K——————y— y Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Otftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Leſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 2. Lesepreis. Bei Ruckgabe eines geliehenen Buches wird von 4 jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3 2.— 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahm e i Werthe deſſelben entſprechende Summe ¹ eines Buches, eine dem e 3 hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. d 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und —,.,— 2 beträgt; 3. 4 für wöcheutlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 4 ——————. auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „ 3„„ 3„==.„ 3 55 Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zuruckſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 5. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und fern ꝛc.) muß der defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kup Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene und defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 4 3 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß. das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. ———= —;86 ———————— Virtor Hugo's ſaͤmmtliche Werke. Siebenzehnter Band. Ruy Dlas. * Frankfurt am Main, 1839. Dir uck und Verlag von J. D. Sauerländer.„. NRuy Blas. Drama in fuünf Handlungen von Victor Hugo. Deutſch von C. Dräxrler⸗Manfred. Frankfurt am Main, 1839. Druck und Verlag von J. D. Sauerlander. Vorrede des Verfaſſers. Drei Claſſen von Zuſehern bilden das, was wir ein Publikum zu nennen pflegen: zuerſt die Frauen, dann die Denker und endlich die große Maſſe. Die große Maſſe verlangtevon einem dramatiſchen Werke faſt aus⸗ ſchließend nur Handlung; die Frauen wollen vor allem Leidenſchaft ſehen; der Denker ſucht mit beſonderer Vor⸗ fiebe Charaktere darin. Betrachtet man dieſe drei Arten der Zuſeher aufmerkſam, ſo ergibt ſich leicht folgendes Reſultat. Die große Maſſe iſt ſo ſehr in die Handlung verliebt, daß ſie ſich aus Leidenſchaften und Charakteren gar nicht viel macht, und euch ſogar den Styl, d. h. das fixirte, nicht das ſchwebende Wort erläßt; die Frauen, welche der Gang der Handlung wohl auch feſſelt, werden durch Entwicklung der Leidenſchaft ſo hingeriſſen, daß ſie ſich mit der Zeichnung der Charaktere wenig beſchäftigen; die Denker aber wollen ſo gerne Charaktere, das heißt, wirklich lebende Menſchen auf der Bühne ſehen, daß ſie Leidenſchaften nur als ein nothwendiges Beiwerk betrachten — 6= und durch das vorrückende Material der Handlung faſt nur geſtört werden. Das kommt daher, weil die Maſſe von der Bühne herab in Staunen, die Frau in Rührung, der Denker in Betrachtung verſenkt werden will;— Alle zwar ſuchen Vergnügen: aber jene für die Augen, dieſe für das Herz, und dieſer für den Geiſt. Darum ſchweben über unſere Bühne auch drei ganz verſchiedene Gattungen dramatiſcher Werke: eine populär und niedriger, die beiden andern vornehm und erhabener, jede davon einer der drei Anforderungen genügend: das Melodram der Maſſe; die Tragödie mit ihrer Anglyſe der Leiden⸗ ſchaften den Frauen; das Luſtſpiel mit ſeinen reinmenſch⸗ lichen und ſocialen Gebilden dem Denker. Doch ſei hiemit keine allzuſcharfe Abgränzungslinie gezogen, und wir fordern den Leſer ſelbſt auf, dieſer Idee allen damit vereinbaren Vorbehalt zu unterſtellen. Allgemeines läßt immer Ausnahmen zu. Wir wiſſen nur allzuwohl, daß die Maſſe ein großes Ding iſt, worin man alles findet: Inſtinkt für das Gute, wie Geſchmack am Mittelmäßigen, Liebe für das Ideal und Hunger nach Gemeinem. Ferner wiſſen wir auch, daß jeder rechte Denker an den zarten Seiten ſeines Herzens wie eine Frau ſein müſſe; und es iſt uns nicht entgangen, daß(Dank ſei es dem geheimnißvollen Geſetze, das beide Geſchlechter ſo durch Einflüſſe des Geiſtes wie des Körpers aneinander feſſelt) eine Frau oft einen denkenden Geiſt in ſich ſchließt. Dies vorausſchickend und nochmals wieder⸗ holend, man möge unſern Anſichten keine allgemeine abſolute Giltigkeit aufnöthigen, fahren wir fort. Jedermann der die drei genannten Claſſen von Zu⸗ ſehern aufmerkſam ins Auge faßt, wird zugeben, daß alle drei Recht haben. Mit Recht verlangen die Frauen gerührt, die Denker belehrt, die Maſſen überraſcht und unterhalten zu werden. Und auf dieſe giltigen Anſprüche gründet ſich das Geſetz des Drama's. Ja, hinter jener Lampenreihe, welche das Publikum von einer idealen Welt trennt, ſchöpfen und leben machen nach den wohl⸗ beachteten Combinationen von Natur und Kunſt; dort Charaktere und, wie ſchon früher geſagt, wirkliche Menſchen erſchaffen; dieſe Menſchen und Charaktere mit dem Funken der Leidenſchaft beleben, der jene bewege und dieſe ent⸗ wickle,— und endlich aus der Menge von Gebilden und Leidenſchaften im Sinne der göttlichen und irdiſchen Geſetze das Menſchenleben mit ſeinen großen und kleinen Ereigniſſen, mit ſeinen ſchmerzlichen, komiſchen und gräß⸗ lichen Vorfällen hervorgehen laſſen, welche dem Herzen jenes Vergnügen bereiten, das man Intereſſe nennt, und dem Geiſte jene Lehre bieten, die wir Moral heißen:— das iſt die große Aufgabe des Drama's. Man ſieht daraus wie das Drama mit der Tragödie die Zeichnung * — 8— der Leidenſchaften, mit dem Luſtſpiel die Entwicklung der Charaktere gemein hat. Es iſt ſonach die dritte Form der dramatiſchen Kunſt, die beiden andern in ſich faſſend und bereichernd. Corneille und Moliere würden unab⸗ hängig von einander beſtehen, ſtünde nicht Shakspeare zwiſchen beiden, Corneille die linke, Moliere die rechte Hand bietend. So begegnen ſich die beiden entgegenge⸗ ſetzten Polaritäten der Tragödie und der Comödie, und der Funke, den ihre Berührung erzeugt, iſt das Drama. Indem der Verfaſſer hier nach ſeinem Einſehen und nach früherer Weiſe Prinzip, Geſetz und Tendenz des Drama's auseinander geſetzt, läugnet er nicht, daß ſeine geringen Kräfte und ſein Scharfblick ihn leicht täuſchen können. Er erklärt, um nicht mißverſtanden zu werden, nicht das was er geleiſtet, ſondern was er leiſten wollte, und zeigt nur den Geſichtspunkt von dem er ausging. Es ſollen dieſem Buche nur wenige Zeilen voran⸗ geſchickt werden, und es fehlt faſt am Raume für die nothwendigen Erörterungen. Sei es daher geſtattet von dieſen allgemeinen Bemerkungen, welche die Kunſt betra⸗ fen, zu einigen beſonderen zu übergehen, welche das vorliegende Drama Ruy Blas geneigten Gemüthern und ihrer Aufmerkſamkeit von einem gewiſſen Punkte aus empfehlen mögen. Vorerſt wollen wir uns vom Standpunkte der Philo⸗ — — ſophie und Geſchichte nur mit einer Frage beſchäftigen: was die Idee dieſes Drama's ſei? und uns darüber erklären. In der Zeit wo eine Monarchie zn verſinken droht, hat man Gelegenheit verſchiedenartige Erſcheinungen zu beobachten. Vorerſt die Abtrennung der Ariſtokratie; ſie zieht ſich zurück und ſpaltet ſich, und das auf folgende Art: Das Reich ſchwankt, die Dynaſtie erliſcht, das Geſetz geht unter; die politiſche Einigkeit zerbröckelt unter dem Geplänkel der Intrigue; die Koryhäen der Geſellſchaft verbaſtarden ſich und arten aus; eine tödtliche Entkräf⸗ tung zeigt ſich allenthalben; die großen Angelegenheiten des Staates ſind geſunken, die unbedeutenden werden zu Hauptdingen und gewähren einen traurigen Anblick mit ihrer erzwungenen Wichtigkeit; Aufſicht, Armee und Finanzen haben aufgehört; Jeder ſieht das Ende nahen. Von da an faßt jeden Geiſt Ekel und Beſorgniß, Furcht vor dem nächſten Tage, Mißtrauen gegen Jedermann, Muthloſigkeit für jeden Verſuch, und Überdruß an Allem. Wie die Krankheit des Staates im Haupte deſſelben ent⸗ ſpringt, ſo wird die Nobleſſe, die dieſem am nächſten ſteht, auch zuerſt davon mitergriffen. Der minder hohe, minder wohldenkende Theil des Adels bleibt bei Hofe. Da wird nun Alles verſchlungen, denn die Zeit drängt und man muß eilen ſich zu bereichern, mächtiger zu werden und die Umſtände zu nützen. Man denkt an nichts weiter 10— als an ſich ſelbſt. Jeder trachtet jetzt ohne Mitleid mit dem Lande, in einer ſicheren Ecke des allgemeinen Elends ſich ein Häuflein Glück aufzuſammeln. Man iſt Höfling, man iſt Miniſter, und ſucht glücklich und mächtig zu werden. Man hat Geiſt, wendet ihn zum Schlechten an und gewinnt Erfolge dabei. Orden, Würden, Stellen, Geld, man ſucht, man nimmt, man plündert alles. Es gibt nichts mehr als Ehrgeiz und Habſucht. Die geheime Zerriſſenheit, die aus ſolcher menſchlichen Entartung ent⸗ ſteht, birgt man hinter täuſchendem äußeren Ernſt; und da ein Leben, das nur auf eitlen Wahn und die Selbſt⸗ gefälligkeit des Stolzes ausgeht, vor allem ein Vergeſſen des natürlichen Gefühles bedingt, ſo wird man roh und grauſam. Kömmt plötzlich der Tag der Ungnade heran, ſo zeigt ſich in dem gefallenen Höflinge meiſt ein Unge⸗ heuer, der Menſch iſt zum Teufel geworden. Derſelbe unglückliche Stand der allgemeinen Ange⸗ legenheiten, treibt die andere Hälfte des Adels, die edlere und beſſere, auf anderen Weg. Sie zieht ſich zurück auf ihre Güter, Schlöſſer und Herrſchaften. Sie will nichts vom Geſchäftsgange hören, denn ſie vermag nichts mehr, das Ende der Welt naht heran; wozu hart dabei ſein und ſich troſtlos geberden? Beſſer iſt's ſich zerſtreuen, die Augen zudrücken, leben, trinken, lieben und ſich erluſtigen. Wer weiß, hat man noch ein Jahr vor ſich? Nach ſolcher — 1— Ueberlegung nimmt der Edelmann ſein Leben leicht, ver⸗ zehnfacht die Livree, kauft Pferde, unterhält Mätreſſen, ordnet Feſte an, hält Orgien, wettet, würfelt, verſchenkt, verkauft, verſchreibt, verſchuldet und verzehrt ſich, kömmt in die Hände der Wucherer und wirft ſo den Feuerbrand in ſein eigenes Habe. Eines Morgens paſſirt ihm ein unglück. Der Staat geht haſtig dem Ruin zu: aber Er hat ſich noch vor dem politiſchen Ausgang ruinirt. Alles iſt verloren, Alles vergeudet. Von all dem Glanz und Feuer blieb nicht einmal ein wenig Rauch,— nichts als Aſche. Verlaſſen und vergeſſen von Allen, nur nicht von ſeinen Gläubigern, wird der gute Edelmann, wie ſichs nun eben ſchickt, ein wenig Abenteurer, Schläger oder Bettler. Er verſinkt und verſchwindet in der großen Menge, die er ſonſt nur tief unter ſich ſah; jetzt taucht und rettet er ſich in ſie. Er hat kein Gold mehr als das der Sonne, welches alle haben, die nichts haben. Von der Höhe iſt er in die Tiefe hinabgeſtiegen, und findet ſich darein; ſchimpft über ſeine Verwandte, die noch reich und mächtig ſind, und wird Philoſoph, der zwiſchen Hof⸗ leuten und Dieben keinen unterſchied ſieht. Übrigens iſt er noch ſo ziemlich gut, immer beherzt und freiſinnig, zuweilen einſichtvoll: ein Gemenge von Poet, Bettler und Prinz; lacht über Alles; läßt heute die Schaarwache von ſeiner Kameraden prügeln, wie ſonſt wohl durch — 2— ſeine Bedienten, ohne ſie jedoch ſelbſt zu berühren; ver⸗ bindet in ſeinem Benehmen die Unverſchämtheit des Mar⸗ quis mit der Zudringlichkeit des Lazzarone; ſchmutzig von außen, geſund von innen; und beſitzt vom Edelmanne nichts mehr als die Ehre, wie er ſie nun verſteht, den Namen, den er verbirgt, und den Degen, den er Jedem weist Wenn ſich das eben aufgeſtellte zweifache Bild in der Geſchichte aller Monarchien bei gewiſſen Anläſſen zeigt, ſo iſt dies in Spanien gegen das Ende des ſieben⸗ zehnten Jahrhunderts vorzugsweiſe der Fall. Wäre es alſo dem Verfaſſer gelungen— was er anzunehmen weit entfernt iſt— ſeine Idee von dieſer Seite aus in dem vorliegenden Drama zu verwirklichen, ſo würde ſich die erſte Hälfte des ſpaniſchen Adels in Don Salluſt, die zweite in Don Cäſar repräſentiren; beide ſind Vettern, wie es der Zufall ſchon manchmal will. d Und hier, wo ſich zwei ausgeſuchte Individualitäten des caſtiliſchen Adels von 1695 zu allgemeinen Charak⸗ teren erheben, möge zugleich auch der ſeltenen aber rühmenswerthen Ausnahmen von ſolcher Art gedacht wer⸗ den. Doch weiter. 3 Folgen wir mit aufmerkſamem Blicke dieſer Monar⸗ chie und Epoche, ſo gewahren wir tief unter jenem ſo nach entgegengeſetzten Richtungen getheilten Adel, im F — 13— Dunkel ſich ein großes, düſtres, unbekanntes Etwas regen. Das iſt das Volk; das Volk, das eine Zukunft aber keine Gegenwart hat; verwaist, arm, unwiſſend, aber ſtark; tief unten ſtehend, aber nach dem Höchſten ſtrebend; auf dem Rücken die Schwielen der Sklaverei, im Herzen die Vorahnungen des Genie's tragend. Das Volk, der Knecht der großen Herren, und in ſeinem Elend und ſeiner Erniedrigung die einzige Geſtalt anbetend, welche mitten in dieſem geſelligen umſturze, umſtrahlt vom Himmelsglanze der Macht, der Liebe und des Glückes, vor ihm ſteht. Das Volk— wird Ruy Blas ſein. Mitten unter dieſen drei Menſchen, die, ſo betrachtet, ſich vor dem Leſer in drei Tendenzen umgeſtalten und durch dieſe die ganze ſpaniſche Monarchie des endenden ſiebenzehnten Jahrhunderts darſtellen, inmitten dieſer drei Männer ſteht ein reines, leuchtendes Weſen, ein Weib, eine Königin. Unglücklich als Weib, denn ihr Gatte iſt ſo gut als keiner; unglücklich als Königin, denn ihr fehlt ein König, neigt ſie ſich aus fürſtlichem Mitleid oder vielleicht aus weiblichem Naturdrang zu Jenen, die unter ihr ſtehen und blickt herab, während Ruy Blas, das Volk, empor ſieht. 5 Vor dem Auge des Verfaſſers bilden, ohne Rück⸗ ſicht auf die Nebenfiguren, dieſe vier Perſonen die Haupt⸗ gruppe, welche Spanien vor hundert vierzig Jahren von⸗ — 11— philoſophiſch⸗hiſtoriſchen Standpunkt aus verſinnlichen ſoll. Dieſen vier Perſonen könnte man vielleicht noch eine fünfte beifügen, König Karl II. Aber in der Geſchichte wie in dieſem Drama iſt Karl II. von Spanien keine Geſtalt, ſondern blos ein Schatten. Jetzt drängt es uns nur noch zu ſagen, daß alles dies keine Erklärung zu Ruy Blas geben, ſondern nur den Geſichtspunkt dafür ausmitteln ſoll. Der dem Ver⸗ faſſer erwünſchte Eindruck findet ſich vielleicht dann von ſelbſt, wenn ein aufmerkſames und gewiſſenhaftes Auge die Arbeit von dieſer Seite prüft. Leider nur gewährt eine Idee, wie ein Berg, leicht verſchiedene Anſichten. Alles kommt auf den Ort an, wo der Beſchauer ſteht. Geſtatte man uns nur um der Deutlichkeit willen ein etwas zu ehrgeiziges Gleichniß. Der Montblanc von Croix de Flecheres aus betrachtet, ſcheint nicht dem Mont⸗ blane zu gleichen, wie man ihn von Salenches ſieht. Und es iſt doch immer der Montblanc. So wird, um von Großem zu Kleinem zu übergehen, dieſes Drama, deſſen hiſtoriſche Bedeutung zu ermitteln wir jetzt bemüht waren, eine ganz andere Geſtalt gewin⸗ nen, wenn man es von einem höheren Geſichtspunkte, von dem der rein menſchlichen Tendenz betrachtet. Dann iſt Don Salluſt der abſolute Egoismus, die Sorge ohne Raſt; Don Cäſar das Gegenſpiel, theilnahmloſe Sorg⸗ — 15— loſigkeit; Ruy Blas iſt das Genie und die Leidenſchaft, unterdrückt durch die Stellung, und um ſo höher auf⸗ brauſend, je ſtärker der Druck geweſen; die Königin endlich iſt die Tugend, untergraben durch Langeweile. Und wieder vom einzig literariſchen Geſichtspunkte aus beſchaut, wechſelt die Idee, die hier Ruy Blas heißt, ihr Anſehen. Die drei Hauptformen der Kunſt werden darin verkörpert und vereinigt erſcheinen. Don Salluſt wird das Drama, Don Cäſar das Luſtſpiel, Ruy Blas die Tragödie repräſentiren. Das Drama legt den Knoten an, das Luſtſpiel knüpft, die Tragödie zerſchneidet ihn.* Alle dieſe Anſichten ſiud wahr und richtig; aber ein⸗ zeln betrachtet, iſt keine derſelben erſchöpfend. Die abſo⸗ lute Wahrheit liegt nur in der Geſammtauffaſſung. Fände Jeder darin, was er ſucht, ſo hätte der Dichter ſeine Abſicht erreicht. Die philoſophiſche Idee von Ruy Blas iſt: das Volk nach höheren Regionen ſtrebend; die rein menſchliche: der Mann, der ein Weib liebt; die drama⸗ tiſche: der Bediente, der ſeine Augen bis zur Königin erhebt. Die Menge, die ſich alle Abende vor dieſem Stücke herumdrängt,(weil in Frankreich den Verſuchen eines Talents, welcher Art ſie auch ſein mögen, nie die öffentliche Aufmerkſamkeit fehlt) die Menge ſieht in Ruy Blas nur die letztgenannte Idee, die dramatiſche, den Bedienten,— und ſie hat ihrerſeits Recht. Was hier von Ruy Blas bemerkt wurde, gilt wohl auch von jedem anderen Werke. Die Werke unſerer gerühmteſten Meiſter bieten mehr als einen Anſchauungs⸗ punkt, von dem ſie ſtudirt werden können. Tartüffe macht die Einen lachen, die Andern beben; Tartüffe iſt die häusliche Schlange, oder der Heuchler, oder die Heuchelei; bald iſt er ein Menſch, bald eine Idee. So iſt Othello für Den ein Schwarzer, der eine Weiße liebt, für Jenen ein Emporkömmling, der eine Patrizierstochter heiratet, für den Einen ein Eiferſüchtiger, für den Andern die Eiferſucht. Und dieſe zuläſſige Verſchiedenheit der An⸗ ſchauungen ändert doch nichts an der Grundidee der Compoſition. Wir bemerkten ſchon anderswo: Tauſend Zweige und ein einziger Stamm. Daß der Verfaſſer ſich die Ausmittlung der hiſto⸗ riſchen Bedeutung ſeines Dramas ſo ſehr angelegen ſein ließ, rührt wohl hauptſächlich daher, weil ſich nach allge⸗ meinem hiſtoriſchen Begrife Ruy Blas gewiſſermaßen an Hernani anknüpft. In beiden ſchreiten die Ange⸗ legenheiten des Adels dicht neben den Beziehungen des Königthums einher. Nur mit dem unterſchiede, daß in 3 Hernani, wo das abſolute Königthum noch nicht ganz beſteht, der Adel dagegen ankämpft. bald mit Stolz, bald — 17— mit dem Schwert, halb feudaliſtiſch, halb rebelliſch. Im Jahre 1519 lebt der Edelmann fern vom Hofe in den Gebirgen, entweder als Bandit, wie Hernani, oder patriar⸗ chaliſch, wie Ruy Gomez. Zwei hundert Jahre ſpäter bekömmt die Sachlage eine andere Wendung. Die Va⸗ ſallen ſind Hofleute geworden, und plagt irgend einen der Herren das Unglück, ſeinen Namen verbergen zu müſſen, ſo birgt er ihn nicht vor dem Könige, ſondern vor den Gläubigern. Er wird nicht mehr Bandit, ſondern Lazzarone oder Zigeuner. Man fühlt es gleichſam, daß das abſolute Königthum lange Jahre hindurch über dieſen edlen Häuptern lag, und die einen beugte, die andern zerdrückte. Man erlaube uns nur noch das Schlußwort: Zwiſchen Hernani und Ruy Blas liegen zwei Jahrhunderte Spaniens eingerahmt; zwei lange Jahrhunderte, während welchen die Nachkommen des fünften Karl die Welt beherrſchten; zwei Jahrhunderte, welche die Vorſehung wunderbarer Weiſe nicht um einen Tag verlängern wollte: denn Karl V. wird 1500 geboren, und Karl II. ſtirbt 1700. Im Jahre 1700 beerbt Ludwig XIV. Karl den Fünften, wie im Jahre 1800 Napoleon Ludwig XIV. beerbt. Derlei große Ereigniſſe an den Dynaſtien, welche die Geſchichte zuweilen mit einem abenteuerlichen Lichte XVII. 2 durchzucken, gewähren dem Verfaſſer oft ein ſchönes, melancholiſches Schauſpiel, worauf ſein Auge gern ver⸗ weilt. Er verſucht zuweilen, etwas davon in ſeinen Werken abzuſpiegeln. So ſollte in Hernani der Strahl eines Morgenroths hervorleuchten und über Ruy Blas ſich das Zwielicht der Abenddämmerung ſenken. In Her⸗ nani ſteigt die Sonne des Hauſes Oſterreich auf, in Ruy Blas geht ſie unter. Paris am 25. November 1838. Ruy Blas. 5 .⁴ — 2 = — N = — — — in Geſammt⸗Perſonal. Ruy Blas. Don Salluſt de Bazan. Don Cäſar de Bazan. Don Guritan. Graf von Camporeal. Marquis von Santa Cruz⸗ Marquis von Baſto. Graf von Alba. Marquis von Prirgo. Don Manuel Arias. Montazgo. Don Antonio Ubilla. Covadenga. Gudiel. Ein Bediente. Ein Alcade. Ein Thürhüter Ein Alguazil. Donna Maria von Neuburg, Königin von Spanien. Herzogin von Albuquera. Caſilda. Eine Duenna. Ein Page. Damen; Herren; geheime Räthe; Pagen; Duennen; Alguazils; Wachen; Thürhüter. Madrid— 169. Erſte Handlung. Don Salluſt. Perſonen: Ruy Blas. Graf von Alba. Don Salluſt de Bazan. Gudiel. Don Cäſar de Bazan. Ein Hofthürhüter. Marquis von Baſto. Die Königin. Marquis von Santa Heerrren. Damen. Duennen. Cruz. Pagen. (Saal der Danae im königlichen Pallaſt von Madrid. Pracht⸗ volles Ameublement im halb flamandiſchen Geſchmack, aus der Zeit Philipp IV. Links ein großes Fenſter mit goldenen Flügelrahmen und kleinen Scheiben. An den beiden kurzen Seitenwänden kleine Thüren in innere Gemächer führend, Den Hintergrund bildet ein Glaswand, in deren Mitte ſich eine große gläſerne Flügelthüre öffnet, die zu einer langen Galerie führt, deren Ausgang an dieſer mit reichen langen Vorhängen verkleideten Glaswand iſt. Alles Holzwerk daran iſt vergoldet. Auf der Bühne ſteht ein Tiſch, zwei Lehnſtühle und Schreibmaterial. Morgen. Don Salluſt tritt durch die kleine Thüre links herein, ihm folgen Ruy Blas und Gudielz letzterer trägt eine Schatulle und mebrere Päckchen, die man für Reiſegeräth halten kann. Don Sal⸗ kuſt geht in einem ſchwarzſammtnen Unterkleide, Hofkoſtume aus der Zeit Karl des II,, das goldne Vließ am Halſe; der Mantel iſt von hellgrünem Sammt, reich mit Gold geſtickt, innen von ſchwarzer Seide; reicher Degen mit hohem Griff; Hut mit weißen Federn. Gudiel geht ganz ſchwarz, an der Seite einen degen. Ruy Blas trägt Livree; Unterkleidung und Hoſen braun, Überwurf gallonirt mit Roth und Gold; entblößten Hauptes, ohne Degen.) Erſter Auftritt. Don Salluſt de Bazan, Gudiel, von Zeit zu Zeit Ruy Blas. Don Salluſt. Die Thüre ſchließ', Ruy Blas,— dies Fenſter öffne. (Ruy Blas gehorcht; auf einen Wink des Don Salluſt enrfernt er ſich dann durch die Mittel thüre; Don Salluſt tritt an's Fenſter.) Noch ſchlafen Alle hier— und ſchon wird's Tag. (Er wendet ſich unwillig gegen Gudiel.) Es kam ſo wie ein Blitz!— mein Reich iſt aus, Ja, Gudiel, aus! Man ſchickt mich fort, Ungnade, Verbannung iſt mein Loos. An Einem Tage So Alles zu verlieren!— Noch iſt es Geheim, und Niemand ſpricht davon. Und ach, Warum? Um eine Liebſchaft! Tolles Zeug, Ich geb' es zu, in meinen Jahren. Vom Gefolg' der Königin war ſie, ein Fräulein Von Nichts; ei Unglück, ſie verführt zu haben! Doch weil ſie um die Königin und auch Von Neuburg iſt wie ſie, ſo hat ſie mit — 23— Erfolg geweint und gegen mich geklagt, Und ihren Baſtard vor den Thron geſchleppt. Heirathen ſoll ich ſie: ich weiſ' es ab, und man verbannt mich, Gudiel, man verbannt mich! und zwanzig Jahre ſaurer Mühe, des Ehrgeizes und der Arbeit Tags und Nachts; Der Präſident, verhaßt den Hofalcaden, Die nur mit Beben ſeinen Namen nannten; Das Haupt des Hauſes Bazan und ſein Stolz; Die Macht, die Größe, alles was ich träumte, Was ich gewirkt und was ich je beſeſſen, Amt, Würden, Ehre: Alles jetzt verloren, Und Hohngelächter über mich beſchworen! Gudiel. Noch ahnt es Niemand, gnäd'ger Herr. Don Salluſt. Doch morgen Weiß es die Welt: dann ſind wir nicht zu finden; Ich will nicht fallen hier, ich will verſchwinden. (Er entknöpt raſch ſein Wams.) Du häkelſt mich auch ein wie einen Pfaffen, uUnd ſchnürſt mich zu, daß ich erſticken könnte. (Er ſetzt ſich.) Doch will ich, ohne daß ſie es von mir Vermuthen, ihnen eine Mine graben Tief, unterirdiſch und verſteckt.— Verbannt!!— (Er ſteht auf.) —;—— — 24—. Gudiel. Wer führte wohl den Schlag? Don Salluſt. Die Königin. Doch rächen will ich mich, ha! du verſtehſt mich: Du der mein Lehrer war, der zwanzig Jahre Mir half und dient' in dem, was nun vorbei; Du weißt bis wohin mein Gedanke ſchweift, So wie der Bauherr das Gewicht wohl kennt, Worunter er den Bogen hat geſpannt. Ich reiſe; nach Caſtilien, nach Finlas, Auf meine Güter; dort— dort will ich träumen— Von einem Mädchen!!— Du beſorge alles Zur Reiſe, denn wir ſind gedrängt. Indeſſen Sprech' ich ein Wort mit unſerm luſt'gen Burſchen Auf gutes Glück; vielleicht kann ich ihn brauchen. Noch bin ich bis zum Abend hier der Herr. Ich räche mich: wie? weiß ich ſelbſt noch nicht; Doch ſoll die Rache furchtbar ſein.