ek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von. Eduard Oftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliotbek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 4 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben eentſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —— auf 1 Monat: 1 Mtr.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Mr.— Pf. „ 3 4 3 : wren, n er 3„„ 41„„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zuruckſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mmit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 4 7. Ausleihezeit. Dieſelbe i auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. Victor Hugo's ſammtliche Werke. Vierter Band. Der letzte Tag eines Verurtheilten.— Mirabeau. Voltaire.— Walter Scatt.— De Ka Mennais. Lord Byron. Frankfurt am Main, 1835. Druck und Verlag von J. O. Sauerländer. letzte Tag eines Verurtheilten. Ueberſetzt von W. Wagne r. 1 irabe a u. 3 Von * A. ewal d. 4 Voltaire, Walter Scott, de La Mennais, Kord Byron. * E. Beurmann. Frankfurt am Main, 1835. Druck und Verlag von J. D. Sauerländer. Der letzte Tag Verurtheilten. voder vielmehr von ihr gefaßt und nicht eher wieder Vorwort. Abs Vorrede zu den erſten Auflagen dieſes Buches, welches ohne den Namen ſeines Verfaſſers erſchien, las man nur folgende Zeilen: „Die Entſtehung dieſes Buches kann auf zweierlei „Weiſe gedacht werden. Entweder hat ſich wirklich ein „Pack von verbleichten und ungleichmäßigen Papieren „vorgefunden, worauf die letzten Gedanken eines Unglück⸗ „lichen verzeichnet waren, einer an den andern gereiht, „— oder es hat ſich Jemand gefunden, ein Denker, der „die Natur zum Nutzen der Kunſt beobachtete, ein Phi⸗ loſoph, ein Dichter vielleicht, welchem die Idee zu einem nſolchen Buche im Kopfe herumging, welcher ſie faßte, — vi— „freigelaſſen wurde, bis er ſie zu Papier gebracht hatte. „Von dieſen beiden Erklärungsweiſen mag der Leſer „eine wählen.“ Zur Zeit, als das Buch erſchien, hielt es der Ver⸗ faſſer nicht für gerathen, ſeine Meinung ganz auszuſpre⸗ chen. Er wollte erwarten, ob ſie errathen und verſtanden würde. Es iſt geſchehen, und jetzt darf der Autor das Geſtändniß ablegen, daß er unter jener einfachen und leicht verſtändlichen Form politiſche und ſociale Ideen veranſchaulichen wollte. Der letzte Tag eines Verur⸗ theilten iſt alſo— wir erklären es laut— weiter nichts, als eine Vertheidigungsrede, eine direkte oder indirekte, für die Zuläſſigkeit der Abſchaffung der Todesſtrafe. Das hat er gewollt, und das ſoll die Nachwelt in ſeinem Werke leſen, wann je ſo Unbedeutendes ihr zu⸗ kommen würde. Man ſuche hier weder eine ſpecielle Schutzrede, welche immer nur tranſitoriſch ſein könnte, für irgend einen Angeklagten nach freier Wahl, oder für irgend einen Verbrecher, ſondern ein allgemeines und dauerndes Plaidoyer für Gegenwart und Zukunft. Es handelt ſich hier um die Frage der Menſchenrechte, welche vor der ganzen Staatsgeſellſchaft, dieſem großen Caſſa⸗ tionshofe plaidirt werden; es handelt ſich um dieſes äuſ⸗ ſerſte Ende der Nicht⸗Zuläſſigkeit, um das abhorres- cere a sanguine, was für immer an der Spitze aller — XN— Criminalprozeſſe ſtehen muß; es handelt ſich um jene ernſte Frage, welche im Dunkeln ſich auf dem Grunde einer jeden causa capitalis bewegt, nur überhültt von Pathos, womit die blutige Redekunſt der königlichen Ge⸗ richtsbeamten ſie gerne bedeckt; es handelt ſich um Leben und Tod, und die Frage erſcheint und zeigt ſich in ihrer ganzen Blöße und Nacktheit, befreit von allen vielfach verſchlungenen Redensarten der Gerichtsſtube, endlich einmal keck hervortretend und in's rechte Licht geſetzt, ſo wie es ſein muß, ſo bis in den innerſten Kern und bis in die wahre Abſcheulichkeit, nicht vor dem Tribunal, ſondern auf dem Schaffot, nicht vor dem Richter, ſon⸗ dern bei dem Henkersknecht. Das war es alſo, was der Verfaſſer gewollt hat, und wenn die nach uns Lebenden ihm den Ruhm zuge⸗ ſtehen würden, etwas dazu beigetragen zu haben, was er ſich aber kaum ſchmeichelt, ſo würde er mit dieſer Krone zufrieden ſein. Er erklärt und wiederholt, daß er ſeinen Gegen⸗ ſtand vor allen Gerichtshöfen und vor allen Geſchwor⸗ nen, vor allen Geſetzbüchern und vor allen Richtern, und im Namen aller Angeklagten, ſeien ſie nun ſchuldig oder nicht, vertheidigt.— An jeden Richter wendet ſich dieſes Buch; damit aber die Vertheidigung ſo allgemein und umfaſſend ſein möge, wie die Sache ſelbſt, ſo iſt gerade — X— dieſe Form und Art der Behandlung gewählt worden, welche nach allen Seiten hin in die einzelnen Theile des Stoffes eingeht, welche den Zufall, das Beſondere und das Relative betrachtet, welche die Begebenheiten, die Epiſoden, die Anekdoten ſelbſt erzählt, und in weiten Kreiſen die Vertheidigung irgend eines Verurtheilten führt. Der Verfaſſer preiſt ſich glücklich, wann er, einzig und allein mit dem Werkzeug ſeiner Gedanken verſehen, ſo weit vorangearbeitet haben wird, um das Herz einer Magiſtratsperſon zu erreichen und zu rühren, wann er diejenigen, die ſich ihrer Gerechtigkeit rühmen, zur Barm⸗ herzigkeit geſtimmt hat, wann er, immer weiter grabend in dem Herzen, endlich auf den feſten Boden der Menſch⸗ lichkeit gekommen iſt. Vor drei Jahren iſt das Buch erſchienen, und einige Leute waren der Meinung, daß es der Mühe werth ſei, die Idee desſelben dem Autor ſtreitig zu machen. Da wollten die Einen als Grundlagen ein engliſches und die Andern ein amerikaniſches Buch annehmen. Eine ſon⸗ derbare Manie, an tauſend fernen Orten die nahe Ur⸗ ſache der Dinge zu ſuchen, und aus den Quellen des Nils das Waſſer der Straßengoſſen von Paris herzu⸗ leiten, die durch dieſe Stadt fließen! Was brauchen wir hier ein engliſches, ein amerikaniſches oder vielleicht gar ein chineſiſches Buch. Der Verfaſſer hat den Grund⸗ Gedanken ſeines Werkchens keinem fremden Buche ent⸗ — — — I— nommen, und pflegt überhaupt nicht Dinge, die er ganz nahe haben kann, aus der Ferne herzuholen. Auf dem Greve⸗Platz, da wo ihr Alle bekannt ſeid, wo ihr viel⸗ leicht eben ſo, wie er, gedacht und empfunden habt, da hat er geſchöpft. Ja, auf dem Greve⸗Platz hat er eines Dages im Vorübergehen dieſen Gedanken gefunden, der in einer Pfütze lag, unter den blutigen Splittern und Ueberbleibſeln der Guillotine. So geſchah es, und er nahm den blutigen Gedanken mit.— Seit jenem Tage, ſo oft in Paris ein Menſch zum Tode verurtheilt ward und das hierzu gehörige Geſchrei der Volksmaſſe ſich vernehmen ließ, ſo oft der Autor die heulende Meute, welche die Zuſchauer nach dem Greve⸗Platze führte, unter ſeinen Fenſtern vorübertoben und wüthen hörte— ſo oft auch kam ihm dieſer ſchmerz⸗ liche Gedanke wieder in den Sinn, bemächtigte ſich ſeiner, erfüllte ſeine Phantaſie mit Gensdarmen, mit Henkern und Volksmaſſen. Der Autor folgte Stunde vor Stunde den Qualen des armen Verurtheilten; er dachte: Jetzt hört der Geiſtliche ſeine letzte Beichte,— jetzt ſchneidet man ihm die Haare ab,— jetzt bindet man ihm die Hände.— Während die Anderen ruhig ihre Ge⸗ ſchäfte forttrieben, mahnte ihn, den armen Poeten, die⸗ ſer Gedanke, trieb ihn an und drängte ihn und ſtieß ihn, riß ihm die Verſe aus dem Kopfe, wenn er eben im beſten Zuge war, und tödtete ſie im Entſtehen; dieſer — 11— Gedanke hemmte ihn in jeder ſeiner Arbeiten, kam ihm ſtets in die Quere, ummauerte ihn, ſo zu ſagen, und belagerte ihn.— Es war eine Qual, die mit dem frü⸗ hen Morgen begann und bis vier Uhr des Nachmittags, wo der Verbrecher gerichtet wurde, fortdauerte; erſt dann fand der Autor die Ruhe ſeines Geiſtes wieder. Eines Tages endlich, wenn wir nicht irren, ſo war es am Tage der Hinrichtung von Ulbach, fing der Verfaſſer mit dem Niederſchreiben dieſes Buches an. Seitdem war er erleichtert. Wenn nun eines dieſer öffentlichen Verbrechen, welche man mit dem Namen gerichtlicher Execution zu belegen pflegt, wieder begangen wurde, ſo ſagte ihm ſein Gewiſſen, daß er deſſelben nicht mehr theilhaftig ſei, und er fühlte auf ſeiner Stirne jenen Blutstropfen nicht mehr, der von dem Greve⸗Platz auf die Stirne eines jeden Mitglieds der Geſellſchaft ſpritzt. Hat man aber genug gethan, wenn man ſich die Hände waſcht? Wäre es nicht beſſer, das Fortſtrömen des Blutes zu hemmen? Gibt es etwas Schöneres und Heiligeres, als nach dieſem Ziele zu ſtreben, nach der Abſchaffung der Todes⸗ ſtrafe? Von ganzem Herzen theilt der Verfaſſer die frommen Wünſche aller beſſeren Menſchen, welche ſeit vielen Jahren darauf hingehen, dieſen Baum, der einem Galgen gleicht, umzuſtürzen, den einzigen Baum, welchen die Revolutionen nicht entwurzelt haben. Mit Freuden ergreift auch er die Axt, um ſeinen Schlag mitzugeben, und um den Einſchnitt zu vergrößern, welchen Beccaria vor etwa ſechszig Jahren an dieſem ſchmählichen Galgen, der über die ganze Chriſtenheit Jahrhunderte lang hin⸗ ragt, gemacht hat. Wir haben geſagt, daß das Schaffot das einzige von der Revolution nicht niedergeriſſene Gebäude iſt. Selten iſt eine Revolution mäßig, und beinahe immer dürſtet ſie nach Menſchenblut. Revolutionen beſchmutzen, zerfreſſen und entvölkern die Geſellſchaft; ſie ſind grau⸗ ſam und roh, und die Todesſtrafe iſt ein Meſſer, das ſie nur ungern aus den Händen legen. Vielleicht wäre die Juli⸗Revolution von 1830 von allen andern noch die einzige geweſen, welcher man in dieſer Hinſicht etwas hätte zutrauen dürfen; von dem milden Volksgeiſte, der ſich hier regte, hätte man wohl erwarten dürfen, daß er die barbariſchen Einrichtungen von Ludwig XI., von Richelieu und Robespierre mildern und die Unverletzlichkeit eines Menſchenlebens in die neuen Geſetztafeln einſchreiben würde. Das Jahr 1830 hätte das Schlachtmeſſer von 1793 zerbrechen ſollen. Einen kurzen Augenblick haben wir uns mit dieſer Hoffnung geſchmeichelt. Im Auguſt 1830 ſah man überall ſo viel Großmuth, bemerkte man ſelbſt unter der Volks⸗ maſſe ſo viel Milde und Menſchlichkeit, erweiterten ſich die Herzen bei der Ausſicht auf eine ſo ſchöne Zukunft, daß man mit vollem Recht die Todesſtrafe für vernichtet hätte halten ſollen, gleich ſo vielen andern Dingen, welche uns ſeither läſtig geweſen ſind. Das Volk machte aus den Lumpen des alten Regims ein Freudenfeuer, und man glaubte, es würde auch die blutige Fahne der Todesſtrafe verbrennen. Man hielt ſie für verbrannt, wie die andern Lum⸗ pen, und waͤhrend einiger Wochen lebte man in leicht⸗ gläubigem Vertrauen hin, im Wahne, es werde in Zu⸗ kunft das Leben eines Menſchen eben ſo geſichert ſein, wie ſeine Freiheit. Nach zwei Monaten geſchah wirklich ein Verſuch, um das Gleichheits⸗Utopien des Cäſar Boneſana in die Wirklichkeit einzuführen. Zum Unglück war dieſer Verſuch linkiſch, unge⸗ ſchickt, heuchleriſch und nicht im Intereſſe des allge⸗ meinen Wohfes begründet. Im Monat October 1830,— man erinnert ſich deſ⸗ ſen wohl noch,— einige Tage nachdem durch die Ta⸗ gesordnung der Vorſchlag, Napoleon unter der Säule Vendome zu begraben, beiſeite gelegt worden war, gab ſich die Kammer mit Weinen und Schreien ab. Man redete viel, man ſeufzte und man erhob die Hände gen Himmel. Die Todesſtrafe— o Gott, wie entſetzlich! Mancher alte Generalprokurator, ergraut unter der rothen Toga, und der ſein Leben lang, ſein in das Blut der Requiſition getunktes Brod gegeſſen hatte, nahm ein verſchämtes Geſicht an und ſchwor bei allen Göttern, daß er auf die Gutllotine mächtig erbittert ſei. Zwei Tage lang wurde die Tribüne von ſalbungs⸗ und thränenreichen Rednern nicht leer. Es war eine Lamentation, ein düſteres Pſalmen⸗Concert, ein super flumina Babylonis, ein stabat mater dolorosa, eine große Symphonie in Moll mit Chören von Rednern. Der Eine ſang in ſeinem Baß, der Andere im Falſet, kurz es fehlte nichts. Die Sache war pathetiſch und kläglich zugleich. Die Sitzung zur Nachtzeit war beſon⸗ ders rührend, väterlich und herzzerreißend, wie ein fünf⸗ ter Akt von Lacheuſſe. Das gute Publikum verſtand davon nichts, hatte aber doch die Augen voll Thränen*). *) Nicht Alles, was bei dieſer Gelegenheit in der Kam⸗ mer geſprochen wurde, wollen wir mit Verachtung behandeln; denn auch manches ſchöne und würdige Wort iſt vernommen worden. Wir haben, wie viele Andere, der ernſten und einfachen Rede des Herrn von Lafayette, und, in einer anderen Beziehung, der bemerkenswerthen Improviſation des Herrn Villemain unſern Beifall ge⸗ geben. — XVI— Von was bandelt es ſich eigentlich? Von der Ab⸗ ſchaffung der Todesſtrafe? Ja und nein. Das war die Thatſache: Vier feine Weltleute, wie man ſte in den Salons finden kann, und mit denen man vielleicht ſchon einige höfliche Worte gewechſelt hat, vier dieſer Manner, hat⸗ ten in den höheren Regionen des Staates einen jener Streiche verſucht, welche Bacon Verbrechen, und Ma⸗ chiavelli Unternehmung nennt. Verbrechen oder Unter⸗ nehmung,— das Geſetz ſpricht hier die Todesſtrafe aus. Die vier Unglücklichen waren gefangen und dem Geſetz verfallen; ſie wurden von dreihundert tricoloren Cocarden unter den gewölbten Hallen von Vincennes in Verwahrung gehalten. Was war nun anzufangen? Man ſieht ein, daß man vier feine Weltleute von utem Stande nicht nach dem Greve⸗Platz ſchicken konnte, auf einem gemeinen Wagen, die Haͤnde mit Stricken gebunden, Rücken an Rücken mit jenen Fonctionärs, deren Namen ich kaum auszuſprechen wage. Ja, wenn es noch Guillotinen von Mahagoniholz gebe! 4 — XVII— Ihr duͤrft ja nur die Todesſtrafe abſchaffen, ſo iſt gleich geholfen! Ueber dieſen Punkt bekam die Kammer alle Hände voll zu thun. Sie ſollen wiſſen, meine Herren, die ſie geſtern eine ſo wichtige Frage noch nach Utopien verwieſen, und für eine Thorheit erklärt haben,— Sie ſollen wiſſen, daß heute nicht zum erſten Male ihre Aufmerkſamkeit auf den Karren der Armen⸗Sünder, auf die Stricke, welche in Feſſeln und auf die ſcharlachrothe, graͤßliche Maſchiene gerichtet ſein dürfte, und daß es uns wundert, wie Ihnen dieſe Dinge gerade jetzt erſt ſo auffallend werden! Bah! Was ſollen dieſe Redensarten?— Nicht für dich, du gutes Volk, wollen wir die Todesſtrafe abſchaf⸗ fen, ſondern fuͤr uns Herren Deputirten, die wir ja auch Miniſter werden können. Wir können es nicht zu⸗ geben, daß die Zunge der gefräßigen Guillotine auch nach hohen Häuptern empor lecke,— und wir wollen ſie ausreißen. Wir haben dabei nur an uns gedacht, und wann der Erfolg auch Andern zu gut kommt, ſo ſoll es uns lieb ſein. Schnell daher, laßt uns das Feuer löſchen, den Henker vertreiben, und den Blut⸗ flecken im Geſetzbuch wegwaſchen. IV. A e — LVIII— So miſcht ſich der Egoismus zu den ſchönſten Com⸗ binationen des geſellſchaftlichen Geiſtes, und entartet ſie; dieſer Egoismus iſt die ſchwarze Ader im weißen Mar⸗ mor, die nach allen Seiten hinläuft und überall dem Meißel begegnet. Die Statüe muß noch einmal ausge⸗ hauen werden. Wir gehören gewiß nicht zu denjenigen, welche nach den Häuptern der vier Miniſter Verlangen trugen; denn nachdem dieſe Männer feſtgenommen und unſchädlich gemacht worden waren, verwandelte ſich unſere Erbitte⸗ rung in Mitleiden. Wir dachten an die Vorurtheile, unter denen ſie aufgewachſen waren, an den wenig aus⸗ gebildeten Geiſt ihres Chefs, eines rückfälligen Fanati⸗ kers, welchen die Conſpiration von 1804 halsſtarrig ge⸗ macht hatte, welcher vor der Zeit im feuchten Dunkel der Staatsgefängniſſe grau geworden war, an die ſchlimme Nothwendigkeit ihrer gemeinſchaftlichen Stellung, an die Unmöglichkeit, einen Hemmſchuh anzulegen vor dem jä⸗ hen Abgrund, wohin die Monarchie den 8. Auguſt 1829 ſich ſelbſt geſtürzt hatte, an den von uns bis jetzt zu wenig berechneten Einfluß der Perſon des Königs, und vorzüglich an die Würde, welche Einer von ihnen, wie einen Purpurmantel über ihr Unglück warf. Ja, wir wünſchten ihnen recht aufrichtig die Erhaltung ihres Le⸗ bens, und waren bereit, ihnen dafür ein Opfer zu brin⸗ gen; wenn man auf dem Greve⸗Platze ein Schaffot — IXͤ— für ſie errichtet hätte, ſo hätte es wohl einen Aufſtand gegeben, um dies Schaffot niederzureißen, und wer hätte ſich dieſem Aufſtande in heiligem Eifer nicht angeſchloſ⸗ ſen? In einer ſocialen Criſis iſt das politiſche Schaf⸗ fot das unſeligſte, das verabſcheuungswürdigſte, das ver⸗ derblichſte und das vor allen zu zerſtörende; denn gar leicht ſchlägt es im Pflaſter der Städte ſeine Wurzeln, und treibt bald ſeine Schößlinge in allen Theilen des Landes. Das erſte Haupt, das in einer Revolutions⸗ zeit fällt, macht das Volk nach andern hungrig. Wir waren alſo mit denjenigen, welche das Leben der vier Miniſter erhalten wollten, ganz einverſtanden, ſowohl aus Gründen der Menſchlichkeit, als aus Grün⸗ den der Politik, nur hätten wir es lieber geſehen, daß die Kammer eine andere Veranlaſſung gewählt oder er⸗ wartet hätte, um über die Frage der Todesſtrafe zu debattiren. Wenn man dieſe wünſchenswerthe Abſchaffung nicht bei Gelegenheit von Miniſtern, welche aus den Tuile⸗ rien nach Vincennes fielen, vorgeſchlagen hätte, ſondern bei Gelegenheit irgend eines Straßenräubers, irgend eines jener elenden Bettelleute, welche man kaum ei⸗ nes Blickes würdigt, wenn ſie einem auf der Straße begegnen, mit denen man ſich zu reden ſchämt, und de⸗ ren unſaubere Berührung man fürchtet, einer jener —— Unglücklichen, die mit nackten Füßen ihre Kinderzeit im Schmutz und in den Pfützen auf der Gaſſe verlebt ha⸗ bend, frierend im Winter am Rande des Quais, ſich am Luftloch der Küche des Herrn Vefour, bei dem ihr zu Mittag ſpeiſet, ſpärlich erwärmend, und aus den Schmutzhaufen Brodkrumen aufleſend, in den Goſſen der Straßen und zwiſchen den Pflaſterſteinen mit einem roſtigen Nagel kratzend, um vielleicht einen Bettelofen⸗ nig zu finden, bei keinem anderen Schauſpiel ſich Ein⸗ gang zu verſchaffen im Stande, als bei dem Geburts⸗ tagfeſt des Königs, und bei der Hinrichtung eines Ver⸗ brechers, wo ſich Jeder gratis zu der gaffenden Volks⸗ maſſe geſellen darf, arme Teufel, die der Hunger zum Diebſtahl, und der Diebſtahl zu allen Uebrigen drängt, was daraus folgt, enterbte Kinder der Geſellſchaft, ih⸗ rer Rabenmutter, die mit dem zwölften Jahr ins Zucht⸗ haus, mit dem achtzehnten auf die Galeere und mit dem vierzigſten unter die Guillotine kommen, unglück⸗ liche Menſchen, aus denen in der Schule oder in der Werkſtätte etwas Gutes hätte werden können, und mit denen ihr jetzt nichts anzufangen wißt, als daß ihr ſie in den rothen Ameiſenhaufen von Toulon, oder in den ſtummen, engen Raum von Blamant wie Kehricht aus⸗ ſchüttet, denen ihr erſt die Freiheit und dann ſogar das Leben abſchneiden müßt,— ja, wann Ihr bei Gelegen⸗ heit eines ſolchen Menſchen, der dem Geſetze verfallen wäre, von der Ahſchaffung der Todesſtrafe geſprochen — △σ‿— hättet,— dann wohl wären eure Sitzungen würdig, groß, heilig, majeſtätiſch und der Verehrung werth ge⸗ weſen! Seit der Zeit der Kirchenväter von Trident, welche die Ketzer mit feierlichem Schwur zum Conci⸗ lium riefen, per viscera Dei,„bei den Eingeweiden des Herrn,“ weil man ihre Bekehrung hoffte, ſeit jener fanatiſchen Zeit hätte dann die Welt kein rührenderes und kein herrlicheres Schauſpiel erlebt, als das eurige. Wahrhaft große Menſchen haben ſich ſtets um die Schwachen und um die Kleinen bekümmert. Eine Ver⸗ ſammlung von Braminen, die die Rechte der Parias in Schutz nehme,— wie erhaben wäre ſie, und wäre bei uns die Volksſache etwas anderes geweſen, als die Sache der Parias? Ihr hättet mehr gethan, als ein Geſchäft der Politik,— ihr hättet im Dienſt der ganzen Menſch⸗ heit gehandelt, wenn ihr ohne Eigennutz und ohne hohe Rückſicht die Todesſtrafe abzuſchaffen verſucht hättet. Während ihr nun nicht einmal ein Werk der Po⸗ litik gethan habt, indem ihr vier Männer retten woll⸗ tet, die man einfing, als ſie eben mit frecher Hand ei⸗ nen gewaltigen Griff in den Sack der Staatsſtreiche thaten,— was iſt daraus entſtanden? Ihr waret nicht aufrichtig, und darum traute man euch nicht. Und da⸗ rum fandet ihr beim Volke keine Unterſtützung und keine Stimme, obgleich die Laſt der Todesſtrafe am härteſten auf ihm liegt. Ihr ſeid ſonſt doch immer ſo klug,— — 11— warum waret ihr diesmal ſo ungeſchickt? Ihr habt Co⸗ mödie geſpielt und ſeid ausgepfiffen worden. Es war nichts als eine Poſſe, die aber einige Leute für Ernſt nahmen. Der Miniſter⸗Prozeß ward zu Ende gebracht, und ich weiß nicht, wie der Beſcheid ausfiel, vier Menſchen⸗ leben blieben verſchont. Ham wurde erwählt, als die richtige Mitte zwiſchen Freiheit und Tod. Darauf ver⸗ ſchwand bald die Furcht aus den Herzen der Leute, die den Staat regieren, und mit der Furcht verſchwand auch die Menſchlichkeit und man dachte nicht mehr an die Abſchaffung der Todesſtrafe; Utopien ward wieder Uto⸗ pien, Theorie wieder Theorie, und Poeſie wieder Poeſie. Unterdeſſen hatten die gemeinen Verbrecher in Ge⸗ fängniſſen Zeit und Muſe gehabt, ſich mehr an die Ge⸗ fangenſchaft zu gewöhnen, und vielleicht gar von ihrer nahen Freiheit zu träumen. Aber wartet doch! Dem Henkersknecht war es während dieſer Ver⸗ handlungen bange geworden, und als er unſere Geſetz⸗ macher von Humanität, Philanthropie und Fortſchritten der Menſchheit reden hörte, hielt er ſich für verloren. Er hatte ſich verſteckt und unter ſeine Guillotine gekau⸗ — ẽxᷣII— ert; unbehaglich fühlte er ſich im warmen Sonnenſchein des Juli⸗Mondes, ſo wie ein Nachtvogel am hellen Tage; kaum wagte er noch zu athmen, verſtopfte ſich die Ohren und ſuchte ſich ganz vergeſſen zu machen; ſechs Monate lang ließ er ſich gar nicht ſehen, und gab kein Lebenszeichen von ſich. Allmählig aber kam er wie⸗ der ein wenig zu Muth; denn er hatte nach der Seite der Kammern hin die Ohren geſpitzt und ſeinen Na⸗ men nicht mehr nennen gehört, noch weniger jene gro⸗ ßen Redensarten, die ihn ſo ſehr erſchreckt hatten. Jetzt waren dieſe Herren ſchon mit andern und wichtigeren Dingen beſchäftigt, mit einem Vieinalweg, mit einer Subvention für die komiſche Oper, oder mit einem Aderlaß von hunderttauſend Franken auf ein apoplecti⸗ ſches Budjet von fünfzehn hundert Millionen. An den Kopfabſchneider dachte Niemand mehr. Und ſiehe da! er ward ruhig, guckte aus ſeinem Loch hervor und lugte nach allen Seiten; dann wagte er einen Schritt, und dann noch einen, wie die Maus in Lafontaines Fabeln, und endlich kroch er aus ſeinem Verſteck hervor; muthig ſprang er hinauf auf die Guillotine, beſſerte ſie aus, polirte ſie, ſchmeichelte ihr, ließ ſie ſpielen und ſeifte die Maſchine, die beinahe lahm geworden wäre, wieder ein; als dies gethan war, wendete er ſich um, faßte einen jener Gefangenen, die ihr Todesurtheil ſchon ver⸗ geſſen hatten, bei den Haaren und riß ihn aus ſeiner einſamen Zelle, zog ihn näher heran, nahm ihm die — XXIV— Kleider, knebelte ihn feſt, ſchnallte ihn und— die Exe⸗ cutionen waren wieder im alten Gleiſe.— Dies ganze Bild iſt entſetzlich, aber es iſt wahr gezeichnet. Ja, die unglücklichen Gefargenen hatten eine Friſt von ſechs Monaten genoſſen, und waren jetzt, nach ſo bitterer Enttäuſchung, nur um ſo mehr zu beklagen; die Friſt ward aufgehoben und dieſe menſchlichen Ge⸗ ſchöpfe wurden in den Rachen der Guillotine geworfen. Was konnte uns auch daran liegen, da unſer Leben ja nicht gefährdet war? Es muß etwas Unerhörtes in dem Herzen eines Menſchen, eines elenden Dieners der Gerichts⸗Canzelei vorgegangen ſein, daß er ſich erheben und ſagen konnte: da jetzt keine Rede mehr von der Abſchaffung der To⸗ desſtrafe iſt, ſo wollen wir wieder einmal zur Guillo⸗ tine ſchreiten! Wir müſſen geſtehen, daß die Hinrichtungen nie von ſo ſchamloſen Freveln begleitet waren, als ſeit dem Widerruf der Friſt des Juli⸗Monats, und daß die Ge⸗ ſchichte des Greve⸗Platzes nie ſo abſcheulich und ſo em⸗ pörend geweſen iſt. Der blutige Codex hat ſich auf ſchreckliche Weiſe erneuert, und die Erneuerer ſind dur ihre eigenen Werke beſtraft. Das iſt gut. —4 —*— Wir müſſen hier ein Paar Beiſpiele von der abſcheu⸗ lichen Ruchloſigkeit mehrerer Hinrichtungen citiren. Ei⸗ nigen Frauen von königlichen Procuratoren verurſacht dies vielleicht Nervenſchmerz— und die Frau iſt oft das Gewiſſen ihres Mannes. Im ſüdlichen Frankreich fand man gegen Ende Sep⸗ tember vorigen Jahres,— der Ort und der Tag, ſo wie auch der Namen des Verurtheilten ſind uns nicht mehr im Gedächtniß, aber wir könnten nachſchlagen und alles auffinden, wenn man die Thatſachen etwa beſtrei⸗ ten wollte,— einen Mann im Gefängniß, wir glauben es war zu Pamiers, der eben ganz ruhig Karten ſpielte. Da zeigte man ihm an, daß er in zwei Stunden ſter⸗ ben müſſe. Ein heftiger Schrecken durchzuckte ihn; ſeit ſechs Monaten hatte man ihn vergeſſen, und hatte er des Todesurtheiles nicht mehr gedacht. Man ſcheert und knebelt ihn; er beichtet, und alsdann fährt man ihn auf einem Karren, umgeben von vier Gensdarmen, und von einer großen Volksmaſſe begleitet, nach dem Richt⸗ platze. Das Alles mag noch angehen; man macht das gewöhnlich ſo. Man kommt an's Schaffot und der Hen⸗ kersknecht nimmt dem Prieſter den Verbrecher ab, reißt ihn fort, bindet ihn auf's Fallbrett, ſchiebt ihn in den Backofen(wir bedienen uns hier des Gaunerwortes) und läßt dann das Hackmeſſer los. Der ſchwere eiſerne Triangle macht ſich mit Mühe los, fällt mit einem — XXVI— Stoß in die Fuge, und— hier beginnt das Gräßliche— ſchneidet ein, ohne zu tödten. Der Mann ſtößt einen furchtbaren Schrei aus. Der Henker verliert die Faſ⸗ ſung, hebt aber das Meſſer wieder in die Höhe und läßt es wieder fallen. Und das Meſſer beißt zum zwei⸗ tenmal in den Hals des armen Sünders, aber ſchneidet ihn wieder nicht ab. Der arme Sünder heult und die Volksmaſſe mit ihm. Da lüftet der Henker noch ein⸗ mal das Meſſer und hofft beſſern Erfolg vom dritten Schlag. Keineswegs. Beim dritten Schlag ſpritzt ein dritter Blutbach aus dem Nacken des Verurtheilten,— und noch immer fällt der Kopf nicht. Wir wollen kurz erzählen. Fünfmal ſtieg und fiel das Meſſer, fünfmal ſchnitt es ein, fünfmal heulte der Gefangene, regte ſein lebendiges Haupt und ſchrie: Gnade! Das Volk ergriff Steine und fing an den Henker zu ſteinigen. Dieſer flüchtete ſich hinter die Guillotine und duckte ſich dann unter die Pferde der Gendarmen. Noch ſind wir nicht zu Ende. Da ſich der Unglückliche allein auf dem Schaf⸗ fot ſah, ſo richtete er ſich auf dem Brett in die Höhe, und hier, aufrecht ſtehend, von Blut triefend, ſeinen halbabgeſchnittenen Kopf, der auf den Schultern lag aufrichtend, flehte er, mit ſchwachem Stöhnen, daß man ihn losbinden mögte. Die Volksmaſſe ſtand eben im Begriffe, die Gendarmen mit Gewalt zu vertreiben und jenen Unglücklichen zu befreien, welcher fünfmal gerichtet worden war; aber jetzt ſtieg der Knecht des Nachrich⸗ — XXVI— ters, ein junger Menſch von, zwanzig Jahren, hinauf, ſagte zum armen Sünder er ſolle ſich herumdrehen, daß er ihn losbinden könne, und während nun der Ster⸗ bende voll Vertrauen ſich ihm hingab, benutzte jener ſchnell den Moment, ſprang ihm auf den Rücken und ſchnitt ihm den Hals mit einer Art von Schlachtmeſſer völlig ab. Ja, das iſt geſchehen; Tauſende können es bezeugen. 1 Nach dem Geſetze hätte dieſer Hinrichtung eine Gerichtsperſon beiwohnen müſſen, und dieſe hätte mit einem einzigen Zeichen den Gräuel verhindert. Was trieb denn dieſer Herr in ſeinem Wagen, während man einen Menſchen maſſakrirte? Was machte dieſer Beſtra⸗ fer der Mörder, während man am hellen Tage unter ſeinen Augen, vor ſeinem Kutſchenfenſter, und unter dem Schnauben ſeinen Pferde einen Menſchen mordete? Warum iſt dieſer Richter nicht vor Gericht gezogen worden? Und warum der Henker nicht? Und warum hat kein Tribunal ſich um dieſe abſcheuliche Hinrichtung bekümmert, um dieſe Verletzung des heiligſten Menſchen⸗ rechtes? Im ſiebzehnten Jahrhundert, zur Zeit der Barbarei und der Grauſamkeit, unter Richelieu und unter Chri⸗ ſtophe Fouquet, als der Herr von Chalais zu Nantes — XXVIII— vor dem Bouffay getödtet ward, und zwar durch einen Soldaten, welcher ſtatt eines Stiches mit dem Degen, ihm deren vierunddreißig mit einem ſcharfen Binder⸗ meſſer gab,*)— damals erſchien dieſes Verfahren dem Parlament von Paris geſetzwidrig, und wenn auch nicht Richelieu, wenn auch nicht Fouquet, ſo wurde doch der Soldat zur Verantwortung gezogen. Es war immer eine Ungerechtigkeit, aber doch auch wieder Gerechtigkeit dabei. Nicht ſo bei uns. Der Vorfall in Pannier folgte dem Juli 1830 und fällt in eine Zeit von milden Sitten und Fortſchritten, ein Jahr nach der berühmten Lamen⸗ tation über die Abſchaffung der Todesſtrafen. Die Schand⸗ that iſt ungeſtraft vorübergegangen; die Journale haben ſie wie eine Anekdote erzählt, und Niemand hat ſich weiter darum bekümmert. Man hat geſagt, die Guillo⸗ tine ſei von einem böſen Menſchen, der dem Scharf⸗ richter habe ſchaden wollen, verrückt worden; ein Knecht ſei der Thäter geweſen, und habe ſich auf dieſe Weiſe an ſeinem Herrn rächen wollen, weil dieſer ihm kurz vorher aus dem Hauſe gejagt. Es war ein Eulenſpiegel⸗ ſtreich. Doch hören wir weiter!— — La Porte zählt zweiundzwanzig und Aubery vierund⸗ dreißig Stiche. Herr von Chalais ſchrie bis zum zwan⸗ zigſten Stiche. — 1— Vor drei Monaten führte man zu Dijon eine Frau zum Richtplatz. Auch bei dieſer Gelegenheit hat das Meſſer des Doktor Guillotin ſeine Arbeit wieder ſchlecht gethan. Der Kopf wurde nicht ganz abgeſchnitten. Dar⸗ auf hängten ſich die Knechte des Scharfrichters an die Füße der Frau und riſſen unter entſetzlichem Geheul derſelben ihr den Rumpf vom Kopfe weg. In Paris kommen wir zur Node der heimlichen Hinrichtung wieder zurück. Da man ſeit dem Juli 1830 keine öffentliche Hinrichtung auf dem Greve⸗Platz mehr wagt, da man feig iſt und ſich fürchtet,— was hat man gethan? Man ergreift neulich zu Bicétre einen zum Tod Verurtheilten, ich glaube, er hieß Déſandrieux; man warf ihn in eine Art von Korb, welcher auf zwei Rädern fortgeſchleppt wurde und nach allen Seiten ver⸗ ſchloſſen und verriegelt war; es folgten nur zwei Gen⸗ darmen, und in aller Stille wurde das Paquet mit dem Sünder nach der öden Barriere von St. Jacques beför⸗ dert. Um 8 Uhr des Morgens kam man hier an. In aller Schnelle war in der Frühe des Tages eine Guil⸗ lotine aufgerichtet worden. Ein Paar Dutzend Gaſſen⸗ buben, welche auf Steinhaufen ſaßen, bildeten die Zu⸗ ſchauer und wunderten ſich über die ſonderbare Maſchine. Schnell zog man nun den Menſchen aus dem Korb und noch ſchneller, auf eine ſchändliche und hinterliſtige Weiſe, escamotirte man ihm den Kopf vom Rumpfe herunter. — xXX— Die Gaſſenbuben machten große Augen. So etwas nennt man ein öffentliches Beiſpiel der hohen Gerechtig⸗ keit. Welche infame Verhöhnung! Welche furchtbare Jronie! Was verſtehen denn die Diener des Königs unter dem Worte Civiliſation? Wohin ſind wir gekommen? Die Gerechtigkeit wird zur Hinterliſt und zum Betrug herabgewürdigt und das Geſetz zur Gräuelthat! Ein Verurtheilter muß dieſen Leuten ſehr furchtbar erſchei⸗ nen, da ſie ihn ſo argliſtig hinwürgen. Zur Steuer der Wahrheit müſſen wir aber bemer⸗ ken, daß die eben erwähnte Hinrichtung nicht ganz ge⸗ heim war; denn an demſelben Morgen verkaufte man, wie gewöhnlich, auf allen Kreuzwegen von Paris das Todesurtheil. Von dieſem Handel leben viele Leute; ſie verkaufen für einen Sous einen elenden Wiſch, wor⸗ auf das Verbrechen und die Strafe des Unglücklichen zu leſen ſind. Kann man ſich etwas Abſcheulicheres den⸗ ken, als einen ſolchen verſchimmelten Blutpfennig, und wer iſt es, der ihn aufhebt? Genug der Thatſachen, ja, ſchon zu viel! Iſt das Alles nicht abſcheulich? — Was kann man zu Gunſten der Todesſtrafe vor⸗ bringen?— Dieſe Frage ſei hier allen Ernſtes gethan, und wir erwarten eine Antwort darauf, nicht von geſchwätzigen Literaten, ſondern von Criminaliſten. Wir wiſſen, daß es Leute gibt, welche die Vortrefflichkeit der Todesſtrafe zum Paradoxon einer Disputation machen, wie ein an⸗ deres Thema. Andere lieben dieſe Strafe, weil ſie Dieſen oder Jenen der dagegen Sprechenden haſſen, und ſo ma⸗ chen ſie gleichſam eine literariſche, eine Perſon⸗ oder Namensfehde daraus. Solche Gegner aus Neid finden ſich nicht allein bei den Künſtlern, ſondern auch bei den Rechtsgelehrten. Filangieri hat eben ſo gut ſeine Jo⸗ ſeph Grippas, als Michael Angelo ſeine Forregiani und Corneille ſeine Scuderys. Wir wenden uns nicht an dieſe Paradoxenjäger, noch an die Gegner aus Neid, ſondern an die Leute des Geſetzes, an die Dialektiker, an die Raiſonneurs, an diejenigen, welche die Todesſtrafe wegen ihrer Zweckmä⸗ ßigkeit, um ihrer Güte und Schönheit Willen lieben. Laßt uns einmal ihre Gründe hören! Die Richter halten die Todesſtrafe für nöthig, zu⸗ erſt, weil es der Geſellſchaft wichtig ſein muß, ein Mit⸗ — II— glied, das ihr bereits geſchadet hat und noch ſchaden kann, auszuſtoßen. In dieſer Beziehung würde lebenslängliches Gefängniß hinreichen. Was hilft hier der Tod? Ihr ſagt, man kann dem Gefängniſſe entſpringen;— ich ant⸗ worte, macht Eure Runde beſſer! Wenn ihr an die Feſtigkeit der Eiſengitter nicht glaubt, warum wagt ihr es, Menagerien anzulegen? Was braucht ihr einen Henker, wo ein Kerkermeiſter genug wäre? Aber die Geſellſchaft— ſo ſagt man weiter— muß ſich rächen und ſie muß beſtrafen! Keins von beiden! Ein einzelner Menſch rächt ſich und Gott beſtraft. Die Geſellſchaft ſteht zwiſchen beiden. Die Strafe liegt über und die Rache liegt unter ihr; weder dies Kleine, noch dies Große kommt ihr zu; ſie darf nicht beſtrafen, um ſich zu rächen, ſondern ſie darf nur züch⸗ tigen, um zu verbeſſern. Wenn wir die Formel der Crimmaliſten auf dieſe Weiſe erklären, ſo verſtehen wir ſie und gehören zu ihren Anhängern. Nun kommt aber, als weiterer Grund, die Ab⸗ ſchreckungs⸗Theorie. Man muß ein abſchreckendes Bei⸗ ſpiel geben und durch das Schauſpiel der Strafe, die des Verbrechers wartet, diejenigen abſchrecken, welche ſich zu ähnlichen Verbrechen geneigt fühlen könnten. Das iſt, dem Text getreu, die große Redensart, über welche — XXXII— viele hundert von Gerichtshöfen ihre Variationen ſpielen. Als Entgegnung hierauf müſſen wir zuvörderſt die Ab⸗ ſchreckung in Zweifel ziehen, und wir glauben nicht, daß das Schauſpiel der Beſtrafung die Wirkung hervor⸗ bringe, welche man davon erwartet. Ohne dem Volk zu wenig zutrauen zu wollen, ſind wir der Meinung, daß es auf ſolche Weiſe demoraliſirt und nur noch mehr an das Laſter gewöhnt wird. Beiſpiele und Belege genug würden wir citiren können. Wir beſchränken uns auf Einen Fall von Taufenden, da dieſer gerade nahe liegt und noch ganz neu iſt; erſt zehn Tage ſind ſeitdem ver⸗ gangen; es war am 5. März, am letzten Tag des Car⸗ nevals. In St. Pol kam ein Trupp Masken unmittelbar nach der Hinrichtung eines Brandſtifters, mit Namen Louis Camus, und tanzten um das noch rauchende Schaffot herum. Was nützte hier das abſchreckende Beiſpiel? Es war Faſchingstag und man ſachte euch in's Geſicht. Wollt ihr aber durchaus eure Abſchreckungs⸗ Theorie aufrecht erhalten, ſo führt uns das ſechzehnte Jahrhundert mit all ſeinen Foltern zurück, und macht euch der Welt wieder ſo furchtbar, wie damals! Führt uns Farinacci und die geſchwornen Folterer, den Gal⸗ gen, das Rad, den Scheiterhaufen, den Wippgalgen, das Ohrenſtutzen, die Viertheilung, das Lebendigbegraben, das Lebendigſieden in einem kupfernen Keſſel, zurück! IV.** —-— LIIV— Führt uns auf den Straßen von Paris wieder jene Buden auf, welche mit den Werkzeugen der Henker und mit friſchem Menſchenfleiſch angefüllt waren! Auch Montfaucon mit ſeinen ſechszehn ſteinernen Pfeilern, mit ſeinen rohen Aſſiſen, mit ſeinen Knochengefüllten Kellern, mit ſeinen Balken, ſeinen Haken, ſeinen Ketten, mit ſeiner Erhöhung von Gips, mit Raben bemalt, mit ſeinen succursales Galgen, mit ſeinem Leichengeruch, der beim Nordwind über das ganze Faubourg du Temple hinweht, gebt uns zurück! Gebt uns jenes rieſenmäßige Schirmdach des Henkers von Paris in ſeiner ganzen Größe und Conſequenz zurück! Das waren doch noch Abſchreckungen im Großen und impoſante Todesſtrafen, das war ein im Verhältniß ſtehendes Marterſyſtem, das war abſcheulich, aber auch abſchreckend. Oder macht es wie in England! In dieſem Han⸗ delsſtaate fängt man einen Schmuggler an der Küſte von Douvre; man hängt ihn des Beiſpiels willen an den Galgen. Da aber der Einfluß des Wetters den Leichnam bald zerſtören würde, ſo wickelt man ihn ſorg⸗ fältig in ein mit Theer getränktes Tuch, um einer bal⸗ digen Erneuerung überhoben zu ſein. O du Land der Oekonomie, wo man die Erhenkten, um ſie als warnen⸗ des Beiſpiel länger zu conſerviren, ſo ſinnreich mit Theer beſchmiert! — x&&e☛y— Darin findet man doch noch eine Logik, und die Abſchreckungs⸗Theorie iſt hier ganz menſchlich verſtanden. Aber glaubt ihr, ein Beiſpiel zu ſtatuiren, wenn ihr elendiglich einen armen Teufel in einer einſamen Ecke der äußern Boulevards erwürgt? Bei hellem Tage und auf dem Greve⸗Platz mag es noch gelten, aber an der Barriere St. Jacques, um acht Uhr des Morgens, wer geht da vorüber, und wer ſieht euer Beiſpiel? Wer weiß, daß ihr da einen Menſchen um's Leben bringt und ein Beiſpiel gebt? Für wen?— Wahr⸗ ſcheinlich für die Bäume auf den Boulevards. Geſchehen alſo eure öffentlichen Hinrichtungen auch wirklich öffentlich? Oder geſchehen ſie im Verborgenen? Schämt ihr euch eurer Werke nicht, oder fürchtet ihr euch? Seid ihr nicht im Innern erſchüttert, in Verwirrung. unruhig, eures Rechtes ungewiß, in Zwei⸗ feln befangen, und ſchneidet ihr nicht aus bloßer Ge⸗ wohnheit, ohne zu wiſſen, was ihr thut, den Leuten den Kopf herunter? Fühlt ihr nicht, daß ihr alles mora⸗ liſche Gefühl und das Bewußtſein jener blutigen Noth⸗ wendigkeit verloren habt, bei welchem eure Vorfahren als Richter ſich beruhigen konnten? Sie konnten ruhig ſchlafen, während ihr euch unruhig auf dem Lager um⸗ herwerfen werdet; ſie konnten ruhig Todesurtheile ſpre⸗ chen, weil ſie von deren Güte und Nützlichkeit völlig überzeugt waren. Jouvenel des Urſins hielt ſich für — XXXVI— einen Richter, ebenſo Elie de Thorette, Laubardemont, Lareynie und Laffemas; ihr dagegen wiſſet nicht, ob ihr nicht Mörder ſeid, indem ihr den Greve⸗Platz gegen die Barriere St. Jacques, die Volksmaſſe gegen die Einſamkeit, den Tag gegen die Dämmerung aus⸗ tauſcht. Ihr tretet nicht mehr kräftig auf, und darum verbergt ihr euch! So hätten wir denn die Gründe gegen die Todes⸗ ſtrafe niedergeriſſen und alle Syllogismen der Gerichts⸗ ſtube vernichtet, ſo hätten wir alle Späne und Splitter des Requiſitoriums hinausgekehrt und verbrannt. Die geſunde Vernunft verwirft ſchlechte Gründe. So mögen denn die Beamten nicht mehr kommen und uns Geſchwornen, uns Menſchen Köpfe abverlan⸗ gen, indem ſie uns mit ſchmeichleriſchen Worten im Namen des Geſetzes beſchwören, zum Wohl des Staates ein warnendes Beiſpiel der Rache zu geben. Das ſind ſchwülſtige Redensarten, nichtige Worte; mit einem Nadelſtich kann man die Geſchwulſt dieſer Hyperbeln heilen. Auf dem Grund dieſes ſüßlichen Geſchwätzes liegt weiter nichts, als Härte des Herzens, Grauſamkeit, Barbarei, falſcher Dienſteifer, Gewinnſucht, die kein Honorar verlieren will. Seid ſtill, ihr Mandarinen! — xXxXVII— Unter der Sammthülle des Richters verbirgt ſich die Kralle des Henkers nur ſchlecht! Wer kann mit kaltem Blut daran denken, wie viel Schuld auf einem königlichen Procurator laſtet? Ein ſolcher Mann lebt davon, daß er Andere auf's Schaffot ſchickt, und er iſt der Schutzpatron und Lieferant des Greve⸗Platzes. Ferner macht ein ſolcher Herr auf wiſ⸗ ſenſchaftliche Bildung und auf einen ſchönen Styl An⸗ ſpruch, redet gut oder glaubt es wenigſtens, kann nöthi⸗ genfalls ein Paar lateiniſche Verſe citiren, ehe er zum Tode verurtheilt, weiß Effekt zu machen, ſeine Eigen⸗ liebe hervorzuheben und ihr zu ſchmeicheln, ach! da, wo es andern an's Leben geht, hat ſeine eigenen Typen, ſeine Klaſſiker, ſeinen Bellart, ſeinen Marchangy, welche zu erreichen er verzweifelt. Bei den Debatten neigt er ſich zur Guillotine, weil ſein Stand und ſeine Rolle es verlangen. Sein Requiſttorium iſt ſein literariſches Werk, das er mit Metaphern bekränzt und mit Citatio⸗ nen parfümirt; ſo muß es in der Audienz ſich gut aus⸗ nehmen und den Damen gefallen. Er beſitzt einen alten Plunder von Gemeinplätzen, die in der Provinz für ganz neue Waare genommen werden, wo man ſeine eleganten Wendungen und ſchriftſtelleriſchen Raffinements bewun⸗ dert. Er haßt die Eigennamen faſt eben ſo ſehr, als un⸗ ſere tragiſchen Dichter aus der Epoche von Delille; er nennt die Dinge nie bei ihrem rechten Namen und hat —-— XXXVIII— für jede Idee ein Mäntelchen, um ihre Blöße zu be⸗ decken; Herr Samſon wird durch ihn präſentable nnd das Fallmeſſer wickelt er in Gaze ein; das Brett der Guillotine überzieht er mit Farbe; er zwängt den rothen Korb in eine Periphraſe, und man weiß nicht mehr, was es iſt; aber es iſt ſchicklich und decent. Man ſtelle ſich einen ſolchen Herrn des Nachts in ſeinem Kabinete vor, wie er mit beſter Laune und mit beſter Kraft eine Rede ausarbeitet, welche in ſechs Wo⸗ chen ein Schaffot hervorzaubern wird! Seht ihr ihn, wie er Blut und Waſſer ſchwitzt, um den Kopf eines Ungluͤcklichen in den Artikel des Geſetzbuches, der den Tod verlangt, einzuſchachteln, wie er mit einer ſchlechten Säge am Hals des armen Teufels ſägt, wie er aus der ſchmutzigen Brühe eines alten Textes ein Verdam⸗ mungsurtheil extrahirt? Seht ihr nicht, wie unter ſei⸗ nem Tiſche im düſtern Schatten der Henker zu ſeinen Füßen gekauert liegt, und wie er, der Herr über Leben und Tod, von Zeit zu Zeit inne hält, um zum Geduckten zu ſagen, wie man zu ſeinem Hunde ſagt:„Pſt! Couche, du wirſt ſchon deinen Knochen bekommen!“ In ſeinem Privatleben iſt dieſer procuratoriſche Menſch vielleicht ein ganz ehrenwerther Mann, ein guter Vater, Sohn, Gatte und Freund, wie es die Grabſchriften auf Pore la Chaiſe beſagen. ——xé — XXXIX— Wir leben der Hoffnung, daß der Tag nahe iſt, der dieſe unſeligen Geſchäfte abſchaffen und daß die friſche Luft der neuen Civiliſation den alten Cadaver verzehren wird. Manchmal wird man zu glauben verſucht, daß die Vertheidiger der Todesſtrafe über den Gegenſtand nicht gehörig nachgedacht haben. Wie kann die Geſellſchaft ſich anmaßen, etwas zu nehmen, was ſie nicht gegeben hat, ein Gut zu rauben, das ſie nie mehr erſetzen kann? Zwei Fälle laſſen ſich denken: Entweder iſt der Menſch, den ihr tödtet, ohne Fa⸗ milie, ohne Verwandte, ohne Angehörige. In dieſem Falle ward ſeine Erziehung verſäumt und fur ſeinen Geiſt keine Sorge getragen, noch für ſein Herz. Mit welchem Rechte nehmt ihr dieſem unglücklichen Waiſen⸗ binde das Leben,— mit welchem Rechte beſtraft ihr an ihm, daß ſeine Kindheit auf feſtem, unfruchtbaren Boden briechen mußte, ohne Stütze und ohne Stab? Wie könnt ihr ihm zum Verbrechen anrechnen, daß ihr keine Freundeshand ihm zum Aufſtehen geboten habt? Aus ſeinem Unglück macht ihr ſein Verbrechen! Niemand hat ihn gelehrt, wie ſtrafwürdig das unrecht ſei, das er begangen hat; er weiß es nicht; ſein Schickſal iſt ſein Verbrechen, aber ihm nicht zuzurechnen. Ihr ſtraft einen Unſchuldigen. — I— Oder dieſer Menſch hat eine Familie;— und glaubt ihr, daß in dieſem Falle der harte Schlag ihn allein trifft? Daß Vater, Mutter und Kinder nicht auch dabei bluten werden?— Nein.— Mit ihm enthauptet ihr mit einem Schlage ſeine ganze Familie, und dieſe iſt unſchuldig dazu. O du blindes und dummes Strafgeſetz, das uberall, wohin es ſich auch wendet, die Unſchuld zu Boden ſchlägt! Dieſer Schuldige, der eine Familie hat, ihr ſolltet ihn als Pfand behalten und wohl aufbewahren. In ſeinem Gefängniſſe kann er für die Seinigen arbeiten; — aber wie kann er ſie aus dem Grabe herauf ernäh⸗ ren? Könnt ihr ohne Schaudern an das Schickſal den⸗ ken, das ſeinen Söhnen oder Töchtern, denen ihr den Vater oder das Brod raubt, bevorſteht?— oder rechnet ihr vielleicht ſchon im voraus darauf, daß dieſe verlaſſe⸗ nen Menſchen nach vielleicht fünfzehn Jahren eure Ga⸗ leerenſchiffe füllen könnten, wann ihr unglücklicher Weiſe neuer Sklaven bedürfen ſolltet? O die armen unſchul⸗ digen Weſen! Wenn man in den Kolonien einen Sklaven zum Tode verurtheilt oder tödtet, ſo muß man dem Be⸗ ſitzer deſſelben tauſend Franken Entſchädigung bezahlen. — HIM—— Wie alſo? ihr entſchädigt den Beſitzer und haltet die Familie nicht ſchadlos, welcher ihr doch auch einen Men⸗ ſchen ſtehlt, der ihr angehört? Iſt das Recht eines Herrn ſeinem Sklaven gegenüber größer, als das Recht einer Mutter oder eines Kindes ſeinem Vater gegen⸗ uber? Wo bleibt eure Antwort! Wir haben eure Geſetze bereits des Meuchelmordes überführt; und jetzt auch des Diebſtahles. Noch etwas! Denkt ihr auch an die Seele eines Menſchen und wißt ihr, in welchem Zuſtande ſie ſich befindet? Wagt ihr, ſie ſo leichthin in eine andere Welt zu ſenden? In ältern Zeiten herrſchte noch Glau⸗ ben unter dem Volke. Im letzten Augenblick konnte der Gotteshauch, der in dem Menſchen wohnte, den Ver⸗ ſtockteſten erweichen; ein armer Sünder war zugleich auch ein Büßender; die Religion eröffnete ihm eine Welt, während die Geſellſchaft ihm die ihrige verſchloß; jede Seele glaubte an Gott; das Schaffot war die Grenze des armen Erdenlebens nach dem Himmel zu. Aber welche Hoffnungen ſetzt ihr jetzt noch in's Schaffot, da die Maſſe allen Glauben verloren hat? jetzt, da alle Religionen vom Wurme angefreſſen ſind, gleich jenen alten Schiffen, die in unſern Häfen vermodern, nachdem ſie früher neue und reiche Welten entdeckt haben,— jetzt, da ſchon die kleinen Kinder ſich über Gott luſtig — XLII— machen? Mit welchem Rechte ſendet ihr die Seelen der Verurtheilten an einen Ort, in den ihr ſelbſt keinen Glauben ſetzt, Seelen, wie Voltaire und Herr Pigault⸗ Lebrun ſie geſchaffen haben. Ihr überliefert dieſe Seelen dem Beichtvater, welcher vielleicht ein ganz braver Menſch iſt; aber beſitzt er Glauben und vermag er, Glauben zu wecken? Treibt er ſein erhabenes Werk nicht gerade ſo wie eine Frohnarbeit? Und könnt Ihr ihn darum einen Prieſter nennen, dieſen guten Mann, der im Karren des armen Sünders dicht neben dem Henker ſitzt? Ein geiſt⸗ und gemüthvoller Schriftſteller hat ſchon längſt geſagt: Es iſt abſcheulich, daß man den Henker beibehält, nachdem der Pfaff den Abſchied be⸗ kommen hat! Dieſe Gründe ſind alle aus dem Herzen geſchöpft, wie manche Verächter derſelben ſagen werden, Leute, die ihre Logik nur im Kopfe tragen. Aber ſind dieſe Gründe nicht die beſten? Sind die Gründe des Ge⸗ fühls nicht mindeſtens eben ſo gut, als die Gründe des Verſtandes. Aus Montesquieu iſt Beccaraia ent⸗ ſprungen. Wir wollen den Verſtand, aber auch zugleich das Gefühl und die Erfahrung gelten laſſen. In den Muſter⸗ ſtaaten, wo die Todesſtrafe aufgehört hat, vermindern ſich von Jahr zu Jahr die Kapitalſünden. Man erwäge das! —— — — 111I— Eine vollſtändige und ſchnelle Abſchaffung der Todes⸗ ſtrafen verlangen wir vorläufig nicht, und wir machen es nicht, wie die Deputirtenkammer; im Gegentheil ra⸗ then wir alle Vorſicht und die nöthige Vorbereitung an. Auch verlangen wir mehr, als dieſe Abſchaffung allein; wir verlangen eine gänzliche Umgeſtaltung der Strafge⸗ ſetze, von oben bis unten, vom Riegel bis zum Schlachtmeſſer. Bei einer andern Gelegenheit werden wir unſer Syſtem hierüber auseinander ſetzen. Unab⸗ hängig von der Abſchaffung dieſer Strafe bei Falſchmuͤn⸗ zerei, bei Brandſtiftung, bei qualifizirtem Diebſtahl u. ſ. w. verlangen wir, daß von jetzt an, bei allen Kapitalverbre⸗ chen der Präſident der Geſchwornen die Frage vorzule⸗ gen gehalten ſei:„Hat Angeklagter aus Leidenſchaft oder aus Ueberlegung gehandelt?