den zeitweiſen Gras⸗ plätzen der Prairieen, längs den graſigen Ufern der Flüſſe, und jedes Thal und grünende Bergſchlucht hin⸗ a uffinden, ſo ſteigen die Salmen durch die Anordnung einer erhabenen und allwiſſenden Vorſehung in beſtimm⸗ ten Jahreszeiten in vielen Myriaden die großen Ströme hinauf, und finden ihren Weg in ihre Hauptarme, wie in die geringſten, ſich in dieſelben einmündenden Flüſſe, ſo daß ſie die größten dürren Ebenen durchziehen, und ſelbſt bis zu den unfruchtbarſten Gebirgen dringen. So werden wandernde Völkerſtämme in den Wüſteneien der Wildniß geſättigt, wo ſich kein Futter für die Jagdthiere findet, und wo es den Menſchen ohne dieſe periodiſchen Zuflüſſe unmöglich ſeyn würde, ſich zu erhalten. Die reiſſenden Flüſſe, die dem ſtillen Ocean zuſtrö⸗ men, machen dem Salmen das Aufſteigen äußerſt ſchwie⸗ rig. Wenn die Fiſche zu ſteigen anfangen, ſind ſie gut und fett. Die Schwierigkeit gegen heftige und reiſſende Strömungen anzukämpfen, machen ſie nach und nach mager und ſchwach, und man ſieht eine Menge derſelben auf dem Rücken den Strom hinab ſchwimmen. So wie G — 117— die Jahreszeit vorrückt, und das Waſſer kälter wird⸗ werden ſie in großer Menge an das Ufer ausgeſpühlt, wo die Wölfe und Bären ſich verſammeln, um ihren Schmaus daran zu halten. Oft verfaulen ſie in ſolcher Menge, daß ſie die Atmosphäre verpeſten. Sie ſind ge⸗ wöhnlich zwei bis drei Fuß lang. Capitän Bonneville traf jetzt ſeine Vorkehrungen zu dem Herbſte und Winter. Die Natur des Landes, durch das ſie hinfort zu ziehen hatten, machte es unmöglich, mit Wagen fortzukommen. Er hatte mehr Güter und größere Vorräthe verſchiedener Art, als zu ſei⸗ nen gegenwärtigen Zwecken erforderlich war, oder als er bequem auf Packpferden fortbringen konnte; er machte daher mit Hülfe einiger vertrauten Männer während der Nacht, daß das ganze Lager ſich dem Schlafe überließ, geheime Verſteck⸗Gruben, worin er die überflüſſigen Effecten mit ſammt den Wagen unterbrachte⸗ Alle Spuren dieſer Gruben wurden ſorgfältigt vertilgt. Sie ſind ein gewöhnliches Aushilfsmittel, deſſen ſich die Pelzhändler und Biberfänger der Gebirge bedienen. Da⸗ ſie keine beſtändige Poſten und Magazine haben, ſo le⸗ gen ſie dieſe Verſteck⸗Gruben an gewiſſen Plätzen an, wohin ſie ſich bisweilen begeben, um neue Vorräthe einzuthun. Es iſt dieß ein Mittel, das ſie von den wan⸗ dernden Indianerſtämmen gelernt haben. Viele ihrer Pferde waren noch immer ſo ſchwach und lahm, daß ſie unfähig befunden wurden, einen wei⸗ — 418— ten Weg über die Gebirge zu klettern. Dieſe wurden, in einem Reiterzuge, einem erfahrnen Biberfänger Na⸗ mens Matthieu anvertraut. Er ſollte mit einer Brigade von Biberfängern nach dem Bärenfluß, einem Strome, reiſen, der weſtlich des Grünen⸗Fluſſes oder Colorado's liegt, und wo ſich gute Weiden für Pferde befinden. In der Nähe deſſelben ſollte er, wie erwartet wurde, das Dorf oder die Bande der Schoshonies, mit denen er wegen Pelzwaaren und Mundvorräthen zu unter⸗ handeln hatte, auf ihren jährlichen Wanderungen antref⸗ fen. Nachdem er ſeinen Handel mit dieſem Volke ab⸗ geſchloſſen, den Biberfang beendigt und ſich die Pferde wieder erholt hatten, ſollte er ſich an den Salmenfluß begeben, um Capitän Bonneville dort aufzuſuchen, der ſeine Winterquartiere dort aufzuſchlagen gedachte. Wäh⸗ rend in dem Lager des Capitäns Bonneville die Zube⸗ reitungen hierzu getroffen wurden, gerieth im Lager von Fontenelle Alles in Bewegung. Einer der Theilhaber der amerikaniſchen Pelzhandels⸗Compagnie war in aller Eile von dem Verſammlungs⸗Orte in Pierre's Höhle angekommen, um neue Vorräthe zu holen. Der Wett⸗ ſtreit zwiſchen dieſen beiden Compagnien war jetzt auf's Höchſte geſtiegen und wurde mit ungewöhnlichem Eifer verfolgt. Die Geſchäfte der Felsgebirgs⸗Pelzhandels⸗ Compagnie jenſeits der Gebirge wurden von zwei dort reſidirenden Theilhabern, Fitzpatrick und Bridger, und jene der aweriraniſthen Pelzhandels⸗Compagnie von Van⸗ — 119— derburgh und Dripps beſorgt. Die Letztern kannten die Gebirgs⸗Regionen nicht, hegten aber das Vertrauen, durch Wachſamkeit und Thätigkeit ihren Mangel an Kenntniß des Landes zu erſetzen. Fitzpatrick, ein erfahr⸗ ner Handelsmann und Biberfänger, wußte, wie ſchlimm die Mitbewerkung auf demſelben Jagdreviere ſey, und hatte den Vorſchlag gemacht, daß ſich die beiden Com⸗ pagnien in das Land theilen ſollten, um in verſchie⸗ denen Richtungen zu jagen. Da dieſer Vorſchlag ver⸗ worfen wurde, ſo hatte er ſich bemüht, zuerſt auf dem Flecke zu ſeyn, und ſeine Anſtrengungen hatten ſich be⸗ reits als wirkſam erwieſen. Die frühzeitige Ankunft Sublette's mit den Vor⸗ räthen hatte die verſchiedenen Brigaden der Felsgebirgs⸗ Compagnie in den Stand geſetzt, nach ihren angewieſe⸗ nen Jagd⸗Revieren abzugehen. Fitzpatrick hatte ſich ſelbſt mit ſeinem Geſellſchafter Bridger und einer ſtar⸗ ken Partie von Biberfängern nach einem der vorzüglich⸗ ſten nordweſtlichen Reviere auf den Weg gemacht. Dieß hatte Vanderburgh in Eifer geſetzt, und er war Fontenelle entgegen geeilt. Da er ihn in ſeinem Lager im Grünen⸗Flußthale fand, ſo verſah er ſich au⸗ genblicklich mit Vorräthen, ſtellte ſich an die Spitze der freien Trapper und Delaware⸗Indianer, und machte ſich in aller Eile auf, entſchloſſen, Fitzpatrick und Bridger auf dem Fuße zu folgen. — 120— Von den Abentheuern dieſer Partien in den Ge⸗ birgen und den nachtheiligen Folgen ihres Wettſtreites werden wir Gelegenheit haben, in einem der folgenden Kapiteln zu handeln. Fontenelle, der jetzt ſeine Vorräthe abgeliefert, und ſeinen Auftrag erfüllt hatte, brach ſeine Zelte ab, und machte ſich auf den Rückweg nach dem Yellowſtone, Capitän Bonneville und ſeine Bande blieb daher allein in dem Grünen⸗Flußthale, und ihre Lage hätte gefähr⸗ lich werden können, wenn die Schwarzfüße noch in der Nähe verweilt hätten. Dieſe Gaudiebe waren jedoch ab⸗ geſchreckt worden, ſo viele entſchloſſene und gut ausge⸗ rüſtete Partien weißer Männer in dieſer Gegend an⸗ zutreffen. Sie hatten demnach dieſen Theil des Landes verlaſſen, waren oben über den Grünen⸗Fluß gegangen und hatten ihre Richtung nach dem Nellowſtone ge⸗ nommen.. Das Unglück verfolgte ſie. Ihr Weg ging durch das Land ihrer Todfeinde, der Krähen. In dem Wind⸗ Flußthale, das öſtlich der Gebirge liegt, begegneten ſie einer mächtigen Kriegspartie dieſes Stammes und wur⸗ den völlig auf's Haupt geſchlagen. Vierzig der ihrigen wurden getödtet, und viele ihrer Weiber und Kinder ge⸗ fangen genommen, und die Flüchtigen gleich wilden Thieren gejagt, bis ſie völlig aus dem Krähenlande ver⸗ trieben waren. — 121— Am 22. Auguſt brach Capitän Bonneville ſein La⸗ ger ab, und ſetzte ſich in Marſch nach dem Salmenfluſſe. Seine Geräthſchaften hatte er in Päcke gepackt und deren drei einem Maulthiere oder Packpferde aufgeladen; ſo, daß ſich zwei zu beiden Seiten und einer obenauf be⸗ fand. Dieſe drei Päcke bildeten eine Ladung von hun⸗ dert und achtzig bis zwei hundert und zwanzig Pfund. Dieß iſt die Art, wie die Trapper ihre Packpferde bela⸗ den; des Capitäns Leute waren aber in dem Bepacken ſo unerfahren, daß die Päcke ſich öfters ablöſtten und herabſchlüpften, ſo daß es nöthig wurde, einen Nachtrab zu halten, der wieder aufladen helfen mußte. Einige Tage Erfahrung brachte ſie jedoch in den gehörigen Gang. Ihr Marſch ging das Seeds⸗ke⸗dee⸗Thal hinauf, das man rechts von den hohen Kuppen der Windflußgebirge ſah. Aus den kleinen Seen und den Quellen, die in dieſen Gebirgsſchichten entſpringen, entſtehen die kleinen Flüſſe, welche ſich in den Seeds⸗ke⸗dee einmünden. Eie nige ſtürzten ſich tiefe Gräben und Waldſtromſchluchten hinab, andere ergoſſen ſich in kriſtallhellen Waſſerfällen aus unannahbaren Klüften und Felſen, ihren Weg mit raſcher und durchſichtiger Strömung durch das Thal windend, um ſich in den Hauptfluß zu ergießen. Dieſe Gewäſſer waren ſo durchſcheinend, daß man die Forellen, von welchen ſie wimmeln, ſo klar wie in der Luft ſchwim⸗ men ſehen und ihr kieſiges Bett in der Tiefe von meh⸗ reren Fuß deutlich erkennen konnte. Dieſe ſchöne durch⸗ — 122— ſichtige Eigenſchaft der Felsgebirgsſtröme dauert noch eine geraume Zeit fort, nachdem ſie ihr Waſſer vermiſcht haben und zu anſehnlichen Strömen herangewachſen ſind. Aus dem obern Theile des Thales ſetzte Capitän Bonneville ſeinen Weg oſt⸗nord⸗öſtlich über ſchroffe und hohe Gebirgsrücken und durch felſige Thalſchluchten fort, was außerordentlich ermüdend für Mann und Pferd war. Unter ſeinen Jägern befand ſich ein Delaware⸗In⸗ dianer, der ihm treu geblieben war und Buckeye hieß. Er hatte ſich oft ſeiner Geſchicklichkeit gerühmt, es mit dem graulichen Bären, dem Schrecken der Jäger, auf⸗ nehmen zu können. Ob er gleich an dem linken Arme gelähmt war, ſo erklärte er doch ohne Bedenken auf einen verwundeten Bären losgehen, und ihn mit ſeinem Seitengewehre angreifen zu wollen. Mit einer Büchſe verſehen, erbot er ſich, dem Thiere in der Fülle ſeiner Kraft und ſeiner Wuty Trotz zu bieten. Er hatte in dem Laufe dieſer Gebirgsreiſe zweimal Gelegenheit, Beweiſe ſeiner Tapferkeit abzulegen, und es gelang ihm in beiden Fällen. Seine Art und Weiſe war, ſich mit geſpannter Büchſe niederzuſetzen und ſich auf ſeinen lahmen Arm zu ſtützen. So pflegte er die Annäherung des Thieres ganz kaltblütig zu erwarten, und er zog den Drücker nicht eher, als bis es ganz nahe vor ihm ſtand. Er tödtete das Ungeheuer jedesmal auf der Stelle.. Ein Marſch von drei oder vier Tagen durch wilde einſame Gegenden, führte den Capitän Bonneville in den — 125— verhängnißvollen Engpaß der Jackſons⸗Höhle, wo die unglücklichen More und Foy von den Schwarzfüßen über⸗ fallen und ermordet worden waren. Die Gefühle des Capitäns empörten ſich, als er die Gebeine dieſer un⸗ glücklichen jungen Leute in den Felſen bleichen ſah, und er ließ ſie anſtändig begraben. An dem 3. September langte er auf dem Gipfel eines Berges an, von dem man das begebenheitsreiche Thal, Pierre's Höhle, völlig überblicken konnte. Von hier aus konnte er die Windungen ſeiner Ströme, durch die grünenden Wieſen und Gehölze von Weiden⸗ und Baumwollholzbäumen verfolgen, und genoß zwiſchen fer⸗ nen Gebirgen die Ausſicht auf die Lava⸗Ebenen des Schlangenfluſſes, die wie ein ſchlummernder Ocean vor ſeinen Augen ſchwammen. Nachdem er dieſen prachtvollen Anblick genoſſen hatte, ſtieg er in das Thal hinab, und beſuchte die Scene des letzten verzweifelten Gefechtes. Hier ſah er die Ueber⸗ reſte der rohen Feſte in dem Sumpfe, durch die Büchſen⸗ ſchüſſe zertrümmert und mit den verſtümmelten Gebeinen der Wilden und Pferde beſäet. Hier befand ſich der Ort der letzten belebten und geräuſchvollen Verſamm⸗ lung, mit den Spuren der Biberfänger⸗Lager und der indianiſchen Zelthütten. Ihre Feuer waren jedoch erlo⸗ ſchen und die bunte Verſammlung der Biberfänger und Jäger, weißen Pelzhändler und indianiſchen Krieger, hatte ſich nach den verſchiedenen Theilen der Wildniß hin — 124— „ zerſtreut, und das Thal ſeine vorherige Einſamkeit und Stille angenommen. Dieſe Nacht lagerte der Capitän Bonneville auf dem Schlachtfelde und ſetzte den nächſten Tag ſeine mühſamen Wanderungen durch die Gebirge wieder fort. Ueber zwei Wochen hindurch verfolgte er ſeinen mühevollen Marſch, während deſſen Mann und Roß zu Zeiten außerordent⸗ lich durch Hunger und Durſt litten. Endlich erreichte er am 19ten September die oberen Gewäſſer des Sal⸗ menfluſſes. Das Wetter war kalt, und Anzeichen eines ſich na⸗ henden Sturmes vorhanden. Die Nacht brach ein, allein Buckeye, der Delaware⸗Indianer, wurde vermißt. Er hatte den Zug Morgens in der Frühe verlaſſen, um nach ſeiner Gewohnheit für ſich zu jagen. Man war beſorgt, daß er ſeinen Weg verloren und ſich im ſtür⸗ miſchen Wetter verirrt haben könne. Dieſe Furcht ver⸗ mehrte ſich an dem folgenden Morgen, als ein heftiges Schneegeſtöber kam, das die Erde bald mehrere Zoll hoch bedeckte. Capitän Bonneville machte ſogleich Halt, und ſchickte Späher nach jeder Richtung aus. Nach einigem Su⸗ chen fand man Buckeye in Mträchtlicher Entfernung ru⸗ hig, weit im Rücken des Zuges, ſitzen, um ihn zu erwarten, nicht wiſſend, daß derſelbe bereits vorüberge⸗ kommen war, indem der Schnee deſſen Fährte bedeckt hatte. — — — 123— Am folgenden Morgen ſetzten ſie ſich wieder früh⸗ zeitig in Marſch; ſie waren aber noch nicht weit ge⸗ kommen, als die Jäger, welche dem Zuge vorausgerit⸗ ten waren, mit Signalen zum Haltmachen zurückgeſprengt kamen, indem ſie„Indianer! Indianer!“ ſchrieen. Capitän Bonneville lenkte ſogleich in einen Wald⸗ ſaum ein, und machte ſich ſchlagfertig. Man ſah jetzt die Wilden in großer Anzahl über die Hügel kommen, Einer von ihnen verließ das Haupt⸗Corps, und kam einzeln auf ſie zu, indem er Signale des Friedens gab. Er kündigte an, daß ſie eine Bande der Nez⸗perces*) oder Durchbohrten⸗Naſen⸗Indianer, die mit den Weißen auf freundſchaftlichen Fuße leben, ſeyen, worauf ſie der Capitän einlud, zu kommen, und ſich zu ihm zu lagern. Sie machten einen kurzen Halt, um ihre Toilette zu machen. Eine Beſchäftigung, die bei dem indianiſchen Krieger dieſelbe Wichtigkeit hat, wie bei einer modi⸗ ſchen Schöne. Nachdem dieſes geſchehen war, nahmen ſie eine kriegeriſche Stellung; die Haäͤuptlinge führten den Vortrab und die Krieger folgten in einer langen Reihe, bemalt, geſchmückt und mit wogenden Federbü⸗ *) Wir müſſen bemerken, daß dieſer Völkerſtamm gewöhn⸗ lich nach ſeinem franzoͤſiſchen Namen genannt wird, den die Trapper Neperſi ausſprechen. Es gibt zwei Haupt⸗ zweige dieſes Stammes, die oberen und unteren Nez⸗per⸗ ces, wie wir nachher zeigen werden. ſchen auf den Köpfen. Auf dieſe Weiſe kamen ſie ſchreiend, ſingend, ihre Gewehre abfeuernd und auf ihre Schilder ſchlagend heran. Die beiden Partien lagerten ſich dicht neben einander. Die Nez⸗perces waren auf einer Jagdpartie begriffen, allein auf ihrem Marſche bei⸗ nahe verhungert. Sie hatten keine andere Lebensmittel mehr übrig, als etwas getrockneten Salmen, da ſie aber die Weißen in gleicher Noth fanden, ſo erboten ſie ſich großmüthig ihre dürftigen Portiönen zu theilen, und wie⸗ derholten dieſes Erbieten mit einem Ernſte, das keinen Zweifel über ihre Aufrichtigkeit übrig ließ. Ihre Großmuth gewann ihnen das Herz des Capitäns Bonneville, und er⸗ zeugte das herzlichſte Wohlwollen von Seiten ſeiner Leute. Während zweier Tage, daß ſie in Geſellſchaft bei ein⸗ ander blieben, fand der freundſchaftlichſte Umgang zwi⸗ ſchen ihnen Statt und ſie ſchieden als die beſten Freunde. Capitän Bonneville ſchickte einige Leute unter Herrn Cerré, einem geſchickten Führer ab, die Nez⸗perces auf ihrer Jagdpartie zu begleiten, und mit ihnen wegen Fleiſch für ihren Winterunterhalt zu unterhandeln. Er zog hierauf den Strom hinab, ohngefähr fünf Meilen unter den Gabeln, wo er am 26. September Halt machte, um ſein Winterquartier aufzuſchlagen. — 127— Neuntes Kapitel. Losgelaſſene Pferde.— Vorbereitungen zu den Winterquartie⸗ ren.— Hungerige Zeiten.— Die Nez⸗perces, ihre Ehrlichkeit, Frömmigkeit, friedliches Betragen und religiöſen Ceremonien. — Capitän Bonneville's Unterredung mit ihnen.— Ihre Liebe zum Spiel.— Es war dem Capitän Bonneville ſehr angenehm, nach einer ſo langen und mühſamen Reiſe ſeine armen, abgematteten Pferde von den Laſten befreien zu können, unter denen ſie beinahe erlegen waren, ſie ſich auf dem grünen Graſe wälzen, und nach allen erſtandenen Lei⸗ den eine lange Ruhe genießen zu ſehen. Es wurden jetzt alle Hände in Bewegung geſetzt, um ein Winterlager zu bereiten, eine zeitweiſe Befeſti⸗ gung zum Schutze der Partie aufgeworfen, ein ſicherer und bequemer Park angelegt, in welchen die Pferde bei Nacht getrieben werden konnten, und Hütten zur Ver⸗ wahrung der Güter erbaut. Nachdem dieſes geſchehen war, vertheilte Eapitän Bonneville ſeine Streitkräfte: zwanzig Mann ſollten als Beſatzung bei ihm bleiben, um das Eigenthum zu be⸗ ſchützen; die übrigen wurden in drei Brigaden abgetheilt und nach verſchiedenen Richtungen abgeſchickt, um ſich von der Büffeljagd zu ernähren, bis der Schnee zu tief gefallen ſeyn würde. Es würde in der That unmöglich geweſen ſeyn, die ganze Truppe in der Umgegend zu verſorgen. Sie lag an der äußerſten Weſtgränze des Büffel⸗Bezirks und dieſe Thiere waren erſt neuerlich durch die Nez⸗perces völlig aus der Gegend vertrieben worden, ſo daß, ob⸗ gleich die Jäger der Beſatzung beſtändig munter bei der Hand waren, die Gegend zu durchſtreifen, ſie doch kaum hinlänglich Wild einbrachten, um dem Hunger abzuweh⸗ ren. Dann und wann hielten ſie ein dürftiges Mahl von Fiſchen und Vögeln, und hatten bisweilen eine An⸗ tilope; häufig mußten ſie aber den Hunger mit Wurzeln, dem Fleiſche von Wölfen, oder Biſamratzen ſtillen. Selten konnten ſich die Bewohner des Winterquartiers rühmen, eine volle Mahlzeit zu haben und nie hatten ſie etwas für den folgenden Tag übrig. 