Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und JLeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens⸗ 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zei eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3 3 3. Caution. Unbekannte Perſonen n. ſſen, bei Entgegennahme hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird... 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt.. für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 4*——— ele auf 1 Monat: 4 Mt.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Werr.— Pf. 3 Nn. „„= 3„=„»„„— 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zuruͤckſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Ge yr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defeete Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkés, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafün zu ſtehen haben. eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende 1.r 2* Waſbhington Irving's ſaͤmmtliche Werke. 7 Sechzig bis zweiundſechzigſtes Bändchen. A ſtoria. Zweiter Theil. Frankfurt am Main, 1837. Druck und Verlag von J. D. Sauerländer. — — n 1 8 8 .. a. Von Waſhington Irving. Aus dem Engliſchen. Zweiter Theil. Frankfurt am Main, 1837. Druck und Verlag von J. D. Sauerländer. Neunzehntes Kapitel. Der große umweg des Miſſouri.— Crooks und MeLellan treffen mit zwei ihrer indianiſchen Widerſacher zuſammen.— Muthwillige Beleidigung eines Weißen, die Urſache indiani⸗ ſcher Feindſeligkeit— Gefahr und Vorſicht.— Eine indianiſche Kriegerſchaar.— Gefährliche Lage Hunt's.— Ein freundliches Lager.— Schmauß und Tanz.— Annäherung des Manuel Liſa und ſeines Zuges.— Wildes Begegnen alter Nebenbuhler.— Pierre Dorion im Zorne.— Ritterlichkeit an der Grenze. Am Nachmittage des erſten Juni kamen unſere Rei⸗ ſenden an den großen uUmweg, wo der Fluß ſich gegen dreißig Meilen um eine runde Halbinſel windet, deren Endzunge, welche ſie mit dem übrigen Lande ver⸗ bindet, nur achthundert Schritte breit iſt. Am nächſten Morgen entdeckten ſie ſehr früh ſchon zwei Indianer, welche auf einer hohen uferſtelle ſtanden und ihre Büf⸗ feldecken zum Zeichen der Freundſchaft ſchwangen und ausbreiteten. Man ruderte ſogleich an das Ufer und landete. Als man ſich aber den Wilden näherte, ließen ſie ſichtbare Spuren der Unruhe gewahren und breiteten ihre Arme, nach ihrer Sitte, um Mitleid zu flehen, wage⸗ recht aus. Die Urſache zeigte ſich bald. Es ergab ſich, — 6— daß Beide die Häuptlinge eben jener Kriegerſchaar waren, welche vor zwei Jahren Crooks und M'Lellan an der Fortſetzung ihrer Reiſe gehindert und ſie gezwungen hat⸗ ten, flußabwärts zu flüchten. Sie liefen herzu, dieſe Herren zu umarmen, als wenn ſie ſich freuten, mit ihnen zuſammen zu treffen; doch fürchteten ſie augen⸗ ſcheinlich die Strafe für ihr früheres rauhes Thun und fühlten ſich nicht eher behaglich, als bis die Friedens⸗ pfeife geraucht war. Da Hunt gehört hatte, daß der Stamm, zu welchem dieſe Männer gehörten, während dem letzten Sommer drei Weiße ermordet hatte, ſo warf er ihnen dieß Verbre⸗ chen vor und fragte nach der Urſache einer ſolchen wilden Feindſeligkeit. „Wir tödten weiße Männer,“ verſetzte einer der Häuptlinge,„weil die weißen Männer uns tödten. Die⸗ ſer Mann da,“ fuhr er fort, und zeigte auf Carſon, einen der Neuangeworbenen,„tödtete letzten Sommer einen unſerer Brüder. Die drei weißen Männer wur⸗ den erſchlagen, um ſeinen Tod zu rächen.“ Die Angabe war richtig. Carſon gab zu, er habe, als er mit einer Schaar Arikaras an den Ufern des Miſſouri geweſen und einen Zug Sioux an dem andern Ufer geſehen, mit ſeiner Büchſe hinüber geſchoſſen. Es war ein Schuß auf das Ungefähr, ohne Hoffnung, daß er treffen werde, denn der Fluß war eine volle halbe Meile breit. Unglücklicherweiſe traf er einen Siouxkrie⸗ — 7— ger tödtlich und für dieſen Mord wurde dreifache Rache geübt, wie angedeutet worden. Häufig werden auf dieſe Weiſe von gedankenloſen oder boshaften weißen Männern den Eingebornen Unbil⸗ den zugefügt, und die Indianer üben Vergeltungsrecht nach einem Ausſpruche ihres Geſetzbuches, der Blut für Blut fordert; ihre That, die bei ihnen für fromme Rache gilt, hallt in dem ganzen Lande wider und wird als muthwilliger und ohne alle Veranlaſſung verübter Mord dargeſtellt; die Umgegend greift zu den Waffen, ein Krieg folgt und endigt mit der Vernichtung des halben Stam⸗ mes, dem Verderben der Uebrigen und ihrer Vertrei⸗ bung aus ihrer erblichen Heimath. Dies iſt gar oft die wirkliche Geſchichte indianiſcher Kriege, die gewöhnlich nur der Rachethat eines Wilden zugeſchrieben werden, während die Unbill des ſchurkiſchen Weißen, der jene veranlaßte, mit Stillſchweigen übergangen wird. Die beiden Häuptlinge nahmen, nachdem ſie die Frie⸗ denspfeife geraucht und einige kleine Geſchenke erhalten hatten, zufrieden Abſchied. Eine kleine Weile darauf zeigten ſich zwei andere zu Pferd und ritten in gleicher Linie mit den Booten entlang. Sie hatten die Geſchenke geſehen, welche ihre Gefährten erhalten, waren aber damit unzufrieden und eilten den Booten nach, um mehr zu verlangen. Da ſie bei ihrem Begehren ſich nicht wenig herriſch und ungeſtüm benahmen, wies Hunt ſie gera⸗ dezu ab und drohte, wenn ſie oder irgend einer ihres Stammes ihnen mit ſolchen Forderungen folgten, würde er ſie als Feinde behandeln. Sie wandten ihre Pferde und ritten in wüthendem Zorne fort. Da Hunt nicht wußte, wie viele Krieger jene Häupt⸗ linge hinter den Hügeln haben mochten, und da es ſehr möglich war, daß ſie den Vortheil eines Paſſes am Fluß benutzten, um die Boote anzugreifen, rief er alle, die am Ufer herumſtreiften, an Bord und traf ſeine Mas⸗ regeln für den ſchlimmſten Fall. Man kam überein, daß das größte Boot, welches unter Hunt's Befehl ſtand, an der Nordoſt⸗Seite des Fluſſes hinauf gehen, die drei kleineren aber die Südſeite entlang folgen ſollten. Durch dieſe Anordnung hatte jede Abtheilung die Ausſicht auf die Anhöhen gegenüber und konnte Nachricht geben, wenn ſie dort Indianer in feindlicher Abſicht entdeckte. Das Kennzeichen ſollten zwei ſchnell aufeinander abgefeuerte Schüſſe ſein. 3 Die Boote ſetzten den größern Theil des Tages ihre Reiſe fort, ohne einen Feind zu Geſicht zu bekommen. Gegen vier Uhr des Nachmittags kam das von Hunt befehligte große Boot an eine Stelle, wo der Fluß durch eine lange Sandbank getrennt war, die aber, wie es ſchien, ein hinreichendes Bett zwiſchen ſich und dem Ufer ließ, dem entlang ſie fahren konnten. Er ließ daher in dieſem Bett eine Strecke fortrudern, bis ſich das Waſ⸗ ſer zu ſeicht für das Boot erwies. Es war demnach nöthig, umzukehren, das Bett hinabzufahren und um — — 9— das untere Ende der Sandbank in die Hauptſtrömung einzulaufen. Als er ſeinen Leuten eben Befehl zu dieſem Behufe gegeben hatte, wurden von den Booten auf der an dern Seite des Fluſſes zwei Lärmſchüſſe abgefeuert. In dem⸗ ſelben Augenblicke ſah man eine lange Reihe wilder Krie⸗ ger von den ſteilen Uferhöhen niederſtürzen, und ſich an dem Ufer am untern Ende der Sandbank ſammeln. Es war offenbar ein Kriegerzug, denn ſie hatten Bogen und Pfeile, Kampfkeulen und Karabiner und runde Schilder von Büffelhaut, und ihre nackten Körper waren mit ſchwarzen und weißen Streifen gemahlt. Der natürliche Schluß war, daß ſie den zwei Siourſtämmen, welche von der großen Kriegerſchaar erwartet wurden, angehörten, und daß ſie von den zwei Häuptlingen, welche Hunt's Weigerung und Drohung in Zorn verſetzt hatte, zu Feindſeligkeiten verleitet worden ſeien. Die Lage unſe⸗ rer Reiſenden war hier furchtbar. Hunt und ſeine Leute waren gewiſſermaßen in einer Falle gefangen. Die In⸗ dianer, ungefähr hundert Mann ſtark, hatten bereits von einem Punkte Beſitz genommen, an welchem das Boot vorbei mußte; andere eilten das Ufer herab und es war wahrſcheinlich, daß ein Theil ſich auf dem Gip⸗ fel der Anhöhe aufſtellen würde. Die in den andern Booten begriffen Hunt's gefähr⸗ liche Lage und eilten zu ſeinem Beiſtande herbei. Sie waren jedoch eine Strecke über der Sandbank auf der — 10— * andern Seite des Jluſſes und ſahen mit großer Angſt die Schaar der Wilden an dem untern Ende des Bettes ſtets wachſen, ſo daß das Boot einem furchtbaren Angriff blosgeſtellt war ehe ſie ihm Hülfe leiſten konnten. Ihre Angſt wuchs, als ſie Hunt und ſeine Gefährten das Bett herabkommen und furchtlos dem Punkte der Gefahr ſich nähern ſahen; ſie ging aber plötzlich in Staunen über, als ſie das Boot unangefochten dicht an der wilden Horde vorübergleiten und in den breiten Fluß einlenken ſahen. Den nächſten Augenblick war die ganze Bande der Krieger in Bewegung. Sie liefen das Ufer entlang, bis ſie den Booten gegenüber waren, warfen dann ihre Waf⸗ fen und Büffelüberhänge weg, und ſtürzten ſich in den Fluß, wateten und ſchwammen zu den Booten, umgaben ſie ſchaarenweiſe und bemühten ſich, Jedermann am Bord die Hand zu ſchütteln, denn die Indianer hatten längſt bemerkt, daß dieß bei den weißen Männern ein Zeichen der Freundſchaft ſei, und ſie trieben es in das Extrem. Alle Unbehaglichkeit war nun verſchwunden. Es ergab ſich, daß die Kriegerſchaar den Arikaras, Mandans und Minatarces angehörte; es waren ihrer dreihundert Krieger und ſie befanden ſich auf einem Streifzug gegen die Sioux. Ihre Kriegsplane wurden für den Augenblick aufgegeben, und ſie beſchloſſen, in das Arikara⸗Dorf zu⸗ rückzukehren, wo ſie von den weißen Männern Waffen und Munition zu erhalten hofften, um im Stande zu ſein, ſich mit Erfolg gegen ihre Feinde zu wenden. — 11— Die Boote ſuchten nun den erſten paſſenden Platz zum Lager. Die Zelte wurden aufgeſchlagen; die Krie⸗ ger lagerten ſich hundert Schritte davon; man ſchaffte aus den Booten Lebensmittel für die beiden Lager her⸗ bei, wo dann ein herzliches obgleich rohes Gelag gehal⸗ ten wurde; am Abend unterhielten die rothen Krieger ihre weißen Freunde mit Tänzen und Geſängen, welches bis nach Mitternacht dauerte. Am nächſten Morgen(den dritten Juni) ſchifften ſich die Reiſenden wieder ein und ſagten ihren indiani⸗ ſchen Freunden ein herzliches Lebewohl; dieſe wollten geradeswegs zu dem Arikara⸗Dorfe gehen, wo ſie in drei Tagen einzutreffen hofften, lange bevor die Boote dort anlangen konnten. Hunt hatte ſeine Reiſe noch nicht weit fortgeſetzt, als das Oberhaupt das ufer entlang gallopirt kam und durch Zeichen um eine Unterredung bat. Er ſagte, ſeine Leute könnten nicht zufrieden nach Haus ziehen, wenn ſie nicht etwas als Pfand, daß ſie mit den weißen Männern zuſammengetroffen, mitbrächten. Hunt durch⸗ ſchaute die Abſicht dieſer Rede und machte dem Ober⸗ haupt ein Geſchenk mit einem Fäßchen Pulver, einem Beutel Kugeln und drei Dutzend Meſſern, was dieſen höchſt erfreute. Während das Oberhaupt dieſe Geſchenke in Empfang nahm, kam ein Indianer das ufer entlang gelaufen und brachte die Nachricht, ein Boot, mit weißen Männern — 12— beſetzt, käme den Fluß herauf. Dieß war für Hunt keine ganz angenehme Kunde, denn er ſchloß richtig, dieß müſſe Manuel Liſa's Boot ſein und war ärgerlich, dieſem thätigen und kühnen Kaufmann, welchen er über⸗ liſtet und weit hinter ſich zu haben hoffte, auf ſeinen Ferſen zu finden. Liſa war aber in den Künſten und Ränken des indianiſchen Handels zu erfahren, um ſich durch das Verſprechen, ſeiner in dem Ponias⸗Dorfe zu harren, einſchläfern zu laſſen; er hatte ſich im Gegen⸗ theil nicht die geringſte Ruhe gegönnt und jedes Mittel in Bewegung geſetzt, den nebenbuhleriſchen Reiſezug einzuholen; den Mondſchein benutzend, hatte er ſogar einen großen Theil der Nacht die Fahrt fortgeſetzt. Dazu hatten ihn auch theilweiſe ſeine Beſorgniſſe vor den Sioux gedrängt; denn er war auf ein Boot geſtoßen, das wahr⸗ ſcheinlich in der Nacht an unſern Reiſenden vorüberge⸗ kommen war, und auf das jene Wilden gefeuert hatten. Als Hunt hörte, daß Liſa ſo nahe zur Hand war, ſah er wohl ein, daß jeder fernere Verſuch, ihm auszu⸗ weichen, vergeblich wäre; er machte daher, nachdem er noch einige Meilen weiter gegangen, Halt und erwartete ſeine Ankunft. Nach einer kurzen Weile zeigte ſich Liſa's Boot. Mit ſeinen zwanzig rüſtigen Ruderern bemannt und mit einer Drehbaſſe auf dem Bug bewaffnet, bewegte es ſich ſtolz daher. Die ganze Mannſchaft an Bord belief ſich auf ſechsundzwanzig; unter ihnen war Henry Bre⸗ ckenridge, damals ein junger unternehmender Mann, der — 13— blos als Paſſagier an Bord war und die Reiſe zu ſeiner Belehrung mitmachte. Er hat ſich ſeitdem durch manch⸗ fache Schriften, unter welchen die Beſchreibung eben die⸗ ſer Reiſe beſonderer Erwähnung werth iſt, bekannt gemacht. Während Hunt mit unbehaglichkeit auf Liſa's Annähe⸗ rung blickte, erregte ſie M'ellan's ganzen Zorn. Er gedachte ſeiner alten Beſchwerden gegen ihn, und ſah ſich nach ſeiner Büchſe um, als wenn er wirklich die Abſicht hätte, ſeine Drohung in Erfüllung gehen zu laſ⸗ ſen, und ihn auf dem Platze zu erſchießen. Nicht ohne Mühe brachte Hunt es dahin, ſeinen Zorn zu beſchwich⸗ tigen, und einen wilden, wirren Auftritt zu verhüten. Das Zuſammentreffen der beiden, ſich gegenſeitig mißtrauenden Anführer konnte nicht ſehr herzlich ſein; Crooks und MoLellan angehend, ſo blickten ſie, obgleich ſie ſich jeder Thätlichkeit enthielten, in wildem Trotz auf ihren alten Nebenbuhler und Ränkeſtifter. Wirklich herrſchte ein allgemeines Mißtrauen bei der ganzen Geſellſchaft hinſichtlich Liſa's und ſeiner Abſichten. Sie betrachteten ihn als liſtig und unzuverläſſig, und heimlich geneigt, ihr Unternehmen zu nichte zu machen. Da jetzt nichts mehr von den Sioux zu fürchten war, hatten ſie Liſa in Verdacht, er werde ſein zwanzigruderiges Boot benutzen, um ſie hinter ſich zu laſſen, um zuerſt zu den Arikaras zu kommen. Da er mit dieſem Stamme gehandelt hatte und einen großen Einfluß auf ſie beſaß, ſo fürchtete man, er möchte dieſen benutzen, um Hunt und ſeine Freunde — 114— in ihrem Thun zu hindern. Es wurde daher beſchloſſen, auf ſeine Bewegungen ein wachſames Auge zu haben, und Moellan ſchwur, wenn er je das entfernteſte Zeichen von Verrätherei von ſeiner Seite entdecke, würde er augenblicklich ſeine alte Drohung in Erfüllung bringen. ungeachtet dieſes geheimen Grolles und Grimmes blieben die beiden Theile in einem äußerlich freundſchaft⸗ lichen Verhältniſſe, und ſetzten zwei Tage lang ihre Reiſe gemeinſchaftlich und ziemlich einträchtig fort. Am dritten Tage aber fand eine Exploſion ſtatt, und zwar wurde ſie durch keine geringere Perſon als Pierre Dorion, dem halbblütigen Dollmetſcher, veranlaßt. Man'wird ſich erinnern, daß dieſer Treffliche ſich von St. Louis heimlich aufgemacht hatte, um einer Verhaf⸗ tung wegen einer alten Whiskey⸗Schuld zu entgehen, welche er der Miſſouri Pelzhandelsgeſellſchaft zu zahlen hatte, und wodurch Liſa ihn hindern zu können glaubte, ſich für Hunt's Reiſe anwerben zu laſſen. Darum hatte er ſich ſeit Liſa's Ankunft abſeits gehalten und ihn mür⸗ riſchen und grämlichen Auges angeſehen. Am fünften Juli machten die beiden Theile wegen eines heftigen Regens Halt, und ſchlugen gegen hundert Schritte von⸗ einander die Lager auf. Im Laufe des Tages verſuchte es Liſa, Pierre Do⸗ rion's Treue wanken zu machen, lud ihn an Bord ſeines Bootes ein, und bewirthete ihn mit ſeinem Lieblings⸗ getränke, dem Whiskey. Als er ihn hinreichend ſanft — 15— geſtimmt hatte, ſchlug er ihm vor, den Dienſt ſeiner neuen Herren zu verlaſſen und zu ſeiner alten Pflicht zurückzukehren. Als er ſah, daß Pierre durch gute Worte nicht zu bewegen ſei, brachte er die alte Schuld an die Kompagnie in Erinnerung und drohte, ihn an Zahlungs⸗ ſtatt gewaltſam zu entführen. So oft Pierre an dieſe Schuld erinnert wurde, ſtieg ihm, wie man zu ſagen pflegt, die Galle, denn er gedachte der Geldſchneiderei hinſichtlich des Whiskey⸗Ver⸗ kaufs. Ein heftiger Streit entſtand zwiſchen ihm und Liſa, und er verließ das Boot in heftigem Zorne. Sein erſter Gang war zu Hunt, welchen er in ſeinem Zelte fand, und dem er den Verſuch mittheilte, den man gemacht hatte, ſeine Treue zum Wanken zu bringen. Während ſie noch ſprachen, trat Liſa in das Zelt, und gab vor, er komme, um ein Bugſirtau zu leihen. Augenblicklich fielen ſtarke Worte zwiſchen ihm und Pierre Dorion und endigten damit, daß der Halbblütige ihm einen Schlag verſetzte. Ein Streit in dem„indiani⸗ ſchen Lande“ iſt aber nicht mit Fauſtſchlägen zu Ende zu führen. Liſa ſtürzte augenblicklich in ſein Boot, um eine Waffe zu holen. Dorion ergriff ein Paar Piſtolen, die Hunt gehörten, und ſtellte ſich kampffertig auf. Der Lärm hatte das ganze Lager herbeigezogen, und Jeder⸗ mann wollte wiſſen, was es gäbe. Liſa erſchien jetzt wieder und trug ein Meſſer in ſeinem Gürtel. Herr Breckenridge, welcher ſich vergeb⸗ lich bemüht hatte, ſeinen Zorn zu beſänftigen, begleitete — 16— ihn auf das Schlachtfeld. Pierre Dorion war durch ſeine Piſtolen im Vortheil, und er behauptete eine ſehr krie⸗ geriſche Stellung—„jeder Zoll ein Mars.“ Mittlerweile hatten Crooks und M'Lellan erfahren, was den Streit veranlaßte, und beide brannten vor Eifer, ihn ſelbſt auszufechten. Eine Scene des Lärms und Getüm⸗ mels erfolgte, die nicht beſchrieben werden kann. M'vLellan hätte ſeine Büchſe in das Spiel gebracht und durch einen Druck des Stechers den ganzen alten und neuen Hader beendigt, wenn ihn Hunt nicht zurückgehalten hätte. Dieſer Mann trat als Vermittler auf, und bemühte ſich, ein allgemeines Handgemenge zu verhüten; inmitten des Zankes aber bediente ſich Liſa eines Ausdrucks, welcher ſeine eigene Ehre beeinträchtigte. In einem Augenblicke war Hunt's ruhiger Geiſt in Flammen. Er war nun eben ſo kampfluſtig, wie irgend ein Anderer in der Geſellſchaft, und forderte Liſa heraus, den Handel augen⸗ blicklich mit Piſtolen abzumachen. Liſa begab ſich in ſein Boot, um ſich mit Waffen zu dem tödtlichen Kampfe zu verſehen. Beadbury und Brek⸗ kenridge folgten ihm. Beide waren Neulinge in dem indianiſchen Leben und in der„Ritterlichkeit“ der Grenze, und hatten keine Freude an Blut⸗ und Kampfſcenen. Durch ihre ernſte Einſprache wurde der Streit mit vie⸗ ler Mühe ohne Blutvergießen beigelegt; aber die beiden Anführer der zwei feindlichen Lager trennten ſich ingrim⸗ mig, und aller perſönliche Verkehr zwiſchen ihnen hörte auf. — 17— Zwanzigſtes Kapitel. Anſicht der Wildniß.— Büffelheerde.— Antilopen.— Ihre Arten und Sitten.— John Day.— Seine Jagdliſt.— Zuſam⸗ menkunft mit drei Arikaras.— Verhandlungen zwiſchen den feindlichen Parteien— Der linkhändige und der dicke Mann, zwei Arikara⸗Häuptlinge.— Arikara⸗Dorf.— Seine Bewoh⸗ ner.— Landungsfeierlichkeiten.— Eine Rathshütte.— Große Berathung.— Liſa's Rede.— Verhandlung wegen Pferden.— Scharfſinniger Rath Grau⸗Auges, eines Arikara⸗Häuptlings. Lager der Handelsparteien. Die feindlichen Theile fuhren nun an den entgegen⸗ geſetzten Ufern des Fluſſes hinan, und behielten ſich im Auge; Hunt's Boote waren ſtets eine Strecke voran, damit Liſa nicht zuerſt zu dem Arikara⸗Dorfe gelange. Die Scenerie, die Gegenſtände zeigten bei dem Vor⸗ rücken deutlich, daß ſie tiefer und tiefer in die Bereiche wilder Natur eintraten. Grenzenloſe Steppen dehnten ſich vor dem Auge aus, und waren mehr und mehr von Büffelheerden belebt. Manchmal ſah man dieſe ungelenken Thiere in langen Reihen über die ſtille Landſchaft ſich hinbewegen; manch⸗ mal irrten ſie zerſtreut, einzeln oder in Gruppen auf 60.— 62. 2 den weiten blumengeſchmückten Prairien und den grünen Abhängen, bald der reichen Weide ſich freuend, bald in den blumigen Kräutern gelagert. Die ganze Scene verwirklichte gewiſſermaßen die alte bibliſche Beſchreibung der ausgedehnten Hirtenlande des Morgenlandes mit „Heerden auf tauſend Hügeln.“ An einer Stelle ſchienen die Ufer ganz mit Büffeln bedeckt, und viele ſchwammen über den Fluß, keuchend, huſtend und ſich abarbeitend. Trotz jeder Anſtrengung wurden ganze Schaaren von der wilden Strömung fort⸗ geriſſen, und ſchwammen in Schußweite vor dem Boote dahin. Mehrere wurden getödtet. Weiter oben entdeckte man eine Schaar an dem Rande einer kleinen Inſel; ſie waren theils im Schatten der Bäume gelagert, theils ſtanden ſie im Waſſer, wie unſer Zugvieh, um ſich der Fliegen und der Hitze des Tages zu erwehren. Einige der beſten Schützen ſtellten ſich auf dem Bug eines Bootes auf, das ſtill und langſam vorrückte, und die Strömung mit Hülfe eines großen Segels und eines günſtigen Windes zu beſiegen ſuchte. Die Büffel ſahen das Boot ruhig herankommen, der ihnen drohen⸗ den Gefahr gänzlich unbewußt. Die fetteſten der Heerde wurden von den Jägern auserleſen, und ſie ſchoſſen alle zu gleicher Zeit und ſtreckten ihre Opfer nieder. Außer den Büffeln ſahen ſie eine Menge Rehe und viele Rudel ſtattlicher Ellenthiere, ſo wie leichte Schaa⸗ 19— ren munterer Antilopen, die flüchtigſten und ſchönſten Bewohner der Prairien. Es gibt in dieſen Gebieten zwei Arten von Anti⸗ lopen, die eine faſt von der Größe des gewöhnlichen Rehes, die andere nicht viel größer als eine Ziege. Ihre Farbe iſt hellgrau, oder vielmehr fahlgrau, leicht mit Weiß gefleckt; ſie haben kleine Hörner, denen des Reh⸗ bocks ähnlich, welche ſie nie abwerfen. Nichts übertrifft den zarten und zierlichen Bau ihrer Glieder, die Leich⸗ tigkeit, Elaſtizität und Kraft wunderbar in ſich vereini⸗ gen. Alle Stellungen und Bewegungen dieſes ſchönen Thieres ſind graziös und maleriſch; und es iſt, gleich der oft beſungenen Gazelle des Morgenlandes, ein paſſender Vorwurf für die Zwecke der Poeſie. Es iſt von ſcheuen und launiſchen Sitten, weilt gern auf offenen Flächen, läßt ſich leicht erſchrecken und eilt⸗ mit einer Schnelligkeit davon, welche jeder Verfolgung Hohn ſpricht. Wenn ſie ſo im Herbſte über eine Prairie dahin fliegen, ſo fließt ihre hellgraue oder fahle Farbe mit der des verwitterten Graſes zuſammen, die Raſchheit ihrer Bewegungen täuſcht das Auge, und man nimmt ſie faſt für unweſenhafte Formen, wie Sommerwolle von den Winden dahin getragen. Wenn ſie auf den freien Ebenen bleiben und der Geſchwindigkeit ihrer Füße vertrauen, ſo ſind ſie geborgen; ſie haben aber eine unbeſtegliche Neugier, welche ihnen zuweilen den Tod bereitet. Wenn ſie eine Strecke gelaufen . 2* ſind und ihren Verfolger hinter ſich gelaſſen haben, ſo bleiben ſie plötzlich ſtehen und wenden ſich um, um die urſache ihrer Angſt und Flucht zu ſehen. Wird die Ver⸗ folgung nicht fortgeſetzt, ſo geben ſie allmählig ihrer Neu⸗ gierde Raum, und kehren zu dem Platz zurück, von dem ſie verſcheucht worden. John Day, ein alter Nimrod, deſſen wir ſchon gedacht haben, zeigte ſeine Erfahrung und Geſchicklich⸗ keit in der Art, wie er eines dieſer ſchönen Thiere hab⸗ haft wurde. Er benutzte ihre wohlbekannte Neugier, legte ſich platt auf das Gras, knüpfte ſein Taſchentuch an das eine Ende ſeines Ladſtocks, und ließ es in der Luft flattern. Dies hatte die Wirkung der fabelhaften Bezauberung der Klapperſchlange. Die Antilope ſchaute eine Zeit lang aus einiger Entfernung auf den geheim⸗ nißvollen Gegenſtand, näherte ſich dann ſchüchtern, ſtand wieder ſtill, und blickte mit wachſender Neugierde hin; dann umſprang ſie den Anziehungspunkt in nähern und nähern Kreiſen, bis ſie innerhalb des Bereichs der tödt⸗ lichen Büchſe kam, und als ein Opfer ihrer Neugier fiel. Am zehnten Juni ſtieß die Geſellſchaft, als ſie eben unter einem guten Winde raſch voranſegelte, auf ein Kanoe mit drei Indianern, die den Fluß herabkamen. Sie wurden angeſprochen, und brachten Nachrichten von dem Arikara⸗Dorf. Die Kriegerſchaar, welche ſo viel Beſorgniß an der Sandbank verurſacht hatte, war einige Tage vorher in das Dorf gekommen, und hatte die — 21— Annäherung eines Zugs Kaufleute gemeldet und mit großem Prunke die Geſchenke gezeigt, die ſie von ihnen empfangen hatten. Durch die fortgeſetzte Unterhaltung mit dieſen drei Indianern erfuhr Hunt die wirkliche Gefahr, welcher er blosgeſtellt war, als er ſich zwiſchen der Sandbank und dem Ufer befand. Die Mandans, welche zu der Kriegerſchaar gehörten, brannten vor Begierde, das Boot, das ſie ſo ganz und gar in die Falle gerathen und augenſcheinlich in ihrer Gewalt ſahen, anzugreifen, und ſich ſo eine reiche Beute zu ſichern. Auch die Ninkatarees waren nicht abgeneigt, da ſie ſich in Folge der Ermordung zweier weißen Männer, welche durch ihren Stamm über dem Fort der Miſſouri⸗Pelz⸗ handels⸗Geſellſchaft ſtattgefunden hatte, den Weißen gewiſſermaßen feindſelig gegenüber geſtellt fühlten. Glück⸗ licherweiſe erwieſen ſich die Arikaras, welche die Mehr⸗ zahl bei dem Kriegszug ausmachten, in ihrer Freund⸗ ſchaft gegen die Weißen treu, und verhinderten jedes feindſelige Thun; ſonſt möchte ein blutiger Strauß und wielleicht ein ſchreckliches Gemetzel erfolgt ſein. Am eilften Juni lagerten ſich Hunt und ſeine Gefähr⸗ ten an einer Inſel, gegen ſechs Meilen unter dem Ari⸗ kara⸗Dorfe. Liſa ſchlug ſeine Zelte, wie gewöhnlich, in nicht großer Entfernung auf; aber die gleiche zornmüthige und eiferſüchtige Zurückhaltung und Entfernung herrſchte noch zwiſchen ihnen. Sobald man mit dem Aufſchlagen der Zelte fertig 22— war, erſchien Breckenridge als Abgeſandter aus dem feindlichen Lager. Er kam von Seiten ſeiner Reiſe⸗ gefährten, um wegen ihres Einzugs in das Dorf und wegen des Empfangs der Häuptlinge Verabredung zu treffen; denn all dies iſt bei den Indianern ein Gegen⸗ ſtand von hoher Wichtigkeit und Feierlichkeit. Die Theilhaber ſprachen ſich jetzt öfter über ihr ent⸗ ſchiedenes Mißtrauen gegen die Abſichten Liſa's und ihre Beſorgniſſe aus, er möchte aus Handelsneid und Rache⸗ gefühl wegen der neuen Zwiſte die Arikaner gegen ſie aufzuhetzen ſuchen. Breckenridge verſicherte ſie, ihr Arg⸗ wohn ſei ganz ungegründet, und er wolle ſich verbürgen, daß nichts dieſer Art ſtattfinden würde. Er fand es aber ſchwer, ihr Mißtrauen zu beſeitigen; die Unterre⸗ dung endigte daher, ohne irgend ein aufrichtiges Einver⸗ ſtändniß herbeizuführen, und M'Lellan wiederholte ſeine alte Drohung, Liſa zu erſchießen, ſobald er in ſeinem Benehmen das geringſte entdeckte, das einer Verrätherei ähnlich ſähe. Während der Nacht fiel der Regen in Strömen nieder; Blitze leuchteten und Donnerſchläge krachten. Das Lager war überſchwemmt, Bettung und Gepäck durchnäßt. Alles ſchiffte ſich mit dem frühen Tage ein und eilte dem Dorfe entgegen. um neun uhr waren unſere Reiſende halbwegs, und ſahen ein Kanoe, in welchem ſich zwei Würdenträ⸗ ger der Arikaras befanden. Der Eine, ein ſchön aus⸗ — 23— ſehender Mann, von mehr als gewöhnlicher Körpergröße, war das erbliche Oberhaupt des Dorfes; er hieß der Linkhändige, wegen einer perſönlichen Eigenthümlichkeit. Der Andere, ein abſchreckend ausſehender Wilde, war unter dem Namen„der dicke(große) Mann“ bekannt, eine Benennung, welche er ſeiner Größe wegen wohl verdiente, denn er war von rieſenhafter Geſtalt. Beide hatten eine hellere Hautfarbe, als man bei Wilden gewöhnlich findet. Sie hatten einen Dolmetſcher bei ſich, einen fran⸗ zöſiſchen Kreolen; er gehörte zu jenen abenteuernden Wichten galliſchen Urſprungs, welche man in Menge auf unſern Grenzen findet, und die unter den Indianern leben, als gehörten ſie zu ihrer Raſſe. Er hatte ſeit zwanzig Jahren unter den Arikaras gelebt, hatte eine Squaw und eine Schaar halbblütiger Kinder, und diente den Oberhäuptern als Dolmetſcher. Durch dieſes wür⸗ dige Organ bedeuteten die zwei hohen Perſonen Hunt, es ſei durchaus ihre Abſicht, ſich der Weiterreiſe des Zugs am Fluß zu widerſetzen, wenn kein Boot zurück⸗ bliebe, um mit ihnen Handel zu treiben. Hunt ſetzte in ſeiner Antwort den Zweck ſeiner Reiſe auseinander, und ſprach ſeine Abſicht aus, ſich an ihrem Dorfe aus⸗ zuſchiffen, und von dort die Reiſe zu Land fortzuſetzen; gern würde er wegen der zu ihrer Reiſe nöthigen Pferde mit ihnen in Verkehr treten. Dieſe Erklärung befriedigte die beiden Würden⸗ 7 — 24— träger vollkommen; ſie wandten die Ruder und kehrten in ihr Dorf zurück, um Vorbereitungen zu dem Empfang der Fremden zu treffen. Das Dorf der Rikaras, Arikaras, oder Rikarees, denn der Name wird auf ſo verſchiedene Weiſe geſchrie⸗ ben, liegt zwiſchen dem 46 und 47° n. B. und vierzehn⸗ hundert dreißig Meilen über der Mündung des Miſſouri. Die Geſellſchaft erreichte es gegen zehn Uhr des Mor⸗ gens, landete aber an dem gegenüberliegenden Ufer des Fluſſes, wo ſie ihr Gepäck und ihre Effekten zum Trock⸗ nen ausbreiteten. Von hier aus beherrſchten ſie eine herr⸗ liche Ausſicht auf das Dorf. Es war in zwei Theile getheilt, die von zwei verſchiedenen Horden bewohnt und gegen ächtzig Schritte entfernt waren. Das ganze Dorf nahm ungefähr drei Viertelmeilen das Flußufer entlang ein und beſtand aus kegelförmigen Hütten, welche ſich wie kleine Hügelchen ausnahmen; ſie waren von Holz mit Weiden überflochten und mit Erde bedeckt. Die Ebene jenſeits des Dorfes erhob ſich zu bedeu⸗ tenden Anhöhen empor; die ganze Gegend war faſt baumlos. 1. Während ſie das Dorf betrachteten, ſahen ſie eine ſeltſame Flotte den Fluß herabkommen. Sie beſtand aus einer Menge Kanoes, deren jedes aus einer einzigen auf Pfähle geſpannten Büffelhaut gemacht war, ſo daß es eine Art runden Trogs bildete. Jedes wurde von einer einzigen Squaw geführt, die auf dem Boden kniete 8 und ruderte. Die gebrechlichen Kähne hatten ein Bündel Holz, das zum Feuern dienen ſollte, im Schlepptau. Dieſe Art Kanoe wird bei den Indianern häufig gefun⸗ den, da ſich die Büffelhaut ſchnell in ein Bündel zuſam⸗ menlegen und zu Pferd fortbringen läßt; ſie iſt beſon⸗ ders geeignet, Gepäck über die Flüſſe zu bringen. Die wilden Pferde, welche um das Dorf graſten und auf den nahen Hügeln und in den Thälern zerſtreut waren, ließen in den Arikara's einen Reiterſtamm erken⸗ nen und wirklich ſind ſie vortreffliche Reiter. In der Menge ſeiner Pferde beſteht der Reichthum eines Prai⸗ rien⸗Indianers, der in ſeiner Liebe für dieſes edle Thier und in ſeiner Geſchicklichkeit es zu handhaben den Ara⸗ bern der Wüſte gleicht.. Nach einer Weile hörte man die Stimme des Ober⸗ hauptes,„des Einhändigen,“ über den Fluß herüber; er verkündigte den Reiſenden, die Rathshütte ſei berei⸗ 3 tet, und die weißen Männer möchten herüber kommen. Der Fluß war eine halbe Meile breit, doch verſtand man jedes Wort des Oberhauptes; theils iſt dieß der beſtimm⸗ ten Weiſe zuzuſchreiben, in welcher jede Sylbe der zuſam⸗ mengeſetzten Wörter in der indianiſchen Sprache zerglie⸗ dert und betont wird; wirklich aber kann ein wilder Krieger es oft mit Achilles an Kraft der Lunge auf⸗ nehmen.* *) Bradbury a. a. O. S. 110. — 25— Jetzt kam man zu einem delikaten Punkte; es fragte ſich nemlich, wie die zwei feindlichen Parteien ihren Beſuch in dem Dorfe mit der geeigneten Umſicht und dem gebührenden Anſtand einrichten ſollten. Seit ihrem Streite hatte keiner der Führer mit dem andern geſpro⸗ chen. Aller Verkehr war durch Abgeordnete geleitet wor⸗ den. Breckenridge, welcher ſich von dem Argwohn über⸗ zeugt hatte, den man gegen Liſa hegte, hatte es dahin gebracht, daß ein Ausſchuß von jeder Partei zu gleicher Zeit über den Fluß gehen ſollte, ſo daß keiner zuerſt das Ohr der Arikaras erreichte. Das Mißtrauen gegen Liſa wuchs jedoch in dem Maße, als man ſich dem Dorfe näherte, und beſonders MoLellan hatte ein wachſames Auge auf ſeine Bewegun⸗ gen und ſchwur, er würde ihn erſchießen, wenn er zuerſt über den Fluß fahre. um zwei Uhr wurde Hunt's großes Boot bemannt, und er begab ſich, von M'Kenzic und M'Lellan begleitet, an Bord. Zu gleicher Zeit betrat Liſa ſeine Barke; die beiden Deputationen beſtanden in allem aus vierzehn Perſonen und nie wurde irgend ein Schritt nebenbule⸗ riſcher Gewalthaber ſorgfältiger und bedächtiger in das Auge gefaßt. Sie landeten inmitten einer bunten Menge und wurden an dem ufer von dem einhändigen Oberhaupte empfangen, das ſie mit ernſter Feierlichkeit in das Dorf führte, rechts und links die Schaaren alter Squaws, — 27— kleiner Teufel von Buben und umſtreifender Hunde abwehrend, von denen es hier wimmelte. Sie wanden ſich zwiſchen den Hütten durch, welche wie planlos da und dorthin geworfene und von alten Pfählen umgebene Schmutzhaufen ausſahen; alle waren äußerſt unreinlich und verbreiteten keinen angenehmen Geruch. CEndlich erreichten ſie die Rathshütte. Sie war ziem⸗ lich geräumig und aus vier gabelförmigen Baumſtämmen aufgeführt, die aufrecht ſtanden, und Querbalken und ein mit Weiden durchflochtenes Gerüſt trugen. Das Ganze war mit Erde bedeckt. Eine in der Mitte angebrachte Vertiefung gab den Heerd ab und unmittelbar darüber war ein Loch in der Mitte des Gewölbes gelaſſen, um den Rauch hinaus und das Tageslicht herein zu laſſen. Um die Hütten waren eine Art Niſchen, die als Schlaf⸗ ſtätten dienten, den Abtheilungen in einem Schiffe, wo Matroſen ſpeiſen und ſich aufhalten, ähnlich, durch Vor⸗ hänge von gegerbten Häuten dem Auge verborgen. Am oberen Ende der Hütte war eine Art Jagd⸗ und Kriegs⸗ trophäe angebracht; ſie beſtand aus zwei grell und bunt gemahlten Büffelköpfen, über welchen Schilder, Bogen, Pfeile und andere Waffen hingen. Beim Eintritt in die Hütte deutete das Oberhaupt auf Matten oder Kiſſen, welche rundumher für die Frem⸗ den hingelegt worden, und auf welche ſie ſich ſetzten, während er ſich auf eine Art Stuhl niederließ. Jetzt kam ein alter Mann mit der Friedens⸗ oder Freund⸗ — 283— ſchaftspfeife heran, zündete ſie an und reichte ſie dem Oberhaupte, trat dann wieder zurück und kauerte ſich an der Thüre nieder. Die Pfeife ging von Mund zu Mund, und jeder that einen Zug, was dem unverbrüch⸗ lichen Zeichen der Treue und Freundſchaft, dem gemein⸗ ſchaftlichen Genuſſe des Salzes bei den alten Briten gleichkömmt. Das Oberhaupt gab nun dem alten Pfei⸗ fenträger, welcher, wie es ſchien, zumal die Stelle eines Herolds, Seneſchals und öffentlichen Ausrufers zu beklei⸗ den ſchien, einen Wink, und er ſtieg auf die Spitze der Hütte, um eine Bekanntmachung zu erlaſſen. Er nahm an dem Rauchfang Platz; das Oberhaupt ſagte ihm von innen herauf vor, was er ausrufen ſollte, und er brüllte es mit einer Lungenkraft aus, daß es über das ganze Dorf weghallte. Auf dieſe Weiſe for⸗ derte er die Krieger und Edeln zum Rathe zuſammen und ſtattete von Zeit zu Zeit ſeinem Oberhaupte durch das Loch in dem Dache Bericht über den Fortgang der Sache ab. Nach einer kleinen Weile traten die Tapfern und Weiſen, einer nach dem andern, wie ihre Namen aus⸗ gerufen oder angekündigt worden, unter der Büffelhaut, welche ſtatt der Thüre über die Oeffnung gehängt wor⸗ den, hervor, und ſetzten ſich auf die, des Bodens entlang gelegten Häute ſchweigend nieder. In dieſer Weiſe tra⸗ ten dreißig ein und nahmen ihre Sitze ein— eine Ver⸗ ſammlung, welche wohl werth geweſen wäre, durch den Pinſel verewigt zu werden; denn die Arikaras ſind eine edle Menſchenraſſe, groß und gut gebaut, und zeigen bei ihren öffentlichen Verſammlungen eine wilde Größe und einen hohen Ernſt des Benehmens. Als alle Platz genommen hatten, bereitete der Cere⸗ monienmeiſter die Feierlichkeits⸗ oder Rathspfeife, zün⸗ dete ſie an und reichte ſie dem Oberhaupte. Er ſog den heiligen Dampf ein, blies eine Wolke himmelan, dann abwärts gegen die Erde, dann nach Oſten; darauf ging ſie wie gewöhnlich von Mund zu Mund und jeder hielt ſie ehrfurchtsvoll, bis ſein Nachbar einige Züge gethan hatte. Und nun war, wie angenommen wird, der große Rath in gehöriger Form eröffnet. Das Oberhaupt hielt eine Anrede, in welcher er die Fremden in ſeinem Dorfe willkommen hieß und ſich glücklich pries, ſie als Freunde an der Hand zu nehmen, zugleich beklagte er ſich über ſeine und ſeines Volkes Armuth— das gewohnliche Vorſpiel bei den Indianern, wenn ſie zu betteln oder knapp zu handeln vorhaben. Liſa erhob ſich, um zu antworten, und die Blicke Hunt's und ſeiner Gefährten wandten ſich ſcharf auf ihn, während die von M'Lellan wie Baſilisken⸗Augen funkel⸗ ten. Er begann mit den gewöhnlichen Freundſchaftsver⸗ ſicherungen und fuhr dann fort, die Abſicht ſeines eige⸗ nen Zuges auseinander zu ſetzen.„Jene Leute jedoch,“ ſagte er, und deutete auf Hunt und ſeine Gefährten, „gehören einer ganz andern Geſellſchaft an und haben ganz andere Plane; ſind wir aber auch,“ ſetzte er hinzu, „Glieder ganz getrennter Geſellſchaften, ſo machen wir alsbald gemeinſchaftliche Sache, wenn die Sicherheit eines von uns gefährdet iſt. Jede Unbill oder Schmach, die einer von ihnen erfahren ſollte, würde ich als mir ſelbſt angethan betrachten und ſie ſo rächen. Ich hoffe daher, ihr werdet ſie mit derſelben Freundſchaft behandeln, welche ihr ſtets gegen mich an den Tag gelegt habt, und alles, was in eurer Macht ſteht, anwenden, um ihnen gefällig zu ſein und ſie für ihre Reiſe zu unterſtützen.“ Dieſe Rede, welche Liſa mit dem ganzen Ausdruck der Offenheit und Biederkeit vortrug, überraſchte Hunt und ſeine Begleiter auf das Angenehmſte. Hunt nahm jetzt das Wort und ſetzte den Zweck ſeiner Reiſe zu dem großen Salzſee jenſeits der Berge auseinander und erklärte, er werde zu dieſem Zwecke der Pferde bedürfen, daher er bereit ſei, den Verkehr zu eröffnen, denn er habe eine Menge Waaren mitge⸗ bracht. Er und Liſa ſchloſſen ihre Rede damit, daß ſie Ge⸗ ſchenke von Tabak vertheilten. Das linkhändige Oberhaupt ſagte in ſeiner Gegen⸗ rede den Neuangekommenen ſeine Freundſchaft und Hülfe zu und hieß ſie in ſeinem Dorfe willkommen. Er ſetzte hinzu, er könne die Menge Pferde nicht entbehren, welche Hunt in Anſpruch nehme, und ſprach ſich ſelbſt zweifel⸗ — 31— haft darüber aus, ob ſie irgend welche abzulaſſen im Stande wären. Nach ihm hielt ein anderer Häuptling, Grau⸗Auge genannt, eine Rede und erklärte, ſie würden Hunt gern mit allen Pferden verſehen, deren er bedürfe; denn wenn ſie deren in dem Dorfe nicht genug hätten, könnten ſie leicht mehr ſtehlen. Dieſes honette Auskunftsmittel entfernte ſogleich die Hauptſchwierigkeit; aber das Oberhaupt verſchob jeden Verkehr auf ein oder zwei Tage, bis er Zeit gehabt, ſich mit den ihm untergeordneten Häuptlingen hinſicht⸗ lich der Marktpreiſe zu berathen; denn das Oberhaupt eines Dorfes beſtimmt in Verbindung mit ſeinem Rathe gewöhnlich die Preiſe, um den die Gegenſtände gekauft und verkauft werden, und nach dieſen muß ſich das Dorf richten. Der Rath wurde jetzt aufgehoben. Hunt ließ ſein Lager dieſſeits des Fluſſes eine kleine Strecke unter dem Dorfe aufſchlagen, und das linkhändige Oberhaupt gab ihm einige ſeiner Krieger als Wache, um das Ein⸗ dringen ſeiner Leute zu verhindern. Das Lager wurde an dem Ufer grade vor den Booten aufgeſchlagen. Die Zelte und die Mannſchaft, in ihre Blankets gehüllt und auf Fellen in der freien Luft gelagert, umgaben des Nachts das Gepäck. Auch waren vier Mann, die ſich einander im Auge hatten, außerhalb des Lagers als Wache aufgeſtellt und blieben bis Mitternacht auf ihren Poſten, wo vier andere ſie ablöſten und bis zum Morgen den Dienſt hatten. Liſa ſchlug ſein Lager zwiſchen Hunt und dem Dorfe auf. Liſa's Rede vor dem Rathe hatte in dem Lager eine begütigende Wirkung hervorgebracht. Obgleich die Auf⸗ richtigkeit ſeiner Freundſchaft und ſeines Wohlwollens gegen die neue Handelsgeſellſchaft noch ein Gegenſtand des Zweifels blieb, ſo konnte man ihn doch nicht mehr 1 der Abſicht ſie zu hintergehen beſchuldigen. Die zwei Anführer verkehrten daher wieder miteinander, und beide Parteien förderten einträchtig ihre Zwecke. *⁴ Einundzwanzigſtes Kapitel. Ein indianiſcher Pferdemarkt.— Liebe der Indianer für die Pferde.— Scenen in dem Arikara⸗Dorfe.— Indianiſche Gaſt⸗ freiheit.— Pflichten indianiſcher Frauen.— Spiele der Män⸗ ner.— Ihre Trägheit.— Plauderſucht.— Gerüchte heimli⸗ cher Feinde.— Spione.— Lärm.— Aufbruch.— Indianiſche Hunde.— Rückkehr der Pferdediebe.— Indianiſche Deputa⸗ tion.— Neuer Lärm.— Rückkehr einer ſiegreichen Krieger⸗ ſchaar.— Zuſammenkunft von Freunden und Verwandten.— Indianiſche Empfindlichkeit.— Zuſammenunft eines verwun⸗ deten indianiſchen Kriegers und ſeiner Mutter.— Feſtlichkeit und Weheklagen. unter der Anordnung und Aufſicht der Häuptlinge begann nun der Handel mit den Arikaras. Liſa ſchickte einen Theil ſeiner Waaren in die Hütte des linkhändi⸗ gen Oberhauptes und Hunt legte ſeinen Kram in der Hütte des„dicken Mannes“ aus. Das Dorf hatte bald das Ausſehen eines geſchäftigen Marktes, und da Nach⸗ frage nach Pferden war, glichen die Umgebungen und die nahe Ebene ganz und gar der Nachharſchaft eines Tartarenlagers; Pferde mußten die ganze Schule durch⸗ machen und Reiter ſprengten mit jener Geſchicklichkeit und Anmuth umher, um derentwillen die Arikaras be⸗ rühmt ſind. 60.— 63. 3 — 22— 4 Sobald ein Pferd gekauft war, wurde ihm der Schweif geſtutzt— ein ſicheres Mittel, es von den Pfer⸗ den des Stammes zu unterſcheiden; denn die Indianer werachten es, dieſe abgeſchmackte, barbariſche und unan⸗ ſtändige Verſtümmelung anzuwenden, welche irgend ein niedriger und pöbelhafter Geiſt, der für die Verdienſte und Vollkommenheiten dieſes Thieres keinen Sinn hatte, erfunden hat. Die Pferde der Indianer bleiben im Ge⸗ gentheil in jeder Hinſicht die ſtolzen ſchönen Thiere, als welche ſie die Natur geſchaffen hat. Der Reichthum eines Indianers in dem fernen Weſten beſteht vorzüglich in ſeinen Pferden, deren jeder Häuptling und Krieger eine große Anzahl beſitzt, ſo daß die Ebene um ein Dorf oder ein Lager mit ihnen bedeckt ſind. Dieſe geben Gegenſtände des Handels, oder Gegen⸗ ſtände des Raubes ab und werden daher, von Stamm zu Stamm über große Striche des Landes gebracht. Die den Arikaras gehörigen Pferde ſind von der wilden Prairienraſſe; viele kamen aber von den Ponkas, Pawnees und andern Stämmen des Südweſten herüber, welche ſie bei einem Pferderaubzug in das mexikaniſche Gebiet den Spaniern geſtohlen hatten. Alle dieſe hatten Brandmale, an welchen man ſie erkannte— eine ſpani⸗ ſche Art, die Pferde zu zeichnen, von denen die India⸗ ner beinen Gebrauch machen. Da die Arikaras auf einen neuen Zug gegen ihre Feinde, die Sioux, bedacht waren, hörte man vorzugs⸗ — 35— weiſe nach Gewehren, Tomahawks, Skalpirmeſſern, Pul⸗ ver, Kugeln und anderm Kriegsbedarf fragen. Man zahlte für ein Pferd, nach der Anordnung der Häupt⸗ linge, gewöhnlich zehn Dollars in Waaren, welche zu dem Ankaufspreis angeſchlagen wurden. Um den ſo plötzlich entſtandenen Nachfragen nach Pferden Genüge zu thun, waren Schaaren von jungen Männern und Tapfern aufgebrochen, um Pferde zu ſtehlen— bei den Indianern eine Art Thätigkeit, welche den Vorrang vor der Jagd hat und als ein ehrenvoller Kriegszweig betrach⸗ tet wird.— Während die Anführer der Expedition mit den Vor⸗ bereitungen zu der herannahenden Reiſe zu Land emſig beſchäftigt waren, fanden die, welche ſie aus Neugierde oder zu ihrer Unterhaltung begleitet hatten, in dem Dorfe und ſeinen Bewohnern reichlichen Stoff zu Unterhaltun⸗ gen. Wohin ſie kamen, wurden ſie freundlich aufgenom⸗ men und bewirthet. Wenn ſie in eine Hütte traten, wurde das Büffel⸗ fell für ſie vor dem Feuer ausgebreitet und ſie mußten Matz darauf nehmen; die Pfeife wurde gebracht und während der Beſitzer der Hütte mit ſeinen Gäſten ſich unterhielt, ſetzte die Squaw den irdenen Topf über das Feuer; dieſer war mit getrocknetem Büffelfleiſch und zer⸗ riebenem Mais wohl gefüllt; denn der Indianer beſitzt in ſeinem natürlichen Zuſtande, bevor er viel mit den weißen Männern verkehrt und ſeine ſchmutzige Sitten . 