“— Würde der Geſchworne antworten:„Beklagter hat aus Leidenſchaft gehandelt,“ ſo dürſte keine Todesſtrafe erfolgen. Auf ſolche Weiſe würde wenigſtens manche empörende Hinrichtung erſpart werden; Ulbach und Debaker wären gerettet worden. Ein Othello käme nicht auf die Guillotine. Die Todesſtrafe bekommt immer mehr Gegner und bald werden Alle denken, wie wir; ſeit einem Jahrhun⸗ dert vermindert ſich ihre Macht, und ſie wird milder, ſie gibt Zeichen von zunehmender Schwäche, von bevor⸗ ſtehendem Tode. Die Tortur, das Rad und der Galgen ſind verſchwunden, nur die Guillotine lebt noch. — IIIV— Herr Guillotin war ein Menſchenfreund. Ja, die gezähnte und gefräßige Themis von Fari⸗ nace und Vouglans, von Delancre und d'Jſaae Loiſel, von d'Oppéède und Mahault ſtirbt ab, wird mager und elend. Der Greve⸗Platz mag ſie nicht mehr. Der alte Blutſaufer hat ſich im Juli gut aufgeführt; er will hin⸗ fort das ſchlechte Leben aufgeben und ſeiner letzten ſchö⸗ nen That würdig bleiben; er, der drei Jahrhunderte lang ſich durch Schaffote proſtituirt hat, fängt an ſich zu ſchämen ſeines alten Handwerks; er will ſeinen garſtigen Namen aufgeben, vertreibt den Henkersknecht und wäſcht ſeine Pflaſterſteine. Schon iſt die Todesſtrafe außerhalb Paris, das heißt aus der civiliſirten Welt verwieſen. Für uns ſind alle Symptome. Man verabſcheut die Gräuelmaſchine oder vielmehr das Ungeheuer von Holz und Eiſen, das für Guillotin iſt, was Galatea für Pygmalion war. Selbſt die oben beſchriebenen Gräuel ſcheinen uns in gewiſſer Hinſicht von guter Vorbedeutung. Die Gutllotine zaudert und iſt ihres Schlages ſchon un⸗ gewiß; die alten Gerüſte ſtürzen zuſammen. —— Die alte Maſchine wird ſich zur Abreiſe aus unſerm Vaterlande bereit machen, und wir wollen mächtig auf ſie zuſchlagen, daß ſie mit hinkendem Fuße uns ver⸗ laſſen ſoll. Sie möge zu einem barbariſchen Volke gehen, um ſich ein gaſtliches Obdach zu erbetteln, nicht zu den Tür⸗ ken, nicht zu den Wilden, die ſie wegweiſen würden, wie es das Parlament von Otahaiti gethan hat, das die Todesſtrafe abſchaffte, ſondern einige Stufen niedriger, nach Spanien oder nach Seythien. Das ſociale Gebäude der vergangenen Zeiten ruhte auf drei Säulen: auf der Hierarchie, auf dem Despo⸗ tismus und auf den Henkern. Vor langer Zeit hat eine Stimme gerufen:„Die Götter gehen von dannen!’“— und neulich eine andere:„Auch die Despoten gehen von dannen!“— Jetzt muß noch eine dritte rufen:„Auch die Henker gehen von dannen!“ 7 So wird dann die alte Geſellſchaft Stein nach Stein abgefallen da liegen, und die Vorſehung wird den Einſturz des alten Bundes vollbracht haben. Denen, welche den Fall der Götter bedauerten, hat man ſagen können:„Gott bleibt!“— Und wer den Fall des Despotismus bedauert, dem kann man ſagen: — EVI— „Das Vaterland bleibt!“— Wer aber den Henker be⸗ dauert, dem muß man die Antwort ſchuldig bleiben, man hat ihm nichts zu ſagen!— Fürchtet nicht, daß die geſellſchaftliche Ordnung mit dem Henker aufhört! Die heilige Wölbung der Geſell⸗ ſchaft, die da kommen wird, ſtürzt nicht zuſammen, weil ihr dieſer häßliche Schlußſtein fehlt. Die Civiliſation iſt ja nichts anders, als eine Reihenfolge von Umgeſtaltun⸗ gen; und warum alſo ſollte auch ein peinliches Geſetz⸗ buch nicht umgeändert werden können? Das milde Geſetz des Erlöſers wird den Codex durchdringen und durch⸗ leuchten. Man wird das Verbrechen wie eine Krankheit anſehen, und für dieſe Krankheit werden ſich Aerzte fin⸗ den, welche im Stande ſind, eure Richter zu erſetzen; man wird Hospitäler erbauen zum Erſatz für eure Ga⸗ leerenſchiffe; Freiheit und Geſundheit werden ſich ähnlich werden und zuſammen gehören. Wo man jetzt Feuer und Eiſen anwendet, da wird man lindernden Balſam und heilendes Oel gebrauchen. Uebel, welche man jetzt mit Zorn behandelt, wird man mit Barmherzigkeit be⸗ handeln. Das wird einfach und erhaben ſein. Das Kreuz tritt an die Stelle des Galgens, mehr bedarf es nicht. — 11721g— Wir laſſen jetzt eine andere und dialogiſirte Vorrede folgen, welche mit der vierten Ausgabe des letzten Tages eines Verurtheilten erſchienen iſt. Bei ihrer Lektüre muß man ſich erinnern, unter welchen politiſchen, mora⸗ liſchen und literariſchen Einwürfen aller Art die erſten Auflagen dieſes Buchs veröffentlicht worden ſind. Ein Justſpiel uͤber ein — 82 — — — 2 = = · IV. Perſonen. — Frau von Blinval⸗ Der Chevalier. Ergaſte. Ein elegiſcher Dichter. Ein Philoſoph. Ein dicker Herr. Ein magerer Herr. Henrn und Damen. Ein Diener. — Der Dichter(leſend). Ee lendemain, de pas traversaient la forèt; Un chien le long du fleuve en aboyant errait, Et quand la bachelette en larmes Revint s'asseoir, Ie coeur rempli d'alarmes, Sur la tant vieille tour de l'antique chatel, Elle entendit les flots gémir, la triste Isaure; Mais plus n'entendit la mandore Du gentil ménestrel*)! Alle Zuhörer. Bravo! Herrlich! Ganz vortrefflich!(Man klatſcht.) Frau von Blinval. Dieſer Schluß iſt ſo ſchwärmeriſch, ſo zart und ſo geheimnißvoll gehalten, daß man zu Thränen gerührt wird. Der Dichter. Die Cataſtrophe iſt verſchleiert.... Der Chevalier(den Kopf ſchüttelnd). Mandoline, Troubadour, das gehört in die roman⸗ tiſche Schule! *) Am andern Tag' ertönten Schritt' im Wald. und als Gebell am Fluſſe drunten ſchallt: Saß auch die Jungfrau klagend, Im Herzen Schmerzen tragend Auf ihres Schloſſes offner Flur. Sie hört nur noch die Fluthen rauſchen, Der Mandoline kann ſie nicht mehr lauſchen Des ſüßen Troubadour. 1* Der Dichter. Schon recht, mein Herr! Aber es iſt wirklich ro⸗ mantiſch, und vernünftig. Man muß doch endlich ein wenig nachgeben. — Der Chevalier. Nachgeben?— Nachgeben?— Das iſt das Un⸗ glück, und ſo wird der Geſchmack immer mehr verdor⸗ ben. Alle Eure romantiſchen Verſe ſind nicht ſo viel werth, als dieſes einzige quatrain: De par le Pinde et par Cythère, Gentil-Bernard est averti Que T'Art d'Aimer doit samedi Venir souper chez l'Art de Plaire. Hier in dieſem Gedicht iſt wahre Dichtkunſt. Die Kunſt zu lieben ſpeiſt Samſtag Abend bei der Kunſt zu gefallen. Das läßt man ſich gefallen: Wenn ich ein Dichter wäre, ſo würde ich flüchtige Verſe ſchreiben; aber ich bin kein Dichter. Der Dichter. Aber die Elegie; ſehen ſie, mein Herr....— Der Chevalier. Was Elegie? Flüchtige Verſe lieber!(leiſe zu Frau von Blinval:) Chatel iſt nicht franzöſiſch; man ſagt Castel. Er verſteht nicht einmal ſeine Sprache. Ein Herr. Erlauben Sie mir eine Bemerkung, mein Herr! Sie ſagen, das alterthümliche Schloß, warum nicht das gothiſche? Der Dichter. Gothiſch, ſagt man nicht in Verſen. Der Herr. Ach!— Das iſt etwas anders:— Der Dichter(indem er fortfährt). Sehen Sie, meine Herren, man muß immer in gewiſſen Grenzen bleiben. Ich will die franzöſiſche Sprache nicht umgeſtalten, und uns in die Zeiten von Ronſard und Brebeuf zurückführen. Ich bin allerdings ein Romantiker, aber ein gemäßigter. Auch ich liebe die melancholiſchen, zarten und träumeriſchen Empfin⸗ dungen; aber ich liebe Blut und Schandthat nicht, und ich werfe gern einen Schleier über die Cataſtrophe. Zwar weiß ich recht gut, daß es Leute von überſpann⸗ ter Phantaſie gibt, welche...— Meine Damen, ha⸗ ben Sie den neuen Roman geleſen? Den Roman, der jetzt ſo viel Aufſehen macht?— Die Damen. Was für einen Roman? Der Dichter. Der letzte Tag— Der dicke Herr. Ich weiß ſchon, von welchem Roman Sie reden wollen. Schon der Titel thut meinen Nerven weh. Frau von Blinval. So geht es auch mir. Es iſt ein abſcheuliches Buch. Ich habe es bei mir. Die Damen. Laſſen Sie doch einmal ſehen! Zeigen Sie! (Das Buch geht von Hand zu Hand.) Irgend Einer(eeſend). Der letzte Tag eines... Der dicke Herr. Dürfte ich bitten, Madam! Frau von Blinval. Wirklich, das Buch iſt abſcheulich, und man bekommi das Alpdrücken dabei. Eine Dame Cfür ſich). Das Buch muß ich leſen. 1 Der dicke Herr. Man muß geſtehen, daß die Sitten ſich immer mehr verſchlechtern. Mein Gott, wie wird hier dieſe aowbſcheuliche Idee entwickelt, auseinandergeſetzt und durch⸗ gearbeitet, wie werden hier alle körperlichen und geiſti⸗ gen Leiden ausgemalt! Alle Leiden eines Menſchen, welcher zum Tode verurtheilt iſt, und nur noch einen Tag zu leben hat! Iſt das nicht abſcheulich? Und nun denken Sie ſich, meine Damen, daß ſich ein Autor dazu gefunden hat, und für den Autor auch ein Publikum? Der Chevalier. Das iſt außerordentlich unverſchämt. Frau von Blinval. Was iſt dann der Verfaſſer für ein Menſch? 6 Der dicke Herr. Bei der erſten Auflage hatte er noch gar keinen Namen. — Der Dichter. Derſelbe hat ſchon zwei Romane geſchrieben, deren Titel ich vergeſſen habe. Der Erſte fangt in der Morgue an und endigt auf dem Greveplatz. In jedem Kapitel kommt ein Währwolf vor, der ein Kind frißt. Der dicke Herr. Haben Sie das geleſen, mein Herr? Der Dichter. Ja wohl, die Scene liegt in Island. Der dicke Herr. In Island?— Das iſt ja ganz furchtbar!— In Fsland, ha! ha! ha!— Der Dichter. Außerdem hat er auch Oden geſchrieben, und Bal⸗ laden, worin Ungeheuer mit blauen Körpern vorkommen. Der Chevalier(lachend). Potz Sapperment! Das muß einen wüthenden Vers geben. Der Dichter. Man beſitzt auch ſchon ein Drama von ihm, in welchem der ſchöne Vers vorkommt: Demain vingt-einq juin mil six cent cinquante-sept. Irgend Jemand. Ach, dieſer Vers! Der Dichter. Man könnte das auch mit Zahlen ſchreiben, ſehen Sie, meine Damen:— Morgen, 25. Juni 1657. (Er lacht, und Alle lachen mit.) Der Chevalier. Es iſt doch etwas ganz eigenes, unſere heutige Poeſie. Der dicke Herr. Ci was! Der Menſch weiß ja keinen Vers zu ma⸗ chen. Wie heißt er doch? Der Dichter. Sein Name iſt eben ſo ſchwer zu behalten, als auszuſprechen, und iſt ein Gemiſch von Gothiſch, Viſi⸗ gothiſch und Oſtrogothiſch.(Er lacht.) 3 Frau von Blinval. Es iſt ein garſtiger Menſch. Der dicke Herr. Ein abſcheulicher Menſch. Eine Dame. Jemand, der ihn kennt, hat mir neulich geſagt, daß... 3 Der dicke Herr. Sie kennen alſo Jemanden, der ihn kennt? Die Dame. Ja wohl, und er hat mir erzählt, er ſei ein ganz gewöhnlicher Menſch, lebe ganz ſtill und ordentlich in ſeiner Familie, und ſpiele oft Stunden lang mit ſeinen Kindern. Der Dichter. Und die Nächte bringe er zu, Werke der Finſterniß auszudenken,— verſunken in Betrachtungen der Hölle. —V;——— Da habe ich ja in Verſen geſprochen, und zwar ohne es zu wollen. Der dicke Herr. Sie erzählen, daß er Kinder hat. Das iſt ja nicht möglich! Wenn man ein ſolches Werk geſchrieben, wenn man ſo unverſchämt geweſen iſt, wo ſindet man— Irgend Einer(unterbrechend). In welcher Abſicht mag er dieſe Romane geſchrieben haben? Der Dichter. Weiß ich's? Der Philoſoph. Es wäre nicht unwahrſcheinlich, daß er zur Abſchaf⸗ fung der Todesſtrafe habe beitragen wollen. Der Chevalier. Das wäre alſo eben ſo viel, als eine Herausforderung an den Henkersknecht? Ein ſchöner Cavalier!(Er lacht.) Der Dichter. Ja, er hat es gewaltig auf die Guillotine gepackt. Ein magerer Herr. Ich merke ſchon, es werden Redensarten in dem Buche ſtehen, ſchöne Worte. Der dicke Herr. Keineswegs! Es ſind Empfindungen. Aber von der Todesſtrafe, von dem eigentlichen Inhalte des Buches iſt kaum die Rede. — 10— Der Philoſoph. Das iſt eben das Unglück. Der Gegenſtand iſt aller⸗ dings wichtig und hätte eine gründliche Erörterung ver⸗ ꝛdient. Ein Roman oder ein Drama, die beweiſen nichts. Ich habe das Buch geleſen, und muß geſtehen, es iſt ganz ſchlecht. Der Dichter. Ein elendes Buch! Iſt das Kunſt? Heißt das nicht die Grenze überſchreiten, oder die Fenſter einſchlagen? Und man kennt dieſen Menſchen nicht einmal. Worin beſteht ſein Verbrechen und warum iſt er verurtheilt? Iſt er ſchuldig oder unſchuldig? Wie kann man an einem Menſchen Theil nehmen, den man nicht einmal dem Namen nach kennt? Der dicke Herr. Auch hat kein Autor das Recht, ſeinem Leſer ſogar körperliche Leiden zu verurſachen. Wenn ich ein Trauer⸗ ſpiel ſehe, in welchem es Todte gibt, ſo geht das noch an;— aber dieſes Buch macht mir körperliche Leiden, ſtört die Verdauung und verurſacht unruhigen Schlaf und böſe Träume. Ich habe es geleſen und darauf zwei Tage im Bett zubringen müſſen, auf Ehre! Der Philoſoph. Nehmen Sie noch dazu, daß das Buch kalt und ab⸗ gezirkelt iſt, daß es wie Sie eben ganz richtig bemerkt haben, nicht in's Gebiet der Aeſthetik gehört, daß man ſich für eine Abſtraction, für eine reine Idee nur mit — 11— der Intelligenz intereſſirt, daß der Styl weder einfach, noch klar iſt, daß er veraltet ausſieht. Haben Sie das nicht ſagen wollen, mein Herr? Der Dichter. Allerdings. Aber wozu die Perſönlichkeiten? Der Philoſoph. Der Verurtheilte ſpricht mich nicht an. 4 Der Dichter. Wie bönnte er auch anſprechen oder rühren? Man ſieht hier einen Verbrecher ohne Reue. Ich hatte einen Reuigen geſchildert ohne Verbrechen, hätte meinen Ver⸗ urtheilten aus guter Familie abſtammen laſſen, hätte ihm eine gute Erziehung gegeben, ein heftiges Temperament, und hatte ihn ein Verbrechen begehen laſſen, das kein Verbrechen iſt. Dann hätte er mir Gewiſſensbiſſe haben müſſen, viel Gewiſſensbiſſe, rührende Gewiſſensbiſſe. Aber das Geſetz waltet mit eiſerner Strenge und er hätte ſterben müſſen. Nun wäre die Abhandlung von der Todesſtrafe gekommen, eine Abhandlung für Geiſt und Gemüth. Frau von Blinvale. Ah, ah! Der Philoſoph. Erlauben Sie mir eine Einwendung! Dieſes Buch würde nichts beweiſen, denn ein Einzelfall iſt kein allge⸗ meiner Fall. — 12— Der Dichter. So hätte er noch paſſender zu ſeinem Helden den tugendhaften Malesherbes und ſeine letzten Stunden wählen können. Das hätte ein edles und rührendes Schauſpiel gegeben. Und man hätte geweint, und wäre mit dem edlen Mann gern auf's Schaffot geſtiegen. Der Philoſoph. Das hätte ich nun nicht gethan. Der Chevalier. Ich auch nicht. Ihr Herr von Malesherbes war doch im Grund ein Revolutionär. Der Philoſoph. Aber auch Malesherbes auf dem Schaffot beweiſ't nichts gegen das Schaffot im Allgemeinen, durchaus nichts. Der dicke Herr. Ich meine, es wäre beſſer, wir kümmerten uns gar nicht um die Todesſtrafe. Was liegt uns daran? Es gibt angenehmere Gegenſtände zur Unterhaltung. Je⸗ denfalls beſitzt der Autor wenig Lebensart, ſonſt würde er uns keinen Menſchen vorgeführt haben, bei dem man das Alpdrücken bekommt und der ſich gemein aufführt. Frau von Blinvale. Ganz gewiß, er hat ein ſchlechtes Herz. Der dicke Herr. Man wird da in's Bicetre, in die Conciergerie, auf die Galeere geführt, und was kann uns daran liegen? — 13— Leute von guter Geſellſchaft bekümmern ſich um dieſe Orte nicht. Frau von Blinvale. Die Geſetzgeber ſind doch auch keine Kinder geweſen, und müſſen wiſſen, was zu thun iſt. Der Philoſoph. Verzeihen Sie, jedes Ding hat ſeine zwei Seiten; auch Geſetzgeber koönnen irren, und eine gründliche Be⸗ leuchtung fördert die Wahrheit. Wir Philoſophen— Der magere Herr. Was kann ein Poet, wie der Verfaſſer des genann⸗ ten Buches, über dergleichen Dinge zu ſagen haben? Da müßte er doch wenigſtens königlicher Procurator ſein, oder ſonſt ein Amt im Staate bekleiden. Ich habe in einer Citation über dieſes Buch irgendwo geleſen, daß der Verurtheilte nichts ſagt, als man ihm das Todes⸗ urtheil vorlieſtt, wie unwahr! Ich habe einen andern geſehen, der in dieſem Augenblick einen heftigen Schrei ausſtieß. Sehen Sie, meine Herren, die Guillotine und der Greveplatz gehören nicht in das Kapitel des guten Geſchmackes, und man darf behaupten, daß beſagter Ro⸗ man den Geſchmack verdirbt, und jede reine, naive und geſunde Empfindung unterdrückt. Glücklicherweiſe iſt hier unſer Herr Ergaſt, dieſes gelehrte und ehrenwerthe Mit⸗ glied der franzöſiſchen Akademie, dieſer Mann von tiefen Kenntniſſen.— Wir wollen ſeine Meinung hören, und er wird uns hoffentlich vereinigen.— Herr Ergaſt(ſehr feierlich. Wahrhaftig, mein Herr, ich habe es weder geleſen⸗ noch werde ich es leſen. Wer kann Alles leſen? Ich habe geſtern bei der Frau von Sénange zu Mittag ge⸗ ſpeiſt, und dort hat die Marquiſin von Morival mit dem Herzog von Melcourt darüber geſprochen. Es ſollen darin Perſönlichkeiten gegen die Magiſtratur und na⸗ mentlich gegen den Präſidenten d'Alimont enthalten ſein. Auch der Abbé von Floricour war ſehr erbittert. Es ſcheint, daß der Autor gegen die Monarchie des Thrones und der Kirche geſchrieben hat. Wenn ich Pro⸗ curator des Königs wäre!... Der Chevalier. Ja wohl, Procurator des Königs, und Charte und Preßfreiheit! Ein Dichter, der gern die Todesſtrafe abſchaffen mögte— wie abſurd! Wenn einer vor fünfzig Jahren gegen die Tortur hatte ſchreiben wollen, ſo wäre es ihm übel ergangen; aber heutigen Tages iſt Alles er⸗ laubt, und wir werden es noch erleben, wie die Preß⸗ freiheit großes Unheil anſtiftet. Es iſt Preßfrechheit! Der magere Herr. Und was kann dieſes Buch den Geſchwornen nützen? Werden ſie beſſer urtheilen und unpartheiiſcher, wann ſie⸗ os geleſen haben? Herr Ergaſt. Es beunruhigt nur ihr Gewiſſen, quält ſie, ohne ſier zu belehren. — 15— Der Dichter. Es iſt gewiß, daß die Bücher nur zu oft ein ver⸗ zehrendes Gift der geſelligen Ordnung ſind. Der magere Herr. Nicht weniger bringen dieſe Herren auch in unſere Sprache den Umwälzungsſtoff. Der Dichter. Vergeſſen Sie den Unterſchied wiſchen romantiſch und romantiſch nicht. Der magere Ber. Zwiſchen ſchlechtem Geſchmack und ſchlechtem Ge⸗ ſchmack. Herr Ergaſt. Sie haben ganz recht, wenn Sie hier von ſchlechtem⸗ Geſchmack reden. Frau von Blinvale Gzum Chevalier). Werfen Sie das Buch nicht in's Feuer; ich habe es aus der Leſebibliothek. Der Chevalier. Wie ſehr hat ſich Alles verſchlechtert ſeit jener Zeit, die ich unſere Zeit nenne; erinnern Sie ſich derſelben noch, Frau von Blinvale? Ach! das war eine ſchönere, eine beſſere Zeit.— T'en souviens-tu.(Er lächelt.) Frau von Blinvale(mit Unwillen). Ich erinnere mich nicht. Der Chevalier. Wir waren ein ſanftes, gutmüthiges, lebensluſtiges — 16— und geiſtreiches Voͤllchen; wir gaben ſchöne Feſte und machten artige Verſe. Das war allerliebſt. Hat unſere Literatur etwas Schöneres aufzuweiſen, als das Madri⸗ gal des Herrn La Harpe auf den großen Ball, welchen die Marſchallin von Mailly im Jahre 1700 gegeben hat? Der dicke Herr(ſeußzend). Ja, das waren ſchöne Zeiten! Jetzt haben ſich die Sitten verſchlimmert und die Bücher mit ihnen. Und wahr hat Boileau geſagt: Mit dem Verfall der Sitten verfallen auch die Künſte. Der Philoſoph(leiſe zum Dichter). Wird in dieſem Hauſe auch zu Abend geſpeiſ't? Der Dichter. Ich denke man ſpeiſ't bald. Der dicke Herr. Wir wollen jetzt von andern Dingen reden. eEr wendet ſich zum magern Herrn.) Sagen Sie mir, was ſollen wir mit dem Manne anfangen, deſſen Appellation gegen den richterlichen Spruch wir vor drei Wochen verworfen haben? Der magere Herr. Reden Sie nicht von Geſchäften. Ich will hier ausruhen. Wir können das ſpäter beendigen. Ein Diener. Das Eſſen iſt aufgetragen. (Freudige Bewegung.) — Der letzte Tag eines Verurtheilten. 10 IV. I. Aus dem Vicéttre. 1. —— Zum Tode verurtheilt!— Fünf Wochen ſind es nun, ſeit dieſer Gedanke bei mir wohnt und immer allein bei mir iſt. Von ſeiner Laſt bin ich niedergedrückt und es faßt mich ſeine eiſige Hand und rüttelt mich auf, wenn ich entſchlummern will.— Sonſt,— denn es ſcheinen mir Jahre, nicht Wo⸗ chen verfloſſen, ſeit dem ich gefangen bin,— ſonſt war ich ein Menſch, wie andere Menſchen. Jeder Tag, jede Stunde, jede Minute, brachte ihren Gedanken; in meinem jungen Geiſte lag eine reiche Welt von Phan⸗ taſie; es war mir eine Luſt, dieſe Geſtalten zu beſchauen, eine nach der andern, ohne Ordnung und ohne Ende, und in den rohen und ſchlechten Stoff des Lebens ſchöne Blumen hinein zu weben. Da ſah ich ſchöne Frauen, glänzende Ehrenſtellen, gewonnene Schlachten, ein Schau⸗ ſpiel voll Licht und voll Bewegung,— und dann wieder junge Maͤdchen und den dichten Schatten breitlaubiger Kaſtanienbaume. Meine Einbildungskraft hatte nur Feſt⸗ tage; ich konnte denken was ich wollte.— Ich war frei. 2* — 20— Jetzt bin ich gefangen; mein Körper liegt in Ketten und in einem Kerker; mein Geiſt iſt von einem einzigen Gedanken ummauert, von einem blutigen, ſchrecklichen Gedanken. Ja, ich habe nur einen Gedanken nur eine Ueberzeugung, nur eine Wahrheit— ich bin zum Tode verurtheilt! Was ich auch anfangen mag, dieſen Gedanken kann ich nicht los werden; wie ein bleiernes Geſpenſt iſt er mir immer zur Seite, er allein, und jede Zerſtreuung verjagend, Angeſicht zu Angeſicht mit mir, mich aufrüt⸗ telnd mit ſeinen kalten Händen, wann ich die Augen ſchließen will. Er erſcheint mir in jedem Gegenſtand, wodurch ich ihm entfliehen möchte; er drängt ſich zu allen Reden, die ich vernehme, wie ein ſchreckliches Schlußwort, klammert ſich mit mir an das düſtre Git⸗ ter meines Kerkers, belagert mich im Wachen und quält mich im Traum in Geſtalt eines Beiles. Eben hat mich dieſer Peiniger wieder aufgeſchreckt und ich habe zu mir geſagt: Ach!— es iſt nur ein Traum. Doch ehe mein ſchlaftrunkenes Auge ſich halb öffnen konnte, um den Gedanken anzuſchauen, in der furchtbaren Wirklichkeit die mich umgiebt, auf den feuch⸗ ten, tropfenden Wänden meiner Zelle, in dem düſtern Schein meiner Nachtlampe, auf dem groben Gewebe meines Gewandes und in den finſtern Zügen des Sol⸗ daten, deſſen Waffen durch die Gitter meines Gefang⸗ niſſes blinken,— da iſt mir's, als flüſterte mir eine Stimme in's Ohr: zum Tode verurtheilt! — Es war ein Sommermorgen im Auguſt.— Seit drei Tagen war mein Prozeß angefangen; ſeit drei Tagen zogen mein Name und mein Verbrechen eine Menge von Zuſchauern herbei, welche ſich über die Bänke des Gerichtſaales warfen, wie die Raben über ein Aas; ſeit drei Tagen ging dieſe Phantasmagorie von Richtern, von Zeugen, von Advocaten, von könig⸗ lichen Prokuratoren an mir vorüber, bald grotesk, bald blutig, aber immer finſter und Unheil drohend. Die beiden erſten Nächte ließen Furcht und Unruhe mich nicht einſchlafen; in der dritten aber entſchlummerte ich endlich vor Ermüdung. Um Mitternacht waren die Geſchwornen noch immer zur Berathung verſammelt, und mich hatte man auf mein Strohlager zum Kerker zurückgebracht. Da war ich in einen tiefen Schlaf ver⸗ ſunken und hatte Alles, Alles vergeſſen, und das war die erſte Stunde der Ruhe ſeit vielen Tagen. Noch lag ich in der Tiefe dieſes tiefen Schlafes he⸗ graben, als man kam, um mich aufzuwecken. Ich mußte ſehr feſt geſchlafen haben; denn die ſchweren Tritte des Schließers, und das Raſſeln ſeiner Schlüſſel, und das Knarren der Riegel hatten mich nicht erweckt; er mußte mir laut zurufen, mußte mich feſt am Arme faſſen und aufrütteln. Ich ſchlug die Augen auf und richtete mich empor. In dieſem Augenblick ſah ich durch das ſchmale Fenſter meiner Zelle an der Decke des näch⸗ ſten Ganges,— das war mein einziger Horizont,— einen gelblichen Lichtſchein, an welchem Augen, ſeit lange nur an die Finſterniß gewöhnt, zu erkennen vermögen, daß es draußen Tag geworden iſt. Ach! ich liebe die Sonne. „Wir werden einen ſchönen Tag bekommen,“ ſprach ich zum Schließer. Er zögerte einen Augenblick, mir zu antworten, gleichſam überlegend, ob es auch der Mühe lohne, hier noch ein Wort zu verſchwenden, und murmelte dann:„Es iſt möglich.“ Ich ſtand unbeweglich und meine Gedanken lagen noch halb im Schlaf; ich lächelte und heftete die Blicke auf den matten Lichtglanz an der Decke und ſagte:„Ein gar herrlicher Tag!“— Er antwortete:„ja, und man wartet auf Sie.“ Dieſe wenigen Worte warfen mich gewaltſam in die Wirklichkeit zurück, dem Käfer gleich, den man an einem Faden niederreißt. Da ſah ich plötzlich,— ſo aufgeregt war meine Phantaſte,— wie von einem Blitz⸗ ſtrahl erleuchtet, den düſtern Gerichtsſaal, die verſam⸗ melten Richter, die drei Reihen von Zeugen mit ihren ſtarren, regungsloſen Geſichtern, die zwei Gensdarmen an den beiden Enden meiner Bank, die ſchwarzen Ge⸗ wänder, die ſich bewegten und die Häͤupter der Menge — 23— im dunkeln Hintergrunde, die ſich jetzt näher zuſammen⸗ drängten. Es richteten ſich alle Blicke auf mich und auf die zwölf Geſchwornen, welche gewacht hatten, wäh⸗ rend ich ſchlief.— Das Traumgeſicht zetrann und ich erhob mich.— Ich zitterte an allen Gliedern und ein balter Schauer überlief mich; kaum vermochten mich meine Füße noch zu tragen; ich ſchwankte, wie ein über⸗ ladener Laſtträger. Ich folgte meinem Kerkermeiſter nach. An der Thüre meiner Zelle hatten mich zwei Gens⸗ darmen erwartet, und mir Handfeffeln angelegt, welche ſorgfältig verſchloſſen wurden. Ich ſah' das Alles ge⸗ duldig, ich ſah's beinah fühllos an; man legte eine Ma⸗ ſchine an eine Maſchine. Wir gingen über einen innern Hof. Die friſche Morgenluft gab mir wieder einiges Leben und ich rich⸗ tete meinen Kopf auf. Wie heiter war der Himmel! Die warmen Sonnenſtrahlen, welche ſich am hohen Ka⸗ min brachen, zeichneten einen langen Lichtſtreif an der Höhe der Mauer des Gefängniſſes. Der Tag war wirk⸗ lich ſchön. Wir ſtiegen eine Wendeltreppe hinauf, und gingen über einen Vorplatz, dann über einen zweiten und über einen dritten, worauf ſich eine niedrige Thüre öffnete. Jetzt ſchlug mir eine heiße Luft und ein Geräuſch von Stimmen entgegen, mir ankündigend, daß ich vor dem Gerichtsſaale ſtehe. Ich trat ein. Bei meiner Annäherung erhob ſich Waffengeklirr und Stimmen⸗Gemurmel. Während ich durch die Maſ⸗ ſen hinſchritt, kam es mir vor, als ſei ich der Mittel⸗ punkt, in welchen alle Fäden zuſammenliefen, welche dieſe gaffenden Geſichter in Bewegung ſetzten. In dieſem Augenblick bemerkte ich erſt, daß ich keine Feſſeln mehr trug; aber ich kann mich durchaus nicht mehr erinnern, wann und wo ſie mir wieder abgenom⸗ men worden ſind. Tiefe Stille herrſchte rings. An der mir angewie⸗ ſenen Stelle war ich angelangt. Als es unter der Menge wieder ruhig ward, ward es auch ruhig in meinen Ge⸗ danken, und ich wurde über Alles klar, was mich ſo eben nur umdämmert hatte; es wurde mir klar, daß ich jetzt meinen Urtheils⸗Spruch vernehmen ſollte. Mag es erklären wer da will, aber ſobald dieſer Gedanke mir gekommen war, hatte er aufgehört, mir furchtbar zu ſein. Die Fenſter ſtanden geöffnet und aus den Straßen herauf ſtieg das Geräuſch der Stadt; der Saal war ſo hell wie für eine Hochzeit, und die Fen⸗ ſterſcheiben warfen ihren glänzenden Umriß auf den Boden des Saales, bald lagen ſie verkürzt auf den Ti⸗ ſchen, bald verlängert auf der nakten Wand. In die⸗ ſem Lichtmeer zitterten eine Menge leichter Atome von Staub. Die Richter am Ende des Saales ſahen gar ver⸗ gnügt aus, wahrſcheinlich vor Freude, daß ſie nun bald — 25— mit ihrer Arbeit fertig ſein würden; das Angeſicht des Praſidenten, auf welches gerade eine Fenſterſcheibe ein mildes Licht ergoß, trug einen Ausdruck von Güte und Sanftmuth. Ein junger Aſſeſſor plauderte vertraulich mit einer artigen Dame in einem Roſa⸗Hute, welche aus Vergünſtigung dicht hinter ihm einen Sitz erhalten hatte. Nur die Geſchwornen ſahen blaß und abgemattet aus, wahrſcheinlich, weil ſie die Nacht hatten durchwa⸗ chen müſſen. Einige von ihnen gähnten. Man hätte es keinem anſehen können, daß es Leute waren, welche ſo eben über Leben und Tod gerichtet hatten, und ich glaubte in ihren Geſichtszügen ein ſtarkes Verlangen nach Schlaf zu leſen. Gerade mir gegenüber war ein Fenſter weit geöff⸗ net. Ich hörte die Blumenhändlerinnen auf dem Quai lachen, und auf der Fenſter⸗Brüſtung ſpielte eine gelbe Blume, von Sonnenlicht glänzend übergoſſen, mit dem Winde. Wie hätte unter ſo freundlichen Bildern ein düſterer Gedanke aufkeimen können? Wie hätte ich hier, wo Luft und Sonnenlicht mich umwogten, an etwas An⸗ deres denken können, als an die Freiheit? Um mich her glänzte der freundliche Tag, warum nicht auch die Hoff⸗ nung in meiner Seele? Wie man die Befreiung und das Leben erwartet, ſo erwartete ich meinen Urtheils⸗ ſpruch. Unterdeſſen kam mein Advocat herbei. Er hatte auf ſich warken laſſen und hatte mit gutem Appetit ein gutes Frühſtück genoſſen. Als er jetzt an ſeinen Platz kam, beugte er ſich lächelnd zu mir, und ſagte:„Ich habe Hoffnung.“—„So!“— erwiederte ich, und lächelte auch.— „Ja,“ ſagte er wieder,„Ihre Entſcheidung iſt mir noch nicht bekannt; doch glaube ich, daß man Sie von vor⸗ ſätzlicher That freiſprechen und dann nur zu lebensläng⸗ licher Zwangs⸗Arbeit verurtheilen wird.“—„Was ſa⸗ gen Sie da,“ entgegnete ich unwillig,„ich will lieber einen hundertfachen Tod erleiden.“ Ja, den Tod!— Aber hatte ich wohl den Tod zu fürchten? Ich glaubte das kaum und darum ſprech' ich ſo ruhig von ihm. Wie doch eine andere Minute dem Menſchen ganz andere Gedanken giebt!— Und jetzt dachte ich: Man hat nie anders Todes⸗Urtheile geſpro⸗ chen als um Mitternacht, beim Schein der Fakeln, in einem düſtern und ſchwarzbehangenen Saale und in ei⸗ ner kalten, regneriſchen Winternacht. Aber an einem heiteren Sommermorgen und von ſolchen Geſchwornen,— das iſt unmöglich. Darauf wendeten ſich meine Augen wieder nach jener freundlichen Blume im Sonnenſcheine. Plötzlich bat mich der Präſident, welcher nur auf meinen Advokaten gewartet hatte, aufzuſtehen. Die Soldaten zogen das Gewehr an und die ganze Verſamm⸗ lung erhob ſich in demſelben Augenblick. Ein nichtsſa⸗ gendes Geſicht an einem Tiſche der Tribüne— es war der Gerichtsſchreiber— nahm jetzt das Wort und las das Todesurtheil, welches die Geſchwornen während mei⸗ ner Abweſenheit gefallt hatten. Da lief mir ein kalter Schweiß durch alle Glieder und ich ſtützte mich an die Wand um nicht zu fallen. Der Präſident fragte:„Vertheidiger des Angeklag⸗ ten, haben Sie etwas gegen die Rechtmäßigkeit des To⸗ desurtheils einzuwenden?“ Ich hätte wohl noch Manches zu ſagen gehabt, aber die Zunge klebte mir am Gaumen und ich konnte keine Syllbe hervorbringen. Mein Vertheidiger erhob ſich. Ich begreife wohl, daß er den Ausſpruch der Rich⸗ ter zu entkräften bemüht war und daß er ſich beſtrebte, mir jene Strafe auszuwirken, welche ich kurz vorher mit Verachtung weggewieſen hatte. Mein innerer Unwille mußte ſehr groß ſein, um ſich durch die zahlloſen Gefühle, die mich jetzt bewegten, einen Weg zu bahnen; noch einmal wollte ich dieſem Menſchen ſagen, daß ich lieber hundertmal ſterben, als eine lebenslangliche Sklaverei erdulden wollte; ich faßte ihn krampfhaft am Armel und hatte gerade noch Kraft genug, um zu rufen:„Nein.“ Der General⸗Prokurator widerlegte meinen Anwalt und ich hörte das Alles in dumpfer Bewußtloſigkeit an. Noch einmal entfernten ſich die Richter, erſchienen bald darauf wieder und der Präſident las mein Urtheil. — 28— „Zum Tode verurtheilt!“— lief es durch die Menge. Man führte mich weg und hinter mir her drangte ſich die Menſchenmaſſe mit einem Geräuſche, als ſei ein Gebäude eingeſtuͤrzt. Ich ſelbſt war wie verſteinert. Bis zu meinem Todes⸗Urtheil hatte ich noch gefühlt, daß ich ein Menſch war, daß ich athmete und lebte, wie andere Menſchen. Jetzt aber waren alle Fäden zwiſchen mir und der Welt abgeſchnitten, jetzt war es aus, für immer aus mit mir; jetzt erſchienen mir alle Dinge ganz anders; jetzt erblaßte Alles und über dieſen glän⸗ zenden Fenſtern, über dieſer freundlichen Sonne, über dieſer ſchönen Blume— über Allem lag ein Leichentuch, und die Männer, die Frauen und Kinder, die mir folg⸗ ten, grinzten mich an, wie Geſpenſter. Am Fuß der Treppe erwartete mich ein ſchwarzer und ſchmutziger Gitterwagen. Che ich hinein ſtieg, blickte ich noch einmal über den freien Platz hin.„Ein zum Tode Verurtheilter!“— ſchrieen die Vorübergehen⸗ den und drängten ſich nach meinem Wagen. Durch den Nebel, der über meinen Augen lag, glaubte ich zwei Mädchen zu erkennen, von denen die Jüngere in die Hände klatſchte und aubr:„Schön, in ſechs Wochen alſo!“ 3 — Zum Tode verurtheilt.— Nun und warum nicht? Habe ich doch einmal irgendwo geleſen: Alle Menſchen find zum Tode verdammt, nur mit unbeſtimmter Friſt.— Was haben ſie denn nun zum voraus, und was hat ſich denn eigentlich mit mir geändert? Wie Viele, die ſich mit einem langen Leben ſchmeicheln, ſind nicht geſtorben in der elenden Spanne Zeit, ſeit ich mein Todesurtheil erfahren habe? Wie Viele ſind in ihrer Jugend und mitten in ihrem Glücke geſtorben, die ſich ſchmeichelten, meinen Kopf auf dem Greve⸗Platz fallen zu ſehen? Wie Viele wandeln jetzt noch umher und freuen ſich ihres Daſeins, die mir doch voranſchreiten werden auf dem dunkeln Todes⸗Pfade? Und was hat auch das Leben für mich noch, was ich ſo ſehr betrauern könnte? Vielleicht den Jammer elender Tage in einem Gefängniß und die magere Koſt des Gefangenen und all' die tauſend Ent⸗ behrungen für mich, der ich an ein beſſeres Loos ge⸗ wöhnt bin,— und daß ich von unbarmherzigen Schlieſ⸗ ſern werde mißhandelt werden, daß ich kein menſchliches Angeſicht mehr ſehen ſoll, und daß ich ausgeſtoßen bin aus der Gemeinſchaft aller Herzen, und daß ich ewig zittern ſoll und jede Sekunde zählen, bis die letzte kommt? Was kann mir der Henker noch nehmen? Es iſt ſchreck⸗ lich. Der ſchwarze Wagen führte mich darauf nach Bicetre. Aus der Ferne angeſehen hat dieſes Gebäude etwas Majeſtätiſches. Es erhebt ſich auf einem Hügel und er⸗ innert an den Glanz eines alten Königshauſes. Je näher man ihm kommt, deſto mehr wird altes Mauerwerk ſichtbar, und die herabgeſtürzten Zinnen enttäuſchen den Beſchauer. Wie iſt Alles ſo ſchmutzig, und man ſollte meinen, dieſe Mauern hätten den Ausſatz. Das Glas in den Fenſtern iſt zerbrochen und eiſerne Stäbe ſieht man ſich durchkreuzen, zwiſchen denen das entſtellte Ge⸗ ſicht eines Narren oder eines elenden Galeerenſklaven durchblickt. So ſieht Bicétre in der Nähe aus. 5. Kaum war ich angekommen, ſo bemächtigten ſich eiſerne Hände meiner. Man umgab mich mit Verwah⸗ rungsmitteln aller Art; kein Meſſer und keine Gabel für meine Mahlzeit reichte man mir; die Zwangsweſte feſſelte meine Arme; man ſchien beſorgt für mein Leben, wie für ein koſtbares Gut. Ich hatte mich an den Caſſa⸗ tionsgerichtshof gewendet. Dieſe läſtige Geſchichte konnte noch fünf oder ſechs Wochen dauern, und man mußte mich doch am Ende geſund und wohlbehalten auf den — 31— Greveplatz liefern, wenn man der Gerechtigkeit Genüge thun wollte. Den erſten Tag behandelte man mich mit einer Milde, vor der ich ſchauderte. Die Aufmerkſamket mei⸗ nes Gefängnißwärters ſchmeckte nach dem Schaffot. In⸗ deſſen ſiegte die gute Natur und nach einigen Tagen fand ſich mein Appetit wieder ein; auch hörte die milde Be⸗ handlung auf und man ging unbarmherzig mit mir um, als ſei ich nur ein kleiner Verbrecher. Das war mir lieb, denn nun war ich auch jener Höflichkeit los, welche mir mit dem Henkerbeile in der Hand Reverenzen machte. Meine Jugend, die freundliche Theilnahme des Seelſorgers von Bicétre und einige Worte Latein, die ich zufällig fallen ließ, erwirkten mir die Erlaubniß, ein⸗ mal in der Woche umher zu gehen und Luft zu ſchöpfen, ja, ich erhielt ſogar auf mein inſtändiges Bitten Schreib⸗ zeug und eine Nachtlampe. Alle Sonntage nach der Meſſe darf ich in den Er⸗ holungsſtunden frei umhergehn, und ich unterhalte mich dann mit den übrigen Gefangenen. Das ſind gute Leute, dieſe elenden Menſchen. Sie erzählen mir ihre ſchlechten Streiche und rühmen ſich dazu noch ihrer Schlechtigkeit und prahlen mit Verbrechen, die ſie vielleicht nicht be⸗ gangen haben; auch lehren ſie mich die Gaunerſprache reden. Das iſt eine widerliche Sprache, die auf die an⸗ dere Sprache gepfropft iſt wie ein häßlicher Auswuchs; aber manchmal hat ſie viel Energie und etwas ſehr Ma⸗ — 32— leriſches. Wenn man ſie hört, ſo kommt es einem vor, als höre man ein Bündel ſtaubiger Lumpen vor ſich ausſchütteln, oder als ſehe man Spinnen und allerlei häßliches Gewürm umherkriechen, oder als ſtehe man auf der Guillotine, die nackten Füße mit Blut beſpritzt, oder als höre man das Hohngelächter der Hölle. Aber dieſe Menſchen ſind doch die einzigen, die mich noch beklagen; mit den Schließern und Gefängnißwär⸗ tern mag ich nichts zu ſchaffen haben, und auch ſie ma⸗ chen ſich nichts aus mir, und reden von mir in meiner Gegenwart nicht wie von einem Menſchen, ſondern wie ooon einer Sache, von einem lebloſen Gegenſtande.— 6. Ich habe zu mir geſagt: weil mir die Mittel zum Schreiben gegeben worden ſind, warum ſoll ich nicht Gebrauch davon machen? Aber was ſoll ich ſchreiben, der ich keinen Himmel für meine Augen, keine Freiheit für meinen Geiſt und keinen Frühling mehr für mein Herz habe? Was ſoll ich ſchreiben in der Einſamkeit dieſes Kerkers und zwiſchen dieſen kalten traurigen Wänden? Was ſoll ich ſchreiben, da meine einzige Be⸗ ſchäftigung darin beſteht, den ganzen Tag nach jenem Zleck hinzuſchauen, welchen der Wiederſchein der Oeff⸗ nung von meiner Kerkerthür an die Wand malt? Soll ich von Verbrechen reden und die Nachtheile der menſch⸗ lichen Dinge hervorkehren? Und was könnte ich auch — 33— zu ſagen haben, da mein Tagewerk für dieſe Welt voll⸗ bracht iſt? Und was könnte ich in dieſem welken Gehirn noch auffinden, was der Mühe lohnte, es niederzu⸗ ſchreiben? Aber warum nicht?— Wann auch alle Handlung um mich her aufgehört und wann auch der Herbſt die welken Blätter des Lebens zur Erde geworfen hat, iſt in meinem Innern nicht ein gewaltiger Kampf und ſpielt ſich nicht ein blutiges Trauerſpiel in mir ab? Stellt ſich die fixe Idee, die ſich meiner bemächtigt, nicht jeden Augenblick unter anderer Geſtalt mir dar, ſtets häßlicher, ſtets furchtbarer, je näher die letzte Stunde rückt? Warum ſollte ich nicht wenigſtens mir ſelbſt über das Eigenthümliche meiner Lage Bericht abſtatten? Wohl habe ich nur noch kurze Stunden zu leben, aber an Schrecken, an Verzweiflung, an Todeskampf werden ſie lang genug ſein, um dieſe Feder noch abzunützen. Vielleicht wird auch dieſe Art von Beſchäftigung meiner Einſamkeit einen Theil ihrer Schreckniſſe nehmen. Für Andere iſt vielleicht dasjenige, was ich werde niederſchreiben, nicht ganz ohne Nutzen. Und die Ge⸗ ſchichte meiner Leiden von Stunde zu Stunde, von Mi⸗ nute zu Minute, von Schmerz zur Verzweiflung kann ihnen lehrreich werden. Die Richter können von dem Ge⸗ richteten lernen, wenn er ihnen den Vorhang ſeiner Gedanken lüftet und ſie in dieſe ſtürmende, kampfende IV. 3 34=— und verzweifelnde Welt ſchauen läßt. Vielleicht macht meine Geſchichte, daß ſie nachſinnen und ſich ein ander⸗ mal länger bedenken, wenn ſie wieder den Kopf eines denkenden Weſens, eines von Gott geſchaffenen Men⸗ ſchen in die Wage der Gerechtigkeit werfen ſollen, daß ſie prüfen und wieder prüfen und meiner Schmerzen gedenken. Sie werden dann nicht vergeſſen, daß der Menſch mit tauſend Fäden am Leben hängt und daß ſich keine Seele mit dem Tode abfinden kann. Jetzt ſehen ſie in Allem weiter nichts, als ein ſcharfes Beil, das niederfällt und einen Kopf vom Rumpfe trennt. Dieſe Blätter werden ſie enttäuſchen; ſie werden ihren Geiſt mit den Qualen eines Verurtheilten, an die ſie nicht gedacht haben, bekannt machen. Sie thun ſich etwas zu gut darauf, daß ſie tödten können, ohne großen Schmerz für den Körper. Aber was iſt der körperliche Schmerz gegen den geiſtigen? Bemitleidenswerthe Ge⸗ ſetzgebung, die gegen ſo etwas blind iſt! Beſſere Zeiten werden kommen und dieſe Blätter werden dazu ihr Schäͤrflein beigetragen haben. Vielleicht auch werden nach meinem Tod dieſe Blätter zerriſſen im Wind umherfliegen und in den Schmutz ge⸗ treten, oder ſie werden verfaulen im Regen, der an die Gitterfenſter ſchlägt. Was ich hier ſchreibe, ſoll einſt Andern nützlich wer⸗ den, und ſoll den Richter beſtimmen, kein Todesurtheil mehr zu ſprechen; es ſoll andere Menſchen des Seelen⸗ kampfes überheben, den ich zu leiden habe. Aber wozu das? Wenn mein Haupt gefallen iſt, was liegt daran, ob noch Andere nach mir unterm Henkerbeile bluten? Konnte ich mich wirklich mit ſolchen Gedanken beſchäfti⸗ gen? Was habe ich davon, wenn man das Schaffot niederreißt, nachdem man mich getödtet hat? Iſt es möglich, die Sonne, der Frühling, die blu⸗ menreichen Auen, die purpurne Röthe des Morgens, die Wälder, die Bäume, die Natur und die Freiheit— das Alles ſoll für mich bald nicht mehr ſein? Ach, mich ſelbſt ſollte ich retten und an die Anderen ſollte ich nicht denken! Aber ich kann es nicht,— ich weiß, daß ich ſterben muß, morgen, vielleicht noch heute. Ach, das iſt ſchrecklich! Mein Gott, das iſt ein furcht⸗ barer Gedanke, und an den Mauern des Gefängniſſes möchte man ſich den Kopf zerſchmettern! 3* 8. Was bleibt mir nun noch übrig? Drei Tage Friſt nach geſprochenem Urtheil zum Einkommen um Caſation. Acht Tage der Vergeſſenheit im Parquet des Aſſi⸗ ſenhofes, worauf die Akten an den Miniſter verſendet werden. Vierzehn Tage, während welcher die Akten im Bü⸗ reau des Miniſters liegen, der nicht einmal weiß, daß ſie da ſind, jedoch ſie, wie man ſagt, nach genauer Durchſicht, dem Caſſationshof übergibt. Hier werden ſie geordnet, numerirt und in die Re⸗ giſter eingetragen. Die Guillotine hat noch mehr zu thun, und es muß der Reihe nach gehen. Vierzehn andere Tage, um die Gerechtigkeit des Urtheils zu prüfen. Endlich, an einem Donnerstag, verſammelt ſich der Hof, verwirft zwanzig Geſuche auf einmal und ſchiekt Alles an den Miniſter zurück, dieſer an den General⸗ Procurator, dieſer an den Henkersknecht— wieder drei Tage. Am Morgen des vierten Tages ſagt der Subſtitut des General⸗Procurators, indem er ſeine Toilette macht, zu ſich ſelbſt:—„Die Sache muß doch einmal beendigt werden.“— Wenn nun der Gerichtsſchreiber gerade keiner Einladung nachzukommen hat, ſo wird der Befehl zur Hinrichtung zu Papier gebracht, abgeſchrieben, aus⸗ gefertigt und in der Frühe des folgenden Tages hört man auf dem Greve⸗Platz ein Gerüſt aufſchlagen und den Pöbel durch die Straßen ziehen. Das Alles nun zuſammengerechnet macht ſechs Wo⸗ chen. Das Maͤdchen hatte ganz Recht.— Fünf Wochen ſind verfloſſen,— vielleicht noch mehr, — ich wage nicht, nachzurechnen,— ſeitdem ich hier im Biedtre bin. Seit dem Donnerſtage aber ſind es ſchon drei Tage, wenn ich nicht irre. Wie ſchnell einem die Zeit vergeht! 9. Ich habe meinen letzten Willen zu Papier gebracht. Aber wozu das? Ich bin zu allen Koſten des Pro⸗ zeſſes verurtheilt und kaum wird mein ganzes Vermö⸗ gen hinreichen, ſie zu bezahlen. Die Guillotine kommt einem theuer zu ſtehen. 3 Ich hinterlaſſe eine Mutter, ein Weib und ein Kind,— ja, ein kleines Mädchen von drei Jahren, mit großen ſchwarzen Augen und langen kaſtanienbraunen Haaren. Als ich ſie zum letztenmale ſah, war ſie ge⸗ rade vor einem Monat zwei Jahre alt geworden. So ſind nach meinem Tode ſie des Sohnes, des Gatten und des Vaters beraubt, und drei Waiſen wei⸗ — 38— nen an meinem Grabe, drei Wittwen durch die Hand des Geſetzes. Meine Strafe mag gerecht ſein, aber was haben dieſe Unſchuldigen verbrochen?— Gleichviel! Man richtet ſie zu Grunde, man entehrt ſie und die Gerechtigkeit will ihren Lauf haben. Meine arme Mutter beunruhigt mich nicht; ſie zählt vierundſechzig Jahre, und wird dieſen Schlag des Schick⸗ ſals nicht lange überleben. Und ſollte ſie auch noch ein Paar kurze Tage mitgehen, ſo wird ſie zufrieden ſein, wann ſie ein Paar Kohlen in ihrer Wärmflaſche hat. In ihrem Alter hat man mit dem Leben abgerechnet und verlangt nichts mehr von ihm. Auch meine Gattin beunruhigt mich nicht; ihr Kör⸗ per iſt kränklich und ihr Geiſt zerrüttet; auch ſie wird bald ſterben. Wenn ſie nur nicht wahnſinnig wird!— Aber was könnte das ſchaden. Man ſagt, daß der Wahnſinn das Leben friſtet; der Geiſt leidet zabei keine Schmerzen, er ſchläft und iſt wie todt. Nur mein Kind, meine liebe Tochter macht mir Sorgen. Sie ſpielt und tändelt in glücklicher Unſchuld und weiß nicht, welch ein Loos in der Welt ihrer wartet. — 39— 10. Ich will mein Gefängniß beſchreiben.