deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Oktmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen.— 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ een angenommen.— 4 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe — hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 1 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt:. für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————— auf 1 Monat: 4 Mk.— Pf. 1 Mtrr. 59 Pf. 2 rr.— Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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A b b o t 3 k orxr Ich gehe daran, mein Verſprechen zu erfüllen, Euch Nachricht von einem Beſuche zu geben, den ich vor vielen Jahren zu Abbotsford machte. Ich hoffe jedoch, daß Ihr nicht viel von mir erwartet; denn die Reiſenotizen, welche ich damals niederſchrieb, ſind ſo ſpärlich und unbeſtimmt und mein Gedächtniß ſo ungemein unzuverläſſig, daß ich Eure Erwartung durch das Magere und Unverarbeitete meiner Mittheilungen zu täuſchen fürchte. Spät am Abend des 29. Augnſts 1816 kam ich in die alte kleine Grenzſtadt Gelkirk, wo ich übernachtete. Ich war von Edinburg herab gekommen, theils um Mel⸗ roſe Abtei und deren Umgebungen zu beſuchen, beſonders aber, um den„mächtigen Minſtrel des Nor⸗ deus⸗*) zu Geſicht zu bekommen. Thomas Camp⸗ bell, der Dichter, hatte mir ein Empfehlungsſchreiben an ihn gegeben und ich hatte Urſache zu glauben, ein Beſuch von mir würde für keine Zudringlichkeit gelten, da er einige meiner früheren Schreibereien nicht ohne Theil⸗ nahme aufgenommen hatte. ⸗) Walter Seott. Ich frühſtückte am folgenden Morgen bei guter Zeit und fuhr in einer Poſtchaiſe nach der Abtei ab. Auf dem Wege dahin ließ ich am äußeren Thore von Abbots⸗ ford halten und ſchickte den Poſtillon mit dem Empfeh⸗ lungsſchreiben und meiner Karte in das Haus; auf dieſe hatte ich geſchrieben, ich ſei auf dem Wege zu den Rui⸗ nen der Melroſe Abtei und wünſchte zu wiſſen, ob es Herrn Scott— er war damals noch nicht zum Baronet ernannt worden— angenehm ſei, im Laufe des Mor⸗ gens meinen Beſuch anzunehmen. Während der Poſtillon ſich ſeines Auftrags erledigte, hatte ich Zeit, mich nach dem Hauſe umzuſehen. Es ſtand in einer kleinen Entfernung von der Straße ab⸗ wärts, an dem Abhang eines Hügels, welcher ſich zu der Tweed niederſenkte, und war zu jener Zeit nur eine hübſche Gentleman's Cottage*), die etwas Ländliches und Mahleriſches in ihrem Aeußern hatte. Die ganze Vorderſeite war mit Epheu überkleidet und unmittelbar über der Hausthüre ſah man ein großes Paar Hirſch⸗ hörner**), welche ſich aus dem Laubwerk hervorwan⸗ den und der Cottage das Anſehen einer Jägerwohnung gaben. Das große, adelige Gebäude, welchem dieſer. *) Eigentlich eine Hütte; der Ausdruck wird aber von je⸗ der ländlichen Wohnung gebraucht. **) W. Irwing ſagt„elle korns“, Ellend Hörner, der Sitte der engliſchen Koloniſten Amerika's gemäß, welche durchweg den Rothhirſch elle nennen, obgleich dieſe Hirſch⸗ art von dem Ellend durchaus verſchieden iſt. Ueberſ. beſcheidene Wohnſitz gewiſſermaßen ſein Daſein verdankte, trat eben in das Leben, ein Theil der Mauern, von Gerüſten umgeben, war bereits bis zur Höhe der Cot⸗ tage emporgeſtiegen und der vordere Hof war von Maſ⸗ ſen gehauerner Steine bedeckt. Das Geraſſel der Chaiſe hatte die Ruhe des Land⸗ ſitzes geſtört. Heraus ſprang der Wächter des Schloſſes, ein ſchwarzes Windſpiel, ſchwang ſich auf einen der Steinblöcke und hob ein wüthendes Gebell an. Sein Lärmen brachte die ganze Hundsgarniſon heraus: Den Jungen, Halbgewachſnen, Miſchling, Jagdhund, Und Köter niedrer Race:— ſämmtlich offnen Rachens und laut bellend. Ich muß jedoch mein Citat verbeſſern; kein Köter war in den Hofräumen zu ſehen. Scott war ein zu echter Jagd⸗ freund und hatte eine zu hohe Achtung vor reinem Blute, um einen Miſchling zu dulden. Nach einer kleinen Weile erſchien der„Herr des Schloſſesn ſelbſt. Ich erkannte ihn ſogleich, da ich Beſchreibungen von ihm geleſen und gehört und die Por⸗ traits geſehen hatte, die von ihm erſchienen waren. Er war groß und von breitem, mächtigem Körperbaue. Seine Kleidung war einfach und faſt ländlich. Ein alter grü⸗ ner Jagdüberrock mit einer Hundspfeife in dem Knopf⸗ loch, weite braune leinene Beinkleider, ſtarke Schuhe, die an den Knöcheln ſchloſſen und ein weißer Hut, der augenſcheinlich ſchon lange gebraucht worden war. Er hinkte den Sandweg herab und half ſich mit einem ſtar⸗ — 10— ken Spazierſtocke fort, bewegte ſich aber raſch und kräftig einher. An ſeiner Seite lief ein ſtarker, eiſengrauer Jagdhund von ſehr ernſtem Gebahren, welcher an dem Toben des Hundepöbels keinen Theil nahm, ſondern ſich der Würde des Hauſes gemäß für verpflichtet hielt, mir einen höflichen Empfang angedeihen zu laſſen. Ehe Scott das aͤußere Thor erreichte, rief er mich in einem herzlichen Tone an, indem er mich zu Abbots⸗ ford bewillkommte und nach Nachrichten von Campbell fragte. Als er zu dem Wagenſchlag gekommen war, nahm er mit Wärme meine Hand und ſagte:„Kommt! fahrt herab, fahrt herab an das Haus. Ihr kommt gerade recht zum Frühſtück! und dann ſollt Ihr alle Wunder der Abtei ſehen.“ Ich wollte mich entſchuldigen, indem ich anführte, ich hätte mein Frühſtück bereits eingenommen.„Still, Mann,⸗ rief er,„eine Fahrt am Morgen in der ſcharfen Luft der ſchottiſchen Berge iſt eine hinreichende Bürgſchaft für ein zweites Frühſtück.⸗ Demzufolge wurde ich im Flug an die Thüre der Cottage gefahren und ſah mich nach wenigen Augenblik⸗ ken an dem Frühſtücktiſche ſitzen. Außer der Familie war niemand anweſend: dieſe beſtand aus Mrs. Scott; ihrer älteſten Tochter Sophie, damals ein ſchönes Mäd⸗ chen von ungefähr ſiebzehn Jahren; Miß Ann Scott, zwei oder drei Jahre jünger; Walter, ein hübſch ge⸗ wachſenes Bürſchchen, und Charles, ein lebhafter Knabe von eilf oder zwölf Jahren. — 11— Ich fühlte mich bald ganz zu Haus und mein Herz ſchlug warm bei dem herzlichen Empfang, der mir zu Theil ward. Ich hatte geglaubt einen bloßen Morgen⸗ beſuch zu machen, fand aber bald, daß man mich nicht ſo leicht wieder weglaſſen würde.—„Ihr müßt nicht glauben, daß unſere Gegend an einem Morgen wie eine Zeitung geleſen werden kann,“ ſagte Scott,„ſie fordert das mehrtägige Studium eines aufmerkſamen Reiſen⸗ den, der einiges Wohlgefallen an dem Plnnder der alten Welt hat. Nach dem Frühſtück ſtattet Ihr der Melroſe Abtei Euern Beſuch ab; ich werde nicht im Stande ſeyn, Euch dahin zu begleiten, da ich einige häusliche Geſchäfte zu beſorgen habe; allein ich werde Euch meinem Sohn Charles anvertrauen, der in allen Dingen ſehr gelehrt iſt, was die alte Ruine und die Gegend, in welcher ſie ſteht, angeht; und er und mein Freund Johnny Bower werden Euch alles ſagen, was man Wahres davon weiß, und noch eine Menge Sachen mehr, die Ihr eben nicht verpflichtet ſeid zu glauben, Ihr müß⸗ tet denn ein eingefleiſchter und an nichts zweifelnder Al⸗ terthümler ſein. Wenn Ihr wieder kommt, werde ich Euch zu einem Spaziergang in der Nachbarſchaft mitnehmen. Morgen wollen wir Yarrow ſehen und übermorgen nach Dryburgh Abtei hinüber fahren, die eine ſchöne alte Ruine und es wohl werth iſt, daß Ihr ſie anſeht.“— Mit einem Worte, ehe Scott mit ſeinem Plane fertig war, fand ich daß mein Beſuch mehrere Tage dauern würde und es ſchien, als ob ein kleines romantiſches Reich ſich mir plötzlich erſchloſſen hätte. Wie verabredet brach ich ſogleich nach dem Frühſtück mit meinem kleinen Freund Charles, in welchem ich einen ſehr aufgeweckten und unterhaltenden Begleiter kennen lernte, nach der Abtei auf. Charles war im Beſitz eines großen Vorrathes von Aneedoten über die Umgegend, welche er von ſeinem Vater gehört hatte, und brachte viele hübſche Bemerkungen und ſchlaue Späße an, welche offenbar aus derſelben Quelle ſtammten, was er alles mit einem ſchottiſchen Accent und einem Gemiſch von ſchot⸗ tiſcher Redeweiſe vortrug, wodurch es nur noch anzie⸗ hender und ſchmackhafter wurde. Auf unſerm Wege nach der Abtei erzählte er mir einige Anecdoten von Johnny Bower, auf welchen ſein Vater hingedeutet hatte. Er war Küſter des Kirchen⸗ ſprengels und Aufſeher über die Ruine, welche er in Ordnung hielt and den Fremden zeigte;— ein würdiger kleiner Mann, nicht ohne Ehrgeiz in ſeiner niedrigen Sphäre. Der Tod ſeines Vorgängers war in den Zei⸗ tungen erwähnt worden, ſo daß deſſen Name gedruckt in dem ganzen Land geleſen worden war. Als Johnny ihm in der Aufſeherſtelle über die Ruine nachfolgte, machte er es zur Bedingung, daß ſein Name nach ſeinem Tode eine gleiche ehrenvolle Auszeichnung erhalten ſollte und fügte hinzu, dieß müßte durch Scott's Feder geſchehen. und zu meiner Unterhaltung die Eigenthümlichkeiten des Lorübergegangen, ihre ganze Schärfe hatten, als kämen Der letztere machte ſich feierlich anheiſchig, ſein Andenken anf dieſe Weiſe zu ehren und Johnny lebte jetzt in der ſtolzen Hoffnung einer poetiſchen Unſterblichkeit. Ich faud in Johnny Bower einen anſtändig aus⸗ ſehenden kleinen alten Mann in einem blauen Ueberrock und rother Weſte. Er empfing uns mit vielen Kompli⸗ menten und ſchien ſich zu freuen, meinen jungen Beglei⸗ ter zu ſehen, der voller Munterkeit und Muthwille war alten Mannes an das Licht treten ließ. Johnny war einer der ächteſten und abſonderlichſten Ciceronen. Er zeigte auf alles in der Abtei hin, was Scott in ſeinem „Lied des letzten Minſtrelsn geſchildert hatte und widerholte mit breitem ſchottiſchem Accente die Stellen, welche es feierten. 1 So machte er auch, als wir durch die Kreuzgänge gingen, auf die ſchönen in Stein gehauenen Blätter und Blumen aufmerkſam, welche mit der vollendetſten Zart⸗ heit ausgeführt waren und obgleich Jahrhunderte an ihnen ſie friſch aus der Hand des Steinhauers, wetteifernd, wie Scott geſagt hat, mit den wirklichen Gegenſtän⸗ den, denen ſie nachgebildet waren: Kein Gras, kein Blümchen erglänzte hier, Das nicht im Kreuzgang gehauen zur Zier. Er zeigte mir unter den Steinhauerarbeiten auch einen Nonnenkopf von hoher Schönheit, vor welchem, wie er ſagte, Scott ſtets ſtehen blieb und ihn bewunderte; — 414— „denn der Schirra*) haht ein wundervohles Aug' für all derlei Dinge.⸗ Ich muß bemerken, daß Scott's Anſehen in der Um⸗ gegend ſich mehr auf ſein Scherif⸗Amt, als darani zu gründen ſchien, daß er Dichter war. In dem Innern der Abtei führte mich Johnny Bo⸗ wer zu dem wahrhaftigen Steine, auf wechem der wackere William of Deloraine und der Mönch in der denkwür⸗ digen Nacht Platz nahmen, in welcher das Buch des Zauberers dem Grabe entzogen werden ſollte. Ja, Johnny war in der Genauigkeit ſeiner antiquariſchen Unterſuchung noch weiter gegangen als Scott ſelbſt; denn er hatte das wahre Grab des Zauberers entdeckt, deſſen Lage den Dichter in Zweifel gelaſſen hatte. Er rühmte ſich, dieſes durch die Lage des Fenſters der Vor⸗ halle und die Richtung außer Zweifel geſetzt zu haben, in welcher die Mondſtrahlen des Nachts durch das gemalte Glas fielen und den Schatten des rothen Kreuzes auf die Stelle warfen, wie alles in dem Gedichte näher aus⸗ einander geſetzt worden.„Ich zeigte dahs alles dem Schirra,“ ſagte er, und er kohnte nichts ahnders ſahgen, als daß alles ſöhr wahr ſei.« Ich erfuhr ſpäter, daß Scott an der Einfalt des al⸗ ten Mannes ſeine Freude hatte, ſo wie an ſeinem Eifer, jede Stelle des Gedichtes zu bewahrheiten, als hätte er eine ächte Geſchichte vor ſich; und daß er ſeinen Aus⸗ einanderſetzungen ſtets beipflichtete. Ich füge die Be⸗ *) Schirra, der Scherif, Landrichter. 3———.—— — — 185— ſchreibung des Grabes des Zauberers bei, welche die an⸗ tiquariſche Unterſuchung Johnny Bower's veranlaßte: Hier, Krieger, ruht der mächtige Todte, Sein Grab zeigt das Kreuz, das rothe; Der Mönch ging zum breiten Flieſenſtein, Wo man ſah des Kreuzes blut'gen Schein: Auf eine geheime Stell' er deutet, Eine Eiſenſtang' der Krieger bereitet; Ein Zeichen gab des Mönchs verwelkte Hand⸗ Zu ſprengen des Grabthor's feſtes Band. en Bewegt ſich endlich der ſchwere Stein. Ich wollt', Ihr waͤrt da geweſen, die Pracht Des Lichtes zu ſchauen in dunkler Nacht, Wie es ſtrömte durch das hohe Chor und durch die Galerien weit empor! Wie es brach aus des Grabes Schwellen, Auf des Mönches blaſſen Antlitz zitternd, Auf des dunkeln Kriegers Harniſch flitternd⸗ Und küſſend ſeines Helmſchmucks Wellen. Nur durch all ſeiner Kräfte Verein f hFſF ₰ſſi)jſ,· Vor ihren Augen der Zauberer lag, Als wär' er todt kaum einen Tag; Silbern rollt' nieder ſeines Bartes Haar; Er mochte zählen ſiebzig Jahr; Eine Pilgerkutte ihn umſpannt', Um die ein ſoaniſcher Gürtel ſich wand, 4 Als pilgert' er her aus fernem Land; Die Linke hielt ein Buch mächtig groß⸗ 4 Seine Rechte ein ſilbern Kreuz umſchloß⸗ An ſeinem Knie die Lampe ſtand. 4 Scott's Dichtungen waren für den ehrlichen Johnny Bower Thatſachen; dadurch, daß er ſtets in den Ruinen — — 146— der Melroſe Abtei lebte und den Reiſenden den Schau⸗ platz des Gedichtes zeigte, war das Lied des letzten Minſtrels gewiſſermaßen mit ſeinem Daſein verwoben worden und ich zweifle, ob er nicht zuweilen ſeine eigene Perſönlichkeit mit manchen darin auftretenden Charakte⸗ ren verwechſelte. Er konnte es nicht leiden, daß man irgend ein ande⸗ res Erzeugniß des Dichters dem Liede des letzten Minſtrels vorzog.„Wahrlich,“ ſagte er zu mir, nehs ihſt'n üben ſo guhts Ding, als Herr Scott ein's geſchriehben haht; un we' är dahſtehen thäte, würd' ich ihm ſo fahgen— un da' thät er lahchen!“ Er konnte die Leutſeligkeit Scott's nicht genug rüh⸗ men.— Aer kummet manchmahl hierhär,“ ſagte er, nmit grohſen Leuten in ſeiner Geſellſchahft, un' das ärſt wahs ich davon häre, iſt ſeine Stimme, die ausruhft Johnny! — Johnny Bower!— un we' ich herauskumme, weiß ich gewihß, dahß ich mit nem Scherz oder nem freund⸗ lichen Wohrt gegrühſt werde. Aer ſteht Euch da und ſchwahzt und lahcht mit mir, grahd wie n auldes Weib, — un' das zu denken vo'nem Ma', där ſo en furcht⸗ bar Wiſſen vo' der Geſchichte haht!⸗ Einer der ſcharfſinnigen Anſchläge, deren⸗ ſich der wür⸗ dige kleine Mann rühmte, beſtand darin, daß er den Beſucher gegenüber der Abtei, ihn mit dem Ruͤcken zu⸗ gekehrt ſtellte und ihn hieß, ſich niederzubücken und ſie durch ſeine Beine zu betrachten. Er ſagte, dieß gebe der Ruine ein ganz verſchiedenes Anſehen; die Leute —-— 17— bewunderten den Anſchlag auch ganz entſetzlich; was aber die„Laddies“ angehe, ſo ſeien ſie etwas kitzlich in der Sache und begnügten ſich, unter ihren Armen durchzuſehen. Da Johnny Bower ſich viel darauf zu gut that, al⸗ les vorzuzeigen, wie es in dem Gedichte vorkömmt, mußte eine Stelle ihn ſehr in Verwirrung bringen. Ei⸗ ner der Geſänge fängt nämlich ſo an: Willſt du ſchöne Melroſe recht ſehen, Mußt du beim blaſſen Mondlicht hin gehen; Denn des hellen Tages heit're Strahlen Zum Hohn nur mit Gold die grauen Ruinen mah⸗ len u. ſ. w. Dieſer Anmahnung zufolge wollten ſich viele fromme Pilger der Ruinen nicht mit einer Beſchauung bei dem Tageslichte begnügen und behaupteten, dies ſei al⸗ les nichts, wenn man ſie nicht beim Lichte des Mondes ſähe. Nun ſcheint der Mond unglücklicherweiſe nur ei⸗ nen Theil des Monats und wird, was noch viel un⸗ glücklicher iſt, in Schottland zuweilen ſogar von Wolken und Nebeln verhüllt. Johnny war daher in Noth und Sorgen, wie er ſeine in die Poeſie vernarrten Beſu⸗ cher mit dieſem unerläßlichen Mondſchein verſorgen ſolle. Endlich dachte er 4 einem glücklichen Augenblick einen Stellvertreter des Mondſcheins aus. Dies war ein gro⸗ ßes, doppeltes Talglicht, das er auf das Ende eines Pfahles ſteckte und ſo ſeine Beſucher in dunkeln Näch⸗ ten in den Trümmern der Abtei herumführte; die Sache war ſo ſehr zu ihrer Zufriedenheit, daß er zuletzt be⸗ 2 — 18.— gann, ſein Talglicht ſogar für vorzüglicher als den Mond anzuſehen.—„Gewihß,“— pflegte er zu ſagen— nes thuht nicht alles auf ein Mahl beleuchten, aber dann kann ma' es heruhm tragen, wo man wihl und die aulde Abtei zeigen, Stück vor Stück, waͤhrend der Mohnd nur von einer Seihte ſcheint.“⸗ Der ehrliche Johnny Bower! ſo viele Jahre ſind vergangen, ſeit wir uns in der Abtei ſahen, daß es mehr als wahrſcheinlich iſt, ſein ſchlichtes Haupt werde unter den Mauern ſeiner Lieblingsabtei ruhen. Es iſt zu hof⸗ fen, daß ſein demüthiger Ehrgeiz befriedigt und ſein Name von der Feder des Mannes, den er ſo ſehr liebte und ehrte, öffentlich genannt worden iſt. Nach meiner Rückkehr aus Melroſe⸗Abtei ſchlug mir Scott einen Spaziergang vor, um mich mit einem Theil der umliegenden Gegend bekannt zu machen. Als wir weggingen, ſprangen alle Hunde des Hauſes heran, um uns zu begleiten. Da war der alte Hirſchhund, Maida, deſſen ich bereits gedacht habe, ein edles Thier und ein großer Liebling Scott's; und Hamlet, das ſchwarze Wind⸗ ſpiel, ein wildes, unbeſonnenes junges Geſchöpf, der die Jahre der Klugheit noch nicht erreicht hatte. Und Fi⸗ nette, ein ſchöner Wachtelhund, mit weichem ſeidenen Haar, langen herabhängenden Ohren und einem ſanften Auge— der Liebling des Geſellſchaftszjimmers. Als wir vor dem Hauſe waren, ſtieß noch ein veraltetes —— — 19— Windſpiel zu uns, das mit dem Schweife wedelnd aus der Küche kam und von Scott als ein alter Freund und Kamrad geliebkoßt wurde. Bei unſern Spaziergängen ließ Scott häufig die Un⸗ terhaltung fallen, um auf ſeine Hunde acht zu geben, und mit ihnen wie mit vernünftigen Genoſſen zu ſpre⸗ chen; und es ſcheint in der That, als wenn ſehr viel Vernunftvermögen in dieſen treuen Begleitern des Men⸗ ſchen wohne, welches ſich von ihrer großen Innigkeit mit ihm herſchreibt. Maida betrug ſich ſehr ernſt, was auch zu ſeinem Alter und ſeiner Größe paßte, und ſchien ſich für verpflichtet zu halten, einen hohen Grad von Würde und Anſtand in unſerer Geſellſchaft beizubehal⸗ ten. Wie er eine kleine Strecke vor uns dahin trabte, pflegten die jungen Hunde um ihn herum zu jagen, ihm auf den Hals zu ſpringen, ſeine Ohren zu zerzaußen, und alles aufzubieten, um ihn durch ihre Neckereien zu einem Luftſprung zu veranlaſſeu. Der alte Hund behielt lange Zeit ſeine unerſchütterliche Feierlichkeit bei und ſchien dann und wann die Leichtfertigkeit ſeiner jun⸗ gen Genoſſen zu tadeln. Endlich kehrte er ſich plötzlich um, ergriff einen von ihnen und warf ihn in den Staub, worauf er uns einen Blick zuwarf, als wollte er ſagen: „Ihr ſeht, Gentlemen, ich kann nicht umhin, dieſem Unſinn Raum zu geben«, nahm ſeinen frühern Ernſt wieder an und trabte, wie vorher, dahin. Scott fand an dieſen Eigenthümlichkeiten Gefallen. „Ich kann nicht zweifeln,« ſagte er,»daß, wenn Maida 2* — 20— allein mit dieſen jungen Hunden iſt, er ſeinen Ernſt bei Seite legt und ſich eben ſo kindiſch beträgt, wie irgend einer von ihnen. Aber er ſchämt ſich, dies in unſerer Geſellſchaft zu thun und ſcheint zu ſagen:„Laßt ab mit euerm Unſinn, ihr Knaben. Was wird der Laird*) und der andere Gentleman von mir denken, wenn ich ſolchen Thorheiten mich überlaſſe 2⸗ Maida erinnerte ihn, wie er ſagte, an einen Auf⸗ tritt an Bord eines Kriegsſchiffes, in welchem er mit ſeinem Freunde, Adam Ferguſon, einen Ausflug machte. Sie hatten einem Hochbootsmann viele Aufmerkſamkeit zugewendet; er war ein ſchöner kräftiger Seemann und ſchien ſich augenſcheinlich durch dieſe Auszeichnung ge⸗ ſchmeichelt zu fühlen. Es bot ſich eine Gelegenheit, der Schiffsmannſchaft zu erlauben, ſich ihren Spielen und Scherzen zu überlaſſen und die Matroſen tanzten und machten alle Arten von Luftſpringen zur Muſik der Schiffsbande. Der Hochbootsmann ſah mit ſehnſüchti⸗ gem Auge zu, als wenn er die Luſt gern getheilt hätte, aber ein Blick auf Scott und Ferguſon zeigte, daß er mit ſeiner Würde im Streite war und ſich in ihren Augen herabzuſetzen fürchtete.„Endlich,„ fuhr Scott fort, akam einer ſeiner Tiſchgenoſſen daher, ergriff ihn am Arme und forderte ihn zu einem Tanze auf. Der Hoch⸗ bootsmann willigte nach einigem Zaudern ein, machte ei⸗ nen oder zwei ungeſchlachte Sprünge, gleich unſerm Freunde *) Der Gutsherr. Maida, und gab es dann wieder auf.—»Es hilft al⸗ les nichts,« ſagte er, indem er ſeinen Gürtel zurecht zerrte und einen Seitenblick auf uns warf,„man kann ja auch nicht jederzeit tanzen!“ Scott ergötzte ſich an den Eigenthümlichkeiten eines andern ſeiner Hunde, eines kleinen verſchämten Dachs⸗ hundes, mit großen gläſernen Augen,— eines der, ge⸗ gen Schmach und Beleidigung empfindlichſten, kleinen Geſchöpfe auf der Welt.—„Wenn ich ihn je peitſchte,⸗ ſagte er, aſo ſtahl ſich der kleine Geſell fort und verbarg ſich vor dem Tageslicht in einer Polterkammer, aus der man ihn nur durch den Ton eines Hackmeſſers, als wenn man ihm ſein Eſſen zurecht hackte, hervorbringen konnte, wo er ſich dann mit niedergeſchlagenen und demüthigen Blicken hervorwagte, ſogleich aber wieder zurüͤcklief, wenn ihm jemand in die Augen ſah.