ihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Oftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und LCeſebedingungen. 1. Ofrensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Ühr bis Abends 8 Uhr offen. 2 Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 1 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme ☛*☛ hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird.. 1 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt:. für wöchentlich auf 1 Monat: 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —uen——— 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 6. Schadenersatz. 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Druck und Verlag von Johann David Sauerländer⸗ Vorrede des Verfaſſers. 1822. Die erſte Ausgabe dieſer Oden wurde durch die fol⸗ genden Betrachtungen eingeleitet: 3 „Der Bekanntmachung dieſes Buches liegen zwei Intentionen zum Grunde, die literariſche und die poli⸗ tiſche; doch, der Meinung des Verfaſſers nach, iſt die letzte Folge der erſten; denn die Geſchichte zeigt uns keine Poeſie, die nicht von der Höhe monarchiſcher Ideen und religiöſer Glaubensanſichten gerichtet würde.“ „Man wird in der Anordnung dieſer Oden eine Eintheilung bemerken können, welche nichts deſtoweniger des kunſtgerechten Zuſchnitts ermangelt. Es ſchien dem Verfaſſer, daß die Bewegungen einer Seele für die Poeſie nicht minder fruchtbar wären, als die Revolutionen eines Reiches.“ „⸗Uebrigens kennt das Gebiet der Poeſie keine Gren⸗ zen. Unter der realen iſt eine ideale Welt verborgen, welche glänzend vor's Auge derer tritt, die ſich durch — VI— ernſte Betrachtungen gewöhnten, in den Dingen mehr als die Dinge zu ſehen. Die ſchönſten Werke der Dicht⸗ kunſt jeglicher Gattung, in Verſen und in Proſa, welche unſerm Jahrhundert zur Ehre gereichen, haben die vor⸗ her kaum geahnete Wahrheit enthüllt, daß die Poeſie nicht in der Form der Ideen, ſondern in den Ideen ſelbſt beſteht. Die Poeſie iſt Alles, was es Tiefes in Allem gibt.“ „Heute iſt es dem Verfaſſer wohl erlaubt, dieſen wenigen Zeilen einige andere Bemerkungen über den Zweck hinzuzufügen, welchen er, als er dieſe Oden ſchrieb, vor Augen hatte. Ueberzeugt, daß jeder Schriftſteller, in welcher Sphäre auch ſein Geiſt ſich bewege, es ſich vor Allem angelegen ſein laſſen müſſe, Nutzen zu ſtiften, und in der Hoffnung, daß man ihm, in Rückſicht auf eine ehren⸗ werthe Intention, das Gewagte ſeiner Verſuche verzeihen werde, hat er ſich bemüht, einige derjenigen großen Erinnerungen unſrer Epoche zu feiern, welche der Nach⸗ welt zur Lehre gereichen können. Er hat, um dieſe Er⸗ eigniſſe zu verherrlichen, die Form der Ode gewählt, weil ſie es war, in der ſich ehemals die Inſpirationen der erſten Dichter den erſten Völkern mittheilten. Inzwiſchen ſchien die franzöſiſche Ode, welcher man allgemein Kälte und Monotonie vorwirft, wenig geeignet zur Wiederaufzeichnung deſſen, was die letzten dreißig Jahre unſrer Geſchichte Rührendes und Schreckliches, — VII— Düſtres und Glänzendes, Ungeheueres und Wunderbares darbieten. Der Verfaſſer dieſer Auswahl dachte über dieſes Hinderniß nach, und glaubt entdeckt zu haben, daß dieſe Kälte nicht in dem Weſen der Ode, ſondern einzig in der Form, welche die lyriſchen Dichter ihr bis⸗ her gegeben haben, ihren Urſprung hat. Es ſchien ihm, daß die Urſache dieſer Monotonie in dem Mißbrauch der Apoſtrophen, der Exklamationen, der Proſopopöen und andrer heftigen Figuren zu ſuchen wäre, die man in der Ode verſchwendete; die, zu häufig angewandt, die Gluth in der Bruſt des Leſers tödten, ſtatt ſie, was doch ihr Zweck iſt, zu beleben; die betäuben, ſtatt zu bewegen. Er dachte alſo, daß, wenn man den Gang der Ode mehr in die Ideen, als in die Worte legte; daß, wenn man außerdem ihr Gebäude auf irgend eine, dem Gegenſtand anzupaſſende Fundamentalidee gründete, deren Entwick⸗ lung ſich in allen ihren Theilen auf die Entwicklung des Ereigniſſes ſtützte, welches ſie, den verbrauchten und falſchen Farben der heidniſchen Mythologie die neuen und wahren der chriſtlichen Theogonie ſubſtituirend, erzäh⸗ len würde— er dachte, daß man, wenn alles dieß geſchähe, auf die Ode etwas von dem Intereſſe des Dramas übertragen, und ſie außerdem jene herbe, trö⸗ ſtende und religiöſe Sprache reden laſſen könnte, welche einer alt gewordenen, aus den Saturnalien des Atheis⸗ mus und der Anarchie wankend hervorgehenden Geſell⸗ ſchaft Noth thut. — VII— Dieß iſt es, was der Verfaſſer dieſes Buches ver⸗ ſucht hat, ohne ſich übrigens mit einem günſtigen Erfolg zu ſchmeicheln; dieß, was er vor der erſten Ausgabe jeiner Sammlung nicht äußern konnte, aus Furcht, daß man die Darlegung ſeiner Doctrinen für eine Verthei⸗ digung ſeiner Werke nehmen möchte. Jetzt, wo ſeine Oden die Feuerprobe des Drucks beſtanden haben, kann er den Leſern die Jee, welche ſie ihm eingab, und die er bereits die Genugthuung hatte, wenn auch nicht gebil⸗ ligt, doch wenigſtens theilweiſe verſtanden zu ſehen, mit⸗ theilen. Was er übrigens vor Allem wünſcht, iſt, daß man ihn nicht für ſo anmaßend halten möge, eine Bahn brechen oder eine Genre ſchaffen zu wollen. Die meiſten Ideen, welche er eben ausgeſprochen hat, gelten für die in der Sammlung behandelten hiſto⸗ riſchen Vorwürfe; doch wird der Leſer, ohne weiterer Fingerzeige zu bedürfen, auch in dem Uebrigen denſelben literariſchen Zweck und ein ähnliches Syſtem der Kom⸗ poſition entdecken können.. Man endigt hier dieſe vorläufigen Bemerkungen, deren Entwicklung einen Band erfordern würde, und auf die man vielleicht nicht achtet. Gleichviel! Immer muß man ſprechen, als ſollte man gehört werden, ſchrei⸗ ben, als ſollte man geleſen werden, und denken, als ſollte man Stoff zum Denken geben. —— Norrede. 1824. Neue Beweiſe für oder gegen das, von dem Ver⸗ faſſer dieſer Poeſieen an einem andern Orte*) aufgeſtellte Syſtem lyriſcher Kompoſition!— Nur mit großem Miß⸗ trauen legt er ſie Männern von Geſchmack zur Prüfung vor; denn wenn er auch nicht an der Richtigkeit von Theorieen zweifelt, welche aus gewiſſenhaften Studien und raſtloſem Nachdenken hervorgingen, ſo traut er doch ſeinem Talente auf der andern Seite ſehr wenig. Er bittet alſo die Erleuchteten, das Urtheil, welches ſie ohne Zweifel mit Grund gegen ſeine poetiſchen Verſuche aus⸗ ſprechen werden, nicht auch auf ſeine literariſchen Doc⸗ trinen auszudehnen. Iſt nicht Ariſtoteles unſchuldig an den Tragödien des Abbé d'Aubignac? Inzwiſchen hat er, trotz ſeiner Obſcurität, ſchon den Schmerz gehabt, ſeine literariſchen Principien, die er über jeden Vorwurf erhaben glaubte, verläumdet, oder **) Siehe die vorhergehende Vorrede. wenigſtens ſchlecht gedeutet zu ſehen. Dies beſtimmt ihn heute, dieſer neuen Sammlung eine einfache und auf⸗ richtige Erklärung mit auf den Weg zu geben, durch die er ſich vor jedem Verdacht der Ketzerei in dem Streite, welcher das literariſche Publikum gegenwärtig in zwei Hälften theilt, ſicher zu ſtellen hofft. In der Literatur, wie im Staate, gibt es jetzt zwei Parteien, und es hat den Anſchein, als ob der poetiſche Krieg nicht minder hitzig geführt werden ſollte, als der geſellſchaftliche. Die beiden Heere ſcheinen begieriger auf's Schlagen, als auf's Unterhandeln zu ſein. Sie beſtehen hartnäckig darauf, nicht dieſelbe Sprache reden zu wollen; kein Wort geht über ihre Lippen, als nach innen die Loſung, als nach außen das Feldgeſchrei;— das iſt nicht das Mittel, ſich zu verſtändigen. Nichts deſtoweniger haben ſich ſeit einiger„Zeit ver⸗ ſchiedene Stimmen von Bedeutung unter den Rufern der beiden Heere erhoben. Zwiſchen die beiden Schlacht⸗ linien haben ſich mit weiſen Worten Vermittler geſtellt. Vielleicht werden grade ſie zuerſt geopfert werden, aber das macht nichts aus! In ihren Reihen will der Ver⸗ faſſer dieſes Buches einen Platz einnehmen, ſollte er auf demſelben auch beſchämt daſtehen müſſen. Er wird, wenn auch nicht mit derſelben Autorität, doch wenigſtens mit derſelben Redlichkeit ſeine Erörterungen anſtellen; wohl wiſſend, daß die ſeltſamſten Beſchuldigungen, die wunder⸗ lichſten Anklagen ſeiner warten. In der Verwirrung, —— worin ſich die Gemüther befinden, iſt Reden gefährlicher noch, als Schweigen; wenn es ſich aber darum handelt, Licht zu geben und zu empfangen, ſo muß man ſehen, wo die Pflicht, und nicht, wo die Gefahr iſt; er ergibt ſich alſo in ſein Schickſal. Ohne Bedenken wird er die gefürchtetſten Fragen verhandeln; und wie das theba⸗ niſche Kind wird er die Löwenhaut zu ſchütteln wagen. Zuerſt denn, um dieſer unparteiiſchen Diskuſſion, in der er das Licht mehr ſucht, als bringt, einige Würde zu geben, verwirft er alle dieſe conventionellen Kunſt⸗ wörter, welche ſich die Parteien gegenſeitig wie leere Bälle zuwerfen, dieſe Zeichen ohne Bedeutung, dieſe Ausdrücke ohne Ausdruck, dieſe leeren Worte, die Jeder nach dem Bedürfniß ſeines Haſſes oder ſeiner Vorur⸗ theile auslegt, und die nur denen als Gründe dienen, welche keine Gründe haben. Was ihn betrifft, ſo weiß er wirklich nicht, was klaſſiſches und was roman⸗ tiſches Genre ſagen will. Der Meinung einer geiſt⸗ reichen Frau zufolge, welche das Wort romantiſche Literatur zuerſt in Frankreich ausgeſprochen hat, trifft dieſe Eintheilung mit den beiden Haupt⸗Aeren der Welt, mit der, welche der Stiftung des Chriſtenthums vorausging, und mit der, welche ihr folgte, zuſammen*). Dieſe Erklärung buchſtäblich genommen, müßte das ver⸗ *) De 1'Allemagne, — XII— lorene Paradies ein klaſſiſches, und die Hen⸗ riade ein romantiſches Gedicht ſein; indeſſen ſcheint es nicht, daß die beiden von Frau von Staël gebrauch⸗ ten Ausdrücke jetzt in dieſem Sinne verſtanden werden. In der Literatur, wie in allem Andern, gibt es nur ein Gut und ein Böſe, ein Schön und ein Häßlich, ein Wahr und ein Falſch. Nun iſt aber(ohne hier Ver⸗ gleichungen anſtellen zu wollen, welche der Beſchränkung und der Entwicklung bedürften) das Schöne*) bei Shakſpeare eben ſo klaſſiſch(wenn klaſſiſch ſo viel ſagen will, als, werth: ſtudirt zu werden) als das Schöne bei Racine, und das Falſche bei Voltaire eben ſo romantiſch(wenn romant iſch gleichbedeutend mit ſchlecht iſt), als das Falſche bei Calderon. Es ſind dies welche von den naiven Wahrheiten, welche eher Pleonasmen, als Axiomen gleichen; wie tief iſt man aber nicht genö⸗ thigt ſich herabzulaſſen, wenn man den Eigenſinn über⸗ zeugen und die Falſchheit aus der Faſſung bringen will? Man wird hier vielleicht einwenden, daß die beiden Loſungsworte ſeit einiger Zeit wieder in einer andern Bedeutung genommen werden, und daß gewiſſe Kritiker übereingekommen ſind, mit dem Namen klaſſiſch von nun an jedes Geiſteserzeugniß zu beehren, welches älter iſt, als unſere Epoche, während ſie das Epithet roman⸗ — ʃ———— *) Es iſt unnütz, zu erklären, daß dieſes Wort hier in ſei⸗ ner ganzen Ausdehnung gebraucht wird. — m— tiſch ausſchließlich der, mit dem neunzehnten Jahrhun⸗ dert wachſenden und ſich entfaltenden Literatur aneignen. Ehe man unterſucht, in wiefern dieſe Literatur Eigen⸗ thum unſeres Jahrhundertes iſt, wirft man die Frage auf, wodurch ſie eine ausnahmsweiſe Bezeichnung verdient oder veranlaßt haben kann. Es iſt anerkannt, daß jede Literatur ſich mehr oder weniger nach dem Himmel, den Sitten und der Geſchichte des Volkes ausprägt, deren Ausdruck ſie iſt. Es gibt alſo eben ſo viele verſchiedene Literaturen, als es ſociale Vereine gibt. David, Homer, Virgil, Taſſo, Milton und Corneille, dieſe Männer, deren Jeder eine Poeſie und eine Nation repräſentirt, haben Nichts gemein mit einander, als das Genie. Jeder von ihnen hat in ſeinem Lande und in ſeiner Zeit die öffentliche Idee ausgeſprochen und befruchtet. Jeder von ihnen hat für ſeine ſociale Sphäre eine Welt von Ideen und Empfindungen geſchaffen, welche der Bewegung und Ausdehnung dieſer Sphäre angepaßt war. Warum alſo mit einem vagen Collektivnamen Schöpfungen zuſammen⸗ faſſen, die, wiewohl alle von Einer Seele, der Wahrheit, beſeelt, ſich dennoch in ihren Formen, in ihren Elemen⸗ ten und in ihren Naturen unähnlich und oft entgegen⸗ geſetzt ſind? Wozu ferner der bizarre Widerſpruch, einer andern Literatur(wieder ein mangelhafter Aus⸗ druck für eine noch nicht geſchloſſene Epoche!) die Ehre oder den Schimpf einer gleich vagen, aber ausſchließ⸗ lichen Benennung zuzugeſtehen, die ſie von den ihr vor⸗ —— angegangenen Literaturen trennt? grade, als ob ſie nur in der andern Schale der Wage gewogen werden könnte! als ob ſie nur auf der Rückſeite des Buches eingeſchrie⸗ ben werden ſollte? Warum nennt ihr ſie romantiſch? Weil ihr eine in die Augen fallende und innige Bezie⸗ hung zu der Romaniſchen Sprache in ihr entdeckt habt? Dann erklärt euch! laßt uns den Werth dieſes Allegats unterſuchen! zeigt zuerſt, daß es gegrün⸗ det— es bleibt euch dann noch zu beweiſen übrig, daß es nicht unbedeutend iſt.. Man hütet ſich indeß heute wohl, ſich von dieſer Seite in eine Unterſuchung einzulaſſen, die nur den ridiculus mus zur Welt bringen könnte; man will dem Wort romantiſch eine gewiſſe phantaſtiſche und nicht zu erklärende Unbeſtimmtheit laſſen, die den Schrecken, welchen es einflöſ't, verdoppelt. Ohnehin laſſen ſich alle, gegen berühmte Schriftſteller und Poeten unſerer Zeit geſchleuderte, Bannflüche auf folgende Argumentation zurückführen:—„Wir verdammen die Literatur des neunzehnten Jahrhunderts, weil ſie romant iſch iſt.. Und warum iſt ſie romantiſch?— Weil ſie die Literatur des neunzehnten Jahrhunderts iſt!“— Man wagt hier zu behaupten, daß, nach reiflicher Prüfung, die Evidenz dieſes Raiſonnements nicht ſchlechterdings undeſtreitbar ſcheint. Laſſen wir endlich dieſe Wortfrage ruhen, welche nur den oberflächlichen Geiſtern genügen kann, deren — IVv— lächerliche Arbeit ſie iſt! Laſſen wir es ruhig geſchehen, daß die Proceſſion der Rhetoren und der Pädagogen gravitätiſch klares Waſſer in das leere Faß trägt! Wün⸗ ſchen wir langen Athem allen dieſen armen nach Luft ſchnappenden Siſyphuſſen, welche raſtlos ihren Stein den Berg hinan wälzen! Palus inamabilis unda Alligat, et novies Styx interfusa coercet. Gehen wir vorüber, und wenden uns zu Sachen; denn der frivole Zank der Romantiker und der Klaſſiker iſt nur die Parodie einer wichtigen Discuf⸗ ſion, welche in dieſem Augenblick die beſten Köpfe beſchäf⸗ tigt. Verlaſſen wir alſo die Batrachomyomachie für die Iliade! Hier können die Gegner wenigſtens hoffen, ſich zu verſtändigen, weil ſie deſſen würdig ſind. Zwi⸗ ſchen den Mäuſen und den Fröſchen beſteht eine unbe⸗ dingte Feindſchaft, während Achill und Hector durch gleichen Adel und gleiche Größe in inniger Bezieyung zu einander ſtehen. Das muß man zugeben: eine große und tiefe Be⸗ wegung arbeitet im Innern der Literatur dieſes Jahr⸗ hunderts. Einige ausgezeichnete Männer wundern ſich darüber, und doch iſt an der ganzen Sache nichts Ver⸗ wunderliches, als eben ihre Verwunderung. In der That, wenn nach einer politiſchen Revolution, welche die Ge⸗ ſellſchaft in allen ihren Gipfeln und in allen ihren Wur⸗ — VI— zeln erſchüttert, welche keinen Ruhm und keine Schande unangetaſtet gelaſſen, welche Alles entzweit und Alles vermiſcht hat, ſo zwar, daß ſie das Blutgerüſt im Schatten des Zeltes aufſchlug und das Beil in die Hut des Schwer⸗ tes gab; in der That, wenn nach einer entſetzlichen Be⸗ wegung, welche Nichts im Herzen der Menſchen zurück⸗ ließ, was ſie nicht empört, und Nichts in der Ordnung der Dinge, dem ſie nicht eine andere Stelle gegeben hätte; in der That, ſagen wir, wenn nach einem ſo wunderbaren Ereigniß keine Aendrung im Geiſt und im Charakter eines Volkes ſich zeigte, müßte man nicht grade dann erſtaunen, und mit einem Erſtaunen ohne Grenzen erſtaunenn...— Hier tritt uns ein ſchein⸗ harer und bereits durch Männer von Talent und Anſehen mit achtbarer Ueberzeugung entwickelter Einwurf entgegen. Eben drum, ſagen ſie, weil dieſe literariſche Revo⸗ lution das Reſultat unſerer politiſchen Revolu⸗ tion iſt, beklagen wir ihren Triumph, verdammen wir ihre Werke.— Dieſe Folgerung ſcheint uns unrichtig. Die gegenwärtige Literatur kann zum Theil das Reſul⸗ tat der Revolution ſein, ohne daß ſie deßwegen der Ausdruck derſelben wäre. Die Geſellſchaft ſo wie ſie durch die Revolution ſich darſtellte, hat ihre Literatur gehabt, fürchterlich und abgeſchmackt, wie die Revolution ſelbſt. Beide ſind mit einander geſtorben, und werden nicht wieder lebendig werden. In die Inſtitutionen, wie in die Wiſſenſchaften, kehrt die Ordnung zurück. Die — XVII— Religion heiligt die Freiheit; wir haben Bürger. Der Glaube reinigt die Einbildungskraft; wir haben Dichter. In Allem zeigt ſich die Wahrheit wieder, in den Sitten, in den Geſetzen, in den Künſten. Die neue Literatur iſt wahr. Und was macht es aus, wenn ſie auch das Re⸗ ſultat der Revolution iſt? Iſt die Ernte weniger ſchön, weil ſie auf dem Vulkan zur Reife gedieh? Welche Beziehung findet ihr zwiſchen den Laven, die euer Haus verzehrten, und der Kornähre, die euch ernährt? Die größten Dichter der Welt ſind nach großen öffentlichen Drangſalen aufgetreten. Ohne von den, ſtets von vergangenem oder zukünftigem Unglück inſpirirten, heiligen Sängern zu reden, ſehen wir Homer nach dem Falle Troja's und den Cataſtrophen von Argos, ſehen wir Virgil nach dem Triumvirat erſcheinen. Mitten in die Kämpfe der Guelfen und Ghibellinen geworfen, war Dante in die Acht erklärt, ehe er Dichter war. Milton träumte ſeinen Satan neben Cromwell. Corneille trat nach dem Morde Heinrich's IV. auf. Racine, Molière, Boileau hatten Theil an den Stürmen der Fronde genom⸗ men. Nach der franzöſiſchen Revolution erhebt ſich Cha⸗ teaubriand, und das Gleichgewicht iſt unverletzt geblieben. Und ſtaunen wir nicht über dieſe merkwürdige Ver⸗ bindung zwiſchen den großen Epochen der Politik und den ſchönen der Literatur! In dem düſtern und Ehr⸗ furcht gebietenden Gange der Ereigniſſe, durch welche ſich die Gewalt üher uns den Gewalten hienieden offen⸗ ** — XVIII— bart, in der ewigen Einheit ihrer Urſachen, in dem feier⸗ lichen Akkord ihrer Reſultate liegt etwas die Seele tief Erſchütterndes! Was es Erhabenes und Unſterbliches im Menſchen gibt, fährt bei'm Geräuſch aller dieſer wunderbaren Stimmen, welche den Herrn verkündigen, wie erſchreckt aus dem Schlafe auf. Lange hört der Geiſt der Völker das geheimnißvolle Wort, welches in den Finſterniſſen Zeugniß gibt, von Cataſtrophe zu Cataſtrophe wiederhallen Admonet, et magna testatur voce per umbras. Einige erwählte Seelen nehmen dieſes Wort in ſich auf, und ſtärken ſich mit ihm. Wenn es aufgehört hat, in den Begebenheiten zu donnern, ſo laſſen ſie es in ihren Begeiſterungen blitzen, und auf dieſe Weiſe pflanzen ſich die Lehren des Himmels durch Geſänge fort. Dies iſt die Sendung des Genies; ſeine Erkohrenen ſind die vom Herrn auf die Mauern Jeruſalem's be⸗ ſtellten Wächter, die den ganzen Tag und die ganze Nacht nimmer ſtille ſchweigen ſollen. Die Literatur unſerer Tage, ſo wie ſie die Chateau⸗ briand, die Staöél, die Lamennais geſchaffen haben, gehört alſo in nichts der Revolution an. Ebenſo, wie die ſophiſtiſchen und zügelloſen Schriften eines Voltaire, eines Diderot und eines Helvetius im Voraus der Aus⸗ druck der geſellſchaftlichen Neuerungen waren, welche in der Abgelebtheit des letzten Jahrhunderts ſich entwickelten, ebenſo iſt die jetzige Literatur, welche man auf der einen Seite mit ſo viel Inſtinct und auf der andern mit ſo wenig Scharfſinn angreift, der anticipirte Ausdruck der religiöſen und politiſchen Geſellſchaft, welche aus ſo vielen alten Trümmern und ſo vielen neuen Ruinen ohne Zweifel hervorgehen wird. Man muß es ſagen und wie⸗ der ſagen: kein Bedürfniß des Neuen quält die Geiſter, ſondern ein Bedürfniß des Wahren, und es iſt uner⸗ meßlich. Dieſes Bedürfniß zu befriedigen, iſt die Tendenz der meiſten beſſern Schriftſteller der Epoche. Der Ge⸗ ſchmack, welcher in der Literatur eben nichts Anderes, als die Autorität iſt, hat ſie gelehrt, daß ihre Werke, wie dem Weſen, ſo auch der Form nach wahr ſein müſ⸗ ſen, und durch Befolgung dieſer Lehre haben ſie die Poeſie einen Schritt vorwärts thun laſſen. Die Schrift⸗ ſteller anderer Völker und Zeiten, ſelbſt die bewunderns⸗ würdigen Dichter des großen Jahrhunderts, haben, in der Ausführung, nur zu häufig das Prinzip der Wahr⸗ heit vergeſſen, wodurch ſie ihr Gedicht in's Leben riefen. In ihren ſchönſten Stellen findet man häufig Einzeln⸗ heiten, welche von, dem Gegenſtande durchaus fremden, Sitten, Religionen oder Epochen entlehnt ſind. So z. B. die Uhr, welche, zum großen Amuſement Voltaire's, dem Brutus Shakſpeare's die Stunde angibt, in welcher er Cäſar'n tödten ſoll, dieſe Uhr, die, wie man ſieht, lange vorher da war, ehe es Uhrmacher gab— finden wir ſie nicht in einer glänzenden Beſchreibung der Götter des Alterthums wieder, in der ſie Boileau an die Seite der Zeit ſtellt? Das Geſchütz, womit Cal⸗ deron die Soldaten des Heraclius, und Milton die Engel der Finſterniß ausrüſtet, wird in der Ode auf Na⸗ mur durch zehntauſend tapfere Alciden abge⸗ feuert, welche es die Wälle erſchüttern laſſen. Und, gewiß! weil die Alciden des Geſetzgebers auf dem Parnaß Kanonen löſen, ſo kann der Satan Mil⸗ ton's dieſen Anachronismus durchaus als ehrlichen Krieg betrachten. Wenn, in einem noch barbariſchen Zeitalter der Literatur, der Pater Lemoyne, Verfaſſer eines Gedichts auf den heiligen Ludwig, die Sicilianiſche Vesper durch die Hörner der ſchwarzen Eu⸗ meniden verkündigt werden läßt, ſo zeigt uns ein aufgeklärtes Jahrhundert den Odendichter Rouſſeau, wie er(in ſeiner Ode an den Grafen de Lue, deren lyriſcher Gang ſehr merkwürdig iſt) einen bis zu den Göttern treuen Propheten das Schick⸗ ſal um Rath fragen heißt; und wenn man die Nereiden lächerlich findet, mit denen Camoëéns die Gefährten da Gama's umgibt, ſo möchte man in Boi⸗ leau's berühmtem Uebergang über den Rhein*) *) Die Wohldenkenden werden leicht einſehen, warum wir hier den Namen Boileau ſo häufig citiren. Verſtöße gegen den Geſchmack, bei einem Manne, der einen ſo reinen beſaß, haben etwas Ueberraſchendes, was ſie zu einem nützlichen Beiſpiele macht. Mangel an Wahrheit muß der Poeſte wohl ſehr zuwider ſein, da er ſelbſt die Verſe eines Boileau entſtellt. Was die übelwollenden Kritiker betrifft, welche dieſe Citationen als Mangel an Ehrfurcht gegen einen großen Namen zu deuten geneigt auch gern etwas anderes, als furchtſame Najaden vor Ludwig, von Gottes Gnaden Könige von Frankreich und Navarra, dem von ſeinen Feld⸗ und Hofmarſchällen Umringten, fliehen ſehn. Man könnte mit Anführungen dieſer Art in's Un⸗ endliche fortfahren, aber es iſt unnütz, ihrer mehr zu geben. Wenn man unſere beſten Schriftſteller nicht ſelten auf dieſe Weiſe gegen die Wahrheit ſündigen ſieht, ſe muß man ſich nichtsdeſtoweniger hüten, ihnen ein Verbrechen daraus zu machen. Sie würden ſich aller⸗ dings darauf haben beſchränken können, die reinen For⸗ men der griechiſchen Gottheiten zu ſtudiren, ohne ihnen ihre heidniſche Attribute abzuborgen. Als man zu Rom einen Jupiter Olympius in einen St. Peter verwandeln wollte, fing man wenigſtens damit an, daß man dem Herrn des Donners den Adler zu ſeinen Füßen nahm. Doch, wenn man die unermeßlichen Dienſte in Erwägung zieht, welche unſre erſten großen Dichter der Sprache und den Wiſeenſchaften geleiſtet haben, ſo demü⸗ thigt man ſich vor ihrem Genius, und fühlt nicht die Kraft in ſich, ihnen Mangel an Geſchmack vorzuwerfen. Sicher iſt dieſer Mangel von den traurigſten Folgen geweſen, weil er in Frankreich, ich weiß nicht welch ein ſein werden, ſo mögen ſie wiſſen, daß Niemand dieſen ausgezeichneten Geiſt aufrichtiger hochachtet, als der Ver⸗ faſſer dieſes Buches. Boileau theilt mit unſerm Racine das einzige Verdienſt, die franzöſiſche Sprache fixirt zu haben, was allein binreichen würde, um zu beweiſen, daß auch er einen ſchaffenden Genius hatte, —&xSI1— falſches Genre einführte, welches man ſehr treffend das ſcholaſtiſche Genre genannt hat; ein Genre, welches gegenüber dem klaſſiſchen das iſt, was der Aberglaube und der Fanatismus gegenüber der Religion ſind, und welches heut zu Tage dem Triumph der wahren Poeſie nur durch die achtbare Autorität der berühmten Meiſter die Wage hält, bei denen es unglücklicher Weiſe Vorbilder findet. Man hat hierüber einige, unter ſich gleiche, Bei⸗ ſpiele dieſes falſchen Geſchmacks bei den entgegengeſetz⸗ teſten Schriftſtellern geſammelt; bei denen, welche die Scholaſtiker Klaſſiker, und bei denen, welche ſie Roman⸗ tiker nennen. Man hofft hierdurch zu zeigen, daß, wenn Calderon aus zu großer Unwiſſenheit hat ſündigen kön⸗ nen, Boileau ebenſowohl aus zu großem Wiſſen fehlen konnte, und daß man, wenn man bei'm Studium der Schriften dieſes letzteren gewiſſenhaft die der Sprache von dem Kritiker*) vorgeſchriebenen Regeln befolgen *) Beſtehen wir auf dieſem Punkte, um denen, die nicht wohl ſehen, jeden Vorwand zu benehmen. Wenn es nützlich und zuweilen nothwendig iſt, einige verbrauchte Wendungen wieder aufzufriſchen, einige veraltete Aus⸗ drücke zu erneuern, und vielleicht noch den Verſuch zu machen, unſere Verſification durch die Fülle des Metrums und die Reinheit des Reims zu verſchönern, ſo kann man es nicht genug wiederholen, daß der Vervollkommnungs⸗ trieb ſich hiermit auch begnügen muß. Jede Neuerung, welche dem Weſen unſerer Proſodie und dem Genius unſerer Sprache entgegen iſt, muß als ein Attentat gegen die erſten Prinzipien des Geſchmacks bezeichnet werden. Nach einer ſo offenen Erklärung wird es ohne Zweifel erlaubt ſein, den Hyperkritikern hier zu bemerken⸗ — △— muß, ſich dennoch ängſtlich zu hüten hat, die falſchen Far⸗ ben, deren ſich der Dichter zuweilen bedient, zu adoptiren. Noch eine Bemerkung! Wenn die Literatur des großen Jahrhunderts Ludwig's XIV. das Chriſtenthum angerufen hätte, ſtatt die heidniſchen Götter zu verehren; wenn ſeine Dichter das geweſen wären, was die Dichter der erſten Zeiten waren: Prieſter, welche das Große ihrer Religion und ihres Vaterlandes beſangen, ſo würde der Triumph der ſophiſtiſchen Doctrinen des letzten Jahrhunderts weit ſchwieriger, vielleicht ſelbſt unmöglich geweſen ſein. Bei den erſten Angriffen der Neuerer würden die Religion und die Moral in das Heiligthum der Wiſſenſchaften, in den Schutz ſo vieler großer Män⸗ ner ſich geflüchtet haben. Der Geſchmack der Nation, gewohnt, Ideen der Religion und der Poeſie nicht zu trennen, würde jeden Verſuch einer irreligiöſen Poeſie daß das wahre Talent die Regeln mit Recht als die Grenze, die es niemals überſchreiten, nicht aber als den Fußſteig betrachtet, dem es immer folgen ſoll. Sie führen den Gedanken unaufhörlich zu einem einzigen Ziele zurück, dem Schönen; aber ſie beengen ihn nicht. Die Regeln ſind in der Literatur, was die Geſetze in der Moral: ſie können nicht Alles vorausſehen. Ein Menſch wird nie⸗ mals für tugendhaft gehalten werden, weil er ſein Thun und Laſſen auf die Beobachtung des Geſetzbuches beſchränkt hat. Ein Dichter wird nie für groß gehalten werden, weil er ſich begnügt hat, nach den Regeln zu ſchreiben. Die Moral iſt nicht Reſultat der Geſetze, ſondern der Religion und der Tugend. Die Literatur lebt nicht allein durch den Geſchmack; ſie muß auch durch die Poeſie belebt und durch den Genius befruchtet werden. — XXIV— abgewieſen, und dieſen Auswuchs nicht minder als lite⸗ rariſche, denn als ſociale Tempelſchändung im Keime erſtickt haben. Wer kann berechnen, was aus der Phi⸗ Bloſophie geworden wäre, wenn die Sache Gottes, durch die Tugend umſonſt vertheidigt, auch durch das Genie verfochten worden wäre?.... Aber Frankreich war nicht ſo glücklich; ſeine Nationaldichter waren faſt alle heidniſche Poeten, und unſere Literatur war eher der Ausdruck einer götzendieneriſchen und demokratiſchen, als einer monarchiſchen und chriſtlichen Geſellſchaft; auch gelang es den Philoſophen in weniger als einem Jahr⸗ hundert, aus den Herzen eine Religion zu vertreiben, welche nicht in den Geiſtern war. In unſeren Tagen muß es Hauptaufgabe des Dich⸗ ters ſein, das durch die Sophiſten angeſtiftete Unheil wieder gut zu machen. Er muß vor den Völkern einher⸗ gehen, wie ein Licht, und ihnen den Weg zeigen. Er muß ſie zurückführen auf die großen Prinzipien der Ordnung, der Moral und der Ehre; und damit ſeine Gewalt ihnen ſüß ſei, müſſen alle Fibern des Menſchen⸗ herzens, gleich den Saiten einer Leier, unter ſeinen Fingern zittern. Nie wird er das Echo irgend eines Wortes ſein— wenn es nicht des Wortes Gottes iſt. Immer wird er daran denken— was ſeine Vorgänger nur zu ſehr vergeſſen haben!— daß auch er eine Reli⸗ gion und ein Vaterland hat. Ohne Unterlaß werden ſeine Lieder den Ruhm und das Unglück ſeines Landes, die Strenge und die Entzückungen ſeines Cultus feiern, damit — XXv— ſeine Väter und ſeine Zeitgenoſſen einen Theil ſeines Genius und ſeiner Seele einſammeln, und damit die künftigen Geſchlechter anderer Völker nicht von ihm ſagen mögen:„Der ſang in einem barbariſchen Lande.“ In qua scribebat, barbara terra fuit! Vorrede. 1826. Der Verfaſſer glaubte die Gattungen ſeiner Compo⸗ ſitionen durch eine ſcharf gezogene Eintheilung von ein⸗ ander trennen zu müſſen. Unter der Benennung Oden faßt er jede rein religiöſe Inſpiration, jede rein antike Studie, jedes In⸗Worte⸗Bringen eines gleichzeitigen Er⸗ eigniſſes oder eines perſönlichen Eindrucks zuſammen. Die Stücke, welche er Balladen betitelt, haben einen entgegengeſetzten Charakter; es ſind Skizzen eines lau⸗ nenvollen Genre's, Gemälde, Träume, Scenen, Erzäh⸗ lungen, abergläubiſche Legenden, volksthümliche Tradi⸗ tionen. Als er ſie dichtete, machte er einen Verſuch, eine Idee von Dem zu geben, was die Gedichte der erſten Troubadoure des Mittelalters ſein konnten, dieſer chriſt⸗ lichen Rhapſoden, die Nichts auf der Welt beſaßen, als ihren Degen und ihre Laute,— die von Schloß zu Schloß pilgerten, und der Gaſtfreundſchaft mit Liedern vergalten. Wenn es nicht zu geziert klänge, ſo würde der Ver⸗ faſſer, um ſeine Idee vollſtändig auszudrücken, hinzufügen, — xXVvI— daß er mehr von ſeiner Seele in die Oden, mehr von ſeiner Einbildungskraft in die Balladen gelegt hat. Uebrigens mißt er dieſen Claſſificationen keine gröſ⸗ ſere Wichtigkeit bei, als ſie verdienen. Viele Perſonen, deren Meinung von Gewicht iſt, haben geſagt, daß ſeine Oden keine Oden wären;— gut! Viele andere werden gewiß mit nicht weniger Recht behaupten, daß ſeine Balladen keine Balladen ſind;— auch gut! Man gebe ihnen einen Namen, welchen man wolle, der Ver⸗ faſſer unterſchreibt ihn im Voraus. Bei dieſer Gelegenheit(aber ſeine eigenen, ſo unvoll⸗ kommenen und ſo unvollſtändigen Werke durchaus bei Seite ſetzend) wagt er einige Reflexionen. Täglich, wenn von literariſchen Productionen die Rede iſt, hört man von der Würde dieſes oder jenes Genres ſprechen, von den Convenienzen eines zwei⸗ ten, von den Grenzen des einen, von den Freihei⸗ ten des andern: die Tragödie unterſagt, was der Roman erlaubt; das Lied geſtattet, was die Ode verbietet u. ſ. w. Der Verfaſſer dieſes Buches hat das Unglück, nichts von alle Dem zu verſtehen; er ſucht Sachen, und findet nur Worte darin. Es ſcheint ihm, daß das wirklich Schöne und Wahre überall ſchön und wahr iſt; was im Roman dramatiſch iſt, wird es auch auf der Bühne, was im Couplet lyriſch iſt, wird es auch in der Strophe ſein. Seiner Meinung nach gibt es in den Hervorbringungen des Geiſtes keinen andern Unter⸗ ſchied, als den zwiſchen Gut und Schlecht. Der Gedanke — XXVvII— iſt ein jungfräuliches und fruchtbares Land, deſſen Erzeug⸗ niſſe frei, und ſo zu ſagen auf's Gerathewohl wachſen wollen, ohne ſich zu claſſificiren, ohne ſich in Rabatten zu ſtellen, wie die Bouquets in einem claſſiſchen Garten Le Nötre's, oder wie die Blumen der Sprache in einer rhetoriſchen Abhandlung. Man muß indeß nicht glauben, daß dieſe Freiheit die Unordnung zur Folge haben müſſe; ganz im Gegen⸗ theil. Entwickeln wir unſere Idee! Vergleicht einen Augenblick den königlichen Garten von Verſailles, wohl nivellirt, wohl beſchnitten, wohl geſäubert, wohl zuge⸗ ſtutzt; voll von kleinen Cascaden, kleinen Baſſins, kleinen Bosquets; voll von ehernen Tritonen, die ceremoniös in Meeren ſcherzen, welche man mit ſchweren Koſten aus der Seine pumpte; voll von marmornen Faunen, welche den Dryaden den Hof machen, die man allegoriſch in eine Menge koniſcher Taxus⸗, eylindriſcher Lorbeer⸗, ſphäriſcher Orangen⸗, elliptiſcher Myrthen⸗ und anderer Bäume einſchloß, deren natürliche, wahrſcheinlich zu triviale, Geſtalt graciös durch die Scheere des Gärtners verbeſſert wurde;— vergleicht dieſen ſo geprieſenen Gar⸗ ten einem Urwalde der neuen Welt mit ſeinen Rieſen⸗ bäumen, ſeinen hohen Gräſern, ſeiner üppigen Vegetation, ſeinen tauſend tauſendfarbigen Vögein, ſeinen gewaltigen Laubhallen, wo Licht und Schatten nur auf grünem Grunde ſpielen, ſeinen wilden Harmonien, ſeinen großen, Blumeninſeln mit ſich führenden Flüſſen, ſeinen unge⸗ heuern, Regenbogen tragenden Katarakten!— Wir fragen — XXVIII— nicht: Wo iſt die Pracht? wo die Größe? wo die Schön⸗ heit? ſondern einfach: wo iſt die Ordnung? wo die Unordnung?— Dort eingezwängte, oder aus ihrem natürlichen Bette abgeleitete Gewäſſer, die nur ſpringen, um ſtill zu ſtehen; verſteinerte Götter; Bäume, die aus ihrem Mutterboden verpflanzt, ihrem Klima entriſſen, ihrer Geſtalt und ihrer Früchte beraubt, und gezwungen ſind, ſich der grotesken Laune der Scheere und der Schnur zu fügen; kurz, überall die natürliche Ordnung bekämpft, über den Haufen geworfen, zerſtört! Hier im Gegentheil gehorcht Alles einem unwandelbaren Geſetze; ein Gott ſcheint in Allem zu leben. Die Waſſertropfen folgen ihrem Fall, und bilden Flüſſe, welche Meere bilden werden; das Geſäme wählt ſich ſein Erdreich, und zeugt den Wald. Jede Pflanze, jedes Geſträuch, jeder Baum entſteht in ſeiner Jahreszeit, wächſt an ſeinem Orte, bringt ſeine Frucht, und ſtirbt zu ſeiner Stunde. Das Unkraut ſelbſt iſt hier ſchön. Wir fragen noch einmal: Wo iſt die Ordnung? 1 Wählt alſo von dem, was der Gärtner, oder von dem, was die Natur hervorgebracht hat; von dem, was aus Konvention, oder von dem, was ohne Regel ſchön iſt; von einer künſtlichen Literatur oder von einer eigen⸗ thümlichen Poeſie! 4 3 Man wird uns einwenden, daß der jungfräuliche Forſt in ſeinen herrlichen Einſamkeiten tauſend gefähr⸗ liche Thiere verbirgt, während die moraſtigen Baſſins des franzöſiſchen Gartens höchſtens einigem gleichgül⸗ — XXIX— tigen Gewürme zum Schlupfwinkel dienen. Das iſt allerdings ein Unglück; aber wenn wir einmal wäͤhlen müſſen, ſo iſt uns doch ein Krokodill lieber als eine Kröte, ſo ziehen wir doch eine Barbarei Shakeſpeare's einer Abgeſchmacktheit Campiſtron's vor. Sehr wichtig iſt es, feſtzuſetzen, daß in der Lite⸗ ratur, wie in der Politik, die Ordnung auf eine wun⸗ derbare Weiſe mit der Freiheit ſich vereinigt; ſie iſt ſelbſt das Reſultat der Freiheit. Uebrigens muß man ſich wohl hüten, die Ordnung mit der Regelmäßigkeit zu verwechſeln. Die Regelmäßigkeit hat es blos mit der äußern Form zu thun; die Ordnung hingegen geht aus der Tiefe der Dinge ſelbſt hervor, aus der verſtändigen Anordnung der innerlichen Elemente eines Gegenſtandes. Die Regelmäßigkeit iſt materielle und rein menſchliche Kombination; die Ordnung iſt ſo zu ſagen göttlich, Dieſe beiden, ihrem Weſen nach ſo verſchiedenen Eigenſchaften werden häufig die eine ohne die andere angetroffen. Eine gothiſche Kathedrale zeigt in ihrer naiven Unregel⸗ mäßigkeit eine bewundernswürdige Ordnung; unſere franzöſiſchen Gebäude, auf die man linkiſch genug die griechiſche oder römiſche Architektur angewandt hat, bie⸗ ten nur eine regelmäßige Unordnung dar. Ein gewöhn⸗ licher Menſch wird immer ein regelmäßiges Werk her⸗ vorbringen können; nur die großen Geiſter ſind es, die eine Kompoſition zu ordnen wiſſen. Der Schöpfer, der aus ſeiner Höhe herab ſieht, ordnet; der Nachahmer, der, in der Nahe betrachtet, regelt; der Erſte verfährt nach — — XXI— dem Geſetze ſeiner Natur, der Letzte nach den Regeln ſeiner Schule. Dem Einen iſt die Kunſt eine Inſpira⸗ tion, dem Andern eine Wiſſenſchaft. Mit zwei Worten— und wir widerſprechen dem nicht, was man nach dieſer Bemerkung über die beiden, klaſſiſch und roman⸗ tiſch genannten Literaturen urtheilen wird— mit zwei Worten: die Regelmäßigkeit iſt der Geſchmack der Mit⸗ telmäßigkeit, die Ordnung iſt der Geſchmack des Genie's. Es ſpricht von ſelbſt, daß die Freiheit niemals zur Anarchie werden darf; daß die Originalität in keinem Falle der Incorrektheit zum Vorwande dienen kann. Je kühner der Entwurf eines literariſchen Werkes iſt, um ſo tadelloſer muß ſeine Ausführung ſein. Wenn ihr auf andere Art Recht haben wollt, als die Andern, ſo müßt ihr zehnmal Recht haben. Je mehr man die Rhe⸗ torik verachtet, deſto mehr ziemt es ſich, die Grammatik in Ehren zu halten. Man muß Ariſtoteles nur entthro⸗ nen, um Vaugelas herrſchen zu laſſen; man muß Boi⸗ leau's art poetique, wenn auch nicht der Principien, doch wenigſtens des Styles willen lieben. Ein Schriftſteller, dem die Nachwelt nur irgend am Herzen liegt, wird un⸗ abläſſig ſeine Diction zu reinigen ſuchen, ohne jedoch den eigenthümlichen Charakter zu verwiſchen, durch welchen ſeine Weiſe, ſich auszudrücken, die Individualität ſeines Geiſtes offenbart. Sonſt iſt die Neuerungsſucht nur eine traurige Hülfsquelle für die Ohnmacht. Sprachfehler machen niemals einen Gedanken, und der Styl iſt wie der Cryſtall: in ſeiner Reinheit liegt ſein Glanz. — XxXXt— Vielleicht wird der Verfaſſer dieſer Auswahl Alles, was hier nur angedeutet iſt, an einem andern Orte weitläufig entwickeln. Erlaubt ſei es ihm noch, ehe er ſchließt, zu bemerken, daß der Geiſt der Nachahmung, den Andere als das Heil der Schulen rühmen, ihm ſtets die Geißel der Kunſt geſchienen hat, und daß er nicht weniger die Nachahmung verdammen würde, welche ſich an die Schriftſteller hält, die man romant iſch nennt, als die, mit der man die ſogenannten Klaſſiker ver⸗ folgt. Wer einen romantiſchen Dichter nachahmt, wird nothwendiger Weiſe klaſſiſch, weil er nachahmt.* Ihr mögt nun das Echo Racine's oder der Reflex Shakeſpeare's ſein, immer ſeid ihr nur ein Echo und ein Refler. Wenn ihr es auch ſo weit bringt, einen Mann von Genie genau zu copiren, ſo wird euch dennoch immer ſeine Originalität, d. h. ſein Genie, abgehen. Bewundern wollen wir die großen Meiſter, nicht ſie nachahmen. Machen wir es anders, als ſie: glückt es, deſto beſſer! mißlingt es, was liegt daran? Es gibt Gewäſſer, die, wenn ihr eine Blume, eine Frucht, einen Vogel hineinwerft, ſie euch nach einiger Zeit, nur mit einer dicken Steinkruſte bekleidet, zuruck⸗ geben, unter der man allerdings ihre urſprüngliche Form noch erräth; aber der Duft, der Geſchmach, das Leben ſind verſchwunden. Die pedantiſchen Lehren, die ſchola⸗ Man nimmt dieſe Ausdrücke hier in der halb begriffee⸗ nen, obwohl keineswegs feſtgeſetzten Bedeutung, die man ihnen gewöhnlich gibt. — XXXII— ſtiſchen Vorurtheile, das anſteckende Gift der Routine, die Manie der Nachahmung bringen dieſelbe Wirkung hervor. Wenn ihr eure natürlichen Fähigkeiten darin begrabt, ſo gehen eure Phantaſie, euer Gedanke nicht wieder daraus hervor. Was ihr rettet, hat vielleicht noch einen Schein von Geiſt, von Talent, von Genie; aber es iſt verſteinert. Nach den Schriftſtellern, die ſich den Namen der elaſſiſchen geben, entfernt ſich von der Bahn des Wahren und des Schönen, wer nicht ſklaviſch den Fuß⸗ tapfen folgt, welche Andere vor ihm darauf zurückließen. Falſch! dieſe Schriftſteller verwechſeln die Routine mit der Kunſt; ſie nehmen die Spur für den Weg. Der Dichter ſoll nur Ein Muſter haben, die Natur; Einen Führer, die Wahrheit. Nicht mit dem, was geſchrieben iſt, ſoll er ſchreiben, ſondern mit ſeiner Seele und mit ſeinem Herzen. Von allen Büchern, welche in den Händen der Menſchen umlaufen, ſollen nur zwei durch ihn ſtudirt werden: Homer und die Bibel; und zwar deswegen, weil dieſe beiden ehrwürdigen Bücher, die erſten ihrer Zeit und ihrem Werthe nach, ſie, die faſt ſo alt ſind wie die Welt, ſelbſt zwei Welten für den Gedanken ſind. Man findet in ihnen gewiſſermaßen die ganze Schöpfung aus ihrem doppelten Geſichtspunkte betrachtet, im Homer durch den Genius des Menſchen, in der Bibel durch den Geiſt Gottes. 