—---———y= Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Otkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ 8 K ( 0 ¹ —— d eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 8 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: ſ den angenommen... d 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme 9 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 1 auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „ 5 1 2„„—,= ⸗„ 1„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ b lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche f ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. —.—-— — * Von Waſhington Irving. Aus dem Engliſchen. Erſter Theil. Frankfurt am Main, 1837. Druck und Verlag von J. D. Sauerländer. Einleitung. Einige Reiſen, die ich vor vielen Jahren nach Kanada machte, hatten zur Folge, daß ich mit mehreren der Haupt⸗ theilhaber der nordweſtlichen Pelzhandels⸗Geſellſchaften innig befreundet wurde, welche zu jener Zeit ein munteres Leben zu Montreal führten, und deren Häuſer beinahe jedem Fremden offen ſtanden. An ihren gaſtfreien Tafeln traf ich gelegentlich mit Theilhabern und Commis und kühnen Pelzhändlern aus den Jactoreien des Binnenlan⸗ des zuſammen— Männer, welche, fern von der civiliſir⸗ ten Geſellſchaft, unter entlegenen, wilden Stämmen Jahre hingebracht, und von ihren weiten und kühnen Wande⸗ rungen, ihren Jagdthaten, ihren gefahrvollen Abenteuern und ihren Nöthen und Fährlichkeiten bei den Indianern — vVI— Wunder zu erzählen hatten. Ich war in einem Alter, wo die Phantaſie Allem ihre Farbe leiht, und die Geſchich⸗ ten dieſer Sinbads der Wildniß ließen mich das Leben eines Trappers und Pelzhändlers in einem ganz roman⸗ tiſchen Lichte ſehen. Ich beabſichtigte ſogar eine Zeitlang, die entfernten Handelspoſten der Geſellſchaften in den Booten zu beſuchen, welche jährlich die Seen und Flüſſe hinauf geh en, da Einer der Theilhaber mich dazu einge⸗ laden hatte; feitdem hatte ich es ſtets bedauert, daß Ver⸗ hältniſſe mich abhielten, dieſen meinen Vorſatz auszufüh⸗ ren. Seit jenen frühen Eindrücken, waren die ausge⸗ dehnten Unternehmungen der großen Pelzhandels⸗Geſell⸗ ſchaften und die gefahrvollen Irrfahrten und Wanderungen ihrer Theilhaber in den wilden Theilen unſeres ausge⸗ dehnten Feſtlandes für mich immer Gegenſtände von zauberhaftem Intereſſe, und ich hörte ſtets eifrig auf die Einzelnheiten von ihren abenteuerlichen Zügen unter den wilden Stämmen, welche die Tiefen der Wildniß bevölkern. Vor zwei Jahren, nicht lange nach meiner Rückkehr von einer Reiſe auf den Prairien des fernen Weſten, hatte ich eine Unterhaltung mit meinem Freunde Johann Jakob Aſtor, welche ſich auf jenen Theil unſeres Landes und auf die kühnen Reiſen der Handelsleute nach Santa Fé und an den Kolumbia bezog. Dies veranlaßte ihn, auf —v —— —r — 8 — vII— ein großes Unternehmen hinzudeuten, welches er vor zwanzig bis dreißig Jahren in Gang gebracht und geleitet hatte, und deſſen Zweck war, dem Pelzhandel einen Weg über das Felſengebirg*) zu eröffnen und die Küſten des ſtillen Meeres zu beſtreichen. Da er ſah, daß mich der Gegenſtand anzog, drückte er mir ſein Bedauern aus, daß das wahre Weſen und die Ausdehnung dieſes Unternehmens, ſo wie ſein natio⸗ naler Charakter und ſeine Wichtigkeit nie recht begriffen worden ſeien, und wünſchte, ich möchte es unternehmen, eine Darſtellung davon zu geben. Dieſer Wunſch fand vermöge früherer Eindrücke Anklang und ſchlug eine Saite an, welche bereits in meiner Seele vibrirte. Es leuchtete mir ein, daß ein Werk dieſer Art eine große Mannig⸗ faltigkeit jener, zur Geſchichte des Pelzhandels gehöorigen und für mich ſo anziehenden Einzelnheiten, ſeinen fernhin reichenden, gefahrvollen Unternehmungen, und der ver⸗ ſchiedenartigen Völker und Stämme und Stände und Charaktere, ſowohl dem civiliſirten wie dem wilden Leben angehörig und bei ſeinem Thun betheiligt, umfaſſen müſſe. *½) Damit bezeichnen wir in dieſem Werke durchgehends ddie„Rocky Mountains.“ Ueberſ. * — II— Auch die Tagebücher und Briefe der Abenteurer zur Ser und zu Land, welche Aſtor in ſeinem umfaſſenden Unter⸗ nehmen gebraucht hatte, mußten auf Theile unſeres Lan⸗ des, welche ganz außer dem Bereiche gewöhnlicher Reiſen⸗ den liegen und bis jetzt noch wenig bekannt ſind, Licht werfen. Ich fühlte mich daher geneigt, die Arbeit zu unternehmen, wenn mir hinreichend ausführliche und genaue Urkunden in die Hand gegeben würden. Dem⸗ zufolge wurden mir alle auf das Unternehmen bezüglichen Papiere zur Einſicht gegeben. Unter dieſen waren Tage⸗ bücher und Briefe, in welchen Reiſen zur See und Züge über das Felſengebirg auf vorher unbetretenen Wegen erzählt wurden, ſo wie Mittheilungen, welche ſich auf das Leben der Wilden und der Anſiedler an dem Saume des ſtillen Meeres bezogen. Mit ſolchen Materialien in der Hand unternahm ich das Werk. Die Mühe, unter Geſchäftspapieren zu wählen und aus langweiligen und alltäglichen Einzelnheiten Thatſachen auszuwählen und zuſammenzutragen, erſparte mir mein Neffe, Peter M. Irving, welcher mir den Boden klärte, die Wege ebnete und meine Arbeit erleichterte. Da die Tagebücher, auf welche ich größtentheils hin⸗ gewieſen war, von Geſchäftsleuten herrührten, welche den Hauptvorwurf des uUnternehmens im Auge hatten und in — —— Wiſſenſchaften wenig bewandert waren, oder ſolchen Din⸗ gen, welche ihr Intereſſe nicht unmittelbar anſprachen, keine große Theilnahme weihten, und da ſie oft in Augen⸗ blicken der Ermüdung oder der Eile, inmitten der Unbe⸗ quemlichkeiten eines wilden Lagers geſchrieben waren, mußten ſie in ihrem Detail mager ſein und eher Andeu⸗ tungen, welche den Forſchungseifer reizten, als Erzählun⸗ gen liefern, die ihn befriedigten. Ich habe daher gele⸗ gentlich Seitenlichter benützt, welche gedruckte Tagebücher anderer Reiſenden lieferten, die die geſchilderten Scenen beſucht haben, wie Lewis und Clarke, Bradbury, Brecken⸗ ridge, Long, Franchere, und Roß Cox, und ſpreche hier den Dank für die Hülfe aus, welche ich von dieſer Seite gefunden habe. Das Werk, welches ich hier dem Publikum über⸗ gebe, iſt nothwendig unſteter und etwas unzuſammen⸗ hängender Art, da es manchfache Reiſen und Abenteuer zur See und zu Land enthält. Man wird aber finden, daß die Thatſachen durch Einen großartigen Plan, den ein erhabener Geiſt erfaßte und leitete, unter ſich verbun⸗ den und zuſammen gehalten werden; auch tritt durchaus Eine Reihe Charaktere auf, welche gelegentlich, wenn auch oft in langen Zwiſchenräumen, auf dem Schauplatze erſcheinen, und das ganze unternehmen ſchließt mit einer ⸗ regelmäßigen Kataſtrophe, ſo daß das Werk ohne geſuchte Anordnung oder künſtlichen Bau wirklich viel von jener Einheit beſitzt, welche man in Dichtwerken gewöhnlich ſucht, und die für das Intereſſe jeder Geſchichte als ſo bedeutſam angeſehen wird. 2 Im September 1836. Waſhington Irving. — Erſtes Kapitel. Gegenſtände amerikaniſcher unternehmungen.— Goldjagd und Pelzhandel.— Ihr Einfluß auf die Coloniſation.— Erſte franzöſiſche Anſtedler in Kanada.— Ortawa⸗ und Huron⸗ Jäger.— Ein Lager indianiſcher Kaufleute.— Coureurs des hois oder Waldſchwärmer.— Ihr umſchweifendes Leben.— Ihre Gelage und Ausſchweifungen.— Privilegirte Kaufleute. — Miſſionäre.— Handelspoſten.— Patriarchaliſcher franzö⸗ ſiſcher Kaufmann in Kanada.— Seine Einrichtung und ſein Haushalt.— Britiſch⸗kanadiſcher Pelzhändler.— Urſprung der Nordweſt⸗Compagnie.— Ihre Geſtaltung.— Ihr innerer Handel.— Bewerbung um Eintritt in die Geſellſchaft.— Entbehrniſſe in der Wildniß.— Nordweſt⸗Commis.— Nord⸗ weſt⸗Compagnons.— Ein Nordweſt⸗Nabob.— Feudal⸗Anſichten in den Wäldern.— Die Herrn der Seen.— Fort William.— Sein Parlaments⸗ und Speiſe⸗Saal.— Schmausgelage in der . Wildniß. In der erſten Geſchichte der Amerikaner haben vorzüg⸗ lich zwei Gegenſtände, welche den Handelsgewinn reizten, ausgedehnte und kühne Unternehmungen veranlaßt, näm⸗ lich die edeln Metalle des Südens und die koſtbaren Pelz⸗ werke des Nordens. Während der feurige, ſtolze Spanier, . von der Goldwuth angefeuert, ſeine Entdeckungen und Siege über jene glänzenden, von der glühenden tropiſchen welche mit den Minen von Mexico und Peru faſt wett⸗⸗ Sonne verſengten Länder ausdehnte, widmeten ſich der gewandte und muthige Franzoſe und der kalte und berech⸗ nende Britte dem minder glänzenden, aber nicht unein⸗ träglicheren Handel mit Pelzen inmitten der mitternach⸗ tigen Länder der Kanadas und drangen bis zu dem nördlichen Polarkreiſe vor. Auf dieſe Weiſe ſind die, welche ſich dieſen zwei Beſtrebungen widmeten, gewiſſermaßen die Vorarbeiter und Vorläufer der Civiliſation geweſen. Ohne ſich an den Grenzſcheiden aufzuhalten, drangen ſie ſogleich, jeder Schwierigkeit und Gefahr Trotz bietend, in das Herz der wilden Länder ein, erſchloſſen die verborgenen Geheimniſſe der einſamen Oeden, zeigten den Weg in entfernte ſchöne und fruchtbare Regionen, welche vielleicht noch Jahrhun⸗ derte unbeſucht und unbekannt geblieben wären, und ermun⸗ terten den langſamen, zaudernden Fuß des Ackerbaues und der Sittigung, ihnen zu fol gen. Der Pelzhandel hat in der That vorzüglich den großen kanadiſchen Provinzen Beſtand und Lebenskraft gegeben. Da ſie keine edeln Metalle hatten, welche in jener Zeit die Hauptvorwürfe des amerikaniſchen Unternehmungs⸗ geiſtes waren, wurden ſie lange von dem Heimathlande vernachläßigt. Die franzöſiſchen Abenteurer jedoch, welche ſich an den Ufern des St. Lorenz niedergelaſſen hatten, erkannten bald, daß ſie in den koſtbaren Pelzarten des Innern des Landes, Quellen des Reichthums beſaßen, — 13— eifern konnten. Die Indianer, welche mit dem künſtlichen Werthe, den man manchen Pelzarten in dem cioiliſirten Leben beilegte, noch unbekannt waren, brachten eine Menge der koſtbarſten Pelze und tauſchten ſie gegen europäiſchen Tand und leichte, wohlfeile Waaren. Die erſten Händler machten auf dieſe Weiſe einen unermeßlichen Gewinn und das Gewerbe wurde gierig verfolgt. Da in der Nähe der Anſiedlungen die geſuchten Pelze bald ſelten wurden, ſo reizte man die in der Nachbarſchaft hauſenden Indianer an, ihre Jagdzüge weiter auszudehnen; auf dieſen Zügen wurden ſie gewöhnlich von einigen Kaufleuten oder ihren Bedienſteten begleitet, welche die Mühſeligkeiten und Gefahren der Jagd theilten, und ſich zugleich mit den beſten Jagd⸗ und Bieberfang⸗Gründen, und mit den entfernterwohnenden Stämmen bekannt machten, welche ſie ermuthigten, ihre Pelzwerke in die Anſiedlungen zu bringen. Auf dieſe Weiſe dehnte ſich der Handel aus und zog ſich aus entlegenen Theilen bis nach Montreal. In ſehr kurzen Zwiſchenräumen ſah man Ottawas, Huronen und andere Stämme, welche die an die großen Seen gränzenden Gebiete der Jagd wegen beſuchten, in einer Flotille kleiner Canoes, mit Biberfellen und anderer Beute der letztjährigen Jagd beladen hierher kommen. Die Canoes wurden ausgeladen, auf das Ufer gezogen und ihr Inhalt geordnet und ausgelegt. Ein Birkenrinde⸗Lager pflegte außerhalb der Stadt aufgeſchla⸗ gen und eine Art patriarchaliſchen Marktes mit jener — 14— ernſten Förmlichkeit eröffnet zu werden, auf welche die Indianer ſehr viel halten. Der General⸗Gouverneur wurde um eine Audienz angegangen und die Zuſammen⸗ kunft fand mit dem gebührenden Pompe ſtatt; er ſaß in einem Armſtuhl, und die Indianer in einem Halbkreiſe vor ihm gereiht, ſetzten ſich auf den Boden und rauchten ſchweigend ihre Pfeifen. Reden wurden gehalten, Geſchenke ausgetauſcht und die ganze Verſammlung ging in der hei⸗ terſten und beſten Laune auseinander. Nun begann ein lebhafter Verkehr mit den Kaufleu⸗ ten und ganz Montreal wimmelte von nackten Indianern, welche von Laden zu Laden liefen und um Waffen, Koch⸗ keſſel, Meſſer, Beile, Blankets, buntfarbige Tücher und andere Gegenſtände des Bedarfs oder der Mode feilſchten; worauf, nach einem alten franzöſiſchen Schriftſteller, die Kaufleute gewiß ſein konnten, daß ſie wenigſtens zwei⸗ hundert Procent gewonnen hatten. Von Geld war bei dieſem Handel nicht die Rede und etwas ſpäter wurde die Bezahlung in geiſtigen Getränken verboten, und zwar in Folge wilder und ſchrecklicher Exceſſe und blutiger Kämpfe, zu welchen ſie leicht Veranlaſſung gaben. Wenn die Bedürfniſſe und Launen der Eingebornen befriedigt waren, nahmen ſie von dem Gouverneur Abſchied, ſchlugen ihre Zelte ab, ließen ihre Canoes in das Waſſer und ruderten den Ottawa hinauf, den Seen entgegen. Eine neue und bisher noch unbekannte Menſchenklaſſe ging allmählig aus dieſem Verkehre hervor. Man nannte — 15— ſie„coureurs des bois“ oder Waldſchwärmer; urſprüng⸗ lich Leute, welche die Indianer bei ihren Jagdzügen begleitet und ſich mit den entfernten Jagdgründen und Stämmen bekannt gemacht hatten und die nun gewiſſermaßen reiſende Krämer der Wildniß wurden. Dieſe Männer pflegten in Canoes, welche mit Gütern, Waffen, Pulver und Blei wohl verſehen waren, von Montreal abzugehen und die ſich windenden und ſchlängelnden Ströme, welche die aus⸗ gedehnten Wälder der Kanadas durchſchneiden, hinauf zu ſchiffen, worauf ſie die Küſten der entlegenſten Seen beſuchten und die Eingebornen mit neuen Bedürfniſſen und neuen Sitten bekannt machten. Manchmal blieben ſie Monate lang bei ihnen und nahmen mit der glücklichen Leichtigkeit des franzöſiſchen Charakters ihre Sitten und Gebräuche an; ſie kleideten ſich faſt ganz nach indianiſcher Weiſe und nahmen nicht ſelten indianiſche Weiber. Oft verfloſſen zehn, zwölf, achtzehn Monate, ohne daß man das Geringſte von ihnen hörte, und dann kamen ſie plötzlich in voller Freude den Ottawa herab, und ihre Canoes waren ſchwer mit Päcken von Biberfellen beladen. Jetzt war die Zeit der Luſtgelage und der Ausſchweifungen für ſie gekommen.„Ihr würdet geſtaunt haben,“ ſagt ein alter, bereits angeführter franzöſiſcher Schriftſteller, „wenn Ihr geſehen hättet, wie ſittenlos dieſe Händler bei ihrer Rückkehr ſind; wie ſie ſchmauſen und ſpielen und wie verſchwenderiſch ſie ſich nicht nur in ihren Kleidern, ſondern auch in Bezug auf ihre Huldinnen benehmen. — 16— Die Verheiratheten haben die Klugheit, ſich in ihre Woh⸗ nungen zu begeben; die Junggeſellen aber handeln grade, wie die Oſtindienfahrer und die Seeräuber 3u thun gewohnt ſind; denn ſie vergeuden durch Ausſchweifungen, durch Eſſen, Trinken und Spielen Alles was ſie haben; und wenn alle ihre Habe und ihr Erwerb dahin iſt, ver⸗ kaufen ſie ſogar ihre Stickereien, ihre Treſſen und ihre Kleider. Iſt dieſes geſchehen, ſo müſſen ſie ihres Unter⸗ halts wegen zu einer neuen Reiſe aufbrechen.“* Viele dieſer coureurs des bois wurden an die india⸗ niſche Lebensweiſe und an die vollkommene Freiheit der Wildniß ſo gewöhnt, daß ſie allen Geſchmack an dem geſit⸗ tigten Leben verloren, daß ſie ſich mit den Wilden, unter welchen ſie wohnten, ganz identificirten, oder ſich von, ihnen nur durch größere Sittenloſigkeit unterſchieden. Nach und nach verderbte ihr Betragen und Beiſpiel die Einge⸗ vornen und hinderte das Wirken der katholiſchen Miſſio⸗ näre, welche damals ihre frommen Bemühungen in den Wildniſſen Kanada's verfolgten. um dieſe Mißbräuche abzuſchneiden und den Pelz⸗ handel gegen manchfache unregelmäßigkeiten, die ſich dieſe wilden Abenteurer zu Schulden kommen ließen, zu ſchützen, gab die franzöſiſche Regierung Befehl, daß Niemand bei Todesſtrafe ohne einen Erlaubnißſchein in dem Innern dieſes Landes Handel treiben dürfe. *) La Hontan, Vol. I. Mettre 4. 3 1— Um dieſe Erlaubniß⸗Scheine zu erhalten, mußte man ſich ſchriftlich an den General⸗Gouverneur wenden, und ſie wurden anfangs nur Leuten von anerkannt biederem Character gegeben— herab gekommenen Edelleuten, alten gedienten Offizieren, welche eine Familie zu ernähren hatten, oder ihren Wittwen. Jeder Erlaubniß⸗Schein gab dem Beſitzer das Recht, zwei große Kanoes mit Waaren zu einer Fahrt nach den Seen zu befrachten, und es ſollten jährlich nicht mehr als fünfundzwanzig Erlaubniß⸗Scheine ausgefertigt werden. Allmählich jedoch wurden Erlaubniß⸗ Scheine auch ausnahmsweiſe ausgeſtellt und ihre Zahl vermehrte ſich reißend. Diejenigen, welche keinen Gebrauch von ihrem Rechte machen wollten, erhielten die Vergün⸗ ſtigung, ihre Scheine an die Kaufleute zu verkaufen; dieſe verbanden ſich mit den coureurs des bois oder Wald⸗ ſchwärmern, welche gegen beſtimmte Antheile die langen Reiſen unternahmen, und auf dieſe Weiſe lebten die Miß⸗ bräuche des alten Syſtems wieder auf und wurden fort⸗ geſetzt.*) 3 *) Gewöhnlich wurden dieſe Fahrten unter folgenden Bedingungen unternommen. Der Handelsmann, wel⸗ cher im Beſitz der Erlaubniß war, pflegte die zwei Kanoes mit Gütern von dem Werthe von zweitauſend Kronen zu befrachten und ſie unter das Geleite von ſechs coureurs des bois zu ſtellen, welchen die Güter für fünfzehn vom Hundert über den wahren Geldwerth der Kolonie angerechnet wurden. Die coureurs des 57— 59.. 2 — 18— Die frommen Miſſionäre, welchen die römiſch⸗katho⸗ liſche Kirche die Bekehrung der Indianer aufgetragen hatte, boten alle ihre Kräfte auf, um der Sittenloſigkeit, welche jene Männer in dem Herzen der Wildniß veranlaßt und verbreitet hatten, entgegen zu wirken. Oft ſah man die katholiſche Kirche neben dem Kaufhauſe erbaut, und ihr von einem Kreuze gekrönter Glockenthurm erhob ſich aus der Mitte eines indianiſchen Dorfes, an den Ufern eines Fluſſes oder See's. Die Miſſionäre hatten oft eine wohl⸗ thätige Wirkung auf die einfachen Söhne des Waldes; über die aber, welche Bildung und Sittlichkeit verläug⸗ neten, hatten ſie keine Gewalt. bois hielten ihrerſeits die Wilden ſo knapp, daß ſie gewöhnlich am Ende eines Jahres oder doch nicht viel ſpäter mit ihren gut beladenen Kanves zurückkamen und einen reinen Gewinn von ſiebenhundert vom Hun⸗ dert hatten, ſo daß die eingelegten tauſend Kronen achttauſend brachten. Von dieſem ungeheuern Gewinn hatte der Handelsmann den Antheil des Löwen. Zuerſt nahm er für ſich ſechshundert Kronen für die Koſten des Erlaubnißſcheines, dann tauſend Kronen für die Auslagen der mitgegebenen Güter. Nun blieben noch ſechstauſend vierhundert Kronen, von welchen er vier⸗ zig vom Hundert für Bodmerei nahm, was ſich auf zweitauſend fünfhundert und ſechzig Kronen belief. Was nun übrig blieb, wurde in gleiche Theile unter ſechs Waldſchwärmer vertheilt, welche alſo wenig mehr als ſechshundert Kronen für alle ihre Bemühungen und ausgeſtandenen Gefahren erhielten. Verf. — 19— Man fand es endlich nöthig, zum Schutze des Han⸗ dels und zur Beſchränkung des Treibens jener ſittenloſen Menſchen an dem Vereinigungspunkte des Fluſſes und der Seen befeſtigte Poſten zu errichten. Der wichtigſte derſelben war zu Michilimackinac, an der Enge deſſelben Namens gelegen, welche den Huron⸗ und Michigan⸗See miteinander verbindet. Er wurde der große innere Markt⸗ und Stapel⸗Platz und einige der Handelsleute, welche dem Geſchäfte perſönlich und auf eigene Erlaubnißſcheine obla⸗ gen, bildeten hier Niederlaſſungen. Auch war hier der Zuſammenkunftsort der Waldſchwärmer, derer ſowohl, welche mit Gütern von Montreal heraufkamen, als derer, welche mit Pelzwaaren aus dem Innern zurückkehrten. Neue Fahrten wurden hier ausgerüſtet und gingen von hier aus nach dem Michigan⸗See und dem Miſſiſſippi, dem Obern⸗See und dem Nordweſten ab; und hier wurden die Pelzwerke, welche dagegen zurückkamen, nach Montreal eingeſchifft. Der franzöſiſche Handelsmann auf dieſem beſuchten Poſten war in jener erſten Periode Kanada's eine Art von kaufmänniſchem Patriarchen. Bei den läſſigen Sitten und der leichten zuthunlichen Weiſe ſeines Volkes hatte er eine kleine Welt von Bequemlichkeit und Unordnung um ſich. Er hatte ſeine Commis, ſeine Bootsleute, nebſt Beiläufern aller Art, welche mit ihm auf ganz vertrautem Fuße lebten und ihn ſtets bei ſeinem Taufnamen nannten; er hatte ſeinen Harem von indianiſchen Schönheiten und 2* — 25— ſeine Schaar halbblütiger Kinder; auch fehlte es hier nie an einem ſchmarotzenden Haufen Indianer, welche vor und nach ihren Jagdzügen das Kaufhaus umlagerten und auf ſeine Koſten aßen und tranken. Die Kanadiſchen Pelzhändler hatten lange Zeit ſehr beunruhigende Nebenbuhler in den britiſchen Kaufleuten von New⸗York, welche die indianiſchen Jäger und die coureurs des bois zu ihren Stationen lockten und mit ihnen auf günſtigeren Bedingungen handelten. In der Hudſoͤn⸗Bay⸗ Compagnie, welche von Karl dem Zweiten im Jahre 1670 einen Freibrief und das ausſchließliche Vorrecht erhielt, Handelshäuſer an den Ufern dieſer Bay und der in ſie einmündenden Flüſſe zu errichten— ein Vorrecht, von welchem ſie bis auf dieſen Tag Gebrauch 3 gemacht haben— erwuchs ihnen eine noch furchtbarere Op⸗ poſition. Zwiſchen dieſer britiſchen Geſellſchaft und den franzöſiſchen Kaufleuten von Kanada entſtanden wegen angeblicher Ueberſchreitung der Grenzen ihrer wechſelſeiti⸗ gen Gebiete Zwiſtigkeiten und Kämpfe, und zwiſchen ihren Bedienſteten kam es zu gewaltthätigen Handlungen und Blutvergießen. Im Jahre 1762 verloren die Franzoſen Kanada, und der Handel fiel vorzüglich in die Hände britiſcher Unter⸗ thanen. Eine Zeitlang war er jedoch beſchränkt und un⸗ bedeutend. Die alten coureurs des bois gingen aus einander und zerſtreuten ſich, oder gewöhnten ſich, wenn man ihrer habhaft wurde, nur ſehr ungern an das Leben — 21— und die Sitten ihrer britiſchen Dienſtherren. Sie ver⸗ mißten die Freiheit, die nachſichtige Freundlichkeit und Vertraulichkeit der alten franzöſiſchen Handelshäuſer und fanden keinen Geſchmack an der nüchternen Pünktlichkeit, der Zurückhaltung und der Verfahrungsweiſe der neuen Ankommlinge. Auch waren die britiſchen Kaufleute mit dem Lande unbekannt und gegen die Eingebornen miß⸗ trauiſch. Sie hatten Grund dieß zu ſein. Die verräthe⸗ riſchen und blutigen Vorfälle zu Detroit und Michilimacki⸗ nac lehrten ſie die verſteckte Feindſeligkeit kennen, von welcher die Wilden nicht ließen, die von den Franzoſen zu lange gelehrt worden waren, in ihnen nur Feinde zu ſehen. Erſt im Jahre 1766 erhielt der Handel ſeine vorige Ausdehnung wieder; aber er wurde nun mit großem Eifer von einzelnen Kaufleuten betrieben, die einander zu überbieten ſtrebten, und überſchritt bald ſeine vorigen Grenzen. Ausrüſtungen von Privaten verſchiedenen Cha⸗ rakters fanden zu Montreal und Michilimackinac ſtatt, und Eiferſucht und Nebenbuhlerſchaft fehlten natürlich nicht. Die Liſt, mit welcher ſie einander zu überbieten und zu Grunde zu richten ſtrebten, ſchadete dem Handel; der Verkauf geiſtiger Getränke, welcher unter der franzöſi⸗ ſchen Herrſchaft verboten war, machte die Indianer aus⸗ ſchweifend. Die Folgen waren Auftritte der Trunkenheit und viehiſcher Rohheit in den indianiſchen Dörfern und in der Nähe der Kaufhäuſer, während zwiſchen neben⸗ — buhleriſchen Handelsgeſellſchaften, wenn ſie zufällig in den herrenloſen Tiefen der Wildniß auf einander ſtießen, blu⸗ tige Kämpfe ſtatt fanden. Um dieſen ekelhaften und ver⸗ derblichen Streitigkeiten ein Ende zu machen, bildeten mehrere der erſten Kaufleute zu Montreal in dem Winter 1783 eine Geſchäftsverbindung und der Beitritt einer an⸗ dern Geſellſchaft im Jahre 1787 gab derſelben eine gröſ⸗ ſere Ausdehnung. Auf dieſe Weiſe entſtand die berühmte Nord⸗Weſt⸗Compagnie, welche lange Zeit über die win⸗ terlichen Seen und die grenzenloſen Wälder der Kanada's eine Herrſchaft ausübten, welche der der Oſtindiſchen Compagnie über die üppigen Himmelsſtriche und die prachtvollen Länder des Orients faſt gleich kam. Die Geſellſchaft beſtand aus drei und zwanzig Theil⸗ habern oder Handelsgenoſſen; aber in ihrem Dienſte waren gegen zwei tauſend Perſonen als Commis, Führer, Dolmetſcher, und„voyageurs« oder Bootsleute. Dieſe waren auf den verſchiedenen Handelspoſten oder Factoreien vertheilt, welche weit und breit an den Binnenſeen und Flüſſen, in unermeßlichen Entfernungen von einander, und in dem Herzen pfadloſer. Länder und wilder Stämme errichtet waren. Viele der Theilhaber wohnten zu Montreal und Que⸗ bec, um die Hauptangelegenheiten der Geſellſchaft zu über⸗ wachen. Dieſe wurden„Agenten“, Geſchäftsführer ge⸗ nannt, und waren Leute von großer Bedeutſamkeit und Gewicht; die andern Theilhaber begaben ſich auf die Fac⸗ toreien im Innern des Landes, und blieben während des Winters hier, um den Verkehr mit den verſchiedenen Stämmen der Indianer zu überwachen. Daher nannte man ſie Winter⸗Theilhaber. Die für dieſen weiten und wandernden Verkehr be⸗ ſtimmten Güter wurden in die Niederlagen der Geſell⸗ ſchaft zu Montreal gebracht, und in Booten oder in Ka⸗ noes den Fluß Attawa oder Ottawa hinauf, der ſich bei Montreal in den St. Lorenz ergießt, und durch andere Flüſſe und Waſſerſtraßen an den Nipiſing⸗See, den Huron⸗ See, den Obern⸗See, und von da durch mehrere Ketten großer und kleiner Seen an den Winipeg⸗See, den Atha⸗ basca⸗See und den großen Slave⸗See verführt. Dieſer auffallende und ſchöne Kreis von Binnenſeen, welcher ein unermeßliches Gebiet der Wildniß für die gebrechliche Barke des Indianers oder des Kaufmanns zugänglich macht, wimmelte von entlegenen Poſten der Geſellſchaft, wo ſie ihren Verkehr mit den umwohnenden Stämmen betrieben. 5 Die Geſellſchaft war anfangs, wie angedeutet wor⸗ den, eine Verbindung von Handelsleuten, zu welcher Jedem der Beitritt frei ſtand; nachdem ſie aber regel⸗ mäßig geordnet war, wurde die Aufnahme in dieſelbe un⸗ gemein ſchwierig. Der Bewerber mußte ſozuſagen„vor dem Maſt entern“, ſich einer langen Probe unterwerfen und durch ſein Verdienſt und ſeine Leiſtungen allmählig ſteigen. In der frühern Zeit begann er als Commis und diente als Lehrling ſieben Jahre, wofür er hundert Pfund Sterling erhielt, auf Koſten der Geſellſchaft unterhalten und mit den nöthigen Kleidern und anderm Bedarf ver⸗ ſehen wurde. Seine Probezeit brachte er gewöhnlich auf den innern Handelsſtationen zu, wo er Jahre lang der Geſellſchaft der gebildeten Welt entfremdet war, ein faſt eben ſo wildes und unſicheres Leben lebte, wie die Wil⸗ den um ihn her, der Härte eines nördlichen Winters aus⸗ geſetzt war, oft Mangel an Nahrung litt und zuweilen lange Zeit ſowohl Brod wie Salz entbehren mußte. Wenn ſeine Lehrjahre vorüber waren, erhielt er einen, ſeinen Leiſtungen angemeſſenen Jahrgehalt, der von achtzig bis hundert ſechzig Pfund Sterling ſteigen konnte, und war nun zu dem großen Ziele ſeines Ehrgeizes, einer Theil⸗ haberſtelle in der Geſellſchaft, wählbar; aber Jahre konnten noch vergehen, ehe er eine ſolche beneidenswerihe Stel⸗ lung erreichte. Die meiſten Commis waren junge Leute von guter Familie aus den ſchottiſchen Hochlanden, welche ſich durch die Beharrlichkeit, Sparſamkeit und Treue des echten Schottländers auszeichneten, und durch die ihnen ange⸗ borne Kraft und Körperfeſtigkeit ganz geeignet waren, dem herben nördlichen Himmelsſtrich zu trotzen und die Prüfungen und Entbehrungen ihres Berufes zu erdulden; es darf aber doch nicht verhehlt werden, daß die Mühe⸗ ſeligkeiten der Wildniß die Geſundheit Vieler untergruben, und daß die Verdauungswerkzeuge durch häufige Entbeh⸗ — 25 rung aller Nahrung, vorzüglich aber durch den Mangel an Salz und Brod ſehr geſchwächt wurden. Dann und wann wurde ihnen, in einem Zwiſchenraume von Jahren, geſtattet, zu der Hauptniederlaſſung zu Montreal auf Be⸗ ſuch herab zu kommen, um ihrer Geſundheit wieder auf⸗ zuhelfen und die Freuden des civiliſirten Lebens einmal zu koſten; es waren dies glanzreiche Tage in ihrem Daſeyn. Die Haupt⸗Theilhaber oder Agenten, welche zu Mon⸗ treal und Quebec wohnten, bildeten eine Art kaufmänni⸗ ſcher Ariſtokratie und lebten auf hohem gaſtfreiem Fuße. Ihre frühe freundliche Verbindung, als ſie auf den entle⸗ genen Handelsſtationen Commis waren, und die Freuden, Gefahren, Abenteuer und Unfälle, welche ſie während ihres wilden Waldlebens miteinander getheilt hatten, bil⸗ deten einen herzlichen Verband unter ihnen, und ſiegaben eine geſellig joviale Brüderſchaft ab. Vor ungefähr drei⸗ ßig Jahren, in den Tagen der M'Tavishes, der M'Gilli⸗ vray, der M'Kenzies, der Frobiſhers und anderer Mag⸗ naten des Nordweſten, als die Geſellſchaft ihren höchſten Glanz erreicht hatte, werden wenige Reiſende Kanada beſucht haben, die ſich nicht der Runde von Feſtlichkeiten und Schmauſereien erinnern, welche unter dieſen hyper⸗ boräiſchen Nabobs ſtatt fanden. Manchmal erſchienen ein oder zwei dieſer Geſell⸗ ſchaftsglieder, welche kurz vorher von den Stationen im Innern des Landes zurückgekehrt waren, auf einer Reiſe, — 26— die ſie zu ihrer Luſt und zur Befriedigung ihrer Neu⸗ gierde machten, zu New York. Bei ſolchen Gelegenheiten bemerkte man an ihnen ſtets eine große Freigebigkeit mit der Börſe und eine abſonderliche Vergeudungsſucht in den Läden der Goldſchmiede und Juweliere für Ringe, Ket⸗ ten, Geſchmeide aller Art, mit Juwelen beſetzte Uhren und andern koſtbaren Tand, theils für ſich ſelbſt, theils als Geſchenke für ihre weiblichen Bekanntſchaften— eine wirklich königliche Verſchwendung, wie man ſie in frühern Zeiten oft bei ſüdlichen Pflanzern und weſtindiſchen Kreo⸗ len beachtet hat, wenn der reiche Ertrag ihrer Pflanzun⸗ gen ſie kitzelte. Wenn man aber die Nordweſt⸗Compagnie in ihrer ganzen Pracht und Herrlichkeit ſehen wollte, mußte man nothwendig immer den Verſammlungen beiwohnen, welche ſie jährlich an dem großen Berathungsorte im Innern des Landes, auf Fort William, in der Nähe der ſoge⸗ nannten großen Waſſerſtraße, am Obern⸗See, hielten. Hierher begaben ſich einmal des Jahres zwei oder drei der erſten Mitglieder der Geſellſchaft, um mit den Agen⸗ ten auf den verſchiedenen Handelspoſten in der Wildniß zuſammen zu kommen, über die Angelegenheiten und Ge⸗ ſchäfte der Geſellſchaft während des verfloſſenen Jahres Rath zu pflegen und Plaͤne für die Zukunft zu entwerfen. Bei dieſen Gelegenheiten konnte man die großen Ver⸗ anderungen ſehen, welche ſeit den ſchlichten Zeiten der alten franzöſiſchen Handelsleute ſtatt gefunden hatten; der ari⸗ — 27— ſtokratiſche Charakter der Briten, oder vielmehr der feu⸗ daliſtiſche Geiſt der Hochländer zeigte ſich jetzt in ſeinem höchſten Glanze. Jeder Agent, der einen Poſten auf den innern Stationen hatte und über eine Schaar von Ab⸗ hängigen gebieten konnte, hegte die Gefühle des Häupt⸗ lings eines hochländiſchen Clans und war in den Augen ſeiner Vaſallen eine faſt eben ſo wichtige Perſon, wie in ſeinen eigenen. Für ihn war eine Reiſe zu der großen Verſammlung zu Fort Williams eine ſehr wichtige Bege⸗ benheit, und er begab ſich dahin wie zu einer Verſammlung des Parlaments. 3 Die Agenten von Montreal waren jedoch die Herren vom Oberhauſe; da ſie aus dem Herzen des üppigen und prunkreichen Lebens kamen, ſo ſtachen ſie ihre Mitbrüder aus den Wäldern gänzlich aus, deren ganzes Aeußere durch ſchwierige Lebensweiſe und ſchwierigen Dienſt herab⸗ gebracht und verhärtet war, und deren Kleidung und Auf⸗ zug durch die Länge der Zeit, die ſie in der Wildniß ver⸗ lebt, nicht gewonnen hatte. Wirklich glaubten die Herren von Montreal, die ganze Würde der Geſellſchaft werde in ihrer Perſon repräſentirt und benahmen ſich ganz demge⸗ mäß. In großem Pompe, wie Könige auf Reiſen, oder vielmehr wie hochländiſche Häuptlinge, welche die ihnen gehörenden Seen befahren, kamen ſie die Flüſſe herauf. Sie waren in reiche Pelze gekleidet, ihre großen Kanoes mit jedem Gegenſtand der Bequemlichkeit und des Lurus befrachtet und mit kanadiſchen„voyageurs⸗, ſo gehor⸗ — — 28— ſam wie hochländiſche Clansleute bemannt. Sie brachten Köche und Bäcker mit ſich herauf, nicht minder Lecker⸗ biſſen jeder Art und eine Menge der ausgeſuchteſten Weine zu dem Feſtmahl, das bei dieſer großen Verſamm⸗ lung nicht fehlen durfte. Auch fühlten ſie ſich glücklich, wenn ſich ein ausgezeichneter Fremder, vor Allem aber ein betiteltes Mitglied des britiſchen hohen Adels fand, welches ſie bei dieſer wichtigen Veranlaſſung begleiten und ihre großen Feierlichkeiten durch ſeine Gegenwart verherr⸗ lichen wollte. 1 Fort William, der Schauplatz dieſer wichtigen jähr⸗ lichen Zuſammenkunft, war ein bedeutendes Dorf an dem Obern⸗See. Hier war in einem unermeßlichen hölzernen Gebäude die große Rathshalle, ſo wie auch der Speiſe⸗ ſaal, mit indianiſchen Waffen und Kleidungsgegenſtanden und den Trophäen des Pelzhandels geſchmückt. Das Haus wimmelte zu dieſer Zeit von Händlern und Reiſenden, manche von Montreal und im Begriffe, auf die Stationen im Innern abzugehen, andere von den Poſten im Innern nach Montreal berufen. Die Berathungen wurden in gro⸗ ßem Staate gehalten, denn jedes Mitglied hatte das Ge⸗ fühl, als ſäße es im Parlament, und jeder Vaſall ſchaute mit Ehrfurcht auf die Verſammlung, wie auf das Haus der Lords. Es fehlte natürlich nicht an vielen feierlichen Berathungen und hartem ſchottiſchen Disputiren, nebſt einem gelegentlichen Schwalle prunkender Declamation. Mit dieſen ernſten und wichtigen Rathsſitzungen wech⸗. — 29— ſelten ungeheure Schmauſereien und Trinkgelage, den alten Feſtlichkeiten nicht unähnlich, die auf den ſchottiſchen Schlöſſern begangen wurden. Die Tiſche in dem großen Speiſeſaale beugten ſich unter der Laſt von Wildpret aller Art— Wild aus den Wäldern, Fiſche aus den Seen, nebſt Leckerbiſſen der Jager, wie Büffelzungen und Biber⸗ ſchwäanze, und vielfachen Köſtlichkeiten von Montreal, das alles von erfahrnen, zu dieſem Zwecke mitgebrachten Köchen bereitet wurde. Es fehlte nicht an edeln Weinen, denn es war eine durſtige Periode, eine Zeit loyaler Trinkſprüche, bacchanaliſcher Geſänge und ſchäumende Humpen. Während die Herren ſo in der Halle zechten und die getäfelte Decke wiedertönte von treuſinnigen Trinkſprüchen und alten ſchottiſchen Liedern, die von Stimmen geſun⸗ gen wurden, welche der Nordwind gebrochen und ſchril⸗ lend gemacht hatte, hallte ihre Heiterkeit verlängert aus den Kehlen einer bunten Legion von Vaſallen zurück— kanadiſche Bootsführer, Halbblütige, indianiſche Jäger und vagabundirende Schmarotzer, die außerhalb von den Krumen, welche von den Tiſchen der Herren fielen, köſt⸗ lich ſchmauſten und von franzöſiſchen Liedchen, mit india⸗ niſchem Geplärre und Geſchrei gemiſcht, den Himmel er⸗ dröhnen ließen. Der Art war die Nordweſt⸗Compagnie in ihren mäch⸗ tigen und prunkreichen Tagen, als ſie ein ausgedehntes See⸗ und Wald⸗Gebiet mit einer Art oberherrlichen Scep⸗ — 30— ters beherrſchte. Vielleicht verweilten wir ſchon zu lange bei dieſen Detailſkizzen, welche uns durch die Erinnerun⸗ gen unſerer frühern Tage theuer geworden ſind, wo wir, als ein ganz junger Menſch, an der gaſtfreien Tafel der mächtigen„Nordweſter“ der damaligen wohlmögenden Herren zu Montreal, ſaßen und mit erſtauntem, uner⸗ fahrnem Auge auf ihre freiherrlichen Schmauſereien blick⸗ ten, und mit geſpanntem Ohre ihren Erzählungen von Müheſeligkeiten und Abenteuern zuhörten. Es gehört je⸗ doch zu den Gegenſtänden unſeres Vorwurfs, Scenen von dem rauhen Leben der Wildniß zu ſchildern, und wir ſind verſucht, dieſe wenigen Andenken an einen vorüber⸗ gehenden Zuſtand von Dingen, welche faſt der Vergeſſen⸗ heit anheim fallen, feſtzuhalten; denn der oberherrliche Prunk von Fort William iſt zu Ende; ſeine Rathshalle iſt ſtumm und verlaſſen; ſein Speiſeſaal hallt nicht mehr von den Ausbrüchen der loyalen Herzen oder den alten guten Liedern wieder; die Herren der Seen und Wälder ſind dahm, und die gaſtfreien Magnaten von Montreal— wo ſind ſie! * Zweites Kapitel. Begründung der Mackinaw⸗Compagnie.— Verſuch der ame⸗ rikaniſchen Regierung, fremdem Einfluß auf die indianiſchen Ströme entgegen zu arbeiten.— John Jacob Aſtor.— Sein Geburtsort.— Seine Ankunft in den vereinigten Staaten.— Was ſeine Aufmerkſamkeit zuerſt auf den Pelzhandel lenkte.— Sein Charakter, ſeine Unternehmungen und Erfolge.— Sein Verkehr mit der amerikaniſchen Regierung.— Urſprung der amerikaniſchen Pelzhandels⸗Compagnie. Das Glück der nordweſtlichen Compagnie reizte zu weitern Unternehmungen auf dieſem ſich öffnenden und ſichtlich grenzenloſen Felde des Gewinnes. Der Handel dieſer Geſellſchaft lag vorzüglich in den hohen nördlichen Breiten, waͤhrend ſich nach Süden und Weſten noch uner⸗ meßliche Landſtriche ausbreiteten, von denen man wußte, daß ſie einen Ueberfluß koſtbarer Pelzwerke darboten, die aber bis jetzt nur wenig von Pelzhändlern beſucht und er⸗ forſcht worden. Eine neue Geſellſchaft britiſcher Handels⸗ leute bildete ſich daher, um den Handel in dieſer Richtung zu betreiben. Die Hauptfactorei wurde an dem alten Sta⸗ pelplatz, zu Michilimackinac, gegründet, von welchem Orte die Geſellſchaft ihren Namen hat, und gewöhnlich die Mackinaw⸗Compagnie genannt wurde. — 32— Während die nordweſtliche Geſellſchaft fortfuhr, von ihrem feſten Sitze zu Fort William aus ihre Unterneh⸗ mungen in die hyperboräiſchen Gegenden auszudehnen und die Stämme der oberen Seen und Flüſſe mit faſt unbe⸗ ſchränktem Scepter zu beherrſchen, ſchickte die Mackinaw⸗ Compagnie ihre leichten Piroguen und Barken, mittelſt Green⸗Bay, Fox⸗River und dem Wisconſin zu jener gro⸗ ßen Pulsader des Weſten, dem Miſſiſſippi, und zu allen jenen Flüſſen, welche ſich in dieſen Strom einmünden. Auf dieſe Weiſe hofften ſie den Handel mit allen Stämmen an den ſüdlichen und weſtlichen Gewäſſern und in jenen ausgedehnten Gebieten, welche das alte Louiſiana in ſich begreifen, allein an ſich zu ziehen. Die Regierung der Vereinigten Staaten begann den wachſenden Einfluß, welchen die Vereinigungen von Fremd⸗ lingen über die eingeborenen Stämme, die ihr Gebiet be⸗ wohnten, auf dieſe Weiſe erlangten, mit beſorgtem Auge zu gewahren, und bemühte ſich, demſelben entgegen zu ar⸗ beiten. Zu dieſem Zwecke ſchickte die Regierung ſchon in dem Jahre 1796 Bevollmächtigte aus, welche an den Grän⸗ zen Handelsniederlaſſungen begründeten, und deren Auf⸗ gabe es war, die Indianer mit allem zu verſehen, was ſie brauchten, ihre Intereſſen und Gefühle an die der Be⸗ wohner der vereinigten Staaten zu knüpfen und dieſen wichtigen Handelszweig in nationale Kanäle zu leiten. Dieſes Mittel ſchlug jedoch fehl, wie es mit ſolchen Mitteln in Handels⸗Angelegenheiten gewöhnlich zu gehen — 33— pflegt, wo man auf den trägen Schutz der Regierung rechnet, um die kühne Thätigkeit von Privat⸗ Unterneh⸗ mungen zu überbieten. Was aber die Regierung mit allem ihrem Schutz und allen ihren Geſchäftsführern nicht erreichen konnte, gelang endlich dem unternehmenden Geiſt und der Ausdauer eines einzelnen Kaufmannes, eines ihrer Adoptiv⸗Bürger. und dies führt uns zu der Schil⸗ derung des Mannes, deſſen Unternehmung der Haupt⸗ vorwurf nachſtehender Blätter iſt— eines Mannes, deſſen Name und Charakter würdig ſind, in der Geſchichte des Handels eine Stelle zu finden, da ſie deſſen edelſte Be⸗ ſtrebungen und geſundeſte Grundſätze in das Licht ſtellen. Einige kurze Andeutungen über ſein Jugendleben und die Umſtände, welche ihn zuerſt veranlaßten, ſich dem Han⸗ delszweige, von dem wir hier reden, zu widmen, können nur intereſſant ſeyn. Johann Jakob Aſtor, der Mann, von dem es ſich hier handelt, war in dem guten kleinen Marktflecken Walddorf an dem Hardbach, drei Stunden von Heidel⸗ berg, geboren. Er wurde in der Einfachheit des land⸗ lichen Lebens erzogen, verließ aber ſchon als ein ganz junger Menſch ſeine Heimath und ſtürzte ſich mitten in das geſchäftige Leben Londons, da er von ſeiner Jugend auf ein ſeltſames Vorgefühl hatte, er würde endlich zu großem Vermögen kommen. Am Ende der amerikaniſchen Revolution war er noch zu London und kaum an der Schwelle eines thätigen 57— 59. 3 — 34— Lebens. Ein alterer Bruder wohnte ſeit einigen Jahren in den Vereinigten Staaten, und Aſtor entſchloß ſich ihm, zu folgen und ſein Glück in dem erblühenden Lande zu ſuchen. Er legte die kleine Summe, die er ſeit ſeinem Abſchied aus ſeinem Geburtsorte geſpart hatte, in Waaren an, welche dem amerikaniſchen Markt angemeſſen waren, ſchiffte ſich im November 1788 in einem nach Baltimore beſtimmten Schiffe ein und kam im Januar auf der Rhede von Hampton an. Der Winter war ungemein ſtreng und das Schiff wurde mit vielen andern faſt drei Monate lang durch das Eis in und um Cheeſapeake⸗Bay aufgehalten. Während dieſer Zeit pflegten die Paſſagiere der ver⸗ ſchiedenen Schiffe dann und wann an das Land zu gehen und ſich zu geſelliger Unterhaltung zu vereinigen. So wurde Aſtor mit einem ſeiner Landsleute, einem Pelz⸗ händler, bekannt. Es ſchien ihm ſchon vorher einleuch⸗ tend, daß der Handel mit Pelzwerk in der neuen Welt vielen Gewinn verſpräche; er ſtellte daher viele Fragen über dieſen Gegenſtand an ſeinen neuen Bekannten, wel⸗ cher ihm alle nur mögliche Belehrung hinſichtlich der Qua⸗ lität und des Werthes der verſchiedenen Pelze und der Art, den Handel zu betreiben, bereitwillig gab. Er beglei⸗ tete ihn nachher nach New⸗York und auf ſeinen Rath wurde Aſtor veranlaßt, den Erlös ſeiner Waaren in Pelz⸗ werke umzuſetzen. Mit dieſen ſegelte er im Jahre 1784 von New⸗York nach London, brachte ſie vortheilhaft an, machte ſich noch näher mit dem Gange des Handels bekannt — 35— und kehrte in demſelben Jahre wieder nach New⸗York zurück, entſchloſſen, ſich in den Wereinigten Staaten nieder⸗ zulaſſen. Jetzt widmete er ſich ganz dem Handelszweige, mit welchem er ſo zufällig bekannt geworden war. Natürlich begann er ſeine Laufbahn in der beſchränkteſten Weiſe; aber er brachte zu dem Verſuche ausdauernde Thätigkeit, ſtrenge Sparſamkeit und die pünktlichſte Redlichkeit mit. Zu dieſen Eigenſchaften kam noch ein aufſtrebender Kopf, der ſtets aufwärts blickte; ein kühner, fruchtbarer, weit ausſehender Geiſt; ein Scharfblick, der ſchnell Alles faßte und jeden Umſtand zu ſeinem Vortheil wandte, und ein wunderbares, nie ſchwankendes Vertrauen auf ausgezeich⸗ neten Erfolg.*) Bis jetzt war der Pelzhandel in den Vereinigten Staa⸗ ten noch nicht geordnet, und man konnte nicht ſagen, daß *) Wir kennen ein Beiſpiel dieſes ſtolzen Selbſtvertrauens, welches ohne Zweifel den glücklichen Erfolg, auf den er hoffte, herbeiführen half, aus Aſtor's eigenem Munde. Während er noch ein Fremdling zu New⸗York und in ſehr beſchränkten Umſtänden war, kam er an einer Reihe Häuſer, die auf Broadway gebaut wurden, vorbei; der ſchöne Styl, in welchem dieſe Häuſer aufgeführt wur⸗ den, war der Gegenſtand des Geſprächs und Stolzes der ganzen Stadt.„Ich werde eines Tages in eben dieſer Straße ein größeres Haus bauen, als alle dieſe hier ſind,“ ſagte er zu ſich und er hat ſeine Voraus⸗ ſagung erfüllt. Verf. 3* — 36— er einen geregelten Handelszweig bildete. Die Kaufleute in dem Innern des Landes ſammelten bei ihrem Verkehr mit den Indianern oder den weißen Jägern, wie es der Zufall fügte, Pelze und Häute; im Allgemeinen aber wurde der Artikel aus Kanada bezogen. Als Aſtor's Mittel wuch⸗ ſen, machte er jährliche Beſuche zu Montreal, wo er von den Häuſern, die den Handel betrieben, Pelze kaufte. Er verführte dieſe von Kanada nach London, da ein unmittel⸗ barer Verkehr von dieſer Kolonie aus nur mit dem Mut⸗ terlande erlaubt war. Im Jahre 1794 oder 1795 hob ein Vertrag mit Großbritanien die Beſchränkungen auf, welche auf dem Handel mit den Kolonien laſteten, und eröffnete eine un⸗ mittelbare Handelsverbindung zwiſchen Kanada und den Vereinigten Staaten. Aſtor befand ſich zu dieſer Zeit in London, und ſchloß augenblicklich mit den Agnaten der Nordweſt⸗Compagnie einen Contract auf die Lieferung von Pelzen ab. Er war jetzt in den Stand geſetzt, ſie von Montreal in die Vereinigten Staaten für den Bedarf des Landes ſowohl, als auch nach China zu bringen, wo ſtets der beſte Markt für die koſtbarſten und feinſten Pelz⸗ arten war. 3 Der erwähnte Vertrag beſtimmte auch, daß die mili⸗ täriſchen Poſten, welche die Engländer innerhalb der Gren⸗ zen des Gebietes der Vereinigten Staaten inne hatten, abgegeben werden ſollten. Demzufolge wurden Oswego, Niagara, Detroit, Michilimackinac und andere Poſten auf — 2.— der amerikaniſchen Seite der Seen aufgegeben. So bildete ſich für den amerikaniſchen Kaufmann ein freier Weg zum Verkehre an den Grenzen von Kanada und innerhalb des Gebietes der Vereinigten Staaten. Nach einer Zwiſchen⸗ zeit von einigen Jahren, um 1807, begann Aſtor dieſes Geſchäft auf eigene Rechnung zu betreiben. Sein Kapital und ſeine Hülfsmittel hatten ſich während dieſer Zeit beträchtlich vermehrt, und ſo klein er begonnen, hatte er ſich jetzt zu einem der erſten Handelsleute und Finanzer des Landes emporgeſchwungen. Sein Geiſt war ſeinen uUmſtänden ſtets vorangeeilt und hatte ihn auf neue und ausgedehnte Felder der Speculation hingetrieben, die weit über dem Geſichtskreiſe des gewöhnlichen Kaufmanns waren. Bei all ſeinem Unternehmungsgeiſte und ſeinen Mitteln fand er jedoch bald, daß die Macht und der Ein⸗ fluß der Michtlimackinac⸗ oder Machinaw⸗Compagnie zu groß für ihn war, da ſie auf den amerikaniſchen Grenzen den Handel faſt ganz an ſich gezogen hatte. Es mußte ein Plan erdacht werden, der ihn in den Stand ſetzte, jener Geſellſchaft mit Erfolg die Spitze zu bieten. Er kannte den bereits erwähnten Wunſch der ame⸗ rikaniſchen Regierung, den Pelzhandel innerhalb ihres Gebietes in die Hände amerikaniſcher Kaufleute zu brin⸗ gen, ſo wie die ganz unwirkſamen Mittel, zu welchen ſie gegriffen hatte, um zu dieſem Zwecke zu gelangen. Er erbot ſich nun, den ganzen Pelzhandel in amerikaniſche Kanäle zu leiten, wenn die Regierung ihn unterſtützen und — 38— ſchützen wollte. Man lud ihn ein, ſeine Plane der Re⸗ gierung vorzulegen, und ſie fanden warme Beiſtimmung, obgleich die Executiv⸗Gewalt keine unmittelbare Hülfe gewähren konnte. Auf dieſe Weiſe geſchützt erlangte er im Jahre 1809 einen Freibrief von der Geſetzgebung des Staates New⸗ York, welcher die Bildung einer Gefellſchaft unter dem Namen„Amerikaniſche Pelz⸗Compagnie“ mit einem Kapi⸗ tal von einer Million Dollars mit dem Vorrecht geſtat⸗ tete, dieſe Summe bis auf zwei Millionen zu erhöhen. Das Kapital wurde von Aſtor hergeſchoſſen— er machte in der That die Geſellſchaft aus, denn obgleich die Geſell⸗ ſchaft ihre Directoren hatte, ſo waren ſie es doch blos dem Namen nach; das ganze Geſchäft wurde nach ſeinen Planen und mit ſeinen Mitteln geführt; aber er zog es vor, dies eher unter dem bedeutſamen und achtungsvollen Titel einer Körxerſchaft, als unter ſeinem Privatnamen, zu thun, und ſein Verfahren war ſcharfſichtig und er⸗ folgreich. Da die Mackinaw⸗Compagnie nicht zu beſeitigen war und der Pelzhandel eine ſolche Nebenbuhlerſchaft ohne große Nachtheile nicht geſtattete, ſo gab er im Jahre 1811 der Sache eine andre Richtung, indem er, in Verbindung mit gewiſſen Theilhabern der Nordweſt⸗Compagnie und andern in dem Pelzhandel betheiligten Männern die Ma⸗ ckinaw⸗Compagnie auskaufte, und dieſe und die amerikani⸗ ſche Pelzhandels⸗Compagnie wie in eine neue Geſellſchaft 4 — 39— verſchmolz, welche den Namen„die Südweſt⸗Compagnie“ erhielt. Auch das that er mit Wiſſen und Bewilligung der amerikaniſchen Regierung. Durch dieſe Uebereinkunft wurde Aſtor Eigenthümer der einen Hälfte der Indianiſchen Niederlaſſungen und Güter, welche die Mackinaw⸗Compagnie innerhalb der Grenzen der indianiſchen Bezirke in den Vereinigten Staaten hatte, und es war ausgemacht, daß das Ganze nach Verlauf von fünf Jahren unter der Bedingung ihm übergeben werden ſollte, daß die amerikaniſche Compagnie nicht innerhalb der britiſchen Beſitzungen Handel treiben ſollte. Unglücklicher Weiſe wurde der Krieg, welcher im Jahr 1812 zwiſchen Großbritannien und den Vereinigten Staa⸗ ten ausbrach, der Geſellſchaft hinderlich, und nach dem Kriege löſte ſie ſich ganz auf, da der Congreß ein Geſetz erlaſſen hatte, welches den britiſchen Pelzhändlern verbot, innerhalb der Grenzen der Vereinigten Staaten ihr Ge⸗ werbe zu treiben. Drittes Kapitel. Pelzhandel im ſtillen Meere.— Amerikaniſche Küſten⸗Reiſen.— Ruſſiſche Unternehmungen.— Entdeckung des Kolumbia⸗Fluſ⸗ ſes.— Carver's Plan, eine Niederlaſſund dort zu gründen.— Mac⸗Kenzie's Expedition.— Lewis und Clarke's Reiſe über das Felſengebirge.— Aſtor's großer Handels⸗Entwurf.— Seine Correſpondenz mit Jefferſon.— Seine Unterhandlun⸗ gen mit der Nordweſt Comvagnie.