3* — 36— annimmt, ganz die Gaſtfreiheit der Araber; nie tritt ein Fremder in ſeine Thüre, ohne daß man ihm zu Eſſen vorſetzt, und nie nimmt er das Geringſte für das in dieſer Weiſe Dargereichte an. Das Leben eines Indianers zu Haus in ſeinem Dorfe iſt ein Leben der Trägheit und Ergötzung. Der Frau ſind die Arbeiten des Haushaltes und des Feldes anheim gegeben; ſie ſorgt für die Hütte, holt Holz zu dem Feuer, kocht, macht das Wildpret und das Büffel⸗ fleiſch zurecht, richtet die Häute der auf der Jagd getöd⸗ teten Thiere her, bebaut das kleine Stück Feld mit Mais, Kürbiß und Hülſenfrucht, wovon die Indianer größten⸗ theils leben. Ihre Zeit zur Ruhe und Erholung beginnt mit Sonnenuntergang, wenn die Arbeiten des Tages gethan ſind; ſie verſammeln ſich dann, um ſich mit klei⸗ nen Spielen zu unterhalten oder halten auf den Gühfeln ihrer Hütten Plaudergeſellſchaften. Der Indianer iſt ein geborner Nimrod, der ſih nicht zu nützlichen Arbeiten oder Beſchäftigungen des Haushaltes herabläßt. Es iſt genug, daß er ſich den Mühſeligkeiten der Jagd und den Fährlichkeiten des Krie⸗ ges ausſetzt; daß er Nahrung für ſeine Familie nach Haus bringt und zu ihrem Schutze wacht und kämpft. Alles Andere iſt ſeiner Beachtung unwürdig. Wenn er zu Haus iſt, weiht er nur ſeinen Waffen und ſeinen Pferden Sorgfalt und bereitet die Mittel zu künftigen Thaten vor. Auch vereinigt er ſich mit ſeinen Gefährten — 37— zu Spielen, um ſeine Gewandheit, Raſchheit und Kraft zu erproben, oder geht Wetten ein, wo er alles mit einer in dem civiliſirten Leben unbekannten Sorgloſ⸗ gkeit dem Zufalle preis gibt. Einen großen Theil ihrer Mußeſtunden zu Hauſe bringen ſie, in Gruppen auf die Hüften niedergelaſſen, an den Ufern eines Fluſſes hin, oder auf dem Gipfel eines Prairienhügels oder auf dem Dache einer ihrer mit Erde bedeckten Hütten zu, wo ſie die Neuigkeiten des Tages, die Angelegenheiten des Stammes, die Bege⸗ benheiten und Thaten ihres letzten Jagd⸗ oder Kriegs⸗ zugs beſprechen, oder auf die Geſchichten alter Zeit, die ein alter Sindbad erzählt, lauſchen, einer Gruppe unſerer Dorfpolitiker und Kannegießer nicht unähnlich, welche der Weisheit eines altergrauen Orakels lauſchen oder den Inhalt einer alten Zeitung beſprechen. Die indianiſchen Frauen ſind weit entfernt, ſich über ihr Loos zu beklagen; ſie würden, im Gegentheile, ihre Männer verachten, wenn ſie ſich zu gewöhnlichen Haus⸗ arbeiten herabließen, und dieß für eine Beeinträchtigung ihrer Ehre halten. Es iſt die größte Beleidigung, welche eine ſolche Frau der Andern in einem Augenblicke des Zornes anthun kann.„Ehrloſe Frau,“ ruft ſie ihr zu: „ich habe deinen Mann Holz in die Hütte tragen ſehen, um Feuer anzumachen. Wo war ſeine Squaw, daß er ſich ſelbſt zur Frau machen mußte?“ — —— —y — 38— Hunt und ſeine Reiſegefährten waren noch nicht lange in dem Dorfe der Arikaras, als ſich Gerüchte zu verbreiten begannen, die Sioux ſeien ihnen auf den Ferſen gefolgt, und eine Kriegerſchaar, vier⸗ bis fünf⸗ hundert Mann ſtark, liege irgendwo in der Nachbar⸗ ſchaft im Hinterhalte. Dieſe Gerüchte ſetzten das Lager in große Verlegenheit. Die weißen Jäger wurden abge⸗ ſchreckt, ſich hinaus zu wagen um Wild zu erlegen, und die Anführer hielten es auch nicht für geeignet, ſie die⸗ ſer Gefahr auszuſetzen. Auch die Arikaras, die in ihren Kämpfen mit die⸗ ſem wilden und grauſamen Stamm viel gelitten hatten, waren zu größerer Wachſamkeit aufgefordert und ſtellten berittens Kundſchafter auf den benachbarten Höhen auf. Dies iſt jedoch eine gewöhnliche Vorſichtsmaßregel bei den Prairienſtämmen. Dieſe unermeßlichen Ebenen bie⸗ ten einen Geſichtskreis wie das Meer dar, ſo daß man jeden Gegenſtand von ferne ſehen und in großer Ent⸗ fernung Kunde von dem, was vorgeht, erhalten kann. Die Kundſchafter ſtellen ſich daher auf den Anhöhen auf, um nach Wild oder nach Feinden auszuſchauen, und geben gewiſſermaßen lebendige Telegraphen ab, welche die Ihrigen durch verabredete Zeichen benachrichtigen. Wünſchen ſie eine Heerde Büffel in der jenſeitigen Ebene anzuzeigen, ſo gallopiren ſie in gleicher Linie auf dem Rücken der Höhe hin und her. Bemerken ſie einen Feind in der Nähe, ſo gallopiren ſie, ſich einander durch⸗ — 39— kreuzend, hin und her, bei welchem Anblick dann das ganze Dorf zu den Waffen eilt. Ein ſolches Lärmzeichen fand am Nachmittage des Fünfzehnten ſtatt. Man ſah vier Kundſchafter, die auf dem Gipfel eines zwei Meilen am Fluß hinab gelegenen Hügels in vollem Gallop einander kreuzten und wieder kreuzten. Alles rief, die Sioux zögen heran. In einem Augenblicke war das Dorf in Aufruhr. Männer, Frauen und Kinder lärmten und ſchrieen durch einander; Hunde bellten, brüllten, heulten. Ein Theil der Krieger lief nach ſeinen Pferden, um ſie auf der Prairie zuſammen⸗ zutreiben und herein zu bringen; andere holten ihre Waffen. Sobald ſie ſich gewaffnet und gerüſtet hatten, bra⸗ chen ſie auf; manche zu Pferde, andere zu Fuß; manche in der Eile in ihren Kriegsſchmuck gekleidet, die kleinen Kronen mit flatternden Federn auf dem Kopfe, und den Körper mit bunten Farben bemalt; andere nackt und nur mit den Waffen verſehen, welche ſie in der Haſt ergriffen. Die Frauen und Kinder ſammelten ſich auf den Dächern der Hütten und erhöhten die Verwirrung der Scene durch ihr furchtbares Geſchrei. Alte Männer, welche keine Waffen mehr tragen konnten, nahmen ähn⸗ liche Standpunkte ein, redeten die Krieger beim Vor⸗ übergehen an und munterten ſie zu Thaten der Tapfer⸗ keit auf. Selbſt viele der Alten griffen zu den Waffen und eilten wankenden Schrittes hinaus. — 40— Auf dieſe Weiſe zog die wilde Ritterſchaft des Dor⸗ fes, gegen fünfhundert an der Zahl, holterpolter, reitend und laufend, unter furchtbarem Geſchrei und Kriegs⸗ gebrüll hinaus, einer losgelaſſenen Schaar Tollhäusler oder Teufel nicht unähnlich. Nach einer Weile rollte die Fluth wieder zurück, aber mit viel geringerem Getöſe. Entweder war es ein falſcher Lärm, oder der Feind hatte ſich, da er ſich ent⸗ deckt ſah, zurückgezogen, und das Dorf ward der Ruhe zurückgegeben. Da die weißen Jäger fortwährend fürch⸗ teten, ein ſo gefährliches Revier zu begehen, begann es bald in dem Lager an friſchem Vorrath zu fehlen. Die Reiſenden mußten ſich daher, um das Büffelfleiſch und Wildpret'zu erſetzen, eine Anzahl Hunde kaufen, die todtgeſchoſſen und für den Tiſch der Reiſenden bereitet wurden. Glücklicherweiſe waren die Indianer mit ihren Hunden eben ſo freigebig, als ſie ſich knauſeriſch mit ihren Pferden zeigten. In der That umſchwärmen dieſe Thiere ein indianiſches Dorf, wie man es in türkiſchen Städten findet. Jede Familie hat ein oder zwei Dutzend von jeder Größe und Farbe, die ihr eigen gehören; die von ausgezeichneterer Raſſe werden für die Jagd gebraucht; andere ziehen den Schlitten, während andere, von gemiſch⸗ ter Raſſe und träger, fauler Natur, zum Schlachten gemäſtet werden. Man nimmt an, daß ſie von dem Wolfe abſtammen und etwas von ſeinem wilden aber feigen Weſen an ſich haben; ſie heulen eher als ſie bel⸗ — 41— len, zeigen bei dem geringſten Anlaß ihre Zähne und brummen, ziehen ſich aber zurück, wie man ſie angreift. Die Aufregung des Dorfes dauerte von Tag zu Tag fort. Am Morgen nach dem Tage, an welchem das wilde Heer, wie eben gemeldet, ausgezogen war, lang⸗ ten mehrere Schaaren aus verſchiedenen Richtungen an; einige der Tapfern gingen ihnen entgegen und führten ſie in die Rathshütte, wo ſie die Ergebniſſe und Erfolge auf der Jagd oder im Kampfe berichteten, welche Nach⸗ richten ſodann durch gewiſſe Greiſe, die das Amt von Herolden oder Ausrufern über ſich hatten, in dem gan⸗ zen Dorfe verbreitet wurden. Unter den Abtheilungen, welche angelangt waren, war eine bei dem Stamme der Schlangen, um Pferde zu ſtehlen, und kehrte, mit Erfolg gekrönt, zurück. Als ſie im Triumph durch das Dorf zogen, wurden ſie von Männern, Frauen und Kindern, die ſich, wie gewöhnlich, auf den Gipfeln der Hütten geſammelt hatten, jubelnd empfangen und von den Aelteſten des Dorfes ermahnt, in ihrem Verkehre mit den weißen Männern ſich edel zu benehmen. Der Abend verging in Schmauß und Luſtbarkeiten unter den Verwandten der ſiegreichen Krieger; aber von den nahen Höhen hörte man Wehklagen und Geheul; es waren die Töne des Jammers der Frauen, welche bei dem Streifzuge Verwandte verloren hatten. Ein indianiſches Dorf iſt ſteten Bewegungen und neten war prachtvoll in einen Büffelmantel gekleidet, auf 42— Erregungen blosgeſtellt. Am folgenden Tage kam eine Geſandtſchaft von Tapfern aus dem Cheyenne⸗ oder Schienne⸗Stamm; ein niedergedrücktes Volk, gleich den Arikaras durch Kriege mit den Siour gelichtet und dahin gebracht, daß ſie ſich in die ſchwarzen Hügel, nahe an den Quellen des Cheyenne⸗Fluſſes, von dem ſie ihren Namen haben, flüchten mußten. Einer dieſer Abgeord⸗ welchem viele Figuren mit geſchleiften, roth und gelb gefärbten Federn phantaſtiſch gewirkt waren; das Ganze war mit den zierlichen Hufen von Rehkälbern geſäumt, welche bei jedem Schritte klapperten. Die Ankunft dieſer Abgeordneten war abermals das Signal zu neuen Feierlichkeiten, welche die Zeit der Indianer ſo ſehr in Anſpruch nehmen; denn es gibt kein höflicheres und ceremonielleres, und auf Etikette und Förmlichkeit verſeſſeneres Weſen, als ein amerika⸗ niſcher Wilder. 1 Die Abgeordneten hatten ſich eingefunden, um den beabſichtigten Beſuch des Schienne⸗(oder Cheyenne)⸗ Stammes in dem Arikara⸗Dorfe während der nächſten, zwei Wochen anzukündigen. Auf dieſen Beſuch war Hunt geſpannt, denn er hoffte, ſich durch jenen Stamm Pferde zu ſeiner Reiſe zu verſchaffen; denn alles Markten mit den Arikaras führte ihn nicht dazu, die nöthigen Pferde zu bekommen. Wirklich war nichts im Stande, — 43— dieſe zu bereden, ſich von ihren beſſern Pferden, welche zu der Büffeljagd abgerichtet waren, zu trennen. Da Hunt von hier aus ſeine Boote nicht mehr brauchen konnte, ſo erbot ſich Liſa, ſie und alle jene Waaren, deren er nicht mehr bedürfte, von ihm zu kau⸗ fen und ihm Pferde dafür zu geben, welche er in einem Fort erhalten könne, das der Miſſouri⸗Pelzhandels⸗ geſellſchaft gehörte und bei den Mandar⸗Dörfern, gegen hundert fünfzig Meilen weiter dem Fluß hinauf läge. Der Handel wurde raſch abgeſchloſſen und Liſa und Crooks brachen mit mehreren Gefährten ſogleich nach dem Fort auf, um die Pferde zu holen. Nach einer Abweſenheit von ungefähr vierzehn Tagen kamen ſie zurück und brachten die bedungene Anzahl Pferde mit. Doch war die Zahl der Thiere immer noch nicht groß genug, um das Gefolge, die Waaren und das Gepäcke fortzubrin⸗ gen, und es bedurfte noch einiger Tage, um die Anord⸗ nungen zu der Reiſe zu vervollſtändigen. Am neunten Juli, kurz vor Sonnenaufgang, hörte man einen großen Lärm und wildes Geſchrei in dem Dorfe. Es war dies die gewöhnliche Stunde des Angriffs und des Ueberfalls bei den Indianern, und da man wußte, daß die Sioux in der Umgegend waren, ſo ſah man das Lager augenblicklich auf den Füßen. Als der Tag anbrach, entdeckte man eine bedeutende Anzahl von Indianern auf den Bluffs, drei oder vier Meilen fluß⸗ abwärts. Die Erregung und der Lärm im Dorfe dauerte — 41— fort. Die Dächer der Hütten wimmelten von Einwoh⸗ nern, die alle eifrig auf die Höhen hinab ſahen und ein heftiges Hin⸗ und Herreden hören ließen. Jetzt gallo⸗ pirte ein indianiſcher Krieger am Lager vorbei in das Dorf, und nach kurzer Weile ſtürmte die bewaffnete Schaar fort. Bald ſtellte es ſich heraus, was an der Sache war. Die Indianer, welche man auf den fernen Höhen geſe⸗ hen, waren dreihundert Arikara⸗Japfern, die von einem Streifzug zurückkehrten. Sie waren auf die Krieger⸗ ſchaar der Siour geſtoßen, welche ſo lange in der Umge⸗ gend umherſtreiften, hatten ſie den Tag vorher angegrif⸗ fen, viele getödtet und die Uebrigen zurückgeworfen, wobei ſie ſelbſt nur zwei oder drei Todte und ungefähr zwölf Verwundete zählten. Sie hielten nun in einiger Ent⸗ fernung, bis ihre Gefährten und Freunde in dem Dorfe ihnen entgegenkommen und den Pomp ihres ſiegreichen Einzugs erhöhen könnten. Der Krieger, welcher an dem Lager vorbeigeſprengt war, war der Anführer des ruhm⸗ gekrönten Zugs, und eilte heim, um die Rachricht von ſeinem Siege zu überbringen. Nun begannen die Vorbereitungen zu dieſer großen kriegeriſchen Feierlichkeit. Man ſchickte den Kriegern ihren ganzen Schmuck und Putz, damit ſie ſich in ihrem größten Glanze zeigen könnten. Auch die, welche zu Haus geblieben waren, boten die Pracht ihrer Toilette und Garderobe auf, um dem Aufzug Ehre anzuthun. Die Arikaras gehen gewöhnlich nackt, haben aber, wie alle Wilden, ihr Gallakleid, auf welches ſie nicht wenig eitel ſind. Dieſes beſteht gewöhnlich aus einem bunten Rock und Beinkleidern von dem gegerbten Felle der Antilope, dem Gemsleder ähnlich, und mit prachtvoli gefärbten Stacheln des Stachelſchweins beſetzt. Ein Büf⸗ felmantel wird über die rechte Schulter geworfen, über die linke ſchlingen ſie den Köcher mit Pfeilen. Sie tra⸗ gen bunte, kronenartige Mützen mit Federn, beſonders mit denen des Schwans; aber die Federn des ſchwarzen Adlers werden als die werthvollſten angeſehen, da er bei den indianiſchen Kriegern als ein heiliger Vogel gilt. Wer einen Feind auf deſſen eigenem Gebiet getödtet hat, iſt berechtigt, eine an jedes Mokaſſin befeſtigte Fuchs⸗ haut hinter ſich herzuſchleppen. Wer einen weißen Bären getödtet hat, darf ein Halsband von ſeinen Klauen tra⸗ gen— das rühmlichſte Siegeszeichen, das ein Jäger auf⸗ zuweiſen hat. Eine indianiſche Toilette iſt eine ziemlich mühſelige und ſchwere Arbeit; der Krieger muß ſich oft von Kopf bis zu den Füßen malen, und iſt ungemein launiſch und ſchwierig, hinſichtlich der ſchicklichen Vertheilung der Streifen und Farben ſeinen Willen gethan zu ſehen. Ein großer Theil des Morgens verging daher, ehe man Anzeichen von dem herannahenden Zuge ſah. In dem Dorfe herrſchte mittlerweile die tiefſte Stille. Die mei⸗ ſten Einwohner waren fort; die andern harreten in ſtummer Erwartung. Alle Beſchäftigungen ruhten; nur die geſchäftigen Squaws ſah man in den Hütten eifrig und ſtumm am Feuer ſtehen und das Mahl für die Krieger bereiten. Es war faſt Mittag, als ein buntes Gelärm von Stimmen und rauher Muſik ſich ſchwach aus der Ent⸗ fernung hören ließ und verkündigte daß der Zug auf dem Wege ſei. Die Greiſe und diejenigen Squaws, welche ihre Beſchäftigungen verlaſſen konnten, eilten ihm entgegen. Nach einer kleinen Weile tauchte er hinter einem Hügel auf und bot einen wilden, maleriſchen Anblick dar, wie er ſich über die Anhöhe gemeſſenen Schrittes, nach dem Takte der Geſänge und wilden Inſtrumente einherbewegte, während die kriegeriſchen Standarten mit den Trophäen hoch glänzten, und die Federn, die Male⸗ reien und Silberzierrathen der Krieger in der Sonne leuchteten und flitterten.. Die ganze Anordnung der Feier hatte etwas Rit⸗ terliches. Die Arikaras zerfallen in mehrere Horden, deren jede ſich nach einem Thiere oder Vogel benennt⸗ wie: der Büffel, der Bär, der Hund, der Faſan. Die ſiegreiche Schaar hier beſtand aus vier ſolcher Horden, deren eine ſich nach dem Hunde nanyte und im Kampfe die geachtetſte war, da ſie aus lauter jungen Leuten unter dreißig Jahren beſtand, die wegen ihrer Kühnheit berühmt und bei den verzweifelteſten Gelegenheiten ſtets voran waren.— Die Horden zogen in getrennten Haufen unter 42— ihren verſchiedenen Anführern. Zuerſt kamen die Krie⸗ ger zu Fuß in Rotten, zehn bis zwölf Mann in gleicher Linie; dann die Reiter. Jede Horde trug als Feldzei⸗ chen einen Speer oder Bogen, mit Glasperlen, Stacheln von Stachelſchweinen und gemalten Federn geſchmückt. Jede trug ihre Trophäen von Kopfhäuten, die auf Pfäh⸗ len ſtacken, und deren lange, ſchwarze Haare in dem Winde flatterten. Jede hatte ihre rauhe Muſik und ihren Sängerchor bei ſich. Auf dieſe Weiſe nahm der Zug faſt eine Viertel⸗ meile ein. Die Krieger waren bunt bewaffnet; einige hatten Gewehre, die übrigen Bogen und Pfeile und Kampfkeulen; alle trugen Schilde von Büffelhaut, eine Art Schirm, deren ſich die Prairien⸗Indianer faſt durch⸗ gehends bedienen, welche des Schutzes der Bäume und Wälder entbehren müſſen. Sie waren auf das Abſchrek⸗ kendſte bemalt. Manche hatten das Mahl einer rothen Hand über ihrem Munde, ein Zeichen, daß ſie das Herz⸗ blut eines Feindes getrunken hatten! Als ſie ſich dem Dorfe näherten, gingen ihnen die alten Männer und Squaws entgegen, und nun erfolgte eine Scene, welche die Unwahrheit der alten Fabel von indianiſcher Gefühlloſigkeit und Stumpfheit an den Tag legte. Eltern und Kinder, Brüder und Schyweſtern, Männer und Frauen begrüßten ſich mit dem hinreiſſend⸗ ſten Ausdruck der Freude, während man von Seiten der Verwandten der Getödteten oder Verwundeten wilde — 48— Klagen und lauten Jammer hörte. Der Zug ging jedoch in langſamen, gemeſſenen Schritten, nach dem Takte des ceierlichen Geſanges fort, und die Krieger behielten ihre ernſte, ſtrenge Haltung. Zwiſchen zweien der erſten Häuptlinge ritt ein junger Krieger, welcher ſich in dem Kampfe ausgezeich⸗ net hatte. Er war ſchwer verwundet, ſo daß er ſich nur mit Mühe auf dem Pferde hielt; aber er zeigte eine heitere und ſtete Miene, als wenn ihm nicht das Geringſte fehlte. Seine Mutter hatte von ſeinem Zuſtande gehöm. Sie brach ſich Bahn durch die Menge, hob ſich an ihm empor, warf ihre Arme um ihn und weinte laut. Er behielt den Stolz und die Haltung eines echten Krie⸗ gers bei dieſer Scene bei, ſtarb aber bald, nachdem er ſeine Hütte erreicht hatte. 3 Das Dorf war jetzt der Schauplatz hoher Feſtlichkeit und ſtolzen Triumphes. Die Banner, und Trophäen, und Kopfhäute und die gemalten Schilder waren auf Pfählen aufgeſteckt an den Hütten zu ſehen. Es gab Kampfmahle und Skalp⸗Tänze, und kriegeriſche Geſänge und wilde Muſik; alle Bewohner des Dorfes waren in ihren Feſtkleidern, während die alten Herolde von Hütte zu Hütte gingen und mit lauter Stimme die Begebniſſe des Kampfes und die Thaten der verſchiedenen Krieger bekannt machten. Der Art war der lärmende Jubel des Dorfes; aber auf den umliegenden Hügeln hörte man Töne anderer — a9— Art.— Klägliches Jammern der Frauen, welche ſich hierher begeben hatten, um in der Dunkelheit und Stille für die zu trauern, welche in dem Kampfe gefallen waren. Hier ließ die arme Mutter des jungen Kriegers, welcher nur um zu ſterben im Triumpfe zurückgekehrt war, dem Schmerze eines Mutterherzen freien Lauf. Wie ſehr erinnert dieſe Sitte unter den indianiſchen Frauen, in der Nacht auf die Gipfel der Höhen zu gehen und ihr Wehklagen um den Todten anzuſtimmen, an die ſchöne und gefühlvolle Stelle in der heil. Schrift:„In Rama wurde eine Stimme gehört, Klagen und Weinen, und großes Trauern, denn Rahel weinte um ihre Kinder und konnte ſich nicht tröſten, weil ſie dahin gegangen waren!“ 60.— 62. 4 Zweiundzwanzigſtes Kapitel. Wildniß des fernen Weſten.— Große amerikaniſche Wüſte.— Trockne Jahreszeit.— Die Schwarzen Berge.— Selſenge⸗ birg.— Wandernde und raubende Horden.— Anſicht über die künftige Bevölkerung.— Drohende Gefahren.— Anſchlag aus⸗ zureißen.— Roſe, der Dolmetſcher.— Sein boshafter Cha⸗ rakter.— Abreiſe von dem Arikara⸗Dorfe. Während Hunt alle Vorbereitungen zu ſeiner müh⸗ ſamen Weiterreiſe traf, begannen einige ſeiner Leute bei der bedrohlichen Ausſicht, die ſich ihnen eröffnete, allen Muth zu verlieren; wenn wir ſie aber des Mangels an Muth zeihen, müſſen wir der Natur der Wildniß geden⸗ ken, in welche ſie ſich zu wagen im Begriff ſtanden. Sie war ein faſt eben ſo unermeßliches und pfadloſes Gebiet wie der Ocean, und zu der Zeit, von welcher wir reden, mit Ausnahme der unſichern Nachrichten von indianiſchen Jägern, nur wenig bekannt. Ein Theil ihres Weges führte durch einen ausgedehnten Landſtrich, der ſich hunderte von Meilen nördlich und ſüdlich den Fuß des Felſengebirgs entlang erſtreckte und von den Waſſern durchſtrömt wurde, die in den Miſſouri und Miſſiſippi ausmündeten. Dieſes Gebiet, welches einer der uner⸗ — 51— meßlichen Steppen Aſiens gleicht, hat den nicht unpaſſen⸗ den Namen„die große amerikaniſche Wüſte“ erhalten. Es breitet ſich in wogenden, baumloſen Ebenen und öden ſandigen Flächen hin, die wegen ihrer Ausdehnung und Einförmigkeit das Auge ermüden und, nach der Annahme der Geologen, vor unzähligen Jahrhunderten das alte Bett des Oceans abgegeben haben, als ſeine Urwellen, wenn uns dieſer Ausdruck vergönnt iſt, an die Granitbaſen des Felſengebirgs anſchlugen. Es iſt ein Land, wo niemand ſeinen dauernden Wohnſitz aufgeſchlagen hat, denn in gewiſſen Zeiten des Jahres iſt hier weder für den Jäger noch für ſein Pferd Nahrung zu finden. Die Kräuter ſind verſengt und ver welkt; die Bäche ſind vertrocknet; der Büffel, das Ellen und das Reh ſind in ferne Reviere gewandert, bleiben an dem Saume des hinſterbenden Grüns und laſſen eine weite unbewohnte Einöde hinter ſich, umbortet von Schluchten, den Betten früherer Bäche und nur dazu dienend, daß ſie den Durſt des Reiſenden erhöhen und peinlicher machen. 3 Dann und wann wird die Einförmigkeit dieſer unge⸗ heuern Wildniß durch bergige Gürtel von Sand⸗ und Kalkſtein, der zu wirren Maſſen zerklüftet iſt, durch ſteilaufragendes Geklipp und gähnende Schluchten, welche wie die Trümmer einer Welt ausſehen, unterbrochen; oder hohe, nackte Felſenjoche, wie die ſchwarzen Berge unüberſteiglich, ziehen ſich dahin. Jenſeits derſelben erhe⸗ 4*¾ ben ſich die ernſten Ketten des Felſengebirgs, ſozuſagen die Grenzen der atlantiſchen Welt. Die zerriſſenen Schluchten und Thäler dieſer mächtigen Kette geben Schutzörter für ruheloſe und wilde Horden von India⸗ nern ab, von denen viele nur die Trümmer von Stäm⸗ men ſind, die einſt die Prairien bewohnten, durch Krieg und Gewaltſamkeit aber gelichtet und verſprengt wurden, und welche nun in ihre Gebirgsreviere die wilden Lei⸗ denſchaften und die kühnen Sitten verzweifelter Menſchen übertrugen. Dies iſt der Charakter der unermeßlichen Wildniß des fernen Weſten, die anſcheinend dem Anbau und dem Aufenthalt geſittigter Menſchen Hohn ſpricht. Manche Theile derſelben an den Flüſſen entlang können durch Ackerbau bewältigt werden; andere können große Weide⸗ plätze, wie die des Oſten, darbieten; aber man muß fürchten, daß der größere Theil einen geſetzloſen Zwi⸗ ſchenraum zwiſchen den Wohnungen des civiliſirten Men⸗ ſchen, wie die Oeden des Meeres oder die Wüſten Ara⸗ biens, abgeben und der Raubgier wilder Horden unter⸗ worfen bleiben wird. Hier erheben ſich vielleicht neue gemiſchte Raſſen, gleich neuen Gebirgsbildungen, die Verſchmelzung der Trümmer und des Abgangs früherer wilder und geſittigter Raſſen; die Ueberbleibſel verſpreng⸗ ter und faſt vernichteter Stämme; die Nachkommen von 4 wandernden Jägern und Biberfängern; von Flüchtlingen 2 aus dem ſpaniſchen und amerikaniſchen Grenzgebiet; von Abenteurern und Verbrechern jeder Klaſſe und jedes Landes, wie ſie jährlich aus dem Herzen der Geſellſchaft in die Wildniß geſtoßen werden. Wir tragen unaufhörlich dazu bei, dieſe ſeltſame und aus fremdartigen Stoffen zuſammengeſetzte Maſſe einer wilden Bevölkerung zu vermehren, welche ſich an unſerer Grenze ſammeln ſoll, indem wir ganze Stämme von Wilden aus dem Oſten des Miſſiſippi in die große Wüſte des fernen Weſten verpflanzen. Viele von dieſen nehmen den Schmerz wirklicher oder eingebildeter Unbil⸗ den mit ſich; viele betrachten ſich als aus ihrem Vater⸗ lande verbannte Weſen, mit unrecht vertrieben aus ihrer angeſtammten Heimath, und von den Gräbern ihrer Väter, und hegen einen tiefen dauernden Groll gegen die Raſſe, welche ſie aus dem Beſitz getrieben. Manche werden vielleicht nach und nach Hirtenſtämme, wie jene rohen wandernden Horden, welche, halb Hirten und halb Krieger, die Ebenen des obern Aſiens durchſtreifen; von andern aber iſt zu fürchten, daß ſie zu Räuberſchaaren werden, welche auf den raſchen Prairienpferden die offe⸗ nen Ebenen zum Schauplatze ihrer Thaten machen, wäh⸗ rend das Gebirg ihnen als Zufluchtsort und Lauerwin⸗ kel dient. Hier gleichen ſie vielleicht einſt jenen großen nordiſchen Horden,„Gog und Magog mit ihren Schaa⸗ ren,“ welche in der düſtern Phantaſie der Propheten lebten.„Ein großes Volk und ein mächtiges Heer, alle auf Roſſen reitend und die Nationen bekriegend, die da in Ruhe waren und friedlich lebten und Vieh hatten und Güter.“ Die Spanier änderten den ganzen Charakter und die Sitten der Indianer, als ſie ſie mit den Pferden bekannt machten. In Chili, Tukuman, und andern Theilen ſind ſie dadurch zu tartargleichen Stämmen und in den Stand geſetzt worden, die Spanier von ihren Gebieten abzuhalten, und es ſelbſt gefährlich für ſie zu machen, ſich weit von ihren Wohnſitzen und Niederlaſ⸗ ſungen zu entfernen. Setzen wir uns nicht der Gefahr aus, in den grenzenloſen Regionen des fernen Weſten einen ähnlichen Zuſtand der Dinge herbeizuführen? Daß dieß keine blos geträumten und unſinnigen Beſorgniſſe ſind, beweiſen bereits die Gefahren hinreichend, welche die Kauf⸗ leute, die den ſpaniſchen Markt zu Santa⸗fe und die fernen Faktoreien der Pelzhandelsgeſellſchaften beſuchen, erfahren haben. Dieſe ſind gezwungen in bewaffneten Karawanen zu reiſen und ſehen ſich mörderiſchen Angriffen von Hor⸗ den der Pawnees, Camanches und Schwarzfüße blosge⸗ ſtellt, welche ſich auf dem ermüdenden und langwierigen Wege durch die Ebenen auf ſier ſtürzen, oder in den Gebirgspäſſen auf ſie lauern. Wir verirren uns jedoch in abſchweifende Betrachtun⸗ gen, während wir lediglich die Abſicht hatten, ein Bild von dem Charakter der Wildniß zu geben, welche Hunt im Begriffe war zu durchziehen und welche damals weit —. — 55— weniger bekannt war, als jetzt, obgleich ſie immer noch größtentheils ein unbekanntes Land iſt. Es darf uns daher nicht überraſchen, wenn einige der minder Uner⸗ ſchrockenen ſeines Gefolges ſich bei dem Gedanken unbe⸗ haglich fühlten, unter der unſichern Leitung von drei Jägern, welche nur einmal durch die Gegend gekommen waren und die Landmarken vergeſſen haben konnten, ſich in dieſe gefährliche Wildniß zu wagen. Ihre Beſorgniſſe wurden durch einige von Liſa's Leuten erhöht, welche ſich, da ſie bei der Reiſe nicht betheiligt waren, das boshafte Vergnügen machten, ihre Gefahren zu über⸗ treiben. Dieſe malten den armen kanadiſchen Reiſenden in grellen Farben die Gefahr aus, vor Hunger und Durſt zu vergehen, von Sioux, welche die Ebene durchſchwärm⸗ ten, bedrängt, von den Upſarokas oder„Krähen,“ welche den Saum des Felſengebirgs unſicher machten, ihrer Pferde beraubt, oder von den Schwarzfüßen, welche in den Schluchten und Engpäſſen lauerten, ermordet zu wer⸗ den. Nach ihrer Angabe war es, mit einem Wort, kaum wahrſcheinlich, daß ſie lebendig über die Berge kämen; und, wenn ihnen dies auch gelänge, ſo wüßten jene drei Führer nichts von der furchtbaren Wildniß, die ſich jenſeits ausbreitete. Es fehlte nicht viel, ſo wäre die Furcht, welche in den Gemüthern der Leute ſo geweckt wurde, für die — 56— Reiſe verderblich geworden. Einige von ihnen beſchloſſen heimlich davon zu gehen und nach St. Louis zurückzu⸗ kehren. Sie brachten demzufolge mehrere Waffen und ein Faß Pulver als Munition für ihr Unternehmen bei Seite und verſcharrten alles an dem Ufer des Fluſſes, da ſie vorhatten, ſich eines Bootes zu bemächtigen und in der Nacht zu flüchten. Glücklicherweiſe wurde ihr Anſchlag von John Dog, dem Kentuckier, belauſcht, und er machte bei den Theilhabern die Anzeige, welche in der Stille wirkſame Mittel ergriffen, um den Plan zu vereiteln. Die Gefahren, welche von den Krähen⸗Indianern zu fürchten waren hatte das Geſchwätz im Lager nicht übertrieben. Dieſe Wüden, durch deren Bergreviere unſere Reiſenden ziehen mußten, waren wegen ihres kühnen Charakters, ihrer weiten Ausflüge und ihrer großen Gewandtheit, Pferde zu ſtehlen, berüchtigt. Hunt ſah es daher für einen glücklichen Zufall an, daß er einen Mann gefunden, welcher bei jedem Verhältniß, in das er mit jenem Stamm kommen konnte, für ihn von großem Nutzen zu werden verſprach. Di rlir Nann, den er irgendwo am Miſſouri gefunden hatte, hieß Eduard Roſe— eines jener unſteten animaliſchen eſen wie man ſie an der Grenze findet, die weder Verwandte noch Vaterland zu haben ſcheinen. Er hatte, eine Zeit⸗ lang unter den Krähen gelebt, ſo daß er mit ihrer Sprache und ihren Sitten bekannt war; ſonſt war er ein gräm⸗ — 57— licher, mürriſcher, ſtummer Geſelle, von unheilverkün⸗ dendem Ausſehen und eher einem Wilden als einem geſittigten Menſchen in ſeinem Aeußern ähnlich. Er hatte ſich verbindlich gemacht, überhaupt als Jäger, in dem Gebiete der Krähen aber als Dolmetſcher und Füh⸗ rer zu dienen. Am achtzehnten trat Hunt ſeine Landreiſe von dem Arikara⸗Dorfe an, wo er Liſa und Nuttal verließ, die der erwarteten Ankunft Henrys aus dem Felſengebirg entgegen ſahen. Die Naturforſcher Bradburg und Bre⸗ ckenridge hatten bereits einige Tage früher mit einer Abtheilung von Liſa's Gefolge die Reiſe den Fluß hinab nach St. Louis angetreten. Allen ſeinen Bemühungen ungeachtet, war Hunt nicht im Stande geweſen, eine hinreichende Anzahl Pferde für ſeine geſammte Beglei⸗ tung zu erhalten. Er hatte in Allem zweiundachtzig Pferde, die größtentheils mit indianiſchen Waaren, Biber⸗ fallen, Munition, indianiſchem Mais, Maismehl und andern Erforderniſſen ſchwer beladen waren. Jeder der Theilhaber war beritten und dem Dolmetſcher Pierre Dorion wurde für den Transport ſeines Gepäckes und ſeiner zwei Kinder ein Pferd zugeſtanden. Seine Squaw trabte, wie der übrige Theil des Gefolges, zu Fuß ein⸗ her und keiner der Männer zeigte mehr Geduld und Kraft bei allen Mühen und Entbehrungen, als dieſes entſchloſſene, muthvolle Weib. Die alten Trappen und„voyageurs' von Liſa's Gefolge ſchüttelten die Köpfe, als ihre Kameraden auf⸗ brachen und nahmen Abſchied von ihnen wie von verlor⸗ nen Leuten, und ſelbſt Liſa ſprach ſich, als ſie fort waren, dahin aus, daß ſie die Geſtade des ſtillen Meeres nie erreichen, ſondern in der Wildniß entweder verhungern, oder von den Wilden ermordet werden würden. — 659— Dreiundzwanzigſtes Kapitel. Sommerwetter auf den Prairien.— Reinheit der Atmosphäre. — Kanadier auf dem Marſch.— Krankheit im Lager.— Der große Fluß.— Gemeine Namen.— Vermuthungen hinſichtlich der urſprünglichen indianiſchen Namen— Lager der Cheyennes. — Pferdehandel.— Charakter der Cheyennes.— Ihre Reiter⸗ kunſt.— Hiſtoriſche Anekdoten von dem Stamm. Man war nun in der Mitte des Sommers, und dieſe nackten Ebenen würden für den Reiſenden uner⸗ träglich ſein, wenn nicht während der ſengenden Mit⸗ tagsſtunde der Wind darüber hin wehte und andere Luft⸗ züge von den fernen Gebirgen mit ſich brächte. Dem Vorherrſchen dieſer Windſtröme und dem Mangel an Laub und Gehölz muß man es auch zuſchreiben, daß es hier weder Fliegen noch andere Inſekten gibt, die in den Sommermonaten auf tiefer gelegenen Ebenen, welche mit Waldland begränzt und durchſchnitten ſind, für Men⸗ ſchen und Thiere ſo qualvoll zu werden pflegen. Die Einförmigkeit dieſer unabſehlichen Landſchaften würde auch eben ſo ermüdend werden, wie die des Meeres, käme dem Reiſenden hier nicht die Reinheit und Elaſtizität der Atmosphäre und die Schönheit des — 60— Himmels zu Statten. Dieſer hat das köſtliche Blau, um deßwillen der italieniſche Himmel ſo berühmt iſt; die Sonne glänzt in der größten Pracht, durch keine Wolken, keinen Dunſt verdüſtert, und eine ſternhelle Nacht auf den Prairien iſt wahrhaft herrlich. Dieſe Reinheit und Elaſtizität der Luft nimmt zu, wie der Reiſende ſich den Gebergen nähert und zu den höher lie⸗ genden Prairien allmählig aufſteigt. Am zweiten Tag der Reiſe ordnete Hunt ſein Ge⸗ leite in kleine, paſſende Abtheilungen und vertheilte die Lagerkeſſel unter ihnen. Die Lager des Nachts blieben dieſelben; manche ſchliefen unter Zelten, andere bivoua⸗ kirten unter freiem Himmel. Die Kanadier erwieſen ſich zu Land eben ſo unermüdlich und abgehärtet, wie zu Waſſer; in der That, nichts konnte die Geduld und die gute Laune dieſer Leute auf dem Marſche übertreffen. Sie waren die ſtets heitern Laſtträger der ganzen Geſell⸗ ſchaft, welche die Pferde auf⸗ und abluden, die Zelte aufſchlugen, die Feuer anmachten, kochten— kurz alle die Arbeiten und Beſchäftigungen über ſich nahmen, welche die Indianer gewöhnlich den Frauen anheim geben; auch überließen ſie, gleich den Squaws, Jagen und Kämpfen gern den Andern. Ein Kanadier hat nur geringe Nei⸗ gung zum Gebrauche der Büchſe. Die Reiſe unſerer Geſellſchaft ging die erſten Tage nur langſam vor ſich. Einige von den Leuten waren unwohl; beſonders Crooks befand ſich ſo übel, daß er — 61— ſich nicht auf ſeinem Pferde halten konnte. Man bereitete daher eine rohe Art Sänfte für ihn, die aus zwei langen an den Seiten zweier Pferde befeſtigten Pfählen mit einer Matte zwiſchen ihnen beſtand, auf welcher er ſich in voller Länge zurücklehnen konnte und durch eine Decke von Zweigen gegen die Sonne geſchützt ward. Am Abend des drei und zwanzigſten Juli ſchlugen ſie ihr Lager am Ufer des ſogenannten großen Fluſſes(Big⸗ River) auf; und hier können wir nicht umhin, inne zu halten, um zu bedauern, welche albernen, alltäglichen und oft gemeinen Namen den Flüſſen, Bergen u. ſ. w. des fernen Weſten von den Kaufleuten und Anſiedlern beigelegt worden ſind. 3 Da die Urſtämme dieſer herrlichen Regionen noch beſtehen, ließen ſich die indianiſchen Namen leicht wieder herſtellen; ungedenk, daß ſie im Allgemeinen wohlklin⸗ gender und muſikaliſcher ſind, würden ſie Denkmale der urſprünglichen Herrn des Landes ſein, von denen in kurzer Zeit nur noch wenige Spuren zu finden ſein möchten. Es iſt in der That zu wünſchen, daß unſer ganzes Land die ſchlechten Namen loswürde, welche Unwiſſenheit und Gemeinheit ihm aufgebürdet haben; und dies ließe ſich größtentheils dadurch bewirken, daß man die indianiſchen Namen da, wo ſie bedeutſam und woohlklingend ſind, wieder aufnehme. Da es den Anſchein hat, als wenn ſich der Forſchungseifer auf unſere vater⸗ ländiſchen Alterthümer hinlenke, ſo dürfte es kein unwür⸗ — 62— diger Vorwurf ſein, von jedem Theile unſeres Landes eine oder mehrere Karten zu geben, um darauf die indianiſchen Namen, wenn ſie mit Sicherheit auszumit⸗ teln ſind, zu verzeichnen. Wer eine Arbeit dieſer Art würdig zu Stande bringt, hinterläßt ein Denkmal, das ihn ehrt. Wir kehren zu unſerm Gegenſtande zurück. Da die Reiſenden ſich jetzt in einer Gegend befanden, wo es eine Menge Büffel gab, blieben ſie mehrere Tage an dem ufer des Big⸗River gelagert, um neue Vorräthe von Lebensmitteln zu ſammeln und den Erkrankten Zeit zu laſſen, ſich zu erholen. Als Ben Jones, John Day und einige andere Jäger am zweiken Tage des Aufenthaltes hier dem Wilde nach gingen, ſtießen ſie auf ein indianiſches Lager auf der offenen Prairie, in der Nähe eines kleinen Baches, der durch eine Schlucht floß. Die Zelte oder Hütten waren von gegerbten Büffelhäuten, die an einander genäht und auf hohen, oben zuſammen gehenden, unten aber aus⸗ einander ſtehenden Fichtenpfählen ausgebreitet waren, ſo daß ſie einen Kreis bildeten, unter dem gegen fünfzig Perſonen Platz hatten. Eine Menge Pferde graſ'ten in der Nähe des Lagers oder irrten zerſtreut auf der Prairie umher— ein Anblick, der den Jägern ſehr wohl that. Nachdem ſie eine Zeitlang das Lager im Auge gehabt, überzeugten ſie ſich, daß es einer Horde von Cheyenne⸗Indianern gehöre— denſelben, die an die (63— Arikaras Abgeordnete geſchickt hatten. Sie empfingen die Jäger auf das Freundlichſte, luden ſie in ihre Hüt⸗ ten ein, die reinlicher waren, als indianiſche Hütten gewöhnlich zu ſein pflegen und ſetzten ihnen mit echter Indianer⸗Gaſtfreiheit zu eſſen vor. Eine kleine Anzahl begleitete die Jäger in das Lager zurück, wo augenblicklich ein Markt eröffnet wurde. Die Cheyennes waren überraſcht und entzückt, eine Menge Waaren und Tand aller Art auf dieſe Weiſe in das Herz der Prairie gebracht zu ſehen, während Hunt und ſeine Gefährten frohlockten, von dieſen berittenen Wil⸗ den mit einer größern Anzahl von Pferden verſehen zu werden.. Während der vierzehn Tage, welche die Reiſenden hier zubrachten, war ihr Lager ſtets von Cheyennes gedrängt voll. Sie waren ein höflicher, gutmüthiger Stamm, reinlich von Perſon und anſtändig in ihren Sitten. Die Männer waren groß und kraftvoll; ſie hatten Adlernaſen und hohe Backenknochen. Manche waren faſt ſo nackt, wie alte Statüen und hätten einem Bildhauer als Model dienen können; andere trugen Bein⸗ bekleidungen und Mokaſſins von Rehhaut und Büffel⸗ umwürfe, welche ſie zierlich über ihre Schultern warfen. Nach kurzer Weile aber begannen ſie in prachtvollerm Schmucke zu erſcheinen und allen den Flitterſtaat an ſich zu hängen, welchen ſie von den weißen Männern ein⸗ gekauft hatten— bunte, grelle Tücher, Metallringe, — 64— Glasperlen von allen Farben u. ſ. w. und glücklich der, welcher ſich mit hochrother Farbe recht ſcheuslich machen konnte. Unſere Reiſenden hatten oft Gelegenheit, die Geſchick⸗ lichkeit und Anmuth zu bewundern, mit welcher dieſe Indianer ihre Pferde bewältigten. Manche von ihnen boten zu Pferd einen überraſchenden Anblick dar, wenn ſie und ihr Thier in hoher Galla einherſprengten, denn die Indianer putzen und ſchmücken ihre Pferde mehr, als ſich ſelbſt. Viele hängten um den Hals, oder viel⸗ mehr um die Bruſt des Pferdes die koſtbarſten Zier⸗ rathen, welche ſie von den weißen Männern erhalten hatten; andere flochten Federn in ihre Mähnen und Schweife. Auch ſchienen die indianiſchen Pferde große Anhänglichkeit an ihre Reiter zu haben und man ſagt, die Prairien⸗Pferde wüßten augenblicklich durch den Geruch einen Indianer von einem weißen Mann zu unterſcheiden und gäben jenem den Vorzug. Dabei ſind aber die Indianer ſtarke Reiter und behandeln ihre Pferde, ſo ſehr ſie ſie auch ſchätzen, mit großer Rauhheit und Nachläſſigkeit... Zuweilen vereinigten die Cheyennes ſich mit den weißen Jägern, um den Büffel oder das Ellen zu ver⸗ folgen, und ſchonten in der Hitze weder ſich noch ihre Pferde, ſprengten in vollem Gallop über die Prairien hin und ſtürzten ſich in Abgründe und Schluchten hinein, wo Roß und Reiter den Hals zu brechen drohten. Das — 65— indianiſche Pferd, das zur Jagd gehörig abgerichtet iſt, zeigt ſich eben ſo toll wie ſein Reiter und verfolgt das Wild mit demſelben Eifer, als wär' es ſeine natürliche Beute, an deren Fleiſch es ſchmauſen dürfte. Die Geſchichte der Cheyennes iſt die vieler ſolcher wandernden Stämme. Sie waren die Reſte eines ehe⸗ dem mächtigen Volkes, das die Shaways hieß und an einem Arm des Red⸗River wohnte, welcher in den Win⸗ nepey⸗See fließt. Jeder indianiſche Stamm hat einen Nebenbuhler⸗Stamm, mit welchem er in unverſöhnlicher Feindſchaft lebt. Die Todtfeinde der Shaways waren die Siouxr, welche ſich nach langen Kämpfen als zu mäch⸗ tig für ſie erwieſen und ſie über den Miſſouri trieben. Sie ſetzten ſich wieder an dem Warrikane⸗Creek feſt und bauten ſich da ein befeſtigtes Dorf. Immer noch verfolgten die Sioux ſie mit tödtlichem Haſſe und zwangen ſie, ſich in die Schwarzen Hügel zu flüchten, an den obern Waſſern des Sheyenne oder Cheyenne Fluſſes. Sie büßten hier ſogar ihren Namen ein und wurden bei den franzöſiſchen Koloniſten unter dem des Fluſſes bekannt, an welchem ſie wohnten. Das Herz dieſes Stammes war nun gebrochen; wilde Kriege lichteten größtentheils ſeine Reihen. Sie machten fortan keinen Verſuch mehr, einen dauernden Wohnſitz aufzuſchlagen, um ſich nicht neuen Angriffen ihrer grauſamen Feinde auszuſetzen. Sie entſagten dem 60.— 62. 5 Anbau der Früchte der Erde und wurden ein wandern⸗ der Stamm, welcher von der Jagd lebte und dem Büffel⸗ in ſeinen Zügen folgte. Ihr einziges Habe waren Pferde, die ſie auf den Prairien fingen oder ſelbſt zogen, oder auf ihren Raub⸗ zügen in das Mexikaniſche Gebiet, wie bereits erwähnt worden, ſtahlen. Mit einer Anzahl dieſer Pferde bega⸗ ben ſie ſich jährlich einmal in die Arikara⸗Dörfer, ver⸗ tauſchten ſie gegen Mais, Bohnen, Kürbiſſe und euro⸗ päiſche Waaren und kehrten dann in das Herz der Prairien zurück. Dies iſt das ſchwankende Loos dieſer wilden Völ⸗ kerſchaften. Krieg, Hunger, Peſt bringen ſie zuſammt oder einzeln um ihre Kraft und lichten ihre Zahl. Ganze Stämme werden aus ihren angeſtammten Wohnſitzen vertrieben, wandern eine Zeit lang in dieſen endloſen Gebieten umher, vermiſchen ſich mit andern Stämmen, oder verſchwinden von der Oberfläche der Erde. Es ſcheint unter allen wilden Völkerſchaften eine Neigung oder Richtung zum Untergang zu walten; und dieſe Richtung dürfte unter den Ureingebornen unſeres Lan⸗ des bereits lange herrſchend geweſen ſein, ehe die weißen Männer kamen, wenn wir nach den Spuren und Sagen der alten Bevölkerung in Gebieten, die zur Zeit ſtumm und verlaſſen waren, und nach den geheimnißvollen, nicht zu erklärenden Fußſtapfen unbekannter Raſſen urtheilen wollen, welche denen, die im augenblicklichen Beſitze waren, vorangingen, und ſeit langer Zeit allmählig erlo⸗ ſchen oder vernichtet ſein mußten. Die ganze Geſchichte der urſprünglichen Bevölkerung dieſes Landes iſt aber ein Räthſel, und zwar ein großes— wird man je die Löſung finden? Vierundzwanzigſtes Kapitel. Neue Vertheilung von Pferden.— Geheime Kunde von Ver⸗ rath im Lager.— Roſe, der Dolmetſcher.— Sein treuloſer Charakter.— Seine Anſchläge.— Anekdoten von den Krahen⸗ Indianern.— Berüchtigte Pferdediebe.— Nachrichten von Roſe.— Ein Grenz⸗Abenteurer. Am ſechſten Auguſt ſagten die Reiſenden der freund⸗ lichen Che eyenne⸗Horde Lebewohl und ſetzten ihre Reiſe fort. Da ſie durch dieſen Stamm einen Zuwachs von ſechs und dreißig Pferden erhalten hatten, traf Hunt eine neue Einrichtung. Das Gepäck wurde in kleinere Bal⸗ len vertheilt. Jedem der ſechs Hauptjäger wurde ein Pferd zugeſtanden, andere wurden unter den Kanadiern vertheilt, ſo daß immer zwei ein Pferd hatten und abwechſelnd zu Fuß gehen und reiten konnten. Crooks reiſte immer noch, da er zu ſchwach war, um ein Pferd zu beſteigen, in der Sänfte An dieſem Tage führte ihr Weg über ſeltſame Hü⸗ gel und Aufwürfe von gehärteter rother, backſteinähnli⸗ cher Erde, an deren Baſis Bimsſteine und Kohlen zer⸗ ſtreut waren; das Ganze zeugte von der Wirkung des — 69— Feuers. Am Abend ſchlugen ſie ihr Lager an einem Arm des Big⸗Rivers auf. Sie waren jetzt außerhalb des Gebietes, das die Siour beunruhigten, und hatten eine ſolche Strecke in das Innere zurückgelegt, daß Hunt nicht länger wegen des Ausreißens eines ſeiner Leute beſorgt war. Er ſollte jedoch neuen Grund zu Beſorgniſſen erfahren. Während er nach Einbruch der Nacht in ſeinem Zelte ſaß, kam einer der Leute heimlich zu ihm und benachrichtigte ihn, daß man im Lager über Unheil brüte. Eduard Roſe, der Dolmetſcher, von deſſen düſterm Aus⸗ ſehen wir bereits geſprochen haben, wurde von dieſem geheimen Benachrichtiger als ein ränkeſüchtiger, verrä⸗ theriſcher Wicht bezeichnet, den die Gewiſſenloſigkeit eini⸗ ger Leute zu benutzen und ſie zu einem ſchändlichen Ver⸗ rath zu verlocken ſuche. Nach wenigen Tagen müßten ſie die gebirgige Gegend erreichen, welche die Upſarokas, oder Krähen bewohnten— der Stamm, bei welchem Roſe als Dolmetſcher dienen ſollte. Nach ſeinem An⸗ ſchlage ſollten mehrere Männer in jener Gegend ſich mit ihm vereinigen, eine Anzahl Pferde mit Waaren fort⸗ nehmen und zu dieſen Wilden flüchten. Er ſicherte ihnen eine gute Behandlung bei den Krähen, deren erſte Häuptlinge und Krieger er kenne; ſie würden bald große Männer unter ihnen werden, und die ſchönſten Mädchen und die Töchter der Häuptlinge zu Frauen bekommen, — 0— und die Pferde und Waaren, welche ſie mitnähmen, würden ſie auf Lebenszeit reich machen. Die Nachricht von dieſem Verrathe von Seiten Roſe's verurſachte Hunt große Unruhe, denn er wußte nicht, wie weit derſelbe bei ſeinen Leuten ſchon Wurzel gefaßt haben konnte. Er hatte bereits Beweiſe, daß viele von ihnen gegen die Reiſe eingenommen waren und ungern über die Gebirge gingen. Er wußte auch, daß das wilde Leben für viele von ihnen, beſonders für manche Kanadier, welche gern mit den Indianern Zwi⸗ ſchenheirathen eingingen und ſich bei ihnen häuslich mach⸗ ten, große Reize hatte. Und hier dürften einige Worte über die Krähen dem Leſer von Nutzen ſein, da ſie in den folgenden Erzäh⸗ lungen dann und wann auftreten werden. Der Stamm beſteht aus vier Horden, welche ihre Wohnſitze in fruchtbaren, gutbewaldeten Thälern haben, die in den Felſengebirgen liegen und von dem Big⸗Horſe⸗ (großen Pferde⸗ Fluß und ſeinen Nebenbächen bewäſ⸗ ſert werden; obgleich hier aber eigentlich ihre Heimath iſt, wo ihre Greiſe, Frauen und Kinder Schutz haben, ſind die Männer ſtets auf Streifzügen und Wanderun⸗ gen begriffen. Sie ſind wirklich berüchtigte Räuber und Pferdediebe; ſtets ziehen ſie die Berge herab und die Berge hinauf, dort raubend und hier ihre Beute in Sicher⸗ heit bringend. Daher haben ſie auch ihren Namen erhal⸗ ten, welcher auf ihre unſteten und räuberiſchen Sitten — 1— hindeutet, da ſie, wie die Krähen, ihren Flug von einer Seite der Berge nach der andern richten, und nach Allem haſchen, was ihnen in den Weg kömmt. Pferde ſind jedoch der Hauptgegenſtand ihrer Raubſucht, und ihre Geſchicklichkeit und Kühnheit bei ſolchen Diebſtählen ſoll erſtaunlich ſein. Dies iſt ihr Ruhm und ihr Glück; ein vollendeter Pferdedieb iſt bei ihnen das Ideal eines Hel⸗ den. Auch verſchaffen ſie ſich viele Pferde durch Tauſch⸗ handel mit Stämmen, die in und jenſeits der Berge leben. Sie hegen eine unbegrenzte Leidenſchaft für die⸗ ſes edle Thier; überdies gibt es einen wichtigen Han⸗ delsartikel ab. Jedes Jahr ein Mal ſtatten ſie den Man⸗ dans, Minatarees und andern Stämmen des Miſſouri einen Beſuch ab, nehmen ganze Züge Pferde mit und vertauſchen ſie gegen Flinten, Munition, Flitterſtaat, Rothfarbe, Tücher von hellen Farben und verſchiedene andere europäiſche Fabrikate. Mit dieſen thun ſie ihren eigenen Bedürfniſſen und Launen Genüge und ſetzen den bereits erwähnten Pferdehandel im Innern fort. Roſe's Anſchlag, ſeine Landsleute in den Bergen der Wildniß zu berauben und zu verlaſſen, und ſich in die Arme einer Horde von Wilden zu werfen, kann nur denen ſeltſam und unwahrſcheinlich vorkommen, welche mit den auffallenden, anomaliſchen Charakteren nicht bekannt ſind, die an den Grenzen gefunden werden. Wie es ſcheint, war dieſer Burſche einer jener, ihren Ver⸗ brechen wegen geächteter Grenzabenteurer, welche die Laſter des civiliſirten und wilden Lebens zumal in ſich vereinigen und tauſendmal barbariſcher ſind, als die In⸗ dianer, mit denen ſie verkehren. Roſe hatte früher einer jener Piratenbanden ange⸗ hört, ſwelche die Inſeln des Miſſifſippi beunruhigten, Boote, bei der Auf⸗ und Abfahrt, plünderten und dann und wann das ufer zum Schauplatz ihrer Raubthaten machten, Reiſende, welche zu Land von Neu⸗Orleans mit dem Ertrag ihrer Reiſe thalab kamen, überfielen, ſie ihres Geldes und ihrer Habe beraubten und oft die ſcheuslich⸗ ſten Mordthaten ſich zu Schulden kommen ließen. Als dieſe Räuberbanden zerſprengt und vertrieben wurden, hatte Roſe ſich in die Wildniß begeben und den Krähen angeſchloſſen, deren räuberiſche Sitten zu den ſeinen paßten, und er hatte ſich eine Squaw aus dieſem Stamme genommen und war, mit einem Worte, ſelbſt ganz einer dieſer wandernden Wilden geworden. Dies der Charakter des würdigen Führers und Dol⸗ metſchers, Eduard Roſe. Wir erzählen jedoch ſeine Geſchichte nicht nach dem, was Hunt und ſeine Ge⸗ fährten damals davon wußten, ſondern wie ſie ſich ſpäter herausgeſtellt hat. Hunt wußte genug von dem Wichte und ſeinem ſchwarzen, treuloſen Charakter, um auf ſeiner Hut zu ſein: da man aber nicht gewiß wußte, wie weit ſeine Plane gediehen ſein möchten und da jedes raſche Eingreifen das blos glimmende Feuer des Verraths zu offenen Flammen anfachen konnte, ſo hielten —— es die, welche Hunt zu Rath zog, für angemeſſen, jede Kenntniß oder jeden Verdacht hinſichtlich der beabſichtig⸗ ten Verrätherei geheim zu halten, aber die Bewegungen Roſe's genau zu beachten und zur Nachtzeit auf die Pferde ein wachſames Auge zu haben. 