—= 3— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. eiß- und Teſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliotheß ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. „ 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. ſe 3.(Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme T Pinterlegen⸗ welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 5 14 Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und kträgt 1 4 1 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: — auf 1 Monat: eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe d 1 2 1 1 tr— 5. Auswärtige Abonn in⸗ und Zurückſendung ſ hr ſelbſt zu ſorgen. 3 Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des 4 Victor Hugo“s ſämmtliche Werke. Funfter Band. Angelo, Tyrann von Padua. Marion de Lorme. 3 Frankfurt am Main, 1835. Druck und Verlag von J. D. Sauerländer. — ————— Angelo, Tyrann von Vadua. Deutſch von Eduard Duller. Marion de Lorme. Deutſch von O. L. B. Wolf f. Frankfurt am Main, 1835. Druck und Verlag von J. D. Sauerländer. — —.— Angelo, Tyrann von Padua. Drama. Ueberſetz von Eduard Duller. Vorrede des Verfaſſers. — Bei dem jetzigen Zuſtand aller jener tieferen Fragen, welche bis dicht an die Grundwurzeln der Geſellſchaft hin— abreichen, ſchien es dem Verfaſſer dieſes Drama's ſchon ſeit lange eine Aufgabe von möglichem Nutzen und großem Belang, Ideen, wie ungefähr die folgenden, auf der Bühne zu enthüllen. Es gälte nämlich: in einer dramatiſchen Handlung, deren Motive blos aus dem menſchlichen Herzen entlehnt ſeien, zwei gewaltige leidende Charaktere hinzuſtellen— das Weib innerhalb der bürgerlichen Geſellſchaft, das Weib außerhalb derſelben; das heißt: in dieſen zwei lebendigen Typen alle Frauen und das Weib, als mora⸗ liſche Perſon, zu repräſentiren; ferner dieſe zwei weiblichen Charaktere, die in ſich alles reſumiren, oft großartig, immer im Unglück darzuſtellen,— die eine gegen den Despotismus, die andre gegen die Verachtung zu ver⸗ theidigen. Zu zeigen, welchen Verſuchungen die Tugend 1* der einen widerſteht, in welchen Thränen ſich die Flecken der andern baden. Dem die Schuld anzurechnen, an dem ſie liegt, nämlich dem ſtarken Mann, ſo wie dem,, als was die reale Societät widerſinnig iſt. In dieſen zwei erleſenen Charakteren zu zeigen, wie das Zartgefühl der Tochter die Rache des Weibes, wie MNutterliebe die Geſchlechtsliebe, Innigkeit den Haß, Pflicht die Leidenſchaft überwinden kann! Dieſen zwei, alſo gezeichneten weiblichen Charakteren gegenüber: zwei Männer, den Gatten und den Geliebten, den unbeſchränkt Herrſchenden und den Geächteten, hinzuſtellen, und nun in ihnen durch tauſenderlei kleine Detail⸗Entwicklungen alle gewöhnlichen und außergewöhnlichen Beziehungen zu⸗ ſammenzufaſſen, in welche einerſeits der Mann, ander⸗ ſeits die Geſellſchaft zum Weibe treten kann. Ferner gilt es, unter dieſer bald glänzenden, bald düſtern Gruppe, welche genießt, beſitzt, leidet,— den Neider nicht zu ver⸗ geſſen, den unheilbringenden, allenthalb gegenwärtigen Laurer, den die Vorſehung hinter alle bürgerlichen Ge⸗ ſellſchaften, hinter alle Regimente, hinter jedes Glück, hinter alle menſchliche Leidenſchaften ſteckt, den ewigen Feind alles Hohen; der, im Kern ſtets derſelbe, nach Zeit und Ort ſeine Form wandelt, der in Venedig als Spion, in Bozanz als Eunuch, in Paris als Schmäh⸗ ſchriftler auftritt;— ihn, wie ihn die höhere Weltord⸗ nung hinſtellt, in den Schatten zu ſchieben, zähnefletſchend, wo alle lachen,— dieſen elenden, verworfenen Klugen, —— . — 9— der nichts vermag, als zu ſchaden; denn alle Pforten, die ſeiner Liebe verſchloſſen bleiben, öffnen ſich ſeiner Rache. Endlich über dieſen drei Männern, zwiſchen jenen zwei Frauen als dazwiſchentretenden Vermittler, als Symbol, als Rath, den Gott, der am Kreuze ſtarb, ein⸗ zuordnen,— jenes ganze Menſchenweh an des Cruzifixes Rückſeite zu nageln! Nun aber aus allen dieſen Beſtandtheilen ein Drama zu geſtalten,— und zwar nicht eben ganz fürſtlich, damit die Möglichkeit der Anwendung nicht innerhalb allzugroßer Proportionen verſchwinde, doch eben auch nicht ganz bür⸗ gerlich, damit die Geringfügigkeit der Perſonen den Um⸗ fang der Idee nicht beeinträchtige,— nein: fürſtlich und häuslich zugleich, das erſtere, weil das Drama groß, das letztere, weil es wahr ſein ſoll.— Ferner gilt es, um jenem Bedürfniß des Geiſtes zu genügen, welches ſtets der Vergangenheit in der Gegenwart begegnen und aus der Vergangenheit die Gegenwart herausfinden will, in dieſem Werke dem ewigen, dem rein menſchlichen, dem ſocialen Elemente das hiſtoriſche beizumiſchen. Die Auf⸗ gabe verlangt auch, daß auf dem Wege, den die Gele⸗ genheit dieſer Idee einmal darbietet, nicht blos der Mann und das Weib, nicht blos jene zwei Frauen und jene drei Männer, ſondern auch ein ganzes Jahrhundert, ein beſtimmtes Klima, eine ganze Civiliſation, ein ganzes Volk gemalt, daß ferner, nach den beſonderen hiſtoriſchen Daten, eine ſo einfache, wahre und compakte, eine ſo — 10— herzſchlaglebendige Geſchichte abgehandelt werde, daß ſie die Idee ſelbſt vor den Augen des Publikums auf keine andere Weiſe verhülle, als wie das Fleiſch den Knochen. Dieß alles zu bewirken, hat nun der Verfaſſer des folgenden Dramas bezweckt, und muß nur bedauern, daß kein Tüchtigerer, als eben er, auf dieſe Abſicht verfiel. Jetzt, da der augenſcheinlichſte Erfolg, welcher alle Hoffnungen des Dichters überſtieg, dieſer Abſicht zu Theil wurde, fühlt derſelbe das Bedürfniß, ſeine ganze Idee vor jener theilnehmenden und gebildeten Menge zu er⸗ örtern, welche ſich jeden Abend vor ſeinem Werke ver⸗ ſammelt, und eine Neugierde mitbringt, welche für ihn zur Verantwortlichkeit wird. Man kann nicht genugſam darauf zurückkommen, daß das Theater jetzt für Jeden, der irgend über die Bedürf⸗ niſſe der bürgerlichen Societät nachdachte, denen die Be⸗ ſtrebungen der Kunſt entſprechen müſſen,— eben doch eine Schule bleibt. Das Drama, wie der Verfaſſer des vorliegenden Werkes wenigſtens ein ſolches beabſichtigte, und wie ein Mann von Genie auch wirklich ein ſolches zu Stande bringen würde„— muß der Menge eine Philo⸗ ſophie geben; den Ideen eine Formel; der Poeſie— Muskeln, Blut und Leben; den Denkern— eine unbefan⸗ gene Deutung; den Durſtigen— Labe; heimlichen Wunden — Balſam; Jedem— Rath; Allen— ein Geſetz. Keine Frage, daß vor allen Dingen die Bedingun⸗ gen der Kunſt an und für ſich vollſtändig erfüllt werden — 11— müſſen.— Neugier, Intereſſe, Unterhaltung, Lachen, Thränen, immerwährende Beobachtung von allem, was Natur iſt, die wunderbare Hülle des Styls,— alles dies muß im Drama enthalten ſein; denn ohne dies alles wäre es gar kein Drama; aber, um es vollſtändig zu ſein, muß es mit der Abſicht: zu gefallen, auch die: zu belehren, verbinden. Das Drama entzücke Euch, aber immer ſtecke die Belehrung drinnen; immer müſſe man dieſe darin finden, ſo oft man ſolch ein lebendiges, poe⸗ tiſch⸗hinreißendes, leidenſchaftreiches, in Gold, Sammt und Seide prachtvoll gekleidetes Werk anatomiſch zer⸗ legen will. Wie die Formen des ſchönſten Weibes ein Skelett enthalten, muß in dem ſchönſten Drama eine ernſte Grundidee vorhanden ſein. Man ſieht, der Verfaſſer überſah die ſtrengen Pflichten eines dramatiſchen Dichters nicht. Vielleicht wird er in einiger Zeit, in einem beſondern Werk, den Verſuch wa⸗ gen, in Details zu erörtern, was er in jeder von ſeinen ſeit ſieben Jahren veröffentlichten dramatiſchen Schriften gewollt. Bei einer ſolchen Rieſenaufgabe, wie die des Theaters im neunzehnten Jahrhundert, fuͤhlt er wohl ſeine tiefe Unzulänglichkeit,— nichts deſto weniger wird er in dem Wirken, dem er ſich einmal hingegeben, aus⸗ dauern. So wenig auch an ihm ſei,— wie möchte er doch zurückweichen, da ihn die Theilnahme edler Geiſter, der Beifall der Menge, die biedere Sympathie ermuthigt, welche ſich für ihn in der Kritik ausgezeichneter Männer findet, auf deren Stimmen man hört. So wird er denn feſt ausharren, und, ſo oft er es für nothwendig hält, daß eine nützliche, ſociale, menſchheitliche Idee bis in ihre kleinſten Details hinab Allen ſchaubar werde, ſie durch das Vergrößerungsglas der Bühne zeigen. In unſerm Jahrhundert iſt der Horizont der Kunſt ungemein erweitert. Sonſt ſprach der Dichter: Das Publikum; jetzt ſpricht er: Das Volk! Am 7. Mai 1835. Perſonen. Angelo Malipieri, Podeſta. Catarina Bragadini. Tisbe. Rodolfo. Homodei. Anafeſto Galeofa. Reginella. Dafne. Ein ſchwarzer Page. Ein Wächter. Ein Thürſteher. Der Dechant zu St. Anton von Padua. Der Erzprieſter. Padua.— 1549. (Unter der Regierung des Dogen Francesco Donato.) — 15— Erſte Handlung. Der Farh 1 6 ff e 1. e⸗ Perſonen. Angelo Malipieri. Rodolfo. Tisbe. Anafeſto Galeofa. Homodei. (Ein für ein öffentliches Feſt erleuchteter Garten. . Rechts ein Pallaſt, die Fenſter hell, drinnen Muſik; eine Thüre desſelben führt in den Garten; ebener Erde ein Bogengang, worin man die beim Feſte Verſammelten wandeln ſieht; ge⸗ gen die Thüre zu eine Steinbank.— Zur Linken eine andre Bank; auf derſelben ſchläft, im Dunkel bemerkbar, ein Mann. Im Hintergrund, über den Bäumen, zeigt ſich der Schattenriß Padua's(im ſechszehnten Jahrhunderte), aus einem klaren Horizont hervortretend. Gegen den Schluß des Aktes wird es Tag.) Erſte Scene. Tisbe(im reichen Feſtanzug), Angelo Malipieri lim herzoglichen Gewand, mit goldener Stole), Homodei (eingeſchlafen; langer Leibrock von braunem Wollenzeuch, vorn zu, rothe Beinkleider; eine Guitarre an ſeiner Seite.) Tisbe. Ja, Monſignor, Ihr ſeid hier der Ge⸗ 3 bieter,— der ſtattliche Podeſta; Ihr habt Gewalt — 16— über Leben und Tod, unbeſchränkte Herrſchaft, unbe⸗ ſchränkte Freiheit. Venedig hat Euch hierher geſandt, und überall wo man Euch erblickt, ſcheint's, daß man das Antlitz und die Majeſtat dieſer Republik ſchaue. Wandelt Ihr auf der Straße, Signor, ſo ſchließen ſich alle Fenſter, ſo weicht Euch jeder Vorübergehende aus dem Wege, ſo zittert der ganze Inhalt des Hauſes. Ach, dieſe armen Paduaner behaupten ihr ſtolz⸗ruhiges Weſen vor Euch kümmerlicher, als wenn ſie Unterthanen von Konſtanti⸗ nopel wären, und Ihr— der Türke. Ja, ſo iſt's. Ah, ich bin in Brescia geweſen. Da war's ein anderes Ding. Venedig würde es nicht wagen, Brescia ſo zu behandeln wie Padua; Brescia würde ſich dagegen— wehren! Wenn Venedig's Arm ſchlägt, beißt Brescia; Padua leckt; pfui der Schande!— Doch, Signor, obgleich Ihr hier der Herr und Meiſter von aller Welt ſeid und ob Ihr auch der meinige zu ſein behauptet,— will ich Euch die Wahr⸗ heit ſagen,— hört mich nur an,— nicht über Ange⸗ legenheiten des Staates,— fürchtet's nicht,— nein, über Eure eigne. Somit ſag' ich Euch denn: Ihr ſeid ein ſeltſamer Mann, ich begreife Euch in nichts; Ihr ſeid in mich verliebt und auf Eure Frau— eiferſüchtig. Angelo. Auch auf Euch, Signora. Tisbe. Lieber Gott, Ihr braucht mir das nicht erſt zu ſagen. Und doch— habt Ihr kein Recht dazu, denn ich gehöre ja nicht Euch. Ich gelte wohl hier für 4 17 Eure Geliebte, für Eure allgewaltige Maitreſſe, aber ich bin es nicht, ich denke: Ihr wißt es wohl. Angelo. Dieß Feſt iſt prächtig, Signora. Tisbe. Ich bin nichts als eine arme Schauſpiele⸗ rin; man erlaubt mir Senatoren Feſte zu geben; ich bemühe mich, unſern Gebieter zu erheitern, aber es will mir heute nicht gelingen. Euer Antlitz iſt düſterer, als das Schwarz meiner Maske. Ich habe Lampen und Fakeln gut verſchwenden,— auf Eurer Stirne bleibt der Schatten. Was ich Euch in Muſik gebe, gebt Ihr mir nicht in Fröhlichkeit zurück, Signor!— Ei, lacht doch ein wenig. 3 Angelo. Ja, ich lache ſchon.— Sagtet Ihr mir nicht; daß jener junge Mann, der mit Euch in Padua ankam, Euer Bruder ſei? Tisbe. Ja.— Nun? Angelo. Ihr ſprachet eben mit ihm. Wer iſt doch jener andere, der bei ihm war? Tisbe. Sein Freund, Anafeſto Galeofa aus Vi⸗ cenza. Angelo. Und wie heißt Euer Bruder? Tisbe. Rodolfo, Monſignor!— Rodolfo. Ich erläuterte Euch dies alles ſchon zwanzigmal. Habt Ihr mir nichts Angenehmeres zu ſagen? 1 Angelo. Verzeiht, Tisbe, ich werde Euch keine Fragen mehr ſtellen. Wißt Ihr, daß Ihr geſtern die Rosmonda bewundernswerth lieblich ſpieltet, daß dieſe V. 2 — 18— Stadt überglücklich iſt, Euch zu beſitzen, daß ganz Ita⸗ lien Euch bewundert und dieſe Paduaner beneidet, die Ihr ſo bedauert? O mich ärgert dieſe ganze Menge, die Euch Beifall zujauchzt; ich ſterbe vor Eiferſucht, wenn ich Euch anblicke, Euch, die Ihr für ſo viele Augen ſchön ſeid. O Tisbe!— Wer war jener Mann in der Maske, mit dem Ihr dieſen Abend zwiſchen zwei Thü⸗ ren ſpracht? Tisbe.„Verzeiht, Tisbe! ich werde Euch keine Fragen mehr ſtellen!“— Vortrefflich!— Jener Mann, Monſignor, war Virgilio Tasca... Angelo. Nein Lieutenant? Tisbe. Ja, Euer Sbirre. Angelo. Und was hattet Ihr mit ihm? Tisbe. Ihr wäret artig angeführt, wenn es mir nicht beliebte, darauf zu antworten. Angelo. Tisbe!.... Tishe. Nicht doch!— ich bin ja gutmüthig; hier habt Ihr die Geſchichte. Ihr wißt doch, wer ich bin? Nichts, ein Kind des Volkes, eine Schauſpielerin, ein Ding, das Ihr heute liebkoſet und morgen vernich⸗ ten werdet;—— alles zum Spiel! Nun gut, ſo wenig ich bin,— ich hatte eine Mutter! Wißt Ihr, was es heißt, eine Mutter zu haben? Hattet Ihr auch eine? Wißt Ihr, was es heißt, ein Kind, ein armes Kind zu ſein, ſchwach, nackt, elend, hungrig, allein auf der Welt, und zu fühlen, daß Ihr um Euch, dicht an Euch, 19= über Euch, ein Weſen habt, das geht, wenn Ihr geht, ſtehn bleibt, wenn Ihr ſtehn bleibt, lächelt, wenn Ihr weint, ein Weib... o nein, man weiß ja noch gar nicht, was ein Weib iſt,— einen Engel um Euch, der Euch anblickt, der Euch ſprechen lehrt, lachen,— lieben; der Eure Finger in ſeinen Händen wärmt, Euren Leib in ſeinem Schooß, Eure Seele in ſeinem Herzen; der Euch, wenn Ihr klein ſeid, ſeine Milch gibt, wenn Ihr groß ſeid, ſein eigenes Brod, ſein Leben jederzeit;— zu dem Ihr ſagt: meine Mutter; das zu Euch ſpricht: mein Kind,— und dieß mit ſo füßem Klang, daß dieſe zwei Worte Gott entzücken!——— Nun, eine Mutter von ſolchem Weſen hatte ich. Sie war eine arme, gattenloſe Frau, die auf den öffentlichen Plätzen Brescia's Morlak⸗ kiſche Lieder ſang. Ich ging mit ihr. Man warf uns kleine Münzen zu. Damit begann ich. Meine Mutter hatte ihren Platz gewöhnlich am Fuß der Statue von Gatta Melata. Eines Tages mochte wohl in dem Liede, das ſie ſang, ohne deſſen Inhalt zu verſtehen, irgend ein Spottreim gegen die Signoria von Venedig geweſen ſein, der die Leute eines Geſandten rings um uns la⸗ chen machte. Ein Senator ging vorüber. Er ſah, hörte und herrſchte dem Wachkapitän, der ihm auf dem Fuß folgte, zu:„Zum Galgen mit dieſem Weib!“ Im Staat Venedig iſt man damit bald fertig. Meine Mutter wurde auf dem Fleck ergriffen; ſie erwiederte nichts; wozu auch?— ſie umarmte mich,— eine große Thräne fiel 2* — 204— 3 auf meine Stirne,— ſie nahm ihr Cruzifix und ließ ſich feſſeln. Ich ſehe es noch, dies Cruzifix; es war von blankem Kupfer, mein Name:„Tisbe,“ ſtand mit der Spitze eines Stilets grob darauf gekritzelt. Ich war damals ſechszehn Jahre alt, ich ſah, wie dieſe Leute meine Nutter banden, ich konnte nicht ſprechen, nicht ſchreien, nicht weinen, unbeweglich war ich, vereist, wie im Traum, leblos. Das Volk ringsum war auch ſtumm. Aber bei dem Senator befand ſich ein junges Mädchen, das er an der Hand führte,— ohne Zweifel ſeine Toch⸗ ter; dieſe wurde plötzlich von Mitleid bewegt. Eine ſchöne junge Dame, Monſignor! Das arme Kind,— es warf ſich dem Senator zu Füßen, und weinte— ſo viele,— ſo innig⸗fürbittende Thränen,— und aus ſo ſchönen Augen,— daß es Gnade für meine Mutter erlangte. Ja, Signor!— Als meine Mutter wieder entfeſſelt war, nahm ſie— meine Mutter nämlich— ihr Cruzifix, gab es dem ſchönen Kinde und ſprach da⸗ zu: Bewahret dieß Cruzifix, Signora, es wird Euch Glück bringen.— Seit der Zeit iſt meine Mutter geſtorben, eine Heilige geworden.— Ich wurde reich und möchte jenes Kind, jenen Engel wiederſehen, der einſt meine Mutter rettete. Wer kann mir Aufſchluß geben? Sie iſt jetzt vielleicht verheirathet und alſo unglücklich. Vielleicht bedarf ſie meiner. In allen Städten, wohin ich komme, beſtelle ich mir den Sbirren, den Barigello, den Mann von der Polizei, erzähle ihnen das Aben⸗ — theuer und will dem, der mir die Frau, die ich ſuche, auffindet, zehntauſend Goldzechinen geben.— Nun, ſeht, das war die Sache, in welcher ich ſo eben zwiſchen zwei Thüren mit Virgilio Tasco, Eurem Häſcherhauptmann ſprach.— Seid Ihr jetzt beruhigt? Angelo. Zehn tauſend Goldzechinen! Aber was gäbt Ihr erſt der Frau ſelbſt, wenn Ihr ſie wieder⸗ fändet? Tisbe. Mein Leben,— wenn ſie's will! Angelo. Doch woran würdet Ihr ſie erkennen? Tisbe. An dem Cruzifixe meiner Mutter. Angelo. Pah! Sie wird es verloren haben. Tisbe. Oh, nein! Was man auf ſolche Weiſe bekam, verliert man nicht! Angelo(Homodei gewahr werdend). Signora, Sig⸗ nora!— Hier iſt ein Mann!— Wißt Ihr, daß ein Mann hier iſt? Was iſt das für ein Menſch? Tisbe(lachend). Ei ja, lieber Gott, ja, ich weiß, daß ein Mann hier iſt, und daß er obendrein ſchläft— und zwar einen geſunden Schlaf! Laßt Ihr Euch nicht auch von dieſem verſcheuchen? Es iſt mein armer Ho⸗ modei. Angelo. Homodei?! was ſoll das heißen, Ho⸗ modei?— Tisbe. Nichts, Monſignor, als daß dieſer Homo⸗ dei dort ſo gut ein Mann iſt, als Tisbe hier ein Weib. Homodei, mein Gebieter, iſt ein Guitarrenſpieler, den mir mein Freund, der Stiftsälteſte von San Marco neulich mitſammt einem Briefe zuſchickte, den ich Euch zeigen will, häßlicher Eiferſüchtler! ja denkt nur: den Brief begleitete noch gar ein Geſchenk! Angelo. Wie? Tisbe. O, ein ächt venezianiſches Geſchenk!— Eine Büchſe, welche zwei Fläſchchen enthält, ein weiſ⸗ ſes und ein ſchwarzes. Das weiße umſchließt ein äußerſt wirkſames narkotiſches Mittel, welches zwölf Stunden lang einen dem Tode ähnlichen Schlaf erzeugt; in dem ſchwarzen befindet ſich Gift, jenes entſetzliche Gift, welches Malaſpina den Pabſt in einer Aloée⸗Pille einnehmen ließ;— Ihr wißt doch? Der Stiftsälteſte meinte in ſeinem Briefe, es könnte bei Gelegenheit ſeine Schuldigkeit thun.— Eine Galanterie, wie Ihr ſeht!— Uebrigens unterrichtete mich der ehrwürdige Herr Stifts⸗ älteſte, daß der arme Schelm, der mir den Brief und das Geſchenk brachte, ein Blödſinniger ſei.— Er iſt hier und Ihr müßt ihn ſeit 14 Tagen in der Spei⸗ ſekammer eſſen, im nächſten beſten Winkel ſchlafen ge⸗ ſehen haben; er ſpielt und ſingt nach ſeiner Weiſe, und erwartet, von hier nach Vicenza zu gehen; von Vene⸗ dig kommt er. Ach!— meine Nutter wanderte auch ſo von Ort zu Ort. Ich werde ihn behalten, ſo lang er will. Er unterhielt dieſen Abend einige Zeit lang di Geſellſchaft. Unſer Feſt macht ihm Langeweile, er ſchlaft. Das Alles iſt ſehr einfach. ——. — 25.— Angelo. Ihr bürgt mir für dieſen Menſchen? Tisbe. Geht, Ihr wollt lachen! Eine köſtliche Gelegenheit, um dieß beſtürzte Weſen anzunehmen! Ein ſchlafender, einfältiger Guitarrenſpieler! Ei, Herr Podeſta, was iſt Euch denn? Ihr füllt Euer Leben bloß mit Fragen über dieſen und jenen aus! Aus allem ſchöpft Ihr Verdacht. Wie? iſt dieß Eiferſucht oder Furcht? Angelo. Beides. Tisbe. Eiferſucht?— Dieß begreife ich;— Ihr haltet Euch für verpflichtet, zwei Frauen zu bewachen.— Aber, Furcht?— Ihr, der Gewaltige, der ja ſelbſt aller Welt Furcht einjagt? Angelo. Der trifftigſte Grund, weshalb ich ſelbſt zittre!(er nähert ſich ihr und ſyricht leiſer). Horcht auf, Tisbe!— Ja, Ihr ſpracht es aus, ja, ich bin hier all⸗ gewaltig, bin Meiſter und ſchrankenloſer Zwingherr in dieſer Stadt, bin der Podeſta, den Venedig über Padua beſtellte, die Klaue des Tigers auf dem Schaf. Ja, allgewaltig bin ich, aber ſo unbeſchränkt ich hier herrſche, ſeht Ihr— Tisbe,— über mir ſchwebt ein großes, ent⸗ ſetzliches, dunkles Etwas, und das heißt: Venedig. Und wißt Ihr, arme Tisbe, was eigentlich Venedig iſt? Venedig,— ich will Euch's ſagen,— Venedig iſt nichts als die Staatsinquiſition; der Rath der Zehnmänner, der iſt Venedig! Oh, dieſer Rath der Zehn! laßt uns leiſe ſprechen, Tisbe, denn vielleicht belauſcht uns hier — 24— irgend ein Atom.— Menſchen, die keiner von uns kennt, und die uns alle kennen,— Menſchen, welche bei keiner Ceremonie ſich zeigen,— aber auf allen Schaf⸗ foten;— Menſchen, die alle Köpfe, den Eurigen, den meinigen, den des Dogen in der Hand haben, die weder Fürſtenmantel, noch Krone, noch Stola tragen, nichts, was ſie dem Auge kenntlich macht, oder Euch warnte: „der hier iſt einer davon!“— ein geheimnißvolles Zeichen unterm Kleide, nichts weiter;— überall Agen⸗ ten, überall Sbirren, überall Henker,— Menſchen, die dem Volk von Venedig nie andre Geſichter zeigen, als gen,— o, damit iſt alles geſagt! In Venedig geſchieht alles unter'm Schleier, geheimnißvoll, unwiderruflich;— verurtheilt— gerichtet; man ſieht nichts davon, man ſpricht nicht davon; der Nothſchrei iſt unmöglich, der Angſtblick unnütz; der Unglückliche hat einen Knebel„ der Henker eine Maske. Was ſprach ich Euch eben von Schaffoten? Ich irrte mich. In Venedig ſtirbt man nicht auf dem Schaffot;— man verſchwindet.— Plötzlich fehlt ein Glied in irgend einer Familie. Wo iſt es hingekommen? die Bleidächer, die Brunnen, der Canal Orfano weiß es! Manchmal hört man bei Nacht irgend was ins — 25— Waſſer plumpen; dann geht eilig Eures Weges, fort!— Uebrigens aber Bälle, Feſte, Fackelglanz, Muſik, Gon⸗ deln, Theater, ein fünf Monden langes Carneval,— das iſt Venedig! Ihr, Tisbe, meine holde Schauſpiele⸗ rin, kennt nur dieſes letztre Profil, ich, der Senator kenne das andre.— Seht! in jedem Pallaſt, in dem des Dogen, in meinem eignen, gibt es einen heimlichen Gang, den der Bewohner ſelbſt nicht kennt, den Verräther aller Säale, Kammern und Alcoven,— gibt es einen dunklen Corridor, deſſen Pforten andre als Ihr kennen, und von dem Ihr wohl fühlt, daß er Euch rings um⸗ zingelt, aber nicht recht wißt, wo er iſt, einen Minen⸗ gang, worin ohne Unterlaß Unbekannte ab⸗ und zuſchlei⸗ chen, die irgend etwas im Schilde führen. Und dann die perſönliche Rache, die vielfach ſich in alles dieß mengt, und in jenem Dunkel wandelt! Oft richt' ich mich bei Nacht plötzlich auf, horche und höre Schritte in der Wand. Seht Ihr, Tisbe, unter welchem Druck ich lebe. Ich ſteh' über Padua, aber dieß Etwas ſteht über mir. Ich habe den Auftrag, Padua in Zaum zu zu halten, ich muß aus Gehorſam ſchrecklich ſein, ich herrſche nur unter der Bedingung, daß ich tyranniſire. O bittet mich, der ich Euch nichts abzuſchlagen wüßte, nie irgend um Gnade;— Ihr würdet mich verderben. Zu ſtrafen hab' ich ſchrankenloſe Gewalt, zu verzeihen— keine. Ja! ſo iſt's! Paduas Tyrann iſt Venedigs Sklave! Ich bin tüchtig bewacht.— Geht. Oh, dieſer Rath der — 26— Zehnmänner! Schickt einen Handwerksmann ganz allein in ein Gewölbe, daß er ein Schloß davor mache; bevor es fertig iſt, hat der Rath der Zehn ſchon den Schlüſſel in der Taſche.— O Signora, der Lakai, der mich be⸗ dient, ſpionirt mich aus, der Freund, der mich grüßt, thuts deßhalb, der Prieſter thuts, der meine Beichte hört, das Weib, das mir ſagt: Ich liebe dich,— ja Tisbe, — es iſt mein Spion! Tisbe. Ach,— Signor! Angelo. Ihr ſagtet mir niemals, daß Ihr mich liebtet. Ich ſpreche nicht von Euch, Tisbe.— Ja, ich wiederhole es Euch, Alles, was mich anblickt, iſt ein Auge des Raths der Zehn, Alles, was mich hört, iſt ein Ohr des Raths der Zehn; Alles, was mich berührt, iſt eine Hand des Raths der Zehn. Furchtbare Hand, die anfangs lang betaſtet, und dann mit derbem Griff faßt! Oh, ſo ein ſtattlicher Podeſta ich bin, ich bin doch nicht ſicher, morgen plötzlich einen elenden Sbirren in meiner Kammer zu ſehen, der mir befiehlt, ihm zu fol⸗ gen; ja, bloß ein elender Sbirre, und doch werde ich ihm folgen! Wohin? in irgend eine Tiefe, aus der er ohne mich wieder emporſteigen wird. Signora! Ein Ve⸗ nezianer ſein, heißt: an einem Faden hängen! O mein Loos iſt düſter und ſtreng, Signora!— Hier uber die⸗ ſem brennenden Schmelzofen, den man Padua heißt, zu hocken, das Antlitz ſtets unter der Maske, meinen Ty⸗ rannenfrohndienſt verrichtend, von Wechſelfällen, Vor⸗ ſichtsmaßregeln, Schrecken umgeben, unabläßig vor irgend einer Exploſion bangend, in jedem Augenblicke davor zitternd, daß mein eignes Werk mich kalt hinſtreckt, wie den Alchymiſten ſein Gift.— Bemitleidet mich, Signora, und fragt nicht ferner, warum ich zittre! Tisbe. O Gott! Eure Lage iſt in der That gräßlich. Angelo. Ja, ich bin das Werkzeug, womit ein Volk das andre martert. Solche Werkzeuge nützen ſich bald ab, und man zertrümmert ſie oft,— Tisbe! O ich bin unglücklich, für mich gibt es auf Erden nur Eine Wonne,— Euch! Doch ich fühle wohl, daß Ihr mich nicht liebt. Doch liebt Ihr wenigſtens auch keinen Andern? Nicht? Tisbe. Nein, nein,— beruhigt Euch. Angelo. Ihr betont mir dies:„Nein, nein“ übel. Tisbe. Meiner Treu! Ich ſprech' es eben, ſo gut ich kann. Angelo. Nun! Gehört denn mir nicht an,— gut! aber gehört auch keinem Andern, Tisbe! Laßt mich nie erfahren, daß ein Andrer.. Tis be. Ob Ihr wohl meint: Ihr wäret hübſch, wenn Ihr mich ſo anblicket? Angelo. Ach Tisbe, wann werdet Ihr mich lieben? Tisbe. Wenn CEuch hier jedermann lieben wird. Angelo. Ach!—— Gleichviel! Bleibt in Padua. Ich will, daß Ihr Padua nicht verlaſſet; verſteht Ihr? Wenn Ihr von hier fortginget,— mein Leben würde — 28— „ mit Euch ziehn.— Mein Gott! hier kommt jemand könnte in Venedig Verdacht erregen. Ich verlaſſe (Er bleibt ſtehen und zeigt auf Ihr bürgt mir für dieſen Menſchen? Tisbe. Wie für ein Kind, das hier ſchliefe. Angelo. ihm allein.(ab) Euch. Zweite Scene. 5 „ 7 Tisbe, Rodylfo,(ſchwarz gekleidet; eine ſchwarze Feder auf dem Hut; ſehr ernſt). Homodei noch immer ſchlafend). Tisbe. Ah, es iſt Rodolfo! es iſt Rodolfo! Komm'! Dich lieb ich, dich! (Gegen die Seite zu gewendet, auf welcher ſich Angelo entfernte.) Nein, thörichter Tyrann! Nicht mein Bruder,— mein Geliebter iſs!— Komm, Rodolfo, mein wackerer Soldat, mein edler Geächteter, hochherziger Mann! Sieh mir recht in's Geſicht. Du biſt ſchön! Ich liebe dich. Rodolfo. Tisbe.e. Tisbe. Warum ſtrebteſt du nach Padua? Du ſiehſt wohl: hier ſind wir in der Falle gefangen, aus der wir jetzt nicht wieder herauskommen können. Du biſt in deiner jetzigen Lage genöthigt, dich allenthalben für mei⸗ 22 zu uns. Man ſah uns lang mit einander ſprechen; das⸗ Homiodei: Euer Bruder naht. Ich laſſe Euch mit 4 4 -⸗ — 29— nen Bruder auszugeben. Dieſer Podeſta iſt in deine arme Tisbe verliebt; er hält uns, er will uns nicht freigeben. Und dann zittre ich immer: er entdecke, wer du eigentlich ſeieſt. O, welche Marter! doch gleichviel! Nichts wird er von mir erlangen, dieſer Tyrann; du biſt deſſen gewiß, gelt, Rodolfo? Und doch will ich, daß du dich darüber beunruhigſt, daß du anfangs auf mich eiferſuͤchtig werdeſt. Rodolfo. Ihr ſeid eine herrliche, reizende Frau! Tisbe. Aber ich bin auf dich eiferſüchtig, ſiehſt du?— ich. O über dieſen Angelo Malipieri, dieſen Venezianer, der mir auch von Eiferſucht ſpricht, dieſen Menſchen, der ſich einbildet, eiferſüchtig zu ſein und, Gott weiß, was für andre Dinge hineinmengt! Ah, Signor, wenn man eiferſüchtig iſt, hat man nicht Ve⸗ nedig, nicht den Rath der Zehn vor Augen, nicht die Sbirren, die Spione, den Canal Orfano,— nur ein einziges Ding: die Eiferſucht. Ich kann dich mit andern Frauen nicht einmal ſprechen ſehen, Rodolfo; es thut mir ſchon weh. Was für ein Recht haben ſie, Worte von dir zu erhalten?— Oh, eine Nebenbuhlerin. Gib mir nie eine Nebenbuhlerin; ich würde ſie tödten.— Denk' nur: Ich liebe dich, du biſt der einzige Mann, den ich je liebte. Mein Leben, ſo lang beſchattet, jetzt prunkt es in Sonnenglanz, du biſt mir das Licht, deine Liebe ging als Sonne über mir auf. Die andern Männer hatten mich vereist. O warum hab' ich dich nicht vor — 20— zehn Jahren gekannt?— Mich däucht: alle Theile mei⸗ nes Herzens, die der Froſt getödtet, müßten dann noch leben! Welche Wonne, daß wir für einen Augenblick uns allein hier ausſprechen können!— Welche Thorheit, daß wir nach Padua kamen; wir leben hier unter ſolch einem Zwange!— Mein Rodolfo!— Ja, bei Gott, er iſt mein Geliebter! Ja wohl, ganz recht, mein Bru⸗ der!— Merk: Ich bin vor Freude wahnſt innig, wenn ich nach Herzensluſt mit dir rede; du ſiehſt wohl, daß ich toll bin.— Liebſt du mich? Rodolfo. Wer ſollte Euch nicht lieben, Tisbe? Tisbe. Wenn Ihr mich noch einmal mit„Ihr“ anſprecht, ſo werde ich böſe.— Ach Gott, ich muß mich doch ein wenig meinen Gäſten zeigen.— Sag doch: ſeit einiger Zeit find' ich dich ſo traurig! Gelt, du biſt nicht betrübt? Rodolfo. Nein, Tisbe! Tisbe. Du biſt nicht leidend? Rodolfo. Nein. Tisbe. Du biſt auch nicht eiferſüchtig? Rodolfo. Nein. Tisbe. Doch! ich will, du ſollſt eiferſüchtig ſein, oder es iſt gewiß, daß du mich nicht liebſt. Auf! Fort mit der Traurigkeit! Ach, in der That, ich zittre be⸗ ſtändig.— Du biſt nicht unruhig? Weiß Niemand hier, daß du nicht mein Bruder biſt? Rodolfo. Niemand, außer Anafeſto. — 31— Tisbe. Dein Freund; nun, der iſt zuverläſſig. (Anafeſto Galeofa tritt auf.) — Hier kommt er eben. Ich vertraue dich für einige Augenblicke ihm an.(Lachend) Signor Anafeſto, gebt mir acht, daß er mit keiner Frau ſpreche. Anafeſto(lächelnd. Ihr dürft Vußſen, Signora! (Tisbe ab) Dritte Scene. Rodolfo, Anafeſto Galeofa, Homodei, (noch immer ſchlafend) Anafeſto(ihr nachblickend). Wie reizend!— Glück⸗ licher Rodolfo, ſie liebt dich. Rodolfo. Ich bin nicht glücklich, Anafeſto, ich liebe ſie nicht! Anafeſto. Wie? was ſagſt du? Rodolfo(Homodei gewahr werdend). Wer iſt der Mann, der hier ſchläft? Anafeſto. Niemand anders, als jener arme Schelm von Muſikant... weißt du... 2 Rodolfo. Ach ja, der Dümmling! Anafeſto. Du liebſt Tisbe nicht! Iſt es möglich? Was geſtehſt du mir? Rodolfo. Sprach ich davon? Pah! Vergiß es! Anafeſto. Tisbe, dies anbetungswürdige Weib! Rodolfo. Anbetungswerth, in der That; aber ich liebe ſie nicht. Anafeſto. Wie? Rodolfo. Dringe nicht weiter in mich! Anafeſto. Ich, dein Freund!? Tisbe(kehrt zurück und wendet ſich lächelnd zu Rodolfo), Ich komme Ahum dir ein einzig Wort zu ſagen: Ich liebe dich!— Sol jetzt bin ich wieder fort(eilt ab). Anafeſto(ihr nachblickend). Arme Tisbe! Rodolfo. Im Kern meines Lebens ſteckt ein Ge⸗ heimniß, das Niemand kennt als ich. Anafeſto. Doch mir, deinem Freunde, vertrauſt du's doch noch einmal, gelt?— Du biſt heute ſo düſter, Rodolfo! Rodolfo. Ja wohl,— laß' mich einen Augen⸗ blick allein! (Anafeſto ab. Rodolfo ſetzt ſich auf die Stein⸗ bank neben der Thüre und ſenkt das Haupt in die Hände. Als Anafeſto ſich entfernt hat, öffnet Homodei die Augen, erhebt ſich und ſchleicht hinter Rodolfo, der in ſeine Träumereien verloren iſt). Vierte Scene. Rodolfo, Homodei(Homodei legt ſeine Hand auf Rodolfo's Schulter. Rodolfo wendet ſich). Homodei. Ihr heißet nicht Rodolfo; Ihr heißet Ezzelino da Romana. Ihr ſtammt aus einem alten Geſchlechte, welches einſt hier in Padua herrſchte und ſeit zwei hundert Jahren verbannt iſt. Ihr wan⸗ dert unter falſchem Namen von Stadt zu Stadt, und wagt Euch zu Zeiten auch auf venezianiſches Gebiet. Vor ſieben Jahren, Ihr zähltet damals zwanzig Jahre, waret Ihr ſelbſt in Venedig und ſahet dort eines Tages in einer Kirche ein junges Mädchen voß ausgezeichneter Schönheit; es war in der Kirche von San Giorgio⸗ Maggiore. Ihr folgtet ihrer Spur nicht; denn in Ve⸗ nedig heißt: eine Dame zu ſuchen, ſoviel, als: einen Dolch⸗ ſtoß ſuchen; aber Ihr kamet oftmals wieder in jene Kirche. Auch die junge Dame kam häufig dahin. Ihr faßtet eine Neigung für ſie,— ſie für Euch. Ihr kann⸗ tet ihren Namen nie und wißt ihn auch jetzt noch nicht; für Euch heißt ſie blos Catarina; Ihr fandet einen Weg, ihr zu ſchreiben, ſie— Mittel, Euch zu entworten. Ihr erlangtet von ihr Zuſammenkünfte bei einer Frau, ge⸗ nannt: die fromme Cäcilia. Eure Liebe war Raſerei, aber ſie blieb rein. Jenes junge Mädchen war von Adel; das war alles, was Ihr von ihr wußtet. Eine adelige Venezianerin kann nur einen adeligen Venezianer oder einen König heirathen,— Ihr ſeid weder ein Ve⸗ nezianer, noch weniger ein König. Als Verbannter konn⸗ tet Ihr Euch überdies nicht einmal bewerben. Eines Tages fehlte ſie beim Rendezvous; die fromme Cacilia unterrichtete Euch, daß man ſie vermählt hatte, übrigens konntet Ihr den Namen ihres Gatten jetzt eben ſo wenig erfahren, als früher den ihres Vaters.— Ihr verließet Venedig. Seit jenem Tage durchirrtet Ihr flüchtig ganz V. 3 — 34— Italien, die Liebe entwich nicht aus Euch. Ihr ſtürztet Euer Leben in Vergnügungen, Zerſtreuungen, Tollheiten, Laſter. Alles umſonſt! Ihr gabt Euch Mühe, andre Frauen zu lieben, Ihr glaubtet ſelbſt, andre zu lieben, wie zum Beiſpiele dieſe Schauſpielerin, dieſe Tisbe. Noch immer ehen ſo fruchtlos! Die alte Liebe ſchimmerte ſtets durch jede neue durch. Vor drei Monaten kamt Ihr mit dieſer Tisbe, die Euch für ihren Bruder aus⸗ gibt, nach Padua. Der Podeſta, Signor Angelo Mali⸗ pieri, verliebte ſich 3in ſe, und Ihr,.. nun merkt auf, was Euch begegnete! Eines Abends— es war am 16. Fe⸗ bruar— ging eine verſchleierte Frau unfern von Euch über den Ponte Molino, faßte Euch an der Hand und führte Euch in die Straße San Pietro. Dort ſtehen die Ruinen des alten Pallaſtes Magaruffi, den Euer Ahn, Cszzelino der Dritte, zerſtört hatte; in dieſen Ruinen befindet ſich eine Hütte; in dieſer Hütte fandet Ihr die Vene⸗ zianerin, welche Ihr ſeit ſteben Jahren liebtet, wie ſie Euch. Von jenem Tage an traft Ihr dreimal in der Woche mit ihr in jener Hütte zuſammen. Sie blieh zu gleicher Zeit ihrer Liebe und ihrer Ehre treu,— Euch wie ihrem Gatten,— verbarg Euch aber übrigens noch immer ihren Namen. Nur Catarina heißt ſie Euch.— Im ver⸗ floſſenen Monat endete Euer Glück durch Einen Schlag; eines Tages erſchien ſie nicht mehr in jener Hütte. Seht, das ſind jetzt fünf Wochen, ſeit Ihr ſie nicht ſahet; es rührt daher, weil ihr Gatte ihr mißtraut, ſie einſchließt und bewacht.— Doch wir haben ſchon den Morgen; der Tag bricht an.— Ihr ſucht ſie allenthalben, Ihr findet ſie nicht, Ihr werdet ſie nicht finden.— Wollt Ihr ſie dieſen Abend ſehen? Rodolfo(ihn ſcharf anblickend). Wer ſeid Ihr? Homodei. Ah, auch Fragen!? Darauf antwort' ich nicht.— Alſo wollt Ihr jene Dame heute Abend nicht ſehen? Rodolfo. Doch! Doch!— Sie ſehen! Ja, ich will ſie ſehen! Im Namen des Himmels! Sie noch für einen Augenblick wiederſehen und dann ſterben! Homodei. Ihr ſollt ſie ſehen. G Rodolfo. Wo? Homodei. In ihrem Hauſe. Rodolfo. Doch, ſagt mir,— ſie? Wer iſt, wie heißt ſie? Homodei. Das werd' ich Euch dort ſagen. Rodolfo. Euch ſendet mir der Himmel. Homodei. Das weiß ich nicht.— Findet Euch dieſe Nacht, wann der Mond aufgeht,— um Nitter⸗ nacht, das iſt am beſten— in der Straße San Urbhano an der Ecke des Pallaſtes Albert's de Baon ein; dort werde ich warten, von dort Euch weiterführen.— Alſo, um Mitternacht! Rodolfo. Ich dank' Euch! Und wollt Ihr mir nicht ſagen, wer Ihr ſeid? Homodei. Wer ich bin?— Ein Narr!(ab) 3*† — -— 36— Rodolfo gallein). Was für ein Menſch iſt dieſer?— Ach, gleichviel!— Mitternacht! Um Mitternacht! Wie lang iſt's noch von jetzt bis Mitternacht! O, Catarina, für dieſe Eine Stunde, die er mir verſpricht, hätt' ich ihm mein ganzes Leben hingegeben!(Tisbe tritt auf.) Fünfte Scene. Rodolfo. Tisbe. Tisbe. Ich bin's wieder, Rodolfo, ich!