7 Erſtes Buch. 1818— 1822. Vox clamabat in deserto. Der Dichter in den Revolntionen. An A. Soumet. Sterben, ohne Zu leeren meinen Köcher!— ſterben, ohne Auf dieſe Henker, dieſe Sudler von Geſetzen, mich zu ſtürzen! ohne ſie André Chénier. „Der Wind entführet von den Feldern Die Eichel, die dem Aſt entfiel; Den Eichbaum ſchlägt er in den Wäldern, Und auf dem Meer ſchlägt er den Kiel. So, daß es Männer aus uns ziehe, Drängt uns das Schickſal! Jüngling, ſiehe, Daß, was die Welt, und was dein Herz Heimſucht, ſich ſondre deiner Seele; Spar' deine Reu' für eigne Fehle, Spar' deine Zähr' für eignen Schmerz!“ 1* Was! unbedacht ſind meine Lieder? Soll ich in dieſer Schreckenszeit Taub ſein dem Klagruf meiner Brüder, Und jammern nur um eignes Leid? Nein, heimathlos aus freiem Willen, Durchſchweift der Dichter, Schmerz zu ſtillen, Die Länder; keines, das ihn hält! Im Drang der Völker und der Heere Steht er, die Lyra ſeine Wehre, Wie Orpheus in der Unterwelt. „Orpheus erlöst' an Ais Thoren Die Schattenwelt— minutenlang. Du aber ſingſt in Sünderohren Der Reue finſtern Grabgeſang. Wahnſinniger! hör auf, zu dichten! Willſt du in der Arena richten, Eh' du dir ſelber Kränze raubſt? O Rüger, kaum der Amm entlaufen, Laß deine Unſchuld Jahre kaufen, Eh' du an deine Tugend glaubſt.“ Wenn das Verbrechen, als ein Drache, Straflos und frech die Welt durchzieht, Dann übt Apollo ſelber Rache, Die Muſe wird zur Eumenid'. Dem Gotte, dem ich mich ergeben, Folg' ich; nicht weiß ich, was mein Leben, Noch iſt es rein, bedrohen kann; Den Sternen folg' ich, die mir ſcheinen; Der Sturm zerreißt des Segels Leinen: Doch rettet es den Steuermann. „Die Menſchen wandeln, wie auf Dächern Nachtwandler; du nicht retteſt ſie. Was irrſt du ſchwächlich mit den Schwächern, Und ſchauſt den Himmel ewig nie? Kannſt du, ſeitdem du Menſch geweſen, Die Kette deiner Tage löſen, Wenn du nicht auch ein fremd Geſchick Zerſtörſt?— Schon' dein eintägig Leben! Sollt's keine Mutter für dich geben? Sprich, ward dir nicht der Liebe Glück?“ Wohl! aber meinen ird'ſchen Trieben Wird einſt der Himmel aufgethan. Groß macht die Seele reines Lieben; Zu ſterben weiß, wer lieben kann. Treu den Gerechten, die man richtet, Preiſ't, wer in ſolchen Zeiten dichtet, Die Helden, gern den Helden gleich. Nach ihrem Märt'rerthum zu ringen, Hat für die Opfer er ſein Singen— Ein Haupt auch für des Henkers Streich. — 6— „Einſt, ſagt man, ſchaut' in ferne Zeiten Geweihter Dichter heller Blick; Enthüllen konnten ſie und deuten Der Welt ihr künftiges Geſchick. O, ſag' den Menſchen du dein Wiſſen!— Du gehſt, wie ſie, in Finſterniſſen: Vom Himmel fällt kein Strahl des Lichts; Die Lyra mangelt der Propheten; So blind, wie ſtumm, ſagt den Poeten Die Muſe von der Zukunft nichts.“ Friſch ſieht man, wen ein göttlich Brennen Durchglüht, der Zukunft ſich vertraun; Des Abgrunds Tiefe kann nur kennen, Wer ſich hineinſtürzt ohne Graun. Er geht zum Tod mit heiterm Blicke; Daß der gerechte Mann das Glücke Des Laſters büßt, ſagt ihm ein Gott. Im Sterben erſt ein Prophezeier, Zerreißt der Kerker ihm den Schleier, Und Dreifuß wird ihm das Schafott. „O, daß in mildrer Länder Thalen Du nicht das Licht zuerſt geſehn, Wo reiner glüht der Sonne Strahlen, Wo Myrthen blühn und Aloën. Dort, fern den Uebeln, die dich tödten, Wird ohne Thränen den Poeten Das Leben ſelber zum Gedicht; Dort fliegt die Taube, werth den Weiſen, Für Jungfraun aus zu ſüßen Reiſen, Dort, wo die Lieb' mit Blumen ſpricht.“ Mein Trachten gilt dem Märt'rerthume; Auf ehrlos Ruhn leiſt' ich Verzicht! Ich ſtrebe raſtlos nur nach Ruhme, Und den erwirbt das Glück mir nicht. Der Halcyon zagt, wenn es wettert, Daß ihm der Sturm das Neſt zerſchmettert, Drin ſich ſein ſüßer Schlummer wiegt; Doch durch Gewölk iſt's, daß zum Sitze Des Sonnengotts der Sohn der Blitze, Der unerſchrockne Adler, fliegt! März 1821. Die Vendse. An Chateaubriand. Ave, Caesar, morituri te salutant. 1. „O, wer von uns, der eine Urne ſetzte, Sah keinen Freund, gelehnt an einen Sarg? Und wer von uns mit ſeinen Thränen netzte Kein Grab, das Gattin oder Bruder barg?“ — So ſahn wir über Frankreichs Wehen Den Sänger weinen, der die Höhen Des Himmels aufthat unſerm Blick, In Liedern, über Rom und Tadmor ſchwebend, Bald heil'ger Märt'rer ſüßen Tod erhebend, Und bald der Wüſte ſtilles Glück. An Palaſtpforten drauf ein ernſter Klopfer, Gab er die Herrſcher preis der Reue Weh', Und ſprach:„Wohl hatte Frankreich damals Opfer, Doch Märtyrer nur die Vendée!“ — Vendeée, ſind trocken deine Zähren? Gehſt du anjetzt in Frankreichs Heeren In ſeiner Krieger erſten Reihn? Sind Ehr' und Treue mehr, als nicht'ge Schemen, Ländliche Kämpfer, was für Schlöſſer nehmen Dann Eurer Hütten Stelle ein?— Ihr denkt des Jammers!— eines Blutſtroms Bette War euer Land; Blut floß in Furch' und Bach. Kein andrer Staub, als Aſche eurer Städte, Flog euren Roſſen wirbelnd nach. Die mit dem Schwert euch nicht zu tödten Vermocht, im Zorn der Täuſchung flehten Zur Hölle ſie, euch zu bedrohn;— Da ward das Land zu einem Flammenmeere; Ein rieſ'ger Brand verfolgte eure Heere, Die nur vor ihm entflohn! 2. Da ſah die Loir' auf ihren wüſten Borden Die Stämm der Rächer unſrer Kön'ge drohn; Sie weinten, durch ihr Unglück ſtolz geworden, Nur auf das Kreuz, und auf den Thron. Es waren Greiſe, Kinder, Frauen; Nur wen'ge Krieger kann ich ſchauen, Die ſie geleiten durch die Flur;— In ihren Reihen, unſtet und vertrieben Ihr Vaterland: das, was zurückgeblieben, Trägt Leichen jetzt und Henker nur. Den Augenblick, erzählt man, hat ein Prieſter Dem Volke ſich an der Loix' gezeigt; Gleichwie ein heib'ger Schlachtenengel, grüßt er Die Kriegerſchaar, die ehrfurchtsvoll ihm weicht. — 10= Ruhig, ein Bote neuer Schmerzen, Belebt in ſeinem ſtarren Herzen Sich das Gedächtniß alter Zeit. Er ſaget ihnen, was ſie dulden müſſen: Der Zukunft Schleier glaubt man ſchon zerriſſen, Und hört doch die Vergangenheit. 3. „Jenſeit des Jordans gab nach langem Streite Der Herr den Kindern Iſrael ein Reich, Und bald an dieſes Stromes andrer Seite Verheißet er den Himmel euch. Bald ſind verweht hier eure Spuren; Auf fernen, mörderiſchen Fluren Bereitet euch der Herr ein Grab. Zum Untergang ſeh' euren Stern ich eilen; Doch noch im Sterben ſtürzte Gaza's Säulen Der Mann, dem man die Mühle gab. Weh', eure Krieger ſeh' ich untergehen, Der Rache nur, nicht auch der Strafe froh; Doch weichen ſollen ſie die Heere ſehen, Vor denen feig der Fremdling floh. Ihr fallt nicht all' von kühnen Händen: Den Fluthen wird man ein'ge ſpenden— Von Kähnen wirft man ſie hinein. Der zieht mit Knochen, weil es fehlt an Särgen; — 17— In ſchlechter Erd' muß er die Todten bergen, Daß Lebende ſie nicht entweihn. Du, junger Führer, den der Sieg gerettet, Wie auf Saumur's, ſo auf Mortagne's Feld, Weil niedrig dich ein ſchlechter Arm gebettet, Wird fortan nennen ihn die Welt. Nur wengge unſrer Brüder ſchauen Nach Jahren wiederum die Auen, Wo ehedem geraucht ihr Heerd; Dort, zehrend von dem ſchwer erworbnen Ruhme, Harrt Jeder auf die Wiederkunft der Blume, Die mehr er, als den Lorbeer, ehrt. Mein Vaterland! o, theuer mußt du zahlen Die Rückkehr deiner Könige!— noch fließt Dein treues Blut zu zwei verſchiednen Malen, Eh' dieſem Grund die Blum' entſprießt. Doch wenn die Fürſten einſt, geſellet, Den Baum der Tyrannei gefället Mit ſeinen Schößen allzumal, Dann rühmet jeder ſeine Heer' und Schiffe, Nur Frankreichs König legt mit roſt'gem Griffe Das Schwert Bretagneis in die Schaal'. O Gott!— und wenn nach dieſen trunknen Tagen, Man nun vergäße einen kühnen Mann; — 12 Duͤrft' ihn der Hochmuth zu beleid'gen wagen Und trüg ihm ſchnöde Gaben an; Gott, ſtänden weinend, bleich von Frieren Und Hunger, vor des Günſtlings Thüren Ihm Nutter, Wittwe oder Kind, Und müßten dem, zu dem ſie flehen, ſagen, Daß Ihn— Sohn, Gatten, Vater— ſie getragen Zu Grabe,— daß ſie einſam ſind; O Gott! wenn dann, verarmt, der treue Bürger, Den ein Verräther, reich und groß, verlacht, Es hörete, wie ſeines Königs Würger Ihn ſchlecht vor allem Volke macht; Wenn, um das Maaß der Schmach zu füllen, Ein Richter gar, durch freveln Willen Entweihend alten, heihgen Brauch, Auf ſeine Stirn Verdacht zu häufen käme, Das Eiſen, ſeinen erſten Stolz ihm nähme— Vielleicht ſein letztes Hoffen auch: O, dann ergeb' er ſich!— Der Uebelthäter Schmäht den Gerechten, der nur Leid erwarb; Doch er gedenk' der Miſſethat der Väter, Des Gottes denk' er, welcher ſtarb. Oft läßt der Herr die freche Stirne Das Laſter heben, gleich als zürne Der Unſchuld er, die er bedrücken läßt. — 13— O, ſaget ihm, wie er ſich offenbaren Euch ſoll!— Die Jungfrau muß das Schmert durchfahren, Und Satan jauchzt bei'm Höllenfeſt!“ 4. Der Prieſter ſchwieg; doch ward ſein nicht geachtet. Sie zogen fort, und kehrten nicht zurück. Vom Grau'n der Jahre glaubten ſie umnachtet Den in die Zukunft ſchau'nden Blick. Nicht hörend, folgten ſie, die letzten Franzoſen, muthig der zerfetzten Fahn', fürder ſetzend ihren Stab; So, arm an Kriegern, aber reich an Chre, Mied' dieſer Reſt von einem großen Heere Die Heimath, zu erkämpfen ſich ein Grab. 1819. Die Jungfranen von Verdun. Der Prieſter wird, wenn nun die Fackeln glühen, Die Stola tragen, ſchwarz und weiß; Und aufgelösten Haares, auf den Knieen, Wird weinen junger Mädchen Kreis. A. Guiraud. 1. Was bringet euer Geiſterreigen Die Lyra mir?— was hab' ich euch gethan? Luftbilder! eure trüben Stirnen, zeigen Sie euren Zorn dem Dichter an? Was wallet dunkler Flor in langen Falten Um eurer Schärpen bunte Gluth? Was ſoll von Ketten ich auf Kränzen halten? Und was von Roſen, roth von Blut? Von hinnen!— weicht!— verbergt in Nacht euch wieder!— Was zeigt ihr mir?— drei Gräber muß ich ſehn; Bleich von dem Karren ſchaun die Opfer nieder; Vor mir die Mörder, die in Lumpen gehn.— Feſtjubel tönt, und dumpfer Grabgeſang; Der Karren hält, des Volkes Drang Verbirgt ihn mir— ein Eiſen ſeh ich fallen; Mein Aug' wird dunkel; Blut auch ſeh' ich wallen— Iſt's wahr, daß es auf's Haupt mir ſprang? Naht ihr, daß ihr die Seele mir erſchüttert? Dieß Blut— auf mich nicht kommt es im Gericht! Flieht, Mädchen!— flieht, die ihr für ſie gezittert! Als ihr nicht mehr wart, hört's! war ich noch nicht! Was wollt ihr mir? ich weint' um euch! Verbrechen Der Väter wollt ihr an dem Sohne rächen? Hinweg! was ſtört ihr meine Ruh'? Was reicht ihr meine Lyra mir im Grimme? Wollt ihr Geſang?— ſingt eines Knaben Stimme Auch Henkersknechten Reue zu? 2. In finſtern Mauern— auf der Schwellee Stehn blut'ge Krieger!— ſitzt das Tribunal. Auf ſteht der Kläger; Lächeln aus der Hölle Zuckt über ſein Geſicht mit düſterm Strahl. S iſt Tainville;— haſtig, zitternd ſpricht er; Ein Heer von Mördern, ſie auch Richter, Läd't er zu ſeinem blut'gen Mahl. Nach Blute lechzend, ſchaut er in die Runde, Und weiht mit mörderiſchem Munde Die Häupter dieſes Tags dem Stahl. Er ſpricht;— da ſchleifen die Lictoren Die Opfer in den Kreis, die er erkohren; Es öffnen ſich die Pforten mit Geräuſch; Und ſieh', von weinenden Geſichtern — 16— Umringt, ſtehn unter Kriegern vor den Richtern Drei Jungfraun, anmuthvoll und keuſch. Die Menge ſchweigt, und ſchaudert, da ſie ſchweiget; Denn ſie beweint ihr eigen Sklaventhum In dieſen Mädchen;— vor der Unſchuld neiget Sie ſich, der bald zertretnen Blum'. O, daß die Mauern euch zerſchmettert hätten! Ihr hohen Wölbungen, was bracht Ihr nicht zuſammen, da ihr ſaht in Ketten Die Schönheit, ſchändlich angeklagt? Und unſre Krieger?— ſie entehrten Ihr Schwert, und liehen, die Bethörten,. Dem Meſſer es! O, Zeit des Ruhms, der Schmach! Derſelbe Tag ſah Moreau Schlachten ſchlagen Im Siegeswagen, als zum Todeswagen Sein Vater ſchritt— derſelbe Tag! Als unſre Führer langſam heimwärts zogen— Auf allen Seiten fremder Krieger Wehr!— Als nach Paris zurück die Banner flogen, Führt' Friedrich nach Verdun ſein Heer. Verdun, des unterdrückten Frankreichs treuer Und erſter Wall, begrüßte den Befreier, Macht' es verbieten auch das neue Recht. Verdun trug wieder ſeine Feſtgewande, Und huldigte, gelöſet ſeine Bande, Dem Könige, der Könige gerächt. — 17— Da, o ihr Jungfraun, ſchmücktet ihr den Sieger— Und dieſes führt nach eurem Haupt den Streich,— Mit Kränzen vor den Reihen ſeiner Krieger; Das Beil verbarg ſich unter Blumen euch.— Nicht dieß allein! ihr dachtet nicht an Rache; Doch, als zum Kampf für ihre heihge Sache Sich ſchaareten, die ſelber ſich verbannt: Da war für ſie, die eure Brüder waren, Als ſie mit Mangel ſtritten und Gefahren, Geöffnet eure Hand! Und um den Zug will man ſie jetzt verdammen, Um eine ſchweſterliche Gunſt. Doch nein! der Kläger, durch ihr Schaun im Flammen Geſetzt, entbrennt in ſchnöder Brunſt Für dieſe Reinen.— Nur mit Einem Preiſe Kauft ihr euch los! gebt! und dem blut'gen Kreiſe Entführt er euch! Ein Preis nur! gebet nach! Vor einer Miſſethat dürft ihr nicht beben, Soll eure Tugend euch vergeben Der ſchandliche Areopag. Sagt, Schüchterne! was konnte gießen In eure Seelen dieſe ſtolze Gluth? Und was ließ eurem milden Aug' entfließen Des Zornes edle Thränenfluth? Ich ſeh's an eurem Heldenmuthe: 18— Hätt' euer Unterdrücker an das Gute, Was er euch darbot, nicht geknüpft die Schmach— Des Mitleids für Franzoſen ſchuldig, Nicht hättet ihr geweigert euch, geduldig Geſtanden, was der Kläger ſprach. Es iſt vorbei; von eurem Blute raucht Bald das Schaffott— des Urtheils Worte ſchallen; In leiſem Murmeln— Furcht erſtickt es— haucht Das Volk ſein Schaudern durch die finſtern Hallen. Geht einmal noch in eure Kerkerhöhlen, Auf kurze Zeit nur!— Rein ſind eure Seelen! Fleht ohne Schrecken! ſchneidet ab das Haar, Das noch die Mutter jüngſt mit Blumen ſchmückte;— Nicht dachte ſie, da ſie die Blumen pflückte, Daß Mohn des Todes auch darunter war. Bald zieret euer Haupt der Kranz auf's Neue, Dort, wo ihn euch ein Engel bringt. Durch Himmelsjungfraun wird die Weihe Der Todtenhymne, die zum Block euch ſingt. Dort ſehet ihr Charlotte'n, die Gerechte, Die zum Voraus euch, eine Judith, rächte; Dort auch Sombreuil, Eliſabeth, Cazotte; Und all' die Märtyrer, die heibgen Zeugen, Von deren Schaalen Weihrauchdüfte ſteigen Dem erſten Märt'rer, dem erwürgten Gott! — 19— 3. Vor meinen Augen zuckt ein dunkles Leuchten, Geſichte ſchrecken meinen Geiſt. Seht ihr die Jungfraun, wie die blut'gen, feuchten Bahrtücher ihre Hand mir weiſ't?— Die Gräber und der Leichenzug erſchienen Mir, ſammt den ſchwarzen Trauerbühnen.— Dann Nacht!— ich war allein, und weinte lang. Die Jungfraun flohen mit des Morgens Scheinen, Mich aber ſah das Morgenroth noch weinen, Als meine Lyra nicht mehr ſang. Octoher 1818. Quibersn. Pudor inde et miseratio. Tacitus. 1. In ſeinem Toben zeigt ſich der Verdammte, Des Dämons Sieg birgt nicht des Engels Fall; Der ew'ge Fluch, der auf ihn niederflammte, Folgt dem Geſtürzten überall. Wenn wir des Himmels zu vergeſſen wagen, Dann ſuchet uns der Ew'ge heim mit Tagen, Wo man der Hölle wieder denkt; Mit blut'gen Tagen, die das All durchblitzen, Gleich rothen Strahlen aus des Abgrunds Ritzen Aufglüh'nd— wo Blut die Erde tränkt. Ihr ſingt, o Dichter, was in fernen Jahren Das Herz erſchüttert, was die Welt gequält— O, ſinget Frevel, die ihr ſelbſt erfahren, Die keines Menſchen Mund erzählt. Wenn Einer kommt und überfließt vom Ruhme Des jungen Frankreichs, unſerm Heldenthume, Und unſrer Zeiten Duldſamkeit zumal:— O, ſeid zufrieden! leſet die Geſchichten Der neuen Zeit! laßt unſre Thaten richten!— Singt Frevel, denn ihr habt die Wahl! Mir gab die ernſte Muſe, die verſchleiert Auf Gräbern ſitzt, die eh'rne Lyra nicht! Doch Henker niederdonnern, die man feiert, Und Todte rächen möchte mein Gedicht. Gern hielt' ich, wenn auch nur auf Augenblicke, Den irregeh'nden Genius zurücke In ſeinem freveln, wilden Lauf:— So hielt der Mann vom Volke der Hellenen, Ein Einziger, mit Händen und mit Zähnen Ein ſturmgetrieben Fahrzeug auf! 2. Ein wehrlos Heer der Uebermacht erliegen Sah Quiberon's einſames Buchtgeſtad. Zwei Führer winkten, die Geſchütze ſchwiegen; Nicht mehr in Waffen blitzend, that Die Front' ſich auf.— Zu retten ſeiner Soldaten Leben bot der Führer Einer. Sein Haupt dem Andern dar als blut'ges Pfand. Im Angeſicht der Fahnen, vor den Ohren Der Krieger ward der Bund beſchworen; Die Beiden gaben ſich darauf die Hand. Dann legten Alle, knirſchend mit den Zähnen, Die Waffen ab, von einem Heer umringt. Sie traten an; das Volk mit Freudenthränen Rief jubelnd:„Heil, daß ihr dem Tod entgingt!“ Dieſelben Au'n durchzogen die Beſiegten, Die ſchon ſeit Jahren ihre Väter pflügten;— Ein alter Tempel harrete bereits Auf die Gefangnen;— doch wo Weihrauch, Kerzen? Vergebens, ach! zu lindern ihre Schmerzen, Spähn ihre Augen nach dem heihgen Kreuz. Sie beteten, und ſeufzeten, und fielen Auf's Knie, die Träger mancher Narb'; Nur Einer weinte nicht von dieſen Vielen: Das war, der für ſie Alle ſtarb. Es war Sombreuil; ſchon naht die Todesſtunde; Er grüßt mit inbrunſtvollem Munde Den Tod, den er ſich früh erwirbt. Wohl iſt es ſchön für einen Chriſten, Wenn, wie der Heiland, er auf Blutgerüſten, Ein Einziger, für ſeine Brüder ſtirbt. Er ſprach:„Hört auf, zu weinen und zu klagen, Denn Cuer Heil erſparet manchen Schmerz! Wie manche Wunde würde nicht geſchlagen, Durchführe bald die Kugel euer Herz! 23 Nit euren Eiſen brech' ich meine Ketten; Wollt euren Weibern, euren Müttern retten Die Tage, die ihr ihnen ſchuldig ſeid! Man gibt euch Frieden, Leben, Freiheit wieder; Um alles das beneid' ich euch nicht, Brüder!— Erweckt mein Himmel euren Neid?“— Die Trommel dröhnt, die Stunde hat geſchlagen, Der Jüngling geht, daß man ihn fällt. Wo ſeine Schweſter, ihn davonzutragen Den Henkern?— Märt'rer wird der Held! Mit Wort und heiligem Exempel Ihn ſtärkend, folgt, verwieſen aus dem Tempel, Ein Biſchof ihm auf das Schaffot;— So ſehn die Sieger, die nach Blute dürſten, Mit dem Soldaten, welcher ſeinem Fürſten Treu war, den Prieſter ſterben, der es Gott! 3. Und ihr, für die dies heil'ge Blut gefloſſen, Lobet den Herrn, der eure Feſſeln bricht! Glücklich, Sombreuil! wer ſo mit Feuerroſſen Gen Himmel fährt, bedarf der Trauer nicht! Man gibt euch endlich eine Heimath wieder! Gefangene, bald ſchwebt hernieder Die Freiheit, eurer Knechtſchaft Ziel Euch zu verkuͤnd'gen! eure Ketten ſpringen! — 2— Auf gehn die Kerker!— grüßet ſie mit Singen! Empfanget ſie! bald endet das Exil. Fürwahr— mit Raſſeln ſpringen auf die Pforten, Und blutig in der Luft ſchwimmt eine Fahn'; Sie flattert über Führern und Cohorten, Die laut die Freiheit rufen an. „Will man uns jetzo ſchon befreien?“ ſprechen Im Kerker die, und ihrer ein'ge brechen Sich Bahn, den Henkern nachzugehn. Drin rufen ſie:„Nun lebet wohl, ihr Brüder! Frei ſehn wir uns in unſerm Frankreich wieder!“— Sie ſollten ſonſt ſich wieder ſehn. Bald dringt ein dumpf Getön von allen Seiten Zum Kerkerhaus; das Echo hallt es nach. Die Sieger ſind's, die Jene kaum befreiten, und ſo erfüllten den Vertrag! Nicht ſchreckt die Harrenden in dem Gebäude— Sie wiſſen nicht, daß ſich mit einem Eide Scherz treiben läßt— das tobende Geräuſch. „Nicht werdet euer Wort ihr ſchänden laſſen!“ Statt aller Antwort ſchleift man durch die Gaſſen Sie über rauchend Menſchenfleiſch. Aus Tag ward Nacht, aus Nacht ward Morgenröthe. O Gott! als wollt' er gar nicht enden, zog Der düſtre Zug, der nicht um Mitleid flehte, Vorüber dem erſtaunten Volke noch. Von heil'gem Wahnſinn glühn der Märt'rer Seelen; Flammend das Aug', mit ſtolzer Luſt erzählen Von ihren Martern ſie, und ihrer Pflicht. Furchtlos erliegen ſie, und ohn' Gepränge, Und klagen nur, daß die blutdürſt'ge Menge, In Ketten ſie zu opfern, Eide bricht. Mit wiederholtem Beilſchlag fällt man Eichen; Leicht in der Höhle, fremd der Sonne Schein, Erwürgt der Jäger, der ſein Ruhn beſchleichen Gekonnt, den ſchlafbefangnen Leu'n. Lang tauchte man den Stahl in ihre Brüſte; Ohnmächtig neben dem Gerüſte Stand Frankreich, ſeiner Henker Spielwerk, da; Wie auf unheil'ger Bilder Fußgeſtellen Einſt eine Wittwe ſieben Söhne fällen, Und nach der Reih' ſie ſterben ſah. Das eines Raths, den man uns preiſet, Werke! Der Abgrund ſchuf ihn, grinſenden Geſichts. Doch in ſich— unſer Schrecken ſeine Stärke!— Trug dieſer hundertarm'ge Leib ſein Nichts. Im Kothe ſahn wir den Koloß vergehen. Wohl glaubt die Anarchie: beſtehen, Wenn Alles wechſelt, werde, was ſie ſchafft; Doch Odem einzuhauchen ſeinen Götzen, Die er mit eigner Hand zu ſetzen Wagt, fehlet dem Pygmalion die Kraft. 4. Noch heute, ſagt man, kommen, um zu klagen Auf jener Tapfern Todesſtatt, Juͤnglinge, die den erſten Degen tragen, Und Greiſe, die gebeugt das Alter hat; Jungfrauen auch;— Verzeihung dem Vergehen, Und Reue nur, nicht aber Rach' erflehen Die Betenden;— Bretagne's Söhne, ſie Sahn manch Verbrechen, nur durch Reu' zu ſühnen; Und Märtyrer iſt mancher unter ihnen, Der einem Opfer jetzo beugt das Knie. Februar 1821. Fudwig der Siebzehnte. Capet! wach' auf! 1. Des Himmels Thor ging auf in jenen Tagen; Das Allerheiligſte war aufgeſchlagen, Und alle Himmel, auf Momente, ſahn Entſchleiert ſich;— da durch die goldnen Pforten Sahn die Erwählten, leuchtende Cohorten, Mit Engeln eine junge Seele nahn. Ein ſchönes Kind, naht ſie den ſel'gen Reichen, Im blauen Aug' des Unglücks düſter Zeichen; Das blonde Haar fließt auf ein blaß Geſicht; Und Himmelsjungfraun nahen ihr mit Pſalmen, Daß ihre Hand ihr zu der Märt'rer Palmen Die Krone der unſchuld'gen Kindlein flicht. 2. Und aus der Wolk' durchklang's die Sternenſäle: „Gott lächelt deinem Ruhme, junge Seele! Ruh' aus bei iyhm! wohl iſt die Ruhe ſüß! Und ihr, die ihr erzählt des Ew'gen Ehre, Propheten, Engel, Seraphimenheere, Kniet— dies ein König! ſingt— ein Märt'rer dies!, — 28— „Wo herrſcht' ich denn?“ frug da die Seel' mit Trauern, „Gefangner bin ich, König bin ich nicht! 1 Noch geſtern ſchlief ich zwiſchen finſtern Mauern; 3 Wo herrſcht' ich denn? o, redet!— Keiner ſpricht. Soll ich den Henkern meines Vaters fluchen? Sie haben Galle meinem Mund gereicht; Ich bin verwaiſ't; ich will die Mutter ſuchen, Die meine Träum' im Himmel mir gezeigt.“ Die Engel drauf:„Dein Gott rief dich zurücke Aus einer Welt des Frevels und der Tücke. Die Erde flieh', wo man das Kreuz zerbricht; Wo ſelbſt das Grab nicht ſchützet vor den Räubern, Wo Königsmord die Erd' nach Königsleibern Umwühlt, und über Todte hält Gericht!“— „So hab' ich denn mein Leben ſchon vollendet, Ward meinen Leiden ſchon ein Ziel geſteckt? Und dieſen Traum von eurem Himmel, endet Kein Wächter ihn, der mich in Feſſeln weckt? In meinem Thurm, auf harter Lagerſtätte, Rief ich um Hülfe zu des Ew'gen Thron; Iſt es kein Traum? zerbrach er meine Kette? Ward mir, o ſprecht! das Glück, zu ſterben, ſchon? Ihr wißt es nicht, was ich hab' dulden müſſen! Jedweder Tag bracht' einen neuen Schmerz! — 29— D Gott! ich weint' auf meines Lagers Kiſſen, Und weinte nicht an einer Mutter Herz. Endloſer Qual verfallnes Opfer, mußte, Vom Stamm geriſſen, wie ein junger Aſt, Langſam ich welken, in der Acht, und wußte Nicht, welch Verbrechen meiner Wiege Laſt. Doch Anderes auch hab' ich aufgehoben In meiner Seel, eh' mich dies Harte traf; Geräuſch des Ruhmes hört' ich um mich toben, Ein frohes Volk bewachte meinen Schlaf. Da, auf einmal, ſah ich mein Licht erblaſſen, Nicht hielt die Zukunft, was ſie mir verſprach; Ich war ein Kind nur, wehrlos und verlaſſen, O Gott! und Feinde ſtelleten mir nach. Lebendig hat man mich in Nacht begraben; Vor Thränen ſah mein Aug' die Sonne nicht; Doch, die ich hier euch wieder finde, Knaben Des Himmels, euch zeigt' mir manch Traumgeſicht. Geknickt von Mörderhand, mußt' ich vergehen Langſam,— doch glücklich ſind die Böſen ſtets; O Herr! ſei nicht, wie ſie, taub für mein Flehen! Für ſie ja fleh' ich, Hörer des Gebets!“ Drauf Engellied:„Betritt die heil'gen Schwellen! Ein Stern ſoll deine ſchöne Stirn erhellen. Azurne Flügel trage fürder du! Du ſollſt mit uns an Kinderwiegen ſtehen; Dein lichter Hauch, in ihren glüh'nden Höhen, Ströme den Sonnen Kühlung zu!“ 3. Der Chor verſtummt; die Seeb— mir iſt, als ſchwimme Ihr Aug' in Thränen— ſpäht durch's gold'ne Haus⸗ Die Welten ſtehen ſtill; die ew'ge Stimme Spricht in's Unendliche hinaus: „Ich hielt dich ferne von dem Glanz der Krone. Du fluͤchteteſt in Ketten dich vom Throne. Geh' hin, und ſegne, was ich dir geſchickt. Daß Kön'ge Sklaven, weißt du nicht zu ſagen; Mußt auch dein Arm den Druck der Feſſeln tragen:— Nicht ward dein Haupt vom Diadem gedrückt. O Kind! dich krümmte das Gewicht des Lebens, Und doch war deine Wiege bangen Strebens Drangvolles Ziel, umringt von Lieb' und Hohn. O komm, dein Gott auch hatte ſeine Schmerzen! Du und mein Sohn, der Liebſte meinem Herzen— Ein Rohr eu'r Scepter, Dornen eure Kron'!“ Dezember 1822. Die Wiederherſtellung der Bildſäule Heinrichs V. Accingunt omnes operi, pedibusque rotarum Subjiciunt lapsus, et stupea vincula collo Intendunt.... Pueri circum innuptaeque puellae Sacra canunt, funemque manu contingere gaudent. Virgil. 4. Durch's Grau'n der Zeiten ſah ich euch, das Hoffen Von hundert Kön'gen, o ihr Male, ſtehn; Dann ſah ich euch, vom Arm der Zeit getroffen, Zerbrechlich, euren Schöpfern gleich, vergehn.— Den Fiſcher auf Piräus' Wellen Siehſt, Alexander, auf den Schwellen Des Parthenons dein Bild zerſchmettern du; Und, ach! der Morgenröthe purpurn Schimmern Zlitzt in der Wüſte Memnon's ſtummen Trümmern Vergebens gluh'nde Fragen zu. So wollten ſie, in ihrem ſtolzen Sinne, Unſterblich werden durch ein todt Metall? Und morgen ſchon ſtürzt ihrer Tempel Zinne Auf ihre Saulen ſich mit dumpfem Fall. — 32— Der Aechtling auch kann des Idoles Herſteller werden;— von des Capitoles Altären ſtürzt Sylla den Marius. Thor, wer des Schickſals Hohn ſich widerſetzet! Zum Schimpf, vor dem ſich Theodos entſetzet, Lächelt der Weiſe mit Demetrius. Doch Ehrfurcht zollt man eines Helden Bilde; Es ſtehet ewig, wie ein Fels im Meer. Noch herrſcht Trajan auf dem Gefilde, Wo in Ruinen nur noch lebt Tiber. Oft, in der Bürgerzwietracht trüben Zeiten, Wenn wir den Schrecken durch die Städte ſchreiten, Und Alles ſtürzen ſahn in ſeinem Lauf, Hielt ſchon ein Heros, athmend in des Steines Umhüllung, reglos, mit der Ruhe ſeines Blicks die erſtaunten Rotten auf. 2. So ſind es Tage andrer Jahre, Wo gegen ſeinen Fürſten ein Paris Den Arm erhob? wo ſich das undankbare Durch Heinrich's Tugend nicht entwaffnen ließ? Was ſag' ich? ſelbſt ſein Abbild, einſt vergöttert, Sie haben es in blinder Wuth zerſchmettert, Die Raſenden;— und doch, das Grab Mit kirchenräuberiſchem Hohne — 33— Entweichend, forderten dem Thone Den Abdruck ſeiner eiſ'gen Stirn ſie ab. So wollten ſie ein treuer Bild uns bieten Des Helden, der gewollt ihr Glück? So wollten ſie, als reu'te ſie ihr Wüthen, Ihn wiedergeben unſerm Blick?— Nein!— nicht zufrieden, ſeine Säul' zu ſchänden: Auch ſeinen Sarg mit freveln Händen Zerbrachen ſie;— weh'! daß ihr ihn zerbracht! So ſehn wir brüllend noch den ſatten Sahara⸗Tiger haſchen nach dem Schatten Des Leichnams, den er abgenagt. Mit meinen Schmerzen ſaß ich an der Seine: „Wohl wäſſert Ivry's Fluren noch die Sein, Doch längſt vorüber ſchon floß jene, Die Heinrich's Antlitz einſt geſeh'n. Vor ſeinem Bilde ſchwebt uns eine Wolke; Nicht ſehn den König wir, von dem im Volke Man wie von einem Heilgen ſpricht. Uns fehlt ſein Gruß, wenn wir zur Schlacht uns Und einen Helden ſucht in unſern Wällen Der Fremdling, aber ſieht ihn nicht!“ 2 ſtellen, Welch ein Geräuſch? von wannen kommt die Menge, Und wohin eilt ſie? was für Fahnen weh'n? Der Jubelnden unendliches Gedränge Zermalmt den Boden, d'rauf wir geh'n. Sprecht!— Gott! er iſt's! ich ſehe ſeine Züge!— Das Volk, berauſcht von ſeinem Siege, Ruft ſeinen Namen; laut durchdringt Die Luft er; meine Lyra leg' ich nieder. Was klänge ſie, wenn Frankreich Freudenlieder Zu ſeines Heinrichs' Füßen ſingt? Sieh' den Koloß! ſchwer rollt er! tauſend Arme Bewegen ihn— auch meiner rühre ſich! Ob auch der einz'ge ſich verliert im Schwarme: Vom Himmel ſiehet Heinrich mich. Ein ganzes Volk weiht deinem Heldenthume Dies Erz, o Ritter! du, an Ruhme Ein Duguesclin und Bayard ſchier! O ſieh', was Frankreich thut zu deinem Preiſe! Dein Bild dem Obolus der Waiſe, Dem Heller auch der Wittwe danken wir. O, zweifelt nicht: der Anblick dieſer Säule Macht euch im Glück und Unglück groß! Lobt Gott, Franzoſen! rühmet laut, es weile Bei euch ein König, der auch ein Franzos. — 35— Von nun an ſtärken, die zum Ruhme fliegen, Bei Heinrich ſich zu ihren Siegen; Heinrich empfänget ihre Treu'. Und wenn wir fortan ſeine Thaten melden, So fraget uns kein Kind mehr, wie des Helden Und Königs Lächeln denn geweſen ſei. 4. O, junge Freunde, ſchaaret euch zum Reigen Auf dieſer Stätte! ſinget Lieder nun! Heinrich der Güt'ge— ſeine Züge zeigen Euch ſeine Güte— ſegnet euer Thun! Bei Monumenten, die der Herrſchſucht fröhnen, Die mit der Völker Blut und Thränen Sie ſich erhub— wie i*ſt es ſchön, Aus dieſem Erze Heinrich's Antlitz ſcheinen, Sein Grüßen, ſo das Volk gewann, und ſeinen Blick hier im Erze aufbewahrt zu ſeh'n! Mög' immerhin der ſtolze Perſer drohen— Müd' iſt er, im Metall es nur zu ſchaun! Sein Bildniß im gewalt'gen, rohen Umriß dem Athos einzuhaun! Mög' Pharao mit eitelm Prahlen Mit ungeheuern, rieſ'gen Malen — 36— Bedecken ſeines Sarges großes Nichts: Sein Name ſtirbt; der Pyramiden Schatten Das Einz'ge, was ſein Stolz dem matten Pilgrim gewährt:— der Finger des Gerichts! Und kämen einſt— doch, weich' von hinnen, trübe 1 Vorahnung!— Zeiten, wo auf's Neu' der Mord Zertrümmerte dies Denkmal unſrer Liebe: In unſern Herzen lebet Heinrich fort; Indeß Aegypten's Obeliskenhäupter, Die Hüll' von Hunderten zerſtäubter Gebieteraſchen, ſtumm aus ihren Höh'n Herniederſchaun, morſch von der Zeiten Kreiſen, Und dem bewegten Aug' des Weiſen Nur noch die Trümmer eines Grabes ſteh'n Februar 1819. Der Tod des Herzogs von Verry. Mit gewaltſamer Hand Löſet der Mord auch das heiligſte Band. In ſein ſtygiſches Boot Raffet der Tod Auch der Jugend blühendes Leben. Schiller. 1. O, mäßigt euch in euren Trunkenheiten! Leicht von der Luſt nimmt ſich der Schmerz ein Pfand. Gern mag der Tod durch's Reich der Freude ſchreiten, Gern drückt' auf blum'ge Stirnen er die Hand. In Aſche morgen und zerriſſnem Kleide, Geſenkten Hauptes, wird der Freude Gedächtniß Vorwurf uns und Pein. Auf unſre Spiele folgen Leichenzüge; Uns können Saturnalien die Wiege, Weh' uns! allein von Todtenliedern ſein! 2. Die Feſte flieh'; mach' Friede mit den Lüſten, Paris, o trauervolle Stadt! Schau' nach der Bühne, tritt zu den Gerüſten, Die dir die Kunſt erbauet hat! — 38— O, ſchweigt, ihr Chöre! haltet ein, ihr Tänze! Statt dieſer reinen Feuer glänze Der Todtenfackeln düſtres Licht! Bei blut'gem Pfühl, in dieſer Mauern Kreiſe Hör' einen Prieſter ich, der leiſe Die Bitte für die Todten ſpricht. Hier, unter dem Getäfel, das vom Toſen Der Freude zittert, röchelt leis Ein Sterbender, umringt von Hoffnungsloſen: Es iſt der Seinen trüber Kreis. Ein Vater iſt es, mit zerriſſnem Herzen; Ein Bruder iſt's, und— ach, fur ihre Schmerzen Hat ſie nicht Thränen!— eine Schweſter auch; Sie kann nicht weinen; denn, was ſie ſeit Jahren Von ihrer Kindheit an, erfahren Vert ocknete ihr männlich blickend Aug“ Auf dem Schaffot ſah ſie die Mutter fallen Als Königin; ihr Vater fiel, ein Held. Des Bruders Tod ſah ſie in Kerkerhallen, Und ward doch ſelber nicht gefallt. Und als ein Bund von Kön'gen ihre Bande Zerbrach, floh ſie auf fernem Strande Das wüſte Frankreich lange Zeit; Sie ſah es wieder, ach! nach langem Trauern Zog wieder ein in ihrer Väter Mauern,— Um zu erfahren neues Leid. Dort eine Gattin!— wer vermag zu ſagen, Wie ſie ihn liebt; o Gott! und wer ermißt Bald ihren Schmerz, und wer ſpricht aus ihr Klagen, Wenn all' ihr Hoffen nun vergebens iſt? Sicil'ſche Maid, wie groß war unſre Freude, Als wir dich jüngſt im Feierkleide In Berry's Hand die deine legen ſahn! So mußteſt du, genaht kaum unſerm Strande Für Hymen's ſittſame Gewande So bald den Wittwenflor empfahn? Bei deiner friedlichen Erobrung Feier, Geweckt durch unſer Lied, erhob Die Anarchie, das rieſ'ge Ungeheuer, Das Haupt, Geopferter, und ſchnob. Sie brüllt' in ihren Finſterniſſen; Da ward das Ohr vom Schrei Clement' zerriſſen, Ravaillac ſchüttelte ſein Erz; Und, weit entfaltend ihre fahlen Schwingen, Indeß ihr Königsmörder Lieder ſingen, Nimmt aus der Höll' den Flug ſie erdenwärts. Sie ſenket ihn; vertilgen freveln Muthes Will ſie der Lilie letzte Spur; Will mit dem Reſt ſich tränken eines Blutes, Zu reich an guten Kön'gen nur. — 40— Lang ging, den ſie zu ihrem Werkzeug machte, Dem hohen Opfer nach, bewachte Es mit entſetzlicher Geduld; Der Himmel will, daß ſich ſein Wunſch erfülle: Weint Alle, weint! zu ſeines Mordes Hülle Ward unſrer Feſte rauſchender Tumult! Das Eiſen blitzt!— ein Schrei!— Soldaten, hemmet Den— Weh', umſonſt!— bleich naht die Herzogin; Von ſeinem Blute überſchwemmet, Benetzet ſte mit ihren Thränen ihn. Bringt eine Bahr!— und keine Hoffnung?— Zeugen, Verdammt ihn euer trübes Schweigen? Um Gott!— o, redet!— mein Gemahl!— Bleib', leer' den Kelch, o Fürſtin, bis zum Grunde! Verſüße du in dieſer bittern Stunde— Nicht kann die Kunſt es!— ſeine Qual! In ſeiner Väter Schooß kehrt ein Bourbone Zurück;— o, nah', Monarch mit weißem Haar! Daß deine Hand das Auge ſchließ' dem Sohne, Der deines Alters Hoffnung war. Sieh', ſeine Tochter nahm ſchon ſeinen Segen! Auf ihrer Stirn hat ſeine Hand gelegen; Des Lebens Eitles hat er abgethan; Wie lebend er verzieh dem Vaterlande, So ruft er jetzt auch, an des Grabes Rande, „Verzeihung!“ noch, und endigt ſeine Bahn. — 41— Erhabner Tod!— O fühle deine Wunde, Verlaſſnes Volk! gib deinem Schmerze Raum! Enthüllt erſt hat ihn uns die Todesſtunde, Gekannt haſt du den Helden kaum. Noch gibt es Troſt für einer Wittwe Leiden; Laßt an der Tochter Anblick ſie ſich weiden, Daß in dem Kinde ſie den Gatten ſeh'! Doch, trifft das Beil des Stammes markig Herze, Wer tröſtet dann, in ihrem bittern Schmerze, Frankreich, die Wittwe ſeiner Könige? Und— ha, des Schrei's der zorn'gen Sühne, Der durch die Reihen unſrer Krieger gellt! Einſt ihrer Siege ſtolze Bühne, Hallt wieder jetzt von ihrem Schmerz die Welt. Doch du, Vendeée, geliebte, gute! Getränkt mit deiner Kinder Blute, Sag' an, wie wird dein Trauern ſein?— Du wirſt der Mutter gleichen, die verſteinet Auf ihrem Bette ſitzt, und troſtlos weinet An ihres Kindes Todtenſchrein. Bald folgen wir mit feierlichem Schritte Nach Saint⸗Denis, Volk, Geiſtlichkeit und Heer, Dem Leichenwagen; in der Mitte Von Wagen des Gefechtes ziehet er. O, Saint⸗Denis, entweiht von Uebelthätern, Einſt Ruheſtätte ſeinen Vätern, — 42— Du ſaheſt oft ſchon ruchlos Thu'n; Laß wenigſtens, in deinen leeren Grüften, Nicht dieſes Sarges Deckel frevelnd luften! Laß' dieſe Aſch' in Frieden ruh'n! 3. D'Enghien wird ſtaunen, ſieht er jetzt ſchon nahen, Den ſeiner Jugend liebſten Freund er hieß; Ihn, dem Condé, als wir ihn ſcheiden ſahen, Die ſüße Pflicht, für ihn zu ſegnen, ließ. Die Schatten unſrer Kön'ge feſſelt Grauen, Wenn Berry ſte, ihr letztes Hoffen, ſchauen: „Verfolgt uns noch des Volkes blinder Haß?“— Zwei Herrſcher ſeufzen, daß ihr Stamm erſchlagen; Mit gleichem Schmerz ihr gleiches Schickſal klagen Der Sieger Jory's, und der Rocroy's. So naheſt du, Bourbon, bei dieſer Kunde, Dich d'Artois, von tiefem Leid bewegt; Du kennſt es ſelbſt, das Brennen einer Wunde, Die ſolch ein Sterben Vaterherzen ſchlägt. Doch bald auf deinem ungewiſſen Gange Tritt ernſt vor deinen Geiſt das bange Gedächtniß von Vincenne's Tag. Bleich wird dein Antlitz;— d'Artois vergiſſet Sein jünger Leiden, und vermiſſet Nur, was dich einſt getroffen für ein Schlag. — 43— Und du, o Wittwe, dieſes Sturmes Streiche Erliege nicht; halt' aus zu dieſer Friſt! Dem hohen Vorbild deiner Schweſter gleiche; Groß ſei dein Muth, wie es dein Unglück iſt! Gleich ihr, wirſt eine Todtenurn' du tragen; Im Heiligthume wirſt du klagen, Geſtützt auf einen Sarkophag; Das gift'ge Ungethüm der Factionen, Das ihr ſo oft ſchon ſeine Todtenkronen Gebracht, bringt dir auch deinen Trauertag. 4. Doch, ſchwache Stütz' des königlichen Stammes, Wenn es des Ew'gen Weisheit läſſet zu, So retteſt Frankreich du! das Gift des Kammes Der alten Hyder machſt zu nichte du! So, als die Schlange, Mutter unſrer Sünden, Uns zum Voraus der Hölle Gründen Verfallen ließ durch eigne Miſſethat, Da ſtrafete des Herren Mund die Freche: Ein wehrlos Weib kam, die in ihrer Schwache, Des Ungethums verfluchte Stirn zertrat. Februar 1820 Die Geburt des Herzogs von Jordeaur. Der Himmel— verſchwendet zu ihren Gun⸗ ſten ſeine Wunder. Die Enkel Joſeph's kehren in das Land Goſen zurück; und dieſe Erobe⸗ rung, erkauft mit den Thränen der Sieger, koſtet keine Thräne den Beſiegten. Chateaubriand: Die Märtyrer. 1. Warum, o Wandrer, flammen tauſend Feuer Hell durch des nächt'gen Dunkels finſtern Schleier? Und was den Himmel röthet glüh'nder Dampf? Was in den Straßen, die im Lichte ſchwimmen, Ziehn, donnernd durch die Nacht, zahlloſe Stimmen, Und toben, gleich als lägen ſie im Kampf? 2. Myſterium! Triumph! Entzücken! Das wunderbare Kind iſt dies! Der Engel, den mit trunknen Blicken Ein Märt'rer ſterbend uns verhieß. Nun reißet des Zukünft'gen Schleier; Heil, junge Flamm', dir, die du Feuer Der alten Fackel widerbringſt! Preis deiner erſten Morgenröthe, O lunge Lilje, heißerflehte! Blum', die du einer Gruft entſpringſt. — 45— Gott gab ihn uns; wir haben ihn erſungen Die Glocke wird im Heiligthum geſchwungen, Und rufet uns, als ſei es Weihenacht. Gott gab ihn uns; Preis ſeinem heil'gen Namen!— Die alten Märtyrer vernahmen Geſchützesdonner, wie am Tag der Schlacht. Und dieſe Donner— heil'ger Stätte Melodiſch Lied begleitet ſie!— Hört ihr Geroll nicht auch dein Bette, O Schläfer du zu Saint⸗Denis? Erhebe dich! ſchau' ſeine Züge In der dem Volke theuern Wiege! Entzückter Vater, flieg' herzu! Breit' deine Arme ihm entgegen; Und, ob dein großer Schlachtendegen In Kindeshand wiegt, ſiehe du! Ach, er iſt fern; er wohnet bei den Frommen! Gewiß in dieſem Augenblicke kommen Schon ſeine Väter— Er ihr letzter Stab!— Getröſtet nahen ſie dem würd'gen Sohne, Der einen Helden ihrer Gruft, dem Throne— Er ſtand verwaiſet!— einen König gab. Vor dieſen edeln Luftgeſtalten Drück' auf die Stirn er ſich die Kron'; — 46— Stolz woll' empor das Haupt er halten— Der neue König iſt ſein Sohn! Ein groß Geſchlecht— wann wird es enden?— Entſpringet aus des Opfers Lenden: So bringet, deſſen reiche Well' Die Welt tränkt, ein geheimnißvoller Strom, blitzgetroffnen Bergs Entroller, Hoch in den Himmeln ſeinen Quell. Der da der Stamm wird, Ehre ſei dem Schößling! Ein neuer Joas, Berry, wächst dein Sprößling Im Schatten des Altares auf zum Thron. Und, gleich Cornelien, in ſpäten Tagen Wird Frankreich einſt zu ſeinen Schweſtern ſagen: „Seht da, mein ſchönſter Schmuck, mein Sohn!“ 3. O, laß dich dieſe Kränze ſchmücken, Die feiernd dir mein Mitleid flicht, Demüthig Ziel von tauſend Blicken, Nur, ach! von Vaterblicken nicht! Geboren, Aermſter, unter Leiden, O, mögeſt Tröſter du den Beiden, Frankreich und deiner Mutter ſein! Schenkt Gott dir einer Krone Schimmer, O, ſei ſie dir ein Unglück nimmer! Gein Arm ſei nah' dir, wenn ſie dräun — 47— H, lächle, Kind, zu deiner Mutter Zähren; Spiel', ſie entfernend, mit den Trauerflören, Die ſorgefarbig deine Wieg' umwehn! Zerſtreu' die Nacht, du Blume der Garonne! Sei unſer Morgenroth! laß auf die Sonne An unſerm Trauerhimmel gehn! Der König ſegnet dich und knieet Und leget dir die Hande auf, Entzückt, daß er an dir vollziehet Des Bearner's vor der Kirche Tauf'? Die Wittwe reicht dich dar der Waiſe; Sieh', mit dem weißgelockten Greiſe, Naht glüh'nden Aug's die Heroin'; Und nach des Louvre's ſtolzen Bogen, Die ſchweigend ſie noch jüngſt durchzogen, Tobt wild und laut die Menge hin. Singt, Volk und Heer! Wohlan, erheb' auf's Neue Dein Haupt, Bordeaux! Stadt, die einſt ihre Treue Vor allen kund der Lilje that! Und du, Vendse, die gern geführet hätte Der Martyrer, empor vom Schmerzensbette! Der König Frankreich's iſt dir ein Soldat. — a8— 4. Nun leget an das Schiff am Strande— Die Wittwe will nicht von uns gehn, In ihrem zweiten Vaterlande Mag ſie entwölkt den Himmel ſehn. An Frankreich feſſelt ſie ihr Hoffen: Dort, wo die Eiche ward getroffen, Pflanzt Gott des ſchwachen Rohres Trieb. Wohl weiß ich, was da hält die Taube: Auf einem Grabe fleht der Glaube, An einer Wiege wacht die Lieb'. Und was auch ſuchteſt du, wo du geboren, O Fürſtin? ſieh', den Herrn, den es erkoren, Verſöhnt Neapel, und der Fremdling, der Nach Ufern eilte, ewig winterloſen, Sieht auf Sicilien den Aufruhr toſen, Und flieht geſchreckt ſein blut'ges Meer. Sei's!