⸗ Während wir die Launen und Eigenthümlichkeiten unſerer hündiſchen Begleitung beſprachen, reizte irgend ein Gegenſtand ihre Galle und veranlaßte ein lautes und trotziges Gebelle unter der kleinen Schaar; es dau⸗ erte aber einige Zeit, ehe Maida hinreichend aufgeregt ward, um einen oder zwei Sprünge vorwärts zu thun und mit ſeiner Baßſtimme in den Chor einzufallen. Es war nur ein vorübergehender Ausbruch und er kehrte augenblicklich zurück, wedelte mit dem Schweife und blickte zweifelhaft in ſeines Herrn Antlitz, ungewiß, ob er Tadel oder Beifall erwarten dürfe.—„Ah, ah, alter Knabe, rief Scott, ndu haſt Wunder gethan! Du haſt die Eildon⸗Berge durch dein Gebrüll erſchüt⸗ tert: du kannſt dein ſchweres Geſchütz jetzt für den übri⸗ gen Theil des Tages bei Seite legen. Maidan fuhr er fort, niſt wie die große Kanone zu Konſtantinopel; es fordert ſo lange Zeit, bis ſie ſchußfertig iſt, daß man die kleinen Kaßonen ein Dutzendmal zuvor abfeuern kann; wenn ſie aber losgeht, macht ſie auch einen Teu⸗ felslärm!l⸗ Dieſe einfachen Anecdoten mögen dienen, das an⸗ muthvolle Spiel der Launen und Gefühle Scott's im Privatleben anſchaulich zu machen. Seine Hausthiere waren ſeine Freunde. Alles, was ihn umgab, ſchien ſich in dem Lichte ſeines Antlitzes zu freuen. Das Geſicht des niedrigſten Arbeiters erheiterte ſich bei ſeiner An⸗ näherung, als wenn er eines herzlichen und freundlichen Wortes im Voraus gewiß wäre. Ich hatte Gelegen⸗ heit, dies beſonders bei einem Gange in einen Stein⸗ bruch zu bemerken, wo viele Arbeiter beſchäftigt waren, Steine für das neue Gebäude zu hauen. Sie ruhten alle von ihrer Arbeit, um ein freundliches Wort von dem Laird zu erhalten. Einer von ihnen war ein Sel⸗ kirker Bürger, mit welchem Scott über das alte Lied ſcherzte: 4 „Auf mit den Schuſtern von Selkirk, Und nieder mit dem Grafen von Home!“ Ein anderer war Vorſänger in der Kirche und leitete überdies den Pſalmengeſang an Sonntagen, während er in der Winterzeit, wenn die Arbeit außer dem Hauſe — 25— ſelten war, an den Wochentagen die Burſche und Mäd⸗ chen der Umgegend tanzen lehrte. Unter den andern war ein großer ſtracker alter Ge⸗ ſell, mit einer geſunden Geſichtsfarbe und ſilbernem Haare und einem kleinen runden weißen Hute. Er war im Begriff, einen Lehmkübel auf die Schutern zu nehmen, hielt aber inne und ſchaute mit einem leichten Funkeln ſeines blauen Auges auf Scott, als erwartete er, daß anch die Reihe an ihn käme, denn der alte Burſche wußte, daß er ein Liebling Scotts war. Scott redete ihn mit leutſeligem Ton an und forderte eine Priſe Tabak von ihm. Der alte Mann zog eine hornene Doſe hervor.„Pah, Mann,“ ſagte Scott, anicht dieſe alte Doſe. Wo iſt die ſchöne franzöſiſche, die ich Euch von Paris mit brachte?« „Wahrlich, euer Gnahden,“ verſetzte der alte Burſche, seine derlei Dohſe, wie jehne, iſt nicht für Werktaage.“⸗ Als wir den Steinbruch verließen, ſagte mir Scott, er habe, als er die Reiſe nach Paris gemacht, manche unbedeutende Gegenſtände als Geſchenke für ſeine Dienſt⸗ leute gekauft und unter andern auch die byunte Doſe, von welcher die Rede geweſen, und die der Alte ſo ſorg⸗ fältig für die Sonntage aufbewahrte.„Es war nicht ſowohl der Werth der Geſchenke,“« ſagte er,„was ihnen Freude machte, als der Gedanke, daß der Laird an ſie gedacht habe, als er ſo weit von ihnen war. Der erwähnte alte Mann war, wie ich bemerkte, ein großer Liebling Scott's. Wenn ich mich recht er⸗ 22— innere, war er in ſeinen jüngern Jahren Soldat gewe⸗ ſen; ſeine ſtracke, aufgerichtete Haltung, ſeine rothe aber rauhe Geſichtsfarbe, ſein graues Haar und ein ſchalkhaf⸗ ter Strahl in ſeinen blauen Augen erinnerte mich an die Schilderung des Edie Ochiltree. Ich bemerkte, daß der alte Geſell ſeitdem von Wilkie**) in ſein Gemälde der Familie Scott's aufgenommen worden iſt. Wir durchſtreiften jetzt Gegenden, welche in dem Schottiſchen Volkslied bekannt und durch die ländliche Nuſe klaſſiſch geworden waren, ehe Scott den reichen Mantel ſeiner Poeſie über ſie geworfen hatte. Welch ein Uebermaas von Entzücken fühlte ich, als ich zuerſt die mit Heide bedeckten Hörner der Cowdenknowes über die grauen Höhen der Tweed blicken ſah! Und welche rührende Bilder erweckte der Anblick von Ettrick, Vale, Gala Water und den Braes of Yarrow**⁵). Jede Wen⸗ dung des Weges erinnerte an irgend eine häusliche Weiſe, an irgend ein vergeſſenes Ammenlied, durch welches ich in meiner Kindheit in Schlaf geſungen worden war; und mit ihnen an die Blicke und Stimmen derer, welche ſie geſungen hatten und die nun nicht mehr waren; Schottland iſt ganz vorzüglich ein Land des Geſanges und dieſe Melodien, welche in den Tagen der Kindheit ausgeſungen wurden und denen ſich das Andenken an die *) Berühmter Engliſcher Maler. **) Braes, die Höhen, Bergabhänge. beigeſellt, welche wir liebten und die dahin gegangen ſind— dieſe Melodien umkleiden die Schottiſche Land⸗ ſchaft mit ſo zarten Bildern. Den Schottiſchen Liedern wohnt im Allgemeinen et⸗ was recht innerlich Wehmüthiges bei, was, aller Wahr⸗ ſcheinlichkeit nach, dem Hixtenleben und der einſamen Exiſtenz derer zuzuſchreiben iſt, welche ſie dichteten und die oft bloſe Hirten waren, welche ihre Heerden in den einſamen Thälern weideten oder ſie in den nackten Ber⸗ gen in ihren Hürden hüteten. Viele dieſer ländlichen Sänger ſind hinüber gegangen, ohne einen Namen zu⸗ rückzulaſſen; nichts von ihnen iſt geblieben, als jene ſü⸗ ßen, rührenden kleinen Lieder, welche wie Echo an den Orten leben, welche ſie einſt bewohnten. Die meiſten dieſer einfachen Ergüſſe ſtehen mit irgend einem Lieb⸗ lingsaufenthalte des Dichters im Zuſammenhange; und ſo gibt es in Schottland keinen Berg und kein Thal, kein Städtchen und keinen Thurm, kein grünes Gebüſch und keinen murmelnden Bach, auf welche ſich nicht irgend ein Volkslied bezieht, bei deren bloßem Namen faſt zau⸗ berartig eine ganze Reihe köſtlicher Phantaſten und Ge⸗ fühle in uns erwacht. Es ſei mir vergönnt, der Zeit vorzugreifen und an⸗ zuführen, wie gewaltig ſich mir die Macht dieſer ein⸗ fachen Lieder bei einem Beſuche aufdrang, welchen ich dem Geburtsorte Robert Burns in Ayr**), abſtat⸗ *) In dem Dorfe Alloway, nahe bei dem alten Städt⸗ — 26— tete. Mit dieſes Dichters zärtlichen kleinen Liebesver⸗ ſen in dem Kopfe, brachte ich einen ganzen Morgen an den ⸗Ufern und Ablängen des lieblichen Doon“ hin. Ich fand einen armen Schottiſchen Zimmermann in den Rui⸗ nen der Kirche von Alloway beſchäftigt, welche in ein Schulhaus umgewandelt werden ſollte. Als er die Ab⸗ ſicht meines Beſuches erfuhr, ließ er ſeine Arbeit ruhen, ſetzte ſich zu mir auf ein mit Raſen bewachſenes Grab nahe dem Begräbnißplatze von Burns Vater und plau⸗ derte von dem Dichter, den er perſönlich gekannt hatte. Er ſagte mir, die Gedichte Burns ſeien den ärmſten und ungebildetſten Landleuten bekannt,„und es ſcheine ihm, als ſei die Gegend ſchöner geworden, ſeit⸗ dem ſie Burns in ſeinen lieblichen kleinen Liedern beſungen habe. 4— Scott war, wie ich mich bald überzeugte, ein ganzer Enthuſiaſt in Bezug auf die Volkslieder ſeines Landes und es ſchien ihm Freude zu machen, daß er mich ſo em⸗ pfänglich für ſie fand. Ihre Wirkung, in meinem Geiſte die Erinnerungen früherer Tage und Jahreszeiten her⸗ vorzurufen, in welchen ich ſie zuerſt gehört hatte, brachte ihm, wie er ſagte, die Verſe ſeines armen Freundes Leyden an die Schottiſche Muſe in das Gedichiniß zurück: chen Ayr, im weſtlichen Shorttande iſt Robe rt Burns geboren. Ueberſ. In erſter Jugendzeit, ſo hold, Eh' Jahre raſch dahin gerollt, Vergeſſen wie ein Morgentraum, Hört' ich die lieblich ſüßen Weiſen In zärtlichem Gemurmel kreiſen Entlang des Teviot's Uferſaum; Die ſüßen Töne, die mir mild Des Herzens Qual ſo oft geſtillt Und weggezaubert meine Thränen, Sie klingen nach, wie Liebesgrüß', Wie ferne Echo, doppelt ſüß, Die aus der Wildniß wiedertönen. Scott fuhr fort, ſich über die Schontiſchen Volksge⸗ ſaͤnge zu verbreiten.»Sie machen einen Theil unſrer Nationalerbſchaft aus,“ ſagte er, nund ſind etwas, das wir wirklich unſer nennen können. Sie haben keinen fremden Anſtrich; ſie haben den reinen Athem des Hai⸗ dekrauts und der Bergluft. Alle die ächten und wirk⸗ lichen Stämme, die von den alten Briten herkommen,— wie die Schotten, die Waliſer und die Ireländer— haben National⸗Lieder. Die Engländer haben keine, denn ſie ſind keine Eingebornen des Bodens oder doch wenigſtens Miſchlinge. Ihre Mnſik iſt aus fremden Bruchſtücken zuſammengeſetzt wie die Jacke eines Harle⸗ kins oder wie Moſaikarbeit. Selbſt in Schottland ha⸗ ben wir verhältnißmäßig wenige Nationallieder in dem öſtlichen Theile, wo wir den größten Zufluß von Aus⸗ ländern hatten. Ein ächtes altes Schottiſches Lied iſt ein Edelſtein, ein Kleinod aus unſern eigenen Bergen; oder vielmehr, es iſt eine köſtliche Reliquie aus der al⸗ ten Zeit, welche den Stempel des Nationalcharakters an ſich trägt, wie ein Ramen, der zeigt, welcher Art die Nationalgeſichtszüge in frühern Zeiten waren, ehe die Geſchlechter ſich kreuzten.⸗ Während Scott ſo redete, kamen wir ein enges Thal hinauf, wo die Hunde rechts und links auseinander jag⸗ ten, als plötzlich ein Schwarzhuhn aufflog. „Aha,u rief Scott, adas wird einen guten Schuß für Maſter Walter abgeben; wir müſſen ihn dieſes Wegs ſchicken, wenn wir nach Hauſe kommen. Walter iſt jetzt der Familienjäger und verſorgt uns mit Wildpret. Ich habe ihm meine Flinte ſo ziemlich abgetreten, denn ich merke wohl, daß ich nicht mehr ſo raſch mich herumtum⸗ meln katn wie früher." Unſere Streiferei führte uns auf die Höhen, welche eine ausgedehnte Ausſicht gewährten.„Nun,« ſagte Scott, nhabe ich Euch, dem Pilger gleich in„des Pil⸗ gers Reiſen auf den Gipfel der Berge der Wonnen gebracht, damit ihr alle die ſchönen Gebiete umher über⸗ ſchauen mögt. Da drüben liegt Lamermuir und Smail⸗ holme; und dort ſeht ihr Galashiels, und Torwoodlen und Gala Water; und in jener Richtung zeigt ſich uns Teviotdale und die Braes von Narrow und der Ettrick⸗ Bach, der ſich wie ein ſilberner Faden entlang windet, um in die Tweed zu ſtürzen.« So fuhr er fort, Namen herzunennen, welche in — 29— Schottiſchen Liedern berühmt ſind und welche meiſtens noch in neueſter Zeit durch ſeine eigene Feder ein ro⸗ mantiſches Intereſſe erhalten hatten. Ich ſah in der That einen großen Theil des Grenzlandes vor mir aus⸗ gebreitet und koͤnnte den Schanplatz jener Gedichte und Romane überſchauen, welche die Welt gewiſſermaßen be⸗ zaubert hatten. Ich ſchaute eine Weile mit ſtummem Erſtaunen und, ich kann faſt ſagen, mit getäuſchter Erwartung um mich. Ich ſah eine bloße Folge grauer, wellenförmiger Berge, Linie über Linie, ſo weit das Auge reichen konnte, ein⸗ förmig in ihrem Anblick, und von Bäumen ſo entblößt, daß man beinahe eine große Fliege ihren Rand entlang hätte laufen ſehen können; und die weitberühmte Tweed erſchien nur als ein nackter Bach, der zwiſchen öden Hü⸗ geln dahin floß, ohne einen Baum, ohne ein Gebüſch an ſeinem Ufer; und dennoch war das magiſche Gewebe, welches Poeſien und Romane über das Ganze gewor⸗ fen, der Art, daß es einen größern Reiz für mich hatte, als die reichſte Landſchaft, welche ich in England geſehen habe. Ich konnte nicht umhin, meinen Gedan⸗ ken Worte zu leihen. Scott ſummte einen Augenblick vor ſich hin und ſah ernſt aus; er hatte keine Idee davon, daß man ſeine Muſe auf Koſten ſeiner heimiſchen Berge loben könne.— „Es mag Eigenſinn ſein,“ ſagte er endlich, naber für meine Angen haben dieſe grauen Berge und dieſe ganze wilde Grenzgegend Schönheiten, die ihnen ganz eigen⸗ — 50— thümlich ſind. Ich liebe ſelbſt die Nacktheit des Lan⸗ des; es iſt etwas Kühnes, Strenges und Einſames dar⸗ in. Wenn ich eine Zeitlang in der reichen Landſchaft um Edinburg war, wo alles wie ein geſchmücktes Gar⸗ tenland ausſieht, fange ich an, mich wieder zu meinen eigenen guten grauen Bergen zurückzuwünſchen und wenn ich das Heidekraut nicht wenigſtens Ein Mal im Jahr ſähe, glaube ich, ich müßte ſterben.⸗ Dieſe letzten Worte ſagte er mit einer wahren Wärme und begleitete ſie, um ihnen Nachdruck zu geben, mit einem Stoß ſeines Stockes auf den Boden, woraus man ſah, daß ſeine Worte von Herzen kamen. Er verthei⸗ digte auch die Tweed, die er ein an ſich ſchönes Flüß⸗ chen nannte und ſetzte hinzu, ihm mißfalle es ſogar nicht, daß ſie von Bäumen entblößt ſei, wahrſcheinlich weil er zu ſeiner Zeit ein großer Angler war; und ein Angler hat es nicht gern, wenn ein Bach von Bäumen über⸗ hangen iſt, weil dieſe ihn im Gebranche ſeiner Ruthe und der Leine hindern. Ich nahm Gelegenheit, in gleicher Weiſe die Bilder frühern Lebens für meine getäuſchte Erwartung in Hin⸗ ſicht der Landſchaft umher anzuführen. Ich war ſo da⸗ ran gewöhnt geweſen, Berge mit Wäldern gekrönt und Flüſſe ſich einen Weg durch eine Wildniß von Bäumen brechen zu ſehen, daß alle meine Vorſtellungen von ro⸗ mantiſchen Landſchaften ſehr bewaldet zu ſein pflegten. „Ja, und dies iſt der große Reiz Eures Landes,⸗ rief Scott. ⸗Ihr liebt den Wald, wie ich das Haide⸗ kraut liebe; allein ich möchte nicht, daß Ihr glaubt, ich fühlte nicht die Herrlichkeit einer großen Waldland⸗Aus⸗ ſicht. Ich wünſchte nichts mehr, als in der Mitte eines Eurer wilden Urwälder zu ſein und mir denken zu kön⸗ nen, ich ſei von vielen hundert Meilen unbetretenen Wal⸗ des umgeben. Ich ſah einſt zu Leith ein ungeheueres Stück Holz, das eben aus Amerika gekommen war. Es muß ein rieſenhafter Baum geweſen ſein, als er in ſei⸗ nem heimiſchen Boden, in ſeiner vollen Höhe und mit allen ſeinen Aeſten daſtand. Ich betrachtete ihn mit Bewunderung: er glich einem der gigantiſchen Obelisken, welche dann und wann aus Egypten gebracht werden, um die zwerghaften Denkmäler Europa's zu beſchämen; und in der That, dieſe großen urſprünglichen Bäume, welche den Indianer vor dem Einfall der weißen Män⸗ ner ſchirmten, ſind die Denkmäler und Alterthümer Eu⸗ res Landes.⸗ Die Unterhaltung wendete ſich nun auf Campbell's Gedicht: Gertrud von Wyoming als einen Beleg der poetiſchen Stoffe, welche die Amerikaniſche Land⸗ ſchaft darböte. Scott ſprach von dem Werke in jener liberalen Weiſe, in welcher er, wie ich fand, ſich ſtets über die literäriſchen Erzeugniſſe ſeiner Zeitgenoſſen aus⸗ drückte. Er führte mehrere Stellen daraus mit großem Entzücken an.„Wie ſehr iſt es ſchade,n ſagte er,„daß Campbell nicht mehr und öfter ſchreibt und ſeinem Ge⸗ nius freien Lauf läßt! Er hat Schwingen, die ihn zum Himmel empor tragen würden; und er breitet ſie dann und wann großartig aus, ſchlägt ſie aber wieder zuſam⸗ men und ſetzt ſich auf ſeinen Baum, als wenn er bange wäre, in's Freie zu fliegen. Er kennt ſeine eigene Kraft nicht oder will ihr nicht vertrauen. Selbſt wenn er et⸗ was gut gemacht hat, fürchtet er oft Schlimmes. Er hatte viele ſchöne Stellen in ſeinem Lochiel ausgelaſ⸗ ſen, ich beredete ihn aber, einige wieder aufzunehmen.⸗ Hier ſagte Scott mehrere Stellen auf prachtvolle Weiſe her.—„Welch ein großes Bild iſt,“ ſagte er, njenes über prophetiſche Ahnung, oder, nach dem gewöhnlichen Ausdruck, nzweites Geſichtn*): „Der Zukunft Werk wirft ſeinen Schatten vor.“ Es iſt ein edler Gedanke und edel ausgedrückt. Und dann haben wir auch ſein prächtiges kleines Gedicht „Hohenlindenn: nachdem er es niedergeſchrieben, ſchien er nicht viel davon zu halten, ſondern betrachtete man⸗ ches daraus als averd—te Trommeln⸗ und Trompeten⸗ Verſen. Ich beredete ihn, es mir vorzutragen, und glaube, das Vergnügen, welches ich fühlte und aus⸗ ſprach, bewirkte, daß er ſich verleiten ließ, es in den Druck zu geben. Die Sache iſt dieſe,“ fügte er hinzu, „Campbell iſt gewiſſermaßen ſein eigner Popanz. Seine frühen glänzenden Erfolge ſchadeten allen ſeinen ſpätern *) Second sight, die Gabe, in einer Art von Verzückung ferne, oder, Andern unſichtbare, Gegenſtände zu ſehen, an welche beſonders die Hochländer und Inſelbewohner glauben. Ueberſ. &X Bemühungen. Er fürchtet ſich vor dem Schatten, welchen ſein Ruhm vor ihm wirft. Während wir ſo ſchwazten, hörten wir den Knall eines Gewehrs in den Hügeln.„Das iſt Walter, glaube ich,« ſagte Scott, ner hat ſeine Morgenarbeiten fertig gebracht und iſt nun mit ſeiner Fünte ins Freie. Es würde mich nicht ſehr wundern, wenn er das Schwarz⸗ huhn anfgetrieben hätte; iſt dem ſo, dann wird es den Vorrath unſerer Speiſekammer vermehren, denn Walter iſt ein ſehr ſicherer Schütze.“ Ich erkundigte mich nach der Art von Walters Ar⸗ beiten.„Fürwahr,“ ſagte Scott, nüber dieſes Kapitel kann ich nicht viel ſagen. Ich bin nicht übermäßig ge⸗ neigt, aus meinen Kindern Wunderwerke zu machen. Was Walter angeht, ſo habe ich ihn reiten, ſchießen und die Wahrheit ſagen gelehrt, als er klein war; was die andern Theile ſeiner Erziehung anbetrifft, ſo uͤber⸗ laſſe ich ſie einem ſehr wackern jungen Manne, dem Sohne eines unſerer Geiſtlichen, der alle meine Kinder unterrichtet.. Ich wurde ſpäter mit dem hier erwähnten jungen Manne bekannt, der als Privatlehrer der Familie wirkte und welcher viel Geiſt und beſcheidene Würde zu beſitzen ſchien. Ich glaubte, Scott gebrauchte ihn oft als Ab⸗ ſchreiber, als er ſeine Romane dichtete. Die jungen Leute waren gewöhalich den früheren Theil des Tages bei ihm beſchäftigt, worauf ſie fich allen Arten geſunder Ergötzlichkeiten im Freien überließen; denn Scott war 3 — 34— eben ſo beſorgt, ihren Geiſt als ihren Körper ſtark zu machen. Wir waren nicht viel weiter gegangen, als wir die zwei Miß Scott's die Hügelſeite entlang uns entgegen kommen ſahen. Als ihre Morgenarbeiten vollendet wa⸗ ren, hatten ſie ſich aufgemacht, um einen Spaziergang über die Hügel zu machen und Haideblüthen zu ſammeln, um damit ihr Haar bei dem Mittageſſen zu ſchmücken. Wie ſie leicht, gleich jungen Rehen, daher ſprangen und ihre Kleider in der reinen Sommerluft flatterten, dachte ich an Scott'’s eigene Schilderung ſeiner Kinder, wie er ſie in der Einleitung zu einem der Geſänge des Marmion mitgetheilt hat: „Mein kleines Volk, ſtark, wild und kühn, Wie die Gebirge es erzieh'n, Spricht von des Sommers Luſt, und klagt, Daß nicht der Mai ſchon kömmt, und fragt, Ob dann auch Vögel, Lämmchen wieder ſpringen, und Weisdornbüſche Blüthen bringen? Ja, Schwäzer, ja. Maßliebchen blüh'n Bald, eure Laube zu umzieh'n; Der Weißdorn wird auch Kränze geben, Sie in die Locken euch zu weben, Die Lämmchen ſpringen auf der Weide, Die Vöglein zwitſchern auf der Haide, Und wie ihr euch, gleich ihnen, freut, Erſcheint zu kurz die Sommerzeit.“ Als ſie herankamen, ſprangen alle Hunde vorwärts und hüpften um ſie herum. Sie kamen mit Geſichtern 2 — 33— zu uns, die von Geſundheit und Freude ſtrahlten. So⸗ phie, die älteſte, war die lebhafteſte und heiterſte; ſie hatte viel von ihres Vaters vielſeitigem Geiſte in der Unterhaltung und ſchien aus ſeinen Blicken und Worten Anregung zu ſchöpfen. Ann war ruhigern Sinnes, et⸗ was ſchweigſam, was ohne Zweifel einigermaßen dem Umſtande zuzuſchreiben, daß ſie mehrere Jahre jünger war. Bei dem Mittageſſen hatte Scott ſeinen halbländlichen Anzug bei Seite gelegt und erſchien ſchwarz gekleidet. Auch die Mädchen hatten, um ihre Toilette zu vervoll⸗ ſtändigen, die Zweige der Purpurhaide, die ſie an dem Hügelabhang geſammelt, in ihr Haar geſteckt und ſahen nach ihrem Spaziergang auf den Höhen ganz friſch und blühend aus. Außer mir war kein Gaſt beim Mittageſſen. Zwei oder drei Hunde waren im Gemache; Maida, der alte Hirſchhund, nahm ſeinen Platz an Scott's Arm, und ſah ſeinem Herrn ausdrucksvoll in das Auge, während Finette, das Lieblingswachtelhündchen, ſich neben Miſtreß Scott ſetzte, von welcher es, wie ich bald bemerkte, voll⸗ kommen verhätſchelt wurde. Da die Unterhaltung zufällig auf die Verdienſte ſei⸗ ner Hunde kam, ſprach Scott mit vielem Gefühle und Innigkeit von ſeinem Lieblings⸗Dachshunde Camp, wel⸗ chen man in den frühern Kupferſtichen von ihm an ſei⸗ ner Seite abgebildet findet. Er ſprach von ihm wie 3 5 von einem wirklichen Freunde, den er verloren; und Sophia Scott, die ihm muthwillig in die Augen ſah, bemerkte:„Papa habe Thränen vergoſſen, als der arme Camp ſtarb.“ Ich kann hier einen zweiten Beleg von Scott's Liebe für ſeine Hunde, und ſeine humoriſtiſche Weiſe, ſie an den Tag zu legen, anführen. Als ich ſpäter eines Morgens mit ihm auf den Ländereien, welche an das Haus ſtoßen, umherſtreifte, bemerkte ich ein kleines altes Monument, auf welchem in Gothiſchen Buchſtaben die Inſchrift ſtand: „Cy git le preux Perey.“ (Hier liegt der wackere Percy.) Ich blieb ſtehen, denn ich glaubte, es ſei das Grab ir⸗ gend eines tapfern Kriegers aus der alten Zeit; aber Scott führte mich ſchnell weiter.„Pah!« rief er aus, nes iſt nichts als eines der Monumente meiner Thor⸗ heit, wovon Ihr hier herum genug finden werdet.