4 —— —— Fünfundzwanzigſtes Kapitel. Erſatz für Brennholz auf den Prairien.— Verſteinerte Bäume. — Wildheit der Büffel in der Brunſtzeit.— Drei Jäger wer⸗ den vermißt.— Signal⸗Feuer und Rauch.— Unbehaglichkeit wegen der verlornen Leute.— Plan, einem Schurken zuvor⸗ zukommen.— Neue Uebereinkunft mit Roſe.— Rückkehr der Verirrten.. Fortwährend waren die Ebenen, über welche unſere Reiſendendahinzogen, der Bäume und ſelbſt des Geſträu⸗ ches baar, ſo daß ſie den Koth der Büffel brauchen muß⸗ ten, um Feuer anzumachen, wie die Araber der Wüſte den des Kameels dazu verwenden. Dieſer Erſatz für Brennholz iſt bei den Indianern der obern Prairien ganz allgemein und ſoll ein Feuer geben, das dem des Torfes aͤhnlich iſt. Wenn man einige Späne dazu thut, lodert er in milder luſtiger Flamme auf. Dieſe Ebenen ſind aber nicht immer in gleicher Weiſe baumlos geweſen, wie dies die Baumſtämme bewei⸗ ſen, auf welche die Reiſenden wiederholt ſtießen; meh⸗ rere ſtanden noch, andere lagen in Stücken umher, alle waren in Verſteinerung übergegangen und mochten in längſt dahingeſchwundenen Zeiten geblüht und Schatten gegeben haben. In dieſen ſeltſamen Ueberreſten waren die urſprünglichen Adern des Holzes noch ſo ſichtbar, daß man nicht zweifeln konnte, daß man Eichbäume vor ſich habe. Die Leute ſammelten Stücke des verſteinerten Holzes, um ſie als Schleifſteine zu brauchen. Es fehlte in dieſen Gegenden nicht an Lebensmitteln, denn die Prairien waren mit unermeßlichen Büffelheer⸗ den bedeckt. Die Büffel ſind gewöhnlich Thiere von ſehr friedfertigem Verhalten und graſen ruhig dahin, wie unſer Zuchtvieh; es war aber eben Brunſtzeit und die Stiere waren ungewöhnlich wild und kampfluſtig. Dem⸗ zufolge herrſchte auf der ganzen Ebene eine allgemeine Ruheloſigkeit und Bewegung und die verliebten Heerden drückten ihre Gefühle in dumpfem Brüllen aus das wie ferner Donner klang. Da und dort fielen zwiſchen eifer⸗ ſüchtigen Liebhabern wilde Zweikämpfe vor; ſie rannten ihre ſtarken zottigen Stirnen gegen einander, ſtießen ſich mit ihren kurzen ſchwarzen Hörnern und zerriſſen in ſtürmiſcher Wuth den Boden mit ihren Hufen. Bei einem der Abendhalte wurden Pierre Dorion, der Dolmetſcher, nebſt Carſon und Gardpie, zwei von den Jägern, vermißt und kehrten auch am folgenden Mor⸗ gen nicht zurück. Da man annehmen konnte, daß ſie ſich beim Verfolgen der Büffel verirrt hatten und die Spur der Geſellſchaft leicht finden würden, fühlte man ſich ihretwegen nicht ſehr unbehaglich. Man ließ ein bren⸗ nendes Feuer zurück, damit ſeine Rauchſäule ihnen die — 76— Richtung angäbe, und die Reiſenden ſetzten ihren Weg fort. Am Abend wurde auf einem Hügel in der Nähe des Lagers ein Signalfeuer angemacht, und am Morgen ver⸗ ſah man es reichlich mit Brennſtoff, damit es bis zum Abend währe. Dieſe Lärmzeichen und Signale ſind bei den Indianern ſehr gewöhnlich, um ſich gegenſeitig Be⸗ ſcheid zu geben, oder verirrte Jäger nach Haus zu rufen; und die Durchſichtigkeit der Atmoſphäre iſt auf dieſen Hochebenen ſo groß, daß eine kleine Rauchſäule, beſon⸗ ders des Abends, in weiter Entfernung geſehen wird. Zwei bis drei Tage vergingen jedoch, ohne daß die drei Jäger zurückkehrten; Hunt ſetzte daher den Marſch langſamen fort, um ihnen Zeit zu laſſen, den Zug ein⸗ zuholen. Die Bewegungen Roſe's wurden fortwährend ſehr genau bewacht und man hatte ein ſtrenges Auge auf die Leute, an deren Redlichkeit man Zweiſel zu hegen Urſache hatte; es begab ſich jedoch nichts, das unmittelbare Be⸗ ſorgniſſe einflößen konnte. Roſe war augenſcheinlich bein Liebling unter ſeinen Kameraden und es war zu hoffen, daß es ihm nicht gelungen ſei, auch nur einen aus der MNannſchaft auf ſeine Seite zu ziehen. Am zehnten Auguſt ſchlugen ſie ihr Lager auf hüge⸗ ligem Boden auf, und Hunt ließ auf dem höchſten Punbte ein großes Feuer von Fichtenholz anmachen, welches bald eine mächtige Flammenſäule empor ſandte, welche weit w= über die Prairien hin geſehen werden konnte. Das Feuer brannte die ganze Nacht und wurde mit Tages⸗ anbruch von Neuem genährt, ſo daß die ungeheure Rauch⸗ ſäule durchaus von den Verirrten geſehen werden mußte, wenn ſie nicht mehr als eine Tagreiſe zurück waren. In dieſen Gegenden, wo die Landſchaften faſt durch⸗ gehends denſelben Charakter hatten, geſchieht es ſehr oft, daß Jäger ſich verirren und viele Tage umher wan⸗ dern, ehe ſie den Weg zu ihren Gefährten zurückfinden können. In dem gegenwärtigen Falle aber ſieht man eine mehr als gewöhnliche Beſorgniß in Folge des Miß⸗ trauens, das die unſeligen Anſchläge Roſe's geweckt hatten. Der Weg führte jetzt über einen ſteilen, felſigen Bergſattel, der mit loſen Steinen bedeckt und ſehr ſchwie⸗ rig zu paſſiren war. Dieſe Höhen waren von tiefen Thä⸗ lern durchſchnitten, welche von zwei Armen des Big⸗ River gebildet wurden, die von Südweſt kamen und über welche die Reiſenden ſetzen mußten. Dieſe Waſſer waren, von Wieſen begränzt, wo es viele Büffel gab. Eine Menge Fleiſch wurde von den Jägern eingebracht; die Reiſenden waren aber durch die Ueberfülle lecker ge⸗ worden und wollten nur die beſten Stücke kochen. Sie waren jetzt mehrere Tage ſehr langſam vorge⸗ rückt und hatten in jedem Lager Feuerſignale und Zeichen von ihrem Wege zurückgelaſſen, ohne daß man etwas von den verlornen Jägern geſehen und gehört hätte. Man begann zu fürchten, ſie möchten einer wilden Horde in ihrem Verſteck in die Hände gefallen ſein. Ein ſo zahlreicher Zug, wie der Hunts, mit einer langen Reihe von Packpferden, wird, wenn er ſich auf offenen Ebe⸗ nen oder nackten Hügeln dahin bewegt, in einer großen Entfernung von indianiſchen Kundſchaftern entdeckt, welche die Nachricht raſch nach verſchiedenen Punkten verbrei⸗ ten und die Ihrigen herbeirufen, um ſich dem Pfade der Reiſenden zu nähern, ihre Pferde zu ſtehlen oder die Zurückbleibenden von dem großen Zuge abzuſchneiden. Hunt und ſeine Gefährten ſahen immer mehr und mehr ein, wie ſehr es in der Gewalt dieſes mürriſchen kühnen Landſtreichers Roſe liegen würde, ihnen Unheil zu bereiten, wenn ſie ſich in die Engpäſſe der Berge verwickelten, mit deren Zug ſie gänzlich unbekannt waren und wo ſeine freibeuteriſchen Freunde, die Krähen, hauſten. Sollte es ihm gelingen, einige auß dem Geleite für ſeine Plane zu gewinnen, würde er dort die beſten Pferde und Effekten leicht wegbringen, ſich zu ſeinen wilden Verbündeten flüchten und jeder Verfolgung Trotz bieten können. Hunt beſchloß daher, den Schurken zu täuſchen, ihn durch freundliche Behandlung von ſeinen Planen abzubringen, und es vortheilhaft genug für ihn zu machen, wenn er ehrlich bliebe. Er nahm alſo im Laufe der Unterhaltung Gelegenheit, Roſe zu benachrichtigen, daß ſie ſeiner Dienſte jenſeits des Gebiets der Krähen nicht bedürfen würden, da er vorzugsweiſe da als Führer und -— 92— Dolmetſcher dienen ſollte. Da ſie wüßten, daß er durch Heirath an dieſen Stamm gefeſſelt ſei und mit Vorliebe unter ihnen wohnen möchte, ſo wollten ſie ſeinem Willen keinen Zwang anthun, ſondern es ihm freiſtellen, wenn ſie auf eine Horde dieſes Stammes ſtießen, bei ſeinen Adoptivbrüdern zu bleiben. Ferner wollten ſie ihm, wenn ſie ſich ſo von ihm trennten, in Betracht ſeiner frühern Dienſte, einen halbjährigen Sold auszahlen und ihm ein Pferd, drei Biberfallen und verſchiedene andere Artikel geben, die dazu dienen könnten, ſich fortzuhelfen. Dieſe unerwartete Freigebigkeit, welche es für Roſe beinahe eben ſo einträglich und unendlich gefahrloſer machte, ehrlich zu bleiben, als den Schurken zu ſpielen, entwaffnete ihn vollkommen. Von dieſer Zeit an war eine gänzliche Veränderung in ſeinem Benehmen ſichtbar. Sein Geſicht klärte ſich uf und wurde heiterer; er gab ſein mürriſches, verſtocktes Weſen auf und machte keine Verſuche mehr, ſeine Kameraden zur Untreue zu verführen. Am dreizehnten Auguſt änderte Hunt ſeine Richtung und wendete ſich weſtlich, in der Hoffnung, auf die drei verlornen Jäger zu ſtoßen, welche, wie man jetzt glaubte, rechts vom Big⸗River hingezogen waren. Dieſe Richtung brachte ihn bald zu einer Gabel des kleinen Miſſouri, der gegen hundert Schritte weit war und hinſichtlich ſei⸗ ner reißenden Strömung, ſeines trüben Waſſers und 4 — — der Menge von Treibholz und verſenkten Bäumen dem großen Fluſſe des Namens glich. Zerklüftete Berge zeigten ſich vor ihnen, die bis zu dem Waſſerſaume emporſtiegen und eine Weiterreiſe auf der Seite, welche ſie hinanſtiegen, unmöglich machten. Sie ſetzten daher über den Fluß und ſchlugen ihr Lager auf dem nördlichen Ufer auf, wo ſie gute Weide und Büffel in Menge vorfanden. Das Wetter war trüb und regneriſch und ein allgemeines Düſter herrſchte in dem Lager; die kanadiſchen Reiſenden ſaßen ſchläfrig, die Schultern ſo hoch wie ihre Köpfe, in Gruppen umher und theilten ſich ihre ſchlimmen Ahnungen mit, als plötz⸗ lich gegen Abend ein Freudengeſchrei die Rückkehr der verirrten⸗Jäger ankündigte. Langſam und zögernd, von Müdigkeit gebeugt, die Pferde matt und zerſchlagen, kamen ſie in das Lager zurück. Sie hatten ſich in der That ſeit mehreren Tagen nicht Ruhe noch Raſt gegönnt. Bei ihrem Jagdausflug auf den Prairien waren ſie beim Ver⸗ folgen der Büffel ſo weit geſtreift, daß ſie es unmöglich fanden, auf Ebenen, welche von zahlloſen Heerden betre⸗ ten waren, ihre Fußſtapfen zurück zu finden; die Ein⸗ förmigkeit der Landſchaft hatte alle ihre Verſuche ver⸗ eitelt, ſich der Landmarken zu erinnern. Sie waren hin⸗ und hergeritten, bis ſie faſt die Richtung des Com⸗ paſſes verloren hatten und ganz und gar betäubt waren; von den Feuern und Rauchſäulen, durch welche ihre Ge⸗ fährten ihnen Zeichen gegeben, hatten ſie nichts bemerkt. — 81— Zwei Tage vorher, als ſie von Angſt und Müdigkeit faſt leblos waren, kamen ſie endlich, zu ihrer großen Freude, auf die„Fährte“ der Geſellſchaft, welcher ſie dann ſeit⸗ dem ſtandhaft folgten. Nur wer die warme Herzlichkeit erfahren hat, welche bei wilden und abenteuerlichen Reiſen dieſer Art unter Gefährken erwächſt, kann ſich die innige Freude vorſtel⸗ len, mit welcher dieſe Verirrten in dem Lager bewill⸗ kommt wurden. Alles drängte ſich um ſie; jeder fragte, jeder wollte die Geſchichte ihrer Unfälle hören; und ſelbſt die Squaw des launiſchen Halbbluts, Pierre Dorion's, vergaß in ihrer Freude über ſeine glückliche Wiederkehr der Strenge ſeiner häuslichen Herrſchaft und der eheli⸗ chen Zucht des Prügels. 85 60.— 62. 4 65 Sechsundzwanzigſtes Kapitel. Die Schwarzen Hügel.— Aufentshaltsorte räuberiſcher India⸗ ner.— Ihr wildes zerklüftetes Anſehen.— Aberglaube in Betreff ihrer.— Donnergeiſt.— Seltſames Geräuſch in den Bergen.— Geheime Gänge.— Verborgene Schätze.— Kreiſende Berge.— Wiſenſchaftliche Erktärung.— Unzugängliche Päſſe. Hunt und ſeine Gefährten waren jetzt an dem Fuß der Schwarzen Hügel, oder Schwarzen Berge, wie ſie manchmal genannt werden— eine ausgedehnte, unge⸗ fähr hundert Meilen öſtlich von dem Felſengebirg liegende Kette, die ſich in nordweſtlicher Richtung von der Süd⸗ gabel des Nebraska⸗ oder Laplattefluſſes zu dem großen nördlichen Umweg des Miſſouri hinzieht. Die Sierra oder Kette der ſchwarzen Hügel bildet wirklich die Scheide⸗ linie zwiſchen den Waſſern des Miſſouri und denen des Arkanſas und des Miſſiſippi und auf ihnen entſpringt der Cheyenne, der kleine Miſſouri und mehrere Nebenwaſſer des Yellowſtone. 3 Die wilden Schluchten dieſer Hügel ſind, wie die des Felſengebirgs, Zufluchtsorte und Lauerwinkel fuͤr zer⸗ ſprengte und räuberiſche Stämme, und in ihnen ſuchten — 83— die Reſte des Cheyenne⸗Stammes Zuflucht gegen die Verfolgungen der Sioux, wie wir ſchon bemerkt haben. Die ſchwarzen Hügel beſtehen vorzüglich aus Sand⸗ ſtein und ſind an manchen Stellen in wildes Geklipp und Geklüft geſpalten, wo ſich dann die ſeltſamſten und phantaſtiſchen Formen, manchmal Stadtmauern und mit Zinnen verſehenen Burgen ähnlich, dem Auge darbieten. Die Unwiſſenheit der Bewohner von Ebenen umklei⸗ det gern die Berge, welche ihren Horizont begränzen, mit märchenhaften, übernatürlichen Eigenſchaften. So glauben die wandernden Prairienſtämme, welche oft ſehen, daß, während die Ebenen ringsum klar und ſonnig ſind, Wolken um die Gipfel jener Hügel ſich ſammeln, daß Blitze dort zucken und der Donner von ihnen herüber hallt, in ihnen die Wohnungen von Genien oder Don⸗ nergeiſtern zu erdlicken, welche Stürme und Gewitter machen. Oft hängen ſie daher, wenn ſie in die Engpäſſe eintreten, an den Bäumen Geſchenke und Opfer auf, oder legen ſie auf den Felſen nieder, um die unſichtbaren „Gebieter der Berge“ ſich geneigt zu machen und ſich gutes Wetter und eine glückliche Jagd zu verſchaffen; auch legen ſie dem Echo, das in den Schluchten wohnt, ungewöhnliche Bedeutung bei. Dieſer Aberglaube mag auch theilweiſe in einer natürlichen Erſcheinung ſeltſamer Art ſeinen Grund haben. Bei dem ſtillſten und heiter⸗ ſten Wetter und zu allen Stunden des Tages und der Nacht, hört man in dieſen Bergen dann und wann auf — 81 einander folgendes Krachen, das dem Losſchießen meh⸗ rerer Kanonen gleicht. Aehnliche Schüſſe hörten Lewis und Clarke in dem Felſengebirge, welche, wie ſie bemer⸗ ken, von den Indianern dem Berſten reicher Silbermi⸗ nen zugeſchrieben werden, welche in dem Schooſe der Berge verſchloſſen ſind. Dieſer ſonderbare Knall hat von Seiten gelehrter Männer wunderliche Erklärungen erfahren, und ſelbſt Naturforſcher haben ſich nicht genügend darüber ausge⸗ laſſen. In Braſilien ſoll dieſes Krachen häufig vorkom⸗ men. Vasconcelles, ein Jeſuit, beſchreibt ein ſolches, das er in der Sierra Piratininga gehört und das er mit dem Abſchießen einer Artillerie⸗Salve vergleicht. Die India⸗ ner ſagten ihm, es ſei eine Exploſion von Steinen. Der würdige Pater erhielt bald einen genügenden Beweis von der Richtigkeit ihrer Ausſage, denn er kam zu dem Platze, wo ein Fels geborſten war und eine ſteinige Maſſe, einer Bombenkugel ähnlich und von„der Größe des Her⸗ zens eines Stiers“ aus ſeinen Eingeweiden geſchleudert hatte. Dieſe Maſſe war entweder bei dem Auswurf oder bei ihrem Falle zerbröckelt worden, und die innere Bildung, die ſich dem Auge darſtellte, war wundervoll. Sie hatte eine Schale, die härter war, als Eiſen; darin waren, wie Kerne eines Granatapfels, Edelſteine von den verſchiedenſten Farben, manche durchſichtig wie Kry⸗ ſtall, andere von ſchönem Roth, andere von gemiſchten Farben, ausgelegt. — 85— Dieſelbe Erſcheinung ſoll ſich dann und wann auch in der benachbarten Provinz Guagyra zeigen, wo Steine von der Dicke einer Mannshand unter lautem Getöſe aus dem Innern der Erde geſchleudert und ſchönc glän⸗ zende Stücke, die wie Edelſteine ausſehen, aber keinen Werth haben, umhergeworfen werden. Auch die Indianer von dem Orellafia erzählen von dem furchtbaren Getöſe, das zuweilen in dem Paraguaro gehört wird und welches ſie für das Aechzen und Stöh⸗ nen des Berges anſehen, der die in ſeinem Innern ver⸗ borgenen koſtbaren Steine von ſich geben will. Andere haben dieſe Donner der„Berggeſchütze“ auf eine einfachere Weiſe zu erklären geſucht und ſie dem lauten Schall zugeſchrieben, welcher durch das Losbrechen und den Sturz großer Felſenmaſſen erzeugt und von dem Widerhall zurückgegeben und verlängert wird; andere dem Abſcheiden von Waſſerſtoff durch unterirdiſche Koh⸗ lenlager, die in dem Zuſtande des Glühens ſich befän⸗ den, verurſacht. Wie man aber auch dieſes ſeltſame Phänomen deuten mag— ſein Daſein ſcheint hinreichend hergeſtellt zu ſein. Es bleibt eines der ungelöſten Geheim⸗ niſſe der Natur, die wilder, gebirgiger Einſamkeit zuwei⸗ len einen übernatürlichen Reiz geben, und wir miſſen nicht, ob phantaſiereiche Leſer nicht lieber den armen Indianern beiſtimmen und es den Donnergeiſtern oder den ſchützenden Genien verborgener Schätze, als einem natürlichen Alletagsgrunde zuſchreiben. — 86— Welcher Art auch die übernatürlichen Einwirkungen in dieſen Bergen ſein mochten, die Reiſenden fanden, daß ihre phyſiſchen Schwierigkeiten ſchwer zu beſiegen waren. Sie machten wiederholte Verſuche, einen Weg durch oder. über die Kette zu finden, wurden aber oft durch unzugängliche Schranken zurückgewieſen. Manch⸗ mal ſchien ein Bergeinſchnitt einen gangbaren Pfad zuzu⸗ laſſen, aber er pflegte in irgend ein wildes Chaos von Felſen und Klippen auszugehen, das zu erklimmen unmög⸗ lich war. Die Thierwelt in dieſen einſamen Gegenden war eine andere als die, welche man zu ſehen gewohnt war. Das ſchwarzgeſchwänzte oder ſchwarzblumige Reh pflegte bei ihrer Annäherung die Schluchten hinauf zu ſpringen, und das Großhorn(Bighorn) ſchaute furchtlos von irgend einem ſteilen Abhang auf ſie nieder oder ſprang munter von Fels zu Fels. Man findet dieſe Thiere blos in gebirgigten Gegenden. Erſteres iſt größer als das gewöhnliche Reh; die Jäger ſchätzen ſein Fleiſch aber weniger. Es hat ſehr breite Ohren und die Spitze der Blume iſt ſchwarz, woher es ſeinen Namen erhalten hat. Das Großhorn hat ſeinen Namen von ſeinen Hör⸗ nern, die ſehr groß und wie die eines Widders gewun⸗ den ſind. Es wird von einigen das Argali, von andern der Iber genannt, iſt aber von dieſen beiden Thieren verſchieden. Die Mandans nennen es das Ahſahta, eine beſſere Benennung, als die plumpe, welche man ihm gewöhnlich gibt. Es hat die Größe eines keinen Hirſches — 887— oder eines großen Rehs und iſt von grauer Farbe, aus⸗ genommen am Bauch und um die Blume wo es weiß iſt. In ſeinen Sitten gleicht es der Ziege, klimmt auf den ſteilſten Klippen herum, nagt die Blätter an deren Saum ab und ſoringt mit der Leichtigkeit und Sicherheit der Gemſe in klippigen Höhen umher, wohin ſich kein Jäger wagt. Es iſt daher ſchwer, ſich ihm auf Schuß⸗ weite zu nähern. Ben Jones, dem Jäger, gelang es aber doch in einem der Engpäſſe der ſchwarzen Hügel ein Großhorn an dem Rande eines Abgrundes zu ſchie⸗ ßen; nach dem urtheile der Feinſchmecker des Lagers hatte es ganz den Wohlgeſchmack eines trefflichen Hammels. Da Hunt es unmöglich fand, dieſe Bergkette zu überſchreiten, zog er ſüdweſtlich ihren Fuß entlang und behielt die Höhen zu ſeiner Rechten, ſtets darauf bedacht, eine Oeffnung zu finden. Eines Tages ſchlug man noch zeitig in einem engen Thale an dem Ufer eines ſchönen klaren, aber binſenbedeckten Teiches, von Gebüſch umge⸗ ben, das eine Menge wilder Kirſchen, Johannis⸗ und gelbe und rothe Stachelbeeren trug, das Lager auf. Während man das Eſſen bereitete, beſtiegen Hunt und MKenzie den Gipfel der nächſten Anhöhe, wo ſich ihnen bei der Reinheit und Durchſichtigkeit der Abend⸗ luft eine ausgedehnte Ausſicht nach allen Seiten darbot. Unter ihnen war eine Ebene, auf welcher zahlloſe Heer⸗ den von Büffeln zu ſehen waren. Manche hatten ſich in das Gras niedergelegt, andere irrten auf den unermeß⸗ lichen Weiden umher und thaten ſich gütlich, während andere in wilden Kämpfen begriffen waren, wie wir ſie ſchon ſchilderten; ihr dumpfes Gebrüll ſchlug wie das Toſen der Brandung eines fernen Geſtades an das Ohr. Fern nach Weſten entdeckten ſie eine Kette hoher Berge, die ſich am klaren Horizont abſchnitten, und von denen einzelne Kuppen ſichtbar mit Schnee bedeckt waren. Man hielt dieſe für die Großhornberge, nach dem Thiere dieſes Namens ſo geheißen, das dort zahlreich gefunden wird. Sie ſind ein Auslaufer der großen Felſenkette. Der Hügel, auf welchem man dieſe Ausſicht hatte, lag, nach Hunt's Dafürhalten, gegen zweihundertfünfzig Mei⸗ len von dem Arikara⸗Dorfe. Als ſie in das Lager zurückkamen, bemerkte Hunt, daß unter den kanadiſchen Reiſenden einige Unbehaglich⸗ keit herrſchte. Beim 2 Durchſtreifen des Gebüſches um den Teich hatten ſie in jeder Richtung Fußſtapfen des grauen Bären gefunden, den ohne Zweifel die Früchte hierher⸗ gelockt hatten. Zu ihrem Schrecken ſahen ſie jetzt, daß ſie ſich an einem der Lieblingsaufenthaltsorte dieſes ge⸗ fürchteten Thieres gelagert hatten. Dieſer Gedanke ſchlug jeden Aufſchwung der Freude in dem Lager nieder. Mit dem Einbruche der Nacht füllte ſich das umliegende Buſch⸗ werk mit Schrecken, ſo daß ſie nach Hunts Bericht nicht umhin konnten, bei jedem kleinen Lufthauch, der die Blätter bewegte, ängſtlich aufzufähren.. Der graue Bär iſt das einzige wirklich furchtbare — 89— vierfüßige Thier unſeres Feſtlandes. Er gibt das Lieb⸗ lingsgeſpräch der Jäger des fernen Weſten ab, nach deſ⸗ ſen Schilderung er die Größe einer gewöhnlichen Kuh und eine wunderbare Stärke hat. Er widerſetzt ſich, wenn man ihn angreift, und iſt oft, wenn ihn der Hunger drängt, der angreifende Theil. Erhält er eine Wunde, ſo wird er wüthend und verfolgt den Jäger. Sein Lauf iſt ſchneller als der eines Menſchen, aber minder raſch als der des Pferdes. Beim Angrif ſtellt er ſich auf ſeine Hinterfüße und ſpringt die Länge ſeines Körpers. Wehe dem Pferde oder dem Reiter, welcher in das Bereich ſeiner furchtbaren Klauen kömmt, die zuweilen 9 Zoll lang ſind und alles zerreißen, was ihnen vorkömmt. Zur Zeit, von der wir reden, war der graue Bär an dem Miſſouri und in dem niederen Lande noch häufig; allmählig aber mußte er, wie manche der hart mitge⸗ nommenen Prairienſtämme, vor ſeinen Feinden flüchten und wird nun vorzüglich in den höhern Gegenden, in wilden, rauhen Gebirgslanden, wie die der ſchwarzen Hügel und des Felſengebirgs, gefunden. Hier wohnt er in Klüften oder Höhlen, die er ſich an den Seiten der Berge gegraben, oder unter den Wurzeln und Stämmen zerfallener Bäume. Wie der gewöhnliche Bär iſt er ein Freund von Früchten, Eicheln und Wurzeln, welche letz⸗ tere er mit ſeinen Vorderklauen aufgräbt. Er iſt auch ein fleiſchfreſſendes Thier und greift ſelbſt den ſtattlichen Büffel an und wirft ihn nieder und ſchleppt ſeine unge⸗ 4 — 90— heure Maſſe in die Nähe ſeiner Höhle, um nach Muße ſich daran gütlich zu thun. Die Jäger, die weißen, wie die rothen Männer, halten die Jagd dieſes Thieres für die heroiſcheſte. Sie jagen es am liebſten zu Pferd und wagen ſich ihm ſo nahe, daß ſie manchmal ſein Haar mit dem Feuer der Büchſe ſengen. Der Jäger des grauen Bären muß aber ein erfahrner Schütze ſein und wiſſen, wo er einen tödtlichen Fleck trifft; denn er iſt unter allen Vierfüßlern am ſchwerſten zu tödten. Er wird wiederholt verwun⸗ det, ohne zu wanken, und ſelten iſt ein Schuß tödtlich, wenn er nicht durch den Kopf oder das Herz geht. Es ergab ſich am folgenden Morgen, daß die Gefah⸗ ren, welchs man in dieſem Nachtlager von dem grauen Bären fürchtete, keine eingebildeten waren. Unter den angeworbenen Perſonen der Begleitung war ein gewiſſer William Cannon, welcher früher Soldat bei einem Grenz⸗ poſten geweſen und zu Mackinaw in Hunt's Dienſte getre⸗ ten war. Er war ein unerfahrner Jäger und ein erbärm⸗ licher Schütze, weshalb er von ſeinen erfahrnen Kamera⸗ den oft geneckt wurde. Aergerlich über ihre Scherze, hatte er ſich, ſeitdem er ſich dem Zuge angeſchloſſen, be⸗ ſtändig geübt, aber ohne Erfolg. Im Laufe des gegen⸗ wärtigen Nachmittages ging er allein hinaus, um eine Lektion im Waidwerk zu nehmen und hatte zu ſeinem größten Vergnügen das Glück, einen Büffel zu tödten. Da er von dem Lager ziemlich entfernt war, ſchnitt er — 91— ihm die Zunge und einige der ausgewählteſten Biſſen aus, band dieſelben in ein Bündelchen zuſammen, ſchlang ſie an einem Strick, der um ſeine Stirne ging, um ſeine Schultern, wie die Voyageurs Waarenpäcke zu tragen pflegen, trat vergnügt den Rückweg in das Lager an und freute ſich bereits des Triumphes über ſeine Mitjäger. Durch eine enge Schlucht ſchreitend, hörte er ein Geräuſch hinter ſich, blickte um und ſah zu ſeinem Schrecken einen grauen Bären hinter ihm drein traben, offenbar von dem Geruch des Fleiſches angezogen. Cannon hatte ſo viel von der Unverwundbarkeit die⸗ ſes furchtbaren Thieres gehört, daß er es nicht wagte, Feuer zu geben; er lüftete aber den Strick, den er um ſeine Stirne hatte, ließ das Büffelfleiſch fallen und lief was er konnte. Der Bär hält ſich keinen Augenblick bei dem Schmauſe auf, der ihm ſo geboten ward, ſondern ſetzte immer dem Jäger nach. Faſt hatte er ihn einge⸗ holt, als Cannon einen Baum erreichte, ſeine Büchſe wegwarf und hinaufkletterte. Im nächſten Augenblicke war der Bär am Fuße des Baumes; da aber dieſe Bä⸗ renart nicht klettert, begnügte er ſich, die Jagd in eine Blokade zu verwandeln. Die Nacht kam. In der Dunkelheit konnte Cannon nicht ſehen, ob der Feind ſeinen Poſten aufgegeben habe oder nicht; die Jurcht aber ließ ihn glauben, er ſtehe ſtreng Schildwache. Er brachte daher die Nacht auf dem Baume zu— eine Beute ſchreckhafter Phantaſien. Am Morgen war der Bär fort. Cannon ſtieg den Baum vorſichtig herab, nahm ſein Gewehr auf und eilte aus allen Kräften in das Lager zurück, ohne es zu wagen, ſich nach ſeinem Büffelfleiſch umzuſehen. Da wir bei dieſem Gegenſtande ſind, wollen wir 3 einer andern Anekdote von einem Abenteuer mit einem grauen Bären gedenken, die John Day, der kentuckyſche Jäger erzählt hat, welche ſich aber zu einer andern Zeit der Reiſe begab. Day war in Geſellſchaft eines der Commis der Begleitung auf die Jagd gegangen; der junge Mann war ſehr lebhaften Charakters und der alte Jäger hatte ihn ſehr lieb gewonnen; aber er hatte ſeinen jugendlichen Ungeſtüäm immer zu zügeln und in Schran⸗ ken zu halten. Sie gingen Rehen nach, als plötzlich ein grauer Bär aus einem ungefähr dreißig Schritte entfern⸗ ten Dickicht brach, ſich mit einem furchtbaren Brummen auf ſeine Hinterfüße ſtellte und ſeine Zähne und Fänge in wirklich furchtbarer Weiſe zur Schau trug. Die Büchſe des jungen Mannes war augenblicklich in der Höhe, aber des alten Jägers Hand lag eben ſo ſchnell auf ſeinem Arm. 1 „Ruhig, Kind, ruhig!“ rief der Jäger zwiſchen ſei⸗ nen auf einander geſchlagenen Zähnen und ohne ſeine Au⸗ gen von dem Bären abzuwenden. Das Ungeheuer blickte eine Zeitlang auf ſie, ließ ſich dann auf ſeine Vordertatzen nieder und entfernte ſich langſam. — 83— Er war kaum einige Schritte gegangen, ſo hielt er wieder inne, kehrte ſich um, ſtellte ſich auf ſeine Vor⸗ dertatzen und wiederholte ſeine Drohung. Day's Hand lag noch immer auf dem Arme ſeines Gefährten; er drückte ihn wieder kräftig nieder und murmelte abermals, obgleich der Andere ſich nicht wieder geregt hatte, zwiſchen den Zähnen: „Ruhig, Kind!— Ganz ruhig— ganz ruhig!“ Der Bär ließ ſich wieder auf alle Viere nieder, zog ſich ungefähr zwanzig Schritte weiter zurück, wendete ſich wieder um, richtete ſich empor, zeigte ſeine Zähne und brummte. Dieſe dritte Drohung war für den Waidmann's⸗ ſtolz des alten John Day zu viel. „Bei Jupiter!“ rief er,„ich halte das nicht länger aus!“ 4 Und in demſelben Augenblicke flog eine Kugel aus ſeiner Büchſe auf den Feind. Die Wunde war nicht todtlich; glücklicherweiſe ſchreckte ſie aber den Bären, ſtatt ihn in Wuth zu verſetzen, und er kehrte in das Dickicht zurück. Day's junger Gefährte machte ihm Vorwürfe, daß er die Vorſicht ſelbſt nicht übe, welche er andern predige. „Nun, Kind,“ verſetzte der Alte,„Vorſicht iſt Vorſicht; aber man muß ſelbſt mit einem Bären nicht zu viele Umſtände machen. Sollt' ich mich den ganzen Tag von dieſem Gezücht zum Beſten halten laſſen?“ . Siebenundzwanzigſtes Kapitel. Indianiſche Fußſtapfen.— Rauhe Bergreiſe.— Hunger und Durſt.— Pulver⸗Fluß.— Eine Menge Wild.— Eines Jägers Paradies.— Bergaipfel aus einer weiten Entfernung geſehen. — Einer aus der Großhorn⸗Kette.— Felſengevirg.— Aus⸗ dehnung.— Ausſehen.— Höhe.— Die große amerikaniſche Wüſte.— Veriſchiedene charakteriſtiſche Merkmale von den Bergen.— Indianiſcher Aberglaube in Betreff derſelben.— — Land der Seelen.— Dörfer der freien und edeln Geiſter.— 8 Selige Jagdgründe. In den zwei folgenden Tagen folgten die Reiſenden einer weſtlichen Richtung, welche vier und dreißig Mei⸗ len weit eine Hügelkette entlang führte, die die Neben⸗ waſſer des Miſſouri und Yellowſtone ſchied. Als Land⸗ marken dienten ihnen die Kuppen der fernen Berge, welche nach ihrer Anſicht zu der Großhorn⸗Kette gehör⸗ ten. Sie erhoben ſich allmählig in ein höheres Klima, denn das Wetter war für die Jahreszeit kalt und des Nachts hatten ſie ſtarken Froſt und Eis von der Dicle eines Achtel⸗Zolls. Am zwei und zwanzigſten Auguſt fanden ſie früh am Tage die Fußſtapfen eines zahlreichen Zuges. Roſe — 95— und die andern Jäger unterſuchten die Spuren genau, und ſprachen ſich dahin aus, daß es die Fußſtapfen einer Schaar Krähen ſeien, welche von ihrem jährlichen Han⸗ delsbeſuche bei den Mandans zurückkehrten. Da dieſe „Fährte,“ ein bequemeres Vorrücken möglich machte, ſo ſchlugen ſie dieſelbe ſogleich ein und folgten ihr zwei Tage lang. Sie führte unſere Reiſenden über rauhe Hügel und durch zerklüftete Schluchten, und das Wilde der Gegend bereitete ihnen während dieſer Zeit viele Mühe⸗ ſeligkeiten. Auch das Wetter, das in der letzten Zeit fro⸗ ſtig geweſen, wurde nun drückend warm, und es zeigte ſich großer Waſſermangel, ſo daß ein trefflicher Hund, welcher M'Kenzie gehörte, vor Durſt ſtarb. Einmal mußten ſie fünf und zwanzig harte Meilen zurücklegen, ohne einen Tropfen Waſſer zu finden, bis ſie endlich einen kleinen Bach erreichten. Hier ſtillten ſie gierig ihren Durſt; nachdem dieſer aber gelöſcht war, wurden die Anforderungen des Hungers gleich dringend. Sie hatten, ſeitdem ſie in dieſe öden, nackten Bergge⸗ genden eingetreten waren, wo es an Gras fehlte, keinen Büffel mehr geſehen, da ſich dieſe Thiere nur auf den gras⸗ reichen Auen an den Bächen und Flüſſen aufhalten. Sie ſahen ſich daher genöthigt, ihre Zuflucht zu ihrem Mais zu nehmen, das ſie für ſolche dringliche Fälle aufgehoben hätten. Einige waren jedoch glücklich genug, einen Wolf zu tödten, welchen ſie zum Abendeſſen zurecht machten, und der ihnen trefflich mundete. — 95— Am nächſten Morgen ſetzten ſie, hungrig und müde, ihren Marſch fort und durchzogen einen öden achtzehn Meilen langen Weg in bergigem Lande, wie er die letz⸗ ten Tage geweſen. Endlich erreichten ſie ein klares fließendes Waſſer, eine der Gabeln des Pulverfluſſes (Powder⸗River), wo ſie zu ihrer größten Freude wieder einmal weite, graſige Auen ſahen, auf denen Heerden von Büffeln zerſtreut waren. Mehrere Tage blieben ſie an den Ufern dieſes Flüßchens und gingen gegen acht⸗ zehn Meilen an ihm hinauf. Es war ein Paradies für Jäger. Die Büßel waren hier ſo zahlreich, daß ſie ſo viele tödten konnten als ſie wollten und Gelegenheit hatten, ſich Vorräthe für viele Tage aufzuheben. So ruhten und ſchwelgten ſie denn hier nach manchen hungervollen, mühſeligen Reiſetagen, jagten und ſchmauſten und ſtreckten ſich in das Gras. Dieſe Ruhe wurde jedoch ein wenig verkümmert, als ſie auf die Fährte von Indianern kamen, welche, wie ſie Grund zu glauben hatten, Krähen ſein mußten; ſie waren daher mehr als je gehalten, die Pferde auf das Sorgfältigſte zu bewachen. Mehrere Tage richteten ſie ihren Narſch dem hohen Berge entgegen, welchen Hunt und RKenzie am ſieben⸗ zehnten Auguſt entdeckt hatten, und deſſen Höhe ihn zu einer Landmarke über einen ausgedehnten Landſtrich machte. Anfangs war er ihnen allein ſtehend und abge⸗ ſchnitten vorgekommen; wie ſie ihm aber näher kamen, — — ergab es ſich, daß er der Hauptgipfel einer Kette von Bergen war. Mit jedem Tag wechſelte er ſeine Form, oder vielmehr ſeine niedrigeren Kuppen und die Gipfel anderer Berge tauchten an dem klaren Himmel auf, und endlich zeigte ſich dem Auge die kleinere Linie von Ber⸗ gen, welche die meiſten derſelben verband. In der reinen Atmosphäre dieſer Hochebenen ſind aber die Gegenſtände aus einer ſo großen Entfernung ſichtbar, daß ſie von der Stelle an, wo ſie zuerſt das ganze Gebirg entdeckt hatten, noch hundert fünfzig Mei⸗ len zurück zu legen hatten, ehe ſie ſeinen Fuß erreichten. Hier ſchlugen ſie am dreißigſten Auguſt ihr Lager auf, nachdem ſie faſt vierhundert Meilen, von dem Arikara⸗ Dorfe an gerechnet, zurückgelegt hatten. Der Berg, der ſich nun vor ihnen erhob, gehörte zu der Großhorn⸗Kette; ein Fluß deſſelben Namens floß an ihm hin; die Kette zog ſich eine lange Strecke ziemlich von Nordoſten nach Südweſten. Sie war ein Theil des großen Netzes von Granitgebirgen, welche eine der wich⸗ tigſten und anziehendſten Eigenthümlichkeiten Nordame⸗ rikas abgeben; in gleicher Linie mit den Küſten des ſtil⸗ len Meeres erſtrecken ſie ſich von der Landenge von Panama bis faſt zu dem Eismeere hin und bilden eine Keette, welche jener der Andes in der ſüdlichen Hemis⸗ phäre entſpricht. Dieſes ungeheure Gebirg hat ſeines wilden, klüftigen Charakters, ſeiner nackten Granitpicks wegen den Namen Felſengebirg(Rocky Mountains) 60.— 62. 4. 7 .— 98— erhalten— ein Name, welcher nicht ſehr bezeichnend iſt, da er allen höhern Bergketten beigelegt werden kann. unter den frühern Reiſenden war er als die Kette der Chippewian⸗Berge bekannt, und dieſe indianiſche Benen⸗ nung iſt die einzige, deren man ſich bei dichteriſchen Zwecken wird bedienen dürfen. Da er ſich aus der Mitte ausgedehnter Ebenen und Prairien erhebt, mehrere Breitegrade durchläuft, die Waſſer des atlantiſchen und ſtillen Meeres ſcheidet und mit auslaufenden Aeſten die ebenen Gebiete an ſeinen Seiten zu verbinden ſcheint, hat man es figürlich den Rückgrad des nördlichen Feſt⸗ landes genannt. Das Felſengebirg bietet keine Kette von gleichförmi⸗ ger Erhebung, ſondern eher Gruppen und dann und wann abgeſonderte Piks dar. Obgleich ſich manche der⸗ ſelben in die Regionen ewigen Schnees erheben und über eilftauſend Fuß wirklicher Höhe haben, ſo iſt doch ihre Höhe von ihren unmittelbaren Baſen aus nicht ſo bedeu⸗ tend, als man ſich es vorſtellt, da ſie von Hochebenen, die mehrere Tauſend Fuß über der Oberfläche des Mee⸗ res liegen, ſich erheben. 4 Dieſe Ebenen oder Tafellande ſind oft öde und unfruchtbar, bloße Sandwüſten, von der Ablagerung der Granithöhen gebildet, ohne Bäume und ohne Kräuter, von den glühenden, ſich brechenden Strahlen der Som⸗ merſonne verſengt, und im Winter durch kalte Winde voon den ſchneebedeckten Bergen her überſtürmt. — 99— Der Art iſt ein großer Theil jenes weiten, nördlich und ſüdlich die Berge entlang mehrere hundert Meilen in der Breite ſich ausdehnenden Gebietes, das nicht unpaſſend die große amerikaniſche Wüſte genannt worden iſt. Es iſt ein Landſtrich, welchem faſt keine Hoffnung des Anbaues zufließt und mit Sicherheit nur dann bereiſt werden kann, wenn man ſich in der Nähe der Gewäſſer hält, welche ihn durchſchneiden. Auf den höhern Regionen des Gebirgslandes finden ſich ausge⸗ dehnte Ebenen von bedeutender Fruchtbarkeit. In der That ſcheinen dieſe hohen Platten Tafellandes eine beſon⸗ dere Eigenthümlichkeit der amerikaniſchen Feſtlande abzu⸗ geben. In den Cordilleras des los Andes finden ſich manche, wo man achttauſend Fuß über der Oberfläche des Meeres Städte, Dörfer und bebaute Farmen antrifft. Das Felſengebirg bildet, wie ſchon bemerkt worden, eine Kettenreihe von Bergen, die zuweilen einzeln, zu⸗ weilen in Gruppen aufſteigen, und dann und wann in Seitenäſte auslaufen. Zwiſchen den einzelnen Ketten liegen tiefe Thäler, durch welche ſich kleine Gewäſſer winden, die in die tiefern Ebenen abfließen, die Berg⸗ waſſer in ihr Bett aufnehmen und ſich zuletzt in jene großen Flüſſe ergießen, die, gleich großen Adern, die Prairien durchlaufen und das Land bewäſſern. Während die Granitgipfel des Felſengebirgs rauh und nackt ſind, zeigen ſich viele der innern Abhänge ärmlich mit krüppelhaften Fichten, Eichen, Cedern und 7* — 100— Haide bekleidet. Manche Theile des Gebirges haben auch Spuren von Vulkanen aufzuweiſen. Einige der innern Thäler ſind mit Schlacken und zerbröckeltem Geſtein, augenſcheinlich vulkaniſchen Urſprungs, bedeckt; die Felſen umher tragen denſelben Charakter und Spu⸗ ren ausgebrannter Krater werden auf den höhern Kup⸗ pen gefunden. Wir haben bereits der abergläubiſchen Gefühle gedacht, mit welchen die Indianer auf die Schwarzen Hügel ſchauen; dieſes unermeßliche Gebirgsland aber, welches Alles, was ſie von der Welt kennen, ſcheidet, und dem ſo mächtige Ströme entſpringen, iſt ein noch höherer Gegenſtand ihrer Furcht und ihrer Verehrung. Das Felſengebirg heißt bei ihnen„der Kamm der Welt“ und ſie glauben, daß Wakondah, oder der Herr des Lebens, wie ſie das höchſte Weſen bezeichnen, ſeine Wohnung auf jenen luftigen Höhen habe. Die Stämme der öſtlichen Prairien nennen es„die Berge der unter⸗ gehenden Sonne.“ Manche von ihnen ſind der Anſicht, „die Jagdgründe der Seligen,“ das Ideal ihres Paradieſes, liegen in den Thälern dieſer Berge; für den Lebenden ſeien dieſe, ſagen ſie, freilich unſichtbar. Hier iſt auch„das Land der Seelen,“ in welchem„die Städte der freien und edeln Geiſter“ ſind, wo die, welche auf der Erde dem Meiſter des Lebens gefallen haben, ſich nach dem Tode jeder Art von Luſt erfreuen. Von dieſen Bergen hört man Wunder bei den fernen — 101— Stämmen erzählen, deren Krieger oder Jäger jemals in ihrer Nachbarſchaft gejagt haben. Von manchen wird angenommen, ſie müßten nach dem Tode auf dieſen Bergen wandern, und einen ſeiner höchſten und wilde⸗ ſten Piks, unter Felſen, Schnee und wild brauſenden Bächen, hinan ſteigen. Nach vielen Monden mühſeliger Anſtrengung kommen ſie, nach ihrem Glauben, zu dem Gipfel, von wo ſie die Ausſicht auf das„Land der See⸗ len“ haben. Da ſehen ſie die glücklichen, wonnigen Jagd⸗ gründe, wo die Seelen der Tapferen und Weiſen auf grünen Auen, an klaren, lieblichen Bächen unter Zelten wohnen, oder die Heerden von Büffeln, Elenn und Rehen jagen, welche ſie auf Erden getödtet haben. Auch erwar⸗ ten ſie hier die Dörfer und Städte der freien und edeln Geiſter in der Mitte köſtlicher Prairien glänzen zu ſehen. Wenn ſie auf Erden ſich eines guten Wandels befliſſen haben, wird ihnen erlaubt, hinab zu gehen, und ſich die⸗ ſes glücklichen Landes zu erfreuen; ſonſt aber werden ſie nur durch dieſen Anblick gequält und dann vom Berge herabgeſtürzt, um in den Sandebenen umherzuirren, und die ewigen Qualen ungeſtillten Hungers und Durſtes zu erdulden. 1 Achtundzwanzigſtes Kapitel. Gebiet der Krähen⸗Indianer.— Kundſchafter auf dem Lugaus. — Beſuch von einer Schaar ſtarker Reiter.— Ein Krähenlager. Geſchenke an den Krähenhäuptling.— Handel.— Krähen Eiſen⸗ freſſer.— Roſe unter ſeinen indianiſchen Freunden.— Abſchied von den Krähen.— Verlegenheit im Gebirg.— Mehr Krähen.— Reiterkinder.