— mögen die zwei Berge raſen; Mag auch des neid'ſchen Gottes Hauch Auf's Neue wach die Rieſen blaſen Tief in der Berge zorn'gem Bauch:— O, was vor euch, ihr glüh'nden Laven, Sind dieſe übermüth'gen Sklaven, Die Führer ſie von Einem Tag? Muth, ihr erhahnen Sieger! ziehet — 49— Zu Freveln aus— die Erde knieet, Und bebt bei eurem Ferſenſchlag. Siciliſch Mädchen, bleib' in Frankreich! Gleichet Ihm dein Geſtade, wo das Glück entweichet? O, flieh' das Land nicht, wo auf immerdar Die Lilje glüht; wo Volk und König ſtehen, Ein Bund des Heils— ungleich den ſünd'gen Ehen Von Thron und Rotten, Lägern und Altar. 5. Wir— laßt uns ſchrecken nicht die Fluthen! Dem Sturm trotzt und des Wetters Drohn! Die Frevel, welche auf uns ruhten, Geſühnt hat ſie die Unſchuld ſchon! Wenn Schiffer ehemals die Wellen Sich thürmen ſahen, zu zerſchellen Ihr Schiff, gehemmt in ſeinem Lauf: Dann hängten ſie, gewiß der Gnade, Ihr Schiff zu bringen an's Geſtade, Am fünd gen eine Wiege auf. Oktober 1820. * Die Taufe des Herzogs von Vordeaur. Laſſet die Kindlein zu mir kommen, und wehret ihnen nicht; denn ſol⸗ cher iſt das Reich Gottes. Das Evangelium. 1. Der Erde Völker aber ſagen: „O, ſind die letzten Zeiten dieß? Wir gehen irr— wann wird es tagen?— In einer tiefen Finſterniß. Wohin?— iſt unſrer Nacht ein treuer Wegweiſer dieſes Leuchtthurms Feuer? Wer ſendet ſeinen Strahl uns her? Glänzt er zu Fluch, glänzt er zu Heile? Iſt er Jehovah's Feuerſäule? Iſt aus der Höll' ein Blitzſtrahl er? Es hadern, die ſich Treu' geſchworen, Die Heerde fällt vom Hirten ab; Und vor den Bündeln der Prätoren Zerbricht der Kön'ge goldner Stab⸗ Es fallen Thron'; Altäre dräuen Den Einſturz; tobende Parteien — 1— Erzeuget jeder Himmelsſtrich; Das Trachten ſelbſt unwürd'ger Sklavan, Das wie Gewürm bis jetzt geſchlafen, Erhebet nun, ein Rieſe, ſich. Weh' uns! wir rühmeten vermeſſen Uns unerhörter Miſſethat; Des Himmels hatten wir vergeſſen, Und wandelten der Sünde Pfad. Weh' uns! die Zeichen all' verkünden Ihn uns! er naht, von unſern Sünden Gerufen, des Gerichtes Tag! Der Menſch iſt reif, daß man ihn ſtrafe; Der Herr erwacht aus ſeinem Schlafe, Daß er Verſäumtes hole nach.“— Der Höchſte aber will vertheid'gen, Die ſo in ihrem Elend ſchrei'n... Der Menſch erſchöpft ſich im Beleid'gen, Doch Gott der Herr nicht im Verzeih'n. Den Frevler lehret er, zu beten; Er ſelber büßt das Uebertreten Des Spruchs, den man ihn geben ſah; Nur gegen ſich bleibt er geſtrenge: Den Donn'rer um des Sina Hänge Verſöhnte einzig Golgatha! Auf's Neue ſeht ihn eine Wiege bauen Zu unſerm Heil! das Morgenroth zu ſchauen Wagt bangen Auges nicht das Gluück der Welt: Hat auch der Herr, abhold der Sünder Streben, Wie er uns ehe ſeinen Sohn gegeben, Der Engel Einen uns zum Schutz beſtellt. So, kehrt er lebend aus den finſtern Reichen, Sieht ſein Geſicht ein trunkner Seher weichen! Hell ſtrahlt der Tag, die Erd' iſt wieder ſein! Doch ihm, geblendet durch die ew'gen Feuer, Verhüllt des Himmels Licht mit glüh'ndem Schleier Nach lang der Hölle fahler Schein. O, zweifelt nicht! ſingt laut im Heiligthume! Ein Heiland kommt, mit Macht geſchmückt und Ruhme: Als Fasces träget Scepter er und Schwert. Des Unglucks Lehren werden Heil uns bringen, Denn ſechszig Könge, ſein Geſchlecht, umringen, Sargloſe Schatten, ſeiner Mutter Herd. Sein Nam' allein beſchwichtigte das wilde Gebraus des Sturms;— bedeckt', gleich einem Schilde, Er nicht die Städte? Haß und Aufruhr floh'n. So, friedlich noch, mit ſeinem erſten Schreie, Sich ſelbſt nicht kennend, trieb ein junger Leue Aus ſeiner Höhle hundert Unthier' ſchon. 3. Kennt ihr das Kind, das nach der Schwelle Des Tempels im Triumph man trägt? Das Volk, ein Meer ſchier, Well' an Welle, Umgibt es, reglos, doch erregt. O ſeht! die zarten Hände beben, Von Windeln ſind die Füß umgeben, Kein Tuch verhüllet das Geſicht. Noch hält die Schwachheit es gefangen; Die Siegel ſeines Mundes ſprangen, Gehellet ward ſein Aug' noch nicht. Bei Menſchen iſt es groß vor Allen, Doch nicht ein König iſt es hier; Klein wird es in des Tempels Hallen— Vor Gott iſt es ein Menſch, wie wir! Dem Kinde Preis an dieſer Stätte! Gott ſchickt es uns, daß es uns rette; Sein Spruch erniedriget es heut', Die Könige der Weltgeſchichte Sind Nichts vor ſeinem Angeſichte; Von ihm nur iſt ihr Purpurkleid. Daß Alles zittre und ſich neige! Daß ſtumm der Mund des Stolzes ſei! In's Joch des ew'gen Lammes beuge Sein Haupt der königliche Leu! — 354— Der Vater, thronend über Sternen; Läßt aus des Himmels goldnen Fernen Herab ſich auf das ſchwache Kind; Der heihge Geiſt, mit Taubenſchwingen, Der Ewigkeit es darzubringen, Schlingt um ſein Haupt die Flammenbind Und auch Maria will es ſchirmen, Die Sel'ge, flehend immerdar; Zu ihrem Tempel mit zwei Thürmen Führt ſie der Himmelsjungkrau'n Schaar. Und all' die heihgen Heere nahen, Sein ſüßes Lächeln zu empfahen, Dem zarten Kinde feierlich; Zuerſt ſieht man die Lieb' es grüßen; Dann naht der Glaube; zu den Füßen Des Kindes ſetzt die Hoffnung ſich. 4. So weißt du noch, was ſchon dein Strand geſehen? O Jordan, jüngſt auf deines Ufers Höhen Weint' lang ein Pilger; ſeiner Andacht Gluth War gleich der Gluth der Tapfern andrer Zeiten, Die mit dem Schwert das heil'ge Grab befreiten, Und, drin Johannes taufte, deine Fluth. Durch einen Degen Frankreichs Heiligthume Im Staube ſah er; arm an Glück und Ruhme — 55— Die Tugend, ach! und reich die Miſſethat; Da, ſchreitend in der alten Krieger Spuren, Weint' er, verbannt, auf Salems werthen Fluren, Die einſt ein Gott, zum Tode geh'nd, betrat. Der heilge Strom füllt ſeine Kürbisflaſche; Er kehret heim mit Stab und Pilgertaſche; Noch weiß er nicht, welch Glücke bald ihm lacht; Daß er von dort, wo ſich erhob Elias, Dem Königskind, ein anderer Tobias, Den Balſam bringt, der Blinde ſehend macht. Prophetenſtrom! ſei ſtolz auf deine Wogen! O Völker, ſeht! der Himmel iſt gewogen Dem Knaben!l ſeht, des Heiles Waſſer dieß! Empfang' er es! Gott ſelbſt hat es empfangen! Ein Heiland dieſer!— zweifelt nicht, ihr Bangen!— Das Waſſeer ſeiner Tauf' mach euch gewiß! Dir, wie dem Clovis, Fürſt, hat dieſe Weile Sich Gott enthüllt! ſei ſeines Tempels Säule! Der Lilie ſei deine Seele gleich! Den Stolz des Rangs, den Stolz der Unſchuld fliehe! Dir bietet dar der Herr,— o König, ſiehe!— Das Kreuz des Fiſchers und des Armen Teich. 5. Nicht kennt das Kind, wenn ihm die Morgenröthe Des Herren glänzt, des Märt'rerthums Weh'; — 56— Doch andre Tauf' erheiſcht noch das erhöhte— Zu Schmerz erhöhte— Haupt der Könige.— Einſt, Fürſt, wird deine Seele fromm erzittern, Gedenkeſt du der Laſt des Volks; erſchüttern Wird dich der Krone ewig gleicher Fluch, Wenn nun der Biſchof auf dein Haupt des herben Salböles gießt— Geſchenk, das zum Verderben Die Taub' den Herrſchern von den Himmeln trug. Dann gleich' dem Herrn in deiner neuen Würde! Groß durch dich ſelbſt ſei, gleichwie er es iſt! Das Scepter wird furchtbare Bürde, Wenn, daß es keine Stütze, man vergißt. Ein wahrer König einet alle Ruhme Auf ſeinem Haupt;— naht ſeinem Heldenthume Der Tod einſt, in gerechtem Streit: Dann, Bayard gleich, ſieht er in ſeinem Schwerte Ein Kreuz;— zum Himmel von der Erde Flieh'nd, wechſelt er nur die Unſterblichkeit. An die Muſe. Dir folg' ich; wolleſt du mich leiten: O, nennt' ich mehr, als Thränen, mein! Doch— ihrer Luſt auch meine Saiten, Wie ihren Schmerzen will ich weihn! Nicht in des Sieges ſtolzen Weiſen Konnt' meine Stimm'’ den Herren preiſen, Da ich beſang ihr letzt Geſchick. O, Kön'ge, Opfer, die man krönet, Höort es, wenn euch die Lyra tönet, So tönet ſie nicht wohl dem Glück. Mai 1821. V i s i g m. An den Grafen Gaspard de Pons. 7. Das machet dein Zorn, daß wir ſo vergehen; und dein Grimm, daß wir ſo plötzlich dahin müſſen. 8. Denn unſere Miſſethat ſtelleſt du vor dich, unſere unerkannte Sünde in's Licht vor dei⸗ nem Angeſicht. 9. Darum fahren alle unſere Tage dahin, durch deinen Zorn; wir bringen unſere Jahre zu, wie ein Geſchwätz. Pſalm 90. In jenen wunderbaren Tagen, Als noch der Geiſt ſich niederließ Auf frommer Stirn, da war das Sagen Der heiligen Propheten dieß: „Wenn, abgelaufen dem Geſchlechte Der Menſchen, rückwärts in die Nächte Der Zeiten ein Jahrhundert taucht, Mit Ruhm dann oder Schmach beladen, Wird vor den Richter es geladen, Der es in's Leben einſt gehaucht. — 58— Nun, ihr der Erde Söhne, höret, Zum Tode du berufne Art, Was meinem Geiſt zu ſchaun gewähret In einem Nachtgeſichte ward. Ich ſah die Stadt des Ruhms, der Wonne, Die nicht bedarf des Lichts der Sonne, Denn ihre Leuchte iſt das Lamm. Sie ſandt' die erſte Morgenröthe, Aus ihr auch tönt einſt die Drommete— Ich ſah das Lichtmeer, drin ſie ſchwamm. Durchzuckt von brünſt'ger Andacht Lohe, Den auf dem Stuhle preiſend, ſahn Die heibgen Märtyrer das hohe, Gemeimnißvolle Dreieck an. Aus lichter Wolke, glüh'nden Scheines, Schaut' es— da trat der Schatten eines Jahrhunderts zu dem Stuhl der Macht. Ihn, aus der Erde niedrer Ferne, Führt' Frankreichs Engel, trüb, dem Sterne Gleich, der dem Himmel bringt die Nacht. Darnach vernahm ich eine Stimme, Die ſchlug den Abgrund und die Höh' Des Himmels, daß in ſeinem Grimme Der Drache ſelber zitterte. Der treuen Engel goldner Wagen, Beſät mit Augen, und beſchlagen Mit Funken, leuchtend, wie ein Stern, Hielt an;— der weh'nden Flügel jeder, Und jedes ſeiner ſprüh'nden Räder, Sie ſchwiegen vor dem Hauch des Herrn. Die Stimme. „Das Blatt in des Jahrhunderts Buche Hat ſiebzehn Mal ſchon ſich gewandt. Der Abgrund harret: ob dir fluche, Ob dir verzeihe meine Hand. Tritt her!— ſieh' deine Wag' mich halten! Ich ſchau' in deines Herzens Falten, Jahrhundert, ſündig oder rein! Muß ich dich in der Zeiten Munde Vertilgen?— Sprich!— wie eine Stunde Siehſt du mir ein Jahrhundert ſein.“ Das Jahrhundert. „Mit hohem Sinn, mit kühnem Wagen Trennt' ich, und eint' ich Alles;— war In mein Geſetze nicht geſchlagen, Was endlos und unwandelbar? Wog ich nicht ſelber deinen Willen?—“ Die Stimme. —„Halt ein, Phantom! mit Schauder füllen Die Worte die Gerechten hier. Den trunknen Stolz der Bruſt entferne! An deiner Weisheit zweifeln lerne, Denn zweifeln kannſt du nicht an mir! Haſt du in deinem blinden Wiſſen— O, ſag' es!— meiner nicht gelacht? Des Glaubens Binde nicht zerriſſen, Der Sitten und Geſetz bewacht? Sag' an! haſt du, die Erde ſchreckend Mit unerhörter That, befleckend Des Todes ernſt Myſterium, Nicht Kön'ge in der Gruft geſtöret, Eh' ſie des Richters Ruf gehöret?“ Das Jahrhundert. —„O Gott! auch deine Zeit iſt um!“ Die Stimme. „O, wein', zum Rieſen ſieh' geworden Den Irrthum, mangelnd meines Lichts. Der Unglaub' lädt zu Königsmorden: Das Chaos iſt ein Kind des Nichts. Ich liebte dieſes Land der Erde; Sein Volk, gleich einer frohen Heerde, Führt' mild ein guter König hie, Und Sie, die ſaß zu ſeiner Rechten— Sag' an!— dein Thun mit den Gerechten? Das Jahrhundert. —„O Herr! ich ſeh' im Himmel ſie!“ — 61— Die Stimme. „Der Furcht weicht deines Auges Trübe! Ich bin's, der dir den Schleier nimmt; Der den Erwählten ſeiner Liebe, Wie ſeines Zorns ihr Haus beſtimmt. Ein Strahl, der mein Geſicht erhellet— Und Alles lebet oder fället, Wird, oder ſinkt zurück in Graus. Mein Hauch kann ſegnen und verdammen; Er fachet an der Brünſte Flammen, Und löſcht die reine Fackel aus. Daß ſtumm Vergeſſen dich verzehre!“ Das Jahrhundert. —„ Herr! dein Arm ſchwebt über mir; Herr! des Verfluchten Stimme höre!“ Die Stimme. „Schweig'! eitel Reden laß ich dir!“ Da s Jahrhundert. „Wohl denn! durch grauſere Verbrechen Wird frei mich das Jahrhundert ſprechen, Das jetzt den Flug beginnen will!“. Sprach's, und der Blick der Hoffnung füllte Mit Thränen ſich; ſein Aug' verhüllte Der Engel Frankreichs, truͤb und ſtill. — 62— Die Stimme. „Den Abgrund ſieh zu deinen Füßen! Ein neu Jahrhundert zieht die Bahn; Doch ſeine Frevel, ſtatt zu büßen Für deine, klagen ſie nur an.“— Und wie der Sturm mit dumpfer Stimme Die weh'nde Flock' in ſeinem Grimme In's Meer jagt vom Geſtade weit: So folgt die ernſte Stimme lange Des Schuldbeladnen flücht'gem Gange, Und ſtürzt es in die Ewigkeit. 1821. —— Bonaparte. De Deo- 1. Verſchlingt die Erde zürnend ihre Städte, Und gibt den Winden ſie, ein wandernd Gift; Erhebt der Sturm ſich, ſpaltet ſich das Bette Des Meers, ein ſchäumendes Geklüft: Das iſt des Gottes, der da rächt, Erwachen!— Wenn ſolchen Zeichen, voll ihr Maaß zu machen, Die Welt nur Trotz entgegenſetzen kann, Dann, durch des Strafers Hand zur Rache reifend, Der todten Geißeln Beute kühn ergreifend, Er eine lebende, ſteht auf ein Mann. Oft ſahn wir ſolche, die der Herr erkoren, Durch die ſein Arm der Erde Völker ſchlug;— Doch, durch den Fluch Triumphatoren, Warf ſie zu Boden auch der Fluch. Von Nimrods Geiſt furchtbare Erben, Sah man ſie herrſchen, Völkern zum Verderben, Sah man ſie ſchwingen Schwert und Brand; So, reich an frevelm Ruhm und freveln Siegen, Hielt ſie die Welt der Höll' entſtiegen, Da doch der Himmel ſie geſandt. — 64— 2* O hört! als jüngſt der Nationen Herrin, geſetzlos, ohne Stab, Der Monarchie, von Factionen Geſchändet, zitternd ſich begab; Damals, in dieſes Chaos Gähren, Sah'n einen Zücht'ger wir gebaren, Die zorn'ge Hyder: Königsmord;— So auch verſchlinget oft das wilde Weltmeer ein lachend Fruchtgefilde, Und ein Vulkan fullt ſeinen Ort. Zuerſt, am Nil ſtört' er die Katakomben, Und ſtritt im Zieh'n, ein Sattel noch ſein Thron, Als ſpräch' aus ſeinem Zelt mit ſeinen Bomben In ihren Gräbern er Tyrannen Hohn.— Er kam zurück, Herr ſeiner Schlachtgenoſſen Zu werden;— Frankreichs Thränen floſſen; Umſonſt, ach! hofft' es ſchön'rer Tage Nah'n; Als er zertrat der Pharaonen Krone, Taub ihrem Nichts, da war's von einem Throne, Daß wir auf ihrer Gruft ihn träumen ſahn! Sein Feldherrnkleid färbt' königlich Geblüte; Ein Krieger fiel dem Brechen ſeiner Schwür'; Genoß der Anarchie im Schloßgebiete Vincenne's— im Louvre war er König ihr. — 65— Zu weichen dieſes Menſchen Stirn, beinahe Bedurft' es eines Gottes!— nehe, Roms Prieſterkönig! ſegne du den Mann! Denn, vor ſich ſelbſt erſchreckend, zweifelsohne Will er empfangen ſeine blut'ge Krone Aus einer Hand nur, die verzeihen kann. 3 Doch Gott, der Helfer und der Gute, Der nie die Seinen noch verließ, Zerbrichet, wenn er will, die Ruthe, Die er die Erde ſchlagen hieß. Den er begünſtigt eine Stunde, Nennt ſich mit prahleriſchem Munde Den Herrn der Welt;— ein mächt'ger Strom, Brauſ't er einher, taub dem Geſchicke; Doch glaubt zu halten er ſein Glücke, So flieht den Rieſen das Fantom. 4. In ſeiner Frevel Nacht, die Siege graus erhellten, Nicht kennend Gott, der ihn geſandt, Zog dieſer Mann mit ſeinen Zelten, Geſtützt auf ſeinen Ruhm, von Land zu Land. Sein furchtbar Heer, auf ſeinen Zügen, Ließ dem Geſchlecht des Galgacus erliegen 5 — 66— Die tapfern Söhne des Pelag; Und als er heim nun führte ſeine Braven, Lud er beſiegte Kön'ge zu der Sklaven, Die für ihn ſiegten, Feſtgelag. Zehn Reiche ſah'n wir ihn Provinzen machen; Und nicht war ſeinem Stolze dieß genug.— Ein Hof von Fürſten ſollte dienend wachen An dem Continentalthron, der ihn trug. Zum Norden führten ſeine Adler, deren Flug unter zwanzig Himmeln ſeinen Heeren Voranflog, ſeiner Krieger Stahl. Doch dort ſtieß auf die Klipy' er ſeines muth'gen Laufs!— ſieh', den Völkern gab die Gluth der blut'gen Brunſt Moskau's zum Erwachen das Signal. Ein König fiel er, groß vor Allen;— Doch einmal noch in ſeinem Lauf, Wohl nur, um nicht mehr halb zu fallen, Wollt' er ſich wieder richten auf. Da, daß ein ſtreng und ernſt Gerichte Des Herzens Hochmuth ihm vernichte Durch fürchterliche Harmonie, Gab einer Klipp' man den Gefangnen— Von einer alten, längſt vergangnen Welt ſelber eine Trümmer ſie! — 67— Dort, wie ein glüh'nder Lavaſtrom erkaltend,— Reſt eines Herrſchers,— einſam und verbannt,— Die er beſiegt, jetzt ſeine Ketten haltend— Sitzt er, gefeſſelt ſeine Hand. Der hergeſtellten Throne Schimmern ſieht er; Von fern, gleichwie ein Leuchtthurm Schiffern, glüht er, Die Klippe zeigend, die uns dräut. Er ſtirbt.— Als in der Bürgerzwietracht Toben Sich das Gerücht bei uns erhoben— Wie athmet auf die Welt, von ihm befreit. So in der Irre geht des Stolzes Trachten; Ein Hauch gebiert ihn, wie ein Blick ihn fällt.— Sein ganzes Reich war eine Reih' von Schlachten, Das Schwert ſein Scepter, und ſein Thron ein Zelt. Die eigne Geißel, die er ſchwingen mußte, Flößt' ſeiner Seele unbewußte Furcht ein;— man pries ihn als Soldat. Zurücke fallend in ſich ſelbſt, wie einen Abgrund, durchſchritt er Ruhm, und Blut, und Weinen, Doch nur zum Unglück führete ſein Pfad. 5. O Voölker, die ihr auf den Knieen Vor Opfern und vor Henkern liegt, Laßt einſam in die Jahr' ihn fliehen:— Nicht iſt ein Held, wer ſo geſiegt! 5* — 68— Laßt dieſe falſchen Götter, denen Die Mitwelt Ruhm zollt, aber Thränen Die Nachwelt, nicht bethören euch! Sie ſind den nächtlichen Auroren, Durchzuckt von glüh'nden Meteoren, Doch nicht die Sonne bringend, gleich. März 1822. — 69— Z weit e 3 B u ch. 1822— 1823. Nos canimus surdis. An meine Oden. .. Tentanda via est, qua me quoque possim Tollere humo, victorque virúm volitare per ora. Virgil. 1. Die Stunde dieß!— erhebt euch nun, ihr Oden! Zum Himmel ſchwinget euch empor vom Boden; Der Augenblick iſt günſtig;— fort! Der Blitz erhellet eure Flügel; Der Sturm des Volkes, baar der Zügel, Läßt muthig treiben ſich den Nord. Wer längſt ſich ſchon den Göttern ſah verfallen, Jauchzt, hört er, der ihn ruft, den Donner ſchalen; Doch ich— hätt', ein beglückt Genie, In einem ſchönern, beſſern Lande, Ich eure purpurnen Gewande In Lichte wallen ſehn und Harmonie; — 70— Häͤtt' kein Entweiher mit verruchten Händen Berührt eu'r Opfer; hätt' nach euren Spenden Kein ſchlecht Gewürm verhaucht ſein Gift; Wär', da ſie euch voruͤberfliegen Sah, kein Gewölk der Erd' entſtiegen, Als reinen Weihrauchs ſüß Gedüft: Geſegnet würd' ich dann der Muſe Gaben, Und dem Poeten zugerufen haben: „O Bach, der Bahn in's Meer ſich bricht! In das der Welt nur wolle fließen, Und ſeine Wellen furchtlos grüßen, Denn wiſſe, bitter ſind ſie nicht!“ 2. Beglückt, wen des Vergeſſens Nacht nicht ſchrecket, Wer da nicht weiß, daß düſtern Nachhall wecket Ein Name, den man nicht vergißt; Daß Glanz und Ruhm die Ruhe tödten, Und daß die Palme des Poeten Nur eine Märt'rerpalme iſt! Beglückt der Vogel, der ſich wiegt im Aether, Nicht fürchtend Wetter, Schwindel und Verräther! Beglückt, wem nichts Verſuchung bringt! Wer nur nach dem ſtrebt, was ſein Streben Sein ſoll; nur lebet, um zu leben, Und einzig, um zu ſingen, ſingt. — 71— 3. Sucht euren Ruhm! lebt wohl nun, meine Lieder! Bald ſtehet ihr an meiner Pforte wieder, Beweint ihr, die euch jetzt entflieht, Die Zeit, wo ihr im zücht'gen Schleier Den Sternen glichet, deren Feuer Man in der Nacht nur glänzen ſieht; Als wen'ge Freunde eure einz'gen Richter Noch waren, Abends, in der Stille;— Dichter, Die, folgend ihrer Lyra Flug, Genaht der Muſe Heiligthumen, Und deren Hand Iſaura's Blumen In Akademos Gärten trug. Gleichwie ein Engel, zieh'nd auf goldnen Schwingen, Kamt ihr mit heil'ger Worte leiſem Singen;— Zu ſtürzen, und zu heben dann, Sangt alles ihr, was in geweihten Momenten einer Lyra Saiten Durchſchüttern, was die Seele träumen kann. Bereit zum Kampf in heiligen Arenen, Erſchloſſet ihr der Hippokrene Söhnen, Die mit euch rangen, des Olympos Thor; Um aufzuhalten ihren kühnen Lauf, warft ihr goldne Aepfel ihnen, Wie Atalante's Buhle, vor. Man ſah euch ziehn mit Sylfen und mit Feen; Mit unſrer Jugend fröhlichen Trophäen Vereintet alte Fasces ihr; Ihr ſangt vom Krieg und ſeinen Ehren, Die goth'ſchen Zeiten euch beſchwören, Und prophezeien ſahen wir. Oft ſangt ihr Troſt dem Scepter und der Krone; Herab vom Dreifuß ſchütztet ihr die Throne; Oft auch, der ſchwachen Unſchuld Wehr, ¹ Um die Geſchichte zu erweichen, Vergoſſet, als der Sühne Zeichen, In Ströme Zluts ihr eine Zähr'. 4. Doch jetzt fliegt aus, als wie die Schwalben!— ziehet Aus nach dem Ziel, für das ihr alle glühet! Und ich— wenn, nun den Kampf ihr wagt, Kein Herz bezweifelt euren reinen Willen, Wenn Eines nur vernimmt im Stillen, Was ihr ihm leiſe, leiſe ſagt; Wenn, drohet auf den Strömungen und Wellen Der Sturm nun euer Fahrzeug zu zerſchellen, Ein Freund nur um mein Schickſal weint, Euch, wenn er euer Kämpfen ſchauet, Am Ufer einen Leuchtthurm bauet, Daß euch ſein Licht zum Hafen ſcheint; — 73— Ich werd' euch minder troſtlos ſcheitern ſehen; Doch, faſſet Muth jetzt! es iſt Zeit, zu gehen. Bekämpft die Böſen! eure Stunde ſchlägt. Die Lyra auch iſt ein Geſpenſt!— verſcheuche Das Laſter ſie!— Gott— Seelen— ſeine Reiche!— Hat in die Lieder eine Kraft gelegt. 5. Der Dichter ſchauend, wenn die Erd' im Dunkeln Geht, gieicht den Bergen, die ſchon gülden funkeln, Eh' noch das Morgenroth erwacht, Und deren ſonnennahe Spitzen, Den Schatten trotzend, ſprühn und blitzen Bis tief hinein noch in die Nacht. 4 1823. Die Geſchichte. Ferrea vox. Virgil. N 1. Gleichwie ein Meer, an Klippen reich und Schlunden, Iſt das Geſchick der Völker dieſer Welt. Blind, wer, was ſie bedrängt, was ſie empfinden, Nur für ein Spiel von Fluth und Winden hält! — 71— Durch dieſe Nächte zuckt ein Strahl von oben; In dieſen Wettern weht ein mächt'ger Hauch; Und miſcht ſich in ein Grablied Feſtestoben— Stimm' eines Gottes hör' ich darin auch. Und die Jahrhunderte, die rieſ'gen Brüder— Ungleich ihr Schickſal, doch ihr Wünſchen nicht!— Ein Ziel vereint nach andrer Bahn ſie wieder! Auf Jedes Leuchtthurm glüht dasſelbe Licht! 2. Welch Alter, Muſe, das dein Aug' nicht ſiehet? Du ſchauſt ſie all' bis zu der Zeiten Schluß. Ein Tag, ein Jahr, und ein Jahrhundert ziehet, Gleich flücht'gen Furchen, nur in dieſem Fluß. Ihr Henker, und ihr Opfer, glaubt's! ſie zündet Die Fackel an, und leuchtet überall. Sie kennt den Abgrund, wie die Höh'n;— ſie gründet, Wo nur ein Grab fehlt, eine Tempelhall“. Sie eilt, den Helden, der da ſinkt, zu krönen; Zerbricht den Wagen, drauf der Sieger ſteht; Sie geht und träumt bei fallnder Reiche Dröhnen, Und zeigt die Wege Gottes, wo ſie geht. — 75— Sie ruft mit ihrer Stimme die vergangnen Jahrhunderte; ſetzt dem Palaſt der Zeit Den Giebel auf; ſchleift, einen Kriegsgefangnen, In das Zukünft'ge die Vergangenheit. Nach jedem Schiffbruch ſammelt ſie die Trümmer Der Welt, und folgt dem Wrack meerauf, meerab; Ihr Auge ſieht, in Eines Blickes Schimmer, Die letzte Wiege, und das erſte Grab. 1823. ZHie ſchwarze Bande. An Ch. Nodier. Ein unbekannter, aber frommer Wandrer durch die Ruinen des Va⸗ terlandes.. betete ich... Ch. Nodier. 3 1. Ihr Wäll, ihr Zinnen, und ihr Gräben! Ihr Brücken, die ihr niederfallt! Ihr Säulen, und ihr morſchen Streben! Ihr feſten Schlöſſer, ſtolz und alt! Ihr Klöſter, ihr gewölbten Gänge, Ihr Säl', wo heil'ge Feſtgeſänge Getönt, wo der Credenztiſch ſtand! Altär' dran unſre Mütter flehten! Thürm' auch, drauf unſre Fahnen wehten In ihrer Väter ſtarker Hand. Ihr Schwellen, wo des Stolzes Flamme Mit jähem Zucken uns durchblitzt; Ihr Tempel, ſo die Oriflamme, Ihr Schlöſſer, ſo das Kreuz beſchützt! Und ihr, der Lieb' verborgne Orte! IgVhr Siegesbogen, Pfort' an Pforte, Die kund ihr unſre Größe macht! Kapellen, Kerker und Gemäuer, Trüh' von ſo vieler Wunder Schleier! Gemäuer, glüh'nd von ſo viel Pracht! O Reſte! Trümmer Frankreich's! könnte Euch unſre Lieb' vor der Gefahr Beſchützen! alte Monumente Von einem Volk, das Kind noch war. Tief beuget euch der Jahre Schwere, Ihr, von Provence der Ritterehre Zuflucht bis nach Armorika! Gefallne Bogen, dem Vergeſſen Geweihet! trocknes Bette, deſſen Strom längſtens man verſiegen ſah! Mir iſt, wenn ich euch ſchau', als hörte Das Lebewohl der Helden ich. Wie Strahl von Gott, durch die zerſtörte Pracht blitzt es oft herab auf mich. Mein irr'nder Fuß in dem Gefilde Sucht nach den Kühnen, die vom Schilde Sich wagig ſchufen einen Thron; Oftmals, nicht eingedenk der Stunde, Begehrt' ich Wort aus ihrem Munde Vom Echo ihrer Schlöſſer ſchon. Oft gürtete ſchon meine kühne, Kriegriſche Muſe, plötzlich wild, Sich mit der Schärp' der Paladine, Und ging einher in Helm und Schild. Froh ihres roſtzerfreſſnen Stahles, Nahm vom Getäfel ſie des Saales Trophäen, Schwert, und Speer, und Fahn'; Mit ihrem Renner ohne Schwingen Nach neuen Reihen vorzudringen, Schnallt' ſie die güldnen Sporen an. Ich liebt' ein Schloß tief in den Büſchen, Zu dem der Weg den Wandrer ſchreckt, Und deß gewölbte Pforte zwiſchen Zwei großen Thürmen ſich verſteckt; Ich liebt' auf ſeinem Dach die Schwärme Von Vögeln, deren dumpf Gelärme Die Finſterniß willkommen heißt, Und deren Zug mit heiſerm Schreie Der Zinnenfähnlein farb'ge Reihe In flatternder Spiral' umkreiſ't. Den mooſ'gen Thurm, der die Geme ine Mit dem Geläut der Glocke letzt; Den Weg auch mit dem Kreuz von Steine Liebt' ich, wo ſich der Wandrer ſetzt; Das Kirchlein, ſeine Gräber hütend, Wie man, auf ihren Jungen brütend, Die demuthvolle Taube ſieht; Die zinn'ge Burg— wie Geiſterflügel Umſpannen ihre Arm' den Hügel, Drauf in der Sonn' ihr Bleidach gluht. Den Hof, erfüllet von dem Tone Des Horns; die Sturmesglock' zumal; Und, wo ihr Rüſtzeug die Barone Ablegten, den gewölbten Saal; Die Fenſterſcheiben all', die matten Und farb'gen; des Gewölbes Schatten Liebt' ich, wo in der Eiſentracht, In den bejahrten Mauerthürmen, Die Tapfern ſchlafen, taub den Stürmen, Gleichwie am Abend vor der Schlacht. Heut neigen unter den Cascaden, In der Gehölze grüner Nacht, Die ſchlanken Pfeiler und Arcaden Die Stirn ob der vergangnen Pracht. Drauf jetzo Hirtenknaben hüten, Zerbröckelnd krümmet ihr graniten Haupt jede ritterliche Veſt'; O Reſte, bald nun ganz geſprenget, Den Horſt an eure Thürme hänget Der Adler, und die Schwalb' ihr Neſt. Wie dieſes Wandervogels Fliegen, Iſt des Poeten irrer Lauf; Er ſucht auf allen ſeinen Zügen Die Trümmer und den Frühling auf. In dieſen Reſten, unſerm Ruhme, Sieht er, was uns vom Ritterthume Noch blieb— der Ruhm bewohnt ſie noch! Die Helden blieben den Ruinen;— Siehſt du auch Schatten nur in ihnen, So ſind es Rieſenſchatten doch. Ehrt dieſe Trümmer, o Franzoſen! Gott ſegnet frommer Kinder Art, Die da in einer freudeloſen Zeit treu der Väter Erbe wahrt. Zählt, gleich als ſei es ein geraubter Ruhm, jeden Stein, der aus beſtaubter — 80— Thurmmauer fällt;— dringt muthig durch! Auf! Gallien gebt Frankreich wieder, Der Hoffnung die Erinnrung— Brüder, Dem jungen Herrn die alte Burg! 2. Schweig, Lyra! töne nicht in dieſen Tagen! Laß dieſe Trümmer in die Tief' hinein, Wo ſie kein Freund verfolgt mit ſeinen Klagen, In Frieden fallen Stein auf Stein! Ihr Zeugen längſt verfloſſner Jahr'! ihr Wächter Von einer Zeit, die zum Verächter Die unſre hat— o, fliehet ſie! Brecht ein, ihr Reſte heiligen Geſteines! Was wacht ihr noch, ihr letzten Poſten eines Entſchlafnen Lagers?— es erhebt ſich nie! Nein— ſelbſt beſchleunigt ſei der Lauf der Zeiten! Was! wo die Helden, die das Grab geſtört, Die Königsaſchen in die Lüfte ſtreuten, Und Todte ſchlugen mit dem Henkerſchwert? Laßt dieſe Kühnen Preis und Ruhm empfahen! Heil ihnen! Rom und Sparta ſahen Nie ſchön're Thaten! Preiſ't ſie!— hört! Sie haben überwunden dieſe Steine, Die Aſch' zerſtreut, zerbrochen die Gebeine— Sie haben Gräber in die Acht erklärt! — 81— Sagt, welch ein Gott ließ Solches ſie begehen?— Stolz auf das Nichts, durch ſte der Hülle baar, Begehrten ſie vielleicht das Grab zu ſehen Leer, wie es auch ihr Himmel war? Vielleicht, der Ehrfurcht, die dem Tod wir weihen, Einhalt zu thu'n, ſah'n wir ſie frech bedräuen Ein königliches junges Reis? Vielleicht, erſtrebend neue Siege Und Hekatomben, war nur eine Wiege— Des Kriegs, den ſie mit Gräbern führten, Preis?— Jetzt laßt ſie ſchaaren ſich! weiht ihres Schwarmes Krieg'riſchem Andrang! laßt ſie kommen!— ſchaut, Dieß Feinde, würdig ihres kühnen Armes: Ruinen, zitternd, längſt ergraut! Laßt furchtlos ſie die offnen Thore ſtürmen, Mit Leitern nahen den verlaſſnen Thürmen— Gefahrlos iſt ein ſolcher Sieg. Doch laßt ſie nicht die ruh'nden Tapfern wecken, Denn dieſe Schatten, einſt der Feinde Schrecken, Erklärten ihnen, Fremden gleich, den Krieg. Einſam will dies Jahrhundert überragen Die andern.— Wohl! begegnet ihm mit Hohn! Nichts bleib' der Erde von den alten Tagen: Bleibt unſern Herzen doch auch Nichts davon! Schatzkammer unſers Ruhms und unſrer Ehre Ruht dieſes ungeheuren Erbes Schwere 6 — 82— Zu ſchwer doch auf den Völkern, die entſtehn. Es hält ſie auf in ihrem gleichen Streben. Was das Vergangne? ward uns Zeit gegeben, So iſt's die Zukunft nur, nach der wir ſehn. Nicht rühmet fürder uns der Vater düſter, Leichtgläubig Thun! auch ſind wir tugendhaft; Mit dieſer Hand ermordeten wir Prieſter, Mit dieſer Hand der Kön'ge heil'ge Kraft.— Weh', Frankreich's Ehre liegt geknickt im Staube; Der ſtillen Hoffnung Bruder auch, der Glaube, Floh dieſe Zeit, in der man Heil'ge würgt. Frech nahm das Laſter ein der Tugend Stelle, Verbirgt und unterdrückt ſie, wie die Schwelle Verlaſſner Tempel Dorngeſträuch verbirgt. Wenn Frankreich einſt, entkleidet ſeiner Größe, Mit ſeinen Malen, eine Wittwe, ſteht, Dann höhnen ſie, den Purpur ſeiner Blöße Verweigernd, ſeine Majeſtät. Wir— laſſet uns die Mutter nicht entweihen! Laßt Blumen ihrem bittern Ruhm uns ſtreuen! Singt ihren untergeh'nden Stern! Mag auch die Anarchie an Thronen rütteln, Nie doch wird unſre junge Muſe ſchütteln Ihr Banner, bleich vom Staub der Zeit, die fern. 1823. — 83— An meinen Vater. Domestica facta. Horaz. 1. Was! nie ein Schwert mir? ſtets nur eine Leier? Verhüllt mein Leben ſtets ein dunkler Schleier? Kein Arm, der mir die Kriegsarena weiſt?... Ha!— Reime nur für meines Zornes Klage! Unfruchtbar Denken alle meine Tage Verzehrend, Lieder meinen Geiſt!— Und doch zeigt Griechenland— Tyrannen dürſten Nach ſeinem Blut!— ſein flammend Kreuz den Fürſten Der Chriſtenheit;— laut ruft Hiſpania Nach unſerm Arm;— es irrte;— nun erflehet Es Frankreichs Beiſtand; eine Waiſe, ſtehet Sein alter Thron ſtütz⸗ und geſetzlos da. Oft, Vater! hab' ich mich im Traum geſehen;— Ich nahm dein Schwert, und ſtieg die Pyrenäen Mit unſerm Heer in's Land des Cid hinab. Nach Griechenland auch ſchritt ich, daß, wenn keinen Tyrtäos auch, doch ein Franzoſe ſeinen Leonidas ihm wiedergab. 6* — 84— Traum!— nur nicht glaub', daß meine Muſe Lieder Verſchweig' dem Ohre deiner Waffenbrüder! O Vater! treu den Kriegern der Poet! Er krönt den Sieg mit nie vergeh'ndem Ruhme; Ihr Leben ſein Geſang; wie jede Blume Liebt jeden Lorbeer, wer nach Ruhme geht. 2. Franzoſen! hebt die ſchlachtenpalmgeſchmückte Stirn'!— Groß ſogar, als ein Tyrann euch drückte, Wart ihr's, durch die der Selt'ne ſich erhub; Durch euch unſterblich, wird ſein Name ſtrahlen Für alle Zeiten in der Welt Annalen, In die ihn euer Degen grub. Ein neues Blatt ſchrieb dieſer Mann zu allen Geſchichten; Kön'ge ſah'n wir vor ihm fallen; Gott gab den Tod in ſeine blinde Hand. Die Welt ward inne ſeines Armes Schwere; Die Reich' erloſchen unter ſeiner Heere Fußtritt, wie, was ein Kind ſchrieb in den Gand. Vom Glück erhoben, ward er auch vom Glücke Geſtraft.— O Thor! dein groß und morſch Geſchicke, Dem Stolz, der ſtets gebüßt wird, zu vertraun! Unglücklicher! wohin, wahnſinn'gen Fluges, Verſtieg dein Trachten ſich, aus deines Zuges Thronſeſſeln Schemel dir zu bau'n! — 35— Auch ſein Tag kam:— er floh!— nur blut'ge Streifen Noch eines Heers, ſah man ihn nach ſich ſchleifen Soldaten, Roſſe, Wagen und Geſchütz. So ſeine Spur mit fliegendem Gefieder Beſä't der Aar, den aus den Lüften nieder Der Jäger rief mit ſeines Rohres Blitz. Nicht wachet mehr an ſeiner Lagerſtäͤtte Ein Hof von Kön'gen;— laßt, im finſtern Bette, Ihn jetzt erfreu'n ſich ſeines Cenotaphs! Nicht zählt Europa mehr, in Waffen blitzend, An ſeines Zeltes blut'gen Thoren ſitzend, Die Stunden ſeines ſchwarzen Schlafs. Zieht eurem Ruhme wiederum entgegen, Franzoſen! Eilt!— Genug ſah'n Einen Degen 3 In ſo viel Thaten wir! nannt' ihn das Lob Noch nicht genug?— meßt auf dem Staub die Höhe Des Rieſen jetzt!— wo iſt, der Den nicht flöhe, Den euer Arm auf eure Schilde hob? Noch leuchtet euch des Brennus Stern im Toſen Der Schlacht! der Sieg war ſtets mit den Franzoſen; Die Ruh' der Welt hängt ab von ihrer Ruh'. Nachgeh'nd Moreau's, Condé's, Paintraille's Schritten, Trug dieſes Volk ſtets ſeine Fahnen mitten Im Kampf der Siegesgöttin zu! Doch du, mein Vater, deines Zeltes Leinen Zuſammenfaltend, melde jetzt der Deinen Traulichem Kreis am abendlichen Heerd', Was du gethan.— Ob auch dein Gut nur Reſte, Wir, deine Söhne, murren nicht: das beſte Erbtheil ein Name, welchen man verehrt. Ich— weil ich ſeh', daß deine ſtaub'ge Rüſtung Am Heerde hängt, daß in der Fenſterbrüſtung Des alten Saales ſchlummernd ſteht dein Speer, Und daß der Renner, deſſen Huf' mich tragen Zum Liederkampf, verroſten läßt den Wagen, Auf dem du ſtritteſt in dem Heer: Vermach' den Glanz du deines Schwertes meiner Glanzloſen Laute! gib es zu, daß deiner Kriegsthaten Schimmer mein Gedicht durchweht! Ich will den Muſen deine Kämpfe ſagen, Wie, ſchwach und ſtolz, weil ſeine Schweſtern zagen, Ein Kind mit ſeines Vaters Degen geht. Auguſt 18253. Das freie Mahl. An die Könige Europa's. Man hatte zu Rom einen alten Ge⸗ brauch: am Abend vor der Hinrichtung der Verurtheilten gab man ihnen an der Pforte des Kerkers ein öffentliches Mahl, welches man das freie Mahl nannte. Chateaubriand, die Märtyrer. 1. Wenn nun, das Evangelium dem alten Olympos opfernd, deine Worte ſchallten, O Praetor!— gabſt du nun Dem Tode ſie, die todestrunknen Sieger, Die Märtyrer;(die Götter und die Tiger Erfreuete dein Thun!)— Dann gab die Tiberſtadt der heil'gen Bande Ein Feſt; wie wenn, des Wermuthkelches Rande Ein wenig Honig nur Auflegend, ſie der Opfer Muth nicht kännte; Wie wenn durch Orgien ſie tröſten könnte, Die folgten Chriſti Spur. Purpur umfloß die finſterſchau'nden Zecher; Falerner ſchäumt' im Bauche tiefer Becher; — 88— Den Wein Malvaſia's Umfing die Myrth', und färbete der ſüße Honig von Hybla; thre wunden Füße Wuſch Rauchwerk Aſia's. Daß würdig man dieß freie Mahl beſtelle, Nahm dreier Welten Zins man, nahm von Welle Und Waldung man Tribut; Nichts fehlete;— man war verſucht, zu ſagen, Daß Sybaris zu Epikur's Gelagen Die Schaar des Todes lud.— 5 Doch während ſie, umweht vom Duft der Narden, Sich letzen, führt man ſchon die Leoparden Zu der Arena Thor; Bald werden, wen'ger grauſam, als die Frauen Rom's, ſie verwundert auf vom Würgen ſchauen, Dröhnt Beifall in ihr Ohr. Den Löwen vor warf man die heil'gen Greiſe: So einem ekeln Herrſcher ſüße Speiſe Reicht eines Knechtes Hand. Am Feſte ſaß ihr heiliges Conclave, Indeß der Tod, gleichwie ein ſtummer Sklave, Bleich hinter ihnen ſtand. — 539— 2. O Könige, ein Feſt iſt euer Leben! Den Kelch der Größe an die Lippen heben Sieht euch die Gegenwart; Doch in den Jubel eurer Feſtgeſänge Miſcht ſein Gebrüll das Tigerthier der Menge, Das morgen eurer harrt. 3 h 1823. Die Freiheit Christus nos liberavit. 1. Naht tempelſchänderiſch geweihter Stätte Der Hohn, dann flieht des Volkes trübe Schaar; Der treue Prieſter nur ſpricht mehr Gebete, Streut mehr des Weihrauchs, neigt die ſtaubbeſä' te Stirn tiefer nur vor dem Altar. 2. Nein, Pilgerin auf unſern Blutgeſtaden! Du Tochter Gottes! Freiheit! ſtrahlend Licht! Du reine Fackel auf des Ruhmes Pfaden— Nein, Lebewohl ſagt' ich dir nicht! Denn wiſſe, meine Laute iſt von denen, Die ungeſtüm jedwedem Unglück tönen, — 90— Und jede Tugend ſegnen.— Sieh, Des Gladiators Kette nicht ſchleift meine Geweihte Muſe, doch das reine Bahrtuch der Märtrer ſchmückt beim Ringen ſie. Wenn uns das Herz ein edel Trachten ſchwellet, Wenn ſich der Menſch der Zukunft muthig ſtellet, Und ihrem Drohn ein kühnes Lächeln zeigt— In jenem Alter, vor der bittern Stunde, Wo unſrer Hoffnung Blume ſtirbt, die wunde Seel' nun hinan zum dürren Mittag ſteigt: Sprach ich:„Gruß dir, o Jungfrau! Streng' und Hehre Und Liebliche! Freiheit, dir folgen wir! Wie einer jungen Gattin Lieb', und Ehre Wie einer Mutter, zollt die Erde dir. Gruß dir! du weißt, befrei'nd die müde Seele, Hinabzuſteigen eher in die Höhle Des Kerkers, als— o, ſei gegrüßt!— In den Pallaſt!— Permeſſus' Liedern jene Des Kidrons miſchend, haſt du immer Töne, Durch die dein Mund der Helden Tod verſüßt.“ Ich ſprach's;— und ſieh', die Weiſen dieſer Erde, Sie kamen all' mit lächelnder Geberde: —— „Sieh' da, die Freiheit! mehr des Blutes! mehr Der Thränen noch! Sieh' da, vor ihrem Stuhle Kniet jeglich Volk!— o, komm, ihr junger Buhle!“— Und, Blumen tragend, ſchritt ich her. 3. Ein Unding ihre Freiheit!— Gott! es nannte Sich Wahrheit, weil es nackt war; das Geſchrei Des blinden Wahnſinns lallt' es, und bekannte Sein Freveln frech und ohne Scheu. Ihm wäre Recht geſchehn, hätt' der Harpyen Gierige Krall' die Fabel ihm verliehen, Und deine hundert Arm, o Gäa's Sohn! Rom's Raube weiheten ſie dem Idole, Doch ſaß ein Gei'r auf ſeinem Capitole, Die Höll' bevölkerte ſein Pantheon. 4 Richtbeil und Folter führten, einen ſüßen Geliebten, ihm den Tod zu;— mit den Füßen Ein ſchuldlos Volk trat dieſes Ungethüm; Und Weiſe, weh', mit lügneriſchem Muthe, Sie reicheten, wankt' es, berauſcht von Blute, Durch Trümmer, Hand und Stecken ihm. Mit Sodom's Feſten wollt' es die Befehle Lykurg's vereinen;— weh' uns, es beſchwur, Da es den Menſchen durch das Nichts der Seele Erheben wollte, dich, o Chaos, nur!— — 92— Das Haupt der Kön'ge ſchlägt es, ihre Krone Zu ſchlagen; ſtürzet ihre Throne, Im Staube ſie zerbrechend; läßt Dem Herrn, in ſeinem himmliſchen Exile, Von ſeiner Ewigkeit— vergeſſen fühle Er ſich in ihr!— verächtlich einen Reſt! 4. „Preis unſrer Weisheit!“ lautete die Sage Der Weiſen da,„dieß Rom's und Hellas' Tage! Zerbrochen, o ihr Nationen, ſei Der Fürſten Joch! o Freiheit, nur dein Walten Leit' uns! du biſt's, von der die Macht wir halten!— Dein eigner Fürſt, o Volk, fei groß und frei!“— Tyrannen, die ihr ſchmeichelt!— o, Gewebe Schönthu'nder Lügen!— Aſten, Afrika, Wo eure Dey's? ſie ſchwingen milde Stäbe Dem, welcher unſre Henker ſah. Verworfne, eingelullt in euren Eiſen, Den ſchwarzen Sklaven eilt zu preiſen, Deß Kraft ein ander Eiſen brach! Den Stummen Preis im Harem des Propheten! Dem Sklaven Preis, der ſich von ihnen tödten Läßt!— im Verborgnen trifft ihn doch der Schlag! Der Sultan, in Porphyr⸗ und Jaſpishallen, Drin ſeiner Frauen ſuͤße Lieder ſchallen, — 93— Tritt ſtolz mit Füßen Purpur und Email, Ambra und Gold;— das Volk, ſcheu dem Gebhäude Sich nahend, ſieht, wo ſeines Herren Freude, Am blut'gen Haupt, geſpießt vor dem Serail. Glückſelig Volk!— den Aufruhr weckend, ſendet Durch ſeine Dächer oft der Janitſchar Die Feuersbrunſt, daß zitternd und geblendet Im Harem ſtehet der Eunuchen Schaar. Glückſelig Volk!— ſein Leben der Weſſire Spielball— da ſendet ſeiner Thüre Der Tod ein Gift, das ſeine Feſſeln bricht. Dreimal glückſelig Volk!— der Knechtſchaft ziemet Des Schreckens Joch! o Weiſe, die man rühmet: Dieß Volk hat eure Freiheit nicht! 5. Zum Himmel, Frankreich, floh, durch dich verwieſen, Die Freiheit;— ſoll, daß dieß Geſtirn dich ſchützt, Aus ſeiner Well, ſich ſpiegelnd, es dich grüßen, Dann nahe rein der Strom des Volks den Füßen Des Thrones, der ſich auf Geſetze ſtützt. Vom Böſen wollt' ein Gott die Welt entjochen. Er ging einher in Knechtsgeſtalt, wie wir. Ihr Könige— manch Wort hat er geſprochen Zu euch!