— Jetzt fort Und eile dich. Du ſchweigſt, wie ſich's verſteht, Und reiſeſt mit. Geh. (Gudiel verneigt ſich und geht ab.) Don Salluſt (rufend.) Ruy Blas! Ruy Blas (erſcheint in der Mittelthüre.) Excellenz! Don Salluſt. Da im Pallaſt ich nicht mehr ſchlafen ſoll, So laß die Slüſſel hier und ſchließ' die Fenſter. Ruy Blas (ſich verneigend.) Wohl, gnäd'ger Herr. Don Salluſt. Noch Eins. Die Königin Kömmt hier vorüber durch die Galerie Zwei Stunden ſpäter, wann ſie aus der Meſſe Nach ihren inneren Gemächern geht. Du wirſt dann hier ſein, Ruy Blas. Ruy Blas. Ich gehorche. Don Salluſt (am Fenſter.) Siehſt du den Mann dort auf dem Platze, Der ein Papier der Wache zeigt und fortgeht. Gib ihm ein Zeichen, daß herauf er komme Die kleine Treppe.. (Ruy Blas dentet wie ihm befohlen. Don Sal⸗ luſt zeigt ihm die kleine Thüre rechts.) Eh' du uns verläſſeſt, Sieh in dem Zimmer, wo die Wache, nach, Ob die drei Alguazils, die heut im Dienſte, Auch munter ſind. — 26— Ruy Blas. (Geht an die Thüre, öffnet ſie, und kehrt zurück) Sie ſchlafen, gnäd'ger Herr. Don Salluſt. Sprich nicht ſo laut; bleib' in der Nähe: ich Bedarf dein. Wache, daß uns Niemand ſtört. (Don Cäſar de Bazan tritt ein. Durchlöcherter Hut; ſchadbafter großer Mantel, der von dem übrigen Anzuge nichts ſehen läßt, als ſchlotternde Strümpfe und zerriſſene Schuhe; großer Stoß⸗ degen. dem Augenblicke, da er eintritt, gewabren ſich Don Cäſar und Ruy Blasund geben wechſel⸗ ſeitige Zeichen der Überraſchung von ſich.) Don Salluſt (der es bemerkt, bei Seite.) Sie ſah'n ſich an: wie, ſollten ſie ſich kennen? (Ruy Blas ab.) In Zweiter Auftritt. Don Salluſt. Don Cäſar. . Don Salluſt. Ihr da, Bandit? Don Cäſar. Ja Vetter, ich bin da. 3 Don Satluſt. Viel Ehre, ſolchen Taugenichts zu ſehn. Don Cäſar .(grüßend.) Ich freue mich... Don Salluſt. Man weiß um Euer Treiben. Don Cäſar. Ich⸗ denke, Euch gefällt's. Don Salluſt. O noch um andres. Don Carlos Mira wurde jüngſt beraubt. Man nahm ihm alles, Degen und Collet, Die Nacht vor Oſtern;— weil er Jakobsritter, Ließ man den Mantel ihm. 1 Don Cäſar. Herr Jeſus, Warum den? Don Salluſt. Weil das Kreuz darauf geſtickt war. Was ſagt Ihr zu dem frechen Schimpf? Don Cäſar. Gar böſe Zeiten ſind es ohne Zweifel! Du lieber Gott, wohin ſoll das noch führen, Wenn Diebe den heil'gen Jakob reſpektiren? Don Salluſt. Zum Teufel! Ihr war't dabei. — 28— Don Cäſar. Nur halb. Ich will nichts läugnen. Mit war ich, doch berührt' ich Carlos nicht; Ich habe nur gerathen. Don Salluſt. Immer beſſer. Und geſtern, als der Mond ſchon unter war, Trieb ſich auf Plaza Mayor allerlei Geſindel baarhaupt und zerlumpt vor einem Verdächt'gen Hauſ' umher. Sie rauften mit Der Wache. Ihr wart auch darunter. Don Cäſar. Vetter, Nie leg' ich meine Hand an einen Schergen. Da war ich, und nichts mehr. Als ſie ſich ſchlugen, Spaziert' ich unter den Arcaden hin Und machte Verſe.— Doch ſie rauften tüchtig! 1 Don Salluſt. 3 Das iſt noch Alles nicht. Don Cäſar. Laßt weiter hören. Don Salluſt. In Frankreich, ſchuldigt man Euch an, habt Ihr Mit Euren zügelloſen Schandgeſellen Die Kaſſen der Salzämter ohne Schlüſſel Geöffnet. — 29— Don Cäſar. Soll ich's läugnen? Frankreich iſt Ja Feindes Land. Don Salluſt. In Flandern ſtoßt Ihr auf Dom Paul Barthelemy, der den Erlös Der Weinleſe an ſein hochwürdiges Capitel führt, und leget Hand an's Geld Der Cleriſei. Don Cäſar. In Flandern?— Möglich wohl. Ich bin ſo viel gereiſ't!— Iſt das nun Alles? Don Salluſt. Don Cäſar, wenn ich Eurer denke, tritt Der Schweiß der Schande auf mein Angeſicht. Don Cäſar. Gut, laßt ihn treten. Don Salluſt. Unſere Familie... Don Cäſar. Halt! Ihr allein kennt meinen wahren Namen In ganz Madrid. Drum ſchweigt von der Familie. Don Salluſt. Jüngſt ſagte eine Dame, als wir aus Der Kirche gingen, mir:— Was iſt das für Ein Lump, der dort, der ſo die Naſe hoch trägt, — Nunè? und Ihr ſagtet: das iſt Zafari! — 30— Geſpreizt hinſchreitet, nach der Wache ſchielend, Zerfetzt wie Job und ſtolzer wie Braganza, Den Bettler hinter Arroganz verbergend. Seht nur, die Armel reichen kaum zur Fauſt, Der lange Schläger klappert an die Ferſen, Die Strümpfe ſchmiegen ſich in Schneckenwindung, Der Mantel läuft gezackt wie eine Säge: Er aber geht in ſeines Werths Empfindung, Als ob das Heil des Reiches auf ihm läge! Don Cäſar (nachdem er ſeine Garderobe gemuſtert.) Don Salluſt. Nein, ich erröthete. Don Cäſar. Auch gut! Was weiter? Die Dame lachte,— und ich lieb' es ſehr, Die Frauen lachen machen. 6 Don Salluſt. Pöbel nur und Raufbolde ſind Euer Umgang. Don Cäſar. Gute Geſellen, fromm und ſanft wie Lämmer. Don Salluſt. Man ſieht Euch nur mit lederlichen Dirnen. — 31 Don Cäſar. Luzinden ihr der Liebe, ſüße Mädchen! Euch wagt man ſo zu ſchmähen, ſpröde Schönen, Die Abends hören, was ich Morgens dichte. Don Salluſt. Matalobos, der Galizianer⸗Dieb, Der, unſrer Polizei zum Trotz, Madrid Unſicher macht, iſt Euer Spießgeſelle. Don Cäſar. Erwägt, wenn's Euch beliebt. Hätt' ich nicht ihn, So ging' ich nackt, was ſehr fatal doch wäre. Er ſah mich auf der Straße ohne Kleid— Dezember war's— das rührte ihn. Der Geck, Voll Wohlgeruch, Graf Alba— vor'gen Monats Kam ihm ein ſchönes ſeidnes Wams abhanden— Don Salluſt. Don Cäſar. Ich hab's; Matalobos, er gab . Don Salluſt. Des Grafen Kleid? Ihr ſchämt Euch nicht?... Don Cäſar. Iſt's Schande denn, ein hübſches Wams zu tragen? Geſtickt, verbrämt; im Winter wärmt es mich, Im Sommer putzt es.— Seht, es iſt ganz neu.— (Er öffnet ſeinen Mantel; man ſieht ein prachtvolles Wams von roſenrothem Sammt mit Goldſtickerei.) Nun und— 2 Es mir. Die Taſchen ſind noch voll von Liebesbriefen, Dem Grafen hundertweiſe zugeſchickt.— Manchmal, arm und verliebt, wie ich ſchon bin, Wenn ich mit leerem Mund an einer Küche Vorübergeh', aus deren Zugloch auf Der Dampf der Sveiſen ſteigt, ſetz' ich mich hin, Die Briefe leſend, die man ihm geſchrieben, Und täuſche Herz und Magen mit Genuß: Das durch Lectüre von beglücktem Lieben und den durch Wohlgeruch im Überfluß. Don Salluſt. Don Cäſar! Don Cäſar. Haltet Vetter, keinen Vorwurf! Ich bin von hohem Stamm,'s iſt wahr, Eu'r Vetter; Ich heiße Cäſar, Graf auch von Garofa: Doch Thorheit, leider, ſtand an meiner Wiege. Reich war ich, Güter hatt' ich und Palläſte, Mir blieb genug noch, Andre reich zu machen. Pah! Zwanzig Jahre zählt' ich kaum, und Alles War fort, vergeudet, todt; von Allem, was Mein eigen, blieb mir nichts als eine Meute Von Gläubigern, nachheulend ihrer Beute. Ich floh und legte meinen Namen ab. Jetzt bin ich nur ein luſtiger Geſelle, Der Zafari, den Niemand kennt, nur Ihr. Ihr gebt kein Geld. Ich kann's entbehren. Abends — 33— Leg' ich mein Haupt auf einen Pfaaſterſtein Dort vor'm Pallaſte Treve und ſchlafe ein. Neun Jahre glänzt der blaue Himmel über Mein hartes Lager— und ich bin zufrieden. Mein Loos iſt ſchön. Indeſſen meint die Welt, Ich ſei im fernen Indien längſt geſtorben. Der Brunnen bietet Waſſer, das ich trinke, Dann geh' ich ganz vergnügt ſpazieren. Mein Pallaſt, worin ich all mein Gut verſchwendet, Gehört dem Nunzius Espinola jetzt. Wenn ſich dahin mein Schritt zufällig wendet, Seh' ich die Menge, die ſich drängt und hetzt, Und einen Bacchus über'm Thore meißelt. Ich ſprech' ein Wort, das lobet oder geißelt; So frag' ich denn auch jetzt ganz ohne Sorgen: Wollt Ihr mir Vetter, zwanzig Thaler borgen? Don Salluſt. Hört mich!... Don Cäſar (die Arme kreuzend.) Wohlan, laßt Euren Styl jetzt hören. Don Salluſt. 5 Herkommen ließ ich Euch, um Euch zu nützen. Seht Cäſar, ich bin reich und kinderlos, Was mehr noch, Euer Vetter. Schmerzlich ſeh' Ich Euch zum Abgrund taumeln; reißen will Ich Euch davon. Wie Ihr auch prahlt: Ihr ſeid XVII. 3 Fünfhundert Goldducaten geb' ich Euch... — 3241— Unglücklich. Hört denn! Eure Schulden will Ich zahlen, wieder die Palläſt' Euch geben, Zu Hof' Euch bringen, und zum Mann der Schönheit Und Liebenswürdigkeit Euch machen. Sterben Soll Zafari, daß Cäſar auferſtehe. Nach Luſt mögt Ihr in meiner Caſſe wühlen, Der Zukunft und des Geldes unbeſorgt. Verwandte muß man unterſtützen Cäſar, Großmüthig gegen die Familie ſein. (Während Don Salluſt ſpricht, nimmt die Miene Cäſar's den ſteigenden Ausdruck der Überra⸗ ſchung, der Freude und des Zutrauens an; endlich bricht er aus:) Don Cäſar. Ich ſagt' es immer, Ihr habt Geiſt wie'n Satan. Das heiß' ich mir Beredſamkeit, was Ihr Da ſagt. Fahrt fort! Don Salluſt. . Nur eine einzige Bedingung knüpfe ich an alles Das. Ich werde mich ſogleich erklären. Nehmt Indeß die Börſe hier. Don Cäſar (Die mit Gold gefüllte Börſe faſſend.) Sieh da! Vortrefflich! Don Salluſt. Don Cäſar (ganz verwirrt.) Marquis! Don Salluſt (fortfahrend.) Noch heut.. Don Cäſar. Bei Gott, ganz bin ich jetzt der Eure. Was die Bedingung anbelangt, befehlt. Auf Ritterwort! Ich und mein Degen dienen Als Sklaven Euch. Wollt Ihr's, ſchlag' ich zur Stelle Mich ſelber mit dem Capitain der Hölle. Don Salluſt. Nein, Euren Degen, Cäſar, lehn' ich ab. Don Cäſar. Was wollt Ihr dann? ich habe ja nichts and'res. Don Salluſt (ihm näher tretend mit leiſerer Stimme.) Ihr kennt ja Cäſar— und jetzt iſt's recht gut!— Den Pöbel allen in Madrid. Don Cäſar. Viel Ehre, Vetter! Don Salluſt. 2 Ihr ſchleppt ja ganze Haufen ſtets Euch nach, Raufbolde, Mißvergnügte und Geſindel: Und könntet. wohl, wenn's Noth wär', ſo ein wenig Empörung und Aufruhr zuſammenbringen; Ich weiß: und das könnt' ich vielleicht wohl brauchen. 3*† 8 — 36— Don Cäſar (in Lachen ausbrechend.) Vortrefflich! Macht vielleicht Ihr eine Oper? Und wie betheilt ihr mein Genie dabei? Soll für Muſik ich wirken oder Text? Befehlt; ich bin in Charivari's ſtark. Don Salluſt (ernſt.) Zu Ciſar ſprech' ich, nicht zu Zafari. (Fortfahrend und immer leiſer.) Hört! Ich bedarf zu einem düſtren Zwecke Des Arm's, der in der Nacht mir wirken helfe, Und der ein groß Ereigniß mit mir baue. Ich bin nicht ſchlecht; doch ſteht die Zeit jetzt ſo, Daß ſelbſt der Beſte alle Scham vergißt, Zurück den Armel ſtreift und angreift wo Es Noth.— Reich ſollſt du werden; doch du mußt Heimlich und ſtill mir helfen, jenes Netz Zu flechten, das ein kluger Vogelſteller 4 Dem ſonnenhellen Spiegel unterlegt, Womit man Lerchen wohl und Mädchen lockt.— Du, meiy' ich, biſt nicht zu gewiſſenhaft: Ich will durch einen Plan, ſo neu als ſchrecklich, Mich rächen. Don Cäſar. Rächen Euch? Don Salluſt. Ja. — 37— Don Cäſar. Und an wem? Don Salluſt. An einer Frau. Don Cäſar (ſich aufrichtend und ODon Salluſt ſtolz betrachtend.) Nichts weiter, haltet ein! Jetzt Vetter, ſollt Ihr hören, was ich denke. Wer ehrlos ſich auf niedre Weiſe rächt: Ein Ritter mit dem Ehrenrecht des Degens Durch böſen Kniff, ein Mann an einem Weibe, Ein Edelmann, der ſo als Häſcher handelt: Der— ſei er Grand von Spanien, oder mögen An hundert Pagen dienend vor ihm ſchreiten, Sei er in Hermelin gehüllt und Orden, Marquis, Vicomte und Enkel hoher Ahnen, Der iſt mir ein elender feiger Schurke, Den ich um ſeiner niedren Bosheit willen Mit Freuden könnt' am Galgen ſehen. Don Salluſt. Vetter!... Don Cäſar. Kein Wort mehr! Ihr beleidigt mich! (Wirft ihm die Börſe vorie Füße.) Behaltet Eure Geheimniſſe und Euer Geld!—— Ja ich begreif' es, daß man ſtiehlt und plündert Und mordet; daß in finſterer Nacht man Kerker 8 Erſtürmt mit einer Schaar entſchloſſener Flibuſtier,— und Kerkermeiſter, Knecht' und Wachen niedermacht: Banditen wie Wir ſind!— und Aug um Aug nimmt, Zahn um Zahn. Das geht! es kämpfen Mann ja gegen Mann! Doch hinterrücks ein Weib vernichten; heimlich Die Falle unter ihren Füßen graben, Und gegen ſie vielleicht die eigene Natur mißbrauchen, um das arme Vöglein Auf, Gott weiß was für ſchmutz'gem Leim zu fangen: Ehy ich durch ſolche Schändlichkeit zu Reichthum Gelangte und zu ſolcher Handlungsweiſe, Mag ich— und Gott im Himmel iſt mein Zeuge!— Beſchimpft, arm, elend bleiben und vergeſſen und mein Gehirn ein Hund am Anger freſſen. Starn Don Salluſt. Läſar!... 3 Don Cäſar. G Nach Euren Gnaden fühl' ich keine Luſt, So lang' ich frei, mein freies Leben führend, Am Quell mein Waſſeer finde, friſche Luft Im Feld, den Dieb hier in der Stadt, der mich Im Winter kleidet, in der Seele ſtille Vergeſſenheit für das verſunk'ne Glück, Und vor Eurem Pallaaſte breite Treppen, Wo ich des Mittags ſchlafen kann, das Haupt Im Schatten und die Füße in der Sonne. — 39— Lebt wohl! Gott weiß, wer von uns beiden Recht hat! Ihr bleibt bei den Hofleuten, die Euch gleichen, Mich treibt zu meinen Gaunern das Verlangen: Mit Woͤlfen leb' ich wohl, doch nicht mit Schlangen. Don Salluſt. Noch einen Augenblick... 8 Don Cäſar. Laßt den Beſuch Mich kürzen, Herr! und wollt Ihr in's Gefängniß Mich ſchicken, nun wohlan ſo macht es ſchnell. Don Salluſt. Fürwahr, ich hielt Euch für verhärteter, Und dieſe Probe habt Ihr gut beſtanden, Zufrieden bin ich mit Euch; Eure Hand! Don Cäſar. Wie? Don Salluſt. Was ich ſprach, es war ein bloßer Scherz, Um Euch zu prüfen; jetzt nichts mehr davon. Dan Cäſar. Wär's wahr? mir iſt als träumte ich! Ein Weib, Verſchwörung, Rache... Don Salluſt. 3 Nur erdichtet Zeug, Lockſpeiſen, Gaukelbilder. Don Cäſar. Ah, ja ſo! Und meine Schuldenzahlung nur Chimäre, und Schwärmerei die fünfhundert Ducaten. Don Salluſt. Ich hole ſie. (Er geht nach der Mittelthüre des Hindergrund’s und gibt Ruy Blas ein Zeichen einzutreten.) Don Cäſar (Auf dem Vordergrunde der Bühne, folgt Don Salluſt mit dem Blicke und ſpricht:) Und doch ein Schurke dies! Mein Herz ſagt: Ja! mein Auge: Ganz gewiß! Don Salluſt. (bei Seite zu Ruy Blas.) Du bleibſt Ruy Blas. (Zu Don Cäſar.) Ich komme gleich zurück. (Er geht durch die kleine Thüre links ab. Sobald er fort iſt, gehen Don Cäſar und Ruy Blas lebhaft aufeinander zu.) Dritter Auftritt. Don Cäſar. Ruy Blas. Don Cäſar. Bei meiner Treul ich irrte nicht; du biſt's Ruy Blas! . Ruy Blas. Du biſt es Zafari? Was ſuchſt Du hier denn im Pallaſt? — a41— Don Cäſar. Bei Gott, nichts Rechtes, Drum geh' ich wieder. Wie ein Vogel bin ich, und liebe freie Luft. Doch du, und in Livree? das nenn' ich gut verkleidet. Ruy Blas (bitter und verdrießlich.) Nein; Verkleidet bin ich, wenn ich anders bin. Don Cäſar. Ruy Blas. Laß deine Hand mich drücken, Wie oft ich that im Elend und Entzücken, Als Tags vor Hunger, Nachts vor Froſt ich bebte, Auf Steinen ſchlief und doch als Freier lebte. Als du mich kannteſt, war ich noch ein Mann; Vom Volke beide— das war unſer Bann! Drum glichen wir in allem uns wie Brüder, Gemeinſam ſangen Morgens wir die Lieder Und legten uns vor unſerm Herrn und Wirthe, Vor Gott des Nachts hin unter eine Mirthe. Wir theilten Alles.— Endlich kam die Zeit, Die dorthin dich und dahin mich verſtreut. Vier Jahre ſind's, und ich gewahre deiner: Du biſt derſelbe, frei wie ein Zigeuner, Froh wie ein Kind, derſelbe Zafari, In ſeiner Armuth reich, ein Bettler früh, Was ſagſt du da? Der um Beſitz ſich doch gekümmert nie. Doch ich! welch Abſtand! Freund, wo fang' ich an?— Verwaist ward ich in ein Colleg gethan, Wo Mitleid Wiſſenſchaften mir gewährte, Und ſtatt des Handwerks Schwärmerei mich lehrte. Du ſahſt mich. Sinnlos ließ ich die Gedanken Hinſchweifen an des Himmels fernſte Schranken; Und dein Gelächter raſch zu widerlegen War niemals mein geheimer Stolz verlegen. Was ſollte Arbeit mir? Zu einem großen Unſichtbar'n Ziele fühlt' ich mich geſtoßen: Gab's doch die Möglichkeit des günſt'gen Falles, Vom Schickſalslauf erwartete ich Alles.— Dann war ich Einer auch von jenen Thoren, Die müßig und in Träumerei verloren, Oft tagelang vor'nem Pallaſte ſtehen Um ſchöne Frau'n vorübergehn zu ſehen. So kam's, daß einſt, ſchon halb von Hunger todt, Nach Brod ich zugriff, wie ſichs dar mir bot: Ich fand's in Müßiggang und Sclaverei. Der ſchöne Traum des Jünglings iſt vorbei. Damals wenn ich baarfüßig mochte ſchlendern Schwärmt' ich von Menſchenlooſen, die ſich ändern; Und tauſend Pläne waren's, die ich machte, Beweinte Spaniens Schickſal, weil ich dachte, Zu ſeiner Wendung ruf' es mich herbei...— Die Folge, Freund, du ſiehſt ſie— ein Lakai. — 43— Don Cäſar. Ich weiß es, eine niedre Thüre iſt Der Hunger, und Nothwendigkeit zwingt uns Hinein. Der Größte bückt am meiſten ſich. Doch hat das Schickſal ewig Ebb' und Fluth: Drum hoffe. . Ruy Blas (den Kopf ſchüttelnd.) Don Salluſt iſt mein Gebieter. Don Cäſar. Ich weiß. Du wohnſt wohl im Pallaſte hier? Ruy Blas. Nein. Niemals vor dem heut'gen Morgen ging Ich über dieſe Schwelle. Don Cäſar. Iſt es möglich? Doch wohnt dein Herr Kraft ſeines Amtes hier. Ruy Blas. Wohl wahr, weil ſtündlich ſein der Hof bedarf. Doch hat er nebenher ein kleines Häuschen, Wohin bei Tag vielleicht er nie noch kam. Kaum hundert Schritte vom Pallaſte. Eine Beſcheidne Wohnung, wo ich hauſe. Dort Durch die geheime Thür', wozu nur er Den Schlüſſel hat, erſcheint er manchmal Nachts, Gefolgt von Menſchen, welche Masken tragen; Sie ſperren ſich dann ein und ſprechen leiſe, a1 und Niemand weiß was dort geſchieht. Ich und Zwei ſtumme Mohren, welche mir gehorchen, 4 Wir ſind allein im Hauſe. Don Cäſar. Ja, dort iſt's, Wo als Vorſteher der Alcaden ſeine Svione er empfängt und ſein Verſteck hält. Er iſt ein gar gewalt'ger Herr, der alles In ſeiner Hand hat. Ruy Blas. Geſtern ſprach er zu mir: Vor Sonnenaufgang morgen biſt du im Pallaſt. Du gehſt in's Thor goldnen Gitter. Und als ich kam hieß er mich die Livree Anziehn. Dies Schandkleid, drin du mich erblickſt, Ich trag' es erſt ſeit heute. Don Cäſar (ihm die Hand drückend.) Hoffe! Ruy Blas. Hoffen?!— Du weißt noch Alles nicht!— In dieſem Kleide Das mich beſchimpft, entwürdigt leben; Freude Und Stolz verloren haben— iſt nur blein: Was liegt daran entehrt und Sclav zu ſein! O höre Freund! Nicht fühl' ich dieſe Schande, Weil ganz mein Herz von einem wüth'gen Brande — 45— Erfüllt iſt, der es ſchlangengleich durchwindet Und jeden Athemzug an Schmerzen bindet. Don Cäſar. Was willſt du ſagen? Ruy Blas. Denke, dichte, deute. Blättr' im Gedankenbuch: auf Einer Seite Find'ſt du vielleicht ein Wort, ein niegehörtes, Fluch, Wahnſinn, Unglück darzuthun gehört es, Daß Herzen ſchon ſein Klang mit Schauern trifft. Ja, braue einen Trank vom ſtärkſten Gift, Grab' einen Abgrund, ſchwärzer als die Sünde Und tiefer als die Thorheit,— und noch finde Ich mein Geheimniß nicht damit erreichen. Du räthſt es nicht?— Wer riethe auch dergleichen? Der Abgrund gähnt mich an, ich ſtürze hin: 3 Ich liebe, Zafari,—— die Königin! Don Cäſar. Ruy Blas. Unter einem ſammtnen Himmel, dran Reichsapfel prangt und Kron' im Escurial Hier oder in Aranjuez, da ſitzt Ein Mann ſo hoch, daß wir von unten kaum Ihn ſeh'n und bebend ſeinen Namen nennen; Vor dem wir alle, wie vor Gott, gleich ſind, Den zitternd man und auf den Knie'n bedient; Gott! Vor dem das Haupt bedecken eine Ehre, Und deſſen Wink Tod für uns beide wäre. Er deſſen jeglicher Gedanke That, Der ſtolz allein, im Glanze und im Staat Der Majeſtät ſein hohes Leben ſpielt, und deſſen Wort der halben Welt befiehlt: Wohlan, ich der Lakai, der König Er—, O Freund, es quält die Eiferſucht mich ſehr! Don Cäſar. Ruy Blas. Ja wohl, mit ihm; ja mit dem König: Ich liebe ja ſein Weib. Don Cäſar. Unglücklicher! Ruy Blas. So höre. Täglich harr' ich, wie wahnſinnig, Wo ſie vorbei geht. Ach, ihr ganzes Leben Iſt ein Geflecht von öder Langerweile. Des Nachts träum' ich davon. An dieſem Hofe Zu leben unter Haß und Trug; gebunden An dieſen König, der ſich nur zum Jagen Zeit nimmt, an dieſen ſchwachen Thoren, an Den Greis von Dreißig— wen'ger als ein Mann, Der lieben nicht und nicht regieren kann; An ein entnerot Geſchlecht..! So jung und ſchön, Und dieſem zweiten Karl verlobt! O Elend!— Mit ihm? 1 — 1.— Allabends geht ſie zu den frommen Schweſtern Dort in der Straße Ortaleza, Freund. Wie dieſer Wahnſinn mir das Herz beſchlichen, Ich weiß es nicht. Doch höre. Eine Blume Mit blauem Sterne liebt ſie noch aus Deutſchland: Und täglich renn' ich eine Meile Weges Nach Caramanchel hin um ſolche Blumen, Die ich an keinem andern Orte fand. Und aus den ſchönſten flecht' ich einen Straus, — O lache den Unglücklichen nicht aus!— Und ſteige in den Park, zu Nacht, verwegen Auf ihre Bank die Blumen hinzulegen. Ja geſtern wagt ich's, magſt du mich bedauern! Ein Brieſchen in die Blumen einzuſchieben. Klettr' ich des Nachts auf jene hohe Mauern, Die Wachen trügend, die den Park umlauern, So treff' ich oben eiſernes Gezacke, Das ich mir einſt vielleicht ins Leben hacke. Ob Blum' und Brief ſie findet, weiß ich nicht: Du hörſt o Freund, daß Wahnſinn aus mir ſrricht Don Cäſar. Zum Teufel auch: dein Wagſtück hat Gefahr. Nimm dich in Acht! Der Graf Onate, der 3 Sie gleichfalls liebt, bewacht als Majordomo Und als Verliebter ſie. Es könnte einmal, Wenn dein Schutzengel ſchläft, dir wohl paſſiren, Daß mit der Partiſan' ein Reitersmann — 4s— Den Straus, noch eh' er welkt, an's Herz dir nagelt. Welch' ein Gedanke auch! die Königin Zu lieben! Und warum? Zum Teufel, wie Haſt du das angefangen? Ruy Blas (in heftiger Bewegung.) Weiß ichs ſelbſt?— O meine Seele gäb' ich drum, wär' ich Der Ritter Einer, die dort unten wandeln Wie der lebend'ge Stolz, die Feder auf Dem Hut und Unverſchämtheit in der Seele! Ja, der Verdammniß wollt' ich angehören Um ungefeſſelt vor ſie hinzutreten, In einem Kleide, das nicht ſchmählich iſt. Doch Wuth, ſo zu erſcheinen ihrem Blick— Lakai, in der Livree, Lakal vor ihr! O Herr erbarme dich!— (Sich Don Cäſar nähernd.) Du fragteſt mich Warum ich und ſeit wann ich ſo ſie liebe? Ein Abend war es— doch wozu das Alles! Ich weiß, daß ich dem Wahnſinn längſt verfallen, Willſt du mit Fragen mich zu Tode martern? Wo? Wann? Warum und Wie?!— Es kocht mein Blut: Ich liebe glühend ſie— damit iſts gut! 5 Don Cäſar. Nun zürne nicht. — 49— Ruy Blas (ſinkt blaß und erſchöpft in den Lehnſtubl.) Ich leide ſo. Vergib! Und beſſer noch, geh', flieh'! Verlaſſe den Bejammernswerthen, der im Rock des Knechtes Die Leidenſchaften eines Königs birgt. Don Cäſar (die Hand auf ſeine Schulter legend.) Dich fliehn!— Ich den nichts ſchmerzt, der Niemand liebt, Ein leerer Glockendeckel ohne Schwängel, Ein Bettler, der um Liebe betteln möchte, Ein ſtummes Herz, deß Leben längſt entflohen, Zeriſſner Zettel eines Stücks von geſtern,— Sieh Freund, um dieſe Liebe die aus deinem Blick leuchtet, neid' ich und bewein' ich dich, Ruy Blas! 4 (Kurze Pauſe. Sie halten die Hände feſt ineinander gedrückt und betrachten ſich ſtumm mit dem Aus⸗ drucke herzlichen Vertrauens. Don Salluſt tritt ein. Er geht lleiſe vorwärts, beide, die ibn nicht gewahren, aufmerkſam beob⸗ achtend. Er trägt in der einen Hand einen Feder⸗ hut und Degen, den er eintretend bei Seite thut, in der andern eine Börſe, die er auf den Tiſch legt.) Don Salluſt (zu Don Cäſar.) Hier iſt das Geld. (Wie Ruy Blas ſeine Stimme hört, fährt er wie erwachend empor und hält ſich, geſenkten Blickes, aufrecht in reſpektvoller Stellung.) XVII. 4 — 350— Don Cäſar (bei Seite, einen mißtrauenden Blick auf Don Salluſt.) Hol' mich der Teufel, Behorcht hat uns das mürriſche Geſicht!— Was liegt daran! (Laut zu Don Salluſt.) Ich danke, Don Salluſt. (Er geht an den Tiſch, nimmt die Börſe, ſchüttelt ſie aus und wühlt vergnügt in dem Golde, das er in Häufchen aufſtellt. Während er ſich ſo be⸗ ſchäftigt geht Don Salluſt nach dem Hinter⸗ grunde, öfters umblickend, ob er nicht Cäſar's Aufmerkſamkeit errege, und öffnet die kleine Thür rechts. Auf ein Zeichen von ihm erſchienen inner⸗ halb dieſer drei Alguazils, ſchwarz gekleidet mit Degen. Don Salluſt zeigt ihnen Don Cäſar. Ruy Blas ſteht ſteif und regunglos hinter dem Tiſche und hört und ſieht nichts, was um ihn herum vorgeht.) Don Salluſt. 3(Leiſe zu den Alguazils.) L Ihr folgt, ſobald er von hier geht, dem Manne Der dort das Gold zählt, und bemächtigt Euch ſein in aller Stille— ohne Aufſehn. Nach Denia ſchafft ihr ihn auf kurzem Weg Und ſchifft ihn ein. (Er übergibt ihnen ein geſiegeltes Pergament.) Hier der Befehl, von mir Gezeichnet.— Auf dem Meeré dann verkauft Ihr ihn, ohn' ſein Gejammer anzuhören, — 51— Den afrikaniſchen Corſaren.— Tauſend Piaſter ſind für euch. Macht ſchnell und ſicher! (Die drei Alguazils verneigen ſich und treten zurück.) Don Cäſar (mit ſder Ordnung drs Goldes beſchäftigt.) 