3 Auf dieſe Weiſe darbten ſie bis zum 8. October, wo eine Partie von fünf Nez⸗perces zu ihnen ſtieß, die ſie einigermaßen mit der Härte ihrer Lage ausſöhnten, indem dieſe in einer noch weit größeren Entblößung wa⸗ ren. Unglücklichere Menſchen hatten ſie noch nicht ange⸗ troffen: ſie beſaßen weder einen Biſſen Fleiſch noch Fiſch, noch ſonſt etwas, um davon zu leben, mit Ausnahme wilder Wurzeln, wilder Roſenknospen, der Rinde ge⸗ wiſſer Pflanzen und andere Gewächſe; auch beſaßen ſie — 129— keine Waffen, weder zum Jagen noch zur Vertheidi⸗ gung, als einen alten Speer. Dennoch murrten oder beſchwerten ſich die armen Schelmen nicht, ſondern ſchie⸗ nen an ihre ſchlechte Koſt gewöhnt zu ſeyn. Wenn ſie die weißen Menſchen nicht ihren practiſchen Stoicism lehren konnten, ſo lernten ſie ſie wenigſtens die genieß⸗ bare Eigenſchaſten von Wurzeln und wilden Roſen⸗ knospen kennen, und verſahen ſie von ihrem eigenen Vorrathe mit Lebensmitteln. Die Bedürfniſſe des Lagers wurden endlich ſo drin⸗ gend, daß ſich Capitän Bonneville entſchloß, eine Ab⸗ theilung nach der Pferde⸗Prairie abzuſchicken, einer nördlich von ihrem Winterlager liegenden Ebene, um Vorräthe von Lebensmitteln herbeizuſchaffen. Als die Leute zur Abreiſe bereit waren, ſchlug er den Nez⸗perces vor, daß ſie, oder Einige von ihnen, der Jagdpartie bei⸗ wohnen möchten. Zu ſeinem Erſtaunen lehnten ſie dieß ſogleich ab, und da er ſah, daß ſie in einer faſt eben ſo dürftigen Lage waren, wie ſeine eigene Leute, ſo fragte er ſie um die Urſache ihrer Weigerung. Sie er⸗ wiederten, daß dies ein geheiligter Tag bei ihnen ſey und der große Geiſt zornig werden würde, wenn ſie ſolchen dem Jagen widmeten. Sie erboten ſich jedoch, die Jagdpartie zu begleiten, wenn ſie ihre Abreiſe bis zum nächſten Tage verſchieben wolle, was jedoch die quälenden Forderungen des Hungers nicht erlaubten, und ſo machte ſich die Jagdpartie auf den Weg. 66.— 68. 9 — 150— Einige Tage nachher bedeuteten Einige von ihnen dem Capitän Bonneville, daß ſie jagen gehen wollten. „Was,“ rief er,„ohne Flinten und Pfeile; und nur mit einem alten Speer bewaffnet? Was hofft Ihr zu erlegen?“ Sie ſahen einander lächelnd an, gaben aber keine Antwort. Sie ſchickten ſich zu der Jagd mit einer na⸗ türlichen Frömmigkeit an, die für die Zuſchauer erbau⸗ lich geweſen zu ſeyn ſcheint. Sie verrichteten zuerſt einige religiöſe Gebräuche und richteten für ihre Sicher⸗ heit und ihr Jagdglück einige kurze Gebete an den groſ⸗ ſen Geiſt. Nachdem ſie hierauf den Segen ihrer Wei⸗ ber erhalten hatten, ſprangen ſie auf ihre Pferde und ritten weg; ſämmtliche chriſtlichen Zuſchauer durch das Beiſpiel erſtaunend und beſchämend, das ſie ihnen von ihrem Glauben und ihrer Abhängigkeit von einem höch⸗ ſten und wohlwollenden Weſen gegeben hatten. Gewohnt, wie ich zuvor geweſen war, ſagte der Capitän Bonneville, in den unglücklichen Indianern blut⸗ dürſtige, und von jedem Laſter befleckte Menſchen zu finden, das die menſchliche Natur erniedrigen kann, konnte ich mich kaum von der Wirklichkeit deſſen über⸗ zeugen, was ich mit angeſehen hatte. Verwunderung über eine ſo ungekünſtelte Empfindſamkeit und Fröm⸗ migkeit, wo wir ſie am Wenigſten erwarteten, ſtritten in aller Buſen mit Scham und Verwirrung, eine ſo reine und heilſame Lehre von Geſchöpfen erhalten zu ——— — 131— haben, die, in Hinſicht aller Künſte und Bequemlichkeiten des Lebens, ſo tief unter uns ſtanden Das einfache Gebet der armen Indianer blieb nicht unerhört. In dem Laufe von vier bis fünf Tagen kehr⸗ ten ſie mit Fleiſch beladen zurück. Capitän Bonneville war neugierig zu erfahren, wie ſie dies bei ſo dürftigen Mitteln bewerkſtelligt haben konnten. Sie gaben ihm zu verſtehen, daß ſie die Herden Büffelochſen in vollem Rennen geiagt hätten, bis ſie ſolche ermüdet hatten, wo es ihnen dann leicht ward, ſie mit dem Speere zu er⸗ legen, und ſie bedienten ſich derſelben Waffe, um ihnen das Fell abzuziehen. Um ihre, ihren chriſtlichen Freun⸗ den gegebene Lehre zu vervollſtändigen, waren die armen Wilden eben ſo barmherzig, als ſie fromm geweſen wa⸗ ren, und theilten großmüthig mit ihnen die Ausbeute ihrer Jagd, indem ſie ihnen Lebensmittel für mehrere Tage verabreichten. 6 Ein ſpäterer und genauerer Umgang mit dieſem Volksſtamme gab dem Capitän noch eine weit größere Veranlaſſung, ihre Frömmigkeit zu bewundern. Dieſes Volk bloß religiös nennen zu wollen, würde nur eine ſchwache Idee von der gottesfürchtigen Erge⸗ benheit beibringen, die in ihrem ganzen Benehmen liegt. Sie ſind von tadelloſer Rechtſchaffenheit, und in der Reinheit ihrer Abſichten und Beobachtungen ihrer reli⸗ giöſen Gebräuche find ſie merkwürdig übereinſtimmend. 9* — 132— Sie haben gewiß mehr mit einer Nation von Heiligen gemein, als mit einer Horde von Wilden. In der That mag die friedliche Politik dieſes Stam⸗ mes ihren Urſprung in den Lehren der chriſtlichen Barm⸗ herzigkeit haben, denn es möchte ſcheinen, daß ſie einige Begriffe von dem chriſtlichen Glauben durch katholiſche Miſſionäre und Handelsleute eingeſogen haben, die ſich unter ihnen aufhielten. Sie hatten ſelbſt eine Art von Kalender von den Feſt⸗ und Faſttagen der römiſchen Kirche und man findet bei ihnen einige Spuren ihres Ceremoniells. Es iſt mit ihren eigenen wilden Riten vermiſcht worden, was ein ſeltſames halb civiliſirtes und halb barbariſches Miſchmaſch darbietet. Samſtags ſchmücken ſich Männer, Weiber und Kinder auf das Beſte, und verſammeln ſich um eine, an der Spitze des Lagers aufgeſteckte Stange. Hier unterwerfen ſie ſich einem phantaſtiſch⸗wunderlichen Ceremoniell, das ſehr den reli⸗ giöſen Tänzen der Quäcker gleicht, das aber ihren En⸗ thuſiasmus noch auffallender macht. Während der Pau⸗ ſen dieſes Ceremoniells unterrichten ſie ihre oberſten Häuptlinge, die das Prieſteramt verſehen, in ihren Pflich⸗ ten, und ermahnen ſie zur Tugend und guten Thaten. Es liegt, bemerkt Capitän Bonneville, etwas Alter⸗ thümliches und Patriarchaliſches in dieſer Vereinigung der Dienſtverrichtungen eines Anführers und Prieſters, wie dies bei manchen ihrer Sitten und Gewohnheiten — ——— — 153— der Fall iſt, die alle ſtark das Gepräge der Religiöſität an ſich tragen. Es ſcheint, daß der würdige Capitän ein ſehr groſ⸗ ſes Intereſſe an dem Lichtſtrahle fand, den er ſo unver⸗ muthet mitten in der Finſterniß der Wüſtenei antraf. Er bemühte ſich während ſeines Aufenthaltes unter die⸗ ſem einfachen und gutmüthigen Volke, ihnen, ſo weit es ihm möglich war, die milden und humaniſirenden Vor⸗ ſchriften des chriſtlichen Glaubens beizubringen, und ſie mit den Hauptzügen ſeiner Geſchichte bekannt zu machen; und es macht der Reinheit und dem Wohlwollen ſeines Herzens große Ehre, daß er aus ſeiner Bemühung eine reine Glückſeligkeit ſchöpfte. „Sehr oft,“ ſagte er,„war meine kleine Zelthütte gedrängt oder vielmehr geſtopft voller Zuhörer, denn ſie lagen einer über dem andern auf dem Boden, bis kein Platz mehr da war, und Alle horchten begierig auf die Wunder, welche der große Geiſt den weißen Menſchen geoffenbart hätte. Kein anderer Gegenſtand machte ihnen nur halb ſo viel Vergnügen, oder zog nur halb ſo viel ihre Aufmerkſamkeit auf ſich; und es ſind mir nur wenige Scenen ſo friſch in meinem Andenken geblieben, oder deren ich mich mit ſolchem Vergnügen erinnerte, als dieſe Stunden des Umgangs, mit einem fernen und wohlwollenden Völkerſtamme, mitten in der Wüſte. Die einzige Ausſchweifung, welcher ſich dieſes mäſ⸗ ſige und muſterhafte Volk hingibt, ſcheint das Spiel und das Pferderennen zu ſeyn. Dieſen überlaſſen ſie ſich mit einer Begier, die an Bethörung gränzt. Gruppen von Spielern verſammeln ſich frühzeitig am Abend um eins ihrer Zelthüttenfeuer und bleiben, in ihr Spiel und ſeinen Wechſel vertieft, bis lange nachdem der folgende Tag angebrochen iſt. Wie die Nacht vorrückt, werden ſie immer hitziger und erpichter. Wetten vermehren den Betrag und ein Verluſt führt nur zu einem größe⸗ ren, bis in dem Laufe einer einzigen durchgeſpielten Nacht, der reichſte Häuptling der ärmſte Schelm im La⸗ ger wird. Zehntes Kapitel. Schwarzfüße in der Pferde⸗Prairie.— Aufſuchung der Jäger. — Schwierigkeiten und Gefahren.— Eine Kartenpartie in der Wildniß.— Die unterbrochene Kartenpartie.— Old⸗ Sledge, ein verderbliches Spiel.— Beſuch im Lager.— Jro⸗ keſiſche Jäger.— Lappohren⸗Indianer.— Am 12. October kamen zwei junge Indianer vom Stamme der Nez⸗percés in dem Lager des Capitäns Bonneville an. Sie befanden ſich auf ihrem Wege heimwärts, waren aber durch den tiefen Schnee genö⸗ thiget worden, von ihrem gewöhnlichen Wege durch die Gebirge abzuweichen. Ihr neuer Weg führte ſie durch die Pferde⸗Prairie. Als ſie über dieſelbe kamen, zog ſie der Rauch eines fernen Lagerfeuers an, und als ſie ſich in die Nähe ſchlichen, um die Urſache deſſelben zu erſpähen, entdeck⸗ ten ſie eine Kriegstruppe der Schwarzfüße. Letztere hatten mehrere Pferde bei ſich; da ſie aber auf ihren kriegeriſchen Ausflügen gewöhnlich zu Fuß marſchieren, ſo hatten die Nez⸗percés daraus geſchloſſen, daß ſie ſolche auf ihrem Zuge geraubt haben müßten. Dieſe Nachricht erregte Beſorgniſſe bei dem Capi⸗ tän Bonneville für ſeine, in jene Gegend abgeſchickte, — 156— Jagdpartie, und die Nez⸗pereés ſchüttelten, als ſie da⸗ von unterrichtet wurden, die Köpfe, und äußerten ihre Meinung dahin, daß die Pferde, die ſie geſehen hatten, eben dieſer Partie geſtohlen worden wären. Aengſtlich beſorgt, hierüber etwas Näheres in Er⸗ fahrung zu bringen, ſchickte Capitän Bonneville zwei Jäger ab, um das Land in jener Richtung zu durch⸗ ſtreifen. Sie ſuchten vergeblich; es konnte keine Spur von Menſchen gefunden werden, allein ſie waren in eine von Wildpret entblößte Gegend gerathen, in der ſie beinahe verhungerten. Einmal befanden ſie ſich drei, Tage lang, ohne einen Biſſen Nahrung zu ſich zu nehmen. Endlich ſahen ſie einen Büffel am Fuße eines Ber⸗ ges graſen. Nachdem ſie ſo manöverirt hatten, daß ſie ihn in Schußweite brachten, feuerten ſie ab, ſchoſſen ihn aber nur an. Er nahm die Flucht und ſie folgten ihm über Thal und Hügel mit der Begierde und der Beharrlichkeit darbender Menſchen. Ein glücklicherer Schuß ſtreckte ihn zu Boden. Stanſield ſprang auf ihn, ſtieß ihm ſein Meſſer in die Kehle und ſtillte ſeinen wüthenden Hunger, indem er das Blut trank. Es wurde neben dem abgezogenen Ochſen ſogleich ein Feuer angezündet, an dem die beiden Jäger kochten und aßen und wieder aßen, bis ſie, vollkommen geſät⸗ tiget, vor ihrem Jagdfeuer einſchliefen. Am folgenden Morgen ſtanden ſie früh auf, nah⸗ men noch eine zweite tüchtige Mahlzeit zu ſich und kehr⸗ * — 157— ten, nachdem ſie ſich wohl mit Büffelfleiſch verſehen hatten, nach dem Lager zurück, um über die Fruchtlo⸗ ſigkeit ihrer Sendung Bericht abzuſtatten. Endlich er⸗ ſchienen die Jäger nach einer ſechswöchentlichen Abwe⸗ ſenheit, und wurden mit einer Freude empfangen, die den, ihretwegen gehegten Beſorgniſſen, angemeſſen war. Sie hatten eine glückliche Jagd auf der Prairie gehal⸗ ten; allein während ſie beſchäftigt waren, Büffelfleiſch zu trocknen, geſellten ſich Einige, von paniſchem Schrecken ergriffene, Flatheads zu ihnen, die ſie benachrichtigten, daß eine mächtige Bande von Schwarzfüßen in der Nähe ſei. Die Jäger verließen ſogleich ihr gefährliches Jagdrevier, und begleiteten die Flatheads nach ihrem Dorfe. Hier fanden ſie Herrn Cerré und die Jäger⸗ abtheilung, die mit ihm abgeſchickt worden war, um die Nez⸗percés auf ihrem Jagdzuge zu begleiten. Nachdem ſie ſo lange in dem Dorfe geblieben wa⸗ ren, daß ſie die Entfernung der Schwarzfüße aus der Umgegend vermuthen konnten, brachen ſie mit einigen von Herrn Cerrés Leuten nach dem Winterquartiere am Salmenfluſſe auf, wo ſie ohne widrigen Zufall ankamen. Sie benachrichtigten den Capitän Bonneville jedoch, daß ſie nicht weit von ſeinem Lager einen Reiſeſack mit fri⸗ ſchem Fleiſche und einem Seile gefunden hätten, wovon ſie vermutheten, daß ſie von irgend einem, auf den Raub ausgegangenen, Schwarzfuße verloren worden ſeyen. Einige Tage nachher langte Herr Cerré mit dem Reſt ſeiner Leute ebenfalls in dem Winterquartiere an. Herr Walker, einer der Unteranführer, der mit ei⸗ ner Bande von zwanzig Jägern abgegangen war, um das Land gerade oberhalb der Pferde⸗Prairie zu durch⸗ ſtreifen, hatte gleichfalls ſeinen Antheil von Abentheuern mit den überall umherſtreifenden Schwarzfüßen beſtan⸗ den. An einem ſeiner Lagerplätze war die um das La⸗ ger aufgeſtellte Wache in Erfüllung ihrer Pflicht nachläſ⸗ ſig geweſen, und da ſie ſich auf dieſen Prairieen zu ſicher und zu heimiſch fühlten, ſo begaben ſie ſich in ein kleines Weidengehölz, um ſich mit einem geſelligen Kar⸗ tenſpiele zu unterhalten, das Old⸗Sledge genannt wird, und unter dieſen Wanderern der Prairieen ſo bekannt iſt, als Whiſt oder Ecarté in den gebildeten Geſellſchaf⸗ ten der Städte. 3 Mitten in ihrem Spiele wurden ſie plötzlich durch eine Salve von Feuergewehren und gellendes Kriegs⸗ geſchrei aufgeſchreckt. Indem ſie ſich plötzlich aufrafften und ihre Büchſen ergriffen, ſahen ſie zu ihrem Schrecken ihre Pferde und Maulthiere bereits in dem Beſitze ihres Feindes, der ſich unvermerkt in das Lager geſchlichen hatte, während ſie der Zauber von Old⸗Sledge gefeſſelt hielt. Die Indianer ſchwangen ſich auf die ungeſattel⸗ ten Pferde und ſuchten ſie unter einem Kugelregen weg⸗ zuführen, der ſeine Wirkung that. Durch das Getüm⸗ mel jedoch ſcheu gemacht, wollten die Maulthiere ihre — Reiter nicht auf ſich leiden, ſchlugen hinten aus und ſetzten die Hälfte, trotz ihrer Geſchicklichkeit im Reiten, ab. Dieß brachte die Uebrigen in Unordnung, ſie müthen ſich ihre abgeſetzen Kameraden vor dem wüthenden An⸗ griffe der Weißen zu ſchützen, allein nach einer ſehr tu⸗ multvollen Scene wurden Pferde und Maulthiere ver⸗ laſſen und die Indianer zogen ſich in die Gebüſche zu⸗ rück. Hier kratzten ſie ohngefähr zwei Fuß tiefe Löcher in die Erde, in welche ſie ſich der Länge nach niederleg⸗ ten, und, ſo geſchützt vor den Schüſſen der weißen Män⸗ ner, von ihren Bogen, Pfeilen und Flinten einen ſolchen Gebrauch machten, daß ſie die Angreifenden zurücktrie⸗ ben, und ihren Rückzug bewerkſtelligen konnten. Dieſes Abentheuer brachte das Old⸗Sledge⸗Spiel eine Zeitlang in Verruf. In dem Laufe des Herbſtes erſchienen in dem Win⸗ terlager, durch den Schnee von ihren Jagdrevieren ver⸗ trieben, vier irokeſiſche Jäger. Sie wurden in demſelben freundlich aufgenommen, und machten ſich während ihres Aufenthaltes auf mannichfaltige Weiſe nützlich, da ſie vor⸗ treffliche Trapper und jedenfalls ſehr vorzügliche Schüz⸗ zen waren. Sie waren der Ueberreſt einer Partie iro⸗ keſiſcher Jäger, die im Dienſte der Hudſonsbai⸗Compag⸗ nie viele Jahre vorher aus Canada in dieſe Gebirgs⸗ gegend gekommen waren. Sie wurden von einem bra⸗ ven Häuptlinge, Namens Pierre, angeführt, der durch die — 140— Hände der Schwarzfüße in jenem verhängnißvollen Thale fiel, und Pierres⸗Höhle ſeinen Namen gab. Dieſer Zweig des irokeſiſchen Stammes iſt ſeit je⸗ ner Zeit in dieſen Gebirgen in tödtlicher Feindſchaft mit den Schwarzfüßen geblieben, und ſie haben viele von ihren vorzüglichen Jägern in ihren Streitigkeiten mit dieſer wilden Horde verloren. Einige von ihnen kamen mit General Ashley in dem Laufe ſeiner muthigen Ausflüge in die Wildniß zuſammen, und ſind ſeitdem in dem Dienſte der Compagnie geblieben. Unter den vielerlei Gäſten, die in dem Winterla⸗ ger des Capitän Bonneville eintrafen, befand ſich auch eine Partie Pends⸗Oreilles(oder Lappohren) und ihr Häuptling. Dieſe Indianer haben eine ſehr große Aehn⸗ lichkeit in Charakter und Sitten mit den Nez⸗percés. Sie⸗ belaufen ſich auf ohngefähr dreihundert Zelthütten, ſind wohl bewaffnet, und beſitzen eine große Anzahl Pferde. Während des Frühlings, Sommers und Herbſtes jagen ſie Büſſel, um die Quellen des Miſſouri's, an der Hen⸗ ry'sgabel des Schlangenfluſſes, und den nördlichen Ar⸗ men des Salmenfluſſes. Ihr Winterlager befinden ſich auf dem Racine⸗Amere, allwo ſie von Wurzeln und ge⸗ trocknetem Büffelfleiſche leben. An dieſem Fluſſe hat die Hudſonsbai⸗Compagnie einen Handelspoſten ange⸗ legt, wohin die Pends⸗Oreilles und die Flatheads ihre — 141— Pelzwaaren bringen, um ſie gegen Waffen, Kleider und Spielzeug umzutauſchen. Dieſer Stamm zeigt, gleich den Nez⸗percés, einen be⸗ ſonders ſtarken, natürlichen, Hang zur Frömmigkeit. Ihre Religion iſt nicht eine bloß abergläubige Furcht wie die der meiſten Wilden; ſie zeigen abſtracte Begriffe von Moralität, eine tiefe Verehrung für einen Alles regieren⸗ den Geiſt, und Achtung für die Rechte ihrer Mitmen⸗ ſchen. In gewiſſer Hinſicht hat ihre Religion etwas von der friedlichen Lehre der Quäcker. Sie halten da⸗ für, daß der große Geiſt Mißfallen an allen Nationen habe, die ſich leichtfertig in einen Krieg einlaſſen; ſie enthalten ſich demnach aller feindlichen Angriffe. Ob ſie gleich auf dieſe Weiſe ſehr friedfertig in ihrer Politik ſind, ſo werden ſie doch beſtändig(durch die Umſtände) aufgefordert, einen Vertheidigungskrieg, vorzüglich gegen die Schwarzfüße, zu führen, mit wel⸗ chen ſie, im Laufe ihrer Jagdzüge, ſehr häufig in unan⸗ genehme Berührung kommen, und verzweifelte Gefechte zu beſtehen haben. Ihr Benehmen als Krieger iſt ohne Furcht und Tadel, und ſie können nicht dahin gebracht werden, ihre Jagdreviere zu verlaſſen. Gleich den mei⸗ ſten Wilden glauben ſie feſt an Träume, und an die Macht und Wirkſamkeit von Zaubereien und Amuletten oder„Medizinen“, wie ſie ſie nennen. Auch glauben ſie von einigen ihrer tapfern Krieger, die mehrmals großen Gefahren entgingen, gleich dem Häuptling der Nez⸗per⸗ cés im Treffen in Pierre's⸗Höhle, daß ihr Leben durch einen Zauber geſchützt, und ſie kugelfeſt ſeyen. Von dieſen alſo begünſtigten, Weſen werden wunder⸗ bare Anekdoten erzählt, welche von ihren wilden Mit⸗ brüdern feſt geglaubt werden, und denen bisweilen die weißen Jäger beinahe beipflichten. — 145— Elftes Kapitel. Die gegenſeitigen Biberfänger⸗Partien.— Manöpvres.— Ein verzweifeltes Spiel.— Vanderburgh und die Schwarzfüße. — Verlaſſene Lagerfeuer.— Finſterer Engpaß.— Indianiſcher Hinterhalt.— Blutiges Handgemenge.— Unglückliche Folgen — Fitzpatrick und Bridger.— Borſicht von Biberfängern.— Zuſammenkunft mit den Schwarzfüßen.— Noch ein weiteres Gefecht.— Anekdote von einem Mexicaner und einemlindia⸗ niſchen Mädchen.