— Suchen nach Nachzüglern. Die Reiſenden waren jetzt in der Nähe des Berg⸗ landes, das die Krähen⸗Indianer inne hatten. Dieſe rnheloſen Räuber pflegen, wie bereits bemerkt worden, unaufhörlich an dem Saum des Gebirges auf der Lauer zu liegen und ſchicken, ſelbſt wenn ſie in einem tiefen abgeſchloſſenen Thale gelagert ſind, ihre Kundſchafter auf die Klippen und Bergvorſprünge, wo ſie, ſelbſt ungeſehen, jedes lebende Weſen beobachten können, das ſich in den nahen Ebenen und Thälern bewegt. Es war nicht zu erwarten, daß unſere Reiſenden durch ein Gebiet ſollten kommen können, welches ſo ſorg⸗ fältig mit Wachen beſetzt war; demzufolge zeigten ſich gegen Abend, nicht lange nachdem man am Fuße der Großhorn⸗Sierra das Lager aufgeſchlagen, ein paar wildausſehende, ſpärlich in Häute gehüllte, aber gut be⸗ — 103— waffnete Weſen auf Pferden, ſo wild ausſehend, wie ſie ſelbſt und mit großer Vorſicht aus den Felſen hexvor⸗ kommend. Man hüätte leicht verſucht ſein können, ſie für zwei böſe Gebirgsgeiſter zu halten, welche in den indianiſchen Sagen eine ſo furchtbare Rolle ſpielen. Roſe wurde augenblicklich ausgeſandt, um ſie anzu⸗ reden und in das Lager einzuladen. Es ergab ſich, daß beide Kundſchafter bei derſelben Horde waren, deren Fährte man vor wenigen Tagen gefunden und welche nun in einiger Entfernung in den Schluchten der Berge ſich gelagert hatte. Es war nicht ſchwer, ſie zu bereden, in das Lager zu kommen, wo ſie gut empfangen wurden und, nachdem ſie bis ſpät in die Nacht geblieben, Abſchied nahmen, um von allem, was ſie geſehen und gehört, bei ihren Gefährten Rechenſchaft zu geben. Kaum graute der nächſte Tag, ſo kam eine Schaar dieſer wilden Bergräuber im Gallop unter Geſchrei und Huh⸗hu in das Lager geſprengt und brachte eine Ein⸗ ladung von ihrem Häuptlinge an die weißen Männer, ihn zu beſuchen. Die Zelte wurden alſo abgeſchlagen, die Pferde bepackt und der Zug war bald unterwegs. Die Krähenreiter ſchienen bei dem Geleite, das ſie ihnen gaben, ihren Stolz darin zu ſuchen, ihre ganze Geſchick⸗ lichkeit und Kühnheit zu Pferde zu zeigen; ſie flogen in vollem Gallop auf ihren halb wilden Roſſen dahin, brachen über Felſen und Klippen und die wildeſten gefährlichſten — 104— Stellen abwärts und aufwärts— alles mit der größten Leichtigkeit und Sorgloſigkeit. Ein Ritt von ſechszehn Meilen brachte ſie des Mit⸗ tags zu dem Krähenlager. Es beſtand aus ledernen Zelten, welche auf einer Wieſe an dem ufer eines klei⸗ nen klaren Baches, an dem Fuße des Berges aufgeſchla⸗ gen waren. Eine große Menge Pferde graſte in der Nähe, von denen viele wahrſcheinlich auf ihren Räuber⸗ zügen entführt worden waren. Das Krähen⸗Oberhaupt kam ſeinen Gäſten mit großen Freundſchaftsverſicherungen entgegen und führte ſie in ſeine Zelte, indem er ihnen unterwegs einen Platz andeutete, wo ſie ihr Lager am bequemſten aufſchlagen könnten. Sie waren kaum damit fertig, ſo öffnete Hunt einige Ballen und machte dem Häuptling ein Geſchenk mit einem rothen Blanket und mit etwas Pulver und Blei; auch gab er ihm einige Meſſer, Schmuckwaaren und Tabak für ſeine Leute, und der grimme Potentat ſchien für den Augenblick mit all dem ungemein zufrie⸗ den zu ſein. Da man aber wußte, daß die Krähen ungemein treulos und verrätheriſch und ſo kecke Freibeu⸗ ter waren, wie der Vogel, nach welchem ſie ſo ehren⸗ voll benannt worden, und da bekannt war, daß ihre Gefühle gegen die weißen Männer keineswegs freundli⸗ cher Natur ſeien, ſo wurde der Verkehr mit ihnen mit großer Vorſicht geleitet und überdacht. — — 105— Der folgende Tag verging damit, daß man Büffel⸗ mäntel und Häute von den Krähen erhandelte und lahme abgetriebene Pferde gegen andere, die in beſſerem Zuſtande waren, eintauſchte. Auch kauften ſich manche der Leute Pferde auf eigene Rechnung, ſo daß die Zahl derſelben jetzt auf hunderte inundzwanzig ſtieg, meiſtens geſunde, kräftige und zum Gebirgsdienſt paſſende Thiere. Als ihre Bedrängniſſe befriedigt waren, ſtellten ſie alles fernere Handeln ein— zur großen Unzufriedenheit der Krähen, welche ungemein eifrig waren, den Verkehr fortzuſetzen und jetzt, da ſie merkten, daß ihr Drängen und Quälen zu nichts half, einen trotzigen drohenden Ton annahmen. All dies wurde von Hunt und ſeinen Gefährten den treuloſen Anreizungen Roſe's, des Dol⸗ metſchers, zugeſchrieben, welchen ſie im Verdacht hatten, er beabſichtige zur Förderung ſeiner ſchändlichen Plane Feindſchaft zwiſchen ihnen und den Wilden zu ſtiften. M'Lellan ſprach nach ſeiner gewöhnlichen durchgrei⸗ fenden Art, Recht und Gerechtigkeit zu üben, ſeinen Entſchluß aus, den Schurken auf der Stelle zu erſchie⸗ ßen, wenn das Geringſte vorfiele. Es blieb aber alles ruhig. Wahrſcheinlich machte das entſchloſſene aber ruhige Benehmen der weißen Männer und die ſtete Wachſam⸗ keit und bewaffnete Bereitſchaft, in welcher ſie blieben, den gewünſchten Eindruck auf die Krähen; und Roſe mußte, wenn er ja noch verrätheriſche Plane im Schilde führte, bemerkt haben, daß ſie den Argwohn geweckt — 106— hatten und, wenn er ſie zu verwirklichen ſuchte, das Verderben auf ſein eignes Haupt herabrufen müßten. Am nächſten Morgen ließ⸗Hunt bei dem erſten Mor⸗ genlicht alles zur Abreiſe fertig machen. Er nahm ffeier⸗ lich Abſchied von dem Krähen⸗Häuptling und ſeinen landſtreicheriſchen Kriegern und überlieferte, früherem Uebereinkommen zu Folge, ihrer herzlichen Freundſchaft und brüderlichen Liebe den Dolmetſcher und Reiſegenoſ⸗ ſen John, welcher, nachdem er unter den Waſſerpiraten des Miſſiſippi eine Rolle geſpielt, ganz geeignet war, ſich bei den Landpiraten des Felſengebirgs zu hohem Anſehen emporzuſchwingen. Wir finden es paſſend, hinzuzufügen, daß der Schurke bei dem Stamme eine gute Aufnahme fand und mit dem Vertrage, den er eingegangen, vollkommen zufrieden war, denn es war ihm bei den Wilden weit behaglicher zu Muth als bei den weißen Männern. Leute, welche die Civiliſation geächtet hat, die der Gerechtigkeit entflohen ſind— herzloſe Verbrecher dieſer Art ſäen den Samen der Feindſchaft und des Haſſes bei den unglück⸗ lichen Stämmen der Grenze. Es gibt keinen unverſöhn⸗ lichern Feind gegen ein Land oder einen Staat, als der, welcher ſich durch ſeine Verbrechen ſeinem eigenen Volke entfremdet hat. Sehr vergnügt, dieſen verrätheriſchen Reiſegefährten los zu ſein, ſetzte Hunt ſeine Reiſe den Bergſaum ent⸗ lang in ſüdlicher Richtung fort und ſuchte einen zugäng⸗ 83 — 107— lichen Bergpaß zu erreichen, um über die Höhen zu kommenz; ſie ſahen jedoch fünfzehn Meilen weit nichts der Art und mußten, immer noch an dem Außenſaum, ihr Lager an einem kleinen Bache aufſchlagen. Die grünen Auen, welche dieſe Bergwaſſer begrän⸗ zen, hegen gewöhnlich viel Wild, und es gelang den Jägern bald, mehrere fette Elennthiere zu tödten, die das Lager mit friſchem Fleiſch verſahen. Am Abend ſahen ſich die Reiſenden durch den unwillkommenen Beſuch mehrerer Krähen überraſcht, die zu einer andern Horde gehörten, als die war, welche ſie am Morgen verlaſſen hatten. Ihr Lager war, wie ſie ſagten, in den Bergen. Der Gedanke, von ſolchen gefährlichen Nachbarn umgeben zu ſein und ſich noch in dem Bereich von Roſe und ſeinen landſtreicheriſchen Freunden zu befinden, zwang die Ge⸗ ſellſchaft, ſtets auf der Hut zu ſein und während der Nacht ſorgfältig Wache zu halten, damit ſie ihrer Pferde nicht beraubt würden. Da die Bergkette ſich ununterbrochen fortzog und eine ſtete Barre darbot, bemühten ſie ſich am dritten September einen Uebergang weſtlich zu erzwingen, ver⸗ wickelten ſich aber bald in Geklüft und Abgründe, welche aller ihrer Anſtrengungen ſpotteten. Das Gebirg ſchien faſt von allen Seiten rauh, zerriſſen, nackt; da und dort war es aber doch mit Fichten, Buſchwerk und Blu⸗ men bekleidet, deren manche in Blüthe ſtanden. Als ſie ſich dieſe den Abhänge entlang arbeiteten, wurde ihr — 108— Durſt quälend, denn nirgends war Waſſer zu finden. Haufenweiſe irrten die Leute weitab in die felſigen Schluch⸗ ten und Klüfte, in der Hoffnung, eine Quelle oder einen Bach zu finden; einige von ihnen verloren den Weg und kehrten nicht wieder zu dem Hauptzug zurück. Nachdem ſie einen halben Tag mühvoll und frucht⸗ los emporgeklettert waren, gab Hunt den Verſuch auf, in dieſer Richtung weiter zu kommen, kehrte zu dem kleinen Bach am Saume des Gebirgs zurück und ſchlug ſeine Zelte ſechs Meilen von dem Platze auf, wo ihr letztes Nachtlager geſtanden. Er befahl nun den Leuten, die ſich des Durſtes wegen entfernt hatten, Signale zu geben; die Nacht ging jedoch vorüber, dhn daß ſie zu⸗ rückkehrten. Zu ihrem Erſtaunen ſahen ſie am nächſten Morgen Roſe, von einigen ſeiner Krähengefährten begleitet, in dem Lager erſcheinen. Sein unwillkommner Beſuch weckte ihren Argwohn wieder; er kündigte ſich aber als einen Freundſchaftsboten von dem Häuptlinge an, welcher in Erfahrung gebracht, daß ſie auf einem falſchen Wege wären, und Roſe und ſeine Begleiter nachgeſchickt hatte, um ſie näher und bequemer über das Gebirg zu führen. Es blieb ihnen in ihrer jetzigen Lage nichts anderes übrig, als in dieſem zweideutigen Geleit aufzubrechen. Sie waren noch nicht weit gegogen, als ſie auf eine ganze Schaar Krähen ſtießen, welche, wie ſich nun ergab, ganz deſſelben Weges gingen. Die beiden Reiterzüge von — 109— rothen und weißen Männern eilten daher miteinander vorwärts und boten ein wildes, maleriſches Schauſpiel dar, wie ſie in bunten Waffen und in bunten Kleidern, mit Zügen von Packpferden ſich in langen Reihen durch die wilden Engpäſſe und die Klippen und Abhänge des Gebirgs auf⸗ und niederwanden. Die Reiſenden hatten abermals Gelegenheit, die Reiterſitten und die Geſchicklichkeit dieſes roſſebändigen⸗ den Stammes zu ſehen und zu bewundern. Alle waren beritten— Männer, Frauen und Kinder; denn die Krä⸗ hen haben Pferde im Ueberfluß und niemand geht zu Fuß. Die Kinder ſind vollkommene Alräunchen zu Pferd. Eines derſelben war ſo jung, daß es noch nicht ſprechen konnte. Es war auf ein zweijähriges Füllen feſtgebun⸗ den, handhabte aber die Zügel gleichſam aus Inſtinkt und brauchte die Peitſche mit echt indianiſcher Freigebig⸗ keit. Hunt fragte nach dem Alter des kleinen Jokeys und man antwortete ihm:„er habe zwei Winter geſehen.“ Dies verwirklicht beinahe das Märchen von den Centauren, und wir können uns nicht über die große Reiterkunſt dieſer Wilden wundern, deren Wiege ſozu⸗ ſagen der Sattel iſt und welche von Kindheit an gewiſ⸗ ſermaßen mit den Thieren eins werden, die ſie reiten. Die Gebirgspäſſe waren ungemein rauh und zerklüf⸗ tet und das Reiſen für die ſchwerbepackten Thiere müh⸗ ſam. Der Zug bewegte ſich daher nur langſam vor⸗ wärts und blieb allmählich ganz hinter der Krähenſchaar — 110— zurück, welche ſich an die Spitze geſtellt hatte. Es iſt mehr als wahrſcheinlich, daß Hunt das Vorſchreiten nicht ſehr beſchleunigte, da er ſolche Reiſegefährten gern los ſein wollte. Gewiß iſt es, daß er ſich bedeutend erleich⸗ tert fühlte, als er den ganzen Haufen, den Renegaten Roſe und Alle in den Windungen des Gebirges ver⸗ ſchwinden ſah, und das letzte Huh⸗huh der Wilden in der Entfernung verhallen hörte. Als ſie dem Blick und dem Gehör gänzlich entzogen waren, ſchlug er ſein Lager an dem Quellwaſſer des klei⸗ nen Baches auf, an welchem er am vorigen Tage lagerte. Sie hatten etwa ſechszehn Meilen zurückgelegt. Hier blieben ſie den nächſten Tag, ſowohl um den Krähen Zeit zu laſſen, einen bedeutenden Vorſprung zu bekom⸗ men, als auch um der Nachzügler zu harren, welche zwei Tage vorher bei'm Aufſuchen von Waſſer ſich verirrt hatten. Man begann wirklich nicht geringe Beſorgniß wegen dieſer Leute zu fühlen, denn man fürchtete, ſie möchten ſich in den verſchlungenen Gebirgspäſſen gänzlich verirren oder in die Hände einer Freibeuterſchaar von Wilden fallen. Einige der erfahrenſten Jäger wurden ausgeſchickt, um ſie zu ſuchen, während ſich andere mit der Jagd be⸗ ſchäftigten. Da das kleine Thal, in welchem ſie lagerten, von einem ſchönen Bache bewäſſert war, bot es friſche Weide dar, und, obgleich es inmitten des Großhorn⸗Gebirgs — 111— lag, ſah man eine Menge Büffel. Mehrere derſelben wurden getödtet; eben ſo ein grauer Bär. Am Abend kehrten zur allgemeinen Freude die Nachzügler zurück, und da man Vorräthe im Ueberfluß hatte, ſo herrſchte Luſt und Behagen im Lager. . Neunundzwanzigſtes Kapitel. Bergthäler.— Wandernde Banden von Wilden.— Anekdoten von den Schoſchonies und Flachköpfen.— Ihre einſamen ver⸗ ſteckten Hütten.— Berggnomen.— Windfluß.— Mangel an Nahrung.— Aenderung des Weges.— Die Pilot⸗Knobs oder Tetons.— Arm des Colorado.— Jagdlager. Hunt und ſeine Begleitung begaben ſich am nächſten Morgen wieder auf den Marſch und folgten ſtets der 4 weſtlichen Richtung, welche durch wilde, bergige und felſige Gegenden führte, wo ſich aber zuweilen ein freund⸗ liches kleines grasreiches Thal, mit Waſſerfällen, breiten glänzenden Bächen, Gruppen von Fichtenbäumen und einer Menge ſchöner Pflanzen zeigte, welche in voller Blüthe ſtanden, obgleich das Wetter kalt war. Dieſe ſchönen grünen Thalgründe, welche durch wildes Gebirg liefen und es ſänftigten, waren für die gequälten Rei⸗ ſenden erfreulich und erquickend. Während ſie im Laufe des Morgens durch einen Engpaß zogen, ſahen ſie eine kleine Heerde Indianer, die ſo wild ausſahen, wie die Scenerie umher und von den Felſen, ihrer Anzahl, Bewaffnung u. ſ. w. ſich erſt genau verſicherten, ehe ſie hervorzukommen wagten. Sie — 113— ſaßen theilweiſe auf rohgezäumten Pferden; die Zügel oder Halftern waren von Büffelleder und das eine Ende ſchleifte hinten auf der Erde nach. Man erfuhr, daß ſie zu einer gemiſchten Schaar von Flachköpfen und Scho⸗ ſchonies oder Schlangen gehörten, und da dieſer Stämme mehrfach in unſerem Werke erwähnt werden wird, wol⸗ len wir einige einleitende Einzelnheiten in Betreff ihrer geben. 1 Die Flachköpfe, von denen hier die Rede iſt, dürfen nicht mit den gleichnamigen Wilden verwechſelt werden, welche an den untern Gegenden des Kolumbia wohnen; auch drücken ſie ſich die Köpfe nicht platt, wie die andern. Sie bewohnen die ufer eines Fluſſes auf der Weſtſeite der Gebirge und werden als einfach, ehrlich und gaſtfrei geſchildert. Wie alle Völker ſolchen Charakters, ſie mögen geſittigt oder wild ſein, laſſen ſie ſich leicht täuſchen und hin⸗ tergehen und werden vorzüglich von den grimmen Schwarz⸗ füßen mißhandelt, welche ſie in ihren Dörfern beunruhi⸗ gen, des Nachts ihre Pferde ſtehlen oder ſie offen am hellen Tag wegführen, ohne Verfolgung oder Rache zu fürchten und zu erfahren. Die Schoſchonies ſind ein Zweig des einſt ſo mäch⸗ tigen Stammes der Schlangen, welche an den obern Gabeln des Miſſouri ein prachtvolles, von Bibern und Büffeln wimmelndes Jagdgebiet inne hatten. Ihr Jagd⸗ revier wurde zuweilen von den Schwarzfüßen heimge⸗ ſucht, aber die Schlangen kämpften tapfer um ihre Ge⸗ 660.— 62. 8 biete und ein langer blutiger Kampf beſtand unter wech⸗ ſelndem Glücke. Endlich trat die Hudſon⸗Bay⸗Compag⸗ nie, welche ihren Handel im Binnenlande ausdehnte, in Verkehr mit den Schwarzfüßen, die ihr zunächſt wohn⸗ ten, und verſah ſie mit Feuergewehren. Die Schlangen, die zuweilen mit den Spaniern Handel trieben, bemüh⸗ ten ſich, ähnliche Waffen zu erhalten; aber vergeblich. Die ſpaniſchen Kaufleute hüteten ſich weislich, ſie ſo furcht⸗ bar zu bewaffnen. Die Schwarzfüße hatten jetzt einen großen Vortheil über ſie und vertrieben die armen Schlan⸗ gen bald aus ihrem Lieblings⸗Jagdgebiet, ihrem Lande des Ueberfluſſes und jagten ſie von Ort zu Ort, bis ſie froh waren, in den wildeſten und ödeſten Schluchten des Felſengebirgs Zuflucht zu finden. Aber auch hier ſind ſie den gelegentlichen Beſuchen ihrer unverſöhnlichen Feinde blosgeſtellt, ſo lange ſie Pferde oder irgend eine Habe beſitzen, welche die Plün⸗ derer reizt. Die Schlangen ſind auf dieſe Weiſe ein zerſprengtes, muthloſes und armes Volk geworden, das ¹ an einſamen Flüſſen und Bergbächen wohnt und vor⸗ züglich vom Fiſchfang lebt. Diejenigen von ihnen, welche Pferde haben und dann und wann der Jagd ſich weihen, werden Schoſchonies genannt; es gibt aber eine andere Klaſſe, welche die niedrigſte und verachtetſte iſt und die Schuckers oder gewöhnlicher Diggers(Gräber) und Wurzeleſſer heißen. Dieſe ſind eine ſcheue, verſteckte, einſame Raſſe, welche in den entlegenſten Schluchten — 115— des Gebirgs wohnen, wie Gnomen in Höhlen und Fels⸗ klüften hauſen und größtentheils von den Wurzeln der Erde leben. Zuweilen erblickt der Reiſende, wenn er durch ein einſames Bergthal kömmt, einen noch blutenden Hirſch oder Büffel, der eben getödtet worden. Umſonſt ſieht er ſich nach einem Jäger um; die ganze Landſchaft iſt leb⸗ los und verlaſſen; endlich entdeckt er eine kleine Rauch⸗ ſäule, die aus dem Geklüft und den Ritzen der Felſen aufſteigt und wenn er dahin emporklettert, findet er eine arme verſteckte Wurzelgräber⸗Familie, zitternd, daß ſie entdeckt worden. Die Schoſchonies aber, welche, wie bereits bemerkt worden, noch„Pferde zu reiten und Waffen zu tragen“ haben, ſind etwas kühneren Muthes, und breiten ſich in ihren Wanderungen weiter aus. Im Herbſt, wenn der Lachs aus den Flüſſen verſchwindet und der Hunger ſie zu quälen anfängt, wagen ſie ſich ſogar auf ihre alten Jagdgründe hinab, um Büffel zu jagen. Bei dieſen gefährlichen Zügen ſchließen ſich ihnen gelegentlich die Flachköpfe an; denn die Verfolgungen der Schwarzfüße haben zwiſchen dieſen unglücklichen und mißhandelten Stämmen ein inniges Schutz⸗ und Trutzbündniß ver⸗ anlaßt. Obgleich ſie aber ihre Kräfte vereinigt haben, ſo iſt doch jeder Schritt auf jenem ſtrittigen Gebiete von Furcht und Zittern begleitet, und die äußerſte Vorſicht wird angewandt; und ein indianiſcher Kaufmann verſichert 8* uns, er habe wenigſtens fünfhundert von ihnen, bewaff⸗ net und zum Kampfe gerüſtet auf den Gipfeln der Hö⸗ hen Wache haͤlten ſehen, während gegen fünfzig auf der Prairie jagten. Ihre Ausflüge ſind kurz und haſtig; ſobald ſie hinreichende Vorräthe von Büffelfleiſch für den Winter geſammelt und es zerhauen haben, bepacken ſie ihre Pferde, verlaſſen die gefährlichen Jagdgründe und eilen in die Berge zurück, glücklich, wenn die ſchrecklichen Schwarzfüße nicht hinter ihnen herkleppern. Einer ſolchen verbündeten Schaar von Schoſchonies und Flachköpfen begegneten unſere Reiſenden. Sie waren auf dem Wege zu einem Beſuche bei den Arupanoes, einem Stamme, welcher die Ufer des Nebraska bewohnt. Sie waren ſo gut bewaffnet, als es ihre knappen Mittel zuließen; von den Schoſchonies hatten manche Schilder von Büffelfell, mit Federn und ledernen Franzen geſchmückt; dieſe haben in ihren Augen Zauberkraft, da ſie unter geheimnißvollen Zeremonien von ihren Beſchwörern zube⸗ reitet werden. 6 unſere Reiſende blieben den ganzen Tag bei dieſer wandernden Bande. Am Abend ſchlugen ſie ihr Lager in einem Bergpaß, an dem Ufer eines Baches, der nach Norden fließt und ſich in den Großhornfluß ſtürzt, neben einander auf. In der Nähe des Lagers fanden ſie Sta⸗ chelbeeren, Erdbeeren und Johannisbeeren in großer Menge. Der Paß war, wie man deutlich ſah, ein Pfad für zahlloſe Büffelheerden, obgleich man jetzt kein einzi⸗ — 117— ges dieſer Thiere erblickte. Es gelang den Jägern, ein Elenn und mehrere ſchwarzgeſchwänzte Rehe zu tödten. Sie waren jetzt mitten in der zweiten Großhornkette und im Weſten leuchtete ihnen ein anderes hohes mit Schnee gekröntes Gebirg entgegen. Fünfzehn Meilen Wegs in weſtlicher Richtung brachte ſie am folgenden Tag in eine Ebene, welche von dieſen zwei Ketten eingeſchloſ⸗ ſen war und von Büffeln wimmelte. Hier vereinigten ſich die Schlangen und Flachköpfe mit den weißen Jägern zu einer glücklichen Jagd, welche das Lager bald mit Vorräthen füllte. Am Morgen des neunten Septembers ſchieden unſere Reiſenden von ihren indianiſchen Freunden und ſetzten ihren Weg nach Weſten allein fort. Ein Marſch von dreißig Meilen führte ſie am Abend an die ufer eines reißenden ſchönen klaren Fluſſes, ungefähr hundert Schritte breit. Es iſt dies die Nordgabel des Großhornfluſſes; er hat aber ſeinen eigenen Namen und heißt der Wind⸗ fluß, weil er in der Winterzeit ſteten Winden ausge⸗ ſetzt iſt, die über ſeine Ufer ſtreichen und keinen Schnee dort liegen laſſen. Dieſer Wind ſoll von einem engen Schlund oder Trichter im Gebirge herrühren, durch wel⸗ chen ſich der Fluß zwiſchen ſenkrechten, gehauenen Fels⸗ blöcken ähnlichen Abgründen herwälzt. Dieſer Fluß gibt dieſem ganzen Gebirgsland, das aus drei gleichlaufenden Ketten beſteht, die ſechszig Mei⸗ len lang und gegen zwanzig oder fünfundzwanzig breit — 118— ſind, ſeinen Namen. Einer ſeiner Piks iſt wahrſchein⸗ lich fünfzehntauſend Fuß über der Oberfläche des Mee⸗ res— einer der höchſten Gipfel des Felſengebirgs. Auf dieſen Bergen entſpringt nicht nur der Großhornfluß, ſondern auch mehrere Quellflüſſe des Yellowſtone und des Miſſouri auf der öſtlichen, und des Kolumbia und Kolorado auf der weſtlichen Abdachung; und ſo ſcheiden ſie die Quellen dieſer mächtigen Gewäſſer. Die fünf nächſten Tage ſetzten Hunt und ſeine Ge⸗ fährten ihren Weg an dem Windfluß eine Strecke von achtzig Meilen weit fort, nach ſeinen Windungen und der Natur der ufer häufig über ihn ſetzend, und zuweilen über Klippen und Felshöhen wegkletternd. Das Land war im Allgemeinen baumlos; doch kamen ſie durch kleine Wälder von Wermuthgebüſch, welches acht bis zehn Fuß hoch war und gelegentlich als Brennzeug gebraucht wurde, auch trafen ſie eine große Menge wilden Flachſes an. Die Berge waren ohne Wild; ſie bekamen zwei graue Bären zu Geſicht, konnten ſich ihnen aber nicht auf Schußweite nähern. Die Vorräthe begannen daher knapp zu werden. Sie ſahen zahlreiche Flüge der Droſ⸗ ſelart, die gewöhnlich Rothdroſſel genannt wird, ſo wie viele kleinere Zugvögel; im Allgemeinen waren die Höhen einſam und zeigten nur ſelten Spuren animaliſchen Lebens.. Am Abend des vierzehnten Septembers ſchlugen ſie ihr Lager an den Gabeln des Wind⸗ oder Großhorn⸗ — 119— fluſſes auf. Der größte dieſer Quellenflüſſe kam aus der Kette der Windflußberge(Wind-River-mountains.) Die Jäger, welche auf dieſem Theile des Weges der Geſellſchaft als Führer dienten, hatten Hunt verſichert, wenn er dem Windfluß folge und eine einzige Bergkette überſchritte, würde er an die Quellen des Kolumbia kommen. Allein der große Mangel an Wild, welcher bereits in einem ſehr peinlichen Grade gefühlt worden war, und welcher ſie in den unfruchtbaren, öden Höhen, welche vor ihnen lagen, mit Hungersnoth bedrohte, zwang ſie, eine andere Richtung einzuſchlagen. Es wurde daher beſchloſſen, einen kleinen Fluß aufzuſuchen, welcher, wie man ihnen berichtete, durch die benachbarten Berge in ſüdweſtlicher Richtung floß und an deſſen grasreichen Ufern ſie hoffen konnten, Büffel zu finden. Um drei Uhr des nächſten Morgens brachen ſie daher auf und ſchlugen einen betretenen indianiſchen Pfad ein, der ſich jener Gegend zuwandte, und ſagten dem Windfluſſe Lebewohl. Im Laufe dieſes Tages kamen ſie auf eine Erhö⸗ hung, welche eine faſt unbegrenzte Ausſicht darbot. Hier hielt einer ihrer Führer ſtill und deutete, nachdem er die ausgedehnte Landſchaft aufmerkſam betrachtet hatte, auf drei Bergkuppen, die von Schnee glänzten und wie er ſagte, über einem Quellenfluß des Kolumbia empor⸗ ſtiegen. Dieſe Kuppen wurden von den Reiſenden mit einem Jubel begrüßt, mit dem der Seemann nach einer — 120— langen gefahrvollen Reiſe einen Leuchtthurm am Meeres⸗ ufer begrüßt. Es iſt wahr, noch manche mühſame Meile lag zwiſchen ihnen und dieſen Landmarken, denn wenn man ihre ſichtbare Höhe und die ungemeine Durchſichtig⸗ keit der Atmoſphäre in Anſchlag brachte, konnten ſie nicht viel weniger als hundert Meilen von ihr entfernt ſein. Und ſelbſt wenn ſie ſie erreicht hatten, blieben ihnen noch hunderte von Meilen, die ſie zurücklegen mußten, ehe ſie ihr Ziel erreichten. All das vergaßen ſie aber, als ſie die erſten Landmarken des Kolumbia, des Fluſſes, welcher das Ziel der Reiſe war, erblickten. Dieſe bemer⸗ kenswerthen Piks ſind manchen Reiſenden unter dem Namen der Tetons(Brüſte) bekannt; da ſie viele Tage lang für Hunt leitende Punkte waren, gab er ihnen den Namen Pilot⸗Knobs(Führer⸗Knorren). Die Reiſenden ſetzten ihren Weg nach Südweſten vierzig Meilen lang durch ein ſo hochgelegenes Gebiet fort, daß auf den höchſten Punkten und an den nördli⸗ chen Abhängen Strecken mit Schnee zu ſehen waren. Endlich erreichten ſie den erſehnten Quellenfluß, den Gegenſtand ihrer Sehnſucht, deſſen Waſſer nach Weſten floſſen. Es war wirklich ein Arm des Kolorado, welcher ſich in den Golf von Kalifornien ergießt und von den Jägern den Namen des„Spaniſchen Fluſſes“ erhalten hat, weil die Indianer ihnen die Kunde gegeben hatten, an ſeinen untern Waſſern wohnten Spanier. Der Anblick dieſes Fluſſes und ſeiner Umgebungen — 121— war für die müden und hungrigen Reiſenden ſehr erhei⸗ ternd. Seine Ufer waren grün, und man ſah in ver⸗ ſchiedenen Richtungen grasreiche Thäler, in welchen Heer⸗ den von Büffeln ruhig weideten, dem Herzen der wilden Berge zulaufen. Eifrig und ruhig begaben ſich die Jäger an das Waidwerk und kehrten bald mit Beute beladen zurück. In dieſem Theile des Gebirgs fand Hunt drei ver⸗ ſchiedene Arten von Stachelbeeren; die gewöhnliche pur⸗ purne an einem niedrigen und ſehr dornigen Buſche; eine gelbe Art von vortrefflichem Geſchmack und an einem ganz dornenfreien Stengel wachſend; und eine dunkel⸗ rothe, mit dornigem Stengel und von der Größe und dem Geſchmacke der Wintertraube. Auch drei Johannis⸗ beerarten fand er, die eine ſehr groß, wohlſchmeckend, von Purpurfarbe an einem acht bis neun Fuß hohen Buſche wachſend; die andere von gelber Farbe, von der Größe und dem Geſchmack der großen rothen Johannis⸗ beere, der Buſch vier bis fünf Fuß hoch; die dritte von ſchönem Hochroth, der Erdbeere an Süßigkeit ähnlich, doch etwas ſchaal ſchmeckend und an niedrigen Büſchen wachſend. Anm ſiebenzehnten ſetzten ſie ihre Reiſe den Fluß hinab fort und legten fünfzehn Meilen in ſüdweſtlicher Richtung zurück. An dem Fluſſe fanden ſie eine Menge Gänſe und Enten, auch fand man Spuren von Bibern und Ottern; wirklich näherten ſie ſich jetzt Gegenden, wo dieſe Thiere, dieſe großen Vorwürfe des Pelzhandels, in Menge gefunden werden ſollten. Sie ſchlugen für die Nacht ihr Lager dem Abſturz eines Gebirgs im We⸗ ſten gegenüber auf, welches wahrſcheinlich die letzte Kette des Felſengebirgs war. Am folgenden Tage verließen ſie den Hauptquellen⸗ fluß des Kolorado und folgten acht Meilen lang einer nordweſtlichen Richtung; ſie kamen an eines der kleine⸗ ren in ihn ſich ausmündenden Gewäſſer, das ſich aus der Tiefe der Berge heraus wand, und durch grüne Wieſen floß, die Heerden von Büffeln Weide boten. Da hier wahrſcheinlich die letzten Büffel zu finden waren, lagerten ſie ſich an den graſigen Uferbänken des Fluſſes und beſchloſſeͤn, mehrere Tage mit Jagen hinzubringen, um ſo viel Fleiſchvorrath zu ſammeln, als ſie brauchten, bis ſie die Waſſer des Kolumbia erreichten, wo ſie Fiſche genug für ihren Bedarf zu finden hofften. Auch war, nach dem rauhen und unausgeſetzten Marſche eine kleine Raſt für Menſchen und Pferde unerläßlich, denn ſie hat⸗ ten im Laufe der letzten hitzigen Tage zwei hundert ſechs⸗ zig Meilen in wildem und größtentheils ödem Gebirgs⸗ land zurückgelegt. — 123— Dreißigſtes Kapitel. in reichverſehenes Jagdlager.— Schoſchonie⸗Jäger.— Ho⸗ back's Fluß.— Mad⸗River.— Lager bei den Pilot⸗Knobs.— Eine Berathung.— Vorbereitungen zu einer geſährlichen Reiſe. Hunt und ſeine Gefährten hatten fünf Tage auf den friſchgrünen, von dem klaren kleinen Bergſtrom bewäſ⸗ ſerten Auen hingebracht. Die Jäger richteten unter den Büffeln eine große Verheerung an und brachten eine Menge Fleiſch in das Lager. Die„Voyageurs“ waren emſig an den Feuern beſchäftigt, brieten und ſchmorten für die Bedürfniſſe des Augenblicks oder dörrten Vor⸗ räthe für die Reiſe; die ihrer Bürden leeren Packpferde wälzten ſich in dem hohen Graſe oder weideten frei auf den duftigen Wieſen; die aus dem Geleite, deren Dienſte nicht in Anſpruch genommen wurden, gaben ſich der Ueppigkeit vollkommener Ruhe hin, und das Lager bot ein Gemälde wilder Luſt und Schmauſerei, gemiſchter Geſchäftigkeit und Ruhe, wie es einen Halt in einem ſchönen Jagdgrund charakteriſirt. Einige der Leute ſtießen auf einem ihrer Ausflügen auf eine kleine Schaar Indianer, welche augenblicklich in — 121— großer Verwirrung und Beſtürzung flüchteten. Sie kehr⸗ ten mit dieſer Nachricht ſogleich in das Lager zurück, worauf Hunt und vier Andere ſich auf ihre Pferde ſchwangen und forteilten, um zu recognosciren. Nach⸗ dem ſie über acht Meilen geritten waren, bot ſich eine wilde Bergſcene ihren Blicken dar. Ein einſames wildes Thal, von rauhen Höhen umgeben, zog ſich vor ihnen hin. Eine Heerde Büffel galloppirte toll durch daſſelbe dahin, von einer Horde wilder, mit Bogen und Pfeilen bewaffneter Reiter in vollem Laufe verfolgt. Hunt's und ſeiner Gefährten Erſcheinung machte der Jagd plötzlich ein Ende; die Büffel trabten in der einen Richtung davon, während die Indianer ihre Pferde nach der andern wendeten und ſo ſchnell davon jagten, als ihre Pferde laufen konnten. Hunt folgte ihnen. Die Hetze war ſcharf, dauerte aber nicht lange. Zwei junge Indianer, die ziemlich ſchlecht beritten waren, wurden bald eingeholt. Sie waren in ungemeſſener Angſt und hielten ſich augenſcheinlich für verloren. Durch freund⸗ liche Behandlung wich ihre Furcht allgemach, aber fort⸗ während betrachteten ſie die Fremden mit Schrecken und Staunen, denn ſie ſahen zum erſten Male in ihrem Leben weiße Männer. Sie gehörten zu einer Schaar Schlangen, welche auf ihrem Herbſtausflug über die Gebirge gekommen waren, um ſich für den Winter mit Büffelfleiſch zu verſehen. Als ſie ſich von Hunt's und ſeiner Gefährten friedfertigen — 125— Abſichten überzeugt hatten, führten ſie ſie gern in ihr Lager. Es war in einem engen Thale, an dem Rande eines Baches aufgeſchlagen. Die Zelte waren von berei⸗ teten Häuten; manche von ihnen waren gräßlich bemalt; die Pferde weideten rundum. Die Annäherung unſerer Geſellſchaft verbreitete augenblickliche Verwirrung in dem Lager, denn dieſe armen Indianer waren ihrer grauſamen Feinde wegen ſtets auf dem Ausguck. Kaum aber hatten ſie die Klei⸗ dung und Geſichtsfarbe ihrer Beſucher erkannt, ſo ver⸗ wandelte ſich ihre Angſt in Freude; denn Manche von ihnen hatten ſchon mit weißen Männern verkehrt und wußten, daß ſie wohlmeinend waren und eine Menge Sachen von ungemeinem Werthe hatten. Sie hießen ſie daher willkommen, führten ſie in ihre Zelte, ſetzten ihnen zu eſſen vor nnd bewirtheten ſie ſo gut ſie konnten. Sie hatten eine glückliche Jagd gehabt und ihr Lager war voll zerlegten Büffelfleiſches,— die auserleſenſten und fetteſten Stücke. Hunt machte Einkäufe bei ihnen, ſo daß er mit dem, was ſeine eigenen Jäger erlegt, genug hatte, um alle Pferde, die ausgenommen, welche für die Theilhaber und die Squaws Pierre Dorion's beſtimmt waren, zu bepacken. Auch fand er einige Biber⸗ felle in ihrem Lager, welche er reichlich bezahlte, um ſie zu vermögen, auf mehr Jagd zu machen; er theilte ihnen mit, daß ein Theil ſeiner Geſellſchaft fortan in den Ber⸗ gen zu wohnen und mit den eingebornen Jägern um — 126— Pelzwerk zu handeln beabſichtige. Die armen Schlangen begriffen bald, welche Vortheile ſich ihnen boten, und verſprachen, ſich zu bemühen, eine Menge Biberfelle für künftigen Austauſch bereit zu halten. Hunt ſah ſich nun mit Vorräthen hinreichend ver⸗ ſehen und brach am vier und zwanzigſten September das Lager ab, um ſeine Reiſe nach Weſten fortzuſetzen. Ein fünfzehn Meilen langer Marſch über einen Berg⸗ kamm führte ſie zu einem ungefähr fünfzehn Fuß breiten Bach, den Hoback, einer ihrer Führer, welcher, als er in Henry's Dienſten geweſen, in dieſer Gegend getrappt hatte, für einen der Quellenbäche des Kolumbia erkannte. Die Reiſenden begrüßten ihn mit Entzücken— er war ja das erſte Waſſer, welches ſie, ihrem Beſtimmungsorte entgegenfließend, vorfanden. Sie folgten ſeinen Ufern zwei Tage lang, während denen er, durch den Zufluß vieler Quellen und Bäche, zu einem kleinen Fluſſe anſchwoll. Da dieſes Bergkind ſich an Felſen und Abgründen hinſchlängelte, ſahen ſie ſich häufig genöthigt, überzuſetzen und ſein Lauf war ſo reißend, daß die Leute oft in Gefahr waren, fortgeriſſen zu werden. Manchmal rück⸗ ten die Ufer ſo nahe an den Fluß, daß ſie die wilden, ſteilen Felsvorſprünge auf und nieder blettern, oder an dem Fuß derſelben hin ziehen mußten, wo kaum Fuß breit Raum war. Bei einigen dieſer Päſſe thaten ihre Pferde gefährliche Fälle. Eines derſelben rollte mit — 127— ſeiner Laſt faſt zweihundert Fuß bergab in den Fluß; es wurde aber gerettet. Endlich traten ſie aus dieſen ſtaunenswerthen Berg⸗ päſſen und ſetzten ihre Reiſe mehrere Meilen, die Ufer des Hoback⸗Fluſſes entlang, durch eines der rauhen Berg⸗ thäler fort. Ein Fluß von mächtigerem Waſſer und reiſ⸗ ſenderem Laufe vereinigte ſich hier mit ihm und verbun⸗ den brauſ'ten ſie in einer ungeſtümen Strömung durch das Thal. Dieſer wilde Ungeſtüm und das reißende Toben war Veranlaſſung, daß der Fluß den Namen Mad⸗River(der tolle Fluß) erhielt. Bei der Vereini⸗ gung dieſer Gewäſſer ſchlugen unſere Reiſenden ihr La⸗ ger auf. Ein wichtiger Punkt auf ihrer mühſeligen Reiſe war nun erreicht— wenige Meilen von ihrem Lager ſtiegen die drei beſchneiten Bergkuppen, die Tetons⸗ oder Pilot⸗Knobs, dieſe großen Landmarken des Kolumbia, empor, welche ihnen in dieſer Gebirgswildniß die Rich⸗ tung angegeben hatten, der ſie folgen mußten. Zu ihren Füßen brauſ'te die wilde Fluth des Mad⸗River dahin, ein Waſſer, das die Beſchiffung mit Kanoes zuließ, und auf welchem man vielleicht bis zu dem Hauptarm des Kolumbia hinab ſteuern konnte. Die Kanadiſchen„Voyageurs“ frohlockten bei dem Gedanken, nun wieder auf ihrem Elemente ſich zu bewe⸗ gen, ihre Pferde gegen Kanves zu vertauſchen und auf dem Schooße des Fluſſes hinab zu gleiten, ſtatt felſige — 128— Berggründe zu überklettern. Auch Andere von der Geſellſchaft, die mit dieſer Art zu reiſen unbekannt waren, glaubten, ihre Mühſeligkeiten und Nöthen ſeien nun ihrem Ende nahe. Sie hatten die Hauptſchwierig⸗ keiten dieſer großen Felſenbarre beſiegt und ſchmeichelten ſich nun mit der Hoffnung, den übrigen Theil ihrer Reiſe bequem thalab zurück zu legen. Kaum träumten ſie von den Anſtrengungen und Gefahren zu Land und zu Waſſer, welche ſie in der furchtbaren Wildniß noch zu beſtehen hatten, die zwiſchen ihnen und den Geſtaden des ſtillen Meeres lag. Einunddreißigſtes Kapitel. Berathung, ob die Reiſe zu Land oder zu Waſſeer fortzuſetzen. — Anſtalten zum Bau von Booten.— Ein Streifzug.— Trapper werden abgeſendet.— Zwei Schlangen⸗Beſuche.— Ihre Nachrichten hinſichtlich des Fluſſes.— Der Streifzug beſtätigt ſie.— Der Mad⸗River wird aufgegeben.— Ankunft zu Henry's⸗Fort.— Robinſon, Hoback und Riyner's Biber⸗ fang⸗Reiſe.— Müller entſchließt ſich, ſie zu begleiten.— Ihre Abreiſe. An den Ufern des Mad⸗River hielt Hunt eine Bera⸗ thung mit den übrigen Theilhabern in Bezug auf ihre Weiterreiſe. Die wilde, ungeſtüme Strömung dieſes Fluſſes ließ Hunt zweifeln, ob ſich weiter thalab nicht Hinderniſſe ergeben möchten, welche die Beſchiffung nicht nur langſam und gefährlich, ſondern ganz unmöglich machten. Die Jäger, welche als Führer gedient hatten, wußten nichts von der Natur des Fluſſes tiefer unten; welche Felſen, Sandbänke und Stromſchnellen ſeinen Lauf hemmten, und durch welche Berge und Oeden er ſich Bahn bräche. Sollten ſie demnach ihren Pferden entſagen, ſich in gebrechlichen Barken auf dieſen wilden, unſichern und unbekannten Fluß wagen, oder ſollten ſie ihre Reiſe auf 60.— 63. 9 A — 130— mühſeligeren und langwierigeren, aber vielleicht ſicherern Wegen zu Land fortſetzen? Man ſprach ſich, wie wohl zu erwarten ſtand, faſt einſtimmig für die Fahrt zu Waſſer aus; denn wenn der Menſch in ſchwierigen Lagen iſt, glaubt er ſtets, der Wechſel müſſe zu Beſſerem führen. Die Schwierigkeit war jetzt, hinreichend ſtarkes Holz für den Bau von Kanoes zu finden, da die Bäume in dieſen hohen Ge⸗ birgsgegenden vorzüglich aus einer verkrüppelten Art Fichten, Cedern, Espen, Weißdorn und Speierling und einer kleinen Art Baumwollen⸗Baum mit einem Blatte, dem der Weide ähnlich, beſtanden. Es gab eine große Tannenart hier, ſie war aber ſo knorrig, daß das Beil beim Behauen derſelben ſtets gefährdet war. Nach lan⸗ gem Suchen fand man etwas weiter am Fluſſe hinab eine Holzart von hinreichender Größe, worauf man das Lager in die Nachbarſchaft verlegte. Die Leute wurden nun angewieſen, Bäume zu fäl⸗ len, und die Berge hallten von dem ungewohnten Schalle ihrer Aexte wider. Während man ſich auf dieſe Weiſe zu der Reiſe flußabwärts vorbereitete, gab Hunt, welcher die Möglichkeit einer ſolchen Reiſe immer noch bezwei⸗ felte, John Reed, dem Kommis, John Day, dem Jäger, und Pierre Dorion, dem Dolmetſcher, den Auftrag, meh⸗ rere Tagreiſen den Fluß hinab zu gehen, und über den Lauf und die Beſchaffenheit deſſelben Nachricht zu geben. Als ſie fort waren, wendete Hunt ſeine Gedanken — 131— einem andern Gegenſtande von Wichtigkeit zu. Er war jetzt an die Quellwaſſer des Kolumbia gekommen, hatte alſo einen der Hauptpunkte erreicht, die Aſtor's Unter⸗ nehmen umfaßte. Dieſe obern Gewäſſer ſtanden im Rufe, eine Menge Biber zu hegen, und waren bisher von weißen Trappers noch unbehelligt geblieben. Die zahlreichen Spuren von Bibern, auf die man während dem Suchen nach Schiffsbau⸗Holz geſtoßen war, bewieſen hinreichend, daß man in der Nähe eines guten„Trapp⸗Grundes“ war. Hier war alſo der geeignete Ort, den beherzten Biberfängern die Zügel ſchießen zu laſſen, wie ſie von indianiſchen Kaufleuten oft in dem Herzen der Wildniß ausgeſendet werden, um ihrem Berufe zu obliegen. Die für dieſes Geſchäft erwählten Männer waren Alexander Carſon, Louis St. Michel, Pierre Detayé und Pierre Delaunay. Die Trapper ziehen gewöhnlich zwei und zwei, damit ſie ſich bei ihren einſamen und gefähr⸗ lichen Beſchäftigungen gegenſeitig beiſtehen und helfen können. So bildeten Carſon und St. Michel ein Paar, Detayé und Delaunay ein zweites. Sie waren mit Fal⸗ len, Waffen, Munition, Pferden und jedem andern Er⸗ forderniß verſehen und ſollten an dem obern Theile des Mad⸗River und an den benachbarten Gebirgswaſſern trappen. Dies würde ſie einige Monate beſchäftigen und wenn ſie eine hinreichende Menge Pelzwerke zuſammen gebracht, ſollten ſte ſie auf ihre Pferde packen und in möglicher Eile an die Mündung des Kolumbiafluſſes oder 9* zu einem dazwiſchen liegenden Poſten kommen, den die Geſellſchaft unterdeſſen errichtet hätte. Starken Herzens und heitern Antlitzes nahmen ſie Abſchied von ihren Kameraden, um ihren verſchiedenen Pfaden zu folgen, obgleich dergleichen einſames Kreuzen in einer öden, feindlichen Wildniß für den Uneingeweih⸗ ten eben ſo viel iſt, wie inmitten des Meeres ſich ein Schiffsboot den Wellen blos gegeben zu ſehen. Von den Gefahren, welche des einſamen Trappers harren, wird der Leſer einen hinreichenden Beweis erhal⸗ ten, wenn er in einem ſpätern Kapitel dieſes Buches die ſchweren Mißgeſchicke dieſer armen Männer während ihren wilden Wanderungen erfahren wird. Die Trapper waren noch nicht lange abgegangen, als zwei Schlangen⸗Indianer in das Lager kamen. Als ſie ſahen, daß die Fremden ſich Kanoes bauten, ſchüttel⸗ ten ſie die Köpfe und gaben ihnen zu verſtehen, der Fluß ſei nicht ſchiffbar. Ein Theil der Geſellſchaft, welcher auf das Einſchiffen hartnäckig verſeſſen war, machte ſich über dieſe Nachrichten luſtig; die Abtheilung aber, welche flußabwärts gegangen war und nach mehrtägiger Abweſenheit zurückkehrte, beſtätigte die Ausſagen der Indianer. Zwei Tage lang hatten ſie ſich unter großen Schwierigkeiten am Ufer gehalten; ſie fanden den Fluß ſchmal, häufig ſich windend, ſtürmiſch in ein felſiges Bett eingeengt, mit vielen Schnellen, und dann und wann von ſteilen Klippen überhangen. Von dem GWipfel eines ſolchen — 133— Klippenabhangs hatten ſie ſeinen ſtürmiſchen Lauf durch das Herz des Gebirgs und die überhängenden Felſen und Klippen, auf eine beträchtliche Entfernung hinab, in der Vogelperſpektive geſehen. Dieſe Ausſicht lehrte ſie, daß es vergeblich wäre, ſeinem Laufe weiter, zu Waſſer oder zu Land, zu folgen, und ſie gaben alle fernere Nach⸗ forſchung auf. Dieſe übereinſtimmenden Nachrichten beſtimmten Hunt, den Mad⸗River zu verlaſſen, und einen ſchiffbarern Fluß aufzuſuchen. Alle ſeine Gefährten ſtimmten dieſem Eniſchluſſe bei, Müller ausgenommen, welcher der An⸗ ſtrengung des Reiſens zu Lande müde war, und für als⸗ baldiges Einſchiffen auf alle Gefahr hin ſtimmte. Schon ſeit einiger Zeit befand ſich dieſer Herr in einem düſtern, reizbaren Gemüthszuſtande, da er mit einem körperlichen Leiden behaftet war, welches das Reiſen zu Pferd für ihn ſehr beſchwerlich machte; überdies war er unzufrie⸗ den, daß er einen kleineren Antheil an der Expedition hatte, als ſeine Gefährten. Seine unbegründeten Ein⸗ würfe gegen eine fernere Reiſe zu Land wurden über⸗ ſtimmt, und der Zug ſchickte ſich zum Aufbruche an. Robinſon, Hoback und Rirner, die drei Jäger, welche bisher als Führer in dem Gebirge gedient hatten, traten nun auf und riethen Hunt, ſich dem Poſten zuzuwen⸗ den, welchen Henry, das Mitglied der Miſſouri⸗Pelzhan⸗ delsgeſellſchaft, in dem verfloſſenen Jahre errichtet hatte. Sie waren bei Henry geweſen, und ſo weit ſie nach den — 134— Landmarken in der Umgegend ſchließen konnten, war der Poſten nicht mehr ſehr fern. Sie waren der Anſicht, es könne nur eine einzige Bergkette zwiſchen ihnen liegen und dieſe müßte ohne große Schwierigkeit zu überſchrei⸗ ten ſein. Henry's Poſten, oder Fort, ſagten ſie, läge an einem oberen Arm des Kolumbia, auf welchem ſie ohne Zweifel in Kanoes leicht thalab ſchiffen könnten. Als man die zwei Schlangen⸗Indianer über die Sache befragte, zeigten ſie eine vollkommene Bekannt⸗ ſchaft mik der Lage des Poſtens und erboten ſich mit großer Heiterkeit, ſie zu dem Orte zu geleiten. Das Anerbieten wurde zum großen Mißvergnügen Müller's angenommen, der hartnäckig darauf zu beſtehen ſchien, den Gefahren des Mad⸗River zu trotzen. Das Wetter war ſeit einigen Tagen ſtürmiſch gewe⸗ ſen; es hatte geregnet und gehagelt. Das Felſengebirg wird von wilden Weſtwinden heimgeſucht; ſie kommen zuweilen in Stößen oder Strömungen, brechen ſich durch die Wälder mehrere Ruthen breite Bahn und wirbeln Stämme und Aeſte in weite Entfernung fort. Der letzte Sturm legte ſich am dritten Oktober; die umliegenden Höhen waren mit Schnee bedeckt, denn während es in den Thälern regnete, war auf den Berghöhen Schnee gefallen. Am vierten Oktober brachen ſie das Lager ab und ſetzten über den Fluß, wo das Waſſer den Pferden bis zu den Gurten ging. Nachdem ſie vier Meilen zurück⸗ 4— 135— gelegt hatten, lagerten ſie ſich am Fuße des Gebirgs, wie ſie hofften, das letzte, das ſie zu überſchreiten hätten. Sie brauchten noch vier Tage, um über dieſes Gebirg zu kommen; der Weg führte ſie durch mehrere Ebenen, die von ſchönen kleinen, in den Mad⸗River ſich ergieſ⸗ ſenden Bächen bewäſſert waren. In der Nähe eines ihrer Lager fanden ſie eine heiße Quelle, der ſtets eine Wolke von Dampf entquoll. Dieſe Hochebenen, welche dem Gebirgsland einen eigenthümlichen Charakter geben, werden von großen Heerden von Antilopen beſucht, die flüchtig ſind, wie der Wind. 3 Am achten Oktober kamen ſie, nach einem kalten Wintertage, mit Windſtößen aus Weſten und Schneege⸗ ſtöber, zu dem erſehnten Poſten Henry's. Hier hatte er feſten Fuß gefaßt, nachdem die Feindſeligkeiten der Schwarz⸗ füße ihn gezwungen hatten, die Quellenflüſſe des Miſ⸗ ſouri zu verlaſſen. Der Poſten war jedoch leer, denn Henry hatte ihn im Laufe des letzten Frühjahrs verlaſ⸗ ſen und war, wie man ſpäter erfuhr, in dem Arikara⸗ Dorfe an dem Miſſouri, einige Zeit nach der Abreiſe Hunt's und ſeiner Gefährten mit Liſa zuſammengetroffen. Die müden Reiſenden nahmen eilig Beſitz von den verlaſſenen Blockhäuſern, welche den Poſten ausmachten, 3 und die am ufer eines gegen hundert Schritte breiten Flüßchens lagen, auf welchem ſie ſich einzuſchiffen beab⸗ ſichtigten. Da es in der Umgegend eine Menge paſſen⸗ des Holz gab, ging Hunt augenblicklich daran, Kanves — 136— bauen zu laſſen. Da er ſeine Pferde und ſein Zeug hier laſſen mußte, beſchloß er, hier einen Handelspoſten zu errichten, wohin ſich die Trapper und Jäger, die man in der Gegend vertheilen mußte, begeben könnten; und wo die Kaufleute auf ihrem Wege über das Gebirg zu und von der Niederlaſſung an der Mündung des Kolum⸗ bia einen Raſtort fänden. Er theilte den zwei Schlangen⸗Indianern ſeinen Entſchluß mit und bewog ſie, in der Gegend zu bleiben und für die Pferde zu ſorgen, bis die weißen Männer wieder kämen; er verſprach, ſie für ihre Treue reichlich zu belohnen. Es mag ein verzweifelter Entſchluß ſchei⸗ nen, ſich der Treue und Chrlichkeit von zwei ſolchen Landſtreichern anzuvertrauen; da die Pferde aber auf jeden Fall aufgegeben werden mußten und ſonſt das Eigen⸗ thum der erſten Streifhorde wurden, welche auf ſie ſtießen, bot ſich hier doch eine Möglichkeit dar, ſie wie⸗ der zu bekommen. Hier ſchickte ſich eine andere Abtheilung von Jägern an, ſich von dem Zuge zu trennen, um Biber zu trappen. Drei von dieſen waren bereits in der Gegend geweſen, denn es waren der alte Robinſon, Hoback und Rirner, welche Henry über die Gebirge begleitet hatten, und welche Hunt auf ihrem Wege nach Kentucky mitgenom⸗ men. Der Uebereinkunft zufolge wurden ſie mit Pfer⸗ den, Fallen, Munition und allem zu ihrem Unternehmen Erforderlichen verſehen und ſollten alle von ihnen geſam⸗ — 137— melten Pelzwerke entweder zu dieſem Handelspoſten oder in die Niederlaſſung an der Mündung des Kolumbia bringen. Ein anderer Jäger, Namens Caß, geſellte ſich ihnen als Reiſegefährte zu. Auf dieſe Weiſe ver⸗ theilen die Pelzhandelsgeſellſchafften kleine Haufen von Jägern und Trappern in der Wildniß, welche ſich wie Kraniche und Rohrdommeln an den einſamen Flüſſen dieſer Oeden umhertreiben. Robinſon, der Kentuckier, der Veteran aus dem „blutigen Lande“, welcher, wie bereits mitgetheilt wurde, in ſeiner Jugend von den Indianern ſkalpirt worden war, ſtand an der Spitze der kleinen Schaar. Als ſie im Begriffe waren, abzureiſen, rief Müller die Theilha⸗ ber zuſammen, entſagte ſeinem Antheil an der Geſell⸗ ſchaft und erklärte, er beabſichtige, ſich den eben abzie⸗ henden Trappern anzuſchließen. Dieſer Entſchluß mußte alle in das größte Erſtau⸗ nen ſetzen, denn Müller war ein Mann von Erziehuug und gebildeten Sitten und wenig für das rauhe Leben eines Jägers geſchaffen. Uebrigens war der unſichere und unbedeutende Gewinn, den ein ſolches Leben abwarf, weit unter dem, was ein Mann erwarten konnte, der einen Antheil an dem ganzen Unternehmen hatte. Hunt vorzüglich war durch dieſen Entſchluß beunruhigt und gequält, da Müller in Folge ſeines Rathes und ſeines Einfluſſes der Geſellſchaft beigetreten war. Er gab ſich daher alle Mühe, ihm von dieſem übereilten Entſchluß „ — 138— abzurathen, indem er ihm deſſen Raſchheit und die Mühe⸗ ſeligkeiten und Gefahren vorſtellte, denen er ſich aus⸗ ſetzen würde. Er lag ihm dringend an, obgleich er mit dem Unternehmen nicht zufrieden ſein möchte, die Reiſe in ihrer Geſellſchaft fortzuſetzen, bis ſie die Mündung des Kolumbiafluſſes erreicht hätten. Dort würden ſie zu der Expedition gelangen, welche zur See abgegangen, und wenn er ſich noch geneigt fühlte, das Unternehmen aufzugeben, machte er, Hunt, ſich verbindlich, dafür zu ſorgen, daß er in einem der Schiffe, welche der Geſell⸗ ſchaft gehörten, ſeine Rückkehr bewerkſtelligen könne. Auf all das antwortete Müller ſchroff, es ſei ver⸗ geblich, mit ihm zu verhandeln; ſein Entſchluß ſei gefaßt. Sie möchten' ihn mit dem Nöthigen verſehen oder nicht, wie es ihnen beliebe; aber er habe ſich feſt vorgenommen, der Geſellſchaft Valet zu ſagen und mit den Trappern aufzubrechen. Bei dieſen Worten verließ er die Theil⸗ haber raſch und brach jede fernere Unterhandlung ab. So ſehr dieſes wunderliche Betragen die Theilhaber quälte und beunruhigte, ſo ſahen ſie doch, daß es um⸗ ſonſt ſei, noch mehr Vorſtellungen zu machen. Man wandte alle Aufmerkſamkeit an, um ihn für ſein hals⸗ ſtarriges Unternehmen auszurüſten. Man gab ihm vier Pferde und alles, was er ſonſt verlangte. Die zwei Schlangen übernahmen es, ihn und ſeine Gefährten zu einem Lager ihres Stammes weiter unten im Gebirg zu führen, wo ſie Auskunft hinſichtlich der beſten Trappgründe 8 — 139— 3 finden konnten. Wenn die Schlangen dieſen Auftrag vollzogen, ſollten ſie nach Fort Henry, wie der neue Handelspoſten benannt worden, zurückkehren und die Beſorgung der Pferde übernehmen, welche die Geſell⸗ ſchaft hier zurücklaſſen würde. Nachdem die Jäger berit⸗ ten gemacht waren, belief ſich die Zahl der Pferde noch auf ſiebenundſiebzig. Als all dies geordnet, brach Müller am zehnten Oktober mit ſeinen Gefährten, unter der Leitung der zwei Schlangen auf, und tief betrübte es die Freunde dieſes Herrn, zu ſehen, wie er ſich ſo unbedachtſam in das wilde Leben hineinſtürzte. Wie es ihm und ſeinen Gefährten in der Wildniß erging, und wie die Schlan⸗ gen dem Vertrauen, welches man hinſichtlich der Pferde auf ſie ſetzte, entſprachen, wird im Laufe dieſer vielfach abſchweifenden Mittheilungen ſich herausſtellen. Zweiunddreißigſtes Kapitel. Schmale Koſt.