— Es hat acht Quadratfuß und beſteht aus vier Wänden von ge⸗ hauenem Stein, die in einem rechten Winkel auf einem Steinpflaſter ruhen, welches um etwas weniges höher liegt, als der Vorplatz. Gleich beim Eintritt zur linken Seite der Thüre iſt eine Vertiefung, welche ein Art von Alcov bildet; in demſelben iſt ein hartes Lager von Stroh bereitet, mit welchem ſich der Gefangene ſelbſt im Winter begnügen muß. Er tragt Beinkleider von Linnenzeug und eine Weſte von Zwilch. Ueber mir wölbt ſich ein düſteres Gemäuer, von welchem Spinnengewebe, gleich alten Lumpen, herabhängen. Fenſter oder Luftlöcher ſucht man vergebens, und die Thüre iſt ſo ſtark mit Eiſen beſchlagen, daß man das Holz kaum ſieht. Doch nein,— ich habe zu viel geſagt. In der obern Hälfte der Thüre iſt ein Luft⸗ loch bemerkbar, ſtark vergittert, welches der Gefäng⸗ nißwarter zur Nachtzeit ſchließen kann. Außen läuft ein langer Vorplatz hin, der durch Luftlöcher, hoch oben angebracht, beleuchtet wird und den verſchiedene Zwiſchenräume, welche durch niedrige Thürme mit einander in Verbindung ſtehen, in verſchiedene Abtheilungen ſcheiden. Dieſe einzelnen — 40— Zwiſchenräume bilden die Vorzimmer zu andern Ge⸗ fängniſſen, dem Meinigen wohl nicht unähnlich. Hier werden die Galeerenſclaven aufbewahrt, die vom Auf⸗ ſeher dieſes Hauſes zu Zwangsarbeiten verurtheilt ſind. In die drei erſten dieſer Gemaͤcher verweiſt man die zum Tode verurtheilten, damit ſie der Wärter leichter bewachen kann. Das Schloß Bicéètre wurde im fünfzehnten Jahr⸗ hundert gebaut und dieſe Zellen ſind das einzige, was von ihm, wie es damals eingerichtet war, ubrig geblie⸗ ben iſt. Der Cardinal Wincheſter ließ dieſes Gebäude errichten und Johanna d'Arc verbrennen, zwei Werke, wodurch er ſeinem Namen die Unſterblichkeit geſichert hat. Ich habe das von einigen Neugierigen erfahren, welche jüngſt ſich bei mir einführen ließen und mich betrachteten, als ſei ich ein wildes Thier. Sie bezahlten darauf dem Schließer ein Fünffrankenſtück. Noch muß ich erzählen, daß Tag und Nacht ein Garden⸗Factioner an meiner Thüre Wache hält, und daß ich meine Augen nicht zu der Oeffnung in der Thüre erheben darf, ohne denen meines unermüdlichen Wäch⸗ ters zu begegnen. Wie karg mir in dieſer ſteinernen Schachtel Luft und Licht zugemeſſen ſind, welch' ein elendes Daſein ich hier verleben muß, das wird man ſich jetzt leicht vorſtellen können. 11. Noch iſt der Tag nicht angebrochen und für den Gefangenen iſt die Nacht unendlich lang. Was ſoll ich anfangen? Da iſt mir ein guter Gedanke gekommen. Ich bin aufgeſtanden, habe meine Nachtlampe zur Hand genommen und an den Wänden des Gefängniſſes um⸗ hergeleuchtet. Sie ſind bedeckt mit Namen und Schrift⸗ zügen, mit Zeichnungen, mit bizarren Figuren und mit Charakteren, die ſich mannigfaltig durchſchlingen. Jeder Gefangene, ſo ſcheint es mir, hat hier wenigſtens eine Spur von ſich zurücklaſſen wollen. Sie haben mit Blei⸗ ſtift, mit Kreide oder mit Kohlen geſchrieben, grau, weiß und ſchwarz, und manche haben auch ihr Anden⸗ ken in den harten Stein einzugraben die Mühe nicht geſcheut. Hin und wieder erblickt man auch Namens⸗ züge von einer Färbung, daß man vermuthen muß, ſie ſeien mit Blut geſchrieben. Wenn mein Geiſt minder belaſtet und freier wäre, ſo würde es mich ſehr anzie⸗ hen, in dieſem ſonderbaren Buche zu leſen, deſſen Blät⸗ ter kalte Mauern ſind; ich würde dieſe Fragmente zu einem ſchönen Ganzen zuſammenſetzen, würde aus dem Namen den Menſchen zu leſen ſuchen, würde dieſe ver⸗ ſtümmelten Inſchriften beleben, und dieſe zerriſſenen Worte, welche gerade dadurch ſo bedeutſam an diejeni⸗ gen erinnern, denen man den Kopf vom Rumpfe ge⸗ ſchlagen hat. Ueber meinem Lager erblicke ich zwei brennende Herzen, mit einem Pfeile durchbohrt, und darunter die Worte: Lebensmuth. Der Unglückliche, der ſie ge⸗ ſchrieben hat, konnte vielleicht nicht lange ſeinem Wahl⸗ ſpruch treu bleiben. Nebenbei iſt ein dreieckiger Huth und eine grob gezeichnete Figur zu ſehen mit der Unter⸗ ſchrift: Es lebe der Kaiſer 1824. Noch zwei brennende Herzen, mit der für einen Kerker gewiß ſeltenen Unterſchrift: Ich liebe und ver⸗ ehre Matthieu Dauvin.— Jacob.— An der gegen⸗ überſtehenden Wand lieſt man den Namen, Papavoine. Der Anfangsbuchſtabe iſt mit Arabesken verziert.— Dann weiter einige Strophen aus einem ſchlüpfrigen Liede. Wie ſonderbar ſind doch oft die Launen eines gefangenen Menſchen! Dort iſt eine Freiheitsmütze ziemlich tief in den Stein eingegraben, und darunter ſteht: Bories— die Republik. Es war einer der vier Unteroffiziere von la Rochelle. Du armer junger Mann! Wie häßlich iſt der Begriff Eurer vorgegebenen politiſchen Nothwendig⸗ keit, und wie entſetzlich dünkt mich der Contraſt Eurer erhabenen Schwärmerei und Eurer Gulllotine! Und doch ſeid Ihr für eine Idee geſtorben und habt Euren Namen in der Geſchichte verewigt, und ſeid in gewiſſer Bezie⸗ hung ſchuldlos zu nennen. Das bin ich nicht,— und doch halte ich mich für beklagenswerth. — 43— Nein, ich will nicht weiter forſchen. Ich habe dort in der Ecke meines Kerkers ein entſetzliches Schauſpiel geſehen; es iſt eine Guillotine und vieleeicht jetzt in die⸗ ſem Augenblick wird ſie für mich aufgerichtet.— Und meine Haare ſträuben ſich empor.— Die Lampe fällt aus meinen Händen.— Fort, fort, ihr gräßlichen Bilder!— 12. Ich habe mich erholt, mich wieder auf mein Lager geſetzt, den Kopf auf die Knie geſtützt und über Vieles nachgedacht. Dann hat mich die Neugierde übermannt und ich habe dem Reiz, meine traurige Lectüre fortzu⸗ ſetzen, nicht wiederſtehen können. Neben Papavoine's Namen ſah ich ein großes Spinnenneſt, das ich abgeriſſen habe, und da fand ich nun fünf oder ſechs andere Namen, welche lesbarer wurden. Nehmlich: Dautun 1815.— Poulain 1818.— Jean Martin 1821.— Castaing 1823.— Als ich dieſe Na⸗ men las, da ſind mir gar trübſelige Gedanken in den Sinn gekommen, Erinnerungen an Dautun, der ſeinen Bruder in Stücke zerſchnitten, und Nachts den Kopf in den tiefen Brunnen und den Rumpf in den Canal ge⸗ worfen hat, an Poulain, der ſeine Frau ermordet, an Jean Martin, der ſeinen Vater durch einen Schuß ge⸗ tödet hat in demſelben Augenblick, als dieſer das Fen⸗ — 44— ſter offnen und Gottes freie Luft athmen wollte, an Caſtaing, den treuloſen Arzt, der ſeinem beſten Freund Gift ein⸗ gab, während er Theilnahme erheuchelte und baldige Hülfe verſprach, endlich an Papavoine, den furchtbaren Wahnſinnigen, der kleine Kinder mit Meſeerſtichen er⸗ mordet hat. Solcher Art waren die Erinnerungen, welche ihre langen Grabesſchatten in meine Einſamkeit warfen. Das waren alſo vor mir die Bewohner dieſer blu⸗ tigen Zelle! Als ich dies dachte, überlief es mich eiskalt und meine Haare ſträubten ſich empor. Hier alſo und auf demſelben Lager haben dieſe Mord⸗ und Blutmen⸗ ſchen ihre letzten Gedanken gedacht, und ihre letzten Wünſche gehegt! Hier, in dieſem engen Kreis, haben ſie ihre letzten Schritte gethan und ſich herum gedreht wie reißende Thiere, die man im eiſernen Käfig hält, um ſie zu zähmen. Noch iſt die Stelle warm, auf der ſie geſeſſen haben, und ich bin ihr Nachfolger, und werde bald ruhen, wie ſie, auf dem Kirchhof von Olamart, wo das Gras ſo üppig wächſt. Zwar bin ich weder abergläubiſch, noch halte ich auf Viſionen, dennoch ſind dieſe Dinge im Stande mir einen Fieberanfall zuzuziehen. Mir iſt es vorge⸗ kommen, als ſeien dieſe Namen mit Flammenſchrift auf die ſchwarzen Mauern geſchrieben, und immer ſtär⸗ ker und ſtärker hörte ich es in meinen Ohren klingen, — 45— und ein rother Schein ſchwebte vor meinen Augen. Dann ſchien ſich das Gefängniß mit entſetzlichen Geſtal⸗ ten zu füllen, welche ihren Kopf in der Hand ttrugen und ihn im Mund gevpackt hatten, weil der Kopf ohne Haare war. Sie Alle drohten mir mit der Fauſt, nur der Vatermörder nicht. Ich ſchloß die Augen und nun ſah ich Alles noch deutlicher. Sei dies Alles nun Traum oder Wirklichkeit gewe⸗ ſen, ich hätte darüber gewiß den Verſtand verloren, wenn ein Eindruck von außen mich nicht gerade zur rechten Zeit aufgeweckt hätte. Nahe war ich daran um⸗ zuſinken, als ich mich von einem kalten und haarigen Körper berührt fühlte. Es war die Spinne, welche ich aus ihrem Neſte verſcheucht hatte.— Das hat mich wieder in die Wirklichkeit zurückgebracht und die entſetzlichen Geſpenſter verſcheucht. Auf meinem Gehirn lag ein Nebel, und jetzt zerfloß er wieder. Es waren Chimaren a la Macbeth! Die Todten ſind todt, das iſt gewiß; man ſchläft feſt im Sarg und aus dieſem Kerker entſpringt der Gefangene nicht. Wie habe ich mich ſo ſehr nur fürchten können? Die Pforte des Grabes öffnet ſich nach dieſſeits nicht. — 46— 13. Ich habe dieſer Tage einem gräßlichen Schauſpiel beigewohnt. Kaum begann es Tag zu werden, als im ganzen Gefängniß Lärm entſtand. Ich hörte, wie die ſchweren Thüren aufgeriſſen und wieder zugeworfen wurden, wie die Riegel und die Schlöſſer knarrten, und wie die Schluſſelbunde der Aufſeher klirrten, wie die Treppen unter raſchen Fußtritten erdröhnten, und wie Stimmen auf den langen Gängen ſich anriefen und antworteten. Meine Nachbarn, die zur Galeere Verurtheilten, waren heute viel fröhlicher, als gewöhnlich, und es ſchien, als wäre im ganzen Bicétre ein Tag des Lachens, des Sin⸗ gens und der Luſtigkeit erſchienen. Ich allein horchte, war ſtumm unter den Lärmenden und wußte nicht, was das zu bedeuten habe. Da ging ein Kerkermeiſter vorüber. Ich rief den Mann und fragte, ob heute ein Feſt im Bicetre ſei?—„Ein Feſt, wenn man es ſo nenneu will. Die Galeerenſklaven, die morgen nach Toulon abgehen ſollen, werden heute in Feſſeln geſchmiedet. Wollen Sie es ſehen? Es wird Ihnen Unterhaltung ge⸗ währen, und die muß Ihnen ja willkommen ſein.—8“ So ſagte er, und ich nahm die Einladung an; denn ein Schauſpiel, ſo widerlich es auch ſein mag, hat doch für einen Gefangenen immer den Reiz eines Schauſpiels. — 2.— Nachdem der Kerkermeiſter die gewöhnlichen Vor⸗ ſichtsmaßregeln gebraucht, führte er mich in eine Zelle, welche ein Fenſter hatte, wodurch ich wieder einmal den Himmel ſah.—„Hier können ſie Alles ſehen, und ſind. allein in Ihrer Loge, ſo gut wie der König.“— Er entfernte ſich und ſchloß mich ein. Das Fenſter ging in einen ziemlich großen vier⸗ eckigen Hof, den ein ſteinernes Gebäude von ſechs Stock⸗ werken wie eine Mauer umſchloß. Das Auge kann nichts Widerwäaͤrtigeres ſehen, als dieſe vier Seiten nackter Wände mit vergitterten Fenſtern, welche jetzt mit ma⸗ geren und bleifarbigen Geſichtern beſetzt waren, die Alle neugierig hinabſchauten. Man hätte glauben ſollen, es ſeien hölliſche Geiſter, verſammelt zu einer infernaliſchen Ceremonie. Sie gafften ſchweigend in den noch immer leeren Hof hinunter und warteten. Manche Augen waren voll Leben und blitzten wie Feuerfunken. Das Viereck des Hofes ſchließt nach der einen Seite nicht ganz zuſammen, ſondern läßt eine ſchmale Gaſſe, durch deren eiſernes Gitterthor man in einen zweiten, minder geräumigen, aber eben ſo düſteren Hofraum blickt.— Rundum in dem erſten Hof laufen ſteinerne Bänke und gegen die Mitte hin iſt eine eiſerne Stange für eine Laterne. Jetzt ſchlug es zwölf Uhr. Ein großes Hofthor, welches eine Vertiefung mir verborgen hatte, wurde jetzt ſchnell aufgeſchloſſen. Ein Karren, von einer — 48— Truppe ſchlecht ausſehender Soldaten in blauen Unifor⸗ men mit rothen Epaulettes und gelben Wehrgehängen begleitet, fuhr raſſelnd in den Hof. Ketten lagen darauf. Jetzt wurde es an allen Fenſtern lebendig; alle Zu⸗ ſchauer erhoben ein Geſchrei, ſtießen ein wildes Geläch⸗ ter, tolle Drohungen und ſchreckliche Verwünſchungen aus; man glaubte in der That Teufel in ihnen zu ſehen; ihre Geſichter verzerrten ſich, ſie ſtreckten die geballten Fäuſte zwiſchen den Eiſenſtäben durch und ihre Blicke ſprühten Feuer. Das todte und verbrannte Aſchenleben dieſes Hauſes ſchien zu neuer Glut angeblaſen und mit glühenden Kohlen überdeckt. Unterdeſſen machten ſich die Profoſen, unter welche ſich auch, wie man an dem ſchönen Anzug erkennen konnte, einige Neugierige gemiſcht hatten, ganz ruhig an ihre Arbeit. Einer von ihnen ſtieg auf den Wagen und warf ſeinen Kameraden die Ketten, Halsbänder und lei⸗ nenen Beinkleider der Reiſenden zu. Hierauf theilten ſie ſich in die Geſchäfte. Die einen breiteten in einer Ecke des Hofes die langen Ketten aus, die andern legten die Kleider zurecht, die übrigen unterſuchten unter der Aufſicht eines Kunſtverſtändigen die Halseiſen und ſchlu⸗ gen auf dem Steinpflaſter Funken damit. Dies Alles geſchah unter einem furchtbaren Hohngelächter der Ge⸗ fangenen, welches durch das Geſchrei der Galeerenſkla⸗ ven, denen dieſe Zurüſtungen galten, noch übertäubt wurde. Die Letzteren ſah man an den Fenſtern des ſo — 40— eben beſchriebenen kleineren Hofes, von wo aus ſie ſelber dieſem Schauſpiel zuſahen. Kaum waren dieſe Zurüſtungen vollendet, ſo gab ein Herr in ſilbergeſticktem Kleide, welchen man Herr Inſpektor nannte, dem Direktor des Gefängniſſes neuen Befehl, und bald nachher warfen mehrere kleine Thüren eine trübe Wolke von garſtigen, heulenden und zerlumpten Menſchen aus. Das waren die Galeerenſklaven. Mit lautem Freudengeſchrei empfing man ſie an allen Fenſtern. Einige von ihnen, die ſich eines berühmten Namens zu erfreuen hatten, nahmen dieſe Beifallsbe⸗ zeigungen mit herablaſſendem Stolz gütig auf. Die meiſten trugen Strohhüte von ſonderbarer Form und mit eigener Hand verfertigt; ſie hofften von dieſen Hüten, daß ſie in den Städten, durch welche man ziehen mußte, die Aufmerkſamkeit der Bewohner rege machen würden. Aber jetzt entſtand eine freudige Aufregung; der Beifall verdoppelte ſich und Alle klatſchten in die Hände; ein Rad ſchlagend, erſchien ein blutjunger Menſch mit einem mädchenhaften Geſichte, der von Kopf bis zu Fuß mit einem ſelbſtverfertigten Strohanzuge bekleidet war, ſeines Standes ein Seiltänzer und wegen Diebſtahls zur Ga⸗ leere verurtheilt. Auch die andern Galeerenſklaven ſchie⸗ nen an dieſem Burſchen ihre Freude zu haben, und in dieſem Auftritt lag eine herzzerreißende Rohheit. Im kleineren Hofe begann nun eine Beſichtigung der Verurtheilten durch die Aerzte, und viele der Ga⸗ IV. 4 1 — 50— leerenſklaven ſchmeichelten ſich, der langen Reiſe durch die Vorſchützung irgend eines körperlichen Gebrechens zu entgehen; aber die meiſten fand man reiſefähig, und darauf ergaben ſie ſich ruhig in ihr Schickſal, in weni⸗ gen Minuten von der Einbildung oder Vorſpiegelung ihrer Gebrechlichkeit geheilt. Nun wurde das Gitterthor des kleinen Hofes wieder geöffnet. Ein Wächter verlas die Gefangenen nach al⸗ phabetiſcher Ordnung; einer nach dem andern trat her⸗ aus und alle ſtellten ſich in einer Ecke des großen Hofes auf. So kommen nun Unbekannte zuſammen und die Ketten verſchlingen ſich je nach den Anfangsbuchſtaben des Namens; der Freund wird vom Freunde weggeriſſen, und das iſt vielleicht das Härteſte dabei, denn auch unter dieſen Leuten gibt es Freundſchaft. Mit einem langen Stock werden nun die Galcerenſklaven gerichtet; einem jeden wird ein Hemd, eine Weſte und ein Beinkleid von grober Leinwand zugeworfen, und alle legen die alten Kleider ab. Durch ein unerwartetes Ereigniß wurde dieſe Erniedrigung in eine Qual verwandelt. Bisher war das Wetter ziemlich heiter geweſen, und wenn auch der ſcharfe Oktober⸗Wind die Luft er⸗ kältete, ſo zerriß doch bisweilen das Gewölk und die Sonne ſchien klar. Jetzt, als alle nackt daſtanden, als ihre zerlumpten Kleider vor ihnen lagen und als viele Neugierige ſich herbeidrängten, um nach den Schultern der Verurtheilten zu ſehen, da wurde der Himmel ſchwarz, — 512— es fiel ein ſtarker Platzregen auf die entblößten Glieder und auf die armſeligen Lumpen dieſer Elenden. In einem Augenblick leerte ſich der Hof von Allen, die nicht Profoſe oder Galeerenſklaven waren. Die Neugierigen ſuchten unter den Thürbogen Schutz vor dem Regen. Der Regen ſtrömte hernieder. Im Hof ſah man nichts mehr, als die Galeerenſklaven, die auf dem kalten und naſſen Pflaſter ſtanden; dumpfe Stille trat an die Stelle ihres wilden Geſchreies; ihre Zähne klapperten und ſie zitterten vor Froſt; es ſchlotterten die magern Beine und es war Mitleiden erregend, zu ſehen, wie ſie nichts deſto weniger ihre Toilette beendigen mußten. Ein einziger, ein alter Mann, hatte ſeinen frohen Muth nicht verloren. Er ſchrie, mit dem durch⸗ näßten Hemde ſich abwiſchend, daß dies nicht im Pro⸗ gramm ſtünde, und erhob lachend die Fauſt gen Himmel. Nachdem ſie die Reiſekleider angelegt hatten, führte man ſie in Gruppen von zwanzig bis dreißig in eine andere Ecke des Hofs, wo die ſogenannte Schnur ihrer wartete. Dieſe Schnur beſteht aus langen und ſtarken Ketten, welche von zwei zu zwei Fuß kürzere Ketten quer durchſchneiden, an deren Ende ein Halseiſen hängt, das man mit einem Schloſſe verſehen hat. Es wird auf dem gegenüber liegenden mit einem Nagel verſchloſ⸗ ſen, der auf der ganzen Reiſe ſtecken bleibt. Dieſe Kette, auf dem Boden ausgebreitet, gleicht ſo ziemlich dem Rückgrat eines Fiſches. 4*† — 52— Die Galeerenſklaven mußten ſich nun auf das naſſe Pflaſter ſetzen; die Halsbänder wurden ihnen angemeſſen, und zwei Schmiede nietheten ſie auf tragbaren Amboſen zuſammen. Das iſt ein entſetzlicher Augenblick, in wel⸗ chem auch der Unerſchrockenſte den Muth verliert. Mit jedem Hammerſchlage auf dem Ambos, der an ihren Rücken gelehnt iſt, prallt der Kopf zurück, und bei der geringſten Bewegung nach hinten, würde der Schmied dem Unglücklichen den Hirnſchädel zerſchmettern. Sobald dieſes vorüber war, trat wieder Stille ein. Man hörte nichts mehr, als das Raſſeln der Ketten, und hin und wieder einen Schrei und dumpfe Schläge, welche die Profoſe mit ihren Stöcken den Widerſpen⸗ ſtigen zutheilten. Einzelne weinten; die alten zitterten und biſſen ſich in die Lippen. Schaudernd betrachtete ich die widrigen Geſichter in ihren eiſernen Rahmen. So beſteht dieſes Schauſpiel aus drei Akten, aus der Unterſuchung durch die Aerzte, dann durch die Ker⸗ kermeiſter und endlich aus der Einſchmiedung. Jetzt warf die Sonne wieder einen freundlichen Strahl und ſchien alle neu zu beleben. Alle Sträflinge ſprangen in krampfhafter Bewegung auf. Die fünf Reihen vereinigten ſich und bildeten ſchnell einen großen Kreis um den Laternenpfahl. Darauf drehten ſie ſich ſo ſchnell herum, daß es einem vom Zuſehen ſchon ſchwin⸗ delicht wurde, und ſangen ein Galeerenlied nach einer bald klagenden, bald wild fröhlichen Melodie. In den — 53— Zwiſchenräumen hörte man ein ſchneidendes Geſchrei, und ein tolles Gelächter geſellte ſich dazu; die Ketten klirrten zuſammen und ein wildes Beifallsgeſchrei füllte die Luft. Bald brachte man einen großen Behälter in den Hof. Die Profoſe zwangen die Galeerenſklaven mit Stockſchlägen, aufzuhören, und führten ſie an den Be⸗ hälter, wo Gemüſe in einer rauchenden, ſchmutzigen Flüſ⸗ ſigkeit umherſchwamm. Sie aßen, warfen die Reſte ihrer Mahlzeit auf den Boden und begannen ihren Tanz von Neuem. Am Tage der Einſchmiedung und in der darauf folgenden Nacht läßt man ihnen dieſe Freiheit. Ich hatte das Schauſpiel mit geſpannter und ängſt⸗ licher Neugier betrachtet und mich ſelbſt darüber ver⸗ geſſen; ich hatte bei ihrem Lachen geweint und ein tiefes Mitleiden empfunden. Da ſah ich, wie die heulende Bande plötzlich inne hielt und ſchwieg. Aber dann wen⸗ deten ſich alle Augen nach meinem Fenſter; das Freu⸗ dengeſchrei verdoppelte ſich und alle riefen:„Der Ver⸗ urtheilte! der Verurtheilte!“ Ich war wie verſteinert, und wußte nicht, woher ſie mich kannten und wie ſie mich erkannt hatten. „Guten Tag! guten Abend!“ riefen ſie mir mit wildem Hohnlachen zu. Einer der jüngſten, der zu le⸗ benslänglicher Galeerenſtrafe verurtheilt war, ein Menſch mit einem bleifarbigen Geſichte, blickte mich neidiſch an — 54— und ſagte:„Der iſt glücklich! er wird geſtutzt. Lebe wohl, guter Freund!“ Ich kann nicht beſchreiben, was in mir vorging. Ich war nicht beſſer daran, als dieſe Leute, denn der Greveplatz und Toulon ſind verſchwiſtert. Ich ſtand ſo⸗ gar tiefer, als ſie, und ſie thaten mir eine Ehre an. Ich ſchauderte. Ja, ich war ihr Kamerad, und wie ich jetzt ein Schauſpiel an ihnen hatte, ſo hätten ſie bald eins an mir haben können. Unbeweglich und wie vom Donner gerührt, ſtand ich am Fenſter. Als nun die fünf Reihen mit einer teufliſchen Vertraulichkeit ſich mir näherten, als ich das Geklirr ihrer Ketten vernahm. und das Geſchrei und ihren Fußtritt unten an der Mauer,— da kam es mir vor, als wolle dieſe Schaar von Elenden zu meinem Fenſter heraufklimmen;— da ſtieß ich einen Schrei aus und rannte gegen die Thüre, um ſie zu öffnen;— da rief ich wie wüthend, daß man öffnen ſolle, und pochte mit Ungeſtüm;— da ſchienen mir die Stimmen der Sträflinge immer näher zu rücken und ihre häßlichen Geſichter ſah ich ſchon durch mein Fenſter blicken. Noch einen Schrei ſtieß ich aus und ſiel dann bewußtlos nieder. 8 14. Es war Mitternacht, als ich wieder zu mir ſelbſt kam. Ich lag auf einem ſchlechten Bett und ſah beim Licht einer herabhängenden Lampe mehrere Reihen ähn⸗ licher Betten umherſtehen. Man hatte mich in's Kran⸗ kenzimmer gebracht. Wie wohl that es mir, wieder einmal in einem Bette zu liegen! Erſt durch Entbehrung lernt man die Dinge ſchätzen. Sonſt würde ein ſolches Bett mich mit Abſcheu und Eckel erfüllt haben; aber ich war nicht mehr derſelbe Menſch. Mein Lager that mir ungemein wohl, obgleich die Leintücher beſchmutzt, die Decke zer⸗ riſſen und die Matratze hart gelegen war. Ich ſchlief wieder ein und ſchlief fort, bis ich gegen Morgen durch ein Geräuſch erweckt wurde. Es kam von außen her, und da mein Bett am Fenſter ſtand, ſo richtete ich mich auf, um hinaus zu ſehen. Ich ſah, wie auf dem Hof von Bicétre zwei Reihen von Soldaten aufgeſtellt waren, zwiſchen denen fünf lange Karren mit Menſchen beladen durchfuhren. Es waren die Galeerenſtlaven. Die Karren waren unbe⸗ bedeckt und einen jeden nahm ein Trupp Verurtheilter ein. Die Galeerenſklaven ſaßen dicht neben einander zu beiden Seiten, nur durch die gemeinſchaftliche Kette ge⸗ trennt. Bei jedem Stoß, den die Bewegung des Wagens — 56— verurſachte, raſſelten die Ketten, ſchlotterten die Beine, und fuhren die Köpfe auf und nieder. Dabei fiel ein kalter, feuchter Regen, der ihre Bein⸗ kleider auf den Knieen feſtklebte; ihre Haare trauften und ihre Geſichter waren blau vor Kälte. Iſt man ein⸗ mal an dieſe Kette geſchmiedet, ſo iſt man weiter nichts, als ein Bruch dieſes Ganzen, das ſich Schnur nennt und ganz mechaniſch bewegt. Da muß die Vernunft das Feld räumen, und ſelbſt nur der thieriſche Theil des Menſchen darf zu beſtimmten Stunden natürliche Be⸗ dürfniſſe haben. Auf dieſe Weiſe alſo traten die halb⸗ nackten, unglücklichen Menſchen eine Reiſe an, die fünf⸗ undzwanzig Tage dauern wird. Sie reiſen in derſelben Kleidung, ſowohl während der Hitze des Sommers, als während der Kälte des Winters, und man ſollte glauben, die Menſchen wollten dem Himmel einen Theil ihres Henkergeſchäftes übertragen. Es war ſchrecklich, wie dieſe Menſchen Flüche, Dro⸗ hungen und Verwünſchungen ausſtießen, und wie dann ihre Wächter unter ſie drein ſchlugen, um dasjenige her⸗ zuſtellen, was ſie Ordnung nannten. Rachedurſt blitzte aus allen Augen und die Fäuſte der Elenden ballten ſich auf ihren Knieen. Endlich verſchwanden die Wagen und deren Beglei⸗ ter unter dem hohen Thore des Bicéetre. Es folgte noch ein ſechster Wagen, auf welchem Keſſel, kupferne Ge⸗ ſäße und anderes Geräthe bunt durch einander lagen. — 5.— Einige Wachen, die ſich verſpätet hatten, ſtürzten heraus und eilten der Truppe nach. Endlich verlief ſich die Maſſe der Zuſchauer, und das Schauſpiel endete wie eine Geiſtererſcheinung. Bald hörte man nichts mehr, und auch das Pferdegetrappel nach der Straße von Fen⸗ tainebleau verlor ſich. Wie ſchlecht war der Troſt geweſen, den mir mein Advokat hatte reichen wollen. Ja, lieber tauſendmal den Tod, und lieber das Schaffot, als die Galeere und die Kette, lieber die Vernichtung, als die Hölle. Auf die Galeere— gerechter Himmel! 15. Zum Unglück war ich nicht mehr krank, und ſo mußte ich am folgenden Morgen den Krankenſaal wieder verlaſſen, und der Kerker nahm mich auf. Nein, ich bin nicht krank, ich bin geſund, jung und ſtark. Das Blut rollt frei in meinen Adern, alle Glieder gehorchen meinem Willen, ich bin ſtark an Leib und Seele und zu einem langen Leben geſchaffen—, ja, das iſt ſo, und doch lebe ich in einem Kerker, und doch weiß ich, daß es gar bald ein Ende nehmen wird. Seit ich den Krankenſaal verlaſſen habe, quält mich ein Gedanke, nämlich der, daß ich hätte entweichen kön⸗ nen, wenn man mich dort gelaſſen hätte. Die Aerzte und die barmherzigen Schweſtern ſchienen Antheil an mir zu nehmen.— So jung, und eines ſolchen Todes ſterben! Sie waren ſehr mit mir beſchäftigt und ſchienen mich zu bemitleiden.— Pah, Neugierde! Dieſe Leute heilen wohl vom Fieber, aber nicht vom Todesurtheil, was ihnen doch ſo leicht würde. Sie dürften nur noch eine Thüre oder ein Fenſter öffnen, und wie wenig Mühe hätten ſie dabei! Jetzt iſt keine Hoffnung mehr. Der Anwalt hat mich richtig vertheidigt, der Advokat hat richtig geſpro⸗ chen, der Richter richtig geurtheilt. Ich muß ſterben, wenn nicht— oh, ich Thor!— Keine Hoffnung mehr! Ich hänge an einem Seil, das jeden Augenblick zu reißen droht, und unter mir liegt ein Abgrund;— es iſt, als ob das Meſſer der Guillotine ſechs Wochen brauchte, um auf mich niederzufallen. 8 Wenn ich aber begnadigt würde?— Begnadigt?— Und von wem, und warum, und wie? Man kann mich nicht begnadigen, des warnenden Beiſpiels willen kann man es nicht.— So ſagen ſie.— Ich habe jetzt nur noch drei Schritte auf dieſer Welt zu thun: aus dem Bicetre, in die Conciergerie, und auf die Guillotine! Drei ernſte Schritte!— 4 16. Während ich mich noch in der Krankenſtube befand, hatte ich mich in die Sonne an ein Fenſter geſetzt, um mich wieder einmal an ihren beglückenden Strahlen zu erwärmen. Da ſaß ich nun und ſtützte den Kopf in die Hände, die Hände auf die Kniee und die Füße endlich auf die Spangen meines Stuhls. Ich war matt und angegriffen. Noch hörte ich im Geiſt die Ketten der Galeeren⸗ ſklaven klirren und ſah ihre verzerrten Geſichter. Eine unendliche Sehnſucht ergriff mich, und ich war meiner Gefangenſchaft müde, über alle Beſchreibung müde. Wenn doch der liebe Gott ſich meiner erbarmte, dachte ich, und mir ein Vöglein ſchickte, das mir auf ein Paar Minuten mein Elend wegſingen könnte! Ob es ein guter oder ein böſer Geiſt war, der mein Gebet erhörte, weiß ich nicht; aber plötzlich ver⸗ nahm ich noch mehr, als die Stimme eines Vogels; ich hörte eine Menſchenſtimme, es war der Geſang eines ſechzehnjährigen Mädchens. Das Lied hat den Ausdruck von Trauer und Schmerz. Hier folgt es: west dans la rue du Mail Ou j'ai été coltigé, Maluré, — 69— Par trois coquins de railles, Lirlonfa malurette, Sur mes sique' ont foncé, Lirlonfa maluré. Ich kann nicht ſagen, wie bitter ich getäuſcht war Die Stimme fuhr fort: Sur mes sique' ont foncé, Maluré. Ils m'ont mis la tartouve, Lirlonfa malurette, Grand Meudon est aboulé, Lirlonfa maluré. Dans mon trimin rencontre, Lirlonfa malurette, Un peigre du quartier, Lirlonfa maluré. Un peigre du quartier, Maluré. Va-t'en dire à ma largue, Lirlonfa malurette, Que je suis enfourraillé, Lirlonfa maluré. Ma largue tout en colère, Lirlonfa malurette, M'dit: Qu'as-tu donc morfillé? Lirlonfa maluré. — 65= M'’'dit: Qu'as-tu donc morfillé? Maluré. J'ai fait suer un chéne, Lirlonfa malurette, Son auberg' j'ai enganté, Lirlonfa maluré. Son auberg' et sa toquante, Lirlonfa malurette, Et ses attach's de cés, Lirlonfa maluré. Et ses attach's de cés, Maluré. Ma largu' part pour Versailles, Lirlonfa malurette, Aux pieds d' Sa Majesté. Lirlonfa maluré. Elle lu fonce un babillard, Lirlonfa malurette, Pour m'fair' défourrailler, Lirlonfa maluré. Pour m'fair' défourrailler, Maluré. Ah! si j'en défourraille, Lirlonfa malurette, Ma largue j'entiferai, Lirlonfa maluré. Pli ferai porter fontange, Lirlonfa malurette, Et souliers galuchés, Lirlonfa maluré. Et souliers galuchés, Maluré. Mais grand dabe qui s'fäche, Lirlonfa malurette, Dit: Par mon caloquet, Lirlonfa maluré, 3 J'li ferai danser une danse, Lirlonfa malurette, Ou il n'y a pas de plancher. Lirlonfa maluré.*) *) Dies franzöſiſche Gaunerlied möchte mit Beibehaltung jedes ſeiner techniſchen und kauderwelſchen Worte ſchwer wieder zu geben ſein. Hier ein Verſuch, der wenigſtens den Sinn richtig ausdrückt. In der Malilleſtraße Bin ich abgefaßt, Wo mir drei Gendarmen Haben aufgepaßt. Haben aufgepaßt, Der Herr Commiſſär. Sieh', mein Kamerad Kömmt mir iuſt die Quer, Mehr hörte ich nicht und konnte auch nicht mehr hören. Der halb offne, halb verſteckte Sinn dieſer furcht⸗ baren Klage, dieſer Kampf mit dem Häſcher, dieſer ihm Kömmt mir juſt die Luer, Sag's Kathrinen, Fritz! Und Kathrine frägt: „Hat der Narr ſtipitzt? Hat der Narr ſtipitzt? Nein, ihn hat's gejuckt, Daß um Uhr und Börſ' er Einen abgemuckt. Einen abgemuckt. Kind geh' nach Verſaillen, Daß Seine Majeſtät Mir erläßt den Galgen. Mir erläßt den Galgen! Komm ich aus der Truhe. Kriegſt du Seiden⸗Locken Und gewichſte Schuhe! Und gewichſte Schuhe. Ja, ſie thut es gleich, Doch der König ſagte: Heut wird nichts gereicht. Heut wird nichts gereicht. Sage deinem Hanſen: Ihm würd' aufgeſpielt, In der Luft zu tanzen. — 64— begegnende Spitzbube, den er an ſeine Frau mit der Botſchaft ſendet: Ich habe einen Mann getödtet und bin gefangen, dieſe Frau, die nach Verſailles mit einer Bittſchrift läuft, und dieſe Majeſtät! die verdrießlich dem Verbrecher mit dem Tanze in der Luft droht; und alles dies geſungen nach der ſüßeſten Melodie, mit der ſüßeſten Stimme, die je ein menſchliches Ohr bezau⸗ berte!.. Ich war gelähmt, erſtarrt, vernichtet! Dieſe gräuelhaften Dinge, auf friſchen und blühenden Lippen, hatten etwas Zurückſtoßendes. Man hätte es Schnecken⸗ gallert auf einer Roſe nennen können. Ich kann nicht wieder ſagen, was ich empfand. Zu gleicher Zeit war ich verwundet und gerührt. Die Sprache der Diebshöhle und der Galeeren, dieſe blutige und gro⸗ teske Sprache, dies ſchäusliche Rothwelſch, geſungen von einem jungen Mädchen, mit dem Uebergang der Stimme eines Kindes zu der einer Frau! Alle dieſe häßlichen, ſchlechtgeſetzten Worte geſungen, getrillert, geperlet! Ach, was iſt doch ein Gefängniß abſcheulich! Ein Gift wohnt darin, das Alles verdirbt. Alles wird hier gebrandmarkt, ſelbſt der Geſang eines Mädchens von fünfzehn Jahren! Ihr findet einen Vogel und Schmutz liegt auf ſeinem Flügel. Ihr pflückt eine Blume, riecht daran, und ſie ſtinkt! 17. O wenn ich doch entweichen könnte! Wie wollte ich uͤber die Felder eilen und laufen! Nein, nicht laufen. Das würde Verdacht erregen. Ich müßte ganz langſam gehen und dabei ein Liedchen trällern. Oder ich müßte mir einen groben leinenen Kittel zu verſchaffen ſuchen, wie ihn die Gärtner in der Umgegend tragen. Bei Arcuel weiß ich ein Wäldchen an einem Sumpfe, wohin ich als Knabe jeden Donnerſtag mit meinen Schul⸗ kameraden ging, um Fröſche zu fangen. Dort würde ich mich verſtecken, und erſt in dunkler Nacht weiter gehen nach Vincennes. Nein, der Fluß würde mich da⸗ ran hindern. Ich werde nach Arpajon gehen. Noch beſſer wäre es nach St. Germain und dann nach Havre und von da nach England hinüber übers Meer. Ich komme nach Longjumeau; man fragt nach meinem Paß und ich bin verloren. O ich unglücklicher Träumer! Ich denke an meine Flucht und weiß doch, daß ich die drei Fuß dicken Mau⸗ ern, die mich hier umſchließen, nicht durchbrechen kann! Zum Tode verurtheilt,— das iſt entſetzlich und mein Herz blutet, wenn ich daran denke, daß ich einſt als Kind hierherkam mit andern Kindern, um die Narren zu ſehen und den großen Brunnen von Bicetre. IV. 5 — 665— 18. Während ich dieſes niederſchrieb, iſt meine Lampe ausgebrannt, und die Thurmuhr hat ſechs geſchlagen. Der Schließer von der Wache iſt zu mir gekommen, hat mich ſehr höflich gegrüßt und gefragt, was ich zu frühſtücken wünſchte. Da überlief mich ein eiskalter Schauer. Sollte heute ſchon der Tag gekommen ſein? 19. Heute ſchon?— Der Gefängnißdirector hat mir ſelbſt ſeine Aufwartung gemacht und mich gefragt, wo⸗ mit er mir dienen oder angenehm ſein könne, auch hatte er den Wunſch geäußert, ich möge mich weder uͤber ihn, noch über ſeine Untergebenen zu beklagen gehabt haben; er hat gefragt, wie es mit meiner Geſundheit ſtünde und ob ich dieſe Nacht gut geſchlafen hätte; beim Ab⸗ ſchied hat er mich darauf Herr genannt.— Alſo heute ſchon? 20. Der Kerkermeiſter meint, ich habe über ihn und ſeine Leute keine Klage zu führen, und er hat recht. Es wäre übel gethan, wenn ich mich beklagen wollte. Dieſe Leute haben ja nur ihre Pflicht gethan, haben mich bewacht, haben mich höflich empfangen und noch höflicher wieder entlaſſen. Kann ich alſo unzufrieden mit ihnen ſein? Der Aufſeher mit ſeinem freundlichen Lächeln, ſei⸗ nen ſchmeichelnden Worten, ſeinen zutraulichen, aber zugleich lauernden Blicken und ſeinen plumpen, großen Händen iſt das Gefängniß in Perſon, das Menſch ge⸗ wordene Bicéetre. Alles um mich her iſt Gefängniß und nicht allein auf dem Gitter meines Kerkers, ſondern auch auf den Geſichtern dieſer Leute leſe ich das Wort Gefängniß. Dieſe Mauern ſind ein Gefängniß von Stein, dieſe Thüren ein Gefängniß von Holz, dieſer Schließer iſt ein Gefängniß von Fleiſch und Blut. Das Gefängniß iſt ein entſetzliches Weſen, eine Mißgeburt, halb Haus und halb Menſch. Ich bin ſeine Beute; es umſtrickt mich mit ſeinen Krallen, umſchließt mich mit ſeinen Mauerarmen, erdrückt mich mit ſeinen eiſernen Schlöſſern und bewacht mich mit ſeinen Argus⸗Augen. Was wird nun aus mir Elenden werden und was wer⸗ den ſie aus mir machen? 5* — 68. 21. Endlich bin ich ruhig und der Angſt enthoben, in welche mich der Beſuch des Aufſehers verſetzt hat. Alles iſt zu Ende. Noch hatte ich einige Hoffnung, aber jetzt habe ich ſie aufgegeben, jetzt iſt ſie hin.— Um halb ſieben Uhr öffnete ſich die Thüre meines Kerkers und ein Greis in braunem Ueberrocke trat ein. Ich ſehe einen Leibrock und Ueberſchlage, als er ſein Oberkleid auseinander ſchlug; es war ein Prieſter,— und dies ließ nichts Gutes ahnen. Wie milde war ſein Lächeln, als er ſich mir gegenüberſetzte und die Augen gen Himmel erhob, d. h. nach dem Kerkergewölbe! Ich verſtand den guten Mann, als er mit leiſer Stimme zu mir ſprach:„Mein Sohn, biſt du vorbereitet?“ „Vorbereitet nicht,“ antwortete ich,„aber doch bereit.“— Ach! da fühlte ich alle meine Pulſe ſchwellen, da lief es mir eiskalt durch das Gebein und ein dumpfes Brauſen kam in meine Ohren. Während ich wie eingeſchlafen auf meinem Lager ſaß, in einem ganz unbeſchreiblichen Zuſtande, ſprach der freundliche Greis immer fort, wenigſtens glaube ich, daß er ſprach; denn als ich ihn wieder anſah, da leuch⸗ teten ſeine Augen und bewegten ſich ſeine Lippen noch. 69— Die Thuüre hatte ſich wieder geöffnet und das Raſſeln der Riegel hatte mich aus meiner Betäubung geriſſen. Der Prieſter ſchwieg.— Begleitet von dem Aufſeher des Gefängniſſes er⸗ ſchien ein Mann in ſchwarzem Kleide und machte mir eine tiefe Verbeugung. In der Hand hielt er eine Rolle Papier und auf ſeinem Geſichte lag der Ausdruck eines Menſchen, der als düſterer Begleiter mit einer Leiche geht. „Mein Herr!“ ſprach er ſehr höflich,„ich bin Huiſ⸗ ſier bei dem königlichen Gerichtshofe zu Paris und habe die Ehre, Ihnen eine Botſchaft von dem Generalpro⸗ kurator zu überbringen.“ Der erſte Schlag war vorüber; ich beſaß wieder meine volle Geiſtesgegenwart. „Der Herr Generalprokurator alſo,“ antwortete ich mit bitterer Ironie,„hat ſo dringend meinen Kopf ver⸗ langt? Sehr viel Ehre für mich, daß er mir ſchreibt. Ich hoffe, mein Tod wird ihm viel Freude machen. Der Gedanke, daß ich ihm gleichgültig wäre, würde mir wehe thun.“— Und nun ſprach ich mit feſter Stimme:„Leſen Sie, mein Herr!“— Er las mir ein langes Aktenſtück vor, wobei am Ende jeder Zeile ſeine Stimme ſingend wurde. Es war die Verwerfung meines Kaſſationsgeſuches. — 0— „Das Urtheil wird heute auf dem Greveplatze vollzogen werden,“ endete er die Vorleſung, ohne dabei von dem Stempelbogen aufzuſehen.„Um ſieben und ein halb Uhr gehen wir nach der Conciergerie ab. Werden Sie die Güte haben mir zu folgen?“— Schon einige Zeit hörte ich nicht mehr auf ihn. Der Aufſeher ſprach mit dem Geiſtlichen, während der Huiſſier in ſein Papier ſah und ich gegen die Thüre ſtarrte, welche halb offen geblieben war. Ach! es ſtan⸗ den vier Bewaffnete davor. Der Huiſſier wiederholte ſeine Frage und ſah mich forſchend an.„Ich bin zum letzten Gange bereit,“ war meine Antwort. Darauf entfernte er ſich mit den Worten:„In einer halben Stunde werde ich die Ehre haben, Sie abzuholen.“ Alle entfernten ſich. O Gott!— ich muß entfliehen, auf der Stelle entfliehen. Es geht mir an das Leben. Durch die Thüre, durch das Fenſter, durch das Dach!— ja, und ſollte ich auch am Gebälke mich zerfleiſchen. Ach! es iſt zum raſend werden. Monate bedürfte es, um mit gu⸗ ten Werkzeugen dieſe Mauern zu durchbrechen, und ich habe keinen Nagel, keine Stunde Zeit. O Fluch und Verdammniß! Ich bin verloren. Es iſt aus. II. Aus der Conciergerie. — 22. Ich bin nun verſetzt, wie man es heißt. Die Ueberfahrt verdient erzählt zu werden. Um halb acht Uhr erſchien der Huiſſier wieder an meiner Thüre.„Mein Herr!“ ſprach er,„ich erwarte Sie.“ Ja wohl, er und Andere. Ich erhob mich, that einen Schritt und es war mir, als könnte ich keinen zweiten machen; denn ſchwer war mein Kopf und ſchwach waren meine Füße. Nachdem ich wieder einige Kraft gewonnen hatte, ging ich ziemlich feſt weiter. Noch einmal und für dieſes Leben zum letztenmale ſah ich mich in meiner Zelle um. Sie war mir ſehr lieb geworden und ich ließ ſte leer und offen, was ei⸗ nem Kerker ein beſonderes zur Rührung ſtimmendes Anſehen gibt. Freilich wird es nicht lange ſo bleiben; denn ſchon auf den Abend erwartet man einen andern, der, wie ich höre, heute an den Aſſiſen verurtheilt wer⸗ den ſoll. Am Ende des Ganges trat der Geiſtliche zu uns, der gerade vom Frühſtück kam. Meine Beglei⸗ tung wurde durch einen Veteranen verſtärkt. Als wir an der Thüre des Krankenſaales vor⸗ beikamen, rief mir ein ſterbender Greis zu:„Auf Wiederſehen!“ Wir gelangten in einen Hof, unter Gottes freien Himmel. Da athymete ich freier und fühlte mich beſſer. Nicht lange genoß ich des Ganges in freier Luft. Ein mit Poſtpferden beſpannter Wagen hielt im erſten Hofe, und ich kannte ihn ſchon; denn es war derſelbe, der mich hierher geführt hatte, ein königliches Cabriolet, das durch ein dichtes Gitter von Eiſendrath in zwei Theile abgeſondert iſt. Jede Abtheilung hat eine Thüre die eine vornen, die andere hinten. Der Wagen ſelbſt ſah beſtaubt und ſchmutzig aus und man könnte ihm ge⸗ genüber den Leichenkarren für die Armen eine Staats⸗ karoſſe nennen. Bevor ich in dieſes zweirädrige Grab hineinſtieg, warf ich noch einen Blick auf den Hof, einen jener Blicke der Verzweiflung, von dem man glauben ſollte, er müſſe Mauern niederwerfen können. Der Hof, ein kleiner, mit Bäumen bepflanzter Raum, war noch menſchenerfüllter, als jener, traurigen Andenkens, bei der Einkleidung der Galeerenſklaven, die ich be⸗ ſchrieben habe. Wie damals, ſo ſiel auch heute Regen, fein und kalt. Der Regen ſcheint anhalten zu wollen und wird mich vielleicht überleben. Der Hof war voll Schmutz und Waſſer und der Weg ſchlüpfrig. Die tolle Maſſe von Gaffern im Schmutze wieder zu ſehen, das belu⸗ ſtigte mich faſt. Wir ſind eingeſtiegen, der Huiſſier und ein Gens⸗ darme in die vordere Abtheilung, der Prieſter, ich und wieder ein Gensdarme in die hintere. Vier Gensdar⸗ men zu Pferde umgaben den Wagen. Somit waren alſo acht Mann für einen da. Eine alte Frau mit grauen Haaren und Augen, die mich hatte einſteigen ſehen, ſagte:„Das iſt doch wahrhaftig beſſer, als die Galeere. Ich würde es vorziehen.“— „Du haſt Recht für dich, Alte! Auch iſt ſo ein Schau⸗ ſpiel bequemer anzuſehen, iſt mehr concentrirt, iſt ein ſtärkerer Schnaps für einen alten, kalten Magen. Pfui über die Menſchen!“— Der Wagen rollte mit dumpfem Geräuſch unter den Hallen des Thores hin, fuhr in den Baumweg und dröhnend ſchloſſen ſich die Pforten von Bicétre hinter ihm zu. In Bewußtloſigkeit fuhr ich fort und war in Lethargie verſunken; kein Laut und keine Bewegung ſtanden mir zu Gebote, etwa wie bei einem Schein⸗ todten, den man zu Grabe trägt. Mitunter hörte ich die Schellen klingeln, die an den Poſtpferden befeſtigt waren, das Knarren der mit Eiſen beſchlagenen Räder auf dem Steinpflaſter, die knallende Peitſche des Po⸗ ſtillkions und den Hufſchlag der Gendarmen⸗Pferde. — 22— Das Alles kam mir wie ein Wirbelwind vor, der mich fortriß. Durch das Gitterwerk eines Fenſterchen fielen meine Blicke ganz maſchinenmäßig auf die mit großen Buchſtaben über dem Thor von Bicetre ſtehende In⸗ ſchrift: Hospital für das Alter. „Es ſcheint alſo,“ ſprach ich zu mir ſelbſt,„daß es Leute gibt, die hier alt werden.“ Ich drehte zwiſchen Wachen und Schlafen dieſen Gedanken in meinem vor Schmerz unempfindlich ge⸗ wordenen Geiſte nach allen Seiten. Als nun der Wa⸗ gen aus dem Baumweg auf die Landſtraße fuhr, und alſo eine andere Richtung nahm, änderte ſich die Aus⸗ ſicht. Ich ſah wie in einem engen Rahmen die fernen Thürme von Notre⸗Dame, halb verhüllt vom Nebel, der über Paris lag. Alsbald bekam auch mein Geiſt einen andern Geſichtspunkt. Und auf die Idee des Bi⸗ eétre folgte die des Notre⸗Dame. Dumm lächelnd ſagte ich zu mir:„auf jenen Thürmen muß man eine weite Ausſicht haben,— und in dieſem Augenblick richtete der Prieſter ſeine Rede an mich. Ich ließ ihn ruhig fort⸗ reden und hörte wieder auf das Rollen des Wagens, auf den Hufſchlag der Pferde und auf die Peitſche des Poſtillions. Das war noch ein Geräuſch mehr. Schweigend hörte ich dieſen Waſſerfall von mono⸗ tonen Wörtern, welche meinen Geiſt einlullten, wie das Gemurmel einer Quelle, neben der man ſich hingeſtrecktt hat, um zu entſchlummern. — 75— Jetzt rüttelte mich plötzlich die Stimme des Huiſſiers auf, welcher dem Abbe zurief:„Nun, Herr Abbé, was gibt's Neues?“ Der Seelſorger, der noch immer zu mir ſprach, und den das Geräuſch des Wagens betäubte, antwortete nicht, worauf der Huiſſier die Stimme verdoppelte, um das Geraſſel der Räder zu übertönen.„Ein hölliſches Fuhrwerk!“ fuhr er fort,„das iſt ein Gerumpel, wo⸗ bei man ſein eigenes Wort nicht verſteht. Aber was habe ich denn ſagen wollen? Herr Abbé, können Sie mir nicht ſagen, was ich habe ſagen wollen, wiſſen Sie ſchon die große Neuigkeit aus Paris?“— Ich zitterte, als ob von mir die Rede ſei. Der Prieſter hatte den Huiſſier endlich verſtanden, und antwortete ganz ruhig:„ich habe heute morgen noch keine Zeit gehabt, die Journale zu leſen, und werde das den Abend nachholen müſſen. Wann ich den gan⸗ zen Tag zu thun habe, ſo muß mir der Portier die Blätter bei Seite legen, und ich gehe ſie dann am Abend durch.“ „Bah!“ entgegnete der Huiſſier,„Sie müſſen das wiſſen, die neueſte Nachricht von dieſem Morgen!“ Ich nahm das Wort und ſagte:„ich glaube, daß ich ſie weiß.“ Der Huiſſier ſah mich an und ſagte:„Sie wiſſen es alſo, und was ſagen Sie dazu.“ „Sie ſind neugierig,“ war meine Antwort. — 6— „Warum, mein Herr? ein Jeder hat ſeine eigene MNeinung in Bezug auf Politik. Ich achte Sie zu ſehr, um daran zu zweifeln, daß Sie die Ihrigen haben. Ich ſelbſt bin ganz für die Wiedereinführung der Na⸗ tionalgarde geſtimmt. Ich war Sergeant meiner Com⸗ pagnie, und das machte mir Freude...“ „Ich glaubte nicht, daß die Rede hiervon ſei.“ „Aber von was dann? Sie wollten doch die Neuig⸗ keit wiſſen..“ „Ich meinte eine andere, mit welcher ſich heute ganz Paris nicht minder beſchäftigen wird.“ Der Dummkopf wollte mich gar nicht verſtehen, und ward ſehr neugierig, worauf er ſagte:„noch eine Neuigkeit? Wie in aller Welt kommen Sie zu Neuig⸗ keiten? Aber Herr Abbé, können Sie vielleicht Beſcheid geben? Setzen Sie mich in Kenntniß des Vorfalls, ich bitte darum, wovon handelt es ſich? Ich bin ein großer Freund von Neuigkeiten. Ich erzähle ſie dann dem Herrn Präſidenten, welchem ſie oft vielen Spaß machen.“ Der Huiſſier wandte ſich abwechſelnd nach dem Prieſter und nach mir; ich zuckte die Achſeln. Er ſagte:„An was denken Sie?“ „Ich denke, daß ich heute Abend nicht mehr denken werde.“ „So! Sie ſind zu traurig!“— Herr Caſtaing lachte und ſchwatzte, und ſagte weiter:„Ich habe den —— Herrn Papavoine das Geleite gegeben; er trug einen Hut von Otterhaaren und rauchte eine Cigarre. Die jungen Leute von la Rochelle unterhielten ſich mit einan⸗ der; es waren überſpannte Narren, welche das Anſehen hatten, als verachteten ſie die ganze Welt. Was Sie anbetrifft, junger Mann, ſo finde ich Sie zu nachdenkend.“ „Junger Mann! Ich bin viel älter, als Sie, und werde mit jeder Viertelſtunde ein ganzes Jahr älter.“ Dumm lachend ſah mich der Geſelle an.„Sie ſcherzen. Aelter, als ich, der ich Ihr Großvater ſein könnte?“ „Ich ſcherze nicht,“ war meine ernſte Antwort. Er reichte mir eine Priſe Tabak und bat mich, nicht böſe auf ihn zu ſein. „Es bleibt mir nicht mehr viel Zeit übrig, um böſe auf einen Menſchen zu ſein.“ In dieſem Augenblick berührte ſeine Doſe, die er mir darreichte, das Gitter, welches uns ſchied. Der Wagen hatte einen Stoß bekommen, und der Tabak fiel auf den Boden. „Verdammtes Gitterwerk,“ ſchrie der Huiſſier, in⸗ dem er ſich mir zuwendete.„Bin ich nicht zu beklagen, da all' mein Taback verloren iſt.“ Lächelnd erwiederte ich:„Mir ſcheint es, daß ich mehr verliere, als Sie.“ „Mehr als ich? Das iſt leicht geſagt,“ murmelte er zwiſchen den Zähnen, indem er ſeinen Taback auflas. „Keinen Taback bis Paris! das iſt entſetzlich!