5 4 1 3 Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Okftmann in Gießen, b * Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und JCeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bucher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 4. 2. Lesepreis. Bei Ruckgabe eines geliehenen Buches wird von Ledem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ ſen angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe de ſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zuruckerſtattet wird. b 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und) eträgt: für ascheutlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mk. Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. Tucretia Borgia. Maria Tudor. 4 3* Frankfurt am Main, 1835. Druck und Verlag von J. D. Sauerländer. KMaria Tudor. D eutſcch . von Georg Büchner. . 2. —— Frankfurt am Main, 1835. Druck und V erlag von J. D. Sauerländer. Tucretia Vorgia. Drama. — Ueberſetzt von Georg Büuüchner. — Perſonen. — Donna Lucretia Borgia. Don Alphons von Eſte.„ Gennaro.* Gubetta. Maffio OÖrſini.. Jeppo Liveretto. 4 34 Don Apoſtolo Gazella. 4 Ascanio Petrucci. Oloferno Vitellozzo. Ruſtighello. Aſtolfo. 8 1 Die Fürſtin Negroni, 3 Ein Thürſteher. Mönche, Edelleute, Pagen, Wachen. (Venedig. Ferrara.) . Erſte Handlung. Schande über Schande. Perſonen: Donna Lucretia Bor⸗ Don Apoſtolo Gazella. gia. Ascanio Petrucci. Gennaro. 2 Oloferno Vitellozzo. Gubetta. Don Alphons von Eſte⸗ Maffio Orſini. Ruſtighello. Jeppo Liveretto. Aſtolfo. Eine Terraſſe des Palaſtes Barbarigo zu Venedig. Ein chtliches Feſt. Masken gehen zuweilen über die Bühne. Zu beiden Seiten der Terraſſe iſt der Palaſt prächtig erleuch⸗ tet. Man hört den Ton von Fanfaren. Dunkel und Geſträuch decken die Terraſſe. Man nimmt an, daß im Hintergrund un⸗ terhalb der Terraſſe der Canar de la Zucca fließe; man ſteht auf ihm zuweilen mit Masken und Muſikern beſetzte und halb erleuchtete Gondeln vorüberfahren. Jede dieſer Gondeln fährt über den Hintergrund der Bühne unter einer bald gefälligen, bald traurigen Muſik, die nach und nach in der Ferne verhallt. Im Hintergrunde Venedig vom Mondlicht beleuchtet. Erſte Scene. Junge Herren, glänzend gekleidet, die Masken in den Händenm nã plaudern auf der Terrafe. Gubetta. Gennaro, als 1* Hauptmann gekleidet. Don Apoſtolo Gazella. Maf⸗ fio Orſini. Ascanio Petrucci. Oloferno Vi⸗ tellozzo. Jeppo Liveretto. Oloferno. Wir leben in einer Zeit, worin ſo viel Schreckliches geſchieht, daß man von dieſem da nicht mehr ſpricht; aber gewiß, nie trug ſich etwas Unheimlicheres und Geheimnißvolleres zu. Ascanio. Ein ſchwarzes Werk von ſchwarzen Händen vollbracht.. Jeppo. Ich kenne die Thatſachen, meine Herren. Ich habe ſie von meinem ſehr ehrwürdigen Vetter dem Cardinal Carriola, der beſſer unterrichtet war, als ſonſt jemand. Ihr wißt ja, der Cardinal Carriola, der ſich ſo heftig mit dem Cardinal Riario über den Krieg gegen Carl VIII. von Frankreich zankte? Gennaro ggähnend). Ah! jetzt wird uns Jeppo Geſchichten erzählen. Ich für meinen Theil höre nichts. Ich bin müde genug ohne das. Maffio. Du kümmerſt dich um dieſe Sache nicht, Gennaro, und das iſt ganz natürlich. Du biſt ein ta⸗ pferer Soldat, ein Abentheuerer. Du führſt einen Phan⸗ taſienamen. Du kennſt weder Vater, noch Mutter. An der Art, wie du deinen Degen führſt, ſollte man nicht zweifeln, daß du ein Edelmann biſt, und doch weiß man nichts von deinem Adel, als daß du dich wie ein Löwe ſchlägſt. Bei meiner Seele, wir ſind Waffenbrüder, und —.,— ich ſage dir das nicht, um dich zu kränken. Du haſt mir das Leben zu Rimini gerettet, ich rettete dir es auf der Brücke von Vicenzia. Wir ſchwuren einander, uns in Gefahren, wie in der Liebe zu helfen, uns gegenſeitig zu rächen, wenn es nöthig ſei, mit Niemanden zu ſtreiten, als ich mit deinen und du mit meinen Feinden. Ein Aſtrologe hat uns geweiſſagt, daß wir am nämlichen Tage ſterben würden, und wir haben ihm ſechs Goldzechinen für die Prophezeiung gegeben. Wir ſind nicht Freunde, wir ſind Brüder. Doch endlich, du haſt das Glück, ganz einfach Gennaro zu heißen, Niemanden anzugehören, nichts von dem oft erblichen Fatalismus, der ſich an den Namen der Geſchlechter knüpft, mit dir zu ſchleppen. Du biſt glücklich! Was liegt dir an dem, was geſchieht und was geſchah, ſo lange es nur Männer für den Krieg und Weiber für den Genuß gibt? Was kümmert dich, Kind der Fahne, das weder Stadt, noch Familie hat, was kümmert dich die Geſchichte der Städte und Fami⸗ lien? Mit uns, Gennaro, ſtehſt du, iſt's anders. Wir ſind berechtigt, an den Ereigniſſen unſerer Zeit Theil zu nehmen. Unſere Väter und Mütter ſpielten in dieſen Tragodieen mit und faſt alle unſere Familien bluten noch. Erzähle uns, Jeppo, was du weißt. Gennaro(wirft ſich in einen Seſſel, als wolle er ſich dem Schlaf überlaſſen.) Ihr werdet mich aufwecken, wenn Jeppo fertig iſt. 1 Feppo. Seht, es war 1404.... — 6— Gubetta(in einem Winkel der Bühne). 97„„. Jeppo. Ja recht ſo, 1497. In einer gewiſſen Nacht vom Mittwoch zum Donnerſtag. Gubetta. Nein, vom Dienſtag zum Mittwoch. Zeppo. Ihr habt Recht. In dieſer Nacht alſo ſah ein Tiberſchiffer, der in ſeinem Fahrzeug am Ufer lag, um ſeine Waaren zu bewachen, etwas Entſetzliches. Es war ein wenig unterhalb der Kirche des heiligen Hieronymus. Es mochten fünf Stunden nach Mitter⸗ nacht ſein, als der Schiffer im Finſtern auf dem Wege links der Kirche zwei Männer ſah, die ängſtlich da und dort hin gingen. Dann kamen noch zwei andere und endlich drei; ſieben in Allem. Einer davon war zu Pferde. Die Nacht war ziemlich finſter. In den Häu⸗ ſern, die auf die Tiber gehen, war kein Licht mehr hell. Die ſieben Männer näherten ſich dem Ufer. Der zu Pferde wandte das Hintertheil ſeines Thieres nach der Tiber, und der Schiffer ſah dann deutlich Beine, die auf der einen, Kopf und Arme, die auf der andern Seite herunterhingen; es war die Leiche eines Mannes. Wäh⸗ rend nun ihre Kameraden die Gaſſenecken bewachten, nahmen zwei von denen, die zu Fuß waren, den todten Körper, ſchwangen ihn mit Macht zwei⸗ oder dreimal und ſchleuderten ihn dann mitten in die Tiber. Im Augenblick, wo die Leiche auf das Waſſer ſchlug, that der zu Pferde eine Frage, worauf die beiden Andern antworteten: Ja, mein Herr! Alsdann wandte der Reiter ſich wieder nach der Tiber und ſah was Schwarzes, das auf dem Waſſer ſchwamm. Er frug, was das ſei. Man antwortete: Mein Herr, das iſt der Mantel des todten Herrn. Und einer von dem Haufen warf Steine nach dem Mantel, ſo daß er unterſank. Darauf gingen ſie alle zuſammen hinweg und ſchlugen den Weg nach St. Jakob ein. Das iſt das, was der Schiffer geſehen. Maffio. Ein ſchauerliches Abentheuer! War es Jemand von Bedeutung, den dieſe Männer ſo in's Waſſer warfen? Dies Pferd macht einen ſeltſamen Eindruck auf mich; der Mord auf dem Sattel und der Tod auf dem Kreuz. Gubetta. Auf dem Pferde waren die zwei Brüder. Jeppo. Wie Ihr ſagt, Herr von Belverana. Die Leiche war Johann Borgia, der Reiter war Cäſar Borgia. Maffio. Cine Familie von Teufeln dieſe Borgia! Und ſage mir, Jeppo, warum ſchlug der Bruder ſo den Bruder? Jeppo. Das werde ich Euch nicht ſagen. Die Ur⸗ ſache des Mordes iſt ſo abſcheulich, daß es eine Todſunde ſein muß, nur davon zu ſprechen. Gubetta. Ich will es Euch ſagen. Cäſar, Car⸗ dinal von Valencia, hat Johann, Herzog von Gandia, erſchlagen, weil die böſen Brüder das numiche Weib liebten. Maffio. Und wer war dies Weib? — ꝑcccc Gubetta(immer in dem Hintergrund der Bühne). Ihre Schweſter. Jeppo. Genug, Herr von Belwerana. Sprecht nicht vor uns den Namen dieſes Ungeheuers aus. Es iſt Niemand unter uns, deſſen Hauſe es nicht eine tiefe Wunde geſchlagen hätte. Maffio. War nicht von einem Kinde dabei die Rede? Jeppo. Ja, von einem Kinde, wovon ich nur den Vater zu nennen wage; er hieß Joyann Borgia. Maffio. Das Kind könnte jetzt ein Mann ſein. Oloferno. Es iſt verſchwunden. Jeppo. Gelang es Cäſar Borgia, es der Mutter zu entziehen? Gelang es der Mutter, es Cäſar Borgia zu entreißen? Man weiß nicht. Don Apoſtolo. Wenn die Mutter ihren Sohn verſteckt, ſo thut ſie wohl daran. Seit Cäſar Borgia, Cardinal von Valencia, Herzog von Valentinois gewor⸗ den iſt, hat er, wie ihr wißt, ohne ſeinen Bruder Jo⸗ hann zu zählen, ſeine beiden Neffen, die Söhne des Guifry Borgia, Fürſten von Squillazzi, und ſeinen Vetter, den Cardinal Franz Borgia, getödtet. Dieſer Menſch hat die Wuth, ſeine Verwandten zu morden. Jeppo. Wahrhaftig, er will der einzige Borgia ſein, um alle Schätze des Pabſtes zu erben. Ascanio. Nachte nicht die Schweſter, welche du nicht nennen willſt, Jeppo, zur nämlichen Zeit insgeheim —y— die beiden Geſandten ernannt ſind. Die Wahl iſt auß eine Reiſe zum Kloſter des heiligen Sirtus, um ſich da⸗ ſelbſt einzuſchließen, ohne daß man wußte, warum? Jeppo. Ich glaube, ja! Das war, um ſich von Herrn Sforza, ihrem zweiten Gemahl, zu trennen. Maffio. Und wie hieß der Schiffer, der Alles geſehen hat? Jeppo. Ich weiß nicht. Gubetta. Er hieß Giorgio Schiavone, und ſein Gewerbe war, Holz auf der Tiber nach Ripetta zu führen. Maffio(leiſe zu Ascanio). Der Spanier da weiß mehr von unſren Geſchichten, als wir andern Römer. Ascanio ceeiſe). Ich traue ſo wenig als du dieſem Herrn von Belwarana. Aber gehen wir nicht tiefer darauf ein; es ſteckt vielleicht etwas Gefährliches darunter. Jeppo. Ach, meine Herren, in welchen Zeiten leben wir! Kennt ihr in dieſem armen Italien, mit ſeinen Kriegen, ſeiner Peſt und ſeinen Borgia, eine menſchliche Kreatur, die ſicher ſei, ihr Uebermorgen zu erleben? Apoſtolo. Uebrigens, meine Herren! ich glaube, daß wir alle an der Geſandtſchaft Theil nehmen ſollen, welche die Republik von Venedig an den Herzog von Ferrara ſchickt, um ihm Glück zu wünſchen, daß er den Malateſta Rimini wieder abgenommen. Wann reiſen wir nach Ferrara ab? Oloferno. Beſtimmt übermorgen. Ihr wißt, daß — — — — 10— die Senatoren Tivpolo und Grimani, den General der Galeeren, gefallen. Apoſtolo. Wird der Hauptmann Gennaro mit uns gehen? Maffio. Ohne Zweifel! Gennaro und ich trennen uns niemals. Ascanio. Meine Herren, ich habe eine wichtige Bemerkung zu machen. Der ſpaniſche Wein wird ohne uns getrunken. Maffio. Gehen wir in den Palaſt zurück. He! Gennaro!(zu Jeppo) Er iſt in der That über deine Ge⸗ ſchichten eingeſchlafen. Jeppo. So mag er ſchlafen. (Alle gehen weg, Gubetta ausgenommen.) Zweite Scene. Gubetta. Donna Lucrezia. Gennaro(ſchlafend). Gubetta(allein). Ja, ich weiß mehr davon, als ſie; ſie ſagten das ganz leife zu einander. Ich weiß mehr davon, als ſie; aber Donna Lucretia weiß mehr, als ich; Herr von Valentinois weiß mehr, als Donna Lucretia; der Teufel weiß mehr, als Herr von Valenti⸗ nois, und der Pabſt Alexander VI. weiß mehr, als der Teufel.(Indem er Gennaro betrachtet) Wie das ſchläft, die jungen Leute! Donna Lucretia ttritt ein, ſie iſt maskirt. Sie be⸗ merkt den ſchlafenden Gennaro nnd betrachtet ihn mit einer — 11— Art von Entzücken und Ehrfurcht). Er ſchläft! Das geſt hat ihn gewiß ermüdet! Wie ſchön er iſt!(Sie kehrt ſich um) Gubetta! Gubetta. Spyrecht nicht ſo laut, Donna. Ich heiße hier nicht Gubetta, ſondern Graf von Belverana, ſpaniſcher Edelmann; Ihr, Donna, ſeid die Marquiſe von Pontequadrato, eine neapolitaniſche Dame. Es darf nicht ausſehen, als kennten wir uns. Hat es Eure Hoheit nicht ſo befohlen? Ihr ſeid hier nicht zu Hauſe, Ihr ſeid zu Venedig. Lucretia. Das iſt wahr, Gubetta. Aber es iſt Niemand auf dieſer Terraſſe, als der junge Mann da, und der ſchläft; wir können einen Augenblick plaudern. Gubetta. Wie es Eurer Hoheit beliebt. Ich habe Euch noch einen Rath zu geben; nehmt die Maske nicht ab, man könnte Euch erkennen. Lucrezia. Und was läge daran? Wenn ſie nicht wiſſen, wer ich bin, ſo habe ich nichts zu fürchten, und wenn ſie es wiſſen, ſo mögen ſie ſich fürchten. Gubetta. Wir ſind zu Venedig, Donna. Ihr habt hier Feinde genug, und dieſe Feinde haben die Hände frei. Die Republik von Venedig würde freilich keinen Angriff auf die Perſon Eurer Hoheit dulden; aber man könnte Euch beleidigen. Lucretia. Ahl du haſt recht, mein Name macht ſchaudern in der That. Gubetta. Es befinden ſich hier nicht nur Vene⸗ — 12— zianer, es ſind auch Römer da, Neapolitaner, Lombarden, Italiener aus ganz Italien. Lucretia. Und ganz Italien haßt mich! Du haſt recht! Das muß gleichwohl anders werden. Ich war nicht geſchaffen, Böſes zu thun, ich fühle es jetzt deut⸗ licher, als je. Das Beiſpiel meiner Familie hat mich fortgeriſſen. Gubetta! Gubetta. Donna! Lucretia. Ueberbringe der Herrſchaft Spoleto ſogleich die Befehle, die ich dir geben werde. Gubetta. Gebietet, Donna. Ich habe immer vier Maulthiere und vier Renner geſattelt und gezäumt. Lucretia. Was hat man mit Galeas Accajoli gemacht? Gubetta. Er wartet im Gefängniß, bis Eure Hoheit ihn hängen läßt. Lucretia. Und Guifry Buondelmonte? Gubetta. Iſt im Kerker. Ihr habt noch nicht befohlen, ihn zu erdroſſeln. Lucretia. Und Manfredi von Curzola? Gubetta. Iſt ebenfalls noch nicht erdroſſelt. Lucretia. Und Spadacappa? Gubetta. Nach Eurem Befehl ſoll ihm erſt auf Oſtern in der Hoſtie Gift gegeben werden. Das wird in ſechs Wochen geſchehen, wir ſind eben im Carneval. Lucretia. Und Peter Capro? Gubetta. Zur Stunde iſt er noch Biſchof von — 13— Peſaro und Erzkanzler, aber ehe ein Monat vergeht, wird er nichts ſein, als ein wenig Staub; denn unſer heiliger Vater, der Pabſt, hat ihn auf Eure Klagen ver⸗ haften laſſen und hält ihn unter guter Aufſicht in den tiefen Kellern des Vatikans. Lucretia. Schnell! ſchreibe dem heiligen Vater, daß ich die Begnadigung des Peter Capro verlange! Gubetta, laß den Accajoli in Freiheit ſetzen! In Freiheit den Manfredi von Curzola! in Freiheit den Buondelmonte! in Freiheit den Spadacappa! Gubetta. Wartet! haltet! Donna! Laßt mich Athem ſchöpfen! Was ſind das für Befehle! O du mein Gott! Es regnet Milde, es hagelt Gnade! Ich gehe in der Barmherzigkeit unter! Ich werde mich nie aus dieſer ſchrecklichen Sündfluth von guten Handlungen retten! Lucretia. Gut oder ſchlecht, was geht es dich an, wenn ich dir ſie nur bezahle. Gubetta. Ach! Eine gute Handlung fällt einem viel ſchwerer, als eine ſchlechte. Ach, ich armer Gubetta! jetzt, da es Euch einfällt, barmherzig zu ſein, was ſoll da aus mir werden? Lucretia. Höre, Gubetta, du biſt mein älteſter und treuſter Vertrauter. Gubetta. Es ſind wahrhaftig jetzt grade fünfzehn Jahre, daß ich die Ehre habe, Euer Mitarbeiter zu ſein⸗ Lucretia. Wohlan denn! Sprich Gubetta! mein — 11˙— alter Freund, mein alter Mitſchuldiger, fängſt du nicht an, das Bedürfniß eines neuen Lebens zu fühlen? Dürſteſt du nicht nach ſo vielem Segen für dich und mich, als wir Fluch auf uns geladen haben? Biſt du noch nicht ſatt geworden am Verbrechen? Gubetta. Ich merke, Ihr ſeid auf dem Wege, die tugendhafteſte Hoheit unter der Sonne zu werden. Lucretia. Liegt nicht unſer Ruf, deiner und mei⸗ ner, unſer Ruf voll Schande, unſer Ruf voll Mord und Gift, liegt er nicht ſchwer auf dir, Gubetta? Gubetta. Nicht im Geringſten.— Wenn ich durch die Straßen von Spoleto gehe, höre ich als wohl das Geſindel um mich ſummen: Hem, das iſt Gubetta, Gubetta Gift, Gubetta Dolch, Gubetta Galgen! Denn ſie haben meinem Namen einen ganz glänzenden Schwanz von Beiwörtern angehängt. Man ſagt das Alles, und wenn es die Lippen nicht ſagen, ſo ſagen's die Augen. Aber was liegt daran? Ich bin an meinen ſchlechten Ruf gewöhnt, wie ein Soldat des Pabſtes an das Meſſe⸗ leſen. Lucretia. Aber fühlſt du nicht, daß die Laſt von verhaßten Namen, die man auf dich und auf mich wirft, Haß und Verachtung in einem Herzen wecken könnten, von dem du geliebt ſein möchteſt? Du liebſt alſo Nie⸗ mand auf der Welt? Gubetta. Ich möchte wohl wiſſen, wen Ihr liebt, Donna. — 15— Lucretia. Was weißt du? Ich bin offen gegen dich; ich ſpreche dir jetzt weder von meinem Vater, noch von meinem Bruder, noch von meinem Gemahl., noch von meinen Liebhabern. Gubetta. Ich ſehe aber auch weiter nichts als das, was man lieben könnte.. Lucretia. Es gibt noch ſonſt etwas, Gubetta! Gubetta. Aha! Ihr macht Euch Eure Tugend aus Liebe für den lieben Gott zurecht? Lucretia. Gubetta, Gubetta! Wenn es heute in dieſem Italien, in dieſem unſeligen, ſchuldbelaſteten Italien ein edles und reines Herz gäbe, ein Herz voll hoher und männlicher Tugenden, das Herz eines Engels unter dem Panzer eines Soldaten; wenn mir nichts bliebe, mir armem, verhaßtem, verachtetem, verabſcheutem, von den Menſchen verfluchtem, von dem Himmel verdammtem Weibe, mir Elenden, ſo allmächtig ich bin; wenn mir in dem Jammer, worin meine Seele im Todeskampfe zuckt, nichts bliebe, als ein Gedanke, eine Hoffnung, ein Rettungsſtrahl, nichts, als der Wunſch, vor meinem Tode einen kleinen Platz, Gubetta, ein wenig Zärtlichkeit, ein wenig Achtung in dieſem ſo ſtolzen und reinen Herzen zu verdienen und zu erhalten; wenn ich keinen andern Gedanken hätte, als den Ehrgeiz, dies Herz frei und fröhlich auf dem meinigen ſchlagen zu fühlen: begriffeſt du dann wohl, Gubetta, warum ich mich eile, das Ge⸗ ſchehene aufzuwiegen, meinen Ruf zu reinigen, alle 16— Flecken, die an mir kleben, abzuwaſchen und den Ge⸗ danken an Schande und Blut, den Italien mit meinem Namen verknüpft, in einen Gedanken an Ehre, Treue und Tugend zu verwandeln? Gubetta. Mein Gott, Donna, welchem Pfaffen habt Ihr heute auf die Füße getreten? Lucretia. Lache nicht. Es iſt lange her, daß ich dieſe Gedanken hege, ohne ſie dir zu ſagen. Man kann nicht nach Belieben ſtehen bleiben, wenn man durch einen Strom von Verbrechen fortgeriſſen wird. Die deiden Dämonen ſtreiten in mir, der gute und der böſe; aber ich glaube, daß der gute endlich ſiegen wird. Gubetta. Und dann te deum laudamfs, magni- ficat anima mea dominum!— Wißt Ihr auch, Donna, daß ich Euch nicht mehr begreife und daß Ihr ſeit eini⸗ ger Zeit eine Hieroglyphe für mich geworden ſeid? Es iſt jetzt ein Monat, daß Eure Hoheit mir ankündigt, ſie wolle nach Spoleto reiſen, und Abſchied von Monſignore Don Alphons von Eſte, ihrem Gemahl, nimmt, der, bei⸗ läufig geſagt, gutmüthig genug iſt, um verlieht zu ſein, wie eine Turteltaube, und eiferſüchtig wie ein Tiger. Eure Hoheit verläßt alſo Ferrara und geht heimlich nach Venedig, faſt ohne Gefolge, unter einem falſchen neapo⸗ litaniſchen Namen, ich unter einem falfchen ſpaniſchen; Eure Hoheit kommt nach Venedig, trennt ſich von mir und befiehlt mir, ſie nicht mehr zu kennen, und dann fangt Ihr an, unter dem Schutze des Carnevals, maskirt, verkleidet, Allen verborgen, auf den Feſten, den Tänzen, den Tertullias herumzulaufen; ſprecht mit mir jeden Abend kaum zwiſchen Thür und Angel und beſchließt die ganze Maskerade mit einer Predigt, die Ihr mir haltet! Eine Predigt von Euch, Donna, iſt das nicht ſeltſam und unerhört? Ihr habt Euren Namen gewechſelt, Euer Kleid gewechſelt, und jetzt wechſelt Ihr Eure Seele! Bei meiner Ehre, das heiße ich den Carneval verzweifelt weit treiben, mir ſchwindelt. Und was iſt die Urſache dieſes Benehmens? Lucretia(faßt ihn lebhaft beim Arm und führt ihn vor den ſchlafenden Gennaxo). Siehſt du dieſen Jüngling? Gubetta. Der junge Mann iſt nichts Neues für mich, ich weiß, daß Ihr ihm unter Eurer Maske nach⸗ lauft, ſeit Ihr zu Venedig ſeid. Lucretia. Was ſagſt du dazu? Gubetta. Ich ſage, daß es ein junger Menſch iſt, der auf einer Bank ſchläft und der ſtehend ſchlafen würde, wenn er nur ein Drittel von dem moraliſchen und erbauenden Geſpräch gehört hätte, das ich eben mit Eurer Hoheit führte. Lueretia. Findeſt du ihn nicht ſehr ſchön? Gubetta. Er würde ſchöner ſein, wenn er die Augen nicht geſchloſſen hätte. Ein Geſicht ohne Augen iſt ein Palaſt ohne Fenſter. Lueretia. Wenn du wüßteſt, wie ich ihn liebe! Gubetta. Das geht den Don Alphons, Euren VI. 2 — 18 königlichen Gemahl, an. Ich muß Eure Hoheit gleichwohl benachrichtigen, daß ſie ſich umſonſt bemüht. Dieſer junge Mann liebt, wie man mir ſagt, ein junges hübſches Mäd⸗ chen, Namens Fiametta. Lucretia. Und das junge Mädchen liebt ihn? Gubetta. Ja, wie man ſagt. Lucretia. Deſto beſſer, ich wünſche ſo ſehr, ihn glücklich zu wiſſen. Gubetta. Das iſt ſonderbar und nicht in Eurer Art. Ich hielt Euch für eiferſüchtiger. Lucretia(indem ſie Gennaro betrachtet). Welch edle Geſtalt! Gubetta. Ich finde, daß er Jemand gleicht.. Lueretia. Nenne mir den nicht, dem du ihn ähnlich findeſt!— Laß mich! (Gubetta geht ab. Donna Lucretia bleibt einige Augenblicke wie entzückt vor Gennaro ſte⸗ hen; ſie bemerkt zwei maskirte Männer nicht, welche in den Hintergrund der Bühne treten und ſie beobachten.) Lueretia. Das iſt er alſo! Endlich iſt es mir vergönnt, ihn einen Augenblick ohne Gefahr zu ſehen! Nein, ich hatte ihn nicht ſchöner geträumt. O Gott, ſpare mir die Qual, je von ihm gehaßt oder verachtet zu werden, du weißt, er iſt Alles, was ich unter dem Himmel liebe! Ich wage die Maske nicht abzunehmen, und doch muß ich meine Thränen trocknen. — — 19.— (Sie nimmt die Maske ab um ſich die Augen zu trocknen. Die beiden maskirten Männer ſprechen leiſe mit einander, während ſie die Hand des ſchlafenden Gennaro füßt.) Erſte Maske. Das iſt genug, ich kann nach Fer⸗ rara zurückkehren. Ich war nur nach Venedig gekom⸗ men, um mich von ihrer Untreue zu überzeugen, ich habe genug geſehen; ich kann nicht länger von Ferrara abwe⸗ ſend bleiben. Dieſer junge Mann iſt ihr Geliebter. Wie nennt man ihn, Ruſtighello? Zweite Maske. Er heißt Gennaro. Ein Haupt⸗ mann, ein tapfrer Abentheurer, der weder Vater noch Mutter hat, ein Menſch, von deſſen Herkommen man nichts weiß. Er ſteht im Augenblick im Dienſte der Re⸗ publik Venedig. Erſte Maske. Sorge, daß er nach Ferrara kommt. Zweite Maske. Das macht ſich von ſelbſt, Mon⸗ ſignor. Er reiſtt übermorgen mit einigen ſeiner Freunde, die zur Geſandtſchaft der Senatoren Tivpolo und Gri⸗ mani gehören, nach Ferrara. Erſte Maske. Gut. Die Berichte waren genau. Ich habe genug geſehen, ſage ich dir, wir können wieder abreiſen. (Sie gehen ab.) Lucretia(ſie faltet die Hände und kniet vor Gennaro faſt nieder). O mein Gott, möge er ſo glücklich ſein, als ich unglücklich war! (Sie küßt Gennaro auf die Stirne, er erwacht und ſpringt auf.) 2*† Gennaro. Ein Kuß! Ein Weib!— Auf Ehre, Donna, wäret Ihr Königin, und wäre ich Dichter, ſo wäre das wahrhaftig das Abentheuer des Herrn Alain Chartier, des franzöſiſchen Poeten. Aber ich weiß nicht, wer Ihr ſeid, und ich bin nichts als ein Soldat. Lucretia. Laßt mich, Signor Gennaro. Gennaro. Nicht doch, Donna. Lucretia. Man kommt!(Sie entflieht, Gennaro folgt ihr.) Dritte Scene. Jeppo, dann Maffio. Jeppo(tritt auf der entgegengeſetzten Seite herein.) Was iſt das für ein Geſicht? Sie iſt es! Dieß Weib zu Venedig! He! Maffio! Maffio(tritt ein.) Was gibt's? Jeppo. Ich will dir was Unerhörtes ſagen. (Er ſpricht leiſe mit Maffio.) Maffio. Und weißt du das ſicher? Jeppo. So ſicher, als wir hier im Palaſt Bar⸗ barigo und nicht im Palaſt Labbia ſind. Maffio. Sie hatte ein verliebtes Geſpräch mit Gennaro? Jeppo. Mit Gennaro. Maffio. Ich muß meinen Bruder aus dieſem Spinnennetz ziehen. — 21— Jeppo. Komm, wir wollen unſre Freunde davon unterrichten.(Sie gehen ab. Die Bühne bleibt während einiger Augenblicke leer. Man ſieht nur von Zeit zu Zeit im Hintergrunde des Thea⸗ ters Gondeln unter Muſikbegleitung vor⸗ überfahren. Gennaro kömmt mit Lucretia zurück, ſie iſt maskirt.) Vierte Scene. Gennaro. Donna Lucretia Lucretia. Die Terraſſe iſt finſter und verlaſſen. Ich kann die Maske hier abnehmen. Ihr ſollt mein Ge⸗ ſicht ſehen, Gennaro.(Sie nimmt die Maske ab.) Gennaro. Ihr ſeid ſehr ſchön! Lucretia. Sieh mich ſcharf an, Gennaro, und ſage mir, ob ich dich nicht ſchaudern mache! Gennaro. Ihr mich ſchaudern machen! Und war⸗ um? O, im Gegentheil, im Tiefſten meines Herzens iſt etwas, das mich zu Euch zieht. Lucretia. Und glaubſt du wohl, daß du mich lie⸗ ben könnteſt, Gennaro? Gennaro. Warum nicht? Dennoch, Donna, ich bin aufrichtig, es wird doch immer ein Weib geben, das ich meyr liebe, als Euch. Lucret ia(dächelnd.) Ich weiß, die kleine Fiametta! Gennaro. Nein. Lucretia. Wer denn? — 22— Gennaro. Meine Mutter. Lucretia. Deine Mutter! Deine Mutter! O mein Gennaro! Du liebſt alſo deine Mutter, iſt es nicht ſo? Gennaro. Und doch habe ich ſie niemals geſehen. Kommt dieß Euch nicht ſehr ſonderbar vor? Seht, ich weiß nicht, was mich treibt, Euch zu meiner Vertrau⸗ ten zu machen. Ich will Euch ein Geheimniß ſagen, das ich noch niemand ſagte, nicht einmal meinem Waf⸗ fenbruder, nicht einmal Maffio Orſini. Das iſt ſeltſam, ſich dem erſten Beſten ſo zu überlaſſen, aber es iſt mir, als hätten wir uns nicht zum erſtenmale getroffen.— Ich bin Hauptmann, weiß nichts von meiner Familie und wurde in Calabrien von einem Fiſcher erzogen, für deſſen Sohn ich mich hielt. Am Tage, wo ich 16 Jahre alt war, ſagte mir der Fiſcher, daß er mein Vater nicht ſei. Einige Zeit darnach kam ein Herr, der mir die Rüſtung eines Ritters anlegte und wegging, ohne das Viſir ſeines Helmes aufgeſchlagen zu haben. Darauf brachte mir ein ſchwarz gekleideter Mann einen Brief; ich öffnete ihn. Meine Mutter war es, die mir ſchrieb, meine Mutter, die ich nicht kannte, meine Mutter, von der ich träumte, wie ſie gut ſei, ſanft, zärtlich, ſchön wie du, meine Mutter, die ich mit ganzer Seele anbe⸗ tete! Aus dieſem Brief erfuhr ich jedoch, ohne daß man mir einen Namen angab, daß ich adelig und aus einem großen Geſchlechte ſei und daß meine Nutter ſehr un⸗ glücklich wäre. Arme Mutter! Lucretia. Guter Gennaro! Gennaro. Seit dem Tage lief ich nach Aben⸗ theuern, weil ich durch meinen Degen ſo gut etwas wer⸗ den wollte, als durch meine Geburt. Ich durchſtrich ganz Italien. Aber den erſten Tag jedes Monates, wo ich auch ſei, ſehe ich immer den nämlichen Boten kom⸗ men. Er bringt mir einen Brief von meiner Mutter, nimmt meine Antwort und geht. Er ſagt mir nichts und ich ſage ihm nichts, denn er iſt taub und ſtumm. Lucretia. So weißt du alſo nichts von deiner Familie? 3— Gennaro. Ich weiß, daß ich eine Mutter habe, und das ſie unglücklich iſt, und daß ich mein Leben in dieſer Welt darum geben würde, ſie einmal weinen, und mein Leben in der anderen, ſie einmal lächeln zu ſehen. Das iſt Alles. Lucretia. Was machſt du mit ihren Briefen? Gennaro. Ich habe ſie alle da auf meinem Her⸗ zen. Wir Kriegsleute wagen unſre Bruſt oft gegen eine Degenſpitze. Die Briefe einer Mutter ſind ein guter Harniſch. 4 1 Lucretia. Edle Natur! Gennaro. Seht, wollt Ihr auch ihre Schrift⸗ züge ſehen? Da iſt einer von ihren Briefen(er zieht ein Papier aus dem Buſen, küßt es und gibt es der Donna Lu⸗ eretia.) Lucretia(Ciieſt.)„Mein Gennaro, ſuche nicht mich — 24— kennen zu lernen vor dem Tage, den ich dir beſtimmen werde. Ich bin ſehr zu beklagen. Ich bin von erbar⸗ mungsloſen Verwandten umgeben, die dich tödten wür⸗ den, wie ſie deinen Vater getödtet haben. Ich, mein Kind, will allein um das Geheimniß deiner Geburt wiſſen. Wenn du es wüßteſt! Doch das iſt zugleich ſo traurig und ſo glänzend, daß du nicht ſchweigen könnteſt. Die Jugend iſt zutraulich, die Gefahren, die dich um⸗ geben, kennſt du nicht, ſowie ich ſie kenne. Wer weiß? du würdeſt ihnen aus jugendlichem Uebermuthe trotzen wollen. Du würdeſt ſprechen oder dich errathen laſſen, und dann keine zwei Tage mehr leben. O nein! Be⸗ gnüge dich mit der Gewißheit, daß du eine Mutter haſt, die dich anbetet und Tag und Nacht über dein Leben wacht. Mein Gennaro, mein Sohn, du biſt Alles, was ich auf Erden liebe, mein Herz ſchmilzt, wenn ich an dich denke.“(Sie hält ein, um eine Thräne zu verſchlucken,) Gennaro. Wie gefühlvoll Ihr das leßt! Man ſollte meinen, Ihr läſet nicht, ſondern Ihr ſprächet, Ach! Ihr weint! Ihr ſeid gut, Donna, und ich liebe Euch, weil Ihr um das weint, was meine Mutter geſchrieben. (Er nimmt den Brief, küßt ihn und ſteckt ihn wieder in den Buſen.) Ja, Ihr ſeht, es gab Verbrechen genug um meine Wiege. Meine arme Rutter! Nicht wahr, jetzt begreift Ihr, warum ich mich wenig um Galanterien und Liebeshändel kümmere? wie ich nur einen Gedan⸗ ken im Herzen habe, meine Mutter! Ach, meine Mut⸗ ter befreien, ihr dienen, ſie rächen, ſie tröſten! Welch' Glück! Dann will ich an Liebe denken! Alles, was ich thue, thue ich, um meiner Mutter würdig zu werden. Es gibt Abentheurer genug, die nicht gewiſſenhaft ſind und die ſich für den Teufel ſchlagen würden, nachdem ſie für den heiligen Michael gefochten. Ich unterſtütze nur die gerechte Sache, ich will eines Tages einen De⸗ gen ſo rein, wie den eines Königs, zu den Füßen mei⸗ ner Mutter legen können. Seht, Donna, man hat mir einen vortheilhaften Platz im Dienſte dieſer ehrloſen Donna Lucretia angeboten, ich habe ihn ausgeſchlagen. Lucretia. Gennaro! Gennaro! erbarmt Euch der Böſen! Ihr wißt nicht, was in ihrem Herzen vor⸗ geht. Gennaro. Ich habe kein Erbarmen für das, was ohne Erbarmen iſt. Aber laſſen wir das, Donna, und jetzt, da ich Euch geſagt habe, wer ich bin, thut mir das Nämliche und ſagt mir, wer Ihr ſeid? Lucretia. Ein Weib, das dich liebt, Gennaro. Gennaro. Aber Euer Name? Lucretia. Fraget mich nicht weiter.. (Fackeln. Jeppo und Maffio treten mit Ge⸗ räuſch herein. Donna Lucretia nimmt eilig die Maske vor.) Fünfte Scene. Die Nämlichen. Maffio Orſini, Jeppo Live⸗ retto, Ascanio Petrucci, Oloferno Vitel⸗ lozzo, Don Apoſtolo Gazella. (Herrn, Damen, Pagen mit SFackeln.) Maffio(eine Fackel in der Hand.) Gennaro, willſt du wiſſen, wer das Weib iſt, dem du von Liebe ſprichſt? Lucretia(bei Seite.) Gerechter Himmel! Gennaro. Ihr alle ſeid meine Freunde, aber der iſt ein toller Burſche, der die Maske dieſer Dame berührt. Die Maske eines Weibes iſt ſo heilig, wie das Geſicht eines Mannes. Maffio. Das Weib muß vorerſt ein Weib ſein, Gennaro! Wir wollen dieſes da übrigens nicht beleidi⸗ gen, wir wollen ihm nur unſere Namen ſagen.(Er naͤ⸗ hert ſich der Donna Lucretia.) Donna, ich bin Maffio Or⸗ ſini, Bruder des Herzogs von Gravina, welchen Eure Sbirren des Nachts, als er ſchlief, erdroſſelt haben. Jeppyo. Donna, ich bin Jeppo Liveretto, Neffe des Liveretto Vittelli, den Ihr in den Kellern des Va⸗ tican erdolchen ließt. Ascanio. Donna, ich bin Ascanio Petrucci, Vet⸗ ter des Pandolfo Petrucci, Herrn von Siena, den Ihr ermordet habt, um ihm deſto leichter ſeine Stadt zu ſtehlen. — 27— Oloferno. Donna, ich heiße Oloferno Vitellozzo und bin ein Neffe des Jago Appiani, den Ihr bei ei⸗ nem Gaſtmahl vergiftet habt, nachdem Ihr ihm durch Verrath ſeine gute Feſte Piombino weggenommen. Apoſtolo. Donna, Ihr habt auf dem Schaffotte den Don Francisco Gazella tödten laſſen, den Onkel Eures dritten Gemahls, des Don Alphons von Arrago⸗ nien, den Ihr auf der Treppe der Peterskirche mit Spießen erſtechen ließt. Ich bin Don Apoſtolo Gazella, Vetter des einen und Sohn des andern. Lucretia. O Gott! Gennaro. Wer iſt dies Weib? Maffio. Und wollt Ihr jetzt, Donna, nachdem wir Euch unſre Namen genannt, daß wir Euch auch den Eurigen nennen?— Lucretia. Nein, nein. Habt Mitleid, meine Herrn! Nicht vor ihm! Maffio(nimmt ihr die Maske ab.) Nehmt Eure Maske ab, Donna, damit wir ſehen, ob Ihr noch er⸗ röthen könnt.. Apoſtolo. Gennaro, dieß Weib, dem du von Liebe ſprachſt, miſcht Gift und treibt Ehebruch. Jeppo. Treibt Blutſchande in allen Graden. Blut⸗ ſchande mit ihren beiden Brüdern, von denen der eine den andern aus Liebe für ſie erſchlagen hat. Lucretia. Gnade! Apoſtolo. Blutſchande mit ihrem Vater, der Pabſt iſt. Lucretia. Erbarmen! Oloferno. Blutſchande mit ihren Kindern, wenn ſie deren hätte, aber der Himmel verſagt ſie dem Un⸗ geheuer. Lucretia. Genug, genug! Maffio. Willſt du ihren Namen wiſſen, Gennaro? Lucretia(ſchleppt ſich zu den Knieen Gennaro's.) Höre nicht, mein Gennaro! Maffio(ſttreckt die Arme aus.) Das iſt Lucretia Borgia. 5 Gennaro(tößt ſie zurück.) Oh! (Sie ſinkt ohnmächtig zu ſeinen Füßen nieder). Bweite Abtheilung. (Ein Platz zu Ferrara; zur Rechten ein Palaſt mit einer niedrigen Thüre und mit einem Balcon, der mit Jalouſten verſehen iſt. Unter dem Balcon ein großes Steinſchild mit einem Wappen; der Name Vorgia ſteht in großen erhabenen Lettern von vergoldetem Kupfer darunter. Zur Linken ein kleines Haus, deſſen Thüre auf den Platz geht. Im Hinter⸗ grund Häuſer, Thürme.) Erſte Scene. Donna Lucretia. Gubetta. Lucretia. Iſt Alles für dieſen Abend bereit, Gu⸗ — 29— Gubetta. Ja, Donna. Lucretia. Werden ſie alle fünf dort ſein? Gubetta. Alle fünf. Lucretia. Sie haben mich auf's grauſamſte belei⸗ digt, Gubetta. Gubetta. Ich war nicht da, ich. Lucretia. Sie waren ohne Erbarmen. Gubetta. Sie haben Euch ſo ganz laut Euern Namen geſagt? Lucretia. Sie haben mir ihn nicht geſagt, Gu⸗ betta, ſie haben mir ihn in's Geſicht geſpien. Gubetta. Mitten auf dem Ball! Lucretia. Vor Gennaro! Gubetta. Das ſind zuverſichtliche Thoren, Vene⸗ dig zu verlaſſen und nach Ferrara zu kommen! Es iſt wahr, ſie konnten nicht anders, ſie waren vom Senate beauftragt, Theil an der Geſandtſchaft zu nehmen, welche die vorige Woche angekommen iſt. Lucretia. Oh! er haßt und verachtet mich jetzt, und das iſt ihre Schuld.— Ha, Gubetta, ich werde mich rächen. 3 Gubetta. Zur guten Stunde! Das iſt ein Wort! Gott ſei gelobt, Eure Barmherzigkeitslaunen haben Euch alſo verlaſſen! Es iſt mir viel behaglicher bei Eurer Hoheit, wenn ſie ſo natürlich iſt, wie eben. Ich finde mich wenigſtens wieder darin. Seht, Donna, ein See iſt das Gegentheil von einer Inſel, ein Thurm iſt das Gegentheil von einem Brunnen, eine Waſſerleitung iſt das Gegentheil von einer Brücke, und ich, ich habe die Ehre das Gegentheil von einer tugendhaften Perſon zu ſein. Lucretia. Gennaro iſt bei ihnen. Gib Acht, daß ihm nichts zuſtößt. Gubetta. Wenn Ihr ein gutes Weib würdet, und ich würde ein guter Mann, das wäre was Unge⸗ heueres. Lucretia. Gib Acht, daß Gennaro nichts zu⸗ ſtößt, ſage ich dir. Gubetta. Seid ruhig. Lucretia. Ich möchte ihn gleichwohl noch ein Mal ſehen. Gubetta. Bei Gott, Donna, Eure Hoheit ſieht ihn alle Tage. Ihr habt ſeinen Knecht beſtochen, da⸗ mit er ſeinen Herrn beſtimme, ſeine Wohnung da zu nehmen, in dieſem Neſt, Eurem Balkon gegenüber, und von Eurem Gitterfenſter aus habt Ihr nun alle Tage das nnausſprechliche Glück, den genannten Edelmann ein⸗ und ausgehen zu ſehen. Lueretia. Ich ſage dir, daß ich ihn ſprechen will, Gubetta. Gubetta. Nichts einfacher. Laßt ihm durch Aſtolfo ſagen, daß Eure Hoheit ihn heute zu der und der Stunde im Palaſt erwartet. Lucretia. Das will ich thun, Gubetta. Abends wird er kommen? Gubetta. Tretet zurück, Donna, ich glaube, daß er ſogleich mit den bewußten Vögeln hier vorbeikom⸗ men wird. Lucretia. Halten ſie dich immer für den Gra⸗ fen Belverana? Gubetta. Sie haͤlten mich für einen Spanier vom Wirbel bis zur Sohle. Ich bin einer ihrer beſten Freunde. Ich borge Geld bei ihnen. Lucretia. Geld! Zu was? Gubetta. Wahrhaftig, um es zu haben. Uebri⸗ gens iſt nichts ſpaniſcher, als wie ein Bettler auszuſe⸗ hen, und den Teufel bei'm Schwanz zu ziehen. Lucretia(bei Seite.) O mein Gott, ſchütze Gen⸗ naro! Gubetta. Und darüber, Donna, kommt mir was ein. Lueretia. Nun? Gubetta. Daß dem Teufel der Schwanz ſehr ſo⸗ lid an das Kreuz geleimt, genagelt und geſchraubt ſein muß, weil er die unendliche Zahl von Leuten trägt, die beſtändig daran ziehen.