— Guten Morgen! Ich konnte es nicht länger aushalten, ohne dich zu ſehen. Ich kann mich von dir nicht trennen, ich folge dir überall, ich denke und lebe nur durch dich. Ich bin der Schatten deines Körpers, du die Seele des meinigen. Rodolfo. Nehmt Euch in acht, Tisbe, meine Familie bringt Unheil; es ruht eine Fluchweiſſagung auf uns, die ſich faſt unvermeidlich von Vater auf Sohn er⸗ füllt;— wir verderben und tödten, was uns liebt. Tisbe. Nun, ſo wirſt du mich tödten. Und dann?... vorausgeſetzt, daß du mich liebſt?... Rodolfo. Tisbe!.. Tisbe. Dann wirſt du ja um mich weinen. Ach, weiter will ich ja nichts! Rodolfo. Tisbe! Ihr verdient die Liebe eines Engels!(Er küßt ihr die Hand und entfernt ſich langſam.) — 37— Tisbe(allein). Nun! Nun?— Und ſo verläßt er mich 2!— Rodolfo!— Er geyr!— Was iſt ihm nur? (auf die Bank biickend) — Ah, Homodei iſt erwacht. (Homodei zeigt ſich im Hintergrunde.) Sechste Scene. Tisbe. Homodei. Homodei. Rodolfo heißt Ezzelino; der Aben⸗ theurer iſt ein Fürſt, der Narr ein kluger Geiſt, der Schläfer eine lauernde Katze. Aug zu, Ohr auf! Tisbe. Was ſpricht er? Homodei(auf ſeine Guitarre zeigend). Dieſe Gui⸗ tarre hat Fibern, die nach Belieben jeden Ton ausklin⸗ gen; das Herz des Mannes, das Herz des Weibes ha⸗ ben auch Saiten, auf denen man ſpielen kann. Tisbe. Was ſoll das bedeuten? Homodei. Nichts weiter, Signora, als, daß ich, wenn Ihr heute zufällig einen hübſchen jungen Men⸗ ſchen verlöret, der eine ſchwarze Feder auf dem Hute trägt, den Ort weiß, wo Ihr ihn in nächſter Nacht wiederfinden könnt. Tisbe. Bei einem Weibe!? Homodei. Einer Blondine! Tisbe. Wie? Was meinſt du? Wer biſt du? Homodei. Weiß nicht. — 38— Tisbe. O ich Unſelige!— Du biſt nicht, wofür ich dich hielt. Ah, der Podeſta argwohnte ſo'was; du biſt ein furchtbarer Menſch!— Wer biſt du? Ha, wer biſt du?— Rodolfo bei einem Weibe! In der nächſten Nacht! Das wollteſt du ſagen? Nicht? Meinteſt du das? Homodei. Weiß nicht. Tisbe. Ah, du lügſt;'s iſt unmöglich! Rodolfo liebt mich ja!. Homodei. Weiß nicht. Tisbe. Elender, du lügſt!— Ha, wie er lügt! Du biſt erkauft! Mein Gott, ſo hab' ich denn Feinde, — ich! Doch Rodolfo liebt mich!— Geh! das wird dir nicht gelingen, mich zu beunruhigen. Ich glaube dir nicht. Du magſt wohl wüthend werden, wenn du ſiehſt, daß alles, was du mir lagten, keine Wirkung auf mich macht!— Homodei. Ihr werdet ohne Zweifel bemerkt ha⸗ ben, daß der Podeſta, Monſignor Angelo Malipieri, an ſeiner Halskette ein kleines, kunſtreich gearbeitetes, gold⸗ nes Geſchmeide trägt! Dies Geſchmeide iſt ein Schlüſ⸗ ſel. Stellt Euch an, als wünſchtet Ihr denſelben— eben als Geſchmeide— zu beſitzen. Bittet ihn darum, doch verhehlt ihm, wozu wir ihn gebrauchen wollen. Tisbe. Ein Schlüſſel,— ſagſt du? Ich werde ihn nicht verlangen; nichts will ich verlangen.— Dieſer Schändliche, der mir meinen Rodolfo verdächtigen 4 — 39— möchte!— Ich will mit dieſem Schlüſſel nichts zu ſchaf⸗ fen haben. Fort! Ich höre dich nicht weiter an! Homodei. Seht! Da kommt eben der Podeſta. Wenn Ihr den Schlüſſel habt, erklär' ich Euch, wie Ihr Euch deſſen in der nächſten Nacht bedienen müßt. In einer Viertelſtunde bin ich wieder hier. Tisbe. Verſtehſt du mich noch nicht, Elender? Ich ſage dir: Ich will mit dieſem Schlüſſel nichts zu ſchaffen haben. Ich, ich vertraue auf Rodolfo. Dieſer Schlüſſel... der Gedanke daran beſchäftigt mich durch⸗ aus nicht mehr. Ich werde dem Podeſta kein Wort da⸗ von ſagen. Du aber kehre nicht hieher zurück! Es wäre fruchtlos. Ich glaube dir nicht! Homodei. In einer Viertelſtunde! (Ab. Angelo tritt auf) Siebente Scene. Tisbe. Angelo. Tisbe. Ah, hier ſeid Ihr, Monſignor! Ihr ſu⸗ chet Jemand? Angelo. Ja, Virgilio Tasca, mit dem ich ein Wort zu reden hatte! Tisbe. Nun, wie iſt's? Seid Ihr noch immer eiferſüchtig? Angelo. Ja, Signora! Tisbe. Ihr ſeid ein Thor! Was nützt's, eiferſüchtig zu ſein? Ich begreife nicht, daß man's ſein kann! Ich — 40— würde an Eurer Stelle einen Mann lieben, damit ich egwiß wäre, dabei nicht eiferſüchtig zu werden. Angelo. Ihr ſprecht ſo, weil Ihr Niemanden liebt.. Tisbe. Doch!—— Einen! Angelo. Wen? Tisbe. Euch! Angelo. Ihr liebt mich? Iſt's möglich? Mein Gott!— O habt mich nicht zum Beſten! O ſagt mir's nochmal, was Ihr eben ſpracht! Tisbe. Ich liebe Euch! (Angelo nähert ſich ihr entzückt. Sie faßt ſeine Halskette in die Hand.) — Ei ſieh! Was für ein Geſchmeide iſt dieß? Das bemerkte ich ja noch nie! Wie hübſch! Wie trefflich ge⸗ arbeitet! Das iſt ja ein Werk Benvenuto's! Herrlich! Was iſt's doch? Es paßt hübſch für eine Frau, dies Geſchmeide. Angelo. Tisbe! Ein Wort von Euch beſeligt mein Herz. Tisbe. Gut! gut!— Aber ſagt mir doch, was iſt dieß? Angelo. Dieß? Ein Schlüſſel! Tisbe. Ei lein Schlüſſel! Seht doch!— Das hätte ich doch nie vermuthet! Ach ja, ich ſehe, man öffnet damit! Ach ja,'s iſt ein Schlüſſel. Angelo. Ganz recht, meine Tisbe. —— Tisbe. Nun,— weil es denn eben ein Schlüſſel iſt,— ſo will ich ihn nicht;— da nehmt ihn! Angelo. Wie? Wünſcht Ihr ihn etwa zu beſitzen, Tisbe? Tisbe. Vielleicht;— doch, bloß als ein Geſchmeide von köſtlicher Kunſtarbeit. Angelo. O ſo nehmt ihn! (Er macht ihn von der Halskette los.) Tisbe. Ach nein!— Hüätte ich früher gewußt, daß es ein Schlüſſel iſt, ich hätte mit Euch gar nicht davon geſprochen. Ich will ihn nicht, ſag' ich Euch ja. — Ihr braucht ihn vielleicht auch nothwendig. Angelo. O nur ſehr ſelten. Uebrigens hab' ich noch einen andern. Deßhalb könnt Ihr ihn nehmen, ich ſchwör' es Euch. Tis be. Nein, ich habe keine Luſt mehr darnach.— Ei, kann man mit dieſem Schlüſſel auch Thüren öffnen? Er iſt doch ſo winzig! Angelo. Doch, doch! dergleichen Schlüſſel fertigt man für heimliche Schlöſſer. Dieſer hier öffnet mehre Thüren, und unter andern auch die eines Schlafgemachs. Tisbe. In der That?— Nun denn, da Ihr es durchaus wollt, ſo nehme ich ihn an.(Sie nimmt ihn.) Angelo. Ich dank' Euch!— Ach, welches Glück! Ihr habt doch eine Kleinigkeit von mir angenommen:— ich dank Euch! Tisbe. Ich erinnere mich in der That, daß der franzöſiſche Geſandte in Venedig, Monsieur de Montluc einen ähnlichen hatte. Kanntet Ihr den Herrn Marſchall von Montluc? Ein Mann von großem Geiſt,— nicht wahr?— Ja ſo, ihr Herrn von Adel könnt mit Geſand⸗ ten nicht ſprechen; ich dachte nicht daran. Gleichviel! Er war auf die Huguenotten nicht ſehr ſanft zu ſprechen, dieſer Herr von Montluc;— geriethen ſie ihm je unter die Hände,— ha, das iſt ein ſtolzer Katholik!— Seht doch, Monſignor! ich glaube: hier kommt Virgilio Tasca, der Euch ſucht,... dort unten... in der Gallerie. Angelo. Glaubt Ihr... 2 Tisbe. Hattet Ihr mit ihm zu ſprechen? Angelo. Verdammt ſei er, daß er mich aus Eu⸗ rer Nähe reißt. Tisbe auf die Gallerie zeigend.) Dort! Angelo dior die Hand küßend.) Ach, Tisbe, Ihr liebt mich doch! Tisbe. Dort] dort! Tasca erwartet Euch. (Angelo ab. Homodei erſcheint im Hintergrunde. Tisbe eilt ihm entgegen.) Achte Scene. Tisbe. Homodei. Tisbe. Ich habe den Schlüſſel. Homodei. Laßt ſehen!(er beſieht ihn prüfend) Ja, 's iſt der rechte.— Im Pallaſt des Podeſta iſt eine — 42— Gallerie mit der Ausſicht auf den Ponte Molino. Dort verbergt Euch dieſen Abend, hinter einem Stück Haus⸗ rath, hinter einer Tapete, oder, wo Ihr wollt. Zwei Stunden nach Mitternacht komme ich, Euch zu holen. Tisbe(ibt ihm ihren Geldbeutel.) Ich werde Dich noch beſſer lohnen. Einſtweilen nimm dieſe Börſe! Homodei. Wie's Euch beliebt. Doch laßt mich zu Ende ſprechen. Alſo, um zwei Uhr komme ich, Euch zu ſuchen. Ich werde Euch die erſte Thüre angeben, die Ihr mit dieſem Schlüſſel zu öffnen habt, und Euch dann verlaſſen. Das Uebrige werdet Ihr ohne mich vollbrin⸗ gen können; Ihr braucht bloß ſtets voran zu gehen. Tisbe. Und was werde ich nach der erſten Thüre finden? Homodei. Eine zweite, welche dieſer Schlüſſel gleichfalls öffnet. Tisbe. Und nach der zweiten? Homodei. Eine dritte. Dieſer Schlüſſel öffnet alle. Tisbe. Und nach der dritten? Homodei. Nun!— Ihr werdet's ſchon ſehen! — 44— Zweite Handlung. Das Crucifir. Perſonen. Angelo Malipieri. Homodei. Catarina Bragadini. Reginella. Tisbe. 4 Dafne. Rodolfo. (Ein in Scharlach mit Gold reich tapezirtes Gemach. 3 einer Ecke links auf einer Eſtrade ein prächtiges Bette unter einem von vier gewundenen Säulen getragenen Himmel, an deſſen vier Seiten karmoiſinrothe Vorhänge, welche man zu⸗ ziehen kann, ſo daß das Bette ganz verdeckt wird. In der Ecke rechts ein offenes Fenſter. Auf derſelben Seite eine heim⸗ liche Thüre in der Tapete, nicht weit davon ein Betſtuhl, über welchem ein blankes, kupfernes Crucifix an einem Nagel an der Wand hängt. Im Hintergrunde eine große Flügelthüre. Zwiſchen dieſer und dem Bette eine andere kleine und reich verzierte Thüre. Tiſche, Armſtühle, Lichter, ein großer Wand⸗ Tiſch.— Außen: Gärten, Thürme im Mondſchein.— Auf dem Tiſch eine Mandoline.) Erſte Scene. Dafne. Reginella. Später Homodei. Reginella. Ja, Dafne, es iſt gewiß. Troilo, — 45— der Thürſteher bei Nacht, erzählte mir's. Die Sache er⸗ eignete ſich ganz neulich auf der letzten Reiſe unſrer Ge⸗ bieterin nach Venedig. Ein Sbirre, ein ſchändlicher Sbirre wagte es, ſie zu lieben, ihr zu ſchreiben, ihren Anblick zu ſuchen. Iſt ſo'was begreiflich? Unſere Gebieterin ließ ihn aus dem Hauſe weiſen und ſie that wohl daran. Dafne(die Thüre neben dem Betſtuhl halb öffnend.) Gut, Reginella; aber ſie wartet auf Ihr Gebetbuch, weißt du?.. Reginella einige Bücher auf demdiſche aufräumend.) Was das andere Abenteuer betrifft,— es iſt gräßli⸗ cher, aber eben ſo zuverläßig. Der arme Palinuro, der es ſeinem Gebieter anzeigte, daß er einem Spion im Hauſe begegnet ſei, ſtarb dafür noch am ſelben Abend.— Gift!— merk'ſt du's. Ich rathe Dir: ſei auf der Huth. In dieſem Pallaſte muß man Acht haben, was man ſpricht; es ſteckt in der Wand immer irgend wer, der einen hört. Dafne. Nun ſpute dich doch! wir plaudern ein andermal. Unſere Gebieterin wartet. Reginella(noch immer aufräumend und die Blicke auf den Tiſch gekehrt.) Wenn du ſo eilig biſt, ſo geh' nur voran. Ich folge Dir. (Dafne entfernt ſich und verſchließt die Thüre, ohne daß Reginella es gewahr wird.) Reginella.— Ja, ſiehſt du Dafne; ich empfehle Dir Schweigſamkeit in dieſem verzauberten Pallaſt. In dieſem einzigen Gemache hier iſt man ſicher;— kann man — 46— wenigſtens ruhig athmen und ſprechen, was man will; es iſt der einzige Ort, wo man zuverläßig nicht belauſcht wird. (Während ihrer letzten Worte, dreht ſich der große Tiſch an der Mauer rechts von ſelbſt, Homodei tritt unbemerkt herein, die Oeff⸗ nung ſchließt ſich wieder.) Homodei. Es iſt der einzige Ort, wo man zu⸗ verläßig nicht belauſcht wird. Reginella(ſich umwendend.) O Himmel! Homodei. Still! (Er ſchlägt ſein Kleid auseinander und enthüllt ſein ſchwarzſammtnes Wamms, worauf die drei Buchſtaben C. D. X. in Silber geſtickt ſind. Reginella ſtarrt dieſe und den Mann entſetzt an.) Wer einen von uns erblickte und irgend jemandem durch was immer für ein Zeichen zu verſtehen gibt, da er uns ſah,— der ſtirbt, bevor derſelbe Tag ſich neigt. — Nan ſpricht im Volk von uns; du wirſt wohl wiſſen, daß ſo was geſchieht! Reginella. Herr Jeſus!— Durch welche Thüre kann er herein gekommen ſein? Homodei. Durch gar keine. Reginella. Mein Heiland! Homodei. Antworte mir auf alle meine Fragen — 47— und täuſche mich über nichts! Es gilt dein Leben!— Wohin führt dieſe Thüre? (Er zeigt auf die große Flügelthüre im Hinter⸗ grund.) Reginella. In unſers Gebieters Schlafgemach. Homodei(Auf die kleine Thüre neben der großen zeigend.) Und dieſe? Reginella. Zu einer verborgenen Treppe, welche mit den Gallerien des Pallaſtes communicirt. Der Herr allein hat den Schlüſſel dazu. Homodei(die Thüre neben dem Betſtuhl bezeichnend.) Und dieſe? Reginella. In's Orator unſrer Gebieterin. Homodei. Hat dieß Orator einen Ausgang? Reginella. Nein! Das Orator befindet ſich in einem Thürmchen und hat bloß ein Gitterfenſter. Homodei(anss Fenſter gehend.) In gleicher Höhe mit dieſem hier.— Gut! Die Mauer 80 Juß tief, ſenk⸗ recht hinab, und drunten die Brenta;— das Gitter wäre überflüſſig. Doch es befindet ſich eine kleine Treppe am Orator; wohin führt dieſe? Reginella. In mein und Dafne's Gemach, Signor! Homodei. Hat dieß einen Ausgang? Reginella. Nein, Signor!— ein vergittertes Fenſter und keine andere Thüre als die vom Orator. Homodei. Wenn deine Herrin zurückkommt, be⸗ — 48— gibſt du dich in deine Kammer hinauf und bleibſt dort, ohne irgend etwas zu hören oder zu ſprechen! Reginella. Ich werde gehorchen, Signor. Homodei. Wo iſt deine Herrin? Reginella. Sie betet im Orator. Homodei. Kommt ſie nachher zurück? Reginella. Ja, Signor. Homodei. Doch nicht vor einer halben Stunde? Reginella. Nein, Signor! Homodei. Gut! Geh! Und vor allem: ſchweig! Was auch immer hier vorgehe,— du kümmereſt dich nicht darum. Die Katze ſpielt mit der Maus, was geht's dich an? du ſahſt mich nicht, du weißt nicht, daß ich auf der Welt bin; damit holla; verſtanden? Wagſt du em Wort, ich hör' es; einen Augenwink,— ich ſeh' ihn:— ein Zei⸗ chen, einen Händedruck,— ich fühle ihn.— Jetzt fort! Reginella. O mein Gott, wer ſoll denn ſterben? Homodei. Du,— wenn du plauderſt! (Auf ein Zeichen Homodei's entfernt ſie ſich durch die kleine Thüre neben dem Betſtuhl. So⸗ bald ſie fort iſt, nähert ſich Homodei dem großen Wandtiſch, der ſich wieder dreht; draußen ſieht man einen dunklen Schlupf⸗ gang.) Signor Rodolfo; Ihr könnt jetzt eintreten. Neun Stu⸗ fen hinan! (Man hört Schritte auf der heimlichen Treppe. Rodolfo erſcheint.) — 49— Zweite Scene. Homodei. Rodolfo(in einen Mantel gehüllt). Homodei. Tretet ein! Rodolfo. Wo bin ich? Homodei. Vielleicht auf der Schwelle Eures Schaffots. Rodolfo. Was wollt Ihr damit ſagen? Homodei. Iſt das Gerücht nie bis zu Euch ge⸗ drungen, daß es in Padua eine gewiſſe Kammer gibt, eine Kammer des Entſetzens, wenn auch voll Blumen, voll Düfte, vielleicht ſogar voll Liebe, die kein Mann be⸗ treten darf, wer er auch ſei, adelig oder Knecht, jung oder alt, weil der Eintritt, ja, blos die Pforte aufzulehnen, ein Verbrechen iſt, auf dem der Tod ſteht? Rodolfo. Das iſt die Kammer der Gattin des Podeſta. Homodei. Ganz recht! Rodolfo. Nun denn, dies Gemach. 2 Homodei. Ihr ſeid darin! Rodolfo. Bei der Gattin des Podeſta?! Homodei. Ja. Rodolfo. Und jenes Weib, das ich liebe.... Homodei. Heißt Catarina Bragadini und iſt die Gattin Angelo Malipieri's, des Podeſta von Padua. Rodolfo. Iſt's möglich? Catarina Bragadini!— Die Gattin des Podeſta?! V. 4 — 30.— Homodei. Wenn Euch Furcht beſchleicht, ſo habt Ihr noch Zeit; noch ſteht Euch dieſe Pforte offen; eilt zurück! Rodolfo. Furcht? nicht für mich, doch für ſie! — Doch wer bürgt mir für Euch? Homodei. Ich will Euch's ſagen, da Ihr's ver⸗ langt. Vor acht Tagen ginget Ihr— es war ſchon ziemlich ſpät in der Nacht— über den Platz San Pro⸗ docimo. Ihr waret allein. Ihr vernahmt hinter der Kirche Degengeklirre und Nothruf; Ihr eiltet herbei. Rodolfo. Ganz recht; und ich befreite einen Ver⸗ mummten von drei Meuchelmördern, die es auf ſein Le⸗ ben abgeſehen hatten. Homodei. Er verſchwand, ohne Euch ſeinen Na⸗ men zu nennen oder Euch zu danken. Jener Mann mit der Maske war ich. Seit jener Nacht meine ich's gut mit Euch, Signor Ezzelino. Ihr kennt mich nicht, doch ich kenne Euch. Ich ſuchte Euch mit der Dame Eures Herzens zuſammen zu bringen; das war Dankhbarkeit von mir, weiter nichts. Traut Ihr mir jetzt? Rodolfo. Gewiß, und ich dank' Euch!— Ich fürchtete nur irgend einen Verrath gegen ſie! Ich fühlte eine Laſt auf dem Herzen, du nimmſt ſie von mir. Ja, du biſt mein Freund, mein Freund für ewig! Du thuſt mehr für mich, als ich für dich gethan.— Oh, ich hätte nicht länger gelebt, ſah ich Catarina nicht; ſieh, ich hätte mich getödtet, mich der Verdammniß hingeworfen. Ich rettete dir nur das Leben,— du retteſt mir das Herz, — die Seele! Homodei. Alſo bleibt Ihr hier? Rodolfo. Ob ich bleibe! Ja, ja, ich vertraue dir. Ach, ſie wiederſehen! Sie, eine Stunde, eine Minute wiederſehen!— Du begreifſt nicht, was Wiederſehen heißt!— Wo iſt ſte? Homodei. Dort in ihrem Orator! Rodolfo. Wo werd ich ſie wiederſehen? Homodei. Hier! Rodolfo. Wann? Homodei. In einer Viertelſtunde. Rodolfo. O Gott! Homodei(ihm alle Thüren, der Reihe nach, zeigend). Gebt Acht. Hier, im Hintergrund iſt das Schlafgemach des Podeſta; er ſchläft in dieſem Augenblick. Niemand wacht zu dieſer Stunde im ganzen Palaſt, als Signora Catarina und wir; ich denke, Ihr waget in dieſer Nacht nichts. Was den Eingang betrifft, durch den wir kamen, ſo kann ich Euch das Geheimniß, das außer mir Nie⸗ mand kennt, nicht mittheilen; doch gegen Morgen ſteht er Euch zur Flucht wieder offen.. (Gegen den Hintergrund zu gehend.) — Dies iſt alſo die Thüre des Eheherrn.— Was Euch, Signor Rodolfo, betrifft, Euch, als den Geliebten, ſo rath' ich Euch, Euch dieſes Ausgangs hier(auf das Fenſter deutend) keines Falls zu bedienen;— denkt nur: achtzig Fuß 85 3 4 ſteil hinab, und drunten der Fluß!— Jetzt verlaß ich Euch. Rodolfo. Ihr ſagtet: in einer Viertelſtunde? Homodei. Ja. Rodolfo. Wird ſie allein kommen? Homodei. Vielleicht nicht! Verbergt Euch auf einige Augenblicke. Rodolfo. Wo? Homodei. Hinter dem Bette.— Ach halt! auf dem Balkon. Zeiget Euch, wann Ihr es für an der Zeit haltet.— Ich glaube, man rückt die Stühle im Orator. Signora Catarina wird eintreten. Es iſt Zeit, uns zu trennen. Lebt wohl! Rodolfo cnah am Balkon). Wer Ihr auch immer ſein möget,— nach einem ſolchen Dienſt dürft Ihr künftig über alles, was mein iſt, verfügen, über mein Hab und Gut, über mein Leben. 1 (Er tritt auf den Balkon hinaus.) Homodei(wieder in den Vordergrund ſchleichend) (für ſich). Das letztere gehört nicht mehr Euch, Signor! (Er ſpäht, ob Rodolfo es nicht mehr ſehen kann, und zieht dann vom Buſen einen Brief her⸗ vor, den er auf den Tiſch legt; dann ent⸗ fernt er ſich durch die heimliche Thüre, die ſich hinter ihm ſchließt. Durch die Thüre S des Orators treten Catarina und Dafne ein⸗ Catarina im Coſtüme einer Venezianerin vom Adel.) irte Scene. 4 Drit S Catarina, Dafne, Rodolfo,(auf dem Balkon ver⸗ borgen.) Catarina. Länger als einen Monat!— Begreifſt du's, Dafne?— Länger als einen Monat! Ach, ſo iſt denn Alles aus. Könnt' ich noch ſchlafen, ich ſäh' ihn vielleicht im Traume; doch— ich ſchlafe nicht mehr.— Wo iſt Reginella? Dafne. In ihre Kammer hinauf, wo ſie betet. Soll ich ſie zu Eurer Bedienung herrufen, Gebieterin? Catarina. Laß ſie lieber Gott dienen;— laß ſie beten. Ach,— und ich! Das Alles bringt mich nicht auf's Beten. Dafne. Soll ich dies Fenſter ſchließen, Herrin? Catarina. Siehſt du, meine gute Dafne, das kommt daher, weil ich zu viel leide. Es ſind ja doch fünf Wochen, fünf ewig lange Wochen her, daß ich ihn nicht ſah.—— Nein, laß das Fenſter offen; ich gewinne etwas Kühlung; der Kopf brennt mir ſo. Fühl' nur einmal!— Und ich werd' ihn auch ferner nicht ſehn! Ich bin eingeſchloſſen, bewacht, eingekerkert.— Das iſt aus. Dies Gemach zu betreten, iſt ein Verbrechen, worauf der Tod ſteht.— Oh, und ich möcht' ihn auch nicht einmal ſehn.— Ihn hier zu ſehn— der bloße Gedanke ſchon macht mich zittern. Ach, mein Gott, mein Gott! Dieſe Liebe — 54— iſt ſehr ſträflich. Warum gab ich mich einer Wonne auf's Neue hin, die nur ſo kurz dauern mußte? Ich ſah ihn von Zeit zu Zeit je auf eine Stunde. Ach, dieſe Stunde, ſo eng, ſo flüchtig, war die einzige Lucke, durch die ſich ein bischen Luft und Sonnenſchein in mein Leben ſtahl! Jetzt iſt vollends Alles zugemauert, ich werde dies Antlitz, das mir ſtets den Tag brachte, fürder nie mehr ſehen! O Rodolfo!— Dafne, ſag' mir die Wahr⸗ heit;— gelt, du glaubſt ſicher, daß ich ihn nie mehr ſehen werde? 8 Dafne. Herrin.... Catarina. Und dann; ich... ich bin nicht wie die anderen Frauen. Jene Vergnügungen, Feſte, Zer⸗ ſtreuungen,— das Alles würde mir nichts helfen. Sieh', Dafne, ſeit ſieben Jahren habe ich nur Einen Gedanken, nur Ein Gefühl im Herzen: die Liebe, gib''s nur Einen Namen für mich: Rodolfo. Blick' ich in mich ſelbſt, ſo find' ich Rodolfo drin, ſtets Rodolfo, nichts als Rodolfo. Meine Seele iſt nach ſeinem Ebenbilde erſchaffen. Siehſt du: das kann gar nicht anders ſein! Und denk' nur: ſieben Jahre ſind's, daß ich ihn liebe! ich war noch ganz jung,— o, wie man uns ſo mitleidslos verheirathet,— mit meinem Gatten zum Beiſpiel!— ah, mit ihm zu ſprechen, wag' ich nicht einmal. Glaubſt du: das wäre ein ganz glückliches Leben? In welcher Lage bin ich! hätt' ich nur noch meine Mutter! — 55— Dafne. Scheuchet doch alle dieſe traurigen Ge⸗ danken, Gebieterin! Catarina. O Dafne, eben an ſolchen Abenden haben wir beide ſchon, er und ich, manche ſehr ſüße Stunde verlebt. Iſt dies alles, was ich da von ihm mit dir ſprach, ſträf⸗ lich? gelt, nein?— Doch, mein Gram betrübt dich, und ich will dich nicht damit anſtecken. Geh' ſchlafen! Geh' zu Reginella. Dafne. Ihr wollt Euch ſelbſt, Herrin?... Catarina. Ja, ich werde mich allein entkleiden. Schlaf' wohl, meine gute Daphne! Geh'! Dafne. Der Himmel walte über Euch in dieſer Nacht, Herrin! (Sie entfernt ſich durch die Thüre des Orators.) Vierte Scene. Catarina, Rodolfo(anfangs noch auf dem Balkon). Catarina(allein). Es gab ein Liedchen, was er oft ſang, er ſang es mit ſo ſüßem Klang zu meinen Füßen! Ach, es gibt Augenblicke, wo ich ihn ſehen möchte, mein Herzblut gäb' ich d'rum. Und g'rade die Strophe, die er an mich richtete... (Sie nimmt die Guitarre in die Hand.) Ich glaube, das iſt die Melodie! (Sie ſpielt einige Takte eines ſchwermüthigen Liedes.) — 36— — Könnt' ich mir nur auch die Worte in's Gedächtniß zurückrufen! Meine Seele verkaufte ich gern, um ſie noch einmal von ihm geſungen zu hören;— ſä h' ich ihn auch nicht, wär' er auch blos hier tief unten, oder noch ſo fern! Aber nur ſeine Stimme, nur noch Einmal! Rodolfo(auf dem Balcon, wo er verborgen iſt, ſingt). Daß nichts, geliebtes Weib, dir fehle, Schuf mich für dich nur das Gſchick, Schuf meine Lieb' für deine Seele, Für deine Schönheit meinen Blick. Catarina(die Guitarre entſinkt ihrer Hand). O Himmel! Rodolfo(fortfahrend,— noch immer verborgen). Du holde Süße, Horch' auf den Freund, Der, ſingt er Küſſe,— Dir Lieder— weint. Catarina. Rodolfo! Rodolfo(eilt hervor und wirft ſeinen Mantel hinter ſich auf den Balkon). Catarina! (Er ſinkt zu ihren Füßen.) Catarina. Ihr ſeid hier? Wie? Iyr ſeid hier? O Gott, Freude und Entſetzen tödten mich.— Rodolfo, wißt Ihr, wo Ihr ſeid? Unglückſeliger, wähnt, Ihr, Ihr befändet Euch hier in einem Gemach, wie in jedem an⸗ dern? Ihr wagt Euern Kopf. Rodolfo. Was liegt daran? Euch nict mehr zu — 57— ſehen, hätte mich getödtet,— beſſer, ich ſterbe, weil ich Euch wiederſah! Catarina. Du thateſt Recht, ja, du hatteſt Recht, daß du kamſt. Auch mein Leben ſteht auf dem Spiel. Ich ſehe dich wieder; was liegt an allem Andern? Eine Stunde, mit dir verlebt, dann ſtürze dieſe Decke hernieder und zermalme uns! Rodolfo. Der Himmel wird uns beſchützen. Alles ſchläft im Pallaſt; ich habe keinen Grund zu be⸗ fürchten, daß ich auf einem andern Wege fort muß, als auf dem ich kam. Catarina. Und wie kamſt du herein? Rodolfo. Durch Jemand, dem ich das Leben ret⸗ tete.... Ich will Euch's erzählen;— ich kann mich auf die Mittel, derer ich mich bediente, verlaſſen. Catarina. Iſt's ſo? O mir genügt's, wenn nur du ſicher biſt. O Gott— laß mich dich doch betrachten! Rodolfo. Catarina! Catarina. Ach, llaß uns nur an uns zwei denken, dich an mich, mich an dich!— Du findeſt mich ſehr verändert, gelt? Ich will dir den Grund davon ſagen;— ſieh', das kommt daher, weil ich ſeit fünf Wo⸗ chen nichts Anderes gethan, als geweint. Und du? Was thatſt du dieſe ganze Zeit über? Warſt du doch wenig⸗ ſtens betrübt? Wie wirkte die Trennung auf dich? Sag' mir das ſprich mit mir, o ich bitte dich, ſprich mit mir. — 589— Rodolfo. O Catarina!— Von dir getrennt ſein, iſt eine Nacht vor den Augen, ein Abgrund im Herzen, iſt die tägliche Empfindung eines ſtückweiſen Sterbens, iſt ein lichtloſes Leben im Kerker, ein ſternloſes in der Nacht; das iſt nicht Leben, nicht Denken mehr, ſeiner ſelbſt nicht mehr bewußt ſein.— Was ich that, fragſt du? Ich weiß nicht. Was ich empfand— du haſt's gehört. Catarina. Und ſo empfand auch ich's. Auch ich! Auch ich! O ich ſeh's, daß unſre Herzen nie getrennt waren. Ich muß dir viel, viel ſagen. Doch womit an⸗ fangen? Man hält mich; ich kann nicht mehr entrinnen. Ich habe viel gelitten. Sieh', du mußt dich nicht ver⸗ wundern, daß ich dir nicht augenblicklich an's Herz flog, ich war ſo heftig erſchrocken; o Gott, als ich deine Stimme hörte, konnt' ich dir's nicht ſagen, wußt' ich nicht, wo ich war. Komm, ſetz' dich zu mir, weißt du? wie ſonſt! aber laß uns nur leiſe ſprechen. Du mußt bis zum Morgen bleiben, Dafne wird dir dann ſchon aus dem Hauſe forthelfen.— O welche köſtliche Stunden! — Ach, jetzt fühl' ich keine Furcht mehr, du haſt mich völlig beruhigt.— O ich bin ſo glücklich, daß ich dich nur ſehe!— Dich oder das Paradies?— Ich wählte dich! — Du mußt Dafne fragen, wie ich weinte! Das arme Kind war recht beſorgt um mich; du mußt ihr dafür danken, auch meiner Reginella. Doch, ſag', du haſt alſo doch meinen Namen erfahren? Ach, dich, dich, halt ſo — 59— leicht nichts auf. Ich weiß nicht, was du nicht alles thun wollteſt, wenn du etwas nur feſt willſt! Ach, ſag, wirſt du auch einen Weg finden, wieder zu kommen? Rodolfo. Gewiß! Wie könnt'ich auch ſonſt leben? Catarina, entzückt horch' ich deinen Worten. O fürchte nichts. Sieh', wie ſtill⸗heiter dieſe Nacht iſt. In uns iſt Alles— Liebe, um uns Alles— Ruhe. Zwei Herzen, wie die unſern, die in einander überſtrömen, ſind ja et⸗ was ſo Heilig⸗Klares, Catarina, daß Gott ſie nicht trüben möchte. Ich liebe dich, du mich; Gott ſieht auf uns herab; nur wir drei wachen dieſe Nacht.— Fürchte nichts! 4 Catarina. Gewiß nicht!— Und dann gibt's ja Augenblicke, da man Alles vergißt; man iſt ſo glücklich, eins vom andern geblendet.— Sieh', Rodolfo: getrennt von dir, bin ich nur ein armes gefangenes Weib; ge⸗ ſchieden von mir, biſt du nur ein armer Verbannter; Herz an Herz vereint, beneiden uns Engel;— doch nein, der Himmel gehört ihnen nicht ſo völlig, wie uns.— Man muß wohl vor Freude nicht ſterben können, Rodolfo, ſonſt wär' ich ſchon todt.— Alles verwirrt ſich in mei⸗ nem Kopf. Ich habe dich eben um tauſenderlei Dinge gefragt, und weiß kein Wort mehr davon. Erinnerſt denn du dich noch an irgend eins, du wenigſtens? Wie? iſtss wirklich kein Traum? Nein, wahrhaftig, du biſt da! Rodolfo. Arme Freundin! — 606— Catarina. Nein, halt, ſprich nicht, laß mich meine Gedanken ſammeln, laß mich dich anblicken, du meine Seele, laß mich nur denken, daß du da biſt. Gleich werd' ich dir antworten. Man hat Augenblicke, wie die⸗ ſen jetzt,— weißt du— wo man den Geliebten nur anblicken und ihm nichts ſagen will als: Still, ich muß dich anblicken, ſtill, ich liebe dich, ſtill, ich bin ſelig! (Er küßt ihr die Hand. Sie wender ſich ab und bemerkt den auf dem Tiſch liegenden Brief). — Was iſt das? O mein Gott! Dieß Papier weckt mich aus meinen Träumen. Ein Brief! Legteſt du ihn hin? Rodolfo. Nein. Ohne Zweifel iſt er von dem Manne, der mit mir kam. Catarina. Wie? Ein Mann kam mit dir? Und wer? Laß ſehn. Was ſteckt in dem Briefe? (Sie erbricht ihn haſtig und liest). „Es gibt Leute, die ſich nur im Cyprer berauſchen. Es gibt auch welche, welche ſich nur an einer fein aus⸗ geſponnenen Rache laben können. Signora, ein Sbirre, der liebt, iſt freilich verdammt wenig, aber ein Sbirre, der ſich rächt, iſt verdammt viel.“— Rodolfo. Großer Gott! was ſoll das bedeuten? Catarina. Ich kenne die Schriftzüge. Es iſt die Hand jenes Elenden, der es wagte, mich zu lieben und in Venedig eines Tages zu mir zu kommen. Ich ließ ihn aus dem Hauſe jagen; dieſer Menſch heißt Homodei. — 61— Rodolfo. In der That.. Catarina. Er iſt ein Spion des Raths der Zehn. Rodolfo. O Himmel! Catarina. Wir ſind verloren; wir liegen in der Falle.(Sie tritt auf den Balkon und blickt hinaus). O Gottl Rodolfo. Was iſt's? Catarina. Löſche ſchnell das Licht aus! Rodolfo(bas Licht auslöſchend). Was haſt du? Catarina. Die Gallerie gegen den Ponte Mo⸗ lino zu... Rodolfo. Nun?— Catarina. Ich ſehe dort ein Licht ſchimmern und verſchwinden... Rodolfo. O ich elender Thor! Catarina! ich bin die Urſache deines Verderbens. Catarina. Nein, mein Rodolfo;— ich wäre zu dir gekommen, wie du zu mir. (Sie horcht an der kleinen Thüre im Hinter⸗ grund). Still!— Horch!— Ich glaube ein Geräuſch im Corridor zu vernehmen.— Ja.— Man öffnet eine Pforte.— Schritte!— Wo kamſt du her? Rodolfo. Durch eine verſteckte Küiie, dort; Je⸗ ner Teufel verſchloß ſie wieder. 3 Catarina. Was beginnen? 12 Rodolfo. Dieſe Thüre... 2 Catarina. Führt ins Gemach meines Gatten. Rodolfo. Dieß Fenſter.. 2 Catarina. In einen Abgrund. Rodolfo. Dieſe Thüre hier? Catarina. In mein Orator, das keinen Ausweg hat. Nirgends ein Weg zur Flucht. Doch gleichviel. Geh hinein.„ (Sie öffnet das Orator, Rodolfo eilt hinein; dann verſchließt ſie die Thüre.) Catarina gallein). Ich will ſie doppelt verſchließen. 3(ſie thut es, nimmt den Schlüſſel und verbirgt ihn an ihrer Bruſt.) Wer weiß, was geſchehen kann? Er könnte mir vielleicht zu Hülfe eilen wollen. Er könnte heraustre⸗ ten,— in ſein Verderben. (Sie geht gegen die kleine Pforte im Hinter⸗ grunde zu.) i Ich höre nichts mehr.— Doch!— Schritte!— Man hält inne,— um zu horchen vermuthlich. O mein Gott!— Ich will mich ſchlafend ſtellen. (Sie zieht ihr Oberkleid aus und wirft ſich auf's Bette.) Ach mein Gott, ich zittre!— Man ſteckt einen Schlüſ⸗ el an.— Oh, ich will nicht ſehen, wer da kommen mag. (Sie zieht die Bettvorhänge zu. Die Thüre öffnet ſich.) — 63— Fünfte Scene. Catarina. Tisbe. (Tisbe tritt ein, blaß, eine Lampe in der Hand. Sie nähert ſich leiſe, um ſich ſpähend. Am Tiſch unterſucht ſie das ausgelöſchte Licht.) Tisbe. Das Licht raucht noch. 3(Sie wendet ſich, ſieht das Bette, eilt darauf zu und hebt den Vorhang auf.) Sie iſt allein. Sie ſtellt ſich ſchlafend. (Sie macht die Runde im Gemach und unter⸗ ſucht Thüre und Wand.) Dieß hier iſt die Thüre zu ihres Gatten Gemach. (Sie klopft mit der Rückſeite der Hand an die von der Tapete verkleidete Thüre des Ora⸗ tors.) Hier iſt noch eine Thüre. (Catarina richtet ſich auf und ſtarrt ihr Trei⸗ ben an.) Catarina. Wer iſt hier? Tisbe. Wer hier iſt? Merkt auf; ich will's Euch ſagen. Die Maitreſſe des Podeſta, die des Podeſta Gat⸗ tin in ihrer Gewalt hat. Catarina. O Himmel! Tisbe. Wer hier iſt? Eine Schauſpielerin, ein verlornes Kind vom Theater, eine Luftſpringerin, wie Ihr uns titelt, die,— ich ſagt' es Euch ſchon,— eine große, verheirathete Dame, eine Dame von gutem Ruf, eine wahre Tugend— in der Hand hat,— blos in der — 64— Hand?— Oh, zwiſchen den Nägeln, zwiſchen den Zähnen; die mit dieſer großen Dame, mit dieſem ver⸗ goldeten guten Ruf beginnen kann, was ihr beliebt, die d'ran iſt, Beide zu zerreißen, in Stücke, in Lappen, in Fetzen zu zerrupfen. Ach, meine gnädigen, großen Da⸗ men, ich weiß nicht, was geſchehen wird, aber das iſt gewiß, daß ich eine von Euch, eine, eine jetzt unter der Ferſe habe, und ich will ſie nicht freigeben... Oh wie ruhig ſie ſein kann! Ha, beſſer wär's ihr geweſen, den Blitz auf ihrem Haupt, als mein Antlitz vor dem ihrigen zu ertragen!— Sagt doch, Signora; ich finde es frech von Euch, daß Ihr die Augen vor mir aufſchlagen könnt, während Ihr einen Buhler bei Euch verſteckt. Catarina. Signora! Tisbe. Verſteckt,— ſag' ich Euch! Catarina. Ihr irrt Euch! Tisbe. Halt! Läugnet nicht!— Er war hier.— Eure beiden Spuren ſind noch auf den Stühlen eingeprägt.— Ihr hättet ſie doch wieder in Ordnung bringen ſollen.. Was ſpracht Ihr mit einander? Tauſend Zärtlichkeiten! Nicht wahr? Tauſenderlei allerliebſtes Zeug,— nicht wahr?„Ich liebe dich, ich bete dich an“—„ich bin dein“—— Ach, Signora, berührt mich nicht!— Catarina. Ich kann nicht begreifen..... Tisbe. Ihr ſeid nicht beſſer als wir, meine gnä⸗ digen Damen! Was wir einem Mann ganz laut am hellen Tage ſagen, ſtammelt Ihr ihm verſchämt bei „— 65— Nacht. Dabei iſt kein Unterſchied als der der Stunde. Wir rauben Euch die Gatten, Ihr ſtehlt uns die Gelieb⸗ ten. Es iſt ein Kampf.— Nun denn, laßt uns rin⸗ gen!— Ah, falſche Weiber! Schminke, Heuchelei, Verrath, erlogne Tugend, ſeid Ihr! Nein, bei Gott, wir ſind nicht ſchlechter. Wir täuſchen Niemand.— Ihr aber, Ihr betrüget die Welt, Eure Familien, Eure Männer,— Ihr betröget Gott, wenn Ihr's irgend könn⸗ tet:— O über dieſe tugendhaften Frauen, die verſchleiert über die Straſſe gehn!— Sie gehn ſogar in die Kirche! Aus dem Wege! Beugt Euch! In den Staub mit Euch!— Nein, bleibt, beugt Euch nicht, werft Euch nicht in den Staub, geht ihnen zur Rechten, den Schleier herab!— Dahinter ſteckt eine Maske. Die Maske herab!— Da⸗ hinter iſt ein Mund, der lügt!— Oh, das ales iſt mir gleichgültig. Ich bin die Maitreſſe des Podeſta, Ihr ſeine Gattin, und ich will Euch verderben. Catarina. Großer Gott! Signora!... Tisbe. Wo iſt er? Catarina. Wer? Tisbe. Er! Catarina. Ich bin hier allein— wahrhaftig — ganz allein.— Ich begreife nichts von allem, was Ihr von mir wollt! Ich kenne Euch nicht, Sig⸗ nora, aber Eure Worte vereiſen mich vor Erſtaunen. Ich weiß nicht, was ich an Euch verbrochen habe; ich V. 5 * — 66— kann nicht glauben, daß Ihr an dem allen ein Intereſſe nehmt... Tisbe. Doch! Ich bin dabei betheiligt, und ich glaube ſtark: Ihr ſeid's nicht minder. Ihr zweifelt daran, Ihr! Hm, dieſe tugendhaften Frauen ſind unglaublich. Soll ich ſo mit Euch reden, wie ich's gethan hätte, wenn ich den Grimm nicht im Herzen trüge? Was mir das alles gethan, was ich Euch ſagte? Was thats mir, daß Ihr eine große Dame ſeid, daß ich nur eine Komödiantin bin? Das iſt mir ſehr gleichgültig, ich bin eben ſo ſchön, wie Ihr.— Mein Herz iſt voll Haß, ſag ich dir, und ich werde dich beleidigen, ſo viel ich kann.— Wo iſt jener Mann? Wie heißt er? Ich will ihn ſehn. O wenn ich denke, dasß ſie ſich ſchlafend ſtellte. Wahrhaftig,— es iſt ſchändlich. Catarina. Gott, mein Gott! Was ſoll aus mir werden? Signora, im Namen des Himmels!— wenn Ihr wüßtet.. Tisbe. Ich weiß, daß hier eine Thüre iſt; ich weiß gewiß: dort ſteckt er. Catarina. Es iſt mein Orator, Signora, nichts anders. Ich ſchwör' Euch, Niemand iſt bei mir.. O wüß⸗ tet Ihr... Man hat Euch auf meine Koſten betrogen. Ich lebe zuriir gerogen, einſam, allen Augen Verborhen., Tisbe. Ah, das iſt der Schleier! Catarina. Es iſt mein Orator, ich verſtehe Euch; .= 6 und drinnen befindet ſich nichts als mein Betſtuhl und mein Gebetbuch. Tisbe. Ha, die Maske! Catarina. Ich ſchwör' Euch's, Signora, hier iſt Niemand verborgen. Tisbe. Ah, der Lügenmund! Catarina. Signora... Tisbe. Gut! gut!— Doch ſeid Ihr von Sinnen, daß Ihr ſo zu mir ſprechen könnt, waͤhrend Furcht Euer ganzes Weſen als ſtrafbar markt?! Ihr könnt nicht mit ſoviel Sicherheit läugnen! Wohlan, richtet Euch empor, Signora, ſpielt, wenn Ihrs wagt, die Zürnende, wohl gar die Unſchuldige!. (Sie bemerkt plötzlich den Mantel, der unfern vom Balkon auf der Erde liegt, ſie eilt 5 darauf zu und rafft ihn auf). — Ei ſeht,— ˙s iſt Euch nicht weiter moglich! Schaut: hier iſt der Mantel. Catarina. O Himmel! Tisbe. Nun, das iſt wohl kein Mantel? Nicht? das iſt gar kein Männermantel? Unglücklicherweiſe kann man nicht erkennen, wem er gehört, denn ein Mante ſieht aus wie der andre. Nun, nehmt Euch zuſammen, nennt mir jenen Mann mit Namen! Catarina. Ich begreife nicht, was Ihr ſagen wollt. Tisbe. Dies iſt Euer Orator? Nun denn! Offnet mir's! 5* — 68— Catarina. Weßhalb? Tisbe. Ich will auch beten.