's iſt doch die ſchönſte Unterhaltung das, Wenn man ſein eignes Geld ſo ordnen kann. (Er hat es in zwei gleiche Hälften getheilt und wendet ſich jetzt zu Ruy Blas.) Da Bruder, nimm dein Theil! Ruy Blas Wie? Don Cäſar (auf die zwei Häufchen deutend.) Nimm. Komm' mit. Don Salluſt (der im Hintergrund alles beobachtet, bei Seite.) Verdammt! Ruy Blas. Nein Freund! Frei muß das Herz Erſt werden. Dank! An dieſem Orte waltet Mein Schickſal, und ich bleibe. Don Cäſar. Nach Belieben. Biſt du ein Narr? bin ichs! das weiß der Himmel. (Er ſtreicht das Geld in den Beutel und ſteckt ihn ein.) 4* Sei frei! — Don Salluſt (rückwärts, beide mit dem Blicke muſternd.) Faſt gleich von Außerem und gleich an Jahren. Don Cäſar (u Ruy Blas.) Leb' wohl, Freund! 4 Ruy Blas. Deine Hand! (Sie reichen ſich die Hände. Don Cäſar geht ab, ohne Don Salluſt zu ſehen, der ſich ſeit⸗ wärts hält.) Vierter Auftritt. Ruy Blas, Don Salluſt. Don Salluſt. Ruy Blas! Ruy Blas (ſich ſchnell umwendend.) 3 Marquis! Don Salluſt. Heut' Morgen, als hierher du kamſt, ich weiß Es nicht genau mehr, war's ſchon heller Tag? . Ruy Blas. Nein, gnäd'ger Herr. Dem Portier übergab Ich Euren Paß, und ſchweigend trat ich ein. 6 Don Salluſt. Du warſt im Mantel? — 55— Ruy Blas. Ja Eu'r Excellenz. Don Salluſt. So ſah dich alſo Niemand hier im Schloſſe In der Livree? Ruy Blas. und Niemand in Madrid. Don Salluſt (nach der kleinen Thüre deutend, durch die er früher eingetreten war.) Recht gut! ſo ſchließ' die Thür' und lege die Livree ab. (Ruy Blas ziebt ſeinen gallonirten Überwurf aus und legt ihn in den Armſtuhl.) Dann bedünket mich, daß du 'ne ſchöne Hand ſchreibſt. Setz' dich und laß ſeh'n. (Ruy Blas gehorcht und ſetzt ſich zu dem Tiſche, worauf die nöthigen Schreibrequiſiten ſtehen.) Du ſollſt als Secrekär mir heute dienen, Und kein Geheimniß mach' ich dir.— Zuerſt Ein Liebesbriefchen ſchreibſt du an Praxedis, Die holde Schöne, die der Himmel mir Beſtimmte.— Schreib' was ich dictir'.— .„Es hat „Ein Wetter über mir geſammelt ſich, „Das meine Herzenskönigin allein „Verſcheuchen kann, wenn heute Abend ſie „In meinem Hauſe mich beſucht. Wo nicht, „Bin ich verloren. Herz, Verſtand und Leben „Sie ſind in Eure milde Hand gegeben.“ — 54— — Ein Wetter, hum! der Styl, die Wendung iſt Nicht ſchlecht, ſie anzuziehn: ich kenne das. Die Weiber retten gern.— Füg' noch hinzu: „Zur Seitenthüre tretet unerkannt „Ihr ein; ein treuer Diener wird ſie öffnen.“ So, gut! jetzt unterſchreibe. Ruy Blas. Euren Namen, Mein gnäd'ger Herr? Don Salluſt. Bewahre! ſchreibe Cäſar, Den führ' ich im Incognito der Liebe. Ruy Blas (nachdem er gehorcht.) Die Dame wird die Hand nicht kennen. Don Salluſt.: Pah! Das Siegel g'nügt. Gar oftmals ſchrieb ich ſo.— Ruy Blas, heut Nacht noch reiſe ich, und laſſe Dich hier zurück. Die freundſchaftlichſten Pläne Hab' ich mit dir. Es ſoll dein Stand ſich ändern, Doch mußt du mir in allem wohl gehorchen; Und da als Diener ich verläßlich dich Und brav gefunden habe... Ruy Blas (ſich verneigend.) Excellenz! — 55— Don Salluſt (fortfahrend.) So will ich dich und dein Geſchick erhöhen Ruy Blas (auf das geſchriebene Billet deutend.) Des Brief's Addreſſe? Don Salluſt. Die beſorg' ich ſelbſt. (Er nähert ſich Ruy Blas mit geheimnißvoller Miene.) Ich will dein Glück. (Kurze Pauſe. Dann gibt er Ruy Blas ein Zeichen, ſich wieder an den Tiſch zu ſetzen.) Jetzt ſchreibe.— Jezt ſij„Ich Ruy Blas, „Lakai in Dienſten des Marquis von Finlas, „Gelobe ihm in jeder Angelegenheit, „ So öffentlich als heimlich, treu zu dienen““ Das Datum nun und deinen Namen. Gut. Jetzt gib. (Er nimmt beide Blätter, die Ruy Blas geſchrieben, faltet ſie und legt ſie ſorgfältig in ſein Portefeuille.) Man brachte vorhin einen Degen mir, Dort liegt er ja. (Er blickt nach dem Stuhle, worauf er früber Hut und Degen gelegt, und holt den Degen mit Schärpe.). Die Schärpe iſt von Seide Im neueſten Geſchmacke reich geſtickt. Er zeigt ſie Ruy Blas. Sieh'mal, Ruy Blas. Was ſagſt du zu den Blumen? — 56— Der Degenknopf ein Meiſterwerk von Gil, Dem köſtlichen Bildhauer, der, den Damen Zu Liebe, unſre Degenknöpfe gar Mit Büchschen oben zu Bonbons verſieht'. 4 (Er hängt Ruy Blas die Schärpe, woran der Degen iſt, um den Hals.) Laß mich an dir'mal den Effekt beſehn.— Führwahr, du ſiehſt ganz wie ein großer Herr aus. (Horchend.) Man kömmt!— Ja doch, es iſt die Stunde, wo Die Königin hier durch die Galerie geht. — Ah, der Marquis von Baſto!— (Die große Mittelthüre nach der Galerie öffnet ſich. Don Salluſt nimmt ſchnell ſeinen eigenen Mantel herunter, und hängt ihn Ruy Blas um; in dieſem Augenblicke tritt der Marquis von Baſto ein; Don Salluſt geht ihm raſch entgegen nnd zieht den hocherſtaunten Ruy Blas nach ſich.) Fünfter Auftritt. 8 Don Salluſt, Ruy Blas, Don Pamfilo d'Ava⸗ los Marquis von Baſto, ſpäter Marquis von Santa Cruz, ſpäter Graf Albaz zuletzt der ganze Hofſtaat. Don Salluſt (zu Marquis von Baſto.) Herr Marquis, — 57— Mit Eurer gütigen Erlaubniß ſtell' Ich Euch hier meinen Vetter vor, Don Cäſar, Graf von. Garofs und Velalcazar. Ruy Blas (bei Seite.) Don Salluſt (leiſe zu Ruy Blas.) Schweig! Marquis von Baſto (mit einer Verbeugung zu Ruy Blas.) Mein Herr, es freut mich ſehr.. Don Salluſt (leiſe zu Ruy Blas.) Laß mich nur machen! Jetzt begrüße ihn. (Ruy Blas begrüßt den Marquis.) Marquis von Baſto d(zu Ruy Blas.) Ich war in Eure Mutter ſehr verliebt. (zu Don Salluſt.) Er hat ſich ſtark verändert: kaum noch hätt' Ich ihn erkannt. O Himmel! Don Salluſt (leiſe zum Marquis.) Zehn Jahre ändern viel. Marquis von Baſto. Don Salluſt (Ruy Blas auf die Schultern klopfend.) Jetzt aber iſt er wieder da!— Ja wohl! — 58— Erinnert Ihr Euch noch Marquis, des kleinen Verſchwenders? Wie er die Piſtolen friſch Hinauswarf? Alle Abend Feſte, Bälle, Bankett', Concert' und immer tolles Zeug, Daß ganz Madrid erſtaunt die Augen aufriß. Drei Jahre dauerte der Spaß. Er war Ein wahrer Löwe im Verſchlingen. Jetzt Kommt er aus Indien mit der Galione. Ruy Blas (verwirrt.) Herr.. Don, Salluſt. Vetter ſage, denn wir ſind's!— Die Bazan's Sind, wie mich dünkt, ganz freie Edelleute. Iniguez von Jviza iſt uns Ahn. Sein Enkel, Pedro Bazan, der vermählte Sich mit Mariana Gor, die Johann ihm Gebar, der General des ganzei Oceans War unter König Philipp. Johann hatte Zwei Söhne, welche unſerm alten Stammbaum Ein Doppelwapen gaben. So bin ich Marquis von Finlas, Graf Garofa du. Gleich ſind ſich beide; und von Mutterſeite Auch ſind wir gleich: du biſt ein Aragon Und ich ein Portugal. So ſind wir beide Von gleichem Rang und gleicher Ahnen Söhne. — 59— Ruy Blas (für ſich.) Was hat er mit mir vor? (Während Don Salluſt ſprach, iſt der Mar⸗ quis von Santa Cruz, ein Greis mit weißem Schnurr⸗ und Zwickelbarte, herbeigetreten.) Marquis von Santa Cruz. (zu Don Salluſt.) Ganz gut, Marquis, Erklärt Ihr das, und wenn er Euer Vetter, So iſt er auch der meine. Don Salluſt. Ja wahrhaftig, Weil wir deſſelben urſprungs, Herr Marquis Von Santa Cruz. (Ihm Ruy Blas vorſtellend.) Don Cäſar. Marquis von Santa Cruz. . Derſelbe alſo, den Man todt geglaubt?* Don Salluſt. Derſelbe. Marquis von Santa Cruz. Glücklich wieder Don Salluſt. Ja, aus Indien. Gekommen? — 60— Marquis von Santa Cruz (Ruy Blas genau anſehend.) Ja wahrlich! Don Salluſt. Erkennt Ihr ihn? Marquis von Santa Cruz. Ei freilich, denn ich ſah Ihn ja, da er zur Welt kam. Don Sulluſt (leiſe zu Ruy Blas.) Dieſer Herr Iſt blind, und will's nicht ſein; darum erkennt Er dich, um ſeinen Scharfblick zu beweiſen. Marquis von Santa Cruz (Ruy Blas die Hand hinhaltend.) Da ſchlaget ein Couſin, ich freue mich Euch wieder hier zu ſehen. Don Salluſt (leiſe zu Santa Cruz, den er bei Seite nimmt. Seine Schulden Werd' ich bezahlen. Ihr in Eurem Poſten Könnt viel ihm nützen; wenn vielleicht'ne Stelle Bei Hofe ihm... Marquis von Santa Cruz (leiſe.) Ein hübſcher junger Mann: Ich denke ſein: zumal, da er von unſrer Familie iſt. — 61— Don Salluſt. Euch ſchenkt man das Vertrauen Im hohen Rathe, Euch empfehl ich ihn. (Er empfiehlt ſich von dem Marquis Santa Cruz und präſentirt Ruy Blas anderen, mitt⸗ lerweile eingetretenen Herren, worunter der pracht⸗ voll gekleidete Graf Alba iſt.) (Ihnen Ruy Blas vorſtellend.) Ein Vetter von mir, Don Cäſar Graf von Garofa und Velalcazar. (Die Herren wechſeln mil Ruy Blas ceremoniöſe Verbeugungen. Don Salluſt im Vorüber⸗ gehen zum Grafen Alba:) Ihr fehltet geſtern im Ballete Atalanta, und Lindamire tanzte wie'ne Göttin. (Ganz erſtaunt über das Kleid des Grafen.) Graf Alba, das iſt wunderſchön! 4 Graf Alba. Ich hatte Ein ſchön'res noch, von Roſa⸗Sammt mit Gold, Das hat der Dieb Matalobos geholt. Der Thürhüter (im Hintergrunde.) Die Königin! An Euren Platz, Ihr Herren. (Die Vorhänge der Galerie öffnen ſich; man ſieht die Wachen gereiht ſtehen. Die Herren ordnen ſich zunächſt dem Eingange. Ruy Blas kommt keuchend und außer ſich ganz in den Vordergrund der Bühne, gleichſam um ſich zu verbergen. Don Salluſt eilt ihm dahin nach.) Don Salluſt (leiſe zu Ruy Blas.) Verläßt dich die Vernunft, wenn dir dein Glücksſtern Aufgehen will? Auf, faſſe dich, Ruy Blas! Noch heut' muß aus Madrid ich fort mich wenden. Das kleine Haus hart an der Brücke, wo Bisher du wohnteſt, laß' ich dir, und ich Behalte nichts, als die geheimen Schlüſſel. Dies Haus, ich geb' es dir und auch die Sklaven. Bald treff' ich noch viel beſſ're Anſtalten. Drum folge meiner Abſicht; denn ich will Ja nur dein Glück.— Steig' immer höher, höher; Nichts fürchte, denn der Augenblick iſt günſtig. Der Hof iſt ein Gebiet, worin man, ohne Je klar zu ſehen, geht. Du gehe mit Verbund'nen Augen hin: ich will dich führen. Der Thürhüter (von außen, laut.) Ruy Blas (für ſich.) Die Königin, o Gott! (Die Königin erſcheint in prachtvoller Garderobe, von Hofdamen und Pagen brgleitet, unter einem Himmel von Scharlachſammt, den vier Hofherren entblößten Hauptes tragen. Ruy Blas iſt außer ſich und ganz im Anſehen dieſer Erſcheinung ver⸗ loren. Alle Grands von Spanien, Santa Cruz, Baſto, Alba und Don Salluſt Die Königin! — 63— bedecken das Haupt. Don Salluſt gebt raſch nach dem Lehnſtuhl, wohin er früher den mitgebrach⸗ ten Hut gelegt, und bringt dieſen dem Ruy Blas.) Don Salluſt (zu Ruy Blas, ihm den Hut aufſetzend.) Wo denkſt du wieder hin?— Bedecket Euch Don Cäſar, Ihr ſeid Grand. Ruy Blas. 9 und was befehlt Ihr jetzt mir? 3 Don Salluſt (auf die Königin zeigend, die langſam vorbeigeht.) Dieſer Frau ſollſt du gefallen, und ihr Geliebter werden einſt vor Allen. Zweite Handlung. Die Königin von Spanien. Perſonen: Die Königin. Caſilda. Ruy Blas. Thürhüter der könig⸗ Don Guritan. lichen Gemächer. Herzogin von Albu⸗ Duennen und Pagen. quera. Wachen. Saal nächſt dem Schlafgemach der Königin, wohin links eine kleine Thüre führt. Rechts geht eine andere Thüre nach den äußeren Gemächern. Große Fenſter als Rückwand, ſie ſind geöffnet. Schöner Nachmittag im Herbſt. Großer Tiſch, ringsherum Armſtühle. Das Bild einer Heiligen, reich eingefaßt hängt an der Mauer, man liest darunter: Santa Maria Esclava. An entgegengeſetzter Seite gleich⸗ falls ein Madonnenbild, vor dem eine Lampe brennt; nahe daran das Portrait Karl des II. in ganzer Figur. Wenn der Vorhang aufgeht ſitzt die Königin vorn in der Ecke, ihr zur Seite eine ihrer Damen, ein junges freundliches Mädchen. Die Königin geht weiß, Robe von Silberſtoff. Sie ſtickt und plaudert von Zeit zu Zeit. Auf der entgegengeſetzten Seite ſitzt gravitätiſch in einem Lehnſtuhl Donna Juana de la Cueva Herzogin von Albuquera, Oberhofmeiſterin, mit einem Teppich beſchäftigt, eine alte Dame in ſchwarzer Hofkleidung. An einem Tiſche lin der Nähe der Herzogin ſitzen mehrere Dnennen mit Frauenarbeiten. Rückwärts — 65— ſtebt Don Guritan Graf von Onate, Oberbofmeiſter, ein großer hagerer Fünfziger mit grauem Schnurrbart; Haltung eines alten Militärs; Kleidung höchſt elegant; Bänder von oben bis unten. Erſter Auftritt. Die Königin, Herzogin von Albuquera, Don Guritan, Caſilda und Duennen. Königin. Er iſt doch abgereist: und ich ſollte mich darüber freuen. Aber nein! Dieſer Marquis von Finlas macht mir bange: er haßt mich. Caſilda. Geſchah es nicht nach dem Wunſche Eurer Majeſtät, daß man ihn fortſchickte? Königin. Ja, der Mann haßt mich. Caſilda. Euer Majeſtät... Königin. Sieh, Caſilda, es iſt ſonderbar, dieſer Marquis iſt für mich wie ein böſer Geiſt. Neulich kam er, des andern Tages mußt' er nemlich fort, ganz wie gewöhnlich zum Handkuß. Alle Granden näherten ſich der Reihe nach dem Thron; ich reichte ihnen meine Hand dar: ich war nicht heiter aber ruhig, und mein Auge ruhte gedankenlos auf einem Schlachtenbilde, das mir gegenüber hing. Da glitt mein Blick von der Wand herab auf dieſen fürch⸗ XVII. 5 — 66— terlichen Menſchen, und kaum daß ich ihn gewahrte, ſah ich auch nichts mehr als ihn. Seine Hand ſpielte mit dem Gefäße eines Dolches, deſſen blanken Stahl ich zu⸗ weilen auch ſah; langſamen Schrittes und ernſt kam er herbei, dann beugte er ſich plötzlich ſchmiegſam und kriechend— und ich fühlte den Mund einer Schlange auf meiner Hand. Caſilda. Er that ſeine Pflicht; thun wir nicht dasſelbe 2 Königin. O, ſeine Lippen waren nicht wie die der Andern. Damals ſah ich ihn zum letztenmal, aber gar oft denke ich daran. Ich habe wohl noch andere Feinde; gleichviel! aber ich ſage mir immer ſelbſt: In dem Herzen dieſes Mannes iſt eine Hölle, und in ſeinen Augen bin ich nichts als ein Weib. In meinen Träumen ſogar verfolgt mich dieſer Dämon, wie er mir die Hand küßt und wie aus ſeinen Blicken der Haß leuchtet. Und wie ein tödtliches Gift, das von Ader zu Ader ſtrömt, ſo fühl' ich dann ſeinen kalten Handkuß bis in mein erſtarrendes Herz rieſeln.— Was ſagſt du dazu? Caſilda. Traumbilder, hohe Frau! nichts mehr. Königin. Ja wohl! ich habe genug anderen Grund zum Kummer in meiner Seele.(Für ſich.) Was mich peinigt — 67— muß ich verbergen.(Laut zu Caſilda.) Sieh doch nach den armen Leuten, die ſich nicht in die Nähe wagen. Caſilda (an's Fenſter tretend.) Sie ſind noch dort auf dem Platze, Majeſtät. Königin. Da nimm, wirf ihnen meine Börſe zu. Caſilda (wirft die empfangene Börſe aus dem Fenſter, kehrt dann zurück und ſpricht auf Don Guritan deutend, der aufrecht und ſtumm im Hintergrunde ſteht, den ſtillanbetenden Blick auf die Königin gerichtet.) Erhabene Frau, die Ihr ſo großmüthig Almoſen ſpendet, habt Ihr denn nichts für den armen Grafen Onate? nicht ein bleines Wörtchen?— So ein guter alter Herr, verliebt unter dem Heldenwams, ein edles Herz wenn auch in harter Schaale. Königin. Er langweilt mich. Caſilda. Das glaub' ich gern. Aber ſchenkt ihm ein Wort! Königin (ſich an Don Guritan wendend.) Guten Tag, Graf. Don Guritan (nähert ſich der Königin mit drei tiefen Verbeugungen und küßt ſeuf⸗ zend ihre Hand, was ſie mit gleichgiltiger Miene geſchehen läßt. Er zieht ſich dann wieder auf ſeinen Platz in der Näbe der Oberhofmei⸗ ſterin zurück und ſpricht im Vorübergehen zu Caſildaa:) Die Königin iſt heut wieder himmliſch! 5*⅔ = 68=— Caſilda (ihm mit den Blicken folgend, zur Königin) Der arme Storch ſteht immer am Teiche der ihn anzieht.— Nach tagelangem Harren fällt endlich ein „Guter Morgen“ oder„Guter Abend“ für ihn ab, zu⸗ weilen auch ein trokenes Wort, und immer geht er nach ſeiner Schnabelweide heiter fort. Königin (mit halbem Lächeln) So ſchweige doch. Caſilda Euch zu ſehen, genügt ihm um glücklich zu ſein. Ent⸗ zücken heißt nach ſeinem Wörterbuche ſoviel als: die Königin ſehen.(Sie erblickt ein kleines Käſtchen auf einem Geſtelle.) Welch ein niedliches Käſtchen! Königin. Ach ja, hier liegt der Slüſſel dazu. Caſilda. Von feinſtem Aloeholz. Königin. Offn' es. Ich habe Reliquien hineinthun laſſen, die ich meinem Vater nach Neuburg ſchicken will. Er wird ſich gewiß darüber freuen.(Sie verſinkt in ein kurzes Nach⸗ ſinnen, woraus ſie bald lebhaft emporfährt.) Ich will auch nicht mehr nachdenken und das was ich in der Seele trage, verbannen!(Zu Caſilda.) Geh' auf mein Gemach und kein deutſches, ein ſpaniſches..... der König jagt; immer iſt er abweſend. Welche Langweile! Ein halbes Jahr bin ich ſeine Gemalin und kaum zwölf Tage brachte ich in ſeiner Nähe zu. Caſilda. Da heirate man einen König, um dann ein ſolches Leben zu führen! Die Königin (verſinkt wieder in Gedanken, denen ſie ſich abermals mit aller Macht entreißt, und ruft dann lebhaft:) Ich will ausgehen! Herzogin von Albuquera (die bisher ſtumm und ſeeif in ihrem Armſtuhl geſeſſen, richtet ſich bei dieſen befehlenden Worten der Königin auf und ſpricht mit einer tiefen Verneigung.) Wenn die Königin ausgehen ſoll,— ſo befiehlt das Hofgeſetz— muß vor ihr her jede Thüre durch einen Grand von Spanien geöffnet werden, der das Recht des Kammerherrenſchlüſſels beſitzt,— und zu dieſer Stunde kann keiner mehr im Pallaaſte ſein. Königin. Man ſperrt mich alſo ein, man will, daß ich ſterbe, Herzogin. 1 Herzogin (wieder mit einer tiefen Verbeugung.) Ich bin die Oberhofmeiſterin und thue nur meine Pflicht. (Sie ſetzt ſich.) — 70— Königin (drückt den Kopf verzweifelnd in die Hände, für ſich.) Alſo wieder nachgedacht!— Nein!(laut) Schnell Kinder, herbei, wir wollen Landsknecht ſpielen! Herzogin (zu den Duennen) Sitzen geblieben, meine Damen!(aufſtehend und mit einer tiefen Verneigung zur Königin) Nach altherkömmlichem Geſetz kann die Majeſtät nur mit Königen oder Ver⸗ wandten des Königs ſpielen. Königin (beleidigt und ſpitzig.) Gut, ſo laßt die Verwandten kommen. Caſilda (bei Seite) O über die Hofmeiſterei! Herzogin (ſich mit dem Kreuze bezeichnend) Der Herr hat Sr. Majeſtät dem Könige deren nicht beſchieden. Die Königin Mutter iſt todt und er jetzt allein. Königin. So ſoll man mir zu eſſen bringen. Caſilda. Ach ja, das iſt ſehr unterhaltend! Königin. Ich lade dich ein, Caſilda. — 71— Caſilda (mit einem Blick auf die Herzogin, leiſe.) Was wird die ehrwürdige Großmama ſagen? Herzogin (aufſtehend und mit tiefer Verneigung.) Wenn der König nicht daheim iſt, ſpeist die Königin allein.(Sie ſetzt ſich wieder.) Königin (höchſt aufgebracht.) Mein Gott, was ſoll ich denn? Nicht ausgehen, nicht ſpielen, nicht eſſen darf ich nach meiner Luſt; für⸗ wahr, ein halbes Jahr lieg' ich ſchon im Sterben, das heißt, ſo lange bin ich Königin. Caſilda (bei Seite, die Königin mit Tbeilname betrachtend.) Arme Frau! die Tage ſo im Zwange hinzuleben, an dieſem abgeſchmackten Hofe: und kein anderes Vergnügen zu haben, als am Rande dieſes ſtillen Sumpfes einen alten verliebten Grafen(mit einem Blick auf Don Guritan.) zu ſehen, der vom Handkuß träumt. Königin (u Caſilda.). Was ſollen wir anfangen? erſinne Etwas. Caſilda. Mir fällt Etwas ein. In Abweſenheit des Königes ſeid Ihr ja die Regentin. Laßt, um Euch zu zerſtreuen, die Miniſter zuſammenberufen. Königin. Ein ſchönes Vergnügen! Acht finſtere Geſichter ſehen, die mir von Frankreich und ſeinem ſchwachen Könige vor⸗ reden, von Rom und vom Erzbiſchof, der in Burgos ſeine Prozeſſion unter goldenem Traghimmel hält.— Denk' an Etwas anderes. Caſilda. Wie wär's, wenn ich, Euch zu unterhalten, einen jungen Kammerjunker herauf kommen hieße? Königin. Caſilda. Ach, ich möchte wohl einmal auch einen jungen Mann ſehen: die alten Herrlichkeiten dieſes Hofes ſind wirklich peinlich. Das Sehen, hohe Frau, macht auch alt, und glaubt mir, man altert ſchneller, wenn man immer nur Alte vor Augen hat. Caſilda! Königin. Scherze nur Närrchen! Die Zeit kömmt ohnedies von ſelbſt, wo ſich das Herz verſchließt, und wo man den Schlaf und die Heiterkeit verliert.(Nachdenklich.) Mein Glück iſt jener Winkel des Parks, wo ich allein umhergehen darf. Caſilda. Ein ſauberes Plätzchen das; eiſernes Gezacke rings⸗ herum und Mauern, höher als die Bäume. Königin. O, ich wollte doch hinaus! — 23— Caſilda (leiſe.) Hinaus? Gut, hohe Frau! hört mich an, aber laßt uns leiſe reden. Ich weiß Euch in dieſem finſteren und traurigen Gefängniß ein glänzendes Kleinod,— den Schlüſſel, der in's Freie führt, ich hab' ihn. Iſt's Euch genehm, ſo ſchlüpfen wir, den düſteren Geſichtern zum Trotz, des Nachts hinaus und durchwandeln die Stadt. Königin. Was fällt dir ein? Nimmermehr! Caſilda. Es ginge aber ganz gut. Königin. Schweig davon!—(Sie entfernt ſich von Caſilden und verſinkt wieder in Nachdenken.) O warum bin ich, ſtatt all dieſe Granden fürchten zu müſſen, nicht mehr in meinem lieben Deutſchland bei den Meinen! Wie durchſtrich ich oft mit meiner Schweſter die Auen, und wenn dann die Landleute vorüberkamen, Garben tragend, ſo ſchwatzten wir mit ihnen. Das war ſo hübſch!— Da kam eines Abends ein fremder Mann, ganz ſchwarz gekleidet, der verneigte ſich vor mir und ſprach:„Prinzeſſin, Ihr ſollt Königin von Spanien werden!“ Mein Vater war hoch erfreut, und die Mutter weinte— Jetzt werden ſie wohl beide weinen. Heimlich will ich meinem Vater dieſen Reliquienſchatz ſenden, damit er ſich tröſtet.— Sieh, Alles betrübt mich hier, meine ſchönen deutſchen Vögel ſind —— geſtorben,(bier macht Caſilda die Pantomime des Halsumdre⸗ hens und deutet dabei auf die Oberhofmeiſterin) und nicht ein⸗ mal Blumen aus meinem Lande ſoll ich haben dürfen. Kein liebreiches Wort tönt je an mein Ohr. Jetzt bin ich Königin, ach ſonſt war ich frei!— Der Park— du haſt Recht— er iſt des Abends ſo düſter, und die Mauern ſo hoch, daß man nichts ſehen kann.— O. Kummer!—(Man hört von außen einen fernen Geſang.) Was iſt das für ein Geſang? Caſilda. Das ſind die Wäſchermädchen, die ſingend von der Heide kommen. (Der Geſang kömmt immer näher; die Königin hört geſpannt zu; man vernimmt folgende Strophen:) Wozu der Vöglein Chöre Belauſchen fern nnd nah': Das Schönſte, was ich höre, Iſt Deine Stimme ja. Ob die Geſtirne flimmern, Ob Nebel ſie verhüllt: Die ſchönſten Sterne ſchimmern In Deinen Augen mild. Oh Frühling überziehet Mit Blumen Feld und Flur: Die ſchönſte Blume blühet In Deinem Herzen nur. — 5— Die Stimme ſüß und klagend, Des Auges Stern ſo rein, Die Blume, Düfte tragend,— Das muß die Liebe ſein! (Die Töne werden immer leiſer und verhallen.) Königin 4(für ſich.) Die Liebe!— O die Glücklichen!— Ihre Lieder thun mir wohl und wehe zugleich. Herzogin. (zu einer der Duennen.) Man jage dieſe Mädchen fort, weil ihr Geſang der Königin läſtig iſt. Königin. Man hört ſie ja kaum mehr. Laßt die armen Mäd⸗ chen in Frieden ziehen.(Zu Caſilda, auf ein Fenſter im Hintergrunde deutend.) Von dieſer Seite iſt der Park nicht ſo dicht, dort hat man eine Ausſicht in's Freie; komm', wir wollen ihnen nachſehen.(Sie will mit Caſilda zu dem Fenſter gehen.) Herzogin (aufſtehend und mit tiefer Verneigung.) Eine Königin von Spanien ſieht nie aus dem Fenſter. Königin (bält inne und kebrt zuruͤck.) O ich Armſte!— Die Pracht der untergehenden Sonne, der ſüße Duft des Abends, die ſanften Lieder in der Ferne— für mich iſt das alles todt: ich habe der 2 Welt Lebewohl geſagt! Nicht einmal die Schöpfung Gottes, nicht die Freiheit And'rer darf ich ſehen! Herzogin (gibt allen Anweſenden ein Zeichen, ſich zu entfernen.) Entfernt Euch: es iſt heut der Tag der heiligen Apoſtel. Königin 3 4 (Caſilden zurückhaltend, die gehen will.) Du verläſſeſt mich? Caſilda (auf die Herzogin deutend.) Man befiehlt uns zu gehen. Herzogin (mit einer ſehr tiefen Verneiguug vor der Königin.) Die Königin bleibe allein und ihrer Andacht überlaſſen. (Alle unter tiefen Verbeugungen ab.) . Zweiter Auftritt. Die Königin allein. Der Andacht?— Den Gedanken, die ſie quälen; Das wohl!,— Wie ſoll ich ihnen jetzt entfliehen? Ich bin allein.— Ach, armes Herz, du haſt Kein rettend Licht auf dieſem dunklen Pfade! (In Gedanken.) O dieſe Hand, ſo blutig abgedrückt An hoher Wand! Er iſt verwundet alſo? — 77— O Gott! Doch iſt es ſeine Schuld. Warum Die ſpitzgezackte Mauer überſteigen? um Blumen mir zu bringen, die man hier Mir weigert, um ſo Weniges ſich opfern!— Die Eiſenſtacheln haben ihn verwundet: Gewiß! Ein Stück von ſeinen Armelſpitzen Hing auch daran.— Ein Tropfen dieſes Bluts, Das für mich floß, wiegt alle Thränen auf! (Schwärmeriſch fortfahrend.) Ach jedesmal, wenn ich an jene Bank Hineile, ſeine Blumen mir zu holen, Verſprech' ich's meinem Gott, der mich verläßt, Nicht wieder hinzugehn, und kehre doch Bald wieder.