— 3 Lucretia. Du lachſt über Alles, Gubettc. Gubetta. Eine Art, ſo gut wie eine andre. Lucretia. Ich glaube, da ſind ſie. Denke an Alles.(Sie geht durch die kleine Thüre unter dem Balcon in den Palaſt zurück.) Zweite Scene. Gubetta, dann Gennaro, Naffio, Jeppo, Ascanio, Don Apoſtolo, Oloferno. Gubetta(allein.) Was iſt das mit dem Gen⸗ naro? Und was zum Teufel hat ſie mit ihm vor? Ich kenne nicht alle Geheimniſſe der Donna, o noch lange nicht, aber dieß da ſtachelt meine Neugierde. Meiner Treu, ſie hat mir dieß Mal nicht getraut, ſie braucht ſich nicht einzubilden, daß ich ihr bei der Sache behülf⸗ lich ſein werde, ſie mag ſich aus der Geſchichte mit dem Gennaro ziehen, ſo gut ſie kann. Aber was ein ſonder⸗ barer Einfall, einen Menſchen zu lieben, wenn man die Tochter des Borgia und der Vanozza, wenn man ein Weib iſt, in deſſen Adern das Blut einer Hure und das Blut eines Pabſtes fließt. Donna Lucretia wird plato⸗ niſch. Ich wundre mich jetzt über nichts mehr, ſelbſt wenn man mir ſagte, daß der Pabſt Alexander VII. an Gott glaube! Fort! Da kommen die jungen Thoren vom Carneval von Venedig. Ein ſchöner Einfall ein ſicheres Land zu verlaſſen und nach Ferrara zu kommen, nachdem man die Herzogin von Ferrara tödtlich belei⸗ digt! An ihrer Stelle hätte ich mich gehutet, an der Reiſe der venetianiſchen Geſandten Theil zu nehmen. Aber ſo ſind einmal die jungen Leute. Der Rachen des Wolfes iſt unter allen Dingen unter dem Monde das, worein ſie ſich am liebſten ſtürzen. (Die jungen Herren treten auf, ohne Anfangs Gubetta zu bemerken, der ſich, um ſie zu beobachten, hinter einen der Pfeiler, die den Balcon tragen, zurückgezogen hat. Sie ſe⸗ hen unruhig aus und ſprechen leiſe mit ein⸗ ander.)— Maffio(leiſe.) Ihr mögt ſagen, was Ihr wollt, meine Herren, man kann ſich die Mühe ſparen nach Ferrara zu gehen, wenn man Donna Lucretia auf's Tiefſte verwundet hat. Apoſtolo. Was können wir thun? Der Senat ſchickt uns hierher. Iſt es möglich, ſich über die Befehle des hohen Senates von Venedig wegzuſetzen? Einmal bezeichnet, mußten wir fort. Gleichwohl, Maffio, ver⸗ hehle ich mir nicht, daß Lucretia Borgia eine furchtbare Feindin iſt. Sie iſt hier Herrin. Jeppo. Was könnte ſie uns anthun, Apoſtolo? Sind wir nicht im Dienſte der Republik Venedig? Ge⸗ hören wir nicht zu ihrer Geſandtſchaft? Uns ein Haar auf dem Haupte krümmen hieße dem Dogen den Krieg erklären, und Ferrara reibt ſich nicht gern an Venedig. Gennaro(träumt in einer Ecke der Bühne, ohne ſich in das Geſpräch zu miſchen.) O meine Mutter, meine Mut⸗ ter! Wer wird mir ſagen, was ich für meine arme Mutter thun kann! Maffio. Man kann dich, ſo lang du biſt, Jeppo, in den Sarg legen, ohne ein Haar auf deinem Haupt zu krümmen. Es gibt Gifte, welche ohne Aufſehen und VI. 3 — 34— Lärm die Geſchäfte der Borgia abthun unb das viel ſicherer, als Beil und Dolch. Denke, auf welche Weiſe Alexander VI. den Sultan Zizimi, Bajazet's Bruder, aus der Welt gehen machte. Oloferno. Und ſo viele andere. Apoſtolo. Das iſt eine ſonderbare und unheim⸗ liche Geſchichte mit dem Bruder des Bajazet. Der Pabſt machte ihn glauben, Carl von Frankreich habe ihm an dem Tage, wo ſie zuſammen ſpeißten, vergiftet; Zizimi glaubte Alles und erhielt aus den ſchönen Händen der Lucretia Borgia ein ſogenanntes Gegengift, was inner⸗ halb zwei Stunden ſeinen Bruder Bajazet von ihm befreite. Jeppo. Der ehrliche Türke ſcheint ſich wenig auf Politik verſtanden zu haben. Maffio. Ja, die Borgia haben Gifte, die nach einem Tage tödten, nach einem Monate, nach einem Jahre, wie ſie wollen. Das ſind ſchändliche Gifte, die den Wein ſüßer machen und einem die Flaſche mit mehr Vergnügen leeren laſſen. Man hält ſich für berauſcht, man iſt todt. Oder man fängt plötzlich an ſiech zu wer⸗ den, die Haut bekommt Runzeln, die Augen werden hohl, die Haare grau, die Zähne brechen wie Glas; man geht nicht mehr, man ſchleppt ſich; man athmet nicht, man röchelt; man lacht nicht, man ſchläft nicht, man fröſtelt in der Sonne am hellen Mittag; ein Jüng⸗ ling bekömmt das Ausſehen eines Greiſes; ſo kämpft er eine Zeitlang mit dem Tode; er ſtirbt und dann erin⸗ 6* 60ο nert man ſich, daß er ein halbes Jahr oder ein Jahr zuvor ein Glas Cyperwein bei einem Borgia getrunken. (Er kehrt ſich um.) Seht, meine Herrn, da kommt grade Montefeltro, Ihr kennt ihn vielleicht, er iſt aus dieſer Stadt, und dem geht es grade ſo. Er geht da im Hin⸗ tergrunde des Platzes vorbei. Betrachtet ihn.(Man ſieht im Hintergrunde der Bühne einen magern, wankenden und hinkenden Mann mit grauen Haaren vorübergehen, er ſtützt ſich auf einen Stock und iſt in einen Mantel gehüllt.) Ascanio. Armer Montefeltro! Apoſtolo. Wie alt iſt er? Maffio. So alt wie ich, 29 Jahre. Oloferno. Ich ſah ihn voriges Ihr ſo friſch und geſund, wie einer von Euch. Maffio. Es ſind jetzt drei Monate, daß er bei unſerm heiligen Vater, dem Pabſt, in der Vigne des Belvedere zu Nacht geſpeist hat. Oh! Man erzählt ſich ſeltſame Dinge von den Gaſtmählern der Borgia. Ascanio. Das ſind zügelloſe mit Gift gewürzte Orgien. Maffio. Seht, meine Herrn, wie der Platz da verlaſſen iſt. Das Volk wagt ſich dem fürſtlichen Palaſt nicht ſo nahe, es ſcheut das Gift, welches Tag und Nacht darin bereitet wird und von den Mauern ausdünſtet. Ascanio. Meine Herrn, mit einem Wort, die Geſandten hatten geſtern ihre Audienz bei'm Herzog, unſer Dienſt iſt zu Ende. Das Gefolge der Geſandt⸗ * 3* ern. Man würde unſere Ent⸗ Ich glaube, daß wir wohl dar⸗ ſchaft beſteht aus 50 Reut fernung nicht bemerken. an thäten, wenn wir Ferrara verließen. Maffio. Heute noch. Meine Herren, dazu iſt auch morgen eſſen bei der Fürſtin Negroni Tollwerden in ſie verliebt und ch vor den ſchönſten Jeppo. Zeit. Ich bin zum Abend eingeladen, ich bin zum möchte nicht ausſehen, als liefe ie Damen von Ferrara fort. Oloferno. Du biſt zum Abendeſſen bei der Für⸗ ſtin Negroni eingeladen? Jeppo. Ja. Oloferno. Und ich auch. Ascanio. Und ich. Apoſtolo. Und ich. Maffio. Und ich. Gubetta. Und ich, meine Herren! Jeppo. Ach! Herr von Belverana. Nun, wir ge⸗ hen alle hin, das gibt einen fröhlichen Abend. Guten Tag, Herr von Belverana. Gubetta. Möge Gott Euch viele Jahre ſchenken, Herr Jeppo. Maffio(leiſe zu Jeppo.) Du wirſt mich abermals ſehr ängſtlich finden. Wir gingen nicht zu dieſem Eſſen, wenn du mir glaubteſt. Der Palaſt Negroni ſtößt an den Palaſt Borgia, und ich ſetze kein großes Zutrauen in die freundſchaftlichen Geſichter des Herrn Belverana. Jeppo(leiſe.) Du biſt närriſch, Maffio. Die Neg⸗ — 37— roni iſt eine liebenswürbige Dame, ich ſage dir, ich bin in ſie verliebt, und Belverana iſt ein braver Mann. Ich habe über ihn und ſeine Familie Erkundigungen eingezo⸗ gen. Mein Vater war 1480 und ſo und ſo viel mit dem ſeinigen bei der Belagerung von Granada. Maffio. Daß beweiſ't nicht, daß der Mann der Sohn des Vaters iſt, welcher bei deinem Vater war. Jeppo. Es zwingt dich Niemand, zu dem Gaſt⸗ mahl zu kommen, Maffio. Maffio. Ich gehe, wie du hingehſt, Jeppo. Jeppo. Dann Te Deum laudamus. Und du, Gen⸗ naro, wirſt du heute Abend nicht unter uns ſein? Ascanio. Hat dich die Negroni nicht eingeladen? Gennaro. Nein. Der Fürſtin bin ich wohl nicht adelig genug. Maffio(lächelnd.) Dann, mein Bruder, wirſt du irgend ein verliebtes Stelldichein haben, nicht wahr? Jeppo. Aha, erzähle uns doch ein wenig, was die Donna Lucretia jenen Abend ſagte. Sie ſcheint ganz toll in dich vernarrt zu ſein. Sie wird dir viel davon vorgeſchwätzt haben. Die Ballfreiheit kam ihr ſehr da⸗ bei zu Statten. Die Weiber verkleiden nur ihren Leib, um ihre Seele bequemer zu entkleiden. Maskirte Ge⸗ ſichter und nackte Herzen!(Lucretia befindet ſich ſeit eini⸗ gen Augenblicken auf dem Balcon, wo ſie die Jalouſien halb öffnet, ſie horcht.) Maffio. Du mietheſt dich grade ihrem Balcon ge⸗ genüber ein, Gennaro! Gennaro! 1 — 38— Apoſtolo. Das iſt nicht ſo ohne Gefahr, mein Junge, man ſagt, dieſer würdige Herzog von Ferrara ſei ſehr eiferſüchtig auf ſeine Frau Donna. Oloferno. Raſch, Gennaro! ſage uns, wie weit du mit deiner Liebſchaft mit der Lucretia biſt. Gennaro. Meine Herren! einige Degen werden in der Sonne blitzen, wenn Ihr fortkahrt, mir von die⸗ ſem abſcheulichen Weibe zu ſprechen. Lucretia(auf dem Balcon, bei Seite.) Ach! Maffio. Nichts als Scherz, Gennaro. Aber ich dächte, man dürfte mit dir von dieſer Dame wohl ſpre-— chen; du trägſt ihre Farbe. 1 Gennaro. Was ſoll das heißen? Maffio(deutet cuf ſeine Schärpe.) Dieſe Schärpe? Jeppo. Das ſind in der That die Farben der 3 Lueretia Borgia. Gennaro. Fiametta hat mir ſie geſchickt. Maffio. Das meinſt du. Lucretia ließ dir das ſagen. Aber Lucretia iſt es, welche die Schärpe dir mit eignen Händen geſtickt hat. Gennaro. Biſt du deſſen gewiß, Maffio? Wo⸗ her weißt du es?— Maffio. Von deinem Knecht, welcher dir die Schärpe gebracht und den ſie beſtochen hat. Gennaro. Verdammt!(Er reißt die Schärpe ab, zerreißt ſie und tritt ſie mit Füßen.) Lucretia(bei Seite.) Ach!(Sie ſchließt die Jalou⸗ ſie und entfernt ſich.) . — 39— Maffio. Und doch iſt dies Weib ſchön. Jeppo. Ja, aber es iſt etwas Unheimliches in ihrer Schönheit. Maffio. Sie iſt ein Goldducaten mit dem Ge⸗ präge des Satans. Gennaro. O! verflucht ſei dieſe Lucretia Borgia! Dies Weib liebt mich, wie Ihr ſagt! Nun, deſto beſſer! das ſoll ihre Strafe ſein. Sie macht mich ſchaudern! Ja, ſie macht mich ſchaudern. Du weißt, Maffio, das iſt immer ſo; es iſt unmöglich, gleichgültig gegen ein Weib zu ſein, von dem man geliebt wird. Man muß es lieben oder haſſen. Wie ſollte man dieſe da lieben? Es geſchieht auch, daß man dieſe Art von Weibern um ſo mehr haßt, je mehr man von ihnen verfolgt wird. Dies Weib verfolgt mich, quält mich, belagert mich. Wodurch konnte ich die Liebe einer Lucretia Borgia verdienen? Iſt das nicht Schande und Schmach? Ihr könnt kaum glauben, wie mir der Gedanke an dies verbrecheriſche Weib verhaßt iſt ſeit der Nacht, wo Ihr mir ſo laut ihren Namen geſagt habt. Sonſt ſah ich Lucretia Borgia nur von fern, zwiſchen tauſend Gegenſtänden durch, wie ein ſchreckliches Geſpenſt aufrecht über Italien, wie das Geſpenſt einer ganzen Welt. Jetzt iſt dies Geſpenſt mein Geſpenſt; es ſetzt ſich an mein Lager, es liebt mich, es will ſich in mein Bett legen! Bei meiner Mutter, das i*ſt entſetzlich! Ach, Maffio! ſie hat den Herrn von Gra⸗ vina getödtet, ſie hat deinen Bruder getödtet! Hal! dei⸗ — 40— nen Bruder! Dir willich ihn erſetzen, an ihr will ich ihn rächen!— Hier iſt alſo ihr abſcheulicher Palaſt! Palaſt der Wolluſt, Palaſt des Verrath, Palaſt des Mor⸗ des, Palaſt des Ehebruchs, Palaſt der Btutſchande, Palaſt jeglicher Sünde, Palaſt der Lucretia Borgia! Daß ich dieſem Weibe das Henkerszeichen nicht auf die Stirn drücken kann! So will ich wenigſtens die Stirne ihres Palaſtes brandmarken! (Er ſteigt auf eine unter dem Balcon befind⸗ liche Steinbank und macht mit ſeinem Dolche den erſten Buchſtaben des auf die Mauer gehefteten Namens Borgia los, ſo daß nur das Wort: orgia bleibt.) Maffio. Was Teufel macht er? Jeppo. Der Name der Donna Lucretia ohne die⸗ ſen Buchſtaben macht dich zu einem Manne ohne Kopf. Gubetta. Herr Gennaro, das iſt ein Wortſpiel, was morgen die halbe Stadt auf die Folter bringt. Gennaro. Ich werde mich ſtellen, wenn man den Schuldigen ſucht. Gubetta(bei Seite). Das wäre mir recht, das würde Donna Lucretia in Verlegenheit bringen. (Seit einigen Augenblicken gehen zwei ſchwarz gekleidete Männer beobachtend auf dem Platze auf und ab.) Maffio. Meine Herren, das ſind Leute mit ver⸗ dächtigen Geſichtern, ſie betrachten uns etwas neugierig. Es wäre klug, wenn wir uns trennten. Mache keine neuen Tollheiten, mein Bruder Gennaro. — 41= Gennaro. Sei ruhig, Mafſio. Deine Hand! Meine Herren, viel Vergnügen dieſe Nacht! (Er geht in ſein Haus, die Andern zer⸗ ſtreuen ſich.) Dritte Scene. Die beiden ſchwarz gekleideten Männer. Erſter Mann. Was Teufel machſt du da, Ru⸗ ſtighello 2 gZweiter Mann. Ich warte, bis du weggehſt, Aſtolfo. Erſter Mann. In der That? Zweiter Mann. Und du, was machſt du da, Aſtolfo? Erſter Mann. Ich warte, bis du weggehſt, Ruſtighello. Zweiter Mann. Mit wem haſt du es zu thun, Aſtolfo? 3 Erſter Mann. Mit dem Manne, der eben da hineinging. Und du, an wen willſt du? Zweiter Mann. An den nemlichen. Erſter Mann. Teufel! Zweiter Mann. Was willſt du mit ihm machen? Erſter Mann. Ihn zur Herzogin führen. Und du? Zweiter Mann. Ihn zum Herzog führen. Erſter Mann. Teufel! Zweiter Mann. Was erwartet ihn bei der Her⸗ zogin? Erſter Mann. Die Liebe, ohne Zweifel. Und bei dem Herzog? Zweiter Mann. Der Galgen, wahrſcheinlich. Erſter Mann. Was thun? Er kann nicht zu⸗ gleich bei dem Herzog und bei der Herzogin ſein, zugleich Weiberarme und den Strick am Hals haben. 3 Zweiter Mann. Da iſt ein Dukaten, ſpielen wir Münz oder Kopf, wer von uns den Mann haben ſoll. Erſter Mann. Das iſt ein Wort. Zweiter Mann. Meiner Treu! wenn ich ver⸗ liere, ſo ſage ich dem Herzog, der Vogel wäre ausgeflo⸗ gen geweſen. Die Geſchäfte des Herzogs kümmern mich wenig.(Er wirft den Dukaten in die Luft.) Erſter Mann. NMünze! Zweiter Mann. iſt Kopf! Erſter Mann. Der Mann wird gehenkt werden. Nimm ihn. Adieu! Zweiter Mann. Guten Abend. (Nachdem der Andere weggegangen iſt, oͤffnet er die niedrige Thüre unter dem Balcon, geht hinein und kommt einen Augenblick darauf in der Begleitung von vier Sbirren zurück, mit denen er an der Thüre des Hau⸗ ſes pocht, in welches Gennaro gegangen.) (Der Vorhang fällt.) Zweite Handlung. as Paar. Perſonen. Donna Lucretia. Maffio. Don Alphons von Eſte. Ruſtighello. Gennaro. 2 Ein Thürſteher. Ein Saal des herzoglichen Palaſtes zu Ferrara. Tapeten von ungariſchem Leder mit goldnen Arabesken. Prächtige Möbel in dem zu Ende des 15. Jahrhunderts in Italien berr⸗ ſchenden Geſchmack. Der Stuhl des Herzogs mit rothem Sammt überzogen, in welchen das Wappen des Hauſes Eſte geſtickt iſt. Zur Seite ein mit dergleichem Sammt bedeckter Tiſch. Im Hintergrund eine große Thüre. Zur Rechten eine kleine, zur Linken eine andere kleine verborgene Thüre. Hinter der kleinen verſteckten Thüre ſteht man in einem auf der Bühne angebrachten Cabinet den Anfang einer Wendeltreppe, die ſich unter den Fußboden ſenkt und durch ein langes und ſchmales Gitterfenſter erleuchtet wird. Erſte Scene. Don Alphons von Eſte. Ruſtighello. Ruſtighello. Herr Herzog, Eure Befehle ſind vollzogen und ich erwarte die übrigen. — 44— Alphons. Nimm dieſen Schlüſſel. Geh' in die Gallerie des Numa. Zähle alle Fächer des Getäfels von der großen Figur bei der Thüre an; ſie ſtellt den Her⸗ rules, Sohn des Jupiters, einen meiner Vorfahren, vor. Im dreiundzwanzigſten Feld wirſt du eine kleine im Rachen einer goldenen Natter verſteckte Oeffnung finden. Ludwig der Mauer hat dieſes Feld machen laſſen. Stecke den Schlüſſel in dieſe Oeffnung. Das Feld wird ſich, wie eine Thüre, auf ſeinen Angeln bewegen. In dem verborgenen Schrank, den es verſteckt, findeſt du auf einer Cryſtallplatte zwei Flaſchen, eine von Gold und eine von Silber, mit zwei Bechern. In der ſilber⸗ nen Flaſche iſt reines Waſſer. In der goldenen iſt zu⸗ bereiteter Wein. Du trägſt die Platte, ohne etwas zu verrücken, in das anſtoßende Zimmer, Ruſtighello, und wirſt dich hüten, die goldene Flaſche anzurühren, wenn du je die Leute mit Zähneklappern von dem Gifte der Borgia haſt reden hören, einem Gifte, das als Pulver weiß und funkelnd iſt, wie der Staub von carariſchem Marmor und das, in den Wein gemengt, Romorantiner in Syracuſaner verwandelt. 3 Ruſtighello. Iſt das Alles, mein Herr? Alphons. Nein. Du nimmſt deinen beſten Degen und bleibſt aufrecht in dem Cabinet hinter der Thüre ſtehen, ſo daß du Alles, was hier vorgeht, hören und auf das erſte Zeichen, das ich dir mit dieſer ſilbernen Schelle gebe, hereintreten kannſt. Wenn ich einfach: — 45— Ruſtighello! rufe, ſo kommſt du mit der Platte herein. Wenn ich mit der Schelle klingle, ſo kommſt du mit dem Degen. Ruſtighello. Gut, mein Herr. Alphons. Du hältſt den bloſen Degen in der Hand, um dir die Mühe des Ziehens zu ſparen. Ruſtighello. Ja wohl. Alphons. Ruſtighello, nimm zwei Degen, es könnte einer brechen. Fort! (Ruſtighello geht durch die kleine Thüre ab.) Thürſteher(tritt durch die Thüre im Hintergrund ein). Unſere Donna, die Herzogin, wünſcht den Herrn Herzog zu ſprechen. Alphons. Laßt unfre Dame herein. Zweite Scene. Don Alphons. Donna Lucretia. Lucretia ctritt ungeſtümm herein). Herr! Herr! das iſt unverſchämt, das iſt ſchmachvoll, das iſt abſcheu⸗ lich! Einer aus Eurem Volke, wißt Ihr das, Don Al⸗ phons? Einer aus Eurem Volke hat den Namen Cures Weibes unter dem Wappen ihrer Familie auf der Fronte Eures Palaſtes verſtümmelt. Es geſchah am hellen Tage, öffentlich, durch wen?— ich weiß es nicht; aber es iſt ſehr ſchmaͤhlich und ſehr frech. Man hat aus mei⸗ nem Namen ein Aushängeſchild für die Schande ge⸗ 1 — 46— macht, und Euer Pöbel aus Ferrara, der niederträchtigſte in ganz Italien, Herr, ſteht da und grinzt vor meinem Wappen, wie vor einem Pranger. Bildet Ihr Euch etwa ein, Don Alphons, daß ich das ſo hinnehmen würde, und daß ich nicht lieber auf einmal durch einen Dolchſtoß ſterben möchte, als tauſendmal durch den giftigen Biß des Spottes und des Pasquills? Bei Gott, Herr! man behandelt mich ſeltſam in Eurer Herrſchaft Ferrara! Ich fange an, das müde zu werden; ich finde Euer Ausſehen zu gefällig und ruhig, während man in den Gaſſen Eurer Stadt den Ruf Eures von Schande und Verläumdung mit den Zähnen zerriſſenen Weibes herumzerrt. Ich muß dafür eine glänzende Genugthuung haben, Herr Herzog! Ich ſage es Euch voraus. Bereitet Euch, mir Recht zu verſchaffen. Das iſt ein ernſthaftes Ereigniß, ſeht Ihr? Glaubt Ihr vielleicht, daß mir die Achtung eines Jeden unter der Sonne gleichgültig iſt und daß mein Gemahl aufhören kann, mein Ritter zu ſein? Nein, nein, mein Herr! wer ſich vermählt, der ſchirmt, wer die Hand gibt, der gibt den Arm. Ich zähle darauf. Alle Tage neue Beleidigungen, und immer ſehe ich Euch gefühllos dafür. Sprützt der Koth, womit man mich bewirft, nicht auch auf Euch, Don Alphons? Ha, bei meiner Seele, werdet doch ein wenig zornig, Herr, damit ich Euch doch einmal in meinem Leben im Zorn um mich ſehe. Ihr liebt mich, wie Ihr manchmal ſagt? So liebt doch meine Ehre! Ihr ſeid eiferſüchtig? So ſeid es — 47— doch auf meinen Ruf! Wenn ich durch meine Mitgift Eure Erbgüter verdoppelt; wenn ich Euch zum Hochzeit⸗ geſchenk nicht nur die goldene Roſe und den Segen des heiligen Vaters, ſondern auch noch etwas mitgebracht habe, das mehr Platz einnimmt auf dieſer Erde: Siena, Rimini, Ceſena, Spoleto und Piombino und mehr Städte, als Ihr Schlöſſer, und mehr Herzogthümer, als Ihr Baronien hattet; wenn ich Euch zum mächtigſten Edel⸗ mann Italiens gemacht habe, ſo iſt das wohl ein Grund, Herr, mich dem Geſpötte, dem Geſchrei und den Belei⸗ digungen Eures Pöbels Preis zu geben; ein Grund, Euer Ferrara vor ganz Europa mit den Fingern auf Euer verachtetes und unter der Magd Eurer Stallknechte ſtehendes Weib deuten zu laſſen; ſo iſt das wohl ein Grund, ſage ich, daß Eure Unterthanen mich nicht durch ihre Mitte können gehen ſehen, ohne zu ſagen: Ha, dies Weib!... Ich erkläre es Euch, Herr, das heutige Verbrechen muß unterſucht und ſtrenge beſtraft werden, wenn ich nicht bei dem Pabſt oder dem Valentinois, der zu Forli mit fünfzehntauſend Kriegsleuten ſteht, Klage führen ſoll, und dann mögt Ihr zuſehen, ob es wohl der Mühe werth iſt, ſich darum aus Eurem Seſſel zu rütteln. Don Alphonſo. Donna, ich bin von dem Ver⸗ brechen unterrichtet, worüber Ihr klagt. Lucretia. Wie, Herr! Ihr wißt von dem Ver⸗ brechen, und der Verbrecher iſt nicht entdeckt? — 48— Alphons. Der Verbrecher iſt entdeckt. Lucretia. Bei Gott! wie kömmt es, daß er als⸗ dann noch nicht verhaftet iſt? Alphons. Er iſt verhaftet, Donna. Lucrecia. Bei meiner Seele! wie kommt es, daß er ſeine Strafe noch nicht erhalten hat? Alphons. Er wird ſie erhalten. Ich wollte erſt Eure Meinung über die Strafe hören. Lucretia. Ihr habt wohl daran gethan, Herr! Wo iſt er? Alphons. Hier. Lucretia. Ha, hier! Man muß ein Beiſpiel ge⸗ ben, hört Ihr, Herr? Das iſt ein Majeſtätsverbrechen. Solche Verbrechen machen immer den Kopf fallen, wel⸗ cher ſie ausſinnt, und die Hand, welche ſie ausführt.— Ha, er iſt hier! Ich will ihn ſehen. Alphons. Daß iſt leicht.(er ruft) Bautiſta!(Der Tbürſteher tritt ein.) Lucretia. Noch ein Wort, Herr, ehe der Ver⸗ brecher hereingeführt wird. Gebt mir Euer Wort als gekrönter Herzog, Don Alphons, daß er, wer er auch ſei, aus Eurer Stadt oder Eurem Hauſe nicht lebend von hier weg ſoll. Alphons. Ihr habt es.— Ich gebe es Euch, Donna, verſteht Ihr wohl? Lucretia. Gut. Ha, ich verſtehe! Führt ihn her, damit ich ihn ſelbſt vernehme. Mein Gott! was habe ich doch dieſen Leuten zu Ferrara gethan, daß ſie mich ſo verfolgen? Alphons Gum Thürſteher). Führt den Gefangenen herein. (Die Thüre im Hintergrund öffnet ſich. Man ſteht Gennaro entwaffnet zwiſchen zwei Hel⸗ lebardieren hereintreten. In dem nämlichen Augenblick ſteht man Ruſtighello die Treppe in dem kleinen Zimmer zur Linken hinter der verborgenen Thüre heraufſteigen. In der Hand hält er eine Platte, worauf eine gol⸗ dene und eine ſilberne Flaſche nebſt zwei Bechern ſtehen. Er ſtellt die Platte auf den Fenſtervorſprung, zieht ſeinen Degen und ſtellt ſich hinter die Thüre.) 8 Dritte Scene. Die Nämlichen. Gennaro. Lucretia. Gennaro! Alphons(nähert ſich ihr. Leiſe und lächelnd). Kennt Ihr den Mann? Lucretia. mein Gott! Es iſt Gennaro. Welche Schickung, (Sie betrachtet ihn ängſtlich, er wendet die Augen ab.) Gennaro. Herr Herzog, ich bin nichts, als ein Hauptmann, und ſpreche zu Euch mit der Achtung, die Euch gebührt. Eure Hoheit hat mich heute Morgen in meinem Hauſe verhaften laſſen; was will ſie mit mir? VI. 4 — 50— Alphons. Herr Hauptmann, ein Majeſtätsver⸗ brechen wurde heute Morgen dem von Euch bewohnten Hauſe gegenüber verübt. Der Name unſerer vielgeliebten Gattin und Baſe, Donna Lucretia Borgia, iſt auf eine unverſchämte Weiſe auf der Fronte unſeres Palaſtes verſtümmelt worden. Wir ſuchen den Schuldigen. Lucretia. Er iſt es nicht! Das iſt eine Verwechs⸗ lung, Don Alphons. Der junge Mann da iſt es nicht. Alphons. Woher wißt Ihr das? Lucretia. Ich bin deſſen gewiß. Der junge Mann iſt von Venedig und nicht von Ferrara. Alſo... Alphons. Was beweiſ't das? Lucretia. Die Sache geſchah heute Morgen, und ich weiß, daß er den Morgen bei einer gewiſſen Fiametta zugebracht hat. 3 Gennaro. Nein, Donna. Alphons. Eure Hoheit ſieht wohl, daß ſie ſchlecht unterrichtet iſt. Laßt mich ihn fragen.— Hauptmann Gennaro, habt Ihr das Verbrechen begangen? Lucretia(verwirrt). Man erſtickt hier! Luft! Luft! Ich muß ein wenig Athem ſchöpfen!(Sie tritt an ein Fenſter; während ſie an Gennaro vorbeigeht, ſagt ſie ihm raſch und leiſe:) Sage: nein! Alphons(bei Seite). Sie hat leiſe mit ihm ge⸗ ſprochen. Gennaro. Herzog Alphons, die Fiſcher von Cala⸗ brien, die mich erzogen und die mich, wie ich noch ganz jung — 51— war, in das Meer getaucht haben, um mich ſtark und kühn zu machen, haben mich einen Grundſatz gelehrt, bei dem man wohl oft ſein Leben, aber nie ſeine Ehre wagt: „Thue, was du ſagſt, ſage, was du thuſt.“ Herzog Al⸗ phons, ich bin der Mann, den Ihr ſucht. Alphons(ſich zu Lucretia wendend). Ihr habt mein fürſtliches Wort, Donna. Lucretia. Ich habe Euch einige Worte insgeheim zu ſagen, mein Herr. (Der Herzog befiehlt durch ein Zeichen dem Thürſteher und den Wachen, ſich mit dem Gefangenen in den anſtoßenden Saal zu⸗ rückzuziehen.) Vierte Scene. Lucretia. Don Alphons. Alphons. Was wollt Ihr von mir, Donna? Lucretia. Was ich will, Don Alphons? Ich will, daß dieſer Jüngling nicht ſterbe. Alphons. Es iſt kaum ein Augenblick verfloſſen, ſeit Ihr zu mir kamt wie ein Sturm, zürnend und wei⸗ nend, ſeit Ihr über eine Euch zugefügte Beleidigung klagtet, ſeit Ihr unter Drohen und Schreien den Kopf des Schuldigen gefordert, ſeit Ihr mein fürſtliches Wort begehrt habt, daß er nicht lebend von hier wegſolle; ich verpfändete es Euch, und jetzt fordert Ihr ſein Leben! Bei Gott, Donna, das iſt unerhört! . 4* Lucretia. Ich will, daß dieſer Jüngling nicht ſterbe, Herr Herzog. Alphons. Donna, ſo erprobte Edelleute, wie ich, ſind nicht gewohnt, ihr Wort in Verſatz zu laſſen. Ihr habt das meinige, ich muß es löſen. Ich habe den Tod des Schuldigen beſchworen, er muß ſterben. Bei meiner Seele! Ihr dürft ſeine Todesart wählen. Lucretia(lächelnd und ſanft). Don Alphons, Don Alphons, wahrhaftig, wir ſchwätzen da tolles Zeug, Ihr und ich. Es iſt wahr, ich bin ein unſinniges Weib. Mein Vater hat mich verdorben; was wollt Ihr? Seit meiner Kindheit hat man all meinen Launen ge⸗ horcht. Was ich vor einer Viertelſtunde wollte, will ich jetzt nicht mehr. Kommt, ſetzt Euch zu mir;— ſo— plaudern wir ein wenig, zärtlich, herzlich, wie Mann und Frau, wie zwei gute Freunde. Alphons ebenfalls mit einem Anſtrich von Galanterie). Donna Lucretia, Ihr ſeid meine Dame, und ich bin ſehr glücklich, daß Ihr mich einen Augenblick zu Euren Füßen haben wollt.(Er ſetzt ſich neben ſie.) Lucretia. Wie hübſch iſt es, wenn man ſich ver⸗ ſteht! Wißt Ihr auch, Don Alphons, daß ich Euch noch liebe, wie am erſten Tage unſerer Ehe, wo Ihr einen ſo glänzenden Einzug in Rom hieltet zwiſchen Herrn von Valentinois, meinem Bruder, und dem Herrn Car⸗ dinal Hippolyt von Eſte, dem Eurigen? Ich war auf dem Balcon der Peterstreppe. Ich denke noch an Euren ſchöͤnen, mit goldnen Zierrathen bedeckten Schimmel und an das königliche Ausſehen, was Ihr auf ihm hattet. Alphons. Ihr, Donna, wart ſehr ſchön und glänzend unter Eurem Baldachin von Silberbrokat. Lucretia. O ſprecht nicht von mir, Herr, wenn ich von Euch ſpreche. Es iſt gewiß, daß mich alle Für⸗ ſtinnen Europa's um meine Ehe mit dem beſten Ritter der Chriſtenheit beneiden, und ich liebe Euch wahrhaftig, als hätte ich achtzehn Jahre. Ihr wißt, daß ich Euch liebe, nicht wahr, Alphons? Ihr zweifelt wenigſtens nie daran. Ich bin manchmal kalt und zerſtreut; daran iſt mein Charakter, nicht mein Herz Schuld. Hört, Al⸗ phonſo, wenn Eure Hoheit mich ein wenig darum zankte, wollte ich bald anders werden. Wie ſchön, ſich ſo zu lieben, wie wir! Gebt mir Eure Hand,— umarmt mich, Don Alphons! In Wahrheit, das fällt mir jetzt ein, es iſt recht lächerlich, daß ein Fürſt und eine Fürſtin, wie Ihr und ich, die neben einander auf dem ſchönſten Her⸗ zogſtuhle unter der Sonne ſitzen und die ſich lieben, auf dem Punkte waren, ſich um einen armſeligen italieniſchen Landſtreicher zu zanken! Man muß den Menſchen fort⸗ jagen und nicht weiter davon reden. Er mag gehen, wo⸗ hin er will, nicht wahr, Alphons? Der Löwe und die Löwin werden über eine Muͤcke nicht zornig werden.— Wißt Ihr auch, mein Herr, daß Ihr die Herzogskrone zum zweitenmal erhalten würdet, wenn man ſie dem ſchönſten Ritter von Ferrara als Preis ausſetzte?— Wartet, ich will Bautiſta in Eurem Namen ſagen, daß er ſo ſchnell, als möglich, dieſen Gennaro aus Ferrara jagen ſoll. Alphons. Das hat keine Eile. Lucretia. Ich möchte nicht mehr daran zu denken haben.— Laßt mich die Sache auf meine Art abthun. Alphons. Diesmal muß ſie wohl auf die meinige abgethan werden. Lucretia. Aber endlich, mein Alphons,— Ihr habt keinen Grund, den Tod dieſes Menſchen zu wollen. Alphons. Und das Wort, was ich Euch gegeben? Der Eid eines Fürſten iſt heilig. Lucretia. Dergleichen muß man dem Volk ſagen. Aber Ihr und ich, Don Alphons, wiſſen, was daran iſt. Der heilige Vater hatte Carl VIII. von Frankreich das Leben des Zizimi verſprochen; ſeine Heiligkeit ließ nichts deſto weniger den Zizimi ſterben. Herr von Valentinois hatte ſich auf ſein Wort dem nämlichen Kinde Carl als Geißel geſtellt; Herr von Velentinois iſt aus dem fran⸗ zöſiſchen Lager entwiſcht, ſobald er konnte. Ihr ſelbſt hattet den Petrucci verſprochen, ihnen Siena zurückzu⸗ geben. Ihr habt es weder gethan, noch hättet Ihr es thun ſollen. Hel die Geſchichte iſt voll von dergleichen. Weder Könige, noch Völker könnten bei ſtreng gehaltenen Eiden einen Augenblick beſtehen. Für uns, Alphons, iſt ein beſchwornes Wort nur dann eine Nothwendigkeit, wenn es keine andere gibt. — 355— Alphons. Dennoch, Donna Lucretia, ein Eid.. Lucretia. Gebt mir doch nicht ſo erbärmliche Gründe an. Ich bin nicht einfältig. Sagt mir lieber, mein theurer Alphons, ob Ihr irgend etwas gegen dieſen Gennaro habt. Nein? Nun gut! ſchenkt mir ſein Le⸗ ben. Was macht das Euch, wenn es mir einfällt, ihm zu verzeihen? Ich bin die Beleidigte. Alphons. Grade, weil er Euch beleidigt hat, meine Liebe, kann ich ihn nicht begnadigen. Lucretia. Ihr werdet mir es nicht länger ver⸗ weigern, wenn Ihr mich liebt. Wenn es mir nun be⸗ liebt, den Weg der Milde zu verſuchen? Ich will von Eurem Volke geliebt ſein. Die Gnade, Alphons, macht einen König Jeſus Chriſtus ähnlich. Laßt uns gnädige Herrn ſein. Das arme Italien hat ohne uns Tyrannen genug, von den baroniſirten Stellvertretern des Pabſtes an bis zu dem päbſtlichen Stellvertreter des Himmels. Machen wir ein Ende damit, theurer Alphons. Setzt dieſen Gennaro in Freiheit. Es iſt eine Laune, wenn Ihr wollt; aber es iſt etwas Heiliges und Göttliches in der Laune eines Weibes, wenn ſie einem Menſchen den Kopf rettet. Alphons. Ich kann nicht, theure Lucretia. Lucretia. Ihr könnt nicht? Aber warum endlich könnt Ihr mir etwas ſo Unbedeutendes, wie das Leben eines Soldaten, nicht ſchenken? Alphons. Ihr fragt, warum, meine Liebe? — 56— Lucretia. Ja, warum? Alphons. Weil dieſer Soldat Euer Geliebter iſt, Donna. Lucretia. Himmel! Alphons. Weil Ihr in Venedig wart, ihn zu⸗ ſuchen! Weil Ihr in die Hölle gehen würdet, ihn zu ſuchen! Weil ich Euch verfolgt habe, während Ihr ihn verfolgtet! Weil ich Euch ſah, als Ihr ihm unter Eurer Maske nachlieft, keuchend, wie die Wölfin hinter ihrer Beute! Weil Ihr ihn noch im Augenblick mit einem Blick voll Thränen und Feuer verſchlangt! Weil Ihr Euch ihm ohne Zweifel überlaſſen habt, Donna! Weil es jetzt genug iſt mit Schande und Ehebruch! Weil es Zeit iſt, daß ich meine Ehre räche und um mein Bett einen Strom von Blut fließen mache! Verſteht Ihr, Donna? Lucretia. Don Alphons.... 1 Alphons. Schweigt.— Wacht über Eure Lieb⸗ haber in Zukunft, Lurretia! Stellt, wen Ihr wollt, als Pförtner an die Thüre, durch die man zu Eurer Schlaf⸗ kammer gelangt; aber an der Thüre, durch die man herausgeht, wird jetzt ein Pförtner nach meiner Wahl ſtehen— der Henker! Lucretia. Herr! ich ſchwöre Euch.... Alphons. Schwört nicht.— Eide, das iſt gut für den Pöbel. Gebt mir doch keine ſo erbärmlichen Gründe an. — ——O—ͦ—ͦ—ᷣ—᷑—O—ꝭ—H—:—:—OꝛB—O—õ⁊⁊⁰O——C Z—A——— — 57— Alphons. Seht, Donna, ich haſſe Euer ganzes abſcheuliches Geſchlecht Borgia und Euch vor allen, Euch, die ich ſo toll liebte! Ich muß Euch das ein wenig voll⸗ ſtändig ſagen. Es iſt eine ſchändliche, unerhörte und ſeltſame Sache, in uns beiden das Haus Eſte, welches edler iſt, als das Geſchlecht der Valois und der Tudor, das Haus Eſte, ſage ich, und das Haus Borgia vereinigt zu ſehen, das Haus Borgia, das nicht einmal ſo, ſondern Lenzuoli, oder Lenzolio, oder, ich weiß nicht wie, heißt! Ich verabſcheue Euren Bruder Cäſar, der natürliche Blutflecken im Geſicht hat! Euren Bruder Cäſar, der Euren Bruder Johann erſchlagen hat! Ich verabſcheue Eure Mutter Roſa Vanozza, das alte ſpaniſche Freuden⸗ mädchen, das in Rom Aergerniß erregt, nachdem es das Nämliche in Valencia gethan! Und was Eure ſoge⸗ nannten Neffen anbelangt, die Herzoge von Sermoneto⸗ Nepi,— ſchöne Herzoge, wahrhaftig! Herzoge von ge⸗ ſtern! Herzoge von geſtohlenen Herzogthümern! Laßt mich zu Ende kommen. Ich verabſcheue Euren Vater, der Pabſt iſt und der ein Weiber⸗Serail hält, wie der Türkenſultan Bajazet; Euren Vater, welcher der Anti⸗ chriſt iſt; Euren Vater, der die Galeeren mit berühmten Männern und das heilige Collegium mit Banditen be⸗ ſetzt, ſo daß man fragen ſollte, wenn man ſie in ihren rothen Kleidern ſieht(Galeerenſclaven und Cardinäle), ob die Galeerenſclaven Cardinäle und ob die Cardinäle Galeerenſclaven ſind!— Geht jetzt! — 58— Lucretia. Herr! Herr! ich flehe zu Euch auf den Knieen und mit gefaltenen Händen, um Jeſus und M. in wilen⸗ um Eures Vaters und Eurer Mutter 8 n, Herr, ich flehe zu Euch um das Leben dieſes Maͤnnes!. Alphons. Das heiße ich lieben!