— ʒe= Leihbibliot deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von. Eduard Oftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Jeih- und Ieſebedingungen. 1. ffensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe 9 — hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 4 3 5 3 7 2 2„ 3„=„ 1„„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt — — der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 2 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. Victor Hugo’s ſämmtliche Werke. Eilfter Band. Herbſtblätter.— Dämmerungsgeſänge. Frankfurt am Main, 1836. Druck und Verlag von Johann David Sauerländer. Herbſtblätter. Deutſch „ von H. Fournier. Dämmerungsgeſänge. Deutſch von Ferdinand Freiligrath. Frankfurt am Main, 1836. Druck und Verlag von Johann David Sauerländer. SJSnhalt. Vorwort. 4. I. Zwei Jahre zählte.. II. An Louis B. III. Traumerei eines Vorubergehenden. IV. Was kümmert dich.. V. Was man auf dem Berge hört. VI. An einen Reiſenden. VII. Dictirt im Angeſicht des Rhonegletſchers. VIII. An den Bildhauer David.. IX. An Lamartine. X. Zum Atlas ſprachen. XI. Verachtung(an Lord Byron 1811) XII. Du, die ſo lang. XIII. An meinen Freund A. Fon. XIV. O Briefe meiner Lieb'. XV. Laßt doch die Kinder. . Herbſtbhätter. y. 26 36 5² 59 — VI— XVI. Das Buch, wo Abends. XVII. Du weinteſt hier. 3 XVIII.„Wo iſt das Glück?“—. XIX. Wenn du erſcheinſt, mein Kind. XX. Wie finſter iſt... XXI. In ruh'gen Nächten....... XXII. Wär ich ein König.. XXIII. Was dn auch biſt..... XXIV. Du biſt umſtrahlt. XXV. Ein Maͤdchen mit unſchuld'gem Blicke XXIV. Du ſiehſt den Zweig. XXVII. An meine Freunde L. B. und S. B. XXVIII. An meine Freunde S. B. und L. B. XXIX. Der Weg der Träumerei. 8 XXX. An Joſeph, Grafen v. S. Kindheiterinnerung XXXI. An Madame Marie M. XXXII. Für die Armen. XXXIII. An***, Trappiſten zu 1a Meilleraye. XXXIV. Bievre. An Fräulein Louiſe B. I1 XXXV. Sonnenuntergänge...... 1 XXXVI. Der Tag kommt plötzlich. XXXVII. Das Gebet für Alle...... XXXVIII. Pan. XXXIX. Eh' meine rielgeltetten Gänge. XL. Noch ein Wort, Freund.. —— . — — ,— Dämmerungsgeſänge. Inhalt. . Seite. Vorrede. 149 Vorſpiel. 153 I. Dictirt nach den Julitagen 1830. 159 An die Colonne.. 1 1. 159 u Hymne........ 159 IV. Hochzeiten und geſte. 160 V. Napoleon der Zweite. 165 VI. Auf den Ball im Stadthauſe.. 174 VII. Wenn Frankreich mit den Flügeln du einumſ 176 VIII. An Canaris.. ½.. 177 IX. Einſam am Fuß des Thurmes.. 181 X. An den Mann, der ein Weib überantwortet hat. 182² XI. An den Herzog von O...... 186 XII. An Canaris...... 188 XIII. Nicht zwanzig Jahre war er alt..6. 194 XIV. O, ſchmäht kein fallend Weib..... 200 xV. Nath........... 201 XVI. Beſiegt in einem Augenblicke kann.. ⸗ XVII. An Alfons Rabbe.. XVIII. Mit den Herbſtblättern. An Madame:* XIX. Anakreon, Poet....„ XX. Frührothwolken glühen. XXI. Geſtern die Sommernacht.„. XXII. Neues Lied zu einer alten Weiſe... XXIII. Anderes Lied. XXIV. O, daß nur ich ganz deine Seele fülle. XXV. Weil lechzend meine Lipp'.. XXVI. An Fräulein J.......... XXVII. Die arme Blume........ XXVIII. Am Geſtade des Meers....... 2 XXIX. Weil voll von Thränen unſre Stunden.. 3 XXX. Hoffnung auf Gott..... b XXXI. Weil blumigt uns der Mai... XXXII. An Louis B... G. te. XXXIII. In der Kirche zu***...I. XXXIV. Auf das erſte Blatt eines Petrarea... XXXV. Auf alle Weiſe läßt der Andern Schwarm. XXXVI. Du, ſei geſegnet allezeit!..... XXXVII. An Fraäulein Louiſe B... 1. XXXVIII. Daß wir den Zweifel in muns haben.— An Fräulein Louiſe B. XXXIX. Date Lilia. —— Seite. 208. 209 2 225 2 8 do e — Herbstblätter. von H. Jvurnier. Der politiſche Moment iſt gewichtig: das beſtreitet Nie⸗ mand, und am wenigſten der Verfaſſer dieſes Buches. Im Innern ſind alle ſocialen Scheidungen wieder in Frage geſtellt; alle Einfaſſungen des politiſchen Körpers verrenkt, umgeſchmolzen oder umgeſchmiedet, in dem Schmelzofen einer Revolution, auf dem tönenden Amboß der Journale; das alte Wort Pairie, früher ſonſt ſo glänzend wie das Wort Königthum, verwandelt ſich und ändert die Bedeutung; der ewige Widerhall von der Preſſe auf die Tribüne und von der Tribüne auf die Preſſe läßt ſich vernehmen; die Emeute ſpielt die Todte. Im Ausland mordet man hier und dort in Europa ganze Völker, ſchleppt ſie in Maſſe weg oder legt ſie in Feſſeln; aus Irland macht man einen Kirchhof, aus Italien ein Bagno, Siberien wird mit Polen bevölkert; überall ſonſt, ſelbſt in den friedfertigſten Staaten, reißt ſich etwas Wurmſtichiges los, und aufmerkſame Ohren können das dumpfe Geräuſch der unterminirenden Revolutionen vernehmen, welche durch alle Königreiche Europas ihre unterirdiſchen Gänge fortſetzen, die Verzweigungen der großen Centralrevo⸗ lution, deren Krater Paris iſt. Im Ausland endlich wie 1* — 4— im Innern kämpft Glaube gegen Glauben; neue Religionen ſtammeln ganz ernſthaft ihre theils guten, theils ſchlechten Formeln, die alten Religionen erneuen ſich; Rom, die Stadt des Glaubens, wird ſich vielleicht zur Höhe von Paris, der Stadt der Intelligenz erheben; die Theorien, Grillen und Syſteme kampfen von allen Seiten mit der Wahrheit; die Frage der Zukunft iſt ſchon erforſcht und ergründet, wie die der Vergangenheit. So weit ſind wir im November 1831. Ohne Zweifel, in ſolchem Augenblick, in mitten eines ſo ſtürmiſchen Conflikts aller Sachen und aller Menſchen, in Gegenwart der geräuſchvollen Verſammlung aller Ieen, Glaubensmeinungen und Irrthümer, die beſchaftigt ſind⸗ die Formel der Menſchheit im neunzehnten Jahrhundert aufzuſtellen und zur Diskuſſion zu bringen,— in ſolchem Augenblick iſt es Thorheit, einen Band dürftiger, unpar⸗ theüſcher Verſe herauszugeben! Thorheit! warum? Die Kunſt und der Verfaſſer hat ſeine Meinung hierin nie geändert— die Kunſt hat, wie alles Andre, ihr Geſetz, dem ſie folgt. Warum ſollte ſie nicht vorwaͤrts gehen, wenn auch die Erde zittert? Seht das ſechszehnte Jahrhundert an: es iſt eine unermeßliche Epoche füͤr die Geſellſchaft, aber auch für die Kunſt. Es iſt der übergang von der religiöſen und bürgerlichen Einheit zur Freiheit der Gewiſſen und der Stände, von der Orthodoxie zum Schisma, von der Unterwerfung zur Verſtandesprüfung, von der großen prieſterlichen Syntheſe, welche das Mittel⸗ alter ausgemacht hat, zu der philoſophiſchen Analyſe, welche es auflöſen wird; alles das geht vor; aber es iſt auch der durch unzählige Perſpektiven glänzende, blendende Übergangspunkt von der gothiſchen zur klaſſiſchen Kunſt. Ueberall giebt es auf dem Boden des alten Europa nichts als religiöſe, bürgerliche Kriege, Kriege für ein Dogma, für ein Sakrament, für eine Idee: Volk gegen Volk, König gegen Koönig, Menſch gegen Menſch; nichts als der Lärm immer gezogener Degen und immer zorniger Dok⸗ toren; als politiſche Bewegungen; als Fallen und Einſinken des Alten,— als lärmende, tönende Ankunft des Neuen,—— zu gleicher Zeit gibt es in der Kunſt nur Meiſterwerke. Man beruft den Reichstag zu Worms, aber man malt die ſixtiniſche Kapelle. Luther iſt da, aber auch Michel Angelo. Es iſt alſo kein Grund, weil heute ſo viel Veraltetes nach der Reihe um uns einfällt—(und, bemerken wir beiläufig, daß Luther veraltet iſt, Michel Angelo nicht)— es iſt kein Grund, weil nach und nach aus dieſen Trümmern ſo viel Neues ſich erhebt, daß die ewige Kunſt nicht fortfahren ſollte zu blühen zwiſchen den Ruinen einer Geſellſchaft, die nicht mehr iſt, und dem erſten Entwurf einer Geſellſchaft, die noch nicht iſt. Weil die Rednerbühne von Demoſthenen erfüllt iſt, die Roſtra von Ciceronen verſperrt wird, weil wir zu viel Mirabeaus haben, ſo iſt das kein Grund, daß wir nicht irgendwo verborgen einen Poeten haben ſollten. — 6— Es iſt alſo ganz einfach, daß, wie groß auch das Geräuſch der Offentlichkeit ſei, die Kunſt fortbeſtehe und eigenſinnig ſich ſelber treu bleibe, tenax proposite. Denn die Poeſie richtet ſich nicht allein an den Unterthan der Monarchie, an den Senator der Oligarchie, an den Bürger der Republik, an den Eingeborenen des Volkes; ſie richtet ſich an den Menſchen, an den Menſchen ganz und gar. Dem Jünglinge ſpricht ſie von der Liebe, dem Vater von der Familie, dem Greiſe von der Vergangenheit; und, was man thun, wie auch die künftigen Revolutionen ſein mögen, ob ſie das Innerſte der hinfälligen Geſell⸗ ſchaften angreifen, oder nur ihre Oberfläche ritzen,— in mitten aller möglichen politiſchen Veränderungen wird es immer Kinder, Mütter, junge Mädchen, Greiſe, Menſchen endlich geben, die lieben, leiden und ſich freuen werden. An ſie richtet ſich die Poeſie. Die Revolu⸗ tionen, dieſe glorreichen Altersänderungen der Menſchen, die Revolutionen verwandeln Alles, ausgenommen das menſchliche Herz. Das Menſchenherz iſt wie die Erde; auf der Oberfläche kann man ſäen, pflanzen, bauen, was man will; es wird doch nicht aufhören, ſeine grüne Schöpfung, ſeine Blumen, ſeine natürlichen Früchte her⸗ vorzubringen; es werden nicht Karſten, nicht Sonden in gewiſſe Tiefen dringen; es wird immer, ſo wie die Erde— die Erde ſein wird, das menſchliche Herz ſein; die Baſis der Kunſt wie jene die der Natur. Um die Kunſt zu vernichten, muͤßte man alſo anfangen das menſchliche Herz zu vernichten. Hier ſtellt ſich ein Einwurf andrer Art entgegen: ohne Widerrede, ſelbſt im kritiſchſten Moment einer poli⸗ tiſchen Kriſe darf ein reines Kunſtwerk am Horizont erſcheinen; aber wird nicht die Aufmerkſamkeit, werden nicht alle Leidenſchaften, alle Intelligenzen zu ſehr abſor⸗ birt ſein durch das ſociale Werk, an dem ſie gemein⸗ ſchaftlich arbeiten, als daß der Aufgang dieſes heitern Poeſieſternes die Augen der Menge auf ſich richten könnte? — Das iſt nichts mehr als eine Frage zweiten Ranges, die des Erfolges; die Frage des Buchhändlers und nicht des Dichters. Die That antwortet gewöhnlich ja oder nein auf Fragen dieſer Art, und im Grunde kommt wenig darauf an. Ohne Zweifel giebt es Augenblicke, wo die materiellen Angelegenheiten der Geſellſchaft ſchlecht gehen, wo der Strom ſie nicht trägt, wo ſie, an alle politiſchen Vorfälle, die unterwegs ſich begegnen, angehängt, ſich hindern und einander den Weg verſperren. Aber was thut das? Uebrigens, weil der Wind, wie man ſagt, nicht fur die Poeſie iſt, ſo iſt das kein Grund, daß die Poeſie nicht ihren Flug nehme. Grade entgegengeſetzt den Schiffen, fliegen die Vögel nur gut gegen den Wind. Und die Muſe hat etwas vom Vogel. Musa ales ſagt ein Alter. Und eben darum iſt ſie ſchöner und ſtärker, dem Drange politiſcher Stürme ausgeſetzt. Wenn man die Poeſie auf gewiſſe Weiſe empfindet, ſo hat man lieber, daß ſie den Berg und die Ruine bewohnt, auf der Lawine ſchwebt, m Sturm ihren Horſt bauet, als daß ſie einem ewigen Frühling entgegenzieht. Man liebt ſie mehr als Adler, denn als Schwalbe. Beeilen wir uns, hier zu erklären— denn es iſt vielleicht Zeit dazu— daß, wenn der Veriaſſer ausein⸗ andergeſetzt hat, wie gelegen die Erſcheinung eines Ban⸗ des wahrer Poeſie in einem Augenblicke ſein müſſe, wo ſo viel Proſa in den Gemüthern iſt, und um dieſer Proſa ſelbſt willen,— daß er weit entfernt iſt, die mindeſte Anſpielung auf ſein eigenes Werk zu machen. Er fühlt deſſen Unzulänglichkeit und Dürftigkeit zuerſt. Der Künſt⸗ ler,(wie der Verfaſſer ihn verſteht) welcher die Leben⸗ digkeit der Kunſt mitten in einer Revolution beweiſtt; der Dichter, welcher zwiſchen zwei Emeuten Poeſte darſtellt; iſt ein großer Mann, ein Genie, ein Auge, 5—Oar*o, wie die griechiſche Metapher bewunderns⸗ würdig ſagt. Der Verfaſſer hat einen Anſpruch gemacht auf den Glanz dieſer Benennungen, über die nichts geht. Nein; wenn er im November 1831 die Herbſtblätter herausgiebt, ſo geſchieht es, weil ihm der Mühe werth geſchienen, den Contraſt zwiſchen der Ruhe dieſer Verſe. und der fieberhaften Bewegung der Gemüther am hellen Tage zu ſehen. Indem er dies nutzloſe Buch der Volks⸗ wage überläßt, die ſo vieles Beſſere mit ſich nimmt, fühlt er etwas von dem melancholiſchen Vergnügen, das man empfindet, wenn man eine Blume in den Strom wirft und ſieht, was aus ihr wird. Möge man ihm ein etwas ehrgeiziges Bild verzeihen: der Vulkan einer Revolution war vor ihm geöffnet. Der Vulkan hat ihn gereizt. Er ſtürzt ſich hinein. Uebrigens weiß er ſehr wohl, daß Empedokles kein großer Mann iſt, und daß nur die Schuhe von ihm übrig geblieben ſind. Er läßt alſo dies Buch ſeinem Geſchicke, welches es auch ſein möge, entgegen gehen, liber, ibis in urbem,— und wird ſich morgen nach einer andern Seite wenden. Was ſind übrigens dieſe Blätter, die er ſo dem Zufall, dem erſten Winde, der ſie haben will, ausliefert? Abge⸗ fallene, todte Blätter, wie alle Herbſtblätter. Es iſt keine Poeſie des Tumults oder Lärmens; es ſind heitere und friedliche Lieder, wie jeder ſie dichtet pder träumt; Lieder der Familie, des häuslichen Heerdes, des Privat⸗ lebens; Lieder aus dem Innerſten der Seele. Es iſt ein melancholiſcher und reſignirter Blick, hier und da auf das, was iſt, beſonders auf das, was war, geworfen. Es iſt das Echo der oft unausſprechlichen Gedanken, welche in unſerm Geiſte die tauſend Gegenſtande der Schöpfung verworren erwecken, die um uns her dulden oder verſchmachten,— eine Blume, die vergeht,— ein Stern, der fällt,— eine Sonne, die untergeht,— eine Kirche ohne Dach,— eine Straße voll Gras,— oder die unverhoffte Ankunft eines Schulfreundes, der faſt vergeſſen, aber doch in einer verborgenen Herzensfalte immer geliebt war,— oder die Betrachtung jener Men⸗ ſchen mit dem ſtarken Willen, die das Geſchick brechen, — 10— oder von ihm ſich brechen laſſen; oder das Vorübergehen eines der ſchwachen Weſen, welche die Zukunft nicht wiſſen, bald eines Kindes, bald eines Königs. Es ſind endlich über die Eitelkeit der Pläne und Hoffnungen, über die Liebe zu zwanzig, über die Liebe zu dreißig Jahren, über das, was traurig iſt im Glücke, über die Unendlich⸗ keit alles Schmerzlichen, aus dem unſre Jahre zuſammen⸗ geſetzt ſind,— es ſind ſolche Elegien, wie das Herz des Dichters ſie unaufhörlich ausſtrömen läßt durch alle Riſſe, die ihm die Stöße des Lebens machen. Terenz ſagt vor zweitauſend Jahren: plenus rimarum sum; hac atque illao Perfluo. Hier iſt noch der Ort, auf die Frage der Perſonen zu antworten, welche den Verfaſſer gefragt haben, ob die zwei oder drei, durch die Zeitbegebenheiten eingegebenen Oden, welche er zu verſchiedenen Malen publicirt hat, in die Herbſtblätter aufgenommen werden würden. Nein. Für dieſe ſogenannte politiſche Poeſie, die er lieber hiſto⸗ riſche genannt wiſſen möchte, iſt hier kein Platz. Jene heftigen und leidenſchaftlichen Dichtungen würden Ruhe und Einheit dieſes Buches getrübt haben. Auch gehören ſie zu einer Sammlung politiſcher Gedichte, welche der Verfaſſer ſich vorbehält. Er erwartet, um ſie heraus⸗ zugeben, einen mehr literariſchen Moment. Was nun dieſe Sammlung bietet, welche Sympa⸗ thien und Antipathien ſie beleben, kann der Neugierig = m— nach dem XI. Stücke des Buches beurtheilen. Doch glaubt der Verfaſſer, in der unabhängigen, uneigennützigen und thätigen Stellung, in welcher er bleiben will, alles politi⸗ ſchen Haſſes und Dankes ledig, da er den Mächtigen des Tages nichts verdankt, und bereit iſt, ſich nehmen zu laſſen, was Gleichgültigkeit oder Vergeßlichkeit ihm etwa gelaſſen,—— er glaubt im Voraus ſagen zu dürfen, daß ſeine Geſänge die eines redlichen, einfachen und ernſten Mannes ſein werden, der jeden Fortſchritt, jede Verbeſſerung und Freiheit, und zugleich jedes Maaß, jede Schonung und Vorſicht will; der— es iſt wahr— nicht mehr dieſelbe Meinung, wie vor zehn Jahren, über die veränderlichen Dinge hat, welche die politiſchen Fra⸗ gen beſtimmen; der aber in den Veraänderungen ſeiner Ueberzeugung ſich ſtets vom Pflichtgefühl, nie vom eignen Vortheil leiten ließ. Er wird ferner wiederholen dürfen, was er ſchon anderswo geſagt hat,*) und nie zu ſagen und zu beweiſen müde werden wird: daß, wie groß auch ſeine leidenſchaftliche Partheilichkeit für die Völker ſein möge in dem gewaltigen Kampfe, der im neunzehnten Jahrhundert zwiſchen ihnen und den Königen ſich erhebt, — er nie vergeſſen wird, welches die Meinungen, ja Irrthümer ſeiner erſten Jugend geweſen ſind. Man wird ihn nie daran zu erinnern brauchen, daß er, zu ſiebenzehn Jahren Stuartiſt, Jakobit, Cavalier geweſen iſt, daß er *) Vorrede zu Marion de Lorme. — 12= die Vendée ſonſt eher als Frankreich geliebt hat; daß, wenn ſein Vater einer der erſten Volontaire der großen Republik geweſen iſt, ſeine Mutter als armes, fünfzehn⸗ jähriges Mädchen durch le Bocage fliehend, eine„Bri⸗ gande“ war, wie Frau von Bonchamp und Frau von Larochejaquelin. Er wird das gefallene Geſchlecht nicht inſultiren, weil er zu denen gehört, die Glauben zu ihm hegten, und, jeder nach ſeinem Vermögen, Frankreich für ſelbes einſtehen zu können glaubten. Mögen übrigens die Fehler, ja die Verbrechen noch ſo groß ſein, ſo iſt es jetzt mehr als je an der Zeit, den Namen Bourbon mit Vorſicht, Ernſt und Ehrfurcht auszuſprechen; jetzt, da der Greis, der Koͤnig war, nur weiße Haare auf dem Haupte hat. Paris, am 20. November 1831. Data fata secutus. Deviſe der St. John. Zwei Jahre zählte dies Jahrhundert! Rom Erſetzte Sparta; Bonaparte wurde Napoleon, und hier und da ſchon brach Die Kaiſerſtirn' des Conſuls enge Maske. Da ward in Beſancons altſpaniſcher Stadt, Wie man ein Saatkorn flücht'gem Wind vertraut, Aus Lothring's und Bretagnes Blut zumal Ein Kind geboren, ohne Blick und Stimme, So ſchwach, daß, wie ein weſenlos Gebild' Es Alle, nur die Mutter nicht, verließen. Sein Hals war, ſchwachem Rohre gleich, gebeugt, So daß zugleich an Wieg' und Sarg man dachte. Dies Kind, vom Leben aus dem Buch getilgt, Das keinen Morgen mehr zu leben hatte, War ich.— Vielleicht erzähl' ich noch einmal, Wie reine Milch, Gelübde, Liebe, Sorgen, Für mein in der Geburt verdammtes Leben, Zweimal zum Kinde mich der Treuen machten, Denn, wenn der Nord die Fluthen läßt erzittern, — 14— Des Engels, die drei Söhnen ihre Liebe So reichlich gab, und nicht gemeſſen hat! O Mutterliebe, die kein Menſch vergißt! Brot, das ein Gott austheilet und vermehret! Du immer voller Tiſch im Haus des Vaters! Von dir hat Jeder— Alle haben dich! Einſt werd' ich ſagen koͤnnen, wenn die Dämm'rung Wird mein geſchwätzig Alter plaudern laſſen, Wie mich des Ruhmes und der Furcht Geſchick, Das durch des Kaiſers Schritt die Welt bewegt, Schutzlos in ſeinem Sturme mitgenommen, Und preis den Winden meine Kindheit gab. Quält gleicherweiſ' das aufgeregte Meer Dreidecker, welche mit dem Sturme donnern, So wie das Blatt, dem Baum des Strands entfallen. Noch bin ich jung, doch hab' ich mehr als eine Tief eingegrabene Erinnerung, Und viel Vergang'nes lieſ't man in den Falten, Die meiner Stirne die Gedanken gruben. Mehr als ein Greis, der glut⸗ und lockenlos, Ermüdet ſank am Ende ſeiner Wünſche,— Erblaſſend ſäh' er, wie im Meer den Abgrund, Die Seele, wo die Welt des Geiſtes wohnt, Was ich gelitten habe, was verſucht, Was, mich belügend, nicht zur Frucht gereift, Die ſchönſte Zeit auf immerdar verloren, Das Lieben, Mühen, Trauern meiner Jugend, Und— noch im Alter, dem die Zukunft lacht, Das Buch des Herzens überall beſchrieben! Wenn nun der Bruſt entſtrömen die Gedanken, Die Lieder, vielfach in der Welt zerſtreut; Wenn ich in des Romanes Spott und Scherz Die Liebe gern verberge und das Leid; Wenn meine Phantaſie die Bühn' erſchüttert, Ich vor die Menſchen andre Menſchen ſtelle, Die jenen gleichen, die von meinem Hauch Belebt ſind und mit meiner Stimme ſprechen; Und wenn mein Haupt, des Geiſtes Feuerwerkſtatt, Das eh'rne Lied glüht, welches kochend dampft Im Rythmus, der geheimnißvollen Form, Aus der es aufſteigt, himmelwärts ſich ſchwingend:— So iſt's, weil Liebe, Grab und Ruhm und Leben, Die flieh'nde Welle, der die andre folgt, Ein Hauch, ein Strahl,— ob günſtig oder nicht, Macht zittern, glänzen die kryſtall'ne Seele, Die Seele mit den tauſend Stimmen, welche Als klingend Echo Gott geſchaffen hat. Die ſchlechten Tage hab' ich rein durchlebt, Und weiß woher? wenn auch noch nicht wohin? Parteienſturm mit ſeinem Feuerwind Hat meiner Seele Woge nicht erſchüttert; — 16— Kein truͤber Grund in meinem Herzen harrt Des Winds, die Klarheit ſtörend zu vernichten. Wenn ich geſungen, ſinn' ich noch und lauſche, Bau' einen Tempel dem gefall'nen Kaiſer; Der Freiheit hold um ihrer Früchte willen, Des Thrones Recht, des Königs Unglück ehrend, Stets treu dem Blut, das meinen Adern gaben Der Vater— Veteran, Vendeéerinn die Mutter! II. An Touis J. Lyrnessi domus alta, solo Laurente sepulcrum. Virg. Wenn du auf deinen Reiſen ſehen wirſt Bordeaux, Bayonne's reizende Geſtade, Das römiſche Toulouſe, wo ich, ein Kind, Die Poeſie in Blumen einſt gepflückt, So geh' durch Blois.— Dort laſſe du zurück Im Hauſe die Gefährten deiner Reiſe, Und, wann ſie ſpielen, lachen oder ſchlummern,— Mit deinen ſtirnerhöhenden Gedanken Geh' du durch Blois, hinauf die Straßentreppe, Die nie der Loire Fluten überſtrömen. — 12— Laß dort das Schloß mit ſeiner düſtern Macht, Das Blutbefleckte! und bewund're nur Vorübergehend den achteck'gen Thurm, Auf deſſen Wänden die Gorgone heult; Doch geh' vorbei!— Und vor der Stadt, im Süden Such' einen grünen, runden Hügel auf, Auf dem ein Baum, mich dünkt ein Nußbaum, ſteht. Wie eine Feder zittert auf dem Helme. Du wirſt ihn kennen; ob du träumteſt, haſt Du ihn von weitem doch gewiß bemerkt. 7 Jetzt ſtehſt du auf dem Hügel. Nicht die Eb'ne, Nicht der geſtreckten Stadt Amphitheater, Nicht jene Kirche, nicht der Loire Segel, Nicht ihre tauſend regſamen Archipel, Nicht Chambords Thürme dort, die Fernen, möoögen Dir der Gedanken Flug zerſtreu⸗ n; ſo hoch Nicht als der Horizont erheb' das Auge, Zu deinen Füßen blicke!— Dort das Haus, In Stein gebauet und bedeckt mit Schiefer, Viereckig, weiß, zu Fuß dem grünen Hügel, Das, vor den fremden Blicken kaum verſchloſſen, Entzückend zwiſchen ſeinen Gärten blüht— Sieh' dorthin— das iſt meines Vaters Haus! Dort wollt' er nach dem Kriege ruhen, er, 2 — 18— Den meine Lieder dir ſo oft genannt, Den du nie ſaheſt, der geliebt dich hätte! Jetzt, o mein Freund, erfüllt von bitt'rer Luſt, Jetzt denke fromm an deine Mutter, dann An deine Schweſter, und dann ſprich:„nie mehr Sieht unſer Freund den alten Vater wieder! „Er hat verloren jene heil'ge Wehr, Die nach der Kindheit noch das Leben ſchützt, Den weiſen Steu'rer, der, die Flut zu zähmen, Dem jungen Schiffer die Erfahrung leiht! Kein Vater mehr für ihn, nur ſein Gedächtniß! Kein hehres Alter mehr mit Ruhm zu krönen! Kein kriegeriſch Erzählen! keine Locken, Die Kinder ſtreicheln könnten! Weh'! er hat Die Hälfte ſeines Lebens eingebüßt, Den Stolz, zu zeigen der entzückten Menge Den Vater, einen Veteran! Den Heerd Verlor er und des Vaterhauſes Schwelle Die froh erzittert, wenn der treue Hund Des Sohnes Wiederkehr durch Bellen kündet! „Gefallen iſt der große Baum; im Thal Blieb nur der Strauch zurück, dem Nord ein Spiel. So wie der Ahn aus der Familie ſcheidet, Verſammelt Mutter, Kind und Jungfrau ſich Verwaiſet um den Vater, den nicht mehr Des Ahnen greiſe Stirne überragt. — 19— An ihm iſt's jetzt. Er ſoll vor Sonn' und Regen Beſchützen, und man lehnet ſich an ihn. Er ſoll jetzt wachen, lehren, dulden, ſoll Für Alle jetzt arbeiten, handeln— ſterben! Im Haupt, im alternden, wird ſich ihm bald Die ſtrenge Weisheit der Erfahrung ſammeln: So flieh'n die ſchönen Jahre nach und nach, Das nimmt die Liebe, das die Freude mit, Den Traum von Größe und den Traum von Ruhm! Damit zur Arbeit nur die Seele tauge, Läßt ſie die Hoffnung und die goldnen Träume, So wie die Aehrenleſerinn, wenn ſie Den Korb anfüllt mit Aehren auf der Au, Das Kleid hat abgeſtreift vom Feſtesabend. Zwar— Abends legt ſie wieder im Gebüſch Den Putz ſich an, und ſingt ihr Lied, und kehrt Zurück im Schmuck, iſt ſchön und iſt getröͤſtet; Indeß das rauhe, finſt're Thal des Lebens Nicht ſolch' Gebüſch hat, wo die Hoffnung man, Die Unſchuld und die Liebe wieder findet! „So fährt er denn in ſeinem Werke fort, Indeß die Lieben, die ſich um ihn drängen, Auf ſeiner Stirn, wo ſich die Jahre zeichnen, Den Schnee der Tage, der das Haupt ihm bleicht, Stets fallen und darauf ſich ſammeln ſeh'n, So wie im Sturmgebraus des Baumes Blätter. 2* — 2091— „So bleibt vom Veteranen, den der Krieg Verſchonte, nichts dem Sohn zurück, als nur Ein leeres Grab, und du, verwaiſ'tes Haus, Das ſchimmernd dort am Fuß des Hügels ſteht, Und, wie ein holder Duft bleibt im Gefäß, Sein gaſtlich Anſeh'n noch behalten hat.. „Ein Grabmal zu Paris! Stein oder Porphyr, Gleichviel! Daneben ſind die Gräber ja Der Kaiſeradler! Jene alten Feldherrn, Ob ſie den Heldentod am Siegstag ſtarben, Ob ſie, vielleicht die blut'ge Schlacht bedauernd, Gefallen auf dem Kampfplatz der Tribüne. Dort haben ſeine Aſche ſie gebettet, Damit er könn' in jener andern Welt Sich unterreden mit den Waffenbrüdern; Denn ohne Zweifel haben jene Feldherrn, Die vielbeweinten dort ihr Zelt. Sie reden Am Abend von dem Krieg, ſeh'n fern im Schatten Der Feinde trotz'ge Fahnen flattern,— und Vorübergeht im Hintergrund der Kaiſer. „Ein Haus zu Blois! zwar lachend, doch in Trauer, So klein und zierlich,— Epheu auf der Schwelle,— Das in dem Wanderer das Sehnen weckt, Gemachlich dort vom Leben auszuruh'n; So farb'gen Glanzes leuchtet es, ſo tief In Blumen und im Graſe liegt's verſteckt! — 21— „Haus! Grabl auch nur den Schatten aufzufinden Des Vaters, der auf düſterm Nachen ſchied,— Wo ſoll der Sohn die Schritte lenken hin?... Haus, du haſt ihn nicht mehr! Grab! er iſt nicht darin!“ III. Tränmerei eines Vorübergehenden, bei Gelegenheit eines Königs. Nehmet zu Ohren, die ihr über Viele herrſchet, die ihr euch erhebet über die Völker.—— Aber ihr führet euer Amt nicht fein, und haltet kein Recht, und thut nicht nach dem, das der Herr geordnet hat. Weish. 6. Lautlarmend führten Roſſ' und Wagen neulich Neapels König zu des Hofes Galla. Ich ging im Carrouſel, mitſammt der Menge, Die unabläſſig durch drei Pforten trat, Und hier vierhundertmal des Jahres durchgeht, Nach Fürſten bald, bald nach der Uhr zu ſeh'n. Ich folgte langſam, wie der Well' die Welle, Dem Volke, bei mir denkend, daß es ſei Des alten Römervolkes ält'ſter Sohn, Und daß es einſt, mit einem Schlag der Hand Entwurzelt habe der Baſtille Thürme. Jetzt ſtand ich ſtill: der Schweizer ſchloß das Gitter. Nun ſchlug der Tambour, unter Bravorufen Flog jeder Wagen mit acht Roſſen fort. Fanfaren tönten durch den Hof; ihn deckten Die Federbuſchgeſchmückten Offiziere. Die königlichen Renner ſtaunten nicht, Und ſahen ſtolz die Fahnen vor ſich ſenken. Da ſprach, dem Lärm ſich neigend, eine Alte, In Lumpen, einen Korb am Arme tragend, Ihr greiſes Haupt bewegend, laut:— ein König! Wie viele Kön'ge ſah ich unterm Kaiſer! Nun ſah ich nicht der goldnen Wagen Himmel, Nicht die Livre'n, die rothen mehr, und während Zu hundert Malen kam und wiederkam Dies Volk, mit dem verworr'nen Laut der Stimmen, Träumt' ich. Die Alte ging indeſſen weiter, Dem Grsveplatz zu, und ließ mir meinen Traum, So wie der Vogel macht im Wald erzittern Das Blatt, an das ſein Flügel hat geſtreift. Ol ſagt' ich, auf der Hand die Stirn gehalten, Philoſophie, zum Volk hinabgeſtiegen! — 23— Du ernſter Blick der Kleinen auf die Großen! Spät iſt dies Volk, wohin es kam, gekommen; Doch kam's dahin. Alſo verachtet's nun! Bewundert, liebet oder fürchtet nichts. „Aus Allem nimmt es ſich ein ſtrenges Urtheil; So hat der Hammer der Begebenheiten In dieſe Köpfe, die er ſtets gemodelt, Weisheit, wie in die Eich' ein Keil, gegraben! Es fragte ſich ſo oft:— wo ſteht die Welt? Die Kön'ge? Wem der Thron? wem die Verbannung?— Daß heut es wie ein hoher Richter denkt, Das Ende weiß von Allem, ſtark genug Sich glaubt, zu ſehen und zu ſchauen Alles! Man läßt es herrſchen und verbannt es nicht! Der Hof in Galla! Während unter ihm, So wie das Meer ſich unterm Schiffe regt, Ein Volk, ein tiefes, unabläſſig grollt, Deß Grund niemals ein Königsblick erſpähet. Verrath und Thorheit ſagen unablaſſig: O Körn'ge, ihr ſeid Kön'ge! laßt eu'r Werk Den tauſend Armen, die euch unterſtützen. Schlaft, lernet nichts, und denket nimmer nach, Daß eure Stirn, um die ein Blendwerk ſpielt, Sich nicht erweit' und ihre Kron' verliere!— — 3214— O Kön'ge! wacht! müht euch, geherrſcht zu haben; Nehmt uns nicht wieder, was gewonnen war; Macht unter widerſpenſt'gem Zügel nicht Die Freiheit bäumen, die euch mit ſich trägt; O ſeid von eurer Zeit! hört, was man ſagt! Sucht groß zu ſein, denn auch das Volk wird groß. Hört, hört am unermeß'nen Horizont Den Lärm, der ſinkt und plötzlich wieder anfängt, Dies dumpfe Zittern, dies verworr'ne Brauſen, Das rollt und wächſt in jedem Augenblick. Es iſt das Volk, das kommt! Die hohe Fluth, Die ewig ſteigt, von ihrem Stern gezogen. Jedwede Zeit, ob golden oder eiſern, Dem Vorgebirge gleich, vom Meer verſchlungen, Mit ihren Sitten, ihren Monumenten, Die kaum doch eine Welle ſchäumen machen— Mit Allem, was man nie mehr ſehen wird, Verſchwindet in der ebbeloſen Fluth! Das Erdreich mindert ſich, die Woge ſteigt. Weh' dem, der Abends ſich am Strand verſpätet, Und nicht den flieh'nden Schiffer fragt, woher Am Horizont dies große Toſen komme! Ihr Kön'ge, kehrt zurück in unſre Zeit, Verlaßt das alte Ufer! Macht dem Meer Der Menſchen Platz, und, wollt ihr ſterben, ſeht Auf jene Zeit, die ſchon die Woge deckte! So hatte, was das Weib geſagt, Gedanken Im Innern mir der Seele aufgeregt, Als ein Soldat, vom Poſten abgelöſt, Mir rief:— Kam'rad, ſchon ging die Sonne unter! IV. De todo, nada. De todos, nadie. Calderon. Was kümmert dich Geburt der Kön'ge, Herz, Und Siege, die verkünden himmelwarts Kanonenſchall und Glockenreigen; Indeß den Herrn ſie loben voller Pracht, Und wache Städte laſſen in der Nacht Die Flammengarben ſteigen? Du richte deinen Blick auf Gott allein! Auf Erden iſt doch Alles Heuchelſchein: Es flieht der Ruhm mit Flügelſchnelle! Die Kronen glänzen, aber dauern nicht; Gott gab dem Graſeshalme mehr Gewicht, Geſchaffen für der Schwalbe Zelle. Je mehr der Größe,— Nichtigkeit ſo mehr! Auf Rieſenſäulen trifft die Kugel eh'r, Als auf der Tauben leichte Klauſe. — 26— Gott eint die Fürſten ſich im Tod; es ſteht Sein Kreuz auf ihrer gold'nen Kron' erhöht, Es iſt ihr Grab in ſeinem Hauſe. Glanzvolle Schlöſſer! Thürme hochgeſtellt! Napoleon und Cäſar, Alles fällt! Geheimniß, geiſtverwirrend! Welch tiefes Schweigen herrſchet, wen'ge Schuh' Nur unter uns, und über dieſer Ruh', Welch Toſen, ewig ſchwirrend! 1 V. Was man auf dem Verge hört. 0 altitudo! Seid ihr wohl ſchon zuweilen ernſt und ſtill Auf einen Berg geſtiegen, nah den Himmeln? An Sundes Ufern? an Bretagnes Küſten? Saht ihr das Meer zu eures Berges Füßen? Dort über Wogen, über Unermeß'nes Euch neigend, habt ihr ernſt und ſtill gelauſcht? Das höret man:— ich wenigſtens, als träumend Mein Geiſt den Flug gelenket auf ein Ufer, — 27— Und, ſich vom Gipfel in den Abgrund ſenkend, Die Erde dort und dort das Meer erſah, Ich lauſchte, hörte, was aus keinem Munde Jemals ertönte, noch ein Ohr bewegt. Zuerſt verworr'ner, unermeß'ner Lärm, Undeutlich, wie der Wind in dichten Bäumen, Voll klarer Töne, ſüßen Lispelns, ſanft Wie'n Abendlied, und ſtark wie Waffenklirren, Wenn dumpf das Treffen die Schwadronen miſcht, Und wüthend ſtößt in der Trompete Mündung. Es war ein Tönen, tief und unausſprechlich, Das, fluthend, Kreiſe zog rings um die Welt, Und durch die Himmel, welche ſeine Wogen Verjünget, rollend ſein unendlich Wort Verbreitete, bis wo es in den Schatten Mit Zeit, Raum, Zahl, Geſtaltung überging! Ein andrer Luftkreis, weit und feſſellos, Umgab die Erde ganz der ew'ge Hymnus. Die Welt, gehüllt in dieſe Symphonie, Schwamm, wie in Luft, ſo in der Harmonie. und ſinnend lauſcht' ich dieſen Aetherharfen, Verloren in der Stimme, wie im Meer. Bald unterſchied ich, noch verwirrt, verſchleiert, Gemiſcht zwei Stimmen in der einen Stimme, Von Erd' und Meeren in den Himmel ſteigend, Die ſangen allzumal den Weltenſang. — 28— Ich ſchied ſie deutlich in dem Lärm, wie man Zwei Ströme ſieht ſich unter Wogen kreuzen. Vom Meer die eine; Ruhmes⸗Glückeslied! Die Wogen ſprachen alſo zu einander; Die and're hob von unſrer Erde ſich, Sie war voll Trauer— das Geräuſch der Menſchen; Und in dies Lied, das Tag und Nacht nicht ſchweigt, Klingt jede Welle mit und jeder Menſch. Der prächt'ge Ocean— ich ſagt' es ſchon— Ließ eine friedlich frohe Stimme hören, Sang, wie die Harfe ſingt in Sions Tempeln. Und pries der Schöpfung Schönheit. Sein Getöſe Ward mitgenommen von des Windes Wogen, Stieg ungeſaumt, wie im Triumph zu Gott, und— welche Gott nur zähmt— der Wellen jede Fing, wenn die and're ſchwieg, zu ſingen an. Zuweilen ließ das Meer, wie Daniels Gaſt, Der große Leu, die laute Stimme ſinken; Und unter ſeinen goldnen Mähnen glaubt' ich Im Flammenabend Gottes Hand zu ſeh'n. Doch unter dieſen hehren Klängen ſchrillte Die and're Stimme, wie ein angſtlich Roß, Wie einer Höllenpforte roſt'ge Angel, Wie eh'rner Bogen auf der Eiſenlaute. Und Schreien, Weinen, Schmähen und Verfluchen, Der Taufe Weig'rung und des letzten Mahles, Und Fluch und Läſterung und wild Geſchrei Taucht' aus des Menſchenlärmes Wirbelwogen, Wie man des Abends in den Thalern ſchwarze Nachtvögel ſieht, die ſchaarenweiſe ziehen. Was war dies Rauſchen, endlos widerhallend? Der Menſch, ach! und die Erde, welche weinten. Die wunderſamen unerhörten Stimmen, Stets wiederkehrend und verſchwindend, die In alle Ewigkeit der Ew'ge hört; Die eine ſprach: Natur! die and're: Menſchheit! Da dacht' ich nach— noch hatte leider nie Zu größerm Schwunge ſich mein Geiſt entfaltet, Nie ſchien noch in mein Dunkel ſolches Licht,— Da traumt' ich lange, wechſelweiſ' betrachtend Nach jenem Abgrund, den die Wellen bargen, Den tiefern, der in mir ſich öffnete. Ich fragte mich, warum man hier iſt, was Der Zweck von allem dieſem andlich, was Die Seele thut, ob Sein, ob Leben beſſer, Und warum Gott, der einzig lieſ't ſein Buch, Beſtändig einet zu des Liedes Mißton Sang der Natur mit ſeiner Menſchen Schreien? An einen Aeiſenden. Ein Theil der Welt weiß nicht, wie der and're lebt und webt. Philipp von Comines. Du kehrſt zurück, o Freund, von langen Reiſen, Die uns zu Alten wandeln und zu Weiſen, Entfloh'n der Jugend kaum. Du ſaheſt aller Meere Wogen fliehen, Des Schiffes Furche kannſt du gürtend ziehen Um allen Erdenraum. Dein Leben hat der Sonnenſtrahl gereifet Von zwanzig Himmeln. Wo du hingeſtreifet, Dort gebend, ſammelnd hier, Dem Sämann, welcher ſu't und erndtet, gleichend⸗ Nahmſt du vom Land, dem Lande wieder reichend Stets einen Theil von dir. Dein Freund, ſo glücklich nicht, und nicht ſo weiſe, Sah nur der gleichen Jahreszeiten Reiſe Einförmig vor ſich geh'n. Er hat in ſeinem Hauſe ſich gegründet, Wie jener Baum davor, der fern es kündet, Deß Tage dort verweh'n. Der vielen Menſchen Anblick drückt dich nieder, und, unſer überdrüſſig, kommſt du wieder, Und ruhſt in Gott dich aus. Dein fruchtlos Thun erzähleſt du, inzwiſchen Den Staub der Welten deine Füße miſchen Der Aſch' in meinem Haus. Und jetzt im Geiſt viel Tiefes überlegend, Auf meiner Kinder Haupt die Hände legend, Sprichſt du beſorgt mir zu, Und wagſt— o bitt're Einſamkeit!