— Offnet! Catarina. Ich habe den Schlüſſel verloren. Tisbe. Offnet doch! Catarina. Ich weiß nicht, wer den Schlüſſel hat! Tisbe. Vermuthlich Euer Gatte!— He, Signor Angelo! Angelo! Angelo! (Sie will gegen den Hintergrund zueilen; Ca⸗ tarina wirft ſich vor ihr nieder und hält ſie auf.) Catarina. Nein! Ihr werdet nicht über dieſe Schwelle ſchreiten, Ihr werdets nicht. Ich hab' Euch ja nichts zu Leide gethan; ich ſehe nichts, was Ihr gegen mich haben könnt. Ihr werdet mich nicht ins Verder⸗ ben ſtürzen, Signora.— Ihr werdet Euch meiner erbar⸗ men. Haltet nur einen Augenblick.— Ihr ſollt ſeh'n,— ich will Euch erklären;— nur einen Augenblick! Seit Ihr hier ſeid, bin ich ganz betäubt, ganz erſchrocken,— und dann alle dieſe Eure Worte..., ich bin in der That verwirrt,— ich habe nichts davon begriffen; Ihr ſagtet mir, daß Ihr eine Schauſpielerin wäret, ich— eine große Dame, mehr weiß ich nicht. Ich ſchwör' Cuch, daß hier Niemand iſt. Ihr ſpracht mir von jenem Sbir⸗ ren; jetzt bin ich überzeugt, daß er allein an allem ſchuld iſt; er iſt ein Scheuſal, das Euch betrügt, ein Spion. Man traut keinem Spion. O hört mich nur einen Au⸗ genblick an. Eine Frau verſagt einen Augenblick nicht, ein Mann, den man darum bäte, wäre grauſamer. Doch — 69— Ihr;— habt Erbarmen! Ihr ſeid zu ſchön, um grau⸗ ſam zu ſein. Ich würde Euch dann ſagen, daß es jener ſchändliche, jener Spion, jener Sbirre iſt; es genügt zur Verſtändigung. Ihr würdet einſt Reue empfinden, meines Todes Urſache zu ſein. Weckt meinen Gatten nicht auf. Er würde mich tödten. Wüßtet Ihr meine Lage, Ihr beklagtet mich! Ich bin nicht ſtrafbar, in Wahrheit: nicht ſehr ſtrafbar. Ich habe vielleicht irgend eine Unvorſichtigkeit begangen; aber das kommt daher, weil ich keine Mutter mehr habe; ach, ja, ich habe keine Mutter mehr. O erbarmt Euch meiner, geht nicht an jene Thüre, ich fleh' Euch darum, ſeht: ich fleh' Euch, fleh' Euch an! Tisbe. Genug. Ich höre nichts!— Monſignor, Monſignor! Catarina. Haltet ein! O Gott! O haltet ein! Ihr glaubt alſo nicht, daß er mich tödten wird? Laßt mir wenigſtens noch einen Augenblick, eine kleine Friſt, um peten zu können. Nein, ich will nicht von der Stelle hier fort. Seht, ich werfe mich hier auf die Kniee... (auf das kupferne Cruzifix über dem Betſtuhl zeigend) — Hier vor dieſem Crucifix! (Kisbe's Auge haftet ſtarr auf dem Cruzifix). O haltet ein, aus Barmherzigkeit— betet an meiner Seite. Wollt Ihr? Sprecht!— Und dann,— wenn Ihr noch meinen Tod wollt, wenn der barmherzige Gott — 70— Euch dieſen Gedanken noch nicht nimmt,— dann be⸗ ginnt mit mir, was Ihr wollt. Tisbe(auf das Crucifix zueilend und es von der Raner reißend). Was iſt das für ein Crucifix? Woher kommt es an Euch? Von wem habt Ihrs? Wer gab's Euch? Catarina. Was? dies Crucifix?— O ich bin ver⸗ nichtet!— Ach, es dient Euch zu nichts, mich über dieß Crucifix zu befragen. Tisbe. Wie kam es in Eure Hand? Sprecht ſchnell! 8(Sie nimmt das Licht vom Kredenztiſch neben dem Balkon und beſieht das Crucifix genau, Catarina beobachtet ſie.) Catarina. Sie iſt ja doch ein Weib!— Ihr betrachtet den Namen darunter; er iſt mir unbekannt; „Tisbe“ glaub' ich, heißt er; einer armen Frau Name, die man tödten wollte. Ich bat um Gnade für ſie und mein Vater gewährte ſie mir;— in Brescia war's;— ich war noch ein Kind.— O bringt mich nicht ins Ver⸗ derben, Signora! Habt Erbarmen mit mir.— Und dann gab mir jene Frau dieß Crucifix und ſagte: es würde mir Segen bringen. Das iſt alles; ich ſchwöre Euch, das iſt gewiß alles. Doch, was kümmerts Euch! Wozu laßt Ihr mich unnütze Dinge ſprochen? Ah, ich bin erſchöpft.. Tisbe(bei Seite.) O Himmel!— O meine Mutter! (Die Thüre im Hintergrunde öffnet ſich. An⸗ gelo zeigt ſich im Nachtkleide.) — 1— Catarina(in den Vordergrund eilend.) Mein Gatte!— Ich bin verloren. Sechste Scene. Catarina. Tisbe. Angelo. Angelo(ohne Tisbe zu bemerken, welche in der Nähe des Balkons bleibt.) Was gibt's, Signora? Es war mir, als hörte ich bei Euch Geräuſch. Catarina. Mein Gebieter?—— Angelo. Wie kommt's, daß Ihr um dieſe Stunde noch nicht zu Bette ſeid? Catarina. Weil.. weil.. Angelo. Mein Gott, Ihr zittert ja am ganzen Leibe. Es iſt Jemand bei Euch, Signora! Tisbe(vortretend). Ja, Monſignor,— ich! Angelo. Ihr, Tisbe?! Tisbe. Ja,— ich! 3 Angelo. Ihr hier;— mitten in der Nacht!— Wie kommt's, daß Ihr zu dieſer Stunde hier ſeid und daß meine Gattin... Tisbe.... am ganzen Leibe zittert? Ich will's Euch erklären, Monſignor, hört mich an; die Sache ver⸗ lohnt ſich wohl dieſer Mühe. Catarine(beiſeits). Ha, jetzt— jetzt iſt alles aus! Tisbe. Hier iſt der Grund in ein paar Worten: — Ihr ſolltet am nachſten Morgen— ermordet werden! Angelo. Ich?! Tisbe.... Auf dem Wege von Eurem Palaſt in meine Woznung. Ihr wißt.. Ihr geht des Mor⸗ gens gewöhnlich allein aus. Erſt heute Nacht bekam ich Nachricht davon, und eilte nun in aller Haſt her, um Eure Gemahlin zu unterrichten, daß ſie Euch morgen früh zu Hauſe zurückhalte. Das iſt der Grund, warum ich mitten in der Nanht hier bin, warum Eure Gattin ſo zittert. Catarina(bei Seite). Großer Gott! welch ein unbegreifliches Weib? Angelo. Iſt's möglich? Ja, ja! es befremdet mich nicht. Seht Ihr jetzt, daß ich Recht hatte, als ich von den Gefahren ſprach, die mich umlauern?— Wer gab Euch dieſe Nachricht? Tisbe. Ein Unbekannter, dem ich verſprechen mußte, ihn entkommen zu laſſen.— Ich hielt mein Wort. Angelo. Daran thatet Ihr Unrecht. Man ver⸗ ſpricht's wohl, aber man läßt ihn feſtnehmen.— Doch wie kamet Ihr in meinen Palaſt? Tisbe. Jener Mann verhalf mir dazu; er fand Mittel, eine kleine Pforte unter dem Ponte Molino zu öffnen. Angelo. Seht Ihr's?— Aber wie gelangtet Ihr bis hieher? 1 8 Tisbe. Nun,— durch dieſen Schlüſſel, den Shr ſelber mir gabt. Angelo. Doch mich däucht': ich ſagte Euch nicht daß er dies Gemach aufſchließe. Tisbe. Doch,— wahrhaftig; Ihr beſinnt Euch blos nicht mehr darauf. Angelo(den Mantel gewahr werdend). Was iſt das für ein Mantel? Tisbe. Der Unbekannte lieh ihn mir, um in den Palaſt zu kommen. Ich trug auch einen Hut, weiß aber nicht mehr, wo ich ihn hinbrachte, Angelo. Denken zu müſſen, daß ſolche Menſchen nach ihrem Belieben in mein Haus dringen! O welch ein Leben leb' ich!— Ein Stück meines Kleides iſt im⸗ mer in eine Falle geklemmt.— Doch, ſagt mir, Tisbe... Tisbe. Ach, Monſtgnor, ich bitt' Euch, verſchiebt Eure Fragen auf Morgen. Für dieſe Nacht müßt Ihr Euch damit begnügen, daß man Euch das Leben rettete. Doch Ihr dankt uns beiden, Eurer Gattin und mir, nicht einmal dafür. Angelo. Verzeiht, Tisbe. Tisbe. Meine Sänfte wartet unten.— Wont Ihr mich hinab begleiten? Laßt uns jetzt Eurer Gat⸗ tin Ruhe gönnen! Angelo. Ich bin zu Eurem Befehl, Donna Tisbe. Laßt uns durch mein Gemach gehen, wenn's Euch ge⸗ fällt; ich will dort meinen Degen nehmen. (Gegen die große Mittelthüre zu) Holla! Fackeln! — 74— Tisbe(Catarine im Vorgrund beiſeite ziehend). Laßt ihn augenblicklich entſchlüpfen, auf dem Wege, auf dem ich herkam. Hier iſt der Schlüſſel. (ſich gegen das Orator wendend) O, dieſe Thüre!— Was leide ich! Nicht einmal zu wiſſen, ob er's auch wirklich iſt! Angelo(vortretend.) Ich erwarte Euch, Signora! Tisbe(bei Seite.) O könnt' ich ihn nur vorüber gehen ſehen! Kein Mittel dazu!— Es gilt, fort zu ei⸗ len. Ach...(zu Angelo) Nun denn, kommt, Signor! Catarina(ihnen nachblickend.)'s iſt wohl ein Traum!? Dritte Handlung. Das weiße ſtatt des ſchwarzen! Perſonen: Angelo Malipieri. Der Dechant zu Sanct Catarina. Anton von Padua. Tisbe. Der Erzprieſter. Rodolfo. Ein Thürſteher. Zwei Wächter. I. Abtheilung. (Catarinas Gemach. Die Vorhänge ſind zugezogen.) Erſte Scene. Angelo. Der Dechant. Der Erzprieſter. Angelo(zu dem Dechant.) Herr Dechant zu Sanct Anton von Padua, laßt das Schiff, das Chor und den Hauptaltar Eurer Kirche ſchleunigſt ſchwarz be⸗ hängen, denn in zwei Stunden,— merkt wohl: in zwei Stunden!— werdet Ihr dort ein Todtenamt für irgend eine erlauchte Perſon zu begehen haben, die in · ——— — 76— jenem Augenblicke ſterben wird. Ihr werdet dem Re⸗ quiem mit Eurem ganzen Capitel beiwohnen und den Re⸗ liquienſchrein ausſtellen, drei hundert weiße Wachskerzen, wie für eine Königin anzünden, an ſechshundert Arme Almoſen geben, einen Silberdukaten und eine Goldzechine je für den Mann. Auf die ſchwarzen Tücher heftet die Wappen des Malipieri und der Bragadini, das erſtere führt eine Adlerklaue im goldnen Schild, das andere iſt in Azur und Silber getheilt, mit einem rothen Kreuze. Der Dechant. Gnaͤdigſter Podeſta... Angelo. Begebt Euch auf der Stelle mit Eurer ganzen Cleriſei, mit Kreuz und Fahnen voran, in die Gruft dieſes herzoglichen Pallaſtes, zu den Gräbern der Romana's. Eine Steinplatte findet Ihr dort auf⸗ gehoben, ein Grab offen, das Ihr weihen müßt. Verliert keine Zeit und betet auch für mich! Der Dechant. Geſchieht dies alles vielleicht für einen von Euern Verwandten, Monſignor? Angelo. Geht! (Der Dechant verbeugt ſich tief und entfernt ſich durch die Mittelthüre, der Erzprieſter ſchickt ſich an, ihm zu folgen. Angelo hält ihn auf.) Ihr, Herr Erzprieſter, bleibt.— Hier zur Seite, in dieſem Orator will Euch Jemand Beichte ablegen. Der Erzprieſter. Ein Verurtheilter, Monſignor? Angelo. Ein Weib! — 2— Der Erzprieſter. Muß ich ſie zum Tode vor⸗ bereiten? Angelo. Ja,— ich will Euch zu ihr führen. Ein Thürſteher ctritt ein.) Eccellenza verlang⸗ ten nach Donna Tisbe. Sie wartet. Angelo. Laß ſie eintreten und meiner einen Au⸗ gendlick hier harren. (Thürſteher ab. Der Podeſta öffnet das Orator und bedeutet dem Geiſtlichen, einzutreten. Auf der Schwelle hält er ihn noch zurück.) Herr Erzprieſter! wenn Euch Euer Leben lieb iſt, ſo nennt, wenn Ihr wieder aus meinem Hauſe gegangen ſeid, gegen Niemand den Namen des Weibes, das Ihr ſehen werdet. (Er geht mit dem Geiſtlichen in's Orator. Die Mittelthüre wird geöffnet, der Thürſteher geleitet Tisbe herein.) Tisbe(zum Thürſteher.) Wißt Ihr etwa, was er von mir will? Der Thürſteher. Nein, Signora.(Ab.) Zweite Scene. Tisbe(allein. O dieß Gemach! ſo hab' ich es denn wieder betreten!— Was kann der Podeſta von mir wollen? Der Pallaſt hat dieſen Morgen eine Unglücks⸗ miene. Was kümmert's mich? Ich möchte mein Leben bloß für ein„Ja“ oder„Nein“ hingeben. Und dieſe — 78— Thüre dort! wie mich's ſo unheimlich anweht, ſie am hellen Tag zu ſehen; hinter dieſer Thüre befand er ſich. — Wer? Ach, wer verbarg ſich hinter ihr? Bin ich denn auch nur gewiß, daß eben Er es war? Nicht einmal jenen Spion ſah ich wieder! O Ungewißheit, gräßliches Geſpenſt, das uns wie Beſeſſene anſchielt ohne zu lachen oder zu weinen. Wüßt' ich nur, daß es Rodolfo war, — ganz gewiß,— hier,— die Spuren! O ich möcht' ühn vernichten, an den Podeſta verrathen.— Nein, nein! Doch an dieſem Weibe will ich mich rächen.— Nein!— Mich will ich lieber tödten. Ach ja. Wüßt' ich's gewiß, daß Rodolfo mich nicht mehr liebt, daß er mich täuſcht, — ah, daß er eine andere liebt! was hätte ich denn noch mit dem Lehen zu ſchaffen? Es wär' mir gleichgültig; ich würde ſterben.— Und ohne mich zu rächen?— Wa⸗ rum nicht?— Ach ja, das ſag' ich ſo in dieſer Sekunde, und doch bin ich auch ganz gut im Stande mich zu rä⸗ chen. Kann ich für das, was in meiner Seele vorgeht, einſtehen, wenn ich feſt weiß, daß Rodolfo der Mann je⸗ ner Nacht war? O Gott, mein Gott, bewahre mich gnädig vor einem Anfall von Raſerei!— Rodolfo! Cata⸗ rina!— Wenn's ſo wäre,— was werd' ich thun? Barm⸗ herziger Gott, was werd' ich thun? Tödten? Wen? Sie beide? Mich?— Ich weiß es nicht. — 798— Dritte Scene. Tisbe. Angelo. Tisbe. Ihr habt mich rufen laſſen, Monſignor? Angelo. Ja, Tisbe; ich habe mit Euch zu ſpre⸗ chen und zwar von ſehr wichtigen Dingen. Ich ſagte Euch's ſchon einmal: Mein Leben iſt nichts als eine Falle für jeden Tag, ein Verrath für jeden Tag,— jeden Tag ein Dolchſtoß, auf mein Herz geführt, oder ein Beilſchlag, den ich auszutheilen habe.— Nun kurz, wißt: Meine Gattin hat einen Geliebten.... Tisbe. Und er heißt? Angelo. Der in jener Nacht, da wir uns trafen, bei ihr war. Tisbe. Und er heißt?... Angelo. Hört, wie der Verrath entdeckt wurde, — Ein Spion vom Nath der Zehn... doch ich muß CEuch zuvor ſagen, daß die Spione vom Rath der Zehn, uns Podeſta's auf der terra ferma gegenuber, in einer eigenthümlichen Lage ſind;— der Rath verbietet ihnen bei Todesſtrafe, uns zu ſchreiben, mit uns zu ſprechen, oder in irgend einer Beziehung mit uns zu ſtehen, bis zu dem Augenblick, da ſie Auftrag haben, uns gefangen zu nehmen.— Nun denn, ſolch ein Spion wurde dieſen Morgen am Ufer des Fluſſes, unfern des Ponte Altina — 80— erdolcht gefunden. Zwei Wächter haben ihn aufgehoben. Ob er im Zweikampfe, ob er meuchlings verwundet ward, weiß man nicht. Der Sbirre konnte bloß noch ein paar Worte ſtammeln und ſtarb dann. Das iſt eben mein Aerger, daß er todt iſt. Zum Glück hatte er, wie es ſcheint, im Augenblick, als er verwundet wurde, die Gei⸗ ſtesgegenwart, einen Brief, den er ohne Zweifel aufge⸗ fangen, zu bewahren, und übergab ihn den Wächtern, um ihn mir einzuhändigen; die Leute brachten mir ihn; es iſt ein Schreiben von jenem Buhlen an mein Weib. Tisbe. Und er heißt?... Angelo. Der Brief iſt nicht unterſchrieben.— Ihr wollt den Namen des Buhlen von mir wiſſen? Ha, das iſt's ja eben, was mich peinigt. Der Ermor⸗ dete nannte ihn zwar den zwei Wächtern, aber die Dumm⸗ köpfe haben ihn vergeſſen und können ſich durchaus nicht mehr darauf beſinnen, noch über einen und denſelben Namen übereinkommen; der eine meinte, er hieße: Roderigo, der andere: Pandolfo. Tisbe. Habt Ihr den Brief bei Euch? Angelo. Ja, ich habe ihn hier; eben, um ihn Euch zu zeigen, ließ ich Euch kommen. Vielleicht kennt Ihr zufällig die Hand und könnt mir Aufſchluß geben(den Brief hervorziehend.) Hier iſt der Brief! Tisbe. Gebt her! — 81— Angelo(den Brief zerknitternd.) Ich befinde mich in einer gräßlichen Unruhe, Tisbe! Ha, daß Einer es wagte, ſeine Blicke bis zum Weibe eines Malipieri zu erheben, Venedigs goldnes Buch auf ſeiner ſchönſten Seite zu beflecken, juſt da, wo mein Name, juſt, wo Mali⸗ pieri geſchrieben iſt, daß Einer in dieſer Nacht hier im Gemache war, auf eben dem Fleck vielleicht, wo ich jetzt bin, daß ich den Schurken, der dieſe Zeilen ſchrieb, nicht faſſen, daß ich meine Rache nicht auf meine Schande nageln, daß ich aus ſeinem Herzen keinen Strom ent⸗ locken kann, der dieſen Fußboden überfluthet!— Ah, wüßt' ich, Signora, wer dieſen Brief ſchrieb, ich gäbe den Degen meines Vaters und meine rechte Hand, und zehn Jahre meines Lebens darum! Tisbe. So zeigt mir doch dieſen Brief! Angelo(ihn übergebend.) Hier! ſeh't! Tisbe(entfaltet ihn und wirft einen Blick darauf.) (für ſich.) Es iſt Rodolfo's Hand! Angelo. Nun, kennt Ihr dieſe Züge? Tisbe. Laßt mich erſt leſen.(ſie liest) —„Catarina, Heißgeliebte, du ſiehſt, daß der Himmel uns in ſeinen Schutz nimmt. Ein Wunder hat mich in dieſer Nacht aus der Gewalt deines Gatten und jenes Weibes gerettet.—“ C(für ſich) Jenes Weibes!(ſie fährt fort zu leſen.)„Ich liebe dich, meine Catarina. Du biſt VI. 6 die Einzige deines Geſchlechtes, die ich je liebte. Fürchte nichts für mich. Ich bin geborgen.“ Angelo. Nun, kennt Ihr dieſe Schriftzüge? Tisbe(ihm den Brief zurückgebend.) Nein, Mon⸗ ſignor! Angelo. Wie? Nicht?— Und was meint Ihr überhaupt von dieſem Briefe? Der Schreiber iſt viel⸗ leicht noch nicht lange hier in Padua, denn er redet die Sprache einer langen Liebe. Ha, ich will die ganze Stadt durchwühlen, ich muß ihn finden. Was rathet Ihr mir, Tisbe? Tisbe. Stellt Nachforſchungen an. Angelo. Ich habe Befehl ertheilt, Niemanden freien Zutritt in den Pallaſt zu gewähren, als Euch und Eurem Bruder, nach dem Ihr Euch vielleicht ſehnen könntet. Jeder Andre ſoll feſtgenommen und vor mich gebracht werden; ich ſelbſt will Jeden verhören, bis dahin hab' ich doch die Hälfte meiner Rache in der Hand, und ich will ſie feſthalten. Tisbe. Was wollt Ihr beginnen? Angcelo. Das Weib tödten laſſen! Tisbe. Denkt: Eure Gattin! Angelo. Alles iſt bereit; bevor eine Stunde ver⸗ rinnt, iſt Catarina Bragadini,— nach Gebühr,— ent⸗ hauptet. Tisbe. Enthauptet?! Angelo. In dieſem Gemache! Tisbe. In dieſem?. Angelo. Hört mich an. Mein geſchändetes Ehe⸗ bette wird ihr Grab; ſie muß ſterben, ich hab's beſchloſ⸗ ſen,— viel zu kaltblütig beſchloſſen, als daß hier noch ſonſt was zu thun wäre. Gebet hätte keine Aufregung in mir zu beſchwichtigen;— legte mein beſter Freund (hätt' ich anders einen ſolchen) fuüͤr ſie eine Fürbitte ein, ich würde argwöhniſch auf ihn. Das iſt alles; ſprechen wir davon, wenn's Euch recht iſt.— Uebrigens, Tisbe, haſſ' ich dieß Weib! Nur von Familienrückſichten ließ ich mich zur Heirath mit ihr beſtimmen, um meinem Oheime, dem Biſchof von Caſtello zu gefallen; meine Ver⸗ mögensumſtände waren damals auf Geſandſchaftspoſten in Zerrüttung gekommen. Ah, dieß Weib zeigte mir im⸗ mer ein trauriges Antlitz, ein gedrücktes Weſen;— nie gebar ſie mir Kinder!— Endlich,— ſeht Ihr— der Haß ſteckt in unſrem Blute, in unſrem ganzen Geſchlechte, in unſren Ueberlieferungen. Ein Malipieri muß ſtets irgend wen zu haſſen haben. Wann einſt der beſchwingte Löwe von San Marco von ſeiner Säule davon fliegt, ſchlägt auch der Haß ſeine ehernen Flügel auseinander und fliegt fort aus den Herzen der Malipieri. Mein Großvater haßte den Marcheſe Azzo und ließ ihn bei Nacht in den Lagunen erſäufen. Mein Vater haßte den Pro⸗ kurator Badoer und ließ ihn bei einem Gaſtmahl der Köni⸗ gin Cornaro vergiften. Ich haſſe nun einmal dieß Weib. Ich würde ihr aber nie etwas zu Leide gethan haben; doch 6* — 834— ſie iſt ſtrafbar,— ſo ſchlimmer für ſie; ſie ſoll ihre Strafe finden. Ich bin vielleicht nicht beſſer als ſie,— möglich! doch ſie muß ſterben; das iſt einmal eine Nothwendigkeit, ein feſt gefaßter Entſchluß. Sie wird ſterben, ſag' ich Euch. Flehten die Gebeine meiner Mutter um Gnade für ſie;— ich gewährte ſie nicht! Tisbe. Doch ſagt, geſtattet Euch denn die erlauch⸗ teſte Signora Venedig's.... Angelo. Nichts, was Gnade,— was Strafe an⸗ geht,— Alles! Tisbe. Doch die Familie Eurer Gattin, die Bra⸗ gadini!... Angelo. Werden mir Dank wiſſen! Tisbe. Euer Entſchluß iſt gefaßt, ſagt Ihr; ſie wird ſterben; gut! ich billige Euren Entſchluß. Aber, da Alles noch ein Geheimniß iſt und kein Name bis jetzt genannt wurde, könntet Ihr Eurer Gattin nicht eine Hinrichtung, dieſem Pallaſt einen Blutfleck, Euch ſelbſt den Fluch des Leumunds erſparen? Der Henker iſt doch ein Zeuge und ein Zeuge iſt ſchon zu viel. Angelo. Ja, Ihr habt Recht!— Gift wird beſſer ſein! Aber ich brauche ein ſchnellwirkendes, und— Ihr werdet's unglaublich finden— ich beſitze jetzt kein ſolches. Tisbe. Aber ich, ich! Angelo. Wo? Tisbe. Zu Hauſe. Angelo. Was für eines? Tisbe. Das Gift Malaspinga's— Wißt Ihr noch? Jene Büchſe, die mir der Stiftsälteſte von San Marco ſchickte! Angelo. Ganz recht; Ihr ſpracht mir ſchon davon. Es iſt ein ſich'res, ſchnellwirkendes Gift. Nun gut; Ihr habt Recht. Die Sache ſoll bloß unter uns abgemacht wer⸗ den; ſo iſt es beſſer. Hört Tisbe, Ihr beſitzt mein ganzes Vertrauen; Ihr ſeht ein, daß das, was zu beginnen ich ge⸗ zwungen bin, recht iſt; ich räche nur meine Ehre, und jeder andre Mann würde an meiner Stelle ebenſo han⸗ deln. Und doch iſt's ein ernſter und ſchwieriger Handel, den ich unternommen.— Ich habe außer Euch hier keinen Freund, kann Niemandem vertrauen als Euch. Daß ſie bald und— heimlich ſterbe, liegt in ihrem Intereſſe ebenſo gut wie in meinem. Darum ſteht mir bei, ich bitt' Euch d'rum; ich bedarf Eurer. Wollt Ihr? Tisbe. Ja! Angelo. Sie muß von der Erde verſchwinden, ohne daß eine Seele wiſſe: wie oder warum. Ein Grab iſt fertig, ein Todtenamt wird geſungen; aber Niemand weiß: für wen. Die Leiche werde ich von jenen zwei Wächtern, auf die ich mich verlaſſen kann, hinwegſchaffen laſſen.— Ja, Ihr habt Recht, wir müſſen dieß Alles in Nacht verſenken.— Doch jetzt ſchickt nach Gift. Tisbe. Ich allein weiß den Ort, wo ich es hin⸗ that. Ich will es ſelbſt holen. Angelo. So geht; ich erwarte Euch.(Kisbe ab.) — 86— 1 Angelo.(altein) Ja, ſo iſt's beſſer. Nacht verhüllte das Verbrechen, Nacht ſoll die Strafe bedecken. (Die Thüre des Orators öffnet ſich. Der Erz⸗ prieſter tritt heraus, die Blicke geſenkt, die Arme über der Bruſt verkreuzt. Er ſchrei⸗ tet langſam durch's Zimmer. Als er ſich eben durch die Mittelthür entfernen will, wendet ſich Angelo zu ihm.) Angelo. Iſt ſie bereit? Der Erzprieſter. Ja, Monſignor! (Er entfernt ſich. Catarina zeigt ſich auf der Schwelle des Orators.) Vierte Scene. Angelo. Catarina. Catarina. Wozu? Bereit? Angelo. Zu ſterben! Catarina. Sterben? ˙s iſt alſo wahr?'s iſt alſo möglich? O ich kann mich an dieſen Gedanben noch nicht gewöhnen. Sterben!— Nein, ich bin noch nicht bereit, noch nicht, noch nicht, Herr. Angelo. Wie lange braucht Ihr, um Euch vorzu⸗ bereiten? Catarina. Ah, ich weiß nicht—— lang, lang! Angelo. Fangt Euch der Muth zu ſinken an, Sig⸗ nora? Catarina. So raſch ſterben! Ach, ich habe ja nichts gethan, was den Tod verdiente, mein Bewußtſein ſagt mir's. — 87— O mein Gebieter! Nur noch einen Tag Friſt!— Nein, kei⸗ nen Tag,— ich fühle, daß ich morgen nicht mehr Muth beſitzen werde als heute!— Ach, das Leben! O laßt mir das Leben, lieber ſperrt mich in ein Kloſter. O ſagt, iſt's denn wahrhaftig ſo ganz unmöglich, daß Ihr mich am Leben laßt?„ Angelo. Doch nicht! Ich ſagt' es Euch ſchon; ich könnt' Euch am Leben laſſen, aber unter einer Be⸗ dingung. Catarina. Unter was für einer? Ich beſinne mich nicht mehr d'rauf. Angelo. Nennt mir den Mann, der Euch jenen Brief ſchrieb, nennt mir ihn, liefert ihn mir aus. Catarina(die Hände ringend.) Mein Gott! Angelo. Thut Ihr's, ſo ſollt Ihr am Leben blei⸗ ben. Er auf's Schaffot,— Ihr in's Kloſter, das ſoll mir genug ſein! Entſcheidet Euch! Catarina. O mein Gott! Angelo. Nun, antwortet Ihr mir nichts? Catarina. Ich kann nichts erwiedern, als: Barm⸗ herziger Gott! Angelo. Ha, entſcheidet Euch, Signora! Catarina. Ich fror ſo bitter im Orator. Angelo. Hört mich an, Signora; ich will Euch gnädig ſein. Ihr habt noch eine Stunde vor Euch, eine ganze Stunde für Euch, während welcher ich Euch allein laſſen will;— Niemand wird hier hereinkommen. Beſinnt — 88— Euch während dieſer Friſt. Ich lege Euch jenen Brief auf den Tiſch hin; ſchreibt den Namen, den ich wiſſen will, darunter, und Ihr ſeid gerettet. Catarina Braga⸗ dini, denkt: es ſind Marmorlippen, die jetzt zu Euch ſprechen: Ihr müßt ihn nennen oder— ſterben! Wählt! Ihr habt noch eine Stunde übrig. Catarina. O ſagt: einen Tag! Angelo. Eine Stunde!(Ab.) Fünfte Scene. Catarina(allein.) Dieſe Thüre Cſie geht an die ſelbe.)— Ah!— ich höre, wie er den Riegel vorſchiebt! (Sie geht an's Fenſter.) Dieß Fenſter!...(Sie blickt hinab.) Weh' mir, wie tief!(Sie ſinkt auf einen Armſtuhl.) Sterben! o Gott! dieſer Gedanke iſt gräßlich, wenn er uns ſo mit einem Griff hinterrücks faßt, gerade, da man ihn nicht erwartet.— Nicht mehr als eine Stunde vor ſich zu haben und ſich's vorſagen zu müſſen: Nicht länger als eine Stunde! O ſolche Dinge müſſen einem ſelbſt begeg⸗ nen, wenn man's begreifen ſoll, bis zu welcher Höhe das Entſetzliche ſtegt.— Meine Glieder ſind wie zer⸗ ſchlagen, ich kann mich nicht länger auf dem Stuhle hal⸗ ten.(Sie ſteht auf.) Auf dem Bette finde ich wohl Er⸗ leichterung und Ruhe. Ach, fänd ich ſie nur auf einen Augenblick! Cſie geht an's Bett.)—— Nur ein paar Se⸗ kunden lang! — 89— (Sie hebt den Vorhang auf und wankt entſetzt zurück. Statt des Bettes ſteht ein ſchwarz behangener Block da, mit einem Beile dar⸗ auf.) Himmel! was ſeh' ich?— Gräßlich! Gräßlich! Cſte ſchließt gichtriſch zuckend den Vorhang.) Ha, ich wilbs nicht weiter ſeh'n!— Barmherziger Gott! Das gilt mir! Gott, mein Gott, und ich bin allein in dieſer Nähe des Graͤßlichen. (Sie ſchleppt ſich bis zum Armſtuhl hin.) Dort hinter mir! Dort! dort! Ha, ich wage nicht mehr hinter mich zu ſchauen. Barmherzigkeit! Gnade! Ah,— das iſt ja kein Traum, Alles wirklich, wirklich, da,— da!— hinter'm Vorhang glotzt es mich an. 1 (Die kleine Thüre im Hintergrunde öffnet ſich. Rodolfo tritt ein.) Sechste Scene. Catarina. Rodolfo. Catarina(für ſich.) O Himmel, Rodolfo! Nodolfo(u ihr eilend.) Ja, Catarina, ich bin's, — ich komme für einen Augenblick. Welches Glück, dich allein zu finden!... Aber wie? Du biſt ſo blaß, ſiehſt ſo verſtört? 1 Catarina. Das kann ich mir wohl denken. O welche Unvorſichtigkeit! Jetzt am hellen Tag hieher zu kommen! Rodolfo. Ich konnt' es nicht länger aushalten; meine Angſt trieb mich her. — 90— Catarina. Weßhalb ſo unruhig? Nodeufu. Ich will's Euch ſagen, theuerſte Cata⸗ rina... O, ich bin überglücklich, Euch hier ſo tuhig zu finden. Catarina. Wie kamt Ihr herein? Rodolfo. Du gabſt mir ja ſelbſt den Schlüſſel. Catarina. Ganz recht;— aber ich meine: In den Pallaſt? Rodolfo. Ah, das iſt eben etwas unter vielem, was mich beunruhigt. Ich kam wohl bequem herein, aber ich werde ſo ſchwerlich wieder hinauskommen. Catarina. Wie? Rodolfo. Der Wachkapitän ſagte mir am Thore, daß Niemand den Pallaſt vor Nacht verlaſſen darf. Catarina. Niemand— vor Nacht?(bei Seite.) Alſo keine Flucht möglich? o Gott! Rodolfo. Sbirren umlagern alle Ausgänge; der Pallaſt iſt wie ein Kerker bewacht; es glückte mir, in die große Gallerie zu ſchleichen, und ſo kam ich hierher. Iſt hier gewiß nichts im Werke? Kannſt du mir's verſi⸗ chern? Catarina. Gewiß nichts,— nichts;— ſei nur ruhig, mein Rodolfo; Alles geht hier im gewöhnlichen Gleiſe. Blicke nur um dich, dieß Gemach iſt wie ſonſt, nichts d'rin verändert. Doch fliehe ſchnell, ich zittre vor der Möglichkeit, daß der Podeſta zurückkomme. Rodolfo. An meinem Herzen fürchte nichts, — 91— Catarina! Der Podeſta befindet ſich in dieſem Augen⸗ blick dort unten auf dem Ponte Molino und verhört die Leute, die man feſtnahm.— O ich war ſo in Ängſten, Catarina. Alles hat heute ein fremdartiges Ausſehen, — die ganze Stadt wie dieſer Pallaſt. Venezianiſche Schützen und Häſcher durchſtreifen alle Straßen. Die Sanct⸗Antonio'⸗Kirche iſt ſchwarz ausgeſchlagen und man ſingt darin ein Todtenamt; für wen, weiß man nicht; wißt Ihr's etwa? Catarina. Nein. Rodolfo. Ich bonnte nicht bis in die Kirche ge⸗ langen. Die ganze Stadt liegt wie in Betäubung, alle Lippen ſprechen nur leiſe; es handelt ſich irgendwo um was Entſetzliches; aber wo? ich weiß es nicht; mir ge⸗ nügts, daß es ſich nicht hier erreigne. Arme Freundin, du ahneſt in deiner Einſamkeit von allem dem nichts. Catarina. Nichts. Rodolfo. Üorigens, was kümmerts uns?— Sag, haſt du dich von der Aufregung dieſer Nacht erholt? O welch ein Ereigniß, noch jetzt begreif ich kaum alles. Nun, Catarina, ich habe dich von dieſem Sbirren Ho⸗ modei befreit; er wird dir nicht mehr ſchaden. Catarina. Meinſt du?. Rodolfo. Er iſt todt!— Doch, Catarina, dir iſt etwas;— gewiß! Du biſt ſehr ernſt und trüb! Cata⸗ rina! verhehlſt du mir nichts? Begegnet dir nichts? O, dann würde man mein Leben vor dem deinigen vernichten. — 92— Catarina. Es iſt nichts, gewiß nichts; ich ſchwöre dir: es iſt nichts; ich wünſchte dich blos ſchon von hier fort. Ich bin nur um deinetwillen in Schrecken. Rodolfo. Was hatteſt du nur, als ich kam? Catarina. Ah, mein Gott! beruhigt Euch, mein Rodolfo! Ich war nicht traurig, im Gegentheil! Ich verſuchte eben, mir jenes Lied, das Ihr ſo hold ſanget, in's Gedaͤchtniß zurückzurufen. Seht nur: hier hab' ich noch meine Guitarre. Rodolfo. Ich ſchrieb dir dieſen Morgen und über⸗ gab den Brief Reginellen, der ich begegnete. Der Brief wurde doch nicht aufgefangen? Erhieltſt du ihn? Catarina. So ſicher, als du ihn hier ſiehſt. (Sie zeigt ihm den Brief.) Rodolfo. Ah, du haſt ihn; gut, gut! Schreiben macht uns doch ſtets peinliche Unruhe. Catarina. Alle Ausgänge des Pallaſtes ſind alſo beſetzt? Niemand darf ihn vor Nacht verlaſſen? Rodolfo. Niemand; ich ſagte dir's ſchon; ſo lautet der Befehl. Catarina. Und nun, mein Rodolfo, habt Ihr mich geſehn, geſprochen, Euch überzeugt, daß, wenn auch die ganze Stadt in Aufregung ſein mag, doch hier alles ruhig iſt; nun entfernt Euch aber auch, Rodolfo, im Namen des Himmels, geht! Wenn der Podeſta käme! Geht! nur ſchnell!— Da du nun doch bis zu Abend hier im Pallaſte bleiben mußt, ſo will ich dir ſelber deinen Mantel — 93— umthun— ſo!— und deinen Hut aufſetzen.— Behaupte vor den Sbirren ſtets dein gewöhnliches, natürliches Weſen, zeige ihnen keine Vorſicht, mach' keinen Verſuch, zu entwiſchen. Die Vorſicht ſelbſt verräth dich.— Und noch eins: will dich zufällig irgend Jemand,— ein Spion etwa, der dich in die Falle bringen möchte, verleiten, mir zu ſchreiben,— thu's nicht, ſuch' einen Vorwand, ſchreibe mir nicht! Rodolfo. Weßhalb empfiehlſt du mir dies, Ca⸗ tarina? Catarina. Warum? Weil ich nicht möchte, daß man deine Hand erkenne; es iſt ſo eine Laune von mir, und Ihr wißt ja, mein Freund, Frauen haben zu⸗ weilen Launen! Ich danke dir herzlich, daß du kamſt, bliebſt, daß du mir die Freude bereiteteſt, dich zu ſehen. Nun ſiehſt du doch klar, daß ich ruhig, fröhlich und zu⸗ frieden bin, ich habe ja die Guitarre und deinen Brief; doch jetzt entferne dich ſchnell; ich bitte dich derum.— Nur noch ein Wort! Rodolfo. Nun? Catarina. Rodolfo, Ihr wißt, daß ich Euch nie eine Gunſt geſtattete,— Rodolfo, du weißt's, du weißt's! Rodolfo. Nun, Herz? 1 Catarina. Heut bin ich's, die dich um eine ſolche bittet. Rodolfo!—— einen Kuß! Rodolfo(ſee in die Arme ſchließend). Das iſt mein Himmel! = 94— Catarina. Ich ſeh's: er thut ſich auf! Rodolfo. O Seligkeit! Catarina. Du biſt glücklich! Rodolfo. Ja! Catarina. Und nun geh', mein Rodolfo! Rodolfo. Ich danke, danke dir. Catarina. Lebe wohl!— Rodolfo! (Rodolfo bleibt an der Thüre nochmal ſtehen.) —— O wie lieb' ich dicl!(Rodolfo ab.) Siebente Scene. Catarina(allein). —— Mit ihm entfliehn!— Ach, einen Augenblick lang dacht' ich daran. O Gott, mit ihm entfliehn!—— Nein, unmöglich! Ich würde ihn nutzlos in's Verderben geſtürzt haben. Ach, wenn ihm nur nichts begegnet, wenn ihn die Sbirren nur nicht etwa aufhalten! wenn man ihn nur dieſen Abend aus dem Hauſe läßt! O gewiß, gewiß; iſt doch kein Grund vorhanden, der den Verdacht auf ihn lenken könnte! Erhalte, errette ihn, barmherziger Gott!(Sie horcht an der Thüre zum Corridor.) Noch hör' ich ſeinen Tritt!— O mein Heißgeliebter!— Er entfernt ſich.— Nichts mehr zu hören.— Es iſt gut; wandle ſicher, o mein Rodolfo! 9 Hummel(Die große Thüre öffnet ſich.) (Angelo und Tisbe treten ein.) — 95— Achte Scene. Catarina. Angelo. Tisbe. Catarina(bei Seite). Was iſt das für eine Frau? Ach, jene von heute Nacht! Angelo. Habt Ihr Euch beſonnen, Signora? Catarina. Ja, Herr! Angelo. Ihr müßt ſterben oder mir den Mann nennen, der jenen Brief an Euch ſchrieb. Dachtet Ihr daran, ihn mir zu nennen, Signora? Catarina. In keinem Augenblick! Tisbe(bei Seite). Ha, Catarina, du biſt ein edles, muthiges Weib! (Angelo gibt Tisben ein Zeichen, die ihm eine ſilberne Phiole gibt. Er ſtellt dieſe auf den Tiſch.) Angelo. Nun, dann werdet Ihr dieſen Saft trinken! Catarina. Gift? Angelo. Ja, Signora! Catarina. O Gott, du wirſt einſt über dieſen Mann hier richten; Gott, ich bete zu dir, ſei ihm dann gnädiger! Angelo. Der Proveditore Urſeolo, ein Bragadini, einer von Euren Ahnen, Signora, ſtrafte ſein Weib Mar⸗ cella Galbai mit demſelben Tode für dieſelbe Schuld. Catarina. Laßt uns ohne Umſchweife ſprechen; — 962— es fragt ſich hier nicht um die Bragadini;— ſondern um Euch, und Ihr handelt ehrlos gemein! Da kommt Ihr ſo gleichgültig mit der Giftphiole in der Hand! Schuldig wär' ich? Nein, ich bin's nicht; wenigſtens nicht in dem Maße, wie Ihr wähnt; aber ich werde mich auch nicht erſt durch eine Rechtfertigung erniedrigen; wozu auch? Ihr, dem die Wahrheit fremd iſt, würdet mir ja auch keinen Glauben beimeſſen. Bei Gott! ich verachte Euch!— Ihr nahmt mich zur Gattin, weil ich — reich war, weil meine Familie ein Recht auf das Ci⸗ ſternenwaſſer Venedig's hat! Das überlegtet Ihr Euch und ſpracht dann:„Das trägt jährlich hunderttauſend Dukaten ein, ich heirathe das Mädchen!“ Und welches Leben verbracht' ich ſeit fünf Jahren an Eurer Seite? Sprecht!— Ihr liebt mich nicht und ſeid doch eiferſüchtig. Ihr haltet mich— gefangen und Euch— Mätreſſen;— ha, das dürft ihr! die Männer dürfen Alles! Stets waret Ihr hart und finſter gegen mich, Ihr gabet mir nie ein gutes Wort, Ihr ſpracht ſtets blos von Euren Ahnen, von den Dogen, die aus Eurem Stamme entſproſſen,— und erniedrigtet dabei mich in meiner Familie. Mögt Ihr wohl glauben, daß ſolche Dinge ein Weib glücklich ma⸗ chen? Oh, man muß gelitten haben, was ich litt, um zu wiſſen, was das Loos der Frauen iſt! Nun denn, ſo wißt, Signor! lang, bevor ich Euch kannte, liebte ich einen Mann, den ich noch liebe. Ihr tödtet mich dafür; wenn Ihr ein Recht dazu habt, ſo muß man bekennen, — 97— daß wir in einer gräßlichen Zeit leben.— Nicht wahr, Ihr ſeid ſehr glücklich, einen Brief— ein Stück Pa⸗ vier— einen— Vorwand zu beſitzen?! Gut! gut! Ihr richtet, Ihr verurtheilt mich und vollſtreckt in Einer Perſon das Urtheil— heimlich, nächtig,— durch Gift!— Ha, Ihr ſeid wirklich ſtark genug dazu! Pfui!'s iſt niederträchtig.(Sie wendet ſich zu Tisbe.) Was haltet Ihr von dieſem Manne, Signora? Angelo. Wahrt Eure Zunge... Catarina(zu Tisbe). Und Ihr, wer ſeid denn Ihr? Was wollt denn Ihr von mir? O herrlich iſt's, was Ihr mit mir hier vornehmt. Ihr ſeid die erklärte Mätreſſe meines Gatten, in Eurem Intereſſe lag's, mich zu verderben, Ihr ließt mich belauern, Ihr ergrifft mich auf der Schuld und ſetzt mir jetzt den Fuß auf den Scheitel; Ihr unterſtützt meinen Gatten bei dem ſchau⸗ derhaften Werk, das er beginnt,— wer weiß,— Ihr ſelbſt ſpielt ihm vielleicht das Gift für mich in die Hand! (zu Angelo) Was haltet Ihr von dieſem Weibe, Signor? Angelo. Signora! Catarina. In der That, wir haben alle Drei ein entſetzliches Vaterland. O das iſt mir ein verdrießlicher Freiſtaat, wo der Mann das Weib ſo ungeſtraft mißhan⸗ deln kann, wie Ihr, Signor, und wo die Andern ihm noch zu Ohren reden:„Bravo, wohlgethan! denn Fos⸗ cari ließ ja auch ſeine Tochter morden, Loredano ſein Weib,— Bragadini... Ich möcht' Euch fragen: iſt V. 7 das nicht niederträchtig? O! in dieſem Augenblick ſteht ganz Venedig in dieſem Gemach, ganz Venedig in euch Beiden, nichts fehlt daran.(Auf Angelo deutend) Hier: Venedig's Despot,(auf Tisbe weiſend) und da: Ve⸗ nedig's Metze!(Zu Tisbe) Sprach ich zu viel, Signora, — dann um ſo ſchlimmer für Euch; warum ſeid Ihr auch da? Angelo(ſie am Arme faſſend). Kommt zu Ende, Signora! kommt zu Ende. Catarina(nähert ſich dem Tiſche, auf welchem ſich das Fläſchchen mit Gift befindet.) Nun denn, ich will Eurem Wunſche willfahren,(ſie greift nach dem Fläſch⸗ chen) weil's ſein muß— 1...(sSie wankt zurück.) Nein!'s iſt gräßlich. Ich will nicht, ich kann's in alle Ewigkeit nicht.— O denkt noch ein bischen drüber nach, da's noch Zeit iſt; überlegt's noch einmal, Allgewaltiger! Ein Weib, ein einſam verlaſſenes, ſchwaches, wehrloſes Weib, das keine Verwandte hier hat, keine Familie, kei⸗ nen Freund, Niemand,— Niemand——, wollt Ihr er⸗ morden, wollt Ihr in einem Winkel ihres Hauſes feig⸗ elend vergiften!