— Ein bettelnder Schlangen⸗Indianer.— Ein⸗ ſchiffung auf Henry⸗River.— Freude der Voyageurs.— An⸗ kunft am Snake⸗River.— Schnellen und Brandungen.— An⸗ fang der unfälle.— Schlangen⸗Lager.— Unterredung mit einem Wilden.— Ein zweites Unglück.— Verluſt eines Boots⸗ mannes.— Caldron Linn. Wähyend man die Kanoes herrichtete, durchſtreiften die Jäger die Umgegend, aber ohne vielen Erfolg. Man ſah in allen Richtungen Spuren von Büffeln, aber ſie waren nicht aus neuerer Zeit. Die Elenn, deren man weniger ſah, waren ungemein wild und ſcheu; man konnte nur zwei ſchießen. Auch Antilopen kamen den Jägern zu Geſicht; ſie waren aber zu ſcheu und zu flüchtig, um ſich ihnen zu nähern. Jede Nacht wurden einige Biber gefan⸗ gen, eben ſo eine kleine Art Lachsforellen, ſo daß das Lager vorzüglich von gedörrtem Büffelfleiſch leben mußte. Am vierzehnten Oktober erſchien ein armer, halb nackter Schlangen⸗Indianer, aus jener unglücklichen Kaſte der Schuckers oder Gräber in dem Lager. Er kam aus irgend einem Schlupfwinkel in den Klippen und Klüften und bot ein Bild jenes hungernden Elends dar, welches — 141— nicht ſelten das Loos dieſer armen Flüchtlinge in den Gebirgen iſt. Nachdem man ihm etwas gegeben hatte, um damit ſeinen Hunger zu ſtillen, entfernte er ſich, kam aber nach einem oder zwei Tagen wieder und brachte ſeinen Sohn mit, einen unglücklichen Knaben, der noch nackter und elender ausſah, als der Vater ſelbſt. Man gab beiden zu eſſen; wie hungrige Hunde trieben ſie ſich im Lager herum und ſuchten etwas, das ſie verſchlingen könnten; als ſie die Füße und Eingeweide einiger Biber, die da herumlagen, aufgeleſen, eilten ſie damit fort zu ihrer Höhle in den Felſen. 4 Am achtzehnten Oktober waren fünfzehn Kanoes fertig und am folgenden Tag ſchiffte ſich die Geſellſchaft mit ihren Effekten ein; ihre Pferde ließen ſie graſend an den Uferbänken zurück und verließen ſich hinſichtlich ihrer Wiederhabhaftwerdung auf die Ehrlichkeit der zwei Schlangen und auf ein glückliches Ungefähr. Die Strömung trug ſie in raſchem Fluge thalab; der leichte Geiſt der kanadiſchen Voyageurs, welcher zu Land dann und wann die Flügel geſenkt hatte, hob ſich wieder zu ſeiner gewohnten Lebendigkeit, als ſie ſich ihrem natürlichen Flemente zurückgegeben ſahen. Sie handhabten die Ruder mit ihrer gewohnten Geſchicklich⸗ keit und ließen zum erſten Male dieſe Berge von ihren Lieblings⸗Schifferliedchen widerhallen. Im Laufe des Tages kam dies kleine Geſchwader an den Zuſammenfluß des Henryfluſſes und des Mad⸗ River, welche, ſo vereinigt, ein ſchönes Waſſer von heller, erbſengrüner Farbe bildeten, welches für Boote jeder Größe ſchiffbar war und das, von dem Vereigungs⸗ punkte an, den Namen Snake⸗River(Schlangenfluß) annahm,— ein Waſſer, das für unſere Reiſende der Schauplatz vieler Unfälle werden ſollte. Die Ufer waren da und dort mit Weidenbüſchen und kleinen Baumwollenbäumen“) geſäumt. Das Wet⸗ ter war kalt und es ſchneite den ganzen Tag und große Flüge von Enten und Gänſen, die in dem Waſſer Nah⸗ rung ſuchten oder durch die Luft ſegelten, deuteten an, daß der Winter zur Hand war. Dennoch waren die Herzen der Reiſenden leicht, und wie ſie den kleinen Fluß hinab gleiteten, ſchmeichelten ſie ſich mit der Hoffnung, den Kolumbia bald zu erreichen. Nachdem ſie dreiſig Meilen in ſüdlicher Richtung zurückgelegt hatten, lagerten ſie ſich für die Nacht in einer Gegend, welche einige Wachſamkeit in Anſpruch nahm, da man in dem Dickicht friſche Spuren von grauen Bären fand. Am nächſten Tage nahm der Fluß an Breite und Schönheit zu; er floß in gleicher Linie mit einer Kette von Bergen zur Linken, welche zuweilen in ſeinen hell⸗ grünen Waſſern ſich ſchön zurückſpiegelten. In der Ferne ſah man noch die drei ſchneebekleideten Kuppen der Pilot⸗ Knobs oder Tetons ſich erheben. Nachdem man zwanzig **) Eine Pappelart. Ueberſetzer. — 143— Meilen auf dem raſchen, aber ruhigen Waſſer hinabge⸗ fahren, begann die Strömung zu ſchäumen und zu brau⸗ ſen und den wilden ungeſtümen Charakter anzunehmen, welcher den Flüſſen weſtlich von dem Felſengebirg eigen⸗ thümlich iſt. In der That ſind die Flüſſe, welche von dieſem Gebirge dem ſtillen Meere zuſtrömen, weſentlich von denen verſchieden, welche die großen Prairien auf ſeiner öſtlichen Abdachung durchſchneiden. Die letzteren ſind, obgleich zuweilen ungeſtümm, gewöhnlich ohne Hemm⸗ niſſe und leicht zu beſchiffen; die Flüſſe im Weſten des Gebirgs aber fallen ſteiler und heftiger thalab und ſind reich an Waſſerfällen und Stromſchnellen. Der letzteren gab es in dem Theile des Fluſſes, welchen unſere Rei⸗ ſenden jetzt erreicht hatten, eine Menge. Zwei Kanoes überſchlugen in der Brandung; die Bootsleute wurden gerettet, aber ein großer Theil der Fracht ging verloren oder wurde beſchädigt, und eines der Kanoes trieb den Fluß hinab und zerſchellte an den Felſen. Am folgenden Tag, den einundzwanzigſten Oktober, waren ſie noch nicht weit gekommen, als ſie eine gefähr⸗ liche Enge erreichten, wo der Fluß auf faſt eine halbe Meile zwiſchen ſenkrechten Felſen eingeengt war, die ihm nur einen Raum von zwanzig Schritten in der Breite ließen und ſeine Gewalt vermehrten. Hier waren ſie genöthigt, die Kanoes von dem ſteilen ufer ſorgfältig an einem Tau hinab zu laſſen. Dies nahm einen großen Thei des Tages hin; und als ſie ſich wieder eingeſchifft hatten, — 144— würden ſie abermals von Schnellen aufgehalten, wo ſie ihre Kanoes ausladen und ſie und ihre Befrachtung eine Strecke zu Land tragen mußten. An ſolchen Stellen, welche Tragſtellen(portages) genannt werden, zeigen die kanadiſchen Reiſenden ihre ganze Tüchtigkeit und Brauchbarkeit; ſie tragen ſchwere Laſten, ſie arbeiten ſich hin und her auf dem Waſſer und auf dem Land, über Felſen und Abgründe, durch Buſch und Dorn, nicht nur ohne das geringſte Murren, ſondern mit der größten Heiterkeit und Munterkeit, ſcher⸗ zend und lachend und Strophen aus ihren franzöſiſchen Liedchen trällernd. Die Munterkeit der Geſellſchaft, welche Anfangs, als die Waſſerreiſe mit der Landreiſe wechſelte, ſich ſo lebhaft geäußert hatte, erlitt jetzt einen bedeutenden Stoß. Alles vor ihnen war in Ungewißheit gehüllt. Sie wußten nichts von dem Fluſſe, auf welchem ſie entlang fuhren. Er war nie vorher von weißen Männern beſchifft worden und ſie fanden nirgends Indianer, welche ihnen Kunde über ihn geben konnten. Er floß fortwährend durch eine weite Wildniß ſtiller, und wie es ſchien, unbe⸗ wohnter Berge, ohne eines Wilden Wigwam an ſeinen ufern, oder ein Kanoe auf ſeinen Waſſern. Die Schwie⸗ rigkeiten und Gefahren, welche ſie bereits erfahren, lie⸗ ßen ſie andere fürchten, welche vielleicht ihr Fortſchreiten hemmten. Wie ſie jedoch dahin gleiteten, erwachten Muth und — 145— Hoffnung wieder in ihnen. Die Strömung blieb fort⸗ während ſtark, ſie war aber ſtetig, und obgleich ſie auf viele Schnellen ſtießen, ſo war keine von ihnen ſchlimm. Stets ſahen ſie Berge in verſchiedenen Richtungen, aber der raſche Fluß glitt zuweilen durch Prairien und war mit kleinen Baumwollenbäumen und Weiden begränzt. Dieſe Prairien werden in gewiſſen Jahreszeiten von wandernden Heerden weitherziehender Büffel beſucht, deren Spuren, obgleich nicht friſch, häufig zu ſehen waren. Auch fanden ſie hier die Stachelbirne oder indianiſche Feige, eine Pflanze, welche ein ſüdlicheres Klima liebt. Auf dem Lande waren große Flüge Aelſtern und ameri⸗ kaniſcher Rothkehlchen; ganze Schaaren Enten und Gänſe ſchwammen in dem Fluſſe oder ſchwangen ſich bei der Annäherung der Kanoes in langen Reihen durch die Luft; während die häufigen Baue der arbeitſamen und ruheliebenden Biber zeigten, daß die Einſamkeit dieſes Gewäſſers ſelten, ſelbſt von den allhinziehenden Wilden nicht geſtört wurde. Sie hatten nun, von Fort Henry an, faſt zweihun⸗ dertachtzig Meilen hinter ſich, und noch hatten ſie kein menſchliches Weſen, keine menſchliche Wohnung geſehen; eine wilde, öde Wüſte breitete ſich zu beiden Seiten des Fluſſes aus, und keine Spur animaliſchen Lebens war zu entdecken. Am vierundzwanzigſten Oktober wurden ſie endlich durch den Anblick einiger Wilden⸗Zelte erfreut und eil⸗ 60.— 62. 10 — 146— ten an das Land zu kommen und ſie zu beſuchen, denn ſie ſehnten ſich nach Kunde, die ſie auf ihrem Wege lei⸗ ten könnte. Die Wilden flüchteten jedoch bei ihrer Annä⸗ herung in Schrecken und Beſtürzung. Es ergab ſich, daß es eine Horde wandernder Schoſchonies war. In ihren Zelten fanden ſie eine große Menge kleiner Fiſche, unge⸗ fähr zwei Zoll lang, ſo wie Wurzeln und Samen oder Körner, die ſie dörrten und als Wintervorräthe bewahr⸗ ten. Kein Geräthe irgend einer Art war bei ihnen zu finden, doch hatten ſie ſchön gearbeitete Bogen und Pfeile; jene waren von Fichten⸗ oder Cedernholz, die letzteren von dem Holz der Roſenbüſche und anderer gebogener Pflanzen, die aber ſorgfältig grade gemacht und an der Spitze mit einem Stein von bouteillengrüner Farbe ver⸗ ſehen worden. Unſere Reiſenden fanden auch Fahrzeuge von Wei⸗ den und Gras hier, die ſo dicht verwoben waren, daß kein Waſſer durch konnte, und ein langes Garn, das, wie die gewöhnlichen Netze, aus den Faſern des wilden Flachſes oder von Neſſeln zierlich geſtrickt war. Die be⸗ ſcheidenen Habſeligkeiten der armen Wilden wurden von ihren Beſuchern unberührt gelaſſen, und einige kleine Ar⸗ tikel nebſt einem oder zwei Meſſern, die man im Lager hinlegte, wurden ohne Zweifel als Gegenſtände von unſchätzbarem Werthe angeſehen. Kurz nachdem unſere Reiſenden dieſes leere Lager verlaſſen und ſich wieder in die Kanoes eingeſchifft hatten — 147— trafen ſie mit drei Schlangen⸗Indianern zuſammen, die auf einem dreieckigen Floße fuhren, das aus Schwertel oder Schilfrohr zuſammengeſetzt war; der Art war ihre rohe Weiſe, den Fluß zu beſchiffen. Kleine Mäntel von Haſenfellen über ihren Schultern ausgenommen, waren ſie ganz nackt. Die Kanoes kamen ihnen nahe genug, um ſie genau zu ſehen; man konnte ſie aber nicht zu einer Unterhaltung vermögen. Alles weitere Vorrücken wurde für dieſen Tag durch einen gegen dreißig Fuß hohen ſenkrechten Fall des Fluſ⸗ ſes unmöglich gemacht; die Geſellſchaft lagerte ſich für die Nacht über demſelben. Der nächſte Tag war ein Tag mühſeliger Arbeit, ohne daß man viel weiter gekommen wäre; der Fluß wand ſich durch eine wilde felſige Gegend, und häufige Schnellen hielten ſie auf; auch waren die Kanoes auf ihnen einige Male in großer Gefahr. Am kommenden Tag beſuchten ſie wieder ein Lager wandernder Schlangen; aber die Bewohner derſelben flohen vor Schrecken bei dem Anblick einer Flotte von Kanoes, welche, mit weißen Männern beſetzt, ihren einſamen Fluß herab kamen. Da Hunt ſehnlichſt wünſchte, Nachrichten über ſeinen fernern Weg einzuziehen, bemühte er ſich durch alle Ar⸗ ten freundlicher Zeichen die Flüchtlinge zurück zu locken. Endllich wagte es einer, der zu Pferd war, unter Zittern und Zagen zurück zu kehren. Er war beſeer gekleidet 10* — 148— und in einem beſſern Zuſtand als die meiſten aus dieſem wandernden Stamme, die Hunt bisher geſehen hatte. Der Hauptzweck ſeiner Rückkehr ſchien zu ſeyn, wegen eines Vorraths von gedörrtem Fleiſch und Lachsforellen, die er zurückgelaſſen hatte, Fürſprache einzulegen; wahr⸗ ſcheinlich beſtand darin ſein ganzer Winterunterhalt. Der arme Wilde kam zögernd heran— die Furcht vor Hun⸗ gersnoth und vor den weißen Männern wirkten abwech⸗ ſelnd auf ſeinen Geiſt. Er gab durch die demüthigſten Gebehrden die Bitte zu verſtehen, man möchte ſeinen Vorrath nicht wegnehmen. Hunt bemühte ſich auf alle Weiſe, ihm Muth einzuflößen, und bot ihm Meſſer gegen ſeine Vorräthe an; ſo groß die Verſuchung auch war, konnte man den armen Indianer nur dahin bringen, einen Theil davon abzugeben; den übrigen bewachte er mit fieberhafter Angſt, damit er ihm nicht genommen würde. Vergeblich fragte. ihn Hunt über ſeine Weiter⸗ reiſe und den Lauf des Fluſſes. Der Indianer war zu angſtvoll und betäubt, um ihn zu verſtehen, oder zu antworten. Er that nichts, als daß er ſich abwechſelnd dem Schutze des großen Geiſtes empfahl und Hunt fle⸗ hentlich bat, ſeine Fiſche und ſein Büfeelfleiſch nicht zu nehmen, und in dieſem Zuſtande verließen ſie den Wil⸗ den, der um ſeine Schätze zitterte und bangte. Im Laufe dieſes und des folgenden Tages legten ſie gegen achtzig Meilen zurück; der Fluß wendete ſich nach Südweſten, wurde klar und ſchön und dehnte ſich — 149— faſt eine halbe Meile in der Breite aus; die Ufer ent⸗ lang ſah man zahlreiche Biberwohnungen. Der achtundzwanzigſte Oktober ſollte aber ein Tag des Unglücks werden. Der Fluß wurde wieder rauh und ungeſtüm, und eine Menge Schnellen hemmten ſeinen Lauf; dieſe wurden immer gefährlicher, und es bedurfte der größten Geſchicklichkeit, um über dieſelben hinzuſteuern. Crooks ſaß in dem zweiten Kanoe des Geſchwaders und hatte einen alten erfahrnen Kanadier, Namens An⸗ toine Clappine, einen der beſten ihrer Voyageurs, zum Steuermann. Das erſte Kanoe war wohlbehalten in die tobenden und brüllenden Wogen eingegangen; als ihm Crooks folgte, bemerkte er, daß ſein Kanoe gegen einen Fels trieb. Er rief dem Steuermann zu; aber ſeine warnende Stimme wurde entweder nicht gehört oder nicht beachtet. Im nächſten Augenblick ſtießen ſie auf den Fels. Das Kanoe zerſchellte und ſchlug um. Crooks und einer ſeiner Gefährten wurden inmitten der brül⸗ lenden Brandung und einesw irbelnden Strudels gewor⸗ fen; es gelang ihnen jedoch, ſich durch Schwimmen an das Ufer zu retten. Clappine und zwei andere hielten ſich an der zerſchellten Barke feſt und trieben mit ihr an einen Fels. Das Wrack traf den Fels mit einem Ende, ſchwang ſich rundum und warf Clappine in die wüthende Strömung, welche ihn fortriß. Er ertrank. Seinen Kameraden gelang es, ſich auf den Felſen zu retten, wo man ſie nachher holte. Dies unglückliche Ereigniß brachte das ganze Ge⸗ ſchwader zu einem Halt. Sie waren wirklich zu einer furchtbaren Enge gekommen, welche jedes weitere Vor⸗ rücken in den Kanoes unmöglich machte und die erfah⸗ renſten Voyageurs in Schrecken ſetzte. Die ganze Maſſe des Fluſſes war in einen weniger als dreißig Fuß brei⸗ ten Raum zuſammengedrängt und ſchoß über zwei Fel⸗ ſenlager, die über zweihundert Fuß hoch waren, dahin— ein wirbelnder, ſo ſchrecklich bewegter Strudel, daß man ihm den Namen„Caldron Linn“ gab. Jenſeits dieſes furchtbaren Strudels dauerte das Schäumen und Brüllen des Fluſſes fort, bis er ſich unter hohen Felſenklippen dem Auge entzog. Dreiunddreißigſtes Kapitel. Traurige Berathung.— Streifpartien.— Entmuthigende Nachrichten.— Unglücklicher Verſuch.— Streifzüge⸗ um Hülfe zu ſuchen.— Wie Verſtecke gemacht werden.— Rückkehr eines Streifzuges.— Kein Erfolg.— Ferneres Mißlingen.— Des Teufels Trichterloch. Hunt und ſeine Gefährten lagerten ſich an den Ufern des Caldron⸗Linn und hielten eine traurige Berathung wegen ihrer weitern Reiſe. Das Scheitern des Kanves hatte ſelbſt die Voyageurs mit Schrecken, und der Ver⸗ luſt ihres allgemein beliebten Kameraden, Clappine, eines der geſchickteſten und erfahrenſten aus ihrer Zunft, ihre Herzen mit tiefem Kummer erfüllt; denn bei all ihrem Leichtſinn haben dieſe gedankenloſen Geſchöpfe die größte Anhänglichkeit untereinander. Die ganze Strecke, welche ſie nun, ſeit ſie Fort Henry verlaſſen, beſchifft hatten, betrug, wie man annahm, gegen dreihundert vierzig Meilen; ſie fürchteten jetzt ſehr, die furchtbaren Hinderniſſe vor ihnen möchten ſie zwin⸗ gen, ihre Kanoes aufzugeben. Es wurde beſchloſſen, Streifzüge auf beide Seiten des Fluſſes zu ſchicken, um Gewißheit zu erhalten, ob er ferner zu beſchiffen ſei oder nicht. Demzufolge wur⸗ den am kommenden Morgen drei Mann das ſüdliche Ufer entlang geſendet, während Hunt und drei Andere auf der nördlichen Seite hingingen. Nach einem müh⸗ ſamen Marſch durch Sümpfe, über Felſen und Klüfte kehrten beide Abtheilungen zurück und zwar mit ſehr entmuthigenden Nachrichten. Faſt vierzig Meilen, welche ſie den Fluß hinab gegan⸗ gen waren, ſchäumte und brüllte dieſes Waſſer durch ein tiefes, ſchmales, zwanzig bis dreißig Schritte breites Bett, welches es ſich im Laufe von Jahrhunderten durch das Herz einer öden felſigen Gegend gewühlt hatte. Die Abhänge auf beiden Seiten des Ufers waren oft zwei bis dreihundert Fuß hoch, zuweilen ſenkrecht, zuwei⸗ len über das Waſſer heraus hängend, ſo daß es, mit Ausnahme von zwei bis drei Stellen, unmöglich war, an den Rand des Waſſers zu kommen. 5 Dieſe ſchreckliche Enge wurde dadurch noch gefähr⸗ licher, daß häufige Stromſchnellen und dann und wann ſenkrechte Fälle von zehn bis vierzehn Fuß Höhe vor⸗ kamen, ſo daß jeder Verſuch, mit den Kanoes hinab zu kommen, faſt hoffnungslos war. Die Abtheilung jedoch, welche die füdliche Seite des Fluſſes unterſucht hatte, war zu einem Platz gekommen, der ungefähr ſechs Meilen von dem Lager entfernt war, und wo ſie es für möglich hielten, die Kanoes am Ufer hinab und in das Waſſer zu laſſen; von hier aus hofften — 153— ſie mittels gelegentlicher Tragſtellen ihren Weg fortſetzen zu können. Vier der beſten Kanoes wurden alſo zu dem Ver⸗ ſuche gewählt und auf den Schultern von ſechszehn Männern an die Stelle getragen. Zu gleicher Zeit wur⸗ den Reed, der Kommis, und drei Mann ausgeſandt, den Fluß noch weiter hinab, als die vorigen zwei Streifzüge gekommen waren, zu unterſuchen, und ſich zu gleicher Zeit nach Indianern umzuſehen, von welchen Mundvor⸗ räthe und zugleich die nöthigen Pferde zu bekommen wären, wenn es nothwendig befunden werden ſollte, zu Land weiter zu reiſen. 4 Die Leute, welche mit den Kanoes abgeſchickt wor⸗ den waren, kehrten am nächſten Tag müde und nieder⸗ geſchlagen zurück. Eines der Kanoes war mit allen Waffen und Habſeligkeiten von vier Voyageurs von den Wellen weggeriſſen worden, als ſie verſuchten, es mittels eines Taues eine Stromſchnelle hinab zu laſſen. Die andern drei waren auf den Felſen feſt aufgefahren, und hatten es unmöglich gefunden, ſie von der Stelle zu bringen. Die Männer kehrten daher in Verzweiflung zurück und erklärten, der Fluß ſei nicht ſchiffbar. Die Lage der unglücklichen Reiſenden war in der That höchſt traurig. Sie waren in dem Herzen einer unbekannten Wildniß, die bis jetzt noch kein weißer Mann betreten hatte. Sie wußten nicht, welchen Weg ſie neh⸗ men ſollten und wie weit ſie von dem Orte ihrer endlichen — 454— Beſtimmung entfernt ſeien; noch konnten ſie in dieſen unbewohnten Gebirgsthälern ein menſchliches Weſen auf⸗ finden, das ihnen irgend eine Auskunft gab. Die Unfälle, welche ihre Kanoes wiederholt trafen, hatten ihren Mund⸗ vorrath ſo weit herabgebracht, daß ſie nur noch für fünf Tage zu leben hatten, und es war jede Wahrſcheinlich⸗ keit, daß ſich die Hungersnoth den übrigen Leiden noch zugeſellen werde. Dieſer letzte Umſtand machte es gefährlicher, beiſam⸗ men zu bleiben als ſich zu trennen. Nach einer kurzen, lebhaften aber ſehr traurigen Berathung wurde daher beſchloſſen, daß mehrere kleine Abtheilungen in verſchie⸗ denen Richtungen aufbrechen ſollten; die Theilhaber woll⸗ ten ſich an die Spitze derſelben ſtellen. Sollte es einer von ihnen gelingen, in einer nicht zu großen Entfernung auf freundliche Indianer zu ſtoßen und einen Vorrath von Lebensmitteln und Pferden zu erhalten, ſo ſollten ſie zu dem Hauptzuge zurückkehren; wenn nicht, ſo ſoll⸗ ten ſie ſich durchſchlagen und ihren Weg den Umſtänden gemäß nehmen, die Mündung des Kolumbia aber ſtets als das endliche Ziel ihrer Reiſe im Auge behalten. Dieſem Entſchluß zufolge brachen drei verſchiedene Partien von dem Lager am Caldron⸗Linn in entgegen⸗ geſetzten Richtungen auf. MoLellan hielt ſich mit drei Mann längs der ufer des Fluſſes thalab. Crooks wen⸗ dete ſich mit fünf andern bergan; ſie ſollten zu Land den beſchwerlichen Weg zurückgehen, welchen ſie zu Waſſer gekommen waren, und, wenn ſie nicht näher eine Unter⸗ ſtützung fänden, die Reiſe fortſetzen, bis ſie Henry's⸗Fort erreichten, wo ſie hoffentlich die Pferde wieder träfen, welche ſie dort gelaſſen hatten, und mit ihnen zu dem Hauptzug zurückkehren. Die dritte Abtheilung beſtand aus fünf Mann und wurde von M'Kenzie angeführt; dieſe richtete ihren Weg nach Norden, über die öden Tafellande, in der Hoffnung, auf den Hauptarm des Kolumbia zu ſtoßen. Nachdem Hunt dieſe drei abenteuernden Abtheilun⸗ gen ihre irren Wanderungen hatte antreten ſehen, wen⸗ dete er ſeine Gedanken den Mitteln zu, für den Unter⸗ halt der Leute zu ſorgen, die ſeiner Obſorge anvertraut worden waren, und zu ihrem künftigen Marſche Vorbereitun⸗ gen zu treffen. Außer der Squaw und den zwei Kindern des Pierre Dorion hatte er noch ein und dreißig Mann bei ſich. In der Nachbarſchaft fehlte es gänzlich an Wild; aber man fing dann und wann an den obern Ufern Biber, welche knapp zum Unterhalt dienten; mittlerweile tröſte⸗ ten ſie ſich, eine oder die andere der ausgeſandten Abthei⸗ lungen würde glücklich ſein und mit Hülfe zurückkehren. Hunt ging nun mit allem Fleiße daran, Verſtecke (caches) zu bereiten, um darin das Gepäck und die Waaren niederzulegen, deren Laſt ſie ſich, ehe ſie ihren mühſamen Weg zu Land antraten, entledigen mußten. Wir werden hier eine kurze Mittheilung über dieſes in der Wildniß ſo bekannte Auskunftsmittel folgen laſſen. — 156— „Cache“(Verſteck) iſt ein unter den Kaufleuten und Jägern gewöhnlicher Ausdruck, um einen Ort zu bezeich⸗ nen, wo Vorräthe und Effekten verborgen werden. Das Wort iſt, wie man ſieht, franzöſiſchen Urſprungs und ſtammt von den erſten Koloniſten Kanadas und Louiſtana's her; die geheime Niederlage aber, welche es bezeichnet, war ſchon lange vor dem Eindringen der weißen Män⸗ ner unter den Eingebornen im Gebrauch. Es iſt dies in der That die einzige Art, welche wandernden Hor⸗ den bleibt, ihr Hab und Gut vor Beraubung zu ſchützen, wenn ſie ihre Dörfer oder Lieblingsgründe auf lange Zeit verlaſſen, um ihren, Jagdzügen zu folgen, oder werden. Die größte Geſchicklichkeit und Vorſicht wird erfordert, um dieſe Plätze für das Luchſenaug eines Indianers unſichtbar zu machen. Zuerſt ſucht man einen paſſenden Platz aus, zu dem man gewöhnlich ein trocknes, niedriges Lehmlager an dem Rande eines fließenden Waſſers wählt. Sobald man über den geeigneten Paatz einig iſt, werden Blankets, Pferdedecken und andere Tücher über das Gras und Geſtrüpp umher gebreitet, damit keine Fußſtapfen oder irgend eine andere Spur ſichtbar bleibt. Bei der Arbeit werden ſo wenig Leute als möglich gebraucht. Ein Kreis, der gegen zwei Fuß im Durchmeſſer hat, wird nun ziemlich in den Raſen ausgeſchnitten und die⸗ ſer mit dem loſen Geröll unmittelbar darunter ſorgfäl⸗ von dem Wechſel ihrer Kämpfe hin und her geworfen — 157— tig entfernt und an einen Platz gebracht, wo man ſi cher iſt, daß ſein äußeres Ausſehen unverändert bleibt. Die ſo entkleidete Fläche wird nun ſenkrecht bis zur Tiefe von ungefähr drei Fuß ausgegraben und dann allmählig erweitert, ſo daß ſie eine kegelförmige Kammer von ſechs bis ſieben Fuß Tiefe bildet. Alle Erde, welche durch dieſes Verfahren ausgegraben wird, muß, da ſie von ganz anderer Farbe iſt, als die Fläche um den obern Ein⸗ ſchnitt, in einem Behälter heraus gebracht und auf Häute oder Tücher angehäuft werden, in welchen man ſie in den Fluß trägt und in die Mitte der Strömung wirft, damit ſie gänzlich weggeſpült werde. Wenn das„Cache“ nicht in der Nähe eines fließen⸗ den Waſſers gemacht werden kann, wird die ausgegra⸗ bene Erde eine Strecke weit weggebracht und auf eine Weiſe zerſtreut, daß nicht die geringſte Spur zurück bleibt. Wenn die Höhlung fertig iſt, wird ſie mit trockenem Gras, Rinde, Stöcken und Pfählen, dann und wann auch mit getrockneten Häuten ausgelegt. Dann legt man die zu verwahrenden Gegenſtände, welche vorher der Luft gehörig ausgeſetzt geweſen, hinein, breitet eine Haut darüber, wirft getrocknetes Gras, Röhricht und Steine darauf, tritt alles feſt, bis die Grube bis oben voll iſt. Das loſe Geröll, das bei Seite gelegt worden, wird nun aufgeworfen und feſt aufgerammt, damit keine Senkung entſteht; auch wird es häufig mit Waſſer begoſſen, um den Geruch zu entfernen, der Wölfe und Bären herbei⸗ ziehen und das Aufgraben der verborgenen Schätze ver⸗ anlaſſen könnte. Wenn die Oeffnung ſo gemacht und mit dem Boden umher faſt eben iſt, wird der Raſen wieder mit der größten Genauigkeit hinein gepaßt, und alles Buſch⸗ werk, Geſtein u. ſ. w., das urſprünglich in der Nähe war, muß wieder ſorgfältig an ſeinen Platz kommen. Dann werden die Blankets und andere Decken von dem Raſen umher weggebracht; alle Spuren werden vernich⸗ et; das Gras wird mit den Händen wieder in ſeine natürliche Lage gebracht, und das kleinſte Spänchen oder Strohhalm wird ſorgſam weggeräumt und in den Fluß geworfen. Nachdem das alles geſchehen, verläßt man den Platz für die Nacht, und wenn am nächſten Morgen alles in Ordnung iſt, wird er fortan nicht mehr beſucht, bis man in der Lage iſt, das„Cache“ wieder zu öffnen. Vier Mann reichen hin, auf dieſe Weiſe im Laufe von zwei Tagen Mundvorräthe oder Waaren von drei Tonnen Laſt zu bergen. Neun Verſtecke dieſer Art waren nöthig um die Waaren und das Gepäck, welche Hunt ſich gezwun⸗ gen ſah, hier zurückzulaſſen, aufzunehmen. Seit dem Abzug der verſchiedenen Abtheilungen waren drei Tage mit dieſen Arbeiten hingebracht worden, als Crooks mit ſeinen Leuten unerwartet zurückkehrte. Eine augenblickliche Freude verbreitete ſich in dem Lager; denn man hoffte, Hülfe ſei nun zur Hand. Bald war — 159— man enttäuſcht. Crooks und ſeine Gefährten waren durch dieſen rückgängigen Marſch durch eine öde und nackte Gegend ganz muthlos geworden; nach ihrem lang⸗ ſamen Vorſchreiten und den ſich häufenden Hinderniſſen, die jeden Schritt hemmten, hatten ſie es für unmöglich gehalten, Henry's⸗Fort zu erreichen und im Laufe des Winters wieder zu dem großen Zuge zurück zu kehren. Sie hatten ſich daher entſchloſſen, wieder zu ihren Kame⸗ raden zu ſtoßen und ihr Schickſal zu theilen. So ſchloß ſich für die bekümmerten Anwohner des Caldron⸗Linn Ein Weg der Hoffnung, und ihre ganze Erwartung auf Hülfe war nun den zwei Abtheilungen unter Reed und MeLellan zugewendet, die den Fluß hinab⸗ gegangen waren; denn die von MKenzie angehend, welche ſich die Hochebenen entlang gewendet hatte, ſo ſchien es ihnen, als wenn dieſe Schwierigkeiten genug haben würde, um ſich durch eine pfadloſe Wildniß fort⸗ zuarbeiten. Fünf Tage nährten ſie ſich noch durch Trap⸗ pen und Fiſchfang. Fiſche von beträchtlicher Größe wurden des Nachts bei dem Licht von Cedernfackeln geſpießt; andere, die ſehr klein waren, wurden in Netzen mit ſehr feinen Maſchen gefangen. Im Ganzen war das Ergeb⸗ niß des Fiſchfangs ſehr dürftig. Auch das Trappen war unſicher, und die Schwänze und Bäuche der Biber wur⸗ den gedörrt und für die Reiſe aufgehoben. Endlich kehrten zwei Gefährten Reed's zurück und wurden mit dem beſorglichſten Eifer bewillkommt. Ihre — 160— Nachrichten dienten nur, die allgemeine Niedergeſchla⸗ genheit noch zu vermehren. Sie waren Reed bis zu einer Strecke unter dem Punkte gefolgt, den Hunt bereits erforſcht hatte; es war ihnen aber nicht gelungen, auf Indianer zu ſtoßen, von denen ſie Auskunft und Hülfe hätten erhalten können. Der Fluß bot fortwährend den⸗ ſelben wüthenden Anblick dar und ſchäumte und kochte ein enges klüftiges Bett zwiſchen Felſen entlang, die wie Wände emporſtiegen. Die ſchwache Hoffnung, welche einige aus der Geſell⸗ ſchaft noch gehegt hatten, die Reiſe zu Waſſer fortzuſez⸗ zen, wurde jetzt endlich aufgegeben; die lange, ſchreckliche Enge des Fluſſes trotzte jedem ferneren Vorrücken, und in ihrem Widexwillen gegen den Ort und ihrem Verdruſſe über die daſelbſt erlebten Unfälle gaben ſie ihm den ungehaltenen, obgleich nicht ſehr zierlichen Namen„des Teufels Trichterloch.“ — 161— Vierunddreißigſtes Kapitel. Entſchluß der Geſellſchaft, zu Land weiter zu reiſen.— Oede Wüſte zwiſchen dem Snake⸗River und dem Kolumbia.— Ver⸗ theilung von Effekten vor dem Abzuge.— Eintheilung der Ge⸗ ſellſchaft.— Rauher Marſch am Fluſſe.—Wilde, klüftige Sce⸗ nerie.— Schoſchonies.— Ein Snake⸗Lager in Alarm.—Verkehr mit den Snakes.— Pferdehandel.— Werth eines Blechkeſſels. — Heftiger Durſt.— Ein Pferd zurückgefordert.— Muth eines indianiſchen Weibes.— Mangel an Nahrung.— Hundefleiſch, ein Leckerbiſſen.— Nachrichten von Crooks und ſeinen Gefähr⸗ ten.— Mühſeliges Reiſen im Gebirg.— Schneeſtürme. Oede Gebirgsanſicht.— Lager in einer Winternacht.— Rück⸗ kehr zu dem Ufer des Fluſſes. Hunt und ſeine Gefährten beſchloſſen nun, die Reiſe ſogleich zu Fuß anzutreten. Hinſichtlich der Rückkehr der übrigen Abtheilungen, welche gewiſſermaßen auf gutes Glück ausgezogen waren, hegte man wenig Hoffnung; man nahm an, ſie würden ſich durch die Wildniß ihren eigenen Weg ſuchen. In jedem Falle würde, ein ferne⸗ res Verweilen in der unſichern Hoffnung, durch ſie Hülfe zu erhalten, ſie der Gefahr blosgeſtellt haben, Hungers zue ſterben. Ueberdies rückte der Winter raſch heran, und ſie hatten eine lange Reiſe durch ein unbekanntes 60.— 62. 11 ten, welche ſie mit Mundvorrath verſahen. Land, wo Gefahren aller Art ihrer warten konnten, vor ſich. In der That waren ſie noch tauſend Meilen von Aſtoria; aber die Entfernung war ihnen damals noch unbekannt; alles vor ihnen und um ſie war in Ungewiß⸗ heit und Dunkel gehüllt und bot einen Anblick, der berech⸗ net war, Muthloſigkeit einzuflößen. Wenn ſie ſich von dem Fluſſe wandten, trafen ſie auf ausgedehnte, pfadloſe Ebenen, wo alle Mittel, ſich Unterhalt zu verſchaffen, fehlten, und wo ſie vor Hun⸗ ger und Durſt ſterben konnten. Eine öde Sand⸗ und Kies⸗Wüſte breitet ſich vom Snake⸗River bis faſt an den Kolumbia aus. Da und dort findet man dünnes ſpärli⸗ ches Gras, das nicht für die Weide des Pferdes und Büffels hinrejcht. Wirklich ſind die baumloſen Oeden zwiſchen dem Felſengebirg und dem ſtillen Meere noch wilder und nackter, als die wüſten obern Prairien auf der atlantiſchen Seite; man ſieht nur öde Landſtriche, welche jederzeit dem Anbau Trotz bieten werden, und durch wuͤſte, waſſerloſe Wildniſſe die Wohnungen der Menſchen ſcheiden; die Wanderer, die ſie durchziehen, müſſen oft fürchten, vor Hunger umzukommen. Als Hunt und ſeine Begleiter den troſtloſen Zuſtand dieſer Wüſten ſahen, beſchloſſen ſie, ſich dem Fluß ent⸗ lang zu halten, wo ſie ſtets Waſſer zur Hand hatten und im Stande waren, ſich dann und wann Biber und Fiſche zu verſchaffen, vielleicht auch auf Indianer ſtoßen konn⸗ — 163— Sie machten nun die Endvorbereitungen zu dem Marſche. Der ganze Vorrath von Lebensmitteln, der ihnen noch blieb, beſtand aus vierzig Pfund indianiſchem Mais, zwanzig Pfund Fett, gegen fünf Pfund Bouillon⸗ tafeln und einer hinreichenden Quantität getrockneten Flei⸗ ſches, von welchem fünf und ein Viertheil Pfund auf eines Jeden Antheil kam, und das für die äußerſte Noth aufgehoben werden ſollte. Nachdem dies gehörig ver⸗ theilt war, legten ſie alle ihre Waaren und überflüſſigen Gegenſtände in den„Caches“ nieder und behielten nichts bei ſich, als was für die Reiſe unentbehrlich war. Bei all dem hatte Jeder, außer ſeiner eigenen Habe und der Kleidung, zwanzig Pfund zu tragen. uUm cher hoffen zu können, ſich in dem wilden Ge⸗ birgslande, das ſie durchſchneiden mußten, zu nähren, theilte ſich die Geſellſchaft in zwei Haufen; Hunt ſollte mit achtzehn Mann, nebſt Pierre Dorion und ſeiner Familie, auf der Nordſeite des Fluſſes hinabgehen, während Crooks mit achtzehn Mann ſich die Südſeite entlang hielt. Am Morgen des neunten Oktobers trennten ſich die zwei Züge und traten ihre verſchiedenen Wege an. Hunt und ſeine Gefährten reiſ'ten das rechte Ufer des Fluſſes entlang, der tief unter ihnen, am Fuße ſenkrech⸗. ter Abhänge feſten Geſteines, zwei bis drei hundert Fuß hoch dahinbrauſ'te. Acht und zwanzig Meilen legten ſie an dieſem Tage zurück, ohne es ein einziges Mal möglich 11* 2 — 164— zu finden, an den Rand des Waſſers hinab zu kommen. Nachdem ſie dieſe Strecke zurück gelegt hatten, lagerten ſie ſich für die Nacht an einer Stelle, wo man mit Mühe hinabklettern konnte. Mit unſäglicher Beſchwerde gelang es ihnen, einen Keſſel mit Waſſer von dem Fluſſe her⸗ aufzubringen, um das Abendeſſen zu kochen. Da es am Nachmittage ein wenig geregnet hatte, brachten ſie die Nacht unter dem Schutze der Felſen hin. Am nächſten Tag legten ſie zwei und dreißig Mei⸗ len in nordweſtlicher Richtung zurück, ſich ſtets am Fluſſe haltend, der in ſeinem tief geſpaltenen Bette dahinfloß. Dann und wann ſahen ſie wohl eine ſandige Uferſtelle oder einen kleinen Streifen Landes, mit Zwergweiden begrenzt, ſich auf eine kleine Strecke weit den Fuß der Klippen entlang hinziehen, und manchmal kam ein ſtiller Waſſerſtrich, der wie ein Silberſpiegel zwiſchen ſcäumen⸗ den Stromſchnellen lag. Wie am vorhergehenden Tag, reiſ'ten ſie fort, ohne mehr als ein einziges Mal eine Stelle zu finden, wo ſie an den Rand des Fluſſes hinab konnten, und ſie freu⸗ ten ſich, den Durſt, welchen der mühſame Weg veran⸗ laßte, mit dem Waſſer ſtillen zu können, das ſich in den Höhlungen der Felſen geſammelt hatte. Während ihres Marſches am kommenden Morgen kamen ſie auf einen betretenen Pferdepfad, welcher den Fluß entlang führte und andeutete, daß ſie in der Nähe eines indianiſchen Dorfes oder Lagers ſich — 165— befänden. Sie waren dem Pfade nicht lange gefolgt, als ſie zwei Schoſchonies oder Schlangen begegneten. Sie kamen nicht ohne einen Schein von Unbehaglichkeit näher und hielten, als ſie zu Hunt traten, ein Meſſer in die Höhe; durch Zeichen gaben ſie ihm zu verſtehen, daß ſie es von einer der Abtheilungen weißer Männer erhal⸗ ten hätten, welche früher des Weges gekommen. Nicht ohne viele Mühe brachte Hunt einen Wilden dahin, daß er ihn zu den Hütten ſeines Stammes führte. Er ſchlug einen Pfad oder eine„Fährte“ ein, welche vom Fluſſe aufwärts ging, und führte ſie eine Strecke auf der Prairie fort, bis ihnen eine Anzahl Hütten zu Geſicht kamen, die von Stroh gemacht waren und wie Heuſchober ausſahen. Ihr Herannahen veranlaßte, wie bei frühern Gelegenheiten, den wildeſten Schrecken unter den Bewohnern. Die Weiber verſteckten diejenigen Kin⸗ der, welche zu groß zum Tragen und zu klein waren, um für ſich ſelbſt zu ſorgen, unter dem Stroh, drückten die Kleinen an ihre Bruſt und flüchteten über die Prairie. Die Männer harrten zwar der Ankunft der Fremden, aber augenſcheinlich in großer Beſtürzung. Hunt trat in die Hütten und ſah, als er ſich um⸗ lickte, wo die Kinder verſteckt waren; ihre ſchwarzen Augen leuchteten wie die der Schlange aus dem Stroh heraus. Er hob die Bedeckung auf, um ſie näher anzu⸗ ſehen; die armen kleinen Geſchöpfe waren furchtbar erſchreckt, und ihre Väter ſtanden zitternd dabei, als wenn — 166— wilde Raubthiere im Begriffe ſtänden, ſich auf die Klei⸗ nen zu ſtürzen. Hunt's freundliches Benehmen verſcheuchte bald jede Beſorgniß; es gelang ihm, einigen Vorrath von vor⸗ trefflichem getrockneten Lachs und einen Hund zu kau⸗ fen, ein Thier, das von den Eingebornen als ein Lecker⸗ biſſen geſchätzt wird. Als er zu dem Fluſſe zurückkehrte, begleitete ihn Einer der Indianer. Er kam nun in eine Gegend des Fluſſes, wo Hüt⸗ ten an dem Ufer häufig waren, und nach einer Tagreiſe von ſechs und zwanzig Meilen nach Nordweſten lagerten ſich unſere Reiſenden in einem ſehr bevölkerten Dorfe. Vierzig bis fünfzig der Eingebornen beſuchten bald das Lager und betrugen ſich auf eine ſehr liebevolle Weiſe. Sie waren gut gekleidet und trugen Alle Buffelröcke, welche ſie ſich von den Jagd treibenden Stämmen gegen Lachs eintauſchten. Ihre Wohnungen waren ſehr behaglich; vor jeder Hütte war ein Haufen Wermuth, der als Brennzeug diente; in den Hütten ſelbſt fanden ſie eine Menge Lachs, theils friſch, meiſtens aber eingeſalzen. Wenn die weißen Männer aber in die Hütte traten, verbargen ſich die Frauen und Kinder aus Furcht. Unter dem Mundvor⸗ rath, den die Reiſenden hier erhielten, waren zwei Hunde, die unſere Geſellſchaft zum Frühſtück bereitete und die ſie für eine vortreffliche, wohlſchmeckende und geſunde Nahrung erklärten. — 167— Im Laufe der drei folgenden Tage legten ſie gegen drei und ſechszig Meilen in einer nordweſtlichen Rich⸗ tung zurück. Sie fanden viele Eingebornen, welche ſie in ihren aus Stroh erbauten Hütten ohne Beſtürzung empfingen. uUm ihre Wohnungen waren unermeßliche Maſſen von Lachsköpfen und Häuten zerſtreut; die beſten Theile dieſes Fiſches hatten ſie geſalzen und in der Erde geborgen. Die Frauen waren ſchlecht gekleidet, die Kin⸗ der noch ſchlechter. Ihre Kleidung beſtand aus Büffel⸗ röcken oder aus der Haut von Füchſen, Wölfen, Haaſen und Dächſen, zuweilen auch aus den aneinander geſetzten Häuten von Enten, an welchen man die Federn läßt. Die meiſten Häute mußten durch Tauſch mit andern Stämmen, oder auf fernen Jagdausflügen gewonnen werden; denn auf den nackten Prairien in der Umgegend gab es wenige Thiere, Pferde ausgenommen, deren ſich eine Menge vorfanden. Man fand wohl auch Zeichen, daß Büffel hier geweidet hatten; es mußte aber lange vorher geweſen ſein. Am fünfzehnten November legten ſie acht und zwan⸗ zig Meilen am Fluſſe entlang zurück, der ganz frei von Stromſchnellen war. Die Ufer waren mit todten Lachſen bedeckt, welche die ganze Atmosphäre verunreinigten. Die Eingebornen, mit welchen ſie zuſammen trafen, theilten ihnen mit, daß Reed's Abtheilung durch dieſe Gegend gekommen ſei. Während des Tages ſah Hunt einige Pferde, die Eigenthümer waren aber ſorgfältig — 168— bemüht, ſie in aller Eile aus dem Wege zu ſchaffen. Der ganze Mundvorrath, deſſen ſie habhaft werden konnten, beſtand aus zwei Hunden und einem Lachs. Am kommenden Tage waren ſie noch ſchlimmer daran, da ſie nichts zu eſſen bekamen, als trocknen Mais und die Reſte ihres gedörrten Fleiſches. Der Fluß hatte an dieſem Tage ſeinen ungeſtümen Charakter wieder angenommen, und brach ſich durch ein enges Bett zwi⸗ ſchen ſteilen Felſen und ungeſtüme Schnellen hinab Bahn. Sie legten auf rauhem Boden zwanzig Meilen zurück und näherten ſich allmählig einem Berge in nord⸗ weſtlicher Richtung, der mit Schnee bedeckt war, und welchen ſie ſeit drei Tagen geſehen hatten. Anm nächſten Tage ſtießen ſie auf mehrere Indianer, von denen Einer ein Pferd hatte. Hunt wünſchte ſehn⸗ lich, es zu erhalten, um ſich ſeiner als Saumthier zu bedienen; denn für die durch Hunger und Anſtrengun⸗ gen des Weges ermüdeten Leute wurde die Laſt von zwanzig Pfunden, welche ſie zu tragen hatten, täglich beſchwerlicher und läſtiger; allein die Indianer, welche den Fluß entlang wohnten, wollten ſich nie von ihren Pferden trennen, da ſie keine zu entbehren hatten. Der Beſitzer des fraglichen Thieres widerſtand jeder Art Ver⸗ ſuchung; von allen Gegenſtänden, welche in indianiſchen Augen Werth haben, wurde einer nach dem andern vor⸗ gezeigt und verworfen. Den Reizen eines blechernen — 169— Keſſels aber konnte der Wllde nicht widerſtehen, und der Tauſch wurde abgeſchloſſen. Ein großer Theil des nächſten Morgens wurde damit hingebracht, daß man das Gepäck der Leute erleichterte und die Laſt für das Pferd in Ordnung brachte. In dieſem Lager hatte es gänzlich an Brennſtoff gefehlt, da ſelbſt der Wermuth, auf den ſie ſich häufig verwieſen ſahen, verſchwunden war. Die zwei letzten Tage hatten ſte zwanzig Meilen nach Nordweſten zurückgelegt. Am neunzehnten November war Hunt ſo glücklich, ein zweites Pferd zu ſeinem eignen Gebrauch zu erhal⸗ ten; er tauſchte es gegen ein Tomahawk, ein Meſſer, einen Feuerſtahl und einige Glaskorallen und Gürtel ein. In einer ſchlimmen Stunde jedoch lauſchte er dem Rathe der Indianer, den Fluß zu verlaſſen und einer Fährte oder einem Pfad zu folgen, welcher durch die Prairien führte. Er hatte bald Urſache, den Wechſel zu bereuen. Der Weg führte über eine öde Wüſte, ohne Grün, und wo weder eine Quelle, noch ein Bach, noch ein Teich zu finden war. Die Leute begannen jetzt die Qualen des Durſtes kennen zu lernen, welche durch ihre gewöhnliche Koſt— gedörrte Fiſche— noch erſchwert wurden. Der Durſt der kanadiſchen Reiſenden wurde ſo unerträglich, daß er ſie zu den empörendſten Mitteln, ihn zu löſchen, hinriß. Fünfundzwanzig Meilen legten ſie in dieſer öden Wüſte mühſelig zurück und lagerten ſich die Nacht, lech⸗ zend und muthlos, um ihre gewöhnlichen Wermuthfeuer. Sie ſahen einem noch ſchrecklichern Tag entgegen; glück⸗ licherweiſe aber begann es in der Nacht zu regnen. Die Freude war allgemein; bald ſammelte ſich Waſſer in La⸗ chen, und ſie ſchlürften mit Wonne den böſtlichen Trank. Auf dieſe Weiſe traten ſie ihren Zug wieder an, ſohald das erſte Grauen des Tages Licht genug verbrei⸗ tete, um den Pfad zu ſehen. Es regnete den ganzen Tag, ſo daß ſie von Durſt nichts mehr zu leiden hatten, aber der Hunger trat an ſeine Stelle; denn, nachdem ſie dreißig Meilen zurückgelegt, hatten ſie nichts zu eſſen, als ein wenig dürren Mais. Der kommende Tag führte ſie an die Ufer eines ſchönen kleinen Baches, welcher nach Weſten ſloß und mit klei⸗ nen Wäldchen von Baumwollenbäumen und Weiden beſetzt war. An ſeinen Ufern fanden ſie ein indianiſches Lager, um welches eine große Menge Pferde graſten. Auch die Indianer waren beſſer gekleidet wie gewöhnlich. Für unſere armen halbverhungerten Wanderer war die Scene ungemein erheiternd und belebend. Sie eilten zu den Hütten; als ſie aber zu denſelben kamen, erfuhr ihre Heiterkeit einen etwas rauhen Stoß. Ein Indianer nahm Hunt's Pferd ſogleich in Anſpruch, indem er angab, jes ſei ihm geſtohlen worden. Es konnte nichts gegen eine Thatſache vorgebracht werden, die durch zahlloſe Umſte⸗ hende beſtätigt wurde, und welche die pferdeſtehlenden Sitten der Indianer nur zu wahrſcheinlich machte. Hunt — 171— ſah ſich genöthigt, dem Anfordernden ſein Pferd zu über⸗ laſſen, da es ihm nicht gelang, ſich deſſelben durch einen zweiten Kauf zu verſichern. Sie lagerten ſich für die Nacht an dieſem Platze und hielten einen köſtlichen Schmaus, der aus Fiſchen und einem Paar Hunden beſtand, welche ſie ſich von ihren indianiſchen Nachbarn verſchafft hatten. Am nächſten Tag hielten ſie ſich an dem Bache entlang, mußten aber ſchon, nachdem ſie zehn Meilen zurückgelegt, wegen des Regens Halt machen. Auch hier erhielten ſie wieder einen Vor⸗ rath von Fiſchen und Hunden von den Eingebornen, und zwei aus dem Geleite waren ſo glücklich, gegen einen Böüffelrock zwei Pferde einzutauſchen. Einer dieſer Glück⸗ lichen war Pierre Dorion, der halbblütige Dolmetſcher, für deſſen leidende Familie das Pferd eine ſehr willkom⸗ mene Erwerbung war. Und hier können wir nicht um⸗ hin, die wundervolle Geduld, Beharrlichkeit und den Muth⸗ eines indianiſchen Weibes hervorzuheben, wodurch ſich die arme Squaw des Dolmetſchers ſo glänzend auszeichnete. Sie war jetzt in ihren geſegneten Leibesumſtänden weit vorgeſchritten und hatte für zwei Kinder zu ſorgen, deren eines vier, das andere zwei Jahre alt war. Das letztere mußte ſie natürlich häufig auf dem Rücken tragen, wozu noch die Laſt kam, welche der Squaw gewöhnlich aufge⸗ bürdet wird; dennoch hatte ſie alle dieſe Müheſeligkeiten ohne das geringſte Murren ertragen und auf dieſer öden, rauhen Reiſe mit den beſten Fußgängern Schritt gehal⸗ — 172— ten. Wirklich hat ſie bei verſchiedenen Gelegenheiten wäh⸗ rend des Zuges eine Kraft des Charakters gezeigt, welche ihr die Achtung und den Beifall der weißen Männer erwarben. Hunt war bemüht, ſich von dieſen Indianern einige Nachrichten in Betreff des Landes und des Laufes der Flüſſe zu verſchaffen. Die ganze Mittheilung mußte ſich auf Zeichen und die wenigen Worte beſchränken, welche er gelernt hatte; was er erfuhr, war daher ſehr unbe⸗ ſtimmt. Alles, was ſie ihm ſagen konnten, beſtand darin, daß der große Fluß, der Kolumbia, noch ſehr weit liege; hinſichtlich des Weges aber, den er zu nehmen hätte, um denſelben zu erreichen, konnte er nichts erfahren. Die zwei folgenden Tage hielten ſie ſich fortwäh⸗ rend weſtlich und legten gezen vierzig Meilen den Bach entlang zurück, bis ſie gerade vor ſeiner Einmündung in den Snake⸗River, der ſtets noch in nördlicher Richtung dahin floß, über ihn ſetzten. Vor ihnen lag ein winter⸗ lich ausſehendes, auf allen Seiten mit Schnee bedecktes Gebirg. Die nächſten zwei Tage legten ſie ungefähr ſiebenzig Meilen zurück und gingen über zwei kleine Flüſſe, deren Waſſer ſehr kalt war. Mundvorräthe wurden ungemein ſelten; ihre Hauptnahrung boten die Bouillontafeln— eine magere Koſt für müde Fußreiſende. — 173— Am ſiebenundzwanzigſten November führte der Fluß ſie in die Gebirge durch einen Felſenpaß, wo kaum ſo viel Raum war, daß ſie durchkommen konnten. Sie mußten häufig die Pferde abpacken, um an den engen Stellen vorüber zu kommen; auch mußten ſie dann und wann durch das Waſſer waten, um die Felſen und vor⸗ ſpringenden Klippen zu umgehen. Ihre ganze Nahrung an dieſem Tage lieferte ein Biber, welchen ſie in der vorigen Nacht gefangen hatten. Am Abend wurde die Qual des Hungers ſo groß und die Ausſicht, ſich einen Vorrath in den Bergen zu verſchaffen, ſo ſchwach, daß ſie eines der Pferde tödten mußten. „Die Leute,“ ſagt Hunt in ſeinem Tagebuch,„fin⸗ den das Fleiſch ſehr gut, und ich würde es wahrlich auch ſo finden, hätte ich weniger Anhänglichkeit an dieſes Thier.