⸗— Ich erfuhr ſpäter, daß es das Grab eines Lieblings⸗ Windſpieles war. Unter den andern wichtigen und bevorrechteten Mit⸗ gliedern des Haushalts, welche bei dem Mittagstiſche ihre Aufwartung machten, war auch ein großer grauer Kater, welcher, wie ich bemerken konnte, von Zeit zu Zeit mit Leckerbiſſen von dem Tiſche erfreut wurde. Die⸗ ſer weiſe Grauhienz war ein Liebling des Herrn ſowohl wie der Dame und ſchlief Nachts in ihrem Gemache; und Scott bemerkte lachend, daß es zu den wenigſt klu⸗ gen Einrichtungen des Hauſes gehöre, daß das Fenſter — 37— Nachts offen gelaſſen werden müſſe, damit Hienz aus und ein könne. Die Katze übte eine Art von Oberherr⸗ ſchaft über die andern Vierfüßler aus, denn ſie ſaß ſtatt⸗ lich in Scott's Lehnſtuhl und nahm dann und wann ih⸗ ren Platz auf einem Stuhl an der Thüre, als wollte ſie ihre Untergebenen bei ihrem Vorbeikommen muſtern, wobei ſie jedem Hunde einen Klaps hinter die Ohren gab, wenn er vorbei ging. Dieſer Pfotenſchlag wurde ſtets gutmüthig hingenommen; er ſchien in der That von Seite des Grauheinz ein bloßer Act der Oberherr⸗ lichkeit zu ſein, um die Uebrigen an ihre Knechtſchaft zu erinnern, was ſie durch die vollkommenſte Ergebung anerkannten. Eine allgemeine Harmonie herrſchte zwi⸗ ſchen Herrſcher und Beherrſchten und ſie pflegten ſämmt⸗ lich in der Sonne beiſammen zu ſchlafen. Scott war während des Eſſens voller Anecdoten und unterhielt uns trefflich. Er machte bewundernswürdige Bemerkungen über den Schottiſchen Charakter, und ſprach mit großen Lobeserhebungen von dem ruhigen, ordent⸗ lichen und anſtändigen Benehmen ſeiner Nachbarn:„was man kauma, ſagte er,„von den Nachkommen von Wege⸗ lagerern*) und Grenzern, und in einer Gegend erwar⸗ ten ſollte, welche in alter Zeit wegen Zänkereien und Streitigkeiten und Gewaltthaten aller Art berüchtigt waren.⸗— Er ſagte, er habe in ſeiner amtlichen Stel⸗ *) Moss-troopers, Grenzmarodeurs, Straßenräuber in Schottland. Ueberſ. lung als Scherif ſeit einer Reihe von Jahren über die Handhabung der Geſetze zu wachen, bisher aber nur wenige Unterſuchungen gehabt. Die alten Zwiſtigkeiten und örtlichen Intereſſen und Eiferſüchteleien und An⸗ feindungen der Schottländer ſchliefen jedoch noch, ſagte er, unter ihrer Aſche und möchten leicht wieder ange⸗ facht werden. Nach ihm war ihr angeerbtes Gefühl für Namen ſtets noch groß. Es war nicht immer gerathen, daß Dörfer auch nur das Fußball⸗Spiel*) unter ſich ſpielten; der alte Clangeiſt*) pflegte zu leicht auszu⸗ brechen.„Die Schottländer ſind rachſüchtiger,“ ſagte er, nals die Engländer; ſie tragen ihren Groll länger in ſich, pflegen ihn manchmal Jahrelang ruhen zu laſſen, ſind aber gewiß, ihm am Ende doch noch Genüge zu thun.⸗ Die alte Eiferſucht zwiſchen den Hochländern und Flach⸗ ländern lebe bis zu einem gewiſſen Grade immer noch fort; die erſtern blickten auf die letztern als auf eine niedrigere, minder tapfere und kräftige Race herab, wobei ſie ſie aber in Verdacht hätten, als ſeien ſie ge⸗ neigt, ſich über ſie zu erheben, da ſie ſich einbildeten, ihnen an Bildung überlegen zu ſein. Dies mache ſie für einen Fremden, der zum erſten Mal unter ſie komme, zu empfindlichen und reizbaren Geſellſchaftern; ſie braus⸗ ten bei der unbedeutendſten Gelegenheit auf und würden *) Eine mit Leder überzogene Blaſe, welche mit den Füſ⸗ ſen getrieben wird. Ueberſ. **) Clan, ein Volksſtamm, ein Familienſtamm. Ueberſ. hitzig, ſo daß er ſich ſozuſagen ihr Wohlwollen erkäm⸗ pfen und erzanken müſſe. Er führte als Beiſpiel einen Bruder von Mungo Park an, der ſich in einer wilden Gegend des Hochlan⸗ des niedergelaſſen hatte. Er ſah bald, daß man ihn als einen Eindringling betrachtete und daß dieſe Bergjunker ſich geneigt zeigten, mit ihm anzubinden, ſich darauf ver⸗ laſſend, er würde, da er ein Flachländer war, die weiße Feder aufſtecken. Eine Zeitlang ertrug er ihre Spöttereien und Stiche⸗ leien mit vieler Kälte, bis einer, den ſeine Nachſicht kühn gemacht hatte, ein Dirk**) hervorzog, es ihm vor⸗ hielt und ihn fragte, ob er wohl je ſchon in dieſem Theil des Landes eine Wehr wie dieſe geſehen habe. Park, der eine Herkuleskraft beſaß, ergriff das Dirk und trieb es auf den erſten Wurf durch einen eichenen Tiſch. „Ja,“ verſetzte er, und ſagt Euren Freunden, daß ein Mann von den Flachlanden es da hinein trieb, wo es der Teufel ſelbſt nicht mehr herausziehen kann.“— Alle Anweſenden freuten ſich der That und der Worte, welche ſie begleiteten. Sie tranken mit Park auf beſſere Be⸗ kanntſchaft und blieben fortan ſtets ſeine guten Freunde. Nach dem Mittageſſen begaben wir uns in das Ge⸗ ſellſchaftszimmer, welches zugleich als Studirzimmer und Bibliothek diente. Auf der einen Seite der Wand ſtand ein langer Schreibtiſch mit Schubladen; darüber war *) Ein Schottiſcher Dolch. Ueberſ. ein kleiner Schrank von polirtem Holze mit Flügelthü⸗ ren, mit Bronze⸗Verzierungen reich beſchlagen, worin Scott ſeine werthvollſten Papiere bewahrte. Ueber dem Schrank war in einer Art Niſche ein vollſtändiger Har⸗ niſch von glänzendem Stahl, mit einem geſchloſſenen Helm, Panzerhandſchuhe und Streitkolben zu beiden Seiten. Rund umher hingen Trophäen und Sehens⸗ würdigkeiten der mannigfachſten Art: ein Säbel von Tippu Saib*), ein Hochländiſches Schwert von Flod⸗ denfield u*r), ein Paar Rippon⸗Sporen**n) von Ban⸗ nockburn †) und vor allem eine Flinte, welche Robin dem Rothen gehört hatte und auf welcher man die Anfangs⸗ buchſtaben ſeines Namens R. M'G. ſah, ein Gegenſtand beſondern Intereſſes für mich zu jener Zeit, da das Ge⸗ rücht ging, Scott beſchäftige ſich eben damit, einen Ro⸗ man dyucken zu laſſen, welcher auf die Geſchichte dieſes berüchtigten Geächteten gegründet ſei. Auf jeder Seite des Schrankes waren Bücherſchreine, in welchen ſich eine Menge poetiſcher Werke in verſchie⸗ denen Sprachen befanden; viele dieſer Schriften waren ſelten und veraltet. Dies war jedoch nur ſeine Cottage⸗ *) Herrſcher von Myſore, der 1799 durch die Engländer Reich und Leben verlor. Ueberſ. **) Wo 1513 Jakob der Vierte geſchlagen wurde. Ueberſ. ***) Zu Rippon wurden ehemals die beſten Sporen in Eng⸗ land gemacht. Ueberſ. †) Hier erfochten die Schottländer im Juni 1314 einen glänzenden Sieg über die Engländer. Ueberſ. — 41— Bibliothek; der größte Theil ſeiner Bücher war in jener Zeit zu Edinburg. Aus dieſem kleinen Curioſitäten⸗Schranke nahm Scott eine Handſchrift hervor, welche auf dem Schlachtfelde von Waterloo gefunden worden war und eine Abſchrift von vielen Liedern enthielt, welche damals in Frankreich beliebt waren. Das Papier war mit Blut befleckt: ndas Lebensblut irgend eines lebensfrohen jungen Offiziers ohne allen Zweifel,“ ſagte Scott,„welchem dieſe Lie⸗ der als ein Andenken ſeiner Herzgeliebten zu Paris theuer waren. u Er deutete auf eine zarte und ſinnige Weiſe auf das halb wilde, halb melancholiſche Schlachtliedchen hin, das General Wolfe gedichtet haben ſoll, und welches er an dem Offizierstiſch, am Abend vor dem Sturm von Que⸗ bec, bei welchem er ſo glorreich fiel, geſungen hat: „Ei, Soldaten, ei, Sollen wir traurig ſein, Kinder? Ei, Soldaten, ei, Wer fällt, iſt ſeinem Berufe treu. Schickt der nächſte Strauß Uns zu unſerm Schöpfer, Kinder, Endigt Noth und Graus; Doch ſchlagen wir uns heraus, Gleicht ein Glas, eine hübſche Wirthin Wieder alles aus.“ „So,n ſetzte er hinzu, ahat aller Wahrſcheinlichkeit nach der arme Burſche, der bei Waterloo fiel, in ſeinem Zelte, die Nacht vor der Schlacht dieſe Lieder geſungen und 2— an die ſchöne Dame gedacht, die ſie ihn gelehrt hatte, und ſich mit der Hoffnung geſchmeichelt, wenn er den Feldzug überlebte, mit Ruhm bedeckt aus dem Kriege zu ihr zurückzukehren." Ich habe ſeitdem geſehen, daß Scott Ueberſetzungen dieſer Lieder unter ſeinen kleinern Gedichten abdrucken ließ. In dieſem niedlich ausſehenden Gemache, das halb Studirſtube, halb Geſellſchaftszimmer war, verſtrich der Abend auf das angenehmſte. Scott las mehrere Stel⸗ len aus dem alten Romane„Arthur« mit einer ſchönen, tief tönenden Stimme und einer Würde des Tones vor, welche zu dem alten mit Gothiſchen Lettern gedruckten Buche zu paſſen ſchien. Es war ein hoher Genuß, ein ſolches Werk von einem ſolchen Manne und an einem ſolchen Platze vorleſen zu hören; und ſeine Erſcheinung, wie er in einem großen Lehnſtuhl leſend ſaß, ſein Lieb⸗ lingshund Maida zu ſeinen Füßen, und rundum Bücher und alterthümliche Gegenſtände und Grenztrophäen, würde ein bewunderuswürdiges und ſehr charakteriſtiſches Gemälde abgegeben haben. 8 Während Scott ſo las, hatte der weiſe Hienz auf einem Stuhl neben dem Kamin Platz genommen und ſaß feſten Auges und ernſten Benehmens da, als lauſche er auf den Leſer. Ich bemerkte Scott, ſeine Katze ſcheine Geſchmack an den alten Romanen zu haben. „Ah,n ſagte er, adieſe Katzen ſind eine ſehr geheim⸗ nißvolle Art von Leuten. Es geht immer mehr in ih⸗ rem Kopfe vor, als wir bemerken; dies rührt ohne Zwei⸗ fel daher, daß ſie mit Hexen und Zauberern ſo vertraut ſind.“ Er erzählte uns nun eine kleine Geſchichte von einem Hausvater, welcher einſt Nachts in ſein Haus zurückkehrte und an einer einſamen entlegenen Stelle auf einen Leichenzug von Katzen ſtieß, welche alle in Trauer waren und in einem Sarge, der mit einem ſchwarzen Sammttuch bedeckt war, einen der ihrigen zu Grabe trugen. Der gute Mann, der über eine ſo ſeltſame Feierlichkeit erſtaunte und halb erſchrack, eilte nach Haus und erzählte ſeiner Frau und ſeinen Kindern, was er geſehen hatte. Er hatte kaum ausgeredet, als ein groſ⸗ ſer ſchwarzer Kater, der am Feuer ſaß, ſich erhob und ausrief:„Dann bin ich König der Katzen!“«, worauf er durch das Kamin verſchwand. Die Leiche, welche der Hausvater geſehen, war die eines Katzendynaſten geweſen. „Unſer Grauhienz hier,“ ſetzte Scott hinzu, verin⸗ nert mich zuweilen durch das gebieteriſche Anſehen, das er ſich gibt, an dieſe Geſchichte; und ich pflege ihn mit Achtung zu behandeln, da ich mir einbilde, er könne ein großer Prinz incognito ſein und vielleicht früher oder ſpäter zum Throne gelangen.“ Auf dieſe Weiſe machte Scott die Gewohnheiten und Eigenthümlichkeiten ſelbſt ſtummer Thiere um ihn her zu Gegenſtänden humoriſtiſcher Bemerkungen oder wun⸗ derlicher Geſchichten.— Unſer Abend wurde auch dadurch noch belebt, daß Sophia Scott uns auf Bitten ihres Vaters dann und wann mit einem Liede erfreute. Sie ließ ſich nie zwei⸗ — 44— mal bitten, ſondern begann gradezu und mit Freuden. Sie ſang nur Schottiſche Lieder, ohne irgend eine Be⸗ gleitung, in einer einfachen Weiſe, aber mit viel Wärme und Ausdruck und in ihrem heimiſchen Dialekte, was ihnen noch einen neuen Reiz gab. Es war entzückend, ſie mit großer Lebhaftigkeit und faſt begeiſtert, eines je⸗ ner herrlichen gefühlvollen, alten Jacobiten⸗Lieder ſingen zu hören, welche einſt bei den Anhängern des Präten⸗ denten in Schottland im Schwunge waren, und in de⸗ nen er mit dem Namen nder junge Kavaliern be⸗ zeichnet iſt. Scott liebte, ungeachtet ſeiner Anhänglichkeit an das regierende Haus, dieſe Lieder ſehr; denn der unglückliche Kavalier war ſtets ein romantiſcher Heldencharakter für ihn, ſo wie für manchen andern muthigen Anhänger des Hauſes von Hannover, ſeitdem das der Stuarts alle ſeine Schrecken verloren hat. Als man über dieſen Ge⸗ genſtand redete, erwähnte Scott einer merkwürdigen Thatſache; er hatte nemlich unter den Papieren des Ka⸗ valiers, welche mit Erlaubniß der Regierung ihm zur Einſicht gegeben worden waren, eine Zuſchrift von einigen Anhängern in Amerika an Karl gefunden; ſie war vom Jahr 1778 und enthäͤlt den Vorſchlag, er möchte ſeine Fahne in den weſtlichen Niederlaſſungen aufpflanzen. Ich be⸗ daure, daß ich mir damals nicht genanere Nachrichten über dieſen Gegenſtand von Scott erbat; die fragliche Urkunde iſt jedoch aller Wahrſcheinlichkeit nach noch un⸗ ter den Papieren des Prätendenten, welche ſich in dem Beſitze der Britiſchen Regierung befinden. Im Laufe des Abends erzählte Scott die Geſchichte eines ſonderbaren Gemäldes, das in dem Gemache hing und von einer Dame ſeiner Bekanntſchaft für ihn ge⸗ fertigt worden war. Es ſtellte die traurige Verlegen⸗ heit eines reichen und ſchönen jungen Engliſchen Ritters aus der alten Zeit dar, welcher auf einer Streiferei an der Grenze gefangen und in das Schloß eines ſtarrſin⸗ nigen und hochmüthigen alten Barons gebracht worden war. Der unglückliche Jüngling wurde in ein Verließ geworfen und vor dem Schloſſe baute man einen hohen Galgen, an welchem er ſein Leben endigen ſollte. Als Alles fertig war, wurde er in die Halle des Schloſſes geführt, wo der wilde Baron im Pompe ſaß, von ſei⸗ nen bis an die Zähne in der Rüſtung ſteckenden Krie⸗ gern umgeben; hier ließ man ihm die Wahl, ob er am Galgen baumeln oder des Barons Tochter heirathen wolle. Man wird glauben, die Wahl ſei durchaus nicht ſchwierig geweſen; unglücklicherweiſe aber war das junge Fräulein ſcheußlich häßlich und hatte einen Mund, der von einem Ohre bis zum andern ging, ſo daß weder Geld noch Liebe jemand vermocht hatte, ſich um ſie zu bewerben, und man ſie im ganzen Grenzland unter dem Namen ndie großmäulige Megn kannte. Das erwähnte Gemälde ſtellte das unglückliche Di⸗ lemma des ſchönen Jünglings dar. Vor ihm ſaß der wilde Baron mit einem Geſichte, das einer ſolchen Toch⸗ 46— ter würdig war; in ſeinen Blicken waren Dolche und Rattengift. Auf ſeiner einen Seite ſah man die groß⸗ mäulige Meg, mit einem verliebten Lächeln über die ganze Breite ihres Geſichtes und einem ſchiefen Blicke, allein ſchon hinreichend, einen Mann in Stein zu ver⸗ wandeln; auf der andern Seite war der Beichtvater, ein glatter Mönch, welcher den jungen Mann am Ell⸗ bogen zupfte und auf den Galgen deutete, den man durch das offene Portal in der Ferne ſah. Die Sage geht, der junge Ritter habe, nachdem er lange in ſeinem Geiſte zwiſchen dem Strick und dem Altar geſchwankt, der Liebe zum Leben Raum geben müſſen und ſich den Reizen der großmäuligen Meg überantwortet. Aller Romanwahrſcheinlichkeit zuwider ergab es ſich, daß die Ehe glücklich war. Die Tochter des Barons war, wenn auch nicht ſchön, doch eine mu⸗ ſterhafte Frau; ihr Gatte wurde nie von irgend einem jener Zweifel und Eiferſüchteleien beunruhigt, welche zu⸗ weilen das Grab des ehelichen Glückes ſind; er wurde der Vater einer ſchönen und ohne allen Zweifel recht⸗ mäßigen Nachkommenſchaft, welche noch auf der Grenze blüht. Ich gebe nur einen ſchwachen Umriß der Geſchichte, wie ich mich ihrer unbeſtimmt erinnere; ſie mag vielleicht anderswo reicher ausgeſtattet und von jemand erzählt worden ſein, welchem etwas von dem ergötzlichen Humor, mit welchem Scpott ſie erzählte, beiwohnt. Als ich mich zur Ruhe begeben hatte, fühlte ich, —— daß es faſt unmöglich war zu ſchlafen; der Gedanke, unter Scott's Dach zu ſein; an den Grenzen, am Tweed zu weilen; ganz im Mittelpunkt jener Bezirke, welche ſeit einiger Zeit der Lieblingsſchauplatz romantiſcher Dich⸗ tung waren; und vor allem die Erinnerung an den Spa⸗ ziergang, den ich gemacht, an die Geſellſchaft, in wel⸗ cher ich ihn gemacht, und an die Unterhaltung, welche er veranlaßt hatte:— alles gährte in meinem Kopfe und ſcheuchte faſt den Schlaf von meinen Kiſſen. Am folgenden Morgen ſchoß die Sonne ihre Strah⸗ len über die Berge her durch das niedrige Gitter mei⸗ nes Fenſters. Ich ſtand frühzeitig auf und blickte durch die Weinroſenzweige, welche über das Fenſter hingen. Scott war zu meinem Erſtaunen bereits auf und im Freien; er ſaß auf einem Stein und plauderte mit den Arbeitern, die bei dem neuen Gebäude beſchäftigt waren. Ich hatte angenommen, er würde in Betracht der Zeit, welche er geſtern durch mich verloren, dieſen Morgen ernſt an der Arbeit ſein: aber er ſah aus, wie ein müſ⸗ ſiger Menſch, der nichts zu thun hatte, als ſich von der Sonne beſcheinen zu laſſen und ſich frohe Stunden zu machen. Ich kleidete mich bald an und geſellte mich zu ihm. Er ſprach von ſeinen Entwürfen und Planen in Bezug auf Abbotsford: glücklich wäre es für ihn geweſen, wenn er ſich mit ſeiner lieblichen kleinen von Weinroſen um⸗ ⸗ rankten Cottage und der einfachen, aber herzlichen und gaſtfreien Weiſe, in welcher er zur Zeit meines Beſuches lebte, hätte begnügen wollen. Das ungeheure Gebäude von Abbotsford und die unermeßlichen damit verbunde⸗ nen Ausgaben für Diener, Lakaien, Gäſte und baronen⸗ artige Lebensweiſe leerte ſeine Börſe, untergrub ſeine Kräfte und laſtete auf ſeinem Geiſte, der dieſem Ge⸗ wicht endlich unterlag. In jener Zeit war jedoch noch alles im Werden und Entſtehen, und Scott hatte ſeine Freude daran, ſeinen künftigen Wohnſitz ſich auszumalen, wie er ſich wohl eine der phantaſtereichen Schöpfungen ſeiner Romane auszu⸗ malen pflegte. Er ſagte, dies ſei eines ſeiner Luftſchlöſ⸗ ſer, welches er in ſoliden Stein und Mörtel verwandeln wolle. Um den Raum waren manchfache Bruchſtücke aus den Ruinen von Melroſe⸗Abtei zerſtreut, welche ſei⸗ nem Bau einverleibt werden ſollten. Er hatte aus ähn⸗ lichen Beſtandtheilen bereits eine Art Gothiſchen Schrei⸗ nes über eine Quelle gebaut und ein kleines, ſteinernes Trinkgefäß darauf angebracht. Unter den Ueberreſten aus der Abtei, welche vor uns zerſtreut lagen, war auch ein ſehr hübſcher alter kleiner Löwe, entweder von rothem Stein oder roth gemalt, der mir ungemein auffiel. Ich habe vergeſſen, zu weſſen Wappen er gehörte, oder von welchem Monumente er genommen worden war; aber ich werde die entzückenden Bemerkungen über die alte Melroſe⸗Abtei, welche er zu⸗ fällig veranlaßte, nie vergeſſen. Dieſe Abtei war au⸗ — 49— genſcheinlich ein Gebäude, welches alle ſeine poetiſchen und romantiſchen Gefühle erweckte und welchem er durch ſeine phantaſiereichſten und ergötzlichſten frühern Ideen⸗ verbindungen begeiſtert zugethan war. Ich kann ſagen, er ſprach mit inniger Liebe davon.„Es iſt nicht auszu⸗ ſprechen,“ ſagte er,»welche Schätze in dieſem prächtigen alten Gebäude verborgen ſind. Es iſt ein herrlicher Raum für alterthümliche Ausbeute. Es gibt dort ſo reiche Stücke alter Bildhauerei für den Architekten, und alter Geſchichten für den Dichter! Es iſt eben ſo er⸗ götzlich, ſich in daſſelbe hineinzuarbeiten, wie in einen Stilton⸗Käſe, und auch der Geſchmack iſt derſelbe— je moderiger, deſto beſſer. Er fuhr fort, Umſtände von hoher Bedeutung zu er⸗ wähnen, die mit der Abtei zuſammenhingen, welche noch nie berührt worden und ſelbſt den Unterſuchungen des ehrlichen Johnny Bower entgangen waren. Das Herz von Robert Bruce, des Helden von Schottland, war in der Abtei begraben. Er verweilte bei der ſchö⸗ nen Erzählung von Bruce's frommer und ritterlicher Bitte, welche er in ſeiner Todesſtunde äußerte und der zu Folge ſein Herz in das heilige Land gebracht und in dem heiligen Grab beigeſetzt werden ſollte, um ſo das Gelübde einer Pilgerfahrt zu erfüllen; ſo wie bei dem edelherzigen Zug des Sir James Douglas, um das glor⸗ reiche Ueberbleibſel zu überbringen. Einen reichen Stoff böten, ſagte er, die Abentheuer des Sir James in jenem abentheuerlichen Zeitalter und ſein Tod in einem Kreuz⸗ 4 zug gegen die Mauren dar, ſo wie die ſpätern Schick⸗ ſale des Herzens von Robert Bruce, bis es endlich in ſein heimathliches Land zurückgebracht und in den from⸗ men Mauern der Melroſe⸗Abtei beigeſetzt wurde. Wie Scott auf einem Stein ſitzend ſo ſprach, und mit ſeinem Stock an den kleinen rothen Löwen klopfte, welcher zu ſeinen Füßen hingeſtreckt lag, funkelten ſeine grauen Augen unter ſeinen langen Augenbraunen; Land⸗ ſchaftsgemälde, Bilder, Begebenheiten ſtrömten ihm zu, wie er fortfuhr, und miſchten ſich mit myſtiſchen und übernatürlichen Andentungen, welche ſich auf Bruce's Herz bezogen. Es war, als wenn ein Gedicht oder ein Roman unbeſtimmt aus ſeiner Einbildungskraft hervor⸗ bräche. Daß er in der Folge etwas dieſer Art, das mit dieſem Gegenſtande und mit ſeiner Lieblingsruine von Melrofe in Zuſammenhang ſtand, zu ſchaffen beabſichtigte, geht aus ſeiner Einleitung zu dem Roman„das Klo⸗ ſtern augenſcheinlich hervor und es iſt Schade, daß es ihm nie glückte, dieſe ſchattenhaften aber begeiſterten Entwürfe ins Leben zu rufen. Der Ruf zum Frühſtück unterbrach unſere Unterhal⸗ tung. Ich nahm mir die Freiheit, der Aufmerkſamkeit Scott's meinen Freund, den kleinen rothen Löwen, zu empfehlen, der einen ſo anziehenden Gegenſtand des Ge⸗ ſprächs herbeigeführt hatte, und äußerte die Hoffnung, er möchte eine Niſche oder einen Standpunkt in dem werdenden Schloſſe finden, würdig ſeines augenſcheinli⸗ chen Alterthums und unbeſtrittenen Werthes. Seott — 31— verſicherte mich mit komiſchem Ernſte, der wackere kleine Löwe ſollte auf eine ehrenvolle Weiſe untergebracht wer⸗ den und ich hoffe daher, daß er noch zu Abbotsford zu ſehen iſt. Bevor ich mich von dem, was ſich auf die Ueber⸗ bleibſel aus der Abtei bezieht, trenne, will ich eines an⸗ dern Gegenſtandes erwähnen, den Scott's vielſeitige Launen in ein geuaueres Licht ſtellt. Dieſer war ein Menſchenſchädel, welcher wahrſcheinlich ehedem einem jener lebensfrohen Mönche gehörte, welche eine ſo ehren⸗ volle Erwähnung in der alten Grenzballade fanden: „d die Mönche von Melroſe ſammelten hier, Am Freitag, wenn das Faſten begann; Es fehlt' ihnen nie an Fleiſch und Vier, So lang es den Nachbarn nicht fehlte daran.