— Während Capitän Bonneville und ſeine Leute bei den Nez⸗percés am Salmenfluſſe verweilen, müſſen wir uns nach dem Schickſale jener wackeren Nebenbuhler von der Felsgebirgs⸗ und amerikaniſchen Pelzhandels⸗Com⸗ pagnien umſehen, die nach ihren Biberfangs⸗Revieren im Nord⸗Nordweſten aufgebrochen waren. Da Fitzpa⸗ trick und Bridger von der erſt genannten Compagnie ihre Vorräthe, wie wir bereits erzählt haben, erhalten hatten, ſo hatten ſie ſich an die Spitze ihrer Leute ge⸗ ſtellt und hofften zuerſt auf ihren Jagdrevieren anzukom⸗ men. Durch außerordentliche Anſtrengung wurden jedoch Vanderburgh und Dripps, die beiden reſidirenden Theil⸗ haber der andern Compagnie, bald in den Stand geſetzt, ihnen auf dem Fuße folgen zu können und ſie ſetzten — 144— ihren Weg mit ſolcher Eile fort, daß ſie ſie einholten, als ſie eben das Innere der Biberreviere erreicht hat⸗ ten. Da ihnen die beſten Biberfang⸗Reviere unbekannt waren, ſo war es in der That ihre Abſicht, der andern Partie nachzugehen, und ſich ihre beſſere Kenntniß zu Nutze zu machen. Nichts konnte dem Aerger von Fitzpatrick und Brid⸗ ger gleichkommen, als ſie ſich ſo von ihren unerfahrnen Nebenbuhlern auf dem Fuße verfolgt ſahen, beſonders nach dem ihnen gemachten Erbieten, daß ſie ſich in das Land theilen wollten. Sie verſuchten es, ſie auf alle Weiſe zu hintergehen und irre zu leiten; ihnen einen Tagmarſch zuvor zu kommen oder ſie auf eine unrechte Fährte zu bringen; allein Alles vergeblich. Van⸗der⸗ burgh erſetzte durch Thätigkeit und Einſicht, was ihm an Kenntniß des Landes abging, war immer vorſichtig und auf der Huth, entdeckte jede Bewegung ſeiner Ne⸗ benbuhler, ſo geheim ſie auch gehalten ſeyn mochte, und ließ ſich nicht täuſchen, oder irre leiten. 6 Fitzpatrick und ſeine Collegen verloren jetzt alle Geduld. Da ſeine Gegner darauf beſtanden, ſie zu ver⸗ folgen, ſo entſchloſſen ſie ſich, ihnen die Jagd zu ver⸗ derben und ihre vorhabende Jagdzeit eher aufzuopfern, als deren Ergebniſſe mit ihren Nebenbuhlern zu theilen. Sie nahmen demnach ihre Richtung den Miſſouri hinab, hielten ſich hauptſächlich auf der Spur der Schwarzfüße, und ſetzten ihren Weg eigenſinnig fort, ohne ſich aufzu⸗ — 145— halten, um auch nur eine einzige Falle zu ſtellen. Die Andern folgten ihnen eine Zeit lang auf der Ferſe nach, fingen aber bald an, gewahr zu werden, daß ſie an der Naſe herumgeführt wurden, und daß ſie in ein, für den Biberfang, völlig unergiebiges Land kamen. Sie machten demnach einen Stillſtand und bedach⸗ ten ſich, wie ſie ihre verlorne Zeit wieder erſetzen und den Reſt der Jahreszeit vortheilhaft verwenden könnten. Sie hielten es für das Rathſamſte, ihre Kräfte zu thei⸗ len, und ſich in verſchiedene Jagdrevieren zu verſuchen. Während Dripps nach einer Richtung hinzog, verfolgte Vanderburghy mit ohngefähr fünfzig Mann eine andere. Der Letztere war auf ſeinem übereilten Marſche mitten in das Land der Schwarzfüße gerathen; ſcheint aber von ſeiner Gefahr nichts geahnt zu haben. Als ſeine Späher eines Tages aus waren, kamen ſie auf die friſche Spur einer Bande von Wilden. Sie fanden verlaſſene Feuer, die noch rauchten, von den Ge⸗ rippen eben getödteter Büffel umgeben. Es war offen⸗ bar, daß eine Partie Schwarzfüße von ihrem Jagdlager⸗ platze verſcheucht worden war, und daß ſie ſich in der Abſicht zurückgezogen hatten, Verſtärkungen an ſich zu ziehen. Die Späher eilten in das Lager zurück und er⸗ zählten Vanderburgh was ſie geſehen hatten. Er nahm die Sache von der leichten Seite, und ritt mit neun ſeiner Leute weg, um ſelbſt Kundſchaft einzuziehen. Er fand den verlaſſenen Lagerplatz gerade ſo, wie ſie 66.— 68. 10 — 146— denſelben ihm beſchrieben hatten. Hier lagen die Ge⸗ rippe der Büffel zum Theil zerſtückt; hier ſah man die dampfenden Feuer, die noch ſchwache Rauchkränze auf⸗ ſteigen ließen; es hatte Alles das Anſehen eines haſtigen Rückzugs, und gab zu der Vermuthung Anlaß, daß die Wilden noch in der Nähe lauerten. Mit nutzloſer Verwegenheit verfolgte Vander⸗ burgh ihre Fährte, um ihnen bis zu dem Platze nachzu⸗ ſpüren, wo ſie ſich verborgen hielten. Sie führte ihn über Prairieen durch Waldgürtel, bis er in eine finſtere und gefährliche Schlucht kam. Vanderburgh drang mit ſeiner kleinen Bande ohne Bedenken hinein. Sie be⸗ fanden ſich bald zwiſchen hohen, von Bäumen überwach⸗ ſenen Ufern, in einer tiefen, dunkeln Telle, wo die tiefe Stille nur durch das Getrabe ihrer eigenen Pferde un⸗ terbrochen wurde. 4 Plötzlich vernahmen ſie furchtbares Kriegsgeſchrei, vom Losfeuern der Büchſen begleitet, und eine Legion von Wilden ſprang heulend, und zum Scheumachen der Pferde, ihre Büffelhautkleider ſchüttelnd, aus ihrem Ver⸗ ſtecke hervor. Vanderburgh's Pferd ſtürzte tödtlich ver⸗ wundet bei dem erſten Schuſſe, in ſeinem Sturze ſeinen Reiter unter ſich werfend, der vergeblich ſeine Leute zum Beiſtand herbei rief, ihm hervor zu helfen. Einer von ihnen wurde ein Paar Schritte weit von ihm niederge⸗ ſchoſſen und ſkalpiert. Die meiſten andern wurden ſchwer verwundet und ſuchten ihr Heil in der Flucht. — 147— Die Wilden näherten ſich jetzt, um den unglücklichen Führer zu tödten, der ſich herauszuhelfen mühend, unter ſeinem Pferde lag. Er hatte ſeine Büchſe noch in der Hand und ſeine Piſtolen im Gürtel. Der erſte Wilde, der ſich ihm näherte, erhielt den Inhalt der Büchſe in die Bruſt und ſank auf der Stelle todt nieder; allein ehe Vanderburgh eine Piſtole hervorziehen konnte, ſtreckte ihn ein Streich von einem Tomahawk nieder, und er ward an mehreren Wunden getödtet. Dieß war das Schickſal des Majors Henry Vander⸗ burgh, eines der beſten und würdigſten Anführer der amerikaniſchen Pelzhandels⸗Compagnie, der durch ſein männliches Betragen und ſeinen unerſchrockenen Muth ſich unter den kühnherzigen Wanderen der Wildniß all- gemein beliebt gemacht haben ſoll. Diejenigen, die von dem kleinen Trupp entkamen, flohen beſtürzt nach dem Lager, und verbreiteten die ſchrecklichſten Berichte über die Stärke und Grauſamkeit des Feindes. Die Partie, die ſich ohne Führer befand, war völlig in Verwirrung und Schrecken, und ergriff übereilt die Flucht, ohne den Verſuch zu machen, die Reſte ihres hingeſchlachteten Führers wieder zu erhalten. Sie machten nicht eher Stillſtand, als bis ſie das Lager der Pends Oreilles oder Lappohren erreicht hatten, wo ſie eine Belohnung ausſetzten, um den Leichnam wieder zu bekommen; jedoch vergeblich, er konnte nicht wieder aufgefunden werden.. 10* — 1429— Inzwiſchen war es Fitzpatrick und Bridger von der Felsgebirgs⸗Compagnie nur wenig beſſer gegangen, als ihren Nebenbuhlern. In der Begierde, ſie irre zu füh⸗ ren, waren ſie ſelbſt in Gefahr, und in das von den Schwarzfüßen unſicher gemachte Gebiet gerathen. Sie fanden bald, daß Feinde auf ſie lauerten, waren aber in der indianiſchen Kriegsweife erfahren, und ließen ſich nicht bei Nacht überfallen, noch bei Tag in einen Hin⸗ terhalt locken. So wie die Nacht eintrat, wurden die Pferde ein⸗ gethan, an Pfähle gebunden und Wachen um das Lager aufgeſtellt. Sowie Morgens der Tag graute, beſtieg einer der Führer ſein Pferd und ritt in aller Eile ohn⸗ gefähr eine halbe Meile weit, und ſah ſich dann nach Fährten von Indianern um, um ſich zu überzeugen, ob Kundſchafter um das Lager geſtrichen wären. Indem er langſam zurückkehrte, unterſuchte er alle Hohlwege und Gebüſche, in welchen ſich ein Hinterhalt befinden konnte. Wenn dieß geſchehen war, ritt er in der ent⸗ gegengeſetzten Richtung weg, und wiederholte ſeine Nach⸗ forſchung auf dieſelbe Weiſe. Wenn er Alles in Ord⸗ nung fand, dann wurden die Pferde losgebunden, und man ließ ſie graſen; allein immer unter der Aufſicht einer Wache. Eine gleich umſichtige Wachſamkeit wurde auf dem Marſche beobachtet, wenn man ſich Engpäſſen oder Pläz⸗ zen näherte, wo der Feind lauern konnte, und es wur⸗ — 149— den immer Späher voraus, oder über die Bergrücken und Anhöhen in der Flanke geſchickt. Endlich ließ ſich eines Tages eine große Truppe von Schwarzfüßen in dem offenen Felde, allein in der Nachbarſchaft von Felſen und Klippen, ſehen. Sie hiel⸗ ten ſich vorſichtig in der Entfernung, gaben aber ihre friedliche Geſinnung durch Zeichen zu erkennen. Die Biberfänger erwiederten ſolche auf dieſelbe Weiſe, hiel⸗ ten ſich aber ebenfalls in der Entfernung. Es näherte ſich jetzt eine kleine Partie Indianer, welche die Frie⸗ denspfeife trugen, und eine gleiche Anzahl weißer Män⸗ ner ging ihnen entgegen. Sie bildeten eine Gruppe mitten zwiſchen den beiden Banden; die Friedenspfeife ging von Hand zu Hand im Kreiſe herum, und wurde mit gehöriger Ceremonie geraucht. Bei dieſem friedli⸗ chen Zuſammentreffen ereignete ſich ein Vorfall, der ein Beiſpiel natürlicher Liebe darbot. Unter den freien Bi⸗ berfängern in der Bande der Felsgebirgs⸗Compagnie be⸗ fand ſich ein junger munterer Mexicaner, Namens Lo⸗ retto, der im Laufe ſeiner Wanderungen ein ſchönes Mädchen von einer Bande Krähen losgekauft hatte, von welchen ſie gefangen worden war. Er hatte ſie nach der Weiſe der Indianer zu ſeinem Weibe gemacht, und ſie war ihm ſeitdem mit der treueſten Anhänglichkeit gefolgt. Unter den Kriegern der Schwarzfüße, die ſich mit der Friedenspfeife näherten, erkannte ſie einen Bruder. Ihr Kind Loretto überlaſſend, eilte ſie auf ihn zu und — 4180— warf ſich dem Bruder um den Hals, der ſeine lang ver⸗ loren geglaubte Schweſter mit einer Wärme an ſein Herz drückte, die wenig der ſtoiſchen Kälte entſprach, die man den Wilden ſo gern zum Vorwurfe macht. Während dieſer Vorgang ſtatt hatte, verließ Brid⸗ ger die Haupttruppe der Biberfänger, und ritt langſam auf die Truppe der Rauchenden zu. Seine Büchſe hatte er quer über den Sattelknopf gelegt. Der Häuptling der Schwarzfüße ging ihm entgegen. Aus einem un⸗ glücklichen, mißtrauiſchen Gefühle ſpannte Bridger den Hahn ſeiner Büchſe, als eben der Häuptling ihm ſeine Hand entgegenreichte. Das ſcharfe Ohr des Wilden vernahm das Knacken des Schloſſes und in einem Nu erfaßte er den Lauf, hielt die Mündung mit Gewalt nach dem Boden zu, und die Ladung ging zu ſeinen Füßen in den Boden. Seine nächſte Bewegung war, Bridger die Waffe aus der Hand zu ringen, und ihn damit zu Boden zu ſchlagen. Er würde dieß nicht ſo leicht gefunden haben, hätte nicht der unglückliche Führer während des Kampfes zwei Pfeile in den Rücken er⸗ halten. 3 Der Häuptling ſprang jetzt in den leeren Sattel und ſprengte ſeinen Leuten zu. Es erfolgte jetzt eine ſtürmiſche Lärm⸗ Scene; beide Partien flohen auf die Abſätze von Felſen und Bäumen, um vortheilhafte Stel⸗ lungen zu gewinnen, und es wurde ein unregelmäßiges Feuer von beiden Seiten unterhalten, jedoch ohne große — 151— Wirkung. Das indianiſche Mädchen war von den ihrigen bei Ausbruch des Handgemenges weggeſchleppt worden. Sie wollte den Gefahren des Gefechtes trotzend, zu ih⸗ rem Manne und ihrem Kinde zurückkehren, wurde aber von ihrem Bruder daran gehindert. Der junge Mexi⸗ caner ſah wie ſie ſich wehrte, ihre Angſt, und hörte ihr lautes Geſchrei. Von einem großmüthigen Impulſe ge⸗ trieben, nahm er das Kind in ſeine Arme, ſtürzte, die Pfeile und Büchſen der Indianer nicht achtend, auf ſie zu, und legte es in Sicherheit an ihren Buſen. Selbſt das rauhe Herz des Häuptlings der Schwarzfüße ward durch dieſe edle That gerührt. Er nannte Loretto, wegen ſeiner Verwegenheit, einen tollkühnen Menſchen und hieß ihn, in Frieden ziehen. Der junge Mexicaner nahm Anſtand; er drang darauf, daß man ihm ſein Weib zu⸗ rückgeben möchte, allein ihr Bruder legte ſich dazwiſchen und das Geſicht des Häuptlings verzog ſich düſter.„Das Mädchen,“ ſagte er,„gehöre ſeinem Stamme und ſie müſſe bei ihrem Volke bleiben.“ Loretto wollte noch verweilen, allein ſein Weib bat ihn, zu gehen, damit er nicht ſein Leben gefährde, und er kehrte nßerſ ungern zu ſeinen Begleitern zurück. Der Anbruch der Nacht machte dem Scharmuziren beider Theile ein Ende, und die Wilden zogen ab, ohne ihre Feindſeligkeit zu erneuern. Wir können uns nicht enthalten, zu bemerken, daß ſowohl bei dieſem Vorgange, als bei jenem in der — 4152— Pierre's⸗Höhle, die Händel durch ein feindſeliges Beneh⸗ men von Seiten der weißen Männer, in dem Augen⸗ blicke veranlaßt wurden, als der indianiſche Krieger die Hand zur Freundſchaft bot. In keinem der beiden Fälle, ſoweit uns die Um⸗ ſtände durch verſchiedene Perſonen berichtet worden ſind, ſehen wir einen Grund, den wilden Häuptling im Ver⸗ dacht eines treuloſen Benehmens bei Erbietung ſeiner Freundſchaft zu halten. Sie kamen mit dem, unter Indianern gebräuchlichen, Vertrauen, wenn ſie die Frie⸗ denspfeife tragen und halten ſich alsdann vor einem Angriffe geſchützt. Wenn wir die Heiligkeit dieſer Ce⸗ remonie durch eine feindliche Bewegung von unſerer Seite verletzen, ſo ſind wir es, die den Vorwurf der Treuloſigkeit verſchulden, und wir zweifeln nicht, daß in beiden Fällen, die Weißen von den Schwarzfüßen als der angreifende Theil betrachtet, und folglich als Menſchen hingeſtellt worden ſind, welche kein Zutrauen verdienen. Ein Wort zum Schluſſe der romantiſchen Begeben⸗ heit zwiſchen Loretto und ſeiner indianiſchen Braut. Einige Monate nach dem eben erwähnten Vorfalle rech⸗ nete der junge Mexicaner mit der Felsge birgs⸗Pelzhan⸗ dels⸗Compagnie ab und erhielt ſeine Entlaſſung. Er verließ hierauf ſeine Kameraden und reiſ'te ab, um ſich — 155— zu ſeinem Weibe und ſeinem Kinde unter ihrem Volke zu begeben, und wir vernehmen, daß zur Zeit, wo wir dieſes ſchreiben, er ſich in einem, unlängſt durch die amerikaniſche Pelzhandels⸗Compagnie in dem Lande der Schwarzfüße errichteten, Handelshauſe befindet, wo er den Dolmetſcher macht und ſeine Indianerinn bei ſich hat. Zwölftes Kapitel. 4„ Ein Winterlager in der Wildniß.— Buntes Gemiſch von Bi⸗ berfängern, Jägern und Indianern.— Seltenheiten des Wil⸗ des.— Neue Anordnung in dem Lager.— In die Ferne ge⸗ ſchickte Abtheilungen.— Sorgloſigkeit der Indianer, wenn ſie lagern.— Krankheit unter den Indianern.— Vortrefflicher Character der Nez⸗percés— Des Capitaͤns Bemühungen Frieden zu ſtiften.— Gründe eines Indianers zu Gunſten des Kriegs.— Räubereien der Schwarzfüße.— Langes Leiden der Nez⸗percés.— Ein Jäͤger⸗Elyſium in den Gebirgen.— Noch mehr Räuberei en.— Der Capi tän predigt einen Kreux⸗ zug.— Die Wirkung auf ſeine Zuhörer. Den größten Theil des Monats November über blieb Capitän Bonneville an ſeinem derzeitigen Aufent⸗ haltsorte am Salmenfluſſe. Er war jetzt im Vollgenuß aller ſeiner Wünſche, indem er das Leben eines Jägers in idem Innern der Wildniß, unter Umgebung aller ſeiner wilden Bevölkerung, führte. Auſſer ſeinen eigenen Leuten, die ein buntes Ge⸗ miſch an Character und Aufzug bildeten: Creolen, Ken⸗ tuckier, Indianer, Halbweiße, gemiethete und freie Bi⸗ berfänger— war er von Lagern der Nez⸗perces und Flatheads umgeben, deren Herden die Hügel und Ebe⸗ —— —— — 435— nen bedeckten. Es war, wie er erklärt, eine wilde, leb⸗ hafte Scene: Die Jagdpartie der weißen und rothen Menſchen, die beſtändig auszogen und wiederkehrten; die Gruppen der verſchiedenen Lager, von welchen einige kochten, andere arbeiteten, andere ſich mit verſchiedenen Spielen unterhielten, das Wiehern der Pferde, das Schreien der Maulthiere, der Widerhall von den Hie⸗ ben der Holzaxt, der laute Knall der Büchſe, das Kriegs⸗ geſchret, das Halloh und die häufigen Ausbrüche des Gelächters, mitten in einer Region, deren einſame Stille nur durch einen vorübergehenden Aufenthalt von Jägern plötzlich unterbrochen worden war: dieſes Alles ver⸗ wirklichte, ſagte er, die Idee einer„bevölkerten Einöde.“ Der freundlich wohlwollende Character des Capi⸗ täns hatte offenbar Einfluß auf die fremdartigen Men⸗ ſchenracen, die ſich ſo zufällig zuſammen fanden. Die vollkommenſte Harmonie herrſchte zwiſchen ihnen. Die In⸗ dianer, ſagte er, waren freundſchaftlich in ihrem Um⸗ gang mit den weißen Menſchen. Es iſt wahr, daß ſie etwas läſtig in ihrer Neugierde, und beſtändig im Wege waren, da ſie Alles mit forſchenden Blicken unterſuchten und jede Bewegung der Weißen beobachteten. Dieß Alles ertrug der Capitän jedoch mit der beſten Laune, und ſeine Leute nach ſeinem Beiſpiele. Wirklich zeigte er ſich in all ſeinen Handlungen als einen Freund der Indianer, und ſein Benehmen gegen ſie iſt über alles Lob erhaben. 8 — 156— Die Nez⸗pereés, die Flatheads und die Lappohren thun ſich viel auf die Zahl ihrer Pferde zu gut, von welchen ſie im Verhältniſſe mehr als andere Gebirgs⸗ ſtämme in den Büffel⸗Regionen, beſitzen. Viele der indiani⸗ ſchen Krieger und Jäger, die um Capitän Bonneville herum⸗ lagerten, beſaßen zwiſchen dreißig bis vierzig Pferde jeder. Ihre Pferde ſind ſtarke, wohlgebaute Klepper von großer Schnelle und fähig, die härteſten Strapazen auszuhalten. Die Geſchwindeſten von ihnen ſind jedoch diejenigen, die ſie von den Weißen erhalten, wenn ſie noch jung genug ſind, um acclimatiſirt und zu dem rauhen Dienſte der Gebirge abgehärtet zu werden.