— Seine Schritte, um ſeinen Plan in Ausführung zu bringen. Während die verſchiedenen Geſellſchaften, die wir genannt haben, ihre Unternehmungen weit und breit in den Wildniſſen von Kanada und die Ufer der großen weſtlichen Gewäſſer entlang ausdehnten, durchſchnitten unſere Abenteurer, denſelben Zweck angelegentlich verfolgend, die Waſſerwüſte des ſtillen Meeres und verbreiteten ſich auf der Nordweſt⸗Küſte von Amerika. Die letzte Reiſe jenes berühmten, aber unglücklichen Entdeckers, des Kapi⸗ täns Cook, hatte auf die große Menge von Seeottern, welche dieſe Küſte entlang gefunden wurden, und auf die hohen Preiſe aufmerkſam gemacht, welche für ihre Felle in China bezahlt wurden. Es war, als wenn eine neue Goldküſte entdeckt worden wäre. Leute aus verſchiedenen Ländern warfen ſich auf dieſes einträgliche Gewerbe, ſo — —41— daß im Jahre 1792 einundzwanzig Schiffe unter manch⸗ fachen Flaggen die Küſte entlang ſegelten und mit den Eingebornen verkehrten. Der größte Theil waren jedoch amerikaniſche Schiffe, die Boſtoner Kaufleuten angehörten. Sie blieben gewöhnlich zwei Jahre lang an der Küſte und den angrenzenden Meeren, und trieben einen eben ſo un⸗ ſteten und gefahrvollen Handel auf dem Waſſer, wie die Kaufleute und Biberfänger zu Land. Ihr Handel erſtreckte ſich die ganze Küſte von Kalifornien bis zu den hohen nördlichen Breiten entlang. Sie pflegten nahe der Küſte einzulaufen, Anker zu werfen, und der Ankunft der Ein⸗ gebornen in ihren Kanoes mit Pelzwaaren zu harren. Wenn der Handel an einem Pltze erſchöpft war, hoben ſie die Anker und begaben ſich an einen andern. Auf dieſe Weiſe brachten ſie den Sommer hin, und wenn der Herbſt heran kam, eilten ſie hinab zu den Sandwich⸗Inſeln, und überwinterten in irgend einem freundlichen, mit allem reichlich verſehenen Hafen. Das kommende Jahr begannen ſie ihr Sommergewerbe wieder, fingen mit Kalifornien an und rückten nach Norden vor. Wenn ſie ſo im Laufe zweier Sommer eine hinreichende Ladung von Pelzwaaren geſammelt hatten, ſuchten ſie in aller Eile den Weg nach China auf. Hier ſetzten ſie ihre Pelze ab, nahmen Thee, Nankin und andere Waaren ein, und kehrten nach einer Abweſenheit von zwei bis drei Jahren, nach Boſton zurück. Am ausgebreiteſten und erfolgreichſten betrieben die Ruſſen den Pelzhandel im ſtillen Meere. Statt nur zu⸗ fällige Reiſen in gemietheten Schiffen zu machen, errichteten ſie regelmäßige Kaufhäuſer in den hohen Breiten, der Nordweſt⸗Küſte von Amerika entlang, und auf der Kette der Aleutiſchen Inſeln zwiſchen Kamtſchatka und dem Vor⸗ gebirge Alaska. Um dieſe Unternehmungen zu fördern und zu ſchützen, hatte die ruſſiſche Regierung eine Geſellſchaft mit aus⸗ ſchließlichen Vorrechten und einem Kapitale von zwei hun⸗ dert ſechzig tauſend Pfund Sterling gebildet, und die Ober⸗ herrſchaft über jenen Theil des amerikaniſchen Feſtlandes, die Küſte, auf welcher die Factoreien errichtet worden waren, entlang, wurde von der ruſſiſchen Krone in An⸗ ſpruch genommen, weil, hieß es, ruſſiſche Unterthanen das Land entdeckt und in Beſitz genommen hätten. Da China der große Markt für das in dieſen Gegen⸗ den geſammelte Pelzwerk war, ſo hatten die Ruſſen den Vor⸗ theil über ihre Mitbewerber in dieſem Zweige. Die Letztern mußten ihre Pelzwaaren nach Kanton bringen, das jedoch nur als erſte Niederlage derſelben anzuſehen war, von wo aus ſie in dem Innern des Reiches vertheilt und in die nördlichen Gegenden verſendet wurden, wo der Haupt⸗ verbrauch war. Die Ruſſen führten dagegen ihre Pelze auf einem kürzern Wege unmittelbar in die nördlichen Theile des Chineſiſchen Reichs, und waren ſomit im Stande, ſie ohne die hinzukommenden Koſten für den innern Transport auf den Markt zu bringen. — 13— Wir kommen nun zu dem eigentlichen Schauplatz des großen Unternehmens, das wir zu erläutern uns vorge⸗ ſetzt haben. unter den amerikaniſchen Schiffen, welche im Jahre 1792 die Nordweſt⸗Küſte entlang Handel trieben, war auch die Kolumbia, Kapitän Gray, von Boſton. Während ihrer Reiſe entdeckte ſie die Mündung eines großen Stromes im 46⁰ 19 nordlicher Breite. Wegen der Sandbänke und Brandungen lief ſie nicht ohne große Schwierigkeiten ein, und warf in einer geräumigen Bucht Anker. Ein wohl⸗ bemanntes Boot wurde an das Ufer geſchickt, an welchem man ein Dorf entdeckt hatte; alle Einwohner entflohen aber, die Alten und Gebrechlichen ausgenommen. Die freundliche Behandlung, welche man dieſen angedeihen ließ, und die Geſchenke, welche man ihnen gab, lockten allmäh⸗ lig die Andern zurück, und ein freundlicher Verkehr erfolgte. Nie hatten ſie ein Schiff oder einen weißen Mann geſehen. Als ſie der Kolumbia zuerſt anſichtig wurden, hielten ſie dieſelbe für eine ſchwimmende Inſel; dann für irgend ein Meerungeheuer; als ſie aber das Fahrzeug mit menſchlichen Weſen an Bord auf das Ufer zukommen ſahen, nahmen ſie ſie für Menſchenfreſſer, die der große Geiſt ausgeſendet, das Land zu verwüſten und deſſen Bewohner aufzuzehren. Kapitän Gray ging den Strom nicht weiter hinauf, als bis zu der genannten Bucht, welche jetzt noch ſeinen Namen trägt. Nachdem er wieder auf der See war, traf er mit — 44— dem berühmten Entdecker, Vancouver, zuſammen, welchen er von ſeiner Entdeckung benachrichtigte und ihm eine Karte vom Strome gab, welche er aufgenommen hatte. Vancouver beſuchte den Strom, und ſein Lieutenant, Broughton, unterſuchte denſelben mit Hülfe von Kapitän Gray's Karte; er ſchiffte über hundert Meilen*) auf⸗ wärts, bis ihm ein ſchneebedeckter Berg zu Geſicht kam, welchem er den Namen Mount⸗Hood gab, den er heute noch trägt. Das Daſeyn dieſes Stromes war jedoch ſchon lange vor dem Beſuche von Gray und Vancouver bekannt, allein das, was man von ihm wußte, war unſicher und unbeſtimmt, da es nur aus den Erzählungen von India⸗ nern geſchöpft war. Reiſende ſprachen von ihm als dem Oregon und dem„großen Strome des Weſten.“ An ſei⸗ ner Mündung ſollte ein ſpaniſches Schiff einſt Schiffbruch gelitten, und einige von der Mannſchaft längere Zeit unter den Eingebornen gelebt haben. Man nimmt jedoch für gewiß an, daß die Kolumbia das erſte Schiff geweſen, welche eine regelmäßige Entdeckung gemacht und in ſeinen Gewäſſern Anker geworfen hatte, und er trug ſeitdem all⸗ gemein den Namen des Schiffes. Schon im Jahre 1763, kurz nach der Beſitznahme Kanada's durch Großbritanien, entwarf Kapitän Jonathan *) Hier ſind durchgehends engliſche Meiten gemeint. Ueverſ. — 145— Carver, welcher in der britiſchen Provinzial⸗Armee diente, den Plan, zu Lande zwiſchen dem drei und vierzigſten und ſechs und vierzigſten Grade nördlicher Breite an die Küſten des ſtillen Meeres zu reiſen. Seine Abſicht war, die Breite des Feſtlandes an deſſen breiteſtem Theile feſtzu⸗ ſtellen, und einen Punkt an den Küſten des ſtillen Mee⸗ res ausfindig zu machen, wo die Regierung einen Poſten errichten könnte, um die Entdeckung eines nordweſtlichen Durchgangs, oder eine Verbindung zwiſchen der Hudſon's Bay und dem ſtillen Meere zu erleichtern. Die Stelle war, ſeiner Vermuthung nach, in der Nähe der Meerenge von Annian, wo der Oregon, wie er glaubte, ſich in das Meer ergoß. Auch war es ſeine Anſicht, daß eine Nieder⸗ laſſung an dieſem äußerſten Punkte Amerika's für den Handel neue Hülfsquellen erſchließen, viele nützliche Ent⸗ deckungen fördern und eine unmittelbare Verbindung mit China und den engliſchen Niederlaſſungen in Oſtindien eröffnen würde, als die mittelſt des Kaps der guten Hoff nung oder der Magellan's⸗Straße.*) Dieſer unternehmende und unerſchrockene Reiſende ſah ſich in ſeinen perſönlichen Verſuchen, dieſe große Reiſe zu bewerkſtelligen, zweimal getäuſcht. Im Jahre 1774 verband ſich Richard Whiteworth, ein Parlaments⸗Mitglied und ein Mann von großem Vermögen zu dieſem Zwecke mit ihm. Der Plan zu dem Unternehmen war kühn und *) Carver's Travels. Philadelphia. 1796. Introd. p. III. 7 4 3 — 46— großartig. Sie wollten fünfzig bis ſechzig Männer, Hand⸗ werker uͤnd Seeleute, mit ſich nehmen. Mit dieſen woll⸗ ten ſie auf einem der Arme des Miſſouri hinauf gehen, auf dem Gebirge die Quelle des Oregon oder Weſtfluſſes aufſuchen, und auf ihm bis zu deſſen angenommener Aus⸗ mündung in der Nähe der Annian⸗Straße hinabſchiffen. Hier ſollten ein Fort errichtet und die nöthigen Schiffe gebaut werden, um ihre Entdeckungen zur See mit Erfolg zu beginnen. Ihr Plan hatte die Genehmigung der briti⸗ ſchen Regierung erhalten, und die nöthigen Urkunden und andern Erforderniſſe waren faſt bereit, als der Ausbruch der amerikaniſchen Revolution das Unternehmen nochmals ſcheitern ließ.* Im Jahre 1793 wurde durch Sir Alexander Macken⸗ zie's Reiſe über das Feſtland zu dem ſtillen Meere, das er in 52⁰ 20 48“ n. B. erreichte, der Gedanke an die Möglichkeit wieder rege, den Handel auf beiden Seiten des Feſtlandes zu verbinden. In 52⁰ 30⸗ n. B. war er auf eine Strecke einen Fluß abwärts gereiſt, der nach Süden floß und von den Eingebornen Tacoutohe⸗Teſſe genannt wurde, und welchen er irriger Weiſe für den Kolumbia hielt. Es ſtellte ſich ſpäter heraus, daß jener Fluß ſich in 49⸗ B. ausmündete, während die Mündung des Kolumbia's ungefähr drei Grade ſüdlicher iſt. *) Carrer's Travels. p. 350. „ — 47— Als Mackenzie einige Jahre nachher eine Beſchreibung ſeiner Reiſen herausgab, deutete er auf die Vortheile hin, welche die Eröffnung eines Verkehrs zwiſchen dem atlantiſchen und ſtillen Meere, und die Errichtung regel⸗ mäßiger Handelspoſten im Innern des Landes und an den beiden äußerſten Punkten, ſo wie auch die Küſten und Inſeln entlang, darbieten müßte. Dadurch, bemerkte er, werde man in den Stand geſetzt, den ganzen Pelz⸗ handel Nordamerika's von 48⸗ n. B. bis zu dem Pole, den im Beſitze der Ruſſen befindlichen Theil ausgenom⸗ men, zu beherrſchen; denn die amerikaniſchen Abenteurer, welche ſich bisher des Verkehrs auf der Nordweſt⸗Küſte erfreut hatten, würden, ſetzte er hinzu, vor einem gut geregelten Handel augenblicklich verſchwinden. Ein Plan dieſer Art war jedoch für einen Einzelnen zu ausgedehnt und gefährlich; er konnte nur von einer Geſellſchaft unter der Genehmigung und dem Schutze der Regierung unternommen werden; und da ein Zuſammen⸗ treffen von Anſprüchen zwiſchen der Hudſon⸗Bay und der Nordweſt⸗Compagnie, deren eine ſich auf ihren Freibrief, die andere auf den wirklichen Beſitz ſtützte, vorauszuſehen war, ſo machte er den Vorſchlag, die beiden Geſellſchaften ſollten zu dieſem großen Unternehmen zuſammentreten. Die lange gehegte Eiferſucht dieſer beiden Geſellſchaften war aber zu tief und feſt gewurzelt, als daß ſie auf einen ſolchen Rath gehört hätten. Mittlerweile hatte die amerikaniſche Regierung ihre 6 — 48— Aufmerkſamkeit auf dieſen Gegenſtand gewendet und die merkwürdige Expedition unter Lewis und Clarke ausge⸗ rüſtet. Dieſe Männer brachten im Jahre 1804 den Plan in Ausführung, welchen Carver und Whiteworth im Jahre 1774 entworfen hatten. Sie gingen den Miſſouri hinauf, kamen durch die mächtigen Pforten der Felſengebirge, welche den weißen Männern bis jetzt unbekannt geweſen, entdeckten und unterſuchten die obern Gewaſſer des Kolumbia und folgten dieſem Fluſſe bis zu ſeiner Mündung, wo ihr Landsmann Gray, ungefähr zwölf Jahre früher Anker geworfen hatte. Hier brachten ſie den Winter zu und kehrten im nächſten Frühjahr über die Gebirge zurück. Die Nachrichten, welche ſie von ihrer Reiſe herausgaben, legte die Möglichkeit, eine Verbindungslinie das feſte Land entlang, von dem atlantiſchen bis zum ſtillen Meere zu errichten, offen dar. Jetzt drang ſich in Aſtor's Geiſte der Gedanke auf, ſich allein dieſes großen unternehmens zu bemächtigen, das Jahrelang von mächtigen Geſellſchaften und wohlge⸗ ſinnten Regierungen zweifelhaft und doch ſehnſüchtig in Betrachtung gezogen worden war. Er hegte den Gedan⸗ ken einige Zeit in ſeinem Geiſte, wo ſich ſeine Plane in dem Maße ausdehnten und reiften, als ſeine Mittel, ſie auszuführen, ſich vermehrten. Der allgemeine Umriß ſeines Entwurfs war, den Miſſouri und den Kolumbia entlang bis zur Mündung des letzteren eine Linie von Factoreien, an dieſem äußerſten Punkte aber eine Haupt⸗ — 19— Niederlaſſung zu errichten. In dem Innern des Landes und an allen in der Kolumbia ſich einmündenden Gewäſ⸗ ſern ſollten kleinere Handelspoſten errichtet werden, um mit den Indianern Verkehr zu treiben; dieſe Factoreien ſollten ihre Bedürfniſſe aus der Haupt⸗Niederlaſſung bezie⸗ hen und die von ihnen geſammelten Pelzwerke dorthin bringen. Am Ufer des Kolumbia ſollten auch Küſtenſchiffe gebaut und ausgerüſtet werden, um in den günſtigen Jah⸗ reszeiten die ganze Nordweſt⸗Küſte entlang Handel zu treiben und mit dem Ertrag ihrer Reiſen an die Haupt⸗ Niederlaſſung zurückzukehren. Auf dieſe Weiſe würde ſich der ganze indianiſche Handel, im Innern ſowohl, wie an den Küſten, auf dieſem Punkte concentriren und von da aus unterhalten werden. Von Neu⸗York ſollte jährlich ein Schiff mit neuen Verſtärkungen und Vorräthen, ſo wie mit den dem Handel angemeſſenen Waaren an die Haupt⸗Niederlaſſung abgehen, die während des verfloſſenen Jahres geſammelten Pelze an Bord nehmen, ſie nach Kanton verführen, den Erlös in koſtbare chineſiſche Waaren umſetzen und ſo befrachtet nach New⸗York zurückkehren. Da eine Ausdehnung des amerikaniſchen Handels die Küſte nach Norden entlang in die Nachbarſchaft der ruſſi⸗ ſchen Pelzhandels⸗Compagnie führen und eine feindſelige Eiferſucht herbeiführen konnte, ſo gehörte es mit zu dem Plane Aſtor's, durch die freundſchaftlichſten und dienlichſten Anordnungen das Wohlwollen jener Geſellſchaft ſich zu 57.— 59. 4 — 350— gewinnen. Die ruſſiſche Handels⸗Niederlaſſung hing in Betreff ihrer Bedürfniſſe vorzüglich von gelegentlichen Kauffahrern aus den Vereinigten Staaten ab. Dieſe Schiffe brachten jedoch oft mehr Schaden als wirklichen Nutzen. Da ſie einzelnen Abenteurern oder zufälligen Reiſenden angehörten, denen nur an augenblicklichem Gewinn lag und welche ſich um das ſtändige Gedeihen des Handels nicht bekümmerten, ſo waren ſie in ihrem Verkehre mit den Eingebornen ſehr ſorglos und machten ſich kein Gewiſſen daraus, ſie mit Feuergewehren zu ver⸗ ſehen. Auf dieſe Weiſe waren mehrere kühne Stämme in der Nachbarſchaft der ruſſiſchen Factoreien oder inner⸗ halb des Bezirks ihrer Handelszüge mit allen Mitteln zum tödtlichen Widerſtande ausgerüſtet und zu unruhigen und gefährlichen Nachbarn gemacht worden. Die ruſſiſche Regierung hatte bei der der Vereinigten Staaten wegen dieſes Unfugs von Seiten ihrer Bürger Vorſtellungen gemacht und darauf gedrungen, den Handel mit Waffen zu verbieten; da derſelbe aber in keinerlei Weiſe gegen die Landesgeſetze verſtieß, ſo konnte die ameri⸗ kaniſche Regierung nicht eingreifen. Doch hatte ſie ein ſorgfältiges Auge auf einen Haͤndel, welcher, wenn er fortbeſtand, die ruſſiſche Regierung, damals faſt die einzige uns freundlich zugethane Macht, beleidigen konnte. In dieſer ungewiſſen Lage hatte die Regierung Aſtor, als einen in dieſem Zweige des Handels erfahrenen Mann, um Rath gefragt, auf welche Weiſe dieſem Uebel am — 351— beſten zu ſteuern wäre. Dieſer Umſtand führte ihn auf den Gedanken, die ruſſiſche Geſellſchaft mittelſt des regel⸗ mäßigen Schiffes, das die Hauptniederlaſſung an der. Mündung des Kolumbia(oder des Oregon) beſuchen ſollte, jährlich mit den nöthigen Vorraͤthen zu verſehen; dadurch mußten die gelegentlichen Kauffahrteiſchiffe von dieſem Theile der Küſte ausgeſchloſſen werden, wo ihr Unfug den Ruſſen ſo gefährlich war. Dies iſt der kurze Umriß des Planes, welchen Aſtor entworfen hatte, der ſich aber in ſeinem fruchtbaren Geiſte ſtets erweiterte. Man muß ihm dabei die Gerechtigkeit widerfahren laſſen, daß er nicht durch die bloßen Beweg⸗ gründe perſönlichen Gewinnes beſtimmt wurde. Er war bereits im Beſitze eines Vermögens, das die gewöhnlichen Wünſche des Menſchen weit überſtieg; aber er trachtete jetzt nach jenem ehrenvollen Ruhme, welcher Männern von ausgezeichneter Geiſtesbefähigung zu Theil wird, welche durch ihre großen Handelsunternehmungen Nationen berei⸗ chert, Wildniſſe bevölkert und die Grenzen der Staaten erweitert haben. Er betrachtete die von ihm entworfene Niederlaſſung an der Mündung des Kolumbia als den Stapelplatz eines unermeßlichen Handels; als eine Kolonie, welche den Keim einer ausgedehnten Civiliſation abgeben würde; welche die amerikaniſche Bevölkerung über das Felſengebirg führen und ſie die Küſten des ſtillen Meeres entlang verbreiten ſollte, wie ſie bereits die Geſtade des Atlantiſchen belebte. — 2— Da Aſtor durch die große Ausdehnung ſeiner Handels⸗ und Finanzverhältniſſe und durch die Kraft und Größe ſeines ſelbſtſtändig ſich aufſchwingenden Geiſtes es dahin gebracht hatte, daß die Regierung ihn hoch hielt und die erſten Staatsmänner mit ihm in Verkehr und Korre⸗ ſpondenz getreten waren, ſo hatte er ſchon früh ſeine Plane dem Präſidenten Jefferſohn mitgetheilt und um den Schutz der Regierung gebeten. Mit welchem Intereſſe dieſer ausgezeichnete Staatsmann auf ſie einging, mag folgende Stelle aus einem Briefe zeigen, welchen er einige Zeit hernach an Aſtor ſchrieb. „Ich erinnere mich wohl, Ihre Vorſchläge in dieſer Beziehung veraniaßt*) und ihnen jede Erleichterung und jeden Schutz, welcher in der Macht der Regierung ſtünde, zugeſichert zu haben. Ich betrachtete den Beginn einer Niederlaſſung an jenem Punkte der weſtlichen Küſten Amerika's als eine große öffentliche Erwerbung und ſah mit Wohlgefallen der Zeit entgegen, wo die Söhne dieſes 80) In dieſem Punkte hat Jefferſon's Gedächtniß ſich geirrt. Der Vorſchlag, auf den hier angeſpielt wird, war der eine, bereits erwähnte, zur Bildung einer amerikani⸗ ſchen Pelzhandels⸗Geſellſchaft in den atlantiſchen Staa⸗ ten. Das große Unternehmen jenſeits der Gebirge, wodurch die Küſten des ſtillen Meeres beſtrichen werden ſollten, ging aus Aſtor's Geiſt hervor, und der Plan wurde von ihm der Regierung mitgetheilt. Verf. — 53— Landes ſich über die ganze Ausdehnung jener Küſte ver⸗ breiten, ſie mit freien und unabhängigen Amerikanern bevölkern würden, die nur durch Abſtammung und Intereſſe mit uns verbunden wären und gleich uns ſich der Rechte der Selbſtherrſchaft erfreuten.“ Das Cabinet zollte mit Jefferſon dem Plane ſeinen warmſten Beifall und ſicherte jede Unterſtützung zu, die nur immer in ſeiner Gewalt ſtünde. Aſtor ſchickte ſich jetzt an, ſeinen Entwurf raſch aus⸗ zuführen. Er hatte jedoch einige Mitbewerbung zu fürchten und ſich dagegen zu wahren. Die Nordweſt⸗Compagnie, welche ſchwach und theilweiſe nach dem Rathe ihres frühern Agenten Sir Alexander Mackenzie's verfuhr, hatte eine oder zwei vorgeſchobene Factoreien über dem Felſengebirg in einem Landſtrich errichtet, welchen jener unternehmende Reiſende beſucht hatte und der ſeitdem den Namen Neu⸗ Kaledonien erhielt. Dieſer Strich Landes lag ungefähr zwei Grade nördlich vom Kolumbia⸗Fluß, zwiſchen den Gebieten der Vereinigten Staaten und denen von Ruß⸗ land. Seine Länge betrug gegen fünfhundert fünfzig Meilen, und ſeine Breite von dem Gebirge bis zum ſtillen Meere dreihundert bis dreihundert fünfzig geographiſche Meilen. Wenn die Nordweſt⸗Compagnie dabei verharrte, ihren Handel in dieſer Gegend auszudehnen, ſo konnte eine ſolche Nebenbuhlerin für Aſtor's Pläne ſehr verderblich werden. Es iſt wahr, wegen der Hinderniſſe und Beſchrän⸗ — 354— kungen, denen die Compagnie unterworfen war, mußte der Kampf mit ihm ſich bedeutend zu ihrem Nachtheile geſtalten. Auf der einen Seite waren ſie durch die Eifer⸗ ſucht der Hudſon⸗Bay⸗Compagnie beſchränkt; ſodann fehlte es ihnen an einem guten Handelspoſten an dem ſtillen Meere, wo ſie die nöthigen Hülfsmittel für ihre Facto⸗ reien jenſeits des Gebirges zur See beziehen konnten; hätten ſie aber auch einen ſolchen Punkt inne gehabt, ſo konnten ſie ihre Pelze nicht von da nach China, dieſem großen Markte für Pelzwaaren verſchiffen, da der chine⸗ ſiſche Handel in dem Monopol der Oſtindiſchen Compagnie inbegriffen war. Ihre Factoreien jenſeits des Gebirges mußte ihre Bedürfniſſe mittelſt jährlicher, karavanenartiger Züge, von Montreal aus beziehen und die Pelze in der⸗ ſelben Weiſe auf langen, gefahrvollen und koſtſpieligen Wegen über das Feſtland transportirt werden. Aſtor hoffte im Gegentheile, im Stande zu ſein, ſeine beabſich⸗ tigte Hauptniederlaſſung an der Mündung des Kolumbia zur See mit dem Nöthigen zu verſorgen und die dort geſammelten Pelzwerke unmittelbar nach China zu ſchiffen, ſo daß er auf dem großen chineſiſchen Markte wohlfeiler verkaufen könnte, als die Nordweſt⸗Compagnie. Bei all dem konnte die Nebenbuhlerſchaft zweier feind⸗ lich geſinnten Geſellſchaften im Weſten des Felſengebirges für beide Theile nur nachtheilig und für den Handel ſowohl, wie für die Indianer an allen jenen Uebeln frucht⸗ bar werden, welche ſich im Gefolge ähnlicher Zwiſtigkeiten — 55— in den Kanadas eingeſtellt hatten. Um allen Streitigkeiten dieſer Art vorzubeugen, theilte er ſeinen Plan den Agenten der Nordweſt⸗Compagnie mit und ſchlug ihnen vor, ſie an dem ſo eröffneten Handel bis zu einem Drittel Theil nehmen zu laſſen. Man ſchrieb und verhandelte eine Zeitlang über den Gegenſtand. Die Compagnie ſah wohl ein, welche Vortheile auf Aſtor's Seite waren, wenn er es dahin brachte, ſeinen Plan zu verwirklichen; aber ſie hoffte, durch ihre Factoreien in Neu⸗Kaledonien den Alleinhandel jenſeits der Gebirge an ſich zu ziehen, und wollte einen Mann nicht daran Theil nehmen laſſen, welcher ſich in dem Atlantiſchen Handel bereits als ein furchtbarer Nebenbuhler erwies. Auch konnten ſie, wenn ſie ſich zur rechten Zeit rührten, hoffen, ſich der Mündung des Kolumbia zu verſichern, ehe Aſtor im Stande wäre, ſeine Plane ins Werk zu ſetzen; war dieſer Schlüſſel zu dem Binnenhandel einmal in ihrer Gewalt, ſo beherrſch⸗ ten ſie allein das ganze Gebiet weit und breit. Nach einigen Unterhandlungen und Zögerungen lehnten ſie daher den ihnen gemachten Vorſchlag ab, ſandten aber bald darauf Leute an die Mündung des Kolumbia⸗Fluſſes, um eine Factorei dort zu gründen, ehe Aſtor ſich des wichtigen Punktes bemächtigte. Mittlerweile fuhr Aſtor, der ſeine Eröffnungen zurück⸗ gewieſen ſah, unerſchrocken fort, ſein Unternehmen im Angeſichte der ganzen Macht der Nordweſt⸗Compagnie ins Werk zu ſetzen. War ſeine Haupt⸗Niederlaſſung an dem — 56— Ausfluſſe des Kolumbia einmal bewerkſtelligt, ſo konnte er mit Zuverſicht auf endlichen glücklichen Erfolg rechnen. Da er ſich im Stande ſah, ſie zur See zu verſtärken und mit dem Nöthigen reichlich zu verſehen, ſo konnte er leicht die Factoreien im Innern des Landes nach jeder Rich⸗ tung, die Flüſſe und Meeresküſten entlang, ausdehnen, den Eingebornen zu billigern Preiſen ihre Bedürfniſſe liefern, und ſo die Nordweſt⸗Compagnie allmählig zwin⸗ gen, jede Mitwerbung aufzugeben, Neu⸗Kaledonien zu verlaſſen und ſich auf die andere Seite des Gebirges zurück zu ziehen. Er war alsdann in dem Beſitze des Handels an dem Kolumbia und den in ihn ſich einmün⸗ denden Flüſſen nicht nur, ſondern auch an den nördlicheren Gegenden bis zur Grenze der ruſſiſchen Beſitzungen. Der Art war ein Theil ſeines glänzenden und umfaſſenden Planes. Er ging nun mit allem Eifer daran, ſich nach geeig⸗ neten Gehülfen und Agenten umzuſehen, welche an den Verkehr mit den Indianern und an das Leben in der Wildniß gewöhnt waren. Unter den Commis der Nord⸗ weſt⸗Compagnie waren mehrere von großer Befähigung und Erfahrung, deren Probezeit vorüber war, und die entweder aus Mangel an Leuten, die ihren Einfluß für ſie verwenden wollten, oder weil es an freien Stellen fehlte, nicht weiter befördert worden waren. Sie waren ſonach ſehr unzufrieden und bereit, jede Stelle zu über⸗ nehmen, in welcher ſie in den Stand geſetzt wurden, ihre Talente und ihre Erfahrungen auf beſſere Weiſe zu bethatigen. Aſtor machte mehreren dieſer Männer Cröffnungen und drei von ihnen gingen in ſeine Plane ein. Einer von ihnen, Alexander M'Kay, hatte Sir Alexander Mackenzie auf ſeinen beiden Reiſen auf der Nordweſt⸗ Küſte von Amerika in den Jahren 1789 und 1793 begleitet. Die andern zwei waren Duncan M'Dougal und Donald M'Kenzie. Dieſen wurde in der Folge Wilſon Price Hunt von New⸗Jerſey zugeſellt. Da Letzterer ein gebor⸗ ner Bürger der Vereinigten Staaten und ein Mann von großer Redlichkeit und Geſchicklichkeit war, ſo wäͤhlte Aſtor ihn zu ſeinem Hauptagenten und als ſeinen Stellvertreter bei der beabſichtigten Niederlaſſung im Weſten. Am fünfundzwanzigſten Juni 1810 fand eine Ueber⸗ einkunft über die einzelnen Punkte des Vertrags zwiſchen Aſtor und dieſen vier Herrn ſtatt, welche in ihrem und der verſchiedenen Manner Namen auftraten, welche bereits entſchloſſen waren, oder ſich noch entſchließen wollten, ſich zu der Geſellſchaft„die Pelzhandels⸗Compagnie des ſtillen Meeres“ benannt, zu vereinigen. Zufolge dieſer Vertragsartikel ſollte Aſtor an der Spitze der Geſellſchaft ſtehen und die Leitung der Geſchäfte derſelben zu New⸗NYork über ſich nehmen. Er ſollte Schiffe, Güter, Lebensvorräthe, Waffen, Pulver und Blei und andere Erforderniſſe zu dem Unternehmen um die erſten Ankaufspreiſe liefern, vorausgeſetzt, daß ſie zu keiner — 38— Zeit einen Vorſchuß von mehr als vierhundert tauſend Dollars nöthig machten. Das Kapital der Geſellſchaft ſollte in hundert gleiche Theile getheilt und der Gewinn darnach berechnet werden. Fünfzig Actien ſollten Aſtor zur Verfügung geſtellt, die Uebrigen unter den Mitgliedern und ihren Mittheilhabern vertheilt werden. Aſtor ſollte das Vorrecht haben, andere Perſonen als Mitglieder, der Geſellſchaft einzuführen; zwei von dieſen wenigſtens ſollten mit dem Indianiſchen Handel bekannt, keiner aber zu mehr als drei Actien berechtigt ſein. Eine General-Verſammlung der Geſellſchaft ſollte jährlich am Kolumbia⸗Fluſſe ſtatt finden, um den Gang der Geſchäfte zu beſprechen und zu regeln; bei dieſen Zuſammenkünften ſollten abweſende Theilhaber Stellver⸗ treter ernennen und durch Bevollmächtigte unter gewiſſen näher bezeichneten Bedingungen ihre Stimmen abgeben können. 1 Die Geſellſchaft ſollte, wenn ihre Plane glückten, zwanzig Jahre vereinigt bleiben; es ſtand aber den ein⸗ zelnen Theilhabern ganz frei, ſie in den erſten fünf Jahren zu verlaſſen oder aufzulöſen, wenn ſie ihre Rechnung nicht dabei fänden. Für dieſe Zeit übernahm es Aſtor, den ganzen Verluſt, der erfolgen könnte, zu tragen; nach jener Friſt aber ſollten ihn alle Actionäre tragen, je nach dem Verhältniß ihrer reſpectiven Einlage. — 59— Die Theilhaber der zweiten Klaſſe ſollten diejenigen Pflichten, welche ihnen die Mehrzahl der Geſellſchaft auf der Nordweſt⸗Küſte aufzulegen für gut finden könnte, treulich erfüllen und ſich in jene Gegenden und an jene Orte verfügen, welche die Mehrzahl ihnen anweiſen würde. Ein Agent, welcher auf fünf Jahre gewählt wurde, ſollte in der Haupt⸗Niederlaſſung an der Nordweſt⸗Küſte wohnen, und Wilſon Price Hunt war der, welcher für die erſten fünf Jahre gewahlt wurde. Wenn die Intereſ⸗ ſen der Geſellſchaft zu irgend einer Zeit ſeine Abweſenheit nöthig machte, ſo ſollte bei der Generalverſammlung ein Stellvertreter für ihn gewählt werden. Dies waren die Hauptpunkte der Uebereinkunft der Geſellſchaft. Wir gehen nun zu der Erzählung der manch⸗ fachen kühnen und begebnißreichen Reiſen zur See und zu Land über, welche dieſe Verbindung veranlaßte. 9 Viertes Kapitel. Zwei Reiſen werden unternommen.— Der Tonquin und ſeine Bemannung.— Kapitän Thorn, ſein Charakter.— Die Theil⸗ haber und Commis.— Kanadiſche voyageurs— ihre Sitten, Beſchäftigungen, Kleidung, Charakter, Lteder.— Reiſen eines kanadiſchen Bootes und der Schiffer zu Waſſer und Land.— Ankunft zu New⸗York.— Vorbereitungen zu der Seereiſe.— Nordweſtliche Aufſchneider.— Heimliche Vorſichtsmaßregeln.— Verhaltungsbefehle. In Verfolg ſeines großen Handels⸗ und Koloniſations⸗ Planes beſchloß Aſtor, zwei Expeditionen, eine zu Waſſer und eine zu Land, abgehen zu laſſen. Jene ſollte Leute, Vorräthe, Pulver und Blei und Waaren, wie eine befe⸗ ſtigte Handelsniederlaſſung dergleichen forderte, an die Mün⸗ dung des Kolumbia⸗Fluſſes bringen. Die letztere ſollte, unter Hunt's Leitung, den Miſſouri hinauf und über das Felſengebirg zu demſelben Punkte gehen, eine Verbin⸗ dungslinie das feſte Land entlang ſuchen und die Plätze bezeichnen, wo im Binnenlande Jactoreien errichtet werden könnten. Wir beginnen damit, die Seereiſe in das Auge zu faſſen. Man kaufte ein ſchönes Schiff, der Tonquin genannt, von zweihundert neunzig Tonnen, mit zehn Kanonen und ½ f — 61— einer Bemannung von zwanzig Matroſen. Es enthielt ein Waaren⸗Sortiment zum Verkehr mit den Eingebornen an der Seeküſte und im Innern des Landes, nebſt dem 33 Spann*) eines Schoners, welcher bei dem Küſtenhandel gebraucht werden ſollte. Auch für Sämereien zur Bepflan⸗ zung des Bodens war geſorgt, und nichts war vergeſſen, was zu den Bedürfniſſen einer ſolchen Anſtalt gehörte. Der Befehl über das Schiff ward Jonathan Thorn von New⸗York anvertraut, der Lieutenant in der Marine der Vereinigten Staaten war und ſich mit Urlaub entfernte. Er war ein Mann von Muth und Feſtigkeit, hatte ſich in unſerm Kriege gegen Tripolis ausgezeichnet und wurde, da er an ſtrenge Schiffszucht gewohnt war, von Aſtor als ſehr tauglich erachtet, eine Expedition dieſer Art zu leiten. An Bord des Schiffes ſollten vier Theilhaber der Geſell⸗ ſchaft gehen, nämlich M⸗Kay, MDongal, David Stuart— und ſein Neffe Robert Stuart. MöDongal hatte den Auf⸗ trag, in Abweſenheit Hunt's als der Bevollmächtigte Aſtor's zu handeln, für ihn und in ſeinem Namen bei jeder Frage zu ſtimmen, welche in irgend einer Verſammlung der bei der Reiſe betheiligten Perſonen vorkommen konnte. Außer den Mitgliedern der Geſellſchaft ſollten ſich zwölf Commis einſchiffen, von denen viele geborne Kana⸗ dier waren und in dem Indianiſchen Handel Erfahrung hatten. Dieſe hatten ſich verpflichtet, der Geſellſchaft fünf *) Die Stücke eines noch nicht zuſammengeſetzten Schiffes. — 62— Jahre zu dienen; ihr Jahrgehalt war auf hundert Dol⸗ lars feſtgeſetzt, die am Schluſſe der genannten Dienſtzeit ausbezahlt wurden; für die Anſchaffung der Kleidung erhielten ſie jährlich eine Vergütung von vierzig Dollars. Führten ſie ſich ſchlecht auf, ſo verloren ſie vertragsmäßig ihren Sold und wurden entlaſſen; wenn man mit ihnen zufrieden war, ſo konnten ſie der ſichern Hoffnung leben, daß ſie Beförderung erhielten und zu Theilhabern der Geſellſchaft aufgenommen wurden. Auf dieſe Weiſe fielen ihre Intereſſen mit denen der Geſellſchaft in hohem Grade zuſammen. Auch mehrere Handwerker ſollten an Bord des Ton⸗ quin gehen, um in der neuen Anſiedelung behülflich zu ſein; aber der eigenthümlichſte und charakteriſtiſcheſte Theil dieſer bunten Schiffsladung beſtand aus dreizehn kanadi⸗ ſchen„voyageurs“ die ſich auf fünf Jahre hatten anwer⸗ ben laſſen. Da wir in dem Laufe der folgenden Erzäh⸗ lungen auf dieſe Bedienſteten ſehr oft zurückkommen werden, und ſie zu einer jener hervorſtechenden und ſtark markirten Kaſten oder Menſchenklaſſe gehören, welche in dieſem aus⸗ gedehnten Lande den geographiſchen Verhältniſſen, oder den menſchlichen Beſchäftigungen, Gewohnheiten, und der Abſtammung ſeiner Bevölkerung ihre Eigenthümlichkeit verdanken, ſo wollen wir zur Belehrung des Leſers einige ihrer charakteriſtiſchen Eigenſchaften hervorheben. Die„voyageurs“ bilden eine Zunft oder Brüder⸗ ſchaft in den Kanadas, wie die arrieros oder Maulthier⸗ treiber in Spanien und werden, wie dieſe, bei langen Reiſen und Handelszügen gebraucht, mit dem Unterſchiede, daß die arrieros zu Land reiſen, die„voyageurs zu Waſſer; jene mit Maulthieren und Pferden, dieſe mit Booten und Kanoes. Man kann von den voyageurs ſagen, daß ſie dem Pelzhandel ihr Daſein verdanken, da ſie urſprünglich von den erſten franzöſiſchen Handelsleuten bei ihren Reiſen durch das Labyrinth von Flüſſen und Seen des unermeßlichen Binnenlandes gebraucht worden ſind. Sie waren Zeitgenoſſen der„Coureurs des boisc oder Waldſchwärmer, deren wir oben gedacht haben, und, gleich ihnen, in der Zwiſchenzeit ihrer langen, beſchwer⸗ lichen und mühſeligen Züge ungemein geneigt, ihre Tage im Müſſiggange und frohen Gelagen bei den Factoreien oder Niederlaſſungen hinzubringen, ihr mühſam Erwor⸗ benes in ſorgloſem Schmauſen und Zechen zu vergeuden und mit ihren Nachbarn, den Indianern, in träger Behag⸗ lichkeit und unkluger Nichtbeachtung des kommenden Tages zu wetteifern. Als Kanada unter die Herrſchaft der Briten kam, und die alten franzöſiſchen Handelshäuſer zerfielen, waren die„» Voyageurs,« wie die„coureurs des bois«- eine Zeitlang gedrückt und troſtlos, und mochten ſich nur mit Mühe mit dem Dienſte der neuen Ankömmlinge ausſöh⸗ nen, welche von ihren frühern Herren an Sitten, Gewohn⸗ heiten und Sprache ſo verſchieden waren. Allmaͤhlig gewöhnten ſie ſich jedoch an den Wechſel und kamen — 64— zuletzt dahin, daß ſie die britiſchen Pelzhändler, und beſon⸗ ders die Mitglieder der Nordweſt⸗Compagnie, als die rechtmäßigen Herren der Schöpfung anſahen. Die Tracht dieſer Leute iſt allgemein halb civiliſirt, halb wild. Sie tragen ein„Capot“ oder Ueberrock, der aus einem Blanket gemacht wird, ein geſtreiftes Baum⸗ wollenhemd, Tuchhoſen oder lederne Beinbekleidung, Mocaſſins von Hirſchleder und einen Gürtel von buntem Wollengarn, an welchem das Meſſer, der Tabacksbeutel und anderes Geräthe hängt. Ihre Sprache iſt nicht minder bunten Charakters, denn ſie iſt verderbtes Franzöſiſch, das mit Indianiſchen und Engliſchen Wörtern und Phraſen wunderlich ver⸗ brämt iſt.. Die„voyageurs“ bringen ihr Leben auf gefahrvollen und ausgedehnten Reiſen, in dem Dienſte von Privat⸗ leuten, vorzugsweiſe aber von Pelzhändern hin. Gewöhn⸗ lich ſind ſie franzöſiſcher Abſtammung und ein großer Theil der Heiterkeit und des leichten Sinnes ihrer Vor⸗ fahren wurde auf ſie vererbt, denn ſie plaudern und ſingen gern und ſind ſtets tanzfertig. Ein ferneres Erbtheil iſt ein hoher Grad von Zuvorkommenheit und Gefälligkeit; und ſtatt jener Härte und Rauhheit, welcher ſich Leute in einem angeſtrengten Lebensberufe gern gegeneinander erlauben, ſind ſie untereinander ungemein verbindlich und verträglich, leiſten ſich gegenſeitig alle möglichen Dienſte, ſtehen in jeder Noth einander bei und troöſten ſich und —- 65— bedienen ſich, wenn auch in der That keine Verwandt⸗ ſchaft unter ihnen beſteht, ſtets des vertraulichen Namens „Vetter“ und„Bruder.“ Wahrſcheinlich wird ihre natür⸗ liche Gutmüthigkeit durch das Gemeinſchaftliche ihrer Aben⸗ teuer, Gefahren und Mühſeligkeiten bei ihrem oft bedrohten und irren Leben noch erhöht. Keine Menſchenklaſſe iſt gegen ihre Vorgeſetzte und Herrn untergebener, keine zu den größten Müſhſeligkeiten abgehärteter und bei Entbehrungen jeder Art heiterer und wohlgemuther. Nie ſind ſie glücklicher, als auf langen, rauhen Reiſen, wenn ſie ſich die Flüſſe hinauf arbeiten oder die Seen entlang rudern, wenn ſie des Nachts an den Ufern unter freiem Himmel ſich lagern und um ihre Feuer plaudern und erzählen. Sie ſind geſchickte Boots⸗ leute, kräftig und gewandt am Steuer, wie am Riem, und rudern vom Morgen bis in die ſpäte Nacht ohne ein Murren. Der Steuermann ſingt oft ein altes franzöſiſches Lied mit einem regelmäßigen Refrain, in welchen alle einſtimmen und mit den Rudern Takt halten; wenn ſie ja einmal ihre Heiterkeit verlieren oder müde werden wollen, darf man nur ein Lied dieſer Art anſtimmen laſſen, um ihnen ſogleich wieder friſchen Muth und That⸗ kraft zu geben. Die kanadiſchen Gewäſſer hallen von dieſen kleinen franzöſiſchen Liedchen wider, die ſeit den erſten Zeiten der Kolonie Einer vom Andern lernte, und der Vater auf den Sohn vererbte; und es macht einen 57.— 59. 5 — 66— angenehmen Eindruck, an einem ſtillen goldenen Sommer⸗ abende ein Boot über den Buſen eines Sees gleiten und die Ruder nach dem Takte dieſer heitern alten„chan- sons« eintauchen, oder an einem glänzenden, ſonnigen Morgen in vollem Chore die durchſichtige Strömung eines der kanadiſchen Flüſſe entlang ſtreichen zu ſehen. Allein wir reden von Dingen, welche raſch entſchwin⸗ den. Der Gang der mechaniſchen Erfindungen verſcheucht Alles, was poetiſch iſt. Die Dampfboote, welche die Wildniß und das Romantiſche unſerer Seen und Flüſſe zerſtieben, und dazu beitragen, daß die Welt ganz proſaiſch wird, werden eben ſo verderblich für das Geſchlecht der kanadiſchen voyageurs, wie ſie es für die Bootsführer auf dem Miſſiſſippi geweſen ſind. Ihre Herrlichkeit iſt bereits dahin. Sie ſind nicht mehr die Herrn der Bin⸗ nenſeen und die großen Beſchiffer der Wildniſſe. Man mag wohl noch Einzelne mit ihren gebrechlichen Booten die untern Seen befahren und an den ufern derſelben ihre Lager aufſchlagen und ihre Feuer anzünden ſehen; aber ihr Revier ſchrumpft ſchnell in jene entfernte Gewäſ⸗ ſer und die ſeichten und ſchwer zu befahrenden Flüſſe zuſammen, zu denen kein Dampfboot geht. Mit dem Laufe von Jahren werden ſie allmählig verſchwinden; ihre Lieder werden, wie die Echo's, die ſie einſt weckten, ver⸗ klingen und die kanadiſchen voyageurs werden eine ver⸗ geſſene Raſſe ſein, oder, gleich den Indianern, nur als — — 87— poetiſche Bilder vergangener Zeiten und als Gegenſtände lokaler und romantiſcher Erinnerungen erwähnt werden. Ein Beiſpiel von dem heitern Charakter und dem Gewerbſtolze dieſer Leute hat man in der fröhlichen und prunkenden Weiſe, wie ſie zu New⸗York anlangten, um ihren Dienſt anzutreten. Sie waren entſchloſſen, die Leute von den„Staaten“ mit dem Anblicke eines kana⸗ diſchen Boots und kanadiſcher Schiffer zu erfreuen und in Staunen zu ſetzen. Sie machten daher ein großes aber leichtes Kanoe von Rinde zurecht, wie es gewöhnlich beim Pelzhandel gebraucht wird; brachten es auf einen Wagen von den Ufern des St. Lorenz zu dem Geſtade des Champlain⸗Sees; durchſchnitten auf ihm den See von einem Ende bis zu dem anderen, hießten es wieder auf einen Wagen und führten es bis nach Lanſingburgh, wo ſie es in die Waſſer des Hudſon brachten. Heiter ging es eines ſchönen Sommertages dieſen Fluß hinab, und ſeine Ufer hallten zum erſten Male von ihren alten fran⸗ zöſiſchen Schifferliedern wider; unter Geſchrei und Halloh kamen ſie an den Dörfern vorüber und die biedern hol⸗ ländiſchen Farmers nahmen ſie für ein Kanoe voll Wil⸗ der. Auf dieſe Weiſe ſchifften ſie unter vollem Sang und mit regelmäßigem Schwunge der Riemen an einem ſtillen Sommerabende um New⸗York, zum Erſtaunen und zur Verwunderung ſeiner Einwohner, welche eine nautiſche Erſcheinung dieſer Art noch nie auf ihren Waſſern geſehen hatten. 5* — 6s— Dies war die bunte Schaar kühner Männer, welche im Begriffe ſtand, ſich zu dem ſchwierigen und unſichern unternehmen auf dem Tonquin einzuſchiffen. So lange ſie noch in dem Hafen und auf trockenem Lande, in dem Getümmel der Vorbereitungen und der Spannung der Erwartung und der Neuheit waren, war alles Sonnen⸗ ſchein und Hoffnung. Die Kanadier vorzüglich, die mit ihrer angebornen Lebhaftigkeit einen beträchtlichen Anſtrich von Gascognern haben, waren ſehr aufgeräumt, wortreich und voller Wind in Bezug auf die Zukunft; während alle die, welche in den Dienſten der Nordweſt⸗ Compagnie geweſen und ſich mit dem indianiſchen Handel beſchäftigt hatten, ſich auf ihre Abhärtung und ihre Gewohnheit, die größten Entbehrungen zu ertragen, nicht wenig zu gut thaten. Wenn Aſtor zufällig auf die Schwierigkeiten hin⸗ deutete, welchen ſie entgegen gingen, ſo wieſen ſie das mit Wegwerfung zurück. Sie ſagten, ſie ſeien„Nordweſter,“ Leute, die an Müheſeligkeiten gewöhnt ſeien und ſich um Wind und Wetter nicht„ſo viel“ bekümmerten; ſie könn⸗ ten ſchlecht liegen, ſchlecht eſſen, ſchlecht ſchlafen, Hunde eſſen!— kurz und gut, ſie ſeien bereit, zum Gedeihen des Unternehmens Alles zu thun und zu dulden. Ungeachtet aller dieſer Betheuerungen des Eifers und der Ergebenheit ſetzte Aſtor doch kein zu großes Ver⸗ trauen auf die Ausdauer und die ſtandhafte Treue dieſer heißblütigen Charaktere. Er hatte auch die Nachricht erhalten, daß eine bewaffnete Brigg von Halifax, wahr⸗ — 69— ſcheinlich auf Anſtiften der Nordweſt⸗Compagnie, an der Küſte laure und den Tonquin erwarte, in der Abſicht, die kanadiſchen Schiffer an ſeinem Bord als engliſche Unter⸗ thanen zu preſſen und die Reiſe auf dieſe Art zu unter⸗ brechen. Es war eine Zeit der Ungewißheit und Beſorgniß, als die Verhältniſſe zwiſchen den Vereinigten Staaten und Großbritanien einen täglich gefährlichern Charakter annah⸗ men und dem Kriege zuneigten, der auch bald darauf ausbrach. Als Vorſichtsmaßregel forderte er daher von den voyageurs, als ſie ſich anſchickten, in den Dienſt einer amerikaniſchen Geſellſchaft zu treten und innerhalb den Grenzen der Vereinigten Staaten zu wohnen, daß ſie die Naturaliſirung als amerikaniſche Bürger beſchwören ſollten. Sie zeigten ſich dazu ſogleich bereit und verſicher⸗ ten ihn kurz darauf, ſie hätten ſeinem Wunſche wirklich entſprochen. Erſt nachdem ſie abgeſegelt waren, erfuhr er, daß ſie ihn in dieſer Beziehung gänzlich hinter das Licht geführt hatten. Aſtor's Vertrauen wurde noch von einer andern Seite getäuſcht. Zwei Theilhaber der Geſellſchaft, beide Schott⸗ lander und zuletzt in den Dienſten der Nordweſt⸗Com⸗ pagnie, begannen Zweifel in das Gelingen eines Unter⸗ nehmens zu ſetzen, das mit den von der britiſchen Flagge beſchützten Intereſſen und Niederlaſſungen in Widerſtreit kommen konnte. Sie machten dem damaligen britiſchen Geſandten zu New⸗York, Jackſon, ohne Aſtor's Wiſſen, — 70— einen Beſuch, entdeckten ihm deſſen ganzen Plan(obgleich er ihnen im Vertrauen mitgetheilt worden war, und im Beginne von der Geheimhaltung ſein Erfolg größtentheils abhing) und fragten, ob ſie als britiſche Unterthanen ſich geſetzlich in denſelben einlaſſen könnten. Die Antwort entfernte alle ihre Zweifel, während die durch ſie empfan⸗ gene Kunde bei Herrn Jackſon Staunen und Bewunde⸗ rung erregte und er faſt nicht glauben konnte, daß ein Privatmann den Gedanken eines ſo großen Unternehmens gefaßt und'auf ſeine Gefahr und Koſten ins Leben geru⸗ fen habe. Der Schritt jener beiden Männer blieb Aſtor längere Zeit unbekannt; ſonſt würde er den Glauben und das Zutrauen, welches er auf ſie ſetzte, in hohem Grade beein⸗ trächtigt haben. Um gegen eine Unterbrechung der Reiſe dunch die bewaffnete Brigg, welche auf der Höhe des Hafens kreuzen ſollte, geſichert zu ſein, wandte ſich Aſtor an den Commo⸗ dore Radgers, dazumal Commandant von New⸗York, mit der Bitte, dem Tonquin ſicheres Geleit die Küſte hinab zu geben. Da der Commodore durch einen hohen Beamten von dem großen Intereſſe Kunde erhalten, welches die Regierung an dem Unternehmen nahm, ſo ſandte er Kapitän Hull, welcher zu jener Zeit mit der Fregatte Conſtitution auf der Höhe des Hafens kreuzte, Befehle, dem Tonquin den verlangten Schutz angedeihen zu laſſen, wenn er in See ſtäche. — 1— Vor dem Tage der Einſchiffung richtete Aſtor ein Inſtructions⸗Schreiben an die vier Mitglieder der Geſell⸗ ſchaft, welche an Bord des Schiffes gehen ſollten. In demſelben empfahl er ihnen auf die eindringlichſte Weiſe, Frieden und Eintracht zu erhalten, und trug ihnen auf, bei jeder Verſchiedenheit der Anſichten über Punkte, welche den Zweck und die Intereſſen der Reiſe betrafen, ſolche von der Geſammtheit beſprechen und durch die Mehrheit der Stimmen entſcheiden zu laſſen. Er empfahl ihnen ferner ganz beſondere Sorgfalt und Vorſicht in ihrem Benehmen nach ihrer Ankunft in dem ihnen beſtimmten Hafen; ermahnte ſie, Sorge zu tragen, daß ſie einen günſtigen Ein⸗ druck auf die Wilden machten, von denen ihr Schickſal und das Gelingen des Unternehmens zum Theil abhänge. „Findet Ihr ſie wohlgeſinnt,“ ſagte er,„wie ich es wohl hoffen darf, ſo ſeid auch ſo gegen ſie. Sind ſie das Gegentheil, ſo handelt mit Umſicht und Schonung und überzeugt ſie, daß Ihr als Freunde kommt.“ Mit derſelben heilſamen Vorſicht ſchrieb er die Ver⸗ haltungsbefehle für Kapitän Thorn nieder; er trug ihm die größte Aufmerkſamkeit auf ſeine und des Schiffvolks Geſundheit und auf Erhaltung der guten Laune und der Eintracht an Bord des Schiffes auf. „Es wird,“ ſetzte er hinzu,„Eure beſondere Sorg⸗ falt ſein, daß Ihr jedes Mißverſtändniß verhütet.“ Der Brief ſchloß mit der dringenden Bitte, in dem Verkehre mit den Eingebornen die größte Umſicht zu beachten, ein 22— Punkt, deſſen große Wichtigkeit ſich Aſtor mit Recht auf⸗ drang.„Ich muß Euch empfehlen,“ ſchrieb er,„an der Küſte vorzüglich aufmerkſam zu ſein und der freundlichen Gemüthsart der Eingebornen nicht zu ſehr zu vertrauen. Alle Unfälle, welche ſich bis jetzt dort ereigneten, rührten von zu großem Vertrauen auf die Indianer her.“ Der Leſer wird dieſer Verhaltungsbefehle eingedenk bleiben, da die Begebniſſe deren Weisheit und Wichtigkeit darthun und wir der Unglücksfälle gedenken werden, welche die Folge der Vernachläßigung derſelben waren. Fünftes Kapitel. Abfahrt des Tonquin.— Ein ſtrenger Befehlshaber und eine ſorgtoſe Mannſchaft.— Landmenſchen an Bord des Schiffes.— Süß Waſſer.— Matroſen auf dem Meer.— Faultenzer⸗Neſter. — Schiffskoſt.— Ein Labrador⸗Veteran.— Literäriſche Commis. — Neugierige Reiſende.— Robinſon Cruſoe's Inſel.— Zwiſt auf der Schanze.— Falkland⸗Inſeln.— Eine Wildegaͤnſe⸗ Jagd.— Port Egmont.— Grabſchriften.— Jagd.—„Old- Mortality.“— Pingnin⸗Schießen.— In Stich gelaſſene Jäger.— Ein harter Strauß.— Fernerer Zwiſt.— Ankunft auf Owhyhee. Am achten September 1810 ſtach der Tonquin in See und die Fregatte Conſtitution geſellte ſich bald zu ihm. Der Wind ſtrich friſch und günſtig aus Südweſten, und das Schiff war bald dem Land aus den Augen gerückt und jeder Furcht vor der Gefahr einer Unterbrechung der Reiſe baar. Die Fregatte ſagte ihm daher Lebewohl und überl eß es ſeinem Laufe.. Schon in der erſten Zeit ſollte die Eintracht, welche Aſtor dieſer bunt zuſammengeſetzten Menſchenſchaar ſo dringend empfohlen, und welche man in den aufregenden Augenblicken der Vorbereitung ſo zuverſichtlich gelobt hatte, einen Stoß erhalten.* —— Kapitän Thorn war ein ehrlicher, grader, aber etwas trockner und dictatoriſcher Befehlshaber, welcher, in der Regelmäßigkeit und der Zucht eines Kriegsſchiffes und in dem heiligen Glauben an die höchſte Gewalt der Schanze aufgewachſen, geneigt war, in ſich den unbeſchränkten Herrn und Gebieter an Bord des Schiffes zu ſehen. Er ſcheint ferner von vorne herein keine große Meinung von den Leuten gehabt zu haben, die ſich mit ihm eingeſchifft hatten. Mit verdrießlicher Verachtung hatte er mit ange⸗ hört, wie ſie vor Aſtor ſo tapfer mit all dem geprahlt hatten, was ſie leiſten und ertragen könnten; wie ſie jedem Wetter trotzen, mit jeder Art Nahrung ſich begnügen und ſogar Hundefleiſch eſſen wollten, wenn nichts Anderes zu haben wäre. Er betrachtete ſie bei ſich als eine Art Land⸗ Faullenzer und Prahlhänſe, und war geneigt, ſie darnach zu behandeln. In ſeinen Augen war Aſtor der Einzige, der ihm zu befehlen hatte, da er der Vater des Unternehmens war, alle Vorſchüſſe leiſtete und den ganzen Verluſt trug. Die Andern waren nur Agenten und Untergeordnete, welche auf ſeine Koſten lebten. Er hatte augenſcheinlich nur eine kleine Vorſtellung von der Natur und Ausdehnung des Unternehmens, da er ſeine Anſichten blos auf ſeine Rolle dabei beſchränkte; Alles, was außer dem Bereiche ſeines Schiffes lag, war auch außer ſeiner Sphäre, und Alles, was mit dem Herkommen ſeiner ſeemänniſchen Pflichten im Widerſtreite war, brachte ihn in Zorn. Auf der andern Seite waren die Theilhaber der Geſellſchaft in dem Dienſte der Nordweſt⸗Compagnie auf⸗ gewachſen, und hatten eine hohe Vorſtellung von der Wich⸗ tigkeit, Würde und Autorität ihrer Stellung. Sie fingen bereits an, ſich den M'Tavishes, den M'Gillivrays, den M'Forbishers und andern hochmögenden Herren der Nordweſt⸗Geſellſchaft gleich zu ſtellen, zu denen ſie gewöhnt waren als zu den Mächtigen dieſer Erde empor zu ſchauen; vielleicht waren ſie ein wenig geneigt, ihre plötzlich erlangte Würde nicht ohne einige Anmaßung zur Schau zu tragen. Auch Aſtor hatte ihnen den Kamm hinſichtlich des Kapi⸗ täns ſchwellen gemacht, indem er ihn als einen Pulver⸗ freſſer ſchilderte, der ſein Schiff im feinſten Style kom⸗ mandire, und wenn es zum Gefechte kommen ſollte, „Alles mit dem Waſſer blaſen“ würde. So vorbereitet, ſich gegenſeitig mit nicht ſehr freund⸗ lichem Auge zu betrachten, iſt es nicht zu verwundern, wenn die Parteien bald in Zwiſt geriethen. Schon an dem erſten Abende begann Kapitän Thorn ſeine Kriegsſchiff⸗ Disciplin auszuüben, indem er befahl, die Lichter in der Kajüte um acht Uhr auszulöſchen. Der Stolz der Actionäre war augenblicklich in Har⸗ niſch. Dies war ein Eingriff in ihre Rechte und Würden, der nicht geduldet werden durfte. Sie waren an Bord ihres eigenen Schiffes und berechtigt auf ihre Bequem⸗ lichkeit und ihr Vergnügen zu ſehen. M'Dougal war der Kämpe ihrer Sache. Er war ein thätiger, reizbarer, — 76— aufbrauſender, großſprecheriſcher kleiner Mann, und ſtand in ſeiner Meinung um ſo höher, als er der Stellvertreter Aſtor's war. Ein heftiger Streit fand ſtatt, in deſſen Folge Thorn die Actionäre in Eiſen zu ſchlagen drohte, wenn ſie ſeinen Anordnungen nicht gehorchten, worauf M'Dougal ein Piſtol ergriff und dem Kapitän den Tod ſchwur, wenn er je wieder eine ſolche Schmähung hören ließe. Es dauerte einige Zeit, bis die gereizten Parteien durch die gemäßigteren Umſtehenden zur Ruhe gebracht werden konnten. Das war des Kapitäns Anfang mit den Mitgliedern der Geſellſchaft. Auch die Commis ſtanden nicht höher in ſeiner Gunſt; wirklich ſchien er alle„Landmenſchen“ an Bord ſeines Schiffes als eine Art„Belemmerung“ zu betrachten, die ſtets hinderlich wäre. Auch die armen voyageurs reizten ſeinen Spleen unaufhörlich durch ihr träges und ungeziemendes Benehmen, das dem Manne ſo zuwider ſein mußte, der an die Reinlichkeit und Ord⸗ nung eines Kriegsſchiffes gewöhnt war. Dieſe armen Süßwaſſer⸗Matroſen, ſo ruhmredneriſch am Strande und beinahe Amphibien auf den Seen und Flüſſen, verloren in dem Augenblicke, wo ſie auf die See kamen, allen Muth und alle Kraft. Tage lang lagen ſie an den kläg⸗ lichen Leiden der Seekrankheit darnieder, ſtreckten ſich in ſchmutzigem Zuſtande auf ihren Backs aus, oder tauchten dann und wann aus den Lukenklappen in Ueberwürfen und Betttüchern, ſchmutzigen Nachtmützen, zerrauftem Haare, Laternen⸗Geſichtern und ſtieren Augen, wie Geſpen⸗ ſter auf, fieberten auf dem Verdecke herum, ſchleppten ſich jeden Augenblick auf die Seiten des Schiffes, und brach⸗ ten der Windſeite, zum unendlichen Verdruſſe des Kapi⸗ täns, ihr Opfer dar. Seine Briefe an Aſtor, in welchen er die Bitterkeit ſeiner Seele und ſeine ſeemänniſche Ungeduld über das, was er füur„Faullenzer“⸗Charakter und Benehmen nahm, „ausgeſchüttet hat, liegen vor uns und ſind ergötzlich charak⸗ teriſtiſch. Der gute Kapitän iſt voller Aerger in Betreff ſeiner ſelbſt, und voller Beſorgniß in Betreff Aſtors, deſ⸗ ſen Eigenthum er einem ſehr ungleichartigen und ver⸗ ſchwenderiſchen Schiffsvolke preis gegeben ſieht. Die Commis betreffend, ſo erklärte er ſie für bloße Anmaßlinge, von denen nicht ein einziger jemals unter Indianern, noch weiter nordweſtlich, als Montreal, gewe⸗ ſen, oder eine höhere Stellung inne gehabt hätte, als die eines Aufwärters in einer Schenke oder eines Marqueurs an einem Billard, einen ausgenommen, der Schullehrer * geweſen wäre, und den er ſehr nachdrücklich als einen ſo einfältigen Pedanten ſchildert, wie je einer gelebt. Von den Handwerkern und Arbeitern, welche aus Kanada berufen und mit ſo vielen Koſten übergeſchifft wurden, waren die drei achtbarſten, nach des Kapitäns Bericht, Verbrecher, welche in Folge ihrer Vergehungen Kanada hatten verlaſſen müſſen. Die übrigen hatten zu Montreal als Kärner, Barbiere, Kellner und Kutſcher gedient, und waren die nichtsnutzigſten, werthloſeſten Geſchöpfe,„die je Seezwieback gegeſſen.