“ — 78— Der Prieſter richtete jetzt einige Worte des Troſtes an ihn, und mir kam es vor, als ſei dies die Fort⸗ ſetzung und ein Theil, der an mich gerichteten Worte geweſen. Darauf knüpfte ſich eine Unterhaltung zwi⸗ ſchen beiden an; ich ließ ſie von ihren Angelegenheiten ſprechen und war froh, daß ich jetzt an die Meinigen denken konnte. Als wir an die Barriere kamen, da erſchien mir Paris viel geräuſchvoller, als gewöhnlich. Der Wagen hielt einen Augenblick vor dem Zoll⸗ hauſe ſtill und wurde von den Douaniers unterſucht, als wolle man einen Hammel oder einen Ochſen nach dem Schlachthauſe führen. Der Kopf eines Menſchen zahlt keinen Zoll und wir fuhren vorüber. Als wir den Boulevard hinter uns hatten, fuhr der Wagen in die winkelichen Straßen des Faubourg St. Marceau und der Cits, die ſich ſchlängeln und durch⸗ kreuzen, wie die Wege in einem Ameiſenhaufen. Wir fuhren ſo ſchnell und der Wagen rumpelte ſo gewaltig, daß er jedes andere Geräuſch übertäubte. Ich ſah ein⸗ mal durch das kleine Fenſter und bemerkte, wie die Vorübergehenden ſtehen blieben und wie die Gaſſenbuben nachliefen. Auch glaubte ich hin und wieder auf den offentlichen Plätzen, Männer und Weiber in zerlumpten Kleidern zu erblicken, welche einen Pack von Blättern in der Hand hatten, um die die Vorübergehenden ſich — 79— ſtritten, wobei ſie den Mund wie zu einem Ausruf der Verwunderung aufriſſen. Es ſchlug eben acht Uhr, als wir in den Hof der Conciergerie fuhren. Beim Anblick der großen Treppe, der ſchwarzen Kapelle und der düſteren Gitterfenſter überlief mich ein kalter Schauer, und als der Wagen ſtille hielt, glaubte ich, daß auch der Schlag meines Herzens ſtocken müſſe. Ich gewann meine Kraft wieder. Mit Blitzesſchnelle öffnete ſich die Thuͤre; ich ſprang aus dem rollenden Kerker und trat mit ſchnellen Schritten unter die Halle zwiſchen zwei Reihen Soldaten. Auch hatte ſich ſchon eine Maſſe von Menſchen herbeigedrängt, um mich zu ſehen. 23. So lange ich in den öffentlichen Gallerien des Ju⸗ ſtiz⸗Palaſtes umherging, fühlte ich mich beinahe frei und ſehr behaglich; aber als man wieder die niedrigen Thüren vor mir öffnete, da verlor ich alle Faſſung und die geheimen Treppen, die inneren Gänge, die langen, öden und dumpfigen Vorplätze erſchreckten mich ſehr. Hierher kommt Niemand, als die Verurtheilten und ihre Verurtheiler. Der Huiſſier wich nicht von meiner Seite. Der Prieſter verließ mich auf zwei Stunden, um ſeinen Ge⸗ ſchäften in der Stadt nachzugehen. — 80— Man führte mich in das Cabinet des Direktors, dem ich übergeben wurde, wie eine Tauſchwaare, denn er bat den Huiſſier einen Augenblick zu warten, da er ihm ein neues Stück Wild für das Bicétre zu überlie⸗ fern habe. Heute iſt wieder Einer verurtheilt worden und der wird heute Abend das Strohlager einnehmen, das ich kaum verlaſſen habe. Gut, ſagte der Huiſſier, ich werde warten. Wir können die zwei Verbal⸗Pro⸗ zeſſe zuſammenfaſſen; das geht recht gut. Ich kam jetzt in ein kleines, an dasjenige des Di⸗ rektors, ſtoßende Kabinet, wo ich wohl verriegelt allein blieb. Wie lange ich hier war und an was ich dachte, weiß ich nicht zu ſagen. Endlich erweckte mich ein ge⸗ waltiges Lachen, das ich vernahm, aus meiner Träu⸗ merei. Ich erhob von Schrecken durchzuckt, die Augen. Jetzt war ich nicht mehr allein in der Zelle, ſondern ich ſah einen Mann von ungefähr fünfzig Jahren bei mir, er war von mittlerer Größe, ſein Geſicht hatte viele Falten, ſeine Haare waren grau und ſeine Augen ſchielend; auf ſeinem Geſicht lag ein bitteres Lächeln und ſein ſchmutziger und halb zerlumpter Anzug ſtieß mich zurück. Mir kam es vor, als habe die Thüre ſich geöffnet, dieſen Menſchen ausgeſpieen, und dann wieder ver⸗ ſchloſſen, ſo ſchnell, daß ich es kaum bemerken konnte.— O, daß mich der Tod doch auch ſo überraſchen möchte.— — 81 Einige Sekunden ſahen wir einander ſtarr an; er mich mit ſeinem Lächeln, das wie ein Röcheln klang, ich ihn erſchrocken und erſtaunt. „Wer ſind Sie?“ fragte ich ihn endlich. „Sonderbare Frage!“ antwortete er;„ich bin ein flügger Vogel.“ „Ein flügger Vogel? was ſoll das heißen?“— Da wurde er noch luſtiger. „Das heißt,“ rief er mit ſchallendem Gelächter,„das Henkerbeil wird in ſechs Wochen mit meinem Kopfe dasſelbe Spiel treiben, wie mit dem deinigen in ſechs Stunden. Haha!— Verſtehſt du mich jetzt?“ Ich erblaßte und meine Haare ſträubten ſich empor. Das war alſo der andere Verurtheilte, mein Erbe zu Bicétre, den man bexeits dort erwartete. Er erzählte mir ſeine Geſchichte:„Mein Vater war ein guter Kerl, und es iſt nur Schade, daß der Scharf⸗ richter ihm eines Tages die Halsbinde zu feſt zuſchnürte. Durch Gottes Gnaden herrſchte gerade damals der Galgen. Im ſechsten Jahr hatte ich weder Vater noch Mutter mehr; da ſchlug ich im Sommer auf den Landſtraßen Cabriolen und Räder, und ließ mir durch die Fenſter des Poſtwagens einen Sous zuwerfen; im Winter lief ich barfuß durch Schnee und Schmutz, hauchte in meine kalten Hände und die Schenkel blickten durch meine Ho⸗ ſen. Im neunten Jahre ward ich ſchon mit dem Ge⸗ brauch der Hände bekannt und leerte manchmal einen IV. 6 — 82— Seckel; im zehnten ſtahl ich einen Mantel und ward zum Dieb; ſieben Jahre nachher konnte ich auf den Na⸗ men eines Spitzbuben Anſpruch machen, erbrach einen Laden und machte einen falſchen Schlüſſel. Bei Gele⸗ genheit wurde ich gefangen, und da ich das rechte Alter hatte, ſchickte man mich auf die Galeere. Die Galeere ſoll der Teufel holen! Es iſt hart, auf einer Britſche zu liegen, klares Waſſer zu trinken, ſchwarzes Brod zu eſſen, eine einfältige Kugel nachzuſchleppen, die zu gar nichts nützt, und ſich von der Sonne und von Prügeln den Buckel wärmen zu laſſen. Dabei werden einem die Haare abgeſchnitten; ich hatte ſie ſchön und kaſtanien⸗ braun. Doch ich überſtand meine Zeit, fünfzehn Jahre, und zählte dann zweiunddreißig. Eines Morgens behän⸗ digte man mir eine Reiſeroute und ſechsundſechszig Franben, das Erſparniß meines Galeerenlebens, wo ich ſechszehn Stunden täglich, dreißig Tage monatlich und zwölf Monate jährlich arbeiten mußte. Mir kam der Einfall mit dieſer Lumperei von ſechsundſechszig Franken ein ehrlicher Mann zu werden, und ich trug unter mei⸗ nem zerriſſenen Kittel beſſere Vorſätze, als ein Prieſter nnter ſeinem Kirchenrock. Der Teufel verdarb mir das Spiel. Mein Paß war auf gelbem Papier geſchrieben und man hatte mich darin als einen freigelaſſenen Ga⸗ leerenſträfling bezeichnet; überall, wo ich durchkam, mußte ich ihn vorweiſen und alle acht Tage dem Maire zeigen. Ein Galeerenſträfling— eine ſchöne Empfehlung! Die — 83— bleinen Kinder liefen vor mir und fürchteten ſich, und alle Thüren wurden mir vor der Naſe verſchloſſen; Nie⸗ mand wollte mir Arbeit geben; meine ſechsundſechszig Franken gingen zum Teufel, und ich wollte doch leben. Ich wies den Leuten meine ſtarken Arme, um Arbeit bettelnd; aber man verriegelte die Thüren; ich wollte für zehn Franken, für fünf, und für noch weniger in Tag⸗ lohn treten; man ſtieß mich zurück, und was ſollte ich nun anfangen? Da bekam ich eines Tages großen Hun⸗ ger, griff nach einem Brod in einem Bäckerladen und wurde ertappt. Man ließ mir keine Zeit, das Brod zu verzehren, wohl aber ſchleppte man mich wieder auf die Galeere zurück, nachdem man mir drei feurige Briefe aufgebrannt hatte, die ich dir zeigen kann, wenn du ſie ſehen willſt. Man nennt dies Strafe wegen Rückfalls. So war ich denn ein Retourpferd. Man ſchickte mich wieder nach Toulon, diesmal mit der grünen Mütze(das heißt auf lebenslanglich verurtheilt). Ich dachte an's Entweichen; und zu dieſem Behufe mußte ich drei Mauern durchbrechen und zwei Ketten durchſchneiden, wozu ich kein anderes Werkzeug beſaß, als einen einzigen Nagel. Dennoch entwiſchte ich. Man that mir jetzt die Ehre an, wie einem roͤmiſchen Cardinal bei ſeiner Abreiſe, man löſ'te die Kanonen. Diesmal hatten ſie ihr Pulver umſonſt verſchoſſen. Ich hatte keinen Paß, aber auch kein Geld; ich begegnete einigen Kameraden, welche ebenfalls die Stränge zerriſſen hatten und bettelarm wa⸗ 6* —— ren. Ihr Hauptmann ward mich an, und unſer Geſchaft beſtand jetzt darin, die Leute auf der Heerſtraße zu über⸗ fallen, zu plündern und zu morden. Wir wurden Han⸗ dels einig und lebten jetzt vom Todtſchlagen; wir über⸗ fielen bald eine Poſtchaiſe, bald einen Eilwagen und bald einen Ochſenhändler zu Pferd; wir nahmen das Geld und ließen den Wagen fahren; die Leute wurden unter einem Baum begraben, wobei wir nur Sorge trugen, daß die Beine nicht herausguckten, und dann tanzten wir auf dem Grabe, damit man die aufgelockerte Erde nicht ſehen konnte. So ward ich ein alter Kerl, in den Gebüſchen lauernd, unter freiem Himmel ſchlafend und immer verfolgt von Wald zu Wald ziehend, aber doch frei und unabhängig. Alles hat ſein Ende und ſo auch mein Handwerk. In einer ſchönen Nacht faßten uns endlich die Gensdarmen beim Kragen; meine Verführer kamen glücklich davon, und nur ich, der Aelteſte von ih⸗ nen, blieb in den Krallen dieſer Katzen mit galonirten Hüten. Da hat man mich hierher geſchleppt. Ich hatte bereits alle Sproſſen der Leiter bis auf eine einzige er⸗ ſtiegen; ein Taſchentuch zu ſtehlen oder einen Menſchen zu ermorden, war für mich ziemlich einerlei; ich hatte nur noch durch die Hand des Henkers zu gehen. Wahr⸗ haftig, ich fing an alt zu werden, und war zu nichts mehr nütze. Mein Vater iſt durch den Strick geſtorben und meiner wartet die Guillotine. Da haſt du das Ganze, Kamerad!“ — ☛— Ich hatte ihn in ſtummer Beſtürzung angehört; ſein Lachen klang weit furchtbarer, als vorher; mit roher Vertraulichkeit wollte er meine Hand ergreifen, ich ſtieß ihn zurück.„Freundchen,“ ſagte er,„du ſcheinſt mir we⸗ nig gefaßt zu ſein. Siehſt du, auf dem Greveplatz hat man freilich einen ſchlimmen Augenblick; aber das dauert nicht lang. Ich wollte, ich wäre dabei, um dir den Purzelbaum vorzumachen, und wenn man mich heute mit dir raſteren wollte, ſo unterließe ich gerne das Ge⸗ ſuch um Kaſſation. Derſelbe Pfaffe könnte dann uns beide bedienen. Bin ich nicht ein guter Junge? Brü⸗ derſchaft willſt du?“ Er that noch einen Schritt auf mich zu.—„Herr!“ ſagte ich, ihn zurückſtoßend,„ich danke Ihnen.“— Neues Lachen der Verhöhnung.—„Ha! ha!— Du biſt gewiß ein Marquis?“ „Freund! ich bedarf jetzt der Geiſtesſammlung und Erhebung. Laſſen Sie mich in Ruhe!“ Der Ernſt dieſer Worte brachte ihn plötzlich zum Schweigen; er ließ ſeinen grauen und beinahe kahlen Kopf ſinken, ſchlug ſeine langen Nägel in die rauhe, ent⸗ dlöſßte Bruſt und murmelte;„Ich verſtehe, Pfaffe!“ Dann nach einigem Schweigen:„Sie ſind ein Marquis, mein Herr! Allen Reſpekt. Aber Sie haben da einen ſchönen Ueberrock, der Ihnen nicht viel mehr nützen kann. Der Henker wird ihn für ſich behalten. Geben Sie ihn mir. Ich werde ihn verhandeln und mir davon Taback kaufen.“ —-— 865— Ich zog den Ueberrock aus und gab ihn hin. Da ſchlug er mit kindiſcher Freude in die Hände, und da er mich nackt und frierend ſah, ſo ſagte er:„Es friert Sie, mein Herr! Da, nehmen Sie! Es regnet, und Sie würden naß werden. Auch muß man anſtändig angezo⸗ gen ſein, wenn man nach dem Richtplatze fährt.“— Hier zog er ſeine graue Weſte aus und legte ſi ſie mir an. Ich ließ ihn gewähren, lehnte mich, ihn betrachtend, an die Wand und ſchwieg. Den Eindruck zu beſchreiben, den dieſer Menſch mir machte, vermag ich nicht; ich ſage nur, daß er noch immer den Ueberrock betrachtete und oft in Zeichen der Freude ausbrach.—„Die Taſchen ſind ja ganz neu, der Kragen iſt nicht abgenutzt; ich werde mindeſtens fünfzehn Franken dafür bekommen. Welch ein Glück! Das gibt Tabak für meine ſechs letzten Wochen. Ich werde mit einer guten Priſe ſterben.“ Die Thüre ging wieder auf; wir wurden Beide ab⸗ geholt,— ich nach dem Zimmer, wo der Verurtheilte ſeine letzte Stunde erwartet, er, um nach Bicetre ge⸗ bracht zu werden. Lachend trat er unter die Soldaten, die ihn eskortiren ſollten, und ſagte zu den Gensdarmen: „Meine Herren, verwechſeln Sie uns ja nicht, was leicht möglich wäre, da wir die Schale gewechſelt haben. Neh⸗ men Sie mich ja nicht für ihn, was mir jetzt, da ich Taback habe, verteufelt ärgerlich ſein würde. Alſo auf⸗ gepaßt, meine Herrn!“ 1 24. Der alte, verſtockte Sünder!— der mir den Ueber⸗ rock geſtohlen hat! Habe ich ihn doch nicht freiwillig hergegeben, wie es mir ſcheint! Nein! nein! Der Schurke hat mir dieſe zerlumpte, elende Weſte zurück⸗ gelaſſen,— wie erbärmlich ſehe ich darin aus!— Nicht aus Barmherzigkeit oder aus Gleichgültigkeit habe ich ihm den Ueberrock abgetreten, ſondern darum, weil er ſtärker war, als ich⸗ weil ich ihn fürchtete, weil er mich mit ſeinen derben Fäuſten geſchlagen haben würde. Ja, wie ſollte ich auch zum Mitleiden kommen? Ich hätte den nackten Schurken lieber erdroſſelt. Mein Herz iſt voll Ingrimm und Bitterkeit; die Gallenblaſe muß mir zerſprungen ſein; der Tod macht boshaft, ſehr boshaft. 25. Da haben ſie mich wieder in eine kleine Zelle ge⸗ ſchleppt, wo man nichts ſieht, als nackte Wände, ver⸗ gitterte Fenſter und verriegelte Thüren. Das verſteht ſich ſchon von ſelbſt. Ich verlangte einen Tiſch, einen Stuhl und Schreibzeug, und es wurde mir gebracht. Nun verlangte ich auch ein Bett. Der Schließer ſah mich mit Erſtaunen an, als ob er fragen wollte: wozu — 588— das? Ein Feldbett wurde mir in einen Winkel hinge⸗ ſtellt, und zu gleicher Zeit erſchien ein Gensdarm, um ſich in meinem ſogenannten Zimmer niederzulaſſen. Die Herren ſchienen zu befürchten, ich möchte mich unter der Matratze erſticken,— und das wäre doch Schade um das verlorene Schauſpiel! 26. Es iſt zehn Uhr. O mein armes Töchterchen! Nur noch ſechs Stun⸗ den, und dein Vater wird nicht mehr ſein. Auf der kalten Tafel werden die Zergliederer meinen Rumpf zerſchneiden, wenn mein Kopf herunter gefallen iſt; die Ueberreſte wird man auf eine Bahre werfen und nach dem ſtillen Kirchhof von Clamarz tragen. Ja, meine Tochter, ſo wird es mit deinem Vater geſchehen, mit einem Menſchen, welchen Keiner von ihnen haßt, welchen ſie alle beklagen und retten könnten. Sie werden mich tödten, hörſt du, Marie?— Mit kaltem Blute, mit Ceremonie, und um der gerechten Sache willen! Großer Gott! Armes Kind! Sie werden deinen Vater tödten, der dich ſo zärtlich liebt, der ſo oft deinen kleinen und zarten Hals küßte, der ſo oft mit deinen ſeidenen Locken ſpielte, der dein ſchönes, rundes Geſichtchen ſo oft in den Händen hielt, der dich auf den Knieen wiegte, und — 80— der am Abend deine Händchen zuſammen legte, auf daß du beteteſt. Wer wird dir nun das erſetzen? Wer wird dich lieben? Alle Kinder deines Alters haben einen Vater, nur du nicht! Du mußt dich nun der Feier des Na⸗ menstages, der Neujahrsgeſchenke und der Spielſachen entwöhnen, vielleicht ſelbſt der Speiſe und des Trankes, — und das kannſt du nicht. Ja, wenn die Geſchwornen meine kleine liebe Marie geſehen hätten, ſo würden ſie vielleicht eingeſehen haben, daß man den Vater eines dreijährigen Kindes nicht tödten darf, daß man fragen muß, was wird aus dieſem Kinde werden, wenn es heranwächſt? Sein Vater wird in dem Munde von ganz Paris leben, und die Tochter wird ſich dieſer traurigen Unſterb⸗ lichkeit ſchämen müſſen; über ihren Namen wird ſie er⸗ röthen. Sie wird verachtet und verſtoßen leben, das iſt das Vermächtniß meiner Liebe. O meine geliebte Marie, iſt es wahr, daß du dich deines Vaters ſchamen und ihn verabſcheuen mußt? Elender! welches Verbrechen habe ich begangen, und zu welchem neuen Verbrechen gebe ich jetzt der Geſellſchaft Veranlaſſung? O, iſt es wahr, daß ich noch vor dem Ende dieſes Tages ſterben ſoll? Bin ich es wirklich, oder iſt's ein Anderer? Dieſes dumpfe Gemurmel, das ich von draußen vernehme, dieſe in toller Luſtigkeit taumelnde Volksmaſſe, die ſich ſchon auf dem Quais drängt, die Gensdarmen, — 90— die ſich in den Kaſernen bereit machen, die Prieſter in ſchwarzen Röcken, dieſer Mann mit der blutigen Fauſt, — das Alles gilt mir! Ich ſoll ſterben, ich, der Näm⸗ liche, der jetzt hier ſitzt, ſich bewegt, athmet und denkt, hier an dieſem Tiſche, der auch anderswo ſtehen könnte, ich endlich, der ich meine Hand hierherlege, und deſſen Kleid die Falten ſchlägt, die ich hier ſehe. 27. Wenn ich doch nur wüßte, wie es iſt und wie man dort ſtirbt!— Aber es iſt ſchrecklich,— ich weiß es nicht. Wie entſetzlich iſt ds Wort— Tod!— Ich be⸗ greife kaum, wie ich es bisher ſo ruhig ausſprechen konnte. Und die Guillotine! Der Anblick, die Phyſiog⸗ nomie, die Zuſammenſetzung dieſer zehn Buchſtaben iſt ganz geeignet, die furchtbarſten Vorſtellungen zu erwecken, und der Name des Arztes, der die Sache erfunden hat, ſcheint mir ganz dazu auserſehen geweſen zu ſein. In undeutlichen, ſchwankenden Umriſſen ſchwebt das Bild, das ich mir dabei denke. Darum gerade iſt es um ſo furchtbarer. Iſt doch jede Sylbe gleichſam ein Stück der Maſchine! Aus dieſen Sylben erbaue ich im Geiſte unaufhörlich das ſchauerliche Gerüſte, und wenn ich es vollendet habe, ſo zerſtöre ich es wieder. Ich wage es nicht, mich nachher zu erkundigen, und möchte doch wiſſen, wie man ſich zu benehmen hat, wenn man die Guillotine — 91— beſteigt. Es iſt wohl, wenn ich nicht irre, ein Schnell⸗ balken dabei und man wird auf den Bauch gelegt. Ach Gott! meine Haare werden erbleichen, ehe mein Haupt fäͤllt!— 28. Ich habe ſie einmal geſehen, nur auf einen Augen⸗ blick. Ich fuhr eines Tages gegen eilf Uhr Morgens über den Greveplatz. Der Wagen hielt inne und ich ſah aus dem Fenſter; eine Menge Menſchen war auf dem Greveplatz und auf dem Quai verſammelt. Weiber, Männer und Kinder ſtanden auf der Bruſtwehr. Von drei Männern wurde ein Gerüſt hoch aufgerichtet An dieſem Tage ſollte ein Verurtheilier ſterben; für ihn baute man die Maſchine. Ich wollte hinſehen und vermochte es kaum; ſchnell wendete ich mich ab. Neben meinem Wagen ſtand eine Frau, die zu ihrem Kinde ſagte:„Siehſt du, Kind! das Meſſer läuft nicht gut. Sie müſſen die Fugen mit Fett einſchmieren.“ O Gott! welche ſchauderhafte Erinnerung! So weit ſind ſie auch jetzt, und ohne Zweifel ſchmieren ſie die Fugen. Diesmal werde ich mich nicht abwenden. O ich Unglücklicher!— Um Gottes Willen, Begnadigung! Vielleicht begna⸗ digt man mich. Man hole meinen Advokaten her; aber ſchnell, ſo ſchnell, als möglich! Schickt mich auf die Galeere, fünf Jahre, zehn Jahre, zwanzig Jahre, für immer,— nur laßt mir das Leben,— ach, laßt mir das geliebte, herrliche Leben! Glücklich, ſelig iſt der Galeerenſklave! Er geht um⸗ her, ſieht die Sonne, wärmt ſich und trinkt ihr Licht. Ach, auf die Galeere bringt mich! Gnade! Gnade! Das Leben iſt zu herrlich. 30. Der Prieſter iſt wieder da. Dieſer Mann mit weißen Haaren, mit mildem Ge⸗ ſicht und mit ehrwürdiger Haltung iſt vielleicht ein guter und barmherziger Menſch. Ich habe geſehen, wie er heute in der Frühe ſeine Börſe für die Gefangenen aufthat. Aber wie kommt es, daß der Ton ſeiner Stimme weder bewegt, noch bewegt iſt, daß er nichts ſagt, was den Geiſt erleuchten oder das Herz erwärmen könnte? Seine Worte laſſen kalt, ſcheinen alle unnütz und ſind wie der Regen, der an die Fenſter ſchlägt. — 932— Nichts deſto weniger hat mir ſein Ablick eben ſehr wohl gethan. Ich habe Durſt nach Worten des Troſtes, und dieſer Prieſter iſt doch ein Menſch. Darum thut mir ſein Anblick wohl. Wir haben uns niedergeſetzt, er auf den Stuhl, ich auf das Bett.—„Mein Sohn!“ hat er geſagt— und dieſes ſchöne Wort iſt tief in mein Herz eingedrungen—„mein Sohn, glaubſt du an Gott?“ „Ja, mein Vater!“ „Glaubſt du auch an die heilige römiſch⸗apoſtoliſche Kirche?“ „Gern, mein Vater!“ „Es ſcheint, mein Sohn, als ob du zweifelteſt.“ Darauf begann er zu reden, und redete lang; er ſprach viele Worte, und als er genug geſagt zu haben glaubte, ſchwieg er, ſtand auf und ſah mich an, indem er die kurze Frage an mich richtete:„Nun?“ Ich erhob mich und ſagte:„Mein Herr, laſſen Sie mich allein, ich bitte Sie darum.“ „Wann ſoll ich wieder kommen?“ „Ich werde es Ihnen ſagen laſſen.“ Ohne etwas zu erwiedern, entfernte er ſich und ſchüttelte den Kopf, als wollte er ſagen: Ein Gottloſer! Ein Gottloſer? Nein, das bin ich nicht, und ſo tief ich auch gefallen bin, ſo habe ich doch den Glauben an Gott nicht verloren. Aber was hat dieſer alte Mann mir — 914— ſagen können? Nichts tief Empfundenes, nichts tief Durchdachtes, nichts, was mir Thränen entlocken und mein Herz zum Glauben bringen könnte. Im Gegen⸗ theil vernahm ich nur allgemeine, auf Jeden anwend⸗ bare Redensarten, ohne Wahrheit für mich, ohne Be⸗ deutung für meine Lage; es waren ſalbungsreiche Worte, und nicht die einfache Sprache des Herzens; es war eine ſentimentale Predigt und theologiſche Logik, hin und wieder ein lateiniſcher Spruch aus einem Kirchenvater, aus dem heiligen Auguſtin oder Gregorius vielleicht. Der Mann kam mir vor, als ob er eine Lection herſage, die er ſchon zwanzigmal hergeſagt, oder als ob er ein Thema vorbringe, das er durch vieles Wiederholen auswendig gelernt hatte. Seine Stimme blieb ohne Accent, ſein Auge ohne Blick und ſeine Hand ohne Bewegung. und wie könnte es auch anders ſein? Er iſt im Gefängniß angeſtellt; es iſt ſein Amt, zu tröſten und zu erheben; er muß vom Troſte leben. Der Galeeren⸗ ſklave und der arme Sünder werden von ihm ermahnt und zur Beichte gelaſſen, das iſt ſein Beruf, er iſt alt geworden unter dem Tröſten von Menſchen, die zum Tode geführt wurden, und hat ſich an dasjenige gewöhnt, was Andere mit Schaudern erfüllt; ſeine Haare ſträu⸗ ben ſich nicht mehr empor und Galeere und Schaffot ſind Gemeinplätze für ihn; er hat ſein Haushaltungsbuch der armen Seelen, in welchem hier ein Strafling und — 95— vort ein zum Tode Verurtheilter verzeichnet iſt. Spät am Abend kommt man, um ihm zu ſagen, daß er mor⸗ gen einen zu tröſten hat, und er fragt, ob es ein Galee⸗ renſträfling oder ein zum Tode Verurtheilter ſei? da lieſt er ſeine Pagina und erſcheint zur beſtimmten Zeit. Auf dieſe Weiſe iſt er für die Verbrecher, die nach Tou⸗ lon oder nach dem Greveplatz gehen, etwas Gewöhn⸗ liches, ſo wie ſie es für ihn. O wenn man mir doch ſtatt ſeiner einen jungen Vikar oder einen alten Pfarrer vom nächſten Dorf hätte holen laſſen, wenn man ihn doch abgerufen hätte, als er eben am warmen Kamine ſitzt, in einem Buche lieſt und auf einen Gefangenen nicht vorbereitet iſt, wenn man ihm doch geſagt hätte, es ſoll ein Menſch zum Tode geführt werden und Ihr ſollt ihn tröſten! Ihr ſollt bei ihm ſtehen, wenn man ihm die Hände binden, wenn man ihm die Haare abſchneiden wird; Ihr ſollt mit ihm in den Karren ſteigen, um mit Eurem Kreuz den Henker zu verbergen; Ihr ſollt mit ihm in dem un⸗ bequemen Fuhrwerk bis nach dem Greveplatz die ſchwere Fahrt theilen und die blutgierige Volksmaſſe umher ſoll Euch nicht irre machen; Ihr ſollt ihm am Fuß des Schaffots liebevoll beiſtehen und ihn nicht eher verlaſſen, bis der Kopf vom Rumpfe geſchlagen ſein wird.— So ſoll man ſagen, und dieſen erſtaunten, durch das Uner⸗ wartete überraſchten Prieſter ſollte man zu mir führen. — 96— Ich würde an ſein Herz, und dann vor ihm auf die Kniee fallen, er würde weinen und ich mit ihm; er würde mit feuriger Zunge reden und ich würde getröſtet ſein; mein Herz würde in das ſeinige hinüberfließen; er würde meine Seele ergreifen und ich ſeinen Gott. Aber was bin ich für dieſen Pfarrer hier, und was iſt er für mich? Ein Individuum des unglücklichen Ge⸗ ſchlechtes, ein Schatten, wie er deren täglich ſieht, eine Ziffer mehr für das Buch der Hinrichtungen! Ich habe vielleicht Unrecht, daß ich ihn ſo zurück⸗ weiſe; er iſt doch ein guter, ich bin ein böſer Menſch. Ach, das iſt nicht meine Schuld; der Athem eines Ver⸗ urtheilten verdirbt und entwürdigt Alles. Man hat mir eben Speiſe gebracht und geglaubt, mein Körper müſſe hungrig ſein. Es ſind ausgewahlte Gerichte, ein Huhn, wie ich glaube, und noch andere Speiſen. Ich habe zu eſſen verſucht; aber beim erſten Biſſen iſt mir Alles aus der Hand gefallen; es ſchien mir bitter und übelriechend zu ſein! 31. Es iſt ein Mann mit dem Hut auf dem Kopf zu mir gekommen, der mich kaum angeſehen hat; er öffnete einen Maßſtab und fing an, die Mauerſteine von oben bis unten auszumeſſen; er ſagte mit lauter Stimme bald:„So iſt's,“ und bald wieder:„So iſt's nicht.“ Ich fragte den Gensdarmen, wer das ſei?—„Es ſcheint eine Art von Unter⸗Architekt, der im Gefängniß zu thun hat, zu ſein.“ Dagegen war dieſer in Bezug auf mich neugierig; er wechſelte einige Worte mit dem Schließer, heftete dann die Augen auf mich, ſchüttelte den Kopf und fuhr in ſeiner Arbeit fort. Nach geendigter Arbeit näherte er ſich mir und ſagte mit ſeiner ſcharfen Stimme:„Mein guter Freund, in ſechs Wochen wird es in dieſem Gefängniſſe beſſer aus⸗ ſehen.“— Seine Mienen aber ſchienen zu bedauern, daß ich davon keinen Genuß mehr haben würde. Er wollte wohl mit mir ſcherzen, wie man mit einer jungen Frau am Hochzeitabend ſchäckert. Der Gensdarme, ein alter Soldat, übernahm die Antwort, indem er bemerkte, daß man in einem Sterbe⸗ zimmer nicht ſo laut ſprechen dürfe. Der Architekt ging fort und ich blieb zurück, wie einer von den Steinen, die er ſo eben ausgemeſſen hatte. IV. 7 Auch etwas Lächerliches iſt mir noch begegnet. Man kam, um meinen guten Gensdarmen abzulöſen, und ich drückte ihm nicht einmal die Hand zum Abſchied. Durch einen andern wurde er erſetzt; durch einen Men⸗ ſchen mit eingedrückter Stirne, mit Ochſenaugen, mit einem dummen Geſichte, auf den ich kaum acht gab, in⸗ dem ich am Tiſch ſaß und der Thüre den Rücken zu⸗ wendete. Ich ſuchte einige Ruhe des Geiſtes wieder zu gewinnen. Einen leichten Schlag fühlte ich auf der Schulter, wendete mich um, und war mit dem neuen Gensdarmen allein. Er redete mich etwa auf folgende Weiſe an:„Ver⸗ urtheilter, habt Ihr ein gutes Herz?“ „Nein.“ Meine barſche Antwort ſchien ihn iere zu machen; indeſſen fuhr er zögernd fort:„Man iſt nicht boshaft um des Vergnügens Willen, es zu ſein.“ „Warum nicht?— Wenn Ihr mir weiter nichts zu ſagen habt, ſo ſchweigt oder kommt zur Sache.“ „ Verzeihung, Herr Verurtheilter! erlaubt mir nur zwei Worte. Ihr könntet hier das Glück eines armen Teufels machen, und da es Euch weiter nichts koſtet, warum ſolltet Ihr es nicht thun?“ — 99— Ich zuckte die Achſeln.„Kommt Ihr aus Charen⸗ ton? Wie kann ich das Glück eines Menſchen machen? Ihr habt ein ſonderbares Gefäß gewählt, um damit aus dem Brunnen Fortuna's zu ſchöpfen.“ Bei dieſen Worten nahm ſein Geſicht einen geheim⸗ nißvollen Ausdruck an, der zu ſeinem dummen Ausſehen wenig paßte, und er redete mit gedämpfter Stimme: „Ja, Verurtheilter, ja, mein Glück, mein ganzes Glück! Ich bin ein armer Gensdarme. Der Dienſt iſt ſchwer und der Sold gering; mein Pferd gehört mir und ruinirt mich. Da ſetze ich nun in die Lotterie, um zu contrebalanciren. Man muß doch etwas treiben. Wer gewinnen will, muß eine gute Numero wählen; ich ſuche und finde ſie nicht; ich ſetze auf 76 und kommt 77 her⸗ aus. Nur noch ein wenig Geduld, lieber Herr; ich bin eben zu Ende. Jetzt iſt die beſte Gelegenheit für mich da. Mir ſcheint es, daß Ihr heute abreiſ't, und ich weiß, daß Leute wie Ihr das Schickſal der Nummern im Voraus wiſſen. Verſprecht mir, morgen Abend zu kommen, und gebt mir drei Nummern, welche dann ge⸗ gewinnen werden. Kommt nur; ich fürchte mich vor Geſpenſtern nicht, und hier habt Ihr meine Adreſſe: Kaſerne Popincourt, Treppe A Nro. 26, ganz hinten auf dem Vorplatz. Ihr werdet mich doch leicht wieder erkennen? Wenn es Euch bequemer iſt, ſo könnt Ihr noch heute Abend kommen.“ 7* — 100— Ich würde dem Einfaltspinſel auf dieſes Geſchwätz gewiß nicht geantwortet haben, wenn nicht plötzlich ein Strahl von Hoffnung in meinem Geiſte aufgedämmert wäre. Wenn man ſich in einer ſo verzweiflungsvollen Lage befindet, wie jetzt die meinige iſt, ſo glaubt man, es ſei möglich, mit einem Haare eine Kette zu durch⸗ ſägen. Ich ſpielte daher, ſo gut es ſich ein Paar Stunden vor dem Tode noch thun läßt, den Komödianten und ſagte zu ihm:„Ja, mein Freund, ich will dich reich ma⸗ chen, reicher, als einen König; aber nur unter einer Bedingung.“ Weit riß er die Augen auf. „Sagt mir die Bedingung! ich will Alles thun, was Ihr verlangen werdet.“ „Anſtatt drei Nummern ſollſt du deren vier haben, und dagegen wollen wir die Kleider verwechſeln.“ „Iſt's weiter nichts?“ erwiederte er, indem er ſchon anfing, ſeine Uniform aufzuknöpfen. Ich hatte meinen Stuhl verlaſſen, ihn ſchärfer in's Auge gefaßt und mein Herz pochte lauter; ſchon ſah ich, wie vor dem Gensdarmen ſich alle Riegel öffneten: ſchon lag die offne Straße und die freie Welt vor und der Juſtizpalaſt hinter mir. Der Gensdarme mochte meine Abſicht errathen haben. Wie ich es auch anfing, es wollte mir nicht gelingen, — 101— und ſo ſchwand die letzte Hoffnung meines Lebens. Der Soldat meinte, ich müſſe erſt todt ſein, ehe ich ihm helfen könne. 33. Ich ſchloß die Augen, bedeckte ſie mit den Händen und ſuchte in der Vergangenheit die Gegenwart zu ver⸗ geſſen. Im Traum erſchienen mir jetzt die Erinnerungen meiner Kindheit und Jugend, mild, ſanft und lächelnd, wie blumenreiche Inſeln auftauchend aus den ſchwarzen Abgründen der Nachtgedanken meines Gehirnes. Ich träumte, wieder ein Kind zu ſein, ein heiterer und lachender Schulknabe, mit meinen Brüdern mich herumtummelnd, ſpielend und ſcherzend, unter der ſchönen Allee von wilden Kaſtanienbäumen, wo ich meine erſten Jahre verlebte, zwiſchen der engen Umzäumung des Gartens der frommen Schweſtern, der über das Val de Grace emporragt. 3 Vier Jahre ſpäter, ſo träumte ich fort, war ich noch ein Kind, aber ſchon träumeriſch und leidenſchaftlich; ein junges Mädchen kam in den einſamen Garten. Die kleine Spanierin mit ihren großen Augen, ihren langen Haaren, mit ihrem braunen Teint, mit ihren ro⸗ then Wangen und roſigen Lippen, die vierzehnjährige Andaluſierin Pepa. Ünſere Mütter erlaubten uns. mit einander im Gar⸗ ten herumzulaufen. Wir plauderten zuſammen, wir Kinder deſſelben Alters, aber nicht deſſelben Geſchlechtes. Wir liefen und wir rangen um die Wette; ich machte meiner Pepa den ſchönſten Apfel vom Baume ſtreitig; wir ſchlugen uns um ein Vogelneſt; ſie weinte und ich ſagte:„Dir iſt Recht geſchehen!“ worauf wir beide zu unſern Müttern gingen, um uns zu beklagen; die Mütter gaben uns beiden Unrecht und im Stillen auch wieder beiden Recht. Sie ſtützte ſich auf meinen Arm, und wir ſöhnten uns wieder aus; ich war gerührt und ſtolz darauf, ihr den Arm bieten zu dürfen. Leiſe mit einander plaudernd gingen wir ein andermal im Garten umher; ſie läßt ihr Schnupftuch fallen und ich hebe es auf; unſere Hände berühren ſich und zittern. Sie erzählt mir von den jungen Vögeln, von dem Stern, der da unten blinkt, von der glühenden Abendſonne dort hinter den Bäumen, von ihren Freundinnen in der Penſion, von ihren Kleidern und Bändern. Wir errö⸗ then, obgleich unſer Geſpräch ſo unſchuldig iſt. Aus dem Kinde iſt, kaum ein Jahr ſpäter, eine Jungfrau geworden. O wie ſchön war jener Sommerabend, der jetzt vor meinem Geiſte ſchwebt! Wir ſaßen unter dem Ka⸗ ſtanienbaume, ganz im Hintergrunde des Gartens; wir ſaßen lange ſchweigend neben einander, wie wir es oft zu thun pflegten, wenn wir allein beiſammen waren. Endlich unterbrach ſie dieſes Schweigen und rief:„Wir wollen um die Wette laufen!“ Noch ſteht ſie vor meinen Augen; ſie trug ein ſchwarzes Kleid und trauerte für ihre Großmutter. Ein kindlicher Gedanke ging ihr durch den Kopf; Pepa wurde wieder Pepita und ſagte:„Laß uns laufen!“ Schnell lief ſie vor mir her mit ihrer feinen und ſchlanken Taille, mit den ſchönen Füßen, welche die üp⸗ pigen Falten des Kleides bis gegen die Waden empor⸗ warfen; ich verfolgte die Fliehende; der Wind und die ſchnelle Bewegung ſchlugen ihr ſchwarzes Halstuch zurück und ich konnte den braunen und jugendlichen Nacken ſehen. Da war ich außer mir. Ich erreichte ſie ganz in der Nähe des verfallenen Kloſtergrabens, faßte ſie mit dem Recht eines Siegers am Gürtel und zog ſie auf eine Raſenbank nieder. Sie ließ es geſchehen, lachte und ſcherzte, ich aber war ernſthaft und ſah ihr durch die dunkeln Wimpern in die ſchwarzen Augenſterne tief hinein. 5 „Setze dich zu mir,“ ſprach ſie,„es iſt noch hell, und wir wollen etwas leſen. Haſt du ein Buch?“ Ich hatte das zweite Bändchen der Reiſen von Spallanzani bei mir, ſchlug es auf, rückte ihr näher und ſie lehnte ihre Schulter an die meinige; wir laſen beide für uns auf derſelben Seite. Wenn wir das Blatt umdrehen wollten, ſo mußte ſie immer auf mich warten. — 104— Mein Geiſt ging langſamer, als der ihrige, und wenn ich kaum angefangen zu leſen, ſo fragte ſie ſchon, ob ich fertig wäre. Unſere Köpfe, unſere Haare berührten ſich; eins fühlte den Athem des andern, und plötzlich lagen wir Mund an Mund.— Wir wollten weiter leſen, und ſchon brannten am Himmel die goldnen Sterne. „Ach, Mutter, Mutter!“ ſagte ſie, als wir zurückge⸗ kommen waren,„wenn du wüßteſt, wie viel wir herum⸗ gelaufen ſind!“ Ich ſchwieg, und meine Mutter ſprach:„Du ſagſt nichts und ſcheinſt traurig zu ſein.“— Ja, ich ſchwieg, aber im Herzen hatte ich ein Paradies, und dieſes Abends werde ich immer gedenken, mein ganzes Leben lang.— Mein ganzes Leben lang? 34. Es hat ſo eben geſchlagen, ich weiß aber nicht, wie viel; ich höre die Glockenſchläge nicht deutlich, und es klingt mir wie Orgelton; das ſind wohl meine letzten Gedanken, die ich klingen höre. In dieſem hehren Augenblick, wo ich mich an al⸗ ten Erinnerungen auferbaue, empfinde ich mit Schau⸗ dern mein Verbrechen und bin von tiefer Reue nieder⸗ gedrückt. Aber es iſt kein Raum in meiner Seele für — 105— die Reue; denn die ſchwarzen Todesgedanken füllen mich ganz aus, bis in alle Tiefen meines Geiſtes. Wenn ich an den Schlag des Henkerbeiles denke, der alle Fäden meines Daſeins durchſchneiden ſoll, ſo ſchaudere ich zuſammen über dies letzte und neueſte Er⸗ eigniß. Meine Kindheit und Jugend ſind ein ſchönes Gewebe aus Goldſtoff, aber mit blutigem Saume. Zwi⸗ ſchen dem Damals und dem Jetzt ſehe ich einen Blut⸗ ſtrom fließen von meinem Blute und dem eines Andern. Wenn man einſt meine Geſchichte leſen wird, ſo wird man nicht glauben wollen, daß auf ſo viele Jahre von Unſchuld und Glück ein Jahr des Verbrechens und Unglücks folgen konnte, das mit einer böſen That be⸗ ginnt und mit einer Todesſtrafe ſchließt; man wird meinen, dies Jahr gehöre nicht in meine Lebensge⸗ ſchichte. Wohl bin ich ein elender Menſch, und doch war ich nie ein böſer. O, in wenigen Stunden ſterben zu müſſen, und zu denken, daß ich heute vor einem Jahre noch frei war, noch ſchuldlos und unbefleckt, daß ich unter den Bäumen hinwandelte und daß die Herbſtblätter unter meinen Füßen rauſchten!— O ſtille, ſtille!— — 106— 35. In dieſem Augenblick iſt um mich her und ganz in meiner Nähe in den Häuſern, die den Palais und den Greveplatz umgeben, ein mannigfaches Treiben; Men⸗ ſchen gehen und kommen, plaudern und lachen, leſen die Journale und denken an ihre Arbeit; Kaufleute treiben Handel, junge Mädchen bereiten ihren Anzug für den Ball des heutigen Abends und Mütter ſpielen mit ihren Kindern. 36. Als ich noch ein Kind war, ſtieg ich eines Tages nach der großen Glocke von Notre⸗Dame empor. Mir ſchwindelte damals, nachdem ich die finſtere Wendeltreppe hinaufgeſtiegen und uͤber die ſchmale Galerie, welche die beiden Thürme verbindet, hingegangen war. Ich ſah nun Paris zu meinen Füßen tief unter mir liegen, als ich in den Käſich aus Mauerſteinen und Balkenwerk trat, wo die große Glocke mit dem Klöpfel hängt, der an tauſend Pfund wiegt. Zitternd ſchritt ich über die nicht ganz zuſammenge⸗ fügten Balßen hin, betrachte in geringer Entfernung die beim Pariſer Volk ſo berühmte Glocke und bemerkte ſchaudernd, daß das Schieferdach um den Glockenthurm — 105— mit meinen Füßen gleichlief. Auch ſah ich im Vogel⸗ perſpektive, wie die Menſchen auf dem Platz von Notre⸗ Dame ſich wie in einem Ameiſenhaufen bewegten. Mit einem Male ſchlug die ungeheure Glocke an; eine gewaltige Lufterſchütterung fühlte ich auf dem Thurme; die Bretter über den Balken zitterten und der Lärm hätte mich beinahe umgeworfen; ich ſchwankte ſchon; er⸗ ſchrocken legte ich mich auf den Boden und hielt mich mit beiden Armen feſt, lautlos und athemlos; mir klim⸗ pelte es entſetzlich in den Ohren; unter mir ſah ich in den Abgrund, wo die Menſchen ſicher und ungefährdet wandelten. Mir ſcheint es, als ſei ich auch heute wieder auf dem Glockenthurme; ich bin betäubt und außer mir. Es iſt mir, als ob Glockengeläute mein Gehirn er⸗ ſchütterte, und ich ſehe nicht mehr das klare und ruhige Leben um mich, welches ich verlaſſen habe, ſondern er⸗ blicke es nur wie durch die Spalten über jähe Tiefe. 37. Das Stadthaus(Hôtel de Ville) iſt ein unfreund⸗ liches Gebäude. Mit ſeinem ſcharfzulaufenden und ſpitzigen Dache, ſeiner ſeltſam geformten Kuppel, ſeinem großen weißen Zifferblatt, ſeinen unzähligen Fenſtern, ſeinen von Fuß⸗ tritten abgenützten Treppen, ſeinen beiden gewölbten — 108— Bogen zur Rechten und Linken ſteht es mit dem Greve⸗ platz auf derſelben Höhe, und der Zahn der Zeit hat es auf traurige Weiſe benagt. Es iſt ſo düſter, daß es ſelbſt im Sonnenſchein dieſen Charakter nicht verliert. Am Tage einer Hinrichtung ſpeien ſeine Thore Gensdarmen aus und ſeine Fenſter ſehen ernſt auf den Verurtheilten nieder. Abends ſtrahlt dann das Zifferblatt, deſſen Zeiger die verhängniß volle Stunde andeutete, in röthlichem Sonnenglanze über der düſtern Facade. 38. Es iſt ein Viertel auf zehn Uhr. Ich fühle ein heftiges Kopfweh, Kälte im Innern und eine glühende Stirne. Bei jeder Bewegung kommt es mir vor, als ob eine Flüſſigkeit in meinem Gehirn woge, die es an die Wände der Hirnſchale ſchleudere. Ich fahre krampfhaft zuſammen und von Zeit zu Zeit entfällt die Feder meiner Hand, wie durch einen galvaniſchen Schlag. Die Augen gehen mir über, als ob ich im Rauch ſäße. Die Ellenbogen thun mir weh. Noch zwei Stunden und fünfundvierzig Minuten, und ich werde geheilt ſein. 39. Sie ſagen, daß es nichts zu hedeuten habe, daß man keine Schmerzen leide, daß es ein ſanftes Ende, und daß der Tod auf dieſe Weiſe ſehr vereinfacht ſei. Iſt dieſe ſechswöchentliche Agonie und dieſes Röcheln des letzten Tages, dieſe Angſt des furchtbaren Tages, der ſo langſam und auch ſo ſchnell vergeht, dieſe Leiter von Qualen, die erſt am Schaffot endigt, iſt das nichts? Heißt das nicht leiden? Iſt es minder ſchrecklich, wenn ein Gedanke nach dem andern erlöſcht, als wenn das Blut Tropfen vor Tropfen erſtarrt? Wiſſen ſie ſo gewiß, daß man nicht leidet? Wer hat es ihnen geſagt? Weiß man ſich zu erinnern, daß irgend einmal ein blutiger Kopf ſich am Rande des Korbes aufgerichtet und zum Volke geſagt habe:„Es thut gar nicht weh!“ Sind die Todten wieder gekom⸗ men, um ihnen für die ſchöne Erfindung höflichſt zu dan⸗ ren und zu bemerken, daß die Maſchine ganz vortrefflich ſei? Oder haben ſie ſich einmal an die Stelle desjenigen gedacht, der hier ſeinen Kopf unter das blutgierige Meſſer legen muß? Glauben ſie, den Schmerz weg⸗ escamodiren zu können? — 110— 40. Es iſt ſonderbar, daß ich ſo oft an den Konig denke. Ich glaube immer eine Stimme zu vernehmen, die mir zuflüſtert. Es gibt zu derſelben Stunde in dieſer Stadt, nicht weit von hier, in einem andern Palaſte, einen Mann, der auch an allen ſeinen Thüren Garden ſtehen hat, einen Mann, der im ganzen Land nur einmal vorhanden iſt, gerade ſo wie du, nur mit dem einzigen Unterſchiede, daß er eben ſo hoch ſteht, als du niedrig. Jede Minute ſeines Lebens beſteht aus Größe, Ruhm, Entzücken und Berauſchung; Liebe und Verehrung umgeben ihn; die lauteſten Stimmen werden leiſe, wenn ſie mit ihm reden, und der Stolzeſte beugt das Haupt vor ihm; er hat nur Gold und Seide um ſich. Zu dieſer Stunde hält er vielleicht einen Miniſterrath, worin Alle ſeiner Meinung ſind, oder er denkt an die morgende Jagd, oder an das Feſt des heutigen Abends, und überläßt die Vorberei⸗ tung dazu den Andern. Dieſer Mann nun hat Fleiſch und Bein, wie du, und es wäre hinreichend, um dein Leben zu retten, wenn er mit dieſer Feder auf ein Stückchen Papier die wenigen Buchſtaben ſeines Namens ſchriebe, oder wenn nur ſeine Caroſſe deinem Karren begegnete, ſchnell würde alsdann das Blutgerüſte zuſam⸗ — 111— menſtürzen und Freiheit, Glück, Leben und Ehre, Alles ware dir wiedergegeben! Der König iſt vielleicht ein guter Menſch, und würde mich vielleicht auch relten wollen; aber weiß er auch etwas von mir? 41. Auf, Muth gefaßt! Ich will den ſchrecklichen Gedan⸗ ken mit beiden Händen ergreifen und ihm feſt in's Ge⸗ ſicht ſehen. Er ſoll mir Rechenſchaft ablegen und ſagen, was er iſt und was er von mir will; ich will ihn nach allen Seiten betrachten, will ſeine Räthſel unterſuchen und einen Blick aus dieſem Leben in's Grab werfen. Mir deucht es: Wenn meine Augen ſich ſchließen werden, dann werde ich eine große Klarheit und tiefe Abgründe voll Licht erblicken, in welchen mein Geiſt hinrollen wird. Der Himmel wird in ſeinem eigenen Glanze ſtrahlen, und die Geſtirne werden daran haͤngen, wie dunkle Flecken, wie ſchwarze Punkte an einem Goldſtoff. Aber ich Unglücklicher! könnte es nicht auch ein ſcheußlicher Abgrund ſein, deſſen Wände mit Finſterniß bedeckt wären und in den ich immer tiefer hinabſtürzte, gräßliche Geſtalten erblickend, die ſich in der Finſterniß bewegten? Oder könnte ich nicht auch auf irgend einem feuchten und ſchlüpfrigen Boden tief da unten wieder aufwachen, umherkriechend in der Finſterniß, und wie ein rollender Kopf mich um mich ſelbſt drehend? Könnte dort nicht ein heftiger Wind wehen, mich umherjagen und meinen Schädel gegen andere Schädel werfen? Könnten dort nicht Sümpfe von einer lauen, ſchwarzen und mir völlig unbekannten Flüſſigkeit ſein? Wenn ſich meine Augen aufwärts kehrten, ſo wurden ſie einen düſteren Himmel und Rauchſäulen erblicken, die noch finſterer ſind, als die Finſterniß; ſie würden durch die Nacht rothe Fünk⸗ chen flattern ſehen, die, in der Nähe betrachtet, feurige Vögel wären. So ginge es die ganze Ewigkeit hindurch. Auch könnten in düſteren Winternächten ſich die Geköpften auf dem Greveplatz, der ihnen angehört, verſammeln. Das wäre eine unblutige und bleiche Ver⸗ ſammlung, bei der auch ich nicht fehlen dürfte. Man wird leiſe ſprechen und den Mond am Himmel nicht ſehen; das Stadthaus wird daſtehen mit ſeiner wurm⸗ ſtichigen Facade, mit ſeinem ausgezackten Dach und mit ſeinem Zifferblatt, das für Keinen barmherzig geweſen iſt. Auf dem Platze wird eine Guillotine der Hölle ſte⸗ hen und ein Teufel wird einen Henkersknecht hinrichten, Morgens um 4 Uhr. Wir Andern aber werden uns neugierig um das Gerüſte drängen! Wahrſcheinlich wird es ſo ſein. Aber wenn die Todten wieder kommen, unter welcher Geſtalt werden ſie erſcheinen? Was wird ihnen von ihrem verſtümmelten — 113— Körper übrig bleiben? Wird der Kopf oder der Rumpf als Geſpenſt erſcheinen? Was wird der Tod mit unſerer Seele anfangen und welche Beſchaffenbeit ihr laſſen? Was wird er ihr geben, was nehmen, und wohin ſie verſetzen? Wird er ihr manchmal leibliche Augen geben, daß ſie nach der Erde zurückſchauen und weinen könne? Jetzt holt mir einen Prieſter! der wird das wiſſen. Auch gebt mir ein Kreuz, daß ich es küſſen könne! Mein Gott, wieder derſelbe! 42. Ich habe ihn gebeten, mich ſchlafen zu laſſen und habe mich dann auf das Bett gelegt; das Blut ſtürmte durch die Ader meines Kopfes und ich entſchlief zum letzten Schlafe für dieſes Leben. Da hatte ich einen Traum.— Es war Nacht, und ich befand mich— ſo kam es mir vor— mit einigen, ich weiß nicht, mit welchen meiner Freunde, in meinem Kabinet. Im daranſtoßenden Schlafzimmer lag meine Frau und neben ihr das Kind; beide ſchliefen. Wir ſprachen leiſe zuſammen, und was wir ſprachen, erſchreckte uns.— Plötzlich glaubte ich in einem der Zimmer meiner Wohnung ein Geräuſch zu vernehmen, welches meine Freunde auch hörten. Wir lauſchten, und es war, als IV. 8 — 114— ob man leiſe ein Schloß öffnete, oder als ob ein Riegel leiſe durchfeilt würde; dabei überlief es uns eiskalt und wir fürchteten uns. Wir dachten, es ſeien Räuber zur Nachtzeit in das Haus gedrungen und entſchloßen uns⸗ nachzuſehen; ich nahm die Wachskerze zur Hand und meine Freunde folgten, einer hinter dem andern.— Wir gingen durch das benachbarte Schlafzimmer, wo meine Frau mit dem Kinde ſchlief, und kamen dann in den kleinen Saal. Nichts zu ſehen! Die Portraits hingen unbeweglich in ihren vergoldeten Rahmen an den roethen Tapeten, aber die Thüre zum Speiſeſaal ſchien mir nicht in der gehörigen Verfaſſung. Wir traten hinein, ich zuerſt, und unterſuchten ihn. Die Fenſter und die Thüre nach der Treppe waren wohl verſchloſſen. Als ich in die Nähe des Ofens kam, be⸗ merkte ich, daß der Geräthſchrank offen ſtand und daß die Thüre deſſelben in die Wandecke gezogen war, um dieſe zu verbergen, was uns auf die Vermuthung brachte, es müſſe Jemand hinter der Thüre ſtehen. Ich wollte ſie wegziehen, aber ſie leiſtete Wider⸗ ſtand; ich zog ſtärker; ſie gab plötzlich nach und wir entdeckten ein kleines, altes Mütterchen mit herabhän⸗ genden Händen, mit geſchloſſenen Augen, unbeweglich aufrechtſtehend, und wie angenagelt in die Wandecke. Ihr Anblick hatte etwas Schauerliches!— Es ſah wunderlich aus, und noch ſträuben ſich mir die Haare, wenn ich daran denke. Ich fragte die Alte:„Was treibt Ihr hier?“ und ſie antwortete nicht. Ich fragte weiter:„Wer ſeid Ihr?“ und ſie ant⸗ wortete wieder nicht und regte ſich nicht. Meine Freunde meinten, es ſei ohne Zweifel die Mitſchuldige von denjenigen, welche in übler Abſicht her⸗ eingedrungen wären; ſie habe nicht entfliehen können und ſich hier verſteckt. Ich fragte ſie wieder, aber ſie blieb noch immer ohne Bewegung, ohne Sprache und ohne Blick. Einer von uns gab ihr einen Stoß und ſie fiel zur Erde nieder wie ein todter Körper, wie ein Stück Holz. Wir hoben ſie auf und lehnten ſie wieder an die Wand; noch immer gab ſie kein Lebenszeichen; man ſchrie ihr in's Ohr, und ſie blieb ſtumm. Endlich ver⸗ loren wir die Geduld und zu unſerm Schrecken geſellte ſich Zorn; einer ſagte zu mir:„Halte ihr die Wachs⸗ kerze unter das Kinn!“ Ich that es. Da öffnete ſie halb das eine Auge, aber es war hohl, matt und ohne Blick. Das Licht wegnehmend rief ich erzürnt:„Wirſt du endlich antworten, alte Hexe? Wer biſt du?“ Das Auge ſchloß ſich von ſelbſt wieder. „Das iſt aber zu ſtark,“ ſagten die Andern.„Noch einmal das Licht her! Wir wollen ſie ſchon zum Reden bringen.“ Ich hielt das Licht noch einmal unter ihr Kinn, 8* — 116— worauf ſie langſam beide Augen öffnete, uns anſah, einen nach dem andern, die Augen wieder ſchloß und das Licht ausblies; ihr Hauch war eiſigkalt. Ich fühlte jetzt, wie in der Dunkelheit drei ſcharfe Zähne in meine Hand biſſen. In kaltem Schweiß gebadet, wachte ich auf.