— Aber Er? Drei Tage ſind Es ſchon, daß er nicht wieder kam.— Verwundet!— Wer du auch biſt, o unbekannter Jüngling, Du, der allein und ungeliebt mich wiſſend, Mir ohne Wunſch naht, ach, und ohne Hoffen, und ſelbſt vor den Gefahren nicht zurückbebt; Du, der ſein Blut vergießt, ſein Leben opfert, Der Königin die Blumen anzubieten: Wer du auch biſt, o Freund, der mich als Schatten Begleitet, mag auf dir— da ſich mein Herz Nicht darf aus ſeinen ſtarren Feſſeln regen— Der Mutter Liebe ruhen und mein Segen! (Die Hand haſtig an's Herz drückend.) Wie brennt ſein Brief mich hier! (Wieder im Tone der Träumerei.) Der And're dann, Der unverſöhnliche Salluſt!— Mein Schickſal Gibt ſtille Freuden mir und Schreck zugleich. Ein Engel hier, dort ein Geſpenſt: ſie folgen Mir beide unſichtbar, und drängen mich Vielleicht an einen Schreckensort, wo ich Den, der mich liebt, und jenen, der mich haßt, Sich gegenüber ſehe. Ob der Freund Vom Feinde mich befreit? Ich weiß es nicht. Zwei Winden folgt mein Nachen her und hin: Wie klein und ſchwach iſt eine Königin! — Ja, ich will beten. (Sie kniet vor dem Madonnenbilde nieder) Heil'ge rette du mich! Das Auge wag' ich nicht zu dir zu heben. (Sich unterbrechend.) D Gott! Das Stück von ſeinem Kleid, die Blumen, Der Brief, wie brennt das Alles hier ſo ſehr! (Sie fährt in den Buſen und zieht ein zerknittertes Blatt Papier, welke Blumen und ein Stückchen weißer Spitzen, woran Blutflecke, hervor, legt alles haſtig auf den Tiſch und ſinkt dann wieder auf ihre Kniee.)* O Jungfrau, Stern des Lebens, Hoffnung der Betrübten, rette mich! (Wieder unterbrechend.) Sein Brief! — 79.— (Halb gegen den Tiſch gewendet) Er zieht Unwiderſtehlich mich dahin! (Abgewendet.) Ich will Ihn nicht mehr leſen!— Heil'ge Gnadenmutter, Du milde Schweſter aller Leidenden, Erhöre mich, ich fleh' zu dir!— (Kurze Pauſe. Dann ſtebt ſie auf, eilt an den Tiſch, hält wieder inne, endlich ſtürzt ſie ſich auf den Brief wie einem unwiderſtehlichen Drange folgend.) Ich muß Ihn nochmals leſen; ja zum letzten Male— Und dann zerreiß' ich ihn. (Mit einem trüben Lächeln.) Seit einem Monat Sag ich das alle Tage! (Sie entfaltet den Brief leidenſchaftlich und liest) „Hohe Frau! „Tief unter Euren Füßen, in der Nacht, „Da ſteht bedeckt vom Schatten der ihn drückt, „Ein Mann, der Euch anbetet, leidend wie „Ein Erdenwurm, der einen Stern verehrt; „Der gern für Euch ſein Leben gibt, und der „Hier unten ſtirbt, indeß Ihr oben leuchtet.“ (Sie legt den Brief auf den Tiſch.) Wenn Durſt die Seele quält, muß ſie ſich laben: Sei's auch mit Gift. Der König es gewollt, ich hätte ihn Sie birgt Brief und Svitzen wieder in ihrem Buſen.) Ich habe nichts auf dieſer Welt,— und Jemand Werd' ich doch auch wohl lieben müſſen!— Hätte Geliebt. So aber läßt er mich verzweifeln, Allein und liebelos! (Die beiden Flügel der großen Thüre öffnen ſich und hereintritt ein Hofthürhuter im vollen Coſtüme.) Thürhüter (mit lauter Stimme.) Ein Brief vom König! Königin (wie aus einem Traum erwachend, in höchſter Freude.) Vom König! Himmel Dank, ich bin gerettet! Dritter Auftritt. Die Königin, Herzogin von Albuquera, Ca⸗ ſilda, Don Guritan, Damen und Pagen der Königin, Ruy Blas. (Alle treten mit Zeichen der Ehrfurcht ein; die Her⸗ zogin zuerſt, die Damen hinter ihr. Ruy Blas bleibt im Hintergrunde ſtehen; er iſt prachtvoll gekleidet; die linke Hand verbirgt er in ſeinem Mantel. Zwei Pagen, auf einem mit Goldtuch überzogenen Kiſſen den königlichen Brief tragend, laſſen ſich in einiger Entfernung vor der Königin auf die Kniee nieder.) —— Ruy Blas (rückwärts; bei Seite.) Wo bin ich? Gott, wie ſchön ſie iſt! und ach, Wer ſendet mich!— Königin (für ſich.) 4 Die Hilfe kam vom Himmell (Laut.) Gebt ſchnell! 1 (Sich gegen das Portrait des Königs wendend.) Dank mein Gebieter! (Zur Herzogin.) Und woher Kömmt dieſer Brief? Herzogin. 4 Grad' aus Aranjuez Wo Seine Hoheit jagt. Königin. Vom Grund der Seele Weiß ich ihm Dank dafür. Er ahnte, daß In dieſer Langenweil' ein Wort der Liebe Mir wohl thun wird. Gebt ſchnell! Herzogin (mit tiefer Verneigung.) Die Sitte heiſcht, Verzeiht, daß ich den Brief zuerſt entfalte. Königin. Auch das!?— Wohlan, ſo leſ't. XVII. 6 Caſilda (für ſich, achſelzuckend.) Was wird das ſein? Herzogin (verneigt ſich vor dem Briefe, nimmt und entfaltet ihn langſam und liest:) „Madame! Es iſt ſehr windig heut. Ich habe „Sechs Wölfe ſchon erlegt.“— Gezeichnet:„Carlos.“ Königin O weh mir! Kir ich) Don Guritan Gur Herzogin.) Iſt das Alles? 8* 7 Herzogin. Ja, Herr Graf. Caſilda (bei Seite.) Er hat ſechs Wölf' erlegt. Belebt Euch das Die Fantaſie nicht? Euer Herz, es wäre Noch krank und leer und einſam,— und Er hat Sechs Wölfe doch erlegt! Herzogin (der Königin den Brief präſentirend.) Beliebt vielleicht... Königin (ablehnend.) Nein. — 83— Caſilda Gur Herzogin.) Alſo das iſt alles? Herzogin. Ganz gewiß. Wozu noch mehr? Der König jagt, und auf Dem Wege ſchreibt er, was bisher er ſchoß. Das iſt ſehr gut. (Den Brief nochmals prüfend, verbeſſert ſie:) Er ſchreibt?— nein, er diktirt. Königin (nimmt ihr unwillig den Brief ab und beſieht ihn.) Fürwahr! es iſt nicht einmal ſeine Hand: Nichts als die Unterſchrift. (Sie ſieht den Brief genauer an; im höchſten Erſtaunen für ſich.) O Gott, wär's Täuſchung! Dieſelben Züge, wie in dieſem Briefe! (Sie deuter auf den Brief, den ſie im Buſen barg.) Wie faß' ich das? (Zur Herzogin.) Wer brachte dieſes Schreiben? Herzogin (auf Ruy Blas zeigend.) Hier ſteht er. Königin. (halb gegen Ruy Blas gewendet.) Dieſer junge Mann? 1 Herzogin. — Er brachte 6* — 84— Perſönlich es. Ein neuer Kammerjunker Iſt's, den die Majeſtät der Königin Verleiht. Ein Ritter, welchen mir im Namen Des Königs der Marquis von Santa Cruz Gar ſehr empfahl. Königin. Sein Name? Herzogin. Cäſar aus Dem Hauſe Bazan, Graf auch von Garofa. Darf man dem Leumund trau'n, ſo iſt er der Vollkommenſte der jungen Edelleute. Königin. Gut, gut! Ich will ihn ſprechen. (Zu Ruy Blas.) Graf... Ruy Blas 4 (zitternd, bei Seite.) Sie ſieht mich, Sie ſpricht zu mir! ich zittre. Herzogin Gu Ruy Blas.) Tretet näher, Herr Graf. Don Guritan (Ruy Blas von der Seite meſſend, für ſich.) Der junge Mann— und Kammerjunker! Das ginge gegen meine Rechnung. (Ruy Blas nähert ſich blaß, verwirrt und langſam.) — 85— 3 Königin Gu Ruy Blas.) Ihr kommet von Aranjuez? Ruy Blas (ſich verneigend.) . So iſt's Eu'r Majeſtät. 4 Königin. Der König iſt doch wohl? (Ruy Blas verneigt ſich, ſie zeigt auf den königlichen Brief.) Diktirte dies für mich? Ruy Blas. 5* Er war zu Pferde, Als er es... (er zögert einen Augenblick,) einem der Umſtehenden Diktirte. 3 Königin (Ruy Blas betrachtend, für ſich.) Wie ſein Blick mich tief durchdringt. Die Frage wag' ich nicht: an wen? (Laut.) 2 Gut, geht.— (Ruy Blas ſchon einige Schritte entfernt, kehrt wieder vor die Königin zurück.) Waren viele Herren um den König? (Für ſich.) Was bin ich ſo verwirrt, wenn ich ihn ſehe? (Ruy Blas verneigt ſich, ſie fragt weiter.) Und wer? Hört! — 86— Ruy Blas. Ich kenne ihre Namen nicht, Da ich ſehr kurze Zeit nur dort verweilt: Drei Tage ſind's, daß ich Madrid verließ. Die Königin (für ſich.) (Sie beobachtet ihn mit ängſtlichem Blick.) Ruy Blas (für ſich.) Eines Andern Weib iſt ſie! O Höllenqual! Und weſſen?— Ach, es gähnt Mein eig'nes Herz mich wie ein Abgrund an! Don Guritan Gu Ruy Blas, dem er ſich genähert.) Der Königin Junker ſeid Ihr?— nur ein Wort! Ihr kennt doch Euren Dienſt?— In dieſer Nacht Begebt Ihr Euch in eins der Nebenzimmer, Dem Könige zu öffnen ſchnell, wenn er Die Königin beſucht. Drei Tage! Ruy Blas (außer ſich, bei Seite.) Dem König,— ich! (Laut.) 5 Doch iſt er nicht daheim. Don Guritan. Kann unverſehens Er nicht rückkehren? — 85— Ruy Blas (bei Seite.) Fürchterlich! Don Guritan (ihn beobachtend, für ſich:) Was hat er? Königin (die alles mit angehört und deren Blick unverwandt auf Ruy Blas ruht. Wie er erblaßt!„ t) (Ruy Blas ſchwankt und ſtützt ſich mit dem Arme auf einen Lehnſtuhl.) Caſilda (zur Königin.) O hohe Frau, ſeht nur, Der junge Mann iſt unwohl! Ruy Blas (ſich nur mühſam aufrecht haltend.) Ich, o nein! Nur ſonderbar, die Luft... die Sonnenhitze... Der raſche Ritt... (Bei Seite.) Dem König öffnen!— ich!! (Er ſinkt ohnmächtig in den Lehnſtuhl; ſein Mantel ſchlägt ſich zurück und man ſieht ſeine linke Hand in ein weißes Tuch gewickelt, das Blutflecke zeigt.) Caſilda. O Gott! er iſt an einer Hand verwundet. Königin. Verwundet! — 88— Caſilda. Jetzt verliert er die Beſinnung; Schnell einen Geiſt, durch den er ſich erhole. Königin (in ihrem Halstuche ſuchend.) Hier iſt ein Fläſchchen... (In dieſem Augenblicke trifft ihr Auge auf die Man⸗ ſchette an Ruy Blas' rechter Hand; bei Seite.) Gott, dieſelben Spitzen! (Wie ſie das Fläſchchen aus ihrem Buſen zieht, reißt ſie zufällig das Stückchen Spitzen, das ſie dort verborgen mit heraus; es fällt dicht vor Ruy Blas auf die Erde; dieſer, deſſen Blick die Köni⸗ gin nicht verläßt, ſieht es.) Ruy Blas 8 Hi 1(erſchüttert aber matt.) 4 immel! (Der Blick der Königin und ſeiner begegnen ſich; kurze Pauſe.) . Königin (bei Seite.) Ja, er iſt's! Ruy Blas (ebenſo.) An ihrem Herzen! Königin 6 iſrs 3(bei Seite.) Er iſt s! — 89— Ruy Blas (ebenſo.) In dieſem Augenblicke laß O Gott, mich ſterben! 3 (Bei der Unordnung, in welcher ſich alle Frauen um Ruy Blas drängen, merkt Niemand etwas von dem, was zwiſchen ihm und der Königin vorgeht.) Caſilda (ihm den Flacon vorhaltend.) Wie habt Ihr Euch verwundet nur? Geſchah Das jetzt erſt? oder brach Euch unterwegs Die Wunde wieder auf? warum hat man Zur königlichen Botſchoft Euch gewählt? Königin (zu Caſilda.) Du biſt doch bald mit deinen Fragen fertig? G Herzogin (u Caſilda.) Was kümmert das die Königin! mein Kind. Königin. Da er den Brief geſchrieben, konnt' er wohl Ihn überbringen auch. Nicht wahr? Caſilda. Er ſagte Es aber gar nicht, daß er ihn geſchrieben. Königin (bei Seite.) Ach! — 90— (Zu Caſilda.) Schweig' einmal! Caſilda (zu Ruy Blas.) Befindet Ihr Euch beſſer? Ruy Blas. Ich lebe wieder auf. Königin (zu den Frauen.) Zeit iſt's, daß wir Zurück uns ziehn. (Zu den Pagen.)* Sorgt, daß den Grafen man In ſeine Wohnung bringt.— Der König kehrt Heut' nicht zurück; er bleibt die anze Zeit Noch auf der Jagd. (Sie entfernt ſich mit den Damen auf ihr Zimmer.) Caſilda (ihr nachblickend.) — Sie führt Etwas im Sinne. (Nimmt das Reliquienkäſtchen und geht nach der Thüre, durch welche die Königin gegangen, ab.) Ruy Blas (iſt allein zurückgeblieben und ſcheint noch entzückt den letzten Worten der Königin zu horchen. Er ſcheint zu träumen. Das Stückchen Spitzen, das neben ihm auf dem Teppich liegen geblieben, hebt er raſch auf, bedeckt es mit Küſſen und ſchlägt die Augen zum Himmel auf.) Barmherz'ger Himmel du, o ſchütze mich Vor Wahnſinn jetzt! — 91— (Die Spitzen betrachtend.)! Es lag an ihrem Herzen! (Er verbirgt ſie in ſeiner Bruſt.) Vierter Auftritt. (Don Guritan kömmt aus der Thüre, in welche er der Königin gefolgt war, und geht langſam auf Ruy Blas zu. Vor ihm ſtehend, entblößt er ohne ein Wort zu reden den eigenen Degen zur Hälfte, ver⸗ gleicht ihn augenſcheinlich mit jenem des Ruy Blasz die Degen ſind ungleich. Er ſteckt ſeinen wieder in die Scheide. Ruy Blas ſieht allem mit Erſtaunen zu.) Ruy Blas, Don Guritan. Don Guritan. Ich werde zwei von gleicher Länge bringen. Ruy Blas. Mein Herr, was heißt das all? 4 Don Guritan (gravitätiſch.) Im Jahr ſechshundert Und fünfzig war ich ſehr verliebt. Ich lebte In Alicant'. Ein junger Mann, gebaut Wie'n Liebesgott, ſah allzunahe meine Geliebte an, und ging ſeitdem an ihrem Balcon und an der Cathedrale oft Vorüber, ſtolz und aufgeblaſen wie Ein Admiral. Vasquez ſo war ſein Name: Er Cavalier, wenn gleich Baſtard.— Ich ſchlug Ihn todt.— 1 — 92 (Ruy Blas will ihn unterbrechen, Don Guritan wehrt es mit einer Bewegung ab, und fährt fort:) Im Jahre ſechs und ſechszig etwa, Da ſandte Perez Gil Graf von Iscola, Ein ſehr erlauchter Cavalier an meine Geliebte ein Billet und einen Sclaven; Sie zeigte beides mir. Ich ließ den Selaven Ermorden und erſtach dann ſelbſt den Herrn. Ruy Blas. Was aber... 2 Don Guritan (fortfahrend.) Später, ſo im Jahre achtzig, Hielt ich von meiner Dame mich betrogen Um Tirſo Gamonal, den ſchönen Ritter, Der ſtets die größten Federn trug. Damals War's Mode juſt, daß man die Maulthiere Mit Gold beſchlagen ließ. Ich tödtete Don Tirſo Gamonal. Nuy Blas. Was aber ſoll Das alles heißen? Don Guritan. Das ſoll heißen, Graf, Daß Waſſer aus dem Bronn' ſteigt, wenn man zieht, Daß Morgens um fünf Uhr die Sonne aufgeht; Daß ein entlegen ſtilles Plätzchen für Beherzte dicht an die Capelle ſtößt; — 93— Daß Ihr— Don Cäſar, mein' ich, heiß't, und ich Don Gaspar Guritan auf Taſſis und Guevarra Graf Onate. Ruy Blas (kalt.) Gut, mein Herr, Ich werde dort ſein. (Vor wenig Augenblicken iſt Caſilda leiſe an der Seitenthüre erſchienen, ſie hört die letzten Worte, ohne geſehen zu werden.) Caſilda (bei Seite.) Ein Duell! das wiſſe Die Königin! (Sie verſchwindet wieder leiſe in der Thüre.) Don Guritan (fährt immer ungeſtört fort.) MNag es zur Viſſeenſchaft Euch dienen,— nur um Euch bekannt mit meinem Geſchmack zu machen,— daß mir nichts ſo ſehr Verhaßt als jene Stutzer, die den Bart Sorgfältig pflegen, Weiberknechte ſpielen, Damit die Frauen gern nach ihnen ſchielen. Die bald im Glanze ſich, bald leidend zeigen, Sturm mit den Augen laufen, die im Armſtuhl Sich ſchön und maleriſch gruppiren, oder Um einen Ritz der Haut in Ohnmacht fallen. Ruy Blas. und doch verſtehe ich Euch nicht! — 94— Don Guritan. O, Thr Verſteht mich ſchon!— Dasſelbe Kleinod lockt Uns beide. Einer von uns beiden iſt Zuviel hier im Pallaſte. Kammerjunker Seid Ihr, ich Majordomo: gleiche Rechte; Doch ungleich iſt das Spiel. Mein iſt das Recht Des Aelteren, und das des Jüngern Euer. Der Jüng're macht mir bang. Zur Tafel, d'ran Ich eſſe, einen jungen Nimmerſatt Mit blanken weißen Zähnen kommen ſehen, Mit Feuerblicken und ſieghafter Miene,— Das muß mich ängſtigen. Zum Wettkampf in Der Lieb', wo Sturm gelaufen werden muß, Taug' ich nicht mehr, mich plagt die Gicht. Auch bin Ich nicht ſo eitel zu verlangen, daß ein Weib Mich einem jungen Mann vorziehe, der Ein ſolcher Meiſter iſt im Ohnmacht-Fallen. Drum, weil Ihr mir zu ſchön ſeid und gefährlich, Zu graziös und zart und int'reſſant— So brech' ich Euch den Hals. Ruy Blas. Gut! wir verſuchen's. Don Guritan. Graf von Garofa, morgen wie es tagt, An der bewußten Stelle, ohne Zeugen 8 Und ohne Diener, wollen wir, wenns Euch — 95— Beliebt, mit allem Anſtand aus der Welt Uns ſchaffen mit dem Degen, wie ſich's ziemt Für Cavaliere unſres Ranges. (Er bietet Ruy Blas die Hand, welcher ſie annimmt.) Ruy Blas. Kein Wort Davon und gegen Niemand! (Don Guritan gibt ein bejahendes Zeichen.) Alſo Morgen! (Ruy Blas ab.) Don Guritan. (allein.) Ich fühlte ſeine Hand nicht zittern, nein! Des Todes morgen ſicher ſein, und ſo Die Hand mir drücken,— wackrer junger Mann! (Geräuſch eines Schlüſſels an der Thüre der Königin, 1 Don Guritan wendet ſich um.) Man öffnet dieſe Thür', wer kann das ſein? (Die Königin erſcheint und geht raſch auſf Don Guri⸗ tan los, welcher erſtaunt und entzückt iſt, ſie zu ſehen; ſie hält das kleine Käſtchen in der Hand.) Fünfter Auftritt. Don Guritan, die Königin. Königin (lächelnd.) Ihr ſeid es, den ich ſuche. — 96— Don Guritan. . Was verſchafft mir 1 Dies hohe Glück? Königin (das Käſtchen auf den Tiſch ſtellend) Nichts Ritter, oder wenn Ihr woll, ſehr wenig. 3(lachend.) Jetzt eben ſprachen wir— Ihr wißt, die Frauen Sind kindiſch— und Caſilda war es, die Behauptete, Ihr würdet Alles für Mich thun, was ich nur wünſchte. Don Guritan. Ste hat Recht! 1 Königin. Ich ſagte Nein. Don Guritan. Ihr thatet mir da Unrecht. Königin. Sie ſagte dann, Ihr gäbet Euer Leben und Blut für mich. Don Guritan. Caſilda ſprach ganz wahr. Königin. Ich ſagte Nein. 4 5 Don Guritan. Ich aber ſage Ja: Für Eure Majeſtät bin Alles ich Im Stande. Königin. Alles? Don Guritan. Alles. Königin. Gut; laßt ſeh'n! Schwört erſt, daß Ihr, um zu gefallen mir, Im Augenblicke thun wollt, was ich wünſche. Don Guritan. Ich ſchwör's bei'm heil'gen König Gaspar, meinem Patron!— Befehlt. Ich folge oder ſterbe. Königin (Das Käſtchen nehmend.) Wohlan. Ihr reiſ't noch dieſe Stunde aus Madrid, um dieſes Käſtchen meinem Vater Dem Herzoge nach Neuburg hinzubringen. Don Guritan (bei Seite.) Ich bin gefangen. (Laut.) Nach Neuburg? Königin. 3 Nach Neuburg. Don Guritan. Dreihundert Meilen! Königin. Nur zweihundert ſiebzig. XVII. 7 —— 98— (Auf den Ueberzug des Käſtchens deutend.) Beachtet mir die ſeidnen Franſen wohl, Die leicht zerreißen. Don Guritan. Und wann ſoll ich reiſen? Königin. Noch dieſe Stunde. Don Guritan. Morgen, bitt' ich. Königin. . Heute! Don Guritan (bei Seite.) Ich bin gefangen.— (Laut.) Aber... Königin. Reiſet! Don Guritan. . Wie... . Königin. Ihr ſchworet. 3 Don Guritan. Ein Geſchäft... Königin. Geht nichts mich an. Don Guritan. (auf das Käſtchen weiſend.) Die Kleinigkeit... 8 Königin. Eilt! — 99— Don Guritan. Nur ein Tag... Königin. 3 Nein! Don Guritan. Denn... Königin. Thut mirs zu Liebe! Don Guritan. Ich... Königin. Nun? Don Guritan. Aber... Königin. 1 Reiſ't! . Don Guritan. Wenn nur... Königin. Ich bitt' Euch, ich umarm' Euch drum. (Sie fällt ihm raſch um den Hals.) Don Guritan (halb zürnend und entzückt.) Wer widerſteht da länger! Ich gehorche. .(Bei Seite.) Gott wurde Menſch; der Teufel ward zum Weibe. Königin. (aus dem Fenſter zeigend.) Ein Wagen wartet unten ſchon auf Euch. 4 — 100— Don Guritan für ſich.) Schon alles vorgeſeh'n! (Laut.) Erlaubt! (Er ſchreibt raſch einige Worte auf ein Blatt, zieht am Glockenzug; ein Page erſcheint; er ſagt dieſem:) Bringt dies Sogleich Don Cäſar Bazan hin. (Page ab. Für ſich.) Verſchieben Muß ich auf meine Rückkehr das Duell.— — Ich kehre wieder!— (Laut.) Jetzt gehorche ich Dem Wunſche meiner Königin. Königin. Ich dank' Euch! (Er nimmt das Käſtchen, küßt die Hand der Königin verneigt ſich tief und geht ab. Kurze Pauſe, in welcher die Königin geſpannt horcht. Man ver⸗ nimmt das Rollen eines Wagens, ſie ſinkt erſchöpft in den Lehnſtuhl.) Dem Himmel Dank: er wird ihn nicht ermorden! Dritte Handlung. Nuy Blas. Perſonen: Ruy Blas. Covadenga. Die Königin. Antonio Ubilla. Don Salluſt. Montazgo. Don Manuel Arias. Ein Page. Graf von Camporeal. Ein Hofthürhüter. Marquis von Priego. Geheime Räthe. Der Gouvernements⸗Saal im königlichen Pallaſte zu Madrid. Im Hintergrunde über einigen Stufen eine große Thüre. Die linke Ecke verkleidet eine Tapetenwand. Ihr gegenüber ein Fenſter. Vorne rechts ein langer viereckiger Tiſch, mit grünem Sammttuch bedeckt, um welchen Tabourets für acht bis zehn Perſonen ſtéhen, auf dem Tiſche eine gleiche Anzahl kleiner Schreibpulte. Im Fond des Tiſches, dem Zuſeher gegenüber ſteht ein großer prachtvoller Lehnſtuhl, oben mit dem ſpaniſchen Königswapen in Gold geſchmückt, nebenan ein anderer Stuhl.— Wie der Vorhang aufgeht iſt die Junta de Des- pacho Universal(der geheime Rath des Königs) eben im Begriffe zur Sitzung zu ſchreiten. Erſter Auftritt. Don Manuel Arias, Präſident, Don Pedro Graf von Camporeal und Don Fernando Marquis von Priego, Miniſter, Antonio ÜUbilla, Schatz⸗ meiſter, MNontazgo, Staatsrath der Indiſchen Kammer, Covadenga, Generalſecretär der Inſeln; andere Räthe. (Die erſten Drei gehen ſchwarz mit kurzem Galladegen; Camporeal hat den Calatrava⸗Orden, Priego das goldne Vließ. Die Übrigen in eleganter Hofkleidung. Don Arias und Graf Camporeal ſtehen vorn und ſprechen leiſe mitſammen; die anderen Herren ſtehen da und dort in verſchiedenen Gruppen.) Don Arias. Hinter dieſem großen Glücke ſteckt ein Geheimniß! Graf Camporeal. Jetzt hat er das goldne Vließ. Erſt Generalſecretär, bald darauf Miniſter, jetzt Herzog von Olmedo. Don Arias. und das alles in ſechs Monaten! Graf Camporeal. Er hat das Höchſte erreicht. Don Arias. (geheimnißvoll.) Ja, die Königin! Graf Camporeal. Je nun, der König iſt krank und halb verrückt, ſitzt — 103— in Escurial vor dem Grabe ſeiner erſten Frau, entſagt der Regierung— die Königin thut Alles. Don Arias. Mein guter Camporeal, die Königin regiert uns, und Don Cäſar ſie. Graf Camporeal. Er führt doch ein ganz unbegreifliches Leben: und was die Königin anbelangt, ſo ſieht er ſie ja niemals; beide ſcheinen ſich zu fliehen. Mögt Ihr Nein ſagen, aber ich weiß es beſſer; denn ſeit ſechs Monaten bewach' ich ſie aus guten Gründen überall. Dann hat er die ſonderbare Laune und wohnt in einem kleinen Hauſe nächſt dem Pall aſte Tormez bei dichtverſchloſſenen Fenſtern, von zwei Schwarzen bedient, die, wenn ſie nicht ſtumm wären, vielleicht manches ſagen könnten! Don Arias. Alſo Stumme? Graf Camporeal. Ja. Seine übrige Dienerſchaft bleibt immer in der Wohnung, die er im königlichen Pallaſte hat. Don Arias. Das iſt ſonderbar. Don Ubilla (der ſich vor kurzem genähert hat.) Ja, er iſt von ſehr vornehmer Geburt. Grſaf Camporeal. Welches Wunder? Das ſind And're auch.(Vertraulich — 104— zu Don Arias fortfahrend.) Ein Vetter iſt er zu jenem Don Salluſt, der im vorigen Jahre ſiel: Santa Cruz hat ihn protegirt.— Vor Jahren war dieſer Don Cäſar, der uns jetzt gebietet, der größte Narr und Windbeutel, den man unter der Sonne fand; es gibt noch Leute, die ſich ſein erinnern. Er betrachtete ſein Capital als Reve⸗ nuen, wechſelte täglich Weiber und Equipagen— und verſchwendete ſo fürchterlich, daß er mit Peru in kurzer Zeit fertig geworden wäre. Eines Morgens war er ver⸗ ſchwunden, kein Menſch wußte wohin? Don Arias. Die Zeit hat aus dem Narren einen ſehr ſtrengen Mann gemacht. Graf Camporeal. Jede Freudendirne wird, wenn ſie altert, eine Bet⸗ ſchweſter... Don Ubilla. Ich halte⸗ ihn für rechtſchaffen. Graf Camporeal (laut lachend.) O gutherziger Ubilla, der ſich durch gewiſſe Recht⸗ ſchaffenheiten blenden läßt!(mit bedeutungvollem Tone.) Der Hofſtaat der Königin, öffentlich und bürgerlich, koſtet Jahr aus Jahr ein; ſechsmal hundert vier und ſechszig tauſend und ſechszig Dukaten.— Das iſt ein tiefes Waſſer und trüb genug, um mit Erfolg darin zu fiſchen. — 105— Marquis Priego (der indeß hinzugetreten.) Mit Verlaub Ihr Herren, was das anbelangt, ſprecht Ihr ſehr unvorſichtig und vorlaut. Mein ver⸗ ſtorbener Großvater, der am Hofe auferzogen war, pflegte immer zu ſagen:„Beißt meinetwegen nach dem Könige; aber laßt den Günſtling ungeſchoren.“— Wenn's Euch beliebt Ihr Herren, ſo wollen wir zu unſeren Geſchäften ſchreiten. (Alle ſetzen ſich um den Tiſch; die Einen blättern in Schriften; Andere ſpielen mit Federn; Paufe während welcher nichts gearbeitet wird.) Montazgo (heimlich zu Ubila.) Ich werde Euch bitten, die Caſſe der Reliquien auf⸗ zuthun, um meinem Neffen ſein Gehalt als Alcade zu ſichern. 