“ Man kann ſich leicht denken, welch eine Reihe von Mißverſtändniſſen und Zwiſtigkeiten zwiſchen einer ſolchen Schiffsmannſchaft und einem ſolchen Kommandanten ſtatt gefunden haben mögen. Der Kapitän pflegte in ſeinem Eifer für die Geſundheit und Reinlichkeit ſeines Schiffes durchgreifende Unterſuchungen in den„Faullenzer Neſtern“ der armen„voyageurs“ und ihrer Unglücksgefährten„ vorzunehnten, ſie aus ihren Backs heraus zu treiben, und ſie zu nöthigen, ſich und ihre Kleider zu lüften und zu waſchen, ſich zu regen und Bewegung zu machen. Seine Unluſt und ſein Aerger waren noch nicht zu Ende, als alle Welt von der Seekrankheit geneſen war, und ſich an das Schiff gewöhnt hatte, denn jetzt brach eine beunruhigende Schärfe des Appetits aus, welche den Vorräthen Vernichtung drohte. Den Kapitän ärgerte vor⸗ züglich die Leckerhaftigkeit einiger ſeiner Kajüten⸗Paſſa⸗ giere. Sie ließen öfter ihre Klagen über die Schiffskoſt laut werden, obgleich ihr Tiſch mit friſchem Schweinfleiſch, Schinken, Zungen, geräuchertem Rindfleiſch und Puddings beſetzt war. „Wenn ihrer Begehrlichkeit nach Leckerbiſſen nicht Genüge geſchah“, ſagt er,„riefen ſie, es ſey verd— t hart, daß ſie von ihrer eigenen Habe nicht ſollten leben können, wie es ihnen beliebte, da ſie ſich an Bord ihres eigenen Schiffes befänden, das mit ihren eigenen Waaren 2 — 79— befrachtet ſei. Und das“, ſetzte er hinzu,„ſind die feinen Burſche, welche ſich rühmten, ſie könnten Hunde eſſen.“ In ſeinem Unwillen und Aerger über ihre Verweich⸗ lichung, wie er es nannte, pflegte er zu ſchwören, er würde ſie nie wieder an Bord nehmen,„wenn er nicht Fly⸗Market auf der Back, Coventgarden auf dem Hinter⸗ ſchiffe, und eine kühle Quelle von Kanada in der großen Stange habe.“ Als ſie auf der Reiſe weiter kamen und die ruhige⸗ ren Gewäſſer und das ſchöne Wetter der Tropengegenden erreichten, ſtellten ſich andere Verdrießlichkeiten ein, den Kapitän zu necken und zu ärgern. Er war durch den reizbaren Charakter des Einen Theilhabers in Hitze gebracht worden; jetzt quälte ihn die gute Laune eines Andern bis zum Uebermaß. Dies war der ältere Stuart, eine leichte, behagliche Seele und ſehr geſelligen Weſens. Er hatte das Leben in Kanada und an der Küſte von Labrador kennen gelernt; dort war er Pelzhändler, hier Fiſcher geweſen, und hatte in dem Laufe ſeines mannig⸗ fachen Lebens die voyageurs häufig auf ihren Fahrten begleitet. Er war daher an die Vertraulichkeit, welche zwiſchen dieſer Menſchenklaſſe und ihren Dienſtherren herrſchte, und an die heitere Unterhaltung gewöhnt, die nie bei ihnen fehlt, wenn ſie in ihrem Lager um ein Feuer verſammelt ſind. Stuart war nie glücklicher, als wenn er mit einer Anzahl dieſer Leute um ſich, im Lager⸗Style, auf dem Decke ſitzen, mit ihnen rauchen, nach der Sitte der Indianer die Pfeife von Mund zu Mund gehen laſſen, alte kanadiſche Schifferliedchen ſingen, und Geſchichten von ihren Müheſeligkeiten und Abenteuern erzählen konnte, wobei er mit Sindbad in ſeinen langen Erzählungen von dem Leben zur See wetteiferte, wenn er von ſeinen Fi⸗ ſcherthaten an den Küſten von Labrador redete. Dieſe geſchwätzige Vertraulichkeit ſtieß ſehr gegen des Kapitäns Anſichten von Rang und Unterordnung an, und nichts war ihm gräulicher, als die Gemeinſchaft der Pfeife zwiſchen Herren und Untergebenen, und ihr allgemeines Chorgebrüll bei den ausländiſchen Schifferliedern. Es gab noch eine andere ſeltſame Quelle des Ver⸗ druſſes fur ihn an Bord des Tonquin. Einige der jungen Commis, welcher ihre erſte Reiſe machten, und für die Alles neu und fremd war, hatten die ſehr lobenswerthe Gewohnheit, Notizen niederzuſchreiben und Tagebücher zu halten. Dies war ein arger Greuel in den Augen des guten Kapitäns, welche ihre literariſchen Anmaßlichkeiten tief verachtete.„Das Sammeln der Materialien zu lan⸗ gen Geſchichten von ihren Reiſen zu See und zu Land,“ ſagt er in einem Briefe an Aſtor,„ſcheint ihre größte Aufmerkſamkeit in Anſpruch zu nehmen.“ Wir begreifen ganz gut, wie groß die mürriſche Un⸗ geduld unſeres würdigen Seefahrers geweſen ſeyn muß, wenn er, bei jedem unbedeutenden Ergebniß wahrend der Reiſe, ganz abgenützte Vorfälle in ſeinen Augen, dieſe jungen Landratten ſich beeilen ſah, es in ihre Tagebücher — 81— einzutragen, und welche unwillige Blicke er, wenn er ſich auf dem Deck abmühete, und ſeine Befehle zu der Len⸗ kung des Schiffes gab, rechts und links auf die ſingenden, rauchenden, plaudernden, Notizen kritzelnden Gruppen um ſich her geworfen haben mag, welche ſammt und ſonders, wie er glaubte, eher an die Ergötzlichkeit des flüchtigen Augenblickes, als an den großen Zweck und an das Jutereſſe der Reiſe dachten. Es iſt möglich, daß des Kapitäns Anſichten richtig waren. Obgleich manche Paſſagiere durch die Reiſe viel zu gewinnen hoffen konnten, ſo hatte doch Keiner etwas beſtimmt dabei zu verlieren. Es waren größtentheils junge Leute, in dem Juchhei des Lebens; und da ſie in ſchöne Breitegrade gekommen, auf glatter See waren, und ein gut verſehenes Schiff unter ſich und einen günſtigen Wind in den Nacken des Segels hatten, war es ihnen, als ſeien ſie in eine Feſttagswelt gekommen, und zeigten ſie ſich geneigt, ſich ihrer zu erfreuen. Jene heftige, und bei Menſchen von friſchem, lebendigem Geiſte, die nie gereiſt, ſo natürliche Sehnſucht, fremde Länder zu ſehen und in Marchen und Geſchichte berühmte Gegenden zu beſuchen, fand bei mehreren der Theilhaber und Commis in Bezug auf einige der denkwürdigen Küſtenländer und Inſeln, an denen ſie vorüber kamen, Worte. Der Kapi⸗ tän aber, der jede Küſte und Inſel mit praktiſchem Auge betrachtete, das keine andere Erinnerungen daran knüpfte, als die, welche ihm ſeine Seekarte andeutete, betrachtete 57.— 59. 6 — 82— dieſe ganze Neugierde als etwas höchſt Müſſiges und Kindiſches.— „Während des erſten Theils der Reiſe,“ ſagte er in ſeinem Briefe,„waren ſie entſchloſſen, man ſollte von ihnen ſagen, ſie hätten Afrika beſucht, und beſtanden daher ſehr darauf, ich möchte auf dem Cap⸗Verde anlegen. Einen andern Tag ſagten ſie, ich möchte an der Küſte von Pata⸗ gonien anlegen, denn ſie müßten die großen, erſtaunens⸗ werthen Eingebornen dieſer Provinz ſehen. Dann wollten ſie die Inſel beſuchen, wo Robinſon Cruſoe ſo lange gelebt hatte. Endlich waren ſie entſchloſſen, die ſchönen Einge⸗ bornen der Oſterinſel*) zu ſehen.“ Allen dieſen Beſchlüſſen ſetzte der Kapitän ſein beſtimm⸗ tes„Nein“ entgegen, da dergleichen„den Inſtructionen zuwider.“ Da kam es denn ſtets zu einem vergeblichen Ausbruche des Zorns von Seiten des einen oder andern Geſellſchaftsmitgliedes, wobei ſie ſelbſt Aſtor nicht ſchon⸗ ten, weil er ſich hatte beigehen laſſen, Verhaltungsbefehle für ein Schiff zu geben, ſo lange ſie an Bord deſſelben wären, ſtatt es lediglich ihnen zu überlaſſen, zu entſcheiden, wo es am beſten anlegen und wie lange es an einem Orte verweilen ſollte. Bei dieſen Neckereien war M⸗Dou⸗ gal ſtets an der Spitze, da ihn, wie ſchon bemerkt, der Gedanke ein wenig aufgebläht hatte, daß er Aſtor's Stelle vertrete. „) Auſtraleiland, 1721 von Roggeween entdeckt. — 83— Der Kapitän wurde aber dadurch nur um ſo mürri⸗ ſcher und beharrlicher in der ſtrengen Beobachtung ſeiner Ordres, und um ſo empfindlicher und herber in ſeinem Benehmen gegen ſeine Paſſagiere, und häufige Zwiſtig⸗ keiten erfolgten. Möglich, daß ſeine ſeemänniſche Ungeduld über die Einmiſchungen von Landmenſchen, und ſeine hohen Anſichten von Schiffs⸗Etikette und Schanze⸗Autorität nicht ohne allen Einfluß waren; offenbar aber war er auf die Intereſſen des Schiffsherrn redlich und treulich bedacht. Er dachte ſich den beſorgten Gründer des Unternehmens, der ſich ſo freigebig bei der Ausrüſtung benommen hatte, und auf den Eifer, die Treue, und den thätigen Beiſtand ſeiner Gehülfen und Agenten rechnete; während andrer⸗ ſeits ſie, die ein gutes Schiff zu ihrer Verfügung und zu Haus eine volle Börſe hatten, aus der ſie ſchöpfen konn⸗ ten, geneigt ſchienen, an jeder Küſte zu ſäumen, und ſich in jedem Hafen dem Vergnügen zu überlaſſen. Am vierten Dezember kamen ihnen die Falkland⸗ Inſeln zu Geſichte. Da der Waſſervorrath ſeit einiger Zeit knapp geworden war, ſo wurde beſchloſſen, hier Anker zu werfen und neuen Vorrath einzunehmen. Der Kapitan ſchickte ein Boot in eine kleine Bucht, um das Senk⸗ blei auszuwerfen. M⸗Dougal und MeKay nahmen dieſe Gelegenheit wahr, um an das Land zu gehen, doch machte ihnen der Kapitän bemerklich, ſie möchten das Schiff nicht aufhalten. Als ſie aber einmal am Geſtade waren, beeil⸗ ten ſie ſich nicht ſehr, ſeinen Befehlen zu gehorchen, ſondern 6* — 81— ſtreiften umher und ſuchten Sehenswürdigkeiten auf. Da der Ankerplatz unſicher befunden wurde und kein Waſſer zu erhalten war, ſo wendete der Kapitän ſein Schiff ſeewärts und gab denen am Lande wiederholte Signale, zu dem Schiffe zu kommen; aber erſt Nachts um neun Uhr fan⸗ den ſie ſich an Bord ein. Da der Wind ungünſtig war, wurde am nächſten Morgen wieder ein Boot ausgeſetzt, und dieſelben Herren landeten wieder, verſprachen aber, auf das erſte Zeichen zurückzukehren; aber wieder vergaßen ſie ihr Verſprechen in dem Eifer, mit welchem ſie wilde Gänſe und Seewölfe verfolgten. Nach einer Weile wendete ſich der Wind und man gab Signale für das Boot. Eine halbe Stunde ver⸗ ging, aber das Boot ſtieß nicht ab. Der Kapitän unter⸗ ſuchte die Küſte mit ſeinem Fernglaſe, und ſah, zu ſeinem unendlichen Aerger, die Säumigen in dem Vollgenuſſe ihrer„wilden Gänſe⸗Jagd.“ Auf das tiefſte empört, befahl er, augenblicklich die Anker zu lichten. Als die am Geſtade das Schiff wirklich im Gange ſahen, eilten ſie ſchnell in das Boot, mußten aber acht harte Meilen rudern, ehe ſie wieder an Bord kamen, und fanden auch hier eine mür⸗ riſche Aufnahme, obgleich ſie mit der Beute der Jagd beladen kamen. Zwei Tage ſpäter, am ſiebenten Dezember, ankerten ſte in Port Egmont, auf der kleineren Inſel, wo ſie vier Tage blieben, um Waſſer einzunehmen und Ausbeſſerun⸗ gen an dem Schiffe zu machen. Dies war eine luſtige — 85— Zeit für die Landmenſchen. Sie ſchlugen am Geſtade ein Zelt auf, hatten ein Boot zu ihrem Befehle, und brachten ihre Zeit auf das vergnügteſte zu, indem ſie die Inſel durchſtreiften, die Küſte entlang ruderten, und Seelöwen, Füchſe, Gänſe, Enten, Seekälber und Pinguine ſchoſſen. Am verſeſſenſten und eifrigſten bei dieſer Art Jagd waren M'Dougal und David Stuart; der Letztere lebte ganz in der Erinnerung ſeiner Waſſerbeluſtigungen an den Küſten von Labrador und ſeiner Jagdthaten in Nordweſten. Mittlerweile war der Kapitän ernſtlich bemüht, für die Bedürfniſſe ſeines Schiffs zu ſorgen, ſchalt auf das müßige Thun und unnütze Treiben ſeiner freigegebenen Tiſchgenoſſen, und ließ ſie von Zeit zu Zeit warnen, ſich nicht zu entfernen, und des Signals der Abfahrt gewär⸗ tig zu ſeyn. Wie gewöhnlich, verſprachen ſie, das Schiff ſollte durch ihre Schuld nicht einen Augenblick aufgehalten werden, und vergaßen, wie gewöhnlich, ihr Verſprechen. Am Morgen des eilften waren alle Ausbeſſerungen gemacht und die Waſſerfäſſer gefüllt; das Signal zur Einſchiffung wurde gegeben, und das Schiff begann die Anker zu lichten. Zu dieſer Zeit hatten ſich mehrere der Paſſagiere auf der Küſte zerſtreut, und ergötzten ſich auf mancherlei Weiſe. Einige junge Leute hatten zwei in engliſcher Sprache abgefaßte Inſchriften an einer Stelle gefunden, wo zwei unglückliche Matroſen auf dieſer öden Inſel begraben worden waren, und da die Inſchriften durch Zeit und Wetter faſt ganz unleſerlich geworden waren, — 86— ſpielten ſie die Rolle des Alterthümlers in„Old Morta- lity« von Walter Scott, und erneuerten dieſelbe andäch⸗ tiglich. Das Signal vom Schiffe rief ſie von ihrer Arbeit ab; ſie ſahen, daß die Segel ausgeſetzt waren und daß es ſich zu regen anfing, Die zwei Jagdfreunde aber, M'Dougal und David Stuart, waren dem ſüdlichen Theile der Inſel zugewandert, um Pinguine zu ſchießen. Es war nicht möglich, ohne ſie aufzubrechen, da nur ein Boot für die Ueberfahrt Aller da war. Waͤhrend dieſer Aufenthalt an dem Geſtade ſtatt fand, ſtürmte und fluchte der Kapitän an Bord. Es wäre nun das dritte Mal, daß ſeine Befehle mit Verach⸗ tung behandelt und das Schiff muthwillig aufgehalten würde; und es ſollte das letzte Mal ſein. So ließ er alle Segel aufſpannen und ſtach in die See, ſchwörend, er wolle die Zauderer ihrem Schickſale überlaſſen. Ver⸗ geblich machten die an Bord Vorſtellungen und erſchöpf⸗ ten ſich in Bitten, das Schauderhafte, die Leute auf einer unfruchtbaren und unbewohnten Inſel zu verlaſſen, wort⸗ reich hinſtellend; der erzürnte Kapitän war unerbittlich. Mittlerweile waren die Pinguinen⸗Jager zu den Grab⸗ ſtein⸗Verfertigern geſtoßen; aber nun war das Schiff be⸗ reits draußen im Meere. Sie warfen ſich nun ſämmtlich — es waren ihrer acht— in ihr Boot, das ungefähr zwölf Fuß lang war, und ruderten, was ſie konnten. Drei und eine halbe Stunde zogen ſie angſtvoll und ange⸗ ſtrengt an den Rudern, gelegentlich von den ſchäumenden — 82— Wellen des hohen Meeres überſpült, während das Schiff unerbittlich ſeinen Weg fortſetzte, und entſchloſſen ſchien, ſie zuruck zu laſſen. An Bord des Schiffes war David Stuart's Neffe, ein junger Mann von Muth und Entſchloſſenheit. Da er zu ſehen glaubte, daß der Kapitän hartnäckig dabei beſtand, ſeinen Oheim und die Uebrigen im Stiche zu laſſen, ergriff er eine Piſtole, und ſchwur in einem Anfalle von Zorn, er würde des Kapitäns Gehirn zerſchmettern, wenn er nicht wendete und die Segel berge. Zum Glücke für alle Theile kam grade jetzt der Wind von vornen, und das Boot wurde in den Stand geſetzt, das Schiff zu erreichen, ſonſt hätten wohl unglückliche Um⸗ ſtän e eintreten können. Wir mögen kaum glauben, daß der Kapitän wirklich beabſichtigt habe, ſeine Drohung im vollen Sinne zu bethätigen; wir denken vielmehr, er habe im Sinne gehabt, die Säumigen mit einem langen Rojen und einer tüchtigen Angſt davon kommen zu laſſen. Aber in ſeinem Briefe an Aſtor erklärte er, es ſei ihm mit ſeiner Drohung ernſt geweſen, und in der That kann man nicht ſagen, wie weit ein ſolcher eiſerner Kopf ſeine An⸗ ſichten von Autorität auszudehnen im Stande iſt. „Hätte der Wind“, ſchreibt er,„die Segel nicht unglücklicherweiſe recht von vornen gebraſſt, ſo hätte ich ſie ganz gewiß verlaſſen; und in der That, ich kann nicht umhin, es als ein unglück für Euch anzuſehen, daß es ſo kam, denn der erſte Verluſt in dieſem Falle würde ſich, — 88— meiner Anſicht nach, als das Beſte erwieſen haben, da dieſe Leute keine Vorſtellung von dem Werthe des Eigen⸗ thumes haben, noch irgend eine merkliche Rückſicht auf Euer Intereſſe nehmen, obgleich es mit ihrem eigenen verwebt iſt.“ Man muß geſtehen, dies hieß das Scepter ſtreng führen, und die Rückſicht auf das Eigenthum des Herrn ein wenig weit treiben. Mannigfache kleine Zwiſtigkeiten fanden zwiſchen ihm und den Theilhabern auch wegen der Waaren und Güter an Bord ſtatt, von welchen die Letz⸗ tern einzelne Artikel unter der Mannſchaft zu Kleidern oder andern ihnen weſſentlich ſcheinenden. Bedürfniſſen vertheilen wollten. Der Kapitän aber hielt Bullenbeißer⸗ Wache über der Ladung, und knurrte und biß, wenn einer eine Kiſte oder einen Ballen auch nur anzurühren drohte.„Es ſei gegen die Ordres; es würde ſeine Aſſe⸗ kuranz verwirken; es ſei außer aller Ordnung!“ So lautete ſein Beſcheid, und ſie beſtanden vergeblich auf ihre Rechte als Miteigenthümer, und als die, welche zu dem Beſten des Unternehmens handelten; der Kapitän blieb nur um ſo hartnäckiger bei ſeinem Satze. Sie tröſteten ſich daher damit, daß ſie erklärten, ſobald ſie an das Land ſtießen, würden ſie ſich ihres Rechts bedienen, und mit Schiff und Ladung anfangen, was ihnen beliebte. Außer dieſen Zwiſtigkeiten zwiſchen dem Kapitaän und den Mitgliedern der Geſellſchaft fehlte es auch nicht an Hader zwiſchen den Actionären ſelbſt, welcher größtentheils — 89— durch Rangſtreit und Eiferſucht veranlaßt wurde. M'Dou⸗ gal und M'Kay begannen, Riſſe für das Fort und andere Gebäude der beabſichtigten Niederlaſſung zu entwerfen. Nichts trübte ihre Eintracht, ſo lange es ſich von dem Grundriſſe und der Ausdehnung handelte, welche in ziem⸗ lich großem Maßſtabe angelegt wurde; als ſie aber zur Anordnung der Einzelnheiten kamen, folgte Hader und Zank, und ſie ſtritten ſich Stundenlang über die Verthei⸗ lung von Thüren und Fenſtern. Viel waren der harten Worte und der harten Namen, welche ſie, nach dem Be⸗ richte des Kapitäns, bei ſolchen Gelegenheiten einander zuwarfen. Einer beſchuldigte den Andern, er maße ſich einer Gewalt an, zu der er nicht berechtigt ſei, und wolle den Gebietgr ſpielen, worauf M'Dougal prahleriſch den Brief Aſtors hervorzuziehen pflegte, durch welchen er zu ſeinem Stellvertreter und Bevollmächtigten ernannt worden, eine Urkunde, welche nicht in Zweifel zu ziehen war. Dieſe Wortſtreitigkeiten waren kurz, obgleich heftig; und„nach einer Viertelſtunde“, ſagt der Kapitän,„lieb⸗ koſten ſie einander, wie Kinder.“ ¹ Während alle dieſe kleinliche Zwietracht die kleine Welt in dem Tonquin beunruhigte, verfolgte das gute Schiff wohlbehalten ſeinen Cours, umſegelte am fünf und zwanzigſten Dezember Kap Horn und flog über den Buſen des ſtillen Meeres dahin, bis am eilften Februar die beſchneiten Gipfel von Owyhee ſich glänzend über den Horizont hoben. Sechstes Kapitel. Owyhee.— Sandwich⸗Inſulaner.— Ihre ſeemänniſchen Ta⸗ lente.— Tamaahmaah.— Seine Marine.— Seine Unterhand⸗ lungen.— Aſtor's Ausſichten in Betreff der Sandwich⸗Inſeln. — Karakakora.— Schweinfleiſch⸗Monopol des Königs.— Be⸗ ſchreibung der Inſulaner.— Luſtbarkeiten am Geſtade.— Chro⸗ nikenſchreiber der Inſel.— Platz, wo Kapitän Cook umgebracht worden.— John Young, ein ſeemänniſcher Statthalter.— Seine Geſchichte.— Waititi.— Eine königliche Reſidenz.— Ein königlicher Beſuch.— Große Ceremonien.— Knappes Handeln.— Ein königlicher Schweine⸗Händler.— Beſchwerden ſ eines praktiſchen Mannes. 2.„* Owyhee, oder Hawaii, wie es von genauern Schrift⸗ ſtellern geſchrieben wird, iſt die größte jener Inſel⸗Gruppe von Inſeln, welche man durch den Namen Sandwich⸗ Inſeln bezeichnet und deren zehn ſind. Sie iſt ungefähr ſieben und neunzig(engliſche) Meilen lang und acht und ſiebenzig breit; ſie erhebt ſich allmählig zu drei pyramidi⸗ ſchen Kuppen; die höchſte derſelben, Mouna Roa, iſt acht⸗ zehn tauſend Fuß über der Meeresfläche, ſo daß ſie den ganzen Archipelagus beherrſcht, und ein Landzeichen über der weiten Ausdehnung des Meeres iſt. Sie wird ein unvergängliches Denkmal des unternehmenden und unglück⸗ — 91— lichen Kapitäns Cook ſein, welcher von den Eingebornen dieſer Inſel ermordet wurde. Die Sandwich⸗Inſulaner bewieſen, bei der erſten Entdeckung, einen Charakter, welcher dem der meiſten Wilden der Inſeln des ſtillen Meeres überlegen war. Sie waren frei und offen in ihrem Benehmen, freundlich und großmüthig im Verkehr, und zeigten in allen ihren rohen Empfindungen viel natürlichen Scharfſinn. Das tragiſche Schickſal des Entdeckers, das ſie eine Zeitlang in den Ruf wilder Grauſamkeit brachte, war in der That das Ergebniß plötzlicher Erbitterung, welche durch die Gefangennehmung ihres Häuptlings veranlaßt wurde. Zur Zeit des Beſuches des Tonquin hatten die In⸗ ſulaner in vielen Hinſichten von dem gelegentlichen Ver⸗ kehre mit weißen Männern Nutzen gezogen und ein bedeu⸗ tendes Talent entfaltet, die Künſte, welche für ihre Art der Exiſtenz von Wichtigkeit ſind, zu pflegen und auszu⸗ bilden. Urſprünglich waren ſie unbekannt mit den Mitteln, die Gewäſſer, von denen ſie umgeben ſind, zu beſchiffen; ſie hatten nur leichte Piroguen, welche wenig geeignet waren, den Stürmen auf der hohen See zu trotzen. Da die Inſeln nicht einander im Geſichtskreiſe liegen, konnte auch nur ein zufälliger Verkehr unter ihnen beſtehen. Der Handel mit weißen Männern hatte ſie in den Beſitz beſ⸗ ſerer Fahrzeuge gebracht; ſie hatten ſich mit ihrer Führung bekannt gemacht, und ſelbſt in der Schiffsbaukunde konnte man Fortſchritte bemerken. Dieſe Verbeſſerungen waren größtentheils durch die Energie und den Scharfſinn eines einzigen Mannes, des berühmten Tamaahmah, gefördert worden. Er war urſprüng⸗ lich ein kleiner Eri oder Häuptling geweſen; da er aber von unerſchrockenem und hoch ſtrebendem Charakter war, ſo hatte er ſich im Rang emporgeſchwungen, und, indem er ſich der höhern Vortheile, welche die Schifffahrt nun dar⸗ bot, zu bedienen wußte— den ganzen Archipelagus unter die Botmäßigkeit ſeiner Waffen gebracht. Zur Zeit der Ankunft des Tonquin hatte er ungefähr vierzig Schooner von zwanzig bis zu dreißig Tonnen Laſt, und ein altes amerikaniſches Schiff. Durch Hülfe dieſer ſchwang er unangefochten den Scepter über ſein Inſelreich, und unter⸗ hielt einen ſteten Verkehr mit den Häuptlingen oder Statthaltern, welchen er den Befehl über die verſchiedenen Inſeln übertragen hatte. Die Lage dieſer Inſelgruppe fern in dem Schooſe des weiten ſtillen Meeres und ihre ungemeine Fruchtbar⸗ keit machten ſie zu wichtigen Aufenthalts⸗Punkten auf der großen Straße nach China, oder zur Nordweſtküſte von Afrika. Hier legten die mit dem Pelzhandel beſchäftigten Schiffe an, um Vorräthe einzunehmen und Ausbeſſerun⸗ gen vorzunehmen und oft ſuchten ſie hier Schutz während der Winter, welche ſie auf ihren langen Küſten⸗Expeditio⸗ nen überraſchten. Die britiſchen Seefahrer ſahen, von Anfang her, den Werth dieſer Inſeln in Bezug auf Handelszwecke voll⸗ — 193— kommen ein, und Tomaahaah wurde nicht lange, nachdem er ſich in den Beſitz der Oberherrſchaft geſetzt hatte, von Vancouver, dem berühmten Entdecker, beredet, dem Könige von Großbritanien Namens ſeiner und ſeiner Unterthanen den Huldigungseid zu leiſten. Der Leſer wird ſich wohl des Beſuches, welchen die königliche Familie und der Hof der Sandwich⸗Inſeln vor Jahren dem Hofe von St. James abzuſtatten veranlaßt wurde, ſo wie der ernſt komi⸗ ſchen Ceremonien und des ſcherzhaften Pompes erinnern, welche dieſe ſeltſame Traveſtie des Königthums begleiteten. Es gehörte zu dem ausgedehnten und umfaſſenden Plane Aſtor's, einen freundlichen Verkehr zwiſchen dieſen Inſeln und ſeiner beabſichtigten Kolonie herzuſtellen, welche zeitlich Gelegenheit haben möchte, ſich von hier aus mit Vorräthen zu verſehen; und er ſchien ſogar dem Gedan⸗ ken nicht ganz fremd zu ſein, von einer dieſer Inſeln als einem Verſammlungspunkte für ſeine Schiffe, und als einem Glied in der Kette ſeiner Handels⸗Niederlaſſungen, früher oder ſpäter Beſitz zu nehmen. Am Abend des zwölften Februars ging der Tonquin in der Bai von Karakakua auf der Inſel Owyhee vor Anker. Die Geſtade umher waren wild und zerriſſen, voll überragender Klippen und jäher Tiefen von ſchwar⸗ zem, vulkaniſchem Geſtein. Jenſeits dieſer aber war das Land fruchtbar und gut bebaut, die Felder, wo Yams, Piſang, ſüße Pataten, Zuckerrohr und andere Erzeug⸗ niſſe warmer Himmelsſtriche und fruchtbaren Bodens — 914— wuchſen, ſchön umzäunt, und die zahlreichen Wohnungen der Eingebornen durch Gruppen von Kokos und Brod⸗ fruchtbaäumen, welche zumal Nahrung und Schatten gaben, lieblich geſchirmt. Dieſe bunte Abwechſelung von Gaͤrten und Baumgruppen zog ſich allgemach an den Seiten der Berge hinan, bis dichte Wälder folgten, welche wieder nackten und zerklüffteten Felſen Platz machten, bis die Gipfel in die Regionen des ewigen Schnees emporſtiegen. Die königliche Wohnung Tomaahaah's war zu jener Zeit auf einer andern Inſel, Woahu genannt. Die Inſel Owyhee ſtand unter dem Befehle eines ſeiner Eris oder Häuptlinge, welcher in dem Dorfe Tokaigh, an einem andern Theil der Küſte, fern von der Bai von Karaka⸗ kua, ſeinen Sitz hatte. Den Morgen nach ihrer Ankunft war das Schiff von Kanoes und Piroguen, mit den Inſulanern beiderlei Ge⸗ ſchlechts angefüllt, umgeben, die ihnen Vorräthe von Früchten und Vegetabilen, Paradiesfeigen, Piſangen, Waſ⸗ ſermelonen, Yams und Taro*) brachten. Der Kapitän wünſchte aber vor Allem eine Anzahl Schweine zu kau⸗ fen, es waren jedoch keine zu bekommen. Der Handel mit Schweinefleiſch war ein königliches Monopol, und kein Unterthan des großen Tamaahmaah wagte es, ſich damit *) Gewöhnlicher Tari, Saft aus den Palmen⸗ und Kokos⸗ bäumen. 4 Ueberſ. — 95— zu befaſſen. Die Vorräthe aber, welche die Eingebornen liefern durften, wurden von ihnen in Ueberfluß herbeige⸗ bracht, und den ganzen Tag hindurch wurde ein lebhafter Verkehr unterhalten, an welchem das weibliche Geſchlecht auf die freundlichſte Weiſe Theil nahm. Die Inſulaner ſind eine ſchöne kupferfarbene Raſſe. Die Männer ſind groß und ſchön gebaut, und ihre For⸗ men zeugen von Kraft und Thätigkeit; die Frauen haben regelmäßige dann und wann ſchöne Geſichtszuüge und einen lüſternen Ausdruck, welcher ihr Temperament charakteri⸗ ſirt. Ihre Art, ſich zu kleiden, war noch faſt ganz die⸗ ſelbe, wie in den Tagen des Kapitäns Cook. Die Männer trugen den Maro, einen Streifen Tuch, einen Fuß breit und mehrere Fuß lang, von Tappa oder Baſttuch gemacht, und um die Lenden geſchlungen; der Kihei oder Mantel, ſechs Fuß lang und breit, auf der einen Schulter in einen Knoten geknüpft und unter dem andern Arme durchgezo⸗ gen, ſo daß er ihn blos ließ und vorne und hinten in ſchö⸗ nen Falten bis auf das Knie niederſiel, der römiſchen Toga nicht unähnlich. Die weibliche Kleidung beſtand aus einem Pau, einer Art Rock, aus einem Stücke Tappa gemacht, das mehrere Ellen lang und eine Elle breit war, um die Hüften geſchlungen wurde und bis zu den Knieen reichte. Ueber den Pau trugen ſie einen Kihei oder Man⸗ tel, welcher, breiter als der der Männer, zuweilen über beide Schultern, zuweilen nur über eine geſchlagen ward. Weder Männer noch Frauen pflegten dieſe Mäntel wäh⸗ rend der Hitze des Tages zu tragen, daher ihre Erſchei⸗ nung ein ſittſames Auge anfangs beleidigen mußte. Gegen Abend begaben ſich mehrere der Theilhaber und Commis an das Land, wo ſie gut empfangen und gaſtfrei bewirthet wurden. Zu ihrer Unterhaltung wurde ein Tanz aufgeführt, in welchem ſich neunzehn junge Mädchen und ein Jüngling ſehr anmuthig zeigten, unter ſich einen Geſang anſtimmend und nach dem Takte des Liedes ſich bewegend. All das waren jedoch eitle Dinge in den Augen des Kapitäns Thorn, der, da er ſich in der Hoffnung, einen Vorrath von Schweinfleiſch zu erhalten oder gutes Waſſer zu finden, getäuſcht ſah, wegzukommen eilte. Dies war aber nicht ſo leicht zu bewerkſtelligen. Die Paſſagiere, die einmal am Lande waren, zeigten ſich, wie gewöhnlich, geneigt, von der Gelegenheit Nutzen zu ziehen. Die Theilhaber hatten viele Nachforſchungen in Bezug auf die Inſel und den ſpätern Verkehr mit derſelben anzuſtellen, während die jungen Commis von den Reizen und der Anmuth der tanzenden Mädchen hingeriſſen waren. Um ihre Genüſſe und Freuden noch zu erhöhen, erbot ſich ein alter Mann, ſie an die Stelle zu führen, wo Kapi⸗ täan Cook ermordet worden. Der Vorſchlag wurde begie⸗ rig angenommen, und Alles machte ſich auf, eine Pilger⸗ fahrt nach der Stelle anzutreten. Der alte Inſulaner entſprach ſeinem Verſprechen auf das treueſte und gab die Stelle ganz genau an, wo der unglückliche Entdecker — 97— gefallen war. Die Felſen und Kokosbäume ringsum tru⸗ gen Erinnerungszeichen an die That, denn man ſah die Eindrücke der Kugeln, welche aus den Booten auf die Wilden abgefeuert worden. Die Pilger ſammelten ſi ſich um den alten Mann und ſuchten von ihm alle Einzelnheiten zu erfahren, welche er rückſichtlich dieſer denkwürdigen Begebenheit erzählen konnte, während der würdige Kapi⸗ tän dabei ſtand und vor Ungeduld an ſeinen Nägeln kaute. Um ſeinen Aerger zu vermehren, begannen ſie zuletzt, Felsſtückchen abzuſchlagen und die von den Kugeln bezeich⸗ nete Rinde der Bäume auszuſchneiden, was ſie als koſt⸗ bare Reliquien mit an Bord des Schiffes nahmen. Er freute ſich daher ungemein, als es ihm gelungen war, ſie und ihre Schätze auf den Tonquin zu bringen, und er verließ dieſe ſegenloſe Bucht und ſteuerte der Bai von Tokaigh zu, dem Sitze des Häuptlings oder Statt⸗ halters der Inſel, wo er glücklicher in Bezug auf die Be⸗ dürfniſſe ſeines Schiffes zu werden hoffte. Nachdem das Schiff vor Anker gelegt war, begab ſich der Kapitän an das Ufer und machte, in Begleitung von M'Dougal und M'Kay, dem Statthalter einen Beſuch. Es ergab ſich, daß dieſer Würdenträger ein alter Matroſe, Namens John Young, der, nachdem er, einem zweiten Sindbad ähnlich, auf den Meeren umher geworfen worden, durch eine der wunderlichen Launen des Schickſals ſich zum Statthalter einer wilden Inſel erhoben ſah. Er empfing ſeine Beſucher mit mehr Herzlichkeit und Herablaſſung, 57.— 59. 7 — 98— als Leute ſeines hohen Standpunktes gewöhnlich an den Tag zu legen pflegen, gab ihnen aber bald zu verſtehen, daß die Vorräthe zu Tokaigh knapp wären und es kein friſches Waſſer gäbe, indem es ſeit drei Jahren in der Gegend nicht geregnet hätte. Der Kapitän beſchloß, augenblicklich die Unterredung abzubrechen und die Anker zu lichten; aber die Theilhaber waren nicht ſo geneigt, von dem ſeemänniſchen Statthal⸗ ter Abſchied zu nehmen, der von ungemein mittheilendem Charakter war und von welchem ſie manche nützliche Aus⸗ kunft zu erhalten hoffen konnten. Es entſpann ſich alſo eine lange Unterhaltung, in deren Verfolg ſie manche Nachfragen hinſichtlich der Verhältniſſe der Inſel, ihrer natürlichen Erzeugniſſe und der Möglichkeit, von derſelben auf dem Wege des Handels Nutzen zu ziehen, anſtell⸗ ten, auch nicht verfehlten, ſich nach der Lebensgeſchichte John Young's zu erkundigen, und wie es gekommen, daß er Statthalter geworden. Er theilte das Gewünſchte mit großer Herablaſſung mit und erzählte den ganzen Lauf ſeines Schickſals„ſelbſt von ſeinen Kindesjahren an.“ Er war zu Liverpool in England geboren, und hatte von ſeiner Knabenzeit an ſich dem Seeleben gewidmet, bis er, in Folge ſeines guten Betragens, in ſeinem Berufe ſo hoch ſtieg, daß er Bootsmann auf einem amerikaniſchen Schiffe wurbe, Eleanor genannt, und von Kapitän Met⸗ calf geführt. Auf dieſem Schiffe machte er im Jahr 1789 eine jener zufälligen Expeditionen an die Nordweſtküſte — 99— des Pelzhandels wegen mit. Im Laufe dieſer Reiſe ließ der Kapitän einen kleinen Schooner, der ſchöne Amerika⸗ ner genannt, mit fünf Mann, welche ſein Sohn, ein Jüngling von achtzehn Jahren kommandirte, zu Nootka. Der Schooner ſollte im Kielwaſſer der Eleanor folgen. Im Februar 1790 legte Kapitän Motcalf an einer Inſel der Sandwich⸗Gruppe, Movee genannt, an. Während er vor Anker lag, wurde ein Boot, das von der Eleanor war, geſtohlen, und ein Matroſe, wel⸗ cher ſich darin befand, ermordet. Die Eingebornen betheuerten allgemein, keinen Theil an der That zu haben, und brachten die zerſtreuten Reſte des Bootes und der Leiche des Matroſen, an Bord des Schiffes. Indem ſie glaubten, auf dieſe Weiſe den Zorn des Kapitäns beſänf⸗ tigt zu haben, drängten ſie ſich, wie gewöhnlich, des Ver⸗ kehrs wegen, in großer Zahl um das Schiff. Kapitän Metcalf aber ſann auf blutige Rache. Die Eleanor führte zehn Kanonen; er ließ ſie alle mit Flintenkugeln, Nageln, und Stücken alten Eiſens laden, und dann mit ihnen und den Flinten am Bord unter die Eingebornen Feuer geben. Das Blutbad war fürchterlich; nach Young's Erzählung fanden mehr als hundert ihren Tod. Nach dieſer merkwürdigen Rachethat ſegelte Kapitän Metcalf von Movee ab und ſuchte die Inſel Owyhee auf, wo Tomaahhaah ihn freundlichſt aufnahm. Der Glücks⸗ ſtern dieſes kriegeriſchen Häuptlings begann zu jener Zeit glänzend aufzugehen. Er war urſprünglich von unter⸗ — 100— geordnetem Range, da er nur über einen oder zwei Be⸗ zirke von Owyhee zu gebieten hatte, machte ſich aber allmählig zum Beherrſcher ſeiner Geburts⸗Inſel. Die Eleanor blieb einige Tage hier vor Anker liegen und hielt einen, wie es das Anſehen hatte, freundlichen Verkehr mit den Eingebornen. Am ſiebzehnten März erhielt John Young die Erlaubniß, die Nacht am Lande hinzubringen. Am folgenden Morgen forderte ein Signal⸗ ſchuß ihn auf, an Bord zurückzukehren. Er eilte an die Küſte, um ſich einzuſchiffen, fand aber alle Kanoes auf den Strand gehohlt und ſtreng tabut, oder mit Interdict belegt. Er hätte ſelbſt eines derſelben in das Waſſer gelaſſen, wurde aber von Tamaahmaah benachrichtigt, wenn er das thue, ſei ſein Tod gewiß. Young war genöthigt, ſich zu fügen und blieb den ganzen Tag über in großer Unruhe wegen dieſes geheim⸗ nißvollen Tabu's, und fürchtete, man beabſichtige etwas Feindſeliges. Am Abend erfuhr er den Grund des Ver⸗ botes und ſeine Beſorgniß wuchs. Es ergab ſich, daß Ka⸗ pitän Metcalf's rächeriſche That auf ſein eigenes Haupt zurückgefallen war. Der Schooner,„der ſchöne Amerika⸗ ner“, den ſein Sohn befehligte und der ſeinem Kielwaſſer folgte, war ſüdlich von der Bai von Tokaigh in die Hände der Eingebornen gefallen und der Motcalf und vier von der Schiffsmannſchaft niedergemacht worden.. Als Tamaahaah Nachricht von dieſem Vorfall erhielt, ließ er augenblicklich alle Kanses mit dem Tabu belegen — 1⁰1— und verbot allen Verkehr mit dem Schiffe, vamit der Kapitän nichts von dem Schickſale des Schooners erführe und an der Inſel Rache nähme. Aus demſelben Grunde hinderte er Young, zu ſeinen Landsleuten zu gelangen. Die Eleanor fuhr zwei Tage lang fort, von Zeit zu Zeit Signalſchüſſe abzufeuern, und ſegelte dann weiter, ohne Zweifel in der Meinung, der Bootsmann ſei pflichtver⸗ geſſen zurückgeblieben. John Young war in Verzweiflung, als er das Schiff die Segel ausſpannen ſah und ſich verlaſſen unter Wilden fand— und zwar unter Wilden, die, ihrem Charakter nach blutdürſtig, durch feindſelige Handlungen gereizt und entflammt waren. Er ſah ſich jedoch angenehm enttäuſcht, denn Tomaahaah und ſein Volk bewieſen ſich nur freund⸗ lich gegen ihn. Es iſt wahr, er wurde ſehr ſtreng beauf⸗ ſichtet, ſo oft ſich in der Entfernung ein Segel zeigte, damit er nicht entflöhe und erzählte, was vorgegangen war; ſonſt aber wurde er mit vollkommenem Vertrauen und großer Auszeichnung behandelt. Er wurde der erſte Günſtling; der Kabinetsrath und der thätige Beiſtand begleitete ihn auf allen ſeinen Geſchäfts⸗ und Vergnü⸗ gungsreiſen, und unterſtützte ihn in ſeinen kriegeriſchen und ehrgeizigen Unternehmungen. Allmählig ſtieg er zu dem Range eines Häuptlings, heirathete eine der Schön⸗ heiten der Inſel und gewöhnte ſich an ſeine neue Lebens⸗ weiſe, an welcher er nach und nach ſelbſt Gefallen fand, indem er es wahrſcheinlich für beſſer hielt, über Wilde zu — 102— herrſchen, als bei weißen Männern zu dienen, ein mit Federn geſchmückter Häuptling zu ſein, als einen theer⸗ jackigen Matroſen abzugeben. Er blieb ſtets in Tamaah⸗ maah's Gunſt, und als dieſer kluge, unerſchrockene und ehrgeizige Häuptling ſich zum Beherrſcher der ganzen Inſelgruppe aufwarf und ſeine Reſidenz nach Woahu ver⸗ legte, überließ er ſeinem treuen Anhänger John Young den Befehl über Owyhee. Dies iſt der Umriß der Geſchichte des Statthalters Young, wis er ihn ſelbſt mitgetheilt hat; und wir bedauern, daß wir nicht im Stande ſind, von dem Gepränge, in welchem dieſer ſeefahrende Ehrenmann lebte, und von der Art, wie er ſein hohes Amt bekleidete, nähere Nachricht zu geben; ſo viel iſt jedoch gewiß, daß er mehr von der herzlichen Zutraulichkeit der Back, als von der Würde des ſtatthalterlichen Amtes beſaß. Dieſe langen Unterhaltungen waren bittere Gedulds⸗ proben für den Kapitän Thorn, welchem weder an dem Statthalter noch an ſeiner Inſel das geringſte lag und der gern die Anker gelichtet hätte, um anderswo Vorräthe und Waſſer aufzuſuchen. Sobald er ſeine neugierigen Theil⸗ haber wieder an Bord hatte, ließ er die Segel ausſpan⸗ nen und eilte der Inſel Woahu, der künnlichen Reſidenz Tamaahmaah's, zu. Dies iſt die ſchönſte Inſel von der Sandwich⸗Gruppe. Sie iſt ſechs und vierzig Meilen lang und drei und drei⸗ ßig breit. Eine Kette vulkaniſcher Berge durchzieht ihre — 103— Mitte, ſteigt zu hohen Kuppen auf und wird von wogigen Höhen und fruchtbaren Ebenen umgürtet, wo die Hütten der Eingebornen aus Wäldern von Kokos⸗ und andern üppigen Bäumen herausſchauen. Am ein und zwanzigſten Februar warf der Tonquin in der ſchönen Bay vor dem Dorfe Waititi, dem Aufent⸗ halte Tamaahmaah's, die Anker aus. Dieſes Dorf beſtand aus ungefähr zweihundert Wohnungen, welche aus Pfäh⸗ len gemacht waren, die in den Boden gerammt, an den Enden mit einander verbunden und mit Torf belegt wur⸗ den; es lag in einem offenen Walde von Kokosbäumen. Der königliche Palaſt Tamaahmaah's beſtand aus einem großen zweiſtöckigen Hauſe; der obere Stock war von Stein, der untere von Holz. Um dieſen war ſeine Leib⸗ wache, vier und zwanzig Mann, in lange blaue, gelb aus⸗ geſchlagene Leibröcke gekleidet und jeder mit einer Flinte bewaffnet, aufgeſtellt. Während der Tonquin hier vor Anker lag, fanden zwiſchen dem Machthaber der Inſeln und den Mitgliedern der Geſellſchaft viele ceremonienreiche Beſuche und lange unterredungen ſtatt. Tamaahmaah kam in königlichem Pompe in ſeiner Doppel⸗Pirogue an Bord des Schiffes. Er war zwiſchen fünfzig und ſechszig Jahre alt, über mittlerer Größe, kräftig und gut gebaut, obgleich ein wenig beleibt. Er trug eine alte Militär⸗Uniform, hatte ein Schwert an der Seite und ſchien durch ſeinen pracht⸗ vollen Aufzug ein wenig beengt zu ſeyn. Drei ſeiner — 104— Frauen begleiteten ihn. Sie waren faſt ſo groß und ganz ſo beleibt wie er, keineswegs aber in Bezug auf die Pracht der Bekleidung mit ihm zu vergleichen, denn ſie trugen kein anderes Gewand, als den Pau. Auch war in ſeinem Gefolge ſein großer Günſtling und vertrauter Rath, Krai⸗ maker, welchen die britiſchen Beſucher der Inſeln, weil er einen dem dirigirenden Miniſter entſprechenden Poſten bekleidete, vertraulich Billy Pitt genannt haben. Der Inſelkönig wurde mit gebührender Feierlichkeit empfangen., Die amerikaniſche Flagge wurde aufgehißt, vier Kanonen abgefeuert, und die Theilhaber erſchienen in ſcharlachrothen Ueberröcken und führten ihre erlauchten Gäſte in die Kajüte, wo ſie mit Wein bewirthet wurden. Bei dieſer Zuſammenkunft bemühten ſich die Theilhaber, dem Monarchen einen Begriff von ihrer Wichtigkeit und von der Bedeutſamkeit der Geſellſchaft beizubringen, zu welcher ſie gehörten. Sie gaben ihm zu verſtehen, ſie ſeien Eris oder Haäuptlinge einer großen Geſellſchaft, welche im Begriff ſtänden, ſich auf der Nordweſtküſte nie⸗ derzulaſſen; auch ſprachen ſie von der Möglichkeit, einen regelmäßigen Verkehr mit ſeinen Inſeln zu eröffnen und von Zeit zu Zeit Schiffe hierher zu ſchicken. All das machte ihm Freude und erregte ſeine Theilnahme, denn er kannte die Vortheile des Handels und wünſchte ſehr, einen häufigeren Verkehr mit den weißen Männern herbei zu führen. Er ermuthigte Europäer und Amerikaner, ſich auf ſeinen Inſeln niederzulaſſen und mit ſeinen Unterthanen — 105— ſich durch Wechſelheirathen zu verbinden. Zu jener Zeit wohnten zwanzig bis dreißig weiße Männer auf der Inſel; viele von ihnen aber waren Taugenichtſe, welche nur in der Hoffnung, ein müſſiges und behagliches Leben zu füh⸗ ren, hier blieben. Gegen Leute dieſer Art hegte Tamaah⸗ maah die größte Verachtung; nur die ſchätzte und unter⸗ ſtützte er, welche etwas vom Handel verſtanden oder ein Handwerk gelernt hatten und nüchtern und betriebſam waren. Am Tage nach dem Beſuche des Monarchen gingen die Theilhaber an das Land und machten ihm ihre Gegen⸗ aufwartung. Da ſie wußten, welche Wirkung Pomp und prachtvolle Kleider auf die Wilden hervorbringen und da ſie als die Eris oder Häuptlinge der großen amerikaniſchen Pelz⸗ handels⸗Geſellſchaft einen günſtigen Eindruck zu machen wünſchten, ſo erſchienen einige von ihnen zur großen Be⸗ wunderung der Eingebornen in hochländiſchen Plaids und Kelts.*) Während dieſe Förmlichkeitsbeſuche und große diplo⸗ matiſche Unterhandlungen zwiſchen den Theilhabern und dem Könige im Gange waren, förderte der Kapitän in ſeiner einfachen praktiſchen Weiſe ein, in ſeinen Augen *) Plaids, Mäntel von wollenem gewürfeltem Zeug. Kelts Mäntel und ſonſtige Kleidungsſtücke von unge⸗ ſchornem Zeug, wie es auf den ſchottiſchen Hochlanden häufig getragen wird. Ueberſ. — 196— weit wichtigeres Geſchäft— den Ankauf eines Vorrathes von Schweinen. Er machte die Bemerkung, daß der König auf mehr als Eine Art von dem Verkehre mit weißen Männern Nutzen gezogen hätte. Vor allen andern Kün⸗ ſten hatte er die Kunſt gelernt, einen Handel zu betrei⸗ ben. Er war ein hochſinniger Monarch, aber ein ver⸗ ſchmitzter Schweinhändler; und vielleicht dachte er, er könne mit ſeinen zukünftigen Verbündeten der amerikaniſchen Pelzhandel⸗Geſellſchaft nicht beſſer fahren, als wenn er mit knappem Mäckeln anfange. Es erforderte mehrere Zuſammenkünfte und vieles Markten, ehe er dazu gebracht werden konnte, ſich von einer Borſte aus ſeinem Schwein⸗ ſtalle zu trennen, und dann beſtand er darauf, daß er in harten ſpaniſchen Piaſtern bezahlt werden müſſe, wofür er als Grund anführte, daß er Geld brauche, um eine Fre⸗ gatte von ſeinem Bruder Georg zu kaufen, wie er den König von England zärtlich nannte.*) ²*⁴) Aus den Nachrichten ſpäterer Reiſenden geht hervor, daß Tomaahmaah in der Folge ſeinen Wunſch erfüllt ſah, ein großes Schiff zu beſitzen. In dieſem ſchickte er eine Ladung Sandelholz nach Kanton, da er entdeckt hatte, daß die fremden Kaufleute, welche mit ihm Han⸗ del trieben, aus dieſem Holze, das ſie von ſeinen In⸗ ſeln auf die chineſiſchen Märkte verſchifften, großen Gewinn zögen. Sein Schiff wurde mit Eingebornen bemannt, aber die Offiziere waren Engländer. Es erreichte China wohlbehalten und kam eben ſo glücklich — 107— Endlich war der königliche Handel abgeſchloſſen, der nöthige Vorrath an Schweinen war an Bord, überdies mehrere Ziegen, zwei Schafe, eine Anzahl Geflügel und Vegetabilien die Fülle. Die Theilhaber drangen nun dar⸗ auf, ihre Macht durch Anwerbung von Eingebornen dieſer Inſel zu verſtärken. Sie erklärten, ſie hätten nie, ſelbſt nicht unter den Reiſenden des Nordweſten,„Waſſermänner“ wie dieſe geſehen; und in der That waren ſie merkwürdig wieder zu den Inſeln zurück, und die hawaiiſche Flagge wehte prachtvoll in dem Winde. Der König lebte der Hoffnung, ſein Sandelholz in Krepy, Damaſt und andere koſtbare Stoffe China's verwandelt zu ſehen, und eilte ungeduldig an Bord ſeines Schiffes, fand aber zu ſeinem Erſtaunen, daß ſeine ganze Ladung durch die Taſchenſpielerkunſt des Handels verſchwun⸗ den und daß an ihrer Stelle eine Koſtenrechnung im Betrag von drei tauſend Dollars übrig war. Es dauerte einige Zeit, ehe man ihm einige der wich⸗ tigſten Punkte der Rechnung begreiflich machen konnte, z. B. Lootsgeld, Hafengeld, Mauthabgaben u. ſ. w. Als er aber entdeckte, daß Seeſtaaten in andern Län⸗ dern auf dieſe Weiſe große Einkünfte auf Koſten der Kaufleute bezögen, rief er aus:„Gut, dann will ich auch Hafengeld haben.“ Er gab ſonach ſeine Befehle zur Erhebung von Lootsgeldern, u. dergl. Lootsgeld einen Dollar von der Waſſfertragt jedes Schiffes, Ha⸗ fengeld von ſechszig und ſiebzig Dollars. Auf dieſe Weiſe vermehrte er die königlichen Einkünfte beträcht⸗ lich und machte ſich ſeine chineſiſche Spekulation zu Nutzen. Verf. — 108— wegen ihrer Geſchicklichkeit, ihre leichten Fahrzeuge zu handhaben, und konnten wie Waffervögel ſchwimmen und untertauchen. Die Theilhaber waren daher ſehr geneigt, dreißig bis vierzig von ihnen mit an die Kolumbia zu nehmen und ſie in dem Dienſte der Geſellſchaft zu ver⸗ wenden. Der Kapitän aber wendete ein, es ſei kein Raum in ſeinem Schiffe, eine ſo große Zahl Menſchen unterzubringen. Man nahm daher nur zwölf in den Dienſt der Geſellſchaft auf, und eine gleiche Anzahl ſollte zum Schiffsdienſt verwendet werden. Die Erſtern mach⸗ ten ſich verbindlich, drei Jahre zu dienen, während welcher Zeit ſie Koſt und Kleidung erhalten ſollten; nach Verlauf dieſer Friſt aber hatte jeder hundert Dollars in Waaren zu fordern. Als nun der lebendige Vorrath, Früchte, Vegetabilien und Waſſer an Bord des Tonquin waren, ſchickte ſich der Kapitän an, weiter zu ſegeln. Wie viel der gute Mann durch die Grillen und Einfälle ſeiner Paſſagiere, wie er es zu nennen pflegte, litt und duldete, und wie wenig er ihren Charakter und ihre Abſichten kannte, ſtellt ſich ſehr ergötzlich in einem Briefe heraus, welchen er von Woahu an Aſtor ſchrieb und in dem er ſich über die eben beſchrie⸗ benen Scenen äußert. „Es würde“, ſchreibt er,„ſchwer ſein, ſich die tollen Poſſen vorzuſtellen, welche hier Tag für Tag geſpielt wer⸗ den; manchmal kleiden ſie ſich in rothe Röcke, und in andere ſehr phantaſtiſche Trachten, ſammeln eine Menge — 409— unwiſſender Eingebornen um ſich, ſagen ihnen, ſie ſeien große nordweſtliche Eris, und treffen Verabredungen, ihnen von der Küſte drei oder vier Schiffe jährlich mit den mannigfachſten Gegenſtänden zu ſchicken, während eben dieſe Eingebornen dem Schiffe nicht einmal ein Schwein liefern können. Dann hüllen ſie ſich wieder in hochlän⸗ diſche Plaids und Kelts, und kommen mit ähnlichen Pla⸗ nen wie die eben erwahnten, und machen mit Rum, Wein, und Allem, was eben zur Hand iſt, Geſchenke. Dann nehmen ſie eine Anzahl Commis und Matroſen an das Land und beſuchen die Stelle, wo Capitan Cook ermor⸗ det worden, und Jeder haut ſich ein Stück von den Felſen oder von den Bäumen ab, die von den Schüſſen getroffen worden. Dann ſetzen ſie ſich mit irgend einem Weißen oder Eingebornen hin, der ſich ein wenig verſtändlich machen kann, und ſammeln die Geſchichte dieſer Inſeln, der Kriege Tamaahmaah's, der Merkwürdigkeiten der Ge⸗ ſammtgruppe u. ſ. w., um all das in die Geſchichten ihrer Reiſen einzuflechten, und die Sammlung iſt in der That lacherlich verächtlich. Wollte ich die tauſend Beiſpiele von Unwiſſenheit, Schmutz u. ſ. w. berichten, oder all die tollen Poſſenſtreiche erzählen, welche täglich vorgehen, müßte ich ganze Bände ſchreiben.“ Die großen Eris der amerikaniſchen Pelzhandels⸗ Geſellſchaft nahmen, ehe ſie ſich einſchifften, von ihren erlauchten Verbündeten in gehöriger Weiſe, mit vielen Betheuerungen dauernder Freundſchaft und Verſprechungen — 110— künftigen Verkehrs, Abſchied; während der praktiſche Kapi⸗ tän ihn in ſeinem Herzen als einen habſüchtigen, filzigen Wilden, ſo verſchmitzt und ſchmutzig in ſeinem Benehmen, wie ein Weißer, verwünſchte. Da eines der Schiffe der Geſellſchaft während dem Laufe der Begebenheiten zu der Gerechtigkeit und Groß⸗ muth dieſes Inſelbeherrſchers ſeine Zuflucht nehmen muß, werden wir ſehen, in wie weit der gute Kapitan in ſeinen Anſichten recht hatte. 4 — 111— Siebentes Kapitel. Abreiſe von den Sandwich⸗Inſeln.— Mißverſtändniſſe.— Leiden eines argwöhniſchen Menſchen.— Ankunft an dem Kolumbiag.— Gefährlicher Dienſt.— Düſtere Beſorgniſſe.— Barren und Brandungen.— Gefahren des Schiffs.— Unfälle der Mannſchaft eines Bootes.