— Ihr dürft mit ſeiner Leiche machen, was Ihr wollt, und ich denke, daß Ihr es könnt, ehe eine Stunde vergeht. Lucretia. Gnade für Gennaro! Alphons. Wenn Ihr den feſten Entſchluß in mei⸗ ner Seele leſen könntet, ſo würdet Ihr ſo wenig davon reden, als wenn er ſchon todt wäre. Lucretia(ſich erhebend). Ha! hütet Euch, Don Alphons von Ferrara, mein vierter Gemahl. Alphons. O, ſpielt nicht die ſchreckliche Donna! Bei meiner Seele, ich fürchte Euch nicht! Ich kenne Eure Kniffe. Ich werde mich nicht vergiften laſſen, wie Euer erſter Gemahl, der arme ſpaniſche Edelmann, deſſen Namen ich ſo wenig mehr weiß, als Ihr. Ich werde mich nicht fortjagen laſſen, wie Euer zweiter Gemahl, der Schwachkopf Johann Sforza, Herr von Peſaro. Ich werde mich nicht mit Spießen auf irgend einer Treppe erſtechen laſſen, wie der dritte, Don Alphons von Arra⸗ gonien, das ſchwache Kind, deſſen Blut den Boden ſo wenig färbte, als reines Waſſer. Ich bin ein Mann, Donna. Der Name Herkules iſt unſrem Hauſe gewöhn⸗ lich. Beim Himmel, meine Stadt und meine Herrſchaft — —-— — —-— — 59— ſind voll von Soldaten, und ich bin ſelbſt einer und habe noch nicht, wie der arme König von Neapel, meine guten Kanonen dem Pabſte, Eurem heiligen Vater, verka Lucretia. Ihr werdet dieſe Worte bereuen Herr. Ihr vergeßt, wer ich bin.... Alphons. Ich weiß ſehr gut, wer Ihr ſeid, und weiß ſehr gut, wo Ihr ſeid. Ihr ſeid die Tochter des Pabſtes, aber Ihr ſeid nicht zu Rom; Ihr ſeid die Herrin von Spoleto, aber Ihr ſeid nicht zu Spoleto; Ihr ſeid daß Weib, die Dienerin und Magd des Alphons, Herzogs von Ferrara, und Ihr ſeid zu Ferrara. (Donna Lucretia, ganz bleich vor Schrecken und Zorn, ſteht den Herzog ſtarr an und weicht langſam vor ihm zurück bis zu einem Seſſel, in den ſie wie gebrochen hinſinkt.) Aha! das wundert Euch; Ihr fürchtet Euch vor mir, Donna; bisher war ich es, der Furcht vor Euch hatte. Es ſoll von nun an immer ſo ſein, und um damit anzufangen, faſſe ich einen von Euren Liebhabern; er ſtirbt. Lucretia(mit ſchwacher Stimme). Ueberlegen wir ein wenig, Don Alphons. Wenn dieſer Mann der näm⸗ liche iſt, der gegen mich das Verbrechen der beleidigten Majeſtät begangen hat, ſo kann er nicht zugleich mein Geliebter ſein.... Alphons. Warum nicht? In einem Anfall von Zorn, Arger, Eiferſucht! Denn er i*ſt vielleicht auch eiferſüchtig, er. Uebrigens, was weiß ich? Ich will, daß er ſterbe. Es beliebt mir nun einmal ſo. Dieſer Palaſt — 30— iſt voll Soldaten, die mir ergeben ſind und nur mich kennen; er kann nicht entwiſchen. Ihr werdet nichts hindern. Ich habe Eurer Hoheit die Wahl ſeines Todes uberlaſſen; entſchließt Euch. Lucretia(die Hände ringend.) O mein Gott! mein Gott! mein Gott! Alphons. Ihr antwortet nicht? So will ich ihn im Vorzimmer mit Degenſtichen tödten laſſen. (Er will gehen, ſie faßt ihn beim Am.) Lucretia. Halt! 4 Alphons. Wollt Ihr ihm lieber ein gus Syra⸗ kuſaner einſchenken? Lucretia. Gennaro! Alphons. Er muß ſterben. Lucretia. Nicht durch Degenſtiche! Alphons. An der Art liegt wenig. Was wählt Ihr? Lucretia. Das Andere. „Alphons. Ihr werdet Acht geben, daß Ihr Euch nicht vergreift, und ihm ein Glas aus der goldenen Flaſche einſchenken. Ihr kennt ſie ja? Ich werde übri⸗ gens dabei ſein; bildet Euch nicht ein, daß ich Euch ver⸗ laſſen werde. Lucretia. Ich werde thun, was Ihr wollt. Alphons. Bautiſta!(Der Thürſteher tritt ein.) Führt den Gefangenen herein. Lucretia. Ihr ſeid ein abſcheulicher Menſch, Herr! — — 61— Fünfte Scene. Die Nämlichen. Gennaro. Die Wache. Alphons. Was ich höre, Herr Gennaro? Was Ihr heute Morgen gethan, geſchah aus Leichtſinn und Prahlerei und ohne böſe Abſicht, die Herzogin verzeiht Euch; Ihr ſollt ein tapferer Mann ſein. Bei meiner Mutter! wenn es ſich ſo verhält, ſo könnt Ihr frei und unverſehrt nach Venedig zurückkehren. Ich möchte um keinen Preis die hohe Republik Venedig um einen guten Diener und die Chriſtenheit um einen treuen Arm brin⸗ gen, der ein treues Schwert führt, wenn ſich in den Gewäſſern von Cypern oder Candia die Heiden oder die Sarazenen zeigen. Gennaro. Zur guten Stunde, Herr! Ich rech⸗ nete nicht, ich geſtehe es, auf einen ſolchen Schluß. Ich danke Eurer Hoheit. Die Milde iſt eine königliche Tu⸗ gend, und Gott wird da oben dem gnädig ſein, der hier unten gnadig iſt... Alphons. Hauptmann, iſt der Dienſt der Re⸗ publik gut und wie viel gewinnt Ihr dabei Jahr für Jahr? Gennaro. Ich habe einen Haufen von fünfzig Lanzen, die ich kleide und frei halte. Die hohe Republik gibt mir zweitauſend Goldzechinen jährlich, ohne die Ne⸗ bengefälle zu rechnen. Alphons. Und wenn ich Euch viertauſend anböte, würdet Ihr Dienſte bei mir nehmen. Gennaro. Unmöglich. Ich bin noch für funf Jahre der Republik verpflichtet. Ich bin gebunden. Alphons. Wie? gebunden! Gennaro. Durch einen Eid. Alphons(eeiſe zu Lucretia). Dieſe Leute ſcheinen ihre Eide zu halten. Cgaut.) Sprechen wir nicht mehr davon, Herr Gennaro. Gennaro. Ich habe keine Niederträchtigkeit be⸗ gangen, um mein Leben zu retten; aber weil Eure Hoheit mir es ſchenkt, ſo kann ich ihr jetzt Folgendes ſagen. Eure Hoheit erinnert ſich wohl an den Sturm auf Faenza, es ſind jetzt zwei Jahre her. Der Herzog Her⸗ kules von Eſte, Euer Vater, gerieth dabei in große Ge⸗ fahr durch zwei Armbruſtſchützen des Valentinois, die im Begriff waren, ihn zu tödten. Ein Soldat rettete ihm das Leben. Alphons. Ja, und man konnte dieſen Soldaten nie wieder finden. Gennaro. Das war ich. Alphons. Bei Gott, mein Hauptmann, das ver⸗ dient eine Belohnung,— Würdet Ihr wohl dieſe Börſe mit Goldzechinen annehmen? Gennaro. Als wir in den Dienſt der Republik Venedig traten, ſchwuren wir, kein Geld von fremden Souveränen anzunehmen. Indeß, wenn Eure Hoheit 63— es erlaubt, nehme ich das Geld und vertheile es in mei⸗ nem Namen unter die braven Soldaten da.(Er deutet auf die Wache.) Alphons. Thut es.(Gennaro nimmt die Börſe.) Aber dann werdet Ihr wenigſtens nach dem alten Ge⸗ brauch unſerer Vorältern als guter Freund ein Glas von meinem Syrakuſaner mit mir trinken. Gennaro. Recht gern, Herr! Alphons. Und ich will, daß die Herzegin ſelbſt es Euch einſchenke, um Euch als den Retter meines Vaters zu ehren. (Gennaro neigt ſich und geht in den Hinter⸗ grund der Bühne, um das Gold den Sol⸗ daten auszutheilen. Der Herzog ruft: Ru⸗ ſtighello! Ruſtighello tritt mit der Platte herein.) Alphons. Stelle die Platte auf dieſen Tiſch.— Gut.(Er nimmt Donna Lucretia bei der Hand.) Donna, hört, was ich dieſem Manne ſagen werde.— Ruſtighello, gehe zurück und ſtelle dich hinter dieſe Thüre, den bloſen Degen in der Hand. Du kommſt herein, wenn du dieſe Schelle hörſt. Geh'! (Ruſtighello geht und man ſieht ihn ſich wieder hinter die Thüre ſtellen.) Alphons. Donna, Ihr werdet dieſem jungen Manne einſchenken und Acht geben, daß Ihr die goldene Flaſche da nehmt. Lucretia(Eleich mit ſchwacher Stimme.) Ja.— 3 Wenn Ihr wüßtet, was Ihr in dieſem Augenblicke thut, und wie entſetzlich es iſt, Ihr würdet ſchaudern, ſo ent⸗ menſcht Ihr auch ſeid, Herr! Alphons. Gebt Acht, daß Ihr die Flaſchen nicht verwechſelt.— He, Capitän! (Gennaro, der mit ſeiner Vertheilung zu Ende iſt, kommt auf den Vordergrund der Bühne zurück. Der Herzog ſchenkt ſich aus der ſil⸗ bernen Flaſche in einen von den Bechern ein und ſetzt ihn an die Lippen.) Gennaro. Ich bin beſchämt durch ſo viel Güte, Herr. Alphons. Donna, ſchenkt dem Herrn Gennaro ein. Wie alt ſeid Ihr, Hauptmann? Gennaro(nimmt den andern Becher und hält ihn der Herzogin hin)⸗ Zwanzig Jahre. Alphons Cleiſe zur Herzogin⸗ welche die ſilberne Flaſche zu ergreifen ſucht). Die goldene Flaſche, Donna! (Sie nimmt zitternd die goldene Flaſche.) Ah! Ihr ſeid wohl verliebt? Gennaro. Wer iſt es nicht ein wenig, mein Herr? Alphons. Wißt Ihr auch, Donna, daß es grauſam wäre, dieſen Hauptmann dem Leben, der Liebe, der Sonne Italiens, dem ſchönen Alter von zwanzig Jahren, ſeinem glorreichen Kriegs⸗ und Abentheurerhandwerk, womit alle königlichen Geſchlechter angefangen haben, den Feſten, den Maskenbällen, dem luſtigen Faſching von — 65— Venedig, wo ſo viele Ehemänner betrogen werden, und den ſchönen Damen, die er noch lieben kann und die ihn lieben werden, zu entreißen? Nicht wahr, Donna?— Schenkt doch dem Hauptmann ein. CLeiſe.) Wenn Ihr zaudert, ſo laſſe ich Ruſtighello hereinkommen. „(Sie ſchenkt Gennaro ein, ohne ein Wort zu ſagen.) Gennaro. Ich danke Euch, Herr, daß Ihr mich für meine arme Mutter leben laßt. Lucretia Cbei Seite). D entſetzlich Alphons ctrinkt). Auf Eure Geſundheit, Haupt⸗ mann Gennaro! Ich wünſche Euch viele Jahre. Gennaro. Herr, Gott vergelte es Euch!(Er trinkt.) Lucretia(bei Seite). Himmel! Alphons(bei Seite). Es iſt geſchehen! CLaut.) Ich verlaſſe Euch jetzt, mein Hauptmann. Ihr könnt nach Venedig abreiſen, wenn Ihr wollt.(Ceiſe zu Lu⸗ eretia.)) Dankt mir, Donna, ich laſſe Euch allein mit ihm. Ihr habt ihm noch Lebewohl zu ſagen. Verlebt mit ihm, wenn Ihr Luſt habt, ſeine letzte Viertelſtunde. (Er geht, die Wachen folgen ihm.) — 66— Sechste Scene. Donna Lucretia. Gennaro. (Man ſieht noch immer Ruſtighello unbeweglich hinter der verborgenen Thüre im Neben⸗ zimmer.) Lucretia. Gennaro!— Ihr ſeid vergiftet! Gennaro. Vergiftet, Donna? Lucretia. Vergiftet! Gennaro. Das hätte ich denken ſollen,— Ihr habt den Wein eingeſchenkt. Lucretia. O, macht mir keine Vorwürfe, Gen⸗ naro! Entreißt mir nicht den Reſt von Kraft, der mir noch bleibt und den ich noch für einige Augenblicke nöthig habe.— Hört mich! Der Herzog iſt eiferſüchtig auf Euch, er hält Euch für meinen Liebhaber. Der Herzog ließ mir keine Wahl, als Euch von Ruſtighello erdolchen zu ſehen, oder Euch ſelbſt das Gift zu geben. Ein furcht⸗ bares Gift, Gennaro, ein Gift, woran der Gedanke allein jeden Italiener, der die Geſchichte der letzten zwanzig Jahre kennt, erbleichen macht.... Gennaro. Ja, das Gift der Borgia! Lucretia. Ihr habt davon getrunken. Niemand unter der Sonne kennt ein Gegengift für dieſe ſchreck⸗ liche Miſchung, Niemand, als der Pabſt, Herr von Va⸗ lentinois und ich. Seht, dies Fläſchchen, das ich immer in meinem Gürtel trage, dies Fläſchchen, Gennaro, iſt — 67— Leben, Geſundheit, Rettung. Nur ein Tropfen auf Eure Lippen, und Ihr ſeid gerettet.(Sie will das Fläſch⸗ chen an die Lippen Gennaro's bringen, er weicht zurück.) Gennaro(indem er ſie ſcharf anſieht). Donna, was beweiſ't mir, daß dies nicht das Gift iſt? Lucretia(ſinkt vernichtet in einen Seſſed. O mein Gott, mein Gott! Gennaro. Heißt Ihr nicht Lucretia Borgia?— Meint Ihr, ich erinnerte mich nicht an den Bruder des Bajazet? Ja, ich verſtehe ein wenig Geſchichte! Man machte ihn auch glauben, er ſei von Carl VIII. vergiftet worden, und gab ihm ein Gegengift, woran er ſtarb, und die Hand, die ihm das Gift reichte, da iſt ſie, ſie hält noch das Fläſchchen, und der Mund, der ihm ſagte: trinke! da iſt er und ſpricht zu mir! Lucretia. O ich elendes Weib! Gennaro. Hört, Donna, ich laſſe mich durch Eu⸗ ren Anſtrich von Liebe nicht täuſchen. Ihr habt eine un⸗ heilvolle Abſicht mit mir. Das iſt klar. Ihr müßt wiſſen, wer ich bin. Seht, in dem Augenblick leſe ich in Eurem Geſicht, daß Ihr es wißt, und es iſt leicht einzuſehen, daß ein unüberwindlicher Grund Euch beſtimmt, mir es niemals zu ſagen. Eure Familie muß die meinige ken⸗ nen, und zu dieſer Stunde würdet Ihr Euch vielleicht durch meine Vergiftung nicht allein an mir rächen, ſon⸗ dern auch, wer weiß? an meiner Mutter. Lucretia. Eure Mutter, Gennaro! Ihr ſtellt 5* — 68— ſie Euch vielleicht anders vor, als ſie wirklich iſt. Was würdet Ihr ſagen, wenn ſie, wie ich, nichts als ein ver⸗ brecheriſches Weib wäre? Gennaro. Lüſtert ſie nicht!— O nein! meine Mutter iſt nicht ein Weib, wie Ihr, Donna Lucretia. O, mein Herz fühlt ſie, meine Seele träumt ſie, wie ſie iſt; ich habe ihr Bild, da, es wurde mit mir geboren; ich würde ſie nicht lieben, wie ich ſie liebe, wenn ſie mei⸗ ner nicht würdig wäre. Das Herz eines Sohnes täuſcht ſich nicht in ſeiner Mutter. Ich würde ſie haſſen, wenn ſie Euch gleichen könnte. Aber, nein, nein! Es iſt etwas in mir, was mir laut ſagt, daß meine Mutter kein blut⸗ ſchänderiſcher, üppiger, giftmiſchender Teufel iſt, wie ihr andern ſchönen Damen von jetzt. O Gott! ich weiß ſicher, daß meine Mutter es iſt, wenn es unter dem Himmel ein unſchuldiges, tugendhaftes, heiliges Weib gibt. O, ſie iſt ſo, und nicht anders! Ihr kennt ſie ohne Zweifel, Donna Lucretia, und werdet mich nicht Lügen ſtrafen! Lucretia. Nein, dies Weib, Gennaro, dieſe Mutter kenne ich nicht. 3 Gennaro. Aber vor wem ſpreche ich ſo? Was kümmern Euch, Lucretia Borgia, die Freuden und Schmerzen einer Mutter! Ihr habt niemals Kinder ge⸗ habt, wie man ſagt. Ihr ſeid ſehr glücklich; denn wißt Ihr auch, Donna, daß Eure Kinder, wenn Ihr welche hättet, Euch verläugnen würden 2 Welcher Unglückliche — 69= wäre ſo vom Himmel verlaſſen, daß er eine ſolche Mutter ſich wünſchte? Der Sohn der Lucretia Borgia zu ſein! „Meine Mutter!“ zu Lucretia Borgia zu ſagen! Oh! Lucretia. Gennaro, Ihr ſeid vergiftet; der Herzog, der Euch todt glaubt, kann jeden Augenblick zurückkom⸗ men; ich ſollte nur an Euer Heil und an Eure Flucht denken; aber Ihr ſagt mir da ſo ſchreckliche Dinge, daß ich nichts vermag, als ſie wie verſteinert anzuhören. Gennaro. Donna.... 5 Lucretia. Seht! wir müſſen damit zu Ende kom⸗ men. Erdrückt mich, begrabt mich unter der Laſt Eurer Verachtung! Aber Ihr ſeid vergiftet, trinkt das auf der Stelle! Gennaro. Wem ſoll ich glauben? Der Herzog iſt edel, und ich habe ſeinem Vater das Leben gerettet. Euch habe ich beleidigt, Ihr habt Euch an mir zu rächen. Lucretia. Mich an dir rächen, Gennaro!— Ich würde mein Leben geben, um das deinige um eine Stunde zu verlängern; ich würde all mein Blut vergießen, um dir eine Thräne zu ſparen; ich würde mich an den Pran⸗ ger ſtellen, um dich auf einen Thron zu ſetzen; ich würde mit Höllenqualen jede deiner geringſten Freuden erkau⸗ fen; ich würde nicht zaudern, nicht murren, ich wäre glücklich, ich würde deine Füße küſſen, mein Gennaro! O, du ſollſt nie etwas von meinem armen unſeligen Herzen erfahren, als daß es voll von dir iſt!— Gen⸗ naro, die Zeit drängt, das Gift wirkt, du wirſt es gleich — 70— fühlen, noch ein wenig, und es iſt nicht mehr Zeit. Das Leben öffnet in dieſem Augenblick zwei dunkle Räume vor dir, aber der eine hat nicht ſoviel Minuten, als der andere Jahre. Du mußt einen von beiden wählen. Die Wahl iſt ſchrecklich. Laß dich von mir leiten. Habe Er⸗ barmen mit dir und mir, Gennaro! Trinke ſchnell, im Namen des Himmels! Gennaro. Meinetwegen. Iſt ein Verbrechen darunter, ſo mag es auf Euer Haupt fallen. Sei, was Ihr ſagt, wahr oder falſch, es verlohnt ſich nicht der Mühe, ſo viel Worte um ein Leben zu machen. Gebt! (Er nimmt das Fläſchchen und trinkt.) Lucretia. Gerettet!— Jetzt nach Venedig, ſo ſchnell dich dein Pferd trägt. Du haſt Geld? Gennaro. Ja. Lucretia. Der Herzog hält dich für todt, man kann ihm leicht deine Flucht verbergen. Warte! Behalte das Fläſchchen und trage es immer mit dir. In der Zeit, worin wir leben, iſt Gift in jeder Mahlzeit; du beſonders biſt ausgeſetzt. Jetzt ſchnell fort!(Sie zeigt ihm die verborgene Thüre, die ſie halb öffnet.) Lucretia. Steige dieſe Treppe hinab. Sie führt in einen Hof des Palaſtes Negroni. Du kannſt leicht auf dem Wege entkommen. Warte nicht bis zum Mor⸗ gen des nächſten Tages, warte nicht bis Sonnenunter⸗ gang, warte keine Stunde, keine halbe Stunde! Verlaſſe Ferrara ſogleich, verlaſſe Ferrara, als wäre es ein bren⸗ — 71— nendes Sodom, und blicke nicht hinter dich!— Lebe wohl! Warte noch einen Augenblick. Ich habe dir mein letztes Wort zu ſagen, mein Gennaro. Gennaro. Sprecht, Donna. Lukretia. Ich ſage dir in dieſem Augenblick Lebe⸗ wohl, Gennaro, um dich nie wieder zu ſehen. Ich darf nicht mehr daran denken, dich noch manchmal auf mei⸗ nem Wege zu treffen. Es war das einzige Glück, was ich auf Erden hatte. Aber das hieße dein Leben wagen. Jetzt ſind wir alſo für immer in dieſem Leben getrennt. Ach! ich weiß allzu gut, daß wir es auch in dem andern ſein werden. Gennaro! wirſt du mir nicht ein freund⸗ liches Wort ſagen, ehe du mich ſo für die Ewigkeit verläßt? Gennaro(ſchlägt die Augen nieder). Donna.... Lucretia. Endlich, ich habe dir das Leben ge⸗ rettet! Gennaro. So ſagt Ihr. Das Alles iſt voll Dunkel; ich weiß nicht, was ich denken ſoll. Seht, Donna, ich kann Euch Alles verzeihen, eins ausgenommen. Lucretia. Und was? Gennaro. Schwört mir bei Allem, was Euch theuer iſt, bei meinem Haupt, weil Ihr mich liebt, bei dem ewigen Heil meiner Seele, ſchwört mir, daß Eure Verbrechen nichts mit dem Unglück meiner Mutter zu ſchaffen haben. Lueretia. Jedes Wort zu dir, Gennaro, iſt mir heilig. Ich kann dir das nicht beſchwören. 6 Gennaro. O meine Mutter, meine Mutter! Da i*ſt alſo das entſetzliche Weib, welches dein Unglück war! Lucretia. Gennaro! Gennaro. Ihr hadt bekannt, Donna! Seid ver⸗ flucht! Lucretia. Und du, Gennaro, ſei geſegnet!(Er geht, ſie ſinkt ohnmächtig in den Seſſel.) Zweite Abtheilnng. (Die zweite Decoration. Der Platz von Ferrara mit dem herzoglichen Balcon auf der einen und dem Hauſe des Gen⸗ naro auf der andern Seite. Nacht.) Erſte Scene. Don Alphons, Ruſtighello(in Mäntel gehüllt). Ruſtighello. Ja, Herr, das ging ſo zu. Sie gab ihn, ich weiß nicht durch welchen Trank, dem Leben zurück und ließ ihn durch den Hof des Palaſtes Negroni entwiſchen. 3 Alphons. Und du haſt es gelitten? Ruſtighello. Wie es hindern? Sie hatte die Thüre verriegelt; ich war eingeſchloſſen. — 73— Alphons. Du hätteſt die Thüre einbrechen ſollen. NRuſtighello. Eine Thüre von Eichenholz, ein Riegel von Eiſen. Eine Kleinigkeit! Alphons. Was macht das! Du mußteſt den Rie⸗ gel ſprengen, ſage ich dir, du mußteſt einbrechen und ihn tödten. Ruſtighello. Erſtens, geſetzt auch, ich hätte die Thüre einbrechen können, ſo würde ihn Donna Lucretia mit ihrem Körper gedeckt haben. Ich hätte auch Donna Lucretia tödten müſſen. Alphons. Und? nun? Ruſtighello. Dazu hatte ich keinen Befehl. Alphons. Ruſtighello! Gute Diener begreifen die Fürſten, indem ſie ihnen die Mühe ſparen, Alles zu ſagen. Ruſtighello. Und dann hätte ich Eure Hoheit mit dem Pabſte zu entzweien gefürchtet. Alphons. Dummkopf! Ruſtighello. Das war eine kitzliche Sache, Herr, die Tochter des heiligen Vaters zu tödten! Alphons. Nun, konnteſt du nicht, ohne ſie zu tödten, ſchreien, rufen, mich benachrichtigen, ihren Lieb⸗ haber an der Flucht verhindern? Ruſtighello. Ja, und morgen würde Eure Ho⸗ heit ſich mit Donna Lucretia verſöhnt haben, und über⸗ morgen würde Donna Lucretia mich haben hängen laſſen. — 74— Alphons. Genug. Du ſagteſt mir, es ſei noch nichts verloren.. 1 Ruſtighello. Nein. Ihr ſeht ein Licht an die⸗ ſem Fenſter. Der Gennaro iſt noch nicht abgereiſt. Sein Knecht, den die Herzogin beſtochen hatte, iſt jetzt von mir beſtochen und hat mir Alles geſagt. In dieſem Au⸗ genblick wartet er auf ſeinen Herrn hinter der Citadelle mit zwei geſattelten Pferden. Der Gennaro wird ſo⸗ gleich ausgehen, um ihn aufzuſuchen. Alphons. In dem Fall ſtellen wir uns hinter die Ecke ſeines Hauſes. Es iſt finſtere Nacht. Wir tödten ihn, wenn er vorbeigeht. Ruſtighello. Wie es Euch beliebt. Alphons. Dein Degen iſt gut? Ruſtighello. Ja. Alphons. Du haſt einen Dolch? Ruſtighello. Ein Italiener ohne Dolch und eine Italienerin ohne einen Geliebten ſind zwei Dinge, die man nicht leicht unter der Sonne findet. Alphons. Gut, du wirſt mit beiden Händen zu⸗ ſtoßen.. Ruſtighello. Herr Herzog, warum laßt Ihr ihn nicht ganz einfach verhaften und nach einem Ausſpruch des Fiscals hängen? Alphons. Er iſt ein Unterthan von Venedig; das hieße der Republick den Krieg erklären. Nein. Ein 4 4 — 75— Dolchſtich kommt, man weiß nicht woher, und bringt Niemand in Verlegenheit. Gift taugt noch mehr, aber es hat nicht gewirkt. Ruſtighello. Wollt Ihr dann, Herr, daß ich vier Sbirren hole, um ihn abzuthun, ohne daß Eure Hoheit die Mühe hat, ſich hinein zu mengen. Alphons. Mein Lieber, der Herr Machiavell hat mir oft geſagt, daß in ſolchen Fällen die Fürſten am Beſten ſelbſt ihre Geſchäfte beſorgen. Ruſtighello. Herr, ich höre Jemand kommen. Alphons. Stelten wir uns da an die Mauer. (Sie verbergen ſich im Schatten unter dem Balcon.) (Maffio, feſtlich gekleidet, tritt auf; er kommt ſingend und klopft an die Thüre von Gen⸗ naro.) Zweite Scene. Don Alphons und Ruſtig hello(verſteckt.) Maffio, Gennaro. Maffio. Gennaro!(Die Thür öfnet ſich, Gennaro tritt auf.). Gennaro. Biſt du es, Maffio? Willſt du herein⸗ kommen? Maffio. Nein. Ich habe dir nur zwei Worte zu ſagen. Kommſt du beſtimmt nicht dieſen Abend mit uns zu der Fürſtin Negroni? Gennaro. Ich bin nicht eingeladen. Maffio. Ich werde dich vorſtellen. Gennaro. Ich habe noch einen andern Grund; ich muß dir es ſagen. Ich reiſe ab. Maffio. Wie, du gehſt? Gennaro. In einer Viertelſtunde. Maffio. Warum? Gennaro. Ich werde dir es zu Venedig ſagen. Maffio. Liebeshändel. Gennaro. Ja, Liebeshändel. Maffio. Du handelſt nicht recht gegen mich, Gen⸗ naro. Wir haben uns geſchworen, uns nie zu verlaſſen, uns nie zu trennen, Bruder zu ſein, und nun reiſeſt du ohne mich ab! Gennaro. Komm mit mir! Maffio. Komm lieber mit mir! Es iſt viel an⸗ genehmer, die Nacht bei Tiſche mit ſchönen Weibern und fröhlichen Gäſten hinzubringen, als auf der Landſtraße zwiſchen Banditen und Abſtürzen. Gennaro. Du trauteſt dieſen Morgen deiner Fürſtin Negroni nicht viel. Maffio. Ich habe mich erkundigt. Jeppo hatte Recht. Sie iſt eine liebenswürdige, gut gelaunte Dame, welche Verſe und Muſik liebt, das iſt Alles. Fort, komm mit mir! Gennaro. Ich kann nicht. Maffio. In tiefer Nacht abzureiſen! Willſt du dich ermorden laſſen? — 77— Gennaro. Sei ruhig. Lebe wohl. Viel Ver⸗ gnügen.. Maffio. Bruder Gennaro, mir ahnt nichts Gu⸗ tes von deiner Reiſe. Gennaro. Bruder Maffio, mir ahnt nichts Gu⸗ tes von deinem Gaſtmahl. Maffio. Wenn dir irgend was zuſtieße, ohne das ich zugegen wäre! Gennaro. Wer weiß, ob ich mir morgen nicht vorwerfe, dich dieſen Abend verlaſſen zu haben? Maffio. Beſtimmt, trennen wir uns nicht, ein jeder gibt dem Andern ein wenig nach. Komm dieſen Abend mit mir zur Negroni, und morgen bei Tagesan⸗ bruch reiſen wir zuſammen ab. Soll das ein Wort ſein? Gennaro. Ich muß dir den Grund meiner plötzlichen Abreiſe erzahlen, Maffio. Du magſt dann be⸗ urtheilen, ob ich recht habe.(Er nimmt Mafſio bei Seite und ſpricht ihm in's Ohr.) Ruſtighello(unter dem Balcon leiſe zu Alphons.) Greifen wir an, Herr! Alphons(eeiſe). Warten wir das Ende davon ab. Maffio(bricht nach Gennaro's Erzählung in Lachen aus.) Gennaro, ſoll ich dir ſagen: du biſt angeführt! Bei der ganzen Geſchichte gab es weder Gift noch Ge⸗ gengift. Reines Poſſenſpiel. Die Lucretia iſt toll in dich verliebt, ſie wollte dich glauben machen, daß ſie dir das Leben gerettet, um dich ganz ſacht aus der Dankbarkeit in die Liebe ſchlüpfen zu laſſen. Der Her⸗ zog iſt ein guter Mann, unfähig, irgend jemand zu ver⸗ giften oder zu ermorden. Du haſt außerdem ſeinem Vater das Leben gerettet, und er weiß es. Die Her⸗ zogin verlangt deine Abreiſe, das iſt ganz einfach. Ihr Liebeshandel würde zu Venedig ſich leichter fortſpinnen, als zu Ferrara. Der Gemahl hindert ſie doch immer ein wenig. Was das Gaſtmahl der Negroni anbelangt, ſo ſage ich dir, es wird köſtlich ſein. Du kommſt hin! Was Teufel, man muß ein wenig überlegen und nichts übertreiben. Du weißt, ich bin vorſichtig und ein guter Rathgeber. Weil es zwei oder drei berüchtigte Abend⸗ eſſen gab, wobei die Borgia mit ſehr gutem Wein einige ihrer guten Freunde vergiftet haben, ſo iſt dies doch kein Grund, gar nicht mehr zu Abend zu eſſen. Das iſt kein Grund, in dem köſtlichen Syrakuſaner immer Gift und hinter allen ſchönen Fürſtinnen Italiens immer Lu⸗ cretia Borgia zu ſehen. Geſpenſter und Ammenmähr⸗ chen all das! Wenn man ſo ſchließen wollte, könnten nur die Kinder an der Bruſt unbeſorgt trinken und ru⸗ hig ihre Nahrung zu ſi ſich nehmen. Bei'm Herkules, Gen⸗ naro, ſei ein Kind oder ein Mann. Lege dich wieder an deine Amme, oder komm zum Gaſtmahl. Gennaro. In der That, es iſt etwas ſenderbar ſich ſo des Nachts fortzumachen; es ſieht aus, als fürch⸗ tete ich mich. Außerdem, wenn das Bleiben gefährlich iſt, darf ich Maffio nicht allein laſſen. Es mag daraus 70— werden, was da will. Das Eine iſt ſo gut, wie das An⸗ dere. So ſei es. Du wirſt mich der Fürſtin Negroni vorſtellen, Ich gehe mit dir. Maffio(nimmt ihn bei der Hand.) Bei Gott! das iſt ein Freund!(Sie gehen ab. Man ſieht ſie nach dem Hin⸗ tergrunde des Platzes zugehen. Don Alphons und Ruſtighello treten aus ihrem Verſteck hervor.) Ruſtighello(mit entblöstem Degen). Ha! was wartet Ihr, Herr? Es ſind nur zwei, ſucht Euern Mann aus, ich nehme den andern auf mich. Alphons. Nein, Ruſtighello. Sie werden bei der Fürſtin Negroni zu Nacht ſpeiſen, wenn ich gut unter⸗ richtet bin...(Er unterbricht ſich und ſcheint einen Au⸗ genblick nachzudenken, dann bricht er in Lachen aus.) Wahr⸗ haftig! Das würde meine Sache noch beſſer abthun, es wäre eine drollige Geſchichte. Warten wir bis morgen. (Sie gehen in den Palaſt zurück.) — 809— Dritte Handlung. Betrunken.— Todt. Perſonen. Donma Lucretia Borgia. Don Apoſtolo Gazella. Gennaro. Oloferno Vitellozzo. Gubetta. Die Fürſtin Negroni. Jeppo Liveretto. Damen. Ascanio Petrucci. Pagen. Maffio Orſini. Mönche. Ein prächtiger Saal des Palaſtes Negroni. Zur Rechren eine blinde Thüre. Im Hintergrund eine große und ſehr breite Flügelthüre. In der Mitte eine im Geſchmack des 15ten Jahrhunderts prächtig beſetzte Tafel. Kleine, ſchwarze in Goldbrokat gekleidete Sclaven warten auf.— Im Augen⸗ blick, wo der Vorhang aufgeht, ſitzen vierzehn Gäſte an der Tafel, Jevpo, Mafſio, Ascanio, Oloferno, Apoſtolo, Gen⸗ naro, Gubetta und ſieben hübſche, ſehr elegant gekleidete Da⸗ men. Alle, Gennaro ausgenommen, der nachdenkend und ſchweigend ausſieht, eſſen und trinken, oder lachen aus vollem Halſe mit ihren Nachbarinnen. Erſte Scene. Jeppo, Maffio, Ascanio, Oloferno, Don Apo⸗ ſtolo, Gubetta, Gennaro, Damen, Pagen. Oloferno(ſein Glas in der Hand.) Es lebe der — 81— Wein von Peres! Feres de la Frontera iſt eine Stadt des Paradieſes. Maffio(ſein Glas in der Hand). Der Wein, den wir trinken, iſt mehr werth, als die Geſchichten, welche du uns erzählſt, Jeppo. Ascanio. Jeppo hat die Krankheit, Geſchichten zu erzählen, wenn er getrunken hat. Apoſtolo. Ein ander Mal war es zu Venedig bei dem hohen Dogen Barbarigo; heute iſt es zu Fer⸗ rara bei der göttlichen Fürſtin Negroni. Jeppo. Ein ander Mal war es eine ſchauerliche, heute iſt es eine luſtige Geſchichte. Maffio. Eine luſtige Geſchichte, Jeppo! Wie es kam, daß Don Siliceo, ein ſchöner Cavalier von dreißig Jahren, der ſein Erbtheil im Spiel verloren hatte, die reiche Marquiſe Calpurnia heirathete, die achtundvierzig Frühlinge zählte. Bei dem Leibe des Bachus, du fin⸗ deſt das luſtig! Gubetta. Das iſt traurig und gewöhnlich. Ein ruinirter Mann heirathet eine Ruine von einem Weibe. Das ſieht man alle Tage.(Er fängt an zu eſſen. Von Zeit zu Zeit ſtehen Einige von der Tafel auf und plaudern auf dem Vordergrund der Bühne, während das Gelag fortdauert.) Negroni(zu Mafſio, indem ſie auf Gennaxo deutet). Herr Graf Orſini, Ihr habt da einen Freund, der ſehr traurig ausſieht. Maffio. Er iſt immer ſo, Donna. Ihr müßt VI. 1 6 mir verzeihen, daß ich ihn hierher brachte, obgleich Ihr ihm die Gnade einer Einladung nicht erwieſen hattet. Er iſt mein Waffenbruder. Er hat mir das Leben bei dem Sturm von Rimini gerettet. Ich habe bei dem Angriff auf die Brücke von Vicenzia einen Degenſtich erhalten, der ihm galt. Wir trennen uns nie; wir leben zuſammen. Ein Zigeuner hat uns vorausgeſagt, daß wir am nämlichen Tage ſterben würden. Negroni(lacht.) Hat er Euch auch geſagt, ob das am Morgen oder am Abend geſchehen würde? Maffio. Er ſagte uns, es würde am Morgen ge⸗ ſchehen. Negroni(uacht ſtärker). Euer Zigeuner wußte nicht, was er ſagte.— Und liebt Ihr den jungen Menſchen ſehr? Maffio. So ſehr, als ein Mann den andern lie⸗ ben kann. Negroni. Nun! Ihr genügt euch einander. Ihr ſeid glücklich. Maffio. Die Freundſchaft füllt nicht allein das Herz aus, Donna. Negroni. Mein Gott, was denn? Maffio. Die Liebe. Negroni. Ihr habt immer die Liebe auf den Lippen. Maffio. Und Ihr die Liebe in den Augen. Negroni. Ihr ſeid ſehr ſonderbar! — 83— Maffio. Und Ihr ſehr ſchön!(Er faßt ſie um die Hüfte.). Negroni. Herr Graf Orſini, laßt mich! Maffio. Einen Kuß auf Eure Hand? Negroni. Nein!(Sie entwiſcht ihm.) Gubetta(nähert ſich Maffio.) Eure Sachen ſtehen gut bei der Fürſtin. Maffio. Sie ſagt immer: Nein, zu mir. Gubetta. In dem Munde eines Weibes iſt das Nein der ältere Bruder des Ja. Jeppo(geſellt ſich zu ihnen, zu Maffio.) Wie findeſt du die Fürſtin Negroni? Maffio. Anbetungswürdig. Unter uns, ſie fängt an, mir ganz verzweifelt am Herzen zu nagen. Jeppo. Und ihr Gaſtmahl? Maffio. Eine vollſtändige Orgie. Jeppo. Die Fürſtin iſt Wittwe. Maffio. Man ſieht es an ihrer Munterkeit. Jeppo. Ich hoffe, du haſt keinen Argwohn mehr gegen ihr Gaſtmahl? 3 Maffio. Ich! Wie ſollt ich! Ich war ein Narr. Jeppo(zu Gubetta.) Herr von Belverana, Ihr würdet nicht glauben, daß Maffio ſich ſcheute, zum Eſſen der Fürſtin zu kommen? Gubetta. Scheute? Warum? Jeppo. Weil der Palaſt Negroni an den Palaſt Borgia ſtößt. 6*† — 81— Gubetta. Zum Teufel mit der Borgia!— Trin⸗ ken wir! Jeppo cleiſe zu Maffio.) Was mir an dem Bel⸗ verana gefällt, iſt, daß er die Borgia nicht leiden kann. Maffio(leiſe.) In der That, er läßt keine Gele⸗ genheit vorbei, ohne ſie mit einer ganz beſondern Grazie zum Teufel zu ſchicken. Dennoch, mein lieber Jeppo... Jeppo. Nun! Maffio. Ich beobachte ſeit dem Anfang des Gaſt⸗ mahls dieſen ſogenannten Spanier. Er hat bis jetzt nichts als Waſſer getrunken. Jeppo. Da kommt ja dein Verdacht wieder, mein guter Freund Maffio! Der Wein macht dich ſonderbar monoton. Maffio. Vielleicht haſt du recht. Ich bin ein Narr. Gubetta(kommt zurück und betrachtet Maffio von Kopf bis zu Füßen.) Wißt Ihr auch, Herr Maffio, daß Ihr für ein Leben von neunzig Jahren gebaut ſeid und daß Ihr meinem Großvater gleicht, der dieß Alter er⸗ lebte und wie ich Gil— Baſilio— Fernan— Frenco— Felipe— Frasco— Fiasquito Graf von Belverana hieß? Jeppo(leiſe zu Maffio.) Ich hoffe, du zweifelſt jetzt nicht mehr am ſeiner ſpaniſchen Rage. Er hat we⸗ nigſtens zwanzig Taufnamen.— Welche Litanei, Herr Belverana! Gubetta. Ach unſre Eltern ſind gewöhnt, uns — 85— mehr Namen bei der Taufe, als Thaler bei der Hoch⸗ zeit zu geben. Aber was haben ſie denn da unten zu lachen?(bei Seite.) Die Weiber müſſen doch einen Vor⸗ wand zum Weggehen haben. Was thun? (Er geht zurück und ſetzt ſich an die Tafel.) Oloferno(trinkt.) Bei'm Herkules, meine Herren, ich habe nie einen herrlichern Abend verlebt! Meine Da⸗ men, verſucht dieſen Wein. Er iſt ſüßer, als Lacrimae Christi, und glühender, als der Wein von Cypern. Das iſt Syrakuſaner, meine Herren! Gubetta(ißt.) Oloferno iſt betrunken, wie es ſcheint. Oloferno. Meine Damen, ich muß Euch einige Verſe herſagen, die ich eben gemacht habe. Ich möchte ein beſſerer Dichter ſein, als ich bin, um ſo bewunderns⸗ würdige Frauen zu feiern. Gubetta. Und ich möchte reicher ſein, als ich bin, um meinen Freunden ſolche Weiber zu geben. Oloferno. Nichts iſt ſüßer, als eine ſchöne Dame und ein gutes Eſſen zu beſingen. Gubetta. Als, die Eine zu umarmen und das Andre zu eſſen. Oloferno. Ja ich möchte Dichter ſein. Ich möchte mich in den Himmel ſtürzen können. Ich wollte, ich hätte zwei Flügel.... Gubetta. Von einem Faſan auf meinem Teller. Oloferno. Ich will Euch aber doch mein Sonett herſagen.. — 36— Gubetta. Beum Teufel, Herr Marquis Oloferno Vitellozzo! Ich erlaube Euch, uns Euer Sonett nicht herzuſagen. Wir wollen trinken! Oloferno. Ihr erlaubt mir, mein Sonett nicht herzuſagen? Gubetta. Wie ich den Hunden erlaube, mich nicht zu beißen, dem Pabſt, mich nicht zu ſegnen, und den Vorübergehenden, mir keine Steine in die Rippen zu werfen. 3 Oloferno. Teufel! Ihr beleidigt mich! Ihr Männlein von einem Spanier. Gubetta. Ich beleidige Euch nicht, großer Coloß von einem Italiener. Ich entziehe Eurem Sonett meine Aufmerkſamkeit; nichts weiter. Mein Gaumen duürſtet mehr nach Cypernwein, als meine Ohren nach Poeſtie. Oloferno. Ich will Euch Eure Ohren an die Ferſen nageln, mein ſchäbiger Herr Caſtilier! Gubetta. Ihr ſeid ein abgeſchmackter Schlingel! Pfui! Sah man jemals ſo einen Tölpel? Sich mit Sy⸗ rakuſaner zu berauſchen und auszuſehen, als hatte man ſich an Bier beſoffen! Oloferno. Wißt Ihr auch, daß ich Euch in vier Stücke hauen werde, bei'm Teufel! Gubetta(während er einen Fafanen zerlegt.) Das ſage ich nicht von Euch, ich zerlege nicht ſo gemeines Geflügel.— Meine Damen, darf ich Euch von dieſem Faſan anbieten? 3 — —— — Oloferno(wirft ſich auf ein Meſſer.) Bei Gott, ich will dem Buben die Gedärme herausreißen, und wäre er ein beſſerer Edelmann, als der Kaiſer! Die Damen(cerheben ſich.) Himmel! ſie werden ſich ſchlagen! Die Maͤnner: Ruhig, Oloferno! (Sie entwaffnen Oloferno, der ſich auf Gu⸗ betta werfen will, unterdeſſen entfernen ſich die Damen durch die Seitenthüre.) Oloferno(ſcch wehrend.) Beim Teufel! Gubetta. Ihr reimt ſo reichlich auf Teufel, mein lieber Dichter, daß Ihr dieſe Damen in die Flucht ge⸗ jagt habt. Ihr ſeid ſehr empfindlich und ſehr ungeſchickt. Jeppo. Das iſt wahr. Wo zum Henker ſind ſie hingekommen? Maffio. Sie hatten Furcht. Bei'm Meſſerziehen die Weiber fliehen.* Ascanio. Doch ſie werden wieder kommen. Oloferno(indem er Gubetta droht.) Ich werde dich morgen finden, mein kleiner Teufel Belverana. Gubetta. Morgen, ſobald es Euch beliebt! Oloferno(ſetzt ſich wankend und verdrießlich nieder.) Gubetta(bricht in Lachen aus.) Der Schwachkopf! Die ſchönſten Weiber aus Ferrara mit einer Meſſerklinge im Stiel eines Sonetts in die Flucht zu jagen! Sich über Verſe zu ärgern! Ich glaube wohl, daß er Flügel hat. Das iſt kein Menſch, das iſt ein Vogel. Das ſetzt ſich auf die Stange, das muß auf einer Klaue ſchlafen. Das Oloferno da! Jeppo. Nacht Friede, Ihr Herren! Morgen, mor⸗ gen könnt Ihr Euch in aller Höflichkeit die Kehlen ab⸗ ſchneiden. Beim Jupiter, Ihr werdet Euch wenigſtens wie Edelleute mit dem Degen und nicht mit Meſſern ſchlagen. Ascanio. Da fällt mir bei, was haben wir mit unſern Degen gemacht? Apoſtolo. Ihr vergeßt, daß man ſie uns im Vor⸗ zimmer ablegen ließ. Gubetta. Und die Vorſicht war nöthig, ſonſt hät⸗ ten wir uns vor den Damen geſchlagen. Ein von Ta⸗ back berauſchter Flamländer würde davor erröthet ſein. Gennaro. Eine gute Vorſicht, in der That. Maffio. Bei Gott, mein Bruder Gennaro, das iſt das erſte Wort, was du ſeit dem Anfang des Gaſt⸗ mahls ſprichſt; auch trinkſt du nicht. Träumſt du von Lu⸗ cretia Borgia? Gennaro! Du haſt offenbar ſo was von einer Liebſchaft mit ihr! Sage nicht: nein! Gennaro. Gieb mir zu trinken, Maffio! Ich laſſe meine Freunde ſo wenig bei Tiſche, als im Feuer im Stich. Ein ſchwarzer Page(zwei Flaſchen in der Hand.) Page. Meine Herren, Wein von Cypern oder von Syrakus? Maffio. Syrakuſaner, der iſt beſſer.(Der Page füllt alle Gläſer.) — 89— Jeppo. Hole die Peſt den Oloferno! Werden die Damen nicht zurückkommen?(Er geht nach einander an die beiden Thüren.) Die Thüren ſind von Außen ver⸗ ſchloſſen, meine Herren! Maffio. Fange jetzt nicht an, deinerſeits Furcht zu haben, Jeppo! Sie wollen, daß wir ſie nicht verfol⸗ gen. Das iſt ganz einfach. Gennaro. Trinken wir, meine Herren! (Sie ſtoßen mit ihren Gläſern an.) Maffio. Auf deine Geſundheit, Gennaro! Mögeſt du deine Mutter bald wieder finden! Gennaro. Möge Gott dich erhören!