— O Volk, an Armuth glich er dir! — 91— Der Freiheit Lächeln lohnet allen Aufopferungen; ſegnend ſieht ſie fallen, Die männlich Staaten retten;— ihr Iſt die Vendée groß, wie die Thermopylen: Derſelbe Kranz in einerlei Aſylen, Iſt Codrus und Malesherbe's Zier. 6. Naht tempelſchänderiſch geweihter Statte Der Hohn, dann flieht des Volkes trübe Schaar; Der treue Prieſter nur ſpricht mehr Gebete, Streut mehr des Weihrauchs, neigt die ſtaubbeſä'te Stirn tiefer nur vor dem Altar. Juli 1823. Der Krieg in Spanien. Sine clade victor. I. Wie iſt das Königthum, das mächt'ge, hohe, Der roll'nden Jahre weißgelocktes Kind— Durch ihre Nacht dringt ſeiner Fackel Lohe, Drin ſo viel Sterne ſchon erloſchen ſind; Den Aar dem Schwan, den Weihen übergebend Der Taube; muthig ſich erhebend — 9535— Von Gruft zu Gruft, ein Rieſ', den ſeine Laſt Vergrößert, opfert es den Stahl, mit dem es Gegürtet geht; will, daß des Diademes Gluth ſammt der Glorie ſein Haupt umfaßt;— Wie iſt das Königthum ſo ſchön! voll Reizes Und Süße!— ſeine Recht' erkauft es gern Mit Wohlthun; ſchützt die Scepter mit des Kreuzes Macht, wenn der Aufruhr drohet ſeinem Stern. Oft ſchon hat dieſer Erzkoloß im Toben Der Volkswuth einen Feuerthurm erhoben, Deß Licht die Finſterniß zerſtreut; In das Zukünft'ge das, was war, zu tragen, Setzt ſeine Füße, von der Fluth geſchlagen Umſonſt, auf beide Ufer er der Zeit. Doch, welch' erhabne Leiden trafen Sie, die ſein Spruch des Glücks berauht, Die, eines Diademes Sklaven, Ihm beugten das verdammte Haupt. Ihr Herz muß rein und männlich glühen. Nicht darf ihr Schiff die Klippe fliehen; Dem Abgrund trotz' es und dem Schlag Der Wolk'! Ein König, werth der Krone, Weiß nicht zu ſteigen zwar vom Throne, Doch wohl, hinab zum Sarkophag. — 96— Des Fürſten Hand, wie die des Kriegers, führe Den Degen.— Drohen ihm empört Die Rotten, dann, daß es vereitle ihre Anſchläge, wache Tag und Nacht ſein Schwert. Von einem Heere laß' er ſich beſchützen; Ein Lager ſoll vor ſeinem Schloſſe blitzen Mit ſeiner Lanzen und Gezelte Zahl; Das Königthum hat immer zum Genoſſen Den Krieg:— nicht bricht das Scepter Karls des Großen, Wer nicht zerbrichet Roland's Stahl. 3. Roland!— hielt nicht dein kriegeriſcher Schatten, Geweckt durch unſrer Krieger Stimmenſchall, Für alte Ritter ſie, da ſte die Matten Durchzogen des Gefildes Ronceval?— Auf ſeinem Grabe ſitzend, ſah die Rufer Er nach des Ebro's duftverhülltem Ufer Entfalten ihren kühnen Flug; Sie ſchüttelten, ſich waͤlzend durch die Hügel, Gleichwie ein Aar, der ausſpannt ſeine Flügel, Den Federbuſch, den Karl der Hammer trug. Und Einer noch, der im Getümmel Der Schlacht ein Mauriſch Heer gefällt, Grüßt' unſre Reih'n herab vom Himmel: Pelagius, der alte Held. —-— 97— In's Joch von unſers Ruhmes Wagen Hat er Caſtiliens Leu'n geſchlagen; Der ſtolze Leu gab willig nach. In unſern Schlachtruf ſeinen mengend, Fällend den Speer, den Zaum verhängend, Rief:„Freunde!“ laut uns zu Pelag. 4. Von eines Siegers Schritten noch die warmen Geſtade dampfend— hin ihr Glanz, ihr Ruhm— Beweint' in unſrer Freiheit blut'gen Armen Hiſpania ihr fürſtlich Jungfrauthum. Dieß ſtolze Volk, erſchöpft von Kriegen, fluchte Dem Ungethüm, das ſein Verderben ſuchte, Das frech durch ſeine Lager lief; So müde war's der Henker und der Würger, Daß es, zum Schutze ſeiner Bürger, Nicht ſchaudernd vor der Hülf', den Fremdling rief. Sie ſind gekommen, die Franzoſen:— Schaaren Der Mitternacht, des Auf⸗ und Niedergangs! Vom Rhein zum Bosphor flogen ihre Aaren!— Und ihr, o Völker, kaum des Drangs Entlediget, ihr, die ihr Schwert geſchlagen, Ihr, mürbe noch von ihrer Kette Tragen, 7 — 93— Roth noch vom Schimpf, den ſie euch zugefügt, Monarchen, Städte, Königreiche, Prinzen! Ihr mächt'gen Staaten, ehedem Provinzen Von uns— ihr fragt, warum ſie denn geſiegt? Sie lehrten, was da wiegt das Eiſen Des Galliers, die Anarchie; Doch ihre Kriegesthaten preiſen Darf Spanien, befreit durch ſie. Die Völker, die der Herr beſchützet, Wirft wider ſie ihr dreigeſpitzet Geſchoß der alten Hyder Gier: Sie haben, muthig im Verbande, Den Tempel all' zum Vaterlande; Das Kreuz iſt aller Schlachtpanier. 5. Madrid, nicht rede fortan der Geſchichte Von Thaten, die zu lang ſchon du genannt! Nicht länger von dem Könige berichte, Den als Gefangnen dir der Sieg geſandt! Die alte Schmach Pavia's rächte Cadix;— in alle ſeine Rechte Setzt' eines Helden Schatten ein der Ruhm. Welch ein Franzos getragen ſeine Ketten, Vergißt das ſtolze Spanien— erretten Sah es Franzoſen ja ſein Königthum! — 99— Caſtilier, nun ſinget Freudenpſalmen Von Saragoſſa bis Almonacid! In unſre Lorbeern brüderliche Palmen Miſcht!— preiſet Bayard!— preiſen wir den Cid! Vom alten Louvre ſchall' es bis zum alten Escurial! in eures Banners Falten Tauch' unſer ſiegreich Banner ſich! Galdes erheb' Altär' auf ſeinem Strande! Und auf den Höh'n Pelag's, mit dunkelm Brande, Flamm' auf ein Feu'r, von ſelber, feierlich. O, einen Zeugen euch zu wecken!— Sagt an, wo iſt ein Decius? Der Scävola's das Kohlenbecken, Der Abgrund harrt der Curtius! Ha! tief im Staub die Stirn, gleich Knechten, Umfaſſen ſie— in ſeiner Rechten Der Blitz!— Bourbon's geweihte Knie!— O ſeht, der Sieg nimmt keine Rache! Unglücklich ihre ſchlechte Sache! Gelöſet, denm beſiegt ſind ſie! 6. Nicht will ein Bourbon, daß er ſtrafe, kämpfen. Daß ſie verzeihe, ſieget ſeine Hand. Doch löſcht er aus der Rotten, die zu dämpfen Er kam, den letzten Feuerbrand. Von wie viel Uebeln könnt ihr ihn begrüßen Als Retter!— ſeht zu ſeinen Füßen 4 7* — 100— Das Ungethüm, das ihr ihn tödten hießt! Die wir's beſiegt, uns hielten ſeine Krallen! Wir wiſſen, ſehn ein Königshaupt wir fallen, Wie viel des Blutes ihm entfließt. Kommt, Krieger! eure Mütter ſind zufrieden! Denn euer Arm, der lange ſie bedräut, Hält jetzt die Welt!— genug war's euch beſchieden, Zu ſtürzen Throne— richtet auf ſie heut'! Der Herr hat ſeine Hütte aufgeſchlagen In euerm Zelt; auf euern Siegeswagen Setzt' er des Bundes heil'ge Truh'; Des Himmels Schaaren ſollen mit euch fechten; Er will, daß euer Helm zu ſeiner Rechten Bei den Gefäßen des Altares ruh'. 7. Das Reich des Laſters hat ein Ende; Gebändigt hat es unſre Kraft. Der Himmel gab in Frankreich's Hände Des Königthumes Hüterſchaft. Sein Genius, glüh'nd, zu verdammen, Strahlt, wie die Lamp' mit ſieben Flammen, Des Jordans ſtille Tempelzier; Der Throne Wächter und Erneuer, Schwingt ſeine Hand das Schwert von Feuer, Das da bewachet Edens Thür! November 1823. — 101— An den Triumphbogen der Etoile. Non deficit alter. Virgil. 1. Frankreich hat Gräber, Saulenhallen, Säle, und Schlöſſer, alter Banner voll.— Juwele Der Heldenzeit, erkämpft in der Gefahr. Sein frommer Muth, bewäͤhrt zu allen Zeiten, Zieht aus nach fremder Lager Beuten, Daß ſeine Tempel nicht des Schmuckes baar. In ſeinen Städten, reich an Malen, ſehen Roms Götter wir, und Memphis Mauſoleen; In ihren Mauern ſchlief Venedigs Leu; Und fehlt ihm, unſre Babylons zu zieren, Das Erz, um Monumente aufzuführen, Eo trägt es Erz aus Feindesland herbei. Glüht das Gefecht von ſeiner Rüſtung Scheine, So jaget, Heerden gleich, die Heere ſeine Erhabne Fahne— Liljen ihre Zier! Beſchenkend dann, die es beſieget, Entläßt es ſie; doch zu den Gaben füget Verächtlich es ihr eigen Schlachtpanier. O Bogen, da er nun den Herrn dir raubte, Zielt' nicht nach deinem ungebornen Haupte Der Blitzſtrahl auch?— Auf's Neu' durch unſern Stahl Erhubſt du dich!— nicht wollte man im Heere, Daß er zukünft'gen Zeiten wäre Von unſerm Ruhm ein unvollendet Mal. Den Namen ihres Führers trag' entgegen Der Zukunft du! erzähl’, daß Frankreichs Degen Den Lorbeer keines Heldenthums Sich rauben läßt!— bis zu den Himmeln ſteige, Damit dich, ohne daß ſein Haupt er neige, Durchſchreiten kann der Rieſe unſers Ruhms! December 1823. Der Tod des Fräuleins von Sombreuil. Sunt lacrymae rerum. Virgil. 1. Ein Lied der Tugend noch, o meine Leier! Ihr, die dich liebt! Genug entliehſt dem Dräuer Jeſaias, vom Leichentuch umwallt, Geſänge du des Fluchs! um zu beweinen Geopferte, bedarfs des reinen Lieds, das der Himmel wiederhallt. — 103— Auch ſie!— die er der Erde ſandte, Der Ewige nahm ſie zurück! Zum Himmel kehrte die Verbannte— Doch Thränen füllen unſern Blick. Hat ihren Schatten man geſehen— O redet!— in der Nacht vergehen? Schwang er empor ſich, wie ein Aar?x... Verſank ſie? ſah man ſich erheben Die Heil'ge? wem die Aſche geben? Dem Grau'n des Grabes? dem Altar? Nicht weinet!— fleh't! Was iſt's, das euch betrübet? Betet ſie an, da ihr ſie ſchon geliebet! Mit ihren Schweſtern ſteht ſie jetzt am Ziel; Mit jenen Jungfraun, die an's Kreuz geſchlagen Man einſt, die auf dem Roſte lagen, Gleichwie auf einem Blumenpfühl. Ein fleckenlos Myſter ihr Leben Von Unſchuld, und von heil'ger Reu! Einſam mußt' ihre Seel' durchſchweben Der Todten, der Lebend'gen Reih'. Oft fühlte ſie mit nicht'gem Schauer— Wie wenn der Tod ihr ſchon mit rauher Hand ſeine Fackel reichte dar— Oft, jäh erſchreckend, fühlt in ihren Gebeinen zitternd ſie gefrieren Ein Blut, das nicht das ihre war. — 104— 2 2. O Tag, an welchem— einen Mord entſetzlich Erkaufend mit des Heil'gen Schändung— plötzlich Das Blut der Todten ihre Bruſt durchfloß! Wo die Verzagte zwiſchen Schwert und Becher Mit dem Gelach des Abgrunds und mit frecher Schmähung verfolgte roher Henker Troß. Ihr Urtheil ihr Triumph!— o, welche Straf'!— Da den Blick zu Gott ſte ſchwang, Trank ſie das Blut aus jenem Kelche, Deß Galle ſterbend Jeſus trank. O, welche Lieb' in dieſem Muthe!.. Doch, als bei ihrer Eltern Blute, O Frankreich, wir ſie trauern ſahn; Da, daß er lindre ihre Schmerzen, Vertraut' der Himmel ihrem Herzen Die Wittwen und die Waiſen an. 3. Sie überlebt ihr Märt'rerthum:— ſie glühet Auf unſern Ufern, die der Glaube fliehet, Wie auf den Bergen Strahl des Abends, der Im Dunkeln fortglüht.— Gott hat ſie erleſen Vor allen Frau'n; ſo wenig Seelen leſen Auf ſeinem Felde— hleib⸗ ihm dieſe Aehr'! — 1905— Selbſt hier war ſie beglückt! Er übet Gerechtigkeit; der Ew'ge zeigt Sich hülfreich denen, die er liebet, Wenn ſie das Kreuz darnieder beugt. Er hellt im Traum das Aug' Geweihter; Zeigt, Jakob, dir die Himmelsleiter, Und dir, Saul, Endor's Höhlenſchlucht; Er, der Allweiſe und Geheime, Verbirgt im Wermuth ſüße Seime Honigs, und Aſch' in goldner Frucht. Gott iſt gerecht, und wird es ſein!— bekleidet Den Böſen Purpur auch, dennoch beneidet Sein Strohdach er dem Treuen, den er drückt; Mitten im Glück ſchafft er ſich eine Hölle 4 Aus ſeinen Laſtern, weil, durch Thränen helle, Das Aug' des Frommen in den Himmel blickt. Man ſagt, daß, da ſie floh die Erde, Sie zögernd nur das Leben ließ; Sie ſah mit ſehnender Geberde Zurück auf Ketten und Verließ. —„Mein Gott! halt' auf noch meine Stunde! Bin ich ſchon werth, daß ich dem Grunde Des Thränenthals entſchwebte fern? Nicht um den Tod iſt's, daß ich flehe; 2 Herr! ich erleide gern noch Wehe! O Herr! noch tröſten will ich gern! — 106— Ich geh';— ſei du mit ihnen, die ich laſſe! Wer iſt, der ſie mit einer Lieb⸗ umfaſſe, Die meiner gleichkommt?— Warum meine Kron' Mir jetzt ſchon reichen? Herr, laß mich noch weilen! Kann ich, wie hier, im Himmel Wunden heilen, Verzeih'n auch dort der Läſterung, dem Hohn?“ Umſonſt! der Tod ereilt den Frommen!— Vergebens ſieht zu ihrer Thür Die Wittwen man und Waiſen kommen, Die ſie geſegnet für und für. Nun lohnet, Kinder ihr der Hütten, Was ſie euch that, mit frommen Bitten, Mit heilgen Wünſchen folgt ihr gern! Fleht all' zu Gott für ihre Sache, Unmünd'ge, Wittwen, Kranke, Schwache, Erhabne Bilder ihr des Herrn! 4. O Herr, nicht nimm uns, die dein Strahl durchglühet! Was harrt des Laſters, wenn die Tugend fliehet? Wo ruhen laſſen ſoll ſein Aug' der Trug? Nicht nimm ein heilſam Hoffen deinen Knechten; Laß auf der Erde die Gerechten! Haſt du im Himmel Engel nicht genug? December 1823. — 107— Das letzte Fied. d Muſe, die du mich auf einer eben ſo lan⸗ gen, als gefahrvollen Laufbahn deines Beiſtan⸗ des würdigteſt, kehre jetzt in die himmliſchen Wohnungen zurück Lebe wohl, Tröſterin meiner Tage, du, die du meine Freuden, und öfter noch meine Schmerzen theilteſt! Chateaubriand. Die Maͤrtyrer. Du auch! leg' deine Lyra nieder! Was gilt der Gott, der deine Lieder Dir eingibt, der gemeinen Welt? Sie lacht, wenn du ihm dienſt!— zerſchlagen Woll' deine Laute! ſteig' vom Wagen, Deß Deichſel keinen Renner hält! — O, rein die Luſt, davon der Dichter glühet, Wenn hoffend er, dem Tode trotzend, ſiehet, Wie ſeinen Ruhm die Zeit einſt wiederbringt! Er neigt von ſeiner Höhe ſich, als riefe Die Zukunft ihn, die ſein Gedächtniß ſingt, Die, wie von eines Steines Fall die Tiefe, Von ſeinem Namen tauſendfach erklingt. Nicht kenn' ich dieſe ſtolze Freude; Nicht ſind die Jahre meine Beute, — 108— Nicht nennet meinen Rang der Ruhm. Mein Lied, mit ſeinen flücht'gen Hallen, Iſt in den Strom der Welt gefallen, Wie in den Gießbach eine Blum'. Doch, rein iſt meine Muſe, ſanft und freundlich! Der Stern von Bethlehem iſt ihr nicht feindlich; Ich ging ihm nach, den Hirtenkön'gen gleich. Der Herr verlieh mir ſeines Wortes lohen Blitz— denn ſein Volk entſchlief, und ſchlummert feig; Mag meine Laute tröſten oder drohen: 3 Mein Lied, ein Aar, fliegt auf zu ſeinem Reich. Mein glüh'nder Geiſt bricht alle Schranken, Steigt von Gedanken zu Gedanken: So fließt ein Tropfen aus dem Quell, Dran ſich der Araber erquicket, Zum Fluß, der ihn dem Meere ſchicket— Den Himmeln ſchickt ihn deſſen Well', Duftloſe Blumen, funkenloſe Heerde, An Luft, o Menſchen, fehlt auf eurer Erde Es meinen Schwingen!— laßt mich!— wehe mir! Die Lauten ſind euch, wie gemeine Stimmen; Ich trinke Wermuth, trinket Honig ihr! Liebt eure Lieb', bekämpft eu'r Ergrimmen— Ihr, die den Herrn ihr abweiſ't für und für! — 109— Mit meiner Stimme ſchwachem Schalle Weckt' ich noch nicht die Wiederhalle, Und meiner eh'rnen Lyra Ruf Dröhnt' flüchtig nur in der gemeinen Welt Ohr, wie auf des Pflaſters Steinen Verhallt des Renners flücht'ger Huf. Umſonſt ließ ſchelten ich die ew'ge Rache; Umſonſt, daß weich ihr hartes Herz ich mache, Ließ durch den Schmerz ich reden das Verzeih'n. Mocht' von den Himmeln, wo die Donner ſchallen, Als Sturmesregen, oder mild und rein Als Thau, mein herbes Denken niederfallen— Nicht hob's die Blum', nicht ſchlug den Wahn ſein Dräu'n. Dein Thor muß Alles überſchreiten, O Grab!— Der Menſch, der Raub der Zeiten, Kämpft, ach! umſonſt mit deiner Macht. Wer mag dem Höchſten widerſtreben? Gleich einem Zelte iſt das Leben, Darin man ſchlummert vor der Schlacht. Was du vergiſſeſt, blind Geſchlecht, erfahre! Nicht Allen immer iſt die Urm der Jahre Gefüllt;— in Frieden unter dem Gezelt Des zorn'gen Himmels wandle du! der Stunden Genieß'!— umſonſt, wenn nun dein Haupt verfallt Der Emigkeit, halt' dich an den Sekunden, Wie ſich, wer ſcheitert, an der Planke hält. — 110— Leb' wohl denn, Lyra, ſeufzerreiche!— O Nuſe, dieß nicht deine Reiche! Schwing' dich den ew'gen Chören zu! Die Menge flieh', die dich betrachtet; Wie ſonſt ſei der Altar umnachtet; Des Tempels Schleier ſchließe du! Den Zweig der Hoffnung, Herr, bring' ich zurücke!— Dein göttlich Schwert und deinen Speer erblicke! Ich habe meine Sendung nicht erfüllt. Gehemmet oft von eiferſücht'gen Winden, Senkt ſich der Aar, deß Bruſt von Flugluſt ſchwillt; Oft kehrt das Wetter, ohne wo zu zünden, Zurück in das Gewölk, dem es entquillt. 1823. Dr i tt e s B u ch. 1824— 1828. Schnell hat die Zeit, der Jugend liſt'ger Dieb, Der Jahre dreiundzwanzig mir geraubet; Die Tage fliehn;— und noch ſteht unbelaubet Mein ſpäter Lenz, ohn' Blüth und Knospentrieb. Doch, wie ſich meine Reife mag entfalten, Schnell oder langſam, minder oder mehr, 5 Stets mit dem Looſe, welches mir hienieden Fällt, wird gemeſſen gleichen Schritt ſte halten. Läßt Alles mich die Gnade nutzen:— Er Sieht mich, der, was ich thun ſoll, mir beſchieden Milton. Zweites Sonett. 6 . An Alfons de Famartine. Dieweil wir denn wiſſen, daß der Herr zu fürchten iſt, fahren wir ſchön mit den Leuten. 1 II. Cor. 5. Ich ſprach:„mein Fahrzeug ſoll den Hafen ſchauen! Nicht mehr dem Sturm will ich es anvertrauen, Der es zerbricht! Leb' wohl, mein Saitenſpiel! Denn gleichen fortan will ich einem Krieger, Der in zerhau'ner Rüſtung einſchläft— Sieger Nun, oder auch beſiegt— gleichviel!“ Ein einzig Lied nur, feierlich und trübe, Begehrt' ich von der Muſe, die ich liebe, Für meinen Tod; kalt, wenn das Grab ihm droht, Sei der Poet!— würd' er, wenn Alle klagen, Nicht lächeln— Jeder würde ſagen: „Du ſtirbſt, und grüßeſt ſingend nicht den Tod?“ Nicht iſt der Tod das, was er ſcheint dem Schwarme, Er iſt der Augenblick, wo in die Arme Des Vaters kehret der verbannte Sohn. Wenn wir beſorgt ein ängſtlich Ohr ihr neigen, Begann die Stimm' des Todten— uns ihr Schweigen Nicht bricht ſie!— dort die Hymne ſchon. 2. Eh'r, als ich ſollte, kehr' ich in die Schranken! Du willſt es, Freund! dein Arm hat den Gedanken In mir geweckt.„Geh'!“ ſagteſt du zu mir, „Laß in den Kampf vereint ein Pfand uns werfen! Wild tobt er— laß das Schwert uns ſchärfen!— Gehn, und bekennen ſeinen Namen wir!“ Kühn ſang ich drum in's Tönen deiner Saiten. Die Laute nimm! für gleiche Heerde ſtreiten Wir brüderlich, und einerlei Altär'! Wie ein homeriſch Paar auf einem Wagen Laß uns zur lyriſchen Arena jagen! Die Roſſe mir!— nimm du den Speer!— — 113— Jetzt, daß auch ich der Menſchen Schwachheit theile, Sieh', wie auf's Neu zum Schlachtgefild ich eile! Mich treibt, ich weiß nicht welch ein inn'rer Hang. Was ich gekämpft, ich muß es wiederſehen, Daß ich dich liebe, dir geſtehen, Der Tugend weihen einen letzten Sang! 3. Nicht mehr die Zeiten dieß, wo der Poete Zum Himmel als ein Prieſter, als Prophete Zur Erde ſprach!— O, kehrte Moſes heut', O, kehrt' Jeſaias, daß er verdamme— Die Welt verkännt' in ihrem Aug' die Flamme Des Blitzes, der ihr Lied durchdräut. Vergeblich wär' ihr Rufen in den Gaſſen: „Mehr Aufruhr noch! mehr Kriegen und mehr Haſſen!— Dem goldnen Kalbe ſtets noch opfert ihr? Dagon wird ſtürzen, Baal auch wird verſchwinden. So ſpricht der Herr: büßt eure Suünden, Denn eure Zeit iſt abgelaufen ſchier! Könige, Völker! wollt in Aſche gehen! Bald in der Wolk' müßt ihr den Richter ſehen! Ihr ſchlummert! ſchlagt die Augen endlich auf!— Sodom der Gluth, Tyrus verfällt den Wogen! Werft ab den Schlaf, der eure Seel' umzogen, Und wachet, um zu ſterben, auf! 8 — 114— Den Mächt gen Wehe, die den Lüſten fröhnen; Die den Bedrückten und den Seher höhnen! Wie Belſazar, nicht ahnend das Gericht, Sehn auf der Wand des prächt’gen Saals, geſchrieben Von glüh'nder Hand, mit ihrem trüben Aug' zwiſchen Blumen ſie die Worte nicht! Gleich jenem Genius des Abgrunds werden Verworfen ſie:— er fiel!— man nennt auf Erden Ihn zitternd nur!— doch war Napoleon Der Giebel auch der Welt! in ſeinem Zürnen Trat mit geſporntem Fuß er Königsſtirnen— Noch tragen ſie das Mal davon! Weh euch! ihr wäret beſſer nicht geboren!— Weh ſelbſt dem Bettler an des Herrſchers Thoren! Dem Knecht in ſeinen Ketten! Weh dem Herrn In ſeinem Schloß!— Weh, wer zum Tod den ſchwächern Schuldloſen gehn ſieht mit zwei Schächern, Und ſeinen Mantel ihm nicht leihet gern! Weh Jedem, der da ſaget: eine Hure Iſt meine Mutter!“— der mit falſchem Schwure Und Heuchelei höhnt des Altares Näh'! Weh zweigeſicht'ger Schmeichler falſchem Gleißen!/ Weh, wer ſich weiſe nennt vor allen Weiſen! Ja, Wehe dieſem Thoren, Weh! — 115— Ihr kennt den Gott nicht, welcher euch entſtehen Ließ, o ihr Völker?— und ihr könnt ihn ſehen In Allem, überall, zu aller Zeit! Ein Gott durchweht und zählet eure Tage! Führt, daß er Schlachten mit euch ſchlage, Ein Sieger euch— Gott iſt's, durch den er dräut! In dieſer Zeit, wo Sünd' und Thorheit thronen, Thut auf der Herr der Revolutionen Abgrund— der Heil'gen köſtlich Herzblut rinnt; Ddie Völker, Heerden, ſchlafend unter'm Schwerte, Sehn im Geſicht die Engel fliehn die Erde, Wie Jakob ſie erſchienen ſind. So ſchaudert denn!— Verkündigend ſein Kommen, 3 Tönt die Drommete Sündern bald und Frommen: O Tag des Glücks, o Tag der ew'gen Qual! Aus glüh'nder Wolk' wird Gott herab ſich neigen; Er wird euch eure Götzen zeigen, Und fragen:„wer der Herr aus ihrer Zahl?“ Und der Drommete ſiebenmalig Rufen Wird die Geſchlechter ſammeln vor den Stufen Jeſus wird rufen ſeine Mutter;— ſiehe, Mit Raſſeln ſpringen auf zu jener Frühe Die Thor' des Himmels und der Höll'! 8* Des Throns des Herrn— ſie kommen, Well' auf Well'. — 116— Gott zählet euch mit feierlicher Stimmen. Vor ſeines Flügels weh'ndem Säuſeln krümmen, Die Kön'ge ſich;— ſie bringen ihre Reu' Und Hoffnung ihm. Im Meer und im Geklüfte, Und durch den Marmor ihrer Grüfte, Belebt ſein Hauch der Todten Aſche neu. Erwach', o Welt aus deinem eitlen Traume! Die Luft fehlt bald, darin du fliegſt, dem Raume! O Menſchen! Ruhm, Luſt— Alles Eitelkeit! Woran doch denket ihr?— Geht in euch!— ſollen Die Stunden alle lächelnd euch verrollen?... Die Ewigkeit! die Ewigkeit!“ 4. Die Weiſen drauf:—„Was wollen dieſe Richter? Von unſrer Zeit nicht ſind ſie!— dieſe Dichter, Sind ſie geboren in dem heil'gen Thal? Wo ihr Olymp? wo ihr Parnaß? o redet, Wer iſt ihr Gott, der uns befehdet? Führt Phöbus Pfeil er, oder Mavors Stahl? Soll durch ſie tönen die Drommete Pindars, Sei es!— ſie haben ja die Tochter Tyndars, Caſtor und Pollux, und der alten Zeit Arenen auch, wo Weihrauchwolken fliegen, Das goldgeſpeichte Rad, und die Quadrigen, Mit ehr'nen Nägeln dicht beſtreut. — 117— Was durch ſymbol'ſche Klarheit uns erſchrecken? Den Ton der Hirtenflöte laßt ſie wecken, Menalkas kämpfen mit Palemon!— hegt Die Seel' Verlangen, durch der Zukunft Hülle Zu ſchaun, wir haben die Sibylle, Die da ein Dämon mit den Schwingen ſchlägt. Warum, gleichwie ein Schatten, uns beim Reigen Verfolgen ſtets? warum das Grab uns zeigen In ſeiner Nacktheit?— Wenn der Tejer Greis Des Todes dachte, der ſtets jugendliche, So ſagt' er froh, daß er den Roſen gliche, Verglüh'nd auf ſeiner Locken Weiß. Kein Vers entfloh des Mantuaners Saiten, Den nicht der Lycoris ihr Gallus deuten Gekonnt. Nur lächelnd ſang Horaz ſein Lied; Von keiner Thrän’ fühlt' er ſein Auge ſchwellen; Vom Sträuben nur der Cascatellen Ward ſeiner Lyra Myrtenkranz beſprüht.“ 4. Sieh' da!— ſo würden dieſe ſatten Seelen Den Herrn und ſeinen Sehern nicht verhehlen, Wie ſtolz ſie ſind. Umſonſt erzürnend dich, Sähſt du, wie vor, ſie Feſte ſich bereiten, und, um zu ruhn beim Klang unheil'ger Saiten, Abwenden mit Verachtung ſich, G — 118— Gleichviel! erfülle deine Sendung!— dräue Und ſegne!— deiner Lippe ward die Weihe! Vorübergeh'nd hat dich mit ſeiner Hand Der Herr berührt;— wie Moſis Fels die Quelle Entfloß, ſo brauſ't aus dir Welle Der Poeſie, und netzet rings den Sand. Ich, wenn ich falle, will dein Siegen lieben. Mein Herz, du weißt's, kann fremder Ruhm nicht trüben; Nie den Triumphen eines Andern zürn⸗ Beneidend ich.— Ein Dichter, hatt' ich immer Ein Lied für Dichter! fremden Lorbeers Schimmer Warf Schatten nie auf meine Stirn! Die Pfeile ſelber, die der Neid dir ſandte, Fang lächelnd auf!— Er höhnt' Homer und Dante! Den Triumphator ſelbſt noch ſchmäht der Haß! In ſeinem Rufen muß dein Name ſchallen! Die Zeit bringt die Gerechtigkeit! laß fallen Den Sturm, und wachſen deinen Lorbeer laß'. 6. So majeſtätiſch deiner Lieder Schallen— Man ſollte ſagen, daß du oft den Hallen Der Harfe lauſchteſt, die da ſchlägt im Licht Der Cherub;— daß, begeiſternd deine Kühne, Der Herr dir in der Wüſte oft erſchiene Von Angeſicht zu Angeſicht! An Chateaubrian d. Nicht die unfruchtbaren und verdorrten Bäume peinigt man; die nur werden mit Steinen geworfen, deren Stirnen mit gold⸗ nen Früchten gekrönt ſind. Abenhamed. 1. Chateaubriand, manch glorreich Fahrzeug gibt es Den wilden Sturm mehr, als den Zephyr liebt es! Getirne gibt es, Könige der Nacht, Feurige Welten, mitten in die andern Geſchleudert, die den Raum durchwandern, Wrrzehrt von ihrer eignen Flammenpracht. Erſabne Zeichen wählet aller Orten Der Genius;— zu Opfern ſtets geworden Sin, die er liebt;— das Glück nicht zeigt den Mann! Ein agend Leben läutert Sturmgetümmel, Der Zlitz hat Schläge, Wolken hat der Himmel, Die en Gebirg nur hemmen kann. Dein großes Herz durft' großes Leid ſich wählen; Das Unglück ein Tribut, mit welchem Seelen, — 120— Groß, wie die deinige, die Erde ehrt! Wer duldet, darf ſich zu den Frommen ſetzen; Der ſchönſte von des Ruhmes Schätzen Ein Lorbeerkranz, den da der Blitz verſehrt! 2. Was ſuchteſt du auch eines Hofes Ehre?— Du edel Kind von einer ſtürm'ſchen Sphäre, Du, keinem Mißgeſchick erliegend, biſt Du nicht der ſeltnen Königsfreunde Einer, Die ſtolz und kühn, geſchreckt von keiner Gefahr, nur ſchmeicheln auf dem Blutgerüſt? Nicht, wenn ein Thron ſein golden Dach gefunden, Nicht in der Macht und Größe trunknen Stunden Mag Gunſt des Hofs auf ſolche Stirnen thaun. Der zorn'gen Fluth, der Klipp' und des bedrohten Fahrzeugs bedarf's, o Auge des Piloten, Sollſt dankbar du zum Leuchtthurm ſchaun! Geh' hin! umſonſt in der Erobrung Tagen, Mußt' einer Rieſenhand Gewichte tragen Dein Haupt! Wenn ſich, verfolgt, das Vaterlam Zum Sturz ſchon zitternd in den Abgrund neigt— Zur Stütze deine ungebeugte Stirn hatt' es immer an der Tiefe Rand. — 121— 3. Jetzt, wo du ſelbſt durch Frankreich's ein'gen Willen Geſtützet wirſt, laß ſich dein Loos erfüllen! Sieh' da! der Ruhm reicht dar dir ſeine Kron'! O, dank', ſo oft es dich verließ, dem Glücke! Du, der mit jedem Mißgeſchicke Noch höher fiel, als er geſtiegen ſchon! Juni 1824. Die Begräbniſsfeier Indwigs XVIII. Aber doch ſprach ich: Ich muß das leiden; die rechte Hand des Höchſten kann Alles „ ändern. Pfalm 77. 1. Zu eines Tempels Schwellen ziehet flehend Die Menge;— ſeufzend flehet ſie. Der Ruf des Erzes, durch die Lüfte wehend, Erſchüttert deine Thürm', o Saint⸗Denis! Geſtöret wird das Grab in ſeinen Nächten! Der Tod mit ſeiner eh'rnen Rechten Rückt an einander ſeiner Särge Reih'n. O ſchweigt!— vom Prunke ſeines letzten Troſſes Begleitet, zieht in ſeines Schloſſes Thor heut' der König Frankreichs ein! — 12²2— 2. Ein Andrer ſprach:„In dieſes Hafens Stille Zieh' mein Geſchlechte fortan ein! Die Kön'ge, deren Platz ich fülle— Todt auch will ich ihr Folger ſein! Hier ankern ſoll dereinſt mein Nachen! Um meiner Aſche Raum zu machen, Entfernet andre mein Gebot. Der Welt ein neuer Herr,— dem Grabe, Das ich allhier geſtiftet habe, Thun neue Knochen fürder Noth. In dies Gewölbe meine Hülle traget! Nur dieſer Tempel ſei durch ſie geehrt! Der Wurm, der einſtens mein Gebein zernaget— Er habe Kön'ge ſchon verzehrt! Wenn mein Geſchlecht, ſich ſonnend in dem Strahle Des Glückes, vom Eskuriale Zum Kreml einſt halten wird Europa's Wag'! Dann, einer nach dem andern, kommen alle, Daß ich in dieſer düſtern Kaiſerhalle, Umringt von ihren Schatten, ſchlummern mag.“ Weß Munde dieſe Wort' entflohen, Ein Krieger, den da hob das Glück— Im Himmel, glaubt' er, ſei mit hohen Und prächt'gen Zeichen ſein Geſchick — 123— Geſchrieben!— Von des Blitzes Scheine Umſprüht, hätt' Roma's Aar der ſeine Erſtickt in ſeinem muth'gen Flug. Als Sieger nur wußt' er zu fechten;— Der Reichesapfel ſeiner Rechten Zu leicht, den Karl der Große trug! Und dieſem Herrn der Könige ward ſeine Hoffnung im Tode nicht erfüllt!— Vielleicht Von ſeinen hohen Zielen dieſes Eine Das einz'ge, das er nicht erreicht. Vergebens thaten alle Pallaſtpforten Sich vor ihm auf;— vergebens aller Orten Glüht' ſeiner Fackel blutig Licht: Beladen ganz mit Sceptern und mit Kronen, Konnt' dieſer Räuber von unzähl'gen Thronen Ein Grab doch uſurpiren nicht! Ereilt hat ihn des Zücht'gers Flamme; Er fiel, und mit ihm fiel ſein Reich. Der erſte Fürſt von ſeinem Stamme, War er ſein letzter auch zugleich. Ein Eiland, das die Stürme ſchlagen, Mußt' den geſtürzten Rieſen tragen, Ihn, ſo der Völker Geißel war; Ihn, der von keinem Mitleid wußte, Und jetzt vom Mitleid nehmen mußte Den Obolus des Beliſar. Dort ſchlummert er, fern ſeines Ruhmes Tagen, Fern dieſer Gruft, in fremder Erd', Den Kriegermantel umgeſchlagen— Und ſeinen Schlummer theilet kein Gefährt'. Von ſeinem ungeheuren Reiche Bieb dieſe Weid' ihm nur, verſehrt vom Streiche Des Sturms, und dieſer Fels, geſchlagen von der Fluth Indeß ein König, lang einſt im Exile, Auf ſeines Stamms marmorne Todtenpfühle Sich legt, in des lebend'gen Gottes Hut. 3. Die treu ihn im Gebete nannten, Treu fuͤhrt der Ewyge ſie an's Ziel; Er ruft zurücks den Verbannten, Und ſchickt den Sieger in's Exil! So dieſer Fürſt!— Der Himmel wollte, Daß er in Frankreich ſterben ſollte! Er trug das Siegel; ſein Gewand War weiß vor Trübſal;— doch die Stelle Noch ſchaun von ſeines Grabes Schwelle Sollt' er, wo ſeine Wiege ſtand. 4. In Frieden ſchlaf' er jetzt in ſeinem Grabe, Der Heilige, dem dieſe Hymne gilt! Vermacht' er uns nicht ſeines Bruders Stabe, Der weinend unſre Thraͤnen ſtillt? — 125— Hat, unſre Träum' vom Staate zu zerſtreuen, Er nicht verkündiget der neuen Und alten Zeit erhabenen Vertrag? Die Satzung, mäßigend des Volkes Hitze, Die einen Herren ſtellt an ſeine Spitze, Der, ſeiner Freiheit Sklav, es ſchützen mag? Uns ſchützt ein König, der ein Ritter. Schau' allezeit ſein Angeſicht Den Herrn! Daß hinter dieſem Gitter Kein Fuß die heil'ge Stille bricht! Wehl ſchon genug mit der Bourbonen Blut ſahn den Königsmord wir lohnen, Was dies Geſchlechte Gutes that! Genug ſahn wir entweihn den Frechen Dies Haus, entvölkert durch Verbrechen, Dies Haus, gefüllt durch Miſſethat! Daß niemals fäͤllt die Krone, laßt ihn wiſſen! Zu dieſes Gipfels Höh' ſchwingt er ſich nie! Der Streich, dem Königshäupter ſinken müſſen, Iſt eine neue Salbung nur für ſie! Ludwig, in ſeiner Ketten Drucke Baar ſeiner königlichen Schmucke, Baar ſeines Hofes, heer⸗ und heroldlos— Ein König noch vor ſeiner Mörder Rotte, Uebt' ſeine Recht' er aus bis zum Schaffotte, Verzeih'nd den Henkern, eh' ihn traf der Stoß. — 126 5. So prüfend, dacht' ich nach den Looſen Von Saint⸗Denis, und Helena;— Betäubt ſtand ich vor dieſen großen Myſterien des Todes da. Wer, ſtolzer Gott, biſt du denn?— nennet Den Arm mir, der den Purpur trennet, Und in den Staub die Thürme legt? Sagt an, von wo ſein Odem fahre? Sagt an, weß iſt die unſichtbare Hand, die des Grabes Schlüſſel trägt? September 1824. Die Salbung Karls X. Os superbum conticescat Simplex fides acquiescat Dei magisterio. Gebete der Salbung. 1. Der Stolz der Völker Fluch ſeit dreißig Jahren! Er iſt's allein, der elend ſie gemacht; Er hat entkleidet ſeines wunderbaren Myſteriums das Heiligthum der Macht. Der Stolz gebar, was frevelnd wir verbrachen; Er die Geſetze, die das Urtheil ſprachen So vielen unſrer Brüder;— das Schaffot, 4 Bluttriefend und umſtarrt von Spießen, Erhub er, drauf, die ſich Propheten hießen— Sie waren Henker!— ſchufen ihren Gott! Umſonſt, um zu zerſtreuen, was vermeſſen Wir wähneten, rief uns des Ew'gen Stimm'; Umſonſt in Wundern, welche wir vergeſſen, Hat ſich geoffenbart ſein Grimm. Umſonſt zog ein Eroberer, mit glüh'nden Fittigen, über's Haupt der vor ihm knie'nden — 128— Welt, einer Geißel gleich, von Schlacht zu Schlacht; Der Völker Aug, mit Blindheit— weh!— geſchlagen, Sah nicht die Hand, die ſeine Kriegeswagen Vom Mittag trieb zur Mitternacht! 2. Wer ubertraf an Stolz den Chlodwig?— ſage!— Sein Uebermuth war ſeine Stärke!— ſiehl Sich und die Welt nur ſetzend auf die Wage, Glaubt' kühn' er zu erdrücken ſie. Mit keckem Trotz begegnet' er dem Drohen Von zwanzig Kön'gen;— dieſen hohen Sikambrer griffen Nationen an; Nichts auf der Welt that Einhalt ſeinem Grimme: Daß dieſes ungezähmte Haupt ſich krümme, Mußt' eine Taube von den Himmeln nahn. Denſelbigen Altar ſeht ihr Geſieder Beſchatten, Völker!— Fürder nicht entweiht, Wie Chlodwig ſie erweichte, will ſie wieder Der Nationen Stolz beſtegen heut?— Daß ſeinerſeits ſich das Jahrhundert krümme, Gleichwie ein König!— des Verſöhners Stimme Ließ ſich vernehmen oh der Taube Schwing'; Das Königthum, lang Wittwe ſeiner Kronen, Fand wieder zu der Kette, ſo die Thronen Knüpft an den Himmel, den verlornen Ring. — 129— 3. Jüngſt ſah Tyrannen man(die alten Zeiten Angreifend, einem Feind gleich in der Schlacht) Den Schatz verfolgen, welchen im deweihken Gewölb Remigius bewacht.— Des Pontifex erblaßte Stirne ſchänden, Zerreißen mit verruchten Händen Die biſchöfliche Stola ſahn Die Frevler wir!— dem Ernſt des Todes boten Sie Trotz;— die Greiſe warneten und drohten: „Was haben euch die Gräber denn gethan?“ Allein, die Geier täuſchend, gab der Gute Der Lilie die Taube heut' zurück. Sie ruhet wieder, wo ſie vormals ruhte, Auf eines Königs Haupt!— O Karl, dies Glück Ward dir!— Du wirſt geſalbt nach alter Weiſe, Wie Salomo, der König und der Weiſe, Auf jenen Tag, wo Nathan der Prophet Und Zadok ihn auf David's Maunlthier ſetzten, Das Oelhorn nahmen, ihn mit Oele netzten, Und ſprachen:„Lebe! Gott hat dich erhöht!“ 4. Der Franken altes Land, voll aller Ehren, Hat einen Tempel, reich an Ruhm und Reiz, Wo unſre Kön'ge, beider Hemiſphären Erſchüttrer, neigen ſich dem Kreuz. Das Volk erzählt ſich hundert alte Sagen Von dieſem Tempel; goth'ſche Bogen tragen Sein Dach mit weithin glüh'ndem Knauf; Ein Seraph ſchützt ihm Pforten und Altäre, Und, ziehn vorüber dort der Engel Heere, So pflanzen ſie auf ihm ihr Banner auf. Dort iſt's, wo man zum Feſt ſchmückt die Trophäen. Die ſchwarzen Pfeiler ſchimmern, goldgefaßt, Wie in der Ritter Träumen ein von Feen Neckiſch durchgaukelter Palaſt. Altar und Thron glühn hier mit gleichem Glanze; Der ſprüh'nden Fackeln prächt'gem Kranze Entſtrömt ein Leuchten, rein und klar. Die Lilie umſchlingt der Bogen ſchützend Geſtein;— die Sonne, durch die Scheiben blitzend, Streut Feuerroſen auf den Hochaltar. 5. Seht, das Gefolg!— den Pontifex hört fodern Den zehnten Karl von ſeiner Krieger Hand! Auf's Neu' ſieht Rheims die Oriflamme lodern, Die unſer Heer vor Cadix wieder fand. Hört, das Geſchütz! die eh'rnen Glocken ſchallen, Und vor dem Aelteſten von allen — 131— Königen neigt ein Volk zu Boden ſich;— Ein Meer von Stimmen höret dumpf ſich brechen! Der König knieet, und die Prieſter ſprechen: —„O Herr, erbarme unſer dich!“ Zu Chlodwigs neuem Erben iſt erkoren, Wer alſo nahet des Altares Stuf'; Haupt der zwölf Pairs, zu dieſen heil'gen Thoren Ruft ihn ſein heiliger Beruf. All' ſeine Tapfern, treu und kühn, begehrt er Zum Kampf ſie, greifen an die Schwerter— Bleich ziehn zurück die Feinde ſich. Die Erde zittert unter ſeinen Heeren, Selbſt wenn ſie friedlich aus dem Kriege kehren— O Gott, erbarm' des Königs dich! 8 Denn größer biſt, als Menſchen, du!— wir loben Und wir bekennen dich, o Gott! Du biſt's, der uns erhebt;— doch haſt du uns erhoben, So ruft der Tod uns.— Zebaoth, Der Gott des Siegs, biſt du! von deinem Ruhme Erfüllet, hat im Heiligthume Der Cherub dreimal heilig dich genannt; Dir fliehn die Stunden; wer mag mit dir rechten? Die Welt, die zuckt, hältſt du in deiner Rechten, Wie einen Sperling unſre Hand. 9* 6 Der König ſpricht:„Wie unſre Väter, ſchwören Wir unſern Völkern Lieb' und Billigkeit! Die heilege Charte ihrer Freiheit ehren Woll'’n wir in gut' und böſer Zeit; Woll'n in dem Glauben leben, uns geworden Von unſern Ahnen; woll'n der Ritterorden Bahn wandeln, tapfer und gerecht; Woll'n allzeit gern den Unterdrückten retten— So ſchwören wir's an dieſer heil'gen Stätten Auf's Evangelium:— ſo helfe Gott dem Recht! Montjoye und Saint⸗Denis!— daß er's vernehme, Erhebt ſich Chlodwig, und das heil'ge Paar: Ludwig und Karl, das ſtatt der Diademe Als Glorie den Lorbeer trägt im Haar. Der ſiebente Karl auch naht mit ſeiner Heere Magdlicher Führerin; und Franz, deß Wehre Pavia fand, jedweden Makels baar; Und Er auch, der die Märtrerpalm' erworben, Der zweimal für ein doppelt Reich geſtorben, Auf dem Schaffot und am Altar. Vor dieſen Königen und dieſen Rittern Trifft auf die Scheitel Karls das Chrisma; ſchmückt, Die Kron' ihn;— er empfängt ſie ohne Zittern, Sie, die der Ruhm von ſechszig Kön'gen drückt. — 133— Der Biſchof weiht mit heilgem Spruch den Degen, Der erblich iſt; dem Scepter ſeinen Segen Auch gibt er, und der Hand, die ſtreng es hält; Taucht in den Kelch die Handſchuh' dann des Franken, Die nie ein König in die Schranken Warf, ohne daß gedröhnet eine Welt. 7. Tritt ein, o Volk!— Nun tönet, ihr Fanfaren! Der Fürſt beſteigt den Thron, geſalbt und hehr; Gleichwie ein Leuchthurm leuchtet er den Schaaren, Die ihn umwogen, wie ein Meer. O ſieh, ein glücklich Bild des Volks, vermiſchen Stimm' und Gefieder tauſend Vögel, zwiſchen Den Bogen kreuzend ſich im Flug; Denn einſt der Franken, unſrer Vordern, Glaube War's, daß die Freiheit, ähnlich einer Taube, Ein Flügelpaar von Wolk' zu Wolke trug.— Seht Prieſter ihn und König!— Doppelhöhe, Du, daß er ſich auf dir bewähr', Willſt, daß er opfre.— Wo das Opfer?— Wehe, Er iſt das Opfer, wieder Er! Verderblich war zu allen Zeiten Das Scepter Frankreichs Königen;— ſie leiten — 134— Etn trotzig Volk, der andern Völker Stern; Auf ihrem Throne ruht die Welt;— doch, ſehet, Der Dürft'ge auch, der eine Gah' erflehet, Zählt, einem Schatz gleich, ihre Tage gern. 8. Gebet. O Gott! dein Arm behüte dieſen Frommen! Die Pfeile ſeiner Feinde, Gott, zerbrich! Laß ſie von Abend und von Morgen kommen, Auf Rennern und auf Wagen!— dich, Wie auf dem Berg, und aus den gluͤh'nden Büſchen Hat Karl geſehn!— Laß mindeſtens verwiſchen Sein langes Unglück langen Glückes Schein! Der Seel'gen Feſtgewand trag' er hienieden! Laß ſeiner königlichen Stirn beſchieden Von deinem Haupt zwei Strahlen ſein. Rheims. Mai— Juni 1825. — 135— An den Oberſten G. A. Gnſtavſon. Habet sua sidera tellus. Alte Deviſe. 1. Jung noch, ward dieß Jahrhundert der Geſchichte Faſt ſchon zur Ewigkeit, wenn man Gerichte, Wenn Ruhm man nennt.— In zwanzig Jahren ſah Es altern ſein Geſchlecht;— mit ſolchem Lichte Steht flammend es vor unſrer Seele da— Uns iſt, als ſei mit ihm der Zeiten Ende nah! Den großen Völkern einſt des Alterthumes Genügt Ein Mann für hundert Jahre Ruhmes; Doch wir— wie mancher Fackel Leuchten fuhr An uns vorüber!— unſres Heldenthumes Schritt wandelt in Athens und Roma's Spur; Ja, es beſiegt ſie ſelbſt— durch Gräber nur! Geboren kaum, ſah dieß Jahrhundert fallen Das Haupt d'Enghiens! ſah Byron's Bahrtuch wallen, Des neuen Riga;— ſah den Leichenzug Moreau's;— den Aar, mit blitzberaubten Krallen, Sah ſtürzen es, den da zwölf Jahr ſein Flug Vom Nil zum Capitol, vom Don zum Tajo trug. — 136— —„Gleichviel!“ ſprach kalt die Menge;„von den Wettern Laßt dieſer Großen hohe Stirn zerſchmettern! Nur— daß kein Tag uns ſein Gelag entzieh'! Wir wollen Sonnenſchein nur von den Göttern, Und, daß die Zeit in Frieden uns entflieh', Vergeſſen bis zur Nacht, und Schlummer bis zur Früh'. Die Unſchuld fall', und ſteige das Verbrechen! Gleichviel!— die Helden todt?— man wird ſie rächen! Wir ſelbſt?— wer weiß, ob morgen uns das Licht Noch ſtrahlen wird!— am Ziel iſt unſer Sprechen Dereinſt: die Zeit vergeht! wir wiſſen nicht, Von wo der Sturm, der unſer Schiff zerbricht!“ 2. Nicht, daß dieß deine Worte waͤren! An dir gezweifelt hab' ich nie; O du, der du an den Altären Der Wahrheit opferſt ſpät und früh! Ein Rächer derer, die da bluten, Selbſt blutend, weihſt der Andacht Gluthen Dein Herz du ſtets, an jedem Ort; Dein ganzes Leben ein Exempel, Und deine große Seel' ein Tempel, Draus nur erſchallt des Herren Wort. — 137— Dein Zeugniß, Guſtavſon, genüget, Daß Jeder an geweihter Statt Dem öffentlich die Kniee bieget, Was einſtens er entweihet hat. Dein Mund bedarf, mit mächt'gem Tone, Nur Eines Wortes, daß er lohne, Daß Straf' er donn're in ein Ohr; Ein lauter Wort weiß er zu führen, Als Schmäh'n und Schmeicheln;— kühn ſchreibt ihren Geſchichtslauf er der Zukunft vor. Weil keine Wunder wir behalten, Als Männer, die man ſieht und hört, So biſt der Folger du der alten Orakel, die man knieend ehrt. Auf deinen Ruf, der da Geſetze Den Völkern gibt, ſieht man die Plätze Die Großen wechſeln, fern und nah; Wie einſt, beim nachtlichen Entrollen Des Raums, man zum geheimnißvollen Lied Sterne fall'n und ſteigen ſah. Um dieſe Stelle zu bekleiden, Die Gott der Tugend nur verehrt, Wer hat durch Tugenden und Leiden, Gleich dieſem Dulder, ſich bewährt? — 138— So viel des Ruhms mit ſo viel Schmerze Hat dieſer Mann gezahlt— das Herze Bebt, wenn es denkt, was er empfand. Er iſt ein Kind der eiſ'gen Länder Des Nordens;— Guſtav, Sohn und Ender Der Guſtave;— König!