— die Frage: „Wo iſt dein Sohn? wo Vater? Mutter? ſage!“ Sie reiſen auch wie du. Doch ohne Sonn' und Mond iſt ihre Reiſe, Du nimmſt nichts mit dahin— auf keine Weiſe, Der Herr verhietet's dir. Sie geh'n auf tiefem, unbegränztem Stege, Man ſchreitet langſam vor auf finſt'rem Wege, Einſt folgen alle wir. Ich ſah ſie reiſen, wie ich dich ſah wandern, Den früh, den ſpät, den einen nach dem andern, Sie alle zogen ab. Die Lieben gab ich ſelbſt dem Erdengrabe, Der ich, ein Geiziger meinen Schätzen habe Bereitet ſelbſt das Grab. Ein ſchwarzes Tuch, das weiße Thränen netzten, Dreimal in dieſen Gang wir traurig ſetzten. Ich weinte, wie ein Weib Auf ihre kalten Häͤnde, doch auf Schwingen Von Gold ſah aufwärts ich die Seele dringen, Sobald im Sarg der Leib. Ich ſah ſie ſcheiden, wie drei Schwalben fliehen, Zum Lande, wo ein beſſ'rer Sommer, ziehen, Wo treuern Lenzes Weh'n. Die Mutter ſah zuerſt den Himmel offen, Ihr ſterbend Auge ward vom Licht getroffen, Das ſonſt man nie geſeh'n. Mein Erſtgeborner folgt ihr auf der Bahre, Mein Vater dann, durch vierzig Kriegesjahre Ein ſtolzer Veteran. 1 Sie ruh'n im Schatten dort, indeſſen wallen Die Geiſter jenen dunkeln Weg, der Allen Beſchieden iſt, hinan. Laß um die Zeit, wenn ſich der Mond wird neigen, uns in der Nacht auf jenen Hügel ſteigen, Wo unſre Ahnen ruh'n. Dann frag' ich dich, dem Freundesblicke zeigend Die todte Stadt, und die, ſo ſchlummert, ſchweigend: Wer ſchläft am beſten nun? 33 — 33— Wir wollen beid' uns auf die Erde neigen, Und— wenn des Lärmens wilde Wogen ſchweigen, Von dem Paris erfüllt,— Des Menſchenſohnes Erndte ſtumm belauſchen, Wenn dumpf in ihrer Gruft die Todten rauſchen, Wie Korn in Furchen quillt. Wie froh doch Brüder, Schweſtern uns erſcheinen, Die ſtets um theure Schatten ſollten weinen! So ſiegt der Zeiten Macht! Laßt unterm Stein die Todten! leichter werden In unſerm Herzen wieder ſie zu Erden, Als in des Sarges Nacht! O Wand'rer, Wand'rer! Wer wohl kann ermeſſen, Wie viel der Todten täglich wir vergeſſen, Der Schönſten, Theuerſten? Wer weiß, wie kurze Zeit der Schmerz verbleibet, Bie vor dem Gras, das aus der Erde treibet, Der Gräber viel vergeh'n? Dictirt im Angeſicht des Rhonegletſchers. Causa tangor ab omni. Ovid. Wenn mein verwandlungreicher Geiſt, gewieget In Schlummer, auf dem Meer der Dinge lieget, Trifft oft ihn Gott, des wahren Tages Hort, Die Sonne, deren Licht den Geiſt belebet, Mit einem Strahl, und wie den Thau, ſo hebet Er ihn empor, zum Himmel fort. Dann, eine Wolke, wählt ſich meine Dichtung Bald hier, bald dort die eigenſinn'ge Richtung, Vom Nord nach Oſt, vom Occident nach Süd; Hoch von der Strahlenwölbung ſich betrachtend Der Erde Staͤdte, und ſie all verachtend, Wirft ihren Schatten, und enthlieht. Bald glänzt ſie in des Morgens gold'ner Feier, Abſchneidend eine Franſe ſeinem Schleier, Bald, wie ein Krieger, der erdröhnt im Gang, Wirft in die Wälder ſie den Blitz hernieder, Bald röthet ſie die ſchwarze Rüſtung wieder Im Sonnenuntergang. Vom Wind auf eines Berges Haupt getragen, Wird auf dem Schnee der Alpen ſie zerſchlagen; Doch auch der Abgrund iſt ihr jetzt genehm. In einen Gletſcher wandelt ſie ſich brauſend, Und flicht aus ſeinen Blumen, vielen tauſend, Dem Rieſen jetzt ein Diadem! Nun, wie des unnahbaren Berges Firne, Strebt in die Höh' des Fürchterlichen Stirne. Der Regenbogen ſpielt in ſeiner Näh'. Wenn Abendſchatten ruh'n an ſeinem Fuße, Macht ihn zum Crater, die im Lavaguße. — Die Sonne— rinnt auf ſeinem Schnee. Sein Haupt ſcheint eine ew'ge Morgenröthe, Die Gemſe, deren Fuß den Flügel überböte, Der Adler ſelber fürchtet ſich davor; Den Gletſcher kümmern nicht des niedern Sturmes Tücken, Das Auge waget kaum ihn anzublicken, So ſtrebt zum Himmel er empor! So ſchauet auch mein Geiſt, furchtlos ſich ſelbſt erhöhend, Nicht mehr der Erde eitel Blendwerk ſehend, Den Himmel nur, die Sterne ſonder Zahl, Sieht in der Näh' die Glanzeswelten ſtrahlen, Womit die Nacht ausſchmückt die finſtern Cathedralen, Bis ihn von Gott ein Strahl 3*½ — 36— Auf's Neue trifft und ſtürzt, ſo daß die hellen Farb'gen Kryſtalle werden trübe Wellen; Dann rollt er, weckend tauſend Echos auf, Fällt in den Ocean der Welten nieder, Nimmt zu dem tiefen, blinden Chaos wieder, Wie alle Fluten ſeinen Lauf. So treibt der Gotteshauch in ew'gem Kreiſe Mir immer die Gedanken gleicherweiſe Von ird'ſchen Meeres bittern Fluten her, Wie unterm Strahl man ſieht die Wolke ſteigen, So ſie gen Himmel,— und hernieder neigen Sie immer wieder ſich zum Meer. VIII. An den Bildhauer Javid. Du machſt aus Menſchen uns zu Göttern. Regnier. O! warum bhin ich nicht wie Jene, Die Rieſen der entſchwund'nen Zeit! Sie herrſchen über unſre Tage Vom Throne der Vergangenheit! Warum nicht Saͤnger oder König, Dem alle andern Menſchen fröhnig, — 37— Der— nicht von ſeiner Zeit verſtanden— Iſt Grund und Gipfel einer Welt; Der, ob auch Stürme ihn umbranden, Ob Schmach, ob Ehren ihn begleiten, Wagt ſeiner Zeit voranzuſchreiten, Und zu der Zukunft ſich geſellt! Warum nicht eine von den Flammen, Wie jene Pole ruhmesreich, Auf die ſich die Gemüther richten, Sich wenden aller Augen gleich! Ja! ſolche Zeichen ſie bekleiden, Die Bildesſaulen der Geweihten, Umwogete vom Strom der Zeiten, Daß, wenn der Zufall ſie entthront, Wenn er ſie reißt aus ihren Kreiſen, Man machen kann aus ihrem Eiſen Nur Glocken für Gebetesweiſen, Kanonen nur, die ſchlachtgewohnt. O wäare meine Stirn erhaben! Mein Körper, für das Leid gemacht, Erſtände unter deinen Händen,— Nicht mehr umfing' ihn Todesnacht! Auf Tempels, auf Theaters Höhen Würd' ich, ein eh'rner Rieſe ſtehen; Die Menge ſchaut' ich unten gehen, Die dann vergötternd mich umſteht. — u— Mich, der, ein Rieſe, ſie bewachte, Mit meinem Fittich ſie bedachte,— Sie würde ſtaunend auf mich ſehen, Bewundernd Geiſt und Majeſtät! Denn du, ſobald ein Held gefallen, Erhebeſt wieder fürſtlich ihn. Die er mit Füßen tritt von Erze, Auf ſeine Gruft ſtellſt du ihn hin! Du läßt, wetteifernd mit Ferrara, Aus kaltem Marmor von Carrara, Aus des Metalles heißem Fluſſe Hervor den großen Menſchen geh'n. Er iſt in ſeiner Gruft zufrieden, Wird ihm von deiner Hand beſchieden, Aus Stein, aus glüh'nden Ofens Guſſe Zum Leben wieder aufzuſteh'n. Wenn du nicht wäreſt, ſo bedeckte Vergeſſenheit ihn allzuſchnell; Doch ſichtbar zauberſt ſeinen Ruhm du Auf ein erhaben Fußgeſtell. Fanal, der für die Welt begraben, Er könnte nicht die Nacht erhellen, Erlöſchen würd' er auf den Wellen, Und zeigte Pfad und Klippen nicht; Doch mit dem Hauch du ihn belebeſt, Und ob des Abgrunds Tief' erhebeſt — 39— Den Rieſen, welcher hoch erhaben In ſeine Hände nimmt das Licht. Wenn in des großen Mannes Zügen Dir ein Gedank' erſchienen hehr:— Du ſchlaͤgſt ihn in des Marmors Feſſeln, Und Völker ſagen: Das iſt Er! Eh' du ihn zeigſt dem Volkesdrange, Im Haupt bewegeſt du ihn lange: So rollen die Erſchütterungen Im unterirdiſchen Vulkan; Entfernt vom Tage, der ihn fodert, In deinem Geiſt er kochend lodert: So greift mit ſeinen Flammenzungen Den Aſchenkrug die Urne an. Erfülle fortan unſre Städte Mit Rieſenbildern allzumal, In einem Volke von Heroen Vermehre du dich ohne Zahl! Durch dich einſt wird für unſre Städte Corinthus ſelber noch erreichbar! Ein präget dein Gedanke kräftig In Erz die Spuren, in Granit. Heil! wo dein Fuß den Boden trete! Dir rinnt Metall in Adern heftig! Dein Haupt iſt einer Form vergleichbar, Der ehern der Gedank' entſprüht! — 49— Gern wär' erſtanden Buonaparte Als Rieſe unter deiner Hand; Gern Cromwell, jenes Ahn und Meiſter! Erwecket hätteſt du gewandt Carol den Fünften ſeinem Spanien; Uns Carl den Großen, auf Germanien, Die Hyder, einen Fuß,— den andern Auf Rom, die Siebenhügelſtadt. Dir hatte, ſcheidend aus dem Leben, Cäſar die Aſche übergeben, Gemeißelt hätteſt Alexandern Den Athos du, um den er bat! IX. An Tamartine. 3 Te referent fluctus Horttt. Von ſelben Stürmen fortgeſchleudert, Trieb jüngſthin unſer beider Schiff, Es warfen uns dieſelben Wogen Auch an dasſelbe Felſenriff. Es hat derſelbe Haß, entzügelt, Um unſern Nachen aufgehügelt Unzahl'ger Wellen mächtig Reich; Und gleich des Oceanes Rollen Vernahmen wir das dumpfe Grollen Der Menge unter uns zugleich. Wie ſollt' ich in dem Sturm mir rathen, Der ich der Kindheit kaum entwich? Von wenig Luft und wenig Schatten, So wie der Vogel, lebte ich! Warum in's Meer, in's liebeloſe, Wagt' ich das zarte Neſt von Mooſe, In das der Tag noch kaum geſeh'n! Warum— wie'n Segel der Zerſtörung, Gab ich mein Kleid des Winds Empörung, Mein Kleid ſo hochzeitlich, ſo ſchon? Weil ich in meinen Flammenträumen, In Kindheitstraäumen mir erwählt Die Götterhaften, welche immer Von einer andern Welt gequält, Ihr nachgeſtrebet ohne Säumniß, Errathen haben ihr Geheimniß, Bevor ſie Jemand hat gekannt. Es war ihr Geiſt, wie die Bouſſole, Nachſtrebend unbekanntem Pole, Stets himmelan ihr Haupt gewandt! Die Gama's, deren Ehrgeiz nimmer Entmuthigt wird! ſie wiſſen ja, Daß von der unermeß'nen Schöpfung Man nur die eine Seite ſah. Colombo's, deren Hand die Länder Der Erd' und ihre Meeresbänder Wie in der Himmelswaage hält, Die Alles von der Höh' erſpähen, Und bald auch etwas fehlen ſehen Am Gleichgewichte dieſer Welt. Sie wollen dieſe Hälfte ſuchen, Vor ihrem Blicke flieht ſie nicht; Dem Erdball geben ſie den Gürtel, Der Welt ihr Doppelangeſicht. Sie reiſen ab— beklagte Thoren, Faſt in Vergeſſenheit verloren, Nachdem ſie kaum entfloh'n dem Blick: Doch kehren plötzlich aus der Weite, Wie Perlenfiſcher mit der Beute, So ſie mit ihrer Welt zurück! Dies war mein Denken, dies mein Trachten, Als ich auch muthig meinen Kiel Den dunkeln Fluthen anvertrauet, Denn eine Welt war auch mein Ziel! Noch trug mich kaum das Schiff von hinnen, Da ſah ich ſchon den Streit beginnen, Der mich vernichtet fort und fort, Sah ob empörten Meeresweiten Die Segel meines Schiffes ſtreiten Mit Flügeln, wild bewegt vom Nord. Da ſeh' ich, wie dein Schiff im Dunkel Auf ſeiner Bahn ſo rühmlich zieht, und lange noch vor mir ermüdet Den raſenden, empörten Süd. Der Sturm war ſtark, wir kämpften Beide, Der Eine an des Andern Seite, Die Barke— ich, das Schiff warſt du; Wie Brüder kämpften wir auf's Beſte, Du glichſt dem Horſt und ich dem Neſte, Der Wiege— ich, dem Bette— du! Der Südwind ſtürmt' in unſern Segeln, Das Deck war ſonſt in's Meer geſenkt, und loſe flatterten die Wimpel, Vom Windhauch hin und her geſchwenkt. Wir ſah'n die feuchten Wellen ſchäumen, Sich wie Numiderroſſe bäumen, Und wiehernd raſen hin und her; Der Blitz, der röthlich ſie beſchienen,— Die Flammenmähnen gab er ihnen, Den Rennern allen in dem Meer, — 44— Da ſangen wir mit heller Stimme, Und übertönten den Orkan, Den weiten Schaum der Fluth bewundernd Den furchtbar ſchönen Ocean! Indeß des Blitzes Flamm' erhaben Den Abgrund um uns aufgegraben,— Wir Schiffer ſangen voller Muth! Hoch oben ließen wir ihn leuchten, Und ſah'n den Blitz die Flügel feuchten, Wie Sturmesvögel in der Fluth. „ Und wir vertauſchten unſre Zeichen, Und wir begrüßten uns zugleich,— Wir ſtrebten nach demſelben Ziele, Wir wollten, Schweſterſchwalben gleich, Uns um ein Vorgebirge wagen, Denſelben Sieg von dannen tragen, Und her vor dem Jahrhundert geh'n; Wir beide wagten eine Reiſe, Und ſah'n im Sturme gleicherweiſe Denſelben Feind uns auferſteh'n. Doch bald,— ob dich die Kraft des Sturmes, Ob Nacht dich meinem Blick entzog, Von deinem mächt'gen Schiff verlaſſen, Bald meines auf den Wellen flog. —-— 45— Ich mußt' allein in Stürmen bleiben, Die wüthend immer um mich treiben, Es bleibt das Wetter ſchauervoll. Das Dunkel däucht mir eine Kette, und, wenn ich nicht den Compaß hätte, Ich wüßte nicht, wohin ich ſoll! In dieſen furchtbarlichen Stürmen War Tag' und Nacht' ich feſtgebannt; O! da beweint' ich meine Liebe, Die Kindheit und mein Vaterland. Wollt' ich zum grimmen Meere flehen, Mußt' ich der Wogen Höhlen ſehen Sich öff'nen bis zum Meeresgrund; Rief ich den Himmel an, ſo ſchütterte Er wüthend nur, der mehr erbitterte Der goldnen Blitze Garbenbund. Lang rief im Wind ich deinen Namen, Lang ſucht' ich dich vergeblich auf. Da ſah' ich dich in weiter Ferne, Du tauchſt am Horizont herauf. Nicht iſt dein Schiff das blitzumwetterte, Das irrende, das faſt zerſchmetterte Von allen Himmelslaunen nicht, Das von Eroberungen träumte, Und durch die Flut, die ſich ihm bäumte, Geheimnißvolle Bahnen bricht. Es iſt ein prächt'ges Schiff; ihm lächelt Das ſturmesloſe, ſanfte Meer, So treibt es auf dem Oceane, Dem friedlichſtillen— Oſtenher! Sein Segel folget zugewendet Stets einem Sterne, der geblendet Mit ſeinem Glanz das Auge hat; Und dieſem Sterne folget immer Ein morgenrother, heller Schimmer, Der weithin zeichnet ſeinen Pfad! Das heit're Meer, der heit're Himmel Umgeben es von jeder Seit'; Mit Maſten, mit dem Kiele taucht es In Doppelunermeßlichkeit! An ihm zerſtäubt der Meeresſpiegel, Und ſeine Segel ſind wie Flügel, Geſchwellet von dem linden Hauch. Man ſieht's dem Strand entgegeneilen! Wie Schwäne, die die Flut zertheilen, So könnt' es, weiß man, fliegen auch! Das Volk, vor dem ſich die Erſcheinung Jetzt offenbaret, glänzend hell, — 47— Läßt unaufhörlich ihr erbrauſen Des Beifalls unermeß'ne Well. Es tönt den Strand herauf, hernieder: Er kommt zurück, er kehrt uns wieder! Die Menge rufet weinend ihn. Und ſeinem Schiffe tragen Lüfte, So wie zu Gott des Weihrauchs Düfte, Der Erde Blumenathem hin! Erhab'nes Schiff, geh' in den Hafen, Von Reif und Nebel nicht bedrängt, Blick' auf die Kronen, die einſtimmig Das Volk an deine Maſten hängt! Wie Wogen wolle du vergeſſen, Die Mühe, welche unermeſſen, Den kalten Sturmeshauch aus Nord. Vor Schiffbruch ſicher kannſt du lachen Der Stürme, welche zittern machen Die Ketten rings um deinen Port! Du kehrſt zurück aus deinem Reiche, Du fandeſt dein Amerika; Die Wellen haben dir's geboren, Vor deinen Blicken liegt es da. Ein Weltall iſt dir nun erreichbar, Dir eine Schöpfung, der vergleichbar, — 48— Die ſtrahlend ſich dem Tag erweiſyt. Es öffnen ſich Unendlichkeiten Wie ſie entdecken die Geweihten, Die um des Geiſtes Welt gereiſ't! Dem Zweifler wirſt du ſagen können: „Die Frucht hab' ich zurückgebracht! Nicht Morgenröth' iſt eure Röthe, Und eure Nacht iſt nicht die Nacht. Wie anders ſtrahlet Jener Sonne! Dort blau't der Himmel voller Wonne, In dem ihr Gottes Antlitz ſeht. Ich war in jenen Himmelsfernen, In deren Nacht das Kreuz von Sternen, Ein ewiges Labarum ſteht!“ Du könnteſt die Savannen ſingen, Die Wüſten, die kein Menſch durchdringt, uUnd Walder, deren Samenkörner Der Zephyr hoch in Lüften ſchwingt, Des unbekannten Urwalds Schweigen, und Wolken, die dem Berg entſteigen, Wie Weihrauch heiligem Altar. Was in der Dichtung goldnen Mienen Vor deinen Blicken iſt erſchienen, Du ſtellſt es jetzt der Menge dar! — 49— Du könnteſt ſingen und erſchöpfteſt Nicht deine Welt, die reiche dir, Den Strom, der faſt das Meer ertränket, Die Berge von Achat, Porphyr; Die Schönheit würdeſt du uns ſingen Der Welt, die erſt du ſah'ſt entſpringen, Die Allen iſt ein Vaterland! Es lauſchten voller Wohlgefallen Dir All' und würden niederfallen, Von deinen Tönen feſtgebannt! Wann in die Welt, die neuentdeckte, Auch immer deine Reiſe geht, Die Menge wird am Strande weilen, Ein Volk, das um den König ſteht. Lang wird der Beifall auf den Wellen Dem Segel folgen noch, dem hellen, Das, wie ein Leuchtthurn, ſtrahlt dem Meer; Er grüßt dich, wenn du ſtößt vom Strande, und ſchlummert auf dem Uferſande Bis zu des Siegers Wiederkehr. Mag nun dein Schiff im Hafen ſchlummern, Mag, von der Meeresflut geküßt, Es nicht den grauſen Abgrund ſcheuen, Der klaffend ſich vor mir erſchließt; — 50— Siehſt du den Abgrund ſich zertheilen, So blick' herunter auch zuweilen Und ſieh'— den Buſen ſchmerzerfüllt— Den ſchwarzen Punkt an deinem Himmel, Der Wirbelwinde ſchnell Gewimmel, Das in ein Segel ſtürmt ſo wild! Da ſtürmt's um mich, das iſt mein Segel! Da wird mein Schiff vom Sturm gejagt, Der jeden Stern vernichtet, welcher An meinen Himmel ſich gewagt! Der Sturmwind reißt mich mit, der mächt'ge! Die Wolke ſpielt, die flammenträcht'ge Mit mir in Lüften unverwehrt; Sie dreht ſich, wie ein Rad, im Dunkeln, und läßt auf meinem Schiff erfunkeln, Den hellen Blitz, ihr ſcharfes Schwerdt! Dann, in dem Herzen voller Liebe Des Freundes auch gedenke du;— Ihn treiben Winde hin und wieder, Indeß in deinen Segeln Ruh'. O denke, daß er dich geſehen Aus Sturmesſchooße auferſtehen. Als Sieger aus der Wogen Grau,„ Daß er vergaß des Sturmes Toben, —— Und augenblicks das Haupt erhoben, Zu ſingen deines Himmels Blau! Und wenn die Welt, die unſichtbare, Vor mir entfliehend, mich verlacht, Wenn nichts in dieſer Woge keimet, Die ich beſtelle Tag und Nacht,— Ob auch mein Schiff zertrümmern werde An dieſer undankbaren Erde, Die ich erſtrebet ruhelos: Du, Freund, beweine meine Muſe, Columbus klag' um Lapeyrouſe, Den Beiden war beſtimmt ihr Loos! X. Aestuat infelfx. Zum Atlas ſprachen eiferſücht'ge Hügel:— Sieh unſre grünen, friſchen Wieſen an! Das junge Maäͤdchen ſuchet gern ſie heim, und ſingt und lacht, und traumt, wenn ſie geſungen. Das Meer, das wilde Meer küßt unſre Füße Und grollet kaum! ſieh' unſer heit'’res Haupt, Auf dem des Sommers Glut, des Thaues Thränen So viele Blumenkronen aufgebrochen! Doch du, o Rieſe! warum ſchweben Adler, Wildblickend, auf dem kahlen Haupt dir nur? Wer beugt, wie einen Zweig des Vogels Neſt, Den Rücken von Granit, die breiten Schultern? Warum ſo viel' Abgründ' in deinen Seiten?. Welch' ew'ger Sturm ſchlägt dich mit düſterm Blitz? Wer gab den Schnee, die Runzeln deiner Stirn? Und dieſe Stirn, der nimmer Lenze lächeln,— Wer iſt's, der alſo ſie belaſtet hält?—— Ich trage, ſprach der Atlas, eine Welt. 4 XI. Verachtung. AAn Lord Byron, 1381 1.) Yo contra todos, y todos contra yo. Romance del piejo Arias. * 1. 3 Wer kennt die Haßgedanken, leis geſtammelt, Die aller Orten ſich der Neid geſammelt, Verhalt'nen Groll, der bald die Schranken bricht! Wer kennt— die hohe Haupter wohl zerſchmettern— Die Stürme, welche raſend um dich wettern, Du Jüngling mit dem heitern Angeſicht! — 53— Du kennſt ſie nicht!— Indeß zu deinen Füßen Die Schlangen, ſich zerdrückend, aufwärts ſchießen, und Gegner, die du beſſer haſt geglaubt, Dich bald umſteh'n, bald Nachts auf deinen Wegen Dir Unbeſorgtem manche Falle legen,— Nachſinnend wendeſt du das Haupt! und wenn ihr Schrei'n zu deiner Seele dringet, Dein Zorn die beiden Flammenflügel ſchwinget, Um zu zerſchmettern jene ſchnöde Bruſt:— Noch eh' zum Ausbruch der Vulkan gekommen, Eh' du zur Hand die Keule noch genommen, Sprichſt lächelnd du die Worte: wozu gut? 4 Dann naht die holde Träumerei dir wieder, Gott, Kindheit, Freiheit, Vaterland und Lieder, Und auch die Bühne, die ſich dir verjüngt; Napoleon, deß Prieſter du auf Erden; Und die, ſo jetzt verachtet, Götter werden, Wenn ſie die Zukunft wiederbringt! 2. Geht, Feinde ſeines Namens! eitle Menge! Erſchöpft den Athem um ihn im Gedränge! * — 2— Und wieder anzufangen nimmer ſäumt! Geht, wachet, raſtet nimmer,— wie ihr wollet! An euer Tagwerk! euern Felſen rollet! Der Dichter ſinget, ſchläft und träumt! Die Stimme, ſchwertesſcharf und zitternd ſchwebend, Iſt eine mehr im Lärm, ſich ihm erhebend. Ruhm wird von Widerhallen angefacht. Dämonenchöre! himmliſche Geſänge! Dem Lärm vergleichbar, den der Wagen Menge Auf offner Straße macht. Er kennt euch nicht.— Man hört wohl, daß er ſage, Der Grillen Schrei ſei Noth dem Sommertage, Wie jede Roſe ihre Dornen braucht. Daß man die Grille nicht erdrücket, daß die Roſe Bengalens, weil ſie iſt die Dornenloſe, Dafür auch keine Düfte haucht. Und dann— was frommt's! es gehen Freund' und Feinde Demſelben Grab entgegen in Gemeinde. Nichts ſtört den Geiſt, den Gott hat angeweht. Verachtung weiht er Lorbeern, Tempeln, Thronen: Man flöchte Königen wohl Ruhmeskronen 3 Von Allem, was er hier verſchmäht! Was thut das Schrei'n ihm eurer heiſern Stimme? Was hilft, zu ſchäumen, wohl der Wogen Grimme, — 55— Er kennt euch nicht, um euch nicht ſorget er. Wenn, um den Bau zu ſchüttern, den er ſinnet, Der Schweiß in Strömen von der Stirn euch rinnet, Er weiß nicht, was euch quälet alſo ſehr! X 3. und,— wenn er will,— Poeten und Gelehrte!— Er weiß, daß euch ſein Hauch das Schreien wehrte, So willig angeſtimmt; Die Stimmen würd' er nehmen von euch Allen, So wie der Meereswind nach Wohlgefallen Das Lied der Rud'rer mit ſich nimmt! umſonſt, daß ihr unzählig ihn umgebet! Von ſeinem Schatten, wenn er nur ſich hebet, Wird Jedes Haupt bedeckt; Ein Wort— und euer Mißklang wird verſtummen: Von eines Wagens Raſſeln wird das Summen Der Mücken ſo verſteckt! Ja eure Leuchten, hohe Aureolen, Mit denen ihr die Tempel ſchmückt Idolen, CEur Gott und euer Heerd— Wie hell ſie leuchten, wie ſie blendend funkeln, Durch wen'ge Funken würde ſie verdunkeln Mit einem Hufesſchlag ſein Pferd! In God is all. Deviſe der Saltoun. Du, die ſo lang an meiner Seite ſah Den ewig gleichen Tag des Glückes glänzen, Die, wenn mein Geiſt in Zweifeln ſich verirrt, und, wie ein Wand'rer, nach dem Weg dich fragte, Auf deiner Bruſt du eingewiegt die Träume, Und mir nur ſagteſt: laß' uns glücklich ſein!—— O meine Freundin, ſieh', wie unſern Himmel Der Schatten überzieht, wie trüb das Leben! So breitet langſam ſich das Unglück aus Auf unſres Firmamentes Glanzazur; So finſtert ſich vor unſerm Blick und weichet In ſchwarze Dämmerung der Horizont. Doch— ſiehſt du an dem Himmel, den die Nacht Beſchreitet, wie ein lebhaft helles Auge Dort unten jenen Stern? Er iſt von tauſend Wahrheiten, die das Glück vor uns verbirgt, Nur eine, jetzt die erſte noch, die uns Mit ihrem goldnen Licht geblendet hat. Der Himmel, den die dunkle Nacht ſich fordert, Glänzt nicht genug mehr, um dies Licht zu bergen; Von Mittag, Abend oder Nitternacht Schenkt jeder Schatten einen Strahl dem Sterne. — 57— 2 und kommt die Nacht, verdichtend über uns In düſtern Falten Finſterniß und Trauer, Dann werden dem erſtaunten Aug' am Himmel Klarheiten, glänzend, mannigfach erſcheinen! Wir ſeh'n Wahrheiten, ſeh'n ſie all' im Dunkel, Wohin ſie ihr Geſetz beſcheidet, funkeln, Sich rings um ein gebietend Centrum reihen, Abbrechend und erneu'nd ihr myſtiſch Lied. So läßt die Nacht, vom Unglück hergeführt, Nur deutlicher der Menſchen Schickſal ſehen, und zeigt das Doppelwort in Flammenſchrift: unſterblich iſt die Seele! Gott iſt ewig! Denn an dem Tag ermüdet unſre Augen Die Flammenſonn und macht die Seele blind; In ruh'gem Zweifel legen wir uns wieder, Nicht wiſſend, ob von Luft— von Erz der Himmel. Des Himmels Sterne giebt die Nacht ihm wieder, Wie Leuchter an des Himmels ſchwarze Wölbung Von Gott gehängt. Das Aug' entdecket Welten, Noch ungeahnt, mit jedem neuen Blick. Sieht Flammenſonnen durch das Dunkel ſtrahlen, Und zahllos leuchten im endloſen Raum. — 58— XIII. An meinen Freund A. Fon... y. Quot libras in duce summo? Juvenal. * Wohl iſt er groß, beneidet auch von Allen, Wer glänzend darf den Weg des Lebens wallen, Wer eines Volks erwählter Rächer iſt. Groß, wer im Liede himmelan ſich richte, Groß, weſſen Schritte werden zur Geſchichte, Auf wen des Ruhmes Schimmer ſich ergießt. Schön iſt's, die Erde zu durchzieh'n, die fröh'nge, Zu zücht'gen mit dem flachen Schwerdt die Kön'ge, Napoleon zu ſein in Strahlenpracht, Dante zu ſein! wie ſind die Liedgewöhn'gen, Die Helden glücklich; dieſe hat zu Kön'gen Der Arm, zu Göttern die der Geiſt gemacht. Schön iſt's, erobern,— ſchön, Geſetze geben, Und eines Haupts ob Andern ſich erheben, Ein Licht zu ſein in ihrer Nächte Graus; Daß deiner zwanzig Jahr' ſo viele Zeiten denken!... — So ſprech' ich: doch voll Mitleid muß ich denken Dann Aller, welche ruh'n im Grabeshaus. XIV. On primavera! gioventu dell' anno, Oh gioventú! primavera della vita. O Briefe meiner Lieb' und meiner Tugend, Ihr ſeid's! Berauſcht von eurer trunk'nen Jugend, Leſ' ich euch auf den Knie'n. Ich will nur heute jung, wie ihr, erſcheinen, Der Glückliche, der Weiſe mit euch weinen, Nur heut dem Blick entflieh'n. Erſt achtzehn Jahr',— und Träume, die mich wiegen, und Hoffnungen, die ſchmeichelnd mich belügen! O welch' ein Stern mir ſchien! Ich war dein Gott, du, die mein Herz nur nennet! Das Kind, zu dem erröthend ſich bekennet Der Mann, der jetzt ich bin. O Traumeszeit, wenn man des Abends lauſchet, Ob nicht ein flücht'ges Kleid vorüberrauſchet, und, welchen hin ſie warf, Den Handſchuh— küßt, vom Leben Ruhm will haben, Und Liebe ſelbſt, und rein noch und erhaben, An Reinheit glauben darf! Ich füͤhlt'— ich ſah— ich weiß.— Wozu das frommet? Daß Täuſchung nicht durch meine Thüre kommet, Die ſeufzend jetzt ſich dreht. Wie ſchieneſt du mir, heiße Zeit, ſo dunkel! Wie ſtrahlend, nun um mich das Schattendunkel Des Glücks beſchützend weht! Was that ich euch, ihr ſchönen Jugendſtunden! O! glaubtet ihr, weil ihr ſo ſchnell entſchwunden, Mich glücklich? böſer Wahn! Daß ihr mir ſchön erſcheint in dieſen Tagen, Da euer Fittich mich nicht mehr kann tragen, Was hab' ich euch gethan? Wenn auf dies Alter, ſchön und unbeflecket, Mit weißem Kleid, das unſre Lieb' erwecket, Wir ſpät den Blick gewandt, So weilen wir— es fiießen bitt're Thränen; Uns bleiben von des Jugendtraumes Sehnen Nur Trümmer in der Hand! Vergeſſen— ja! da nicht die Jugend bleibet, Geht mit dem Wind, der ſie von hinnen treibet, In's dunkle Schattenland. Nichts bleibt von uns;— ein Räthſel, was wir thaten!— Der Menſch, ein Trugbild, ſchwindet, ſelbſt den Schatten Nicht laſſend auf der Wand! XV. Laſſet die Kleinen zu mir kommen. Jeſus. Laßt doch die Kinder ſpielen unverwehrt! Die luft'ge Kugel, die mein Hauch vermehrt, Beſteht vor ihrem Hauch nicht minder! Wer hat euch denn geſagt, daß ſpielend hier Die Muſe ſie, die Peri's ſcheuchen mir?... Kommt her, kommt immer her, ihr Kinder! Kommt zu mir; lachet, laufet, ſingt in Ruh'! Eu'r Auge wirft mir goldne Strahlen zu. Bezaubern wird mich eure Stimme, Die einz'ge dieſer Welt, wo nichts uns lacht, Die zwar von außen kommt, doch ohne Macht, Daß ſie der Seele Lied verſtimme! Warum ſie nur verjagen!— Glaubet ihr, Nicht heiterer, nicht ſanfter ſeien wir, Wenn wir aus ihren Reihen gehen? Glaubt ihr, wenn meine Träume roth von Blut, Von Feuer ſind,— es ſchwinde hin mein Muth, Wenn ihre Haupter ich geſehen? Sieht euch das Leben denn ſo freundlich aus, Daß ihr euch müht, ein ödes, ſtummes Haus Dem frohen Lärmen vorzuziehen? O wollt dem dunkeln Himmel nicht das Licht Des Sonnenſtrahls, des Kindes Lächeln nicht Dem Dichterherzen ſtreng entziehen! —„Doch werden nicht von ihrer Luſt verjagt Die Worte, welche dir die Muſe ſagt, Flieht nicht das heil'ge Lied von hinnen?...“— Was kümmert mich des Sanges Eitelkeit, Kann, ſtatt des Ruhms, ich eine kurze Zeit Von reiner Freude mir gewinnen! Welch' ſchöner Ehrgeiz und welch' ſondres Loos! Stets ſingen, für ein fernes Echo bloß, Ein eitles, das vergeht bei Zeiten! Nur Galle trinken, bittern Ueberdruß! Am Tage büßen nacht'gen Traums Genuß!— Dem Grab die Zukunft zubereiten! O! lieber iſt mir wohl der Freude Schall, Und meine Muße, meine Lieben all; Sollt' auch der Ruhm ſich mir entziehen, Und meine Lieder, von der Luſt geſtört, Wie eine Vögelſchaar, die nah'n gehört Den Zug der Knaben,— ſchnell entfliehen! Doch nein. In ihrer Mitte nichts entflieht. Nur reichlicher die Orientale blüht, — 63— Und voll're Knospen ihr entſpringen. Ballad' iſt friſcher; und die Ode auch Erſchaffet mit nicht minder heißem Hauch Die Strophen mit den mächt'gen Schwingen. Gleich dem Gefilde, das im Lenze grün, Macht auch ihr Spiel die Lieder mir erblüh'n. Der Kindheit helle Farben— Erſt geben unſren Liedern Poeſie. So thaut der Morgen auf die Blumen, die, Wenn nicht der Thau ſie traf, erſtarben. Kommt Kinder!— Euch der Hof, der Garten hier! Erſchüttert nur getroſt den Boden mir! und bei des Tags Beginn und Neigen Lauft, ſummt, wie Bienen im Gefild! es zieht Mein Glück und meine Freude und mein Lied Dir nach, du junger Reigen! Zwar giebt es, von des Tages Lärm getrennt, Ein wunderbares Klingen, das nur kennt, Wer in die Einſamkeit ſich flüchtet. Wie einzle Tön' aus einem großen Sang, Rauſcht dort der Winde, Wogen, Blätter Klang, Daraus die Seel'’ ein Lied ſich dichtet! Doch, wie die Zukunft auch geſtalte ſich, Ob ich vergeſſen ſoll, erinnern mich, — 6— Ob Gott mir Schmerz, mir Tröſtung gebe,— Ich will die Stadt bewohnen, und nur, wo Ein Haus den Lärm der Kinder mache froh Und immerwährend es belebe! So— gleicherweis ſeh' ich des Landes Pracht Je wieder, wo zum Leben ich erwacht, Wo ich mich gerne mocht' ergehen, Wo ich als Kind gefolgt Napoleon,— Ihr Städte Cids, Valencia, Leon, Darf ich dich, Spanien, wiederſehen:——— Nicht anders mag ich deine Städte ſchau'n, Die Felſen, welche Brücken überbau'n, Des Mauren Burgen, und die Wellen Guadalquivirs,— als in dem Wagen, den Umklingelt— das ich liebte— das Getön Von ſeiner Mäauler lauten Schellen! XVI. 4 Where should I steer. Byron. Das Buch, wo Abends ruhen die Gedanken, Des Hauſes Luft, die Sorg' um meinen Heerd, Der unvernünft'gen Stadt verworr'nes Zanken, Wo ſtets ein andrer Ruf die Ruhe ſtoͤrt,— 65— Wie tauſendfach mich ſo die Sorge quäle, Die unſers Lebens engen Kreis beſchränkt:— Wenn, wie ein Joch des Hauptes, ſie die Seele Zu lang gehalten erdenwarts geſenkt. Befreit ſich dieſe, geht auf ſelbem Stege, Den ſie auch Morgen wieder wählen wird, Der ab ſie führt und wiederbringt dem Wege; Sie gleicht dem klugen Roß, das nie ſich irrt. Sie geht zum Wald, wo tauſend Strahlen blitzen Im Schattendunkel, wo ein Rauſchen hallt, Sieht dort die Träumerei beim erſten Baume ſitzen, Und beide wandeln in den tiefen Wald! XVII. Flebile nescio quid. Ovid. Du weinteſt hier! warum es nicht geſteh'n? Was ſah dein thränend Aug' vorübergeh'n? In deiner Seele, welch' ein Grauen? War's Ahnung oder Schmerzes Bangtgkeit, Eriny'rung ſchlafender Vergangenheit? War's eitle Schwäche nur der Frauen? 5 — 66— Sahſt du die ſüße Liebe von dir zieh'n? Die Täuſchungen, die jungen Schweſtern flieh'n, Die Morgens vor der Thür wir finden, Eröffnend gränzenloſer Zukunft Band. Das Haupt bekranzet, tanzend Hand in Hand,— Die aber vor dem Abend ſchwinden? Kam aus den Grabern dir ein Schatten nicht, Mit Schmerzeszügen, Freundesangeſicht, Der leiſe dich gefragt, mit Bangen: Wann wirſt du Abends kommen zum Gebet, Da wo das Kreuz von ſchwarzem Holze ſteht, Wo die verwelkten Biumen hangen? Nein— ſolch' Geſicht war's nicht, was dich bedrangt, Es gnügt zu weinen ſchon, daß man bedenkt: Trüb wird der Himmel ſtets hienieden, Und jeder Ehrgeiz täuſcht des Menſchen Muth. Den Schatten feſtzuhalten und die Flut Iſt keines Menſchen Hand beſchieden. Denn was hier fliegt, zum Spiele dem Zephyr, Die Flügel— Gold und Purpur und Sapphir, Es flieht uns, wenn wir danach langen. Allein— ade dem Gold und Purpur! fing Das Kind ſich erſt den zarten Schmetterling, Hält man die Hoffnung erſt gefangen! Die Thränen ſtehen ſelbſt dem Glücke gut. Dein Sang iſt ſchöner in der Thränenflut, Getrocknet ſchöner deine Augen. Ein Sommerregen zieret das Gefild, Der Himmel glänzt im Sonnenſcheine mild, Durft' er den Regen in ſich ſaugen. Wie Rahel einſt, wie Sara weine doch! Man litt ja immer, oder wird es noch. unſeelig, welche froh erſcheinen! Es hebt der Herr uns, fallen wir, empor. Er zieht den Guten Glückesloſe vor, Den Fröhlichen die, welche weinen. K Wein’, um zu wiſſen. Ein Geſchenk die Thränen ſind. Oft kann die Thräne, die dem Aug' entrinnt, uns Irrthum und Verzweiflung nehmen. Die Seele fühlt am Zweifel, der entſchwebt, Daß ſich ein inn'rer Tag in ihrer Nacht erhebt, Und läßt den holden Thau entſtrömen! Verbirg dich aber, wenn du weinen willſt, Damit du recht den Durſt des Schmerzes ſtillſt. Wenn du der Thränen willſt genießen, So birg, wie man des Sommers Frucht verſteckt, Im Innern, von des Glückes Glanz bedeckt, Der Thränen Schatz, die dir entfließen 5* — 68— Die Blume, welche Mittags farbig ſcheint, Nachdem ſie in der Frühe hat geweint, Zugleich ſich öffnend mit dem Morgen, Hält, in der goldnen Krone tief verſteckt, Von überläſt'gen Blicken nicht entdeckt, Oft eine feuchte Perl' verborgen. XVIII. Sed satis est jam posse mori. Lucan. „Wo iſt das Glück?