“ Dieſen Schädel hatte Scott reinigen und glätten laſſen und ſtellte ihn auf eine Kommode in ſeinem Gemache, ſeinem Bette gerade gegenüber, wo ich ihn ſchauderhaft grinſen ſah. Für die abergläubiſchen Hausmädchen war er ein Gegenſtand großer Scheue und ſchrecklicher Angſt und Scott pflegte ſich an ihrem Schauer zu ergötzen. Wenn er ſich umkleidete, pflegte er zuweilen ſein Halstuch wie einen Turban um ihn geſchlungen zu laſſen und keine der Dirnen wagte es, daſſelbe wegzunehmen. Es war bei ihnen ein Gegenſtand großen Erſtaunens und tiefen Nachdenkens, daß der Laird eine ſolche„ſchreckliche Vor⸗ liebe für einen aulden grinſenden Schähdel“ haben könne. 4* Scott erzählte dieſen Morgen beim Frühſtück eine unterhaltende Geſchichte von einem kleinen Hochländer, welcher der Campbell des Nordens genannt wurde und ſeit vielen Jahren einen Rechtsſtreit mit einem Edelmann in ſeiner Nachbarſchaft wegen der Grenzen ihrer Beſitzungen hatte. Dieſer Proceß war der Haupt⸗ vorwurf des Lebens des kleinen Mannes, der ſtete Ge⸗ genſtand aller ſeiner Unterhaltungen; er pflegte jedem, deſſen er habhaft werden konnte, alle Einzelnheiten in voller Länge auseinander zu ſetzen und um ſeine Geſchichte „mähr klahr“ zu machen, hatte er ſich eine große Karte von ſeiner Beſitzung machen laſſen, eine ungeheure Rolle, viele Fuß lang, welche er auf ſeiner Schulter mit ſich herum zu tragen pflegte. Campbell's Oberleib war lang, ſeine Beine aber waren ungemein kurz und ſichelförmig; der kleine Menſch ging immer in der Hochländiſchen Tracht herum und es war wohl eine wunderliche Geſtalt, wenn man ihn mit ſeiner großen Rolle auf der Schulter und mit den kleinen Beinen, welche ſich unter ſeinem Kilt**) wie ein paar Einſchaltungszeichen krümmten, ein⸗ her kommen ſah. Er glich vollkommen dem kleinen Da⸗ vid, der Goliath's Spieß auf die Schulter genommen, der einem Weberbaum gleichkam. So oft die Schafſchur vorüber war, pflegte er auf⸗ zubrechen und nach Edinburg zu gehen, um nach ſeinem Prozeß zu ſehen. In den Wirthshäuſern unterwegs *) Das Kilt, die kurze Schürze der Bergſchotten. Ueberſ. 9 — 35— pflegte er für alle ſeine Mahlzeiten und ſein Nachtquar⸗ tier das Doppelte zu bezahlen, wobei er dem Wirth ſagte, er möchte es bis zu ſeiner Rückkehr im Sinn be⸗ halten, ſo daß er dieſes Wegs ganz koſtenfrei reiſen könne; denn er wüßte ſchon, ſagte er, daß er bei den Edinburger Advokaten all ſein Geld ausgeben würde und halte es daher für das Beſte, ſich den Rückzug in ſeine Heimath auf dieſe Art zu ſichern. Bei einem ſeiner Beſuche ſprach er bei ſeinem Sach⸗ walter vor, hörte aher, er ſei nicht zu Haus, ſeine Frau aber ſei daheim.„Das iſt gerade eins,“ ſagte der kleine Campbell. Als er in das Anſprachzimmer geführt wor⸗ den, rollte er ſeine Karte anseinander, ſetzte den Fall in ſeiner ganzen Breite auseinander und gab ihr, als er mit ſeiner Erzählung fertig war, das gewöhnliche Hono⸗ rar. Sie ſuchte es abzulehnen, aber er beſtand darauf, ſie ſollte es nehmen.„Ich hahbe grahde daſſelbe Vör⸗ gnügen geha', ſagte er,„indem ich Euch die gaanze Saache erzählte, als ich geha' haben wührde, wenn ich ſie Euerm Max erzählt hätte und habe, glaaube ich, auch graade ſo viehl davohn.n Als er Scott zum letzten Mal beſuchte, ſagte er ihm, er glaube, ſein Streit mit dem Laird ſei ſeinem Ende nahe, da ſie bis auf einige Meilen über die Grenzen nun einig wären. Wenn ich mich recht erinnere, ſetzte Scott hinzu, er habe dem kleinen Manne gerathen, ſeine Sachen und ſeine Karte der Beſorgung des nlangſamen Willie Mowbrayn, langweiligen Andenkens zu übergeben: dieſer Willie war ein Edinburger Ehrenmann, der von dem Landvolk häufig gebraucht wurde; denn er ermüdete alle Angeſtellten durch ſeine endloſen Beſuche und ſein Gezerr und ſeine furchtbare Weitſchweifigkeit und ge⸗ wann jeden Proceß dadurch, daß er die Leute lange⸗ weilte. Dieſe kleinen Geſchichten und Anerdoten, welche Scott ſtets in die Unterhaltung zu flechten wußte, gin⸗ gen ganz natürlich aus dem Gegenſtand des Geſprächs hervor und waren durchaus nicht herbeigezogen; obgleich ſie, indem ich ſſie ſo abgeſondert wieder gebe, ohne die Bemerkungen und Umſtände, welche ſie veranlaßten, und die meinem Gedächtniß entſchwunden ſind, ihrer Faſſung beraubt werden, wodurch ſie in das rechte Licht treten. Sie werden jedoch dienen, das natürliche Spiel ſeines Geiſtes im vertrautern Umgang und deſſen Reichthum an beſchreibenden und charakteriſtiſchen Einzelnhoiten dar⸗ zuthun. Seine Tochter Sophie und ſein Sohn Charles wa⸗ ren die aus ſeiner Familie, welche ſein innerſtes Weſen am beſten zu fühlen und zu verſtehen ſchienen und ſich am meiſten an ſeinen Geſchichten ergötzten. Miſtreß Scott widmete ihnen nicht immer die gleiche Aufmerk⸗ ſamkeit und pflegte dann und wann eine gelegentliche Bemerkung zu machen, die ein wenig niederſchlagend zu wirken pflegte. So erzählte Scott mit großem Beha⸗ gen eine Anecdote von dem Laird of Macnab, und ſagte: ner iſt nun todt und dahin, der arme Burſche—— a „Ei, Hr. Scott,“ rief die gute Dame aus,„Macnab iſt nicht todt— iſt er?« „Wirklich, meine Liebe,“ verſetzte Scott mit humo⸗ riſtiſchem Ernſte—„wenn er nicht todt iſt, haben ſie großes Unrecht an ihm verübt,— denn ſie haben ihn begraben. Nach dem Frühſtücke war Scott eine Weile beſchäf⸗ tigt, Correcturbogen, welche er mit der Poſt erhalten hatte, durchzuſehen. Der Roman„Robin der Rothec war, wie ich bereits bemerkt habe, zu jener Zeit unter der Preſſe und ich vermuthete, dieß ſeien die Correctur⸗ bogen dieſes Werks. Die Autorſchaft der Waverley⸗ Romane war noch ein Gegenſtand der Ungewißheit und der Vermuthung, obgleich nur wenige zweifelten, daß ſie, wenigſtens größtentheils, von Scott herrührten. Der Umſtand, daß er nie auf dieſe Werke anſpielte, war, für mich, ein Beweis, daß er der Verfaſſer ſei. Ein Mann, der ſo warm an allem hing, was Schottiſch war und ſich auf die Nationalgeſchichte und örtliche Sagen bezog, hätte in Bezug auf ſolche Erzeugniſſe nicht ſtumm bleiben koönnen, wenn ſie von einem Andern verfaßt ge⸗ weſen wären. Er führte gern die Werke ſeiner Zeitge⸗ noſſen an; er ſagte immerwährend Bruchſtücke aus Grenz⸗ liedern her und erzählte Anecdoten aus der Grenzge⸗ ſchichte. Ueber ſeine eigenen Gedichte jedoch und über dieſe Romane blieb er ſtumm; ſo lange ich bei ihm war, — 86— beobachtete ich ein gewiſſenhaftes Stillſchweigen über die⸗ ſen Gegenſtand. Ich darf hier eine auffallende Thatſache nicht über⸗ gehen, welche mir zu jener Zeit entgangen war— daß nämlich Scott gegen ſeine Kinder in Betreff ſeiner eige⸗ nen Gedichte ſehr zurückhaltend und ſogar abgeneigt war, ihnen ſeine romantiſchen Dichtungen in die Hände zu geben. Ich gewahrte dies einige Zeit nachher aus einer Stelle in einem ſeiner Briefe an mich, worin er auf die Bände einer amerikaniſchen Miniatur⸗Ausgabe ſeiner Ge⸗ dichte hindeutete, welche ich bei meiner Rückkehr nach Eng⸗ land einer der jungen Damen zuſchickte.—„In meiner Eile,“ ſchrieb er,„habe ich vergeſſen, Euch in Sophia's Namen für die freundliche Aufmerkſamkeit zu danken, durch welche ſie die Amerikaniſchen Bände erhielt. Ich bin nicht ganz gewiß, ob ich auch ſagen darf, in meinem Namen, da Ihr ſie mit viel mehr von ihres Papa's Thor⸗ heit bekannt gemacht habt, als ſie ſonſt kennen gelernt hätte; denn ich habe ſtets ſehr darüber gewacht, daß meine Kinder nie etwas dieſer Art in ihren ſeühern 2 Iahren zu Geſicht bekämen.. Kehren wir jedoch zu dem Faden unſerer Erzählung zurück. Als Scott mit ſeiner kurzen literäriſchen Be⸗ ſchäftigung fereig war, traten wir unſern Spaziergang an. Die jungen Damen brachen auf, um uns zu be⸗ gleiten; ſie waren aber noch nicht weit gegangen, als ſie auf einen armen alten Arbeiter und ſeine unglückliche Fa⸗ milie ſtießen und zurückkehrten, um ſie in das Haus zu führen und ihnen Hülfe zu verſchaffen. Nachdem wir das Gelände von Abbotsford hinter uns hatten, kamen wir an eine elend ausſehende Pachtung mit einem einſamen gebrechlichen alten Manſa oder Pacht⸗ haus, das in nackter Oede daſtand. Scott bemerkte mir jedoch, dieß ſei ein altes Erbgut, Lauckend genannt, und eben ſo werthvoll, wie das väterliche Beſitzthum Don Quirote's und welches auf gleiche Weiſe die erbliche Würde auf ſeinen Beſitzer übertrage, der ein kleiner Laird ſei und ſich, obwohl arm wie eine Kirchenmaus, auf ſein altes Geblüt und das Stehen ſeines Hauſes viel zu gut thue. Nach dem Gute wurde er Lauckend genannt, der Schottiſchen Sitte gemäß, der zufolge man die Leute nach ihrem Familien⸗Beſitzthum benennt; gewöhnlicher aber kannte man ihn in der Umgegend unten dem Namen Lauckie Lang Bein, wegen der Länge ſeiner Gliedmaßen. Während Scott mir dieſe Auskunft über ihn gab, ſahen wir ihn in einiger Entfernung über einen ſeiner Aecker dahin ſteigen, und ſein Plaid um ihn flattern; und er ſchien ſeinen Beinamen wohl zu verdienen, denn man ſah nichts als Beine und buntes gewürfeltes Zeug. Lauckie wußte von der Welt jenſeits ſeines Beſitz⸗ thums wenig oder nichts. Scott ſagte mir, er habe, als er unmittelbar nach dem Kriege von ſeiner Reiſe in Frankreich nach Abbotsford zurückkehrte, von allen ſeinen Nachbarn Beſuche erhalten, um über das Ausland Nach richten einzuziehen. Unter den Beſuchern war auch Lauckie und ein alter Bruder, ſo unwiſſend, wie er ſelbſt. Sie hatten eine Menge Fragen über die Fran⸗ zoſen zu ſtellen, welche ſie für eine fern wohnende und barbariſche Horde anſahen.—„Und wie ſteht äs mit diehſen Barbaaren in ihrem eigenen Laand 24 fragte Lauckie, ⸗köhnen ſie ſchraiben?— köhnen ſie rächnen 2— Er war ganz erſtaunt, als er hörte, daß ſie in der Kul⸗ tur faſt eben ſo weit vorgeſchritten ſeien, als die guten Leute zu Abbotsford. Nachdem Lauckie eine lange Zeit in einem Zuſtand junggeſellenhafter Glückſeligkeit gelebt hatte, fiel es ihm plötzlich und nicht lange vor meinem Beſuche in dieſer Gegend ein, ſich ein Weibchen zu nehmen. Die Nach⸗ barn waren ganz erſtaunt; aber die Familie, welche eben ſo ſtolz als arm war, fühlte ſich arg an der Ehre ange⸗ griffen, denn ſie glaubten, das junge Geſchöpf, auf wel⸗ ches er ſeinen Kopf geſetzt habe, ſtehe weit unter ihnen. Es war jedoch vergeblich, daß ſterſich gegen die Mißhei⸗ rath, welche er einzugehen im 2 egriffe war, ſträubten; er war von ſeinem Entſchluß nicht abzubringen. Er zog ſeine beſten Kleider an, ſattelte ein mageres Roß, wel⸗ ches mit Roſinanti hätte wetteifern können, ſchnallte ein Reitkiſſen hinter ſeinem Sattel feſt und reiſ te ab, um die arme Dirne zu heirathen und nach Hauſe zu brin⸗ gen, welche Gebieterin des altehrwürdigen Häusleins Lauckend werden ſollte und in einem Dorfe auf dem auf⸗ dern Ufer der Tweed wohnte. Ein kleines Begebniß dieſer Art bringt in einer klei⸗ nen ruhigen Landgegend ſtets einen großen Aufruhr her⸗ vor. Die Nachricht verbreitete ſich bald in dem Dorfe Melroſe und in den Cottages der Nachbarſchaft, Lanckie Lang Bein ſei über die Tweed gegangen, um ſeine Braut heimzuführen. Alle die guten Leute ſammelten ſich auf der Brücke, um ſeinen Rückzug zu erwarten. Lauckie täuſchte aber ihre Erwartungen; denn er ſetzte an einer entlegenen Fuhrt über das Flüßchen und brachte ſeine Braut wohlbehalten in ſein Haus, ohne bemerkt worden zu ſein. Man vergönne mir, dem Gang der Begebenheiten vorzugreifen und das Schickſal des armen Lauckie zu er⸗ zählen, wie es mir ein oder zwei Jahre ſpäter in einem Briefe von Scott mitgetheilt worden iſt. Von dem Tage ſeiner Verheirathung an wich jeder Frieden von ihm, woran die ſteten Zwiſchenträgereien ſeiner Ver⸗ wandten Schuld waren, die nicht zugeben wollten, daß er auf ſeine Art glücklich werde, ſondern ſich bemühten, ihn mit ſeinem Weibe zu entzweien. Lauckie wollte keine der Geſchichten landenn welche ſie zum Nachtheil ſeiner jungen Ehehälfte erzählten; aber der ewige Kampf, in welchem er lebte, um den guten Namen derſelben gegen ihre auuiße zu ſchützen, erſchöpfte ſeinen Geiſt und Körper. Den letzten Kaͤmpf kämpfte er mit ſeinen ei⸗ genen Brüdern vor ſeiner väterlichen Wohnung. Ein furchtbares Gezänk fand zwiſchen ihnen ſtatt: Lauckie legte ein donnerndes Bekenntniß ſeines Glaubens in — 60— ihre unbefleckte Ehrbarkeit ab und fiel dann todt auf der Schwelle ſeines eigenen Hauſes nieder. Seine Perſon, ſein Charakter, ſein Name, ſeine Geſchichte und ſein Ende berechtigten ihn, in einem von Scott's Romanen verewigt zu werden und ich erwartete, ihn in einem der folgenden Werke von ſeiner Feder zu erkennen; ich wartete aber vergeblich. Nachdem wir die Beſitzungen des guten Lauckie hin⸗ ter uns hatten, zeigte Scott in einiger Entfernung den Eildon⸗Stein. Dort ſtand in alten Tagen der Eildon⸗ Baum, unter welchem, der Volksſage zufolge, Thomas der Reimer*) ſeine Weiſſagungen geſpendet, von denen noch Bruchſtücke in veralteten Balladen vorkommen. Wir wandten uns hier ein kleines Thal hinauf, durch welches ein kleiner Bach murmelte und platſchte und dann und wann über Felſen ſtürzte und an einigen Stel⸗ len mit Vogelbeeren und ärmlichem Birkenreis überhan⸗ gen war.—„»Wir wandeln nun auf klaſſiſchem, oder vielmehr auf Feenboden,“ ſagte Scott; ndies iſt das Zauberthal Thomas des Reimers, wo er mit der Köni⸗ gin des Feenlandes zuſammentraf; und dies iſt der Ko⸗ *) Thomas the Rhymer gehörte der zweiten Hälfte des drei⸗ zehnten Jahrhunderts an; eine ſeiner Prophezeihungen be⸗ zieht ſich auf die Begebniſſe des Jahres 1272. Ueberſ. — 6³6— boldsbach, dem entlang ſie auf ihrem Apfelſchimmel ritt, an deſſen Zügel Silberglöckchen klingelten.“ Scott fuhr fort, wie gewöhnlich vorausgehend und das Zauberthal hinauf hinkend, während er beim Gehen ſprach: da er mir aber den Rücken zukehrte, konnte ich nur die tiefen, brummenden Töne ſeiner Stimme, wie das leiſe Athmen einer Orgel, hören, ohne die Worte zu verſtehen, bis ich, als er ſtill ſtand und mir das Geſicht zuwandte, bemerkte, daß er Bruchſtücke aus den Grenzballaden von Thomas dem Reimer herſagte. Dies war ſtets auf meinen Spaziergängen mit ihm in dieſer geſchichtenreichen Gegend der Fall. Sein Geiſt war von den dichteriſchen Sagen, welche ſich hier auf alles um ihn her bezogen, erfüllt und er pflegte ſie, wie er entlang ging, offenbar eben ſo ſehr zu ſeinem eigenen Vergnügen, wie zu dem ſeines Begleiters mitzutheilen. „Und Bäch' und Höh'n des Wegs entlang Erwähnt' ein Märchen oder Sang.“ Seine Stimme war tief und wohlklingend; er ſprach mit einem Schottiſchen Accente und hatte etwas von dem Northumberländiſchen Pfropfen in der Kehle*), was ſeiner Ausſprache, für mich wenigſtens, eine Do⸗ riſche Strenge und Einfachheit gab. Die Art, wie er Poeſien vortrug, war manchmal prachtvoll. „Hier,n ſagte er ſtillſtehend,»iſt das Huntley⸗Ufer, *) Anſpielung auf die Art, wie die Northumberländer, na⸗ mentlich die Newcaſtler, das r ausſprechen. Ueberſ. -— 2— auf welchem Thomas der Reimer ſinnend und ſchlafend lag, als er die Königin des Elfenlandes ſah oder zu ſe⸗ hen träumte: „Am Huntlie⸗Bach lag Thomas wohl, Ein Feechen erſpäht er im Raum, Und dann ſah er ein glänzend Weib, Die herab ritt zum Eildon⸗Baum. Ihr Kleid war von grasgrüner Seide, Ihr Mantel von Sammet fein, An jedem Mähnenhaar ihres Schimmels Hingen fünfzig Silberglocken und neun.“ Hier wiederholte Scott mehrere Strophen und erzählte die Umſtände der Zuſammenkunft Thomas des Reimers mit der Fee und der Art, wie ſie ihn in das Feen⸗ land brachte. „Und bis ſieben Jahre vergangen waren, Wurde Thomas auf Erden nicht mehr geſehen.“ „Es iſt eine alte ſchöne Geſchichte„ ſagte er, nund ſie ließe ſich zu einer prächtigen Feen⸗Erzählung ver⸗ arbeiten.⸗ Während dieſes unſeres Spaziergangs iſt, wenn ich nicht irre, mein Freund Hamlet, das ſchwarze Wind⸗ ſpiel, arg in die Klemme gekommen. Die Hunde wa⸗ ren, wie gewöhnlich, in den Thälern und Feldern um⸗ hergeſtäubt und hatten ſich eine Zeitlang gar nicht mehr ſehen laſſen, als wir in einiger Entfernung zur Linken ein Gebell hörten. Kurz darauf ſahen wir einige Schafe über die Hügel jagen, mit den Hunden hinter ihnen. — 65— Scott ſetzte die elfenbeinerne Pfeife, welche ſtets an ſeinem Knopfloche hing, an die Lippe; es gelang ihm bald, alle die Frevler, mit Ausnahme Hamlet's herbei⸗ zulocken. Wir eilten an dem Ufer empor zu einer Stelle, welche die Ausſicht entlang einer Schlucht oder Tiefung der Hügel hatte und ſahen hier den ſchwarzen Prinzen von Dänemark bei der blutenden Leiche eines Schafes ſtehen. Die Leiche war noch warm; an der Kehle gewahrte man Spuren des unglücklichen Biſſes und Hamlet's Schnauze war mit Blut befleckt. Nie iſt ein Verbrecher vollkommener in flagrante delictu er-⸗ tappt worden. Ich nahm an, das Urtheil des armen Hamlet ſei bereits beſtegelt, denn keine größere Sünde kann von einem Hunde begangen werden in einer an Schafweiden ſo reichen Gegend. Scott ſetzte aber einen höhern Werth auf ſeine Hunde, als auf ſeine Schafe. Jene waren ſeine Gefährten und Freunde. Auch war Hamlet, obgleich eine unregelmäſ⸗ ſige, ungezogene Art Wildfang, offenbar ein Günſtling. Er konnte es eine Zeitlang nicht glauben, daß Hamlet das Schaf gemordet haben ſollte. Es ſollte durchaus ein Köther aus der Nachbarſchaft geweſen ſein, der ſich bei unſerm Herannahen davon gemacht und den armen Hamlet in der Matſche gelaſſen hätte. Die Beweiſe waren jedoch zu ſprechend und Hamlet wurde allgemein verdammt.—„Gut, gut!“ ſagte Scott, nes iſt zum Theil meine eigene Schuld. Ich habe das Jagdgehen ſeit einiger Zeit aufgegeben und der arme Hund hatte — 64— keine Gelegenheit, dem Wilde nachzugehen und ſo ſei⸗ nen Geſchmack zu bilden. Wenn er nur dann und wann auf die Spur eines Haſen gebracht würde, gäbe er ſich gewiß nie mit Schafen ab.“ Ich erfuhr ſpäter, daß ſich Scott wirklich ein Pferd⸗ chen anſchaffte und mit Hamlet auf die Jagd zog, wel⸗ cher in Folge deſſen keine Neigung mehr zu Schaſs⸗ fleiſch zeigte. Unſern Weg fortſetzend, gelangten wir zu einem Raume, wo man, wie Scott erklärte, die Ueberbleibſel eines römiſchen Lagers ſah; und wie wir auf einem Erd⸗ aufwurf ſaßen, der einſt einen Theil des Walles gebil⸗ det hatte, zeigte er die Spuren der Linien, der Bruſt⸗ wehren, des Präͤteriums und bewährte eine Kenntniß des Lagerweſens, welches dem Alterthümler Oldbuck nicht übel angeſtanden haben würde. In der That, manch⸗ fache Umſtände, welche ich während meines Beſuches bei Scott bemerkte, vereinigten ſich, mich zu überzeu⸗ gen, daß viele der alterthümlichen Liebhabereien des Monkbarns ſeinem eigenen, reich ausgeſtatteten Charakter entnommen waren und daß viele Scenen und Perſonen dieſes herrlichen Romans aus ſeiner unmittelbaren Nach⸗ barſchaft ſtammten. Er erzählte mir viele Aneedoten von einem bekannten Bettler, Namens Andreas Gemmels, oder Gammel, wie das Wort lautete, der einſt an den Ufern des Gala — 63— Water, Abbotsford unmittelbar gegenuͤber, ſein Weſen trieb und mit welchem er, als er noch ein Knabe war, bekannt geweſen und oft geſprochen und geſcherzt hatte; und ich erkannte ſogleich das Portrait jenes Ausbunds philoſophiſcher Vagabunden, jenes Neſtors der Bettler, Edie Ochiltree's. Ich war nahe daran, dieſen Na⸗ men auszuſprechen und die Aehnlichkeit des Bildes an⸗ zuerkennen, als ich mich des Incognito's erinnerte, wel⸗ ches Scott hinſichtlich dieſer Romane beobachtete, und mir Stillſchweigen auferlegte; aber ich rechnete auch die⸗ ſen Umſtand zu dem Vielen, was mich überzeugte, daß er der Verfaſſer ſei. Sein Gemälde des Andreas Gemmels ſtimmte mit dem des Edie in Bezug auf Größe, Haltung und mili⸗ täriſches Weſen, ſo wie auf ſeinen ſchlauen und ſpötti⸗ ſchen Humor vollkommen überein. Seine Heimath war, wenn bei ihm von Heimath die Rede ſein konnte, Ga⸗ lashiels; aber er nſchlenderte“ in der Gegend umher, entlang der grünen Gebüſche, der Bäche und war über⸗ all in den Thälern der Tweed, des Ettrick und Narrow eine Art wandernder Chronik, welcher das Geplauder von Haus zu Haus trug, über die Bewohner und ihre Angelegenheiten ſeine Bemerkungen machte und keinen Anſtand nahm, ihnen hinſichtlich irgend eines ihrer Feh⸗ ler oder Thorheiten einen tüchtigen Hieb zu verſetzen. „Ein verſchmitzter Bettler wie Andreas Gemmels,“ ſetzte Scott hinzu,»welcher die alten Schottiſchen Wei⸗ ſen ſingen, Geſchichten und Märchen erzählen und die 3 5 = 66— langen Winterabende wegplaudern konnte, war keines⸗ wegs ein unwillkommener Beſucher in einer einſamen Manſe oder der Cottage. Die Kinder pflegten ihm ent⸗ gegen zu laufen, ihn zu bewillkommen und ſeinen Stuhl in eine warme Ecke des Feuerplatzes zu ſtellen und die alten Leute empfingen ihn wie einen privilegirten Gaſt. „Den alten Andreas angehend, ſo blickte er auf ſie, wie der Pfarrer auf ſeine Pfarrkinder blickt und be⸗ trachtete das Almoſen, das ſie ihm gaben, als etwas ihm Gebührendes, wie dieſer den Zehnten betrachtet. Ich glaube ſogar,“ ſetzte Scott hinzu,»Andreas hielt ſich mehr für einen Gentleman als die, welche ſich ih⸗ ren Lebensunterhalt durch die Arbeit ihrer Hände ver⸗ ſchafften, und blickte heimlich mit Stolz auf die arbeit⸗ ſamen Landleute nieder, welche ihn nährten und be⸗ herbergten.