—— O Mutter, Mutter, Mutter! Tisbe. Arme Frau!. Catarina. Ihr ſpracht: Arme Frau,— ja Ihr ſprachts, Signora.— Ol ich hab's wohl gehört, o ſagt mir jetzt nicht, daß Ihrs eben nicht geſagt hättet.— Ihr fühlt doch Mitleid;— o laßt Euch erweichen, Ihr ſeht ja, daß man mich ermorden will. Oder ſeid auch Ihr — 99— dabei im Spiel? Nein,'s iſt nicht möglich; nicht wahr?— Hört mich an, ich will Euch, nur Euch— alles er⸗ klären, erzählen, Ihr könnt' es dann ſpäter dem Podeſta wieder berichten; Ihr könnt ihm ſagen, daß ſeine That ſchauderhaft iſt. Sagt ich's ſelbſt, ſo wärs ganz gleich⸗ gültig; ſagt Ihr's, ſo hat es vielleicht mehr Erfolg. Oft genügt ja ein Wort, um jemand zur Vernunft zu bringen, wenn nur ein Dritter es ſpricht. Hab' ich Euch eben beleidigt, ſo verzeiht mir; Signora, nie that ich etwas Böſes, etwas wirklich Böſes. Meine Ehre blieb immer rein. Ihr verſteht mich, ja, ich ſeh's deut⸗ lich,— aber meinem Gatten kann ich das nicht ſagen; die Männer wollen uns ja niemals glauben, das wißt Ihr gewiß, und doch fagen wir ihnen oft Dinge, die in der That wahr ſind. Sagt mir nicht, Signora, ich ſolle Muth faßen, ich bitt' Euch. Muß ich's etwa? Ich ſchäme mich nicht, bloß ein ſchwaches Weib zu ſein, mit dem man Mitleid haben muß;— ich weine, weil ich mich vor dem Sterben fürchte und dafür kann ich nichts. . Angelo. Signora, ich kann nicht länger warten. Catarina. Ah, Ihr unterbrecht mich.(Zu Tisbe.) Ihr ſeht's, daß er mich unterbricht; das iſt nicht recht; denn er ſah, daß ich Dinge zu Euch ſprach, die Euch eben zu bewegen begannen;— und jetzt verhindert er mich, mit Euch zu ſprechen, und erſtickt mir das Wort auf den Lippen.(Zu Angelo.)— Ihr ſeid ein Scheuſal! Angelo. Das Maas ſchaͤumt über. Catarina Bra⸗ 7* — 100— r gadini, Euer Verbrechen lechzt nach Strafe, dies offne Grab nach einem Sarg und der Schimpf am Gatten nach dem Tode der Gattin; bei Gott im Himmel ſei's geſchworen: Weib, deine Lippen vergeuden ihre Worte. (Das Gift zeigend.) Wollt Ihr, Signora? Catarina. Nein, nein! Angelo. Nicht?— Nun ſo komm ich auf mei⸗ nen erſten Vorſatz zurück! Schwerter! Schwerter!— Troilo! Man hole ihn mir herbei!— Ich gehe dran. (Er eilt durch die Mittelthüre ab, die man ihn von außen verſchließen hört.) Neunte Seene. Catarina. Tiebe. Tisbe. Hört mich an, ſchnell! ſchnell! Wir haben blos einen Augenblick frei. Weil Ihr es ſeid, die er liebt, ſo muß ich blos an Euch denken. Thut, was man von Euch verlangt, oder Ihr ſeid verloren; ich kann mich jetzt nicht deutlicher erklären. Ihr ſeid nicht klug. Kaum entſchlüpfte mir der Ausruf: Arme Frau, ſo wie⸗ derholtet Ihr ihn wie eine Wahnſinnige, ganz laut, vor den Ohren des Podeſta, der daraus leicht Argwohn ſchöpfen kann. Erklärt' ich Euch alles, ſo wäret Ihr mit Eins zu aufgeregt,— beginget irgend eine Unvorſichtig⸗ keit und alles wäre verloren.— Duldet alles! Trinkt! Seht, Schwerter geben nachträglich keinen Pardon; wie⸗ — 101— derſtrebt nicht länger. Was ſoll ich ſagen? Ihr ſeid ja geliebt, und ich möchte, daß mir irgend jemand zu Dank verpflichtet würde. Ihr begreift nicht, was ich Euch da ſage,— ach, erklärt' ich's Euch, es riße mir das Herz aus dem Leibe! Catarina. Signora!... Tisbe. Thut, was man Euch beſiehlt; wieder⸗ ſtrebt nicht; mit keinem Laut! Hauptſächlich aber erſchüt⸗ tert das Vertrauen nicht, welches Euer Gatte zu mir hegt. Verſteht Ihr mich? Ich wage— da Ihr ſo wahn⸗ ſinnig ſeid, meine Worte zu wiederholen— es nicht Euch mehr zu ſagen. Ja, es gibt wohl in dieſem Gemach ein armes Weib, das ſterben muß,— aber— Ihr ſeid es nicht. Catarina. Ich will alles thun, was Ihr wollt, Signora. Tisbe. Gut!— Ich höre ihn zurückkommen. (Tisbe tritt im Augenblicke, wo die Mittel⸗ thüre aufgeht, vor dieſelbe; zu Angelo:) Kommt herein Signor, aber allein, allein! (Man ſieht draußen im anſtoßenden Gemache die Sbirren mit nakten Schwertern. An⸗ gelo tritt ein. Die Thüre wird geſchloſſen.) Zehnte Scene. Catarina, Tisbe, Angelo. Tisbe. Sie entſcheidet ſich für's Gift. Angelo Gu Catarina.) Dann nehmt es auch alſo⸗ gleich, Signora. Catarina(die Phiole ergreifend.)(Zu Tisbe.) Ich weiß, daß Ihr die Maitreſſe meines Gatten ſeid. Wäre der geheime Gedanke Eurer Seele— Verrath, Luſt, mich zu verderben, oder ein Streben meinen Platz ein⸗ zunehmen, um den Ihr mich nur mit großem Unrecht beneiden könnt,— Ihr beginget eine entſetzliche That, Signora; wenn's auch hart iſt, mit zwei und zwanzig Jahren ſchon ſterben zu müßen, ich würde es Eurem Beginnen doch immer noch vorziehen. (Sie trinkt.) Tisbe(für ſich. Mein Gott! Sie verſchwendet ihre Worte. Angelo(zur Thüre gehend, die er auflehnt.) Ent⸗ fernt Euch! Catarina. Ach, dieſer Trank vereist mein Blut. (Tisbe anſtarrend.) Ach—— Signora!(Zu Angelo.) Seid Ihr zufrieden, Signor? Ich fühle wohl, daß es an's Leben geht; ich fürchte Euch nicht mehr. Drum ſag ich's Euch jetzt, wie ich es bald vor meinem Gott ſagen werde, Euch, der Ihr an mir als Teufe! han⸗ delt:— ich liebte einen Andern, doch ich bin rein und unbefleckt. Angelo. Ich Nanbe Euch nicht, Signora. Tisbe Ckür ſich.) Doch ich glaub' es ihr, ich! Catarina. Ich fühle, wie meine Kräfte ſchwin⸗ den.— Nein!. Nicht auf den Stuhl hier!... Berührt mich nicht. Ich ſagt' es Euch ſchon: Ihr ſeid — 103— ein Niederträchtiger!(Sie wankt gegen ihr Orator zu.) Ich will knieend ſterben,— vor dem Altar,— allein— ruhig— unbegafft von Euren Blicken....(Als ſie die Thüre erreicht hat, hält ſie ſich an der Leiſte.) Ich will im Gebete zu meinem Gotte ſterben——(zZu Angelo.) —— Im Gebete für— Euch.(Sie tritt in's Orator.) Angelo. Troilo!(Der Thürſteher tritt ein.) Hole aus meinem Almoſenſeckel den Schlüſſel zu meinem heimlichen Sale; dort wirſt du zwei Leute finden. Führe ſte ſchweigend hieher.(Der Thürſteher ab.)(Zu Tisbe.) — Ich muß jetzt die Feſtgenommenen verhören. Wenn ich mich mit den zwei Wächtern beſprochen habe, vertraue ich Euch, Tisbe, die Beſtellung von allem, was noch zu vollbringen ſteht,— hauptſächlich aber: Alles geheim zu halten!(Der Thürſteher bringt die beiden Wächter und ent⸗ fernt ſich dann.) Eilfte Scene. Angelo. Tisbe. Die zwei Wächter. Angelo(zu den beiden Wächtern.) Man hat ſich Eurer ſchon öfter bei nächtlichen Werken in dieſem Pallaſte bedient; Ihr kennt alſo das Grab⸗ gewölbe?. Der eine Wächter. Ja, Monſignor. Angelo. Gibt es drunten ſo heimliche Gänge, daß Ihr an einem Tage, wie heute, da der Pallaſt von Sol⸗ daten wimmelt, von keinem Auge bemerkt, zur Gruft hin⸗ — 104— abſteigen, in dieſelbe hineingelangen und Euch dann aus dem Pallaſt wieder entfernen könnt? Der Wächter. Allerdings können wir's unbemerkt, Monſignor!. Angelo. Gut!(Er lehnt die Thüre des Orators auf.) (Zu den zwei Wächtern.) Da drinnen iſt eine Frau geſtorben, die Ihr heimlich in die Gruft herabzubringen habt. Ihr werdet dort eine aus dem Fußboden ausgehobene Platte und ein offnes Grab finden, die Leiche jener Frau hineinſenken und den Stein wieder darüber einpaſſen. Verſteht Ihr? Der Wächter. Ganz wohl, Monſignor! Angelo. Ihr müßt den Weg durch mein Gemach nehmen. Ich will jedermann ferne halten.(Zu Tisbe.) Seht zu, das alles unter'm Schleier der Heimlichkeit beendet wird.(ab.) Tisbe(aus ihrer Almoſentaſche eine volle Börſe her⸗ vorziehend, zu den beiden Wächtern.) In dieſer Börſe ſind zweihundert Goldzechinen; ſie ſind für Euch, und das Doppelte ſollt Ihr morgen er⸗ halten, wenn Ihr alles vollbringt, was ich Euch auf⸗ trage. Die Wächter. Topp, Signora. Wohin ſollen wir gehn? Tisbe. Zuerſt in die Gruft! — 105— ZBweite Abtheilung. (Ein Schlafgemach. Im Hintergrund ein Alcoven mit Vorhängen, darin ein Bette. Zu jeder Seite des Aleo⸗ vens eine Thüre, die zur Rechten iſt durch die Tapete verklei⸗ det. Tiſche, Möbel, Armſtühle, worauf Masken, Fächer, halboffene Schmuckkäſtchen, Theatercoſtüme zerſtreut herum⸗ liegen.) Erſte Scene. Tisbe. Die zwei Wächter. Ein ſchwarzer Page. (Catarina liegt, in ein Leichentuch gehüllt, auf dem Bette; man bemerkt auf ihrer Bruſt das kupferne Crucifix.) (Tisbe nimmt einen Spiegel und enthüllt das blaſſe Antlitz Catarina's.) Tisde(zum ſchwarzen Pagen.) Nähere dich mit dem Licht!(Sie hält den Sviegel vor Catarinens Lippen.) Ich bin beruhigt!(Sie zieht die Vorhänge des Alcovens zu.) (Zu den drei Wächtern.) Seid Ihr deſſen auch ſicher, daß Euch auf Eurem Wege vom Pallaſte hieher Niemand ſah? Der eine Wäachter. Die Nacht iſt ſehr dunkel, die Straßen der Stadt — 106— ſind um dieſe Stunde menſchenleer. Ihr wißt wohl, Signora, daß wir Niemand begegneten, Ihr ſahet ſelbſt, wie wir den Sarg in das Grab herabließen und dieß mit der Steinplatte wieder bedeckten. Fürchtet nichts! Wir wiſſen zwar nicht, ob jene Frau wirklich todt iſt, aber das ſteht feſt, daß ſie für den Glauben der ganzen Welt im Grabe beſiegelt liegt;— Ihr könnt nun damit anſtellen, was Ihr wollt. Tisbe. Gut. CZu dem ſchwarzen Pagen.) Wo ſind die Männeranzüge, die ich dir bereit zu halten befahl? Der ſchwarze Page (auf ein im Dunkeln liegendes Paket zeigend.) Hier, Signora! Tisbe. Sind die zwei Pferde, die du mir beſtel⸗ len ſollteſt, im Hofe?. Der ſchwarze Page. Gezäumt und geſattelt! Tisbe. Sind's gute Renner? Der ſchwarze Page. Ich hafte Euch dafür, Signora. Tisbe. Gut! gut! Czu den zwei Wächtern.) Sagt mir, Ihr zwei, wie lange braucht man— wenn man gute Pferde hat, um übers Venezianiſche Gebiet hin⸗ aus zu kommen? Der Wächter. Je nachdem; der kürzeſte Weg führt über Montebacco, was ſchon päbſtlich iſt. Dahin braucht man drei Stunden; der Weg iſt gut. Tisbe. Soviel iſt hinreichend.— Geht jetzt!— — 107— Schweigt über dieß alles und kommt morgen früh wie⸗ der, um den Lohn zu empfangen, den ich Euch verſprach. (Die beiden Wächter gehen.)(Zum ſchwarzen Pagen.) Du geh' jetzt und ſchließe das Thor. Laſſe Niemand ein, welchen Vorwand man immer auch nehme! Der ſchwarze Page. Signor Rodolfo hat ſei⸗ nen beſondern Eingang; ſoll ich auch dieſen verſchließen? Tisbe. Nein; den laß' offen! Wenn er kommt, mag er eintreten, aber bloß er allein und Niemand ſonſt. Trage Sorge, daß keine Seele herein gelange, haupt⸗ ſächlich, wenn Rodolfo käme. Komme. Selbſt du komm nur dann, wenn ich dich rufe. Jetzt laß mich allein. (Der ſchwarze Page entfernt ſich.) Zweite Scene. Tisbe. Catarina(im Alcoven.) Tisbe. Ich denke: wir werden nicht mehr gar zu lange zu warten haben.— Sie ſträubte ſich ſo gegen das Sterben;— ich begreife das— man mag wohl freilich nicht ſterben, wenn man weiß, daß man geliebt wird!—— Sonſt—— lieber ſterben als ungeliebt leben!——(Sie wendet ſich gegen das Bette.) O du wärſt mit Freuden geſtorben, nicht wahr? Der Kopf brennt mir, es ſind ja ſchon drei Nächte, daß ich nicht ſchlafe;— vorgeſtern wegen des Feſtes, geſtern wegen des Stelldicheins, wobei ich ſie überraſche;— — 108— heute... Nun, in der nächſten Nacht werd ich gewiß ſchlafen!(Sie wirft einige Blicke auf ihre herumliegenden Toilettengegenſtände vom Theater.) Ach ja, wir Schauſpielerinnen ſind ſehr glücklich; man beklatſcht uns, wenn wir auf der Bühne ſtehn!—„Wie ſchön ſpieltet Ihr die Rosmonda, Signora!“ Die Tho⸗ ren!— Ja, man bewundert uns, man findet uns ſchön, man kränzt uns mit Blumen, aber das Herz verblutet uns drunter.— O Rodolfo! Rodolfo!— Der Glaube an ſeine Liebe war die erſte Bedingung meines Lebens,— als ich noch dran glaubte, dacht' ich mir oft: wenn ich ſterbe, möcht' ich an ſeiner Bruſt ſterben, ſo ſterben, daß mein Gedächtniß unausreißbar in ſeiner Seele haf⸗ ten bliebe, daß mein Schatten ſtets an ſeiner Seite ginge, zwiſchen allen andern Frauen und ihm!— OSter⸗ ben iſt nichts;— vergeſſen— alles!— Aber er ſoll mich nicht vergeſſen können;— ach, ſoweit bin ich alſo gekommen, ſo tief gefallen; das hat die Welt für mich gethan;— das wird die Liebe aus mir machen! (Sie geht ans Bette, ſchlägt die Vorhänge auseinander, ſtarrt Catarina ein paar Au⸗ genblicke lang an und nimmt das Crucifix.) O Nutter! Mutter! wenn dieß Kreuz je irgend wem auf Erden Segen brachte,— deiner Tochter brachte es keinen!—(Sie legt das Crucifix auf den Tiſch. Die ver⸗ borgene kleine Thüre öffnet ſich. Rodolfo tritt herein.) — 109— Dritte Scene. Tisbe. Rodolfo. Catarina(immer noch im verſchloſſenen Alcoven.) Tisbe. Ihr ſeids, Rodolfo;— ach, um ſo beſſer! Ich habe eben mit Euch zu ſprechen. Hört mich an! Rodolfo. Auch ich habe mit Euch zu ſprechen, und das Anhörenmüßen iſt an Euch, Signora! Tisbe. Rodolfo! Rodolfo. Seid Ihr allein, Signora? Tisbe. Ja! Rodolfo. Trefft Anſtalten, daß uns Niemand ſtöre. Tisbe. Dafür iſt bereits geſorgt. 8 Rodolfo. Erlaubt mir, dieſe beiden Thüren zu verſchließen.(Er verriegelt beide Thüren.) Tisbe. Ich erwarte, was Ihr mir zu ſagen habt. Rodolfo. Woher kommt Ihr? Weshalb ſeid Ihr ſo blaß? Was thatet Ihr heute? Sprecht! Was began⸗ nen dieſe Eure Hände! Antwortet! Wo verbrachtet Ihr die gräulichen Stunden dieſes Tages? Erwiedert! Ihr ſchweigt? Nun ſo will i ch's Euch ſagen;— entgegnet nichts, laugnet nicht, erfindet mir kein Mährchen, keine Lüge; Ich weiß alles,— alles,— ſag' ich Euch. Ihr ſeht wohl, daß ich alles weiß, Signora! Dafne war dort, blos zwei Schritte fern von Euch— blos durch eine Thüre geſchieden— im Orator;— dort, Euch ſo nah, ſah, hörte ſie alles... Halt, ich will Euch Eure Worte — 110—— von dort wieder ſagen. Der Podeſta ſprach:„Ich habe kein Gift.“— Ihr gabt ihm dann die Antwort:„Aber ich, ich.—„Ja, ich habs! ich habs“ ſagtet Ihr. Spracht Ihr dieß? Ja oder nein! Lügt doch ein wenig, laßt ſehn!— Ah, Ihr habt Gift, Ihr, nun— und ich, ich hab' einen Dolch!(Er zieht einen Dolch vom Herzen hervor.) 4’ Tisbe. Rodolfo.. Rodolfo. Ihr habt eine Viertelſtunde, Signora, um Euch zum Tode vorzubereiten. Tisbe. Ah, Ihr tödtet mich.— Das iſt der erſte Gedanke, der Euch ankommt? Ihr wollt mich alſo tö⸗ dten? Ihr ſelbſt? Und gleich? Ohne länger zu warten? Ohne Eurer Sache gewiß zu ſein? Ihr könnt einen ſol⸗ chen Entſchluß— ſo leicht faſſen? Ihr nehmt jetzt keinen, keinen andern Antheil mehr an mir? Ihr tödtet mich aus Liebe zu einer Andern! O Rodolfo, ſo iſt's alſo doch wirklich wahr!... Laßt mich's von Euren eig⸗ nen Lippen hören: Ihr habt mich nie geliebt!? Rodolfo. Nie! Tisbe. Nun, ſo tödtet mich dieß Wort, Unſeli⸗ ger, und dein Dolch vollendet nur den Mord. Rodolfo. Ich— Euch lieben!? Nein, ich liebte Euch nie; dem Himmel ſei Dank, ich darf mich deſſen rühmen.— Höchſtens war's Mitleid, was ich je für Euch empfand. —— — 111— Tisbe. Undankbarer! Doch noch ein Wort! Sag' mir: Liebteſt du denn ſie? Rodolfo. Sie! Sie! Ob ich ſie liebte! Ja, wißt es, denn es iſt Eure Narter, es zu hören, Unſelige!— Ob ich ſie liebte!— Wie ich ſie liebte?— Als ein rei⸗ nes, keuſches, geweihtes Heiligthum, als meinen Altar, als mein Leben, als mein Herzblut, als meinen Schatz, als meinen Troſt, als meinen Gedanken, als mein Au⸗ genlicht liebte ich ſie! Tisbe. Iſts ſo, dann handelte ich recht. Rodolfo. Ihr handeltet recht? Tisbe. Ja!— Biſt du deſſen gewiß, was ich that? Rodolfo. Nein, nein!— Zum Zweitenmal ſprecht Ihr ja ſo! Aber Dafne war dort zugegen, ich wiederhohl' Euchs, Dafne war dort, und was ſie mir erzählte, klingt mir noch im Ohr:„Herr, Herr! Es waren bloß drei Menſchen im Gemach, ſie, der Podeſta, und ein anderes, ſchreckliches Weſen, das der Podeſta— Tisbe nannte! Herr, zwei lange Stunden des Todes⸗ kampfes und Erbarmens hielten ſie die Ärmſte dort, ſie weinte, flehte inbrünſtig um ihr Leben, um Gnade!— O heiß geliebte Catarina! du flehteſt um dein Leben, lagſt, die Hände gefaltet, auf den Knieen zu ihren Füßen, und ſie ſagten: Nein!—„Und dieſe Tisbe ging, das Gift zu holen, und dieſe Tisbe zwang die Unglückſelige, es zu trinken. Selbſt die arme Leiche, o Herr, ent⸗ führte dieß Ungeheuer von einem Weibe, dieſe Tisbe!—“ — 12— Wo habt Ihr die Leiche hingebracht? Ha, das that dieſe Tisbe. Und— jetzt... ob ich deſſen gewiß bin?.. (Er zieht ein Tuch aus der Bruſtv.) Dieſes Tuch fand ich bei Catarina; wem gehört es?— Euch! Cihr das Cru⸗ eifix zeigend.) Dies Crucifix— ich find' es bei Euch;— wem gehörte es?— Ihr!— Ob ich deſſen ſicher bin?— Nun! Betet, weint, ſchreit, winſelt um Gnade, aber macht alles dieſes ſchnell ab;— wir müſſen zu Ende kommen. Tisbe. Rodolfo!.. Rodolfo. Was könnt Ihr vorbringen, um Euch zu rechtfertigen? Thut's raſch;— augenblicklich! Tisbe. Nichts hab' ich vorzubringen, Rodolfo; alles, was man dir ſagte, iſt die lautre Wahrheit; glaub' alles.— O Rodolfo, du kommſt mir zu gelegner Zeit, ich wollte ſterben; ich ſuchte eben nach einem Mittel, wie ich in deiner Nähe, zu deinen Füßen ſterben könnte. Von deiner Hand ſterben zu dürfen, o das iſt mehr, als ich je zu hoffen wagte. Von deiner Hand ſterben! Ach, vielleicht ſänke ich in deine Arme.— Ich danke dir;— ich weiß ja doch wenigſtens das Eine gewiß, daß du meine letzten Worte hören wirſt, mein letzter Hauch wird dich, wenn du ihn auch nicht haben willſt, umwehen. Siehſt du, ich, ich habe keinen Drang mehr zu leben. Du liebſt mich nicht,— o tödte mich! Das iſt das einzige Geſchenk, Rodolfo, was du mir ſpenden — 113— kannſt. Nun, willſt du mir den Liebesdienſt erweiſen? Du ſprachſt es ſchon aus; ich danke dir! Rodolfo. Signora!— Tisbe. Ich will dir ſagen.—— Höre mich nur einen Augenblick an.— Ich war immer beklagenswerth, ach,— das ſind keine Worte, das iſt der Ueberdrang eines armen ſchwellenden Herzens.— Man hat mit uns armen Geſchöpfen wenig Mitleid, man thut Unrecht da⸗ ran, man weiß nicht, wieviel Muth und Tugend oft in uns wohnt.— Glaubſt du wohl, daß ich mich brünſtig an's Leben klammern müßte? Denk'’ nur: als Kind bettelte ich, mit ſechszehn Jahren hatte ich keinen Biſſen Brod; große Herren rafften mich von der Straße auf; aus einem Sumpf wurde ich in den andern geſchleudert,— Hun⸗ gern galt's oder— Orgien!— ſagen läßt ſich's freilich leicht:„Sterbet lieber Hungers,“— ah, ich habe viel ge⸗ litten.— Ach ja das Mitleid iſt blos für die großen reichen Edeldamen erſchaffen; weinen ſie, ſo finden ſie Troſt,— Entſchuldigung, wenn ſie einen Fehltritt thun, und doch beklagen ſie ſich!— Aber wir, wir! für uns iſt alles zu gut, man tritt uns in den Staub nieder.— Immer voran, armes Weib, geh;— worüber beklagſt du dich? Alle ſind gegen dich! O, biſt du denn zu was beſſerem, als blos zum Elend erſchaffen, du als— Freudenmädchen!?— Rodolfo, fühlſt du nicht, daß ich gerade in meiner Lage nach einem Herzen mich ſehnen mußte, das das meinige ver⸗ ſtand? Hab' ich keine Seele, die mich liebt, ſag, was V. 8 — 114— willſt du, daß aus mir werden ſoll? Ich ſage dir das nicht, um dich zu erweichen,— wozu auch? s iſt ja jetzt alles umſonſt— aber, ach, ich liebe dich. Rodolfo, bis zu welcher Grenze dies arme Geſchöpf, das dir ſagt: Ich liebe dich, dich— ja dich— wirklich liebte,— das wirſt du erſt ganz ſehen, wenn ich nicht mehr bin. Halt, ſag, ſind's nicht ſechs Monate, ſeit ich dich kenne? Nicht? Sechs Monate lange ſaug' ich aus deinem Blick mein Leben, aus deinem Lächeln meine Wonne, wird dein Athem meine Seele. Nun denn, urtheile: In ſechs Monaten dacht' ich nicht einen Augenblick an das, was meines Lebens einzige Bedingung iſt:— daß du mich lieb⸗ teſt. Du weißt, daß ich dich ſtets durch meine Eifer⸗ ſucht langweilte, ich hatte tauſenderlei Spuren, die mich verwirrten; jetzt iſt mir freilich alles klar; jetzt will ich dir nicht mehr damit zur Laſt fallen,'s iſt ja nicht deine Schuld; ich weiß, daß deine Gedanken ſeit ſieben Jahren an ihr hingen;— ich diente dir nur zur Zerſtreuung, zum Zeitvertreib, das alles iſt ſehr klar und einfach.— Doch was willſt du, daß ich jetzt be⸗ ginne? Ohne deine Liebe leben?— das kann ich nicht. Und doch muß man athmen; durch dich athme ich noch. Sieh— du hörſt mich nicht einmal an. Ermüdet's dich, was ich zu dir rede? Ach, ich bin wahrlich ſo elend, daß, glaub ich, wer mich ſo ſähe, Mitleid mit mir haben müßte. Rodolfo. Ob ich alles ſicher weiß?!— Der Po⸗ deſta holte vier Sbirren und während dem ſagtet Ihr ihr ganz leiſe ſchauderhafte Dinge in's Ohr, die ſie be⸗ ſtimmten, das Gift zu trinken.— Signora, ſeht Ihr nicht, daß mein Verſtand aus dem Gleiſe tritt? Signora, Wo iſt Catarina? Wo? Wo? Sprecht! Wißt Ihr, daß es das einzige Weib iſt, das ich je liebte? Das einzige, das einzige,— hört Ihr's? Das einzige!? Tisbe. Das einzige! das einzige! O's iſt grau⸗ ſam, mir ſo viele Wort⸗Dolchſtöße zu geben; ſchenkt mir aus Erbarmen den letzten— mit dieſem Eiſen! (Sie zeigt ihm das Meſſer, das er in der Hand hält.) 4 Rodolfo. Wo iſt Catarina? Die einzige, die ich liebe, die einzige! Tisbe. O du haſt kein Mitleid, du brichſt mir das Herz—— Nun denn, wiſſe: ja, ich haſſe dies Weib, hörſt du?— ich haſſe es! Ja, man ſagte dir die Wahr⸗ heit: ich rächte mich, ich— habe ſie vergiftet— ge⸗ tödtet!— Rodolfo. Ha, ſo geſteht Ihr's alſo? Seht! Seht! Ihr ſelbſt ſprecht es aus. O bei Gott, ich glaube: Elende, Ihr rühmt Euch noch Eurer That! Tisbe. Ja; und wiſſe: was ich that,— ich könnt' es nochmals thun! Stoß zu! Rodolfo amit furchtbar erhobner Stimme). Sig⸗ nora!... — 116— Tisbe. Ich habe ſie getödtet; ſag' ich dir. Stoß zu! Rodolfo. Elende!(Er erſticht ſie.) Tisbe(zu Boden ſinkend). Ah— in's Herz hinein; du trafſt gut!— Mein Rodolfo! deine Hand! (Sie ergreift ſeine Hand und küßt ſie) Ich danke dir, du haſt mich befreit. Laſſe ſie mir, dieſe — deine Hand! Ich will dir ja nichts zu Leide thun, gelt? Mein geliebter Rodolfo, du warſt außer dir, als du hereintratſt,—— doch, als du den Dolch zuckteſt, und wie du's ſprachſt:„Ihr habt noch eine Viertel⸗ ſtunde zu leben“— da konnte ich nach ſolchen Worten nicht länger leben.— Jetzt ſterb' ich, drum ſei edel, ſag mir ein Wort des Mitleids; ich glaube, du thuſt's wohl. Rodolfo. Ha, Signora!——— Tisbe. Ein Wort des Mitleids?— Willſt du? (Man hört eine Stimme hinter den Vorhängen des Alcovens.) Catarina. Wo bin ich? Rodolfo! Rodolfo. Was hör' ich? Welche Stimme? (Er wendet ſich um und gewahrt die weiße Ge⸗ ſtalt Catarina's, welche zwiſchen den Vor⸗ hängen herausſieht.) Catarina. Rodolfo! Rodolfo(eilt zu ihr und trägt ſie in ſeinen Armen heraus)— Großer Gott! Catarina, du hier, und— le⸗ bendig? Wie hängt dies zuſammen? Gerechter Himmel! (Er wendet ſich zu Tisbe) Wehe, wehe, was hab' ich gethan! — 117— Tisbe(ſchlevpt ſich lächelnd zu ihm). Nichts,— du thatſt nichts; ich ſelbſt that alles; ich wollte ſterben, ich führte dir die Hand. Rodolfo. Catarina, du lebſt!— Großer Gott, und wer hat dich gerettet?— Tisbe. Ich— für dich! Rodolfo. Tisbe! Tisbe!— Zu Hülfe! O ich Elender! Tisbe. Hülfe iſt umſonſt; ich fühl es. Ich danke dir.— O gib dich ſo ganz der Freude hin, als wenn ich gar nicht hier wäre; ich möchte ſie nicht ſtören. Ich weiß, daß du zufrieden ſein mußt. Ich betrog den Po⸗ deſta und gab ihr einen Schlaftrunk ſtatt des Giftes; alle Welt hielt ſie für todte während ſie nur— ſchlief. — Roſſe ſind für Euch bereit,— Männerkleider für ſie— Reiſet augenblicklichſt ab. In drei Stunden ſeid Ihr außerhalb venezianiſchen Gebiets. Seid glücklich! Sie iſt wieder frei vom Zwang der Ehe, todt für den Podeſta, lebendig für dich! Findeſt du, daß meine An⸗ ſtalten gut waren?... Rodolfo. Catarina... Tisbe! (Er ſinkt vor der ſterbenden Tisbe, auf welche er unverwandt blickt, auf die Kniee.) Tisbe(mit brechender Stimme). Ich fühle die Nähe des Todes. Du denkſt vielleicht manchmal an mich, gelt ja? und ſagſt dann:„Nun, am Ende war es doch ein — u1s— gutes Geſchöpf, die arme Tisbe!“ O das wird mich — im Grabe vor Freude zittern machen.—— Lebt wohl! Erlaubt mir, Signora, noch einmal:„mein Ro⸗ dolfo, lebe wohl mein Rodolfo!“ zu ſagen.—— Jetzt reiſet ſchleunig ab!— Ich ſterbe.— Lebet!—— Ich ſegne dich!(Sie ſtirbt.) Deutſch O. L. B. Wolff. 2 — .— — 8 2 Verſonen. Marion de Lorme. Didier. Ludwig XIII. Der Marquis von Saverny. Der Marquis von Nangis. L Angely. Herr von Laffemas. Der Herzog von Bellegarde. Der Marquis von Brichanteau. Der Graf von Gaſſs. Der Vicomte v. Bonchavannes. Officiere vom Regi⸗ Der Chevalier von Rochebaron. mente d'Anjou. Der Graf von Villac. Der Chevalier von Montpeſat. Der Scaramuz. Der Gracioſo. Der Taillebras. Der öffentliche Ausrufer. Der wachhabende Hauptmann der Stadt Blois. Ein Kerkermeiſter. Ein Greffier. Ein königlicher Rath. Dame Roſa. Hofleute. Schauſpieler, Arbeiter, Garden, Volk, Pagen. 1638. Schauſpieler in der Provinz. — 121— Erſte Handlung. Das Rendezvous. Perſonen:— Marion de Lorme. Der Marquis von Sa⸗ Didier. verny. Dame Roſa. (Die Handlung geht in Blois vor.) (Ein Schlafzimmer.— Im Hintergrunde ein auf einen Balkon gehendes geöffnetes Fenſter. Rechts ein Tiſch mit ei⸗ ner Lamye und ein Lehnſtuhl.— Links eine Thür mit einem Vorhange.— Im dunkeln Theile der Bühne ein Bett.) Erſte Scene. Marion de Lorme(in ſehr geputztem Negligé ſitzt neben dem Ciſche und iſt mit einer Stickerei beſchäftigt.) Der Marquis von Saverny,(ein ſehr junger blon⸗ der Mann, ohne Schnurrbart, nach der neueſten Mode von 1638 gekleidet.) Saverny(ſch Marion nähernd und verſuchend⸗ ſie zu umarmen.) Wir wollen uns verſöhnen, liebe Kleine. 3 Marion(ihn zurückweiſend.) Nur nicht ſo nahe, wenn ich bitten darf. Saverny. Nur einen Kuß! Marion(êornig). Mein Herr Marquis! Saverny. Wie böſe. Sonſt hatten deine Lippen beſſ're Launen. 1 Marion. Sie ſcheinen zu vergeſſen— Saverny. 3 Ei bewahre! Ich kann mich wohl erinnern, ſchönes Kind. Marion. Der Widerwärtige! Der Läſtige! Saverny. O ſagen Sie mir doch, Mademoiſelle, Was ſoll man davon denken, daß Paris So plötzlich Sie verließen?— Und weßhalb Find' ich Sie hier in Blois verborgen, während Man auf der Place royale umſonſt Sie ſucht? O Ungetreue— ſeit zwei langen Monden, Was hat man unterdeſſen hier gethan? Marion. Ich thue, was ich will,— will, was ich ſoll. Denn ich bin frei, mein Herr. Saverny. Frei, meine Dame? — 123— Sind Jene gleichfalls frei, die Sie gefeſſelt? Ich; Gondi, der die Hälfte ſeiner Meſſe Neulich im Stiche ließ, weil ein Duell Er Ihretwegen hatte; Nesmond und Le Preſſigny, d'Arquis, die zwei Cauſſades, Verdrießlich Alle über Ihre Flucht, So ſchlecht gelaunt, daß ihre Frauen ſelbſt Mit ihnen nach Paris zurück Sie wünſchen, Damit die Männer wieder heit'rer werden. 3 Marion. Und Bauvillain? Saverny. Er liebt Sie ſtets. Marion. Ceroſte? 3 Saverny. Betet Sie an. Marion. Und Pons? Saverny. Der g'rade haßt Sie. Marion. Der liebt allein— der alte Präſident. Clachend) Sein Name ſchon. Clauter lachend) Leloup! Saverny. Hat unterdeſſen Doch Ihr Portrait und ſchmiedet Elegieen. Marion. Zwei Jahre liebt er mich nun ſchon im Bilde. Saverny. Weit lieber möcht' er Sie verbrennen. Doch Kann man ſo viele Freunde flieh'n? Marion(ernſthaft und die Augen niederſchlagend) Marquis! Das eben iſt, um frei herauszuſprechen, Der Grund von meiner Pflicht. Die Sünden alle, Die glänzenden, die mich— noch jung— verführten, Sie ließen Reue mir zurück im Herzen. Ein ſündenvolles, ein beflecktes Leben Will in der Einſamkeit, rielleicht im Kloſter Ich büßen. Saverny. Wetten wir, dahinter ſteckt Ein Liebeshändelchen. Marion. Sie glauben wirklich..... Saverny. Daß ſolcher Augen Blitze und den Schleier Man nimmermehr zuſammen ſah— Unmöglich.— Nicht doch— Sie lieben— hier— in der Provinz!— So herrlichem Romane ſolcher Schluß! Marion. Ei nicht doch.— — 125— Saverny. Wetten wir. Marion. Roſa, was iſt die Uhr? Dame Roſa(von draußen.) Bald Mitternacht.— Marion(fſür ſich.) Schon! Saverny. Feine Wendung, um mir zu ſagen: Geh'n Sie.— Marion. . Eingezogen 8 Leb' ich, empfange Niemand; Niemand kennt mich— Sie könnten, weih's ſo ſpät ſchon, Unglück haben— Denn öd' iſt dieſe Straße, voll von Dieben.— Sasverny. Sei's! Man beſtehle mich.— Marion. Sie morden oft. Saverny. Man wird mich morden. Marion. Aber.... Saverny. 83 Sie ſind göttlich! Doch eh' ich gehe, muſſen Sie mir ſagen, — 126— Wer denn der hochbeglückte Schäfer iſt, Der auf uns Alle folgt.— Wer iſt es?— Marion. Niemand! Saverny. Ich werd' es ſicherlich nicht weiter ſchwätzen. Man hält uns Herrn vom Hof für tolle Leute, Für Läſterer, Neugier'ge, Indiserete— Wir plaudern immer, doch wir reden nie. Sie ſchweigen.—(Er ſetzt ſich) Nun da bleib' ich, ſchönes Kind. Marion. Nun dann— was thut's?= Ich liebe Jemanden Und ich erwart' ihn, ja. Saverny. Das heiß ich doch Vernünftig reden und zur rechten Stunde. Doch wo erwarten Sie den Theuren? Marion. Hier. Savern y. Und wann? Marion. 3 Im Augenblick.— Vielleicht iſt er's. (Sie geht zum Balkon und horcht.) (Zurückkehrend) Nein.(Zu Saverny) Sind Sie nun zufrieden? — 127— Saverny. Noch nicht ganz. Marion. Ich bitte.— Geh'n Sie. Saverny. Ja, doch nennen Sie Den Hochbeglückten mir, der mich vertreibt, Damit ich wiſſe, wem ich es verdanke. Marion. Ich kenne nur den Namen Didier, Wie er allein mich als Marie kennt. Saverny. Und iſt das wirklich wahr? Marion. Iſt wirklich wahr. Saverny. Ei, Gottes Oſtern, das heißt Schäferthum, Platoniſch iſt's, in Segrais reinſtem Styl. Und um hieher zu kommen, ſpringt er über Die Mauer gar? Marion. Vielleicht.— Nun geh'n Sie ſchnell. (bei Seite) Er macht mich todt.— O wär' er nur erſt fort. Saverny(gieder ernſthaft.) Doch iſt er auch von gutem Adel? Wie? Marion. Das weiß ich nicht. — 12²28— Saverny. Ei. Czu Marion, die ihn ſanft nach der Thüre drängt) Nun ich gehe ſchon. (er kommt wieder) Ein Wörtchen noch; ich hätt' es faſt vergeſſen. (Er zieht ein Buch aus der Taſche und gibt es ihr) Ein Dichter, der kein Verſemacher iſt, Hat dieſes Buch für Sie verfaßt.— Es macht Ein ungeheures Aufſeh'n, ſchöne Dame. Marion dieſt den Titel) Der Liebeskranz an Marion de Lorme. Saverny. Man ſpricht vom Liebeskranz nur in Paris Und nebſt dem ECid macht er das meiſte Glück. Marion. O, ſehr galant.— Adieu! Saverny. Was hilft es denn Berühmt zu ſein, gefeiert? Um in Blois Mit Bauern zarte Liebe anzuſpinnen. Marion(ruft Dame Roſa.) Begleitet den Marquis und führt ihn, Roſa. Saverny(ſich empfehlend.) Marion, Marion— O weh, Sie arten aus. 3(Er geht ab.) — 120— Zweite Scene. Marion(allein.) (Sie macht die Thüre zu, durch welche der Mar⸗ quis fortgegangen iſt.) Nur fort.— Ich zitterte, daß Didier.—— (Es ſchlägt zwölf Uhr.) Da ſchlägt' es. (Nachdem ſie gezählt hat.) Mitternacht.— Er ſollte ſchon Gekommen ſein. (Sie geht zum Balkon und blickt auf die Straße.) Noch Niemand! (Sie ſetzt ſich verdrießlich wieder hin.) Zögern! Jetzt ſchon! (Ein junger Mann erſcheint hinter dem Gitter des Balkon. Er ſpringt mit Leichtigkeit hinüber, tritt ein und legt Mantel und De⸗ gen auf einen Lehnſtuhl. Er iſt in der da⸗ maligen Tracht gekleidet und hat Halbſtie⸗ fel an.— Nachdem er einen Schrit vor wärts gethan, bleibt er ſtehen und betrachtet Marion, die mit geſenkten Augen daſitzt.—) Dritte Scene. Marion. Didier. MNarion(plötzlich die Augen aufſchlagend, freudig:) Ha! (Im Too des Vorwurfs.) V und mich warten laſſen, Stunden lang. V. 9 — 130— Didier(ernſt.) Ich zögerte hinaufzuſteigen. Marion(gekränkt.) So! Didier(ohne darauf zu achten.) Denn eben jetzt am Fuße dieſer Mauern Fühlt' ich von Mitleid mir das Herz erſchüttert. Ja, Mitleid war's um dich.— Ich, der Verfluchte, Der Unheilbringende, ich ſagte mir, Eh' ich den letzten Schritt vollendete: Dort oben wacht in ſeiner reinen Schönheit Ein fleckenloſer Engel beſſ'rer Welten, Ein keuſches, ſanftes, liebevolles Weſen, Vor dem auf ſeinem Pfad der Wanderer Die Hände faltend, betend knieen ſollte. Und wer bin ich, der mit der Menge kreucht? Weßhalb ſoll dieſen reinen Quell ich trüben? Die Lilie brechen? Mit beflecktem Hauch Den Himmel dieſer lichten Seele ſtören? Darf ich, weil meiner Redlichkeit ſie traut, Sie, die die Unſchuld heiligt meinem Blick, Empfangen ihrer Liebe Weihgeſchenk Und meine Nacht zu ihrem Lichte miſchen? Marion(ſür ſich.) Ich glaube faſt, er redet theologiſch. Wär er ein Hugenott? — 131— Didier. Der Zauberton Von deiner Stimme, da er zu mir drang In dunkler Nacht, erlöſte mich vom Zweifel Und führt' mich her. Marion. Du haſt mich reden hören. Das iſt doch ſeltſam. Didier. Deine Stimme hört' ich Und eine andere.— Marion(lebhaft:) Ja, Dame Roſa, Nicht wahr, wie eine Männerſtimme faſt. Ja, ſie ſpricht rauh und hart.— Doch da du hier biſt So zürn' ich dir nicht mehr. Komm, ſetz dich nieder, Hieher.(Sie zeigt ihm einen Platz neben ihr.) Didier. Nein, dir zu Füßen. (Er ſetzt ſich auf einen Schemel zu ihren Füßen und blickt ſie einige Augenblicke in ſtummer Betrachtung an.). Höre mich, Marie.— Mein ganzer Nam iſt Didier. Ich habe meine Eltern nie gekannt. Man ſetzte nackend mich als Kind, verlaſſen An einer Kirche Stufen aus. Mitleidig nahm 9* Mich eine alte Frau aus niederm Stande Zu ſich, ward meine Amme, meine Mutter, Erzog mich chriſtlich, ließ bei ihrem Sterben Mir all ihr Gut; neunhundert Livres jährlich Iſt's ungefähr, es reicht zum Leben hin. Allein mit zwanzig Jahren war das Leben Mir herb und trüb; ich ging deßhalb auf Reiſen Und lernte Menſchen kennen, Ein'ge haßt' ich Verachtete die Uebrigen, ich ſah Nur Stolz und Leid und Elend auf dem Spiegel, Dem trüben, den man Menſchenantlitz nennt. Sieh, darum bin ich nun jung— dennoch alt Und ſatt der Welt, wie man's beim Fortgehn iſt; Woran ich ſtoße, das verletzt mich auch; Die Welt erſchrint mir ſchlimm, der Menſch noch ſchlimmer. So lebt' ich nun, arm, finſter und verlaſſen, Bis du, um mich zu tröſten, biſt gekommen.. Nicht kenn ich dich. An einer Straße Wendung Sah ich dich eines Abends zu Paris. Begegnete dir öfter dann und immer Fand' ich dein Auge ſanft, mild deine Rede.— Ich floh, weil ich die Liebe fürchtete. Wie wunderbar!— Ich finde hier dich wieder, Hier, überall, wie meinen guten Engel. Gequält von Liebe, ſchwankend, unentſchloſſen, Wollt' ich dich ſprechen; du haſt es geſtattet, Verfüge jetzt, nimm Herz und Leben hin. — 133— Sprich, wozu taug' ich, nach dem dir gelüſtet? Wer iſt dir läſtig, Sache oder Menſch? Verlangſt du etwas, brauchſt du Jemanden, Der dafür ſterbe,— wortlos dafür ſterbe Und ſich bezahlt mit deinem Lächeln findet, So ſprich, ſag' mir's, befiehl!— Ich bin bereit. Marion ächelnd.) Recht ſonderbar, allein ſo lieb' ich dich. Didier. Du liebſt mich! Hüte dich— ein ſolches Wort Spricht man nicht ſo in leichter Weiſe aus. Du liebſt mich.— Weißt du, was die Liebe iſt? Was ſolche Liebe iſt, die unſer Blut, Die unſer Leben wird, die, lange Zeit Erſtickt, raſch ſich entzündet, deren Flamme Stets zunimmt, während ſie die Seele reinigt; Die ganz allein, in unſres Herzens Grunde, Die eiteln Trümmer andrer Leidenſchaften Verbrennet,— ſolche Liebe— hoffnungslos Zugleich und unbegrenzt;— die tief und ernſt Das Glück ſelbſt überlebt.— Iſt das die Liebe, O GSott! von der du redeteſt? Marion(bewegt). Gewiß. Didier. Du weißt es nicht, wie glühend ich dich liebe. Seit jenem Tage, wo ich dich erſchaut, — 134— Vergoldete mein düſtres Leben ſich 3 Und deine Blicke hellten mir das Dunkel. Seit jener Zeit hat Alles ſich gewandelt, Du glänzteſt mir ein unbekanntes Weſen Aus Himmelsräumen; jenes arme Leben, Dem widerſpenſtig lange ſeufzt mein Herz, Seh ich in neuem Lichte, faſt verſchönt— Denn einſam, irrend, unterdrückt, kämpft' ich Und litt bisher.— Ich hatte nicht geliebt. Marion. Du armer Didier!