“— ſo ſagt ich?— Unglückſeel'ger! Das Glück, mein Gott, du haſt es mir gegeben. Geboren— nicht zu wiſſen, daß die Kindheit, Der Bach von Milch, in dem kein bitt'rer Tropfen, Die Glückszeit iſt! die ſchönſte, die der Menſch, Der flücht'ge Schatten, unterm Himmel lebt. Im jungen Herzen ſpäter dann bewahren Geheimnißvollen, ungenannten Namen, Ein heimlich Wort der lieben Hand vertrau'n, Nach Wolluſt, die unnennbar iſt, ſich ſehnen, Des Waſſers Flucht, der Wolken Flug beneiden, Das Herz vor einem Blicke ſchmelzen fühlen, — 69— Bekanntem Schritte eiferſüchtig folgen, Am Tage träumen und ſich ängſten Nachts, Die Zeit beweinen, wo die Seele ſchlief⸗ und ſuchen nur, von allen Frauenblicken, Von allem Schmuck Aprils, von Himmelsfeuern— Den einen Blick, nur eine Blum' und Sonne! Mit eiferſücht ger Eile dann entblättern Orangenknospen auf der Stirn der Gattin, Zwar glücklich ſein, und doch in Thorheit ſich Faſt weinend zu vergang'nem Unglück wenden; Den Frühling, welcher niemals wiederkehrt, Die Jugend ſeh'n in Mittagsglut verwelken; Hoffnung verlieren, Täuſchung— und das Alter An der vermehrten Laſt der Reue fühlen! Der Stirne Runzeln, ihre Falten bergen; Und gegen Dichtung eingenommen ſein und Kunſt, und ferne Himmelsſtrich und Meere; Das Alter fordern, wo man nicht geſchlafen; Sich ſagen, daß man traurig, elend war, Und närriſch, daß man jetzt erſt wieder lebt; und— zehn Jahr' älter, doch ſich einzuſchließen, Um weinend Liebesbriefe durchzuleſen. Dann alt zu werden, alt! wie welke Blumen Die Haare bleichen, flieh'n die Jahre ſeh'n, — 70— Der Kindheit und verwelkter Tage denken, „Die Hefe noch des bittern Kelches leeren, Des Dichters, des Verliebten weiſe ſpotten, Und, wenn wir nahe ſind dem ſtummen Grab, Bethranten Auges noch der Kinder denken, Die ihrer Gruft ſchon zugewendet ſind! O Gott! ſo geht der Menſch auf dunkelm Pfade In's finſtre Grab aus einer Strahlenwiege. Das heißt gelebt! das heißt geweſen ſein! Das von der Lieb' und Freud' und von dem Glück Sein Theil gehabt zu haben! Klag' iſt Thorheit. Das iſt der Nektar, der im Becher war! Sein, um den Tod zu wünſchen! in der Jugend Die Kindheit, wo das Herz noch ſchläft, betrauern, Im Alter trauern um der Jugend Glüͤck, Im Tod um Alter und um Leben trauern! „Wo iſt das Glück?“— ſo ſagt' ich?— Unglückſeebger! Das Glück, mein Gott, du haſt es mir gegeben. XIX. Das ganze Haus iſt froh und lacht. André Chenier. Wenn du erſcheinſt, mein Kind,— aus deinen Augen Seh' ich dann Alle milde Tröſtung ſaugen, Die freudig um dich ſteh'n. Die traur'gen, ſchuldbelad'nen Stirnen alle Erheitern ſich, wenn ſie des Kinds Gelalle, Des Kindes unſchuld ſeh'n. Ob Juni grün umranke meine Schwelle, Ob rings um des Novemberfeuers Helle Gereiht die Stühle ſteh'n;— Die Freude leuchtet, kommt das Kind gegangen; Man lacht, man ruft, die Mutter ſieht mit Bangen, Sieht zitternd nur es geh'n. Wir ſprechen oft wohl, rührend in dem Brande, Von Gott und Sängern und dem Vaterlande, Vom Seelenhimmelslauf; Das Kind erſcheint— ade dem Vaterlande! Ade den Sängern! ernſten Sprechens Bande Löſ't heitres Lächeln auf. Wenn Nachts den Schlaf, wenn Nachts die Traume ſtoret, — Wie wenn man eine Stimme weinen horet,— Die Well' im Schilfesrohr: Iſt dann des Morgens Leuchtthurm angeſtecket Auf den Gefilden ſeine Klarheit wecket Der Glocken und der Vögel Chor! Der Morgen, Kind, biſt du! mein Geiſt iſt das Gefilde; In ſeinen Athem webt er Blumendüfte milde, Hauchſt du ihn in dich ein. Mein Geiſt— der Wald, deß dunkle Zweige füllen Mit ſanftem Rauſchen ſich um deinetwillen. Und goldner Strahlen Schein! Denn deiner Augen Sanftmuth iſt kein Ende, Denn deine kleinen, ſegenvollen Hände, Sie thaten Böſes nicht. Noch tratſt du nicht die Erde voller Mängel, Du heilig Haupt! du blondes Kind, du Engel Mit goldnem Glorienlicht! Der Arche Taube müſſen wir dich nennen, Die zarten Füße noch nicht gehen können; Die Flügel— Azurſchein. Die Welt verſtehſt du nicht, o reine Seele! Zweimal jungfräulich biſt du; ſondern Fehle Iſt auch dein Leib und rein! Wie ſchön ſein Lächeln, ſein Vertrau'n, die Stimme, Die Alles ſagt! wie bald, ob es in Thränen ſchwimme, — 53— Geſtillt der Thränen Guß! Es ſieht ſich ſtaunend um, in Wonnebeben; Die junge Seele reicht es gern dem Leben, und ſeinen Mund zum Kuß! Bewahre mich, o Herr! in deiner Güte; Die Freunde, ja die Feinde ſelbſt behüte Du vor dem Trauerloos, Zu ſeh'n den Sommer jemals ohne Blüten, Den Bienenſtock, den keine Bienen hüten, Ein Haus, das kinderlos! —— XX. Jung, friſch, und lächelnd dieſem bittern Leben. S Sainte Beuve. Wie finſter iſt das Zimmer, Wie niedrig der Altar! Dort, nah' der Mutter immer Das Kind gebettet war. Es ſinkt der Schlaf hernieder Auf ſeine Augenlieder, Doch wird der Himmel wieder Dem Kinde offenbar. — a— Es träumet ſüße Träume. Es ſieht den oden Sand Der weiten Uferraume Gepflaſtert mit Demant. Gern mag es Sonnen ſchauen, Und wunderſchöne Frauen, Die führen auf den Auen Viel Seelen an der Hand. Entzückend Traumgebilde! Sieh'! dort ein Bach entſpringt, Und eine Stimme, milde Aus Waſſersgrund erklingt. 3 Die Schweſtern ſchöner eben; Der Vater dort daneben. und, wie die Vögel ſchweben, Die Mutter auf ſich ſchwingt. Noch andre Dinge ſieht es; Ihm ſchweben ſchön're vor; Von Lilien, Roſen blüht es Entlang den Corridor, und Wüäſſeer ſieht's entſtehen, Wo Fiſchlein kommen, gehen, Die Wellen dann zergehen An goldnem Schilfesrohr! — 75— Kind, träume ſonder Leben! O ſchlafe ſanft und lind! Nicht ahnt dein junges Leben, Wohin es geht, mein Kind! Wie Schilf die Fluten tragen, So treibſt du ohne Zagen, Und ſchlummerſt noch, getragen Vom Stromeslauf geſchwind. Du ſchlummerſt auf dem Wege, Vertrauend iſt dein Sinn. Noch iſt nicht Sorge rege, Die arge Quälerinn;. Die Stirne ſonder Falten Ward nicht ihr hingehalten, Daß mit der Hand, der kalten, Sie ſchriebe: Morgen! hin. Es ſchläft in Unſchuldsfrieden! Die Engel, die erkannt Der Menſchen Loos hienieden, Sind mild ihm zugewandt, So unbeſchützt es ſchauend, So furchtlos und vertrauend. Thränen, dem Aug' entthauend, Fallen auf ſeine Hand. — 76— Des Kindes Lippen ſchließen Die ihren zart und ſchnell, Das Kind ſieht Thranen fließen, Und lispelt: Gabriel! Doch der die Wiege reget, Den Finger aber leget. Er auf den Mund, beweget Den himmelwärts zur Stell'. Die Mutter wacht, die milde, Noch jetzt, und wird erſchreckt; Durch böſe Traumgebilde Glaubt ſie das Kind geneckt. Zur Wiege tritt ſie ſachte, Das Kindlein aber lachte, Das aus dem Schlaf erwachte Von ihrem Kuß geweckt. IIdν ο oeupugse, 6 Ot suννρ- 9O0ν 0, Koôus: 05ν% ob 7196090, 008 5vuou, r10 Gol daε 90„: G„ Ʒναρενο⁶, 0 Oepovoe dε σ G6è9⁶ 6 Güous: Gσοσ ↄπαιμναιω‧ ˙ε -ob rdνντα elg ννσαασ. In ruh'gen Nächten mag ich gerne ſitzen, und ſeh'n die Sternenkuppel oben blitzen, Und lauſchen, ob ein Klang von oben fällt; Der Stunden Flügelſe chlag dann nicht beacht' ich, Die ew'ge Feier tiefgerührt betracht' ich, Die Nachts der Strahlenhimmel giebt der Welt! Dann glaub' ich oft, es können jene Flammen In dieſer Schlafeswelt nur mich entflammen; Allein beſtimmt, ſie zu verſteh'n, ſei ich; Mir eitlem Schatten ſeien, alſo wahn’ ich, Der Nächte Herrlichkeiten unterthänig, Erleuchtet ſei der Himmel nur fuͤr mich! — 78— XXII. An ein Weib. Es iſt eine reizende Seele. Dideror. Waͤr' ich ein König, gäb ich meine Reiche, Mein knieend Volk, die Bäder von Porphyr, Mein Scepter, meine Krone, meinen Wagen, Die Flotten, welche kaum die Meere tragen, Für einen Blick von dir! Und war' ich Gott,—— die Erde, Luft und Wellen, Die Engel,— Teufel, die erzittern mir, Des tiefen Chaos fruchtbares Gewimmel, Raum, Ewigkeit, die Welten und die Himmel Für einen Kuß von dir! 1 XXIII. Quien no ama, no vive. Was du auch biſt, jung, alt, reich oder weiſe, Wenn du des Abends nie getauſcht, ob leiſe, Bekannten Tons ein Schritt vorüberflog, Ein weißer Schleier dunkle Nacht zerriſſen, uUnd, wie ein Meteor aus Finſterniſſen, Den Strahl in's Herz dir ſenkt' und weiter zog; — 79— Wenn du nur kennſt, weil du es hörteſt ſagen, Verliebte Dichter, die im Liede klagen, Was höchſtes Glück in unſerm Leben ſei, Ein Herz, das unverſchleiert, zu beſitzen, Statt aller Fackeln, aller Sterne Blitzen, Der Augenſonnen anzubeten zwei; Wenn, trub und düſter, du gewartet nimmer, Als durch das Fenſter ſchien des Balles Schimmer, um, wenn der Abſchied öffnete die Thür, Die Schönſte, wie des Blitzes Strahl zu ſchauen Im Jugendglanz, mit Augen— himmelblauen, Das Haupt gekränzet mit der Blumen Zier; 4 Wenn dich noch nie der Wahnſinn hat gequalet, Sahſt du von Andern ihre Hand gewählet, Sahſt, daß ihr Herz an andern Herzen ſchlug, Wenn du mit Zornesaugen nie geſehen unkeuſchen Walzers wolluſtvolles Drehen Entblattern Blum' und Weib im Wirbelflug; Wenn du des Berges Gipfel nie verlaſſen, Voll Himmelsluſt, die kaum du konnteſt faſſen; Wenn Abends nimmer du im Lindenhain, Indeß am Himmel fünkelten die Sterne, Mit ihr dich bargeſt in des Schattens Ferne, Dort leiſe flüſternd,— war't ihr auch allein; — 80— Wenn keine Hand die deine zittern machte, Das eine Wort, langſam geſagt und ſachte: Ich liebe dich! nie in dir nachgebebt; Wenn du Verachtung nie geweiht den Thronen, Bedenkend, daß man Scepter ſucht und Kronen, Herrſchaft und Ruhm, indeß die Liebe lebt; Wann Nachts die Lampe zu verlöſchen denket, Und dann Paris, in Nebelgrau'n verſenket, Die ſchwarzen Stunden ruhig laſſet zieh'n, Und nicht mehr wacht, nach ihrer Zahl zu ſpähen, Indeß ſie trügeriſche Träume ſaen, Und zwölfmal von den Glockenthürmen flieh'n; Wenn ſo der Schlummer Alles eingewieget, Auch ſie im Schlaf, vergeſſen, roſig lieget, Wenn dann du kindiſch nie geweint vor Pein, Sie hundertmal gerufen unter Thräͤnen, Und könnteſt, daß ſie kommen würde, wähnen, Und, dich verfluchend, wünſchteſt todt zu ſein; Wenn eines Weibes Blick dir nichts verkündet, Die Seele nie dir wunderſam entzündet, Den Himmel vor dir aufgeſchloſſen licht, Wenn du für ſie, die ſpottet deiner Leiden, Nicht auf dem Rade wolleeſt gern verſcheiden; So haſt du nicht geliebt, gelitten nicht! „— — 81— 2 XXIV. Mens blanda in corpore blando. Du biſt umſtrahlt von ſolcher Anmuth Schimmer, Dein Sang iſt rein, dein Tanz entzückend immer, Des Sieges unbewußt; Der Blick ſo rührend, der dein Auge feuchtet; Ein Etwas, das aus deinem Innern leuchtet, Giebt ſanften Troſt der Bruſt;— Daß, wenn wir, junger Stern, dich ſeh'n erſcheinen, In unſre Nacht mit hellem Lächeln ſcheinen, Das unſer Herz bewegt,— Wie vor dem Morgenroth ein Vogel ſinget, Im Innern dann ein zart Gefühl entſpringet, Das an zu ſingen fängt. Du hörſt es nicht, ob's auch ſich nicht verhehle, Die keuſche Schaam verhüllte deine Seele In neid'ſche Schleier dicht. Der Engel, dem der Himmel dich gegeben,— Sieht träumeriſch er in dein inn'res Leben, Braucht zu erröthen nicht. Amor, ch'a null' amato amar perdona, Mi prese del costui piacer si forte, Che, come vedi, ancor non m'abhandona. Dante. Ein Mäͤdchen mit unſchuld'gem Blicke Im Bad betrachten unverhüllt; Den Segeln folgen aus der Ferne; Am Himmel glänzen ſeh'n die Sterne, Leuchtkäfer in dem Graſe mild; Rings um die düſtern Götzenbilder Die Sultaninnen tanzen ſeh'n; Des Balles Kerzen zählen; lauſchen, Wenn Gondeln in dem Waſſer rauſchen, und Sterne hoch zu Häupten ſteh'n; Den milden Mond betrachten; ſchlafen, Vom Baum des Weges überdacht; Der König ſein, wenn ſich die Holde, Die durch das Scepter herrſcht von Golde, 3 Durch Schönheit auch zur Herrin macht; Romanze weinend klagen hören Zu eiferſücht'gem Harfenton; Im Grünen wandelnd nachzuſinnen, Wenn Abends Andaluſerinnen Die Blumen werfen vom Balkon; — 83— Zu träumen, wenn des Thaues Regen Vom ſchönen ſpan'ſchen Himmel träuft, uUnd bangen Tones, mild erblühend, Dann immer weiter, voller glühend, Das Lied der Nachtigallen ſchweift; Wie längſt vergeß'ne Traumesbilder, Vergang'ne Tage zaͤhlen nicht; Dem Geiſte folgen, der entfliehet, und nach ſich, durch den Schatten, ziehet Zwei Flammenfurchen, ſtrahlend licht; Die gold'nen Knospen pflücken, welche April auf üpp'ge Raſen ſtreut; Nach langen, bangen Trennungswehen Die Thürme der Geburtsſtadt ſehen, Die weit entfernt dem Blick ſich beut; Nein, was auch das Geſchick gegeben Von wahrem, von erträumtem Glück,—— Seh' deine Augen ich, die blauen, Mir in die ſchwarzen Augen ſchauen,— Mit nichts vertauſch' ich dieſen Blick! 6* Der Winter ſchwand, und Frühling iſt es jetzt. — 84— XXVI. Worte ſüß und voller Zärtlichkeit, Die mir Aline ſprach zur Roſenzeit! Trugt ihr, Zephyre, von dem ſchönen Ort Nicht zu der Götter Ohr davon manch Wort? Segrais. Du ſiehſt den Zweig, auf deſſen nackte Rinde Den Regen treiben ſtürmiſch kalte Winde; Allein der Winter flieht, und du wirſt ſeh'n Ein Blatt die harten Bande kühn durchdringen, und fragen wirſt du, wie dem Holz entſpringen Die zarte Knospe konnte, grün und ſchön. Wenn über meine Seele, die verſchloſſen, Dein Athem, Vielgeliebte, ſich ergoſſen, Warum— ob auch das Unglück mich beraubt— Warum, ofrag' es, kehrt die Kraft mir wieder? Die Seele blüht; der Blätter, ihrer Lieder Hat ſie zu deinen Füßen ſich entlaubt!— Es muß ja Wechſel Allem wiederfahren; Die mondesloſen Nachte folgen klaren; Der Erd' iſt ſelbſt, dem Glück ſein Ziel geſetzt. Der Baum— dem Sturm, das Blatt— dem Zephyrfaͤcheln,— und mir kam nach dem Unglück ja dein Lacheln, XXVII. An meine Freunde g. B. und S.- B. Here’s a sigh to those who love me, And a smile to those who hate; And, whatever sky's abhove me, Here's a heart for every fate. Byron. So iſt's Rouen, mit ſeinen alten Gaſſen, Rouen, von ſeinem alten Volk verlaſſen, Mit hundert Glocken, wogend in der Höh', Rouen mit Burgen, Thürmen, Ritterſitzen, Von deren Stirn, der vielgezackten, ſpitzen, Die Nebel ſich zerreißen auf der See; Rouen hat euch genommen! Doch nicht klag' ich, Oftmals in Träumen zu beſchließen wag' ich, Ch' es zerſtöret ware, hinzuget'n; Allein das Haus, die Arbeit ließ mich nimmer, und jene Furcht, die ja den Menſchen immer Befällt, ſein Sehnen je erfüllt zu ſeh'n. Ich ſchob es auf. Und ſo vergeht das Leben. Nan ſah den Thorengeiſt des Menſchen ſchweben Von Plan zu Plan, zu allen Zeiten ja. Wenn wir vom Traum uns lang geneckt geſehen, und ſagen:„jetzt iſt's Zeit! jetzt laßt uns gehen!“— Dann wenden wir uns um,— der Tod iſt da! So meine Pläne.— Werd ich mich ergehen In Spanien je? wann Rom's Gefilde ſehen, Sicilien, das benaget ein Vulkan, Hellas, Sardinien, Niles Pyramiden, Die Städt' im Nord, im Aufgang und im Süden, Des Rheines hehre Cathedralen— wann? Wohl nimmermehr.— Und wann werd ich mich bergen Am Meere, oder nah den ſchnee'gen Bergen, Im Schloß, wo einſt gelebt ein alter Held? Vergoldung würde dort die Sonne ſpenden, und auf mein Haupt den Strahl, den farb'gen wenden, Der durch gemalte Fenſterſcheiben fällt! Auch das wohl nie.— So leb' ich unterdeſſen Verloren in der Zahl, im Raum vergeſſen. Drei Kinder ſteh'n im Kreiſ' um meinen Heerd. und oft hör' ich die Weisheit zu mir ſprechen, Das Zelt von einem Tag, das abzubrechen Man bald genöthigt iſt, ſei nicht dir werth! und, wenn von allen Hoffnungen der Seele Ich, wie dem Sohn der Vater, mir erzähle, Dann wird, was gern ich ſäh', ein ſchöner Traum. Im Innern— Rom, Cordova mir entſpringen, Hellflammend, wenn ich ſeh' die Muſe ſchwingen Die mag'ſche Fackel in dem Säulenraum. — 87— Da ſind Alhambra's, hohe Cathedralen, Babel, mit wolkenrührenden Spiralen, Geheimnißreich ſteht das Escurial dort. Ich ſeh' in Städten tauſend Glocken ſchwingen, Die Tag und Nacht und unabläſſig ſingen, Erfreuet ob dem hohen, luft'gen Ort.. und dieſen Traum von Glanzesidealen Wird mir verdunkeln keiner Städte Strahlen. Ich halt' ihn, der ſo ſchnell entflieht, den Wahn. Ein Jeder ſchafft, nach ſeines Herzens Richtung, Sich eine Zauberwelt von Kunſt und Dichtung; Wir ſehn von oben unſer Canaan. 8 Hier laßt uns ſteh'n. Wozu hinab uns führen, In Aſche gehen, an dem Traume rühren? Was ſollten wir nachher thun? wo hinan? Wenn keine Hoffnung lockt? Nicht reichen Bande Mehr vom gegeb'nen zum gelobten Lande, und Moſes hat zu ſterben wohlgethan. Nicht laßt uns nah'n, dem was wir ſchön erfinden. Der Regenbogen muß in Dunſt verſchwinden, Die Wirklichkeit zerſtört das Ideal. Die Seele zehrt am Ruhm, am Liebestraume. Der Menſch formt kindiſch Blaſen ſich von Schaume und ſieht in ihnen eines Himmels Strahl. O luft'ge Kugel, die ſo leicht erſchüttert, Die vor dem kkeinſten Anſtoß ſchon erzittert! So unſre Plän' und unſre Freuden auch! Armſeel'ge Schöpfung, vor Zephyren bangend! In Waſſeertropfen tauſendfarbig hangend! Welt, die erſchafft und die zerſtört ein Hauch! Der Traum iſt Glück, die Hoffnung nur iſt Leben. Der Thor will in die Fremde; denn gegeben Iſt uns genug an jenem ew'gen Lauf. Geheimnißvoll iſt hier das Ziel; wo wendet Der Menſch ſich hin? wo einſt ſein Geiſt wohl endet? Wo geht die Erde in den Himmel auf? Wann wiſſen wir's? wer wird den Schleier heben Des Himmels, wo in Wolken Sterne beben? Wer ſtiege nieder in des Meeres Grund? Wo iſt das Wiſſen? wo der Anfang? ſpähet, Was ihr in Meerestiefen wohl erſehet! Kennt ihr das Meer? wer macht die Seele kund? Hier— Glauben, Zweifeln, Läugnen! was nun denken? Dreifacher Pfad!— wohin die Schritte lenken? Der Weiſe bleibt am Baum des Weges ſteh'n. Er ſpricht: ich geh', wohin der Herr mich ſchicket. Er hofft; von weitem ſinnend er erblicket Das Menſchenvolk auf den drei Pfaden geh'n! — — 89.— XXVIII. An meine Freunde S.-Z. und f. B. Buey viage! Soya. Wie meine Seel' um euch, ihr Freunde, banget! Mein Maler und mein Dichter! euch verlanget Unruhig immer ſie. Daß keiner mir von Beiden iſt geblieben, Die meine träge Laute mochte lieben, Zürn' ich dir, Normandie! 4 Sie haben mir die Dichtung mitgenommen; Mit ſeinem Pinſel der, der mit dem frommen Anmuth'gen Saitenſpiel. Ddichtung und Malerei, werth meiner Muſe! Die mir wie Alpheus einſt und Arethuſe Zu einen wohlgefiel! So lebet wohl denn, ihr erhab'nen Seelen, Die ich in meinen Leiden, meinen Fehlen So zärtlich ſtets erfand! O Freude, die ihr Umgang mir gegeben! Mit beiden, ſo verſchied'nen Geiſtern leben In ſelbem Freundſchaftsband! 1 5— Vom Maͤdchen, von dem Kloſter— ohne Säumniß Mir daucht, ich ſeh' den Maler und Poeten! Vom Bogen, vom Gewölbe redend, treten Sie jetzt vor ein Portal; Jetzt ſeh'n ſie, wechſelnd in den Fantaſieen Bedeckt vom Fächer, hinter Jalouſieen Der ſchwarzen Augen Strahl. Mak' uns die Schönheit, ſing' uns das Geheimniß! Ihr Beide wißt zu ſchaun Durch weißen Schleier, durch die Wand der Klauſe, O meine Freunde! Gott in ſeinem Hauſe, Die Liebe in den Frau'n! Geht, Brüder! du Apoſtel mit dem Maler! Die Welt, die du uns haſt gedeutet, mal' er; Denn Jeder hat von euch, Zu unſerm Glück, hier, was dem Andern fehle. Die Welt der Maler! du, Poet, die Seele! Den Herrn ihr beide gleich! 6 Der Weg der Trännerei. Obscuritate rerum verba saepe obscurantur. Gervasius Tulberiensis. Ergründet nicht die Träumerei'n, ihr Freunde! Der Blütheneb'nen Boden tretet nicht; und, wenn ihr ſchlafen ſeht den Ocean, Schwimmt auf der Fläche nur; ſpielt nur am Ufer; Denn der Gedankb' iſt finſter! Merklich kaum Geht zu der unſichtbaren Welt der Weg Aus dieſer wirklichen. Man ſteigt herab, Und immer tiefer, breiter wird die Bahn; Oft kehrt man bleich zurück von dieſer Reiſe, Wenn man verderblich auf ein Räthſel traf. — NA Geregnet hatt' es neulich; denn der Sommer Wird dieſes Jahr getrübt von Sturm und Regen; Der Mai, deß Strahl uns locket, nimmt die Maske Aprils, der unter Thränen lächelt, vor. Den farb'gen Vorhang hatt' ich aufgezogen Und ſah die Blumen und die Bäume an. Die Sonne ſpielte auf dem grünen Raſen In Waſſertropfen. Durch das off'ne Fenſter Erreichte meinen Geiſt der Lärm der Kinder und der verliebten Vögel in dem Garten. Paris, die uUlmen, Haus und Dom und Hütte, Sie alle zitterten im reichen Licht' Des Maigeſtirnes, deſſen Strahl Demanten An jedem Graſeshalmchen angezündet. Dem Lenz, dem Morgen und der Kindheit folgt' ich, Den Harmonieen meiner Einſamkeit; Die Seine ließ, wie ich, die klare Flut Nachläſſig ihren Weg verfolgen, und Die Sonne ließ den Fluß in Nebeldunſt, Wie meinen Geiſt in Träumen ſich erheben. Und ich erblickt' im Geiſt ringsum mich her Die Freunde, doch nicht unbeſtimmt— nein, wie Ich Abends ſeh' die Treuen kommen, Euch mit den Pinſeln, deren Spitze leuchtet, Euch, denen heißen Flugs das Lied entſprüht, Uns alle, wie wir ſinnen oder lauſchen. Und deutlich unterſchied ich die Geſichter Selbſt derer, die auf weiten Reiſen ſind. Dann folgten die Geſtorbenen, ganz ſo, Wie ſie geweſen, da ſie noch am Leben. Mein geiſt'ges Auge ſah nur kurze Zeit, Die ſo um meinen Heerd ſich drängten, an, Als ihre Züge zitterten und mählig Die fahlen Stirnen bleich und bleicher wurden, Bis Alle, wie der Bach im See, verſchwanden Rings um mich— in der unermeß'nen Menge. Ein Chaos war's von Stimmen, Augen, Schritten! Die man niemals gekannt, geſeh'n hat, alle Lebend'gen, alle! Stadte, lauter rauſchend Als Bienen und amerikan'ſche Wälder. In Wüſten Caravanenlager,— Schiffer Zerſtreut auf Gottes Oceane, und, Wie eine kühne Brücke auf den Wogen, Von einer Welt zur andern Schiffesfurchen; So wie die Spinne zwiſchen Eichen webt Den Silberfaden, der in Lüften flattert. Die beiden Pole! Erde! Meer! das All! Der Alpen Schnee! der Aetna's ſchwarze Crater, Herbſt, Sommer, Winter, Lenz— mit einem Male, Die Thaler, ſteigend von der Erd' in's Meer Und dort zu Golfen werdend; Vorgebirge Des Meer's zu Erdgebirgen ſich erhöhend, Die friſches Grun, die Nebel deckt,— die Länder Verſchlungen unabläſſig von den Meeren,—— Wie eine Landſchaft in dem ſchwarzen Zimmer Mit Wand'rern ſich und Flüſſen wiederſpiegelt, Und ihren Nebeln,— alſo ging und lebte In meinem Geiſte Alles. — 94— Indem ich immer aufmerkſamer nun So den Gedanken, als die Augen auf Ausſichten lenkte, die mir tauſendfältig Der Windeshauch, der Schritt der Jahreszeiten An allen Horizonten öffnete, Sah plötzlich ich dem Wellenſchooß entſteigen, Neben lebend'gen Städten beider Welten, Noch and're Städte, ſeltſam, unerhört, Ruinengräber der entſchwund'nen Zeit, Mit Thürmen und mit Pyramiden, die Den Fuß im Meer, das Haupt im Himmel bargen. Und von den Städten ſtanden welche auf Noch unter denen, wo jetzt Leben herrſcht, Und von der fernſten Zeit bis hin zu uns Konnt' ich drei Alter Roma's unterſcheiden. Und während nun die Städte der Lebend'gen Laut wurden und zu gleicher Zeit ertönten Vom Volksgewimmel oder Schritt der Heere:— Die Städte der Vergangenheit, ſie blieben ſtumm, Es ſtieg kein Rauch empor aus ihren Daͤchern, Sie ſchienen Bienenſtöcke ohne Schwärme. Ich lauſchte— horch! ein Lärm!— Die Todten kamen Und öffneten der Trauerſtadte Thore; Ich ſah ſie geh'n, ſo wie die Lebenden, Nur daß ſie mehr des Staub's aufwirbelten. Nun ſah ich Thürme, Pyramiden, Säulen, Das Innerſte der alten Babel, Tyrus und Theben, Sion und Carthago, welche Verließen unabläſſig die Geſchlechter. So nun umfaßt' ich Alles, Cybele'n und unſre Erde, alt' und neue Welt, Vergang'nes, Gegenwärt'ges, Tod und Leben; Vollzählig, wie am Tage des Gerichts. und Alles ſprach und machte ſich verſtändlich, Die Sphinx Egyptens und des Nordlands Runen, Die Stimm' der neuen und der alten Welt. Wos ich geſeh'n, ich zweifle, daß ich euch Es ſchildern kann;'s war, wie ein groß Gebäu, Aus Räumen und Jahrhunderten errichtet; Man konnte Mitte nicht, nicht Ende finden. An allen Höh'n arbeiteten Geſchlechter, Nationen, welche ihre Spuren ließen So Tag wie Nacht, und kreuzten ihre Schritte. Was einer ſprach, verſtand der andre nicht; und ich durchlief dies Weltenbabel, ſuchend, Ob einer wohl mir Rede ſtehen wurde. In meinem grauſen Traume ſah ich endlich Die Nacht ſo wie die Menge dichter werden; Und in dem undurchdringlichen Gebiete Den Schatten mit der Menſchen Zahl ſich mehren. Es wurde Alles unbeſtimmt, und nur Ein Hauch, der drüber fuhr von Zeit zu Zeit, — 96— Wie, um den Schwarm der Menſchen mir zu zeigen. Eröffnete im Schatten Lichtesthäler, So wie ein Windſtoß in empörten Fluten, Sich in dem Kornfeld eine Welle gräbt. Bald wuchs die Finſterniß rings um mich her, Der Horizont und die Geſtalten ſchwanden, Und Menſch und Ding und Geiſt und Weſen ſchwankten Vor meinem Hauch. Ein Schauer faßte mich, Ich war allein. Weithin war Alles dunkel. Nur in der Ferne ſah ich, durch den Schatten, Wie eines Meeres ſchwarze, dichte Wogen, Die Zahlen, angehäuft in Raum und Zeit! O! dieſes Doppelmeer von Raum und Zeit, Auf dem das Menſchenſchiff ſich ſtets bewegt,— Ergründen wollt' ich's, wollte ſeinen Sand Berühren, anſchau'n, darin ſuchen, um Von ſeinem Reichthum mitzubringen und Zu ſagen, ob ſein Bett von Felſen ſei. Mein Geiſt, verſenkt in unbekannte Flut, Schwamm alſo in des Abgrunds Tiefen, ging Vom Unausſprechlichen zum Unſi ichtbaren.. Da kehrt er„tief erſchüttert, plötzlich um, Mit furchtbar'm Schrei und athemlos; er hatte Gefunden auf dem Grund— die Ewigkeit. —— XXX. An Joſeph, Grafen von S. Kindheiterinnerung. Cuncta supercilio Horat. Ich ſah, ein ſiebenjährig Kind, den Kaiſer geh'n, An einem großen Feſtestag, im Pantheon. Um die erlauchte feſtliche Geſtalt zu ſeh'n, War ich dem Schutz der mütterlichen Lieb' entfloh'n, Denn er bewegte meinen Geiſt unruhig ſchon. Die ſanfte Mutter aber, welche oft erſchrack, Wenn ich von Krieg, Belagerung und Schlachten ſprach, Sie fürchtete für mich die Meng';— ich war ſo klein. Und was mir aufgefallen war in heibger Scheu, Als, vom Gefolg' begleitet, ich den Kaiſer ſah, Indeß die Kinder ihre Mütter fragten, ob Den Helden ſie von hundert Mährchen ſähen jetzt;— Nicht war's, daß ich die Volkesmenge rauſchend ſah Ihm folgen, wie dem Pharus in der Nacht man folgt, Und aus der Ferne deuten auf des hehren Haupts Verbrauchten Hut, der ſchöner als ein Diadem; 7 — 98— Nicht zehn Vaſallen, Kronenträger, folgend ihm, Die zitternd die geſpornten Füße ſchauten an; Nicht ſeine alten Grenadiere, welche ſich Berauſchten ſtill am allgemeinen Jubelruf; Nein, während auf den Knieen eine ganze Stadt, So froh, wie man durch eines Wunſches Hegung iſt, Wenn man ein Leben athmet und ein Volk nur iſt, Im Chore ſang ihr: Wachet für das Kaiſerreich;— Was da mir auffiel, ſag' ich, was ich nicht vergaß, Sogar nachdem des Lärmes, der ſich ihm erhob, Mein jugendlich Gedächtniß ſich nicht mehr entſann, Es war zu ſeh'n, daß unter dieſem Ruhmesklang, Der toſend ihn umwogte, jener hohe Mann So ſtumm und ernſt vorüberging, ein eh'rner Gott! Dem Vater ſagt' ich's Abends drauf voll Neubegier, Indem er von ſich legte das Gewand des Kriegs, Und ich auf der geduld'gen Schulter ſpielte mit Der ſilberſterngeſchmückten, goldnen Epaulette. Der Vater aber ſchüttelte das Haupt und ſchwieg. Doch ein Gedanke bleibet oft dem Geiſte treu, Was einmal uns befremdet, kehrt zur Zeit zurück, und Wunder ſieht des Kindes Unbefangenheit. Am andern Tag, der Sonne Scheiden anzuſeh'n, War ich dem Vater auf des Hügels Höh' gefolgt, 1 Der von des Aufgangs Seite her Paris beherrſcht; Wir beide gingen, denkend er, und träumend ich. Im Geiſte blieb mir jener wunderſame Mann, und im Geſpräch den Vater fragt' ich:„ſage mir, Warum wohl unſer Kaiſer, den uns Gott geſandt, Oer Alles in Bewegung und in Feuer ſetzt, ſ So kalten Blick, bewegungloſe Miene hat?“ Der Vater nahm in ſeine Hand mein ſchwaches Haupt, und zeigte mir des weiten Horizontes Raum: —,Die Erde, Sohn! vor deinem Blick bewegunglos, Iſt mehr als Wog', als Feuer und als Luft bewegt, Denn ihr im Innern regt ſich jedes Dinges Keim. In ihre finſtern Seiten fühlt ſie, Tag und Nacht, Die Wurzel mächtig dringen, eine Schlange, die Sich mit der Bäche ſtets bereiten Saften nahrt, und wühlt und unaufhörlich tauſendhauptig trinkt. Auch manche Flamme rinnet dort, die langſam bald Zu Diamanten werdende Cryſtalle tränkt, und bald in Bergwerksgangen, düſter blendenden Karfunkelhaufen an ſich zündet ohne Zahl, Bald, an den Tag ſich drängend, noch mit größ'rer Pracht Der Stirn des alten Aetna goldne Zier verleiht. Es iſt der Erden Inn'res ſtets in Thätigkeit, Sie zittert unabläſſig ſtets und überall. Hier ſickern tropfenweiſe, ſonder Widerhall Des Halles, aller Ströme Quellen in der Nacht. Es trägt die Erd' auf ihrer Fläche, wo wir ſind, 7* — 109— Die Saaten, Städte, Wälder und die Menſchen all. Sieh', Alles grünet fernhin, Alles lacht und lebt. Sie giebt dem Wind die Eichen und den Graſeshalm. Es decken Frücht' und Aehren ſie zu dieſer Stund', und ſiehe! ſchon indem dein Blick ſie nur berührt, Erzittern künft'ge Jahreserndten dumpf verwirrt In ihrem Schooß, den kein Gebären je erſchöpft! Alſo arbeitet, thätig, fruchtbar auch der Geiſt Des Dichters, der erſchaffet, und des gründenden, Des Kriegers. Nicht gewahreſt du's. Denn von der Glut, Die innen ſie verzehret, leuchtet außen nichts. So auch, den Glanzesfüll' umſtrahlt, Napoleon, Der ſo geräuſchvoll ſchmiedete die Krone ſich, Der Held, den Alles feiert, welchen ſtumm du ſiehſt Und unbeweglich dir vorübergehen,— wenn Das Volk ſich um ihn dränget, fühlet er in ſich Gedanken, die ihn drängen, heft'ger nur bewegt. Jetzt geh'n vielleicht ſchon in ihm tauſend Dinge vor, Und eine Zukunft keimet tief in ſeinem Haupt. In ſeinem Geiſt, unendlichem, hellſehenden Steht, wie ein Rieſenfrankreich, ſchon Europa da; Berlin und Wien und Moskau, London und Madrid, Sie kommen huld'gend einmal jahrlich nach Paris; Vaſall des Loupre, Nichts iſt ſonſt der Vatikan; Die Erd' eröffnet unter alten Thronen ſich. Und für die Menſchheit ſteiget aus den Trümmern auf ——— — 101— Ein andrer Carl, den Erdenball in ſeiner Hand:—— Im ſelben Geiſte, welchen ſolcher Plan bewegt, 3 Geh'n auch unzählee, künft'ge Bataillone ſchon, Es ſtellt der Conſeribirte ſich ergebungsvoll, Die Trommel hallet wider durch den Lagerplatz, Arbeiter decken, that'ge, weithin Cherbourgs Strand, Das Rieſenſchiff erhebet auf dem Werfte ſich, Haubitzen kommen, roth noch aus des Ofens Glut, Es ſchwimmen macht'ge Flotten, Heere ſtehen da! Denn ſtets erleuchtet und entflammet ihn der Krieg, und ſchon vielleicht, in ſeiner Seele dunkler Nacht, Im Haupt, wo ſchweigend eine Welt verborgen liegt, Ging auf die Sonne eines zweiten Auſterlitz! Und ſpäter ſah, ein andres Mal, den Mann ich geh'n, Der in Paris den Cäſar Roma's überragt. Da dacht' ich wieder meines Vaters Reden nach, Ob man mit götterhaften Ehren ihn umgab, Ich ſah ihn wieder, wie vordem vorübergeh'n, Daſſelbe denkend, mit demſelben Angeſicht. Dem Plan, der übermenſchlich, ſann er immer nach. Ihm folgten hundert Adler, wie dem Kaiſer Roms. Die Regimenter gingen, Fahnen flatterten; Kanonen, ſchwere, ſenkten ihre Mündungen, Durchlaufend raſch der Volkesmenge wirren Knäul, Zurück auf die Laffetten ſprangen donnernd ſie. Doch bald verbarg die Sonne den Bewunderten In einer Woge goldnen Staubs. Er ging vorbei. Allein ſein Name hallte wider in der Stadt, Es warfen ihn den Glocken die Kanonen zu; Die Straßen füllte lärmend ſein Gefolge an; Und durch den Jubelruf, den ſeine Gegenwart Vermehrte, durch den tauſendfachen Freudenſchrei Begrüßte den Vorübergehenden ſein Volk! XXXI. An Madame Marie AM. Ave, Maria, gratia Dlena. 1 Dein Aug' iſt ſchüchtern, deine Stirn iſt mild; Doch ob aus Schaam, aus Mitleid du verhüllt Die Seele,— wenn ein Hauch von oben Dein Herz getroffen, wie es dann entſprüht, Dem Feuer gleich, das in der Aſche glüht, Bis Funken plötzlich ihm entſtoben! Laß oft uns hören deiner Stimme Schall. Als du zur Welt kamſt, ſang die Nachtigall, — 103— Hat hold ſich dir ein Stern geneiget. Der Dichtung Weihe dir zu ſchenken, ſtand Der Wieg, in der du lageſt, zugewandt Ein Gott, der dich vielleicht gezeuget! Muſik und Poeſie, die Schweſtern, ſind gwei Morgenröthen, welche ewig lind Das ſüße Leben dir verſchönen. Ein rührend Lied bald deinem Geiſt entblüht, Bald am Slavier, das bebet deinem Lied, Ergeht er ſich in vollen Tönen! Der Dichter träumt, der dich am Abend ſieht! Dein denkt er, wenn der Himmel ſich bezieht, und Mitternacht abrollt die Schleier; Die Seel, aus Lieb' und Schatten ihm gemacht, Eröffnet wie die Blume ſich der Nacht, und blühet zu der Sterne Feier! — 104— XXXII. Für die Armen. Wer Armen giebt, der leihet Gott. W. H. Ihr Reichen! wenn auf euren Feſtesmahlen Ringsum des Balles Flammen euch umſtrahlen, Und wenn all überall, wohin ihr ſeht, Cryſtalle leuchten in dem hellſten Glanze, Und glüh'nder Leuchter Sterne, und im Tanze Die Freud' auf eurer Gäſte Antlitz ſteht; Indeß euch wandelt goldner Glocken Klingen Der Stunden ernſte Stimm' in freudig Singen, Oh! denkt ihr, daß verzehrt von Hungersqual, Vielleicht ein Armer in der Straßen Enge Sieht durch die Scheiben lichter Schatten Menge,— Euch, die ihr tanzt im goldnen Saal? Denkt ihr, daß unter Reif und unter Schnee Der arbeitloſe Vater hungernd ſtehe, Und leiſe ſpricht:„für Einen— ol wieviel! Wie viele Freund' an ſeinem Feſt erſcheinen! Wie glücklich er! es lächeln ihm die Seinen! Brot für die Meinen wär', was hier ein Spiel!