— Nach und nach fing die ſtarke Bevölkerung des Lagers an, ihre Nachtheile zu zeigen Die ungeheuern Herden der, den Indianern gehöri⸗ gen, Pferde, zehrten das Gras auf den umgebenden Hügeln auf, während man Menſchen und Thiere der Ge⸗ fahr des Verluſtes ausgeſetzt hätte, wenn man ſie auf entferntere Weiden, in der Nachbarſchaft, hätte treiben wol⸗ len, die voll von lauernden und tödtlichen Feinden waren. Auch das Wild fing an, ſehr ſelten zu werden. Es wurde bald aus der Nähe verjagt und verſcheucht, und ob⸗ gleich die Indianer einen weiten Umweg durch die Ge⸗ birge in der Hoffnung nahmen, die Büffel nach dem Winterlager zu treiben, ſo waren ihre Bemühungen doch vergeblich. Offenbar konnte eine ſo große Partie weder daſelbſt noch an einem andern Orte, während des Winters, be⸗ b V — 157— ſtehen. Capitän Bonneville veränderte daher ſeinen gan⸗ zen Plan. Er ſchickte fünfzig Mann nach dem Süden ab, um an dem Schlangenfluſſe zu überwintern und an ſeinen Gewäſſern in dem Frühling Biber zu fangen, mit dem Auftrage, ihn in dem Monate Juli an dem Roßbache im Grünen⸗Flußthale wieder aufzuſuchen, das er zu einem allgemeinen Zuſammenkunftsorte ſeiner Leute für das nächſte Jahr beſtimmte. Von ſeinem ganzen Trupp behielt er jetzt nur noch eine kleine Zahl von freien Biberfänger bei ſich, mit denen er beabſichtigte, unter den Nez⸗percés und Flat⸗ heads zu bleiben, und die indianiſche Weiſe zu befol⸗ gen, dem Wilde und dem Graſe nachzuziehen. Jene Banden brachen in der That bald nachher ihre Lager ab, und nach minder beſuchten Gegenden auf. Capitän Bonneville blieb einige Tage zurück, um heimlich Verſteckgruben zu graben, worin er Alles un⸗ terbrachte, was nicht zu ſeinen täglichen Bedürfniſſen erforderlich war. So alles Ueberflüſſigen entledigt, brach er am 20. November auf, um ſeine indianiſchen Verbündeten einzuholen. Er fand ſie in einem abge⸗ ſonderten Theile des Landes, an der Quelle eines klei⸗ nen Stromes, gelagert. Da ſie ſich in dieſem abgeſon⸗ derten Platze auſſer aller Gefahr, von Seiten ihrer Erbfeinde, der Schwarzfüße, befanden, ſo bot ihr Lager das Anſehen der größten Vernachläſſigung ihrer Sicher⸗ heit dar. Ihre Zelthütten waren auf allen Hügeln rings — 158— in großer Entfernung zerſtreut, und ihre Pferde weideten auf den Anhöhen das Büſchelgras ab, das dort in gro⸗ ßer Menge wuchs, und obgleich verdorrt, dennoch ſeine währende Eigenſchaft beibehält, ſtatt ſie, wie andere Grasarten im Herbſte zu verlieren. 3 Wenn die Nez⸗perces, die Flatheads und Lappohren in einer gefährlichen Nachbarſchaft lagern, ſagt der Ca⸗ pitän Bonneville, ſo verwenden ſie die größte Sorgfalt auf ihre Pferde, dieſe Hauptbeſtandtheile des indianiſchen Reichthums und Gegenſtände der indianiſchen Räubereien. Jeder Krieger hat ſein Pferd bei Nacht an einen Pfahl feſtgebunden, den er vor ſeiner Zelthütte eingeſchlagen hat. Hier bleiben ſie angebunden bis zum hellen Tage, um welche Zeit die jungen Männer des Lagers bereits um die umgebenden Hügel ſchwärmen. Jede Familie treibt ſodann ihre Pferde an einen erwählten Ort, wo ſie ſolche ohne Aufſicht graſen laſſen. Ein junger In⸗ dianer begibt ſich gewöhnlich auf die Weide, um ihnen Waſſer zu geben und zu ſehen, ob Alles in Ordnung ſey. Die Pferde ſind ſo an dieſe Behandlung gewöhnt, daß ſie ſich auf der Weide, wo man ſie gelaſſen hat, zu⸗ ſammenhalten. So wie die Sonne hinter die Berge ſinkt, ſieht man ſie von allen Seiten nach dem Lager eilen, wo ſie ſich freiwillig über Nacht anbinden laſſen Selbſt in Lagen der Gefahr läßt der Indianer ſelten ſein Lager bewachen, indem er dieß gänzlich ſeinen wachſamen und gut abgerichteten Hunden überläßt. — — 159— In einem Lager von ſolcher vermeintlicher Sicher⸗ heit jedoch, wie das, in welchem Capitän Bonneville ſeine indianiſchen Freunde fand, wird die erwähnte Vor⸗ ſicht, rückſichtlich ihrer Pferde, meiſt außer Acht gelaſſen. Sie treiben ſie nur bei Einbruch der Nacht in eine kleine abgeſonderte Niederung und laſſen ſie hier in vollkom⸗ mener Freiheit bis zum folgenden Morgen. Eine der Urſachen der Ueberwinterung des Capitäns Bonneville unter dieſen Indianern war die, ſich das Früjahr mit friſchen Pferden zu verſehen; ſie überließen ihm ſolche jedoch äußerſt ungern, und mit großer Schwie⸗ rigkeit erkaufte er zu dem Preiſe von zwanzig Dollars jedes, einige Wenige für mehrere ſeiner freien Biber⸗ fänger, die nicht beritten waren, und er auszuſtatten hatte. In dieſem Lager blieb Capitän Bonneville vom 21, November bis zum 9. Dezember, während welcher Zeit der Wärmemeſſer zwiſchen 13 und 42 ſchwebte. Es fiel bisweilen Schnee, allein gewöhnlich ſchmolz er faſt gleich wieder, und die zarten Hälmchen von neuem Graſe begannen unter dem alten aufzuſchießen. Ani 7. De⸗ zember fiel jedoch der Thermometer auf 70. Der Leſer wird ſich erinnern, daß Capitän Bonne⸗ ville bei Vertheilung ſeiner Leute im Grünen⸗Flußthale eine Partie unter der Leitung eines Führers, Namens Matthieu, mit allen ſchwachen und untauglichen Pferden nach dem Bärenfluſſe abgeſchickt hatte, um dort zu ver⸗ weilen, die Banden der Schoshone’s abzuwarten und 160— dann in ſeinem Winterlager am Salmenfluſſe wieder mit ihm zuſammen zu kommen. Es war jetzt eine mehr als hinlängliche Zeit ver⸗ ſtrichen, Matthieu aber noch nicht erſchienen, und man fing an ſeinetwegen Beſorgniſſe zu hegen. Capitän Bonneville ſchickte vier Mann aus, die Gegend zu durch⸗ ſtreifen, durch die er kommen mußte, um wo möglich Nachrichten von ihm einzuziehen; denn ſein Weg ging über die große Schlangenfluß⸗Ebene, die ſich gleich einer arabiſchen Wüſte ausdehnt, und auf welcher ein Reiter⸗ trupp in großer Entfernung wahrgenommen werden konnte. Die Kundſchafter kehrten, nachdem ſie nicht weiter als bis an den Rand der Ebene gekommen waren, un⸗ ter dem Vorwande zurück, daß ihre Pferde gelähmt wären; es war aber offenbar, daß ſie ſich gefürchtet hatten, ſich in ſo geringer Anzahl in dieſe gefährliche Gegend zu wagen. Eine Krankheit, welche Capitän Bonneville für eine Bruſtentzündung hielt, brach zu dieſer Zeit unter den Indianern aus, und richtete große Verheerungen unter ihnen an, indem ſie eine Menge derſelben, nach Verlauf von drei bis vier Tagen, hinraffte. Der würdige Capi⸗ tän machte den Arzt bei ihnen, verordnete ihnen häufi⸗ ges Schwitzen und Aderläſſe, gewöhnlich mit vielem Glücke, wenn der Kranke nachher mit gehöriger Sorgfalt behandelt wurde. In auſſerordentlichen Fällen riefen die Wilden ihre eigenen Doctoren oder Beſchwörer zu — 161— Hülfe, die ſie unter vielem Lärm und Mummereien, aber auch mit geringem Erfolge bedienten. Diejenigen, welche während dieſer Epidemie ſtarben, wurden in Gräber nach Art der Weißen begraben, allein ohne Rückſicht auf die Lage des Kopfes. Es iſt bemerkenswerth, daß, wäh⸗ rend dieſe Krankheit ſolche Verheerungen unter den Wil⸗ den anrichtete, nicht ein einziger Weiße den geringſten Anfall davon bekam. Ein etwas längerer, vertrauter Umgang mit den Nez⸗percés und Flathead⸗Indianern hatte Capitän Bon⸗ neville jetzt von ihrem friedlichen und wohlwollenden Character überzeugt. Er fing an, ein großes Intereſſe für ſie zu hegen, und faßte die Idee, ein Friedensſtifter zu werden und die Todfeindſchaft zwiſchen ihnen und den Schwarzfüßen beizulegen, durch welche ſie ſo viel erdul⸗ deten. Er ſchlug die Sache einigen ihrer Anführer vor, und drang in ſie, mit den Häuptern der Schwarzfüße zu einer großen Friedensberathung zuſammen zu kommen; indem er ſich erbot, zwei ſeiner Leute mit Pfeife, Tabak und einer Friedensflagge in das feindliche Lager zu ſchicken, um wegen der vorgeſchlagenen Zuſammenkunft in Unterhandlung zu treten. Die Weiſen der Nez⸗percés und der Flatheads hiel⸗ ten hierauf einen zweitägigen Kriegsrath, in welchem viel geraucht, lange geſchwatzt, und beides, Beredſam⸗ keit und Tabak faſt erſchöpft wurden. Endlich kamen ſie zu dem Entſchluſſe, den Vorſchlag des würdigen Ca⸗ 11 pitäns zu verwerfen, und das aus ziemlich wichtigen Gründen, wie der Leſer beurtheilen mag. „Krieg,“ ſagten die Häuptlinge,„iſt ein blutiges Geſchäft und führt viele Uebel mit ſich; allein er hält die Augen der Häuptlinge immer geöffnet, und macht die Glieder der jungen Leute ſtark und geſchmeidig. In dem Kriege iſt ein jeder auf der Huth. Wenn wir eine Spur ſehen, ſo wiſſen wir, daß es die eines Feindes iſt; wenn die Schwarzfüße zu uns kommen, ſo wiſſen wir, daß es geſchieht, um Krieg mit uns zu führen, und wir ſind in Bereitſchaft. Der Frieden im Gegen⸗ theile weckt nicht auf; die Augen der Häuptlinge ſind im Schlaf verſchloſſen, und die jungen Leute nachläſſig und faul; die Pferde irren in den Gebirgen umher, und die Weiber und ihre Kleinen gehen allein. Das Herz eines Schwarzfußes iſt aber eine Lüge, und ſeine Zunge eine Falle. Wenn er vom Friede ſpricht, ſo geſchieht es, um zu täuſchen. Er kommt zu uns als ein Bruder; er raucht die Pfeife mit uns; allein wenn er ſieht, daß wir ſchwach und nicht auf der Huth ſind, ſo wird er morden und ſtehlen. Wir wollen keinen ſolchen Frieden — es möge alſo Krieg ſeyn!“ Dieſem Urtheile war Capitän Bonneville genöthigt, beizupflichten; da aber die ſcharfſinnigen Flatheads und ihre Verbündeten lieber im Kriegszuſtande zu verbleiben wünſchten, ſo verlangte er, daß ſie wenigſtens die ge⸗ rühmte Wachſamkeit ausüben ſollten, die der Krieg zu — 163— veranlaſſen pflegt, und daß ſie ihre Augen geöffnet hal⸗ ten möchten. Er ſtellte ihnen vor, daß zwei ſo beträcht⸗ liche Völkerſtämme unmöglich durch das Land ziehen könnten, ohne Spuren zu hinterlaſſen, an denen man ſie verfolgen könne. Es befänden ſich überdieß unter den Braven der Schwarzfüße mehrere Nez⸗percés, die in früher Jugend gefangen genommen, von ihren Fängern adoptirt und in dieſen kriegeriſchen und räuberiſchen Geſinnungen auferzogen worden wären. Sie hätten alle Sympathie zu ihrem Stamme verloren, und würden ſich geneigt finden laſſen, den Feind in ihre geheimen Schlupf⸗ winkel zu führen. Er ermahnte ſie daher, ſtets auf ihrer Huth zu ſeyn, und in ihrer Wachſamkeit nicht nachzu⸗ laſſen, während ſie ſich im Bereiche eines ſo liſtigen und grauſamen Feindes befänden. Alle dieſe Rathſchläge gingen bei ſeinen leichtſinni⸗ gen und einfältigen Zuhörern verloren. Eine ſorglos gleichgültige Nachläſſigkeit herrſchte in ihrem Lager, und ſie ließen ihre Pferde bei Nacht losgebunden von Hügel zu Hügel ſtreifen. Capitän Bonneville that ſeine Pferde bei der Nacht ein, ließ ſie gehörig an Pfähle binden und bewachen. Das Uebel, das er vorausgeſehen hatte, trat bald ein. In einer einzigen Nacht, in welcher die Schwarzfüße einen räuberiſchen Streifzug durch die 3 3 Weideplätze der Umgebung machten, wurden ſechszig der ſchoͤnſten Pferde weggeführt. An einem in die Augen 1 luanien Orte, waren von den Räubern eine Peitſche 11* 8 — 164— und ein Seil, zum Spotte über die dummen Tröpfe zu⸗ rückgelaſſen worden, die ſie unberitten gemacht hatten. Lange vor Sonnenaufgang verbreitete ſich die Nach⸗ richt dieſes Unglückfalles, wie ein Lauffeuer durch die verſchiedenen Lager. Capitän Bonneville, deſſen eigene Pferde an ihren Pfählen unberührt geblieben waren⸗ erwartete mit jedem Augenblicke einen Aufbruch der Krieger der Nez⸗perces und der Flatheads, um die Räu⸗ ber wüthend zu verfolgen; aber nichts von all dieſem, — ſie begnügten ſich mit fleißigem Suchen durch Berg und Thal, um die Pferde einzeln aufzugreifen, die den Händen der Räuber entwiſcht waren, und tröſteten ſich über ihren Verluſt mit der exemplariſchten Gelaſſenheit. Einige freilich, die ihre Pferde alle verloren hatten, machten ſich zu einem Bettelbeſuche bei ihren Vettern, wie ſie ſie nennen, den Nez⸗percés auf den Weg, welche die untern Gegenden um den Columbiafluß bewohnen und einen Ueberfluß an Pferden beſitzen. Zu dieſen be⸗ geben ſie ſich, wenn ſie in Noth ſind, und verfehlen ihren Zweck ſelten, ſich durch Tauſch und Bettelei noch einmal beritten zu machen. Wild war jetzt in der Nähe des Lagers ſehr ſelten geworden, und es ward nothwendig, nach der Gewohn⸗ heit der Indianer, ſich in ein minder beſuchtes Revier zu begeben. Capitän Bonneville ſchlug die Pferdeprairie vor, allein ſeine indianiſchen Freunde wendeten ein, daß viele der Nez⸗percés gegangen ſeyen, ihre Better zu gerühmten, abgeſchiedenen Region gelangte. — 163— beſuchen, und die Zahl der Weißen ſo gering ſey, daß ihre vereinten Kräfte nicht hinreichten, ſich in die Büffel⸗ reviere zu wagen, die von den Banden der Schwarz⸗ füße unſicher gemacht würden. Sie ſprachen jetzt von einem Platze in nicht gro⸗ ßer Entfernung, den ſie als ein wahrhaftes Jäger⸗ Elyſium beſchrieben. Es läge an dem rechten oder Haupt⸗ arme des Stromes, von Klippen und Abgründen einge⸗ ſchloſſen, wo keine Gefahr von herumſchweifenden Ban⸗ den zu beſorgen wäre, und wohin die Schwarzfüße nicht zu kommen wagen würden. Hier ſagten ſie, gäbe es eine Menge Elenthiere und das Gebirgsſchaf ſähe man auf den Felſen und Hügeln in Herden beiſammen. In einer kleinen Entfernung, jenſeits derſelben, ſeyen auch Büffelherden außerhalb des Bezirks der Gefahr anzu⸗ treffen. Hierhin, ſchlugen ſie vor, ihr Lager zu verlegen. Der Vorſchlag gefiel dem Capitän, der begierig war, durch Hülfe der Indianer mit allen geheimen Schlupfwinkeln des Landes bekannt zu werden. Am 9. Dezember brachen ſie alſo ihre Zelte ab, und ſetzten ſich in kurzen Etappen in Bewegung, da viele der In⸗ dianer noch ſehr ſchwach von ihrer letzten Krankheit waren. Dem rechten Arme des Fluſſes folgend, kamen ſie an einen Platz, wo derſelbe ſich in eine tiefe Bergſchlucht verlor, durch welche man zu der, von den Indianern ſo Capitän Bonneville hielt ſtill, und blieb drei Tage vor dem Ein⸗ gang der Schlucht gelagert, ehe er in dieſelbe einzog. Während dieſer Zeit ſchickte er fünf ſeiner freien Biber⸗ fänger ab, um das Gebirg zu durchſtreifen und ſo viele Elenthiere als möglich zu tödten, ehe der Haupttrupp hinein käme, da ſie, wenn dieſes geſchähe, durch die ver⸗ ſchiedenen, indianiſchen, Jägerpartien bald weggeſcheucht ſeyn würden. Während ihres Lagerns waren ſie noch immer den Räubereien der Schwarzfüße ausgeſetzt, und Capitän Bonneville ermahnte ſeine indianiſchen Freunde wachſam zu ſeyn. Die Nez⸗percés waren aber ohngeachtet ihres neulichen Verluſtes noch immer ſorglos in Betreff ihrer Pferde; ſie trieben ſolche bloß an einen abgeſonderten Ort und ließen dort die Nacht hindurch, ohne eine Wache bei ihnen aufzuſtellen. Die Folge davon war, daß ſie abermals beſtohlen, und ein und vierzig Stücke wegge⸗ führt wurden. Dieſes ertrugen ſie mit derſelben philo⸗ ſophiſchen Gleichgültigkeit, wie das erſtemal, und es wurden keine Anſtalten getroffen, die Pferde wieder zu erlangen, oder ſich an den Dieben zu rächen. Die Nez⸗percés wurden jedoch hinſichtlich ihrer übrig gebliebenen Pferde vorſichtiger, indem ſie ſolche jeden Abend regelmäßig in das Laher trieben und an Pfähle banden. Capitän Bonneville bemerkte ihnen jedoch, daß die⸗ ſes nicht hinreichend ſey. Da ſie offenbar von einem —— verwegenen und beharrlichen Feinde verfolgt würden, der durch die frühere Ungeſtraftheit ermuthigt ſey, ſo hätten ſie eine mehr als gewöhnliche Vorſicht anzu⸗ wenden, und bei Nacht eine Wache bei ihren Pferden aufzuſtellen. Sie waren jedoch nicht von ihrer Gewohnheit abzu⸗ bringen. Waren die Pferde einmal an Pfähle gebunden, ſo bekümmerte ſich der Eigenthümer nicht weiter um ſie, für dieſelbe Nacht, und überließen ſich einem tiefen Schlafe. Es wachte Niemand in dem Lager als die Spieler, die in ihr Spiel vertieft, weit weniger auf das merkten, was um ſie vorging, als die Schlafenden ſelbſt. Die Schwarzfüße ſind kühne Feinde, die gerne ver⸗ wegene Thaten ausführen. Da die Banden, die in der Nähe herumſtreiften, ſahen, daß ſie es mit einem ſo friedlichen Volke zu thun hatten, ſo verdoppelten ſie ihre Verwegenheit. Da die Pferde jetzt vor den Zelthütten an Pfähle gebunden waren, ſo drang eine Anzahl Kund⸗ ſchafter der Schwarzfüße in der erſten Hälfte der Nacht bis mitten in das Lager. Hier gingen ſie ſo ruhig und bedächtig unter den Zelthütten herum, als ob ſie zu Hauſe wären, und ſchnitten ganz gelaſſen die Pferde, die an den Hütten ihrer ſchlafenden Eigenthümer ange⸗ bunden waren, von den Pfählen los. Einer dieſer Buſchklepper, der waghalſiger als die andern war, näherte ſich einem Feuer, um welches eine Gruppe der Nez⸗percés ſich eifrigſt mit Spielen beſchäf⸗ tigte. Hier ſtand er einige Zeit in ſein Gewand ge⸗ hüllt, über die Schultern der Spieler ſpähend, die Ver⸗ änderung ihrer Geſichtszüge und den Wechſel ihres Spiel⸗ glückes beobachtend. Sie waren ſo in ihr Spiel vertieft, daß die Gegenwart dieſes vermummten Lauſchers von ihnen nicht bemerkt wurde, und nachdem er ſein Wag⸗ ſtück ausgeführt hatte, begab er ſich weg, ohne von ihnen entdeckt worden zu ſeyn. Nachdem ſie ſo viele Pferde losgeſchnitten hatten, als ſie bequem mit ſich führen konnten, begaben ſich die Kundſchafter der Schwarzfüße wieder zu ihren Kamera⸗ den und Alles blieb ruhig um das Lager herum. Nach und nach nahmen die Pferde, die ſich in Freiheit fanden, ihren Weg nach ihrem gewohnten Grasplatze. So wie ſie aus dem Lager kamen wurden ſie in der Stille er⸗ griffen, bis nachdem ſie ſich ohngefähr dreißig derſelben bemächtigt hatten, die Schwarzfüße ſich ſchnell aufſetzten und ſich damit fort machten. Bei dem Geklapper der Hufe fuhren die Spielenden erſchrocken von ihrem Spiele auf. Sie machten Lärm, der bald die Schläfer ſämmt⸗ licher Zelthütten weckte. Dennoch blieb Alles ruhig; es wurden keine Märſche angeordnet, keine Pferde geſattelt und nachgeeilt, noch war von einer Verfolgung die Rede oder von Vergeltung wiederholt gewaltſamer Ueberfälle. Capitän Bonneville's Geduld war endlich erſchöpft. Er hatte die Rolle eines Friedensvermittlers ohne Erfolg — 169— geſpielt, jetzt änderte er ſeine Sprache, und beſchloß, wo möglich ihren kriegeriſchen Geiſt zu erwecken. Er berief daher ihre Häuptlinge zuſammen, ließ ſich über ihre feige Politik aus, und drang auf die Noth⸗ wendigkeit kräftiger, vergeltender Maßregeln, welche der Verwegenheit ihrer Feinde Einhalt thäten, wo nicht, ſie mit Furcht erfüllten. Zu dieſem Zweck rieth er, ſogleich eine Kriegstruppe den Räubern auf dem Fuße nachzu⸗ ſchicken; ja, ſie, wenn es nöthig wäre, bis in das In⸗ nere des Landes der Schwarzfüße zu verfolgen, auch nicht vom Verfolgen abzulaſſen, bis ſie eine ausgezeich⸗ nete Rache genommen hätten. Er empfahl ihnen über⸗ dieß die Errichtung kleiner kriegeriſcher Partien, um Repreſſalien bis zum Belaufe der erlittenen Verluſte zu gebrauchen.