— Didier. Marie! Marion. Nun ja Ich liebe dich— ſo wie du ſelbſt mich liebſt, Vielleicht noch mehr!... Ich folgte deinen⸗ Schritten, Bin ganz die deine.. Didier(auf die Kniee fallend). Ol! betrüg' mich nicht. Vergilt mit deiner Liebe meine Liebe Und einer Welt Ausſteuer iſt mein Glück, Zu deinen Füßen werden meine Tage Nur Liebe, Wonne und Entzücken ſein.... Oh, wenn du mich betrögeſt!... 3 Marion. Was verlangſt du, — 135— Um meiner Liebe Glaube zu gewähren? Sprich. Didier. Den Beweis. Marion. Was aber?— Rede nur. Didier. Frei biſt du, ohne Zweifel. Marion(derlegen). Ja, ich bin's. Didier. So nimm als Bruder mich, als Stütze an, 3 Als Ehgemahl. Marion(für ſich). Nicht würdig bin ich ſeiner.— O! warum? Didier. Nun? Marion. Aber.... Didier. Ich verſtehe— der Verwaiſte— Der Güterloſe!— Unerhörte Frechheit!— Ich werde läſtig.— Laß mich drum allein Mit meinen Schmerzen, meinen Leiden allen. Leb'wohl. (Er will fort. Marion hält ihn zurück.) — 136— Marion. Didier! Didier! was ſagſt du da? (Sie bricht in Thränen aus.) Didier(umtkehrend.) Verzeih'! Doch warum ſchwanken?— O Marie, Einander eine Welt, ein Vaterland, Ein Himmel ſein! Begreifſt du's?— Unbekannt An einem Ort, den du gewählt haſt, leben, Dort eine Seligkeit verbergen, die Den Neid von Königen erregen könnte. Marion. Das wäre himmliſch! Didier. Willſt du? Marion(ſür ſich.) Weh', mir Armen! (Laut.) Ich kann nicht. Nie!— (Sie reißt ſich aus ſeinen Armen und ſinkt in einen Lehnſtuhl.) Didier eeiſigkalt.) Das Anerbieten war Von meiner Seite eben nicht voll Großmuth. Genug.— Ich werde nicht mehr davon reden⸗ Marion Cfür ſich.) Verwünſcht der Tag, an dem ich ihm gefiel! (Laut.) O Didier!— Du zerreißeſt mir die Seele... Laß mich dir ſagen... — 137— Didier(kalt.) Als ich kam, Madame, Was laſen ſie? (Er nimmt das Buch vom Tiſch und liest.) Der Liebeskranz, an Marion de Lorme. (Bitter.) Die Schönheit in der Mode. (Heftig das Buch auf die Erde werfend.) Niedriges, Gemeines Weſen,— unrein unter Frauen. Marion(iitternd.) Mein Herr!— Didier. Was thuſt du mit ſo ſchlechten Büchern! 2 Wie kam es nur hierher? Marion(lkeiſe und die Augen niederſchlagend.) Der Zufall. Didier. Weißt du auch, Du, deren Blick ſo klar, ſo rein die Stirn, Weißt du, wer Marion de Lorme denn iſt? Ein ſchönes Weib, mit mißgeſtaltem Herzen, Das eine Phryne, an jedweden Mann An jedem Ort verhandelt ſeine Liebe, Die Schande bringt und Widerwillen macht. Marion(das Haupt in den Händen bergend.) Allmäͤchtiger! — 138— (Man hort Schritte, Waffengeklirr und Geſchrei auf der Straße.) Mord! Mord! Didier cerſtaunt.) Doch! welch' ein Lärm. (Draußen.) Mord! Hülfe! Mord! Didier(vom Balkon herabſehend.) Dort wird Jemand erſchlagen... (Er ergreift ſeinen Degen und ſteigt über die Baluſtrade des Balkons. Marion ſpringt auf und ſucht ihn am Mantel zurückzuhalten.) Didier! Wenn du mich liebſt— ſie tödten dich! Bleib'! Didier(auf die Straße ſpringend.) Nein, ſie tödten ihn, den armen Mann! (Draußen zu den Kämpfenden.) Laßt ab!— Nur Stand gehalten, feſt geſtoßen, Mein Herr!— Nimm das, Erbärmlicher!— (Degengeklirr und Geräuſch von Schritten.) Marion(am Balkon, erſchreckz.) O Gott! Sechs gegen zwei! Stimme in der Straße. Der Kerl ſicht wie der Teufel. (Das Degengeklirr nimmt allmählig ab und hört dann ganz auf. Geräuſch von Gehen⸗ den, die ſich entfernen.— Man ſteht Didier wieder, der den Balkon erklimmt.) Didier(noch draußen, nach der Straße gewendet.) Vorbei iſt die Gefahr.— Jetzt geh'n Sie nur. — 139— Saverny(draußen.) Nicht ohne Ihnen meinen Dank zu ſagen. Die Hand zu drücken, wenn Sie mir's erlauben. Didier(mürriſch.) Geh'n Sie nur raſch, mein Herr; ich nehm' es an, Als ſei's geſcheh'n. Saverny. Nein, danken muß ich Ihnen.(Er erklimmt den Balkon.) Didier. Könnten Sie Das nicht von unten thun?— Heraufzuſteigen War überflüſſig. Vierte Scene. Marion. Didier. Saverny. Saverny(in das Zimmer ſpringend, den Degen in der Hand.) Seltſame Tyrannei und etwas ſtark, Das Leben mir zu retten und die Thür Mir⸗dann zu weiſen— Thüre— das heißt Fenſter. Allein es ſoll nicht heißen, daß ein Mann Von meinem Stande ſei gerettet worden Durch einen wackern Edelmann, und ihm Nicht ſage: Nun, Marquis.... Wie heißen Sie. Herr 2... Didier. Didier. — 140— Svaerny. Didier von... Didier. Didier von Nichts. Man greift Sie an,— ich ſtehe Ihnen bei.— 'S iſt gut. Nun geh'n Sie. Saverny. Wunderliche Weiſe! Warum denn licßen Sie mich nicht ermorden Von dieſen Schuften unter ihren Fenſtern? Das wär' mir lieber— ohne Sie, weiß Gott! Wär' ich nun todt.— Sechs Rauber gegen mich. Ja, todt.— Sechs Dolche gegen einen Degen. (Marion erblickend, die ihn zu vermeiden ſucht.) Allein, Sie waren hier gar ſehr beſchäftigt. Ich ſtöre eine ſüße Unterhaltung. Verzeihung.(Bei Seite.) Doch die Dame muß ich ſeh'n. (Er nähert ſich der zitternden Marion und er⸗ kennt ſie.) (Leiſe.) Sie ſind es.(Auf Didier.) Der iſt's alſo. Marion(eeiſe.) O, mein Herr! Sie ſtürzen mich in's Unglück, wenn... 1 Saverny(ſcch verbeugend.) Madame! — 141— Marion(keiſe.) Zum erſten Male lieb' ich. Didier(bei Seite.) Meiner Treue! Mit kecken Augen blickt der Menſch ſie an. (Er wirft mit einem Fauſtſchlag die Lampe um.) Saverny. Sie löſchen dieſe Lampe aus? Didier. Ich meine, Wenn es gefällig wäre, gingen wir Zuſammen fort. Saverny. Nun wohl. Zu Marion ſich tief verbeugend.) Adieu Madame. Didier(bei Seite.) Wem gleicht der Geck? (zu Saverny.) Nun kommen Sie, mein Herr! . Saverny. Sie ſind ein wenig ſchroff, allein mein Leben Verdank' ich Ihnen, und wenn jemals Sie Ergebenheit und Eifer, Brudertreue Und Ernſt und Freundſchaft nöthig haben follten, Marquis von Saverny, Hotel de Nesle, Paris. — 142— Didier. Recht wohl.—(Bei Seite.) 3 Von einem Gecken ſo Sie angegafft zu ſehen, iſt unerträglich. (Sie gehen durch den Balkon ab, man hörz. draußen Didier's Stimme.) Dies iſt ihr Weg.— Hier geht der meinige. Fuünfte Scenſe. Marion. Dame Roſa. Marion(ſitzt einen Augenblick nachſinnend, dann ruft ſie.* He, Dame Roſa! Dame Roſa kommt. Marion(zeigt auf das Fenſter.) Macht dort zu. (Roſa thut es, zurückkommend ſieht ſie, daß Marion eine Thräne abwiſcht, bei Seite.) Mir ſcheint Als weinte ſie. (Laut.) Es iſt jetzt Schlafenszeit. Marion. Ja, Eunre Zeit, Ihr Leute!(Die Haare losmachend.) Zieh' mich aus. Dame Roſa(ſtee auskleidend.) Der Herr von heute Abend, iſt er gut? — Reich? — 143— Marion. Nein. Dame Roſa. Galant? Marion. Nein.(Sich zu ihr wendend.) Er hat mir nicht einmal Die Hand geküßt.. Dame Roſa. Was thun Sie denn mit ihm? Marion(nachdenkend.) Ich lieb' ihn. Zweite Handlung. DHas DNHuel.. Perſonen. Marion de Lorme. Didier. Der Marquis von Saverny. L'Angely. 3 Der Marquis von Brichanteau. Der Vicomte von Vonchavannes. Der Graf von Gaſſé. Der Chevalier von Rochebaron. Der Chevalier von Montpeſat. Der Graf von Villac. Der wachhabende Hauptmann(Viertelsmeiſter). Der öffentliche Ausrufer. (Thüre eines Wirthshauſes. Ein Marktplatz. Im Hinter⸗ grunde ſieht man die Stadt Blois amphitheatraliſch und die Thürme von St. Nikolaus auf dem mit Häuſern bedeckten Hügel.) Erſte Scene. Graf von Gaſſé, Marquis von Brichanteau, Vi⸗ comte von Bonchavannes, Chevalier von Roche⸗ baron, ſitzen an Tiſchen vor der Thür; Einige rauchen, die Andern würfeln und trinken. — 145— Brichanteau(aufſtehend zu dem eintretenden Gaſſé.) Gaſſe(Sie drücken ſich die Hand.) Du kommſt nach Blois zum Regiment. (Sich verbeugend.) Nimm unſer Kompliment zu dem Begräbniß. ah!(Seinen Anzug betrachtend.) Gaſſés. Mode jetzt. Orange mit blauen Schleifen. (Die Arme kreuzend und den Schnurrbart in die Höhe ſtreichend.) Wißt, dieſes Blois iſt vierzig Lieues zum Mind'ſten Weit von Paris. Brichanteau. 8 Iſt China. Gaſſé. Und das macht Die Weiber klagen, denn um uns zu folgen, Muß man das Vaterland verlaſſen. Denkt! Bonchavannes(ſich vom Spiel abwendend.) Der Herr kommt von Paris? Rochebaron(die Pfeife weglegend.) Gibt's etwas Neues? Gaſſé(grüßend.) Gar nichts.— Corneille beſchäftigt die Gemüther. Guiche hat den Orden.— Aſt iſt Herzog.— Dann Noch eine Menge großer Kleinigkeiten. Gehängt hat man ein dreißig Hugenotten. V. 10 — 146— Noch immer eine Unzahl von Duellen. Am dritten war's d'Angennes mit Arquien, Weil Genueſer Spitzen er getragen; Am zehnten ſchlug ſich Lavardin mit Pons, Weil er dem Pons die Sourdis weggekapert: Sourdis mit d'Ailly, wegen einer Heldin Von Mondori's Theater.— Dann am neunten War's Nogent mit Lachatre, weil der Letzt're Drei Verſe Colletet's ſchlecht abgeſchrieben; Gorde d'rauf mit Margaillan der Stunde wegen; D'Humiere mit Gondi, um den Vortritt in der Kirche, Dann alle Briſſac gegen die Soubiſe Gelegentlich der Wette Pferd und Hund. Cauſſade mit Latournelle d'rauf um nichts, Aus Luſt— Cauſſade erſtach den Latournelle. Brichanteau. O glückliches Paris, wo die Duelle Von Neuem wieder blüh'n. Gaſſé. Sie ſind jetzt Mode. Brichanteau. Stets Liebeshändel, Feſte und Duelle. Nur dort allein iſt Leben und Vergnügen.(Gähnend.) Hier aber langweilt man ſich väterlich.(Zu Gaſſs.) Cauſſade ſagſt du, erſtach den Latournelle? Gaſſé. Mit einem guten Stoß.(Rochebaron's Aermel betrachtend.) — 147— Was habt Ihr da, Mein Beſter?— denkt, das iſt längſt aus der Mode. Neſteln und Knöpfe!— Nichts iſt trauriger, Auf Ehre.— Schleifen trägt man nur und Bänder. Brichanteau. Nenn' uns noch ein Mal die Duelle doch. Was ſagt der König denn? Gaſſés. Der Kardinal Iſt wüthend und will raſch das Uebel heilen. Bonchavannes. Iſt kein Kurier vom Lager eingetroffen? Gaſſé. Durch Ueberrump'lung glaub' ich, haben wir Figueroa genommen,— oder uns Ward es entriſſen.(Nachdenkend.) Ja, man nahm es uns. Rochebaron. Was ſagt der König denn zu dieſem Streich? 3 Gaſſé. Der Kardinal iſt höchlichſt unzufrieden. Brichanteau. Wie geht's am Hof? Der König iſt doch wohl? Gaſſé. Nicht doch.— Der Kardinal hat Gicht und Fieber Und läßt ſich nur in einer Sänfte tragen. 10* — 148— Brichanteau. Merkwürdiges Original.— Wenn wir Vom König reden, ſprichſt du Kardinal. Gaſſés. Das iſt ſo Mode.— Bonchavannes. Alſo gar nichts Neues? Gaſſé. Gar nichts? Nein.— och, ein Wunder, ein Mirakel Beſchäftigt ſeit zwei Monden ganz Paris. Die Flucht, die Reiſe, das Verſchwinden der. Brichanteau. Der? Welcher der? Gaſſé. Der Marion de Lorme, Der Schönſten unter allen Schoͤnen. Brichanteau(geheimnißvoll.) Höre Nun ſelber Neues.— Sie iſt hier. Gaſſé. Wirklich? In Blois? Brichanteau. Incognito. Gaſſé(die Achſelnd zuckend.). Marion!— Sie ſpaſſen, Herr von Brichanteau. Sie wäre hier, dieſelbe Marion, Die in Paris den Ton angibt!— Dies Blois, — — 149— Es iſt der Gegenſatz ja von Paris. Hier iſt doch Alles häßlich, alt und ſchlecht. (Auf die Thürme von St. Nikolaus zeigend.) Die Thürme ſelber ſchmecken nach Provinz. 2 Rochebaron. Wahr iſt's. — Brichanteau. Ihr zweifelt noch, daß Saverny Sie hier geſeh'n, ſie hier verborgen fand? Bereits mit einem Liebſten ausgeſtattet, Der ihn gerettet, wenn Ihr es erlaubt, Als Räuber in der Nacht ihn angefallen, Spitzbuben guter Art, die nebenbei Wohlthätig wollten ſein aus ſeiner Börſe Und ſeh'n an ſeiner Uhr, wieviel die Zeit. Gaſſé. Das iſt ja ordentlich ein Abenteuer. Rochebaron Gu Brichanteau.) und ſeid Ihr deſſen wirklich ganz gewiß? Brichanteau. So wahr ſechs Silberbeſam ich im Wappen Auf Azurfelde trage, ſo gewiß. Saverny hat ſeitdem kein andres Sinnen, Als dieſen Lebensretter aufzuſpüren. Bonchavannes. Da braucht er ja zu ihr nur hinzugeh'n. — 150— Brichanteau. Nein, ſie hat Namen und Logis verändert, Und ihre Spur ging wiederum verloren. (Marion und Didier gehen langfam über den Hintergrund des Theaters, ohne von den Redenden bemerkt zu werden, und treten durch eine kleine Thür in eines der Seiten⸗ häuſer.) Gaſſé. 3 Da mußt ich alſo mich nach Blois begeben, Um Marion in der Provinz zu finden. (Von Villac und von Montpeſat treten ein, laut redend und ſich ſtreitend.) Villac. Montpeſat. Ich aber ſage: ja. Villac. Ich ſage: nein. Corneille taugt nichts. Montpeſat. So den Corneille behandeln, Den Dichter ſo, vom Cid und von Melite. Villac. Melite, nun ja, hat eimiges Verdienſt, Doch hat Corneille ſeitdem ſich ſehr verſchlimmert. Sie machen's Alle ſo.— Was dich betrifft, So räum' ich gern dir ein, Melite und auch Die Galerie— allein, was iſt der Cid? Gaſſé(zu Montpeſat.) Der Herr gehört zu den Gemäßigten. Montpeſat. Villac. Abſcheulich iſt er, ſag' ich, und Scudery erdrückt ihn im Berühren. Dazu noch der abſonderliche Styl, Nur niedre und gemeine Redensarten! Die Dinge nennt er ſtets bei ihrem Namen. Obſcön iſt auch der Cid und ungeſetzlich, Er hat kein Recht zur Eh' mit der Geliebten. Haſt du Pyrame und Bradamante geleſen? Wenn dein Corneille einmal dergleichen ſchreibt, So bitt' ich d'rum. Nochebaron(zu Montpeſat.) Mein Herr, ſo leſen Sie Auch Mairet's grand et dernier Soliman! Das iſt ein ächtes Trauerſpiel— dagegen Der Cid!— Der Cid iſt gut. Villac. Und frech und eitel iſt er obendrein, Glaubt er nicht Boisrobert und Chapelain, Seriſay, Mairet, Gombault, Habert, Bautru, Giry, Faret, Desmarets, Malleville, Duryer, Cheriſy und Colletet Und Gomberville zu gleichen, allen Gliedern Unſrer Akademie? Brichanteau(mitleidig lächelnd und die Achſeln zuckend.) 'S iſt excellent. Villac. Dann will der ſaub're Herr auch noch erſchaffen, Erfinden;— dieſe Unverſchämtheit!— will's Nach Garnier und nach dem Theophile, Nach Hardy!— Eitler Narr!— Das iſt ſo leicht Als hätten dieſe weltberühmten Geiſter Noch etwas uns gelaſſen, unbenutzt. Sehr fein verſpottet ihr vrum Chapelain. Rochebaron. Ein Lump iſt der Corneille! Bonchavannes. Allein mir ſagte Der Herr Biſchof von Graſſe, Gondeau, er habe Viel Geiſt. Montpeſat. Das iſt auch wahr, den hat er. Villac. Ja, wenn er anders ſchriebe, als er ſchreibt, Wenn er den Ariſtoteles befolgte.. Gaſſé. Still, meine Herrn!— Corneille iſt in der Mode. Er folgt dem Garnier, wie heutzutage Die großen Biberhüte den Baretten. Montpeſat. Ja, ich bin für Corneille und für die Hüte. Gaſſé(zu Montpeſat.) Du gehſt zu weit.(zu Villac) — 153— Garnier iſt wahrlich ſchön. Ich bin neutral;— allein zuweilen hat Corneille auch gute Stellen. Villac. Einverſtanden. . Rochebaron. Ich auch; er iſt ein Burſch von Geiſt; ich ſchätz' ihn. Brichanteau. Doch der Corneille— nicht weit her iſt ſein Adel. Rochebaron. Der Name riecht verzweifelt bürgerlich. Bonchavannes. Gerichtsperücken, kleine Advokaten, Die Sous erwarben, weil Dukaten ſie Benagten; niedrige Familie. (LAngely tritt ein, und ſetzt ſich allein und ſchweigend an einen Tiſch.— Er iſt in ſchwar⸗ zen Sammet mit goldenen Brandebourg's gekleidet.) Villac. Wenn ſeine Rhapſodie'n dem Publikum Gefallen, meine Herrn, ſo iſt's geſcheh'n Um den Geſchmack und die Tragödien! Auf Ehre, das Theater iſt vernichtet. Denn ſeh'n Sie: Richelieu— Gaſſé(LAngely von der Seite anſehend.) So ſagen Sie zoch: Monſeigneur und reden etwas leiſer. — 154— Brichanteau. Baſta, zum Teufel mit der Eminenz! Iſt's nicht genug, daß Allen er befiehlt, Soldaten wie Finanzen— ſoll er auch Uns noch auf unſrer Zunge drücken. Wie? Bonchavannes. Es ſterbe Richelieu und wer ihm ſchmeichelt, Dem Menſchen mit der blutgefärbten Hand, Dem Scharlachkleid.— Rochebaron. Wozu dient denn der König? Brichanteau. Die Völker alle ſchreiten in der Nacht, Den Blick zu einer Fackel Schein gerichtet, Er iſt das Licht— der König die Laterne, Der unter ſeinem etwas trüben Glaſe, Ihn vor dem Winde ſchützt. Bonchavannes. O könnten wir Doch eines Tag's— und ſchön wär' ſolch ein Tag— Mit unſ'rer Schwerter Wind die Fackel löſchen. Rochebaron. O dächte Jeder drüber, ſo wie ich. Brichanteau. Wir würden uns vereinen. (zu Bonchavannes) Was meinſt du, Vicomte?— — 155— Bonchavannes. Ei, einen guten Jarnac⸗Stoß Verſetzten wir ihm, mein ich. L'Angely(aufſtehend, mit dumpfer Stimme.) 1 Ein Complott! Ihr jungen Leute denkt an Mavillac. (Alle erſchrecken, wenden ſich um und ſchwei⸗ gen beſtürzt, den Blick auf L'Angely gehef⸗ tet, der ſich ſtill wieder niederſetzt). Villac,(Montpeſat auf die Seite ziehend.) Du redeteſt in einem Tone eben, Als von Corneille wir ſprachen, Chevalier, Der mir das Ohr verletzt, und dafür möcht' ich Dir auch zwei Worte ſagen. Montpeſat. Mit dem Degen? Villac. Ja. Montpeſat. Oder willſt du auf Piſtolen? Villac. Beides. Montpeſat(ihn bei dem Arm nehmend.) So laß ein Plätzchen in der Stadt uns ſuchen. L'Angely(ſcch erhebend.) Ein Zweikampf!— Denkt an Herrn von Boutteville. X — 156— (Von Neuem Beſtürzung unter den Anweſen⸗ den. Villac und Montpeſat laſſen ſich los, das Auge auf l'Angely gerichtet.) Rochebaron. Wer iſt der ſchwarze Mann? Er jagt mir Furcht ein, Bei meiner Treu! L'Angely. Ich heiße L'Angely Und bin des Königs Zeitvertreiber. Brichanteau(achend). Ei, Da wundert's mich nicht, daß ſo triſt der König. Bonchavannes(uachend.) Ein ſchöner Zeitvertreib, Cardinaliſt der Narr. L'Angely. Gemach, ihr Herrn, denn der Miniſter iſt Gar mächtig, iſt ein ſtarker Schnitter, der Das Blut vergießt in Fluthen, dann bedeckt er Das Alles mit dem rothen Prieſtermantel, Und Keiner ſpricht noch drüber.(Stillſchweigen.) Gaſſé. Alle Donner. Rochebaron. Mich ſoll der Teufel holen, wenn ich weiche. Brichanteau. Ein Lacher neben dieſem Narrn iſt Pluto. — 157— (Viele Leute kommen aus den Straßen und Häuſern und füllen den Platz, in ihrer Mitte der öffentliche Ausrufer zu Pferde, mit vier Stadtknechten in Livree, von denen einer in die Trompete ſtößt, während ein andrer die Trommel ſchlägt.) Gaſſé. „Was will denn alles Volk? Aha, der Rufer, Was ſingt uns der als Vaterunſer vor? Brichanteau(zu einem Seiltänzer in der Menge, der einen Affen auf dem Rücken trägt.) Mein Freund, wer von euch Beiden zeigt den Andern? Montpeſat(zu Rochebaron.) Ob unſre Kartenſpiele wohl complet? (Auf die vier Stadtknechte zeigend.) Ich wette, daß man draus die Buben nahm. (Der öffentliche Ausrufer mit näſelnder Stimme.) Ihr Bürger, ſtill! Brichanteau(keiſe zu Gaſſé.) 4 Er ſieht gefährlich aus und ſeine Stimme nützt, verlaß dich drauf, Mehr ſeine Naſe ab, als ſeinen Mund. Ausrufer. Befehl.— Ludwig, von Gottes Gnaden, König— Bonchavannes(leiſe zu Brichanteau.) Der Lilienmantel, hinter dem ſich ſicher Freund Richelieu verſteckt. = 158— L'Angely. Hört zu, Ihr Herrn! Ausrufer. Von Frankreich und Navarra— Brichanteau(leiſe zu Bonchavannes.) Schöner Name, Mit dem Miniſter niemals geizig ſind. Der Ausrufer(fortfahrend.) Allen, die Gegenwärt'ges ſehen, Gruß! (Er verbeugt ſich.) Da in Betracht wir zogen, daß den Zweikampf Ein jeder Herrſcher auszurotten ſtrebte Durch ſchwere Strafen, doch, trotz den Edicten, Die unſre hohen Ahnen unterzeichnet, Noch häufiger jetzt die Duelle ſind; So ordnen wir und wollen und befehlen, Daß künftighin die Duellanten, ſei es Daß Einer oder Beide leben bleiben, Um Felonie, die uns der Unterthanen Beraubt, daß deren Strafe ſie erleiden, Vor unſern Richterſtuhl gezogen werden; Um dem Befehyl in jeder Hinſicht nun Die wahre Wirkſamkeit zu leihn, entſagen Bei folcher Schuld wir, unſerm Recht der Gnade. Denn ſolches iſt uns wohlgefällig.— Ludwig.— Und weiter unten Richelieu, gezeichnet. (Unwinte unter den Edelleuten.) — 159— Brichanteau. Was, hängen will man uns wie Straßenräuber? Bonchavannes. uns hängen! Sagt, wie nennt ſich wohl der Ort, Wo Stricke man für Edelleute findet? Der Ausrufer(fortfahrend.) Wir Schultheiß wollen, daß man auf dem Markte Anſchlage das Edict, damit ein Jeder Es wiſſe.— (Zwei Stadtknechte befeſtigen einen großen Zet⸗ tel an einen eiſernen Haken, der rechts in der Mauer iſt.) Gaſſé. Recht ſo.— Das Edict muß hängen. Bonchavannes(den Kopf ſchüttelnd.) Ja, Graf,— Und unterdeſſen war's gemacht. (Der Ausrufer geht ab. Das Volk zieht ſich zu⸗ rück.— Saverny tritt auf. Es fängt an Abend zu werden.) Zweite Scene. Die Vorigen.— Der Marquis von Saverny. Brichanteau(auf Saverny.) Saverny! Vetter, fandeſt du den Mann, Der neulich von den Dieben dich gerettet? Saverny. Nein, in der Stadt forſch' ich und ſuch' umſonſt — 160— Die Diebe, Marion, den jungen Mann. Und Alles iſt verſchwunden, wie ein Traum. Brichanteau. Du mußt ihn doch geſehen haben, als Er dich zurückgeführt, gleich einem Chriſten, Den man von den Ungläubigen erlöſt.— Saverny. Er ſtieß ſogleich das Licht aus mit der Fauſt. Gaſſé. Merkwürdig. 4 3 Brichanteau. Wenn er dir begegnete, So würdeſt du ihn aber wohl erkennen? Saverny. Nein, ſeine Züge hab' ich nicht geſeh'n. Brichanteau. Sprich, weißt du ſeinen Namen? Saverny. Didier. Rochebaron. So heißt kein Menſch, das iſt ein Bürgername. Saverny. Er nennt ſich Didier.— Es haben Viele Aus gutem Stamme, die die Sieger ſpielen, Wohl größ're Namen, doch nicht größern Muth. Sechs Diebe hatt' ich, Marion hatte er; Und doch verläßt er ſie und rettet mich. — 161— O meine Schuld iſt ungeheuer, wahrlich Doch ihm bezahl' ich ſie, ich ſchwör's Euch Allen, Mit meinem Blut. Villac. Seit wann, Marquis, bezahlt Ihr Denn Eure Schulden? Saverny(ſtolz.) Die mit Blute man Bezahlt, hab' ich noch immer eingelöſt. Mein Blut iſt meine Münze. (Es iſt gänzlich Nacht geworden. Man ſieht die Fenſter in den Häuſern allmählig hell werden. Ein Lamvenputzer tritt auf und ſteckt eine Laterne über dem Plakat an. Die Thür, durch welche Marion und Di⸗ dier gingen, öffnet ſich; Didier tritt träu⸗ meriſch heraus und ſchreitet, die Arme un⸗ ter dem Mantel gekreuzt, vor.) Dritte Scene. Die Vorigen. Didier. Didier(kommt langſam aus dem Hintergrunde vor, ohne von den Anderen gehört oder geſehen zu werden.) Marquis von Saverny!— Ich möchte wohl Den Gecken wiederſehn, der neulich Abends So unverſchämt bei ihr!— Sein Weſen drückt Mich auf der Seele. V. 11 Bonchavannes(zu Saverny, der mit Brichanteau plaudert.) Saverny!— Didier(bei Seite.) Er iſt's. (Er geht langſam vorwärts, den Blick auf die Edelleute gerichter, und ſetzt ſich dann an ein Tiſchchen unter der Laterne, nicht fern von L'Angely, der ebenfalls unbeweglich und ſchweigend da ſitzt.) Bonchavannes(zu Saverny, der ſich umdreht.) Sagt, kennt Ihr das Edict? Saverny. Nein. Welch Edict? Bonchavannes. Das uns befiehlt, dem Zweikampf zu entſagen. Saverny. Das iſt ſehr weiſe.— Brichanteau. Doch der Strick ſteht drauf. Saverny. Du ſpaßeſt.— Nimmermehr.— Das Bürgerpack, Das mag man hängen. Brichanteau(ihm das Plakat zeigend.) Nun, ſo lies du ſelbſt Dort an der Mauer.— 3 Saverny(didier gewahrend.) He, die bleiche Fratze — 163— Kann mir es leſen.—(Zu Didier, mit lauter Stimme.) He, Ihr, Mann im Nantel! He Freund!(zu Brichanteau) Ich glaube, Brichanteau, der Menſch iſt taub. Didier(der ihm mit den Blicken folgte, hebt langſam das Haupt.) Sie meinen mich.—— Saverny. Ich glaub's.— Und zur Belohnung Leſ't das Plakat da über Eurem Haupt. . Didier. Ich? Saverny. Freilich.— Könnt Ihr denn nicht buchſtabiren? Didier. Dort das Edict beſtraft jedweden Raufbold Von Adel oder Bürger, mit dem Galgen.— (Er iſt während dieſer Worte aufgeſtanden.) Saverny. Ihr irrt Euch, lieber Mann, Ihr irrt Euch wahrlich, Den wackern Adlichen, den hängt man nicht; Auf dieſer Welt, wo alles Recht uns zukommt, Da wird allein das Bürgerpack gehängt.(zu den Edelleuten.) Das Volk iſt unverſchämt.(zu Didier, Händel ſuchend.) Ihr leſet ſchlecht, Mein Lieber, habt vielleicht ein kurz Geſicht.— Nehmt Euren Hut ab, daß Ihr beſſer ſeht. Nehmt ab, ſag' ich.— 11* — 164— Didier(den Tiſch umwerfend, der vor ihm ſteht.) Hüten Sie ſich, mein Herr! Sie inſultiren mich.— Und jetzt, da ich's geleſen, Da fordr' ich meine ehrliche Belohnung; Ich ford're ſie.— Marquis, dein Blut, dein Haupt. Saverny(lächelnd.) Gewiß ſind unſre Titel rechtlich unſer, Ich rath' ihn Plebs, er wittert mich Marquis. Didier. Plebs und Marquis, Sie könnten wohl ſich rempeln. Wenn unſer Blut wir miſchten, was Marquis Meinſt du dazu- Saverny(wieder ernſthaft.) Sie gehen raſch zu Werke, Mein Herr! und Alles iſt noch nicht in Ordnung. Ich bin Gaspard, Marquis von Saverny. „ Didier. Was kümmert's mich? Saverny(kalt.) Hier, meine beiden Zeugen. Der Graf von Gaſſé, unbefleckten Namens; Und Herr von Villac, er gehört zum Hauſe Der La Feuillade, von dem auch der Marquis Von Aubuſſen herſtammt.— Und nun zu Ihnen, Sind Sie ein Edelmann? Didier. Ich ward als Kind vor einer Thür gefunden Und habe keinen Namen, aber Blut Zum Austauſch für das deine— das genügt. Saverny. O nein, mein Herr, das kann es keineswegs. Allein ein Findling iſt dem Rechte nach Ein Edelmann, da es doch möglich wäre und es ein vielfach größ'res Uebel iſt Den Adligen zu degradiren, als Den Nebenbuhler adeln— demgemäß Geb' ich Genugthuung.— Zu welcher Stunde? Didier. Hier auf der Stelle.— Saverny. Sei's.— Sie maßen ſich Die obbeſagte Eigenſchaft nicht an? Didier. b Mir einen Degen! Saverny. 3 Keinen Degen hat er, Ei, Gottes Oſtern, das iſt ſchlimm.— Man könnte Für Einen Sie, aus niedrem Orte halten. (Er bietet ihm ſeinen eignen Degen an.) Befehlen Sie; er iſt von gutem Stahl. L'Ange ly(ſteht auf, zeigt ſeinen Degen und reicht ihn Didier. Um eine Narrheit zu begehen, Freund, Nehmt eines Narren Degen. Ihr ſeid brav — 166— Und werdet ihm gewißlich Ehre machen.(Neckend.) Ihr laßt mich zur Vergeltung, es bringt Glück, Ein Endchen, Herr, von Eu'rem Stricke nehmen. Didier(den Degen nehmend, bitter.) Es ſei.(zum Marquis) Der Guten möge nun Gott gnädig ſein. Brichanteau(vor Freude aufſpringend.) Ein gutes Duell!— Charmant. Saverny(zu Didier.) Allein, wohin? Didier. Hier unter der Laterne. Gaſſé. Seid Ihr toll, Ihr Herrn? Man ſieht da nichts.— Sie ſtechen ſich, Beim heiligen Georg, die Augen aus. Didier. Man ſieht genug dort, um ſich umzubringen. Saverny. Sehr wohl geſagt. Villac. Man kann da gar nicht ſehn. Didier, Man ſieht da hell genug, und jeder Degen Glänzt wie ein Blitz im Dunkeln.— Auf, Marquis! — 167— (Beide werfen die Mäntel fort und nehmen die Hüte ab, mit denen ſie ſich begrüßen und die ſie dann hinter ſich werfen, darauf ziehen ſte die Degen.) Saverny. Ich bin zu Ihrem Dienſt, mein Herr. Didier. En garde! (Sie kreuzen die Degen und fechten ſchweigend und wüthend.— Plötzlich öffnet ſich die kleine Pforte und Marion erſcheint im weißen Gewande.) Vierte Scene. Die Vorigen. Marion. Marion. Was ſoll der Lärm?(Sie erblickt Didier unter der Laterne.) Gott, Didier! (Zu den Kämpfenden.). Haltet ein! .(Die Kämpfenden fahren fort.) He, Wache her. Saverny. Wer tſt das Weib? Didier(ſich abwendend.) O Gott! Bonchavannes(herbeieilend, zu Saverny.) Ihr ſeid verloren, weithin hörte man — 168— Das Rufen dieſer Frau, und durch die Nacht Sah ich der Wächter Klingen deutlich blitzen. (Die Wächter treten mit Fackeln ein.) Brichante au(zu Saverny.) Nun ſpiel den Todten, denn ſonſt biſt du's. Saverny(hinſtürzend.) Ach! (Leiſe zu Brichanteau, der ſich über ihn beugt.) Ei, die verdammten Steine ſind ſo hart. (Didier, der ihn getödtet zu haben glaubt, hält ein.) Der wachhabende Hauptmann. Im Namen des Königs. Brichanteau(uu den Edelleuten.) Rettet den Marquis. Verloren iſt er, wenn ſie hier ihn fangen. (Die Edelleute umringen Saverny.) Der wachhabende Hauptmann. Halt, meine Herr'n! Bei Gott, das iſt zu ſtark, Sich unter dem Edict ſelbſt duelliren!(zu Didier:) Ergebt Euch! (Die Wächter ergreifen und entwaffnen Didier, der allein blieb.— Der Hauptmann zeigt auf den auf der Erde liegenden von den Edelleuten umringten Saverny.) Und wer iſt der Andre dort Mit dem erſtarrten Blick? — 169— Brichanteau. Gaspard, Marquis von Saverny. Todt iſt er. Der Hauptmann. Todt? Dann endet ſein Prozeß. Er that gar wohl daran, und dieſer Tod Iſt beſſer wie die andre Art. Marion(erſchreckt.) Was ſagt er? Der Hauptmann(zu Didier.) Die Sache, Herr, betrifft Sie jetzt allein, Nun kommen Sie. (Die Wächter führen Didier auf der einen Seite ab, während die Edelleute Saverny auf der anderen forttragen.) Didier(zu Marion, die vor Schrecken erſtarrte.) Lebe wohl, Marie, vergiß mich! Leb' wohl!—(Sie gehen ab.) Fünfte Scene. Marion. L⸗Angely. Marion(gwill Didier zurückhalten.) Didier, warum ſolch' Lebewohl 2 Weßhalb denn dich vergeſſen? (Die Soldaten ſtoßen ſie zurück, ſie eilt ängſt⸗ lich auf LAngely zu.) Iſt er denn Verloren um des Streites willen?— Was, Mein Herr, beging er und was thut man ihm? L'Angely(faßt ſie bei der Hand und führt ſie ſchweigend zu dem Edict.) Hier, leſen Sie. (Sie thut es und weicht entſetzt zurück.) O Gott! o Gott! der Tod! Sie nahmen mir ihn, werden ihn ermorden, Und ich war's, die ihn in's Verderben ſtürzte Durch mein Geſchrei. Nach Hülfe rief ich nur Allein der Tod kam auf den Ruf herbei Mit raſchen Schritten durch die Dunkelheit. Unmöglich!— Iſt ein Zweikampf ſolch Verbrechen? (Zu L'Angely.) Nicht wahr, man kann ihn nicht verdammen? L'Angely. Doch. Marion. Wenn er entwiſcht? L'Angely. Die Mauern ſind gar hoch. Marion. O! meine Sünden werden ſein Verbrechen. Gott trifft ihn meinethalb.— Mein Didier! (Zu L'Angely.) O wiſſen Sie, mein Herr, er war's, für den — 171— Nir nichts zu ſüß.— O Gott— der Kerker! Tod Vielleicht die Folter.... L'Angely. Möglich.— Wenn man will. 1 Marion. Vielleicht kann ich den König ſprechen.— Er Beſitzt ein wirklich königliches Herz— Begnadigt ihn, nicht wahr? L'Angely. Der König— Ja.— Doch nicht der Cardinal. Marion(verwirrt.) Und was geſchieht? L'Angely. Es iſt ein Hauptverbrechen und er muß Den fürchterlichen Abhang wohl hinab. Marion. O gräßlich! C(zu L'Angely) Sie erfüllen mich mit Grauſen. Wer ſind Sie denn? L'Angely. Des Königs luſt'ger Rath. Marion. Mein Didier! Unwürdig, ſchändlich bin ich, Allein was Gott durch Frauenhand ver mag— Ich zeig' es dir— ich folge dir.— (Sie eilt nach der Seite, auf welcher Didier fortging, ab.) L'Angely. Wohin, weiß Gott. (Er nimmt ſeinen Degen auf, den Didier auf der Erde liegen ließ.) Ver ſagt nun, daß ich hier allein der Narr?(Er geht ab.) — 173— Dritte Handlung. Die Komöd † e. Perſonen: Narion de Lorme. Der Marquis von Didier. Brichanteau. Der Marquis von Sa⸗ Der Gracioſo. verny. Der Taillebras. Der Marquis von Der Scaramur. Nangis. Ein Diener. Herr von Laffemas. Reiſende Komödianten. (Im Schloß zu Nangis.) (Ein Park im Geſchmack Heinrich's IWV. Im Hinter⸗ grunde ſieht man auf einer Anhöhe das Schloß von Nangis, neu und alt. Der alte Theil beſteht aus dem Thurm mit Zinne und Thürmchen, der neue aus einem aus Backſteinen, mit Ecken von Quaderſteinen und einem ſpitzen Dache ge⸗ bauten Hauſe. Das große Thor des Thurmes iſt mit Schwarz ausgeſchlagen, auf dem man in der Ferne das Wappenſchild der Nangis und Saverny unterſcheidet.) Erſte Scene. Herr von Laffemas(in der Mittelkleidung einer Magiſtratsperſon jener Zeit.) Der Marquis von Saverny(verkleidet ats ein Offizier vom Regimente Aniou, mit ſchwarzem Schnurr⸗ und Stutzbart⸗ ein Pflaſter über dem Auge.) „.2= Laffemas. Sie waren bei dem Ausfall gegenwärtig? Saverny(den Schnurrbart ſtreichend.) Ich hatte mich der Ehre zu erfreuen, Sein Kamerad zu ſein.— Er iſt nun todt. Laffemas. Der Marquis von Saverny?— Saverny. Mauſetodt, Von einer Terz, die durch das Wamms ihm drang, Dann einen Weg ſich durch die Rippen bahnte, Und aus der Lunge in die Leber ging, Von der das Blut kommt, wie Sie wiſſen werden. Die Wunde war drum gräßlich anzuſehn. Laffemas. Gewiß, man ſtürbe noch durch Weniger. Saverny. Es war ein Stoß auf Tod und Leben, der. Laffemas. Sie ſind, mein Herr, ein Doctor medicinae? Saverny. Nein. Laffemas.— Doch Sie haben Mediein ſtudiert? Saverny. Ein Wenig, ja, im Ariſtoteles. — 175— Laffemas. Sie ſprechen, wie ein Kenner auch: weiß Gott! Saverny. Ich bin der Bosheit herzlich zugethan, Und ſchaden macht mir Spaß; mit Freude thu' ich Das Böſe, wo ich kann; das Tödten lieb' ich. Auch war es, als ich zwanzig Jahre alt, Mein Plan, ein Krieger oder Arzt zu werden. Ich wählte lange,— dann griff ich zum Degen. Er iſt ſo ſicher nicht, allein viel ſchneller. Zwar ging ich eine Zeitlang damit um, Schauſpieler, Dichter oder Bärenführer Zu werden. Doch ich bin ein großer Freund, 3 Zu Mittag wie zu Abend ſatt zu werden. Zum Kuckuck, drum die Verſe wie die Bären! Laffemas. Aus dieſer Neigung haben Sie, mein Lieber, Die edle Dichtkunſt, wie es ſcheint, gelernt. Saverny. Ein Wenig, ja, im Ariſtoteles. Laffemas. Sie waren mit dem Herrn Marquis bekannt? Saverny. Ich habe nur von unten auf gedient. Gefreiter war ich und er Lieutenant. Laffemas. So, wirklich? Saverny. Wer zuerſt bei Cauſſade, Der gab dem Obriſten mich des Marquis; Ein mageres Geſchenk, allein ein Schelm Gibt's beſſer als er's hat; ſie machten mich Zum Offizier; ich hab''nen ſchwarzen Schnauzbart, Und was ein And'rer werth iſt, gelt' ich auch. Da, haben Sie den ganzen Lebenslauf! Laffemas. Und man trug Ihnen auf, hieher zu kommen, Um ſeinen Oh'm davon zu unterrichten? Saverny. Ich kam mit ſeinem Vetter Brichanteau, Den Sarg hierher in unſ'rer Kutſche bringend, Daß man ihn hier begrabe, wie man hier Auch ſeine Hochzeit ausgerichtet hätßte. Laffemas. Und wie empfing der alte err von Nangis Die Nachricht von dem Tode ſeines Neffen? Saverny. Geräuſchlos, ohne Thränen, ohne Klage. Laffemas. Er liebt' ihn doch ſo innig. Saverny.. Wie ſein Leben. Nur eine Liebe hatt' er, eine Luſt, Nur eine Hoffnung— er war kinderlos— Den Neffen, den er heißen Herzens liebte, Obgleich er ihn fünf Jahre nicht geſeh'n. (Der alte Marauis von Nangis geht langſam hinten über die Bühne, mit auf der Bruſt gekreuzten Armen.— Er hat weißes Haar und ein bleiches Antlitz. Sein Kleid iſt nach der Mode unter Heinrich IV. Große Trauer, mit Stern und Band des heiligen Geiſtor⸗ dens.— Neun Garden, je drei und drei, in Trauer gekleidet, die Hellebarde auf der rechten, die Muskete auf der linken Schul⸗ ter, folgen ihm in einiger Entfernung, blei⸗ ben ſteh'n, wenn er ſteh'n bleibt, und gehen weiter, wenn er fortgeht.) Laffemas(ihn ſehend.) Der arme Mann. CEr geht nach dem Hintergrund und folgt ihm mit den Augen.) Saverny(bei Seite.) Mein guter, lieber Oheim. (Brichanteau tritt ein und geht auf Saverny zu.) Zweite Scene. Die Vorigen. Brichanteau. Brichanteau. Zwei Worte nur in's Ohr. G(Lachend.) Seitdem er todt iſt, Befindet er ſich wirklich ganz vortrefflich. Saverny(ſeiſe, ihm den Marquis zeigend.) Sieh', Brichanteau! O, warum zwangſt du mich, V. 1² — 178— Den Stoß mit meinem Tode ihm zu geben? Wenn wir ihm Alles ſagten?— Soll ich nicht?... Brichanteau. Behüte— denn ſein Schmerz muß wahrhaft ſein, Vor Aller Augen muß er heftig weinen. Sein Kummer iſt ein Theil von deiner Maske. Saverny. Mein armer Oh'm! Brichanteau. Vielleicht ſieht er dich bald. Saverny. Starb er vor Schmerz nicht, ſtirbt er dann vor Freude, Zu ſtark für einen Greis ſind ſolche Schläge. Brichanteau. Doch muß es ſein. Saverny. Es thut mir wahrhaft weh, Seh' ich ſein bitt'res Lächeln, ſeine Thränen, Sein tiefes Schweigen. Mehr noch quält es mich, Küßt er den Sarg. Brichanteau. Der keine Leiche birgt. Saverny. Doch todt und blutig hat er mich im Herzen. Dort iſt die Leiche! 9„ — 179— Laffemas(zurückkehrend.) Ach, der arme Herr, Wie liest man ſeinen Gram in ſeinen Augen! Brichanteau. Wer iſt der ſchlecht ausſeh'nde Schwarzrock da? Saverny (mit einer Bewegung⸗ die ſeine Unwiſſenheit andeutet.) Ein Freund, der in dem Schloſſe jetzt zugegen. Brichanteau. Schwarz iſt der Rabe auch und wittert Leichen. Schweig' mehr als je!— Ein undankbares Antlitz, So ſchielend, daß es einem Narren, weiſe Gleich einem Sokrates zu ſein, befiehlt. (Der Marquis von Nangis immer in tiefes Sinnen verſenkt. Er geht mit langſamen Schritten, ohne daß er Jemanden zu gewah⸗ ven ſcheint und ſetzt ſich auf eine Raſenbank⸗ im Vordergrunde.) Dritte Scene. Die Vorigen. Der Marquis von Nangis. Laffemas(auf ihn zugehend.) Ach, Herr Marquis, wir haben viel verloren. Es war ein ſelt'ner Neffe, der Ihr Alter Erheitert hätte; ich beweine ihn Mit Ihnen. Jung und ſchön, das beſte Herz, Fromm, keuſch, gerecht in ſeinen Handlungen, In ſeinen Reden weiſe, wacker, braoaouy, 1²2† — 180— Kurz, ein vollkomm'ner Edelmann, den Jeder Verherrlicht, und ſo jung geſchieden! Ach! (Der alte Marquis läßt das Haupt in die Hände fallen.) 