“ — 105— Und dann vergleicht er euren Feſten immer Den Heerd, wo niemals einer Flamme Schimmer, Die Kinder hungernd, kaum bedeckt das Weib, und hingeſtreckt auf wenig Stroh die alte Großmutter, der der Winter, ach! der kalte Längſt für die Gruft erkältete den Leib! Denn ſo hat Gott der Menſchen Loos beſtimmet. Die Einen geh'n, von ſchwerer Laſt gekrümmet; Zum Mahl des Glücks geh'n wen'ge Gäſte hier. Auch dieſe ſind nicht Alle gleich zufrieden. Gerecht nicht däucht uns das Gebot hienieden Für die: Genießt! für die: Beneidet ihr! O, der Gedank' iſt bitter, ohn' Erbarmen, Und gähret in den Herzen aller Armen! 1 Ihr Glücklichen, die ihr der Freud' euch weiht, Damit der Arme nimmer euren Händen Den Reichthum, den er neidet, mög' entwenden,— So mög' es die Barmherzigkeit! Barmherzigkeit, vom Armen du vergöttert! Du Mutter derer, die das Glück zerſchmettert, Erhebend die, ſo tritt der übermuth; Die, ganz ſich opfernd, wie der Gott der Gnade, Verfolgend hier auf Erden ſeine Pfade, Spricht:„Eſſet, trinkt! das iſt mein Fleiſch, mein Blut!“ — 106— Sie ſei es, ſie, die eure Diamanten Und eure Baͤnder, Edelſteine, Kanten, Sapphire, Perlen, ewig falſchen Tand,— Die Seelen euch zu retten und die Armen,— Von eurer Kinder, eurer Frauen Armen Abſtreife mit geſchwinder Hand! Allmoſen iſt der Bitte Schweſter. Gebet! Ach! wenn ein Greis auf eurer Schwelle bebet, Erſtarret vor euch lieget auf den Knie'n, und Kindlein, mit den froſtesrothen Händen Broſamen eurer Orgien entwenden, Dann wird der Herr ſein Antlitz euch entzieh'n. Gebt! auf daß Gott an eure Lieben denke, Den Söhnen Kraft, den Töchtern Anmuth ſchenke; Daß euer Weinberg früchtebringend ſei; Daß Fülle herrſch' in eurer Speicher Räumen; Daß ihr euch beſſert; daß in nächt'gen Traͤumen Die Engel zieh'n vor euch vorbei! Und wenn der Erde Güter einſt zerſtoben,— Allmoſen gründen einen Schatz dort oben. Gebt! daß man ſag':„er übt Barmherzigkeit!“ Damit der Arme, den der Froſt zerſchneidet, Der neben euren ſtolzen Feſten leidet, Nicht mehr ſie ſchauen möge voller Neid. — 107— Gebt! daß der Gottmenſch hold ſich zu euch neige, Der Böſe ſelber ſich vor eurem Namen beuge, und euren Heerd ſo Ruh' als Lieb' umfließt; Daß in der letzten Stund' ihr habet gegen All eure Sünden den Gebetesſegen Des Armen, der im Himmel mächtig iſt! XXXIII. An*** ſTrappiſten zu la Weeilleraye. „Tis vain to struggle— let me perish young— Live as I have lived, and love as I have loved; To dust if I return, from dust I sprung; And then at least my heart can ne'er be movcd. Byron Dir, Bruder, war der Sturm wohl allzuheftig; Der ungeſtüme Wind, der uns ſo kräftig Hintreibet klippenan, Hat, als du ſchiedeſt, Wellen wohl gebäumet, Des Abgrunds tiefſte Tiefen aufgeräumet Um deinen ſchwanken Kahn; So daß du haſtig, bangend zu zerſchellen, Dein Schiff erleichtert in dem Kampf der Wellen, — 108— Und Alles fluthinab Geworfen— Freiheit, Freunde, deine Lieben; Dir iſt kein Schatz, kein Dichten mehr geblieben,— Sie ruh'n im Meeresgrab! Und alſo ſchiffſt du, nackt und einſam immer, Wohin die Flut dich ſchleudert, landend nimmer, In Ruh', entbehrend gern; Du trenneſt dich von uns, und nur zwei Sachen, Das Segel und den Kompaß führt dein Nachen, Die Seel' und deinen Herrn! XXXIV. Bieyre. An Fräulein Louiſe B. Ein Horizont, nach Wunſch für die Luſt der Augen gemacht. Fenelon. 1 Das iſt das Thal, ſo ruhig und ſo dunkel! Der Sommer, der ſich kühlt am Schattendunkel, Läßt Blumen dauern, die er ſonſt verſengt. Die Seele lauſcht und betet, ſtill betrachtend, Das enge, tolle Reich der Welt verachtend, Wo immer mehr der Menſch den Gott verdrängt! — 109— Der Fluß im Grund, Gehölz auf Bergeshängen. um ulmen hier ſich hundert Reben drängen; Dort bräunt den Arm des Mähers Sonnenglut. Es weinen ſinnend an dem Fluß die Weiden; Gleich einer Maid, die läſſig badet, leiden Sie, daß ihr Haar ſich netzet in der Flut. Fiſchreich der Strom— es braut't die Furth darinnen Und zeigt den nackten Fuß der Schnitterinnen; Das Korn— ſo golden, und ſo klar der Teich. Im Schatten— ſchwarze Dächer, Kreidemauern; Ddie Schluchten, rein geſpült von Regenſchauern; 1 Die Waſeerleitung luft'ger Brücke gleich. und, um zu krönen jene grünen Hügel, Eröffnen ſich der Himmelspforte Flügel; Das blaue Himmelszelt, von Gott gemacht, Des Tages läßt Azures Falten wehen, Thronhimmel ob der Sonne ſcheint zu ſtehen, Deß goldne Nägel nur erblickt die Nacht. Das iſt der Ort, wo unſer Herz mit Beben Von etwas Himmliſchem ſich fühlt umgeben,. Ein Ort, wie ich ihn früh im Traum geliebt. Deß heitre Schönheit, traulich, unermeſſen, Die Seele wieget in ein froh Vergeſſen Des Schlechten, das ſo Erd', als Menſchen trübt! — 110— 2. Ergehſt du Morgens dich im Haine, Der ſicher ſeine Rehe ſchützt, Auf rauhem Wege, deſſen Steine Der Kinder Händchen oft geritzt, So glänzt die Sonn' an Himmelsräumen, Es ſteigt der Saft in allen Baͤumen, Das Thal iſt wie ein ſchönes Träumen, Der Nebel zieht den Vorhang auf. Natur ſich aus dem Schlaf erhebet, Die Bien' auf roſ'ger Blume bebet,— Der Wind warf ſie dahin— es hebet Der Thau ein Tröpfchen auch darauf. Und in dem reizenden Gebilde, Wo Auge ſich und Geiſt verliert, Ertönt der Wandervogel milde, Das ſchwanke Gras iſt thaugeziert. Der Baum, den ſchon das Alter beuget, Der Thurm, der ſich der Mühle neiget, Der Bach, der ſilbern ſich erzeiget, Das Feld, in dem die Ahnen ruhn, Was man ſieht lachen und was weinet, Was ſingt und was zu ſeufzen ſcheinet, Was ſpricht und athmet, ſich vereinet In ein harmoniſch klingend Thun! und wenn am Abend nicht mehr die Gedanken Zerſtreuet auf verſchied'nen Wegen ſchwanken, Wenn man vom Hügel in das Haus nun geht, Nachdem man dich am Tage hat geſehen Im Wieſengrunde träum'riſch ſinnend ſtehen, Wie eine Blum' in Schönheit ſteht; Wenn am Claviere deine Hand entflammet Die Sprache ſpricht, die deiner Seel entſtammet, Und wenn der Geiſt, der hehre, der Muſik, 8 Der in die Lyra rauſcht mit Feuerflügeln, In deinen Säͤngen läſſet wiederſpiegeln Den Glanz, der ſtrahlt aus deiner Augen Blick; und wenn die kleinen Kinder dich umdrängen, und ihr Gelächter miſchen deinen Sängen, Dein edler Vater ihrem Spiel und dir Lächelt, und lauſcht dem Lied, das mild ertönet,— Der Glückliche! deß junger Geiſt ſich krönet Mit weißer Locken Zier; Wenn draußen hell der Sternenhimmel leuchtet,— Wem deine Stimme dann das Auge feuchtet, An die Familie, an das Glück glaubt er; Das Herz zerſchmilzt in freudigen Gebeten; Er fühlt, daß Thranen ihm in's Auge treten, und hebt die Hände auf, und ſpricht: o Herr! 4. und in Natur iſt ſo der Geiſt verſenket, und ſo in Dichtung, daß er nicht mehr denket, Wie nah, verborgen in des Waldes Hut, Von dem uns jene blauen Hügel trennen, Vier Schritt entfernet, die wir Meilen nennen, Paris, der Rieſe ruht! Wir fragen nicht mehr, ob der Gährungswelt Erglüh'nde, ſchickſalvolle Hauptſtadt hält Geöffnet oder nicht die Crater ſteh'n; Noch, welchen Blickes jetzt die Kön'ge ſchauen In den Veſuv der Menſchen, wo ſie brauen Der Thaten Lava ſeh'n. — 113— XXXV. Sonnenuntergänge. Merkwürdige Gemälde, welche das Auge für den Gedanken entdeckt. C. Nodier. 1. Dem heitern, ſchönen Abend bin ich hold, Ob er die alten Häuſer ſchmückt mit Gord, Die ruh'n im Laube, wie im Grabe; Ob ſich der Nebel dehnt zur Feuerſchicht, An Wolkeninſeln ſich das Strahlenlicht Im Himmelsblau gebrochen habe. Sieh'! wie der Wolken Heer am Himmel ſchweift, Dort unterm Hauch des Windes angehäuft In ſond'rer Bildung; man erblicket Den Blitz, der oft durch ihre Reihen fallt, Wie wenn ein luft'ger Rieſe plötzlich hält Ein Schwert im Wolkenreich gezücket. Noch glanzt die Sonne durch den Schattenſtrom, Beleuchtend bald den hehren goldnen Dom; Bald auf dem Hüttendache bleibend, Mit Nebeln kämpfend um das Himmelszelt; Bald, wenn ſie auf den dunkeln Raſen fällt, Dort große Lichteskreiſ' umſchreibend. 8 Dann ſcheint wie ausgefeget der Azur, Ein Crocodill mit ſtreif'gem Rücken nur Weiſ't dort die ſcharfen Zähnegruppen; Es birgt ſich unterm blaſſen Leib ein Strahl. Die ſchwarzen Weichen glänzen ihm zumal Von hundert goldnen Wolkenſchuppen. Jetzt wird's ein Schloß— es bebt die Luſt— vorbei Iſt ſchon der Wolken mächtiges Gebäu, Die Trümmer auseinandergehen. Den Himmel deckt es, ſeine Zinnen ſeh'n— Die Spitzen unten— uber uns wir ſteh'n, Wie umgeſtürzte Bergeshöhen. Die Wolken all, von Eiſen und von Gold, Wo Blitz und Sturmwind jetzt im Schlafe grollt, Sie hat dorthin geſchaffen. In ſeines Himmels Tiefe Gottes Hand, So wie ein Krieger hanget an die Wand, Die widerhall'nden Waffen. Es ſchwindet Alles! Wenn die Sonne fällt, Wie eine eh'rne Kugel, die zerſchellt Im Ofen, wo die Glut ſich reget, Dann trennt im Fall die Wolken ſie, es ſprüht Ihr Schaum aufflammend, der bis zum Zenith In Feuerflocken ſich beweget. — 115— O! ſieh' den Himmel an, und, floh der Tag, Voll Liebe blicke jederzeit ihm nach! Durch ſeine Schleier blicke! Sie bergen ein Geheimniß, ob ſie ſind Ein Leichentuch im Winter ob ſie lind Die Sommernacht mit Sternen ſticke. 2. Der Tag entflieht; es wagen in der Ferne Sich durch den Himmelsſchleier einzle Sterne; Die Nacht ſteigt mahlig auf den dunkeln Thron. Dort kämpft der Himmel mit dem Schatten lange; Nachgebend dort dem rothen Untergange, Vergeht die Dämm'rung auf den Hügeln ſchon. Dort unten, wo die Fenſterſcheiben blitzen, Mit ihrer Cathedrale zackgen Spitzen, Mit ihren Schlöſſern, ihrer Kerker Grab, Der Thurmesſpitzen reichlichem Gewimmel,— Dort ſchneidet, einer Säge gleich, der Himmel Die Stadt mit ihren tauſend Dachern ab. Oh! könnt' ich auf der Thürme höchſten fliegen! Säh' ich die Stadt wie einen Abgrund liegen! Hört' ich der Niedern laut Getös gedämpft; Die Stimme ſterben, gleich der Wittwenklage, Die lauter, als der Strom, ertönt am Tage, Der Strom, der gegen zwanzig Brücken kämpft! 8 — 116— Säh' ich vorüberfliegen, welche ferne Sich kreuzen dort, der vielen Wagen Sterne, Das Volk ſich ſchlängeln in dem öden Raum, Den Rauch verſiegen über den Kaminen, und, auf der Häuſer Spitzen kaum erſchienen, Den Schein der Strahlen dort verweilen kaum! Säh' ich die Stadt auf ihrer Lagerſtätte, Könnt' ich vernehmen, wenn geſeufzt ſie hätte, Wie wenn Ermüdung Seufzer lockt' aus ihr! Könnt' ich zu Häupten dieſer unruhvollen, Und ihrer Menge dumpfem Meeresgrollen, Die Rieſin ſchlafen ſehen zu Fuͤßen mir! 3. Nur weiter, weiter! daß ich meinen Schatten Im Sonnenlicht ſeh' wandeln auf den Matten. Paris iſt dort! Ich ſeh' und hör' es hier. Noch kann ich nicht der innern Stimme lauſchen; Der Stadt verworren Rauſchen Wogt immer noch zu deutlich mir. Der Nebel, der, ein Helm, die Stirn ihr ſchmücket, Gewölk, auf ihrer Thürme Haupt gedrücket, Wird mir verbergen jener dichte Wald; Wo vor der Mückenſchwärme hellem Summen Das Toſen wird verſtummen, Und wo der Lärm der Stadt verhallt! Ja! auf Flügeln, in die Wolken Laßt mich flieh'n! genug geſäumt! Fern von unbekannter Heimath Hab' ich jetzt genug geträumt. Lang genug, von Nacht umdunkelt, Folgt' ich, wo der Leuchtthurm funkelt, Sucht' ich mir ein einzig Wort. Nicht von Zweifeln mehr geſtoret,— Stimme, die ich hier gehöret, Beſſer hör' ich wohl ſie dort. Vorwärts! Flügel oder Wolken! Vorwärts geht ein Schiff bereits! Andre Sterne will ich ſchauen, und des Südens flammend Kreuz. Ob vielleicht auf andrer Erde Ich den Schlüſſel finden werde, Der das Weltgeheimniß ſchließt? Ob vielleicht der Sohn der Töne Leichter in der Himmelsſchöne Jener andern Welten lieſ't? „ 5. Oft, wenn das täuſchende Gewölk zerriß⸗ Fern in den Lüften, durch der Dünſte Riß⸗ — 118— Die von dem Abendwind erſchloſſen.— Dort hinter jenem Nebel, weiter noch, Erſcheinet ein Gebäu von Wolken hoch, Mit tauſend goldenen Geſchoſſen. Beſtürzt erblickt das Aug' den muth'gen Flug, Der alſo weit die luft'ge Inſel trug; Sie wagt im Aether frei zu ſchweben. Und auf ihr, ſcheint es, will die kühne Bahn, Mit Stiegen, Brücken, Thürmen, himmelan Ein unermeßlich Babel ſtreben! 6. Die Sonn' iſt hinter Wolken heut geſunken, Es bringt der andre Tag den Sturm uns mit; Dann wieder folgen Morgenrothes Funken, Dann Nacht, dann Tag, entflieh'nder Zeiten Schritt. All dieſe Tage werden ob den Flüſſen, Dem Neere ſchwinden, ob der Berge Haupt, Und ob den Wäldern, wo ein leiſes Grüßen Geliebter Todten man zu hoͤren glaubt. Der Meeresſpiegel und die grünen Wälder, Der Berge Gipfel, die kein Alter trübt, Sie bleiben jung; ſtets nimmt der Bach der Felder Vom Berg die Wogen, die dem Meer er giebt. — 119— Doch ich, von jedem Tage mehr gebeuget, und von der frohen Sonne nicht erwärmt, Ob ich auch geh', eh' ſich das Spiel geneiget, Nichts fehlen wird der Welt, die um mich ſchwärmt. XXXVI. Ohl talk not to me of a name great in story; The days of our youth are the days of our glory; And the myrtle and ivy of sweet two-and-twenty All worth all vyour laurels, though ever so plenty. Byron. Der Tag kommt plötzlich, wo der Dichter fühlt Auf ſeiner Stirn die Jahre ſchwerer laſten, und eines Morgens aufwacht und ſich ſagt; — O goldne Jugend, dich hab' ich vergeudet! Was bleibt mir? meines Schickſals Grund erblick ich, Wie ſeines Koffers Boden der Verſchwender!— Er fühlt, ſo wie ſich Blumen Mittags neigen, Sein Haupt von heißerm Sonnenſtrahl gebeugt, und wenn auf ſeinem Weg er etwa naß Den Raſen findet, wie am frühen Morgen, So ſpricht er, wiſſend, daß ſein Morgen ſchwand: Weh' mir! Das iſt vom Regen, nicht vom Thau! Es iſt geſcheh'n! Sein Geiſt iſt reifer jetzt; Zu ſtolzern Höhen ſtrebt ſein Flügel an; Der Rauch von ſeines Heerdes Flamm' i*ſt ſeltner; Sein hoher Stern rührt nicht den Nebel auf, Und Lob folgt ſeinem Renner' in die Schranken; Doch hat er nicht den friſchen Zauberreiz Der Jugend mehr, um ihn auf Werke, voll Von Lieb und Anmuth, reichlich auszuſtreuen. Oh! nichts erſetzt ihn!— Wenn er geht und ſucht Gedanken die man ſo im Gehen findet. und die am Abend heim der Dichter bringt Mit ſtolzerm Herzen und erhob'nerm Haupt; Und wenn er träumen will, und auf den Wieſen, Den atlasglänzenden ſich bald ergeht, Bald in dem Haine, den das Lied erfüllt, Das für den jungen Morgen ſingt ein Vöglein, Bald in der Straßen regen, lauten Menge; — Denn auch Paris und ſein Gedräng' iſt ſchön, und Abends ſind der düſtern Gaſſen Wandrer Wie Ebb' und Flut von Lichtern und von Schatten;— In Allem wird er, wird in ſeinem Geiſt, Ob ihm die Kunſt auch lächelt, ihn begeiſtert,— In froheſt aufgeblühten und gepflegten Gedanken und Geſängen wird er ſtets Trübkalten Schmerz um die Vergangenheit, Wie ſie ihm auch geweſen, wiederfinden! —ᷣ — 121— XXXVII. Das Gebet für Alle. Ora pro nobis! 1. Geh' beten, Tochter! Sieh', die Nacht iſt kommen, Ein goldner Stern in Wolken ſchon entglommen; Der Hügel Umriß ſchwankt im Nebel dort. Kaum rollet fern ein Wagen; Alles gehet Nun heim zu ruh'n; der Baum des Weges wehet Im Abendwind den Staub des Tages fort. Die Dämm'rung öffnet jetzt das nächt'ge Dunkel, und läßt erglänzen jedes Sterns Gefunkel; Des Abends Purpurfranſen werden bleich. Verſilbert iſt des dunkeln Waſſers Spiegel; Der Weg verfließet mit dem Hain, dem Hügel; Der Wandrer findet nicht den Steg ſogleich. Der Tag iſt für des Haſſes Ungebilde, Laß beten uns! die Nacht iſt ernſt und milde! Der Wind, der in des Thurmes Riſſen weht, Der Weiher und der Schäfer und die Heerde, Sie alle dulden, klagen, alle werden Die Liebe brauchen, Schlummer und Gebet. Die Engel jetzt vor kleinen Kindern ſtehen. Indeſſen wir zu ſondern Freuden gehen, Knie'n alle Kindlein, blickend himmelan, Die Hande faltend, barfuß auf dem Steine, Zugleich nur eine Bitte ſprechend, eine,— Sie fleh'n des Vaters Gnade für uns an Und ſchlafen ein.— Die goldnen Träume ſteigen Dann aus dem Schattendunkel, die im Neigen Des Tag's entſtehen, wenn der Lärm entwich, Den Athem ſehend und die Roſenlippen, Nah'n ſie, wie Bienen, die von Blumen nippen, uUnd weilen an den Bettverhängen ſich. O Wiegenſchlaf! o kindiſch betend Lallen! Du Stimme, die nie krankt, die wohlthut Allen! O Gottesdienſt, der ſcherzt und lachet, o Vorſpiel der Nacht! der Kopf des Vogels lieget Geſchützt vom Fittich, im Gebete wieget Das Kind in Schlaf die junge Seele ſo! 2. Geh' beten, o mein Kind!— Für ſie vor Allen bete, Die von dem Himmei einſt dich, junge Seel, erflehte, Uud deine Wiege treu ſo viele Nächt' umgab; Die Mutter, liebevoll, die dich der Welt gegeben, Die zwiefach nur für dich getheilt das bitt're Leben, Den Wermuth immer trank, und dir den Honig gab! Dann bete du für mich! ich brauch' es mehr hienieden!— Sie iſt ja gut und treu, wie du, und iſt zufrieden! So heiter ihre Stirn, ihr Herz iſt klar und gut. So Vielen will ſie wohl, die Keinen je beneidet, und weiſ' und ſanft und voll Geduld das Leben leidet; Das Böſe duldet ſie, und weiß nicht, wer es thut. V Sie pflückte Blumen nur ſich unbefangen immer, und hat die Schaale ſelbſt berührt des Laſters nimmer; W Nicht lockt die Schlinge ſie, die außen lachend gleißt. Voll von Vergeſſenheit der Dinge, die entſchwanden, Sind auch Gedanken nie des Böſen ihr entſtanden, Die, Schatten auf der Flut, berühren unſern Geiſt. K Sie kennet nicht— o woll auch du es kennen nimmer!— Das Elend dieſer Welt, der Freude falſchen Schimmer, und Reu' und Eitelkeit, und Sorge, die uns nagt, Die Leidenſchaften, die wie Schaum auf Herzen ſchweben, und uns von Schand' und Gram Erinnerung nur geben, Erinnerung, die auf die Stirn uns Röthe jagt! Das Leben kenn' ich mehr; ich werd' es einſt dir ſagen Im unterrichte, daß, der Herrſchaft nachzujagen, Dem Reichthum und der Kunſt, nur Thoren wohlgefiel; Daß von den Looſen uns der urne oft hienieden Statt des erſehnten Ruhms die Schande wird beſchieden, und daß die Seele man verliert beim Glückesſpiel! — 1214— Die Seele wird verderbt vom Leben; ob auch zeiget Den Ürſprung jedes Ding, das ſich zu Ende neiget, Man wird im Irrthum alt, wird alt im Laſter hier. Der Menſch wird müd' und irrt, es wird der Zweifel rege; Ein Jeder läßt zurück den Büſchen an dem Wege,— Die Heerden ihre Woll', und unſre Tugend wir. So bitte denn für mich!— Statt alles Betens lalle: —„Herr, Herr mein Gott, du biſt ein Vater für uns Alle, Sei gnaͤdig, du biſt gut! ſei gnädig, du biſt groß!“— O laß dein Wort nur geh'n, wohin die Seel' es ſendet, Und ſorge nicht, mein Kind, wohin es wohl ſich wendet; Es hat ein jedes Ding hier ſein beſtimmtes Loos! Auf dieſer Erd' iſt Nichts, was ſeine Bahn nicht nehme. Es ſchlängeln ſich zum Meer durch Eb'nen hin die Ströme, Die Honigblumen ſich die Biene klug erſpäht. Es findet jeder Flug hienieden ſeine Gränze,. Der Geier in der Gruft, die Schwalb' in ihrem Lenze, Der Adler in der Sonn', im Himmel das Gebet! Wenn ſeinen Flug fuͤr mich zu Gott dein Beten haſtet, Bin ich dem Sklaven gleich, der in dem Thale raſtet, und an des Weges Saum die Laſt hat abgelegt. Ich fühle leichter mich, wenn dieſe Laſt der Mühe, 4 Der Schuld, des Irrthums, die ich ſeufzend nach mir ziehe, Wenn ſinnend dein Gebet in ſeiner Hand ſie tragt! Für deinen Vater fleh'!— Damit auch ich darf ſehen Des Engels Schwanenflug im Traum vorüberwehen, Ein heilges Rauchgefaß entflammt ich möge ſein, Oh! löſche du mir aus mit zartem Hauch die Sünden, Daß ich mein Herz ſo rein, ſo glänzend möge finden, Wie, den man Abends waſcht, des Tempels Altarſtei! 3. Für Alle bete, welche Wandrer Auf dieſem Erdenrunde ſind! Für Jene, deren Pfad verloren Im Kampfe mit der Flut, dem Wind! Auch für den Thoren, deſſen Freude Das glänzende Gewand von Seide, Des ſchnellen Roſſes Feuermuth! Für den, dem Leid, dem Arbeit frommet, Der wiederkehret oder kommet, Der Gutes oder Böſes thut! Für ihn auch! den der Luſt Umarmung Beflecket bis zum Morgen hin, Und dem die Stunde, wo man knieet, Für ſeine Feſte däucht Gewinn; Er läßt erſchallen dir Gelage, Wenn eifrig, nach vollbrachtem Tage, — 126— Die Seel' erhebt den Lobgeſang; Und wenn nun das Gebet geendet, Zur Freude wieder er ſich wendet, Daß Gott es ſchon erhöret, bang. Kind! für die Schleierjungfrau'n bete! Für die Gefang'nen und für die Elendeſten der Frau'n— den Namen Der Liebe— ihn verkaufen ſie! Für den, der denket! für die Rotte Der Gottverlaßnen, die mit Spotte Das heilige Geſetz entehrt. Für den, der läugnet, wirſt du glauben! Reich iſt's Gebet, und für den Glauben Die Kindheit dir Erſatz gewährt! Für ſie auch bete, die bedecket Vom Grabe ſind, dem ſchwarzen Schlund, Der unter unſerm Drang ſich öffnet All überall, zu jeder Stund'! Wohl brauchen die unſeel'gen Seelen, Daß ihrer Hüllen, die ſie quälen, Der Leiber ſie entledegen ſich! Sie litten wen'ger, weil ſie ſchweigen? Kind! wolle dich zur Crde neigen! Der Todten auch erbarme dich! Knie' nieder auf die Erd'! wo deiner Mutter, Wo deines Vaters Vater ruht und Mutter, Wo, was gelebt, im Schlummer liegt zumal! Wo mit dem Staube ſich der Staub verbindet, Man unter ſeinem Vater Väter findet, Wie Welb' auf Well' im Meere, ſonder Zahl! Du lächelſt, wenn du ſchläfſt, und um dich fliegen Die Träume, ſeh'n ſie dich im Schlummer liegen, und beben oft vor deinem Hauch zurück. und öffneſt du dein göttlich Auge wieder, Erſchließet auch die Himmelsaugenlieder Der Morgen mit der goldnen Wimpern Blick. Doch wüßteſt du, wie ſie in enger Stätte Dort unten ſchlummean auf dem kalten Bette! Kein Engelchorgeſang neigt niederwärts. Der Traum von ihren Thaten drückt ſie nieder; Auf ihre Nacht folgt nie ein Morgen wieder, Es nagt die Reu' als Grabeswurm ihr Herz. Wenn du für ſie ein Wort nur wollteſt geben, Die Reue würde flügelſchnell entſchweben, und ſanfte Wärm' erfreute ihr Gebein! Ein Strahl berührte die entzückten Augen, Sie könnten Lichtes, Lebens Töne ſaugen, Von Waſſern, von dem Wind' und von dem Hain. — 128— Sprich! wenn du dich ergehſt, um nachzuſtnnen, Wo Fluthen klagend an dem Strand zerrinnen, Und wo der Schatten füllt mit Schauer dich, Hörſt in der Wogen, in des Windes Klagen Du keine Stimme, keinen Hauch dir ſagen: — Kind! wenn du beteſt, flehſt du nicht für mich?— Das iſt der Todten Klage!— Blumen blühen Auf deren Grab, für die wir betend glühen. Sie hören fern der Himmelslieder Klang. Doch der Vergeßnen Nacht ſich nur vermehret, Ein Wurm im Sarg beſtandig ſie verzehret, Der Rabe macht des Mahles Feſtgeſang! O bet'! auf daß der Vater und die Ahnen, Die um Gebete hier uns einzig mahnen, Im Grabe zittern, wenn genannt ſie ſind, Und wiſſen, daß man an ſie denkt auf Erden, Und, wie die Furche fühlt die Blume werden, Im leeren Aug' die Thrane fühlen lind! 5. Nicht mir geziemt es, meine Taube, Zu denken Andrer im Gebet; Der Schwachen, die unglaubig bangen, Und Aller, die das Grab umfangen, Auf dem der Altar wurzelnd ſteht! Nicht mir, deß Seele voll von Irthum Und eitel iſt und glaubensleer! Wie ſollt' ich für die Menſchen beten, Der kaum ich wage, zu vertreten Die eig'ne Schuld bei dir, o Herr! Kann Jemand für die Erde beten, Du biſt es! thu' es voller Huld! Es hort der Vater dich in Gnaden; Nur dein Gebet kann ſich beladen, Du reines Kind, mit Andrer Schuld! O! frage du den hehren Vater, Der lächelnd deine Rede hört, Warum der menſchliche Gedanke Stets zwiſchen Gut und Böſe ſchwanke, Warum der Baum den Strauch zerſtört? Und frag' ihn, ob die Weisheit ewig Nur angehört der Ewigkeit? Warum uns wohl ſein Hauch zerſchmettert? Warum er in das Grab entblättert Die Menſchen alle jederzeit? Es wachen für die Laſterhaften Am heil'gen Ort die Kinder gern; Gleich Blumen, welche Düfte hauchen, Gleich Weihrauchſchaalen, welche rauchen, Steigt ihre Stimm' empor zum Herrn. — 130— O laßt die holden Stimmen tönen! Die Kinder laſſet knie'n! wir ſind Ja Sünder! nah' dem Abgrund treten Wir Alle! für uns Alle beten Wird bei dem Herrn das reine Kind! 6. 8 Wie du dem Bettler gihſt, mein Kind, ſo wolle reichen Dem Vater dein Gehet, der Mutter; gib dem Reichen Auch, welchem Gott das Glück verſagt— o, gib ihm gern! Gib dem Verbrecher, gib der Wittwe und dem Armen, Erflehe für das Leid der ganzen Welt Erbarmen; O, gib den Todten auch! und endlich— gib dem Herrn! 1 „— WViel flüſtert deine Stimm', und waget kaum zu ſprechen, Woran ſollt' es dem Herrn, dem Höchſten wohl gebrechen? Er iſt der Heiligſte, er iſt der Kön'ge Herr! Aus Sonnen bildet er ſich einen hehren Reigen! Es muß vor ihm ſogar des Meeres Stimme ſchweigen! Der Alles iſt zumal, der Ewige iſt Er!“— Wenn ihr, mein Kind, geſpielt, den ganzen Dag ſchon habet, Du mit den Brüdern, um, die ſchatt'ge Buch' euch labet⸗ — 131— 3 So ſchmerzen Abends wohl die Glieder zart und weich, 5 1 Nun ſieh'! auch in der Welt, in der wir leben. ſchreitet Ein Wandrer ewiglich, der Alle treu begleitet; Sich überall zugleich erbarmend tröſtet er. 6 Ein guter Hirte folgt er der verirrten Herde, * Ein Pilger wandelt er nach jedem Ort der Erde, und dieſer Wandrer iſt, der Pilger, Hirt— der Herr! Am Abend iſt er müd'. Er braucht, damit er läch'le, Daß ihn Gebeteshauch des Kindes mild umfäch'le,— Ein wenig Liebe nur! Ou, die nicht Täuſchung hegt, O ſchenke ihm dein Herz voll Unſchuld, voll Entzücken! Ein köſtliches Gefäß! daß man mit bangen Blicken, und zitternd, daß daraus ein Tropfen falle, trägt! JIym weihe dein Gebet, und wenn er ſich verkündet, Die junge Seele dir mit linder Glut entzündet, Wenn er dir nahe iſt, mein Kind, nicht weile fern! Nicht fürchte, daß der Spott ſich über dich ergieße! Wie einſt Maria that, die Schweſter Martha's, gieße All deine Düfte auf die Füße aus des Herrn! 9* O Myrrhen, Cinnamom! Duft, lieblich dem Gatten O Balſam! Diptamen! Des Waſſers, des Feuers Lieblichſter Duft! Bethauete Wieſen! Ihr Dämpfe des Altars! Ihr Lippen der Roſe, Geküßt von dem Honig⸗ Munde der Bienen! Asphodelosdüfte! Hoch ſchwebendes Rauchfaß! Friſch grünendes Zweiglein, Auf dem ſich im Lenze Die Schwalbe das Neſt baut! Du Lilie, erblühet, Wenn friſch du begoſſen! Vergoldeter Ambra! Ihr Hauche des Morgens! Du Athem des Abends! Ihr düftenden Safte In ſchwankenden Zweigen, — 133— Im Sande des ufers, Der Nachts ſich erhebet Auf Flügeln des Winds! Ihr Blumen, mit denen Geſchmückt die Capelle! Des Heiligthums Flammen, Der Lampen, der ſieben, Ewiger Rauch! Ihr Stämme, gebrochen Durch Schärfe des Eiſens! Entzündete Urnen! Und ihr in den Lüften, Ihr Geiſter des Thau's! Ihr Feſte, verſchönet, Von Düften, von Tönen! Ihr Düfte der Blumen, Der Blumen, erblühet Im Hauche der Nacht! Unſterbliche Düfte, Die Ariels Schaaren, Die Engel, auf Flügeln Hertragen, ſich ſchwingend Vom Himmel herab! — 131— Du erſtes Lager Des erſten Gatten! Der ganzen Erde, Der Lichtesgefilde Süßeſter Duft! Doch— was in der Höhe, Was geltet ihr Düfte! Dort neben Gebeten, Die tief in dem Staube, Die knieend erblüh'n! Dort neben der Seele, Die ſchreiet und ſeufzet, Die bittet und reifet, Und die ſich in Flammen, In Strömen ergießt! Dort neben des Kindes Demüthiger Bitte, Des Kindes, das brünſtig Dem Himmel befiehlt den Verwaiſeten Vater! O Mund, der du ſeufzeſt, Der nimmer du murreſt! Unausſprechliche Leyer! Du Stimme, die lächeln, Die weinen auch macht! Mit ſeinen Flügeln ihre Locken ſtreichelnd⸗ Die Augen trocknend, welche thränenmatt; Nicht rief das Kind ihn, doch er kam hernieder, Er hält das Buch, in dem ſie lieſ't, und wieder Schwingt er ſich auf, wenn ſie geendet hat. Der Vaſe gleichet ſeine Stirn, zu nehmen Die Fluthen, die aus ihrem Herzen ſtroͤmen, Er nimmt des Leids, der Liebe Thränen all. Ihn wandelt's nicht, aus dieſer Seele ſchlürfen; So füllt ſich, wenn des Waſſers wir bedürfen, und andert nicht die Farbe der Cryſtall. Gewiß! er ſammelt für den Herrn die Thranen, und Blatt für Blatt die Lilien, mit denen Er an den heil'gen Ort ſich wieder ſtellt, Von dieſen Seufzern, Düften ſich erfüllend, Die er wie eine volle Schaale, ſtillend Des Herren einz'gen Durſt nach Liebe, hält. Von allen Tönen, die ihn hier begrüßen, Iſt deiner Stimme Gott geneigt, der ſüßen! Du biſt von ihm erwahlt, mein Kind, du biſt's! Die Stimne, auf Feuerflügeln hochgetragen, Verhaucht in Liebeslispeln, und es ſagen Die Himmelsjungfrau'n: eine Schweſter iſt's! Sie betet, und ein Engel naht ihr ſchmeichelnd, 9. Nicht wo die Sünder gehen, Auf ihren Pfaden nicht, Geh' nur auf Gottes Wegen! Kind, wolle ſorglich pflegen Dein reines Lilienlicht! Demüthig ſei! nicht kümmert Dich Macht, dich Reichthums Schein! Ein Hauch— und ſie zerſtäuben Für immer; ſtark wird bleiben Ein ſchuldlos Herz allein. Oft ſieht man Gott vernichten Die Thürme, noch ſo groß; Doch hört mit Wohlgefallen Er eine Stimm' erſchallen Im kleinen Neſt von Moos! Verbleibe treu der Armuth! Bleib' einſam jederzeit! So wolle du verborgen Niemals für And'res ſorgen, Als für die Ewigkeit! Es giebt, fern von den Staͤdten, Fern unſrer Schmerzensnacht, — 137— So ſtille, reine Seeen, In denen Inſeln ſtehen, Bedeckt mit Blumenpracht! Es nehmen ihre Wogen Von uns die Sünden fort. In ſolchem Reiz ſie blühen, Daß ſelbſt Unglaub'ge knieen Getroſt an ihrem Bord! Der Schatten, der auf ihnen Sich lagert, macht uns gut; So wird ihr Frieden Allen, Daß Thranen nie gefallen In ihre reine Flut! und, der in ihrer Fläche, Der Tag, ſich ſtrahlend ſieht, Wagt nicht zurückzulaſſen Die Wolken hier, die blaſſen, Wenn er vorüberflieht! Die ungetrübten Seeen— Gott ſetzte ſie hieher, Nah' dieſen Rieſenbergen, Um ſicher ſie zu bergen Wohl vor dem düſtern Meer, — 138— Damit nicht Windes Dürre, Damit nicht bitt're Flut Die unbewegte, milde Vergifte und verbilde, In der der Himmel ruht! O reiner See! o Tochter! Bleib' auch im Schattenthal! Auch dich hat Gott gerettet, Auch dir hat er gebettet! Er ſchützt dich allzumal! Die Welt iſt gleich dem Meere; Du würdeſt ihrem Hauch Dem nebelkalten zittern, Es würd' ihr Schaum verbittern Die reine Flut dir auch! 10. O Himmliſcher, der du das Kind bewacheſt, Mit Azurflügeln Tag und Nacht bedacheſt, Unſichtbar in der Höh'! Altar, auf dem ſich ihre Flamm' entzündet, Geiſt ihres Betens, ihrem Geiſt verbündet, Du Schwan im reinen See! = 139— Gott hat ſie dir vertraut, wie ich vertraue! Erhebe du, ermahne und erbaue Die Schwache jederzeit! Daß ſie, ob Freud', ob Leid ihr widerfahre, Die klare Seel, ihr helles Auge bewahre, und jene Heiterkeit, Vor der ja ſtets, obwohl ſie dich nicht ſiehet, Des Herzens falſche Freudigkeit entfliehet, und Leidenſchaft und Wahn. Wie ſie vor Gott, beugſt du vor ihr dich immer, Ablegend deiner ew'gen Krone Schimmer, Und beteſt ſo ſie an! XXXVIII. Pan. „OXο 8105, 6¼⁄ο½ ds, 6 ⁸ος ν, αeφηφ⁹ς. Clem. Alec. Wenn man euch ſagt, daß Kunſt und Sangesweiſe Ein Fluten ſei ſtets fert'ger Götterſpeiſe; Die Menge, die an euren Schritt ſich flicht, Des goldnen Saales müß'ge Phantaſteen, Reim, den der Reim greift im Vorüberfliehen, Ohl glaubt es nicht! — 140— Ihr heil'gen, ihr erhab'nen Dichter, eilet! Die Seel ergießend, auf den Hügeln weilet, Auf Gipfeln, wo der Nord bekämpft den Schnee, In frommen Wüſten, die des Geiſts Erretter, Im Walde, den der Herbſt beraubt der Blätter, Im ſchatt'gen Thal, wo ruht ein ſtiller See! Wo Schönheit, Anmuth weilet auf der Erde, Wo ſich das Gras verdichtet für die Heerde, Die üpp'ge Ziege blüh'nden Geisklee nimmt, Der Schäfer ſingt in alternder Arcade, Der Wind des Abends peitſcht mit der Cascade Den Felſen, der in Thranen ſchwimmt; Wo nur die Feder hin, die Wolle gehet, Ob dort ein Meer, ob eine Eb'ne ſtehet, Ein alter Wald, deß dunkle Zweige weh'n, Einſam ein See, verlaſſen Inſellande,— Auf Schnee, auf Meeren, Bergen oder Sande, Wohin nur immer die vier Winde geh'n. Wo nur der Abend dehnt der Schatten Länge, Wo ihre Ketten ziehen Bergeshaͤnge, Wo ein Gefilde reiche Saaten bringt, Wo früchteſchwer ein Zweig herniederſinket, Wo nur ein Vogel Thauestropfen trinket, Da gehet, ſehet, ſingt! — 141— Wollt in die Wälder, in die Thäler fliehen. Aus einzlen Tönen bildet Harmonieen! O ſucht in der Natur, die vor euch liegt, Ob Winter herrſcht, ob Sommerfreud erſchallet, Das Wort, das heimlich jede Stimme lallet. Hört, was der Blitz in Himmelshöhen ſpricht! Gott füllet Alles. Einen Tempel bauet Die Welt er, wo ihm Alles lauſcht, ihn ſchauet! Ihm redet Alles! Er iſt Eins, allein In ſeiner Schöpfung, iſt eur Freud' und Lächeln; Es muß des Sternes Blick, der Blume Fächeln Ihm Duft, ihm Flamme ſein! An Allem wollt, ihr Dichter, euch berauſchen! Am Baches Lauf, der Blätter Säuſelrauſchen, Am Wandrer, deſſen Stimme Nachts erſchallt, An Wäſſern, Luft, und an der Blumen jungen Erſtlingen, Februars Bewunderungen, und am Geräuſch der Wogen in dem Wald! Ihr Adlerbrüder! liebt die Bergeshohen! Vor Allem, wenn ſie Sturmeswind' umwehen, Ein Wind, hellklingend, der allmählig ſteigt, Den Raum mit Wolken weit und Schatten decket, und ſpielend Bäume, die er ſo erſchrecket, Am Rand des Abgrunds beugt! — 142— Des Morgens götterhafte Reinheit ſehet, Wenn auf den Schluchten dichter Nebel ſtehet, Wenn ſich die Sonne, von dem Wald verſteckt, Des Orients Palaſteskuppel gleichend, Die halbe Scheibe nur am Himmel zeigend, Dem Nahenden ſich größer erſt entdeckt. Begeiſtert euch! wenn in dem Schattenbeben Des Abends mannigfach Geſtalten ſchweben, Die Landſchaft ſchwindet, von dem Strom durchblitzt; Wenn das Gebirge, das den Himmel ſäumet, Ein Rieſe ſcheint, der liegt und ſchaut und traumet, Auf ſeinen Arm geſtützt! Fühlt ihr lebendig, reichlich in euch ſchwanken Die inn're Welt von Bildern und Gedanken, Gefühl' und Leidenſchaften in euch zieh'n, Um dieſe Welt dann zu befruchten, tauſchet Sie mit der ſichtbarn, die rings um euch rauſchet! Gebt eure Seele ganz der Schöpfung hin! Die Kunſt, ihr heil'gen Dichter, iſt hienieden Der inn're Ton, tief, einfach und verſchieden, Wie Waſſer flieh'nd; es ſtört ein Nichts ihn hier! Ein Echo, das aus jeder Creatur klingt, Das unter eurer mächt'gen Hand Natur ſingt, Dies unermeſſene Clavier! Amor de mi pecho, pecho de mi amor! Arbol, due has hecho, Que has hecho del flor? Romance. Eh' meine vielgeliebten Sänge, Eh' meine jungen Liedesklänge Die rauhen Menſchen mir geraubt; Zertreten nicht im Volksgedränge, Wie blühten ſie in voller Menge, uUnd zierten grün und friſch mein Haupt! Sie ſind vom Stamm getrennet worden, Vertrocknet von dem Hauch aus Norden, Es zieht ſie nach des Wandrers Fuß. Sir irren nun zerſtreut im Staube, Der Winde Spiel zum leichten Raube, Zum leichten Raube jetzt dem Fluß. Und ich, wie die verwelkten Blätter, Erblick ich ſie, vom rauhen Wetter Zerſtreut im winterlichen Raum; Die mich umgeben, wie zum Hohne Zertreten ſie mir meine Krone Verlachend den entlaubten Baum! Und ſterb' ich,— weine, Tugend, dun André Chenier. Noch ein Wort, Freunde! dann für immer ſchließ' ich Dies Buch, und denke fürder nicht daran. Ich will nicht hören, was die Menge ſagt. Was kümmert es den Quell, wo ſeine Wellen Hinfließen?