⸗ Seine ariſtokratiſchen Anſichten ſtammten einigermaſ⸗ ſen daher, daß er gelegentlich mit einigen Leuten aus dem kleinen Landadel, welchen es an Geſellſchaft fehlte, um ihre leere Zeit auszufüllen, in eine Art Verbindung kam und bei ihnen geduldet wurde. Mit dieſen pflegte Andreas dann und wann Karten oder Würfel zu ſpie⸗ len und es fehlte ihm nie an Silber in dem Beutel, um ein Spiel mitzumachen, was er mit der vollkomme⸗ nen Miene eines Mannes that, für den das Geld nur wenig Werth hatte; und niemand konnte ſein Geld mit einer gentleman⸗mäßigern Kaltblütigkeit ver⸗ lieren. — 67— Unter denen, welche ihn damals einer ſolchen Ver⸗ traulichkeit würdigten, war der alte John Scott von Gala, ein Mann von guter Herkunft, welcher ſein vä⸗ terliches Hans Torwoodlee bewohnte. Einiger Unter⸗ ſchied des Ranges wurde jedoch beibehalten. Der Laird ſaß in der Inſeite des Fenſters und der Bettler draußen und auf dem Geſims ſpielten ſie Karten. Andreas ſagte dem Laird dann und wann ſeine Mei⸗ nung ſehr freimüthig; beſonders bei einer Gelegenheit, als er einige ſeiner väterlichen Landſtücke verkauft hatte, um ſich von dem Ertrag ein größeres Haus zu bauen. Die Rede des ehrlichen Andreas ſchmeckt nach der Ver⸗ ſchlagenheit des Edie Ochiltree. „Alles gaanz guht— alles gaanz guht, Torwoodlee,⸗ ſagte er,»ahber wär hätte gedacht, daß Eures Vahters Sohn zwei guhte Aecker verkauhfen wührde, um ſich an dem Abhang eines Hühgels ein Kukuk's Neſt zu bauhen?⸗ Heute kamen zwei Engliſche Reiſende zu Abbotsford an: der eine war ein Mann von Vermögen und im Beſitz von Ländereien; der andere ein junger Geiſtlicher, welchen er unter ſeiner Gönnerſchaft und als Reiſege⸗ fährten mit ſich gebracht zu haben ſchien. Der Gönner war einer jener Wohlerzogenen, gäng⸗ und geben Gentlemen, von denen es in England wim⸗ melt. Er hatte eine große Ehrfurcht vor Scott und 5*£ — 68— bemühte ſich, in ſeiner Geſellſchaft ſein Licht leuchten zu laſſen, indem er ſtets auf abſtrakte Unterſuchungen zurückkam, an welchen Scott wenig Gefallen hatte. Die Unterhaltung des Letztern war, wie gewöhnlich, mit Anecdoten und Geſchichten— einige derſelben hatten viel Mark und Laune— geſpickt. Der wohlerzogene Gentleman war entweder zu ſchwerfällig, um die Pointe derſelben zu fühlen, oder zu anſtandsvoll, um ſich einer herzlichen Heiterkeit hinzugeben: der gute Geiſtliche im Gegentheil, der nicht zu überbildet war, um ſich's zu verſagen, fröhlich zu ſein, lachte bei jedem Scherze lange und lant und erfreute ſich derſelben mit der Behaglich⸗ keit eines Mannes, der mehr Frohſinn in ſeinem Herzen als Geld in ſeiner Taſche hat. Als ſie fort waren, wurden einige Bemerkungen über ihr verſchiedenes Benehmen laut. Scott äußerte ſich ſehr achtungsvoll über das anſtändige und gehaltene Be⸗ tragen des reichen Mannes, aber mit freundlicherm Ge⸗ ſichte ſprach er von dem guten Geiſtlichen und dem nicht feinen aber herzlichen Ergötzen, mit welchem er an je⸗ dem Scherze ſich erfreute.„Ich glaube,n ſagte er, ades Geiſtlichen Loos im Leben iſt glücklicher als das des Reichen. Kann er auch nicht über ſo viele gute Dinge dieſer Welt mit ſeiner Börſe gebieten, wie ſein Be⸗ ſchützer, ſo hat er den Vorzug vor ihm in dem Genuſſe derſelben, wenn Andere ſie ihm darbieten. Im Gan⸗ zen,n ſetzte er hinzu, nglaube ich des ehrlichen Geiſtli⸗ chen gute Laune der guten Erziehung ſeines Beſchützers — 69— ziemlich vorziehen zu duͤrfen. Ich habe eine große Ach⸗ tung vor einem herzlichen Lacher.⸗ Er fuhr fort, über den großen Einfluß Engliſcher Reiſenden zu ſprechen, welche in den letzten Jahren Schottland überſchwemmt hatten und zweifelte, ob ſie dem altmodiſchen Schottiſchen Charakter nicht nachthei⸗ lig geworden wären.„Früher kamen ſie gelegenheitlich hierher, um zu jagen,“ ſagte er,„und Waſſervögel zu ſchießen; ſie hatten noch nicht die entfernteſte Idee, nach der Landſchaft ſich umzuſehen; ſie bereiſ'ten das Land in einer barſchen, einfachen Weiſe und verkehrten mit den Landleuten auf ihre eigene Art. Jetzt aber rollen ſie in ihren Equipagen herum, um Ruinen zu ſehen und Geld auszugeben, und ihre verſchwenderiſche Ausſchwei⸗ fung hat ſich bei dem gemeinen Volke gerächt. Sie hat das letztere in ſeinem Verkehre mit Fremden raubſüch⸗ tig, gierig nach Geld und unverſchämt in ſeinen Forde⸗ rungen für die unbedeutendſten Dienſtleiſtungen gemacht. Früher,« fuhr er fort,„waren die ärmern Klaſſen un⸗ ſeres Volkes verhältnißmäßig uneigennützig. Sie boten ihre Dienſte freiwillig an, um die Unterhaltung der Fremden zu fördern oder ihre Neugierde zu befriedigen; aber jetzt machen ſie ein Gewerbe daraus, Felſen und Ruinen vorzuzeigen und ſind eben ſo habſüchtig wie die Italiäniſchen Cicerone. Sie betrachten die Engländer wie wandelnde Geldſäcke; je mehr ſie geſchüttelt und gerüttelt werden, deſto mehr laſſen ſie zurück.“ Ich ſagte ihm, er habe in dieſer Hinſicht vieles auf ſeinem Gewiſſen, da die romantiſchen Erinnerungen, welche er durch ſeine Schriften an ſo viele Gegenden in Schottland geknüpft habe, den Zufluß neugieriger Rei⸗ ſenden hierher leiteten. Scott lachte und ſagte, ich könnte einigermaßen recht haben, da er ſich eines hierher gehörigen Umſtandes er⸗ innere. Er war einſt zu Glenross. Eine alte Frau, welche eine kleine Schenke hatte, zu der nur wenige Kunden kamen, war ungemein dienſtfertig um ihn und beläſtigte ihn ſehr mit ihren Artigkeiten und Zuvorkom⸗ menheiten. Endlich kam das Geheimniß an den Tag. Als er ſich zur Abreiſe anſchickte, richtete ſie unter vie⸗ len Knixen das Wort an ihn und ſagte, ſie habe ge⸗ hört, er ſei der Gentleman, der ein ſchönes Buch über den Loch Katrine geſchrieben habe; ſie bäte ihn, er möchte doch auch ein wenig über ihren See ſchreiben, denn ſie habe vernommen, jenes Buch habe dem Wirthshaus am Loch Katrine mächtig viel Nutzen gebracht. Am nächſten Tage machte ich mit Scott und den jungen Damen einen Ausflug nach Dryburgh Abtei. Wir fuhren in einem offenen Wagen, welchen zwei ſanfte alte ſchwarze Pferde zogen, für welche Scott eine große Zuneigung zu haben ſchien, wie für alle ſtummen Thiere, welche ihm angehörten. Unſer Weg führte durch abwechſelnde Landſchaften, reich an poetiſchen und hiſtoriſchen Erinnerungen, über welche Scott gewöhnlich etwas zu erzäͤhlen wußte. Unterwegs zeigte er unter andern auf eine alte Grenzwarte oder Veſte hin, welche auf dem Gipfel eines nackten, mehrere engliſche Meilen entfernten Hügels ſtand, und welche er Smailholm To⸗ wer nannte; die Felſenhöhe, auf welcher ſie ſtand, heißt Sandyknows Crags. Seiner Ausſage zufolge war ihm wegen der Erinnerungen aus der Kindheit der Platz be⸗ ſonders theuer. Seine Großmutter hatte dort in dem alten Smailholm Grange oder Meierhof gelebt und er war ungefähr in ſeinem zweiten Jahre wegen ſeiner Lahmheit dorthin geſchickt worden, um die reine Luft der Berge zu athmen und unter der Aufſicht ſeiner Groß⸗ mutter und Tante zu ſein*). *) In der Einleitung zu einem der Geſänge des Marmion hat er ſeinen Großvater und den Feuerheerd des Meier⸗ hofs geſchildert und ein ſchönes Gemälde von ſich in ſei⸗ nen Knabenjahren entworfen: Mit Stolz und Liebe ſeh' ich bier Jed lieb, traut Antlitz noch vor mir, Das an dem Abendfeuer lächelt', Der Herr, von grauem Haar umfächelt, Klug ohne Prunk, und ſchlicht und gut, Entſproßt aus Schottlands edlerm Blut, Deß Blick, im Alter kühn und klar, Bewies, was er als Jüngling war; Der ſtreit'gen Nachbarn Hader ſchlichtet', Nach Billigkeit und ſoldlos richtet'; Der würd'ge Prieſter klopfte hier Willkommen an des Freundes Thür, In deſſen Thun der Weisheit Strall Während ſeines Aufenthalts zu Smailholm Crags, ſagte er, habe er zuerſt ſeine große Vorliebe für mär⸗ chenhafte Erzählungen, Grenzſagen und alte National⸗ Lieder und Balladen eingeſogen. Seine Großmutter ſo wie ſeine Tante waren in dieſer Art Weisheit, welche man auf dem Lande in Schottland ſo häufig findet, ſehr bewandert. In langen, düſtern Wintertagen und des Nachts an dem Kaminfeuer pflegten ſie ſie in trautem Beiſammenſein mit ihren geſprächigen Nachbarn gern zu erzählen und der kleine Walter ſaß dann immer da und lauſchte gierigen Ohrs und nahm ſo in ſeinem kindlichen Geiſte den Samen mancher glänzenden Dichtung auf. In dem Dienſte der Familie war, wie er erzählte, ein alter Hirte, welcher unter der ſonnigen Mauer zu ſitzen und wunderbare Geſchichten zu erzählen und Bal⸗ laden aus der alten Zeit herzuſagen pflegte, während er ſich Struͤmpfe ſtrickte. Bei ſchönem Wetter wurde Scott gewöhnlich in ſeinem Rollſtuhle herausgeführt und ſaß Stunden lang an der Seite des alten Mannes und lauſchte auf ſeine Worte. Die Lage von Sandyknows war dem Geſchichten⸗ Zu ſchau'n und Frömmigkeit zumal; Dem ich oft in die Rede fiel Mit rauhem Scherz und kind'ſchem Spiel; Denn ich war launiſch wie der Wind, Wild, keck, ein arg verzognes Kind; Doch halb ein Spielwerk, halb'ne Qual, Ertrug, liebkoßt' man mich zumal. A — 75— erzähler eben ſo günſtig, wie dem Zuhörer. Man hatte hier eine weite Ausſicht über das ganze Grenzland mit ſeinen Lehensthürmen, ſeinen Geſpenſter⸗Thälern und ſeinen bezauberten Flüßchen und Bächen. Während der alte Hirte ſeine Sagen mittheilte, konnte er ſtets auf den Schauplatz ſeiner Erzählung hindeuten und ſo wurde Scott, ehe er noch gehen konnte, mit dem Schauplatz ſeiner künftigen Poeſien vertraut; er ſah ſie alle wie durch ein Zauberglas und ſie nahmen jene romantiſche Färbung an, welche ſie ſpäter immer in ſeiner Einbil⸗ dungskraft behielten. Von der Höhe von Sandyknows hatte er, wie ich faſt ſagen möchte, den erſten Auslug in das verheißene Land ſeines künftigen Ruhmes*. *) Ich finde, indem ich mich zu Scott's Werken wende, viele der in dieſer Unterhaltung gedachten Umſtände erwähnt, beſonders ſind der alte Thurm und die damit verbundenen Scenen in der bereits angeführten Einleitung zu Mar⸗ mion hierher zu zählen. Dies war bei Seott ſehr oft der Fall: Begebniſſe und Gefühle, welche in ſeinen Schrif⸗ ten dargeſtellt ſind, pflegten ſich ſeiner Unterhaltung bei⸗ zugeſellen, denn ſie waren eben dem entnommen, was er im wirklichen Leben ſelbſt geſehen und gefühlt hatte und waren mit jenen Scenen verbunden, unter welchen er ge⸗ lebt, gewandelt und aufgewachſen. Ich nehme keinen An⸗ ſtand, die auf den Thurm bezügliche Stelle anzuführen: „So lall' ich nach die Weiſen wild, Die mich als Kind mit Luſt erfüllt; Mit ihrem trauten Klange kommen Gedanken wieder, die verglommen; — 74— Scott betrachtete die ferne Höhe von Sandyknows mit ernſtem Auge, während wir dahin fuhren und ſagte, er ſei oft mit dem Gedanken umgegangen, den Platz an ſich zu kaufen, den alten Thurm ausbeſſern zu laſſen und ſeinen Wohnſitz daraus zu machen. Gewiſſermaßen hat er jedoch ſeine frühe Schuld der Dankbarkeit abge⸗ Gefühl', im Lebenslenz erblüht, Erwärmen, feuern an zum Lied. Drum ſoll der Bergthurm ſich erheben, Deremich mit Luſt erfüllt und Beben! Fließt auch kein ſtolzer Strom entlang, Der anſpricht kühnen Heldenſang; Seufzt auch kein Sommerwind durch Bäume, Für Liebesklag' erkorne Räume; Strömt kaum ein Bach vorüber, werth, Daß ihn des Hirten Flöte ehrt,— Begeiſtert' doch die grüne Au, Des ſchönen Himmels klares Blau⸗ Die Scene, wild, öd' anzuſehen, Umgürteten die Klippenhöhen; Doch glänzten zwiſchen ihnen hin Sammtbüſche von dem ſchönſten Grün; Der Knabe wußte, wo in Blenden Die Veilchen ihre Düfte ſpenden, Wo Geisblatt kletterte empor An dem verfall'nen Mauerthor. Kein trautes Plätzchen lieh mir Schatten, Auf all des Landes ſchönen Matten; Mir ſchien der öde Thurm ein Werk, Geſchaffen nur durch Rieſenſtärk Und mächtig ſtaunt' ich, anzuhören Des alten Knechtes Wundermähren — 73— tragen, indem er die Ruine mit poetiſchen und roman⸗ tiſchen Bildern in ſeiner Erzählung„der St. Johan⸗ nisabende umkleidete. Man darf hoffen, daß diejeni⸗ gen, welche jetzt im Beſitze eines ſo anziehenden Denk⸗ mals aus Scott's fruͤhern Tagen ſind, nicht zugeben, daß es noch ferner verfalle. Von Streifern, die mit kühnen Schaaren, Vom Berg herab geritten waren, Und in den blauen Cheviots weit Des alten Raubwerks ſich erfreut Und dann das wilde Roß nach Haus Geſpornet hatten zu dem Schmaus. Noch hört' ich Roſſeshufe klingen, Die Schaaren durch den Thorweg dringenz Die grimmen Züge kühner Ritter Erglühten durch des Fenſters Gitter; Und immer hört' ich alte Sagen Am Winterheerd von Luſt und Klagen, Von Liebesliſt und Zauberei'n, Von Kriegern und von Fräulein fein; Von heim'ſchem Kampfe, den gewann, Der kühne Wallace, Bruce, der Mann; Von ſpäterm Zwiſt, als kühn gereiht Die Schott'ſchen Häuptlinge zum Streit Aus ihrem Hochland nieder ſtürmten, Im Thal der Rothröck' Leichen thürmten. Ich ſtreckte auf der Flur mich aus Und folgte jedem kecken Strauß; Durch bunte Muſcheln und Geſtein Stellt' ich mir dar der Schlachten Reih'n, Stets führte Schottlands Leu die Schotten, Stets floh'n vor ihm des Südens Rotten.“ — 76.— Nicht weit von Sandyknows zeigte uns Scott eine andere alte Grenzveſte, welche auf dem Gipfel eines Berges ſtand und für ihn in ſeiner Knabenzeit ein be⸗ zaubertes Schloß abgab. Es war der Thurm von Be⸗ merſide, der Baronenſitz der Haigs oder De Haga, ei⸗ ner der älteſten Familien der Grenze. Es war ihm vor⸗ gekommen, ſagte er, als wenn ein Zauber über dem Ganzen hinge, zufolge einer Prophezeiung Thomas des Reimers, an welche er in ſeinen jungen Jahren eifrigſt glaubte: ⁴ „Was immer mag im Land geſchehen, Der Thurm von Bemerſide bleibt ſtehen.“ Scott fügte einige Einzelheiten hinzu, welche zeigten, daß bei dieſer Gelegenheit der ehrwürdige Thomas ſich nicht als falſcher Prophet ausgewieſen hatte; denn es war eine bekannte Thatſache, daß bei allen Begebniſſen und Wechſelfällen auf der Grenze, bei allen Zwiſtigkei⸗ ten und Kämpfen, den Verheerungen und Bränden, wo⸗ durch die meiſten Schlöſſer zerſtört und die ſtolzen Fa⸗ milien, welche ſie einſt beſaßen, in Armuth verſetzt wor⸗ den ſind, der Thurm von Bemerſide unverletzt blieb und immer noch die Burg der alten Familie der Haigs war. Weiſſagungen ſind jedoch oft ſelbſt die Bürgen ihrer Erfüllung. Es iſt ſehr wahrſcheinlich, daß die Voraus⸗ ſagung Thomas des Reimers die Haig an ihren Thurm, wie an ihren Rettungsfelſen feſſelte und ſie veranlaßte, in ihm faſt abergläubiſch bei Fährlichkeiten und Nöthen — aller Art auszuhalten, welche ſie ſonſt verleitet häͤtten, ihn zu verlaſſen. Ich ſah hernach in der Dryburgh Abtei die Grab⸗ ſtätte dieſer ſo ſehr durch die Vorſehung ausgezeichneten und ſtandhaltenden Familie. Die Inſchrift auf derſelben zeigte, welchen Werth ſie auf ihre alte Herkunft ſetzen: Locus sepulturae Antiquissimae familiae de Haga de Bemerside.*) Der Tage ſeiner Kindheit gedenkend, bemerkte Scott, die Lahmheit, welche ihn in den erſten Jahren unfähig gemacht, habe allmählig nachgelaſſen; er erhielt bald die Kraft ſeiner Glieder und wurde, obgleich er ſtets hinkte, ſchon als Knabe ein rüſtiger Fußgänger. Er pflegte ſeine Heimath häufig zu verlaſſen und ganze Tage hindurch im Lande herum zu wandern, jede Art von örtlichen Sagen ſammelnd und Volksſcenen und Charaktere beobachtend. Sein Vater war nicht ganz zufrieden mit ihm oder ſeiner Wanderſucht, ſchüttelte den Kopf bedenklich und pflegte zu ſagen, er fürchte, aus dem Knaben werde im beſten Falle ein Hauſirer werden. Als er älter wurde, wurde er ein eifriger Jä⸗ ger und brachte viele Zeit mit Jagen und Schießen hin. *) Begrabnißſtätte der ſehr alten Familie von Haga von Bemerſide. —— ——— — 78— Dieſe Neigung führte ihn in die wildeſten und unbe⸗ ſuchteſten Theile des Landes und auf dieſe Weiſe ſam⸗ melte er einen großen Theil der Ortskunde, welche er ſeitdem in ſeinen Schriften bethätigt hat. Den Loch Katrine beſuchte er, ſeiner Erzählung zu⸗ folge, zum erſten Male in ſeinen Knaben⸗Jahren bei ei⸗ nem Jagdausfluge. Die Inſel, welche er zum roman⸗ tiſchen Wohnſitze des„Fräuleins vom Seen machte, war damals von einem alten Mann und ſeiner Frau be⸗ wohnt. Ihr Haus war leer; ſie hatten den Schlüſſel unter die Thüre gelegt und waren zum Fiſchen ausge⸗ zogen. Es war in jener Zeit ein friedfamer Aufenthalt, wurde aber ſpäter ein Schlupfwinkel für Schmuggler, bis man ſie daraus verjagte. Als Scott in ſpätern Jahren ſeine Ortskenntniſſe zu literariſchen Zwecken benutzte, beſuchte er viele von die⸗ ſen Schauplätzen ſeiner frühern Streifereien und bemühte ſich, die flüchtigen Ueberbleibſel der Sagen und Geſänge, welche ſeine junge Seele ſo ſehr entzückt hatten, ſich zu ſichern. Als er die Materialien zu ſeinem„Border Minstrels y“ fammelte, pflegte er, ſeiner Ausſage zu⸗ folge, von Hütte zu Hütte zu gehen und die alten Wei⸗ ber zu bitten, ihm alles, was ſie wußten, und wenn es nur zwei Verſe waren, herzuſagen; und indem er dieſe Bruchſtücke zu vereinigen ſtrebte, entriß er viele ſchöne, charakteriſtiſche alte Balladen oder Sagen der Ver⸗ geſſenheit. Ich bedaure, geſtehen zu müſſen, daß ich mich kaum — 79— irgend etwas von unſerm Beſuche von Dryburgh Abtei erinnere. Sie liegt auf den Gütern des Grafen von Buchan. Die Abtei iſt eine bloße Ruine, reich an Go⸗ thiſchen Alterthümern, für Scott aber beſonders anzie⸗ hend, weil ſie das Familiengewölbe und die Gräber und Denkmäler ſeiner Vorfahren enthält. Es ſchien ihm viel Verdruß zu machen, daß ſie im Beſitze des Grafen, welchen man als einen Edelmann von ercentriſchem Cha⸗ rakter ſchilderte, und deſſen Einmiſchung unterworfen waren. Der Graf legte jedoch einen hohen Werth auf dieſe Grabdenkmale und Ueberbleibſel und hatte die leb⸗ hafte Erwartung ausgeſprochen, früher oder ſpäter die Ehre zu haben, Scott begraben zu laſſen und ſein Grab⸗ monument der Sammlung beizugeſellen, welches, wie er beabſichtigte, des„großen Minſtrels des Nor⸗ dens“ würdig werden ſollte,— ein für die Zukunft berechnetes Kompliment, an welchem derjenige, dem es galt, keineswegs Gefallen fand. Eine meiner angenehmſten Streifereien mit Scott in den Umgebungen von Abbotsford wurde in Geſell⸗ ſchaft des Hrn. William Laidlaw, des Verwalters ſei⸗ ner Beſitzung, vorgenommen. Dieſer war ein Herr, welchen Scott beſonders hochſchätzte. Er war von gu⸗ ter Familie, hatte eine treffliche Erziehung erhalten, ſein Geiſt war mit mannigfaltigen Kenntniſſen geſchmückt und er war ein Mann von ächt moraliſchem Werthe. — o— Da er durch Unglücksfälle herabgekommen war, hatte ihm Scott die Stelle als Verwalter ſeines Gutes an⸗ geboten. Er lebte auf einer kleinen Pachtung an der Hügelſeite über Abbotsford und wurde von Scott eher als ein geſchätzter und vertrauter Freund, denn als ein Abhängiger betrachtet. Da der Tag regnicht war, hatte Scott einen ſeiner Leute bei ſich, der ſein Plaid trug. Dieſer Mann, der, wenn ich nicht irre, Georg hieß, verdient beſonders er⸗ wähnt zu werden. Sophie Scott pflegte ihn den Groß⸗ vezier ihres Vaters zu nennen und erzaͤhlte eines Abends, als ſie an dem Arme ihres Vaters hing, auf das Anmu⸗ thigſte von den Berathungen, welche er und Georg über Gegenſtände hielten, die ſich auf den Landbau bezogen. Georg beharrte eifrig bei ſeinen Anſichten und er und Scott pflegten ſich vor dem Hauſe lange über das, was auf dem Gute gethan werden ſollte, zu ſtreiten, bis der letztere, der Sache überdrüſſig, das Feld zu räumen pflegte und den Streit aufgab, indem er ausrief:„Gut, gut, Georg! Mach' es, wie du willſt!« Nach einiger Zeit jedoch pflegte ſich Georg an der Thüre des Geſellſchaftszimmers zu zeigen und zu ſagen: „Ich haab' über die Saache nachgedacht und ahles recht angeſehen, ſo glaub' ich,'r Gnaaden Rath annehmen zu mühſen.“ Scott lachte herzlich, als ihm dieſe Geſchichte erzählt wurde. Er ſagte, es ſei mit ihm und Georg, wie mit einem alten Laird und einem begünſtigten Diener, der — 81— ſich ſo lange der Nachſicht erfreute, bis es mit ihm durchaus nicht mehr auszuhalten war.—„Das geht nicht an,“ rief der alte Laird erzürnt,»wir können nicht länger mit einander leben,— wir müſſen uns trennen!« — aUnd wo Teufels gedenken'r Gnaden denn hinzu⸗ gehen?