(Alle trin⸗ ken, Gubetta ausgenommen, der ſeinen Wein über die Schuk⸗ ter ſchüttet.) Maffio(leiſe zu Jeppo). Jetzt, Jeppo, hab' ich es deutlich geſehen. Jeppo(leiſe). Was? Maffio. Der Spanier hat nicht getrunken. Jeppo. Nun? Maffio. Er hat ſeinen Wein über die Schulter geſchüttet... Jeppo. Er iſt betrunken, wie du. 3 Maffio. Das iſt möglich. Gubetta. Ein Trinklied, meine Herrn! Ich will Euch ein Trinklied ſingen, was ſo viel werth iſt, als das Sonett des Marquis Oloferno. Bei dem guten alten Schädel meines Vaters ſchwöre ich, daß ich das Lied nicht gemacht habe, ſintemal ich kein Dichter bin und —— 8 „ — 90— nicht Geiſt genug habe, um ſich zwei Reime am Ende eines Gedankens ſchnabeln zu laſſen. Da iſt mein Lied. Es iſt an den heiligen Peter, den Pförtner des Para⸗ dieſes, gerichtet und hat den feinen Gedanken zu Grunde liegen, daß der Himmel des lieben Herrgott dem Trinker gehört. Jeppo(Ceiſe zu Maffioy. Er iſt mehr als betrun⸗ ken, er iſt beſoffen. Alle(Gennaro ausgenommen). Das Lied! das Lied! Kommt ein Trinker hinaufgeſtiegen, Laß ihn nicht vor der Thüre liegen, Iſt ſeine Stimme hell und klar, Zu ſingen in der himmliſchen Schaar: domino! Alle(Gennaro ausgenommen). Gloria domino! (Sie ſtoßen mit den Gläſern an, indem ſie laut lachen; plötzlich hört man Stimmen in der. Ferne in ſchauerlichen Tönen ſingend.) Stimmen von Außen: Sanctum et terribile nomen ejus. Initium sapientiae timor domini. Jeppo lacht aus vollem Halſe). Hört, meine Her⸗ ren! Corpo di baco! während wir Trinklieder ſingen, ſingt das Echo die Vesper. Alle. Hört! Stimmen von Außen(etwas mehr in der Nähe). Nisi dominus custodierit civitatem, frustra vigilat, qui custodit eam.(Alle brechen in Lachen aus.) Jeppo. Ganz reiner Kirchengeſang. — 991— Maffio. Ein Prozeſſion, die vorübergeht. Gennaro. Um Mitternacht! Das iſt etwas ſpät. Jeppo. Bah! Fahrt fort, Herr v. Belverana. Stimmen von Außen üindem ſie näher und näher tommen). Oculos habent, et non videbunt. Nares habent, et non odorabunt. Aures habent, et non audient.(Alle lachen ſtärker.) Jeppo. Wie die Mönche pläͤrren! Maffio. Sieh' doch, Gennaro, die Lampen erlö⸗ ſchen. Wir werden gleich im Finſtern ſitzen. (Die Lampen brennen düſter, als wenn ſie kein Oel mehr hätten.) Stimmen von Außen(noch näher). Manus ha- bent, et non palpabunt; pedes habent, et non ambu- labunt; non clamabunt in gutture suo. Gennaro. Die Stimmen ſcheinen ſich zu nähern. Jeppo. Es iſt mir, als ob die Prozeſſion in dieſem Augenblick unter unſern Fenſtern wäre. Maffio. Es ſind Todtengebete. Ascanio. Das iſt ein Leichenbegängniß. Jeppo. Trinken wir auf die Geſundheit deſſen, den ſie begraben. Gubetta. Wißt Ihr denn, ob es nicht mehrere ſind? 2 Jeppo. Nun denn, auf die Geſundheit von Allen! Apoſtolo(zu Gubetta.) Bravo! Fahren wir fort mit unſerm Gebet zum heiligen Peter. 1 47 Gubetta. Sprecht doch höflicher. Man ſagt zu dem Herrn: Sanct Peter, ſehr ehrbarem Thürſteher und wohlbeſtalltem Kerkermeiſter des Paradieſes. (Er ſingt.) Kommt ein Trinker heraufgeſtiegen, Laß ihn nicht vor der Thüre liegen, Iſt ſeine Stimme hell und klar, Zu ſingen in der himmliſchen Schaar: domino! Alle. Gloria domino! Sperr' auf das Thor, ſo weit du kannſt, „Dem Trinker mit dem dicken Wanſt, Daß man im Himmel ſchwören ſollt', Es käm' ein Faß hereingerollt. Alle(ſtoßen unter Gelächter mit den Gläſern an.) Gloria domino! (Die große Thüre im Hintergrund öffnet ſich ohne Geräuſch in ihrer ganzen Breite. Man erblickt einen weiten, ſchwarz ausgeſchlage⸗ nen, durch einige Fackeln erleuchteten Saal mit einem großen ſilbernen Kreuz im Hin⸗ tergrund. Schwarze und weiße Büßende, von denen man nichts als die Augen durch die Löcher ihrer Capuzen ſieht, treten in einer langen Reihe, Fackeln in den Händen, durch die große Thüre ein, während ſie laut 8 unnd in unheimlichem Ton ſingen:„De pro- fundis clamavi ad te, domine!“— Dann ſtellen ſie ſich ſchweigend zu beiden Seiten des Saales auf und bleiben daſelbſt unbe⸗ weglich, wie Statuen, ſtehen, während die jungen Edelleute ſie erſtaunt betrachten.) Maffio. Was ſoll das heißen? Jeppo emit gezwungenem Lachen.) Das iſt ein Scherz; ich wette mein Pferd gegen ein Ferkel und meinen Namen Liveretto gegen den Namen Borgia, daß dies unſre allerliebſten Damen ſind, die ſich verkleidet haben, um uns auf die Probe zu ſtellen, und daß, wenn wir zufällig eine von dieſen Capuzen aufſchlagen, wir arunter das friſche und boshafte Geſicht eines ſchönen Weibes finden werden. Seht nur!(Er hebr lachend eine der Capuzen auf und bleibt wie verſteinert ſtehen, indem er darunter das gelbe Geſicht eines Mönches erblickt, der unbe⸗ weglich, die Fackel in der Hand, mit niedergeſchlagenen Augen ſtehen bleibt. Er läßt die Capuze fallen und fährt zurück.) Das fängt an, ſeltſam zu werden! Maffio. Ich weiß nicht, warum mir das Blut in den Adern ſtockt.(Die Mönche ſingen mit heller Stimme: Conquassabit capita in terra multorum 0 Jeppo. Welch abſcheuliche Falle! Unſre Oegen! unſre Degen! Ha, meine Herren, wir ſind bei dem Teufel! 4 Zweite Scene. Oie Nämlichen. Donna Lucretia. Lucretia(ſchwarz gekleidet, erſcheint plötzlich auf der Schwelle der Thüre), Ihr ſeid bei mir! — 94— Alle(Gennaro ausgenommen, der in einem Winke! der Bühne zuſteht, ſo daß ihn Lucretia nicht bemerkt). Lu⸗ eretia Borgia! Lucretia. Es ſind einige Tage her, ſeit ihr Alle, wie ihr hier ſeid, triumphirend dieſen Namen manntet. Heute nennt ihr ihn mit Schauder. Ja, betrachtet mich nur mit euren ſchrecken⸗ſtarren Augen; ich bin es, meine Herrn. Ich komme, um euch was Neues zu ſagen, nämlich, daß ihr Alle vergiftet ſeid und daß Keiner von euch eine Stunde mehr zu leben hat. Rührt euch nicht! der anſtoßende Saal iſt voll Piken. Jetzt iſt die Reihe an mir, jetzt iſt's an mir, laut zu ſprechen und euch den Kopf mit der Ferſe einzutreten! Jeppo Liveretto, gehe zu deinem Onkel Vitelli, den ich in den Kellern des Va⸗ tikan erdolchen lieh! Ascanio Petrucci, beſuche deinen Vetter Pandolfo, den ich ermordet habe, um ihm ſeine Stadt zu ſtehlen! Oloferno Vitellozzo, dein Onkel er⸗ wartet dich, du weißt, der Jago von Appiani, den ich bei einem Gaſtmahl vergiftet habe! Maffio Orſini, un⸗ terhalte dich von mir in der andern Welt mit deinem Bruder Gravina, den ich erdroſſeln ließ, während er ſchlief! Apoſtolo Gazella, ich habe deinen Vater Fran⸗ cisco Gazella enthaupten und deinen Vetter Alphons von Aragonien ermorden laſſen, wie du ſagſt; gehe hin zu ihnen! Bei meiner Seele! ihr habt mir einen Ball zu Venedig gegeben, ich gebe euch ein Abendeſſen zu Ferrara. Feſt um Feſt, meine Herren! — 95— Jeppo. Das iſt ein hartes Erwachen, Maffio! Maffio. Wenden wir uns zu Gott! Lucretia. Ach, meine jungen Freunde vom letzten Carneval! daran dachtet ihr nicht? Wahrhaftig, ich räche mich, wie mir däucht. Was ſagt ihr dazu, meine Her⸗ ren? Wer verſteht ſich hier auf Rache? Das iſt ſo übel nicht, meine ich! He? was haltet ihr davon? Für ein Weib!(Zu den Mönchen) Meine Väter, führt dieſe Edelleute in den anſtoßenden Saal, laßt ſte beichten und benutzt die wenigen Augenblicke, die ſie noch übrig haben, um ſo viel zu retten, als noch bei Jedem von ihnen gerettet werden kann.— Meine Herren, die unter euch, welche eine Seele haben, mögen ſich darnach richten. Seid unbeſorgt, ſie ſind in guten Händen. Dieſe wür⸗ digen Väter ſind die Mönche des heiligen Sixtus, denen unſer heiliger Vater, der Pabſt, erlaubt hat, mich bei dergleichen Gelegenheiten zu unterſtützen.— Und wie für eure Seelenſorge, ſo ſorgte ich auch für eure Leiber, ſeht!(Zu den Mönchen, die vor der Thüre im Hintergrund ſehen.) Tretet ein wenig zurück, damit dieſe Herren ſehen.(Die Mönche weichen aus einander, ſo daß man fünf mit ſchwarzen Tüchern bedeckte Särge vor der Thür erblickt.) Grade die Zahl. Es ſind doch wohl fünf?— Ach, ihr jungen Leute! ihr zerfleiſcht die Eingeweide eines un⸗ glücklichen Weibes, und ihr glaubt, daß ſie ſich nicht ra⸗ chen würde. Hier iſt der deinige, Jeppo; hier der dei⸗ nige, Maffio; Oloferno, Apoſtolo, Ascanio, hier ſind die eurigen! — 96— Gennaro(den ſie bisher nicht ſah, thut einen Schritt vorwärts). Ihr habt noch einen ſechsten nöthig, Donna! Lucretia. Himmel, Gennaro! Gennaro. Er ſelbſt. Lucretia. Geht Alle ſogleich hinaus.— Laßt uns allein.— Gubetta, laßt Niemand herein, was auch geſchehen, was man auch von dem, was hier vorgeht, hören mag. Gubetta. Gut. (Die Mönche ziehen in Prozeſſion hinaus, wäh⸗ rend ſie in ihrer Reihe die fünf wankenden und beſtürzten Herren fortführen.). — Dritte Scene. Gennaro. Donna Lucretia. (Einige erlöſchende Lampen brennen im Zimmer. Die Thüren ſind geſchloſſen. Donna Lu⸗ cretia und Gennaro, die allein zurückgeblie⸗ ben ſind, betrachten ſich ſchweigend einige Augenblicke, als wüßten ſie nicht, womit anfangen.) Lucretia(ſpricht zu ſich ſelbſt). Es iſt Gennaro! (Geſang der Mönche von außen: Nisi dominus aedificaverit domun, in vanum laborant, qui aedifcant eam.) Immer Ihr, Gennaro, immer Ihr unter all meinen Streichen! Gott im Himmel! wie ſeid Ihr dahinein gekommen? Gennaro. Ich ahnte Alles. — 97— Lucretia. Ihr ſeid abermals vergiftet, Iyr müßt ſterben! Gennaro. Wenn ich will; ich habe das Gegengift. Lucretia. Ach ja! Gott ſei gelobt! Gennaro. Ein Wort, Donna. Ihr ſeid erfahren in dergleichen. Iſt Elixir genug in dieſem Fläſchchen, um all die Edelleute zu retten, die Eure Mönche in die Särge ſchleppen? Lucretia(unterſucht das Fläſchchen). Kaum genug für Euch, Gennaro. Gennaro. Ihr könnt kein anderes auf der Stelle haben? Lucretia. Ich gab Euch alles, was ich hatte. Gennaro. Gut. Lucretia. Was macht Ihr, Gennaro? Eilt Euch doch! Spielt nicht mit ſo entſetzlichen Dingen, man kann ein Gegengift nicht ſchnell genug nehmen. Trinkt, im Namen des Himmels! Mein Gott, welche Unklugheit begeht Ihr da! Bringt Euer Leben in Sicherheit, ich werde Euch zum Palaſt durch eine verborgene Thüre, die ich kenne, hinauslaſſen. Alles kann noch gut werden. Es iſt Nacht. Die Pferde ſind gleich geſattelt. Morgen, morgen ſeid Ihr weit von Ferrara. Nicht wahr, es ge⸗ ſchehen da ſchaudervolle Dinge? Trinkt, und dann fort! Ihr müßt leben! Ihr müßt Euch retten! Gennaro gnimmt ein Meſſer vom Tiſch). Das heißt: Ihr werdet ſterben, Donna! VI. 7 Lucretia. Wie! was ſagt Ihr? Gennaro. Ich ſage Euch, daß Ihr verrätheriſcher Weiſe fünf Edelleute vergiftet habt, fünf meiner Freunde, meiner beſten Freunde, und unter ihren Maffio Orſini, meinen Waffenbruder, der mir das Leben zu Vieenzia gerettet hat und mit dem ich jede Beleidigung und jede Rache theile. Ich ſage Euch, daß Ihr eine niederträch⸗ tige Handlung begangen habt, daß ich Mafſio und die Andern rächen muß, und daß Ihr ſterben werdet. Lueretia. Himmel und Erde! 1 Gennaro. Syrecht Euer Gebet, Donna, und macht es kurz. Ich bin vergiftet, ich habe nicht Zeit zum Warten. Lucretia. Bah, das iſt unmöglich! Gennaro, mich tödten! Wäre das möglich? Gennaro. Das iſt die reine Wahrheit, Donna, und ich ſchwöre Euch bei Gott, daß ich an Eurer Stelle mich ſchweigend zum Gebet wenden würde, mit gefaltenen Händen und auf beiden Knieen.— Seht, da iſt ein Seſſel, der iſt gut dafur. Lucretia. Nein! Ich ſage Euch, daß das un⸗ möglich iſt. Nein! unter den ſchrecklichſten Gedanken, die mir durch die Seele gehen, wäre mir dieſer niemals gekommen.— Ach! ach! Ihr habt das Meſſer. Wartet, Gennaro, ich habe Euch etwas zu ſagen. Gennaro. Schneh!. Lueretia. Wirf dein Meſſer weg, Unglücklicher! — Wirf es weg! ſage ich dir! Wenn du wüßteſt.... Gennaro! weißt du, wer du biſt? Du weißt nicht, wie nahe ich dir ſtehe. Muß ich dir Alles ſagen? Das näm⸗ liche Blut fließt in unſern Adern, Gennaro! Johann Borgia, Herzog von Gandia, iſt dein Vater. Gennaro. Euer Bruder? Ha, Ihr ſeid meine Tante! Ach, Donna! Lueretia bbei Seite). Seine Tante! Gennaro. Hal ich bin Euer Neffe! Ach! meine Mutter iſt alſo dieſe unglückliche Herzogin von Gandia, die alle Borgia ſo unglücklich gemacht haben! Donna Lucretia, meine Mutter ſpricht mir von Euch in ihren Briefen; Ihr gehört unter die Zahl ihrer unnatürlichen Verwandten, von denen ſie mir mit Schauder ſpricht, die meinen Vater getödtet, die ihr Leben in Thränen und Blut ertränkt haben. Hal ich habe jetzt auch noch meinen Vater zu rächen und meine Mutter vor Euch zu retten! Ha! Ihr ſeid meine Tante! Ich bin ein Borgia! O, das macht mich toll!— Hört mich, Donna Lucretia Borgia. Ihr habt lang genug gelebt, und tragt eine 3 ſolche Laſt von Schandthaten, daß Ihr Euch ſelbſt ver⸗ haßt und zum Abſcheu ſein müßt. Ihr habt das Leben ſatt, ohne Zweifel, nicht wahr? Nun gut, es muß damit ein Ende werden. In Geſchlechtern, wie das unſrige, wo das Verbrechen erblich iſt und ſich vom Vater auf den Sohn mit dem Namen fortpflanzt, geſchieht es im⸗ mer, daß dies Geſchick ſich mit einem Morde ſchließt, 7* — 100— der gewöhnlich ein Verwandtenmord iſt, als das letzte Verbrechen, das alle übrigen ſühnt. Ein Edelmann iſt nie getadelt worden, wenn er einen ſchlechten Aſt von dem Stamme ſeines Hauſes abſchnitt. Der Spanier Mudarra hat ſeinen Onkel Rodrigo von Lara um we⸗ niger getödtet, als Ihr begangen habt. Alle lobten dieſen Spanier um den Mord ſeines Onkels. Verſteht Ihr, Donna? Fort! ich habe genug geſagt! Befehlt Gott Eure Seele, wenn Ihr an Gott und Eure Seele glaubt. Lucretia. Gennaro! Aus Erbarmen für dich! Du biſt noch unſchuldig, begehe nicht dies Verbrechen! Gennaro. Ein Verbrechen! O, mein Hirn ver⸗ wirrt ſich! Wäre das ein Verbrechen? Und wenn ich ein Verbrechen beginge? Bei Gott, ich bin ein Borgia! Auf die Kniee! ſage ich, meine Tante, auf die Kniee! Lucretia. Sagſt du wirklich, was du denkſt, mein Gennaro? Vergiltſt du mir ſo meine Liebe? Gennaro. Liebe!.... Lucretia. Das iſt unmöglich. Ich will dich vor dir ſelbſt retten. Ich werde rufen, ich werde ſchreien. Gennaro. Ihr werdet dieſe Thüre nicht öffnen. Keinen Schritt! Euer Schreien kann Euch nicht retten. Habt Ihr nicht ſelbſt befohlen, daß Niemand herein ſolle, man möge außen von dem, was hier vorginge⸗ hören, was man wolle? Lucretia. Aber es iſt feig, was du thuſt, Gen⸗ naro. Ein Weib tödten, ein wehrloſes Weib! Oh, du —————— — 101— trägſt einen edleren Sinn in deiner Seele! Höre mich, tödte mich dann, wenn du willſt; ich hänge nicht am Le⸗ ben, aber die Bruſt zerſpringt mir, ſie iſt voll Qualen über die Art, womit du mich bisher behandelt haſt. Du biſt jung, biſt ein Kind, und die Jugend iſt immer zu ſtreng. Oh! wenn ich ſterben ſoll, ſo will ich doch nicht von deiner Hand ſterben. Es iſt unmöglich, ſiehſt du? daß ich durch deine Hand ſterbe. Du weißt nicht, wie entſetzlich das wäre. Uebrigens, Gennaro, meine Stunde iſt noch nicht gekommen. Es iſt wahr, ich habe viele Verbrechen auf mich geladen, ich bin eine große Sün⸗ derin, und weil ich eine große Sünderin bin, muß man mir Zeit laſſen, mich zu bereiten und zu bereuen. Das iſt ſchlechterdings nothwendig, verſtehſt du, Gennaro? Gennaro. Ihr ſeid meine Tante, Ihr ſeid die Schweſter meines Vaters. Was habt Ihr mit meiner Nutter gemacht, Donna Lucretia Borgia? Lucretia. Warte! warte! Mein Gott! ich kann nicht Alles ſagen. Und dann, wenn ich Alles ſagte⸗ das würde deinen Abſcheu und deine Verachtung nur verdoppeln. Höre mich noch einen Augenblick. Oh, ich wollte, du ſäheſt mich büßend zu deinen Füßen! Du würdeſt mir das Leben ſchenken, nicht wahr? Willſt du, daß ich den Schleier nehme? Willſt du, daß ich mich in ein Kloſter einſchließe? Sieh', wenn man dir ſagte: dies elende Weib hat ſich das Haupt geſchoren, ſie ſchläft in der Aſche, ſie gräbt ihre Grube mit eigenen Händen, ſie betet zu Gott Nacht und Tag, nicht für ſich, die es wohl nöthig hätte, ſondern fuͤr dich, der du es nicht nö⸗ thig haſt; ſie thut all das, dies Weib, damit du eines Tages auf ihr Haupt einen mitleidigen Blick ſenkſt, da⸗ mit du eine Thräne auf die offnen Wunden ihrer Seele fallen läßt, damit du ihr nicht mehr mit einer Stimme ſo ſtreng, als wäre ſie die des letzten Gerichtes, ſagſt: Du biſt Lucretia Borgia! Wenn man dir das ſagte, Gennaro. würdeſt du es wagen, ſie zurückzuſtoßen? O, Gnade! Tödte mich nicht, mein Gennaro! Leben wir beide, du, um mir zu vergelten, ich, um zu bereuen! Habe etwas Mitleid mit mir! Endlich, was hilft es, ein ar⸗ mes, elendes Weib, das nichts als ein wenig Erbarmen will, ohne Erbarmen zu behandeln?— Ein wenig Er⸗ barmen! Gnade!— Und dann, ſiehſt du, mein Gennaro, ich ſage dir das für dich, es wäre wahrhaftig feige, was du da thun würdeſt, es wäre ein abſcheuliches Verbre⸗ chen, es wäre ein Mord! Ein Mann, der ein Weib tödtet! ein Mann, welcher der Stärkere iſt! O, du willſt das nicht! du willſtsdas nicht! Gennaro Genluo Donna. Lucretia. O, ich ſehe wohl, ich habe Onade ge⸗ funden! Ich leſe es in deinen Augen. O, laß mich zu deinen Füßen weinen! Eine Stimme von außen). Gennaro! Gennaro. Wer ruft mir? Die Stimme. Mein Bruder Gennaro! — 103— Gennaro. Das iſt Maffio! Die Stimme. Gennaro! Ich ſterbe! räche mich! Gennaro chebt das Meſſer). Genug. Ich höre nichts mehr. Verſteht Ihr, Donna? Ihr müßt ſterben! Lucretia(ſträubt ſich und hält ihm den Arm). Gnade Gnade! Noch ein Wort! Gennaro. Nein! Lucretia. Erbarmen! Höre mich! Gennaro. Nein! Lucretia. Im Namen des Himmels! Gennaro. Nein!(Er erſticht ſie.) Lucretia. Ach!... du tödteſt mich!— Gen⸗ naro, ich bin deine Mutter! A ——õããäöiãöãöãöõöõööõõ — ‿ — ‿ — Georg Buüchner. Perſonen. Maria, Königin. Jane. Gilbert. Fabiano Fabiani. Simon Renard. Joſua Farnaby. Ein Jude. Lord Clinton. Lord Chandos. Lord Montagn. Meiſter Aeneas Dulverton. Lord Gardiner. Ein Kerkermeiſter. Herren. Pagen. Wachen. Der Henker. (London 1553.) Erſte Handlung. Der Mann aus dem Volke. Perſonen. Gilbert. Lord Montagn. Fabian Fabiani. Joſhua Farnaby. Simon Renard. Jane. 3 4 Lord Chandos. Ein Jude. 4 Lord Clinton. Das ufer der Themfe. Eine öde Sandfläche. Ein aktes verfallenes Geländer verbirgt den Rand des Waſſers. Zur Rechten ein Haus von ärmlichem Ausſehen. An ſeiner Ecke ein kleines Madonnabild, zu deſſen Fuß eine Lampe in einem eiſernen Gitter brennt. Im Hintergrunde, jenſeits der Themſe, London. Man unterſcheidet zwei hohe Gebäude, den Tower und Weſtminſter.— Der Tag geht zu Ende. Erſte Sceue. Mehrere Männer ſtehen in verſchiedenen Gruppen auf dem ufer, unter ihnen Simon Renard⸗ John Bridges, Baron Chandos, Robert Clinton, Baron Clin⸗ ton, Anthony Brown, Vicomte von Montagu. Lord Chandos. Ihr habt Recht, Mylord. Dieſer 4 — 108— verdammte Italiener muß die Koͤnigin behext haben. Die Königin kann nicht mehr ohne ihn ſein. Sie lebt nur in ihm, all ihre Freude iſt in ihm, ſie hört nur ihn. Wenn ein Tag vergeht, ohne daß ſie ihn ſieht, ſo werden ihre Augen ſo ſchmachtend, wie zur Zeit, wo ſie den Cardinal Polus liebte, wißt Ihr noche? Simon Renard. Sehr verliebt, das iſt wahr, und folglich ſehr eiferſuͤchtig. Lord Chandos. Der Italiener hat ſie behext! Lord Mantagu. In der That, man ſagt, in ſeinem Lande verſtünde man ſich auf Tränke für der⸗ gleichen. Lord Clinton. Die Spanier verſtehen ſich auf Gifte, die Einen ſterben, und die Italiener auf Gifte, die Einen verliebt machen. Lord Chandos. Dann iſt der Fabiani zugleich Spanier und Italiener. Die Königin iſt krank und ver⸗ liebt. Er hat ihr von beiden zu trinken gegeben. Lord Montagu. Ahal in der That, iſt er Spa⸗ nier oder Italiener? Lord Chandos. Es ſcheint ausgemacht, daß er in Italien im Capitanat geboren und in Spanien erzogen worden iſt. Er behauptet, er ſei mit einem großen ſpa⸗ niſchen Geſchlechte verwandt. Lord Clinton kann das an den Fingern herzählen. Lord Clinton. Ein Abentheurer. Weder ein Spanier, noch weniger ein Engländer, Gott ſei Dank. — 100— Leute, die keinem Lande angehören, haben kein Erbar⸗ men mit einem Lande, wenn ſie mächtig ſind! Lord Montagu. Sagtet Ihr nicht, die Königin ſei krank, Chandos? Das hindert ſie nicht, mit ihrem Günſtling guter Dinge zu ſein. Lord Clinton. Guter Dinge! Guter Dinge! Während die Königin lacht, weint das Volk und mäſtet ſich der Günſtling. Der Menſch ſäuft Silber und frißt Gold! Die Königin hat ihm die Guter des Lord Talbot, des großen Lord Talbot, gegeben! Die Königin hat ihn zum Grafen von Clanbraſſil und Baron von Dinas⸗ monddy gemacht, den Fabiano Fabiani, den Lügner, der ſagt, er ſtamme aus dem ſpaniſchen Geſchlechte der Pe⸗ nalver. Er iſt Pair von England, wie Ihr, Montagu, wie Ihr, Chandos, wie Stanley, wie Norfolk, wie ich, wie der König! Er trägt das Hoſenband, wie der In⸗ fant von Portugal, wie der König von Dänemark, wie Thomas Percy, der ſiebente Graf von Northumberland! Und was für ein Tyrann das iſt, der uns von ſeinem Bette aus Geſetze macht! Nie lag es ſchwerer über England. Und doch habe ich viel geſehen, ich bin alt! Siebenzig neue Galgen zu Tyburn, die Scheiterhaufen immer Gluth und nie Aſche, die Art des Henkers wird jeden Morgen geſchliffen und iſt ſchartig jeden Abend. Jeden Tag fällt man einen großen Edlen. Vorgeſtern Blantyre, geſtern Northeurry, heute Sacth⸗Reppo, mor⸗ gen Tyrconnel. Die nächſte Woche kommt die Reihe an — 110— Guch, Chandos, und den nächſten Monat an mich! My⸗ lords! es iſt ſchmachvoll und ruchlos, daß all dieſe guten engliſchen Köpfe ſo zum Zeitvertreibe eines elenden Abentheurers fallen, der nicht einmal aus dieſem Lande iſt. Es iſt ein abſcheulicher und unerträglicher Gedanke, daß ein neapolitaniſcher Günſtling ſo viel Henkerblöcke, als er Luſt hat, unter dem Bette dieſer Königin hervor⸗ ziehen kann. Sie ſind guter Dinge, ſagt Ihr. Bei dem Himmel, das iſt ſchändlich! Hal ſie ſind guter Dinge, die Verliebten, während der Kopfabhacker vor ihrer Thüre Wittwen und Waiſen macht. O! in das Klimpern Eurer italieniſchen Guitarre tönt zu viel Kettengeraſſel, Frau Königin! Ihr laßt Sänger von der Kapelle zu Avignon kommen, Ihr habt in Eurem Palaſte alle Tage Comö⸗ dien, Schauſpiele, Muſikanten. Bei Gott, Madame, et⸗ was weniger Lachen bei Euch, wenn's beliebt, und etwas weniger Weinen bei uns. Weniger Gaukler dort, und weniger Henker hier. Weniger Bühnen zu Weſtminſter und weniger Schaffote zu Tyburn. Lord Montagu. Habt Acht! Wir ſind getreue Unterthanen, Mylord Clinton. Nichts auf die Königin, Alles auf Fabiani. Simon Renard(legt die Hand auf die Schulter des Lord Clinton). Geduld! Lord Clinton. Geduld! das könnt Ihr ganz teicht fagen, Herr Simon Renard. Ibr ſeid Vogt von⸗ Amont in der Franche⸗Comté, Unterthan des Kaiſers — 111— und ſein Geſandter zu London. Ihr vertretet hier den Prinzen von Spanien, den zukünftigen Gemahl der Kö⸗ migin. Eure Perſon iſt heilig für den Günſtling. Aber wir, das iſt was Anders.— Seht, für Euch iſ Fabiani der Schäfer, für uns der Metzger. (Die Nacht iſt völlig hereingebrochen.) Simon Renard. Dieſer Menſch iſt mir eben ſo läſtig, als Euch. Ihr fürchtet nur fur Euer Leben, ich fürchte für mein Anſehen, das iſt weit mehr. Ich fpreche nicht, ich handle. Ich hade weniger Zorn, als Ihr Mylord, ich habe mehr Haß. Ich werde den Günſtling vernichten. Lord Montagn. O! was thun? Ich brüte alle Tage darüber. Simon Renard. Die Günſtlinge der Königinnen ſteigen und fallen nicht am Tage, ſondern des Nachts. Lord Chandos. Dieſe Nacht iſt wenigſtens ſehr finſter und häßlich! 3 Simon Renard. Ich finde ſte ſchön für das, was ich thun will. Lord Chandos. Was habt Ihr vor? Simon Renard. Ihr werdet ſehen.— Mylord Chandos, die Laune herrſcht, wenn ein Weib herrſcht. Die Politik iſt dann nicht mehr das Werk der Berech⸗ nung, ſondern des Zufalls. Man kann auf nichts mehr zahlen. Das Heute führt nicht logiſch das Morgen her⸗ dei. Man ſpieit nicht mehr Schach, man ſpielt Karten⸗ — 12— Lord Elinton. Das iſt ganz gut, aber zur Sache. Herr Vogt, wann werdet Ihr uns von dem Günſtling befreit haben? Es kütn„Morgen wird Tyrconnel ent⸗ hauptet. Simon R enard. Tyrconnet wird morgen Abend mit Euch ſpeiſen, wenn ich dieſe Nacht den Mann finde, welchen ich ſuche. Lord Clinton. Was wollt Ihr damit ſagen? Was wird dann aus Fabiani geworden ſein? Simon Renard. Habt Ihr gute Augen, Mylord? Lord Clinton. Ja, obgleich ich alt bin und die Nacht finſter iſt. Simon Renard. Seht Ihr London auf der andern Seite des Waſſers? Lord Clinton. Ja, warum? Simon Renard. Seht ſcharf hin. Man ſieht von hier aus den Wirbel und die Sohle der Fortuna jedes Günſtlings, Weſtminſter und den Thurm von London. Lord Elinton. Und nun?— Simon Renard. Wenn Gott mir beiſteht, wird ein Mann, der im Augenblicke, wo wir ſprechen, noch dort iſt(er deutet auf Weſtminſter), morgen zur nämli⸗ chen Stunde da ſein.(Er deutet auf den Tower.) Lord Clinton. Möge Gott Euch helfen! Lord Montagu. Das Volk haßt ihn eben ſo ¹— 113— ſehr, als wir. Welch Feſt wird für London der Tag ſeines Falles ſein. Lord Ehandos. Wir ſind in Euren Händen, Herr Vogt, verfügt über uns. Was ſollen wir thun? Simon Renard(deutet auf das Haus am Waſſer). Ihr ſeht doch alle dies Haus da? Es gehört dem Gil⸗ bert, einem Arbeiter. Verliert es nicht aus dem Geſicht. Zerſtreut Euch mit Euren Leuten, ohne Euch jedoch zu ſehr zu entfernen. Vor Allem thut nichts ohne mich. Lord Chandos. Gut. (Alle gehen nach verſchiedenen Seiten ab.) Simon Renard(allein). Ein Mann, wie der, den ich nöthig habe, findet ſich nicht leicht.(Er geht ab.) (Jane und Gilbert treten auf, ſie halten ſich umſchlungen und gehen nach dem Hauſe zu. Joſhua Farnaby begleitet ſie, er iſt in einen Rantel gehüllt.) Zweite Scene. Jane. Gilbert. Jofhua Faraby. Joſhua. Ich verlaſſe euch hier, meine guten Freunde. Es iſt Nacht, ich muß meinen Dienſt als Schließer des Londoner Thurms thun. Ach, ich bin nicht ſo frei, wie ihr! Seht, ein Kerkermeiſter iſt nur eine andere Art von einem Gefangenen. Lebe wohl, Jane. Lebe wohl, Gilbert. Du mein Gott, meine Freunde, VI. 8 — 114— wie froh bin ich, euch glücklich zu ſehen! Aha, Gilberk, wann iſt die Hochzeit? Gilbert. In acht Tagen, nicht wahr, Jane? Joſhua. Meiner Treu, übermorgen haben wir Weihnachten; das iſt der Tag für Wünſchen und Schen⸗ ken, aber ich weiß nicht, was ich euch wünſchen ſoll. Man kann von der Braut nicht mehr Schönheit und von dem Bräutigam nicht mehr Liebe verlangen. Ihr ſeid glücklich! Gilbert. Guter Joſhua! und du, biſt du nicht glücklich?— Joſhua. Weder glücklich, noch unglücklich. Ich habe auf Alles verzichtet. Siehſt du, Gilbert?(Er ſchlägt ſeinen Mantel halb auseinander und zeigt einen Bund Schlüſſel, der an ſeinem Gürtel hängt.) Gefängnißſchlüſſel, die einem beſtändig am Gürtel raſſeln, das ſpricht, das macht Einem alle möglichen philoſophiſchen Gedanken. Wie ich jung war, war ich wie ein Anderer, verliebt einen ganzen Tag, ehrgeizig einen ganzen Monat und ein Narr das ganze Jahr. Meine jungen Jahre fielen ſo unter König Heinrich den Achten. Ein ſonderbarer Mann der König Heinrich. Ein Mann, der ſeine Weiber wechſelte, wie ein Weib ſeine Röcke. Die erſte verſtieß er, der zweiten ließ er den Kopf abſchlagen, der dritten den Leib aufſchneiden, die vierte begnadigte er und jagte ſie fort, aber dafür ließ er dann der funften wieder den Kopf abſchneiden. Das iſt nicht das Mährchen vom — 115— Blaubart, was ich Euch da erzähle, ſchöne Jane, das iſt die Geſchichte König Heinrichs des Achten. Ich gab mich in der Zeit mit den Religionshändeln ab, ich ſchlug mich für die eine und für die andere Partei. Es war damals das Beſte, was man thun konnte. Es war üb⸗ rigens eine kitzliche Sache. Es frug ſich, ob man für oder wider den Pabſt ſei. Die Leute des Königs hingen die, welche dafür, und verbrannten die, welche dagegen waren. Die Gleichgültigen, d. h. die, welche weder da⸗ für noch dagegen waren, hing oder verbrannte man, wie's gerade kam. Der Teufel mochte ſich da herausziehen. Ja, der Strick— nein, der Scheiterhaufen— weder ja, noch nein, der Strick und der Scheiterhaufen. Ich, der ich mit euch ſpreche, habe oft genug nach Braten gerochen und weiß nicht genau, ob ich zwei⸗ oder dreimal bin wieder abgeſchnitten worden. Das war eine ſchöne Zeit. Ohngefähr wie jetzt. Ja, ich ſchlug mich für Alles. Hole mich der Teufel, wenn ich noch weiß, für wen und für was ich mich geſchlagen habe. Wenn man mir wieder vom Meiſter Luther und vom Pabſt Paul dem Dritten ſpricht, ſo zucke ich die Achſeln. Siehſt du, Gilbert, wenn man graue Haare hat, muß man nicht mehr nach den Meinungen ſehen, für die man ſich ge⸗ ſchlagen, und nach den Weibern, denen man den Hof im zwanzigſten Jahre gemacht hat. Weiber und Mei⸗ nungen ſehen dann gar häßlich, gar alt, gar hinfällig, gar zahnlückig, gar runzlig, gar dumm aus. Das iſt 8*† — 116— meine Geſchichte! Jetzt habe ich mich von den Geſchäften zurückgezogen. Ich bin weder Soldat des Königs, noch Soldat des Pabſtes, ich bin Schließer des Thurmes von London. Ich ſchlage mich für Niemand mehr und ſchließe hinter Jedermann zu. Ich bin Schließer und bin alt; ich ſtehe mit dem einen Fuße im Kerker und mit dem andern in der Grube. Ich leſe die Scherben alter Mi⸗ niſter und alter Günſtlinge auf, die bei der Königin zer⸗ brochen werden. Das iſt ſehr unterhaltend. Und dann habe ich ein kleines Kind, das ich liebe, und dann euch beide, die ich auch liebe, und bin glücklich, wenn ihr glücklich ſeid. Gilbert. Dann ſei glücklich, Joſhua! Nicht wahr, Jane? Joſhua. Ich, ich kann nichts für dein Glück thun, aber Jane Alles; du liebſt ſie! Ich werde dir nie in meinem Leben einen Dienſt thun. Du biſt glücklicher Weiſe kein ſo vornehmer Herr, daß du jemals den Schlüſſelträger des Londoner Thurms nöthig haben ſollteſt. Jane wird meine Schuld mit der ihrigen abtragen; denn ſie und ich verdanken dir Alles. Jane war ein armes Kind, eine verlaſſene Waiſe; du haſt ſie aufgenommen und erzogen. Ich, ich war nahe daran, an einem ſchönen Abend in der Themſe zu ertrinken; du haſt mich aus dem Waſſer gezogen. Gilbert. Zu was immer davon ſprechen, Joſhua? Joſhua. Nur um dir zu ſagen, daß es unſere — 117— Pflicht iſt, dich zu lieben; ich, wie ein Bruder, Jane.... nicht wie eine Schweſter. Jane. Nein, wie ein Weib. Ich verſtehe Euch, Joſhua.(Sie verfällt wieder in ihr Träumen.) Gilbert((eiſe zu Joſhua). Betrachte ſie, Joſhua! Iſt ſie nicht ſchön und reizend? wäre ſie nicht eines Königs würdig? Wenn du wüßteſt! Du kannſt dir nicht vorſtellen, wie ich ſie liebe! Joſhua. Nimm dich in Acht, das iſt unklug; ein Weib, das liebt ſich nicht ſo; ein Kind, meinetwegen! Gilbert. Was willſt du ſagen? Joſhua. Nichts.— Ich werde in acht Tagen bei Eurer Hochzeit ſein. Ich hoffe, daß mir dann die Staats⸗ geſchäfte ein wenig Ruhe laſſen und daß Alles vorbei ſein wird. Gilbert. Wie? Was ſoll vorbei ſein? Joſhua. Ah, du kümmerſt dich um dieſe Sachen nicht, Gilbert. Du biſt verliebt. Du biſt aus dem Volke. Was kümmern dich die Ränke da oben, dich, der du unten glücklich biſt? Doch, weil du mich fragſt, will ich dir ſagen, daß man hofft, in acht Tagen von heute an, in vierundzwanzig Stunden vielleicht, werde Fabiano Fabiani bei der Königin durch einen Andern erſetzt ſein. 6 Gilbert. Wer iſt der Fabiano Fabiani? Joſhua. Er iſt der Geliebte der Königin, ein ſehr mächtiger und ſehr liebenswürdiger Günſtling, ein — 118— Günſtling, der einem Menſchen, welcher ihm mißfällt, den Kopf in weniger Zeit abſchlagen läßt, als ein hollän⸗ diſcher Bürgermeiſter braucht, um einen Löffel Suppe zu eſſen; der beſte Günſtling, den der Henker des Lon⸗ doner Thurms ſeit zehn Jahren hatte. Denn du weißt, daß der Henker für den Kopf eines großen Herrn zehn Silbergulden und zuweilen das Doppelte erhält, wenn der Kopf recht wichtig iſt. Man wünſcht ſehr den Sturz dieſes Fabiani.— Es iſt wahr, bei meinem Dienſte im Thurm höre ich nur Leute von ſehr übler Laune, Un⸗ zufriedene, denen man in einem Monat den Kopf ab⸗ ſchlagen wird, auf ſeine Koſten Anmerkungen machen. Gilbert. Mögen die Wölfe ſich unter einander zerreißen! Was kümmert uns die Königin und der Günſt⸗ ling der Königin? Nicht wahr, Jane? Joſhua. O, es gibt eine gewaltige Verſchwö⸗ rung gegen Fabiani! Er hat von Glück zu ſagen, wenn er ſich herauszieht. Es ſollte mich nicht wundern, wenn heute Nacht irgend ein Schlag geſchähe. Ich ſah den Meiſter Simon Renard ganz in Gedanken da herum ſchleichen. Gilbert. Wer iſt der Meiſter Simon Renard? Joſhua. Wie, das weißt du nicht? Er iſt der rechte Arm des Kaiſers zu London. Die Königin ſoll den Prinzen von Spanien, deſſen Geſandte Simon Re⸗ nard iſt, heirathen. Die Königin haßt dieſen Simon Renard; aber ſie fürchtet ihn und vermag nichts gegen — 119— ihn. Er hat ſchon zwei bis drei Günſtlinge vernichtet. Das iſt ſo ſein Inſtinkt. Er ſäubert den Palaſt von Zeit zu Zeit. Ein feiner und ſehr boshafter Mann, der alles weiß, was vorgeht, und immer zwei oder drei Stockwerke tief unter alle Ereigniſſe gräbt. Was den Lord Paget betrifft— haſt du mich nicht auch gefragt, wer der Lord Paget ſei?— das iſt ein pfiffiger Edel⸗ mann, der unter Heinrich dem Achten zu thun hatte. Er iſt Mitglied des geheimen Raths. Er hat ein An⸗ ſehen, daß die andern Miniſter vor ihm den Athem ver⸗ lieren, den Kanzler„Mylord Gardiner“ ausgenommen, der hat einen Abſcheu vor ihm. Ein heftiger Mann, der Gardiner und von ſehr gutem Herkommen. Paget iſt nichts. Der Sohn eines Seifenſieders. Er ſoll zum Baron Paget von Beaudeſert in Stafford ernannt werden. Gilbert. Wie er das Alles ſo geläufig herzählt, der Joſhua!„ Joſhua. Bei Gott, wenn man ſo die Staatsge⸗ fangenen ſchwätzen hört.(Simon Renard erſcheint im Hin⸗ tergrund der Bühne.) Siehſt du, Gilbert, der Mann, wel⸗ cher am beſten die Geſchichte dieſer Zeit kennt, iſt der Kerkermeiſter vom Londoner Thurm. 1 Simon Renard(Geltcher die letzten Worte gehört hat, aus dem Hintergrund der Bühne.) Ihr irrt Euch, mein Freund, es iſt der Henker. Joſhua(leiſe zu Gilbert und Jane.) Treten wir ein wenig zurück.(Simon Renard entfernt ſich langſam.— — 120— Nachdem Simon Renard verſchwunden iſt. Das iſt gerade Meiſter Simon Renard. Gilbert. Alle dieſe Leute, welche um mein Haus herumſchleichen, mißfallen mir. Joſhua. Zum Teufel, was will er hier? Ich will ſchnell zurück; ich glaube er ſorgt mir für Arbeit. Lebe wohl, Gilbert. Lebt wohl, ſchoͤne Jane.— Und doch kannte ich Euch, wie Ihr nicht größer waret, als ſo! Gilbert. Lebe wohl, Joſua.— Doch ſprich, was verbirgſt du da unter deinem Mantel? Joſua. Ach! Ich habe auch meinen Anſchlag. Gilbert. Welchen Anſchlag? Joſhua. Wie Ihr Verliebten Alles vergeßt! Ich ſagte Euch eben, daß wir übermorgen den Tag der 85 gebinde und Geſchenke haben. Die Herrn denken auf eine Ueberraſchung füͤr Fabiani, ich, ich denke ebenfalls auf eine. Die Königin wird ſich vielleicht einen ganz neuen Günſtling anſchaffen. Ich, ich ſchaffe meinem Kinde eine Puppe an.(Er zieht eine Puppe unter ſeinem Mantel hervor.) Auch ganz neu. Wir wollen ſehen, wer von Beiden ſein Spielzeug am ſchnellſten zerbricht.— Gott behüte Euch, meine Kinder! Gilbert. Auf Wiederſehen, Joſhua!(Joſhua ent⸗ fernt ſich. Gilbert nimmt die Hand von Jane und küßt ſie leidenſchaftlich.) Joſhua(im Hintergrund der Bühne.) Oh! wie groß die Vorſehung iſt! Sie gibt jedem ſein Spielzeug, — 121— die Puppe dem Kind, das Kind dem Mann, den Mann dem Weib und das Weib dem Teufel!