— Begräbniß eines Sandwich⸗ Inſulaners. Am vierundzwanzigſten Februar ging der Tonquin unter Segel und verließ die Sandwich⸗Inſeln. Zwei Tage lang war der Wind entgegen, und das Schiff wurde in ihrer Nachbarſchaft zurückgehalten; endlich erhob ſich eine günſtige Kühlte und bald darauf verſanken die herr⸗ lichen Wälder, die grünen Hügel, die ſchneeigen Berg⸗ kuppen dieſer glücklichen Inſeln allmählig in dem Meere oder verſchmolzen in der blauen Ferne, und der Tonquin. ſetzte ſeinen Cours gegen die ſtrengeren Regionen des ſtillen Meeres fort.. Die Mißverſtändniſſe zwiſchen dem Kapitän und den Paſſagieren dauerten ſtets noch fort oder wurden vielmehr ernſter und ernſter. Durch ſeine Heftigkeit und ſeinen launiſchen Charakter hatte er ſich jede Gedankenmitthei⸗ lung, jede freie Unterhaltung mit ihnen unmöglich gemacht. Er verſchmähte es, ihnen eine Frage in Bezug auf ihre — 112— Abſichten vorzulegen und konnte nur aus ihren Bewegun⸗ gen errathen, was ſie vorhätten, wodurch er denn ein Raub ſeiner Vermuthungen und ſeines Argwohns wurde, was die wunderlichſte Selbſtqual erzeugte. So war er bei einer ſeiner Zwiſtigkeiten mit ihnen über die Güter an Bord, von denen ſie einige Ballen zu öffnen wünſchten, um Kleidungsartikel für die Leute oder Geſchenke für die Eingebornen herauszunehmen, ſo herb und befehlshaberiſch geworden, daß ſie alle Geduld verlo⸗ ren und ihm zu verſtehen gaben, ſie ſeien die Stärkeren und könnten, wenn ſie ihm das Kommando nähmen, ihn in eine ſehr lächerliche Lage verſetzen. Jetzt blitzte der Gedanke durch des Kapitän's Kopf, ſie hätten wirklich den Plan in Bereitſchaft, ihn abzuſetzen und beabſichtigten, da auch ſchon auf Owyhee Winke gefal⸗ len waren, daß ein Krieg zwiſchen den Vereinigten Staaten und England ausbrechen könne, die Beſtimmung der Reiſe zu ändern, vielleicht das Schiff und die Ladung zu ihrem eigenen Gebrauche in Beſchlag zu nehmen. Nachdem dieſer Argwohn einmal in ihm wach war, trug Alles dazu bei, ihn zu nähren. Sie hatten— eine gewöhnliche Vorſichtsmaßregel der Pelzhändler bei dem Umgange mit den Eingebornen— Feuergewehre unter mehrere der Leute vertheilt. Dies galt ihm als eine A Vorbereitung. Dann waren mehrere der Theilhaber und 1 Commis und einige aus der Mannſchaft als Schottländer mit der gaöëliſchen Sprache bekannt und hielten in dieſer — 113— Sprache lange Geſpräche mit einander. Dieſe Unterhal⸗ tungen waren nach des Kapitäns Anſicht„geheimnißvoller und nicht zu rechtfertigender Natur“ und bezogen ſich ohne Zweifel auf irgend eine ſchlimme Verſchwörung, über welche ſie unter ſich brüteten. In einem Briefe an Aſtor geſteht er dieſe argwöhniſchen Anſichten offen zu, bemerkt aber, daß er gegen jeden Verrath gerüſtet daſtehe; auch ſcheint er anzunehmen, daß die gar nicht verheimlichten Vorſichtsmaßregeln, die er getroffen, die Wirkung gehabt hätten, die Verſchwörer einzuſchüchtern. Wie wir ſeitdem durch einen der Paſſgiere unter⸗ richtet wurden, läuft die Sache darauf hinaus, daß einige der Theilhaber und Kommis, junge, lebhafte Leute, eine muthwillige Freude daran hatten, den Mann ſeines arg⸗ wöhniſchen Charakters und ſeiner milzſüchtigen Launen wegen zum Beſten zu halten. Dieſem Umſtande müſſen wir viele ihrer wunderlichen Streiche und ſinnloſen Vor⸗ ſchläge und, vor Allem, ihre geheimnißvollen Unterhaltun⸗ gen in gaeliſcher Sprache zuſchreiben. In dieſer bittern und reizbaren Stimmung ſetzte der Kapitän ſeinen Cours fort, ein wachſames Auge auf jede Bewegung richtend und den Kamm ſträubend, ſo oft die verwünſchten Töne der gaeliſchen Sprache knarrend an ſein Ohr anſchlugen. Es ereignete ſich jedoch nichts, das den übrigen Theil der Reiſe weſentlich geſtört hätte, einen heftigen Sturm ausgenommen; und am vierundzwanzigſten 57.— 59. 8 — 114— März langte der Tonquin an der Mündung des Oregon oder Kolumbig⸗Fluſſes an. Die Ufer und angrenzenden Küſten boten einen wil⸗ den und gefährlichen Anblick dar; die Mündung des Kolumbia⸗ iſt über vier Meilen weit und zeigt auf der einen Seite eine Halbinſel und einen vorſpringenden Berg, auf der andern eine lange flache Landzunge; zwiſchen beiden ſperren eine Sandbank und eine Kette von Brandungen den Eingang faſt ganz. Das Innere des Landes hebt ſich in übereinander aufſteigenden Bergreihen, welche zur Zeit der Ankunft des Tonquin mit Schnee bedeckt waren. Ein friſcher Wind aus Nordweſten wälzte eine rauhe, ſich überſtürzende See auf die Küſte; das Meer brach ſich in furchtbaren Wellen auf der Barre, und zog faſt über die ganze Mündung des Fluſſes eine Kette von Schaum und Giſcht. Unter dieſen Umſtänden hielt es der Kapitän nicht für klug, ſich auf mehr als drei Stunden zu nahen, ehe die Barre ſondirt und der Durchgang vergewiſſert ware. Fox, der Oberſteuermann, erhielt Befehl zu dieſem Dienſte in dem Wallfiſch⸗Boot; John Nartin, ein alter Matroſe, welcher den Fluß früher beſucht hatte, und drei Kanadier wurden ihm zur Begleitung gegeben. Foy foderte regelmäßige Matroſen zur Bemannung des Bootes, der Kapitän wollte dieſe aber dem Dienſte des Schiffes nicht entziehen und war der Anſicht, die Kanadier wären als erfahrne Bootsleute auf den Seen und Flüſſen zu dieſem — 115— Dienſte geeignet, beſonders wenn Fox und NMartin ſie leiteten und unterſtützten. Es ſcheint, als wenn Foy bei dieſer Gelegenheit alle Feſtigkeit des Geiſtes verloren und den Dienſt mit ban⸗ gem Herzen angeſehen hätte. Er kam zu den Theilhabern und nahm ihr Mitgefühl in Anſpruch, da er ihre Zwiſtig⸗ keiten mit dem Kapitän kannte, und Thränen waren in ſeinen Augen, als er ihnen ſeinen Fall vortrug. „Ich werde ausgeſandt,“ ſagte er,„ohne Matroſen zur Bemannung meines Bootes, in ungeſtümem Wetter und auf dem gefährlichſten Theile der Nordweſt⸗Küſte. Mein Oheim hat an eben dieſer Barre vor einigen Jahren ſein Leben verloren und ich werde meine Gebeine jetzt zu den ſeinigen legen.“ Die Theilhaber nahmen ſich ſeine Beſorgniſſe zu Her⸗ zen und machten dem Kapitän Vorſtellungen. Dieſer war jedoch nicht zu bewegen. Er war während des erſten Theils der Reiſe mit Fox unzufrieden geweſen, indem er ihn für träg und unthätig anſah; wahrſcheinlich glaubte er, ſein jetziger Widerwille habe ſeinen Grund in dem Mangel echten ſeemänniſchen Muthes. Auch das Ein⸗ miſchen der Theilhaber in die Schiffsangelegenheiten war nicht geeignet, auf einen Mann, der ſo eiferſüchtig auf ſein Anſehen war, wie er, einen günſtigen Eindruck zu machen, am wenigſten bei den Gefühlen, die er jetzt gegen ſie hegte.. Um ein Uhr Nachmittags gingen daher Fox und ſeine — 8* . 1 — 116— Genoſſen in dem Walffiſchboote ab, welches eben ſo klein als gebrechlich geſchildert wird. Aller Augen hingen an dem kleinen Boote, als es dem Geſtade entgegen ruderte und mit den ungeheuern rollenden Wogen ſich hob und ſank, bis es, als ein bloßer Fleck, in die ſchäumenden Brandungen eintrat und bald dem Auge entſchwand. Der Abend brach ein, die Nacht folgte und verging, und der Morgen kehrte wieder, aber das Boot kam nicht zurück. Da der Wind nachgelaſſen hatte, näherte ſich das Schiff dem Lande, ſo daß man eine volle Anſicht von der Mündung des Fluſſes hatte. Nichts war zu ſehen, als ein wildes Chaos von überſtürzenden Wellen, die ſich an der Barre brachen und augenſcheinlich von Ufer zu Ufer eine ſchäumende Schranke bildeten. Gegen Nacht wendete ſich das Schiff wieder, um die hohe See zu gewinnen und ein Düſter lag auf jedem Antlitz. Der Kapitän ſelbſt theilte die allgemeine Beſorgniß und bereute wahrſcheinlich ſeine hartnackigen Befehle. Eine zweite trübe und ſorgen⸗ volle Nacht folgte, während welcher ſich der Wind legte und das Wetter heiter wurde. Am folgenden Tage richtete das Schiff ſeinen Cours wieder dem Lande zu, und man warf bei vierzehn Faden Waſſer nördlich von der großen Halbinſel oder dem Vor⸗ gebirge, welches die Nordſeite des Einganges bildet und Cap Disappointment genannt wird, Anker. Die Barkaſſe wurde jetzt bemannt und zwei der Theilhaber, David Stuart und MoKay ſtießen ab, in der Hoffnung, etwas — 117— von dem Schickſale des Wallfiſch⸗Bootes zu erfahren. Die Brandung war jedoch die Küſte entlang ſo heftig, daß ſie keinen Landungsplatz finden konnten. Mehrere Eingeborne zeigten ſich an dem Geſtade und machten ihnen Zeichen, um das Cap zu rudern; ſie hielten es aber für klüger, zu dem Schiffe zurückzukehren. Jetzt erhob ſich der Wind wieder, und der Tonquin ſetzte ſich in Bewegung und hielt gegen das Land an, um einen Eingang zu ſuchen, wurde aber wieder durch den ſchrecklichen Anblick der Brandungen abgehalten, ſich auf mehr als eine Stunde zu nahen. Er blieb hier, und Mumford, der zweite Steuermann, wurde mit vier Ma⸗ troſen in der Barkaſſe ausgeſandt, um den Eingang ent⸗ lang zu lothen, bis er vier Faden Tiefe fände. Die Bar⸗ kaſſe ging in die Brandungen ein, wäre aber beinahe zu Grunde gegangen und arbeitete ſich mit Mühe wieder zu dem Schiffe zuruck. Der Kapitän beſtand darauf, Mum⸗ ford habe zu weit ſüdlich gehalten. Er wandte ſich jetzt an Aiken, einen geſchickten Seemann, welcher beſtimmt war, den Schooner zu kommandiren, der zum Küſtenhandel dienen ſollte, und befahl ihm, nebſt John Coles, Segel⸗ macher, Stephan Weekes, Waffenſchmied und zwei Sand⸗ wich⸗Inſulanern, vorwärts zu gehen und zu lothen, während das Schiff unter langſamen Segeln folgen ſollte. Auf dieſe Weiſe ging es voran, bis Aiken ſich des Kanals verge⸗ wiſſert hatte, worauf ihm vom Schiff ein Signal gegeben ward, an Bord zurückzukehren. Er war jetzt auf einen — 118— Piſtolenſchuß entfernt, aber die Strömung war ſo wüthend, die Brandungen ſo ungeſtüm, daß das Boot nicht mehr gehandhabt werden konnte; es wurde wild weggeſpült und die Mannſchaft ſchrie jämmerlich um Beiſtand. Nach wenigen Minuten war es vom Deck aus nicht mehr zu ſehen. Einige Paſſagiere kletterten auf das Beſahnmars und ſahen es noch kämpfen, um das Schiff zu erreichen; kurz darauf aber lief es auf den Wind, die Seiten den Wellen zugewendet und ſeine Lage ſchien verzweifelnd. Die Aufmerkſamkeit derer an Bord des Schiffes wurde nun durch ihre eigene Lage in Anſpruch genommen; ſie waren auf Untiefen gerathen, das Schiff ſtieß mehrere Male auf und war in Gefahr unterzugehen. Endlich kamen ſie in ſieben Faden Waſſer und warfen, da ſich der Wind legte und die Nacht heranrückte, Anker. Mit der Dunkelheit ſtieg ihre Angſt. Der Wind pfiff, die See brüllte, das Düſter der Nacht wurde nur durch den gräß⸗ lichen Schein der ſchäumenden Brandungen unterbrochen. Die Herzen der Seeleute waren voll ſchrecklicher Beſorg⸗ niſſe, und einige von ihnen glaubten das Wehgeſchrei ihrer verlorenen Kameraden in dem Aufruhre der Elemente zu hören. Eine Zeitlang drohte auch das raſche Ebben, ſie von ihrem Ankerplatze wegzutreiben. Endlich ſetzte die Rückkehr der Fluth und das Erheben des Windes ſie in den Stand, ihre gefährliche Lage zu verlaſſen und in einer kleinen Bucht innerhalb des Cap Disappointment Schutz zu ſuchen, wo ſie während des übrigen Theils einer — 119— ſtürmiſchen Nacht vor Anker lagen und ſich einer kurzen Pauſe ruhigen Schlafes erfreuten. Mit dem Tageslichte kehrten Noth und Sorgen zurück. Von dem Top der Maſten und Stengen überſchauten ſie eine wilde Küſte und eine noch wildere See, konnten aber keine Spur von den zwei vermißten Booten und ihrer Bemannung entdecken. Mehrere Eingeborne kamen mit Pelzwerk an Bord; Niemand hatte aber Luſt, ſich mit dem Handel zu befaſſen. Man fragte ſie durch Zei⸗ chen nach den verlornen Booten; ſie konnten aber die Fragen nicht verſtehen. Einzelne Abtheilungen gingen nun an das Land und durchſtreiften die Gegend. Der Kapitän ſtellte ſich an die Spitze einer derſelben. Sie waren noch nicht weit gekom⸗ men, als ſie in der Entfernung Jemand in ihrer Tracht ſahen. Näher gekommen, erwies es ſich, daß es Weekes, der Waffenſchmied war. Ein allgemeiner Freuderuf ward laut, denn man hoffte, ſeine Gefährten würden nahe zur Hand ſein. Seine Geſchichte war jedoch ſehr betrübend. Er und ſeine Kameraden hatten es unmöglich gefunden, ihr Boot zu regieren, da es kein Ruder hatte und von reißenden, wirbelnden Strömungen und tobenden Wogen umſtürmt war. Nach langem Kampfe hatten ſie es den Wellen preis gegeben; es flog umher, bald mit ſeinem Bug, bald mit ſeinen Seiten den Wogen zugewendet; jeden Augenblick war es vom Untergange bedroht, arbei⸗ tete ſich aber wiederholt hinaus, bis eine ungeheure Welle 1 über das Fahrzeug hereinbrach und es umſchlug. Die kochende See überwältigte Weekes, doch kam er wieder auf die Fläche und ſchaute nach ſeinen Gefährten umher. Aiken und Coles waren nicht zu ſehen; in ſeiner Nähe aber erblickte er die zwei Sandwich⸗Inſulaner, die ſich ihrer Kleider entledigten, um freier ſchwimmen zu können. Er that daſſelbe, und da das Boot in ſeiner Nähe ſchwamm, erfaßte er es. Die zwei Inſulaner kamen zu ihm; ſie vereinigten ihre Kräfte und es gelang ihnen, das Boot wieder auf den Kiel zu wenden; ſie drückten jetzt den Spiegel nieder und ſchaukelten es hin und her, bis ſo viel Waſſer heraus war, daß es einen Mann, ohne zu verſin⸗ ken, tragen konnte; Einer der Inſulaner ſtieg nun hinein und hatte in kurzer Zeit das Waſſer mit ſeinen Händen heraus geöhſt. Der andere ſchwamm herum und ſuchte die Ruder und endlich begaben ſich die drei wieder an Bord. Niitllerweile hatte die Fluth ſie jenſeits der Bran⸗ dungen geſchleudert und Weekes rief ſeinen Gefährten zu, auf das Land anzuhalten. Sie waren aber ſo erſtarrt und von der Kälte betäubt, daß ſie allen Muth verloren und ſich durchaus weigerten, die Ruder zu brauchen. Weekes war gleichfalls ſtarr vor Kälte, aber er beſaß mehr Umſicht und Beſonnenheit. Er erhielt ſich in ſteter Bewegung, um Schläfrigkeit und Erſchlaffung— die gewöhnlichen Folgen der Kälte— von ſich abzuhalten; und da er ſah, daß das Fahrzeug im Gange und er ſich ſelbſt überlaſſen war, nahm er ſeine Kraft zuſammen, — 121— um das Boot über die Barre und in ſtilles Waſſer zu bringen. Gegen Mitternacht ſtarb einer der armen Inſulaner, ſein Gefährte warf ſich auf die Leiche und konnte nicht dazu vermocht werden, ſie zu verlaſſen. Unter ſolchen Schrecken ging dieſe gräßliche Nacht vorüber; als der Tag graute, ſah Weekes ſich dem Lande nahe. Er hielt grade darauf ab und ließ endlich mit Hülfe der Widerſee ſein Boot auf das ſandige Ufer laufen. Als er ſah, daß der eine Sandwich⸗Inſulaner noch Lebenszeichen gab, half er ihm aus dem Boote und Beide begaben ſich nun in den nahe liegenden Wald. Der arme Menſch war jedoch zu ſchwach, um ihm weit zu folgen, und Weekes ſah ſich bald genothigt, ihn ſeinem Schickſal zu überlaſſen und für ſeine eigene Sicherheit zu ſorgen. Er fand nach einigem Umherirren einen betretenen Pfad, folgte ihm und kam nach mehreren Stunden zu einem Theil der Küſte, wo er, zu ſeinem Erſtaunen und ſeiner Freude, das Schiff vor Anker liegen ſah und auf den Kapitän und ſeine Begleiter ſtieß. Nachdem Weekes ſeine Abenteuer erzählt hatte, wur⸗ den drei Abtheilungen ausgeſchickt, um die Küſte zu durch⸗ ſtreifen und den unglücklichen Inſulaner aufzuſuchen. Sie kehrten mit Anbruch der Nacht ohne Erfolg zurück, obgleich ſie allen Eifer aufgeboten hatten. Am folgenden Tage ſetzte man die Nachforſchungen fort und fand ihn endlich an einer Gruppe von Felſen; ſeine Beine waren geſchwol⸗ — 122— len, ſeine Füße vom Durchbrechen der Büſche und Dornen zerriſſen und blutig, und er ſelbſt faſt todt vor Hunger, Kalte und Müdigkeit. Weekes und dieſer Inſulaner waren von der Bemannung der Barkaſſe die Einzigen, die am Leben geblieben, und von Fox und ſeinen Begleitern war nie eine Spur zu entdecken. So hatten ſie bei dem erſten Annähern an die Küſte acht Mann eingebüßt— ein Beginn, welcher den Muth der ganzen Geſellſchaft verdüſterte und den einige Aber⸗ gläubiſche als ein Vorzeichen betrachteten, das nichts Gutes von dem Unternehmen erwarten ließ.— Gegen Einbruch der Nacht begaben ſich die Sandwich⸗ Inſulaner an das Land, um die Leiche ihres unglücklichen Landsmannes, der in dem Boote umgekommen, zu begra⸗ ben. Als ſie zu der Stelle kamen, wo man ihn liegen gelaſſen hatte, gruben ſie ein Grab in den Sand, legten die Leiche hinein und einen Zwieback unter einen der Arme, ein Stück Speck unter das Kinn, auch gaben ſie ihm eine kleine Quantität Taback, als Vorrath auf die Reiſe in das Land der Geiſter mit. Nachdem ſie den Körper mit Sand und Kieſelſteinen bedeckt hatten, knieten ſie ſich in zwei Reihen das Grab entlang und wandten ihre Geſichter nach Oſten, während der Eine, der die Stelle des Geiſtlichen übernommen, ſie aus einem Hut mit Waſſer beſprengte. Dabei ſagte er eine Art Gebet oder Anrufung her, auf welche die andern in gewiſſen — 123— Pauſen antworteten. Der Art waren die einfachen Feier⸗ lichkeiten, welche dieſe armen Wilden an dem Grabe ihres Kameraden an den Geſtaden eines fremden Landes begingen; und als dies geſchehen war, ſtanden ſie auf und kehrten ſchweigend, ohne einen Blick zurückzuwerfen, auf das Schiff zurück. — 124— Achtes Kapitel. Mündung des Kolumbia⸗Fluſſes.— Die Indianer⸗Stämme.— Ihr Fiſchen.— Ihre Kanoes.— Kühne Schiffer.— Reiter⸗ Indianer und Fiſcher⸗Indtaner.— Unterſchied ihrer pbyſtiſchen Beſchaffenheit.— Ausſehen nach dem Orte der Niederlaſſung. — Ausflug von M'Dougal und David Stuart.— Comcomly, der einäugige Häuptling.— Einfluß des Reichthums bei den Wilden.— Sklaverei bei den Eingebornen.—Eine Ariſtokratte von Plattköpfen.— Gaſtfreiheit der Chinooks.— Comcomly's Tochter und ihre Eroberung. Der Kolumbia⸗ oder Oregon⸗Fluß iſt, auf eine Ent⸗ fernung von dreißig bis vierzig Meilen von ſeinem Ein⸗ tritte in das Meer landeinwärls, eigentlich eine bloße, von tiefen Buchten eingezackte Mündung oder Seebay, deren Breite von drei bis zu ſieben Meilen wechſelt; ſie wird durch Sandbänke, welche faſt von Ufer zu Ufer reichen, und wo zu Zeiten Winde und Strömungen ſchäu⸗ mende und ſtürmiſche Brandungen erzeugen, ungemein mißlich und gefahrvoll. Die eigentliche Mündung des Fluſſes iſt nur ungefaͤhr eine halbe Meile breit und wird von den ſich nähernden Ufern der Bucht gebildet. Der Eingang von der See her wird, wie wir bereits ange⸗ deutet haben, auf der Südſeite durch eine flache, ſandige —— — 125— Landſpitze, welche weit in die See ausgreift, begrenzt. Dieſe heißt gewöhnlich„Point Adams.“ Gegenüber, oder auf der Nordſeite, liegt Cap Disappointment, eine Art Halbinſel, die in eine ſteile Höhe oder Vorgebirg ausläuft, das von einem Fichtenwalde bedeckt und mit dem feſten Lande durch eine niedrige und ſchmale Landenge verbunden iſt. Unmittelbar innerhalb dieſes Vorſprunges iſt eine weite, offene Bucht, welche bei Chinook Point endigt, von einem Indianerſtamme in der Gegend ſo benannt. Dieſe Bucht wurde Baker's Bay genannt und hier ging der Tonquin vor Anker. Die Eingebornen, welche den untern Theil des Fluſ⸗ ſes bewohnten und mit welcher die Geſellſchaft am meiſten zu verkehren hoffte, theilten ſich zu dieſer Zeit in vier Stämme: die Chinooks, Clatſops, Wahkiakums und Kath⸗ lamahs. Sie hatten unter ſich die größte Aehnlichkeit in Geſtalt, Kleidung, Sprache und Sitten, und rührten wahrſcheinlich von Einem Hauptſtamme her, welcher durch die unter den Indianern ſo häufigen Zwiſtigkeiten und Spaltungen in Geſchlechter oder vielmehr Horden getheilt worden war. 5 Dieſe Stämme leben durchgehends vom Fiſchfang. Es iſt wahr, zuweilen jagen ſie das Ellen oder den Hirſch, oder legen den Waſſervögeln der Teiche und Flüſſe Schlin⸗ gen; aber dies ſind nur zufällige Schwelgereien. Ihre Hauptnahrungsmittel ſind der Salm und andere Fiſche, an welchen der Oregon und die in ihn ausmündenden — 126— Gewäſſer reich ſind; ferner Wurzeln und Kräuter, beſon⸗ ders das Wappatu, das auf den Inſeln des Fluſſes gefunden wird. Wie die Indianer der Ebenen, welche von der Jagd leben, kühne und erfahrne Reiter ſind und von ihren Pferden ſtolz niederblicken; ſo zeichnen ſich dieſe Fiſcher⸗ Stämme der Küſte durch ihre Geſchicklichkeit in der Füh⸗ rung des Kanoes aus und fühlen ſich nie heimiſcher als auf dem Waſſer. Ihre Kanoes ſind von verſchiedener Geſtalt und Größe. Manche ſind gegen fünfzig Fuß lang, aus einem einzigen Baumſtamme, entweder der Tanne oder der weißen Ceder, gehauen und können dreißig Per⸗ ſonen aufnehmen. Sie haben von einer Seite zur andern ſogenannte Dofte, Querſtücke von ungefähr drei Zoll Dicke, und ihre Dollborde fallen auswärts, ſo daß ſie die hohen Wellen abhalten. Bug und Spiegel ſind mit gro⸗ tesken Menſchen⸗ und Thiergeſtalten, zuweilen fünf Fuß hoch, geziert.. Bei der Führung ihrer Kanves knieen ſie zwei und zwei den Boden entlang und handhaben, auf den Ferſen ſitzend, vier bis fünf Fuß lange Riemen, während Einer am Spiegel ſitzt und mit einem ähnlichen Riemen dem Fahrzeuge die Richtung gibt. Die Frauen ſind in der Führung der Kanoes eben ſo gewandt, wie die Männer und ſtellen ſich gewöhnlich an das Steuer. Es iſt überraſchend anzuſehen, mit welcher furchtloſen unbeſorgtheit ſich dieſe Wilden in dieſen leichten Barken — 127— in die rauheſte und ungeſtümſte See wagen. Sie ſcheinen wie die Möwen auf den Wellen zu ſchwimmen. Wenn eine Welle das Kanoe auf die Seite wirft und es umzu⸗ werfen droht, lehnen ſich die auf der Windſeite über den obern Dollbord, greifen mit ihren Riemen tief in die Welle ein, faſſen ſozuſagen das Waſſer und drängen es unter das Kanoe, und kommen durch dieſe Wendung nicht nur wieder ins Gleichgewicht, ſondern geben ihrer Barke auch einen kräftigen Stoß vorwärts. 1 Von dem Einfluß der verſchiedenen Lebensweiſen auf den menſchlichen Körper und den menſchlichen Charakter ſieht man ein merkwürdiges Beiſpiel in dem Kontraſte zwiſchen den jagenden Indianern auf den Prairien, und den fiſchenden Indianern an den Seeküſten. Jene, ſtets zu Pferd über die Ebenen jagend, durch ſtete Anſtren⸗ gung und Thätigkeit ihr Leben friſtend und vorzüglich von Fleiſch lebend, ſind gemeinlich groß, muskelkräftig, mager aber gut gebaut, voll kühnen, ſtolzen Charakters; dieſe, an den ufern der Flüſſe hingeſtreckt, oder in ihren Kanoes breit auf ihre Hüften niedergedrückt und gekrümmt, ſind gewöhnlich klein, ſchlecht gebaut, haben krumme Beine, dicke Knöchel und breite platte Füße. Auch an Muskel⸗ kraft und Thätigkeit und in den Eigenſchaften und der Erſcheinung, welche den Waidmann charakteriſiren, ſtehen ſie ihren roſſebändigenden Brüdern von den Prairien weit nach. Nachdem wir dieſe wenigen Einzelnheiten in Bezug — 128— auf die benachbarten Indianer vorausgeſchickt, kehren wir zu den unmittelbaren Angelegenheiten des Tonquin und ſeiner Bemannung zurück. Die Nachforſchungen nach Fox und ſeinen Begleitern wurden fortgeſetzt, hatten aber keinen beſſern Erfolg und man gab ſie zuletzt verloren. Mittlerweile unterſuchten der Kapitän und einige der Theilhaber in einem großen Boote den Fluß eine Strecke aufwärts, um einen paſſen⸗ den Platz für den Handelspoſten aufzuſuchen. Ihre alten Eiferſüchtelelen und Zänkereien dauerten fort; ſie konnten über die Wahl me einig werden und der Kapitän war ganz und gar gegen jeden Platz ſo weit flußaufwärts. Sie kehrten daher alle nicht in der beſten Laune nach der Baker's Bay zurück. Die Theilhaber ſchlugen vor, das ufer gegenüber zu unterſuchen, aber der Kapitän war über jeden ferneren Aufſchub ungeduldig. Sein Wunſch„fort⸗ zukommen“ ließ ihn nicht mehr ruhen noch raſten. Er hielt alle dieſe Ausflüge für baaren Zeitverluſt und ent⸗ ſchloß ſich, alsbald an das Land zu gehen, Obdach für denjenigen Theil der Ladung zu bauen, welcher für den Gebrauch der Kolonie beſtimmt war, und, wenn er ſein Schiff dieſer und ſeiner läſtigen, unruhigen Genoſſen baar ſähe, ſogleich die Anker zu lichten und ſeine Küſtenreiſe, den Ordres zufolge, fortzuſetzen. 1 Am folgenden Tage legte er daher, ohne ſich die Mühe zu nehmen, die Theilhaber um Rath zu fragen, in Baker's Bay an und begann, einen Schuppen zur Auf⸗ — 129— nahme des Tauwerks, der Ausrüſtung und der Vorräthe des Schooners zu errichten, welcher zu dem Gebrauche der Niederlaſſung gebaut werden ſollte. Ddieſer eigenmächtige Entſchluß von Seiten des ſtör⸗ rigen Kapitäns kränkte und beleidigte M'Dougal höchlich, welcher nun als Aſtor's Stellvertreter und Bevollmäch⸗ tiger an der Spitze des Unternehmens zu ſtehen glaubte. Von David Stuart begleitet, brach er noch deſſelben Tags (den fünften April) nach dem ſüdlichen Ufer auf und gedachte den ſiebenten zurück zu ſein. Da ſie nicht mit dem Kapitän zu hadern brauchten, kamen ſie bald wegen einer Stelle überein, welche ihnen für die beabſichtigte „Niederlaſſung günſtig ſchien. Dieſe lag an einer Land⸗ ſpitze, Point George genannt, und hatte einen guten Hafen, wo Schiffe von nicht über zweihundert Tonnen Laſt bis auf fünfzig Schritte vom Land anlegen konnten.— Nachdem ſie einen Tag ſo gewinnreich hingebracht, ſetzten ſie wieder über den Fluß, landeten aber auf der nördlichen Seite, mehrere Meilen über dem Ankerplatze des Tonquin, in dem Gebiete der Chinooks und beſuchten das Dorf dieſes Stammes. Hier wurden ſie mit großer Gaſtfreiheit von dem Häuptlinge Comcomly genannt, einem verſchmitzten Wilden mit nur Einem Auge, welcher in dieſer Erzählung dann und wann auftreten wird, empfan⸗ gen. Jedes Dorf bildet einen kleinen, von ſeinem eigenen Häuptling beherrſchten Staat; der Häuptling hat jedoch nur geringes Anſehen, wenn er nicht ein reicher und 57.— 59. 9 — 130— wohlhabender Mann iſt, das heißt, wenn er nicht Kanoes, Sklaven und Frauen hat. Je größer die Anzahl dieſer, deſto größer iſt der Häuptling. Wir wiſſen nicht, wie viele Frauen dieſer einäugige Machthaber hatte; er beſaß aber gewiß große Macht nicht nur über ſeinen Stamm, ſondern auch über die ganze Umgegend. Da wir der Sklaven gedacht haben, müſſen wir bemerken, daß die Sklaverei bei vielen Stämmen jenſeits des Felſengebirges beſteht. So lange die Sklaven geſund ſind, werden ſie gut behandelt, aber zu jeder Art Plackerei gebraucht. Werden ſie aber durch Krankheit oder hohes Alter unbrauchbar, ſo vernachläßigt man ſie ganz und gar, und ſie gehen zu Grund; ihren Gebeinen wird nach dem Tode nicht die geringſte Achtung gezollt. Eine ſonderbare Sitte herrſcht unter den Chinooks nicht nur, ſondern unter den meiſten Stämmen auf dieſem Theile der Küſte, nämlich das Plattdrücken der Stirne. Das Verfahren, wodurch man dieſe Verunſtaltung bewirkt, beginnt unmittelbar nach der Geburt. Das Kind wird in einen hölzernen Trog— eine Art Wiege— gelegt. Das Ende, auf welchem der Kopf ruht, iſt höher als der übrige Theil. Ein Polſter mit einem Stück Rinde darüber wird auf den Vorkopf des Kindes gelegt und durch Stricke niedergedrückt, welche durch Löcher gehen, die auf jeder Seite der Wiege angebracht ſind. Da das feſte Anliegen des Polſters und das Preſſen des Kopfes gegen das Holz allmählig geſchieht, ſo iſt das Verfahren, wie man erzählt, — 131— nicht mit vielen Schmerzen verbunden. Das Anſehen eines ſolchen Kindes während dieſes„gedrückten“ Zuſtan⸗ des iſt jedoch lächerlich häßlich, da, nach dem Berichte, „die kleinen ſchwarzen Augen durch das feſte Anziehen der Binden hinausgedrängt, denen einer Maus gleichen, die in der Falle ſteckt.“ Ein Jahr ungefähr, unter dieſer Preſſe zugebracht, reicht hin, die gewünſchte Wirkung hervorzubringen; nach Verlauf dieſer Zeit geht das Kind aus ſeinen Binden als ein vollkommener Plattkopf hervor und bleibt es ſein Lebenlang. Es muß jedoch bemerkt werden, daß dieſes Platten des Kopfes etwas ariſtokratiſch Bedeutſames in ſich ſchließt, wie das Einſchnüren der Füße bei den vor⸗ nehmen chineſiſchen Damen. Auf jeden Fall iſt es ein Zeichen der Freiheit. Keinem Sklaven iſt es verſtattet, ſeinem Kinde dieſe beneidenswerthe Verunſtaltung zu geben; alle Sklaven ſind daher Rundköpfe. Bei dieſem edlen Stamme der Chinooks brachten die zwei Theilhaber einen Theil des Tages ſehr angenehm hin. M'Dougal, welcher ſich auf ſeine Stellung und ſein Amt etwas zu gut that, hatte zu verſtehen gegeben, ſie ſtünden Beide an der Spitze einer großen Handels⸗Geſell⸗ ſchaft, welche im Begriffe ſei, ſich hier niederzulaſſen, und der ſcharfblickende, obgleich einäugige Häuptling, welcher bereits einige Uebung in dem Verkehre mit weißen Man⸗ nern hatte, fühlte ſofort das Räthliche, die Freundſchaft zweier ſo wichtiger Beſucher nicht von der Hand zu weiſen. . 9* Er bewirthete ſie daher, ſo gut er es nur konnte, mit einer Menge von Salm und Wappatu. Am nächſten Morgen, den ſiebenten Marz, ſchickten ſie ſich an, ihrem Verſprechen gemäß zu dem Schiffe zurück zu kehren. Sie hatten eilf Meilen der offenen Bay zu durchſchneiden; der Wind war friſch, die Wellen gingen hoch. Comcomly machte ſie auf die Gefahr aufmerkſam, welcher ſie ſich blos zu ſtellen im Begriffe waren. Sie waren jedoch entſchloſſen und fuhren ab, während der vorſichtige Häupt⸗ ling ihnen in einer kleinen Entfernung in ſeinem Kanoe folgte. Kaum mochten ſie eine Meile gerudert haben, als eine Welle über ihr Boot brach und es umſchlug. Sie waren dem Ertrinken nahe, beſonders M'Dougal, der nicht ſchwimmen konnte. Comcomly flog jedoch in ſeinem leichten Canoe über die Wellen wie ein Pfeil daher und entriß ſie einem feuchten Grabe. Sie wurden an das uUfer gebracht und ein Feuer angezündet, an welchem ſie ihre Kleider trockneten, worauf Comcomly ſie in das Dorf zurück begleitete. Hier wurde alles nur Erdenkliche gethan, um ſie die drei Tage, welche das ſchlimme Wetter ſie hier zurückhielt, zu unterhalten und zu bewirthen. Comcomly ließ ſeine Leute Poſſen aller Art vor ihnen aufführen und ſeine Weiber und Töchter boten alle die einſchmeichelnden und koſenden Künſte ihres Geſchlechtes auf, um vor ihren Augen Gnade zu finden. Einige malten ihre Körper ſogar mit rothem Thon und ſalbten ſich mit Fiſch⸗Oel, um ihren Reizen neuen Glanz — 133— zu geben. MDougal ſcheint ein Herz gehabt zu haben, welches für den Einfluß des zarteren Geſchlechtes nicht unempfänglich war. Wir erfahren nicht, ob es bei dieſer Gelegenheit zuerſt gerührt wurde oder nicht; allein es wird ſich im Laufe dieſes Werkes zeigen, daß eine der Töchter des gaſtfreien Comcomly wirklich an dem großen Eri der Amerikaniſchen Pelzhandels⸗Geſellſchaft eine Erobe⸗ rung machte. Als das Wetter ſich aufgeheitert hatte und die See ruhig geworden war, bemannte der einäugige Häuptling der Chinooks ſein Staats⸗Kanoe, und brachte ſeine Gäſte wohlbehalten zu dem Schiffe zurück, wo ſie freudig empfan⸗ gen wurden, denn man war ihretwegen in nicht geringer Beſorgniß geweſen. Comcomly und ſeine Leute wurden dann an Bord des Tonquin bewirthet und für ihre Gaſt⸗ freiheit und ihre Dienſte freigebig belohnt. Höchlich zufrie⸗ den kehrten ſie nach Hauſe zurück und verſprachen, gute Freunde und treue Verbündete der weißen Männer zu bleiben. — 135— Die Geſellſchaft ſetzte über den Fluß, landete und ſchlug in der Niederung einer kleinen Bay innerhalb Point George ihr Lager auf. Der Platz, wo der befeſtigte Poſten ſich erheben ſollte, lag auf einer dem Norden zugewandten Erhöhung und überſchaute die weite Bucht, ihre Sand⸗ Bänke, und die ſtürmiſchen Brandungen; das Vorgebirg, Cap Disappointment, fünfzehn Meilen entlegen, ſchloß die Ausſicht zur Linken. Die umliegende Gegend war in der ganzen Friſche des Frühlings; die Bäume hatten ihr jun⸗ ges Laub, das Wetter war prachtvoll und alles kleidete ſich für Leute in Wonne, welche ſich eben der langen Gefangenſchaft an Bord eines Schiffes überhoben ſahen. Der Tonquin ſuchte bald darauf das gefahrliche Bett des Fluſſes zu durchſchneiden und legte ſich in der kleinen Bay vor Anker, wo ihn das Lager mit drei Gewehr⸗Salven und dreimaligem Freuderuf begrüßte. Er gab den Gruß mit dreimaligem Hurrah und drei Kanonenſchüſſen zurück. Die ganze Mannſchaft ging jetzt an das Werk; Bäume wurden gefällt, Gebüſche ausgehauen und die Plätze für das Wohnhaus, das Waarenlager und das Pulvermagazin abgeſteckt; alle dieſe Gebäude ſollten aus Baumſtämmen aufgeführt und mit Baumrinde gedeckt werden. Andere brachten die Innhölzer, welche zu dem Spann des Küſten⸗ ſchiffes beſtimmt waren, an das Land und begannen die⸗ ſelben zuſammen zu ſetzen; während andere das Grundſtück zu dem Garten klärten und die manchfaltigen Sämereien dem Boden anvertrauten. Neuntes Kapitel. Point George.— Gründung von Aſtoria.— Indianiſcher Beſuch.— Aufnahme deſſelben.— Der Kapitän verbietet den Aufenthalt auf dem Schiffe.— Abfahrt des Tonquin.— Bemerkungen über das Benehmen des Kapitän Thorn. Der Bericht, welchen die zwei Theilnehmer von ihrem Ausfluge erſtatteten, veranlaßte den Entſchluß, das Han⸗ delsgebäude auf der Landzunge oder Point George aufzu⸗ führen. Es iſt wahr, dieſe Herren waren mit dem Platze nicht ganz zufrieden und wünſchten, ihre Nachforſchungen fortzuſetzen; Kapitän Thorn aber brannte vor Ungeduld, ſeine Ladung an das Land zu bringen und ſeine Reiſe fortzuſetzen, und ſetzte ſich eifrig allem entgegen, was er „Ausflüge zum Vergnügen“ nannte. Demzufolge wurde am zwölften April die Lantſch) mit allem, was der Zweck forderte, befrachtet und ſechzehn Perſonen fuhren in ihr ab, um die Niederlaſſung zu begründen, während der Tonquin, ſobald der Hafen gelo⸗ thet werden könnte, folgen ſollte. *) Art Barkaſſe. — 136— Der nächſte Gedanke war, der werdenden Hauptſtadt einen Namen zu geben; der zunächſt liegende und ſich von ſelbſt darbietende war der des Gründers und Unter⸗ ſtützers des ganzen Unternehmens. Sie wurde daher Aſtoria genannt. Die umwohnenden Indianer begannen jetzt den Platz zu umſchwärmen. Ein Theil von ihnen brachte einige wenige Häute von Land⸗Ottern und See⸗Ottern zum Austauſch; der Vorrath war eben ſehr knapp; die Mehr⸗ zahl ſtrömte herzu, um ihre Neugierde zu befriedigen, denn den Berichten zufolge ſind ſie unverſchämt neugierig, während nicht wenige in der bloßen Abſicht zu ſtehlen kamen, da die Geſetze über das Mein und Dein bei ihnen nur geringe Beachtung finden. Ganze Schaaren belager⸗ ten das Schiff in ihren Kanoes; unter ihnen befand ſich auch der Chinook⸗Häuptling Comcomly und ſeine getreuen Unterthanen. Dieſe fanden den beſten Empfang bei MDougal, der entzückt war, eine Gelegenheit zu haben, in ſeine Würden einzutreten und in den Augen ſeiner künftigen Nachbarn Wichtigkeit zu erlangen. Die Ver⸗ wirrung, welche auf dieſe Weiſe an Bord hervorgebracht wurde und die Unordnung, welche durch dieſen Kleinhandel der Ladung drohte, erregte den Aerger des Kapitäns, G welcher gegen den einaugigen Häuptling und ſeine ganze Sippſchaft die entſchiedenſte Verachtung hegte. Er beklagte ſich laut, daß ein Heer von„indianiſchen Lumpenberlen,“ die nicht über eine einzige Haut zu verfügen hätten, um 6 — 137— ſein Schiff ſich lagere, und verbot endlich auf das beſtimm⸗ teſte jede Art Handel und Tauſch an Bord. Darauf beeilte ſich M⸗Dougal an das Land zu ſteigen und ſchlug ſein Hauptquartier in dem Lager auf, wo er ſeine Rechte ausüben und ſeiner Würden ſich freuen konnte, ohne Jemanden Rechenſchaft ablegen zu müſſen. Der Zwiſt zwiſchen dieſen nebenbuhleriſchen Gewalten dauerte aber noch immer fort; man kämpfte jedoch mei⸗ ſtens brieflich. Tag um Tag und Woche um Woche verſtrichen, und doch waren die Lagerhaͤuſer, welche zur Aufnahme der Ladung nothwendig waren, noch nicht fertig und das Schiff wurde im Hafen zurückgehalten, während der Kapitän durch häufige Forderungen manchfacher Artikel zu dem Gebrauche der Niederlaſſung oder zu dem Ver⸗ kehre mit den Eingebornen geplagt und geärgert wurde. Eine hitzige Korreſpondenz fand ſtatt, in welcher er ſich bitter über den Zeitverluſt beklagte, der durch„Rauch⸗ und Luſt⸗Parthien,“ wie er die Ausflüge zur Erforſchung der Gegend nannte, und mit Klären und Herrichten des Gartenlandes und der Rübenfelder herbeigeführt werde, ſtatt die Abfahrt des Schiffes zu beſchleunigen. Endlich wurden alle dieſe Unannehmlichkeiten und Zwiſtigkeiten, wenn auch nicht zur Zufriedenheit, doch wenigſtens zur Beruhigung aller Theile beigelegt. Der für die Zwecke der neuen Kolonie beſtimmte Theil der Fracht wurde an das Land gebracht und es ſtand dem Kapitän nun frei, ſeine Reiſe fortzuſetzen. — — — — 138— Da der Tonquin an der Küſte aufwärts, gegen Nor⸗ den ſegeln ſollte, um in den verſchiedenen Häfen Pelz⸗ waaren aufzukaufen oder einzutauſchen, auf ſeiner Rückkehr im Herbſte aber Aſtoria wieder zu berühren hatte, wurde einmüthig feſtgeſetzt, daß M⸗Kay als Superkargadeur 2) mitgehen ſollte; Lewis wurde ihm als Schiffsſchreiber bei⸗ gegeben. Am erſten Juni lichtete das Schiff die Anker und ging die Baker's Bay hinab, wo es durch widrigen Wind einige Tage zurückgehalten wurde, frühe am Mor⸗ gen des fünften bei einem ſchönen Winde und mit ſchwel⸗ lenden Segeln in die See auslief und luſtig ſeine unglück⸗ liche Reiſe, von der es nie wieder kehren ſollte, antrat. Indem wir das Benehmen des Kapitäns Thorn noch einmal überblicken und ſeine grämlichen und oft wunder⸗ lichen Briefe durchlaufen, geſtaltet ſich der Eindruck, welchen das Ganze auf uns macht, im Allgemeinen ent⸗ ſchieden zu ſeinen Gunſten. Während wir über die Einfalt ſeines Herzens und die Beſchränktheit ſeiner Anſichten lächeln, welche ihn alles, was nicht auf dem graden Pfade ſeiner täglichen Pflicht und den ſtrengen Regeln des T Dien⸗ ſtes angemeſſen war, als geringfügig und unzuläſſig betrach⸗ ten ließ und ihn mit Verachtung gegen die aufgeblaſene Eitelkeit einiger ſeiner Mitgenoſſen und die literariſchen Beſchäftigungen und neugierigen Unterſuchungen Anderer *¼) Auf Kauffahrern der, welcher den Verkauf oder Aus⸗ tauſch der geladenen Waaren beſorgt. Ueberſ. — 139— erfüllte; können wir jener genauen und gewiſſenhaften Anhänglichkeit an die Intereſſen ſeines Dienſtherrn und an das, was er als den wahren Vorwurf des Unternehmens, dem er ſich geweiht hatte, betrachtete, nur unſern Beifall zollen. Dann und wann war er gewiß wegen der Rauh⸗ heit ſemes Benehmens und wegen des eigenwilligen Cha⸗ rakters ſeiner Maßregeln zu tadein; vieles jedoch, das in dieſem Theile ſeines Verhaltens Einwendungen zuläßt, muß den ſtrengen Dienſtbegriffen, welche ihm in jener tyranniſchen Schule, dem Kriegsſchiffe, beigebracht wurden, und der Auslegung zugeſchrieben werden, die ſeine Gefähr⸗ ten den Befehlen Aſtor's gaben und welche mit ſeiner eigenen ſo wenig übereinſtimmte. Auch ſcheint ſein Geiſt durch den Argwohn, welchen er hinſichtlich der Redlichkeit ſeiner Gefährten und der Art ihrer Endzwecke gefaßt hatte, zu einer faſt kleinlichen Reizbarkeit gebracht worden zu ſein; aber auch in dieſer Beziehung fehlt es nicht an umſtänden, welche ihn einigermaßen rechtfertigen. Die Verhältniſſe zwiſchen den Vereinigten Staaten und Groß⸗ britanien waren in jener Zeit in einem kritiſchen Zuſtande; die beiden Länder waren in der That einem Kriege ganz nahe. Mehrere Theilnehmer waren britiſche Unterthanen und mochten wohl bereit ſein, die Fahne, unter welcher ſie dienten, zu verlaſſen, wenn ein Krieg ausbräche. Das unſichere Gefühl, mit welchem ſie ſich in das gegenwär⸗ tige Unternehmen eingelaſſen, ſpricht ſich deutlich in dem Schritte aus, welchen ſie zu New⸗York gethan, als ſie — 140— ſich an den britiſchen Geſandten wendeten. Sie waren früher in Dienſten der Nordweſt⸗Compagnie geweſen und mochten geneigt ſein, ſich dieſer Geſellſchaft wieder anzu⸗ ſchließen, wenn die Ereigniſſe für die junge Niederlaſſung Aſtor's bedrohlich werden ſollten. Ueberdies ſteht die Thatſache feſt und wird uns durch einen der Theilhaber bekräftigt, daß manche von ihnen ſich ein boshaftes und unverantwortliches Vergnügen daraus machten, mit dem empfindlichen Charakter des Kapitäns ihr Spiel zu treiben und ihren Geſprächen und Handlungen, den Anſchein geheimnißvoller Berathungen und unheilvoller Bewegungen zu geben. Dieſe Umſtände glaubten wir anführen zu müſſen, um die Zweifel und den Argwohn des Kapitäns Thorn zu entſchuldigen, die ſonſt ſeltſam und unvernünftig erſchei⸗ nen würden. Die Mehrzahl der Theilhaber waren voll⸗ kommen redliche Männer und entſprachen durchaus dem Vertrauen, das man in ſie ſetzte; dennoch hatte der Kapitän mit ſeinem Argwohne nicht ſo ganz unrecht, und daß er ſich eine ziemlich richtige Anſicht von der Unbeſcholtenheit jenes hochſtrebenden Mannes, des MDougal, gebildet hatte, wird ſich in der Folge klar herausſtellen. — 141— Eilftes Kapitel. Beunruhigende Gerüchte aus dem Innern des Landes.— Ein Streifzug.— Der Handelsvpoſten ſoll erbaut werden.— Uner⸗ warteter Beſuch.— Ein Spion im Lager.— Ausflug in's Innere.— Ufer des Kolumbia.— Mount⸗Koffin.— Indiani⸗ ſches Grab.— Das Land der Geiſter.— Kolumbia⸗Thal.— Vancouven's Landſpitze.— Waſſerfälle und Stromſchnellen. Großer Fiſchmarkt.— Das Dorf Wisheram.— Wirkung des Handels auf den indianiſchen Charakter.— Poſten an dem . Dakinagan errichtet. Während die Aſtorier auf das emſigſte beſchäftigt waren, ihre Factorei und ihr Fort zu vollenden, brachte ein Indianer aus dem obern Theil des Fluſſes die Nach⸗ richt, eine Geſellſchaft von dreißig weißen Männern habe ſich an den Ufern des Kolumbia gezeigt und ſei bereits im Begriffe, an den zweiten Stromſchnellen Häuſer zu bauen. Dieſe Kunde verurſachte große Unruhe. Wir haben bereits erwähnt, daß die Nordweſt⸗Compagnie im Weſten des Felſengebirgs, in einem von ihnen Neu⸗Kale⸗ donien benannten Gebiete, welches ſich vom 52 bis zum 55. Grade nördl. Br. ausdehnte und innerhalb der briti⸗ ſchen Grenzen lag, Factoreien errichtet habe. Es war nun zu fürchten, ſie möchten in die amerikaniſchen Grenzen vorrücken und ihr Beſtreben dahin richten, von dem obern Theil des Fluſſes Beſitz zu nehmen und der amerikaniſchen Pelzhandels⸗Geſellſchaft in dieſem Gebiete zuvorkommen; in welchem Falle blutiger Streit zu erwarten war, wie er zwiſchen den nebenbuhleriſchen Pelzhandels⸗Geſellſchaften in früherer Zeit geherrſcht hatte. Ein Streifzug wurde den Fluß hinaufgeſchickt, um die Wahrheit dieſes Gerüchtes zu vergewiſſern. Sie kamen bis zu dem Anfange der erſten Stromſchnelle hin⸗ auf— ungefähr zwei hundert Meilen— konnten aber nichts von weißen Männern hören, die in der Gegend wären. Nicht lange nach ihrer Rückkehr hörte man aber von zwei wandernden Indianern weitere Nachrichten, welche keinen Zweifel mehr an der Thatſache zuließen, daß die Nordweſt⸗Compagnie an dem Spokanfluſſe, welcher in den nördlichen Arm des Kolumbia fällt, einen Handels⸗ poſten errichtet habe. Dieſe Nachricht wurde dadurch noch beunruhigender, daß die Aſtorier in ihrem hinſichtlich der Anzahl ſo beſchränkten Zuſtande und bei den Bedürfniſſen ihrer neuen Niederlaſſung nicht im Stande waren, Abtheilungen von Leuten in verſchiedene Richtungen zu verſenden, um das Land zu durchſtreifen und die zur Sicherung des Binnenhandels nöthigen Poſten genau zu beſtimmen. Es wurde jedoch beſchloſſen, auf jeden Fall jener Factorei an dem Spokan einen Gegenſtoß zu geben, und — 143— einer der Theilhaber, David Stuart, ſchickte ſich an, zu dieſem Zwecke mit acht Mann und einer kleinen Auswahl von Waaren aufzubrechen. Er ſollte von den zwei India⸗ nern begleitet werden, welche in der Gegend bekannt waren und ihn an einen Platz zu führen verſprachen, der nicht weit von dem Spokanfluſſe entfernt ſei und wo es eine Menge Biber gebe. Dort ſollte er ſein Zelt erbauen, und eine Zeitlang bleiben, vorausgeſetzt, daß er die Lage vortheilhaft und die Indianer freundlich faͤnde. Am fünfzehnten Juli, als Stuart faſt eben im Begriff ſtand, ſein Boot zu beſteigen, zeigte ſich ein Kanoe, das auf den Hafen anhielt und mit neun weißen Männern bemannt war. Viele Muthmaßungen wurden laut, wer dieſe Fremden ſein möchten, denn es war noch nicht an der Zeit, ihre eigenen Leute, die unter Hunt's Leitung den Weg über das Feſtland genommen, erwarten zu dürfen. Als das Kanoe näher kam, erkannte man die britiſche Flagge; nach dem Anlegen des Kanoes kam einer von der Bemannung an das ufer und kündigte ſich als David Thompſon, Aſtronomen und Theilhaber der Nord⸗ weſt⸗Compagnie, an. Seiner Erzählung zufolge war er im vergangenen Jahre mit einem ziemlich großen Geleite und einem Vorrathe indianiſcher Waaren aufgebrochen, um über dies Felſengebirg zu gehen. Ein Theil ſeiner Leute hatte ihn jedoch ſchon auf der öſtlichen Seite des Gebirgs verlaſſen und waren mit den Waaren in die nächſte Nordweſt⸗Factorei zurückgekehrt. Er war darauf beſtanden, mit acht Mann, die ihm treu geblieben, über das Gebirge zu gehen. Sie hatten die höhern Regionen überſchritten und ſich in die Nähe der Quelle des Kolumbia gewagt, wo ſie ſich im Frühjahr ein Cederkanoe gebaut, daſſelbe, in welchem ſie nach Aſtoria gekommen. Dies war in der That jene Geſellſchaft, welche von der Nordweſt⸗Compagnie abgeſendet worden, um Aſtor's Abſicht, eine Niederlaſſung an der Mündung des Kolumbia⸗ Fluſſes zu begründen, in aller Eile zuvorzukommen. Aus Nachrichten, welche man ſpäter aus andern Quellen geſchöpft, ſcheint es hervorzugehen, daß Thompſon ſeinen Weg raſtlos fortgeſetzt, in allen indianiſchen Dörfern, durch die er kam, vorgeſprochen, ihnen britiſche Fahnen geſchenkt, ſolche ſelbſt an den Gabeln der Flüſſe aufgepflanzt und förmlich verkündigt habe, er nehme im Namen des Königs von Großbritanien für die Nordweſt⸗Compagnie Beſitz von dem Lande. Da ſein urſprünglicher Plan durch das Entlaufen ſeiner Leute geſcheitert war, ſo iſt es wahr⸗ ſcheinlich, daß er den Fluß herab kam, um blos zu erſpähen und ſich zu vergewiſſern, ob eine amerikaniſche Nieder⸗ laſſung begründet worden. Thompſon war ohne Zweifel der erſte weiße Mann, welcher auf dem nördlichen Arm des Kolumbia⸗Fluſſes, aus einer ſo kleinen Entfernung von ſeiner Quelle, herab gekommen war. Lewis und Clarke ſtießen bei den Gabeln, ungefahr vier hundert Meilen von der Mündung auf den — 145— Hauptfluß. Sie kamen vom Lewis⸗Fluſſe, ſeinem ſüdlichen Arm, in denſelben und fuhren von da abwärts. Obgleich Thompſon kaum fuͤr etwas Beſſeres als einen Spion in dem Lager angeſehen werden konnte, ſo wurde er mit großer Herzlichkeit von M'Dougal auf⸗ genommen, welcher in ſeinem Innern der Nordweſt⸗ Compagnie gewogen und der ehemaligen Verbindung heimlich ſehr eingedenk war. Er lud ihn in das„Haupt⸗ quartier“ ein, wo er und ſeine Leute gaſtfrei bewirthet wurden. Ja, da er ſich in einigermaßen bedrängten uUmſtänden befand, verſorgte ihn M'Dougal ſogar mit Waaren und Vorräthen für ſeine Rückreiſe über das Gebirg, den Wünſchen David Stuart's ſehr entgegen, welcher der Anſicht nicht war, daß die Abſicht ſeines Beſuchs ihn zu irgend einer Gunſt berechtige. Am drei und zwanzigſten Juli trat Stuart ſeine Reiſe in das Innere an. Seine Begleitung beſtand aus vier Commis, Pillet, Roſſ, M'Lennon und Montigny, zwei kanadiſchen Reiſenden und zwei Eingebornen von den Sandwich⸗Inſeln. Sie hatten drei Kanoes, die mit Vorrathen, Waaren und andern zur Errichtung einer Faktorei nöthigen Dingen befrachtet waren. Thompſon und ſeine Leute brachen mit ihnen auf, da er grade nach Montreal reiſen wollte. Die Theilhaber zu Aſtoria beförderten durch ihn einen Brief an Aſtor, worin ſie ihn kurz von ihrer glücklichen Ankunft an der 57.— 59. 