4 Saverny(zu Brichanteau, leiſe.) Der Teufel ſoll die Leichenpredigt holen! Er lobt mich und macht ihn noch trauriger. Um ihn zu tröſten, rede ſchlecht von mir. Brichanteau(uu Laffemas.) Sie irren ſich, mein Herr, mit Saverny Hatt' ich denſelben Grad im Regiment; Er war ein ſchlechter Kamrad, der täglich In dieſer letzten Zeit ſich mehr verdarb. Brav iſt man ſtets mit zwanzig Jahren, doch Sein Tod verdient die Achtung nicht. Laffemas. Ei, ſeh'n Sie! Ein Zweikampf; welch' ein Uebel! welch' Verbrechen! (Zu Brichanteau, ſpottend auf deſſen Degen zeigend.) Sie ſind ein Offizier? Brichanteau,(ebenſo, auf ſeine Perucke zeigend.) Sie ein Juriſt? Saverny(leiſe.) Fahr' fort. Brichanteau. Er war ein Zänker, undankbar, Und log; im Grunde wenig zu bedauern; „ — 181— Ging in die Kirche zwar⸗ indeß allein V uUm mit den Cidaliſen ſchön zu thun.— Er war ein Thor, ausſchweifend, vornehmthuig. Saverny(keiſe.) Gut. Brichanteau. Gegen ſeine Obern ungehorſam. Seein gutes Ausſeh'n hatt' er ſehr verloren. Er hinkte, hatte eine Sackgeſchwulſt Auf einem Auge, und ſein blondes Haar War roth geworden, die gebeugte Haltung Verwandelte in einen Buckel ſich. Saverny(keiſe.) Genug. Brichanteau. Dann ſpielt er auch, man wußt' es wohl, Er hätte ſeine Seele eingeſetzt Und ſeine Herrſchaft wäre mit der Zeit Verloren worden im Brelan, ich wette; Allnächtlich ging ſein Gut voll Eile fort. . Sav erny(ihn am Aermel zupfend, leiſe.) Genug, du tröſteſt ihn zu ſehr, beim Teufel! Laffemas. So ſchlecht zu ſprechen vom geſtorb'nen Freund, Iſt unverzeihlich. Brichanteau. Fragen Sie den Herrn. Saverny. Mich! nein, ich bitte ſehr. Laffe mas(herzlich zum alten Marquis.) Ach, gnäd'ger Herr, Wir tröſten Sie gewiß.— Man hat den Mörder; Wir hängen ihn; er iſt in guter Haft, Und die Sentenz gewiß. (Zu Brichanteau und Saverny.) 4 Ganz unbegreiflich Iſt der Marquis von Saverny.— Es gibt Duelle, die man nicht vermeiden kann; Allein ſich mit einem gänzlich Unbekannten, Mit einem Didier ſchlagen! Saverny(bei Seite.) Didier! (Der alte Marquis, der während der ganzen Scene unbeweglich und ſtumm plieb, ſteht auf und geht mit langſamen Schritten nach der entgegengeſetzten Seite ab; ſeine Gar⸗ den folgen ihm.) Laffemas(eine Thräne trocknend und ihm nachſehend.) Sein Gram dringt in die Seele. Ein Bediente(herbeilend.) Gnäd'ger Herr! Brichanteau. So laßt doch Euern Herrn in Ruhe jetzt. — 1838— Der Bediente. Es gilt des ſelgen, jungen Herrn Begräbniß. Zu welcher Stunde?— Brichanteau. Sollt es ſpäter wiſſen. Der Bediente. aanten aus der Stadt, Dann, die Komödi u verweilen. Sie bitten, heute Nacht hier 3 Brichanteau. Die Leute wählen eine ſchlimme Zeit, Aftein Gaſtfreundſchaft iſt auch eine Pflicht. (Zeigt auf eine Scheune zur Linken.) Gebt ihnen jene Scheune. Der Bediente. Dann ein Brief, Der Eile hat. An Herrn von Laffemas. 4 Laffemas. Gebt her, der iſt an mich! Brichanteau n einer Ecke ſteht.) Wir müſſen eilen Mit dem Begräbniß.— He, Saverny, träumſt du! (Er zupft ihn am Aermel.) Saverny(bei Seite.) (leiſe zu Saverny, der nachdenkend i Didier.(Beide ab.) — 184— Vierte Scene. Laffemas(allein.) Das Siegel iſt's des Staats.— Das große Siegel Von rothem Wachs.— Ein wichtiges Geſchäͤft. Schnell öffnen wir.(Er liest.) „Herr Lieutenant eriminel, „Man thut Euch hiemit kund, daß Didier, „Der Mörder des Marquis Gaspard entwiſchte....“ Mein Gott, das iſt ein ungeheures Unglück! „Ein Weib, man ſagt, die Marion de Lorme, „Begleitet ihn.— Kommt gütigſt bald zurück.“ — Schnell Pferde!— Ich, der ihn zu faſſen glaubte! Das iſt nun wieder ein verfehlt' Geſchaft Und ſchlecht geführt.— Verflucht!— Von zweien Keiner, Der Eine todt, der Andre auf der⸗Flucht. Ich fang' ihn doch! (Er geht ab. Eine Truppe herumziehender Ko⸗ mödianten, Männer, Frauen, Kinder, im Charakterkoſtüme, treten auf. Unter ihnen, ſpaniſch gekleidet, Marion und Didier. Di⸗ dier trägt einen großen Filzhut und iſt in einen Mantel gehüllt.) Fünfte Scene. Die Komödianten. Marion, Didier. Ein Bedienter, (die Komödianten nach der Scheuer führend.) Seht, hier iſt Eu'r Logis! Ihr ſeid bei'm Herrn Marquis von Nangis, wißt! . — 185— Allein betragt Euch ſchicklich, ſucht zu ſchweigen, Denn eine Leiche haben wir im Hauſe, Die morgen wird begraben. Miſchet mir Ja kein Geräuſch und keine Lieder, hört Ihr, Zu den Geſängen, die für ihre Seele. Heut' Nacht man ſingen wird.— Habt Ihr's verſtanden? Der Gracioſo,(klein und bucklicht.) Wir machen wey'ger Lärm als Eure Rüden, Die Einem bellend nach den Beinen fahren, Geht man vorüber.— Der Bediente. Zwiſchen Komödianten Und Hunden, Beſter, iſt ein Unterſchied. 3 Der Taillebras(zu Gracioſo.) Schweig' ſtill!— Du bringſt uns ſonſt um's Nachtquartier. Der Saramuz(zu Marlon und Didier, die bisher unbe⸗ weglich in einer Ecke des Theaters blieben.) Nun ſchwatzen wir.— Ihr ſeid nun bei der Truppe. Warum der Herr Madame auf ſeinem Pferde Mit ſich geführt, ob man ein Ehepaar, Ob nicht getraut, ob man die Polizei, Ob man die Necromanten flieht, die böslich Madame gefangen hielten, gilt mir gleich. Was ſpielt Ihr? das allein wünſch' ich zu wiſſen. — Hör', Schwarzaug, du kannſt die Chimenen geben! (Marion verbeugt ſich.) 4 — 186— Didier(verletzt, bei Seite.) Von einem jämmerlichen Komödianten Sie ſo behandelt ſeh'n. Scaramuz(zu Didier.) Was dich betrifft, Wir haben eine ſchöne Rolle frei, uns fehlt der Matamore.— Man ſpreizt ſich derb, Man ſpricht im Baß, man geht mit großen Schritten, Und nahm dem Orgon man Weib oder Nichte, So tödtet man am Schluß des Stücks den Mauren. Tragiſch iſt dieſe Rolle und dir ſtände Vor Allen ſie am beſten. Didier. Wie Ihr wollt. Scaramuz. Gut, aber ſage nicht mehr Ihr, denn das Beleidigt mich. (Mit tiefer Verbeugung.) Gegrüßt ſei Matamore! Didier. Die Schelme. Scaramuz(un den andern Komödianten.) Friſch, nun kochen wir die Suppe, Und repetiren unſ're Rollen dann. (Alle, mit Ausnahme von Marion und Didier⸗ gehen in die Scheune.) — 181— Sechste Scene. Marion. Didier. Didier cnach langem Schweigen, mit bitterem Lachen.) Marie! Nun iſt der Abgrund tief genug? Hab' ich dich bis auf ſeinen Grund geführt? Du haſt mir folgen wollen. Ach, mein Schickſal Eilt weiter, und gekettet an ſein Rad, Zertrümmert herzlos es das deinige. Wo ſind wir nun?— Ich hatt' es wohl geſagt. Marion(itternd und die Hände faltend.) Iſt das ein Vorwurf, Didier? Didie r.. Verflucht Vom Himmel, von der Welt verſtoßen, Verfluchter und verbannter, als es je Ein Menſch geweſen, als wir Beide jetzt, Sei ich allein, wenn je aus dieſem Herzen, Das ſeinen Glauben ſetzt auf dich allein, Ein einyger Vorwurf für dich kommen kann. Wenn Alles gleich mich hier verdammt, verſtößt, Biſt du mein Heiland nicht, mein Schutz, mein Hoffen? Wer feilte meine Ketten, täuſcht' den Wächter, Wer kam herab vom Himmel in die Hölle Mit mir zu zieh'n? Wer macht' ſich zur Gefang'nen Mit dem Gefeſſelten, zur Flüchtigen Mit dem Entfliehenden?— Wer hätte noch — 188— Ein ſolches Herz voll Liſt und voller Liebe, Das wechſelsweiſe frei macht, ſtützt und tröſtet? Haſt du, du ſchwaches Weib nicht, mich den Böſen, Von Gott Gezeichneten, vor mir gerettet, Mitleid mit dem Bedrängten nicht gefühlt? Den Alle haßten, du haſt ihn geliebt. Marion(weinend.) Didier, dich lieben, und dir folgen iſt mein Glück! Didier. O laß die Hand von deinen Augen, laß, Damit ich mich in deinem Blick berauſche⸗ Als Gott zu meinem Staube eine Seele Hinzugefügt; da gab er meinen Tagen Den Engel und den Teufel zum Begleiter; Allein geſegnet ſei er, ſeine Gnade Verbirgt den Teufel mir, läßt mich allein Den Engel ſeh'n.— Marion. Du biſt mein Didier, Mein Herr und mein Gebieter. Didier. Dein Gemahl. Nicht wahr? Marion(bei Seite.) Ach! Didier. Weißt du, Theure, welch' ein Gluͤck es iſt, Indem man dieſes eiferſucht'ge Land, — 188— Das unverſöhnliche verläßt. Dich wählen, Als Herrin und Gattin anerkennen! Du willſt es doch? gib Antwort. Marion. Deine Schweſter, Werd' ich, mein Bruder du. Didier. O nein! Verſage meiner heißen Seele nicht Die Süßigkeit, vor Gott als heilig dich Und als die Meinige zu haben. Sieh'! In voller Sicherheit ziehſt du mit mir, Dem Gatten wahret deine Reinheit ſtreng Dein Vielgeliebter. Marion(bei Seite.) Ach!. Didier. Weißt du, was ich litt? Erdulden müſſen, daß ein Komödiant, Indem er mit dir redet, dich befleckt. Nicht der geringſte iſt's von meinen Schmerzen, Zu ſolchem Volke dich gemiſcht zu ſeh'n. Dich, edle, keuſche Blume, dieſen Weibern Und dieſen Männern voller Schmutz der Seele Geſellt zu wiſſen. Marion. Didier, ſei auf der Hut! — 190— Didier. Wie hab' ich gegen meinen Zorn gekämpft; Der Jämmerliche redet du dich an! Da ich, dein Gatte, kaum es mir erlaube, Aus Furcht, die reine Stirne zu beflecken. Marion. Verhalte dich mit ihnen, denn dein Leben, Das Meine häͤngt daran. Didier. O, ſie hat Recht, Hat immer Recht! Ob jeden Augenblick Mein ſchlechtes Schickſal auch ſich neu geſtalte, Du gibſt mir deine Jugend, Herz und Glück. Woher ſind alle dieſe Wundergaben An mich verſchwendet, die ein König nicht Mit ſeinem Königreich bezahlen könnte? Elend und Thorheit biet' ich nur dafür. Der Himmel gibt dich mir, die Hölle bindet Dich feſt an mich; was that ich Gutes denn, Was thatſt du Böſes, die ungleiche Theilung Uns zu verdienen? Marion. All mein Glück, es kommt Allein von dir. Didier(der wieder finſter geworden.) Verſteh' mich wohl, Marie! Wenn du ſo redeſt, denkſt gewiß du ſo; — 191— Ich ader ſage dir, mein Stern iſt böſe, Woher ich kam, ich weiß es nicht, wohin Ich gehe, auch nicht; dunkel iſt mein Himmel. Hör' eine Bitte!— Noch iſt's Zeit, Marie! Entferne dich von mir, zieh⸗ dich zurück, Laß mich allein auf meiner finſter'n Bahn! Bin ich ermattet nach der ſchweren Reiſe, So iſt das Lager kalt, das meiner harrt, Eiskalt und eng, für zwei hat's keinen Raum. Geh' fort! Marion. Didier, im Dunkel, ohne Zeugen Will ich es mit dir theilen...— das zum Mindſten! Didier. Was willſt du denn? Weißt du, Unſinnige! Daß mir zu folgen angetrieben, du Exil und Elend ſuchſt, vielleicht, merk' auf, So lange Schmerzen, daß dein holdes Auge Erliſcht in Thränen. 3(Marion verbirgt das Haupt in den Händen.) Ja, ich ſchwör' es dir, Das Blld iſt wahr, und ich beklage dich Denn deine Zukunft ſchreckt mich.— D'rum— geh⸗ fort! NMarion(in Weinen ausbrechend.) O tödte mich! willſt du noch mehr ſo reden! (Schluchzend.) Mein Gott! — 192— Didier(ſie umfaſfend.) Marie! mein Alles! ſo viel Thränen! Mein Blut hätt' ich um eine hingegeben, Thu', was du willſt! bleib' bei mir, ſei mein Glück, Mein Ruhm, mein Gut, ſei Liebe mir und Tugend! Marie! antworte mir; ich rede, hörſt du? (Er ſetzt ſie ſanft auf eine Rafendank.) Marie(ſich aus ſeinen Armen losmachend) Du haſt mir weh gethan. Didier(knieend und aus ſeine Hand gebeugt.) Ich ſtürbe eher! Marion(in Thränen lächelnd.) Ja, Böſer, du haſt mir recht gethan. Didier. Du biſt ſo ſchön! (Ee ſetzt ſich neben ſie.) Laß deine Stirn mich küſſen, So rein, wie unſ're Liebe. (Er küßt ihr die Stirn.— Sie blicken ſich⸗ Beide voll Entzücken an.) Sieh⸗ mich an, Marie! o ſieh' mich an! ſo— immer ſo. Der Gracioſo(tritt auf.) Man ruft Donna Chimene in der Scheune. (Marion ſteht raſch auf; zu gleicher Zeit, mit dem Gracioſo erſcheint Saverny im Hinter⸗ grunde und betrachtet aufmerkſam Märion, ohne Didier zu ſehen, der auf der Bank ſitzen blib, und den ein Geſträuch ſeinen Blicken verbirgt.) — 193— Saverny. (im Hintergrunde, ohne geſehen zu werden, bei Seite.) Marion, weiß Gott! ein ſeltſam Abenteuer. (Lachend.) Chimene! Der Gracioſo(zu Didier, welcher Marion folgen will.) — Bleibt, Herr Eiferſüchtling! Bleibt, Ich will Euch quälen! Didier. Teufel! Marion(leiſe zu Didier.) Ruhig, Freund! (Didier ſetzt ſich wieder hin, ſie geht in die Scheune.) Saverny(im Hintergrunde des Theaters, bei Seite.) Was läßt ſie denn im Lande abenteuern? 4 Wär's der Galan, der neulich Abends mich Gerettet?— Wahrlich, ja, ihr Didier! Laffemas (tritt auf, in Reiſekleidern, er grüßt Saverny.) Mein Herr, ich nehme Abſchied jetzt von Ihnen... Saverny. Ah, Sie, mein Herr, Sie wollen uns verlaſſen? (Er lacht.) Laffemas. Was iſt ſo lächerlich? Saverny. . Ein tolles Stückchen, Und Ihnen kann man's ſagen.— Bei der Truppe V. 13 — 194— Der Komoͤdianten, die ſo eben ankam, Iſt... Rathen Sie ein wenig, wen ich fand? 1 Laffemas. Bei dieſer Truppe! Saverny. (Stärker lachend.) Ja. Marion de Lorme! Laffemas(erſtaunt.) Marion de Lorme! Didier, cher ſeit ihrem Erſcheinen die Blicke auf ſie heftete.) Wie! (Er erhebt ſich halb von ſeiner Bank.) Saverny(noch immer lachend.) Das muß ganz Paris Erfahren.— Geh'n nach jener Seite Sie? Laffemas. Das Faktum ſoll getreu berichtet werden. Doch ſind Sie ſicher, daß Sie richtig ſeh'n?.. Saverny. Hoch lebe Frankreich! Seine Marion Wird man doch kennen.(Er ſucht in der Taſche.) Hier iſt ihr Portrait! Ein ſüßes Pfand der Liebe, das ſie eigens Ließ von des Königs Maler für mich macken. (Er gibt dem Laffemas ein Medaillon.) — 195— Vergleichen Sie. (Er zeigt auf die Scheunenthür.) Man ſieht ſie durch die Thür Als Spanierin dort, die Basquina grün. Laffemas(die Augen wechſelweiſe auf das Portrait und auf die Scheune richtend.) Sie iſt's, Marion de Lorme.(bei Seite) Nun hab' ich ihn. (zu Saverny) Iſt ihr Begleiter unter dieſen Heiden? Saverny. Ich hab' ihn nicht geſehn, doch ſchwör' ich drauf, Denn dieſe Damen lieben nicht, im Lande 3 Allein umher zu reiſen, ohne juſt Betſchweſtern drum zu ſein. Laffemas. Ich muß nur ſchnell Das Thor bewachen laſſen; leicht entdeck ich Nachher den falſchen Komödianten d'runter. Den hab' ich feſt und ſicher jetzt gefangen.(Er geht ab.) Saverny. Da ward nun wiederum ein Mal von mir Ein dummer Streich gemacht. Pah! (Er nimmt den Gracioſo bei Seite, der bisher allein in einem Winkel ſtand, geſtikulirend und ſeine Rolle murmelnd.). Beſter, hören Sie 13* — 196— Wer iſt die Dame,— hier,— im Schatten— ſitzend? (Er zeigt auf das Scheunthor.) Der Gracioſo. Chimene?(feierlich) Ihren Namen, gnäd'ger Herr, Den weiß ich nicht. (Auf Didier zeigend) Dort, jener gnäd'ge Herr Iſt ihr Begleiter, reden Sie mit ihm. (Er geht nach dem Park zu ab.) Siebente Scene. Didier. Saverny. Saverny(ſich zu Didier wendend.) Der Herr dort? Sagen Sie... doch ſonderbar, Wie er mich anblickt.... Ja, der iſt's, er iſ's.— (Laut zu Didier.) Wär' er nicht im Gefängniß, glichen Sie, Mein Beſter.... Didier. Und wär er nicht todt, So ſäahen Sie wie ein Gewiſſer aus,— Sein Blut komm' auf ſein Haupt,— dem ich zwei Worte Geſagt, die ihn in's Grab gelegt. Saverny. Still— leiſe, Denn Sie ſind Didier! — 197— Didier. Sie der Marquis Gaspard. Saverny. Sie waren eines Abends irgendwo— Mein Leben dank' ich Ihnen alſo, denn.... (Er nähert ſich ihm mit offenen Armen,⸗ Didier weicht zurück.) Didier. Verzeihen Sie, Marquis, die Ueberraſchung— Mir war, als hätt' ich's Ihnen wiederum Genommen. Saverny. Nein, gerettet, nicht genommen. Bedurfen jetzt Sie eines Secundanten, Bedürfen eines Bruders, Stellvertreters? So fordern Sie, was wünſchen Sie von mir, Mein Blut, mein Gut, ſelbſt meine Seele? Didier. Nein Nichts von dem Allem, nur dies Frauenbildniß, (Saverny gibt ihm das Portrait mit Bitter⸗ keit, indem er es anſieht.) Ja, das iſt ihre wunderſchöne Stirn, Ihr ſchwarzes Auge, iſt ihr weißer Hals, Vor Allem ihre unſchuldsvolle Miene. Das Bildniß iſt ſehr ähnlich. Saverny. Finden Sie? — 198— Didier. zür Sie hat dies Portrait ſie malen laſſen? Saverny(bejahend, Didier ein Compliment machend.) Ja, aber jetzt ſind Sie der Auserkorne, Der heißgeliebte Einz'ge unter Vielen, Sie Glücklicher! Didier(mit hellem verzweifelndem Gelächter.) Nicht wahr, ich bin ſehr glücklich? Saverny. Ich wünſche Glück. Es iſt ein holdes Weſen, Das ſtets nur guter Leute Söhne liebt. Stolz darf man ſein, Herr, auf ein ſolches Schätzchen, Es bringt uns Ehre; dann giebt's⸗Anſeh'n auch, Spricht von Geſchmack und fragt Jemand nach Ihnen, So heißt es laut und überall: der Herr da Iſt der Geliebte Marion's de Lorme. (Didier will ihm das Portrait wiedergeben. Er weigert ſich, es anzunehmen.) Behalten Sie das Bild; da ſie die Ihre, Kommt das Portrait mit Recht auch Ihnen zu. Didier. Dank! Saverny. Ganz charmant iſt ſie als Spanierin. Sie alſo folgen mir, ein wenig zwar Wie König Ludwig folgt dem Pharamund. Ich, dann die Briſſac— ja ſie waren's Beide, — 199— Die mich verdrängten.(lachend) Glauben Sie's ſogar, Der Cardinal; der kleine d'Effiat dann, Darauf die drei Sainte⸗Mesme und nachher Die Argenteau, vier an der Zahl.. Sie finden In ihrem Herzen treffliche Geſellſchaft... C(lachend) Ein wenig zahlreich zwar, allein... Didier(bei Seite.) Abſcheulich! Saverny. Sie ſollen mir erzählen— doch, zuvor, uUm Ihnen nichts zu hehlen, hier gell' ich Für todt und werde Morgen ſchon begraben. Sie werden Seneſchal und Sbirren wohl Betrogen haben, Marion ließ Ihnen Den Kerker öffnen, unterweges trafen Die Komödianten ſie— nicht wahr? Charmant Muß die Geſchichte ſein. Didier. Ja, ziemlich lang. Saverny. Um Ihretwegen that ſie freundlich wohl Mit irgend einem Häſcher? Didier(mit Donnerſtimme.) Höll' und Teufel! Das glauben Sie? Saverny. Wie, ſind Sie eiferſüchtig? Wie abgeſchmackt!— Sie wären eiferſüchtig Auf wen? Auf Marion de Lorme. Die Aermſte! Nur keine Predigt ihr gehalten. Didier. Nicht doch— Behüte—(bei Seite) Gott! der Engel war ein Teufel! (Laffemas und der Gracioſo treten auf. Didier geht ab; Saverny folgt ihm.) Achte Scene. Laffemas. Der Gracioſo. Der Gracioſo(zu Laffemas.) Mein Herr, ich weiß nicht, was Sie ſagen wollen, . Cfür ſich) Alcadentracht und Aeußeres von Sbirren, Ein kleines Auge unter dichten Brauen, Der ſpielt gewiß die Häſcherrolle hier. Laffemas(eine Börſe ziehend.) Freund! Der Gracioſo(ſich nähernd, leiſe zu Laffemas.) Unſere Chimene intriguirt Sie, Sie möchten wiſſen... Laffemas(ſeiſe, lächelnd.) Ja, wer Ihr Rodrigo? — 20⁰⁰˙— Der Gracioſo. Ihr Amoroſo heißt das. Laffemas. Ja. Der Gracioſo. Ja, das heißt, Wer unter ihrem Scepter ſchmachtet? Laffemas(ungeduldig.) Ja doch. Sagt, iſt er da? Der Gracioſo. Gewiß. Laffemas. So zeigt ihn mir. Der Gracioſo(mit einer tiefen Verbeugung.) Ich bin's, bin fürchterlich in ſie vernarrt. Laffemas(getäuſcht, wendet ſich ärgerlich ab; dann naht er ſich wieder und ſchüttelt den Geldbeutel vor den Augen und Ohren des Gracioſo.) Kennt Ihr den Klang der Genovinen? . Der Gracioſo. Gott! Wie wunderbar und ſüß iſt die Muſik. Laffemas(bei Seite.) Didier iſt mein.(zum Gracioſo) Siehſt du den Beutel, Freund 2 Der Gracioſo. Wieviel iſt's? — 202— Laffemas. Zwanzig gold'ne Genovinen! Der Gracioſo. Hum! Laffemas(klingelt ihm mit dem Beutel unter der Naſe.) Willſt du? Der Gracioſo(reißt ihm den Beutel weg.) Freilich will ich. (Mit theatraliſchem Ton zu Laffemas, der ihm ängſtlich zuhört.) 3 Gnäd'ger Herr Wenn recht im Mittelpunkt, dein Rücken trüge, An Dicke deinem Bauch gleich, einen Buckel Und ließeſt dieſe beiden Säcke du Ausfüllen, mit Ducaten, Louisd'or Dublonen und Zechinen— in dem Fall— Laffemas. Was ſagteſt du? Der Gracioſo(den Beutel in die Taſche ſteckend.) Steckt' ich den Beutel ein Und ſagte.... (Mit einer tiefen Verbeugung.) Dank! Ihr ſeid ein wack'rer Mann. Laffemas(bei Seite, wüthend.) Der Teufel ſoll den jungen Affen holen. Der Gracioſo(bei Seite, lachend.) Der Teufel ſoll den alten Kater holen. — 203— . Laffemas(bei Seite.) Sie haben ſich beredet, falls man ihm Nachſtellt; es iſt ein völliges Complott. Sie werden Alle gleicher Weiſe ſchweigen, Das niederträchtige Zigeunervolk! (Zum Gracioſo, der fortgehen will.) Gib wenigſtens mir meine Börſe wieder. Der Gracioſo(ſich umdrehend, mit tragiſchem Ton.) Für wen denn halten Hie mich, Gnädigſter? Was aber ſpräche wohl die Welt von uns? Sie ſchlagen ſo Abſcheuliches mir vor, Und ich, ich ſollt' es thun, um ſchlechtes Gold Ein Haupt, mit ihm mein Seelenheil verkaufen! (Er will fort.) Laffemas Ghält ihn zurück.) Gut, aber gib mein Geld. Der Gracioſo(verbeugt ſich.) Ich wahre meine Ehre, und Rechenſchaft bin ich, mein Herr, nicht ſchuldig. (Er verbeugt ſich und geht in die Scheune.) 4 Neunte Scene. Laffemas(allein.) Gemeiner Schuft! Stolz in ſo niedrer Seele!— Fielſt eines Tages du in meine Hände und jagt' ich nicht nach einem edler'n Wild.... Wie aber nun den Didier entdecken? Das bischen reines Gold an's Tagslicht brächte, — 204— Die ganze Bande arretiren laſſen Und auf die Folter ſpannen, geht doch nicht.— Ein ſchweres Werk, als wenn man eine Nadel In einem vollen Kornfeld ſuchte. Hier Bedarf man eines Alchymiſtentiegels Mit Zauberkraft, der Blei und Kupfer löſend, Das dieſe ganze Miſchung tief verſteckt.— So ohne Fang zum Cardinal zurück!... (Er ſchlägt ſich an die Stirn.) Doch welche glückliche Idee.— Er iſt Gefangen.(in die Scheune rufend) Meine Herrn von der Geſellſchaft Nur auf zwei Worte, bitt' ich. Zehnte Scene. Der Vorige. Die Schauſpieler, unter ihnen Marion und Didier. Der Scaramuz(un Laffemas.) Nun, was ſoll's? Laffemas. Hier ohne Phraſen der Academie: Der Cardinal hat mich beauftragt, ihm, Um in den Stücken, die er ſchreibt, wenn ihm Der Fürſt dazu die Muße läßt, zu ſpielen, Geſchickte Komödianten aufzuſuchen, — 205— Falls es in der Provinz noch ſolche gibt; Denn, ungeachtet alles ſeines Strebens Iſt ſeine Bühne ſchlecht und wenig Ehre Bringt ſie dem Herzog⸗Cardinal fürwahr. (Alle Schauſpieler drängen ſich eifrig um Laffe⸗ mas. Saverny tritt auf uand beobachtet neugierig das Folgende.) Der Gracioſo(bei Seite, in einem Winkel, des Laffe⸗ . mas Genovinen zählend.) Zwölf! Zwanzig ſagt' er. Er hat mich beſtohlen, Der alte Schuft. Laffemas. Nun, Einer nach dem Andern. Sagt mir ein Stück von Eurer Rolle her, 3 Damit ich unter Allen wählen kann.(bei Seite) Zieht er ſich da heraus, ſo iſt er fein. Claut) Seid Ihr complet? (Marion nähert ſich verſtohlen Didier und ſucht ihn fortzuziehn. Er tritt zurück und ſtößt ſie von ſich.) Der Gracioſo(geht auf ſie zu.) So tretet näher doch. Marion. Gerechter Gott! (Didier verläßt ſie und miſcht ſich unter die Schauſpieler, ſie folgt ihm.) Der Gracioſo. Nun, gratulirt Ihr Euch, Daß Ihr zu uns gehört? Es iſt ein Glück, — 206— Stets neue Kleider, täglich einen Schmaus Und Abends Verſe eines Cardinals. (Die Schauſpieler ſtellen ſich vor Laffemas auf, unter ihnen Marion und Didier. Didier ohne Marion anzublicken, hat die Arme unter dem Mantel gekreuzt und blickt zur Erde; Marion dagegen ſieht ihn ängſtlich an.) Der Gracioſo(an der Spitze der Truppe, bei Seite.) Wer glaubte wohl, daß dieſer Unglücksrabe Spaßmacher für den Cardinalminiſter Hier werben wolle. 4 Laffemas(um Gracioſo.) Du zuerſt, wer biſt du? Der Gracioſo(mit einer tiefen Verbeugung und einer Pirouette, die ſeinen Buckel hervortreten läßt.) Der Gracioſo der Geſellſchaft bin ich Und Folgendes, mein Herr, weiß ich am beſten. (Er ſingt.) Richter, das ſind nur Perrücken, Voller Bosheit, voller Tücken, Und aus ihrem dicken Haar, Kommt nur Böſes, das iſt wahr. Ketten, Galgen, Rad und Buße Zeigt ſich bei dem erſten Gruße, Einer größeren Perrücke, Die man nennt: Präſident. Advocat, das will bedeuten Eine Fluth von dürren Worten, — 207— Die gelehrt, vor allen Leuten Auf den Präſidenten fällt. Ein Gemiſch iſt's aller Orten Von Latein und Kauderwälſch. Laffemas. Falſch ſingſt du, einen Raben eiferſuͤchtig Zu machen.— Schweige nur, es iſt genug. Der Gracioſo. Falſch der Geſang, allein das Lied iſt wahr. Laffemas(zu Scaramus.) Ihr kommt. Der Scaramuz(ſiicch verbeugend.) Ich bin der Scaramuz, mein Herr, Und in der Duenna öffn' ich ſo die Scene. (Deklamirend.) Nichts iſt ſo ſchön, ſprach Spaniens Königin, Als vor'm Altar ein Biſchof, ein Soldat im Feld, Wenn nicht ein Weib im Bett, ein Dieb am Galgen.... (Laffemas macht ihm ein Zeichen aufsuhören und winkt dem Taillebras.) Der Taillebras(mit Emphaſe.) Ich bin der Taillebras, von Tibet komm' ich an, Ich züchtigte den Mogul, beſtrafte den Großkhan. Laffemas. Was Beſſ'res!(Eeiſe zu Saverny, der neben ihm ſteht.) Wahrlich, Marion iſt ſchön. Der Taillebras. Es iſt das Beſte, doch wenn's Euch gefällt, — 208— So bin ich Kaiſer Karl der Große jetzt. (Er deklamirt mit Pathos.) Welch ſeltſames Geſchick! Dich, Himmel ruf' ich an, Sei Zeuge, Himmel Du, von meinem grauſen Schmerz! Berauben muß ich mich des eignen Gutes jetzt, Und die Geliebte geben einem Anderen, Den Gegner glücklich machen und mit Luſt erfüllen Und mir mit bittrer Traurigkeit den Leib verbittern. Alſo Ihr Vögel baut Ihr Neſter nicht füx Euch! Alſo Ihr Bienen ſucht Ihr Honig nicht füͤr Euch! Alſo Ihr Lämmer tragt Ihr Wolle nicht für Euch! Alſo Ihr Stiere pflügt Ihr nicht das Feld für Euch! Laffemas. Genug!(zu Saverny) Die ſchönen Verſe, meiner Treu! Aus Bradamante von Garnier! Großer Dichter! (Zu Marion.) Jetzt kommt Ihr, meine Holde; Euer Name? Marion(öitternd.) Chimene bin ich. Laffemas. Ei, Chimene! wirklich? In dieſem Falle habt Ihr einen Liebſten, Der irgend Jemand im Duell erſchlägt.... Marion(erſchreckt.) Ich? Laffemas(hohnlächelnd.) Ja.— Ich hab' ein herrliches Gedächtniß.— Und der ſich rettet.... Marion(bei Seite.) Gott! Laffemas. Erzählt uns das. Marion Chalb zu Didier gewendet.) Da deine Ehre und dein Leben dir Nur ſchwachen Reiz gewähren, dich zu hindern, In dein Verderben eifrig dich zu ſtuͤrzen; So wehre jetzt dich, wenn ich je dich liebte, Vergeltend, mich von Sancho zu befreien. Ficht', um aus einer Lage mich zu retten, Die dem Gehaßten mich als Beute liefert. Soll' ich noch mehr dir ſagen? Sinne du Dich zu vertheidigen, um meine Pflicht Zu zwingen mir Stillſchweigen aufzulegen; und wenn dein Herz noch Neigung für mich fühlt, Verlaß den Kampf als Sieger, deſſen Preis Chimene iſt. (Laffemas erhebt ſich und küßt Marion galaut die Hand; ſie blickt erblaſſend Didier an⸗ der unbeweglich mit geſenktem Blick daſteht.) Laffemas. Nicht leicht giebt's eine Stimme, Die ſo des Herzens tief geheimſten Grund Erzittern macht, wie Sie es thun.— Sie ſind Bewundernswürdig. (Zu Saverny.) Nein, man kann's nicht läugnen, V. 14 — 210— Corneille wiegt doch den Garnier nicht auf, Obgleich mehr Haltung iſt in ſeinen Verſen, Seitdem er Seiner Eminenz zu folgen Die Ehre hat. (Zu Marion.) Welch' herrliches Talent, Die ſchönen Augen! ſo ſich hier vergraben! Sie ſind, Madame, hier nicht an Ihrem Ort, O ſetzen Sie ſich doch. (EEr ſetzt ſich und winkt Marion, ein Gleiches zu thun.— Sie tritt zurück.) Marion(leiſe und voller Angſt.) Allmächtiger! (Eben ſo zu Didier.) Ich bitte dich, laß uns zuſammen bleiben! Laffemas Clächelnd.) Ich bitte, ſetzen Sie ſich doch zu mir. (Didier ſtößt Marion zurück, die erſchrecke auf die Bank neben Laffemas finkt.) Marion(bei Seite.) Weh mir, ich zitt're. Laffemas(Marion mit einem Blicke des Vorwurfs zulächelnd.) Endlich! (Zu Didier.) Sie, Ihr Name? (Didier thut einen Schritt auf Laffemas zu, wirft den Mantel ab und drückt den Hut tiefer auf den Koyf.) Ich bin Didier. — 211— Marion, Laffemas, Saverny. Didier! (Erſtaunen und Entſetzen.) Didier Ciu Laffemas, der triumphirend hohnlächelt.) Sie können Alle jetzt getroſt entlaſſen, Sie haben Ihre Beute nun gefangen, und Ihre Kette nimmt ſie wieder auf! Viel Mühe koſtet Ihnen dieſe Freude. Marion(auf Didier zueilend.) O Didier! Didier(mit eiſigem Blick.) Hindern Sie mich nicht bei dieſem, Madame!(Zu Laffemas.) Wohl ſah ich deine Schritte mich Umkreiſen, Dämon, las in deinen Augen Die Flamme jenes Feuerſtrahls der Hölle, Der deine niedre Seele dir erhellt. Ich konnte deiner halb unnützen Schlinge Entfliehn, doch jammert mich die viele Mühe. Nimm mich, und laß den ärmlichen Verrath, Den hinterliſtigen, dir wohl bezahlen. Laffemas(mit unterdrücktem Zorn und ſich zum Lächeln zwingend.) Sie ſpielen alſo nicht Komödie? Didier. Du haſt ſie hier geſpielt. 14* Laffemas. Schlecht würd' ich ſpielen, Doch ſchreib' ich mit dem Cardinal ein Stück: Ein Trauerſpiel— Sie haben eine Rolle Darin.— (Marion ſtößt einen Schrei des Entſetzens aus Didier wendet ſich verächtlich ab.) O wenden Sie nicht ſo das Haupt, Wir werden bis zum Schluß Ihr Spiel bewundern. Empfehlen Sie jetzt Ihre Seele Gott! Marion. (In dieſem Augenblick ſchreitet der Marquis von Nangis, ganz wie früher, über den Hintergrund der Bühne. Bei Marions Schrei bleibt er ſtehn und wendet ſich bleich, ſtumm und unbeweglich zu den Anweſenden. Laffemas(zum Marquis von Nangis.) Herr Marquis, ich reklamire Hülfe Hier eine gute Nachricht, doch Sie müſſen Mir Ihre Wache leihn. Entflohen war Der Mörder des Marquis Gaspard, allein Wir haben ihn gefangen. Marion(wirft ſich Laffemas zu Füßen.) Gnade, Gnade Für ihn! Laffemas(galant.) Zu meinen Füßen, Sie, Madame? Mein Platz Iſt zu den Ihrigen. Marion(immer noch knieend und die Hände faltend.) O haben Sie, Herr Richter, Mitleid mit dem Nebenmenſchen, Damit dereinſt ein noch weit ſtreng'rer Richter, Bereit zu ſtrafen, Sie begnadige. Laffemas(lächelnd.) Sie halten uns da wirklich eine Predigt, O herrſchen auf den Bällen Sie, Madame, Und glänzen bei den Feſten Sie; allein Nur keine Predigt; für Sie thät' ich wohl Alles, Doch dieſer Menſch da hat getödtet, iſt Ein Mörder. Didier(zu Marion.) 3 Auf! (Marion ſteht zitternd auf.) (Zu Laffemas.) Es war nur ein Duell. Du lügſt. Laffemas. Mein Herr! Didier. Du lügſt, ich ſag' es dir. Laffemas(zu Marion.) Still.— Blut will Blut.— Die Strenge thut mir Leid. Er hat getödtet. Wen? Den Herrn Marquis Gaspard von Saverny, den theuern Neffen Des würd'gen Greiſes; (Er zeigt auf den Marquis von Nangis.) — 214— Einen jungen Mann Von wahrem Adel; der Verluſt iſt groß Für Frankreich und den König... Wär' er nicht Geſtorben, wahrlich— denn mein Herz iſt nicht Von Stein— ich ſage nicht— doch wär' es anders... Saverny(vortretend.) Der Todtgeglaubte iſt nicht todt.— Hier iſt er. (Allgemeines Erſtaunen.) Laffemas(zitternd.) Gaspard von Saverny! Wenn nicht ein Wunder?... Dort iſt ſein Sarg. Saverny(ſeinen falſchen Schnurrbart, ſein pflaſter und ſeine ſchwarze Perrücke abreißend.) Ich ſag' Euch, daß er lebt. Erkennt Ihr mich? Der Marquis von Nangis(wie aus einem Traum erwachend, ſtößt einen Schrei aus und ſtürzt in ſeine Arme.) Mein Gaspard. O, mein Neffe! Mein Sohn!(Sie umarmen ſich.) Marion(auf die Kniee fallend, die Augen gen Himmel gerichtet.) O! Didier iſt gerettet! Großer Gott. Didier(kalt zu Saverny.) Wozu? Ich wollte ſterben. Marion(nieend.). Schütz' ihn, Gott! Didier(fortfahrend, ohne auf ſie zu achten.) Glaubt Ihr, daß er mich ſonſt gefangen hätte, Und daß ich nicht mit einem Sporenſtoße Sein Spinngewebe, Fliegen drin zu fangen, Zerriſſen.— Nach dem Tode ſehn' ich mich, Ihr dient mir ſchlecht dafür, daß Euer Leben Ihr mir verdankt. Marion. Was ſagt er? Ihr ſollt leben. Laffemas. Gemach; noch iſt hier Alles nicht vorbei. Iſt das gewiß Gaspard von Saverny? Marion. G- Ja. Laffemas. G Das muß jetzt genau erwieſen werden. Marion gauf den Marqguis von Nangis zeigend, der noch immer Saverny umarmt hält.) Seh'n Sie den Greis, er lächelt unter Thränen. Laffemas. Iſt's wirklich denn Gaspard von Saverny? 3 Marion. Wie können Sie bei der Umarmung zweifeln? Der Marquis von Nangis(ſich umwendend.) Ob er es iſt! mein Gaspard iſt? mein Sohn, Mein Blut und meine Seele. (Zu Marion.) Fragt er nicht, Ob er es ſei, Madame? Laffemas(zum Marquis von Nangis.) Wohl, Sie beſtät'gen Mir alſo, daß der Herr Ihr Neffe ſei, Gaspard von Saverny? Der Marquis(mit lauter Stimme.) Ja wohl. Laffemas. Wohlan denn Im Namen des Königs arretir' ich Sie, Marquis Gaspard, nach dem Geſtändniß jetzt, Ich bitt' um Ihren Degen. (Erſtaunen und Beſtürzung unter den Anweſenden.) Der Marquis von Nangis. O mein Sohn! Marion. O Himmel! Didier. Noch ein Haupt. Zwei muß er haben, Der römiſche Cardinal, zum Wenigſten, Damit in jeder Hand er etwas halte. Der Marquis von Nangis. Nach welchem Recht? Laffemas. Fragt Seine Eminenz. Die Ueberlebenden im Zweikampf fallen, Nach dem Cdict, dem Recht anheim. (Zu Saverny.) Ich bitte Um Ihren Degen. — 217— Didier(Saverny anblickend.) O, Unſinniger! Saverny. Hier iſt er. (Er zieht den Degen und will ihn Laffemas überreichen; der Marauis von Nangis hin⸗ dert ihn daran.) Der Narauis von Nangis. Einen Augenblick. Ich bin Hier Herr und Keiner iſt es außer mir. Hohe wie niedere Gerichtsbarkeit Hab' ich allein in dieſem Schloß, es wäre Der König unſer Herr ſelbſt nur ein Gaſt. (Zu Saverny.) Nur mir allein gibſt deinen Degen du. (Saverny gibt ihm ſeinen Degen und drückt ihn in ſeine Arme.) Laffemas. Auf Ehre, gnäd'ger Herr, das iſt ein altes Und ſehr verfall'nes Lehensrecht; es könnte Die Eminenz deßhalb mich eifrig tadeln, Allein um Sie nicht zu betrüben... Didier. Schändlich. Laffemas(ſich vor dem Marquis verbeugend.) Ergeb' ich mich darein, doch zur Vergeltung Leih'n Sie aus Gründen jetzt mir Wach' und Kerker. Der Marquis von Nangis(uu ſeiner Wache.) Vaſallen meiner Ahnen waren Eure Väter, Und ich verbiet' Euch, einen Schritt zu thun. — 218— Laffemas(mit Donnerſtimme.) Ihr Leute, hört mich an; ich bin der Richter Bei dem geheimen Tribunale, bin Der Lieutenant criminel des Cardinals. Man führe Beide in den Kerker ab. Vor jeder Pforte wachen vier von Euch. Ihr haftet ſämmtlich mir dafür; Ihr wäret Sehr kühn, wenn Ihr mir nicht gehorchen wolltet, Denn ſag' ich Einem von Euch, daß er gehe, Vollziehe meinen Willen— und er zaudert, So iſt's,— weil ihm ſein eignes Haupt zu ſchwer. (Die beſtürzten Wachen führen ſchweigend die beiden Gefangenen fort. Der Marquis von Nangis wendet ſich empört ab und bedeckt ſeine Augen mit der Hand.) Marion. Weh! Alles iſt verloren!— (Zu Laffemas.) Wenn Ihr Herz... Laffemas(leiſe zu Marion.) Wenn Sie heut Abend mich beſuchen wollen, So werd' ich Ihnen dann zwei Wörtchen ſagen. Marion(bei Seite.) Was will der Menſch von mir? Er lächelt tödtlich. Ein dunkler Abgrund ſcheint mir ſeine Seele. (Sie eilt auf Didier zu.) Didier!— Didier(kalt.) Adieu, Madame. Marion(Fitternd.) Was hab' ich denn verbrochen. Weh, ich Unglückliche! Didier. — Unglücklich, wahrlich! Saverny(umarmt den Marquis von Nangis, daun wendet er ſich zu Laffemas.) Verdoppelt für zwei Köpfe man den Lohn, Mein Herr? Ein Diener(tritt ein und wendet ſich von Nangis.) Bereit ſind die Obſequien aspard; man wünſcht von Ihnen zu dem Marauis Für Monſeigneur G Die Stunde... Laffemas. Kommt in einem Monat wieder. Vierte Handlung. Ner Könt g. Perſonen. Marion de Lorme. Der Herzog von Ludwig XIII. Bellegarde. Der Marquis von Ein Musketier. Nangis. Ein Hellebardier. L Angely. Ein Huiſſier. Herr von Laffemas. Wachen. (Schloß Chambord.) (Der Saal der Garden im Schloſſe zu Chambord.) Erſte Seene. Der Herzog von Bellegarde(in reicher Hofklei⸗ dung mit Stickerei und Spitzen, das Band des heiligen Geiſt⸗ ordens um den Hals, den Stern auf dem Mantel tragend.) Der Marquis von Nangis(in tiefer Trauer, immer von ſeiner Garde begleitet. Beide gehen quer über den Hintergrund der Bühne.) Bellegarde. Verurtheilt? Y V V — 221— Nangis. Jal Bellegarde. Doch Gnade ſpricht der König! Es iſt ein Recht des Throns, iſt eine Pflicht Seines Geſchlechtes.