— Der gute Beichtvater ſaß zu meinen Füßen und las Gebete. „Habe ich lange geſchlafen?“ fragte ich ihn. „Mein Sohn,“ ſagte er,„Ihr habt eine Stunde geſchlafen und Euer Kind wartet im nächſten Gemach auf Euch. Ich habe es nicht zugegeben, daß man Euch wecke.“ „Ach, meine Tochter!“ rief ich;„führt mir meine Tochter her!“ 6 43. Es iſt ein friſches, blühendes Kind mit großen und ſchönen Augen. Man hat ihr ein Kleidchen angezogen, das ihr gut ſteht. Ich habe ſie auf meine Arme ge⸗ nommen, auf meine Kniee geſetzt und ſie auf ihr ſchönes Haar geküßt. Warum iſt die Mutter des Kindes nicht mitgekommen? Die Mutter und die Großmutter ſind krank. Das iſt gut. Verwundert ſah das Kind mich an, ließ es ganz ruhig geſchehen, daß ich es küßte und drückte, und warf manchmal einen Blick auf die Wärterin, die in einer Ecke ſaß und weinte. Endlich konnte ich zu Wort kommen. — 117— „Marie!“ rief ich,„meine liebe Marie!“ Ich drückte ſie heftig an meine Bruſt und ſchluchzte. Sie ſtieß einen Schrei aus und ſagte:„Du thuſt mir weh, Mann!“ Mann! Seit einem Jahr hat das arme Kind mich nicht geſehen, und ſie hat mich ſchon ganz vergeſſen, bis auf den Ton meiner Stimme. Wer könnte mich aber auch unter dieſem Kleide, bei dieſem Bart und bei der Bläſſe meines Geſichtes erkennen? So bin ich alſo ſchon aus dem Andenken derjenigen ausgelöſcht, die mir ſo nahe ſteht? Und kann ſchon den Namen Vater nicht mehr vernehmen? Und doch hätte ich für die vierzig Jahre, die man mir nimmt, nichts gefordert, als nur noch einmal aus ihrem Munde dieſen Namen zu hören. „Höre, Marie, kennſt du mich nicht mehr?“ Sie ſah mich mit den ſchönen Augen an und ſagte: „Ach nein!“ »Sieh mich genan an! Weißt du nicht, daß ich dein— „Ja,“ hat ſie geſagt,„ein Herr!“ O wie iſt es ſo hart, auf der ganzen Welt nur noch ein einziges Weſen zu haben, daß man liebt, es vor ſich zu ſehen, es in ſeinen Armen zu halten und von ihm nicht erkannt zu werden, von ihm nur Troſt zu erwarten, und doch bei ihm keinen Troſt finden zu können! — 118— „Marie,“ habe ich gefragt,„haſt du einen Vater?“ „Ja, mein Herr!“ „Wo iſt er?“ Sie hob die Augen empor, als ob ſie nachſinnen wollte, und ſagte dann:„Er iſt todt, weißt du das nicht?“ Darauf that ſie einen heftigen Schrei; ich hätte ſie beinahe fallen laſſen. Ich fragte dann:„Weißt du auch, Marie, was das heißt, geſtorben ſein?“ „Ja; mein Vater liegt unter der Erde und iſt im Himmel. Ich bete jeden Morgen und jeden Abend auf dem Schooße meiner Mutter für ihn.“ „Marie, ſage mir dann einmal dein Gebet her.“ „Ich kann jetzt nicht beten. Man betet nur Abends, und wenn du heute Abend zu mir kommen willſt, ſo will ich dir mein Gebet ſagen.“ „Aber ich bin ja dein Vater.“ „Ah!“ ſagte ſie zu mir. Ich fügte hinzu:„Soll ich dein Vater ſein?“ Das Kind wendete ſich ab und meinte, ihr Vater ſei doch weit ſchöner geweſen. Ich bedeckte ſie wieder mit Thränen und mit Küſſen; ſie ſuchte ſich aus meinen Armen loszuwinden und ſagte:„Du thuſt mir weh!“ Ich nahm ſie wieder auf meine Kniee, ſah ſie mit unverwandtem Blicke an und fragte: ob ſie leſen könne. „Ja, ich kann gut leſen, die Mutter lehrte mich die Buchſtaben kennen.“ — 119— „So lies einmal!“ Sie hielt gerade ein zerknit⸗ tertes Papier in ihrer Hand. Da ſchüttelte ſie ihr ſchö⸗ nes Köpfchen und ſagte:„Ich bann nur Fabeln leſen.“ „Nun, lies einmal, verſuch's nur 1 Da entfaltete ſie das Stück Papier und buchſtabirte: „Ur theil, Ürtheil“.... Ich riß es ihr aus der Hand; denn ſie buchſtabirte an dem Todesurtheil ihres Vaters. Für einen Sous hatte es die Wärterin gekauft; aber mir war es theurer zu ſtehen gekommen. Ich finde keine Worte, um auszu⸗ drücken, was ich jetzt empfand. Meine Heftigkeit hatte das Kind erſchreckt und dem Weinen nahe gebracht; ſie verlangte ihr Papier zurück, um damit zu ſpielen. Ich bat die Wärterin, das Kind fortzuführen, und ſank verzweifelnd und ermattet auf einen Stuhl. Jetzt ſollten ſie kommen; nichts hält mich mehr feſt; die letzte Fiber meines Herzens iſt zerriſſen und jetzt bin ich für die Guillotine reif. 44. Der Prieſter und der Kerkermeiſter, das ſind gute Leute; und ich glaube, ſie haben eine Thräne geweint, als mein Kind fortgeführt wurde. Auch das iſt nun vorbei; die Zeit hat einen raſchen Fuß und ich muß jetzt an den Henker, an den Karren, an die Gensdarmen, an die Volksmaſſe auf der Brücke, — 120— auf dem Quai und an den Fenſtern denken, und an dasjenige, was auf dem Greveplatz meiner wartet, den man mit den Hirnſchädeln derjenigen pflaſtern könnte, welche auf ihm ſchon enthauptet worden ſind. Es bleibt mir kaum eine einzige Stunde, um mich an alles das zu gewöhnen. 45. All dies Volk wird lachen, in die Hände klatſchen, ſeinen Beifall kund geben, und unter dieſen freien, mit dem Kerkermeiſter noch nicht vertrauten Leuten, welche jetzt ſo neugierig ſich zum Schauſpiel einer Hinrichtung drängen, unter dieſen Köpfen, die den Platz überdecken, wer weiß, wie mancher unter ihnen beſtimmt iſt, mir in den blutigen Korb nachzufolgen. Mancher, der jetzt für mich hierher kommt, wird bald für ſich kommen müſſen. Für dieſe Menſchen gibt es auf dem Greveplatz einen verhängnißvollen Ort, einen Anziehungspunkt, eine Schlinge, um die ſie ſich herumdrehen, bis ſie ſelber hineingefallen ſind. 46. Meine kleine Marie! man bringt ſie wieder nach Hauſe. Aus dem Schlage des Miethwagens ſieht ſie über die Volksmaſſe hin und denkt ſchon nicht mehr an den Herrn. Vielleicht habe ich noch Zeit, einige Zeilen für ſie niederzuſchreiben, damit ſie in fünfzehn Jahren an mich denke und mir eine Thräne weine. Ja, ſie ſoll von mir meine Geſchichte erfahren und ſoll wiſſen, warum ich ihr einen blutbefleckten Namen hinterlaſſe. 47. Meine Geſchichte.*) *) Anmerkung des Herausgebers. Die Blätter, die an die vorhergehenden ſich anſchließen⸗ hat man noch nicht finden können. Vielleicht hatte der Verurtheilte keine Zeit mehr, ſie zu ſchreiben, wie dies aus dem Folgenden zu erhyellen ſcheint. Es war zu ſpät. 7 III. Aus einem Bimmer des Hotel de Ville. 48. Aus dem Hotel de Ville!— So bin ich endlich auch hier!— Die traurige Ueberfahrt iſt geſchehen. Vor mir liegt der Greveplatz, und es heult die Volks⸗ maſſe wie ein Hund, der nach Blut dürſtet.— Ich wollte mir Muth ſammeln; aber die Kraft fehlte, als ich über die Köpfe der Menge die zwei rothen Arme zwiſchen den Laternen auf dem Ouai ſich erheben ſah. Ich verlangte, eine letzte Willenserklärung machen zu dürfen, und man hat nach einem königlichen Proku⸗ rator geſchickt. Ich warte auf ihn, und dieſe Zeit iſt jedenfalls gewonnen. Es hat drei Uhr geſchlagen und man hat mir ge⸗ ſagt, daß es Zeit ſei. Ich zitterte, als ob ich ſeit ſechs Monaten, ſechs Wochen und ſechs Stunden nicht an alle dieſe Dinge ſchon gedacht und mich mit ihnen ver⸗ traut gemacht hatte, oder als ob mir das Alles ganz unerwartet wäre. 3 — 1²³3— Sie haben mich wieder über Treppen und Vorplätze geführt und in ein enges, dunkles, von einem regneriſchen und nebeligten Tage kaum erhelltes Gemach gebracht. In der Mitte war ein Stuhl, auf den ich mich ſetzen mußte. An den Thüren und den Wänden ſtanden meh⸗ rere Perſonen, außer dem Geiſtlichen und den Gens⸗ darmen; auch ſah ich noch drei andere Männer. Der erſte, alt und groß, mit einem rothen Geſichte, trug einen Ueberrock und einen dreieckigen Hut. Das war Er, der Henker, der Knecht der Guillotine. Die beiden anderen waren ſeine Knechte. Als ich mich nun niedergeſetzt hatte, da ſind die beiden Knechte hinter mich geſchlichen wie Katzen; da habe ich ein kaltes Eiſen und eine Scheere auf meinem Kopf gefühlt und die Haare ſind mir auf die Schultern gefallen. Der Mann mit dem dreieckigen Hut hat ſie mit ſeiner breiten Hand weggeſtrichen. Man ſprach mit leiſer Stimme im Gemach; aber draußen wogte ein dumpfes Geräuſch durch die Luft, deſſen Tonwellen an mein Ohr ſchlugen. Zuerſt hielt ich es für das Murmeln der Seine, aber dann vernahm ich grelles Gelächter dazwiſchen, und dachte an den Strom der Menſchenmaſſe. Ein junger Mann, der mit Bleiſtift in eine Brief⸗ taſche ſchrieb, fragte, was man hier mache? Worauf ihm geantwortet wurde:„Man nennt das die Tollette — 124— des Verurtheilten.“— Ich dachte dabei, daß man es wohl morgen in den Zeitungen leſen würde. Jetzt zog mir einer der Knechte die Weſte aus und der andere ergriff meine herabhängenden Hände, legte ſie auf meinem Rücken zuſammen, und ich fühlte, wie ſie geknebelt wurden; der andere entledigte mich der Halsbinde und meines Hemdes von Batiſt, des einzigen Lumpens, der mir noch aus früherer Zeit übrig geblieben war; er zögerte einen Augenblick und fing dann an, den Kragen abzuſchneiden. Bei dieſen entſetzlichen Vorbereitungen, und als der Stahl meinen Hals berührte, fuhr ich ſchaudernd zu⸗ ſammen und ſtieß ein halberſticktes Brüllen aus. Die Hand des Executors zitterte.„Verzeihen Sie, mein Herr,“ ſagte er höflich,„habe ich Ihnen wehe gethan?“ — Was doch die Henker für gefühlvolle Menſchen ſind! Lauter heulte draußen die Menſchenmaſſe. Der dicke Mann mit dem rothen Geſicht bot mir ein mit Eſſig getränktes Taſchentuch zum Riechen an, wofür ich ihm mit der Bemerkung dankte, daß ich mich ganz wohl befände. Darauf wurden mir mit einer feinen und ſchlaffen Schnur die Füße ſo gebunden, daß ich nur noch kleine Schritte machen konnte. Dieſe Schnur wurde mit der⸗ jenigen meiner Hände zuſammengeknüpft. Der dicke Mann warf mir dann ein Wams über und band die —. 125— Aermel deſſelben unter meinem Kinne zuſammen. Jetzt waren ſie fertig. 5 Nun kam der Prieſter mit ſeinem Kruzifir und ſagte:„Wohlan, mein Sohn!“ Die Knechte faßten mich unter den Armen, ich ging vorwärts und fühlte mich ſehr ſchwach auf den Füßen. In dieſem Augenblick öffneten ſich die äußern Flügel⸗ thüren. Ein wüthendes Geſchrei, die kalte Luft und das helle Tageslicht drangen zu mir herein in die Dun⸗ kelheit. Aus der Tiefe des finſtern Gemaches ſah ich durch trüben Regen das tauſendköpfige Ungeheuer der rohen Volksmaſſe, welches heulend an's Treppengeländer ſich geklammert hatte; zur Rechten, in gleicher Höhe mit der Thürſchwelle, eine Reihe von Gensdarmen⸗ Pferden, von welchen ich nur die Füße und die Bruſt⸗ riemen ſehen konnte; vor mir ſtand ein Detaſchement Soldaten in Schlachtordnung; links ſah ich das Hinter⸗ theil eines Karrens, an den eine Leiter gelehnt war. Welch ein häßliches, welch ein abſcheuliches Gemälde, in den ſchwarzen Rahmen einer Gefängnißthüre gefaßt! Für dieſen furchtbaren Augenblick hatte ich allen Muth aufgeſpart. Noch drei Schritte,— und ich ſtand auf der Schwelle des Gemaches. „Da iſt er! da iſt er!“ ſchrie das Volk,„er kommt endlich heraus.“ Die Zunächſtſtehenden ſchlugen in die Hände und hätten keine größere Freude haben können, wenn ihr geliebter König erſchienen wäre. — 126— Ich ſah einen ganz gewöhnlichen Karren mit einem ſchwindſüchtigen Gaul und mit einem Knecht in blauem rothdurchwirkten Kittel, wie ſie die Gärtner in der Nähe von Bicétre tragen. Der dicke Mann mit dem dreieckigen Hut ſtieg zuerſt hinauf, und die Kinder auf dem Geländer ſchrieen ihm zu:„Guten Tag, Herr Samſon!“ Dann kam ein Knecht, und die Kinder ſchrieen wieder:„Bravo, Herr Dienſtag!“ Beide nahmen auf dem vorderen Bänkchen Platz. Mit feſtem Tritte ſtieg ich jetzt auf den Wagen und hörte, wie eine Frau ſagte:„Er ſchreitet feſt!“ Wirklich glößte dieſer Lobſpruch mir einigen Muth ein. Der Prieſter nahm wieder ſeinen Platz neben mir. Ich ſaß auf dem hinteren Bänkchen und kehrte dem Pferd den Rücken zu; von allen Seiten war ich von Gensdarmen umringt und von Menſchen aller Art. Der Platz glich einem Meer von Köpfen. Endlich ſetzte ſich der Karren und ſeine ganze Begleitung in Bewegung; das Geheul der Maſſe folgte, ihn gleichſam foriſtoßend. In dem Augen⸗ blicke, als der Karren gegen den Pont au Change ein⸗ lenkte, erhob ſich ein Geſchrei auf dem Platze von der Straße bis zu den Dächern hinauf und von den Brücken und Quais wurde ſo laut geantwortet, daß die Erde er⸗ bebte. Ein Menſchenſchwarm, welcher hier gewartet hatte, ſchloß ſich abermals dem Zuge an. „Hut ab, Hut ab!“ ſchrieen tauſend Stimmen. Wie für den König! Ich ſelbſt lachte gräßlich und ſagte zum Geiſtlichen:„Sie die Hüte, ich den Kopf!“ Im Schritt ging der Zug weiter. Es war gerade ein Markttag und der ganze Quai duftete von Blumen; die Blumenmädchen liefen herbei, um mich zu ſehen. Gerade gegenüber, etwas vor dem viereckigen Thurme, welcher die Ecke des Palais bildet, ſind einige Kneipen, deren Halbgeſchoß mit Zuſchauern angefüllt war, die ſich über ihren ſchönen Platz nicht wenig freuten; beſonders gilt dies von den Weibern. Die Kneivenwirthe werden heute einen guten Tag machen. Man miethet ſich Tiſche, Stühle, Gerüſte und Kar⸗ ren, und alles bricht unter der Laſt von Zuſchauern bei⸗ nahe zuſammen; es ſchreien die Verkäufer von Menſchen⸗ blut:„Wer will noch einen Platz kaufen?“ Kauft euch den meinigen, ihr Mitſchuldige des Henkers!— hätte ich dieſem elenden Volke zurufen mögen, gegen welches ich einen heftigen Ingrimm fühlte. Der Karren fuhr weiter voran. Als wir auf den Pont au Change fuhren, ſah ich zufällig nach der rechten Seite hinter mich, und mein Blick fiel auf einen ſchwarzen, iſolirt ſtehenden und mit Skulp⸗ tur verzierten Thurm auf dem andern Quai, hoch über die Häuſer ragend. Nahe an der Thurmſpitze ſah ich das Profil von zwei Ungeheuern aus Steinen. Ich fragte den Prieſter, was das für ein Thurm ſei, und der Henker antwortete: St. Jaques la Boucherie(das Schlachthaus zum heiligen Jakob). — 12²28— Obgleich ein ſtarker Nebel ſiel und ein feiner und dichter Regen, der wie ein Spinnennetz ſich ausnahm, ſo entging mir doch nichts von meinen Umgebungen, und jede neue Anſchauung brachte mir neue Qual. Mitten auf der Brücke wandelte mich plötzlich Entſetzen an und ich wäre beinahe in Ohnmacht gefallen. Darauf ſuchte ich mich ſelbſt zu betäuben und meine Sinne für jeden Eindruck zu verſchließen; ich hörte kaum noch die Gebete, welche der Prieſter murmelte, ergriff aber das Kreuz, küßte es und rief:„O Gott, erbarme dich meiner!“ In dieſen Gedanken ſuchte ich mich zu vertiefen. Unterdeſſen hatte der Regen meine wenigen Kleider durchnäßt und ich fror.„Du zitterſt vor Kälte, mein Sohn,“ ſagte der Prieſter.—„Ja, ich zittere, aber nicht allein vor Kälte.“— Wir erreichten den Quai. Tauſend Blicke waren auf mich gerichtet und lagen auf mir wie eine ungeheure Laſt; ich konnte ſie nicht länger ertragen; die Blicke erdrückten mich. O Gott, mein Gott! Ich wankte auf meinem Bänkchen und achtete auch auf den Prieſter nicht mehr; es rauſchte mir vor den Ohren und dröhnte wie das Echo in einem kupfer⸗ nen Keſſel. Dazwiſchen las ich einmal ganz maſchinen⸗ mäßig die Aufſchrift über einem Kaufladen. Einmal wandelte mich ſogar noch das Verlangen an, mich umzuwenden und zu ſehen, wohin ich fuhr; dies war die letzte Anſtrengung meines Geiſtes, aber der Körper war zu ſchwach und mein Nacken blieb wie — 129— gelähmt. Zur Linken ſah ich den einen Thurm von Notre⸗Dame, welcher, von dieſer Seite aus betrachtet, den andern verdeckt. Der Wagen fuhr und fuhr, die Häuſer gingen langſam vorüber, die Aushängſchilder folgten nach einander, die Volksmaſſe tobte, lachte und watete durch den Schmutz, und ich ließ mich gehen, wie einer, der eben entſchlummern will. Jetzt erreichten wir die Ecke eines freien Platzes; die Stimme der Menſchen bekam einen weitern Spiel⸗ raum und ſchien mir freudiger zu werden; der Karren hielt plötzlich inne und ich wäre beinahe von meiner Bank gefallen, wenn der Prieſter mich nicht gehalten und mir Muth zugeſprochen hätte. Dann war er mir behülflich, von dem Wagen herabzuſteigen; ich that einen Schritt, wollte mich dann umdrehen und vermochte es nicht. Zwiſchen den beiden Laternen auf dem Quai hatte ich etwas Unheimliches geſehen. Ach, das war kein Traum! Ich blieb ſtehen, als ſei ich ſchon vom Beil getroffen. „Ich habe eine letzte Willenserklarung zu machen,“ rief ich mit ſchwacher Stimme. Man brachte mich hierher. Ich verlangte, daß man mich meinen letzten Willen nie⸗ derſchreiben laſſen ſollte; ſie banden mir die Hände los, und die Schnur liegt vor mir. 49. Ein Richter, ein Kommiſſär und eine Magiſtrats⸗ perſon ſind ſo eben gekommen. Ich habe mit gefalteten Händen und auf den Knieen um Gnade gefleht und er hat mich mit einem Unheil verkündenden Lächeln ge⸗ fragt: ob ich ihm weiter nichts zu ſagen hätte.„Gnade, Gnade! nur noch fünf Minuten, um Gotteswillen! viel⸗ leicht kommt meine Begnadigung noch. Es iſt erſchreck⸗ lich, in meinem Alter ſo ſterben zu müſſen. Man hat ja oft im letzten Augenblick einen Unglücklichen noch frei⸗ geſprochen, und wen ſollte man begnadigen, wenn nicht mich?“— Aber der entſetzliche Henkersknecht iſt dazwi⸗ ſchen getreten und hat geſagt: daß die Stunde gekom⸗ men ſei und daß die Hinrichtung keinen Aufſchub mehr leide, daß es dazu noch regne und die Maſchine roſtig werden würde.—„Nur noch eine Minute wartet, oder ich wehre mich und ich bziße! Meine Begnadigung kann noch kommen.“— Der Richter und der Henker ſind bei Seite getreten und ich bin nun mit den Gensdarmen allein.—„O das abſcheuliche Volk, dieſe heulende und dlutdürſtige Hyäne! Ja, ich werde gerettet werden! man wird, man muß mich begnadigen! O die Elenden! Ich höre, wie ſie die Leiter heraufſteigen.“— Es iſt 4 Uhr!—— — 6 unddreißig Jahre, I. Im Jahre 1781 entſpann ſich in Frankreich, im Schooße einer Familie eine ernſte Debatte zwiſchen ei⸗ nem Vater und einem Oheim. Es handelte ſich um ei⸗ nen Taugenichts, mit dem die Familie nichts anzufan⸗ gen wußte. Es war ein Menſch, der zwar die erſte glühende Phaſe der Jugend ſchon hinter ſich hatte, aber dennoch ganz und gar den Tollheiten des leidenſchaftli⸗ chen Alters fröhnte, von Schulden belaſtet und loſen Streichen ergeben, ſich von ſeiner Gattin getrennt hatte, um die eines Andern zu entführen, und dafür verur⸗ theilt worden war, in effigie geköpft zu werden. Er entfloh aus Frankreich, erſchien aber ſpäter wieder dort, wie er ſagte, gebeſſert und bereuend, und verlangte, nach überſtandener Kontumaz in der Familie aufgenom⸗ men zu werden und ſeine Frau wieder zu erhalten. Der Vater wünſchte dieſe Vereinigung, da er Enkel haben wollte, um ſeinen Namen fortzupflanzen und die Hoffnung hegte, als Großrater glücklicher denn als Va⸗ ter zu ſein. Aber der verlorene Sohn hatte ſeine drei⸗ und mußte ganz umgeformt werden. — 134— Eine ſchwierige Erziehung. Hatte er ſeinen Platz in der Geſellſchaft einmal wieder eingenommen, welchen Händen ſollte man ihn überantworten? Wer wäre da⸗ rauf eingegangen, den Rückgrat dieſes Charakters wie⸗ der grade zu machen? Und deßhalb entſtand der Zwiſt unter den Verwandten. Der Vater wollte ihn dem Oheim geben, dieſer ihn dem Vater laſſen. „Nimm ihn,“ ſprach der Vater. „Ich will ihn nicht,“ erwiederte der Oheim. „So bedenke doch nur,“ verſetzte jener,„daß der Menſch gar nichts iſt, ſo eigentlich ganz und gar nichts. Er beſitzt Geſchmack, iſt ein Windbeutel, gibt ſich ein Anſehen, hat Anſtand, loderndes Feuer, Kühnheit, Suade, und ſelbſt Würde dann und wann. Er iſt we⸗ der hart noch böſe im Befehlen. Und trotz alles deſſen überläßt er ſich ganz dem Vergeſſen des vorigen Tages, der Sorgloſigkeit für den kommenden, dem Eindrucke des Augenblicks. Er iſt ein junger Papagai, ein unge⸗ zogener Menſch, der weder das Mögliche noch das Un⸗ mögliche kennt, weder das Unbehagliche noch das Be⸗ queme, weder Luſt noch Leid, weder Arbeit noch Ruhe, der gleich Alles aufzugeben bereit iſt, wenn er Wider⸗ ſtand findet. Dennoch dächt' ich, daß man ein nützliches Werkzeug aus ihm machen könnte, wenn man ihn bei der Eitelkeit zu packen wüßte. Dir entkommt er ſicher nicht. Meine Morgenermahnungen werden ihm nicht geſchenkt und er begreift meine gut unterſtützte Moral und meine ſtets ſo lebendigen Lehren, weil ſie auf ei⸗ nem guten Grunde fußen, nemlich: daß man zwar niemals natürliche Anlagen aufzuheben im Stande ſei, wohl aber durch den Verſtand eine ſchwache Seite ver⸗ bergen, und jede Annäherung an dieſelbe verhindern könne.“ „Alſo gedenkſt du wirklich,“ erwiederte der Oheim, „aus bloßer Liebe zu einer Nachkommenſchaft, ein Knäb⸗ lein von dreiunddreißig Jahren zu zügeln. Das iſt wahrlich eine wüthende Sucht, einen Charakter glätten und ründen zu wollen, der einem Igel gleicht, lauter Stacheln und nur ſehr wenig Körper.“ Der Vater beſtand aber demungeachtet darauf.„Habe doch Mitleid mit deinem Neffen, dem Sturmwind! Er bekennt ja gern ſeine Verirrungen, denn bereitwilliger als er iſt Niemand auf der Welt dazu; aber es iſt un⸗ möglich mehr Leichtſinn und Geiſt zu beſitzen. Er iſt ein Blitz in der Arbeit und ein Expedirer. Er muß nur nothwendigerweiſe beaufſichtigt werden. Das fühlt er auch. Und daher ſollſt du dich ſeiner annehmen. Er weiß, daß du mir ſtets Steuermann und Kompaß warſt, und das kannſt du ihm auch werden. Er ſetzt ſeinen Stolz auf ſeinen Oheim. Ich übergebe ihn dir als ein ſeltenes Stück für die Zukunft. Du beſitzeſt das nöthige Blei, das ſeinem Queckſilber gebricht. Wenn du ihn aber halten wirſt, ſo überlaß ihn nie ſich ſelbſt. Und wenn er Wunder thäte, ſo halt' ihn immer und ziehe — 136— ihn beim Ermel; der arme Kerl hat's nöthig. Wiltſt du ihm Vater ſein, ſo wird er dich gewiß zufrieden ſtellen; biſt du ihm blos Oheim, ſo iſt er verloren. Liebe ihn, ich bitte dich darum.“— „Nein,“ ſprach der Oheim,„ich weiß zu gut, daß Leute ſeines Schlages die beſten Worte zu geben wiſſen; war er doch ſonſt, wie er noch um mich war, wie ein ſanftes Mädchen, wenn ich nur die Stirne kraus zog. Aber ich mag ihn nicht. Ich bin ſchon zu alt und finde keinen Geſchmack daran, mit der Unmöglichkeit mich herumzuſchlagen.“ „Mein Bruder,“ nahm der bittende Greis wieder das Wort,„wenn dieſe entartete Natur jemals wie⸗ der in's Geleiſe zu bringen wäre, ſo kann es nur durch dich geſchehen. Da er gewiß umzuformen iſt, ſo kann ich ihm keinen beſſern Meiſter wählen. Nimm ihn, ſei ihm gut und beſtändig, du wirſt ſein Retter werden, und aus ihm dein Meiſterſtück bilden. Mag er es doch wiſſen, daß ſich hinter dieſen langen, ſchroffen und kalten Zügen der beſte Menſch verbirgt, der jemals lebte! Ein Menſch, wie ein Engel! Sondire ſein Herz, richte ſein Haupt in die Höhe. Tu es omnis spes et fortuna nostri nominis!“ „Nichts da,“ rief jener.„Doch nicht etwa deßhalb, weil er nach meiner Anſicht in ſeinem Falle ein ſo gro⸗ ßes Verbrechen begangen hätte. Da ſollte gar kein Auf⸗ hebens davon gemacht werden. Eine junge, hübſche „— 137— Frau läuft einem jungen Menſchen von ſechsundzwanzig Jahren nach. Wo lebte wohl der junge Menſch, der das nicht aufhäbe, was er von dieſer Art auf ſeinem Wege findet? Aber er hat ein unruhiges, hochmüthiges, ruhmredigis und widerſpenſtiges Gemüth! ein böſes und laſterhaftes Temperament! Was ſoll ich mit ihm? Er thut ſein Beſtes, um dir zu gefallen. Gut! Ich weiß, daß er vielverſprechend iſt, daß er dir die aufgehende Sonne ſcheint. Um deſto eher will ich mich nicht von ihm zum Narren halten laſſen. Die Jugend hat ohne⸗ dies ſtets recht gegen das Alter.“ „So dachteſt du nicht immer,“ ſagte der Vater be⸗ trübt.„Es gab eine Zeit, wo du mir ſchriebſt: Der Junge öffnet mir das Herz.“ „Ja,“ bemerkte der Oheim,„und wo du mir ant⸗ worteteſt: Trau ihm nicht, hüte dich wohl vor ſeinen glatten Worten.“ „Aber was willſt du denn nun, daß ich mit ihm anfange?“ rief der auf's Aeußerſte gebrachte Vater. „Du biſt zu vernünftig, um nicht einzuſehen, daß man ſich einen Sohn, nicht wie einen Arm abſchneiden laſ⸗ ſen kann. Wäre dies der Fall, ſo ſäheſt du mich längſt einarmig umhergehen. Uebrigens hat man aus zehntau⸗ ſend ſchwächern und tollern, dennoch Race zu ziehen gewußt. Und, Bruder, nun haben wir ihn einmal, wie wir ihn haben. Sieh mich an, wenn ich dich nicht hätte, ſo wäre ich nur ein armer, niedergebeugter Greis. — 138— Und ſo lange wir noch vorhalten, müſſen wir ihm beiſtehen.“ Aber der Onkel, ein eigenſinniger Mann, ſchnitt am Ende jede Hoffnung ab, mit dieſen graden Worten: „Und ich will ihn einmal nicht! Es iſt eine Thorheit aus dieſem Menſchen noch etwas machen zu wollen. Man ſollte ihn, wie ſeine gute Frau ſelbſt ſagt, zu den „Inſurgenten ſchicken, damit er ſeinen Kopf los werde. Du biſt gut, aber dein Junge iſt böſe. Jetzt hat dich nun einmal die Sucht nach einer Nachkommenſchaft er⸗ griffen, denke aber nur daran, daß Cyrus und Marc⸗ Aurel glückliche Leute geweſen wären, wenn ſie weder Cambyſes noch Commodus gehabt hätten!“..... Scheint es uns nicht, indem wir dieſes leſen, als wohnten wir einer jener ſchönen Scenen der höhern bürgerlichen Komödie bei, wo Molieres Ernſt ſich faſt bis zur Größe eines Corneille ſchwingt? Gibt es wohl im Moliere etwas Frappanteres in Styl und Manier und dabei Menſchlicheres und Wahreres zugleich, als dieſe beiden impoſanten Greiſe, welche das ſiebenzehnte Jahrhundert im achtzehnten vergeſſen zu haben ſcheint, gleich zwei Reſten einer beſſern Geſittung? Sehen wir ſie nicht hereinſchreiten, beſorgt und ernſt, wie ſie ſich auf ihre langen Stöcke ſtützen und durch ihren Anzug eher an Ludwig den vierzehnten, als an Ludwig den fünfzehnten erinnern? ja, an Ludwig den dreizehnten eher, als an Ludwig den vierzehnten? Iſt die Sprache, — 1839— die wir vernehmen, nicht die Sprache Molieres oder St. Simons? Dieſer Vater und dieſer Oheim ſind die ewigen Typen der Komödie, es ſind die zwei Organe, wodurch ſie zankt, lehrt oder moraliſirt, mitten unter ſo vielen andern, die nichts thun, als lachen. Es ſind der Marquis und der Commandeur, Geronte und Ariſt, die Gutmüthigkeit und die Klugheit, das bewunderns⸗ werthe Duett, worauf Moliere immer zurückkommt. Loncle. Ou voulez-vous courir? Le Pore. Las! que sais-je! L'oncle. Il me semble Que l'on doit commencer par consulter ensemb le Les choses qu'on peut faire en cet événement*). 2*) Der Oheim. Wohin nur eilen Sie? Der Vater. Weiß ich es ſelbſt!... Der Oheim. Nir ſcheint Es wäre an der Zeit, wir dächten nun vereint Mit Ernſt darüber nach, was man beginnen ſollte. — 140— Die Scene iſt vollſtändig; nichts fehlt, ſelbſt nicht „der Spitzbube von Neffe.“ Das eigentlich merkwürdige an dem vorliegenden Falle beſteht jedoch darin, daß die hier mitgetheilte Scene ein wirkliches Factum iſt; und daß der Dialog zwiſchen Vater und Oheim wörtlich in einem Briefwechſel ſtatt gefunden, und zwar in Briefen, die das Publikum in dieſem Augenblicke leſen kann; daß ferner der Gegenſtand jener erſten Konteſtation, ohne daß die beiden Greiſe ſelbſt eine Ahnung davon hatten, einer der größten Menſchen unſerer Geſchichte geweſen; und daß endlich„der Marquis und der Kom⸗ mandeur“ der Komödie, hier ein wirklicher Marquis, ein wirklicher Kommandeur waren. Der Eine hieß Victor von Riquetti, Marquis von Mirabeau, der An⸗ dere Jean Antoine von Mirabeau, Bailli des Malteſer Ordens. Der„Spitzbube von Neffe“ aber war nie⸗ mand anders als Gonore Gabriel von Riquetti, der 1781 von ſeiner ganzen Familie nur„der Sturmwind“ benannt wurde, und den die Welt jetzt„Mirabeau“ nennt. Alſo ein verlorner Menſch, eine entartete Natur, ein Subject, aus dem ſich nichts machen läßt, ein Kopf, den man zu den Inſurgenten ſchicken muß, um ihn los zu werden, ein Verbrecher, den das Gericht verurtheilt hatte, eine Geiſel endlich, das war Mirabeau 1781 fur ſeine Familie.— —— Zehn Jahre ſpäter, den erſten April des — 141— Jahres 1791, füllte eine ungeheure Menſchenmengerdie Zugänge eines Hauſes der Chauſſee d'Antin. Dieſe Menge war ſtumm, düſter, beſtürzt, ja tief betrübt ſo⸗ gar. In dem Hauſe lag ein Mann im letzten Kampfe. Das Volk hatte Straße, Hof, Treppe und Vor⸗ zimmer überfluthet. Viele waren bereits ſeit drei Ta⸗ gen dort. Man ſprach nur leiſe, man wagte nicht zu athmen, man befragte mit Angſt die, welche kamen und gingen. Dieſe Menge war dieſem Manne, was eine Mutter ihrem Kinde. Die Aerzte gaben keine Hoffnung mehr. Von Zeit zu Zeit wurden Bulletins ausgeſtreut, die ſich Tauſende aus den Händen riſſen, und man ver⸗ nahm das Schluchzen der Frauen. Ein Jüngling außer ſich vor Schmerz, erbot ſich mit lauter Stimme, ſich die Arterie zu öffnen, um ſein reiches und geſundes Blut in die verdorrten Venen des Sterbenden hineinſtrömen zu laſſen. Alle, ſelbſt die Einſichtsloſeſten, ſchienen von dem Gedanken ergriffen, daß es nicht ein einziger Menſch, ſondern daß es vielleicht ein ganzes Volk ſei, was in dem Augenblicke verſcheide. Nur eine einzige Frage durchlief die Stadt. Und dieſer Mann ſtarb. Einige Minuten ſpäter, nachdem der Arzt, der zu Häupten des Bettes ſtand, geſagt hatte: er iſt todt, erhob ſich der Präſident der Nationalverſammlung von ſeinem Sitze und wiederholte: er iſt todt. So ſchnell — 142— war dieſer verhängnißvolle Ausſpruch in ganz Paris verbreitet. Einer der erſten Redner der Verſammlung, Bar⸗ rere de Vieuzac, ſtand weinend auf und ſprach folgen⸗ des, das reicher an Thränen, als an Worten war:„Ich verlange, daß die Verſammlung im heutigen Sitzungs⸗ protokolle von der gerechten Trauer Kunde gebe, welche der Tod dieſes großen Mannes einflößt; und daß im Namen des Vaterlandes eine Einladung an alle Mit⸗ glieder der Nationalverſammlung ergehe, ſeinem Be⸗ gräbniſſe beizuwohnen.“ Ein Prieſter von der rechten Seite bemerkte:„Ge⸗ ſtern, mitten unter ſeinen Schmerzen, ließ er den Herrn Biſchof von Autun rufen, um ihm eine Arbeit einzu⸗ händigen, die er ſo eben über die Erbfolge beendigt hatte. Er forderte von ihm, als letzten Freundſchafts⸗ dienſt, ſie in der Verſammlung vorzuleſen. Dies iſt eine heilige Pflicht. Der Herr Biſchof ſoll hiemit die Obliegenheit eines Teſtamentsvoliſtreckers des großen Mannes erfüllen, den wir Alle beweinen.“ Tronchet, der Präſident, ſchlug eine Deputation zum Leichenbegängniſſe vor. Die Verſammlung ant⸗ wortete hierauf: Wir Alle gehen mit! Die Sectionen von Paris beſtanden darauf, daß er begraben werde„auf dem Bundesfelde, unter dem Altare des Vaterlandes.“ Das Directorium des Departements ſchlug vor, ihm — 143— zum Grabe zu geben:„die neue Sanct Genovefakirche,“ und zu decretiren, daß„dieſes Gebäude zukünftig be⸗ ſtimmt ſein ſollte, die Aſche großer Männer aufzu⸗ bewahren.“ Bei dieſer Gelegenheit ſprach Herr Paſtoret, Ge⸗ neralprokurator und Syndicus der Gemeine:„Die Thra⸗ nen, welche wir bei dem Verluſte großer Männer ver⸗ gießen, ſollen nicht unbefruchtend bleiben. Einige Völ⸗ ker des Alterthums bewahrten in beſondern Denkmälern die Reſte ihrer Prieſter und ihrer Helden. Dieſe Art von Kultus, welche jene der Frömmigkeit und dem Muthe darbrachten, wollen wir heute der Liebe zum Glücke und zur Freiheit der Menſchen darbringen. Der Tempel der Religion werde ein Tempel des Vaterlan⸗ des; und das Grab eines großen Mannes werde ein Altar der Freiheit!“ Die Verſammlung rief Beifall. Barnave ſprach:„Er hat in der That die Ehren verdient, welche die Nation großen Männern zuerken⸗ nen ſoll, die ihr gut gedient haben.“ Robespierre, das heißt der Neid, ſtand auch auf und ſagte:„Nicht in dieſem Augenblicke, wo man überall die Klagen vernimmt, welche der Verluſt dieſes illuſtern Mannes erregt, der in ſehr kritiſchen Epochen ſo viel Muth gegen den Despolismus entwickelte, darf man ſich Dem widerſetzen, daß ihm ehrende Auszeichnungen zu Theil würden. Ich unterſtütze den Vorſchlag mit — 144— 2 meiner ganzen Macht, oder vielmehr mit meinem gan⸗ zen Gefühle.“ An jenem Tage gab es keine linke und keine rechte Seite in der Verſammlung, die einſtimmig folgendes Decret erließ: „Das neue Gebäude der Sanct Genovefakirche ſoll „beſtimmt ſein, die Aſche großer Männer aufzunehmen. „Ueber dem Fronton werden die Worte eingegraben: „Aux grands hommes „La Patrie reconnaissante*). „Der geſetzgebende Körper entſcheidet allein, wem dieſe Ehre zuerkannt werden ſoll.“ 1 „Honore Riquetti Mirabeau iſt für würdig er⸗ klärt, dieſe Ehre zu empfangen.“ Und der Mann, der ſo eben geſtorben war, hieß Honore von Mirabeau. Der große Mann von 1791, war der verlorne Menſch von 1781. Andern Tages gab das Volk ſeiner Leiche ein Ge⸗ folge von einer Stunde in der Länge, bei dem jedoch ſein Vater fehlte, der ſeitdem geſtorben war, wie es einem alten Edelmanne ſeiner Sorte ziemte, nemlich am 13. Juli 1789, am Vorabende des Falles der Baſtille. *) Den großen Männern, das dankbare Vaterland. — 145— Nicht ohne Abſicht brachten wir die beiden Daten 1781 und 1791 einander näher, die Memoiren und die Geſchichte, Mirabeau vor und Mirabeau nach, Mira⸗ beau von ſeiner Familie und Mirabeau von ſeinem Volke gerichtet. In dieſem Contraſte findet man einen unerſchöpflichen Quell für die Meditation. Wie konnte innerhalb zehn Jahre, aus dieſem Plagegeiſt ſeiner Fa⸗ milie, der Gott ſeiner Nation werden? Eine tiefſin⸗ nige Frage!— I. Man glaube jedoch nicht, daß in demſelben Mo⸗ mente, da dieſer Mann aus dem Kreiſe ſeiner Familie trat, um ſich dem Volke zu zeigen, er auch ſogleich die⸗ ſem für einen Gott gegolten hätte. Die Dinge kommen niemals ſo von ſich ſelbſt. Wo das Genie ſich erhebt, regt ſich der Neid. Und daher wurde auch bis zu ſeiner Todesſtunde Niemand vollkommener und hartnäckiger in jedem Sinne verläugnet, als eben Mirabeau. Wie er als Deputirter von Aix bei den General⸗ ſtaaten erſchien, erregte er freilich keine Eiferſucht. Er war damals ohne Namen und ſogar übel berüchtigt, daher bekümmerte ſich Niemand von gutem Rufe um ihn; er war häßlich und plump gebaut, daher erregte er das Mitleid vornehmer Herren von gutem Ausſehen. Wie ſein Adel unter dem einfach ſchwarzen Kleide, ſo verſchwanden ſeine Züge unter unzähligen Blatternarben. Wem wäre es wohl eingefallen, eines ſolchen Abenteu⸗ rers wegen eiferſüchtig zu werden, der von den Ge⸗ richten verfolgt, von häßlichem Ausſehen, und gänzlich zu Grunde gerichtet war, und welchen die guten Leut⸗ — 147— chen in Aix, in einem fieberhaften Anfalle zu den Ge⸗ neralſtaaten beordert hatten, wahrſcheinlich ohne irgend eine Abſicht und ohne zu wiſſen, weßhalb? Dieſer Mann, wahrhaftig! zählte für nichts. Der erſte beſte war ſchön, reich und bedeutend neben ihm. Er verletzte beine Eitelkeit und trat keiner Anmaßung hinderlich in den Weg. Es war eine unbedeutende Ziffer, welche 1 die wetteifernden Partheien kaum in ihrer Rechnung wahrnahmen. Nach und nach aber, wie der Abend für alles Be⸗ ſtehende und Veraltete hereinbrach, verdichtete ſich der Schatten rings um die Monarchie in ſolchem Grade, daß der trübe Glanz, welcher den Revolutionsmenſchen eigen iſt, den Augen bemerkbarer wurde. Mirabeau begann nunmehr zu ſtrahlen. Da flog der Neid auf ihn zu, wie der Nachtvogel zum Lichte. Und von dieſem Augenblicke an bemächtigte ſich der Neid ſeines Namens und ließ ihn nicht mehr. Vor Allem beſtritt er, bis zu Mirabeaus letztem Hauche, ſo ſeltſam dies auch erſcheinen mag, den wohlverdienten Ruhm dieſes Namens bei der Nachwelt: ſein Redner⸗ genie; der Neid läugnete es ihm unter den Augen weg, ohne ihm noch andere Kränkungen zu erſparen. Dies iſt der Weg, den der Neid ſtets zu gehen pflegt. Es iſt immer die ſchönſte Fagade des Gebäudes, wohin er ſeine Steinwürfe richtet. In dieſem Falle war übrigens der Neid von unläugbar guten Gründen unterſtützt. — 148— Probitas, der Redner ſoll tadellos ſein; Herr v. Mirabeau iſt von allen Seiten dem Tadel blosgeſtellt. Praestantio, der Redner ſoll Schönheit beſitzen; Herr v. Mirabeau iſt häßlich. Vox amoena, der Redner ſoll eine angenehme Stimme haben; des Herrn v. Mirabeau's Stimme iſt hart, trocken, kreiſchend, donnernd zwar, aber nicht zum Sprechen geeignet. Subrisus audientium, der Redner ſoll von ſeiner Zuhörerſchaft willkommen geheißen werden: Herr v. Mirabeau iſt von der Verſammlung gehaßt u. ſ. w. Daher entſchieden Viele, mit ſelbſtzufriedener Miene: Herr von Mirabeau iſt kein Redner. Jedoch alle dieſe Gründe bewieſen nur Eines: daß nemlich die Mirabeau's von keinem Cicero vorausge⸗ ſehen werden. Denn er war kein Redner nach der Einſicht ſolcher Leute; er war es nach ſeiner eigenen, nach ſeiner Na⸗ tur, ſeiner Organiſation, ſeiner Seele, ſeinem Leben. Er war Redner, weil man ihn haßte, wie Cicero einer war, weil man ihn liebte. Er war Redner, weil er häßlich war, wie Hortenſius, weil er ſchön war. Er war es endlich noch dadurch, weil er viel gelitten und gefehlt hatte, weil er in jungen Jahren, wo alle Oeff⸗ nungen des Herzens ſich erſchließen, zurück geſtoßen worden war, und verhöhnt, erniedrigt, verrufen, ver⸗ jagt, beraubt, verbannt, eingekerkert und verurtheilt; — 149— weil, gleich dem Volke von 1789, deſſen vollſtändigſtes Symbol er war, er weit über die Jahre hinaus, für unmündig und unter Vormundſchaft gehalten wurde; weil das Vaterthum hart für ihn geweſen war, wie das Königthum für das Volk; weil er, gleich dem Volke, eine ſchlechte Erziehung genoſſen; und weil dieſe, für ihn wie für das Volk, ein Laſter auf jede Tugendwur⸗ zel gepfropft hatte. Er ward ein Redner, Dank ſei es den weiten Pforten, welche die Erſchütterung von 1789 geöffnet, weil durch ſie ſein kochendes Innere ſich in die Geſellſchaft ergießen konnte, das ſo lange in ſeiner Familie comprimirt worden war; weil er heftig, pol⸗ ternd, grob, laſterhaft, cyniſch, ſublim, weitläuftig und unzuſammenhangend erſchien, mehr durch den In⸗ ſtinkt, als durch Gedanken geleitet, die Füße beſchmutzt, den Kopf ſtrahlend, in ſeinem ganzen Weſen jener heißen Zeit ähnlich ſah, worin er glänzte, und worin jeder vorüberſchwindelnde Tag durch ſein Wort an der Stirne bezeichnet wurde. Und ſo hätte er jenen Dummköpfen, die ſo wenig ihre Zeit verſtanden, daß ſie ihn fragen konnten:„ob er ſich ernſtlich für einen Redner halte?“ antworten können:„fragt die redende Monarchie, fragt die begin⸗ nende Revolution!“ Es iſt ſchwer zu glauben, obgleich es vollkommen wahr iſt, daß im Jahr 1790 viele Leute, und darunter zärtlich beſorgte Freunde, Mirabeau riethen: die Tri⸗ — 150— bune, in ſeinem eigenen Intereſſe, zu verlaſſen, weil er doch nie einen vollkommenen Sieg erringen würde— oder mindeſtens, ſeltener dort zu erſcheinen. Es liegen darüber Briefe vor uns.— Eben ſo ſchwer iſt es zu begreifen, daß in jenen denkwürdigen Sitzungen, wo er die Verſammlung rüttelte, gleich Waſſer in einer Flaſche, wo er ſo machtvoll in ſeiner Hand alle klangvollen Ideen des Augenblicks durcheinan⸗ derwarf, wo er ſo geſchickt ſeine perſönliche Leidenſchaft mit der Leidenſchaft Aller zu ſchmelzen und zu verquicken wußte, daß, während er ſprach, und bevor er ſprach. und nachdem er geſprochen hatte, der Beifall immer mit Geſchrei, Lachen und Pfeifen untermiſcht wurde. Erbärmliches Geſchrei, das der Ruhm nunmehr verwiſcht hat!— Die Journale und Pamphlete jener Zeit ſind nichts als Beleidigungen, rohe Ausbrüche und Gewaltthätigkeiten gegen das Genie dieſes Mannes. Alles wirft man ihm bei allen Gelegenheiten vor. Was aber immer wiederkehrt, einer wahren Sucht zu vergleichen, iſt: ſeine harte undrauhe Stimme und ſeine ſtets donnernde Rede. Was ſoll man nun hierauf erwiedern? Er beſaß eine rauhe Stimme, weil die Zeit der ſanften Stim⸗ men wahrſcheinlich vorüber war; ſeine Rede iſt don⸗ nernd, weil die Begebenheiten ihrerſeits ſie donnernd begleiteten, und weil es das Eigene großer Männer iſt, mit großen CEreigniſſen gleich hoch emporzuragen. — 151— Dies aber iſt eine Taktik, welche von jeher gegen das Genie befolgt wurde; nicht nur die Männer der Monarchie, ſondern ſelbſt die von ſeiner Parthei,(denn Niemand verſteht beſſer zu haſſen, als die eigene Par⸗ thei) waren darin ſtillſchweigend übereingekommen, ihm beſtändig einen andern Redner entgegenzuſtellen und vorzuziehen, welchen der Neid ſehr geſchickt erwählt hatte, weil er denſelben politiſchen Sympathien diente, und dies war Barnave. 3 6 So wird es immer ſein. Es geſchieht oftmals, daß in einer beſtimmten Epoche, dieſelbe Idee auf verſchie⸗ denen Standpunkten zugleich repräſentirt wird, durch ein Genie und durch ein Talent. Eine ſolche Stel⸗ lung iſt ein glücklicher Wurf für das Talent. Der un⸗ beſtrittene Succeß des Augenblicks wird ihm zu Theil*). Eiferſucht und Haß gehen gerade auf den Stärkern los. Die Mittelmäßigkeit ſähe ſich durch den Mann von Ta⸗ lent gewiß ſehr beläſtigt, wenn das Genie nicht vorhan⸗ den waͤre; ſo aber unterſtützt ſie den Mann von Talent, weil das Genie vorhanden iſt, und bedient ſich des Er⸗ ſtern gegen den Meiſter. Sie ſpiegelt ſich die trügende Hoffnung vor, das Genie zu ſtürzen, und in dieſem Falle(der übrigens nie eintreten kann) meint ſie mit dem Talente leichtes Spiel zu gewinnen; in dieſer Er⸗ *) Jedoch entſcheidet dieſer Succeß nichts, und iſt nur vorübergehend.. — 152— wartung ſtuͤtzt ſie es immer und hebt es, ſo hoch ſie es im Stande iſt. Die Mittelmäßigkeit iſt für den, der ihr im Wege ſteht, unbedeutend, für den, der ihr gleicht, aber wichtig. Daher iſt in ſolcher Lage, Alles was dem Genie feind⸗ lich iſt, dem Talente wohlwollend geſinnt. Die Ver⸗ gleichung, welche das Letztere vernichten müßte, dient dazu, es zu erhöhen. Von allen Steinen, welche Hacke und Karſt, Ver⸗ läumdung und Diatribe und Kränkung, der Baſis des großen Mannes entreißen, wird ein Piedeſtal dem ſe⸗ condären Menſchen errichtet. Was von dem Einen in Trümmer fällt, baut ſich für den Andern auf. So ge⸗ ſchah es um das Jahr 1790, als man Barnave erbaute, mit Allem was man an Mirabeau zertrümmerte. Rivarol ſagte: Herr Mirabeau iſt mehr Schrift⸗ ſteller, Herr Barnave mehr Redner.— Peleetier ſagte: der Barnave Ja, der Mirabeau Nein.— Die denkwürdige Sitzung vom 13., ſchrieb Cham⸗ fort, hat mehr als Alles, die ſchon längſt erwieſene Präeminenz Barnaves gegen Mirabeau, als Redner, gezeigt.— Mirabeau iſt todt, murmelte Target, indem er Barnave die Hand drückte, ſeine Rede über die Pro⸗ mulgationsformel hat ihn todt gemacht.— Barnave, Sie haben Mirabeau begraben, fügte Duport hinzu, von einem Lächeln Lameths unterſtützt, der ſich zu Du⸗ port verhielt, wie dieſer zu Barnave, als Diminutiv.— — 153— Herr Barnave macht Vergnügen, ſagte Goupil, Herr Mirabeau erregt Pein. Der Graf von Mirabeau hat Blitze, ſprach Camus, er wird aber nie eine Rede ma⸗ chen können, ſelbſt nicht einmal wiſſen, was dieſes heißt. Man ſpreche mir hingegen von Barnave!— Herr Mi⸗ rabeau mag immerhin ſich abmühen und ſchwitzen, ſagte Robespierre, er wird dennoch niemals Barnave errei⸗ chen, der nicht ſo viel ſcheinen will, als er, aber dafür mehr gilt*). Alle dieſe armſeligen, kleinen ÜUngerechtigkeiten kratzten Mirabeau wund, und er litt davon mitten in ſeiner Macht und ſeinen Triumphen. Nadelſtiche für den Keulenſchwinger!— Und hätte nun der Haß, von der Nothwendigkeit durchdrungen, ihm einen Gegner zu ſtellen, keinen Mann von Talent bei der Hand gehabt, ſo würde er nach einem mittelmäßigen Menſchen gegriffen haben. Der Haß fragt nie nach dem Werthe des Stoffs, wo⸗ raus er ſeine Fahne macht. Mairet wurde Corneille vorgezogen, Pradon Racine, und es ſind noch nicht hundert Jahre, als Voltaire ausrief: On m'ose préférer Crebillon le barbare**)! *) Im Franzöſiſchen: et qui vaut plus, wobei V. Hugo bemerkt, Robespierre hätte ſagen müſſen: et qui vaut davantage. Jenes ſei fehlerhaft. **) Man wagt es mir Crebillon den Barbaren porzuziehen. ———— — 154— 1808 ſchrieb Geoffroy, der anerkannteſte Kritiker in Eu⸗ ropa: Herr Lafon iſt weit über Herrn Talma. Welch trefflicher Inſtinkt der Koterien!— 1798 zog man Mo⸗ reau Bonaparten vor und 1815 Wellington dem Na⸗ poleon. Wir wiederholen es, weil uns die Sache ſeltſam er⸗ ſcheint, daß Mirabeau dieſe Miſere ſeines Zornes wür⸗ digte. Der Vergleich mit Barnave ärgerte ihn. Hätte er in die Zukunft geblickt, er würde gelächelt haben; allein dies iſt der Fehlgriff politiſcher Redner, vor Allem nur Männer der Gegenwart ſein zu wollen, ihr Auge zu ſehr auf die Zeitgenoſſen zu richten und nicht ſi et genug auf die Nachwelt hin zu blicken. Barnave und Mirabeau bildeten übrigens den voll⸗ kommenſten Gegenſatz. Wenn Einer von ihnen ſich in der Verſammlung erhob, ſo wurde Barnave ſtets mit Lächeln, Mirabeau mit Sturm empfangen. Barnave gehörte die Ovation des Moments, der Triumph der Viertelſtunde, der Beifall Aller, ſelbſt der rechten Seite. Mirabeau hatte für ſich den Kampf und das Gewitter. Barnave war ein ziemlich ſchöner junger Mann und ein ſehr ſchöner Redner. Mirabeau war, wie Rivarol geiſt⸗ reich bemerkte, ein monſtröſer Schwätzer. Barnave war einer von denen, die jeden Morgen ihrem Auditorium das Maaß nehmen; die ihrem Publikum den Puls füh⸗ len; die ſich nie über die Möglichkeit hinauswagen, ap⸗ plaudirt zu werden; die dem Beifalle ſtets ehrfurchtsvoll den Pantoffel küſſen; die auf die Tribune ſteigen, manch⸗ mal mit der Idee von heute, öfter mit der Idee von geſtern, niemals mit der Idee von morgen, aus Furcht, es könne ſich irgend etwas zutragen; die eine gut nivel⸗ lirte Beredtſamkeit beſitzen, recht eben und fließend, wor⸗ auf mit wenig Geräuſch alle Gemeinplätze der Zeit mit ihrer bunten Bagage hin und wieder fahren und circuliren; die aus Furcht, daß ihre Gedanken dennoch zu wenig von dem Dunſtkreiſe aller Welt durchdrungen ſein möchten, immerwährend ihre Meinung auf die Straße hinaushängen, wie ein Thermometer vor das Fenſter. 3 Mirabeau war im Gegentheil der Mann der neuen Idee, der plötzlichen Erleuchtung, der gewagten Propo⸗ ſition; ſtürmiſch, wild, unklug, ſtets und überall uner⸗ wartet, abſtoßend, verletzend, umſtürzend, ſich ſelbſt nur gehorchend; der zwar auch den Beifall erſtreben wollte, doch erſt nach vielen andern Dingen, und der es vor⸗ zog, von ſeiner Leidenſchaft im Innerſten ſeines Herzens applaudirt zu werden, als von dem verſammelten Volke; dabei lärmend, unruhig, reißend, tief, ſelten klar, niemals zu durchwaten, und in ſeinem Wellenſchaume alle Ideen ſeiner Epoche wild durcheinander fortwälzend, die oft⸗ mals im Zuſammenſtoßen mit den ſeinigen arg zerſchellt wurden. Die Beredtſamkeit Barnave's neben der Beredtſam⸗ — 156— keit Mirabeau's war eine Landſtraße, an deren Seite ein Sturzbach toſ'te. Jetzt, wo der Name Mirabeau ſo groß und an⸗ erkannt iſt, wird es doppelt ſchwer, ſich die ausſchwei⸗ fende Art vorzuſtellen, womit er von ſeinen Kollegen und Zeitgenoſſen behandelt wurde. Ein Herr von Guillermy ſchrie beſtändig, während Her ſprach:„Herr Mirabeau iſt ein Böſewicht, ein Meu⸗ chelmörder!