“. Am folgenden Tage mochten ſie zehn Meilen in nörd⸗ licher Richtung zurückgelegt haben, als ſie zu zwei Hüt⸗ ten von Schoſchonies kamen, welche in faſt eben ſo be⸗ drängten Umſtänden, wie ſie ſelbſt, zu ſein ſchienen; denn ſie hatten eben zwei Pferde getödtet, um ſich des Hun⸗ gers zu erwehren. Sie hatten keine andern Vorräthe als den Samen eines Unkrauts, welchen ſie in großer Menge ſammeln und fein zermalmen. Er iſt dem Hanf⸗ ſamen ähnlich. Hunt kaufte einen Sack voll, ſo wie einige kleine Stücke Pferdefleiſch, an dem er Geſchmack zu finden anfing, denn er nennt es„fett und zart.“ — Durch dieſe Indianer erfuhr er, daß viele weiße Männer den Fluß hinabgereiſt wären— einige auf der einen, die Mehrzahl aber auf der andern Seite; er glaubte, die Letzteren müßten Crooks und ſeine Gefähr⸗ ten geweſen ſein. So war er einer großen Beſorgniß hinſichtlich ihres Wohlergehens überhoben, beſonders da die Indianer davon ſprachen, daß Crooks noch einen ſeiner Hunde habe, woraus hervorging, daß er und ſeine Leute noch nicht ſehr vom Hunger mitgenommen worden ſeien. Da Hunt fürchtete, er möchte mehrere Tage in die⸗ ſem Bergpaß bleiben müſſen und von Hungersnoth bedroht werden, lagerte er ſich in der Nachbarſchaft der India⸗ ner, um bei ihnen ein Pferd zu erhandeln. Der Abend⸗ verging in fruchtloſen Verſuchen. Er bot ein Gewehr, einen Büffelrock und verſchiedene andere Artikel. Die armen Leute fürchteten wahrſcheinlich, wie er ſelbſt, die Schrecken der Hungersnoth. Zuletzt erhoben die Weiber, welche von dem Grund ihrer dringenden Bitten und den verſuchenden Anerbietungen hörten, ein ſo furchtbares Geſchrei und Huhuh, daß er förmlich aus dem Felde geheult und geſcholten wurde. Am nächſten Morgen in der Frühe ſchienen die In⸗ dianer ihrer Beſucher gern los werden zu wollen, da ſie wahrſcheinlich wegen ihrer Pferde beſorgt waren. Auf Hunt's Nachfragen wegen der Gebirge antworteten ſie, —Q——— — 175— er würde nun noch drei Nächte in denſelben ſchlafen müſſen und ſechs Tagereiſen brauchen, um zu den Fällen des Kolumbia zu kommen— eine Kunde, welcher er keinen Glauben beimaß, da er vermuthete, man ſage blos ſo, um ihn zu veranlaſſen, ſeine Reiſe fortzuſetzen. Er erfuhr, daß dieß die letzten Schlangen wären, welchen er begegnete, und daß er bald zu einer Völkerſchaft, Scia⸗ togas genannt, kommen werde. Er ſetzte daher ſeine langwierige Reiſe fort, die mit jedem Schritte beſchwerlicher wurde. Der Weg führte zwei Tage lang durch enge Gebirgspäſſe, wo er wieder⸗ holt genöthigt wurde, die Pferde abzupacken. Manchmal ging der Fuß durch ſolche Felſenklüfte und unter ſo ſtei⸗ len Abhängen weg, daß ſie das Ufer verlaſſen und mit unſäglicher Anſtrengung über ungeheure Anhöhen klettern mußten, wo man die Pferde kaum fortbrachte. Auf einer dieſer Höhen fanden ſie einige Fichtenbäume; ihre Gipfel waren mit Schnee bedeckt. Am zweiten Tage dieſer Kletterreiſe tödtete einer der Jäger ein ſchwarzgeſtreiftes Reh, welches für die halbverhungerten Reiſenden eine köſtliche Mahlzeit abgab. Sie legten an dieſen zwei Tagen achtundzwanzig Meilen in nordöſtlicher Richtung zurück. Der Dezembermonat begann traurig— Regen in den Thälern, Schnee auf den Bergen! Sie mußten einen Berg erklettern, wo ſie bis zu den Knieen im Schnee — 176— wateten, was das Beſchwerliche der Reiſe ſehr vermehrte. Ein kleiner Biber gab ein mageres Mahl ab, welches ſie mit erfrornen Stachelbeeren, Mehlbeeren und Würzbee⸗ ren, welche ſie auf den Höhen gefunden hatten, zu würzen ſuchten. Sie legten an dieſem Tage nur drei⸗ zehn Meilen zurück; der Weg war bis zum Uebermaß ermüdend. Den ganzen folgenden Tag blieben ſie gelagert, da ſie, wegen eines Schneeſturms, keine hundert Schritte vor ſich ſehen konnten. Aller Nahrung entbehrend, muß⸗ ten ſie ein zweites Pferd ſchlachten. Am andern Tag traten ſie ihre Reiſe wieder unter Schnee und Regen an, konnten aber aller Anſtrengung ungeachtet, nur neun Meilen weiter kommen, da ſie einen großen Theil des Weges die Pferde abpacken und die Laſten ſelbſt tragen mußten. Am vierten Dezember mußten ſie den Fluß ver⸗ laſſen und die Höhen hinan klettern. Von dem Gipfel derſelben hatten ſie eine ausgezeichnete Ausſicht auf das umliegende Land— und es war eine Ausſicht, welche faſt hinreichte, ſie zur Verzweiflung zu bringen. Nach allen Richtungen hin ſahen ſie ſchneebedeckte Berge, theilweiſe mit Fichten und andern immer grünen⸗ den Bäumen beſetzt und eine öde, mühevolle Welt vor ihnen ausbreitend. Der Wind heulte über die kahle Winterlandſchaft und ſchien in das Mark ihrer Knochen — — 177— zu dringen. Sie wateten durch den Schnee fort, der bei jedem Schritte mehr als knietief war. Nachdem ſie ſich auf dieſe Weiſe den ganzen Tag abgemüht, hatten ſie den Verdruß, zu ſehen, daß ſie nur vier Meilen von dem Lagerplatz der vorhergehenden Nacht entfernt waren— ſo ſchlangenartig wendete ſich der Fluß in dieſen wilden Bergen. Von Hunger gequält, durch Müdigkeit erſchöpft, von dem Abend überraſcht, eine winterliche Wildniß ſich ſtets weiter ausdehnend, je mehr ſie vorrückten, begannen ſie mit düſtern Ahnungen der Nacht entgegen zu ſehen, welche ſo bedenklich auf dieſe ſchreckliche Einöde niederſank. Glücklicherweiſe ge⸗ lang es ihnen, gegen Sonnenuntergang eine Gruppe von Fichtenbäumen zu erreichen. Augenblicklich begannen ſie ihre Aexte zu rühren; ſie fällten Bäume, häuften ſie in Maſſen auf und hatten bald große, weitauflodernde Feuer, „ihre kalten, hungrigen Herzen zu erfreuen.“ Gegen drei Uhr des Morgens begann es wieder zu ſchneien, und mit Tagesanbruch ſahen ſie ſich gewiſſer⸗ maßen in eine Wolke gehüllt; ſie waren kaum im Stande, einen Gegenſtand auf hundert Schritte zu unterſcheiden. Sich nach dem Rauſchen des fließenden Waſſers richtend, bemühten ſie ſich, an den Fluß zu kommen und gleitend und glitſchend gelang es ihnen, das Ufer zu erreichen. Eines der Pferde trat fehl und rollte mehrere hundert Schritte mit ſeiner Laſt hinab, ohne ſich jedoch zu ver⸗ 60.— 62. 1² — 178— letzen. Das Wetter war in dem Thale minder rauh als auf den Höhen. Der Schnee ging blos bis an die Knöchel, und ein ſanfter Regen goß nieder. Nachdem ſie langſam ſechs Meilen weiter gekommen, lagerten ſie ſich an den Ufern des Fluſſes. Da es ihnen an allen Vorräthen fehlte, waren ſie abermals gezwungen, eines der Pferde zu tödten, um ihren wilden Hunger zu ſtillen. Fünfunddreißigſtes Kapitel. Ein unerwartetes Zuſammentreffen.— Fahrt in einem Haut⸗ kanoe.— Seltſame Beſorgniſſe leidender Männer.— Mühe⸗ ſeligkeiten Crooks und ſeiner Gefährten.— Nachricht von M'Lellan.— Ein rückgängiger Marſch.— Ein Weidenfloß.— Große Leiden eines Theiis der Leute.— Crooks erkrankt.— Ungeduld einiger aus dem Geleite.— Nothwendigkeit, die Nachzügler zurückzulaſſen. Die Wanderer hatten jetzt vierhundertzweiundſieben⸗ zig traurige Meilen hinter ſich, ſeit ſie Caldron Linn ver⸗ laſſen; wie weit ſie noch zu reiſen, welche Müheſeligkei⸗ ten ſie noch zu dulden hatten, konnte niemand ſagen. Am Morgen des ſechsten Dezembers verließen ſie ihr trauriges Lager, hatten aber kaum ihren Marſch an⸗ getreten, als ſie, zu ihrem größten Erſtaunen, eine Ge⸗ ſellſchaft weißer Männer das andere Ufer des Fluſſes heraufkommen ſahen. Wie ſie näher kamen, erkannte man Crooks und ſeine Gefährten. Als ſie gegenüber waren und ſich in dem Rauſchen des Fluſſes verſtändlich machen konnten, war ihr erſter Ruf:„Etwas zu eſſen!“ Sie waren in der That faſt todt vor Hunger. Hunt kehrte augenblicklich in das Lager zurück und machte aus 12²* — 180— der Haut des Pferdes, das am letzten Abend getödtet worden war, eine Art Kanoe. Dies geſchah nach india⸗ niſcher Weiſe— der Saum der Haut wird in lederne Riemen gefaßt und dann durch Stöcke oder Querhölzer auseinander gehalten. In dieſer elenden Barke überbrachte Sardepie, einer der Kanadier, der hungergequälten Geſellſchaft auf der andern Seite des Fluſſes einen Theil des Pferdefleiſches und brachte Crooks und den Kanadier Le Clerc mit zurück. Das elende, hagere Ausſehen und der hungrige Zu⸗ ſtand dieſer zwei Männer erfüllte die Herzen der Beglei⸗ ter Hunt's mit Schmerz und Betrübniß. Sie waren an ihren gegenſeitigen Anblick und an die allmählige Wir⸗ kung des Hungers und der Anſtrengungen auf ihren Korper gewöhnt; aber die Veränderung in dem Ausſe⸗ hen dieſer Leute, ſeit ſie ſich getrennt, war ein Bild der Hungersnoth und der Oede des Landes; und ſie began⸗ nen ſich jetzt dem ſchrecklichen Vorgefühle hinzugeben, ſie müßten alle, ſammt und ſonders, verhungern, oder ſo weit kommen, daß ihnen nichts übrig bleiben werde, als der furchtbare Entſchluß— um ihr Leben zu loſen. Als Crooks ſeinen Hunger geſtillt hatte, theilte er Hunt einiges über ſeine Reiſe mit. Auf der Seite des Fluſſes, welchen er entlang gekommen, war er nur wenig Indianern begegnet, und dieſe waren ſelbſt in einem zu ärmlichen Zuſtande, als daß ſie viele Hülfe hätten ge⸗ — — — 181— währen können. Die erſten achtzehn Tage nach ſeinem Abzuge von Caldron⸗Linn waren er und ſeine Leute auf eine halbe Mahlzeit alle vierundzwanzig Stunden beſchränkt geweſen; die folgenden drei Tage hatten ſie von einem einzigen Biber, wenigen wilden Beeren und den Sohlen alter Mocaſſins gelebt, und in den letzten ſechs Tagen war die einzige animaliſche Nahrung, welche ſie zu ſich genommen, die Leiche eines Hundes geweſen. Sie waren drei Tage weiter am Fluſſe hinab gekommen, als Hunt, hatten ſich immer ſo nahe als möglich an das Ufer ge⸗ halten und waren öfter über ſcharfe, klippige Abhänge geklettert, die in das Waſſer vorſprangen. Endlich ſtiegen die Berge ſteiler empor, näherten ſich dem Ufer und machten es unmöglich, den Fluß weiter entlang zu gehen. Der Fluß brauſte hier mit einer unglaublichen Ge⸗ ſchwindigkeit durch einen Felseinſchnitt, der nicht breiter war als dreißig Schritte, und wo Waſſerfälle und Strom⸗ ſchnellen faſt ohne Unterbrechung auf einander folgten. Wäre daher ſelbſt das andere Ufer der Art geweſen, daß eine Fortſetzung der Reiſe möglich geworden wäre, ſo würde es thörigt geweſen ſein, zu verſuchen, ihn auf Flößen oder auf andere Weiſe zu befahren. Da ſie aber ſtets darauf bedacht waren, vorwärts zu kommen, ſo verſuchten ſie, die Berge gegenüber zu erklimmen, und arbeiteten ſich einen halben Tag durch den Schnee fort, bis ſie, an eine Stelle gekommen, wo ſich ihnen eine geräumige Ausſicht bot, entdeckten, daß ſie noch nicht halbwegs bis zur Kuppe wären, und daß ſich jenſeits Berg über Berg in winterlicher Oede auf⸗ thürmte. Hungrig und erſchöpft wie ſie waren, würde das Weitergehen ſo viel geweſen ſein, als den Tod ſuchen. Ihre einzige Hoffnung bauten ſie darauf, daß ſie den Fluß wieder aufſuchten und das ufer entlang auf ihrem vorigen Wege wieder zurückkehrten. Auf dieſem trauri⸗ gen, rückgängigen Marſche hatten ſie Hunt und ſeine Gefährten getroffen. Crooks gab auch Nachricht von einigen andern ihrer Reiſegefährten. Er hatte mehrere Tage vorher mit Reed und M'Kenzie geſprochen, welche ſich mit ihren Leuten auf der entgegengeſetzten Seite des Fluſſes befanden; es war aber nicht möglich, zu ihnen hinüber zu kommen. Sie ſagten ihm, M'Lellan habe ſich von dem kleinen Fluſſe jenſeits der Berge ſeitwärts geſchlagen, in der Hoffnung, mit Indianern aus dem Stamme der Flach⸗ köpfe zuſammen zu treffen, welche den weſtlichen Saum des Felſengebirgs bewohnen. Da die Begleiter Reed's und M'Kenzie's ausgeſuchte Leute, und auf ihrer Seite des Fluſſes die Vorräthe häufiger waren, hatte ſich ihre Lage nicht ſo ſehr ver⸗ ſchlimmert, und ſie waren eher im Stande, mit den Be⸗ ſchwerden der Reiſe zu kämpfen, als die von Crooks, und ſie hatten, als er ſie aus den Augen verlor, ihre Reiſe den Fluß abwärts fortgeſetzt. Hunt benutzte die Nacht, um über ſeine kritiſche — 183— Lage nachzudenken und einen Entſchluß zu faſſen. Es war keine Zeit zu verlieren; er hatte für zwanzig Mann und mehr aus ſeiner eignen Abtheilung zu ſorgen und Crooks und ſeinen Leuten Unterſtützung zu verſchaf⸗ fen. Länger zaudern hieß verhungern. Der Gedanke, wieder rückwärts zu gehen, war ihm unerträglich und trotz aller entmuthigenden Nachrichten von der Wildheit der Gebirge weiter am Fluſſe hinab, würde er geneigt geweſen ſein, ihnen die Stirne zu bieten, wenn die Tiefe des Schnees, mit welchen ſie dedeckt waren, ihn nicht abgeſchreckt hätte; hatte er doch bereits die Unmög⸗ lichkeit erfahren, ſich gegen ſolch ein Hinderniß Bahn zu brechen! Es ſchien ihm daher keine andere Wahl zu bleiben, als zurückzukehren und die indianiſchen Horden aufzuſu⸗ chen, welche die Berge und kleinen Gewäſſer entlang zerſtreut waren. Vielleicht konnte er ſich von einigen derſelben hinreichende Pferde verſchaffen, bis er den Ko⸗ lumbia erreichte; denn er hegte immer noch die Hoffnung, im Laufe des Winters an dieſen Fluß zu kommen, ob⸗ gleich, er fürchtete, wenige von Crooks Geleite möchten Kraft genug haben, ihm zu folgen. Selbſt wenn er dieſen Weg einſchlug, ſtellte es ſich ihm als ausgemacht dar, daß ſie im Anfang manchen Tag mit Hunger zu kämpfen haben würden; denn es bedurfte mehrerer Tagreiſen, um die letzten indianiſchen Hütten zu erreichen, von welchen ſie abgegangen waren; — 184— und bis ſie dorthin kamen, hatten ſeine Leute nichts zu eſſen, als Mehl und wilde Beeren, ein elendes Pferd abgerechnet, an dem wenig mehr war, als Haut und Knochen. Nach einer ſchlafloſen und gedankenvollen Nacht ver⸗ kündigte Hunt ſeinen Leuten den betrübten Entſchluß, den er gefaßt hatte, und man machte Anſtalt, Crooks und Leclerc mit dem Reſte des Fleiſches über den Fluß zu ſchaffen, da die andere Abtheilung am entgegengeſetz⸗ ten Ufer hinauf gehen ſollte. Das Hautkanoe war unglück⸗ licherweiſe in der Nacht verloren gegangen; daher wurde ein Floß nach der Art der Eingebornen von Weidenbün⸗ deln gemacht; es war aber nicht möglich, daſſelbe über die reißende Strömung zu bringen. Die Leute erhielten daher Befehl, das jenſeitige Ufer entlang zu gehen, wäh⸗ rend Crooks und Leclerc mit Hunt ziehen wollten. Mit niedergeſchlagenem Geiſte traten dann alle ihren Rück⸗ weg an. Nach kurzer Weile fand man, daß Crooks und Leclerc ſo ſchwach waren, daß ſie nur mit Mühe gehen konnten; Hunt ſah ſich daher genöthigt, ſeinen Zug langſamer gehen zu laſſen, damit jene bei ihm bleiben konnten. Dieſe Zögerung machte ſeine Leute ungedul⸗ dig. Murrend gaben ſie zu verſtehen, ſie hätten ein weites, ödes Gebiet zu durchziehen, bevor ſie den Punkt erreichen könnten, wo ſie Pferde zu finden Hoffnung hätten; Crooks und Leclerc könnten in ihrem ſchwachen — 185— Zuſtande dieſen Weg unmöglich zurücklegen; bei ihnen aushalten hieße eben ſo viel, als in ihrer Geſellſchaft verhungern. Sie lagen daher Hunt dringend an, dieſe unglücklichen Leute ihrem Schickſale zu überlaſſen und nur an ſeine und ſeines Geleites Rettung zu denken. Da ſie fanden, daß er weder durch Bitten, noch durch Ungeſtüm zu bewegen war, begannen ſie einzeln und in Abtheilungen ohne ihn entlang zu ziehen. Unter denen, welche ſich auf dieſe Weiſe entfernten, war Pierre Dorion, der Dolmetſcher. Pierre war der Eigenthümer des einzigen Pferdes, das ſie noch hatten; es war jetzt ein bloßes Skelett. Hunt hatte darauf hingedeutet, daß es in der gegenwärtigen Noth getödtet werden ſollte; aber der halbblütige Sprachkenner weigerte ſich gradezu ſeine Bei⸗ ſtimmung zu geben, ließ das elende Thier den Prügel fühlen und zog mit der Miene eines Menſchen vorwärts, welcher hartnäckig entſchloſſen iſt, ſein Recht geltend zu machen. So ſah Hunt ſeine Leute, einen nach dem andern aufbrechen und nur fünf blieben zurück, um ihm Geſellſchaft zu leiſten. Am nächſten Morgen wurde ein neues Floß gemacht, auf welchem Crooks und Leclerc abermals verſuchten, über den Fluß zu fahren; ſie mußten es aber nach wie⸗ derholten Verſuchen in Verzweiflung aufgeben. Einige von den Leuten, die bei Hunt geblieben waren, wurden nun über dieſe Hinderungen und Zögerungen ungedul⸗ — 186— dig und drangen ungeſtüm in ihn, die Reiſe fortzuſetzen, wenn er nicht wollte, daß ſie alle verhungerten. Die kommende Nacht war bitter kalt, ſo daß einer der Leute faſt erfror. Auch Crooks wurde während die⸗ ſer Nacht krank und war am nächſten Morgen noch weniger im Stande zu reiſen. Ihre Lage war nun in der That eine verzweifelte, denn ihr ganzer Vorrath be⸗ ſtand aus drei Biberfellen. Hunt entſchloß ſich daher, weiter zu ziehen, ſeine Leute einzuholen und Pierre dann zu zwingen, ſein Pferd der Rettung des Geleites zu opfern. Er befahl demnach zweien ſeiner Leute, bei Crooks und Leclerc zu bleiben und ihr Fortkommen möglich zu machen; zwei Biberfelle überließ er ihnen, um nicht zu verhungern; das dritte behielt er als Mundvorrrth für ſich und die drei Leute, welche ihn begleiteten. Sechsunddreißigſtes Kapitel. Hunt holt ſeine Leute ein.— Pierre Dorion und ſein Pferd⸗ Skelet.— Ein Schoſchonie⸗Lager.— Ein zu rechtfertigendes Unrecht.— Pferdefleiſch Schmaus.— Crooks wird in das Lager gebracht.— Er unternimmt es, ſeinen Leuten zu Hülfe zu kommen.— Das Haut⸗Kanve.— Prevoſt's Wahnſinn.— Sein trauriges Schickſal.— John Day's geſchwächter Zuſtand. — Crooks abermals zurückgelaſſen.— Die Geſellſchaft tritt aus den Gebirgen.— Zuſammenkunft mit Schoſchonies.— Ein Führer erbietet ſich, die Reiſenden über einen Berg zu geleiten. — Fahrt über den Snake⸗River.— Vereinigung mit Crooks Leuten.— Endlicher Abzug von dem Fluſſe. Hunt und ſeine drei Gefährten reiſ'ten den ganzen Tag, ohne etwas zu eſſen. Am Abend begaben ſie ſich an ihr jämmerliches Mahl, welches das Biberfell lieferte; ſie waren von Hunger und Kälte faſt des Todes. Am nächſten Tag— den zehnten Dezember— holten ſie die Leute, welche voraus gegangen waren, ein, und fanden alle eben ſo ausgehungert, als ſie es ſelbſt waren, da einige von ihnen ſeit dem Morgen des ſiebenten nichts gegeſſen hatten. Hunt ſchlug nun vor, das ſkeletartige Pferd Pierre Dorion's zu opfern. Er traf hier wieder auf beſtimmten und hef tigen Widerſpruch von Seiten des Halbblütigen, der ein — 188— zu grämlicher, racheſüchtiger Burſche war, um leicht mit ihm fertig zu werden. Auffallend war es, daß die Leute, obgleich ſie von dem qualvollſten Hunger litten, zu Gun⸗ ſten des Pferdes ſprachen. Sie ſagten, es ſei beſſer, ſo lange als möglich weiter zu ziehen, ohne von dieſem letzten Hülfsmittel Gebrauch zu machen. Die Indianer, welche ſie aufſuchten, könnten ja ihr Lager verlegt haben, in welchem Falle es Zeit genug wäre, das Pferd zu tödten, um dem Hungertode zu entgehen. Hunt wurde daher vermocht, Pierre Dorion's Pferd eine Friſt zuzu⸗ geſtehen. Glücklicherweiſe waren ſie noch kaum eine Strecke weit gekommen, als ſie gegen Abend eines Lagers von Schoſchonies anſichtig wurden, um welches eine Anzahl Pferde graſ'ten. Der Anblick war eben ſo unerwartet als erfreulich. Da ſie, als ſie den Fluß herab kamen, keine Indianer in dieſer Gegend geſehen hatten, mußten ſie ſpäter aus den Bergen gekommen ſein. Hunt hatte ſie zuerſt geſehen und ſuchte den Eifer ſeiner Gefährten zu zügeln, da er wußte, wie ungern dieſe Indianer ſich von ihren Pferden trennten und wie ſchnell ſie, wenn es gilt, ſich mit denſelben davon machen und ſie verbergen. Die Zeit war nicht geeignet, ſich auf dieſe Weiſe täuſchen zu laſſen. Sie ſchlichen ſich daher verſtohlen und ſchweigend näher und überraſchten die Wilden, die erſchreckt die Flucht ergriffen. Fünf ihrer Pferde wurden ſofort in Beſchlag genommen und eines augenblicklich ——————— ————————— — 189— getödtet. Die Beute wurde auf der Stelle zerhauen und ein Theil derſelben eilig gekocht und heißhunrig ver⸗ zehrt. Ein Mann wurde nun zu Pferd mit einem Vor⸗ rath von Fleiſch an Crooks und ſeine Gefährten abge⸗ ſchickt. Er kam in der Nacht zu ihnen; ſie waren ſo ausgehungert, daß der Vorrath, welcher ihnen geſchickt worden, ihren Appetit nur noch mehr zu reizen ſchien, und ſie waren faſt verſucht, das Pferd, welches den Bo⸗ ten gebracht hatte, zu tödten und zu eſſen. Mit Hülfe dieſes Thieres kamen ſie früh am Morgen in das Lager. Als Crooks hier anlangte, hörte er mit Verdruß, daß, während die Leute auf dieſer Seite des Fluſſes reichlich mit Lebensmitteln verſehen waren, Niemand nach ſeinen armen hungernden Gefährten auf der andern Seite des Fluſſes ausgeſendet worden. Er ließ augen⸗ blich ein Haut⸗Kanoe fertigen und rief ſeinen Leuten zu, ſie ſollten ihre Lagerkeſſel mit Waſſer füllen und ſie über das Feuer hängen, damit keine Zeit verloren werde, das Fleiſch in dem Augenblicke, wo ſie es erhielten, zu kochen. Der Fluß war ſehr tief, aber ſo ſchmal, daß man drüben alles deutlich hören und ſehen konnte. Die Keſſel wur⸗ den an das Feuer gebracht und das Waſſer kochte, wäh⸗ rend man das Kanoe fertig machte. Als aber alles bereit war, wollte es Niemand unternehmen, das Kanoe über den Fluß zu fahren. Ein vager, faſt abergläubiſcher Schrecken hatte ſich den Gemüthern der Begleiter Hunt's bemächtigt; durch die unglücklichen Scenen und die Leiden, — 190— denen ſie blos geſtellt geweſen, waren ſie muthlos gewor⸗ den, und ihre Phantaſie ſah überall Schauerbilder. Sie ſahen auf die abgemagerten Leute, die wie hungrige Ge⸗ ſpenſter auf dem andern Ufer beiſammen hockten, mit unbeſtimmten Gefühlen der Angſt und Beſorgniß, als wenn von ihnen etwas Verzweifeltes und Geßahrlihes zu fürchten wäre. Vergeblich ſuchte Crooks ſie dieſem ſeltſamen Ge⸗ müthszuſtande durch Vernunftgründe und Spott zu ent⸗ reißen. Endlich verſuchte er es ſelbſt, das Kanoe hinüber zu führen, fand aber ſeine Kraft unzureichend, der unge⸗ ſtümen Strömung zu trotzen. Das gute Gefühl des Kentuckiers, Ben Jones, ſiegte endlich über ſeine Furcht und er wagte ſich hinüber. Mit zitternder Gier wurde der Vorrath, den er brachte, empfangen. Ein armer Kanadier aber, Jean⸗Baptiſte Prevoſt genannt, welchen der Hunger wild und verzweifelt gemacht hatte, rannte, als Jones zurückgekehrt war, wahnſinnig am Ufer herum und rief Hunt zu, er möchte ihm das Konoe ſchicken und ihn dieſer furchbaren Hungergegend entnehmen, ſonſt werde er keinen Schritt weiter gehen, ſondern ſich hin⸗ legen und ſterben. Das Kanoe wurde bald darauf unter der Leitung von Joſeph Delaunay mit neuen Lebensmitteln hinüber⸗ geſchickt. Prevoſt drängte ſich augenblicklich heran, um ſich einzuſchiffen. Delaunay weigerte ſich, ihn aufzuneh⸗ men, indem er ihm ſagte, es ſei nun ein hinreichender — 191— Vorrath von Lebensmitteln auf dieſer Seite des Fluſſes. Er erwiederte, es ſei nicht gekocht, und er würde Hun⸗ gers ſterben, ehe es fertig wäre; er bäte daher, ihn dahin zu bringen, wo er etwas fände, ſeinen Hunger augen⸗ blicklich zu ſtillen. Als er ſah, daß das Kanoe ſich entfernte, ohne ihn aufzunehmen, warf er ſich gewaltſam in das Fahrzeug. Als er dem andern ufer nahe kam und Fleiſch an den Feuern braten ſah, ſprang er auf, jubelte, klatſchte mit ſeinen Händen und tanzte in dem Wahnſinn der Freude, bis das Kanoe umſchlug. Der arme Unglückliche wurde von der Strömung erfaßt und fortgeriſſen; er ertrank; Delaunay erreichte nur mit der größten Anſtrengung das Ufer. Hunt ließ nun alle ſeine Leute, zwei oder drei aus⸗ genommen, aufbrechen. Am Abend befahl er, ein zwei⸗ tes Pferd zu ſchlachten, und aus deſſen Haut ein Kanoe zu machen, in welchem er der Abtheilung auf dem jen⸗ ſeitigen ufer einen neuen Vorrath von Ileiſch ſchickte. Das Kanoe brachte John Day, den kentuckiſchen Jäger, mit herüber, welcher wieder zu Crooks, ſeinem frühern Dienſtherrn und Anführer, ſtieß. Der arme, einſt ſo thätige und kräftige Day, war jetzt in einem noch elen⸗ deren und abgemergelteren Zuſtande, als ſeine Gefährten. In Betracht ſeiner frühern Dienſte und ſeines treuen Charakters legte Crooks einen ſolchen Werth auf dieſen Mann, daß er beſchloß, ihn nicht zu verlaſſen; er ermahnte aber Hunt, ſich aufzumachen und zu den Leuten zu ſtoßen, da ſeine Gegenwart für den Fortgang der Expe⸗ dition von der größten Wichtigkeit ſei. Einer der Kana⸗ dier, Jean Baptiſte Dubreuil, blieb gleichfalls bei Crooks. Hunt ließ ihnen zwei Pferde und einen Theil des zuletzt getödteten Thieres. Er hoffte, dieſer würde zu ihrem Unterhalte hinreichen, bis ſie das indianiſche Lager erreichten. Die Hauptgefahr, welche Crooks und ſeine Gefähr⸗ ten in ihrem kränklichen und geſchwächten Zuſtande drohte, war, daß die Indianer, welchen man ihre Pferde genommen hatte, ſie einholten; Hunt hegte jedoch die Hoffnung, er habe ſich gegen jeden Groll von Seiten dieſer Wilden dadurch geſichert, daß er verſchiedene Arti⸗ kel in ihren Hütten zurückließ, welche mehr als hinrei⸗ chend waren, das Unrecht auszugleichen, welches er gezwun⸗ gen an ihnen geübt hatte. Hunt brach auf und erreichte gegen Abend ſeine Leute. Am nächſten Tage, den dreizehnten Dezember, ſah er mehrere Indianer mit drei Pferden auf dem jenſei⸗ tigen Ufer und kam nach einiger Zeit zu den zwei Hüt⸗ ten, welche er geſehen hatte, als er den Fluß herab kam. Er bemühte ſich hier vergeblich, ein Pferd gegen eine Büchſe zu vertauſchen; abermals aber gelang es ihm mittels eines blechernen Keſſels und einiger Glasperlen, den Handel abzuſchließen. Die zwei folgenden Tage waren kalt und ſtürmiſch; — 193— der Schnee hatte ſich vermehrt, und der Fluß ging ziem⸗ lich mit Eis. Ihr Weg aber wurde bequemer; ſie kamen allmählig aus dem Gebirge heraus und traten endlich in das offene Land, nachdem ſie zwanzig Tage in Müheſe⸗ ligkeiten, Hunger und Beſchwerden jeder Art vergeblich verſucht hatten, einen Weg flußabwärts zu finden. Sie lagerten ſich nun an einem kleinen weidenum⸗ wachſenen Bache, welcher aus Oſten kam, und den ſie am ſechs und zwanzigſten November überſchritten hatten. Sie fanden hier ein Dutzend Hütten von Schoſchonies, welche erſt kürzlich hierher gekommen waren und ihnen ſagten, ſie würden, wenn ſie dabei beharrt hätten, den Fluß hinabzugehen, immer mehr Schwierigkeiten gefun⸗ den haben, die zuletzt durchaus unbeſiegbar geworden wären. Dieſe Nachricht vermehrte Hunts Beſorgniſſe um M'Kenzie und ſeine Leute, welche ihren Weg fort⸗ geſetzt hatten. Hunt ging jetzt an dem kleinen Fluſſe hinauf und lagerte ſich bei einigen Hütten der Schoſchonies, von welchen er ſich ein Paar Pferde, einen Hund, gedörrte Fiſche, Wurzeln und getrocknete Beeren zu verſchaffen wußte. Zwei oder drei Tage vergingen damit, daß er Kunde über den Weg und die Zeit einzog, welche er brauchen würde, um die Sciatogas zu erreichen— einen gaſtfreien Stamm, welcher auf der Weſtſeite des Gebirgs wohnte und nach den Berichten der Indianer im Beſitze vieler Pferde war. Die Antworten, welche er erhielt, 60.— 62. S 13 ⸗ — 194— waren ſehr verſchieden, die Wilden ſtimmten aber darin überein, daß die Entfernung groß ſei und ſiebzehn bis ein und zwanzig Nächte hinnehmen könnte. Hunt gab ſich nun Mühe, einen Führer zu bekom⸗ men; obgleich er aber in viele Hütten auf⸗ und abwärts ſchickte und Gegenſtände bot, welche in den Augen von Indianern großen Werth hatten, wollte es doch keiner wagen. Der Schnee, ſagten ſie, ging in den Bergen bis an den Gürtel; und zu allen ſeinen Anerbietungen ſchüt⸗ telten ſie den Kopf, ſchauerten zuſammen und ſagten: „Wir werden erfrieren! Wir werden erfrieren!“ Zu gleicher Zeit drangen ſie in ihn, zu bleiben und den Win⸗ ter bei ihnen zuzubringen. Hunt war in einer unglücklichen Lage. Verſuchte er es, ohne einen Führer über die Berge zu gehen, ſo wartete, hieß es, ein gewiſſer Tod ſeiner und ſeiner Leute. Blieb er hier, nachdem er bereits ſo lange auf der Reiſe geweſen und ſo große Koſten gehabt, ſo war dies für ihn, ſagte er,„ein zweifacher Tod.“ Er änderte jetzt ſeinen Ton gegen die Indianer, klagte ſie an daß ſie ihn hinſichtlich des Gebirgs täuſch⸗ ten und mit„doppelter Zunge“ redeten, oder in andern Worten, daß ſie lögen. Er gab ihrem Mangel an Muth Schuld und ſagte ihnen, ſie ſeien Weiber, weil ſie ſich vor den Gefahren einer ſolchen Reiſe ſcheuten. Endlich erbot ſich Einer, den ſeine Hohnworte ver⸗ letzten oder ſeine Verſprechungen reizten, ſein Führer zu — 195— werden; er ſollte dafür eine Flinte, ein Piſtol, zwei Pferde und ein wenig von allen Gegenſtänden erhalten, welche die Geſellſchaft beſaß— ein Lohn, welcher hin⸗ reichte, ihn zu einem der Reichſten ſeines wandernden Stammes zu machen. Sie brachen alſo am ein und zwanzigſten Dezember abermals auf und ſetzten mit friſchem Muth ihre Irrfahrt fort. Zwei andere Indianer begleiteten ihren Führer, welcher ſie unmittelbar zu dem Snake⸗River zurückführte, an dem ſie eine kleine Strecke entlang zogen, um indiani⸗ ſche Flöße zu ſuchen, die von Rohr zuſammengeſetzt wer⸗ den und auf welchen ſie über den Fluß ſetzen wollten. Da ſie ſolche Flöße nicht vorfanden, ließ Hunt ein Pferd tödten und aus deſſen Haut ein Kanoe machen. Hier ſahen ſie, an dem jenſeitigen uUfer, die dreizehn Mann von Crooks Abtheilung, welche ihren Weg den Fluß herauf verfolgt hatten. Sie ſagten Hunt über den Fluß herüber, ſie hätten Crooks und die zwei Leute, welche bei ihm geblieben, ſeit dem Tage nicht geſehen, an welchem ſie ſich von ihm getrennt hätten. Da das Kanoe zu blein erfunden wurde, tödtete man ein zweites Pferd und befeſtigte die Haut an die des erſten. Die Nacht brach an, ehe die kleine Barke mehr als zwei Fahrten gemacht hatte. Da ſie ſchlecht gemacht war, wurde ſie herausgenommen und bei dem Scheine der Feuer wieder zuſammengeſetzt. Die Nacht war kalt; die vielfachen Anſtrengungen und unaufhörlichen 13* — 196— Beſchwerden hatten die Leute müde und muthlos gemacht. Träg' und ſchläfrig legten ſie ſich um ihre Feuer nieder; manche von ihnen ließen den Wunſch laut werden, man möchte für den Winter bleiben, wo man wäre. Selbſt die Nothwendigkeit, über den Fluß zu ſetzen, ſchreckte manche von ihnen in ihrem jetzigen geſchwächten und gebeugten Zuſtande. Der Fluß war reißend und ſtür⸗ miſch und ging ſtark mit Eis, und ſie erinnerten daran, daß zwei von ihren Kameraden bereits in ſeinen Wellen untergegangen. Andere ſahen der langen, traurigen Reiſe durch einſame Gegenden, welche ihnen bevorſtand, wenn ſie über dieſes ſchreckliche Waſſer gekommen, mit bangen Gefühlen entgegen. Am drei und zwanzigſten Dezember begannen ſie mit der Frühe des Tages über den Fluß zu ſetzen. Während der Nacht hatte ſich viel Eis gebildet, und ſie waren genöthigt, es eine Strecke weit an beiden Ufern aufzu⸗ brechen. Endlich hatten ſie alle wohlbehalten die Weſt⸗ ſeite des Fluſſes erreicht, und ihr Muth wuchs bei dem Gedanken, daß ſie dieſe gefährliche Ueberfahrt glücklich vollendet. Hier ſtießen Crooks Leute zu ihnen; ſie hat⸗ ten ein Pferd und einen Hund bei ſich, welche ſie ſich kürzlich verſchafft hatten. Die armen Burſche waren in dem unſauberſten und abgemagert'ſten Zuſtande. Zwei von ihnen waren an Kraft und Muth ſo herabgekom⸗ men, daß ſie den Wunſch laut werden ließen, bei den Schlangen⸗Indianern zu bleiben. — 197— Hunt gab ihnen daher das Kanve, damit ſie über den Fluß ſetzen könnten, und einige Gegenſtände, damit ſie ſich das Nothdürftigſte zu verſchaffen im Stande wären, bis ſie Crooks fänden. Ein dritter Mann, Na⸗ mens Michael Carriere, war faſt in gleich elendem Zu⸗ ſtande, aber er war entſchloſſen, mit ſeinen Kameraden weiter zu ziehen, welche nun der Abtheilung Hunt's ein⸗ verleibt wurden. Nach einem mühſamen Tage lagerten ſie ſich ſämmt⸗ lich an den uUfern des Fluſſes. Dies war die letzte Nacht, welche ſie an dieſem Waſſer hinbrachten. Mehr als acht⸗ hundert Meilen beſchwerlichen Marſches und manchen ſauern Tag hatte dieſer Fluß ſie gekoſtet, ſo daß die kanadiſchen Reiſenden ihn nicht anders als„la mandite rivière enragée, den verwünſchten, tollen Fluß nannten, und ſo einen Fluch an ſeinen Namen knüpften. — 198— Siebenunddreißigſtes Kapitel. Abreiſe vom Snake River.— Nördliche Gebirge.— Müde Reiſende.— Zuwachs zu der Familie Dorion.— Schoſchonie⸗ Lager.— Neujahrsfeſt unter den Schlangen⸗Indianern.— Eine Winterreiſe durch die Gebirge.— Eine ſonnige Ausſicht und ein milderes Klima.— Indianiſche Pferdeſpuren.— Grasreiches Thal.— Ein Lager von Sciatogas.— Freude der Reiſenden.— Gefahr des Ueberfluſſes.— Sitten der Sciato⸗ gas.— Schickſal Carriere's.— Der Monatalla.— Ankunft an den ufern des Kolumbia.— Nachrichten von zerſtreuten Ge⸗ fährten der Exvedition.— Scenerie an dem Kolumbia.— Nachrichten von Aſtoria.— Ansunft an den Fällen. Alles war nun in Bereitſchaft, und am vier und zwanzigſten Dezember wandte Hunt den unſeligen Ufern des Snake⸗River den Rücken und ſchlug den Weg weſt⸗ lich in die Gebirge ein. Seine Begleitung, welche durch die früheren Gefährten Crooks vermehrt worden war, beſtand jetzt aus zwei und dreißig weißen Männern, drei Indianern und der Squaw und den zwei Kindern Pierre Dorion's. Fünf abgetriebene, halb verhungerte Pferde wurden mit ihrem Gepäck beladen und ſollten, im Falle der Noth, zum Unterhalte der Mannſchaft dienen. Mit Mühe legten ſie täglich gegen vierzehn Meilen über Berge 1 ——— ———— — 199— und Ebenen zurück; Schneegeſtöber und Regengüſſe erſchwerten dann und wann noch das Mühſame der Reiſe. Ihr ganzer Unterhalt beſtand aus einer ſchmalen Por⸗ tion Pferdefleiſch, welche einmal alle vier und zwanzig Stunden verabreicht wurde. Am dritten Tage gab ſich der arme Kanadier Car⸗ riere, einer von Crook's ausgehungerter Abtheilung, einer gänzlichen Verzweiflung hin, warf ſich auf die Erde nie⸗ der und erklärte, er könne nicht weiter gehen. Man bemühte ſich, ihm Muth einzuſprechen, fand aber bald, daß der arme Burſche ganz erſchöpft war und ſich nicht auf ſeinen Füßen halten konnte. Er wurde daher auf eines der Pferde geſetzt, obgleich das arme Thier kaum in beſ⸗ ſerem Zuſtande war, als ſein Reiter. Am acht and zwanzigſten kamen ſie an einen kleinen Bach, der ſich nach Norden zog und durch ein ſchönes, breites Thal floß, das von den auf beiden Seiten zurück⸗ tretenden Bergen gebildet ward. Hier deuteten ihre indianiſchen Freunde auf eine Kette waldbewachſener Berge zu ihrer Linken, welche nach Norden und Süden hinlief und mit Schnee bedeckt war; über dieſe Berge ſollte ihr Weg führen. Am neun und zwanzigſten zogen ſie eine Strecke von ein und zwanzig Meilen dieſes Thal entlang, wobei das ſtete Fallen von Schnee und Regen ihre Leiden ſehr vermehrte; auch mußten ſie zwei Mal durch das eiſige Waſſer gehen. Früh am folgenden Morgen wurde Pierre Dorion's Squaw, welche ſich bisher ohne Murren und ohne Zagen aufrecht gehalten hatte, plötzlich von Wehen befallen und beſchenkte ihren Gatten mit einem dritten Kinde. Da der hohe Muth und das gute Betra⸗ gen dieſes armen Weibes ihr das Wohlwollen der gan⸗ zen Geſellſchaft gewonnen hatte, verurſachte ihre Lage Beſtürzung und Verlegenheit. Pierre aber betrachtete die Sache als ein Begebniß, das bald ins Reine gebracht ſein könnte und keine Verzögerung veranlaßte. Er blieb mit ſeinen zwei Kindern und ſeinem Pferde bei ſeiner Squaw im Lager und verſprach der Geſellſchaft, welche ihren Weg fortſetzte, bald nachzufolgen. Als die Reiſenden ſahen, daß der kleine Fluß in die Gebirge einbeugte, verließen ſie ihn, und zogen einige Meilen ſeitwärts über kleine Höhen. Hier verließ einen andern Kanadier, Namens la Bonté, die Kraft, und man mußte ihn auf ein Pferd ſetzen. Da das Pferd zu ſchwach war, um ihn und das Gepäck zu tragen, nahm Hunt das letztere auf ſeine Schultern. Mit jedem Schritte wuchſen die Schwierigkeiten, und halb todt vor Hunger, kraft⸗ und muthlos, arbeiteten ſie ſich mühſam auf den Höhen fort, als ſie zu einer Stelle kamen, wo ſich ein ſchönes Thal vor ihnen aus⸗ breitete; es hatte eine bedeutende Länge, war mehrere Stunden breit, und ein ſchönes Waſſer ſchlängelte ſich durch daſſelbe hin. Ein mildes Klima ſchien hier zu herrſchen, denn — 201— obgleich auf all den Bergen ringsum Schnee lag, war in dem Thale keiner zu ſehen. Die Reiſenden blickten mit Entzücken auf dieſe heitere, ſonnige Landſchaft; ihre Freude ward aber vollſtändig, als ſie an dem Rande des Waſſers ſechs Hütten von Schoſchonies und eine Anzahl Pferde und Hunde um dieſelben erblickten. Eifrig eilten nun alle vorwärts und erreichten bald das Lager. Hier galt es vor allem, ſich Mundvorrath zu ver⸗ ſchaffen. Eine Büchſe, eine alte Flinte, ein Tomahawk, ein Blechkeſſel und eine kleine Quantität Pulver und Kugeln reichten hin, ihnen vier Pferde, drei Hunde und einige Wurzeln zu verſchaffen. Ein Theil des lebendigen Vorrathes wurde augenblicklich getödtet, in aller Eile gekocht und eben ſo raſch verzehrt. Ein tüchtiges Mahl gab Jedem wieder Muth und Kraft. Im Laufe des nächſten Morgens erſchien die Fami⸗ lie Dorion wieder. Pierre ging gedeugt voran; ihm folgte ſein werthgehaltenes, obgleich ſkeletartiges Roß, auf wel⸗ chem ſeine Squaw mit dem neugebornen Kinde in den Armen und mit ihrem zweijährigen in ein Blanket gehüll⸗ ten und an ihre Seite gebundenen Knaben ſaß. Die Mutter ſah ſo ſorglos und unbefangen aus, als wenn ihr nicht das Geringſte begegnet wäre; ſo leicht wirkt die Natur in den Wildniſſen, wo ſie frei iſt von den entnervenden Verfeinerungen der Weichlichkeit und von den Mitteln und dem Beiſtande der Kunſt. Mit dem nächſten Morgen trat das neue Jahr(1812) ein. Hunt war im Begriffe, den Marſch antreten zu laſſen, als ſeine Leute um die Erlaubniß baten, den Tag zu feiern. Beſonders drangen die kanadiſchen Reiſenden darauf, bei denen der Neujahrstag ein Lieblingsfeſt iſt, und die unter keinerlei Umſtänden gern einen Feiertag aufgeben. Solch einem Wunſche war nicht zu widerſtehen, und ſo verſtrich der Tag in Ruhe und Freuden aller Art. Die armen Kanadier ſtimmten ihre Lieder an und tanz⸗ ten allen ihren Beſchwerden zum Trotze, und es gab einen köſtlichen Neujahrsſchmaus von Hunde⸗ und Pferdefleiſch. Nach zwei Tagen höchſt willkommener Ruhe bega⸗ ben ſich unſere Reiſenden wieder auf ihren beſchwerlichen Marſch. Die Indianer, welche ſie in den Hütten hier gefunden, deuteten auf einen fernen Einſchnitt, durch welchen ſie müßten, um die Bergkette zu überſchreiten. Sie verſicherten ſie, ſie würden nur wenig von Schnee zu leiden haben und könnten in drei Tagen zu den Sciatogas kommen. Hunt war aber ſchon ſo oft durch indianiſche Nachrichten über Wege und Entfernungen getäuſcht worden, daß er nur wenig Vertrauen auf dieſe Auskunft ſetzte. Die Reiſenden ſetzten fünf Tage lang ihren Weg in ganz weſtlicher Richtung fort, indem ſie das Thal durchſchnitten und in das Gebirg einbogen. Das Rei⸗ ſen über die rauhen, ſteinigen Abhänge und geſtürzten Bäume wurde ſehr beſchwerlich. Oft gingen ſie bis an — 203— die Knie im Schnee und in den Höhlungen zwiſchen den Felsklüften ſanken ſie oft bis an den Gürtel ein. Das Wetter war ungemein kalt, und der Himmel mit Wol⸗ ken bedeckt, ſo daß ſie Tage lang keinen Sonnenblick ſahen. Als ſie über den höchſten Kamm kamen, hatten ſie eine weite, aber ſchauerliche Ausſicht auf eine Wild⸗ niß von Schneebergen. Am ſechſten Januar aber hatten ſie die Scheide⸗ gipfel der Kette hinter ſich und waren fühlbar unter dem Einfluſſe eines mildern Klima's. Der Schnee begann abzunehmen; die Sonne tauchte wieder aus dem dichten Wolkengewölbe herauf und ſchien ihnen wohlthuend und erheiternd, und der Anblick einer Gegend bot ſich ihnen dar, die eine weit nach Weſten hin ſich ausdehnende Ebene ſchien. Sie begrüßten dieſelbe, wie die armen Israeliten dem erſten Anblick des gelobten Land zu⸗ jauchzten; denn ſie ſchmeichelten ſich mit der Hoffnung, dies ſei die große Ebene des Kolumbia und ihre mühe⸗ volle Pilgerſchaft nahe ſich nun ihrem Ende. Sie hatten nun ſeit fünf Tagen die Hütten der Schoſchonies verlaſſen; in dieſer Zeit hatten ſie gegen ſechszig Meilen zurückgelegt und ihr Führer verſicherte, in dem Laufe des nächſten Tages würden ſie die Scia⸗ togas ſehen. Am nächſten Morgen zogen ſie daher eifrig vor⸗ wärts und kamen bald an einen kleinen Bach, welcher durch einen tiefen, ſchmalen, von ungeheuern Felſen gebildeten Paß führte. Hier ſahen ſie in den Felſen und Abgründen eine Menge jener, den Bergen befreundeter Thiere, der ſchwarzbeblumten Rehe; auch kamen ſie zu einer Gegend, wo man nach allen Richtungen hin viele Pferdeſpuren ſah, welche von den Roſſen indianiſcher Jäger herrührten. Der Schnee war ganz verſchwunden, und die Hoff⸗ nung, bald zu einem indianiſchen Lager zu kommen, ver⸗ anlaßte Hunt, die Reiſe zu beſchleunigen. Viele von den Leuten waren aber ſo ſchwach, daß ſie mit dem Ge⸗ ſammtgeleite nicht Schritt halten konnten, ſondern dann und wann zurückblieben; einige von ihnen kamen nicht einmal in das Nachtlager. Während dieſes Tagemar⸗ ſches ſtarb das neulich geborne Kind Pierre Dorion's. Früh mik dem nächſten Morgen wurde die Reiſe, ohne daß man auf die Nachzügler gewartet hätte, fort⸗ geſetzt. Der Bach, welchem ſie den ganzen vorhergehen⸗ den Tag gefolgt waren, war jetzt durch die Einmündung eines andern Waſſers angeſchwellt; die Abhänge der Berge waren grün, und die Thäler mit Gras bekleidet. Endlich erſcholl der freudige Ruf:„Ein indianiſches Lager!