(Er geht abn Dritte Scene. Gilbert. Jane. Gilbert. Ich muß dich jetzt auch verlaſſen. Lebe wohl, Jane, gute Nacht! Jane. Ihr geht heute Abend nicht mit mir heim, Gilbert?— Gilbert. Ich kann nicht. Du weißt, ich habe dir es ſchon geſagt, Jane, ich habe in meiner Werkſtatt heute Nacht eine Arbeit fertig zu machen. Ich muß ei⸗ nen Dolchgriff, ich weiß nicht für was für einen Lord Clambraſſil ziſeliren; ich kenne ihn nicht, er hat es heute Morgen bei mir beſtellen laſſen. Jane. Gute Nacht dann, Gilbert. Auf Morgen. Gilbert. Nein, Jane, noch einen Augenblick. O mein Gott! wie ſchwer es mir fällt, mich nur wenige Stunden von dir zu trennen! Es iſt wohl wahr, daß du mein Leben und meine Freude biſt; und doch muß ich arbeiten, wir ſind ſo arm! Ich mag nicht hineinge⸗ hen, denn ich würde bleiben, und doch kann ich nicht weg; wie ſchwach ich bin! Komm, wir wollen uns ein wenig vor die Thüre ſetzen, da, auf die Bank; ich meine, es müßte mir ſo leichter fallen wieder wegzu⸗ gehen, als wenn ich erſt in das Haus oder gar in dein — 122— Zimmer ginge. Gib mir deine Hand.(Er ſetzt ſich und nimmt ihre beiden Hände in die ſeinigen, ſie bleibt vor ihm gehen.) Jane, liebſt du mich? Jane. O, ich verdanke Euch Alles! Ich weiß es, obgleich Ihr mir es lange verborgen habt. Ganz klein, faſt noch in der Wiege, wurde ich von meinen Eltern verlaſſen; Ihr habt mich aufgenommen, ſeit ſechzehn Jahren hat Euer Arm wie der eines Vaters für mich gearbeitet. Eure Augen haben wie die einer Mutter über mich gewacht. Mein Gott, was wäre ich ohne Euch? Ihr habt mir Alles gegeben, was ich habe; Ihr habt mich zu Allem gemacht, was ich bin. Gilbert. Jane, liebſt du mich? Jane. Wie Ihr Euch aufopfert, Gilbert! Ihr arbeitet Tag und Nacht für mich, Ihr verſengt Euch die Augen, Ihr tödtet Euch. Seht, heute bringt Ihr wie⸗ der die Nacht ſo hin. Und nie ein Vorwurf, nie ein hartes Wort. Ihr ſeid ſo arm, und doch— ſelbſt meine geringſten Launen ſchont und befriedigt Ihr. Gilbert, ich denke nur an Euch, die Thränen in den Augen. Ihr hattet manchmal kein Brod, und mir fehlte es nie an Bändern. Gilbert. Jane, liebſt du mich? Jane. Gilbert, ich möchte Eure Füße küſſen. Gilbert. Liebſt du mich? Liebſt du mich? O! all das ſagt mir nicht; daß du mich liebſt, dies Wort da habe ich nöthig! Dankbarkeit, immer Dankbarkeit! Ol ich — 123— treie die Dankbarkeit mit Füßen! Ich will Liebe, oder nichts!— Sterben!— Jane, ſeit ſechzehn Jahren biſt du meine Tochter, du wirſt jetzt mein Weib werden. Ich hatte dich angenommen, ich will dich heirathen. In acht Tagen! Du weißt, du haſt es mir verſprochen, du haſt es eingewilligt, du biſt meine Braut. O! du lieb⸗ teſt mich, als du mir das verſprachſt. O Jane! es gab eine Zeit, denkt dir es noch, wo du deine ſchönen Au⸗ gen zum Himmel aufſchlugſt und zu mir ſagteſt: ich liebe dich! So möchte ich dich immer haben. Seit einigen Mo⸗ naten iſt es mir, als wäre etwas in dir anders gewor⸗ den, ſeit drei Wochen beſonders, wo meine Arbeit mich zwingt, manchmal des Nachts abweſend zu ſein. O Jane! ich will, daß du mich liebſt. Ich bin daran gewöhnt. Du warſt ſonſt ſo froh, und jetzt biſt du immer traurig und zerſtreut, nicht kalt, armes Kind, du thuſt dein Möglichſtes, um es nicht zu ſein; aber ich fühle wohl, daß die Worte der Liebe dir nicht mehr ſo frei und von ſelbſt kommen, wie ſonſt. Was haſt du? Liebſt du mich nicht mehr? Gewiß, ich bin ein braver Mann, ein guter Arbeiter, ja, ja, aber ich möchte ein Dieb und ein Mörder ſein und von dir geliebt werden!— Jane, wenn du wüßteſt, wie ich dich liebe! Jane. Ich weiß es, Gilbert, und weine— Gilbert. Vor Freude! Nicht wahr? Sage mir, daß du vor Freude weinſt. O! ich muß es glauben. Es gibt ja ſonſt nichts auf der Welt, als geliebt zu werden. Ich bin nichts, als ein armer Handwerksmann, aber meine Jane muß mich lieben. Was ſprichſt du mir im⸗ mer von dem, was ich gethan habe? Nur ein Wort der Liebe von dir, Jane, und ich bin dein Schuldner. Ich will verdammt ſein und ein Verbrechen begehen, wenn du es wollteſt. Du wirſt mein Weib, nicht wahr, und du liebſt mich? Siehſt du, Jane, für einen Blick von dir gäbe ich all meine Arbeit und Mühe, für ein Lächeln mein Leben, für einen Kuß meine Seele! Jane. Was Ihr ein edles Herz habt, Gilbert! Gilbert. Höre, Jane! Lache, wenn du willſt, ich bin ein Narr, ich bin eiferſüchtig! Das iſt einmal ſo. Kränke dich nicht darum. Seit einiger Zeit kommt es mir vor, als ſähe ich die jungen Herrn da herumſtrei⸗ chen. Weißt du auch, Jane, daß ich vierunddreißig Jahre habe? Welch Ungluͤck für einen armſeligen, linkiſchen und ſchlecht gekleideten Arbeiter, wie ich, ein ſchönes, reizen⸗ des Kind von ſiebzehn Jahren zu lieben, das die jungen, ſchönen, vergoldeten und verbrämten Edelleute anzieht, wie ein Licht die Schmetterlinge! O, ich leide! Ich be⸗ leidige dich nie in meinen Gedanken, dich, die du ſo gut, ſo rein biſt, deren Stirne nie, als von meinen Lippen, beruhrt worden iſt! Ich finde nur, daß es dir zu viel Freude macht, die Aufzüge und das Gefolge der Königin vorbeiziehen und alle die ſchönen Kleider von Seide und Sammet zu ſehen, worunter es ſo wenig Herzen und ſo wenig Seelen gibt! Verzeihe mir!— — 125— Mein Gott! warum kommen doch ſo viele junge Edel⸗ leute hierher? warum bin ich nicht jung, ſchön, edel und reich? Gilbert, Arbeiter, das iſt Alles. Sie, Lord Chandos, Lord Gerard, Fitz⸗Gerard, der Graf von Arundel, der Herzog von Norfolk, o wie ich ſie haſſe! Ich bringe mein Leben hin, indem ich ihnen Degengriffe meiſele, deren Klingen ich ihnen durch den Leib rennen möchte, Jane. Gilbert!... Gilbert. Vergib, Jane. Nicht wahr, die Liebe macht Einen ſehr böſe. Jane. Nein, ſehr gut.— Ihr ſeid gut, Gilbert. Gilbert. O wie ich dich liebe! Jeden Tag mehr. Ich möchte fur dich ſterben. Liebe mich, oder liebe mich nicht, es iſt in deiner Hand. Ich bin ein Narr. Ver⸗ zeihe mir, was ich geſagt habe. Es iſt ſpät, ich muß dich verlaſſen. Lebe wohl. Mein Gott, wie traurig es iſt dich zu verlaſſen! Gehe hinein. Haſt du deinen Schlüſſel nicht? Jane. Nein, ich weiß ſeit einigen Tagen nicht, wo er hingekommen iſt.. 4 Gilbert. Da iſt der meinige.— Auf Morgen, Morgen.— Jane, vergiß nicht: noch heute dein Vater, in acht Tagen dein Gemahl.(Er küßt ſte auf die Stirne und geht.) Jane(auein.) Mein Gemahl! O nein, ich werde dieß Verbrechen nicht begehen. Armer Gilbert, er liebt mich— und der Andere!... wenn mich nur die Ei⸗ telkeit nicht um die Liebe betrogen hat! Ich Arme, in weſſen Hände bin ich jetzt? O, ich bin ſehr undankbar und ſchuldbeladen! Ich höre Tritte; ſchnell zurück. (Sie tritt in das Haus.) Vierte Scene. Gilbert. Ein Mann(der in einen Mantel gehüllt iſt und eine gelbe Mütze trägt. Der Mann hält Gilbert bei der Hand.) Gilbert. Ja, ich erkenne dich, du biſt der Bet⸗ teljude, welcher ſeit einigen Tagen um dies Haus ſchleicht. Was willſt du von mir? Warum haſt du mich bei der Hand gefaßt und hierher geführt? Der Mann. Was ich Euch zu ſagen habe, kann ich nur hier ſagen. Gilbert. Nun! was iſt es denn? Spriich, raſch. Der Mann. Hört, junger Mann.— Es ſind jetzt ſechzehn Jahre ſeit der Nacht, wo Lord Talbot, Graf von Waterford, wegen Papismus und Hochverra⸗ thes bei Fackelſchein enthauptet wurde, und die Solda⸗ ten des Königs Heinrich des Achten ſeine Anhänger in London in Stücke hieben. Man ſchoß die ganze Nacht in den Straßen auf einander. In dieſer Nacht nun ar⸗ beitete in ſeiner Bude ein junger Arbeiter, der weit mehr mit ſeiner Arbeit, als mit dem Kampfe beſchäftigt war. Es war die erſte Bude am Anfang der Londoner Brücke. Eine niedrige Thüre zur Rechten, Spuren von alter, rother Malerei auf der Mauer. Es mochte zwei Uhr des Morgens ſein. Man ſchlug ſich in der Nähe Die Kugeln flogen pfeifend über die Themſe. Plötzlich wurde an die Thüre der Bude geklopft, durch welche die Lampe des Arbeiters einen ſchwachen Lichtſchimmer warf. Der Arbeiter öffnete. Ein Mann, den er nicht kannte, trat ein. Dieſer Mann trug in ſeinen Armen ein Kind, noch in den Windeln, das ſehr erſchrocken war und weinte. Der Mann legte das Kind auf den Tiſch und ſagte: da iſt ein Geſchöpf, das weder Vater noch Mut⸗ ter mehr hat. Dann ging er langſam weg und ſchlug die Thüre hinter ſich zu. Gilbert, der Arbeiter, hatte ſelbſt weder Vater noch Mutter. Der Arbeiter nahm das Kind, die Waiſe adoptirte die Waiſe. Er nahm es, er wachte über es, er kleidete, er ernährte, er hütete, er erzog, er liebte es. Er widmete ſich ganz dieſem ar⸗ men kleinen Geſchöpf, das der Bürgerkrieg in ſeine Bude geworfen hatte. Er vergaß Alles für es, ſeine Jugend, ſeine Liebeshändel, ſein Vergnügen; er machte aus dieſem Kinde den einzigen Gegenſtand ſeiner Arbeit, ſeiner Neigung, ſeines Lebens, und jetzt ſind es ſechzehn Jahre, daß das ſo fortgeht. Gilbert, der Arbeiter wart Ihr; das Kind..... Gilbert. War Jane. Alles, was du da ſagſt, iſt wahr; aber was willſt du damit? Der Mann. Ich vergaß dir zu ſagen, daß an die Windeln des Kindes ein Papier mit einer Nadel gehef⸗ tet war, worauf die Worte ſtanden: Habt Erbarmen mit Jane. Gilbert. Das war mit Blut geſchrieben. Ich habe das Papier aufgehoben und trage es immer bei mir. Aber du ſpannſt mich auf die Folter. Was willſt du damit? Sprich! Der Mann. Das.— Ihr ſeht, ich kenne Eure Geſchichten. Gilbert! Wacht dieſe Nacht über Euer Haus. 4— Gilbert. Was willſt du? Der Mann. Kein Wort mehr. Geht nicht an Eure Arbeit. Bleibt in der Nähe dieſes Hauſes. Wacht. Ich bin weder Euer Freund, noch Euer Feind, es iſt ein Rath, den ich Euch gebe. Für jetzt verlaßt mich, um Euch nicht ſelbſt zu ſchaden. Geht nach der Seite da und kommt, wenn Ihr mich um Hülfe rufen hört. Gilbert. Was bedeutet das?(Er geht langſam ab.) Funfte Scenſfe. Der Mann, allein. —— Die Sache iſt ſo gut angelegt. Ich hatte was Junges und Kräftiges nöthig, das mir helfen kann, wenn es Noth thut. Den Gilbert kann ich gerade brau⸗⸗ chen.— Es iſt mir, als hörte ich das Geräuſch von Rudern und eine Guitarre auf dem Waſſer.— Ja. (Er geht nach dem Geländer. Man hört eine Guitarre und eine Stimme in der Ferne.) — Das iſt mein Mann.— Er landet. Gut. Er ſchickt den Fiſcher weg. Vortrefflich!(Er kommt auf den Vor⸗ dergrund der Bühne zurück.) Da kommt er. (Fabiano Fabiani tritt auf, in ſeinen Mantel gehüllt. Er geht auf die Thüre des Hauſes zu.) Sechste Seene. Der Mann. Fabiano Fabiani. Der Mann(hält Fabiani auf). Ein Wort, wenn es Euch beliebt. Fabiani. Man ſpricht mit mir, glaub' ich. Wer iſt der Spitzbube? Wer biſt du? Der Mann. Alles, wofür es Euch beliebt, mich zu halten. Fabiani. Dieſe Laterne leuchtet ſchlecht. Aber du haſt eine gelbe Mütze auf, wie mir däucht, eine Ju⸗ denmütze? Biſt du ein Jude? Der Mann. Ja, ein Jude. Ich habe Euch etwas zu ſagen. Fabiani. Wie heißt du? Der Mann. Ich weiß Euren Namen, und Ihr wißt meinen nicht. Ich habe einen Vortheil über Euch; erlaubt mir, ihn zu behalten. Fabiani. Du weißt meinen Namen, du? Das iſt nicht wahr. VI. 9 — 130— Der Mann. Ich weiß Euren Namen. Zu Neapel hießt Ihr Signor Fabiani zu Madrid Don Faviano; zu London heißt Ihr Fabiano Fabiani, Graf von Clan⸗ braſſil. 3 Fabiani. Hole dich der Teufel! Der Mann. Behüte Euch Gott! Fabiani. Ich werde dir Stockſchläge geben laſſen. Ich will nicht, daß man meinen Namen weiß, wenn ich ſo des Nachts vor mich hingehe. Der Mann. Beſonders wenn Ihr dahin geht, wohin Ihr geht. Fabiani. Was ſoll das heißen? Der Mann. Wenn die Königin es wüßte! Fabiani. Ich gehe nirgends hin. Der Mann. Doch, Mylord! Ihr geht zu der ſchönen Jane, der Braut von Gilbert, dem Arbeiter. Fabiani(bei Seite). Teufel! das iſt ein gefähr⸗ licher Menſch. Der Mann. Wollt Ihr, daß ich Euch noch mehr ſage? Ihr habt das Mädchen verführt, und ſeit einem Monat hat ſie Euch zweimal des Nachts zu ſich gelaſſen, heute iſt es das drittemal. Die Schöne wartet auf Euch. Fabiani. Still, ſtill! Soll ich dir das Maul mit Silber ſtopfen? Wie viel willſt du? Der Mann. Das werden wir gleich ſehen. Soll ich Euch jetzt auch ſagen, Mylord, warum Ihr das Mäd⸗ chen verführt habt? — 131— Fabiani. Wahrhaftig, weil ich in ſie verliebt war. Der Mann. Nein. Das wart Ihr nicht. Fabiani. Ich hätte Jane nicht geliebt 2 Der Mann. So wenig, als Ihr die Königin liebt. Liebe, nein; Berechnung, ja. Fabiani. Kerl, du biſt kein Menſch, du biſt mein Gewiſſen, als Jude verkleidet. Der Mann. Ich will mit Euch reden, wie Euer Gewiſſen, Mylord. Die ganze Geſchichte verhält ſich ſo. Ihr ſeid der Günſtling der Königin. Die Königin hat Euch das Hoſenband gegeben, den Grafen⸗ und den Herrentitel. Taube Nüſſe das Alles. Das Hoſenband iſt ein Lumpen, die Grafſchaft ein Wort, der Herren⸗ titel verhilft Einem zu dem Recht, den Kopf abgeſchnitten zu kriegen. Ihr hattet was Beſſeres nöthig. Ihr brauchtet, Mylord, gute Aecker, gute Vogteien, gute Schlöſſer und gute Einkünfte in guten Pfunden. Heinrich der Achte nun hatte die Güter des vor ſechszehn Jahren enthaup⸗ teten Lord Talbot konfiscirt. Ihr habt Euch von der Königin die Güter des Lord Talbot ſchenken laſſen. Aber um die Schenkung gültig zu machen, hätte Lord Talbot ohne Nachkommen ſterben müſſen. Wenn es einen Erben oder eine Erbin des Lord Talbot gäbe, ſo unterläge es keinem Zweifel, daß, da Lord Talbot für die Königin Marie und ihre Mutter Catharina von Aragonien ge⸗ ſtorben iſt, da Lord Talbot ein Papiſte war, und da die Königin Maria eine Papiſtin iſt, daß die Königin Euch, 9* Ihr möcht noch ſo ſehr ihr Günſtling ſein, Mylord, die Güter abnehmen und ſie aus Pflichtgefühl, Dankbarkeit und Reli⸗ gioſität dem Erben oder der Erbin zurückgeben würde. Ihr fühltet Euch von der Seite ziemlich ſicher. Lord Talbot hatte nichts als eine kleine Tochter, die zur Zeit, wo ihr Vater enthauptet wurde, aus der Wiege verſchwand und von ganz England für todt gehalten wurde. Aber Eure Spione haben neulich entdeckt, daß in der Nacht, wo Lord Talbot und ſeine Partei durch Heinrich den Achten vernichtet wurde, ein Kind ganz geheimnißvoll bei einem Arbeiter an der Londoner Brücke untergebracht worden wäre, daß es unter dem Namen Jane aufgewachſen und wahrſcheinlich Jane Talbot, das kleine verſchwundene Maͤdchen ſei. Die ſchriftlichen Beweiſe für ihre Geburt fehlten, das iſt wahr; aber ſie konnten ſich alle Tage wieder finden. Der Zufall war verdrießlich. Sich viel⸗ leicht eines Tages genöthigt zu ſehen, Shrewsbury, Wexford, das eine ſchöne Stadt iſt, und die prächtige Grafſchaft Waterford abzutreten, das iſt hart. Was thun? Ihr ſannt auf ein Mittel, das Mädchen zu ver⸗ nichten. Ein braver Mann hätte ſie vergiften oder er⸗ morden laſſen; Ihr, Mylord, habt es beſſer angefangen, Ihr habt es entehrt. Fabiani. Unverſchämter! Der Mann. Cuer Geyviſſfen ſpricht mit Euch, Mylord. Ein Anderer hätte dem Nädchen das Leben genommen, Ihr habt ihm die Ehre und ſomit die Zukunft — 133— geſtohlen. Die Königin Marie i*ſt prüde, trotz ihrer Lieb⸗ ſchaften. Fabiani. Der Mann geht Allem auf den Grund. Der Mann. Die Königin hat keine gute Geſund⸗ heit; die Königin kann ſterben, und dann würde der Günſtling über ihrem Grabe ſtolpern. Die materiellen Beweiſe für den Rang des Mädchens können ſich wieder⸗ finden, und dann, wenn die Königin todt iſt, wird Jane, trotz ihrer Entehrung, als Erbin von Talbot anerkannt werden. Nun, Ihr habt auch den Fall vorausgeſehen, Ihr ſeid ein junger Herr von gutem Ausſehen, Ihr habt ſie in Euch verliebt gemacht, ſie hat ſich Euch überlaſſen; im ſchlimmſten Falle würdet Ihr ſie heirathen. Sträubt Euch nicht gegen dieſen Plan, Mylord, ich finde ihn herrlich. Ich möchte Ihr ſein, wenn ich nicht Ich wäre. Fabiani. Danke! Der Mann. Ihr habt die Sache mit Geſchick be⸗ trieben. Ihr habt Euren Namen verborgen. Vor der Königin ſeid Ihr gedeckt. Das arme Ding meint, ein Ritter aus dem Lande Sommerſet, Namens Amyas Pawlet, habe ſie verführt. Fabiani. Alles! Er weiß Alles! Zur Sache jetzt. Was willſt du von mir? Der Mann. Mylord, wenn Jemand die Papiere in ſeinen Händen hätte, welche über die Geburt, das Daſein und die Rechte der Erbin Talbot's Auskunft ge⸗ hen, ſo würde Euch das arm machen wie meinen Vor⸗ — 134— ahnen Job, und würde Euch keine andern Schlöſſer übrig laſſen, Don Fabiano, als Schlöſſer in Spanien, was Euch recht unangenehm ſein würde. Fabiani. Ja, aber Niemand hat dieſe Papiere. Der Mann. Doch. Fabiani. Wer? Der Mann. Ich. Fabiani. Bah! du Elender! das iſt nicht wahr. Jude, der ſpricht, Zunge, die lügt. Der Mann. Ich habe dieſe Papiere. Fabiani. Du lügſt. Wo haſt du ſie? Der Mann. In meiner Taſche. Fabiani. Ich glaube dir nicht. Gut in Ordnung? Es fehlt nichts daran? Der Mann. Es fehlt nichts. Fabiani. Dann muß ich ſie haben. Der Mann. Sachte! Fabiani⸗ Jude, gib mir dieſe Papiere. Der Mann. Sehr gut.— Jude, elender Bettler, der in den Straßen herumſtreicht, gib mir die Stadt Shrewsbury, gib mir die Stadt Wexford, gib mir die Grafſchaft Waterford!— Ein Almoſen, wenn es Euch beliebt! Fabiani. Dieſe Papiere find Alles für mich, Nichts für dich.. Der Mann. Simon Renard und Lord Chandos würden ſie mir gut bezahlen. — 135— Fabiani. Simon Renard und Lord Chandos ſind die zwei Hunde, zwiſchen welche ich dich werde hängen laſſen. Der Mann. Ihr habt mir ſonſt nichts vorzu⸗ ſchlagen? Lebt wohl. Fabiani. Steh', Jude!— Was ſoll ich dir für dieſe Papiere geben?. Der Mann. Etwas, das Ihr bei Euch habt. Fabiani. Meinen Beutel? Der Mann. Pfui! Wollt Ihr den meinigen? Fabiani. Was denn? Der Mann. Ihr habt ein Pergament, das Euch nie verläßt. Es iſt ein Freibrief, den die Königin Euch gegeben hat, indem ſie auf ihre katholiſche Krone ſchwur, dem, welcher ihr ihn überreichen wird, jede Gnade, die er verlangt, zu erweiſen. Gebt mir dieſen, und Ihr ſollt die Urkunden der Jane Talbot erhalten. Papier um Papier. 7 Fabiani. Was willſt du mit dieſem Freibrief an⸗ fangen? Der Mann. Seht die Karten aufgelegt, Mylord. Ich habe Euch Eure Geſchichte geſagt; ich will Euch jetzt die meinige erzählen. Ich bin einer der erſten Wechſel⸗ Juden in der Canterſten⸗Straße zu Brüſſel. Ich leihe mein Geld aus. Das iſt mein Geſchäft. Ich leihe zehn, und man gibt mir fünfzehn wieder. Ich leihe der ganzen Welt, ich würde dem Teufel leihen, ich würde dem Pabſte — 136— leihen. Es ſind jetzt zwei Monate, daß einer meiner Schuldner ſtarb, ohne mich bezahlt zu haben. Er war ein alter verbannter Diener der Familie Talbot. Der arme Teufel hinterließ nichts, als einige Lumpen. Ich ließ ſie in Beſchlag nehmen. In dieſen Lumpen fand ſich ein Käſtchen, und in dieſem Käſtchen Papiere, die Papiere von Jane Talbot, Mylord, mit ihrer auf's Ge⸗ nauſte erzählten und für beſſere Zeiten mit Beweiſen verſehenen Geſchichte. Die Königin von England gab Euch gerade damals die Güter von Jane Talbot. Nun hatte ich gerade die Königin von England für ein Dar⸗ lehen von zehntauſend Mark Gold nöthig. Ich ſah ein, daß ſich mit Euch etwas würde machen laſſen. Ich kam verkleidet nach England, ich ſpürte Euren Schritten nach, ich ſpähte Jane Talbot aus, ich ſelbſt, ich thue Alles ſelbſt. Auf dieſe Weiſe erfuhr ich Alles, und da bin ich. Ihr werdet die Papiere von Jane Talbot erhalten, wenn Ihr mir den Freibrief der Königin gebt. Ich werde darauf ſchreiben, die Königin möge mir zehn⸗ tauſend Mark Gold geben. Man iſt wir hier auf der Canzlei was ſchuldig; aber ich werde billig fein. Zehn⸗ tauſend Mark Gold, und nichts weiter. Ich fordere die Summe nicht von Euch, weil ſie nur ein gekröntes Haupt bezahlen kann. Das heiße ich deutlich ſprechen, hoffe ich. Seht, Mylord, zwei ſo gewandte Leute, wie Ihr und ich, gewinnen nichts dabei, wenn ſie einander betrügen. Wenn der Erde die Ehrlichkeit verloren — 137— gegangen wäre, ſo müßte ſie ſich zwiſchen zwei Spitz⸗ buben wieder finden. Fabiani. Unmöglich. Ich kann dir dies Perga⸗ ment nicht geben. Zehntauſend Mark Gold! Was wird die Königin ſagen? Und dann, morgen kann ich in Un⸗ gnade fallen; dies Pergament iſt mein Aſyl, dies Per⸗ gament iſt mein Kopf. Der Mann. Was geht mich das an? Fabiani. Fordere was Anderes. Der Mann. Ich will einmal das. Fabiani. Jude, gib mir die Papiere von Jane Talbot. Der Mann. Mylord, gebt mir den Freibrief der Königin. Fabiani. Nun denn, verfluchter Jude, ich muß dir nachgeben.(Er zieht ein Papier aus der Caſche.) Der Mann. Zeigt mir den Freibrief der Königin. Fabiani. Zeige mir die Papiere Talbot's. Der Mann. Hernach.(Sie nähern ſich der Laterne. Fabiani ſteht hinter dem Juden und hält ihm mit der linken Hand das Papier unter die Augen. Der Jude unterſucht es.) Der Mann(lieſ't).„Wir, Marie, Königin..“ — Gut.— Ihr ſeht, ich bin wie Ihr, Mylord. Ich habe Alles berechnet. Ich habe Alles vorhergeſehen. Fabiani(zieht mit der Rechten ſeinen Dolch und ſtößt ihn ihm in die Kehle). Das ausgenommen. — 138— Der Mann. Oh! Verräther!.— Hülfe! (Er fällt. Im Falle wirft er, ohne daß Fabiani es bemerkt, ein verſiegeltes Paquet hinter ſich in den Schatten.) Fabiani(bückt ſich über den Körper). Er iſt todt, meiner Treu!— Schnell dieſe Papiere!(Er durchſucht den Juden.) Aber was! er hat nichts, nichts bei ſich! kein Papier, der alte Hund! Er hat gelogen; er hat mich betrogen! Er hat mich beſtohlen. Seht das, ver⸗ dammter Jude! Ohl er hat nichts, es iſt aus. Ich habe ihn umſonſt getödtet! Sie ſind alle ſo, die Juden. Lügen und Stehlen, das iſt der ganze Jude. Weg mit der Leiche, ich kann ſie nicht vor dieſer Thüre laſſen.(Er geht auf den Hintergrund der Bühne.) Vielleicht iſt der Schiffer noch da, er mag mir helfen ihn in die Themſe werfen.(Er ſteigt hinunter und verſchwindet hinter dem Geländer.) Gilbert(tritt auf der entgegengeſetzten Seite auf). Es iſt mir, als hätte ich einen Schrei gehört,(Er er⸗ blickt unter der Laterne den auf der Erde ausgeſtreckten Kör⸗ per.) Jemand ermordet!— Der Bettler! Der Mann(erhebt ſich halb). Ah!... Ihr kommt zu ſpät, Gilbert.(Er deutet mit dem Finger auf den Platz, wohin er das Paket geworfen.) Nehmt das; es ſind Papiere, welche beweiſen, daß Jane, Eure Braut, die Tochter und Erbin des letzten Lord Talbot iſt. Mein Mörder iſt Clanbraſſil, der Günſtling der Königin.— Ach, ich erſticke!— Gilbert, räche mich und räche dich! —(Er ſirrbt.) — 139— Gilbert. Todt!— Ich ſoll mich rächen? Was will er ſagen? Jane, Tochter des Lord Talbot? Lord Clanbraſſil? der Günſtling der Königin? Oh, mir ſchwindelt!(Er ſchüttelt die Leiche.) Sprich noch ein Wort!— Er iſt todt. Siebente Scene. Gilbert. Fabiani. Fabiani(kommt zurück). Wer da? Gilbert. Man hat einen Menſchen ermordet. Fabiani. Nein, einen Juden. Gilbert. Wer hat dieſen Mann getödtet? Fabiani. Wahrhaftig, Ihr oder ich! Gilbert. Herr!... Fabiani. Kein Zeuge. Eine Leiche am Boden, zwei Männer daneben. Wer iſt der Mörder? Nichts beweiſ't, daß der eine es eher ſei, als der andere, ich eher, als Ihr. Gilbert. Elender! Ihr ſeid der Mörder. Fabiani. Nun ja, in der That, ich bin es!— Und nun? Gilbert. Ich werde die Wache rufen. Fabiani. Ihr werdet mir helfen, den Körper in's Waſſer werfen. Gilbert. Ich werde Euch verhaften und beſtrafen laſſen. — 140— Fabiani. Ihr werdet mir helfen, den Körper in's Waſſer werfen. Gilbert. Ihr ſeid unverſchaͤmt! Fabiani. Glaubt mir, verwiſchen wir jede Spur, es geht Euch mehr an, als mich. Gilbert. Das iſt ſtark. Fabiani. Einer von uns beiden hat den Streich geführt. Ich, ich bin ein großer Herr, ein edler Herr; Ihr, Ihr ſeid ein Landſtreicher, ein Bettler, ein Mann aus dem Volke. Ein Edelmann, der einen Juden tödtet, zahlt vier Sous Strafgeld. Ein Mann aus dem Volke, der einen tödtet, wird gehenkt. Gilbert. Ihr würdet wagen? Fabiani. Ich zeige Euch an, wenn Ihr mich an⸗ zeigt. Man wird mir eher glauben, als Euch. Jedenfalls iſt die Wette ungleich. Vier Sous Strafe für mich, der Galgen für Euch.. Gilbert. Keine Zeugen! keine Beweiſe! Oh! mein Kopf wird wirr. Der Schurke hat mich, er hat Recht. Fabiani. Soll ich Euch helfen, den Körper in's Waſſer werfen? Gilbert. Ihr ſeid der Teufel! Fabiani.(Gilbert faßt die Leiche am Kopf, Fabiani an den Füßen; ſie tragen ſie bis zum Geländer.) Ja.— — 141— Meiner Treu! mein Theurer, ich weiß nicht mehr recht, wer von uns beiden den Mann getödtet hat. (Sie ſteigen hinter dem Geländer hinunter.) Fabiani(kommt zurück). Es iſt geſchehen.— Gute Nacht, mein Freund, geht Eurer Wege.(Er geht auf das Haus zu und wendet ſich um, indem er bemerkt, daß Gil⸗ vert ihm folgt.) Nun, was wollt Ihr? Etwas Geld für Eure Mühe? Eigentlich bin ich Euch nichts ſchuldig; doch nehmt.(Er gibt Gilbert ſeine Börſe, der eine zurück⸗ weichende Bewegung macht und ſie dann mit der Miene eines Mannes, der ſich anders beſinnt, annimmt.) Jetzt fort! Nun, auf was wartet Ihr noch? Gilbert. Auf nichts. Fabiani. Meiner Treu! bleibt da, wenn es Euch gefällt. Die ſchönen Sterne für Euch, das ſchöne Mäd⸗ chen für mich. Gott behüte Euch!(Er geht auf die Thüre des Hauſes zu und bereitet ſich, ſie zu öffnen.) 8 Gilbert. Wo geht Ihr hin? Fabiani. Wahrhaftig! nach Hauſe. Gilbert. Wie, nach Hauſe? Fabiani. Ja.— Gilbert. Wer von uns beiden träumt dann 2 Ihr ſagtet mir eben, ich wäre der Mörder des Juden; Ihr ſagt mir jetzt, dieſes Haus da wäre Euer. Fabiani. Oder meiner Geliebten, das kommt auf Eins heraus. Gilbert. Wiederholt mir, was Ihr eben geſagt. 8 „ — 142— Fabiani. Ich ſage Euch, Freund, weil Ihr es wiſſen wollt, daß in dieſem Haus ein ſchönes Mädchen, Namens Jane, wohnt, das meine Geliebte iſt. Gilbert. Und ich, Mylord, ſage dir, daß du lügſt! Ich ſage dir, daß du ein Lügner und ein Mörder biſt, ich ſage dir, daß deine Mutter auf offnem Markt von dem Henker iſt ausgepeitſcht worden, und daß ich deinen Kopf mit meinen Händen packen und dir deine Zunge mit deinen Zähnen abbeißen werde. Fabiani. Nun! nun! Was iſt das für ein Teu⸗ felskerl? 4 Gilbert. Ich bin Gilbert, der Arbeiter. Jane iſt meine Braut. Fabiani. Und ich, ich bin der Ritter Amyas Pawlet. Jane iſt meine Geliebte. Gilbert. Du lügſt! ſage ich dir, du biſt Lord Clanbraſſil, der Günſtling der Königin. Schwachtopf! der glaubte, ich wüßte das nicht. Fabiani(bei Seite). Alle Welt kennt mich doch dieſe Nacht. Noch ein gefährlicher Menſch, den ich weg⸗ ſchaffen muß. Gilbert. Sag' ſogleich, daß du gelogen haſt, wie ein Schurke, und daß Jane deine Geliebte nicht iſt. Fabiani. Kennſt du ihre Schrift?(Er zieht ein Billet aus ſeiner Taſche.) Lies das.(Bei Seite, während Gilbert eonvulſtviſch das Papier entfaltet.) Er muß hinein — 143— und mit Jane Händel anfangen; das gibt meinen Leuten Zeit, herbeizukommen. Gilbert⸗Clieſ't).„Ich bin heute Nacht allein, Ihr könnt kommen.“ Verdammt! Mylord, du haſt meine Braut entehrt, du biſt ein Schurke! Gib mir Rechen⸗ ſchaft.. Fabiani(nimmt ſeinen Degen in die Hand). Ich will wohl, wo iſt dein Degen? Gilbert. O Wuth! Aus dem Volke ſein! Nichts bei ſich haben, weder Degen, noch Dolch! Geh, ich werde des Nachts an einer Gaſſenecke auf dich lauern und dir meine Nägel in den Hals drücken und dich erwürgen, Elender! Fabiani. Nun! nun! Ihr ſeid heftig, mein Freund⸗ Gilbert. Oh, Mylord! ich werde mich an dir rächen.. Fabiani. Du dich an mir rächen! Du ſo niedrig, ich ſo hoch! Du biſt toll! Ich lache dich aus. Gilbert. Du lachſt mich aus? Fabiani. Ja. Gilbert. Du ſollſt ſehen!— Fabiani(bei Seite). Die Sonne darf morgen dieſen Mann nicht beſcheinen.(Laut.) Freund, glaube mir, gehe heim. Ich bin ärgerlich, daß du das entdeckt haſt; aber ich überlaſſe dir die Schöne. Es war ohne⸗ hin meine Abſicht nicht, die Liebſchaft weiter zu treiben. Geht heim.(Er wirft einen Schlüſſel zu den Füßen Gil⸗ — 144— vert's.) Wenn du keinen Schlüſſel haſt, da iſt einer. Oder, wenn du willſt, brauchſt du nur viermal an den Laden zu klopfen. Jane wird glauben, ich ſei es, und dir öffnen. Gute Nacht.(Er geht.) Achte Scene. Gilbert, allein. Er iſt fort! Er iſt nicht mehr da! Ich habe ihn nicht mit den Füßen zerſtampft! Ich mußte ihn gehen laſſen! keine Waffen bei mir!(Er erblickt auf dem Boden den Dolch, womit Lord Clanbraſſil den Juden getödtet hat; er rafft⸗ihn mit raſender Eile auf.)) Ah! du kommſt zu ſpät! du kannſt wahrſcheinlich nur mich noch tödten! aber das iſt gleich, magſt du vom Himmel gefallen oder von der Hölle ausgeſpieen ſein, ich ſegne dich! Oh! Jane hat mich verrathen! Jane hat ſich dieſem Schurken überlaſſen! Jane iſt die Erbin des Lord Talbot! Jane iſt für mich verloren! Oh Gott! das ſind in einer Stunde mehr ſchreckliche Dinge, als ein Kopf tragen kann.(Simon Renard erſcheint im Dunkeln im Hinter⸗ grunde der Bühne.) Oh! mich an dieſem Menſchen rächen! mich an dieſem Lord Clanbraſſil rächen! Wenn ich zum Palaſte der Königin gehe, werden mich die Knechte mit Fußtritten wegſtoßen, wie einen Hund. Ohl ich bin ein Narr; mein Kopf hält's nicht aus. Oh! was liegt mir am — 145— Tod, aber ich will gerächt ſein! Ich würde mein Blut für die Rache geben! Gibt es Niemand unter der Sonne, der dieſen Handel mit mir eingehen möchte? Wer will mich an Lord Clanbraſſil rächen und mein Leben als Lohn nehmen? Neunte Scene. Gilbert. Simon Renard. Simon Renard. Ich. Gilbert. Du! Wer biſt du? Simon Renard. Ich bin der Mann, den du forderſt. Gilbert. Weißt du, wer ich bin? Simon Renard. Du biſt der Mann, den ich brauche. Gilbert. Ich habe nur noch einen Gedanken, weißt du das? An Lord Clanbraſſil mich rächen und ſterben. Simon Renard. Du wirſt dich an Lord Clan⸗ braſſil rächen und ſterben. Gilbert. Ich danke dir, wer du auch ſeiſt! Simon Renard. Ja, du ſollſt die Rache haben, die du forderſt; aber vergiß nicht, unter welcher Bedin⸗ gung. Ich muß dein Leben haben. Gilbert. Nimm es. „Simon Renard. Sind wir einig? VI.. 10 — 146— Gilbert. Ja. Simon Renard. Folge mir. Gilbert. Wohin? Simon Renard. Du wirſt es erfahren. Gilbert. Denke, daß du mir verſprachſt, mich zu rächen! Simon Renard. Den ke, daß du mir verſprachſt, zu ſterben! Zweite Handlung. ZDie Knigin. Perſonen: Die Königin. Simon Renard. Gilbert. Jane. Fabiano Fabiani. Edelleute. Der Henker. Zweiter Tag. Eins von den Zimmern der Königin. Ein Evangelium aufgeſchlagen auf einem Betpult. Die königliche Krone aut einem Schemel. Seitenthüren. Eine breite Thure im Hinter⸗ grund.— Ein Theil des Hintergrundes wird durch eine große gewirkte Tapete verdeckt. Erſte Scene. Die Koͤnigin reich gekleidet auf einem Ruhebette. Fa⸗ biano Fabiani ſitzt auf einem Schemel zur Seite, prach⸗ tiges Coſtüm, das Hoſenband. Fabiani(eine Guitarre in der Hand, ſingt). Traͤumſt du, o holde Traute, Sanft unter meinem Aug', So lispelt Liedeslaute Mir deiner Lippen Hauch. 10* — 148— Entknosp't aus Prunk und Schleier Blüht mir dein ſüßer Leib. Mir ewig theuer, Schlaf' ſüß, hold Weib! Hör' ich aus deinem Munde: „Du liebſt mich,“— dann ſchon hier Schließt ſich in ſel'ger Stunde Der Himmel auf über mir. Vom heil'gen, ew'gen Feuer Der Liebe ſtrahlt dein Blick! Weib, mir ſo theuer, Sei ſtets mein Glück! Vier Zauberworte heben, In Klarheit, ungetrübt, Empor das ganze Leben, Beneidet und geliebt. Das iſt des Lebens Sonne, Mein ewig junges Glück: „Geſang, Traum, Wonne Und— Liebesblick!“ (Er ſtellt die Guitarre weg.) Oh! ich liebe Euch mehr, als ich ſagen kann, Madame! Aber dieſer Simon Renard! dieſer Simon Renard! mächtiger hier, als Ihr ſelbſt, ich haſſe ihn. Die Königin. Ihr wißt wohl, daß ich nichts da⸗ — 149— für kann, Mylord. Er iſt hier der Geſandte des Prinzen von Spanien, meines zukünftigen Gemahls. Fabiani. Eures zukünftigen Gemahls! Die Königin. Still, Mylord, ſprechen wir nicht mehr davon. Ich liebe Euch, was braucht Ihr mehr? Und dann, es iſt jetzt Zeit, daß Ihr geht. Fabiani. Marie, noch einen Augenblick! Die Königin. Aber es iſt die Stunde, wo der geheime Rath ſich verſammelt. Bisher war nur das Weib hier, die Königin muß jetzt hereintreten. Fabiani. Ich will, daß das Weib die Königin vor der Thüre warten läßt. Die Königin. Ihr wollt! Ihr wollt! Ihr! Seht mich an, Mylord. Du haſt einen jungen und reizenden Kopf, Fabiano. Fabiani. O, Ihr ſeid ſchön! Ihr würdet nichts noͤthig haben, als Eure Schönheit, um allmächtig zu ſein. Auf Eurem Haupte iſt etwas das ſagt, daß Ihr die Königin ſeid; es ſteht aber noch viel deutlicher auf⸗ Eurer Etirn, als auf Eurer Krone. Die Königin. Ihr ſchmeichelt. Fabiani. Ich liebe dich. Die Königin. Du liebſt mich, nicht wahr? Du liebſt nur mich? Sage mir das noch einmal ſo, mit dieſen Augen. Ach! wir armen Weiber, wir wiſſen nie⸗ mals genau, was in dem Herzen eines Mannes vorgeht:; wir müſſen Euren Augen glauben, und die ſchönſten, — 150— Fabiano, lügen zuweilen am häßlichſten. Aber deine, Mylord, ſind ſo treu und rein, daß ſie nicht lügen kön⸗ nen, nicht wahr? Ja, dein Biick iſt offen und ehrlich, mein ſchöner Page. Oh! Himmelsaugen nehmen und damit betrügen, das wäre hölliſch. Du haſt deine Augen einem Engel oder dem Teufel geſtohlen. Fabiani. Weder Engel, noch Teufel. Ein Mann, der Euch liebt. Die Königin. Der die Königin liebt? Fabiani. Der Marie liebt. Die Königin. Höre, Fabiano, ich liebe dich auch. Du biſt jung, es gibt viel ſchöne Weiber, die dich gar zärtlich ⸗anſehen, ich weiß es. Endlich, man wird eine Königin müde, ſo gut wie eine andere. Unterbrich mich nicht. Ich will, daß du mir es ſagſt, wenn du je ein an⸗ deres Weib lieben ſollteſt. Ich werde dir vielleicht ver⸗ zeihen, wenn du mir es ſagſt. Unterbrich mich doch nicht. Du weißt nicht, wie weit meine Liebe geht, ich weiß es ſelbſt nicht. Es iſt wahr, ich habe Augenblicke, wo ich dich lieber todt, als mit einer Andern glücklich wiſſen möchte; aber es kommen mir auch andere, wo ich dich lieber glücklich ſähe. Mein Gott! ich weiß nicht, warum man mich in den Ruf eines ſchlechten Weibes bringen will. Fabiani. Ich kann nur mit dir glücklich ſein, Marie. Ich liebe nur dich. Die Königin. Gewiß? Sieh' mich an. Gewiß? O! ich bin manchmal eiferſüchtig; ich bilde mir — 151— V ein,— welches Weib hat nicht ſolche Gedanken?