10 — 146— Mündung des Kolumbia benachrichtigten und meldeten, daß ſie von Hunt noch nichts gehört. Das kleine Geſchwader von Kanoes ging bei günſtigem Winde unter Segel und kam bald an Tongue⸗Point vorüber, einem langen, hohen, felſigen Gebirgsvorſprung, der mit Bäumen bedeckt war und weit in den Fluß hin⸗ ausragte. Ihm gegenüber, auf dem nördlichen Ufer, iſt eine tiefe Bucht, wo die Kolumbia zur Zeit der Entdeckung Anker warf, und welche noch jetzt, nach dem Namen des Befehlshabers, Gray's Bay genannt wird.. Hier wendet ſich der Fluß und nimmt ungefähr ſieb⸗ zig Meilen weit eine faſt ſüdöſtliche Richtung; ſeine Breite wechſelt nach den verſchiedenen Buchten und Einſchnitten und das Bett iſt für Schiffe von drei hundert Tonnen tief genug. Die Ufer waren an manchen Stellen felſig und ſteil, während unten niedrige, moraſtige, der Ueber⸗ ſchwemmung unterworfene und mit Weiden⸗Pappeln und andern Bäumen, die auf angeſchwemmtem Boden fort⸗ kommen, bedeckte Inſeln ſich ausbreiteten. Zuweilen wichen die Berge zurück und ſchöne Ebenen und edle Wälder traten an ihne Stelle. Waͤhrend der Rand des Ufers mit Bäumen von buntem Laubwerk reich bekränzt war, waren die rauhen Hochebenen mit majeſtätiſchen Fichten und Tannen von rieſenhafter Größe bedeckt, deren manche ſich zu einer Höhe von zwei bis drei hundert Fuß erhoben und eine verhältnißmäßige Dicke hatten. Aus ihnen machen die Indianer ihre Kanoes und Piroguen. — 147— Auf ihrer Fahrt kamen ſie an einem auf dem nörd⸗ lichen Ufer einſam liegenden Felſen vorbei, der gegen hundert und fünfzig Fuß hoch war, ſich auf einem nied⸗ rigen moraſtigen Boden erhob und mit den Bergen umher in gar keiner Verbindung ſtand. Dieſer Fels ſtand bei den benachbarten Indianern in hohen Ehren, da er einer ihrer Hauptbegräbnißplätze war. Dieſelbe zärtliche und wachſame Sorgfalt für die Verſtorbenen, welche bei den Jägerſtämmen der Prairien herrſcht, wird auch bei den Fiſcherſtämmen der Flüſſe und Seeküſten gefunden. Bei den Erſtern wird das Lieblingspferd des Jägers mit ihm in demſelben Grabhügel beigeſetzt, und ſeine Bogen und ſeine Pfeile werden ihm an die Seite gelegt, damit er vollſtändig für die ſeligen„ Jagdgründe“ in dem Lande der Geiſter ausgerüſtet ſey. Bei den Letztern wird der Indianer in ſeinen Ueberwurf von Häuten gehüllt, in ſein Kanoe gelegt, der Riemen und die Fiſcherlanze und anderes Geräthe zur Seite und hoch auf einen Fels oder eine Anhöhe geſtellt, welche den Fluß, oder die Bucht, oder den See, wo er gefiſcht, überſchaut. Er iſt auf dieſe Weiſe in den Stand geſetzt, jene ſtillen Ströme und ſonnigen Seen zu beſchiffen, die von allen Arten Fiſchen und Waſſervögeln wimmeln und welche in der nächſten Welt derer harren, welche ſich während ihres Erdenlebens als gute Söhne, gute Väter, gute Ehegatten und, vor Allem, als gute Fiſcher erwieſen haben. Der erwaͤhnte einſame Fels bot ein Schauſpiel dieſer 10* — 148— Art; auf ſeinem Gipfel waren zahlloſe Leichen in ihren Kanoes ausgeſtellt und auf Pfählen um dieſelben hingen Trophäen oder vielmehr Leichengeſchenke— manchfache Flitter, Kleider, Körbchen mit Wurzeln und andere Gegen⸗ ſtände zum Gebrauche für den Todten. Ein Gefühl der Ehrfurcht ſchützt dieſe frommen Oerter vor Beſchädigung und Beraubung. Die Freunde des Verſtorbenen, beſon⸗ ders die Frauen, begeben ſich einige Zeit nach dem Tode jeden Tag zweimal, bei Sonnenaufgang und Sonnen⸗ untergang dahin, ſingend den Todtengeſang und laſſen lautes Wehklagen und Schmerzenstöne hören. Wegen der Menge Leichen in Kanoes, welche die erſten Beſucher dieſer Gegend auf der Höhe des Felſen ſahen, nannten ſie ihn Mount Coffin(Sarg⸗Berg), ein Name, welchen er noch jetzt trägÄt. Jenſeits dieſes Felſen kamen ſie an dem rechten Ufer des Kolumbia an der Mündung eines Fluſſes vorbei, welcher in einem entfernten Gebirg zu entſpringen ſchien, das mit Schnee bedeckt war. Der indianiſche Name dieſes Fluſſes war Cowleskee. Einige Meilen weiter kamen ſie zu dem großen Kolumbia⸗ Thal, das dieſen Namen von Lewis und Clarke erhalten. Es iſt ſechszig Meilen hreit und erſtreckt ſich weit nach Süd⸗ ſüd⸗weſt, zwiſchen gleich laufenden Bergketten, welche es öſtlich und weſtlich begren⸗ zen, hinlaufend. Durch die Mitte dieſes Thals floß ein — 149— breiter, ſchöner Fluß, der Wallamot*) genannt, der ſich viele hundert Meilen durch ein noch unbekanntes Land daherſchlängelte. Die geſchützte Lage dieſes unermeßlichen Thales hatte eine ſichtbare Wirkung auf ſein Klima. Es war eine Gegend von großer Schönheit und Uexpigkeit, mit Seen und Teichen und grünen Auen, von edeln Baumgruppen umſchattet. Manchfache Stämme wohnten, wie man erzählte, in dieſem Thale und die Ufer des Wallamot entlang. Gegen acht Meilen über der Mündung des Wallamot erreichte das kleine Geſchwader Vancouver's Point, zu Ehren des berühmten Reiſenden von ſeinem Lieutenant (Broughton), als er den Fluß unterſuchte, ſo benannt. Dieſer Punkt ſoll eine der ſchönſten Scenerien an dem Kolumbia⸗Fluſſe darbieten; eine liebliche Aue umgibt einen Silberſpiegel klaren Waſſers, das von wildem Geflügel belebt wird; eine Kette von Bergen iſt mit Wald gekrönt, und die Ausſicht ſchließt der Mount⸗Hood, ein prachtvoller Berg, welcher in eine hohe Kuppe ausläuft, die mit Schnee bedeckt iſt— die letzte Landmarke der erſten weißen Beſucher des Fluſſes. Point Vancouver liegt gegen hundert Meilen von Aſtoria. Von hier an bemerkt man die Wirkung von Ebbe und Fluth nicht mehr. Schiffe von zwei bis drei ½) Wallaͤmot auszuſprechen, da der Accent auf der mitt⸗ leren Sylbe ruht. Verf. — 150— hundert Tonnen Laſt können bis hierher gehen. Unſere Reiſenden brauchten drei oder vier Tage, um dieſen Punkt zu erreichen, obgleich wir nicht im Stande waren, ihre Tagreiſen und ihre Nachtlager näher zu bezeichnen. Von Point Vancouver wendete ſich der Fluß nach Nordoſt; die Ufer traten näher zuſammen, die Strömung wurde raſcher und die Sandbänke häufiger; dann und wann trat eine Inſel herein. Auf den Letztern ſahen ſie eine Menge von Teichen, welche in gewiſſen Jahreszeiten von Schwänen, Gänſen, Baumgänſen, Kranichen, Möwen, Kibitzen und anderm wilden Geflügel wimmeln. Auch die Ufer ſind niedrig und dicht bewaldet und der Unterwuchs von Reben und Binſen ſo dicht, daß man kaum durch⸗ dringen kann. Gegen dreißig Meilen über Point Vancouver nähern ſich die Berge abermals auf beiden Seiten des Fluſſes, der von ungeheuern Felſenabhängen begrenzt wird, die mit Fichten und weißen Cedern bedeckt ſind und dann und wann durch ſchöne Waſſerfälle belebt werden, die aus einer großen Höhe niederſtürzen und Wolken von Dunſt und Nebel emporſenden. Einer dieſer Abhänge oder Klippen iſt durch Zeit und Wetter ſeltſam mitgenommen, er hat ganz das Ausſehen einer zertrümmerten Feſte mit Thürmen und Zinnen und ſteht hoch über dem Flußufer empor, während zwei kleine Waſſerfälle, hundert und fünfzig Fuß hoch aus den Spalten der Felſen nieder⸗ brauſen. — 151— Das Wilde, Tobende und ungeſtüme der Strömung nahm zu, je weiter ſie vorrückten und war den Reiſenden ein Fingerzeig, daß ſie ſich den großen Hemmungen des Fluſſes näherten, und endlich erreichten ſie die Straw⸗ berry⸗Inſel*), von Lewis und Clarke ſo genannt, die an dem Fuß der erſten Schnelle liegt. Da von dieſem Theil des Kolumbia⸗Fluſſes im Laufe dieſes Werkes öfter die Rede ſeyn wird, indem er der Schauplatz mancher zu erzählenden Vorfälle iſt, wollen wir hier eine allgemeine Beſchreibung davon entwerfen. Die Fälle oder Schnellen des Kolumbia liegen gegen hundert und achtzig Meilen über der Mündung des Fluſſes. Zuerſt kömmt ein ſenkrechter Waſſerfall von zwanzig Fuß Höhe, worauf ein raſcher Abſturz, eine Meile lang, zwi⸗ ſchen Inſeln von hartem, ſchwarzem Fels folgt, wo wieder ein Sturz von acht Fuß iſt, der durch zwei Felſen getheilt wird. Gegen dritthalb Meilen unter ihm breitet ſich der Fluß in ein weites, anſcheinend durch einen ſenkrechten Grat ſchwarzen Felſes aufgedämmtes Baſin aus. Eine Strömung treibt aber ſchräge nach der linken Seite dieſer Felſenbarre, wo ein fünf und vierzig Fuß breiter Schlund iſt. Durch dieſen brauſt eine ganze Strecke die geſammte Maſſe des Fluſſes ſchäumend, ſprudelnd, brüllend und kochend in dem wildeſten Ungeſtüm dahin. Durch dieſen 8) Die Erdbeeren⸗Inſel. — 152— furchtbaren Paß ſchifften die unerſchrockenen Reiſenden, Lewis und Clarke, in ihren Booten wohlbehalten hindurch, da die Gefahr nicht ſowohl von den Felſen, als von den mächtigen Wellen und Wirbeln herrührt. In einer Entfernung von anderthalb Meilen von dem Ausgange dieſes Felſenpaſſes iſt eine von zwei felſigen Inſeln gebildete Schnelle und zwei Meilen weiter iſt ein zweiter großer Fall über eine zwanzig Fuß hohe Felſen⸗ ſchicht, welche ſich faſt von einem Ufer bis zu dem andern erſtreckt. Der Fluß wird wieder in ein von fünfzig bis zu hundert Fuͤß weites Bett zuſammengedrängt, das aus rauhem, hartem, ſchwarzem Fels beſteht und durch welches er eine Strecke von drei Meilen mit großer Wuth dahin brauſt und ſchäumt. Dies heißt man„die langen Engen.“ Hier iſt der große Fiſchfang des Kolumbia⸗Fluſſes. Im Frühling, wenn der Waſſerſtand hoch iſt, ſteigt der Salm in unglaublicher Menge den Fluß herauf. Wahrend die Fiſche durch dieſe enge Straße kommen, heben die Indianer, welche auf den Felſen oder an dem Ende von hölzernen, vom Ufer vorſpringenden Gerüſten ſtehen, ſie mit kleinen Netzen, die an Reifen befeſtigt ſind und an langen Handhaben hängen, aus, und werfen ſie an das Ufer. Sie werden dann eingeſalzen und auf eigenthümliche Weiſe verpackt. Wenn die Eingeweide ausgenommen ſind, werden ſie auf Gerüſten, die dem Ufer entlang aufgeſtellt ſind, der Sonne ausgeſetzt. Nachdem ſie hinreichend getrocknet ſind, werden ſie zwiſchen zwei Steinen zermalmt, — — 153— in den kleinſten Raum zuſammengepreßt und in Körbe oder Ballen von Grasmatten, gegen zwei Fuß lang und einen breit und mit der geſalzenen Haut eines Salms eingefaßt, verpackt. Der obere Theil iſt gleichfalls mit Fiſchhaut bedeckt und mit Stricken befeſtigt, welche durch, in den Ecken des Korbes angebrachte Löcher gehen. Dann werden Päcke gemacht, deren jeder zwölf dieſer Ballen, ſieben unten und fünf oben, enthält; man preßt ſie zuſammen, die Seite, wo die Stricke ſind, ſtets aufwärts gekehrt, ſchlägt ſie in Matten und bindet ſie mit Stricken. Dieſe werden nun an trockne Stellen gebracht und wieder mit Matten bedeckt. Jeder dieſer Päcke enthält neunzig bis hundert Pfund getrockneter Fiſche, welche ſich auf dieſe Weiſe mehrere Jahre halten.*) Wir haben dieſes Verfahrens, wie es die erſten Beſucher dieſer Gegenden angeben, ausführlich erwähnt, weil es von Fertigkeit und Uebung in Bereitung von Handels⸗ artikeln für den Markt zeugt, wie man bei unſern urbewohnern ſie ſelten findet. Aus gleichem Grunde gedenken wir vorzüglich auch des Dorfes Wish⸗ram, am Anfange der„langen Engen“, da es ein einziges Beiſpiel eines landeseigenen Handelsmarktes oder Stapelplatzes iſt. Hier wurden die in den benachbarten Schnellen gefangenen Salme aufgeſtapelt, um der Käufer zu harren. Hierher ) Lewis and Clarke, Voy. vol. II. p. 32. Der Verf. — 154— begaben ſich die Stämme von der Mündung des Kolumbia mit den Fiſchen von der Seeküſte, den Wurzeln, den Beeren, beſonders der Wappatu, die ſie in den untern Theilen des Fluſſes geſammelt, ſo wie mit dem Flitter⸗ kram und den Waaren, welche ſie von den Schiffen, die. zufällig an die Küſte kamen, eintauſchten, oder als Geſchenk erhielten. Hierher brachten auch die Stämme von dem Felſengebirge Pferde, Bärenfett, Bergpfeffer und andere Artikel der inneren Landestheile. Die handeltreibenden Fiſcher an den Schnellen übernahmen die Stelle der Unterhändler“ oder Geſchäftsführer und beförderten die Gegenſtände des Handels von einer Hand in die andere, indem ſie die von den Bergſtammen erhaltenen Waaren an die Indianer der Ebenen und Küſten abgaben, und umgekehrt; ihre Päcke mit zermalmtem Salm machten einen nicht kleinen Theil dieſes Verkehrs aus und fanden, wenn ſie in entgegengeſetzte Richtungen weggebracht worden waren, den Weg zu den wilden Jagd⸗Lagern weit in dem Innern, und zufällig zu den weißen Handelsleuten, welche die Küſten berührten. Wir haben bereits gewiſſer entgegengeſetzter Charakter⸗ eigenthümlichkeiten der Indianiſchen Stämme gedacht, welche ihren Grund in ihren Lebensmitteln und ihrer Lebensweiſe haben; nirgends möchten ſie wohl ſchärfer in das Auge ſpringen, als in der Gegend der Schnellen des Kolumbia⸗Fluſſes. Die Indianer dieſes großen Fiſch⸗ marktes werden von den erſten Beſuchern als ſanfter und — 155— behaglicher, aber minder kühn und thätig geſchildert, denn die Gebirgs⸗ und Prairien⸗Stämme, welche von der Jagd leben, oder die von den obern Theilen des Fluſſes, wo die Fiſche ſeltner ſind, und die Bewohner ihre Nahrungs⸗ mittel ſich mühſam durch das Ausgraben von Wurzeln und das Jagen des Hirſches verſchaffen müſſen. In der That, wenn ein Indianer aus den obern Gegenden zu träg iſt, um zu jagen und doch gerne gut leben möchte, begibt er ſich zu den Schnellen, um ohne Mühe und Arbeit in Ueberfluß zu leben. „Von ſolchen werthloſen Schelmen wie dieſe“, ſagt ein ehrlicher Handelsmann in ſeinem vor uns liegenden Tagebuche,—„von ſolchen werthloſen Schelmen, wie dieſe, ſind dieſe bekannten Fiſcherorte bevölkert, welche, wie unſere großen Städte, mit allem Recht das Haupt⸗ auartier verderbter Grundſätze genannt werden können.“ Häufiger Handel und Wandel und die Gier nach Gewinn haben ihren verderblichen Einfluß ſelbſt in der Wildniß, wie die Mitglieder des patriarchaliſchen Stapel⸗ platzes darthun; denn der Verfaſſer des genannten Tage⸗ buchs nennt ſie„freche, unverſchämte Schurken, welche ſtehlen, wenn ſie können, und plündern, ſo oft eine nicht zahlreiche Reiſegeſellſchaft in ihre Hände fällt.“ Daß er ſie nicht verläumdet, wird ſich ſpäter heraus⸗ ſtellen, wenn wir wieder Gelegenheit haben, Wish⸗ram zu berühren und die Schnellen zu befahren. Jetzt bewirkten unſere Reiſenden die beſonders durch mehrfaches Ausladen — 156— der Waaren u. ſ. w. mühſame Auffahrt an dieſem Theile des Fluſſes ohne Beläſtigung und fuhren wieder auf glattem Waſſer über den Fällen fröhlich dahin. Die zwei Geſellſchafter ſetzten ihre Reiſe ohne weſent⸗ liche Hinderniſſe drei bis vier hundert Meilen weiter den Kolumbia⸗Fluß hinauf, mit einander fort; Thompſon ſchien einen großen Antheil an dem Erfolge der Plane Stuarts zu nehmen, und deutete ihm Plätze an, welche, wie er ſagte, für die Errichtung ſeiner beabſichtigten Factorei günſtig wären. Stuart, welcher ſeine Aufrichtigkeit in Zweifel zog, gab endlich vor, als billigte er ſeinen Rath, nahm Abſchied von ihm und blieb zurück, als wollte er die Niederlaſſung beginnen, während der Andere ſeinen Weg gegen das Gebirge fortſetzte. Er war jedoch kaum abgereiſt, ſo eilte Stuart, von den zwei Indianern geleitet, ſogleich weiter und hielt nicht eher an, als bis er noch gegen hundert und vierzig FJuß von dem Spokanfluſſe entfernt war, wo er ſich nahe genug glaubte, um die Factorei der Nebenbuhler in Schach zu halten. Der Platz, welchen er zu einem Handelspoſten aus⸗ erſehen, war eine ungefähr drei Meilen lange und zwei Meilen breite Landſpitze, welche durch den Zuſammen⸗ fluß des Oakinagan mit der Kolumbia gebildet wurde. Der Erſtere iſt ein Fluß, welcher gegen hundert und fünfzig Meilen weſtlich von der Einmündung in einen bedeutenden See ſeinen Urſprung hat. Die beiden Flüſſe — 157— ſind in der Gegend, wo ſie ſich mit einander verbinden, von ausgedehnten Prairien begrenzt, welche mit Gras bedeckt, aber ohne alle Bäume ſind. Die Umgegend ſelbſt war mit Blumen jeder Farbe geſchmückt, in welchen zahl⸗ loſe Honigſauger„faſt den ganzen lieben langen Tag ſchmauſtten.“ Die Lage dieſes Punktes ſchien für einen Handels⸗ poſten ganz geeignet zu ſeyn. Das Klima war geſund, der Boden fruchtbar. Die Flüſſe boten reichlichen Fiſch⸗ fang, und die Eingebornen zeigten ſich friedlich und freund⸗ lich. Verbindungen boten ſich leicht dar durch die obern Waſſer des Kolumbia und den Seitenfluß Oakinagan, während der erſtere Fluß abwärts einen ſtets offenen Weg nach Aſtoria ſicherte. Stuart und ſeine Leute benutzten daher das Treib⸗ holz, das ſich in großer Menge an den benachbarten Wendungen des Fluſſes geſammelt hatte, und begannen ein Haus zu bauen, das nach kurzer Zeit zu ihrer Woh⸗ nung hinreichend eingerichtet war; und ſo entſtand der erſte innere Handelspoſten der Geſellſchaft. Wir kehren nun an die Mündung des Kolumbia⸗ Fluſſes zurück, um des Fortgangs der Dinge dort zu gedenken. Eilftes Kapitel. Schrecken zu Aſtoria.— Gerücht von indianiſchen Feindfelig⸗ keiten.— Vorbereirungen zur Vertheidigung.— Trauriges Schickſal des Tonquin. Die Abfahrt des Tonquin und die Abreiſe David Stuart's und ſeiner Begleitung brachten eine auffallende Wirkung auf die Angelegenheiten zu Aſtoria hervor. Die Eingebornen, welche den Platz bisher umſchwärmt hatten, begannen ſich augenblicklich zu verlieren, und bald war nicht ein einziger Indianer mehr zu ſehen. Man ſchrieb dies anfangs dem Mangel an Pelzwerk behufs des Aus⸗ tauſches zu; aber ſehr bald wurde das Geheimniß auf eine beunruhigende Weiſe aufgehellt. Unter den benach⸗ barten Stämmen ſollte eine Verſchwörung im Werke ſein, um die weißen Männer, deren Zahl nun ſo bedeutend vermindert war, mit vereinter Kraft anzugreifen. Zu dieſem Zwecke hatte, unter dem Vorwande, Störe zu fangen, in einer nicht fern gelegenen Bucht eine Verſamm⸗ lung von Kriegern ſtatt, und ganze Flotten von Kanoes ſollten aus dem Norden und Süden zu ihnen ſtoßen. Selbſt Comcomly, der einäugige Häuptling, war trotz ſeiner angeblichen Freundſchaft für M'Dougal, in ſtarkem — 159— Verdachte, bei dieſem großen Plane die Hand im Spiele zu haben. Die Aſtorier, durch die Gerüchte einer ſo bedrohlichen Gefahr beunruhigt, ließen von ihren regelmäßigen Arbei⸗ ten ab und begannen in aller Eile, zeitige Anſtalten zur Vertheidigung zu treffen und darauf zu denken, ſich zu ſchützen. In dem Laufe weniger Tage hatten ſie ihr Wohnhaus und die Magazine mit einem Pfahlzaun von neunzig Fuß im Viereck, von zwei Baſtionen flankirt, umgeben, und die letzteren mit vier Vierpfündern verſeben Jeden Tag übten ſie ſich in dem Gebrauche ihrer Waffen, um ſich für den militäriſchen Dienſt geeignet zu machen; während der Nacht bargen ſie ſich in ihrer Feſtung und ſtellten Wachen aus, um gegen jede Ueberraſchung geſichert zu ſein. Auf dieſe Weiſe hofften ſie, ſelbſt in dem Falle eines Angriffs, im Stande zu ſein, ſich bis zur Ankunft Hunt's und ſeiner Begleitung, der von dem Felſengebirge erwartet wurde, oder bis zur Rückkehr des Tonquin zu halten. Die Hoffnung, welche man auf den letzern ſetzte, ſollte aber bald zerſtört werden. Früh im Auguſt zeigte ſich eine wandernde Schaar Wilder von der Meerenge von Juan de Fuca, an der Mündung des Kolumbia⸗ Fluſſes, wohin ſie des Störfangs wegen kamen. Sie brachten von dem Tonquin unglückliche Nachrichten, die man anfangs als bloße Mährchen behandelte, welche aber bald durch einen andern Stamm, der einige Tage ſpäter kam, ihre traurige Beſtätigung erhielten. Wir werden — 160— hier die Einzelnheiten über dieſen traurigen Vorfall mit ſo viel Genauigkeit mittheilen, als es die zufälligen Abwei⸗ chungen in den Nachrichten, die auf uns gekommen ſind, erlauben. Wir haben ſchon bemerkt, daß der Tonquin am fünf⸗ ten Juni die Mündung des Kolumbia verließ. Die Geſammtzahl der Perſonen an Bord belief ſich auf drei⸗ undzwanzig. In einer der äußeren Buchten nahmen ſie einen Indianer, Lamazen genannt, welcher ſchon zwei Rei⸗ ſen die Küſte entlang gemacht hatte und etwas von der Sprache der verſchiedenen Stämme verſtand, an Bord. Er willigte ein, ſie als Dolmetſcher zu begleiten. Kapitän Thorn hielt einen nördlichen Cours ein, kam nach wenigen Tagen zu Vancouver's Inſel, und warf in dem Hafen von Neuweet, ganz gegen den Rath des Indianers, welcher ihn vor dem treuloſen Charakter der Eingebornen dieſes Theils der Küſte warnte, Anker. Eine Menge Kanoes ſtrömten bald herzu und man wetteiferte, Seeotterfelle zum Verkaufe anzubieten. Der Tag war ſchon zu weit vorgerückt, um noch mit Geſchäften anzu⸗ fangen, aber M'Kay, von einigen der Leute begleitet, ſtieg an das Land und begab ſich in ein großes Dorf, um Wica⸗ naniſh, den Häuptling des umliegenden Gebietes zu beſu⸗ chen, während ſechs Eingeborne als Geiſeln an Bord blieben. Er wurde mit den lebhafteſten Freundſchafts⸗ verſicherungen empfangen, gaſtfrei bewirthet und man bereitete ihm ein Lager von Seeotterfellen in der Wohnung — 161— es Häuptlings, wo man ihn vermocht hatte die Nacht hinzubringen. Am nächſten Morgen, ehe MKay auf das Schiff zurückgekehrt war, fanden ſich eine große Menge Einge⸗ borner in ihren Kanoes ein, um Pelzwerk zu verkaufen; an ihrer Spitze waren die zwei Söhne Wicananiſh's. Da ſie eine große Anzahl von Seeotterfellen brachten und es den Anſchein hatte, als würde der Verkehr ſehr leben⸗ dig werden, wartete Kapitän Thorn nicht auf M'Kay's Rückkehr, ſondern legte ſeine Waaren auf dem Verdecke aus und zeigte in verführeriſcher Anordnung Blankets, Tücher, Meſſer, Glaskorallen, Fiſchangeln und dergleichen, eines ſchnellen und einträglichen Kaufs gewärtig. Die Indianer waren aber nicht ſo beeilt und ſo einfältig, wie er es erwartet hatte, denn durch die zeitlichen Beſuche der Küſtenhändler hatten ſie die Kunſt zu feilſchen und den Werth der Waaren kennen gelernt. Auch ließen ſie ſich von einem verſchmitzten alten Häuptlinge, Namens Nookamis, leiten, der im Handel mit Seeleuten aus Neu England grau geworden war und mit ſeinem ſcharfen Blick prahlte. Seine Anſicht ſchien den Markt zu regu⸗ liren. Als Kapitän Thorn für ein Seeotterfell ein, wie er glaubte, ſehr freigebiges Gebot that, wieß es der ſchlaue alte Indianer mit Verachtung zurück und forderte mehr als das doppelte. Seine Gefährten folgten durchweg ſeinem Beiſpiele und nicht ein einziges Otterfell war um einen billigen Preis zu erhalten.— 57.— 59. 11 — 162— Der alte Burſche ſchoß jedoch über das Ziel und irrte ſich in dem Charakter des Mannes, mit welchem er zu thun hatte. Thorn war ein einfacher, biederer und derb⸗ grader Seemann, der nie einen zweifachen Sinn noch zweifache Preiſe zu Markt brachte; er beſaß weder Geduld noch Fügſamkeit, und an den Ränken des Feilſchens und Handelns fehlte es ihm ganz und gar. Er hatte eine bedeutende Gabe herben, aber biedern Stolzes in ſeinem Charakter und betrachtete überdies die ganze wilde Raſſe mit der höchſten Verachtung. Er gab daher alle fernere Verſuche, mit dieſen trodelhaften Kunden zu verkehren, auf, ſteckte ſeine Hände in ſeine Taſchen und ging in mürriſchem Schweigen auf dem Decke auf und ab. Der liſtige alte Indianer folgte ihm hin und her, hielt ihm bei jedem Umdrehen ein Otterfell vor die Augen und quälte ihn, einen Handel abzuſchließen. Da alle Mittel nicht anſchlagen wollten, änderte er piötzlich den Ton und begann, ihn wegen der niedrigen Preiſe, welche er bot, zu ſchrau⸗ ben und aufzuziehen. Dies war zu viel für die Geduld des Kapitäns, welcher ſich nie wegen ſeines Behagens an einem Scherze, beſonders wenn er auf ſeine Koſten gemacht wurde, ausgezeichnet hatte. Er wandte ſich plötz⸗ lich gegen ſeinen Verfolger, riß ihm das angebotene Otter⸗ fell aus den Häanden, zerrieb ihm das Geſicht damit und entſandte ihn über die Seite des Schiffes mit einem eben nicht ſehr höflichen Mittel, ſeinen Abtritt zu beſchleunigen. Dann warf er die Pelze rechts und links auf das Deck — 163— und machte dem Markte auf die ſchimpflichſte Weiſe ein Ende. Der alte Nookamis eilte in dem wüthendſten Zorne an das Land; gleiches Gefühl beſeelte Shewiſh, einen der Söhne von Wicananiſh, der Rache ſchnaubend forteilte; bald war das Schiff von den Eingebornen verlaſſen. Als MeKay an Bord zurückkam, erzählte ihm der Dolmetſcher, was vorgefallen war, und bat ihn, den Kapi⸗ tän zu beſtimmen, in See zu ſtechen, da er, nach ſeiner Bekanntſchaft mit dem Charakter und dem Stolze des Volkes dieſer Gegend, ſich für überzeugt hielt, daß ſie den, 3 einem ihrer Häuptlinge angethanen Schimpf rächen wür⸗ den. MKay, der ſelbſt mit dem Charakter der Indianer nicht ganz unbekannt war, ging zu dem Kapitän, welcher noch in düſterer Laune auf dem Verdecke auf⸗ und abging, ſtellte ihm die Gefahr vor, in welche ſein raſches Beneh⸗ men das Schiff verſetzt hatte, und drang in ihn, die Anker zu lichten. Der Kapitän nahm ſeinen Rath leicht hin und deutete auf ſeine Kanonen und Gewehre als hinreichenden Schutz gegen nackte Wilde. Fernere Vorſtellungen hatten nur höhnende Antworten und bittern Zank zur Folge. Der Tag verging ohne irgend ein Zeichen von Feindſelig⸗ keit und am Abend begab ſich der Kapitän wie gewöhnlich in ſeine Kajüte, ohne andere als ſeine gewohnten Vor⸗ ſichtsmaßregeln zu treffen. An dem folgenden Morgen, bei Tagesanbruch, wäh⸗ rend der Kapitän und MoKay noch ſchliefen, kam ein 11* — 161= Kanoe mit zwanzig Indianern bemannt und von dem jungen Shewiſh befehligt, an die Seite des Schiffes. Sie waren unbewaffnet, ihre Mienen, ihr Benehmen freundlich; ſie hielten Otterfelle empor und gaben Zeichen, welche ihren Wunſch ausdrückten, ſie zu verkaufen. Die Vorſicht, welche Aſtor hinſichtlich der Zulaſſung von India⸗ nern an Bord des Schiffes empfohlen hatte, war ſchon ſeit einiger Zeit vernachläßigt worden und der Wacht⸗ habende Offizier, der die Indianer in dem Kanoe ohne Waffen ſah, und keine Befehle zu dem Gegentheil hatte, erlaubte ihnen bereitwillig, auf das Deck zu kommen. Bald folgte ein zweites Kanoe, deſſen Mannſchaft gleich⸗ falls an Bord gelaſſen wurde. Binnen kurzer Friſt folgten noch andere Kanoes und bald kletterten Indianer von allen Seiten auf das Schiff. Der Offizier von der Wache fühlte ſich jetzt beun⸗ ruhigt und ſchickte nach dem Kapitän und M'Kay. Als ſie auf das Deck kamen, wimmelte es von Indianern. Der Dolmetſcher bedeutete M'Kay, daß viele der Einge⸗ bornen kurze Mäntel von Fellen trügen, und ließ den Argwohn laut werden, ſie ſeien heimlich bewaffnet. M'Kay drang in den Kapitän, die Anker zu lichten und in See zu ſtechen. Abermals achtete er wenig auf den Rath; aber der vermehrte Schwarm von Kanoes um das Schiff und die Menge, welche immer noch von dem Geſtade abſtieß, machte ihn doch endlich mißtrauiſch und er befahl einigen ſeiner Leute, die Anker zu heben, während andere — 165— oben hinauf geſchickt wurden, um mehr Segel beizu⸗ ſetzen. Die Indianer zeigten ſich nun erbötig, mit dem Kapi⸗ tän nach ſeinen eigenen Bedingungen zu handeln, wozu ſie anſcheinend die herannahende Abfahrt des Schiffes bewog. Ein raſcher Kauf wurde daher begonnen. Der Hauptgegenſtand, welchen die Indianer einzutauſchen ſuch⸗ ten, waren Meſſer; ſobald ein Theil mit denſelben verſehen war, gingen ſie weg und andere nahmen ihre Stelle ein. Auf dieſe Weiſe waren ſie allmählig auf dem Deck ver⸗ theilt und alle hatten Waffen. Der Anker war nun faſt aufgewunden, die Segel waren loſe und der Kapitän gab in einem lauten und beſtimmten Tone Befehl, zum Aufbruch. Augenblicklich hörte man einen Signalſchrei; er hallte von allen Seiten wieder; Meſſer und Kampf⸗Keulen wurden in jeder Rich⸗ tung geſchwungen und die Wilden ſtürzten auf ihre aus⸗ erſehenen Opfer. 4 Der erſte, der fiel, war Lewis, der Schiffsſchreiber. Er lehnte ſich mit untergeſchlagenen Armen auf einen Ballen Blankets und war mit dem Austauſche beſchäftigt, als er einen tödtlichen Streich in den Rücken erhielt und die Kajütentreppe hinab ſtürzte. M'Kay, der auf dem Backbord ſaß, ſprang auf, wurde aber augenblicklich mit einer Kampfkeule nieder⸗ geſchmettert und rückwärts in das Meer geworfen, wo die Weiber in den Kanoes ihn vollends tödteten. — 166— Mittlerweile beſtand Kapitän Thorn einen ſehr unglei⸗ chen, verzweifelten Kampf. Er war ein ungemein ſtarker und muthvoller Mann, aber er war ohne Waffen auf das Deck gekommen. Shewiſh, der junge Häuptling, ſuchte ihn als ſeine eigentliche Beute aus und warf ſich bei dem erſten Ausbruch auf ihn. Der Kapitän hatte blos Zeit ein Einſchlagmeſſer zu ziehen, und ſtürzte mit Einem Stoße deſſelben den jungen Wilden todt zu ſeinen Füßen nieder. Mehrere der kühnſten Anhänger des Shewiſh griffen ihn jetzt an. Er vertheidigte ſich tapfer, theilte rechts und links mächtige Stöße aus und bedeckte die Schanze mit Todten und Verwundeten. Seine Abſicht war, ſich bis zur Kajüte durchzuſchlagen, wo Feuergewehre waren. Aber er war von Feinden umzingelt, mit Wun⸗ den bedeckt und durch den Blutverluſt geſchwächt. Er lehnte ſich einen Augenblick auf die Ruderpinne, als ein Schlag von hinten, mit einer Schlachtkeule, ihn auf das Deck ſtürzte, wo er mit Meſſern gemordet und über Bord geworfen wurde. 3 Während ſich dies auf der Schanze begab, herrſchte in dem ganzen Schiffe ein wechſelnder bunter Kampf. Die Schiffsmannſchaft kämpfte verzweifelnd mit Meſſern, Brech⸗ ſtangen und anderen Waffen, wie der Zufall ſie ihnen in dem Augenblicke der Ueberraſchung in die Hande ſpielte. Sie wurden jedoch bald durch die größere Zahl überwäl⸗ tigt und unbarmherzig niedergemacht. Die Sieben, welche auf die Tops geſendet worden — 167— waren, um die Segel beizuſetzen, ſahen mit Schauder auf das Blutbad, das unten vor ſich ging. Da ſie ohne Waf⸗ fen waren, ließen ſie ſich an dem laufenden Tauwerk herab, in der Hoffnung, zwiſchen die Decken zu kommen. Der Eine ſtürzte bei dieſem Verſuche und wurde ſogleich niedergemacht; ein Zweiter erhielt einen tödtlichen Schlag in den Rücken, als er niederſtieg, und ein Dritter, Ste⸗ phan Weekes, der Waffenſchmied, wurde tödtlich verwun⸗ det, als er die Lukenklappe hinab wollte. Die übrigen Vier bewerkſtelligten wohlbehalten ihren Rückzug in die Kajüte, wo ſie Lewis fanden, der zwar noch lebte, aber tödtlich verwundet war. Sie verrammel⸗ ten die Kajüten⸗Thüre, brachen Löcher durch den Schott⸗ gang und eröffneten mit den Gewehren und der Munition, die zur Hand waren, ein lebhaftes Feuer, welches das Deck bald ſäuberte. Bis jetzt war der indianiſche Dolmetſcher, welchem man dieſe Nachrichten verdankte, Augenzeuge dieſes mör⸗ deriſchen Kampfes geweſen. Er hatte keinen Theil daran genommen und war von den Eingebornen verſchont worden, da er von ihrer Raſſe war. In der Verwirrung des Augenblicks flüchtete er mit den übrigen in die Kanoes. Die, welche von der Schiffsmannſchaft noch da waren, brachen jetzt hervor und feuerten einige Deck⸗Kanonen ab, welche unter den Kanoes große Verheerung anrichteten und alle Wilde an das Land trieben. Durch die Wirkung der Feuerwaffen abgeſchreckt, — 168— wagte es den übrigen Theil des Tages keiner, an das Schiff zu kommen. Die Nacht verging ohne irgend einen fernern feindlichen Verſuch von Seiten der Eingebornen. Als der Tag graute, lag der Tonquin immer noch in der Bucht vor Anker, die Segel alle los und in dem Winde ſchlagend, und Niemand befand ſich, wie es ſchien, an Bord deſſelben. Nach einer Weile wagten ſich einige Kanoes hinaus, um näher zu ſpähen, ſie nahmen den Dolmetſcher mit ſich. Sie ruderten um das Schiff, ohne ihm jedoch zu nahe zu kommen, wurden aber kühner und kühner, da ſie es ruhig und leblos ſahen. Endlich zeigte ſich ein einziger Mann auf dem Deck; der Dolmetſcher erkannte Lewis in ihm. Er machte freundliche Zeichen und lud ſie ein, an Bord zu kommen. Es dauerte lange, ehe ſie es wagten, den Zeichen zu folgen. Die, welche auf das Verdeck ſtiegen, fanden keinen Widerſtand; Nie⸗ mand war an Bord zu ſehen, denn Lewis war, nachdem er ſie eingeladen, verſchwunden. Andere Kanoes drängten ſich jetzt heran, um die Priſe zu entern; die Decken waren bald überfüllt und die Seiten mit emporkletternden India⸗ nern bedeckt, alle auf die Plünderung bedacht. Inmitten 6 ihres Eifers und ihres Frohlockens flog das Schiff durch eine furchtbare Exploſion in die Luft. Arme, Beine und verſtümmelte Leichen wurden in die Luft geſchleudert und eine ſchreckliche Verheerung fand in den Kanvoes umher ſtatt. Der Dolmetſcher war zur Zeit der Exploſion in den großen Puttingen, wurde ohne weitere Verletzung in — 169— das Waſſer geſchleudert und war ſo glücklich, ſich in einem der Kanoes zu retten. Seiner Erzählung zufolge bot die Bucht nach der Kataſtrophe einen ſchauderhaften Anblick dar. Das Schiff war verſchwunden, aber die Bucht war mit Bruchſtücken von dem Wrack, mit zerſchellten Kanves, und mit Indianern bedeckt, die um ihr Leben zu retten ſchwammen, oder mit dem Tode rangen, während die, welche der Gefahr entgangen waren, ſtarr und leblos blieben, oder in paniſchem Schrecken auf das Land zueilten. Gegen hundert Wilde waren durch die Exploſion umgekommen, eine noch größere Anzahl war ſcheuslich verſtümmelt und noch mehrere Tage lang wälzten die Wellen die Glieder und Leichen der Umgekommenen an das Geſtade. Die Bewohner von Newectu waren durch dieſen gräßlichen unfall, welcher ſie in dem Augenblicke des Triumphs überkommen, von Beſtürzung außer ſich. Die Krieger ſaßen ſtumm und trauernd, während die Frauen die Luft mit lauten Klagen erfüllten. Ihr Weinen und Wehklagen verwandelte ſich jedoch plötzlich in Wuthgeheul bei dem Anblicke von vier unglücklichen weißen Männern, welche als Gefangene in das Dorf gebracht wurden. Sie waren in einem der Boote des Schiffes an das Geſtade getrieben und in einiger Entfernung an der Küſte ergrif⸗ fen worden. 3 Man erlaubte dem Dolmetſcher mit ihnen zu ſprechen. Es ergab ſich, daß es die vier wackern Matroſen waren, welche ſich aus der Kajüte ſo verzweifelt vertheidigt hatten. — 170— Der Dolmetſcher erfuhr durch ſie einige Einzelnheiten, die wir bereits gemeldet haben. Sie erzählten ihm ferner, Lewis habe ihnen, nachdem ſie den Feind zurückgeſchlagen und das Schiff geſäubert hatten, den Rath gegeben, das Kabel gehen zu laſſen und in See zu ſtechen. Sie wei⸗ gerten ſich jedoch, dieſem Rathe zu folgen, indem ſie anführten, der Wind ſtehe zu ſtark gegen die Bucht und würde ſie an den Strand treiben. Sie beſchloſſen, ſobald es dunkel ward, ſtill in dem Schiffsboote abzugehen, was ſie unbemerkt zu thun im Stande wären, und die Küſte entlang nach Aſtoria zurück zu gehen. Sie thaten, wie ſie beſchloſſen hatten; aber Lewis weigerte ſich, ſie zu begleiten, da er, durch ſeine Wunden entkräftet, keine Hoffnung hatte, zu entkommen und zu einer furchtbaren Rachethat entſchloſſen war. Bei der Abreiſe hatte er wiederholt von einem Vorgefühle geſpro⸗ chen, als müſſe er durch ſeine eigene Hand ſterben, da er es für höchſt wahrſcheinlich hielt, daß er in einen Kampf mit den Eingebornen verflochten werde und im äußerſten Falle lieber Hand an ſich zu legen, als ſich gefäͤngen zu geben beſchloſſen hatte. Er erklärte jetzt, es ſei ſeine Abſicht, an Bord des Schiffes zu bleiben, bis der Tag gekommen wäre, dann ſo viele Wilde als möglich an Bord zu locken, das Pulvermagazin anzuſtecken und durch eine glänzende That der Rache ſein Leben zu endigen. Wie gut ihm dies gelungen, iſt erzählt worden. Seine Gefährten ſagten ihm ein wehmüthiges Lebe⸗ — 171— wohl und traten ihre gefahrvolle Reiſe an. Sie boten alle ihre Krafte auf, um aus der Bucht zu kommen, fanden es aber unmöglich, luvwärts um eine Landſpitze zu kom⸗ men, und ſahen ſich endlich genöthigt, in eine kleine Bay zu flüchten, wo ſie verborgen zu bleiben hofften, bis der Wind günſtiger geworden. Erſchöpft und müde durch Anſtrengung und Wachen, fielen ſie in einen feſten Schlaf und wurden in dieſem Zuſtande von den Wilden über⸗ raſcht. Es wäre beſſer für dieſe unglücklichen Männer geweſen, wenn ſie bei Lewis geblieben wären und ſeinen heldenmäßigen Tod getheilt hätten; ſo ward ihnen ein längerer und ſchmerzlicherer Tod bereitet, da die Einge⸗ bornen ſie den Manen ihrer Freunde mit allen den zögern⸗ den und hinhaltenden Qualen indianiſcher Grauſamkeiten weihten. Einige Zeit nach ihrem Tode gelang es dem Dolmetſcher, der in einer Art Gefangenſchaft gehalten wurde, zu entkommen und die traurige Kunde mach Aſtoria zu bringen. 1 Dies iſt die traurige Geſchichte des Tonquin, und dies war das Schickſal ſeines braven, aber eigenſin⸗ nigen Befehlshabers und ſeiner kühnen Bemannung. Es iſt dies eine Kataſtrophe, welche zeigt, wie wichtig es bei allen bedeutenden unternehmungen ſei, die allgemeinen Vorſchriften der weiſen Köpfe, aus welchen ſie hervorge⸗ gangen, genau zu beachten. Aſtor kannte die Gefahren gar wohl, welchen auf dieſer Küſte Schiffe durch Zwiſtig⸗ keiten mit den Eingebornen und durch die treuloſen Ver⸗ ſuche der letztern, ſie in unbewachten Augenblicken zu überraſchen und an ſich zu reißen, ausgeſetzt waren. Er hatte es Kapitän Thorn wiederholt in Geſprächen und bei der Abreiſe in ſeinen Inſtructionsbriefen, eindringlich gemacht, in ſeinem Verkehr mit den Indianern höflich und zuvorkommend zu ſein, und keineswegs auf ihre anſchei⸗ nende Freundſchaft Vertrauen zu ſetzen, noch jemals mehr als zwei oder drei zu gleicher Zeit an Bord ſeines Schiffes zu laſſen. Wäre das Benehmen des Kapitäns Thorn das geeig⸗ nete geweſen, ſo hätte die Beleidigung, welche den Stolz der Wilden ſo ſehr verwundete, nie ſtatt finden können. Hätte er ſtreng auf das Geſetz gehalten, daß nur Wenige zu gleicher Zeit zuzulaſſen ſeien, ſo wären die Wilden nicht im Stande geweſen, die Oberhand zu bekommen. Er war aber zu reizbar, um die nothige Selbſtbeherrſchung zu üben und hielt es, da er in ſtolzer Verachtung jeder Gefahr aufgewachſen war, ſeiner unwürdig, die geringſte Furcht vor einer Schaar waffenloſer Wilden blicken zu laſſen. Bei allen ſeinen Fehlern und Schwächen können wir von ihm nur mit Achtung ſprechen und müſſen ſeinen frühen Tod bedauern, denn wir ſind ſeiner aus unſerer Jugendzeit als eines Genoſſen bei heiteren Gelegenheiten und vergnügten Stunden freundlich eingedenk. Am Land, unter ſeinen Freunden war er ein biederer, offener, geſundherziger Seemann. An Bord des Schiffes nahm er augenſcheinlich jene Härte des Benehmens und jenen — 1733— herben Ernſt der Haltung an, welche Viele für weſentlich zum Marinedienſt gehörig anſehen. Auf der ganzen Reiſe zeigte er ſich aber redlich, ohne falſch, gradezu und furcht⸗ los; und wenn man das Loos ſeines Schiffes, ſeiner Herbheit und Unklugheit anheim geben muß, ſo dürfen wir nicht vergeſſen, daß er ſeinen Fehler mit ſeinem Leben bezahlte. Der Verluſt des Tonquin war für die erblühende Niederlaſſung zu Aſtoria ein harter Schlag— ein Schlag, der eine Reihe von unfällen in ſeinem Gefolge zu haben ſchien. Aſtor ſelbſt erfuhr die ſchlimme Botſchaft erſt mehre Monate ſpäter. Er fühlte die ganze Größe dieſes unſterns und ſah wohl ein, daß er den großen Plan ſeines Ehrgeizes lähmen, wenn nicht ganz vernichten müſſe. In den Briefen, welche er um dieſe Zeit ſchrieb, ſprach er davon als„einem Unglück, deſſen umfang er noch nicht abſehen könne.“ Er überließ ſich jedoch nicht ſchwachem, eitelm Jammer, ſondern ſah ſich nach raſcher und wirk⸗ ſamer Abhülfe um. An dem Abend des Tages, welcher ihm dieſe Nachricht brachte, erſchien er in dem Theater und zeigte die gewöhnliche Heiterkeit ſeiner Miene. Ein Freund, welcher die unheilvolle Nachricht kannte, die er erhalten halte, drückte ſein Erſtaunen aus, daß er für eine ſolche Scene leichter uUnterhaltung Geiſtesruhe genug habe. „Was ſoll ich thun?“ lautete ſeine charakteriſtiſche Antwort:„ſoll ich zu Hauſe bleiben und um etwas weinen, das ich nicht ändern kann 22 Zwölftes Kapitel. Trauer zu Aſtoria.— Eine ſinnreiche Kriegsliſt.— Der Blat⸗ tern⸗Häuptling.— Die Dolly läuft ab.— Eine Ankunft.— Ein Kanadiſcher Biberfänger.— Ein Wald⸗Freier.— Ein Irokeſiſcher Jäger.— Winter an dem Kolumbia.— Neu⸗ * jahrsfeier. Die Nachricht von dem Verluſte des Tonquin und dem Morde ſeiner Mannſchaft goß Unruhe und Sorgen in die Herzen der Aſtorier. Waren ſie doch nur eine Handvoll Menſchen, an einer wilden Küſte von feindlichen Stämmen umgeben, welche die letzte ſchreckliche Kataſtrophe ohne Zweifel zu gewaltſamen Thaten reizen und ermuthi⸗ gen mußte. Unter ſolchen Umſtänden nahm M Dougal, wie man uns erzählt, ſeine Zuflucht zu einer Liſt, durch welche er die Unwiſſenheit und Leichtgläubigkeit der Wilden zum Vortheil der Geſellſchaft benutzen wollte und die ſei⸗ nem Scharfſinn ohne Zweifel Ehre macht. Die Eingebornen an der Küſte und, man kann ſagen, in dem ganzen Gebiete weſtlich vom Felſengebirg fürchte⸗ ten die Blattern ungemein, da dieſe ſchreckliche Geiſel wenige Jahre vorher ſich zuerſt unter ihnen gezeigt und faſt ganze Stämme weggerafft hatte. Der Urſprung, ſo wie der Charakter der Krankheit waren in ein tiefes Geheim⸗ niß gehüllt, und ſie betrachteten ſie als ein Uebel, welches der große Geiſt über ſie verhängt, oder der weiße Mann zu ihnen gebracht hatte. Den letzten Gedanken faßte MDougal auf. Er ſammelte mehrere Häuptlinge, welche er als Theilnehmer an der Verſchwörung kannte. Als ſie Alle in der Runde ſaßen, benachrichtigte er ſie, wie er von der Verrätherei einiger ihrer nördlichen Brüder gegen den Tonquin gehört habe und zur Rache entſchloſſen ſei. „Die weißen Männer hier“ ſagte er„ſind gering an Zahl, es iſt wahr; aber ſie ſind mächtig in der Medicin.*) Seht hier“ fuhr er fort, indem er. eine kleine Flaſche hervorzog und ſie ihnen vor die Augen hielt:„in dieſer Flaſche habe ich die Blattern gut verpfropft; ich darf den Pfropfen nur öffnen und die Peſt loslaſſen, um Männer, Frauen und Kinder von der Oberfläche der Erde zu ver⸗ treiben.“ unruhe und Schrecken bemächtigten ſich der Häupt⸗ lnge. Sie baten ihn, die Flaſche nicht zu öffnen, da ſie und ihr ganzes Volk treue Freunde der weißen Männer 4 wären und ſtets bleiben würden; wären aber die Blattern einmal losgelaſſen, wurden ſie ſich wie die Feuersflamme über *) Wir behalten dieſen Ausdruck des Driginals bei, da die Indianer unter Medicin„Arznei“ und„Hexen“ und Zauberkunſt“, ia, den„großen Geiſt“ ſelbſt verſtehen. Ueberſ. — 176— das ganze Land verbreiten und ſowohl Gute als Schlechte mit fortraffen, und er ſei gewiß ſo ungerecht nicht, daß er ſeine Freunde wegen Verbrechen ſtrafen wolle, welche ſeine Feinde begangen. MDougal that, als ſei er durch ihre Angaben voll⸗ kommen überzeugt und verſicherte ſie, ſo lange das weiße Volk unbeläſtigt bleibe, und das Benehmen ihrer indiani⸗ ſchen Nachbaren freundlich und gaſtfrei ſei, ſollte die Flaſche des Zorns verpfropft bleiben; bei der geringſten feind⸗ ſeligen Handlung aber würde der verhängnißvolle Pfropfen ſich aufthun. Von dieſer Zeit an, wird hinzugefügt, wurde er von den Eingebornen als ein Mann geſcheut und gefürchtet, der ihr Schickſal in ſeinen Händen hatte und ſie gaben ihm den Ehrennamen:„der große Blatternhäuptling.“ Mittlerweile gingen die Arbeiten der jungen Kolonie in unausgeſetztem Eifer fort, und am ſechs und zwanzig⸗ ſten September war ein bequemes Haus, geräumig genug, um Alle aufzunehmen, fertis ig. Es war aus Stein und Lehm erbaut, da ſich in der Umgegend keine Kalkſteine fanden, aus welchem man den gewöhnlichen Mörtel hätte bereiten können. Auch der Schooner war fertig und lief am zweiten October unter den gewöhnlichen Feierlichkeiten ab; er nahm ſeinen Stand unter dem Fort. Sein Name war Dolly und es war das erſte amerikaniſche Schiff, das von dieſer Küſte in das Waſſer gelaſſen wurde. Am Abend des fünften October wurde die kleine — 177— Gemeinde von Aſtoria durch die unerwartete Ankunft einer Abtheilung von David Stuart's Poſten an dem Oakinagan erfreut. Sie beſtand aus zwei Kommis und zwei aus der Geleitsmannſchaft. Sie brachten günſtige Nachrichten von der neuen Niederlaſſung, berichteten aber, Miſter Stuart habe gefürchtet, die ganze Geſellſchaft möchte ſchwer⸗ lich hinreichenden Unterhalt für den Winter dort finden, und daher die eine Hälfte nach Aſtoria zurückgeſchickt und nur Roſſ, Montigny und zwei Andere bei ſich behalten. So groß iſt die Verwegenheit der indianiſchen Handels⸗ leute. In dem Herzen eines wilden und unbekannten Landes, ſieben hundert Meilen von der Schaar ſeiner Abenteuers⸗Genoſſen, hatte Stuart die Hälfte ſeines klei⸗ nen Geleites entlaſſen und ſchickte ſich mit den Uebrigen an, allen den Gefahren der Wildniß und der Strenge eines langen, öden Winters zu trotzen. Mit dem rückkehrenden Häuflein fand ſich auch ein kanadiſcher Kreole, Namens Regis Brugiere, und ein irokeſiſcher Jäger mit ſeiner Frau und ſeinen zwei Kin⸗ dern ein. Da dieſe zwei Perſonen zu gewiſſen Klaſſen gehören, welche ihre charakteriſtiſchen Eigenthümlichkeiten von dem Pelzhandel ableiten, ſo gehören, dünkt uns, einige ſie betreffenden Einzelnheiten ganz weſentlich hierher. Brugiere war einer der Trapper(Biberfaͤnger) und Jäger, welche in der Sprache der Handelsleute techniſch „Freie“ hießen. Sie ſi ndein der Regel Kanadier von Geburt, von franzöſiſcher Abſtammung und wurden von 57.— 59. 1² — 178— einer der Pelzhandels⸗Geſellſchaften für eine beſtimmte Anzahl Jahre in Sold genommen; war ihre Zeit vorüber, ſo jagten und trappten ſie auf eigene Rechnung und ver⸗ kehrten mit der Geſellſchaft, wie die Indianer. Daher ihr Name„Freie“, um ſie von den Trappers zu unter⸗ ſcheiden, welche für gewiſſe Jahre im Dienſte der Geſell⸗ ſchaft ſtehen und Sold empfangen oder einen Theil an der Beute der Jagd erhalten. Da ſie ihre frühere Jugend in der Wildniß hin⸗ gebracht haben, faſt ganz von dem Umgange mit civiliſir⸗ ten Menſchen getrennt und in häufigem Verkehre mit den Indianern waren, geben ſie ſich, mit der Leichtigkeit, welche der menſchlichen Natur ſo gewöhnlich iſt, den Sit⸗ ten des wilden Lebens hin. Obgleich durch ihren Vertrag nicht mehr gehalten, in dem Innern des Landes zu weilen, haben ſie ſich an die Freiheit des Waldes und der Prairie ſo gewöhnt, daß ſie mit Widerwillen auf den Zwang der Geſittung zurückblicken. Die meiſten gehen Ehen mit den Eingebornen ein und haben, wie dieſe, mehrere Frauen. Wanderer der Wildniß führen hier, je nach dem Wechſel der Jahreszeiten, den Wanderungen der Thiere und der Menge oder dem Mangel an Wild, ein gefahrvolles, irres und unſicheres Leben, und ſetzen ſich der Sonnenhitze und den Stürmen aus, bis ſie ſowohl an Hautfarbe als in Geſchmack und Sitten den Indianern gleichen. Von Zeit zu Zeit bringen ſie die von ihnen geſammelten Pelzwerke in die Factoreien der Geſellſchaft, in deren Dienſt ſie — 179— aufgewachſen waren. Hier tauſchen ſie ſie gegen ſolche Waaren und Vorrathe an Pulver und Blei aus, wie ſie deren benöthigt ſind. Zur Zeit, als Montreal einer der großen Stapel⸗ plätze des Pelzhandels war⸗ kam dann und wann einer der Freien der Wildniß, nach einer Abweſenheit von vielen Jahren, plötzlich zu ſeinen alten Freunden und Kameraden zurück. Er wurde empfangen, als ſei er von den Todten auferſtanden; der Willkomm war um ſo lebhafter, als er eine Menge Geld hatte. Eine kurze Zeit jedoch, die er in Schmauſen und Wohlleben zubrachte, reichte hin, ſeine Börſe zu ſchmälern und ihm das eiwiliſirte Leben überdrüſſig zu machen, und mit neuem Behagen kehrte er in die feſſelloſe Freiheit der Wälder zurück. Eine Menge Leute dieſer Klaſſe waren über die nord⸗ weſtlichen Gebiete zerſtreut. Manche von ihnen behielten noch ein wenig von der umſicht und Schlauheit des civi⸗ liſirten Menſchen bei und wurden bei ihren unvorſichtigen Nachbarn reich; dieſer ihr Reichthum zeigte ſich vorzüg⸗ lich in großen Zügen von Pferden, welche die Prairien in der Nähe ihrer Wohnungen bedeckten. Die meiſten zeig⸗ ten ſich jedoch geneigt, ſich den rothen Menſchen in ihrer Sorgloſigkeit für die Zukunft gleich zu ſtellen. Der Art war Regis Brugiere, ein Freier und ein Schwärmer in der Wildniß; da er in dem Dienſte der Nordweſt⸗Compagnie aufgewachſen war, hatte er ſich einem ihrer Züge über dies Felſengebirg angeſchloſſen und es 12* unternommen, für die an dem Spokan⸗Fluſſe errichtete Factorei zu trappen. Im Verfolge ſeiner Jagdzüge hatte er, ſei es nun zufallig oder abſichtlich, den Weg zu dem Poſten Stuarts gefunden und war vermocht worden, die Kolumbia hinabzugehen und„ſein Glück zu Aſtoria zu verſuchen.“ Ignaz Sponowane, der irokeſiſche Jäger, gehörte einer andern Menſchen⸗Klaſſe an. Er war einer der Ur⸗Inſaſſen Kanadas, welche ſich die Sitten den Civiliſation und den Lehren des Chriſtenthums unter dem Einfluſſe der franzöſiſchen Koloniſten und der katholiſchen Geiſtlichen zugewendet hatten, welche in dem Heranziehen, Zähmen und Bekehren der Wilden im Allgemeinen glücklicher geweſen zu ſeyn ſcheinen, als ihre engliſchen und prote⸗ ſtantiſchen Nebenbuhler. Dieſe halbgeſittigten Indianer behielten einige der guten, und viele der ſchlimmen Eigen⸗ ſchaften ihrer urſprünglichen Raſſe bei. Sie waren die beſten Jäger und in der Behandlung des Kanoes ſehr gewandt. Sie konnten die größten Entbehrungen ertragen, und waren zum Dienſte auf den Flüſſen und Seen und in den Wäldern bewundernswerth, wenn ſie nüchtern und in gehöriger Aufſicht gehalten wurden; entflammten ſie aber einmal geiſtige Getränke, auf welche ſte wahnſinnig verſeſſen ſind, ſo brachen leicht alle die ſchlummernden Leidenſchaften, welche ihnen innewohnten, hervor und riſſen ſie zu den blutigſten und rächeriſcheſten Gewalt⸗ thaten hin. — 181— Obgleich ſie allgemein der katholiſchen Religion zugethan waren, ſo geſellten ſich doch dann und wann ihre alten aber⸗ gläubiſchen Anſichten zu der neuen Lehre, und ſie ließen ſelten von dem indianiſchen Glauben an Zauberei und Vorzeichen. Eine Menge dieſer Leute dienten der Nord⸗ weſt⸗Compagnie als Biberfänger, Jäger und Bootsführer; ſie erhielten aber geringeren Lohn, als man weißen Män⸗ nern zugeſtand. Auf dieſe Weiſe war Ignaz Sponowane dem Unternehmen der Geſellſchaft an den Ufern des Spo⸗ kan gefolgt und mochte wohl der erſte ſeines Stammes ſeyn, der das Felſengebirg überſchritt. Der Art war ein Theil der bunten Bevölkerung der Wildniß, welche zu dem Pelzhandel gehört, und die all⸗ mählig zu der neuen Niederlaſſung von Aſtoria gezogen wurden.. Der October ließ nun das Herannahen des Winters gewahren. Bisher waren die Koloniſten mit dem Klima zufrieden geweſen. Der Sommer war gemäßigt geweſen, da das Queckſilber nie über achtzig Grad geſtiegen war. Während des Frühlings und des erſten Theils des Som⸗ mers waren Weſtwinde vorherrſchend, dann folgten friſche Kühlten aus Nordweſten. Im October ſtellten ſich die Südwinde ein und brachten häufigen Regen mit. Die Indianer begonnen jetzt, die Geſtade des Meeres zu verlaſſen und in den geſchützten Tiefen der Wäaͤlder, oder die kleinen Flüſſe und Bäche entlang, ihre Winter⸗ quartiere zu beziehen. Die Regenzeit beginnt im October — — 182— und dauert faſt ohne Unterbrechung bis zum April fort; und obgleich der Winter gewöhnlich mild iſt und das Queckſilber ſelten unter dem Gefrierpunkt ſinkt, ſo ſind die Wind⸗ und Regenſtüͤrme doch ſchrecklich. Die Sonne iſt manchmal Wochen lang verſinſtert, die Bäche ſchwellen zu wild brauſenden Strömen an, und eine Sündfluth ſcheint das Land zu bedrohen. Der Rückzug der Indianer in ihre Winterquartiere machte die Vorräthe allgemach ſpärlich und zwang die Koloniſten, im Dolly Streifzüge zum Herbeibringen der Lebensmittel zu machen. Doch verlor die kleine Handvoll Abenteurer in ihrem einſamen Fort zu Aſtoria den Muth nicht; ſie blickten vertrauensvoll der Zeit entgegen, wo ſie durch die Geſellſchaft unter Hunt, welche über das Felſen⸗ gebirg zu ihnen kommen ſollte, neues Leben und Verſtär⸗ kung zu erhalten hoffen konnten. Das Jahr ging allmähtig zu Ende. Der Regen, welcher ſeit dem erſten October faſt ohne Unterlaß nieder⸗ ſtrömte, ließ am letzten December gegen Abend nach, und der Morgen des erſten Januars führte einen ſonnig⸗hellen Tag herauf. Die angeſtammte franzöſiſche Feiertagsluſt der kana⸗ diſchen Reiſenden iſt kaum durch irgend eine Widerwärtig⸗ keit zu dämpfen und ſie verſtehen es, in den bedränglichſten Lagen und unter den mißlichſten umſtänden eine„féte““ in Gang zu bringen. Ein Extra⸗Zugeſtändniß von Rum und ein wenig Mehl zu Kuchen und Puddings geben ein — 183— Freudenfeſt ab, und bei Geſang und Tanz vergeſſen ſie alle ihre Mühen und Leiden. Bei dieſer Gelegenheit waren die Theilhaber bemüht, das neue Jahr mit einigem Glanze zu ſeiern. Bei Sonnenaufgang riefen die Trommeln zu den Waffen. Die Fahnen wurden aufgepflanzt, die Wimpeln flatterten und drei Salven donnerten aus den Gewehren, drei andere aus den Kanonen. Der Tag war Spielen der Kraft und Gewandtheit und andern Vergnügungen geweiht, und Grog wurde mäßig vertheilt, nebſt Brod, Butter und Käſe. Am Mittag wurde das beſte Eſſen aufgetiſcht, das unter ihren Umſtänden herzurichten war. Bei Sonnen⸗ untergang wurden die Flaggen geſtrichen und eine neue Artillerie⸗Salve abgefeuert. Die Nacht wurde mit Tanz hingebracht, und, obgleich es an Tänzerinnen fehlte, um die Galanterie der Kanadier zu beleben, ſetzten ſie doch den Ball, bis drei Uhr in der Frühe, mit echt franzöſiſcher Munterkeit fort. So verfloß das Neujahrsfeſt des Jahres 1812 in der jungen Kolonie von Aſtoria. Dreizehntes Kapitel. Landreiſe.