7 Don Ubilla (ebenſo.) Und Ihr habt mir verſprochen, meinen Couſin Don Melchior d'Elva zum Bailli des Ebro zu ernennen. Montazgo. Wie wart Ihr mit der Ausſteuer unſerer Kinder zufrieden? Die Hochzeit dauert noch heute fort. Ach Gott, man hat immer ſo viel zu thun.... Don Ubilla (leiſe.) Das Geld für Euren Alcaden wird ſich finden. — 106— Montazgo (gleichfalls.) und eben ſo das Amt für Euren Ballli. (Sie drücken ſich die Hände.) Covadenga (aufſtehend.) Meine Herren Staatsräthe von Caſtilien, damit hinfür Niemand aus ſeinem Wirkungskreiſe heraustrete, iſt es nothwendig, unſre Rechte und Departements genau zu beſtimmen. Spaniens Einkommen läuft durch hundert Hände: ein Unheil, dem wir für künftig ſteuern müſſen. Die Einen haben nicht genug, die Anderen wieder zu viel. 3 Drum höret mich. Alſo Euch, Ubilla gehört der Ertrag des Tabaks; Euch Priego, Indigo und Moſchus; Cam⸗ poreal nimmt die allgemeine Steuer, den Export, das Salz und die fünf Procente von Ambra, Gagath und Gold; Ihr Montazgo, der mich ſo unruhig anblickt, den Arſenik, das Recht über Schnee und Eis, die Eingangs⸗ zölle, Meſſingtaxe, Kartenſtempel, die Strafgelder Derer, die mit dem Stock gezüchtigt werden, den Zehent vom Meere, das Blei und das Roſenholz. Ich, ich behalte faſt nichts, meine Herrn, wenn Ihr mir nicht etwas abtretet. Graf Camporeal (in Lachen ausbrechend.) O, der alte Teufel! Nichts??2 nur das Beſte und Sicherſte. Indien nur und die Inſeln der beiden Meere. — 107— Die Kleinigkeit! Mit einer Klaue hält er Majorca, mit der andern langt er nach Teneriffa. Covadenga (in Eifer gerathend.) Ich? ich habe nichts. Marquis Priego. (lachend.) Und hat die Neger noch dazu. (Alle ſtehen auf, ſprechen zugleich und ſtreiten miteinander.) Montazgo. Eher dürfte wohl ich mich beſchwören, mir gebühren auch die Forſtrevenuen. Covadenga Gu Marquis Priego.) Gebt mir den Arſenik, und ich trete Euch die Neger ab. (Seit einiger Zeit iſt Ruy Blas unbemerkt zur großen Thüre hereingetreten und wohnt dem Schluſſe dieſer Scene bei. Er geht in ſchwarzem Sammt, der Mantel iſt aus Scharlachſammt mit Gold; eine große weiße Feder auf dem Hute, das goldene Vließ um den Hals. Erſt hört er ſchwei⸗ gend zu, dann tritt er langſamen Schrittes unter ſie, und ſteht plötzlich in der Mitte der Streitenden.) — 108— Zweiter Auftritt. Die Vorigen, Ruy Blas. Ruy Blas (zwiſchen ſie tretend.) Proſit Ihr Herrn! (Stumme Pauſe der Ueberraſchung. Ruy Blas kreuzt die Arme und fährt fort, ihnen ſcharf in die Geſichter blickend.) O redliche Miniſter! O wackre Räthe, Diener edler Art! Das Haus zu plündern, wo Ihr Diener wart! Was wählt Ihr ſchamlos juſt die böſe Stunde, Da Spaniens Blut entſtrömt aus tiefer Wunde? Kann Euch kein andrer Wunſch hieher mehr zieh'n, Als Taſchen füllen und wie Diebe fliehn? Habt Mitleid, ſeht das Land im Tod ſich quälen, Ihr Leichenräuber, die im Grab noch ſtehlen! O ſehts mit Schaam, des Reiches Heldentugend, Des Reiches Kraft und Anſehn flieht und Jugend.— Verloren wir nicht ſeit Don Philipps Macht, Braſilien, Portugal faſt ohne Schlacht? Brreiſach am Rhein, Steinfort in Luxemburg, Und die Comte bis auf die letzte Burg? Ormuz und Goa, dreitauſend Meilen Land, Und Fernambuc bis an der Wüſte Sand? — 109— Europa blickt mit Hohn— es haßt uns lang— Und ſchadenfroh auf unſern Untergang. Albion und Holland theilen dieſen Staat, Als ſei ein Schatten Carlos nur.— Verrath Kommt uns von Rom; Savoyen droht Gefahr, Ein halbes Heer, nach Piemont geſandt, Wär' ſchon gewagt, iſt's gleich in Freundes Land. Frankreich erwartet nur die günſt'ge Zeit uns zu verſchlingen bei Gelegenheit; Die Adler Oeſtreichs auch lauern da; Der bairiſche Infant dem Tode nah';— Die Vicekönige!— Der Liebesgeck Medina füllt Neapel an mit Schreck; Indeß Leganez Flandern dort verliert: Wie retten Alles, was verdorben wird?— Das Heer iſt ſchwach, die Kaſſen ſind geleert; Es hat ſich Gott ſelbſt gegen uns erklärt. Durch ſeinen Zorn verſanken auf den Meeren Dreihundert Schiffe, ohne die Galeeren. und Ihr, Ihr wagt!— Daß Ihr es nicht vergeßt, Was Ihr dem armen Volke abgepreßt Seit zwanzig Jahren, hab ich's nachgezählt: Vier hundert dreißig Millionen Geld! Dem Volke, das die ſchweren Laſten trägt, Die Ihr für Eure Luſt ihm auferlegt, Damit Ihr ſchwelgen könnt und Dirnen reich Beſchenken: Pfui der Schande über Euch!— — 110— Zahlloſe Schergen plündern rings das Land, Leer ſteht das Haus, die Ernte wird verbrannt, Am Weg zielt des Banditen Büchſe frei: und gleich als ob es noch genug nicht ſei Mit Herren⸗Fehden und mit Fürſten⸗Streit, Sind Klöſter jetzt und Städte auch entzweit. Jedweder wühlt in ſeines Nächſten Gut, So wie nach Menſchenfleiſch die Hungerswuth Auf Schiffen greift.— Die Kirche, im Ruin, Beherbergt Schlangen nur; Gras wächſt darin. Die vielen Ahnen, aber nicht die Thaten Sind es, die heutzutag den Grand verrathen. Betrug, nicht edles Streben führt zum Lohne. Nach Spanien ſtrömt der Abſchaum jeder Zone. Ein jeder Fürſt hält eine Meuchlerbande, Die ſprechen bunt die Zungen aller Lande, Genueſ', Flamänder, Deutſcher und Breton: So ward Madrid ein zweites Babylon. 1 Mild das Geſetz für Gold, für Armuth ſtrenge; Die eine plündert frech die andre Menge. Nachts wird geraubt, gemeuchelt unverhohlen, Ich ſelbſt ward jüngſt auf freiem Markt beſtohlen. Beſtoch'ne Richter, ſoldlos die Soldaten; Wir, die mit Siegen und mit Waffenthaten Die Welt erfüllt: wie ſteht jetzt unſer Heer? Wir haben kaum ſechstauſend Mann noch mehr. Und was? baarfüz'ge Bettler, Juden, Räuber, — 111— Dolch' in der Hand und Lumpen um die Leiber. Wenn nun die Nacht herniederſinkt, o Graus! Zieht der Soldat auf Mord und Diebſtahl aus. Matalobos hat eine beſſ're Bande, Erklärt den Krieg dem König und dem Lande: Ein Räuber iſt's, der uns im Zügel hält. Die Bauern, ſchändlich! höhnen auf dem Feld Den König Spaniens in ſeinem Wagen; Er muß die Schmach geduldig, ſtill ertragen. Allein, im Escurial bei ſeinen Todten, Hört er vom Untergang des Reich's die Boten.— Europa ſtößt von ſich dies arme Land In Lumpen jetzt, einſt in Purpurgewand. Das Staatsſchiff bricht, und Ihr,— o hätt; ich's nimmer Erlebt! Ihr ſtreitet Euch um ſeine Trümmer. Das große Spanier⸗Volk, erniedrigt tief, Das ſorglos unter Eurer Obhut ſchlief, Jetzt ſtirbt es hin, mißhandelt und entehrt, Ein alter Leu, von Würmern aufgezehrt.— — Du großer fünfter Kark, in dieſer Zeit Der Schande, wo dein Volk um Hilfe ſchreit, Erhebe dich, ſieh wie das Gute weicht, und wie zertrümmert deine Kron' erbleicht. Erwache Karl! es thut dein Arm uns Noth, und rette Spanien von Schmach und Tod!— Du hielteſt einſt ein gold'nes Erdenrund, Den Völkern that's mit ſeinen Strahlen kund: Es gehe in Madrid die Sonne caf;= Jetzt iſt's ein bleich Geſtirn von ſchwankem Lauf, Fin Viertelmond, der immer tiefer ſinkt, und den bald ganz das Morgenroth verſchlingt, Das uns ein and'res Volk herüberbringt. Dein Erbe fiel in böſe Räuberhand, Die ſchmilzt Piaſter aus dem Kronenband und ſudelt Schmach auf deinen Kaiſerglanz: Du ſchläfſt, o Rieſe, bei der Noth des Land's? Dein Zepter wird nach dem Gewicht verkauft; Ein häßliches Geſchlecht von Zwergen rauft Sich jetzt um deines Purpurmantels Fetzen,— und ach, dein Kaiſeradler, der Entſetzen und Glanz geleuchtet einſt mit ſeinen Köpfen, Steckt jetzt gerupft in ihren Suppentöpfen!— (Die Räthe ſchweigen beſtürzt; nur Priego und Cam⸗ poreal wenden ſtolz das Haupt und blicken Ruy Blas wüthend an. Sie ſprechen ſtill mitſammen, dann tritt C am poreal an den Tiſch, ſchreibt einige Worte, unterzeichnet und läßt auch Priego unterzeichnen.) Graf Camporeal (auf Priego deutend und Ruy Blas das unterſchriebene Blatt überreichend.) In unſer beider Namen, Herzog, bitt' Ich hier um unſere Entlaſſung. Ruy Blas (das Blatt nehmend, kalt.) Gern. Ihr zieht ſammt Angehörigen von hier: — 113— (Zu Priego.) Nach Andaluſien Ihr,— (Zu Camporeal.) Ihr nach Caſtilien: Auf ſeine Güter Jeder. Morgen ſchon. (Beide Herren verneigen ſich und gehen ſtolz ab. Ru y Blas zu den ührigen Rätben.) Wer meines Wegs hinfort nicht gehen will, Der folge dieſen Herren. (Allgemeines Schweigen. Rny Blas ſetzt ſich an den Tiſch auf den Stuhl zunächſt dem königlichen und öffnet ein geſiegeltes Packet. Währenö er liest ſprechen die Räthe leiſe unter einander.) Ubilla (u Covadenga, auf Ruy Blas deutend.) Der iſt uns Meiſter: Das wird ein großer Mann! Don Arias. Ja, wenn er noch Die Zeit dazu hat. 8 Covadenga. und auch wo er nicht fällt, wenn er die Dinge Zu nah' beſieht. Ubilla. Das wird ein Richelieu! Don Arias. 4 Wo nicht Olivarez. XVII. 8 — 114— Ruy Blas (nachdem er einen Brief geſpannt durchleſen.) Da haben wir's!— Was ſagte ich denn immer?— Ein Complott! (Leſend.) „Wacht, Herzog von Olmedo. Einen Anſchlag „Bereitet man, um eine ſehr erlauchte „Perſon ſchlau zu entführen.“ (Den Brief muſternd.) Die Perſon Wird nicht genannt.— Der Brief iſt anonym. Ich werde wachen. (Ein Hofthürhüter tritt ein, der ſich vor Ruy Blas ſehr tief verneigt.) Nun, was gibt's? Thürhüter. 3 Ich melde Eu'r Excellenz den Botſchafter von Frankreich. 3 Ruy Blas. Ach, d'Harcourt, Gott!—, ich laſſe bitten, doch Jetzt könn' ich nicht. Thürhüter (verneigt ſich und ſpricht weiter.) Und auch der kaiſerliche Geſandte harret Eurer Excellenz In dem Empfangſaal. — 115— Ruy Blas. . 1 Wie, zu dieſer Stunde? Es iſt unmöglich mir. (Der Thürhüter verneigt ſich und geht ab. Mittlerweile iſt ein Page in feuerfarber Livree mit Silberſchnüren eingetreten und nähert ſich Ruy Blas, der ihn gewahrt.) Mein Page, heut' bin Für Niemand ich zu ſeh'n. Page (leiſe.) Don Guritan Von Neuburg rückgekehrt... Ruy Blas (etwas überraſcht.) Ja ſo! Bezeichne Mein Haus ihm in der Vorſtadt, und er möge, Wenn's ihm genehm iſt, morgen mir die Ehre Seines Beſuches ſchenken. Geh'. (Der Page ab, zu den Räthen.) Wir haben Noch manches zu vollenden, meine Herren, Drum wünſch' ich in zwei Stunden Euch zu ſehen.. (Alle mit tiefen Verbeugungen ab. Ruy Blas allein thut nachdenklich einige Schritte vorwärts; da theilt ſich rückwärts die Tapetenwand, die Königin erſcheint, weiß gekleidet, die Krone auf dem Kopfe. Sie iſt ſehr freundlich und richtet einen Blick der Bewunde⸗ rung auf Ruy Blas. In der Offnung hinter der 8 — 4116— Tapete ſieht man eine kleine Thüre. Ruy Blas wendet ſich um, erblickt die Königin und bleibt wie verſteinert ſtehen.) Dritter Auftritt. Ruy Blas, die Königin. Königin (noch im Hintergrunde.) Ich dank' Euch! Ruy Blas. Himmel! Königin. Eure Worte haben Die Schändlichen erſchüttert. Herzog, laßt Dafür die edle, treue Hand Euch drücken! —(Sie geht raſch auf ihn zu und thut es.) Ruy Blas (verlegen und bei Seite.) Gott! ſeit ſechs Monden flieh' ich ſie,— und plötzlich Sie hier zu ſehn!— (Laut.) So war't Ihr hier.. 2 Königin. ga, Herzog, Hier war ich, Alles hörte ich, und lauſchte Mit meiner ganzen Seele. — 117— Ruy Blas (auf die Tapete deutend.) Alſo dieſes Gemach.... ich ahnte nicht... Königin. Es weiß kein Menſch Darum, denn ein geheimer Gang iſt's, den Don Philipp hieher leiten ließ, um hier Unſichtbar alles anzuhören. Oft Sah ich von dort Don Carlos, meinen König, Ohn' Wort und Antheil ſtill im Rathe ſitzen, Wo man das Land beſtahl, das Reich verkaufte. Ruy Blas. Und was ſprach er? 1 Königin. Nichts. Ruy Blas. Vie, nichts? und was that er? Königin. Nichts; er ging auf die Jagd. Doch Ihr!— noch höre Ich Euer Donnerwort, das ſie verſchüchtert, und wie die Wahrheit Euch vom Munde ſtrömt. Weg ſchob ich die Tapete, Euch zu ſeh'n. Es funkelte Eu'r Auge, ohne Zorn, und zuckte Blitze auf ſie nieder, alles Vorhaltend ihnen, was ſie böſ' gethan. Der Einz'yge ſchient Ihr mir, der aufrecht ſtand. — 118— Doch ſagt, woher kömmt Euch von allem Kunde? Die Dinge kennet Ihr ſammt ihrem Grunde; Wie kömmts daß Eure Stimme ſprach und grollte, Wie eines Königs Stimme nur es ſollte? Was ſtandet Ihr mit eines Gottes Mienen So furchtbar und erhaben unter ihnen? Ruy Blas. Weil ich Euch liebe— und weil ich es weiß, Daß das was alle, die mich haſſen, ſchmieden, Sich plötzlich über Euch entladen würde. Weil dieſen Eifer meines Herzens nichts Erbeben macht, und weil, um Euch zu retten, Die ganze böſe Welt ich retten möchte: So drängt mein Unglück mich zu Euch in Liebe.— Ja, Eurer denk' ich, wie des Lichts der Blinde. O würdigt mich, erhab'ne Frau, zu hören. Ich liebe Euch von fern, von unten tief, Aus meiner dunklen Nacht. Nicht würd' ich's wagen, Die Spitze Eures Fingers zu berühren,— Und leuchtend ſteht Ihr vor mir wie ein Engel. O könntet Ihr es ahnen, was ich litt! Jetzt ſprech' ich's aus. Sechs Monde ſind's, daß ich, Die heiße Flamme bergend, floh. Euch floh ich und litt das Unausſprechliche. Was kümmern Mich alle dieſe Menſchen? Nichts: doch lieb' Ich Euch!— O Gott, ich wage alles das Der Majeſtät in's Angeſicht zu ſagen! — 119— Straft mein Verbrechen, gerne will ich tragen; Befehlt den Tod: ich ſterbe ohne Leid. Es bebt mein Herz, o Königin, verzeiht! 3 Königin. O ſprich, entzücke mich! noch Niemand ſagte So ſüße Worte mir; wenn ich ſie höre So zittert mir die Seele vor Entzücken; Mich ſehnt nach deinem Wort, nach deinen Blicken! Ich war's, die litt! o daß du nicht erriethſt Wie ich voll Sehnſucht, ſeit du mich vermied'ſt... O Gott, was ſag' ich da, mein Herz erzittert. uUnd ſchweigen ſoll es... ach, ich bin erſchüttert! Ruy Blas (der ſie mit Entzücken bört.) O ſprecht, beſeliget den Armen, ſprecht. Königin. So höre. (Die Augen zum Himmel gewandt) Ja, ich muß ihm alles ſagen. Iſts ein Verbrechen?— Wenn das Herz zerſpringt, So zeigt es alles was darin verborgen.— Du flohſt die Königin? wohlan, vernimm, Sie ſuchte dich. Tagtäglich kam ich her, In mein geheim Verſteck dort, dich zu hören, Stumm aufzuſammeln was du ſpracheſt, zu Bewundern deinen kühn entſchloſſnen Geiſt, Entzückt von deiner Stimme, die mich hinreißt. Du ſchienſt der ware König mir und Herr. Ich war's, die ſeit ſechs Monden, zweifle nicht, Von Stuf' um Stufe dich zum Gipfel hob. Wohin dich Gott wohl hätte ſtellen ſollen, Hin ſtellte dich ein Weib. Nur du allein Beſchäftigſt mich— und ich bewund're dich. Einſt eine Blume— jetzt ein ganzes Reich. Einſt wußt' ich gut dich— jetzt weiß ich dich groß. Gott! was nimmt ſich ein ſchwaches Weib heraus! Und that ich ſchlecht, warum haſt du geſtattet, Daß ſie in dieſen Kerker mich geſperrt, Die Taube in den Käfig: liebeleer 1 uUnd hoffnungslos und ohne Sonnenlicht?— Ja, eines Tages, wenn die Zeit uns günſtig, Will ich erzählen dir, was ich gelitten, Allein, vergeſſen, jeden Augenblick Gedemüthigt. Noch geſtern— hör' und richte!— Nun, mein Gemach mißfällt mir. Ja, du mußt Es wiſſen, du, der Alles weiß, daß es Gemächer gibt, in denen man viel leichter Verſtimmt als in den andern wird. Wohlan, Ich wollt' mein Zimmer wechſeln. Man erlaubte Mir's nicht. O welche Feſſeln! Ja, ich bin Die Sclavin hier und ich gehorche. Aber Das Reich vom Abgrund zu erretten, Herzog, Dazu hat offenbar dich Gott beſtimmt, Dem Volk, dem jammernden ſein Recht zu üben, Und mich, die arme Leidende— zu lieben. 1221— Ich ſchwätze das ſo hin, nach meiner Gabe, Du ſiehſt wohl ein, daß ich nicht Unrecht habe. Ruy Blas ’(auf die Knie ſinkend.) Erhabne Frau. Königin (ernſt.) Don Cäſar, meine Seele Legt' ich in Eure Hand. Für Alle bin ich Die Königin, für Euch bin ich nur Weib. Durch Liebe und das Herz gehör' ich Euch Und traue Eurer Ehre, daß auch Ihr Die meine ehrt. Bedürft Ihr mein, erſchein' ich. Ich trau' und folge Eurem Wort.— O Cäſar, Den Geiſt verehr' ich, den ich in dir finde, Dich ſchmückt ſein Glanz wie eine Kronenbinde, ((Sie küßt ibn auf die Stirne.) Leb wohl! Sie bebt die Tapete auf und verſchwindet.) Vierter Auftritt. Ruy Blas allein. (Wie in ein Traumgeſicht verloren.) Der Himmel war vor meinen Augen, Und meines Lebens erſte Stunde die! Die ganze Welt vor mir ein Meer von Licht, — 122— So wie das Paradies im Traumgeſicht, Mit Glanz und Seligkeit mich überſchüttend. Rings in und außer mir, Entzücken, Stolz, Geheimniß, Wonnetrunkenheit und was Zunächſt hienieden an den Himmel gränzt: Bei Macht und hoher Majeſtät— die Liebe. Die Königin liebt mich! O Himmell iſt Es wahr auch? bin ich noch ich ſelbſt?— Mehr bin Ich als der König, denn die Königin Liebt mich. Es raubt mir den Verſtand. Beglückt, Geliebt und Herzog von Olmedo, Spanien Zu meinen Füßen ganz, und mein ihr Herz! Der Engel, den ich knieend angebetet, Verwandelt durch ein Wort zum glücklichſten Der Menſchen mich, und lebend darf ich nun In meinem ſternbeglänzten Traume wandeln. Ja, ja, ich bin's gewiß; ſie ſprach zu mir: Sie war es ſelber! Eine Krone trug ſie Und ſilbernes Gewand. Wohl ſah ich ſie, Wie ſie ſo ſprach, noch mein' ich ſie zu ſehen: Ein Adler leuchtete von ihrem Armband. Sie traue mir: ſprach ſie nicht ſo? Ja wohl. O wenn es wahr, daß Gott die Liebe ſendet Um durch ſein Wunder Größe hier und Sanftmuth Schön zu vereinigen,— dann ſchwöre ich, Ich, der nichts fürchtet mehr, da ſie mich liebt, Ich, der durch ihre Gnade faſt allmächtig, — 12²23— Ich, der für Könige beneidenswerth, Ich ſchwör's zu meinem Gotte ſonder Zagen: Vertrauen darfſt du mir getroſt! Vertrauen Als Königin dem Arm, als Weib dem Herzen! Mein heihges Lieben ſchließt die treulichſte Ergebenheit in ſich.— Beſorge nichts!— (Vor einigen Augenblicken iſt durch die groſte Thüre ein fremder Mann leiſe hereingetreten, in einen großen Mantel gebüllt, mit ſilberbordirtem Hut auf dem Kopfe. Er geht leiſe zu Ruy Blas vor, und als dieſer wonnetrunken die Augen zum Himmel hebt, klopft er ihn ziemlich unſanft auf die Schulter. Ruy Blas blickt erſchrocken um ſich, der Fremde läßt ſei⸗ nen Mantel fallen und Ruy Blas erkennt Don Salluſt. Dieſer trägt eine Livree von denſelben Farben wie früher der Page von Ruy Blas.) Fünfter Auftritt. Ruy Blas, Don Salluſt. Don Salluſt (die Hand auf Ruy Blas' Schulter.) Gut'n Tag! Ruy Blas (entſetzt, bei Seite.) O Gott! ich bin verloren! der Don Salluſt. Es ſcheint Ihr habt mich ganz vergeſſen. Marquis! Ruy Blas. Eu'r Herrlichkeit, es überraſcht mich wirklich. (Bei Seite.) O mein Verderben eilt! Den Engel ſah Ich kaum, jetzt ſteht der böſe Geiſt vor mir. (Er eilt nach der Tapetenwand, hinter welcher er die heim⸗ liche Thüre ſorgfältig verſchließt, und kehrt dann zit⸗ ternd zu Don Salluſt zurück.) Don Salluſt. Nun, wie geht alles? Ruy Blas (den Blick immer auf Don Salluſt geheftet, ohne ſeine Ideen ordnen zu können.) Dies Gewand?... Don Salluſt (ſehr aufgeweckt.) Ich mußte Mir Eingang im Palaaſte doch verſchaffen. In dieſem Kleid gelangt man überall hin. Drum wählt' ich Euere Livree, die ich Auch recht geſchmackvoll finde. (Er bedeckt ſich, Nuy Blas bleibt unbedeckt vor ihm ſtehen.) Ruy Blas. Doch mir bangt Don Salluſt. Bangt! welch ein lächerliches Wort. Ruy Blas. Für Euch... Ihr ſeid verbannt. — 125— Don Salluſt. So, ſo. Glaubt Ihr?'s iſt möglich! — Ruy Blas. Wenn man Euch nun erkennt, am hellen Tag' Hier im Pallaſt? Don Salluſt. Geht, geht! Glückskinder, wie's Die Hofleute hier ſind, verſchwenden ihre Koſtbare Zeit, die allzu raſch verfliegt, Nicht dazu, um ſich der Geſichter, welche Ungnade traf, erſt zu entſinnen!— Dann, Wer achtet auf die Züge eines Dieners? (Er ſetzt ſich; Ruy Blas bleibt vor ihm ſtehen.) Ja, was ich ſagen wollte! Was doch ſpricht Man alles in Madrid!— Iſt es denn wahr, Daß Ihr aus übertrieb'nem Eifer für Die gold'nen Augen der Staatskaſſe den Priego, einen Grand, verwieſen habt? Habt Ihr vergeſſen, daß Ihr Vettern ſeid? Eine Sandoval iſt ſeine Mutter, wie Die Eure war. Der Teufel! Sandoval Führt ja ein goldnes Wehrgehänk im Wapen. und ſeht'mal Euer Wapen an, Don Cäſar. So was thut man Verwandten nicht, mein Lieber; Es hält ein Wolf dem andern keine Predigt. Eu'r Auge wacht für Euch und ſchläft für Andre. Ein Jeder ſorgt für ſich. — 126— Ruy Blas (etwas geſammelt.) Und doch, erlaubt! Priego, als ein Grand des Königs, that Sehr Unrecht d'ran, des Volkes ſchwere Laſten Noch zu erhöh'n. Ein Kriegsheer ſoll in's Feld, uns mangelt Geld, doch aber muß es ſein. Der bairiſche Thronfolger liegt im Sterben, Noch geſtern ſagte mir's Graf Harrach, den Ihr kennen müßt, im Namen ſeines Hofs. Es droht der Krieg... Don Salluſt. Mir ſcheint die Luft ſo kalt! Wollt Ihr nicht dort das Fenſter lieber ſchließen. (Ruy Blas blaß vor Schaam und Zorn zögert einen Augenblick und geht nach einiger Überwindung an das Fenſter, welches er ſchließt. Don Salluſt folgt ihm mit gleichgiltigem Blicke. Dann kehrt er zu . Don Salluſt zurück und fährt fort, als wollte er ihn überzeugen.) Ruy Blas. Denkt ſelbſt, wie ungelegen jetzt der Krieg. Was ſoll man ohne Geld? Seht Excellenz, Auf unſ'rer Rechtlichkeit allein beruht Jetzt Spaniens Wohl. Ich ließ, als ſtünde längſt Schon unſer Heer bereit, dem Kaiſer ſagen: Daß ich den Kampf ihm bieten will. — 127— Don Salluſt Laintesbricht ihn und deutet auf das Schnupftuch, welches er im Her⸗ eingehen fallen ließ.) Seid doch So gut, und hebt mir dort das Schnupftuch auf. (Ruy Blas, wie gefoltert, zögert Anfangs, dann bückt er ſich, hebt das Tuch auf und überreicht es Don Salluſt.) Don Salluſt. (das Tuch in die Taſche ſteckend.) Ihr ſagtet?... Ruy Blas (nach innerem Kampfe.) 1 Spaniens Wohl... ja Spanien und Das allgemeine Beſte fordern, daß Man ſeiner ſelbſt vergißt. Das ganze Volk Vergöttert den, der es befreit; wohlan! So retten wir dies Volk, wir zerren aus Dem Dunkel die Intrigue vor und reißen Die Maske jedem Schuft herab. Don Salluſt (ganz gleichgiltig.) Das aber Iſt eben nicht die rechte Art. Es ſchmeckt Nach Kleingeiſt und Pedanterie, wenn man So über alles gleich entſetzlich lärmt. 'ne Million mehr oder weniger, Es lohnt der Mühe nicht, deshalb zu ſchrei'n. Die großen Herren ſind ja keine Küſter. — 228— Sie leben vornehm, gut. Ich rede deutlich. Was aber röthet Zorn und Stolz die Guten, Die ſtets von falſchem Spiel und Mißbrauch jammmern. Oder wollt Ihr zum populären Schelm Euch machen, den die Schneider und die Krämer Vergöttern? Lächerlich! Verlegt Euch doch Auf neuere Ideen. Das Allgemeine? Vorerſt, mein Lieber, denkt an Euer Beſtes. Das Wohl von Spanien iſt'ne hohle Schelle Womit ſchon andre Narren läuten werden. Die Volksgunſt iſt ein Ruhm für ein Paar Groſchen. Wer möchte wie ein Hund die alten Knochen Der Steuern klein erſt nagen? Schöner Dienſt! Ich weiß wohl beſſern. Tugend? Redlichkeit? Und Treue? abgenützter Flitterſtaat, Seit Karl des Fünften Zeit ſchon aus der Mode. Ihr ſeid ja ſonſt verſtändig; ſoll man Euch Von Eurem Pathos heilen erſt? Ihr ſpielt Euch wie ein Kind noch mit dem kleinen Luftball, Indeß die Andern längſt durch Nadelſtiche Zum allgemeinen Spaß die Luft heraus Euch ließen. Ruy Blas. Dennoch glaube ich... Don Salluſt (mit kaltem Lächeln.) Ihr ſetzt — 129— Mich in Erſtaunen!— Doch genug davon. 4 Laßt uns von etwas Ernſterem jetzt reden. (Mit kurzem, befehlenden Tone.) Ihr wartet meiner morgen des Vormittags In jenem Hauſe, das ich Euch geſchenkt. Jetzt kommen meine Pläne zur Ausführung. Es ſollen nur die Stummen uns bedienen. Im Garten haltet hinter dem Gebüſch Bereitet einen Wagen— reiſefertig. Ich ſorge für die Pferde. Alles thut Wie ich befohlen. Ihr braucht Geld. Ich werd' Es ſchicken. „Ruy Blas. Ich gehorche, Excellenz, Ich willige in Alles: aber ſchwört. Vorerſt mir, daß die Königin in dieſe Geſchichte nicht verflochten iſt. Don Salluſt (der mit einem Meſſer auf dem Tiſche geſpielt, wendet ſich halb gegen Ruy Blas.) Worein Mengt Ihr Euch da?. Ruy Blas (wankt und ſieht ihn mit Schrecken an.) Gott, Ihr ſeid fürchterlich! Die Kniee zittern mir. Ihr ſchleudert mich An einen unſichtbaren Abgrund. O, Entſetzlich iſt die Hand, die mich mißbraucht, XVII. 9 — 130— Und gräßlich Euer Plan. Ich ahne alles. Habt Mitleid mit mir, ja ich wills bekennen, Ihr wußtet's nicht: ich liebe dieſe Frau. Don Salluſt (kalt.) Nun ja; ich wußt' es. Ruy Blas. Wie Ihr wußtet? Don Salluſt. Ja doch! Was liegt daran? Ruy Blas (ſtützt ſich an die Mauer um nicht zu ſinken, und ſpricht wie vor ſich hin.) Alſo ein bloßes Spiel Der Bosheit, auf die Folter mich zu ſpannen? O gräßlich, gräßlich! (Die Augen gegen Himmel.) Du allmächt'ger Gott, Der mich ſo hart geprüft, errette mich! Don Salluſt. Nun... doch Ihr träumt!... Was nehmt Ihr Euch ſo ernſthaft? Das iſt doch drollig!— An ein Ziel, das ich Nur kenne, an das glücklichſte für Euch, Geleit' ich Euch. Seid ruhig und gehorcht. Ich hab' es Euch geſagt und wiederhol' es, Ich will nur Euer Glück. Geht zu, es wird. Ein wichtig Ding fürwahr, der Liebeskummer! 4 — 131— Der trifft ja Jeden. Einen Tag nur dauert's. Hier aber handelt es ſich um ein Reich, Das Euch zum Theil gehören ſoll. Ich ſage Euch Alles: doch verſteht mich nur ſo recht. Gehorchet mir, und ich bin gut und ſanft. Zum Teufel auch! Was iſt denn ein Lakai? Gemeiner Thon, den ich nach Luſt mir modle. Aus Eures Gleichen macht man was man will. Euch hat nun Euer Herr, der nach Belieben Euch kleiden kann, zum großen Herrn gemacht. Die Rolle ſchien recht leidlich Euch— im Anfang. Ihr habt die Kleider alle.