— Sein Sie deßhalb ruhig. Er iſt, dem Herzen wie dem Namen nach, Heinrich's des Vierten Sohn. Nangis. Ich, ſein Gefährte. Bellegarde. Weiß Gott! wir haben freudig für den Vater Mehr als ein eiſern Wamms gebraucht, kein ſeid'nes. Marquis, geh'n Sie zum Sohn und zeigen ihm 4 Ihr greiſes Haar, ſtatt aller Bitte, ſprechend: Ventre-Saint-Gris!— dann ſoll ihm Richelieu Noch beſſ're Gründe geben. Doch zuvor Verbergen Sie ſich hier. (Er öffnet ihm die Seitenthür.) 3 Er wird gleich kommen, Und dann, unes Ihnen frei herauszuſagen, Der Zuſchnitt ihrer Kleider macht hier lachen. Nangis. Wie? üder meine Trauer! Bellegarde. Dieſe Stutzer! Verbergen Sie ſich hier, Gevatter, bald — 222— Erſcheint der König hoffentlich, ich werde ihn Gegen den Kardinal zu ſtimmen ſuchen. Dann klopf' ich mit dem Fuß,— ſo kommen Sie⸗ Nangis(ihm die Hand drückend.) Vergelt' es Gott! Bellegarde Czu einem Musketier, der vor einer vergoldeten Thüre auf und ab geht.) Herr von Navaille, was macht Der König? 4 Der Musketier. Er arbeitet juſt, Herr Herzog... (Leiſe.) Mit einem ſchwarzen Mann. Bellegarde(bei Seite.) Er unterzeichnet, Ich glaube eben jetzt ein Todesurtheil. (Zu Nangis, ihm die Hand drückend.) Muth! (Er führt ihn in die benachbarte Gallerie.) Bis man Sie benachrichtigt, betrachten Sie den Plafond, er iſt von Primaticcio. (Beide gehen ab. Marion tritt in tiefer Trauer durch die große Mittelthür, welche zu der Treppe führt, ein.) — — 223— Zweite Scene Marion. Die Garden. Der Hellebardier(zu Marion.) Madame, hier kommt man nicht herein. Marion(vorſchreitend.) Mein Herr... Der Hellebardier (die Hellebarde quer vor die Thüre haltend.) Man kommt hier nicht herein. Marion(verächtlich.) Fällt man denn hier Die Lanze gegen eine Dame ſo. Wär's anderswo, da ging's.— Der Musketier(lachend zum Hellebardier.) Da haſt du's, Freund! Marion(mit feſter Stimme.) Den Herzog von Bellegarde muß ich gleich fprechen. Der Hellebardier (die Hellebarde zurücknehmend, bei Seite.) Die Stutzer, die! Der Musketier. Treten Sie ein, Madame! Der Hellebardier (ſie von der Seite anſehend, für ſich.) Gewiß, der alte, gute Herzog iſt 1 So alt nicht, wie er ausſieht. Ehemals — 224— Hätt' in den Louvre ihn geſchickt der König, Weil er ſich Rendezvous ſelbſt hier erlaubt. Der Musketier (winkt dem Heltebardier zu ſchweigen.) Die Thuͤre öffnet ſich. (Die kleine vergoldete Thür wird geöffnet. Laf⸗ femas tritt heraus, eine Pergamentrolle mit einem an ſeidenen Fäden hängenden Siegel von rothem Wachs, in der Hand haltend.) Dritte Scene. Marion. Laffemas. (Beide drücken Erſtaunen aus. Marion wendet ſich mit Ab⸗ ſcheu von ihm) Laffemas(langſam auf ſie zugehend, leife.) Was thun Sie hier? Marion. Und Sie?. Laffemas (entrollt das Pergament und hält es ihr vor die Augen.) Vom König unterzeichnet. Marion, (nachdem ſie einen Blick darauf geworfen, verbirgt ihr Ge⸗ ſicht in den Händen.) Sott! Laffemas(n ihr gebeugt, ihr in's Ohr.) Nun, wollen Sie? Marion (ſchaudert und ſieht ihn ſtarr an. Er heftet ſeine Augen auf die ihren; noch leiſer:) Willſt du? Marion(ihn zurückſtoßend.) Verräther, laß mich! Laffemas(ſcch grinſend aufrichtend.) Sie wollen alſo nicht? Marion. Glaubſt du, ich fürchte dich? Der König kann begnadigen, der König Iſt's, der da herrſcht. Laffemas. Verſuchen Sie es nur! Benutzen Sie des Königs guten Willen! (Er wendet ihr den Rücken, dann kehrt er plötz⸗ lich um, ſchlägt die Arme unter und ſagt ihr in's Ohr.) Doch hüten Sie ſich, daß nicht einſt der Tag Erſcheint, an dem ich ſelber nicht mehr will. (Er geht ab⸗ der Herzog von Bellegarde tritt ein.) Vierte Scene. Marion, der Herzog von Bellegarde. Marion(auf ihn zugehend.) Herr Herzog, hier ſind Sie der Hauptmann. V. 15 — 226— Bellegarde. n Wie? Ei, Holdeſte, Sie ſind's! (Er verbeugt ſich.) Was wünſchen Sie? Marion. Ich will den König ſprechen. Bellegarde. Wann? Marion. Sogleich. Bellegarde. Kurz iſt die Ordre! Und was iſt es? Marion. Etwas. Bellegarde(lautauflachend.) Man laſſe doch ſogleich den König kommen.— So grade d'rauf! Marion. Sie ſchlagen's ab? Bellegarde. Gehorche.— CLächelnd.) Wann hätten wir uns etwas abgeſchlagen? Marion. Sehr wohl, allein werd' ich den König ſprechen? 1 Bellegarde. Zuerſt den Herzog.— Hier, mein Wort darauf; Es ſoll ſogleich geſcheh'n, wenn er hier durchgeht. Doch ſchwatzen wir ein Bischen. Iſt das weiſe, Mein Kind?! Ganz ſchwarz gekleidet! Seh'n Sie nicht, Wie ein Hoffräulein aus? Sie pflegten ſonſt Doch herzlich gern zu lachen. Marion. Gnäd'ger Herr, Das iſt vorbei. Bellegarde. Wie? Meiner Treue, ſie weint! Sie weinen! Marion(ihre Thränen trocknend, mit feſter Stimme.) Ich will mit dem König ſprechen, Und das ſogleich. Bellegarde. Allein, weßhalb? Marion. Es iſt.. Bellegarde. Auch gegen den Kardinal? Marion. So iſt's, Herr Herzog! Bellegarde(öffnet ihr die Gallerie.) So geh'n Sie hier hinein, Die Mißvergnügten Bring' ich in dieſe Gallerie; doch weichen Sie nicht von dort, eh' ich das Zeichen gebe. 15* (Marion geht hinein. Er macht die Thüre wie⸗ der zu.) Ich hätt' es ſchon für den Marquis gewagt; Es iſt daſſelbe, jetzt thu' ich's fur Beide. (Allmählig füllt ſich der Saal mit Hofleuten, die mit einander plaudern.— Der Herzog von Bellegarde geht von Einem zum Andern. LAngely tritt ein.) Fünfte Scene. L'Angely. Die Hofleute. Vorige. Bellegarde Gum Herzog von Beaupréan.) Ei, guten Morgen, Herzog! Beaupreau. Guten Morgen, Herzog! Bellegarde. Was gibt es Neues? Beaupréau. Nun, man ſpricht Von einem neuen Kardinal. 6 Bellegarde. Wer iſt's, Der Erzbiſchof von Arles? Beaupréau. Der Biſchof von Autun. Zum Wenigſten glaubt ganz Paris, ihm werde Der rothe Hut. Der Abbé von Gondi. Er kommt mit Recht ihm zu. Er kommandirte die Artillerie Bei der Berennung von Rochelle. Bellegarde. Aha! LAngely. Ich billige den heilgen Stuhl.— Es iſt Ein Kardinal zure canonico. Gondi Hachend.) Der Narr, der L' Angely. L Angely(ſich verbeugend.) Sie kennen meinen Namen. (Laffemas tritt ein. Alle Hofleute umgeben ihn und bemüh'n ſich um ihn. Bellegarde beob⸗ achtet ſie verdrießlich.) Bellegarde Gu 1'Angely.) Buffon! wer iſt der mit dem Hermelinpelz? L'Angely. Mit dem hier alle Welt ſo freundlich thut? — Bellegarde. Ja!— Ich hab' ihn noch niemals hier geſeh'n. Gehört er zu Monſieur von Orleans? L'Angely. Da wäre man ſo freundlich nicht mit ihm. Bellegarde (den Blick auf Laffemas, der ſich bläht/ gerichtet.) Er macht ſich wie ein Grand von Spanien. — 230— L'Angely(leiſe.) »S iſt Meiſter Laffemas, der Intendant Von der Champagne, Criminallieutenant. Bellegarde(keiſe.) Infernallieutenant! Derſelbe wohl, Den man den Henker nennt des Kardinals. L'Angely Ueiſe.) Ja. Bellegarde. Dieſer Menſch am Hofe! 3 L'Angely. Und warum nicht? Ein Tieger mehr in der Menagerie. Stell' ich ihn Ihnen vor? Bellegarde(ſtolz.) Bah, Narr! LAngely. Auf Ehre, Ich thät' ihm ſchön, wär' ich ein großer Herr. Sein Sie mein Freund. Seh'n Sie, wie Jeder ihm Den Hof macht. Nimmt er ihre Hand nicht, nun So nimmt er ihren Kopf dafür. Ich hol' ihn. (Er holt Laffemas und ſtellt ihn dem Herzog⸗ vor, der ſich etwas unfreundlich verbeugt.) Laffemas(ſich verbeugend.) Herr Herzog.. — 231— Bellegarde(ſcch ebenfalls verbeugend.) Ich bin ſehr erfreut, mein Herr... (Für ſich.) Beim wahren Gott!— Wohin ſind wir gerathen? Ha, Herr von Richelieu! Der Vicomte von Rohan (lacht laut auf, mitten in einer Gruppe Hofleute.) Charmant! L'Angely. Was gibt's? Rohan. Marion, dort, in der Gallerie? L'Angely. Marion? . Rohan. Ich machte dieſen Scherz.— Die Marion bei Ludwig dem Keuſchen, das iſt ganz charmant. LeAngely. Es iſt ſehr geiſtreich, wahrlich ja, mein Herr! Bellegarde(zum Grafen Charnacè.) 6 Wie ſteht die Jagd, Herr Oberjägermeiſter? Gibt's Beute? Charnacé. Gar nichts.— Falſche Freude geſtern, Drei Bauern, die gefreſſen von den Wölfen. Zuerſt glaubt' ich, es würde viele Wölfe In Chambord geben— aber keine Spur. Ich hab' den Wald durchſucht, nicht einen Wolf. (Zu L'Angely.) Was weißt du Luſt'ges, Narr? L'Angely. Jetzt eben nichts.— Doch!— Man wird bald, glaub' ich, zu Beaugency Zwei Leute hängen wegen eines Duells. Gondi. Für eine ſolche Kleinigkeit! (Die kleine vergoldete Thür wird geöffnet.) Ein Huiſſier. Der König! (Der König tritt auf, ſchwarz gekleidet, bleich, mit niedergeſchlagenen Augen; den heiligen Geiſtorden auf der Bruſt und auf dem Mam⸗ tel; den Hut auf dem Kopf.— Alle Hofleuts entblößen das Haupt und reihen ſich ſtill⸗ ſchweigend zu beiden Seiten.— Die Garden ſenken die Piken oder präſentiren die Mus⸗ keten.) Sechste Scene. Die Vorigen. Der König. (Der König tritt mit langſamen Schritten ein und geht, ohne das Haupt aufzurichten, durch die Hofleute; dann bleibt er auf dem Vordergrunde der Bühne ſteh'n und verweilt dort einige Augenblicke ſchweigend und nachſinnend. Die Hofleute zie’hn ſich nach dem Hintergrunde zurück.) Der König. Stets Alles ſchlimmer... Alles auf das Schlimmſte. — 233— (Zu den Hofleuten mit einer Neigung des Hauptes.) Es nehme, meine Herrn, Gott Sie in Schutz! (Er wirft ſich in einen großen Lehnſtuhl und ſeufzt tief.) Ach, Herr von Bellegarde, ich habe ſchlecht Geſchlafen! Der Herzog(mit drei tiefen Verbeugungen) Sire, man ſchläft jetzt gar nicht mehr. Der König(ebhaft.) Nicht wahr? So geht mit großen Schritten jetzt Der Staat dem Abgrund' zu. Bellegarde. O, Sire! er wird Von einer großen, ſtarken Hand geleitet. Der König. Der Kardinal trägt eine ſchwere Laſt. Der Herzog. Sire!... Der König. Seine alten Hände ſollt' ich wahrlich Damit verſchonen,— aber Herzog, mir Wird ſchon das Leben, ohne zu regieren, Sehr ſchwer.. Der Herzog. Der Kardinal, Sire, iſt nicht alt. — 234— Der König. Ganz offen, Bellegarde, es hört uns Niemand, Was haltet Ihr von ihm?— Bellegarde. Von wem? Der König. Von ihm; Nun? Bellegarde. Von der Eminenz? Der König. Ja doch! Bellegarde. Mein Blick Kann ſich, geblendet wie er iſt, kaum wenden... Der König. Das nennt Ihr offen ſein?(ſich umblickend.) Und doch iſt hier Von einer Eminenz gar nichts zu ſeh'n,— Nicht roth, noch grau.— Auch kein Spion.— D'rum redet: Wen fürchtet Ihr noch? Es verlangt der König Jetzt Eure Meinung von dem Kardinal Ganz offen. Bellegarde. Sire, ganz offen? — 235— Der König. Frei heraus. Ganz frei. Bellegarde(kühn.) Nun wohl, er iſt ein großer Mann. . Der König. Das ſagtet Ihr, wär's nöthig, auch in Rom. Verſteht Ihr mich? Nicht wahr? Verſteht mich wohl! Es leidet jetzt der Staat,— bei ihm, der Alles Verrichtet, während ich ſo gar nichts bin. Bellegarde. Ah... Der König. Regelt er nicht Alles? Frieden, Krieg, Staat und Finanzen; macht er nicht Geſetze, Sdikte, Ordonnanzen und Mandate? Er iſt der König, ſag' ich! durch Verrath Hat er die Ligue aufgelöſt;— verfolgt Das öſterreich'ſche Haus, das wohl mir will, Zu dem die Königin gehört. 4 Bellegarde. Im Louvre Läßt. Sire, er den Kaninchenberg Sie machen. So haben Sie Ihr Theil! Der König. Er intriguirt Mit Dänemark. — 236— Bellegarde. Er ließ die Mark des Silbers Sie für die Juweliere regeln. Der König,(deſben üble Laune zunimmt.) . 4 Krieg Führt er mit Rom. Bellegarde. Ein einziges Edikt Ließ er Sie geben, das dem Bürgersmann Verbietet, ſelbſt, wenn er es gerne möchte, Im Wirthshaus mehr als einen Thaler zu Verzehren die Perſon. Der Köͤnig. Und die Traktate, Die er ganz heimlich ſchließt? Bellegarde. Und Ihre Jagd Zu la Planchette? 4 Der König. Er ganz allein macht Alles. Ihm fluthet Alles zu, Geſuch und Bitten. Ich bin für die Franzoſen nur ein Schatten. Gibt s Einen, der mit Bitten zu mir kommt? Bellegarde. Doch, wenn man an den Skrofeln leidet, Sire! Der König(mit ſteigendem Zorn.) Und meinen Orden will er ſeinem Bruder Verleihen, dem Lyon.— Das duld' ich nicht. 237— Bellegarde⸗ Doch.. Der König. Man hat den Geſchmack mir an den Seinen Benommen. Bellegarde. Sire, der Neid! Der König. . Ein ſchönes Leben Fuührt ſeine Nichte Combalet! Bellegarde. Das Läſtern! Der König. Zweihundert Mann zu Fuß hat er als Garde. 3 Bellegarde⸗ Doch hundert nur zu Pferd. 1 Der König. Es iſt abſcheulich! Bellegarde. Er rettet Frankreich, Sire. Der König. Und mich verdirbt er. Mit einer Hand bekriegt er unßfre Heiden, Und mit der andern unterzeichnet er Ein Pakt den ſchwed'ſchen Hugenotten. Schändlich! (Ceiſe in's Ohr.) Und wollk' ich nur die Häupter zͤhlen alle 4 — 258— Die auf dem Greveplatz er abſchlagen ließ— Die Häupter meiner Freunde.— Mit den Tropfen Von ihrem Blut macht er ſeinen Purpur— Mich kleidet er in Trauer. Bellegarde. Aber, Sire! Behandelt er die Seinen beſſer? Hat er Saint⸗Preuil geſchont? Der König. Wenn bitt're Zärtlichkeit Er für die äußert, die er liebt, ſo liebt er Mich glühend heiß... Verbannet meine Mutter! (Heftig, nach langem Schweigen, die Arme kreuzend.) Bellegarde. Doch glaubt er ſtets nach Ihrem Wunſch zu handeln, Ergeben iſt er, ſicher, treu. Der König. Ich haß ihn. Er unterdrückt mich, hindert mich. Ich bin Nicht Herr, noch frei und bin vielleicht doch etwas. Wenn er ſo ſchweren Schrittes auf mich tritt, Befürchtet er denn gar nicht, doch zuletzt Den König aufzuwecken? Neben mir, Dem Winzigen, ſo ſehr ſein Glück auch ſtrahlt, Erzittert es doch ſtets bei meinem Hauch, . — 239— und Alles ſtürzt, wenn ich mit einem Wörtchen Das laut verlange, was ich leiſe will. (Pauſe.) Er macht das Gute ſchlecht, das Schlechte ſchlechter. Der Staat wird, gleich dem König, immer kräͤnker. Nach Innen wie nach Außen Kardinal, Der König nie. Mit ſcharfen Zähnen beißt er Haus Oeſterreich; läßt im Gascogner Golf Die Schiffe Jeden nehmen, der da will.— Verbündet mit dem Guſtav Adolph mich... Sonſt noch, was weiß ich's?— Er iſt überall Gleichſam des Königs Seele; er beherrſcht Mein Königreich, die Meinigen und mich. Ach, ich bin ſchlimm daran! (An's Fenſter tretend.) Und immer Regen! Bellegarde. Sie leiden ſehr, Sire? Der König. Langeweile hab' ich. (Pauſe.) Ich, Frankreich's Erſter bin der Letzte nur! Mit einem Wildſchütz tauſcht' ich gern mein Loos. 9! Jagd den ganzen Tag, und frank und frei, Von Nichts gequält, unter den Bäumen ſchlafen. Der Jäger ſpotten, bei dem Donner ſingen, Frei leben, wie der Vogel in der Luft. — 9246— In ſeinem Loche iſt der Bauer doch Sein eigner Herr und König;— aber ſo Den Rothen ſtets vor Augen haben, ſtets,— Der hart und ſtreng, wie ihm die Luſt kommt, ſagt: „Dies muß nun, Sire, Ihr Wohlgefallen ſein!“ O Hohn! Es ſtiehlt dem Volk mich dieſer Menſch. Verbirgt mich, wie ein Kind, in ſeinem Mantel; Und, ſagt nur ein Vorübergehender: Was ſeh' ich dort unter dem Kardinal? So wird die Antwort ihm: Es iſt der König! Dann gibt es auch noch täglich neue Liſten. Von Hugenotten geſtern; heute Duellanten, Die er enthauptet wiſſen will.— Duell Die große Sünde!— Aber immer Köpfe!— Wenn ich nur wüßte, was er damit macht? Siebente Scene. (Bellegarde ſtampft mit dem Fuß.— Der Marquis von Nangis und Marion treten ein. Der Marquis nähert ſich mit ſeinem Gefolge dem Könige auf einige Schritte und läßt ſich dann auf ein Knie nieder. Marion ſinkt an der Thür auf die Kniee.— Die Vorigen) Nangis. Gerechtigkeit, Sire! Der König. Gegen wen? Nangis. Armand, — 241— Den finſteren Tyrannen, den man hier Den Kardinal⸗Miniſter nennet. Marion. Gnade! Der König. Für wen? Marion. Didier... Nangis. Für den Marquis Gaspard Von Saverny. Der König. Die Namen hab' ich irgendwo geſeh'n. Nangis. Gerechtigkeit und Gnade! Der König. Eure Gründe? Nangis. Ich bin des Einen Oheim. Der König Gu Marion.) Und was Ihr? Marion. Die Schweſter bin ich, Sire, des Anderen! Der König. Oheim und Schweſter. Nun, was wollt Ihr hier? V. 16 Nangis (wechſelweiſe auf die beiden Hände des Königs zeigend.) Gerechtigkeit aus dieſer Hand, mein König! uUnd Gnade aus der anderen. Ich Wilhelm, Marquis von Nangis, Kapitän von hundert Lanzen, Baron des Berges und der Eb'ne, ford're Von meinen beiden Herrn, Gott und dem König Frankreich's Gerechtigkeit hier gegen Armand Dupleſſis, Kardinal Richelien;. Gaspard von Saverny, für den ich's ford're, Mein Neffe iſt er. Marion(eeiſe zum Marauis.) Sprechen Sie für Beide. Nangis(fortfahrend.) Er hatte kürzlich eine Ehrenſache Mit einem Edelmanne, einem Hauptmann, Didier,— ich glaub': von ungewiſſem Adel. Das war nicht Recht; allein es haben Beide Wie wack're Leute ſich betragen.— Schergen, Die der Miniſter aufgeſtellt... 1 Der König. Ich weiß ſchon. Genug davon.— Was habt Ihr mir zu ſagen? Der Marquis(ſchh erhebend.) Ich ſage, Sire, es ſei nun wohl die Zeit, Daß Sie dran dächten, wie der Kardinal Gefährliche Projekte hat, das Blut — 243— Von ihren beſten Unterthanen trinkt. Es hätte nimmermehr Ihr Vater Heinrich Von königlichem Angedenken ſo Den treuen Adel hingeopfert; er Bedacht' es reiflich, eh' er ihn beſtrafte; Und wohl von ihm bewahrt, bewahrt er ihn, Er wußte, daß aus dieſen tapfern Männern Man Beſſ'res macht, als abgeſchlag'ne Köpfe, Und daß im Krieg ſie gute Dienſte thun. Es war ihm wohl bekannt, ihm, deſſen Wamms Von mehr als einer Kugel ward durchlöchert. Die Zeit war gut. Ich habe ſie durchlebt, Und ehre ſie; es lebte damals noch Ein wenig Herrenthum; ein Prieſter hätte Nie einen Edelmann berührt. Es waren Die Köpfe damals noch ſo wohlfeil nicht. O glauben Sie dem alten Manne, Sire, In ſolchen ſchlechten Tagen, wie die unſern, Bewahren Sie ſich ein'ge Edelleute. Die Zeit kommt auch vielleicht, wo Sie ſie brauchen. Sie werden es vielleicht dereinſt beklagen, Daß ſo den Greveplatz man verherrlichte, Und daß ſo viele tapfre Herrn, zu denen Sehnſuchtig Sie die Blicke wenden möchten, und die nicht alt ſein würden, ſchon ſo lange Geſtorben ſind; denn wir ſind noch ganz heiß Vom Bürgerkriege, in den Städten dröhnt 16* — 244— Die Aufruhrglocke noch von Geſtern nach. O, ſchonen Sie des Henkers Arbeit mehr! Er muß die Klinge ſelten zieh'n,— nicht Wir. O zeigen Sie ſich ſparſam mit Schaffoten Und fürchten Sie, daß manchen wackern Mann Und tapfern Streiter Sie dereinſt beweinen, Von dem jetzt das Gebein am Galgen bleicht. Es iſt das Blut kein guter Thau, mein König, Und keine Saat wächſt auf der feuchten Greve. Das Volk flieht den Balkon der Könige, Wenn Montfaucon man auf des Louvre Koſten Bevölkert. Mögen die Hofſchranzen ſterben, Wenn Ihre Stimme Sie ergötzen muß, So lang der Henker bei der Arbeit iſt; Der Schmeichler Stimme, welche Alles billigt Und ſpricht: man ſei doch immer Heinrich's Sohn AUnd ein Bourbon; ſo laut ſie reden mag, Bedeckt ſie dennoch nimmer das Geräuſch, Das eines Menſchen Haupt macht, wenn es fällt. O ſpielen, König, Sie nicht dieſes Spiel! Sie werden einſt vor Gottes Antlitz ſteh'n. D'rum ſag' ich Ihnen, eh' etwas geſchieht, Auf jeden Fall iſt eine Hinrichtung Schlimmer, als ein Gefecht; es macht dem Staat Nicht Luſt, noch Ehre, wenn der Henkersknecht Weit mehr beſchäftigt iſt, als die Soldaten. Ein harter Hirte für das Land von Frankreich, 245— In dem Sie ſich befinden, iſt ein Prieſter, Der ſeinen Zehnten ſich an Köpfen zahlt; Der Mann, berühmt unter Unmenſchlichen, Der ihren Scepter anfaßt, o mein König! Hat Blut an ſeinen Händen! 1 Der König. Mein Freund iſt der Herr Kardinal. Wer mich liebt, Der wird ihn lieben! Nangis. Sire!.. Der König. Genug, genug! Er iſt mein zweites Ich. Nangis. Sire! Der König. Still, nichts mehr Von Reden, die uns unſern Geiſt verwirren! (Auf ſein Haar zeigend.) Die Redner färben uns die Haare grau. Nangis. Und doch, Sire, doch! ein Greis, ein weinend Weib! Es handelt ſich um Leben oder Tod. Der König. Was wollt Ihr denn von mir? Nangis. Gnade für Gaspard! Marion. Gnade für Didier! 4 Der König. Alles, was ein König An Gnaden austheilt, raubt er oft dem Recht. Marion. Erbarmen, Sire! mit unſ'rem tiefen Schmerz. Erbarmen!— Wiſſen Sie, was es bedeutet, Zwei junge Brauſeköpfe durch ein Duell Bis in des Abgrund's Tiefen hinzuſchleudern? An einem Galgen ſchimpflich ſterben müſſen? Sie werden Mitleid haben! Ich, ein Weib, Weiß nicht, wie man zu Kön'gen reden muß. Thränen ſind ſchlecht vielleicht.— Ein Ungeheuer Itt ſicherlich Ihr Kardinal, o König!— Was zürnt er Ihnen denn? was thaten ſie? Er hat nie meinen Didier geſeh'n! Ach, wer ihn ſieht, der liebt ihn!— Weh', ſo jung, Um eines Zweikampfs Willen Beide tödten! Und Ihre Mütter!. O, bedenken Sie, Ach, gräßlich iſt's!— Sie können es nicht wollen! Wir Frauen wiſſen nicht zu reden, wie Die Männer; Thränen nur und Klaggeſchrei Beſitzen wir und Kniee, die der Blick Des Königs beugt und bricht. Sie hatten Schuld, Wahr iſt's.— Doch, wenn Ihr Fehler Sie beleidigt, Verzeihm Sie es!— Sie wiſſen ja— die Jugend! — 244— Gott! wiſſen junge Leute, was ſie thun?— Um eines Blicks, um einer Miene willen, Im Grunde oft um Nichts,— erzürnt man ſich, Beleidigt und wird heftig; alle Tage Fällt ja dergleichen vor.— Das weiß ein Jeder Von dieſen Herrn. Befragen Sie ſie nur! O meine Herrn! iſt es nicht wahr? O Gott, Das grauſe Unglück!— Und mit einem Worte, Vermögen Beider Leben Sie zu retten? Ich will Sie lieben, Sire, wenn Sie es thun. O Snade, Gnade!— Gott, wüßt' ich zu reden, Sie würden ſehen, würden ſagen, Sire: Man muß es tröſten,— dieſes arme Kind! Ihr Didier iſt ihre Liebe!— Gnade!— O, ich erſticke,— Sire! Barmherzigkeit! Der König. Wer iſt die Dame? Marion. Eine Schweſter iſt's, Die hier zu ihren Füßen zittert, Sire! Sie ſind es Ihrem Volke ſchuldig. Der König. Mir Und mir vor Allem. Nie noch wüthete Der Zweikampf ſo.— Marion. Barmherzigkeit iſt Noth⸗ — 248— Der König. Ein ſtrenges Beiſpiel iſt's. Nangis. Zwei junge Leute Von zwanzig Jahren, Sire! Bedenken Sie, Die Hälfte kaum des Meinen macht das Alter Von Beiden aus! Marion. Sie haben eine Mutter, Sie haben eine Gattin, einen Sohn, Ein Weſen doch, das Sie von Herzen lieben! Sie haben einen Bruder, Majeſtät! Mitleid mit einer Schweſter! Der König. Einen Bruder! Madame,— nein! (Er denkt einen Augenblick nach.) Doch, doch, ich hab' Monſieur! (Das Gefolge des Marquis gewahrend.) Marquis von Nangis,— was ſoll die Brigade? Sind wir belagert? Nahmen wir das Kreuz, Daß Sie uns Ihre Garden zeigen wollen? Sind Herzog Sie und Pair des Königreichs? Nangis. Nein, Sire! doch mehr als Herzog oder Pair, Creirt für Ceremonien,— ich bin Baron und Herrſcher von vier Baronieen. — 249— Bellegarde(bei Seite.) Der Stolz iſt ſtark und gar zu ungeſchickt. Der König. Wohl, nehmen Sie nach Ihrer Baronie Ihr Recht mit ſich; und laſſen unſer Recht In unſerem Gebiete uns dafür. Wir ſind Gerichtsherr. Nangis(ſchandernd.) Sire, beachten Sie In ihrer Väter Namen doch Ihr Alter, Und das gebüßte Unrecht(er fällt ihm zu Füßen) und den Stolz Des Greiſes, der zu ihren Füßen bricht. Gnade! (Der König gibt ein raſches Zeichen des Zorns und der Weigerung; er ſteht langſam auf.) Des Königs Heinrich, Ihres, unſres Vaters, Gefährte war ich, und zugegen, als— — Das Ungeheuer ihm in's Herz den Dolch— Nach meiner Pflicht bewacht⸗ ich bis zum Abend Den todten König.— Sire, den eignen Vater Und ſechs von meinen Brüdern ſah ich fallen Im Streit der widerſtrebenden Partheien! Das Weib, das mich geliebt, verlor ich auch.— Jetzt iſt der Greis, den Sie hier vor ſich ſeh'n, Dem Dulder gleich, den, um damit zu ſpielen, Für einen ganzen langen Tag der Henker Auf's Rad geflochten.— Nach einander brach — 250— Der Herr die Glieder mir mit ſeinem Eiſen. Der Abend kam.— Mir ward der letzte Stoß.— Es möge, Sire, die Gottheit Sie erhalten!— CEr macht eine tiefe Verbeugung und geht ab. — Marion ſteht mühſelig auf und ſinkt ohn⸗ mächtig in der Vertiefung der vergoldeten Thür⸗ welche zum Kabinet des Königs führt⸗ nieder.) Der König (eine Thräne trocknend und dem Marquis nachblickend, zu Bellegarde.) Ein König muß ſich zügeln, daß er nicht Der Schwäche weiche.— Schwer iſt richtig handeln.— (Er ſinnt einen Augenblick nach, dann bricht er heftig ſein Stillſchweigen.) Heut' keine Gnade!— Geſtern ſündigt ich zu viel. (Sich Bellegarde nähernd.) Was Sie betrifft, ſo haben Sie vor ihm, Mir, Herzog, manch' Verwegenes geſagt, Das Ihnen ſchaden kann, wenn ich heut' Abend Dem Kardinal mittheile, was ſo eben Von uns geſprochen ward.— Es thut mir Leid Um Ihretwillen.— Hüten Sie ſich künftig! (Gähnend.) Mein armer Bellegarde, ich ſchlief ſehr ſchlecht! (Mit einem Wink die Garden und die Hoſteute entlaſſend.) Verlaſſen Sie uns, meine Herrn! (zu L'Angely) Du, bleib! (Alle geh'n ab, Marion anusgenommen, die der König nicht ſieht.— Bellegarde erblickt ſie tritt zu ihr und ſagt ihr leiſe.) Sie können vor des Königs Thür nicht bleiben. Was wollen Sie, gleich einer Statue da? Gehn Sie.— Marion. Ich warte, daß man mich hier tödte. L'Angely(leiſe zu Bellegarde.) Ei, laſſen Sie ſie, Herzog.(Leiſe zu Marion.) Bleiben Sie. (Er geht zum König, der im großen Lehnſtuhl ſtzt und ſich in tiefes Sinnen verloren hat.) Acht e Scenſe. Der König.— L'Angely. Der ⸗König(nach tiefem Seufsen.) LAngely! L'Angely! Komm— hieher zu mir! Mein Herz iſt krank und voller Bitterkeit, Kein Lächeln um den Mund und keine Thränen In meinen trock'nen Augen.— Komm' zu mir, Du, der allein zuweilen mir die Runzeln Auf meiner Stirne glätteſt!— Du, der niemals Vor meiner Majeſtät ſich fürchtete, Laß einen Strahl von deiner Heiterkeit In meine Seele fallen. (Pauſe.) L'Angely. Sire, nicht wahr, Es iſt das Leben doch ein bitter Ding? Der König. Ach! L'Angely. Und ein Hauch, ein ephemerer nur Der König. Ein Hauch nur iſt er, weiter nichts. L'Angely. Nicht wahr, Sire! recht unglücklich iſt man, wenn Man Menſch und König iſt? Der König. Die Laſt iſt doppelt. L'Angely. Und beſſer als das Leben iſt das Grab, Wenn es recht dunkel iſt. Der König. Das ſagt' ich immer. L Angely. Sire, todt ſein oder nicht geboren ſein! Das nur iſt Glück.— Verdammet iſt der Menſch.— Der König.— Wenn du ſo redeſt, machſt du Freude mir. (Pauſe.) L'Angely. Und meinen Sie, daß man das Grab verlaſſe, Wenn man darin?— Der König, (deſſen Traurigkeit ſteigt bei den Worten des Narren.) 3 Wir werden's einſt erfahren; Der Menſch? Ich wollt', es wäre ſchon ſo weit mit mir. Unglücklich bin ich, Narr!— Verſtehſt du's wohl?— L'Angely. Ich ſeh' es.— Ihre Blicke, Ihre Trauer, Ihr mag'res Antlitz. . Der König. 4 Wie denn, ſoll ich lachen? (Sich nähernd.) Sieh, deine Mühe iſt bei mir verloren! Was nützt es dir, zu leben? Schönes Handwerk, Des Königs Narr, ein falſches Glöckchen; Puppe, Die man hinwirft und aufnimmt, deſſen Lachen Im Alter nur Grimaſſe iſt.— Was thuſt du, Zum Spielen nur geworben, noch auf Erden? Und warum lebſt du? L'Angely. Sire! aus purer Neugier; Doch weßhalb leben Sie? was nützt es Ihnen? 3 In tiefſter Seele Grund beklag' ich Sie! Weit beſſer wär' es, ein Weib zu ſein, Als König, ſo wie Sie es ſind.— Ich bin Ein Gliedermann, deß Faden Sie regieren. Doch unter Ihrem königlichen Kleide Birgt ſich ein Faden, ungleich feiner, den Ein ſtärbrer Arm regiert;— was mich betrifft, So bin ich lieber doch ein Gliedermann, In eines Königs, als in Pfaffenhänden. (Pauſe.) — 254— * Der König(nachſinnend und immer trauriger.) Du lachſt, doch ſprichſt du wahr;— es iſt ein Teufel, Ob Satan ſich zum Kardinal gemacht? Wär' er es, der die Seele mir beherrſcht? Was meinſt du? L-Angely. Den Gedanken hatt' ich oft. Der König. Wir wollen ſolche Dinge nicht mehr reden, Denn es muß Sünde ſein. Betrachte nur, Wie mir das Unglück folgt; ich komme her Mit ſpaniſchen Seeraben; rings umher Kein Tropfen Waſſer, um zu fiſchen.— Landſchaft, Kein Teich in dieſem Chambord groß genug. Verlangt mich nach der Jagd, ſo gibt es Meer, Und will ich fiſchen— Eb'ne.— Bin ich nun Nicht ſehr unglücklich? L'Angely. Ja, Ihr Leben iſt Voll bitter'n Leid's. 4 Der König. Wie, kannſt du mich tröſten? L'Angely. Noch Eins!— Sie halten jene Kunſt mit Recht Fur Tugend; indiſche Falken abzurichten Für die Rebhühnerjagd; ein guter Jäger, — 255— Wie Sie es ſind, hält große Stücke auf Den Falkonier. Der König. Ja, denn das iſt ein Gott. L'Angely. Nun wohl, es werden zwei in Kurzem ſterben! Der König. Zugleich? L'Angely. Ja. Der König. Wer denn? L'Angely. Zwei berühmte. Der König. Wer? Ich bitte dich. L'Angely. Die beiden jungen Leute, Für die man, Sire, um Gnade bat bei Ihnen. Der König. Der Gaspard und der Didier?... . L'Angely. Ich glaube. Der König. Welch' Unglück! wahrlich, beide Falkoniere! Die Kunſt verliert ſich.— Schreckliches Duell! Bin ich erſt todt, geht auch die Kunſt verloren, Wie alles Uebrige.— Weßhalb der Zweikampf? LAngely. Der Eine ſtritt, im hohen Fluge käme Der ind'ſche Falk nicht dem Tuneſer gleich. Der König. Er hatte Unrecht.— Doch ein ſolcher Fall Iſt noch nicht hängenswerth. (Pauſe.) Nach Allem bleibt Mein Gnadenrecht mir immer unverloren. Dem Kardinal bin ich nur ſtets zu mild. (Pauſe.) Richelieu will den Tod. L'Angely. Was wollen Sie? Der König(nachdem er nachgedacht und geſchwiegen.) Sie werden ſterben. L'Angely. Richtig. Der König. 3 Arme Falkenjagd! A'⸗Angely(an's Fenſter tretend.) Seh'n Sie doch, Sire! Der König(ſcch piötzlich umwendend.)— Was gibt's? — 257— L'Angely. Sehen Sie, ich bitte. Der König(aufſtehend und an's Fenſter gehend.) Was gibt es denn? L'Angely. Man löſt die Schildwach' ab? Der König. Nun denn? Und das iſt Alles, was du willſt? L'Angely. Wer iſt der Burſche mit den gelben Treſſen? Der König. Der? Nichts, der Corporal. L'Angely. An jenen Platz Stellt einen Andern er. Was ſagt er ihm? Der König. Das Paßwort.— Narr, wo willſt du hin damit? L'Angely. Dahin.— Auf Erden ſteh'n die Könige Auch Wache, ſtatt der Pike tragen ſie Ein Scepter; wenn ſie ihre Zeit gethront, So kommt der Tod, der Corporal der Könige, Stellt einen andern Scepterträger hin An ihren Platz, und gibt, von Gott beauftragt, Das Paßwort— und dies Wort— es lautet: Gnade! V. 17 — 258— Der König. Nicht doch,— Gerechtigkeit!— Zwei Falkoniere, Ein ſchrecklicher Verluſt.— Sie werden ſterben. L'Angely. Wie Sie und ich.— Groß oder klein, der Tod Verzehrt es mit demſelben Appetit; Doch ſo gedrückt ſie immer ſich befinden, Die Todten ſchlafen doch behaglich.— Sire! Der Cardinal quält und belaſtigt Sie— Geduld— ein Tag— ein Monat— nach'nem Jahr, Wenn wir ſo recht in der vergönnten Zeit Den Hofnarr'n ich, den König Sie, den Herrn Der Cardinal gemacht— ſo ſchlafen wir.— Wie ſtolz man immer ſei, wie groß ſich auch In ſeinem Wahn ein Menſch gedünkt, es hat Doch Keiner mehr im Sarge, als ſechs Fuß.— Er wird ſchon in der Sänfte hingeſchleppt.... Der König. Das Grab iſt heiter— düſter iſt das Leben, Und hätt' ich dich nicht, um mich zu ergetzen... L'Angely. Ich komme juſt, Euch Lebewohl zu ſagen. Der König. Was ſprichſt du da? L'Angely. Sire! Ich verlaſſe Sie. — 259— Der König. Pah! welche Thorheit, von dem Königdienſt Entbindet nur der Tod. L'Angely. Auch werd' ich ſterben. Der König. Biſt du von Sinnen? L'Angely. Sire, verdammt von Ihnen, Dem Könige von Frankreich und Bourbon. Der König. Wenn Scherz du treibſt, ſag mir, woran wir ſind. L'Angely. Ich nahm an dem Duell der Beiden Theil, Mein Degen wenigſtens, wenn auch nicht ich. Hier geb' ich ihn zurück. (Er zieht den Degen und überreicht ihn knieend dem Könige.) Der König. Ein Degen! wahrlich! Ja meiner Treu! wie kommſt du nur dazu? LeAngely. Sire, man iſt Edelmann.— Sie haben nicht Die Schuldigen begnadigt; ich gehöre Zu ihnen. Der König(trüb und ernſt.) So leb' wohl— doch, armer Narr 17* 3 — 260— Laß mich vorher noch um den Hals dir fallen, Eh' man ihn dir vom Rumpfe trennt. Leb' wohl. (Er umarmt L'Angely.) L'Angely(für ſich.) Er nimmt die Sache ganz verzweifelt ernſt. Der König(nach einer Pauſe.) Ein wahrer König wiederſetzt ſich nie dem Recht. Doch fardinal Armand Ihr ſeid ſehr grauſam. roße Falkenjäger und mein Narr Füß ein Duell. 4(Er geht lebhaft auf und ab, die Hand an die Stirne gelegt; dann unruhig zu L'Angely.) Geh! geh! und troſte dich; Das Leben iſt ſehr bitter, beſſer iſt 4 Das Grab und nur ein flücht'ger Hauch der Menſch. L'Angely. Der Teufel! Der König(noch immer auf und abgehend, ſcheint heftig bewegt.) Alſo glaubſt du, armer Narr Man wird dich hängen? L'Angely(für ſich.) Wie er's ernſthaft nimmt! Mir ſteht der helle Angſtſchweiß an der Stirn.— Claut) Wenn nicht ein Wort von Ihnen— Der König. 1 Wer wird nun Mich lachen machen?— Kehrt man aus dem Grabe, So kommſt du, mir's zu ſagen.— 8 — L'Angely. Schöner Auftrag. Der König(geht noch immer mit großen Schritten auf und ab, dann und wann ein Wort an L'Angely richtend.) Welch' ein Triumph fuͤr Cardinal Armand. (Die Arme kreuzend.) Glaubſt du, ich würde Herr ſein, wenn ich's wollte? L'Angely.„ Montaigne hätte drauf erwiedert: Weiß ich's? Und Rabelais: Vielleicht. Der König(entſchloſſen.) Ein Pergament. (L'Angely überreicht ihm eilig ein Pergament, das anf einem Tiſche neben einem Schreib⸗ zeuge liegt. Der König ſchreibt raſch einige Worte und gibt das Pergament an LAngely.) Ich laß' euch Allen Gnade angedeihn. L'Angely. uns allen Dreien? Der König. Ja. L'Angely Cauf Marion zueilend.) Nadame! hieher! Auf Ihre Kniee! Danken Sie dem König! Marion(iitternd auf den Knien.) Wir ſind begnadigt? — L'Angely. Und ich war es, der.... 262= Marion. O welche Kniee ſoll ich nur umfangen Die Ihren oder ſeine? Der König(erſtaunt Marion betrachtend.) (bei Seite.) Was iſt das? Iſt es ein Fallſtrick? L'Angely(das Pergament Marion gebend). Nehmen Sie die Schrift. (Marion küßt das Pergament und ſteckt es in den Buſen.) Der König(bei Seite.) Bin ich betrogen? (Zu Marion.) Einen Augenblick, Madame, Sie müſſen mir es wiedergeben, Das Blatt. Marion. Allmächt'ger Gott. (Zum Könige mit Kühnheit ihm ihre Bruſt zeigend.) Sire, nehmen Sie's Und reißen Sie mir auch das Herz heraus. (Der König bleibt verlegen ſtehn.) L'Angely(zu Marion.) Bewahren Sie es feſt.— Nur Stand gehalten, Dorthin bringt ſeine Hand der König nicht. Der König(zu Marion.) Ich ſage, geben Sie's. — 263— Marion. Nein, nehmen Sie's. Der König(die Augen niederſchlagend.) Wer iſt denn die Syrene? L'Angely(leiſe zu Marion.) 1. Dort würd' er Der Königin es nicht zu nehmen wagen. Der König(nach kurzem Zaudern und ohne die Augen aufzuſchlagen, Marion mit einer Handbewegung entlaſſend.) Nun denn, ſo gehn Sie. Marion(den König mit einer tiefen Verbeugung begrüßend.) Schnell nun die Gefang'nen. Gerettet.(Sie geht ab.) L'Angely(zum Könige.) . Didier's Schweſter iſt's, des Einen Der beiden Jäger. Der König. Sei ſie, wer ſie will, Doch ſeltſam iſt es, wie vor ihr die Augen Ich ſenken mußte;— ich bin doch ein Mann. (Pauſe.) Du haſt dein Spiel mit mir getrieben, Narr, Zum andern Male muß ich dich begnad'gen. L'Angely. So thun Sie es getroſt, Sire, jede Gnade Iſt eine Laſt, die von dem Herzen ſich Ein König nimmt. = 264= Der König. Du ſprichſt die Wahrheit; ſtets Litt ich an den Enthauptungstagen.— Recht Hat Nangis.— Todte bringen keinen Nutzen. Und Montfaucon bevölkern, heißt: den Louvre Zur Wüſte machen.— (Mit großen Schritten auf und ab gehend.) Ja, es iſt Verrath, Dem Sohne Heinrichs, grade in's Geſicht Das königliche Recht der Gnade rauben. Was thu' ich ſo, entſetzt, entthront, entwaffnet, In dieſen Mann, wie in ein Grab geſperrt? Sein Mantel iſt mein Leichentuch; es weint Mein Volk um mich.— Nein, nein, ich will es nicht, Daß dieſe beiden Kinder ſterben ſollen. Denn eine Himmelsgabe iſt das Leben Zu deutlich und zu ſchön.(Paufe.) Gott, der da weiß Wohin wir ziehen, kann ein Grab eröffnen; Ein König nicht.— Sie ſollen leben.— Beide Geb' ich den Ihren wieder. Segnen werden Der Greis mich und das Mädchen.— Abgemacht.— Ich hab' es unterzeichnet, ich, der König.— Der Cardinal wird wüthen; deſto ſchlimmer, Dem Bellegarde wird es Vergnügen machen. L'Angely. Man kann wohl ein Mal, irrend, König ſein.