— was mich Zukunftſpähenden, Wohin der Herbſtwind geht, der kalte Hauch, Der auf dem loſen Flügel mit ſich nimmt Des Baumes Blätter und das Lied des Dichters? Noch bin ich jung, und ob auf meiner Stirn, Wo Leidenſchaften, Thaten keimen werden, Ein jeder Tag der Falten Zahl vermehrt, Wie Furchen, von des Denkens Pflug gegraben; Hat doch in der mir zugemeßnen Zeit Noch dreißigmal der Sommer nicht geſtrahlt. Ich bin der Sohn der Zeit! ein Irrthum läßt Mich jedes Jahr, ob ſeiner ſelbſt verwundert; So daß, enttäuſcht, nur eurem Dienſt ich lebe, Dir, heibges Vaterland, dir, heil'ge Freiheit! — — 145— Der Unterdrückung meinen tiefſten Haß! Wenn unter unbarmherz'gem Himmel, unter Dem Fürſten, der es mordet, ich ein Volk In ſeiner Noth um Hülfe rufen höre; Wenn Hellas, unſre Mutter, türk'ſchen Henkern Von Chriſtenkön'gen ausgeliefert, ſtirbt; Wenn Irland ſich an ſeinem Kreuz verblutet; Germanien unter ſeinen Kön'gen ſeufzt; Wenn Liſſeͤbon, ſonſt ſchön und feſtlich, unter Den Füßen Miguels am Galgen hängt; Im Lande Catos ein Albani herrſcht; Neapel ißt und ſchläft, und Oeſterreich Mit plumpem Scepter, das die Furcht vergöttert, Des Venetianerlöwen Flügel bricht; Wenn NModena erdroſſelt wird vom Herzog; Am Bett des ſchwachen Königs Dresden kämpft Und weint; wenn Madrid ſchläft den Todesſchlaf; Wenn Wien in Malland herrſcht; wenn Belgiens Lowe, Gebeugt wie'n Stier, der ſchnöde Furchen gräbt, Nicht Zähne hat, den Knebel zu zerbeißen; Wenn ein Koſack, von grimmer Wuth erhitzt, Das frühgewelkte, todte Warſchau ſchändet und ſich, des Leichentuches heil'ge Reſte Beſudelnd, auf der Grabesjungfrau wälzt:—— O dann verfluch' ich ſie an ihren Höfen, In ihren Höhlen, dieſe Kön'ge, welche Bis an den Bauch in Blut die Roſſe baden! 10 — 146— Ich fühl's: der Dichter iſt ihr Richter; fühle, Daß der erzürnten Muſe mächt'ge Hand, Wie an den Pranger, an den Thron ſie feſſeln, Zum Eiſenband die Krone wandeln kann, und ſie entlaſſen(die man ſegnen könnte!) Gebrandmarkt auf der Stirn durch einen Spruch, Den einſt die Zukunft lieſ't. Die Muſe pflichtet Den unbeſchützten Völkern! Ich vergeſſe Familie, Liebe, Kindheit, ſanfte Lieder, Die heitre Muße, und auf meine Laute Spann' ich noch eine Saite auf von Erz! ——— Die Dämmerungsgeſänge. Deutſch von Ferdinand Freiligrath. 65 Die wenigen, dieſe Sammlung einleitenden, Verſe ſprechen den Gedanken aus, den ſie enthält. Das Vor⸗ ſpiel erklart die Geſäange. Alles heut' zu Tage, in den Ideen, wie in den Dingen, in der Geſellſchaft, wie im Individuum, befindet ſich im Zuſtande der Dämmerung. Welcher Art iſt dieſe Daͤmmerung? Was wird auf ſie folgen? Ungeheure Frage! Die höchſte aller derer, welche in dieſem, hinter Allem ein Fragezeichen aufwerfenden Jahrhunderte wirr einander drangen! Die Geſellſchaft wartet darauf, daß das, was am Horizont aufſteigt, ſich ganz und gar entzündet, oder völlig erliſcht. Mehr braucht nicht geſagt zu werden. Was dieſe Sammluüng an und für ſich betrifft, ſo wird der Verfaſſer ebenfalls nicht mehr darüber ſagen. Wozu den, vielleicht kaum ſichtbaren Faden bemerklich machen, der dieſes Buch mit ſeinen Vorgängern verbindet? — 450— Es iſt immer derſelbe Gedanke mit andern Sorgen, dieſelbe Welle mit andern Winden, dieſelbe Stirn mit andern Falten, daſſelbe Leben auf einer andern Altersſtufe. Er wird ſich wenig hierauf ſtützen. Er laßt ſogar in ſeinen Werken das Perſönliche nur darum beſtehen weil es manchmal vielleicht ein Reflex des Allgemeinen iſt. Er glaubt nicht, daß ſeine Individualität, wie man ſich heutiges Tages ſchlecht genug ausdrückt, der Mühe werth iſt, ſonderlich ſtudirt zu werden. Zudem, welche Vorſtellung man ſich auch von derſelben machen möge, in ſeinen Büchern ſieht man ſie nur halb. Der Verfaſſer iſt weit entfernt, zu glauben, daß alle Theile des vorlie⸗ genden im Beſondern jemals als wirkliche Materialien zur Geſchichte eines Menſchenherzens betrachtet werden können. Es iſt viel Geträumtes in dieſem Bändchen. Was in dieſer Auswahl zuweilen vielleicht ausgedrückt wurde, was vornämlich die vorgefaßte Meinung des Ver⸗ faſſers war, als er die Verſe, welche man leſen wird, hierhin und dorthin warf— es iſt der wunderbare Däm⸗ merungszuſtand der Seele und der Geſellſchaft in unſerm Jahrhundert; es iſt dieſer Nebel nach Außen, dieſe Unge⸗ — 151— wißheit nach Innen; es iſt dieſes unerklärliche Halbdunkel, welches uns umgibt. Daher, in dem vorliegenden Buche dieſe häufig ſtockenden Aufſchreie der Hoffnung, dieſe von Klagen unterbrochenen Geſange der Liebe, dieſe von Trauer durchdrungene Heiterkeit, dieſer plötzlich wieder aufjauchzende Kleinmuth, dieſe mit einem Male ſich aufrichtenden Ohnmachten, dieſe innern, äußerlich kaum die Oberfläche des Verſes bewegenden Wirren, dieſe, mit Ruhe betrachteten, politiſchen Tumulte, dieſe religiöſen Rückkehren vom Markte in die Familie, dieſe Furcht, daß Alles mehr und mehr der Verdunkelung entgegenſchreite, und auf Augenblicke dieſer freudige und rauſchende Glaube an das mögliche Aufblühen der Menſch⸗ heit. Alle Gegenſätze, Zweifel und Dogma, Tag und Nacht, Finſterniß und Licht, finden ſich in dieſem Buche, wie klein es neben ſo großen Gegenſtänden auch ſein möge, eben ſo wohl vor, als in Allem, was wir in dieſem Jahrhundert ſehen und denken, als in unſern politiſchen Theorien, als in unſern religiöſen Meinungen, als in unſerm hauslichen Daſein, als in der Geſchichte, die man uns macht, als in dem Leben, welches wir uns machen. Das letzte Wort, welches der Verfaſſer hier noch⸗ — 152— hinzufügen muß, iſt, daß er in dieſer Epoche des Harrens und des Ueberganges, in dieſer Epoche, wo die Unter⸗ ſuchung ſo erbittert und zerriſſen geworden, ſo durchaus in's Extrem gerathen iſt, daß es von allen gehörten, verſtandenen und beklatſchten Wörtern heut' zu Tage nur zwei gibt, das Ja und das Nein— ſein letztes Wort iſt, daß er dem ungeachtet weder zu Denen, welche bejahen, noch zu Denen, welche verneinen, gehört. Er gehört zu Denen, welche hoffen. Worſpyie 1. Du, drrin wir leben, ernſte, trübe Stunde, Wie nennen dich?— Auf jede Stirn geſprengt Iſt fahler Schweiß; auf aller Herzen Grunde Wohnt Finſterniß, die ſich dem Lichte mengt. Verzweiflung, Hoffnung, Lieb' und Haß— verdunkelt, O Gott, iſt Nichts, und Nichts auch iſt erhellt; Von einem Schatten, drinnen Alles funkelt, 3 Iſt halbverhüllt die ſcheinumfloßne Welt. und ſein Geräuſch weiß Herzen zu erſchüttern und zu betäuben: Alles tönt darein Vom Lied des Voglers zu des Blattes Zittern, Das kalt der Wandrer niedertritt im Hain. Es tönen drein die Schritte des Verirrten, Der ſeinen Pfad im Felde ſuchen muß; Es tönen drein Geſange frommer Hirten, Das Wehn des Rohrs, der Dörfer Angelus; — 154— Des Epheu's Rauſchen um Geſtein und Eiche; Der Wind, der Schiffern furchtbar ſich erweiſ't; Und auch der Wagen, den die eigne Speiche Feſthakend hemmt, gleichwie uns ſelbſt der Geiſt; Die Bettlerin, flieh'nd vor des Reichen Grimme; Wer zu Jehovah, wer zu Satan fleht; Der Ruf des Marktes, der verhallt; die Stimme Der Bruſt, die fühlt; des Fußes Ton, der geht; Die Wellen all', o Gott, in deinem Meere; Der Kieſelſtein, d'ran ſich der Sturzbach bricht; Und alles Jenes, was, voll ird'ſcher Leere, Der Pflug zur Flur, das Rad zum Pflaſter ſpricht; Der Kahn, d'rauf Abends Lyraſaiten klingen; Der Waldesorgel feierlicher Chor, Und jene Stimme, die mit leiſem Singen Und weinend aus den Stadten tritt hervor! Und auch der Menſch, der, ſeufzend und verwundert, Steht bei dem Dinge;— denn es legt, o Schmerz! Des Zweifels Hefe nieder dies Jahrhundert Voll gift'gen Hohns in eines Jeden Herz! Des Liedes Tone dieß, das, ohne Flamme, In's Ohr uns ſchmettert dieſe kreißende Zeit, Die— nennt ſie Todtengräber oder Amme! Särg' oder Krippen aneinanderreiht! Der Morgen! auf, entgegen ihm zu fliegen! Gen Morgen, Dichter, wendet das Geſicht!— „Ach!“ ſagten ſie, nachdem ſie lange ſchwiegen, „Wir ſehn dort wohl ein ungewiſſes Licht!“ Wir ſehn dort wohl ein ungewiſſes Dämmern, Das ſtumm entlang den Horizont ſich zieht, Der Schmiede gleich, die, eh' man noch ihr Hämmern, Vernehmen kann, Nachts in der Ferne glüht! Doch ob die Däamm'rung, die wir dorten ſehen, Die Sonne ſchon verkündiget der Welt, Wir wiſſen's nicht!— Uns, die in Nacht wir ſtehen, Kann Abend ſein, was man für Morgen hält! Vielleicht iſt Spätroth, was wir Frühroth wähnen! Die Sonne dort der finſtern Wolkenbank, Auf die man hofft und die man ruft mit Sehnen, Iſt eine Sonne nur vielleicht, die ſank!“— — 156— Herr! iſt es wirklich denn des Morgens Glühen? Die Angſt wächſt ſtündlich! Herr, mach' uns gewiß! Sieht man noch nicht? Sieht man nicht mehr?— Wir knieen, Herr, iſt der Anfang, iſt das Ende dieß? Gemüth und Welt von Dämmerung umfloſſen!— O ihr, für welche dieſer Sonne Licht Geſchaffen ward, habt ihr euch ſchon geſchloſſen? Wie, Augen, oder gingt ihr auf noch nicht? Dieß wirre Toſen, dieß erhabne Rollen, Vielleicht das Brauſen iſt es, dumpf und hohl, Der Flügel alle, welche ſcheiden wollen; Vielleicht ſagt jetzt die Erde ſchon: Leb⸗ wohl! Dieß wirre Toſen, dieß gedämpfte Reden, Das ſüß uns oft, wie Lautenklang, umfließt, Vielleicht bedeutet's ein erwachend Eden; Vielleicht ſagt jetzt die Erde: Sei gegrüßt! Dort bebt das Laubwerk; jubelt oder klagt es? Dort ſingt ein Vogel; weint er oder lacht? Dort ſpricht das Weltmeer; jauchzt es oder zagt es? und dort der Menſch; lieb', oder zornentfacht? — 157— Kein Geiſt, der jetzt die Heitre nicht verlieret! Auf moos'ger Bank, vor ſeinem Steingeklüft, Krümmt ernſt der Klausner ſich, und buchſtabiret,, Wie trüb der Tag auch, eine dunkle Schrift. Weh' uns! umſonſt, du Frommer, iſt dein Treiben! Nicht mehr vernimmt der Menſch des Ew'gen Wort; M Man ſieht den Zweifel ſeine Borſten ſträuben; Die Drohung hier, doch das Verſprechen dort! Gleichviel! denn weit von unſrer Marken Steine Reißt das Geſchick uns fort mit macht'gem Wehn. Sei es zu leben oder ſterben— eine Erfüllung iſt's, der wir entgegengehn! Weiß oder Roth?— Was denn wird deine Hülle In Kurzem ſein, du lauter Horizont?— O warte, Geiſt des Menſchen, warte ſtille; Bald iſt er ſchattig, oder iſt beſonnt! Gewandt nach Morgen, ſinnend einzuſammeln, Was er vernahm, in des Geſangs Gefäß; Des Himmels Murmeln, und der Erde Stammeln, Gleichwie der Menſchen Seufzen und Getös: Strahlte der Dichter ernſt in ſeiner Lieder Traurigem Echo, was die Gegenwart Traumt, ſingt, und ſtammelt, oder redet, wieder— Er that's, indeß die Welt im Schatten harrt! Dictirt nach den Julitagen 1830. II. An die Colonne. III. Hymanſe.*) **) Dieſe drei erſten Nummern der„Dämmerungs⸗ gefänge“ wurden von Hugo bereits früher in den „Oden“ mitgetheilt, und bitten wir, unſere Ueber⸗ ſetzung derſelben im neunten Bande dieſer Ausgabe, S. 267, 296 und 308 aufſuchen zu wollen.— Die Wie⸗ deraufnahme in die„Dämmerungsgeſänge,“ wogegen bei'm Erſcheinen der Sammlunga franzöſiſche Blätter ſich ausſprachen, wird ubrigens durch den Inhalt der Stücke volkkommen gerechtfertigt. Der Uebverſetzer. IV. Hochzeiten unnd Feſte. Ein wunderbares Feſt, das ſchier die Augen blendet, Das immer neu beginnt, wenn ſcheinbar es geendet! Ein magiſches Banket! Es dampft der Speiſen Schwall In ciſelirtem Gold, in Silber und Kryſtall! Nur wenig Weiſe, traun, entſprachen ſeinem Rufe; Doch fehlt ihm kein Geſchlecht und keine Altersſtufe. Der bärt'ge Kriegesmann, der alte Schlachten träumt, Der Jüngling, deſſen Kinn der erſte Flaum entkeimt, Das Mädchen und das Kind, der Greis— was lallt und ſtammelt, Voll Hungers hat es ſich, zu eſſen, hier verſammelt! und, ſieh', am ſpäteſten an dieſem Tiſch wird ſatt, Was keine Zähne mehr, und was noch keine hat! Helmzier und Reigerbuſch und flatternde Paniere, Zum Sprung bereite Leu'n, gekrönte Tiegerthiere, Goldſterne, deren Glut tiefgrünen Sammet hellt, Die Lilie im Azur, die Bien' im Purpurfeld, Ringkragen, Sparren auch, daneben Raute, Schilde. Jedwede Form und Art heraldiſcher Gebilde, Greif, Adler, Leopard— im ſchimmernden Gemiſch umſchwirrt es ſie, und krallt an Decke ſich und Tiſch, — 161— Begrußt im Teppich ſie, umflattert ihre Gabel und taucht in ihren Kelch vertraulich ſeinen Schnabel, Wirft ſeidner Jahnen Pracht durchs leuchtende Gemach, Die bis zum Eſtrich weh'n vom hochgewölbten Dach, Oft ſtreifen ihre Stirn mit ihrer Franzen Golde,— Gleichwie ein Vogel ſtreift im Flug die Bluͤthendolde! Rings Leben! Alles Ding ertönt und funkelt hier! 1 Faſt glaubt man, Licht und Ton begehen ein Turnier!— Der Saal ſchickt himmelan ein laut und feſtlich Toſen, und aller Gäſte Haupt umweh'n der Freude Roſen. Sie haben Throne, d'rauf ihr Stolz ſich ſetzen muß, Ein Scepter in der Hand und eine Kett' am Fuß; Denn Mancher iſt dabei, der gerne fliehen möchte, und Herr iſt immer der Gebundenſte der Knechte! Die Macht, die Götter ſchafft, wo je ſie Kränze flocht; Die Lieb', ein ſüßes Gift, ein Zaubertrank, gekocht Aus dem vereinten Hauch des Mannes und des Weibes, Aus Traumen des Gemüths und brünſt gem Schau'r des Leibes; Die Luſt, der Nachte Kind, ſie, deren brennend Aug' 8 Am Abend Flammen ſprüht, wie matt am Morgen auch; Die Jagden, die Piqueurs, die losgelaßne Koppel, Die heulend raſ't durch's Feld, trag Halm es oder Stoppel; 11 — 162— Der Sammet und das Gold; des Zederbettes Pracht, Mehr für die Wolluſt, traun, als für die Ruh' gemacht; Die Schlöſſer, unverſchämt und thöricht aufgebaut, Auf die das arme Volk mit Zähneknirſchen ſchaut; Die majeſtät'ſchen Parks mit wald'gen Hügelſpitzen und Marmorſtatuen, die weiß im Grünen blitzen, Wo neben Eich' und Birk' die Zitterpappel ſteht, und wo bei Nacht Muſik auf ſtillen Waſſern weht; Der Jungfrau zücht'ge Scham, o Gott, die leicht gebrochne; und die Gerechtigkeit des Richters, die beſtochne; Der Kleinen Angſt und Scheu; ihr ehrfurchtsvoller Blick; Und dieſes Würgen dann von der Gewalt'gen Glück; Der Krieg, und das Geſchütz, gefüllt mit ehr'nen Bällen, Das ſeinen langen Hals hinabſtreckt von den Wällen; Der tauſendfüßige Polyp, das Regiment; Die Hauptſtadt, die von fern am Brauſen man erkennt; und Alles, ſei es nun Markt⸗ oder Schlachtgetümmel, Was Rauch⸗ und Staubgewölk aufſteigen läßt zum Himmel; Das Budget, dieſer Fiſch von wunderbarer Art, Um den ſich gierig rings das Volk der Angler ſchaart, Der Gold wie Blut vergießt, traf ihn von den Schaluppen Ein Wurf, der Munzen trägt, wie andre Fiſche Schuppen; Seht, die Gerichte das, die, alle auf einmal Auf ihre Tafel ſetzt geſchäftger Diener Zahl, Gerichte, die, bei Tag und Nacht den Ofen ſchürend, Tief unter ihnen ernſt im Dunkeln laborirend, Dem böniglichen Feſt zu liefern ſich befleißt Der finſtre Alchymiſt, den man das Schickſal heißt! — 163— Nicht will der mürriſche, daß ſich die Schüſſeln leeren; und dennoch— Jene ſelbſt, die ſtark und viel begehren, Ermüdet ein Zuviel; und hinter ihnen ſteht, Daß bei der Speiſen Wahl es den Verwöhnten räth, Der Alles ſchauende Gefährte, das Gewiſſen, Deß ernſter Führerſchaft ſie ſich vertrauen müſſen; O, ſtächen ihm nur nicht in eines Königs Haus, Der Prinzen Ammen ſchon die hellen Augen aus! O, das die Glücklichen und Großen dieſer Erde! O Leben, dem die Luſt ein ewiger Gefährte!. O wunderbares Feſt! O kerzenheller Saal! Wie ſüß berauſcht man ſich bei einem ſolchen Mahl! Wie müſſen euch, entzückt vom Zauber dieſer Stimmen und Strahlen, durch den Geiſt prachtvolle Bilder ſchwimmen! Entflammt von Lieb' und Licht, von Lachen und von Wein, Muß eure Seele nicht ein glüh'nder Wirbel ſein? und wie mag euer Blick, den ſolche Sonnen blenden, Von Dem, was rieſelt, ſich zu Dem, was lodert, wenden! Doch plöͤtzlich, während noch der mitberauſchte Schenk Vergeſſenheit kredenzt im perlenden Getränk; Ja, gerade dann, wenn Saal nnd Tafel und Geſichter, 5 Wenn Fackeln und Trumeaux, wenn Goldlivreen und Lichter Sammt dem verborgenen Orcheſter, wild und kühn, Wie kaum zuvor, von Glanz und Luſt und Tönen ſprühn, 11* — 164— Ach, in dem Augenblick, wo Wahnſinn ſie durchzittert, Wo toll Gelächter rings das goldne Dach erſchüttert, Als höhnt' es frech das Volk, das draußen frieren muß, Betritt die Stiege Wer mit einem ſchweren Fuß, Kommt plöͤtzlich Wer dazu, pocht Wer an’s Haus der Lüſté? Ein Unerwarteter, deß man wohl warten müßte! Verſchließt ihm nicht die Thür! Befolget ſein Gebot! Springt auf und öffnet ihm! Zuweilen iſt's der Tod, Zuweilen das Erxil, entſtellt von Eil' und Kälte, Mit einem Grabe der, und dies mit einem Zelte; Schwerfüßig der, doch dies leichtwandelnd und bewegt, Ein widriges Geſpenſt, das fremde Kleider trägt! Wohl iſt es furchterlich! ernſt tritt es in die Hallen, Läßt ſeinen Schatten auf die bleichen Stirnen fallen, Räumt in den Gaſten auf, gleichwie der Sturm im Tann, Wählt einen oft ſogar den Trunkenſten alsdann, Reißt ihn mlt dürrer Hand vom Tiſch, an dem er tiſchte, Und trägt von hinnen ihn, eh' noch den Mund er wiſchte! Napoleon der Zueite. 1. Tauſend achthundert elf!— O Stunde, wo mit Zagen Zahllos im Staube rings die Nationen lagen, Und beugeten das Knie, Aufblickten um ein Ja zur Wolke, zittern fühlten Der Staaten älteſte, und dich, o Louvre, hielten Für einen Sinai! Gekrümmt, gleichwie ein Roß, das klirren hört die Sporen Des Reiters, ſprachen ſie:„Ein Großer wtrd ugeboren; Auf einen Erben harrt das ungeheure Reich.“ Was dieſem Manne wird die Hand des Ew'gen 1 engen 8 Ihm, deſſen Looſe die der ganzen Welt verſchlingen, Der mehr als Cäſar iſt, dem Roma ſelbſt nicht gleich?“ Und als ſie redeten, da, mit geborſtnem Schooße, That auf ſich das Gewölk, und nieder ließ der große Prädeſtinirte ſich; Die Völker ſtauneten, und wagten nur— zu ſchweigen; Denn ſieh', Er öffnete, der Welt ein Kind zu zeigen, Die Arme feierlich. — 166— und wie ein Ährenfeld erbebt im Hauch des Windes, O Invalidendom, ſo krümmte dieſes Kindes Hauch deiner Wölbungen erzitternde Trophä'n; Und ſein Geſchrei, geſtillt durch einer Amme Singen, Ließ— Alle ſahen wir's!— Hochauf vor Freude ſpringen Die eh'rnen Mörſer, die vor deiner Pforte ſtehn! und Er! Auf blies der Stolz ihm Naſ' und Stirngeäder; Auf thaten endlich ſich die Arme, welche Jeder Bisher gekreuzt nur ſah! Und ſieh', das Kind, gewiegt in ſeiner ſtarken Rechten, Von Blitzen überſchwemmt aus ſeines Auoes Nächten, Lag milde ſtrahlend da! Drauf, als er nun gezeigt den Erben ſeiner Throne, Wie jedem alten Volk, ſo jeder alten Krone, Rief er, die Könige anſchauend feſt und glüh, Nicht ungleich einem Aar, der eine ſteile Firne Erflog, aus voller Bruſt und runzellos die Stirne: —„Mein iſt die Zukunft! Mein iſt ſie!“ 2. „Nein, Keines iſt die Zukunft, Sire! Die Zukunft iſt des Herrn allein! Die Stunde ſchlaͤgt, und ſtets iſt ihre Mahnung: Es muß geſchieden ſein! — 167— Die Zukunft! O Myſter! Hienieden, Was uns das Schickſal auch beſchieden, Ruhm, Glück des Krieges, Liebe, Frieden, Der Kön'ge Kron' und Prunkgemach, Der Sieg mit rother Flammenſchwinge, Des Feldherrn blutbeſpritzte Klinge— Sie ſind für uns ſo flücht'ge Dinge, Als nur der Vogel auf dem Dach. Nein, ſtänd' er auch mit Glück und Macht im engſten Bunde, Dir bricht die kalte Hand kein Menſch auf vor der Stunde! Wer, der kein Räthſel kennt? Du ſchweigendes Phantom, das uns zur Seite ſchreitet, Verſchleiertes Geſpenſt, deß Abſicht Keiner deutet, Und das man Morgen nennt! Ja, Morgen! Könnten wir's begreifen! Aus was wird Morgen denn beſteh'n? Die Hand des Ew'gen läßt es reifen, Wir aber müſſen heute ſä'n. Es lockt die Frucht aus ihrem Keime, Es zeigt enſchleiert das Geheime, Es iſt die Deutung unſrer Träume, Es iſt Paris nach Babylon, »S iſt die zerſchmetternde Balliſte, Es iſt der Schlag nach deiner Büſte, Es iſt des Thrones nackt Gerüſte,— Heut' iſi der Sammet auf dem Thron! — 168— Hör', Morgen iſt das Roß, das ſchäumend ſtürzt zuſammen; „S iſt Moskau's zuseahrand⸗ der— ſeine Zungen „Flammen!— „Halt, Imperntor ruft; 'S iſt deiner Garde Fall,'s iſt deines Degrs Gewinſel 'S iſt Waterloo! Schau' hin, es iſtd die zweite Inſelt O Gott, es iſt die Gruft! Wohl kannſt du, daß die Steine klirren, Beflügeln deines Roſſes Eil'! Wohl kannſt du mit dem Schwert enwirden Der Bürgerkriege wüſten Knäul! Wohl, o mein Feldherr, kann dein Degen Der Themſe Mund in Feſſeln legen, Wohl kann dein Wink den Sieg bewegen, Daß er dich anerkennt als Herrn! Wohl kannſt du Wall und Thor zerſtören, Gebieten ſelbſt den fernſten Meeren, Und zum Geſtirne deinen Heeren Beſtimmen deiner Sporen Stern! Des Herren iſt die Zeit! Dir hat er nur verliehen Den Raum!— Sieh' da, die Welt! Du kannſt ſie ganz durchziehen, 3 Bekränzt mit jedem Kranz, den ſie für Kön'ge flicht! Nimm, o Gewaltiger, Europa Karl dem Großen! Wer hält dich, Mahomet von Aſig's Thron zu ſtoßen?— Du kannſt es! Doch dem Herrn nimmſt du ſein Morgen nicht! O Wechfel! O Gericht!— Als dieſes Mannes Erbe Die Krone Rom's— ſo nimmt des Bettlers Kind die Scherbe!— Empfangen hatte, nun ein Spielwerk ihm zu ſein; Als man dem Volk gezeigt, wie ſeine Stirne brenne; Als es gewundert ſich, wie man ſo groß ſein könne, Und doch zu gleicher Zeit ſo klein; Als Veſten ohne Zahl ſein Vater ihm erſtürmet; Als er lebendige Schutzmauern aufgethürmet Um den ſcharlachnen Pfühl des Neugebornen hin; Als dieſer Zimmermann. der ſich verſtand auf's Bauen, Mit riepger Art beinah' die Welt zurecht gehauen Nach ſeinem Traum und ſeinem Sinn; Als weit geöfſnet ſchon die väterlichen Hande, Daß nie vergehn'den Glanz er ſeinem Sohne ſpende; Als Alles Freud' und Heil dem Lächelnden verhieß; Als, zu begrüßen einſt die Sohlen dieſes Gaſtes, Die Marmorfüße man des prächtigſten Pallaſtes Schon jetzo Wurzeln ſchlagen ließ, Und als, daß keinen Durſt empfinde dieſer Kleine, Ein güldenes Gefäß, voll von der Hoffnung Weine, = 5= Vor ihn und auch vor dich, o Frankreich, man geſetzt,... Eh' ſeine Lippe noch der Schale Rand berührte, Kam plötzlich ein Koſak, der lachend es entführte, Und auf die Croupe hob entſetzt! 4. Ja, kühn flog einſt der Aar, die Wolken zu durchdringen, Als jählings ihm zerbrach ein Windſtoß beide Schwingen; Er fiel, dem Wetterſtrahl, der durch die Luft zuckt, gleich. Damals auf ſeinen Horſt voll Freude ſtürtzten Alle; Raubgierig nahmen ſie, je nach der Kraft der Kralle, England den alten Aar, den jungen Oſterreich! Ihr wißt, was das Geſchlecht der Zwerge that dem Rieſen Sechs lange Jahr' hindurch, gefeſſelt und verwieſen Sah man fern hinter Afrika Den Überwundenen auf ſeiner Inſel trauern, In ſeinem Käfig ſah man dieſen Großen kauern;— Die Kniee am Kinne ſaß er da! O, hätt' er Nichts geliebt!.... Und doch, er that's mit Schmerzen! Die Löwenherzen ſind die rechten Vaterherzen! Stets war ſein Denken jener März.* Zwei Dinge blieben ihm in ſeiner Wogenwildniß, Schaut hin! ein Planiglob und eines Kindes Bildniß, Sein Genius und auch ſein Herz! *) Der zwanzigſte 1811. — 171— O, Abends wenn ſein Aug' ſtier, als erblickt' es Geiſter, Durchirrte das Gemach; wenn ſeine Kerkermeiſter, Schildwachen, ausgeſtellt, bei Tag und Nacht zu ſpäh'n Auf ſeines Denkens Flug, nur ſeines Denkens Schatten Vorübergehen ſah'n auf ſeiner Stirn— was hatten Sie dieſes kahle Haupt alsdann bewegen ſeh'n? Richt immer, Sire, war's das Epos, welches eben Mit deinem Degen du gerufen in das Leben; Nicht immer alter Schlachten Luſt; Nicht war es allezeit Agyptens braune Erde; Kein Scheik der Wüſte ſtets, und ſeiner Wilden Pferde, Die deines biſſen in die Bruſt! Nicht war es allezeit der Bombe ſchaurig Dröhnen, Das zwanzig Jahre lang die Feldſchlacht ließ ertönen Dumpf unter'm Schritt Napoleon's, Wenn weithin über's Meer zur dunkelrothen Fehde Sein Hauch die Fahnen trieb, die ſchräg geſenkten— jede Der Maſtbaum ihrer Bataillons! »S war nicht Madrid, und nicht die alte Burg der Czaren; „S war die Fanfare nicht des plänkelnden Huſaren; ‧S war nicht der Bivouak, der auf den Morgen harrt; „S war nicht ein Tagsbefehl; es waren keine Schanzen, Noch rothe Lanziers, umſtarrt von ihren Lanzen, Wie Purpurblumen, die ein ÄAhrenfeld umſtarrt! O nein, es war ein Kind, wie Lilien und Roſen! Es war ein blondes Kind— o, könnt' er ihm liebkoſen! Halboffnen Mundes ſchläft es feſt; Indeß die Amm' es wiegt, ſorgſam mit treuem Lieben, Und einen Tropfen Milch, der ihrer Bruſt geblieben, Auf ſeine Lippen tröpfeln läßt! Die Ellenbogen dann lehnt' er auf ſeinen Seſſel; Sein übervolles Herz brach ſchluchzend jede Feſſel; Laut weint er, Thran' auf Thrane fäͤllt.....— O, ſei geſegnet, Kind! Haupt, heute ſchon begraben, Sein Denken, du allein, abwärts gelenkt zu haben Von dem verlornen Thron der Welt! 5. Ja, Beide ſchon ſind todt!— Herr, ſtark iſt deine Rechte! Zuerſt ergriffeſt du den Lenker der Gefechte, Den Starken auf dem Thron; D'rauf haſt den Knaben du dem Oſſuar gegeben; Zehn Jahre g'nügten dir, das Leichentuch zu weben Dem Vater und dem Sohn! Ruhm, Jugend, Stolz— das Grab weiß alle zu erfaſſen! Etwas gern möchte wohl der Menſch zurücke laſſen Bei'm Scheiden aus der? Zeit! Umſonſt! Die Dinge geh'n zurück, von wo ſie kamen; Den Rauch die Luft, den Staub die Erde— heim den Namen Nimmt die Vergeſſenheit. O Revolutionen!— Nimmer Der ich der Schiffer Letzter bin, Ergründ' im Ringen eurer Trümmer und Fluthen ich des Ewigen Sinn! Euch haßt der Menge blodes Gaffen; Allein wer kennt des Ew'gen Schaffen? Wer weiß denn, ob der Tiefe Klaffen, Und ob der Welle dumpf Geſchrei, und ob der Trombe ſchrecklich Wehen, Und ob des Linienſchiffs Vergehen— Ob alles Dies nicht zum Entſtehen, O Herr, der Perle nöthig ſei? Doch laſtet dieſes Sturm's Verheerung Auf Fürſten und auf Völkern ſchwer. Ein Volk begriffen in Empörung— O, welch' ein blind' und taubes Meer! Poet, was ſoll dein Lied der Menge? Verſchleuß in deiner Bruſt Geſänge, Die, unvernommen, das Gedränge Der Fluth erbarmungslos verſchlingt! Im Nebel heiſch wird deine Stimme; Der Wind entfiedert dich, der ſchlimme, Du armer Vogel, der im Grimme Des Sturms auf morſchem Maſte ſingt! — 174— O Nachtorkan, ber ewig grollet! Kein Fleckchen Blau am Himmel mehr! Wirr in das Bodenloſe rollet Der Menſchen und der Dinge Heer. Nichts, was im Wetter nicht zerſchelle! Was iſt, reißt mit ſich fort die Welle! Das kahle Haupt, gleichwie das helle, Den Kaiſer und des Kaiſers Sohn! Sieh', es erliſcht, es löſ't ſich Alles! Wer wehrt dem Drang des Wogenſchwalles?— Ziehend vergißt er, dumpfen Schalles, Den Leviathan, wie den Halcyon! VI. Auf den Ball im Stadthauſe. Anzündet das Stadthaus die Lichter ſeiner Halle; Die Fackeln und der Fürſt— ſie glühn und lodern Alle! Das Feſt wird glänzen heut' auf dieſes Giebels Höh', Wie auf der heil'gen Stirn des Dichters die Idee! Doch, Freunde, dieſes Feſt iſt wahrlich kein Gedanke! Nach einem Tanzgelag nicht iſt es, daß das kranke Frankreich ſich ſehnt, und nicht für einen Ball entbrennt Der Wuſt von Schmerzen, ach, den man die Hauptſtadt nennt! — 175— Ihr Mächt'gen, beſſer wär's, wir ſuchten dieſe Stunde, Die ſo viel Dulder ſieht, zu heilen eine Wunde; Wir machten(daß der Fürſt dem Volke ſei ein Gott!) Die Werkſtatt räumiger, und enger das Schaffot,— Wir dachten, daß es gibt, die ohne Brod jetzt leben, und eilten, ihrer Noth mit voller Hand zu geben; Als daß Kronleuchter wir anzündeten, bedacht, Daß ein paar Narren ſich ergötzen dieſe Nacht! M O Königinnen ihr und Zierden unſrer Dächer; O Blumen, deren Duft uns werth macht die Gemächer Des Hauſes; die das Glück gehn läßt der Tugend Pfad, und denen nie das Weh, und nie das Böſe naht; Die nie der Hunger noch antrat(ich ſag's mit Graun!): Verkauf mir deinen Leib!— das heißt die Seele!— Frauen, Ihr, deren reines Herz der Unſchuld Ruheſtatt, und deren heilge Schaam mehr Leinwandhüllen hat, Als jene, drunter einſt der Iſis Bild verborgen, 3 Für euch iſt dieſes Feſt, wie ein geſtirnter Morgen! Ihr grüßt es lächelnd— ach, wie manche Zähre brennt In dieſem Augenblick!— weil ihr den Schmerz nicht kennt! Wäre der Zufall nicht, wer weiß, wo jetzt ihr ſtändet? Ihr lebt, ihr glänzt— o Gott, ſo ſehr ſeid ihr geblendet Von Licht!— und ſehet nicht, was mit fühlloſem Schritt Im Schatten unter euch man mit den Fußen tritt! So iſt es, ja!— der Fürſt und ſeiner Mächt gen Reihe, Die Welt— wie trachten ſie, daß Alles euch erfreue! — 176— Denn ihr ſeid ſchön und jung, ihr ſeid geſchmückt und reich, Und das Banket berauſcht mit ſeinem Summen euch! Und, wie ein Schmetterling in's Licht des Kerzenſtrahles, So flattert lechzend ihr ines Flammenmeer des Saales! Ihr geht auf dieſen Ball, und nicht bedenket ihr, Daß unter all' dem Volk, das draußen vor der Thür Sich drängt, und ſich beſchau't die Wagen und Livreen, Auch Weiber, üppige, gleich euch geſchmückte, ſtehen, Die man mit Schminke fäarbt, und an den Ecken D'rauf, Sobald es dunkel wird, ausbietet zum Verkauf, Halbnackt, vom Nachtgewand verrätheriſch umſchwommen, Um euch am Thor zu ſeh'n, beſonders hergekommen, Verbergend tiefen Gram in ausgelaßner Luſt, Die Blum' am Haupt, den Koth am Fuß, Haß in der Bruſt! 8 VII. Wenn Frankreich mit den Flügeln du beſchirmſt, O Gott, ſo dulde nicht dieß ew'ge Ringen! Nicht dieſe Throne, die man baut und einreißt In einem Tage! duld', o Ewiger, Nicht dieſe Freiheit, die man gibt und nimmt! Nicht dieſe ſchwarze Stürzfluth von Ideen, Von Leidenſchaften und Geſetzen dulde, Die unſre Sitten brauſend überſchwemmt! — 177— Dieſe Tribunen nicht, die, wenn man ſie Vereiniget, Mißbräuchen von Granit Vorhalten eine Charte, die von Gyps! Nicht dulde fortan dieſe Fluth und Ebbe! Nicht dieſen Krieg. den die Parteien führen Mit der Gewalt, wie die Gewalt ihn führt 1 Mit den Partei'n! Den Haß der Großen nicht— Er frißt die Kleinen! Dulde nicht, o Herr, All' dieſes Toben, Rufen, Schreien, Kämpfen! Dieſe Syſteme nicht, im Finſtern reifend, Die Urſach ſind, daß, was geredet wird, Voll Zorns und Haſſes iſt, und daß bei Nacht, Wenn ſich zur Ruh' die Augen ſchließen wollen, Dumpf über's Pflaſter die Kanonen rollen! VIII. An Canaris. Canaris! weh', wir haben dich vergeſſen!— Wenn über einem Helden ſich die Zeit Geſchloſſen hat; wenn der erhabne Spieler Abtrat vom Schauplatz; wenn er ſprach das Wort, Das Gott ihm gab zu ſprechen; wenn, gekommen Zum Wiürfelſpiel der Revolutionen, 12 Die großen Maͤnner ihre großen Thaten Vollendeten; wenn funkelnd oder trübe, Sie von ſich warfen ihren Schimmer und Zurückeſtiegen in den Schatten— dann Stirbt auch ihr Name! Alles eitel! Und Bis eines Tages der geweihte Dichter, Der eine Welt mit einem Wort kann ſchaffen, Auf' Neu' ihr Haupt mit einer Glorie ziert, Denkt ihrer Niemand fürder; und der Schwarm, Der hundertſtimmige, der ſonſt vor Luſt Aufheulte, wenn er ſie nur ſah— o Gott, Nennt man die Hohen ihm zufall'ger Weiſe, So ſtaunet er, und fragt: Wer iſt der Mann? Wir haben dich vergeſſen! Todt dein Ruhm! Wir machen immer noch viel Lärmens zwar;— Doch keine Lieder mehr, kein Cultus mehr, Kein Zuruf mehr für dich in dieſen Wirren! Der Bürgersmann weiß deinen großen Namen Nicht mehr zu buchſtabiren! Keinen Memnon, O Sonne, die du ſankeſt, haſt du mehr! Wir riefen kurze Zeit:—„Hellas! Athen! Sparta! Leonidas! Botzaris und Demoſthenes! und du, von Ruhme ſprüh'nder Halbgott, Canaris!