“ verſetzte der andere. Ich muß ferner von Georg noch anführen, daß er auf das Feſteſte an Geiſter und Hexen, und alle Arten von alten Weiberfabeln glaubte. Er war auch ein ſehr frommer Mann und miſchte ſeiner Frömmigkeit ein we⸗ nig Schottiſchen Stolz bei; denn obgleich ſein Jahrge⸗ halt ſich nur auf zwanzig Pfund belief, hatte er es doch zu machen gewußt, daß er ſieben Pfund für eine Haus⸗ bibel auslegen konnte. Es iſt wahr, er hatte ein Ka⸗ pital von hundert Pfund netto, und wurde von ſeinen Kameraden als ein vermögender Mann angeſehen. Im Verlaufe unſeres Morgenſpaziergangs verweilten wir bei einem kleinen Hauſe, welches einem der Arbei⸗ ter auf dem Beſitzthum gehörte. Scott's Abſicht bei dieſem Beſuche war, eine Sehenswürdigkeit näher in Augenſchein zu nehmen, welche in dem römiſcheu Lager ausgegraben worden war und welche er, weun ich mich recht erinnere, für eine Feuerzange erklärte. Die Frau des Hüttlers, ein blühend und geſund ausſehendes Weib⸗ chen, welche Scott mit dem Namen Ailie anredete, brachte die Zange herbei. Wie er daſtand und ſie be⸗ trachtete und hin und her drehte, und halb ernſte, halb komiſche Bemerkungen darüber machte, und die Gruppe 6 — — — 82— aus der Hütte rund umher ſtand und ſich alle dann und wann in das Geſpräch miſchten, kam mir wieder leben⸗ dig der unnachahmliche Charakter des Monkbarns in den Sinn, und mir war, als ſähe ich dieſen Fürſten der Al⸗ terthümler und Humoriſten vor mir, wie er vor ſeinen ungelehrten und ungläubigen Nachbarn Standreden hält. So oft Scott auf dieſe Weiſe von örtlichen Alter⸗ thümern ſprach ſowie in allen ſeinen vertraulichen Unter⸗ haltungen über örtliche Sagen und abergläubiſche Mei⸗ nungen bemerkte ich ſtets, daß ein feiner und ruhiger Humor ſeiner Rede zum Grunde lag und um ſeine Ge⸗ ſichtszüge ſpielte, als wenn er mit dem Gegenſtande ſeinen Scherz trieb. Es ſchien mir, als wenn er ſeinem eigenen Enthuſiasmus mißtraute und geneigt ſei, ſich auf ſeine eignen Launen und Eigenthümlichkeiten zu ſtützen; zu gleicher Zeit aber pflegte ein poetiſcher Glanz in ſei⸗ nem Auge zu zeigen, daß ihm die Sache wirklich ſehr erfreulich und anziehend war. Er ſagte, es ſei ſehr ſchade, daß die Atterthümler in der Regel ſo trocken wären; denn die Gegenſtände, mit welchen ſie ſich beſchäftigten, ſeien reich an hiſtori⸗ ſchen und dichteriſchen Erinnerungen, an maleriſchen Ein⸗ zelnheiten, an ſchönen, heldenmäßigen Charakterzügen und an allen Arten merkwürdiger und veralteter Bilder von Sitten und Gebräuchen. Sie verkehrten ſtets mit den ſeltenſten poetiſchen Stoffen, hätten aber keine Vor⸗ ſtellung davon, ſie zu poetiſchem Gebrauche zu verwen⸗ den. Nun trage aber jedes Bruchſtück aus den alten — 83— Zeiten mehr oder weniger ſeine Geſchichte in ſich, oder gebe einen Fingerzeig von irgend etwas Charakteriſti⸗ ſchem in Bezug auf die Verhältniſſe und Sitten ſeiner Zeit, und beſchäftige auf dieſe Art die Phantaſte. Was mich betrifft, ſo habe ich nie einen ſo liebens⸗ würdigen Alterthümler gefunden, ſowohl was ſeine Schrif⸗ ten als was ſeine Unterhaltung angeht und der ruhige, gehaltene Humor, welcher ſich dann und wann in ſeine Unterſuchungen miſchte, gab ihnen in meinen Augen ei⸗ nen abſonderlichen und ungemein lieblichen Beigeſchmack. Aber er ſchien wirklich auf alles, was ihn ſelbſt betraf, einen zu geringen Werth zu ſetzen. Das Spiel ſeines Genius war ſo leicht, daß er ſeiner eigenen Kraft un⸗ bewußt blieb und jene Spiele des Geiſtes gering ſchätzte, welche die Bemühungen und Anſtrengungen Anderer beſchämten. Unſer Spaziergang brachte uns dieſen Morgen wie⸗ der in Reimer's Thal, und an Huntley Ufer und Hunt⸗ ley Wald vorbei, und zu dem Silber⸗Waſſerfall, der mit hängenden Birkenbüſchen und Vogelbeeren überhan⸗ gen war, jenes zarte und ſchöne Laubwerk, welches die grünen Gebüſche und die Ufer der Bäche Schottlands ſo ſehr ſchmückt. Auch das Haidekraut, dieſes dicht ge⸗ wobene Gewand der Schottiſchen Landſchaft, welches die Nacktheit ihrer Hügel und Berge bedeckt, übergoß die Umgegend mit ſeinen ſanften und prächtigen Farben. Als wir das Thal hinaufgingen, öffnete ſich die Ausſicht vor unſern Blicken: Melroſe mit ſeinen Thürmen und 6 — 84— Zinnen lag unten; jenſeits waren die Eildon Berge, die Cowdenknowes, die Tweed, Gala Water und jene ganze bekannte Umgegend; die ganze Landſchaft durch den Glanz des Sonnenſcheins und ſtäubende Regenſchauer wechſelnd. Scott war, wie gewöhnlich, voran, hinkte mit groſ⸗ ſer Raſchheit und heitern Sinns entlang und theilte uns Bruchſtücke von Grenzliedern und Grenzgeſchichten mit. Zwei oder drei Mal wurden wir während unſeres Spa⸗ ziergangs von Staubregen heimgeſucht, die, wie ich ver⸗ muthete, unſerm Gange ein Ende machen würden; al⸗ lein mein Gefährte ſetzte ſeinen Weg ungeſtört fort, als wenn wir das ſchönſte Wetter gehabt hätten. Endlich fragte ich, ob wir nicht lieber irgend eine Zuflucht auf⸗ ſuchen ſollten.„Wahrlich,“ ſagte Scott, nich habe nicht daran gedacht, daß Ihr nicht an unſern Schottiſchen Nebel gewöhnt ſeid. Dies iſt wirklich ein feuchtes Klima, immer tröpfelt und träuft es. Wir aber ſind„Kinder des Nebels“ und dürfen uns nicht mehr daran kehren, ob die Wolken ein wenig Thränen weinen, als ſich ein Mann um das Weinen einer hyſteriſchen Frau beküm⸗ mern darf. Da Ihr nicht daran gewöhnt ſeid, bei einem Morgenſpaziergang durch und durch naß zu werden, wie dies hier etwas ganz Hergebrachtes iſt, wollen wir uns ein wenig zu der dem Winde entgegengeſetzten Seite dieſes Abhangs flüchten, bis der Schauer vorüber iſt.⸗ Als er ſich unter dem Schirm eines Dickichts nie⸗ dergeſetzt hatte, forderte er von ſeinem Diener Georg — 83— ſeinen Tartan*), wendete ſich dann zu mir und ſagte: „Kommt, kommt unter mein Plaidy, wie es in dem alten Liede heißt., Darauf mußte ich mich an ſeine Seite kauern, und er legte einen Theil des Plaids um mich und nahm, wie er ſagte, mich unter ſeine Schwingen. Während wir ſo beiſammen kauerten, zeigte er mir eine Höhle auf der gegenüberliegenden Seite des Thals. „Dies“, ſagte er,„war die Höhle eines alten grauen Dachſes, der ohne Zweifel bei einem ſolchen ſchlechten Wetter ganz hübſch behaust war.“ Manchmal ſah er ihn am Eingange wie einen Klausner an der Thüre ſei⸗ ner Zelle, der ſeinen Roſenkranz abbetet oder eine Ho⸗ milie lieſt. Er hatte einen großen Reſpekt vor dem ehrwürdigen Einſiedler und duldete es nicht, daß man ihn beunruhigte. Er war eine Art Nachfolger Thomas des Reimers, konnte wohl gar Thomas ſelbſt ſein, der aus dem Feenland zurückgekehrt aber noch unter dem Einfluß des Feenzaubers war. Irgend ein Zufall brachte die Unterhaltung auf Hogg, den Dichter, und Laidlaw, der bei uns ſaß, nahm Theil am Geſpräche. Hogg war einſt Schäfer im Dienſte ſeines Vaters und Laidlaw erzählte viele anziehende Anecdoten von ihm, welche mir jetzt nicht mehr im Gedächtniſſe ſind. Sie pflegten die Schafe *) Tartan⸗ buntfarbiges, gewürfeltes Zeug: der Mantel davon(Plaid). — 886— mit einander zu hüten, als Laidlaw ein Knabe war, und Hogg trug dann gewöhnlich die erſten unſichern Einge⸗ bungen ſeiner Muſe vor. Des Nachts, wenn Laidlaw behaglich in ſeinem Bette im Pachthauſe lag, pflegte der arme Hogg in die Schäferhütte, auf dem Hürdeplatz an der Bergſeite zu gehen und dort ganze lange Stun⸗ den zu liegen und zu den Sternen aufzublicken und Ge⸗ dichte zu machen, welche er dann am andern Tag ſei⸗ nem Genoſſen wiederhohlte. Scott ſprach mit vieler Wärme von Hogg und trug Stellen aus ſeinem ſchönen Gedichte„Kilmenye vor, dem er großes und wohlverdientes Lob angedeihen ließ. Er erzählte auch einige unterhaltende Anecdoten von Hogg und ſeinem Verleger, Blackwood, welcher in jener Zeit ſich eben zu der bibliographiſchen Bedentſamkeit zu erheben anfing, deren er ſich ſeitdem erfreut hat. Hogg war in einem ſeiner Gedichte, ich glaube in den„Sonnenpilgern*), ein wenig in die Metaphyſik ngeplatſcht“ und gleich ſeinen Helden in die Wolken ge⸗ rathen. Blackwood, der den Kritiker zu ſpielen anfing, ſtritt hartnäckig mit ihm über die Nothwendigkeit, ir⸗ gend eine dunkle Stelle wegzulaſſen oder klarer zu ma⸗ chen. Hogg war nicht zu bewegen. „Aber, Mann,“ ſagte Blackwood, ni' ſeehe ja ni', was Ihr mit der Steelle ſahgen wollt.“—„Ih Mord, Mann,“ antwortete Hogg ungeduldig, ni' ſeehe ni' im⸗ *) The Pilgrims of the Sun. mer, waas i' ſelbſt ſahgen will!, Manchem metaphy⸗ ſiſchen Dichter geht es nicht beſſer, wie dem guten Hogg. Scott verſprach, den Hirten während meines Be⸗ ſuches nach Abbotsford einzuladen und ich freute mich im Voraus, mit ihm bekannt zu werden, da ich von ſeinem Charakter und Thun das erfreulichſte gehört und in ſeinen Schriften großen Genuß gefunden hatte. Um⸗ ſtände hielten jedoch Scott ab, ſein Verſprechen zu er⸗ füllen und ich verließ zu meinem großen Bedauern Schott⸗ land, ohne einen ſeiner eigenthümlichſten und national⸗ ſten Charaktere zu ſehen. Als das Wetter ſich aufhellte, ſetzten wir unſere Wanderung fort, bis wir zu einer ſchönen Waſſerfläche kamen, die in der Tiefe des Berges liegt und, wenn ich mich recht erinnere, der Canldshiel⸗See genannt wird. Scott that ſich viel auf dieſes kleine mittelländiſche Meer in ſeinem Bereiche zu gut und ſprach die Hoffnung aus, ich würde durch unſere großen Amerikaniſchen Seen nicht zu verwöhnt ſein, um Freude daran zu finden. Er ſchlug mir vor, mich in die Mitte deſſelben zu fahren, wo ſich eine ſchöne Ausſicht darböte. Zu dieſem Zwecke ſchiff⸗ ten wir uns in einem kleinen Kahne ein, welchen ſein Nachbar, Lord Someroille, hier hatte bauen laſſen. Als ich im Begriff war, in den Kahn zu ſteigen, bemerkte ich, daß auf eine der Bänke in großen Buchſtaben ge⸗ ſchrieben war:„Sucht, No. 1. Ich blieb einen Au⸗ genblick ſtehen und wiederholte die Worte laut, indem ich mich an etwas zu erinnern bemüht war, das ich ge⸗ — 88— leſen oder gehört hatte und auf das ſie anſpielten. „Pah,n rief Scott, nes iſt nur eine von Lord Somer⸗ ville's Thorheiten— tretet herein.“ In dieſem Augen⸗ blick ſielen mir die Scenen im Alterthümler ein, welche mit„Sucht, No. 1.“ im Zuſammenhange ſtanden.— „Ah, jetzt erinnere ich mich!“ ſagte ich und ſetzte mich lachend nieder; aber ich vermied es, wieder auf den Um⸗ ſtand anzuſpielen. Unſere Fahrt über den See, der die Ausſicht auf einige ſchöne Partien bot, war höchſt angenehm. Der anziehendſte Uniſtand jedoch, welcher, nach Scott's Be⸗ hauptung, ſich an dieſen See knüpfte, war, daß er von einem Kobold in Geſtalt eines Waſeerſtiers bewohnt war, der in den tiefen Theilen lebte und dann und wann auf das trockene Land hervor kam. Dieſe Geſchichte war ſeit undenklicher Zeit in der ganzen Umgegend gäng und gebe. Es lebte noch ein Mann, der erklärte, er habe den Stier geſehen und viele ſeiner ſchlichten Nach⸗ barn ſchenkten ihm vollen Glauben.„Es fällt mir nicht ein, der Sage zu widerſprechen, ſagte Scott,„denn ich bin geſonnen, meinen See mit jeder Fiſch⸗, Fleiſch⸗ und Vogel⸗Art, welche meine Nachbarn hinein zu thun belieben, zu bevölkern, und dieſe alte Weiber⸗Geſchich⸗ ten ſind eine Art Eigenthum in Schottland, die zum Gute gehören und dem Boden ankleben.“ Unſere Flüßchen und Lochs*) ſind wie die Ströme *) Seen. — 89— und Teiche Deutſchlands, die alle ihre Waſſerniren ha⸗ ben und ich bin dieſer Art unphibiſcen: Kobolde und Spukgeiſter ſehr zugethan. Als wir gelandet waren, fuhr Scott fort, viele mit maleriſch ausgeſtatteten Aneedoten vermiſchte Be⸗ merkungen über die mährchenhaften Weſen zu machen, mit welchen die Schottländer ſo gern die wilden Flüſſe und Seen bevölkern, welche man in den einſamen, feier⸗ lichen Gebirgsgegenden findet, und ſie mit ähnlichen abergläubiſchen Anſichten bei den andern nördlichen Na⸗ tionen Europa's zu vergleichen. Schottland aber, ſagte er, übertreffe alle andern Länder in dieſen wilden und bedeutſamen Erzeugniſſen der Phantaſie wegen der Na⸗ tur des Landes, der nebelhaften Pracht und Unbeſtimmt⸗ heit des Klima's, der wilden und düſtern Begebniſſe ſei⸗ ner Geſchichte, der claniſchen*) Vertheilung der Be⸗ völkerung, ihrer örtlichen Gefühle, Anſichten und Vor⸗ urtheile; der Individualität ihres Dialektes, welchem alle Arten wunderlicher und ſeltſamer Anſichten einver⸗ leibt ſeien; wegen des einſamen Lebens ſeiner Bergbe⸗ wohner, der abgeſchloſſenen Sitten ſeines Hirtenvolks, welche ihre meiſte Zeit an den einſamen Berghalden hin⸗ bringen; ihrer aus alten Zeiten ſtammenden Lieder, welche jeden Felſen und jeden Bach mit altergrauen *) Nach Familienſtämmen. — 90— Geſchichten umkleiden, die von Jahrhundert zu Jahr⸗ hundert und von Geſchlecht zu Geſchlecht ſich vererbten. Der Schotte iſt, ſagte er, aus Poeſie und kräftigem, geſunden Verſtand zuſammengeſetzt und die Kraft des letztern gab der erſtern Ausdauer und Ueppigkeit. Es war ein kräftiger zäher Boden, in welchem das Samen⸗ korn der Poeſie, wenn es einmal hineingefallen war, tiefe Wurzel ſchlug und reichliche Frucht abwarf.„Ich werde dieſe Volksgeſchichten und Lieder und aber gläubi⸗ ſchen Anſichten iin Schottland nicht ausjäten,“ ſagte er. „Es iſt nicht ſowohl die Rede davon, daß das Volk daran glaubt, ſondern daß es ſeine Freude daran hat. Dieſe Dinge gehören zu ſeinen heimiſchen Bergen und Flüſſen, welche ihm theuer ſind, und zu der Geſchichte ſeiner Vorfahren, auf welche es ſtolz iſt.“ „Es würde Euerm Herzen wohlthun,“ fuhr er fort, „wenn Ihr eine Anzahl unſerer armen Landleute an der Feuerſtätte, die gewöhnlich geräumig genug iſt, herſitzen ſehen könntet, wie ſie die langen, dunkeln, öden Win⸗ ternächte hinbringen, indem ſie irgend einer alten Frau oder einem mit ſeinem Querſack in dem Lande herum⸗ ziehenden Hauſirer zuhören und uralte Geſchichten von Hexen und Kobolden oder von Ueberfällen, Streifzügen und Grenzfehden erzählen oder eine Ballade herſagen, in welcher es von jenen Kämpfer⸗Namen wimmelt, die eines echten Schottländers Blut wie Trompetengeſchmet⸗ ter aufregen. Dieſe Märchen, Sagen und Lieder haben ſich ſeit Jahrhunderten nur durch mündliche Ueberliefe⸗ rung erhalten, indem ſie vom Vater auf den Sohn, oder vielmehr von der Großmutter auf den Enkel über⸗ gingen; ſie ſind eine Art erblichen Eigenthums des ar⸗ men Landvolks und es wäre hart, es deſſen zu berau⸗ ben, da es ihm an Bücherſammlungen, welche die Runde machen, fehlt, um es an deren Stelle mit Werken der Dichtkunſt zu verſehen.⸗ Ich kann nicht ſagen, daß ich Scott's Worte hier genau wiedergebe, allein ich theile, ſo treu dies nach ſpärlichen Bemerkungen und unbeſtimmten Erinnerungen möglich iſt, ſeine Hauptgedanken mit. Ich fühle jedoch ſtets, wie weit ich hinter ſeiner Fülle und hinter ſeinem Reichthum zurückbleibe. Er fuhr fort, von Elfen und Kobolden, welche in den Schottiſchen Sagen ſo häufig vorkommen, zu er⸗ zählen.„Allein unſere Feen,“ ſagte er, nſind, obgleich ſie ſich in Grün kleiden und beim Mondenlicht an den Berghalden, an den Gebüſchen und an den Quellen ſpielen, keine ſo angenehmen kleinen Leute, wie die Eng⸗ liſchen Feen, ſondern haben mehr Koboldartiges in ihrer Natur und ſpielen manchmal recht abſcheuliche Streiche. Als ich ein Knabe war, pflegte ich ſehnſüchtig auf die grünen Hügel zu ſehen, welche der Sage nach von Feen beſucht wurden, und hatte zuweilen ein Gefühl, als müßte ich mich dort niederlegen und ſchlafen und mich in das Feenland entführen laſſen, nur liebte ich einige der looſen Streiche nicht, welche dann und wann den Beſuchenden geſpielt zu werden pflegten.“ — 92— Hier erzählte Scott in anſprechender Weiſe und mit vieler Laune eine kleine, in der Umgegend gäng' und gebe Geſchichte von einem ehrlichen Bürger von Selkirk, der auf dem Peatlaw⸗Berge arbeitete und auf einem je⸗ ner Feen⸗Höcker oder Hügelchen vom Schlaf überraſcht wurde. Als er erwachte, rieb er ſich die Augen und blickte mit Verwunderung um ſich, denn er ſah ſich auf dem Marktplatz einer großen Stadt und eine Maſſe Menſchen, von denen er nicht einen einzigen kannte, waren um ihn geſchäftig. Endlich ging er auf einen in der Nähe Stehenden zu und fragte ihn nach dem Na⸗ men der Stadt.—„Potz, Mann,“ verſetzte der andere, „Ihr ſeid mitten in Glasgow und fraagt nach dem Naamen? Der arme Mann war verblüfft und wollte weder ſei⸗ nen Augen noch ſeinen Ohren glauben: er blieb dabei, er habe ſich erſt vor einer halben Stunde auf dem Peat⸗ law, bei Selkirk, niedergelegt und ſei eingeſchlafen. Man war ganz nahe daran, ihn für perrückt zu halten, als glücklicherweiſe ein Mann aus Selkirk dazu kam, der ihn kannte, ſich ſeiner annahm und ihn in ſeine Hei⸗ math zurückbrachte. Hier aber erging es ihm faſt nicht beſſer, als er erzählte, er ſei im Schlafe von dem Peat⸗ law nach Glasgow gezaubert worden. Die Wahrheit der Sache ſtellte ſich zuletzt heraus. Man fand, daß ſein Wams, den er, als er auf dem Peatlaw an die Arbeit ging, ausgezogen hatte, in der Nähe eines „Feenhöckers“ lag, und ſeine Mütze, welche fehlte, wurde zuletzt auf der Wetterfahne des Kirchthums von Lenark entdeckt und von nun an war es ſo klar wie der Tag, daß er während des Tags von Feen durch die Luft entführt und ſeine Mütze unterwegs vom Winde weggeweht worden war. Ich erzähle dieſe Geſchichte nur abgeriſſen nach einer kurzen Notiz, die ich mir gemacht hatte. Seott hat ſie in einer etwas abweichenden Weiſe in einer Bemerkung zu einem ſeiner Gedichte mitgetheilt; in der Erzählung jedoch erhielten dieſe Anecdoten ihren Hauptreiz durch die ruhige aber anmuthige Laune, die Bonhomie, mit welcher er ſie würzte und durch den nicht fehlenden ſchalk⸗ haften Blick des Auges, das unter den buſchigen Au⸗ genbrannen hervorglänzte. Dieſen Tag befand ſich bei dem Mittageſſen Herr Laidlaw und ſeine Gattin und eine Freundin, welche bei ihnen war. Die letztere war eine ſehr verſtändige und achtungswerthe Perſon in den mittlern Jahren, und wurde von Scott mit beſonderer Aufmerkſamkeit und Artigkeit behandelt. Unſer Mahl war ſehr heiter, denn die Gäſte waren augenſcheinlich willkommene Beſucher des Hauſes und fühlten, daß man ſie werth hielt. Als ſie weg waren, äußerte ſich Scott auf die herz⸗ lichſte Weiſe uͤber ſie.—„Ich wünſchte,“ ſagte er, nich könnte Euch mehre unſerer wirklich vortrefflichen, ein⸗ fachen Schottländer zeigen; keine feinen Herren und Damen, denn dieſe könnt Ihr überall finden, und ſie — 94— gleichen ſich überall. Man kann den Charakter einer Nation nicht aus ſeinen Vornehmen kennen lernen.⸗ Er verweilte nun mit beſondern Lobeserhebungen bei der Dame, welche die Laidlaws begleitet hatte. Sie war nach ſeiner Aeußerung die Tochter eines armen Land⸗ geiſtlichen, der in Schulden geſtorben war und ſie als eine Waiſe und verlaſſen zurückgelaſſen hatte. Da ſie eine gute, einfache Erziehung erhalten hatte, eröffnete ſie ſofort eine Kinderſchule und hatte bald eine zahlreiche Heerde unter ihrer Obhut, wodurch ſie ſich ein anſtän⸗ diges Auskommen erwarb. Dies war jedoch ihr Haupt⸗ ziel nicht. Ihre erſte Sorge war, ihres Vaters Schul⸗ den zu bezahlen, damit keine böſe Nachrede und kein böſer Wille ſich ſeinem Andenken beigeſelle. Durch Schott⸗ ländiſche Sparſamkeit, mit der ſich kindliche Liebe und Stolz verbanden, vollbrachte ſie dies, obgleich ſie ſich jeder Entbehrung unterwerfen mußte. Damit noch nicht zufrieden, weigerte ſie ſich unter gewiſſen Umſtänden, von manchen ihrer Nachbarn, welche ihrem Vater in ſeiner Noth theilnehmend beigeſtanden und ſeitdem in dürftige Umſtände gekommen waren, das Honorar für die Erziehung ihrer Kinder anzunehmen.—»„Mit einem Worte,“ ſetzte Scott hinzu,„ſie iſt ein edles, alt⸗ ſchottiſches Mädchen und ich habe mehr Freude an ihr als an mancher vornehmen Dame, die ich gekannt habe, und ich habe viele der vornehmſten gekannt.⸗ Es iſt jedoch Zeit, dieſer umſtreifenden Erzählung ein Ende zu machen. Mehrere Tage waren mir in der Weiſe, — 935— die ich zu beſchreiben bemüht war, in einer faſt un⸗ unterbrochenen, vertraulichen und heitern Unterhaltung mit Scott dahingegangen. Es war, als wäre ich zu einem geſelligen Verkehr mit Shakeſpeare zugelaſſen worden— denn in einem ſolchen ſtand ich mit einem Manne von verwandtem, wenn nicht gleichem Genius. Jede Nacht begab ich mich zur Ruhe, den Geiſt mit angenehmen Erinnerungen des Tages erfüllt und jeden Morgen erhob ich mich, neuer Freuden gewiß. Ich werde die ſo hingebrachten Tage ſtets zu den glücklich⸗ ſten meines Lebens zählen, denn ich war mir es damals bewußt, daß ich glücklich ſei.— Der einzige traurige Augenblick, welchen ich zu Ab⸗ botsford erlebte, war der meiner Abreiſe; er wurde aber durch die Ausſicht erheitert, bald zurückkehren zu können, denn ich hatte verſprochen, nach einem Ausflug in die Hochlande zurückzukehren und an den Ufern der Tweed noch einige Tage hinzubringen, wo Sccott beabſichtigte, den Dichter Hogg einzuladen und mir ſeine Bekannt⸗ ſchaft zu verſchaffen. Ich nahm freundlichen Abſchied von der Familie, die mir alle ungemein wohl gefallen hatten. Wenn ich mich enthalten habe, bei ihren ver⸗ ſchiedenen Charakteren umſtändlicher zu verweilen und von jedem Einzelnen Anziehendes zu erzählen, ſo geſchah es, weil ich ſie durch die Heiligkeit des häuslichen Le⸗ bens geſchirmt betrachtete; Scott aber gehört der Ge⸗ ſchichte an. Als er mich zu Fuß bis an ein kleines Thor an den Grenzen ſeiner Beſitzungen begleitete, konnte — 96— ich es nicht überwinden, ihm die Freude auszudrücken, welche ich in ſeinem häuslichen Kreiſe gefühlt hatte, und mich mit warmem Lobe über die jungen Leute zu äußern, von denen ich mich eben verabſchiedet hatte. Ich werde ſeine Antwort nie vergeſſen.