„Wenn Ihr Euch nicht ſelbſt aus Eurer Schlaf⸗ ſucht aufrüttelt“, ſagte er,„und einen kühnen, entſchei⸗ denden Schlag ausführt, ſo wird man Euch nicht länger als Männer betrachten, mit denen man einen männlichen Krieg führt. Die Schwarzfüße werden Euch ihre Squaws und Kinder entgegen ſchicken, während ihre Krieger ſich für beſſere Gegner aufheben. Dieſe Anrede brachte offenbar eine augenblickliche Wirkung auf den Stolz ſeiner Zuhörer hervor. Nach einer kurzen Pauſe erhob ſich jedoch einer ihrer Redner. Es ſeye boshaft, ſagte er, aus purer Rache in den Krieg zu gehen. Der große Geiſt habe ihnen ein Herz zum Frieden, aber nicht zum Kriege gegeben. Sie hätten — 170— Pferde verloren, das ſey wahr, allein ſie könnten leicht andere erhalten von ihren Vettern, den Nieder Nez⸗per⸗ cés, ohne irgend eine Gefahr, wogegen ſie im Kriege Menſchen verlieren würden, die nicht ſo leicht wieder erſetzt werden könnten. Was ihre letzten Verluſte an⸗ belange, ſo würde eine vergrößerte Wachſamkeit ferne⸗ res Unglück dieſer Art verhüten. Er mißbillige daher alle feindliche Maßregeln, und alle andere Häuptlinge pflichteten dieſer Meinung bei. Capitän Bonneville nahm den Gegenſtand wieder auf,„Es iſt wahr“, ſagte er,„der große Geiſt hat Euch das Herz gegeben, Eure Freunde zu lieben, aber auch einen Arm, Eunre Feinde zu ſchlagen: wenn Ihr nicht bald Etwas thut, um dieſen ewigen Plündereien ein Ende zu machen, ſo muß ich Euch ein Lebewohl ſagen. Bis jetzt habe ich noch keinen Verluſt erlitten, Dank ſey es den Vorſichtsmaßregeln, die ihr vernachläſſigt habt; al⸗ lein mein Eigenthum iſt zu unſicher hier, die Reihe wird zunächſt an mir ſeyn, und ich und meine Leute werden die Verachtung theilen, die Ihr über Euch bringt, und man wird uns, wie Euch, für einfältige Tröpfe halten, die man zu jeder Zeit ungeſtraft plündern kann.“ Die Unterredung wurde mit einigen Zeichen der Aufgebrachtheit von Seiten der Indianer abgebrochen. Früh am nächſten Morgen brach eine Partie von dreißig Mann zur Verfolgung des Feindes auf, und Capitän Bonneville hoffte, gute Nachrichten von den räuberiſchen 4* —— — 171— Schwarzfüßen zu erhalten; zu ſeiner großen Täuſchung kam aber die Kriegstruppe am folgenden Tage langſam zurück, einige alte verkrüppelte und elende Pferde füh⸗ rend, welche die Freibeuter nicht ſchnell genug hatten fortbringen können. Dieſe Anſtrengung erſchöpfte den kriegeriſchen Geiſt, und befriedigte den verwundeten Stolz der Nez⸗percés, die in ihren gewöhnlichen Zuſtand von paſſiver Gleichgültigkeit zurückſanken. Dreizehntes Kapitel. Erzählung von Koſato dem Renegaten der Schwarzfüße.— Wenn die Weichherzigkeit und die langen Erduldun⸗ gen der durchbohrten Naſen den Capitän Bonneville ſchmerzten, ſo befand ſich noch ein anderes Individuum in dem Lager, den ſie noch weit mehr kränkten. Dieß war ein Renegat der Schwarzfüße, Namens Koſato, ein feuriger, leidenſchaftlicher Jüngling, der mit einem ſchö⸗ nen Weibe deſſelben Stammes zu den Nez⸗percés ge⸗ flüchtet war. Obgleich in den Stamm aufgenommen, behielt er doch den ungeſtümen, kriegeriſchen Character ſeiner Nation bei, und haßte die friedlichen und harm⸗ loſen Gewohnheiten ſeiner Umgebung. Die Hirſch⸗Elen⸗ thier⸗ und Büffeljagd, die für ſie das höchſte Ziel ihres Ehrgeizes war, war für ihn zu kleinlich, um ſeine raſt⸗ loſe wilde Natur zu befriedigen. Das Herz glüh'te ihm, ſich allen Zufällen und Gefahren eines räuberiſchen Herumſtreicherlebens ausſetzend, auf Raubzüge, den Hin⸗ terhalt, Scharmützel und Wegelagerei auszugehen. Das neuliche Schwärmen der Schwarzfüße um das Lager, ihre nächtlichen Räubereien und eben ſo verwege⸗ — 475— nen, als gelungenen Diebſtähle, hatten ihn in beſtän⸗ diger Aufregung erhalten, gleich einem im Käſig einge⸗ ſperrten Falken, der ſeinen ehemaligen Gefährten in un⸗ geſtörter Freiheit über ſich ſtoßen und ſchreien hört. Der Verſuch des Capitäns Bonneville, den kriegeriſchen Geiſt der Nez⸗percés zu erwecken, und ſie zur Vergeltung anzufeuern, wurde von Koſato eifrigſt unterſtützt. Meh⸗ rere Tage lang ſchmiedete er Pläne der Rache und be⸗ bemühte ſich, eine Expedition zuſammen zu bringen, welche Schrecken und Verheerung in den Städten der Schwarzfüße verbreiten ſollte. Es wurden alle Mittel von ihm angewendet, jene gewaltigen Triebfedern der menſchlichen Handlungen in Bewegung zu ſetzen, mit denen er am meiſten vertraut war. Er verſammelte die, auf ſeine kräftige Beredſamkeit lauſchenden, Wilden um ſich herum; zog ſie mit ihrem erlittenen Unrecht und Be⸗ ſchimpfungen auf; entwarf ein glänzendes Gemälde der Triumphe und Trophäen, die ihnen noch zu erreichen ſtünden; er erzählte ihnen Geſchichten von verwegenen und romanhaften Unternehmungen, von Geheimmärſchen, verſteckten Hinterhalten, mitternächtlichen Ueberfällen, von Verheerungen, Bränden, Plünderungen und Scalpirun⸗ gen, verbunden mit triumphirender Heimkehr, Feſten und Luſtbarkeiten der Sieger. Dieſe ſchwärmeriſchen Erzäh⸗ lungen wurden von der Trommel, dem Geheule, dem Kriegsgeſchrei und dem Kriegstanze begleitet, die den Muth der Indianer ſo ſehr anfeuern. Alles ward jedoch — 174— an der friedlichen Geſinnung ſeiner Zuhörer umſonſt ver⸗ ſchwendet; kein Nez⸗percé konnte zur Rache angefeuert oder zu einem ruhmwürdigen Kriege aufgereizt werden. In der Bitterkeit ſeines Herzens beklagte der Renegate der Schwarzfüße das Unglück, das ihn von einem Stamme verwandter Geiſter getrennt und ihn genöthigt hatte, ſeine Zuflucht zu Weſen zu nehmen, die von kriegeri⸗ ſchem Muthe ſo entblößt waren. Der Character und das Benehmen dieſes Mannes zog die Aufmerkſamkeit des Capitän Bonneville auf ſich, und er war neugierig zu hören, aus welcher Urſache er ſeinen Stamm verlaſſen hatte, und mit einer ſolchen tödt⸗ lichen Feindſchaft auf ihn zurückblickte. Koſato erzählte ihm ſeine Geſchichte ganz kurz; ſie ſchildert uns lebhaft, welche tiefen und mächtigen Leidenſchaften in dem Buſen dieſer, mit Unrecht ſo genannten Stoiker herrſchen. „Ihr ſeht mein Weib“, ſagte er,„ſie iſt gutz ſie iſt ſchön und ich liebe ſie; und doch iſt ſie die Urſache all meines Ungemachs geweſen. Sie war das Weib meines Häuptlings. Ich liebte ſie mehr als er und ſie wußte es. Wir ſprachen zuſammen; wir lachten zuſam⸗ men, und eins ſuchte die Geſellſchaft des andern auf; allein wir waren ſo unſchuldig, wie die Kinder. Der Häuptling ward eiferſüchtig und befahl ihr, nicht mehr mit mir zu ſprechen. Sein Herz verhärtete ſich gegen ſie und ſeine Eiferſucht ward immer wüthender. Er ſchlug ſte ohne Urſache und Barmherzigkeit, und drohte ihr ge⸗ — 175— rade zu, ſie umzubringen, wenn ſie nur nach mir ſähe. Wollt ihr die Denkzeichen ſeiner Wuth ſehen, ſo ſehet dieſe Narben. „Seine Wuth gegen mich war nicht minder verfol⸗ gend. Es ſtreiſten Kriegspartien der Krähen um uns herum, unſere jungen Leute hatten ihre Spur geſehen. Alle Herzen wurden ermuthigt ſich zu ſchlagen; meine Pferde ſtanden vor meiner Hütte, plötzlich kam der Häupt⸗ ling, nahm ſie, um ſie an ſeine eigenen Pfähle zu bin⸗ den, und nannte ſie ſein Eigenthum. Was konnte ich thun?— Er war Häuptling. Ich durfte nicht ſprechen, allein das Herz glühete mir im Buſen. Ich wohnte nicht länger dem Rathe, der Jagd oder den Kriegs⸗ feſten bei. Was hatte ich dort zu thun— ich, ein unberitterer und herabgewürdigter Krieger. Ich enthielt mich der Geſellſchalt und dachte an nichts, als an mein erlittenes Unrecht und die erduldete Kränkung. „Ich ſaß eines Abends auf einem kleinen Hügel, der die Weide überſah, auf welchem die Pferde weideten. Ich ſah die Pferde, die mir einſt angehört hatten unter jenen des Häuptlings graſen. Dies machte mich toll und ich ſaß eine Zeit lang über den mir angethanen Be⸗ ſchimpfungen brütend da, und die Grauſamkeiten, welche ſie, die ich liebte, meinethalben erduldet hatte, bis mein verwundetes Herz ſchwoll undich mit den Zähnen knirſchte. „Während ich hinab in die Wieſe ſah, erblickte ich den Häuptling, der unter ſeinen Pferden herumging: ich 7 — 176— heftete meine Augen auf ihn mit einem Falkenblicke;— mein Blut kochte; ich zog den Athem an. Er ging in die Weiden. In einem Augenblicke richtete ich mich auf, mit der Hand an meinem Meſſer flog ich eher, als daß ich lief;— ehe er es gewahr ward, ſprang ich auf ihn, und legte ihn mit zwei Streichen zu meinen Füßen nie⸗ der. Ich bedeckte ſeinen Leichnam mit Erde und beſtreute den Platz mit Laubwerk. Ich eilte hierauf zu ihr, die ich liebte, erzählte ihr, was ich gethan hatte und drang in ſie mit mir zu entfliehen. Sie antwortete mir nur mit Thränen. Ich erinnerte ſie an das Unrecht, das ich erlitten, und an die Schläge und Streiche die ſie von dem Verſtorbenen habe ertragen müſſen, und daß ich nichts als eine Handlung der Gerechtigkeit begangen hätte. Ich drang abermals in ſie, zu fliehen, allein ſie weinte nur noch mehr und hieß mich gehen. Das Herz war mir ſchwer, meine Augen jedoch trocken. Ich ſchlang die Arme in einander. Wohlan, ſagte ich, Koſaio wird allein in die Wüſte gehen, niemand wird bei ihm ſeyn, als die wilden Thieren der Prairieen. Die Blutdür⸗ ſtigen mögen ihn auf der Spur folgen, ſie mögen ihn überfallen, wenn der ſchläft und ihre Rache ſättigen; Du aber wirſt ſicher ſeyn. Koſato will allein gehen. „Ich ging weg— ſie ſprang mir nach und umſchlang mich mit ihren Armen. Nein rief ſie, Koſato ſoll nicht allein gehen, ich will mit gehen, wohin er geht,— er ſoll ſich nie mehr von mir trennen. — 17— Wir rafften in der Eile das Nothwendigſte zuſam⸗ men und indem wir uns aus dem Dorfe ſtahlen, beſtie⸗ gen wir die erſten Pferde, die wir antrafen. Tag und Nacht forteilend, erreichten wir bald dieſen Stamm. Wir wurden von ihnen willkommen aufgenommen, und haben in Frieden bei ihnen gelebt. Sie ſind gut und wohlwollend; ſie ſind ehrlich, allein ſie haben Wei⸗ berherzen. Dieß war Koſato's Geſchichte, wie ſie dem Capitän Bonneville von ihm erzählt wurde; ſie iſt von der Art, wie ſie ſich öfters in dem Leben der Indianer ereignen, wo Entführungen von Stamm zu Stamm eben ſo häufig ſind, als unter den Romanhelden und Heldinnen der ſentimalen Civiliſation, und oft zu blutigen und dauern⸗ den Fehden Anlaß geben.. 3 — 178— Vierzehntes Kapitel. Die Partie kommt in eine enge Gebirgsſchlucht.— Eine Na⸗ turfeſte in dem Gebirge.— Gebirgsſchafe.— Frieden und Ueber⸗ fluß.— Der verliebte Biberfänger.— Eine bunte Hochzeit.— Das Weib eines freien Biberfängers.— Ihr Galla⸗Aufzug. — Das Chriſtfeſt in der Wildniß.— Am 29. Dezember brachen Capitän Bonneville und ſeine verbündeten Indianer mit ihrem Lager auf und kamen in eine enge Gebirgsſchlucht, welche der nördliche Arm des Salmenfluſſes bildete. Dieſe Schlucht hinauf lag die ſichere und ergiebige Jagd⸗Region, die von den Indianern ſo lockend beſchrieben worden war. Seitdem ſie den Grünen⸗Fluß verlaſſen hatten, hat⸗ ten die Ebenen ununterbrochen aus loſem Sande oder grobem Kies, und die Felſenſchichten des Gebirgs aus urſprünglichen Kalkſteinen beſtanden. Die Flüſſe waren gewöhnlich mit Weiden und bittern Baumwollholzbäumen umgürtet und die Prairieen mit Wurmſamenkraut be⸗ deckt. In dem hohlen Buſen der Gebirge, in welchen ſie jetzt eindrangen, waren die ſie umgebenden Höhen mit Fichten bewachſen, während die Abhänge der niedrigeren Hügel Büſchelgras für die Pferde im Ueberfluß darboten. — 179— Sie befanden ſich jetzt, wie ihnen die Indianer an⸗ gegeben hatten, in einer natürlichen Bergfeſte, deren Ein⸗ und Ausgang eine tiefe Bergſchlucht, ſo eng, ſchroff und ſo ſchwer zugänglich, bildete, daß man ſich ihr nicht heimlich nähern oder ſchnell zurück ziehen konnte, und die demnach ſehr leicht zu vertheidigen war. Die Schwarz⸗ füße wagten daher nicht, den Nez⸗percés dorthin zu fol⸗ gen, und erwarteten eine beſſere Gelegenheit, wenn ſie einmal wieder in's Freie kämen. Capitän Bonneville fand, daß die Indianer die vor⸗ theilhafte Lage dieſer Region nicht übertrieben hatten. Auſſer zahlreichen Truppen von Elenthieren, ſah man große Herden der Ashahta oder Dickhörner, und das Gebirgsſchaf in den Abhängen herumſpringen. Dieſe einfältigen Thiere konnten leicht überliſtet und getödtet werden. Ein Paar Jäger können eine Herde umringen, und erlegen, ſo viel ſie wollen. Es wurden ihrer täglich eine Menge in das Lager gebracht, und das Fleiſch von jenen, die jung und fett waren, wurde als vorzüglicher, wie das beſte Hammelfleiſch, gerühmt. Hier hörten demnach die Beſchwerden, der Hunger und die Schrecken, auf. Vergangene Uebel und Gefah⸗ ren waren vergeſſen, unter Jagen, Spielen, Singen, Erzählen, rohen aber doch gutmüthigen Scherzen floh die Zeit fröhlich hin, und im Lager herrſchte Fülle und Sicherheit. 124 — — 180— Nichtsthun und Wohlleben, ſagt man, führen zur Liebe und Liebe zur Ehe in dem geſitteten Leben, und das nämliche findet in der Wildniß Statt. Von guter Nahrung und vom Fleiſche der Gebirgshämmel wohl genährt, ſing einer der freien Biberfänger an, der Ein⸗ famkeit ſeiner Zelthütte überdrüſſig zu werden, und die Gewalt jenes großen Naturgeſetzes zu fühlen:„Es iſt nicht gut, daß der Menſch allein ſey.“ Nachdem er eine Nacht ernſtlich darüber nachgedacht hatte, begab er ſich zu Kowſoter, dem Häuptling der durchbohrten Naſen und eröffnete ihm, was geheim in ſeinem Buſen vorging. „Ich brauche,“ ſagte er,„ein Weib, gebt mir eins aus Eurem Stamme. Kein junges, flatterhaftes Mäd⸗ chen, das an nichts als Putz und Flitter denkt, ſondern eine verſtändige, beſcheidene und arbeitſame Squaw; eine, welche treu mein Loos theilt, ſo hart es auch ſeyn mag; die die Beſorgung meiner Zelthütte übernimmt, und mir eine Begleiterin und Gehülfinn in der Wild⸗ niß wird.. Kowſoter verſprach, ſich unter den Frauen ſeines Stammes umzuſehen, und ihm eine nach ſeinen Wün⸗ ſſchen zu verſchaffen. Zwei Tage waren zu dieſer Nach⸗ ſuchung erforderlich. Nach Verlauf derſelben kam Kow⸗ ſoter in ſeine Hütte und benachrichtigte ihn, daß er ihm die Braut im Laufe des Nachmittags bringen wolle. Er dielt ſein Wort und kam zur beſtimmten Zeit, die Braut, — 181— ein hübſches, kupferfarbiges Mädchen, in ihrem indiani⸗ ſchen Putze führend. Ihr Vater, ihre Mutter, ein halb Dutzend Brüder und ohngefähr zwanzig Vetter folgten, um die Ceremonie vollſtändig zu machen, und den neuen und angeſehenen Verwandten zu begrüßen. Der Biberfänger empfing ſeine neuen und zahlrei⸗ chen Verwandten mit gehöriger Feierlichkeit; er ſetzte ſeine Braut neben ſich, ſtopfte ſeine Pfeife, das große Friedens⸗Symbol, mit ſeinem beſten Tabak, that daraus zwei oder drei Züge, händigte ſie ſodann dem Häupt⸗ ling ein, der ſie dem Vater der Braut übergab, von wo ſie von Hand zu Hand und von Mund zu Mund, in dem ganzen Kreiſe der um das Feuer herumſitzenden Verwandten ging; wobei Alle das tiefſte und gezie⸗ mendſte Stillſchweigen beobachteten. Nachdem mehrere Pfeifen in dieſem feierlichen Ce⸗ remoniell geſtopft und ausgeraucht worden waren, redete der Häuptling die Braut an, ſetzte ihr mit ziemlicher Weitläuftigkeit die Pflichten eines Weibes auseinander, die unter den Indianern wenig beſſer, wie die eines Packpferdes ſind, und drehte ſich, nachdem dieſes geſche⸗ hen war, gegen ihre Verwandten um, denen er zu der vornehmen Verbindung Glück wünſchte, die ſie gemacht habe. Sie wußten ihr gutes Glück gehörig zu würdi⸗ gen, vorzüglich als die Hochzeitsgeſchenke unter die Häupt⸗ linge und Verwandten vertheilt wurden, die ſich auf ohngefähr hundert und achtzig Dollars belieſen. — 182— Die Geſellſchaft begab ſich bald weg, und jetzo fand der würdige Biberfänger, daß er es in der That mit keinem unerfahrnen Mädchen zu thun habe, denn die gut unterrichtete Dame nahm auf ein mal das Anſehen und die Würde eines Biberfängerweibes an, indem ſie von ihrer Zelthütte, als ihrem unbeſtrittenen Eigenthume, Beſitz nahm; Alles nach ihrem eigenen Geſchmack und ihren Gewohnheiten einrichtete, und ſo ganz zu Hauſe und auf ſo vertraulichem Fuße mit dem Biberfänger zu feyn ſchien, als ob ſie ſeit Jahren Mann und Frau zu⸗ ſammen geweſen wären. Wir haben bereits eine Schilderung des freien Bi⸗ berfängers und ſeines Pferdes geliefert, wie ſolches vom Capitän Bonneville geſtellt wurde. Wir werden hier als Seitengemälde ſeine Beſchreibung von einem freien Biberfängerweibe beifügen, damit ſich der Leſer einen richtigen Begriff von der Art des Glückes machen kann, das der beſagte würdige Jäger in Anſpruch genommen hatte, um ihn in der Wildniß zu tröſten. So lange der freie Trapper noch ein Junggeſelle iſt, kennt er nichts, das ihm lieber wäre, als ſein Pferd; allein von dem Augenblicke an, wo er ein Weib nimmt, (Eine Art ehelichen Titular⸗Ranges, den er, gleich den alten Ritterhelden, einer indianiſchen Schöne im freien Feld ertheilt) entdeckt er, daß er ein noch grillenhafteres und eigenſinnigeres Thier beſitzt, an dem er ſein Geld verſchwenden kann. — 185— Eine indianiſche Schöne ſieht ſich nicht ſo bald zu dieſem Range erhoben, als ſich alle ihre Ideen zugleich mit zu einer der Würde ihres Standes angemeſſenen Höhe erheben, und der Beutel ihres Liebhabers und ſein Credit obendrein, auf das Höchſte beſteuert werden, um ſie gehörig auszuſtatten. Wie! das Weib eines freien Trappers ſollte in keiner beſſern und hübſcheren Klei⸗ dung erſcheinen, als eine gewöhnliche, gemeine Squaw? Weg mit dieſem demüthigenden Gedanken! Sie muß zuerſt ihr eigenes Reitpferd haben. Keine abgetriebene, elende und muthloſe Mähre, wie ſie bis⸗ weilen ein Indianer ſeiner Squaw und ihren Papuſes zum Fortbringen gibt. Das Weib eines freien Trappers muß das ſchönſte Thier beſitzen, das zu haben iſt. Und dann, was ſein Geſchirr betrifft, ſo müſſen Kopfgeſtell, Bruſtriemen, Sattel⸗ und Schwanzriemen verſchwende⸗ riſch mit Knöpfen beſetzt, und mit Fingerhüten, Falken⸗ ſchellen und Bänderbüſcheln behangen ſeyn. Auf jeder Seite des Sattels hängt eine Esquimoot, oder eine Art Taſche herab, in die ſie ihre übrigen Spielzeuge und den Flitter ſteckt, den ſie ihrem und ihres Pferdes über⸗ ladenen Schmuck nicht auch noch beifügen kann. Ueber dieſen faltet ſie mit großer Sorgfalt eine Draperie von ſcharlach oder buntfarbigem Baumwolltuch, und jetzt erſt betrachtet ſie das Geſchirr ihres Hengſtes für vollſtändig. Was ihre eigene Perſon angeht, ſo iſt ſie hierin noch ausſchweifender. Ihr Haar, das im Verhältniſſe — 184— ſeiner Länge, für ſchön gehalten wird, wird ſorgfältig geflochten, und fällt ihr mit anſcheinender Nachläſſigkeit auf die Brüſte herab. Ihr Reithut ſteckt voller bunten Federn. Ihr etwas nach der Art der Weißen zugeſchnit⸗ tenes Kleid iſt von rothem, grünem und bisweilen grauem Tuche, immer aber von dem feinſten Gewebe, das zu haben iſt. Ihre Gamaſchen und Moccaſins ſind von der ſchönſten und koſtſpieligſten Arbeit und liegen niedlich am Fuße und Knöchel an, die bei den indianiſchen Frauen ſchön und niedlich geformt ſind und außerordentlich hübſch ausſehen. 