“ Es war noch weit entfernt und lag in dem Buſen des grünen Thales; aber ſie konnten deutlich ſehen, daß es aus zahlreichen Hütten beſtand, und daß Hunderte von Pferden auf den grasreichen Auen rund umher weideten. Der Anblick der Fülle von Pferdefleiſch verbreitete allgemeine Freude, denn jetzt war der ganze Reiſevorrath auf das ſkeletartige Thier des Pierre Do⸗ rion und ein anderes erbärmliches, gleich abgemagertes Pferd beſchränkt, dem man auf der Reiſe wiederholt Friſt gegeben hatte. Ein beeilter Marſch brachte die ermüdeten und hung⸗ rigen Reiſenden bald in das Lager. Sie waren zu einer ſtarken Horde von Sciatogas und Tus⸗che⸗pas gekom⸗ men. Das Lager beſtand aus vier und dreißig Hütten, die behaglich aus Matten erbaut waren; auch die In⸗ dianer waren beſſer gekleidet als irgend eine der wan⸗ dernden Horden, welchen ſie bisher auf der Weſtſeite des Felſengebirgs begegnet waren. Sie waren wirklich ſo gut gekleidet, als es die Mehrzahl der wilden Jäger⸗ ſtämme zu ſein pflegt. Jeder hatte einen guten Büffel⸗ oder Hirſchfellrock, ein Jagdhemd und Fußbekleidung von Rehfellen. Gegen zweitauſend Pferde ſchwärmten auf den Weiden rings um das Lager umher; was aber Hunt am meiſten entzückte, als er in die Hütten trat, war der Anblick von ehernen Keſſeln, Aexten, kupfernen Thee⸗ keſſeln und verſchiedenen andern Gegenſtänden des geſit⸗ tigten Lebens— ein Beweis, daß dieſe Indianer in un⸗ mittelbarer Verbindung mit den weißen Männern ſtanden. Eifrig ſtellte er bei den Sciatogas Nachforſchungen an und erfuhr von ihnen, daß der große Fluß(der Ko⸗ lumbia) nur zwei Tagreiſen entfernt ſei, und daß mehrere weiße Männer in neuerer Zeit an demſelben hinabge⸗ — 206— gangen ſeien. Er hoffte, dieſe ſeien M'Kenzie, MLellan und ihre Begleiter. Mit der größten Freude und mit der innigſten Dank⸗ barkeit gegen den Himmel ſah nun Hunt ſich und ſein müdes, von Hunger gequältes Geleite wohlbehalten dem gefährlichſten Theile ihrer langen Reiſe entrückt und der Hoffnung wieder gegeben, ihre Beſchwerden enden zu ſehen. Alle Nachzügler, welche zurück geblieben waren, kamen, einer nach dem andern, in das Lager, nur Car⸗ riere, der arme kanadiſche Reiſende nicht. Spät am vorigen Nachmittage war er, in der Nähe einiger Hüt⸗ ten der Schlangen⸗Indianer, hinter einem Wilden die⸗ ſes Stammes reitend, nur wenige Meilen von dem letz⸗ ten Nachtlager zurückgeblieben und man hoffte, er würde bald eintreffen.. Hunt's erſte Sorge war, ſich Mundvorrath für ſeine Leute zu verſchaffen. Ein wenig Wildpret von ſehr un⸗ ſchmackhafter Qualität und einige Wurzeln waren alles, was er dieſen Abend erhalten konnte; am nächſten Tage aber gelang es ihm, eine Stute und ein Füllen zu kau⸗ fen; dieſe wurden augenblicklich geſchlachtet und der Hun⸗ ger der halb todten Leute einigermaßen geſtillt. Mehrere Tage blieben ſie in der Nähe dieſer In⸗ dianer, nach allen ihren Beſchwerden der Ruhe pflegend und Pferdefleiſch und Wurzeln, welche ſie ſich ſpäter ein⸗ getauſcht, ſchmauſend. Viele der Leute aßen ſo im Ueber⸗ maße, daß ſie krank wurden; andere fühlten ſich durch — 207— das frühere Reiſen gelähmt; die Ruhe aber, und die Ueppigkeit des Thales ſtellte bald Alle wieder her. Die Pferde waren hier viel leichter und wohlfeiler zu bekom⸗ men als bei den Schlangen⸗Indianern. Ein Blanket, ein Meſſer, oder ein halbes Pfund blauer Glasperlen reichte hin, ein Pferd zu bekommen, und ſo kauften ſich viele der Leute Pferde zu ihrem eigenen Gebrauche. Dieſer Indianerſtamm, der als eine hochſinnige, ſtolze Raſſe und als ungemein reinlich geſchildert wird, ißt nie Pferde noch Hunde; auch geben ſie nicht zu, daß das rohe Fleiſch beider Thiere in ihre Hütten gebracht wird. Sie hatten einen kleinen Vorrath von Wildpret in jeder Hütte, legten aber einen ſo großen Werth dar⸗ auf, daß die weißen Männer in ihrem verarmten Zu⸗ ſtande es unmöglich kaufen konnten. Die Rehjagd betrei⸗ ben dieſe Indianer zu Pferd; ſie„ringen“ das Thier, das heißt, ſie umgeben es im Kreiſe und jagen es matt. Sie ſind bewundernswerthe Reiter und ihre Waffen beſtehen in Bogen und Pfeilen, welche ſie mit großer Geſchicklichkeit handhaben. In ihren Sitten fand man ſie ganz patriarchaliſch; ſie ſchienen den Gebräuchen und Gewohnheiten des wil⸗ den Lebens ſehr zugethan, obgleich die Hülfe der Geſit⸗ tung ihnen zur Hand war. Man fand Aexte bei ihnen; doch brauchten ſie gewöhnlich zum Spalten ihres Holzes einen Stein⸗Schlägel, welchem man die Geſtalt einer Flaſche gegeben und Keile von Elennhorn. Obgleich ſie — 208— zwei oder drei eherne Keſſel in ihren Hütten hängen hatten, bedienten ſie ſich doch häufig zum Waſſertragen der Gefäße, die von Weiden gemacht waren, und kochten ſelbſt mittels heißer Steine ihr Fleiſch in denſelben. Ihre Weiber trugen Mützen von Weiden, die zierlich gearbeitet und von ſchöner Form waren. Da Carriere, der kanadiſche Nachzügler, zwei oder drei Tage, nachdem ſie das Lager bezogen, nicht erſchien, wurden zwei Mann zu Pferd abgeſendet, um ihn auf⸗ zuſuchen. Sie kehrten aber ohne Erfolg zurück. Die Hütten der Schlangen⸗Indianer, in deren Nähe man ihn geſehen hatte, waren abgeſchlagen worden und man fand keine Spur von ihm. Noch mehrere Tage vergin⸗ gen, ohne daß man das Geringſte von ihm oder dem Reiter hörte oder ſah, hinter welchem man ihn zuletzt bemerkt haben wollte. Man fürchtete daher, er ſei ent⸗ weder vor Hunger und Ermüdung umgekommen, oder von den Indianern ermordet worden, oder habe, ſich ſelbſt überlaſſen, eine Jagdfährte für die Spur der Ge⸗ ſellſchaft gehalten, ſich verirrt und ſie verloren. Der Fluß, an deſſen ufer ſie ſich gelagert hatten, ergoß ſich in den Kolumbia, wurde von den Eingebor⸗ nen Cu⸗o⸗tal⸗la, oder Umatalla genannt und hatte einen Ueberfluß an Bibern. Während ihrem Aufenthalte in dem Thale, welches er bewäſſert, verlegten ſie zweimal ihr Lager, indem ſie gegen dreißig Meilen ſeinem, weſt⸗ wärts ſich richtenden Laufe folgten. Ein ſtarker Regenguß — 209— ſchwellte den Fluß ſo ſtark an, daß er über ſeine ufer trat, ſie aus ihrem Lager trieb und drei ihrer Pferde, welche an dem niedrigen Ufer angebunden waren, ertränkte.. Eine weitere Unterhaltung mit den Indianern brachte ihnen die erfreuliche Gewißheit, daß ſie in der Nähe des Kolumbia waren. Die Zahl der weißen Männer, welche, ihrer Ausſage nach, den Fluß hinabgegangen, ſtimmten mit der von M'Lellan, M'Kenzie und ihren Gefährten zuſammen, und ſo durfte Hunt ſich der Hoffnung hin⸗ geben, daß ſie wohlbehalten durch die Wildniß gekom⸗ men ſeien. Dieſe Indianer erzählten eine vage Geſchichte von weißen Männern, welche des Handels wegen zu ihnen gekommen; ſie ſprachen oft von zwei großen Männern, Namens Ke⸗kooſh und Jacquean, welche ihnen Tabak gegeben und mit ihnen geraucht. Jacquean, ſagten ſie, habe ein Haus irgendwo an dem großen Ilnſſe. Einige der Kanadier glaubten, er ſpreche von einem Jacquean Finlay, einem Kommis der Nordweſt⸗Kompagnie, und äußerten, das Haus müſſe ein Handelspoſten an einem der Nebenflüſſe des Kolumbia ſein. Die Indianer freuten ſich höchlich, als ſie hörten, daß dieſer Zug weißer Männer die Abſicht habe, zurück⸗ zukehren und mit ihnen zu handeln. Sie verſprachen, allen Eifer und Fleiß anzuwenden, um eine Menge von Biberfellen zu ſammeln und gingen ohne Zweifel daran, 60.— 62. 14 — 210— eine furchtbare Niederlage unter dieſen klugen, aber unglücklichen Thieren anzurichten, welche vor dem Ein⸗ dringen der weißen Kaufleute in friedlicher Unbedeutend⸗ heit bei ihren indianiſchen Nachbarn wohnten. Am zwanzigſten Januar nahm Hunt Abſchied von dieſem freundlichen Indianerſtamm und dem Fluſſe, an welchem ſie gelagert geweſen, und ſetzte ſeine Reiſe nach Weſten fort. Am nächſten Tage war es unſern armen Reiſenden endlich vergönnt, die lange erſehnten Waſſer des Kolum⸗ bia vor ſich zu ſehen. Dieſer Anblick wurde mit einem ſolchen Entzücken bewillkommt, daß es ſchien, als hätten ſie bereits das Ziel ihrer Wanderung erreicht. Seit ſie den Snake⸗River verlaſſen, waren ſie zweihundert vierzig Meilen durch winterliche Wüſten und rauhe Gebirge gewandert; ſeit ihrer Abreiſe von dem Arikara⸗Dorfe, an dem Miſſouri, waren ſechs mühevolle und gefährliche Reiſemonate dahin gegangen. Von dieſem Punkte an betrug, nach ihrer Berechnung, ihr ganzer Weg, zu Waſ⸗ ſer und zu Land, ſiebenzehn hundert ein und fünfzig Meilen, und alle Arten von Mühſeligkeiten bezeichneten dieſen langen Weg. Wirklich hatte die Nothwendigkeit, dem gefährlichen Lande der Schwarzfüße auszuweichen, ſie gezwungen, einen umweg nach Süden hin zu machen und in der unbekannten Wildniß eine noch größere Strecke zu durchwandern.— Die Stelle, wo ſie auf den Kolumbia ſtießen, war eine Strecke unter der Vereinigung ſeiner zwei großen Arme, des Lewis⸗ und des Clarke⸗Fluſſes, und nicht weit von der Einmündung des Wallah⸗Wallah. Es war ein ſchöner Strom— drei Viertel Meilen breit und ganz frei von Bäumen, an manchen Stellen mit ſteilen Klippen, an andern mit kieſeligen Ufern begrenzt. An den uUfern des Kolumbia fanden ſie eine ärm⸗ liche Horde Indianer, Akaichies genannt, ohne jede andere Bekleidung als einen knappen Ueberwurf von Thierhäu⸗ ten und manchmal einem Paar Aermeln von Wolfshaut. Ihre Hütten waren wie Zelte geformt und mit Binſen⸗ matten gedeckt, ſehr leicht und warm; auſſer dieſen hat⸗ ten ſie Höhlen in der Erde, welche mit Matten ausge⸗ legt und für die Frauen beſtimmt waren, die noch leich⸗ ter gekleidet waren als die Männer. Dieſe Leute lebten vorzüglich vom Fiſchfang und hat⸗ ten Kanoes von roher Arbeit; ſie beſtanden blos aus Fichtenſtämmen, die geſpalten und durch Feuer ausge⸗ höhlt waren. Ihre Hütten waren mit getrocknetem Lachs gut verſehen; auch hatten ſie große Vorräthe von fri⸗ ſchen Lachsforellen von vortrefflichem Geſchmack, welche an der Mündung des Umatalla gefangen worden waren; die Reiſenden verſchafften ſich davon einen ſehr willkom⸗ menen Vorrath. Da Hunt ſah, daß der Weg auf der Nordſeite des Fluſſes hinführe, ſetzte er über und reiſte fünf oder ſechs Tage langſam an ſeinen Ufern hinab, da das häufige 14* Ausreißen der Pferde und die Verſuche der Indianer, ſie zu ſtehlen, ihn bedeutend aufhielt. Sie kamen oft an Hütten vorbei, wo ſie Fiſche und Hunde erhielten. An einer Stelle waren die Eingebornen eben von der Jagd zurückgekehrt und hatten eine große Menge Elenn⸗ und Rehfleiſch mitgebracht, forderten aber einen ſo hohen Preis dafür, daß unſere Reiſenden ihn nicht aufbringen konnten und ſich daher mit Hundefleiſch begnügen muß⸗ ten. Sie hatten es aber jetzt ſo weit gebracht, daß ſie daſſelbe für eine köſtliche Speiſe anſahen und es dem Pferdefleiſch vorzogen. Die Tagebücher der Reiſenden ſprachen dann und wann ſehr entzückt von„herrlichen Schmäuſen,“ die ſie gehabt, und wo dieſes Fleiſch in ungewöhnlicher Menge vorhanden war. Sie erhielten abermals Nachrichten von einigen der zerſtreuten Mitglieder der Expedition, welche, wie ſie annahmen, MKenzie, M'Lellan und ihre Leute waren, und die vor ihnen den Fluß hinabgegangen ſein ſollten, wobei eines ihrer Kanoes umgeſchlagen habe, ein Unfall, durch den ſie um viele Gegenſtände gekommen. Alle dieſe fliegenden Fetzen von Nachrichten über das Schick⸗ ſal ihrer Abenteuergenoſſen, welche ſich in dem Herzen der Wildniß von ihnen getrennt hatten, wurden mit der höchſten Theilnahme hingenommen. 3 Das Wetter war fortwährend gemäßigt, was auf die größere Milde des Klima's auf dieſer Seite des Gebirgs hindeutete. Einen großen Theil der Zeit waren die Tage 213— entzückend mild und heiter, wie die ſchönen Tage des Oktobers an den atlantiſchen Geſtaden. Im Allgemeinen war das Land in der Nähe des Fluſſes eine fortlaufende Ebene, am Waſſer niedrig, aber allmählig emporſteigend, ohne Bäume, ja faſt ohne alles Gebüſch oder Pflanzen irgend einer Art, dann und wann einige Weidenbüſche ausgenommen. Nachdem ſie ſechszig Meilen zurückgelegt, wurde die Gegend wieder ſehr hügelig, und der Fluß brauſte zwi⸗ ſchen felſigen Ufern dahin und über zahlloſe Stromſchnel⸗ len hinab. Die Indianer waren in dieſen Bezirben beſ⸗ ſer gekleidet und überhaupt in einem gedeihlicheren Zu⸗ ſtande, als die weiter oben, und ließen, wie es Hunt vorkam, das Selbſtbewußtſein ihrer Wohlhabenheit in einem etwas trotzigen und unverſchämten Betragen gewah⸗ ren. Der Wohlſtand bringt auf dieſe Weiſe im wilden ſo gut wie im geſittigten Leben Anmaßung hervor. In beiden Lagen iſt der Menſch ein Thier, das es nicht ertragen kann, wenn es ihm zu gut ergeht.. Von dieſen Leuten erhielt Hunt zum erſten Male eine unbeſtimmte, aber ſehr anziehende Nachricht von der andern Expedition, welche zur See an die Mündung des Kolumbia gekommen war. Die Indianer ſprachen von einer Menge weißer Männer, welche an der Mün⸗ dung des großen Fluſſes ein mächtiges Haus gebaut und es mit Palliſaden umgeben hätten. Keiner von dieſen Indianern war ſelbſt bis Aſtoria hinabgekommen; aber Neuigkeiten verbreiten ſich unter den indianiſchen Stäm⸗ men eben ſo weit als raſch von Mund zu Mund und kommen durch Jägerzüge und wandernde Horden in das Herz des Binnenlandes. 3 Auch war die Errichtung eines Stapelplatzes des Handels an einem ſolchen Punkte ſehr geeignet, in den entlegenſten Theilen der ungeheuern Wildniß jenſeits der Gebirge Aufſehen zu erregen. Ein ſolches Unternehmen traf, ſo zu ſagen, den Puls des großen Lebensſtromes, und zitterte durch alle ſeine Nebenadern hinauf. Es iſt überraſchend, wenn man ſieht, wie richtig dieſem entlegenen Stamm von Wilden aus ſo mittelba⸗ rer Hand die Einzeln⸗Gefühle der Koloniſten zu Aſtoria zugekommen waren; es beweiſt, daß die Indianer keine ſo theilnahmloſen und befangenen Beobachter ſind, wie man ſie wohl geſchildert hat. Sie ſagten Hunt, die weißen Leute in dem großen Hauſe hätten beſorgt nach vielen ihrer Freunde ausgeſchaut, welche, wie ſie erwar⸗ teten, den großen Fluß herabkommen ſollten; und ſie ſeien in großer Betrübniß geweſen, da ſie geglaubt, ſie ſeien verloren. Jetzt würde aber ſeiner und ſeiner Be⸗ gleitung Ankunft alle ihre Thränen wegwiſchen und ſie würden vor Freuden ſingen und tanzen. Am ein und dreißigſten Januar kam Hunt an die Fälle des Kolumbia und lagerte ſich bei dem Dorfe Wiſh⸗ ram, das an dem Anfange dieſes gefährlichen Paſſes des Fluſſes,„die langen Engen“ genannt, liegt. — 215— Achtundreißigſtes Kapitel. Das Dorf Wiſhram.— Schurkerei ſeiner Bewohner.— Ihre Wohnungen.— Nachrichten von Aſtoria.— Eine Bande Prahl⸗ hänſe.— Einſchiffung.— Ankunft zu Aſtoria.— Ein freudiger Empfang.— Alte Kameraden.— Reed's, MLellan's und M'Kenzie's Abenteuer in den Snake⸗River⸗Gebirgen.— Luſt⸗ barkeiten zu Aſtoria. In einem frühern Kapitel dieſes Werkes haben wir bereits einiges über das Dorf Wiſhram, den Fiſchmarkt der Eingebornen von Kolumbia, mitgetheilt. Die Bewohner trieben mit den Ergebniſſen des Fiſchfangs an den Fällen Handel, und ihr Dorf war eine Art Handelspoſten für die Stämme an den Küſten und in dem Gebirg. Hunt fand die Bewohner verſchmitzter und verſtändiger als alle die Indianer, auf welche er bisher geſtoßen. Der Ver⸗ kehr hatte ihre Geiſteskraft geſchärft, ihrer CEhrlichkeit aber eben nicht nachgeholfen; denn es war dies eine Gemeinde von argen Schurken und Freibeutern. Ihre Wohnungen waren im Einklange mit ihren umſtänden und beſſer als alle die, welche die Reiſenden noch auf der weſtlichen Abdachung des Felſengebirgs geſe⸗ hen hatten. Im Allgemeinen waren die Wohnungen — 216— der Wilden auf der ſtillen Meerſeite dieſer großen Fel⸗ ſenkette bloße Zelte und Hütten von Matten, oder Häu⸗ ten oder Stroh, da es in der Gegend an Bauholz fehlt. Zu Wiſhram im Gegentheil waren die Häuſer von Holz gebaut und hatten lange ſchräge Dächer. Die Flur war ungefähr ſechs Fuß unter der Oberfläche des Bodens und hatte an dem Giebel eine kleine, ſehr enge und theil⸗ weiſe in den Boden eingeſenkte Thüre. Durch ſie mußte man kriechen und dann auf einer kurzen Leiter nieder⸗ ſteigen. Dieſer unbequeme Eingang war ohne Zweifel der Vertheidigung wegen ſo geſtaltet; auch waren unter den Traufen Schießſcharten angebracht, augenſcheinlich, um Pfeile daraus abzuſchicßen. Die Häuſer waren geräumiger, als ſonſt Wohnun⸗ gen von Wilden ſind; gewöhnlich wohnten zwei bis drei Familien in einem derſelben. Unmittelbar innerhalb der Thüre waren Schlafſtellen die Wände entlang angebracht, wie die Backs in den Schiffen, und mit Pritſchen von Matten verſehen. Dieſe nahmen die eine Hälfte des Gebäudes ein; die andere war zum Aufbewahren gedörr⸗ ter Fiſche eingerichtet. Der Handel und Verkehr der Bewohner von Wiſhram ſetzte ſie in den Stand, ſich über eine Menge von Din⸗ gen zu belehren, und machte das Dorf zu einer Art Haupt⸗ quartier für Neuigkeiten jeder Art. Hunt war daher im Stande, hier genauere Nachrichten über die Niederlaſ⸗ ſung von Aſtoria und ihre Gehaben einzuziehen. Einer der Einwohner war in dem Handelspoſten geweſen, wel⸗ chen David Stuart an dem Oakinagan errichtet hatte, und hatte dort einige Worte Engliſch gelernt. Von ihm erfuhr Hunt manche Einzelnheiten über dieſe Niederlaſ⸗ ſung, ſo wie über die allgemeinen Angelegenheiten des Unternehmens. Andere ſprachen wiederholt von M⸗Kay, dem Theil⸗ haber, welcher in dem Blutbade an Bord des Tonquin umgekommen war, und theilten manches über dieſes trau⸗ rige Begebniß mit. Sie ſagten, MKay ſei ein Häupt⸗ ling bei den Weißen geweſen und habe an der Mündung des Fluſſes ein großes mächtiges Haus gebaut, es aber verlaſſen und ſich in einem großen Schiffe nach Norden gewendet, wo er von ſchlechten Indianern in Kanoes angegriffen worden. Hunt erſchrack bei dieſer Nachricht, und ſetzte ſein Nachfragen fort. Man ſagte ihm, die Indianer hätten ihre Kanoes an das Schiff gebunden und gekämpft, bis ſie ihn und ſeine Leute getödtet. Dies iſt abermals ein Beweis von der Beſtimmtheit, mit wel⸗ cher bei den Indianern Nachrichten von Mund zu Mund gehen. Obgleich Hunt dieſen Nachrichten nur theilweiſe Glau⸗ ben ſchenkte, erfüllten ſie ſein Gemüth doch mit düſtern Ahnungen. Er bemühte ſich nun, ſich Kanoes zu ver⸗ ſchaffen, in welchen er den Kolumbia hinab fahren wollte; über den Engen waren aber keine zu bekommen, welche — 218— dem Zwecke entſprachen; er ging daher zwölf Meilen weiter hinab und lagerte ſich an den Ufern des Fluſſes. Das Lager war bald von lungernden Wilden umge⸗ ben, die nach Beute ausgingen und zu ſtehlen ſuchten. Da die Wachſamkeit der Leute ihre Abſichten vereitelte, ſuchten ſie ihren Zweck auf andere Weiſe zu erreichen. Gegen Abend kam eine Schaar Krieger in buntem Auf⸗ zug in das Lager; ſie waren gekleidet und gemahlt, als ginge es zum Kampf; auch trugen ſie Speere, Bogen, Pfeile und Skalpirmeſſer. Sie benachrichtigten Hunt, eine Schaar von dreißig bis vierzig„Tapfern“ kämen aus einem tieferliegenden Dorfe herauf, um das Lager anzugreifen und die Pferde wegzuführen; ſie ſeien aber entſchloſſen, bei ihm zu bleiben und ihn zu vertheidigen. Hunt ſchenkte ihnen eine ſehr kalte Aufnahme und gab ihnen, als ſie mit ihrer Geſchichte fertig waren, eine Pfeife zu rauchen. Er rief nun alle ſeine Leute auf, ſtellte auf verſchiedenen Seiten Wachen aus, ſagten ihnen aber, ſie möchten innerhalb des Lagers eben ſo ſorgfältig wachen, wie draußen. Dieſe Vorſichtsmasregeln kamen den Kriegern ſicht⸗ bar ſehr ungelegen; als ſie ihre Pfeife geraucht nnd ihre ganze Tapferkeit in die Luft geblaſen hatten, nahmen ſie Abſchied. Die Farce war aber hier noch nicht zu Ende. Nach einer kleinen Weile kehrten die Krieger zurück und brachten einen andern Wilden, welcher noch heroiſcher geſchmückt war. Dieſen kündigten ſie als den — — — 219— Häuptling des kriegsluſtigen Dorfes, aber zugleich als einen großen Friedensvermittler an. Seine Leute, ſag⸗ ten ſie, ſeien wüthend auf den Angriff verſeſſen und würden ihn ohne Zweifel bereits ins Werk geſetzt haben, wäre dieſer tapfre Häuptling nicht als Freund der weißen Männer aufgetreten; durch ſein Anſehn und ſeine Kühn⸗ heit habe er die Maſſe zerſtreut. Nachdem ſie dieſen ausgezeichneten Freundſchaftsdienſt ruhmredneriſch hervorgehoben, entſtand eine bedeutungs⸗ volle Pauſe; alle erwarteten ohne Zweifel einen ange⸗ meſſenen Lohn. Hunt brachte abermals die Pfeife her⸗ bei und rauchte mit dem Häuptling und ſeinen würdigen Genoſſen, ohne jedoch ſich in einer andern Weiſe dank⸗ bar zu zeigen. Sie blieben die ganze Nacht in dem Lager, kehrten aber mit Tagesanbruch getäuſcht und nie⸗ dergeſchlagen, mit nichts anderm, als Dampf für ihre Mühe, nach Haus zurück. Hunt ſah ſich nun eifrig nach Kanoes um; er fand in der Nachbarſchaft viele, die ſehr ſchön gebaut waren und hohe Vorſteven und Spiegel hatten; manche derſel⸗ ben konnten dreitauſend Pfund Laſt tragen. Es wurde ihm jedoch ungemein ſchwer, mit dieſem glatten Völkchen, das viel geneigter zum Stehlen war, einig zu werden. Der ſtrengen Wache ungeachtet, mit welcher das Lager umgeben war, wurden verſchiedene Geräthſchaften geſtoh⸗ len und mehrere Pferde weggeführt. Unter den letztern müſſen wir auch das lange werthgehaltene Thier Pierre 220 Dorion's anführen. Aus irgend einer eigenſinnigen Grille hatte dieſer Treffliche ſein Zelt in einiger Entfernung von der Geſammtſchaar aufgeſchlagen und ſein uUnſchätz⸗ bares Roß neben demſelben angebunden; in der Nacht wurde es, zu dem unendlichen Kummer und Herzeleid des halbblütigen Dolmetſchers, geſtohlen. Nachdem ſich Hunt, nach mehrtägigen Unterhand⸗ lungen, die nöthige Anzahl von Kanoes verſchafft hatte, hätte er gern dieſe diebiſche Gegend verlaſſen, wurde aber durch heftige Gegenwinde, die von Schnee und Regen begleitet waren, bis zum fünften Februar zurück⸗ gehalten. Selbſt als er im Stande war abzureiſen, hatte er gegen ungünſtige Winde und ſtürmiſches Wetter 31 kämpfen. Die Strömung des Fluſſes war jedoch zu ſei⸗ nen Gunſten und nachdem er die„Tragſtelle“ an der großen Stromſchnelle hinter ſich hatte, fanden die Kanoe kein weiteres Hinderniß und am Nachmittag des fünf⸗ zehnten Februars, nachdem ſie eine vorſpringende Klippe umfahren, lag die junge Anſiedlung von Aſtoria vor ihren Augen. Wir können uns leicht das Entzücken der armen, vom Wetter zerſchlagenen Reiſenden denben, als ſie nach eilfmonatlicher Wanderung in der Wildniß, meiſtens durch pfadloſe Wüſten, wo der Anblick eines wilden Wigwams eine Seltenheit war, die werdende Niederlaſſung mit ihren Magazinen, Wohnhäuſern, verpfählten Baſteien auf einem erhöhten Punkte des Landes liegen ſahen, *⁴ 221— welcher eine kleine Bai beherrſchte, in der eine nettge⸗ baute Schaluppe ruhig vor Anker lag! Bei dem lange erſehnten Anblick wurde ein allgemeiner Freuderuf in den Kanoes laut. Sie eilten durch die Bai und ruder⸗ ten ungeſtüm auf das Land zu, wo alles aus der Anſied⸗ lung herbeilief, um ſie zu empfangen und willkommen zu heißen. Unter den Erſten, welche ſie auf dem Lande begrüß⸗ ten, waren mehrere ihrer alten Kameraden und Mitdul⸗ der, welche, unter der Anführung Reed's, MeLellan's und M'Kenzie's am Caldron Linn von ihnen geſchieden waren. Dieſe hatten faſt einen Monat vorher Aſtoria erreicht und Hunt und ſeine Gefährten für verloren gege⸗ ben, da ſie ſelbſt nur mit Noth dem Huntertode ent⸗ gangen waren. Um ſo wärmer und herzlicher war nun der Willkomm. Die kanadiſchen Reiſenden betreffend, ſo waren ihre gegenſeitigen Glückwünſche und Begrüßungen, wie gewöhnlich, laut und geräuſchvvll und es war faſt komiſch anzuſchauen, wie dieſe alten„camarades“ und „Confrères' an dem Ufer ſich umſchloſſen und küßten. Als der erſte Jubel vorüber war, tauſchten die ver⸗ ſchiedenen Züge die Nachrichten über ihre mannichfachen Irrfahrten nach ihrer Trennung am Snake⸗River aus. Wir wollen kurz einiger der Hauptpunkte gedenken. Der Leſer wird ſich erinnern, daß ein kleiner Streif⸗ zug, unter der Anführung John Reed's, eines Commis der Geſellſchaft, den Fluß hinab gegangen war; ein ande⸗ 222— rer war unter M'Lellan und ein dritter unter MKenzie alle in verſchiedenen Richtungen abgegangen. Nachdem ſie mehrere Tage umhergeirrt, ohne auf Indianer zu ſtoßen, oder Lebensmittel zu finden, kamen ſie zufällig in dem Snake⸗River⸗Gebirg, eine Strecke unter jenem unglücklichen Paſſe zuſammen, welcher den Namen„des Teufels Trichterloch“ erhalten hatte. Nach dieſem Zuſammentreffen beſtand die Geſell⸗ ſchaft aus M'Kenzie, M'Lellan, Reed, und acht Mann, größtentheils Kanadier. Da ſie alle in derſelben Lage waren, ohne Pferde, ohne Lebensmittel, ohne Auskunft irgend einer Art, kamen ſie überein, daß es ſchlimmer als nutzlos wäre, zu Hunt zurückzukehren und ihm mit ſo vielen hungrigen Leuten läſtig zu fallen und daß es ihre einzige Sorge ſein müßte, ſo bald als möglich aus dieſer Gegend des Hungers und des Elends heraus zu kommen und den Weg nach dem Kolumbia zu finden. Dennoch folgten ſie fortwährend dem Laufe des Snake⸗River thalab, kletterten über Felſen und Berge, trotzten allen Beſchwerden und Gefahren dieſes rauhen Paſſes, welchen Hunt und Crooks ſpäter, als der Schnee gefallen war, unüberſteiglich fanden. Obgleich ſtets den Ufern des Fluſſes nahe und den größten Theil der Zeit im Angeſichte ſeines Waſſers, war der Durſt ihr herbſtes Ungemach. Der Fluß hatte ſich in einem tiefen Bett durch wildes Felsgebirg Bahn gebro⸗ chen; kein Bach, keine Quelle war zu ſehen. Die Ufer V I —— —— — 223— waren ſo hoch und ſteil, daß ſich nur ſelten eine Stelle fand, wo die Reiſenden niederſteigen konnten, um von ſeinem Waſſer zu trinken. Häufig hatten ſie Stunden lang die Qualen des Tantalus zu dulden— Waſſer in Fülle vor Augen und doch von dem ſchrecklichſten Durſte gequält! Dann und wann fanden ſie Regenwaſſer, das ſich in den Höhlungen der Felſen geſammelt hatte; mehr als ein Mal aber waren ſie in die äußerſte Noth gekom⸗ men, und einige der Leute nahmen zu den äußerſten Mitteln, ihr Leben zu retten, ihre Zuflucht. Die Qualen des Hungers, dem ſie blosgeſtellt, waren gleich herb. Sie konnten kein Wild finden und lebten Tage lang von Streifen Biberfell, die an Kohlen gerö⸗ ſtet wurden. Dieſe wurden in ſchmalen Portionen aus⸗ getheilt, welche kaum hinreichten, ihnen das Leben zu friſten, und die ſie ſpäter gern gegeſſen hätten, wenn ſie ſie nur hätten haben können. Bei all dem ſchlichen ſie langſam entlang, kaum im Stande, ein Glied dem andern nachzuſchleppen, bis ein heftiger Windſturm ſie zu einem Halte brachte. Es war in ihrer erſchöften Lage unmöglich, gegen denſelben anzukämpfen; ſo ſchickten ſie ſich, unter einem vorragenden Fels am Fuße eines ſtei⸗ len Berges zu jenem gräßlichen Schickſale an, das unver⸗ meidlich ſchien. 3 In dieſem kritiſchen Augenblick, als die Hungers⸗ noth ihnen drohend entgegen trat, hob M'Lellan die Au⸗ gen empor und ſah ein Ahſahta oder Großhorn, das — 221— ſich unter einem abſchüſſigen Fels an der Seite des Ber⸗ ges über ihnen zu ſchützen ſuchte. Da er mehr bei Kraft war, als irgend einer ſeiner Gefährten, und man ihn als trefflichen Schützen kannte, erhob er ſich, um in die Schußweite des Thieres zu kommen. Mit namenloſer Angſt ſahen ſeine Gefährten auf ſeine Bewegungen, denn ihr Leben hing von ſeiner Geſchicklichkeit ab. Er umging das Thier vorſichtig, ſchlich in der größten Stille an dem 4 Berge empor und kam endlich unbemerkt in die gehörige Nähe. Hier hob er ſeine Büchſe und zielte ſo ſicher, daß das Großhorn auf der Stelle ſtürzte;— ein glücklicher Umſtand, denn in ſeinem erſchöpften Zuſtande wäre es ihm, hätte er das Thier blos verwundet, unmöglich gewe⸗ ſen, ihm zu folgen. Der Abhang des Berges ſetzte ihn in den Stand, ſeinen Gefährten, die zu ſchwach waren, die Felſen zu erklimmen, die Beute zuzurollen. Eilig begaben ſie ſich an das Werk, das Thier auszunehmen; doch übten ſie eine merkwürdige Selbverleugnung für Leute in ihrer verzweifelten Lage, denn ſie begnügten ſich für den Augenblick mit einer Suppe, welche von den Knochen gemacht wurde und hoben das Fleiſch zu künf⸗ tigen Mahlzeiten auf. Die Hülfe, welche die Vorſehung ihnen geſendet, gab ihnen Kraft, ihre Reiſe fortzuſetzen; aber ſie ſahen ſich noch mehrmals ähnlichen Nöthen preisgegeben und nur die geringe Anzahl der Leute, bei denen es nur kleiner Vorräthe von Lebensmitteln bedurfte, machte es — 225— ihnen möglich, mit dem Leben aus dieſen öden ſchreck⸗ lichen Wildniſſen zu kommen. Nach einundzwanig Tagen voller Mühe und Leiden kamen ſie endlich aus dieſem Gebirg und ereichten einen Nebenfluß jenes Armes des Kolumbia, welcher Lewis⸗ River heißt und deſſen ſüdliche Gabel der Snake⸗River iſt. In dieſer Gegend trafen ſie wilde Pferde— die erſten, welche ſie auf der weſtlichen Abdachung des Felſengebirgs geſehen hatten. Von hieraus ſuchten ſie den Lewisfluß zu erreichen und trafen auf einen freundlichen Indianer⸗ ſtamm, welcher ihnen in ihrer Noth freiwillig beiſprang. An dieſem Fluſſe verſchafften ſie ſich zwei Kanoes, in welchen ſie bis zu deſſen Einmündung in den Kolumbia und dann dieſen Fluß hinab nach Aſtoria fuhren, wo ſie abgemagert und ausgehungert, und ganz in Lumpen ankamen. Auf dieſe Weiſe waren denn die Hauptperſonen der Expedition Hunt's wieder beiſammen, nur Crooks fehlte, welchen man kaum gerettet zu ſehen hoffen konnnte, da man ihn ganz erſchöpft und geſchwächt in dem Herzen der Wildniß zurück zu laſſen gezwungen war. Ein Tag wurde nun dem Jubel geweiht, um die Ankunft Hunt's und ſeiner Gefährten und das freudige Wiederſehen der verſchiedenen zerſtreuten Haufen der Reiſenden zu Aſtoria zu feiern. Die Fahnen und Flaggen wurden dem Winde preisgegeben, Kanonen und Gewehre losgeſchoſſen; der Schmaus beſtand aus Fiſchen, Bibern 60.— 62. 15 — ͦ— — und Wildpret, an welchem Männer ſich wohl erlaben mochten, welche ſo lange froh geweſen, wenn ſie Hunde und Pferdefleiſch gehabt; eine gute Quantität Grog half die allgemeine Luſt bewundrungswürdig ſteigern, und die Feſtlichkeiten endigten, wie gewöhnlich, mit einem großen Tanze, welchen die kanadiſchen Reiſenden in der Nacht aufführten.*) ———¶(·q¶·mꝑ¶ᷓê ²*) Die Entfernung von St. Louis bis Aſtoria beträgt, auf dem Wege, welchen Hunt und M'Kenzie genommen, gegen dreitauſend fünfhundert Meilen; in grader Rich⸗ tung ſteigt ſte nicht über achtzehnhundert Meilen. Der Verfaſſer. ⸗⸗——õ— Neunnnddreißigſtes Kapitel. Schmale Koſt während des Winters.— Ein ſchlechtes Jagd⸗ revier.— Die Rückkehr der Fiſchfangzeit.— Der Uthlecan oder Stint.— Seine Eigenſchaften.— Große Züge deſſelben. — Der Stör.— Indianiſche Art, ihn zu fangen.— Der Lachs. — Verſchiedene Arten deſſelben.— Natur des Landes an der Küſte.— Wälder und Waldbäume.— Eine merkwürdige blü⸗ hende Rebe.— Vierfüßige Thiere.— Vögel.— Würmer.— Klima weſtlich von den Gebirgen.— Milde der Temperatur. Boden an der Küſte und im Innern. Der Winter verſtrich ruhig zu Aſtoria. Die Furcht vor Feindſeligkeiten der Eingebornen hatte ſich gelegt; mit der vorrückenden Jahreszeit war der größte Theil der Indianer aus der Gegend verſchwunden und hatte die Seeküſte verlaſſen, ſo daß die Koloniſten, welche ihrer Hülfe entbehren mußten, zuweilen in nicht gerin⸗ gerem Grade mit Mangel an Lebensmitteln zu kämpfen hatten. 1 Die Jäger, welche zu der Geſellſchaft gehörten, mach⸗ ten häufige und weite Ausflüge; brachten aber nur wenig Beute nach Haus. Rehe und einige Bären waren in der Gegend zu finden; Elenn gab es in Menge, das 15* 228— Land war aber ſo rauh und klüftig und die Wälder ſo dicht und verwachſen, daß es faſt unmöglich war, das Wild aufzutreiben. Auch die vorherrſchenden Wintertage machten es beſchwerlich für den Jäger, ſeine Waffen in der Ordnung zu halten. Demnach mußte die Ausbeute von Wild, welche die Jäger heim brachten, ſehr knapp ſein, und es wurde oft nöthig, die ganze Mannſchaft auf ſchmale Koſt zu ſetzen. Wie jedoch der Frühling herankam, begann die Fiſch⸗ fangzeit— die Zeit des Ueberfluſſes an dem Kolumbia. Gegen Anfang des Februars erſchien eine kleine Fiſch⸗ art, gegen ſechs Zoll lang, von den Eingebornen Uthle⸗ can genannt und dem Stinte ähnlich, an der Mündung des Fluſſes. Dieſer Fiſch ſoll von einem köſtlichen Ge⸗ ſchmack und ſo fett ſein, daß er wie ein Licht brennt, daher ihn die Eingebornen auch häufig zu dieſem Zwecke gebrauchen. Er tritt in unermeßlichen Zügen in den Fluß, feſten Säulen ähnlich, welche oft fünf und mehr Fuß Tiefe haben; die Eingebornen heben ihn in kleinen Netzen aus, welche an Stangen gebunden werden. Auf dieſe Weiſe füllen ſie bald ein Kanoe damit an oder bilden einen großen Haufen an dem ufer. Dieſe Fiſche machen einen Hauptbeſtandtheil ihrer Nahrung aus; die Weiber dörren ſie und reihen ſie an Bindfaden auf. Da der Uthlecan nur an dem untern Theile des Fluſſes gefunden wird, ſo brachte ſeine Ankunft die Ein⸗ gebornen bald an die Küſte zurück; ſie kamen wieder zu — 229— der Factorei, um zu handeln und lieferten von dieſer Zeit an reiche Vorräthe von Fiſchen.. Bald nach dem Uthlecan erſcheint auch der Stör in dem Fluſſe und wird von den Eingebornen auf verſchie⸗ dene Arten gefangen; zuweilen wird er geſpießt; öfter aber bedienen ſie ſich der Angel, der Ruthe und des Netzes. Dann und wann laſſen ſie eine Leine mit einem ſchweren Gewicht in das Waſſer; an dem obern Ende iſt eine Boy, um die Leine ſchwimmend zu erhalten. An dieſer Leine werden mehrere Angeln an kurzen Fä⸗ den befeſtigt; dieſe ſind nur einige Fuß von einander; als Köder dient ein kleiner Fiſch. Dieſe Vorrichtung wird oft gegen Abend in den Fluß gebracht und am Mor⸗ gen findet man viele Störe daran feſtgehakt; obgleich er ein großer und ſtarker Fiſch iſt, leiſtet er doch wenig Widerſtand, wenn er gefangen iſt. Der Lachs, welcher der Hauptfiſch des Kolumbia⸗ fluſſes und für die diſcherſtämme eben ſo wichtig iſt, wie die Büffel für die Jäger der Prairien, kömmt erſt gegen Ende des Mai's in den Fluß und wird von da bis in die Mitte des Auguſt in großer Menge gefunden und, entweder mit dem Speer oder dem langen Garne, ge⸗ wöhnlich in ſeichtem Waſſer gefangen. Eine ſchlechtere Art folgt und bleibt vom Auguſt bis zum Dezember. Dieſe Fiſche ſind dadurch merkwürdig, daß ſie eine doppelte Reihe Zähne haben, welche einen Zoll lang und unge⸗ mein ſcharf ſind, daher man ihnen den Namen„Hunds⸗ — 230— zahn⸗Lachſe gegeben hat. Sie werden gewöhnlich mit dem Speer in kleinen Bächen getödtet und als Winter⸗ vorrath geräuchert. Wir haben in einein frühern Kapitel dieſes Buches von der Art geſprochen, wie der Lachs an den Fällen des Kolumbia gefangen und zermalmt und dann in Bal⸗ len zur Ausfuhr bereit gehalten wird. Auf dieſe man⸗ nichfachen Fiſchereien der Flußſtämme war die Niederlaſ⸗ ſung zu Aſtoria in Bezug auf ihren Unterhalt und ihre Vorräthe angewieſen. Ein einjähriger Aufenthalt an der Mündung des Ko⸗ lumbia und verſchiedene Ausflüge in das Aulre hatten den Aſtoriern ein Bild von dem Lande gegeben. Die ganze Küſte wird als ungemein rauh, zerriſſen nnd ber⸗ gig geſchildert; überall dichte Wälder von Schierlings⸗ und Pechtannen, weißen und rothen Cedern, Baumwol⸗ lenbäumen, weißen Eichen, weißen und Sumpfeſchen, Weiden und dann und wann von Wallnußbäumen. Auch findet man ein Untergehölz, aus aromatiſchen Gebüſchen, „ Schlingpflanzen und rankenden Reben beſtehend, welche die Wälder faſt undurchdringlich machen; eben ſo Beeren der mannichfachſten Art, z. B. Stachelbeeren, Erdbeeren, rothe und geibe, ſehr große und böſtlich ſchmeckende Him⸗ beeren, Heidelbeeren, Kerbebeeren, Speierlingsbeeren, Brombeeren, Johannisbeeren, Schlehen und wilde und Würzkirſchen. Unter den blühenden Reben iſt eine, welche beſon⸗ —— —— — 231— ders erwähnt zu werden verdient. Jede Blume beſteht aus ſechs Blättern, ungefähr drei Zoll lang, von ſchö⸗ nem Hochroth, die innere Seite weiß getupft. Die Blät⸗ ter ſind von einem ſchönen Grün, oval, drei und drei geſtellt. Dieſe Pflanze hebt ſich an den Bäumen empor, ohne ſich an dieſelben anzuheften; hat ſie die oberſten Zweige erreicht, ſteigt ſie wieder ſenkrecht nieder und breitet ſich, da ſie fortwährend wächſt, von Baum zu Baum aus, bis ihre verſchiedenen Stengel ein Netz in dem Walde bilden, das dem Tauwerk eines Schiffes gleicht. Di Stämme dieſer Reben ſind feſter und beug⸗ ſamer als iden und haben eine Länge von fünfzig bis hundert Klaftern. Aus den Faſern machen die India⸗ ner Körbe von ſo dichtem Geflechte, daß ſie Waſſer halten. 6 Unter den vierfüßigen Thieren, welche die Koloni⸗ ſten auf ihren verſchiedenen Ausflügen geſehen haben, erwähnen ſie beſonders des Rothhirſches, des Damm⸗ hirſches, des Rehs, des ſchwarzen und grauen Bären, der Antilope, des Ahſahta's oder Großhorns, des Bibers, der See⸗ und Flußotter, der Biſamratte, des Fuchſes, des Wolfs und Panthers— der letztere iſt ſehr ſelten. Pferde und Hunde waren die einzigen Hausthiere der Eingebornen. 1 Die Gegend war reich an Waſſer⸗ und Landvögeln, wie Schwänen, wilden Gänſen, Bratgänſen, Enten von faſt jeder Art, Pelikanen, Reihern, Möven, Schnepfen, — 232— Brachvögeln, Adlern, Geiern, Krähen, Raben, Aelſtern, Spechten, Tauben, Rebhühnern, Faſanen, Haſelhühnern, und einer großen Menge Singvögel. Der kriechenden Thiere gibt es wenige; die einzigen gefährlichen Arten waren die Klapperſchlange und eine ſchwarz, gelb und weiß geſtreifte und gegen vier Fuß lange Schlange. Unter den Eidechſenarten war eine, die gegen neun bis zehn Zoll, den Schweif abgerechnet, lang war und drei Zoll im umfange hatte; der Schweif war rund und hatte gleiche Länge mit dem Körper. Der Kopf war dreieckig und mit langen, viereckigen Schuppen bedeckt. Der obere Theil des Körpers war gleichfalls mit kleinen, grünen, gelben, ſchwarzen und blauen Schuppen bedeckt. Jeder Fuß hatte fünf Zehen, die mii ſtarken Nägeln verſehen waren, wahrſcheinlich um beim Graben zu helfen, denn ſie wohnen gewöhnlich auf den Ebenen unter der Erde. Eine merkwürdige und das Land weſtlich von dem Felſengebirg charakteriſirende Thatſache iſt die Milde und Gleichförmigkeit des Klimas. Die mächtige Gebirgsbarre ſcheint das Feſtland in verſchiedene Klimate zu theilen, ſelbſt da, wo die Breitengrade dieſelben ſind. Die ſtren⸗ gen Winter und die heißen Sommer und alle die launi⸗ ſchen Ungleichheiten der Temperatur, welche auf der atlan⸗ tiſchen Seite des Gebirgs herrſchen, werden auf ſeinen weſtlichen Abdachungen nur wenig empfunden. Die Ge⸗ — 233— genden zwiſchen ihm und dem ſtillen Meere ſind mit einer milderen und gleicheren Temperatur geſegnet und gleichen den Klimaten gleicher Breiten in Europa. In den Ebenen und Thälern fällt den ganzen Winter hindurch nur wenig 3 Schnee und ſchmilzt gewöhnlich während des Fallens. Selten bleibt er länger als zwei Tage auf dem Boden liegen, wenn man die Kuppen der Berge ausnimmt. Die Winter ſind eher regnicht als kalt. Der Regen währt fünf Monate lang, von der Mitte des Oktobers bis zu der Mitte des März— faſt ohne Unterbrechung; furchtbarer Donner und Blitz ſind oft in ſeinem Geleite. Die Süd⸗ und Südoſtwinde, welche gewöhnlich Regen bringen, herrſchen in dieſer Zeit vor. Die Nord⸗ und Südweſtwinde ſind die Vorboten eines ſchönen Wetters und heitern Himmels. Der übrige Theil des Jahres, von der Mitte des März bis zur Mitte des Oktobers, iſt heiter und wonnig. Wäh⸗ rend dieſer ganzen ſieben Monate fällt faſt nie Regen, und doch iſt die Oberfläche des Landes ſtets friſch und grün, was dem nächtlichen Thau und dann und wann den feuchten Morgennebeln zugeſchrieben iſt. Man hält letztere nicht für ungeſund, da ſowohl die Eingebornen, wie die Weißen, ohne die geringſte Gefährdung unter freiem Himmel ſchlafen. Während dieſe milde, gleichmäßige Temperatur in den niedrigen Gegenden vorherrſcht, ſind die Kuppen und 8 — — 234— Abhänge der ungeheuern Gebirge, von welchen jene be⸗ herrſcht werden, mit ewigem Schnee bedeckt. Dies macht, daß man ſie aus großer Entfernung ſieht, wo ſie dann zuweilen wie helle Sommerwolken glänzen, zuweilen die luftigſten Tinten annehmen und immer einen glänzenden anziehenden Charakterzug der ausgedehnten Landſchaft abgeben. Manche wollen die milde Temperatur, welche hier allenthalben vorherrſcht, dem Wechſel der aus den ver⸗ ſchiedenſten Breitegraden von dem ſtillen Meere wehen⸗ den Winde zuſchreiben; dieſe mäßigen die Hitze des Sommers, ſo daß man im Schatten den Wärmegrad nie drückend findet; auch mildern ſie die Strenge des Winters und bringen ſolch eine Gleichmäßigkeit der Tem⸗ peratur hervor, daß die Bewohner das ganze Jahr hin⸗ durch dieſelbe Kleidung tragen können. Der Boden in der Nähe iſt von brauner, ins Röth⸗ liche ſpielender Farbe und ſehr mager, denn er beſteht aus einem Gemiſche von Lehm und Kies; in dem Innern und beſonders in den Thälern des Felſengebirgs iſt der Boden gewöhnlich ſchwärzlich, obgleich zuweilen gelb. Er iſt häufig mit Mergel und Seeſubſtanzen, die in den Zuſtand der Fäulniß übergegangen, gemiſcht. Dieſe Bo⸗ denart geht bedeutend tief, wie man in den ſtarken Ausſchnitten der Schluchten und den Flußbetten ſehen kann. Die Vegetation in dieſen Thälern iſt bei weitem —— — 235— üppiger, als an der Küſte; in der That, in dieſen fruchtbaren Zwiſchenräumen, die zwiſchen Felſenketten eingeſchloſſen oder von öden Wüſten umgeben ſind, muß ſich die Bevölkerung gleichſam in Adern und Verzweigun⸗ gen ausbreiten, wenn die Regionen jenſeits der Gebirge jemals geſittigt werden ſollen. — 236— Vierzigſtes Kapitel. Eingeborne in der uUmgegend von Aſtoria.— Schilderung derſelben.— urſachen der Ungeſtalt.— Ihre Kleidung.— Ihre Verachtung gegen Härte.— Schmuck und Zierrathen.— Rü⸗ ſtung und Waffen.— Art, den Kopf flach zu drücken.— Aus⸗ dehnung dieſer Sitte.— Religiöſer Glaube.— Die zwei gro⸗ ßen Geiſter der Luft und des Feuers— Prieſter oder Medi⸗ zin⸗Männer.— Die nebenbuhleriſchen Götzen.— Vielweibe⸗ rei ein Grad der Größe.— Kleiner Krieg.— Muſik, Tanz und Spiel.— Stehlen eine Tugend.— Verſchlagene Kaufleute. — Zudringliche Sitten.— Abſcheu vor Trunkenheit.— Anek⸗ dote von Comcomly. Wir haben der Stämme oder Horden, welche zur Zeit der Niederlaſſung an dem untern Theil des Kolum⸗ bia wohnten, bereits kurz erwähnt; einige umſtändlichere Nachrichten über ſie werden nicht unwillkommen ſein. Die vier Stämme, welche Aſtoria zunächſt wohnten und mit welchen die Kaufleute am meiſten Verkehr hat⸗ ten, waren, wie ſchon früher geſagt, die Chinooks, die Clatſops, die Wahkiakums und die Cathlamets. Die Chinooks wohnten vornehmlich die Ufer eines gleichna⸗ migen Fluſſes entlang, welcher in gleicher Linie mit der Seeküſte, durch ein niedriges mit ſtehenden Sümpfen be⸗ decktes Land läuft und ſich wenige Meilen über Kap Disap⸗ pointment in die Bakersbay ergießt. Dies war der Stamm, über welchen Comcomly, der einäugige Häupt⸗ ling, herrſchte; er rühmte ſich, zweihundertvierzehn kampf⸗ fähige Männer zu zählen. Die Hauptnahrung deſſelben beſtand aus Fiſchen; das Fleiſch des Elenn, des Rehes und eines wilden Vogels aus den umliegenden Teichen gab ein gelegentliches Feſtmahl ab. Die Clatſops wohnten auf beiden Seiten von Point Adam; ſie waren blos die Trümmer eines Stammes, welchen die Blattern faſt gänzlich aufgerieben hatten und der nur noch hundertundachtzig kampffähige Männer zählte. Die Wahkiacums, oder Waak⸗i⸗cums hatten die Nordſeite des Kolumbia inne und zählten ſechsundſechzig Krieger. Sie und die Chinooks machten urſprünglich einen Stamm aus; aber zwei Menſchenalter ungefähr vor der Zeit der Niederlaſſung erhob ſich ein Streit zwi⸗ ſchen dem herrſchenden Oberhaupte und ſeinem Bruder Wahkiacum, der letztere ſchied ſich aus und bildete mit ſeinen Anhängern die jetzige Horde, welche noch ſeinen Namen trägt. So entſtehen neue Stämme oder Völ⸗ kerſchaften und die Feindſchaft glimmt fort, bis irgend eine Veranlaſſung ſie zum hellen Brande anfacht. Die Cathlamets wohnten dem untern Dorfe der Wahkiacums gegenüber und zählten vier und neunzig Krieger. — 238— Dieſe vier Stämme oder vielmehr Sippſchaften, ſind, wie der Augenſchein lehrt, von gleicher Abſtammung, denn ſie ſind ſich in Geſtalt, Kleidung, Sprache und Sitten ähnlich. Sie ſind eine ziemlich kleine Raſſe, gewöhnlich unter fünf Fuß fünf Zoll groß und haben einge⸗ bogene Beine und dicke Knöchel— eine Mißgeſtalt, welche daher kömmt, daß ſie die meiſte Zeit auf dem Boden ihrer Kanoes ſitzend, oder auf Waden und Ferſen gekauert, hinbringen— eine Lieblingslage, welche ſie, ſelbſt wenn ſie auf dem Lande ſind, beibehalten. Die Weiber ver⸗ mehren dieſe Mißgeſtaltung dadurch, daß ſie dichtanlie⸗ gende Binden um die Knöchel tragen, welche den Kreis⸗ lauf des Blutes hemmen und ein Schwellen der Mus⸗ keln des Beines verurſachen. Keines der beiden Geſchlechter kann ſich körperlicher Schönheit rühmen. Ihre Geſichter ſind rund; ſie haben kleine aber lebhafte Augen. Ihre Naſen ſind breit und oben flach, unten fleiſchig; die Nüſtern breit. Der Mund iſt groß, die Lippen dick, die Zähne kurz, unregelmäßig und ſchmutzig. In der That, gute Zähne ſind bei den Stämmen in dem Weſten des Felſengebirgs, welche größ⸗ tentheils von Fiſchen leben, eine Seltenheit. In der erſten Zeit ihres Verkehres mit weißen Männern waren dieſe Wilden ärmlich gekleidet. Im Sommer gingen die Männer ganz nackt; im Winter und bei ſchlechtem Wetter trugen ſie einen kurzeu Rock, welcher von Thierhaut oder von der Wolle des Berg⸗ — 239— ſchaafs gemacht war und bis über die Kniee reichte. Gelegentlich hüllten ſie ſich in eine Art Mantel von Mat⸗ tenwerk, um den Regen abzuhalten; wenn ſie auf dieſe Weiſe Rücken und Schultern geſchützt hatten, mochte der übrige Theil des Körpers immerhin nackt ſein. Die Frauen trugen gleiche Röcke, nur waren ſie kürzer, denn ſie reichten nicht unter den Gürtel; außer dieſen hatten ſie eine Art von Röckchen oder Umhang, der von dem Gürtel bis zum Knie reichte und aus den Fibern der Cederrinde, die tauartig gedreht wurden, oder einem Gewebe von verſchlungenem und an den Enden mit Knoten geknüpftem Seidengras beſtand. Dies war die gewöhnliche Sommerbekleidung der Frauen; war das Wetter ungünſtig, ſo fügten ſie eine Weſte von Thierhaut zu, welche Aehnlichkeit mit dem Rock hatte. Die Männer riſſen ſich ſorgfältig jede Spur von Bart aus, den ſie für eine große Verunſtaltung anſa⸗ hen. Mit Abſcheu blickten ſie auf die Schnurbärte und das ſchön zugerichtete Kinn der weißen Männer und nannten ſie ſpottweiſe Langbärte. Dagegen pflegten beide Geſchlechter das Haupthaar mit großer Sorgfalt; die Farbe deſſelben iſt gewöhnlich ſchwarz; ſeine Zartheit wird eben nicht geprieſen. Sie laſſen es zu großer Länge wachſen und waren ſehr ſtolz und ſorgſam damit; manch⸗ mal trugen ſie es glatt geſtrichen, manchmal in phanta⸗ ſtiſchen Locken um den Kopf. Man bonnte ihnen keine — 240— größere Schmach anthun, als wenn man ihnen die werth⸗ gehaltenen Locken abſchnitt. Sie hatten kegelförmige Hüte mit kleinem Rande, aus Bärengras oder den Fibern der Cederrinde niedlich geflochten und mit Zeichnungen mannichfacher Form und Farbe durchwebt, zuweilen blos Dreiecke oder Vierecke, dann wieder rohe Nachahmungen von Kanoes mit Män⸗ nern, die Fiſchernetze oder Harpunen handhabten. Dieſe Hüte waren faſt waſſerdicht und ungemein dauerhaft. Der Lieblingsſchmuck der Männer beſtand aus Hals⸗ bändern von Bärenklauen, den ſtolzen Siegeszeichen der Jäger, während die Frauen und Kinder ähnlichen Schmuck von Elenzähnen trugen. Der Verkehr mit den weißen Männern brachte jedoch bald einen Wechſel in der Toi⸗ lette beider Geſchlechter hervor. Sie putzten ſich gern mit einem jeglichen Theile der civiliſirten Kleidung, deſ⸗ ſen ſie nur habhaft werden konnten und erſchienen oft in dem groteskeſten Aufzug. Auch paßten ſie mehrere Putzartikel ihrem eignen frühern Geſchmacke an. Beide Geſchlechter hatten eine Vorliebe für Armbänder von Eiſen, Erz oder Kupfer. Auch waren ſie entzückt über blaue und weiße Glasperlen, beſonders über die erſteren, und trugen breite Schnüre derſelben um den Gürtel und die Knöchel; große Rollen derſelben um den Hals und Gehänge in den Ohren. Vornehmlich hielten die Män⸗ ner, welche in dem wilden Leben die Liebe zu körperli⸗ chem Schmuck viel weiter treiben, als die Frauen, ihre — 241— Gallakleidung nicht für vollſtändig, wenn ihnen nicht ein Juwel von Haiqua oder Wampum an der Naſe bau⸗ melte. So geſchmückt, das Haar mit Fiſchöl beſtrichen, und den Leib mit rothem Lehm bemahlt, hielten ſie ſich für unwiderſtehlich. Zogen ſie zum Kampfe aus, ſo färbten ſie ſich Ge⸗ ſichter und Leiber auf die ſcheußlichſte und groteskeſte Weiſe, wie dies überhaupt bei den amerikaniſchen Wil⸗ den Sitte iſt. Ihre Waffen waren Bogen und Pfeile, Speere und Kampfkeulen. Manche trugen einen Kür⸗ raß, der aus Stücken harten Holzes, die mit Bärengras an einander geheftet waren, beſtand, ſo daß ſie einen leichten Bruſtharniſch abgaben, welcher ſich dem Körper anſchmiegte; ferner eine Art Helm von Cedernholz, Leder und Bärengras, welcher den Kopf hinreichend gegen einen Pfeil oder eine Kampfkeule ſchützte. Zu einer vollſtän⸗ digern Schutzrüſtung gehörte ein Wamms oder Hemd von großer Dicke, das von Elennhautriemen gemacht war, bis auf die Füße reichte und für Kopf und Arme Löcher hatte. Dieſes Gewand war vollkommen pfeilfeſt; dazu kam, daß es oft mit bezauberten Tugenden begabt war— das Werk der Bannſprüche und geheimnißvoller Zeremonien der Medicinmänner oder Beſchwörer. Von der unter dieſen Leuten herrſchenden Sitte, ſich den Kopf flach drücken zu laſſen, haben wir bereits geſprochen. Es iſt dies eines der Beiſpiele der ganz unbegreiflichen Grillen der Menſchen, wie in China das 60.