“ Die Herren Ambly und von Lautrec ſchrieen eben ſo laut:„Dieſer Mirabeau iſt ein großer Lump!“ Hierauf wies ihm Herr von Foucault die Fauſt und Viriau ſprach:„Herr Mirabeau, Sie beſchimpfen uns!“ Schwieg der Haß, ſo nahm die Verachtung das Wort. „Dieſer kleine Mirabeau!“ ſagte Herr von Caſtellanet von der rechten Seite. „Dieſer übermäßige Thor!“ ſagte Lapoule von der Linken. Und wenn er geendet hatte, brummte Robespierre zwiſchen den Zähnen:„Das taugt Alles nichts!“ Manchmal ließ dieſer Haß des größten Theils ſeiner Zuhörer in ſeiner Beredtſamkeit eine Spur zurück. So finden ſich zum Beiſpiel in ſeiner prachtvollen Rede „sur la Régence“ Worte, die ſeinen verachtenden Lip⸗ pen entſchlüpften, melancholiſche Worte, dabei einfach, — 157— reſignirt und dennoch ſtolz, die jeder Mann, in ähnlicher Lage, beherzigen ſollte: „Während ich ſprach und meine erſten Ideen ent⸗ wickelte, vernahm ich mit jener liebenswürdigen Zweifel⸗ loſigkeit, die mich ſchon lange gekirrt hat: Das iſt abgeſchmackt! Das iſt ausgelaſſen! Das iſt gar nicht vorzuſchlagen! Man ſollte jedoch vorerſt nachdenken.“— So ſprach er am 25. März 1791, ſieben Tage vor ſeinem Tode. Außer der Verſammlung zerfleiſchte ihn die Preſſe mit einer ſeltenen Wuth. Es fiel ein Gußregen von Pamphlets auf dieſen Mann. Die entſchiedenſten Gegner ſtellten ihn an denſelben Pranger. Der Name Mirabeau wurde mit demſelben Ausdrucke in der Kaſerne der Garde du Corps, wie im Klubb der Cordelier ausge⸗ ſprochen. Champeenetz ſagte:„Dieſer Menſch hat die Blattern in der Seele.“ Lambesc ſchlug vor, ihn auf⸗ heben und auf die Galeere bringen zu laſſen. Marat ſchrieb:„Bürger, baut achthundert Galgen und hängt daran alle dieſe Verräther, aber an ihrer Spitze den ſchändlichen Riquetti den ältern!“ Und Mirabeau wollte nicht, daß die Nationalver⸗ ſammlung Marat verfolge, und begnügte ſich, darauf zu erwiedern:„Mir ſcheint, daß man Extravaganzen pub⸗ licire. Dies iſt ein Paragraph, den ein Betrunkener verfaßt hat.“ — 158— Nach dieſem Allen war alſo bis zum erſten April 1791 Mirabeau ein Lump ¹), ein übermäßiger Thor), ein Böſewicht und Meuchelmörder ²), ein Narr ¹²), ein mittelmäßiger Menſch ⁵), ein Redner zweiter Ordnung), ein monſtröſer Schwätzer ²), der öfter ausgeziſcht, aus⸗ gepfiffen und verhöhnt wurde, als applaudirt s). Lambesc ſchlägt für ihn die Galeere, Marat den Galgen vor.— —— Er ſtirbt den 2. April und am 3. wird für ihn das Pantheon erſonnen. Große Männer, wollt ihr morgen ſchon Recht ha⸗ ben, ſo ſterbet heute. ¹) Ambly und Lautrec. ²) Lapoule. ¹³) Guillermy. 4), ³), ⁶) Journale und Pamphlets. ²) Rivarol. ³) Pelletier.. III. Ader das Volk, welches ſtets einen wunderbar rich⸗ tigen Blick zeigt, welches nicht haßt, weil es ſtark iſt, nicht beneidet, weil es groß iſt, das Volk, welches Män⸗ ner zu erkennen weiß, ſo ſehr es ſelbſt noch Kind iſt, — das Volk war für Mirabeau. Mirabeau war für das Volk von 89, ſo wie das Volk von 89 für Mirabeau war. Es gibt für den Denker kein ſchöneres Schauſpiel, als die kräftige Umarmung des Genies und der Maſſe. So ſehr man auch bemüht war, Mirkabeaues Einfluß wegzuläugnen, ſo ungeheuer war er demungeachtet. Nur immer Er hatte Recht, nach Aller Meinung, wenn ſein Wort in der Verſammlung durch das Volk geſiegt hatte, denn er beherrſchte die curuliſchen Sitze nur durch die Tribunen. Was Mirabeau in beſtimmten Worten aus⸗ gedrückt hatte, das wiederholte das Volk in Beifalls⸗ rufen, und dieſes Letztere diktirte der Geſetzgebung, die es oft mit unterdrücktem Grolle niederſchrieb. Alle Li⸗ dellen, Pamphlete, Verläumdungen, Schimpfen, Unter⸗ brechungen, Drohen, Toben, Gelächter, Pfeifen— das — 160— waren Kieſel in den Strom ſeiner Rede geworfen, die für Augenblicke ihn zum Schäumen brachten. Und ſonſt nichts. Wenn den hohen Redner ein plötzlicher Gedanke ergriff, und er die Bühne beſtieg; wenn dieſer Mann ſeinem Volke gegenüber ſtand; wenn man ihn auf den Köpfen der neidiſchen Verſammlung einherſchreiten ſah, wie der Gottmenſch auf dem Meere, ohne daß ihn die Wellen verſchlangen; wenn ſein ſardoniſcher und leuch⸗ tender Blick von ſeiner Bühne auf die damaligen Men⸗ ſchen und die Ideen jener Zeit ſich ſenkte, gleich als wollte er die Kleinheit der Menſchen mit der Größe der Ideen meſſen— dann ward er weder beſchimpft, ver⸗ ſpottet, noch verläumdet; was ſeine Feinde auch unter⸗ nehmen mochten, was ſie auch ſchon gegen ihn aufge⸗ häuft hatten, der Hauch ſeines zum erſten Worte geöff⸗ neten Mundes ſtürzte alle dieſe Anſtalten um. Stand dieſer Menſch auf der Rednerbühne in dem Amte ſeines Genies, ſo wurde ſein Geſicht leuchtend und aller fremder Glanz verſchwand vor ihm. So ward Mirabeau 1791 eben ſo ſehr gehaßt, als geliebt; als Genie von den Weltleuten gehaßt, als Menſch von dem Volke geliebt. Es war eine erhabene und wün⸗ ſchenswerthe Stellung, ſo wie er, über alle einer ſchö⸗ nern Zukunft geöffneten Herzen gebieten zu können; ſo wie er, durch zauberhafte Worte und eine Art von ge⸗ heimnißvoller Alchemie den vagen Inſtinkt der Maſſen in Gedanken, Syſteme, räſonnirenden Willen und — 161— geregelte Verbeſſerungs⸗Plane zu verwandeln; den Geiſt ſeiner Zeit mit den Ideen ſeiner weiten Intell⸗ genz zu nähren, die er dem Haufen als Futter vor⸗ ſtreuete; und unaufhörlich auf der Tribune, die Men⸗ ſchen und Dinge des Jahrhunderts zu geißeln, wie Ge⸗ traide in der Tenne, um das Strohfutter für die Re⸗ publik von dem Korne zu ſichten, welches die Revolution befruchten ſollte; der zu gleicher Zeit Ludwig XVI. und Robespierre ſchlafloſe Nächte verurſachte; Ludwig, deſſen Thron er angriff, Robespierre, deſſen Guillotine er an⸗ greifen konnte; der ſich jeden Morgen beim Erwachen fragen durfte:„Welchen Umſturz wird mein Wort heut vollenden?“ Er, der Papſt war, in dem Sinne, wie er die Geiſter lenkte; der Gott war, in dem Sinne, wie er den Begebenheiten gebot. Er ſtarb zu rechter Zeit. Es war ein herrſchender, ſublimer Kopf; das Jahr 1791 reichte ihm die Krone, 1793 würde ihn heruntergeſchlagen haben.— IV. Wenn man Schritt vor Schritt das Leben Mira⸗ beau's verfolgt, von ſeiner Geburt bis zum Tode, von ſeinem unbedeutenden Taufbecken bis zum Pantheon, ſo wird man ſich ſagen müſſen, daß er, wie alle Menſchen ſeines Schlages und ſeiner Größe, prädeſtinirt war. Solch ein Kind mußte einſt ein großer Mann werden. Als er das Licht der Welt erblickte, brachte der übermenſchliche Umfang ſeines Kopfes die Mutter in Lebensgefahr; als die alte franzöſiſche Monarchie, ſeine zweite Mutter, ſeinen Ruhm gebar, wäre ſie beinahe auch daran geſtorben. Mit fünf Jahren verlangte Poiſſon, ſein Erzieher, ner ſolle ſchreiben, was ihm in den Kopf käme.“ „Der Kleine“— ſo berichtet ſein Vater—„ſchrieb wörtlich Folgendes: Mein Herr Ich, ich bitte Sie, auf Ihre Handſchrift Acht zu geben und die Vorſchrift nicht zu bekleckſen; aufmerkſam auf Alles zu ſein; Vater, Lehrer und Mutter zu gehorchen; nicht zu widerſprechen; — 163— keine Abwege— beſonders von der Ehre. Greifen Sie Niemand an, wenn Sie nicht angegriffen werden. Ver⸗ theidigen Sie Ihr Vaterland; ſein Sie nicht hart mit den Dienſtboten; doch auch nicht zu vertraut; und verbergen Sie die Fehler ihres Nächſten, weil dieſes Ihnen ſelbſt widerfahren könnte.“*) Da er eilf Jahre alt war, ſchrieb der Herzog von Nivernois von ihm an den Bailli von Mirabeau, datirt St. Maur, 11. September 1760: „Neulich, als bei mir das gewöhnliche Wettlaufen Statt fand, gewann er den Preis, einen Hut. Sogleich kehrte er ſich nach einem jungen Menſchen um, der eine Mütze aufhatte, ſetzte ihm ſeinen Hut auf, der noch ſehr gut war, und ſagte: Da, ich habe nicht zwei Köpfe. Er erſchien mir in dieſem Augenblicke wie der Kaiſer der Welt, ich weiß nicht, welche Göttlichkeit ſein ganzes Weſen mit einem Male durchdrang. Ich dachte darüber nach, ich weinte, und die Lehre that mir wohl.“ Im zwölften Jahre ſagte ſein Vater von ihm:„Es ſchlägt ein großes Herz unter dieſer Kinderjacke. Es be⸗ ſitzt ſchon einen befremdenden Hang zum Stolze, jedoch iſt er edler Gattung; es iſt das Embryo eines bärbei⸗ *) Dieſes ſeltſame Dokument iſt in einem nicht gedruckten Briefe enthalten, welchen der Marquis an den Bailli von Mirabeau ſchrieb, den 9. Dee. 1754. 11* — 164— ßigen Geſellen, der alle Welt verſchlingen möchte, bevor er noch zwölf Jahre alt iſt.“*) Mit ſechszehn Jahren ſieht er ſo kühn und ſtolz aus, daß der Prinz von Conti ihn im Scherze fragt: „Was würdeſt du thun, wenn ich dir eine Ohrfeige gäbe?“ Er antwortet:„Dieſe Frage hätte allerdings in Verlegenheit ſetzen können, ehe die doppelläufigen Piſtolen erfunden waren.“ Im einundzwanzigſten Jahre(1770) fängt er an, eine Geſchichte von Korſika zu ſchreiben, in dem Momente, da Jemand dort geboren wurde. Seltſames Zuſam⸗ mentreffen! G Damals auch ſtellte ihm ſein Vater, der ihn ſehr ſtrenge hielt, folgendes Prognoſtikon:„Es iſt eine ſeit einundzwanzig Jahren wohlverſchloſſene Flaſche. Sollte ſie jemals plötzlich und unvorſtchtig geöffnet werden, ſo fliegt Alles davon,“ Zweiundzwanzig Jahre alt, wird er bei Hofe vor⸗ geſtellt. Die damals ſechsjahrige Madame Eliſabeth fragte ihn, ob er inoculirt worden ſei?— Der ganze Hof lachte.— Nein, er war nicht inoculirt; er trug *) Noch ungedruckter Brief an die Gräfin von Rochefort⸗ 29. November 1761. — 165— den Keim eines Kontagiums in ſich, das ſpäter ein ganzes Volk ergreifen ſollte. Am Hofe betrug er ſich mit feſter Sicherheit und trug ſchon ſeinen Kopf eben ſo hoch wie der König; Allen erſchien er ſonderbar, Vielen verhaßt. „Er iſt ſo keck, als ich menſchenſcheu bin,“ ſagte der Vater, der ſich niemals enverſailliren wollte,„ſolch ein ſchüchternes Vögelchen, deſſen Neſt zwiſchen vier alten Thürmen hing.— Er hantiert mit den Großen, als wären Sie Holzſcheite. Er hat jene entſetzliche Gabe der Familiarität, wie Gregor der Große zu ſagen pflegte. Aber,“ fügte endlich der alte, ſtolze Edelmann hinzu,„da man bereits ſeit fünfhundert Jah⸗ ren die Mirabeau's duldete, obgleich ſie nicht wie andere Menſchen waren, ſo wird dieſer wohl auch deduldei wer⸗ den müſſen.“ Zu vierundzwanzig Jahren, will der Vater, ein ackerbauernder Philoſoph, aus ſeinem Sohne einen Land⸗ mann machen; es gelingt ihm jedoch nicht.„Es iſt recht ſchwer, dieſem kollerigen Thiere den Zügel anzu⸗ legen!“ ruft der Greis dabei aus. Der Bailli, ſein Oheim, examinirt den jungen Menſchen mit kaltem Blute und ſpricht:„Sollte er nicht ſchlechter werden wie Nero, ſo wird er beſſer ſein wie Marc⸗Aurel.“ „Vor allen Dingen wollen wir das Früchtchen reif werden laſſen,“ meinte der Marquis. — 166— Vater und Oheim korreſpondiren über die Zukunft des jungen Menſchen, der ſchon ſo eingeweiht in der Liederlichkeit iſt. „Dein Neffe, der Sturmwind,“ ſchreibt der Vater. „Dein Sohn, der Graf Tollkopf,“ erwiedert der Oheim, der ein alter Seemann war,„hat alle zweiund⸗ dreißig Winde des Kompaſſes in ſeinem Hirnkaſten.“ Mit dreißig Jahren endlich wurde die Frucht reif. Da ſtralten die jungen Ereigniſſe in Mirabeau's tiefem Auge wieder. Man bemerkte, daß er voller Gedanken war. „Dieſes Hirngehäuſe iſt ein vollgepfropfter Schmelz⸗ ofen,“ ſagte der kluge Bailli. Zu einer andern Zeit be⸗ merkte er mit Erſtaunen:„Wenn etwas in ſeinem Kopfe vorgeht, ſo beugt er die Stirne vor und ſtarrt in's leere Nichts.“ Den Vater aber überraſcht:„Das Gemengſel von Ideen, welches er wie Blitze wahrnimmt.“ Er ruft dabei aus:„Wie er nun iſt, in ſeinen Ge⸗ danken vertieft, eine über den Haufen geworfene Biblio⸗ thek, ein Talent, um mit Oberflächlichkeiten zu glänzen, hat er zwar alle Lehren eingeſchlürft, ohne jedoch eine einzige verwirklichen zu können.“ Dann fügt er hinzu, indem er ſchon ſelbſt nicht mehr ſein Geſchöpf begreift: „In ſeiner Kindheit war er nichts, als ein Junges, eben ſo ungeheuerlich im Moraliſchen, wie im Phyſiſchen, jetzt iſt er ein Mann, ganz Wiederſchein und Flacker⸗ feuer, ein Narr, den das Herz rechts, der Kopf links — 167— hinzieht, welcher übrigens immer vier Schritt weit von ihm weg iſt.“ Am Schluſſe endlich ſagt der Greis, von einem melancholiſchen und reſignirten Lächeln begleitet: „Ich bin bemüht, auf dieſen Menſchen meinen Geiſt, meine Seele und mein Gemüth auszugießen.“ Und gleich dem Oheim auch, hat er ſeine momen⸗ tanen Vorgefühle, ſeine Schrecken, ſeine Angſt, ſeine Zweifel. Er als Vater fühlt Alles mit, was ſich in dem Geiſte ſeines Sohnes regt, wie die Wurzel das Leben der Blätter empfindet. So war Mirabeau mit dreißig Jahren. Er, der Sohn eines Vaters, der ſich einſt ſelbſt ſo geſchildert hatte:„Wie Sie mich hier ſehen, Madame, ſo ſteif und plump, predigte ich ſchon mit drei Jahren; mit ſechs war ich ein Wunder; mit zwölf ein Gegenſtand gerechter Hoffnungen; mit zwanzig ein Hitzkopf; mit dreißig ein theoretiſcher Politiker; mit vierzig endlich bin ich nichts mehr, als ein Bonhomme.“ Mit vierzig iſt Mirabeau ein großer Menſch. Mit vierzig iſt er der Mann einer Revolution. Mit vierzig bildet ſich um ihn in Frankreich eine jener furchtbaren Ideenanarchieen, worin die altmodiſchen geſellſchaftlichen Verhältniſſe umgeſchmolzen werden, und Mirabeau iſt ihr Despot. Er war es, der, bis dahin ganz ſtill, am 23. Juni 1789 dem Herrn von Brezé zurief: „Sagen Sie Ihrem Herrn...!“ — 168— Ihrem Herrn! und nun war der König von Frankreich als ein Fremder deklarirt. Nun war eine tiefe Gränze zwiſchen Thron und Volk gezogen. Es war der erſte Schrei, den die Revolution ausſtieß. Niemand hätte dies gewagt vor Mirabeau. Es kommt nur den großen Menſchen zu, die Loſungsworte der Epochen aus⸗ zuſprechen. Später zwar wird man Ludwig XVI., dem Anſcheine nach, tiefer beleidigen, man wird ihn zu Boden ſchlagen, ihn in Feſſeln verhöhnen, ihn auf dem Blutgerüſte noch verſpotten. Die Republik in der rothen Mütze wird ihre Fäuſte an ſeinen Körper legen, ihn mit Pöbelhaf⸗ tigkeiten überhäufen und ihn Ludwig Capet nennen. Aber nichts Furchtbareres, nichts Wirkenderes kann Ludwig dem XVI. mehr geſagt werden, als Mirabeau's entſcheidendes Wort. Ludwig Capet heißt nur dem Königthum in's Antlitz ſchlagen; Ihr Herr heißt dem Königthum den Dolch in's Herz ſtoßen. Von dieſem Worte an ward Mirabeau aber auch der Mann ſeines Landes, der Mann der großen ſocialen Umwaͤlzung, der Mann, deſſen das werdende Jahrbun⸗ dert bedurfte. Populär und doch nicht Plebejer, das iſt eine Seltenheit in ſolchen Tagen! Sein Privatleben iſt aufgehoben durch ſein öffentliches. Honors von Riquetti, der Verlorene, iſt nunmehr geehrt, angehört und wichtig. Volksliebe leiht ihm einen Panzer gegen die Sarcasmen ſeiner Feinde. Seine Perſon ſteht im hellſten Lichte da, — 169— vor Allen, worauf der Haufe ſeine Blicke richtet; die Vorübergehenden bleiben ſtehen, wo er ſich zeigt, und während der zwei Jahre, die er ausfüllte, ſchrieben die kleinen Kinder aus dem Volke auf allen Mauern in Paris ſeinen Namen ohne Fehler, welchen noch achtzig Jahre früher St. Simon mit der Verachtung eines Duc und Pairs Mirebaut geſchrieben, und dabei nicht ahnete, daß einſt noch aus Mirebaut ein Mirabeau werden würde. Es gibt oft ſeltſame Uebereinſtimmungen gewiſſer Menſchen. Cromwell, gänzlich unbekannt und beſorgt um ſeine Zukunft in England, will nach Jamaika; die Ver⸗ ordnungen Karl I. ſind ihm daran hinderlich.— Mira⸗ beau's Vater hat keine Ausſicht für ſeinen Sohn in Frankreich und will ihn nach den holländiſchen Beſitzun⸗ gen ſchicken; aber ein Befehl des Königs verbietet es. — Und nun entferne man Cromwell aus der engliſchen, Mirabeau aus der franzöſiſchen Revolution, und man wird vielleicht zwei Blutgerüſte daraus entfernen. Wer weiß, ob nicht Jamaika Karl I., Batavia Ludwig XVI. gerettet hätte?— Aber der König von England ſelbſt iſt es, der Cromwell zurückhält; der König von Frankreich, der Mirabeau zurückhält. Wenn ein König zum Tode ver⸗ urtheilt iſt, ſo verbindet ihm die Vorſehung ſelbſt die Augen. — 170— Wunderbar iſt es auch, daß dasjenige, was als das Größte in der Geſchichte einer Geſellſchaft erſcheint, oft mit dem zuſammenhängt, was das Kleinſte im Leben eines Menſchen iſt. Den erſten Theil von Mirabeau's Leben füllt So⸗ phie aus, den zweiten die Revolution. Erſt ein häus⸗ liches, dann ein politiſches Gewitter, das iſt Mirabeau. .Unterſucht man ſeine ganze Laufbahn näher, ſo findet man, was unvermeidlich, was zufällig darin war. Die Verirrungen ſeines Herzens werden erklärt durch die gewaltſamen Stöße, die ſein Leben betrafen. Zum Beiſpiel: nie waren die Urſachen den Wirkun⸗ gen enger verknüpft. Der Zufall gibt ihm einen Vater, der ihn lehrt die Mutter verachten; eine Mutter, die ihn lehrt den Vater haſſen; einen Lehrer, Poiſſon, wel⸗ cher die Kinder nicht liebt und ihn hart behandelt, weil er klein und häßlich iſt; einen Diener, Grevin, den feilen Spion ſeiner Feinde; einen Obriſt, den Marquis von Lambert, der eben ſo erbarmungslos für den Jüngling iſt, wie es Poiſſon für den Knaben war; eine Schwieger⸗ mutter,(nicht verheirathet) Frau von Pailly, welche ihn haßt, weil ſie ihn nicht beſitzt; eine Gattin, die ihn abſtößt; eine Kaſte, der Adel, der ihn verläugnet; Rich⸗ ter, das Parlament von Beſançon, die ihn zum Tode verurtheilen; einen König, Ludwig XV., der ihn in die Baſtille wirft. — — 171— Und ſo ward Vater, Mutter, Gattin, ſein Erzieher, ſein Obriſt, die Obrigkeit, der Adel, der König, mit einem Worte Alles, was das Daſein eines Menſchen, in der Geſellſchaft und der Natur, umgeben und ſchützen ſoll, füur ihn nur zum Hinderniß, zum Widerſpruch, zum harten Boden für ſeine nackten Füße, zum Dornen⸗ ſtrauch, der den Vorübergehenden verletzt. Familie und Geſellſchaft werden ihm zu Scheuſalen, und er findet im ganzen Leben nur zwei Dinge, die ihn hegen und lieben, zwei Dinge, außer Fug und Ordnung, eine Mätreſſe und eine Revolution. Erſtaunt daher nicht, wenn er für die Mätreſſe ſeine häuslichen, für die Revolution ſeine geſellſchaftlichen Bande alle zerreiſſen wird. Erſtaunt nicht, daß— um auf unſern Anfang wieder zurückzukommen— dieſer Plagegeiſt einer Familie der Abgott einer Frau wurde, die ſich gegen ihren Gatten empört hatte und der Gott einer Nation, die mit ihrem Könige in Scheidung begriffen lebte.— V. Die Trauer um Mirabeau war allgemein, überall, national. Man fühlte, daß ein Theil des öffentlichen Denkens mit dieſer Seele dahingeſchwunden war. Aber als frappante Thatſache muß erwähnt werden, daß der Hof wie das Volk um ihn trauerten, denn es würde zu große Unbefangenheit verrathen, wollte man dies blos der übertriebenen und gänzlich grundloſen Bewunderung der Zeitgenoſſen zuſchreiben. Ein unüberwindliches Schamgefühl hindert uns, hier gewiſſe Myſterien zu enthüllen, ſchwache Seiten des großen Mannes, die ſich jedoch nach unſerm Dafürhalten glücklich in die koloſſalen Verhältniſſe des Ganzen verlie⸗ ren. So viel iſt indeß gewiß, daß gegen das Ende ſeines Lebens der Hof einige Hoffnungen auf ihn zu ſetzen be⸗ rechtigt ſchien. Es iſt erwieſen, daß Mirabeau zu jener Zeit ſich mehr als ein Mal dem revolutionären Strom entgegenſtemmte; daß er auf Augenblicke den Wunſch zu erkennen gab, Halt zu machen und die Partheien zu vereinigen; daß er, mit einem ſo mächtigen, ausdauernden — 173— Athem verſehen, nunmehr nicht ohne Erſchöpfung dem beſchleunigteren Gange der neuen Ideen zu folgen ſchien, und ſogar manchmal es verſuchte, dieſer Revolution Hemmſchuhe anzulegen, deren Räder er doch ſelbſt ge⸗ ſchmiedet hatte. Furchtbare Räder, die ſo viel Verehrungswürdiges im Dahinrollen zermalmten! Noch jetzt denkt ſo Mancher, daß, wenn Mirabeau länger gelebt hätte, es ihm gelungen ſein würde, der Bewegung Einhalt zu thun, die durch ihn in Schwung gebracht worden war. Nach dieſer Leute Meinung konnte die franzöſiſche Revolution nur durch einen Einzigen er⸗ ſtickt werden, und das wäre Mirabeau geweſen. Das Ganze beruht auf einem Ausſpruch, den Mirabeau vor ſeinem Ende gethan haben ſoll, aber ſicherlich nicht ge⸗ than hat.*) Mit Mirabeau's Tod war die Monarchie verloren; lebte Mirabeau, ſo lebte Ludwig XVI.; und der 2. April 1791 hatte zur Folge den 21. Januar 1793. Alle jedoch, welche dieſe Ueberzeugung hegten und welche ſie noch hegen, Mirabeau ſelbſt, wenn er es für möglich gehalten hätte, täuſchten ſich. Bei ihm, wie bei *)„Ich nehme die Trauer um die Monarchie mit mir fort. Nach mir werden die Faktionen ſich um ihre Lumpen ſtreiten.“— Cabanis glaubte dieſe Worte gehört zu haben. — 174— den Andern, war es nichts, als eine optiſche Vorſpiege⸗ lung, welche nur den wiederholten Beweis liefert, daß auch ein großer Mann nicht immer eine reine Idee von dem Grade ſeiner ihm inwohnenden Macht beſitze. Die franzöſiſche Revolution war kein ſo einfaches Ereigniß; es war mehr und Anderes noch, wie Mira⸗ beau, in ihr. Es war nicht genug, daß Mirabeau ſie verließ, um ſie aufzulöſen. In der franzöſiſchen Revolution finden wir eine Vergangenheit, eine Zukunft; Mirabeau war nur die Gegenwart. Um hier nur zweier Culminationspunkte zu erwäh⸗ nen: die franzöſiſche Revolution vervollſtändigte ſich mit Richelieu in der Vergangenheit und mit Bonaparte in der Zukunft. Die Revolutionen haben das Eigenthümliche, daß ſte nicht erſtickt werden können, ſo lange ſie noch trächtig ſind. Und wenn wir ſelbſt die Frage aus dem einfachſten Geſichtspunkte betrachten, ſo iſt anzunehmen, daß in allen politiſchen Angelegenheiten das, was ein Menſch ge⸗ ſchaffen hat, nur durch einen andern Menſchen wieder vernichtet werden kann. Der Mirabeau von 1791 war ohnmächtig gegen den Mirabeau von 1789. Sein Werk war ſtärker, als er. — 175— Ueberdies taugen Menſchen wie Mirabeau nicht zum Schloß, um die Thore einer Revolution zu ſchließen. Sie ſind nur die Angel, um die ſie ſich drehen, beim Oeffnen und Zumachen. Um ſolch verhängnißvolle Thore zu ſperren, nach denen alle Ideen, alle Intereſſen, alle deeinträchtigten Leidenſchaften der menſchlichen Geſell⸗ ſchaft ihre Angriffe richten, muß man das Schwert ſtatt eines Riegels in die Klammern ſtecken. VI. Wir verſuchten zu beſtimmen, was Mirabeau in der Familie, was er in der Nation war. Es bleibt uns übrig, zu unterſuchen, was er in der Nachwelt ſein wird. Was ihm auch gerechter Weiſe vorgeworfen wurde, ſo glauben wir dennoch, daß er groß bleiben wird. 1 Vor dem Richterſtuhle der Nachwelt erhält jeder Menſch, wie jede Sache, durch Größe ihre Abſolution. Jetzt, da faſt Alles, was er einſt ſäete, ſeine Früchte getragen, von denen wir gekoſtet; die meiſten gut und geſund fanden, und nur einige bitter waren; jetzt, da die Höhen und Tiefen ſeines Lebens nichts Getrenntes mehr den Augen bieten, Dank ſei es der Zeit, welche die Menſchen in die richtige Perſpektive zu bringen weiß:; jetzt, wo ſeinem Genie weder Anbetung, noch Fluch mehr zu Theil wird, und wo dieſer Mann, der in ſeinem Le⸗ ben ſo fürchterlich von einem Extrem zum andern ge⸗ worfen wurde, die ruhig⸗heitre Stellung eingenommen hat, welche der Tod großen hiſtoriſchen Geſtalten verleiht: jetzt, wo ſein Andenken aus dem Pantheon Voltaire's, wie aus der Kloake Marat's befreit wurde, jetzt dürfen wir ruhig behaupten: Mirabeau iſt groß. Ihm iſt der Duft des Pantheons und nicht der Geruch der Kloake geblieben. Die hiſtoriſche Unparteilichkeit, welche ſeine Haare ſäuberte, die der Straßenbach verunreinigt hatte, nahm nicht zugleich den Schimmer des Ruhmes mit ſich fort, der ſein Haupt umſtrahlte. Man hat dieſes Antlitz von Schmutz befreit, und nun leuchtet es wieder. Nachdem man mit ſich im Reinen iſt über das un⸗ geheure politiſche Reſultat, welches aus der Summe ſeiner Fähigkeiten entſprungen, ſo kann man Mirabeau aus doppeltem Geſichtspunkte betrachten, nemlich: als Schriftſteller und als Redner. Und hier nehmen wir uns die Freiheit, nicht Rivarol's Meinung zu ſein; wir halten Mirabeau für einen größern Redner als Schrift⸗ ſteller.— Der Marquis von Mirabeau, ſein Vater, hatte zwei Sorten Styl, wie zwei geſchnittene Federn in ſeinem Dintenfaſſe. Schrieb er ein Buch, ein gutes Buch für das Publikum, auf den Effekt, für den Hof, für die Baſtille, für die große Stiege des Juſtizpalaſtes, ſo drap⸗ pirte ſich der gnadige Herr, ſpreitzte ſich, blies ſich auf und umhüllte ſeinen Gedanken, der ſchon an und fuür ſich dunkel genug war, mit allem nur möglichen Bom⸗ baſt; es iſt nicht zu beſchreiben, in welche platte, ſchwer⸗ fällige und endloſe Phraſen ohne Zuſammenhang im IV. 1² innern Gewebe, in welchen farbloſen und fehlerhaften Styl die natürliche Originalität dieſes merkwürdigen Schriftſtellers ſich dann maskirte, der halb Philoſoph, halb Edelmann genannt werden kann. Er zog Quesnay Socrates vor und Lefranc de Pompignan Pindar; er verachtete Montesquieu als einen, der nicht fortgeſchritten war, und hielt viel darauf, von ſeinem Pfarrer haran⸗ guirt zu werden; er war eine Amphibie, welche halb in den Träumereien des achtzehnten, halb noch in den Vor⸗ urtheilen des ſechszehnten Jahrhunderts lebte. Wenn nun aber eben dieſer Mann einen Brief ſchreiben wollte, wenn er das Publikum bei Seite ließ und es nur mit der„langen und kalten Miene“ ſeines ehrwürdigen Bruders, des Bailli, zu thun hatte, oder mit ſeiner Tochter, der„kleinen Saillannette“, oder mit dem freundlichen Köpfchen der Frau von Rochefort, dann lüftete ſich ſein von Prätenſionen umfangener Geiſt mit einem Male; verſchwunden waren Anſtren⸗ gung und Mühe, und ſeine Gedanken ergoſſen ſich in den vertraulichen Brief, ſo lebhaft, eigenthümlich, gefällig, tief und natürlich, angethan mit dem ſchönen Style eines vornehmen Herrn aus der Zeit Ludwig's XIV., der St. Simon mit allen Eigenſchaften des Mannes und die Sevigné mit allen Eigenſchaften des Weibes zu hand⸗ haben verſtand. Schon aus den Fragmenten, die wir hier mittheilten, wird man ſich davon überzeugt haben. In dieſer Beziehung hatte der Sohn einige Aehn⸗ lichkeit mit dem Vater. Man könnte ſagen, daß— nur mit einiger Milderung und Einſchränkung— derſelbe Unterſchied zwiſchen ſeiner Art zu ſchreiben und ſeiner Art zu ſprechen Statt fand. So war der Vater in einem Briefe, der Sohn in einer Rede, wie er ſein ſollte. Um ganz Er ſelbſt zu ſein, natürlich und wie zu Hauſe, bedurfte der Eine ſeiner Familie, der Andere ſeiner Nation. Mirabeau ſchreibend, iſt etwas weniger, als Mirabeau. Er mag nun der jungen amerikaniſchen Republik die Unzulänglichkeit ihres Cincinnatus⸗Ordens darthun und das Ungeſchickte und Unbeſtändige einer ackerbauenden Ritterſchaft; oder jenen philoſophirenden Kaiſer, Joſeph II., Voltaire's Titus, die Caͤſarenbüſte im Geſchmacke der Pompadour, wegen der„Freiheit der Schelde“ ein wenig necken; die geheimen Fächer des Berliner Kabinets durchſuchen und eine„geheime Ge⸗ ſchichte“ daraus zu Tage fördern, welche der franzöſiſche Hof auf der Stiege des Gerichtspalaſtes verbrennen ließ—(eine ausnehmende Ungeſchicklichkeit! da ſich aus den von Henkershand verbrannten Büchern ſtets Brände und Funken erheben, die eben der herrſchende Wind auf das verwitterte Dach der großen europäiſchen Geſell⸗ ſchaft fortträgt, auf das Zimmergerüſte der Monarchien und auf alle Köpfe voll von brennbaren Gedanken, und damals überdies noch vollgepfropft von Werg); möge er 12²* — 180— endlich jenen Karren voll Marktſchreiern mit Schmähun⸗ gen bedienen, welche auf dem Pflaſter des achtzehnten Jahrhunderts ein ſo großes Geraſſel erregten, wie Necker, Beaumarchais, Lavater, Calonne und Caglioſtro; in einem jeden Buche alſo, das er zu ſchreiben unternehmen mag, wird ſein Gedanke ſtets für den Gegenſtand aus⸗ reichen, aber ſein Styl nicht immer dem Gedanken ge⸗ nugen. Seine Idee iſt immer groß und erhaben; aber indem ſie aus ſeinem Kopfe heraus will, ſchmiegt ſie ſich und ſchrumpft zuſammen unter dem Ausdrucke, gleich als müßte ſie durch eine kleine Thür hindurch. Die beredten Briefe an Frau von Monnier ausgenom⸗ men, worin er ganz er Selbſt iſt, wo er mehr ſpricht, als ſchreibt, und welche„Reden der Liebe“*) genannt werden können, wie ſeine andern„Reden der Revolu⸗ tion.“ Dieſe alſo ausgenommen, iſt der Styl, den er aus ſeinem Schreibzeuge holt, nur mittelmäßig, ſchwülſtig, ſchlecht verbunden, weich am Schluſſe der Sätze, über⸗ dies trocken, von eintöniger Färbung durch die Menge erzwungener Beiwörter, arm an Bildern, die nur hie und da als eine bizarre Moſaik von Metaphern, ohne innern Zuſammenhang, ſich blicken laſſen. Man fühlt ſehr wohl, wenn man ihn lieſ't, daß die Gedanken dieſes ₰ Hiemit wollen wir jedoch nur jene Briefe gemeint haben, welche von reiner Leidenſchaft ſprechen. Auf die andern werfen wir den ihnen gebührenden Schleier. Mannes, nicht gleich denen der gebornen großen Proſai⸗ ſten, aus jener beſondern Subſtanz beſteyen, die ſich, weich und biegſam, allen Ciſelirungen des Ausdrucks herleiht, und ſich heiß und fließend allen Windungen der Form anſchmiegt, worin der Schriftſteller ſie gießt, um ſie darnach zu bilden; zuerſt Lava, dann Granit.— Man fühlt, wenn man ihn lieſ't, wie viele bedauerns⸗ werthe Dinge in ſeinem Kopfe zurückgeblieben ſind, daß nur ein Abriß auf dem Papiere ſteht, daß dieſes Genie nicht geſchaffen war, um ſich in ein Buch zu zwängen, und daß ein Federkiel nicht der Konductor war, dieſes gewitterſchwangere Hirn zu entladen. Mirabeau, wenn er ſpricht, iſt Mirabeau. Mirabeau, wenn er ſpricht, iſt das Waſſer, welches fließt, die Welle, welche ſchäumt, das Feuer, welches ſprüht, der Vogel, welcher fliegt; es iſt ein Ding, welches das nur ihm eigenthümlich angehörige Geräuſch verbreitet; es iſt eine Natur, die ihrem Geſetze gehorcht. Ein ſtets erhabenes und harmoniſches Schauſpiel!— Mirabeau auf der Tribune— und alle Zeitgenoſſen ſind nun in dieſem Punkte eins— war eine prächtige Erſcheinung. Dort war er Er, Er ganz, Er allmächtig. Nichts für ihn von Schreibtiſch, Papier, Dinte, Federn, einſamem Kabinete, Ruhe und Nachdenken; ein Marmor aber, auf den man ſchlagen kann, eine Treppe, die man hinanlaͤuft; eine Tribune, wie der Käſich eines wilden Thieres, wo man gehen und kommen kann, hin und her ſchreiten, ſtille ſtehen, Athem holen, ſchnaufen, Arme kreuzen, Fäuſte ballen, Worte mit Geſten malen und Ideen mit einem Blicke beleuchten; ein Menſchenhaufe, den man fixiren kann; ein großer Lärm als prachtvolle Begleitung einer lauten Stimme; eine Menge, die den Redner haßt— die Verſammlung, umgeben von An⸗ dern, die ihn liebt— das Volk; und rings um ihn alle dieſe Intelligenzen, dieſe Seelen, dieſe Leidenſchaften, Mittelmäßigkeiten, Ambitionen und verſchiedenartige Na⸗ turen, die er alle kennt, und aus denen er den beliebigen Ton erklingen läßt, wie aus den Seiten eines ungeheuern Inſtruments; über ihm aber die Decke des Saales der conſtituirenden Verſammlung, woran ſeine Augen haften, gleich als ſuchten ſie dort Gedanken;— denn Monar⸗ chien werden durch jene Ideen zuſammengeſtürzt, die von ſolcher Höhe auf einen ſolchen Kopf hernieder fallen. Wie höher iſt er auf dieſem Boden! Wie feſt ſteht ſein Fuß darauf! Wie groß iſt dies Genie in einer Rede, das ſo klein wird in einem Buche! Wie glücklich verwandelt die Tribune die Bedingungen der äußerlichen Erſcheinung für dieſen Gedanken! Nach dem Schrift⸗ ſteller Mirabeau— der Redner, welche Verklärung! — Alles an ihm war machtvoll. Seine Geſten, ſo heftig und geſtoßen, waren voll Herrlichkeit. Auf der Tribune beſaß er eine koloſſale Bewegung der Schultern, wie ein Elephant, der einen bewaffneten Thurm in die Schlacht trägt. Er trug ſeinen Gedanken. Seine Stimme, ſelbſt — 183— wenn er nur ein Wort von ſeinem Sitze hinwarf, hatte einen furchtbaren und revolutionären Accent, den man vor allen Stimmen in der Verſammlung unterſchied, wie das Gebrüll des Löwen in der Menagerie. Sein Haar hatte, wenn er den Kopf ſchüttelte, etwas von einer Mähne. Seine Augenbraue bewegte Alles, wie die des Jupiter, cuncta supercilio moventis. Man glaubte oft, ſeine Hände könnten den Marmor der Tribune zertrüm⸗ maern. Sein Geſicht, ſeine Stellung, ſeine ganze Perſon war geſchwellt von einem vollblütigen Hochmuthe, der ſeine Größe nicht verläugnete. Sein Kopf zeigte eine grandioſe, wetterleuchtende Häßlichkeit, deren Eindruck oft elektriſch und furchtbar war. Anfangs, da noch nichts für oder wider das König⸗ thum ſichtbar entſchieden war; wie das Spiel noch gleich zu ſtehen ſchien, zwiſchen der noch ſtarken Monarchie und den noch ſchwachen Theorien; wie noch keine jener Ideen, denen einſt die Zukunft angehören ſollte, ihr vollſtändiges Wachsthum erreicht hatte; da noch die ſchlecht geleitete und ſchlecht bewaffnete Revolution ſo leicht mit Sturm zu nehmen ſchien; da geſchah es zu⸗ weilen, daß die rechte Seite, wenn ſie glaubte, ein Stück Mauer der Feſtung eingerannt zu haben, ſich darauf mit Siegesgeſchrei hinſtürzte; dann aber erſchien Mirabeau's ungeheuerer Kopf vor der Breſche und verſteinte die Angreifer. — 181— Das Genie der Revolution hatte ſich einen Schild geſchmiedet aus allen Lehren Voltaire's, Helvetius, Di⸗ derot's, Bayle's, Montesquieu's, Locke's und Rouſſeau's zuſammengelöthet und in die Mitte Mirabeau's Kopf eingefügt. Doch nicht nur war er groß auf der Tribune, er war es auch von ſeinem Sitze. Ein Einwurf galt bei ihm ſo viel als eine Rede. Oft wußte er ſo viel in ein Wort wie in eine Rede zu jegen. „Lafayette hat ein Heer,“ ſagte er zu Suleau,„aber ich habe meinen Kopf.“ Robespierre unterbrach er einſt mit dieſem bedeu⸗ tenden Worte:„Dieſer Menſch wird es noch weit brin⸗ gen, denn er glaubt Alles, was er ſagt.“ Manchmal bezeichnete er mit einem Worte, das man dem Tacitus entlehnt glaubt, den ganzen Geiſt, der ein regierendes Geſchlecht beherrſchte. So rief er den Mi⸗ niſtern zu:„Sprechen Sie mir nicht von Ihrem Herzoge von Savoyen, dem böſen Nachbar einer jeden Freiheit!“ Oft lachte er auch. Mirabeau's Lachen, ein furcht⸗ bares Ding! Er ſpottete über die Baſtille.„In meiner Familie,“ ſagte er,„gab es vierundfünfzig Lettres de Cachet, und ſiebenzehn kamen davon auf mich. Sie ſehen, ich wurde ganz wie ein Erſtgeborner aus der Normandie behandelt.“ Er beſpöttelte ſich ſelbſt. Valfond klagt ihn an, er ſei am 6. Oktober durch die Reihen des Regiments von Flandern mit bloßem Säbel gelaufen und habe zu den Soldaten geredet. Ein Anderer beweiſ't, daß der Fall Herrn von Gamaches und nicht Mirabeau angeht; dieſer aber ſetzt hinzu:„Alles wohl unterſucht und erwogen, hat die Anklage des Herrn von Valfond noch das Argerliche für Herrn von Gamaches, daß er nun ſtark in den Verdacht kommt, ſehr häßlich zu ſein, weil er mir ähnlich ſieht.“ Oft lächelte er auch. Als die Frage wegen der Regentſchaft zur Sprache kommt, denkt die linke Seite an den Herzog von Orleans, die Rechte an den Prinzen von Condé, welcher damals nach Deutſchland ausgewan⸗ dert war. Mirabeau fordert, daß kein Prinz Regent ſein dürfe, bevor er die Konſtitution beſchworen. Mont⸗ loſier bemerkt, daß Urſachen obwalten können, einen Prinzen daran zu verhindern; zum Beiſpiel eine Reiſe über Meer..... Mirabeau antwortet:„Die Rede des zuerſt Stim⸗ menden ſoll gedruckt werden; doch fordre ich den Druck⸗ fehler zu bemerken: ſtatt„über Meer“ leſe man„über Rhein.“ Dieſer Witz entſchied die Frage. So ſpielte der große Redner oft mit ſeinem Schlachtopfer. Nach den Naturhiſtorikern iſt im Löwen etwas von der Katze. Auf Augenblicke und mitten im ſchönen Fluſſe ſeiner heftigſten populären Deklamationen, erinnerte er ſich plötzlich, wer er ſey, und dann hatte er ſtolze, edelmän⸗ niſche Saillien. Es war ein redneriſcher Modus damals, — 186— irgend eine Verwünſchung gegen das Gemetzel in der Bartholomäusnacht, wo es ſich ſchicken wollte, anzubrin⸗ gen. Mirabeau brachte ſeine Verwünſchung an, wie alle Uebrigen; er ſagte aber hingeworfen:„Der Herr Admiral von Coligny, der— beiläufig geſagt— mein Vetter war.“ Dieſes„beiläufig geſagt“ war würdig des Vaters, welcher ſchrieb:„Es gibt in meiner Familie nur eine Mißheirath, die Medicis.“— „Mein Vetter, der Herr Admiral von Coligny,“ wäre impertinent am Hofe Ludwig XIV. geweſen, am Hofe des Volkes von 1791 klang es ſublim. Seine Verachtung war ſchön; ſein Lachen war ſchön; aber ſein Zorn war erhaben.. War es gelungen, ihn aufzubringen, hatte man ihm plötzlich eine Stachelſpitze in die Weichen gedrückt, die den Redner, wie den Stier, zum Sprunge reizen; ge⸗ ſchah dieſes zum Beiſpiel inmitten einer Rede, dann verließ er Alles ſogleich, gab ſeine angehäuften Ideen auf und bekümmerte ſich wenig darum, daß das Gewölbe ſeines Raiſonnements, aus Mangel an dem gehörigen Schlußſtein hinter ihm zuſammenfiel; er ließ die reine Frage auf ſich ſelbſt beruhen und ſtürzte ſich mit ge⸗ ſenktem Kopfe auf den Nebenpunkt. Wehe dann dem Unterbrecher! Wehe dem Tornador, der nach ihm die Banderilla geſchleudert! Mirabeau warf ſich auf ihn, nahm ihn um den Leib, ſchwang ihn in die Luft, trat ihn mit Füßen. Er ſchritt auf ihm hin und her, zer⸗ — 187— malmte, zerſtückte ihn. Er packte mit ſeinem Worte den ganzen Menſchen, wer er auch ſein mochte, groß oder klein, ſchlecht oder nichts, Schmutz oder Staub, mit ſeinem Wandel, ſeinem Charakter, ſeinem Ehrgeiz, ſeinen Feh⸗ lern und Lächerlichkeiten; er ließ nichts bei Seite, ſchonte nichts, vergaß nichts; er keilte ſeinen Feind unbarm⸗ herzig in einen Winkel der Tribune und erregte bald Zittern, bald Lachen; jedes Wort ein Schlag, jede Phraſe ein Pfeil, er hatte die Wuth im Herzen; es war ſchrecklich und ſchön zugleich, es war ein Löwenzorn. Wie ſchön war der große, mächtige Redner in ſolchen Augenblicken! Dann mußte man es ſehen, wie er die Wolken der Diskuſſion weit vor ſich hintrieb; wie ſein ſtürmiſcher Hauch alle Köpfe der Verſammlung wirbelig machte. Und ſeltſam genug! nie räſonnirte er beſſer, als in der Hitze. Die heftigſte Erbitterung, ohne durch ihre Leiden⸗ ſchaftlichkeit ſeine Beredtſamkeit zu hemmen, entfaltete ſtets in ihm eine Art von höherer Logik, und er fand im Zorn Argumente, wie Andre Metaphern. Er mochte nun von ſeinen Sarkasmen mit den Zähnen von Stahl die bleiche Stirne Robespierre's anbrüllen laſſen, jenes fürchterlichen Unbekannten, der zwei Jahre ſpäter mit den Köpfen umging wie Phocion mit den Reden; oder mit Wuth die langfaſerigen Dilemmen des Abbe Maury zermalmen, und ſie dann zerfetzt, in einander gezerrt, halb aufgezehrt und bedeckt mit dem Schaume ſeines — 188— Zornes, der rechten Seite hinſpucken; er mochte endlich die Krallen ſeiner Schlüſſe in die weiche und ſchlaffe Phraſe des Advokaten Tarzet ſchlagen— immer blieb er groß und prächtig, und eine Art von ſchauervoller Majeſtät war ihm beigegeben, welche ſelbſt ſeine wilde⸗ ſten Sprünge nicht zu entfernen vermochten. Unſere Väter haben es uns überliefert; wer Minabeau nicht im Zorn geſehen, hat ihn nie geſehen. Im Zorne erſt machte ſein Genie das Rad und entfaltete alle ſeine Herrlichkeit. Dieſem Manne ſtand der Zorn gut, wie dem Ocean der Sturm. Für den, der ihn geſehen und gehört, ſind ſeine Reden nur der todte Buchſtabe. Alles, was daran Saillie oder Relief, Farbe, Athem, Bewe⸗ gung, Leben und Seele war, iſt verſchwunden. Alles an dieſen ſchönen Reden liegt heute am Boden, ausgeſtreckt und ruhig. Wo iſt der Hauch, der alle dieſe Ideen auf⸗ wirbeln konnte, wie Blätter im Herbſtſturme? Das Wort iſt es wohl noch, wo aber blieb die Bewegung dazu? Das iſt wohl das Geſchrei, aber der Accent fehlt! Dies ſeine Sprache, aber wo iſt der Blick? Dies die Rede, wo aber iſt die Komödie zu dieſer Rede? Denn, geſagt muß es werden, in einem jeden Redner unterſcheidet man zwei Elemente, den Denker und den Schauſpieler. Der Erſtere bleibt, der Letztere verſchwin⸗ det mit dem Menſchen. Darum ſtirbt Talma ganz und Mirabeau nur halb. In der konſtituirenden Verſammlung war ein Etwas, — 189— das den aufmerkſamen Beobachter erſchreckte, nemlich der Konvent. Für Jeden, der jene Epoche ſtudirt hat, iſt es klar, daß ſeit 1789 der Konvent in der konſtitui⸗ renden Verſammlung war. Er war in ihr als Keim, Fötus, Entwurf. Für den Haufen war es freilich noch nichts Wahrnehmbares, doch dem, der zu ſehen verſtand, erſchien er bereits fürchterlich. Ein Nichts ohne Zweifel; eine nur etwas tiefere Tinte des allgemeinen Kolorits; eine bisweilen distonirende Note im Orcheſter; ein krankhafter Ton in einem Jubelchore voll ſchmeichleri⸗ ſcher Hoffnungen; ein Theil, der wenig Uebereinſtim⸗ mung mit dem Ganzen zeigte; eine nächtliche Gruppe in einem ganz finſtern Winkel; einige Menſchen, die ge⸗ wiſſen Worten eine gewiſſe Betonung liehen; dreißig Stimmen, nicht mehr als dreißig, die ſich jedoch ſpäter durch ein entſetzliches Geſetz der Vervielfältigung ver⸗ zweigen durften, in Girondiſten, in Ebene und Berg; mit einem Worte: 1793 war bereits ein ſchwarzer Punkt in dem blauen Himmel von 1789. Alles war aber ſchon in dieſem ſchwarzen Punkte, der 21. Januar, der 31. Mai, der 9. Thermidor, die ganze blutige Trilogie. Buzot, der Ludwig XVI. verſchlingen ſollte, Robespierre, der Buzot verſchlingen ſollte, Vadier, der Robespierre verſchlingen ſollte, dieſe unheilvolle Dreieinigkeit. Von dieſen Menſchen zeigten die unbedeutendſten und unbekannteſten ſelbſt, Hebrard und Putraink zum Beiſpiel, ein ſeltſames Lächeln bei den Diskuſſionen, und — 190— es ſchien, als bewahrten ſie für die Zukunft einen Ge⸗ danken, den ſie jetzt nicht verrathen wollten. Wir glau⸗ ben, der Hiſtoriker müſſe Mikroskope beſitzen, um der Bildung einer werdenden Verſammlung in dem Bauche einer vorhandenen Verſammlung nachzuſpüren. Dieſe Art des Trächtigſeins wiederholt ſich oft in der Geſchichte und iſt noch nicht genugſam beobachtet worden. Im vorliegenden Falle war dieſer myſteriöſe Aus⸗ wuchs auf der Oberfläche des geſetzgebenden Körpers, wahrlich kein unbedeutender Umſtand, da er das Schaffot für den König von Frankreich, ſchon aufgerichtet, in ſei⸗ nem Innern verbarg. Dieſes Embryo des Konvents im Schooße der konſtituirenden Verſammlung mußte ſchon eine monſtröſe Form angenommen haben. Ein Ei vom Geier im Neſte des Adlers. Alsbald entſetzten ſich auch viele gute Köpfe in der Verſammlung über die Gegenwart dieſer Undurchdringli⸗ chen, die ſich für eine andere Zeit bereit zu halten ſchienen. Sie vermutheten mit Recht Stürme in dieſen Bruſt⸗ hölen, denen jetzt noch kaum leiſe Hauche entſchlüpften. Sie fragten ſich, ob dieſe wüthenden Winde nicht einſt entfeſſelt würden, und wie es dann um alle, der Civili⸗ ſation ſo nothwendigen Dinge wohl ſtehen möchte, welche 1789 noch nicht entwurzelt hatte. Rabaut St. Etienne, welcher die Revolution für beendigt hielt, und es ganz laut ſagte, ſchnupperte unruhig um Robespierre, der ſie nicht einmal angefangen glaubte, aber dieſes nur ganz — 191— jeiſe ausſprach. Die gegenwärtigen Zertrümmerer der Monarchie erbebten vor den zukünftigen Zertrümmerern der Geſellſchaft. Dieſe jedoch, wie alle Menſchen, denen die Zukunft gehört, und die es wiſſen, waren übermü⸗ thig, zänkiſch und anmaßend, und der Geringſte von ihnen ſtieß die Erſten in der Verſammlung mit dem Ellenbogen in die Seite. Die Nichtigſten und Obſcurſten warfen nach ihrer Luſt und Laune unverſchämte Ein⸗ wendungen den bedeutendſten Rednern hin; aber da man wußte, daß dieſen Menſchen große Ereigniſſe in einer nahen Zukunft bevorſtanden, ſo wagte Niemand ihnen zu antworten. In ſolchen Momenten jagte die dereinſt kommende Verſammlung der beſtehenden Schrecken ein, dann aber gab ſich erſt Mirabeau's Kraft als Ausnahme auf glänzende Weiſe kund. Im Gefühle ſeiner Allmacht und ohne zu glauben, daß er etwas ſo Großes thäte, ſchrie er der geheimnißvollen Gruppe zu, welche der kon⸗ ſtituirenden Verſammlung Einſpruch that:„Stille den dreißig Stimmen!“ und der Konvent verſtummte. Dieſer Schlauch der Winde blieb ruhig und ver⸗ ſchloſſen, ſo lange Mirabeau's Fuß auf ſeiner Oeffnung ſtand. Kaum war Mirabeau todt, da brachen die anarchi⸗ ſchen Gedanken aus ihrem Hinterhalte hervor. Und hier wiederholen wir es: wir glauben, daß Mirabeau zu rechter Zeit geſtorben ſei. Nachdem er ſelbſt große Stürme im Staate erregt hatte, erdrückte er — 12— unter ſeinem Gewichte augenſcheinlich alle jene differgi⸗ renden Kräfte, denen die Beendigung der durch ihn be⸗ gonnenen Zerſtörung vorbehalten war. Aber durch dieſen Druck ſelbſt dehnten ſie ſich mehr und mehr aus, und früher oder ſpäter würde ſich die revolutionäre Exploſion Bahn gemacht haben, und hätte Mirabeau in die Luft geſprengt, ſo rieſenhaft er auch war.— Nun zur Folgerung. Hätten wir über Mirabeau mit einem Worte zu entſcheiden, ſo würden wir ſagen: Mirabeau iſt kein Menſch, kein Volk, ſondern eine redende Begebenheit. Eine ungeheure Begebenheit! der Umſturz der mo⸗ narchiſchen Form in Frankreich. 