— ich bilde mir manchmal ein, du täuſchteſt mich. Ich möchte unſichtbar ſein und dir folgen können und immer wiſſen, was du thuſt, was du ſagſt und wo du biſt. In den V Feenmärchen gibt es einen Ring, der Einen unſichtbar macht; ich würde meine Krone für dieſen Ring geben. Ich bilde mir immer ein, du gingeſt zu den ſchönen Maͤdchen in der Stadt. O! du ſollteſt mich nicht täuſchen, ſiehſt du! Fabiani. Aber verbannt doch dieſe Gedanken, Madame. Ich Euch täuſchen, meine gute Königin, meine gute Herrin! Ich müßte der undankbarſte und erbärm⸗ lichſte Menſch ſein! Aber ich gab Euch keine Veran⸗ laſſung, mich für den undankbarſten und erbärmlichſten Menſchen zu halten. Aber ich liebe dich, Marie! aber ich bete dich an! aber ich könnte ein anderes Weib nicht einmal anſehen! Ich liebe dich, ſage ich dir; aber ſiehſt du das nicht in meinen Augen? O, mein Gott! die Wahrheit hat einen Ton, der dich überzeugen ſollte. Sieh', betrachte mich genau, ſehe ich aus wie ein Menſch, der dich verräth? Wenn ein Mann ein Weib verräth, ſo⸗ ſieht man es gleich. Die Weiber täuſchen ſich gewöhnlich nicht in dergleichen. Und welchen Augendlick wähleſt du, mir ſolche Dinge zu ſagen, Marie? den Augenblick meines Lebens, worin ich dich vielleicht am meiſten liebe. Es iſt wahr, V es iſt mir, als hätte ich dich nie ſo geliebt, wie heute. Ich ſpreche jetzt nicht mit der Königin. Wahrhaftig, ich lache über die Königin. Was kann mir die Königin thun? Sie kann mir den Kopf abſchlagen laſſen, was macht das? Du, Marie, kannſt mir das Herz brechen! Nicht Eure Majeſtät, nein, Marie, dich liebe ich. Deine ſchöne weiße und zarte Hand küſſe und bete ich an, nicht Euer Scepter, Madame. Die Königin. Danke, mein Fabiano. Lebe wohl. — Mein Gott, Mylord, wie jung Ihr ſeid! Die ſchönen ſchwarzen Haare und der reizende Kopf da!— Kommt in einer Stunde wieder. Fabiano. Was Ihr eine Stunde nennt, heiße ich eine Ewigkeit! 3 (Er geht. Sobald er weg iſt, erhebt die Kö⸗ nigin ſich raſch, tritt zu einer verborgenen Thüre, öffnet ſie und führt Simon Renard herein.) Zweite Scene. Die Königin. Simon Renard. Die Königin. Kommt herein, Herr Vogt. Nun, ſeid Ihr da geblieben? Habt Ihr ihn gehört? Simon Renard. Ja, Madame. Die Königin. Was ſagt Ihr dazu? O, er iſt der größte Schurke und Heuchler unter der Sonne! Was ſagt Ihr dazu? mi Simon Renard. Ich ſage, Madame, man ſieht wohl, daß dieſer Menſch einen Namen auf i führt. — 153— Die Königin. Und ſeid Ihr ſicher, daß er zu dieſem Weibe des Nachts geht? Ihr habt ihn geſehen? Simon Renard. Ich, Chandos, Clinton, Mon⸗ tagu, zehn Zeugen. Die Königin. Das iſt abſcheulich! Simon Renard. Außerdem ſoll die Sache der Königin ſogleich noch deutlicher erwieſen werden. Das Mädchen iſt hier, wie ich Eurer Majeſtät geſagt habe. Ich habe es in ſeinem Hauſe heute Nacht ergreifen laſſen.. Die Königin. Aber, reicht dieſes Verbrechen nicht hin, dieſem Menſchen den Kopf abſchlagen zu laſſen, mein Herr? Simon Renard. Bei einem huͤbſchen Mädchen des Nachts geweſen zu ſein? Nein, Madame. Eure Majeſtät hat Trogmorton für ein ähnliches Vergehen vor Gericht ſtellen laſſen. Trogmorton wurde freige⸗ ſprochen. 1 Die Königin. Ich habe die Richter des Trog⸗ morton geſtraft. Simon Renard. Seht zu, daß Ihr die Richter des Fabiani nicht ebenfalls zu beſtrafen habt. Die Königin. O! wie mich an dieſem Verrather rächen? 5 Simon Renard. Will Eure Majeſtät die Rache nur auf eine gewiſſe Weiſe? — 141— Die Königin. Auf die einzige, welche meiner würdig iſt. Simon Renard. Trogmorton wurde freige⸗ ſprochen. Es gibt nur ein Mittel, ich habe es Ew. Ma⸗ jeſtät geſagt. Der Mann, welcher da iſt. Die Königin. Wird er Alles thun, was ich will? Simon Renard. Ja, wenn Ihr Alles thut, was er will. Die Königin. Wird er ſein Leben einſetzen? Simon Renard. Er wird ſeine Bedingungen machen, aber er wird ſein Leben einſetzen.. Die Königin. Was will er? Wißt Ihr es? Simon Renard. Das, was Ihr ſelbſt wollt, ſich rächen. Die Königin. Laßt ihn herein und bleibt in der Nähe, ſo weit Ihr meine Stimme hören könnt.— Herr Vogt! Simon Renard(kommt zurück). Madame! Die Königin. Sagt dem Mylord Chandos, er möge ſich im anſtoßenden Zimmer mit ſechs meiner Leute bereit halten, herein zu treten. Und das Weib auch, daß ſie gleich herein kann.— Geht! (Simon Renard geht ab Die Königin(allein.) O! das wird ſareckic werden! (Eine der Seitenthüren öffnet ſich. S. Renard und Gilbert treten herein.) „Dritte Scene. Die Königin. Gilbert. Simon Renard. Gilbert. Vor wem bin ich? Simon Renard. Vor der Königin. Gilbert. Der Königin! Die Königin. Ja, der Königin. Ich bin die Königin. Wir haben nicht Zeit, uns zu verwundern. Ihr, Herr, ſeid Gilbert, ein Arbeiter. Ihr wohnt irgendwo da herum am Ufer des Fluſſes, mit einer gewiſſen Jane, mit der Ihr verlobt ſeid, und die Euch betrügt und zum Liebhaber einen gewiſſen Fabiano hat, der mich betrügt, mich. Ihr wollt Euch rächen, und ich mich. Dazu muß ich über Euer Leben nach Belieben verfügen können. Ihr müßt ſagen, was ich Euch zu ſagen befehle, was es auch ſei. Es darf für Euch weder Wahrheit, noch Lüge, weder Gut, noch Bös, weder Recht, noch Unrecht mehr geben, nichts als meine Rache und mein Wille. Ihr müßt mich machen und mit Euch machen laſſen, was ich will. Willigt Ihr ein? Gilbert. Madame.... Die Königin. Rache, du ſollſt ſie haben. Aber ich ſage dir zum Voraus, du mußt ſterben. Das iſt Phe Mache deine Bedingungen. Haſt du eine alte Kutter: ſoll ich ihren Tiſch mit Goldſtücken bedecken? Sprich, ich thue es. Verkaufe mir dein Leben ſo theuer, als du willſt. — 156— .* Gilbert. Ich bin nicht mehr zum Sterben ent⸗ ſchloſſen, Madame. 1 Königin. Wie! 3 Gilbert. Seht! Majeſtät, ich habe die ganze Nacht darüber nachgedacht; es iſt mir in dieſer Sache noch gar nichts erwieſen. Ich habe einen Mann geſe⸗ hen, der ſich rühmte, der Geliebte von Jane zu ſein. Wer beweist mir, daß er nicht gelogen hat? Ich ſah einen Schlüſſel. Wer beweist mir, daß er nicht geſtoh⸗ len war? Ich ſah einen Brief. Wer beweist mir, daß man ſie nicht mit Gewalt ihn hat ſchreiben machen? Uebrigens weiß ich nicht einmal mehr, ob es ihre Hand war. Es war finſter. Ich war verwirrt. Ich ſah nichts. Ich kann ein Leben nicht wegwerfen, das ſo gut wie ihr iſt. Ich glaube nichts, ich weiß nichts gewiß, ich habe Jane nicht geſehen. Königin. Man ſieht wohl, daß du liebſt! Du biſt wie ich, du trotzeſt allen Beweiſen. Und wenn du nun dieſe Jane ſiehſt, wenn du ſie ihr Verbrechen geſtehen hörſt, wirſt du dann thun, was ich will? Gilbert. Ja, doch eine Bedingung. Königin. Du wirſt ſie mir ſpäter ſagen.(Zu S. Renard.) Sogleich das Weib hierher.(S. Renard geht. Die Königin ſtellt Gilbert hinter einen Vorhang, der den Hin⸗ tergrund des Zimmers zum Theil verdeckt.) Stelle dich da. hin.(Jane tritt bleich und zitternd herein.) Vierte Scene. Die Königin, Jane, Gilbert(hinter dem Vorhang.) Königin. Näher, junges Mädchen! Du weißt, wer wir ſind? Jane. Ja, Madame. Königin. Du weißt, wer der Mann iſt, welcher dich verführt hat? Jane. Ja, Madame. Königin. Er hat dich betrogen! Er hat ſich für einen Edelmann, Namens Amyas Pawlet, ausgegeben? Jane. Ja, Madame. Königin. Du weißt jetzt, daß er Fabiano Fa⸗ biani, Graf von Clanbraſſil, iſt? Jane, Ja, Madame. Königin. Dieſe Nacht, als man dich in deinem Hauſe ergriff, hatteſt du ihm eine Zuſammenkunft ver⸗ ſprochen, du erwarteteſt ihn? Jane(die Hände ringend.) Mein Gott, Madame! Königin. Antworte. Jane(mit ſchwacher Stimme.) Ja. Königin. Du weißt, daß Ihr nichts mehr zu hoffen habt, weder du noch er? Jane. Als den Tod! Das iſt eine Hoffnung, Königin. Erzähle mir die ganze Geſchichte. Wo haſt du dieſen Mann zum erſten Male geſprochen? Jane. Das erſte Mal, daß ich ihn ſah, es war... — 158— aber wozu das Alles? Ein elendes Mädchen aus dem Volke, arm und eitel, thöricht und gefallſüchtig, vernarrt in Putz und ein ſchönes Aeußere, das ſich durch den Glanz eines großen Herrn blenden läßt: das iſt Alles. Ich bin verführt, ich bin entehrt, ich bin verloren. Ich habe nichts mehr zu ſagen. Mein Gott, Madame, ſeht Ihr denn nicht, daß jedes Wort, das ich ſpreche, mich ſterben macht. Königin. Es iſt gut. Jane. O Euer Zorn iſt ſchrecklich, ich weiß es, Madame. Mein Haupt beugt ſich zum Voraus unter der Strafe, die Ihr mir bereitet. Königin. Ich eine Strafe für dich! Was küm⸗ mere ich mich denn um dich, Närrin! Wer biſt du, elen⸗ des Geſchöpf, daß die Königin ſich mit dir beſchäftigen ſollte? Nein, Fabiano, das iſt meine Rache. Was dich betrifft, Weib, ſo übernimmt es ein Anderer, als ich, dich zu beſtrafen. Jane. Gut denn, Madam, übertragt es, wem Ihr wollt, ſtraft mich, wie Ihr wollt, ich werde Alles dul⸗ den, ohne zu klagen, ich werde Euch ſelbſt danken, nur erbarmt Euch meiner Bitte. Es gibt ein Mann, der mich als Waiſe in der Wiege erhielt, der mich auf⸗ nahm, der mich erzog, mich nährte, mich liebte und mich noch liebt; ein Mann, deſſen ich ſehr unwürdig bin, gegen den ich mich ſchwer vergangen habe und deſ⸗ ſen Bild dennoch angebetet, göttlich und heilig wie das — 159— Gottes in der Tiefe meines Herzens ruht; ein Mann, der ohne Zweifel in der Stunde, wo ich mit Euch rede, ſein Haus leer, verlaſſen und wüſt findet und nichts da⸗ von begreift und ſich die Haare aus Verzweiflung aus⸗ reißt. Und ſo bitte ich denn Eure Majeſtät, möge er nie etwas davon begreifen; möge ich verſchwinden, ohne daß er je weiß, was aus mir geworden iſt, weder was ich gethan habe, noch was Ihr mit mir gemacht habt. Ach mein Gott! ich weiß nicht, ob ich mich deutlich mache; aber Ihr müßt fühlen, daß ich einen Freund habe, einen edlen und großmüthigen Freund,— armer Gilbert! o ja, es iſt wohl wahr— der mich achtet, mich für rein hält, und von dem ich nicht gehaßt und verachtet ſein will.— Ihr verſteht mich, Madame. Seht, die Achtung dieſes Mannes iſt für mich weit mehr, als das Leben! Und dann das würde ihm ſchrecklichen Kum⸗ mer machen! Ein ſolcher Schlag! Er würde es anfangs nicht glauben! Nein, er würde es nicht glauben! Mein Gott! armer Gilbert! Oh Madame! habt Mitleid mit ihm und mir. Er hat Euch nichts gethan. Daß er nichts davon erfährt, im Namen des Himmels! im Na⸗ men des Himmels! Daß er nicht erfährt, daß ich ſchul⸗ dig bin; er würde ſich tödten. Daß er nicht erfährt, daß ich todt bin; er würde ſterben. Königin. Der Mann, von dem Ihr ſprecht, iſt hier; er hört Euch, er richtet Euch und wird Euch ſtra⸗ fen.(Gilbert zeigt ſich.) —— 160— Jane. Himmel! Gilbert! Gilbert(zur Königin.) Mein Leben gehört Euch, Madame. Königin. Gut. Habt Ihr einige Bedingungen zu machen? Gilbert. Ja, Madame. Königin. Welche? Wir geben Euch unſer könig⸗ liches Wort, daß wir ſie zum Voraus genehmigen. Gilbert. Seht, Madame.— Es iſt ſehr einfach. Es iſt eine Schuld der Dankbarkeit, deren ich mich ge⸗ gen einen Herrn Eures Hofes erledige, welcher mir viel Arbeit verſchafft hat. Königin. Sprecht. 4 Gilbert. Dieſer Herr hat ein geheimes Verhaͤlt⸗ niß mit einem Weibe, das er nicht heirathen kann, weil es aus einem geächteten Hauſe ſtammt. Dieſes Weib, das bis jetzt verborgen gelebt hat, iſt die einzige Toch⸗ ter und Erbin des letzten Lord Talbot, der unter Hein⸗ rich dem Achten enthauptet wurde. Königin. Was! Biſt du deſſen gewiß, was du da ſagſt? Johann Talbot, der gute katholiſche Lord, der loyale Vertheidiger meiner Mutter von Aragonien, er hat eine Tochter hinterlaſſen, ſagſt du? Bei meiner Krone, wenn das wahr iſt, ſo iſt das Kind mein Kind; und was Johann Talbot für die Mutter der Marie von Eng⸗ land gethan hat, wird Marie von England für die Toch⸗ ter von Johann Talbot thun. — 161— Gilbert. Dann wird es ohne Zweifel Eure Ma⸗ jeſtät glücklich machen, der Tochter des Lord Talbot die Güter ihres Vaters zurückzugeben?. Königin. Ja gewiß, und ſie Fabiano wieder zu nehmen! Aber hat man Beweiſe für das Daſein dieſer Erbin? Gilbert. Man hat ſie. Königin. Uebrigens, wenn wir keine Beweiſe haben, ſo machen wir welche. Wir ſind nicht umſonſt Koͤnigin. Gilbert. Eure Majeſtät wird der Tochter des Lord Talbot die Güter, die Titel, den Rang, den Na⸗ men, das Wappen und den Wahlſpruch ihres Vaters zu⸗ rückgeben. Eure Majeſtät wird ſie von jeder Achtung frei ſprechen und ihr das Leben zuſichern. Eure Maje⸗ ſtät wird ſie mit dieſem Herrn vermählen, welcher der einzige Mann iſt, den ſie heirathen kann. Unter dieſen Bedingungen, Madame, könnt Ihr über mich verfügen, über meine Freiheit, mein Leben und meinen Willen, wie Euch beliebt. Königin. Gut. Ich werde thun, was Ihr ge⸗ ſagt habt. Gilbert. Eure Majeſtät wird thun, was ich ge⸗ ſagt habe. Die Königin von England ſchwört es mir Gilbert, dem Arbeiter, auf ihre Krone hier und auf das offene Evangelienbuch da. VI. 11 — 162— Königin. Ich ſchwöre es dir auf die koͤnigliche Krone hier und auf das heilige Evangelium da. Gilbert. Der Vertrag iſt geſchloſſen, Madame. Laßt ein Grab für mich und ein Hochzeitbett für die Gatten bereiten. Der Herr, von dem ich ſprach, iſt Fabiani, Graf von Clanbraſſil. Die Erbin Talbot's,— hier iſt ſie. Jane. Was ſagt er? Königin. Habe ich mit einem Wahnſinnigen zu thun? Was bedeutet das? Meiſter, gebt Acht, Ihr ſeid ſehr tollkühn, die Königin von England zu necken!— Die königlichen Zimmer ſind Orte, wo man die Worte wägen muß, die man ſpricht; es gibt Fälle, wo der Mund den Kopf fallen macht! Gilbert. Meinen Kopf, Ihr habt ihn, Madame. Ich, ich habe Euern Eid. Königin. Ihr ſprecht nicht im Ernſt. Dieſer Fabiani! Dieſe Jane!...— Geht doch! Gilbert. Dieſe Jane iſt die Tochter und Erbin des Lord Talbot. Königin. Bah! Geſichter! Fixe Ideen! Narrheit! Die Beweiſe, habt Ihr ſie? Gilbert. Vollſtändig.(Er zieht ein Paquet aus dem Buſen.) Leſ't dieſe Papiere. Königin. Habe ich Zeit, Eure Papiere zu leſen? Habe ich Eure Papiere verlangt? Was geht mich das an? Eure Papiere, bei meiner Seele, ich werfe ſie in's — 163— Feuer, wenn ſie etwas beweiſen, ſo daß nichts übris bleibt. Gilbert. Als Euer Eid, Madame. Königin. Mein Eid! Mein Eid!. Gilbert. Auf die Krone und auf das Evange⸗ lium, Madame! Das heißt auf Euer Haupt und auf Eure Seele, auf Euer Leben in dieſer und auf Euer Leben in der anderen Welt. Königin. Aber was willſt du denn? Bei meinem Eide, du biſt wahnwitzig! Gilbert. Was ich will? Jane hat ihren Rang verloren; gebt ihr ihn wieder! Jane hat ihre Ehre ver⸗ loren; gebt ihr ſie wieder! Erklärt ſie fuͤr die Tochter des Lord Talbot und die Gemahlin des Lord Clanbraſ⸗ ſil,— und dann nehmt mein Leben! Königin. Dein Leben! Was ſoll ich dann mit deinem Leben anfangen? Ich wollte es nur, um mich an dieſem Menſchen, an Fabiano zu rächen! Dus begreifſt alſo nichts? Ich begreife dich eben ſo wenig. So alſo rächſt du dich? O dieſe Leute aus dem Volke ſind dumm! Und dann, glaube ich denn an deine laͤcherliche Geſchichte mit deiner Erbin Talbot's? Die Papiere! Du zeigſt mir die Papiere! Ich will ſie nicht anſehen. Ha! ein Weib verräth dich, und du ſpielſt den Großmüthigen! Wie du willſt. Ich bin nicht großmüthig, ich! Ich habe Wuth und Haß im Herzen. Ich werde mich rächen, und du wirſt mir helfen. Aber dieſer Menſch iſt ein Narr! 11* — 164— „Ein Narr! Ein Narr!“ Mein Gott! Warum habe ich ihn nöthig? Es iſt zum Verzweifeln, wenn man mit ſolchen Leuten bei ernſthaften Dingen zu thun hat! Gilbert. Ich habe Euer Wort als katholiſche Königin. Lord Clanbraſſil hat Jane verführt, er ſoll ſie heirathen. Königin. Und wenn er ſich weigert? Gilbert. So werdet Ihr ihn zwingen. Jane. Oh nein! Habt Erbarmen, Gilbert! Gilbert. Nun denn! Wenn er ſich weigert, der Schurke, ſo mag Eure Majeſtät mit mir und ihm ma⸗ chen, was beliebt. Königin(freudig.) Hal das iſt Alles, was ich will! Gilbert. Wenn das geſchieht, ſo werde ich Alles thun, was die Königin mir aufträgt, im Falle die Krone der Graͤfin von Waterford feierlich auf das heilige und unvverletzliche Haupt der Jane Talbot hier geſetzt wird. Königin. Alles? Gilbert. Alles. Königin. Du wirſt ſagen, was du ſagen ſollſt? Du wirſt des Todes ſterben, den man will? Gilbert. Des Todes, den man will. Jane. O Gott!. Königin. Du ſchwörſt es? Gilbert. Ich ſchwöre es. Königin. Die Sache kann ſo gehen. Das ge⸗ nügt. Ich habe dein Wort, du haſt das meinige. So ſei es.(Sie ſcheint einen Augenblick nachzudenken, zu Jane.) Ihr ſeid hier überflüſſig, geht. Man wird Euch wie⸗ der rufen.. Jane. O Gilbert, was habt Ihr gethan? O Gll⸗ bert! ich bin eine Elende, ich wage die Augen nicht vor Euch aufzuſchlagen! O Gilbert! Ihr ſeid mehr, als ein Engel; denn Ihr habt zugleich die Tugenden eines En⸗ gels und die Leidenſchaften eines Menſchen.(Sie geht.) Fünfte Scene. Die Königin, Gilbert; dann Simon Renard, Lord Chandos und die Wachen. Königin C(zu Gilbert.) Haſt du eine Waffe bei dir? Ein Meſſer? Einen Dolch? Sonſt etwas? Gilbert(zieht aus ſeinem Buſen den Dolch des Lord Clanbrafſil.) Einen Dolch? Ja, Madame. 8 Königin. Gut. Nimm ihn in die Hand.(Sie faßt ihn tebhaft bei'm Arm.) Herr von Amont! Lord Chan⸗ dos!(Simon Renard, Lord Chandos und die Wachen treten ein.) Verſichert Euch dieſes Menſchen! Er hat den Dolch auf mich gezückt. Ich faßte ihn bei'm Arm im Augen⸗ blick, wo er mich durchbohren wollte. Er iſt ein Mörder. Gilbert. Madame! Königin(ceiſe zu Gilbert.) Vergißt du ſchon jetzt unſere Bedingungen? Läßt du dich ſo gehen?(laut.) Ihr alle ſeid Zeugen, daß er den Dolch noch in der Hand — 166— hatte! Herr Vogt, wie heißt der Henker des Londoner Thurmes? Simon Renard. Er iſt ein Irländer, Namens Mac⸗Dermoti. Königin. Man laſſe ihn kommen, ich habe mit ihm zu ſprechen. Simon Renard. Ihr ſelbſt? Königin. Ich ſelbſt. Simon Renard. Die Königin wird mit dem Henker ſprechen! Königin. Ja, die Königin wird mit dem Hen⸗ ker, der Kopf wird mit der Hand ſprechen.— Gebt doch!(Einer von der Wache geht ab.) Mylord Chandos und Ihr, meine Herrn, ſteht mir für dieſen Mann. Nehmt ihn in Eure Mitte, da hinter Euch. Es wer⸗ den hier Dinge vorgehen, die er ſehen muß.— Herr Lieutenant von Amont, iſt Lord Clanbraſſil in dem Palaſt? Simon Renard. Er iſt da, in dem gemalten Zimmer, und wartet bis es der Königin beliebt, ihn zu ſehen. Königin. Er ahnt Nichts? Simon Renard. Nichts. Königin(zu Lord Chandos.) Er mag herein kom⸗ men. Simon Renard. Der ganze Hof wartet eben⸗ falls. Soll Niemand vor Lord Clanbraſſil hereinkommen? Königin. Wer von unſern Herrn haßt Fabiani? — 167— Simon Renard. Sie haſſen ihn alle. Königin. Wer haßt ihn am meiſten? Simon Renard. Clinton, Montagu, Sommer⸗ ſet, der Graf von Derby, Gerard, Fitz⸗Gerard, Lord Paget und der Lord Kanzler. Königin(zu Lord Chandos.) Führt ſie alle herein, den Lord Kanzler ausgenommen. Geht.(Chandos geht. Zu Simon Renard.) Der würdige Biſchof liebt den Fa⸗ biani ſo wenig, als die Andern; aber der Mann iſt et⸗ was genau.(Sie bemerkt die Papiere, welche Gilbert auf den Tiſch gelegt hat.) Ach! ich muß doch einen Blick in dieſe Papiere werfen.(Während ſie dieſelben unterſucht⸗ öͤffnet ſich die Thüre im Hintergrund. Die von der Königin bezeichneten Herrn treten unter tiefen Verbeugungen herein.) Sechste Scene. Die Nämlichen, Lord Clinton und die übrigen Herrn. Königin. Guten Tag, meine Herrn. Gott be⸗ hüte Euch, Mylords.(Zu Lord Montagu.) Anthony Browe, ich vergeſſe nie, daß Ihr dem Johann von Mont⸗ morency und dem Herrn von Toulouſe bei meinen Un⸗ terhandlungen mit dem Kaiſer, meinem Oheim, würdig Stand gehalten habt.— Lord Paget, Ihr werdet heute Eure Titel als Baron Paget von Beaudeſert in Staf⸗ ford erhalten.— Seht doch! da iſt ja unſer alter Freund Lord Clinton! Wir ſind immer Eure gute Freundin, — 168— Mylord. Ihr habt Thomas Wyatt in der Ebene von St. James vernichtet. Gedenken wir alle daran. An dieſem Tage wurde die Krone von England durch eine Brücke gerettet, die meinen Truppen möglich machte, bis zu den Rebellen zu dringen, und durch eine Mauer, welche die Rebellen verhinderte, bis zu mir zu dringen. Dieſe Brücke war die Brücke von London. Die Mauer war Lord Clinton. Lord Clinton(leiſe zu Simon Renard.) Es ſind jetzt ſechs Monate, ſeit die Königin nicht mehr mit mir geſprochen hat. Wie gut ſie heute iſt! Simon Renard(teiſe zu Lord Clinton.) Geduld, Mylord. Ihr werdet ſie gleich noch beſſer finden. Königin(zu Lord Chandos.) Mylord Clanbraſſil kann herein kommen.(Zu Simon Renard.) Wenn er ei⸗ nige Augenblicke hier iſt...(Sie ſpricht ihm leiſe in's Ohr und deutet auf die Thüre, durch welche Jane Hinangäe. gangen iſt.) Simon Renard. Genug, Madame.(Fabtani tritt herein.) Siebente Scene. Die Nämlichen. Fabiani. Königin. Ahl da iſt erl..(Sie ſpricht wieder leiſe mit Simon Renard.) Fabiani(bei Seite, indem er von Allen gegrüßt wird und um ſich blickt.) Was ſoll das heißen? Niemand hier — 169— dieſen Morgen, als meine Feinde. Die Königin ſpricht leiſe mit Simon Renard. Teufel! ſie lacht! böſes Zeichen! 3 Königin(mit Grazie zu Fabiani.) Gott behüte Euch, Mylord! Fabiani cergreift ihre Hand und küßt ſie.) Ma⸗ dame...(bei Seite.) Sie hat gelächelt. Die Gefahr droht nicht mir. Königin(immer mit Grazie.) Ich habe mit Euch zu ſprechen.(Sie geht mit ihm auf den Vordergrund der Bühne.) Fabiani. Und ich habe auch mit Euch zu ſpre⸗ chen, Madame. Ich habe Euch Vorwürfe zu machen. Mich auf ſo lange Zeit zu entfernen, zu verbannen! Ach! es wäre nicht ſo, wenn Ihr in der Stunde der Tren⸗ nung ſo an mich dächtet, wie ich an Euch denke. Königin. Ihr ſeid ungerecht; ſeit Ihr mich ver⸗ laſſen habt, beſchaftige ich mich nur mit Euch. Fabiani. Iſt das auch wahr? Wäre ich ſo glück⸗ lich? Sagt mir es noch ein Mal. Königin cimmer lächelnd.) Ich ſchwöre es Euch. Fabiani. Ihr liebt mich alſo, wie ich Euch liebe? Königin. Ja, Mylord.— Gewiß, ich dachte nur an Euch, und das ſo, daß ich auf eine engenehme Ue⸗ berraſchung für Euch ſann, wenn Ihr wieder kämet. Fabiani. Wie! Welche Ueberraſchung? — 170— Königin. Eine Zuſammenkunft, die Euch Freude machen wird. Fabiani. Zuſammenkunft, mit wem? Königin. Rathet.— Ihr rathet es nicht? Fabiani. Nein, Madame. Königin. Kehrt Euch um.(Indem er ſich umkehrt, erblickt er Jane auf der Schwelle der kleinen Thüre, die balb offen iſt.) Fabiani(bei Seite.) Jane! Jane(bei Seite.) Er iſt's! Königin(immer lächelnd.) Mylord, kennt Ihr dieß junge Mädchen? Fabiani. Nein, Madame. Königin. Junges Mädchen, kennt Ihr Mylord? Jane. Die Wahrheit über das Leben. Ja, Ma⸗ dame. Königin. Mylord, Ihr kennt alſo dieſes Weib nicht? Fabiani. Madame! man will mich verderben. Ich bin von Feinden umgeben. Dieſes Weib iſt ohne Zweifel mit ihnen im Bunde. Ich kenne ſie nicht, Ma⸗ dame! Ich weiß nicht, wer ſie iſt, Madame! Königin(erhebt ſich und ſchlägt ihm mit ihrem Hand⸗ ſchuh in's Geſicht.) Ah! du biſt eine Memme!— Ah! du verräthſt die Eine und verläugneſt die Andere! Ha! du weißt nicht, wer ſie iſt. Soll ich dir es ſagen? Die⸗ ſes Weib iſt Jane Talbot, Tochter des Johann Talbot, — 171— des guten katholiſchen Herrn, der auf dem Schaffot für meine Mutter ſtarb. Dieſes Weib iſt Jane Talbot, meine Baſe; Jane Talbok, Gräfin von Shrewsbury, Grafin von Wexford, Gräfin von Waterford, Paireſſe von Eng⸗ land. Das iſt dieß Weib!— Lord Paget, Ihr ſeid Siegelbewahrer, Ihr werdet Euch nach meinem Worte richten. Die Königin von England erkennt feierlich das junge Mädchen hier als Jane, Tochter und einzige Er⸗ bin des letzten Grafen von Waterford an.(Auf die Pa⸗ piere zeigend.) Da ſind die Papiere und Beweiſe, Ihr werdet ſte mit dem großen Siegel verſiegeln. Das iſt unſer Wille.(Zu Fabiani.) Ja, Gräfin von Waterford! und das iſt erwieſen! und du wirſt die Güter herausge⸗ ben, Schurke!— Hal du kennſt dieß Weib nicht! Ha! du weißt nicht, wer dieß Weib iſt. Nun, ich will dir es ſagen, ich! Sie iſt Jane Talbot! und ſoll ich dir noch mehr ſagen?(Sie ſieht ihn an, leiſe, zwiſchen den Zähnen.) Schurke! ſie iſt deine Geliebte! Fabiani. Madame... Königin. Das iſt ſie, jetzt will ich dir ſagen, was du biſt.— Du biſt ein Menſch ohne Seele, ein Menſch ohne Herz, ein Menſch ohne Geiſt! Du biſt ein Schurke und eine Memme! Du biſt.. Bei Gott, meine Herrn, Ihr habt nicht nöthig, Euch zu entfernen. Es iſt mir ſehr gleichgültig, ob Ihr hört, was ich die⸗ ſem Menſchen zu ſagen habe! Ich daͤmpfe meine Stimme nicht, wie mir däucht.— Fabiano! du biſt ein Schurke, ein Verraͤther an mir, eine Memme gegen ſie, ein heuch⸗ leriſcher Knecht, der erbärmlichſte und letzte unter den Menſchen! Und doch iſt es wahr, daß ich dich zum Gra⸗ fen von Clanbraſſil, zum Baron von Dynasmonddy und dann noch? zum Baron von Darmouth in Devonſſhire gemacht habe. Nun, ich war nicht bei Sinnen! Ich bitte Euch um Verzeihung, Mylords, daß ich Euch den Ellen⸗ bogenſtößen dieſes Menſchen ausſetzte. Du Ritter! du Edelmann! du Herr! meſſe dich doch mit denen, die da ſtehen, Elender! Sieh doch um dich. Das ſind Edel⸗ leute, da iſt Bridges, Baron Chandos. Da Seymour, Herzog von Sommerſet. Da die Stanley's, die Gra⸗ fen von Derby ſind ſeit dem Jahre 1485! Hier die Clin⸗ ton, die Barone von Clinton ſind ſeit dem Jahre 12981 Blldeſt du dir ein, du gleicheſt dieſen Leuten, du! Du ſagſt, du ſeiſt mit dem ſpaniſchen Hauſe von Penalver verwandt; aber es iſt nicht wahr, du biſt ein elender Jaliener, nichts! weniger, als nichts! Sohn eines Schu⸗ ſters vom Dorfe Larino!— Ja meine Herrn, Sohn ei⸗. nes Schuſters! Ich wußte es und ich ſagte es nicht, und verbarg es; ich that, als glaubte ich dieſem Menſchen, wenn er von ſeinem Adel ſprach. Denn ſo ſind wir ein Mal, wir Weiber. O mein Gott! ich wollte, es wären Weiber hier, es wäre eine Lehre für Alle dieſer Schurke! dieſer Schurke! er betrügt ein Weib und ver⸗ läugnet das andere! der Elende! Gewiß, du biſt ſeyr er⸗ bärmlich! Wie! ſeit ich ſpreche, liegt er noch nicht auf — 173— den Knieen! Auf die Knie, Fabiani! Mylords, bringt dieſen Menſchen mit Gewalt auf die Knie! Fabiani. Eure Majeſtäat!.. Königin. Dieſer Elende, den ich mit Wohltha⸗ ten überhäuft, dieſer neapolitaniſche Lagnai, den ich zum goldnen Ritter und freien Grafen von England gemacht habe! Ha, ich hätte mich darauf gefaßt machen ſollen! Man hatte mir wohl geſagt, daß es ſo ausgehen würde. Aber ich bin immer ſo, ich bin eigenſinnig, und ſehe dann, daß ich Unrecht hatte. Es iſt meine Schuld. Italiener, d. h. Schurke! Neapolitaner, d. h. Memme. Jedes Mal hat es meinen Vater gereut, wenn er ſich eines Italieners bediente. Dieſer Fabiani! Du ſiehſt⸗ Lady Jane, welchem Menſchen du dich überlaſſen haſt, unglückliches Kind!— Ich werde dich rächen!— Ol ich hätte es zum Voraus wiſſen ſollen, man kann in der Taſche eines Italieners nichts finden, als einen Dolch, und in der Seele eines Italieners nichts, als Verrath. Fabiani. Madame, ich ſchwöre Euch... Königin. Er wird gleich einen Meineid ſchwören! Er wird niederträchtig bis an's Ende ſein; er wird uns ganz erröthen machen vor dieſen Männern, uns ſchwache Weiber, die wir ihn geliebt haben! Er wird nicht ein Mal das Haupt erheben! Fabiani. Doch Madame, ich werde es erheben. Ich bin verloren, ich ſehe es wohl. Mein Tod iſt be⸗ — 174— ſchloſſen. Ihr werdet alle Mittel anwenden, den Dolch, das Gift.... Königin Cfaßt ihn bei den Händen und zieht ihn leb⸗ haft auf den Vordergrund der Bühne.) Das Gift, den Dolch! Was ſagſt du da, Italiener? Die verrätheriſche Rache, die ſchmähliche Rache, die Rache von hinten, die Rache, wie in deinem Lande! Nein, Signor Fabiano, weder Dolch noch Gift. Habe ich nöthig, mich zu ver⸗ bergen, mich in die Gaſſenecken des Nachts zu drücken und mich klein zu machen, wenn ich mich räche? Nein, wahrhaftig, ich will den hellen Tag, verſtehſt du, Mylord? den hellen Tag, die Sonne, den freien Platz das Beil, den Block, das Volk in den Gaſſen, das Volk an den Fenſtern, das Volk auf den Dächern, hundert tauſend Zeugen! Ich will, daß man Zurcht habe, hörſt du, Mylordſe daß man das prachtig, furchtbar und groß⸗ artig finde und daß man ſage: ein Weib iſt beleidigt worden, aber eine Königin racht ſich! Dieſer ſo benei⸗ dete Günſtling, dieſer ſchöne, ſtolze junge Mann, den ich mit Seide und Sammet bedeckte, ich will ihn gebrochen, wirr und zitternd auf den Knieen, auf einem ſchwarzen Tuche ſehen, die Füße nackt, die Hände gebunden, unter dem Hohn des Volkes, unter den Fäuſten des Henkers. Um dieſen weißen Hals, um den ich eine goldne Kette hing, will ich einen Strick legen. Ich ſah, wie dieſer Fabiano ſich auf einem Thron ausnahm; ich will ſehen, wie er ſich auf dem Schaffot ausnimmt! Fabiani. Madame..... Königin. Kein Wort mehr! Ha, kein Wort mehr! Du biſt wahrhaftig verloren, ſiehſt du, du wirſt das Schaffot beſteigen, wie Suffolk und Northumberland. Das iſt ein Feſt, ſo gut wie ein anderes, welches ich meiner guten Stadt London gebe. Du weißt, wie ſie dich haßt, meine gute Stadt. Bei Gott! es iſt eine ſchöne Sache, wenn man ſich rächen muß, Marie, Dame und Königin von England, Tochter Heinrich des Achten und Herrin von vier Meeren zu ſein. Und wann du auf dem Schaffot ſtehſt, Fabiani, kannſt du nach deinem Belieben eine lange Rede an das Volk halten, wie Northumberland, oder ein langes Gebet zu Gott ſchicken, wie Suffolk, um die Gnade nicht zu ſpät kommen zu laſſen. Der Himmel iſt mein Zeuge, daß du ein Verräther biſt und daß die Gnade nicht kommen wird. Dieſer elende Schurke, der mir von Liebe ſprach und dieſen Morgen: Dul zu mir ſagte! Mein Gott, meine Herren! Ihr ſcheint zu ſtau⸗ nen, daß ich ſo vor Euch ſpreche; aber ich wiederhole es, was liegt mir daran?(aZu Lord Sommerſet.) Mylord Herzog, Ihr ſeid der Befehlshaber des Thurms, nehmt dieſem Menſchen ſeinen Degen ab. Fabiani. Hier iſt er; aber ich proteſtire. Geſetzt auch, es ſei bewieſen, daß ich ein Weib hintergangen oder verführt habe... Die Königin. O, was liegt mir daran, ob du ein Weib verführt haſt!— Kümmere ich mich denn darum? — 176— Dieſe Herren ſind Zeugen, daß mir dies ſehr gleich⸗ gültig iſt. Fabiani. Ein Weib verführen iſt keine Todſünde. Eure Majeſtät hat Trogmorton auf eine ſolche Anklage hin nicht können verurtheilen laſſen. Die Königin. Er trotzt uns noch, glaube ich, der Wurm wird zur Schlange. Und wer ſagt dir denn, daß man dich deßwegen anklagt? Fabiani. Wegen was klagt man mich denn an? Ich bin kein Engländer, ich bin kein Unterthan Eurer Majeſtät. Ich bin Unterthan des Königs von Neapel und Vaſall des heiligen Vaters. Ich werde ſeinen Le⸗ gaten, den Cardinal Polus, auffordern, mich zurück zu verlangen. Ich bin ein Fremder. Ich kann einer Un⸗ terſuchung nur dann unterworfen werden, wenn ich ein Verbrechen begangen habe, ein wahres Verbrechen.— Worin beſteht mein Verbrechen? Die Königin. Du fragſt, worin dein Verbrechen beſteht? Fabiani. Ja, Madame. Die Königin. Mylords, Ihr hoͤrt alle die Frage, die an mich gerichtet wird; Ihr ſollt die Antwort hören. Gebt Acht und hütet Euch alle, ſo viel Ihr ſeid; denn Ihr ſollt ſehen, daß ich nur mit dem Fuße zu ſtampfen brauche, um aus dem Boden ein Schaffot ſteigen zu — 177— laſſen.— Chandos! Chandos! öffnet dieſe Flügelthüre. Der ganze Hof! Alle! Laßt Alle herein! (Die Thüre im Hintergrund wird geöffnet, der ganze Hof tritt herein.) Achte Scene. Die Nämlichen. Der Lord Kanzler. Der ganze Hof. Die Königin. Herein, herein, Mylords! Ich bin wahrhaftig erfreut, euch Alle heute bei mir zu ſehen.— Gut, gut! die Männer der Gerechtigkeit, hierher! näher! — Wo ſind die Gerichtsdiener der Lordkammer, Harriot und Clanerillo? Ah, hier! Meine Herrn, ſeid willkom⸗ men! Zieht eure Degen, ſtellt euch zur Rechten und Linken dieſes Menſchen, er iſt euer Gefangener. Fabiani. Madame, worin beſteht mein Verbrechen? Die Königin. Mylord Gardiner, mein gelehrter Freund, Ihr ſeid Kanzler von England, wir laſſen Euch wiſſen, daß Ihr ſchnell die zwölf Lords der Sternkammer zu verſammeln habt. Wir bedauern, ſie nicht hier zu ſehen. Es geſchehen ſeltſame Dinge in dieſem Palaſt. Hört, Mylords, Madame Eliſabeth hat unſrer Krone ſchon mehr, als einen Feind erregt. Wir hatten das Complott des Pietro Caro, der die Bewegung von Exeter veranlaßte und heimlich mit Madame Eliſabeth mittelſt einer auf eine Guitarre eingegrabenen Chiffer korreſpon⸗ VI.. 12 3 dirte. Wir hatten den Verrath des Thomas Wyatt, der die Grafſchaft Kent in Aufruhr brachte. Wir hatten den Aufſtand des Herzogs von Suffolk, der nach der Nieder⸗ lage der Seinigen in einem hohlen Baume ergriffen wurde. Wir haben heute einen neuen Verſuch. Heute, dieſen Morgen, verlangte ein Mann Gehör bei mir. Nach einigen Worten zückte er den Dolch auf mich. Ich fiel ihm zur rechten Zeit in den Arm. Lord Thandos und der Herr Vogt von Amont haben den Mann er⸗ griffen. Er hat erklärt, er ſei durch Lord Clanbraſſil zu dieſem Verbrechen getrieben worden. Fabiani. Durch mich? Das iſt nicht wahr! O, doch das iſt eine ſchändliche Geſchichte! Dieſer Mann iſt nicht vorhanden. Man wird dieſen Mann nicht finden. Wer iſt er? Wo iſt er? Die Königin. Er iſt hier. Gilbert(tritt mitten aus den Soldaten hervor, din⸗ ter welchen er verborgen ſtand). Ich bin es! Die Königin. In Folge der Erklärungen dieſes Menſchen, klagen wir, Marie, Königin, vor der Stern⸗ kammer dieſen Menſchen, Fabiano Fabiani, Grafen von Clanbraſſil, des Hochverraths und eines königsmörderi⸗ ſchen Verſuches auf unſere königliche und geheiligte Perſon an.— Fabiani. Königsmörder ich! Das iſt ungeheuer! O, mir ſchwindelt! meine Augen flimmern! Was iſt das für eine Falle? Wer du auch ſeiſt, Elender, wagſt — 179— du zu behaupten, daß das, was die Königin geſagt hat, wahr ſei? Gilbert. Ja. Fabiani. Ich habe dich zum Königsmord ge⸗ trieben, ich? Gilbert. Ja. Fabiani. Ja! immer ja! Verdammniß! Ihr pönnt nicht wiſſen, meine Herren, wie falſch das iſt. Dieſer Menſch kommt aus der Hölle. Unglücklicher! du willſt mich vernichten, aber du weißt nicht, daß du dich zugleich vernichteſt. Das Verbrechen, was du auf mich häufſt, fällt auch auf dich. Du tödteſt mich, aber du ſtirbſt. Mit einem Wort, Unſinniger, machſt du zwei Köpfe fallen, meinen und deinen. Weißt du das? Gibert. Ich weiß es. Fabiani. Mylords, dieſer Menſch iſt bezahlt. Gilbert. Durch Euch! Hier iſt die mit Gold gefüllte Börſe, die Ihr mir für das Verbrechen gegeben. Euer Wappen iſt darauf geſtickt. Fabiani. Gerechter Himmel!— Aber man zeigt den Dolch nicht vor, womit dieſer Menſch, wie man ſagt, die Königin tödten wollte. Wo iſt der Dolch? Lord Chandos. Hier. Gilbert(zu Fabiani). Es iſt der Eurige.— Ihr habt mir ihn dazu gegeben. Man wird die Scheide bei Euch finden. 12* — 180— Lord Kanzler. Graf von Clanbraſſil, was habt Ihr zu antworten? Erkennt Ihr dieſen Menſchen? Fabiani. Nein. Gilbert. In der That, er hat mich nur des Nachts geſehen.— Laßt mich ihm ein Paar Worte in's Ohr ſagen, das wird ſeinem Gedächtniß nachhelfen.(Er nahet ſich Fabiani. Leiſe.) Du erkennſt alſo heute Nie⸗ mand, Mylord? den entehrten Mann ſo wenig, als das verführte Weib. Ha! die Königin rächt ſich, aber der Mann aus dem Volke rächt ſich auch. Du lachteſt mich aus, glaube ich. Die Rache packt dich jetzt doppelt. Mylord, was ſagſt du dazu?— Ich bin Gilbert, der Arbeiter. Fabiani. Ja, ich erkenne Euch.