1 Was den Geſchmuck anbelangt, wie Finger⸗ und Ohrringe, Halsketten und andere weibliche Herrlichkeiten, ſo darf nichts, was den Mitteln eines Trappers zu er⸗ reichen ſteht, und dem Zuſchauer eine Idee von dem hohen Range der Dame beibringen kann, vergeſſen wer⸗ den. Um das Ganze zu vollenden, ſo wählt ſie ſich un⸗ ter ihren wollenen Decken von verſchiedenen Farber⸗ eine von beſonders lebhafter Farbe aus, die ſie mit na⸗ türlicher Anmuth über die Schultern wirft, ſich in den Sattel ihres munter ſtolzierenden Hengſtes ſchwingt und bereit iſt, ihrem Gebirgsjäger mit Liebe und Anhäng⸗ lichkeit bis zu dem letzten Athemzuge zu folgen. Dies iſt das Gemälde eines freien Trapperweibes, das uns Capitän Bonneville im Allgemeinen gibt; wie weit es in ſeinen Einzelheiten auf die in Rede ſtehende Anwendung findet, erhellt nicht ganz, ob es gleich aus dem Beginne ihres ehelichen Lebens ſcheinen möchte, daß ſie nicht abgeneigt war, jeden Aufwand mit zu machen, den die Umſtände ihrer neuen Lage erlaubten. Es iſt der Erwähnung werth, daß, wo immer ſich mehrere Weiber freier Trapper beiſammen befinden, der bitterſte Wettſtreit zum herben Nachtheile der Beutel ihrer Männer zwiſchen ihnen beſteht. Sie verwenden ihre ganze Zeit und ihre Erfindungsgabe darauf, es ein⸗ ander in Kleidung und Verzierung zuvor zu thun. Die Eiferſüchteleien und der Groll, die ſo unter dieſen ſoge⸗ nannten Kindern der Natur erweckt werden, gleichen an Heftigkeit jenen der modernen Coryphäen des Tons und der Mode in den prachtvollen Wohnungen des etiviliſir⸗ ten Lebens. Kurz, auf die Feier der eben beſchriebenen Hochzeit folgte das fröhliche Chriſtfeſt, an welchem durch die ganze Chriſtenheit am heimiſchen Herde die Feuer der Freude cntzündet werden. So ferne ſie auch von ihren Freun⸗ den und Verwandten waren, ſo war Capitän Bonneville und ſeine freien Trapper doch nicht geneigt, das Feſt ungefeiert hingehen zu laſſen; ſie befanden ſich in einer Gegend, wo ſie Ueberfluß hatten und zur Fröhlichkeit aufgelegt waren. Es ward demnach beſchloſſen, das „Weihnachtsfeuer anzuzünden“*) und die Chriſtfeiertage mitten in der Wildniß vergnügt zu feiern. *) Ein alt⸗engliſcher Gebrauch. — 186— Am Vorabend des Weihnachtsfeſtes gingen demnach ihre rauſchenden Beluſtigungen an. Während der Nacht umringten die freien Trapper die Zelthütte des Nez⸗per⸗ cés⸗Häuptlings und begrüßten ihn, ſtatt mit einem Weih⸗ nachtslied, mit einem Freudenfeuer. Kowſoter nahm ſolches in wahrem chriſtlichen Sinne auf, und nach einer Rede, in welcher er ſeinen hohen Dank für die ihm erwieſene Ehre ausdrückte, lud er die ganze Geſellſchaft zu einem Feſte auf den folgenden Tag ein. Seine Einladung wurde freudig aufgenommen. Man denke ſich ein Weihnachts⸗Eſſen in der Hütte eines indianiſchen Häuptlings! Die Idee war neu. Keiner verfehlte ſich einzufinden. Das Banket wurde auf die alterthümlichſte Weiſe aufgetragen: Felle verſchiedener Gattung, zu der Veranlaſſung niedlich zugerichtet, wur⸗ den auf den Boden ausgebreitet, und auf dieſe eine Menge Wildpret, Elenthier und Gebirgshammelfleiſch, mit verſchiedenen bittern Wurzeln aufgeſchüttet, deren ſich die Wilden als Gewürze bedienen. Nach einem kurzen Gebete ſetzten ſie ſich, nach tür⸗ kiſcher Manier mit unterſchlagenen Beinen, zu dem Ban⸗ ket nieder, das unter fröhlichen Scherzen eingenommen ward. Es wurden hierauf mehrere Spiele geſpielt, worin Weiße und Indianer ihre Stärke und Behendig⸗ keit zeigten, und damit die Weihnachtsfeier beſchloſſen. Fünfzehntes Kapitel. Eine Jagd nach Jägern.— Hungerige Zeiten.— Ein gierig verſchlungenes Mahl.— Winterwetter.— Godin'sfluß.— Herrliche Winterſcene auf der großen Lava⸗Ebene des Schlan⸗ genfluſſes.— Beſchwerliches Reiſen im Schnee.— Manövre eines einzelnen indianiſchen Reiters.— Lager am Schlangen⸗ fluſſe.— Banneck⸗Indianer.— Das Pferd, ihr Häuptling.— Sein bezaubertes Leben.— Das fortwährende Ausbleiben von Mathieu und ſeiner Partie, verſetzte den Capitän Bonneville jetzt in eine große Unruhe und da er fand, daß ſich auf die Ausdauer und den Muth der ausgeſchickten Kundſchafter in einer ſo gefährlichen Nachforſchung nicht zu verlaſſen war, ſo beſchloß er, ſich ſelbſt auf den Weg zu begeben, um ihn aufzuſuchen, und nicht eher nachzulaſſen, als bis er etwas über den Gegenſtand ſeiner Beſorgniſſe erfah⸗ ren habe. Er verließ demnach am 26. Dezember das Lager, in Begleitung von dreizehn wohlberittenen und für das ge⸗ fährliche Unternehmen gut bewaffneten, rauhen Trappern und Jägern. Am folgenden Tage kamen ſie an die Mün⸗ dung der Gebirgsſchlucht und ſetzten ihren Weg in der offenen Ebene fort. Da ſie zuverſichtlich einen Anfall der Schwarzfüße oder irgend einer andern Raubhorde erwarteten, ſo bewegten ſie ſich mit großer Vorſicht und hielten ſorgfältig Wache in ihrem Lager. In dem Laufe eines andern Tages verließen ſie den Hauptarm des Salmenfluſſes und zogen ſüdlich nach ei⸗ nem Paſſe, den man John Day's⸗Engpaß nennt. Es war eine beſchwerliche und mühſelige Reiſe. Ueber die Ebene ſtrich die bitter kalte Winterluft; der Boden war ge⸗ wöhnlich mit Schnee bedeckt; und Wild war ſelten, ſo daß der Hunger allgemein in dem Lager herrſchte, wäh⸗ rend der Mangel an Weide ſich bald an der Abnahme der Pferde zu zeigen begann. Die Partie hatte ſich an dem 28. des Nachmittags kaum gelagert, als zwei der Jäger, die, um Wild aufzuſu⸗ chen, vorausgeeilt waren, im größten Schrecken zurückge⸗ ſprengt kamen. Sie hatten während des Jagens eine Partie Wilden bemerkt, die ſie offenbar von dem Lager abzu⸗ ſchneiden ſuchten, und es hatte ſie nichts von der Ge⸗ fangennahme gerettet, als die Schnelle ihrer Pferde. Dieſe Nachricht verbreitete Schrecken in dem Lager. Capitän Bonneville bemühete ſich, ſeine Leute zu beruhi⸗ gen, indem er ihnen die feſte Lage ihres Lagers und die Möglichkeit ſeiner Vertheidigung vorſtellte. Er ließ ſo⸗ dann die Pferde eintreiben und an Pfähle binden und ein rohes Bruſtwerk aus gefallenen Bäumen und Geniſt der Wildniß aufwerfen. Hierin ward über Nacht die — 189— ſorgfältigſte Wache gehalten, ſie ging aber ohne Schrecken vorüber. In der früheſten Morgendämmerung durch⸗ forſchten ſie die umliegende Ebene, um zu entdecken, ob während der Nacht etwa lauernde Feinde ſie umſchwärmt hätten; es war aber kein Fußtritt in dem groben Kieſe zu erkennen, womit die Ebene bedeckt war. Der Hunger fing jetzt an, ihnen größere Ungemächlich⸗ keiten zu bereiten, als die Beſorgniſſe vor den, ſie umringen⸗ den, Feinden. Nach einem Marſche von einigen Meilen lagerten ſie ſich an dem Fuße eines Berges, in der Hoff⸗ nung, Büffel anzutreffen. Erſt am folgenden Tage ge⸗ wahrten ſie ein Paar ſchöne Ochſen an dem Rande der Ebene zwiſchen Felſen und Schluchten. Da ſie nun zwei und einen halben Tag ohne einen Biſſen Nahrung hingebracht hatten, ſo wandten ſie alle Vorſicht an, da⸗ mit ihnen dieſe Thiere nicht entgingen. Während einige der ſicherſten Schützen ſich mit ihren Büchſen vorſichtig dem Felsabhange näherten, nahmen vier ihrer beſt berit⸗ tenen Reiter ihre Stellung in der Ebene, um die Ochſen bis zum Niederſinken zu verfolgen, wenn ſie nur ange⸗ ſchoſſen werden follten. Die Büffel wurden verwundet und machten ſich in eiliger Flucht davon. Die halbverhungerten Pferde waren zu ſchwach, um ſie auf dem gefrornen Boden ein⸗ zuholen, allein es gelang ihnen, ſie auf das Eis zu trei⸗ ben, wo ſie ausglitten, niederſtürzten und gleich getödtet wurden. Die Jäger beluden ſich mit Fleiſch für ihre — 190— gegenwärtigen und zukünftigen Bedürfniſſe. Sie kehrten dann zurück und lagerten bei den Feuern der letzten Nacht. Hier brachten ſie den Reſt des Tages zu, kochten und aßen mit einer Begierde, die mit dem vorher ausgeſtan⸗ denen Hunger im Verhältniß ſtanden; in dem herzlichen 5 Mahle des Augenblicks die Gefahren vergeſſend, von denen ſie umringt waren. d Nachdem die Forderungen des Hungers befriedigt waren, fingen ſie an, über ihren ferneren Weg zu be⸗ rathſchlagen. Die Leute waren durch die bereits über⸗ 1 ſtandenen Mühſeligkeiten ſehr entmuthigt. In der That hatten zwei, die ſich im Nachtrabe befanden, die Gele⸗ genheit ihrer Lage benutzt und ſich davon gemacht, um 1 nach den Zelthütten der Nez⸗percés zurückzukehren. Die Ausſicht vor ihnen war hinlänglich, auch das kühnſte Herz zu entmuthigen. Sie befanden ſich mitten im Winter. So weit das Auge reichen konnte, war die Landſchaft in Schnee gehüllt, der ſichtbar an Tiefe zu⸗ nahm, wie ſie vorſchritten. Sie hatten überdieß mit dem eiſigen Winde zu kämpfen, der ihnen in das Geſicht weh'te, ihre Pferde konnten aus Mangel an Futter ver⸗ enden, und ſie ſelbſt mußten erwarten, ſich zu Zeiten ſchrecklichem Hunger ausgeſetzt zu ſehen, gleich jenem, den ſie bereits erlitten hatten. Capitän Bonneville ſetzte jedoch ſeinen Stolz darin, beharrlich zu ſeyn, und da er dieſe Unternehmung ein⸗ mal begonnen hatte, ſo konnte ihn nichts zurückſchrecken, 4 3 — 191— bis er ſein Vorhaben ausgeführt hatte; ob er gleich er⸗ klärt, daß wenn er die damit verknüpften Schwierigkei⸗ ten und Leiden vorausgeſehen hätte, er von ſeinem Ver⸗ ſuche abgeſtanden haben würde. Der kleine Trupp ſetzte daher ſeinen Weg in ange⸗ ſtrengten Märſchen fort, und hielt ſich längs eines klei⸗ nen Flüßchens, John Day's⸗Bach genannt. Die Kälte war ſo ſtrenge, daß ſie häufig abſteigen und zu Fuß gehen mußten, um nicht in ihren Sätteln zu erfrieren. Die Täge, die, zu dieſer Jahreszeit, auch in den freien Prairieen kurz genug ſind, verkürzten ſich durch die hohen Gebirge, bis auf wenige Stunden, die den Reiſenden nur einen kurzen Genuß der erfreulichen Strahlen der Sonne gewährten. Der Schnee war durchgehends we⸗ nigſtens zwanzig Zoll tief und an manchen Orten noch weit tiefer; diejenigen, welche abſtiegen, hatten ihren Weg mühſam durchzuwaten. Acht Meilen wurden für eine gute Tagsreiſe gehalten. Die Pferde waren faſt verhungert, denn das Gras war von hohem Schnee be⸗ deckt, ſo daß ſie nichts zu ihrem Unterhalte hatten, als ſpärliche Bündel getrockneten Büſchelgraſes, das über dem Schnee hervorragte, und die kleinen Aeſte und Zweige von gefrornen Weiden und Wurmſamenkraut. Auf dieſe Weiſe ſetzten ſie ihren Weg langſam und mühevoll, an dem John Days⸗Bache, hinab, nach Süden fort, bis er ſich in einen Sumpf verlor. Hier lagerten ſie ſich unter erſtarrten Weidenbäumen auf das Eis und — 192— waren genöthigt, den Schnee abzuſchlagen und wegzu⸗ kehren, um ſich Futter für ihre Pferde zu verſchaffen. Von hier mühten ſie ſich den Godin'sfluß zu errei⸗ chen, ſo von einem Jäger Sublette's genannt, der von den Schwarzfüßen dort ermordet wurde. Viele Gegen⸗ den dieſer Wildniß haben ihren Namen auf dieſe Weiſe nach Gewalt und Blutſcenen erhalten, die ſich dort mit den früheren Pionieren ereigneten. Es war eine Hand⸗ lung kindlicher Rache von Seiten Antonio's, Godin's Sohn, die, wie ſich der Leſer erinnern wird, das letzte Gefecht in Pierre's⸗Höhle veranlaßte. Vom Godin'’s⸗ fluſſe kamen Capitän Bonneville und ſeine Begleiter auf die Ebene der drei Bergkegel; ſo von drei ſonderbaren und abgeſonderten Bergen genannt, die ſich aus deren Mitte erheben. Sie iſt ein Theil der großen Wüſte des Schlangenfluſſes und einer der merkwürdigſten Landſtriche jenſeits des Gebirgs. Hätten ſie nux einen Aufſchub ihrer Leiden und Beſorgniſſe erlangen können, ſo wäre die ungeheure Landſchaft, die vor ihnen ausgebreitet lag, perechnet geweſen, ihnen Bewunderung einzuflößen. Der Winter hat ſeine Schönheiten und Herrlichkeiten, ſo gut, wie der Sommer, und Capitän Bonneville wußte ſie zu ſchätzen. „Fernhin“ ſagte er,„lag der Schnee in blendender Weiße über die weiten Ebenen, und die ſteilen Seiten der hohen Gebirge hinauf; und wenn je die Sonne am 3 Morgen hinter den riefigen Bergkuppen aufging, oder — 193— ihre Strahlen in ihrem mittäglichen Laufe durch die Wolken brachen, dann ſchimmerten und funkelten Berg und Thal, die beeisten Felſen und duftigen Bäume in unausſprechlichem Glanze. Die ſchlanken Fichten ſchienen mit Silberſtaub beſtreut, und die Weiden, voller kleiner Eiszapfen, war⸗ fen prismatiſche Strahlen von ſich und erinnerten an die Feenbäume der Tauſend und eine Nacht, hervorge⸗ zaubert, um das diamantne Thal zu ſchmücken. Unſere armen Wanderer jedoch, die beinahe vor Hunger und Kälte umkamen, waren keineswegs in der Stimmung, die Herrlichkeiten dieſer prachtvollen Ausſicht zu genießen; ob ſie gleich ihrem Gedächtniſſe Scenen einprägten, deren ſie ſich in fröhlicheren Augenblicken mit Vergnügen erinnerten. An dem weſtlichen Kegel lagernd, fanden ſie einen, durch die Winde von dem Schnee kahl gewehten Platz und hier befand ſich Ueberfluß an Büſchelgras. Hier wurden die Pferde über Nacht auf die Weide gelaſſen; allein ob ſie gleich einmal wieder reichliches Futter be⸗ kamen, ſo waren die Winde doch ſo beißend kalt, daß am Morgen ein Maulthier erfroren gefunden wurde. Die Biberfänger ſammelten ſich um es, und beklagten es wie einen verlornen Freund. Sie befürchteten, ihre halb verhungerten Pferde bald ſein Schickſal theilen zu ſehen, denn es ſchien kaum Blut genug in ihren Adern übrig zu ſeyn, um der erſtarrenden Kälte widerſtehen zu können. Sich ferner mit dieſen geſchwächten Thieren durch 66.— 68. 13 — 194— den Schnee Weg bahnen zu können, ſchien beinahe un⸗ möglich. Die Verzweiflung fing an, ſich ihrer Herzen zu be⸗ mächtigen, als ſie glücklicherweiſe die Spuren einer Jagd⸗ partie erblickten. Dieſer folgten ſie augenblicklich und kamen mit minderer Schwierigkeit weiter. Kurz darauf kam ein ſchöner Büffelochſe über den Schnee geſprungen, und wurde von den Jägern augenblicklich erlegt. Bald braſſelte und knitterte ein Feuer; es wurde ſchnell ein reichliches Mahl zubereitet, und noch ſchneller mit Be⸗ gierde verſchlungen, worauf ſie noch eine Strecke zurück⸗ legten und dann Halt machten. Einer der Leute erreichte das Lager beinahe halb todt vor Froſt, allein ein gutes Mahl und ein gutes Feuer brachte ihn allmählig zu ſich ſelbſt und ſein Blut in Umlauf. Da ſie nunmehr einen gebahnten Weg hatten, ſo ſetzten ſie ihn am nächſten Morgen mit größerer Leichtigkeit fort; in der That nahm der Schnee an Tiefe ab, ſo wie ſie ſich von dem Gebirge entfernten, und die Temparatur wurde milder. In dem Laufe des Tages nahmen ſie einen einzelnen Reiter wahr, der in einiger Entfernung von ihnen auf der Ebene herumſchwebte. Sie beeilten ſich vorwärts zu kommen, um ihn einzuholen; allein er war beſſer berit⸗ ten, auf einem muthigeren Pferde und hielt ſich in vor⸗ ſichtiger Entfernung, ſie mit ſichtbarem Mißtrauen er⸗ ſpähend; denn der wunderliche Aufzug der freien Biber⸗ fänger, ihre Beinbekleidung, wollene Decken und Tuch⸗ — — 493— kappen, die mit Pelz verbrämt und mit Federn geſchmückt wa⸗ ren, ſelbſt ihre geflochtenen Zöpfe und gebräunten Geſichter, gaben ihnen eher das Anſehen von Indianern, denn weißen Menſchen, und ließen ſie für eine Kriegspartie irgend eines feindlichen Stammes anſehen. Nach langem Hin⸗zaund Herreiten wurde der wilde Reiter endlich zu einer Unterredung gebracht, aber auch da benahm er ſich mit aller Vorſicht des verſchmitzten Parteigängers der Prairieen. Er ſtieg von ſeinem Pferde ab, und ſich deſſen als einer Bruſtwehre bedienend, legte er ſeine Flinte über ſeinen Rücken, und ſich ſo zur Ver⸗ theidigung anſchickend, erlaubte er, gleich einem vorſich⸗ tigen Kreuzer auf der hohen See, ſich ihm auf Gehör⸗ weite zu nähern. Es erwies ſich, daß er ein Indianer von dem Ban⸗ neck⸗Stamme war, der zu einer Bande in nicht großer Entfernung gehörte. Es dauerte lange, ehe man ihn überreden konnte, daß er mit einer Partie weißer Märg ner zu thun habe, und ehe er dahin gebracht werdei 3 konnte, ſeine ängſtliche Zurückhaltung abzulegen und ſie ſich zu ihnen zu geſellen. Er theilte ihnen hierauf die an⸗ genehme Nachricht mit, daß zwei Geſellſchaften weißer Männer in der Nähe lagerten. Dies war dem Capitän Bonneville eine ſehr erfreuliche Neuigkeit, da er in einer dieſer Geſellſchaften die lang geſuchte Partie von Mat⸗ thieu zu finden hoffte. Mit erneuertem Muthe demnach vorwärts eilend, erreichte er den Schlangenfluß mit 13* — 196— Einbruch der Nacht und ſchlug dort ſein Lager auf. Am nächſten Morgen, den 