— 62. 16 — 242 Verkrüppeln der Füße bei Frauen. Dieſe Sitte herrſcht vorzüglich unter den Stämmen an der Seeküſte und in den untern Gegenden des Kolumbiafluſſes. Wie weit ſie ſich an der Küſte ausdehnt, ſind wir nicht im Stande, mit Beſtimmtheit anzugeben. Einige der Stämme, ſo⸗ wohl nördlich wie ſüdlich von dem Fluſſe, üben ſie; ſie iſprechen aber alle die Sprache der Chinooks und ſind wahrſcheinlich ſämmtlich Glieder eines urſtammes. So weit unſere Kenntniß reicht, drücken ſich die erſtern Stämme, welche eine ganz verſchiedene Sprache ſprechen, die Köpfe nicht flach. Auch nimmt dieſe abgeſchmackte Sitte ab, je weiter man ſich von den Geſtaden des ſtil⸗ len Meeres entfernt; nur ſeltene Spuren finden ſich bei den Stämmen des Felſengebirgs, und wenn man über dieſes Gebirg hinweg iſt, verſchwinden ſie ganz. Man darf daher nicht glauben, daß diejenigen Indianer, welche an den Quellenflüſſen des Kolumbia und in den einſa⸗ men Berggegenden wohnen, und denen man oft den Namen Flachköpfe giebt, durch dieſe Verunſtaltung charak⸗ teriſirt würden. Es iſt dies ein Name, welchen die Jä⸗ ger öſtlich von dem Felſengebirg allen weſtlichen India⸗ nern, die Schlangen ausgenommen, geben. Der religiöſe Glaube dieſer Völkerſchaft war unge⸗ mein begrenzt oder beſchränkt, oder ihre Erläuterungen wurden vielmehr aller Wahrſcheinlichkeit nach von den Beſuchern nicht recht verſtanden. Sie hatten eine Vor⸗ ſtellung von einem gütigen allmächtigen Geiſte, dem — 23— Schöpfer aller Dinge. Sie ſtellen ihn dar, als nähme er nach Gefallen mannichfache Geſtalten an, gewöhnlich aber die eines ungeheuern Vogels. Sein Hauptſitz iſt die Sonne; dann und wann ſchwingt er ſich aber durch die luftigen Bereiche und ſieht alles, was auf Erden ge⸗ than wird. Wenn ihm etwas mißfällt, läßt er ſeinen Zorn in furchtbaren Stürmen und Ungewittern aus— der Blitz ſind die Flammen ſeines Auges und der Don⸗ ner das Schlagen ſeiner Flügel. Um ſich ſeiner Gunſt zu empfehlen, bringen ſie ihm jährliche Opfer von Lachs und Wildpret, die erſten Ergebniſſe ihres Fiſchfangs und ihrer Jagd dar. Neben dieſem Luftgeiſt glauben ſie noch an einen untergeordneteren, welcher das Feuer bewohnt, und vor welchem ſie in ſtetem Schrecken leben, da er zwar im Beſitz der Gewalt des Guten und Böſen iſt, das Böſe aber gewöhnlich vorherrſcht. Durch häufige Opfer ſind ſie daher bemüht, ihn in guter Laune zu erhalten. Man nimmt an, er habe einen großen Einfluß auf den beflü⸗ gelten Geiſt, ihren oberſten Beſchützer und Wohlthäter. Sie flehen ihn daher an, als ihr Vermittler auszutreten und ihnen alles mögliche zu verſchaffen, nämlich Glück im Fiſchen, auf der Jagd, eine Menge Wild, ſchnelle Pferde, gehorſame Frauen und Kinder männlichen Ge⸗ ſchlechtes. 3 Dieſe Indianer haben auch ihre Prieſter oder Be⸗ ſchwörer oder Medizin⸗Männer, welche in der Gnade 16* der Gottheit zu ſtehen vorgeben, und für die Ausleger und Erzwinger ihres Willens gelten wollen. Jeder die⸗ ſer Medizin⸗Männer hat ſeine aus Holz geſchnitzten Götzenbilder, welche unter den rohen, grotesken Formen eines Pferdes, eines Bären, eines Bibers oder eines andern vierfüßigen Thieres, oder unter denen eines Vo⸗ gels die Geiſter der Luft und des Feuers verſinnlichen. Dieſe Bilder ſind ringsum mit Amuleten und Weihge⸗ ſchenken, z. B. Biberzähnen, Bären⸗ nnd Adlerklauen u. ſ. w. umhängt. Wenn einer der Häuptlinge krank iſt, oder auf ſei⸗ nem Todbette liegt, ſchickt man nach den Medicin⸗Män⸗ nern. Jeder bringt ſeine Götzen mit und zieht ſich dann in ein Kanoe zurück, um Berathung zu halten. Wie die Aerzte leicht verſchiedener Meinung ſind, ſo haben auch dieſe Medizin⸗Männer oft die heftigſten Zwiſte in Betreff der Krankheit des Leidenden, oder der Behand⸗ lung derſelben. Um den Streit zu ſchlichten, ſtoßen ſie ihre Götzen tüchtig aneinander; der, welcher zuerſt einen Fuß oder eine Klaue verliert, wird für widerlegt gehal⸗ ten, und ſein Anhänger verläßt das Schlachtfeld. Vielweiberei iſt nicht nur erlaubt, ſondern wird für ehrenvoll angeſehen, und je größer die Zahl der Frauen iſt, welche der Mann ernähren kann, deſto bedeutender iſt er in den Augen ſeines Stammes. Die erſte Trau hat jedoch den Vorrang vor allen andern und wird als die Herrin des Hauſes betrachtet. Die häusliche Einrich⸗ — 245— tung iſt aber doch zuweilen Eiferſüchteleien und Intri⸗ guen unterworfen, und der Herr und Meiſter hat große Mühe, die Harmonie in ſeinem zankfertigen Haushalt aufrecht zu erhalten. In der Handſchrift, welcher wir viele dieſer Ein⸗ zelnheiten entnehmen, wird behauptet, derjenige welcher ſeine Nachbarn an der Zahl ſeiner Frauen, ſeiner Söhne und Sklaven übertreffe, ſei erwähltes Oberhaupt des Dorfes— ein Amtstitel, welchen wir uns nicht erinnern, früher irgendwo angeführt geſehen zu haben. Zwiſtigkeiten fallen ſehr oft unter dieſen Stämmen vor; ſie ſind aber nicht ſehr bedeutend. Sie haben dann und wann verabredete Kämpfe, welche an feſtgeſetzten Tagen und an beſtimmten Orten— gewöhnlich die Ufer eines Baches oder Flüßchens— ausgefochten werden. Die feindlichen Parteien ſtellen ſich an den entgegenge⸗ ſetzten Ufern des Waſſers und in einer ſolchen„Entfer⸗ nung auf, daß die Kämpfe oft ſehr lange dauern, bevor ein Tropfen Blutes vergoſſen wird. Die Zahl der Ge⸗ tödteten und Verwundeten überſteigt ſelten ein halbes Dutzend. Iſt der Verluſt auf beiden Seiten gleich, ſo wird der Kampf für ehrenvoll beendigt angeſehen; ver⸗ liert die eine Partei mehr als die andere, ſo iſt ſie berech⸗ tigt, eine Entſchädigung an Sclaven oder andern Ge⸗ genſtänden zu fordern, ſonſt werden die Feindſeligkeiten gewöhnlich an einem andern Tage wieder aufgenommen. Räuberiſche Einfälle in das Gebiet ihrer Feinde, und — 2416— auch oft ihrer befreundeten Nachbarn ſind nichts ſeltenes. Stoßen ſie auf eine minder mächtige Horde, oder auf ein ſchlechtvertheidigtes Dorf, ſo verfahren ſie mit der Grauſamkeit echter Feiglinge, ermorden alle Männer und führen die Frauen und Kinder als Sklaven weg. Das Eigenthum wird auf Pferde gepackt, welche ſie zu dieſem Zwecke bei ſich haben. Sie ſind als Krieger geringfügig und erbärmlich, und ſtehen überhaupt an heldenmäßigen Eigenſchaften den Wilden auf den Büffel⸗Ebenen öſtlich vom Felſengebirg weit nach. Sie bringen einen großen Theil ihrer Zeit mit Schmauſerei, Muſik, Tanz und Spiel hin. Ihre Muſik verdient kaum dieſen Namen, denn die Inſtrumente ſind von der roheſten Art. Ihr Geſang iſt rauh und mis⸗ ſtimmig; ihre Lieder werden gewöhnlich unvorbereitet vorgetragen und beziehen ſich auf vergangene Begeben⸗ heiten oder anweſende Perſonen oder irgend einen unbe⸗ deutenden Gegenſtand, welcher die Aufmerkſamkeit des Sängers feſſelt. Ihre Tänze ſind manchfacher Art und oft ſehr leben⸗ dig und anſprechend. Den Frauen wird ſelten geſtattet, mit den Männern zu tanzen, ſie bilden beſondere Grup⸗ pen und tanzen nach demſelben Inſtrument und Geſang. Sie hegen eine große Vorliebe für Spiele und haben eine Menge derſelben. Ihre Erregung erreicht dabei zuweilen einen ſo hohen Grad, daß ſie alles ver⸗ ſpielen, was ſie beſitzen, ſelbſt ihre Frauen und Kinder. Auch ſind ſie berüchtigte Diebe und ſtolz auf ihre Geſchicklichkeit. Wer das meiſte Glück darin hat, erfreut ſich des Beifalls und der Beliebtheit; der plumpe Dieb aber, der auf einem ſtümperhaften Verſuche ertappt wird, wird verhöhnt und verachtet und oft ſchwer geſtraft. Der Art ſind einige der Hauptcharakterzüge der Ein⸗ gebornen in der Umgegend von Aſtoria. Sie ſtehen, wie es uns ſcheint, in mancherlei Hinſicht hinter den Stäm⸗ men auf den öſtlichen Abdachungen des Felſengebirgs, den kühnen Prairien⸗Schwärmern, zurück, und nähern ſich dem Charakter der Esquimaur, über welche ſie ſich eini⸗ germaßen in Folge eines milderen Klimas und einer wechſelnderen Lebensweiſe erhaben. Handel und Verkehr, wie ſie an den Fällen des Kolumbia aufgekommen, ſind nicht ohne Einfluß auf die Küſtenbewohner geblieben. Die Chinooks und andere Indianer an der Mündung des Fluſſes erwieſen ſich bald als verſchlagene Kaufleute und nahmen bei ihrem erſten Verkehr mit den Aſtoriern niemals Anſtand, das Drei⸗ fache von dem zu verlangen, was ein Gegenſtand, wie ſie wohl wußten, wirklich werth war. Auch waren ſie ungemein neugierig und unverſchämt zudringlich, und zeigten eine nicht gewöhnliche Hinneigung, ſich auf Ko⸗ ſten der Fremden jeder Art Hohn und Spötterei zu überlaſſen. In einer Sache aber zeigten ſie mehr Urtheil und Selbſtbeherrſchung, als die Mehrzahl ihrer Raſſe— in — 248— ihrer Enthaltſamkeit von geiſtigen Getränken, und dem Eckel und Abſcheu, mit welchem ſie auf Trunkenbolde ſahen. Bei einer Gelegenheit war einer der Söhne Comcomly's verleitet worden, zu viel in der Faktorei zu trinken; er ging in dem Zuſtande der Berauſchung nach Haus und ſpielte alle Arten toller Streiche, bis er in Erſtarrung verſank, in welcher er zwei Tage blieb. Der alte Häuptling begab ſich zu ſeinem Freunde M'Dougal; der Zorn flammte in ſeinen Augen, und er machte ihm bittere Vorwürfe, daß er es zugegeben, daß ſein Sohn ſich unter das Thier erniedrigt und ſich zum Gegenſtande des Hohns und des Gelächters bei ſeinen Sklaven gemacht habe. Einundvierzigſtes Kapitel. Frühlings⸗Einrichtungen zu Aſtoria.— Aufbruch verſchiedener Züge.— Die langen Engen.— Diebiſche Indianer.— Der Diebesſtamm zu Wiſh⸗ram.— Tragſtelle an den Fällen.— Weg im Mondlichte.— Ein Angriff, ein Lärm und eine Plünderung.— Indianiſches Mittel gegen Feigheit.— Eine Unterhandlung und ein Vertrag.— Der Devpeſchenzug kehrt zurück.— Trifft Crooks und John Day.— Ihre Leiden.— Indianiſche Treuloſigkeit.— Ankunft zu Aſtoria. Wie ſich der Frühling zeigte, kam die kleine Nieder⸗ laſſung zu Aſtoria in Bewegung und ſchickte ſich an, ver⸗ ſchiedene Züge auszuſenden. Mehrere bedeutſame Ge⸗ ſchäfte waren zu beſorgen. Es war nothwendig, dem Handelspoſten David Stuart's, welcher im verfloſſenen Herbſt an dem Oakinagan gegründet worden war, einen Waarenvorrath zu ſchicken. Auch das„Cache“ oder heimliche Verſteck, welches Hunt am Caldron⸗Linn gemacht hatte, mußte beſucht und die Waaren, welche man, nebſt andern Gegenſtänden, dort gelaſſen, nach Aſtoria gebracht werden. Ein dritter Gegenſtand von Belang war, Aſtor zu New⸗York über Land Nachrichten zugehen zu laſſen, und ihn von dem Zuſtande der Dinge in der Niederlaſ⸗ tionen zu unterrichten. Die Aufgabe, Vorräthe an den Oakinagan zu brin⸗ gen, fiel Robert Stuart anheim, einem muthigen, unter⸗ nehmenden jungen Mann, Neffen des Stuarts, welcher den Poſten gegründet hatte. Das„ Cache“ ſollte von zwei Kommis, Namens Ruſſel Farnham und Donald M'Gilles aufgeſucht werden; ſie bekamen einen Führer und acht Mann mit, um bei dem Einbringen der Waa⸗ ren Beiſtand zu leiſten. Die Depeſchen an Aſtor wurden John Reed, dem Kommis, anvertraut, demſelben, der einen der Streif⸗ züge am Snake⸗River befehligt hatte. Er ſollte nun den⸗ ſelben Weg über die Gebirge, welchen er ſchon gemacht hatte, ohne andere Gefährten oder Geleite, als Ben Jones, den kentuckiſchen Jäger, und zwei Kanadier, zu⸗ rückgehen. Da man die Hoffnung hegte, Crooks ſei noch am Leben, und Reed und ſein Geleite dürften mit ihm während ihrer Reiſe zuſammentreffen, wurde ihnen ein, kleiner Vorrath von Waaren und Lebensmitteln mitge⸗ geben, um es jenem Manne möglich zu machen, Aſtoria zu erreichen. Als Reed's Reiſeziel bekannt wurde, erklärte ſich Meellan entſchloſſen, ihn zu begleiten. Er war ſeit lan⸗ ger Zeit über ſeinen bleinen Antheil an dem uUnterneh⸗ men unzufrieden, und hatte noch eine Anzahl Actien ver⸗ langt; da ſein Wunſch nicht erfüllt wurde, beſchloß er, ſung und von dem Schickſale der verſchiedenen Expedi⸗ 1 — 251— der Geſellſchaft zu entſagen. M'Lellan war ein Mann von ſehr ſelbſtſtändigem und entſchiedenem Charakter; Ueberredung fruchtete bei ihm nichts; es wurde ihm daher geſtattet, ungehindert ſeinen Weg zu verfolgen. Reed ſelbſt ſchickte ſich mit dem Eifer eines echten Ireländers an, alles zu ſeiner gefahrvollen Reiſe herzu⸗ richten. Er hatte ein Blechkiſtchen machen laſſen, in welchem die Briefe und Papiere, die an Aſtor gehen ſoll⸗ ten, ſorgfältig eingeſchloſſen waren. Dieſes Kiſtchen beabſichtigte er mit Riemen an ſeine Schultern zu befe⸗ ſtigen, ſo daß er es ſchlafend und wachend, bei allen Begebniſſen und Erlebniſſen zu Land und zu Waſſer, bei ſich hätte und nur mit ſeinem Leben ſich davon trennte. Der Weg dieſer verſchiedenen Abtheilungen ging faſt vierhundert Meilen weit in gleicher Richtung den Kolum⸗ bia hinauf, und auf dieſer Strecke lag der Raubpaß der Stromſchnellen, wohnten die freibeuteriſchen Stämme des Fluſſes; es wurde daher für rathſam erachtet, daß ſie zu gleicher Zeit aufbrächen und ſich zuſammen hielten. Am zwei und zwanzigſten März brachen ſie alſo ſämmtlich— es waren ihrer ſiebzehn Mann und ſie hat⸗ ten zwei Kanoes— auf. Und hier können wir nicht umhin, eine kleine Pauſe zu machen und auf die Kühn⸗ heit dieſer Züge hinzudeuten, welche, in Betracht der Geſammt⸗Zahl ſo unbedeutend, in kleineren, getrennten Haufen unermeßliche Wildniſſe durchziehen ſollten, wo größere Geſellſchaften ſo viel Gefahr und Ungemach — 252— erfahren hatten! Als man im vergangenen Jahre zu Montreal und St. Louis unter den erprobten Jägern und kanadiſchen Reiſenden Leute zu werben ſuchte, wurde es als gefährlich angeſehen, das Felſengebirg mit weniger als ſechszig Mann überſchreiten zu wollen; und doch fin⸗ den wir Reed jetzt bereit, mit blos drei Gefährten über jene Gebirge zu ziehen! Der Art iſt die Furchtloſigkeit, die Unempfindlichkeit gegen Gefahr, welche den Menſchen ein ſtetes Leben in Gefahren gibt. Gewohnheit härtet den Geiſt wie den Körper ab. Die kleine vereinigte Schaar ging unter dem Befehle von Robert Stuart den Fluß hinauf und kam früh im April an die„langen Engen,“ dieſen berüchtigten Raub⸗ paß. Hier wurde es nothwendig, die Kanoes auszula⸗ den und ſie ſo wie ihre Befrachtung zu Land bis zu dem Anfange der Engen zu tragen. Die Zahl der Leute war zu gering, um dieſe Arbeit zu vollbringen. Sie waren daher genöthigt, den Beiſtand der Cathlasko⸗Indianer nachzuſuchen, welche es unternahmen, die Laſten auf ihren Pferden hinaufzubringen. So brachen ſie denn auf, die Indianer mit ihren tüchtig beladenen Pferden, und die erſte Ladung, von Reed und fünf Mann begleitet; ſie waren alle gut bewaffnet und der wackere Ireländer ſtand an der Spitze, und das blecherne Briefkiſtchen glänzte hell auf ſeinem Rücken. Kaum erreichten ſie aber einen felſigen und vielfach verſchlungenen Engpaß, ſo wendeten einige der freibeu⸗ ſ V —— — 253— teriſchen Vagabunden ihre Pferde ſeitab, einen ſchmalen Pfad hinan, galoppirten davon und nahmen zwei Ballen Waaren und eine Menge kleiner Gegenſtände mit. Sie zu verfolgen, wäre unmöglich geweſen; in der That, nur mit vieler Mühe kam das Geleite mit dem übrigen Theil der Ladung in den Hafen, denn einigen der Wächter waren ihre Meſſer und Taſchentücher geſtohlen worden, und das glänzende Blechkiſtchen John Reed's war gefähr⸗ lich bedroht. Stuart hörte von dieſem Raub und eilte vorwärts, um dem Geleite beizuſtehen; er konnte daſſelbe aber nicht vor der Dämmerung einholen, und mittlerweile erreichten ſie das Dorf Wiſh⸗ram, das uns bereits wegen ſeiner großen Fiſchereien und der ſchurkiſchen Gelüſte ſeiner Inſaſſen bekannt iſt. Sie befanden ſich hier in einem bedrohlichen Orte und von Wilden umgeben, welche dem Diebſtahl, wenn nicht offenem Raub, zugethan waren; dunkele Nacht hüllte ſie ein. Da ſie nicht wußten, wozu ſie ſich entſchließen ſoll⸗ ten, blieben ſie die ganze Nacht unter den Waffen, ohne ein Auge zu ſchließen, und ſchifften, bei dem erſten Grauen des Morgens, als die Gegenſtände umher kaum zu unterſcheiden waren, alles in der größten Eile ein und ſtießen, ohne der Wiederhabhaftwerdung der geſtoh⸗ lenen Gegenſtände zu gedenken, vom Ufer,„froh,“ wie ſie ſagten,„dieſen furchtbaren Böſewichtern Valet ſagen zu können.“ geneigt, ſo leicht von ihren Beſuchern zu ſcheiden. Ihre Habgier war durch den Raub, welchen ſie bereits ein⸗ gebracht, gereizt worden, und ihr Selbſtvertrauen ſtieg mit der Ungeſtraftheit, mit welcher ihre That verübt worden war. Sie beſchloſſen daher, die Reiſen noch mehr zu zehnten, und, wenn möglich, das Blechkiſtchen mit den Briefſchaften in ihre Gewalt zu bringen; da daſſelbe aus der Ferne ſo ſehr glänzte, und Reed es mit einer ſo beſondern Sorgfalt bewahrte und bewachte, mußte es, nach ihrem Dafürhalten,„eine große Medi⸗ zin“ ſein. 8 Stuart und ſeine Gefährten waren daher in ihren Kanoes noch nicht weit gekommen, als ſie das ganze Geſindel von Wiſh⸗ram in großen Haufen, ſchreiend und huhuhend, und in ihrem wilden Kauderwelſch plaudernd, das Ufer heraufkommen ſahen. Als ſie unter den Fällen landeten, waren ſie von beinahe vierhundert dieſer Fluß⸗ räuber, alle mit Bogen und Pfeilen, Kampfkeulen und andern wilden Waffen verſehen, umgeben. Sie drangen nun herzu und erboten ſich, die Kanoes und Effekten über die Tragſtelle zu bringen. Stuart lehnte es ab, die Fracht verabfolgen zu laſſen, indem er ſich auf das Her⸗ anrücken der Nacht berief; um ſie aber bei guter Laune zu erhalten, ſagte er ihnen, wenn ſie ſich gut betrügen, dürften ihre Dienſterbietungen wahrſcheinlich am nächſten Morgen angenommen werden; mittlerweile möchten ſie Die edeln Inſaſſen von Wiſh⸗ram waren aber nicht — 255— die Kanoes immerhin hinauf bringen. Sie brachen alſo mit den zwei Kanoes auf ihren Schultern auf, und acht Mann bildeten, wohlbewaffnet, das Geleite.. Als ſie oben an die Fälle kamen, brach der böſe Geiſt der Wilden hervor, und ſie waren im Begriffe, die Kanoes zu zertrümmern, wahrſcheinlich in der Erwar⸗ tung, die weißen Männer zu hindern, ihre Waaren wei⸗ ter zu ſchaffen, und ſie fernerer Plünderung preis gege⸗ ben zu ſehen. Mit vieler Mühe wurden ſie von dieſer Gewaltthätigkeit durch das Dazwiſchentreten eines alten Mannes abgehalten, welcher in Anſehen unter ihnen zu ſtehen ſchien; und in Folge ſeiner Rede ſetzte die ganze feindliche Horde, etwa fünfzig ausgenommen, auf die Nordſeite des Fluſſes über, wo ſie ſich lagerten, bereit zu fernerem Unfug. Mittlerweile faßte Stuart, welcher mit den Gütern am Fuß der Fälle geblieben war, und der wußte, daß die angebotene Hülfe der Wilden nur ein Vorwand geweſen, um Gelegenheit zum Raube zu haben, den Entſchluß, ſie, wo möglich, hinter ſich zu laſſen und ihre Plane zu vereiteln. In der Stille der Nacht, gegen Ein Uhr, bei glänzendem Mondſchein, weckte er ſein Geleite und ſchlug vor, ſie wollten ſich bemühen, die Güter ſelbſt über die Fälle zu tragen, ehe die ſchlafenden Wilden ihr Thun gewahren könnten. Alle Leute eilten mit Eifer an das Werk und beſchleunigten die Arbeit in der Hoffnung, mit Tagesanbruch fertig zu ſein. Stuart brach mit der erſten Sendung auf und blieb oben an der Tragſtelle, während Reed und M'Lellan unten weilten, um den Transport der übrigen Waaren zu fördern. Der Tag graute, ehe man mit dem Transport ſer⸗ tig war. Einige von den fünfzig Indianern, die auf der Südſeite des Fluſſes geblieben waren, ſahen, was vor⸗ ging, und machten, da ſie ſich zu einem Angriff zu ſchwach fühlten, Lärm, ſo daß ungefähr hundert Wilde von dem andern ufer aufbrachen und ſich in mehrere große Kanoes warfen. Zwei Laſten waren noch herauf zu bringen. Stuart ſchickte einige der Leute nach einer der La⸗ ſten und ließ Reed erſuchen, ſo viele Leute bei ſich zu behalten, als er für nothwendig hielt, um die noch übrige Laſt zu ſchützen, da er von Seiten der Indianer feind⸗ liche Abſichten vermuthe. Reed weigerte ſich aber, auch nur einen einzigen bei ſich zu behalten, indem er ſagte, MevLellan und er reichten hin, die geringe Anzahl Ballen, welche noch unten ſei, zu ſchützen. Die Leute zogen alſo mit den Waaren ab, während Reed und MW'ellan als Wache bei dem Ueberreſte blieben. Indeſſen war eine Anzahl Kanoes von dem nördlichen Ufer herübergekom⸗ men. Als ſie ſich dem Ufer näherten, glänzte John Reed's unglückliches Blechkiſtchen, das wie Euryalus ſtrah⸗ lender Helm weithin funkelte, in ihre Augen. Die Kanoes berührten nicht ſo bald das Ufer, ſo ſprangen ſie auf die Felſen, ließen das Kampfgeſchrei hören und eil⸗ ten vorwärts, ſich der glänzenden Beute zu bemächtigen. — 257— M'Lellan, der auf der Uferbank war, trat vor, um die Waaren zu vertheidigen, als einer der Wilden es ver⸗ ſuchte, ihm ſeinen Büffelrock mit der einen Hand über den Kopf zu werfen, und ihn mit der andern nieder zu ſchmettern. M'Lellan ſprang gerade weit genug zurück, um dem Schlag auszuweichen, legte ſeine Büchſe an und ſchoß dem Schurken durch das Herz. Mittlerweile zerrte Reed, welcher mit echt iriſchem Leichtſinn verſäumt hatte, die lederne Kapſel von dem Schloſſe ſeiner Büchſe loszumachen, an der Schnur, und erhielt mit einer Kampfkeule einen Schlag über den Kopf, der ihn bewußtlos hinſtreckte. Im Augenblick war er ſeiner Büchſe und ſeiner Piſtolen beraubt, und das Blechkiſtchen, die Urſache dieſes ganzen Angriffs, wurde im Triumph weggebracht. Stuart, welcher das Kampfgeſchrei gehört hatte, eilte in dieſem kritiſchen Augenblicke mit Ben Jones und ſie⸗ ben andern ſeiner Leute auf den Kampfplatz. Als er kam, ſah er Reed in ſeinem Blute ſchwimmen; ein Indianer ſtand bei ihm und war im Begriff, ihn mit einem Tomahawb zu tödten. Stuart winkte, und Ben Jones hob ſeine Büchſe und erſchoß den Wilden auf der Stelle. Die Weißen erhoben jetzt ein Freudengeſchrei und grif⸗ fen die Hauptſchaar der Wilden an, die augenblicklich flüchteten. Reed wurde nun vom Boden aufgehoben und bewußtlos, blutend, an das obere Ende der Tragſtelle getragen. 60.— 62. 17 — 258— Man machte nun Vorbereitungen, die Kanoes in das Waſſer zu laſſen und alles in Eile zur Abfahrt an⸗ zuſchicken, als man fand, daß ſie zu leck ſeien, um in.. dem Waſſer zu halten, und daß die Ruder an dem Fuß der Fälle gelaſſen worden. Eine Scene der Verwir⸗ rung folgte nun. Die Indianer heulten und huhhu⸗ ten und liefen wie böſe Geiſter umher. Dieſer uner⸗ wartete Aufenthalt erfüllte die Leute mit Angſt, einige der Kanadier verloren den Muth, und zwei junge Leute fielen wirklich in Ohnmacht. Sobald ſie wieder zu ſich kamen, befahl Stuart, ſie ihrer Waffen zu berauben, ihnen die Beinkleider abzunehmen und ein Stück. Tuch um ihre Gürtel zu binden, damit ſie wie eine Squaw ausſähen— eine indianiſche Strafe für Feigheit. In dieſer Tracht wurden ſie auf eines der Kanves zu den übrigen Waaren verladen. Dieſer ſcherzhafte Vorgang erregte ſelbſt inmitten ihrer Gefahren die Luſt der herzhafteren Leute, und den Stolz derer, die ſchwankten. Da die Indianer wieder auf die nördliche Seite hinüber gegangen waren, wurde die Ordnung bald hergeſtellt; einige aus dem Geleite wurden nach den Rudern hinabgeſchickt, andere begaben ſich daran, die Kanoes zu kalfatern und ins Waſſer zu laſſen, und nach kurzer Weile waren alle eingeſchifft und ſetzten ihre Reiſe das ſüdliche Ufer entlang fort. Kaum waren ſie fort, als die Indianer zu dem Kampfplatz eilten, ihre zwei Kameraden, auf welche — 259— geſchoſſen worden war und von denen Einer noch lebte, wegtrugen und in ihr Dorf zurückkehrten. Hier ſchlach⸗ teten ſie zwei Pferde und tranken das friſche Blut, um ihrem Muthe Ungeſtüm und Wildheit zu geben. Sie malten und ſchminkten ſich ſcheußlich zum Kampfe, tanz⸗ ten den Todtentanz um den Gebliebenen und ſtimmten das Kampflied der Rache an. Darauf ſtiegen ſie hun⸗ dert und fünfzig an der Zahl zu Pferd, ſchwangen ihre Waffen und eilten die nördliche Seite des Ufers entlang, um vor die Kanoes zu kommen, ſie an paſſender Stelle zu erwarten und an den weißen Männern furchtbare Rache zu nehmen. Es gelang ihnen ohne bemerkt zu werden, den Ka⸗ noes eine Strecke voraus zu kommen, und ſie ſetzten über den Fluß, um ſich auf der Seite, entlang welcher die weißen Männer hinſchifften, aufzuſtellen, als ſie glück⸗ licherweiſe entdeckt wurden. Stuart und ſeine Gefähr⸗ ten waren augenblicklich auf ihrer Hut. Als ſie ſich der Stelle näherten, wo die Wilden über den Fluß gezogen waren, ſahen ſie ſie auf ſteilen, weit vorſpringenden Fel⸗ ſen poſtirt, an welchen die Kanoes dicht vorbeikommen mußten. Die Weißen ſahen, daß der Feind durch ſeine Stellung begünſtigt war, hielten daher fünfhundert Schritte von ihnen an, ſchoſſen ihre Gewehre los und luden ſie von neuem. Sie machten dann ein Feuer an und ver⸗ banden Reed, der fünf gefährliche Kopfwunden erhalten hatte. Als dies geſchehen, banden ſie die Kanoes aneinander, 17* — 260— befeſtigten ſie an einer Klippe eine kleine Strecke vom Ufer und harrten nun des gedrohten Angriffs. Sie hatten dieſe Stellung noch nicht lange einge⸗ nommen, als ſie ein Kanoe herankommen ſahen. Der Kampfhäuptling des Stammes und drei ſeiner erſten Krieger ſaßen darin. Er kam herzu und hielt eine lange Rede, in welcher er ſie benachrichtigte, ſie hätten einen ſeines Stammes getödtet und einen zweiten verwundet; die Verwandten des Getödteten ſchrieen nach Rache, und er ſei gezwungen geweſen, ſie zu dem Kampfe zu führen. Dennoch wünſche er, unnöthiges Blutvergießen zu ver⸗ hüten, und ſchlage daher vor, Reed, welcher, wie er bemerkte, nicht viel beſſer als ein todter Mann ſei, ſollte ausgeliefert und den Manen des gebliebenen Kriegers geopfert werden. Dies würde die Wuth ſeiner Freunde beſänftigen; die Axrt würde dann begraben und ſie alle fortan Freunde ſein. Die Antwort war eine ernſte Verweigerung und Herausforderung, und der Kampf⸗Häuptling ſah, daß die Kanves zu einer kräftigen Vertheidigung hergerichtet waren. Er entfernte ſich daher und begab ſich wieder zu ſeinen Kriegern auf den Felſen, wo eine lange Be⸗ rathung ſtattfand. „Blut für Blut“ iſt ein Grundſatz des indianiſchen Rechts und der indianiſchen Ehre; obgleich aber die In⸗ ſaſſen von Wiſh⸗ram Krieger waren, ſo waren ſie auch Handelsleute, und die Anſicht wurde geltend gemacht, — 261— die Ehre könnte einmal dem Gewinn weichen. Eine Unterhandlung wurde demzufolge mit den weißen Män⸗ nern eröffnet, und nach einigem Hin- und Herreden wurde die Sache gegen ein Blanket, den Todten damit zu bedecken, und Tabak, den die Lebenden rauchen ſoll⸗ ten, beigelegt. Als dies in Ordnung gebracht, ſetzten die Helden von Wiſh⸗ram wieder über den Fluß, kehrten in ihr Dorf zurück, um das Pferd zu verſchmauſen, deſſen Blut ſie ſo prahleriſch getrunken hatten, und unſere Rei⸗ ſenden fuhren ohne weitere Beläſtigung den Fluß hinan. Das Blechkiſtchen jedoch, welches die wichtigen Nach⸗ richten für New⸗York enthielt, war unwiderbringlich ver⸗ loren; gerade die Vorſicht, welche der wackere Hibernier gebraucht hatte, um ſeine Briefſchaften zu ſichern, hatte ihren Raub veranlaßt, da dadurch das Kiſtchen zu ſehr in die Augen fiel. Da der Zweck ſeiner Reiſe über die Gebirge demnach vereitelt war, gab er die Erpe⸗ dition auf. Das ganze Geleite ging mit Robert Stuart zu der Niederlaſſung David Stuart's, an den Oakinagan⸗ Fluß. Hier blieben ſie zwei oder drei Tage und kehrten dann alle, von David Stuart begleitet, nach Aſtoria zu⸗ rück. Der letztere hatte eine große Menge Biberfelle in ſeiner Niederlaſſung, hielt es aber nicht für klug, ſie mitzunehmen, da er die Hebung des„Räuberſoldes“ an den Fällen fürchtete. Auf ihrem Rückwege wurden ſie unter den Gabeln des Kolumbia eines Tages vom Ufer her in engliſcher — 262— Sprache angerufen. Als ſie ſich umſahen, entdeckten ſie zwei unglückliche Männer, die ganz nackt waren. Sie ruderten an das Ufer, die Leute kamen herbei und gaben ſich zu erkennen. Es waren Crooks und ſein treuer Begleiter, John Day. Der Leſer wird ſich erinnern, daß Crooks und John Day nebſt vier Kanadiern durch Hunger und Ermattung ſo ſehr zurückgekommen waren, daß Hunt ſich genöthigt ſah, ſie im Dezember an den Ufern des Snake⸗River zu laſſen. Ihre Lage war um ſo kritiſcher, als ſie ſich in der Nähe einer Horde Schoſchonies befanden, deren Pferde das Geleite von Hunt gewaltſam weggeführt hatte, um nicht Hungers zu ſterben. Crooks wurde hier zwanzig Tage lang durch den höchſt geſchwächten Zuſtand John Day's zurückgehalten, welcher ganz unfähig war zu reiſen und den er nicht verlaſſen wollte, da Day in ſeinen Dienſten am Miſſouri geweſen und ſich ſtets treu bewie⸗ ſen hatte. Glücklicherweiſe dachten die Schoſchonies nicht daran, ſie zu beläſtigen. Sie hatten nie vorher weiße Männer geſehen, und ſchienen in Betracht derſelben abergläubiſche Meinungen zu hegen; denn, obgleich ſie während des Tages in ihrer Nähe lagerten, entfernten ſie ſich mit ihren Zelten bei der Nacht und verſchwanden endlich ganz, ohne Abſchied zu nehmen. Als Day wieder hinreichend hergeſtellt war, ſetzten ſie ihre Reiſe langſam fort und ſuchten, ſo gut ſie konn⸗ ten, ihr Leben zu friſten; im Februar verließen drei — 263— Kanadier, welche den Hungertod fürchteten, Crooks an einem kleinen Fluſſe, auf dem Wege, an welchem Hunt, als er Indianer aufſuchte, vorbei gekommen war. Crooks folgte mehrere Tage Hunt's Spur in dem Schnee, wie gewöhnlich unter freiem Himmel ſchlafend und jede Art Ungemach erduldend. Als er endlich auf eine tiefer gele⸗ gene Prairie kam, verlor er alle Spuren einer„Fährte“ und wanderte den übrigen Theil des Winters in den Gebirgen umher, manchmal von Pferdefleiſch, manchmal von Bibern und ihren Fellen und einen Theil der Zeit von Wurzeln ſich nährend. Am ein und dreißigſten März wurde der andere Kanadier ſo hinfällig, daß man ihn in einem Schoſchonie⸗ Zelte laſſen mußte; Crooks und John Day aber verfolg⸗ ten fortwährend ihren mühſamen Weg und unternah⸗ men es, nach eingezogener indianiſcher Kunde, die letzte Bergkette zu überſteigen. Da der Schnee großentheils zerſchmoölzen war, gelang ihnen dies auch glücklich, und ſie ſtießen dann auf die Wallah⸗Wallahs, einen Indianer⸗ Stamm, welcher die Ufer eines Fluſſes gleiches Namens bewohnt und im Rufe der Offenheit, Gaſtfreiheit und Biederkeit ſteht. Sie zeigten ſich dieſes Rufes vollkom⸗ men würdig, denn ſie nahmen die armen Wanderer freundlich auf, tödteten ein Pferd, um ihren Hunger zu ſtillen, und gaben ihnen die Richtung an, in welcher ſie den Kolumbia erreichen mußten Gegen die Mitte des Aprils kamen ſie an dieſen Fluß und gingen hundert Meilen an demſelben hinab, bis ſie gegen zwanzig Meilen von den Fällen entfernt waren. Hier ſtießen ſie auf einige von der„Ritterſchaft“ dieſes berüchtigten Paſſes, welche ſie auf das Freund⸗ ſchaftlichſte empfingen und ihnen zu eſſen vorſetzten, ihnen aber, während ſie ihren Hunger ſtillten, ſchändlicherweiſe die Büchſen wegnahmen. Sie beraubten ſie nun ihrer wenigen noch übrigen Kleidungsſtücke und jagten ſie fort; ſie achteten nicht auf Crooks flehentliche Bitte um einen Stahl und Stein, deren ſie ihn beraubt hatten, und drohten ihm mit dem Tode, wenn er ſich nicht augenblicklich entfernte. In dieſem traurigen Zuſtande traten ſie, noch unglück⸗ licher und hülfloſer als vorher, ihre Wanderungen aber⸗ mals an. Sie ſuchten jetzt den Weg wieder zu den gaſt⸗ freien Wallah⸗Wallahs zurückzufinden, und waren achtzig Meilen den Fluß entlang gekommen, als ſie glücklicherweiſe an dem Morgen, an welchem ſie den Kolumbia zu verlaſſen im Begriffe ſtanden, Stuart's Kanoes zu Geſicht bekamen. Wir brauchen weder die Freude, welche dieſe armen Männer empfanden, als ſie ſich wieder unter Landsleu⸗ ten und Freunden befanden, noch das gefühlte, herzliche Willkommen zu ſchildern, mit welchem ſie von ihren Abenteuersgenoſſen empfangen wurden. Die ganze Ge⸗ ſellſchaft ſetzte nun die Fahrt den Fluß hinab fort, kam ohne Unterbrechung an allen den gefährlichen Stellen vorüber und erreichte Aſtoria wohlbehalten am eilften Mai. —.— Inhalt des zweiten Theils. Seite. Neunzehntes Kapitel. Der große Umweg des Miſſouri.— Crooks und M'vellan treffen mit zwei ihrer indianiſchen Widerſacher zuſammen.— Muth⸗ willige Beleidigung eines Weißen, die Urſache in⸗ dianiſcher Feindſeligkeit.— Gefahr und Vorſicht. — Eine indianiſche Kriegerſchaar.— Gefährliche Lage Hunt's.— Ein freundliches Lager.— Schmaus und Tanz.— Annäherung des Manuel Liſa und ſeines Zuges.— Wildes Begegnen alter Neben⸗ buhler.— Pierre Dorion im Zorne.— Ritterlich⸗ keit an der Grenze........... 5 Zwanzigſtes Kap. Anſicht der Wildniß.— Büf⸗ felheerde.— Antilopen.— Ihre Arten und Sit⸗ ten.— John Day.— Seine Jagdliſt.— Zuſam⸗ menkunft mit drei Arikaras.— Verhandlungen — 266— Seite. zwiſchen den feindlichen Parteien.— Der link⸗ händige und der dicke Mann, zwei Arikarahäupt⸗ 1 linge.— Arikara⸗Dorf.— Seine Bewohner.— Landungsfeierlichkeiten.— Eine Rathshütte.— Große Berathung.— Liſa's Rede.— Verhand⸗ lungen wegen Pferden.— Scharfſinniger Rath Grau⸗Auges, eines Arikara⸗Häuptlings.— La⸗ ger der Handelsparteien,......... 17 Einnndzwanzigſtes Kap. Ein indianiſcher Pferdemarkt.— Liebe der Indianer für die Pferde. — Scenen in dem Arikara⸗Dorfe.— Indianiſche Gaſtfreiheit.— Pflichten indianiſcher Frauen.— Spiele der Männer.— Ihre Trägheit.— Plau⸗ derſucht.— Gerüchte heimlicher Feinde.— Spione. — Lärm.— Aufbruch.— Indianiſche Hunde.— Rückkehr der Pferdediebe.— Indianiſche Deputa⸗ tation.— Neuer Lärm.— Rückkehr einer ſieg⸗ reichen Kriegerſchaar.— Zuſammenkunft von Freun⸗ den und Verwandten.— Indianiſche Empfindlich⸗ keit.— Zuſammenkunft eines verwundeten indig⸗ I niſchen Kriegers und ſeiner Mutter.— Feſtlichkeit und Weheklagen........... 33 Zweiundzwanzigſtes Kap. Wildniß des fer⸗ nen Weſten.— Große amerikaniſche Wüſte.— Trockne Jahreszeit.— Die Schwarzen Berge.— — 267— Seite. Felſengebirg.— Wandernde und raubende Hor⸗ den.— Anſicht über die künftige Bevölkerung.— Drohende Gefahren.— Anſchlag auszureißen.— Roſe, der Dolmetſcher.— Sein boshafter Cha⸗ rakter.— Abreiſe von dem Arikara⸗Dorfe. Dreiundzwanzigſtes Kap. Sommerwetter auf den Prairien.— Reinheit der Atmosphäre.— Kanadier auf dem Marſch.— Krankheit im La⸗ ger.— Der große Fluß.— Gemeine Namen.— Vermuthungen hinſichtlich der urſprünglichen india⸗ niſchen Namen.— Lager der Cheyennes.— Pfer⸗ dehandel.— Charakter der Cheyennes.— Ihre Reiterkunſt.— Hiſtoriſche Anekdoten von dem Stamm. Vierundzwanzigſtes Kap. Neue Vertheilung von Pferden.— Geheime Kunde von Verrath im Lager.— Roſe, der Dolmetſcher.— Sein treuloſer Charakter.— Seine Anſchläge.— Anekdoten von den Krähen⸗Indianern.— Berüchtigte Pferde⸗ diebe.— Nachrichten von Roſe.— Ein Grenz⸗ Abenteurer...... Fünfundzwanzigſtes Kap. Erſatz für Brenn⸗ zeug auf den Prairien.— Verſteinerte Bäume.— Wildheit der Büffel in der Brunſtzeit.— Drei 68 — 268— . Seite. Jäger werden vermißt.— Signalfeuer und Rauch. — Unbehaglichkeit wegen der verlornen Leute.— Plan, einem Schurken zuvorzukommen.— Neue Uebereinkunft mit Roſe.— Rückkehr der Verirrten. 74 Sechsundzwanzigſtes Kap. Die ſchwarzen Hü⸗ gel.— Aufenthaltsorte räuberiſcher Indianer.— Ihr wildes zerklüftetes Anſehen.— Aberglauben in Betreff ihrer.— Donnergeiſt.— Seltſames Ge⸗ räuſch in den Bergen.— Geheime Gänge.— Ver⸗ borgene Schätze.— Kreiſende Berge.— Wiſſen⸗ ſchaftliche Erklärung.— Unzugängliche Päſſe.... 82 Siebenundzwanzigſtes Kap. Indianiſche Fuß⸗ tapfen.— Rauhe Bergreiſe.— Hunger und Ourſt. — Pulver⸗Fluß.— Eine Menge Wild.— Eines Jägers Paradies.— Berggipfel aus einer weiten Entfernug geſehen.— Einer aus der Großhorn⸗ Kette.— Felſengebirg.— Ausdehnung.— Aus⸗ ſehen.— Höhe.— Die große amerikaniſche Wüſte. — Verſchiedene charakteriſtiſche Merkmale von den Bergen.— Indianiſcher Aberglaube in Betreff der⸗ ſelben.— Land der Seelen.— Dörfer der freien und edeln Geiſter.— Selige Jagdgründe... 94 Achtundzwanzigſtes Kap. Gebiet der Krähen⸗ Indianer.— Kundſchafter auf dem Lugaus.— Be⸗ ſuch von einer Schaar ſtarker Reiter.— Ein Krä⸗ — 269— Seite. henlager.— Geſchenke an den Krähenhäuptling. — Handel.— Krähen⸗Eiſenfreſſer.— Roſe unter ſeinen indianiſchen Freunden.— Abſchied von den Kfaher— Verlegenheit im Gebirg.— Mehr Krä⸗ hen.— Reiterkinder.— Suchen nach Nachzüg⸗ lern.... Neunundzwanzigſtes Kap. Bergthäler.— Wandernde Banden von Wilden.— Anekdoten von den Schoſchonies und Flachköpfen.— Ihre einſamen verſteckten Hütten.— Berggnomen.— Windfluß.— Mangel an Nahrung.— Aenderung des Weges.— Die Pilot⸗Knobs oder Tetons.— Arm des Colorado.— Jagdlager..... Dreißigſtes Kap. Ein reichverſehenes Jaglager. — Schoſchonie⸗Jäger.— Hoback⸗Fluß.— Mad⸗ River.— Lager bei den Pilot⸗Knobs.— Eine Be⸗ rathung.— Vorbereitungen zu einer gefährlichen Reiſe. Einunddreißigſtes Kap. Berathung, ob die Reiſe zu Land oder zu Waſſer fortzuſetzen.— An⸗ ſtalten zum Bau von Booten.— Ein Streifzug. — Trapper werden abgeſendet.— Zwei Schlangen⸗ beſuche.— Ihre Nachrichten hinſichtlich des Fluſ⸗ ſes.— Der Streifzug beſtätigt ſie.— Der Mad⸗ „ . 102² . 112 . 223 — 270— River wird aufgegeben.— Ankunft zu Henry's⸗ Fort.— Robinſon, Hoback uud Rixner's Biber⸗ fang⸗Reiſe.— Müller entſchließt ſich, ſie zu be⸗ gleiten.— Ihre Abreiſe......... Zweiunddreißigſtes Kap. Schmale Koſt.— Ein bettelnder Schlangen⸗Indianer.— Einſchif⸗ fung auf Henry⸗River.— Schnellen und Bran⸗ dungen.— Anfang der Unfälle.— Schlangen⸗La⸗ ger.— Unterredung mit einem Wilden.— Ein zweites Unglück.— Verluſt eines Bootsmannes. — Caldron Linn. Dreiunddreißigſtes Kap. Traurige Berathung. — Streifparteien.— Entmuthigende Nachrichten. — Unglücklicher Verſuch.— Streifzüge, um Hülfe zu ſuchen.— Wie Verſtecke gemacht werden.— Rückkehr eines Streifzuges.— Kein Erfolg.— Ferneres Mißlingen.— Des Teufels Trichterloch. Vierunddreißigſtes Kap. Entſchluß der Ge⸗ ſellſchaft, zu Land weiter zu reiſen.— Oede Wüſte zwiſchen dem Snake⸗River und dem Kolumbia.— Vertheilung von Effekten vor dem Abzuge.— Ein⸗ theilung der Geſellſchaft.— Rauher Marſch am Fluſſe.— Wilde, klüftige Seenerie.— Schoſcho⸗ nies.— Ein Snake⸗Lager in Alarm.— Verkehr Seite. . 140 151 mit den Snakes.— Pferdehandel.— Werth ei⸗ nes Blechkeſſels.— Heftiger Durſt.— Ein Pferd zurückgefordert.— Muth eines indianiſchen Wei⸗ bes.— Mangel an Nahrung.— Hundefleiſch, ein Leckerbiſſen.— Nachrichten von Crooks und ſeinen Gefährten.— Mühſeliges Reiſen im Gebirg.— Schneeſtürme.— Oede Gebirgsanſicht.— Lager in einer Winternacht.— Rückkehr zu dem Ufer des Fluſſes. Fünfunddreißigſtes Kap. Ein unerwartetes Zuſammentreffen.— Fahrt in einem Hautkanoe. — Seltſame Beforgniſſe leidender Männer.— Mü⸗ heſeligkeiten Crooks und ſeiner Gefährten.— Nachricht von M'Lellan.— Ein rückgängiger Marſch. — Ein Weidenfloß.— Große Leiden eines Theils der Leute.— Crooks erkrankt.— Ungeduld eini⸗ ger aus dem Geleite.— Nothwendigkeit, die Nach⸗ zügler zurückzulaſſen. Sechsunddreißigſtes Kap. Hunt holt ſeine Leute ein.— Pierre Dorion und ſein Pferde⸗Ske⸗ let.— Ein Schoſchonie⸗Lager.— Ein zu recht⸗ fertigendes Unrecht.— Pferdefleiſch⸗Schmaus.— Crooks wird in das Lager gebracht.— Er unter⸗ nimmt es, ſeinen Leuten zu Hülfe zu kommen.— Das Haut⸗Kanoe.— Provoſt's Wahnſinn.— Seite. . 161 . 179 ter Zuſtand.— Crooks abermals zurückgelaſſen.— Die Geſellſchaft tritt aus den Gebirgen.— Zu⸗ ſammenkunft mit Schoſchonies.— Ein Führer erbietet ſich, die Reiſenden über einen Berg zu geleiten.— Fahrt über den Snake⸗River.— Ver⸗ einigung mit Crook's Leuten.— Endlicher Abzug von dem Fluſſe... Siebenunddreißigſtes Kap. Abreiſe vom Snake⸗River.— Nördliche Gebirge.— Müde Reiſende.— Zuwachs zu der Familie Dorion.— Schoſchonie⸗Lager.— Neujahrsfeſt unter den Schlangen⸗Indianern.— Eine Winterreiſe durch die Gebirge.— Eine ſonnige Ausſicht und ein milderes Klima.— Indianiſche Pferdeſpuren.— Grasreiches Thal.— Ein Lager von Sciatogas. — Freude der Reiſenden.— Gefahr des Ueberfluſ⸗ ſes.— Sitten der Sciatogas.— Schickſal Car⸗ riere's.— Der Monatalla.— Ankunft an den Ufern des Kolumbia.— Nachrichten von zerſtreu⸗ ten Gefährten der Expedition.— Scenerie an dem Kolumbia.— Nachrichten von Aſtoria.— An⸗ kunft an den Fällen.. Achtunddreißtgſtes Kap. Das Dorf Wiſhram. — Schurkerei ſeiner Bewohner.— Ihre Wohnun⸗ . 40 0 —= Seite. Sein trauriges Schickſal.— John Day's geſchwäch⸗ . 187 8 , — Seite. gen.— Nachrichten von Aſtoria.— Eine Bande Prahlhänſe.— Einſchiffung.— Ankunft zu Aſto⸗ ria.— Ein freudiger Empfang.— Alte Kamera⸗ den.— Reed's, M'Lellans und M'Kenzie's Aben⸗ teuer in den Snake⸗River⸗Gebirgen.— Luſtbar⸗ keiten zu Aſtoria........... 215 Neununddreißigſtes Kap. Schmale Koſt wäh⸗ rend des Winters.— Ein ſchlechtes Jagdrevier. — Die Rückkehr der Filchfangzeit.— Der Uth⸗ lecan oder Stint.— Seine Eigenſchaften.— Große Züge deſſelben.— Der Stör.— Indiani⸗ ſche Art, ihn zu fangen.— Der Lachs.— Ver⸗ ſchiedene Arten deſſelben.— Natur des Landes an der Küſte.— Wälder und Waldbäume.— Eine merkwürdige blühende Rebe.— Vierfüßige Thiere.— Vögel.— Würmer.— Klima weſt⸗ lich von den Gebirgen.— Milde der Tempera⸗ tur.— Boden an der Küſte und im Innern.. 227 Vierzigſtes Kap. Eingeborne in der Umgegend von Aſtoria.— Schilderung derſelben.— Urſa⸗ chen der Ungeſtalt.— Ihre Kleidung.— Ihre Verachtung gegen Härte.— Schmuck und Zier⸗ rathen.— Rüſtung und Waffen.— Art, den Kopf flach zu drücken.— Ausdehnung dieſer Sitte. — Neligiöſer Glaube.— Die zwei großen Geiſter 60.— 62. 18 — 274— Seite. der Luft und des Feuers.— prieſter oder Medi⸗ zin⸗Männer.— Die nebenbuhleriſchen Götzen.— Vielweiberei ein Grad der Größe.— Kleiner Krieg.— Muſik, Tanz und Spiel.— Stehlen eine Tugend.— Verſchlagene Kaufleute.— Zu⸗ dringliche Sitten.— Abſcheu vor Trunkenheit.— Anekdote von Comcomly.........236 Einundvierzigſtes Kap. Frühlingseinrichtun⸗ gen zu Aſtoria.— Aufbruch verſchiedener Züge. — Die langen Engen.— Diebiſche Indianer.— Der Diebesſtamm zu Wiſhram.— Tragſtelle an den Fällen.— Weg im Mondlichte.— Ein An⸗ griff, ein Lärm und eine Plünderung.— India⸗ 3 niſches Mittel gegen Feigheit.— Eine Unterhand⸗ lung und ein Vertrag.— Der Depeſchenzug kehrt zurück.— Trifft Crooks und John Day.— Ihre Leiden.— Indianiſche Treuloſigkeit.— An⸗ kunft zu Aſtoria......... 249