— Ich erkenne dieſen Menſchen, Mylords. Seit dem Augenblick, wo ich mit ihm zu thun habe, weiß ich nichts mehr zu ſagen. Die Königin. Er bekennt. Lord Kanzler(zu Gilbert). Nach dem normän⸗ niſchen Geſetze und dem 25. Artikel Heinrich des Achten rettet in Fällen des Majeſtätsverbrechens erſten Grades das Geſtändniß den Mitſchuldigen nicht. Vergeßt nicht, daß in einem ſolchen Falle die Königin das Begnadi⸗ gungsrecht nicht hat, und daß Ihr auf dem Schaffot ſter⸗ ben werdet, wie der, den Ihr anklagt. Beſinnt Euch. Beharrt Ihr auf Allem, was Ihr geſagt habt? Gilbert. Ich weiß, daß ich ſterben werde, und beharre dabei. — — 181— Jane(bei Seite). O Gott! das iſt entſetzlich ge⸗ träumt, wenn es ein Traum iſt. Lord Kanzler(zu Gilbert). Wollt Ihr Eure Er⸗ klärungen, die Hand auf dem Evangelium wiederholen? (Er hält Gilbert das Evangelienbuch hin, welcher die Hand darauf legt.) Gilbert. Ich ſchwöre, die Hand auf dem Evan⸗ gelium und meinen nahen Tod vor Augen, daß dieſer Menſch ein Mörder iſt; daß dieſer Dolch, welcher ihm gehört, zu dem Verbrechen gedient hat; daß dieſe Börſe, welche ſein iſt, mir von ihm für das Verbrechen gegeben wurde. So ſoll mir Gott helfen! das iſt die Wahrheit. Lord Kanzler(u Fabiani). Mylord, was habt Ihr zu ſagen? Fabiani. Nichts.— Ich bin verloren! Simon Renard(ceiſe zur Königin). Eure Ma⸗ jeſtät hat nach dem Henker geſchickt; er iſt da. Die Königin. Gut. Laßt ihn herein. (Die Reihen der Edelleute öffnen ſich, und der Henker tritt ein. Er iſt in Schwarz und Roth gekleidet und trägt auf der Schulter ein langes Schwert in ſeiner Scheide.) Neunte Scene. Die Nämlichen. Der Henker. Die Königin. Mylord, Herzog von Sommerſet, dieſe beiden Männer in den Thurm!— Mylord Ear⸗ diner, unſer Kanzler, ihr Prozeß mag morgen vor den zwölf Pairs der Sternkammer beginnen, und möge Gott das alte England ſchützen! Wir wollen, daß dieſe beiden Menſchen verurtheilt ſind, ehe wir nach Orford abreiſen und nach Windſor, wo wir Oſtern halten werden. (Zum Henker.) Tritt näher! Ich bin erfreut, dich zu ſehen. Du biſt ein guter Diener. Du biſt alt. Du haſt ſchon drei Herren geſehen. Es iſt Herkommen, daß die Herren dieſes Reiches bei ihrer Thronbeſteigung dir ein Geſchenk machen, ſo koſtbar, als möglich. Mein Vater, Heinrich der Achte, gab dir die Diamantenſpange ſeines Mantels. Mein Bruder Eduard gab dir einen Humpen von getriebenem Golde. Jetzt iſt die Reihe an mir. Ich habe dir noch nichts gegeben, ich muß dir ein Geſchenk machen. Komm naher.(Indem ſie auf Fabiani zeigt.) Du ſiehſt doch dieſen Kopf? dieſen jungen und reizenden Kopf? dieſen Kopf, welcher dieſen Morgen noch das Schönſte, Theuerſte und Köſtlichſte war, was ich auf der„ Welt hatte. Nun? dieſen Kopf— du ſiehſt ihn doch? ſprich! Ich ſchenke ihn dir! Dritte Handlung. V Wer von ZBeiden. Perſonen. Die Königin. 1 Joſhua Farnaby. Gilbert. Meiſter A. Dulverton. Jane. 3 Lord Clinton. Simon Renard. Ein Kerkermeiſter. Erste Abtheilnng. Ein Saal im Tower. Ein Spitzbogengewölbe, das von dicken Pfeilern getragen wird. Zur Rechten und Linken die 3 eine Lucke, die auf die Themſe, zur Linken eine andere, die auf die Straße geht. Auf jeder Seite eine verborgene Thüre in der Mauer. Im Hintergrunde eine Galerie mit einem Erker, der mit Glasſcheiben geſchloſſen iſt und auf die äußern Höfe des Towers geht. 3 Erſte Scene. Gilbert. Joſhua. — Gilbert. Nun? Joſhua. Ach!. niedrigen Thüren von zwei Kerkern. Auf der rechten Seite — 184— Gilbe rt. Keine Hoffnung? Joſhua. Keine Hoffnung! Gilbert(geht an das Fenſter.) Joſhua. O, du kannſt von dem Fenſter aus nichts ſehen Gilbert. Du haſt dich erkundigt, nicht wahr? Joſhua. Ich weiß es nur zu ſicher! Gilbert. Es iſt für Fabiani! Joſhua. Es iſt für Fabiani. Gilbert. Wie glücklich der Menſch iſt! Fluch über mich! Joſhua. Armer Gilbert! deine Reihe wird kommen. Heute er, morgen du. Gilbert. Was willſt du ſagen? Wir verſtehen uns nicht. Wovon ſprichſt du? Joſhua. Von dem Schaffot, das man eben auf⸗ ſchlägt. 1 Gilbert. Und ich, ich ſpreche von Jane! Joſhua. Von Jane!. Gilbert. Ja, von Jane! Nur von Jane! Was liegt mir am Uebrigen? Du haſt alſo Alles vergeſſen? Du weißt alſo nicht mehr, daß ich, ſeit einem Monat an die Gitter meines Kerkers geklammert, ſie bleich und in Trauer ohne Unterlaß um den Fuß dieſes Thurmes wanken ſehe, der zwei Menſchen einſchließt, Fabiani und mich? Du weißt alſo nichts von meiner Qual, meinen Zweifeln, meiner Ungewißheit? Für wen von Beiden — 185— kommt ſie? Ich frage mich das Tag und Nacht, armer Elender! Ich frug dich ſelbſt, Joſhua, und du ver⸗ ſprachſt mir geſtern Abend, du wollteſt verſuchen, ſie zu ſehen und mit ihr zu ſprechen. O, ſprich! weißt du etwas? Kommt ſie für mich oder für Fabiani? Joſhua. Ich erfuhr, daß Fabiani beſtimmt heute enthauptet werden ſollte, und du morgen; und ich geſtehe, daß ich ſeit dem Augenblicke wie verruckt bin, Gilbert. Das Schaffot hat mich Jane vergeſſen machen.... dein Tod.... Gilbert. Mein Tod! Was meinſt du mit dem Wort? Mein Tod! Jane liebt mich nicht mehr, das iſt er. Ich war todt ſeit dem Tag, wo ich nicht mehr geliebt wurde. Ol wahrlich todt, Joſhua. Das, was von mir noch lebt, verlohnt ſich nicht der Mühe, die man ſich morgen mit mir macht. O, ſieh! du machſt dir keinen Begriff von dem, was ein Mann iſt, welcher liebt! Wenn man mir vor zwei Monaten geſagt hätte: Jane, deine fleckenloſe, deine reine Jane, dein Stolz, deine Lilie, dein Kleinod, Jane wird ſich einem Andern über⸗ laſſen: wollt Ihr ſie dann noch?— Ich hätte geſagt: Nein! ich möchte ſie dann nicht mehr. Lieber tauſend Mal den Tod für mich und ſie! Und ich hätte den mit Füßen getreten, der ſo zu mir geſprochen hätte. Nun denn, ja, ich will ſie!— Du ſiehſt wohl, heute iſt Jane nicht mehr die makelloſe Jane, die ich anbetete, die Jane, über deren Stirne ich kaum mit meinen Lippen zu hauchen — 186— wagte, Jane hat ſich einem Andern überlaſſen, einem Elenden, ich weiß es, und doch— was liegt daran? ich liebe ſte. Ich würde den Saum ihres Kleides küſſen und ſie um Vergebung bitten, wenn ſie es wollte. Und wenn ſie mit dem Andern in den Goſſen der Straße läge, ich würde ſie aufraffen und an mein Herz drücken, Joſhua!— Joſhua, ich würde nicht hundert Jahre mei⸗ nes Lebens, denn ich habe nur noch einen Tag, aber ich würde die Ewigkeit geben, die ich morgen haben werde, um ſie noch ein Mal lächeln zu ſehen, ein einziges Mal vor meinem Tod, und ſie das angebetete Wort ſagen zu hören, das ſie ſonſt zu mir ſagte: Ich liebe dich!— Joſhua! Joſhua! ſo iſt das Herz eines Mannes, der liebt. Ihr glaubt, Ihr würdet das Weib tödten, das Euch betrügt? Nein, Ihr würdet ſie nicht tödten, Ihr werdet Cuch zu Ihren Füßen ſetzen nach wie vor, nur werdet Ihr traurig ſein.— Du findeſt mich ſchwach! Was hätte es mich geholfen, wenn ich Jane getödtet hätte? O! ich habe das Herz voll unerträglicher Gedanken. O, wenn ſie mich noch liebte! was liegt mir an all dem, was ſie mir gethan hat. Aber ſie liebt Fabiani! Aber ſie liebt Fabiani! Für Fabiani kommt ſie! Nur das iſt gewiß, daß ich ſterben möchte. Habe Mitleid mit mir, Joſhua! Joſhua. Fabiani wird heute hingerichtet. Gilbert. Und ich morgen. Joſhua. Gott iſt am Ende aller Dinge, — 187— Gilbert. Heute werde ich an ihm, morgen wird er an mir gerächt. Joſhua. Mein Bruder, da kommt Aneas Dul⸗ verton, der zweite Conſtabler des Thurmes. Du mußt wieder hinein. Mein Bruder, ich werde dich dieſen Abend wiederſehen. Gilbert. Ol ſterben, ohne geliebt, ſterben, ohne beweint zu werden! Jane!... Jane!... Jane.. (Er geht in den Kerker zurück.) Joſhua. Armer Gübert! Mein Gott! wer häatte mir je geſagt, daß geſchehen würde, was geſchieht? (Er gehr ab. Simon Renard und Meiſter Aeneas treten auf.) Zweite Scene. Simon Renard. Meiſter Aneas Dulverton. Simon Renard. Das iſt ſehr ſeltſam, wie Ihr ſagt; aber was wollt Ihr? Die Königin iſt toll, ſie weiß nicht, was ſie will. Man kann auf nichts rechnen, ſie iſt ein Weib. Ich möchte ein wenig wiſſen, was ſie hier thut. Seht, das Herz eines Weibes iſt ein Räthſel, deſſen Auflöſung Franz der Erſte auf die Scheiben von Chambord ſchrieb: Ein Weib ſich ändert jeden Tag, Ein Narr iſt, wer ihm trauen mag. Hört, Meiſter Aneas, wir ſind alte Freunde. Es — 188— muß heute damit ein Ende werden. Alles hängt hier von Euch ab. Wenn man Euch aufträgt...(Er ſpricht leiſe mit Meiſter Aeneas) zieht die Sache in die Länge, laßt ſie auf eine geſchickte Weiſe mißglücken. Wenn ich nur zwei Stunden vor mir habe, ſo geſchieht dieſen Abend, was ich will, und morgen kein Günſtling mehr, ich bin allmächtig, und übermorgen ſeid Ihr Baronet und Lieutenant des Towers. Begriffen? Meiſter Aneas. Begriffen. Simon Renard. Gut. Ich höre kommen. Man darf uns nicht mehr beiſammen ſehen. Geht da hinaus. Ich gehe der Königin entgegen.(Sie treunen ſich.) Dritte Seenſe. Ein Schließer tritt vorſichtig ein, dann führt er Lady Jane verein. Schließer. Ihr ſeid da, wohin Ihr wolltet, My⸗ lady. Hier ſind die Thüren der beiden Kerker. Jetzt meine Belohnung, wenn es Euch beliebt. (Jane macht ihr diamantnes Armband 108 und gibt es ihm.) Jane. Hier iſt ſie. Schließer. Danke. MNacht mich nicht verdächtig. (Er geht.) Jane(allein). Mein Gott! was thun? Ich war ſein Verderben, ich muß ihn retten. O, nie! ich kann — 189— nicht. Ein Weib, das vermag nichts. Das Schaffot! das iſt entſetzlich! Weg! keine Thränen mehr, Thaten! — Aber, ich kann nicht! ich kann nicht! O mein Gott, erbarme dich meiner! Man kommt. Wer ſpricht da? Ich kenne dieſe Stimme. Die Stimme der Königin. Ach, Alles iſt verloren! (Sie verbirgt ſich hinter einem Pfeiler.— Die Königin und S. Renard treten ein.) Vierte Scene. Die Königin. Simon Renard. Jane(verſteckt). Königin. Ah! dieſe Veränderung wundert Euch? Ah! ich gleiche mir nicht mehr. Nun, was geht das Euch an? Das iſt einmal ſo. Jetzt will ich ſeinen Tod nicht mehr. Simon Renard. Eure Majeſtät hatte gleichwohl geſtern befohlen, daß die Hinrichtung heute Abend Statt finden ſollte. Königin. So wie ich vorgeſtern befohlen hatte, daß die Hinrichtung geſtern Statt finden ſollte. Heute befehle ich, daß die Hinrichtung morgen Statt finden wird 4 Simon Renard. In der That, ſeit dem zweiten Advent⸗Sonntage, wo die Sternkammer ihr Urtheil fällte und die beiden Verurtheilten zum Thurme zurückkamen, den Henker voran, die Art nach ihrem Geſichte gekehrt, — 190— es ſind jetzt drei Wochen her, verſchiebt Eure Majeſtät die Sache jeden Tag auf den folgenden. Königin. Nun, begreift Ihr denn nicht, was das bedeutet, mein Herr? Muß ich Euch Alles ſagen, und muß ein Weib ihr Herz Euch nackt hinlegen, weil ſie Königin iſt, die Unſelige, und weil Ihr hier den Prinzen von Spanien, meinen zukünftigen Gemahl, vertretet? Mein Gott! Ihr wißt das nicht, ihr Andern, das Herz eines Weibes iſt ſo gut ſchamhaft, als ihr Leib. Ja denn, weil Ihr es wiſſen wollt, weil Ihr Euch ſtellt, als begriffet Ihr nichts, ja, ich verſchiebe jeden Tag die Hinrichtung Fabiani's auf den folgenden, weil jeden Morgen, ſeht Ihr, mich die Kraft bei dem Gedanken verläßt, daß die Glocke des Londoner Thurms dieſen Menſchen zu Grabe läuten wird, weil ich ohnmächtig werde bei dem Gedanken, daß man eine Axrt für dieſem Menſchen ſchleift, weil ich ſterbe, wenn ich denke, daß man eine Bahre für dieſen Menſchen zuſammenſchlägt, weil ich ein Weib bin, weil ich ſchwach, weil ich toll bin, weil ich dieſen Menſchen liebe, wahrhaftig!— Habt Ihr genug? Seid Ihr befriedigt? Begreift Ihr? O! ich werde mich ſchon eines Tages an Euch rächen für Alles, was Ibr mich da ſagen macht. Geht! Simon Renard. Es wäre aber doch Zeit, mit Fabiani ein Ende zu machen. Ihr werdet meinen kö⸗ niglichen Herrn, den Prinzen von Spanien, heirathen. Königin. Wenn der Prinz von Spanien nicht zu⸗ — 191— frieden iſt, ſo mag er es ſagen; wir heirathen einen An⸗ dern. Es fehlt uns nicht an Freiern. Der Sohn des römiſchen Königs, der Fürſt von Piemont, der Infant von Portugal, der Cardinal Polus, der König von Dä⸗ nemark und Lord Curtnay ſind eben ſo gute Edelleute, als er. Simon Renard. Lord Curtnay! Lord Eurtnay! Königin. Ein engliſcher Baron, Herr, wiegt einen Prinzen auf. Außerdem ſtammt Lord Curtnay von den Kaiſern des Orients ab. Und dann, ärgert Euch, wenn Ihr wollt. 4. Simon Renard. Fabiani iſt in London von Allem gehaßt, was ein Herz hat. Königin, Mich ausgenommen. Simon Renard. Die Burger ſind mit den Her⸗ ren einig. Wenn er heute nicht hingerichtet wird, wie Eure Majeſtät verſprochen hat.... Königin. Nun? Simon Renard. So wird das Geſindel einen Auflauf machen.. Königin. Ich habe meine Lanzknechte. Simon Renard. Es wird eine Verſchwörung unter den Herren geben. Königin. Ich habe den Henker. Simon Renard. Eure Majeſtät hat auf das Gebetbuch Ihrer Mutter geſchworen, daß ſie ihn nicht begnadigen würde. — 192— Königin. Hier iſt ein Freibrief, den er mir über⸗ ſchickt, und worin ich ihm auf meine königliche Krone ſchwöre, daß ich es thun werde. Die Krone meines Vaters iſt ſo viel werth, als das Gebetbuch meiner Mutter. Ein Eid hebt den andern. Uebrigens, wer ſagt Euch denn, daß ich ihn begnadigen werde? Simon Renard. Er hat Euch ſehr frech betro⸗ gen, Madame. Königin. Was geht das mich an? Alle Männer machen es ebenſo. Ich will nicht, daß er ſtirbt. Seht, Mylord— Herr Vogt, wollte ich ſagen— mein Gott! Ihr macht mir den Kopf ſo wirr, daß ich in Wahrheit nicht mehr weiß, mit wem ich ſpreche,— ſeht, ich weiß Alles, was Ihr mir ſagen werdet. Daß er ein erbärm⸗ licher Menſch, eine Memme, ein Schurke iſt: ich weiß es ſo gut, als Ihr, und ich erröthe darüber; aber ich liebe ihn. Was ſoll ich machen? Einen wackeren Mann würde ich vielleicht weniger lieben. Außerdem, wer ſeid ihr alle denn, ſo viel ihr ſeid? Seid Ihr mehr werth, als er? Ihr werdet mir ſagen, daß er ein Günſtling iſt und daß das engliſche Volk die Günſtlinge nicht liebt. Weiß ich denn nicht, daß Ihr ihn nur ſtürzen wollt, um an ſeinen Platz den Grafen von Kilbare, dieſen Geck, dieſen Irländer, zu bringen? Und wenn er zwanzig Köpfe täglich fallen macht, was geht das Euch an? Und ſprecht mir nur nicht von dem Prinzen von Spanien. Ihr lacht ſelbſt darüber. Sprecht mir nicht von dem — 1293— Mißvergnügen des Herrn von Noailles, des franzöſt⸗ ſchen Geſandten. Herr von Noailles iſt ein Dumm⸗ kopf, und ich werde es ihm ſelbſt ſagen. Endlich, ich bin ein Weih, ich will und will nicht, ich bin nicht aus einem Stücke. Das Leben dieſes Menſchen iſt meinem Leben nothwendig. Schneidet doch nicht ein ſo jungfräuliches und aufrichtiges Geſicht, ich bitte Euch. Ich kenne alle Eure Schliche. Unter uns, Ihr wißt ſo gut, als ich, daß er das Verbrechen nicht begangen hat, wofür er verdammt wurde. Das iſt abgekartet. Ich will nicht, daß Fabiani ſtirbt. Bin ich Herrin, oder nicht? Seht, Herr Vogt, ſprechen wir von etwas Anderem, wollt Ihr? Simon Renard. Ich ziehe mich zurück, Ma⸗ dame. Euer ganzer Adel hat durch meinen Mund ge⸗ ſprochen. Königin. Was kümmert mich der Adel! Simon Renard(bei Seite). So verſuchen wir es mit dem Volke. (Er geht mit einer tiefen Verbeugung ab.) Königin(allein). Er iſt mit einer ſonderbaren Miene hinausgegangen. Der Menſch iſt im Stande, etwas in Bewegung zu bringen. Ich muß ſchnell nach dem Stadthauſe.— He, Jemand! 3 (Meiſter Aeneas und Joſhua treten auf.) * — 194— Fünfte Scene. Die Königin. Meiſter Aneas. Joſhua. Königin. Seid Ihr es, Meiſter Aneas? Diefer Mann und Ihr müßt ſogleich für die Flucht des Grafen Clanbraſſil ſorgen. Meiſter Aneas. Madame.. Königin. Halt, ich vertraue mich Euch nicht an. Ich erinnere mich, daß Ihr zu ſeinen Feinden gehört. Mein Gott! ich bin alſo nur von Feinden des Mannes⸗ umgeben, den ich liebe. Ich wette, der Schließer da, den ich nicht kenne, haßt ihn auch. Foſhua. So iſt es, Madame. Königin. Mein Gott! mein Gott! dieſer Simon Renard iſt mehr König, als ich Königin. Wie! Niemand hier, dem ich mich auvertrauen, Niemand, dem ich Voll⸗ macht geben könnte, um Fabiani entwiſchen zu laſſen! Jane(tritt hinter dem Pfeiler hervor). Doch, Ma⸗ dame! Ich! Joſhua(bei Seite). Jane! Königin. Du? wer du? Ihr ſeid es, Jane Talbot? Wie kommt Ihr hierher? Ah! das iſt gleich⸗ gültig, Ihr ſeid da. Ihr kommt, Fabiani zu retten. Danke. Ich ſollte Euch haſſen, Jane, ich ſollte eifer⸗ füchtig auf Euch ſein, ich habe tauſend Gründe. Aber nein, ich liebe Euch aus Liebe zu ihm. Dem Schaffot — 15— gegenüber keine Eiferſucht mehr, nichts als Liebe. Ihr feid wie ich. Ihr verzeiht ihm, ich ſehe es wohl. Die Männer, ſie begreifen das nicht. Lady Jane, verſtändi⸗ gen wir uns. Wir ſind beide ſehr unglücklich, nicht wahr? Man muß Fabiani entwiſchen laſſen. Ich habe nur Euch, ich muß Euch wohl dazu brauchen. Ich bin wenigſtens ſicher, daß Euer Herz dabei ſein wird. Uebernehmt es. Meine Herrn, ihr Beide gehorche Lady Jane in Allem, was ſte Euch vorſchreiben wird, und haftet mir mit eurem Kopfe für die Befolgung ihrer Befehle. Umarme mich, mein Kind. Jane. Die Themſe beſpuͤlt den FJuß des Thurmes auf dieſer Seite. Es iſt da ein geheimer Ausgang, den ich bemerkt habe. Ein Schiff da vor, und die Flucht macht ſich auf der Themſe. Das iſt das Sicherſte. Meiſter Aneas. Unmöglich einen Nachen vor einer guten Stunde zu haben. Jane. Das iſt ſehr lang. Meiſter Aneas. Es iſt bald vorbei. Außerdem iſt es in einer Stunde finſter. Es iſt beſſer ſo, wenn Eure Maſeſtät wünſcht, daß die Flucht insgeheim vor ſich gehe. 1 Königin. Ihr habt vielleicht Recht. Nun, in einer Stunde ſei es! Ich verlaſſe Euch, Lady Jane, ich muß auf das Stadthaus. Rettet Fabiani! Jane. Seid ruhig, Madame.(Die Königin geht ab. Jane folgt ihr mit den Augen.) 13* — — 196— Joſhua(auf dem Vordergrund der Bühne). Gilbert „.:„* hatte Recht, ganz für Fabiani. Sechste Scene. Die Nämlichen, die Königin ausgenommen. Jane(zu Meiſter Aeneas). Ihr habt den Willen der Königin gehört. Einen Nachen an den Fuß des Thurms, die Schlüſſel zu den geheimen Gängen, einen Hut und einen Mantel. Meiſter Äneas. Unmöglich das Alles vor Nacht zu haben. In einer Stunde, Mylady. Jane. Gut. Geht. Laßt mich mit dieſem Manne allein.(Meiſter Aeneas geht, Jane folgt ihm mit den Augen.) Joſhua cbei Seite auf dem Vordergrund der Bühne). Dieſem Manne! Das iſt ganz einfach. Wer Gilbert vergeſſen hat, erkennt Joſhua nicht mehr.(Er geht nach der Thüre von Fabiani's Kerker und ſchickt ſich an, ſie zu öfnen.) Jane. Was macht Ihr da? Joſhua. Ich komme Euren Wünſchen zuvor, Mylady. Ich öffne dieſe Thüre. 1 Jane. Was iſt das für eine Thüre? Joſhua. Die Thüre des Kerkers von Mylord Fabiani. Jane. Und dieſe da? Joſhua. Iſt die Kerkerthüre eines Andern. — 197— Jane. Weſſen? Dieſer Andere? Joſhua. Ein anderer zum Tode Verurtheilter, Jemand, den Ihr nicht kennt. Ein Arbeiter, Namens Gilbert.— Jane. Oeffnet dieſe Thüre! Joſhua Cnachdem er die Thüre geöffnet). Gilbert! Siebente Scene. Jane. Gilbert. Joſhua. Gilbert(ruft aus dem Kerker). Wer ruft mir? (Er tritt auf die Schwelle, erblickt Jane und hält ſich wan⸗ kend an der Mauer.) Jane!— Lady Jane Talbot! Jane(auf den Knieen, ohne die Augen aufzuſchlagen.) Gilbert, ich komme Euch zu retten. 3 Gilbert. Mich retten! Jane. Hört! Habt Erbarmen, zermalmt mich nicht. Ich weiß Alles, was Ihr mir ſagen werdet. Es iſt gerecht; aber ſagt es mir nicht. Ich muß Euch retten. Alles iſt bereit. Die Flucht iſt ſicher. Laßt Euch von mir retten, ſo gut wie von einem Andern. Ich verlange ſonſt nichts. Ihr werdet mich dann nicht mehr kennen. Ihr werdet nicht wiſſen, wer ich bin. Verzeiht mir nicht, aber laßt mich Euch retten. Wollt Ihr? Gilbert. Ich danke; es iſt unnütz. Zu was mich retten wollen, Lady Jane, wenn Ihr mich nicht mehr liebt? — 198— Jane(freudig). O Gilbert! iſt es das in Wahr⸗ heit, was Ihr verlangt? Gilbert! würdigt Ihr mich noch, Euch mit dem zu beſchäftigen, was in dem Herzen des armen Mädchens vorgeht? Gilbert! liegt Euch noch etwas an der Liebe, die ich für irgend Jemand haben koönnte, und dünkt es Euch der Mühe werth, darnach zu fragen? O! ich dachte, daß Euch das ſehr gleichgültig wäre und daß Ihr mich zu ſehr verachtetet, um Euch um das zu kümmern, was ich mit meinem Herzen machte. Silbert! wenn Ihr wüßtet, was mich die Worte fühlen machen, die Ihr mir ſagtet! Das iſt ein ſehr unerwarteter Sonnenſtrahl in meiner Nacht. O! hört mich doch dann. Wenn ich es noch wagte, mich Euch zu nähern, wenn ich es wagte, Eure Kleider zu berühren, wenn ich es wagte, Eure Hände in die meinigen zu nehmen, wenn ich es noch wagte, die Augen zu Euch und dem Himmel aufzuſchlagen, wie ſonſt: wißt Ihr, was ich ſagen würde, knieend, niedergeworfen, weinend zu Euren Füßen, Seufzer auf den Lippen und die Freude der Engel im Herzen? Ich würde Euch ſagen: Gilbert, ich liebe dich! Gilbert(faßt ſie heftig in ſeine Arme). Du liebſt mich? Jane. Ja, ich liebe dich! Gilbert. Du liebſt mich!— Sie liebt mich, mein Gott! Es iſt wahr, ſie iſt es, die mir es ſagt, ihr Mund iſt es, der ſprach, Gott im Himmel! V — 199— Jane. Mein Gilbert! Gilbert. Du haſt Alles für meine Flucht vorbe⸗ reitet, ſagſt du? Schnell! ſchnell! Das Leben! Ich will leben, Jane liebt mich! Dieſes Gewölbe ſenkt ſich auf meinen Kopf und zerdrückt ihn. Ich brauche Luft. Fliehen wir ſchnell! Fort, Jane! Ich will leben— ich werde geliebt! Jane. Noch nicht. Wir haben einen Nachen nö⸗ thig. Wir müſſen die Nacht abwarten. Aber ſei ruhig, du biſt gerettet. Ehe eine Stunde vergeht, ſind wir draußen. Die Königin iſt auf dem Stadthaus und kommt nicht ſobald zurück. Ich bin hier Herrin; ich werde dir Alles erklären.. Gilbert. Eine Stunde warten, das iſt ſehr lang. O, ich bin ungeduldig, Leben und Freude wieder zu faſſen! Jane! Jane! du biſt da! Ich werde leben, du liebſt mich! Ich komme aus der Hölle, halte mich, ich könnte tolles Zeug machen, ſiehſt du. Ich möchte lachen, möchte ſingen. Du liebſt mich alſo? Jane. Ja!— Ich liebe dich! Ja, ich liebe dich! Und ſieh', Gilbert, glaube mir, ich ſpreche die Wahrheit, wie auf dem Todesbette,— ich habe immer nur dich ge⸗ liebt! Selbſt in meiner Sünde, ſelbſt in der Tiefe meines Verbrechens liebte ich dich! Kaum war ich in die Arme des Teufels gefallen, der mich verführte, als ich meinen Engel beweinte. Gilbert. Vergeſſen! verziehen! Sprich nicht davon, Jane. O, was liegt mir an dem Vergangenen! Wer könnte deiner Stimme widerſtehen! Wer würde anders handeln, als ich! O jal ich verzeihe dir Alles, mein ge⸗ liebtes Kind! Das Weſen der Liebe iſt Nachſicht, iſt Verzeihung. Jane, die Eiferſucht und die Verzweiflung haben die Thränen in meinen Augen getrocknet. Aber ich verzeihe dir, aber ich danke dir, aber du biſt für mich der einzige Lichtſtrahl in dieſer Welt, aber bei je⸗ dem Worte, das du ſprichſt, fühle ich einen Schmerz in meiner Seele ſterben und eine Freude darin geboren werden! Jane! erhebt Euer Haupt, ſteht gerade ſo hin und ſeht mich an.— Ich ſage dir, daß du mein Kind biſt. Jane. Immer großmuthig! Immer! mein gelieb⸗ ter Gilbert! Gilbert. O! ich möchte ſchon draußen ſein auf der Flucht, weit, weit, frei mit dir! Ol dieſe Nacht, die nicht kommen will!— Der Nachen iſt nicht da.— Jane! wir verlaſſen London ſogleich, noch dieſe Nacht. Wir verlaſſen England. Wir gehen nach Venedig. Mit meinem Handwerk verdient man viel Geld da. Du wirſt mir gehören.— O! mein Gott! ich bin unſinnig, ich vergaß, welchen Namen du führſt! Er iſt zu ſchön, Jane! Jane. Was willſt du ſagen? Gilbert. Tochter des Lord Talbot. Jane. Ich weiß einen ſchöneren. Gilbert. Welchen? — 201— Jane. Weib des Arbeiters Gilbert. Gilbert. Jane!.. Jane. O nein! glaube nicht, daß ich das verlange. Ol! ich weiß wohl, daß ich unwürdig bin. Ich werde meine Augen ſo hoch nicht erheben; ich werde nicht ſo weit die Verzeihung mißbrauchen. Der arme Arbeiter Gilbert wird ſich nicht zu der Gräfin von Waterford herablaſſen. Nein, ich werde dir folgen, dich lieben, ich werde dich nie verlaſſen. Ich will mich des Tags zu deinen Füßen, des Nachts vor deine Thüre legen. Ich werde dir zuſehen arbeiten, ich werde dir helfen, ich werde dir reichen, was du brauchſt. Ich werde dir etwas weniger, als eine Schweſter, und etwas mehr als ein Hund ſein. Und wenn du dich verheiratheſt, Gilbert,— denn es wird GSott gefallen, daß du endlich ein flecken⸗ loſes Weib findeſt, das deiner würdig iſt,— wenn du dich verheiratheſt und wenn dein Weib gut iſt, und wenn ſie es wohl will, werde ich die Magd deines Weibes ſein. Wenn ſie mich nicht will, werde ich gehen und ſterben, wo ich kann. Ich werde dich nur in dem Falle verlaſſen. Wenn du dich nicht verheiratheſt, werde ich bei dir bleiben, ich will ſtill und ruhig ſein, du ſollſt ſehen, und wenn man Böſes denkt, mich ſo bei dir zu ſehen, ſo mag man denben, was man will. Ich brauche nicht mehr roth zu werden, ſiehſt du? Ich bin ein armes Nadchen. — 202— Gilbert(fältt ihr zu Füßen.) Du biſt ein Engel! Du biſt mein Weib! Jane. Dein Weib! Du verzeiheſt alſo nur, wie Gott, indem du heiligſt? Ahl ſei geſegnet, Gildert, daß du mir dieſe Krone auf die Stirne drückſt.(Gilbert er⸗ bebt ſich und preßt ſie in die Arme. Während ſie ſich eng um⸗ ſchloſſen halten, nimmt Joſhua die Hand von Jane.) Joſhua. Es iſt Joſhua, Lady Jane. Gilbert. Guter Joſhua! Joſhua. Es iſt kaum ein Augenblick, daß Ihr mich nicht kanntet. Jane. Ahl denn ich mußte mit ihm den Anfang machen.(Joſbua küßt ihr die Hände.). Gilbert(preßt ſie in ſeine Arme.) Aber welch Glück! Aber iſt denn all dieß Glück auch wirklich?(Seit einigen Augenblicken hört man außen ein entferntes Getös, verwirrte Stimmen, einen Auflauf. Der Tag geht zu Ende.) 5 Joſhua. Was iſt das für ein Lärm?(Er tritt an das Fenſter, welches auf die Straße geht.) Jane. O mein Gott, wenn nur nichts vorfäͤllt! Joſhua. Ein großer Haufe da unten; Hacken, Piken, Fackeln. Die Soldaten der Königin zu Pferd und in Schlachtordnung. Alles kommt hierher. Welch Geſchrei! Teufel! Man ſollte meinen es ſei ein Volks⸗ auflauf. Jane. Wenn es nur nicht Gilbert gilt! Euntfernte Stimmen. Fabiani! Tod dem Fa⸗ biani. —-— 203— Fane. Hört Ihr? Joſhua. Ja. Jane. Was riefen ſie? Joſhua. Ich unterſcheide nichts. Jane. O mein Gott, mein Gott!(Meiſter Aeneas und ein Schiffer treten eilig durch die verborgene Thüre her⸗ ein.) Achte Seene. Die Näm lichen. Meiſter Aneas, ein Schiffer. Meiſter Aneas. Mylord Fabiani! Mylord! Ihr habt keinen Augenblick zu verlieren. Man hat erfahren, daß die Königin Euch retten wollte. Das Volk iſt in London im Aufruhr. In einer Viertelſtunde ſeid Ihr zerriſſen. Mylord, rettet Euch! Hier iſt ein Mantel, ein Hut. Hier die Schlüſſel. Hier der Schiffer. Vergeßt nicht, daß Ihr mir das Alles verdankt. Mylord, eilt Euch!(Leiſe zum Schiffer.) Du eilſt dich nicht. Jane(bedeckt Gilbert eilig mit dem Mantel und dem Hnut. Leiſe zu Joſhua.) Himmel, wenn dieſer Mann nur nicht..— Meiſter AÄneas(ſieht Gilbert in's Geſicht.) Aber wie! das iſt nicht Lord Clanbraſſil. Ihr defolgt die Be⸗ fehle der Königin nicht, Mylady! Ihr laßt einen An⸗ dern entwiſchen! Jane. Alles iſt verloren!.. Ich hätte das vor⸗ — 204— ausſehen ſollen! O Gott! mein Herr, es iſt wahr, habt Erharmen.... Meiſter Äneas(leiſe zu Jane.) Still! Fort! ich habe nichts geſagt, ich habe nichts geſehen.(Er zieht ſich mit einem Anſtrich von Gleichgültigkeit auf den Hintergrund der Bühne zurück.) Jane. Was ſagt er?— Ah!l die Vorſehung iſt für uns! Ah! Alles will alſo Gilbert retten! Joſhua. Nein, Lady Jane. Alles will Fabiani verderben.(Während dieſer ganzen Scene nimmt das Ge⸗ töſe zu.) Jane. Eilen wir uns, Gilbert! Komm ſchnell! Joſhua. Laßt ihn allein gehn. Jane. Ihn verlaſſen! Joſhua. Für einen Augenblick. Kein Weib in dem Nachen, wenn er glücklich landen ſoll. Es iſt noch zu hell. Ihr ſeid weiß gekleidet. Ihr werdet Euch wie⸗ der finden, wenn die Gefahr vorüber iſt. Kommt mit mir hierher, und er da hinaus. Jane. Joſhua hat Recht. Wo werde ich dich wie⸗ der finden, mein Gilbert? Gilbert. Unter dem erſten Bogen der Londoner Brücke. Jane. Gut. Schnell fort! Das Getöſe verdop⸗ pelt ſich. Ich wollte, du wäreſt weit weg! Joſua. Hier ſind die Schlüſſel. Ihr habt zwölf Thüren von hier bis zum Rande des Waſſers zu öffnen und zu ſchließen. Ihr habt eine gute Viertelſtunde da⸗ mit zu thun. Jane. Eine Viertelſtunde! Zwölf Thüren! Das iſt entſetzlich! Gilbert(umarmt ſie.) Lebe wohl, Jane. Noch für wenige Augenblicke getrennt, und dann wieder eins für das Leben. Jane. Für die Ewigkeit.(zum Schiffer.) Ich em⸗ pfehle ihn Euch. Meiſter Äneas(leiſe zum Schiffer.) Du eilſt dich nicht, es könnte was vorfallen,(Gilbert geht mit dem Schiffer ab.) Joſhua. Er iſt gerettet! Jetzt zu mir! Man muß den Kerker ſchließen.(Er ſchließt Gilberts Kerker.) Es iſt geſchehen. Kommt ſchnell hierher!(Er geht mit Jane durch die verborgene Thüre ab.) Meiſter Äneas Lallein.) Der Fabiani iſt in der Falle geblieben! Das iſt ein ſehr geſchicktes Weibchen,“ was Meiſter Simon Renard ſehr gut bezahlt haben würde. Aber wie wird die Königin die Sache aufneh⸗ men? So lange es nicht auf mich fällt!(Simon Renard und die Königin treten mit großen Schritten durch die Galerie herein. Der Tumult hat fortwährend zugenommen. Die Nacht iſt faſt völlig hereingebrochen.— Geſchrei, Fackeln, Lärm der Volkshaufen; Waffengeklirr, Schüſſe, Pferdegetrap⸗ pel. Mehrere Edelleute, das Schwert in der Fauſt, begleiten die Königin. Unter ihnen Clarence, der Herold von England, das königliche Banner tragend, und Jarretisre, der Herold des Hoſenbandordens, mit der Ordensfahne.) — 206— Neunte Scene. Königin, Simn Renard, Meiſter Äneas, Lord Elinton, die beiden Herolde, Herrn, Pagen ꝛc. r. Königin(leife zu Meiſter Aeneas.) Iſt Jabiani ent⸗ wiſcht? Meiſter Aneas. Noch nicht! Königin. Noch nicht?(Sie ſieht ihn mit einem furchtbaren Blick an.) Meiſter Äneas(bei Seite.) Teufel! Geſchrei des Volkes.(von außen.) Tod dem Fabianj! Simon Renard. Eure Majeſtät muß ſogleich ihren Entſchluß faſſen. Das Volk will den Tod dieſes Mannes. London ſteht in Flammen. Der Thurm iſt berannt. Der Aufſtand iſt furchtbar. Die Edlen ſind an der Londoner Brücke in Stücke gehauen worden. Die Soldaten Eurer Majeſtät halten ſich noch; aber Eure Majeſtät iſt von Straße zu Straße getrieben worden, von dem Stadthauſe bis zum Tower. Die Anhänger Eli⸗ ſabeth's haden ſich unter das Volk gemiſcht. Man ſieht es an der Bösartigkeit des Aufſtandes. Das Alles iſt ſehr drohend. Was befiehlt Eure Majeſtät? Geſchrei des Volkes. Fabiani! Tod dem Fa⸗ biani!(Es wird ſtärker und nähert ſich mehr und mehr.) Königin. Tod dem Fabiani! Mylords, hört Ihr, — 207— wie das Volk heult? Man muß ihm einen Menſchen vorwerfen. Das Volk will zu eſſen. Simon Renard. Was beſiehlt Eure Majeſtät? Königin. Bei Gott, Mylords, mir däucht, Ihr zittert alle um mich herum. Bei meiner Seele, muß Euch ein Weib Euer ritterliches Handwerk lehren! Zu Pferde, Mylords, zu Pferde! Schüchtert das Geſindel Euch ein? Fürchten die Degen ſich vor den Stöcken? Simon Renard. Laßt die Sache nicht weiter kommen. Gebt nach, Madame, ſo lange es noch Zeit iſt. Ihr könnt jetzt noch ſagen das„Geſindel“, in einer Stunde könntet Ihr ſagen müſſen„das Volk“.(Das Ge⸗ ſchrei wird ſtärker, das Getöſe nähert ſich.) Königin. In einer Stunde! Simon Renard(geht auf die Galerie, indem er zurückkommt.) In einer Viertelſtunde, Madame. Die erſte Ringmauer des Thurmes iſt genommen. Noch ein Schritt, und das Volk iſt hier. Das Volk. Zu dem Thurm! Zu dem Thurm! Fabiani! Tod dem Fabiani. Königin. Man hat wohl Recht, daß es ein furcht⸗ bares Ding ſei, das Volk! Fabiano! Simon Renard. Wollt Ihr ihn in einem Au⸗ genblick vor Euren Augen zerriſſen ſehen? Königin. Aber wißt Ihr auch, daß es ſchändlich iſt, daß Keiner von Euch ſich rührt, meine Herrn! Im Namen des Himmels, vertheidigt mich doch! — 208— Lord Clinton. Euch, ja, Madame; Fabiani, nein. Königin. O Himmel! Nun ja denn! Ich ſage es ganz laut! Deſto ſchlimmer! Fabiani iſt unſchuldig! Fabiani hat das Verbrechen nicht begangen, weßhalb er verdammt wurde. Ich, und der da und der Arbeiter Gilbert, wir haben Alles gethan, Alles erfunden, Alles angelegt. Reine Komödie. Wagt es, mich Lügen zu ſtrafen, Herr Vogt! Jetzt, meine Herrn, werdet Ihr ihn jetzt vertheidigen? Er iſt unſchuldig, ſage ich Euch! Bei meinem Haupte, bei meiner Krone, bei meinem Gott, bei der Seele meiner Mutter, er iſt unſchuldig! Das iſt ſo wahr, als es wahr iſt, daß Ihr hier ſeid, Lord Clinton! Vertheidigt ihn! Vernichtet ſie, wie Ihr Thomas Wyatt vernichtet habt, mein alter Freund, mein guter Robert! Ich beſchwöre Euch, es iſt falſch, daß Fabiani die Königin wollte ermorden laſſen. Lord Clinton. Es gibt noch eine Königin, die er ermorden wollte, ſie heißt England.(Das Geſchrei währt außen fort.) Königin.., Den Balcon! öffnet den Balcon! Ich will ſelbſt dem Volke beweiſen, daß er nicht ſchuldig iſt! Simon Renard. Beweiſ't ihm, daß er kein Italiener iſt. Königin. Wenn ich denke, daß es ein Simon Renard iſt, eine Creatur des Cardinals Granvella, der es wast, ſo mit mir zu ſprechen! Nun denn, oöffnet dieſe Thuüre! öffnet dieſen Kerker! Fabiani iſt darin, ich will mit ihm ſprechen. Simon Renard Cleiſe. Was macht Ihr? Um ſeines eigenen Beſten willen iſt es überflüſſig, alle Welt wiſſen zu laſſen, wo er ſich befindet. Das Volk. Tod dem Fabiani! Es lebe Eliſabeth! Königin. Mein Gott! mein Gott! Simon Renard. Wählt, Madame!(Er deutet mit der einen Hand auf die Thüre des Kerkers.) Entweder dieſen Kopf dem Volke,(er deutet mit der andern Hand auf die Krone, welche die Königin trägt.) oder dieſe Krone der Dame Eliſabeth. Das Volk. Tod! Tod Fabiani! Eliſabeth! (Ein Stein zerſchlägt die Fenſterſcheibe neben der Königin.) Simon Renard. Eure Majeſtät richtet ſich zu Grunde, ohne ihn zu retten. Der zweite Hof iſt ge⸗ nommen. Was will die Königin? Königin. Ihr alle ſeid Memmen, und Clinton die größte! Ach! Clinton, ich werde daran denken, mein Freund! Simon Renard. Was will die Königin? Königin. O, von Allen verlaſſen zu ſein! Alles geſagt zu haben, ohne etwas zu erhalten! Was ſind denn doch dieſe Edelleute da? Dieſes Volk iſt ſchändlich. Ich möchte es unter meinen Füßen zermalmen. Es gibt VI. 14 alſo Lagen, wo eine Königin nichts iſt, als ein Weib! Ihr ſollt mir es alle theuer bezahlen, meine Herrn! Simon Renard. Was will die Königin? Königin(niedergebeugt.) Was Ihr wollt! Thut, was Ihr wollt! Ihr ſeid ein Mörder!(bei Seite.) Oh Fabiano! Simon Renard. Clarence! Jarretiere! Her zu mir! Meiſter Aneas, oͤffnet den großen Balcon auf der Galerie! (Der Balcon im Hintergrunde öffnet ſich. Si⸗ mon Renard geht hin, Clarence zur Rech⸗ ten, Jarretiere zur Linken. Unermeßliches Getöſe von außen.) Das Volk. Fabiani! Fabiani! Simon Renard.(Auf dem Balcon, nach dem Volke gewendet.) Im Namen der Königin! Die Herolde. Im Namen der Königin.