— Wilſon P. Hunt.— Sein Charakter.— Donald M'Kenzie.— Anwerbung von kanadiſchen Reiſenden.— Ein Rinde⸗Kanoe.— St. Annenkirche.— Weihgeſchenke.— From⸗ mes Gelage.— Ein zerlumptes Regiment.— Mackinaw.— Skizze eines Handelspoſten.— Luſtige Reiſende.— Windbeutel. — Indianiſche Stutzer.— Ein Mann vom Norden.— Liſt der Reiſenden.— unwirkſamkeit des Goldes.— Gewicht einer Feder.— Ramſay Croors— ſein Charakter— ſeine Fährlich⸗ keiten unter den Indianern— ſeine Warnung vor Sioux und Schwarzfüßtn.— Einſchiffung von Rekruten.— Abſchieds⸗ ſcenen zwiſchen Brüdern, Vettern, Weibern, Liebchen und Zechgenoſſen. Wir ſind bisher dem Schickſale des Theils der Rei⸗ ſenden, welche zur See die Ufer des ſtillen Meeres erreich⸗ ten, gefolgt und haben die Begebniſſe der jungen Nieder⸗ laſſung bis zum Beginne des neuen Jahres kennen gelernt; jetzt wollen wir uns zu den verwegenen Abenteurern wenden, welchen die Landreiſe übertragen war, und die mächtigen Ströme hinan, über pfadloſe Ebenen, und über die rauhen Päſſe des Felſengebirges zu der Mündung des Kolumbia⸗Fluſſes ihren Weg ſuchen mußten. Die Leitung dieſer Expedition war, wie bereits erwähnt worden, Wilſon Price Hunt, von Trenton im Staate — 185— New⸗Jerſey, einem der Theilhaber der Geſellſchaft, wel⸗ cher zuletzt an die Spitze der Niederlaſſung an der Mün⸗ dung des Kolumbia kommen ſollte, anvertraut worden. Er wird als ein in ſeinem Thun und Laſſen faſt angſtlich biederer, redlicher Mann, von ſtets freundlicher Laune und ſehr zuvorkommenden und einnehmenden Sitten geſchildert, und man wird ſein ganzes Benehmen mit einem ſolchen Charakter in Einklang finden. Er hatte in dem Verkehre mit den Indianern keine praktiſchen Erfahrungen, das heißt, er hatte nie einen Handelszug in das Herz der Wildniß begleitet, ſondern hatte der Handlung zu St. Louis obgelegen, damals eine Grenz⸗Niederlaſſung am Miſſiſſippi, wo der Hauptzweig ſeines Geſchäftes darin beſtand, daß er indianiſche Kauf⸗ leute mit Waaren und Vorräthen aller Art verſah. Auf dieſe Weiſe hatte er eine genaue Kenntniß von dem Han⸗ del aus zweiter Hand und von den verſchiedenen Stäm⸗ men und dem Binnenlande, über welches jener ſich erſtreckte, zu erlangen Gelegenheit gehabt. Ein anderer Theilhaber, Donald M'Kenzie, ſchloß ſich Hunt auf dieſer Reiſe an und zeichnete ſich in jenen Punk⸗ ten aus, in welchen Hunt manches zu wünſchen übrig ließ; denn er hatte in dem Dienſte der Nordweſt⸗Compagnie zehn Jahre in dem Innern zugebracht und that ſich auf ſeine Bekanntſchaft mit der„Waldliſt“ und der Kunſt des indianiſchen Handels und des indianiſchen Krieges etwas zu gut. Er beſaß einen Körper, welcher zu Beſchwerden — 186— und Müheſeligkeiten ganz geſchaffen war, einen Muth, den nichts einſchüchterte, und war als„eine merkwürdige Kugel““) bekannt, was allein ſchon hinreichte, ihn auf der Grenze berühmt zu machen. Hunt und ſein Gefährte begaben ſich in der zweiten Hälfte des Juli 1810 nach Montreal, dem alten Haupt⸗ ſitze des Pelzhandels, wo alles zu der Expedition Erfor⸗ derliche zu bekommen war. Einer der erſten Vorwürfe war, die Zahl der kanadiſchen Reiſenden aus der herren⸗ loſen Schaar, welche gewöhnlich hier müſſig umher ſchlen⸗ derte, zu vervollſtändigen. Eine Art Liſt wird aber gefor⸗ dert, um dieſen Zweck zu erreichen; denn ein kanadiſcher Reiſender iſt ſo voll heimlicher Naupen und Fehler, wie ein Pferd und erweiſt ſich leicht als der größte Schelm, wenn er äußerlich am meiſten verſpricht. Ueberdies ſuchte die Nordweſt⸗Compagnie, welche eine lange geltende Herr⸗ ſchaft zu Montreal ausübte und die Eigenſchaften eines jeden Reiſenden genau kannte, die Vorzüglichſten heimlich abzuhalten, in den neuen Dienſt einzutreten, ſo daß ſich, obgleich freigebige Bedingungen geſetzt wurden, außer ſol⸗ chen, die des Anwerbens nicht werth waren, nur wenige anboten. 3 Unter dieſen wählte Hunt eine, wie er glaubte, für die jetzigen Bedürfniſſe hinreichende Anzahl, und ſchiffte, nachdem er Pulver und Blei, Lebensmittel und indianiſche *½) Tüchtiger Schütze. . — 184— Waaren in gehöriger Menge eingenommen, alle an Bord eines jener großen Kanoes ein, welche von den Pelzhänd⸗ lern zu jener Zeit allgemein gebraucht wurden, um die oft mißlichen und gefahrvollen Flüſſe zu befahren. Das Kanoe war zwiſchen dreißig und vierzig Fuß lang, und mehrere Fuß breit; es war von Birkenrinde gebaut, mit den Wurzelfaſern der Pechtanne vernäht und ſtatt des Theers mit Tannenharz beſtrichen. Die Ladung war in Ballen verpackt, deren jeder neunzig bis hundert Pfund wog, um ſie leicht aus⸗ und einladen, und bei Waſſerfällen transportiren zu können. Das Kanoe ſelbſt konnte, obgleich es gegen vier Tonnen Laſt trug, mit Bequemlichknit auf den Schultern getragen werden. Kanoes von dieſer Größe werden gewöhnlich von acht bis zehn Mann geführt, von welchen zwei ausgeſuchte Veteranen ſind, die doppelten Lohn erhalten und von denen einer an dem Bug, der andere an dem Spiegel ſteht, um den Ausguck zu haben und zu ſteuern. Sie werden der Vor⸗ dermann und der Steuermann genannt. Die Andern, welche die Riemen ziehen, heißen Mittelmänner. Wenn ein günſtiger Wind weht, ſo führt das Kanoe manchmal ein Segel. Die Abfahrt fand, wie herkömmlich, bei St. Anna ſtatt, das an dem äußerſten Ende der Inſel Montreal liegt und der große Abfahrtplatz der Kaufleute iſt, welche in das Innere reiſen. Hier ſtand die alte Kirche von St. Anna, der Schutzheiligen der kanadiſchen Reiſenden wo ſie, — 188— bevor ſie ihre gefahrvollen Reiſen antraten, zu beichten und ihre Opfer und Weihgeſchenke darzubringen pflegten. Der Schrein der Heiligen war mit Reliquien und Opfern der verſchiedenſten Art geſchmückt, welche dieſe abergläu⸗ biſchen Weſen dort aufgehängt hatten, entweder um ſich ihrer Gunſt zu empfehlen, oder ihr für eine Rettung aus Gefahren in der Wildniß zu danken. Auch war es bei dieſen frommen Vagabunden Sitte, nach dem Kirchgange zu Ehren der Heiligen und auf das Glück der Reiſe ein großes Gelage zu halten. In dieſem Theile der Andacht blieb Hunt's Mannſchaft keineswegs hinter den übrigen zurück. In der That machte er bald die Bemerkung, daß ſeine zu Montreal geworbenen Rekruten geeignet waren, es mit Falſtaff's zerlumpter Schaar aufzunehmen. Manche waren phyſiſch brauchbar, aber ohne Erfahrung, andere waren erfahren, aber träge, während eine dritte Klaſſe erfahren und willig, aber ganz entkräftet war, da ſie aus abgeſtumpften Veteranen beſtand, welche zu keiner Arbeit mehr taugten. Mit dieſem nicht ſehr viel verſprechenden Haufen reiſte er den Ottawa⸗Fluß hinauf und auf dem alten Wege der Pelzhändler, eine Reihe kleiner Seen und Flüſſe entlang, nach Mickilimackinac. Ihre Reiſe war langſam und langweilig, Hunt war nicht daran gewöhnt, die „voyageurs“ zu behandeln, und ſeine Mannſchaft war wunderbar geneigt, die alten Soldaten zu ſpielen und die Arbeit ungethan zu laſſen; ſtets fand man ſie bereit, — 189— anzuhalten, aws Land zu gehen, ein Feuer anzumachen, den großen Topf aufzuſtellen, zu rauchen, zu plaudern und zu ſingen, ſo viele Stunden der Tag hatte. Erſt den zweiundzwanzigſten Juli kamen ſie nach Mackinaw, auf der Inſel gleiches Namens, und an dem Zuſammenfluſſe des Huron⸗ und Michigan⸗Sees gelegen. Dieſer berühmte alte franzöſiſche Handelsplatz war immer noch ein Vereinigungspunkt für eine manchfache und bunte Bevölkerung. Die Bewohner waren in ihren Sitten amphibiſcher Natur, da die meiſten von ihnen„voyageurs“ oder Kanoeführer geweſen waren. Er war der große An⸗ und Abfahrtsplatz des ſüdweſtlichen Pelzhandels. Hier hatte die Mackinaw⸗Compagnie ihre Hauptfactorei angelegt, von der aus ſie mit dem Binnenlande und mit Montreal die Verbindung unterhielt. Von hier brachen ihre ver⸗ ſchiedenen Geſchäftsführer und Trapper auf und gingen nach ihren mannigfachen Beſtimmungsorten an dem Obern See und den in ihn ſich ergießenden Waſſern, oder an dem Miſſiſſippi, dem Arkanſas, Miſſouri und in andere⸗ Gebieten des Weſten ab. Hierher kehrten ſie, nach einer Abweſenheit von Einem Jahre und drüber, mit ihren Pelzwaaren zurück und hielten Abrechnung, während die von ihnen eingebrachten Pelze in Kanoes von hier nach Montreal gingen. Mackinaw war daher einen großen Theil des Jahres hindurch ſehr ſpärlich bevölkert; aber in gewiſſen Jahreszeiten kamen die Pelzhändler von allen — 199— Seiten mit ihren vielen„voyageurs“ hierher und es ſchwärmte hier wie in einem Bienenſtocke. Mackinaw war in jener Zeit ein bloßes Dorf, welches ſich eine kleine Bucht entlang zog, mit einem ſchönen breiten Uferdamm vor ſeiner anſehnlichſten Häuſerreihe, und von einem alten Fort beherrſcht, das eine ſteile Anhöhe krönte. Der Damm war eine Art öffentlichen Spazier⸗ gangs, wo ſich alle die ſeltſamen Scenen eines Seehafens bei der Ankunft einer Flotte, die lange gekreuzt hatte, dem Auge darboten. Hier verjubelten Reiſende ihren Sold, in den Buden und Schuppen tanzend und ſingend, alle Arten von Schnickſchnack kaufend, ſich prächtig heraus⸗ putzend und wie heilloſe Prahlhänſe und Gecken auf und nieder ſtolzirend. Manchmal ſtießen ſie auf Stutzer, welche ihre ganze Eiferſucht erregten— dies waren die jungen Indianer vom Ufer gegenüber, welche auf phantaſtiſche Weiſe bemalt und geſchmückt auf und nieder ſtiegen, um ſich betrachten und bewundern zu laſſen, und ſich höchlich freuten, ihre bleichen Nebenbuhler ausgeſtochen zu haben. Dann und wann kam auch eine Geſellſchaft„Nord⸗ weſter“ von ihrem Rendez⸗vous zu Fort William nach Mackinaw herüber. Dieſe betrachteten ſich als die Ritter⸗ ſchaft des Pelzhandels. Es waren eiſerne Männer, geſtählt gegen Kälte, gegen Hunger, gegen Gefahren jeder Art. Manche pflegten auf ihren Kleidern beſondere Abzeichen und einen furchtbaren Dolch zu tragen und gaben ſich ein — 11— ziemlich militäriſches Anſehen. Gewöhnlich trugen ſie Federn auf ihren Hüten und ſpielten die„Helden.“ „Je suis un homme du nord!«(ich bin ein Mann des Nordens) rief wohl einer dieſer aufgeblaſenen Burſche, ſtemmte die Arme ein und ſtolzirte an den„Südweſtern“ vorbei, auf welche er mit großer Verachtung als Leute, die durch das Leben in milden Himmelsſtrichen und bei dem üppigen Mahle von Brod und Speck verweichlicht ſeien, niederblickte, und welche er mit dem unrühmlichen Beinamen„Schweinfreſſer“ bezeichnete. Die Ueberlegen⸗ heit, welche dieſe eiteln, aufgeblaſenen Großhänſe ſich anmaßten, ward faſt überall ſchweigend anerkannt. Manche hatten in der That durch Muth, Ausdauer und Kühnheit eine große Berühmtheit erlangt, denn der Pelzhandel hatte ſeine Helden, deren Namen in der ganzen Wildniß wider⸗ hallten. 1 Der Art war Mackinaw zur Zeit, von der wir reden. Jetzt bietet es ohne Zweifel einen ganz andern Anblick. Die Pelzhandelsgeſellſchaften kommen hier nicht mehr zuſammen; die Befahrung der Seen geſchieht durch Dampf⸗ ſchiffe und manchfache Fahrzeuge, und die Raſſe der Pelz⸗ händler und Trapper, der Reiſenden und indianiſchen Stutzer hat ihre kurze Stunde überlebt und iſt wie Nebel verſchwunden. Solche Wechſel bringt eine Handvoll Jahre in dieſem ſtets wechſelnden Lande hervor. Hunt hielt ſich einige Zeit zu Mackinaw auf, um ſeine Vorräthe von indianiſchen Waaren zu vervollſtän⸗ — 192— digen und die Zahl ſeiner Reiſenden zu vermehren, ſo wie einige tauglichere Leute fuͤr den Dienſt zu gewinnen, als er zu Montreal angeworben hatte. Und nun begann ein neues Spiel von Liſt und Trug. Es gab tüchtige und brauchbare Männer in Menge zu Mackinaw, aber mehrere Tage hindurch bot ſich nicht ein einziger an. Wurden Einem Anerbietungen gemacht, ſo hörte er mit Kopfſchütteln zu. Wenn Einer geneigt war, in den Dienſt zu treten, ſo gab es geſchaftige Müſſig⸗ gänger und„umtriebler von jener Klaſſe, die ſtets bereit ſind, anderen von einem Unternehmen oder Geſchäft abzu⸗ rathen, mit welchem ſie ſelbſt nichts zu thun haben. Dieſe pflegten ihn am Aermel zu zupfen, bei Seite zu nehmen, ihm in das Ohr zu flüſtern, oder gradezu Schwierigkeiten aller Art einzuwerfen. Man gab an, die Reiſe gehe unbekannte Flüſſe und Ströme hinan, und führe durch ſchreckliche Wildniſſe, wo wilde Stämme hauſten, welche bereits die unglücklichen Reiſenden gemordet hätten, die ſich zu ihnen wagten. Dies Felſengebirge müßte erklettert werden, und dann ſteige man in öde, ausgehungerte Gegenden hinab, wo der Reiſende oft genöthigt ſei, von Heuſchrecken und Heimchen zu leben, oder ſein eigenes pferd zu tudeen, u um nicht zu verhungern. Endlich war ein Mann kühn genug, in den Dienſt zu treten und er wurde als eine Locktaube gebraucht, um die Andern anzuköodern; aber mehxere Tage vergingen, — 193— ehe ein Zweiter überredet werden konnte, ſeinem Beiſpiele zu folgen. Man kam dann mit Einigen zum Abſchluß. Es war wünſchenswerth, ſie für fünf Jahre in den Dienſt zu nehmen; manche weigerten ſich aber, ſich für mehr als drei Jahre verbindlich zu machen. Dann mußten ſie einen Theil ihres Soldes voraus haben, was ihnen bereitwillig zugeſtanden wurde. Wenn ſie den Betrag eingezogen und in Schmauſereien und Tand durchgebracht hatten, ſprachen ſie von Geldverbinoͤlichkeiten zu Mackinaw, welche getilgt werden müßten, ehe ſie abreiſen könnten, oder von Ver⸗ trägen, die ſie mit andern Leuten abgeſchloſſen hätten und die nur durch„billige Uebereinkunft“ aufgehoben werden könnten.. Es war umſonſt, mit ihnen zu hadern oder ihnen Vorſtellungen zu machen. Das vorgeſchoſſene Geld war ausgegeben und verthan, und die Summe war verloren und die Angeworbenen blieben zurück, wenn man ſie nicht von ihren Schulden und Verbindlichkeiten befreite. Dem⸗ zufolge wurde für den Einen eine Strafe, für den Zwei⸗ ten eine Abfindungsſumme, fur den dritten eine Wirths⸗ hausrechnung bezahlt, und faſt alle mußten von einer frühern, entweder wirklichen oder erdichteten Verbindlich⸗ keit losgekauft werden. Hunt war ärgerlich über dieſe ſteten unbilligen Anfor⸗ derungen dieſer wackern Herrn an ſeine Börſe; bei allen dieſen Auslagen und Spendungen war aber die Zahl der Geworbenen nur gering, und viele derer, welche man am 57.— 59. 4 13 — 194— erſten zu gewinnen wünſchte, hielten ſich noch fern und waren nicht durch den goldenen Köder zu fangen. Dieſe wollte er auf eine andere Weiſe verſuchen. Unter den Angeworbenen vertheilte er Straußfedern und Büſche. Dieſe ſteckten ſie auf ihre Hüte, ſtolzirten ſo in Mackinaw herum und gaben ſich als„voyageurs bei einer neuen Geſellſchaft, welche die Nordweſtliche ausſtechen ſollte“, ein ſehr wichtiges Anſehen. Die Wirkung war ſchlagend. Ein franzöſiſcher Kanadier iſt ein zu eitles und beweg⸗ liches Geſchöpf, um dem Putze und der Pracht eines Federbuſches zu widerſtehen. Augenblicklich drangten ſich eine Menge Leute zu dem Dienſte. Der Eine forderte eine Straußfeder; der Zweite wollte eine weiße Feder mit einer rothen Spitze haben; ein Dritter einen Buſch von Hahnenfedern. So ſtotzirten ſie alle in eitler, prah⸗ leriſcher Weiſe herum, über die Federn auf ihren Hüten vergnügter, als über das Geld in ihren Taſchen und ſich nun den gerühmten„Männern des Nordens“ vollkommen gleich ſtellend. Während Hunt auf dieſe Weiſe ſeine Mannſchaft vervollſtändigte, traf ein Mann bei ihm ein, welchen er brieflich zu ſich entboten hatte, um ihn zu vermögen, an der Expedition Theil zu nehmen. Dies war Ramſay Crooks, ein junger Mann aus Schottland, welcher in Dienſten der Nordweſt⸗Compagnie geſtanden und dann auf eigene Rechnung Handelsreiſen zu den Stämmen des Miſſouri gemacht hatte. Hunt kannte ihn perſönlich und — 195— hatte einen hohen Begriff von ſeinem Scharfſinne, feinem Unternehmungsgeiſte und ſeiner Rechtlichkeit gefaßt— eine Anſicht, in welcher er ſich nicht irrte. Er freute ſich daher, als dieſer Mann ſich entſchloſſen zeigte, ihn zu begleiten. Crooks entwarf jedoch ein auf Erfahrung gegrün⸗ detes Gemälde von den Gefahren, denen ſie ſich blos⸗ ſtellten und hob die Wichtigkeit hervor, mit einem bedeu⸗ tenden Geleite die Reiſe zu unternehmen. Sie müßten, ſagte er, wenn ſie an dem obern Miſſouri hinauf ſtiegen, durch das Gebiet der Sioux⸗Indianer gehen, welche ſich mehrere Male gegen die weißen Kaufleute feindlich bewie⸗ ſen und ihre Reiſen ungemein gefährlich gemacht hätten, indem ſie von den Ufern des Fluſſes auf ſie feuerten, während ſie auf ihren Booten vorüberfuhren, und ſie in ihren Lagern angriffen. Crooks ſelbſt war auf einer Reiſe, welche er mit einem andern Kaufmanne, Namens W'el⸗ lan, gemacht hatte, von dieſen Wegelagerern angegriffen worden und hatte es für ein Glück gehalten, daß er ohne Verluſt von Leben und Habe ſich den Fluß herab gerettet; ſeine Handelsreiſe aber hatte er ganz aufgeben müſſen. Wenn ſie aber auch, bemerkte Crooks weiter, ſo glücklich wären, unbeläſtigt durch das Gebiet der Sioux zu kommen, ſo würden ſie jenſeits auf einen noch wildern und kriegeriſcheren Stamm ſtoßen, welcher den weißen Männern tödtlichen Haß geſchworen habe. Dies ſeien die Schwarzfuß⸗Indianer, welche ein weites Gebiet inne hät⸗ ten, durch das ihr Weg führe. 13 ½ — 1983— unter allen dieſen Umſtänden wurde es für räthlich gehalten, das Geleite beträchtlich zu vermehren. Es über⸗ ſtieg bereits die Zahl von dreißig, auf welche es anfäng⸗ lich beſchränkt war; man beſchloß jedoch, es bei der Ankunft zu St. Louis bis auf ſechzig zu vermehren. Nachdem man damit im Reinen war, ſchickte man ſich zur Einſchiffung an; aber die Einſchiffung einer Schaar kanadiſcher Reiſenden zu einer entfernten Reiſe iſt keine ſo leichte Sache als man wohl glaubt, beſonders wenn es eine ſolche Bande eitler Prahlhänſe mit Geld in beiden Taſchen und Federbüſchen auf den Hüten iſt. Wie die Matroſen, laſſen die kanadiſchen„voyageurs“ jedem längern Kreuzzuge ein Gelag voran gehen. Sie haben ihre Freunde, ihre Vettern, ihre Frauen, ihre Liebchen; alle müſſen auf ihre Koſten bewirthet werden. Sie ſchmau⸗ ſen, ſie machen Muſtk, ſie trinken, ſie ſingen, ſie tanzen, ſie jubeln und ſchlagen ſich, bis ſie alle ſo voll ſind, wie eben ſo viele betrunkene Indianer. Die Wirthe ſind ganz gehorſam gegen ihre Befehle und nehmen nie auch nur einen Augenblick Anſtand, große Rechnungen auflaufen zu laſſen, da ſie wiſſen, daß, wenn ihr Geld durchgebracht iſt, die Börſe ihrer Herrn für die Rechnung einſtehen, oder die Reiſe aufgeſchoben werden muß. Auch war es zu jener Zeit in Mackinaw nicht möglich, dem Uebel abzu⸗ helfen. In jenem amphibiſchen Dorfe herrſchte ſtets die Neigung vor, das Geſetz zu Gunſten der zankſüchtigen und aufrühreriſchen Bootsleute zu deuten und zu verketzern. — 197— Es war auch nöthig, die neu Angeworbenen bei guter Laune zu erhalten, wenn man die Neuheit und Gefahr des Dienſtes, in welcher ſie eingetreten, und die Leichtig⸗ keit ins Auge faßte, mit welcher ſie ſich ihm jeden Augen⸗ blick entziehen konnten, da ſie nur in ein Kanoe ſpringen und den Fluß hinab rudern durften. Solcher Art waren die Scenen, welche Hunt umring⸗ ten und ihm einen Vorgeſchmack von den Schwierigkeiten ſeiner Stellung gaben. Die kleinen Schenken und Mar⸗ ketender⸗Schuppen die Bucht entlang hallten von dem Kratzen der Geigen, von Strophen alter franzöſiſcher Lieder und von indianiſchem Geſchrei und Huh⸗Huh wider, waͤh⸗ rend jeder beſtraußte und bebuſchte Tagedieb ſeinen Schwarm liebevoller Vettern und Kameraden hinter ſich hatte. Nur mit der größten Mühe konnte man ſie den Klauen der Wirthe und den Umarmungen ihrer Trinkgenoſſen ent⸗ reißen, welche ihnen mit manchem Händedruck und Kuß auf beide Wangen und weinſeligem Segensrufe in kana⸗ diſchem Franzöſiſch folgten. Am zwölften Auguſt verließen ſie Mackinaw und reiſten auf dem gewöhnlichen Wege, Green Bay, dem Fox⸗ und Wisconſin⸗Fluß entlang nach der Prairie du Chien und von da den Miſſiſſippi hinab nach St. Louis, wo ſie am dritten September anlegten. — 198— Vierzehntes Kapitel. St. Louis.— Seine Lage.— Bunte Bevölkerung.— Franzö⸗ ſiſche Kreolen.— Kaufherren und ihre Dienſtleute.— Miſſouri Pelzhandels⸗Geſellſchaft. Manuel Liſa.— M iſſiſſippi Boots⸗ führer.— Faullenzende Indianer.— Kentucky Jäger.— Alt⸗ franzöſiſches Haus.— Geigen.— Billiards.— Joſeph Miller.— Sein Charakter.— Rekruten.— Reiſe den Miſſouri hinauf.— Beſchwerliche Fahrt.— Verdienſte der kanadiſchen Reiſenden. — Ankunft am Nodowa.— Robert M'Lellan ſtößt zu der Geſellſchaft.— John Day, ein virginiſcher Jäger.— Hunt kehrt nach St. Louis zurück. St. Louis, am rechten Ufer des Miſſiſſi ippi, wenige Meilen von der Einmündung des Miſſouri gelegen, war in jener Zeit eine Grenz⸗Anſiedelung und der letzte Platz, wo man ſich zum indianiſchen Handel ausrüſtete. Es hatte eine bunt gemiſchte Bevölkerung, beſtehend aus Kreolen, den Abkömmlingen der alten franzöſiſchen Kolo⸗ niſten,— den eifrigen Handelsleuten aus den Staaten am atlantiſchen Meer,— den Hinterwäldlern aus Ken⸗ tucky und Tenneſſee,— den Indianern und Halbblütigen aus den Prairien, ſammt einer ſeltſamen dem Waſſerreich angehörigen Raſſe, die aus der Schifffahrt auf den Flüſſen ſich gebildet hatte— den„Bootsführern des Miſſiſſippi“, — 199— deren Sitten, Gewohnheiten, ja, man kann ſagen, deren Sprache ihnen ganz eigenthümlich und ſtreng handwerks⸗ mäßig waren. Sie waren zu jener Zeit äußerſt zahlreich und hatten die Hauptbeſchiffung, ſo wie den Handel des Ohio und Miſſiſſippi an ſich gezogen, wie die Reiſenden die der kanadiſchen Gewäſſer; aber ihre Bedeutſamkeit und Eigenthümlichkeit ſchwindet, wie die der Letztern, vor der Alles beſiegenden Ausbreitung der Dampfboote raſch dahin. Die alten franzöſiſchen Häuſer, welche mit dem india⸗ niſchen Handel beſchäftigt waren, hatten ein Gefolge von Abhänglingen, Meſtizen⸗Indianern und Meſtizen⸗Franzoſen, aus Zwiſchenheirathen mit Indianern entſproſſen, um ſich geſammelt. Dieſe brauchten ſie bei ihren manchfachen Reiſen zu Waſſer und zu Land. Zahlreiche Leute aus andern Ländern hatten in den letzten Jahren den Handel weiter in das Innere bis zu den obern Gewäſſern des Miſſouri gefördert und die Zahl dieſer Anhänglinge ver⸗ mehrt. Eine Anzahl dieſer Kaufleute hatte ſich ſchon einige Jahre vorher zu einer Geſellſchaft vereinigt, welche aus zwölf Theilhabern mit einem Kapital von ungefähr hun⸗ dert vierzig tauſend Dollars beſtand und den Namen „Miſſouri Pelzhandels⸗Geſellſchaft“ annahm. Ihr Zweck war, entlang des obern Theils dieſes Fluſſes Factoreien zu errichten und den Handel allein an ſich zu ziehen. Der Haupt⸗Theilhaber der Geſellſchaft war Manuel Liſa, von Geburt ein Spanier und ein Mann von kühnem —õ—— — Unternehmen und Charakter, welcher den Miſſouri faſt bis zu ſeiner Quelle hinauf gegangen war und ſich bei vielen Stämmen der Indianer bekannt und beliebt gemacht hatte. Durch ſeine Bemühungen waren im Jahre 1808 in dem Lande der Sioux ſo wie unter den Aricara⸗ und Mandan⸗Stämmen Factoreien, ein Haupt⸗Handelspoſten aber unter Henry, einem der Theilhaber, an den Gabeln des Miſſouri errichtet worden. Dieſe Geſellſchaft hatte gegen hundert fünfzig Mann, theils amerikaniſche Jäger, theits Kreolen und Kanadier als„voyageurs, in ihren Dienſten. Durch die Vereinigung aller dieſer Umſtände erwuchs zu St. Louis eine Bevölkerung, welche ſelbſt noch bunter als die zu Mackinaw war. Hier ſah man an den Ufern des Stromes die trotzigen, tollen, großthueriſchen Boots⸗ führer des Miſſiſſippi, nebſt den luſtigen, grimaſſirenden, grotesken, gutmüthigen kanadiſchen Reiſenden. Faullen⸗ zende Indianer von manchfacher Abſtammung lungerten in den Straßen umher. Dann und wann zog ein derber kentuckiſcher Jäger, im ledernen Jagdkleide, den Stutzen auf dem Rücken und das Meſſer im Gürtel, entlang. Da und dort waren neue Backſteinhäuſer und Schuppen durch die geſchäftigen, rührigen und eifrigen Handelsleute aus den atlantiſchen Staaten aufgeführt, zu ſchauen; während auf der andern Seite die alten franzöſiſchen Häuſer mit offenen Fenſterflügeln noch von dem leichten, gemächlichen Charakter der urſprüͤnglichen Einwanderer 201— zeugten; und dann und wann bewies das Kratzen einer Geige, eine Strophe von einem alten franzöſiſchen Liedchen, oder das Rollen von Billiard⸗Kugeln, daß der glückliche galliſche Sinn für Fröhlichkeit und Zerſtreuung noch in dieſen Räumen weilte. Dieſer Art war St. Louis zur Zeit der Ankunft Hunts; und das Auftreten einer neuen Pelzhandels⸗ Geſellſchaft, die reiche Summen zu ihrem Befehle hatte, machte großes Aufſehen unter den indianiſchen Kaufleuten des Platzes und erweckte ſtarken Neid und Widerſtand von Seiten der Miſſouri⸗Compagnie. Hunt begann ſofort, ſich gegen jede Mitbewerbung in die gehörige Verfaſſung zu ſetzen. Zu dieſem Zwecke gewann er für die Intereſſen der Geſellſchaft noch Einen jener unternehmenden Männer, welche auf eigene Rech⸗ nung mit den Stämmen des Miſſouri Handel getrieben hatten. Dieſer hieß Joſeph Miller und war ein Mann von guter Erziehung und vieler Bildung, einer angeſehenen Familie zu Baltimore angehorend. Er hatte als Offizier in dem Heere der Vereinigten Staaten gedient, hatte aber aus Widerwigen ſeine Stelle niedergelegt, weil man ihm den Urlaub verweigerte und ſich dem Biberfang und dem Handel mit den Indianern gewidmet. Er ließ ſich von Hunt leicht überreden, ſich als Theilhaber anzuſchließen, und wurde von dieſem, wegen ſeiner Erziehung und ſeiner manchfachen Kenntniſſe, ſo wie wegen ſeiner Erfahrungen im indianiſchen Handel, als eine große Erwerbung für die Geſellſchaft angeſehen. St. Louis bot auch Gelegenheit, das Geleite zu ver⸗ ſtärken; mehrere Männer wurden theils als Bootsleute, theils als Jäger in den Dienſt eingereiht. Dieſe Letztern waren nicht nur gehalten, Wild zum Unterhalt der Geſell⸗ ſchaft zu ſchießen, ſondern auch, und zwar vorzugsweiſe, Biber und andere Thiere, welche koſtbare und im Handel geſchätzte Pelze liefern, zu trappen. Sie traten unter ver⸗ ſchiedenen Bedingungen ein. Manche erhielten einen feſten Sold von drei hundert Thalern; andere wurden auf Koſten der Geſellſchaft ausgerüſtet, und erhalten und erhiel⸗ ten einen beſtimmten Antheil an dem, was ſie erjagten und trappten.— Da Hunt von Seiten der andern indianiſchen Han⸗ delsleute, namentlich der Miſſouri⸗Pelzhandels⸗Geſellſchaft vielen Widerſtand fand, ſo brauchte er mehrere Wochen, um ſeine Vorbereitungen vollſtändig zu treffen. Die Verzö⸗ gerungen, welche er früher zu Montreal, Mackinaw und unterwegs erfahren und zu denen nun die zu St. Louis kamen, hatten ihn in ſeinen erſten Berechnungen ſehr zurückgeſetzt, und es war jetzt unmöglich, in dem laufenden Jahre die Reiſe den Miſſouri hinauf zu machen. Dieſer Fluß, der aus hohen und kalten Breiten kömmt und durch weite, offene Ebenen ſtrömt, die eiſigen Winden blos⸗ geſtellt ſind, geht früh mit Eis. Man kann den Anfang des Winters auf den erſten November ſetzen; es war daher als ſicher anzunehmen, daß er zugefroren ſei, ehe Hunt im Stande war, ſeine obern Gewäſſer zu erreichen. uUm jedoch die Ausgaben zu vermeiden, welche die Ueber⸗ winterung zu St. Louis mit ſich brachte, beſchloß er, den Fluß ſo weit als möglich hinauf zu gehen und jenſeits der Anſiedlungen einen Punkt zu erreichen, wo es Wild in Fülle gab und ſein Geleite von der Jagd leben konnte, bis der Aufbruch des Eiſes im Frühjahr ihnen erlaubte, ihre Reiſe fortzuſetzen. Demzufolge reiſte er am ein und zwanzigſten October von St. Louis ab. Seine Begleitung war auf drei Boo⸗ ten vertheilt. Das eine war die Barke, welche er von Mackinaw mitgebracht hatte; das andere Fahrzeug⸗ wat größer und iſt unter dem allgemeinen Namen der Schmac⸗ tady⸗Barke bekannt, welche gewöhnlich zur Beſchiffung des Mohawk⸗Fluſſes gebraucht wurde; das dritte war ein großes plattes Boot, zu jener Zeit das gewöhnliche Fahr⸗ zeug auf dem Miſſiſſippi. So brachen ſie von St. Louis in der heiterſten Laune auf und kamen bald an die Mündung des Miſſoufi. Dieſer große Fluß, welcher drei tauſend Meilen lang iſt und mit den in ihn ſich ausmuͤndenden Waſſern eine ſolche unermeßliche Ausdehnung Landes tränkt, ward zu jener Zeit nur zufällig und unvollkommen von der abenteuer⸗ lichen Barke des Pelzhändlers befahren. Ein Dampfboot hatte noch nie ſeine Kraft an ſeinen reißenden Wellen verſucht. Segel waren nur dann und wann von Nutzen, 8 denn es forderte einen ſtarken Wind, um die Gewalt der Strömung zu beſiegen. Man mußte ſich vorzüglich auf Körperkraft und Gewandtheit der Hand verlaſſen. Die Boote mußten gewöhnlich durch Ruder und Stemm⸗ ſtangen fortgebracht, oder mit der Hand, oder durch Wider⸗ haken von einer Wurzel oder einem überhangenden Baume zu den andern gezogen, oder an der langen„Cordelle“ oder dem Bugſiertau bugſirt werden, wo die ufer hin⸗ reichend von Wald und Dickicht geklärt waren, um den Leuten einen freien Pfad an dem Waſſer zu laſſen. Während dieſer langen und ermüdenden Reiſe ward das Boot oft durch ſchwimmende Baumſtämme und große Maſſen Treibholz gefährdet, oder ſtieß auf geſunkene Bäume, deren eines Ende, gekerbt oder ſpitz, aus dem Waſſer empor ſtand. Da das eigentliche Bett des Fluſſes häufig je nach den Wendungen der Ufer und der Sand⸗ bänke von einer Seite zur andern ging, ſo mußte das Bett auf gleiche Weiſe dieſem Zickzacklaufe folgen. Oft mußte ein Theil der Mannſchaft an ſeichten Stellen in das Waſſer ſteigen und mit dem Bugſiertau entlang waten, während ihre Kameraden an Bord ihnen mühſam mit Ruder und Fahrbaum nachhalfen. Manchmal ſchien das Boot einem Punkte gegenüber, wo die Strömung heftig anprallte, bewegungslos, wie durch Zauberei feſtgehalten, und kaum die größte Anſtrengung machte irgend ein ſicht⸗ bares Vorſchreiten möglich. Bei dieſen Gelegenheiten zeigten ſich die Verdienſte — 205— der kanadiſchen Reiſenden in dem beſten Lichte. Ohne die Geduld zu verlieren, ohne durch Hinderniſſe und Unfälle ſich entmuthigen zu laſſen, fruchtbar an Auskunftsmitteln, und in jeder Weiſe erfahren, nach dem launiſchen Lauf des Fluſſes ſich zu richten und ihn zu beſiegen, boten ſie manchmal im Boot, manchmal am ufer, manchmal in dem obgleich eiskalten Waſeer, jede Kraft auf; ſtets waren ſie flink, ſtets in guter Laune; und wenn ihr Muth je ſank oder ſie müde wurden, ſo verfehlte eines ihrer beliebten Schiffsliedchen, das ein alter Rudersmann anſtimmte und in welches die Uebrigen im Chore einfielen, gewiß nie ſeine Wirkung.. Durch ſolche angeſtrengte und ausdauernde Bemü⸗ hungen gelang es ihnen, am ſechszehnten November die Mündung des Nodawa, gegen vierhundert fünfzig Meilen am Miſſouri aufwärts, zu erreichen. Da hier ein gutes Jagdrevier war und die Jahreszeit raſch vorrückte, beſchloſ⸗ ſen ſie hier ihr Winterquartier aufzuſchlagen; und wirklich hatten ſie zwei Tage nachher anhalten müſſen, da der Fluß über ihrem Lager zuging. Der Reiſezug war noch nicht lange hier, als Robert Wellan, ein anderer Miſſouri⸗Händler, zu ihnen ſtieß— derſelbe, welcher mit Crooks gemeinſchaftlich jene unglück⸗ liche Reiſe machte, auf welcher ſie von den Sioux⸗India⸗ nern aufgehalten und genöthigt wurden, ſich in aller Eile flußab zu flüchten. Mvellan war ein merkwürdiger Mann. Er hatte unter General Wayne an den indianiſchen Kriegen Theil genommen und ſich durch ſeinen feurigen Geiſt und ſeine rückſichtsloſe Kühnheit ausgezeichnet. Sein Aeußeres ent⸗ ſprach ſeinem Charakter. Seine Geſtalt war mager, aber muskelkräftig und zeugte von Starke, Thätigkeit und eiſer⸗ ner Feſtigkeit. Seine Augen waren dunkel, ſaßen tief und durchbohrten den Gegenſtand, auf den ſie ſich hefteten. Er war ruhelos, furchtlos, aber von ungeſtümer und manchmal unlenkſamer Gemüthsart. Er war von Hunt eingeladen worden, der Geſellſchaft als Theilhaber beizu⸗ wohnen und hatte freudig eingewilligt, denn er gefiel ſich in dem Gedanken, mit einem mächtigen Geleite durch das Gebiet der Sioux zu ziehen und vielleicht eine Gelegenheit zu finden, ſich an dieſem ruchloſen Stamme wegen frühe⸗ rer Beleidigungen zu rächen. Eines andern Zuwachſes, welcher dem Lager an dem Nodowa ward, dürfen wir eben ſo wenig vergeſſen. Dies war John Day, ein Jäger aus den virginiſchen Hinter⸗ wäldern, welcher aber viele Jahre in Crook's und anderer Jäger Dienſten am Miſſouri geſtanden hatte. Er war gegen vierzig Jahre alt, ſechs Fuß zwei Zoll hoch; grade wie ein Indianer; ſein Schritt elaſtiſch, als träte er auf Federn; ſeine Geſichtszüge ſchön, offen, männlich. Er pflegte ſich zu rühmen, nichts habe in ſeinen jüngern Tagen ihm ſchaden oder ihn in Furcht ſetzen können; aber er habe„zu ſchnell gelebt“ und durch ſeine Exceſſe ſeiner Geſundheit geſchadet. Doch war ſein Arm noch ſtark und — 207— ſein Herz kühn; er war ein Waidmann erſter Klaſſe und ein nie fehlender Schütze. Er hatte den freien offenen Geiſt des echten Virginiers und den rauhen Heldenſinn eines weſtlichen Anſiedlers. Der Reiſezug mußte nun mehrere Monate ſtill liegen. Sie waren in einer Gegend, wo es von Hirſchen und wilden Truthähnen wimmelte, ſo daß es nie an Lebens⸗ mitteln mangelte, und Alle waren heiter und zufrieden. Hunt beſchloß, dieſen Aufenthalt zu benutzen und nach St. Louis zurück zu reiſen, um ſein Geleite noch zu ver⸗ ſtärken. Er wünſchte ſich einen Dolmetſcher zu verſchaffen, der die Sprache der Sioux kenne, da er bei ſeinem Zug durch das Gebiet dieſes Stammes nach allen Nachrichten auf Schwierigkeiten zu ſtoßen fürchten mußte. Auch fühlte er die Nothwendigkeit, eine größere Anzahl Jäger zu haben, nicht nur um auf ſeinem langen und beſchwerlichen Zuge ſtets mit Vorräthen von Lebensmitteln verſehen zu ſeyn, ſondern auch um die etwaigen Feindſeligkeiten der „Indianer abzuwehren. Man konnte ſich bei Dienſtleiſtungen dieſer Art auf die kanadiſchen Reiſenden nicht ſehr ver⸗ laſſen, da der Gebrauch der Waffen nicht in ihr Gewerbe einſchlug. Die geeigneten Perſonen dazu waren amerika⸗ niſche Jäger, die das Leben und die Kampfweiſe der Wil⸗ den aus Erfahrung kannten und den echten Waidmanns⸗ geiſt des Weſten beſaßen. Hunt überließ ſonach das Lager der Aufſicht der übri⸗ gen Theilhaber und trat am erſten Januar 1810 ſeine Retſe nach St. Louis zu Fuß an. Acht Mann begleiteten ihn bis zum Fort Oſage, gegen hundert und fünfzig Mei⸗ len unter der Einmündung des Nodowa. Hier verſchaffte er ſich ein Paar Pferde, ſchickte ſechs Mann in das Lager zurück und ſetzte mit den zwei Andern ſeine Reiſe fort. Am zwanzigſten Januar kam er zu St. Louis an. — 209— Fünfzehntes Kapitel. Widerſtand zu St. Louis.— Schwarzfuß⸗Indianer.— Pierre Dorion, ein halbblütiger Dolmetſcher.— Der alte Dorion und ſeine Baſtarden.— Familienzwiſte.— Mißverſtändniſſe zwiſchen Dorion und Liſa.— Renegaten von Nodowa.— Ver⸗ legenheiten eines Anführers.— Bradbury und Nuttal treten der Reiſe bei.— Geſetzliche Verlegenheiten Dorion's.— Abreiſe von St. Louis.— Eheliche Zucht eines Halbblütigen. — Jährliches Anſchwellen der Flüſſe.— Daniel Boone, der Patriarch von Kentucky.— John Colter.— Seine Abenteuer unter den Indianern.— Gerüchte von drohenden Gefahren.— Fort Oſage.— Ein indianiſches Kriegs⸗Feſt.— Unruhen in der Dorion⸗Familie.— Büffel und Aasgeier. Hunt fand ſich auch bei dieſem ſeinen zweiten Auf⸗ enthalte zu St. Louis manchfach in ſeinen Planen durch die Miſſouri⸗Pelzhandels⸗Geſellſchaft gehindert und geſtört. Die Angelegenheiten dieſer Geſellſchaft waren zu jener Zeit in einem ſehr zweifelhaften Zuſtande. Während des vergangenen Jahres war ihre Haupt⸗Niederlaſſung an den Gabeln des Miſſouri durch die Schwarzfuß⸗Indianer ſo arg mitgenommen worden, daß der Vorſtand derſelben, Henry, einer der Theilhaber, ſich genöthigt ſah, den Poſten aufzugeben und in der Abſicht, ſich an einem der obern Arme des Kolumbia niederzulaſſen, über das Felſengebirg 57.— 59. 14 — 210— ging. Es war unbekannt, was aus ihm und ſeinen Leuten geworden war. Man war ihretwegen in der ernſteſten Beſorgniß und fürchtete, die Wilden hätten ſie getödtet. Als Hunt nach St. Louis kam, rüſtete die Miſſouri⸗ Geſellſchaft eine Expedition aus, deren Zweck war, Henry aufzuſuchen. Manuel Liſa, der bereits genannte unter⸗ nehmende Theilhaber, ſollte an der Spitze derſelben ſtehen. Da auf dieſe Weiſe in demſelben Augenblicke Vorbe⸗ reitungen zu zwei ſo weiten Reiſen getroffen wurden, ſo entſtand eine ungewöhnliche Nachfrage nach Jägern und „voyageurs“, und dieſe benutzten natürlich dieſe Gelegen⸗ heit und machten hohe Forderungen. Hunt fand in Liſa einen eifrigen und ſchlauen Nebenbuhler und war genö⸗ thigt, ſich durch freigebige Gehaltsvorſchüſſe und andere klingende Gunſtbezeugungen ſeine Leute zu ſichern. Am ſchwierigſten war es, des Sioux⸗Dolmetſchers habhaft zu werden. Es war in St. Louis nur ein ein⸗ ziger Mann aufzufinden, welcher zu dieſer Stelle geeignet war, aber es forderte große Geſchicklichkeit, ſich ihn zu ſichern. Das fragliche Individuum war ein Halbblut, Pierre Dorion mit Namen, und da er in unſerer Erzäh⸗ lung ſpäter eine Rolle ſpielt und überhaupt ein anziehen⸗ des Charakterbild der Baſtarden⸗Raſſe an den Grenzen abgibt, ſo wollen wir einige ihn betreffenden Einzelnheiten hier vorläufig mittheilen. Pierre war der Sohn Dorion's, des franzöſiſchen Dolmetſchers, welcher Lewis und Clarke bei ihrer berühmten Entdeckungsreiſe jenſeits des Felſengebirgs begleitet hatte. Der alte Dorion war einer jener franzöſiſchen Kreolen, Abkömmlinge des alten kanadiſchen Stammes, wie man ſie zahlreich an der weſtlichen Grenze findet, und die ſich mit den Wilden amalgamiren und gemeinſam leben. Er hatte unter mehreren Stämmen gelebt und vielleicht unter ihnen allen Nachkommenſchaft hinterlaſſen; aber ſeine regelmäßige oder gewöhnliche Frau war eine Sioux⸗Squaw. Von ihr hatte er eine hoffnungsvolle Schaar halbblütiger Söhne, von denen Pierre einer war. Die häuslichen Angelegenheiten des alten Dorion wurden in echt india⸗ niſcher Weiſe geleitet. Vater und Söhne betranken ſich gelegentlich mit einander, und dann war die Hütte der Schauplatz von wildem Lärm, Zank und Streit, in deren Verlauf der alte Franzoſe wohl dann und wann von ſeiner Baſtarden⸗Nachkommenſchaft tüchtig bearbeitet wurde. In einem wüthenden Hader dieſer Art warf einer der Söhne den alten Mann zu Boden und war im Begriff, ihn zu ſcalpiren. „Halt, mein Sohn,“ rief der alte Geſell in flehen⸗ dem Tone:„du biſt zu tapfer, zu ehrenvoll, um deinen Vater zu ſcalpiren.“ Dieſes letzte Wort berührte die franzöſiſche Seite des halbblütigen Herzens, und ſo ließ er den alten Mann ſeine Hirnhaut unbeläſtigt tragen. Aus dieſem hoffnungsvollen Stamme war Pierre Dorion, der Mann, welchen Hunt jetzt als Dolmetſcher 14* — 212— zu gewinnen wünſchte. Während des vergangenen Jahres hatte er in gleicher Eigenſchaft bei der Miſſouri⸗Geſellſchaft gedient und ihre Händler ungefährdet durch die verſchie⸗ denen Stämme der Sioux geführt. Er hatte ſich, ſo lange er nüchtern war, als ein treuer und brauchbarer Mann erwieſen; aber dann und wann gab er ſeiner Vor⸗ liebe zu geiſtigen Getränken, in welcher er aufgeſäugt und erzogen worden war, Raum, und dann brach die wilde Seite ſeines Charakters hervor.. Dieſe ſeine Liebe zu geiſtigen Getränken hatte ihn mit der Miſſouri⸗Geſellſchaft entzweit. Während er in ihren Dienſten in dem Fort Mandan an der Grenze war, hatte ihn ſeine Whiskey⸗Manie erfaßt, und da das Getränk nur aus dem Magazin der Geſellſchaft zu bezie⸗ hen war, ſo hatte man ihm in ſeiner Rechnung für das Quart zehn Dollar angeſetzt. Dieſer Anſatz war unbe⸗ richtigt geblieben und gab einen Gegenſtand wüthenden Streites ab, deſſen bloße Erwähnung hinreichte, ſeinen Zorn zu entflammen. Sobald Liſa die Entdeckung machte, daß Pierre Dorion mit der neuen nebenbuhleriſchen Geſellſchaft in Unterhal⸗ tung getreten ſei, bemühte er ſich, ihn durch Drohungen und Verſprechungen von ſeinem Vorhaben abzubringen. Vielleicht waren ſeine Verſprechungen nicht ganz ohne Erfolg geweſen; aber ſeine Drohungen, welche ſich auf die Whiskey⸗Schuld bezogen, dienten nur dazu⸗ Pierre in die Hände des Gegners zu überliefern. Er zog jedoch mög⸗ lichen Vortheil aus dieſen doppelten Anſprüchen an ſeine Dienſte, um mit Hunt auf die für ihn günſtigſten Bedin⸗ gungen zu unterhandeln, und ließ ſich, nachdem die Unter⸗ handlungen faſt zwei Wochen gedauert hatten, herab, auf der Reiſe als Jäger und Dolmetſcher um dreihundert Dollars jährlich zu dienen, von denen zweihundert voraus⸗ bezahlt werden mußten.— Als Hunt alles in Bereitſchaft hatte, St. Louis zu verlaſſen, erhoben ſich neue Schwierigkeiten. Fünf ame⸗ rikaniſche Jäger langten plötzlich aus dem Lager am Nodowa an. Sie führten an, ſie ſeien von den Theil⸗ habern in dem Lager ſchlecht behandelt worden und hätten ſich in Folge eines Streites heimlich entfernt. Es war in dem jetzigen Augenblicke und unter den jetzigen Umſtän⸗ den nutzlos, Zwangsmaßregeln gegen dieſe Ausreißer zu verſuchen. Zwei von ihnen vermochte Hunt durch ſanfte Mittel, mit ihm zurückzukehren. Die übrigen weigerten ſich; ja, was noch ſchlimmer war, ſie verbreiteten ſolche Gerüchte von den Müheſeligkeiten und Gefahren, welche im Laufe dieſer Reiſe zu fürchten ſeien, daß ſie jene Jäger, welche bereits in den Dienſt aufgenommen waren, mit Schrecken erfüllten, und alle, einer ausgenommen, ſich weigerten, das Boot zu beſteigen, als der Augenblick der Abreiſe heran kam. Es war umſonſt, ihnen zuzureden oder ſie zurecht zu weiſen; ſie nahmen ihre Stutzen auf ihre Schultern und kehrten der Reiſe den Rücken und Hunt mußte mit dem einzigen Jager und einer Anzahl — 214— „voyageursc, die er geworben hatte, vom ufer abſtoßen. Selbſt Pierre Dorion weigerte ſich in dem letzten Augen⸗ blicke in das Boot zu ſteigen, wenn Hunt nicht einwilligte, daß ſeine Squaw und zwei Kinder auch an Bord kamen. Aber das Gewebe von Verlegenheiten, welche dieſes wür⸗ dige Individuum bereitete, war noch nicht zu Ende. Unter den verſchiedenen Perſonen, welche im Begriffe ſtanden, mit Hunt den Miſſouri hinauf zu gehen, waren zwei gelehrte Herrn: ein John Bradbury, ein Mann von reifem Alter, aber großem Unternehmungsgeiſte und per⸗ ſönlicher Energie, welchen die Linnäiſche Geſellſchaft zu Liverpool ausgeſandt hatte, um eine Sammlung amerika⸗ niſcher Pflanzen zu veranſtalten; der Andere hieß Nuttal, gleichfalls ein Engländer und noch in jüngern Jahren; er hat ſich ſeitdem durch die Herausgabe ſeiner„Reiſen in Arkanſas“ und ein Werk über die„Genera der ameri⸗ kaniſchen Pflanzen“ bekannt gemacht. Hunt hatte ihnen den Schutz und die Bequemlichkeiten, welche ſein Geleite ihnen bei ihren wiſſenſchaftlichen Unterſuchungen den Miſ⸗ ſouri hinauf gewähren konnte, angeboten. Da ſie in dem Augenblicke der Einſchiffung noch nicht reiſefertig waren, brachten ſie ihre Koffer an Bord des Fahrzeugs und blie⸗ ben noch bis zum nächſten Tage zu St. Louis, um die Ankunft des Poſtſchiffes zu erwarten; ſie gedachten, ſich zu St. Charles, eine kleine Strecke über der Einmün⸗ dung des Miſſouri dem Zuge anzuſchließen. Sie erfuhren aber noch deſſelben Abends, daß Liſa, * als Agent der Miſſouri⸗Geſellſchaft, einen Verhaftbefehl gegen Pierre Dorion wegen ſeiner Whiskey⸗Schuld erwirkt habe, und daß man die Abſicht hege, den halbblütigen Sprachkenner bei ſeiner Ankunft zu St. Charles in Em⸗ pfang zu nehmen. Als Bradbury und Nuttal dies hörten, reiſten ſie kurz nach Mitternacht zu Lande ab, erreichten das Boot, das den Miſſouri hinauf ging, vor ſeiner Ankunft zu St. Charles und gaben Pierre Dorion einen Wink wegen des geſetzlichen Netzes, in welchem man ihn fangen wollte. Der liſtige Pierre ſtieg augenblicklich an das Land und begab ſich, im Geleite ſeiner Squaw, welche mit ihren kleinen Wollköpfen und einem großen, ihr koſt⸗ barſtes Habe enthaltenden Bündel beladen war, in die Wälder; ſie verſprachen, eine Strecke über St. Charles wieder zu der Geſellſchaft zu ſtoßen.. Es ſchien, als wenn man wenig Vertrauen auf die Verſprechungen eines leichtfüßigen Abenteurers dieſer Art ſetzen dürfte, welcher eben jetzt mit ſeinem frühern Dienſt⸗ herrn„Durchgehen“ ſpielte; der bereits zwei Dritttheile ſeines Jahrgehaltes in den Händen, ſeinen Stutzen auf der Schulter, ſeine Squaw und ſeine Familie mit all ihrer weltlichen Habe auf den Ferſen und die wilden Wälder vor ſich hatte. Es war jedoch hier keine Wahl und man hoffte, ſein Haß gegen ſeine alten Dienſtherrn würde ihn gegen ſeine neuen treu machen. Die Geſellſchaft erreichte am Nachmittag St. Charles, aber die Harpyen der Gerechtigkeit ſahen ſich vergeblich K — 216— nach ihrer erwarteten Beute um. Die Boote ſetzten am folgenden Morgen ihre Fahrt fort und waren noch nicht weit, als ſich Pierre Dorion an dem Ufer zeigte. Froh wurde er an Bord aufgenommen, aber er kam ohne ſeine Squaw. Sie hatten ſich in der Nacht gezankt; Pierre hatte zu der indianiſchen Zucht des Prügels ſeine Zuflucht genommen, worauf ſie mit ihren Kindern und all ihrer weltlichen Habe in die Wälder flüchtete. Pierre war augenſcheinlich über den Verluſt ſeiner Frau und ſeines Torniſters im höchſten Grade betrübt und verwirrt, wes⸗ halb Hunt einen der Reiſenden ausſandte, um die Flüch⸗ tige aufzuſuchen. Nachdem man einige Meilen weiter gefahren war, machte die ganze Geſellſchaft Halt und lagerte ſich auf einer Inſel, um ſeine Rückkehr abzuwarten. Der Kanadier ſtieß wieder zu der Geſellſchaft, aber ohne die Squaw, und Pierre Dorion brachte eine einſame und angſtvolle Nacht hin, und bereute ſeine Unklugheit bitter, ſein eheliches Anſehen ſo nahe der Heimath geltend gemacht zu haben. Ehe jedoch der Tag anbrach, klang eine wohl⸗ bekannte Stimme von dem Ufer gegenüber an ſein Ohr. Es war ſeine reumüthige Ehehälfte, welche die ganze Nacht in den Wäldern umher geirrt war, um die Geſell⸗ ſchaft aufzuſuchen und endlich durch die Lagerfeuer auf den rechten Weg geführt worden war. Ein Boot wurde nach ihr abgeſchickt, die anziehende Familie war wieder beiſam⸗ men, und Hunt ſchmeichelte ſich jetzt, ſeine Verlegenheiten mit Pierre Dorion würden nun zu Ende ſein. ⸗* — 217— Schlechtes Wetter, ſehr ſtarker Regen und ein unge⸗ wöhnlich frühes Anſchwellen des Miſſouri machte die Reiſe flußaufwärts mühſelig, langſam und gefährlich. Das Anſchwellen des Miſſouri findet in der Regel nicht vor den Monaten Mai oder Juni ſtatt; das diesjährige frühe Anſteigen mußte durch ein Obenwaſſer**) in einem ſeiner ſüdlicheren Armen veranlaßt worden ſein; es konnte nicht die große jährliche Anfluth ſein, da die obern Arme noch alle gefroren ſein mußten. Wir können nicht umhin, hier einen Augenblick zu verweilen, um die bewundernswürdige Einrichtung der Natur zu bewundern, durch welche das jährliche Anſchwel⸗ len der verſchiedenen großen Ströme, welche ſich in den Miſſiſſippi ergießen, nicht auf einmal, ſondern in beträcht⸗ lichen Zwiſchenräumen erfolgt. So geht die Anfluth des Red⸗River der des Arkanſas um vier Wochen voran. Auch der Arkanſas, welcher in einer viel ſüdlicheren Breite als der Miſſouri entſpringt, geht dieſer in ſeinen jährlichen Austritten voran, und ſeine überſtrömenden Gewäſ⸗ ſer ſind lange verlaufen und ausgetrocknet, ehe die Eis⸗ ſchranken des Nordens ſich brechen. Höben alle die mäch⸗ tigen Flüſſe ſich zu gleicher Zeit, um ihre Frühlingswaſſer in den Miſſiſſippi auszugießen, ſo würde eine Ueberſchwem⸗ mung die Folge ſein, welche das ganze untere Land unter Waſſer ſetzen und verwüſten müßte. ⁴) Regenwaſſer, wodurch ein Fluß u. ſ. w. vom Lande her angeſchwellt wird. Ueberf. Am Nachmittag des dritten Tages, den ſiebzehnten Januar, legten die Boote zu Charette, einem der alten Dörfer an, welche die erſten franzöſiſchen Koloniſten gegründet haben. Hier trafen ſie Daniel Boone, den berühmten Patriarchen von Kentucky, welcher ſozuſagen in der Vorhut der Civiliſation und an den Grenzen der Wildniß gelebt hatte und, obgleich jetzt in ſeinem fünf⸗ undachtzigſten Jahre, noch ein vollkommenes Jägerleben führte. Er war erſt kürzlich von einem Jagd⸗ und Biber⸗ fang⸗Zuge zurückgekehrt und hatte beinahe ſechzig Biber⸗ felle als Beweiſe ſeiner Geſchicklichkeit mit zurückgebracht. Der alte Mann war ſtets noch grade in ſeinem Baue, ſtark in ſeinen Gliedern, und unermüdlich in ſeinem Geiſte und fühlte, als er an dem Ufer des Fluſſes ſtand und auf die Abreiſe eines Zuges ſah, der beſtimmt war, die Wild⸗ niß bis zu den Geſtaden des ſtillen Meeres hin zu durch⸗ ſtreifen, wahrſcheinlich ſein altes kühnes Wälderherz feuri⸗ ger ſchlagen und wünſchte, ſeine Büchſe auf die Schulter zu nehmen und ſich den Abenteurern anzuſchließen. Boone blühte noch mehrere Jahre nach dieſer Zuſammenkunft in kräftigem Greiſenalter, der Neſtor der Jäger und Hin⸗ terwäldler; im Jahr 1818 ſtarb er, zweiundneunzig Jahre alt, weitum in den Wäldern hochgeehrt, geprieſen und betrauert. Am nächſten Morgen in der Frühe wurde die Geſell⸗ ſchaft, die noch an der Einmündung eines kleinen Waſſers lagerte, von einem andern dieſer Helden der Wildniß⸗ — 219— John Colter mit Namen, beſucht, welcher Lewis und Clarke bei ihrer denkwürdigen Reiſe begleitet hatte. Er hatte in der letzten Zeit eine jener großen Reiſen in dem Innern gemacht, welche dieſe furchtloſe Menſchenklaſſe und zumal die unermeßlichen Gebiete ſo ſehr charakteriſirt, über welche ſie ihre einſamen Wanderungen ausdehnen. Er war von den oberſten Waſſern des Miſſouri bis nach St. Louis gekommen. Dieſe Strecke von dreitauſend Meilen hatte er in dreißig Tagen zurückgelegt. Colter blieb den ganzen Morgen bei der Geſellſchaft. Er wußte ihnen viele Einzelnheiten in Bezug auf die Schwarzfuß⸗ Indianer zu erzählen,— ein ruheloſer und räuberiſcher Stamm, welcher die unverſöhnlichſte Feindſchaft gegen die weißen Maänner gefaßt hatte, weil einer ihrer Krieger, als er einen Pferdediebſtahl beabſichtigte, von Kapitän Lewis getödtet worden war. Durch die von dieſen Wil⸗ den umſchwärmten Gebiete mußten unſere Reiſenden ziehen, und Colter machte wiederholt und dringend auf die Vorſichtsmaßregeln aufmerkſam, welche in Betracht ihrer beachtet werden müßten. Er ſelbſt hatte ihre rachſüchtige Grauſamkeit erfahren, und ſeine Geſchichte verdient beſon⸗ derer Erwähnung, da ſie die großen Gefahren ſehen läßt, welcher dieſe einſamen Wanderer der Wildniß ausgeſetzt ſind. Colter hatte ſich mit der Kühnheit eines echten Biber⸗ fängers in dem Herzen der Wildniß von dem Zuge der Reiſenden, Lewis und Clarke, losgeſagt und war allein geblieben, um an den obern Waſſern des Miſſouri Biber zu fangen. Hier traf er mit einem andern einſamen Biberfänger zuſammen, der Potts hieß; ſie beſchloſſen, zuſammen zu halten. Sie waren inmitten des Gebietes der Schwarzfüße, welche in jener Zeit den Tod ihrer Gefährten zu rächen dürſteten; ſie wußten, daß ſie von ihnen keine Gnade zu hoffen hatten. Sie mußten ſich den ganzen Tag an den waldigen Ufern des Fluſſes ver⸗ ſtecken, ihre Fallen nach dem Anbruch der Nacht ſtellen und ſie vor Tagesanbruch wegnehmen. Um weniger Biber⸗ felle wegen mußten ſie ſich der ſchrecklichſten Gefahr blos⸗ ſtellen; aber der Art iſt das Leben des Trappers. Sie waren an einem Arme des Miſſouri, der Jef⸗ ferſon's Gabel genannt wird, und hatten des Abends gegen ſechs Meilen aufwärts von einem kleinen Fluſſe, welcher ſich in die Gabel ausmündet, ihre Fallen geſtellt. Früh am Morgen gingen ſie in einem Kanoe den Fluß hinauf, um die Fallen zu unterſuchen. Die beiden Ufer waren ſteil und abſchüſſig und warfen ihre ſchwarzen Schatten auf den Fluß. Als ſie ſtill entlang ruderten, hörten ſie an den Ufern Fußtritte. Colter rief augenblick⸗ lich:„Indianer!