— Doch vergeßt nicht, Daß Ihr mein Diener ſeid. Der Königin Macht Ihr den Hof nach meiner Laune, Die hinter meinen Wagen auch Euch ſtellt. Drum ſeid vernünftig. Ruy Blas (der ihm ganz außer ſich zugehört, wie wenn er ſeinen Ohren nicht trauen wollte.) O mein Gott! barmherz'ger, Gerechter Gott! Was hab' ich denn verbrochen? Um welchen Frevel ſtrafſt du mich und willſt, Daß mich Verzweiflung faßt? Wohin bin ich Gerathen? Ohne meine Schuld, nur um Ein armes Opfer martern ſich zu ſehen, Haſt du in dieſen Abgrund mich geſtürzt, . 9* Ein armes Herz voll Lieb' und Treu' gebrochen und einer Höllenrache preisgegeben! (3u ſich ſelbſt.) Ja eine Rache iſt's— das iſt gewiß; Ich ahn' es, daß der Königin ſie gilt. Was ſoll ich thun? Ihr Alles treu bekennen 2 O Gott, ein Gegenſtand des Abſcheu's, der Verachtung für ſie werden, ein Betrüger Mit doppeltem Geſicht, ein ekler Schuft, Den mit dem Stock man züchtigt und davonjagt! Nein, nimmermehr! ich werde wahnſinnig; Die Sinne ſchwinden mir! (Pauſe; nachdenkend.) O großer Gott, und ſolche Dinge, ſie geſcheh'n? Im Dunkeln Erbaut man eine gräßliche Maſchine und rüſtet ſie mit ſcharfen Rädern aus. Dann, um zu ſeh'n, wie die Maſchine angreift, Wirft unter ihre Räder man ein Ding, Eine Livree hin, einen armen Knecht, und ſetzt das Triebwerk in Bewegung. Sieh, Da wühlen blut'ge Lappen ſich empor, Zerſchellt Gehirn, ein Herz, noch warm und rauchend: Und jetzt gewahrt man ſchaudernd erſt, woran Wohl Niemand früher dachte, daß der Knecht Doch eines Menſchen Hülle war. — 133— (Gegen Don Salluſt gewendet.) Doch iſt's Zum Glück noch Zeit, o Herr, und die Maſchine, Die fürchterliche, noch nicht in Bewegung. (Er ſinkt zu Don Salluſts Füßen.) O Gnade Herr, habt Mitleid nur mit ihr! Ihr wißt, daß ich ein treuer Diener bin, Ihr nanntet ſelbſt mich ſo; ich unterwerfe Mich Euch ja— Gnade! — Don Salluſt. Dieſer Menſch will nicht Begreifen, er iſt unausſtehlich. Ruy Blas (ſich auf den Knieen ihm nachſchleppend.) Gnade! Don Salluſt. Macht kurz) mein Freund. 8(Wendet ſich zu dem Fenſter.) Das Fenſter habt Ihr doch Schlecht zugemacht: es bläst herein noch immer. Ruy Blas (ſich erbebend.) Das iſt zuviel. Jetzt bin ich Herzog von Olmedo, der allmächtige Miniſter, Die Stirn' erheb' ich wieder unter'm Fuße, Der mich zertreten will. Don Salluſt. Wie ſagt' er da? — 134— O wiederholt die Phraſe doch noch einmal. Ruy Blas als Herzog von Olmedo?— Ihr Seid wirr, ſonſt wüßtek Ihr, daß auf den Bazan Man den Olmedo erſt gepfropft. Ruy Blas. Gefangen Laß ich Euch nehmen. Don Salluſt. und ich ſage, wer Ruy Blas (erbittert.) Weh Euch! Don Salluſt. Warum? Ihr klagt mich an: Ich opfr' uns beide. Das iſt längſt bedacht. Zu ſpät kömmt Eure Miene des Triumphs! Ruy Blas. Don Salluſt. Geht, ſeid nicht ſo kindiſch. Ruy Blas. Beweiſe habt Ihr nicht. Don Salluſt. Ihr kein Gedächtniß. Ich thue was ich ſagte. Glaubt es doch; Ihr ſeid der Handſchuh nur und ich die Hand. Ihr ſeid. Ich läugne Alles. — 135— (Ihm näher tretend mit leiſer dumpfer Stimme.) Gehorchſt du nicht; haſt du nicht morgen Alles Bereitet, wie ich dir befahl; verräth Ein einzig Wort von dir das, was geſcheh'n ſoll, Bewegung oder Blick nur meinen Plan: So wird zuvörderſt ſie, für die du bangſt, Durch deines Abenteuers hundertfältig Verſtreute Kunde öffentlich entehrt;— und dann erhält ein Blatt ſie, wohlverſiegelt, Das ich an ſich'rem Orte gut bewahre, Geſchrieben,— weißt du wohl von welcher Hand? Gezeichnet,— weißt du wohl mit welchem Namen? Da leſen ihre Augen:„Ich, Ruy Blas, „Lakai in Dienſten des Marquis von Finlas, „Gelobe ihm in jeder Angelegenheit, „So öffentlich als heimlich treu zu dienen.“ Ruy Blas (vernichtet, mit tonloſer Stimme.) Genug!— Ich thue, Herr, was Ihr befehlt. (Die Thüre des Hintergrundes öffnet ſich; man ſieht die Räthe hereintreten.) Don Salluſt (ſchnell ſeinen Mantel umnehmend.) Man kömmt! (Er neigt ſich tief vor Ruy Blas; laut:) Eu'r Herrlichkeit ergeb'ner Knecht. (Geht ab. Vierte Handlung. Don Cäſar. Perſonen: Ruy Blas. Eine Duenna. Don Cäſar. Ein Page. Don Salluſt. Ein Alcade. Don Guritan. Drei Alguazils. Ein Lakai. Zwei ſchwarze Stumme. Ein kleines düſteres aber ſchön eingerichtetes Zimmer. Täfel⸗ werk und Meubles von alter Form. Alte, hie und da verſchoſſene Tapeten durch ſenkrechte Goldleiſten in Quadrate getheilt. Im Hin⸗ tergrunde eine Thüre mit zwei Flügeln. Links ein großer Camin, woran Bildhauerarbeit aus Philipp II. Zeit; gegenüber eine kleine Thüre, in ein dunkles Gemach führend. Ein einziges Fenſter, links, ſehr hochgelegen, vergittert und innen mit einem Vorſprung. Alte kaum kennbare Familienportraits an den Wänden. Eiu venetianiſcher Garderobeſchrank mit Spiegeln. Ein anderer hoher Wandſchrank, der elegant ausſieht. Große Lehnſtühle. Viereckiger Tiſch worauf Schreib⸗ requiſiten. Ein vergoldeter Stehleuchter nebſt einem kleinen runden Tiſche in einer Ecke. Es iſt Morgen. Beim Aufgehen des Vorhanges ſchreitet Ruy Blas, ſchwarz gekleidet, ohne Orden und Mantel, in heftiger Bewegung mit großen Schritten auf und ab; im Hintergrund ſteht unbeweglich und gleich⸗ ſam ſeiner Befehle harrend ſein Page. — 137— Erſter Auftritt. Ruy Blas, der Pagge. Ruy Blas (bei Seite, für ſich ſelbſt redend.) Was thun? Vor allen Sie, nur Sie und nichts Als Sie! Mag mein Gehirn am Stein zerſchellen, Mein harre hier der Galgen, dort die Hölle— Ich muß ſie retten!— Doch auf welche Art? Wie fang' ich's an? Mein Blut, mein Herz, mein Leben Hinopfern, das iſt nichts und leicht. Doch dies Geweb' enthüllen und errathen— ja Errathen, welche Schreckenspläne der Entſetzliche erſonnen!— Plötzlich aus Dem Dunkfl taucht er auf, verſchwindet plötzlich In ſeiner Nacht— allein— was mag er brüten? O denk' ich d'ran, daß ich im erſten Schreck Ihn bitten konnte— pfui! wie feig', wie thöricht War das von mir, vor einem ſolchen Menſchen! — Was ich auch ſinne, ſchauerhafte Rache Muß da im Spiele ſein; die Königin Will dieſer Teufel wegen ihres Mitleids Mit ſeinem Knecht brandmarken. Fürchterlich! und dennoch Elender, du mußt ſie retten: Du biſt's der ſie verdarb! Um jeden Preis; V Sie muß gerettet werden! Ja, ſo ſei's. — Geſtürzt aus meiner Höhe, und ſo tief; Es war ein Traum!— Sie muß gerettet ſein!— Doch Er! Aus welcher Thür' aus welcher Ecke Tritt der Verräher wieder mir entgegen?⸗ Mein Leben wie dies Haus beherrſcht er ganz; Er öffnet jede Wand, hat alle Schlüſſel, Kann kommen, gehn, unſichtbar nah'n, und über Mein Herz wie über dieſe Dielen ſchreiten. — O GSott, ſo unverhoffter Lauf der Dinge Verwirrt den Kopf; dem Wahnſinn bin ich nah, und kein Gedanke mehr geordnet. Meinen Verſtand, worauf ich eitel war, erfaßte Ein Wirbel von Entſetzen und von Wuth, Er iſt ein ſchwaches Rohr, vom Sturm gekrümmt. — Was thun? Vor allem hindern, daß ſie den Pallaſt verläßt;— denn dahin geht die Schlinge. O Gott, rings um mich Nacht und Abgrund!— das Complott, ich ahn' es, ohne es zu ſehen.— So ſei es. Hindern muß ich, daß ſie ausgeht; Sie warnen ohne Aufſchub. Doch durch wen? Ich habe Niemand. (Er denkt nach. Endlich kömmt ihm ein Gedanke, der ihn mit Hoff⸗ nung zu erfüllen ſcheint. Er erhebt das Haupt.) Ja, Don Guritan, Er liebt ſie und ein Ehrenmann iſt's— ja! (Gibt dem Pagen ein Zeichen ſich zu nähern und ſpricht ziemlich leiſe zu ihm.) Du gehſt ſogleich hin zu Don Guritan, Entſchuldigſt mich und bitteſt ihn von mir, Daß unverweilt zur Königin er eile, und ſie in ſein und meinem Namen bitte: Sie ſolle, was verſucht auch werden möge, Drei Tage durch nicht den Pallaſt verlaſſen. Was auch geſchehen mag; nicht ausgehn. Hörſt du. Jetzt eile. (Den Pagen zurückrufend.) Halt. (Er zieht aus ſeinem Portefeuille ein Blatt und einen Stift.) Er überreiche dies Der Königin und wache über ſie. (Er ſchreibt raſch einige Worte, die er laut ſpricht.) „Befolgt und glaubt dem Rath, Don Guritan.“ (Faltet das Blatt und gibt es dem Pagen.) Was das Duell betrifft, ſo ſage ihm, Ich hätte Unrecht, ſtünde unter ihm Gar tief, ich fühlte Reu', er möge mich Beklagen, und dies Blatt der Königin Nur geben, öffentlich woll' ich alsdann Ihn um Verzeihung bitten.— Es ſei große Gefahr. Sie ſoll nicht ausgehn. Was geſchehn Auch mag. Drei Tage lang. Von Wort zu Wort Richt' alles aus. Nun geh. Sei klug, und laſſe Nichts gegen Jemand merken. Bin ich ja ganz. Ihr ſeid ſo gut. — 140— Page. Euch ergeben Ruy Blas. So laufe, Mein Page. Haſt du auch alles gut behalten 2 Page. Sorgt nicht, mein gnäd'ger Herr, ganz gut. (Page ab.) Ruy Blas (allein, in einen Lehnſtubl ſinkend.) . Mein Geiſt Wir ruhiger. Und doch, wie in dem lichten Moment des Wahnſinns fällt mir Alles ein, Was ich vergeſſen habe. Ja, dies Mittel Iſt ſicher und Don Guritan.... doch ich? Erwart' ich Don Salluſt hier? Und warum? Nein, ich erwart' ihn nicht. Ein ſchwerer Tag Wird dieſer werden. In die Kirche will ich und beten dort. Ja fort von hier. Der Hülfe Bedarf ich: Gott wird ſie mir nicht verſagen. (Er nimmt ſeinen Hut, der ſeitwärts liegt, und ſchellt dann mit einer Glocke, die auf dem Tiſche ſtebt. Zwei Schwarze, in hellgrünen Sammt mit Gold und gefal⸗ tete Schoosröcke gekleidet, erſcheinen an der Thüre.) Ich gehe aus. In kurzer Zeit erſcheint Ein Mann hier auf geheimem Weg. Vielleicht — 141— Daß wie der Herr vom Hauſe er ſich nimmt; Laßt ihn gewähren. Kommen andre noch... .(Er zögert einen Augenblick.) So laßt ſie nur herein. Jetzt könnt ihr gehn. (Er entläßt die Schwarzen durch ein Zeichen; dieſe ver⸗ beugen ſich tief und gehen. Nach ihnen geht auch Ruy Blas ab.) Zweiter Auftritt. Wie Ruy Blas fort iſt hört man einen Lärm im Camine, durch welchen ein Menſch in einem zerriſſenen Mantel hernnterſtürzt. Er erhebt ſich tritt ins Zimmer, und man erkennt Don Cäſar. Don Cäſar, allein. (athemlos, betäubt, baarhaupt, etwas ängſtlich und freudig zugleich.) Da bin ich!“ (Er ſteht auf, reibt das Bein, worauf er gefallen, und ſpricht unter vielen Verbeugungen.) Um Verzeihung! Stören laßt Euch nicht. Ich gehe gleich. Ihr ſprachet eben Mitſammen— fahrt doch fort. Ich komme etwas unartig da herein, Ihr Herrn, verzeiht! (Bleibt mitten im Zimmer ſtehn und gewahrt jetzt, daß er allein iſt.) Kein Menſch!— Als ich am Dache ſaß, glaubt' ich Hier Stimmen zu vernehmen.— Niemand da.— (Setzt ſich in einen Lehnſtuhl.) Auch gut. Erholen wir uns. Einſamkeit — 142— Kömmt uns zu Statten.— O CEreigniſſe!— Ich kann mich gar nicht faſſen, wie ein Hund Den man kopfunter ſtürzt ins Waſſer.— Erſtens, Die ſaubern Alguazils, die mich ſo liebreich In ihre Klau'n gefaßt;— dann eingeſchifft;— Dann die Corſaren;— dann die große Stadt, Wo ſie ſo weidlich mich geprügelt;— dann Die Schlingen, welche jene braune Schönheit Verführend meiner Tugend legte; mein Entwiſchen aus dem Kerker, meine Fahrten,— Die Wiederkehr nach Spanien:— welch ein Roman iſt das!— Den Tag, als ich Madrid Betrete, führt der Teufel mich denſelben Drei Alguazils entgegen, die ſogleich Mich wieder faſſen wollen; ich entfliehe, Erklettre eine Mauer, ſeh' ein einſam Gelegnes Haus inmitten dichter Bäume; Raſch los darauf; mich ſieht kein Menſch; ich ſchwinge Von der Remiſe luſtig mich auf's Dach und führe mich im Schooße der Familie Durch den Camin ein, der den beſten Mantel, Den ich beſitze, ſo mir zugerichtet.— Fürwahr, mein Herr Salluſt, Sie ſind ein ganzer Hallunk! (Er beſieht ſich in dem Spiegelglas des Kleiderſchrankes.) Mein Wams begleitete in allen Drangſalen mich,— man merkt ihm's an. 13 — 13— (Nimmt den Mantel ab und beſieht das Wamms, das geflickt und zer⸗ riſſen iſt. Dann fäbrt er mit der Hand an's Bein und blickt dabei nach dem Camin.) Mein Fuß Kann dieſen neuen Weg gar nicht verſchmerzen. (Er öffnet den Kleiderſchrank und findet darin den grünen Mantel, welchen Don Salluſt im erſten Acte dem Ruy Blas umhängt; er beſieht und vergleicht ihn mit ſeinem.) Der Mantel ſcheint viel ſchicklicher als meiner. (Er hängt den grünen Mantel um, legt ſeinen ſorgfältig zuſammen und ſchiebt ihn in den Schrank, den er zuſchließt. Dann gebt er in dem neuen Mantel ſelbſtgefällig auf und ab.) Gleichviel! Jetzt bin ich wieder da, und alles Geht gut. Sieh da, mein lieber Vetter wollte, Daß ich nach Afrika auswandern ſollte, Wo Menſchen Tigern ſo zum Spielzeug dienen: Schon gut mein Herr, ich räche mich an Ihnen. Ja, fürchterlich!— bis ich gefrühſtückt habe. Dann komm ich unter meinem wahren Namen Mit Allen, die einſt Antheil an mir nahmen und die bis jetzt dem Henker nicht erlegen, Zu Ihnen, wohlgemerkt, mit blankem Degen, und liefre lebend Sie in ihrem Haus Dem Rachen meiner Creditoren aus. (Er ſieht in einer Ecke ein elegantes Paar Stiefeletten, mit Spitzen beſäumt, die er gegen ſeine ſchlechten Schuhe vertauſcht.) Seh'n will ich nun, wohin mich der Verrath Des Schurken jetzt gebracht? eiten beſehend.) Fürwahr ein Haus Recht ſchauerlich, wie für ein Trauerſpiel. Geſchloß'ne Thüren; Gitterfenſter; wie ein Käſig. (Auf den Camin deutend.) Von oben kömmt man in dies Prachtgemach, Wie Wein in die Bouteillen. (Mit einem Seufzer.) Wein, ja Wein! (Das Zimmer von allen S Wie lüſtet mich danach! (Er erblickt die kleine Thüre, öffn raus er erſtaunt zurückkehrt.) Höchſt ſonderbar, Ein Loch ohn' Ausgang das, und alles finſter. et ſie und gebt in das Cabinet, wo⸗ Thüre im Hintergrunde, öffnet ſie, ſieht außen (Er geht an die große Vorgrund zurück.) herum, und kehrt in den Kein Menſch.— Wo bin ich denn, zum Teufel auch?— Pah! kümmert's mich 2 Den Alguazil's entwiſcht' ich, Was ſoll dies Haus mich ſchrecken und in Staunen Verſetzen, weil ich noch kein gleiches ſah?— (Er ſetzt ſich wieder, gähnt, dann ſpringt er auf.) So!— Doch langweilig iſt es hier entſetzlich! (Den Wandſchrank erblickend.). Sieh da! vermuthlich die Bibliothek. (Er öffnet ihn; es iſt ein wohlgefüllter Speiſeſchrank.) Was Teufel? Braten, Wein, Paſteten! Alles — 145— Wohl aſſortirt. Sechs Flaſchen ſchön gereiht. Den Henker auch! wie konnte dieſe Wohnung Mir Vorurtheil' einflößen. (Die Flaſchen nach der Reihe beſehend.) Feinſte Sorte. Entzuͤckend iſt fürwahr die Bibliothek. (Er holt aus der Ecke einen kleinen runden Tiſch, den er vorn din⸗ ſtellt und mit allem beſetzt was der Schrank enthält, wozu er auch ein Glas, Meſſer und Gabel u. ſ. w. thut. Er ergreift eine von den Flaſchen.) Das leſen wir zuerſt. (Füllt das Glas und trinkt es auf einen Zug aus.) Ein köſtlich Werk Des himmliſchen Naturpoeten Sonne. Gedruckt in Feres. (Schenkt ſich aus einer zweiten Flaſche ein, und trinkt.) 3 Wollen ſeh'n, wie dieſes Behagt?— Das ſcheint noch geiſtreicher! (Trinkt wieder.) O Gott, Wie ſtärkt ſolch ein Genuß!— Jetzt eſſen wir. (Die Paſtete anſchneidend.) Die Alguazils, die Hunde,— ich betrog Sie doch! Sie kamen von der Spur. (Eſſend.). Vortrefflich. Ein König der Paſteten das. Doch wenn Der Herr vom Hauſe kömmt... XVI. 10 — 146— EEr geht an den Schrank und bolt noch ein Glas und ein Couvert.) Ich lad' ihn ein, Wenn er ſich früher meiner nicht entladet. Drum ſchnell gegeſſen. (Er ißt haſtig und viel.) Nach dem Dejeuner Will ich mich umſeh'n hier im Haus. Wer mag Hier wohnen nur? Vielleicht ein guter Junge, Den heimlich ſeine Schönen hier beſuchen. Was that ich Übles auch? Was will ich ihm? Nichts als Gaſtfreundſchaft nur auf Griechenart, (Er kniet halb nieder und umſpannt den Tiſch mit beiden Armen.) Indem ich den Altar umarme. (Trinkt.) Sicher Gehört der Wein hier keinem böſen Menſchen; Und kommt er, nun wohlan, ſo nenn' ich mich. Wie wird mein alter Teufelsvetter fluchen: Was? Der Zigeuner, der Bandit, der Bettler, Der Zafart, der Lump?— Ganz recht und mehr: Don Cäſar Bazan, Vetter Don Salluſt's!— O ſchöne Überraſchung! Ganz Madrid Wird fragen: Kam er? Wann? heut' Nacht? heut' Morgen? Welch ein Geſchrei, wenn dieſe Bombe platzt, und plötzlich der vergeß'ne große Name Erſcheint. Don Cäſar Bazan iſt's, ja, ja! Von dem hier Niemand mehr gedacht, geſprochen. — 147— Alſo nicht todt? Nein, nein, Ihr Herren und Damen, Er lebt. Die Männer rufen dann: der Teufel! Die Weiber: ſiehe da!— Ein hübſcher Lärm, Der mich an meinen ſtillen Herd geleitet und das Gebell von hundert Gläubigern. O ſchöne Rolle das!— Mir fehlt nur Geld. (Lärm von außen.) Man kömmt. Gewiß um mich wie einen Dieb Hier fortzujagen. Komme wer da will: Nur Faſſung Cäſar, und nichts halb gethan! (Er hüllt ſich in den Mantel, daß man kaum ſein Geſicht ſieht. Die Thuͤre geht auf und herein tritt ein Lakai in Livree, der einen großen Gekdſack auf dem Rücken trägt.) Dritter Auftritt. Don Cäſar, der Lakai. Don Cäſar (den Bedienten ſcharf fixirend.) Wen ſuchſt du hier, mein Freund? (Bei Seite.) Gefahr iſt da, Hie rettet nur ein ſicheres Benehmen. 1 Lakai. Don Cäſar Bazan. 10* Don Cäſar (den Mantel vom Geſichte ziehend.) Cäſar Bazan! der (Bei Seite.) Ein Wunder dünkt mich das! Lakai. Bin ich. Alſo Ihr ſeid der gnäd'ge Herr Don Cäſar Bazan? Don Cäſar. Ja doch; ich hab' die Ehre. Cäſar bin idh Der wahre, einz'ge Cäſar, Graf. Lakai (den Sack auf den Stuhl legend.) So habt Die Gnade nachzuſeh'n, ob voll die Summe. Don Cäſar (verlegen; bei Seite.) Gar Geld! das iſt doch ſtark. (Laut.) Mein Freund. Lakai. Die Summe, die ich Euch zu bringen habe. Don Cäſar (ernſt.) Ja, ja, ich weiß. 4(Bei Seite.) 4 Der Henker hole mich, Das iſt — 149— Weiß ich ein Wort. Doch ſtören wir den Fortgang Der Wunderdinge nicht. Das Geld kommt ſehr Gelegen. (Laut.) Willſt du den Empfang beſcheinigt? . 3 Lakai. Nein, gnäd'ger Herr. Don Cäſar (auf den Tiſch zeigend.) So legt den Sack dorthin. 3(Der Lakai gehorcht.) Von wem? Lakai. 4 Eu'r Gnaden wiſſen ſchon. Don Cäſar. Ja wohl! Doch.... 5 4 Lakai. Dieſes Geld, befahl man mir zu ſagen, Es kömmt, Ihr wißt von wem? und wißt wozu 2 Don Cäſar .(gleichſam durch dieſe Worte befriedigt.) Ah ſo! Lakai. Behutſam ſoll'n wir beide ſein,— Drum ſtill! 9 Don Cäſar. Ja ſtill!— Alſo dies Geld es kömmt.... Die Worte ſind ſo tief. Ich bitte dich Sie nochmals mir zu ſagen. 1 Lakai. Dieſes Geld... Don Cäſar. Wie klar das iſt: es kömmt, ich weiß von Wem? Lakai. Ihr wißt wozu? Wir ſollen beide... Don Cäſar. Beide!... Lakai. Don Cäſar. Jetzt iſt mir Alles klar! Lakai. Ich muß gehorchen ohne zu verſtehn. Don Cäſar. Lakai. Doch Ihr habt verſtanden? Don Cäſar. Lakai. Behutſam ſein. Pah! Freilich. Gut. Don Cäſar. Ja, ich begreife und ergreife, Freund; Und dann— erhalt'nes Geld iſt immer deutlich. Lakai. Don Cäſar. Still! verſteht ſich, und behutſam! Still! — 151— Lakai. Zählt. Don Cäſar. Wofür ſiehſt du mich an? Lakai (beharrend.) Und doch... Don Cäſar.. — Ich trau' dir. Lakai. Das Gold iſt in vollwichtigen Dublonen, Der Reſt an Silber in Mariengroſchen. (Don Cäſar öffnet den Sack, zieht aus demſelben meh⸗ rere kleine Säcke bervor, die er aufmacht und das Gold daraus auf den Tiſch ſchüttet. Er wühlt vergnügt darin herum und ſtopft ſich alle Taſchen voll.) 8 Don Cäſar (ſich im Einſtecken mit Stolz unterbrechend.) So hat jetzt mein Roman den Zauberſchluß, Daß eine Million ich nehmen muß. (Im Einſtecken fortfahrenv.) Wie ſchön! ich rüſte ganz dies Fahrzeug aus. (Sucht überall ſeine Taſchen hervor, um ſie zu füllen, und ſcheint den Bedienten ganz zu vergeſſen.) Lakai (der ihm gleichgiltig zugeſehen.) und jetzt erwart' ich Euere Befehle. Don Cäſar (ſich umwendend.) Wozu? Lakai. uUm ſchnell und ohne Aufſchub das Zu ordnen, was Ihr wißt und ich nicht weiß, Was aber von gar hoher Wichtigkeit.... Don Cäſar (ihn unterbrechend.) Verſteht ſ ſich, von geheim und öffentlicher! Lakai. und was im Augenblick geſchehen ſoll.— Ich ſage, wie man mirs geſagt. Don Cäſar (ihn auf die Achſel klopfend.) Ich liebe Dich drum, du treue Seele. Lakai. Daß verſäumt Nichts werde, hat mein Herr mich hergeſendet um Euch zu helfen. Don Cäſar. Ganz natürlich das. Wir wollen ſeinen Wunſch ſogleich erfülen. (Bei Seite.) Hol mich der—.. wenn ich weiß, was jetzt ihm ſagen? (Laut.) Hieher mein Freund, und nun,... — 153— (Füllt zwei Gläſer mit Wein.) Trink mir Lakai. Wie? gnäd'ger Herr... Don Cäſar. Trink zu! (Der Lakai trinkt, Don Cäſar ſchenkt ihm wieder ein.) Der Wein iſt gut! dies zu! (Er läßt den Lakai niederſitzen und trinken und füllt ihm ſein Glas immer von Neuem.) Jetzt ſchwätzen wir. (Bei Seite.) Schon glänzen ſeine Augen. (Laut, ſich im Lehnſtuhl ſtreckend.) Der Menſch, mein Freund, iſt nichts als ſchwarder Rauch Der von der Glut der Leidenſchaften aufſteigt. (Schenkt ihm wieder das Glas voll.) So.— Dummes Zeug, was ich da zu dir rede. Der Rauch, wenn er einmal gen Himmel ſteigt Iſt anders ganz, als da er noch im Schornſtein. Leicht ſteigt er auf, wir fallen plump herab. 4(CEr reibt ſich das Bein.) Der Menſch iſt nur ein Klumpen Blei. (Beide Gläſer füllend.) Trink Freund! All die Doublonen da, ſie wiegen nicht Ein Lied des Trinkers auf, der froh vorbeiſchwankt. — 154— (Neigt ſich gebeimnißvoll zu ihm.) Doch wollen klug wir ſein. Zu ſtark beladen Bricht jede Achſe. Ohne Stützen ſtürzt Die Mauer ein.— Sei doch ſo gut, mein Freund, Und richte mir den Kragen hier am Mantel. Lakai (beleidigt.) Eu'r Gnaden Kammerdiener bin ich nicht! (Er ſchellt, ohne daß ſich Don Cäſar deſſen verſehen, mit der Glocke die auf dem Tiſche ſteht.) Don Cäſar. Er läutet! ſicher kömmt der Hausherr ſelbſt. Ich bin verleren. (Einer der Schwarzen erſcheint. Don Cäſar wendet ſich, unſchlüſſig was er thun, ſoll auf die andere Seite.) Lakai (zu dem Neger.) Richtet die Agrafe Dem gnäd'gen Hern. (Der Neger nähert ſich erfurchtsvoll Don Cäſar, thut was ihm geheißen worden und entfernt ſich mit einer Verbeugung. Don Cäſar iſt höchſt erſtaunt über Alles.) 7— Don Cäſar (vom Tiſche aufſtehend, für ſich.) 3 Ich bin bei Belzebub, So wahr ich lebe! (Im Vorgrund mit großen Schritten auf und ab gehend.) Kümmerts mich? Ich nehme — 155— Was ſich mir bietet. Jetzt will ich die Säcke Mir aufbewahren. Geld hab' ich. Was thu' Ich nun damit. (Sich zu dem Lakai wendend, der am Tiſche fort trinkt und auf ſeinem Sitze ſchon zu ſchwanken anfängt.) Laß dich nicht ſtören Freund, (Nachdenkend, für ſich.) Nun überlegt. Soll ich Die Gläubiger bezahlen? Pfui!— Vielleicht Die edlen Seelen, die ſo leicht ſich grämen, Anfeuchten durch ein tröſtendes a Conto?— Wozu ſo elendes Gewächs begießen? Wohin verführt der Teufel meinen Geiſt! Ich ſag' es ja, nichts wirkt ſo ſtark als Geld Den Menſchen zu verderben; ſtamm' er auch Von Hannibal, dem Sieger Roma's, ab: Es füllt ihn bis zum Halſe mit gemeinen Gedanken an. Was würde man nur ſagen, Wenn meine Schulden thöricht ich bezahlte! Lakai (ſein Glas leerend.) Befehlt Ihr Etwas? Don Cäſar. Laß mich denken, trink Und bleibe nur. Und warte nur. Der Lakai thut wie ihm befoblei. Don Cäſar denkt nach und ſchlägt ſich endlich erfreut über einen Gedanken, vor die Stirne.) So geht's. — 156— (Zum Lakai.) Steh auf ſogleich; Jetzt kömmt dein Auftrag. Deine Taſchen fülle Mit Geld hier an. (Der Lakai iſt merklich ſchwankend aufgeſtanden und ſteckt Geld in die Taſchen, wobei ihm Don Cäſar behilflich iſt.) Du gehſt ins kleine Gäßchen Von Placa Mayor rechts in Nummer Neun. Ein ſchmales Haus mit einer netten Wohnung, Woran die Fenſter mit Papier geſtückelt... Lakai. Ein gutes Haus? Don Cäſar. Nicht ganz, ein wenig dunkel. Du kannſt zum Krüpel werden auf der Treppe; Drum geh' behutſam. 3 Lakai. Eine Leiter alſo? Don Cäſar. Beinah'; ein wenig ſteil nur. Eine Schöne Wohnt dorten die gar leicht iſt zu erkennen. Klein iſt ſie und brünett, das Häubchen einfach, Das Röckchen kurz, das Haar zerzauſt ein wenig, Doch ſonſt ein ſchönes Weib. Sei ehrerbietig Mein Freund, denn meine Schöne iſt's, Luzinde, Die vormals, da ſie weiß und üppig noch Und ihr wie Indigo das Auge glänzte, Des Nachts bei'm Cardinal Fandango tanzte;— In meinem Namen zähleſt du ihr hundert Ducaten auf.