(Tiefe Stille außen.) Simon Renard. Ihr Männer! Die Königin läßt euch wiſſen: Heute, dieſe Nacht noch, eine Stunde nach dem Nachtläuten ſoll Fabiano Fabiani, Graf von Etanbrafſil, mit einem ſchwarzen Schleier, von Kopf bis zu Füßen bedeckt, mit einem eiſernen Knebel gekne⸗ belt, eine Kerze von gelbem Wachs, drei Pfund ſchwer, in der Hand, unter Fackelſchein vom Londoner Thurm durch Charing⸗Croß auf den alten Stadimarkt geführt, daſelbſt öffentlich geſtaupt und enthauptet werden, zur Strafe fur das Verbrechen des Hochverraths im erſten — 211— Grade und des königsmörderiſchen Angriffes auf die geheiligte Perſon Ihrer Majeſtät.(Ein unermeßliches Hän⸗ deklatſchen erhebt ſich außen.) Das Volk. Es lebe die Königin! Tod dem Fabiani! Simon Renard(fähyrt fort.) Und damit es Je⸗ dermann in der Stadt London wiſſe, befiehlt die Köni⸗ gin, wie folgt: So lange der Verurtheilte den Weg vom Londoner Thurm bis zum alten Markt zurücklegt, wird mit der großen Glocke des Thurmes geläutet. Im Au⸗ genblicke der Hinrichtung werden drei Kanonenſchüſſe ab⸗ gefeuert: der erſte, wenn er auf das Schaffot ſteigt; der zweite, wenn er ſich auf das ſchwarze Tuch legt; der dritte, wenn ſein Kopf fällt.(Beifall.) Das Volk. Lichter! Lichter! Simon Renard. Dieſe Nacht werden der Thurm und die Stadt London zum Zeichen der Freude mit Lich⸗ tern und Fackeln erleuchtet. Ich habe es geſagt.(Beifall.) Gott ſchütze die alte Charte von England. Die Herolde. Gott ſchütze die alte Charte von England! Das Volk. Tod dem Fabiani! Es lebe Marie! Es lebe die Königin!(Der Balcon wird geſchloſſen. Si⸗ mon Renard kommt zur Königin zurück.) Simon Renard. Was ich eben gethan habe, wird mir nie von der Prinzeſſin Eliſabeth verziehen werden. Königin. Noch von der Königin Marie.— Laßt 14* 2— 212— mich mein Herr.(Sie verabſchiedet mit einer Bewegung alle Anweſende.) Simon Renard(keiſe zu Meiſter Aeneas.) Mei⸗ ſter Aneas, wacht über die Hinrichtung! Meiſter Äneas. Verlaßt Euch auf mich.(Simon Renard geht ab. Im Augenblick, wo Meiſter Aeneas hinaus⸗ gehen will, läuft die Königin auf ihn zu, ergreift ihn am Arm und führt ihn heftig auf den Vordergrund der Bühne zurück.). Zehnte Scene. Die Königin. Meiſter Aneas. Stimmen von Außen. Tod dem Fabiani! Fa⸗ biani! Fabiani! Königin. Welcher Kopf däucht dir in dieſem Au⸗ genblicke mehr werth zu ſein, der von Fabiani oder der deinige? Meiſter Aneas. Madame.... Königin. Du biſt ein e iche Meiſter Aneas. Madame!l(bei Seite.) Teufel! Königin. Keine Erklärungen. Ich ſchwöre es bei meiner Mutter: Fabiano todt, du todt. Meiſter Aneas. Aber Madame.... Königin. Rette Fabiano und du retteſt dich. Nichts anders.* Geſchrei. Tod dem Fabiani! Fabiani! Meiſter Aneas. Lord Clanbraſſil retten! Aber das Volk iſt da, das iſt unmöglich. Welches Mittel?... Königin. Suche. Meiſter Aneas. Was thun, mein Gott! Königin. Thue, als wäre es für dich. Meiſter Aneas. Aber das Volk bleibt unter den Waffen bis nach der Hinrichtung. Man muß Jemand köpfen, um es zu beruhigen. Königin. Wie du willlſt. Meiſter Aneas. Wie ich will? Wartet, Ma⸗ dame!... Die Hinrichtung findet des Nachts Statt, bei Fackelſchein, der Verdammte, mit einem ſchwarzen Schleier bedeckt, geknebelt, das Volk wie immer durch die Lanzenknechte weit vom Schaffot gehalten, es ge⸗ nügt, wenn es einen Kopf fallen ſieht. Die Sache iſt möoglich.— Wenn der Schiffer noch da iſt; ich ſagte ihm, er ſolle ſich nicht eilen.(Er geht an das Fenſter, von dem man die Themſe ſieht.) Er iſt noch da; aber es war Zeit. (Er hängt ſich zum Fenſter hinaus, eine Fackel in der Hand und ſchwenkt ſein Schnupftuch, dann ſich zur Königin wen⸗ dend.)— Es iſt gut.— Ich ſtehe Euch für das Leben des Mylord Fabiani. Königin. MNit deinem Kopfe? Meiſter Aneas. Mit meinem Kopfe! * — 214— Bweite Abtheilung. Ein Saal, auf welchen zwei Treppen gehen, wovon die eine auf⸗, und die andere abwärts führt. Der Ausgang auf jede dieſer beiden Treppen nimmt einen Theil des Hinter⸗ grundes ein. Die aufwärts führende Treppe verliert ſich in den Frieſen, die abwärts führende verliert ſich nach unten. Man ſieht weder, woher dieſe Treppen kommen, noch wohin ſie gehen.— Der Saal iſt auf eine eigene Art ausgeſchlagen; die Mauer zur Rechten, die Mauer zur Linken, und die Decke ſind mit einem ſchwarzen Tuche bedeckt, das von einem groſ⸗ ſen weißen Kreuze durchſchnitten wird; der Hintergrund, dem Zuſchauer gegenüber, iſt dagegen mit einem weißen Tuche behängt, worauf ſich ein großes ſchwarzes Kreuz befindet. Diefer ſchwarze und weiße Ueberzug erſtreckt ſich jeder auf ſei⸗ ner Seite bis unter die beiden Treppen. Zur Rechten und zur Linken ein ſchwarz und weiß gedeckter und für ein Lei⸗ chenbegängniß geſchmückter Altar. Große Wachskerzen, keine Prieſter. Einige Todtenlampen, die hie und da an den Ge⸗ wölben aufgehängt ſind, erleuchten ſchwach den Saal und die Treppen. Eigentlich wird der Saal durch das große weiße Tuch im Hintergrunde erleuchtet, durch welches ein röthliches Licht fällt, als wäre eine ungeheure, glühende Eſſe dahin Der Saal iſt mit Grabſteinen geplattet. Bei dem des Vorhangs ſieht man auf d dem durchſichtigen Tuch den ſchwarzen und unbeweglichen Schattenriß der Königin zeichnen. Erſte Scene. Jane, Joſhua. (Sie treten vorſichtig durch eine beſondere Thüre herein, indem ſie einen der ſchwarzen Umhänge aufheben.) — 215— Jane. Wo ſind wir, Joſhua? Joſhua. Auf dem großen Abſatz der Treppe, welche die Verurtheilten hinunterſteigen, wenn ſie zum Tode geführt werden. Das iſt unter Heinrich dem Achten ſo ausgeſchlagen worden. Jane. Kein Weg, um aus dem Thurm zu kommen? Joſhua. Das Volk bewacht alle Ausgänge. Es will dies Mal ſeines Verdammten gewiß ſein. Niemand kann vor der Hinrichtung hinaus. Jane. Die Verkündigung von dieſem Balcon her⸗ unter tönt mir noch in den Ohren. Habt Ihr es ge⸗ hört, als wir unten waren? Das Alles iſt entſetzlich, Joſhua. Joſhua. Ah, da habe ich ſchon ganz andere Dinge geſehen! Jane. Wenn es nur Gilbert zu entkommen ge⸗ lang! Glaubt Ihr, daß er gerettet iſt, Joſhua? Joſhua. Gerettet? Gewiß! Jane. Gewiß, guter Joſhua? Joſhua. Der Thurm iſt vom Waſſer her nicht beunruhigt worden. Und dann war der Aufruhr, als er abfuhr, nicht das, was er ſeitdem geworden iſt. Das war ein ſchöner Aufruhr! Jane. Ihr ſeid gewiß, daß er gerettet iſt? Joſhua. Und daß er Euch zu dieſer Stunde un⸗ ter dem erſten Bogen der Londoner Brücke erwartet, wo Ihr ihn vor Mitternacht treffen werdet. — 216— Jane. Mein Gott! er wird unruhig ſein.(Indem ſie den Schatten der Königin bemerkt.) Himmel, was iſt das, Joſhua? Joſhua(leiſe, indem er ſie bei der Hand faßt.) Still!— Es iſt die Löwin, die lauert.(Während Jane mit Schrecken den ſchwarzen Schattenriß betrachtet, hört man eine entfernte Stimme, die von oben herunter zu kommen ſcheint, langſam und deutlich folgende Worte ſprechen): Der, welcher hinter mir geht, mit dieſem ſchwarzen Schleier bedeckt, iſt der ſehr hohe und ſehr mächtige 6 Herr Fabiano Fabiani, Graf von Clanbraſſil, Baron von DOynasmonddy, Baron von Darmouth in Devonſhire, welcher auf dem Markt von London als Königsmörder und Hochverräther enthauptet werden wird.— Gott er⸗ barme ſich ſeiner Seele! Eine andere Stimme. Betet für ihn! Jane(zitternd.) Joſhua, hört Ihr? Joſhua. Ja. Ich höre dergleichen alle Tage. (Ein Leichenzug erſcheint oben auf der Treppe, auf deren Stufen er ſich langſam im Herab⸗ ſteigen entwickelt. An der Spitze ein ſchwarz gekleideter Mann, der ein weißes Banner mit einem ſchwarzen Kreuz trägt. Dann Meiſter Aeneas Dulverton im großen ſchwar⸗ zen Mantel, den weißen Conſtablerſtab in der Hand; dann ein Haute roth gekleideter Hel⸗ lebardiere. Dann der Henker, ſeine Aitt auf der Schulter, das Eiſen auf den, der ihm folgt, gerichtet. Dann ein Mann ganz in — 217— einen großen ſchwarzen Schleier gehüllt, der ihm nachſchleppt. Man ſieht von dieſem Ranne nichts als ſeinen nackten Arm, der durch eine in das Leichentuch gemachte Oeff⸗ nung geht und eine brennende Kerze von gel⸗ bem Wachſe trägt. Zur Seite dieſes Mannes ein Prieſter im Todtenkleide. Dann eine Truppe roth gekleideter Hellebardiere. Dann ein weißgekleideter Mann, der ein ſchwarzes Banner mit einem weißen Kreuze trägt. Zur Rechten und zur Linken zwei Reihen von Hellebardieren, die Fackeln tragen.) Jane. Joſhua, ſeht Ihr? Joſhua. Ja. Ich ſehe dergleichen alle Tage. (Der Zug hält im Augenblick, wo er auf die Bühne tritt.) Meiſter Aneas. Der, welcher hinter mir geht, mit dieſem ſchwarzen Schleier bedeckt, iſt der ſehr hohe und ſehr machtige Herr Fabiano Fabiani, Graf von Clan⸗ braſſil, Baron von Dynasmonddy, Baron von Darmouth in Devonſhire, welcher auf dem Markte von London als Königsmörder und Hochverräther enthauptet werden wird.— Gott erbarme ſich ſeiner Seele! Die beiden Bannerträger. Betet für ihn! naas (Der Zug geht langſam über den Hintergrund der Bühne.) ne. Entſetzlich, was wir da ſehen, Joſhua. Es ir das Blut ſtocken. Joſhua. Dieſer elende Fabiani! —, 218— Jane. Friede, Joſhua! Sehr elend, aber ſehr un⸗ glücklich! (Der Zug gelangt zur andern Treppe. Simon Renard, der ſeit einigen Augenblicken am Eingange dieſer Treppe erſchienen iſt und Alles beobachtet hat, tritt auf die Seite, um ihn vorbeizulaſſen. Der Zug ſenkt ſich unter das Treppengewölbe, wo er nach und nach verſchwindet. Jane ſieht ihm voll Schrecken nach.) Simon Renard(nachdem der Zug verſchwunden iſt). Was bedeutet das? Iſt das auch Fabiani? Ich hielt ihn für weniger groß. Sollte Meiſter Aneas?... Es iſt mir, als hätte die Königin ihn einen Augenblick bei bei ſich behalten. Ich will doch ſehen!(Er eilt die Treppe hinunter dem Zuge nach.) Eine Stimme(die ſich mehr und mehr entfernt). Der, welcher hinter mir geht, mit dem ſchwarzen Schleier bedeckt, iſt der ſehr hohe und mächtige Herr Fabiano Fabiani, Graf von Clanbraſſil, Baron von Dynasmonddy, Baron von Darmouth in Devonſhire, welcher auf dem Markte von London als Königsmörder und Hochverräther enthauptet werden wird.— Gott erbarme ſich ſeiner Seele! Eine andere Stimme(eaſt unvernehmbar). Be⸗ tet für ihn! Joſhua. Die große Glocke wird ſogleich ſeinen Austritt aus dem Thurme verkündigen. Es wird Euch — 219— jetzt vielleicht möglich ſein, hinauszukommen. Ich muß ſehen, wie es gehen kann. Erwartet mich hier; ich komme gleich wieder. Jane. Ihr verlaßt mich, Joſhua? Ich werde mich fürchten. Allein hier, mein Gott! Joſhua. Ihr könntet nicht ohne Gefahr den ganzen Thurm mit mir durchlaufen. Ich muß Euch zum Thurme hinausſchaffen. Bedenkt, daß Gilbert Euch erwartet. Jane. Gilbert! Alles für Gilbert! Geht! (Joſhua ab.) Jane(allein). O welch ſchreckliches Schauſpiel! Wenn ich denke, daß das ſo für Gilbert geweſen wäre! (Sie kniet auf den Stufen des einen Altares nieder.) O, Dank! du biſt ja wahrlich der rettende Gott, du haſt Gilbert gerettet!(Das Tuch im Hintergrund öffnet ſich halb⸗ die Königin erſcheint, ſie geht mit langſamen Schritten auf den Vordergrund der Bühne, ohne Jane zu ſehen.) Jane(ſich wegwendend). Gott! die Königin. Zweite Scene. Jane. Die Königin. Jane(klammert ſich vor Schrecken an den Altar und heftet auf die Königin einen ſtarren, erſchrockenen Blick.) Königin.(Sie blickt einige Augenblicke auf dem Vor⸗ dergrund der Bühne, das Auge ſtarr, bleich, wie in düſteres Träumen verloren. Endlich ſtößt ſie einen tiefen Seufzer aus.) — 220— O, das Volk!(Sie ſieht unruhig um ſich und erblickt Jane.) Jemand da?— Du biſt es, junges Mädchen? Ihr ſeid es, Lady Jane? Ich erſchrecke Euch. Geht doch, furchtet nichts. Ihr wißt, der Kerkermeiſter Aneas hat uns ver⸗ rathen. Fürchtet doch nichts, Kind, ich habe dir es ſchon geſagt, du haſt nichts von mir zu fürchten. Was vor einem Monat dein Verderben war, iſt heute dein Heil. Du liebſt Fabiano. Nur du und ich hatten unter dem Himmel ſo ein Herz, du und ich liebten ihn. Wir ſind Schweſtern. Jane. Madame.. Königin. Ja, ja! du und ich, zwei Weiber, das iſt Alles, was er fur ſich hat; gegen ſich— alles Übrige, eine ganze Stadt, ein ganzes Volk, eine ganze Welt! Ungleicher Kampf der Liebe gegen den Haß! Die Liebe für Fabiani iſt traurig, zitternd, ſinnlos; ſie hat deine bleiche Stirne, ſie hat meine Augen voll Thränen, ſie verbirgt ſich bei einem Todtenaltar; ſie betet durch deinen Mund, ſie flucht durch den meinigen. Der Haß gegen Fabiani iſt ſtolz, freudig, triumphirend, iſt bewaffnet und ſiegreich, hat den Hof, hat das Volk, hat Straßen voll Menſchenhaufen, brüllt nach Mord und jauchzt vor Freude, er iſt ſtolz und gewaltig und allmächtig; er erleuchtet eine ganze Stadt um ein Schaffot. Die Liebe, hier iſt ſie, zwei Weiber in Trauer in einem Grabe; der Haß, da iſt er!(Sie reißt heftig das Tuch im Hintergrunde weg, ſo daß man einen Balcon erblickt und weiter hinaus in ſchwarzer Nacht die Stadt London glänzend erleuchtet. Was man vom Tower ſieht, iſt ebenfalls erleuchtet. Jane richtet ihre Augen erſtaunt auf dies blendende Schauſpiel, deſſen Wiederſchein die Bühns erhellt.) O ſchändliche Stadt! rebelliſche Stadt! verfluchte Stadt! Ungeheuer, das ſein Feſtkleid in Blut taucht und dem Henker die Fackel hält! Du entſetzeſt dich davor, Jane, nicht wahr? Iſt es dir nicht wie mir, als ob ſie uns feig höhnte und uns mit ihren hunderttauſend glühenden Augenſternen anſtierte, uns ſchwache, verlaſſene Weiber, verloren und allein in dieſem Grab. Jane, hörſt du die entſetzliche Stadt, wie ſie lacht und heult? O, England, England dem, der London vernichtet! O, wie möochte ich dieſe Fackeln in Brände, dieſe Lichter in Flam⸗ men und dieſe ſtrahlende Stadt in einen Gluthhaufen verwandeln können! 4½ (Ein ungeheures Getöſe erhebt ſich außen. Bei⸗ fall. Verwirrtes Geſchrei:„Da iſt er! da iſt er! Tod dem Fabiani!“— Man hört die große Glocke des Londoner Thurms läuten; bei dieſem Geräuſch bricht die Königin in ein ſchreckliches Lachen aus.) Jane. Großer Gott: jetzt geht der Elende hinaus. — Ihr lacht, Madame! 1. Königin. Ja, ich lache!(Sie lacht.) Ja, und du mußt auch lachen! Aber zuvor muß ich dieſen Vor⸗ hang ſchließen; es iſt mir immer, als wären wir nicht allein und als hörte und ſahe uns dieſe entſetzliche Stadt. (Sie ſchließt den weißen Vorhang und kommt zu Jane zurück.) Jetzt, da er hinaus, jetzt, da keine Gefahr mehr iſt, kann — 222— ich dir es ſagen. Aber lache doch; wir wollen über dieſes abſcheuliche Volk lachen, das Blut ſauft. O, das iſt ent⸗ zückend! Jane! du zitterſt für Fabiano; ſei ruhig und lache mit mir. Jane! der Mann, den ſie haben, der Mann, welcher ſterben wird, der Mann, den ſie für Fa⸗ diano halten, der iſt nicht Fabiano.(Sie lacht.) Jane. Iſt nicht Fabiano? Königin. Nein! Jane. Wer dann? Königin. Der Andere. Jane. Wer? Königin. Du weißt ja, du kennſt ihn, dieſer Ar⸗ beiter, dieſer Menſch...— Uebrigens was liegt daran? Jane(bebt am ganzen Leibe). Gilbert? Königin. Ja, Gilbert, das iſt der Name. Jane. Madame! o nein, Madame! O, ſagt, daß es nicht ſo iſt, Madame! Gilbert— das wäre zu ent⸗ ſetzlich! Er iſt entwiſcht. Königin. Er entwiſchte in der That, als man ihn ergriff. Man hat ihn ſtatt Fabiani's unter den ſchwarzen Schleier geſteckt. Die Hinrichtung, ſie iſt Nachts, das Volk kann nichts ſehen. Sei ruhig. Jane(mit einem entſetzlichen Schrei). Ah, Madame, Gilbert iſt der, den ich liebe! Königin. Wie? Was ſagſt du? Kommſt du um deine Sinne? Täuſchteſt du mich auch, du? Ah, — ——r—— — 223— dieſen Gilbert liebſt du! Nun denn, was liegt mir daran? Jane(gebrochen, zu den Füßen der Königin, ſchluch⸗ zend, ſich auf den Knieen ſchleppend, die Hände ringend. Die große Glocke läutet während dieſer ganzen Scene). Madame, Erbarmen! Madame, im Namen des Himmels! Ma⸗ dame, bei Eurer Krone, bei Eurer Mutter, bei den En⸗ geln! Gilbert! Gilbert! Das macht mich toll. Madame, rettet Gilbert! Dieſer Mann iſt mein Leben, dieſer Mann iſt mein Gemahl, dieſer Mann.... ich ſage Euch, er hat Alles für mich gethan, er hat mich erzogen, mich angenommen, er hat an meiner Wiege meinen Vater erſetzt, der für Eure Mutter geſtor⸗ ben iſt. Madame, Ihr ſeht wohl, daß ich ein armes, elendes Geſchöpf bin, und daß man nicht ſtreng gegen mich ſein darf. Was Ihr eben geſagt, war ein ſo ſchrecklicher Schlag, daß ich wahrhaftig nicht weiß⸗ wie ich die Kraft habe, mit Euch zu reden. Seht, ich ſage, was ich kann. Aber Ihr müßt die Hinrichtung aufſchieben laſſen. Sogleich die Hinrichtung aufſchieben. Die Sache auf morgen verlegen. Zeit ſich zu finden, das iſt Alles. Dies Volk kann wohl bis morgen warten. Wir wollen ſehen, was zu machen iſt. Nein, ſchüttelt den Kopf nicht. Keine Gefahr für Euern Fabiani. Ihr könnt mich ſtatt ſeiner nehmen. Unter dem ſchwarzen Schleier, die Nacht,— wer ſollte was merken? Aber rettet Gilbert! Was macht Euch das, ich oder er? Endlich, — —— — 221— ich will ja ſterben, ich!— O mein Gott, dieſe Glocke, dieſe entſetzliche Glocke! Jeder dieſer Glockenſchläge iſt ein Schritt zum Schaffot, jeder dieſer Glockenſchläge trifft mein Herz.— Thut das, Madame, habt Erbar⸗ men! Keine Gefahr fur Euren Fabiano. Laßt mich Eure Hände küſſen. Ich liebe Euch, Madame, ich habe es Euch noch nicht geſagt; aber ich liebe Euch ſehr. Ihr ſeid eine große Königin. Seht, wie ich Eure ſchönen Hände küſſe. O, ein Befehl zum Aufſchub der Hinrich⸗ tung! Es iſt noch Zeit. Ich verſichere Euch, es iſt ſehr leicht. Sie gehen langſam. Es iſt weit vom Thurm bis zum alten Markt. Der Mann auf dem Balcon hat ge⸗ ſagt, man würde durch Charing⸗Croß gehen. Es gibt einen nähern Weg. Ein Mann zu Pferde würde noch bei Zeit ankommen. Im Namen des Himmels, Madame, habt Erbarmen! Endlich, ſtellt Euch an meinen Platz, nehmt an, ich ſei die Königin und Ihr das arme Mäd⸗ chen, Ihr würdet weinen, wie ich, und ich würde barm⸗ herzig ſein. Gnade, Madame! O! das fürchtete ich, die Thränen möchten mich am Reden hindern. O! ſo⸗ gleich die Hinrichtung aufſchieben, das iſt nicht ſchwer, Madame; keine Gefahr für Fabiano, ich ſchwöre es Euch! Findet Ihr denn wirklich nicht, daß man thun muß, was ich da ſage, Madame? Königin(erweicht, indem ſie Jane aufhebt). Ich möchte es, Unglückliche. Ach! du weinſt ja, wie ich weinte; was du empfindeſt, ich habe es empfunden. Meine Qual — 225— läßt mich Mitleid mit der deinigen haben. Sieh', ich weine auch. Das iſt ſehr unglücklich, armes Kind! Ohne Zweifel, man hätte wohl einen Andern nehmen können, Tyrconnel zum Beiſpiel; aber er iſt zu bekannt, man brauchte einen Unbekannten. Man hatte nur den da zur Hand. Ich erkläre dir das, damit du begreifſt, ſiehſt du. O, mein Gott! es gibt ſo Zufälle. Man iſt gefan⸗ gen. Man kann nichts dazu. Jane. Ja, ich verſtehe Euch wohl, Madame. Das iſt wie bei mir, ich hätte Euch noch Manches zu ſagen; aber ich wollte, der Befehl zum Aufſchub wäre unter⸗ ſchrieben, und der Mann fortgeſchickt. Seht, die Sache iſt dann abgethan. Wir ſprechen beſſer darnach. O, dieſe Glocke! immer dieſe Glocke! Königin. Unmoglich, Lady Jane. Jane. Doch, es iſt möglich. Ein Mann zu Pferde. Es gibt einen ſehr kurzen Weg an dem Staden hin. Ich will gehen, ich. Es iſt möglich. Es iſt leicht. Ihr ſeht, ich ſpreche ganz ruhig. Königin. Aber das Volk würde es nicht leiden, es würde zurückkommen, Alles im Thurme ermorden, und Fabiani iſt noch da. Begreife denn doch. Du zitterſt, armes Kind; ich bin wie du, ich zittere auch. Stelle dich einmal an meinen Platz. Endlich, ich hätte wohl nicht nöthig, mir die Mühe zu nehmen, dir das zu er⸗ klaren. Du ſiehſt, ich thue, was ich kann. Denke nicht mehr an dieſen Gilbert, Jane, das iſt aus. Faſſe dich! VI. 15 Jane. Aus! Nein, es iſt nicht aus! So lange dieſe ſchreckliche Glocke läutet, iſt es nicht aus! Mich faſſen bei dem Tod von Gilbert! Glaubt Ihr, ich würde Gilbert ſo ſterben laſſeen? Nein, Madame! Ha, ich verliere meine Mühe! Ha, Ihr hört mich nicht! Nun denn, das Volk wird mich hören, wenn die Königin mich nicht hört! Ha, ſie ſind gut die Leute vom Volk! Das Volk iſt noch in dieſem Hofe. Ihr mögt dann mit mir machen, was Ihr wollt. Ich werde ihnen zuſchreien, daß man ſie betrügt und daß es Gilbert iſt, ein Arbeiter, wie ſie, und daß es nicht Fabiani iſt. Königin. Halt, elendes Kind!(Sie ergreift ſie am Arme und betrachtet fie mit einem furchtbaren Blick.) Hal! du nimmſt es ſo? Ha! ich bin gut und ſanft und ich weine mit dir, und jetzt wirſt du toll und raſend. Hal meine Liebe iſt ſo groß wie deine, und meine Hand iſt ſtärker, als deine. Du rührſt dich nicht! Ah, dein Geliebter! Was geht mich dein Geliebter an? Sollen denn alle Mädchen England's kommen und Rechenſchaft von mir wegen ihrer Geliebten fordern? Bei Gott! ich rette den meinigen, ſo gut ich kann, und auf Unkoſten deſſen, der mir in den Weg kommt. Wacht ihr über die eurigen! Jane. Laßt mich!— O, ich fluche Euch, abſcheu⸗ liches Weib!. 8. Königin. Still! Jane. Nein, ich will nicht ſchweigen. Und ſoll ich CEuch auch einen Gedanken ſagen, der mir eben kommt? Ich glaube nicht, daß der, welcher ſterben wird, Gil⸗ bert iſt. Königin, Was ſagſt du? Jane. Ich weiß nicht. Aber ich ſah ihn unter dem ſchwarzen Schleier vorbeigehen. Es iſt mir, als müßte ſich etwas in mir geregt, ſich etwas empört, ſich etwas in meinem Herzen erhoben und mir zugerufen haben:„Gilbert! es iſt Gilbert!“ wenn es Gilbert ge⸗ weſen wäre. Ich habe nichts gefühlt, es iſt nicht Gilbert! Königin. Was ſagſt du da? Ah, mein Gott! du biſt wahnwitzig; was du ſagſt, iſt toll und doch er⸗ ſchreckt es mich, Ah! du regſt eine der geheimſten Qualen meines Herzens auf. Warum hat mich dieſer Aufſtand verhindert, ſelbſt über Alles zu wachen! Warum habe ich Anderen, als mir ſelbſt, Fabiano's Rettung an⸗ vertraut? Aneas Dulverton iſt ein Verräther. Simon Renard war vielleicht da. Wenn ich nicht zum zweiten Mal von den Feinden Fabiano's verrathen worden bin! Wenn es in der That Fabiano wäre!.. Jemand! he, Jemand! Jemand!(Zwei Schließer treten auf. Zum erſten.) Ihr lauft! Hier iſt mein königlicher Ring. Sagt, daß man die Hinrichtung aufſchiebe. Auf den alten Markt! den alten Markt! Es gibt einen kürzeren Weg, ſagteſt du, Jane? Jane. An dem Staden hin. 15* “ 5 — α— — 228— Königin Czum Schließer). An dem Staden hin. Ein Pferd! ſchnell!(Der Schließer ab. Zum zweiten Schließer.) Ihr lauft ſogleich zu dem Thurme von Eduard. Es ſind dort zwei Kerker für die zum Tode Verdammten. In einem dieſer Kerker iſt ein Mann. Bringt ihn ſo⸗ gleich her.(Der Schließer ab.) Ach, ich zittere! meine Kniee brechen; ich hätte nicht Kraft genug, ſelbſt zu gehen. Ach, du machſt mich toll, wie du! Ach, elende Dirne, du machſt mich unglücklich, wie du! Ich fluche dir, wie du mir fluchſt. Mein Gott! wird der Mann noch bei Zeit ankommen? Welche entſetzliche Angſt! Ich ſehe nichts mehr. Alles iſt wirr in meinem Geiſt. Dieſe Glocke, für wen tönt ſie? Iſt es für Gilbert? iſt es für Fabiani? Jane. Die Glocke ſchweigt. Königin. Dann iſt der Zug auf dem Richtplatz. Der Mann kann nicht mehr ankommen.(Man hört einen Kauonenſchuß.) Jane. Himmel! Königin. Er ſteigt auf das Schaffot.(Zweiter Kanonenſchuß.) Er kniet nieder. Jane. Das iſt entſetzlich!(Dritter Kanonenſchuß.) Beide. Ach!.. Koönigin. Es lebt nur noch einer. In einem Au⸗ genblick wiſſen wir, welcher. Mein Gott! gib, daß es Fabiani iſt, der hereintritt. — 229— Jane. Mein Gott! gib, daß es Gilbert iſt. (Der Vorhang im Hintergrunde öffnet ſic. S. Renard tritt ein, Gilbert an der Hand.) Jane. Gilbert!(Sie fliegen einander in die Arme.) Königin. Und Fabiano? Simon Renard. Todt. Königin. Todt?.. Todt! Wer wagte.. 2 Simon Renard. Ich. Ich habe England und die Königin gerettet. 7 — e In demſelben Verlage ſind folgende emplehlenswerthe Schrikten erſchienen und um beigeſetzte Preiſe durch alle ſolide Buch⸗ handlungen zu beziehen. ——ä⁰ Duller, Eduard, Erzaͤhlungen und Phanta⸗ ſieſtücke. Zwei Theile. 8. Rthlr. 3. fl. 5. —— die Feuertaufe. Eine Erzaͤhlung. 2 Theile. 8. Rthlr. 3. fl. 5. Der geiſtreiche Verfaſſer zeigt in dieſen ſeinen neueſten Werken den freundlichen Leſern eine Fülle der bunteſten Aus⸗ und Anſichten. Ein friſcher Hauch des Lebens und der Phan⸗ taſte beſeelt ſeine Erzählungen und Phantaſieſtücke. Der Leſer fndet darin bald ein freundlich gemüthliches Genrebild, bald ein Nachtſtück à ja Hollenbreughel. In der„Feuertaufe“ führt der Verfaſſer ſeine Leſer in die Zeiten des furchtbarſten Aberglaubens, in das Gebiet der Hexenprozeſſe, zugleich aber läßt er den erſten Vertheidiger der Vernunft und Men⸗ ſchenwürde gegen dies Unweſen, den edlen Jeſuiten Fried⸗ rich Spee auftreten, einen wahren Schutzgeiſt ſeines Zeit⸗ alters und eine Zierde aller Zeiten, einen Maänn im höchſten Sinne des Workes. Der reiche Stoff und die gelungene Be⸗ handlung berechtigen uns, dieſe beiden äußerſt intereſſanten zchriften allen Freunden einer geiſtreichen Unterhaltungslek⸗ türe zu empfehlen. Duller, Eduard, Phantaſiegemälde für 1835. Mit einem Kupfer von Fleiſchmann. 8. Elegant gebunden. Rthlr. 1. 12 gr. fl. 2. 42 Pr. Irving, Waſhington, ſämmtliche Werke. Aus dem Engliſchen uͤberſetzt. 53 Bändchen. Geh. Auf Velinpap. Rthlr. 9. 18 gr. fl. 16.12. kr. Auf ordin. Druckp. Rthlr. 6. 20 gr. fl. 11. 18 kr. Dieſelben enthalten: Das Skizzenbuch.— Erzählungen eines Reiſenden.— Bracebridge⸗Hall.— Eingemachtes.— Die Geſchichte des Lebens und der Reiſen Chriſtoph's Columbus.— Die Eroberung von Granada.— Humoriſtiſche Geſchichte von Rew⸗York.— Reiſen der Gefährten des Columbus.— Die Alhambra, oder das neue Skizzenbuch.— Die Reiſe auf den Prairien.— Abbotsford und Newſtead Abtey. König, H., die Wallfahrt. Rthlr. 1. 8 gr. fl. 2. 24 kr. Kupferſammlung zu Cooper's ſaͤmmtlichen Werken. Erſte Lieferung. 20 gr. fl. 1. 24 kr. Zweite Lieferung. 16 gr. fl. 1. 12 kr. Dieſelben enthalten: der Spionz der Letzte der Mohikaner; die Anſiedler; der Lootſe; Lionel Lincoln; die Steppe; der ro⸗ the Freibeuter; die Grenzwohner; die Waſſer⸗ nixe; der Bravo. —— zu Irving's ſaͤmmtlichen Werken. Erſte Lieferung. 16 gr. fl. 1. 12 kr. Zweite Lieferung. 8 gr. 36 kr. Dieſelben ent⸗ halten: das Skizzenbuch; Erzäͤhlungen eines Reiſenden; Bracebridge⸗Hall; Eingemachtes; Leben und Reiſen des Columbus. Nänny, J. C., Gedichte. Rthlr. 1. 6 gr. fl. 2. Der Name des Herrn Nänny iſt den Freunden der Dicht⸗ kunſt aus Taſchenbuͤchern und Zeitſchriften ein erfreulicher Klang geworden, der immer irgend ein aus der Tiefe der Gemüths⸗ und Phantaſiewelt geſchöpftes Product ankündigt. Vorzüglich aber ſind es heitre, liebliche Melodieen, die irgend eine gefühlvolle Anſchauung, eine poetiſche Erkenntniß des Lebens und der Natur enthalten, welche der Muſe des Herrn NRänny gelingen. Sie iſt ein reiches Kind, aber ihr Reich⸗ thum beſteht in Blumen und dieſe ſind wiederum einfache Blumen der Wieſe, traulich dem Herzen, wie dem Vater⸗ lande, ein ſinniger Strauß für ſinnige Freunde der Poeſte. Oefele, Freiherr von, Bilder aus Italien. 2 Bände. Geh. Rthlr. 2. 20 gr. fl. 4. 48 kr. Wir dürfen dieſe Bilder, hauptſächlich der Wahrheit und Lebensfriſche wegen, die ſie karakteriſiren, empfehlen. Es ſind Erfahrungen, die der Verfaſſer unter dem reizenden Him⸗ melsſtriche Heſperiens geſammelt, es ſind ſeine oft höchſt eigenthümliche Anſichten, in denen uns ſo Vieles ſchon viel⸗ fach Beſprochene wiederum neu erſcheint, es ſind Ergebniſſe heitrer und romantiſcher Natur, welche hier in kecken Zügen, in warmen Localfarben zu Gemälden vexeinigt werden, die den Beſchauer anziehn, belehren und ergötzen. Offen und ein⸗ fach, wie Yorick, erzählt der Verfaſſer, unabſichtlich zur auptfigur ſeiner Bilder werdend, in deren Weſen ſich die Menſchlichkeit mit ihren tauſendfachen Schattirungen ſviegelt. Eine Novelle. Platen, Graf von, Geſchichten des König⸗ reichs Neapel von 1414 bis 1443. Rthlr. 1. 16 gr. fl. 2. 48 kr.— —— die Liga von Cambrai. Geſchichtliches Drama in 3 Akten. geh. 12 gr. 54 kr. Rückert, Fr., Nal und Damajanti. Eine in⸗ diſche Geſchichte. Rthlr. 1. 18 gr. fl. 2. 48 kr. Das Publikum erhält hier eine, von dem rühmlich bekann⸗ ten Dichter Rückert, mit aller ihm in ſo ſeltenem Grade eigenen Sprachfertigkeit und Reimfülle übertragene indiſche Dichtung, bei der aber alles Fremdartige, ohne Studium der indiſchen Poeſie Unverſtändliche vermieden iſt, ſo daß ſie als eine ſinnige Liebeserzählung erſcheint, über welche ſich nur ein leiſer fremdartiger, aber lieblichſüßer Duft ausbreitet und ſie umweht. Das Mythologiſche, völlig verſtändlich, er⸗ ſcheint in der Figur, welche am bedeutendſten eingreift, nur als Allegorie des böſen Gelüſtens, welches in unſrer Bruſt wohnt. Liebe, in bezaͤnberndet Schilderung, ihre Leiden und Treue bilden den Inhalt des Büchleins, und wem Sinn für wahre Poeſie einwohnt, wird an dieſer Dichtung, und wem Sinn für Sprachſchönheit und Ausdruck einwohnt, wird an Rückert'’s Verſen ein Vergnügen genießen, wie es ſelten ge⸗ boten wird.. Schopenhauer, Johanna, ſaͤmmtliche Schrif⸗ ten. Wohlfeile Ausgabe. 24 Bände in Ta⸗ ſchenformat; mit dem Bildniß der Verfaſſerin. Auf ordin. Pap. Rthlr. 8. fl. 14. 24 kr. Auf Velinpap. Rthlr. 12. fl. 21. 36 kr. Die geiſtige Bildung unſerer Nation geht mit Rieſenſchrit⸗ ten voran und durchdringt alle Stände. Das intellectuelle Leben ſpricht die Theilnahme der deutſchen Frauen mehr als je an. Beſſer, gedeihlicher läßt es ſich aber nicht fördern, als wenn edle Frauen die Vermittlerinnen der geiſtigen Fort⸗ ſchritte bei dem weiblichen Geſchlechte werden. Durch ihre hohe Bildung, durch ihr vielſeitiges Wiſſen, durch ihre reiche Lebenserfahrung, durch ihr ſittliches Streben, durch ihren feinen, ächt weiblichen Takt, durch ihr Darſtellertalent und ihre Sprachgewandtheit ſteht Johanna Schopenhauer vor allen andern ausgezeichnet da. Ihr Name wird von un⸗ ſern berühmteſten Zeitgenoſſen mit hoher Achtung genannt: ihre Schriften umfaſſen die anziehendſten Zweige der Kunſt und des Wiſſens. 1 3 Dieſe ausgedehntere Verbreitung der Werke einer ſo geiſt⸗ vollen Schriftſtellerin, welche mit einer wahren Meiſterſchaft zu unterhalten und zugleich zu belehren, den Geiſt zu kräfti⸗ gen, das ſittliche Gefühl zu erbeben und namentlich die erha⸗ bene Beſtimmung der Frauen im ſchönſten Lichte zu zeigen weiß, nach Kräften zu fördern, hat die Verlagshandlung zu einer wohlfeilen Ausgabe ihrer Schriften veranlaßt. Diefelbe ſchmeichelt ſich, einem Bedurfniß unſerer Zeit zu genügen, indem ſie den deutſchen Frauen und Mädchen Gele⸗ genheit bietet, dieſe Schriften, welche in keiner Damenbiblio⸗ thek fehlen dürfen, fuͤr einen geringen Preis anzukaufen. „Bieten wir gleich die wohlfeilſte Taſchenausgabe aller bis jetzt erſchienenen deutſchen Klaſſiker, ſo wird dieſelbe doch vor allen übrigen ſich durch Eleganz auszeichnen und ſo dem würdigen Namen der Verfaſſerin und dem Geſchmacke derer zumal, für welche dieſe Schriften zunächſt beſtimmt ſind, voll⸗ kommen entſprechen.— Um dem Publikum eine Ueberſicht der Vielſeitigkeit und Mannichfaltigkeit der ſchriftſtelleriſchen Leiſtungen der berühm⸗ ten Verfaſſerin zu geben, theilen wir hier den Inhalt der ver⸗ ſchiedenen Lieferungen mit. I. Lieferung. Band 1, 2, 3, 7, 8 und 9, enthaltend: rnow's Leben. 2 Theile,— Ausflug an den — Gabriele. Novelle in 3 Theilen. rung. Band 4, 5, 6, 10, 11 und 12, enthal⸗ ohann van Eyck und ſeine Nachfolger. 2 Theile. hrzeiten. Novelle.— Sidonia. No⸗ nd 13, 14, 15, 16, 19 und 20, ent⸗ nte. Novelle in 2 Theilen.— Neiſe land und Schottland. 2 CTheile.— Novellenund Erzählungen. 2 Theile. nd 17, 18, 21, 22, 23 und 24, ent⸗ Paris durch das ſüdliche II. 82 .— — 2 02 III. 2258 3 B2 — 3 2 S2= ankr bas Chamvuni. 2Theile. Kleinere vell rzählungen. 4 Theile. chopenhauer, Johanna, Erzählungen. Acht Theile. Zweite wohlfeilere Aus⸗ gabe. Auf Velinpap. Rthlr. 10. 20 gr. fl. 19. 24 kr. Auf Druckpap. Rthlr. 8. fl. 14. Schopenbauer, Johanna, Novellen. Zwei Theile. Geh. Rthlr. 2. 20 gr. fl. 4. 48 kr. —— neue Novellen. Drei Theile. Rthlr. 3. fl. 5. Dieſe 5 Bände Novellen ſind neu und noch nicht in der Geſammtausgabe aufgenommen. Storch, Ludwig, der Diplomat. Novelle. 8. Rthlr. 1. 18 gr. fl. 2. 48 kr. —— die Intrigue. Eine Novelle in 2 Thei⸗ len. Zweite verbeſſerte Auflage. Rthlr. 1. 18 gr. S Fe 0 V b Storch, Ludwig, der Karikaturiſt. Novelle. 2 Theile. Rthlr. 3. 8 gr.— fl. 5. 48 kr. —— Erzählungen. 4 Theile. Rthlr. 5. 8 gr. —— die Beguine. Hiſtoriſcher Roman aus der Mitte des 14. Jahrhunderts. 3 Theile. Rthlr. 4. 20 gr. fl. 8. 24 kr. —— Malers Traum. Novelle. Rthlr. 1.16 gr. fl. 3. Die Leſewelt erhält in dieſen Erzählungen des allgemein bekannten und beliebten Verfaſſers eine reiche Gallerie von Darſtellungen, welche durch ihre Lebendigkeit und innere Wahrheit, ſowie durch ihre gelungene Form und treffliche Behandlung gewiß das Intereſſe zu feſſeln vermögen. Der Verfaſſer hat es in den kleineren Novellen, wie in ſeinen Vriaren Romanen, verſtanden, den Leſer Leßſreßch zu unter⸗ halten; und wir hoffen, daß Niemand unbefriedigt dieſe Er⸗ zählungen aus der Hand legen wird, in welchen ſich eine tüchtige Lebenskenntniß, ein ſicherer Takt, die Spannung vom Anfang bis zum Ende rege zu erhalten, ſowie uͤberhaupt alle wackeren Eigenſchaften, wodurch ſich der Verfaſſer die Gunſt des Pu⸗ blikums erworben, aufs Neue vortheilhaft dargethan finden. Zehner, H. G., die Treuringe. Novelle. Geh. 9 gr. 40 kr. Zehner, H. G., die Pietiſtin. Novelle. Rthlr. 1. s8 gr fl. 2. 24 kr. Zschokke'’s popular history of Switzerland. From the German:— with the author's subsequent alterations ofthe original Work by W. Howard Howe. Cart. 12. Rthlr. 1. 18 gr. fl. 3. Im Jahr 1835 ſind neu erſchienen: Beaulies, the, of Shakspeare. Muſterſtücke aus Shakſpeare's Dramen. Engliſch und deutſch. 2 Bände. 12. Rthlr. 2. fl. 3. 30 kr. Belani, H. E. R., der Premierminiſter. Ge⸗ ſchichtliches Volks⸗ und Sittengemälde. 4 Theile. 8. Rthlr. 4. 18 gr. fl. 8. 24 kr. —— Biedenfeld, Freiherr von, Novellen und bunte Blätter. 2 Theile. 8. Rthlr. 2. 18 gr. fl. 4. 30 kr. Büchner, Georg, Danton s Tod. Dramatiſche hilder ens Frankreichs Schreckenszeit. 18 gr. .. r. Cooper's ſämmtliche Werke. 82— 878 Bändchen. Die Monikins. Ueberſetzt von Karl Meurer. 6 Bändchen. Auf Velinpap. Rthlr. 1. 4 gr. fl. 1. 48 kr. Auf ordin. Pap. 18 gr. fl. 1. 12 kr. Duller, Eduard, Kronen und Ketten. Ein hiſtoriſcher Roman. 3 Theile 8. Rthlr. 4. 21 gr. fl. 8. 24 kr. Gallerie zu Bgron's Werken. Zaveite Lieferung in 7 Blättern. 20 gr. fl. 1. 30 kr. Heeringen, Guſtav von, Fränliſche Bilder aus dem ſechszehnten Jahrhundert. 4 Theile. 8. Rthlr. 5. fl. 8. 30 kr. ouſſeau, Dr. J. B., Marienbüchlein. Geſänge aller Zeiten und Völker zu Ehren der Aller⸗ heiligſten Jungfrau. Ein Buch der Andacht und frommen Erhebung. Mit einem Stahlſtich und lithog. Titel. 8. Geh. Rthlr. 1. fl. 1. 48 kr. Daſſelbe in Safſian mit Goldſchnitt. Rthlr. 1. 12 gr. fl. 2. 42 kr. Schopenhauer, Johanna, die Reiſe nach Italien. Eine Novelle. 8. Rthlr. 1. 12 gr. fl. 2. 42 kr. —— der Bettler von Sankt Columba.— Mar⸗ garetha von Schottland. Zwei Novellen. 8. Rthlr. 1. 12 gr. fl. 2. 42 kr. ö 22 4