—„Es ſind liebe, gute Herzen,“ ſagte er, nund dies iſt die Hauptſache in Be⸗ zug auf menſchliche Glückſeligkeit. Sie lieben einander, die Guten, und dies iſt Alles im häuslichen Leben. Der beſte Wunſch, den ich für Euch habe, mein Freund,“ ſetze er hinzu, indem er ſeine Hand auf meine Schulter legte, niſt, daß Ihr, wenn Ihr in Euer Vaterland zurück⸗ gekehrt ſeid, Euch verheirathen und eine Familie von Kin⸗ dern um Euch haben möchtet. Wenn Ihr glücklich ſeid, ſo ſind ſie da, um Euer Glück zu theilen; ſeid Ihr es nicht, ſo ſind ſie da, Euch zu tröſten.— Während dem hatten wir das Thor erreicht, wo er ſtehen blieb und meine Hand faßte.„Ich will nicht Lebewohl ſagen,« ſagte er,„denn es iſt immer ein peinliches Wort; ſon⸗ dern ich will ſagen: kommt wieder! Wenn Ihr Euern Ausflug in die Hochlande gemacht habt, kommt hieher und ſchenket mir noch einige Tage. Aber kommt, wenn es Euch beliebt, Ihr werdet Abbotsfort Euch ſtets offen und einen herzlichen Willkommen finden.⸗ Ich habe ſo in einem ranhen Umriſſe meine haupt⸗ ſächlichſten Erinnerungen von dem gegeben, was während meines Aufenthalts zu Abbotsford vorfiel, und es thut mir leid, daß ich nur ſolche magere, zerſtreute und farb⸗ loſe Details deſſen geben kann, was ſo üppig, reich und wechſelnd war. Scott war die Tage, welche ich bei ihm hinbrachte, in bewunderswerther Laune. Vom frühen Morgen bis zur Mittagszeit ſtreichte er umher und zeigte mir die Nachbarſchaft und während des Eſ⸗ ſens bis ſpät in die Nacht lebte er der geſelligen Unter⸗ haltung. Er nahm keine Zeit für ſich in Anſpruch; es ſchien, als hätte er keine andere Beſchäftigung, als mich zu unterhalten. Und doch war ich faſt ganz ein Fremd⸗ ling für ihn; ein Mann, von dem er nichts kannte, als ein mäßiges Buch, das er geſchrieben und welches ihn einige Jahre früher unterhalten hatte. Aber Scott war ſo. Er ſchien nichts zu thun zu haben, als ſeine Zeit, ſeine Aufmerkſamkeit und ſeine Unterhaltung an die um ihn her zu verſchwenden. Es war ſchwer zu denken, wo er die Zeit gefunden, jene Werke zu ſchreiben, die un⸗ aufhörlich aus der Preſſe hervorgingen; was überdies alles noch vieles Leſen und Forſchen forderte. Ich konnte nicht einſehen, daß ſein Leben je ein anderes ſei als ein Leben der Muſe und zufälligen Ergötzung, wie es dies während meines Beſuches war. Er wies kaum ein⸗ mal eine Luſtparthie oder einen Ausflug auf die Jagd zurück und führte ſelten ſeine eigenen Angelegenheiten als Entſchuldigung an, um die anderer zu vernachläſſigen. Wäaͤhrend meines Beſuches hörte ich von andern Be⸗ ſuchern, welche vor mir da geweſen waren und welche ihn viele Tage beſchäftigt haben mußten und ich habe 7 — 98— Gelegenheit gehabt, ſeinen täglichen Lebenslauf eine Zeit⸗ lang ſpäter kennen zu lernen. Nicht lange nach meiner Abreiſe von Abbotsford kam mein Freund Wilke dahin, um die Familie Scott's zu mahlen. Er fand das Haus voller Gäſte. Scott's ganze Zeit war dem Beſuche der Umgegend zu Pferd und zu Wagen oder der geſelligen Unterhaltung zu Haus geweiht.„Dieſe ganze Zeit,⸗ ſagte mir Wilke, afiel es mir nicht ein, Scott zu bit⸗ ten, mir für ſein Portrait zu ſitzen, denn ich ſah wohl, daß er über keinen Augenblick gebiethen konnte; ich wartete auf die Abreiſe der Gäſte, aber wenn eine Ge⸗ ſellſchaft fortging, kam eine andere an und ſo ging es mehrere Tage fort und jede Geſellſchaft nahm ihn ganz und gar in Anſpruch. Endlich waren ſie alle weg und wir hatten Ruhe. Ich glaubte jedoch, Scott würde ſich nun zwiſchen ſeine Bücher und Papiere einſchließen, um die verlorne Zeit wieder zu erſetzen und es duürfte ſich nicht für mich paſſen, ihn jetzt zu bitten, für das Por⸗ trait zu ſitzen. Laidlaw, der ſein Gut verwaltet, kam herein und Scott wendete ſich zu ihm, um, wie ich ver⸗ muthete, wegen Geſchäfte Raths zu pflegen.„Laidlaw,⸗ ſagte er,»Morgen früh wollen wir über das Waſſer gehen und die Hunde mit uns nehmen; ich weiß einen Platz dort, wo wir aller Wahrſcheinlichkeit nach eines Haſen habhaft werden können.“⸗ „Kurz,n ſetzte Wilke hinzu, nich fand, daß er ſtatt an Geſchäfte zu denken, lediglich an Vergnügungen dachte, als hätte er nichts von der Welt, das iyn be⸗ — 99— ſchäftigen könnte. Ich fürchtete daher auch nicht laͤnger, ſeine Zeit in Anſpruch zu nehmen.⸗ Scott's Unterhaltung war frei, herzlich, maleriſch und dramatiſch. Eine Ader kräftigen, geübten, geſunden Verſtandes lief durch ſie hin, wie dies auch in allen ſeinen Schriften der Fall iſt, wurde aber durch das ſtete Spiel des Gefühls, der Phantaſie und des Humors be⸗ reichert und belebt. Ich habe dem mächtigen Strome ernſter Gedanken, welche ſich ſeiner Unterhaltung oft bei⸗ geſellte, nicht Gerechtigkeit wiederfahren laſſen, denn durch die Länge der Zeit entſchwand meinem Gedächtniß vieles und ich erinnere mich nur noch der vorſtechenden Punkte und leichter, drolliger und charakteriſtiſcher Anec⸗ doten. Wirklich ſchien er während der ganzen Zeit mei⸗ nes Beſuches in einer lebhaften, anmuthreichen Laune und ſeine Bemerkungen und Geſchichten neigten ſich eher dem Komiſchen als dem Ernſthaften zu. Man ſagte mir jedoch, dieſe Art ſei die gewöhnliche Stimmung ſeines Geiſtes in dem geſelligen Verkehre. Er freute ſich an einem Scherze, an einem humoriſtiſchen Einfall und lachte herzlich darüber. Scott ſprach nie, um ſich zu zeigen und Effekt zu machen, ſondern er redete aus der Fülle ſeines Geiſtes, dem Reichthum ſeines Gedächtniſſes und der Kraft feiner Phantaſie. Er hatte eine natürliche Anlage zum Erzählen und ſeine Erzählungen und Beſchreibungen wa⸗ ren ohne Künſtelei, aber wundervoll lebendig. Er ſchil⸗ derte den Schauplatz, als ſähe man ein Gemälde vor 7** — 100— ſich; er theilte das Geſpräch mit dem geeigneten Dia⸗ lekte und den gelegentlichen Eigenthümlichkeiten mit, ſchilderte die äußere Erſcheinung und die Charaktere ſeiner Perſonen mit all dem Geiſte und dem Glück, wie wir es in ſeinen Schriften bewundern. Seine Unter⸗ haltung erinnerte mich wirklich immer an ſeine Romane und es kam mir vor, als wenn er, während der Zeit, die ich mit ihm hinbrachte, genug geſprochen hätte, um ganze Bände auszufüllen und als wenn dieſe Bände nicht anmuthiger hätten ausgefüllt werden können. Er war ein' eben ſo guter Zuhörer als Sprecher, würdigte alles, was andere ſagten, ſo gering auch ihr Stand und ihre Anſprüche ſein mochten und war ſehr raſch, ſein Verſtändniß eines jeden Punktes in ihrem Geſpräche kund zu geben. Er ſtellte ſich niemals in den Vordergrund, ſondern war ohne alle Anmaßung und ohne Anſprüche; mit Herz und Seele ging er in das Geſchäft oder in das Vergnügen, oder ich möchte faſt ſagen, in die Thorheit des Augenblicks und der Ge⸗ ſellſchaft ein. Keines Menſchen Angelegenheiten, keines Menſchen Gedanken und Anſichten, keines Menſchen Geſchmack und Vergnügen ſchienen ſeiner unwürdig zu ſein. Er machte ſich ſo durchaus zum Genoſſen derje⸗ nigen, mit welchen er zufällig beiſammen war, daß ſie eine Zeit lang ſeine große Ueberlegenheit vergaßen und, wenn alles vorüber war, nur daran dachten und ſich wunderten, daß Scott es geweſen, mit dem ſie auf ſo — 101— vertrautem Fuße gelebt und in deſſen Geſellſchaft ſie ſich ſo ungemein behaglich gefühlt hatten. Es war angenehm, die edle Weiſe zu beachten, in welcher er von ſeinen Zeitgenoſſen ſprach, die Schönhei⸗ ten ihrer Werke hervorhob und ihre Verdienſte in das Licht ſtellte; und dies ſelbſt in Bezug auf Leute, mit welchen er, wie man annehmen mußte, in Bezug auf Literatur oder Politik verſchiedener Anſicht war. Man wußte, daß Jeffrey in einer ſeiner Kritiken Scott hart angegriffen hatte und dennoch ſprach er mit hohen und warmen Lobeserhebungen von ihm als Schriftſteller und als Menſchen. Sein Humor war in ſeiner Unterhaltung, wie in ſeinen Werken, heiter und von aller Bitterkeit frei. Er durchſchaute die Fehler und Schwächen ſchnell, blickte aber auf die arme menſchliche Natur mit nachſichtigem Auge, freute ſich deſſen, was gut und angenehm war, ertrug das, was ſchwach, und bemitleidete das, was böſe war. Dieſer wohlwollende Geiſt iſt es, was Scott's Humor in allen ſeinen Werken jenen Ausdruck der Bonhommie gibt. Er ſpielte mit den Schwächen und Fehlern ſeiner Mitgeſchöpfe und ſtellte ſie in tauſend drolligen und charakteriſtiſchen Lichtern dar; aber das Gute und Edle ſeiner Natur milderte die Schärfe ſei⸗ nes Witzes und erlaubte ihm nicht, Satyriker zu ſein. Ich erinnere mich keines höhnenden Wortes in ſeiner ganzen Unterhaltung, ſo wenig wie in irgend einer ſei⸗ ner Schriften. — 102— Dies iſt eine hingeworfene Skizze von Scott, wie ich ihn im Privatleben, nicht nur zur Zeit des hier er⸗ zählten Beſuches, ſondern in dem zufälligen Verkehr ſpäterer Jahre kennen lernte. Ueber ſeinen öffentlichen Charakter und ſeine Verdienſte kann alle Welt urthei⸗ len. Seine Werke haben ſich ſeit einem Viertel⸗Jahr⸗ hundert mit dem Thun und Denken der ganzen gebilde⸗ ten Welt verſchmolzen und einen hohen Einfluß auf das Zeitalter gehabt, in welchem er lebte. Wann aber hat ein menſchliches Weſen je einen wohlthätigern und wohl⸗ wollendern Einfluß geübt? Wo iſt jemand, der, wenn er auf einen größern Theil ſeines Lebens zurückblickt, nicht eingeſtehen muß, daß Scott's Genius ſeine Freu⸗ den erhöht, ſeine Sorgen verſcheucht und ſeine einſamen Schmerzen gemildert hat? Wer bewahrt nicht ſtets ſeine Werke als einen Schatz reinen Genuſſes, als eine Rüſt⸗ kammer, zu welcher er in der Zeit der Noth ſeine Zu⸗ flucht nehmen, wo er Waffen finden kann, um die Uebel und Sorgen der Welt abzuwehren? Mich ſelbſt ange⸗ hend, ſo habe ich in düſtern Tagen, wenn alles um mich her freudelos war, die Ankündigung eines neuen Werkes von ſeiner Feder als die Bürgſchaft eines ge⸗ wiſſen mir bereiteten Genuſſes bewillkommt und darnach ausgeſehen, wie der Wanderer in der Wüſte nach einem grünen Fleckchen in der Entfernung ausſieht, wo er ge⸗ wiß iſt, Erquickung und Labung zu finden. Wenn ich erwäge, wie viel er auf dieſe Weiſe zu den ſchönern Stunden meines vergangenen Lebens beigetragen hat, — 103— und wie unabhängig von aller Welt in Bezug auf meine geiſtigen Freuden mich ſeine Schriften noch manchmal machen, ſegne ich mein Geſchick, das mich in ſeinen Tagen durch das Leben gehen ließ, um durch die Er⸗ güſſe ſeines Genie's erfreut und erheitert zu werden. Ich betrachte es als einen der wenigen ungetrübten Ge⸗ nüſſe, die ich meiner literariſchen Laufbahn verdanke, daß ſie mich zu einem heitern Verkehr mit einem ſolchen Geiſte erhob; und als eine Spende des Dankes für ſeine Freundſchaft und der Verehrung für ſein Anden⸗ ken werfe ich dieſen unbedentenden Stein auf ſeinen Grabhügel, der ſich, ich bin es gewiß, durch die Bei⸗ träge fähigerer Hände bald ſtolz aufthürmen wird. — 8— UNewltead Hittorilche notiz. Indem ich im Begriff bin, einige Skizzen mitzuthei⸗ len, welche ich während eines dreiwöchigen Aufenthaltes in dem Familienſitze des verſtorbenen Lord Byron ent⸗ warf, halte ich es für geeignet, einige kurze Details in Bezug auf die Geſchichte deſſelben vorauszuſchicken. Neyſtead⸗Abtei iſt eines der ſchonſten beſtehenden Muſter jener zierlichen romantiſchen Gebäude, halb Schloß und halb Kloſter, welche als Denkmäler der alten Zeiten Englands auf uns gekommen ſind. Sie ſteht auch inmitten einer ſagenreichen Gegend, da ſie in dem Herzen des Sherwood Waldes liegt und von den Auf⸗ enthaltsorten Robin Hood's und ſeiner Bande Geächteter umgeben iſt, welche in den alten Balladen und Ammen⸗ märchen ſo berühmt ſind. Es iſt wahr, der Wald be⸗ ſteht auch kaum dem Namen nach und der Strich Lan⸗ des, über welchen er einſt ſein Einſamkeit und ſeine Schatten ausbreitete, iſt jetzt eine offene, lachende Ge⸗ gend, in Parke und Pachtgüter umgewandelt und durch Dörfer belebt. Newſtead, das wahrſcheinlich einſt eine klöſterliche — 108— Herrſchaft über dieſe Gegend ausübte und über die Ge⸗ wiſſen der rohen Waldbewohner gebot, war urſprünglich eine Priorei, welche in der letzten Hälfte des zwölften Jahrhunderts*) von Heinrich dem Zweiten zur Zeit ge⸗ gründet worden war, als er durch Erbauung von Kir⸗ chen und Klöſtern und andern Handlungen äußerer Fröm⸗ migkeit den Mord des Thomas à Becket zu ſühnen be⸗ müht war. Die Priorei wurde Gott und der heiligen Jungfrau geweiht, und von einer Geſellſchaft Stifts⸗ herrn aus dem Orden des heiligen Auguſtin bewohnt. Dieſer Orden, war urſprünglich in ſeiner Lebensweiſe einfach und enthaltſam, und in ſeiner Aufführung muſter⸗ haft; es ſcheint aber, als wenn er allmählig jenen Miß⸗ bräuchen anheim gefallen wäre, welche ſo viele der reichen klöſterlichen Anſtalten entehrten; denn es finden ſich in ihren Archiven Urkunden, welche auf das Vorherrſchen arger Ordnungsloſigkeit und ausſchweifender Sinnlichkeit unter ihren Mitgliedern hindeuten. 4 Zur Zeit der Aufhebung der Klöſter, während der Regierung Heinrichs des Achten, erlitt Newſtead einen plötzlichen Wechſel, indem es mit dem benachbarten Be⸗ ſitzthum und der Pfarrei Papelwick dem Sir John By⸗ ron, Vogt von Mancheſter und Rochdale und Aufſeher des Sherwood Waldes gegeben wurde. Dieſer alte Familienheld tritt in den Ueberlieferungen von der Abtei und in den Geſpenſtergeſchichten, welche man in großer *) Im Jahre 1170. — 109— Anzahl davon hat, unter der ſeltſamen und bezeichnenden Benennung„Sir John Byron der Kleine, mit dem groſ⸗ ſen Barten, auf. Er wandelte das fromme Gebäude in eine ſchloßartige Wohnung um, die er zu ſeinem Lieblingsaufenthalte und zum Sitze ſeiner Waldgerichts⸗ barkeit machte. Die Familie Byron, welche in der Folge in den Baronenſtand erhoben und durch mannigfaltige Beſitz⸗ ungen bereichert wurde, lebte in Glanz und mit einer zahlreichen Dienerſchaft zu Newſtead. Das ſtolze Ge⸗ bäude mußte jedoch die unglücklichen Wechſelfälle jener Zeiten theilen und Lord Byron ſchildert es in einem ſei⸗ ner Gedichte als den wechſelnden Schauplatz adeliger Gelage und bürgerlicher Kriege:— Horch! wie die Hall' erdrönet von dem Klange, Wie neue, kriegeriſche Muſik drin ſchallt! Schau, wie das Banner in dem Säulengange, Des mächt'gen Burgherrn ſtolzer Herold wallt! Der Wachen Ruf, der Klang vom Kriegsgeräthe, Die heiſ're Trommel, nächtig Luſtgeſchwärm, Die Löſungstöne ſchmettender Drommete— All durch einander machen grimmen Lärm*). Um die Mitte des letzten Jahrhunderts kam die Abtei in den Beſitz eines andern bedeutenden Charakters, wel⸗ cher in ihren ſchattenvollen Ueberlieferungen keine klei⸗ nere Rolle ſpielte, als Sir John der Kleine mit dem *, Elegie auf Newſtead Abtei. Lord Byron's ſämmt⸗ liche Werke. Herausgegeben von Dr. Adrian. Frankf. bei J. S. Sauerländer, Th. 12, S. 19. — 110— großen Bart. Dieſer war der Großoheim des Dichters, den die geſchwätzigen Chroniken der Abtei gewöhnlich nur als den nböſen Lord Byronn bezeichnen. Er wird als ein Mann von reizbaren Leidenſchaften und rach⸗ ſüchtiger Gemüthsart geſchildert, der zu Folge ſich ein Vorfall ereignete, welcher ſeinem ganzen Charakter und Leben eine neue Wendung gab und gewiſſermaßen auf das Schickſal der Abtei Einfluß hatte. In ſeiner Nach⸗ barſchaft lebte ſein Vetter und Freund, Herr Chaworth, Beſitzer von Annesley Hall. Im Jahre 1768 waren ſie zu London in⸗ einem Zimmer der Stern⸗ und Hoſen⸗ band⸗Taverne, auf Pall Mall, beiſammen und es brach Streit zwiſchen ihnen aus. Byron beſtand darauf, daß die Sache augenblicklich durch einen Zweikampf aus⸗ geglichen werden ſollte. Ohne Sekundanten fochten ſie bei dem trüben Licht einer Kerze und Hr. Chaworth, obgleich einer der geübteſten Fechter, erhielt eine tödtliche Wunde. Mit ſeinen letzten Athemzügen erzählte er ſolche Einzelnheiten über den Kampf, welche die Jury des Leichengerichtes veranlaßte, Lord Byron des vor⸗ ſätzlichen Mordes ſchuldig zu erklären. Er wurde in den Tower geſchickt, ſpäter vor dem Hauſe der Pairs verhört und des unvorſätzlichen Todſchlags ſchuldig er⸗ kannt. Er zog ſich jetzt in die Abtei zurück, wo er ſich ein⸗ ſchloß, um über ſein Mißgeſchick⸗ zu brüten, düſter, trüb⸗ ſinnig und grillenfängerich ward und ſich Anfällen von Launen und Leideuſchaften überließ, welche ihn zum — 111— Gegenſtande des Staunens und der Aergerniß in der Umgegend machten. Keine Geſchichte war für den Glau⸗ ben des gemeinen Volkes umher zu wild und zu unge⸗ heuer. Wie der ſpaͤtere Beſitzer der Abtei, der Dichter, wurde er jeder Art leichtſinniger und böſer Streiche beſchuldigt. Man ſagte, er gehe ſtets bewaffnet umher, als ſei er bereit, bei der geringſten Veranlaſſung Mord und Todſchlag zu begehen. Es wurde erzählt, als ein Herr eines Tages allein bei ihm zu Mittag gegeſſen, habe man auf den Tiſch zu den Meſſern und Gabeln ein paar Piſtolen gelegt, als einen Theil des regel⸗ mäßigen Tiſchgeräthes und als Werkzeuge, die man im Laufe des Mahles wohl nöthig haben könnte. Ein an⸗ deres Gericht ſagt, er habe, im Zorne über ſeinen Kut⸗ ſcher, der ſeiner Befehlen nicht gehorchte, dieſen auf der Stelle erſchoſſen, ſeine Leiche in den Wagen geworfen, in welchem Lady Byron ſaß, und den Bock beſtiegen, um deſſen Dienſt zu verſehen. Ein anderes Mal warf er, denſelben unter dem Volke gangbaren Sagen zufolge, ihre Ladyſchaft vor der Abtei in den Teich, wo ſie, ohne die noch zeitig genug kommende Hülfe des Gärt⸗ ners, ertrunken wäre. Dieſe Geſchichten ſind ohne Zwei⸗ fel Uebertreibungen unbedeutender Begebniſſe, welche wohl ſtatt gefunden haben mögen; aber es iſt gewiß, daß die grillenhaften und mürriſchen Launen des un⸗ glücklichen Mannes eine Trennung von ſeiner Gattin zur Folge hatten und endlich eine troſtloſe Einſamkeit um ihn her verbreiteten. Mit der Heirath ſeines Sohnes und Erben unzu⸗ frieden, legte er eine hartnäckige Bögsartigkeit gegen ihn an den Tag. Da es nicht in ſeiner Gewalt ſtand, ihm die Güter der Abtei zu entziehen, welche als Fidei⸗ commiß auf ihn übergingen, bemühte er ſich, ſie, ſo viel in ſeinen Kräften ſtand, herabzubringen, damit das Ganze als ein bloßes Wrack in ſeine Hände käme. Zu dieſem Zweck ließ er die Abtei faſt ganz verfallen und alles umher verwüſten und verderben, alle Waldungen, welche zu der Beſitzung gehörten, niederhauen, wodurch große Strecken des alten Sherwood Waldes zu kahlen öden Or⸗ ten und die Ländereien der Abtei aller ihrer alten Zierden beraubt und entblößt wurden. Dieſe ſeine unnatürliche Rache wurde durch den frühzeitigen Tod ſeines Sohnes vereitelt und er verlebte den Reſt ſeiner Tage in ſeinen verlaſſenen und zerfallenen Hallen, ein düſterer Menſchen⸗ feind, welcher in mitten des Schauplatzes, der durch ihn verwüſtet worden, einſam brütete.. Seine wunderlichen Grillen ſcheuchten die ganze Ge⸗ ſellſchaft der Umgegend von ihm zurück und eine Zeit⸗ lang war er beinahe ohne Dienerſchaft. In ſeiner menſchenfeindlichin Stimmung, in welcher er mit dem ganzen Menſchengeſchlechte zerfallen war, begann er Heimchen an ſich zu gewöhnen, ſo daß die Abtei im Laufe der Zeit von dieſen Thierchen wimmelte und ihre einſamen Hallen des Nachts durch die eintönige Muſik noch einſamer wurden. Die Sage fügt hinzu, die Heim⸗ chen ſchienen bei ſeinem Tode gewahr worden zu ſeine daß ſie ihren Herrn und Beſchützer verloren hätten, denn ſie ſeien ſammt und ſonders, mit Sack und Pack, auf⸗ gebrochen, hätten die Höfe und Galerien nach allen Richtungen ſchaarenweiſe durchzogen und der Abtei Lebe⸗ wohl geſagt. Der Tod des nalten Herrn⸗ oder des aböſen Lord Byron“, denn er iſt unter dieſen beiden Namen be⸗ kannt, erfolgte im Jahre 1798 und die Abtei ging nun in die Hände des Dichters über. Der letzere war eben erſt in ſeinem eilften Jahre und lebte in nicht glänzen⸗ den Umſtänden bei ſeiner Mutter in Schottland. Sie kamen bald darauf nach England, um das Erbe in Be⸗ ſitz zu nehmen. Moore erzählt eine einfache, aber an⸗ ziehende Anecdote von der erſten Ankunft des Dichters auf den Beſitzungen ſeiner Vorfahren. Sie waren an dem Schlagbaum von Newſtead angekommen und ſahen die Wälder der Abtei, die ſich vor ihnen ausdehnten, um ſie zu empfangen, als Mrs. Byron, die ſich ſtellte, als ſei ſie mit dem Platze unbekannt, die Frau des Weg⸗ aufſehers fragte, wem dieſer Landſitz gehöre. Man ſagte ihr, der Eigenthümer deſſelben, Sen Byron, ſei ſeit einigen Monaten todt.—„Und m iſt der nächſte Erbe?«— fragte die ſtolze und glückliche Mutter. „Sie ſagen,« antwortete die alte Frau, nes ſei ein kleiner Knabe, der zu Aberdeen lebt.