“— Dann, ganz richtig, kam Der Zwiſchenact, und nun gar haben wir In unſerm Geiſte, der ſo voll von deiner Apotheoſe war,— wir haben Alles — 19— Für andre Sachen in ihm ausgeſtrichen!— Lebt wohl, ihr Helden Griechenlands! Verwelkt Sind eure Lorbeern! Unſre Blicke wandten Sich längſt ſchon andern Orienten zu! Nicht hört man deinen Ruhm mehr auf dem Ambos Der Preſſe tönen, jenes Rieſen, der Ein jeglich Feuer ſchürt; des wunderbaren Cyclopen mit der Donnerſtimme, dem Schon mehr als ein Ulyß das Aug' ausbohrte. Die Preſſe! Traun, ein ruͤſt'ger Arbeitsmann, Der alle Morgen wach wird, oft vernichtet, Was er geſchaffen Tags zuvor, doch ſtets Mit ſehn'gem Arme, ſtark und unermüdet, Der guten Sache eh'rne Panzer ſchmiedet! Wir haben dich vergeſſen! Dir gleichviel! Dir bleibt, o Seemann, die beſchäumte Woge, Dir bleibt dein Schiff, dir bleibt dein friſcher Fahrwind, Dir, der dich ziehen ſieht, der Abendſtern! Dir Hoffnung, Zufall, Abentheuer! Dir Die luſt'ge Fahrt durch milde Himmelsſtriche, Dir, wie der Dinge, ſo der Orte Wechſel, Des Ankers Senken und ſein Lichten dir! Dir bleibt der Stolz des Freien, im Gefühl, Auf einer ſchnellen, wohlgekupferten Brick dich zu wiſſen; ſei's, daß enge Sunde 12* — 180— Sie zu durchſegeln hat; ſei's, daß das Meer, Das Ungethüm, das, zürnt es, Felſen bricht, Sie zwiſchen grünen, lachenden Inſelgruppen Wolluſtig wiegt auf ſeinen großen Schuppen; Sei's, daß der Sturm ſich heulend auf ſie nieder Vom Himmel ſtürzt mit ſeinem Blitzgefieder! Doch bleibt, o Grieche, dir dein blauer Himmel, Dein blaues Meer, und deine großen Adler, Mit einem Flügelſchlage Meilen meſſend; Dir deine Sonne, rein zu jeder Jahrszeit, Dir deiner lauen Horizonte Klarheit, Dir deine Sprache, tönend und harmoniſch, Die mit Italien's die Zeit vermiſcht, Wie Samos Welle mit den Fluthen Bajae's; Homeros' Sprache, d'rin der Florentiner Warf ein'ge Worte! Dir bleibt deine lange Geſchnitzte Flinte, dir dein Ataghan! Dir deine weiten tuchnen Caleçons, und deine Kaftans, die rothſammetnen, Mit ihren präͤcht'gen, goldgeſtickten Aermeln! Wenn auf den Waſſern deine Barke fliegt, Stolz. nur berühmte Küſten zu berühren. Dann bleibt, mein Grieche, dir die Wolluſt, bald Marmorfrontaus, glüh'nd durch den Duft des Abends, Bald auf dem Pfade, der am Meer hinführt, Ein Weib von Theben zu erſchauen oder. Von Salamis, großaugig, eine Bäu'rin, — 181— Die auf den Markt mit ihrem Korne zieht Und ernſthaft treibt ihr Stierepaar, geſeſſen Auf einem Wagen von homer'ſchem Urſprung, Der Iſis gleich der Basreliefs Aegina's. IX. Einſam am Fuß des Thurmes, draus die Stimme Des Herrn erſchallt, des Zürnenden, deß Schatten Stündlich erſcheinen auf der Schwelle kann, Bereit, als Henker den Gemahl zu ſehn, und bleich auf's Pflaſter in die Kniee geſunken— Weh', armes Polen, ſo gebunden, ſo Beſiegt, und ſchon in's Grab dich neigend, liegſt du! Statt deiner Söhne drückſt mit weißen Händen Aw's Herze du ein blutig Crucifix. Dein purpurn Thronkleid traten die Baſchkiren, und zeichneten's mit ihrer Schuhe Nägeln. Zuweilen grollet eine Stimme; man 1 Vernimmt das Tönen eines ſchweren Schrittes, und ſiehet funkeln ein gekrümmtes Schwert. Doch du— dich lehnend an die Mauer, die Von deinen Thränen rieſelt, auf zum Himmel Die wunden Arm' erhebend und das Haupt, Das wankende, und die ſchon brechenden Augen— Doch du, mit bebenden Lippen und beklommen, Rufſt: Frankreich, Schweſter, ſieheſt du Nichts kommen? An den Mann, der ein Weib überant- wortet hat. O Schmach! es iſt nicht dieſes Weib allein, Sie, welche damals einem Jeden heilig, Ein ſchwaches Herz, doch eine große Seele— Er iſt es ſelbſt; es iſt ſein Name, dran Für alle Zeit ſich heften wird der Fluch; Die weißen Haare ſeines Vaters ſind's, Die öffentliche Schaam iſt's, der er frech In's Antlitz ſah, als ſeinem Fluchgedanken Er ſich verkuppelt; Ehre, Glaube, Mitleid, Sein Wort, ſein Schwur— das Alles iſt es, ſieh', Was dieſes Juden ſchnöde Gier verkaufte! Jude, die Händler, denen man die Seele Verkauft, lang werden warten ſie, bevor Ein ſchnöderer an einem Schreckenstag' Zurück von ihnen fordern wird den Boden Des Goldſacks, welcher dich beſpeien mußte! und ſelbſt kein Jude biſt du! Nur ein Heide, Ein Renegat, der Auswurf und die Schande Der Welt, ein ekler, ſchmutz'ger Apoſtat, Ein feiler Fremdling, der uns wenigſtens In dem Gedanken ſtolz und glücklich macht, — 183— Daß nach ſo vieler Bürgerkriege Wechſeln Nicht Ein Bandit in unſern Städten lebt, Nicht Ein Galeerenſclave, der in Frankreich Am Brote des Verrathes nagen möchte! So ſagte dir denn Nichts in deiner Seele, Erbärmlicher, daß heilig iſt die Acht? Daß man die Bruſt nicht ſchlägt, die Milch uns gab? Daß eine Tochter jener Könige, Denen Du Knecht warſt, nimmer feil ſich bietet Im Dunkel ſchlechter Höhlen? daß, wenn auch Nicht Königin mehr, ſie dennoch Weib noch war? Fort! in den Schatten, d'rin ſie Alle wohnen, Die ungeheuer, die ſeit vierzig Jahren Auf unſre Truͤmmer geifern! Fort! zurück In dieſen Schlamm! und möge nie dein Haupt An einem unglücks⸗ oder Feiertage Erheben ſich zur Sonne der Lebend'gen!— Gleichwie ein Rauch, der, mit den Winden irrend, Die Luft vergiftet, aller Wandrer Abſcheu, So irre raſtlos du von Strand zu Strande! Schweig! was noch willſt du ſtammeln? Heuchler, haſt du Den Schatz der Schätze nicht verkauft, die Ehre? Ruhig empfange deine Backenſtreiche! Was ſoll Entſchuld'gung dem Verbrechen? was Schminckſt du den Koth? — 184— Fort! Ohne, daß ein Freund Im Schatten ſemes Daches dich beherbergt, Ein zweiter ew'ger Jude, wandre du! Geh' mit dem Golde, das durch deiner ſchlecht⸗ Geſchloßnen Hände Finger glüh'n man ſieht! In duft'gen Trauben hängen alle Güter Der Welt herab auf deinen Pfad! Der Reiche Hat Alles, Alles— nur die Ehre nicht, Die man nicht kauft! Genieße friſch, Verfluchter! Geh' ohne Raſt! und ſage, wer dich ſieht, Verächtlich: das iſt dieſer Niedertracht'ge! Geh', und die Reue nur begleite dich! Geh', ohne je von deinem Namen Etwas Löſen zu können! Denn die offentliche Verächtung, die als Schatten geht zur Seite Der Schlechtigkeit, ſie wächſt von Jahr zu Jahr, Stößt unaufhörlich ab, und legt ſich ſchwer Auf den Verrather, wie das nadlige Laub auf die Stirn der ewig grünen Tannen! Und wenn das Grab einſt, dieſe tiefe Schlinge, Die unter allem Ird'ſchen jäh ſich öffnet, Bewegt von Schrecken und von Schauder, dich Aus dieſem Leben in die Wirklichkeit, Die düſtre, ew'ge, unbewegliche, Verſetzen wird; wenn, ſchwacher und verlaſſner Mit jedem Augenblick, du dich umſonſt An deinen Schatz wirſt klammern; wenn der Tod Auf Haufen Goldes einſt dich findet, barſch Die volle Hand dir leert, wie ohne Müh' Aufbricht ein Mann die Rechte eines Kindes— In jenen Abgrund wirſt du fallen dann, Der jeglichen Verrather aufnimmt, dieſen Rollend im Koth, und jenen blutbeſpritzt! Auf jenen grauſen, unheilvollen Strand, Den Dante mit dem Auge ſah des Traumes, Wirſt fallen du, verdammt, verbannt, verzweifelnd! Daß deine Miſſethat nicht ohne Strafe! Daß deine Seele, irrend durch die andere, Sei die verworfenſte der ſchändlichſten! und wenn ſie dich erblicken werden, alle Die Schurken, deren Namen die Geſchichte Gebrandmarkt hat; ſie, die das Gold verſuchte, Doch denen von Jahrhundert zu Jahrhundert Ein jeglich Volk, wie es vorübergeht, In's Antlitz ſpeit;— ſie Alle, ſcheelen Blicks, Die dunkelſten und die berüchtigſten, Verratherküſſe auf den Lügnerlippen, Judas, der ſeinen Gott verkauft, Leclerc, Der ſeine Stadt— ſie Alle werden kommen, und dich umjubeln, arer von ſich wird Der zürnende Louvel ſtoßen deine Rechte! — An den Herzog von O. Fürſt, eine heil'ge That haſt du gethan!— Fern von der Sphäre, v'rin der Ehrgeiz lacht, Gingen, umhüllt von Finſterniß, ein Vater und ſeine Kinder, weiße Locken und Lichtblonde Häupter— ſchon bereit, in einem Abgrund von Schmerzen zu verlieren ſich, Der Vater im Verbrechen, und die Töchter Auf andre Weiſe!— Da, wie Wandersleute, Wenn ſie die Nacht ereilt, einander rufen Auf des Gebirges Seiten, an den Ränden Der Kluft, und auf den Knieen kriechend— da Schrien ſie zu mir, und ich, ich ſchrie zu dir! Ich ſagte dir: Sieh' da am Rand der Tiefe Verirrte Wandrer, deren Füße zittern und bluten! Hilf! Reich' ihnen deine Hand!— uUnd ſieh', du beugeteſt dich über ſie, Du ſtreckteſt aus die Hände, fragteſt nicht Nach ihren Namen, retteteſt die Armen! und d'rauf zu mir, der ich dich träumeriſch und lächelnd anſah, ſagteſt du: Hab' Dank! Wohl! Das iſt groß und edel!— In dem Zelte, Das über ihren Stirnen deine Hand — 187— In Eil errichtet, ſtehn ſie ſtaunend jetzt, Muth, Hoffnung, Krafte ſammelnd, und verſuchend — Dank deinem Strahl, der ihr Gewölk durchbricht!— Nach einem hellern Horizont zu ſpähn. Noch zittern ſie, kaum der Gefahr entronnen! Dem Vogel gleich, der, vom Orkan durchnäßt, Eh' er zur Wandrung es entfaltet wieder, Im Laub der Eiche trocknet das Gefieder. O Jüngling mit dem königlichen Herzen, Sei immer ſo!— Sei jetzt und ſtets die Pforte, Die da die Armen ſagen läſſet: Hier! Die Hand am Rande jenes Abgrunds ſei, In den das unglück ſtürzt, aus dem das Laſter Zurücke ſteigt! Der heil'ge Schlüſſel ſei, Den in der Noth man ohne Fackel findet Der auf die Hoffnung thut, und ſchließt das Grab! Sei du das Dach, der Zufluchtsort, der Hafen! Laß den Gefangnen, den man ſchlagt und ausſtößt, Laß du das Mädchen, welches Froſt und Hunger Verhandeln, ach! und endlich auch beſiegen, Laß du den Greis, der ausſchlürft ſeiner Tage, Der bald entfloh'nen, bittern Bodenſatz, Laß du das brod⸗ und mutterloſe Kind— Laß Alle ſie, du Güt'ger, Tag und Nacht Thränen der Lieb' auf deine Hände traufeln! — 188— Denn oft laßt Gott, wo ſolch' ein Thau vergoſſen, Beſchnittnen Kronen neue Blumen ſproſſen! Wie das Gewölk, in ſeinem ſtolzen Flug, Sich ſeinen flüß'gen Schatz entreißen läßt Von eh'rnen Leitern, Pfeilen ahnlich auf Zum Himmel ragend,— glücklich ſo der Fürſt, Der, heiliger Gedanken voll, ſein Gold Aus ſeines Himmels düſter glüh'nden Höhen Blitzt in die Hände Derer, die da flehen! XII. An Canaris. Was iſt's, daß immer mein Gedanke wieder Zu dir zurückfliegt, herrlicher Hellene, Deß, außer mir, kein Einz'ger denkt?— Was iſt's, Daß ich, allein hier in der ſchwarzen Nacht, Traurig und ernſt, auf's Neue deinen Ruhm Vergolden will?— Indeß da draußen hundert Rhetoren wüthend auf's Gerüſt ſich ſchwingen, Daß man ſie ſehe, woher kommt es, daß Zu dir mein Geiſt zurücke kehrt, zu dir, Auf deſſen Haupte die Vergeſſenheit Wurzelt und laſtet!— Drum, weil groß du warſt — 189— und ruhevoll im Schmucke deiner Lorbeern! Wir, die wir ſingen, lieben ja die Krieger, Wie ohne Zweifel ihr die Dichter liebt! Denn euer Thun entzündet unſer Singen; 3 Der Held iſt ſtark, und heilig der Poet! 6 Die tiefen Dichter, die kein Sturm erſchüttert, Sind jenem Feuerberge gleich des blonden Siciliens, den ſicher auf der Fluth Du rauchen ſahſt;— dem hohen Aetna gleich, Flackernd und fruchtbar, tragen in der Bruſt— Die Lava ſie, und auf der Stirn die Aehre! und dann— wenn dieſes Rauch⸗ und Flammenchaos, Wenn dieſer Sturmwind, den der Herr regiert, und der uns Alle, ſei es in die Nacht, Sei's hin zum Tage weht, vorüberfuhr An der Heroen und der Weiſen Stirn— Dann, einem Triebe meine Seele folgend, Wie au's Geſtade nach dem Sturm man eilt, Geh' ich, zu ſammeln, die er ausgeworfen, Wie die Geſtorbenen, ſo die Vergeſſnen! 3 Beklage Nichts! Dein ward das beſſre Theil!— 1z In dieſem hadernden und weinenden Paris zu altern, welches ſich geberdet, Wie eine launenoolle Buhlerln; zu rollen Auf dieſem Wuſt ideenloſer Köpfe, Die voll am Morgen, und am Abend leer; — 190— Auf dieſen Aeſten, eine ungekannte Frucht, reif zu werden, oder ſich bewundern Zwei Tage lang von dieſem Volk zu laſſen; In dieſem Schlunde, jedes Bachs Verſchlinger, Den Larm zu hoͤren, den ein Name macht, Der auf die Menge fallt; und, wenn ein Reſt Der Sitten alter Zeiten übrig blieb, In Strömen, einer kochenden Welle gleich, Auf dieſe weiland ruhmgekrönte Veſte Zu ſtürzen durch die Breſche ſich, die wüthend Die Preſſ' ihr ſchoß; zu ſchauen Tag und Nacht Dieß Meer und ſein Erzürntſein, und es ſelbſt, Ein überflüß'ger Rud'rer, zu befahren; Dann die Miniſter, keuchend unter'm Arm Des Treibers, ziehn zu ſehn die Staatsmaſchine, Den ungelenken Pflug in koth'gen Furchen, Wir ſeine Schaar, und ſeine Stiere ſie; In düſtern Dramen auf der Bühne dann Aus dem Zuſammenſtoß der Leidenſchaften Der Seele Flamm' hervorzulocken, und Die Herzen gleichſam mit der Hand zu preſſen, Daß ihnen tropfenweis die Zähr' entrinnt; Mit ſeinem Wort zu füllen die Tribune, Die hallende Babel, die auf's Neue ſich Verwirren läßt die Sprachen; keck zu reizen Die Macht; und Das, was ſie in's Leben ruft, Mit einer tief⸗ und dunkelwogigen Rede — 1⁰1— Schaum zu beſpritzen; eine von den Angeln Des Thors zu ſein, ein Schlüſſel des Gewölbes; Wenn groß und ſtark man iſt, ohn' Unterlaß Von Gift geſchwollne Schlangen zu zertreten, Ein Buſch im Gras, ein Rieſe bei den Zwergen;— Das Alles, edles Kind der Welle, wiegt Das Glück nicht auf, zu ſchwimmen auf der See, Die ſcheiden ſah die Argo, die den kühnen Sohn Genua's geboren werden ſah; Das Glück, ſie manchmal mit dem Blei zu meſſen, Und durch des glimmenden Cigarro's Dampf Schwinden zu ſehn im duft'gen Blau der Ferne Hier Mantinea, drüben Megara! O des Archipel's Sohn! o, ſäheſt du, Wenn Lärm die Preſſe ſchlug, wie wir ein Recht, Das man zerſtören will, in Eib vertheid'gen; Wie, Jedem folgend, der uns führen will, Sturm läutend gegen die Pygmä'n, bei Eines Geſetzes Angriff wir uns üͤber Kopf Auf dieſe Kinderkämpfe ſtürzen, dieſe Zerbrechlichen Trophäen— o, wie würdeſt Deiner Verachtung du entladen dich Stoßweiſe! Du, der ſeine Eiſen bricht, Wenn er ſie ſchüttelt nur! Du, deſſen Arm Nachts, gleichſam ſpielend, in die Lüfte ſprengt — 192— Mit ihren Schwarzen, ihren nackten Weibern, Und ihren Icoglans, die ſchlafenden Kapudan⸗Paſchas, daß die Wolken lodern! Geh'! Dir ja gilt es gleich, ob dich vergeſſen, Die du belachen würdeſt, ſäheſt Hände und Seelen ihnen in der Nähe du! Was ſind dir dieſe Herzen, die von Wachs Oder von Stein ſind? Dieſe Memoiren, In denen Alles Staub und Aſche iſt? Was dieſer Pachter, der, ein Fluch des Volks, Sich füͤllt mit Golde, wie der Schwamm mit Waſſer? Was dieſer Kaufmann, der ſich gierig auf Den Zahltiſch ſtützt? Was dieſer junge Wüſtling, Bleich und entnervt, mit albernem Geſicht, Eunuch dem Herzen nach, der in Paris Blutpferde nur und Raſſeweiber anſtaunt? Was gilt es dir, ob dich vergißt Europa, Drin Alles, das Ereigniß und der Menſch, Zertreten von der Menge wird? Und was, Ob es Paris thut, welches wechſelsweiſe Erwacht und einſchläft, böſer Träume Raub, Weil es des Tages harrt? Und was, ob London, Deß Hospital kein Hippodrom? Und was, Ob Rom ſogar, das nur Roms Schale noch? Und was, ob Jene, welche Könige — 193— Sind und Tribunen? oder Jene, die Dein Hellas, ach! mit trägem Joch belaſten, Gefirnißte Vandalen, blond' und blaſſe Barbaren ſie, gekommen in das Land Der rauhen Palikaren, herzuſtellen Volk, Sitten, Male; Phidias glatt zu ſchaben und zu civiliſiren Griechenland? und dann, wer weiß— wie lieb' ich dich darum!— Ob du nicht ſelbſt am Ende dich vergeſſen?— Was gilt es dir?— Indeß, am Hafen ſtehend, Du einem Briten einen Platz verdingſt Auf deiner Brick; indeſſen Ballen, die. Der Kaufmann längſt im Traume ſchon geſehn, Du auf den Kies des ufers rollen läſſeſt; Indeß die Freunde, deine Fahrtgenoſſen,. Die Schiffspatrone von Corinth und Argos, Mit freud'gem Lachen du empfängſt:— vielleicht, Daß eben jetzt ein griechiſch Weib, die Fülle Des ſchwarzen Haars geſchmückt mit ſeidner Binde, 3 Bejahrter Eltern Tochter, oder ſchon 8 Fruchtbare Mutter, ihre glänzenden Augen Aufſchlägt zu dir und auf dir ruhen läßt, Pſara's gedenkt, Chio's und Nauplia's, und all' des Meeres, das Canaris füllt; Daß aus der Ferne, wie man einem König 13 Bewundrung zollt, ſie dich bewundert; daß, Zu ſcheu, dich anzureden, leiſe flehend Für deine Wohlfahrt, ſie vorübergeht! XIII. Nicht zwanzig Jahre war er alt. Er hatte Gemißbraucht Alles, was man lieben kann, Was man beflecken und zerbrechen kann. Entweiht mit freveln Händen hatt' er Alles. Die bleichen Lüſte, folgend ſeinen Spuren, Verließen, ihn zu rufen, wenn ſein Schatten Auf ihre Mauer fiel, ihr unrein Haus. Sein Saft erſchöpfte Tag und Nacht bei Feſten Der Wolluſt ſich, gleichwie am Docht der Kerze Das glüh'nde Wachs.— Im Sommer jagend, ſetzt' er Im Winter auf gut Glück den Ellenbogen Im Opernſaal auf Mozart oder Gluck. Niemals ſein Haupt in jene Wogen taucht' er, Die Shakspeare und Homer ſo tief ergießen. Er glaubte Nichts, er träumte Nichts; das Gahnen, Das widerliche, ſaß auf ſeinem Pfühl; Mürriſch und unfruchtbar erging ſein Spott Sich auf der Ferſe ſtets von etwas Großem; Zum Mittelpunkt von Allem macht' er ſich; — 195— Kaufte die Liebe, würde ſeinen Gott Verkauft auch haben!— Die Natur, das Meer, Der Himmel und die Sterne, dieſe Winde, Für welche ſtets die Seele Segel hat, Sie hatten Nichts, ſein Herze wach zu rütteln. Gleichgültig war das Land ihm. Seine Mutter Langweilt' ihn.— Endlich, trunken und entnervt, Nicht wiſſend, was zu thun mehr, ohne Haß Und ohne Liebe, weh', und jeden Abend Des nächſten Morgens überdrüſſig ſchon, Warf er an einem, als ihm ein Piſtol Grad' in die Hände fiel, der Todeskuppel Des Himmels ſeine Seele zu, wie klirrend Ein Glas man ſchleudert an des Saales Decke. Feig, ſchlecht und albern warſt du, junger Mann! Wir klagen nicht um dich! Wenn über's Feld Der Pflug ging, zollt man Thränen auch der Trespe? Doch mit aufricht'gem Schmerz beklagen wir 1 Sie, der ein ſolcher Sohn ward,— deine Mutter, V Die Demuthvolle mit gekrümmtem Rücken, V Die ohne dich ihr alternd Haupt jetzt ſenkt, Die deſſen Wiege machte, der ihr Grab macht! Wir klagen nicht um dich! Was wir beklagen, 4 Was uns noch heilig iſt in ſeiner Schmach,— Das arme Kind iſt's, ſie, die rein und froh Auf ihrem Bodenſtuͤbchen ſang, auf dem 13*¼ — 196=— Dein Gold ſie ſuchte; die ſich's blenden ließ, Wie eine Morgenſonne, hinter ſich Den Hunger wahnend, und das Glück nur vor ſich; Die jetzt, ach! ihre Seele, die zertreten, Unter der Menge rohen Füßen ſieht; Die ihren Duft beweint, den jeder Hauch Von hinnen weht, die arme Blumenvaſe, Die auf des Marktes ſchmutzig Pflaſter fiel! Nein, wahrlich, du nicht biſt's, was wir beklagen! Nichtswürd'ger Schatten! Ziffer, welche nie Gezählt in einer Zahl! Es iſt dein Name, Der, einſt ein reiner, jetzt erniedrigt iſt! Dein todter Vater iſt's, des alten Heers Ruhmwürd'ger Krieger, den in ſeinem Grabe Das deinige, jählings ſich öffnend, weckt! Nein, deine Diener, deine Freunde ſind's! Sie Alle, welche dich umgaben; Alle, Die deinem Schatten thöricht folgten, ach, Und ihr Geſchick dem deinigen verflochten! »S iſt Alles, was du launenhaft und herzlos Gebrochen haſt! O Schmach, es iſt dein Hund, Der dich geliebt, und den doch du nicht liebteſt! Was dich betrifft, armſel'ger, trüber Stolzer, Du Reicher mit dem unfruchtbaren Herzen, Ohnmächtig Lebender, unnütz Geſtorbner, Der dyn zerſchnitteſt deiner Tage Faden, — 197— Bloß daß ein wenig Lärm du machteſt;— ohne Daß man' bemerkt nur, kehr' in deine Nacht! Geh', ohne daß auch eine Fackel nur Erliſcht, vom Feſte! Ohne ſeinen Spiegel Auch nur zu kräuſeln, wirf dich in den Strom! Seine Idee hat dieß Jahrhundert! Sieh', Es ſchreitet machtig ſeinem Ziele zu! und nicht von denen, wahrlich, iſt dein Grab, Die es auf ihrem Wege ſtraucheln machen. Dein Thor, indem es zuſchlägt, iſt nicht werth, Daß man es höre! Geh'! Was fandeſt du, Jetzt, wo du deine Luſt gebüßt?— Wollüſt'ger,— Ein Grab! und Eitler, die Vergeſſenheit! Traun, ſolch' ein Tod, laut werdend oder nicht, Gilt dem Jahrhundert Nichts, und nimmt ihm Nichts! Man geht vorbei, und redet nicht davon. Doch wenn der blinde Selbſtmord, wachſend unter Dem trüben Himmel, ausſtreckt ſein Gefieder, und jeden Augenblick mit ſeinem Schatten Mehr Seelen einhüllt; wenn er überall, Dem Rathſchluß des Allmachtigeu zuwider, Leuchtende Stirnen, glüh'nde Herzen auslöſcht; Wenn Robert, Maler mit dem Flammenpinſel, Deß heitrer Blick die Stürme ſeiner Seele Verbergen mußte, noch vor Tagesſchluß — 198— Den Becher von ſich ſtößt, ſobald er Alles, Was er enthielt von Liebe, ausgeſchlürft; Wenn Caſtelreagh, die Bremſe, welche ſtechend Um Bonaparte ſummte, dieſer Brite, Der halb Carthager, und halb Sparter war, In's Herz den Stahl ſich ſenkt, und Herrſchensmüde, Erſchöpft an Ränken, ein Enttäuſchter ſtirbt; Wenn Rabbe ſeine Wunden netzt mit Gift; Wenn Gros, wie ein gejagter Edelhirſch, Alt und entkräftet, in den Strom ſich ſtürzt, Zu hintergehen ſeiner Neider Meute; Wenn, von der Mutter bis zum Sohn, vom Vater Bis auf die Tochter, dieſer Todeswind Das Haus erſchüttert; wenn den Greis man ſieht Zum Grabe eilen, der ſo lange doch Die Sonne ſchön fand; wenn die Gattin man Vom Heerde gehn ſieht; und den Schüler, leſend In irgend einem alten Buch; und, ach, All' dieſe ſchönen, früh gereiften, Kinder, Die, fremd den Menſchen, in Paris zuweilen Ein goldner Traum bis in den Himmel trägt, Und die ſich tödten, wenn aus dieſem Traum Von Liebe, Tugend, Ruhm und Freiheit, plötzlich Auf die Geſellſchaft mit der Stirn ſie fallen;— Dann fleht der Gläub'ge, und der Denker ſinnt! Ach, geht die Menſchheit denn zu ſchnell? Wohin Strebt dieß Jahrhundert? Wohin eilt die Heerde — 199— Der Geiſter denn? Noch Nichts gefunden! Nichts Begriffen noch!— O, Viele fühlen es, Daß irre geht die Hoffnung, und zerſchmettern Das Haupt am Grabe ſich, wie man ein Ei, Das ohne Keim und unbebrütet iſt, Zerſchmettern würde Abends auf dem Pflaſter. Weh'! Wehe dem gebärenden Jahrhundert, In welchem Alles ſich zerſetzt! Welch Mittel Heilt dieſe Krankheit? was veranlaßt ſie? Iſt's, daß der Glaube hinter der Vernunft, Wie eine Sonne, die am Horizont Sich ſenkt, verſchwindet? Iſt es, daß der Herr Nicht länger zahlt in Dem, was Menſchen gründen? uUnd endlich, daß zu finſter es in jenen, Der Welt verborgnen, Winkeln iſt des Herzens, Die dein Licht, Jeſus, nur erhellen kann? Matroſen, die der Sturm durchnäßt, iſt's Zeit, Den Altar wieder aufzurichten und Das Kniee zu beugen? Sollen wir uns ſehnen Nach jenen alten, ſtarken Tagen, wo Die Lebenden noch glaubten, was vordem Die Todten glaubten? Sollen wir uns ſehnen Nach jenen Tagen ernſter Frömmigkeit und früchtereicher Kraft, als aufgeſchlagen Das Bibelbuch die Völker blendete? O Maſſe düſtrer und erſchütternder Betrachtungen! Gefährliche Probleme Und dunkle Fragen, die da machen, daß Der Dichter, manchmal reglos ſtilleſtehend, Gedankenvoll die Hauptſtadt noch durchwandelt Zu einer Stunde, wo dem Zögrer nur, Dem unentſchloſſen Blickenden, man begegnet, Oder der Nachtwacht, die wie ein Geſicht Im Dunkeln tappt an allen Straßenecken! XIV. O, ſchmäht kein fallend Weib! Wer iſt, der ſagen mag, Welch' eine Laſt ſie trug, eh' ſie der Laſt erlag? Wer weiß, wie manchen Tag ihr Hunger kämpfend 4 ſchwankte?— Wenn ihre Tugend matt im Sturm des Unglücks wankte, O Gott, wer unter uns ſah ſolche Weiber nicht Feſtklammern ſich an ihr mit bleichem Angeſicht? Dem Tropfen glichen ſie, der, wenn es ausgewittert, Hellfunkelnd, wie Kryſtall, an einem Zweige zittert, Der lange, lange kämpft, wenn ihm ein Schüttler droht— Vor ſeinem Falle Perl', und nach dem Falle Koth! Wir, wir ſind Schuld! Dein Gold! Du ſelbſt, wollüſt'ger Praſſer! Enthält denn dieſer Koth nicht noch das reine Waſſer? Daß es dem Staube ſich, dem ſchmutzigen, entzieht, Daß wieder es als Perb in altem Glanze glüht, Genügt— ſo wieder hell und funkelnd wird, was trübe!— Ein einyger Sonnenſtrahl, ein einz'ger Strahl der Liebe! Keins eurer Reiſer noch, das Saamen angeſetzt In dieſem Boden, drauf ſeit vierzig Jahren jetzt An Fürſtenſtühlen ihr gerüttelt! Ihr, die mit goldner Frucht ihr locket Volk und Land, Doctrinen, ihr, die früh des Aufruhrs raſche Hand Auf unſre Häupter hat geſchüttelt! Wir harren für und für! O Herr, erbarme dich Der Nationen doch, die nur zur Hälfte ſich Befriedigt ſeh'n, die allzeit hoffen! Herr, führ' uns eudlich doch den Mann zu deiner Wahl; Der Wahl, die weiſe du in der Gekrönten Zahl und der Tribunen haſt getroffen! 4 Wer noch iſt mächtig jetzt, wer ſtark und unumſchrankt? Wer, wenn er Veſten baut, und ihnen Thor' einhangt, Kann ſagen: Nichts bricht dieſe Mauern? Wer kann's, in dieſer Zeit, ſo ruhm⸗ als wechſelreich Wo Binſen, die geſenkt und zitternd ſtehn am Teich, Selbſt Monarchien überdauern?— Die Woll', o Könige, beneidet oft den Sammt; Wer hat das Volk zu Froſt und Hunger denn yerdammt? O, helft dem unterdrückten Schwarme! Wie manchmal trug das Volk ein ſtachlich Halsband ſchon! Thut auf die Werkſtatt drum dem Vater, thut dem Sohn Die Schul' auf— Allen eure Arme! Der Kön'ge Güte ſei's, die gut die Völker macht; Wen nicht ereilte ſchon des Unglücks finſtre Macht? Bedenkt es: Gott nur iſt allmächtig! Gern ſchuldet Mancher euch, den wohlthu'nd ihr beglückt; Bedenkt es, Könige, die ein Vergangen drückt, Vielleicht von gleicher Zukunft trachtig! Gebt Allen! Wer jetzt nimmt, kann einſt ein Geber ſein! Gebt freudig!— Wer denn wohl weiß, was für Aehrenreih'n Dereinſt um eure Throne ſtehen? Erzeigt den Guten euch, gleichwit den Böſen mild! Wollt, wie der Säaemann, der Korn ſä't auf's Gefild, Almoſen in die Herzen ſäen! O Könige! das Brot, womit ihr letz't den Greis, Das Maddchen, das ihr nehmt des Marktes frechem Kreis, Das milde Lächeln auch, das keine Stunde feiert, Das, wo ein Armer weint, ſich naht, reich und verſchleiert, Die Mutter, die euch knie'nd erfleht des Ew'gen Lohn; Das unſchuldvolle Kind, das zwiſchen Hutt'; und Thron Die kleinen Händ' erhebt— ſeht da die beſten Dämme, Daß tobend nicht das Volk mit Blut euch überſchwemme! O Gott, ich ſag' es euch: bleibt wach, eh' denn es ſtürmt! Nicht ſchlummert, während ſich der Zukunft Wolke thürmt! Bleibt wach! in unſrer Zeit kann manchmal es geſchehen, Daß plötzlich ſich ein Wind erhebt mit mächt'gem Wehen; Ein unheilvoller Wind, der, wie Orkane thun, Losbricht am liebſten ſtets nach einem langen Ruhn; Ein Wind, der da den Rauch von jedem Heerde führet; Der mit der glüh'nden Zeit die eignen Brände ſchüret; Der jedes Haupt berührt, es ſenget oder näßt, und, Fackel oder Fluth, es glühn und ſchäumen läßt; Der jeden Damm zerbricht, und jedes Burgthors Eiſen; Der ſchonungslos enthüllt in der Geſellſchaft Kreiſen Höhn, die bis dieſen Tag ein Nebeltuch bedeckt, und Tiefen, deren Schlund mit Nachtgraun uns geſchreckt; Ein Wind, der Gut und Bös vermengt mit keckem Flügel; Der von der Reiche Dach hinabwirft manchen Ziegel; Der, während er im Staat erfaſſet jeden Geiſt, Der aus den ufern tritt, und jede Bruſt, die kreißt, 204— und Alle, deren Haupt ein Zephyr ſchon erſchüttert, und Alles, was als Fluth aufbrauſ't, wenn es gewittert; Der, während er alsdann ſein übervoll Gefäß, Dieß Murmeln, dieſes Volk, dieß Rufen, dies Getös Jah ausgießt, branden laßt die ungeheure Welle Auf eines prächtigen, doch düſtern Pallaſts Schwelle! Ein düſtrer Pallaſt, traun, den nie der Tag beſchien! Aus dem in langer Schaar des Truges Bilder ziehn; In Thranen einige, weil andre lachen müſſen! Umſonſt! die Stunde kommt! der Schleier iſt zerriſſen! Lebt wohl, ihr Traume nun! Erwacht von dem Gerauſch, Berührt euch ein Geſpenſt mit ſeiner Hand von Fleiſch! Es iſt die Wirklichkeit! Wir traumten von dem Sohne Pipins, und denken nun an Ludwigs blut'ge Krone! O Stunde, groß und ernſt! o, ſchrecklicher Moment, Wenn bang das Königthum, die hold ihm, einzeln nennt; Wenn, lauſchend auf den Sturm, es zitternd und entkraftet Das Aug' au's Fenſterglas, das Ohr an's Gitter haftet! Wenn bleich im Winkel man die Königin erblickt, Wie, leiſe weinend, ſie an's Herz die Tochter drückt; Wenn ſich im Corridor die kleinen Prinzen drängen, Sich an den treuen Arm bejahrter Krieger hangen, Und, ob die Dienerſchaft auch keine Antwort gibt, Sie dennoch fragen, leis und kleinlaut, und betrübt, Woher dieß Schrecken doch und dieſe Klaggeberde, Woher dieß hapliche Gezitter doch der Erde, — 205— Die aufzuckt, wie das Meer, wenn ſich der Wind erhebt, uUnd doch nicht unter'm Fuß der andern Kinder bebt? Ach! ihr befeſtigt wohl die finſtern Tuilerien, Verſperrt die Brücken wohl mit euren Batterien, Nehmt jede Straße ein mit einem Regiment; Allein wozu? wozu?— ſeht, jeglichen Moment Vergrößert ſich der Schwarm! und was, wenn aus dem bittern Abgrunde, brüllend nun, das Ufer zu erſchüttern, Emporquillt ihre Fluth?— was einem ſolchen Heer Gilt die Kartätſch', und was der Hagelſchlag dem Meer? O fürchterliche Zeit, die ſinnend wir durchwandern! In der die Menſchen, wild die Einen auf die Andern Sich drängend, mit dem Beil bewehrt die blut'ge Hand, Zerſchmettern Zinn' und Thor, und eh'rner Thürme Wand; In der dem Boden ſie gleichmachen feſte Schlöſſer, und Kerker, die bekratzt der Staatsgefangnen Meſſer; In der ſie nach dem Kampf mit rohem Siegsgekreiſch Zermalmen Mann und Schutt, gleichwie Gebein im Fleiſch! Wie hält ein König ab das Volk von ſeiner Schwelle? O, leichter auf der Fluth, als Korkholz auf der Welle, Mit offnen Ohren taub, mit offnen Augen blind, und ſchwankender, als kurz vor Abend Schatten ſind, So ſteht er ſchaudernd da, ohnmächtig, ohne Liebe; Matt zittert ſeine Hand, ſein Haupt gleicht einem Siebe, — Ach, ſolch ein Haupt tragt ſtets der Erſte nur im Staat!— Das Alles fahren läßt, nur keinen ſchlechten Rath! Was wollen jetzo denn all' dieſe Säbel ſagen? Was dieſe Kriegerreihn, was dieſe Pulverwagen? Was dieſe Bivouacs? ſie, deren röthlich Licht Sich rings im Fenſterglas der Villen zitternd bricht? Was dieſer General, der jetzt vielleicht im Stillen Ein neues Hutband ſchon des alten Platz ſieht füllen? Was dieſe funkelnden Helmträger, die den Pflock Einrammeln für das Roß? was in der Schlacht ihr Schock? Was Lunt' und Gitterthor, was Kugel und was Speere? An einem Haupte fehlt's, und ihr habt Nichts, als Heere! Wohin jetzt mit dem Volk, mit dieſer wilden See, Der wahrlich Eins nicht fehlt, die leitende Idee? Wohin mit dieſer Fluth, die heulend kommt gezogen, Wo jede Welle ſieht, wo Seelen ſind die Wogen? O Gott, ſo willſt du denn, daß unſer Auge ſeh' Des Aufruhrs Frevel all' und Gräuelthaten?— Weh', Wer ſtillt' das wilde Meer? O Herr, was nützen Sonden Im Strudel von Paris und im Gefluth von Londen, Wenn durch die Gaſſen dumpf und hohl die Trommel klingt, Wenn ziſchend in die Stadt der Vorſtadt Hyder ſpringt?— O Gott, in dieſem Schloß, in dem ein Reich erzittert, In ihm, deß Pforte bald der Menge Beil zerſplittert, Wo man ganz leiſe von geheimen Gängen ſpricht, Wo man dem König dient mit bleichem Angeſicht, Wo ihr laut weinend Kind die Mutter ſtillt mit Beben,— O Gott, was wird in ihm zur Stunde ſich begeben! Mit dieſem Königsneſt wie werden ſpielen ſie! Und warum muß denn auch in Tagen, wo, wie nie Den Armen Alles reizt, daß er die Großen haſſe, Sein oder ihr Vergehn ihn ſchleudern auf die Gaſſe? O Zeit, wo jeder Arm des Aufruhrs Kohlen ſchürt, Und wo Ein Augenblick die lohe Brunſt gebiert! Es iſt geſchehn! Fortan kein Schlagbaum mehr am Throne! Gott nimmt den Heller an, daß er mit Schatzen lohne. Wenn ſeiner Schritte Spur ein Fürſt in ſtillrer Zeit Auf dürft'ger Schwelle ließ, zum Wohlthun ſtets bereit; Wenn er voll Milde war, langmüthig und geduldig; Wenn oft er: Gadene ſpr. rach, wo das Geſetz ſprach: „Schuldig!“ O, dann verpwaifet nicht! Am böſen Tage zwar Vergißt das Volk, doch Gott vergiſſet nimmerdar! Wie oft entwaffnete, demüth'ger Lipp' entflohen, Ein Schrei des Herzens ſchon des wilden Schwarmes Drohen! Des Schwarms, der ſeinen Raub anſtiert mit gier'gem Blick; Oft kühnen Müttern gab ihr Kind der Leu zurück! — 208— O, jetzt ſogar, wo rings Schiffbruch und Stürme grollen; Wo keiner Bombe Feu'r aufhält der Woge Rollen; Wo, kothig und voll Zorns, und aller Führung baar, Der Pöbel, dummen Aug's, mit borſt'gem rothem Haar⸗ und wiehernd, wie, den Zaum zerreißend, ein Beſchäler,f Mit Kothe frech beſpritzt des Louvre's Capitäler, Ein Meer, das niemals ebbt, das einzig kennt die Fluth— Ja, jetzt ſelbſt, wo man ſieht, daß Nichts mehr Einhalt thut Dem Brauſen dieſes Stroms, der ſtündlich wächſt, die Ufer Zerſtört, das Thor benetzt, und heult, ein grauſer Rufer;— Ja, jetzt, wie wir es oft in der Geſchichte ſehn, Jetzt ſelbſt, ein herrliches Schauſpiel, kann es geſchehn, Daß eine gute That, urplötzlich ihre Stille Verlaſſenb, von ſich wirft des Dunkels Schattenhülle, und, wie vor Zeiten Gott, der da ihr Zeuge, hehr und majeſtätiſch ſpricht zum Volke: Bis hieher! K XVI. Beſiegt, in einem Augenblicke kann Ruhm, Baldachin und Reich der große Mann Verlieren, ſammt des Diademes Schimmer; Nur nicht den Zauber, welcher ihn erhob, Der da ſein Haupt mit Strahlen licht umwob:— Stolz ſeinen Genius bewahrt er immer! — 299.