— Dicht nebenan in einem Verſchlage wirſt du einen dicken Kerl Mit rother Naſe ſeh'n, bis zu den Augen Deckt das Geſicht ihm ein verſchoſſ'ner Filz, D'ran traurig die geknickte Feder baumelt, Am Rückgrat ſteckt ſein Degen, an der Achſel Sein Dolch; dem gibſt von mir du ſechs Piaſter. — Nicht weit davon find'ſt du ein finſtres Loch, Schwarz wie ein Schornſtein, eine Schenke, die Vom Kreuzweg laut nach allen Straßen lärmt. Dort auf dem Hausflur trinkt und raucht ein Mann, Ein Cavalier von edlen, feinen Sitten, Mein Buſenfreund iſt's, Namens Gulatromba. Gib dreißig Thaler ihm und ſag': er ſoll Geſchwind dafür den ganzen Roſenkranz Herunterſaufen— jedes Paternoſter Ein Glas— ich will ihn wieder bald verſehen. Den Schelmen allen zahlſt du prompt das Geld, Und ſtaunſt nicht über die Geſichter, die Sie ſchneiden. Lakai. Dann? Don Cäſar. Was übrig bleibt iſt dein. Und nmun das letzte... — 158— Lakai. Herrlichkeit befehlen? Don Cäſar. Iß dich und trink dich voll nach Herzensluſt, Zerſchlage was dich irrt, mach' recht viel Lärm, und geh' vor Morgen Nachts nicht wieder heim⸗ Lakai. Sehr wohl, mein Prinz. (Er ſchwankt taumelnd nach der Thüre.) Don Cäſar (ihm nachſehend, für ſich.) Der Kerl iſt ordentlich Beſoffen. (Ihn zurück rufend, Lakai kömmt wieder vor.) Hör'! Wenn du ſo fortgehſt, wird Die Schaar der Müſſiggänger dich verfolgen. Durch Faſſung mache dem Getränke Ehre, und geh' mit Anſtand hin. Fällt dir vielleicht Ein Goldſtück aus der Taſche,— laß es fallen! und wenn ein Straßenkehrer, Bettler oder Schulknab' es aufnimmt, laß' ſie's immer nehmen. Du mußt nicht allzuhart zugänglich ſein. Verirrt ſich Einer auch in deine Taſche, V So habe Nachſicht: Menſchen ſind's wie wir. und dann, ſiehſt du, iſt's ein Geſetz für Alle, V In dieſer Welt, die faſt nur Jammer kennt, — 159— Daß man zuweilen, bei beſonderm Falle, Dem Nächſten gern auch eine Freude gönnt. (Melancholiſch.) Die armen Teufel werden ſo gehenkt, Gut iſt's, daß man ſie lebend noch beſchenkt. — Jetzt geh'. (Lakai ab. Don Cäſar ſtützt ſich mit dem Ellenbogen auf den Tiſch und ſcheint in Nachſinnen verloren.) Der Chriſt und Weiſe muß erwägen, Geld, werm er's hat, vernünftig anzulegen. Ich that's.— Hier habe ich noch für acht Tage: Die will ich leben auch in heitrer Lage. Vielleicht, daß wenn ſich dann ein Geld noch fände, Ich dies für milde Stiftungen verwende. Doch zweifl' ich, daß ich mich dazu bequeme, Weil mir es Jedermann nur übel nähme.— — Wenn nur kein Irrthum vorgeht; ſchlecht verſtanden Hat mich vielleicht der Tölpel, oder ſchlecht Hab' ich mich ausgedrückt.. (Die Thüre des Hintergrundes öffnet ſich und hereintritt eine Duenna; bejahrt, graues Haar, Mantille und Kleid ſchwarz, großer Vcher.) 4 — 160— Vierter Auftritt. Don Cäſar, die Duenna. Duenna (noch in der Thüre.) Don Cäſar Bazan! Don Cäſar (fährt aus ſeinen Gedanken auf.) Schon wieder!— Ah, ein Frauenzimmer! (Während die Duenna rückwärts ihre tiefen Verneigungen macht, ⸗ kömmt er erſtaunt in den Vorgrund.) . Mit Dem Teufel oder meinem Vetter muß Das zugeh'n hier. Was gilt die Wette, plötzlich Wird auch mein Don Salluſt erſcheinen!— Eine Duenna!. 3 (Laut.) Ja ich bin Don Cäſar; was führt Euch hierher? Füh 4 ch Hierh(Für ſich.) Natürlich iſt's, die Alte Kömmt wegen einer Jungen. Duenna ehrerbietig, mit dem Zeichen des Kreuzes.) Gnäd'ger Herr, An dieſem heilgen Faſttag grüß' ich Euch In Jeſu Chriſti, Gottes Sohnes, Namen! — 161— Don Cäſar (für ſich.) Ein frommer Anfang des galanten Knotens. (Laut.) In alle Ewigkeit!— ich danke Euch. Duenna. Erhalt Euch Gott vergnügt! (Geheimnißvell.) Gabt Jemand Ihr, Der jetzt zu Euch mich ſchickt, für dieſe Nacht Ein heimlich Rendezvous? Don Cäſar. Ich wär's im Stande. Duenna Gieht aus ihrer Taſche ein gefaltetes Billet, welches ſie ihm zeigt, ohne ihn es nebmen zu laſſen.) Alſo ſeid Ihr's, verſchwieg'ner ſchöner Herr, Der um heut' Nacht an Jemand, der Euch liebt, und den Ihr wohl kennt, dies Billet gerichtet? Don Cäſar. Ich werd's wohl ſein! Duenna. Nun gut. Die Dame, die Vermählt wahrſcheinlich, muß beſondere Vorſicht gebrauchen, und entſendet deßhalb, Mich, um davon Euch zu verſtändigen. Nicht kenn' ich ſie, Ihr aber kennt ſie wohl. XVII. 11 — 162— Ihr Mädchen war's, die mir die Botſchaft auftrug. Die Namen ſind verſchwiegen. Don Cäſar. Außer meinem. Duenna. Es iſt ganz einfach. Eine Dam' erhält Ein Rendezvous von ihrem Herzensfreunde, Doch fürchtet ſie Verrath, und weil die Vorſicht Nie ſchaden kann, ſo ſchickt ſie mich hieher, Aus Eurem Munde die Beſtätigung Zu hören.... Dän, Cäſa O der alten Plaudertaſche, Die Windungen um einen r gi ebesbrief!— Ja doch, ich bin's! ich ſagt' es ja ſchon deutlich Duenna (legt das gefaltete Billet auf den Tiſch, welches Don Cäſar ſehr auf⸗ L merkſam betrachtet.) In dieſem Fall, wenn Ihr es ſeid, ſo ſchreibt Ihr auf den Rücken dieſes Briefs ein:„Kommt!“ Doch nicht mit eigner Hand, damit ſich Niemand Verrathe. Don Cäſar. Das verſteht ſich!— Meine Hand! (Bei Seite.) Curioſe Botſchaft. (Er nimmt den Brief, welcher wieder zugeſiegelt iſt, die Duenna läßt ihn nicht öffnen.) — 1635— Duenna. Offnet nicht. Ihr müßt Ja Eu'r Billet ſchon an der Faltung kennen. Don Cäſar. Ei wohl! (Bei Seite.) Ich brenne vor Begier zu ſehen, Wer...? Nein, wir ſpielen unſre Rolle fort. (Er läutet; einer der Neger erſcheint.) Du kannſt wohl ſchreiben? (Der Neger nickt mit dem Kopfe; Don Cäſar erſtaunt.) (Für ſich.) Was? ein Zeichen? (Laut.) Biſt Du ſtumm, mein holder Junge? (Der Neger nickt wieder; neues Erſtaunen Don Cäſar's; er ſpricht bei Seite.) Räthſelhaft! Doch immer zu! Jetzt leb' ich unter Stummen. (Zum Neger, auf den Brief deuteud, den die Alte wieder auf den Tiſch legt.) Schreib„Kommt!“ hieher. (Der Neger thut es. Don Cäſar gibt der Duenna ein Zeichen, den Brief zu nehmen und dem Neger, ſich zu entfernen Neger ab. 1 Don Cäſar bei Seite.) Wie er gehorſam iſt! 11* — 164— Duenna (ſteckt den Brief ein, und nähert ſich Don Cäſar.) Ihr ſeht ſie heute Nacht.— Sie iſt wohl ſchön? Don Cäſar. Charmant! Duenna. Ihr Mädchen nahm inmitken des Gebets bei Seite mich. Ein ſchönes Kind, Geſicht vom Engel, Augen wie des Teufels. In Liebesſachen ſchien ſie ſehr erfahren. Don Cäſar (für ſich.) Ich wäre mit dem Mädchen ſchon zufrieden. Duenna. Nun, Leute meines Schlags beurtheilen Die Sultanin nach ihrer Sclavin, weil Die Häßliche ſich ſtets vor Schönen fürchtet. Die Eure iſt gewiß die Schönheit ſelbſt. Don Cäſar. Ich will es hoffen auch! Duenna 4(mit tiefer Verneigung ſich empfehlend.) Ich küſſe Euch Don Cäſar. (ihr eine Handvoll Gold gebend.) Ich aber ſchmiere dir die Tatze. Die Hand. Nimm, Alte. — 165— Duenna (das Geld einſteckend.) Immer iſt die Jugend ſinnreich. Don Cäſar (ſie entlaſſend.) Leb wohl! Duenna (ſich verneigend.) Bedürft Ihr was, mein Name iſt Oliva, in der Kirche Iſidoro. (Sie geht hinaus, öffnet jedoch gleich wieder die Thüre und erttt halb berein) Am dritten Pfeiler ſitz' ich immer, rechts Vom Eingang. (Don Cäſar ſteht ſich ungeduldig um. Die Thüre ſchließt ſich, gebt aber wieder auf und die Duenna ſteckt den Kopf herein.) Dieſe Nacht noch ſeht Ihr ſie. Gedenket mein in Euerem Gebet. Don Cäſar (ſie zornig fortjagend.) Zum Teufel geh! (Duenna ab; die Thüre bleibt zu.) Don Cäſar (allein.) Ich will nicht mehr erſtaunen: Ich nehm' mir's vor. Ich wohne hier im Monde, und mache jetzt mein Glück. Zuerſt der Magen und jetzt wird auch das Herz geſättigt. — 166— (Nachdenkend.) Das geht recht gut. Das Ende nur, das Ende! (Die Thüre öffnet ſich; Don Guritan erſcheint mit zwei bloßen Degen unter dem Arme.) Fünfter Auftritt. Don Cäſar, Don Guritan. Don Guritan (noch im Hintergrunde.) Don Cäſar Bazan! Don Cäſar (wendet ſich um gewahrt Guritan und die Degen.) Sieh, das fehlte noch! Schön ging's bis jetzt, und jetzt geht es noch beſſer; Wein, Geld, ein Rendezvous— jetzt ein Duell: Don Cäſar iſt in ſeinem Element. (Er geht Don Guritan mit ſehr lebhafter Freundlichkeit ent⸗ gegen; dieſer wirft ihm unruhige Blicke zu und ſchreitet ſteif in den Vorgrund. Don Cäſar bietet ihm einen Stuhl an; er bleibt ſtehen.) Nur immer näher, wenn's beliebt. Iſt's Euch Gefällig, Platz zu nehmen. Wie zu Hauſe: Genirt Euch nicht. Es freut mich Euch zu ſehen. Nun laßt uns plaudern. Wie geht's in Madrid? Welch ſchönes Leben hier! Ich weiß von nichts, und denke nur, daß man Matalobos. — 167— und Lindamira immer noch bewundert. Für meinen Theil, ich fürchtete die Diebin Der Herzen mehr wohl, als den Dieb des Geldes. Die Weiber! ja, mein Herr, die böſen Weiber, Sie locken mich noch ſtets, obwohl ich mir Das Haupt an ihren Schwellen wund geſtoßen. So ſprecht, erzählt, bringt meinen Geiſt in Gang: Ich lebe ja nicht mehr, ich bin kein Menſch, Ich bin ein lächerlich Geſpenſt, ein Todter, Der auferſtand, ein altkaſtil'ſcher Ritter, Dem man den Helm und Handſchuh hat geſtohlen; Ich komme aus den fernſten Landen her Don Guritan. Ihr kommt von fern? wohlan, mein Herr, ich komme Von weiter noch. Don C äſar (muthwillig.) Von welchem großen Fluſſe? Don Guritan. Vom fernen Norden— dort. Don Cäſar. — Und ich— ven dort Vom fernen Süden. Don Guritan. Wüthend bin ich. Don Cäſar. Gelt! Ich auch! — 168— Don Guritan. Ich fuhr ſechshundert Meilen. Don Cäſar. — Ich Zwölfhundert gar. Und Weiber ſah ich, braune und blaue, grün' und ſchwarze. Die beglückten Gefilde von Algier, das liebe Tunis Sah ich und all die ausgeſtopften Türken, Die als ein Schmuck an jedem Stadtthor baumeln. Don Guritan. Man trieb mit mir ein Spiel. Don Cäſar. und mich verkaufte Man gar. 4 Don Guritan. Man hat mich faſt verwieſen. Don Cäſar. . Mich, Mich hat man faſt gehenkt. Don Guritan. Nach Neuburg ſchickt Man mich mit einem Käſtchen, drin ein Brief Des Inhalt:„Haltet doch den alten Narren „So lang Ihr könnt bei Euch.“ Don Cäſar (laut lachend.) Charmant! und wer? — 169— Don Guritan. Doch breche ich dafür Don Cäſar Bazan Den Hals. Don Cäſar (ernſt.) So, ſo! Don Guritan. Die Frechheit zu vollenden Schickt er ein Bübchen mir an ſeiner Stelle, Ihn zu entſchuldigen, den feigen Wicht. Den Burſchen wollt ich gar nicht ſehn: ich ließ Ihn in den Kerker thun, und komme ſelbſt Zum Herrn. Don Cäſar Bazan, der Verräther, Der Unverſchämte, den ich tödten will, Wo iſt er? Don Cäſar (immer ernſt.) Hier; ich bin's? Don Guritan. Ihr? ſcherzet Ihr? Don Cäſar. Ich bin Don Cäſar. Don Guritan. Wie? Ihr auch? Don Cäſar. Ich auch. — 170— Don Guritan. Ich bitt Euch, laßt dies Gaubelſpiel mein Freund, Ihr langweilt mich mit Eurer faden Laune. Don Cäſar. Doch Ihr beluſtigt mich. Recht eiferſüchtig Scheint Ihr zu ſein. Ihr dauert mich unendlich, Der Schmerz, den Ihr von unſern Streichen duldet Iſt weit empfindlicher als jener, den Gewiſſe Leute durch uns fühlen. Ich wollte lieber, ſag' ich Euch, ganz arm Als geizig, lieber ſelbſt ein Hahnrei als Ein Eiferſücht'ger ſein. Und beides ſeid Vermuthlich Ihr. Ich meines Theils erwarte In dieſer Nacht noch Euere Gemahlin. Don Guritan. Meine Gemahlin! 1 Don Cäſar. Ja, ſie ſelbſt. Don Guritan. 3 .. Warum Nicht gar? Ich war ja nie vermählt. Don Cäſar. Ihr ſelbſt Seid Schuld an meinem Jerthum. Nicht vermählt.? Und eine Viertelſtunde ſchon mißbraucht Der Menſch den Jammer eines Ehemanns So glücklich, daß ich ihm aus gutem Herzen Den beſten Rath für ſeine Noth ertheile. — 171— Nun gut, ſeid Ihr kein Ehemann, was habt Ihr für ein Recht ſo lächerlich zu ſein? Don Guritan. Wißt Ihr wohl, daß Ihr mich beleidigt? Don Cäſar. So? Don Guritan. Daß das zu viel iſt? Don Cäſar. Wirklich? Don Guritan. . Daß Ihr mir's Bezahlen ſollt! Don Cäſar (betrachtet aufmerkſam Guritans Schuhe, woran eine Maſſe bunter Bänder.) Sonſt trug man Bänder auf Dem Kopf. Jetzt, wie ich ſehe, denkt die Mode Auch an die Schuhe. Man friſirt den Fuß. Das iſt charmant! Don Guritan. Wir ſchlagen uns. Don Cäſar (gleichgiltig.). Meint Ihr? Don Guritan. Ihr ſeid nicht Cäſar, das iſt meine Sache, Doch fang' ich mit Euch an. — 172— Don⸗ Cäſar. — 3 Gebt Acht, daß Ihr Nicht durch mich aufhört. Don Guritan. (ihm einen Degen reichend.) Geck!— macht ſchnell. Don Cäſar (den Degen nehmend.).— Sogleich. Ein gut Duell laß ich nicht fahren. Don Guritan. Wo? . Don Cäſar. Die Straß' iſt einſam, an der Gartenmauer. Don Guritan (die Degenſpitze auf dem Boden verſuchend.) Für Cäſar tödt' ich ihn. Wirklich? Don Guritan. Don Cäſar (den Degen gleichfalls biegend.). Wenn Ihr nun ſterben ſolltet, ſagt, wie fangt Ihr's an, Don Cäſar dann zu tödten? Don Guritan. Gewiß. Kommt! (Beide ab. Man hört ihre Schritte ſich entfernen. Bald darauf öffnet ſich rechts in der Wand eine kleine mas⸗ kirte Thüre, durch welche Don Salluſt hereintritt.) Don Cäſar. 4 Sechster Auftritt. Don Salluſt, allein. (Er geht in einem ganz dunkelgrünen Kleide, ſieht und horcht überall herum und ſcheint unruhig.) Nichts ſeh' ich vorbereitet! (Den Tiſch mit den Speiſen und Flaſchen gewahrend.) Was iſt das? (Hört die Schritte von Cäſar und Guritan.) Welch ein Getöſe? (Geht nachdenkend vorn auf und ab.)— Gudiel ſah am Morgen Den Pagen ausgehn und iſt ihm gefolgt. b Der Page ging zu Guritan.— Ich ſehe Ruy Blas nicht,— dieſer Page— Teufel! das War eine Gegenmine! eine Warnung Vermuthlich, die er durch Don Guritan 3 An Sie geſendet.— Von den Stummen bringt Man nichts heraus, verwünſcht! und nicht voraus Gedacht hatt' ich an dieſen Guritan! (Don Cäſar tritt wieder herein, den blauken Degen in der Hand, den er auf einen Stuhl wirft.) Don Salluſt, Don Cäſar. Don Cäſar. (noch an der Thüre.) Ich ahnt' es ja: da iſt der alte Teufel! Don Salluſt (ſich umwendend, verſteinert vor Staunen.) Don Cäſar!. Don Cäſar (Die Arme kreuzend und unter lautem Lachen.) . Ja gewiß, Ihr brütet über Verdammten Dingen da, und ich zerſtöre Euch Alles hier, nicht wahr 2 Ich komme und Zertrete plump Euch Eure feinen Schlingen! Don Salluſt (bei Seite.) Verloren Alles! Don Cäſar. Schon den ganzen Morgen Vernicht' ich lachend Eure Spinnennetze, und keiner Eurer Pläne mehr gelingt. Ich wälzte wie ein Eber mich zufällig Durch alle hin, zertrat, zerwühlte alles: Koſtbarer Spaß! Don Salluſt (bei Seite.) Verdammt! Was that er nur? 1 — 15— Don Cäſar. Der Diener, der den Sack mit Geld gebracht, Ihr wißt von wem, und wißt wozu? Lachend.) Beſorgt iſt's. Don Salluſt. Und wie? Don Cäſar. Ich macht' ihn trunken. Don Salluſt. Doch das Geld? Don Cäſar (gravitätiſch.) Verwendete ich zu Geſchenken an Verſchied'ne Herrn und Damen, meine Freunde. Don Salluſt. Die ganze Summe, wie? Don Cäſar. (an die vollen Taſchen klopfend.) Auch füllt' ich mir Die Taſchen alle, wie Ihr hören könnt. (Wieder lachend) Hört weiter nun! die Dame... Don Salluſt. Gott! Don Cäſar (merkt ſeine Angſtlichkeit und fährt immer lachend fort, während Salluſt in höchſter Spannung zuhört.) Ihr kennt Sie ja!— ſie ſchickte ne Duenna mir, Em altes Thier mit Bart und rother Naſe— Don Salluſt. Warum? Don Cäſar. Aus kluger Vorſicht, zu erfahren, Ob wirklich Cäſar ſie des Nachts erwartet? Don Salluſt (bei Seite.) O Himmel! Laut.) uUnd du ſprachſt? Don Cäſar. Ja, ſprach ich,— ich Erwarte ſie! Don Salluſt 4. (bei Seite.) Vielleicht iſt noch nicht Alles Perloren! Don Cäſar. . Euren großen Helden endlich, Der ſich Don Guritan mir draußen nannte, (Bewegung Don Salluſts) Den ſtolzen Herrn, der heute Morgen nicht Einmal den Pagen ſehen wollte, welchen Als Boten Cäſar ihm geſandt,— und der Nun herkam, Rechenſchaft von mir zu fordern... Don Salluſt. Was thateſt du mit ihm? — 177— Don Cäſar. Ich ſtach ihn todt. Don Salluſt. Don Cäſar. Da an der Mauer; eben ſtirbt er. Don Salluſt. Biſt du gewiß auch, daß er todt? Don Cäſar. Ich fürchte, Wirklich? Nur zu gewiß. Don Salluſt (bei Seue) Ich athme wieder auf. Dem Himmel Dank, er hat noch nichts verdorben! Im Gegentheil. Jetzt aber muß er fort. Den rohen Helfer ſchaff' ich mir vom Halſe. Nichts liegt am Gelde. (Laut.) Einzig iſt das Alles! Sonſt habt Ihr Niemand Anderen geſehn? Don Cäſar. Ich will jetzt meinen Namen durch die Stadt Ein wenig tragen und unglaublichen Scandal erregen; rechnen könnt Ihr d'rauf. Don Salluſt (bei Seite.) Verdammt! XVII. Noch nicht;— doch bald. Jetzt kommt die Fortſetzung. — 178— (Laut und ſich Cäſaxr nähernd.) Behalt das Geld und geh hier fort. Don Cäſar. So? und Ihr ſorgt, daß man mir wieder folge, Daß mich das liebenswürdige Loos erreiche, Die Luft des mittelländ'ſchen Meer's zu koſten! Ich danke. Don Salluſt. Glaube mir! Don Cäſar. Nein. Üübrigens Wittr' ich an dieſem düſtern Orte Eure Verrätherei auf eine Beute lauern. Die Hofintrigue ſpielt auf Doppelleitern; Von einer Seite ſteigt der arme Sünder Gebunden, ſchweigend und verſtört hinauf:; Der Henker auf der andern Seite. Ihr Natürlich ſeid der Henker! Don Salluſt. Ha! Don Cäſar. Ich aber Zieh' Euch die Leiter weg. 4 Don Salluſt. Ich ſchwöre dir... . Don Cäſar. Schon gut. Ich will nun einmal, Alles zu — 179— Verderben, Eure Abentheuer theilen. Ich kenn' Euch Vetter, als ſo ſtark und ſo Gewandt, daß Ihr im Nothfall zwei und auch Drei Puppen könnt an Einen Faden hängen. So eine bin ich nun— ich bleibe. Don Salluſt. Höre... Don Cäſar. Was ſoll mir Eure Rednerkunſt? Verkaufen Ließ't Ihr mich den tuneſiſchen Corſaren! Hier fabrizirt Ihr fälſchliche Don Cäſars! Entwürdigt meinen Namen... Don Salluſt. Zufall nur! Don Cäſar. Ein Zufall?— Speiſe, die ein Spitzbub' kocht, Daß ſie ein Dummkopf freſſe. Nichts da Zufall! Drum ſchlimm für Euch, wenn Eure Pläne ſcheitern. Erretten will ich Jene, die Ihr hier 3 Verderben wolltet; meinen⸗Namen will Ich aus dem Fenſter ſchreien. (Er ſpringt auf den Fenſtervorſprung und ſieht hinaus.) Hört!!— Sieh da, Juſt ſchreiten Alguazils da in der Straße. (Er ſteckt den Arm durch's Gitter winkt und ſchreit:) Hieher, hieher! 12* — 180— Don Salluſt (außer ſich vor Angſt, bei Seite.) Verloren iſt jetzt Alles, Wenn er ſich ihnen zu erkennen gibt. (Ein Alcade mit mehreren Alguazils treten ein. Son Salluſt iſt in böchſter Verwirrung und gibt ſich Mühe etwas zu erſinnen. Don Cäſar geht ihnen mit triumphirender Miene entgegen.) Achter Auftritt. Die Vorigen, ein Alcade, Alguazils. Don Cäſar (zum Alcaden.) Ihr ſetzt in Euer mündliches Verhör... Don Salluſt (plötzlich gefaßt, auf Don Cäſär zeigend, zum Aleaden.) Daß hier der große Dieb Matalobos. Don Cäſar (betreten.) Don Salluſt. (bei Seite.) Vier und zwanzig Stunden Zeit gewonnen, Vnd Alles iſt gewonnen! Wie!? (Laut zum Alcaden.) Dieſer Schelm Ich that's. — 181— Wagt es, am hellen Tag hier einzudringen. Nehmt ihn gefangen.. (Die Alguazils faſſen Don Cäſar.) Don Cäſar (aufgebracht.) Schönen Dank! Ihr lügt Ja unverſchämt. Alcade. Wer rief uns denn hieher? Don Salluſt. Don Cäſar. Das iſt zu ſtark! Alcade. Ich glaube gar Er räſonirt! Don Cäſar. Don Cäſar Bazan bin Ich ja in eigener Perſon. Don Salluſt. Don Cäſar!— Betrachtet nur gefälligſt ſeinen Mantel: Im Kragen ſteht der Name„Don Salluſt“; Ein Mantel iſt's, den eben er geſtohlen. (Die Alguazils reißen ihm den Mantel herab; der Alcade beſieht ihn.) Alcade. Don Salluſt. Das Wams an ſeinem Leibe da... Ganz recht. Don Cäſar (bei Seite.) Verdammter Schuft! Don Salluſt. Dem Grafen Alba iſt's Geſtohlen.— Seht des Grafen Wapen hier. (Er deutet auf den geſtickten Armelumſchlag.) Don Cäſar (bei Seite.) Alcade. (das Wapen beſehend.) Ganz recht, die beiden Thürme. Don Salluſt. Die beiden Keſſel auch. (Wie ſich Don Cäſar den Alguazils entringen will, fällt Geld aus ſeinen Taſchen. Don Salluſt zeigt dem Aleaden die Art, auf welche dieſe angefüllt ſind.) K Nun urtheilt ſelbſt, Ob ein honetter Menſch auf ſolche Weiſe Sein Geld bei ſich trägt? Alcade Er iſt behext! (den Kopf ſchüttelnd.) Hum! Don Cäſar (bei Seite.) Ich bin geliefert. (Die Alguazils durchſuchen ſeine Taſchen, nehmen ihm das Geld und finden Briefe.) — 183— 4 Alcade. Hier ſind Papiere auch. Don Cäſar (bei Seite.) O weh, das ſind Des Grafen Liebesbriefe, die mit mir Gereist ſind. Alcade (die Papiere beſehend.) Briefe ſind's— verſchied'ne Handſchrift. Don Salluſt (macht ihn auf die Adreſſen aufmerkſam.) An Alba lauten alle. Alcade. Wahrlich. Don Cäſar. Aber... Ein Alguazil (Don Cäſars Hände bindend.) Gefangen! welch ein Glück Ein anderer Alguazil (ins Zimmer tretend, zum Alcaden.) Herr, draußen liegt Ein Mann, der kürzlich hier ermordet wurde. Alcade. Wer iſt der Mörder. Don Salluſt (auf Don Cäſar weiſend.) — 184— Don Cäſar (bei Seite.) Verdammter Zweikampf! Ich Unbeſonnener! Don Salluſt. Als er hereintrat, Hielt er den blanken Degen in der Hand; Da liegt er noch. Alcade. (den Degen aufnehmend,) Das Blut iſt noch daran. (gibt den Alguazils einen Wink.) Zur Stelle fort mit ihm! Don Sallu ſt (zu Don Cäſar den die Alguazils ergreifen.) Leb wohl, Matalobos! Don Cäſar (einen Schritt gegen ihn vortretend, mit ſcharfem Blicke.) Ihr ſeid ein ganzer Schurke! Sehr wohl! Fünfte Handlung. Tiger und Löwe. Perſonen: Ruy Blas. Don Salluſt. Die Königin. Erſter Auftritt. Ruy Blas alleein. Scene wie im vorigen Akte; es iſt Nacht; eine Lampe brennt auf dem Tiſche. (Ruy Blas trägt ein ſchwarzes talarähnliches Oberkleid, welches ſeine übrige Kleidung verbirgt.) Es iſt vorbei. Der Traum iſt aus und ſeine Geſtalten ſchwanden: Bis zum ſpäten Abend Lief ich die Straßen durch. Jetzt bin ich ruhig Und hoffe wieder. Beſſere Gedanken Bringt wohl die Nacht: der Kopf wird leicht, der Lärm Läßt nach. Auch ſeh' ich Schauerliches nichts — 186— In dieſen finſtern Mauern. Wohlgeordnet Iſt das Geräth; die Schlüſſel gut bewahrt; Die Schwarzen ſchlafen längſt; das Haus iſt ruhig und ſtill, und nirgends Grund zu einer Störung. — So ging es gut. Treu iſt mein Page, und Don Guritan gewiß auch überzeugt, Daß ſich's um Sie gehandelt.— O mein Gott, Nicht wahr, ich darf dir danken, daß du Ihr Die Warnung werden ließeſt, daß du mir, Gerechter Gott, den Engel retten halfſt und täuſchen Don Salluſt,— daß Sie nun nichts Zu fürchten, nichts zu leiden hat und frei Nun iſt, und daß ich ruhig— ſterben kann! (Er zieht aus ſeiner Bruſt eine kleine Phiole, die er auf den Tiſch ſtellt.). Ja ſtirb Elender jetzt, und ſtürze in 3 Den Abgrund! Stirb, ſo wie man ſterben muß, Zu ſühnen eine Schuld! In dieſem Hauſe Stirb unbedauert, elend und allein: (Er reißt ſein Gewand auf; man erblickt die Livree darunter, die er im erſten Acte trug.) und ſteig' entehrt, in der Livree ins Grab. (Er ſchiebt den Schrank vor die geheime Thüre.) Der Teufel wird ſein todtes Opfer ſuchen, Doch komm' er nicht durch dieſe Höllenpforte. — 187— (Tritt wieder an den Tiſch.) Der Page fand gewiß Don Guritan: Kaum war's die achte Stunde noch am Morgen. (Den Blick auf die Phiole gerichtet.) Mein Urtheil iſt geſprochen, meine Zeit Geendet: ſelber will ich über mich Des Sarges ſchweren Deckel niederrücken. Darf ich mit Luſt dabei doch denken, daß Kein Menſch jetzt etwas über mich vermag. Unwiderruflich iſt mein Tod. (Setzt ſich in den Armſtuhl.) Und Sie, Sie liebte mich!— Gott ſteh' mir bei: ich habe Den Muth zu ſterben nicht! (Er weint.) O hätten ſie In Frieden uns gelaſſen! (Birgt ſein Haupt in die Hände und weint heftiger.) Gott! (Erhebt ſein Haupt, betrachtet die Phiole und ſpricht wie irre.) Der Menſch, Der dieſes mir verkaufte, fragte nach Dem heut'gen Tag im Monat mich; ich wußte Ihm keine Antwort d'rauf. Mein Kopf iſt wirr. Die Menſchen ſind ſo böſ'. Du ſtirbſt, und Niemand Bedauert dich. Wie leid' ich ſo!— Und doch, — 188— Sie liebte mich!— Zu wiſſen, daß Vergang'nes Unwiderbringlich uns verloren iſt!—. Nie werd' ich ſie mehr ſehen! Ihre Hand Die ich gedrückt, ihr Mund, der meine Stirn' Berührt, o ſchöner, armer Engel du!— So troſtlos und verzweifelnd hier zu ſterben! Ihr Kleid, an welchem jede Falte Anmuth; Ihr Fuß, der, wenn er ſanft vorbeiglitt, mich Durchrieſelte; ihr Blick, worin mein Auge Halbzagend ſich berauſchte; ihre Stimme, Ihr Lächeln,— nichts von allen Dem ſoll ich Mehr ſeh'n, nichts hören dürfen!— Nein, es kann, Es kann nicht ſein! (Er greift langſam und zagend nach der Phiole; in dem Augenblicke, als er ſie zum Munde führen will, öffnet ſich die hintere Tbüre und berein tritt die Königin; weißer Anzug worüber ein dunkler Mantel, deſſene Kaputze auf die Achſel herabfällt und das bleiche Geſicht ſeben läßt. In der Hand hält ſie eine Blend⸗ laterne, die ſie auf die Erde ſtellt und raſch auf Ruy Blas zugeht.) Zweiter Auftritt. Ruy Blas, die Königin. 