8 Unter Mirabeau wäre weder die Monarchie, noch die Republik möglich geweſen. Die Monarchie ſchloß ihn aus durch ihre Hierarchie, die Republik durch ihre Gleichheit. Mirabeau gehörte nur einer Vorbereitungs⸗ periode an. Damit ſein Flug ſich gemächlich entfalten könne, mußte die geſellſchaftliche Atmosphäre in jenem eigen⸗ thümlichen Zuſtande ſich befinden, wo nichts Beſtimmtes, nichts Feſtgewurzeltes zu widerſtehen vermag, wo jedes Hinderniß mit Hülfe der Theorien beſiegt wird, wo die Prinzipien, welche einſt die künftige Geſellſchaft begrün⸗ den ſollen, noch ohne Geſtalt und Konſiſtenz ſuspendirt ſind, und in dem Medium, worin ſie ſich umhextreiben, des Augenblicks warten, ſich zu präcipitiren und als V V V V — 193— Kryſtalle anzuſchließen. Aber jede feſte Inſtitution hat Ecken, woran ſich Mirabeau's Genie die Flügel zerbrechen konnte. Mirabeau hatte einen tiefen Blick in die Dinge, einen gleich tiefen in die Menſchen. Bei ſeinem Eintritt in die Generalſtaaten beobachtete er lange im Stillen, innerhalb und außerhalb der Verſammlung, die damals ſo maleriſche Gruppe der Partheien. Er errieth die Unzulänglichkeit Mounier's, Malouets und Rabaud St. Etienne's, welche von einer engliſchen Konkluſion träumten. Er beurtheilte kalt die Leidenſchaftlichkeit Chapelier's, die Geiſtesſchwäche Petion's, die ſchlechte literariſche Emphaſe Volney's; den Abbe Maury, der einer Stellung bedurfte; Despremesnil und Adrian Duport, die übellaunigte Parlementärs, nicht aber Tribune waren; Roland, jene Null, deren Ziffer ſeine Frau war; Gregoire, der ſich in einem Zuſtande politiſchen Nachtwandelns befand. Er durchſchaute mit einem Blick den Charakter Sieyes, ſo verſteckt er auch war. Er berauſchte mit ſeinen Ideen Camille Desmoulins, deſſen Kopf jedoch für ſie zu ſchwach war. Er bezauberte Danton, der ihm ähnlich ſah, nur minder groß und häßlicher. Er verſuchte aber weder die Guillermy's, noch die Lautrec's und Cazale's zu gewinnen, weil dieſe Charaktere in den Revolutionen unauflösbar ſind. Er fühlte zu wohl, daß Alles ſo ſchnell vorwäris treiben würde, und daß keine Zeit zu verlieren war. Weil er indeß immer muthvoll daſtand, weder die Männer des jetzigen Tages fürchtend, welches höchſt IV. 13 — 194— ſelten iſt, noch die des morgenden, welches noch ſeltener iſt, ſo betrug er ſich kühn mit den Mächtigen und griff zur rechten Zeit und Stunde Mauxrou und Terray, Calonne und Necker an. Er nahete ſich auch dem Herzoge von Orleans, berührte ihn und wandte ſich ſogleich von ihm weg. Robespierre ſah er gerade, Marat von der Seite an. Nach und nach war er auf der Inſel Rhe, im Schloſſe If, im Fort Joux und im Donjon von Vin⸗ cennes verhaftet geweſen. Für alle dieſe Kerker nahm er ſeine Rache an der Baſtille. 3 In ſeinen Gefängniſſen las er den Tacitus. Er verſchlang ihn, er nährte ſich davon, und wie er zur Tribune von 1789 gelangte, hatte er noch dieſes Löwen⸗ mark im Munde. Dies merkte man auch ſeinen erſten Worten an, die er ſprach. 3 Er hatte nicht das Verſtändniß von dem, was Robes⸗ pierre und Marat eigentlich wollten. Den einen betrachtete er wie einen Advokaten ohne Klienten, den andern wie einen Arzt ohne Kranke, und er meinte, der Verdruß darüber ließe ſie ſo ausſchweifen. Eine Meinung, die auch etwas Wahres hatte. Er kehrte den Dingen, die ſo vernehmbar hinter ihm her ſchritten, auf das Entſchie⸗ denſte den Rücken. Gleich allen radikalen Wiederher⸗ ſtellern hatte er das Auge feſter auf die ſocialen, als auf die politiſchen Fragen gerichtet. Sein Werk, das ihm allein angehört, iſt nicht die Republik, es iſt die Revolution. Dies aber beweiſ't mehr als Alles, daß er der — 195— hauptſächlichſte, wahre große Mann jener Zeit iſt, weil er hervorragt über Alle, die nach ihm in derſelben Ideen⸗ ordnung groß waren. Sein Vater, der ihn— obgleich ſein Erzeuger— eben ſo wenig begriff, wie die Konſtituirende den Kon⸗ vent, ſagte von ihm:„Dieſer Menſch iſt weder das Ende, noch der Anfang eines Menſchen.“— Und er hatte Recht.— Dieſer Menſch war das Ende einer Geſellſchaft und der Anfang einer neuen. Mirabeau iſt dem großen Werke des achtzehnten Jahrhunderts eben ſo wichtig geweſen, wie Voltaire. Dieſe beiden Männer hatten ähnliche Miſſionen: die alten Dinge zu zerſtören und die neuen vorzubereiten. Die Thätigkeit des Einen war zuſammenhängend und hat ihn vor den Blicken Europa's ſein„ganzes langes Leben hindurch beſchäftigt. Der Andere erſchien nur kurze Zeit auf der Scene. Um ihre gemeinſchaftliche Aufgabe zu löſen, waren Voltaire Jahre, Mirabeau Tage verliehen. Indeß hat Mirabeau nicht weniger, als Vol⸗ taire gethan. Der Redner nimmt ſich dabei nur anders, wie der Philoſoph. Jeder greift das Leben des ſocialen Körpers nach ſeiner Weiſe an. Voltaire zerſetzt, Mira⸗ beau zermalmt. Voltaire's Beginnen gleicht einem chemi⸗ ſchen Proceſſe. Mirabeau iſt ganz phyſiſch. Nach Voltaire iſt eine Geſellſchaft aufgelöſ't; nach Mirabeau iſt ſie Staub. Voltaire iſt eine Säure; Mirabeau eine Keule. 13* VII. Wenn wir nunmeyr, um dieſe Skizze Mirabeau's und ſeiner Epoche zu ergänzen, die Blicke auf uns zurück lenken, ſo wird es uns einleuchten, daß die ſociale Be⸗ wegung, welche im Jahr 1789 anfing, auf ihrer jetzigen Stufe, keinen Mirabeau mehr haben kann, ohne daß wir uns dabei mit Beſtimmtheit ſagen könnten, wie die großen politiſchen Manner der Zukunft beſchaffen ſein werden. Ein Mirabeau iſt nicht mehr nöthig, folglich iſt er auch nicht möglich. Die Vorſehung erſchafft ſolche Männer nicht, wenn ihr Daſein nicht nothwendig bedingt iſt. Solche Saat wird nicht in den Wind geſtreut. Und— fragen wir— wozu könnte heute ein Mi⸗ rabeau nützen?— Ein Mirabeau iſt ein Blitz.— Was gibt es noch zu erſchlagen?— Wo ſind jetzt noch in der Region der Politik zu hohe Gegenſtände, die den Blitz anzögen?— Wir leben nicht mehr im Jahre 1789, wo es in der Geſellſchaft ſo viele Dinge außer allem Ver⸗ hältniſſe gab. 1u Jetzt iſt der Boden feſt nivelirt; Alles iſt eben, ge⸗ ſchliffen, glatt. Eine Gewitterwolke, wie Mirabeau, die hoch über uns hinwegzöge, fände keinen Gipfel, um ſich daran zu entladen. Jedoch wollen wir nicht behaupten, mit dem„wir brauchen keinen Mirabeau,“ wir brauchen keine großen Männer. Ganz im Gegentheil. Es gibt gewiß noch viel zu wirken. Alles iſt zerſtört, nichts iſt wieder her⸗ geſtellt. In einem Momente, wie der gegenwärtige, theilt ſich die Partei der Zukunft in zwei Klaſſen: die Männer der Revolution und die Männer der Fortſchreitung. Die erſten reißen das alte politiſche Erdreich auf, bilden die Furche, ſtreuen den Saamen; aber ihre Zeit währt zu kurz. Den Männern der Fortſchreitung wird erſt der langſame und beſchwerliche Anbau der Prinzipe zu Theil, die Kenntniß der günſtigen Jahreszeit zum Pfropfen der oder jener Idee, die tägliche Arbeit, das Begießen der jungen Pflanze, das Dungen des Bodens, die Ernte fur Alle. Sie ſchreiten gebückt und geduldig, bei Sonnen⸗ ſchein und Regen, durch das Feld des allgemeinen Be⸗ ſten, reinigen dieſe mit Trümmern bedeckte Er e, graben noch ſo manchen feſten Stumpf der Vergangenheit aus, oder ſo manche abgeſtorbene Wurzel alter Einrichtungen, und ſchaffen Mißbräuche fort, die das ſchnell wuchernde Unkraut in den Lücken der Geſetzgebung ſind. Sie be⸗ dürfen des geſunden Auges, der unermüdlichen Füße, — 198— der kräftigen Hand. Es ſind wackere, gewiſſenhafte Ar⸗ beiter, die oft ſchlechten Lohn empfangen! Nach unſerer Meinung haben die Revolutionsmän⸗ ner zu dieſer Friſt ihre Sendung vollendet. Noch ganz kürzlich haben ſie ihre drei Säetage im Juli gehabt. Mögen ſie doch nun die Fortſchreitungsmänner handeln laſſen. Auf die Furche komme die Ähre. Mirabeau war der große Mann der Revolution. Wir erwarten nunmehr den großen Mann der Fort⸗ ſchreitung. Und wir werden ihn beſitzen. Frankreich hat eine zu wichtige Initiative an die Siviliſation der Erde, als daß es ihm jemals an beſon⸗ dern Menſchen dazu fehlen könnte. Frankreich iſt die majeſtätiſche Mutter aller Ideen, welche heute bei allen Völkern im Schwange ſind. Man kann ſagen, daß die franzöſiſche Nation ſeit zwei Jahrhunderten die Welt mit der Milch ihrer Brüſte ernährte. Sie hat reiches und edles Blut und einen fruchtbaren Leib; ſie iſt uner⸗ ſchöpflich an Genies; ſie gebiert aus ſich ſelbſt alle großen Intelligenzen, deren ſie bedarf; ihr ſtehen immer Men⸗ ſchen nach dem Maaßſtabe der Ereigniſſe zu Gebot; und wird es erfordert, ſo fehlt ihr nie ein Mirabeau, um ihre Revolutionen zu beginnen⸗ nie ein Napoleon, um ſie zu enden.* Die Vorſehung wird ihr gewiß nicht den mofen Mann der Geſellſchaft, nicht blos der Politik, vorenthal⸗ ten, deſſen die Zukunft bedarf. — 199— Bis daß er aber erſchienen ſein wird, ſind alle Men⸗ ſchen, die jetzt der Geſchichte gehören, mit wenigen Ausnahmen, nur klein zu nennen. Wohl iſt es traurig zu ſehen, daß die großen Staats⸗ körper jetzt der allgemeinen Ideen und eines weitumfaſ⸗ ſenden Gleichgefühls entbehren; daß man die Zeit mit Uebertünchungen vertändelt, die zum Erbauen angewandt werden ſollte; wohl iſt es zum Verwundern, daß man zu vergeſſen ſcheint, daß die wahre Herrſchermacht nur der Intelligenz gehöre, daß man vor allen Dingen die Menge aufklären müſſe, und daß nur dann, wenn das Volk intelligent ſein wird, es auch herrſchend ſein kann; wohl iſt es ſchändlich, daß die prachtvollen Prämiſſen von 1789 gewiſſe Carollarien nachſchleppten, wie der Sy⸗ renenkopf den Fiſchleib; und daß ungeſchickte Handlanger ſo erbärmlich Geſetze von Gips auf Ideen von Granit hinkleckſten; wohl iſt es bedauernswerth, daß die fran⸗ zöſiſche Revolution ſo ungelenke Geburtshelfer ſah; und dennoch iſt bis jetzt noch nichts geſchehen, was nicht zu verbeſſern geweſen wäre; nicht ein einziges weſentliches Prinzip wurde während des revolutionären Kreiſens er⸗ ſtickt; keine Mißgeburt fand noch Statt; jede einer künf⸗ tigen Civiliſation nothwendige Idee iſt lebenskräftig ge⸗ boren und gewinnt jeden Tag mehr Muth, Geſtalt und Geſundheit. Als 1814 herankam, wie waren da dieſe Ideen, die Kinder der Revolution, ſo jung und klein noch, und lagen in der Wiege, und die Reſtauration, das muß . — 200— man geſtehen war ihnen eine magre und ſchlechte Amme⸗ Aber, das muß eben ſo geſagt werden, ſie hat keines der Kleinen todtgedrückt. Die Zahl der Prinzipe iſt vollſtändig geblieben.— In unſern Tagen iſt jede Kritik möglich, der Verſtändige jedoch ſoll dem Ganzen einen wohlwollenden Blick ſchenken. Er ſoll hoffen, vertrauen, warten. Er ſoll es den Männern der Theorie nachſe⸗ hen, mit welcher Langſamkeit die Ideen treiben; den Männern der Praktik jene enge, doch nützliche Liebe zum Beſtehenden, ohne welche ſich die Geſellſchaft in all⸗ mähliche Verſuche auflöſen müßte; den Leidenſchaften balte er zu Gute ihre großen und anregenden Digreſſio⸗ nen; den Intereſſen ihre Berechnungen, welche ſtatt der Glaubenslehren die Klaſſen an einander feſſeln; den Re⸗ gierungen ihr Herumtappen nach dem Guten im Dunkeln; den Oppoſitionen den Stachel in der Hand, wodurch der Ochſe die Furche zieht; den Partheien der Mitte die Beſchwichtigung, welche ſie für Tranſitionen bereit halten; den äußerſten Enden die Thätigkeit, welche ſie der Ideen⸗ circulation verſchreiben, die das ächte Blut der Civiliſa⸗ tion iſt; den Freunden der Vergangenheit die Sorgfalt, welche ſie für einige noch Leben zeigende Wurzeln hegen; den Eiferern für die Zukunft die Liebe zu jenen Blü⸗ then, die einſt herrliche Früchte verſprechen; den Män⸗ nern von reifem Alter ihre Mäßigkeit; den jüngern ihre Geduld; Dieſen, was ſie ſchaffen; Jenen, was ſie ſchaffen möchten; Allen die Schwierigkeit dabei. — 201— Jedoch verneinen wir hierdurch nicht, was unſere Epoche Stürmiſches und Unruhiges hat. Die Meiſten, die etwas im Staate wirken, wiſſen nicht, was ſie thun. Sie arbeiten in der Nacht, ohne zu ſehen. Morgen, am Tage, werden ſie vielleicht ſelbſt über ihr Werk erſtau⸗ nen. Ob erfreut, oder entſetzt, wer kann das wiſſen? — SEs gibt nichts Beſtimmtes mehr in dem politiſchen Wiſſen: alle Magnetnadeln trügen; die Geſellſchaft treibt ſteuerlos umher; ſeit zwanzig Jahren hat man ihr ſchon drei Mal einen neuen Hauptmaſt aufgeſetzt: Dynaſtie genannt, der immer zuerſt vom Wetterſtrahl getroffen wird. Das definitive Geſetz des Nichts offenbart ſich noch immer nicht. Die Regierung, wie ſie beſteht, iſt noch immer nicht die Affirmation von irgend Etwas; die Preſſe, die ſo groß und nützlich iſt, bleibt für jetzt nur die im⸗ merwährende Negation von Allem. Noch wurde keine reine Vorſchrift der Civiliſation und der Fortſchreitung erlaſſen. Die franzöſiſche Revolution hat für alle ſocialen Theorien ein ungeheures Buch geöffnet, eine Art von großem Teſtament. Mirabeau hat ſein Wort hineinge⸗ ſchrieben, dann Robespierre, dann Napoleon. Ludwig XVIII. hat etwas darin radirt, Karl X. hat das Blatt zerriſſen. Die Kammer vom 7. Auguſt endlich hat es, ſo gut es ging, wieder zuſammengeklebt, und das iſt Alles. Das Buch iſt da, die Feder iſt da— aber wer wagt zu ſchreiben?— — 2902.— Die jetzigen Menſchen ſcheinen in der That nur wenig zu ſein; jeder Denker jedoch ſollte unſern ſocialen Wallungen ſeine Aufmerkſamkeit nicht entziehen. Wir haben wahrlich feſtes Vertrauen und feſte Hoffnung. Und wer empfände nicht, daß im Sturm und Auf⸗ ruhr, im Kampfe aller Syſteme und aller Intereſſen, mitten durch Dampf und Staub, welche, gleich einem Schleier, die kaum modellirte ſociale und providentielle Statue den Augen entziehen, hinter dem Gewölbe aus Theorien, Leidenſchaften und Schimären, die ſich durch⸗ kreuzen und verzehren, in jenem Nebel, den nur Blitze durchzucken, mitten unter dem Reden der Menſchen, die zugleich alle Sprachen mit allen Zungen vernehmen laſſen, unter dieſem heftigen Wirbel von Dingen, Menſchen und Ideen, den man mit dem Namen des neunzehnten Jahr⸗ hunderts belegt— wer empfände nicht, daß hierin die Erfüllung von etwas Großem ſich nahe?— Aber, Gott nur bleibt ruhig und ſchafft ſein Werk. Im Januar 1834. Francois Marie Arouet, ſo berühmt unter dem Namen Voltaire, wurde den 20. Februar 1694 zu Chä⸗ tenay geboren. Aus ſeiner Familie ſaßen Mitglieder im Magiſtrate dieſer Stadt. Er wurde im Jeſuitenkollegium erzogen, woſelbſt einer ſeiner Lehrer, Lejay, ihm das Prognoſtikon geſtellt haben ſoll, er werde einſt der Ko⸗, D. riphäe des Deismus werden. Nachdem Arouet, deſſen Talent ſich mit aller ju⸗ gendlichen Kraft und Offenheit entwickelte, das Kolle⸗ gium verlaſſen hatte, fand er auf der einen Seite in ſeinem Vater einen unbeugſamen Verächter aller Wiſſen⸗ ſchaft, auf der anderen in ſeinem Pathen, dem Abbé von Chateauneuf, einen dienſtwilligen Verführer. Der Erſtere verdammte jedes wiſſenſchaftliche Studium, ohne zu wiſſen, warum, aber eben deshalb auch mit einer un⸗ überwindlichen Hartnäckigkeit. Der Letztere dagegen, welcher es ſich angelegen ſein ließ, Arouet bei ſeinen li⸗ terariſchen Verſuchen aufzumuntern, intereſſirte ſich ſehr — 2960— für die Poeſie, beſonders für diejenige, die mit einer gewiſſen Leichtfertigkeit und Impietät ſchön that. Der Vater wollte den Dichter durch ein rechtswiſſenſchaftliches Studium austreiben; der Pathe führte den Knaben in die Schlüpfrigkeiten des Salonlebens ein. Jener unter⸗ ſagte ſeinem Sohne jede ſchönwiſſenſchaftliche Lektüre; Ninon von’'Enclos aber vermachte dem Zögling ihres Freundes Chateauneuf eine Bibliothek. Somit unterlag das Genie Voltaire's von ſeiner Geburt an zwei entge⸗ gengeſetzten und gleich verderblichen Verfahrungsarten; die eine bezweckte das geweihte Feuer, welches ſich nie löſchen läßt, gewaltſam zu erſticken, die andere nährte es unüberlegter Weiſe, auf Koſten Alles deſſen, was es Edles und Ehrenwerthes in der intellektuellen und ſo⸗ cialen Ordnung gibt. Vielleicht ſind es dieſe beiden einan⸗ der widerſtrebenden Impulſe, die, zu gleicher Zeit dem erſten Aufſchwung einer mächtigen Phantaſie imprimirt, deren Richtung für immer verdarben. Wenigſtens kann man ihnen die erſten Verirrungen jenes Talents zuſchrei⸗ ben, das zu gleicher Zeit Zaum und Sporn empfand. Gleich im Beginn ſeiner ſchriftſtelleriſchen Laufbahn nannte man Voltaire als Verfaſſer ziemlich ſchlechter und ſehr unverſchämter Perſe, die ihn in die Baſtille brachten, eine ſtrenge Züchtigung für elende Reime. Während dieſer gezwungenen Mußezeit machte der junge zwanzigjährige Schriftſteller den flüchtigen Entwurf ſeines matten Gedichts: die Ligue, und beendigte ſein merk⸗ — 202— würdiges Drama Oedipus. Nachdem er einige Mo⸗ nate in der Baſtille zugebracht hatte, erhielt er, auf Veranlaſſung des Herzogs von Orleans, ſeine Freiheit und zugleich eine Penſton von dieſem Prinzen. Voltaire dankte ihm, daß er ſich es ſo ſehr angelegen ſein ließ, für den Lebensunterhalt des Dichters zu ſorgen, bat ihn jedoch, ſich in Zukunft nicht mit der Sorge für die Wohnung deſſelben zu befaſſen. Oedipus wurde mit Erfolg im Jahre 1718 zur Darſtellung gebracht. Lamorte, das Orakel dieſer Zeit, würdigte den Triumph Voltaire's durch einige Segens⸗ wünſche und das Rénommée des jungen Dichters be⸗ gann. Heut zu Tage erinnert man ſich Lamotte's viel⸗ leicht nur aus dem Grunde, weil ſein Name in Vol⸗ taire's Schriften genannt worden iſt. Die Tragödie Artemire folgte dem Oedipus. Sie fiel durch. Voltaire unternahm eine Reiſe nach Brüſſel, um daſelbſt J. J. Rouſſeau kennen zu lernen, den man, wunderlich genug, den Großen genannt hat. Beide Dichter achteten ſich vor ihrer perſönlichen Be⸗ kanntſchaft; ſie ſchieden als Feinde. Man hat behauptet, ſie ſeien gegenſeitig auf einander eiferſüchtig geweſen. Das würde kein Zeichen einer Ueberlegenheit ſein. Artemire, die im Jahre 1724, nach einer Umar⸗ beitung, unter dem Titel Marianne gegeben wurde, hatte mehr Erfolg, ohne beſſer zu ſein. In derſelben Zeit er⸗ ſchien die Ligue oder Henriade, und Frankreich hatte kein epiſches Gedicht. Voltaire ſetzte in dieſer Dichtung Mornay an Sully's Stelle, weil er ſich über einen Abkömmling dieſes großen Miniſters zu beklagen hatte. Dieſe durchaus nicht philoſophiſche Rache iſt dennoch zu entſchuldigen, indem Voltaire niederträchtiger Weiſe vor dem Hotel Sully durch irgend einen Kavalier von Rohan beleidigt wurde und, verlaſſen von allem richterlichen Schutz, ſich keine andere Genugthuung verſchaffen konnte. Mit Recht erzürnt über die Geſetzloſigkeit, in Be⸗ treff ſeines verächtlichen Feindes, begab ſich Voltaire, der bereits den berühmten Charakteren angehörte, nach Eng⸗ land, wo er ſich mit dem Studium philoſophiſcher Schriften beſchäftigte. In ſeinen Mußeſtunden ſchrieb er ebenda⸗ ſelbſt zwei neue Tragödien: Brutus und Cäſar. Cor⸗ neille hat mehreren Scenen derſelben ſeine Anerkennung ertheilt. Nach Frankreich zurückgekehrt, ſchrieb Voltaire den Eriphilus, welcher durchfiel, und Zaire, ein Mei⸗ ſterwerk, das in drei Wochen begonnen und vollendet wurde. Es fehlt demſelben nichts, als die Farbe des Orts und eine gewiſſe Sorgfältigkeit des. Styls. Zaire wurde verdienter Weiſe mit faſt wunderbarem Erfolg gekrönt. Die Tragödie Adelaide Duguesclin (ſpäter Herzog von Foiy betitelt) war nicht ſo glück⸗ lich, ein gleiches Reſultat hervorzurufen. Der Tempel des Geſchmacks, die Briefe über die Engländer — 209— gehören zu den weniger wichtigen Produktionen, mit welchen ſich Voltaire während mehrer Jahre herumplagte. Demohngeachtet erfuͤllte ſein Name bereits Europa. Er begab ſich nach Cirey zu der Marquiſe von Chäͤtelet, einer Dame, von der er ſelbſt behauptete, daß ſie zu allen Wiſſenſchaften tauge, nur nicht zu der des Lebens, und machte hier ſeine ſchöne Phantaſte in der Algebra und Geometrie verdorren, ſchrieb Alzire, Mahomet, die Geſchichte Karl's XII., trug die Materialien zu ſeinem Zeitalter Ludwig's XIV. zuſammen, berei⸗ tete den Verſuch über die Sitten der Natio⸗ nen vor und ſchickte Friedrich, dem Kronprinzen von Preußen, ſeine Madrigale. Merope, die ebenfalls zu Cirey geſchrieben wurde, ſetzte dem dramatiſchen Ruf Voltaire's das Siegel auf. Er glaubte nunmehr, ſich als Bewerber der durch den Kardinal Fleury in der Akademie francaiſe erledigten Stelle präſentiren zu dür⸗ fen. Er wurde nicht zugelaſſen. Er hatte noch weiter Nichts aufzuweiſen, als Genie. Indeß einige Zeit her⸗ nach ließ er es ſich angelegen ſein, der Marquiſe von Pompadour zu ſchmeicheln, und zwar mit einer ſo hart⸗ näckigen Unterthänigkeit, daß er auf einmal den Sitz in der Akadamie, die Würde eines Gentilhomme des Königs und die Stelle eines Hiſtoriographen von Frankreich er⸗ hielt. Dieſe Gunſt dauerte nicht lange. Voltaire begab ſich wechſelweiſe nach Luneville zum ehrlichen Stanislaus, dem Könige von Polen und Herzoge von Lothringen; IV.. 14 — 210— nach Sceaux zu Madame du Maine, wo er die Se⸗ miramis, Oreſtes und das gerettete Rom ſchrieb, und nach Berlin zu Friedrich, der den preußi⸗ ſchen Thron beſtiegen. Er verlebte hier mehre Jahre, wurde zum Kammerherrn ernannt und erhielt Orden und Penſion. Er wurde nebſt Maupertuis, Argens und Lamettrie, dem Atheiſten des Königs, dieſes Königs, der, nach Voltaire's Behauptung, ohne Hof, Conſeil und Religion lebte, zu der königlichen Tafel ge⸗ zogen. Nicht die erhabene Freundſchaft eines Ariſtoteles und Alexander, eines Terenz und Scipio lag dieſem Verhältniß zum Grunde. Ein Zuſammenleben von eini⸗ gen Jahren genügte, darzuthun, daß die Seele eines despotiſchen Philoſophen und die eines ſophiſtiſchen Dich⸗ ters Nichts mit einander gemein haben. Voltaire wollte aus Berlin entfliehen. Friedrich jagte ihn fort. Aus Preußen entfernt, von Frankreich zurükgeſtoßen, verlebte Voltaire zwei Jahre in Deutſchland, wo er ſeine Annalen des Kaiſerreichs herausgab, die er aus Gefälligkeit für die Herzogin von Sachſen⸗Gotha redi⸗ girte. Später ließ er ſich, mit Madame Donis, ſeiner Nichte, in Genf nieder. Die chineſiſche Waiſe, eine Tragödie, die als der Zenith ſeines Talents betrachtet werden kann, war die erſte Frucht dieſer Zurückgezogen⸗ heit, wo er in Frieden gelebt haben wurde, hätten gierige Buchhändler nicht ſeine odiöſe Pucelle herausgegeben. In dieſe Zeit und die ſeines Vergnügungs⸗Aufenthaltes zu Tournay und Ferney fallen das Gedicht über das Liſſaboner Erdbeben, die Tragödie Tanrred, einige Erzählungen und verſchiedene Werkchen. Zu der⸗ ſelben Zeit vertheidigte er mit einer mit vieler Prahlerei gepaarten Großmuth Calas, Sirven, la Barre, Montbailly⸗ Lally, die bejammernswerthen Opfer richterlicher Verirrungen. Damals entzweite er ſich mit Rouſſeau, wurde Katharina von Rußland befreundet, für die er die Geſchichte ihres Großvaters, Peter I., ſchrieb, und verſöhnte ſich wieder mit Friedrich. Aus derſelben Zeit ſchreibt ſich ſeine Mitwirkung an der En⸗ cyklopädie her, ein Werk, an welchem Menſchen, die ihre Kraft hatten beweiſen wollen, nur ihre Schwäche bekundeten, ein monſtröſes Monument, zu welchem der Moniteur unſerer Revolution ein fürchterliches Seiten⸗ ſtück liefert. Von der Laſt der Jahre niedergebeugt, verlangte Voltaire nach Paris. Er begab ſich in dieſes Babylon, welches mit ſeinem Genie ſympathiſirte. Von einſtim⸗ migen Acclamationen begrüßt, konnte der unglückliche Greis ſich noch vor ſeinem Tode von dem Fortſchreiten ſeines Werks überzeugen. Er konnte ſeinen Ruhm ge⸗ nießen, oder davor erſchrecken. Seine Lebenskräfte ließen ihn nicht die Aufreizungen dieſer Reiſe ertragen, Paris ſah ihn am 30. Mai 1778 aus dieſem Leben ſcheiden. Starke Geiſter behaupten, daß er ſeine Ungläubigkeit mit in's Grab genommen habe. Wir wollen ihm nicht bis dahin folgen. 14*¾ Wir haben das Privatleben Voltaire's erzählt; nunmehr wollen wir verſuchen, ſeine öffentliche und lite⸗ rariſche Exiſtenz zu ſchildern. Voltaire nennen, heißt das ganze achtzehnte Jahr⸗ hundert charakteriſiren, mit einem Federzug die doppelte Phyſiognomie, hiſtoriſche und literariſche, dieſer Epoche feſtſtellen, die— was man auch davon behaupten mag — nur die Uebergangs⸗Epoche, ſowohl für die bürger⸗ liche Geſellſchaft, wie für die Poeſie war. Das achtzehnte Jahrhundert wird ſtets in der Geſchichte als von zwei Jahrhunderten, dem vorhergehenden und dem nachfol⸗ genden, erſtickt erſcheinen. Voltaire iſt die Haupt⸗ und gewiſſermaßen typiſche Perſon dieſes Jahrhunderts; und ſo außerordentlich auch dieſer Mann war, ſeine Verhält⸗ niſſe erſcheinen doch ziemlich kleinlich zwiſchen dem großen Bilde Ludwig's XIV. und der gigantiſchen Figur Napoleon's. Zwei Weſen liegen in Voltaire. Sein Leben un⸗ terlag zweien Einflüſſen. Seine Schriften hatten zwei Reſultate. Dieſer Doppel⸗Ausdruck, deren einer die Wiſſenſchaften beherrſchte, während der andere ſich in den Ereigniſſen kund that, ſoll zunächſt von uns berück⸗ ſichtigt werden. Wir wollen jeden dieſer beiden Impulſe, die Voltaire's Genie leiteten, abgeſondert betrachten. Immerhin darf man aber nicht unberückſichtigt laſſen, daß ihre gedoppelte Macht feſt und innig mit einander in Zuſammenhang ſtand, und daß die Wirkungen dieſer Macht ſtets etwas Simultanes und Gemeinſchaftliches gehabt haben. Wenn wir in dieſer Bemerkung die Un⸗ terſuchung beider ſondern, ſo geſchieht das einzig und allein aus dem Grunde, weil es unſere Kräfte über⸗ ſteigt, auf einen einzigen Hinblick das Enſemble zu um⸗ faſſen. Wir benutzen deshalb den Kunſtgriff jener orien⸗ taliſchen Künſtler, die, da ſie keine Figur en kace malen können, dennoch oft das Ganze darſtellen, indem ſie beide Profils in denſelben Rahmen ſchließen. In der Literatur hat Voltaire eines jener Monu⸗ mente hinterlaſſen, deſſen Anblick mehr durch ſeine Aus⸗ dehnung erſtaunen macht, als er durch ſeine Größe im⸗ ponirt. Das Gebäude, welches er erbaut hat, bietet nichts Erhabenes. Es iſt weder der Palaſt eines Königs, noch das Hospitium eines Armen. Es iſt ein eleganter, ungeheurer Bazar, unregelmäßig und bequem, der un⸗ zählige Reichthümer in dem Koth auskramt; jeder Eitel⸗ keit und Leidenſchaft das gibt, was ihr zukömmt; der ſo blendend wie ſtinkend iſt; den Vagabunden, Kaufleute und Müßiggänger beleben, den aber Prieſter und Hülfs⸗ bedürftige wenig beſuchen. Da bemerkt man glänzende Galerien, die unaufhörlich von einem bewundernden Haufen angefüllt ſind, verborgene Höhlen, die Keiner durchſpürt hat. Man wird unter dieſen prächtigen Arkaden tauſend Meiſterwerke des Geſchmacks und der Kunſt erblicken, die von Gold und Diamanten glanzen; aber vergebens ſieht man ſich nach einer Statue aus Bronze um, die antike Formen enthüllt. Schmuck und Aufputz für Salons und Boudoirs ſtrahlen einem von — 214— allen Seiten entgegen; aber Zierrathen und Koſtbarkeiten für die Kirche erblickt man dort nicht. Wehe dem Schwachen, der nur einen Sinn für äußeres Glück hat und ſich den Verführungen jenes prachtvollen Ab⸗Orts hingibt, dieſes abſcheulichen Tempels, in welchem für Alles, was nicht Wahrheit, Zeugniß abgelegt und eine Verehrung Alles deſſen vorgenommen wird, was nicht Gott iſt. Gewiß, wenn wir auch über ein Werk dieſer Art mit Bewunderung ſprechen, man wird es nicht verlangen können, daß wir demſelben unſere Ehrfurcht zollen. Wir würden eine Stadt beklagen, wo die Menge den Bazar belebte und die Einſamkeit in der Kirche den Sitz aufgeſchlagen hätte. Wir würden eine Literatur be⸗ klagen, die den Pfad Corneille's und Racine's verlaſſen würde, um in Voltaire's Fußſtapfen zu treten. Wir ſind weit entfernt, das Genie dieſes außeror⸗ dentlichen Mannes in Abrede zu ſtellen. Eben weil, un⸗ ſerer Überzeugung nach, dieſes Genie vielleicht eines der ſchönſten war, die jemals einem Schriftſteller verliehen wurden, ſo beklagen wir um ſo ſchmerzlicher die ſchlechte Anwendung deſſelben. Wir bedauern Voltaire's und der Wiſſenſchaften wegen, daß er die hohe Intelligenz, die er vom Himmel erhalten, gegen den Himmel angewendet hat. Wir beweinen dieſes treffliche Genie, das ſeine er⸗ habene Sendung nicht begriffen hat, dieſen Undankbaren, der die Keuſchheit der Muſe profanirt hat, wie die Hei⸗ ligkeit des Vaterlandes, dieſen Ueberläufer, dem es nicht — 215— einſiel, daß der Dreifuß des Dichters ſeinen Platz neben dem Altar hat. Und(es iſt dies von tiefer, aber un⸗ läugbarer Wahrheit) ſein Fehler war zugleich ſeine Strafe. Sein Ruhm iſt bei weitem nicht ſo groß, als er es ſein ſollte; denn er hat jeden Ruhm verſucht, ſogar den eines Heroſtratus. Ueber alle Felder der Wiſſenſchaften hat er Aufklärungen ertheilt, aber man kann nimmer behaupten, er habe ein wiſſenſchaftliches Feld kultivirt. Weil er den ſtrafbaren Ehrgeiz beſaß, nahrhafte und giftige Keime in gleichem Maße zu ſäen, ſo ſind es gerade dieſe geweſen, welche— ihm zur ewigen Schande— die meiſte Frucht trugen. Die Henriade ſteht als literariſche Erſchei⸗ nung noch unter der Pucelle;(eine Behauptung, die nicht ſagen ſoll, daß dieſes ſtrafbare Werk einen Vorzug vor jener, ſelbſt in ſeiner ſchandbaren Tendenz, aufzu⸗ weiſen habe.) Seine Satyren, die häufig ein inferna⸗ liſches Mal an ſich tragen, ſtehen über ſeinen Komödien, die unſchuldig ſind. Man zieht ſeine leichten Poeſieen, in welchen der nackte Cynismus auftritt, ſeinen lyriſchen Dichtungen vor, in welchen man häufig religiöſe und ernſte Gedanken antrifft.*) Seine Erzählungen endlich, *) Herr Graf von Maiſtre bemerkt in ſeinem ſtrengen und beachtenswerthen Portrait Voltaire's, daß derſelbe eine Null in der Ode iſt: und ſchreibt mit Recht dieſe Nullität dem Mangel) alles Enthuſiasmus zu. In der That, Vol⸗ taire, der ſich der lyriſchen Poeſie nur mit Widerſtreben hingab, einzig und allein, um ſeinen Auſpruch an die Univerfalität des Genies zu rechtfertigen, war jeder hö⸗ heren Beheiſepun unfähig; er kannte keine andere wahr⸗ hafte Gemüthsbewegung, als die des Zorns, und ſelbſt — 216— die ſo ganz und gar an Skepticismus und Ungläubigkeit leiden, werden für beſſer gehalten, als ſeine geſchichtlichen Werke, wo derſelbe Fehler ſich weniger fühlbar macht, wo aber der ewige Mangel an Würde ſtets in Wider⸗ ſpruch mit dem Grundcharakter jener Werke gerath. Was ſeine Tragödien betrifft, wo er ſich als wahrhaft großer Dichter bewährt, wo er häufig den Charakterzug ſindet und Worte des Herzens ſpricht, ſo kann man nicht läugnen, daß er in ihnen, ungeachtet ſo mancher bewundernswürdiger Scenen, weit hinter Racine und beſonders hinter dem alten Corneille ſteht. Hier iſt unſer Urtheil um ſo weniger verdächtig, als ein tiefes und gründliches Studium der dramatiſchen Werke Voltaire's uns die Uebezeugung gewährt hat, daß er, in Betreff des Theaters, eine Ueberlegenheit über die meiſten Schriftſteller an den Tag lege. Wir zweifeln keinen Augenblick, daß, wenn derſelbe, ſtatt die koloſſalen Kräfte ſeines Gedankens auf zwanzig Punkten zu zerſplittern, dieſelben alle zu einem Ziele vereinigt hätte: der Tragödie, er Racine übertroffen haben und Corneille gleich gekommen ſein würde. Aber er verwendete das Genie auf den Geiſt. Solchergeſtalt wurde er entſetzlich geiſtreich. Solcherge⸗ ſtalt iſt das Siegel des Genies mehr dem großen Ganzen ſeiner Schriften aufgeprägt, als dem Einzelnen derſelben. Unaufhörlich mit ſeinem Jahrhundert beſchäftigt, vernach⸗ dieſer Zorn ſteigerte er ſich ie bis zum Unwillen, bis zu jenem heiligen Unwillen, der den Dichter macht, wie Juvenal ſo ſchön ſagt: Facit indignatio Versum?! 8 — 217— läßigte er die Nachkommenſchaft zu ſehr, dieſes ernſte Bild, welches alle Meditationen des Dichters beherrſchen muß. Aus Eigenſinn und Frivolität mit ſeinen eigen⸗ ſinnigen und frivolen Zeitgenoſſen ringend, wollte er ih⸗ nen zugleich gefallen und ſich über ſie luſtig machen. Seine Muſe, welche in ihrer Schönheit ſo ſchön war, entlehnte häufig prunkhaften Ausmalungen und der Ko⸗ ketterie ihre blendenden Reize, und man wird ſtets in die Verſuchung geführt, ihm den Rath, der für einen eiferſüchtigen Liebhaber ſo geeignet iſt, zu ertheilen: Erſpare dir die Sorgen, Du brauchſt der Kunſt fürwahr nichts abzuborgen. Voltaire ſchien nicht zu wiſſen, daß die Anmuth in der Kraft enthalten, und daß die Erhabenheit menſchlicher Werke vielleicht nur in der Aufrichtigkeit derſelben be⸗ gründet ſey. Die Phantaſie weiß ihren himmliſchen Ur⸗ prung zu offenbaren, ohne zu fremdartigen Kunſtgriffen ihre Zuflucht zu nehmen. Sie hat nur ihren Pfad fort⸗ zuſchreiten, um ſich als Göttin zu zeigen. Et vera in- cessu patuit dea. Wenn es überhaupt möglich iſt, die vielköpfige Idee, welche von dem literariſchen Leben Voltaire's geboten wird, unter ein Réſumé zu bringen, ſo werden wir die⸗ ſelbe nur jenen Wundern beizählen, welche die Lateiner mu dem Namen monstra belegen. Wahrlich, Voltaire iſt eine, vielleicht einzige, Erſcheinung, welche nur in Frankreich, und zur Zeit des achtzehnten Jahrhunderts, — 218— erſtehen konnte. Seine Literatur und die des großen Jahrhunderts unterſcheiden ſich dadurch, daß Corneille, Molière und Pascal mehr dem Staate, Voltaire da⸗ gegen der Civiliſation angehört. Man fühlt es beim Leſen ſeiner Werke, daß er der Schriftſteller eines ent⸗ nervten und abgeſchmackten Zeitalters iſt. Er ergötzt ohne Anmuth, er blendet ohne Reiz, er glänzt ohne Mafjeſtät. Er verſteht zu ſchmeicheln, aber nicht zu trö⸗ ſten. Er bezaubert und überzeugt nicht. Mit Ausnahme der Tragödie, die ſein Element iſt, fehlt ſeinem Talente Zartheit und Aufrichtigkeit. Man fühlt es, daß dies Alles das Reſultat einer Organiſation und nicht einer Begeiſterung iſt; wenn ein atheiſtiſcher Arzt behaupten würde, daß er Voltaire ganz und gar in ſeinen Sehnen und Nerven fühle, man würde zittern, daß er Recht habe. übrigens hat Voltaire, gleich einem andern Ehrgei⸗ zigen neuerer Zeit, der von einer politiſchen Suprematie träumte, vergebens nach der literariſchen getrachtet. Die abſolute Monarchie kömmt keinem Menſchen zu. Hätte Voltaire die wahrhafte Größe begriffen, er würde ſeinen Ruhm mehr in der Einheit, als in der Univerſalität ge⸗ ſucht haben. Die Kraft offenbart ſich nicht durch ein ewiges Umherſtreifen, durch unbeſtimmte Metaphern, aber ſehr wohl durch eine majeſtätiſche Unbeweglichkeit. Die Kraft iſt kein Proteus, ſondern ein Jupiter. Hier beginnt der zweite Theil unſerer Vorwürfe; er wird bei weitem kürzer ſein, als der erſte, weil, ge⸗ dankt ſei es der franzöſiſchen Revolution, die politiſchen Reſultate der Voltaire'ſchen Philoſophie unglücklicher Weiſe ſo furchtbar notoriſch ſind. Es würde indeß höchſt ungerecht ſein, nur den Schriften des„Patriarchen von Ferney“ dieſe unheilvolle Revolution zuzuſchreiben. Man muß vor Allem die Wirkungen einer Auflöſung der ſo⸗ cialen Zuſtände in's Auge faſſen, die bereits ſeit längerer Zeit begonnen hatte. Voltaire und die Epoche, in wel⸗ cher er lebte, können ſich gegenſeitig anklagen und ent⸗ ſchuldigen. Zu kräftig, um ſeinem Jahrhundert zu ge⸗ horchen, war Voltaire auf der anderen Seite auch zu ſchwach, es zu beherrſchen. Aus dieſer Gleichheit des Einfluſſes ergab ſich eine fortwährende Reaktion zwiſchen ihm und ſeinem Jahrhundert, ein gegenſeitiger Austauſch von Impietät und Thorheiten, eine ewige Fluth und Ebbe, welche ſtets irgend einen alten Pfeiler des ſocialen Gebäudes in ihren Schwingungen mit ſich fort riß. Man veranſchauliche ſich die politiſche Miene des acht⸗ zehnten Jahrhunderts; die Scandaloſa der Regentſchaft, die Schändlichkeiten Ludwig's XV.; die Gewaltthätig⸗ keiten des Miniſteriums, wie die des Parlaments, und dabei die Kraftloſigkeit des Staats; die moraliſche Ver⸗ derbtheit, die ſich nach und nach aus dem Kopfe zum Herzen, aus dem Adel zum Volke verſtieg; die Prälaten des Hofes und die galanten Abbés; die alte Monarchie, den alten ſocialen Zuſtand, ſchwankend auf der gemein⸗ ſchaftlichen Baſis, nur noch den Angriffen der Neuerer — 220 durch den Zauber jenes ſchönen Namen: Bourbon,*) Widerſtand leiſtend; endlich veranſchauliche man ſich Voltaire, der in dieſe in Auflöſung begriffenen ſocialen Verhäaltniſſe, wie eine Schlange in den Moraſt, geworfen wurde, und man wird nicht erſtaunen, wenn man wahrnimmt, daß ſein giftiger Gedanken⸗Ausdruck das Ende dieſer politiſchen Ordnung beſchleunigte, die Mon⸗ taigne und Rabelais ſo vergeblich in ihrer Jugend und Kraft angegriffen hatten. Nicht Voltaire machte die Krankheit zu einer tödtlichen; aber er zog den Keim zur Entwickelung, er verſchlimmerte die Zufälle. Es bedurfte alles Giftes Voltaire's, um dieſen Koth in Gährung zu bringen; deßhalb muß man dieſem un⸗ glücklichen Manne einen großen Theil der Abſcheulich⸗ beiten der Revolution zuſchreiben. Was die Revolution ſelbſt betrifft, ſo ſollte ſie unerhört ſein. Die Vorſehung wollte ſie zwiſchen den ſchrecklichſten Sophiſten und den furchtbarſten Despoten ſtellen. Ihre Morgenröthe be⸗ grüßte das ſaturnaliſche Leichenbegängniß Voltaire's;**) ihren Abend verherrlichte Buonaparte durch ein Blut⸗ had.**³.) *) Die allgemeine Demoraliſation mußte bereits ſehr tief Wurzel gefaßt haben; denn der Himmel ſandte verge⸗ bens gegen das Ende des ſechszehnten Jahrhunderts Ludwig XVI., dieſen wahrhaften Märtyrer, der ſeine Tugend bis zur Heiligkeit erhob. *) Beiſetzung ſeiner irdiſchen Ueberreſte im Pantheon. **) Das Kartätſchen⸗Gemetzel von Saint⸗Roch. Walter Scott. (Bei Gelegenheit ſeines Quentin Durward.) Gewiß, es liegt etwas Bizarres und Wunderbares in dem Talent dieſes Mannes, der mit dem Leſer ſchaltet, wie der Wind mit einem Blatte; der ihn, nach ſeinem Gefallen, an allen Orten und zu allen Zeiten ſpazieren führt; ihm ſpielend die verborgenſte Falte des Herzens, das geheimnißvolle Phänomen der Natur enthüllt und die dunkelſte Seite der Geſchichte aufſchlägt; deſſen Phan⸗ taſte alle anderen Phantaſien beherrſcht und liebkoſet, und mit derſelben erſtaunungswürdigen Wahrheit die Lumpen des Bettlers und die Robe des Königs träumt, jeden Pfad betritt, ſich in jede Kleidung hüllt, alle Sprachen redet. Dieſe Phantaſie läßt der Phyſiognomie der Jahrhunderte das, was die Weisheit Gottes unveränderlich und für die Ewigkeit in ihre Züge gelegt hat, ſo wie das, was die Thorheiten der Menſchen Veränderliches und Wandelbares hinzugefügt haben; ſie zwingt nicht, wie viele unwiſſende Romanciers ſolches thun, die Perſonen verfloſſener Zeiten, ſich mit unſerer Schminke aufzuputzen, ſich mit unſerem Firniß zu über⸗ tünchen; aber ſie zwingt durch ihre magiſche Kraft die Zeitgenoſſen, wenigſtens auf einige Stunden dem Geiſte verfloſſener Zeiten ſich hinzugeben, jenem Geiſte, der heut zu Tage ſo ſehr verachtet wird, und zwar benimmt ſie ſich dabei wie ein weiſer und gewandter Rathgeber, der undankbare Söhne auffordert, zu ihrem Vater zurück⸗ zukehren. Ein geſchickter Zauberer will jedoch vor allen Dingen pünktlich und genau ſein. Er verweigert ſeiner Feder keine Wahrheit, ſelbſt die nicht, die aus der Schilderung des Irrthums entſteht, dieſes Sohnes der Menſchen, der wegen ſeiner eigenſinnigen und veränder⸗ lichen Laune Unſterblichkeit erlangt hat. Wenige Geſchicht⸗ ſchreiber ſind ſo treu, wie Scott. Man fühlt es, er hat ſeine Portraits zu Tableaux und ſeine Tableaux zu Por⸗ traits machen wollen. Er malt uns unſre Vorfahren mit ihren Leidenſchaften, ihren Fehlern, ihren Verbre⸗ chen, aber dergeſtalt, daß die Inſtabilität des Aberglau⸗ bens und die Abſcheulichkeit des Fanatismus nur dazu dienen, die Ausdauer der Religion und die Heiligkeit des Glaubens beſſer an's Licht zu ſtellen. Wir haben es übrigens gern, wenn uns unſre Vorfahren mit ihren oft ſo edeln und heilſamen Vorurtheilen, wie in ihren ſchönen Federbüſchen und feſten Kuiraſſen, vorgeführt werden. Walter Scott hat aus den Quellen der Natur und Wahrheit ein unbekanntes Genre geſchöpft, das neu iſt, weil es ſich ſo alt macht, als es will. Walter Scott verbündet mit der kleinlichen Genauigkeit der Chroniken die majeſtätiſche Größe der Geſchichte und das ſpannende — 225— Intereſſe des Romans; ein mächtiges und vortreffliches Genie, das die Vergangenheit enthüllt; ein wahrhafter Maler, der ein treues Portrait nach einem verwirrten Schatten zeichnet, und uns zwingt, ſelbſt dasjenige, was wir nie geſehen haben, als ähnlich zu erklären; ein bieg⸗ ſamer und feſter Geiſt, der ſich das Siegel eines jeden Zeitalters und jeden Landes aufdrückt, als weiches Wachs, und dieſen Abdruck der Nachkommenſchaft als unzerſtör⸗ bare Bronze überliefert. Wenige Schriftſteller haben die Pflichten des Ro⸗ manciers, in Bezug auf ihre Kunſt und ihr Jahrhundert, ſo gut erfüllt, wie Walter Scott; denn es würde ein beinahe ſtrafbarer Irrthum ſein, glaubte der Schriftſteller über dem allgemeinen Intereſſe und den nationalen Be⸗ dürfniſſen zu ſtehen, ſeinen Geiſt jedes Einfluſſes auf die Zeitgenoſſen überheben und ſein egoiſtiſches Leben von dem großen Leben des ſocialen Körpers trennen zu kön⸗ nen. Wer ſoll ſich denn dem letzterem widmen, wenn es nicht der Dichter iſt? Welche Stimme ſoll ſich im Sturme erheben, wenn ihn nicht die der Lyra beſchwich⸗ tigen kann? Wer ſoll den Gräueln der Anarchie, dem verachtenden Hohn des Despotismus trotzen, wenn nicht dem Dichter die ewige Weisheit die Macht ertheilte, die Völker und Könige zu vereinigen, ſo wie die Weisheit der neueren Zeit ihm die Macht gab, ſie von einander zu trennen? Nicht zu ſüßlichen Galanterien, zu filzigen In⸗ IV. 15 triguen, zu ſchmutzigen Abentheuern gab Walter Scott ſein Talent her. Durch Inſtinkt von ſeinem Ruhm in Kenntniß geſetzt, hat er es gefühlt, daß es mehr für eine Generation bedürfe, die mit ihrem Blute und ihren Thränen die merkwürdigſte Seite aller menſchlichen Ge⸗ ſchichten beſchrieben habe. Die Zeiten, welche unſerer konvulſiviſchen Revolution unmittelbar vorher gingen und folgten, enthüllten jene Entkräftung, woran ein Fieber⸗ kranker vor und nach ſeinen Zufällen leidet. Damals wurden die fadeſten und roheſten, die einfältigſten und ruchloſeſten, die abſcheulichſten und obſcönſten Schriften gierig von einer kranken bürgerlichen Geſellſchaft ver⸗ ſchlungen, einer Geſellſchaft, deren entarteter Geſchmack und erſchlaffte Kräfte jede ſchmackhafte und heilſame Nahrung von ſich gewieſen hatten. Dieſes erklärt die ſkandalöſen Triumphe, die damals von den Plebejern der Salons und den Patriciern der Krambuden zu Ch⸗ ren ungereimter und ſchlüpfriger Schriftſteller veran⸗ ſtaltet wurden, deren Namen in den Mund zu nehmen, wir für eine Entwürdigung halten, und die nun ſo weit herunter gekommen ſind, um den Beifall der Lakeien und das Gelächter der Gemeinheit betteln zu müſſen. Heut zu Tage wird die Popularität nicht von den Hän⸗ den des Pöbels dargeboten, ſie kömmt aus der einzigen Quelle, die ihr einen univerſellen ſowohl, wie einen un⸗ ſterblichen Charakter verleihen kann, ſie hängt von der Stimme dieſer kleinen Anzahl zarter Geiſter, enthuſia⸗ — 227— ſtiſcher Seelen und gewichtiger Köpfe ab, welche moraliſch die civiliſirten Völker repräſentiren. Walter Scott hat jene Popularität erlangt, indem er den Annalen der Na⸗ tionen ſeine für alle Nationen verfaßten Dichtungen ent⸗ lehnte und aus den Jahrbüchern der Jahrhunderte Bü⸗ cher, die für alle Jahrhunderte geſchrieben, ſchöpfte. Kein Romancier hat mehr Belehrung, von größerem Reiz umhüllt, geboten, mehr Wahrheit in größerer Poeſie. Es beſteht eine ſichtbare Allianz zwiſchen der ihm eigenen Form und allen literariſchen Formen der Vergangenheit und Zukunft. Man wird die epiſchen Romane Scott's einen Uebergang der gegenwärtigen Literatur zu den grandioſen Romanen nennen können, zu den großen Epopöen, in metriſcher oder praſaiſcher Form, die unſere poetiſche Aera uns verſpricht und geben wird. Welches Ziel ſoll den romantiſchen Dichter leiten? Er ſoll in einer anziehenden Fabel eine nützliche Wahr⸗ heit uns vorführen. Hat er einmal die Grundidee feſt⸗ geſtellt und die zur Erklärung nöthige Handlung erfun⸗ den, muß er alsdann, um weiter zu entwickeln, nicht eine Ausführungsweiſe aufſuchen, welche ſeinen Roman dem Leben, die Nachahmung dem Vorbild nahe bringt? Und iſt das Leben nicht ein bizarres Drama, wo das Gute und das Böſe, das Schöne und das Häßliche, das Er⸗ habene und das Niedrige vermiſcht ſind? Die Macht des Geſetzes der Mannigfaltigkeit iſt überall herrſchend. Soll er ſich alſo, wie viele Maler der niederländiſchen 15* Schule, darauf beſchränken, nur düſtere Gemälde zu entwerfen, oder ſoll er gar, wie die Chineſen, nur mit lichten Farben malen? Zeigt uns die Natur nicht überall den Kampf zwiſchen Licht und Schatten? Die roman⸗ tiſchen Dichter vor Walter Scott hatten zwei entgegen⸗ geſetzte Arten der Kompoſition angenommen. Beide Arten waren fehlerhaft, gerade wegen ihres Gegenſatzes. Die Einen gaben ihrem Werke die Geſtalt einer in will⸗ kührliche Kapitel eingetheilten Erzählung, ohne daß man eigentlich errathen konnte, warum dies geſchah, wenn nicht etwa, um dem Leſer einen Ruhepunkt anzudeuten. Der Titel Descanso(Ruhepunkt) iſt hierzu ein ganz naives Geſtändniß; ein alter ſpaniſcher Autor**) hat ſich dieſes Titels in ſeinem Buche bedient. Die Andern dagegen ent⸗ falteten ihre Geſchichte in einer Reihe von Briefen, die man als von den verſchiedenen Helden des Romanes geſchrie⸗ ben anſehen mußte. Die Perſonen des Romanes aber treten bei dieſer Behandlungsweiſe gegen den Autor zu⸗ rück; in den Briefen verſteckt der Verfaſſer, den man jedoch ſtets erkennt, ſich hinter ſeinen Perſonen. Der natürliche Dialog findet ſeine Stelle nicht, eben ſo wenig, wie die eigentliche Handlung; dagegen kann eine gewiſſe Einförmigkeit des Styls, wo viele Begebenheiten über Einen Leiſten geſchlagen werden, nicht vermieden werden; es werden die höchſten Gebilde und die tiefſten Ge⸗ *) Marcos Obregon de la Ronda. danken verwiſcht; ein plattes Feld liegt vor dem Leſer. Noch eine andere Urſache macht dieſe Romane in Briefen monoton. Jede Perſon kommt mit ihrer Cpiſtel an die Reihe, gleich jenen ausländiſchen Schauſpielern, welche nur einzeln erſcheinen und die Erlaubniß nicht haben, von ihrem Geſtell herab zu reden, ſondern die ein Pa⸗ vier an ſich tragen, auf dem ihre Rolle geſchrieben ſteht. Auch kann man dieſe Art von Romanen mit jenen Unterhaltungen vergleichen, welche die Taubſtummen füh⸗ ren, indem ſie ſich einander ſchreiben, was ſie ſich zu ſagen haben, ſo daß ſie ihren Haß und ihre Liebe mit der Feder in der Hand und mit dem Dintenfaß in der Taſche ausdrücken müſſen. Ich frage nun, was wird aus dem zärtlichen Vorwurf der Liebe, den man auf die Poſt tragen muß? Und iſt der ſtürmiſche Ausbruch der Leidenſchaften nicht ſehr geſtört durch jene nothwendigen Einleitungen und durch jene Höflichkeitsformeln, die zu Anfang und zu Ende eines jeden Briefes Schildwache ſtehen müſſen? Glaubt man, daß jener feierliche Aufzug von Komplimenten, jenes läſtige Gepäck von Artigkeiten den Gang der Handlung beſchleunigen oder die Theil⸗ nahme für die Perſonen ſteigern können? Muß man endlich von der Fehlerhaftigkeit, von der unüberſteig⸗ lichen und feſtgewurzelten, einer Gattung ſich nicht überzeugt halten, welche mitunter ſelbſt die Beredt⸗ ſamkeit eines J. J. Rouſſeau ſo ſehr abzukühlen im Stande geweſen iſt?