— So, wenn die Schlacht ein bunt Panier entrollt, Fällt, was Azur nur, Scharlach oder Gold, Was ſeidne Franze nur, im Drang des Feuers, Vom Blei zerhackt, in einem Augenblick, 4 und löſet ab ſich, flatternd, Stück für Stück, Gleichwie entrafft vom Schnabel eines Geiers. Gleichviel! denn ſiehe, durch das Handgemeng, Durch Blut und Hufſchlag, Stöhnen und Gedraͤng, Bleibt auf dem Schafte doch als glüh'nde Krone (Dem Fahnenſchafte, welchem das Geſchoß Den Purpur nahm, der wallend ihn umfloß,) Der eh'rne Aar, der Stolz der Bataillone! XVII. An Alfons Rabbe, geſtorben 313 December 1829. Alfons, was machſt du doch— dein Freund iſt's, der dich ruft, Strenger Hiſtoriker, entſchlafen in der Gruft! Oft, wenn bei Fackelſchein die Nacht mir hingeſchwunden, Oft hab' ich es gedacht in meinen düſtern Stunden, O edler Freund, der voll von andrer Zeiten Mark, Daß deine Stimme fehlt in unſern Kreiſen, ſtark 14 — — 210— und voll der Billigkeit, die all' dein Handeln zierte; Daß deine Hand uns fehlt, die ernſt den Griffel führte; Daß ſie uns fehlen, jetzt, wo ſelbſt die Weisheit fragt Nach Gold— wo die Idee des Intereſſe's Magd! O Zeit der Unnatur! Zeit der verſchlagnen Barken! Der Fehlgeburten Zeit und der gebrochnen Starken! Du, der Verwirrung Zeit, in der auf's Ungefähr Das Gegenwärt'ge ſchwimmt auf des Vergangnen Meer! O, trügeſt hoch du noch dein Haupt in unſern Thoren! Sähn dieſen Gipfel wir noch beben vom ſonoren Klang deiner Stimme— traun, du ſtändeſt groß und ſtill Als mächt'ge Brücke wohl in dieſer Fluth Gebrüll! Du wäreſt Jedem wohl die Stimme, deren Dräuen Von allen Nebeln weiß die Seele zu befreien, Die Stimme, die da macht, daß mit allmächt'gem Licht Die Wahrheit durch's Gewirr trügriſcher Bilder bricht! Du ſagteſt den Parteien, daß zu viel Staub ſie trenne Von der Vernunft, als daß man ganz ſie ſehen könne; Dem Volke, daß kein Rang von Arbeit kann befrein, und daß es ſtark genug, um neidiſch nicht zu ſein; Der Macht, daß niemals ſie der Rache dürfe fröhnen, und daß der Denker es nur zürnend und mit Thränen Sehn kann, wenn das Geſetz, die eherne Figur, Die auf den Narkt gehn ſoll mit heitrer Stirne nur, An manchen Tagen jach hervortritt aus dem Raume Der conſular'ſchen Urn', entſtellt von Zorn und Schaume. — 211— und unſrer Jugend drauf, der du gelachelt haſt, Die, eben weil ſie jung, voll träumeriſcher Haſt, Du ſagteſt ihr:„Die Zeit wird euch belohnen ſpäter; Irrt, meine Freunde nicht, wie vor euch eure Väter! Laßt reifen eure Stirn, und nehmet wohl in Acht Vor den Syſtemen euch, der trügeriſchen Pracht, Die, wechſelnd jeden Tag, bald trotzen und bald wedeln Nehmt euch in Acht vor dem, was heiß in euren Schädeln Amerika bewegt, ein Band, das ſelbſt noch jung Das noch der Kunſt entbehrt und der Erinnerung! Habt mit der Weisheit Nichts, der giftigen, zu ſchaffen, Die aus dem Haupt Voltaire's hervorſprang, ganz in Waffen, Des Dünkels Tochter ſie, die da der alten Zeit Geſetze pfropfen will auf die Moral von heut; Die kühn, wo eine Welt, herſtellt des Chaos Wirren; Die Sparta's engen Helm— ſo weit ſich zu verirren!— Der Stirn Lutetig's aufzwängt mit barſcher Hand; Die gar im Alterthum, das übel ſie verſtand, Zu jedem Weiſen tritt mit buhleriſchem Streben, Daß eine Mißgeburt ſie ſchändend ruf' in's Leben, und der ſo wohl gelingt, was ſchamlos ſie verbricht, Daß die Heroen bang verſchleiern das Geſicht, und daß Lycurg, durch ſie ſich uns zu offenbaren, Den Robespierre gebiert nach faſt dreitauſend Jahren!“ uns Allen ſagteſt du:„Nicht ſchlummert! ſeid bereit, und wacht! denn liſtig ſchon ſtreckt in der Dunkelheit 14 7 — 212— Der Vogler aus die Hand, und trachtet— darum hütet Euch wohl!— nach jedem Neſt, d'rauf der Gedanke brütet! Beſiegt ſind oder matt die kühnſten Herzen— ach, Das edle Polen ſelbſt, erdrückt von ſeiner Schmach, Beißt nach dem Fuß nicht mehr, der in den Staub es nieder Getreten!— Wachſen ſieht man täglich neue Glieder Der Kette, die— ſie ſcheun der Freiheit heihge Kraft!— Der Kön'ge zager Bund für dieſe Rieſin ſchafft! Seid wach! Zu feiern ſchon, geziemet ſich für Keinen! Die Großen an ihr Werk! an ihr Geſchäft die Kleinen! Ein Jeder hat zu thun! Noch weit vom Giebel legt Heut' nieder ſeinen Stein, wer ihn zum Baue trägt! Wer glaubt, es ſei genug, Gekrönte zu verjagen, Der irrt! Ein Fürſt, der fällt, will immer wenig ſagen, und Mehr und Schwereres vollführet wahrlich jetzt, Wer ein die Sitten, als wer ab die Köon'ge ſetzt! O, eurer Halbheit! Schutt, Entwurf, wohin ich ſehe! Nicht bräunt die Aehre ſich, daß eure Hand ſie mähe! Ob euer Haupt auch noch ſo voll von Planen iſt, Doch führt ihr keinen aus!— Bei Gott, kaum, daß ihr wißt — So ſchlecht verſteht ihr es, die Seelen anzufachen!— Was aus den Kindern ihr und Weibern ſollet machen! Wie weit denn kamet ihr? Was iſt's, daß ihr euch lobt, Weil täppiſch ihr ein paar Geſetzesblöck' erhobt? Noch kam die Stunde nicht, in der ihr ruhen könnet; An's WerkW! ihr ſucht ein Ding, das ſelber ihr nicht kennet! Der Treue mangelt ihr! ihr glaubt, ihr liebet nicht! Noch Nichts bei Euch beſcheint das Eine wahre Licht! — 213— Dämmrung und Nebelduft umziehn euch wie ein Schleier! Euch ſtrahlt kein Leuchten, als des Abends Purpurfeuer; Euch ſtrahlt kein Leuchten, als der Frühe weißlich Licht— Der Mittag ſtrahlt euch nicht, euch ſtrahlt die Sonne nicht!“ So würdeſt reden du in deinen herben Rollen; Ernſt, wie die Siedler einſt geredet haben ſollen, Ernſt, wir die Redner auch, die man mit Schweigen ehrt— und ſieh', man hörte dich, wie Jene man gehört! und ſieh', man flüchtete zu dir in dieſen Zeiten, Wo Schatten ohne Zahl ſich auf die Lande breiten; Wo Alles tappt und ſucht im Finſtern;— wo an Rath Es jeder Seele fehlt, an Führern jedem Pfad! Weh)', ſtündlich wächſt der Sturm! mehr noch des Nebels treibt er, und mehr des Schattens noch walzt er auf unſre Häupter. Mit jeder Stunde nimmt der Zukunft Dunkel zu. Doch, während ſich mein Herz erfreuet ſebger Ruh', Schrieb dieſe Verſ', Alfons, in denen ich nicht wollte, Daß Haß und Bitterkeit dein Grab beſchäumen ſollte, Schrieb dieſe Verſ' ich dir, Freund, den die Gruft verhüllt, Freund, der da nicht mehr weiß, was unſre Herzen füllt! 214— Wohl ſchütteln Trübes ſie aus ihren ernſten Falten; Doch iſt es thöricht auch, daß wir für klug uns halten! Auf's Neue rüſten ſich zum hitzigen Gefecht, Sieht man des Wachſens Recht und des Beſchneidens Recht; Auf's Neue tobt die Schlacht auf ſchlecht erforſchten Meeren, Wo gegen die Ideen ſich die Geſetze kehren; Getrübt fühlt Jeder ſich, wie unter'm Wind die Fluth; Ich ſelber, träumend hier an meines Heerdes Gluth, Seit den Prokruſtes aus den Augen man verloren Fünf Jahr'— ich ſelber heut' vor unſers Drama's Thoren Hör' bellen die Cenſur, die Hündin mit dem Aug' Voll Zorns, mit ſchwarzen Klau'n, und giflt'gem Schlangenhauch; Die Niederträchtige, o Muſe, die voll Neides Zerkaut den blitzenden Saum deines Sternenkleides! Alfons, was machſt du doch— dein Freund iſt's, der dich ruft, Strenger Hiſtoriker, entſchlafen in der Gruft! XVIII. Mit den Herbſtblättern. An Madame.......... 1. Dieß irrende Buch, das, mit zerbrochnem Flügel, An deines Fenſters vorgeſchobne Riegel Wie eine Schloſſe klirrend treibt der Wind, O Gott, es flieht des Marktes Drang und Hitze! Froſt, Schwüle, Regen, tauſend ſchlimme Blitze Bedrängten ſchon das neugeborne Kind, Es iſt beſtraft, daß es ſich mir entſchwungen. Sieh', wie es weint, nachdem es kaum geſungen; O ſieh', wie ſtruppig ſeine Federn ſind! 2. Daß es der Wind von Neuem nicht entführe, Maria, komm' und öffn' ihm deine Thüre; Beſchirme ſeiner Verſe ſcheue Brut! In deinem Alkov, ſicher vor den Winben, Laß einen Augenblick es Ruhe finden; Gewahr' ihm deines Heerdes milde Gluth! An deiner Seite leg' es ſtill ſich nieder, Ein Vöglein, das, mit blutigem Gefieder, Zittert und zuckt— o, gönn' ihm deine Hut! XIX. Anakreon, Poet mit den erot'ſchen Wogen; Von alter Weisheit Höh'n kommſt ſickernd du gezogen! Dich ſieht, wer ſie erklimmt, auf halbem Wege ſchon; Durch Blumen rieſelſt du mit ſüßem Fall und Ton! Ich liebe dich, Poet der klaren ſtillen Welle! Wenn ſteil die Felſenbahn, die uns der höchſten Stelle, Des Berges näher bringt— wie gern, vom Steigen ſchwach, Erquicken wir uns oft am kleinen Murmelbach! XX. 1 Frührothwolken glühen, Morgenwinde wehn; Traum und Nebel fliehen Mit der Nacht Vergehn. — 217— Roſen öffnen ihren Duftkelch den Zephyren; Von der Dinge Rühren Hört man das Getön. Stärker oder ſchwächer Regt ſich alles Thun; Laub und Rauch und Dächer Mögen nicht mehr ruhn; Eichen, Taubenflüge, Quellen— Nichts, was ſchwiege! Alle Odemzüge Werden Stimmen nun! Alles nimmt ſich wieder, Weſſen es bedarf; Wälder ihre Lieder, Dichter ihre Harß, Kinder ihre Docken, Seinen Flachs der Wocken; Keiner läſſet ſtocken, Was er friſch entwarf. Was man lieb' und fühle, Unerſchütterlich Hin zu Einem Ziele Wendet Alles ſich; — 218— Bienen ſuchen hohle Weiden; die Bouſſole Strebet nach dem Pole; Nach der Wahrheit ich! 2. Wahrheit! Tief' und Hehre! Fels, der nimmer fällt! Der in jedem Meere Meinen Anker hält! Mag ſich mit verhaßter Gleißnerei das Laſter Aufblähn— Deck' und Pflaſter Bleibſt du doch der Welt! Wahrheit, reine Quelle, Deren Reinheit bleibt; Mühlbach, deß Gefälle Alle Räder treibt; Ewig hell' und wache Lamp' im Weltgemache, Schreiben, das die Sache An die Seele ſchreibt! Eichbaum, friſch von Säften, Markig, ernſt und ſchlicht, Den man, je nach Kraften Bieget oder bricht! Narb'ger Fürſt des Haines, D'ran der Menſch, des Scheines Opfer, lehnt mit ſeines Irdiſchen Gewicht! Ew'ges Band, gewoben, Daß du Geiſter ein'ſt! Flamme du von Oben, Die du Allen ſchein'ſt! Aug' in finſtrer Grotte, Das der Frevler Rotte Dem wahrhaft'gen Gotte Ausgeſtochen einſt! 3. Hymnus, der nicht endet! Wunderbarer Chor, Der das Auge blendet, Der berauſcht das Ohr! Meerbeſpülte Dünen! Höhn, auf deren kühnen Häuptern Wälder grünen! Duft'ger Nebelflor! Blau, das ſich zum ſteten Schlei'r die Woge nahm, Wenn im ſturmgeblähten Mantel ernſt ich kam, — 220 Daß um Klipp' und Scheere Die entzückten Meere Wild ich ſingen höre Ihr Epithalam! Und du Blau der öden, Rieſ'gen Himmelsfern, Wenn, des Geiſtes Reden Löſen wollend gern, Ich im Weltenbuche Zu verſtehen ſuche, Was da rauſcht die Buche, Und was ſchreibt der Stern! Weltgeiſt, Schöpfung— reiner, Funkelnder Kryſtall! Ocean, allgemeiner Gürtel dieſem Ball! Sterne, die entſtehen Läſſet und ſich drehen Eines Odems Wehen— Ungeheures All! Laubwerk und Gefilde, Die ihr duftend glüht! Thürm' ihr, welche milde Glockenton umzieht! Berg, den Weſte fächeln! Ferner Moore Nöcheln! Ephemeres Lächeln, Das der Sonn' entflieht! Buch von tauſend Seiten, Ohne Mitt' und End'! Rede, die zu deuten Jede Seele brennt; Die ihr, gleich den Blinden, Nimmer zwar ergründen, Aber in ihr finden Gott und Welten könnt! Schönes Buch, das Weſen Beß'rer Art Gewinn; Drin die Denker leſen Unbekannten Sinn; Drin, wer, ſich zum Frommem, Gottes Ruf vernommen, Ernſt:„ich bin gekommen!“ Auf den Rand ſchreibt hin! Buch der heibgen Feier, Drin des Schleiers Wehn, Drin des Sternes Feuer, Die wir weih'n es ſehn, Einen einz'gen Namen, Den wir knie'nd vernahmen, Uns zu lehren kamen, Hier und in den Höhn! Buch, das, Gott zum Preiſe, In die Herzen fließt; Buch, drin jeder Weiſe Schafft und Schweiß vergießt! Zum Verſtändniß führet Mancher,— Der gezieret Kroton, buchſtabiret; Der vom Sina lieſt! XXI. Geſtern die Sommernacht, die freundlich ihre Schleier Uns lieh— ſie war dein werth, ſo brannten ihre Feuer! So lieblich war ihr Hauch, ihr Wehn ſo feierlich! So plötzlich ließ den Tag, den lauten, ſie vertönen! So mild beſprengte ſie mit ihres Thaues Thränen Die Blumen, dich und mich! Voll Luſt, daß meinem Geiſt der deine ſich vermahle, Saß ich;— du ſahſt mich an mit deiner ganzen Seele! — 223— Schönheit umwob dein Haupt mit Strahlen lichten Scheins. und ohne daß ein Wort verrieth, was du geſonnen, Senkte der ſüße Traum, den einſt dein Herz begonnen, Zu endyen, ſich in mein's!. und ich erhob den Herrn, daß er mich ſo beglückte; Daß er die Nacht und dich mit ſo viel Reizen ſchmückte; Daß er, den nimmer noch mein Mund genugſam pries, Daß er euch ſchuf, die Nacht und dich, zu meiner Freude, So voll von Licht, und Duft, und Murmeln— alle beide So lieblich und ſo ſüß! O, preiſ' ihn! Wolle fleh'nd dem Staube dich entraffen! Er iſt's, der dich erſchuf, und der die Welt erſchaffen! Er, der mein Herz entzückt und ſegnet mein Geſicht! Er, den in jeglichem Myſter man wiederfindet! Der deiner Augen Licht auf Erden angezündet, Wie dort der Sterne Licht! Gott iſt es, der die Lieb' in alle Dinge legte; Sie, die von Anbeginn, was war und iſt, bewegte! Gott iſt es, der da zäumt der Nacht ſchwarzmähnig Roß! und Er iſt's, Süße, der, daß ſeine Huld dich kröne Auf deinen Leib ausgoß, wie einen Kelch, die Schöne; Der Lieb' in's Herz mir goß! O, laß dich lieben drum!— Die Liebe iſt das Leben! Ihr Fliehn nur überraſcht und ſchmerzt uns, wenn mit Beben Wtr unſre Jugend ſeh'n zu Ende neigen ſich. Nichts, was, wo ſie nicht iſt, beſel'ge, ſtrahle, lohne! Die Schönheit iſt die Stirn, die Liebe iſt die Krone: O, laſſe krönen dich! Was eine Seele füllt, iſt wahrlich nicht, o glaub' es! Ein wenig Gold und Ruhm, die nicht'ge Handvoll Staubes, Die ſchweißbedeckt der Stolz im Kampfe ſich erjagt! Der Ehrgeiz iſt es nicht, der da verſcheucht den Frieden; Der da den bittern Baſt der Dinge, die hienieden, Mit trüber Gier benagt; Nein, ſiehſt du, es bedarf, zu füllen unſ're Seele, Daß einer andern ſie ſich inniglich vermähle! Des glüh'nden Kuſſes, der auf Lipp' und Buſen brennt, Der Worte, die ein Blick in eines andern Feuer Kann leſen— jedes Lied's bedarf's der ſüßen Leier, Die man das Herze nennt! 3 Nichts unter'm Himmel gibt's, was ſein Geſetz nicht hatte (Wenn ein geheimes auch,) und ſeine Ruheſtätte, Die unſrer Triebe Macht uns ewig ſuchen heißt; Der Fiſcher hat den Kahn, daß ihn die Hoffnung fahre; Der Schwan hat ſeinen See, die Felswand ward dem Aare— Die Liebe ward dem Geiſt! XXII. Neues Kied zu einer alten Weiſe. Wenn es einen Raſen giebt, Deſſen Quellen lachen, Deſſen Schmelz kein Wetter trübt, Welchen bunt bedachen Lilien, Geisblatt und Jasmin, Die zu jeder Jahrszeit blühn, O, ſo will zum Pfad ich ihn Deinem Fuße machen! Wenn es einen Buſen giebt, Einen kühnen, wachen, Deſſen Liebe, wenn er liebt, Kennet kein Erſchwachen; Wenn er warm und voll Gefühl, Niemals falſch und niemals kühl, Ei, ſo will ich ihn zum Pfühl Deiner Stirne machen! Gibt es einen Liebestraum, Einen ohn' Erwachen, Den ſich, wie des Baches Schaum Leiſe wiegt den Nachen, 15 Gern die Seele wiegen läßt, Einen Traum, der Gott ein Feſt, O, ſo will ich ibn zum Neſt Deinem Herzen machen! XXIII. Anderes Fied. Warum noch ſchlummern, meine Loſe? Es früh't, und deine Thür iſt zu! Wach' auf! Erwacht ſchon iſt die Roſe; Wacum erwachteſt nicht auch du? O meine Süße, Neige dich mir! Thränen und Grüße Befluͤgl' ich dir! An deine Thür pocht alles Sehnen; Das Frühroth ſpricht: ich bin der Tag! Der Vogel: ich des Wohllauts Tönen! Mein Herz: und ich die Lieb'! erwach! O meine Süße, Neige dich mir! Thränen und Grüße Beflügl' ich dir! 8 Du, die zur Herrin ich erwähle: Gott, der durch dich mich ganz gemacht, Schuf meine Lieb' für deine Seele, Mein Aug' für deines Leibes Pracht! O meine Süße, Neige dich mir! Thranen und Grüße 3 Beflügh' ich dir! XXIV. O, daß nur ich ganz deine Seele fülle, G Hor' an; ſo möge, während in der Stille Am See dein Auge mir entgegenſieht; So möge, während unter dir die Thale Voll Duftes rauchen— jedes eine Schaale, Ein Opferbecken, drinnen Weihrauch glüht; So möge rings, was du erblickſt, die Hügel, Die Blumenbüſche, des Gewaſſers Spiegel, Der dichtverwachsne Wald, Der Pfad zum Dorf, die Fenſter mit dem hellen, Lebend'gen Blitz; die Schlucht, die, wie von Wellen Das Meer, von Blättern wallt; 15* Der Park, das Haus, und auch die Wolk', an deren Fruhſchatten jetzt des Mittags Stunden zehren; Der lichte Glanz, der um die Ferne ſtrahlt; Die reife Frucht, des Himmels klar Gewölbe, Das trockne Laubwerk und der Herbſt, der gelbe, Den der September bunt ſchon untermalt; Licht, Luft und Feuer, meiner Liebe Boten; Dieß Netz von Dingen, deſſen erſter Knoten Dein Schirm, die Linde hier— 7 So möoge dies, und was du ſonſt auf Erden Siehſt und im Himmel, eine Stimme werden, Daß ſie mich nenne dir! XXV. Weil lechzend meine Lipp' an deinem Kelch geſogen, Weil meine bleiche Sirn in deinen Handen lag; Weil deines Odems Duft mein Odem eingeſogen, Weil ich an meiner Bruſt gefühlt der deinen Schlag; Weil mir's gegeben ward, daß du mich ſagen hörteſt Die Worte, die das Herz ausſpricht mit heil'gem Fleh'n; Weil, Aug' in Aug', und Mund auf Mund, du mir gewährteſt, Froh lächeln dich zu ſeh'n, und weinen dich zu ſeh'n: 229— Weit auf mein lockig Hpupt, das, ach! nur ſelten helle, Ein Strahl fiel deines Sterns mit wunderbarem Glanz, Und weil ich fallen ſah in meines Lebens Welle Cin prangend Roſenblatt aus deiner Tage Kranz; So kann ich ſagen jetzt:— Vorüber, flücht'ge Jahre! All eure Blumen ſchon ſind welk! ich bin ein Mann, Der nimmer alter wird, der eine wunderbare Bluw in der Seele trägt, die keiner brechen kann! Streift euer Flügel auch, doch bricht er nicht, der raſche, Die Schale, deren Born mir ew'ge Labe beut; Mehr Glut hat meine Seel', als ihr beſitzet Aſche; Mehr Liebe hat mein Herz, als ihr Vergeſſenheit! Laß, Sängerin, dein Lied erſchallen! Das Weib, das ſingt, iſt heilig Allen; Den Böſen ſelbſt iſt heilig ſie! Ihr ſenkt der Neid ſelbſt ſeine Lanzen— Ein ſchönes Auge, ſchöne Stanzen, Die Schönheit rettet das Genie! — 230— Ich, der ich jetzt ſchon eine Trümmer, Ich liebe deines Frühroths Schimmer, Der gänzlich ohne Stürme ſchier; Mir, ach! zerfleiſcht von ſo viel Hohne, Du Süße, wird die Dornenkrone, Allein die Blumenkrone dir! Die Zeit war, wo des Morgens Roſen, Die deinen Schläfen jetzt liebkoſen, Auch meiner Locken Braun geſaumt; Wo meine ſiebzehn Jahre ſchäumten Von tauſend Wonnen, kühn erträumten, Gleichwie ein Kelch von Weine ſchäumt! Durch meiner Jugend Lenzgefilde Verfolgt' ein blendend Truggebilde Mit ſeinem goldnen Auge mich; In zauberiſchen Perſpectiven, In Himmel, Wieſe, Wald verliefen umirrend meine Blicke ſich! Da ſprach ich jubelnd zu den Sternen: Und ſchwebt ihr auch in weiten Fernen, Ich traue dennoch eurer Gluth!— Drauf hat der Strand mein Wort vernommen: Du biſt der Ruhm, ich werde kommen; Beſpülen wird dich meine Fluth!— 231— Ich ſprach zum Forſt: ihr laubigen Oeden, Ich weiß ſo ſüß, als ihr, zu reden!— Zum Aar: ſieh' meiner Stirne Groll!— Ich ſprach zu den geleerten Kelchen: Ich ſprudle von Ideen, von welchen Die Menſchheit trunken werden ſoll! Da überfloß mit einem Male Aus mehr als Einer goldnen Schale Thau, Liebe, Duft und Wonne mich; Rings um mich ſah' ich Blumen prangen, und meine Gluthgedanken ſchwangen, Ein Bienenſchwarm, zur Sonne ſich! Wie mit des Hirtenfeuers Gluthen, Das mild're Mondlicht auf den Fluthen Derſelben Quelle ſpiegelnd ſchwimmt, und wie der Nachtigall Geſchmetter Durch's flüſternde Geſpräch der Blätter In einem Walde man vernimmt; So, Alles außer mir verſtehend, In Wohlklang und in Weihrauch gehend, Von meinem eignen Glüh'n berauſcht, Von Drang nach Liebe ſtolz gehoben, Hab' ich durch meiner Sinne Toben Das Reden der Natur belauſcht! — Des Lenzes duft'ge Laubgeflechte, Von Mondſchein überſchwemmte Nächte, Der Pfad, der Menſchentritte zeigt, Die Klippe mit den rieſigen Hüften, Der alte Baum, der aus den Lüften Herab ſich auf den Herweg neigt: Sie alle riefen mich in jenen Geheimnißvollen, dunkeln Tönen Der Sprache, die:„Was weiß man?“ fragt; Die, aufthu'nd der Erkenntniß Pforte, Für Orpheus Lieder hat, und Worte, Durch die es Plato's Augen tagt. Die Erde rief mir zu: Poete! Der Himmel tönte nach: Prophete! Geh', rede, lehre, ſegne du! Laß deine Liederurne triefen! Ergieße ſtolz dich durch die Tiefen! Fleuch auf die Gipfel! brauſe zu! Vorbei die Zeit!— Um dieſe Stunde, Zum Heile deß, der eine Wunde MNii ſchlägt, bin ich betrübt und kalt; Mein Dach beherbergt ſchlimme Gäſte; Ich bin der Thurm der prächt'gen Veſte, In dem die Sturmesglock' erſchallt! Mein Herz iſt voll von düſtern Sorgen; Im Schooße meines Glücks verborgen Muß ich des Schmerzes Stacheln ſehn; Ein Wurm benagt mir meine Beeren, und Donner muß ich murmeln hören um meines Horizontes Höhn! Wet', daß nur zu geſchloßnen Thüren Der Hoffnung grüne Pfade führen! Das Schickſal, uns verhöhnend, grollt und ſpielt mit Dem, was wir erſtreben; Dem Rade gleich iſt unſer Leben, Das durch den Staub der Straße rollt! Je düſtrer ſich auf mich die blaſſen, Farbloſen Jahre niederlaſſen, Je kraͤnzeloſer ſie mir nah'n, So mehr und mehr ſeh' ich entfliegen All' meine Träume: Eintagsfliegen, Die keinen Honig eingethan! Vergebens, ach! nach Liebe ſtreb' ich; umſonſt in meiner Bruſt beleb' ich Ihr heilig Feu'r mit brünſt'gem Hauch; Denn meiner Seele ſtolz Geloder Zerfällt als Aſch' am Boden, oder Entflieht zum Himmel als ein Rauch! — 234— Gewölk birgt meiner Sterne Glänzen; Nie wieder meinen Aſt bekräanzen, Den dürren, wird der Roſe Pracht! Die Hefe trübt des Bechers Schäume;— Die Thorheit unſrer liebſten Träume, 5 Des Frühroths Bodenſatz die Nacht! Wie oft, daß mich ein Mund verletzte, Den ich oft ſelbſt aus Mitleid ätzte; Stets muß begeifern mich der Hohn. Wie manches Wort, das trüb verklungen, Wie manche Saite, die geſprungen, Hängt, ach! an meiner Lyra ſchon! Mein Lenz ward welk in wenig Wochen; Auf jedem Zweig, den ich gebrochen, Wuchs noch des Schmerzes herber Dorn. Mir ſprießt kein Gras, das ohne Natter; Und wie ein Bock am Blumengatter, So nagt an mir der Gegner Zorn! Sie ſelbſt, durch die dein Herz geſundet, Die dich bezaubert, ſie verwundet, Mein trauernd Auge, die Natur! Der Tag iſt ſchwül, und ſüß nur deine Frühdämm'rung;— was mir zuruft: Weine! Ruft lächelnd dir zu: Singe nur! — 235— Wohlauf denn, ſinge! ſing', o Süße! Dieß goldne Morgenroth begrüße, Dem einſt auch meine Bruſt geklopft! Doch nicht, daß Alles Licht ſei, waͤhne! Wer weiß, ob nicht auch eine Thraͤne Einmal van deiner Wimper tropft! Dann will ich trauernd dir gewähren. Mein Mitleid;— eines Weibes Zähren, Rein, wie der funkelnde Kryſtall, Rein, wie die Bruſt, in der ſie ſchliefen, Sie perlen, ach! aus tiefern Tiefen, Als eines Weltmeers Tropfenſchwall! XXVII. Die arme Blume ſprach zum Schmetterlinge: Flieh' nicht! uns fiel 5 Ein zwiefach Loos; du ziehſt auf flücht'ger Schwinge, Ich haft' am Stiel! und dennoch lieben, fern der Menſchen Neide, Einander wir! Wir gleichen uns; man ſagt uns: alle beide Seid Blumen ihr! — 236— Doch, ach! du folgſt der Lüfte mildem Wehen; Mich halt der Strauch! Wie gerne ſchickt' ich in die blauen Höhen Dir meinen Hauch! Umſonſt! du flatterſt raſtlos auf den Matten, Gibſt Kuß auf Kuß; Indeß ich, trauernd, einſam meinen Schatten Betrachten muß! 4 Du fliehſt, kommſt wieder, zeigſt auf jedem Beete Des Fittigs Glanz, Und findeſt mich bei jeder Morgenröthe In Thränen ganz! O du, mein König, ſoll die Lieb' uns bringen Glück, Wonne, Raſt: Gleich mir dann wurzle, oder gib mir Schwingen, Wie du ſie haſt! Zuſchrift an...... Roſen und Falter, alle ſie einſt einen Im Grabe ſich. Wir beide?— ſprich! — — 237— Seis hoch im Licht, wenn lieber deſſen Spuren Dein Flug begrüßt; Sei's auf der Flur, wenn gern ſich khf den Fluren Dein Kelch ergießt! Wo dir's gefällt! Im Thal und auf dem Hügel Und in der Luft! Gleichviel, ob du Carolle biſt, ob Flügel, Glanz oder Duft! Doch Eins thut Noth: Beiſammenſein!— O, werde, Die mich begluckt! Dann kann man waͤhlen, Himmel oder Erde, Wie es ſich ſchickt!— XXVIII. Am Geſtade des Meers. Ein herrlich Schauſpiel, ſieh'!— Dieß prächtige Gebaude, Das, in der Fernen Duft, ohn' Anfang und ohn, Ende; Dieß Waſſer, dieſes Korn und dieſer dichte Wald, und dieſe Hütte, d'raus ein fröhlich Lachen ſchallt; Das Meer, das, gürtend rings die Ebne, licht vergüldet Der Morgenſonne Strahl, und dieſer Golf, gebildet Durch Gottes Hand und die der Menſchen— ſieh', er trägt Zur Schau die Doppelſpur, die ſeinen Strand geprägt! Dann Haiden, alte Thürm' auf ſchroffen Felſenzinken, und Höhlen, die der Fluth geſalzne Schäume trinken; Das dräuende Gebirg, das, uunterm Wolkenzelt Ein grün und lachend Thal in ſeinem Schooße halt, Wie Blumen trägt ein Kind in einem grauen Kleide; Im Oufte dann die Stadt voll prächtiger Gebäude, Die ſummend, Dach an Dach, ausbreitet ihre Zier; Und dieſes Tönen dann, das manchmal ſich aus ihr Erhebt: ein dumpf Geräuſch von Radern und von Stimmen; Dann auf dem Uferkies der Brandung matt Verſchwimmen; Der dunkelgrüne Tang, der zitternd auf der Fluth Zuſammen mit des Bergs gewalt'gem Schatten ruht; Die Schwalbe, die, zu ziehn, in Schaaren naht dem Meere; Zu meinen Füßen hier der Pflug, dort die Galeere, Ein jegliches bemüht, daß ſeine Furch' es zieh'; Hier Bäume, Maſten dort, der Winde Spielwerk ſie; Dort unten, jenſeits noch der fernen Berggefilde, Der duft'ge Horizont, voll zitternder Gebilde; Was zahllos unſerm Blick hier auch geboten wird, Ob es im Lichte ſchwimmt, ob es im Schatten irrt, Was geht, was ſteht, was fliegt und flattert, Hirt und Heerde, Fels, Woge, Raſen, Berg— ſchau' hin, das iſt die Erde! Und über deiner Stirn die Wolke, licht geſtreift, Die durch des Aethers Blau zerrißnen Purpur ſchleift; Ihr Mantel von Azur, der Abends ſich verhüllet; Der ungemeßne Raum, den Sphärenklang erfüllet: Das ewig wandelnde, gluthſchnaubende Geſpann Der Sonne, die, was iſt, der Art verwandeln kann, Daß, feinen Regen oft beſprüh'nd mit eh'rnem Schimmer, Man Nichts ſieht in der Luſt, als bunte, prächt’ge Trümmer, Als ein unendliches, glüh funkelndes Gewirr Von braunem Kupferzeug und gelbem Erzgeſchirr, Als Helme, Schwert uud Schild, und goldne Panzerſchuppen, und Scharlachdecken auf der Wolkenroſſe Croupen; Der Aether, dieſes Meer, ſo flüſſig und ſo klar, Das beine Grenzen kennt, grundlos und uferbar; Das jedes Odemzugs Fortbeben ſchon erſchüttert In dem, was ſich bewegt, was athmet, ſtrebt und zittert, Mit mächt'gem Wellenſchlag als eigne Woge fließt, In deſſen Tiefe ſich der Dinge Schwall ergießt: Frühroth und Abendroth, Schneeſturm und Lenzeskühle; Des Winters eiſ'ge Luft, des Sommers dumpfe Schwüle; Des Weihrauchfaſſes Duft, und der des Blumenthals; Die Sterne, funkelnd durch die Himmel milden Strahls; Der Nebel auch des Flors; und jenes Sternes Feuer: Die Flitter, hell und licht erglüh'nd auf ſchwarzem Schleier; Der Krieger Kampfgeſchrei, die Trommelſchlag belebt; Des Neſtes Zittern auch, das bang vor Liebe bebt; Hauch, Echo, Nebel, Dampf, der Wetterwolke Brennen, und tauſend Dinge noch, die Lippen nicht benennen; Die Wellen, welche Licht und Schall durch's Weltall ſpült; Was man am Tage ſieht, und was bei Nacht man fühlt; Wohl, Alles dieſes, Raum, Luft, Gluth⸗ und Wolkenzonen, Dieß flüß'ge Aethermeer und dieſe Regionen,. In denen es von Licht und Strahlen flammt und glüht, Zu denen dich und mich empor die Seele zieht, In denen unſer Haupt, nach ew'gen, feſten Regeln Von Welten dort, nnd hier umflogen wird von Vögeln; Dieß unausſprechliche, furchtbare, prächt'ge Was, unendlich, uferlos— ſchau' hin, der Himmel das! Der Himmel hehr, und ſchön die Erd', o Süße! Doch ſtrahlt dein Auge, pocht dein Buſen bang, Ertönt das Gras vom Wandeln deiner Füße So ſüß, daß ſüßer nicht der Lyra Klang; Wenn ſich dein Lächeln mild von deinem Munde Empor zu deiner ſchönen Stirne zieht, Wie von des roſ'gen Horizontes Grunde Die Morgendämm'rung aufflammt zum Zenith; Wenn, ohne zu erblicken dich, das Wehen Von beiner Stimme ſäuſelnd mir erklingt, Wie eine Quelle, murmelnd ungeſehen, Wie Vogellied, das uns im Traume ſingt; Wenn meine Muſe, die geachtet trauert, Sich zitternd hält an deinem Lichtgewand, Wenn unter deinem mein Gedanke ſchauert, Gleichwie ein Licht, beſchirmt von weißer Hand; — 241— Wenn wir auf⸗Moos uns an die Thalwand lehnen, Wenn deine Seel' in deinen Augen glüht, und liebevoll mit einer Schweſter Thränen Die Tugend hier, dort Sterne zittern ſieht; Wenn, wie ein Feuer, das durch Zweige funkelt, Durch deine Wimper mich dein Blick begrüßt; Wenn, lächeln wollend, ſich dein Aug' verdunkelt, Und plötzlich, ach! von Thränen überfließt; Wenn meinen Leib dein Odem ſüß erſchüttert, Wie Saiten bebend jeglichen Moment; Wenn deiner Hand Berühren mich durchzittert, und in mir weckt ein himmliſch Inſtrument; Wenn, gleich dem Buſche, der den Herrn umglühte Vor Moſen einſt in jener Wüſtennacht, Sich deines Weſens wunderbare Blüthe Plötzlich erſchließt in ihrer glüh'nden Pracht; Dann iſt, was ſüß, gleich einem Opferheerde Mir deiner Schönheit Kelch zu jeder Friſt Zuhaucht, viel mehr, als Himmel und als Erde, Viel herrlicher— weil es die Liebe iſt! — 242— XXIX. Weil voll von Thränen unſre Stunden, und weil von Unruh' voll ſie ſind; Weil jeden Kranz, den du gewunden, Entblättert ſchon ein rauher Wind; Weil unſre Vaäter, die bejahrten, Schon gingen jenen Einen Pfad; Weil vor uns ſchon ihn unſrer zarten Geliebten Kinder Fuß betrat; Weil, die mit deiner Seufzer Schalle Du fülleſt, dieſe Thränenſtatt Schon längſtens unſre Wurzeln alle Und unſrer Blumen ein'ge hat; Weil durch der jetzt Geliebten Räume Der einſt Geliebten Stimme dräut, und weil ſelbſt voll ſind unſre Träume Von Schatten der Vergangenheit; Weil, wenn die Bruſt uns Wonnen heben, uns jäh verſchlingt des Schmerzes Meer; Und weil wie ein Gefäß das Leben, Das man nicht voll macht und nicht leer; — 233— Weil man, jemehr man vorwärts ſchreitet, So tiefer nur verſinkt in Nacht; und weil für uns längſt ausgebeutet Der Hoffnung trügeriſcher Schacht; Weil, ach! der Glocke ſtündlich Tönen Nichts, Nichts für morgen uns verheißt; und weil man Keinen kennt von Denen, Die uns der Drang des Weges weiſ't; So eile, Wohnungen zu bauen Der Seel' an einem höhern Ort! Nicht führt dein Pfad durch unſre Auen, Nicht unſre Fluth birgt deinen Hort! Bei Nacht, wenn Schatten dich umſchweben, Laß ſchaukeln dich das Meer im Boot! Die Fluth iſt bitter, wie das Leben! Die Nacht verſchleiert, wie der Tod! Den Abgrund und die Nacht befehdet Ein unerforſcht Myſterium; „Bis auf den Tag, wo Alles redet,“ So iſt des Herren Wort,„ſeid ſtumm!“ umſonſt durch dieſer Fluth Getümmel Sah'n Andre nach dem Boden aus; umſonſt, zu ſchauen dieſen Himmel, Durchſpäh'ten ſie der Nächte Graus! 16*½ Du— ſtille dir des Herzens Klopfen Der Friede des geſtirnten Doms! Aus dieſer Urne Einen Tropfen, Ein Lied nimm dieſes Töneſtroms! Dein Flug, die Andern überſchweb' er! Dein ſchönes Aug', das trübe ſinnt, Laß von der Erde, wo nur Gräber, Zum Himmel ſchau'n, wo Seelen ſind! XXX. Hoffnung auf Gott. Kind, hoffe! Morgen! Was dein Mund auch flehte, Nuür Morgen, Morgen! Fleh' zu jeder Friſt! Bereit mit jeder neuen Morgenröthe Zum Beten ſei, wie Gott zum Segnen iſt! Kind, unſre Schuld iſt unſrer Leiden Quelle! Vielleicht, du Arme, wenn wir lange Zeit Knieen vor dem Herrn auf ſeines Hauſes Schwelle, Daß nach den Andern Gott auch uns verzeiht! — 245— XXXI. Weil blumigt uns der Mai hinausruft in die Büſche, So komm, daß deinem Geiſt ſich das Gefild' vermiſche, Und mit ihm das Gehölz und, auf der ſtillen Fluth, Der milde Mondenſchein, der zitternd auf ihr ruht, Der Heerweg und der Pfad, das grüne Thalgelände, Die Luft, der Lenz, und dort, verſchwimmend und ohn Ende, Der blaue Horizont, den, brautlich und geſchmuͤckt, Die Erde lippengleich an's Kleid des Himmels drückt!— O, käm'ſt du! daß der Blick der keuſchen Himmelsfeuer, Der, zitternd durch die Nacht, ſtrahlt durch ſo viele Schleier, Daß der von Vogellied und Duft erfüllte Strauch, und daß auf dem Gefild des Mittags ſchwüler Hauch, Daß Meer und Waldesnacht, daß Sonnenſchein und Dunkel, Daß ringsum der Natur Erglühen und Gefunkel, Daß fruchtbar Alles dieß, als Doppelblume, triebe Schönheit auf deiner Stirn, in deinem Herzen Liebe! XXXII. An Lonis B. Den du gekannt, o Freund, der Wandrer, deſſen Herz Verwundend bloß gelegt ſo mancher herbe Schmerz, Erklomm, als nun gemach des Tages Laute ſchwiegen, Einſam und trüben Sinns des duüſtern Thurmes Stiegen; — 4 Des heil'gen, d'rauf der Menſch in den Granit geſprengt Sein Denken, d'ran ihr Neſt die heiſ're Dohle hangt! Die Wendeltrepp' hinan, die ſcharf mit ſeinem kalten Weh'n der Nordoſt beſtreicht durch des Gemäuers Spalten, Schritt er, bis, laſſend jetzt der morſchen Stufen Pfad, Er unter des Gewölbs geſtützte Bogen trat, S Wo, harrend des Gebets, die Glock' in ſtiller Trauer, Ein eh'rner Vogel, ſchlief in ihrem Eichenbauer! Der Klöpfel feierte, der Wecker ihres Schalls! Ein mächtig Tau belud der Glocke knot'gen Hals. Der Blick, der ſich vermaß, in ihr empor zu ſchauen, Sah dichte Finſterniß in ihrer Kuppel brauen. Weich in den hellern Rand verlief die Dunkelheit 4 Des ſchwarzen Innern ſich! Es klang von Zeit zu Zeit Im Schatten dieſes Doms, drrin noch die Luft vibrirte, Als ob erzitternd ſich ein Streifen Tuches rührte. Es glitt die Wand entlang ein Flüſtern, leis und ſacht, Als ob entringend ſich des Glockenſtuhles Nacht, In der geflügelt ſie zu Legionen ſchliefen, Die Töne, halb erwacht und halb im Schlaf, ſich riefen! Ein wunderſam Geräuſch, hörbar der Seele bloß! Denn, wenn ſie ſchlummern ſelbſt, lichtlos und odemlos, Raucht der Vulkan, und haucht die Glock ein ſeufzend Wehen; Aus dieſem Erze ſtets wallt auf ein leiſes Flehen; Man lullt ſo wenig ein die Glock' auf ihrem Thurm, Als auf der See die Fluth, als in der Luft den Sturm! Ein grollend Echo ſie des Himmels! Eine Stimme, Die mit dem Donner buhlt, und Stand häͤlt ſeinem Grimme! Geſchaffen für die Stadt, wie er für Meer und Kluft! Ein lärmerfüllt Gefäß, ſich leerend in der Luft! Es hatte, wer ſich ihr genaht, den ſpröden Maſſen Der rieſ'gen eine Spur von ſich zuruckgelaſſen. In die gegoſſene Taufinſchrift überall Sah ſchnöde Worte man gekritzelt in's Metall. Zu oberſt, künſtlich aus dem Erz hervorgetrieben, Zeigt' eine Krone ſich, zerhackt von Meſſerhieben. Wohl gruben Furchen ſie tief in die braune Wucht, Die Gott der Herr beſeelt— doch keine brachte Frucht Sie hatten hier geſä't, der ſeine ſünd'gen Tage, Der ein bereuend Herz und unfruchtbare Klage, Der Sinnenliebe gar, die ſich ergeht im Koth, und Alle jenen Halm, der nie noch Aehren bot, Die Gottvergeſſenheit!