— verbannt! 3. Ihm ward ein Freund in ſeinen Jünglingstagen; Gleich ihm, beſtimmt, des Schickſals Mal zu tragen— D'Enghien, der früh— o Gott, und wie?— erblich! Guſtav, bei ſeinem Morde, griff zum Schwerte, Doch als Europa ſeinen Schmerz nicht ehrte, Sprach er:„Warum denn bin geboren ich?“ „Weil knechtiſch in des Mörders rieſ'gen Händen Die Völker zittern, ewig ſich zu ſchänden; Weil Fürſten zum Geſetze ward ſein Will'; Weil Er die Sonn' iſt, die da ihre Krone Beſtrahlt— was ſuch' ich fürder auf dem Throne, Da ich als König herrſchen will?“ Er wich;— der Herr wollt' durch ſein Beiſpiel ſagen, Daß er dem Beſten oft den Sieg verſagen Muß, aber ſpäter löſet ſeinen Schwur; Daß Er allein, die Er erhub, mag fällen; Daß, Bonaparte's Schwert emporzuſchnellen, Es mehr bedurft', als Odin's Scepter nur. — 139— Guſtav, noch jung, entſagete dem Glanze Des Diadems, daß ſeines Ruhmes Kranze Nichts fehl'.— Indeß Europa's Gleichgewicht Und Kön'ge ſchwanken unter'm Schritt des Rieſen, Sieht ſeine freie Stirn man heben Dieſen, Thronlos— doch Feſſeln trägt er nicht. 4. Wie anders iſt ein ſolches Wandern, Als des Tyrannen trüb Exil, Da, fallend, er bis auf der andern Halbkugel Grund betäubet fiel! Erliegt zuletzt dem allgemeinen Haß ein Eroberer— ſelbſt ſeinen Fall höhnet noch des Volkes Wuth: Vergeblich iſt ſein Widerſetzen; Selbſt ſeines Bühnenpurpurs Fetzen Verweigert ihm der Uebermuth. Sein düſter Unglück gleicht in trüber Und fluchbeladner Majeſtät Dem Meer, deß todt Gewäſſer über Prachtvollen Städten reglos ſteht. Sein Spiegel ſchwarz und ohne Schimmer!— Nicht wirft dem Himmel, der's auf immer Verflucht, ſein lächelnd Bild es zu. Umſonſt in ſeiner Fluthen Dunkel Spähſt nach dem blendenden Gefunkel Von Sodoms goldnen Kuppeln du. — 140— O Guſtav! wenn, erſtarkt, du deinen Arm wieder nach dem Purpur ſtreckſt, So iſt es nur, daß irgend einen Feind milde du damit bedeckſt. In deiner Still', die ich dir neide, Iſt jetzo deines Lebens Freude Ein rein Erinnern, frei von Schmerz; Thronlos, gleich dir, und im Exile Wählt' ſich die Tugend zum Aſyle, Die Königin, dein großes Herz. 5. In deinen Höfen und auf deinen Zinnen Wachſe das Gras!— was deinem herben Sinnen Auch macht es aus, daß alte Helden nur Man jetzt begrüßt? daß Kön'gen, noch im Glücke, Ein Wagenheer Erzthor und Marmorbrücke Erſchuͤttert, und der Fenſterreihn Azur? Du herrſcheſt doch!— dein königlich Gezelte Iſt jeglich Herz, deß Flamme nicht die Kälte Der Zeit erſtickt! die Ritter ſind dein Reich, Die da— ein ſeltner Hof!— nur zu den Saͤulen Der Königshallen um die Stunde eilen, Wann ihres Hauptes dorten harrt der Streich. Wo Glaub' und Ehre willig mit der ſchuld'gen Ehrfurcht, o Fürſt, verbannter Tugend huld'gen, — 141— Da herrſcht dein Name, lichtumglänzt und hehr! 3 Ein jeglich Leben, ſchön beſeelt von reiner Ergebung; jeder neue Ruhm— zu deiner Altäre Fackeln iſt er eine mehr! Nicht Herr!— nicht Unterthan!— Menſch nur auf Erden, Wollt' keiner Macht, die menſchlich, zinsbar werden! Dem Herrn allein ſteht, dich zu führen, zu! Wie der Komet, der ewig wandernd glühet, Frei durch die Sonnen und die Welten ziehet, So ſchweifſt durch Völker und durch Kön'ge du! September 1825. b Die beiden Inſeln. Saget mir, von wo er gekommen iſt, ſo will ich euch ſagen, wohin er ging. E. H. I. Zwei Inſeln gibt es, deren Meere Getrennet ſind durch eine Welt; Die man von fern, in ihrer Hehre, Für Häupter zweier Rieſen hält. Man glaubt, ſieht man ſie auf den Wogen, Daß aus dem Abgrund ſie gezogen Der Herr, zu fürchterlichem Zweck: Von Blitzen dampfen ihre Stirnen; Ihr nackt Geſtade ſchlägt das Zürnen Der Fluth mit ſalzigem Geleck. Sie, zwiſchen deren zack'gen Riffen Das Meer mit heiſ'rer Stimme bellt, Sind ähnlich zwei Piratenſchiffen, Die da ein ew'ger Anker hält. Die Hand, ſo dieſe wüſten Strecken Erſchuf, gab ſie vielleicht dem Schrecken Deswegen nur zum finſtern Thron, Daß drauf, bei Kluft und Felſenſcharte, Das Licht du ſchau'n kannſt, Bonaparte, Und ſterben du, Napoleon! —„Sein Grab!— und ſeine Wieg'!“— der Erde, Der Zeit iſt dieſes Wort genug! Ob eine Welt fall' oder werde, Nie wird verfallen dieſer Spruch. Zu dieſer Inſeln ſchwarzem Ufer Nah'n einſt— ſein Schatten iſt ihr Rufer!— Der Zukunft Völker alleſammt;— Ihr Meergetös, in ihrem Innern Die Gluth— ſie ſind nur ſein Erinnern, Gleichwie der Blitz, der drüber flammt! — 143— Fern unſern Ufern, deren Frieden Ihr, ſeine Wetter, rauh durchfuhrt, Gab dieſer Inſeln abgeſchieden Revier ihm Sterben und Geburt: Auf daß der Held geboren werde, Ohn' daß ein Erdſtoß es der Erde Verkündige;— daß, ſchlachtenmatt, Ohn' daß ſein Tod noch ſie bewege, Er ſanft und ruhig ſterben möge Auf ſeines Feldbetts Lagerſtatt! 2. Wie träumeriſch war er an ſeinem Morgen! Am Ziel wie ſinnend, wie gebeugt von Sorgen! Dieß ſeines Wahnſinns einz'ge Frucht!— Verbannt, Durchſchaut' des Ruhms er, und des Thrones Lüge; Gewitziget, wie bald der Traum verfliege, Hat er vergangner Zukunft Nichts erkannt. Auf Corſika ſah er in Viſtonen Den Glanz ſchon ſeiner ephemeren Kronen, Und ſeinen Aar, wie er empor ſich ſchwang; Im Voraus ſchon klang damals ſeinen Ohren Der Hymnus, den an ſeines Zeltes Thoren Sein Volk, die Welt, ihm tauſendzungig ſang: Anrufung. „Dem Herrſcher Heil! daß Preis und Ruhm er nehme! Gott ſelber ſchmückt' ihn mit dem Diademe. Er herrſcht vom Nil bis an den Boryſthen. Sein Lob— der Kön'ge tiefe Stirn verkünd' es! Raum für den Thron nur eines Kindes Kann er in Roma's Mauern ſehn! Um ſeinen Blitz von Stadt zu Stadt zu tragen, Seht ſeinen Adler ſtets die Schwingen ſchlagen! Zu ſeiner Fahn', die ſtets von Blute träuft— Herr des Conclave's, gleichwie Herr des Divans Stellt kühn er mit dem Goldkreuz Iwans Des Delta's Halbmond, roßgeſchweift. Den Mamelucken, braun gebrannt vom Glanze Der Sonn'; den Polen, der an ſeiner Lanze Trägt eine Flamm'; den Gothen— Alle ſehn Dem Helrden blindlings ihren Arm wir leihen: Man ſieht in ſeines Heeres Reihen Ein Volk von Nationen gehn. Sein Arm, durchflog die Laufbahn er als Sieger, Verſchenkt ein Reich an jeden ſeiner Krieger; An ſeinen Schwellen halten Kön'ge Hut; Daß er, inmitten ſeiner Siege, letzen Mit Schlaf ſich mag, wie auf den Netzen Ein Fiſcher, müd' vom Fange, ruht. So hoch erhub er ſeinen kaiſerlichen Horſt;— in die ideale Sphär' entwichen, Wo nie ein Donner rollt, glaubt ihn ſein Volk. Zu ſeinen Füßen nur noch ſieht er's wettern; Der Blitz, ſollt' er ſein Haupt zerſchmettern, Müßt' rückwärts zucken können in die Wolk'! 4. Und rückwärts zuckt' er nach der Wolke Schooße!— Von hundert Donnern dampfend, ſiel der Große. Die Kön'ge ſtraften ihren Züchtiger. Lebendig ſetzte man ihn aus auf dieſen Fels;— zu bewachen den gefangnen Rieſen, Gab ihn die Erde an das Meer. O, wie verachtete der Held ſein Leben, Auf Helena, Nachts, wenn die Sonn' entſchweben Mit neid'ſchem Aug' er ſah;— wenn er die See Zu ſeinen Füßen ſah den Sand beſchäumen, Bis ihn ein Britte ſeinen Träumen Entriß, und in den Kerker fuͤhrete. — 146— Wie mit Verzweiflung hörte ſich von Jenen Verfluchen dieſer Fürſt des Krieges, denen Er jüngſt noch, als ihr Gott, zu Häupten ſaß! Denn ſieh', der Völker feierlich Geſchreie Gab Antwort nur dem dumpfen Ruf der Reue, Die nagend ihm das Herz zerfraß! 5. Verwünſchung. Schmach! Rache! Fluch! gekommen ſeine Stunde! Himmel und Erde zucke von der Kunde! Zertrümmern endlich ſahn wir den Koloß! O, daß zurüͤck auf ſeine Tag', und ſeinen Staub jede Thräu' fiel, die er weinen Ließ, und das Blut, das durch ihn floß! Daß von der Sein', wie von der Wolga Wellen, Von Jaffa's Thor, von des Alhambra Schwellen, Vom Kreml, in den ſein Arm die Flamme trug, Von Siegesfeldern, und von Blutgefilden Bei ſeinem Namen donwre, ſeines wilden Ruhms Wiederhall, der Todten Fluch! Rings ſchreck' ihn ſeiner Opfer düſter Drohen! Daß all dieß Volk, zahllos, der Tief' entflohen, — 147— Enthüllend, was da birgt des Sarges Nacht, Gefurcht vom Blitze, durch das Schwert verſtümmelt, Mit ſchwarzen Knochen raſſelnd, ihn umwimmelt, Und Helena zum Joſaphat ihm macht! Daß täglich er und ſtündlich ſterbe, leb' er! Durch Thränen nur den ſtolzen Blick erheb' er! Kaum kennend ſeinen Ruhm, und keck ſein Recht Verlachend, legten Henker eine eiſ'ge Kett' um des fall'nden Siegers reiſ'ge Hand, durch gekrönter Haͤupter Druck geſchwächt. Sein Glück, dacht' er, das manchen Sieg errungen, Würd' auch beſiegen die Erinnerungen Des Volks;— da trifft ſein Haupt des Ew'gen Stab! Dem Nebenbuhler Roms läßt er im Falle Nur, was von Raum und Zeit wir Alle Bedürfen, uns zu legen in das Grab. Dieß Meer empfängt ſein Grab, dem das Vergeſſen Vorauseilt;— ſieh'! umſonſt ließ er vermeſſen Zu Saint⸗Denis ein reich Gewölb erſtehn! Nicht läſſet es der Himmel zu, der gütge, Daß Königsſchatten ſeine übermüth'ge Leich' ruhn in ihren Gruͤften ſehn! . 10* — 148— 6. Wie bitter ein geleerter Kelch! wie endet Jedweder Traum, den uns ein Rauſch geſendet, Mit Schrecken!— Jung— o, wie das hofft und glüht! Doch ſpäter, wenn die Seel' geſättigt, beben Wir, wenn das Aug' zurück auf's Leben Vom andern Rand des Horizontes ſieht. So, lange Zeit, wenn ihr an eines hohen Bergs Fuße geht, bewundert ihr das Drohen Der ſtolzen Gipfel, und die mächt'ge Firn; Und ſeiner Wälder grünen Mantel, wallend Um wild Geſtein; und, nimmer fallend, Die Kron' von Schnee auf ſeiner Stirn. Wohlan!— den Schritt in dieſe Zone führet! Ihr glaubt, zu fliehn zum Himmel?... ihr verlieret In Wolken euch!— Der Reiz des Berges weicht! Es iſt ein Schlund, den Tannen graus umdunkeln, Wo Donner rollen, Blitze funkeln, Wo ſprüh'nd vom Berg der Gießbach fleucht! 7. Des Ruhmes Bild zeigt euch die Muſe: Zuerſt ein Prisma, reich an Gluth, Ein düſtrer Spiegel dann der Buße, In dem der Purpur glänzt, wie Blut! — 149— Bald machtbegabt, bald preisgegeben Der Knechtſchaft— ſiehe, wie ſein Leben Ein doppelt Bild uns zeigen mag! Sein Name fordert zwei Geſchichten; Jung, eilt' er, Könige zu richten; Alt, dacht' er ſeinen Wechſeln nach. Noch, wenn ob der zwei Inſeln Riffen Ein Meteor die Nacht durchglüht, Glaubt der Pilot, von Furcht ergriffen, Daß er den finſtern Führer ſieht; Weithin auf's Meer wirft ſeinen Schatten Der Held, den ſie gefangen hatten, Reglos, die Arme ſtumm verſchränkt; Und dann iſt dieſes Schiffers Denken, Er ſei gekommen, um zu lenken Den Sturm, wie er die Schlacht gelenkt. 8. Hat, ſeines Reichs beraubt, man ihn begraben, Sei's!— denn zwei Vaterlande wird er haben; In Vasco's Meeren eins, und eins in Hannibals. Sein großer Name, lang der Erde Schrecken, Wird allezeit an ihren Enden wecken Ein zwiefach Echo mächt'gen Schalls! So, wenn am ſchwarzen Himmel ihren Bogen Beſchreibend, eine Bombe kommt geflogen, — 150— Und über furchterfüllten Mauern hängt, Dann, gleich dem Geier(der, läßt er ſich nieder, Den Boden ſchlägt mit dem Gefieder), Fällt, und der Städte Pflaſter krachend ſprengt: Sieht rauchen man noch lang nach ihrem Falle 3 Des Mörſers Mündung, dem mit dumpfem Schalle Die Kugel, ſchweren Flugs, entziſcht; Gleichwie den Ort, wo ſie, Kartätſchen ſpeiend, Im Tode noch mit Tode dräuend, Zerſpringt, und zündend nur erliſcht! 3 Juli 1825. . — 151— Vi er t e 3 B u ch. 1819— 1827. Spiritus flat ubi vult. Her DHichter. Schau' an dein Opfer, Muſe! Lamartine. 1. Welt, die du ihn nicht kennſt, o laß ihn!— Ehret Des Märtyrers, den ſeine Seel' verzehret, Erhab'ne Leiden! Friede ſeinem Lauf! Flieh', nicht'ge Luſt, ſein herbes Sein! denn ſeine Palm'— eiferſücktig wächſt ſie und alleine!— Wächſt nicht bei denen Blumen auf. Jeglichen Schritt, der ihn auf hohen Pfaden Führt, zählt ein Schmnerz!— mit Weh' iſt er beladen; Auf Freuden leiſtet er Verzicht! Um ſeine Jugend, die ſich früh geneiget, Weint er, und um ſein Leben— ach!— gebeuget Von der Unſterblichkeit Gewicht. Dich, ſchöne Kindheit! deine Freuden, deinen Reiz, deine Anmuth ſeh'n wir ihn beweinen, Und all' das Glück, ſo uns dein Lächeln ſchenkt; Die Schwingen, drauf du ſchwebſt, von keiner Bürde Gedrückt; und deine Roſenkron⸗— ſie würde Von ſeiner glüh'nden Stirn' verſengt. Sich, ſeine Zeit, und ſeines Liedes Halle Verklagt er, und den Becher, draus ihm Galle, Der bitt're Trank des Ruhmes, rinnt, Der fieb'riſch ihn berauſcht, ſtatt ihn zu laben! Sein Herz, die Muſe— weh'! und all' die Gaben Des Himmels, die doch nicht der Himmel ſind! 2. Auf ſeines Lebens Wagen ſchlummernd— ſtörte Nur ſein Triumphgeſang, und die empört⸗ Stimme des Neides ſeinen Schlummer jicht! O, könnt' er ſein Gedächtniß bau' im Stillen; In ſeines Ruhmes Strahlen ſich verhüllen, Gleichwie ein Engel in der Sonne Licht! Doch folgen muß dem Strom' er! nicht entfliehet Er ſeiner Welle, die ihn mit ſich ziehet, Und von ſich ſtößt!— die Menſchen ſtören ihn! Sein ernſtes Wort verhallt in ihrem kühlen Geſchwätz;— ſein Scepter ihren Spielen Geſellen thörigt ſie und kühn! —— — — 153— Was fern von ſeinen Reichen ſchleift ihr Dieſen? Was von Atomen ein Gefolg dem Rieſen? Söhne der Welt, ihr ſeid es, die er flieht. Was dem Unſterblichen, o ſagt! iſt euer Eintägig Reich?— habt ohne ſeine Leier Ihr nicht Geräuſch genug, und ohn' ſein Lied? 3. In ſeinem Schatten, den das Licht durchblitzet, Laßt ihn! denn wiſſet, eine Muſe ſitzet Oft neben ihm, und kürzet ihm die Zeit. Denn wiſſet es, ihr Kalten und ihr Tadler: Die Taube Chriſti, der Propheten Adler Beſuchen ſeiner Nächte Einſamkeit. Sein furchtbar Wachen ſieht erloſchne Sphären, Und Sonnen, die entſteh'n, in ſeinen hehren Geſichten durch den Himmel zieh'n; Von brennenden Erzengeln einer Bande Folgt durch den Raum er; ſchaut, was für Gewande Gott andern Welten wunderbar verlieh. Wißt ihr, daß ſeinem Aug' dämoniſch Feuer Entzuckt?— wißt ihr, daß ſeiner Seele Schleier Er nie vergebens ſchlägt zurück? Gülden von Licht, von Flammen roth, zur Schwelle Des Himmels kann ſein Flügel aus der Hölle Erheben ſich in einem Augenblick. — 154— So laſſet denn, vom Weibe ihr geboren, Ihn, den der Herr gezeichnet und erkoren, Einſam durch eure Mitte geh'n! Ihn, deſſen Augen mehr Myſterien ſchauen, Als zitternd in dem nächt'gen Grauen Des Grabes die Geſtorb'nen ſeh'n! 4. Einſt kommen wird der Tag in ſeinem Leben, Wo ſelbſt ein heilig Prieſterthum ihm geben Die Muſe wird;— das Blut der Brüder trinkt Die frev'le Welt:— da ſendet dieſen Hohen Die Muſe, daß den Menſchen, die da drohen, Das Fleh'n des Ewigen er bringt. In ſeinem Denken ſteigt herab entſetzlich Ein fürchterlicher Geiſt;— er naht, und plötzlich, Gleich einem Feuer, leuchtet ſein Gebot. Die Erde liegt im Staub vor ſeinem Sitze; Gleich einem Sina, krönen ihn die Blitze, Und ſeine Stirn trägt einen ganzen Gott. Auguſt 1823. 8 — 155— Die Fyra und die Harfe. An Alfons de Lamartine. Alternis dicetis, amant alterna Camoenae. Virgil. .. Und fingen an zu predigen mit andern Zun⸗ gen, nachdem der Geiſt ihnen gab auszu⸗ ſprechen. Apoſtelgeſchichte. Die Lyr a. Schlaf', Sohn Apoll's! wie einem König, Ehre Erweiſen dir die Neun! der Lorbeer deine Zier. Du ſchau'ſt die Traumgeſtalten ihrer Nebelchöre; Die Lyra ſinget neben dir! Die Harfe. Jüngling, wach' auf, zum Elend du geboren! Ein wirrer Traum verſchließt dein Aug' dem Licht! Indeß du ſchlummerſt, fleht an deinen Thoren Der Dürft'ge— doch du hör'ſt ihn nicht! Die Lyra. Der Ruhm liebt deine jungen Jahre; Die Muſe hellet dein Geſicht; Unſterblich iſt die wunderbare Kron', die für deine Stirn' ſie flicht. — 156— Dein Haupt— nicht dem Saturn erblaſſ' es! Geh'! der Olymp, Sohn des Parnaſſes! Nicht wären Götter, gäb' es Dichter nicht! Die Harfe. Ein Weib hat dich der Welt gegeben; Auf deine Wieg' floß ihre Thrän'. So leide! Dein eintägig Leben Glänzt, wie wir Fackeln zittern ſeh'n. Der Herr hat herbe deinen trüben Weg dir durch's Leben vorgeſchrieben, Und für dein Grab den Platz erſeh'n. Die Lyra. O, ſi nge Zeus empfängt der Welt G Gebete; Venus umarmt den Mars in ſeinem Zelt. Iris die Luft, Flora durchglänzt die Beete; Mit dreien Schritten von der Morgenröthe Zum Abend zieh'n die Götter durch die Welt. Die Harfe. Ein Gott nur iſt! zu ihm erheb' die Hände; Zu ihm, den ſtets die Flucht der Zeit erneut! Er iſt ohn' Anfang, und er iſt ohn' Ende! Er fuͤllt das All, wie eine Seel'!— O ſpende Ihm Fleyen!— der Ew'ge lebt in Ewigkeit! — 157— Die Lyra. Die Muſe, welche Sanftmuth kleidet, Spricht: flieh' die Unruh'! flieh' den Streit! Die Menſchen, ſo der Weiſe meidet, Drückt ehern eine eh'rne Zeit. O komm'! im Schutze deiner ſtillen Hausgötter hör'ſt du fern das Brüllen Der hundertſtimm'gen Zwietracht nur! Was dem beglückten Eremiten Iſt des Orkan's verheerend Wüthen, Der ſchüttelnd nur ſein Holz durchfuhr? Die Harfe. Der Herr, dem jede Schuld noch büßte, Leiht ſeinen Dienern ſeinen Arm. Dem Tänfer gleich, der aus der Wüſte Kam, zeige dich dem ſünd'gen Schwarm! 3 Geh' hin, und ſprich zu allem Volke! Des nah'nden Sturmes düſt're Wolke Zeig' ihnen, und des Richters Grimm! Daß Nichts vor deinem Wort ſie rette, 1 Erhebe, wie der großen Städte Getöſe, laut ſich deine Stimm'! Die Lyra. 2ls Jovis Vogel wird der Aar geehret! Der Athos, wie der Kaukaſus ſein Sitz! König des Feu'rs, das wärmet und verzehret, Fliegt er zur Sonw, und fähret auf dem Blitz! — 158— Die Harfe. Die Taube ſchwingt ſich von den Himmeln nieder; Den heil'gen Geiſt beſchattet glüh ihr Blick. Werth den Erwählten iſt ihr rein Gefieder; Der Arche bringt den Palmzweig ſie zurück. Die Lyr a. Lieb'!— Eros herrſcht bei Menſchen und bei Gottern; Er läßt durch Paris Ilion zerſchmettern; Sein Fackellicht— auf Seſtos' Thurme weht's! Du— flieh' von Reiz zu Reiz, ein Nimmermüder! Die Lieb' gebiert nur Thränen, aber Brüder Des Lächelns ſind die Liebesgötter ſtets! . Die Harfe. Die Liebe, die von Gott kommt, ſchließt das Haſſen Der Hölle aus! Woll' Eine Seel' umfaſſen! O, liebe ſie!— Gott liebte Iſrael. Zwei Weſen, durch ein rein Myſterium enge Verbunden, ſchreiten durch die Menge, Wie zwei Verwieſ'ne von des Himmels Schwell. Die Lyra. Genieße!— denn zum Strom' der Todten Iſt's, daß der Strom des Lebens rinnt! Der Weiſe, wird ihm Leid geboten, Läßt es den Göttern und dem Wind. — 159— Zuletzt, wenn ihn der Tod vom Spiele Abfordert, reicht er ihm vom Pfühle Die Hand, ein bleicher Tafler, dar. Die Zukunft macht ihm keinen Kummer; Er ſchickt ſich lächelnd an zum Schlummer, Und hofft ein Morgen, ſüß und klar. Oie Harfe. Sei Stütze Brüdern, die da wanken! Sei Tröſter, wenn du leiden ſiehſt! Wach'! Bete! Leb' mit dem Gedanken, Daß ſterben muß, was ſterblich iſt. Des Sünders thöricht Wähnen— flieh' es! Er glaubt im Grab das Nichts, gleichwie es Die Luſt füllt, und die Eitelkeit; Doch donnern nun die Strafbefehle Der Höll'— dann bebt er, eine Seele Zu ſein, und ſchaudert vor der Ewigkeit. Vom Himmel dieſe beiden Stimmen ſchallen Hörte der Dichter, dem es kaum gefrüht; Und ſpäter oft des Pindus Wiederhallen Sang zagend er des Carmels heilig Lied. —.,— April 1822. — 160— Moſes auf dem ANil. An Madame Amable⸗Taſtu. Und die Tochter Pharao ging her⸗ nieder, und wollte baden im Waſſer, und ihre Jungfrauen gingen am Rande des Waſſers. Exodus. O meine Schweſtern, jetzt am Morgen iſt die Fluth Am kühlſten! Schweſtern, kommt! in ſeiner Hütte ruht Der Schnitter; ſtill noch ſind des Fluſſes Geſtade; Memphis ſchläft; hier unter dem Geſträuch Sieht euch das Frühroth nur, und ſendet lächelnd euch Die Flammen ſeines keuſchen Kuſſes. In meines Vaters Schloß glänzt Alles, was die Kunſt Schuf, doch der Blumenſtrand erfreut ſich meiner Gunſt Mehr, als ein Becken von Porphyre; Kein Lied entzückt, wie das der Vögel, dieſes Ohr; Dem Rauchwerk des Palaſt's, o Schweſtern, zieh' ich vor Den Duft balſamiſcher Zephyre. O, kommt! die Fluth iſt ſtill; am Himmel keine Spur Von Wolken! ſchwimmen laßt im Waſſer den Azur „Von euren dünnen, falt'gen Zonen! Nehmt Kron' und Schleier mir! dieß iſt ein Tag des Spiels, Und mit euch ſcherzen will im Schooß des alten Nils Das jüngſte Kind der Pharaonen. I — 161— Schnell!— aber durch den Duft des Morgennebels— ha! Was, fern am Horizont, erblick' ich?— Schweſtern, da! Zaghafte Mädchen, haltet Frieden! Seid ohne Furcht! ſchaut hin, ob es kein Palmbaum ſei, Der, fortgeſchwemmt vom Strom tief aus der Wüſtenei, Beſuchen will die Pyramiden. Was ſag ich!-Täuſcht mich nicht des Waſſers feuchter Rauch, So iſt's das Muſchelboot der Iſis, oder auch Des Hermes Barke, fortgetrieben Von leichten Winden.— Nein, es iſt ein ſchwacher Kahn, Und in ihm ſchläft ein Kind, ſo ſtill, wie Kinder an Der Mutter Bruſt zu ſchlummern lieben. Es ſchläft, und wer von fern ſein Schiffchen auf dem Fluß Furchtlos ſich ſchaukeln ſieht, o meine Schweſtern, muß Faſt glauben, auf dem Waſſer liege Ein ſchwimmend Taubenneſt. O, ſeht das Kind! wie ruht, Wie ſchlummert es ſo ſüß! die finſt're, tiefe Fluth Wiegt es: ſein Grab iſt ſeine Wiege. O kommt, es weint!— herbei, Jungfrau'n von Memphis! jetzt Erwacht es!— armes Kind, wer hat dich ausgeſetzt, Und dich den Wellen preisgegeben?— Auf jeder Seite droht der zorn'ge Strom;— empor Hält es die Händchen!— ach, nur eine Wieg' von Rohr, Schwach, wie es ſelbſt, beſchützt ſein Leben. 3 11 Ich will es retten!— Eins der Kinder Ifrael Iſt's, die mein Vater ſo verfolgt!— die Schleier!— ſchnelll O, er iſt hart, unſchuld'ge Knaben Zu tödten!— Armes Kind, das keine Mutter küßt, Mir ſollſt du, wenn auch nicht, daß du geboren biſt, Doch, daß du lebſt, zu danken haben. Iphis, die Tochter des gewalt'gen Pharao, Iphis, die lächelnde Prinzeſſin, ſprach alſo Am Nilgeſtad' zu ihren Frauen. Demüthig dienten ſie der Herrlichen, die ſchlank Da ſtand, und glaubten, als ihr letzter Schleier ſank, Des Stromes Tochter ſelbſt zu ſchauen. Schon zittert unter ihr die Welle; ſelber bebt Die Königliche, wie ſie zu erreichen ſtrebt Das Schiffchen mit verzagtem Gange. Sie nimmt es auf, ſie kehrt zurück mit leichtem Schritt; Zum erſten Mal vermiſcht ſich Roth des Stolzes mit Dem Roth der Scham auf ihrer Wange. Sie theilt die Wellen, ſie zerbricht das dünne Rohr; Mit dem Geretteten im Arm tritt ſie hervor Aus dem geprieſenſten der Flüſſe. Leiſ auf den Sand legt ſie das Kind; verwundert blickt Und lächelnd es umher; denn jede Jungfrau drückt Auf ſeine Stirne ſcheue Küſſe. — 163— O du, die du von fern ihm ängſtlich folgteſt, du, Des Kindes Mutter! Gott beſchützt' es! eil' herzu! Gleich einer Fremden komm!— verrathen Wird dich die Freude nicht! bedecke ſein Geſicht Mit Küſſen! weine nur! denn noch iſt Mutter nicht, Die es der Fluth entriß zu Thaten! Als dem Gewaltigen, der Iſrael erſchlug, Die Fürſtin, freud'gen Schritts und ſtolz von dannen trug Das Kind, benetzt von Mutterzähren, Da ſangen vor dem Thron, dem ew'ges Licht entquillt, In ihre Flügel, wie in Schleier eingehüllt, Die Engel, daß es durch die Sphären Klang:„Jacob, ſeufze nicht! bald endet dein Exil! O, weine länger nicht in den unheihgen Nil! Bald brichſt du wiederum die Roſen 5 Des Jordans! weine nicht! ob auch Egypten tobt, Der Herr zerbricht dein Joch! in's Land, das er gelobt Dir hat, entfliehſt du bald aus Goſen! Gen Kanaan führt dich dieß Kind, des Sinai Erwählter; ſeine Hand gießt auf Egypten die Zornſchalen aus! ſie wird zum Siege Dich führen!— Die ihr Gott nicht kennt, hört, eh' ihr ſprecht! Durch eine Wiege wird errettet dieß Geſchlecht, Die Welt errettet eine Wiege!“ Februar 1820. 11* — 164— Die Todesweihe. In urbi omne mortalium genus vis pestilentiae depopulabatur, nulla coeli intemperie, quae occurreret oculis. Sed domus corporibus exanimis, itinera fune- ribus complebantur; non sexus, non aetas periculo vacua.. Tacitus. 1. Ich danke Gott: aus ſeiner Güter Schale Gab er das Leben mir, der Güter Gut; Wir ſegnen ſtets den Herrn, der uns zum Mahle Von Wermuth und von Honig lud. Ein Blumengurt umflattert unſre Eiſen; Um alt zu werden in der Menſchen Kreiſen, Trägt Jeder gern des Lebens Martyrthum; Das Licht erfreut, der Luft erquickend Weben Berauſcht;— ich danke Gott: nur weil das Leben Ein Glück iſt, bringt das Sterben Ruhm! Weh' Jedem, deſſen Tod, in trüber Hinopf'rung, keinem Bruder Leben bringt; Wer, wie der Römer, nicht den Abgrund über Sich ſchließt, der klaffend ihn verſchlingt! Wehe dem Volk, dem Anathem verfallen, Das ſeinen Namen hört verhallen, — 165— Das ſeinen Stolz vergehen ſieht: Ohn' daß der Welt Bedauern ſein Vermächtniß, Ohn' daß auf ſeinem Schutt ein ſchön Gedächtniß, Gleichwie ein Licht auf einem Sarge, glüht! 2. Wenn, müde nun der Frevel, offenbaren Der Herr ſich will in ſeinem Zorn, dann weckt Er eine Geißel, die nach hundert Jahren Noch die geleerten Städte ſchreckt. Aus ſchlechtem Keime, nah'nd mit leiſem Schritte, Erſteht und wächſet in der Völker Mitte Ein Ungethüm, ein Rieſe, graus und fahl. Die Stadt will fliehn; doch ohn' Erbarmen Ergreift ſie das Geſpenſt; in ſeinen Armen Erwürgt es ſie, ein ſchrecklicher Gemahl. Dann, wie auf unſern Feldern Flocken fallen, Fällt haufenweiſe rings das Volk;— der Tod Greift um ſich mit den gier'gen Krallen; Leichname fordert ſein Gebot. Ein Opfer an das andre kettet Das Ungethüm; ſie ſind ſein Mahl; es bettet Sie in deſſelben Abgrunds Kluft; Und unter Särgen, Schutt und der beſtänd'gen Klag' irren, Schatten ähnlich, die Lebend'gen Fern von den Todten ohne Gruft. — 166— Ging auf der Cirkus bei den Leichenfeiern Der Cäſarn einſt, dann ſahn in Sicherheit Die Römer mit der Wüſte Ungeheuern Der Kriegsgefangnen grauſen Streit. So ſcharret ſich der Völker bang Gewimmel; Ein langer Schrei ſteigt auf zum Himmel Furchtbar; er hallt von Strand zu Strand. Die Welt, in Waffen, zittert vor der Hyder; Der Sterbenden, die tödten, Hüter, Droht ihnen bebend ihre Hand. 3. Nun ſaget, ihr, der Städte Sybariten, Ob ſchöner nicht die Blum' der Freude blüht, Wenn eine Geißel, ärger als das Wüthen Des Bürgerzwiſts, durch fremde Mauern zieht? Wie ſüß entſchlummert, fern dem ſchwülen Gluthbett des Todes, auf wollüſt'gen Pfühlen Das Kind der Welt!— die Luft des Lebens ſchläͤrft Man doppelt freudig; wenn ein giftig Wehen Ein ganzes Volk— es geht in Trau'r; wir ſehen Es weinend uns beneiden;— niederwirft. Daheim bleibt Jeder in dem Kreis der Seinen; Die Muter küßt ihr Kind, das ſie umſchlingt, Und lächelnd nicht nach Orten fragt, wo Kleinen Den Tod die Bruſt der Mutter bringt. — 167— Auch ein gleichgültig Mitleid regt ſich:— ſiehe, Vom Feſt des Abends bis zum Feſt der Frühe Kann zur Genüge ja bedauern man; So ſind die Sterblichen! Zu allen Zeiten War Klagen läſtig; großem Unglück ſchreiten Vorüber ſie und ſehen es nicht an. 4. Doch Einzelne, feurig und edel, ragen Hoch aus dem Schwarm; in ihren Augen malt Das ſchöne Loos ſich, was in ſpätern Tagen— So unſer Wähnen!— ihren Stirnen ſtrahlte Harrt ihrer nicht ein glänzend Triumphiren? Welch eine Hoffnung denn berauſchet ihren Geiſt? welch ein Ziel erſchaut ihr trunkner Blick?.... So, zeigt die Tugend ſich der armen Erde, Hält ſie, von ihrer ruhigen Geberde Getäuſcht, das Aug' der Menſchen für das Glück. O Völker! dieſe, die ein Gott begleitet, Gehn feſten Schritts, im Auge ſel'ge Ruh', Daß ihre Hand der Geißel Zorn beſtreitet:— Ein langes Lebewohl ruft ihnen zu! Und ihr, o ihre Väter, Weiber, Mütter! Nicht um die Zieh'nden weinet alſo bitter! Laßt ſie ſich opfern, Mann für Mann! Schlagt ihren Muth mit Klagen nicht darnieder! Zieht man auch einen ſeiner Brüder Denjen'gen vor, für die man ſterben kann? 4 — 168— Bald öffnet ſich für ſie die Stadt der Plage, Und Tauſende lebend'ger Schatten ſehn Ihr Kommen, ſtaunend, daß die Erde trage Noch Manner, die gerührt ihr Flehn. Sie reden;— ihre Stimme klingt dem Schwarme, Den das Geſpenſt mit eh'rnem Arme In's Grab ſtürzt, ſchon wie halber Sieg; Am eignen Heerd bekämpft, erbebt das Ungeheuer: So bebte Satan, als ein Gott, Befreier Und Opfer, nieder in die Hölle ſtieg. Sie ſchaun der Hyder ims Geſicht, ergeben In das Geſchick, das ſie bedroht. Sie machen ſtreitig ihr das Leben, Und fragen ſie um Auskunft noch im Tod. Frommt ihre Hülfe nicht, ſo weiſ't nach dorten Ihr Flehn;— der Sterbende glaubt ihren Worten, Von ſel'ger Hoffnung ſtrahlt ſein brechend Aug'; Und ſchlägt ſie ſelbſt der Tod in ſeinem Grimme, So ſchweigt des Boten demuthvolle Stimme Erſt mit des Martyrs letztem Hauch. 5. Wer ſich empor zu eurer Höhe ſchwänge, Ihr Glücklichen, die ihr mit kühnem Streich Den Tod gefällt!— ob euch beklagt die Menge, Ich folg' mit neid'ſchen Thränen euch! — 169— Weh' mir! denn niemals, ach, freiwillig Ein Opfer werdend, trotz' ich Geißeln; ſtill' ich Des Jammers Zähren, retb'’ ich eine Welt! Und niemals, daß den Tod ich tödte, Miſch' ich, ein Tröſter, freundliche Gebete Dem Seufzer, der ein ſterbend Herze ſchwellt! Ach! kann auch ich nicht ſterbend Brüder retten? Gibt's keine Unterdrückte, droht Kein Henker mehr? in welchen Leichenſtädten, Auf welchem Zlock ſuch' ich den Heldentod? Daß man mich mart're an des Kreuzes Stamme! Daß man mich tränke mit dem Gallenſchwamme— Herr, freudig bin ich deines Ruhms Verkündiger! denn von den Engeln allen, Die Seelen tragen, Gott, zu deinen Hallen, Iſt ja der ſchönſte, der des Martyrthums! December 1821. An die Akademie der Jeur Floraur. At mihi jam puero cœlestia sacra placebant, Inque suum furtim Musa trahebat opus. Ovid. Ihr, deren dichteriſch Gebiet begrenzet Dort vom Adour wird, von der Rhone hier; Ihr, deren Aug' von freud'gem Wahnſinn glänzet; Ihr Singſtreitkön'ge, die der Lorbeer kränzet; O, Meiſter in der Kunſt zu lieben ihr! Schön, wie in ihres Werdens Augenblicke, Wird eure Muſe nie der Jahre Raub. Die Zeit, im Flug, ehrt ihrer Kindheit Glucke; Der Ruhm, von ihr, will, daß ihn Unſchuld ſchmücke, Und birgt mit Blumen ſeines Lorbeers Laub. Gruß dir, o Kind! für meine Mutter Blumen Pflückt' ich in deinem heiligen Gebüſch; Du fuhrteſt mich zu deinen Heiligt humen, Wie einen Bruder; gabſt mir nicht die Krumen— Du ließeſt ſitzen mich an deinem Tiſch. — 171— Der Ringer trat zu der Arena ſtrengen Kampfrichtern, noch in ſeiner erſten Wehr; Doch niemals noch, auf des Gebirges Hängen Umirrend, mit des Horns wirthlichen Klängen Weckt' eine holde Burgfrau er; Und niemals ſang er, in entfernten Sphären, Die Zaubergärten einer Fee; Nie, plaudernd in der Damen heitern Chören, Ließ er der Troubadoure Thun ſie hören, Und nie der Paladine Liebesweh'. Mit Stimmen, welche nie verklingen, Laß Andre ſingen Glück und Liebesſchwur! Mich prüft der Schmerz, von ihm nur kommt mein Singen! Ich duld' und tröſte;— meiner Muſe Schwingen Beſchatten Gräber nur! Mai 1822. V Her Gen i n e. An Chateaubriand. Die Umſtände machen die Menſchen nicht; ſie zeigen ſie: ſie enthüllen, ſo zu ſagen, die königliche Würde des Genius, des letzten Mit⸗ tels zur Rettung gefallener Völker. Dieſe Kö⸗ nige, welche man nicht ſo nennt, welche aber durch Charakterſtärke und Gedankengröße wahr⸗ haft herrſchen, werden durch die Ereigniſſe gewählt, welchen ſie gebieten ſollen. Ohne Vor⸗ fahren und ohne Nachkommen, die Einzigen ihres Geſchlechts, treten ſie nach erfüllter Sen⸗ dung vom Schauplatz ab, der Zukunft Befehle hinterlaſſend, welche ſie treulich vollziehen wird. F. de la Mennais. 1. Wehe dem Sohn der Erde, Wehe! Dem in der ungerechten Welt Ein Strahl, o Gott, aus deiner Höhe In die einſame Seele fällt! Weh' ihm! des Neides unrein Streben Wirft grimm ſich auf ſein edel Leben Und ſtrafet, gleich dem ew'gen Gei'r— Sein Sieg erzürnt es!— dieſen neuen Prometheus, daß er ohne Scheuen Geraubt des Himmels heilig Feu'r. — 173— Von ferne zeigt ſich ſeinen Blicken Des Ruhms himmliſche Truggeſtalt. Ein Sklave, weh'! muß er ſich bücken Vor ſeines Lächelns Allgewalt. So flöh', mit flatterndem Gefieder, Der Vogel gern die falſche Hyder, Die, bannenden Auges, ihn anſtiert; So ſchwirrt er ängſtlich durch die Hallen Des Waldes, naht, und ſtirbt, verfallen Dem ſüßen Blick, der ihn verführt. Und— ſieht er auch des ſeinem Streben Verheißnen Tages Morgenroth, Schmückt auch der Lorbeer noch ſein Leben, Der ſonſt für die nur wachſt, ſo todt: Mißgunſt, und Neid, und Dünkel nagen, Die ephemeren, an den Tagen Des Hohen, der unſterblich, dann; Ein Ehrfurcht weckendes Exempel Von Weh, führt ihn in ſeinen Tempel Der Ruhm, daß er ihn— opfern kann. 2. Und dennoch— wenn mit Dulden, Leiden Und Schmerz man ihn erkaufen muß, Wer, um des Unglücks Preis, mit Freuden Empfinge nicht den Genius? — 174— Und wem, dem in der Seele flammet Die Flamme, die vom Himmel ſtammet, Die Zeit nicht dämpft und Martyrthum— Wer, fürchtend ſich vor ihrem Siege, In nachklangloſen Glückes Wiege Flöh' ſeiner Zukunft düſtern Ruhm? Du, der du Fremdling biſt hienieden, Du, dem die unheilvolle Zier, Die wir dir neiden, Gott beſchieden— Chateaubriand, ich zeuge dir! Wirſt von der Zukunft du geprieſen, Was gilt es dir, daß dich, den Rieſen, Der Hohn des Volks der Zwerge trifft? Dem Genius muß Alles zollen! Sie haben nur ihr übel Wollen; Nichts hat die Schlange, denn ihr Gift! O, trotze du dem Haß, dem Hohne! Der Schiffer lacht der zorn'gen Fluth, Wenn nun ſein Schiff, am Maſt die Krone, Im ſtürmeſichern Hafen ruht. Lang unbekannt, hat mit dem Meere Geſtritten deines Lebens Fähre; Tod drohte dir der Wogen Schwall: So, ruhmlos, kämpfend mit Beſchwerde, Irrt' einſt Homeros auf der Erde, Jetzt voll von ſeines Namens Schall! 3. Jung noch, als von des Frevels Händen Frankreich mit Ketten ward beſchwert, Flohſt du, der neuen Welt zu ſpenden Die Gluth, die deinen Geiſt verzehrt. Die großen Ströme, die Savannen Betrachtend und des Urwalds Tannen, Flohſt du der Menſchen ſchnöd Gezücht; Denn dort, wo Menſchen fern, inmitten Der Wildniß, ward von Menſchenſchritten Verwiſcht die Spur des Ew'gen nicht. Drauf kehrteſt du, um zu durchwallen In ſtill'rer Zeit der Künſte Land, Wo die Gemau'r der Cäſarn fallen, Wo Maro's Lorbeer grünend ſtand; Sahſt Griechenland im Joche ſchmachten: Weh', zu befeuern ſeine Schlachten, Singt zürnend kein Tyrtäus mehr! In Ketten iſt ſein Volk geſchlagen; Die alten Thermopylen tragen Die Thürme ſeiner Peiniger! Und die geprieſ'nen Städte weinen Um ihr gefallen Heldenthum; Nur noch in ihren morſchen Steinen Lebt fort der alten Tage Ruhm. — 176— Die Götter flohn:— wo noch ſähen Spiele Der Hohen umgeſtürzte Stühle? Kein Wettkampf mehr belebt die Flur! Lebt wohl, ihr brüderlichen Feſte! Das Erz auf Seſtos' alter Veſte Dröhnt durch verlaßne Tempel nur. Doch, fehlt es auch auf Hellas' Auen An Wundern: du weißt Stätten doch, Wo werth'rer Füße Spur zu ſchauen, Wo Male ſtehn, die ew'ger noch; Ein Grab voll Lebens, und— ſie trauern Ob ihrer Knechtſchaft!— Salem's Mauern, Die ruchlos jetzt ein Paſcha hält; Den Araber, Sohn des Numiden, „Carthago und die Pyramiden, Jede dem Tod ein reglos Zelt! Endlich, gekehrt zu deinen Laren, Trugſt du, als einen Schatz, zurück, Was in der Wüſte du erfahren, Was dich gelehrt dein groß Geſchick. Du legteſt deine Lyra nieder: Da war's, daß, der dir deine Lieder Eingab, der Geiſt zum Rathe ſprach! Die Freiheit, fürder keine Schwache, Vertraute ihre heil'ge Sache Dir, der du rächſt der Kön'ge Schmach. — 177— Sei ſtolz, daß du ſo viel bezwungen; Du, dem, was ſchlecht, erliegen muß! Ein doppelt Martyrthum errungen— Der Tugend und des Genius— Haſt du! Woll' unſer Sehnen ſtillen! Erleuchte Frankreich! bald erfüllen Wird ſich ſein Schickſal! ſei ihm Maſt Und Steu'r!— die Anarchie, ſo kriechend Als ſtolz, erblaßt, ſchaut ſie dein ſiegend Antlitz, das Keinem noch erblaßt. O, laß verfolgen den Genoſſen Der Schlechten dich, den gift'’gen Neid! Dein Flug, dem Genius entſproſſen, Entrückt dich deiner kleinen Zeit! Der Vogel, ſo des Caps der Stürme Sieht unſerm Haupt ein graus Gethürme Von Wolken drohn mit ſeiner Fluth; Indeß ſein ruhig, einſam Fliegen Die reinen Höhn des Aethers wiegen— Indeß er in den Himmeln ruht! Juni 1820. — 178— Die Jungfranu von Otaheiti. Was macht er denn, um den ſie ſich betrübt? Er liebt wohl nicht, den ſie ſo ſehr doch liebt? Alfred de Vigny. Dolorida. „So willſt du fliehn? ſo trägt dich bald von dannen Das unbeſtänd'ge Segel ſchon? Ihr Zelt abbrechen und das Tauwerk ſpannen Hört' ich die Schiffer dieſe Nacht;— wie rannen Die Thränen mir bei ihrer Lieder Ton! Fliehn unſer Eiland?— ſage, ſchmückt das deine Ein ſchönrer Himmel? kennt den Schmerz es nicht? Und, wenn du ſtirbſt, bedecken die Gebeine Dir deine Brüder weinend mit dem Raine, Deß heil'ge Blumen Keiner bricht? Denkſt du des Tags, wo günſt'ger Winde Wehen Zuerſt dich trug in dieſen ſtillen Port?2 Du riefeſt mir, zum Hain mit dir zu gehen; Nie hatt' ich dich bis jenen Tag geſehen, Und dennoch kam ich auf dein Wort. Schön war ich damals, doch mich knickten Thränen. Bleib', junger Fremdling! zieh⸗ nicht uͤber's Meer! Von deiner lieben Mutter ſprich!— die ſchönen Geſänge deiner Heimath laß ertönen, Die gern, wie deines Gottes Lob ich — 179— Du füllſt— o laß ſie dein ſein!— meine Tage! Hab' ich, daß du entfliehn willſt, dich betrübt? O bleibe, Jüngling! ſtillen deine Klage und gut ſein will ich; nennen dich— o, ſage Ihn mir!— beim Namen, den dein Land dir gibt! Wenn du es willſt, gern dien' ich dir als treue Sklavin— nur ſtrahle mild dein Aug' auf mich! O bleib'! und meine Schönheit blüht auf's Neue; Doch du liebſt eine Zeit nur, wie die ſcheue Schwalb'!— wie ich lebe, wehe mir, lieb' ich. Ach!— wo ſich drüben deine Berge heben, Pocht dir entgegen einer Fremden Bruſt! O, mein Gebieter, nimm mich mit!— ergeben Will ich ihr ſein, ſie lieben wie mein Leben, Wenn ihre Liebe deine Luſt! Fern meinen Eltern, die ein zärtlich Glühen G Für mich berauſcht, fern dieſen Wäldern hier, Fern dieſen Palmen— werd' ich nicht verblühen? b Hier ſterb' ich einſam;— laß mich mit dir ziehen! 6 O, laß mich ſterben wenigſtens bei dir! Wenn ſäuſelnd die Bananen dich empfingen, Wenn du mich je geliebt, verſtoß mich nicht! Wolb ohne mich nicht deine Fahrt vollbringen, Aus Furcht, daß meine Seel' auf Sehnſuchtsſchwingen Dir einſam folg' in einer Wolkenſchicht!“ 12* — 180— Als in die flücht'gen Segel früh am Tage Die Sonne ſchien, ſtand ihre Hütte leer; Nicht am Geſtad' und nicht im Palmenhage Sah man die Jungfrau mit der ſanften Klage, Doch war ſie nicht mit dem, der auf dem Meer. Januar 1821. Der Glüchk t i ÿche. An U. Guttinguer. Beatus qui non prosper! Ich haß' euch, Götter! Noch ſo jung, und was ich Begehren mag, ihr laßt es mich empfahn! Euch, unter euren Gaben ächzend, haß' ich; Was, ſo zu ſegnen mich, hab⸗ ich gethan? Das Meer ertönt von meiner Ruder Schlägen Von Herkul's Saulen bis Leander's Sund; Was in den Wüſten wächſt, was Städte hegen— Mein Schloß verſchlingt's, gleichwie ein leerer Schlund. Auf einem Pfuhl, den Scharlachfüße zieren, Ruh' ich, indeß die Lyra ſchlägt ein Sklav; Jungfraun vom Indus, kühlend mit Zephyren Mein brennend Haupt, bewachen meinen Schlaf. — 181— Der Paraſit empfängt bei meinen Feſten, Was meine Hand verächtlich ſchiebt zurück; Und Fiſchen, die mit Menſchenblut ſie mäſten, Auf Golde dampfend, ſchenk' ich keinen Blick. Am Tiberſtrand und auf Pompeji's Laven Beſitz' ich Gärten, ſtets vom Lenz durchglüht; Und mein Gebiet, bedeckt mit meinen Sklaven, Macht meine Renner und mein Auge müd'. Mich fürchten, die da groß ſind; denn mir lächelt Cäſar;— den Fleh'nden bin ich Schirm und Wehr; Von Düften wird mein Marmorbad gefächelt, Mein Wagen rollt durch ein Klientenheer. Wie auf dem Forum, ſo in den Arenen Langweil' ich mich, und frage ſatt: was jetzt?— Geb' einen Sklaven täglich den Muränen: Kaum, daß dies Spiel des Cato mich ergötzt! Europa's Fraun und Aſta's— ſie rühren Mein Herz, das ſchon geſtorb'ne, kanm; Die Langeweile reicht mir gähnend ihren Goldkelch;— der Arme haſcht nach ſeinem Schaum. Ein Fluch hat euer Segen mich getroffen; Ihr knicktet in der Blüthe mich!— zurück, O Götter, meiner Jugend gebt ihr Hoffen! Nehmt, was ihr gabt— nur für ein wenig Glück! Im Tempel ſo, auf Pfühlen ruh'nd, vermeſſen Spricht Celſus ſeinen Göttern Hohn, indeſſen Ein Märtyrer, erhebend ſeinen Gott, Vor Zeus' Altare ſtirbt den Zeugentod. 8 d„, ee l e Ich weiß nicht, welch ein Geſchick den Geiſt der Sterblichen beunruhigt; Cylindern ähnlich, volten ſie, mit einer Unzahl von(Leiden be⸗ laſtet, hierhin und dorthin. Doch faſſe Muth! der Menſchen Geſchlecht iſt göttlich! Wenn du, ledig des Leibes, in die Regionen des Aethers dich erheben wirſt, ſo wird der Tod keine Gewalt mehr über dich haben! ein Gott wirſt du ſein, unſterblich und unzerſtörbar. Goldne Sprüche des pythagoras. 