13. Januar 1833, ließ er genaue Nachſuchung in der Nachbarſchaft nach Fährten der an⸗ geblichen Partien weißer Männer anſtellen. Ein Lager wurde bald entdeckt, das ſich vier Meilen höher am Fluſſe, und worin Capitän Bonneville zu ſeiner größten Freude zwei von Matthieu's Leuten fand, von denen er vernahm, daß ſich der Reſt ſeiner Partie in dem Laufe ei⸗ niger Tage dort einfinden werde. Es gereichte dem Ca⸗ pitän Bonneville zu großem Stolze und zur Befriedi⸗ gung, ſo ſein gewagtes und beſchwerliches Unternehmen glücklich vollführt zu ſehen, und er beſchloß, einige Zeit in dieſem Lager zu verweilen, um ſowohl Matthieu's Rückkehr abzuwarten, als ſeinen Leuten und Pferden die nöthige Ruhe zu gönnen. Es war in der That eine der vorzüglichſten und er⸗ götzlichſten Gegenden zum Ueberwintern in der ganzen Landſtrecke. Der Schlangenfluß wand ſich hier in weiten Krümmungen zwiſchen niedern Ufern durch die große Ebene der drei Bergkegel, von breiten und fruchtbaren Wieſen beufert. Er war voller Inſeln, die gleich an⸗ geſchwemmtem Erdreiche mit Gehölzen des Baumwoll⸗ holzbaumes, Weidengebüſchen, Strichen von gutem Nie⸗ derungengras und reichlich mit grünen Binſen überwach⸗ ſen waren. Die anſtoßenden Ebenen waren ſo groß in der Ausdehnung, daß keine einzelne Indianerbande die Büffel daraus verſcheuchen konnte. Auch war der Schnee — 197— nicht tief genug, um ihnen ernſte Unbequemlichkeiten zu verurſachen. Wirklich fand Capitän Bonneville, während ſeines Aufenthaltes in der Nähe, was in der Mitte des Winters war, mit Ausnahme einiger weniger, kalter und ſtürmiſcher Tage, das Wetter im Allgemeinen mild und angenehm; abends etwas gefrierend, aber in der Morgenſonne beſtändig thauend— gleich dem Frühlings⸗ wetter in den mittleren Theilen der vereinigten Staaten. Die hohe Gebirgskette der drei Tetons, dieſer groſ⸗ ſen Landzeichen der Felsgebirge, die ſich im Oſten erhe⸗ ben, und ſich im Halbkreiſe nach Norden und weſtlich nach der großen Ebene des Schlangenfluſſes hin er⸗ ſtrecken, ſind, wie die ſüdlichen Salzfluß⸗ und Portneuf⸗ gebirge, am früheſten mit Schnee bedeckt. Ihr weißes Gewand verlängert ſich, wie der Winter vorſchreitet und breitet ſich in der Ebene aus, die Büffel in Herden zu den Ufern des Fluſſes treibend, um ſich Futter zu ſuchen, wo ſie dann leicht in großer Anzahl erlegt werden. Dies waren die ſichtbaren Vortheile dieſes Winter⸗ aufenthaltes, wozu noch kam, daß er ſicher vor den Räubereien und Plünderungen irgend einer kleinen Bande herumſtreifender Schwarzfüße war. Die Schwierigkei⸗ ten eines Rückzugs machten es dieſen liſtigen Räubern unrathſam, einen Angriff zu wagen, wenn es nicht mit einer Uebermacht geſchehen konnte. Ohngefähr zehn Meilen weiter unten befand ſich der Lagerplatz der Banneck⸗Indianer, etwa hundert und — 198— zwanzig Zelthütten ſtark. Sie ſind tapfere und ſchlaue Krieger und die Todfeinde der Schwarzfüße, die ſie in Gefechten von gleichen Streitkräften leicht überwältigen. Sie ſind jedoch nicht rachſüchtig und unternehmend im Kriegführen; ſie ſchicken ſelten Kriegspartien aus, um die Städte der Schwarzfüße anzugreifen, ſondern be⸗ gnügen ſich damit, ihr eigenes Gebiet und ihre Heimath zu vertheidigen. Ohngefähr ein Drittheil ihrer Krieger iſt mit Flinten bewaffnet, der Reſt mit Bogen und Pfeilen. Sobald der Frühling eintritt, ſo ziehen ſie am rech⸗ ten Ufer des Schlangenfluſſes hinab, und lagern an den oberen Theilen des Boiſſées und Payette. Hier werden ihre Pferde auf guter Weide fett, während der Stamm ſelbſt in der Fülle von Hirſch⸗, Elenthier⸗, Bären⸗ und Biberfleiſch köſtlich lebt. Sie ziehen hierauf noch weiter hinab und treffen die Nieder⸗Nez⸗percés, von denen ſie Pferde einhandeln und ihnen im Tauſch Biber, Büffel, und Büffelkleider dafür geben. Von da ziehen ſie nach den Nebenflüſſen des Schlangenfluſſes auf ſeinem linken Ufer und lagern an den Quellen der Portneuf⸗ und Schwarzfuß⸗Ströme in dem Büffelbezirke. Obgleich ihre Pferde von der Zucht der Nez⸗percés ſind, ſo ſind ſie doch geringer, als ihre Stammrace, da ſie zu früh zugeritten, oft ſchon im zweiten Jahre gekauft und ſo⸗ gleich zur harten Arbeit angehalten werden. Sie haben ebenfalls weniger Pferde, als die meiſten dieſer wan⸗ dernden Stämme. * in dem Lande der Indianer zu zeigen. Die meiſten die⸗ Seine Kameraden drangen in ihn, aufzuſteigen, allein vergeblich; er war ungläubig und hartnäckig. Eine Salve von Feuergewehren, von Seiten der Wilden, zer⸗ ſtreute ſeine Zweifel; überwältigte aber ſeine Nerven ſo, daß er unfähig war, in den Sattel zu kommen. Da ſeine Kameraden ſeine Gefahr und ſeine Verwirrung ſuhen, ſo ſprangen ſie großmüthig von ihren Pferden ab, um ihm beizuſtehen. Ein Büchſenſchuß ſtreckte ihn nie⸗ der und in ſeiner Todesangſt rief er den Andern zu, ihn nicht zu verlaſſen. Zwei von ihnen, Le Roy und Roß, wurden nach einer verzweifelnden Gegenwehr von den Wilden gefangen genommen. Die Uebrigen ſchwan⸗ gen ſich in ihre Sättel und retteten ſich durch eine ei⸗ lige Flucht, nachdem ſie nahe an dreißig Meilen verfolgt worden waren. Sie kamen glücklich wieder in Matthieu's Lager an, wo ihre Erzählung eine ſolche Furcht vor den lauernden Indianern erregte, daß die Jäger nicht ver⸗ mocht werden konnten, auf einen neuen Streifzug nach Lebensmitteln auszugehen. Sie blieben deshalb beinahe verhungernd im Lager, indem ſie dann und wann nur ein untaugliches Pferd zum Eſſen ſchlachteten, während die Elenthiere und Gebirgsſchafe ungehindert in den benach⸗ barten Bergen umherzogen. Der unglückliche Ueberfall dieſer Jagdpartie wird von Capitän Bonneville angeführt, um die Wichtigkeit der Wachſamkeit und die kluge Wahl einer Lagerſtätte — 204— ſer, Pelzhändlern und Biberfängern begegnenden, Unfälle entſtehen aus einer ſorgloſen Unaufmerkſamkeit auf den Zu⸗ ſtand ihrer Wache und Munition, die Unterbringung ihrer Pferde bei Nacht, die Lage ihrer Umgebung und das Ausſtel⸗ len der Nachtwachen. Der Indianer iſt ein wachſamer und liſtiger Feind, der keineswegs unbedachtſame Angriffe macht; er greift ſelten an, wenn er ſeinen Feind vorbereitet und auf der Huth findet. Vorſicht iſt ein eben ſo wirk⸗ ſamer Schutz dagegen, als der Muth. 7 Die Indianer, welche dieſen Angriff machten, wur⸗ den anfänglich für Schwarzfüße gehalten; bis Capitän Bonneville ſpäterhin in dem Lager der Banneck' ein Pferd, Sattel und Zaum ſah, die er für die eines ſei⸗ ner Jäger erkannte. Die Banneck's läugneten jedoch ha rtnäckig, ſolche in einem Gefecht erbeutet zu haben, und behaupteten feſt, daß dieſer gewaltſame Ueberfall durch die Schwarzfüße geſchehen ſey. Capitän Bonneville blieb beinahe drei Wochen, nach Matthieu's und ſeiner Partie Ankunft, an dem Schlangen⸗ fluſſe. Nachdem ſich ſeine Pferde wieder ſo weit erholt hatten, um eine Reiſe machen zu können, traf er Anſtal⸗ ten, zu den Nez⸗percés zurückzukehren, oder vielmehr ſeine Verſteckgruben an dem Salmenfluſſe zu beſuchen, um ſich dort Güter und Kleider für die eröffnete Jahres⸗ zeit zu holen. Er ließ demnach ſechszehn Mann am Schlangenfluſſe zurück und brach am 19. Februar mit ſechszehn andern nach den Verſteckgruben auf. Den Fluß durchwatend, marſchierte er bis zu dem Rande des tiefen Schnee's, wo er ſein Lager unter deu Schutze ungeheuerer, aufgeſchichteter Maſſen ver⸗ brannter Felſen aufſchlug. Der Schnee war hin⸗ länglich gefroren, um einen Fußgänger zu tragen, allein die Pferde brachen durch die Eisdecke ein und ſanken und ſtrengten ſich bei jedem Schritte an. Sie waren von dem Eiſe ſo aufgeriſſen und verwundet, daß es noth⸗ wendig wurde, alle hundert Yard die Fronte zu ändern und andere Pferde vorauszuſchicken, um den Weg zu bahnen. Ein ſcharfer und ſchneidender Wind wehte von Nord⸗ weſten über die offenen Prairieen. Bei Nacht hatten ſie ihre Erfindungsgabe anzuſtrengen, ſich Obdach zu ver ſchaffen, um nicht zu erfrieren. Sie gruben zuerſt tiefe Höhlen in den Schnee, und warfen, zum Schutze gegen den Wind, Wälle davon auf. Unter dieſen breiteten fie Büffelfelle aus und legten ſich in vollem Anzuge auf die⸗ ſelben mit Kappen, Mänteln und Moccaſins und bedeck⸗ ten ſich mit vielen wollenen Decken; demohngeachtet lit⸗ ten ſie oft hart von der Kälte. Am 28. Februar kamen ſie an die Ufer des Godin⸗ fluſſes. Dieſer Strom kommt aus den Gebirgen gegen⸗ über, ein öſtlicher Zweig der Malade⸗Flußgebirge; er bildet einen tiefen und raſchen Strom, von ohngefähr zwanzig Yards Breite, der ſchnell durch einen Engpaß ſtrömt, dem er ſeinen Namen gibt, und dann in die große Ebene fließt, wo, nachdem er ſich vierzig Meilen fortgeſchlängelt hat, er ſich endlich in der Region der verbrannten Fel⸗ ſen verliert. 3 An den Ufern dieſes Stromes war Capitän Bonne⸗ ville ſo glücklich, auf eine Büffelſpur zu kommen. Sie ſtromaufwärts verfolgend, kam er in den Engpaß, wo er zwei Tage lang gelagert blieb, um den Jägern Zeit zu laſſen, Büſſel zu tödten und einen Vorrath von deren Fleiſch zu trocknen. In dieſem beſchützten Engpaſſe war das Wetter ſehr mild und das Gras bereits wieder einen Zoll hoch em⸗ por geſchoſſen. Es befand ſich hier ebenfalls ein Ueberfluß von Salzkraut, das in thonigem und ödem Kieſelboden in großer Menge wächſt. Es gleicht dem Flöhkraut und hat ſeinen Namen von ſeinen ſalzigen Theilen. Es iſt ein nahrhaftes Futter für die Pferde im Winter. Sie weigern ſich aber welches zu freſſen, ſobald ihnen das junge Gras eine hinlängliche Nahrung gibt. Nachdem ſie ſich hinlänglich mit Fleiſch verſehen hatten, ſetzte die Partie ihren Weg weiter fort und be⸗ wegte ſich, vergleichungsweiſe, mit ziemlicher Leichtigkeit; mit Ausnahme da, wo ſie ihren Weg durch Schneetrifften nehmen mußten, die von dem Winde zuſammen geweht worden waren. Am 11. ſahen ſie eine kleine Rauchwolke in einem tiefen Theile der Thalſchlucht aufſteigen. Es ward ſo⸗ gleich ein Lager gebildet und Späher wurden auf Kund⸗ ſchaft ausgeſchickt. Sie kehrten mit der Nachricht zurück, 8 — — 207— daß es eine Partie der Flatheads wäre, die, mit Fleiſch beladen, von einer Büffeljagd zurückkehrten. Capitän Bonneville erreichte ſie am nächſten Tage und beredete ſie, mit ſeiner Partie einige Meilen weiter zu den Ver⸗ ſteckhöhlen unten zu gehen, wohin er auch die Nez⸗percés einladen wollte, die er irgendwo in der Nachbarſchaft zu finden hoffte. Wirklich geſellte ſich am 13. dieſer freund⸗ liche Stamm zu ihm, der, ſeitdem er ſich am Salmen⸗ menfluſſe von ihnen getrennt hatte, gleichfalls auf die Büffeljagd ausgegangen war, aber beſtändig von ihren alten Feinden, den Schwarzfüßen, verfolgt und geneckt worden waren, denen es, wie gewöhnlich, gelang, eine Menge Pferde wegzuführen. In dem Laufe dieſer Jagdpartie hatte ſich eine Bande von zehn Zelthütten von der Haupt⸗Truppe ge⸗ trennt, um beſſere Weideplätze für ihre Pferde aufſuchen zu gehen. Ohngefähr den 1. März vereinigten ſich die zerſtreuten Partien der Schwarzfüße bis zur Zahl von dreihundert ſtreitender Männer und beſchloſſen einen Hauptſchlag auszuführen. Nachdem ſie an die frühere Lagerſtätte der Nez⸗percés gekommen waren, fanden ſie die Hütten verlaſſen, worauf ſie ſich in die Weiden und Gebüſche verſteckten, um den einzelnen Nachzüglern auf⸗ zulauern, damit ſie ihnen den Weg zu dem gegenwärti⸗ gen Aufenthalt ihrer erſehenen Opfer zeigten. Das Schickſal wollte, daß Koſato, der Renegat der Schwarzfüße, der Erſte war, der mit ſeinem bluterkauf⸗ „ 5 ten Weibe vorüberging. Er befand ſich auf dem Wege von der Haupttruppe zu der kleinen Abtheilung der zehn Hütten. Die Schwarzfüße bemerkten und erkannten ihn, als er vorüberging; ihre Augen funkelten vor rachſüch⸗ tiger Wuth; er fand ſich auf Bogenſchußweite von ihrem Hinterhalte; ſo ſehr ſie aber nach ſeinem Blute dürſte⸗ ten, ſo enthielten ſie ſich doch, einen Pfeil auf ihn abzu⸗ ſchießen; indem ſie ihn für den Augenblick ſchonten, da⸗ mit er ſie auf die Spur ihrer Beute führe. Ihm heim⸗ lich nachfolgend, entdeckten ſie die Hütten der unglück⸗ lichen Nez⸗percés, und fielen ſie mit ſchrecklichem Geſchrei und Geheule an. Es waren der Nez⸗percés nur zwanzig Mann, al⸗ lein neun waren mit Flinten bewaffnet. Sie erwieſen ſich jedoch eben ſo tapfer und geſchickt im Kriege, als ſie mild und duldend im Frieden geweſen waren. Ihre erſte Sorgfalt war, Höhlen in ihre Hütten zu graben, und ſo verſchanzt, fochten ſie, wie verzweifelt, und ſtreckten mehrere Feinde todt nieder, während ſie nicht einen ein⸗ zigen Krieger verloren, obgleich Einige von ihnen ver⸗ wurdet wurden. In der Hitze des Gefechts ſah ein Weib der Nez⸗ percés ihren Krieger arg verwundet, und unfähig zu fechten. Sie ergriff ſeinen Bogen und ſeine Pfeile und vertheidigte ſeine Perſon tapfer und mit Erfolg, ſo daß ſie zur Rettung der ganzen Partie mit beitrug. In einem andern Theile des Schlachtfeldes hatte ſich ein Nez⸗percés 7 V 4 — 209— hinter den Stamm eines gefallenen Baumes gekauert und unterhielt von ſeinem Verſtecke aus ein lebhaftes Feuer. Ein Schwarzfuß, der dies ſah, verſchaffte ſich ein rundes Klotz und hinter ihm ausgeſtreckt rollte er es auf den Baumſtamm zu, hinter welchem ſein Feind gekauert lag. Es war ein Augenblick athemloſer Er⸗ wartung, denn wer ſich zuerſt zeigte, war in Gefahr erſchoſſen zu werden. Der Nez⸗percé machte der Un⸗ gewißheit zuerſt ein Ende; in dem Augenblick, wo das Klotz den Stamm berührte, ſprang er auf, und ſchnell, wie der Blitz, entlud er den Inhalt ſeiner Flinte in den t Rücken ſeines Gegners. dt idng dn Die Schwarzfüße hatten ſich nunmehr der Pferde bemächtigt, mehrere ihrer Krieger lagen todt auf dem Wahlplatze und die Netz⸗percés, in ihre Hütten verſchanzt, ſchienen entſchloſſen zu ſeyn, ſich bis auf den letzten Athemzug zu vertheidigen. Es war zufällig der Fall, daß der Häuptling der Schwarzfüße ein Renegat der Nez⸗percés war; allein er hegte nicht, wie Koſato, eine rachſüchtige Wuth gegen ſeinen eigenen Stamm, ſondern war vielmehr jetzt, wo er die Beute hatte, geneigt, un⸗ nöthiges Blutvergießen zu verhüten. Er hielt deßhalb eine lange Beſprechung mit den Belagerten und zog end⸗ lich ſeine Krieger, ſiebenzig Pferde mit ſich nehmend, zu⸗ rück. Es erwies ſich nachher, daß die Schwarzfüße ihre Kugeln in dem Gefechte gänzlich verſchoſſen hatten, ſo daß ſie genöthigt waren, Steine ſtatt derſelben zu gebrauchen. 66.— 68. 14 — 210— In dem Anfange des Gefechtes focht Koſato, der Re⸗ negat, eher mit Wuth als mit Tapferkeit, indem er die Andern ſowohl durch Worte als durch Thaten anfeuerte; eine Büchſenkugel jedoch, die er in den Kopf erhielt, ſtrecte ihn bewußtlos zu Boden. Hier blieb ſein Kör⸗ per liegen, als das Gefecht vorüber war, und die Sie⸗ ger die Pferde fortführten. Sein unglückliches Weib hing über ihm, und jammerte. Die Sieger hielten ein, und drangen in ſie, den lebloſen Renegaten zu verlaſſen und mit ihnen zu ihren Verwandten zurückzukehren; ſie wegerte ſich jedoch, ihren Bitten Gehör zu geben und ſie gingen weg. Während ſie ſo da ſaß, und Koſato's Züge betrach⸗ tend, ſich einem leidenſchaftlichen Schmerze überließ, glaubte ſie zu bemerken, daß er athme, und ſie hatte ſich nicht geirrt. Die Kugel, die, ehe ſie ihn traf, bei⸗ nahe matt geweſen war, hatte ihn nur betäubt, ſtatt ihn zu tödten; durch die Pflege ſeines treuen Weibes er⸗ holte er ſich nach und nach, und lebte, zu verdoppelter Liebe gegen ſie und zwiefachem Haſſe gegen ſeinen Stamm, wieder auf. Was das Weib anbelangt, die ihren Mann ſo tapfer vertheidigt hatte, ſo ward ſie von ihrem Volke zu einem weit über ihr Geſchlecht gehenden Range erhoben, und es wurde ihr, neben andern ehrbaren Auszeichnungen, erlaubt, hinführo Theil an den kriegeriſchen Tänzen der Braven zu nehmen. ——ʒ:—·— Siebenzehntes Kapitel. Eröffnung der Verſteckgruben.— Abtheilungen von Cerré und Hodgkiß.— Salmenflußgebirge.— Aberglaube eines in⸗ dianiſchen Biberfängers.— Godin'sfluß.— Vorbereitungen zum Biberfang.— Ein Schrecken.— Eine Unterbrechun Eine Bande Nebenbuhler.— Naturerſcheinungen der Schlan⸗ genfluß⸗Ebene.— Weite Spalten und Klüfte.— Von der Erde verſchlungene Ströme.— Erhabene Naturſcene.— Eine große Büffeljagd.