2 Königin (eintretend.) Don Cäſar! — 189— Ruy Blas (kehrt ſich erſchreckt nach der Thüre und ſchließt ſorgfältig ſein Ober⸗ kleid, welches die Livree verbirgt.) Gott, ſie iſt's! Gefallen in das Schreckensnetz— verloren! (Laut.) O Königin!... 4 Königin. Welch banger Ausruf, Cäſar! Ruy Blas. Gott, wer vermochte Euch hieher zu kommen? Königin. Ruy Blas. Wie? ich! Königin. Du ſelbſt! Ruy Blas (dringend.) O redet, redet! Königin. Einen Brief. Ruy Blas. Von mir? Königin. Von deiner eignen Hand. Ruy Blas. Es iſt, um ſich Erhielt ich nicht von dir... Den Schädel zu zerſchmetkern. Gott! ich ſchrieb Euch keinen Brief. Königin. Gieht ein Billet aus ihrem Buſen und zeigt es ihm.) So lies ihn ſelbſt. Ruy Blas (nimmt in böchſter Bewegung das Blatt, neigt ſich an die Lampe und liest.) „Es hat „Ein Wetter über mir geſammelt ſich, „Das meine Herzenskönigin allein „Verſcheuchen kann... Königin (fährt fort mit dem Finger auf die Zeile weiſend.) „Wenn heute Abend ſie „In meinem Hauſe mich beſucht. Wo nicht „Bin ich verloren.“ Ruy Blas 3 (mit brechender Stimme.) O Verrätherei! Wie, dieſer Brief?... Königin (im Leſen fortfahrend) „Zur Seitenthüre tretet „Ihr unerkannt herein, ein treuer Diener „Offnet ſie Euch.“ Ruy Blas (bei Seite.) Vergeſſen konnt ich dies Billet! — 191— (Zur Königin mit fürchterlicher Stimme.) Fort, fort von hier! Königif. Ich will ja gehn Don Cäſar, o mein Gott! was habt Ihr denn? Was hab' ich denn gethan? Ruy Blas. Was Ihr gethan? Ihr ſtürzt Euch in's Verderben! Königin. Ruy Blas. Mich nicht erklären: fliehet, fliehet ſchnell! Königin. Nicht faß' ich Euch; ich ſchickte doch, um ſicher Zu ſein, zu Euch des Morgens die Duenna... Ruy Blas. O Gott!— In jedem Augenblicke ſeh' ich Wie aus durchbohrtem Herzen Euer Leben In raſchen Strömen flieht. O geht von hier! Königin (wie von einem plötzlichen Gedanken getroffen.) Jetzt faßt die Seelenkraft der Liebe mich. Ein finſtres Etwas ſcheint Euch hier zu drohen, Mich drängt Ihr fort aus Eueren Gefahren. Ich bleibe. Wie?! Ich kann — 192— Ruy Blas. Gott! entſetzlicher Gedanke! Zu dieſer Stunde und an dieſem Ort. Königin. Von Euch iſt dieſer Brief. Darum... Ruy Blas (die Hände zum Himmel empor ſtreckend.) Erbarmen! Königin. Ihr wollt mich nur entfernen... Ruy Blas (ihre Hände faſſend.) Hör', o hör'! Königin. Ich rath' es wohl. Im erſten Augenblicke Schriebt Ihr. an mich, und dann. Ruy Blas. 3 Nicht ſchrieb ich dir, Ich bin ein böſer Geiſt, o fliehe, fliehe! O glaub' es mir, dn gingſt in eine Falle; O glaub' es Armſte, mir, es lauert hier Die Hölle rings auf dich.— Weiß ich denn nichts, Dich zu bereden, nichts, dich zu bewegen!— Ich liebe dich, du weißt's, o höre mich! Zu retten dich vor dem, was hier dir droht, Riß' ich das Herz mir aus dem Leibe gern! O Gott, wie lieb' ich dich! Drum flehe! — 193— Königin. Cäſar! Ruy Blas. O flieh'!— Doch ich entſinne mich. Geöffnet Hat man dir hier? Königin. Nun ja. Ruy Blas. O ſchrecklich— Wer? Königin. Ein Mann mit einer Maske, der ſich an Die Wand gedrückt. Ruy Blas. Mit einer Maske ſagſt du? Was ſprach der Mann? wie ſah er aus? war er Nicht groß? O rede doch, ich flehe dich! (Ein Mann ganz ſchwarz gekleidet und mit einer Maske erſcheint in der großen Thüre.) Der Maskirte. Ich war's. (Er nimmt die Maske ab; es iſt Don Salluſt. Die Königin und Ruy Blas erkennen ihn mit Entſetzen.) — 194— Dritter Auftritt. Die Vorigen, Don Salluſt. Ruy Blas. O großer Gott, entflieht! Don Salluſt. s iſt Zu ſpät, die Herzogin von Neuburg iſt Nicht Königin von Spanien mehr! Königin (entſrtzt.) Salluſt! Don Salluſt (auf Ruy Blas zeigend.) Von jetzt nur die Gefährtin dieſes Menſchen. — Königin. Gerechter Gott, das iſt Verrath! und Ihr Don Cäſar.... Ruy Blas (verzweiflend.) Wehe, was habt Ihr gethan! Don Salluſt (nähert ſich langſamen Schrittes der Königin.) Ihr ſeid in meiner Hand. Doch ihm zu Liebe Sprech' ich ganz friedlich zu Euch, Majeſtät, Denn ich bin ohne Leidenſchaft.— Ich find' Euch— Hört mich ganz ohne Widerrede an— — 195— Allein bei Cäſar, hier in ſeinem Hauſe, um Mitternacht. Für eine Königin Sehr viel, und wenn bekannt es wird, genug, In Rom die Ehebande aufzulöſen; Der heil'ge Vater ſoll es bald erfahren. Doch iſt ein Ausweg da, wenn Ihr einwilligt, und alles bleibt geheim. (Er zieht ein Pergament hervor, welches er entfaltet und der Königin vorlegt.) Ihr unterzeichnet Mir dieſes Pergament an unſern König, Das durch den Oberkämmerer an den Staatsanwald geht— und Ihr— ein Wagen, den Ich reich mit Gold gefüllt, harrt Eurer draußen. (Nach außen deutend.) Ihr beide flieht ſogleich. Ich helfe Euch. Ganz ohne Sorgen könnt Ihr durch Toledo Und Alcantara fort nach Portugal. Geht wo Ihr hinwollt, gleich wird es uns gelten, Man drückt die Augen zu. Gehorcht! Ich ſchwöre, Daß ich allein um Euer Abenteuer Bis jetzt nur weiß. Doch weigert Ihr's, ſo weiß Es morgen ganz Madrid. Mich hindert nichts. Ihr ſeid in meiner Hand. (Nach dem Schreibgeräthe auf dem Tiſche weiſend.) Hier habt Ihr Alles, Was Ihr zum Schreiben braucht. — 196— Königin (ſinkt vernichtet in den Lehnſtuhl.) In ſeiner Macht Don Salluſt. Nichts fordre ich von Euch als die Einwilligung, dem König dies zu bringen. (Zu Ruy Blas, der wie angedonnert zuhört.) Laß mich, ich arbeite zu deinen Gunſten. (Zur Königin.) Bin ich! Schreibt doch! B Königin Gitternd, bei Seite.) Was ſoll ich thun? Don Salluſt (reicht ihr eine Feder, ganz nahe zu ihr.) Was liegt denn auch An einer Krone! Ihr gewinnt das Glück um ihren Preis. All' meine Leute ließ Ich draußen. Niemand weiß was hier geſchieht. Wir drei allein. 4 (Verſucht ihr die Feder in die Finger zu ſchieben, die ſie weder annimmt noch abweist.) Wohlan! (die Königin blickt ihn zagend und bange an.) . Wenn Ihr nicht zeichnet, Schlagt Ihr Euch ſelber— Argerniß und Kloſter. — 197— Königin (tief betrübt.) Don Salluſt (auf Ruy Blas zeigend.) Cäſar liebt Euch; würdig iſt Er Eurer, iſt von hohem Stamme, faſt Ein Prinz, begütert reich, iſt Herzog von Olmedo, Bazan, Grand von Spanien... (Er hat ihr das Pergament unter die Hand geſchoben, ſie ſcheint unterzeichnen zu wollen.) Ruy Blas plö lich wie aus einem Traum erwachend, entreißt der Königin Per⸗ g gament und Feder.) Mein Name iſt Ruy Blas— ich bin Lakai! Nicht unterzeichnet, Majeſtät!— O endlich! Es hat mich faſt erſtickt. Königin Was ſagt Ihr— Gott! Ruy Blas (läßt ſein Oberkleid fallen, man ſieht ihn in Livree ohne Degen.) Ich ſagte, daß Ruy Blas Mein Nam', und ich Lakai bei dieſem Menſchen. (Gégen Don Salluſt.) Ich ſagte, daß genug des Frevels hier, Und daß um ſolches Glück ich danke, Herr, Mögt Ihr mir noch ſo gute Worte flüſtern. Ich ſagte, daß es Zeit iſt zu erwachen O Himmel! Don Cäſar, wie? — 198— Aus dem verfluchten Schlaf, worin mich Euer Berbrechen knebelte; ich ſagte, daß Ich nicht von hier mehr geh' und daß wir beide Hier eine teufliſche Vereinigung Zu feiern denken, Herr!— Ich habe nur Den Rock, doch Ihr die Seele des Lakaien. Don Salluſt (ganz kalt, zur Königin.) Der Menſch iſt wirklich mein Lakai. (Gebietend zu Ruy Blas.) Kein Wort mehr! Königin (mit einem Schret des Entſetzens, die Hände ringend.) Gerechter Gott! Don Salluſt (fortfahrend.) 3 Er ſagte nur zu viel. (Die Arme kreuzend, mit donnernder Stimme.) Wohlan, ſo ſag' ich Alles denn. Was liegt Daran? es ſättigt ſich mein Durſt nach Rache. (Zur Königin.) Was meint Ihr dazu?— Lachen wird Madrid. Ihr ſtürztet mich? Ich ſtoße Euch vom Thron. Verbanntet mich? Ich jag' Euch aus dem Reich, und rühme deſſen mich. Ihr muthetet Eu'r Kammermädchen mir als Gattin zu: — 199— (In Lachen ausbrechend.) Meinen Lakai gab ich Euch zum Geliebten. Ihr könnt ihn auch heiraten, ja gewiß: Der König gibt es zu. Sein Herz wird Euer Reichthum. Ihr habt alsdann zum Herzog ihn Gemacht— um ſelber Herzogin zu werden. (Die Zähne knirſchend.) Vernichtet habt Ihr mich, gedemüthigt, Zu Füßen hingeſtreckt— und Ihr, Ihr konntet So ruhig ſchlafen!— Thörin, die Ihr war't! (Während er ſprach iſt Ruy Blas an die Thüre des Hintergrunds gegangen und hat ſie von innen wohl verſchloſſen; dann nähert er ſich unbemerkt und lang⸗ ſam Don Salluſt von rückwärts. Während dieſer den vernichtenden und triumphirenden Blick auf die Königin heftet, reißt er von hinten dem Marquis den Degen aus der Scheide.) Ruy Blas (den Degen in der Hand, fürchterlich.) Ich glaub' Ihr wagt es, Eure Königin Hier zu beſchimpfen! (Don Salluſt ſtürzt gegen die Thüre, die ihm Ruy Blas vertritt.) 3 Nicht dahin! Es lohnt Der Mühe nicht; geſchloſſen iſt ſie längſt. Marquis, bis heut hat Satan dich beſchützt, Doch jetzt dich meinen Händen zu entreißen, Erſchein' er ſelbſt.— Jetzt iſt die Reih' an mir. - 209— Die Schlange tödte ich, die mir begegnet. Niemand gelangt hieher: nicht deine Leute, Die Hölle ſelber nicht. Wuthſchäumend zwing' Ich unter dieſes blanke Eiſen dich.— Sprach dieſer Menſch nicht unverſchämt zu Euch, Erhab'ne Frau? Ich will es Euch erklären. Ein Ungeheuer iſt er ohne Seele. Hohnlachend würgt' er geſtern mich am Leben, Zermalmte heiter mir das Herz. Ein Fenſter Hieß er mich ſchließen, mich mit Luſt zu foltern. Ich bat und weinte, Gott— ich kann's nicht denken! (Zu Don Salluſt.) Ihr zählt da Eure Leidensrechnung her, Nicht acht' ich ſie— und will ſie nicht verſtehen. Doch haſt du es gewagt, du Elender, Die Königin, die angebetete, Das ſchwache Weib in meiner Gegenwart Zu ſchmäh'n mit unerhörter Frevelei: und konnteſt glauben, ruhig werd' ich da und ſchweigend bleiben!— Höre, wenn ein Menſch, So hoch er ſteh'n auch mag, ein Schuft, ein Schurke, Gewiſſe himmelſchreiende Verbrechen Begeht, ſo hat ein Jeder dann, ob Bauer Ob Edelmann das Recht, ihn zu erfaſſen, Ihm ſeine Meinung in's Geſicht zu ſpucken, Und Degen oder Hacke zu ergreifen. Ich war Lakai, jetzt will ich Henker werden! — 201— Königin. Ihr tödtet doch den Mann nicht? Ruy Blas. Wohl verdien' Ich Vorwurf, daß in Eurer Gegenwart Mein Amt ich übe, aber dies Ereigniß Muß hier erſtickt noch werden. (Stößt Don Salluſt gegen das Cabinet.) Dort hinein, Und fleh“ zu Gott! Don Salluſt. 4 Das iſt ein Meuchelmord! Ruy Blas. Don Salluſt (verzweiflend und ſich rings umſehend.) Und nichts zur Rettung— keine Waffe! (Zu Ruy Blas.) Gib mindeſt einen Degen mir. Ruy Blas. Meinſt du? Du ſcherzeſt, Marquis! Bin ich ein Edelmann? dir gleich? Duell? mit mir? Ich bin ja nur dein Knecht, Bedientenpack mit Roth und Gold bordirt, Ein Kerl, den man beliebig ſtäupt und fortjagt,— Und der dich mordet! Ja, ich will dich morden, Mein gnäd'ger Herr, verſtehſt du? jetzt dich morden, Wie ein Bandit und Feiger und als Hund. Königin. O Gnade, Gnade! Ruy Blas. Königin, hier gilt Nur Rache. Selbſt das milde Wort des Engels Darf dieſen Teufel nicht erretten. Königin (knieend.) Gnade! Don Salluſt (ſchreiend.) Ruy Blas (den Degen ſchwingend.) Schweigſt du bald? Don Salluſt (ſich auf ihn ſtürzend.) Zu Hülfe! Mörder! . Ich ſterbe Durch Meuchelmord! 4 Ruy Blas (ihn in das Cabinet drängend.) Du ſtirbſt zur Strafe. (Beide verſchwinden iu dem Cabinet, deſſen Thüre ſich ſchlieſit.) Königin (allein, fällt wie ohnmächtig in den Stuhl.) 4 Gott! (Pauſe. Bald darauf tritt Ruy Blas blaß und ohne Degen aus dem Cabinet.) — 203— Vierter Auftritt. Königin, Ruy Blas. (Ruy Blas wankt einige Schritte vor gegen die Königin, welche ſtarr und regungslos da ſitzt, endlich fällt er auf ſeine Kniee, den Blick zu Boden geſenkt, als wage er nicht, ihn zu ihr zu erheben.) Ruy Blas (mit ſchwerem und gepreßten Tone.) Jetzt hohe Frau, muß ich an Euch mich wenden. Nicht wag' ich's Euch zu nah'n;— doch ſprechen muß Ich frei, bevor das Herz mir bricht. Ich bin So ſchuldbeladen nicht, als ich erſcheine. Zwar der Verrath, wie Ihr ihn ſeht, er muß Euch fürchterlich erſcheinen!— O es iſt Zu ſagen nicht!— Und doch iſt meine Seele Nicht ſchlecht und Redlichkeit ihr Grund. Verführt Hat mich die Liebe nur. Ich läugn' es nicht, Ich weiß, daß ich ein Mittel finden mußte. Und dieſe Schuld iſt mein. Doch ſei ſie's auch, Ich hab' Euch ehrlich doch und ächt geliebt! Königin. Ruy Blas (immer auf ſeinen Knieen.) O ſorget nicht: ich nah' Euch nicht. Nur reinigen will ich mich, Majeſtät, Vor Eurem Blick!— O glaubt es mir, nicht ſchlecht Ha, ſchweigt! — 204— Iſt meine Seele. Heut den ganzen Tag Lief ich wie wahnſinnig durch alle Straßen, Für Euch auf Rettung nur bedacht. Die Menſchen Sah'n mich mit Staunen alle, und in meiner Fühlloſigkeit empfand ich plötzlich, wie Ein armes Weib die großen Tropfen Angſtſchweiß Mir von der Stirne wiſchte.— O habt Mitleid Mit mir, bei'm ew'gen Gott, es bricht mein Herz! Königin. Was wollt Ihr mir? Ruy Blas. (die Hände faltend.) Verzeihung, hohe Frau, Verzeihung! König in. Niemals! Ruy Blas. Niemals! (Erhebt ſich und geht langſam an den Tiſch.) Wirklich? Königin. Ruy Blas (ergreift die Pbiole und leert ſie in einem Zuge.) Liſch aus, du trübe Flamme! Königin (erhebt ſich und eilt auf ihn zu.) àA Gett, was thut er? „Niemals. = 205= Ruy Blas (die Phiole niederſtellend.) Nichts. Meine Leiden ſind vorbei. Ihr flucht Mir, und ich ſegne Euch. Nichts weiter. Königin (höchſt beſtürzt.) Ruy Blas. Gott! Wenn ich denke, armer Engel, daß Ihr mich geliebt! Cäſar! Königin. Welch fürchterlicher Trank War das? Was thatet Ihr? O ſprich! gib Antwort! O Cäſar rede, ich verzeihe dir, Ich liebe dich! Ruy Blas. Ich heiße nur Ruy Blas. Königin (ihn mit den Armen umfaſſend.) Ruy Blas, ja, ich verzeihe Euch. Was habt Ihr da gethan? O rede, ich befehl' Es dir! War Gift in dem entſetzlichen Gefäße, ſprich? Ruy Blas. Ja, es war Gift, Doch freudig Schlägt mir das Herz. (Die Königin umarmend und die Augen gegen Himmel.) O großer Weltenkönig, = 206— Geſtatte Herr, daß dieſer arme Knecht Jetzt dieſe Königin darf ſegnen, die Sein Herz, im Leben einſt durch ihre Liebe, Im Tode durch ihr Mitleid hat getröſtet. Königin. Gift! Ew'ger Gott! ich war's, die ihn getödtet! Ich liebe dich!... O hätt' ich doch verziehn!... Ruy Blas (ſchwach.) Geſchehen wär' es doch! (Seine Stimme erſtirbt, die Königin hält ihn in ihren Armen aufrecht.) Ich durfte nicht Mehr leben.— Lebet wohl! (Auf die Thüre deutend.) Hier flieht... Es bleibt... Geheim...— Ich ſterbe. Königin (ſich auf ihn ſtürzend.) Ruy Blas! Ruy Blas (ſchon ſterbend, erwacht er noch einmal, als die Königin ſeinen Namen ftt. nennt) Habt Dank! (Er ſinkt.) „—f— —— — —ꝛ —— Ein Nachwort. In den Noten zu ſeinem„Ruy Blas“, die meiner Überſetzung nicht zu folgen brauchen, erklärt Victor Hugo die hie und da eingeflochtenen fremden Ausdrücke, recht⸗ fertigt ſich über die Gewiſſenhaftigkeit in allen Angaben aus dem hiſtoriſchen und Privatleben jener Zeit, und gibt endlich die richtige Ausſprache der ſpaniſchen Eigen⸗ namen an. Was den erſten Punkt betrifft, ſo war ich überall bemüht, die deutlichen Umſchreibungen, ſtatt der, nur im Franzöſiſchen einflechtbaren Originalausdrücke zu geben; die ſorgfältige Beachtung des zweiten Punktes wird dem aufmerkſamen Auge eines unterrichteten und prüfenden Leſers ohnedies nicht entgehen; die richtige Ausſprache der ſpaniſchen Eigennamen aber iſt in der Üüberſetzung durch den Rhythmus des deutſchen Verſes von ſelbſt be⸗ dingt— und bei vorkommenden Zweifeln möge dieſer den eigentlichen Tonfall entſcheiden. Mit der Scanſion des deutſchen Verſes ſind ja Leſer und Schauſpieler ohne⸗ dies meiſtens vertraut, und da ich die Regeln derſelben in Stellung der Fremdnamen ſorgfältig beobachtet habe, — 208— ſo dürfte das Richtige immer leicht zu finden ſein. Was die wenigen Namen anbelangt, die nur in der proſa vorkommen, ſo hat Camporéal den Ton auf der erſten und dritten Sylbe; in Priégo, Olmedo und Onate wird die zweite Sylbe betont; in den letztgenannten Namen endlich wird das n flüßig(wie in dem franzöſiſchen Worte: Lorgnette) ausgeſprochen. Ich habe meiner Üüberſetzung zwei Seenen in Proſa eingeflochten, welche im Original metriſch wie die andern gehalten ſind, und fand mich hiezu durch den Inhalt derſelben veranlaßt. Ich meine die häusliche Scene, in welcher die Königin zum erſtenmale erſcheint, und weiter⸗ hin die Scene des Miniſterſtreites. Für beide eignet ſich, nach meinen Begriffen von Rhythmus, der ſpröde ſtrenggemeſſene Vers des Deutſchen nicht: er würde ihnen den leichten Fluß, die Präciſion rauben. Mit dem Origi⸗ nal iſt's ein anderes. Die franzöſiſche Sprache, welche die Sylben nur zählt und nicht nach ihrer Länge und Kürze abwiegt, iſt in ſolchen metriſchen Fällen weit füg⸗ ſamer, ihr Vers läßt ſich ſo leicht wie Proſa ſprechen, und dieſer gewinnt durch den Reim vollends den Anſtrich einer Pointe,— was bei dem ernſteren Gange der deut⸗ ſchen fünffüßigen Jamben faſt unmöglich iſt: abgeſehen davon, daß ſich gewiſſe politiſche Zänkereien und Budget⸗ diskuſſionen im deutſchen Verſe gar ſonderbar ausnehmen würden. Ferner fühle ich mich verpflichtet zu erwähnen, daß — 209— ich, bei Ausarbeitung der großen Rede des Herzogs von Olmedo im dritten Akt, eine zufällig vorliegende Über⸗ ſetzung derſelben aus einem bairiſchen Blatte(Euterpe) hie und da benützt habe. Dieſe, waohrſcheinlich nach den Auszügen eines franzöſiſchen Journals gefertigt, war in ſechsfüßigen Jamben, enthielt viele Stellen des Originals gar nicht, und andere in beliebiger Zuſam⸗ menziehung: bei einer Vergleichung würde man ent⸗ nehmen, daß meine Benützung eigentlich nur eine Berück⸗ ſichtigung weniger, dem Original recht glücklich nachge⸗ bildeter Sätze war. Am Schluſſe ſeines Buches bedankt ſich Victor Hugo bei den Schauſpielern des, mit ſeinem Drama neu eröff⸗ neten Renaiſſance⸗Theaters für die überaus gelungene Auffaſſung und Darſtellung ſämmtlicher Charaktere: eine Verpflichtung, welche er in Deutſchland wahrſcheinlich nicht zu erfüllen brauchte. Wenn ich bedenke, wie viel bei Aufführung dieſes Stückes in allen Theilen auf ſorgfältige Charakteriſtik der einzelnen Partien, auf Präciſion und Deutlichkeit dem Zuſchauer gegenüber, endlich aber auf durchgehends pünktliche Beſorgung und Ausführung der ſceniſchen Angaben ankömmt: ſo faßt mich— der ich den Schlendrian der deutſchen Bühnenwelt und ihr ſtereotypes Weſen der Gleichgiltigkeit, Unaufmerkſamkeit und Hand⸗ werkerei kenne,— ſo faßt mich Wehmuth um Victor Hugo's Arbeit, welche in Paris, in einem Theater mit hohen Entreepreiſen, alſo gewiß vor der Elite des Publi⸗ XVII. 14 kums, ſo außerordentlichen und anhaltenden Erfolg gewann. Zum Beſten der deutſchen Bühnenkünſtler, die ſo gern karrikiren, will ich einen Charakter hier mit Victor Hugo's eigenen Worten näher bezeichnen: das iſt der „ritterliche ernſt⸗komiſche Don Guritan; weil es im ſiebenzehnten Jahrhunderte trotz Cervantes noch immer ein Paar Don Quixotte in Spanien gegeben.“ Möge man dieß berückſichtigen und ihn nicht zu einem gewöhn⸗ lichen lächerlichen Popanz machen, ſo wie an Don Salluſt den Stolz und die Nobleſſe des ſpaniſchen Grand's die Karrikatur unſerer Theater⸗Intriguants ein wenig mil⸗ dern laſſen. Doch was nützt das Alles!— Das Stück wird gegeben werden— wie man nun bei uns in Deutſchland Stücke gibt!— weil es neu iſt, von Paris aus Ruf hat, und weil es, gedruckt vorliegend, kein Honorar koſtet. unter zehn Theatern wird es an neun gänzlich durch⸗ fallen; man wird über Victor Hugo und den überſetzer ſchimpfen, über die unverzeihliche Verwegenheit, einen Bedienten zum tragiſchen Helden zu geſtalten, lachen; die Logenabonnenten werden an ihre gallonirten Johann's und Jakob's, die im Foyer mit dem Mantel warten, denken; man wird die Idee höchſt zeitwidrig und plebe⸗ jiſch finden oder gar nicht daran denken;— und die gelehrten Herrn Recenſenten, die höchſtens ein franzö⸗ ſiſches Feuilleton aber ſelten ein Stück im Original leſen, werden Ach! und Weh! über die neuromantiſche Schule, — 2 b1— in Frankreich ſchreien und ſorgfältig die pariſer Journale citiren, welche dem Drama, trotz aller Theilnahme des Publikums, den Werth abſprachen, weil es nemlich jetzt dort Mode iſt, über den iſolirt und hoch ſtehenden Ver⸗ faſſer von Seiten gewiſſer literariſchen Cliquen unbarm⸗ herzig herzufallen*):— und das alles wird an einem Stücke geſchehen, welches von Intereſſe wahrhaft durch⸗ drungen und durch einen Stempel der Nationalität geadelt iſt, welchen unſere ganz unſchuldigen und gutmüthigen Trauerſpielſchreiber der Gegenwart im Angeſichte ihres Vaterlandes nie in Anſpruch nehmen durften. Frankfurt am 18. Dezember 1838. D ⸗ M. *) Zur näberen Würdigung dieſer gründlichen Critiken diene das einzige Beiſpiel: daß Jules Janin in ſeinem vielgerühmten Feuilleton, worin er gern den Kenner der deutſchen Literatur ſpielt, Victor Hugo's„Ruy Blas“ ein Plagiat nach Schiller's„Don Carlos“ nennt!!— Ich überlaſſe die Erwä⸗ gung dieſer Parallele jedem unparteiiſchen Leſer. — eee— 14* Literariſche Anzeigen. Vei J. D. Sauerländer in Frankfurt a. M. ſind erſchienen und durch alle guten Buchhandlungen Deutſchlands und der Schweiz zu beziehen: Vicetor Hugo's ſämmtliche Werke. 17 Bändchen, jedes zwiſchen 240 bis 400 Seiten in Taſchenformat auf Velindruckpapier. Rthlr. 6. 9 gr. fl. 10. 12 kr. rhein.— Wer verdiente mehr, als Victor Hugo, in dentſchen Metall⸗ lauten dem Gedächtniſſe der Nachwelt überliefert zu werden? Dieſer junge Titan hat den Perückenparnaß der ältern franzöſiſchen Literatur erſtürmt. Er hat ſeiner Nation gezeigt, daß nichts ſo ſchan iſt, als die Natur, und nichts ſo erhaben, als die Leidenſchaft. Schöpferiſch formt er das zähe Material ſeiner Mutterſprache in unſterbliche Geſtalten, welche neu gedacht, mit gleich kühner Neuerung von ihm belebt wurden. Gothiſchen Domen gleichen ſeine Romane, Labkoonsgruppen ſeine Dra⸗ men, öſtlichen Nächten mit Sterngeflimmer, Palmenſäufeln und den tauſend Zaubern der Wüſte ſeine lyriſchen Erguſſe. Nach Göthe und Byron iſt Victor Hugo der einzige jetzt lebende Dichter, der Europäiſche Anerkennung hat.. „Ddieſe Ueberſetzung iſt keineswegs als improviſirte Arbeit der Indu⸗ ſtrie zu betrachten, vielmehr dürfte kaum eine Uebertragung ſo bedeu⸗ tende Celebritäten Deuſchlands als Ueberſetzer vereinigt haben, von wel⸗ cher wir nur Heinrich Laube, F. Freiligrath, E. Duller, C. Beurmann, Prof. Adrian, A. Lewald, C. Dräaxler⸗ Manfred, Fr. Kottenkamp, E. Büchner u. a. m. nennen, welche durch ihre Original⸗Produkte die Bewunderung des Vaterlandes gewonnen haben.. 3 Victor Hugo ſelbſt bat unſerm Unteruehmen ſeine Theilnahme zuge⸗ ſagt; ein koſtbarer Stahlſtichsbringt den Dichter phyſiognomiſch, Adri ans Einleitung, ſein Leben und den Geiſt ſeiner Schriften biographiſch⸗ kritiſch zur Anſchauung. Nichts iſt von uns übergangen worden, um das Ganze in einem geſchmackvollen Gewande erſcheinen zu laſſen. Zum Schluß erwähnen wir noch, daß wir Victor Hugois ſämmt⸗ liche Werke geben, und ſchon deßhalb mit den in Stuttgart erſcheinenden ausgewählten Schriften in keinerlei Verwechſelung Jerathen dürfen, da dieſe Ausgabe nicht nur in der äußern Aus⸗ ſtattung der unſrigen nachſteht, ſondern auch in den bereits aus⸗ gegebenen Bändchen ſowohl einzelne Stellen, als auch ganze Seiten, ja, ſogar ganze Kapitel des Originals aus⸗ gelaſſen ſind. Gedichte von. C. Drärler⸗Manfred. Neu durchgeſehen und vollſtändig. 400 Seiten in 8. auf feinem weißen Velin. broch. Rthlr. 1. 18 gr. fl. 3. rhein. * „Eiin Dichter, deſſen anziehende Geſänge, noch ehe ſie in einer Geſammtausgabe erſchienen waren, bereits Cingang in ſo vielen Antho⸗ logien und Muſterſammlungen und eine große Theilnahme im Publikum gefunden hatten. Bei der in unſeren Tagen rege gewordenen Luſt an guten Gedichten freut ſich die Verlagshandlung, der Leſewelt hiemit in der eleganteſten Ausſtattung eine Sammlung anzubieten, welche ſich den gefeierten Leiſtungen eines Grun, Lenau und Fr eiligrath würdig anſchließt, und die im Gebiete des(wahrhaft muſikaliſchen) Liedes wie der Romanze und Ballave ſo Intereſſantes enthält, daß ſie dem Leſer, wie dem Componiſten und Declamator gleich willkommen ſein wird. 4 Unter der Preſſe befinden ſich von demſelben Verfaſſer: 2 Herz und Ehre. Novellen und Schilderungen, 2 Bändchen in 8. auf Druckvelin. 1839. . 8 —ÿÿ—