“ und rieth zum Rückzuge. Potts lachte über ihn, daß er ſich durch den Hufſchlag einer Heerde Büffel ſchrecken laſſe. Colter entſchlug ſich ſeiner Unbe⸗ haglichkeit und ruderte weiter. Sie waren kaum wieder im Zuge, als furchtbares Geſchrei und Huhhuh von beiden Seiten des Fluſſes gehört wurde und viele hundert In⸗ dianer ſich am Waſſer zeigten. Man gab den unglücklichen 8 — 221— Biberfängern Zeichen, an das Ufer zu kommen. Sie mußten gehorchen. Ehe ſie aus dem Kanoe waren, hatte ein Wilder die Büchſe gefaßt, welche Potts gehörte. Colter ſprang an's Ufer, rang die Waffe aus den Händen des Indianers und gab ſie ſeinem Gefährten zurück, der noch in dem Kanoe war und augenblicklich wieder abſtieß. Der ſcharfe Klang eines Bogens ward gehört, und Potts rief, er ſei verwundet. Colter drang in ihn, an das Ufer zu rudern und ſich zu unterwerfen, da keine andere Ret⸗ tung möglich war. Der andere aber wußte, daß kein Erbarmen zu hoffen ſei, und beſchloß, ſein Leben hinzu⸗ werfen. Er hob ſeine Büchſe und ſchoß ſie auf einen der Wilden ab, der ſogleich todt niederſtürzte. Im nächſten Augenblicke fiel er ſelbſt, von zahlloſen Pfeilen durchbohrt. Die Rache der Wilden wandte ſich jetzt auf Colter. Er wurde nackt ausgezogen und hörte, da er einige Kennt⸗ niß von der Sprache der Schwarzfüße hatte, einer Bera⸗ thung in Bezug auf die ergötzlichſte Weiſe, ihm den Tod anzuthun, zu. Einige ſchlugen vor, ihn als Marke hin⸗ zuſtellen und auf ſeine Koſten ihre Geſchicklichkeit im Schießen zu zeigen. Der Häuptling war jedoch für eine edlere Unterhaltung. Er faßte Colter an der Schulter und fragte ihn, ob er ſchnell laufen könne. Der unglück⸗ liche Biberfänger war mit den indianiſchen Sitten zu bekannt, um den Sinn dieſer Frage nicht zu verſtehen. Er wußte, daß es galt, um ſein Leben zu laufen, ſeinen Verfolgern das Vergnügen einer Art Menſchenjagd zu 222 — 222— geben. Obgleich er in der That unter ſeinen Jagdgenoſſen wegen der Schnelligkeit ſeiner Füße bekannt war, ver⸗ ſicherte er den Häuptling, er ſei ein ſchlechter Läufer. Seine Liſt war nicht ohne Vortheil für ihn. Der Häupt⸗ ling führte ihn auf die Prairie, ungefähr vierhundert Schritte vor der Hauptſchaar der Wilden und ließ ihn dann frei, um ſich zu retten, wenn er es vermöchte. Ein furchtbares Geſchrei ließ ihn gewahren, daß die ganze Meute der Bluthunde hinter ihm drein war.— Colter flog eher, als er ging; er war ſelbſt über ſeine Geſchwin⸗ digkeit erſtaunt; aber die Prairie war ſechs Meilen lang; dieſen Raum mußte er hinter ſich haben, ehe er die Jef⸗ ferſon's Gabel des Miſſouri erreichte; wie konnte er hof⸗ fen, es eine ſolche Strecke in einem Wettrennen auszu⸗ halten, wo mehrere Hunderte gegen Einen ihre Kraft verſuchten? Auch war die Ebene mit der Stachel⸗Birne bedeckt, welche ſeine nackten Füße verwundete. Doch floh er entlang, jeden Augenblick fürchtend, den Klang eines Bogens zu hören und einen Pfeil in ſeinem Herzen zu fühlen. Er wagte es nicht einmal umzuſchauen, um nicht einen Zoll von dem Zwiſchenraume zu verlieren, von welchem ſein Leben abhing. Er war faſt halbwegs über die Ebene, als die Töne der Verfolgenden etwas ſchwächer wurden und er es wagte, den Kopf umzuwenden. Die Hauptſchaar ſeiner Verfolger war eine bedeutende Strecke hinter ihm; einige der beſten Läufer waren zerſtreut voraus; während ein ſchnellfüßiger Krieger, mit einem Speer bewaffnet, nicht mehr als hundert Schritte hinter ihm war. Von neuer Hoffnung durchflammt, verdoppelte Colter ſeine Anſtrengungen, griff ſich aber in einem ſolchen Grade an, daß das Blut ihm aus Mund und Naſe floß und auf die Bruſt niederträufte. Er war jetzt noch eine Meile vom Fluß. Der Klang der Fußtritte kam näher. Ein Blick rückwärts zeigte ihm ſeinen Verfolger nur noch zwanzig Schritte entfernt und im Begriff, ſeinen Speer zu ſchleu⸗ dern. Er ſtand raſch ſtill, drehte ſich um und breitete ſeine Arme aus. Der Wilde, durch dieſes raſche Thun verwirrt, verſuchte ſtill zu ſtehn und ſeinen Speer zu werfen, aber in dieſem Augenblick ſtürzte er zu Boden. Colter faßte die Spitze des Speers, ſpießte den Wilden an den Boden feſt und ſetzte ſeine Flucht fort. Als die Indianer zu ihrem gemordeten Gefährten kamen, hielten ſie an und klagten heulend über der Leiche. Colter benutzte dieſe koſtbare Zögerung ſo gut er nur konnte, erreichte den Saum des Pappelwaldes, welcher den Fluß begrenzte, eilte durch das Gehölz und warf ſich in den Fluß. Er ſchwamm zu einer nahen Inſel, gegen deren oberes Ende das Treibholz ſich in ſolcher Maſſe angeſtemmt hatte, daß es ein natürliches Floß bildete. Er tauchte unter dieſes, und ſchwamm unter dem Waſſer fort, bis es ihm gelang⸗ zwiſchen fließenden Baumſtämmen, deren Aeſte und Zweige ſich mehrere FJuß über dem Waſſer zu einer Art Laube wölbten und ihn vollkommen verdeckten, einen Ruheplatz zu finden. Colter hatte nach ſo vielen Anſtrengungen kaum wieder Athem geſchöpft, als er ſeine Verfolger an dem Ufer des Fluſſes hörte, wie ſie heulten und brüllten, wie eine Schaar Teufel. Sie warfen ſich in den Fluß und ſchwam⸗ men zu dem Floß. Colter's Herz war dem Zerſpringen nahe, als er ſie durch die Oeffnungen ſeines Verſtecks hin und her gehen und ihn in allen Richtungen ſuchen ſah. Endlich gaben ſie das Nachſuchen auf, und er begann ſich ſeiner Rettung zu erfreuen, als ſich ihm der Gedanke darſtellte, ſie möchten das Treibholz in Flammen ſetzen. Dies war eine neue Quelle furchtbarer Angſt, in welcher er bis zum Anbruch der Nacht blieb. Glücklicherweiſe war dies den Indianern nicht in den Sinn gekommen. Sobald es dunkel ward und das Schweigen ringsum andeutete, daß ſeine Verfolger fort waren, ſchwamm er unter dem Floße weg und kam jenſeits deſſelben über das Waſſer. Eine beträchtliche Strecke ſchwamm er nun ſtill flußabwärts, ging dann an das Land und ſetzte die ganze Nacht ſeinen Weg fort, um ſo weit als möglich aus einer ſo gefährlichen Gegend zu kommen. Bei Tagesanbruch hatte er einen ſo bedeutenden Vor⸗ ſprung, daß er ſich der Schrecken von ſeinen wilden Fein⸗ den überhoben ſah; jetzt boten ſich aber neue Quellen der Unruhe dar. Er war nackt und allein, inmitten einer grenzenloſen Wildniß allein. All ſein Hoffen beruhte darauf, — — daß er einen Handelspoſten der Miſſouri⸗Compagnie erreichte, welcher an einem Arme des Yellowſtone⸗Fluſſes lag. Entging er auch ſeinen Verfolgern, ſo mußten Tage vergehen, ehe er dieſen Poſten erreichen konnte, und wäh⸗ rend dieſer Zeit mußte er Prairien durchwandern, wo kein Baum gegen die Hitze ſchützte, wo ſein nackter Körper der ſengenden Sonne bei Tag und dem Thau und der Kälte bei Nacht blos geſtellt war, und die Dornen der Stachel⸗ Birne ſeine wunden Füße zerriſſen. Mochte er auch ringsum eine Menge Wild ſehen, ſo fehlten ihm die Mittel, ein Thier zu tödten, um ſeinen Hunger zu ſtillen, und es blieben ihm nur die Wurzeln der Erde, ſein Leben zu friſten. Aller dieſer Schwierigkeiten ungeachtet eilte er ent⸗ ſchloſſenen Muthes vorwärts und folgte auf dieſen pfad⸗ loſen Ebenen jenen Zeichen und Merkmalen, welche nur dem Indianer und dem Hinterwäldler bekannt ſind; und nach⸗ dem er Gefahren und Muͤhſeligkeiten, welche den Muth eines Jeden, nur nicht den eines weſtlichen Anſiedlers gebrochen hätten, überſtanden, kam er glücklich an den einſamen Poſten, deſſen wir oben gedacht haben.*) 1 Dies mag als eine Probe der herben Erfahrungen dienen, welche Colter von dem wilden Leben zu erzählen hatte; und doch konnte er, obgleich alle dieſe Gefahren und Schrecken ſeinem Gedächtniß nach neu waren, iifſere *½) Bradbury, Travels in America, pag. 17. Verf. 57.— 59. 15 — 226— Reiſenden nicht auf dem Wege zu jenen Gegenden der Abenteuer und Bedrohniſſe ſehen, ohne die dringendſte Begierde zu fühlen, ſich ihnen anzuſchließen. Ein Biber⸗ fänger des Weſten iſt wie ein Matroſe; überſtandene Gefahren reizen ihn blos zu neuen Abenteuern. Die aus⸗ gedehnte Prairie iſt für den Einen, was für den Andern der Ocean iſt,— ein grenzenloſes Feld für Unterneh⸗ mungen jeder Art. Wie viel er auch bei ſeinem letzten Kreuzzug gelitten haben mag— er iſt ſtets bereit, einen neuen zu beginnen; je abenteuerlicher und gefährlicher er iſt, deſto mehr Anziehungskraft hat er für ſeinen unſteten Geiſt. Nur der Umſtand, daß er erſt vor Kurzem eine Frau genommen, ſcheint Colter abgehalten zu haben, mit dem Zuge zu den Geſtaden des ſtillen Meeres zu wan⸗ dern. Den ganzen Morgen, welchen er bei ihnen hin⸗ brachte, wog er die Reize ſeiner Frau gegen die des Fel⸗ ſengebirgs ab; die erſtern trugen jedoch den Sieg davon und, nachdem er die Reiſenden mehrere Meilen begleitet hatte, nahm er widerwillig Abſchied von ihnen und wandte ſein Antlitz heimwärts. Der Zug ſetzte die Fahrt den Miſſontri hinauf fort und lagerte am Abend des ein und zwanzigſten März in der Nähe eines kleinen Grenz⸗Dorfes franzöſiſcher Kreo⸗ len. Hier traf Pierre Dorion mit einigen ſeiner alten Kameraden zuſammen, mit welchen er eine lange Unter⸗ redung hatte und dann mit Geruchten von blutigen Käm⸗ pfen zwiſchen den Oſagen und den Joways, oder Ayaways, Potowatomies, Sioux und Sawkees in das Lager zurück⸗ kam. Blut war bereits vergoſſen, Kopfhäute abgeſtreift worden. Eine Schaar Krieger, drei hundert Mann ſtark, ſtreifte in der Umgegend umher; auf Andere ſollte man weiter am Fluß hinauf ſtoßen; es war daher nöthig, daß die Reiſenden ſich gegen Beraubung oder Ueberfall wahr⸗ ten, denn eine Schaar indianiſcher Krieger auf dem Marſch gibt ſich leicht Gewaltthaten jeder Art hin. Im Gefolge dieſer Nachrichten, welche nachher durch andere Kundſchafter beſtätigt wurden, umgab man wäh⸗ rend der Nacht das Lager mit einer Wache, und Alle ſchlie⸗ fen in ihren Waffen. Da ihrer ſechszehn und Alle mit Waffen, Pulver und Blei verſehen waren, glaubten ſie im Stande zu ſeyn, jedem räuberiſchen Anfall die Spitze zu bieten. Es begab ſich jedoch nichts, das ihre fernere Reiſe geſtört hätte, und am achten April kamen ſie zu dem Fort Oſage. Bei ihrer Annäherung wurde die Fahne des Forts aufgeſteckt, und ſie begrüßten daſſelbe mit einer Gewehr⸗ ſalve. Nicht weit entfernt von dem Fort war ein kleines Oſage⸗Dorf, deſſen Bewohner, Männer, Frauen und Kinder, ſich an den Fluß drängten, um Zeugen der Lan⸗ dung zu ſeyn. Eine der erſten Perſonen, welcher ſie an dem Ufer begegneten, war Crooks, welcher mit neun Mann in einem Boot von dem Winterlager am Nodowa herab⸗ gekommen war, um ſie zu empfangen. Sie verweilten drei Tage zu Fort⸗Oſage, während 15*¾ von jetzt an mürriſch; daher Pierre Dorion, der kein welcher Zeit ſie von Lieutenant Brownſon, welchem der Oberbefehl für den Augenblick übertragen war, in dem Militärgebäude gaſtfrei bewirthet wurden. Sie wurden auch mit einem Kriegerfeſt in dem Dorfe erfreut, da die Oſage⸗Krieger von einem ſiegreichen Zuge gegen die Joways zurückgekehrt waren und ſieben Kopfhäute mitgebracht hatten. Dieſe wurden auf Stangen in dem Dorfe herum⸗ getragen und von den Kriegern begleitet, die mit all ihrem wilden Schmuck geziert und ſcheuslich, als ging es in den Kampf, bemalt waren. Auch die Oſage⸗Krieger mahnten Hunt und ſeine Gefährten, auf der Reiſe den Fluß hinan auf ihrer Hut zu ſeyn, da der Sioux⸗Stamm geſonnen ſcheine, ſich in den Hinterhalt zu legen und ſie anzugreifen. Durch Crooks und ſeine Bootsleute war der Reiſe⸗ zug jetzt auf ſechs und zwanzig Mann angewachſen, und am zehnten April ſchiffte man ſich wieder ein. Sie waren aber noch nicht weit gekommen, als in einem der Boote ein großer Lärm entſtand; er rührte von einer kleinen häuslichen Scene in der Familie Dorion her. Die Squaw des würdigen Dolmetſchers hatte, wie es ſcheint, an dem Scalp⸗Tanz und andern Feſtlichkeiten in dem Oſage⸗Dorfe ſo viel Freude gefunden, daß ihr eine ſtarke Neigung bei⸗ gekommen war, dort zu bleiben. Dies fand aber ſo ſtar⸗ ken Widerſtand bei ihrem Herrn und Gebieter, der ſie gezwungen hatte, an Bord zu gehen. Die gute Frau war anderes Mittel wußte, den böſen Geiſt aus ihr zu ver⸗ treiben und vielleicht auch ein wenig von Whiskey begei⸗ ſtert war, zu der indianiſchen Arznei, dem Prügel, ſeine Zuflucht nahm und ſie, ehe ſeine Nachbarn ſich in das Mittel legen konnten, ſo tüchtig bearbeitete, daß auf der ganzen übrigen Reiſe keine widerſpenſtige Symptome von ihrer Seite bemerkt wurden. Eine Woche ſetzten ſie, faſt unaufhörlichem Regen blos geſtellt, ihre Reiſe fort. Ertränkte Büffel ſchwammen in großer Menge an ihnen vorüber; viele waren an das ufer getrieben, oder an das obere Ende des geſtemmten Treibholzes oder der Inſeln angeſchwemmt worden. Sie hatten große Schwärme Aasgeier herbeigezogen, welche theils auf den ungeheuern Thieren ſchmauſten, theils weitum in der Höhe kreiſten, theils auf den Baͤumen ſaßen, den Rücken der Sonne zugewandt und die Flügel zum Trocknen ausgebreitet, wie Schiffe, die im Hafen nach einem Regen ihre Segel entfalten. Der Aasgeier(vultur aura, oder Goldgeier*) iſt im Fluge einer der ſchönſten und auffallendſten Vögel. Sein Flug in den obern Regionen der Luft iſt wirklich erhaben; ½) Bezeichnender cathurtes aura(Illig.) oder aura(ſpaniſch aura tignoso, Zamuro, gallinazo; franzöſiſch⸗kreoliſch carancro, verderbt vom Engliſchen carrion-crow.) Bei den ſpaniſch'amerikaniſchen Koloniſten wird er aber⸗ gläubiſch verehrt, und wer ihn tödtet, muß zwanzig Piaſter bezahlen. Ueberſ. „ 235— er breitet dann ſeine mächtigen Flügel aus, ſchwebt lang⸗ ſam und majeſtätiſch hin und her, gleichſam als wenn ſich keine Muskel, keine Feder rührte, ſondern die Bewegung ein bloßer Akt des Willens ſei, und ſegelt auf dem Schooß der Lüfte, wie ein Schiff auf dem Ocean. Steigt er in die höheren Regionen des Adlers empor, ſo nimmt er eine Zeitlang das Benehmen und die Würde dieſes majeſtäti⸗ ſchen Vogels an und wird von den unkundigen Erden⸗ würmern oft für dieſen angeſehen. Nur wenn er aus den Wolken niederſteigt, um ſich auf das Aas zu ſtürzen, verräth er ſeine gemeinen Neigungen und enthüllt ſeinen ſchlechten Charakter. In der Nähe iſt er ein häßlicher Vogel, ſein Gefieder zerzauſt, ſein Ausſehen gemein, ſein Geruch ekelhaft.. Am ſiebzehnten April erreichten Hunt und ſeine Gefährten die Stationen am Nodowa⸗Fluſſe, wo das Hauptgeleite den Winter hingebracht hatte. — 231— Sechszehntes Kapitel. Wiederkehr des Frühlings.— Erſcheinung von Schlangen.— Große Flüge wilder Tauben.— Neuer Aufbruch.— Nachtiager. — Laplatte Fluß.— Ceremonien beim Uebergang über denſel⸗ ben.— Spuren indianiſcher Krieger.— Prachtvolle Anſicht an der Papillon⸗Landzunge.— Zwei Jäger reißen aus.— Ein Einbruch in das Lager indianiſcher Tollköpfe.— Dorf der Omahas.— Anekdoten von dem Stamm.— Feudal⸗Kriege der Indianer.— Geſchichte Schwarzvogels, des berühmten Omaha⸗ Häuptlings. Das Wetter blieb mehrere Tage nach Hunt's Ankunft am Nodowa regnicht und unfreundlich; aber der Frühling nahte raſchen Schrittes und die Vegetation trat in ihrer ganzen Friſche und Schönheit hervor. Die Schlangen erholten ſich von ihrer winterlichen Erſtarrung und kamen an das Tageslicht, und die Nähe des Blockhauſes, wo die Geſellſchaft den Winter hingebracht, ſcheint von ihnen ſehr heimgeſucht worden zu ſeyn. Bradbury fand im Verlaufe ſeiner botaniſchen Excurſionen eine auffallende Menge Schlangen in halb erſtarrtem Zuſtande unter flachen Stei⸗ nen an den Abhängen, welche das Winterquartier über⸗ ragten; nur mit Mühe entging er einer Klapperſchlange, welche aus einer Ritze in dem Felſen auf ihn losſchoß; glücklicherweiſe hatte ihre Klapper ihn gewarnt. Auch die Tauben erfüllten den Wald in großen Wan⸗ der⸗Schwärmen. Es iſt faſt unglaublich, in welcher Menge dieſe Vögel in den weſtlichen Wildniſſen angetroffen wer⸗ den. Sie ziehen gradezu wie Wolken daher und bewegen ſich in erſtaunlicher Schnelligkeit und man höͤrt das pfei⸗ fende Schlagen ihrer Schwingen beim Fluge. Ein unge⸗ mein ergötzlicher Anblick iſt die Raſchheit der Wendung ihres Fluges, indem ſie ſich, gleichſam als wären ſie eines Sinnes oder als hörten ſie auf ein Commando-Wort, plötzlich wenden und drehen, ſo wie der grelle blitzende Wechſel ihrer Farben, je nachdem ihr Rücken, ihre Bruſt oder der untere Theil ihrer Flügel den Beſchauer zuge⸗ wendet iſt. Wenn ſie ſich auf den Boden niederlaſſen, bedecken ſie ganze Morgen; wenn ſie ſich auf die Bäume ſetzen, brechen oft die Aeſte unter ihrem Gewichte. Wenn ſie plötzlich, während ſie inmitten eines Waldes freſſen, aufgeſchreckt werden, gleicht das Geräuſch, welches ihr Aufflug verurſacht, dem Brüllen eines Waſſerfalls oder dem fernen Klange des Donners. Ein Schwarm dieſer Art zehrt, wie ein ägyptiſcher Heuſchreckenſchwarm, auf dem Durchzuge Alles auf, was zu ſeiner Nahrung dient. Die Anzahl der Tauben war in den Umgebungen des Lagers ſo groß, daß Bradbury wahrend eines Morgen⸗ ausflugs mit einer Vogelflinte faſt dreihundert ſchoß. Er gibt auffallende, obgleich ohne Zweifel zuverläſſige Nach⸗ — 233— richten der Art von Zucht und Ordnung, welche dieſe unermeßlichen Schwärme beobachten, ſo daß jeder einzelne darauf rechnen kann, ſeine Nahrung zu finden. Da die erſten Züge auf den größten Ueberfluß ſtoßen müſſen und die letzteren nur auf knappe Nahrung zu rech⸗ nen haben, ſo erhebt ſich ein Zug, ſobald er gewahrt, daß er der hinterſte iſt, ſogleich hoch in die Luft, ſegelt über den ganzen Schwarm weg und nimmt ſeinen Platz in der Vorhut. Der nächſte Zug folgt ſeinem Fluge und ſo wird der letzte ſtets der erſte und Alle haben abwechſelnd bei dem Schmauße den erſten Platz. Da der Regen endlich nachließ, ließ Hunt das Lager abbrechen und ſetzte die Reiſe den Miſſouri hinauf fort. Die Reiſegeſellſchaft beſtand nun aus beinahe ſechszig Perſonen, unter ihnen waren fünf Theilhaber, ein Com⸗ mis, John Reed mit Namen, vierzig kanadiſche„voya- geurse oder„engagés“ und mehrere Jäger. Sie ſchiff⸗ ten ſich in vier Booten ein, deren eines von beträchtlicher Größe war und eine Drehbaſſe*) und zwei Haubitzen führte. Alle waren mit Maſten und Segeln verſehen, um davon Gebrauch zu machen, wenn der Wind hinrei⸗ chend günſtig und ſtark wäre, um die Gewalt der Strö⸗ mung des Fluſſes zu beſtegen. Dies war der Fall in den **.) Art Schiffskanone, die zwei bis drei Pfund ſchießt. Ueberſ. erſten vier oder fünf Tagen, wo ſie durch einen ſtarken Südoſt⸗Wind ſtetig flußauf getrieben wurden. Das Nachtlager war oft angenehm und maleriſch zumal, beſonders wenn es auf einer ſchönen Uferhöhe, unter weit verzweigten Bäumen aufgeſchlagen wurde, die Schutz und Brennſtoff darboten. Die Kanadier ſchlugen die Zelte auf, machten die Feuer an und bereiteten das Mahl, und manche Geſchichte wurde erzählt, manches Lied geſungen, und mancher Scherz machte die Runde um das Abendfeuer. Alle ſuchten jedoch zu guter Zeit den Schlaf — manche unter den Zelten, andere vor dem Feuer in Blankets gehüllt, oder unter den Bäumen, und einige in den Booten und Kanoes. Am acht und zwanzigſten frühſtückten ſie auf einer der Inſeln, welche an der Einmündung des Nebraska oder Laplatte⸗Fluſſes liegen— des größten Fluſſes, der ſich ungefähr ſechs hundert Meilen über deſſen Einmün⸗ dung in den Miſſiſſippi und den Miſſouri ergießt. Dieſes breite, aber flache Waſſer ſtrömt eine ungeheure Strecke durch ein weites grünes Thal, in welchem ausgedehnte Prairien ſich hinziehen. Durch verſchiedene Gabeln oder Arme hat es ſeinen Hauptzufluß aus dem Felſengebirg. Die Mündung dieſes Fluſſes gilt als der Scheidepunkt zwiſchen dem obern und untern Miſſouri, und die erſten Reiſenden glaubten bei ihrer mühſeligen Fahrt bergan, vor der Einführung der Dampfſchiffe, die Hälfte ihrer Mühe überſtanden zu haben, wenn ſie dieſen Punkt erreichten. Die Fahrt an der Mündung des Nebraska entlang galt ſonach bei den Bootsleuten für gleichbedeutend mit dem Paſſiren der Linie bei den Seeleuten und wurde mit gleichen Feierlichkeiten einer ziemlich rauhen und ſcherz⸗ haften Art begangen, bei welchen der Uneingeweihte die Hauptrolle zu übernehmen hatte. Die Fluß⸗Gottheiten ließen ſich jedoch, wie die des Meeres, durch eine Gabe beſanftigen, und man konnte ſich der herben Ehrenbezeu⸗ gungen entziehen, wenn man die Eingeweiheten bewirthete. An der Mündung des Nebraska fand man neue Spu⸗ ren von Kriegerzügen, welche vor kurzem in der Umge⸗ gend geweſen waren. Man ſah die Stücke eines Haut⸗ Kanoe's, in welchem die Wilden über den Fluß gegangen waren. Auch hing in der Nacht der röthliche Widerſchein einer Menge Feuer am Himmel und deutete auf den Brand großer Prairienſtrecken. Da ſolche Feuer in ſo ſpäter Jahreszeit nicht von den Jägern angezündet zu werden pflegen, nahm man an, daß ſie von wandernden Kriegern herrührten. Dieſe brauchen oft die Vorſicht, die Prairien in Brand zu ſtecken, um ihren Feinden ihre Spur zu verheimlichen. Dies geſchieht vorzüglich, wenn die Schaar beſiegt wurde und ſich auf dem Rückzug befin⸗ det und verfolgt zu werden fürchtet. Zu einer ſolchen Zeit iſt es ſelbſt für Freunde nicht räthlich, auf ſie zu ſtoßen, da ſie dann zuweilen in wilder Laune ſind und ſich geneigt zeigen, ihren Aerger in jeder Art Beleidigung auszulaſſen. Dieſe Anzeichen von der Nähe einer Bande — 236— raubſüchtiger Wilden forderte daher von Seiten der Rei⸗ ſenden eine gewiſſe Wachſamkeit. Als der Reiſezug an dem Nebraska vorbei war, machten ſie zwei Tage lang an dem ufer des Fluſſes, ein wenig über der Papillion⸗Landzunge, Halt, um ſich mit einem Vorrathe von Riemen und Pfählen von dem ſtar⸗ ken feſten Eſchenholz zu verſehen, welches man weiter am Miſſouri hinauf nicht mehr findet. Während ſich die Kanadier damit beſchäftigten, ſtreiften die Naturforſcher in der Umgegend umher, um Pflanzen zu ſammeln. Von der Spitze einer Hügelreihe auf dem entgegengeſetzten Ufer des Fluſſes, gegen zwei hundert fünfzig Fuß hoch, hatten ſie eine jener ausgedehnten und prachtvollen Aus⸗ ſichten, welche ſich manchmal in dieſen grenzenloſen Gebie⸗ ten dem Auge darbieten. Unter ihnen war das Thal des Miſſouri, gegen ſieben Meilen breit, in das friſche Grün des Frühlings gekleidet, mit Blumen durchwirkt und da und dort mit kleinern und größern Gruppen edler Bäume geſchmückt, zwiſchen denen der mächtige Fluß ſeine wilden, ſtürmiſchen Waſſer hin⸗ wälzte. Das fernere Land bot einen ſeltſamen Anblick dar; die unermeßliche Wüſte ward durch zahlloſe grüne Hügel durchſchnitten, welche kaum achtzig Fuß hoch, aber ungemein ſteil und an den Gipfeln ſcharf zugeſpitzt waren. Eine lange Kette von Bluffs zog ſich faſt dreißig Meilen lang mit dem Miſſouri in gleicher Linie dahin; an ihrem Fuß war ein ſeichter See, welcher ſichtlich einſt ein Bett des Fluſſes abgegeben hatte. Die Oberfläche dieſes Sees war mit Waſſerpflanzen bedeckt, auf den breiten Blättern lagen eine Menge Waſſerſchlangen, welche die wohlthuende Waͤrme des Frühlings herausgelockt hatte, und die ſich in der Sonne gütlich thaten. Am zweiten Mai, zur gewöhnlichen Stunde des Ein⸗ ſchiffens, wurde das Lager durch zwei von den Jägern, die Harrington hießen und ihre Abſicht kund thaten, den Reiſe⸗ zug zu verlaſſen und nach Haus zurück zu kehren, in unruhe verſetzt. Einer derſelben war in verfloſſenem Herbſt zu der Geſellſchaft geſtoßen, nachdem er zwei Jahre an dem Miſſouri gejagt hatte; der andere war im März zu St. Louis angeworben worden und mit Hunt den Fluß herauf gekommen. Er erklärte jetzt, er habe ſich blos in der Abſicht anwerben laſſen, um ſeinem Bruder zu folgen und ihn zur Rückkehr zu überreden; dazu ſei er durch die Bitten ihrer Mutter verleitet worden, deren Angſt und Beſorgniß durch den Gedanken geweckt worden, daß er eine ſo weite und gefährliche Reiſe zu unternehmen im Begriffe ſei. Der Verluſt von zwei ſtarken Jägern und trefflichen Schützen war für die Geſellſchaft eine ſehr ernſte Ange⸗ legenheit; denn ſie näherten ſich jetzt dem Gebiete, wo ſie Feindſeligkeiten von Seiten der Sioux erfahren konnten; wirklich waren auf der ganzen gefahrvollen Reiſe die Dienſte ſolcher Männer von höchſter Wichtigkeit, denn auf die Tapferkeit der Kanadier konnte man ſich im Falle eines Angriffes nicht ſehr verlaſſen. Hunt bemühte ſich auf alle Weiſe, den Entſchluß der zwei Brüder zu erſchüttern; er nahm Vorſtellungen und Bitten zu Hülfe. Er ſagte ihnen, ſie ſeien zwiſchen ſechs und ſieben hundert Meilen über der Mündung des Miſ⸗ ſouri; ſie würden vier hundert Meilen zu gehen haben, ehe ſie die Wohnung eines weißen Mannes erreichten; auf dem ganzen Wege würden ſie Gefahren aller Art blosgeſtellt ſeyn; dann erklärte er, wenn ſie darauf beſtän⸗ den, ihn zu verlaſſen und ihr Wort zu brechen, würde er ihnen kein Korn Pulver ausliefern laſſen. Alles war vergeblich; ſie beſtanden hartnäckig auf ihrem Entſchluß, worauf Hunt, theils aus Unwillen gereizt, theils aus Vorſicht, um Andere von ähnlichem Thun abzu⸗ halten, ſeine Drohung in Ausführung brachte und es ihnen überließ, wie ſie, nach ſeinem Dafürhalten, ohne eine ein⸗ zige Kugel oder einen Schuß Pulver, den Weg zu den Anſiedlungen zurück fänden. Mehrere Tage ſetzten die Boote ihren langſamen und mühevollen Weg gegen die Strömung des Fluſſes fort. Die neuen Spuren umſtreifender Kriegerſchaaren veran⸗ laßten Hunt, des Nachts, während man auf dem Ufer das Lager aufgeſchlagen, ſtreng Wache halten zu laſſen; und dieſe Sorgfalt erwies ſich nicht überflüſſig; denn in der Nacht des ſiebenten Mai erhob ſich plötzlich ein wildes und furchtbares Gebrüll, und eilf Sioux⸗Krieger, ganz — 239— nackt und mit Tomahawks in ihren Händen, ſtürzten in das Lager. Augenblicklich waren ſie umzingelt und feſt⸗ genommen, worauf ihr Anführer ſeinen Begleitern zurief, von jeder Gewaltthätigkeit abzuſtehen und vorgab, ganz friedliche Abſichten zu hegen. Es ergab ſich aber, daß ſie zu der Kriegerſchaar gehörten, deren Kande man an der Mündung des Laplatte⸗Fluſſes gefunden und deren Feuer man an dem Widerſchein in der Luft bemerkt hatte. Ihr Zug war entweder fehlgeſchlagen, oder ſie waren zurück⸗ getrieben worden, und in ihrer Wuth und Demüthigung hatten dieſe eilf Krieger„ihre Kleider der Medicin“ geweiht. Dies iſt ein verzweifelter Act der indianiſchen Krieger, wenn ſie im Kampf unterlagen und den Hohn und Spott der Ihrigen fürchten. In dieſem Falle werfen ſie oft ihre Gewänder und ihren Schmuck weg, weihen ſolche dem großen Geiſte und verſuchen irgend eine kühne That zu vollbringen, um damit ihre Schmach zu bedecken. Wehe den unbeſchützten Weißen, welche ihnen dann in den Weg kommen! Dies war die Erklärung, welche Pierre Dorion, der halbblütige Dolmetſcher, von dieſem wilden Einfalle in das Lager gab. Die Geſellſchaft war, als ſie die blutdürſtigen Abſichten der Gefangenen erfuhr, ſo erbittert, daß ſie dafür ſtimmte, ſie augenblicklich zu erſchießen. Hunt aber ließ ſeine gewöhnliche Mäßigung und Menſchlichkeit walten und befahl, ſie in einem der Boote über den Fluß zu brin⸗ gen, bedrohte ſie jedoch mit gewiſſem Tode, wenn — 240— man ſie wieder in irgend einer feindſeligen Handlung beträfe. Am zehnten Mai erreichten die Reiſenden das Omaha⸗) Dorf, gegen acht hundert und dreißig Meilen über der Ausmündung des Miſſouri und ſchlugen ihr Lager in ſeiner Nachbarſchaft auf. Das Dorf lag am Fuß eines Hügels an dem Ufer des Fluſſes und beſtand aus ungefähr achtzig Hütten. Dieſe waren von runder, kegel⸗ förmiger Geſtalt und hatten gegen ſechszehn Fuß im Durchmeſſex; es waren bloße Zelte von gegerbten Büffel⸗ häuten, die an einander genäht und auf langen Pfählen ausgeſtreckt waren; die Pfähle waren gegen einander gelehnt und durchkreuzten ſich ungefähr in ihrer halben Höhe. Die bloßen Spitzen der Pfähle ſtehen ſo aus ein⸗ ander, daß, wenn man ſie oben mit Häuten bekleidete, wie unten, das Zelt vollkommen die Geſtalt einer Sand⸗ uhr hätte und zwei mit den Spitzen auf einander geſtell⸗ ten Kegeln gleichen würde. Die Geſtalt der indianiſchen Hütten iſt der Aufmerk⸗ ſamkeit werth, indem jeder Stamm ſie nach ſeiner beſon⸗ dern Weiſe formt und anordnet, ſo daß man, wenn man eine Hütte, oder ein Lager aus der Entfernung ſieht, ſogleich ſagen kann, zu welchem Stamme die Bewohner gehören. Das Innere der Omaha⸗Hütten bietet oft einen heitern und phantaſtiſchen Anblick dar, da ſie mit wogenden *) Omauhau auszuſprechen. — 241— Streifen von Roth oder Gelb gemalt oder mit rohen Figuren von Pferden, Hirſchen, Büffeln und Menſchenge⸗ ſichtern, dem Vollmond ähnlich und vier bis fünf Fuß breit, geſchmückt ſind. Die Omahas waren einſt einer der zahlreichen und mächtigen Stämme der Prairien und wetteiferten in krie⸗ geriſcher Kraft und Kühnheit mit den Sioux, den Paw⸗ nees, den Saubs, den Konzas und den Jatans. Ihre Kriege mit den Sioux hatten aber ihre Reihen gelichtet und im Jahre 1802 hatten die Blattern zwei Drittheile ihrer Bevölkerung weggerafft. Als Hunt ſie beſuchte, rühmten ſie ſich noch, zweihundert Krieger und Jäger zu zählen; aber raſch ſchmilzt jetzt ihre Zahi zuſammen, und es wird nicht lange währen, ſo wird man ſie zu jenen untergegangenen Völkerſchaften des Weſten rechnen, welche nur in der Ueberlieferung leben. Hunt entwirft in ſeiner Correspondenz mit Aſtor, von dieſem Punkte ſeiner Reiſe aus, ein trauriges Gemälde von den indianiſchen Stämmen, welche an dem Fluſſe wohnten. Sie waren, dieſem zufolge, in ſtetem Kriege unter einander, und ihre Kriege waren ſtets der wildeſten Art; denn ſie beſtanden nicht nur aus allgemeinen Käm⸗ pfen und bedeutſamen Kriegszügen, welche Mord, Brand und Verwüſtung ganzer Ortſchaften zur Folge hatten, ſon⸗ dern auch aus Einzelnheiten des Verraths, des Mordes, kaltblütiger Grauſamkeit, oder aus prahleriſchen und toll⸗ kühnen Unternehmungen einzelner Krieger, entweder um 57.— 59. 16 eine perſönliche Beleidigung zu rächen oder das groß⸗ thueriſche Siegeszeichen einer Kopfhaut davon zu tragen. Der einſame Jäger, der verirrte Wanderer, die arme Squaw, welche Holz brach oder Mais ſammelte, waren dem Ueberfall blosgegeben und wurden gemordet. Auf dieſe Weiſe waren Stämme entweder auf einmal aufge⸗ rieben, oder allmählig gelichtet worden, und das wilde Leben war von ſteter Beſorgniß und ſteten Gefahren umgeben. Daß die Raſſe der rothen Menſchen von Jahr zu Jahr ſich mindert, und daß von den Nationen, welche einſt die ausgebreiteten Regionen des Weſten bevölkerten, nur ſo wenige noch übrig ſind, iſt nichts überraſchendes; es iſt vielmehr überraſchend, daß ſo viele noch übrig ſind, denn das Leben eines Wilden in dieſen Gegenden ſcheint wenig beſſer als ein verlängerter und Allen drohender Tod. Es iſt in der That ein Zerrbild der geprieſenen romantiſchen Feudal⸗Zeiten: Ritterlichkeit in ihrem urſprünglichen und uncultivirten Zuſtande und wild gewor⸗ dene fahrende Ritterſchaft. In ihren glücklichen Tagen betrachteten ſich die Oma⸗ has für die mächtigſten und vollendetſten aller menſchlichen Weſen, und glaubten, Alles, was da geſchaffen worden, ſei zu ihrem veſoßſern Gebrauch und Nutzen geſchaffen. Dieſem Stamme gehört das Oberhaupt, oder der Häupt⸗ ling, der berühmte Waſh⸗nig⸗guh⸗ſah⸗ba, der Schwarz⸗ vogel, an, von welchem man ſich ſo ſonderbare und roman⸗ tiſche Geſchichten erzählt. Er war ungefähr zehn Jahre — 243— vor der Ankunft von Hunt's Geſellſchaft geſtorben; das Volk gedachte aber ſeines Namens noch mit Ehrfurcht. Er war eines der erſten indianiſchen Oberhäupter an dem Miſſouri, welche mit den weißen Kaufleuten Verkehr trie⸗ ben, und zeigte großen Scharfſinn, ſich ſeinen königlichen Antheil anzueignen. Wenn ein Kaufmann in ſein Dorf kam, ließ er alle ſeine Waaren in ſeine Hütte bringen und öffnen. Aus dieſen wählte er ſich nun, was ſeinem allergnädigſten Behagen zuſagte— Blankets, Tabak, Whiskey, Pulver, Kugeln, Glasperlen und rothe Farbe; die ausgewählten Artikel legte er auf die eine Seite, ohne ſich herabzulaſſen, etwas dafür zu geben. Dann rief er ſeinen Herold oder Ausrufer zu ſich und befahl ihm, auf den Gipfel ſeiner Hütte zu ſteigen und den ganzen Stamm außzufordern, ihre Pelzwerke herbei zu bringen und mit dem weißen Manne zu handeln. Bald wimmelte es in der Hütte von Indianern, welche Bären⸗, Biber⸗, Otter⸗ und andere Felle brachten. Niemand durfte es wagen, etwas gegen die Preiſe zu ſagen, um welche der weiße Kaufmann ſeine Waaren anbot; dieſer war bedacht, ſich fünffach für die Waaren zu entſchädigen, welche das Oberhaupt bei Seite gelegt hatte. Auf dieſe Weiſe vereicheſge ſich der Schwarz⸗ vogel, und bereicherte die weißen Männer, und wurde unter den weißen Kaufleuten am Miſſouri ungemein beliebt. Sein Volk aber war nicht ganz ſo zufrieden mit einer Anordnung des Handels, welche ſo offenbar gegen alle 16* — 214— ihre Intereſſen ſtritt; und es begann Zeichen der Unzu⸗ friedenheit gewahren zu laſſen. Darauf entdeckte ein ver⸗ ſchlagener, ruchloſer Kaufmann dem Oberhaupte ein Geheimniß, durch welches er ſich unbeſchränkte Gewalt über ſeine unwiſſenden und abergläubiſchen unterthanen erwerben könne. Er machte ihn mit den giftigen Eigen⸗ ſchaften des Arſeniks bekannt und verſchaffte ihm einen bedeutenden Vorrath von dieſer heilloſen Waare. Von dieſer Zeit an ſchien Schwarzvogel mit übernatürlichen Kräften ausgeſtattet zu ſein, die Gabe der Wahrſagung zu beſitzen und die Entſcheidung über Leben und Tod in ſeinen Händen zu haben. Wehe einem Jeden, der ſein Anſehen in Zweifel zu ziehen oder ſich ſeinen Befehlen zu widerſetzen wagte. Der Schwarzvogel ſagte ihm ſeinen Tod auf eine beſtimmte Zeit vorher, und er war im Beſitz der geheimen Mittel, ſeiner Wahrſagung Erfolg zu geben. Zu der angekündigten Zeit fühlte ſich der Schuldige von einer ſeltſamen, plötzlichen Krankheit befallen, und ſchied von dem Antlitz der Erde. Jedermann ſah erſchreckt und bebend die ſich häufenden Beiſpiele dieſer übermenſchlichen Macht und fürchtete ſich, einem ſo allmächtigen und rache⸗ ſüchtigen Weſen zu mißfallen, und der Schwarzvogel erfreute ſich einer ausgedehnten und unbeſtrittenen Herr⸗ ſchaft. Er beherrſchte aber ſein Volk nicht durch den Schrecken allein; er war ein Krieger erſter Klaſſe; und ſeine Waffen⸗ thaten waren bei Jung und Alt der Gegenſtand des — 245— Staunens. Er hatte ſeine Laufbahn mit Müheſeligkeiten begonnen, denn in früher Jugend hatten die Sioux ihn zum Gefangenen gemacht. Unter ſeinem Befehle erhielten die Omaha's einen ausgezeichneten Ruf wegen ihrer krie⸗ geriſchen Kühnheit, und er gab nicht zu, daß eine Kran⸗ kung oder Beleidigung an Einem ſeines Stammes unge⸗ rächt blieb. Die Pawnee Republikaner hatten einen allge⸗ mein beliebten und ausgezeichneten Omaha⸗Krieger auf rohe Weiſe beleidigt. Der Schwarzvogel verſammelte ſeine Braven, führte ſie gegen die Pawnee⸗Stadt, griff ſie mit unwiderſtehlicher Wuth an, machte eine große Menge ihrer Einwohner nieder und brannte ſie bis auf den Grund ab. Er führte mehrere Jahre lang einen wilden, blutigen Krieg gegen die Ottoer, und der Friede zwiſchen ihnen konnte erſt durch die Vermittelung der Weißen herbeige⸗ führt werden. Furchtlos im Kampf und ehrgeizig, ſich auszuzeichnen blendete er ſeine Krieger durch die waghal⸗ ſige Kühnheit ſeiner Thaten. Beim Angriffe eines Kanza⸗ dorfes ritt er ganz allein rund um daſſelbe, und lud und ſchoß ſeine Büchſe auf die Einwohner ab, während er an ihnen vorüber gallopirte. Er wußte im Kriege dieſelbe Idee einer geheimnißvollen und übernatürlichen Macht geltend zu machen. Einſt folgte er den Spuren einer Kriegerſchaar über die Prairien und ſchoß wiederholt ſeine Büchſe auf die Spuren ihrer Füße und der Hufe ihrer Pferde ab, und verſicherte ſeine Begleiter, auf dieſe Weiſe lähme und verkrüpple er die Flüchtlinge, ſo daß ſie leicht — 246— eingeholt werden könnten. Er holte ſie wirklich ein und vernichtete ſie faſt bis auf den letzten Mann und ſein Sieg wurde von Freund und Feind als ein Wunder betrachtet. Durch dieſe und ähnliche Thaten machte er ſich zum Stolze und zur Zierde ſeines Volkes und wurde, trotz ſeiner todtbringenden Willensmacht, allgemein beliebt. Bei all ſeinen wilden und ſchrecklichen Eigenſchaften war er für die Nacht weiblicher Schönheit empfänglich und für Liebe zugänglich. Eine Kriegerſchaar der Poncas hatte einen’ Einfall in das Gebiet der Omahas gemacht und eine Anzahl Weiber und Pferde entführt. Der Schwarzvogel ſchäumte vor Wuth und zog mit allen ſeinen Braven in das Feld, ſchwörend, er werde„die Ponca⸗ Nation aufeſſen“— die indianiſche Androhung eines Ver⸗ nichtungskriegs. Die arg bedrängten Poncas flüchteten ſich hinter einem rohen Erdwall; aber der Schwarzvogel unterhielt ein ſo mörderiſches Feuer, daß es wahrſchein⸗ lich ſchien, er werde ſeine Drohung erfüllen. In dieſer Noth ſchickten ſie einen Herold heraus, welcher das Kalu⸗ met, oder die Friedenspfeife trug; er wurde aber auf Befehl des Schwarzvogels niedergeſchoſſen. Ein zweiter Herold wurde in ähnlicher Weiſe abgeſchickt und hatte das gleiche Schickſal. Das Oberhaupt der Poncas baute nun ſeine letzte Hoffnung auf ſeine ſchöne Tochter; er kleidete ſie in ihren hübſcheſten Schmuck und ſandte ſie mit dem Kalumet hinaus, um den Frieden zu erflehen. Die Reize des indianiſchen Mädchens rührten das ſtrenge Herz des Schwarzvogels; er nahm die Pfeife aus ihrer Hand an, rauchte daraus und von dieſer Zeit an herrſchte Friede zwiſchen den Poncas und den Omahas. Dieſe ſchöne Indianerin war, aller Wahrſcheinlichkeit nach, das Lieblingsweib des Schwarzvogels, deren Schick⸗ ſal einen ſo traurigen Abſchnitt in ſeiner Geſchichte abgibt. Ihre Jugend und Schönheit hatte ſich ſeines rauhen Her⸗ zens unbeſchränkt bemächtigt und er zeichnete ſie vor allen ſeinen Frauen aus. Die gewohnte Nachgiebigkeit gegen ſeine rächeriſchen Triebe hatte ihn jedoch um alle Herr⸗ ſchaft über ſeine Leidenſchaften gebracht und ihn den ſchrecklichſten Ausbrüchen der Wuth blosgeſtellt. In einer ſolchen hatte das ſchöne Weib das Unglück, ihn zu belei⸗ digen; er zog raſch ſein Meſſer und ſtreckte ſie mit einem Stiche todt zur Erde nieder. In einem Augenblicke war ſein Zorn vorüber. Er ſtarrte eine Zeitlang in ſtummer Verwirrung auf ſein Opfer, zog dann ſein Büffelkleid über ſein Haupt, ſetzte ſich neben die Leiche und brütete ſo über ſeiner Schuld und ſeinem Verluſt. Drei Tage vergingen und ſtets noch war das Oberhaupt ſtumm und regungslos; er aß nicht und floh, wie es ſchien, den Schlaf. Man fürchtete, er ſei entſchloſſen, Hungers zu ſterben; ſeine Leute näherten ſich ihm unter Zittern und Zagen, und baten ihn, ſein Antlitz wieder zu enthüllen und ſich zu tröſten; aber er blieb regungslos. Endlich brachte einer ſeiner Krieger ein kleines Kind herbei, legte es auf die Erde und ſtellte den Fuß des Schwarzvogels auf ſeinen Hals. Durch dieſe Aufforde⸗ rung wurde das Herz des düſtern Wilden gerührt; er zog ſein Gewand weg, hielt eine Anrede über das, was er gethan, und ſchien von dieſer Zeit an die Laſt des Grams und der Gewiſſensbiſſe aus ſeinem Geiſt und Berzen ver⸗ bannt zu haben. Noch bewahrte er ſein ſchreckliches Geheimniß und mit ihm ſeine furchtbare Macht; obgleich er aber im Stande war, ſeinen Feinden den Tod zu geben, ſo konnte er ihn nicht von ſich und ſeinen Freunden abwenden. Im Jahre 1802 zeigten ſich die Blattern, dieſe ſchreckliche Peſt, welche wie ein Prairienfeuer über das Land einbrach— in dem Dorfe der Omahas. Die armen Wilden ſahen mit Ban⸗ gen die Verheerungen einer Krankheit, welche in jeder Hinſicht abſchreckend und ſchmerzlich war und der Geſchick⸗ lichkeit und Erfahrung aller ihrer Beſchwörer und Medi⸗ ein⸗Männer drohte. Nach einer kurzen Friſt waren zwei Drittheil der Bevölkerung von dem Antlitz der Erde weg⸗ geraft und das Loos der Uebrigen ſchien entſchieden. Der Stoizismus der Krieger ſchien zu Ende zu ſein; ſie wurden wild und verzweifelt; einige legten Feuer in dem Dorfe an— ihrer Anſicht nach das letzte Mittel, die Peſt zu vertreiben; Andere brachten in einem Anfalle von Verzweiflung ihre Weiber und Kinder um, damit ſie den Qualen einer unvermeidlichen Krankheit überhoben würden und Alle in ein beſſeres Land gehen könnten. — 245— Als der allgemeine Schrecken und Graus den höch⸗ ſten Grad erreicht hatte, wurde der Schwarzvogel ſelbſt ein Opfer der Krankheit. Als die armen Wilden ihr Oberhaupt in Gefahr ſahen, vergaßen ſie ihres eigenen unglücks und umringten ſein Sterbebett. Sein Charakter, ſo wie ſeine Liebe zu den weißen Männern zeigte ſich noch in ſeinem letzten Athemzuge, in welchem er ſeinen Begräb⸗ nißplatz bezeichnete. Er ſollte auf einem Hügel oder Berg⸗ vorſprung ſeyn, welcher gegen vierhundert Fuß hoch war und eine ganze Strecke des Miſſouri überſchaut, von wo aus er gewöhnt war, der Boote der Weißen zu harren. Der Miſſouri beſpült den Fuß des Hügels und kehrt, nachdem er ſich in vielfachen Krümmungen und Ausbeu⸗ gungen durch die Ebene gewunden und geſchlungen, bis auf neunhundert Schritte zu dem Fuß jener Anhöhe zurück, ſo daß der Reiſende, während einer Fahrt von dreißig Meilen mit Riemen und Segel, ſich wie feſtge⸗ zaubert immer in der Nähe dieſes ſeltſamen Hügels ſieht. Es war der letzte Wille des Schwarzvogels, daß ſein Grab auf dem Gipfel dieſes Hügels ſei, wo er auf ſeinem Lieblingspferde ſitzend begraben werden wollte, um ſein altes Gebiet zu überſchauen und die Barken der weißen Manner zu ſehen, wenn ſie den Fluß herauf kämen, um mit ſeinem Volke zu handeln. Sein letzter Wille wurde auf das genaueſte valogen, Man ſetzte ihn auf dem Gipfel der Höhe rittlings auf ſein Kampfroß und warf einen Erdhügel über ihm auf. Auf — 250— die Spitze dieſes Erdhügels wurde ein Stab geſteckt, an welchem die Fahne des Oberhauptes flatterte, und die Kopfhäute, welche er im Kampfe gewonnen hatte, befe⸗ ſtigt waren. Als Hunt und ſein Geleite dieſen Theil des Landes beſuchten, ſah man noch den Stab mit den Bruchſtücken der Fahne, und die Omahas beobachteten noch die aber⸗ gläubiſche Sitte, zum Gebrauche des Verſchiedenen von Zeit zu Zeit Nahrungsmittel auf den Hügel zu legen. Dieſe Sitteeiſt ſeitdem abgekommen, denn der Stamm ſelbſt iſt faſt erloſchen. Doch iſt der Hügel des Schwarz⸗ vogels noch ein Gegenſtand der Verehrung für die wan⸗ dernden Wilden, und eine Landmarke für die Reiſenden auf dem Miſſouri; und wenn der Reiſende aus dem fer⸗ nen Oſten Angeſichts dieſes zauberhaften Felskammes kömmt, wird ihm von weitem der Erdhügel gezeigt, wel⸗ cher noch die grimmigen Gerippe des indianiſchen Kriegers und ſeines Roſſes einſchließt. Siebzehntes Kapitel. Gerüchte von Gefahr durch die Sioux⸗Tetons.— Grauſamer Charakter dieſer Wilden.— Miſſouri⸗Piraten.— Ihr Handel mit Crooks und M'Lellan.— Aufgeben einer Handelsreiſe.— M'Lellan's Rachegelübde.— Unbehaglichkeit im Lager.— Ausreißer.— Abreiſe von dem Omaha⸗Dorfe.— Zuſammen⸗ treffen mit Jones und Carſon, zwei abenteuernden Biberfän⸗ gern.— Wiſſenſchaftliche Arbeiten Bradbury's und Nuttal's. — Eifer eines Botanikers.— Bradbury's Abenteuer mit einem Ponda⸗Indianer.— Hülfe des Taſchen⸗Compaſſes und Mikros⸗ kops.— Ein Bote von Liſa.