1. Nicht nach den Ehren, ſo die Welt gibt, ſehn' ich, O Sohn des Himmels, mich!— ſie fliehn, mein Ruhm! Ich bin verbannt, ich bin der flücht'ge König, Der ſtolz nur Sarg will oder Königthum. Ich haſſe das Geräuſch der Welt und ihren Staub!— willſt du ſtolz ein einſam Leben führen, Bewahr' ein unabhängig Herze dir! Nicht Herr, nicht Knecht!— laßt in den öden Räumen Der Wüſte meines Seins mich einſam träumen:— Den brennenden Buſch ſuch' ich in ihr! — 185— Du, die ein Gott— das Aug' ſucht ihn vergebens!— Gekleidet indes Menſchthums niedrig Kleid: Geſellin unſrer Qual! Sklavin des Lebens Und Königin der Ewigkeit! O Seeb, im Glücke, wie zur böſen Stunde Glüh' du auf meiner Nächte düſterm Grunde! Sei meiner Sinne leitend Steu'r! Mit deinem goldnen Herrſcherſtab zerſchlage Du ihre Ketten, und, bei Nacht und Tage, Veſtalen gleich, bewach' der Tugend heilig Feu'r! Biſt du es, deren Hauch mit leiſem Fächeln Um meine Lyra wehte, die zum Ton Von Sion's Harfen klingt?— du, die mit Lächeln Wie eine holde Viſion In meine Nacht tritt?— Hehre, auf mich nieder Laß dein geheimnißvoll Gefieder, 4 Das zum enthüllten Himmel dich entrafft! Kommſt du aus jenen lichten Sphären, Um irgend ein Geheimniß mich zu lehren, So dir entdeckt der Engel Wiſſenſchaft? 2. Sahſt du des Paradieſes Frieden, uUnd hörteſt du des Werde Ruf? Sayſt du den Herrn, wie er, zufrieden Mit ſeiner Macht, die Welt erſchuf? — 184— Sahſt du, dich wiegend hoch im Aether, Den jungen Vater unſrer Väter Und Eva lächelnd neben ihm? Und, in den heiligen Phalangen, Sahſt du die erſten Sonnen prangen Am Haupt der erſten Seraphim? Sahſt du, entzückt, daß ſie entſtanden, Die erſten Sterne wirbelnd glühn, Und, deſſen Wogen brennend brannten, Dem ew'gen Strom des Seins entfliehn? Als Gott, in ſel'ger Ruhe zeugend, Aus ſeiner Höh' herab ſich neigend, Was er geſchaffen, ſahe an; Er, Mittelpunkt, von dem da ſtammen Die Seelen all', Heerd aller Flammen Und aller Wellen Ocean? 3. Und folgteſt du dem Allerhöchſten bebend, Als, von den Waſſern zu den Feuern ſchwebend, Der Geiſt ſich mit dem ew'gen Wort erhob; Den Tag, als, droh'nd der jungfräulichen Erde, Das Chaos vor dem Hauch des Herrn zerſtob, Und, wie ein flücht'ger König, Speich' und Pferde Beſchleunigend, verkündigte Sein Loh? — 185— Und ſahſt, bewaffnet mit der Hölle Plagen, Du ſeiner Schuld Genoſſen Satan ſchlagen Im Graun der Nacht, die ohne Morgenroth? Und ſahſt den Abgrund du, wo das verfluchte Haupt des Verbrechens ew'ge Reu bedroht; Den einſt ein Gott geheimnißvoll beſuchte, Als er von Höll' zu Höll' verfolgete den Tod? 4. Zeig' mir den Herrn! er gab der Ephemere Die Zeit, und dem Atom den Raum!— die Leere Der ew'gen Nacht enthüll' und das Gezuck Der Blitze mir, der feurigen Propheten! Zeig' mir den ſtrahlenden Kometen, Der durch die Himmel ſchweift in ſeines Schweifes Schmuckl! Sieh' meinen Geiſt, o Seel', auf deinen Schwingen, Von Blum' zu Blum', von Berg zu Berg ſich ſchwingen, Bis über Edens ſel'gen Au'n er ſchwirrt! Er löſ't das ewige Geheimniß!— Schranke Nicht iſt die Erd' ihm! mein Gedanke Iſt eine Welt, die durch das Grenzenloſe irrt! 5. Doch Schlingen hat das Leben, meine Seele! Sei der Gefang'ne, der im Kerker wacht! Ein Krieger ſei! des Feindes Wachtfeu'r zähle! Daß ihrer keins dein wachſam Aug' verfehle, So ſpäh' umher am Tage, wie hei Nacht! — 186— Nicht bin ich der, den eitle Gluth durchlodert, Der heil'gem⸗Lieben hart ſein Herz verſchleußt, Der Dagon dient, wenn ihn Jehovah fodert, Der, wie um einen Krater, der verlodert, Um ſeine Seel', ein führerloſer, kreiſ't. Vor Gott in aufgeputzter Blöß' erſcheinend, Verſchont ſein Gifthauch Edens Blumenflor; Trüb, ſeinem Elend zu erliegen meinend, Gleich dem verlornen Sohne ſitzt er weinend Und fleh'nd vor ſeines Vaters Thor. „Sieh' da den Sünder!“ iſt der Engel Sprechen Alsdann;„ſein Glück hat trunken ihn gemacht. Vor dem beglückten Frommen ſein Verbrechen Büßt er anjetzt! der Herr verwirft den Frechen; Er ſchlief, indeß der Herr gewacht!“ Du— möochteſt du dem Staube bald entfliehen! O, ſtiegſt du ſtrahlend bald zur Strahlenflur! Rein wird dein Strom zurück zur Quelle ziehen; Und, wie die Sonne zieht mit ihrem Glühen, Ziehſt du mit deiner Liebe nur! 6. Weh', weſſen Aug', von Dunkelheit umgeben, Den Geiſt nicht fühlt, der da bewegt ſein Leben! — 187— Sterblich, hört er den Ruf des Grabes nicht. Sein Denken flügellos, ſein Herz nicht brennend! Er irrt, die eig'ne Seel' nicht kennend, Ein Blinder, tragend einer Fackel Licht. Juni 1823. Das Fied der Arena. .. ignyr hellumſchienten Achaier, Für die Reiſigen ſteh'n die Kampfpreiſ hier in dem Kreiſe. Homer. In Ehren häaͤlt man den Athleten, Den Sieger in dem ſand'gen Rund'; Sein Ruhm, den keine Jahre tödten, Geht durch das Volk von Mund zu Mund, Von den Geſtaden, ſtarr von Eiſe, Allwo der Winter ſchlaͤft, der Greiſe Mit feſtem Schlaf, den Keiner ſtört, Bis zu der ſonn'gen, gold'nen Stätte, Wo Morgens man im Wellenbeite Die Sonnenroſſe wiehern hört.— Olympia!— das Feſt!— die Wagen! Nun flechtet Lorbeer und Acanth! Nun weckt— der Götter Fluch dem Zagen!— Aus ſeinem Schlaf das alte Wagen! Nun fachet an den alten Brand! — 188— Die ihr nach Ruhme lechzt, kommt Alle! Das Feſtgewand der Prieſter fliegt!— Daß eure Stirn' es bald umwalle, Das Laub der heil'gen Eiche falle, Die da den Milo einſt beſiegt. Von Creta's Bord, geweiht durch Mythen, Von Tyrus kommt, und von Corinth, Von Seylla's ſtürmiſchen Gebieten, Vom Athos kommt, den Adler hüten, Daß näher ſie den Himmeln ſind! Nun kommet aus dem Archipele, Vom Taubeneiland kommet nun! Von Rhodos, wo mit muth'ger Seele Kriegsmänner ſtehen, ſchön von Oele, Die nur im Grab vom Streiten ruhen! Von des Pallaſtes Stufen ſteiget— Cecrops einſt legte ſeinen Grund!— Von Sparta, dem ſich Alles neiget, Von Lemnos, das den Donner zeuget, Von Argos kommt und Amathunt! Die Tempel all', die Gynäceen, Die laub'ge Kränze bunt umglüh'n, Verhüllen züchtig, anzuſehen, Wie junge Bräute— ſeht es wehen!— Die keuſche Stirn mit friſchem Grün. — 189— Da!— die Archonten und Ephoren! Sie ſetzen ſich, ernſthaft und ſtill. Gereinigt haben die Amphoren Die Jungfrau'n und die Canephoren, Wie es Eleuſis' Regel will. Man hat um Rath gefragt die Reder Im Traum, und auch die Pythia; Des gelben Seytengeiers Feder Warf in den Wind man— hör' es Jeder!— Zur Zeit, wann aufwacht Clytia. Zwei Dreifüß', reiche, ſchön verzierte, Nennt, wer da ſiegt im Laufe, ſein; Den Becher auch— wem wohl gebührte Er ſonſt?— den Bacchus Mund berührte, Als er ihm bot den erſten Wein. Und weſſen Diskus, raſch im Kreiſen, Behend am Ziel die Bunde fällt, Erhält von den gerechten Greiſen Die Urn' hier, nie genug zu preiſen, Phlegon's Gebild, den Naxos hält. Dem kühnen Ringer aber ſpenden Von Sidon eine Chlamys wir; Er nehme ſie aus unſern Händen! Dreizack und Stab des Herolds blenden Das Aug', der Chlamys farb'ge Zier. — 190— Und nun, ihr Ringer und Athleten, Stärkt euch im Bad, eh' denn ihr ringt; Dann ſiegt— ſchon locken euch die Flöten!— Daß euch die Lippe der Poeten Ein Lied theban'ſcher Weiſe ſingt. In Ehren hält man die Athleten, Den Sieger in dem ſand'gen Rund; Sein Ruhm, den keine Jahre tödten, Geht durch das Volk von Mund zu Mund. Von den Geſtaden, ſtarr von Eiſe, Allwo der Winter ruht, der Greiſe Mit feſtem Schlaf, den Keiner ſtört, Bis zu der ſonn'gen, goldnen Stätte, Wo Morgens man im Wellenbette Die Sonnenroſſe wiehern hört. Januar 1824. Das Fied des Cirkus. Panem et Circenses. Juvenal. O Cäſar, Geber blut'ger Feſte! Dich ehrt die Welt!— Wer zählt die Gäſte, Wenn ſich des Cirkus Thor erſchließt? Heil dir, Unſterblicher, Gerechter! Auguſtus' Erbe! Sieh' die Fechter, Die ſterben wollen! Cäſar, ſei gegrüßt! — 191— Von den Gebietern auf der Erde Thronen Weiht Cäſar nur Roms Göttern Libationen Von Menſchenblut!— Wir laden ein den Tod Zu unſern Spielen, holen uns in Schaaren Hyrkaniens Tiger und des Rheins Barbaren:— Der Cirkus raucht, von ihrem Blute roth! Eh'rne Koloſſe, Vaſen von Porphyre, Buntfarb'ge Fahnen, bauſchig vom Zephyre, 8 Sind rings der Mauern Schmuck, und was die Kunſt Sonſt bilden mag.— Dicht zieht des Rauchwerks Wolke; Denn ſieh', das Blutbad darf zu Roma's Volke Durch Düfte nur erheben ſeinen Dunſt. Die Thore thun ſich auf, die Angeln zittern, Der Schwarm tritt ein, und raſſelt mit den Gittern, Die Panther beben hinter dem Gerüſt: Und, wie ein Strom mit tauſendfachem Rufe Von Berg zu Berg, ſo wälzt von Stuf' zu Stufe Das Volk ſich, welches König iſt. Die beiden Stühl' empfangen die Aedilen, Und um den Cirkus in des Grabens kühlen Gewäſſern ſchwimmt Flußpferd und Krokodill. Das heih'ge Feuer, glüh'nd in keuſcher Schale, Bringt in der Schweſtern Mitte die Veſtale;— Fern zürnet der fünfhundert Leu'n Gebrüll. — 192— Die Bruſt entblößt, das Auge glüh'nd, ſetzt einen Profanen Dreifuß neben Veſta's reinen Altar die Buhlerin, ſchamlos und frei. Durch ihr Gefolg' von Königen und Sklaven Seh'n, angethan mit reichen Latiklaven, Die Senatoren der Klienten Reih'. Beiſammen ſitzt je Jungfrau und Matrone; Auf der Tribunen Ruf ſieht man am Throne Des Praetors Krieger ſchreiten durch die Bahn. Die Prieſter Rhea's heben an ihr Flehen; Erwartungsvoll, auf ſchlechter Bühne, ſehen Des Ganges Gaukler, ob die Opfer nah'n. Sie nah'n, ſie nah'n!— Beifall und Droh'n der Menge Grüßt die Gefangnen, welche der geſtrenge Arm Cäſar's ſammelt in der wilden Schlacht Von Mana's bis zu Mane's Tempelhalle. Sie treten ein; der Littor nennt ſie alle, Die da des Conſuls Brandmal kenntlich macht. In ihren Reih'n— man kennt ſie am geneigten Haupt!— geh'n Hebräer, die von Schmach Gebeugten; Geh'n Gallier, das Schwert in nerv'ger Hand; Geh'n ſchnöde Chriſten, keine Waffen tragend, Die, ihren Henkern Trotz wie Lied verſagend, Sich tödten laſſen ohne Widerſtand. — 193— Bald bricht hervor mit Brüllen nun die Meute, Gibt alle ſie der gierigen zur Beute Die Mauer, ſtarrend rings von Schwert und Spieß.— Sieh', Purpur weht herab von Cäſar's Sitze, 1 Auf daß ein milder Licht, ſo lang die Hitze Des Kampfes währt, ſein göttlich Auge grüß'! 9 O Cäſar, Geber blut'ger Feſte! Dich preiſ't die Welt! wer zählt die Gäſte, Wenn ſich des Cirkus Thor erſchließt? Heil dir, Unſterblicher, Gerechter! Auguſtus Erbe! ſieh' die Fechter, Die ſterben wollen! Cäſar, ſei gegrüßt! — Janur 1824. Das Fied des Turniers. Der Liebe Diener! ſehet ſänftiglich Auf den Gerüſten Paradieſeschöre; Darnach turnieret ſtark und freudiglich, Und eurer harret Lieb' und harret Ehre! Alte Ballade. O Ritter, Mildigkeit! den Waffenknechten Milde! Kommt Alle! führt ihr nun im Milaneſer Schilde Den grünen Drachen, führt die Lilie Frankreichs ihr, Führt Arragoniens Kreuz, führt andrer Art Gebilde Ihr auf der funkelnden Rüſtung als Wappenzier! 13 — 194— Geöffnet ſind die Schranken!— ſehet, Schon ritt der Grieswart durch die Bahn. Herab von allen Thürmen wehet Die weiß und grün geſtreifte Fahn'. Der Schwarm bricht aus in laut Vergnügen; Im Morgenwinde flatternd, fliegen Die bunten Wimpel fern und nah; Der Herold aber, mit dem Greife Von Silber, hängt ihn auf am Reife 4* Des Goldgurts der Dalmatika. Die Glocke läutet dumpfen Schalles, Rings wimmeln Giebel und Gerüſt, Und einen Tag verkündigt Alles, Der eines Königs würdig iſt. Die Königin, um zu erhöhen Die Freude, hat der Heller zehen Aus ihrem eignen Schatz geſchenkt; Und, milder noch ſich zu erweiſen, Hat zwölf gefangner Chriſten Eiſen Mit ihrem Golde ſie geſprengt. Nun, eh' zu der Drommeten Schalle Ihr Speere fällt und Schwerter zückt, Nach dem Geſetz, ihr Ritter alle, Vernehmt des Königes Edikt!* Denn wer, eh' denn er ſtill es höret, Wortbrüchig nach der Lanze fähret, — 195— Beſitzt nur ein verfluchtes Schwert;— So höret denn! ſteht zu den Fahnen! Vernehmet, was einſt unſre Ahnen Die lehrten, die der Herr gelehrt! So ſingt zuerſt die Lobgeſänge, Die werthen, mit gebognem Kniee! Singt Jeſum, ſingt der Engel Menge, Und ſingt den heiligen Denis! Daß, wird auch euer Arm verſehret, Doch nichts die Ehr' euch kränkt,— beſchwöret Es auf die Bibel ohne Fehl! Sorgt, daß, wenn euch der König nennet, Ihr euer Schwert ihm zeigen könnet, Gleichwie dem Ew'gen eure Seel'! Wollt eines Heil'gen Reſt' anrühren, O Grafen und Barone! wollt Beſchwören jetzt mit hohen Schwüren, Zu wahren eurer Sporen Gold! In euren Burgen nie der Bürger, So ihr beherrſcht, ruchloſe Würger, Nie der Vaſallen Henker ſeid! Und für die Wittwen und die Waiſen Sei eures guten Schwertes Eiſen Der Scheide ledig allezeit! — 196— O Tapfre, ſorgt, daß dieſe Stunde Zur Vorzeit ihr die Blicke lenkt! Des heil'gen Graals, der Tafelrunde, Karl's und der Paladine denkt! Dem Feigen Wehe, der zum Siege Durch eines Nekromanten Trüge Beſprechen läſſet Arm und Wehr! Dem Schnöden Wel', der in den Bahnen Bekämpft mit ſünd'gen Talismanen Des reinen Ritters edeln Speer! Die Stunde kommt, da wird man ſchleifen Sein Schloß, das die Gerechten flieh'n! Die Stunde kommt, da wird man greifen Und mit dem Strang erdroſſeln ihn! Die Zauberer, einſt ſeiner Freuden Genoſſen, jetzo ſeiner Leiden Verläng'rer, ſetzen ſein Gebein Bei'm Jubel ihrer Höllenfeſte In andrer Zaubrer, ihrer Gäſte, Entfleiſchte, fürchterliche Reih'n! Allein gefeiert ſei der Name Des Caſtellans, der fromm und treu; Mit Seide ſticket jede Dame Ihn auf die Lein'wand ohne Scheu; — 1297— Und alle Troubadoure preiſen Mit ihrer Lieder ſüßen Weiſen Wie ſeinen Arm, ſo ſeinen Stahl; An ſeinem Grabe wachen Feen, Und ſeinen funkelnden Trophäen Dient ein Altar zum Piedeſtal. So präget ein denn eurer Seele, O Ritter ihr und Damoiſels, Des Galliſchen Turniers Befehle Und des galanten Carrouſſels! Das Spotten der enttäuſchten Schönen Und der gereizten Richter Höhnen Trifft, die man zeiht der Felonie. Nicht minder groß, als ihr Verbrechen, Iſt ihre Strafe: Richter ſprechen Ihr Urtheil— Damen ſtrafen ſie! 4 O Ritter, Mildigkeit! den Waffenknechten Milde! Kommt Alle! führt ihr nun im Milaneſer Schilde Den grünen Drachen, führt die Lilie Frankreichs ihr, Führt Arragoniens Kreuz, führt andrer Art Gebilde Ihr auf der funkelnden Rüſtung als Wappenzier! Januar 1824. — 198— Der Antichriſt. Und wenn tauſend Jahre vollendet ſind, wird der Satanas los werden aus ſeinem Gefängniß. Und wird ausgehen, zu verführen die Heiden an den vier Oertern der Er⸗ den, den Gog und Magog. Apokalypſe. 1. Ja, er wird kommen, wenn der Tage Bronnen Die letzte Finſterniß verſiegen macht, Wenn, brechenden Augen gleich, die Sonnen Erbleichen an der Stirn der Nacht; Wenn in der Dunkelheit ein dumpf Gebelle Der Abgrund ausſtößt; wenn die Hölle Stolz über ihre Krieger Muſt'rung hält; Und wenn des Himmels Dom, nicht mehr getragen Von ſeiner Axe, ſie, gleich einem Wagen, Zerkrachen läſſet und zuſammenfällt! Ja, er wird kommen,— wenn den Müttern Die bange Frucht im Leibe ſchaudern wird; Wenn die Gerechten in den Särgen zittern, Wenn bei den Lämmern ſtirbt der Hirt; Und wenn, an Meere tretend, uferbare, Der Menſch ſieht, wie das Schiff der Jahre Die grollende Fluth der Ewigkeit durchirrt! — 199— Er kommt' ja:— wenn, daß Alles ſich vollende, Die Erde zuckt in ihren Sterbewehn; Und wenn die Völker, nah jetzt ihrem Ende, Des Daſeins Kette ſprengen, und wie Brände Die Sterne niederflammen aus den Höh'n, Und durch den Himmel— ſo geht vor dem Feſte Ein Wirth durch öde Säl' und harrt der Gäſte— Den Schatten Gottes ſchreiten ſehn! 2. Gleichwie ein Zeichen wird er glüh'n, geſendet, Daß ein Verderber er des Weinbergs ſei; Die Löſung der Gefangenen verſchwendet, Die Erndte gibt dem Sturm er, Korn und Spreu. Die Völker wiſſen nicht, ſehn ſie ihn wandern, Hat Scepter oder Kett' in einer andern Welt er getragen?— ihre Thräne rinnt; Klaglied erſchallt und Lied der Feier; Sie fragen ſich, ob ſeines Hauptes Feuer Strahlen des Himmels oder Blitze ſind? Bald wird er lieblich, wie die Sonne, ſcheinen: Sieh', einem Engel gleich aus Edens Hainen, Strahlt ſeine Rüſtung, ſtrahlt ſein Angeſicht; Sein Auge lächelt, naß von ſüßem Weinen, Wie auf des Lenzes Stirn Aurora's Licht. Bald einem Drachen gleich wird er ſich zeigen! Mit erzgeklanuter Schwinge, rieſengroß, Schwirrt er einher; mit Grau'n füllt ihn ſein eigen Myſterium; der Hölle Qualm entſteigen Läßt er der Erde frech entweihtem Schooß. Die Schöpfung, wenn er ſpricht, hört ihn mit Schweigen; Die großen Städte trägt ſein Hauch in Kluft Und Wüſtenei; er führt der Winde Reigen, Und Wagen hat er in der Luft. Die Flamme zähmen, auf der Welle wandeln Wird er;— in eine Blumenflur verwandeln Wird ſich der Sand, darauf den Fuß er ſetzt; Und niederſchweben werden die Geſtirne, Als eine Glorie für ſeine Stirne;— Die Todten werden ſchütteln ſich entſetzt. Ein reißender Strom, ein Gluthberg, ſchwarz von Laven, Hat er nicht Freunde, denn er will nur Sklaven; Auf ihrem Nacken eiſern laſten wird Mit ſeiner Wucht er;— Thränen am Gewande, Ein Uſurpator, zieht er durch die Lande: Er wird ein Herr ſein, da, wo Gott ein Hirt! Er geht gekrümmt durch die, ſo vor ihm beben, Trägt andre Laſt und lebt ein ander Leben; — 201— Er altert nicht, kennt Wechſel nicht und Zeit; Die Kränze welken, die wir für ihn wanden; Ein Fremdling wird er ſein in allen Landen, Des Glaubens mangelnd und der Zärtlichkeit. Ein ewig Wünſchen wird ihn quälen müſſen, Und ſein Erwarten wird kein Hoffen ſein; Nichtwiſſende beneiden wird ſein Wiſſen Und bitt're Frucht nur ihm verleih'n. Dem Richtſchwert, ſeinem Auge ſchon ſich zeigend, Trotzt ruhig er, wie vor dem Sturm, und ſchweigend, Wie nach dem Tode;— keiner Gluth erwarmt Sein Herz, ein Kampfplatz, wo das Laſter,— wehe!— In einer fürchterlichen Ehe Fluchwürd'gem Streit die Reu' umarmt. Den Reſt der ſterbenden Zeit wird er ergreifen Und löſchen aus des letzten Leuchtthurms Gluth; Mit Gütern wird der Herr ihn überhäufen, Wie ſeinen Sohn mit Schmerzen er belud. Gleichwie auf einem Raube wird er raſten Auf ſeinen Freuden; doch ſein Auge zeigt, Wie ſeine falſchen Wonnen ihn belaſten; Es flammt vom Stolz, den die Verzweiflung zeugt. So wird er ſein!— mit ſeinen Händen, welche Den Irrthum ſä'n im Felde der Vernunft, Wird duftend Gift er miſchen in dem Kelche, Draus ſich berauſcht der falſchen Weiſen Zunft. Wie eine Mauer, Gott und Welt zu trennen, Stellt er ſich zwiſchen ſie mit frechem Spott; Die Sprache fehlt, ſein Freveln all zu nennen; Der Atheiſt ſpricht ſchaudernd: der mein Gott! 3. Endlich, wenn düſter er durch Sünden, Ein Herold Gottes, ſchritt, ein ernſt Myſter; Wenn Glaub' und Tugend nirgends Herzen finden, Als ſolche, die verglüht und leer; Wenn mit des Mörders Zeichen er gezeichnet Die Stirnen Aller, die den Herrn verläugnet, Gleich ihm; wenn ſeine Rotte ſteht bereit: Dann läßt das Leben er, wie eine Hütte, Und ſeine letzte Stund' in unſrer Mitte Wird nur die Stunde ſein der Ewigkeit. 1823. E y i t a p h. Hic praeteritos commemora dies, aeternos meditare. Greis oder Jüngling, thöricht oder weiſe, Du, der du irreſt nach der Wolken Weiſe Durch alle Himmel, unſtet, ohne Ruh:— Wohin ſo ferne zieheſt du? Iſt denn nicht hier das Ziel ſchon deiner Reiſe? — 203— Der überall verfährt nach Siegerbrauch, Der Tod umhüllte meinen Glanz mit Flören; Selbſt meinen Namen hat verweht ſein Hauch; Umſonſt fragt die Vergeſſenheit dein Aug', Ob einſt mein Nichts beſeſſen deiner Ehren. Gleich dir, ging auch vorüber ich; Zu ſeiner Quelle kehrte wieder Der Strom;— auf dieſe Trümmer ſetze dich! Leg' auf Momente deine Bürde nieder! Auch von der meinen hier befreit' ich mich! Willſt Ruhe du, ſuchſt du dir eine Stelle Zum Schlummer— komm! ein Lager ſchon iſt dir Bereit! und kämpft dein Nachen mit der Welle, Komm— hier die Klippe! komm— der Hafen hier! Fühlſt du hier nichts, was dir dein ganzes Weſen Durchzuckt, und was gebietriſch hemmt dein Fliehn? Siehſt deinen Namen in myſteriöſen Schriftzeichen nicht auf dieſem Stein du glühn? Voll eitler Sucht, daß man ihm Beifall zolle, Ein Hiſtrio, bald kühn und zagend bald, Vom Hirten⸗ oder Königskleid umwallt, Spielt Jeder hier im Leben ſeine Rolle. — 294— Nicht tritt die Todten mit gleichgült'gem Fuß! Auch du wirſt einſt in ihrer Stadt dich ſehen. Der Tod entbietet Jedem ſeinen Gruß;— Sprich, welch ein Wind wird deinen Staub verwehen?— Kaum, daß ein Ohr ein halb Gehör mir leiht! Was! nicht ein Seufzer? nicht ein Flehn? nicht eine Thrän'?— Hier, wo dich dein ganzes Nichts bedräut? Du gehſt:— und, traun! was liegt an dieſem Steine? Was birgt für dich des Grabes Dunkelheit? Ein wenig Aſche, modernde Gebeine, Vielleicht Nichts— und die Ewigkeit! 1823. Ein Feſtlied UNero“s. An Alfred de Vigny. 3 Nescio quid molle atque facetum. Horvaz. Die Langeweile tödtet uns! der Weiſe Vermeidet ſie!— Wohlan, zu Nero's Preiſe, O Freunde, nahet ſeinem heut'gen Feſt! Dem Gott des Wohllauts naht, dem Herrn der Erde, Der ein Joniſch Lied mit lächelnder Geberde Zur Lyra mit zehn Stimmen tönen läßt! — 205— Wohlan, auf meinen freud'gen Ruf erſcheinet! Nie ſo viel Wonnen noch ſaht ihr vereinet Beim Freigelaßnen Pallas! nie beim Mahl Des Seneka, zwanglos und tobend, Wo er, den Weiſen in der Tonne lobend, Falerner trank aus goldenem Pokal! Nie auf dem Tiberis, wenn die Hetäre Aglae, nackt, in prächtiger Galeere Mit uns die Waſſer ſchwamm hinab; Und nie auch, wenn zu ſüßer Lauten Schalle Der Bataver Präfekt der Kralle Bekränzter Löwen zwanzig Sklaven gab! Kommt! Rom ſoll brennen! ganz!— was frommt das Fragen? Auf dieſen Thurm ließ meine Sänft' ich tragen, Die Brunſt zu ſehn, wie ſie die Flügel ſchwingt. Was iſt ein Kampf des Fechters mit der Meute? Die ſieben Hügel ſind ein Cirkus heute, Wo mit den Feuern Roma ringt. Dem Herrn der Erde ſo, dem Hohen, Gnäd'gen, Ziemt es, ſich ſeines Enkels zu entled'gen! Er ſchleudre, wie ein Himmliſcher, den Strahl Des Blitzes oft! Doch— es wird Nacht! die Hyder Der Brunſt erhebt ſchon ihr Gefieder, Und ihre Flammenzungen züngeln fahl. — 206— Seht her! ſeht her! ha, ſehet ſie entrollen Den rieſ'gen Leib, von Gluth und Rauch geſchwollen! Liebkoſ't ſie nicht dem ſtürzenden Gemäu'r? Seht! Schloß und Tempel ſchon ſind Rauch geworden In ihrem Arm! Ha, daß auch ich nicht morden Mit Küſſen kann, wie dieſes Feu'r! Hört das Gekrach! ſeht ſich den Dampf entwirren! Wie Schatten ſeht das Volk den Brand durchirren! Da— Schweigen des Todes rings umher! Pforten zerbröckeln, Säulen ſtürzen über, Und Ströme Erzes wälzen nach der Tiber, Die ſchaudernd zuckt, ein rollend Flammenmeer! Nichts bleibt! zu Boden kracht porphyren Und ehern Prachtwerk! Bilder auch, trotz ihren Göttlichen Namen— Alles! Thor und Thurm! O meine Sklavin, Brunſt, wer kann dich zügeln? Der jauchzende Nordwind ſchlägt dich mit den Flügeln, Voll Zorns, gleich einem Feuerſturm. Fahr' wohl, o Capitol!— o Freunde, ſehet! Wie eine Brücke des Cocytus ſtehet Im Flammenmeere Sylla's Aquäduct! Ganz Rom in Flammen! Danke mir, du hohe Gebieterin der Welt! ſieh', wie die Lohe, Ein prächtig Diadem, dein Haupt umzuckt! — 207— Als Kind, o Rom, vernahm ich, die Sibylle Verheiße dir endloſer Jahre Fülle, Zu deinen Füßen einſt vergeh' die Zeit, Im Aufgehn erſt ſei deiner heil'gen Mauern Geſtirn!— wie viele Stunden noch wird dauern, O Freunde, ſeine Ewigkeit? Wenn ſchwarz die Nacht, wie ſchön ein Feuer!— Dieſes, Wie lodert es! Heroſtratus ſelbſt prieſ' es! Was liegt am Volk, wenn Cäſar fröhlich iſt? Wie flieht es! Hört, wie wimmert es erſchrocken;..... Nehmt mir die Blumenkrone von den Locken; Sie würde welk vom Feu'r, das Roma frißt. O Freunde, wenn euch Blut ſpritzt auf die reine Feſttoga, ſpült es ab mit Creterweine! Nur Böſer Hand iſt gern mit Blut getüncht! Ein grauſam Spiel weiht durch erhabne Freuden! Wer wird ſich an der Opfer Röcheln weiden? Mit Liedern muß man es erſticken— ſingt! Ha! Strafe dieſem Rom und ſeinem Volke! Weiht es nicht ſtets untreuen Weihrauchs Wolke Bald Jupiter'n, dald dem verhaßten Chriſt? Ha, endlich ſeh' es zitternd mich, erhaben Wie ſie! Auch ich will meinen Tempel haben, Weil Roma noch zu arm an Göttern iſt! — 208— Daß prächtiger und ſchöner bald es ſchimm're, Zerſtör' ich- Rom!— Allein ſein Fall zertrümm're Mir dieſes Kreuz! Weh', wer ein Chriſt ſich hieß! Mein Arm ereilt ihn! rottet aus im Toſen Des Brandes dieſe ſchnöde Brut!. Bring' Roſen, O Sklav! der Roſen Duft iſt ſüß! März 1825. e h an a h. Domini enim sunt cardines terrae et posuit super eos orbem. Cant. Annae I. Jehovah iſt der Herr der beiden Pole, und auf ihnen läſſet er die Welt ſich drehen. Joſeph de Matstre. Soireen von St. Petersburg. Dem Ew'gen Ehre! ſeht im Licht ihn thronen! Er trägt das All! er hat die Ewigkeit Geſetzet jenſeits der Aeonen, Jenſeits der Himmel die Unendlichkeit! In's Chaos rief er ſein befruchtend Werde; Mit einem Wort ſchuf Himmel er und Erde; Geflügelt ſteht der Cherub ihm bereit, Wenn er, des Raumes wie der Zeit Verächter, Den Zeiten austheilt die Geſchlechter Und den Geſchlechtern zumißt ihre Zeit! — 209— Nichts hält ihn auf in dem, was er begonnen: Treibt nun ſein Odem, wie Orkangebraus, Den brennenden Kometen durch die Sonnen, Löſcht einer alten Sonne Glüh'n er aus, Läßt er Vulkane ſteigen aus der Welle, Krümmt er die Berge wie die Meeresfluth, Jagt er, genaht des Abgrunds düſtrer Schwelle, Dämonenheere in die ew'ge Gluth!— Durch dich wird des Geſchaffnen Rad getrieben, Wir gehn den Weg, den du uns vorgeſchrieben; Durch deinen Arm, Herr, wird die Nacht erhellt! Er ſtillet der bedrängten Wittwe Zähre, und ſchafft in fernen Himmeln, wo die Leere Wohnt, im Vorübergehen eine Welt! Was ohne dich der Menſch, die ſchwache Hutte? Dem Tode wirft des Unglücks Hand ihn zu! Von dir kommt Schmerz und Luſt ihm; ſeine Schritte Zum Grabe von der Wiege zählteſt du. Dein Name, dem der Selgen Harfen ſchallen, Tönt durch die Himmel ſpät und früh; und höret ihn die Hölle wiederhallen, So fluchet ihrem König ſie. Ja, Himmel, Engel, Märtyrer und Heere Der Seelen der Geſtorbnen— deiner Ehre Verkünd'ger ſind ſie;„Heilig, heilig!“ klingt. Und du nicht zürneſt, wenn, am Rande Der Gruft, der Menſch, der Wandrer auf dem Sande, Ein flüchtig Lied in ihren Hymnus ſingt. Dem Ew'gen Ehre! ſeht im Licht ihn thronen! Er trägt das All! er hat die Ewigkeit Geſetzet jenſeits der Aeonen, Jenſeits der Himmel die Unendlichkeit! December 1822. ——/o S—ãxixixx 1819— 1828. prend-moy tel que je suy. Deviſe der Ely. FRchm 2 3 Zuweilen— gleichſam, um zu zeigen, daß Wir das Vermögen noch, glücklich zu ſein, Im Buſen tragen— fanden ſich zwei Seelen: Zwei Seelen, eine für die andre lebend,⸗ Der Erde mit vereintem Flug entſchwebend, Mit einem Feuer fühlend, einer Sonne Rein und gewaltig glüh'nder Doppelſtrahl⸗ In inniger und keuſcher Miſchung nur Ein Weſen bildend, und in ihrem Flug Zwei Flügeln eines Engels gleichend, oder Den Zwillingen, die den geſtirnten Himmel Mit brüderlichem Glanze mild erleuchten. Wenn ihre gegenſeit'ge Gluth der Menſch Getrennet hat, dann ſieht man jede, ſchnell Und treu, der Menge dichten Damm durchbrechen, Die Welt durchirren und die Schweſter ſuchen. Alfred de Vigny. Helene. Ja, ſchnell hat falſch das Glück ſich mir erwieſen; Man geht ihm nach, ſchläft ihm am Buſen ein; Dann, gleich dem Mädchen, einſt auf Creta's Wieſen Geraubt, ſieht man erwachend ſich allein. 14* Man ruft ihm auf der Zukunft dunkler Schwelle: „O komm zurück, du mein Gefährt' und Freund!“ Da naht die Luſt, doch füllt ſie nicht die Stelle Des Glücks, das immer man beweint. Ich— will die Luſt den Buſen mir durchglühen— Ich ſag' ihr:„Geh' und ehre mein Geſchick! Den Schmerz der Sehnſucht läßt das Glück im Fliehen, Du läſſeſt Reue nur zurück!“ Doch nicht, o Freunde, dämpf' ich euer Feuer! Nicht nah' ich euch, wie, der dem Schmerz gezollt; Vor euch verbergen will ich meine Leier, Wenn Thränen netzten ihrer Saiten Gold! Wer, ach! von uns, deß lächelnde Geberde Nicht einen Schmerz birgt, der ihn tödtet ſchier? O GSott, wir Alle leiden auf der Erde, Und All' im Stillen leiden wir! Nur eine Taube, deinem Dienſt ergeben, Nur eine Blume feſſelt deinen Blick. Wozu? die Blume welket, wie das Leben; Der Vogel flieht, o Jungfrau, wie das Glück! Wir ſchämen uns der Thränen, wie der Klagen, Und der Erinnrung ſelbſt, des Glücks der Bruſt, Als müßten wir der Erde Ketten tragen Nur um der Lieder willen und der Luſt.— So floh ſie denn, ſo eilte ſie von dannen, Spurlos— die Zeit, in der das Glück uns glüht, Und plötzlich dann— Nichts, was es könnte bannen!— Gleich einem unterbrochnen Lächeln flieht. Februar 1821. An das Thal von Cherizy. Ich bin fremd worden meinen Brüdern und unbekannt meiner Mutter Kindern. Pſalm 69. Erhalte meinen Gang auf deinen Fuß⸗ ſteigen. Pſalm 17. O ſchönes Thal, in's Dunkel deiner Haine Setzt ſich der Wandrer! Traurig ſiehet er Den Vogel, der den Vogel flieht; hört deine Bewegten Binſen rauſchen er am Wehr! Der Menſch auch flieht den Menſchen! ach, beſchirmen Kann ſelbſt die Jugend oft vor Unglück nicht! Wohl dann dem Rohre, das ein plötzlich Stürmen Vorübergeh'nd in ſeiner Blüthe bricht! Ha, ſolch ein Stürmen!— ſchönes Thal, wie gerne Fiel ihm der Wandrer! ſeinem Ziel noch ferne, Iſt er doch müde ſchon vom Lauf; Vor ſeinen bangen Schritten thut ſich, drauf Er pilgern ſoll, bei'm Leuchten düſtrer Sterne Der Zukunft große Wüſte auf. — 214— Sein Leben iſt ein Raub des Ueberdruſſes;— Er iſt kein Kind der Luſt und des Genuſſes; Ein Herz nur ſucht er, ſeiner Schmerzen Freund! Umſonſt! nicht nah'n, die glatt den Weg ihm machen. Die, wenn er froh iſt, mit ihm lachen, Und mit ihm weinen, wenn er weint. Er ward geboren, daß man ihn vergeſſe;— Sein einſam Leben gleichet der Cypreſſe: Nie ſieht die Lilje ſchwanken ſie im Weſt; Und nie, daß ihrem Schatten Licht ſie gebe, Schlingt liebevoll ſich eine junge Rebe Mit grünem Kranze durch ihr ſchwarz Geäſt. Der Wandrer, eh' er auf die Höhen Steigt, flieht in's Thal auf eine kurze Zeit. Sein Ueberdruß freut ſich der Dunkelheit. Im Schwarm iſt er allein; mit ſüßem Wehen Iſt hier mit ihm die Einſamkeit. Einſam, wie er, doch ruhiger— o kühle Bäum' und Gebüſch' ihr, lächelnde Aſyle, Verbergt den Menſchen ihr, wie einen Raub! Ihr reinen Bäche, öffnet Well' und Bette Des Dulders Füßen, die der Staub der Städte Beſudelt, und der Wege Staub. O, weil ihm eure Schatten Frieden bringen, Laßt unſ'rer trübſten Tage Traum ihn ſingen, — 215— Von einer Jungfrau, lächelnd, mild und rein! Ruft er umſonſt zum Bund ſie einer Stunde, O, dann laßt Träume von des Grabes Bunde Die Seel' ihm die unſterbliche, erfreu'n! Am Staube nicht bleibt ſein Gedanke kleben; Ihn hebt empor ein Hoffen, ſüß und hehr. Zwei Schatten fortan herrſchen durch ſein Leben: Der im Vergangnen, in der Zukunft der! Wann kommſt du, Süße? welch ein Gott— o ſage!— Führt freundlich ihm, um den du klagſt, dich zu 2 Wann, mild Geſtirn, auf ſeine düſtern Tage Wie eine neue Sonne leuchteſt du? Ach, niemals wird er nennen dich ſein eigen, Du, ſeines Dunkels werth und edel Licht! Er läßt im Sturm das ſchwache Rohr ſich beugen; Gleich einem Eichbaum wird er ſich erzeigen. Er weiß zu brechen, doch er biegt ſich nicht! Sie naht, ſie naht! Er ſieht ſie— ohne Zagen! Lebt wohl, o Büſche! lebe wohl, o Thal, Wo man ein Echo findet ſeinen Klagen, Wo man im Frieden dulden kann zumal! O, glücklich, wer an ſeiner Väter Heerde Im Dunkeln lebt und ſtirbt auf heim'ſcher Flur! Denn ſieh', er kennt nichts, als die Erde, Und ſiehet ewiglich den Himmel nur! 5 Juli 1821. Beſchirme mich unter dem Schatten deiner Flügel. Pſalm 17. Wach' auf, o Lyra, lange müßig!— ſiehe, Der Tag erhebt ſich, den Ihr Name ſchmückt! Sie ſteigt empor, die gottgeſandte Frühe, Die ewig uns begeiſtert und entzückt! Geoffenbaret meiner Kindheit, Hehre Und Reine, hat ein Gott dich feierlich! Gleich einem Stern in trüber Wolken Sphäre Sah ich ſchon früh in meinen Himmeln dich. Da ſprach ich:„Komm, laß theilen uns, Geliebte, Ein Glück, das Nichts auf Erden unterbricht!“ Denn ich war jung und wiſſenlos; noch trübte Mir die Vergangenheit die Zukunft nicht. Die ſüße Neigung, weh' mir, ward ein blindes Und wildes Feu'r, das keinem Zwang ſich fügt; Nicht gleicht mein Leben mehr dem Traum des Kindes, Das eine unbeſtimmte Liebe wiegt. Heut', das entſchlaf'ne Opfer plötzlich weckend, Statt des erträumten Glückes, fürchterlich Mein von der Hoffnung trunknes Auge ſchreckend, Erhob das Unglück, höhniſch lächelnd, ſich. — 217— Wenn einſam man den Kelch des Lebens leeren, Den bittern, muß, der Galle nur enthält, Was ohne der Geliebten Zähren Bleibt dem Verwaiſ'ten übrig auf der Welt? Er flieht in Aſche, wenn um's Haupt der Zecher Bei'm lauten Mahl die Blumenkrone weht; Ihm gleicht der Feſte Freudenbecher Der Urne, die auf Gräbern ſteht. Die Welt verſtößt ihn;— ach, vor ihrem Glücke Steht eine Lampe, die erloſchen, er; Zum Himmel nur hebt furchtlos er die Blicke, Von Thränen, die nicht fließen können, ſchwer. Doch du, o Jungfrau, komm, mir Troſt zu geben! Die Wunden heile, ſo die Welt mir ſchlug! Du— lebe mir! und laſſe dir mich leben! G Geliebt zu werden, ach, litt ich genug! Beglücke mich mit deines Lächelns Schimmer! Von dir geführt, laß mich durch's Leben gehn! Nicht ward das Licht genommen mir auf immer; Komm! zwar in Nacht, kann doch den Tag ich ſehn! Nach Glanz und Ruhm nicht ſtreben meine Lieder; Und— träfe dennoch mich dies Martyrthum, Sei ohne Furcht! nicht halle wieder In ſeinem Glücke deines Gatten Ruhm! — 218— In einer keuſchen Ehe ſüßem Bunde Laß unſer Glück verbergen uns der Welt; Die Schlange, die ſich ſchlängelt auf dem Grunde, Iſt fremd zwei Vögeln, die der Himmel hält. Doch fuͤllt mein Leben, ſchwankend, ſturmgetrieben, O Jungfrau, mit gerechtem Schrecken dich, Dann fliehe mich, du, die du warſt mein Lieben!— Die du mir Mutter warſt, erwarte mich! 7 Bald werd' ich ſchlummern auf dem letzten Pfühle, Beglückt in meiner langen Dunkelheit, Wenn meinem bald vergeßnen Saitenſpiele Des Wandrers Aug' gleichgült'ge Thränen weiht. Du— möge nie des Unglücks Hand dich ſchlagen! O, ſei dein Leben nie von Schmerz getrübt Um Einen, der geſtorben ohne Klagen Und der mit ſo viel Liebe dich geliebt! December 1821. V — 219— Die Fledermaus. Was willſt du mir? ein Engel ſchwebte über meinem Herzen, und du haſt ihn ver⸗ ſcheucht...... Komm denn, ich will dir Lieder ſingen, welche die Geiſter der Kirch⸗ höfe mich gelehrt haben. Maturin. Bertram. Du biſt es! ja— ich habe dich geſehen In meinen Träumen! doch vergebens wehen Mir deine Schwingen Moderdüfte zu! Geh'! was dir aufgetragen ward von Leichen, Beſtell' es Schuld'gen! möge dir erbleichen Wer glücklich iſt! geh', mir laß meine Ruh'! O warte, bis, nach Hoffen und nach Sehnen, Um meines Herzens ſchönſten Wunſch zu krönen, Sich mir ergibt die Jungfrau meiner Wahl; Dann, um der ſüßen Feier Luſt zu ſtören, Wirſt du zurück auf nächt'gem Fittig kehren, Und wirſt umſchwirren mich und mein Gemahl. O du, des Käuzleins Schweſter und der Eule! Die Töchter Satans rufen mit Geheule Dich an, dir opfernd, was auf Gräbern wächſt! Flieh' mein Aſyt! verhaßt iſt mir dein Schauen! Nicht meine Lyra ſtreife mit den Klauen, Aus Furcht, daß Todte du erweckſt. — 220 Nachts, wenn die Geiſter tanzen auf den Matten, Folgſt ihren Chören flatternd du im Schatten; Zum Höllenfeſte lädt ihr Hymnus dich. Flieh'! dieſe Blumen ſpenden ſüße Dufte! Fort! in den Moderdunſt der Grüfte Laß tauchen deine Flügel ſich! Wer ſendet dich? kommſt du von den Ruinen, Vom Monde dort geheimnißvoll beſchienen? In ihrer Bläſſe düſter iſt, gleich dir, Des Mondes Stirn.— So zog aus deinen Trümmern Dich meiner Lampe fern und einſam Schimmern? Vom Ruhm gelockt, naht ſo das Unglück ſchier. Kommſt aus dem Thurm du, wo der Schwindel hauſet, Der tolle Zwerg, der das Gebirg durchſauſet Und Feuerkugeln durch den Aether ſchiebt, Das Irrlicht röthet, niederlacht aus Lüften, Und jeden Abend, ſchweifend an den Klüften, Des Abgrunds Geiern einen Wandrer gibt? O, ſchüttle nur die ſchlappen Flügelhäute, Auf die ein Kobold Menſchenaſche ſtreute: Du biſt mir läſtig, doch nicht ſchrecklich!— Flieh'n Nur woll', und bald! ſonſt geb' ich Preis dem Höhnen Profaner deine Fittige, mit denen Der Hirte ziert den ſchwärzlichen Kamin. — 221— Dann wird dein Zahn nicht mehr die Kinder ſchrecken; Ein Mädchen kommt, um ſchüchtern dich zu necken; Sie nahet dir, indeß ſie furchtſam lacht. Und ausgeſtoßen, ach, vom Himmel, Wird durch der Vögel fröhliches Gewimmel Der Tag mit ſchwerem Flug dich ſuchen ſehn die Nacht. Die Wolke. Ueber Thäler und Höh'n, Durch Flammen und See'n, Wandl' ich, ſchlüpf' ich überall, Schneller, als des Mondes Ball. Shakſpeare.*) O Jungfrau, dieſe ſchöne Wolk' iſt, wie 4 Die Menſchen.— Bald, wenn Stürme ſich erheben, Siehſt ihre Strahlen du zurücke geben Der Sonn' in zorn'gen Zlitzen ſie. O, daß ich kange eines Engels Odem Sie ſchön, wie jetzo, durch die Himmel führt! Des Himmels Wolke wird ein Nebel⸗Brodem Der Erde, wenn die Erde ſie berührt! *) Nach Schlegel. D. Ueb. Die Früh' gebiert ſie, weil ſie ſchmücken muß Den Abend,— dann, gebändigt, glühe'n am Throne Der Sonne neid'ſche Wolken: eine Krone Von Neidern erſt macht groß den Genius. Los bricht der Sturm, wenn ſich das Wetter bricht. Faſt alle ſind der Seele Tage trübe. Allein des Lebens irrende Wolke licht Vergolden kann die ew'ge Sonn' der Liebe. Ach, Jungfrau! deine ſchöne Wolk' iſt, wie 2 Die Menſchen.— Bald, wenn Stürme ſich erheben, Siehſt ihre Strahlen du zurücke geben Der Sonn' in zorn'gen Blitzen ſie. April 1822. Der AL p. d, ich hatt' eine jämmerliche Nacht, Voll banger Träume, ſcheußlicher Geſichte! So wahr, als ich ein ſrommer gläub'ger Chriſt, Ich brächte nicht noch eine Nacht ſo zu, Goͤlt' es auch eine Welt beglückter Tage: So voll von grauſem Schrecken war die Zeit. Shakſpeare. ð) O höre! dieſe Nacht hat er auf Bruſt und Kehle Sich grinſend mir geſetzt und ſie mir zugeſchnürt. Des Unholds Hand lag ſchwer, wie Blei, auf meiner Seele; Wie eine welke Blum', daß er ſie langſam quäle, Zeigt er den Geiſtern ſie, die da die Nacht gebiert. —QOQ—AQ—(O—l. *) Nach Schlegel. D. Ueb. — 223— In jedes Element hüllt ſich dies Ungeheuer. Bald taucht ſein blaues Haupt aus Waſſern in die Höh' Bald wiehert es hervor aus ſchwefelgelbem Feuer, Sein lodernd Flügelpaar gleicht einem Funkenſchleier, Sein Aug' iſt Blitz, es fliegt auf einem Flammenſee. Wie trübe Spiegel zeigt mit ſchadenfrohem Necken Die Finſterniß ſein Bild dir zehnfach; ſeinen Rumpf Und ſein verſchwimmend Haupt umfließen Nebeldecken; Der Nebel wallt und zieht; er lebt!— mit nicht'gen Schrecken Füͤllt es die Seele dir und läßt ſie leer und dumpf. O Jungfrau! deine Ruh' kennt keine ſchwarze Lüge! Auf deine friſche Stirn ſchwebt leiſen Schritts die Nacht. Dein Herz iſt rein und gut; an deiner Träume Wiege Tritt kein Geſpenſt, und, wagt dein Geiſt im Schlummer Flüge Zum Himmel, o dann wirſt von Engeln du bewacht. April 1822. Ber Morgen. Moriturus moriturae! O, ſieh' den Morgen lächelnd ſich entſchleiern! O, ſieh' den Thurm, wie er von Strahlen glüht! Horch! wie dem Ruhm die Freude, zieht Des jungen Tages erſten Feuern Entgegen ſchon der Wälder erſtes Lied! Ja, lächle nur bei all' dem Schönen! Dieſelbe Sonne leuchtet deinen Thränen, Wenn morgen mich der dunkle Sarg verſchlingt! Ob meinem Grabe von denſelben Tönen Erſchallt der Wald, davon er heute klingt! Dann aber wird die Seele ſelig ſchweben Im Grenzenloſen über Raum und Zeit. Im Morgenroͤth der Ewigkeit Wird man erwachen einſt vom Leben, Gleichwie aus wüſter Traumgeſichte Streit. April 1822. Meine Kindheit. Siehe— Alles das iſt vergangen!... Meine Kindheit iſt nicht mehr; ſie iſt todt, ſo zu ſagen, obgleich ich noch lebe. St. Auguſtin, Bekenntniſſe. 1. Kriegsträum' in unruhvoller Seele naͤhr' ich. Wenn ich nicht Dichter wäre— Krieger wär' ich! Daß ich den Kriegern hold, nicht wundert euch! Fand ihr Cypreſſenlaub mit ſtummer Zähr' ich Oft ſchöner nicht, als unſern Lorbeerzweig? Denn wiſſet es! auf eine Trommel ſetzten 6 Sie meine Kripp'; aus einem Helme netzten Der Taufe Waſſer einſt die Stirne mir. Zu Windel mir und Wiegentuch zerfetzten Kriegsmänner ein verbraucht Panier. Durch Zelt' und Waffen und beſtaubte Wagen Hat eine Lagermuſe mich getragen; Auf Mörſern ſchlief ich, eingelullt vom Horn; Den Renner liebt' ich mit dem muth'gen Schlagen, Den heiſern Bügel liebt' ich und den Sporn. 