— — 230— Nehmen wir alſo an, daß ein ſchöpferiſcher Geiſt an die Stelle des erzählenden Romans,(bei welchem Alles berückſichtigt zu ſein ſcheint, ausgenommen das In⸗ tereſſe, indem hier der abſurde Gebrauch eingeführt iſt, jedem Kapitel ein oft ſehr detaillirtes Inhaltsverzeichniß vorhergehen zu laſſen, welches eine Erzahlung in der Erzählung iſt,) ſo wie an die des Romans in Briefen, deſſen Form ſchon jede Heftigkeit und Rapidität unter⸗ ſagt, den dramatiſchen Roman geſtellt habe, in welchem ſich die eingebildete Handlung in wahrhaften und bunten Gemälden entwickelte, nach Art wirklicher Begebenheiten des Lebens, das keine andere Eintheilung kennt, als die der Auflöſung der verſchiedenen Scenen; welcher, mit einem Wort, ein langes Drama wäre, wo die Beſchreibun⸗ gen die Dekorationen und Koſtüme ergänzten, wo ſich alle Perſonen ſelbſt malten und durch ihre verſchiedenen und vielfältigen Schickſale in ſich die einige Idee des Werks 1 repräſentirten. Man wird in dieſem Genre die Vortheile der beiden andern, ohne ihre Inkonvenienzen, vereinigt finden. Indem die pittoresken und in gewiſſer Hinſicht magiſchen Triebfedern des Dramas zu unſerer Dispo⸗ ſition bereit ſind, können wir in Gottes Namen jene tauſend unnützen und vorübergehenden Details hinter der Scene laſſen, die der einfache Erzähler, der ſeinem Perſonal Schritt für Schritt, wie die Kinder dem Gängelbande, zu folgen genöthigt iſt, weitläufig aus einander ſetzen muß, wenn er klar ſein will; wir 1 — 231— können von dieſen tief eingreifenden und plötzlichen Si⸗ tuationen, die weit fruchtbarer an Meditationen ſind, als ganze Seiten, die die Bewegung einer Scene hervor⸗ ſprudeln läßt, die aber der raſche Gang einer Erzäh⸗ lung ausſchließt, großen Nutzen ziehen. Nach dem pittoresken, aber proſaiſchen Roman Walter Scott's wird noch ein anderer Roman in's Leben zu rufen ſein, der uns noch ſchöner und vollſtändiger dünkt. Es iſt der Roman, der zugleich Drama und Epopöe, pittoresk, aber auch poetiſch, reel, aber auch ideal, wahr, aber auch groß iſt, der Walter Scott in Homer einfaßt. Wie jeder Schöpfer einer neuen Schule, iſt Walter Scott bis jetzt von der Kritik angegriffen worden. Der, welcher einen Moraſt austrocknet, muß ſich darin finden, die Fröſche um ſich herum quaken zu hören. Was uns betrifft, ſo erfüllen wir eine gewiſſenhafte Pflicht, indem wir Walter Scott eine Ehrenſtelle unter den Romanciers einräumen, und insbeſondere Quentin Durward unter den Romanen. Quentin Dur⸗ ward iſt ein ſchönes Buch. Es kann nicht leicht einen beſſer verſchürzten Roman geben, einen Roman, in wel⸗ chem die moraliſchen Wirkungen beſſer mit den drama⸗ tiſchen verbunden ſind.— Der Verfaſſer hat, wie es uns ſcheint, zeigen wollen, daß die Treue, ſelbſt bei einem jungen und armen Men⸗ ſchen von niedriger Herkunft, ſicherer zum Ziele gelangt, als die Perfidie, wird dieſelbe auch von allen Hülfsmit⸗ teln der Macht, von Reichthum und Erfahrung unter⸗ ſtützt. Die erſte dieſer Rollen hat er ſeinem Schotten, Quentin Durward, ertheilt, einer Waiſe, die auf Klippen aller Art geworfen wird und in die beſtangelegten Schlingen geräth, ohne einen andern Kompaß zu beſitzen, als eine beinahe thörichte Liebe; indeß die Liebe iſt oft eine Tugend, wenn ſie der Thorheit gleicht. Die zweite .Rolle iſt Ludwig XI. anvertraut, der als König an Ver⸗ ſchmitztheit den gewandteſten Hofmann übertrifft, ein alter Fuchs, mit Löwenklauen, mächtig und ſchlau, bei Tag und Nacht bedient, unaufhörlich von ſeiner Leibwache, wie von einem Schild beſchützt, und von ſeinem Scharfrichter, wie von einem Schwerte, begleitet. Dieſe beiden ſo ver⸗ ſchiedenen Charaktere wirken einer auf den andern ein, um die Grund⸗Idee mit einer auffallend ſchlagenden Wahrheit zu veranſchaulichen. Der treue Quentin dient, in ſeinem Gehorſam gegen den König, ohne daß er es weiß, ſeinen eigenen Intereſſen, während die Pläne Ludwig's, deren Werkzeug und Opfer zugleich Quentin ſein ſollte, zu derſelben Zeit den liſtigen Greis in die verwirrteſten Verhältniſſe verſetzen und ſich zum Vortheil des jungen Mannes wenden. Eine oberflächliche Unterſuchung könnte Anfangs glauben laſſen, daß der Dichter hauptſächlich nur den hi⸗ ſtoriſchen Kontraſt Ludwig's von Valois, Königs von Frankreich, und Karl's des Kühnen, Herzogs von Bur⸗ gund, ein Kontraſt, der mit ſo vielem Talent veran⸗ ſchaulicht iſt, zu enthüllen beabſichtige. Dieſe ſchöne Epi⸗ ſode iſt vielleicht in der That ein Fehler in der Kom⸗ poſition des Werks, weil das Intereſſe, welches dieſelbe erregt, mit dem Hauptgegenſtande rivaliſirt. Indeß dieſer Fehler, wenn er wirklich vorhanden iſt, entzieht der Ge⸗ genüberſtellung dieſer beiden Fürſten nichts von ihrem impoſanten und komiſchen Gehalt. Der eine derſelben, ein geſchmeidiger und ehrgeiziger Tyrann, verachtet den andern, einen rauhen und kriegeriſchen, der ihn verderben würde, wenn er es wagen könnte. Beide haſſen ſich, aber Ludwig trotzt dem Haſſe Karl's, weil er roh und wild iſt; Karl fürchtet den Haß Ludwig's, weil er liebd koſend auftritt. Der Herzog von Burgund wird, inmitten ſeiner Trabanten, in der Sicherheit ſeines Landes, be⸗ unruhigt durch den König von Frankreich, der ohne Schutz ihm gegenüberſteht, wie der Hund der Katze. Die Grauſamkeit des Herzogs entſteht aus ſeinen Leiden⸗ ſchaften, die des Königs aus ſeinem Charakter. Der Burgunder iſt aufrichtig, er hält es mit der offenen Ge⸗ walt; er hat nie daran gedacht, ſeine ſchlechten Hand⸗ lungen zu verbergen; er hat keine Gewiſſensbiſſe; denn er hat ſeine Verbrechen wie ſeinen Zorn vergeſſen. Ludwig iſt abergläubig, vielleicht weil er ein Heuchler iſt; die Religion genügt dem nicht, welchen ſein Gewiſſen quält und welcher die Reue von ſich weiſet; aber er hat gut glauben an ohnmächtige Sühnungen, die Erinnerung der Uebelthaten, die er vollbracht hat, lebt unaufhörlich in — 234— ihm neben dem Gedanken an die Uebelthaten, die er noch vollbringen wird; denn man ruft ſich fortwährend dasjenige zurück, was man lange Zeit hindurch gedacht hat; ſo muß denn das Verbrechen, iſt es Verlangen und Hoffnung geweſen, auch zu Erinnerung werden. Beide Fürſten ſind ſcheinheilig; aber Karl ſchwört bei ſeinem Schwerte, während Ludwig bemüht iſt, die Heiligen durch Geldgeſchenke oder Hofämter zu gewin⸗ nen, die Diplomatik in ſein Gebet miſcht und ſogar mit dem Himmel intriguirt. Im Falle eines Kriegs unter⸗ ſucht Ludwig die Gefahr deſſelben, während Karl bereits auf den Lorbeeren des Sieges ausruht. Die Politik des Kühnen ſtützt ſich ganz und gar auf ſeinen Arm; aber das Auge des Königs reicht weiter, als der Arm des Herzogs. Endlich beweiſet Walter Seott, indem er die beiden Rivale mit in's Spiel zieht, daß die Klugheit ſtärker iſt, als die Kühnheit, und daß der, welcher nichts zu fürchten ſcheint, Furcht vor dem empfindet, welcher Alles zu fürchten ſcheint. Mit welcher Kunſt zeichnet der berühmte Schrift⸗ ſteller uns den franzöſiſchen König, der ſich ſeinem Veiter von Burgund im Gewande des ränkevollſten Be⸗ trügers darſtellt und um Gaſtfreundſchaft in demſelben Augenblick bettelt, in welchem der hochmüthige Vaſall ihm den Krieg erklären will! Gibt es etwas von dra⸗ matiſcherer Wirkung, als die Nachricht von dem Auf⸗ ſtande, deſſen Feuer von den Agenten des Königs in den —-— 235— Staaten des Herzogs angeſchürt worden iſt, eine Nach⸗ richt, die wie ein Blitz zwiſchen die beiden Fürſten fährt in demſelben Augenblick, wo die Gaſtfreundſchaft ſie ver⸗ einigt? So vereitelt ein Betrug den anderen, und der liſtige Ludwig hat ſich ſelbſt wehrlos der Rache eines er⸗ zürnten Feindes überliefert. Die Geſchichte berichtet uns etwas dem Aehnliches, aber hier glaube ich dem Roman mehr, als jener, weil ich die moraliſche Wahrheit der geſchichtlichen vorziehe. Eine noch merkwürdigere Scene iſt vielleicht die, wo beide Fürſten, die durch die weiſeſten Rathgebungen nicht zur Annäherung an einander vermocht werden konnten, ſich durch einen Akt der Grauſamkeit verſöhnen, den der Eine ausſinnt, der Andere vollführt. Zum erſten Male ſcherzen ſie auf⸗ richtig und vergnügt mit einander; und dieſer Scherz, der durch einen Mord hervorgerufen wird, verwiſcht auf einen Augenblick ihre Feindſchaft. Dieſe ſchreckliche Idee macht uns vor Bewunderung ſchaudern. Wir haben als gräßlich und empörend die Ausmalung jener bekannten Orgie beurtheilen hören. Nach unſerer Meinung iſt dieſelbe eines der ſchönſten Kapitel des Werks. Walter Scott hatte es unternommen, den berüchtigten Räuber zu ſchildern, der unter dem Namen„der Eber der Ardennen“ ſo bekannt iſt; er würde das Gemälde beeinträchtigt haben, hätte er demſelben nicht das Ge⸗ präge des Schreckens aufgedrückt. Man muß ſtets frei⸗ müthig in eine dramatiſche Aufgabe eingehen und die — 236— Sache vom Grunde auf feſtſtellen. Die Bewegung und das Intereſſe finden ſich nur dort. Nur furchtſame Geiſter können mit einer kräftigen Faſſungskraft unter⸗ handeln und auf dem Pfade zurückweichen, den ſie ſich geſteckt haben. Aus demſelben Beweggrunde rechtfertigen wir zwei andere Stellen, die uns des Nachdenkens und Lobes nicht weniger würdig erſcheinen. Die erſtere iſt der Tod Hayraddin's, eines ſeltſamen Charakters, aus wel⸗ chem der Dichter vielleicht noch andere Vortheile hätte ziehen können. Die zweite iſt die Stelle, wo der König Ludwig, auf Befehl des Herzogs von Burgund zum Ge⸗ fangenen gemacht, von Triſtan l'Hermite im Gefängniß die Veranſtaltungen zur Strafe des Aſtrologen, der ihn betrogen hat, treffen läßt. Es iſt ein außerordentlich ſchöner Gedanke, uns die Grauſamkeit des Königs in dieſer Vollendung zu enthüllen, eines Königs, der ſelbſt im Gefängniſſe noch Raum für ſeine Rache findet, indem er die Scharfrichter zu Vollſtreckern ſeines letzten Willens macht und den Reſt ſeiner königlichen Würde zu einer Todesſtrafe anwendet. Wir würden dieſe Bemerkungen weiter ausführen und uns bemühen können, die uns als Schwächen vor⸗ kommenden Stellen des neuen Dramas aufzudecken. Wir finden dergleichen beſonders in der Entwickelung; allein der Dichter würde zweifelsohne weit mehr Recht⸗ fertigungsgründe aufzuweiſen haben, als wir Gründe haben, V V ——— — 237— ihn anzugreifen; und wir möchten unſere ſchwachen Kräfte wohl nicht mit Vortheil gegen einen ſo furchtbaren Gegner verſuchen. Wir wollen uns deshalb auf die Bemerkung beſchränken, daß die von ihm dem Narren des Herzogs von Burgund bei der Ankunft Ludwig's XI. zu Peronne in den Mund gelegten Worte von dem Narren Franz's I. herrühren, der ſie bei Gelegenheit der Reiſe Karl's V. nach Frankreich zum Beſten gab. Die Unſterblichkeit dieſes Armen klebt nur an jenen Worten; man muß ſie ihm laſſen. Eben ſo glauben wir, daß das ſinnreiche Mittel, welches der Aſtrolog Galeotti anwendet, um Ludwig XI. zu entſchlüpfen, ſchon vor tauſend Jahren von einem Philoſophen angewendet wurde, der das Ende des Dio⸗ niſtus von Syrakus bezeichnen wollte. Wir legen dieſen Bemerkungen keine größere Wichtigkeit bei, als ſie ver⸗ dienen. Ein Romancier iſt kein Chroniſt. Wir können nur darüber unſer Erſtaunen nicht verhehlen, daß der König im Rath von Burgund ſeine Worte an Ritter des heiligen Geiſt-Ordens richtet; derſelbe wurde erſt ein Jahrhundert ſpäter von Heinrich III. gegründet. Auch ſind wir der Meinung, daß der Orden vom heiligen Michael, womit der ehrenwerthe Verfaſſer den braven Lord Crawfort dekorirt, von Ludwig XI. erſt nach ſeiner Gefangenſchaft gegründet wurde. Sir Walter Scott deute uns dieſe kleinen chronologiſchen Ausſtellungen nicht uͤbel. Indem wir den leichten Triumph eines Pedanten üͤber einen ſo berühmten Alterthumskundigen davon — 238— tragen, überlaſſen wir uns derſelben Freude, die ſeinen Quentin Durward hinriß, als er den Herzog von Or⸗ leans aus dem Sattel geworfen hatte und Dunois die Spitze bot; und wir könnten bewogen werden, den Ver⸗ faſſer um Verzeihung wegen unſeres Sieges zu bitten, ſo wie Karl V. den Pabſt um Verzeihung bat: Sanct- issime pater, indulge victori. De la Mennais. (Bei Gelegenheit des Verſuchs über die Gleichgültigkeit in Betreff der Materie der Religion.)— Sollte es wahr ſein, daß in dem Schickſal der Na⸗ tionen ein Augenblick enthalten iſt, wo die Bewegungen des ſocialen Körpers nichts Weiteres zu ſein ſcheinen, als die letzten Zuckungen eines Sterbenden? Sollte es wahr ſein, daß man das Licht nach und nach aus der Intelligenz ſchwinden ſehen könne, wie die Abenddäm⸗ merung vom Himmel? Alsdann— behaupten prophe⸗ tiſche Stimmen— ſteyen ſich das Gute und das Böſe, das Leben und der Tod, das Sein und Nichtſein ein⸗ ander gegenüber; und die Menſchen irren von einem zum andern, als wenn ſie zu wählen hätten. Die Stel⸗ lung der bürgerlichen Geſellſchaft iſt keine Stellung mehr; es iſt ein ſchwaches und zugleich gewaltſames Zuſammen⸗ fahren nach Art eines Schlagfluß⸗Anfalls. Die Ent⸗ wickelungen des menſchlichen Geiſtes ſtehen ſtill, ſeine Umwälzungen beginnen. Der Fluß befruchtet nicht mehr, er verſchlingt; die Fackel leuchtet nicht mehr, ſie verzehrt. Der Gedanke, der Wille, die Freiheit, dieſe göttlichen Eigenſchaften, die von der himmliſchen Allmacht der IV. 16 — 242— menſchlichen Geſellſchaft bewilligt ſind, machen dem Hoch⸗ muth, der Empörung, dem individuellen Inſtinkte Platz. Der ſocialen Vorſicht folgt dieſe tiefe animaliſche Blind⸗ heit, der es nicht geſtattet iſt, die Annäͤherung des Todes zu unterſcheiden. Dem Aufruhr der Glieder folgt als⸗ bald die Zerſtörung des Körpers, dieſer die Fäulniß des Leichnams. Der Kampf vorübergehender Intereſſen tritt an die Stelle des Einklanges eines ewigen Glaubens. Etwas Viehiſches erzeugt ſich im Menſchen und frater⸗ niſirt mit ſeiner verdrießlichen Seele. Er entſagt dem Himmel und vegetirt, ohne ſeine Beſtimmung zu er⸗ füllen, dahin. Der Kampf wird dann zum Volksleben. Die bürgerliche Geſellſchaft bildet ein hitziges Handge⸗ menge, das in tiefe Nacht gehüllt iſt; kein anderes Licht erhellt die Dunkelheit, als der Blitz der ſich treffenden Schwerter und die Funken, die der Rüſtung entſprühen. Vergebens würde die Sonne über die Unglücklichen auf⸗ gehen, um ſie ſich als Brüder erkennen zu laſſen; mit ihrem blutigen Werke beſchäftigt, werden ſie es nicht wahrnehmen. Der Staub des Gefechtes macht ſie blind. Alsdann— um uns der Worte Boſſuet's zu bedie⸗ nen— hört ein Volk auf, Volk zu ſein. Die Ereigniſſe, welche mit ſtets wachſender Schnelligkeit nahen, nehmen mehr und mehr einen Schatten von Vor⸗ ſehung und Verhängniß an, und die kleine Anzahl ſchlichter Menſchen, die den ehrwürdigen Offenbarungen treu blie⸗ — 243— ben, erwartet es mit Angſt, ob ſich keine Zeichen am Himmel zeigen werden. Wir wollen glauben, daß unſere alten Monarchieen noch nicht auf dem Punkte ſtehen. Man hofft Heilung, ſo lange der Kranke den Arzt nicht von ſich ſtößt, und der begierige Enthuſiasmus, den der erſte Sang einer religiöſen Poeſte, welche dieſes Jahrhundert hat, hervor⸗ rief, beweiſet, daß die bürgerliche Geſellſchaft noch eine Seele hat. Dieſen göttlichen Hauch zu kräftigen, dieſe himm⸗ liſche Flamme von Neuem zu beleben, dahin ſtreben heut zu Tage alle wahrhaft hehren Geiſter. Jeder trägt ſei⸗ nen Funken zum gemeinſchaftlichen Heerd, und, gedankt ſei es der edelmüthigen Anſtrengung, das ſociale Ge⸗ bäude kann in Schnelle wieder auferbaut werden, wie jene prächtigen Paläſte der arabiſchen Mährchen, die eine Legion Engel in einer Nacht vollendete. Solchergeſtalt finden wir Meditationen bei unſeren Schriftſtellern und Inſpirationen bei unſeren Dichtern. Von allen Seiten erhebt ſich eine ernſte und milde Generation, voll Erin⸗ nerungen und Hoffnungen. Sie fordert von den angeb⸗ lichen Philoſophen, die ihr die Vergangenheit wieder vorführen möchten, ihre Zukunft zurück. Dieſe Gene⸗ ration iſt rein, und folglich auch nachſichtig, ſelbſt gegen dieſe alten und unverſchämten Strafbaren, die es wagen, die Bewunderung jener zu reklamiren; aber ihre 16* Verzeihung der Verbrecher ſchließt ihren Abſcheu gegen das Verbrechen nicht aus. Sie will ihre Exiſtenz nicht auf einen Abgrund gründen, auf den Atheismus, auf die Anarchie; ſie verſchmähet die Erbſchaft des Todes, deſſen Revolution ſie verfolgt; ſie kömmt zur Religion zurück, weil die Jugend ungern dem Leben entſagt. Deshalb fordert ſie von dem Dichter mehr, als die alten Generationen von ihm erhalten haben. Er gab nur dem Volke Geſetze, es verlangt von ihm einen Glauben. Einer der Schriftſteller, die am mächtigſten dazu beigetragen haben, in uns dieſen Durſt nach religiöſen Bewegungen zu erregen, einer derjenigen, die ihn am beſten zu ſtillen verſtehen, iſt ohne Zweifel Abbé F. de La Mennais. Zu dem höchſten Gipfel wiſſenſchaftlichen Ruhmes gelangt, ſcheint dieſer ehrwürdige Prieſter dem menſchlichen Ruhme nur im Vorübergehen begegnet zu ſein. Er ging weiter. Die Epoche der Erſcheinung des Verſuchs über die Gleichgültigkeit in Betreff der Materie der Religion war eine der Daten dieſes Jahrhunderts. Es muß in dieſem Buche ein außerordentliches Geheimniß enthalten ſein; Keiner kann es ohne Hoffnung, oder ohne Schrecken leſen, gleichſam als ob es eine hohe Offenbarung über unſere Beſtim⸗ mung verberge. Wechſelsweiſe majeſtätiſch und leiden⸗ ſchaftlich, einfach und prachtvoll, ernſt und heftig, tief und erhaben, wendet ſich der Verfaſſer mit allen Zärt⸗ — 245— lichkeiten zum Herzen, zum Geiſte mit aller Kunſt, zur Seele mit allem Enthuſiasmus. Er ſchleudert Blitze, wie Pascal, entzündet, wie Rouſſeau, donnert, wie Boſſuet. Seine Gedanken laſſen ſtets Spuren in den Gemüthern zurück; ſie demüthigen alle Diejenigen, die ſie nicht erheben. Sie müſſen tröſten, damit ſie nicht in Verzweiflung verſetzen. Sie machen Alles welk, was ſie nicht befruchten können. Ueber kein Werk exiſtirt eine ſo verſchiedene Anſicht; man greift es entweder wie einen Feind an, oder ver⸗ theidigt es wie einen Retter. Es iſt erſtaunungswürdig! Dieſes Buch war ein Bedürfniß unſerer Epoche, und die Mode hat ſich um die Reſultate deſſelben bekümmert! Zweifelsohne iſt dies das erſte Mal, daß die Mode an der Ewigkeit Theil haben wird. Indem Alles dieſe Schrift verſchlang, hat man den Verfaſſer derſelben mit hundert Vorwürfen überhäuft, die Jeder insbeſondere an fein Gewiſſen hätte richten ſollen. Alle jene Laſter, die er aus der menſchlichen Geſellſchaft hat verbannen wollen haben getobt, wie die aus dem Tempel gejagten Verkäufer. Man hat gefürchtet, die Seele würde leer bleiben, würde man die Leidenſchaften aus ihr ausgetrieben haben. Wir haben behaupten hören, dieſes ſtrenge Buch mache das Leben traurig, der mürriſche Prieſter reiße die Blumen am Fußpfade des Menſchen ab. Zugeſtanden. Aber diefe Blumen, die er abreißt, verbargen einen Abgrund. Auch hat dieſes Buch noch ein anderes Phänomen hervorge⸗ rufen, das in unſeren Tagen ſehr merkwürdig erſcheint, — 246— ich meine die öffentliche Diskuſſion über eine theologiſche Frage. Wunderbar bleibt es und nur dem außerordent⸗ lichen Intereſſe, welches dieſe Schriſt erregt hat, iſt es zuzuſchreiben, ſelbſt die Frivolität der Lebemenſchen und die Vorurtheile der Staatsmänner ſind auf einen Augen⸗ blick vor dem ſcholaſtiſchen und religiöſen Streit entſchwun⸗ den. Man hat ſich auf einen Augenblick des Glaubens nicht erwehren können, die Sorbonne blühe wieder in den beiden Kammern auf. Herr de La Mennais, in ſeiner Kraft von der Kraft eines Höheren unterſtützt, hat ſeine Leſer daran gewohnt, ihn, ohne daß ihm der Athem ausgeht, von einem Ende ſeiner ungeheueren Kompoſition zu dem anderen die Laſt einer weitumfaſſenden und einzigen Grundidee tragen zu ſehen. Allenthalben offenbart ſich in ihm das Eigen⸗ thum eines großen Gedankens. Er enthüllt ihn in allen ſeinen Theilen, klärt ihn in allen ſeinen Details auf, ſetzt ihn in allen ſeinen Geheimniſſen aus einander, be⸗ urtheilt ihn in allen ſeinen Reſultaten. Er gibt alle Urſachen an, entwickelt alle Folgen. Eine der Wohlthaten dieſer Art von Werken iſt die, daß ſie den tiefſten Abſcheu gegen alle Schriften, welche die Häupter einer ungläubigen Sekte aus Spottluſt und Jronie geſchrieben haben, hervorrufen. Wenn man ein⸗ mal ſo hoch geſtiegen iſt, kann man nicht ſo tief herab⸗ ſteigen. Sobald man reine Luft eingeathmet und ſich am Lichte erquickt hat, wird man nicht in die Finſterniß und Oede zurückzukehren wünſchen. Man wird von einem unausſprechlichen Mitleid ergriffen, wenn man Menſchen ihr Eintagsleben dazu verwenden ſieht, Gott zu erdichten oder zu vertilgen. Man wird in die Ver⸗ ſuchung geführt, zu glauben, daß der Atheiſt ein beſon⸗ deres Weſen ſei, das auf ſeine Weiſe organiſirt iſt und urſache hat, ſeinen Platz unter den Thieren zu rekla⸗ miren; denn man begreift die Empörung der Intelligenz gegen die Intelligenz nicht. Und dann gibt es eine ſelt⸗ ſamere Vereinigung, als die jener Menſchen, die einen Schöpfer ihrer beſonderen Schöpfung, einen Glauben nach ihrer beſonderen Meinung haben, die über die Ewig⸗ keit verfügen, während die Zeit ſie mit hinwegnimmt, und die jene multiplex religio, ein von einem Heiden erfundenes Wort, zu realiſiren ſuchen? Man könnte ſie mit den Worten: das Chaos in der Verfolgung des Nichts begriffen, bezeichnen. Während die Seele des Chriſten, ähnlich der von dem Luftzug hin⸗ und hergetrie⸗ benen Flamme, ſich unverzüglich zum Himmel erhebt, iſt der Geiſt dieſer Ungläubigen wie das Gewölk, das Ge⸗ ſtalt und Weg verändert, je nachdem der Wind es treibt. Man lacht, wenn man dieſelben ewigen Dinge von der Höhe menſchlicher Philoſophie beurtheilen hört, wie man die Unglücklichen verlacht, die mit aller Anſtrengung den Gipfel eines Gebirges erklimmen, um die Sterne beſſer unterſuchen zu können.. Diejenigen, welche den durch ſo viel Gift berauſchten —— 5 1 ————— * —— — 248— Nationen die wahrhafte Nahrung des Lebens und der Intelligenz reichen, müſſen der Heilſamkeit ihres Unter⸗ nehmens vertrauen. Früher oder ſpäter drängen ſich die gemißbrauchten Völker zu ihnen, ihnen zurufend, wie Johannes Chriſto: ad quem ibimus? verba vitae aeter- nae habes.(Zu wem ſollen wir gehen? Du haſt Worte des ewigen Lebens.) 1 ½ 2 2 g — ‿ — f 8 —6 8 — —ð — 1— R — Wir befinden uns im Juni 1824. Lord Byron iſt geſtorben. Man fragt uns, was wir über Lord Byron und den Tod Lord Byron's denken. Was liegt an unſeren Gedanken? Wozu gut ſchreiben, wofern man nicht an⸗ nimmt, daß es einem unmöglich ſei, einem ſo großen Dichter und Ereigniſſe gegenüber nicht einige Worte zu ſagen, die der Aufbewahrung werth ſeien. Will man den ſinnreichen Fabeln des Orients Glauben ſchenken, ſo wird eine Thräne, die in's Meer fällt, zur Perle. In dem abgeſonderten Leben, zu welchem uns der Ge⸗ ſchmack an den Wiſſeenſchaften geführt hat, in der fried⸗ lichen Region, in welche uns die Liebe der Unabhängig⸗ keit und der Poeſie verſetzt hat, mußte uns der Tod Byron's in gewiſſer Hinſicht, wie ein häusliches Unglück, treffen. Er iſt für uns eines jener traurigen Ereigniſſe geweſen, die nahe berühren. Derjenige, welcher ſein Le⸗ ben der Verehrung der Wiſſenſchaften gewidmet, fühlt zu derſelben Zeit, wo ſein intellektuelles Leben zunimmt, den Kreis ſeines phyſiſchen Lebens ſich ſchließen. Eine kleine Anzahl theurer Weſen nimmt die Zärtlichkeit ſeines Herzens in Anſpruch, während alle geſtorbenen und — 252— gleichzeitigen Dichter, fremde ſowohl, wie Landsleute, ſich der Zuneigung ſeiner Seele bemächtigen. Die Natur hatte ihm eine Familie gegeben; die Poeſie hat ihm eine zweite geſchaffen. Seine Sympathien, welche ſo wenige Weſen neben ihm aufmuntern, eilen mitten durch den Strudel ſocialer Verhältniſſe, um jenſeits Zeit und Raum einige Menſchen zu finden, die er begreift und von denen begriffen zu werden, er ſich würdig fühlt. Wäh⸗ rend in dem einförmigen Umlauf der Gewohnheiten und Geſchäfte der Haufe von Indifferentiſten ihn erkältet und beleidigt, ohne ſeine Aufmerkſamkeit in Anſpruch zu nehmen, geſtalten ſich zwiſchen ihm und denen, die ſeine Neigung erwählt hat, einige Beziehungen und— ſo zu ſagen— elektriſche Verbindungen. Eine ſanfte Gemein⸗ ſchaft der Gedanken feſſelt ihn, nach Art eines unſicht⸗ baren und unzerreißbaren Bandes, an dieſe Auserwähl⸗ ten, die in ihrer Welt iſolirt ſind, wie er in der ſeinigen; ſo daß, wenn zufälliger Weiſe einer dem andern begeg⸗ net, ein Blick genügt, um ſich gegenſeitig ein Wort zu verkünden, die Tiefe der Seele zu durchdringen und das Gleichgewicht derſelben zu erkennen; nach einigen Augenblicken fühlen ſich beide Fremdlinge zu einander hingezogen, wie zwei Brüder, die von denſelben Brüſten ernährt ſind, wie zwei Freunde, die gleiche Schickſale ge⸗ habt haben. Möge uns die Behauptung vergönnt ſein, und, wenn es ſein muß, mögen wir uns des Umſtandes rühmen, — eine Sympathie derſelben Art, wie wir ſie eben bezeichnet haben, zieht uns zu Byron. Es war ſicherlich nicht die magnetiſche Kraft, die ein Genie auf das andere ausübt; es war aber wenigſtens ein Gefühl aufrichtiger Bewun⸗ derung, des Enthuſtasmus und der Dankbarkeit die Ur⸗ ſache davon; denn man ſchuldet denen, deren Werke und Handlungen das Herz höher ſchlagen laſſen, Dankbarkeit. Als man uns den Tod dieſes Dichters meldete, ſo ſchien es uns, als beraube man uns durch dieſe Nachricht eines Theils unſerer Zukunft. Wir haben nur mit dem bit⸗ terſten Gefühle darauf verzichtet, mit Byron jemals eines jener poetiſchen Freundſchafts⸗Verhältniſſe zu ſchließen, welche mit dem größten Theil der vorzüglichſten Meiſter unſerer Zeit zu unterhalten, für uns ſo ſüß und ruhm⸗ würdig iſt; und wir haben jene ſchöne Worte an ihn gerichtet, mit welchen ein Schriftſteller ſeiner Schule den dehren Schatten André Chenier's begrüßte: Fahr' wohl, du zunger Freund, obſchon ich dich nicht kannte. Da uns ein Wort über die Byron'ſche Schule ent⸗ ſchlüpft iſt, ſo wird es vielleicht nicht außer dem Zweck liegen, zu unterſuchen, welchen Platz er in dem großen Ganzen der gegenwärtigen Literatur einnimmt, die man angreift, als könne ſie beſiegt werden, die man verdammt, als könne ſie verurtheilt werden. Treuloſe Geiſter, ge⸗ ſchickt, alle Fragen zu verrücken, ſuchen unter uns einen ————— iryrõ—O—— ———V—V——V—V—V—V———— ————'—— — 254— merkwürdigen Irrthum in Anſehen zu bringen. Sie haben ausgeklügelt, daß der gegenwärtige ſociale Zuſtand in Frankreich durch zwei ſich durchaus entgegen geſetzte Schulen ausgedrückt ſei; d. h., daß derſelbe Baum na⸗ türlich auf einmal zwei Früchte verſchiedener Gattung trage; daß dieſelbe Urſache gleichzeitig zwei mit einander unverträgliche Wirkungen hervorrufe. Aber dieſe Feinde von Neuerungen haben es nicht eingeſehen, daß ſie damit eine funkelneue Logik ſchaffen. Sie fahren einen Tag, wie alle, damit fort, die Literatur, welche ſie klaſſiſch nennen, ſo zu behandeln, als lebe ſie noch, und die, welche ſie mit der Bezeichnung romantiſch belegen, ſo anzuſehen, als ginge ſie dem Tode entgegen. Dieſe ge⸗ lehrten Rhetoriker, welche es ſich unaufhörlich angelegen ſein laſſen, das Beſtehende mit dem, was das war, zu vertauſchen, mahnen uns unwillkürlich an den raſenden Roland Arioſt's, welcher einen Vorübergehenden mit in⸗ ſtändiger Bitte anging, eine todte Stute für ein lebendiges Pferd anzunehmen. Roland gab in Wahrheit zu, daß ſein Pferd todt ſei, aber er meinte, das ſei der einzige Fehler deſſelben. Aber die Rolande der angeblich klaſſi⸗ ſchen Schule haben es noch nicht bis zu dieſer Höhe in Sachen des Urtheils und der Ueberzeugung gebracht. Man muß ihnen deshalb das, was ſie nicht in der Güte bewilligen wollen, mit Gewalt entreißen, und ihnen deut⸗ lich machen, daß heut zu Tage nur ein geſellſchaftlicher Zuſtand, wie nur eine Literatur exiſtirt; daß frühere — -— 255— Schulen, obſchon ſie unſterbliche Werke hinterlaſſen ha⸗ hen, mit den Generationen, deren ſociale Gewohnheiten und politiſche Bewegungen ſie ausgedrückt haben, ver⸗ ſchwinden mußten und verſchwunden ſind. Der Genius unſerer Zeit, vielleicht eben ſo ſchön, wie der der be⸗ rühmteſten Zeiten, kann nicht derſelbe ſein; und es hängt nicht mehr von den jetzigen Schriftſtellern ab, eine ver⸗ gangene Literatur in's Leben zu rufen,*) ſo wenig wie es von dem Gärtner abhängt, die Blätter des Herbſtes auf den Zweigen des Frühlings grünen zu machen. Man täuſche ſich darin nicht: vergebens verſuchte es eine kleine Anzahl kleiner Geiſter, die allgemeinen Ideen zu dem troſtloſen literariſchen Syſtem des letzten Jahrhunderts zurückzuführen. Dieſes natürlich unfrucht⸗ bare Terrain iſt ſeit langer Zeit vertrocknet. Ueberdies fängt man nicht wieder mit den Madrigalen Dorat's nach den Guillotinen von Robespierre an; und im Jahrhundert von Buonaparte kann man nicht mit Voltaire fortfahren. Die beſtehende Literatur unſeres Zeitalters, ſie, welche *) Man darf nicht außer Acht laſſen, wenn man dieſes lieſt, daß unter dem Worte Literatur eines Jahrhunderts nicht allein das Enſemble der Werke, die während des⸗ ſelben geſchrieben, zu verſtehen iſt, ſondern außerdem noch die allgemeine Ordnung der Ideen und Empfin⸗ dungen, die, am häufigſten ohne Wiſſen des Autors⸗ ihn bei ſeiner Kompoſition geleitet haben. ——ᷣ—ᷣ—ÿ—⸗O—CO—⸗O⸗O,O—C⁊Oä-ʒ— ——:;ñꝛꝛzzzxꝗyxV ————— ———— die Schriftſteller, nach Art des Ariſtides, geächtet haben, fee, welche von allen Federn verworfen und von jeder Lyra angenommen worden iſt, ſie, welche, ungeachtet einer großen und berechneten Verfolgung, alle aufblühenden Talente in ihrer ſtürmiſchen Sphäre, gleich jenen Blumen, die nur an den dem Winde ausgeſetzten Orten wachſen, ſieht; ſie, die von allen gemißbilligt wird, die ohne Nachdenken urthei⸗ . len, und von Allen vertheidigt, die mit ihrer Seele den⸗ ken, mit ihrem Geiſte urtheilen und mit ihrem Herzen fühlen; dieſe Literatur hat nichts mit jener weichlichen und frechen Muſe gemein, die den Kardinal Dubois be⸗ ſang, der Pompadour ſchmeichelte und Jeanne d'Arc be⸗ ſchimpfte. Sie kümmert ſich weder um den Schmelz⸗ tigel der Atheiſten, noch um das Meſſer der Materia⸗ liſten. Sie entlehnt nicht dem Skepticismus jene bleierne Wagſchale, deren Intereſſe allein das Gleichgewicht auf⸗ hebt. Sie gebiert bei den Orgien keine Hymnen zu Ehren von Gemetzeln. Sie kennt weder die Schmei⸗ chelei, noch das Unrecht. Sie verführt nicht zur Lüge. Sich fern von Allem dem haltend, was nicht zum Ziele führt, ſchöpft ſie die Poeſte an der Quelle der Wahrheit. Ihre Phantaſte wird von dem Glauben befruchtet, Sie folgt den Fortſchritten der Zeit, aber bedächtig und ab⸗ gemeſſen. Ihr Charakter iſt ernſt, ihre Stimme melo⸗ diös und wohlklingend. Sie iſt, mit einem Worte, das, was der allgemeine Gedanke einer großen Nation, nach großen Truͤbſalen ſein muß: traurig, ſtolz und religiös. — 257— Wenn es ſein muß, ſo ſteht ſie nicht an, ſich in die öf⸗ fentlichen Zerwürfniſſe zu miſchen, um ſie zu richten oder zu unterdrücken. Denn wir leben nicht mehr in der Zeit der Hirtengedichte, und die Muſe des neunzehnten Jahrhunderts kann nicht ſagen: Non me agitant populi fasces, aut purpura regum. Indeß, dieſe Literatur hat, ſelbſt in ihrer Einheit, wie alle menſchlichen Dinge, ihre Licht⸗ und Schatten⸗ ſeite. Zwei Schulen haben ſich in ihrer Mitte gebildet, welche die zwiefache Lage veranſchaulichen, in die unſer politiſches Unglück die Geiſter verſetzt hat, ich meine die Reſignation und die Verzweiflung. Alle beide erkennen das an, was eine ſpöttiſche Philoſophie geläugnet hatte, die Ewigkeit Gottes, die Unſterblichkeit der Seele, die Grund⸗ und geoffenbarten Wahrheiten; aber die eine, um ſie anzubeten, die andere, um ihnen zu fluchen. Jene ſieht Alles von der Höhe des Himmel, dieſe aus der Tiefe der Hölle. Jene ſetzt an die Wiege des Men⸗ ſchen einen Engel, den er noch am Sterbebette zu ſeinem Haupte ſitzen ſieht; dieſe umgibt ſeine Schritte mit Da⸗ monen, Fantomen und unheilbringenden Erſcheinungen. Jene räth dem Menſchen, ſich ſelbſt zu vertrauen, weil er nie allein iſt; dieſe erſchreckt ihn, indem ſie ihn fort⸗ während iſolirt. Beide beſitzen in gleichem Maße die Kunſt, angenehme Scenen zu entwerfen und ſchreckliche Figuren zu zeichnen; aber die erſtere, ſtets fürchtend, IV.. 17 — 258— das Herz zu brechen, gibt den finſterſten Gemaͤlden einen göttlichen Reflex; die zweite, ſtets bedacht, es in Trauer zu verſetzen, verbreitet über das lachendſte Bild einen infernaliſchen Schimmer. Die eine gleicht dem Emanuel, der, zugleich mild und kräftig, ſein Königreich auf einem Wagen aus Donner und Licht durchfährt; die andere jenem ſtolzen Satan,*) welcher ſo viele Sterne in ſei⸗ nem Falle, als er von Himmel geſtürzt wurde, mit hin⸗ wegriß. Dieſe beiden Zwillings⸗Schulen, die auf dieſelbe Baſis geſtützt ſind, und— ſo zu ſagen— in derſelben Wiege das Licht der Welt erblickten, ſcheinen uns insbeſondere in der europäiſchen Literatur durch zwei berühmte Schriftſteller: Chateaubriand und Byron, re⸗ präſentirt zu werden. Am Ende unſerer wunderbaren Revolutionen kämpften zwei politiſche Meinungen auf demſelben Boden. Ein altes Bündniß ſtürzte zuſammen; ein neues erhob ſich. Hier Ruinen, dort Entwürfe. Lord Byron hat in ſeinen düſteren Klagen die letzten Zuckungen des ſcheidenden Bundniſſes veranſchaulicht. Herr von Chateaubriand hat in ſeinen erhabenen Inſpirationen den erſten Bedürfniſſen » Es dies nur eine einfache Bezugnahme, die nicht den Titel: ſataniſche Schule, mit welchem ein talent⸗ voller Schriftſteller die Schule Byron's belegte, recht⸗ fertigen ſoll. des wieder in's Leben gerufenen entſprochen. Die Stimme des einen klingt wie Schwanenſang in der Todes⸗ ſtunde; die des andern iſt wie der Sang des aus ſeiner Aſche erſtandenen Phönix. Wegen der düſteren Stimmung ſeines Genius, we⸗ gen des Stolzes ſeines Charakters, wegen der Stürme ſeines Lebens iſt Lord Byron das Vorbild der Dicht⸗ weiſe, deren Dichter er geweſen iſt. Alle ſeine Werke haben das ſchärfſte Gepräge ſeiner Individualität. Es iſt ſtets eine melancholiſche und ſtolze Figur, welche der Leſer in jeder Dichtung, wie hinter einem Trauerflor, vorüberſchweben ſieht. Häufig, wie ſolches bei allen tiefen Denkern der Fall iſt, in unbeſtimmter und finſterer Hal⸗ tung auftretend, hat Byron Worte, welche ganz und gar von einer Seele zeugen, Seufzer, welche ein Daſein vergewiſſern. Sein Herz ſcheint ſich bei jedem Gedanken, der daraus— nach Art eines Vulkans, der Blitze ſchleu⸗ dert— hervorſchießt, zu öffnen. Schmerz, Freude, Lei⸗ denſchaften haben nichts Geheimnißvolles für ihn, und wenn er die Wirklichkeit nur durch einen Schleier ſehen läßt, ſo enthüllt er die Idealität deutlich und klar. Man kann ihm den Vorwurf machen, er vernachlaßige ſchlech⸗ terdings in ſeinen Gedichten die Ordnung; eine ſchwere Beſchuldigung, denn ein Gedicht, welchem die Ordnung fehlt, iſt ein Gebäude ohne Zimmerwerk, oder ein Ge⸗ mälde ohne Perſpektive. Eben ſo treibt er die lyriſche Verachtung der Uebergänge zu weit, und man möchte — 17* — 260— oft wünſchen, daß dieſer in der Ausmalung innerer Be⸗ wegungen ſo treue Maler auf phyſiſche Beſchreibungen eine weniger phantaſtiſche Helle und weniger truͤbe Tinten verwendete. Sein Genius gleicht häufig einem Wan⸗ derer, der, ohne Ziel, im Gehen träumt und, in tiefe Gedanken verſunken, nur ein verwirrtes Bild von den Gegenden bietet, die er durchwandert hat. Dem ſei nun, wie ihm wolle, ſelbſt in ſeinen weniger ſchönen Werken erhebt ſich dieſe kapriciöſe Phantaſie zu Höhepunkten, wohin man nicht ohne Flügel gelangen kann. Der Adler richtet ſeine Blicke vergebens zur Erde; ſein Geſichts⸗ kreis dehnt ſich bis zur Sonne aus.* Man hat be⸗ ——ꝛ⏑ÿ/—— *) In einem Augenblick, wo ganz Europa dem Genie Lord Byron's, der nach ſeinem Tode als großer Mann aner⸗ kannt wird, die glänzendſte Achtung zollt, wird es den Leſer vielleicht intereſſiren, an einige Stellen jenes merkwürdigen Artikels der Revue von Edimburg erinnert zu werden, welches angeſehene Journal den berühmten Dichter bei ſeinem Debut begrüßte. Uebri⸗ gens unterhalten uns gewiſſe Blätter jeden Morgen oder Abend in demſelben Ton über die erſten Talente unſerer Epoche. „Die Poeſie unſeres jungen Lords iſt der Art, daß weder die Götter, noch die Menſchen ſie ertragen können. Seine Inſpirationen ſind ſo platt, daß man ſie mit einem ſtehenden Waſſer vergleichen könnte. um ſich zu entſchuldigen, erinnert der ehrenwerthe Verfaſſer ſtets daran, daß er minderjährig iſt. Vielleicht will er uns ſagen:„Seht, wie ein Minderjähriger ſchreibt!“ Aber wir erinnern uns der Poeſie Cowley's in ſeinem zehnten Jahre und der Pope's in ſeinem zwölften ſehr — 261— hauptet, der Verfaſſer des Don Juan gehöre, in ge⸗ wohl. Weit entfernt, in Erſtaunen zu gerathen, wenn wir erfahren, daß ſchlechte Verſe von einem Schüler beim Austritt aus der Schule geſchrieben ſind, glauben wir gern dieſen ſehr gewöhnlichen Umſtand, und von zehn Schülern können neun beſſere Verſe machen, als Lord Byron.“ .... „In der That hat dieſe einzige Erwägung(nämlich der Rang des Lord Byron) uns bewogen, ihm einen Platz in unſerem Journale einzuräumen; außerdem ver⸗ mochte uns der Wunſch dazu, ihm den Rath zu ertheilen, das Feld der Dichtung zu verlaſſen, um ſeine Talente beſſer anzuwenden.. „In dieſer Hinſicht möchten wir ihm ſagen, daß der Reim und Versfuß, wenn auch Alles in der gehörigen Ordnung iſt, nicht die ganze Poeſie fectſtellen; wir wür⸗ den ihn überzeugen, daß eine kleine Doſis Geiſt und Phantaſie unerläßlich ſind, und daß ein Gedicht, um ge⸗ leſen zu werden, eines neuen Gedankens, oder doch eines ſolchen bedarf, der nach Art eines neuen hingeſtellt iſt. „Lord Byron wird ſich auch davor zu hüten haben, das zu verſuchen, was andere Dichter vor ihm verſucht haben: denn die Vergleichungen ſind nie angenehm, wie er ſolches von ſeinem Schreiblehrer hat lernen können. „Was ſeine Nachahmungen der Oſſianiſchen Di chtung betrifft, ſo verſtehen wir uns ſo wenig darauf, daß wir Gefahr laufen würden, Macpherſon zu beurtheilen, in⸗ dem wir unſere Meinung über dieſen neuen Nachahmer abgeben wollten.... Alles, was wir ſagen können, iſt das, daß ſeine Dichtungen denen Macpherſon's gleichen, und wir ſind überzeugt, daß ſie eben ſo einfältig und langweilig ſind, wie die unſeres Landsmanns. — 262— wiſſer geiſtiger Hinſicht, der Schule des Verfaſſers der „Ein großer Theil des Buchs iſt dazu beſtimmit, die Beſchäftigungen des Dichters während ſeiner Erziehungs⸗ zeit, zu verewigen. Es betrübt uns, von der Pſalmodie des Kollegs durch die Anführung folgender attiſcher Strophen einen ſchlechten Begriff zu geben.(Hier folgen die Strophen.) „Aber welches Urtheil man auch über die Dichtun⸗ gen des edlen Minderjährigen fällen möge, es ſcheint uns, wir müſſen dieſelben nehmen, wie ſie ſind, und uns damit begnügen; gewiß ſind es die letzten, die wir von ihm erhalten werden. Mag er reuſſiren oder nicht; es iſt kaum wahrſcheinlich, daß er ſich von Neuem herabläßt, Dichter zu werden. Nehmen wir alſo das Dargebotene mit Dank an. Mit welchem Recht ſollen wir die Em⸗ pfindlichen ſpielen, wir, die wir arme Teufel ſind. Es iſt ſchon zu viel Ehre für uns, ſo viel von einem Lord zu erhalten. Seien wir— wir wiederholen es— dank⸗ bar, und fügen wir mit dem guten Sancho hinzu: Gott ſegne denjenigen, der uns etwas gibt; wir wollen einem geſchenkten Gaul nichts in's Maul ſehen.“ Lord Byron würdigte dieſen miſerablen Plunder von Gemeinplätzen, das ewige Thema, welches die neidiſche Mittelmäßigkeit unaufhörlich gegen das Genie anwen⸗ det, ſeiner Rache. Die Mitarbeiter der Revue von Edimburg wurden von ſeinen ſatyriſchen Geißelhieben gezwungen, ſein Talent anzuerkennen. Dieſes Beiſpiel ſcheint der Nachahmung werth; wir würden indeß be⸗. kennen, daß wir Lord Byron lieber, in Betreff jener, ein verachtendes Stillſchweigen hätten beobachten ſehen. Wenn ihn auch nicht ſein Intereſſe dieſen Rath ertheilt haben würde, ſo hätte wenigſtens ſeine ſchriftſtelleriſche Würde ſolches thun ſollen . — 263— Candide an. Ein großer Irrthum! es iſt ein unge⸗ heuerer Unterſchied zwiſchen dem Spott Byron's und dem Voltaire's. Voltaire hat nie Leiden gehabt. Es würde hier der Ort ſein, über das ſo vielfach gefolterte Leben des edlen Dichters Einiges hinzuzufügen; aber da wir ſo wenig von den wirklichen Urſachen der häuslichen Unfälle, die Byron's Charakter erbitterten, unterrichtet ſind, ſo ziehen wir es vor, hierüber Still⸗ ſchweigen zu beobachten, aus Furcht, unſere Feder möge ſich wider unſeren Willen verirren. Indem wir Lord Byron nur aus ſeinen Gedichten kennen, iſt es für uns ſüß, ſein Leben nach ſeiner Seele und ſeinem Genie zu beurtheilen. Wie alle bevorzugte Menſchen, iſt er ſicher der Verläumdung ausgeſetzt geweſen. Nur ihr ſchreiben wir die beleidigenden Gerüchte zu, die ſo lange Zeit über den berühmten Dichter im Umlauf waren. Uebrigens wird diejenige, welche ſein Unrecht beleidigt hat, ohne Zweifel zuerſt bei der Nachricht von ſeinem Tode jede Unbill vergeſſen haben. Wir wollen hoffen, daß ſie ihm verziehen hat; denn wir gehören denen an, die da glau⸗ ben, Haß und Rache ſeien nicht befugt, Steine auf ein Grab zu werfen. Und auch wir wollen ihm ſeine Fehler, ſeine Irr⸗ thümer, ja ſogar jene Werke verzeihen, wo er von der doppelten Höhe ſeines Charakters und ſeines Talents herabzuſteigen ſchien; wir wollen ihm verzeihen, er iſ ſo edel geſtorben, ſo ſchön gefallen! Er ſchien dort ein briegeriſcher Repräſentant der modernen Muſe in dem Vaterlande der antiken. Ein edler Verbündeter des Ruhms, der Religion und der Freiheit, lieh er ſein Schwert und ſeine Leyer den Nachkommen der erſten Dichter; ſchon ließen ſeine Lorbeeren die Wage zu Gun⸗ ſten der unglücklichen Hellenen ſich neigen. Wir, wir insbeſondere, ſchulden ihm die größte Dankbarkeit. Er hat Europa bewieſen, daß die Dichter der neuen Schule, obſchon ſie nicht mehr die heidniſchen Götter Griechen⸗ lands anbeten, ſtets ſeine Helden bewundern, daß ſie, wenn ſie auch den Olymp verlaſſen haben, nimmermehr von den Thermopylen Abſchied nahmen. Die Nachricht von dem Tode Byron's iſt auf dem ganzen Kontinent mit dem lebhafteſten Gefühle eines allgemeinen Schmerzes aufgenommen worden. Die Kanonen der Griechen haben ſeine ſterblichen Ueberreſte begrüßt, eine National⸗Trauer hat den Verluſt dieſes Fremdlings, mitten unter den öffentlichen Leiden, be⸗ klagt. Die ſtolzen Thore von Weſtminſter haben ſich, wie von ſelbſt geöffnet, damit das Grab des Dichters die Gräber der Könige ehren möge. Sollen wir es ſagen? Mitten unter dieſen ruhmwürdigen Merkmalen der allgemeinen Betrübniß haben wir mit Begierde er⸗ wartet, welchen feierlichen Beweis des Enthuſiasmus Paris, dieſe Hauptſtadt Europas, dem geſchiedenen — 265— Helden geben würde, und wir ſahen eine fade Nudität, die ſeine Leyer beleidigte, und ſchlechte Schauſpieler, die ſeinen Sarg beſchimpften!*) *) Einige Tage nach der Nachricht von dem Tode Lord Byron's ſtellte man auf irgend einem Theater des Boulevard— ich weiß nicht welchem— eine eben ſo ge⸗ ſchmackloſe wie unanſtändige Poſſe dar, in welcher der edle Lord, unter dem lächerlichen Namen Lord Drei⸗ geſtirn, perſönlich auf der Vühne erſcheint. In demſelben Verlage ſind folgende empkehlenswerthe Schrikten er ſchienen und um beigeſetzte Preiſe durch alle ſolide Buch⸗ handlungen zu beziehen. Döring, Georg, das Kunſthaus. Novelle in 3 Theilen. Geh. Rthlr. 4. 20 gr. fl. 8. 24 kr. — Ieban Speyk. Ein Heldengedicht. Geh. 9 gr. 40 kr. 1 —— Novellen. 4 Theile. Ausgabe auf Velinpapier Rthlr. 6. fl. 10. 48 kr. Aus⸗ gabe auf Druckpap. Rthlr. 5. fl. 9. —— das Opfer von Oſtrolenka. Novelle in 3 Theilen. Geh. Rthlr. 4. 20 gr. fl. 8. 24 kr. —— die Geiſelfahrt. Eine Erzählung aus dem vierzehnten Jahrhundert. 3 Bände. Rthlr. 4. 20 gr. fl. 8. 24 kr. —— Phantaſiegemaͤlde. 5 Jahrgänge. 1829 bis 1833. Jeder Jahrgang mit einem Titel⸗ kupfer von Fleiſchmann. Geb. à Rthlr. 1. 12 gr. fl. 2. 45 kr. —— Roland von Bremen. Novelle in 3 Thei⸗ len. Geh. Rthlr. 4. 20 gr. fl. 8. 24 kr. ra: Erzäͤhlungen. 4 Theile. 8. Rthlr. 5. 8 gr. 9 —— dramatiſche Novellen. 4 Theile. Rthlr. 5. 8 gr. fl. 9. —— Tage der Vorzeit. Dramatiſches Gedicht in vier Darſtellungen, aus der Geſchichte der freien Stadt Frankfurt. 1. Die Gründung. 2. Der Kaiſerſitz. 3. Die Wahlſtadt. 4. Guſtav Adolphs Abſchied von Frankfurt. Cartonirt. Rthlr. 1.§ gr. fl. 2. 15 kr. Dieſe Dichtungen des berühmten Herrn Verfaſſers haben ſich des außerordentlichſten Beifalls nicht allein von Deutſch⸗ land, ſondern auch theilweiſe von England und Frankreich, wohin ſie talentvolle Ueberſetzer verpflanzt, zu erfreuen. Mit Recht nennen ihn kritiſche Blätter den deutſchen Cooper; denn wie er gleich dieſem genialen Schriftſteller einen Reich⸗ thum der Erfindnng entfaltet, eine ſcharfe Charakteriſtrung in allen Individuen aufſtellt, ſo gelingen ihm auch ebenſo die Schilderungen von Naturſcenen, die Darſtellungen reizen⸗ der und romantiſcher Lokalitäten, mit allen dichteriſchen De⸗ tails, welche dazu beitragen, ein Bild zum Kunſtwerke zu erheben. Daß die reinſte Moralität in allen ſeinen Dichtun⸗ gen vorherrſche, und ſie deshalb ohne Anſtand jeder Jungfrau in die Hand gegeben werden können, iſt allgemein auerkannt. Cooper's ſämmtliche Werke, 81 Bändchen. Geh. Ausgabe auf Druckvelinpap. Rthlr. 14. 20 gr. fl. 23. 12 kr. Auf Druckpapier Rthlr. 9. 20 gr. fl. 15. 48 kr. Dieſelben enthalten: Der Spion.— Der Letzte der Mo⸗ hikaner.— Die Anſedler,— Der Lootſe.— Lionel Lincoln.— Die Steppe.— Der rothe Freibeuter.— Die Nordgmerikaner.— Die Grenzwohner.— Die mahewire.— Der Bravo.— Die Heidenmauer.— Der Scharfrichter von Bern. Duller, Eduard, Franz von Sickingen. Dra⸗ matiſches Gedicht in fünf Abtheilungen. 8. geh. Rthlr. 1. 8 gr. fl. 2. 20 kr. Dieſe neueſte Dichtung des ausgezeichneten und beliebten Verfaſſers iſt ganz geeignet, die Zahl ſeiner Freunde und Le⸗ ſer zu vermehren. Der Kampf des Lichtes mit der Finſterniß in den Tagen der erwachenden deutſchen Freiheit;— Fehde bis in den Tod dem tauſendjährigen Wahne, der Unvernunft, der geiſtigen Vormundſchaft;— Treue bis in den Tod für Wahrheit und Recht; dies ſind die Grundideen dieſes drama⸗ tiſchen Gedichtes.— Möge der zeitgemäße Grundton des Wer⸗ kes in unſerer und jeder Zeit ſeinen kraftigen Wiederhall finden.