— Gründe zu raſchem Vordringen. Während Hunt und ſeine Reiſegenoſſen in dem Dorfe der Omahas weilten, kamen drei Sioux⸗Indianer von dem Yankton⸗Ahna⸗Stamm und brachten unerfreuliche Nach⸗ richten. Sie erzählten, gewiſſe Banden der Sioux⸗Tetons, welche einen viele Meilen weiter am Miſſouri hinauf gele⸗ genen Landſtrich bewohnten, ſeien in der Nähe und harrten der Reiſenden in der eingeſtandenen Abſicht, ſich ihrem weiteren Vordringen zu widerſetzen. Die Sioux⸗Tetons waren zu jener Zeit eine Art Miſſouri⸗Piraten, welche wohlbefrachtete Barken der ame⸗ rikaniſchen Kaufleute für gute Priſen erklärten. Sie hatten ihren eigenen Handel mit den britiſchen Kaufleuten — 252— des Nordweſten, welche ihnen auf dem St. Petersfluſſe regelmäßige Waarenvorraͤthe zuführten. Da ſie auf dieſe Weiſe in Bezug auf ihre Bedürfniſſe von den Miſſouri⸗ Kaufleuten unabhaͤngig waren, ſchonten ſie dieſelben in keiner Art, ſondern plünderten ſie aus, ſo oft ſich eine Gelegenheit dazu zeigte. Man hat behaupten wollen, ſie ſeien zu dieſen Gewaltthaten von den britiſchen Kaufleuten aufgereizt worden, welche alle Mitbewerber um den india⸗ niſchen Handel fern zu halten wünſchten, aber Andere führen einen anderen Grund an, und zwar einen ſolchen, der nach einer tiefern Politik ſchmeckte. Die Sioux hatten durch ihren Verkehr mit den briti⸗ ſchen Kaufleuten den Gebrauch der Feuerwaffen kennen gelernt, wodurch ſie ein großes Uebergewicht über die andern Stämme, höher am Miſſouri hinauf, erlangten. Sie hatten ſich auch gewiſſermaßen als Geſchäftsführer der obern Stämme aufgeworfen und ihnen aus zweiter Hand und um ſehr erhöhte Preiſe Waaren geliefert, welche ſie von den weißen Männern hatten. Die Sioux blickten daher mit eiferſüchtigem Auge auf die amerikaniſchen Kaufleute, welche den Miſſouri herauf kamen, indem ſie vorausſahen, daß die obern Stämme wegen ihrer Bedürf⸗ niſſe von ihnen nicht abhängig bleiben würden; ja, was ſchlimmer wäre, daß ſie mit Feuergewehren verſehen und zu furchtbaren Nebenbuhlern erhoben würden. Wir haben bereits auf einen Fall hingedeutet, wo Crooks und M'Lellan auf einer Handelsreiſe durch die — 253— Miſſouri⸗Freibeuter zurückgedrängt wurden; da er mit uUmſtänden, welche ſpäter in unſerer Erzählung vorkom⸗ men, näher zuſammenhängt, wollen wir hier etwas aus⸗ führlicher davon ſprechen. Etwa zwei Jahre vor der Zeit, von welcher wir reden, fuhren Crooks und M'Lellan in Booten mit einer Begleitung von ungefähr vierzig Mann den Fluß hinauf, um eine ihrer Handelsreiſen zu den obern Stämmen zu machen. Bei einer der Windungen des Fluſſes, wo das Bett unter überhängenden Ufern eine große Krümmung macht, hörten ſie plötzlich Geſchrei und Geheul über ihnen und ſahen die Höhen der Felſen mit bewaffneten Wilden bedeckt. Es war eine Schaar von Sioux⸗Kriegern, gegen ſechshundert Köpfe ſtark. Sie ſchwenkten ihre Waffen in bedrohlicher Weiſe und befahlen, mit den Booten wieder umzukehren und etwas weiter unten zu landen. Es konnte nicht die Rede davon ſein, ſich dieſem Befehle widerſetzen zu wollen, denn ſie hatten die Macht, den Tod auf ſie niederzuſchleudern, ohne ſich ſelbſt der geringſten Gefahr auszuſetzen. Crook's und M'Lellan kehrten daher, anſcheinend ganz wohlgemuthet, zurück, ſtiegen an das Land und hatten eine unterredung mit den Sioux. Die Letztern unterſagten ihnen, bei Strafe tödtlicher Feindſchaft, jeden Verſuch, weiter flußauswärts zu gehen, erboten ſich aber, friedlich mitzihnen zu handeln, wenn ſie bleiben wollten, wo ſie wären. Die Reiſebegleitung, welche größtentheils aus 254— „voyageurs“ beſtand, war zu ſchwach, um einer ſo überlegenen Zahl, die überdies ſo leicht vermehrt werden konnte, die Spitze zu bieten; ſie ſtellten ſich daher, als wenn ſie ihrem willkürlichen Befehle ſich fröhlich fügten, begannen augenblicklich, Bäume niederzuhauen und ein Haus zu errichten, wo der Handel vor ſich gehen ſollte. Die Kriegerſchaar kehrte in ihr Dorf zurück, das ungefähr zwanzig Meilen entfernt war, um Gegenſtände des Aus⸗ tauſches beizutreiben; ſechs bis acht von ihnen blieben jedoch zurück, um die weißen Männer im Auge zu behal⸗ ten und Kundſchafter waren unaufhörlich mit Nachrichten unterwegs. Crooks ſah, daß es unmöglich ſei, ſeine Reiſe fort⸗ zuſetzen, ohne ſich der Gefahr bloszuſtellen, ſeine Boote geplündert und einen Theil ſeiner Leute niedergemacht zu ſehen; er beſchloß jedoch, ſich nicht ganz um den Zweck ſeiner Reiſe bringen zu laſſen. Während er daher mit dem ſcheinbar größten Ernſte und Emſigkeit den Bau des Blockhauſes fortſetzte, entſandte er die Jäger und Biber⸗ fänger aus ſeinem Geleite in einem Kanoe, um flußauf⸗ wärts an den eigentlichen Beſtimmungsort zu gehen, ſich dort mit der Jagd und dem Sammeln von Pelzwerk zu beſchäftigen und ſeiner Ankunft in ſpäterer Zeit zu harren. Sobald dieſer Abtheilung hinlanglich Zeit gelaſſen worden, über das feindliche Land der Sioux hinaus zu kommen, brach Crooks plötzlich ſeine angebliche Handels⸗ niederlaſſung ab, ſchiffte ſich mit Mann und Waaren ein — 255— und eilte, nachdem er der erſtaunten Nachhut der Wilden noch eine bittere und beleidigende Botſchaft an ihre Lands⸗ leute aufgetragen hatte, in aller Haſt, weder Ruder noch Riemen ſchonend, Tag und Nacht, den Fluß hinab, bis er aus den Krallen dieſer Miſſouri⸗Geier war. Was den Zorn Crooks und M'Lellans über dieſe ärgerliche Unterbrechung ihrer gewinnverſprechenden Reiſe noch ſteigerte, war die Nachricht, daß ein anderer Kauf⸗ mann unter der Decke ſteckte; denn die Sioux, hieß es, ſeien durch Manuel Liſa, den bereits erwähnten Haupt⸗ theilhaber und Geſchäftsführer der Miſſouri⸗Pelzhandels⸗ Geſellſchaft, zu dieſer ſchmählichen Handlung angereizt worden. Dieſe Nachricht— gleich viel, ob wahr oder falſch— erregte die feurige Gemüthsart M'Lellan's in ſolchem Grade, daß er ſchwur, er würde Liſa, wenn er je auf den indianiſchen Gebieten mit ihm zuſammenträfe, auf dem Platze erſchießen— eine Art, die Sache beizu⸗ legen, welche vollkommen im Einklange mit dem Charakter des Mannes und der jenſeits den Grenzen geltenden Ehrengeſetze iſt. Waren Crooks und MLellan über das unverſchämte Betragen der Sioux Tetons, und über den Verluſt, wel⸗ chen es ihnen gebracht hatte, erzürnt, ſo waren dieſe Freibeuter nicht weniger aufgebracht, von den weißen Mannern hinter das Licht geführt und um den erwarteten Gewinn betrogen worden zu ſein; und es war zu fürchten, daß ſie gegen den jetzigen Reiſezug beſonders feindlich — 256— verfahren würden, wenn ſie erführen, daß ſich jene Männer dabei befänden. Man ſuchte alle dieſe Gründe der Beſorgniß ſo viel als möglich vor den kanadiſchen Reiſenden geheim zu hal⸗ ten, damit ſie nicht eingeſchüchtert würden; es war aber unmöglich, zu verhindern, daß dieſe von Indianern gebrach⸗ ten Gerüchte nicht ruchbar würden, und bald ergab ſich, daß ſie ein Gegenſtand des Geſprächs und der Uebertrei⸗ bung waren. Auch das Oberhaupt der Omahas erzählte bei ſeiner Rückkehr von einem Jagdzuge, daß zwei Män⸗ ner eine Strecke weiter oben von einer Schaar Sioux getödtet worden ſeien. Dies erhöhte die Beſorgniſſe, welche bereits rege waren. Die„voyageurs“ ſahen im Geiſte ſchon Banden von wilden Kriegern die beiden Ufer des Fluſſes entlang aufgeſtellt und ſich in ihren Booten als das Ziel ihrer Kugeln, oder lauernde Horden, bereit in der Nacht auf ſie zu ſtürzen und ſi in ihrem Lager nieder zu metzeln. Manche verloren den Muth und machten den Vor⸗ ſchlag, lieber umzukehren als ſich kämpfend Bahn zu brechen und durch das Gebiet dieſer diebiſchen Freibeuter gewiſſer⸗ maßen Spießruthen zu laufen. Wirklich nahmen drei Mann in dieſem Dorfe Reißaus. Ihre Stelle wurde eben zum Glück durch drei Andere erſetzt, welche ſich zufällig hier fanden und die man durch Verſprechungen eines freigebigen Soldes und dadurch, daß man ſie voll⸗ ſtändig ausſtattete und ausrüſtete, vermochte, ſich dem Reiſezuge anzuſchließen. Die ſichtbare Unentſchloſſenheit unb Unzufriedenheit unter manchen ſeiner Leute, welche zuweilen faſt zur offenen Widerſetzlichkeit geſteigert wurde, und das gelegent⸗ liche Ausreißen, das ſchon während des Aufenthaltes unter freundlich geſinnten Stämmen und in der Nähe der Grenzen Statt fand, mußte die Beſorgniſſe Hunt's ſehr vermehren und ihn veranlaſſen, eifrig auf die Fortſetzung der Reiſe zu dringen und über dieſes feindſelige Gebiet hinaus zu kommen, wo es dann eben ſo gefährlich war, zurückzukehren als weiter zu gehen, und Niemand es wagen durfte, zu deſertiren. Er brach daher am fünfzehnten Mai vor dem Dorfe der Omahas auf, und die Reiſe ging nun dem Lande jener furchtbaren Sioux⸗Tetons raſch entgegen. In den erſten fünf Tagen hatten ſie einen friſchen, günſtigen Wind von vorne, und der Fluß fing an zu ſteigen und reißender zu werden,— ein Zeichen von dem Beginne der jährlichen Ueberſchwemmung, welche durch das Schmelzen des Schnees auf dem Felſengebirge und durch die Frühlingsregen in den obern Prairien verurſacht wird. Da ſie nun in ein Gebiet eintraten, wo auf den beiden ufern Feinde im Hinterhalt liegen konnten, ſo wurde beſchloſſen, ſich bei der Jagd nach Wild vorzugsweiſe auf die Inſeln zu beſchränken, welche ſich zuweilen in bedeutender Länge ausdehnen, ſchön bewaldet ſind und reichliche Weiden 57.— 59.. 17 und Schatten darboten. Auf einer derſelben tödteten ſie drei Büffel und zwei Elennthiere und hielten, an dem Saume einer ſchönen Prairie gelagert, ein reichliches und üppiges Jäger⸗Mahl. Sie waren nicht lange in ihre Boote zurückgekehrt und ruderten die Flußufer entlang, als ſie ein Kanoe heran nahen ſahen, welches von zwei Männern geführt wurde, in denen ſie, zu ihrem großen Erſtaunen, Veiße erkannten. Es ergab ſich, daß es zwei jener ſeltſamen und furchtloſen Wanderer der Wildniß waren, die unter dem Namen Trapper(Biberfänger) bekannt ſind. Sie hießen Benja⸗ min Jones und Alexander Carſon. Seit zwei Jahren jagten und trappten ſie in der Nähe der Quellen des Miſſouri und ſchwammen ſo tauſende von Meilen in einer Nußſchaale einen ungeſtümen Fluß, durch Gegenden, welche wilde Stämme durchſchwärmten, und doch allem Anſcheine nach ſo unbeſorgt und behaglich herab, als wenn ſie auf dem beſuchteſten Strome der alten Welt dahin führen. Die Erwerbung zweier ſo kühner, furchtloſer und erfahrner Jäger war in dem gegenwärtigen Augenblicke ganz beſonders wünſchenswerth. Es bedurfte nur wenig Ueberredung, ſie zu gewinnen. Die Wildniß iſt die Hei⸗ math des Trappers; gleich dem Seemann liegt ihm wenig daran, auf welchen Punkt des Compaſſes er losſteuert; und Jones und Carſon gaben ihre Reiſe nach St. Louis bereitwillig auf und wandten ihre Blicke dem Felſengebirge und dem ſtillen Meere zu. — 259— Bradbury und Nuttal, die zwei Naturforſcher, welche ſich zu St. Louis dem Zuge angeſchloſſen hatten, begleiteten ihn fortwährend und verfolgten bei allen Gelegenheiten ihre Forſchungen und Unterſuchungen. Nuttal ſcheint ſich ausſchließlich wiſſenſchaftlichen Zwecken geweiht zu haben. Er war ein eifriger Botaniker und ſein ganzer Enthuſias⸗ mus erwachte, als ſich auf den grenzenloſen Prairien, welche in das frühlingsfriſche, bunte Gewand unbekannter Blumen gekleidet waren, ſeinem Blicke gleichſam eine neue Welt erſchloß. So oft die Boote zur Eſſenszeit oder aus einem augenblicklichen Grunde das Ufer berührten, ſprang er heraus und jagte neuen Pflanzengattungen nach. Nach jeder Pflanze, jeder Blume ſeltner oder unbekannter Art haſchte er mit Entzücken und Begeiſterung. Wonnig auf die Schätze blickend, die ſich vor ihm ausbreiteten, tappte und taumelte er in einem Meere von Seligkeiten dahin, alles außer ſeinem unmittelbaren Zwecke vergeſſend, und oft mußte man nach ihm ſchicken und ihn ſuchen laſſen, wenn die Boote im Begriffe waren, ihren Weg fortzuſetzen. Dann fand man ihn gewöhnlich weitab in den Prairien und einem kleinen Bach entlang, deſſen Ufer mit Pflanzen aller Art bedeckt waren. Die kanadiſchen Reiſenden, die nichts kennen, was nicht unmittelbar in ihr Gewerbe einſchlägt und welche mit angeerbtem Leichtſinn über alles lächeln und ſpötieln, was ſie nicht verſtehen, waren außer ſich vor Erſtaunen über dieſe leidenſchaftliche Liebe für etwas, das ſie für 17* bloßes, nutzloſes Unkraut betrachteten. Wenn ſie den würdigen Pflanzenſammler zurückkommen ſahen, beladen mit ſeinen Blumen und ſie ſorgfältig, wie der Geizige ſeinen Schatz, aufbewahrend, pflegten ſie ſich auf ſeine Koſten unter ſich zu beluſtigen und betrachteten ihn als eine ergötzliche Art von Verrückten. Bradbury war in ſeinen Sitten und Liebhabereien weniger ausſchließlich und verband mit dem Naturforſcher den Jäger und Waidmann. Bei ſeinen geologiſchen Unter⸗ ſuchungen nahm er ſeine Büchſe oder ſeine Vogelflinte auf den Rücken, nahm die kühnen, rauhen Sitten der Männer an, mit welchen er lebte, und fand natürlich Gunſt in ihren Augen. Er hatte viel Geſchmack an Gefah⸗ ren und Abenteuern, beobachtete mit großem Intereſſe Sitten und Leben der Wilden und war ſtets bereit, ſich den Jagd⸗ und ſonſtigen Ausflügen zuzugeſellen. Selbſt jetzt, wo der Reiſezug einem ſehr gefährlichen Gebiete ſich näherte, konnte er ſeiner Neigung zum Umherſtreifen nicht entſagen. Am Abend des zweiundzwanzigſten Mai hatte er bemerkt, daß der Fluß vor ihnen eine große Krümme mache, welche zu befahren den ganzen folgenden Tag hin⸗ nehmen würde; er beſchloß ſogleich, ſich dieſen Umnſänd zu Nutze zu machen. Am Morgen des zweiundzwanzigſten füllte er daher, ſtatt ſich einzuſchiffen, ſeinen Schrotbeutel mit getrocknetem Mais und Proviant, und brach auf, die Höhe zu Fuß zu überſchreiten und Nachmittags an der andern Seite der — 261— Ausbeugung des Fluſſes wieder zu den Booten zu ſtoßen. Hunt war nicht zufrieden, daß er ſich allein ſo blosſtellen wolle, und erinnerte ihn, daß ſie in einem feindlichen Lande wären; allein Bradbury lachte der Gefahren und machte ſich heiter zu ſeinem Gange auf. Er durchzog einen ſchönen Landſtrich, gab ſich bota⸗ niſchen und geologiſchen Unterſuchungen hin und beobach⸗ tete das Thun eines großen Dorfes von Prairie⸗Hunden*), und ſchoß mehrfach vergeblich nach ihnen, ohne der Gefahr zu gedenken, welcher er ſich ausſetzte, indem er dadurch die Aufmerkſamkeit der Wilden auf ſich ziehen konnte, die vielleicht in der Umgegend lauerten. Er hatte einen ſehr vergnügten Tag hingebracht und wirklich der Sioux Tetons und all der Gefahren des Landes gänzlich vergeſ⸗ ſen, als er gegen vier Uhr Nachmittags, wie er in der Nähe des Flußufers ſtand und ſich nach den Booten umſah, plötzlich eine Hand auf ſeinen Schultern fühlte. Bradbury fuhr zuſammen, wandte ſich um und ſah einen nackten Wilden mit geſpanntem Bogen, den Pfeil auf ſeine Bruſt gerichtet. Augenblicklich legte er ſein Gewehr an und ſpannte den Hahn. Der Indianer behielt ſeine drohende Stellung bei, enthielt ſich aber, den Pfeil *) Kläffende Murmelthiere(arctomys Ludoviciana) von der Größe unſeres Eichhörnchens, von gelber Farbe, und mit einem wenige Zoll langen Schwanz. Ueberſ. abzuſchießen. Mit bewundernswerther Geiſtesgegenwart ſagte ſich Bradbury, der Wilde würde, wenn er feindliche Abſichten hegte, den Pfeil auf ihn abgedrückt haben, ohne ihm die Möglichkeit zu laſſen, ſich zu vertheidigen. Er ſenkte daher ſeine Büchſe und ſtreckte ſeine Hand aus. Der Indianer nahm ſie als Zeichen der Freundſchaft und fragte ihn in der Oſage⸗Sprache, ob er ein großes Meſſer, oder ein Amerikaner ſei. Bradbury antwortete bejahend und fragte den Andern, ob er zu den Sioux gehöre. Zu ſeiner großen Freude hörte er, er ſei ein Ponca. unterdeſſen kamen zwei andere Indianer herzu gelau⸗ fen und alle drei ergriffen Bradbury und ſchienen geneigt, ihn zu zwingen, mit ihnen in die Berge zu gehen. Er widerſetzte ſich, ließ ſich auf einem Sandhügel nieder und bemühte ſich, ſie mit einem Taſchen⸗Compaß zu unter⸗ halten. Als die Neuheit dieſes Gegenſtandes erſchöpft war, ergriffen ſie ihn wieder, aber er zog jetzt ein kleines Mikroskop hervor. Dieſes neue Wunder feſſelte die Auf⸗ merkſamkeit der Wilden wieder, die weit mehr Neugierde beſaßen, als man ihnen gewöhnlich zutrauen durfte. Während ſie ſo beſchäftigt waren, ſprang plötzlich Einer von ihnen auf und ließ das Kampfgeſchrei hören. Die Hand des verwegenen Naturforſchers war wieder an ſeiner Büchſe und er ſchickte ſich zum Kampfe an, als der Indianer den Fluß hinab deutete, und die wahre Urſache ſeines Geſchreies entdeckte. Es war der Maſt eines der — — — 263— Boote, welcher ſich über den niedrigen Weidenbäumen, die das Ufer begrenzten, zeigte. Bradbury fühlte bei dieſem Anblicke ſein Herz leichter ſchlagen. Die Indianer zeigten ſich ihrerſeits beſorgt und ſchienen geneigt, davon zu lau⸗ fen; er verſicherte ſie aber, ſie ſollten gut behandelt werden und etwas zu trinken erhalten, wenn ſie ihn an Bord der Boote begleiten wollten. Sie zauderten eine Weile, ver⸗ ſchwanden aber, ehe die Boote am Ufer anlegten. Am folgenden Morgen erſchienen ſie, von mehreren ihres Stammes begleitet, in dem Lager. Mit ihnen kam auch ein weißer Mann, welcher ſich als einen Boten mit Nachrichten für Hunt ankündigte. Wirklich brachte er einen Brief von Manuel Liſa, dem Theilhaber und Geſchäfts⸗ führer der Miſſouri⸗Pelzhandels⸗Geſellſchaft. Dieſer Mann war, wie bereits angedeutet worden, im Begriff, Henry und ſeine Reiſegefährten, welche durch die Schwarzfuß⸗Indianer von den Gabeln des Miſſouri vertrieben worden waren und ſich irgendwo jenſeits des Felſengebirgs niedergelaſſen hatten, aufzuſuchen. Er hatte drei Wochen nach Hunt St. Louis verlaſſen und ſich, da er von den feindſeligen Abſichten der Sioux hörte, eifrig bemüht, ihn einzuholen, um gemeinſchaftlich den gefähr⸗ lichen Theil des Fluſſes zu bereiſen. Er hatte zwanzig tüchtige Ruderer in ſeinem Dienſte und ſie zogen ihre Riemen ſo rüſtig an, daß ſie das Omaha⸗Dorf ſchon vier Tage nach Hunt's Abreiſe erreicht hatten. Von da ſandte er den fraglichen Boten ab, in der Hoffnung, er werde ſie, —- 264— während ſie gegen den Strom anruderten und durch die Windungen des Fluſſes aufgehalten würden, einholen. Der Inhalt dieſes Briefes war, daß er Hunt bat, er möchte warten, bis er den Fluß herauf zu ihm ſtieße, damit ſie ihre Kräfte vereinigten und ſich gegenſeitig auf ihrem gefährlichen Wege durch das Gebiet der Sioux ſchützten. Wirklich hat es ſich ſpäter herausgeſtellt, daß Liſa fürchtete, Hunt möchte ihm einen ſchlimmen Dienſt bei den Sioux⸗Banden erweiſen, indem er ſich einen ſichern Durchzug durch ihr Gebiet dadurch verſchaffte, daß er vorgäbe, der, mit welchem ſie gewöhnlich handelten, ſei mit einem reichen Vorrathe von Waaren auf dem Wege zu ihnen. Auch fürchtete er, Crooks und M'Lellan wür⸗ den dieſe Gelegenheit benützen, um die Treuloſigkeit zu rächen, deren er ſich, wie ſie ſagten, zwei Jahre früher bei eben dieſen Sioux gegen ſie ſchuldig gemacht hatte. In dieſer Hinſicht that er ihnen aber im höchſten Grade Unrecht. Sie dachten an nichts, das einem heimlichen Plane oder einem Verrathe ähnlich war; aber MoLellan ſprach abermals, als er hörte, Liſa komme den Fluß herauf, ſeine Drohung offen aus, er würde ihn in dem Augen⸗ blicke, wo er ihn auf indianiſchem Boden treffe, erſchießen. Die Art, wie Crooks und M'Lellan die Verrätherei darſtellten, welche ſie von Liſa's Seite erfahren hatten oder erfahren zu haben glaubten, hatte großes Gewicht bei Hunt, beſonders, als er der Schwierigkeiten gedachte, — 295— welche dieſer Mann ihm zu St. Louis bereitet hatte. Er zweifelte daher an der Biederkeit Liſa's und fürchtete, er möchte, wenn ſie miteinander in das Gebiet der Sioux kämen, von ſeinem Einfluſſe auf dieſen Stamm Gebrauch machen, wie er es in gleichem Falle bei Crooks und M'Lellan gethan, und dieſe anreizen, ſich ſeiner weitern Reiſe flußaufwärts zu widerſetzen. Er ſchickte daher eine Antwort zurück, welche berech⸗ net war, Liſa zu täuſchen; er ſagte ihm, er würde in dem Ponca⸗Dorfe, das nur noch eine kleine Strecke vor ihnen lag, ſeiner harren; ſobald aber der Bote fort war, ſetzte er die Reiſe in größter Eile fort und hielt in dem Dorfe nur ſo lange an, als nöthig war, ſich einen Vorrath von getrocknetem Büffelfleiſch zu verſchaffen, worauf er die Weiterreiſe beſchleunigte, um die andere Reiſegeſellſchaft ſo weit als möglich hinter ſich zurückzulaſſen; denn er glaubte, er habe von der offenen Feindſchaft der wilden Indianer weniger zu füͤrchten, als von der ſtillen Ver⸗ ſchlagenheit eines indianiſchen Kaufmanns. — 266— Achtzehntes Kapitel. Lager⸗Geplauder.— Ausreißer.— Rekruten.— Kentucky⸗ Jäger.— Ein alter Wäldler.— Nachrichten von Henry.— Gefahr vor den Schwarzfüßen.— Andere Plane.— Scenerie des Fluſſes.— Büffel⸗Pfade.— Eiſenlager.— Gebiet der Sioux.— Land der Gefahren.— Angſt der Reiſenden.— India niſche Kundſchafter.— Drohende Feindſeligkeiten.— Ein Kriegsrath.—„Schlachtordnung.— Unterhandlung.— Die Friedenspfeife.— Reden. Um die Mittagszeit verließ unſere Reiſegeſellſchaft das Poncadorf und kamen, ungefähr eine Stunde höher, an der Mündung des Quicourt oder Rapid⸗Fluſſes vorbei.**) Nachdem ſie eine Stunde weiter gerudert hatten, ſtiegen ſie an das Land und ſchlugen ihr Nachtlager auf. Bei den Abendfeuern plauderten die„voyageurse, wie gewöhnlich, von den Begebniſſen des Tages und vorzüg⸗ lich von den Nachrichten, welche man bei den Poncas geſammelt hatte. Dieſe Indianer hatten die frühern Nachrichten von den feindlichen Abſichten der Sioux beſtätigt und ſie ver⸗ ſichert, die fünf Stämme oder Schaaren dieſer wilden Völkerſchaft ſeien eben weiter am Fluſſe hinauf verſam⸗ melt und erwarteten ſie, um ſie zu vernichten. *) Urſprünglich ein franzöſiſcher Name: L'oau qui court. 3 Verf. — 267— Dieſes Lager⸗Geplauder und die furchtbaren Geſchich⸗ ten von der indianiſchen Kriegsweiſe, zu welchen es Ver⸗ anlaſſung gab, hatten die lebhafteſte Wirkung auf die Einbildungskraft der Zaghaften; und es zeigte ſich am nächſten Morgen, daß zwei Mann, welche dem Zuge in dem Omahadorfe ſich angeſchloſſen hatten und ſo freigebig ausgeſtattet worden waren, im Laufe der Nacht ſich davon gemacht und ihre ganze Ausrüſtung mitgenommen hatten. Da es bekannt war, daß der Eine von ihnen nicht ſchwim⸗ men konnte, hoffte man, die Ufer des Quicourt⸗Fluſſes würden ſie zum Halt bringen. Alles brach daher auf, um ihnen nachzuſetzen, jedoch ohne Erfolg. Am nächſten Morgen(den ſechs und zwanzigſten Mai) waren Alle an dem Lande und frühſtückten auf einem der ſchönen uferplätze, als ſie zwei Kanoes das andere Ufer entlang herab kommen ſahen. Durch Hülfe ihrer Ferngläſer verſicherten ſie ſich, daß in dem einen Kanoe zwei weiße Männer ſeien, in dem andern einer.⸗ Ein Gewehr wurde losgebrannt und ſo die Aufmerkſam⸗ keit der Reiſenden auf unſere Geſellſchaft gewendet. Sie ruderten herüber. Es ergab ſich, daß es drei Kentucky⸗ ſche Jäger waren, von der ächten„nichts fürchtenden“ Art. Sie hießen Eduard Robinſon, John Hoback und Jakob Rixner. Robinſon war ein alter Hinterwäldler, ſiebzig Jahre t. Er war einer der erſten Anſiedler in Kentucky und bei vielen Kämpfen mit den Indianern in dem ſogenann⸗ ten„blutigen Lande“ gegenwärtig geweſen. In einem die⸗ — 268— ſer Kämpfe war er ſcalpirt worden und trug noch ein Tuch um ſeinen Kopf, um dieſen Theil zu ſchützen. Dieſe Nänner hatten mehrere Jahre in der obern Wildniß zuge⸗ bracht. Sie waren in dem Dienſte der Miſſouri⸗Geſell⸗ ſchaft unter Henry geweſen und waren im vorigen Jahre, als ſie durch die Feindſeligkeiten der Schwarzfüße aus ihrem Poſten am Miſſouri vertrieben worden, mit ihr über das Felſengebirg gegangen. Nachdem ſie das Gebirg überſtiegen, hatte Henry ſich an einem der obern Arme des Kolumbia⸗Fluſſes niedergelaſſen. Hier waren ſie einige Monate bei ihm geblieben, hatten gejagt und getrappt, bis ſie ihrer Neigung zum umziehenden Leben Genüge gethan hatten und der Wunſch in ihnen rege ward, zu ihren Familien und ihrer behaglichen Heimath in Kentucky zurück⸗ zukehren. Sie hatten demnach die Rückreiſe über das Felſengebirg angetreten, waren die Flüſſe herabgefahren und nun auf dem offenen Wege nach St. Louis, als unſere Geſellſchaft ſie zu ſich einlud. Der Anblick einer ſo zahlreichen Schaar von Kauf⸗ leuten, Jägern, Biberfängern und„voyageursc, alle wohl brewaffnet und ausgerüſtet, mit allem trefflich ver⸗ ſehen, in der beſten Geſundheit und Laune, fröhlich auf dem grünen Rande des Fluſſes ſchmauſend, war für dieſe alten Hinterwäldler ein eben ſo hinreißendes Schauſpiel, wie ein luſtiges Feldlager für die alten Soldaten; als ſie aber von dem großartigen Charakter und der Ausdehnung des gegenwärtigen Unternehmens hörten, war kein Wider⸗ ſtand mehr; Heimath und Familien, und alle die Reize — 269— des grünen Kentucky verſchwanden vor ihren Gedanken; ſie ließen ihre Kanoes frei den Fluß hinab treiben und ſchloſſen ſich freudig der Schaar unſrer Abenteurer an. Sie wurden unter gleichen Bedingungen, wie die andern Jäger, aufgenommen. Die Compagnie übernahm es, ſie auszuſtatten und mit der nöthigen Ausrüſtung und der Munition zu verſehen, wogegen ſie ihr die eine Hälfte des Ertrags ihrer Jagd und ihres Biberfangs abtraten. Auf dieſem gefährlichen Theile des Fluſſes war der Zutritt von drei ſo wackern Männern etwas ungemein erwünſchtes. Auch ihre Bekanntſchaft mit der Gegend, welche ſie ſich auf ihren Reiſen und Jagdzügen die Flüſſe entlang und in dem Felſengebirg erworben hatten, war von der höchſten Wichtigkeit, und wirklich waren die Nach⸗ richten, welche man durch ſie erhielt, die Veranlaſſung, daß Hunt einen andern Weg einſchlug. Bisher war es ſeine Abſicht, demſelben Wege zu fol⸗ gen, welchen Lewis und Clarke bei ihrer berühmten Ent⸗ deckungsreiſe eingeſchlagen hatten, nemlich, den Miſſouri bis zu ſeinen Gabeln hinauf zu fahren, und dann zu Land das Gebirg zu überſteigen. Dieſe Männer benachrichtig⸗ ten ihn aber, daß er, wenn er dieſen Weg einſchlüge, das Gebiet, welches der wilde Stamm der Schwarzfüße unſicher mache, durchziehen und ſich ihren Feindſeligkeiten blosſtellen müßte; dieſe ſeien, wie wir auch ſchon bemerkt haben, von einem tödtlichen Haſſe gegen die Weißen erfüllt, weil Einer ihres Stammes durch die Hand des Kapitäns Lewis gefallen war. Sie piethen ihm vielmehr⸗ — 270— einer ſüdlicheren Richtung zu folgen, auf welcher ſie auch ihre Rückkehr bewerkſtelligt hätten. Dieſer Weg würde ſie ungefähr da über das Gebirg führen, wo die obern Gewäſſer des Laplatte⸗ und Yellowſtone⸗Fluſſes ihre Quel⸗ len hätten— eine Richtung, wo das Gebirg leichter und bequemer zu überſchreiten wäre, als die, wo Lewis und Clarke hinüber gekommen. Auch würde er, wenn er die⸗ ſem Wege folgte, durch ein Land kommen, das einen Ueberfluß von Wild böte, und wo es eher möglich wäre, ſich ſtets mit. dem nöthigen Vorrathe von Lebensmitteln zu verſehen, als in der andern Richtung, und die Gefahr, von den Schwarzfüßen beläſtigt zu werden, ſei hier bei weitem geringer. Wenn er ſich entſchlöſe, ihrem Rathe zu folgen, ſo würde es beſſer für ihn ſein, den Fluß bei dem Aricaradorfe zu verlaſſen, welches ſie im Laufe von wenigen Tagen erreichen müßten. Da die Indianer dieſes Dorfes Pferde in Ueberfluß hätten, ſo könnte Hunt eine hinreichende Anzahl derſelben zu ihrer weiten Reiſe zu Land, die dort beginnen müßte, kaufen. Hunt dachte über dieſen Rath nach, beſprach ſich mit den übrigen Theilhabern und faßte den Entſchluß, der vorgeſchlagenen Richtung zu folgen; die drei Jäger mach⸗ ten ſich verbindlich, als Führer zu dienen. Bei entzückendem Maiwetter ſetzte unſere Geſellſchaft ihre Reiſe fort. Die Prairien, welche den Fluß begrenz⸗ ten, waren mit zahlloſen Blumen bunt geſchmückt und zeigten die ganze Fülle und Pracht der Farben, welche man an türkiſchen Teppichen bewundert. Auch die ſchönen — 271— Inſeln, auf welchen ſie dann und wann verweilten, hatten ein liebliches, parkartiges Anſehen. Oft waren die Bäume mit der rankenden Weinrebe in der Blüthe bedeckt, welche die Luft durchdüftete. Zwiſchen den ſtolzen Maſſen der Bäume zogen ſich graſige Verhaue und Oeffnungen hin, welche mit Blumen bedeckt, oder mit Roſenbüſchen in voller Blüthe beſetzt waren. Dieſe Inſeln waren oft der Aufenthalt des Büffels, des Elen's und der Antilope, die in den Baumpartien und dem Dickicht zahlloſe Pfade gemacht hatten, ſo daß man glaubte, in den gewundenen Gängen und Alleen von Parks und Luſtgehegen zu wandeln. Manchmal glichen dieſe Pfade, welche der Huf der Büffel ſeit Jahrhunderten da, wo der Fluß zwiſchen hohen Ufern und Bluffs hin⸗ führte, die Höhen entlang gemacht hatte, ganz und gar unſern viel betretenen Heerſtraßen. An andern Stellen waren die uUfer mit großen Eiſenadern umzogen, welche durch das Abſchwemmen des Fluſſes blosgelegt worden waren. An einer Stelle zog ſich der Fluß gegen fünfzehn Meilen in faſt grader Linie hin. Die Uferabhänge ſenkten ſich ſanft gegen das Waſſer; kein Baum oder Buſch war hier zu ſehen, ſondern die Wellen beſpülten den mit Gras und Kräutern von lebendigem Grün beſetzten Rand. Die ganzen fünfzehn Meilen entlang zog ſich auf beiden Ufern ein hundert Schritte breiter Streif, von dunkler roſt⸗ brauner Farbe, einen unerſchöpflichen Eiſengang andeutend, durch deſſen Mitte der Miſſouri ſich ſein Bett gewählt hat. Anzeigen von der Fortſetzung dieſes Ganges fanden ſich ſpäter, höher an dem Fluſſe hinauf. Es iſt dies in der That eines der Mineral⸗Lager, welche die Natur in der Mitte dieſes ausgedehnten fruchtbaren Landes geſchaf⸗ fen hat und die ſie, in Verbindung mit den unermeßlichen Kohlenlagern an demſelben Fluſſe, als die Elemente des künftigen Reichthums und der Macht des„großen Weſt⸗ gebietes“ aufgeſpeichert zu haben ſcheint. Der Anblick dieſer Mineral⸗Schäͤtze erregte die Neu⸗ gierde Bradbury's in hohem Grade und es war eine große Qual für ihn, daß er ſich in ſeinen wiſſenſchaft⸗ lichen Unterſuchungen gehemmt und genöthigt ſah, ſeine gewöhnlichen Streifereien am Ufer aufzugeben; ſie detra⸗ ten aber jetzt das gefürchtete Gebiet der Sionx⸗Tetons, wo es gefährlich war, die Geſellſchaft ohne Bedeckung zu verlaſſen. Sie ſahen während mehreren Tagereiſen das Land ſich den Fluß entlang ausbreiten; es beſteht aus gro⸗ ßen Prairien, welche da und dort von ſchwellenden Hügeln durchſchnitten und von Schluchten durchzogen wer⸗ den, die in der Regenzeit wilden Bächen zum Bette dienen, während der heißen Sommermonate aber faſt ganz von Waſſer entblößt ſind. Da und dort ſieht man an den Seiten der Hügel, oder die angeſchwemmten Rän⸗ der und Niederungen der Klüfte entlang, Baumgruppen und Streifen Waldes; der größte Theil der Gegend aber bietet dem Auge eine grenzenloſe, mit Kräutern bedeckte, aber baumloſe Steppe dar. Der Boden dieſes unermeßlichen Gebietes iſt ſtark — 273— mit Schwefel, Vitriol, Alaun und Glauberſalz geſättigt; dieſe manchfachen Erdarten geben den Bächen, welche es durchſtrömen, eine dunkle Farbe, und dieſe, ſo wie die ſich leicht ablöſenden Ufertheile des Miſſouri geben den Waſſern dieſes Fluſſes jene dunkeln Farbentheile, welche ſie bekanntlich ſo ſehr trüben. Ueber dieſes ausgedehnte Gebiet herrſchten die wan⸗ derungsluſtigen Sioux⸗Tetons; ſie nähren ſich von der Jagd des Büffels, des Elenns, des Rehs und der Anti⸗ lope und leben in ſtetem Hader und wildem Kampfe mit den andern wandernden Stämmen. Während die Boote den Fluß heraufgingen, der von dieſem Lande der Gefahr begrenzt war, ſahen viele der kanadiſchen Reiſenden, deren Furcht erregt worden, mit mißtrauiſchem, ängſtlichem Auge auf die grenzenloſe Steppe, welche ſich zu beiden Seiten ausdehnte. Alles war aber ſtill— kein menſchliches Weſen ſchien da zu hauſen. Dann und wann ſah man ein Rudel Hirſche ruhig auf dem blumendurchwirkten Graſe weiden, oder eine Reihe Büffel, gleich einer Karawane auf dem Marſche, über die ferne Flache der Prairie hinziehen. Die Kanadier began⸗ nen aber in jedem Gebüſche einen Hinterhalt zu fürchten und auf die breite, ſtille Ebene zu ſehen, wie der See⸗ mann eine flache, tückiſche See anſieht, die, obgleich eben und ſicher für das Auge, voll verſteckter Klippen und ver⸗ ratheriſcher Sandbänke iſt. Man durfte nur von einem Sioux ſprechen, ſo fuhren ſie zuſammen. Kein Hirſch, 57.— 59. 18 kein Wolf, noch irgend ein anderes Thier durfte ſich auf den Hügeln ſehen laſſen, ſo ſchallte es ſchon in den Boo⸗ ten, vom Schnabel bis zum Ruder, wider:„voila les Sioux! voilà les Sioux!“(da ſind die Sioux). So oft es thunlich war, wurde das Lager auf einer Inſel, inmit⸗ ten des Fluſſes, aufgeſchlagen. Am Norgen des letzten Mai, während die Reiſenden auf dem rechten ufer des Fluſſes frühſtückten, erhob ſich der gewöhnliche Tumult, aber dieſes Mal mit mehr Grund, denn zwei Indianer zeigten ſich wirklich auf einer Anhohe auf der entgegengeſetzten, oder nordöſtlichen Seite und riefen ſie mit lauter Stimme an. Da es unmöglich war, aus einer ſo großen Entfernung zu verſtehen, was ſie ſagten, ſetzte Hunt nach dem Frühſtücke mit Pierre Dorion, dem Dolmetſcher, über den Fluß und ſchritt kühn vor, ſich mit ihnen zu unterreden, während die Uebrigen in ſtummer Angſt und Beſorgniß auf die Bewegungen der beiden Theile acht gaben. Sobald Hunt an das Land ſtieß, verſchwand einer der Indianer hinter dem Hügel, kam bald darauf zu Pferd zurück und galloppirte über die Höhen davon. Hunt hatte eine Unterredung mit dem zurückgebliebenen Wilden und fuhr dann wieder über den Fluß zu ſeiner Geſellſchaft. Es ergab ſich, daß die zwei Indianer Kundſchafter eines zahlreichen Kriegerzugs waren, der ungefähr eine Stunde weiter ſein Lager aufgeſchlagen hatte und zwei⸗ hundertachtzig Hütten, oder gegen ſechshundert Krieger von drei verſchiedenen Stämmen der Sioux zählte. Die — Namen dieſer Stämme waren: Yangtons Ahna, Tetons Bois-brulé, und Tetons Min-na-kine-azzo. Sie erwarteten täglich, ſich durch zwei andere Stämme verſtärkt zu ſehen und hatten ſchon ſeit eilf Tagen der Ankunft unſerer Reiſenden geharrt, feſt entſchloſſen, ſich ihrer Weiterreiſe zu widerſetzen; denn ſie wollten durchaus jeden Verkehr der weißen Männer mit ihren Feinden, den Aricaras, Mandans und Minatarees hindern. Der Indianer, welcher zu Pferd über die Bluffs geeilt war, wollte den Seinigen von der Annäherung des Reiſezugs Nachricht geben, ſo daß ſie nun herben Scenen mit dieſen freibeuteriſchen Wilden entgegen ſehen konnten, von denen ihnen ſo viele furchtbare Dinge erzahlt worden waren. Unſere Reiſenden ſtählten ihren Muth für das Zuſam⸗ mentreffen, ſchifften ſich wieder ein und ruderten entſchloſ⸗ ſen den Fluß hinauf. Eine Strecke weit lag eine Inſel zwiſchen ihnen und dem andern ufer des Fluſſes; als dieſe aber zurücktrat, hatten ſie den vollen Anblick des feind⸗ lichen Gebietes vor ſich. Dort war ein Hügelrücken, welchem die Wilden in großer Anzahl, theils zu Pferd, theils zu Fuß herabeilten. Durch Hülfe der Ferngläſer konnte man gewahren, daß ſie alle in ihrem kriegeriſchen Putze, gefärbt und zum Kampfe geſchmückt waren. Ihre Waffen waren Bogen und Pfeile; auch hatten ſie einige kurze Gewehre; die meiſten trugen runde Schilder. Ueberhaupt hatten ſie ein wildes, trotziges Ausſehen. Sie nahmen Beſitz von einem 18* Punkte, welcher den Fluß beherrſchte und ſtellten ſich das Ufer entlang auf, als wenn ſie bereit waren, den weißen Maͤnnern die Weiterfahrt ſtreitig zu machen. Beim Anblick dieſer furchtbaren Kriegerreihe traten Hunt und ſeine Gefährten zuſammen, um Rath zu halten. Es war offenbar, daß die Nachrichten, welche ihnen zuge⸗ kommen, richtig, und daß die Sioux entſchloſſen waren, ſich ihrer Weiterreiſe durch Gewalt der Waffen zu wider⸗ ſetzen. Ein Verſuch, ihnen auszuweichen und den Fluß entlang die Reiſe fortzuſetzen, war unmöglich, die Gewalt der Strömung in der Mitte des Bettes war zu ungeſtüm, um dort aufwärts zu kommen und die Boote mußten die ÜUfer entlang gehen. Die Ufer waren aber oft hoch und ſenkrecht und boten den Wilden häufig Punkte dar, wo ſie, ungefahrdet und faſt ungeſehen, ihre Geſchoſſe auf die Boote unten ſchleudern und ſich nach Willkür, ohne eine Verfolgung fürchten zu müſſen, zurückziehen konnten. Es blieb daher nichts übrig, als zu kämpfen oder umzu⸗ kehren. Die Sioux waren ihnen zwar an Zahl weit über⸗ A legen; aber ihre eigene Geſellſchaft war ungefähr ſechzig Mann ſtark; ſie waren alle gut bewaffnet und mit Pulver und Blei verſehen; überdies hatten ſie außer ihren Büch⸗ ſen und Flinten, eine Drehbaſſe und zwei Haubitzen in den Booten. Wenn es ihnen gelang, dieſe indianiſche Schaar durch einen kräftigen Angriff zu ſchlagen, ſo war es wahrſcheinlich, daß ſie abgeſchreckt würden, ſich wieder in einen bedeutenden Kampf einzulaſſen. Man ſtimmte daher augenblicklich dafür, zu den Waf⸗ fen zu greifen, und die Boote ruderten an das Ufer, der feindlichen Macht beinahe gegenüber. Hier wurden alle Gewehre unterſucht und in Ordnung gebracht. Die Dreh⸗ baſſe und die Haubitzen wurden mit Pulver geladen und losgeſchoſſen, um den Wilden durch den Knall zu zeigen, wie furchtbar ſie gerüſtet ſeien. Donnerähnlich hallte er die Ufer des Fluſſes entlang wider und muß die Krieger erſchreckt haben, die nur an den hellen Knall der Büchſen gewöhnt waren. Daſſelbe Geſchütz wurde nun mit ſo vielen Kugeln, als ſie möglicherweiſe zuließen, geladen, worauf der ganze Zug ſich einſchiffte und über den Fluß ruderte. Die Indianer beobachteten ſie ſchweigend; ihre gemal⸗ ten Geſichter und Körper glänzten in der Sonne und ihre Federn wehten im Winde. Die armen Kanadier ſahen mit kläglichen Blicken auf ſie hin und dann und wann entfuhr ihnen ein ängſtlicher Ausruf. „Parbleu! Wir ſind da in einer gefährlichen Klemme, Bruder!“ flüſterte wohl Einer der Ruderer ſeinem Neben⸗ manne zu. „Ja, ja,“ verſetzte der Andere,„wir gehen nicht auf eine Hochzeit, mein Freund!“ Als die, Boote in Büchſenſchußweite kamen, ergriffen die Jäger und andere waffenfähige Perſonen an Bord ihre Waffen und bereiteten ſich zum Kampfe. Als ſie die Gewehre anlegten, entſtand unter den Wilden eine Ver⸗ wirrung. Sie breiteten ihre Büffelbedeckung aus, hoben ſie mit beiden Händen über ihre Köpfe und legten ſie dann vor ſich auf den Boden. 2 Als Pierre Dorion dies ſah, eilte er, der Geſellſchaft zuzurufen, ſie ſollte nicht feuern, da dieſe Bewegung ein Zeichen des Friedens und eine Einladung zu einer Unter⸗ redung ſei. Augenblicklich trennten ſich ungefähr zwölf der ange⸗ ſehenſten Krieger von den Uebrigen, kamen an den Rand des Waſſers, zündeten ein Feuer an, ſetzten ſich im Halb⸗ kreis um daſſelbe, zeigten das Kalumet und luden unſere Reiſenden ein, zu landen. Hunt pflegte nun Rathes mit den Theilhabern an Bord ſeines Bootes. Es fragte ſich, ob man den freundſchaftlichen Eröffnungen dieſes wilden Volkes Vertrauen ſchenken konne. Der Beſchluß fiel bejahend aus, denn ſonſt war keine andere Wahl, als ſie anzugreifen. Die Mehrzahl der Geſellſchaft erhielt Befehl, an Bord der Boote zu bleiben und ſich bereit zu halten, bei dem geringſten Zeichen von Verratherei Feuer zu geben, während Hunt und die übrigen Theilhaber(MKenzie, Crooks und M'Lellan), von dem Dolmetſcher und Brad⸗ bury begleitet, an das Land fuhren. Die Krieger, welche ſie an dem Rande des Waſſers erwarteten, blieben in ihrem Halbkreiſe ſitzen, ohne ein Glied zu rühren oder ein Muskel zu regen, bewegungslos wie Statüen. Hunt und ſeine Gefährten ſchritten, ohne zu zaudern, heran und nahmen ihre Platze auf dem Sande, ſo daß ſie den Kreis vollendeten. Die Kriegerſchaar, welche oben auf den Uferhöhen aufgeſtellt war, ſah in ſtummen Grup⸗ pen und Haufen nieder; manche prunkend herausgeputzt und geſchmückt, andere ganz nackt, aber phantaſtiſch bemalt und auf das bunteſte bewaffnet. Die Friedenspfeife wurde jetzt mit der gehörigen Feierlichkeit gebracht. Der Kopf war von einer rothen, vorphyrartigen Steinart; die Röhre war ſechs Fuß lang und mit rothgefärbten Roßhaar⸗Büſchen geſchmückt. Der Pfeifenträger trat in den Kreis, zündete die Pfeife an, hielt ſie gegen die Sonne, dann gegen die verſchiedenen Punkte des Kompaſſes und übergab ſie dann dem Ober⸗ haupte der Wilden. Dieſer that einige Züge, nahm dann den Kopf der Pfeife in ſeine Hand und bot das andere Ende Hunt und der Reihe nach den andern Weißen dar. Als alle geraucht hatten, galt dies für einen Austauſch gegenſeitiger Freundſchaftsverſicherungen und Hunt hielt nun eine Rede in franzöſiſcher Sprache, die Pierre Dorion am Schluſſe jedes Satzes überſetzte. Er benachrichtigte die Sioux von dem wirklichen Zwecke ſeiner Reiſe, dem⸗ zufolge er nicht beabſichtige, mit irgend einem Stamme an dem Fluſſe hinauf Handel zu treiben, ſondern das Gebirg zu überſteigen und den großen Salzſee des Weſten aufzuſuchen, wo ſie auf andere ihrer Brüder zu ſtoßen hofften, welche ſie ſeit eilf Monaten nicht geſehen. Er habe von der Abſicht der Siouxr gehört, ſich der Fort⸗ ſetzung ſeiner Reiſe zu widerſetzen, und ſei, wie ſie wohl ſähen, gerüſtet, ſie fortzuſetzen, was auch geſchehen möge; demungeachtet ſeien ſeine Gefühle gegen die Sioux freund⸗ licher Art, und er habe ihnen, um ſie davon zu überzeugen, Geſchenke von Taback und Mais mitgebracht. — 280— Als er dies geſagt, ließ er gegen fünfzehn Stangen Taback und eben ſo viele Säcke Mais aus den Booten bringen und an dem Rathsfeuer auf einen Haufen legen. Der Anblick dieſer Geſchenke begütigte das Oberhaupt, welches das entſchloſſene Benehmen der weißen Männer, die geſchickte Anordnung ihrer kleinen Flotte, die Voll⸗ ſtändigkeit ihrer Ausrüſtung und die compakte Schlacht⸗ linie, in welcher ſie auftraten, ohne Zweifel ſchon vorher zu einiger Ueberlegung gebracht haben mochte. Auch er hielt eine Rede, in welcher er den Zweck ihres feindlichen Zuſammentritts auseinander ſetzte, welcher blos geweſen ſei, zu verhindern, daß Waffen und Munition zu den Aricaras, Mandans und Minatarees, mit denen ſie im Kriege ſeien, gebracht würden; da ſie ſich nun überzeugt hätten, daß die Reiſenden keine Vorräthe dieſer Art bräch⸗ ten, ſondern blos ihre Brüder jenſeits des Gebirges auf⸗ ſuchen wollten, würden ſie ihrer Reiſe keine Hinderniſſe in den Weg legen. Er ſchloß damit, daß er ihnen für ihre Geſchenke dankte und ihnen rieth, ihr Lager an dem andern Ufer des Fluſſes aufzuſchlagen, da er junge Leute unter ſeinen Kriegern habe, für deren Umſicht er nicht ſtehen könne und die ſich beunruhigend erweiſen möchten. Hier endigte die Beſprechung; ſie ſtanden alle auf, ſchüttelten ſich die Hände und ſchieden. Hunt und ſeine Begleiter ſtiegen wieder in ihr Boot und die Fahrzeuge ſetzten ihren Weg unbeläſtigt fort. —ô— Inhalt des erſten Theils. Seite Einleitung Erſtes Kapitel. Gegenſtände amerikaniſcher unter⸗ nehmungen.— Goldjagd und Pelzhandel— Ihr Einfluß auf die Coloniſation.— Erſte franzöſiſche Anſiedler in Kanada.— Ottawa⸗ und Huron⸗Jäger. — Ein Lager indianiſcher Kaufleute.— Coureurs des bois oder Waldſchwärmer.— Ihr umſchwei⸗ fendes Leben.— Ihre Gelage und Ausſchweifun⸗ gen.— Privilegirte Kaufleute.— Miſſionäre.— Handelspoſten.— Patriarchaliſcher franzöſiſcher Kaufmann in Kanada.— Seine Einrichtung und ſein Haushalt.— Britiſch⸗kanadiſcher Pelzhändler. — urſprung der Nordweſt⸗Compagnie.— Ihre „Geſtaltung.— Ihr innerer Handel.— Bewerbung um Eintritt in die Geſellſchaft.— Entbehrniſſe in der Wildniß.— Nordweſt⸗Commis.— Nordweſt⸗ Compagnons.— Ein Nordweſt⸗Nabob.— Feudal⸗ Anſichten in den Wäldern.— Die Herrn der Seen. — Fort William.— Sein Parlaments⸗ und Speiſe⸗ Saal.— Schmausgelage in der Wildniß 5 11 pagnie.— Verſuch der amerikaniſchen Regierung, fremdem Einfluß auf die indianiſchen Ströme ent⸗ gegen zu arbeiten.— John Jakob Aſtor.— Sein Geburtsort.— Seine Ankunft in den vereinigten Staaten.— Was ſeine Aufmerkſamkeit zuerſt auf den Pelzhandel lenkte.— Sein Charakter, ſeine Unternehmungen und Erfolge.— Sein Verkehr mit der amerikaniſchen Regierung.— Urſprung der amerikaniſchen Pelzhandels⸗Compagnie. Drittes Kap. Pelzhandel im ſtillen Meere.— Amerikaniſche Küſten⸗Reiſen.— Ruſſiſche Unter⸗ nehmungen.— Entdeckung des Kolumbia⸗Fluſſes. — Carver's Plan, eine Niederlaſſung dort zu grün⸗ den.— Mac⸗Kenzie's Expedition.— Lewis und Clarke's Reiſe über das Felſengebirge.— Aſtor's großer Handels⸗Entwurf.— Seine Correſpondenz mit Jefferſon.— Seine Unterhandlungen mit der Nordweſt⸗Compagnie.— Seine Schritte, um ſeinen Plan in Ausführung zu bringen Viertes Kap. Zwei ˖Reiſen werden unternommen. — Der Tonquin und ſeine Bemannung.— Kapi⸗ tän Thorn, ſein Charakter.— Die Theilhaber und Commis.— Kanadiſche Voyageurs— ihre Sitten, Beſchäftigungen, Kleidung, Charakter, Lieder.— Reiſen eines kanadiſchen Bootes und der Schiffer Seite Zweites Kap. Begründung der Mackinaw⸗Com⸗ 31 40 —᷑—ÿ—ꝛ—ꝛ—x˖õB˖:ñ—’’ — 283— Seite zu Waſſer und zu Land.— Ankunft zu New⸗York. — Vorbereitungen zu der Seereiſe.— Nordweſt⸗ liche Aufſchneider.— Heimliche Vorſichtsmaßregeln. — Verhaltungsbefehle.... 4 Fünftes Kap. Abfahrt des Tonquin.— Ein ſtren⸗ ger Befehlshaber und eine ſorgloſe Mannſchaft.— Landmenſchen an Bord des Schiffes.— Süß Waſſer.— Matroſen auf dem Meer.— Faullenzer⸗ Neſter.— Schiffskoſt.— Ein Labrador⸗Veteran. Literäriſche Commis.— Neugierige Reiſende.— Robinſon Cruſoe's Inſel.— Zwiſt auf der Schanze. — Falkland⸗Inſeln.— Eine Wildegänſe⸗Jagd.— Port Egmont.— Grabſchriften.— Jagd.— „Old-Mortality.“— Pinguin⸗Schießen.— In Stich gelaſſene Jäger.— Ein harter Strauß.— Fernerer Zwiſt.— Ankunft auf Owyhee Sechstes Kap. Owyhee.— Sandwich⸗Inſulaner. — Ihre ſeemänniſchen Talente.— Tamaahmaah. — Seine Marine.— Seine Unterhandlungen.— Aſtor's Ausſichten in Betreff der Sandwich⸗Inſeln. — Karakakora.— Schweinfleiſch⸗Monopol des Königs.— Beſchreibung der Inſulaner.— Luſt⸗ barkeiten am Geſtade.— Chronikenſchreiber der Inſel.— Platz, wo Kapitän Cook umgebracht wor⸗ den.— John Young, ein ſeemänniſcher Statthal⸗ ter.— Seine Geſchichte.— Waititi.— Eine 60 73 königliche Reſidenz.— Ein königlicher Beſuch.— Große Ceremonien.— Knappes Handeln.— Ein königlicher Eihzheierhindera— Beſchwerden eines praktiſchen Mannes. Siebentes Kap. Abreiſe von den Sandwich⸗ In⸗ ſeln.— Mißverſtändniſſe.— Leiden eines argwöh⸗ niſchen Menſchen.— Ankunft an dem Kolumbia. — Gefährlicher Dienſt.— Düſtere Beſorgniſſe.— Barren und Brandungen.— Gefahren des Schiffs. — Unfälle der Mannſchaft eines Bootes.— Begräb⸗ niß eines Sandwich⸗Inſulaners.... Achtes Kap. Mündung des Kolumbia⸗ Fluſſes.— Die Indianer⸗Stämme.— Ihr Fiſchen.— Ihre Kanoes.— Kühne Schiffer.— Reiter⸗Indianer und Fiſcher⸗Indianer.— Unterſchied ihrer phyſiſchen Beſchaffenheit.— Ausſehen nach dem Orte der Niederlaſſung.— Ausflug von M'Dougal und David Stuart.— Comcomly, der einäugige Häuptling.— Einfluß des Reichthums bei den Wilden.— Skla⸗ verei bei den Eingebornen.— Eine Ariſtokratie von Plattköpfen.— Gaſtfreiheit der Chinvoks.— Com⸗ comly's Tochter und ihre Eroberung.... Neuntes Kap. Point George.— Gründung von Aſtoria.— Indianiſcher Beſuch.— Aufnahme deſ⸗ ſelben.— Der Kapitän verbietet den Aufenthalt auf dem Schiffe.— Abfahrt des Tonquin.— Seite Seite Bemerkungen über das Benehmen des Kapitän Thorn.u......... 134 Zehntes Kap. Beunruhigende Gerüchte aus dem Innern des Landes.— Ein Streifzug.— Der Handelspoſten ſoll erbaut werden.— Unerwarteter Beſuch.— Ein Spion im Lager.— Ausflug in's Innere.— Ufer des Kolumbia.— Mount⸗Koffin.— Indianiſches Grab.— Das Land der Geiſter.— Kolumbia⸗Thal.— Vancouver's Landſpitze.— Waſſerfälle und Stromſchnellen.— Großer Fiſch⸗ markt.— Das Dorf Wish⸗ram.— Wirkung des Handels auf den indianiſchen Charakter.— Poſten an dem Oakinagan errichtet........ 141 Eilftes Kap. Schrecken zu Aſtoria.— Gerücht von indianiſchen Feindſeligkeiten.— Vorbereitungen zur Vertheidigung.— Trauriges Schickſal des Tonquin.......... 158 Zwölftes Kap. Trauer zu Aſtoria.— Eine ſinn⸗ reiche Kriegsliſt.— Der Blattern⸗Häuptling.— Die Dolly läuft ab.— Eine Ankunft.— Ein Kanadiſcher Biberfanger.— Ein Wald⸗Freier.— Ein Irokeſiſcher Jäger.— Winter an dem Kolum⸗ bia.— Neujahrsfeier......1424 Dreizehntes Kap. Landreiſe.— Wilſon P. Hunt. — Sein Charakter.— Donald MKenzie.— Anwer⸗ bung von kanadiſchen Reiſenden.— Ein Rinde⸗ 7 — 286— Seite Kanoe.— St. Annenkirche.— Weihgeſchenke.— Frommes Gelage.— Ein zerlumptes Regiment.— Mackinaw.— Skizze eines Handelspoſten.— Luſtige Reiſende.— Windbeutel.— Indianiſche Stutzer. — Ein Mann vom Norden.— Liſſt der Reiſen⸗ den.— Unwirkſamkeit des Goldes.— Geyicht einer Feder.— Ramſay Crooks— ſein Charak⸗ ter— ſeine Fährlichkeiten unter den Indianern — ſeine Warnung vor Sioux und Schwarzfüßen. — Einſchiffung von Rekruten.— Abſchiedsſcenen zwiſchen Brüdern, Vettern, Weibern, Liebchen und Zechgenoſſen Vierzehntes Kap. St. Louis.— Seine Lage. — Bunte Bevölkerung.— Franzöſiſche Kreolen.— Kaufherren und ihre Dienſtleute.— Miſſouri Pelz⸗ handels⸗ Geſellſchaft.— Manuel Liſa.— Miſſiſſippi⸗ Bootsfuͤhrer.— Faullenzende Indianer.— Ken⸗ tucky⸗Jäger.— Altfranzöſiſches Haus.— Geigen. — Billiards.— Joſeph Miller.— Sein Charak⸗ ter.— Rekruten.— Reiſe den Miſſouri hinauf.— Beſchwerliche Fahrt.— Verdienſte der kanadiſchen Reiſenden.— Ankunft am Nodowa.— Robert Me'Lellan ſtößt zu der Geſellſchaft.— John Day, ein virginiſcher Jäger.— Hunt kehrt nach St. Louis zurück . 184 . 198 Fünfzehntes Kap. Widerſtand zu St. Louis.— Schwarzfuß⸗Indianer.— Pierre Dorion, ein halb⸗ blütiger Dolmetſcher.— Der alte Dorion und ſeine Baſtarden.— Familienzwiſte.— Mißverſtändniſſe zwiſchen Dorion und Liſa.— Renegaten von Nodowa.— Verlegenheiten eines Anführers.— Bradbury und Nuttal treten der Reiſe bei.— Geſetzliche Berlegenheiten Dorion's.— Abreiſe von St. Louis.— Eheliche Zucht eines Halbblütigen.— Jährliches Anſchwellen der Flüſſe.— Daniel Boone, der Patriarch von Kentucky.— John Colter.— Seine Abenteuer unter den Indianern.— Gerüchte von drohenden Gefahren.— Fort Oſage.— Ein indianiſches Kriegs⸗Feſt.— Unruhen in der Dorion⸗ Familie.— Büffel und Aasgeier Sechszehntes Kap. Wiederkehr des Früßlings. Seite . 209 — Erſcheinung von Schlangen.— Große Flüge wilder Tauben.— Neuer Aufbruch.— Nachtlager. — Laplatte⸗Fluß.— Ceremonien beim Uebergang über denſelben.— Spuren indianiſcher Krieger.— Prachtvolle Anſicht an der Pavillon⸗Landzunge.— Zwei Jäger reißen aus.— Ein Einbruch in das Lager indianiſcher Tollköpfe.— Dorf der Omahas. — Anekdoten von dem Stamm⸗Feudal⸗Kriege der Indianer.— Geſchichte Schwarzvogels, des berühm⸗ ten Omaha⸗Häuptlings. . 231 — 288— Siebzehntes Kap. Gerüchte von Gefahr durch die Sioux⸗Tetons.— Grauſamer Charakter dieſer Wilden.— Miſſouri⸗Piraten.— Ihr Handel mit Crooks und M'Lellan.— Aufgeben einer Handels⸗ reiſe.— Meellan's Rachegelübde.— Unbehaglich⸗ keit im Lager.— Ausreißer.— Abreiſe von dem Omaha⸗Dorfe.— Zuſammentreffen mit Jones und Carſon, zwei abenteuernden Biberfängern.— Wiſſenſchaftliche Arbeiten Bradbury's und Nuttal's. — Eifer eines Botanikers.— Bradbury's Aben⸗ teuer mit einem Ponca⸗Indianer.— Hülfe des Taſchen⸗Compaſſes und Mikroskops.— Ein Bote von Liſa.— Gründe zu raſchem Vordringen. Achtzehntes Kap. Lager⸗Geplauder.— Ausreiſ⸗ ſer.— Rekruten.— Kentucky⸗Jäger.— Ein alter Wäldler.— Nachrichten von Henry.— Gefahr vor den Schwarzfuͤßen.— Andere Plane.— Sce⸗ nerie des Fluſſes.— Büffel⸗Pfade.— Eiſenlager. — Gebiet der Sioux.— Land der Gefahren.— Angſt der Reiſenden.— Indianiſche Kundſchafter. — Drohende Feindſeligkeiten.— Ein Kriegsrath. — Schlachtordnung.— Unterhandlung.— Die Friedenspfeife.— Reden.. Seite 266