15 Die Forts, erſtürmet mit dem Bajonette, Das nackte Schwert der Führer, die Vedette Liebt' ich, die einſam im Gehölze ſteht; Die Bataillone, denen durch die Städte Voran ein blutig Banner weht. Voll Neides ſah ich der Beritt'nen Schaaren: Den hohen Lanzenreiter, den Huſaren, Dem weiß der Buſch auf ſchwarzem Tzacko fliegt, Und den Dragoner, der zu Roſſeshaaren Die Haut des Tigers auf dem Helme fügt. Und meine Jugend klagt' ich an:„Gehalten In Dunkel! ha! und ohne Klag' erkalten Soll dieſes junge heiße Blut! o Schmerz! Dies Blut!— im ſchwarzen Kampf wie purpurn wallten Wohl ſeine Wellen auf ein Erz!“ Und ich rief an den Krieg, ſah ſeine Feuer Im Geiſt;— die Flügel ſchüttelnd, wie zwei Geier, Die Zäume fliegend und die Schwerter blos, Mit tauſendfachem Dröhnen, ſah ich zweier Kriegsheere feindlichen Zuſammenſtoß. Und eherne Drommeten hört' ich ſchallen; Streitwagen raſſeln hört' ich, Schüſſe fallen;— Mit Todten graus beſäend ihren Zug, Erſah von Weitem ich, in Intervallen, Der blitzenden Schwadronen Flug. — 221— 2. Mit unſern Heeren, eh' ich noch geboren, Naht' ich beſiegter Königsſtädte Thoren; Durch ganz Europa folgt' ich Frankreichs Aaar; Ein Knabe noch, erzählt' ich Greiſesohren Mein kurzes Leben, das ſo reich ſchon war. Ohn' allen Schutz trat ich zu fremden Heeren; Ich ſah ſie ſtaunend meine Kindheit ehren; Ich ſchützte ſie— nicht ſchützten jene mich. Bleich ward der Fremdling, ſtammelte, mit Zähren Der Freude, Frankreichs Namen ich. Auf's Trümmereiland, bald die erſte Stufe Von tiefem Fall, folgt' ich der Waffen Rufe; Der Mont⸗Cenis, umweht von eiſ'gem Hauch, Als ſeine Gletſcher aufſchrie'n unter'm Hufe Der Roſſ', erbebte meinen Schritten auch. Zur Etſch, zum Arno ſchritt ich von der Rhone; Des Weſtens Babel, Aſch' auf goldner Krone, Sah tragen ich der Wittwe bittres Loos: Ja, ich ſah Rom, noch auf dem Trümmerthrone Und im zerrißnen Purpur groß. Ich ſah Turin; ich ſah Florenz, die Schöne; Ich ſah Neapels ſorglos heitre Söhne, Die der Veſuv— ſo ſchreckt ein Krieger kühn Ein feiernd Volk mit blut'ger Helmbuſchmähne— Bedeckt mit blut'gem Flammen⸗Baldachin. 15*¾ Und ich betrat das Land der Pyrenäen Und der Sierren, damals von den Wehen Des Kriegs der Rache fürchterlich durchzuckt; Im Eskurial glaubt' ich ein Grab zu ſehen; Ich neigte mich dem Aquädukt. Dort ſah ich ſchwärzen unſrer Poſten Feuer Einſamer Städte ſtürzende Gemäuer; Auf Kirchenſchwellen ſah ich Zelte ſtehn. Wie Klage ſcholl mir's, hört' ich der Entweiher Gelächter gellend durch die Klöſter wehn. 3. Und als ich nun vollendet meine Züge, War mir's, als ob ein irrend Licht ich trüge. Ich ging in träumeriſcher Trunkenheit, Als ob des Zauberborns ich tiefe Züge Gethan, der ew'gen Rauſch verleiht. Du zeigteſt deine Klöſter mir und Kerker, O Spanien! Du, Jrun, deine Erker! Du deine Schlöſſer, königlich Madrid! Du deiner Großen trotzige Burgen, ſtärker, Als Schwert und Jahre, ſtolz Valladolid! Und in mir keimte, was ich einſt geſehen; Voll Ingrimms Verſe ſummend, konnt' ich gehen.— Bald weinend, bald mit lächelndem Geſicht Sprach meine Mutter:„Eine wohl der Feeen Spricht mit dem Knaben, doch man ſieht ſie nicht.“ 1823. .„. 4. Virgil. Für Jeden, der vom Weibe ward geboren, Sei's, daß das Glück zum Liebling ihn erkoren, Sei's, daß ſein Leben unter Schmerz verfließt,. Und daß, voll Harms um die, ſo er verloren, Bei'm Schein der Lampe Thränen er vergießt: Für einen Jeden gibt es heil'ge Tage Der Wonne, des Myſters!— Von keiner Klage Weiß dann ſein Herz, das hohen Frieden hat. Die Lüfte zittern leiſ'; ihm iſt, als ſchlage Sein Ohr der Ton der fernen Gottesſtadt. L Oft, ſeinen Schmerzen alſo zu entgehen, Erhob mein Glück ſich, wie ein Schloß von Feeen Mit ſeinen Vaſen, ſeinen Säulenreih'n, Mit ſeinen Thoren, Thürmen und Trophaͤen Von Perlenmutter und von Elfenbein. Dann plötzlich ſchwand, was plötzlich mir erſchienen: Nur bleiche Schatten ſah ich und Ruinen; Den Himmel deckte grauer Nebelflor; Geſpenſter kamen, trüb von Blick und Mienen— Ich ſah ein Grab, wo ein Pallaſt zuvor. O ſchönes Thal! im Schatten deiner Bäume Ließ ich, wie murmelnd Waſſer, meine Träume Oft irren;— ſtets bleibt jene Zeit mir werth, Und eu'r Gedächtniß wird mir ſein, ihr Räume, Ein trüber, ſüßer Ton, den lange Zeit man hört. 1823. Tandſchaf. Hoc erat in votis- Horatius. Als ich ein Kind war, ſprach die Muſe:„Freue Dich! komm, ſieh' meines Tempels Genius! O komm! kein Schatz, den ich dir nicht verleihe, Ob die Drommete nun, ob die Schalmaie Dereinſt dein Mund beſeelen muß! Doch flieh'n mußt du die Welt mit ihrem niedern Und argen Thun! Schickt ſich ein Dichter an Zum Flug, dann ſei's, wo allen ſeinen Liedern, Den Böſen fern, mit heiligem Erwiedern Das Echo Antwort geben kann! In eine Wüſte geh', die Menſchen fliehend! In heibgem Schatten von dir angefacht Sei deine Fackel! Glücklich, wer, ſein glühend, Erhaben Lied der Menge Neid entziehend, Dem Grabe ſeinen Ruhm vermacht! — 231— Geh' höher, als die Erd', iſt deiner Seele Geſichtskreis! wohl, harmoniſch denn und rein, Zum Wohnſttz eine geiſt'ge Welt erwahle, Wo deinem Aug' ſich ewiglich vermähle Himmliſcher Klarheit Wiederſchein! In einem friſchen Thal ſei dein beſcheiden Und friedlich Reich! dort, durch des Weißdorns Weh'n Slaubſt du zu ſchau'n und durch das Laub der Weiden Magiſche Schlöſſer, wie ſie in Gebäuden, Mit Stroh gedeckt, im Mährchen bunt erſtehn. Vom Berge ſchau ein düſter Thurmgemäuer Auf eines Sees azurne Spiegelfluth; Und Abends ſtrahle durch der Dämm'rung Schleier Fern im Gefilde dir ein Hirtenfeuer Mit ſeiner dunkelrothen Gluth. Und wenn du theilſt mit zweier Ruder Schlägen Den See, der dir des Himmels Bildniß zeigt, Dann in der blauen Tiefe lächeln mögen Des Himmels Wolken dir, der ſich entgegen Der Tief' aus leichtem Kahne neigt. Und mögeſt du, genaht dem Zauberkreiſe Einſamer Inſeln, wo das Reh nur lauſcht, Am wald'gen Strand, nach frommer Siedler Weiſe, Erſpähen können, was es iſt, das leiſe Im Wind und in den Wellen rauſcht. — 232— Wenn du erwachſt, ſo möge dich begrüßen Der jungen Mütter frohes Morgenlied! Durch deine Stundenblumen möge fließen Ein friſcher Waldborn, gleichwie durch die ſüßen Träume der Liebe ſich die Hoffnung zieht! Mög' allezeit ein treu erinnernd Klagen Um einen guten Herrn dein Thal durchwehn, Der in der Armuth Hütten Brod getragen, Von dem die Greiſe, die ihn nennen, ſagen: »O, hättet ihr ihn doch geſehn!“ Mein Dienſt entzieht der Welt und dem Geſchlechte Der Menſchen dich! der Seher wolle ſein, Deß flammend Aug' durchloderte die Nächte, Der, voll vom Geiſt, erhoben ſeine Rechte, Ging, redend in den Wüſtenei'n!“ Du ſagteſt es! Und, ſiehe, tauſendſtimmig, O NRuſe! dröhnt die Weltſtadt in mein Ohr! O ſieh! und mitten in den Wirbeln ſchwimm' ich; Nicht aus dem Strudel an's Geſtade klimm' ich, Wie manches Schiff auch d'rin den Maſt verlor! Und Alles dies, weil, meinen Pfad zu ſchmücken, Der Himmel mir die Führerin geſandt! Wo ſie geathmet, weil' ich mit Entzücken; O Muſe, all' mein Glück in ihren Blicken! Ihr Lächeln meiner Träume Land! r 1 1823. — 233— Wieder Dir. Anhora y siempre. Deviſe der Pomfret. Dir! immer dir! was ſänge ſonſt die Leier? Dir Lied der Liebe! Lied der Ehe dir! Welch andrer Name fachte an mein Feuer? Von wannen kämen andre Lieder mir? Dein Aug' erhellt das Dunkel meiner Nächte; Dein ſüßes Bild iſt meiner Träume Glück; Im Schatten gehend, hält mich deine Rechte, Strahlen des Himmels ſendet mir dein Blick. Du flehſt für mich mit ſchützendem Gebete; Und, ſchläft mein Engel, ſo bewacht es mich; Hör' deine ſuͤße Stimm' ich, kühn dann trete, Das Leben fordernd, in die Schranken ich. Biſt unſern Au'n du keine fremde Blume? Ruft dir kein Engel:„Komme wieder!“ zu? Tochter des Himmels! ſeiner Heiligthume Abglanz, und Echo ſeiner Lieder du! Des Tempels Vorhang zu berühren wähn' ich, Wenn mir dein ſchwarzes ſanftes Auge lacht, Und, wie Tobias, ruf' mit brünſt'ger Thrän' ich: „9 Herr, ein Engel iſt in meiner Nacht!“ — 234— Als meine Schmerzen ſich durch dich entwirrten, Da fühll' ich ſchon, daß mein du würdeſt;— da, Dich ſchauend, ſtand ich, gleich dem heil'gen Hirten, Als er zum Born die Jungfrau treten ſah. Ich liebe dich, wie über meinem Leben; Wie eine Aeltermutter, reich an Rath, Wie eine Schweſter, ſorgend mir ergeben, Ein letztes Kind, das man im Alter hat. So ſehr, ach, lieb' ich dich: bei deinem Namen Schon muß ich weinen! Reich die Erd' an Weh! Doch Muth! der Baum, zu deſſen Fuß wir kamen, Erhebt die Zweig in unbekannter Höh'! O Gott, laß Fried' und Freude bei ihr wohnen! Trüb' ihre Tage nicht! Herr, ſie ſind dein! Du mußt ſie ſegnen! laß die ſtillen Kronen Des Glücks die Tugend ihr verleih'n! 1823. Ihr MName. Nomen, aut numen! Der Glanz des Scheins, der Heil'ger Haupt umglühet; Der Lilie Duft, die Weſte lind umwehn; Des Freundes Klage, der um uns ſich mühet; Das Lebewohl der Stunde, die entfliehet, Und eines Kuſſes ſüß Getön; Die ſieben Farben, welche, wie Trophäen, Der Sturm zurückläßt auf der Wolke Saum; Geliebter Züge plötzlich Wiederſehen; Argloſer Jungfraun rein und innig Flehen, Und eines Kindes erſter Traum; Des fabelhaften Memnon ſüß Erklingen, Wenn ihn die Morgenröthe reden hieß; Entfernter Chöre leis verhallend Singen— Was es auch geben mag von ſußen Dingen, Iſt minder, als ihr Name, ſüß! O, ſprich ihn aus, wie ein Gebet, ganz leiſe! Doch hall' er ſtets in unſerm Lied!— Das Licht, Das am Altar brennt zu des ew'gen Preiſe, Das Wort ſei er, das im geweihten Kreiſe Des Heiligthums ſtets eine Stimme ſpricht! O meine Freunde! ey' mit Flammenlauten, Zugleich mit Namen, die der Stolz nur kennt, Verirrten Fluges, dieſen einen trauten Und keuſchen Namen, welchen mir vertrauten Engel der Liebe, meine Muſe nennt: Muß ſich mein Hymnus wie ein Lied erheben Von denen, welchen auf den Knien man lauſcht; Von ſeinem Tönen muß die Luft erbeben, Wie wenn ein Engel im Vorüberſchweben Nit unſichtbaren Schwingen uns umrauſcht! 1823. — 236— Dankſagung. Die mit Thränen ſäen, werden mit Freuden ernten. Pſalm 126. Mein Schiff zum Hafen triebſt du:— meinem Stamme Hat deine Huld, Herr, friſchen Saft gebracht. Ich ſegne dich! dein Hauch hat meine Flamme, Die ſchier erloſchen, wieder angefacht. Gleichwie den Aar, den jungen, flügelloſen, Der in's Gebüſch fällt von des Eichbaums Kron', Hat fruͤh der Sturm mich überraſcht;— das Toſen Des Wetters fuhr durch meine Wiege ſchon. Ja, wenn der Himmel auch nicht Preis will geben Ein ſchutzlos Weſen früher Traurigkeit, Zuckt auch ſein Blitz nach Blumen nicht:— das Leben Begann für mich doch mit der Kinderzeit, Die Jugend bot mir lächelnd ihre Lügen Und ihrer Zukunft ſtolze Bilderpracht; Doch wagt' ich es, dem Traumbild nachzufliegen, Erwacht' ich, weh', in eines Sarges Nacht! D'rauf ſchied ich mich vom heitern Schwarm der Brüder, Das Herz von Gram, doch nicht von Reu verzehrt; Den Leichenzügen ging ich nach:— die Lieder Der Waiſe ſind dem Ohr der Todten werth. — 237— Gen Himmel ſchauend, ging ich ohne Zagen Im Abgrund;— trotzend meines Schickſals Droh'n, Iſt oft die Flamm' aus meinem Geiſt geſchlagen, Und trug mein Haupt die Feuerzungen ſchon. In Patmos' heiligen Begeiſterungen Hat, ſchaudernd, oft mein trunkner Geiſt gewacht; Ich war betrübt, und klagend iſt erklungen Mein Lied, wie Stimmen, weinend in der Nacht. Du haſt, o Herr, zum Dulden mich erkoren; Ich ſah gelaſſen meiner Freude Flucht. Ich fluchte nicht dem Tag, der mich geboren, Und habe ſtill der Wüſte Pfad verſucht. Hört meine Wahrheit! zeigt euch nicht verſtocket! Gatt iſt's, zu dem ich meine Zuflucht nahm. Preis ihm! das Schaaf kommt, wenn das Lamm es locket, 7 Ich rief dem Herrn, und ſiehe da, er kam! Er ſprach:„Nicht ſchwer iſt mein Geſetz! gegangen Biſt meinen Pfad im Dunkeln du ſogar! Komm, das Gewand der Sel'gen zu empfangen! Die Krone der Unſchuld'gen drück' in's Haar!“ O Ruhm, nicht reich' ich fortan meine truben Und dunkeln Tage dir von ferne dar! Ruhm— Feuerſpur, vom Genius beſchrieben! Ruhm— Strahl aus Graͤbern quillend wunderbar! Denn einen Engel hat mein Herz gefunden, Der über ihm mit Himmelsſchwingen fleugt. Bei Ihr voll Glücks ſind meiner Tage Stunden; Ihr Joch iſt ſanft, und ihre Laſt iſt leicht. Mein Schiff zum Hafen triebſt du;— meinem Stamme Hat deine Huld, Herr, friſchen Saft gebracht. Ich ſegne dich! dein Hauch hat meine Flamme, Die ſchier erloſchen, wieder angefacht. Auguſt 1823. An meine Freunde. Wie glücklich iſt, wer, einſam, nicht vom Schwarme, Dem thörichten und dünkelhaften, Gunſt Und Schutz erbettelt! wer, zurückgezogen Vom Hof und von der unbeſtänd'gen Welt, Nicht in die Sachen ſich des Staates miſcht, Sich keines Herren ſchnöder Laune fügt; Wer, für ſich ſelbſt nur und die Seinen lebend, Sich ſelbſt ſein Hof, ſein Herr, ſein König iſt! Jean de la Taille. Auf keinem Siegsgefährt geſeſſen, Stirbt der Poet in Dunkelheit; Zu nah, um ſeine Höh' zu meſſen, Steht ſeinem Ruhme ſeine Zeit. Er gleichet auf dem Capitole Dem Beliſar; mit flücht'ger Sohle Drängt ſich das Volk nach dem Idole, Weil ihm den Obulus es beut. Aus meines Dunkels ſüßer Stille, O Freunde! bann' ich jeglich Weh'; Seht her, ob unter ſeiner Hülle Nicht jedem Gott ein Altar ſteh'! Hier, unter Eichen, ohne Thränen Laß Myrth' und Lorbeer ich mich krönen; Seh' ich Horaz'en bei Mäcen'en, Corneille'n ohne Richelieu. Im Schatten hier auf Blumenſtengeln Ruht meine Muſe;— ſtrahlend glüht Ihr offnes Aug'; ſie gleicht den Engeln Des Himmels, die der Menſch nicht ſieht. Im Schatten nur liebt ſie zu ſingen; Sie ſchwebt auf ſiedleriſchen Schwingen; Den weißen Fuß nicht nahe bringen Will ſie der Erde, die ſie flieht. Im Frieden einer keuſchen Ehe Wird all mein Wünſchen hier erfüllt; Und oftmals dich, mein Vater, ſehe, Wie eines alten Ritters Bild, — 240— Ich ſtehn an meines Heerdes Feuer; Mein Haus dein Reich, du ſein Erfreuer! Mein Sohn horcht meiner jungen Leier, Gewiegt in deinem alten Schild. 3 Auguſt 1823. An den Schatten eines Kindes. Qui es in cœlis. O, in Palläſten, gülden und ſaphiren; O, in der Sonnen und Geſtirnen Heer; O, bei den Schleiern, ewig von Zephyren Bewegt, und in des Lichtes Strahlenmeer; Im Strom der Liebe, d'ran der Seraph knieet, Und lechzend ſchlürft von ſeinem brennenden Naß; Im Flammenkreis, der um den Thron, der glühet, Sich drehet ohne Unterlaß; O, bei der Kinderſeelen ew'gen Spielen, Wenn, ſeiner ſchwankenden Achſen Meiſter kaum, Sie alte Sterne, die der Nacht entfielen, Mit ſüßen Liedern führen durch den Raum; Wenn von den Jungfraun, welche ſie umſchweben, Mit heil'gen Küſſen eine ſie bedeckt, Und lächelnd fragt, ob einſtens ſie das Leben Nicht in der Wiege ſchon geſchreckt; — 241— und endlich, wenn, umſprüht von lichten Blitzen, Durch alle Himmel zieh'nd mit ſeiner Schaar, Sie Jeſus läßt zu ſeiner Seiten ſitzen, Um zu erfüllen, was verheißen war; O, dort in jener hehren Welt, in jenen Fluthen des Glücks, in deiner ſel'gen Ruh', Kind! fern von deiner Mutter Kuß und Thränen, Biſt nicht im Himmel eine Waiſe du? October 1823. An ein junges Mädchen. Warum dich beklagen, zärtliches Mädchen? gehören deine Tage nicht der erſten Jugend an? Lithauiſcher Daino. O, möchte deine Kindheit ewig währen! O, neide nicht das Alter, d'rin man klagt; Deß Lächeln trüber oft, als deine Zähren, Wo trotzig bald das Herz und bald verzagt! Dein ſorglos Alter ſchwebt auf eil'gen Schwingen; Ach, wie ein Hauch, iſt bald es dir entflohn; Wie einer frohen Stimme leis Verklingen, Wie auf dem Meer ein Halcyon. . 16 — 22— Nicht nach des Geiſtes früher Reife jage! Genieße, was dir Lenz und Morgen beut! Durch Blumen noch verknüpft ſind deine Tage; Entblättre ſie nicht eher, als die Zeit! O, laß die Jahre kommen! dich auch weihet, Wie uns, dem Weh des Lebens das Geſchick; Den Schmerzen, die man zu geſtehn ſich ſcheuet, Den falſchen Freuden und dem falſchen Glück! Doch jetzt noch lache! ſchweb' auf leichtem Flügel Der Freude nach! mit Thränen nicht gefüllt Sei dieſes Auge, das, ein reiner Spiegel Der Ruh', der Unſchuld, deine Seel' enthüllt! Februgr 1823. An die Ruinen von Montfort 1 Amaury. Seht düſter ihr ſich heben Des Kloſters Thurm und Streben, Und dort vom Königsbau Die Mauer, hoch und grau? Alfred de Vigny. 1. Ich lieb' euch, Trümmer! doch vor Allem hauſen In eurer Oede möcht' ich, wenn das Brauſen Herbſtlicher Winde dumpf erſchüttert euch! O Thürme, von der Jahre Laſt gebeuget, Die auf dem Hügel ihr von fern euch zeiget, Zwei kampfbereiten ſchwarzen Rieſen gleich! — 213— Wenn träumeriſch durch Kraut und wild Geranke Empor zu euch, ihr ſtolzen Reſt', ich wanke, Dann eure Zinnen ſchau' ich an entſetzt; Des Thurmes rothe Ziegel ſeh' ich blitzen; Ich ſehe durch der Breſchen mooſige Ritzen, Wo Krieger ſtarben, Kinder ſpielen jetzt. Nicht nah', wer eurer ſpottet, euch, ihr Mauern! Den Dichter nur laßt einſam in euch trauern! Er doch hat Thränen für das alte Fort; Und wenn der Nachtwind klagt um Breſch' und Brüſtung, So glaubt er, Geiſter raſſeln mit der Rüſtung L'Amaury's, Grafen von Montfort. 2. Oft ſitz' ich hier, getreu den alten Tagen, Auf einer Trümmer, ihren Fall zu klagen; Lang denk' ich nach, mein Herze pocht und ſchwillt. Die Stadt, in Bäumen unter mir gelegen, Streckt aus die Arm', und krümmt ſich als ein Degen, Gleichwie ein Schwert, vergeſſen im Gefild. Und die Gehölze ſchau' ich, tief im Grunde, Bald hell, bald finſter, wie es will die Stunde. Die Kirche ſeh' ich, die ein Goldkreuz trägt; Und in des Abends ungewiſſer Helle Erblick' ich auf dem Friedhof der Kapelle Ein Erdreich, welches Wellen ſchlägt. 16* — 244— Und, über Bogen, Zinn' und Schild mich hebend, Empor am Steinwerk wie ein Epheu ſtrebend, Erklimm' ich oft der Veſte höchſten Wall. Doch in's Geheul des Sturms miſch' ich mein Singen Und, durch die Himmel folgend ſeinen Schwingen, Schreckt oft den Adler meiner Stimme Schall. Dort eines Freundes Leier oft auch hör' ich; An ſeiner Hand die alte Zeit beſchwör' ich; Von Rittern, Gott, und Helden reden wir, Und von den Seelen, die auf Erden trauern;— Der Wind indeſſen bricht ſich an den Mauern, Und knickt die hohen Pappeln ſchier. October 1825. ZDie neiſe. — Ich will, daß meine Rückkehr Recht lang dir ſcheine; will, daß Tag und Nacht Du treu mich liebeſt!(Tag und Nacht ja quäl' ich Mich deinetwillen!) In der Andern Mitte Sollſt du allein ſein; ſollſt gedenken mein In deinem Schlummer, wachend von mir träumen, Mich, mich nur ſehen, ewig bei mir ſein! André Chénier. 1. Das muth'ge Roß erſchüttert ſein Geſchirre, Bald ſprüht das Pflaſter Funken in's Geklirre — 245— Des Rads. Leb' wohl! es muß geſchieden ſein! Sei ſtark! leb' wohl! laß keine Thräne rinnen! Doch ſieh', ſchon führt der Wagen mich von hinnen! Du bleibſt.... ſchon dacht' ich, er vergäße dein. O, folg' ihm lange mit beſorgtem Ohr! O, gehe ſinnend nicht zurück, bevor Der Hufſchlag in der Ferne ſich verlieret! Schon ward der Raum uns, ach, zur Scheidewand: Nicht ſeh' ich flattern mehr dein weiß Gewand, Nicht hörſt das Rad du mehr, das mich entführet. Was! kein Geräuſch mehr! ſelbſt kein Schatten mehr! Abweſenheit!— o Gott!— und in dein Meer, Das düſtre, die verzagten Schritte wend' ich; Und, ach, in dieſer zweiten Hölle Grau'n, D'rin Angſt und Furcht und Qualen nur zu ſchau'n— Es iſt geſchehn!— ſtieg ich hinab lebendig. 2. Was jetzt mit meinem Träumen, meinem Sinnen, Und was mit meiner Stirne jetzt beginnen, Die, ach, ſo gern in deinen Händen ſchlief?2 Mit meinen Leiden, die vor dir nur fliehen? Und was mit meinen Augen, deren Glühen Der Blitz der deinen nur in's Leben rief? — 2416— Und wechſelsweiſe folgt zerſtreut im Raume Mein Auge jedem Buſch und jedem Baume, Dem grünen Holz, der Erndte goldnem Glüh'n, Den Bergen, und des Abends lichtem Sterne, Den Thürmen und den Städten, ſo die Ferne Bedeckt mit einem Nehelbaldachin. Was iſt die Erndte mir, die golden blinket, Der Stern, der aufgeht, und der Stern, der ſinket, Was Berg und Ebne, ſieheſt du ſie nicht? Was ſind mir Burgruinen, mooſ'ge Erker, Wenn neben mir das Schweigen ihrer Kerker Nicht deines Fußes leichtes Wandeln bricht? Und ſo wird heut und morgen mir verfließen, Und lange Zeit, wo lächelnd mich begrüßen Das Frühroth wird, mein Leben, ohne dich! Du biſt mir fern, wenn ich in Träumen lebe, Und deine Hand, wenn ich die Stirn' erhebe, Legt ſpielend nicht auf meine Augen ſich. Und dennoch muß ich, meinem Gram zur Beute, In meinen Briefen irgend eine Freude Dir ſenden, fagen:„Tröſte dich!“— bedrängt Vor Kummer ſag' ich's!— fürchtend, dich verwunde Ein Leid, ſo lang ich fern, iſt jede Stunde Ein Schwert, das über meinem Haupte hängt. Was machſt du jetzt?— wohl mit beſorgter Miene Folgſt auf der Karte du mir am Kamine; Du ſprichſt:„Wo kann er ſein?— An jeder Statt Find' er ein Herz, das liebend ihm ergeben; Und eine Wirthin, die, gleich mir, ein Leben, Ihr theuer, unter andern Himmeln hat! Wie ſchnell entfernt er ſich! gewiß, ich wette, Legt' er zurück ſchon dieſe fernen Städte; Gewiß dem Wald hier iſt er ſchon entflohn; Durch dieſes Thal in dieſem Augenblicke Rollt er vielleicht und über dieſe Brücke, Wo letztes Jahr... wenn er nicht weiter ſchon!⸗ Mein Vater d'rauf ſchilt deine Angſt gelinde, Und ſagt dir lächelnd; ⸗Lächle deinem Kinde! Nur Muth! bald wird er kehren, wie er war. Er lacht, er ſcherzt; in dieſer Stunde ſieht er Grab oder Wohnung eines Helden, kniet er Für dich an irgend einem Hochaltar. Du weißt es, wie er ſtets die Trümmer liebte, D'ran alter Zeit naive Kunſt ſich übte;— Oft von dem Bogen der aus Morgenland Kam zu den Gothen, hat er uns geſprochen; Von Giebeln auch, mit Bildwerk reich durchbrochen; Oft den Roman'ſchen Thurm hat er genannt!“ — 248— 4. Und dann erzählt er, ſtillend deine Klage, Sein irrend Leben, unſre großen Tage, Und manch' Gefecht an fremder Ströme Fluth; Den Kaiſer auch, und ſeine kühnen Heere— Ganz leiſe ſpricht er, daß er ja nicht ſtöre Dein Kind, das dir am Buſen ruht! Spaziergang. Sieh da die Orte, theuer meinem Träumen, Sieh' da die Wieſen, deren Schmelz ich ſang! Amable Taſtu, die verirrte Leier. Komm! von dem Schleier ſei dein Haupt umweht, Den deine Nadel künſtlich hat beſä't Mit Blumen! komm, tritt unter die Platanen! O komm' wirf über Kaſchmir's reichen Shawl, Der einſt verborgen eines Emirs Stahl, Vielleicht den Buſen ſelber der Sultanen! Im Abendlichte ſieh' der Weiler Rauch! Er ſteigt empor und ſchwindet;— alſo auch Seh'n Ehr' und Ruhm wir uns vorübergehen! Ein thöricht Hoffen läßt uns glänzen hier,“ Bald dieſen und bald jenen, ſo wie wir Dies letzte Licht den Rauch vergolden ſehen. — 249— Nah' einem Herzen, welches für mich ſchlägt, Wie ſüß iſt es, durch das Gefild' bewegt Zu wandeln, wenn der müde Tag erliſchet! Wie ſüß, an deiner Hand durch's Thal zu gehn, Wenn mit des Abendwindes friſchem Wehn Sich deines Odems ſüßer Duft vermiſchet! Für ſolch ein Glück ſchwärmt' ich von Kindheit an! Es zu erringen, was hab' ich gethan! Und was gelitten!— ohne dich, wo hätte Ich Frieden, jetzt, wo Alles hadert ſchier? Ich wünſche nichts mehr! zu bevölkern mir Weißt du die Wüſten, und ſogar die Städte! O ſieh', ein Stern zeigt nach dem andern ſich! So, wenn des Rauchwerks Oüfte feierlich Ein Schloß durchwehn bei einem großen Feſte— Die Kerze lodert, und die Fackel flammt!— Sieht vor der Zeit oft auf den reichen Sammt Man ſetzen ſich die eiligſten der Gäſte. Ein Meteor!— es glüht, und es erblaßt! So, von geheimen Uebeln rauh gefaßt, Stürzt jählings oft ein Großer und ein Wackrer! Die Menge ſieht es kalt und folgt dem Strom;— Was iſt ein Stern, der von des Himmels Dom Herniederfällt, auf dem Gefild dem Ackrer? — 250— O, du biſt nicht ſo, du, die jedem Leid Erhabner Seelen eine Thräne weiht! Du, die da ſeufzet über den Poeten! Die für die Opfer leiſe fleht, und um Die Henker klagt und(ſchweigend, doch nicht ſtumm!) An eines Helden ernſte Gruft mag treten. Wenn deinem Blick mit ſchwarzen Thürmen durch Den ſchwarzen Wald ſich zeiget eine Burg, Fern von der Stadt verwirrendem Getreibe! Dann ſtehſt du ſtill, und zwiſchen den Créneaux Des alten Thurms, bewachſen dicht mit Moos, Sucht und verliert dein Aug' des Mondes Scheibe. Ich bin es, Liebe, welcher dich gelehrt, Zu lieben dieſe Trümmer, wo, bewehrt Zum erſten Male, junge Ritter flehten; Ich lehrte dich, zu lieben dieſen Grund, Wo einer Fürſtin Küſſe ſchon den Mund Berührten des entſchlummerten Poeten. Doch laß uns gehn! die Dunkelheit bricht an! O ſieh', die Wellen wiegen ſchon den Kahn, Der uns zurücke tragen ſoll, den ſchwachen! Er iſt des unbeſtänd'gen Lebens Bild: Der Strom der Zeiten ſchaubelt es, verhüllt Von tiefer Nacht! der Abgrund trägt den Nachen! — 251— Das Leben flieht mit jedem Augenblick Zur Ewigkeit;— der Körper bleibt zurück, Wenn ſich der Geiſt emporſchwang in die Lüfte. So, bei der dunkelrothen Roſe Tod, Sinkt hin ihr Blatt, umſonſt vom Morgenroth Geküßt, und himmelwärts fliehn ihre Düfte! October 1825. An Ramon, Herzog von Jenav. Por la boca de su herida. Guillen de Castro. Verſtanden, ach, hab' ich erbleichend Dein Lächeln, fürchterlich und kalt; Dein Lächeln, dem des Sträflings gleichend, Wenn ihm das Todesurtheil ſchallt! Als deine krampf'ge Hand ich drückte, Als in dein düſter Aug' ich blickte, Da wußt' ich, was dich niederbeugt! Dein Blick ein Blitz, der, nachtumdunkelt, Auf unbekannten Meeren funkelt, Doch nimmer ihren Grund uns zeigt. Du ſprachſt:„Ich ſeufzte nicht!— was lad' ich Denn euer Mitleid auf mein Haupt? Kein Herz mit meinen Thränen bad' ich; Verdorret ſteh' ich und entlaubt, Nicht Freunde hab' ich und nicht Brüder! Nie lächelt mir die Freude wieder; Erſparet wenigſtens Geklag Und Jammer mir!— Weh', ſchon zu theuer Zahlt' ich mein Unglück, als daß euer Bedauern halb es fordern mag! Und— iſt es werth denn auch der Thränen? Und dieſes nennet Unglück ihr?— Was Andre wünſchen und erſehnen, Bringt Ekel nur und Schmerzen mir. Nichts blieb von meiner Jugend Träumen; Weh', keine Früchte ſeh' ich keimen Auf ihrem buntgewirkten Grund. Für mich löſcht aus ihr Licht die Liebe, Und niemals wird mit ſüßem Triebe Mich nennen eines Weibes Mund. Nie Weib! nie Kinder! nie umſpannen Mird mich ein liebevoller Arm; Nie wird es meinem Ohr:„von wannen So ſpät erſt?“ tönen lieb und warm. Kein Wünſchen blieb mir und kein Hoffen; In meiner Zukunft ſeh' ich offen Die Hölle nur, zornvollen Strahls; Genug in meinen Finſterniſſen Hab' ich der Schatten ſchauen müſſen, Doch nie den meines Ideals. — 253— Nicht krümmt' ich mich vor dem Geſchicke; Doch ſchwerer drum fiel ſeine Hand Auf meine offne Stirn zurücke, Die ſtets gerüſtet es erfand. Der Jugend, die ſo ſchnell enteilet, Dem Ruhm, der Freude, die nicht weilet, Rief ich das ſtolze Lebewohl Des Cato zu!— Sei es! erfülle Sich meines Schickſals herber Wille! Und, leid' ich, wer denn weiß es wohl? Sklaven des Daſeins— o, zu ſchweigen Wißt wenigſtens von eurer Qual! Warum denn wollt' ihr, daß ich zeigen Soll meiner Ketten blutig Mal? O, was dem feigen Sohn der Stunde Gilt meine tiefe, ſtille Wunde? Vorüber geht! laßt mich allein! Geht! eure Stimmen nichts, als Halle! Viel lieber— geht vorüber Alle!— Still leiden, als getröſtet ſein! Nicht mehr gehör' ich an dem Leben! Was!— ob auch noch mein Auge glüht, Und oft, mit zuckendem Wimperheben, Ein düſterflammend Feuer ſprüht! Was will es ſagen, wenn der Becher Geleert, daß ſeinem Rand der Zecher Noch bittern Nachgeſchmack entſaugt? Das Fahrzeug, welches ſie zerſchellen, Hat es beſiegt die zorn'gen Wellen, Wenn ihnen noch ſein Maſt enitaucht? Wer, der mein einſam Trauern ehret?— Im Glücke muß ich Andre ſehn. Was iſt's, was man auf Erden höret? Horch hin! Gelächter und Geſtöhn! Auch ich bin Staub! kein Andrer trage Für mich die Bürde meiner Tage! Bis an den Abend trag' ich ſtill. Was macht es aus der flücht'gen Welle Des Schwarms, auf welches Grabes Schwelle Sich einſt mein Schatten ſetzen will?“ Du ſprichſt es! deine Lippen zittern, Und deiner tiefſten Bruſt entfährt Ein Schluchzen, wie ein plötzlich Schüttern Man Saiten oft durchrauſchen hört.— Dein Unglück iſt dein Ruhm! Sein Zürnen Verachte! Sah man Siegerſtirnen Von Blumenkränzen je umglüht? Nie wird für dich die Freude kehren; Allein du weißt es, daß mit Zähren Der Genius anhebt ſein Lied. — 255— Gleich einem Pfluge, der den Boden Aufreißt, eh' denn der Morgen glüht, Und ſpät am Abend noch die Soden Raſtlos mit ſeiner Schaar durchzieht: Alſo, durch deiner Tage Frieden Zu ziehn den ſchweren, nimmermüden Erzpflug iſt das Geſchick bedacht; Doch, wagt mit ſeinem glüh'nden Eiſen Es deine Seele zu zerreißen, So iſt's, daß es ſie fruchtbar macht! Das Bildniſs eines Kindes. Seh' ich an des Baches Rand Vielerhand Blumen in dem ſchönſten Lichte, Denk' ich, daß das Roth mir ſtrahlt, Das gemalt Iſt in ihrem Angeſichte. Wehet auf der bunten Wieſ' Wunderſüß Duft von Blumen durch die Lüfte, O, dann denk' ich, mich umweh Aus der Höh' Ihres Odems ſüß Gedüfte. Ronſard, An Mademoiſelle J. D. de M. 1. Ja, dieſe Stirn, dies Lächeln, dieſe Friſche, Ja, dieſer Weiß' und Röthe zart Gemiſche— November 1825. — 256— Es iſt das Kind, dem Engel Wächter ſind! O, dieſer blonden Härchen loſes Wehen! O, dieſer Blick, geraubt den ſel'gen Höhen— Als Dichter einen Engel d'rin zu ſehen Mein' ich, allein als Vater nur mein Kind. Schau hin! an ſeines Auges reinem Lohen, Daß ſeine Seele kürzlich erſt entflohen Des Paradieſes Auen, ſiehet man. Noch weiß es nichts von Kummer und von Leide, Noch ſtrahlt ſein Blick von einer kurzen Freude, Noch trifft es lächelnd die gebenedeite Mutter des Herrn in ſeiner Mutter an. Man ſollte ſagen, ferner Himmelschöre Huldvollem Ruf und ſüßem Singen höre Es lächelnd, ſelbſt ein junger Engel, zu; Bei dieſem Lächeln, möchte man nicht fragen: „O junger Engel, ſprich, in frühern Tagen Was für ein Märtyrthum haſt du getragen, Und wie, ſag' an, im Himmel heißeſt du?“ O du, durch deren Kunſt es alſo ſtrahlet, Ich ſing' es dir, da du es mir gemalet! Nicht alternd, durch die Zeiten glänzen muß, Was du erſchaffſt! Kraft paart ſich deiner Milde, — 257— Die Harmonie weiht deiner Kunſt Gebilde; In deiner Kindheit hat mit glüh'ndem Schilde Beſchattet deine Stirn ein Genius. O, ſicher aus des Nordlichts Feuergarben, Und aus der Donnerwolke ſieben Farben, Und aus dem weißen Schaum der grünen See, Und aus Aurora's Purpurroſenkette Schuf, leiſe nahend deinem Wiegenbette, Dir eine idealiſche Palette Für deinen Zauberpinſel eine Fee! November 1825. Sech 6 t e 3 B u ch. An die Colonne. Parva magnis. 1. O rächend Mal, nie wankend Siegeszeichen! Erz, das den Himmeln ſeinen Ruhm zu reichen Scheint und ſein Nichts, in regungsloſer Ruh! Du letzter Reſt von Dem, was eine kühne, Gewalt'ge Hand erſchuf!— Triumphruine 6 Von dem Gebäu des Rieſen du! Des großen Heers, des großen Kaiſerthums Erhab'ne Trümmer, wo erſchallt des Ruhms Drommetenruf mit lautern, ſtärkern Klängen? Ich liebe dich! ich liebe das Gebild, Das dich bedeckt! die Schemen auch, die wild Und kriegeriſch ſich um dich drängen! Veleben ſeh' ich gern auf deiner Seite Die Kämpfer ſich, die brauſend aus dem Streite Jo, Rhein und Donau wälzten, blutbeſpritzt! Du ſtellſt den Fuß, wie ein Soldat, auf deine Eroberung!— Dein Haupt lieb' ich, drauf eine Dreifarb'ge Fahn' als Helmbuſch blitzt! Mit Heunrichs Erz liebt meine ſtolze Freude Dich zu vermählen! glüh'nden Aug's euch beide Seh' ich vereint für alle Zeiten ſtehn! Wie Zwillinge, die Zorn und Liebe paarten, Seh' jenes ich hervor aus dem Erſparten Des Volks und dich aus Feindes Rüſthaus gehn! Wie oft, du weißt es, wenn die Nacht entfliehen Den blaſſen Mond heißt und die Sterne glühen, Komm' ich, daß mir gelöſ't dein Zauber wird;— Vertiefend mich in deines Ruhms Geſchichte, Nehm' ich, ein dunkler Gaſt, an ſo viel Lichte Theil, wie am Feſt des Königes ein Hirt. Wie oft, o Säule, wenn ich vor dich trete, Mein' ich, daß ſich dein feindlich Kupfer röthe Im Streit;— nicht achtend deiner Kämpfer Fall, Ergreifend ihre Waffen im Gedränge, Wie oft ſchon weckt' ich dieſe Handgemenge, Die dich umfunkeln im Metall! Nie, trunken ſelbſt von ihrer Menge, ſchauen An dir empor die Fremden ohne Grauen, 17* Gewaltig Denkmal! ihren Schritten nie Erbedſt du! nicht, nach Galliens Geſtaden Getrieben einſt, mit müßigen Paraden Zu höhnen deine Schlachten wagten ſie! 2. Doch, welch ein Murmeln! iſt mir nicht, als zürne Geklirr von Waffen dir vom Fuß zur Stirne? O Säule, rede, war es nur ein Trug, Daß zu entfliehn dir ſuchten deine raſchen Heerhaufen? daß, geſchwärzt von Heldenaſchen, Halbgötter plötzlich hemmten ihren Flug? „Tarent, Treviſo, Reggio!“ ſo klang es; „Dalmatien!“ zu meinen Ohren drang es; Der Helden Adler, ſchüttelnd ab den Schlaf, Verfolgten hitzig jenen zweigeköpften Aar, der vor ihrem Blicke den erſchöpften Flug ſenkt, wie wenn ein Sonnenblitz ihn traf.— Was iſt's, ſag' an, o Denkmal, deſſen Ehre Selbſt Rom beneidet, daß ich deine Heere Wie einen einz'gen Menſchen zitternd ſchau'? Wer durfte dieſe Schatten denn entführen Der Gruft, und dieſe Adler, preſſend ihren Erloſch'nen Blitz in der gefangnen Klau'? Von unſerm Ruhm er Blatt für Blatt vernichte, Da ſie mit Blut geſchrieben doch das Schwert.— Soviel Trophäen wagt er zu zerſchmettern? Geſchmiedet wurde dieſes Erz aus Wettern: Blitz jeder Funke, welcher ihm entfährt! Kränkt er Napoleon in unſerm Heere? Will er die alten Führer ihrer Ehre Und ihres Ruhms berauben, klein und feig? Nicht ward ſein Arm für ſolche Laſt geſchaffen; Nur Helden theilen unter ſich die Waffen Achill's und Alexander's Reich. Doch nein! der Zorn des Oeſterreichers ſchwindet, Wenn ſeine Schmach nur Jener Name kündet. Daß es ihn ſchlage, meint er, ſei ein Recht Frankreichs!— Vaſallen fürchtend mehr, als Sieger, Verzeihet er den Kränzen unſrer Krieger, Sind's Lorbeern nur, errungen im Gefecht. Hat er denn nie, ſtolz auf ein einzig Siegen, Bei deinem Anblick, funkelnd Erz, geſchwiegen? Von wannen dem Verwegnen ſo viel Muth? Nicht ungeſtraft an unſers Ruhms Annalen Vergreift er ſich;— wie deutet er die Strahlen, Die du verſprühſt mit wunderbarer Gluth? Das iſt's:— der Fremdling ſtrebt, daß die Geſchichte — 262— Wenn ſie ein Räthſel ſind für ſeinen zagen Blick, laſſet ihn die Pyramiden fragen, Laßt Kreml ihn fragen, Eskurial und Wien! Und jene Könige, die Knechten glichen, Die Schaar, die eines Zeltes kaiſerlichen Vorhof, gleich Sklaven, zu bevölkern ſchien! 4. Woran doch denkt er, den wir Diener hießen? Lag nicht Europa geſtern uns zu Füßen? Ha— wir zur Sühne in ſein Joch gebeugt! Nein, daß er wieder uns gerüſtet ſchaue! Wohl hat man uns verſtümmelt, doch die Klaue Des Löwen wachſen ließ die Zeit vielleicht. Was nimmt er unſerm Ruhme ſeine Kronen? Stets adoptirten Siege die Bourbonen. Sie ſchützten dich, als Feinde dich erſahn, Colonne!— Gern zu ihren Füßen legen Sich deine Palmen! deine Adler pflegen Zu ruhn im Schatten nur der weißen Fahn'. Was!— rings Gebrüll elektriſcher Vulkane! Amerika murrt hinter'm Oceane, Stambul erbebt, das Blut der Griechen rinnt;— Lisboa zucket in der Hand des Britten,— Der Franken altes Volk nur zürnt, daß Schritten Die Erde zittert, die nicht ſeine ſind. — 263— Hüte dich, Fremdling!— unſre Kunſt iſt Handeln! Ließ auch der Friede müß'ge Pfad' uns wandeln, Doch unſre Kriegsluſt hat er nicht gedämpft! Schau' her! in müß'gen Händen ſtatt der Klingen Zerdrücken unſre Leiern wir!— wir ſingen, O Fremdling, wie ein Andrer kämpft. O, hüte dich! ſo ſehr nicht zu den Todten Gehöret Frankreich, daß, wird ihm geboten Ein Schimpf, er ungerächt vorübergeh'! Erlitt'ner Schmach tritt Alles hier entgegen Und waffnet ſich, und ſchärfen wird den Degen Auf Waterloo's Felsblocke die Vendee. Und Namen raubſt du!— Nöthig wär's, wir gingen Und kaͤmpften noch, Schlachtehren zu erringen Auf deinen Feldern! ließen Namen, die Dem Siege theuer! ſuchten neue Taufen Für unſern Ruhm!— du mußteſt ihn erkaufen! Eingruben wir ihn deinen Stücken— ſieh'! Gern wohl zerbräche Frankreichs Wappenſchilder Der Fremdling!— könnt' er's, ihre heil'gen Bilder Säh'n ſeinen Hammer frech zertrümmern wir! Franzoſen, ha!— dem Römer gleich, dem alten, Dem Welterſchütterer, tragt in den Falten Des Mantels Krieg und Frieden ihr! — 264— Wo ſchweift ihr nicht?— in einem Augenblicke Wird Cadix euch nach Afrika zur Brücke, Nach Aſien Moskau!— Eures Schwertes Dräu'n Jagt jeglich Volk! nach allen Königsſtädten Strebt euer Aar! bei eurer Schlachtdrommeten Ruf ſtürzen Thürm' und Mauern ein! „Wenn ihre Looſe auf der Wage ſchwanken Mit euren, ſieht man Nationen wanken; Zu ſchwach für euch des Ruhmes lauter Schall! Rings um euch her Gedröhn von fallenden Reichen! Vor eurem Stern muß jeder Stern erbleichen, Und wenn ihr geht, ſo folgt das All! Laßt Oeſtreich kriechend ſtellen ſeine Netze! Zwei Rieſen Frankreichs gaben ihm Geſetze! Wir ſehn, genaht dem Thor des Pantheons Der Zeit, am Haupt des Doppelaars zwei Male: Dies von des großen Karls Sandale, Und jenes von dem Sporn Napoleons! Geh!— nicht beſitzt den Aar ihr mehr, deß Zürnen Zu Boden blitzte die zu hohen Stirnen! Allein die Lilje bleibt euch, ſammt dem Blitz Der Oriflamme! und— o, daß er krähte!— Der Hahn, bei deſſen Schrei die Morgenröthe Der Sonne kehren kann von Auſterlitz! Ich werde ſchweigen! Ich, der Schlachten lauſchte! Ich, den ſein Sachſenname jüngſt berauſchte, Ich, der gelallt zu der Trompeten Ton! Ich, der ich nachging einem Siegspaniere! Ich, deſſen Spielwerk Degenbandeliere, Ich, der als Kind ein Krieger ſchon! Nein, Brüder! nein, Franzoſen dieſer Zeiten Des Harrens! wir erwuchſen unter Streiten! 3 Verdammt zum Frieden, Adler, die verbannt Vom Himmel, meiden ihre Heimath müſſen— O, möge nur vor Schimpf zu ſchützen wiſſen Der Väter Rüſtung unſre Hand! Februar 1827. 1 Uhi defuit orbis. So blätternd las ich eines Volks Geſchichte! O Buch des Siegs, der Größe, der Gerichte! Bang rauſchte mein gleichaltrig Saitenſpiel, Wenn große Namen nun vorübergingen, Wenn, umgeſchlagen, mit erhabnem Klingen Ein Erzblatt auf das andre ſiel! — 266— Doch jetzt laßt zu das grauſe Buch uns ſchlagen Nicht laſſet mehr die ernſte Sphinx uns fragen, Die es bewacht!— Wer, der da löſen kann Ihr Räthſel? es entging ſchon mancher Leier! Schreibt auf der Reiche Stirn ſein Wort ſie— Feuer Und Blut ſind ihre Zeichen dann! 2. Wir— laſſet uns nicht ſuchen, es zu deuten!— Warum denn, Dichter, über ſtummen Saiten Entſchliefſt du nicht? warum, ſie zu entweihn, Trugſt auf den Markt du ſie und an die Ecken?.... Weil mein Gedanke mußte wecken Ein ganzes großes Volk mit ſeinem Dräu'n! Als ob man Welten ohne Chaos ſchüfe! Durchflammte meine Finſterniß kein Licht? Und wollt' ich, bändigend des Schwarmes Wellen, Dem abgelauf'nen gegenüberſtellen Das jetzt verrollende Juhrhundert nicht? Und thut ein Volk nicht, das, gleich einer Seele, Sein Glühn erwärm', entflamme und beſeele, Dem Dichter Noth?— Wenn jach ſich der Orkan Vom Fels geſtürzt mit mächt'gem Flügelſchlagen, Dann iſt dem Brauſenden, ſoll mit Behagen Er ſchweben, nicht zu groß der Ocean! Ausbreiten kann er weit dort ſeine Schwingen, Dort ſcheltend auch ſein Lied den Waſſern ſingen; Dort, aufrecht ſtehn'd im Sturme, welcher fällt, Kann er ſich dreh'n, ein launenvoller Rieſe: Die Welle netzet ſeine Füße, Indeß ſein Arm die Himmel hält. Mai 1828. An die Colonne.*) Nro. 2. 1. O, als die Stütze ſeinem Thron er baute Mit koloſſaler Hand;— als ſie nun ſchaute Gebietend himmelwärts; Als der Koloß nun ſtand für den Koloſſen, Der doppelt unvergängliche— gegoſſen Aus Ruhme und aus Erz; Als er ihn baute, daß in künft'gen Tagen Erobrergier und Bürgerkrieg die Wagen *) Faſt ohne Aenderung auch in Hugo's neueſter Lieder⸗ ſammlung:„Les chants du crépuscule“ wieder abge⸗ druckt. A. d. Ueb. — 268— An ihm zerbrächen; daß Die Schwächlinge, die eure Namen erbten, Cäſar und Alexander, ſich entfärbten Bei ſeinem Anblick:— Das Wohl war ein Schauſpiel!