— Entheiligt war die Reine! Wie ſpottend, glomm auf ihr der Roſt mit gelbem Scheine! Dem Namen Gottes grub der Eine ſeinen ein! Wo Ja der Prieſter ſprach, da ſchrieb der Andre Nein! O, feiger, ſchlechter Schimpf, vom Lebenden dem Todten, Vor dem Vergeh'nden ſtets dem Bleibenden geboten! Da, während um ihn her der Lüfte Säuſeln klang, und während in ſein Ohr der Stadt Getöſe drang; Da, während ihren Duft die Fluren ſtill verhauchten, Die Menſchen redeten, und ihre Dächer rauchten— Da fühlt' er, wie ein Baum, der, zitternd und verwirrt, Es fühlt, wie Flügelſchlag um ſeine Blätter ſchwirrt, Da fühlt er, auf das Erz geheftet all' ſein Denken, Gedankenſchwärme ſich auf ſeine Stirne ſenken! 1. Einſam auf deinem Thurm mit der gezahnten Firſt, Aus deſſen Höhe dumpf dein Ton hernieder birſt, O Glocke, die du hoch im Reich der Wolken dräueſt, und die geballten oft mit deinem Hauch zerſtreueſt, Schläfſt du im Schatten jetzt, und Nichts erhellt dein tief Und ſchweigend Erzgewölb, in dem der Schall entſchlief! O, während dich ein Geiſt, dein Weſen zu erkunden, Betrachtet, ſchweigend ſelbſt, in deines Schweigens Stunden, Laß jenen dunkeln Trieb, ſo wunderbar und ſüß, Der eine Schweſter ſtets die andre finden ließ, O, laß ihn ſagen dir, daß ietzt im Abendſcheine Dir eine Seele nah', erzitternd, wie die deine, Die mächtig oft erſcholl, wenn du im Schlummer lagſt, Die in der Liebe klagt, wie du im Himmel klagſt! 2. O, als ich jung noch war, als meine Morgenröthe Beſeligend und ſtolz durch meinen Buſen wehte, Damals wohl grub mein Geiſt, froh ſchaffend, in ſein rein Und jungfräulich Metall, von wo ſein Kommen, ein! — 249— Da ſchmückt ihn ſchimmernd wohl geweihter Lettern Zone; Nicht, Mutter, und es ward geprägt ihm eine Krone? Dann aber kamen ſie, die auf der offnen Bahn Der Sinne trügeriſch dem ſchwachen Herzen nahn; Die, wenn der Zufall ſie vor unſer Haus getragen, Mit wildem ungeſtüm an ſeine Pforte ſchlagen, Den Sterblichen bedrohn, ſelbſt wenn er Opfer bringt, und machen, daß nicht ſtets dem Ewigen er klingt— Der Leidenſchaften Schwarm, o Gott, er ließ die Gaſſe, Daß er die Seele mir mit wilder Gier erfaſſe; An eines Griffels Statt nahm er ein Meſſer ſich, Grub auf das eh'rne Wort mit frevelhaftem Stich, Schmähung und Laſterung der Irrthum ſich vermiſchte, Bis gänzlich er zuletzt das Heilige verwiſchte; Gleich deinem, Glocke, drin des Herren Name ſchier Entſtellter nicht erſcheint und wüſter, denn in mir! 3. Was aber gilt denn Dieß der Glock' und meiner Seele? Es würdige ſie nur erweckender Befehle Der Geiſt, berühre ſie, und ſage beiden: Singt! und plotzlich, ſiehe da, gewalt'gen Tones ringt Aus ihrer bangen Bruſt, die dunkle Schatten decken, Durch Aſchen und durch Roſt, durch Schrammen und durch Flecken, und durch beſudelnde Verhöhnung feierlich Ein laut und herrlich Lied los in die Himmel ſich! Das Hoſianna dieß alsdann von allen Kehlen, Des Herrn Reden dieß, und der Natur Erzählen! Ja, was, wie Meeresſturm und Morgenſonnenlicht, In Wetterſtrahlen dann und Seufzern Bahn ſich bricht, Was durch die Lande brauſ't, wie Schnee von eiſ'ger Firne Was man entzucken ſieht der nie geſenkten Stirne, Gleichwie dem Glockenthurm, der ſtets gen Himmel ragt— Es iſt das große Lied, das Alles, Alles ſagt: Die Seufzer, die gepreßt aus bangen Herzen ſchallen; Den Schrei des Steigenden, und deſſen, der gefallen; Das Reden Jegliches zu jeder Leidenſchaft; Der Täuſchung Lebewohl, die ſüß und fortgerafft; Die Barke, die zerſchellt der Brandung wildem Schäumen Des Weibes tiefer Gram, der Jungfrau ſtilles Träumen Die Tugend, die zumeiſt nur Dulderherzen füllt, und aus der Bitterkeit des Borns der Leiden quillt; Den Altar, den von Volk und Weihrauchduft umwallten; Die Mütter, die zurück den Schritt der Kinder halten; Die Nacht, die ſchweigen heißt des Weltalls täglich Feſt, Und nur die Meere noch hienieden ſprechen läßt; Der Frühe Sternenglanz, des Sonnenaufgangs Gluthen, und, wenn die Sonne ſinkt, des Weſtens prächtig Bluten; Den Berg, der mit dem Strom, in ſäuſelndem Akkord, und Eines Namens Ruhm verkündigt fort und fort; Das wunderbare Lied, das, unter Flügelſchlägen, Dem Neſt der Schwalbe zieht vom Adlerhorſt entgegen; und jenen Kreis, den, ach! der Menſch ſo bald umgeht: Des Herzens Reinigkeit, die Liebe, das Gebet; — 251— Endlich des Lichtes Schein, den, daß ſie ihn ergießen Kann auf die Welt, der Herr läßt in die Seele fließen! 4. und tief erſchüttern wird die Menſchen dieß Getön! Es werden, die durch's Feld, und die in Städten gehn, Es wird, wer weiſe lauſcht des Herzens heil'gen Kunden, und wen die Ewigkeit vergeſſen läßt die Stunden, In Demuth neigen ſich!— Dann lächelt für und für Das Kind die Mutter an, und zeigt den Himmel ihr! Sein wundes Herze dann wird Jeder einen kühlen und Alles heilenden Balſam durchrieſeln fühlen! Aus Einer Schale dann berauſchen ſich der Schwarm, und wer in Einſamkeit ſich hingab ſeinem Harm! Geweckt durch das Geräuſch, fährt auf aus ihrem Traume Die Jungfrau, die geruht anf blum'egem Quellenſaume! Die Menſchheit zuckt empor, ein wunderbar Gemiſch: Die Wittwe, welche weint; der Wechsler, deſſen Tiſch Steht in des Tempelhofs entheiligtem Bereiche, Wie einen Pilz man ſieht am Fuß der alten Eiche; Der Gläub'ge, der ſich tief, o Kirchthurm, vor dir bückt— Sie alle hören dann, erſchrocken und entzückt, Wie träumend man vernimmt der Meere brauſend Wallen, Das dumpfe Klaggeſchrei der eh'rnen Seele ſchallen! 5. O Hymne der Natur und Menſchheit, deren Schall Ohn Ende weiter ruft ein jeder Wiederhall! Ernſt, freudig, nie gehört, erhaben und verzweifelnd! Lled, von Gebirgeshöh'n tief in den Abgrund träufelnd, Das, wenn die Tiefen es mit ſüßem Klang durchbebt, Wie Kataraktenduft zurück zum Himmel ſchwebt! Lied, das auf Bergen man und Ebnen höret klingen, Das durch den Aether tönt als Athmen, Weinen, Singen, Lied, das im Fluſſe ſchaumt, das durch die Wälder zieht, Zur Stunde, wo zugleich man ſich entzünden ſieht Am Saum der finſtern Schlucht, die Wolkenbanke gürten, Den Stern des Schäfers mit dem Abendfeu'r des Hirten! Lied, das bei'm Morgengraun auf Waſſerſpiegeln weht, Und in der Vöglein Neſt am Abend ſchlafen geht! Wort, das die Glocke weiß den Glocken zu erzählen, Und das als Tröſterin die Seele ſagt den Seelen! Endloſer! rieſ'ger Pſalm, den alles Reden nicht Der Sprachen wiedergibt, die man auf Erden ſpricht, Und der in Einem Wort der Lippe doch entwehte Deß, der: ich liebe! ſprach, und deß, der ſprach: ich bete! uUnd dieſer glüh'nde Pſalm, der alle Welt bezwingt, Der minder in der Luft, als in den Herzen klingt, Wird, daß er mächtiger aus ihren Tiefen walle, Aufthun der Seele, wie der Glocke Poren alle! Sie werden ſingen ihn, ſüß, wie die Taube girrt; Rein, wie der Quelle Ton, die durch die Wälder irrt; Keuſch, wie des Seufzers Hauch, den Liebeflehn geboren; Jungfraulich, wie das Lied der funkelnden Auroren! Mit tauſend Zungen dann froh werden jubeln ſie, Voll von Begeiſterung, von Lieb' und Harmonie! Dann wird nicht das allein, was übrig noch auf ihnen Vom heilgen Worte blieb, ihr einſtig Fehlen ſühnen; Nein, Alles auch, was frech in ihr entweihtes Erz Der Stahl des Wandrers grub mit frevelhaftem Scherz, Der Spott, der ſich gepaart der Schmähung und dem Hohne, Sammt der verſtümmelten und ſchlecht gewordnen Krone— Das Alles, ernſt durchdröhnt von ihrer Tone Weh'n, und jah verwandelnd ſich bei ihrem füßen Fleh'n,. Wird, lieblich flüſternd zu des Ganzen Seraphklängen, Ein mild und klagend Lied in ihre Stimme mengen! In dieſer zitternden und heilgen Töne Schwall Verhallt die Läſterung, gegraben in's Metall! In dieſen Liebesſtrom, gleichwie ein Tropfen, traufelt Jeglich verneinend Wort, wie jeglich Wort, das zweifelt; und, daß der Hymnus ſich erhebe klar und rein, Wird Nichts Beſudelung, wird Alles Erz nur ſein! 6. O Herr! Du, deſſen Blick den unſern neu befeuert, Sieh', welch' ein Siegesfeſt dein Wort, das heilge, feiert! Füͤrwahr! ein Schauſpiel iſt's, erhaben, ſüß und hehr, Für uns, Herr, wie für dich und für der Engel Herr, Daß, was vorübergeh'nd des Freylers Hand geſchändet, Berührt von deinem Geiſt, zu dir ſich wieder wendet; —-— 251— Daß laut es dir lobſingt mit feierlichem Ton, Im Herzen Liebe nur, wenn auf der Stirn auch Hohn! In ſolchen Baͤchen war's, mit ſolcherlei Gefälle, Daß ſeines Denkens Fluth fortſtrömte Well' auf Welle, Mit jedem Augenblick von Seufzern neu getrübt.— Die Nacht, die treu der Gram, wie eine Schweſter, liebt, Hatt, als er niederſtieg, mit Dunkel ſchon umgeben Die Welt;— und raſtlos riß das ungewiſſe Leben Fort dieſen Blutenden, es riß ihn blindlings fort Zu Dingen, harrend ſein an einem andern Ort! Fort riß es dieſe Stirn, drauf eine Seele zittert, — Die das Geſchick zerreißt, die, folgſam nnd erbittert, Des Klöpfels Schlag ertragt und ihrer Wunden Schmerz, Von Glaſe, wenn ſie ſeufzt, und wenn ſie trotzt, von Erz! d XXXIII. In der Kirche zu... 3 1. An Demuth war ſie reich und tief geſenkt von Chor, Die Kirch', in die wir ſchritten; Die ſeit Jahrhunderten manch' Herze ſchon erkohr, Vor Gott ſich auszuſchütten. V — — 255— Im Grau'n der Dämmerung traurig und ernſt war ſie; Die Scheiben glommen trübe. Der Altar, dienerlos, war ohne Flamme, wie Ein Herz, das ohne Liebe. Der Strophen ſcheue Flucht, die jeden Abend rein Sanct Paul ſonſt ließ erklingen, Sie hatten auf des Chors verlaßnen Stühlereih'n Geſenkt jetzt ihre Schwingen. und Er, der ſeine Gluth in jeden Buſen geußt und fortreißt jede Kehle, Nicht ließ er tönen mehr die Orgel, die, verwaist, Ein Leib ſtand ohne Seele. An jener Hand gebrach's, die durch den Tempel trug Des Wohllauts kräft'ge Schöne, Die nur ſo eben noch mit Herrſcherfingern ſchlug Der Claviatur Getöne; und lieblich, während ſich die Finger, nimmer laß, Bald ſenkten, bald erhuben, Entlang es rieſeln ließ, wie eines Schwammes Naß,⸗ Die macht'gen eh'rnen Tuben. Ja, tief im düſtern Schiff ſahn wir die Orgel ſtehn, Stumm, finſter von Geberde; Das einz'ge Seufzen ſie, der einz'ge Ruf ſie, den Zum Himmel ſchickt die Erde! — 25 6— Die einz'ge Stimme ſie, die mit ber Welle Schall Und mit der Waͤlder Klingen Hienieden murmeln kann ein Ahnen, einen Hall Von mehr als ird'ſchen Dingen! Und draußen mit der Flur ſchlief auch der Tempel ein; Nur flimmerte verloren Und einſam hier und dort der Lampe trüber Schein Tief in den Corridoren. Zuweilen nur durchzog ein Seufzen, ſchwer und tief, Die Sitze, dicht vergattert; Wie wenn in einem Forſt, der eben erſt entſchlief, Ein letzter Vogel flattert. Und jeden Augenblick im Dunkeln fühlte man Und ſah es an mit Trauern, 3 Wie etwas Herrliches und Reizendes verranne Im Schatten dieſer Mauern! Die Kirch' im Dämmerlicht, traurig und ernſt war ſie; Die Scheiben glommen trübe. Der Altar, dienerlos, war ohne Flamme, wie Ein Herz, das ohne Liebe. 3 Da neigte, wie ein Schiff, das untergeht im Sturm, Dein Haupt ſich, gramumzogen; Doch draußen in der Stadt umfluthete den Thurm Zahlloſer Stimmen Wogen. — und ihr Gerede war's, das freudig alſo ſcholl: „Des Lebens Wonnen winken; Die goldnen Becher uns, die ſüßen Weines voll! Laßt Andre Kelche trinken! Genießt! der Stunde Flug läßt uns zurück kein Pfand! Die Lampe zehrt vom Oele! Mit jedem Augenblick, ach! lockert ſich das Band, Das feſt hält Leib und Seele! Friſchweg das Beſte nehmt, was uns die Dinge weih'n! Greift zu mit keckem Triebe! Der Blume nehmt den Duft, der Traube nehmt den Wein, Dem Weibe nehmt die Liebe! Und was für Becher auch ihr leeret, leert ſie ganz! Des letzten Zephyrs Fächeln Verleid' euch erſt den Lenz! Verbraucht der Schönheit Glanz Bis auf ihr letztes Lächeln! ¹ Was unſre Sinne reizt, bis an ſein Ende ſei's Geſchlürft mit trunknem Toſen! Zumal ein Ding, das ſtirbt, o meine Freunde, weiß Oft trefflich zu liebkoſen! 17 — 258— Den Wein, der mich erfreut, lieb' ich am meiſten, ſeht! Des letzten Tropfens wegen! Grad' das Berauſchende des luſt'gen Trankes weht Aus ihm oft uns entgegen! 1 Warum uns werfen denn auf jede Wolluſt nur, Und ganz nicht ſie ergründen? Es kann ja nur, wer kühn des Meeres Grund befuhr, 1 Verborgne Perlen finden! Was denn wohl frommt es uns, wenn voll die Haͤnde ſind, Nach Neuem ſtets zu greifen? Was hilft es, athemlos, gleichwie ein rennend Kind, Bis an das Grab zu ſchweifen? Genießt mit Muße doch! Die Muße nur macht ſüß, Was uns das Glück gegeben! Wie einen Feuerbrand, den auf den Heerd man ſtieß, Laßt Funken ſprühn das Leben! Thut nicht, wie Thoren thun, die weinerlich im Joch Der Langenweile gähnen; Es reiften allezeit die ſchönſten Früchte noch Des Lachens ſchönen Zähnen! Traun, auch die Finſterſten beſudeln manchesmal Den Geiſt, wie wir, die lachen. Die Weiber und das Gold— ein Lächengn und ein Suas Kann weich ihr Herze machen!. Sie fallen oft, wie wir! Was dieſen Herben frommt Ihr Prunken und ihr Pochen? Der Wellen trotzigſte, wenn eine Klippe kommt, Sie wird wohl auch gebrochen! So zecht und jubelt denn! Es gibt der Luſt genug Vom Abend bis zum Morgen! Wohlauf, und breitet aus des Feſtes Tafeltuch, Das Leichentuch der Sorgen! Wohl muß die Traurigkeit zur Seite ſtets der Luſt Als finſtrer Schatten gehen; Doch wer der Sonne Glüh'n zuwendet Aug' und Bruſt, Wird nicht den Schatten ſehen! Daß die Verzweiflung einſt, daß einſt die Reue naht Nach unſern Trinkgelagen; Daß etwas Schwarzes ſtets uns folgt auf unſerm Pfad— Nun denn, was will es ſagen? Wir wiſſen's nicht!— Wohlauf! Was Schmerzen! Scheucht ſie fort, Wie mürriſch ſie auch lauern! Es thäte wahrlich Noth, wenn uns ein Kranz verdorrt, Die Roſen zu bedauern! und nennen will ich euch der wahren Güter Zahl! Zuerſt denn! was uns feiert! Was unſer Haupt umblitzt mit Krone, Lied und Strahl, Und es mit Duft verſchleiert! — 260— Und dann: die Gegenwart! Das Lachen, der Genuß, Die abhold trüben Schlüſſen! Ein Buſen, blendendweiß, vielleicht voll Ueberdruß, Der ſeufzt, und den wir küſſen! Das prächtige Banket, das funkelnd durch die Nacht Glanz und Getöſe ſendet, Aus vollen Bechern trinkt, zu Boden fällt und lacht, Von Fackeln ſchier geblendet!“ 3. Da, während ſo am Thurm der Stimmen Hall ſich brach, Die durch die Dämm'rung weh'ten, und riefen: Freude, Glück, Genuß und Stolz!— da ſprach Dein ſüßes Auge: Beten! 4 Sie redeten ganz laut, du aber ſagteſt leis: „O Gott, durch den ich lebe! Du gabſt mich Wankende hienieden Kämpfen Preis, Vor denen ich erbebe! Erbarme dich, o Herr! denn, ſieh'! mein Schiff zerbricht, Da Wetter es umgrauen! Wie für die Kinder, Herr! warum doch haſt du nicht Auch Engel für die Frauen? — 261— Ich weiß es, Gott, vor dir ſind unſre Tage Nichts! Nur du biſt ohn' Ermatten; Nur du biſt weſenhaft, voll Lebens und voll Lichts— Wir Andern gehn im Schatten! Ich weiß es. Aber, ach! in dieſes Schattens Bann Auch meinen Weg begehr' ich. Wird Jemand Rede ſtehn? Ich fleh', und warte dann! Erſt red' ich, und dann hör' ich! Doch Keiner kommt;— nur daß im truͤben Dämmerlicht Ich Schlingen rings muß ſchauen! Wie für die Kinder, Herr! warum doch haſt du nicht Auch Engel für die Frauen? O Herr! rings um mich her, was Menſchen glücklich macht— Des Heerdes traut Gekoſe, Der Hütte goldne Ruh', des Pallaſts Lärm und Pracht, Das Neſt'chen tief im Mooſe, Der Leuchtthurm, der durch's Land, daß er uns führe, blickt, Des Mitleids fromme Triebe, Sogar die Freundſchaft, achl die die uns die Rechte drückt, und, die ſie preßt, die Liebe: Ach, von dem Allen, Herr! iſt Nichts geblieben mir; Ich wein', o Herr! und kranke, Verworfen und verſchmäht in meinen Trümmern, ſchier Wie eine wilde Ranke! uUnd dennoch hab' ich Nichts der harten Welt gethan; Du weißt's, vor dem wir wandeln! Du weißt's! mit heit'rer Stirn darf deinem Throne nahn, Gerechter! all' mein Handeln! Mich drückt, was du mir gabſt, bis zu der Armen Heil Ich's um die Hälfte mindre. Um mich klagt Keiner, Herr! ich nehm' an Allen Theil! Ich duld', o Gott, und lindre! Ich habe deine Huld, ich habe deinen Haß Geſchmäht mit keinem Worte; Und wenn ich Einen ſah, der träumeriſch und laß— Ich wies ihm deine Pforte! Du weißt's!— und dennoch, Herr, naht mir der Helfer nicht! Wer trocknet meine Thränen? Mir zittert jeder Steg, und jede Stütze bricht, Daran ich mich will lehnen! Es ward vom Glücke nie mein Leben noch beſonnt; Du wollteſt es— ich ſchweige! Und zitternd, Strahl um Strahl, an meinem Horizont Geht alles Licht zur Neige! Es meidet, ach! ſogar die Fluth und Ebbe mich Des Dunkeln und des Hellen. Mit jedem Tage mehr ſenkt meine Seele ſich In düſtre Traumeswellen! — 263— Man ſagt, daß Herzen ſtets, die Grau'n der Nacht umgab⸗ Du gnädig aufgerichtet. Sei du mein Stab, o Herr! o Herr, ſei du mein Stab! Denn Alles wankt und flüchtet! und ich betrachtete, die ſo zum Herren ſchrie Aus bangen Finſterniſſen; Der heil'gen Stätte werth, und lieblich fand ich ſie In ihren Thranengüſſen; und redete zu ihr;— doch nicht geſchah es, um Die Weinende zu ſtoͤren, Falls Worte beſſrer Art im nächt'gen Heiligthum Sie möchte ſchallen hören; Denn, ob ſie alternd bleicht, ob jugendlich ſie glüht, Sei's Jubeln oder Klagen— Ein Altar, der ein Weib in ſeinen Grenzen ſieht, Hat ſtets ihr was zu ſagen! 6. „Du Liebliche, wirf ab, was dich erſeufzen macht! Warum noch immer weinen, Mit deinem Herzen du? Weib, ſinſter, wie die Nacht, Süß, wie des Frühroths Scheinen? — 264— Was! ob das Leben auch, die ungewiſſe Friſt, Dir, die du ohne Fehle Mit jedem Augenblick bereit zu brechen iſt— Haſt du nicht deine Seele? Die Seele, die vielleicht ſchon bald dich himmelwaͤrts In Gegenden wird tragen, Die höher, wahrlich, ſind, als jeder Erdenſchmerz, Als alle Erdenklagen! ⸗ Sei wie der Vogel du, der kühn auf ein bewegt Aeſtlein ſich ſetzt, zu ſingen; Der brechen fühlt den Zweig, und dennoch weiter ſchlägt, Wohl wiſſend, er hat Schwingen!“ XXXIV. Auf das erſte Platt eines Petrarca. Wenn Liebesflammen ſich in meine Seele ſenken; Wenn, der du Lauren einſt gefeiert, all' mein Denken, Dem kalten Pöbel fern, der Hohn dem Heilgen ſpricht, Wie eine Blume nun aus ſeiner Knospe bricht; Dein Buch ergreif' ich dann, das Himmelslüfte fächeln; Drin die Entſagung oft mit ihrem bittern Lächeln Sich Hand in Hand uns zeigt mit der Entzückung Gluth; Dein ſchönes Buch, in dem, wie die kryſtall'ne Fluth — 265— Rauſcht über goldnen Sand aus eignem, freiem Triebe, Auf ſo viel Poeſie hinrieſelt ſo viel Liebe! O Meiſter, deinem Quell nah' ich, und ſinne ſtill, Was deiner Töneſchaar Geheimniß ſagen will; Blume der Liebe, die, gehegt auf laub'ger Wieſe, Fünfhundert Jahre ſchon geduftet zu Vauclüſe! und während träumeriſch ich leſe— ſicherlich, Wer mich erſchauete, er ſähe lächeln mich! Denn, fern der Orgien, gleichwie des Markts Gedränge, Gehn deine züchtigen und edlen Klaggeſänge, Jungfrau'n mit blauem Aug' und lieblichem Profil, An mir vorüber, ach! und tragen deinen Styl, Der von Metaphern blitzt, hochſtirn'ge Kanephoren, Einher in des Sonetts gegrabenen Amphoren! XXXV. Auf alle Weiſe läßt der Andern Schwarm Sein Leben gehn, ſein Wünſchen, ſeine Seele. Alles in ihnen geht, wie es die Dinge, Die kommen, wollen; ohne die Idee Geht ihre That, und hauptlos geht ihr Fuß. Sie folgen ihren Traͤumen; folgen jeder Thür, die ſich öffnet, jedem Zug des Windes. Das Jetzt verſchlingt in ſeiner Kürze ſie. Sie waren nicht— ſie werden niemals ſein; — 266— Sie ſind, und weiter Nichts! Sie ſchwanken, zweifeln, Und— gehn! Der Wandrer folgt dem Pfade nicht! Das Eine hebt in ihnen durch das Andre Sich auf, der Ekel durch die Sinnenluſt, Das Ja durch's Nein, das Geſtern durch das Heute! Sie leben Tag um Tag, Gedanken um Gedanken— ach! und irre geht ihr Wünſchen. In ſeinen Maaßen hält ſie kein Accord; und wenn ſie denken, wie die Leidenſchaft Es ihnen eingibt eine Stunde— Nichts Dröhnt aus des Jenſeits dunkeln Fernen dann In die Ideen, die dieſer Stunde folgen! Für ihre matten und erloſchnen Herzen Hat, ach! die Liebe keine ſüßen Schmerzen; Für ſie iſt das Vergangne wurzellos, Und Blumen nicht birgt ihrer Zukunft Schooß. Doch du, die ſo viel Lichtes du ergießeſt Auf meine Seele; die du ſeit zwölf Jahren, Bald Weib, bald Engel, hier mich unterſtützteſt, Und dort mich hielteſt; die mit deinen Flügeln Du mich beſchirmteſt, und in deinen Armen Mir Ruhe gabſt— du, die du allezeit, Das Herz im Munde tragend, ſichtbar machſt, Wie ein lebendiges Symbol, den Augen Des Innern Ruhe durch des Aeußern Frieden, Des Geiſtes Liebreiz durch des Leibes Kraft, — 267— Die Güte durch die Freude, und(gleichwie Die Götter ſelbſt) die höchſte Tugend durch Die höchſte Schönheit!— du, mein Pol, mein Leitſtern, Indeſſen wir bei allen Dingen ſchwanken, Weißt du, daß jede Seele ihr Geſetz hat! In der iſt Alles heiter, ſtrahlend, treu; Du ſtörſt die Harmonie des Ganzen nicht, Und biſt, wie eine Sphäre in den Himmeln! In der erhält ſich Alles durch die Anmuth; Dein Geiſt vermahlt ſich lächelnd deiner Seele i und, ſieh'! Dein Leben, kennt es Thränen auch— Verborgen, wie ein ſeufzend Neſt im Walde, Wie eine Welle, die auf Mooſe klagt, Iſt es ein Wettgeſang von allem Süßen! Schönheit und Tugend, Lächeln, Flammenauge, Dein ganzes Weſen iſt zu Gott ein Hymnus! Sieht ſo vollkommen und ſo ſchon man dich, So glaubt man oft, ein Tönen, feierlich und ſüß, entwehe leiſe deinem Gang— Die Andern ſind Getöſe, du Geſang! XXXVI. Du, ſei geſegnet allezeit!— Eva, die keine Schlange meiſtert! Die, von der Tugend nur begeiſtert, Auf reinen Gipfeln ihr ſich weihyt! — 268— O Seele, fleckenloſe, reine, Die du die Flügel tauchſt in eine Geheimnißvolle, dunkle Fluth, Die einſam, in des Schweigens Hut, Erglänzt von prächt'gem Wiederſcheine! und weißt du, was der Dürftge ſpricht, Sieht er dich wandeln durch's Gefilde? —„Das iſt die Anmuthvolle, Milde, Die gern ihr Brod den Armen bricht! Sie neigt ſich über unſerm Pfühle, Sie ſendet unſern Schlafen Kühle; Sie macht, daß unſre Schmerzen fliehn! und ſüß aus ihrem Munde ziehn In Worten ihrer Bruſt Gefühle!“— Und weißt du, was die Wittwe denkt, Indeſſen ihre Zähren fließen? —„Ein guter Engel miſchet ſüßen Honig der Galle, die mich trankt. Wie Thau ſich ſenkt auf Blumenauen, So ihre Milde läßt ſie thauen Auf meinen Jammer, meinen Schmerz. Verſtanden hat ſich unſer Herz— Ich elend, ſie der Stolz der Frauen! Ihr fragt, ob ich es denn erfuhr, Daß ihre Luſt das Boͤſe meide?— — 269— „O, ihrem Antlitz iſt die Freude Das, was dem Himmel der Azur. Hat es ihr Blick doch auch geleſen, Daß dieſe Trauer, die mein Weſen Zerreißt, nur heil'gen Schmerz empfand. Wie meine Thränen ſie verſtand, So weiß ihr Lächeln ich zu löſen!“— Wenn ich die Waiſen nennen ſoll— O, wenn ich bei des Heerdes Glühen Nun deine Kinder auf den Knieen Verſammle, deines Herzens voll; Wenn ich vom Winter ihnen ſage, Vom Hunger, und der ſtillen Klage Der armen elternloſen Schaar, Die, kaum geboren, nackt und baar Vertrauern muß der Jugend Tage; O dann, indeß es ſeufzend ſchweigt, Das bange Hauflein deiner Kleinen, O, weißt du dann, was, feucht von Weinen, Ihr Auge ſagt, das Deinem gleicht? —„Die eure Eltern ihr begraben, O kommt, ihr Mädchen und ihr Knaben! Kommtl! bleibet bei uns für und für! Ihr Armen, alle ſollt, wie wir, Theil ihr an unſrer Mutter haben!“ und weißt du— ſenke nicht den Blick!— . Auch meines Herzens tiefſtes Meinen? —„O, ſie iſt ſanft! Ihr Mund weiſ't keinen Auch noch ſo bittern Trank zurück. O Nutter, der die Kinder gleichen, Du ſtrahlſt in meines Hauſes Reichen Auf meiner Stirne königlich. Die Stirn erliſcht und runzelt ſich, Doch nimmer wird die Krone bleichen!“— Du, deren Leidenſchaften ruhn, Du, über niedern Zorn erhaben, Du weißt nur Andre zu begaben, Du weißt kein Thun, als edel Thun! So auch, durchziehſt du meine Hallen, Nahſt du den Herzen von uns Allen, Die dir auf ewig unterthan. Es können ſtets von einem Schwan Nur weiße Federn niederfallen! XXXVII. An Fränlein Foniſe B. 1. Dem Jahre folgt das Jahr; ſie kommen und entſchweben. Sieh' da! ſchon wieder eins, das bald geſtorben iſt! Schon wiederum ein Punkt erreicht in unſerm Leben! Ein Winter wiederum, der unſre Lenze frißt! Die Zeit, ein Jahr, ein Tag— mit unbedachtem Munde Wirft es die Menge ſtumpf, wie andre Worte, hin! Und wenn ſie plötzlich nun erſchallen hört die Stunde, Wie Viele denn aus ihr verſtehen ihren Sinn? Es läßt ſich von der Zeit der Menſch von dannen raffen In ſchnöder Leidenſchaft, in üppigem Genuß, und glaubt, daß Beßres nicht der Ewige geſchaffen, Als Lachen und Banket, als Schönheit, Lied und Kuß! An ihm vorüber ſchwirrt die Zeit;— doch er, geblendet, Denkt ihres Fluges nicht im kerzenhellen Saal. Des Thoren! Tage ſind's, was thöricht er verſchwendet— Ein Anderer, als er, wird zahlen ihre Zahl! 1 und ſinnt er Ernſtes einſt in ſeiner Gaͤſte Reigen, Dann muß er, trunken ſelbſt in trunkner Zecher Schaar, Mit einem Male ſeh'n wie ſeine Stirn ſich neigen nn und ſich entblößen wird von Blumenkranz und Haar zu Wie er, was einſt ſein Ruhm, nun muß zu Grabe tragen; Wie Alles ihn getäuſcht; wie Nichts, ach! Stand ihm hält; und wie die ſtolze Fluth von ſeinen jungen Tagen, Dem Regenbache gleich, im Alter jetzo fällt. Dann ruft er wankend aus, und fragt ſich ſelber trübe: So ſchlürft' ich Alles denn, was mir ein Gott beſcheert? Mehr Wein für meinen Ourſt! für meinen Geiſt mehr Liebe! Wer iſt es, der zugleich mir Herz und Becher leert? Doch Nichts gibt Antwort ihm.— Und, ſeinem Schickſal fluchend, Schürt er vergebens, ach! mit bleicher, matter Hand, (In dem erloſchenen ſein Ich, das todte, ſuchend) Das Aſchenhauflein, die Vergangenheit genannt! 2. So gehen Alle wir!— Doch du, mit dieſem Glühen In deiner Seele, ſprichſt:— Seis! laß die Zeit entfliehen, Wie einen wüſten Traum!— Du wankſt und zitterſt nicht, ob auch von hinnen trage Ein ew'ger Wirbelwind die Menſchen und die Tage, Durchbrauſend Zeit und Raum! und dieß, weil ſich dein Geiſt zu dem, was fortlebt, wandte! Auf Note, wie auf Buch, auf Mozart und auf Dante — 273— Neigt ſich dein ernſtes Haupt! Du liebſt es, deinen Geiſt im Ewigen zu ſpiegeln; Nichts deſſen, was die Zeit fortträgt auf ihren Flügeln, Hat deinem ſie geraubt! Oft, wenn der Geiſt dich treibt und dir ertheilt Befehle, Strömt eine Gluthmuſik aus deiner vollen Seele, Boll trunkner Siegesluſt; Sie ſäuſelt ſüßer, als das Säuſeln von Zephyren; Wie Leiern läſſet ſie erklingen und vibriren Die Fibern unſrer Bruſt! In dieſer ernſten Zeit, wo Jedem Blitze dräuen, Wo die entſetzte Welt, erzitternd und mit Schreien, Sich windet wie ein Wurm, Haſt du, indeſſen es auf allen Stirnen dunkelt, Dir eine Heiterkeit erworben, welche funkelt Voll Ruhe durch den Sturm! O du, ſei immer ſo! ſei meines Hauſes Leben! Sei du der Mittelpunkt, um den wir Alle ſchweben;“ Die Schweſter, die uns ſchützt! O du, an Rachſicht reich, und, ach! ſo arm an Tadel! Du, ernſt, und ſanft, und weich! Du, deren Seelenadel Auf ihrer Stirne blitzt! Denn, daß man unverletzt der Seele Schönheit hüte, und um das Herze ſich, Mann oder Weib, mit Güte 18 — 274— Zu füllen immerdar, Iſt dir, was Heiligſtes und Beſtes man hienieden, Nächſt Gott, betrachten kann, du Süße, ja beſchieden: Ein Vater, weiß von Haar! XXXVIII. Daſs wir den Bweifel in uns haben. An Fräulein Louiſe B. Des Menſchen Inn'res— weim um unſre Wunde! Zeigt uns ein düſtres Bild zu dieſer Zeit. Von einer Schlange wird der Born entweiht; unglaube kriecht auf unſrer Seelen Grunde. Du, die kein höhniſch Lächeln hat, wenn ſchwach Die Seele zagt, und in der Irre ſteuert; Die heiter lebt und achtſam und verſchleiert, Mann dem Gedanken, Weib dem Herzen nach: Willſt du, die Muſe, mich, den Dichter, fragen, Warum in Träumen meine Tage fliehn, Warum Gewölke meine Stirn umziehn, Warum mein Leben finſtre Stürme ſchlagen; Warum ich oft, zu faſſen ſeinen Sinn, Den Wind belauſche, wie er brauſet und flötet; Warum ich manchmal, eh' der Oſt ſich rothet, Eh' noch die Vögel ſingen, wach ſchon bin; und dann, warum ich ſinnend manche Strecke, Als wär's ein Pallaſt, durch des Nebels Grau'n Im Thale ſchweife, wechſelnd zu beſchau'n Den Blumenteppich und die Sternendecke? Dann ſag' ich dir, daß mich ein Dämon beugt, Vor dem ich zitternd in die Wälder flüchte; Ein Mittelding von Schatten und von Lichte; Der Zweifel, ach! der Alles halb uns zeigt! Dann ſag' ich dir, daß in mir dem Bedurfniß, Zu glauben, frech ſich die Verneinung eint! Hohn lacht mein Geiſt, indeß mein Herze weint— Sie leben, ach! in ewigem Zerwürfniß! Du ſiehſt mich auch ganz leiſe reden oft; Dem Bettler gleich' ich, murmelnd arge Worte, Der träumeriſch vor feſt verſchloßner Pforte umſonſt auf Einen, der ſie öffnet, hofft. Der Zweifel! Siehe, wie mit Glutgefunkel Allüberall, in blut'ger Flammenſchrift, 4 Das düſtre Wort mein düſtres Auge trifft, Den Blcken ſichtbar, doch den Seelen dunkel!— 18* — 276— So aber will es unſer heißes Blut! Nicht deine Ruh' erreichen unſre Flüge; Sieh', unſrer Kindheit blutbeſpritzte Wiege Schwamm auf der Revolutionen Fluth. Was unſre Stirne feurig auch erſtrebte— Jetzt iſt ſie bleich und ohne Keime ſchier. In uns den faulen Leichnam tragen wir Des Glaubens, der in unſern Väatern lebte! Sieh' da, warum ich ſinnend wandeln muß, Warum ich lauſche mit verſchloßnem Munde, und einſam ſchweife um die düſtre Stunde, Wo fremd dem Wandrer klingt des Wandrers Gruß! O, laſſe Niemand ſich die Liebe rauben! Beglückt die Seele, die noch lieben kann! Ihr ſtrahlt die Lampe, bis der Tag bricht an— Heil ihr, denn Lieben iſt ſchon halbes Glauben! — 277— XXXIX. Nute lil i a. O, wenn ein Weib ihr ſeht auf Erden irgendwo, Von offner, reiner Stirn, von Auge ſanft und froh, Wenn ihr ſie wandeln ſeht in ihrer Kinder Mitte— Vier ſind's, und ungewiß noch ſind des Kleinſten Schritte!— Wenn ihr, nah'n Dürftige, es ſehet, wie bewegt In ihres Jüngſten Hand ſie eine Gabe legt; O, wenn, indeſſen ſie ſich draußen wild erhitzen Um einen Namen, ernſt ein Weib ihr ſehet ſitzen, Die lauſcht, und endlich ſagt:— Erſt Prüfung, dann Gericht! Wen, auch aus unſrer Zahl, beſchuldigte man nicht? Zu leicht entwürdigt man, was ſtrahlt durch Kraft und Adel; Das Lob iſt ohne Fuß, und Flügel hat der Tadel!— O, wenn,(führt in die Stadt der Todten euch einmal Zufall, Erinnerung, vielleicht auch inn're Qual!) Ein Weſen, anmuthvoll und ſüß, ihr ſehet beten Auf einer Gruft, zu der ein Pfad geht, ſtark betreten; Wenn ihr's, auch hier der Schaar der Kindlein treu vereint, Mit Laͤcheln weinen ſeht, wie man im Himmel weint; Wenn, wie ein voll Gefaß man ſiehet überfließen, Schmerz und Entzückung ſich aus dieſer Bruſt ergießen; Wenn als ein Engel ſie daſteht, des Ird'ſchen baar; Wenn, heil'ger Thranen voll, ihr Auge, keuſch und klar, — 278— Gen Himmel öfter ſchaut, als auf das Grab ſich ſenket, und doch zurück dann kehrt ſo ſchmerzlich, daß man denket, Es machen ſtreitig ſich ihr Herz, in bittrer Wahl, Die Mutter, die bei Gott, und hier der Kindlein Zahl; Wenn, um die Oſterzeit, durch aller Kirchen Chöre Geweihte Kerzen ſprühn zu des Erſtandnen Ehre; Wenn Duftgewölk entquillt dem Weihrauchfaß, wie kaum Aus voller Kelter ſpritzt der Traube weißer Schaum; Wenn mitten im Gebraus der heil'gen Lobgeſänge Sich eine Seel' erhebt aus dieſer Seelen Menge; Wenn ihr, den Feuern fern, den Stimmen und der Pracht, Voll Huld ſich neigen ſeht in eines Bogens Nacht, An einer Niſche Fuß, im Schatten einer Mauer, Auf junger Stirnen vier ein Auge, voll von Trauer; Ein Auge, drin der Blick der Jungfrau lächelnd ſich Dem Zlick der Mutter miſcht, ſo ſüß als feierlich; 3 1... 8 O, ſegnet ſie, wer auch ihr ſeid! Denn meiner Seele Sichtbare Schweſter iſt's! Ein Weſen ohne Fehle! Mein Hoffen und mein Stolz! mein Hafen und mein Halt! Dach meiner Jugendzeit, zu dem mein Alter wallt! Sie iſt's! die Tugend, die das Haupt mir will bekranzen; Das Alabaſterbild in meines Hauſes Gränzen; Der Baum, der liebend mich auf meiner Bahn erfreut Mit Früchten manchesmal, mit Schatten allezeit; Das Weib, die glücklich nur, wenn meine Augen ſcheinen; Die, wenn wir wanken oft, ich oder ihre Kleinen, — 279— Kein Strafwort, keinen Blick verlierend, mildiglich Sie mit der Rechten hält, und mit dem Herzen mich; Die, wenn ich ſinnend mich dem Böſen hingegeben, Einzig mich ſtrafen kann und einzig mir vergeben; Die treu mich warnet vor, und tröſtet nach dem Fall; Zu der ich: Ewig! ſprach, wie ſie ſprach: Ueberall! Mit Einem Worte: Sie! Mein Alles! Eine Blüthe Der Schönheit, der als Duft gegeben ward die Güte! Geheimnißvoller Bund gedoppelter Natur: Irdiſch die Blüthe, doch der Duft vom Himmel nur! —— fff mmfff fffffffffffffn