— Fünfte Handlung. Ber Cardinal. Perſonen: Marion de Lorme. Der Henker. Didier. Der Kerkermeiſter. Der Marquis von Der Kerkerknecht. Saverny. Arbeiter. Herr von Laffemas. Hellebardiere⸗ Ein Rath der großen Wachen. Kammer. Volk. (Beaugency.) (Der Donjon von Beaugeney. Ein Schloßhof. Im Hin⸗ tergrunde der Donjon; ringsumher eine hohe Mauer.— Links eine kleine gewölbte Thür; rechts eine Thür in der Mauer, neben der Thür rechts ein ſteinerner Tiſch und eine ſteinerne Bank.). Erſte Scene. (Arbeiter ſind beſchäftigt/ den Winkel der Mauer links im Hintergrunde einzureißen; das Loch iſt ſchon ziemlich groß.) Erſter Arbeiter(hackend.) uf! Das iſt hart. 3 — 266— Zweiter Arbeiter(eben ſo.) Die dicke Maner, die Wir niederreißen müſſen, hol' der Teufel. Dritter Avpbeiter(eben ſo.) Du, Peter, haſt du das Schafott geſehn? Erſter Arbeiter. Ja.(Er geht an die Thür und mißt ſie.) . Viel zu enge iſt die Thür und nie Kommt hier die Sänfte durch des Cardinals. Dritter Arbeiter. Die iſt wohl wie ein Haus? Erſter Arbeiter(mit bejahender Bewegung.) Ja, mit Gardinen Von vierundzwanzig Mann zu Fuß getragen. Zweiter Arbeiter. Ich habe eines Abends die Maſchine Geſehn, bei trübem Wetter ſich bewegend. Wie der Leviathan ſah ſie aus im Dunkeln. Dritter Arbeiter. Was will er nur mit all' den Dienern hier? Erſter Arbeiter. Der beiden jungen Leute Hinrichtung Hier anſehn; er iſt krank und braucht Zerſtreuung. Zweiter Arbeiter. Macht zu! (Sie gehen wieder an die Arbeit; die Mauer iſt faſt abgetragen.) — 267— Dritter Arbeiter. Sahſt du das ſchwarze Blutgerüſt, mein Bruder? Ja, wenn man adlich iſt! Erſter Arbeiter. Die haben Alles. Zweiter Arbeiter. Ich moͤchte wiſſen, ob man auch für uns Ein ſchwarzes Blutgerüſt errichten würde. Erſter Arbeiter. Was haben denn die beiden Herrn gethan, Daß man ſie tödtet? Moritz, ſage mir, Begreifſt du das? Dritter Arbeiter. Nein, denn das iſt Juſtiz. (Sie fahren fort die Mauer abzutragen. Laffe⸗ mas tritt auf; die Arbeiter ſchweigen. Er kommt aus dem Hintergrunde des Theaters, wie aus einem inneren Hofe des Gefäng⸗ niſſes, bleibt bei den Arbeitern ſtehen und ſcheint ihnen einige Befehle zu geben und die Breſche zu betrachten.— Nachdem die⸗ ſelbe fertig, läßt er von der einen Seite bis zur Anderen ein großes ſchwarzes Tuch ſpannen, wodurch ſie gänzlich verdeckt wird; dann entläßt er die Arbeiter. Faſt zu der⸗ ſelben Zeit tritt Marion auf, weiß geklei⸗ det und verſchleiert. Sie kommt durch die große Thür, geht raſch über die Bühne und klopft an die Klappe der kleinen Thür. Laffemas wendet ſich mit langſamen Schrit⸗ ten nach derſelben Seite. Die Klappe öffnet ſich, der Kerkerknecht erſcheint.) Zweite Scene. Marion. Laffemas. Marion(dem Kerkerknechte ein Pergament zeigend.) Veiehi des Königs.— Kerkerknecht. Man kommt nicht herein. Marion. Wie ſo? Laffemas(dem Kerkerknecht ein Papier zeigend.) Vom Cardinale unterzeichnet. Kerkerknecht. So treten Sie herein. (Laffemas im Begriff einzutreten wendet ſich um, erblickt Marion und geht auf ſie zu. Der Kerkerknecht ſchließt die Thür wieder. Laffemas(zu Marion.) Wie? in der That, Sie wieder— hier?— Zweideutig iſt der Ort. Marion. Ja.(Crinmphirend ihm ein Pergament zeigend.) Die Begnad'gung habe ich. Laffemas(das Seinige zeigend.) Und ich Hier den Befehl, der Alles widerruft. — 269— Marion(mit einem Schrei des Entſetzens.) Der meine iſt von geſtern Morgen. Laffemas. So? Gegeben ward der meine Geſtern Nacht's. Marion(die Augen mit den Händen bedeckend.) Weh, keine Hoffnung mehr! Laffemas. Die Hoffnung iſt Ein ſchneller Blitz nur und der Fürſten Gnade Ein gar zerbrechlich Ding, ſie nahet langſam Und flieht mit raſchen Schritten wieder fort. Marion. Der König aber will ſie ſelber retten. Laffemas. Kann denn der König, wo der Cardinal Nicht will? Marion. 3 Die letzte Hoffnung iſt erloſchen, O, Didier! Laffemas(ſeiſe.) Die letzte nicht. Marion(bei Seite.) O Gott! Laffemas(ihr ſich nähernd, leiſe.) In dieſem uUmkreis weilt ein Mann... ein Wort Von Ihnen macht ihn zehnfach glücklicher, Als einen König— und auch mächtiger. — 270— Marion. Fort, fort von mir! Laffemas. Iſt das Ihr letztes Wort? Marion(ſttolz.) Ich bitte. Laffemas. Ueber meinen Horizont Geht Weiberlaune— früher waren Sie Weit leichter zärtlich.— Jetzt, wo den Geliebten Es gilk.... Marion(ihn unterbrechend.) Sie müſſen doch ſehr niederträchtig, Entſchieden ſchlecht ſein— um zu glauben, daß Ein Weib— ja, Marion de Lorme, nachdem Sie einen Mann geliebt, den Reinſten, den Der Himmel ſchuf,— nachdem ſie ſich geläutern An dieſer keuſchen Flamme, eine Seele Durch dieſe Seele wieder ſich geſchaffen, Daß ſie von dieſer reinen Liebe Höhe So tief ſich ſtürzen könne bis zu Ihnen. 1 Laffemas. So lieben Sie ihn denn? Marion. Das Ungeheuer, Er eilet vom Verbrechen hin zum Laſter. Beflecke mich nicht.— Laffemas. So bleibt nur ein Dienſt, Den ich jetzt Ihnen hier noch leiſten kann. Marion. Und was? Laffemas. Wenn Sie ihn ſehen wollen, kann ich Den Eintritt Ihnen ſchaffen— dieſen Abend! Marion(mit dem ganzen Körper zitternd.) Gott, dieſen Abend! 4 Laffemas. . Dieſen Abend, ja. Um es mit anzuſehn, kommt in der Sänfte Der Cardinal hieher. Marion iſſt in ein tiefes und convulſiviſches Sinnen ver⸗ ſunken.— Plötzlich fährt ſie ſich mit beiden Händen über die Stirn und wendet ſich, wie geiſtesabweſend zu Laffemas.) Wie würden Sie Es machen, daß man ſie entwiſchen ließe? Laffemas. O wenn Sie wollten... Dieſe Breſche hier, Durch die die Eminenz kommt, kann ich dann Bewachen laſſen von zwei ſichern Leuten.... (Er horcht nach der kleinen Thür.) Geräuſch... es kommt Jemand. Marion(die Hände ringend.) Sie retten ihn? Laffemas. Ja.(leiſe.) Doch um Alles hier zu ſagen, haben Die Mauern zuviel Echo's.— Anderswo Kann ich es deutlicher und.... Marion(in Verzweiflung.) Kommen Siel! (Laffemas wendet ſich nach der großen Pforte und winkt ihr ihm zu folgen.— Marion fällt in die Kniee, der kleinen Thür zuge⸗ wendet. Dann ſteht ſie zuckend auf und eilt Laffemas nach durch die große Thür.— Die kleine Thür wird geöffnet; Didier and Sa⸗ verny treten auf von Wache umringt. Dritte Sceuſe. Didier. Saverny. (Saverny, nach der letzten Mode gekleidet, tritt keck und luſtig auf, Didier dagegen ganz ſchwarz angezogen, kommt bleich und mit langſamen Schritten.— Ein Kerker⸗ meiſter, von zwei Hellebardieren begleitet, führt ſie. Er ſtellt die beiden Hellebardiere an den Vorhang. Didter ſetzt ſich ſchwei⸗ gend auf die ſteinerne Bank.) Saverny Czum Kerkermeiſter, der ihm die Thür öffnet.) Dank! Schöne friſche Luft! Der Kerkermeiiſter(ihn bei Seite ziehend, leiſe.) Zwei Worte nur Mit Ihnen, gnäd'ger Herr, ich bitte drum. Saverny. Vier. Der Kerkermeiſter(noch leiſer.) Wollen Sie entflieh'n? Saverny(lebhaft.) Wo geht der Weg? Der Kerkermeiſter. Ich führe Sie. Saverny. Gewiß?(der Kerkermeiſter nickt.) Herr Cardinal, Sie wollten mich verhindern zu dem Balle Zurückzukehren.— Ei! wir tanzen doch. Das Leben iſt ein gutes Ding.— (Zum Kerkermeiſter.) Und wann? Der Kerkermeiſter. Heut' Abend, wenn es gänzlich dunkel iſt. Saverny(ſich die Hände reibend.) Auf Ehre, gern verlaß' ich dies Logis. Von wem die Hülfe? Der Kerkermeiſter. Vom Marquis von Nangis. Saverny. Mein guter Oheim! (Zum Kerkermeiſter.) Beide hoffentlich? Der Kerkermeiſter. Ich kann nur Einen retten. V. 18 — 274— Saverny. Doppelt aber Iſt die Belohnung.— Der Kerkermeiſter. Einen rett' ich nur. Saverny(den Kopf ſchüttelnd.) Nur Einen.—(leiſe zum Kerkermeiſter) Nun ſo hört. (Auf Didier zeigend.) — Seht, dieſen da, Den müßt Ihr retten, Freund. Der Kerkermeiſter. Sie ſcherzen. Saverny. Nicht doch. Ihn! Der Kerkermeiſter. Gnäd'ger Herr, was ſind das für Gedanken? Ihr Oheim thut das Alles nur für Sie, Für Keinen andern ſonſt. Saverny. Gut; iſt das Alles? Zwei Leichentücher haltet denn bereit. CEr wendet dem Kerkermeiſter den Rücken, der erſtaunt hinausgeht, ein Greffier tritt auf.) Man kann nicht einen Augenblick allein ſein. Der Greffier(ſich verbeugend.) Ein Rath des Königs bei der großen Kammer Wird kommen, meine Herrn.. (Er verbeugt ſich von Neuem und geht ab.) — 275— Saverny. Gut. 3 (lachend.) Zwanzig Jahr alt, Sich im September wiſſen und Oktober Nicht mehr erleben,— iſt das nicht verdrießlich? Didier(ein Portrait in der Hand haltend, im Vorder⸗ grunde der Bühne unbeweglich und wie in eine tiefe Betrachtung vertieft.) Komm! Sieh mich an! In meine Augen deine! — Sol— Wie ſie ſchön iſt!— Welcher ſelt'ne Reiz! Ein Weib?— Nein, das iſt eines Engels Stirn. Gott ſelbſt, als er den reinen Zlick ihr gab, Legte mit ſtärk'rer Gluty auch größre Schaam Hinein— der Kindermund— den ſüße Laune Halb öffnet, zittert noch von Unſchuld!.... (Er wirft das Vild⸗ hefrig auf die Erde.) Wey! Warum hat meine Amme mir denn nicht, Statt daß ſie ſich des armen Finduings annahm, Die Stirne auf dem Pflaſter eingeſchlagen? Was that ich meiner Mutter, daß ſie mich gebar? Weshalb war die Unglückliche,— vielleicht Noch mehr,— ſtatt daß ſie mich von ihrer Bruſt Verbannte, die mich nähren, waͤrmen follte, Nicht ſo viel Mutter, um mich zu erſticken? Saverny(aus dem Hintergrunde kommend.) Seht doch, wie niedrig jene Schwalbe fliegt! Es wird heut' Abend regnen. 18* — 276— Didier ohne ihn zu hören.) Ungetreues Und höricht Ding— ein Weib! ein unbeſtänd'ges Und bitvres, tiefes, ſturmdurchtobtes Weſen, Der Meeres Fluth gleich.— Wehe dieſem Meer, Hatt' ich mein Segel Preis gegeben, hatte An meinem Himmel nichts, als einen Stern. Ich ſchiffte, ſcheiterte und land' am Grabe. Zu guter Stunde war ich doch geboren, Die Zukunft winkte hold, im Herzen hatt' ich Vielleicht ein Himmelsfeuer,— einen Geiſt.. Unglücklich Weib, o daß du nicht geſchaudert, Mir ſo zu lügen, mir, der ſeine Seele Dir Preis gegeben! 5 Saverny. Wieder Marion! Ihr habt darüber eigene Gedanken. Didier(ohne ihn anzuhören, nimmt das Portrait auf und richtet die Augen darauf.) Weh! unter das Entwürdigte muß ich, Dich, die du mich betrogen, ſchleudern, Weib, Damon, in Engelsfitt'gen eingehullt! 4(Er birgt es wieder an dem Herzen.) Komm her, hier iſt dein Platz. Cſich Saverny nähern⸗) Ein ſeltſam Wunder! Dies Bildniß lebt.— Ich ſage dir, es lebt, Denn während du dem Schlummer hingegeben, Hat ſchweigend und geräuſchlos, hör mich an, Es mir die ganze Nacht das Herz zerfreſſen. Saverny. Du armer Freund.— Laß uns vom Tode reden! 3(bei Seite) Es macht mich traurig, doch es tröſtet ihn. Didier. Was wolltet Ihr von mir? Ich hörb es nicht, Denn ſeit man jenen Namen mir geſagt, Blieb mir ein Schwindel, der die Seele ſchwächte. Ich weiß es nicht, erinnre nicht, vergeſſe. Saverny(ſeinen Arm ergreifend.) Der Tod! 4 Didier(freudig.) Ha! Saverny. Ja, mein Freund, ſprecht mir vom Tobe. Was iſt er? Didier.. Schlieft Ihr gut die vor'ge Nacht? Saverny. Sehr ſchlecht. Mein Bett iſt hart, man drückt ſich wund, Wenn mans berührt. Didier. . Wohl, wenn Ihr todt ſein werdet, Wird, Freund, viel härter noch Eu'r Lager ſein, Doch ſchlaft Ihr trefflich.— Das iſt Alles.— Zwar Hat man die Hölle noch, doch die iſt nichts, Verglichen mit dem Leben. Saverny. Meine Furcht Entfloh— allein gehängt zu werden— Teufel, Das ärgert mich.— Didier. Es bleibt doch ſtets der Tod, Verlanget nicht ſo viel. Saverny. Wie's Euch gefällt! Doch ich bin nicht zufrieden.— Ohne Rühmen, Ich fürchte nicht den Tod, wenn er der Tod iſt Und nicht der Galgen. Didier. Hundert Arten hat Der Tod und eine davon iſt der Galgen. Wohl muß ein ſchlimmer Augenblick es ſein, Wenn Euch die Schlinge auslöſcht, wie ein Licht, Die Kehle zuſchnürt und die Seele fortjagt.— Allein, was macht es denn, wenn's dunkel iſt, Daß man nichts auf der Erde ſehen kann— Ob unter einem Grab man liege, das Uns drückt und preſſet, oder ob der Nachtwind Uns quält und Ueberreſte von uns forttreibt, Die von dem Hochgericht die Raben riſſen.— 2 Was macht denn das? Saverny. Ihr ſeid ein Philoſoph. Didier. Ob meinen Leib der Geyer mir zerreißt, Ob, wie dem König, ihn der Wurm zernagt, Das geht den Körper an. Was kümmert's mich? Wenn unſr'e Augen ſchließt das ſchwere Grab, So hebt den Deckel leicht, den ſteinernen, Die Seele mit dem Finger auf, und flieht Hinauf... (Ein Rath tritt ein, von ſchwarzgekleideten Hellebardieren umgeben.) Vierte Scene. Die Vorigen. Ein Rath der großen Kammer in voller Amtstracht. Kerkermeiſter. Wachen. 4 Der Kerkermeiſter Cankündigend). Der Rath des Königs! Der Rath(beide einzeln begrüßend). Meine Herrn, Mein Amt iſt peinlich, ſtrenge das Geſetz. Saverny. Verſtanden.— Keine Hoffnung mehr.— Wohlan So reden Sie, mein Herr.— Der Rath(ein Pergament entrollend, liest). Wir Ludwig, König Frankreich's und Navarra's, Verwerfen völlig die Appellation, — 280— Die die Verurtheilten bei uns erhoben. Was aber die Vollſtreckung anbetrifft, Da uns die Ihrigen das Herz gerührt, So wandeln wir die Strafe in Enthauptung. Saverny(freudig). Gottlob! Der Rath. So halten Sie ſich denn bereit; Es findet heute Statt. (Er verbeugt ſich und will abgehen.) Didier(der in ſeiner nachſinnenden Stellung blieb, zu Saverny). Ich ſagte alſo: Daß nach dem Tode, ob den Leichnam man Hinabgeworfen, ob an jedem Gliede Die Wunden man erweitert, ob die Arme Man ausgerenkt, zerſchmettert die Gebeine, Ob durch die Goſſen man den Leib geſchleift, Aus allem dieſem todten, blutigen Unreinen Fleiſch, die Seele, ohne Flecken Und ohne Wunden, rein, unſterblich, eilt. Der Rath(zurückkehrend, zu Didier). Bereiten Sie ſich, meine Herrn, zu gehn Den ſchweren Gang.— Bedenken Sie es wohl. Didier(ſanft). Ei, unterbrechen Sie mich nicht, mein Herr! Saverny(Uuſtig zu Didier). Kein Galgen mehr! — 281— Didier. Man hat das Feſt verändert, Ich weiß es wohl; es kommt der Cardinal Mit ſeinem Kopfabſchneider nur; er muß Ihn doch beſchäft'gen, daß das Beil nicht roſte. 3 Saverny. Euch läßt das kalt! mir iſt's von Wichtigkeit. (Zum Rath.) Ich danke herzlich für die gute Nachricht. Der Rath. Ich wollt', ſie wäre beſſer noch. Mein Eifer.... Saverny. Verzeih'n Sie. Wann? Der Rath. Um neun Uhr dieſen Abend. Didier. Wohl, ſei denn wenigſtens der Himmel dunkel Gleich meinem Herzen. 4 Saverny. Wo wird das Schaffot ſein? Der Rath(zeigt in den benachbarten Ho. Hier, in dem Hofe ſelbſt.— Der gnäd'ge Herr Wird kommen. (Der Rath mit ſeinem Gefolge ab. Die beiden Gefangenen bleiben allein. Der Tag beginnt abzunehmen.— Nur im Hintergrunde ſchim⸗ mern die Hellebarden der beiden Schildwa⸗ chen, die ſchweigend vor der Breſche auf und ab gehn.) — 282— Fünfte Scene. Didier. Saverny. Didier(feierlich nach einer Pauſe). In dem ernſten Augenblicke Geziemt es ſich, an unſer Loos zu denken. Wir ſind beinahe in demſelben Alter, Doch bin ich etwas älter; deßhalb muß Euch meine Stimme bis an's Ende leiten Und Euch ermahnen, um ſo mehr, als ich Euch in das Unglück ſtürzte durch die Fordrung. Ihr lebtet glücklich; es genügte ſchon, Euer Leben zu berühren, um es auch Gleich zu verderben.— Unter meinem Schickſal Bog ſich das Eure, bis es brach.— Wir treten Zuſammen in die Nacht des Grabes nun, So laßt einander denn die Hand uns reichen.... (Man hört Hammerſchläge.) Saverny. Was iſt das für ein Lärm? Didier. Errichtet wird Wohl das Schaffot, man nagelt unſre Särge. (Saverny ſetzt ſich auf die ſteinerne Bank. Didier fährt fort.) Das Herz verſagt oft bei dem letzten Schritt, Das Leben hält uns mit geheimen Banden. 3(Die Glocke thut einen Schlag.) Doch eine Stimme, glaub' ich, ruft uns. Horch! (Noch ein Glockenſchlag.) Saverny. Nicht doch, die Stunde ſchlägt. (Ein dritter Glockenſchlag.) Didier. Die Stunde, ja! (Ein vierter Schlag.) Saverny. Nach der Kapelle.(Noch vier Glockenſchläge.) Didier. Eine Stimme, Bruder, Iſt's immer, die uns ruft. Saverny. Noch eine Stunde. (Er legt ſeine Ellbogen auf den Tiſch und den Kopf auf die Hände.— Die wachhabenden Hellebardiere werden abgelöſ't.) Didier. Freund, hütet Euch zu ſchwanken und zu ſtraucheln An jener Schwelle, die zu überſchreiten Uns bleibt. Des blut' gen Grabgewölbes Pforte, Die uns der Henker öffnet, niedrig iſt ſie und Niemand ſchreitet mit dem Haupt hindurch, Mit feſtem Schritt, entgegen ihren Streichen, Erzittern ſoll das Blutgerüſt, nicht wir. Man fordert unſer Haupt? So laßt uns, Bruder, Dem Henker es emporgerichtet bringen. — 284— (Er nähert ſich dem unbeweglichen Saverny.) Nur Muth! (Er faßt ihn bei dem Arm, und ſieht, daß er ſchläft.) Er ſchläft.— Und ich, der Muth ihm predigte!— 5 Er ſchlief— was iſt mein Muth denn neben ſeinem? (Er ſetzt ſich.) Schlaf', der du ſchlafen kannſt.— Bald kommt an mich Die Reihe auch und meine Schlafenszeit. O, wenn nur Alles ſtirbt, und wenn nur nichts Vom Herzen, eingeſchloſſen in dem Grabe, Am Leben bleibt, um das zu haſſen noch, Was es zu ſehr geliebt. (Es iſt gänzlich Nacht geworden. Während Didier immer mehr in Gedanken verſinkt, treten Marion und der Kerkermeiſter durch die Breſche im Hintergrunde. Der Kerker⸗ meiſter geht mit einer Blendlaterne und ei⸗ nem Pakete voran und legt beides auf die Erde. Dann nähert er ſich vorſichtig Ma⸗ rion, die bleich, unbeweglich und verwirrt auf der Schwelle ſtehen blieb.) Sechſte Scene. Die Vorigen. Marion. Der Kerkermeiſter. Der Kerkermeiſter(zu Marion). Vor Allem müſſen ſie hinaus ſein vor Der feſtgeſetzten Stunde. (Er enrfernt ſich und geht während der Scene im Hiatergrunde des Theaters auf und ab.) — 285— Marion Ctritt wankend und wie von Gedanken der Verzweiſlung er⸗ griffen, vor. Von Zeit zu Zeit fährt ſie mit der Hand über das Geſicht, als ſuchte ſie etwas abzuwiſchen). Seine Lippen Sind wie ein glühend Eiſen, haben mich Gebrandmarkt. (Plötzlich erblickt ſte im Dunkeln Didier, ſtößt einen Schrei aus, eilt auf ihn zu und ſtürzt ihm keuchend zu Füßen.) Didier! Didier! Didier! Didier(wie plötzlich aufgeweckt). Sie hier! O Gott! ckalt) Sie ſind's! Marion(das Hauvt aufbebend). Wer ſoll's denn ſein? O, laß' mich hier, zu deinen Füßen laß' mich. Es iſt mir hier ſo wohl.— Gib deine Hände, Die lieben Hände, gib ſie mir.— Verwundet Von Ketten nicht? Wehl! die Unglücklichen! Ich bin hier, ſiebſt du?— denn es iſt ſehr gräßlich! (Sie weint. Man hört ſie ſchluchzen.) Didier. Was weinen Sie? Marion. Nein! Wein' ich denn? Ich lache. (Sie lacht.) Wir werden gleich entfliehn.— Ich bin zufrieden, Ich lache; er wird leben!'s iſt vorüber. — 286— (Sie ſinkt auf Didier's Kniee und weint.) Das Alles tödtet mich; mir bricht das Herz. Didier. Madame.... Marion— (ſpringt auf, ohne ihn zu hören, und holt das Paket.) Benutzen wir den Augenblick. Zieh' dieſe Kleider an.— Zwei Leute ſind Von mir beſtochen, ungeſehn kann man Jetzt Beaugency verlaſſen; eine Straße Am Ende dieſer Mauer ſchlägt man ein. Richelieu kommt hierher, um ſelbſt zu ſehn, Wie die Befehle man vollzieht. Wir dürfen Jetzt keinen Augenblick verlieren mehr. Sein Kommen meldet ein Kanonenſchuß. Umſonſt iſt Alles, ſind wir dann noch hier. Didier. Sehr wohl.— 3 Marion. Nur ſchnell.— Er iſt's! GottV! iſt es. ſelbſt. Gerettet!— Rede doch mit mir, mein Didier, Ich liebe dich. Didier. Sie ſagten: eine Straße Am Ende dieſer Mauer? Marion. 1 Ja, ich komme —y— Daher; ich ſah ſie ſelbſt, ein ſich'rer Weg. Das letzte Fenſter hab' ich ſchließen ſehn. Vielleicht begegnen wir dort ein'gen Frauen. Du ſeieſt ein Vorübergehender, Glaubt man,— wenn du recht fern biſt. Nimm die Kleider; Wir werden lachen, dich auf dieſe Weiſe Vermummt zu ſehen. Schnell!— Didier(die Kleider mit dem Fuß zurückſtoßend). Es eilt ja nicht. Marion. Der Tod iſt vor der Pforte.— Laß uns flieh'n, Mein Didier!— Ich bin's, die kommt. Didier. Weshalb? Marion. Um dich zu retten.— Welche Frage! Gott! Und mir!— Warum der kalte Ton? Didier(mit trübem Lächeln) Sie wiſſen, Wir armen Männer ſind ſehr oft von Sinnen. Marion. Die Zeit drängt. Komm,, die Pferde ſind bereit! Was du mir ſagen willſt, das ſprich nachher. Doch fort! Didier. Was will der Menſch dort, der uns anblickt? — 288— Marion. Der Kerkermeiſter iſt's.— Er iſt beſtochen, Die Wachen auch.— Trauſt du den Leuten nicht? Du ſiehſt betroffen aus. Didier. O, es iſt nichts! Man iſt ſehr oft der Täuſchung ausgeſetzt. Marion. Komm'. Wenn du wüßteſt!— Jeder Augenblick, Der uns entflieht, bringt mir den Tod.— Mir iſt Als hört' ich ſchon die Menze nah'n.— O, eile! Auf meinen Knieen bitt' ich dich darum. Didier cauf den ſchlafenden Saverny zeigend.) Für welchen von uns Beiden kommen Sie? G Marion(einen Augenblick betroffen.) Gaspard hat mich großmüthig nicht genannt. (Laut.) Spricht Didier ſo zu ſeiner Heißgeliebten? Mein Didier, was haſt du gegen mich? Didier. Nichts.— Heben Sie das Haupt, ſeh'n Sie mich an! (Marion blickt ihn zitternd an.) Es iſt ſehr ähnlich, ja. Marion. Mein Didier, Dich lieb' ich über Alles,— aber komm! — 289— Didier. Ich bitte, ſeh'n Sie mich noch ferner an. (Er ſieht ſie ſcharf an, ſie zittert wie Espenlaub.) Marion(bei Seite.) Gott! Sollt' er wohl des Andern Küſſe ſeh'n? (taut) Hör' mich, mein Didier!— Du haſt ein Geheimniß, Du biſt unfreundlich gegen mich.— Was iſt dir? Du mußt mir Alles ſagen; denn man denkt ſich Oft Böſes, ſpäter dann gereut es uns, Wenn durch Verſchweigen uns ein Unglück trifft. Ach ſonſt! da wußt' ich immer, was du dachteſt. Iſt denn das Alles ganz und gar vorbei? Und liebſt du mich nicht mehr? Gedenkſt du noch An Blois und an das kleine Zimmer dort, In dem ich wohnte, wie wir da uns liehten In tiefem Frieden, Alles rings vergeſſend? Nur du, du warſt zuweilen unruhvoll. Wie oft ſagt' ich: Gott, wenn es Jemand ſähe! Ach, es war ſchön.— Ein Tag zerſtörte Alles. Wie oft haſt du, Geliebter, mir geſagt Mit Flammenworten, daß ich deine Liebe, Daß dein Geheimſtes mein, daß Alles du Thu'n würdeſt, was ich von dir forderte. und hab' ich je etwas von dir verlangt? Du weißt, wie leicht ich deinem Willen folge, Doch heute gib mir nach. Es gilt dein Leben, Todt oder lebend, immer folg' ich dir, V. 19 — Und Alles iſt mit dir mir ſüß; mein Didier, Flucht oder das Schaffot!— Er ſtößt mich von ſich!— O, laß mir deine Hand,— dir iſt das gleich,— Mein Haupt auf deinem Knie thut dir nicht weh. Ich bin hieher gelaufen, bin ermüdet. Was würden Jene ſagen, die mich einſt So heiter kannten, ſo zufrieden, ſäh'n ſie Jetzt hier mich weinen?— That ich dir etwas? O ſag' es mir! zu deinen Füßen dulde Das arme Weib.— Es ſchmerzt mich ſehr, mein Freund, Daß ich kein Wörtchen dir entlocken kann. Man ſagt, was Einem fehlt.— Nicht?— tödte mich Vielmehr.— Sieh', meine Thränen ſind verſiegt. Ich will dir lächeln, will, daß du mir lächelſt, Und lachſt du nicht, ſo lieb' ich dich nicht mehr. Ich that gar lange Zeit, was du gewollt, Jetzt kommt an dich die Reihe.— In den Feſſeln Ward deine Seele bitter.— Sprich mit mir, Komm,, rede, ſprich doch, nenne mich, Marie!... Didier. Marie oder Marion? Marion(Entſetzt, nieberſinkend.) Didier! Sei gnädig! Didier(mit furchtbarer Stimme.) Hier tritt man ſo leicht nicht ein, Madame! des Staates Kerker ſind bewacht, Bei Tag und Nacht, die Pforten ſind von Eiſen, Die Mauern zwanzig Fuß hoch.— Wem denn haben Sie Ihren Körper Preis gegeben, daß Der Kerker ſich, zum Lohne dafür, aufthut? MNarion. Didier, wer ſagt' es dir?... Didier. Niemand. Ich rathe. Marion. Didier, hier bei der Gnade Gottes ſchwör' ich, Es war, um dich zu retten, zu befreien, Um deine Henker zu erweichen. Didier(die Arme kreuzend.) Dank! Daß man bis dahin ſchamlos, ſeelenlos, Iſt wirklich eine wahre, wahre Schande. (Er eilt mit ſtarken Schritten auf dem Theater umher, ein Geſchrei der Wuth ausſtoßend.) Wo iſt der Handelsmann mit Schimpf und Schande, Der für ſo ſchnöden Preis mein Haupt verſchachert? Wo iſt der Kerkermeiſter, wo der Richter, Der Menſch, damit ich ihn zertrümmere, Zermalme, wie dies Bildniß hier?! (Er zerbricht das Portrait mit den Händen.) Der Richter! Geht nur Ihr Herrn und macht Geſetze, richtet! 19*¾ — 292— Was kümmert's mich dann, ob das falſche Loth, Das Eure feile Wage ſchwanker macht, Sei Weiberehre oder Manneshaupt? (Zu Marion.) Geh' hin zu ihm. Marion. Behandle mich nicht ſo! Von dir verachtet, ſchrittlings fortgetrieben, Erzitt're ich,— ein Wort noch und ich ſterbe! Wenn jemals Liebe glühend ſtark und wahr, Wenn je ein Mann vor Allen ward geliebt, So ward'ſt du es von mir. Didier. Ha, ſchweigen Sie! Ich hätte auch— als Weib geboren werden, Zu meinem Schaden— können— hätte auch Gleich einer Andern können ſchändlich ſein, Dem Erſten, Beſten, für ſein Gold verkaufen, Wie er ſie wollte, zarte, warme Liebe.— Doch' wär ein braver Mann zu mir gekommen, Zu mir, der Guten und Gefälligen, Ein Mann, entzückt von unvernünft'’ger Ehre,— Hätt' ich, zufällig, im Vorübergeh'n Ein Herz getroffen, noch der Täuſchung voll;— Ehy ich nicht dieſem wacker'n Mann geſagt, „Das bin ich,“— eh' ich freundlich ihn behandelt, Ihn von mir ſelber nicht benachrichtigt, Daß meine reinen, keuſchen Augen lögen; Eh' ich ſo hinterliſtig, falſch und ſchlecht,— — 293— Hätt' ich mir lieber mit den eignen Nägeln Mein Grab gegraben. Marion. Weh! Didier. Sie würden lachen, Recht luchen, wenn Sie ſehen könnten, wie Mein Herz, der nechſche Spiegel, Sie geſtaltet. Sie thaten wohl, Madame, es zu zerbrechen. Sie waren drin ſo rein und keuſch... O Weib, Was hatte dir der arme Mann gethan, Mit ſeinem heißen, tiefen, ſanften Herzen, Der dich ſo lange auf den Knieen liebte? Der Kerkermeiſter. Die Stunde endet. Marion. Ach, die Zeit verſtreicht, Der Augenblick entflieht! O Didier! Ich habe nicht das Recht, ein Wort zu ſagen, Ich bin ein Weib, dem man nichts ſchuldig iſt. Verſtoßen haſt du mich, verflucht, nun wohl Ich habe mehr als Haß und Spott verdient, Und du biſt noch zu gut und meine Seele Spricht ſterbend noch den Segen über dich.— Dies iſt die Stunde, wo der Henker kommt, Den du vergiſſeſt, er gedenket dein.— Ich habe Alles in Bereitſchaft, höre!.. — 294— Du kannſt entflieh'n, verweig're mir es nicht, Du weißt, was es mich koſtet.— Strafe mich! Laß mich in meiner Schmach allein zurück! Stoß mit dem Fuß mich, tritt mich;— aber flieh'! Didier. Entfliehn!— Vor wem? Ich habe Niemanden Auf Gottes weiter Welt zu flieh'n als Sie. Ich fliehe Sie allein;— tief iſt das Grab. Der Kerkermeiſter. Die Stunde endet. Marion. Flieh! Didier. Ich will nicht. Marion. Mitleid! Didier. Mit wem? Marion. O Sott! Ergriffen, dich zu ſeh'n, Gebunden und— weh,, ſchon daran zu denken, Bringt mir den Tod!— O ſprich, o komm'! Willſt du, Daß deine Magd ich ſei?— Willſt du mich nehmen Mit den gebüßten Sünden, um nur etwas Zu haben, das du mit den Füßen treteſt? Die du in ſchweren Tagen Gattin nannteſt!... Didier. (Man hört in der Ferne einen Kanonenſchuß.) Nun denn, ſo macht ſie dies zur Wittwe. Marion. Gattin! Didier! Der Kerkermeiſter. Die Stunde iſt geendet! (Crommelwirbel. Der Rath der großen Kam⸗ mer tritt auf, begleitet von Leidtragenden, welche Fackeln halten, und von dem Henker. Soldaten und Volk folgen ihm, die Bühne füllend.) Marion. Weh! Siebente Scene. Didier. Saverny. Marion. Der Rath. Die Henker. Volk. Soldaten u. ſ. w. Der Rath. Nun, meine Herrn, ich bin bereit! Marion(uu Didier.) Hab' ich dir nicht geſagt, der Henker käme? Didier(zum Nath.) Wir ſind es auch.— Der Rath. Wer iſt es, der den Namen Des Marquis von Saverny führt? (Didier zeigt ihm mit dem Finger den ſchla⸗ fenden Saverny.) Der Rath(unm Scharfrichter.) Man weck' ihn. Der Henker(Saverny ſchüttelnd.) Wie feſt er ſchläft! He, gnäd'ger Herr, wacht auf! Saverny(ſicch die Augen reibend.) Wie kann man meinen guten Schlaf mir rauben? Didier. Man unterbrach ihn nur. Saverny(halb wach, ſieht Marion und begrüßt ſie.) Ich träumte, ſchöne Dame, juſt von Euch. . Der Rath. Empfahlt Ihr Eure Seele Eurem Gott? Oidier. Ich that's. Der Rath(ihm ein Pergament überreichend.) So unterzeichnet dieſe Schrift. Saverny(nimmt es und liest:) Es iſt das Protokoll.— Wie wunderbar Iſt's doch, daß der Bericht von meinem Tode Von meiner eignen Hand wird unterzeichnet! (Er unterſchreibt und liest es von Neuem. Zum Grefſter.) Drei orthographiſche Fehler machten Sie. (Er nimmt die Feder und verbeſſert die Feh⸗ ler, dann zum Scharfrichter.) Du weckteſt mich und lullſt mich wieder ein. Der Rath. Didier! — 297— Didier(tritt vor, er gibt ihm die Feder.) Hier, Ihren Namen! Marion(ſcch die Augen verhüllend.) Gott, wie gräßlich! Didier(unterzeichnend.) Nie unterzeichnet' ich mit größ'rer Luſt. (Die Wachen bilden ein Spalier und ziehen Beide mit fort.) Saverny(zu Einem in der Menge.) So macht doch Platz, das Kind kann ja nichts ſehen! Didier(zu Saverny.) Um meinetwillen thuſt du dieſen Gang, Umarme mich!— Marion(auf ihn zueilend.) Und mich umarmſt du nicht? Didier, umarme mich! Didier(auf Saverny deutend.). Er iſt mein Freund. Marion(die Hände zuſammenſchlagend.) O Gott! wie marterſt du mich armes Weib, Das auf den Knieen, vor dem Könige, Wie vor dem Richter, unaufhörlich lag, Und ſie um Gnade bat für dich,— ich flehe Dich jetzt um Gnade an für mich— für mich! Didier (ſtürzt keuchend auf Marion zu und bricht in Thränen aus.) Nein! nein! mir bricht das Herz! es iſt abſcheulich! ⸗ — 298— Ich liebte ſie zu ſehr.— Es iſt unmöglich, Sie ſo zu laſſen!— Es iſt gar zu ſchwer, Eiskalt zu bleiben, wenn das Herz uns brach⸗ Komm', komm' in meine Arme. (Er drückt ſie convulſiviſch an ſich.) Ich muß ſterben. Ich liebe dich, und, es dir hier zu ſagen, Iſt jetzt mein höchſtes Glück. Marion. O Didier! (Er umarmt ſie ungeſtüm von Neuem.) Didier. Komm', armes Weib! O ſaget mir, Ihr Alle, Gäb's Einen unter Euch, der ſich geweigert, In ſolchem Augenblick ſie zu umarmen, Die ſich ihm immer, ſich ihm ganz ergab? Ich hatte Unrecht.— Wollt Ihr denn, Ihr Herrn, Daß ohne Mitleid und Verzeihung ich Vor Ihren Augen ſterbe?— Komm'! komm her, Laß mich dir ſagen— unter allen Frauen — und Jeder billigt das aus Grund der Seele, Wer hier zugegen iſt— die, die ich liebe, Der meine Treue bleibt,— die ich verehre, Du biſt es, du! denn du warſt gut und ſanft, Du liebteſt mich,— du wareſt mir ergeben.— Nun, höre mich!— mein Leben iſt zu Ende,— Ich ſterbe— und der Tod zeigt Alles uns — 299— Im rechten Lichte.— Haſt du mich betrogen, Geſchah es nur aus übergroßer Liebe!— — und deinen Fall, haſt du ihn nicht gebüßt?— Vielleicht hat deine Mutter dich vergeſſen, Wie mich die meine.— Armes Kind, ganz jung Hat deine Unſchuld man vielleicht verkauft.— Blick auf getroſt.— Und Ihr, Ihr Alle hört— In ſolchen Stunden ſchwindet uns die Erde Gleich einem Schatten und der Mund ſpricht wahr. In dieſem Augenblick!— hoch vom Schaffot— Es gibt nichts Höheres, wenn der Unſchuldge Dort ſtirbt.— Marie— du Engel aus dem Himmel, Den nur die Erde hat befleckt.— O du, Du, meine Vielgeliebte, meine Gattin, Marie! höre mich! Im Namen Gottes, Zu dem der Tod mich bringt, verzeih' ich dir.— Marion(unter heißen Thränen.) Allmächtiger! — Didier. Jetzt kommt an dich die Reihe. (Er kniet vor ihr nieder.) Verzeihe du mir. Marion. Didier! Didier(noch immer knieend.) Vergieb mir, Denn ich war ſchlecht.— Gott trifft dich und betrübt dich . — 300—. Durch mich und du beweinſt noch meinen Tod. Daß ich dich elend machte— o das gibt Mir ſchwere Reue.— Ach, laſſ' mir ſie nicht, Marie— laſſ' mir ſie nicht— verzeihe mir! Marion. Ach! Didier. Lege deine Hand auf meine Stirn Und ſprich ein Wort, ich bitte dich darum, Doch iſt dein Herz zu voll, kannſt du nicht reden— Gib mir ein Zeichen.— Ich bedarf des Troſtes— Ich muß jetzt ſterben.— (Marion legt ihm die Hände auf die Stirn. Er ſteht auf, umarmt ſie innig und ſagt mit einem Lächeln himmliſcher Freude zu den Andern.) Vorwärts, meine Herrn! Marion(ttürzt ſich wild zwiſchen ihn und die Soldaten.) Nein, Wahnſinn iſt es, wenn man glaubt, es ſei So leicht, ihn zu ermorden.— Man vergißt, Daß ich zugegen. Schonet uns, Ihr Herrn! Wie ſoll ich mit Euch reden? Auf den Knieen? Hier kniee ich! Wenn noch in Eurer Seele Sich etwas regt, das eines Weibes Stimme Erzittern macht, wenn Gott Euch nicht verfluchte, So tödtet mir ihn nicht.(Zu den Zuſchauern.) Ihr aber, Ihr, Wenn heute Abend Ihr zu Hauſe kehrt, — 301— Heim zu den Euren, wird's Euch nicht an Müttern, Euch nicht an Töchtern fehlen, die Euch ſagen: Gott, welche Miſſethat?— Ihr konntet's hindern uUnd habt es nicht gethan.— Ich muß dir folgen, Mein Didier, ſie werden dich nicht tödten, Wenn es ihr Wille, daß ich leben ſoll. Didier. Nein, laß mich ſterben.— Siehſt du, das iſt beſſer, Gar tief iſt meine Wunde, Vielgeliebte, Und ſie vernarbt zu ſchwer.— Viel beſſer iſt's, Ich ſterbe.— Nur wenn je— ſieh', wie ich weine— Ein And'rer ſich dir naht, der glücklicher Und ſchöner iſt— dann denk' an deinen Freund, Den armen Freund, der tief im Grabe ruht. Marion. Nein, nein, du lebſt für mich, ſind Alle denn Hier unerbittlich?— Nein, du bleibſt am Leben! Didier. O rede nichts Unmögliches.— Vielmehr Gewöhne deine Augen, meine Gruft Zu ſehn.— Umarme mich.— Siehſt du— geſtorben, Liebſt du mich inniger, gewähreſt mir In deinem Angedenken heil'ge Stätte. Doch bei dir leben— mit gequälter Seele, Ich, der ich immer dich allein geliebt, Stets bei dir— kannſt du's ohne Schaudern denken? Ich brächte dich zum Weinen, machte mir Gedanken über längſt geſcheh'ne Dinge, Die ich nicht äußerte— es würde ſein, Als ſpionirt' ich, zweifelte, und lite.- Unglücklich würdeſt du.— D'rum laß mich ſterben. Der Rath(zu Marion.) Der Cardinal kommt hier ſogleich vorbei, Es iſt noch Zeit, um Gnad' ihn anzuflehn. Marion. Der Cardinal!— Ja wohl— der Cardinal Wird kommen.— Ihr ſollt ſehn.— Er wird mich hören. Mein Didier, gib Acht, was ich ihm ſage. Wie kannſt du glauben— es iſt wirklich thöricht, Daß dieſer gute Cardinal, ein Greis, ein Chriſt, Dir nicht verzeihe.— Du verzeihſt ja mir. (Es ſchlägt Neun. Didier gibt Allen ein Zei⸗ chen zu ſchweigen. Marion horcht ſchau⸗ dernd auf die Schläge. Als es ausgeſchla gen hat, ſtützt ſich Didier auf Saverny.) Saverny(zum Volk.) Ihr Alle, die Ihr kamt, um uns zu ſeh'n Auf dieſem Gange, wenn von uns man redet, Bezeugt, daß, ohne zu erbleichen, wir, Wir Beide dieſe Glocke ſchlagen hörten, Die uns die Ewigkeit geſchlagen hat. (Ein Kanonenſchuß wird an der Pforte gelöſt. Der ſchwarze Vorhang, der die Lücke in der Mauer bedeckte, fällt. Die rieſenhafte Sänfte des Cardinals erſcheint, von vier⸗ undzwanzig Garden getragen, und von dreißig andern, welche Fackeln und Helle⸗ barden halten, umgeben. Die Sänfte iſt ſcharlachroth und mit dem Wapven des Hau⸗ ſes Richelieu geziert; die Vorhänge in dem⸗ ſelben ſind zugezogen.— Sie wird langſam in den Hintergrund getragen. Unruhe in der Menge.) Marion(cchleppt ſich auf den Händen bis an die Sänfte und ringt die Arme.) Im Namen Eures Chriſtus, Eures Stammes, Fleh' ich für ſie um Gnade.— 6 (Eine Stimme aus der Sänfte.) Keine Gnade! (Marion ſinkt zu Boden. Die Sänfte zieht vorüber.— Das Gefolge der beiden Ver⸗ urtheilten ſetzt ſich in Bewegung und ver⸗ läßt die Bühne.— Die Menge folgt mit großem Geräuſch.) Marion aallein. Sie richtet ſich halb auf und ſchleppt ſich, um ſich blickend, auf den Händen fort.) Was ſprach er, was?— Wo ſind ſie? Didier? Nichts mehr— nichts hier— das Volk!— War es 3 ein Traum? Ergriff mich Wahnſinn denn? (Das Volk ſtrömt zurück.— Die Sänfte zeigt ſich wieder im Hintergrunde, auf der Seite, wo ſie verſchwand.— Marion ſteht auf und ſtößt einen entſetzlichen Schrei aus.) Er kehrt! — 391— Die Wachen(das Volk abwehrend.) Platz! Platz! Marion (aufrecht, mit fliegendem Haar auf die Sänfte deutend.) Seht hin! dort zieht der blut'ge Mann vorüber. (Sie ſinkt zu Boden.) nuʒenuunannanämquuu 14 15 16 17