— Seine blut'gen Bahnen Zog kämpfend er mit ſeinen Veteranen, Zog er mit ſeinem Heer. Die Kön'ge floh'n, es floh'n die Reichsverweſer! Stolz über's Schlachtfeld, ein Kanonenleſer, Schritt nach dem Würgen er. Dann zog er heimwärts mit dem großen Heere, Daß mit dem Raub des Sieges er beſchwere Sein Louvre von Granit; Und die Pariſer jauchzeten vor Freude, Wie junge Adler, wenn ihr Aug' mit Beute Den Vater kehren ſieht! Und Er, auf dieſes braune Erz den ſtolzen Fuß ſetzend, trat zur Kufe, d'rin geſchmolzen Ward das verheißne Mal; Die Form ſein Denken! in des Ofens Hitze Warf er mit vollen Armen die Geſchütze Aus Feindes Arſenal! Dann flog er, neue Schlachten zu gewinnen, Und durch Kartätſchenſalven kühn von hinnen — 269— Nach Frankreichs Roma trug Er die am Boden liegenden Laffeten; Die Schmelzer d'rauf, roth von des Ofens Röthen, Frug er:„Habt ihr genug?“ Sein Werk dies Denkmal!— Knabenſpiele waren Ihm Polygon, Haubitz' und des Huſaren Schwert!— ſeiner Neigung treu, Nahm er als General die Pyramiden; Als Kaiſer wollt' er drauf, daß ihm beſchieden Ein beſſer Spielwerk ſei! Und dieſe Säule ward;— mit Römerſtärke Warf er zuſammen in dem Rieſenwerke Ein ganz Jahrhundert:— Schnee Der Alpenhöhn, des Tiberſtromes Welle, Des Rheins und Nils auch, Auſterlitz, das helle, Eylau, das neblige! Denn beizurechnen iſt er den Titanen; Erſteigen wollt' er, wie die Centimanen, Den allgemeinen Thron; Er iſt's, der zwanzig Jahr’ den Himmel ſtürmte, Marengo auf Arcole, Wagram auf Jena thürmte, Auf Oſſa Pelion! O! wenn zum Platz Vendoôme mit deinen Heeren Du kameſt, Mann, den ſtaunend wir verehren; Ja, kameſt heiter du Und ernſt, und ſaheſt die Colonne blinken, Und wieſeſt ihre Adler mit dem Winken Der Rechten ſtill zur Ruh'; Damals, umringt zu Tauſenden von deinen Kriegsmännern; damals, wo(gleichwie die Kleinen Rom's lärmend einſt genaht Dem Paul Emih wir, Kinder von ſechs Jahren, Nach unſern Vätern ſchau'nd in deinen Schaaren, Umdrängten deinen Pfad: Wer würde damals prophezeit dir haben, Indeſſen du der Zukunft ſchönſte Gaben Auf dieſes Mal herab Im Traume ſchweben ſahſt, daß ſeine Zierden Dreihundert Schreiber einſt dir weigern würden, Und ſtreitig machen würden dir dies Grab? 2. Geduld, ihr ungeduld'gen Jungen! Wir haben wahrlich noch nicht Zeit! Wozu dem Tabor Huldigungen? Was redet ihr von Wagram's Streit? Weil er vielleicht in ſeinen Tagen Ein Heer geführt und eins geſchlagen, Weil Veſten er beſiegt vielleicht, — 271— So glaubet ihr, Europa falle, Wenn nicht um ſeine Todtenhalle Der Redner laute Menge keucht! Zudem— wohin ihr Blick auch ſchaue, Die Sorge weilt an jeder Statt! Und ſtraucheln machet ſie das rauhe, Ungleiche Pflaſter noch der Stadt. Wozu auch ſolchen Males Ehre? Erhub man ihnen denn Altäre? Wölbt ihnen ſich ein Tempel ſchon? Seltſames Volk wir! All' die Hohen Laßt zieh'n! Zeit haben die Heroen, Doch Eile hat Napoleon! Und jede Furcht erſtickt?— Wir werden Gedenken des Unſterblichen, Wenn ihnen Allen nun auf Erden Trophäen und Altäre ſteh'n. Harrt, meine Brüder! harret ſtille! Harr' deines Tag's, zerfall'ne Hülle! O harre, Staub Napoleons! Laß ihren Muth ſich neu beleben! Laß ſie ihr Maaß dem Gräber geben Der Rieſengruft des Pantheons! 3 Und ſo denn,—(ihre Schlüſſel brachten Ihm Memphis, Cadix und Berlin!) Einhundert Städte; ſechszig Schlachten; Die Welt, von Einem voll, durch Ihn; Nichts in der Welt zurückzulaſſen, Was nicht ſein Arm mit kühnem Faſſen Ergriffen und erſtrebt zumal; Dem Czaar, den ſie den Großen heißen, Den alten Kremel zu entreißen, Dem fünften Karl den Escurial; So denn,— Erinnerungen, denen Noch heut' erröthen muß der Feind: Im Brittenkäfig ſo viel Thränen, (Zurückgedrängt, ach, nicht geweint!) Dies Glück, dem keines zu vergleichen, Und dieſer Ruhm, den mit Erbleichen Die Kön'ge ſahen; dieſes Schwert, Dies Scepter, dies im Elend Wohnen— So iſt denn Das nicht unter den Kandnen, Die er erobert, ſechs Fuß Erde werth? 4. Und wär's die Freiheit noch, die raſche, Und wär's die Furcht noch, die verzagt Und bänglich eines Helden Aſche Nicht in die Stadt zu ſäen wagt!— — 273— Die Freiheit, die mit Helden rechtet! Sie, die, was groß iſt, ſtets geächtet! Sie, die beneidend rückwärts blickt Zum Ruhm, den Rom und Syparta hatten, Und glaubt, daß eines Helden Schatten Im Keim ſchon ihre Frucht erſtickt!— Doch nein! auch ihr iſt ihre Kraft bekannt! Ein Königsthron iſt unter ihrer Hand, Wenn Kön'ge mangeln der geſchwornen Rechte, Ein Miſtellaub, das wir auf Rinden ſehn:— Sah dieß Jahrhundert denn nicht ſchon vergeh'n Das neu'ſte mit dem älteſten Geſchlechte? Zwei Kinder von demſelben Blute Hat Frankreich, ſchön und tugendhaft; Das eine füllt das Heer mit Muthe, Das andre füllt das Volk mit Kraft. Der Ruhm, das jüngere von ihnen, Geht fürder nicht in Kron' und Schienen, Mit Scepter und mit Wehr einher; Des Truges hat er ſich entkleidet; Nichts, was den Strahlenden verleidet Der Freiheit, ſeiner Schweſter, mehr! 5. 3 Nein, ſah'n wir ſeine Aſche ſie verſchmähen— Aus Eiferſucht und Furcht iſt es geſchehen! 4 18 Bleich wurden ſie bei dem Gerücht. Der Kaiſer über ihrem Haupt?.... ſie fliehen! Der Auſterlitzer Sonne Glühen Verdunkelte ja ihrer Lampen Licht! Doch wär' es ſchön geweſen!— wahrlich, hätte Dies ſiegende Gebein an dieſer Stätte Man nahe ſich gewußt In unſrer Babel, wer wohl könnte ſagen, Was ſolch ein Schatten, Gaſt der Stadt, in Tagen Des Bürgerkriegs gelegt in jede Bruſt? Wenn je der Fremdling wieder, Stadt der Städte, Zurückgeführt auf deinen Boden hätte Die Pferde der Ukrain', Dann hätten ſicher durch das Pflaſter gähren Und muthiger Soldaten Reih'n gebären Wir dies Gebein geſehn! Und du, Colonne! dir genahet wäre Der Pilger einſt, herziehend über Meere Aus weit entferntem Land, Auf daß er wäge, mit verklärtem Blicke, Was ein Napoleon von Staub zurücke Kann laſſen in der hohlen Hand! O Nichts! o Wunder! ernſt auf dieſer Stelle Zu zählen dieſe Knochen, ſo die Welle Des Meers mit Roſt belegt; Dies Knie, das niemals zitterte, zu meſſen, Und dieſen Rieſendaumen, deſſen Abdruck dein Kupfer trägt! Den Arm zu ſchauen und die wunderbare Bruſt, und die Ferſe, welche zwölf der Jahre Hindurch die Welt geſpornt; Und dieſen Kreis, drin feſſelnd einſt der helle Blick ſtrahlte; dieſen Schädel, dem Modelle Des Reichesapfels nachgeformt! Und dann zu glauben, oben, aus dem wirren Gewühl der Schlachten, durch der Schwerter Klirren, Durch des Geſchützes Ton, Durch berſtende Bomben, durch des Horns Gedröhne, Durch Trommeln, Wiehern und Gewinſel töne Der Ruf; Napoleon! Ihr, eurer neuen Toga fremd, Rhetoren! Nicht nah'tet tröſtend ihr der Wittwe Thoren, Die heilig den Partei'n! 3 Zur Theilung ſitzend über Alexander's Reichen, Macht euch ein Schatten, eine Urn' erbleichen! O, ihr ſeid klein! . 18* — 276— 6. O, hüte deine Gruft! o, hüte, Was auch in tiefer Bruſt du fühlſt, Den Fels, drauf du, wie die verglühte, Rauchende Bombe niederfielſt! Den Fels, auf dem das Aug,', geblendet, Dein ſtolzes Glücke ſah gewendet!— O, hüte Longwood's düſter Feld! O, hüte deine Trauerweide, Die ihrer Blätter welk Geſchmeide Läßt flattern durch die ganze Welt! Dort unbeſchimpft doch kannſt du träumen! Dort auch wird deine Ruh' verſüßt Durch Thränen, die bei deinen Bäumen Ein rother Krieger oft vergießt! Dort, von der Düne niederſchauend Auf's Meer, zu deinen Füßen blauend, Kannſt alle Wimpel, die da weh'n Auf Schiffen, die das Meer befahren, Nach deinem Fels du, wie zum wahren Centrum der Erde flattern ſeh'n! 7 Schlaf' wir einſt kommen, daß wir dich beſtatten! Wir, die wir dich zum Herren zwar nicht hatten, — 277— Doch deren Mund als ihren Gott dich preiſ't! Ob Oriflamm', ob Tricolor uns ſchaue, Wir ziehen nicht an dem verruchten Taue, Das deinem Piedeſtale dich entreißt! O, welch ein Todtenfeſt woll'n wir begehen! Auch wir einſt können unſre Schlachten ſehen! Sie hören ſollſt in deinem Sarge du! Mit jedem Welttheil um den Vorrang ringend, Führt unſre Schaar, die jzunge Freiheit ſingend, Die junge Poeſie dir zu! Und wohl dann biſt du bei uns aufgehoben, In dieſer mächt'gen Hauptſtadt lautem Toben, Bedeckt von deiner Säule, ernſt und hehr, Bedeckt von dieſem Pflaſter, drauf Kanonen Vorüberraſſeln, drauf der Legionen Schritt dröhnt:— das Volk iſt auch ein Meer! Für die Tyrannen Zlitz und Sturmgebrülle, Doch fuͤr das Grab, das hundertjähr'ge, ſtille, Hat es ein langes, endlos langes Weh, Ein Seufzen, klagend, wie ber Welle Tönen, Das deinen Schatten ſich nicht ſehnen Nach dem Gemurmel läßt der See. 11. Oktober 1830. — 278— Die gibelle. Ein Nichts weiß zu beleben ſie. Neugieris Und flatterhaft, durchirret Alles ſie, Was reizend iſt, und weilet nirgendwo; So wenig, als auf Blumen die Zephyre⸗ Der Bienen ſüße Nebenbuhler, weilen, Und als der Kuß auf rothen Lippen weilt. André Chénier. Beginnt die ſchimmernde Libelle Den Flug beim Nah'n des Lenzes friſch, Dann oftmals, flatternd um die Quelle, Zerreißt ihr Flügelkleid, das helle, Das tauſenddornige Gebüſch. So, Jugend, die du, baar der Zügel, Nach allen Seiten ohne Ruh' Schweifſt(ſpieg'le dich in dieſem Spiegel!), Zerreißeſt oftmals deine Flügel Im Dorngebuſch der Lüſte du! Mai 1827. An meinen Freund S. J. Perseverando. Deviſe der Ducie. Der Aar der Genius!— Vogel der Stürme, Liebt er die höchſten Berg' und Felſenthürme; Des Tags Erwachen grüßt ſein ſtolz Geſchrei; Nie taucht die Klau' er in den Schlamm begehrlich, Und mit der Sonne Blitze unaufhörlich Wechſelt ſein Auge, wild und frei. Sein Neſt kein Moosneſt; nein, ein Horſt, gelegen G Auf ſchroffem Klippenhang, von Donnerſchlägen Geſpalten! eine fürchterliche Schluft! Ein Felſenhaupt, mit Nadelholze prangend, Jäh zwiſchen zweien grauſen Tiefen hangend, 3 Den Himmeln und der ſchwarzen Kluft! Mit Würmern nicht und ſchillernden Inſekten, Auch mit dem Falter nicht, dem bunt gefleckten, Fleucht er zur Brut die hungernd harrt, empor! Nein! nur die Eule bringt er in dem Fange, Die ſchmutz'ge Eidechs und die gift'ge Schlange, Und wirft ſie ſeinen Jungen vor. — 280— O düſt'rer Pallaſt! Felshorſt, halb verſchneiet! Den zu verſchütten die Lawine dräuet! In dir die Jungen ätzet liebevoll Der Genius! an Nichts hier läſſet fehlen Er ſeinen Kindern es, den jungen Seelen, Der Flammenart, die auch einſt fliegen ſoll! Warum denn ſtaunen, Freund, wenn, blitzdurchglühet Die Wolke ſchon ob deinem Haupte ziehet? Wenn eine Schlange ſchon mit gift'gem Dampf Dein Neſt erfüllt?— es männlich zu beſchirmen Dein erſtes Spiel! ihr Adler lebt in Stürmen! Für euch iſt jedes Feſt ein Kampf! O, ſtrahle dul jetzt iſt es Zeit, zu ſtrahlen! Und ſtürmet es, dann auf der Wolke malen, G Der dunkeln, laß die ſieben Farben ſich! Komm, laß die Händ' uns brüderlich verſchlingen! Poet, zur Leier! Aar, ſpann' aus die Schwingen! O Stern, o Stern, erhebe dich! Der Nebel deines Morgenroths wird ſchwinden! Daß du ein Sonnenkind, woll' es verkünden! Raub' einen Namen dir mit Liedern!— ſieh', Gleicht dieſer Ruhm, der des Gemeinen Beute, Den Fahnen nicht, gerettet aus dem Streite?— Zerriſſen ſind am ſchönſten ſie! — 281— Sieh' den Kometen, der den Raum durchfähret, Und von den Welten, welche er verzehret, Anwächſ't, ſo ſchreiteſt, junger Rieſe, du! So, ſiegend ab jedwede Feſſel ſtreifend, Gedankenwelten mit ſich ſchleifend, Geht dein Genie und wächſet immerzu! December 1826. Er ſter Seufzer. Weil mich ein Blick traf, der mit meinem Blicke Zu lodern ſcheinet oder zu verſcheiden; Weil eine Seel' ich fand, der meinen Schweſter; Weil ich ſie fand, zu lieben und zu leiden. 9 Emil Deschamps. Sei glücklich, Freundin! in des Friedens Hafen Erfreue lächelnd ſchöner Tage dich! Geh'! läſſig auf dem Strom der Zeit entſchlafen, Laß abwärts waͤlzen ſeine Wellen ſich! Noch lächelt dir das Schickſal! gehe! Nicht will der Himmel, daß dein Morgenroth, Das freud'ge, trüben Tag ſich folgen ſehe! Er muß mich hören, wenn ich für dich flehe! Auf mir nur ruht, was unſre Zukunft droht! Bald kannſt du mir entriſſen ſein! mit Beben Denk' ich's— ſchon morgen muß ich einſam zieh'n. Weh,, ſchon iſt Alles trüb' in meinem Leben! Ich mußte lieben dich, und muß dich flieh'n! Dann— über mein Haupt, was dich könnte kränken! In der Entfernung abwärts bald läßt ſich Ein ſüß Gefühl durch neue Wünſche lenken: Du wirſt vergeſſen in der Freude mich, Ich werd' im Grabe dein gedenken. Ja, ſterben werd' ich! Trauerklänge weh'n Durch meine Saiten ſchon! doch ohne Grauen Scheid' ich; dem Ruhm in's Aug' wagt' ich zu ſchauen, Drum in der Näh' auch kann den Sarg ich ſeh'n. Dem Orkus nah Elyſiums Gefilde! Und Ruhm und Tod ſind nur zwei Truggebilde, Die feſtlich und in Trauer geh'n! Leb' glücklich, junge Freundin! in dem Hafen Des Friedens freue ſchöner Tage dich! Geh', läſſig auf dem Strom der Zeit entſchlafen, Laß abwärts wälzen ſeine Wellen ſich! December 1819. — 283— An die Comteſſe A. H. Als ich eines Tages ſüß Tönen ließ Meine Leier tief im Holze, Nahet eine Taube leis, Setzt ſich weiß Auf die Lei'r von Ebenholze. Doch anſtatt das Ohr zu leih'n Meloden'n, Die ſie ſonſt vernahm ſo gerne, Fragt die Taube, welche klagt, Nur verzagt Nach dem Gatten, welcher ferne. Sainte⸗Beuve. Lächelnd und friedlich welch ein Traumbild auch Im Schatten jetzt, o Schweſter, deinem Aug' Sich zeigt: des Glücks nur, welches bald dir blühet, Verkünd'ger iſt es!— Einem Gatten fern, Der nur Geliebter noch, o träume gern Die Nacht, die dich zuletzt als Jungfrau ſiehet! Wir fleh'n für dich! o, ſchlumm're ſorgenlos! Du ſollteſt unſer ſein; es war dein Loos, Das unabwendbar dir der Himmel ſandte! Bald meine Schweſter nennt der Altar dich, Doch nur als Echo meiner Bruſt, die mich Schon lange deinen Bruder nannte. — 284— Schlaf' ſüßen Schlummer, dieſe Nacht noch!— Sieh', Mit ihren Feſten nahet bald die Früh', Mit Schwüren, Wonnen und Liebkoſen! Und deine Bruſt ſchwillt unruhvoll, wenn ſacht Nun eine Hand die Krone fallen macht Von deinem Haupt— die Kron' von Myrth' und Roſen! O, ſtrahle morgen dir und immerdar Ein Glück, das ſchöner, als ein Traum ſogar, Ein endlos Glück, das Nichts auf Erden trübet! Schlaf' ſüß! wir ſind dir mit Gebeten nah! O, ſchlumm're du! wir beide wachen ja: Ich, der dich ſingt und Er auch, der dich liebet! December 1827. Fommerreg en. Weißdornblüth' und Löwenzahn, Thymian, Roſen, Nelken und Ranunkeln, Alle Blumen, thaubenetzt, Sieht man jetzt Friſch und tauſendfarbig funkeln. Und die ſüße Nachtigall Fliegt mit Schall 3, In dem Schatten auf und nieder, Schlägt und ſingt, Daß es klingt, Tauſend Triller, tauſend Lieder. Remi Belleau. Geregnet hat es in der Früh'! 5 Komm, daß den Atlas deiner Füße A Der Thau des Wieſenplans beſprüh'! Der Vogel rauſcht durch's Laubwerk nieder; Er ſchüttelt zwitſchernd ſein Gefieder; Arm Vög'lein, das der Herr beſchützt! Es hört den Wind die letzten Tropfen Des Regens von den Blättern klopfen Und ſieht ſein Neſt davon durchblitzt. Wie friſch der Abend! wie voll Süße! — 286— Vergoſſen ſind des Regens Güſſe, Des Himmels trüber Schleier flieht; Er gibt der Erde Strahlenküſſe, Daß funkelnd ſie wie Silber glüht. Der kleine Bach des Thals, geſchwollen Für eine Stunde, reißt im Rollen Eidechs und Gräſer mit ſich fort; Er bricht am Kieſel ſeine Welle, Und bildet Niagarafälle Der Ameiſ' am Geſtade dort. O ſiehe, von der Fluth ergriffen, Inſekten, rathlos und bedrängt! Wie jedes ſich— o fährlich Schiffen!— An todter Mücken Flügel hängt! 3 Gleich kleinen Inſeln auch für viele Sind Blatter irrende Aſyle; O, glücklich ihr auf eurem Blatt, Wenn an des Abgrunds finſterm Rande Ein Strohhalm, hergeweht vom Strande, Zurückhält eure ſchwimmende Stadt! Weiß glänzt der Sand!— Wie die gehallten Thalnebel ſteigen, matt beſonnt! In ihren trügeriſchen Falten 4 Erbebt und flieht der Horizont. — 287— Man ſiehet unter ihren Schleiern Gleich trüben, ungewiſſen Feuern Lichtpunkte glänzen auf der Flur, Der Berge Haupt dem Ouft enttauchen, Die Hütten in den Gründen rauchen Und Schieferdächer funkeln nur! Komm, laß uns irren in den Hainen! Jetzt ja ſind wir allein! O, leg' Auf meinen Arm den zagen deinen! Komm, nach den Linden geht der Weg! Roth ſinkt die Sonne!— aber ehe Wir niederſteigen von der Höhe, Sieh' noch mit ihren Hütten und Mit ihren rieſ'gen Kathedralen, Die all' mit gleichem Lichte ſtrahlen, Die goldne Stadt auf ſchwarzem Grund! O, ſieh' den Rauch, der allerorten Um Dächer weht, die Duft genäßt! Dort ſind geliebte Weiber! dorten Sind Herzen, ſanft, ergeben, feſt! Das Leben, ach, das wir nicht mögen, Es iſt die Sonne nach dem Regen.— Sieh', tiefer ſenkt ſich ihr Geſtirn! Die Fenſter der von ihrem Glühen Durchfloßnen Stadt des Thales ſprühen, Wie Roſen an der Thürme Stirn. — 288— Der Regenbogen!— o, gehoben Den Blick!— wie glüht ſein farbig Kleid! Sieh', welchen Schatz uns nach dem Toben Des Sturms der gute Gott verleiht! Wie oftmals, o ihr ew'gen Sphären, Wagt' ihre Flügel zu begehren Schon meine Seele, tief gerührt; Auf daß im Aether frei ſie ſchwimme, Auf daß ſie wiſſe, wohin dieſe Krümme, Der Bogen einer Himmelsbrücke, führt. Juni 1828. CGr a u m c. En la amena soledad De aquesta apacible estancia, Bellisimo laberinto De arboles, flores, y plantas, Podeis dexarme, dexando Conmigo, que ellos me bastan Por compania, los libros Que os mande sacar de casa; Que yo, en tanto que Antioquia Cèélebra con fiestas tantas. La fabrica de esse templo, Que hoy à Jupiter consacra, Huyentlo del gran bullicio, OQue hay en sus calles, y plazas, passar estudiando qui ero La edad que al dia le falta. Calderon, El Magico prodigioso. 1. O Freunde, fern dem Schloſſe Des Königs, fern dem Strich Des Wagens und der Roſſe, Der Stadt fern und dem Troſſe, O ſucht für mich, o ſucht für mich — 290— Auf einem ſtillen Strande, Wo laß die Seele ſinnt Und träumt, in einem Lande, Wo in mein Ohr nicht brande Der Erde Fluth und Wind, Ein dunkles Holz voll Friſche Und einen Zufluchtsort, Und eine Blätterniſche, Ein Neſt tief im Gebüſche, Am Ufer einen Port! O, macht es mir zu eigen Recht düſter, recht verſteckt, Verborgen tief in Schweigen Und Schatten, und von Zweigen Geheimnißvoll bedeckt! Daß dort mein Lied ſich letze An Waldgeruch und Moos! Dort des Gebirges Schätze Erheb' es, ſchweb', und ſetze Auf Berghaupt ſich und Roſ'! Mit wilder Kühnheit wag' es Zu löſen jeglich Band! Sein Flug, nie müde, trag' es Gewalt'gen Flügelſchlages Weit über Meer und Land! O, in des Himmels Räume Entrücke mich ein Traum! O, daß er nie verſchäume, Und daß bei Nacht ich träume Von meinem Tagestraum! Weiß wie das Segel ſei er Auf Meereswogen hier, Berg' eines Sternes Feuer, Und ſei gleichwie ein Schleier Zwiſchen dem Leben und mir! Ewig ſoll ihn vergülden Die Muſe, gluthgeſchürzt! Sie, die aus Lichtgefilden Mit ſchimmernden Gebilden In meine Nacht ſich ſtürzt! Und frei in ihm entfalten Soll'n ſich, durch ihn genährt, Gedanken!— Lichtgeſtalten, Soll'n ſie umarmt ſich halten Im Kreis an meinem Heerd! Und ſollen ſtill im Kreiſe, Im Auge freud'gen Schein, Zu einer ſanften Weiſe Ihn wiegen, ſo wie leiſe Schweſtern ein Brüderlein. 3. Irrt man auf Meeresſande Und im Gehölz, entwich Man nach des Fluſſes Strande— Dann, ledig aller Bande, Glaubt näher man den Himmel ſich! Dort wie ein Traum iſt Alles! Kein Ton dort ohne Wort! Ein Loblied mächt'gen Schalles Steigt aus des Wogenſchwalles Und Laubwerks Murmeln dort! Es brauſt wie eine volle Und tiefe Stimm' uns an! Es iſt des Alls Gegrolle, Es iſt der Welt Gerolle Im Himmelsocean! Es iſt das Widerhallen Der Stimmen Jehovah; Es iſt das Hymnenſchallen Der Welt, in der da wallen, Die hier man ſcheiden ſah; — 293— Wo in das Meer der Seelen Die Seele ſich ergießt, Gleichwie, aus freiem Wählen, Sich Flammen glüh vermählen, Wie Well' in Welle fließt. 4. Dies, was auf Berg und Mooren Die Wüſtenei uns beut! Doch du, o Stadt der Thoren, Paris ſingſt unſern Ohren Ein Lied der Nichtigkeit! Bretagne, ha, das alte! Ein Fels, vom Meer benetzt! Und eine laubumwallte Gothiſche Burg im Walde, Dem Celtiſchen!— vorausgeſetzt, Daß nur, drauf meine Klauſe, Dem Schloßthurm, morſch und alt, Mit Raſcheln und Gebrauſe Epheu wie eine krauſe Helmzier um's Steinhaupt wallt; Und daß herab vom hohen Kamin ein bunter Schild — 291— Und Waffenſtücke drohen; Daß ihn mit ihrem Lohen Kaum eine Eiche füllt; Daß Sommers in den Hainen Ihr Laubdach mir verwehrt Den Himmel:— daß die Meinen, Roth von der Flamme Scheinen, Ich Winters ſchau' am Heerd; Und daß, wenn Nachts am Strome Der Sturm im Oickicht kracht, Es ſcheint, als ob Phantome Sich unter ſeinem Dome Bekämpfen in der Nacht; Daß, wach' ich, gleichwie Bienen Jungfrauen allezeit In Schwärmen mich bedienen, Von Scharlachgluth beſchienen Ihr tauſendfaltig Kleid; Daß, während eine Rüſter Rauſcht, Heldenſchatten leis Mir nahen mit Geflüſter, Auf meinen Scheiben düſter, Und meine Bogen weiß! Erſieht mit ihrem Neſte Und ihrer flücht'gen Brut Sich meine Muſe Reſte Von einer alten Veſte Zum Hauſe, drin ſie ruht: So iſt es, weil ſie jene Entfernten Zeiten ehrt, Die reicher ſind an Schöne Und Tugend, und der Thräne Des Dichters eher werth, Als unſre klügern!— Hüten Will jene Truͤmmer ich! Hier oft, entflohn dem Wüthen Des Sturmes, wählt, zu brüten, Ein Geierneſt, ein altes, ſich Die Schwalb';— und ihre loſe Brut wälzet ohne Scheu Mit dreiſtem Schnabelſtoße Zerbrochen auf dem Mooſe Des Rieſenvogels Ei. So iſt's, daß mit Panieren Und altem Waffenzeug Krieg meine Verſe führen; Aus roſt'gen Helmviſieren Schau'n kichernd ſie, phantaſt'ſchen Zwergen gleich. 6. So in den Prachtruinen Und ſo in dem Verließ Soll'n meine Tage grünen, Wie, von der Sonn' beſchienen, Kraut in der Thürme Riß! Doch, Strohdach oder Zinnen, Flieh'nd bis zum letzten Hauch Den Markt, ſeh' ich von hinnen In Licht und Flehn ſie rinnen, Vergeſſend und vergeſſen auch! Juni 1828. An das junge Frankreich.) Auch ihr, o Brüder, habt nun eure Tage! Auch eure Rechte hielt des Kampfes Wage! ²*) Unter der Ueberſchrift;„Dicté après juillet 1830;“ auch in die„Chants du crépuscule“ wieder aufgenom⸗ men. D. Ueb. — 297— Auch ihr im Lorbeer richtetet Geſchütz! Hal eurer jungen, pulverdampfumwallten Standarten, deren Ruhm mit Neid die alten Schlachtbanner füllt von Auſterlitz! Seid ſtolz! ihr thatet, was die Väter!— Rechte Des Volks, durch Blut errungen im Gefechte, Ihr zogt ſie lebend aus dem Leichentuch; Drei jener Sonnen, die Baſtillenſteine Brennen zu Staub, gab euch der Juli:— Eine War euern Vätern ſchon genug! Wohl ihr Geſchlecht ſeid ihr! von ihnen ſtammen Die eh'rnen Arm' euch und des Auges Flammen; Sie fingen an; vollendet ihr den Reſt! Frankreich iſt eure Mutter, die, will geben Der Welt ein Beiſpiel ſie, vorüberſchweben In einem Tage ein Jahrhundert läßt! Bewunderung erſchallt in jeder Zunge: England fährt auf, und Hellas! und die junge Atlantis jauchzt, da Solches ſie gewahrt! Drei Tage reichten hin, euch zu entknechten: Ihr ſeid die Aelteſten von den Geſchlechten Der Tapfern! ſeid der Rieſen Art! Für euch allein, daß jenen blut'gen, trüben Triumphkreis von Schlachtfeldern ſie beſchrieben — 298— Mit Leichenfeiern! Welch ein Siegslauf! Seht, Wie er, von Frankreich um die Erde führend, Rom, Memphis, Cadix, Moskau, Wien berührend, Nach Montmirail vom Feld Jemappe's geht! Die Kinder ihr der krieg'riſchen Lyceen! All' unſre Siege habt ihr ſchon geſehen! All' eure Spiele hüllten Fahnen ein; Und oft mit einem Blick magnetiſirte Napoleon die Knabenſtirn euch, fuͤhrte Sein Pfad den Sinnenden durch eure Reih'n! — O Adler unſrer ſiegenden Cohorten, Deß blut'ge Feder liegt an hundert Orten, Deß Zlitz erloſchen in des Meeres Fluth! Die Flügel ſchlag', o Adlermutter! Schreie, Und freue dich, o Brüterin! dem Eie Entſchlüpft iſt deine junge Brut! 2. Als unſre Stadt jüngſt mit Entſetzen, Da ſie vom Schlummer ſich erhob, Sah, wie von ſchändlichen Geſetzen Ein ſchnödes Garn ſie rings umwob, Da in der Seele ſpracht ihr Alls: O, des Verrathes! o, der Falle! — 299— Den Völkern auch bricht an ihr Tag. Zu irren ſie auf ihren Pfaden, Genügt's, daß eine Hand, beladen Mit Schmach, den Weiſer ändern mag? Des Wortes Glühn zerſtreut die Nebel; Es macht, daß jede Feſſel reißt. Du kennſt den Zorn, mit dem die Knebel, O Wahrheit, knirſchend man zerbeißt. Wohl kann ein König dir verſchließen Sein Louvre! ſieh', dein Feuer hießen Sie Knechte löſchen! doch empor Flammt ſengend es in ew'ger Klarheit; Nicht läßt dein Mund ſich ſchließen, Wahrheit, Wie eines Fürſtenſchloſſes Thor! Was uns die Zeit bringt; was entſprungen Aus unſrer Väter blut'ger Saat; Was kaum die Menſchheit ſich errungen— Gern nähmen ſie es, in der That! Was Charte, was Geſetz! Sie wollten, Daß wir zerbröckeln ſehen ſollten In einem Tage— welch ein Plan!— Und ſtürzen unter ihren Händen, Was vierzig Jahre dich vollenden, O arbeitſame Freiheit, ſah'n! — 300— Für ſie denn iſt es, daß das Leuchten Des Schwerts durchzuckt die halbe Welt? Für ſie, daß auf dem blutesfeuchten Schaffot man Haupt auf Haupt gefällt? So iſt's für dieſe Satelliten, Daß unſre Väter, die Eliten Frankreichs, zu ringen um den Preis Mit Rom und Hellas ſich erkühnten? Daß Felder, welche vormals grünten, Von Menſchenknochen jetzo weiß? Wahnſinnige, ſo zu träumen!— Haben Sie keine Augen denn, zu ſehn, Wie ſchwarz es, ſeit der Größe Gaben In ihrer Hand, um unſre Höh'n? Ward ihrer Thorheit nicht enthüllet, Daß ſchon der Becher iſt gefüllet, Daß träumeriſch wir ſie anſchau'n, Daß uns ein fernes Blitzen lodert, Daß Blut der Leu des Volkes fodert Und oft betrachtet ſeine Klau'n? 3. Da nun erhob ſich Alles!— Mann und Kind Und Weib, was einen Arm und eine Seele Nur hatte, kam! Mit Toſen auf die ſchweren Heerhaufen ſtürzte wüthend ſich Paris Bei Tag und Nacht!— Stückkugeln und Kartätſchen, — 301— Umſonſt zerriſſen ſie die Eingeweide Der alten Stadt! Das Pflaſter häufte vor Den Haͤuſern auf die Todten; die Kanonen, Von ferne zielend, lichteten den Schwarm; Doch wie ein rollend Meer ſchloß er ſich wieder; Und, daß die Vorſtädt' in den Kampf ſie locke, Hüpft' in den Thürmen athemlos die Glocke. 4 Drei Tage lang wallt' auf dies ganze Siedende Volk— der Nächte drei! Und riß mit Jena's blut'ger Lanze Die Béarnaiſer Schärp' entzwei. Ha— Schwerter klirrten, Salven krachten! Zehn neue Legionen dachten Dich zu zertrümmern, grauſer Heerd! Doch, Roſſ' und Fußvolk, ſammt den ſtolzen Cohorten— hal ſie ſind geſchmolzen, Wie Reisholz, das die Gluth verzehrt! O Stadt, die du in dreien Tagen ſiegteſt, Wie boch beruhigte dein Zürnen ſich? O Strom des Volkes, wie ſo bald doch fügteſt Du friedlich wieder in dein Bette dich? O Sturm, o Braus, o Erde, die gezittert, Rache des Volks, die nicht ihr Ziel verfehlt, Wie mit Bewußtſein doch haſt du erſchüttert Die Welt? wie Häupter deinem Blitz erwählt? — 302— Drum— weil manch Herz voll ſtoiſcher Tugend, O Städter, eure Haſt gedämpft! Drum auch— weil eine Heldenjugend 2 An eurer Seite kühn gekämpft! Fortan, wie euer Loos auch falle, Habt eine Seele nur ihr Alle, Die euch entflammt in jedem Streit! Dem Tage Preis, der abgelaufen! Noch geſtern wart ihr nur ein Haufen; Ein Volk, o Brüder ſeid ihr heut'! Und ſie, des Meineids und der Kühnheit Rather, Seht, welch ein Volk ſie frevelnd unterdrückt! Die Geißeln ſie, die ſtets der ew'ge Vater Den letzten Herrſchern ſolcher Stämme ſchickt! Sie glaubten, in des Irrthums Nacht befangen, (Zu ſtürzen ſie, hat Gott ſie nicht erhellt!) Sie fingen, wie ſie einen Vogel fangen Im Netz, die Freiheit einer Welt! O, Nichts verwiſchet!— Wunden ehrten Stets ja des Kriegers Angeſicht! So nehmet denn auch der verheerten Stadt dieſes Kampfes Narben nicht! Um die Gefallnen laßt uns klagen! Die hohen Todten laßt uns tragen, — 303— Franzoſen, in das Pantheon! Auf unſern Herzen laſte keine Erinnerung: Gebt Ludwig ſeine Gruft! Seine Säule gebt Napoleon! 5. O, laßt mich weinen über den geſtorbnen Stamm! ihn, den dreimal vom zurückerworbnen Thronſitz ein unheilvoller Wind geweht! Wollt ſcheidend euch der Väter Kön'gen beugen! Panier von Fleurus, eile, dich zu neigen Der Oriflamme, die von hinnen geht! Kein Wort, das ſie verletze, will ich ſagen! Nicht über meine Leier ſoll'n ſie klagen! Kein Hohn dem Greiſe, welcher wankend jetzt Geht in's Exil! der morſchen Trümmer ſchone! Nicht drück' in's Fleiſch ich eine Dornenkrone, Die auf ein weißes Haupt das Unglück ſetzt! Die Armen! kaum vollendet es der Sänger, Das Lied von ihren Schmerzen! lang und länger Wird ihre Kette!— aber gerne wehn Um Gräber meiner Lyra Töne! lange Wird meine Poeſie mit Klaggeſange Von Helena nach Saint⸗Denis noch gehn! — 304— Allein zu einer ew'gen Lehre werde Den Zwergen dies, die, fremd der eignen Erde, Die Köon'ge herrſchen laſſen, nur für ſich; Die, kauernd, ſich ohnmacht'gen Hauchs beſtreben, Des Aufruhrs Aſche wieder zu beleben, Der noch die Röthe nicht entwich! 6. O, herrlich iſt die Zukunft! Söhne Des jungen Frankreichs! Muth nur! ein Jahrhundert, glüh'nd in Jugendſchone, Thut ſich euch auf, friedlich und rein: Kein Tag wird ohne Sieg vergehen! Vom Grundſtein bis zum Giebel ſehen Gewaltig und voll Majeſtät, Wie am Geſtad der Wellen Reigen, Von Stocke wir zu Stocke ſteigen 4 Die Freiheit, der Nichts widerſteht! Die Rieſen, eure Väter, waren So voll von Edelmuth als Trutz. Die Nationen, nah'nd in Schaaren, Begaben ſich in ihren Schutz! Sie wußten ſolchen Krieg zu führen, Daß rings der Erde Völker ihren Erhabnen Namen wählten— ha! Daß ihr zerbröckelnd Einſt ſie ließen, Daß, Schutz erflehend, ſie zu Füßen Sich warfen Dem von Corſika! = 305— Und euren Geiſt zu kühnen Fehden Entflammt kein minder ſtolzes Loh'n! Wohlan, ſo machet frei denn jeden Gedanken, jede Nation!. Wer noch in Nacht geht und in Schweigen, O eilt, die Freiheit ihm zu zeigen; Geht uns voran mit edler Haſt! Steht leuchtend auf des Weges Mitte, Und nach dem hohen Ziel die Schritte Verdoppeln, ol die Menſchheit laßt! Sorgt, daß empor zu neuem Leben Der Geiſt ſich, der gebundne, rafft! Den Künſten gelte nun ſein Streben, Der Poeſie, der Wiſſenſchaft! Zugänglich ſei für die, ſo flehen, Der Thron!— und aus vom Throne gehen Soll ein gewaltig Echo, das Zur Beſſ'rung derer, die da ragen Als Könige, ſo Rath als Klagen Nachrufet ohne Unterlaß!. Und jetzt, o Prieſter, mit uns beten Ob der Gefall'nen Staube wollt! Doch— zu den Katakomben treten, Von Purpur leuchtend und von Gold? — 20 — 306— Kommt— aber mitralos die Scheitel! Entkleidet euch des Pomps, der eitel! Der Tempel ſei des Thrones baar! Demüthig auf den Knieen lieget! Den Menſchen, wie dem Herrn, genüget Das Kreuz von Holz, der Steinaltar! 7. 4. Und fortan, Seelen nur als Bürde tragend, Wie Weiber niedrig, wie das Volk entſagend Reichthümern, fürchtet Nichts mehr!— Port und Schild Iſt euch die Kirche!— Wenn in dem Veſuve Es murrt; wenn ſeine Lava, wie der Kufe Wein, ſeinem Krater roth entquillt: Dann zuckt Neapel; wild, mit Klaggeberde, Faßt zitternd es die krampfergriff’ne Erde⸗ Umſonſt ſein Flehn! Die Erde, dumpfen Schalls, Fährt fort, zu beben! Sichtbar manche Meile, Steht ob dem Berg die Rauch⸗ und Aſchenſäule, Wie, aus dem Horſt geſtreckt, ein Geierhals. Urplötzlich blitzt es;— aus dem Krater quellen, Wie raſend, jetzt des Flammenſtromes Wellen! Fahrt wohl, o Säul und Tempel!— Fürchterlich Röthet die Gluth des Golfes weiße Segell! Wie brennende Locken legt dem Kegel Die Lava um die Schultern ſich. — 307— Sie kommt, ſie kommt, die das Gefild' vergüldet, Und es befruchtet, Meereshäfen bildet, Und Golf und Inſeln macht zu ihrem Raub! Wie zucken ſie, bis auf den Grund erſchüttert! Mit ſeinen funkelnden Palläſten zittert Neapel, zager, als im Sturm ein Laub! O, welch ein Chaos! Aſche füllt die Gaſſen! Die Erde thut ſich auf! mit Lavamaſſen Speit ſie die Häuſer aus, die ſie verſchlang? Die Ebne wird ein Flammenpfuhl, ein gelber; Und auf den Thürmen ſchlagen an von ſelber Die eh'rnen Glocken mit gedämpftem Klang. Doch(ſo will es der Herr!) die Flur verheerend, Die Hügel ſtürzend, Thürme grimmverzehrend, Das Land erfüllend weit mit zorn'gem Ruf, Der Siedlerhütte ſtets im eignen Krater, 3 D'rin vor dem Ew'gen ſich ein frommer Vater Beugt auf den Knie'n, vergiſſet der Veſuv! 10. Auguſt 1830. — 308— Hymne an die Todten des Inli.*½) Strophe. Wohl haben, die für's Vaterland geſtorben, Ein Recht ſich auf den Schmerz des Volks erworben; Es flehe knie'nd an ihrem Todtenſchrein! Kein Ruhm, kein Name leuchtet, ew'gen Glanzes, Dem ihren gleich!— ſie wiegt ein ganzes Volk, einer Mutter gleich, in ihren Gräbern ein. Chor. Preis unſerm ew'gen Frankreich!— Allen Sei Preis auch, die für es gefallen! Den Helden und den Märtyrern! Preis Allen, die ihr Beiſpiel ehren, In dieſem Tempel Sitz begehren, Und, wie ſie ſtarben, ſtürben gern! Strophe. Für dieſe Todten, dieſe heil'gen Zeugen, Läßt ſeine Zinnen in die Wolken ſteigen Das Pantheon; läßt dieſe Krone von Geſchlanken Säulen es dein Haupt bekränzen, O Frankreichs Babylon!— Du ſiehſt ſie glänzen, Allmorgendlich auf's Neu' vergoldet von der Sonn'! **) In den„Chants du Crépuscule“ bloß„Hymne“ über⸗ ſchrieben. D. Ueberſ. — 309— Chor. Preis unſerm ew'gen Frankreich!— Allen Sei Preis auch, die für es gefallen! Den Helden und den Märtyrern! Preis Allen, die ihr Beiſpiel ehren, In dieſem Tempel Sitz begehren, Und, wie ſie ſtarben. ſtürben gern! Strophe. So, legt in's Grab ſich ſolcher Todten Reigen, Geht ihrer Gruft, der ſchweigend wir uns neigen, Die Nacht für Alle, die Vergeſſenheit, Spurlos vorüber!— Sieh', das ewig neue Frühroth des Ruhmes iſt es, das voll Treue Vergoldend ſeinen Glanz auf ihre Namen ſtreut! Chor. Preis unſerm ew'gen Frankreich!— Allen Sei Preis auch, die für es gefallen! Den Heiligen, den Märtyrern! Preis Allen, die ihr Beiſpiel ehren, In dieſem Tempel Sitz begehren, Und, wie ſie ſtarben, ſtürben gern! 28. Juli 1831. — 310— Der Geiz und der Neid. Erzählung. Der Geiz einſt mit dem Neide ſtrich Durch das Gefilde;— ſie begaben ſich, Gleichviel zu wem!(doch war's ihm nicht Gewinn!) Zu dir, zu mir, zu Jenem— kurz und gut, Sie gingen, ich weiß nicht wohin, Wie es der Reiher in der Fabel thut.*) Zwar Brüder, liebte keiner doch den andern; So ſchweigend denn auch heute wandern Sie durch das Feld. Der Geiz, gebückt, Sieht nach dem Kaſten oft, der ſeinen Nacken drückt, Dem eiſernen, für den er allzeit zittert.— Der Neid auch ſicher ſah ihn an, erbittert, Daß nicht auch er ſo viele Thaler trug. Herr Geiz, der nimmerſatte Thor, Sprach unterwegs zu ſeiner Qual ſich vor: „Ich habe wahrlich doch noch nicht genug!“ *½) Von Lafontaine: Un jour sur ses longs pieds allait je ne sais ou Le héron au long bec etc. D. Ueberſ. * 4 4- A- — — 311— Nit gift'gem Blicke ſchielt' hingegen Der Neid das Geld an, biß die Lippen ſich, Und ſprach(er hätte berſten mögen!): „Er hat zu viel, denn weniger hab' ich.“ So, Jeder voll von ſchnöden Wünſchen, geh'n ſie;— Auf einmal die Begierde ſeh'n ſie, Die Göttin, die allein jedweden Wunſch gewährt, und Jedem geben kann, was er begehrt. Sie ſpricht zu ihnen:„Meine Herr'n! Traun, ich beſitze viel, und dien' euch gern! So wählt euch denn aus meinen Schätzen da, Gold, Schönheit, Ruhm et cactera! Wählt— und dieß wiſſet noch, ihr guten Leute: Weß Mund zuerſt dieß oder das begehrt, Dem wird, was er auch wünſchen mag, beſcheert; Allein das Doppelte bekommt der Zweite!“— Nun denkt euch das Entſetzen Beider, Als ſo erregt ward ihre Gier! Was hättet ihr gethan, ihr Geizigen, ihr Neider? Leis murrte Jeder:„was denn helfen mir All' deine Kronen, alle deine Gaben? Ein Andrer wird das Doppelte ja haben!“— Da ſitzt der Haken!— Beide ſchwanken, Und ſinnen unentſchloſſen fort; Gern wäre die Begierde wohl vom Ort; Sie zürnt, verwünſcht ſie in Gedanken, Und harrt vergebens auf das erſte Wort. — 312— Der Neid zuletzt, der tückiſche Geſell, Betrachtet Jenen, ſich an ſeinem Grolle weidend; 4 Auf einmal dann, ſich raſch entſcheidend: „Reiß mir ein Aug' aus!“ ruft er ſchnell. 1816. ZDie Canadierin. . Elegie. Auf dieſer Palme, die ſich ſchaukelnd biegt, Im Weſte, ſchlumm're, mein geliebtes Kind! Ach, kurze Zeit nur an dies Herz geſchmiegt, Wiegt jetzo ſchon die Palme dich, der Wind;— So hat die Hoffnung mich gewiegt.„ „ In Frieden ruh' in dem Gezweig!— und klagt Der Wind mit leiſem Seufzerhauch Um deine leichte, laub'ge Gruft, dann ſagt— 4 b Er fluſternd:„So ſeufzt deine Mutter auch!⸗ So lang das Morgenroth mit ſeinen Thränen Dein bleich Geſicht benetzt und dieſe Au'n, So lang werd' ich an dieſem Stamme lehnen, So lang werd' ich mit Thränen dich bethau'n! Ich werde jammernd über dir mich neigen; Doch wenn die Turteltaube bang Und ängſtlich girrt in dieſen Zweigen, So glaube nicht, daß es der Klaggeſang Der Mutter ſei!— denn mit dir will ſie ſchweigen. — 313— Du biſt nicht mehr, mein Liebling!— nimmer ſeh⸗ Ich ſcherzend durch den breiten Strom dich ſchwimmen, Nie auf den Bergen jagen dich das Reh, Nie mehr des Eichbaums Krone dich erklimmen! Niemals, dein Kinn vom erſten Flaum umflogen, Seh' ich die erſte Liebe dich erfreun; Nie legen dich, was dir erwarb dein Bogen, Zu der Geliebten Füßen auf den Rain; Nie ſeh' ich für das rauhe Fell des Bären Von ihren Locken eine dich begehren!— Nicht ſagen unſre Krieger mir:„dein Sohn Iſt ſeines Vaters werth! er geht Furchtlos einher mit Axt und Lanze ſchon, Und reicht den Greiſen ernſt das Kalumet!“— Wie eine Fremde werd' ich beiden Andern ſein, Und man wird ſagen:„Tief im Hain Iſt dieſes Weibes Sohn der Winde Spiel! Nicht ſtarb er, wie ein Krieger, welcher fiel, Der todeswund in ſeinem Blute ſchwimmt! Er iſt es, deſſen ſchwanker Todtenpfühl Die einſam ſteh'nde Palme krümmt!“ Du biſt nicht mehr!— Brich, armes Mutterherz! Dein ſüßes Auge grüßt mich nimmer. Weh', Mutter war ich!— Ach, mein Schmerz Sagt mir, ich bin es noch, ich bin es immer! Hoch in der Palme düſterm Laube, — 314— Das leiſe rauſchend deine Stirn umgrünt, Wird dieſe Wiege, die als Sarg dir dient, Zum Neſte dienen einer Turteltaube. Und morgen, wenn der Sonne Strahlen lachen, Wenn ſie erhellen dieſen ſchattigen Ort, Dann wird die Taube neben dir erwachen, Doch du wirſt ſchlafen fort und fort! Und wenn mem Vater kommt, das Kind zu ſegnen, Deß Mutter ſeine Tochter iſt, dann muß Mit Thränen ſeinem Lächeln ich begegnen, Muß führen ihn an dieſes Baumes Fuß. O, was dem Greiſe werd' ich ſagen, Wenn ihm ſein Enkel nicht entgegen tanzt? Weh' mir! das Kind, das ich getragen, Ruht auf dem Palmbaum, welchen er gepflanzt! 1816. — 8E h a 1 t. Seite. Vorrede........... Erſtes Buch. 1818— 1822. Der Dichter in der Revolutiorrn. 4 Die Vendcee...... 338 Die Jungfrau von Perdun...... la Guiberon.......... 20 Ludwig der Siebzehnte.........27 Die Wiederherſtellung der Bildſäule Heinrichs IVV. 31 Der Tod des Herzogs von Berry.. 37 Die Geburt des Herzogs von Bordeauxr... 44 Die Taufe des Herzogs von Bordeaur. 50 Viſion................557 Bonapartee............ 63 Zweites Buch. 1822— 1823. An meine Oden........... 69 Die Geſchichte............ 723 Die ſchwarze Bande...„.. 75 — 316— An meinen Vater......... Das freie Mahl. An die Könige Europa's Die Freiheit............. Der Krieg: Spanien......... An den Triumphbogen der Etoile..... 7. Der Tod des Fräulein von Sombreuil.... Das letzte Lien.. Drittes Buch. 1824— 1828. An Alfons de Lamartine.. An Chateaubriand.. Die Begräbnißfeier Ludwigs XVII.. Die Salbung Karls N.......... An den Oberſten G. A. Guſtavſon..... Die beiden Inſeln........... Viertes Buch. 1819— 1827. Der Dichter............ Die Lyra und die Harfe......... Moſes auf dem Nil........... Die Todesweihe.„.... An die Akademie der Jeux Floraur... Der Genius........... Die Jungfrau von Otahaiti.... Der Glückliche.......... Die Seele„..... Seite. 8³ — Das Lied der Arena — 317 2 Das Lied des Cirkus.. Das Lied des Turniers. Der Antichriſt. ⸗ Epitah.... Ein Feſtlied Nero's. Jehovah.... Fünftes Buch. Schmerz.... An das Thal von Cherigo Dir. Die Fledermaus.. Die Wolke... Der Alp.. Der Morgen.. Meine Kindheit.. An G.„.. Landſchaft. Wieder Dir.. . Ihr Name.... Dankſagung.. An meine Freunde. An den Schatten eines Kindes . . . An ein junges Mädchen An die Ruinen von Montfort l'Amaury. Ddie Reiſe....... . . . . . . . . . — 318— Spazierganz......... An Ramon, Herzog von Benapy). Das Bildniß eines Kindes... Sechstes Buch. An die Colonne........ Ende....... An die Colonne. II... Die Libelle..... An meinen Freund S. B... Erſter Seufzer........ An die Comteſſe A. H...... Sommermorgen. 2 Träume.... An das junge Frankreich.. Hymnen an die Todten des Juli. Der Geiz und der Neid. Erzählung. Die Canadierin. Elegie... —”⏑½— Seite: . 248 . 251 . 255 ſſſſſſſſfffſniſtiſi 15 16 17