— Capitän Bonneville fand ſeine Verſteckgruben un⸗ verſehrt und nachdem er ſie heimlich geöffnet hatte, nahm er daraus ſolche Artikel, die ihm nothwendig waren, die freien Trapper auszurüſten und den unbeträchtlichen Han⸗ del mit den Indianern zu treiben, worauf er ſie wieder zuwarf. Da die freien Trapper jetzt neu ausgeſtattet und verſehen waren, ſo waren ſie voller Muth und bramarbaſirten fröhlich in dem Lager herum. Um Allen für die erduldeten Leiden etwas gütlich zu thun, und ſie zu fernerer Thätigkeit anzuſpornen, gab Capitän Bonneville ſeinen Leuten, was man in der Sprache der Gränze eine tüchtige Abfütterung nennt. Es war ein Tag froher Spiele, Späße und übermäßi⸗ 14* — 212— Ber Schwelgerei. Die Indianer nahmen an den Scherzen und Spielen herzlichen Antheil und Alles war Fröhlich⸗ keit und gute Kameradſchaft bei ihnen. Es war jetzt in der Mitte des Märzes und Capi⸗ pitän Bonneville traf Anſtalt, einen neuen Frühlings⸗ Feldzug zu eröffnen. Er hatte den Maladefluß für die nächſte Jagdzeit zu ſeinem Haupt⸗Fangreviere erwählt. Dieß iſt ein Fluß, der in den großen Gebirgen, nördlich der Lave Ebenen, entſpringt, und nach einem Laufe voller Krümmungen in den Schlangenfluß fällt. Vor ſeiner breiſe ſchickte der Capitän den Herrn Cerré mit einigen euten ab, um die indianiſchen Dörfer zu beſuchen nd Pferde zu kaufen; er verſah ſeinen Schreiber, Herrn Hodgkiß ebenfalls mit einem kleinen Vorrath von Waa⸗ ren, um von den Indianern während des Frühlings ihre geſammelten Rauchwaren einzuhandeln, indem er die Ver⸗ ſteckgruben am Salmenfluſſe als den Zuſammenkunfts⸗ ort beſtimmte, wo ſie am 15. des folgenden Monats Juni wieder zu ihm ſtoßen ſollten. Nachdem dies ge⸗ ſchehen war, brach er mit einer Bande von acht und zwanzig Mann, die aus gemietheten und freien Bi⸗ berfängern und indianiſchen Jägern, nebſt acht Squaws beſtand, nach dem Maladefluß auf. Ihre Route lag die rechte Gabel des Salmenfluſſes hinauf, durch die tiefe Gebirgsſchlucht. Sie reiſ'ten ſehr Langſam, indem ſie micht über fünf Meilen den Tag machten, da manche 7 Pferde ſo ſchwach waren, daß ſie auf ihrem Marſche wankten und ſtrauchelten. Weide wuchs jedoch jetzt die Fülle. Sie hatten Ueberfluß an friſchem Graſe, das an manchen Plätzen eine ſolche Höhe erreicht hatte, daß es in dem Winde wogte. Die Herden der Wildniß, die Gebirgsſchafe, wie ſie die Biberfänger nennen, ſah man beſtändig auf den Hügeln, zwiſchen welchen ſie durchkamen und ein großer Vorrath von Hammelfleiſch ward von den Jä⸗ gern herbeigeſchafft, da ſie den Regionen uzilten, wo Mangel war. Te In dem Laufe ſeiner Reiſe hatte Capitän Bonne⸗ ville Gelegenheit zu bemerken, wie viele und beinahe abergläubiſche Ideen unter den Indianern und einigen Weißen, rückſichtlich des Scharfſinns der Biber, herrſchten. Die indianiſchen Jäger ſeiner Partie hatten die Ge⸗ wohnheit, alle Ströme auszuforſchen, an denen ſie vor⸗ beikamen, um Biberbäue aufzuſuchen und legten ihre Fallen bisweilen mit einigem Erfolg. Einer von ihnen jedoch hatte beſtändiges Unglück, ob er gleich ein erfahr⸗ ner und geſchickter Trapper war. Beſtürzt und ärgerlich über ein ſo ungewöhnliches Mißgeſchick, kam er endlich auf die Idee, daß er irgend einen Geruch an ſich haben müſſe, von dem der Biber die Witterung bekäme, und ſich bei ſeiner Annäherung entferne. Er ſtellte daher eine völlige Reinigung ſeines Körpers an, indem er ſich, ſo gut er konnte, ein Schwitzbad an den Ufern des Fluſſes — 214— baute, in das er ſich verſchloß, bis er von der Ausdün⸗ ſtung dampfte; dann trat er plötzlich heraus und ſtürzte ſich in[den Strom. Nachdem er dieſes Schwitzen und Tauchen einigemal wiederholt hatte, glaubte er ſich völlig geruchlos gemacht zu haben und fing mit erneuer⸗ ter Hoffnung wieder an, ſeine Fallen zu legen. Uum den Anfang des Aprils ſchlugen ſie ihr Lager am Godin'sfluſſe auf, wo ſie den Sumpf voller Biſam⸗ ratzen⸗Höhlen fanden. Der Capitän Bonneville beſchloß alſo einige Tage hier zu bleiben und ſeinen erſten, regel⸗ mäßigen Verſuch im Fangen zu machen. Damit dieſer Erſtlings⸗Feldzug mit Muth eröffnet würde, verſprach er den Indianern und freien Biberfängern eine Extra⸗ Belohnung für jede Biſamratze, die ſie fangen würden. Es bereitete ſich jetzt Alles zur Jagd des nächſten Tages vor. Alles war voller Leben und froher Thätig⸗ keit im Lager, und die froheſte Ausſicht zu einer glück⸗ lichen Frühlingsjagd vorhanden. Die Menge der Mo⸗ ſchusratzen in dem Sumpfe war nur ein Angeld auf das edlere Wild, das ſie bald anzutreffen hofften, wenn ſie den Moladefluß erreicht und ein Haupt⸗Biber⸗Revier für ſich allein auszubeuten haben würden, wo ſie ganz nach ihrer Gemächlichkeit und ohne Beſchwerde fangen könnten. Mitten in ihrer Fröhlichkeit kam ein Jäger rufend oder vielmehr ſchreiend ins Lager geſprengt, veine Fährte, eine Fährte! Hüttenpfähle, Hüttenpfähle!“ — 215— Dieß waren bedeutungsvolle Worte für das Ohr eines Trappers. Sie zeigten an, daß irgend eine Bande in der Nachbarſchaft ſey, und wahrſcheinlich eine Jagd⸗ partie, da ſie Zelthütten⸗Pfähle für ein Lager bei ſich führten. Der Jäger kam heran und erzählte ſeine Ge⸗ ſchichte. Er hatte eine friſche Fährte entdeckt, in welcher die Spuren nachgeſchleifter Zelthüttenpfähle deutlich ſicht⸗ bar waren. Die Büffel waren ebenfalls erſt aus der Gegend vertrieben worden, was bewies, daß die Jäger bereits in dem Bezirke geweſen waren. Die Fröhlichkeit des Lagers war jetzt zu Ende, die Vorbereitungen zu dem Biſamratzenfange wurden aufge⸗ ſchoben und Alles lief, um die Fährte zu unterſuchen. Ihre ſchlimmſten Befürchtungen wurden bald beſtätigt. Es zeigten ſich untrügbare Spuren, daß die unbekannte Partie, die ihnen vorausgegangen war,⸗ weiße Menſchen waren; ohne Zweifel eine Bande von Nebenbuhlern. Es fand ſich alſo eine Mitbewerbung, als ſie am We⸗ nigſten erwartet wurde, und dies dazu von einer Partie, die ihnen bereits den Vorſprung abgewonnen hatte, und das Wild vor ſich hertrieb. Capitän Bonneville bekam jetzt einen Geſchmack von dem plötzlichen Wechſel, dem das Leben eines Trappers unterworfen iſt. Das feſte Vertrauen auf eine ungeſtörte Jagd war jetzt vorüber, auf jedem Geſichte zeigte ſich Düſterkeit und Täuſchung. Capitän Bonneville ſchickte ſogleich zwei Spionen ab, um die Partie ſeiner Nebenbuhler einzuholen und — 216— wo möglich, ihre Pläne zu erforſchen;z in der Zwiſchen⸗ zeit kehrte er dem Sumpfe und den Biſamratzenhöhlen den Rücken, und folgte in„langen Lagern“, was in der Sprache der Trapper ſoviel als große Tagmärſche heißt. Am 6. April begegnete er ſeinen zurückkehrenden Spionen. Sie hatten ſich, wie Hunde, auf der Fährte gehalten, bis ſie die Partie am ſüdlichen Ende vom Go⸗ din's⸗Engpaſſe einholten. Hier fanden ſie ſie bequem gelagert, zwei und zwanzig vorzügliche Biberfänger, alle wohl ausgerüſtet, mit vortrefflichen Pferden im beſter Zuſtande verſehen, unter Anführung von Milton Suß⸗ lette und einem geſthickten Gehülfen, Namens Jaryie, in vollem Marſche nach dem Malade⸗Jagdrevier begriffen. Dies war eine niederſchlagende Neuigkeit. Der Maladefluß war das einzige Fangrevier in ihrem Be⸗ reiche; allein es hier mit Veteranen von Biberfän⸗ gern aufzunehmen, die in den Gebirgen vollkommen zu Hauſe und vortrefflich beritten waren, während ſie, ſo ärmlich mit Pferden und Biberfängern verſehen, nur einen einzigen Mann in ihrer Partie, hatten, der mit dem Lande bekannt war— davon konnte keine Rede ſeyn. Die einzige Hoffnung, die ihnen jetzt übrig blieb, war die, daß der Schnee, der in den Gebirgen des Go⸗ din'sfluſſes noch ſehr tief lag, und den gewöhnlichen Paß nach dem Maladelande verſperrte, ſie aufhalten könne, bis ſich Capitän Bonneville s Pferde in ihren gegenwär⸗ tigen reichlichen Weiden noch einmal in guten Stand geſetzt haben würden. Die beiden, mit einander wetteifernden Partien, la⸗ gerten jetzt beiſammen; nicht aus guter Kameradſchaft, ſondern um ſich einander im Auge zu behalten. Ein Tag ging nach dem andern hin, ohne daß ſie im Stande geweſen wären, nach dem Maladelande zu kommen. Sublette und Jarwie bemühten ſich, ihren Weg überſdas Gebirg zu erzwingen; der Schnee lag aber ſo hoch, daß ſie genöthigt wurden, umzukehren. Des Capitäns Pferde nahmen indeſſen täglich an Stärke zu, und ihre Hufen, die ſie im Gebirgsdienſte abgelaufen hatten, wuchſen. Auch vermehrte der Capitän ſeinen Vorrath von Lebens⸗ mitteln ſo, daß der Verzug ganz zu ſeinem Vortheile war. Jedem, der bloß die Karte des Landes anſieht, wird die Schwierigkeit vom Godin's⸗ nach dem Maladefluſſe zu gelangen, unerklärlich ſcheinen, da die dazwiſchen lie⸗ genden Gebirge ſich in der großen Ebene des Schlan⸗ genfluſſes endigen, ſo daß es, dem Anſcheine nach, ſehr leicht iſt, um den Fuß der Gebirge zu gehen. Hier trifft man aber einige der auffallendſten Er⸗ ſcheinungen dieſer wilden und erhabenen Region an. Die große niedere Ebene, die ſich an dem Fuße dieſer Gebirge hinerſtreckt, iſt nahe an ihrer Baſis, voller Kämme und Felſenriffe, die den Wogen des Oceans gleichen, welche ſich an einer Felſenküſte brechen. — 218— In gleicher Linie mit den Gebirgen iſt die Ebene, durch zahlreiche und gefährliche Spalten aufgeriſſen, die vier bis zehn Fuß Breite und eine große Tiefe haben. Capitän Bonneville verſuchte einige dieſer Oeffnungen zu ſondiren, allein ohne befriedigenden Erfolg. Ein, in eine der⸗ ſelben geworfener, Stein ſchlug in anſcheinend ſehr großen Tiefe an die Seiten an, und dem Tone nach zu urtheilen, waren ſie von derfelben Subſtanz, wie die Oberfläche, ſo lange der Stein gehört werden konnte. Das Pferd, das inſtinktmäßig ſehr vorſichtig den Gefah⸗ ren ausweicht, kehrt erſchrocken vor der geringſten dieſer Spalten zurück, ſpitzt die Ohren, ſchnaubt und kratzt mit den Hufen, bis man es umwenden läßt. Es iſt uns von einer, mit der Gegend wohl bekann⸗ ten Perſon, erzählt worden, daß man bisweilen fünfzig bis ſechszig Meilen umreiten muß, um dieſe furchtbaren Spalten zu umgehen. Beträchtliche Ströme, die wie der Godin'sfluß eine raſche Strömung haben, verlieren ſich in dieſer Ebene, einige enden in Sümpfen, andere verſchwinden plötzlich, indem ſie ohne Zweifel einen un⸗ terirdiſchen Abfluß haben. Dieſen Spalten gegenüber, ſtürzt ſich der Schlangen⸗ fluß in zwei mächtigen Waſſerfällen, in einer kurzen Ent⸗ fernung von einander, über Abgründe, wovon der eine zwanzig, und der andere vierzig Fuß Höhe hat. Die beſagte vulkaniſche Ebene bildet einen Flächen⸗ raum von ohngefähr ſechszig Meilen im Durchmeſſer, — 219— in dem das Auge nichts, als eine öde, furchtbare Wüſte gewahrt, in der weder Gras wächſt, noch ein Waſſer läuft, ſondern man ſieht bloß Lava. Gebirgsreihen um⸗ gürten dieſe Ebenen und waren, nach Capitän Bonne⸗ ville's Meinung, früher miteinander verbunden, bis ſie durch irgend eine Erdrevolution von einander geriſſen wurden. Weit im Oſten erheben die drei Teton's ihre erhabenen Kuppen, und beherrſchen dieſe weite Lava⸗ See— einer der auffallendſten Züge einer Wildniß— wo Alles nach einer ernſten und einfachen Größe be⸗ meſſen ſcheint.— Wir ſehen uns mit Ungeduld nach einem geſchickten Geologen um, der dieſe erhabene und faſt unbekannte Region unterſuchen wird. Erſt am 25. April brachen die beiden Trapper⸗Par⸗ tien aus ihren Lagern auf, um über das ſüdweſtliche Ende des Gebirges durch einen Paß zu ſteigen, den ihre Späher ausgekundſchaft hatten. Von verſchiedenen Punk⸗ ten des Gebirges aus überſahen ſie endloſe Lava⸗Ebe⸗ nen, die ſich in kalter und düſterer Unfruchtbarkeit ſo weit erſtreckten, als das Auge reichen konnte. Am Abend des 26. erreichten ſie die Ebene im Weſten des Gebir⸗ ges, die von dem Malade⸗ und Boiſeefluſſe und andern Strömen bewäſſert wird, und das erſehnte Biberrevier in ſich ſaßte. Die Gegend um den Boiſee⸗ oder Waldfluß wird von Capitän Bonneville als die bezauberndſte gerühmt, — 220— die er im weiten Weſten geſehen habe; indem ſie die Größe und Schönheit von Gebirg und Ebenen, klaren Strömen und ungeheuern, im Winde wogenden, Wieſen vereinte. Wir wollen dem Capitän nicht auf ſeinem Jagdzuge folgen, der bis Anfang Juni's dauerte, noch umſtändlich alle Kunſtgriffe der beiden aufeinander wetteifernden Partien und ihre verſchiedenen Pläne erörtern, ſich ein⸗ ander zu überliſten und aus dem Felde zu ſchlagen. Es ſey genug, hier anzuführen, daß, nachdem ſie mit wechſelndem Glücke verſchiedene Ströme beſucht und an denſelben gelagert hatten, Capitän Bonneville früh im Juni nach dem beſtimmten Sammelplatze bei ſeinen Verſteckgruben aufbrach. Auf ſeinem Wege gab er ſei⸗ nen Leuten eine große Büffeljagd*) zum Beſten. Die Kundſchafter hatten berichtet, daß ſich zahlreiche Herden derſelben in einer Ebene jenſeit einer dazwiſchen liegen⸗ den Anhöhe befänden. Es wurde ſogleich Halt gemacht, die flinkſten Pferde wurden beſtiegen und eine Partie begab ſich nach dem Gipfel der Anhöhe, von welcher ſie die große Ebene unten voller Büffelherden ſchwärmen ſahen. Capitän Bonneville deutete jetzt den Platz an, wo er lagern werde, und wohin die Jäger das Wild zu treiben hät⸗ *) Eine intereſſante Erzählung von dem Büffel findet man in dem Anhange. — 221— ten. Er empfahl ihnen, ſich dem Letzteren langſam zu nähern, und die Kräfte und Schnelle ihrer Pferde bis zu dem Augenblicke aufzuſparen, wo ſie ſich in mäſ⸗ ſiger Entfernung von den Herden beſinden würden. Zwei und zwanzig Reiter ritten, dieſer Vorſchrift gemäß, vor⸗ ſichtig in die Ebene hinab. Es war ein ſchöner Anblick, ſagt der Capitän, ſich dieſe Läufer, wie ſie genannt werden, in geſchloſſener Reihe und langſamen Trabes nähern zu ſehen, bis ſie etwa zweihundert und fünfzig Nard von der Herde wa⸗ ren, dann in vollem Rennen heranſtürzten, bis ſie ſich in der unendlichen Menge der Büffel verloren, die nach jeder Richtung der Ebene flohen. Alles war jetzt ein Tu⸗ mult und eine wilde Verwirrung. Der Capitän Bonne⸗ ville begab ſich indeſſen, mit dem Reſt ſeiner Leute, nach dem beſtimmten Lagerplatze, wohin die erfahrendſten Läu⸗ fer eine Menge Büffel trieben, die dicht vor dem Lager erlegt, und deren Fleiſch ohne Schwierigkeit dorthin ge⸗ bracht wurde. Es dauerte nicht lange, ſo ſah das ganze Lager einem großen Schlachthauſe ähnlich, die abgezoge⸗ nen Ochſen wurden geſchickt zerlegt, große Feurer an⸗ gezündet und Geſtelle aufgerichtet, das Fleiſch zu trock⸗ nen und zu ſalzen und ein großer Vorrath ward zur künftigen Subſiſtenz aufbewahrt. Am 15. Juni, gerade an dem, zur Zuſamenkunft beſtimmten, Tage langte Ca⸗ pitän Bonneville mit ſeinen Leuten glücklich bei den Verſteckgruben an. ——— Hier kamen die andern Abtheilungen ſeiner Haupt⸗ truppe, Alle bei guter Geſundheit und fröhlichem Muthe, mit ihm zuſammen. Die Verſteckgruben wurden wieder geöffnet, Vorräthe verſchiedener Art aus denſelben ge⸗ nommen und eine reichhaltige Quantität Aquavit in dem Lager ausgetheilt, um ihr fröhliches Zuſammentreffen durch einen gehörigen Schmaus, zu feiern. Inhalt des erſten Theils. Seite Einleitung.... Erſtes Kapitel. Zuſtand des Pelzhandels der Felsgebirge.— Amerikaniſche Unternehmungen. — General Ashley und ſeine Geſellſchafter.— Sublette, ein berühmter Anführer.— Jährliche Zuſammenkünfte in den Gebirgen.— Liſt und Gefahr bei dieſem Handel.— Banden von Trap⸗ 5 pern, oder Biber⸗(Otter⸗) Fängern.— India⸗ niſche Banditen.— Krähen und Schwarzfüße. Bergbewohner.— Handelsleute des fernen We⸗ ſtens.— Charakter und Gewohnheiten der Trapper Zwſites Kap. Abreiſe von Fort Oſage.— Trans⸗ portweiſe.— Packpferde.— Wagen.— Walker und Cerré.— Ihre Charactere.— Erhebende Gefühle beim Betreten der Prairieen.— Son⸗ derbarer Aufzug der Biberfänger.— Ihre Spiele unt ihr groteskes Ausſehen.— Characterverſchie⸗ denheit der amerikaniſchen und franzöſiſchen Biber⸗ 9 1 4 fänger.— Agentſchaft bei den Kanſas.— Gene⸗ ral Clarke.— Weißfederbuſch.— Nächtliche La⸗ gerſcene.— Unterredung zwiſchen Weißfederbuſch und dem Capitän.— Bienenjäger.— Ihre Ver⸗ fahrungsweiſe.— Ihre Zwiſte mit den India⸗ nern.— Handelstalent von Weißfederbuſch.. Drittes Kap. Große Prairieen.— Vegetabi⸗ liſche Erzeugniſſe.— Tafelförmige Hügel.— Sand⸗ ſteinplatten.— Der Nebraska⸗ oder Plattfluß.— Kärgliche Mahlzeiten.— Büffelſchädel.— Die Wagen werden in Boote verwandelt.— Herden von Büffelochſen.— Schlöſſerähnliche Klippen.— Das Kamin.— Scott's Felsklippen.— Damit verbundene Geſchichte.— Das Dickhorn oder Ahſahta.— Seine Beſchaffenheit und Lebensweiſe. — Unterſchied zwiſchen ihm und dem„wolligen Schafe“ oder der Gebirgsziege..... Viertes Kap. Ein Alarm.— Krähen⸗ Indfaner. — Ihre Erſcheinung.— Die Weiſe ihrer Annä⸗ herung.— Ihr rachſüchtiges Vorhaben.— Ihre Neugierde.— Feindſchaft zwiſchen den Krähen und Schwarzfüßen.— Liebreiches Betragen der Krähen.— Gabel des Larimie's.— Erſte Be⸗ ſchiffung des Nebraskafluſſes.— Hohe Lage des Landes.— Dünne der Atmoſphäre.— Ihre Wir⸗ kung auf das Holzwerk der Wagen.— Die ſchwarzen Hügel.— Ihre ſchroffen und zackigen Umriſſe.— Indianiſche Hunde.— Trophäen der Krähen.— Oede und unfruchtbare Gegend.— Die Ufer des Süßwaſſers.— Büffeljagd.— Abentheuer von Tom Cain, dem irländiſchen Koche Fünftes Kap. Prächtige Ausſicht.— Windfluß⸗ Gebirge.— Waſſerreichthum.— Ein verlaufenes Pferd.— Eine indianiſche Fährte.— Forellen⸗ bäche.— Das große Grüne⸗Flußthal.— Ein Alarm.— Eine Bande Biberfänger.— Fonte⸗ nelle und ſeine Nachrichten.— Erlittener Durſt. — Lager an dem Seeds⸗ke⸗dee.— Liſt eiferſüch⸗ tiger Pelzhändler.— Befeſtigung des Lagers.— Die Schwarzfüße.— Banditen des Gebirgs.— Ihr Character und ihre Gewohnheiten.. Sechstes Kap. Sublette und ſeine Bande.— 1 Robert Campbell.— Capitän Wyeth und eine Bande„Down⸗Easters“.— Eine Nankee⸗Unter⸗ nehmung.— Fitzpatrick.— Sein Abentheuer mit den Schwarzfüßen.— Ein Sammelplatz der Ge⸗ birgsjäger.— Das Gefecht in Pierre's Höhle.— 1 Ein indianiſcher Hinterhalt.— Sublette's Rückkehr 1 Siebentes Kap. Rückzug der Schwarzfüße.— Fontenelle's Lager in Gefahr.— Capitän Bon⸗ neville und die Schwarzfüße.— Freie Biberfän⸗ ger.— Ihr Character, ihre Gewohnheiten, Klei⸗ 66.— 68. 15 Seite — 226— Seite dung, Ausrüſtung und Pferde.— Gebirgs⸗Jäger. — Ihr Beſuch im Lager.— Gute Kameradſchaft und gute Bewirthung.— Ein Gelage.— Eine Aufſchneiderei.— Ein Zank und Wiederausſöhnung 106 Achtes Kap. Pläne für den Winter.— Salmen⸗ fluß.— Ueberfluß von Salmen auf der Weſtſeite der Gebirge,— Neue Anordnungen.— Verſteck⸗ gruben.— Cerrés Abſendung.— Bewegungen in Fontenell's Lager.— Abmarſch der Schwarz⸗ füße.— Ihr Schickſal.— Windgebirgsſtröme.— Buckeye, der delawariſche Jäger, und der grau⸗ liche Bär.— Gebeine eines ermordeten Reiſen⸗ den.— Beſuch in Pierre's⸗Höhle.— Spuren ei⸗ nes Gefechts.— Nez⸗percés⸗Indianer.— Ankunft an dem Salmenfluſſe.......... Neuntes Kap. Losgelaſſene Pferde.— Vorbe⸗ reitungen zu den Winterquartieren.— Hungerige Zeiten.— Die Nez⸗percés, ihre Ehrlichkeit, Fröm⸗ migkeit, friedliches Betragen und religiöſen Cere⸗ monien.— Capitän Bonneville's Unterredung mit ihnen.— Ihre Liebe zum Spiel...... Zehntes Kap. Schwarzfüße in der Pferde⸗Prai⸗ rie.— Aufſuchung der Jäger.— Schwierigkeiten und Gefahren.— Eine Kartenpartie in der Wild⸗ niß.— Die unterbrochene Kartenpartie.— Old⸗ Sledge, ein verderbliches Spiel.— Beſuch im —————— —.—— d