⸗ „Und das iſt er, behüt' ihn Gott!“ rief die Amme aus, die nicht im Stande war, ſich länger zurückzuhalten 8 — 114— und ſich umwandte, um mit Entzücken den jungen Herri zu küſſen, der auf ihrem Schooß ſaß*). Während Lord Byron's Minderjährigkeit war die Abtei an Lord Gray von Ruthven vermiethet; aber der Dichter beſuchte ſie manchmal, während ſeiner Schul⸗ ferien(er war damals zu Harrow), wo er mit ſeiner Mutter ſich zu Nottingham einmiethete. Sie wurde von dieſem ihrem jetzigen Bewohner wenig beſſer be⸗ handelt, als von dem nalten Herrn,“ der vor ihm hier gehauſ't hatte, ſo daß ſie, als Lord Byron im Herbſt 1808 ſeine Wohnung da aufſchlug, in einem zerfallenen Zuſtande war. Folgende Verſe von ſeiner eigenen Feder geben ein Bild von ihrem Aeußern: Durch deine Thürme, Newſtead, weht der Wind, Und du verfielſt, o meiner Väter Halle; Schierling und Diſteln wuchern im Garten, Wo einſt am Weg die Roſe blüht' für Alle. Wappen und Schild in jedem Luftzug raſſelnd, Sind jetzt das Einzige, das von den Herrn Aus jeuer Zeit noch bleibt, die die Vaſallen Zum Kampf nach Paläſtina führten fern**). In einem andern Gedichte ſpricht er das melan⸗ choliſche Gefühl aus, mit welchem er von dem Wohnſite ſeiner Vorfahren Beſitz nahm: Newſtead! wie ſchwand die Zeit dir im Gebrauſe! Dein gähnend Schiff zeigt ſchleichenden Verfall! Der Letzt' und Jüngſt' aus einem edlen Hauſe Nennt deine Trümmer jetzt ſein irdiſch All. *) Th. Moore's Leben des Lord Byron. **) Byron’s Werke, Th. XI, S. 203:„Als ich Newſtead Abtei verließ.“ — 115— Verlaſſen ſchaut er deine grauen Thürme, Und dein Gewölbe, ſeiner Ahnen Grab, Die Zellen als Behauſung feuchter Stürme— Er ſieht's und wiſcht ſich bittre Thränen ab. Doch ſchätzt er höher dich als Prunkpalläſte, Als Spielwerksgrotten, die der Eitle baut; Theu'r ſind ihm deine moſig dumpfen Reſte, Und dem Geſchick zürnt er mit keinem Laut*). Lord Byron's Vermögen war nicht zureichend, das Gebände einer ausgedehnten Ausbeſſerung zu unterwerfen oder auch nur den Schatten der Pracht ſeiner Vor⸗ fahren aufrecht zu erhalten. Er ließ einige Gemächer herſtellen, ſo daß er ſeiner Mutter eine behagliche Woh⸗ nung anbieten konnte und richtete für ſich ein nied⸗ liches Studierzimmer ein, in welchem unter Büchern und Büſten und anderen Geräthſchaften einer ſolchen Stube zwei alte Mönchsſchädel waren, welche auf jeder Seite eines alten Kreuzes grinſ'ten. Einer ſeiner froh⸗ ſinnigen! eunde hat ein Gemälde des ſo ausgebeſſerten Newſtead entworfen, und das Gemälde iſt troſtlos genug. Man findet hier zwei Reihen von Galerien und eine Menge Zellen und Zimmer an denſelben, welche, ob⸗ gleich nicht bewohnt und in keinem bewohnbaren Zu⸗ ſtande, leicht dazu umgeſchaffen werden könnten; und viele der urſprünglichen Gemächer, unter denen eine ſchöne von Steinen erbaute Halle(Saal) iſt, ſind noch im Gebrauch. Von der Abteikirche iſt nur das eine *) Byron's Werke, Th. XII, S. 23:„Elegien auf New⸗ ſtead⸗Abtei.“ . 8.* — 116— Ende noch übrig; und die alte Kirche, mit einer langen Reihe von Gemächern, iſt jetzt nur noch ein Haufen Schutt. Wenn man aus der Abtei in den neuern Theil der Wohnung kömmt, findet man ein ſchönes Zimmer, ſiebzig Fuß lang und drei und zwanzig Fuß breit; aber jeder Theil des Hauſes zeugt von Nachtäſſigkeit und Verfall, den ausgenommen, welchen der jetzige Veltger in neueſter Zeit hat herſtellen laſſen*). Selbſt die ſo gemachten Ausbeſſerungen waren nur von vorübergehendem Nutzen; denn da das Dach in ſei⸗ nem verfallenen Zuſtande geblieben war, drang der Re⸗ gen bald in die Gemächer, welche Lord Byron hatte herſtellen und ausſchmücken laſſen, und machte ſie in den ſpätern Jahren eben ſo troſtlos, wie der übrige Theil der Abtei war. Dennoch regte ſich ſein Stolz in dem zertrümmerten alten Gebäude; ſelbſt ſein wüſter und verfallener Zu⸗ ſtand ſprach die Einbildungskraft des Dichters und jene Liebe zu dem Melancholiſchen und Erhabenen an, welche in allen ſeinen Schriften zu Tag tritt. „Mag kommen, was da will,“ ſagte er in einem ſeiner Briefe:»Newſtead und ich ſtehen und fallen mit einander. Ich habe nun in dem Gebäude gelebt. Ich habe mein Herz daran gehängt; und kein gegenwärtiges und künftiges Bedrängniß ſoll mich verleiten, die letzte Spur unſeres Erbes zu verkaufen. Ich habe jenen *) Brief des verſtorbenen Charles Skinner Matthews, Esg. — 117— Stolz in mir, der mich in den Stand ſetzen wird, ſchwie⸗ rige Lagen zu ertragen. Könnte ich gegen Newſtead⸗ Abtei die erſte Beſitzung des Landes eintauſchen, ich würde den Vorſchlag verwerfen.“ Sein Aufenthalt in der Abtei war jedoch ungewiß und launenhaft. Er brachte dann und wann einige Zeit daſelbſt zu, manchmal allein und ſeinen Studien nach⸗ hängend, öfter müſſig und ſorglos und gelegentlich in Geſellſchaft junger, luſtiger Genoſſen, in Saus und Braus und Schwelgerei und jeder Art toller Launen. Die Landleute in der Umgegend waren über dieſe tollköpfigen Streiche des neuen Beſitzers eben ſo erſtaunt, wie über die düſtrere Sitten des„alten Herrn“ und begannen zu glauben, die Tollheit ſei in dem Byron'ſchen Geſchlechte erblich, oder irgend ein wunderlicher Stern walte über der Abtei. Es iſt unnöthig, in die einzelne Umſtände einzugehen, welche Lord Byron veranlaßten, die Beſitzung ſeiner Vor⸗ fahren, ungeachtet der beſondern Vorliebe und des an⸗ geerbten Gefühls, welches er ſo beredt ausgedrückt, zu verkaufen. Sie fiel glücklicher Weiſe in die Hände eines Mannes, der nicht ohne Sinn für Poeſie war und eine enthuſiaſtiſche Bewunderung für Lord Byron in ſich trug. Obriſt(damals Major) Wildman war Schulgenoſſe des Dichters geweſen und ſaß mit ihm auf derſelben Bank zu Harrow. Später hatte er ſich in dem Kriege in Spanien und in der Schlacht von Waterloo ausgezeich⸗ net; und es war für Lord Byron, als er ſich von ſeinem — 118— Familienbeſitzthum trennte, ein großer Troſt, zu wiſſen, daß es in die Hände eines Mannes käme, der deſſen gebleichten Glanz wieder herzuſtellen im Stande ſei und alle Denkmäler und Ueberreſte ſeines Stammes ehre und erhalte*⁴). *) Nachſtehender Brief, der während der Uebergabe der Be⸗ ſitzung geſchrieben wurde, iſt nie bekannt gemacht worden: Venedig, den 18 Nov. 1818. Rein theurer Wildman! Hr. Hanſon wird nun unverzüglich zurückkehren, ſo daß ich nur Zeit habe, Eueren ſehr freundlichen Brief mit einigen unzureichenden Dankbezeugungen zu er⸗ wiedern. Es würde mir leid thun, Euch mit irgend einer Bitte von meiner Seite hinſichtlich der Erhal⸗ tung eines jeden Zeichens meiner Familie, das noch in Newſtead ſich vorfinden mag, beunruhigen zu ſollen, 8 und ich überlaſſe alles der Art den Gefühlen, welche Ihr jetzt und künftig in Bezug auf dieſen Gegenſtand hegen mögt. Das Portrait, das Ihr ſo gütig ſeid, von mir zu verlangen, würdez der Muſe und der Ausgaben, welche es auch veranlaſſen könnte, nicht werth ſein; aber Ihr könnt ſicher darauf rechnen, daß Ihr das erſte erhaltet, das von mir gemalt wird und würdig ſcheint, von Euch angenommen zu werden. 84 Ich hoffe, daß Newſtead nun, da es Euer iſt, es auch bleiben werde und daß es Euch ſo glücklich ſieht, als Ihr, wie ich die Ueberzeugung hege, Eure Leute machen werdet. In Betracht meiner ſelbſt, mögt Ihr gewiß ſein, daß ich, wie auf der vierten, fünften oder ſechsten Bank in der Schule zu Harrow, oder in dem bewegten Thun der ſpätern Jahre, ſtets mit Achtung meines alten Schulkameraden, theilnehmenden War⸗ ners und Freundes gedenken und mit Verehrung den — 119— Lord Byron's Vertrauen in das gute Gefühl und in den guten Geſchmack des Obriſten Wildman iſt durch den Erfolg vollkommen gerechtfertigt. Unter ſeinem verſtän⸗ digen Auge und ſeiner freigebigen Hand iſt das ehr⸗ würdige und romantiſche Gebaͤude in all ſeinem alten klöſterlichen und freiherrlichen Glanze aus ſeinen Ruinen wieder emporgeſtiegen und Anbauten dazu wurden in vollkommener Uebereinſtimmung des Styls gemacht. Die Laubgänge und Wälder ſind angepflanzt, die Seen und Fiſchteiche gereinigt und die Gärten von„Schierling und Dieſtel⸗ befreiet und ihrem alten, würdevollen Cha⸗ rakter zurückgegeben worden. Die Meiereien der Beſitzungen ſind in vollkommene Ordnung gebracht;— neue Oekonomie⸗Gebäude in dem maleriſchen und behaglichen Styl der alten Engliſchen Meierhöfe von Stein erbaut;— die Erbpächter in ihren väterlichen Wohnungen geſichert und mit der gewiſſen⸗ hafteſten Zartheit behandelt worden; mit einem Wort, alles und jedes gibt glückliche Andeutungen von einem edelſinnigen und wohlwollenden Gutsherrn. Was jedoch die Beſucher der Abtei an meiſten zu wackern Krieger anerkennen werde, welcher mit allen Vortheilen des Reichthums und der Anlockungen der Jugend zu einem Leben in Luſt und Vergnügungen, ſich Pflichten edlerer Arten weihte und in der Achtung und Bewunderung ſeines Vaterlandes ſeinen Lohn finden wird. Mit Liebe und Treue ſtets der Eurige, Byron. Gunſten ihres jetzigen Beſitzers einnehmen wird, iſt die ehrfurchtsvolle Sorgfalt, mit welcher er jedes Denkmal und jedes Ueberbleibſel der Byron'ſchen Familie, und jeden Gegenſtand, der auf irgend eine Weiſe mit dem Andenken des Dichters verbunden iſt, bewahrt und wie⸗ der hergeſtellt hat. Achtzig tauſend Pfund ſind bereits auf das ehrwür⸗ dige Gebände verwendet worden; dennoch iſt die Arbeit immer im Gange, und Newſtead verſpricht die Hoffuung zu verwirklichen, welche der Dichter ausſprach, als er ihm ein wehmüthiges Lebewohl zurief: Vielleicht wird deine Sonne auch noch glänzen, Dich hell umleuchten mit dem ſchönſten Strahl, Das Glück, wie früher, deine Stunden kränzen, und deine Zukunft ſegnen allzumal*). *) Byron's Werke, Th. XII, S. 23:„Elegie auf Newſtead⸗ Abtei.“ Ankunkt in der Abtei. & Auf einem ehrwürdigen Familienſitz in Derbyſhire hatte ich nach guter alter Sitte eine heitere Weihnachten hin⸗ gebracht und war aufgebrochen, um die Feiertage voll⸗ ends bei dem gaſtfreien Eigenthümer von Newſtead⸗Ab⸗ tei zu verleben. Eine Fahrt von ſiebzehn Meilen durch eine freundliche Gegend, wovon ein Theil das berühmte Gebiet des Sherwood Waldes ausmachte, brachte mich an das Thor des Parkes von Newſtead. Der Anblick des Parkes war in keiner Weiſe impoſant; die ſchönen alten Bäume, welche ihn einſt geziert hatten, waren von Lord Byron's grillenfängeriſchen Vorfahren nieder⸗ gehauen worden. Als das Thor geöffnet war, rollte die Poſtchaiſe zwiſchen nackten Abhängen ſchwerfällig einen ſandigen Weg entlang, der ſich allmählig in eines jener freundlichen und geſchützten Thäler ſenkte, in welche die fromme Mönche der Vorzeit ſich ſo gern einniſteten. Hier brachte uns eine Wendung der Straße um einen Winkel der Gartenmauer gerade vor die Fronte des ehrwürdigen, in das Thal geſchmiegten Gebäudes, vor dem ſich ein ſchönes Waſſerbecken ausbreitet. — 122— Das unregelmäſſige, graue Gebäude von bunter Ar⸗ chitektur entſprach der von Lord Byron gegebenen Be⸗ ſchreibung: „Ein ſteinalt Kloſter war es vormals, jetzt Ein ält'res Haus noch, bunt der Styl und rar, Halbgothiſch— 4*) Das eine Ende war durch einen mit Zinnen umge⸗ benen Thurm geſchützt, und zeugte von den freiherrlichen und kriegeriſchen Tagen des Gebäudes; das andere Ende trug noch ſeinen urſprünglichen klöſterlichen Charakter. Eine verfallene Kirche, von Laubwerk feierlich umgeben, erhob ihre Vorderſeite noch unverſehrt. Es iſt wahr, die Schwelle des einſt ſo beſuchten Portals war von Gras überwachſen und das große Mittelfenſter, einſt durch gemaltes Glas verſchönt, war jetzt von Epheu umflochten und überhangen; aber das alte Kloſterkreuz trotzte noch der Zeit, und dem Sturmwind zumal, auf der Zinne der Kirche, und tiefer unten ſah man die heilige Jungfrau mit dem Kinde in grauen Stein ge⸗ hauen, unverſehrt in ihrer Niſche, wo ſie dem Gebäude einen geweihten Anblick gewähren*). *) Don Juan, Geſang 13.. **) In hö'hrer Niſch' allein ſtand/ doch gekrönt Die heil'ge Murter mit dem Kind ſo mild! Sie blieb verſchont, ein ſegenvolles Bild, Ward alles Heil'g' auch ringsumher verhöhnt; Der Ort durch ſie ſich, wie geweiht, verſchönt. Don Juan, Geſang 13. Lord Byronss ſämmtliche Werke, Th. VII, S. 55. — 125— Ein Flug Dohlen, die Bewohner des angrenzenden Laubwerks, umſchwärmten die Ruine und wiegten ſich auf jedem luftigen Vorſprung und bläckten mit neugierigem Auge nieder und krächzten, während die Poſtchaiſe unten entlang raſſelte. Der Kämmerling der Abtei, eine ſehr anſtandvolle, ſchwarzgekleidete Perſon, empfing uns an dem Thore. Auch hier begegneten wir einem Andenken an Lord By⸗ ron, einem großen ſchwarzen und weißen Neufundländer⸗ hunde, der ſeinen Ueberreſten aus Griechenland hierher gefolgt war. Er ſtammte von dem berühmten Boatswain und war der Erbe der edlen Eigenſchaften jenes Thieres. Er war ein liebgehaltener Inſaſſe der Abtei und wurde von jedem Beſucher geehrt und geliebkoſet. Von dem Kämmerling geführt und von dem Hunde begleitet, der die Ehre des Hanſes machen half, kamen wir durch eine niedrige, gewölbte, von maſſiven Gothi⸗ ſchen Bogen getragene Halle, die mit der Gruft einer Kathedrale nicht wenig Aehnlichkeit hatte, da ſie in dem untern Geſchoß der Abtei war. Von hier ſtiegen wir emne ſteinerne Treppe hinauf, an deren Ende uns ein Paar Flügelthüren in eine breite Galerie führten, welche rund um das Innere der Abtei lief. Die Fenſter dieſer Galerie gingen auf einen vier⸗ eckigen mit Gras bewachſenen Hof, der den unbebauten Mittelpunkt der Abtei abgab. In der Mitte deſſelben erhob ſich ein hoher, phantaſtiſcher Brunnen, der aus — 124— demſelben grauen Stein, wie das ganze Gebäude ge⸗ arbeitet iſt, welchen Lord Byron ſehr ſchön beſchrieben hat: In Hofes Mitt' ein Springquell der Najaden, Symmetriſch zwar, doch reich an Meiſelszier— Geſichter, ſeltſam, wie auf Maskeraden, Ein Unthier dort vielleicht, ein Heil'ger hier: Viel grimme Mäuler ſich des Strals entladen, Der nieder ziſcht in Beckens Prachtrevier, Zertheilt in tauſend Bläschen aufzuſprühen— Gleich irdiſch eitelm Ruhm und eitlern Mühen*). Um dieſen viereckigen Hof liefen niedrige, gewölbte Gänge mit Gothiſchen Bogen, ehedem die einſamen Spa⸗ ziergänge der Mönche. Die Galerie, der wir entlang gingen, war unmittelbar über dieſen Gängen und ihre hohlen Gewölbe hallten jeden Fußtritt wieder. Alles, was wir bis jetzt geſehen, hatte ein feierliches, klöſterliches Anſehen; als wir aber einen Winkel der Galerie erreichten, ſtrahlten dem Auge, das einen ſchat⸗ tigen Gang entlang blickte, zwei dunkle Geſtalten in eherner Rüſtung, mit geſchloſſenen Helmen, vorgehal⸗ tenen Schildern, und gezogenen Schwertern entgegen, die bewegungslos an der Wand ſtanden. Sie glichen zwei Phantomen aus der ritterlichen Zeit der Abtei. Hier öffnete der Kämmerling eine Flügelthüre und führte uns plötzlich in einen geräumigen, hohen Saal, welcher einen glänzenden Kontraſt mit den kleinen und düſteren Gemächern darbot, durch die wir eben gekom⸗ *) Don Juan, Geſ. 13. Lord Byron's Werke von Adrian, Th. VII, S, 56. 8 men waren. Er war elegant meublirt und die Wände mit Gemälden behangen; doch war etwas von ſeiner urſprünglichen Bauart beibehalten und mit neuern Ver⸗ zierungen verbunden worden. Man ſah noch die ſtei⸗ nere Einfaſſung der Fenſterflügel und das tiefe Bogen⸗ fenſter der früheren Zeiten. Die geſchnitzten und ein⸗ gelegten Holzarbeiten der hohen Decke waren gleichfalls ſorgfältig wieder ausgebeſſert und ihre Gothiſchen, ſelt⸗ ſamen Deviſen in ihrem alten Style gemalt und ver⸗ goldet worden. Auch ſahen wir hier Steinbilder der frühern und ſpätern Tage der Abtei in den Bildniſſen des Erſten und des Letzten aus dem Geſchlechte der Byron, welche dieſen Landſitz beſeſſen hatten. An dem obern Ende des Saals über der Thüreſblickte das düſtere, alterthümliche Portrait des„Sir John Byron des Klei⸗ nen mit dem großen Bart“ aus dem Rahmen grimmig nieder, während an dem entgegengeſetzten Ende eine glän⸗ zend weiße Marmorbüſte des genius loci, des edeln Dichters, von ihrem Fußgeſtelle ſich dem Auge des Be⸗ ſuchers darbot. 1 Das ganze Anſehen und der Styl dieſes Saals hatte mehr von dem Palaſte als dem Kloſter an ſich; ſeine Fenſter boten eine entſprechende Ausſicht auf ſchönes Buſchwerk, ſanfte, grüne Wieſenſtücke und ſilberne Waſſer⸗ flächen. Unter den Fenſtern war ein kleiner Blumen⸗ garten, der von Steingeländern umgeben war, auf wel⸗ chen ſich ſtattliche Pfauen ſonnten und ihre Gefieder entfalteten. Auf den Grasſtücken vor dem Hauſe waren b — 126— bunte Faſanen, feiſte Rebhüner und leichtfüßige Waſſer⸗ hühner, welche in vollkommener Sicherheit ihr Futter aufpickten. Der Art war das bunte Gemiſch der Gegenſtände, welche ſich dem Auge bei dem erſten Beſuche der Abtei darſtellten und ich ſah, daß das Innere der Schildrung des Dichters vollkommen entſprach: Das Wohnhaus ſelbſt— ehrwürdig war's und weit, Mehr drinn zu ſeh'n von mönchiſchem Gepränge, Als je verſchont blieb ſonſtwo: Zellengänge, Das Refectorium, waren drin zur Zeit; Ein’ artige, kteine Kirche, bei der Menge Von Alterthümern, ſtand noch unerneut; Der Reſt war ungebaut theils, theils verfallen, Vom Schloß mehr zeigend, als von Kloſterhalten. Ein Kenner wohl die Galerien und Hallen, Und Zimmer— nicht vereint durch keuſches Band Der Künſte— regellos verbunden fand, Doch mochten ſie im Ganzen wohl gefallen; Sprach doch Erhabenes, Hehres aus dem Allen Zu ihm, der geiſtig anzuſchau'n verſtand!*) Es iſt meine Abſicht nicht, die Auftritte des haͤus⸗ lichen Lebens in der Abtei zur öffentlichen Kunde zu bringen oder die Feſtlichkeiten zu beſchreiben, welche ich während meines Anfenthalts in ihren gaſtfreien Mauern theilen durfte; ich wünſche nur ein Gemälde des Ge⸗ *) Don Juan, Gef. 13. Lord Byron's Werke von Adrian, Th. XIII, S. 57. — 127— bäudes ſelbſt und der Perſonen und Umſtände zu geben, welche dort mit Byron's Andenken im Zuſammenhange ſtehen. Ich enthalte mich daher, meine Aufnahme bei mei⸗ nem vortrefflichen und liebenswürdigen Wirthe und deſſen Gattin näher zu berühren oder den Leſer mit den ele⸗ ganten Inſaſſen des Hauſes, welche ich in dem Saale traf, bekannt zu machen und gehe ſogleich mit ihm zu dem Gemache über, welches mir beſtimmt worden war, und zu dem ich von dem Kämmerling mit großer Artig⸗ keit geführt wurde. Es war eines der prachtvollen Reihe von Gemächern, welche ſich zwiſchen dem Hofe mit den Gängen, und dem Abteigarten hinzogen und in dem letztern die Ausſicht hatten. Die ganze Zimmerreihe bildeten die ehemaligen Prunkwohnungen und waren während der Zeit, in wel⸗ cher die Abtei vernachläſſiget wurde, in Verfall gerathen, ſo daß ſie zur Zeit des Lord Byron in einem höchſt traurigen Zuſtande waren. Nachher hatte man ihnen den ganzen alten Glanz wieder gegeben und mein Ge⸗ mach konnte als ein Beiſpiel des Geſchmackes dienen, mit welchem dies geſchehen war. Es war hoch und in ſchö⸗ nen Verhältniſſen. Der untere Theil der Wände war mit altem Eichenholz beſchlagen, der obere mit Gobelin⸗ Tapeten behangen, welche Orientaliſche Jagdſcenen dar⸗ ſtellten; die Figuren waren in Lebensgröße und von groſ⸗ ſer Lebendigkeit der Bewegung und Farbengebung. Die Möbeln waren alterthümlich, anſtändig und ſolid. — 128— Hochrüͤckige Lehnſtühle mit vortrefflichem Schnitzwerk und Stickerei geziert; ein maſſiver Kleiderſchrank von dun⸗ kelm Eichenholz, ſchön geglättet und mit Landſchaften von bunt farbigen Holzarten eingelegt; ein Prunkbett, breit und hoch, ſo daß man nur durch eine bewegliche Treppe hinaufſteigen konnte; die hohen Pfoſten ſtützten einen ſtolzen Betthimmel mit einem prachtvollen Buſche hochrother Federn an jeder Ecke, und reiche Vorhänge von rothem Damaſt hingen in breiten, ſchweren Falten nieder. Ein ehrwürdiger Metallſpiegel ſtand auf der Toilette, in welchem die Schönen früherer Jahrhunderte ſich be⸗ ſchaut, und ihren Reizen durch die Kunſt nachgeholfen haben mögen. Der Boden des Zimmers war mit Ei⸗ chenholz parketirt, das von Wachs glänzte und zum Theil mit einem türkiſchen Teppich belegt war. In der Mitte war ein ſchwerer eichener Tiſch, der wie ein Spiegel geglättet und polirt war, und auf welchem ein Schreib⸗ pult von wohlriechendem Roſenholz ſtand. Ein mäßiges Licht ſiel durch die Gothiſchen, mit Stei⸗ nen eingefaßten Fenſter herein, und wurde theils durch rothe Vorhänge beſchattet, theils durch die Bäume des Gartens überſchattet. Dieſes feierlich gemäßigte Licht erhöhte die Wirkung des vrächrien und alterthümlichen Gemaches. Zwei über der Thür hängende Portraits, ſtimmten vollkommen zu dem Ganzen der Umgebung. Die Ge⸗ wänder waren in der alten Vau Dyk Art: das eine ſtellte — 129— einen Kavalier dar, der vielleicht in den alten Tagen dieſes Gemach bewohnt hatte; das andere eine Dame mit einer ſchwarzen Sanimnt⸗Maske in der Hand, welche ſich vielleicht einſt vor demſelben Spiegel, deſſen ich er⸗ wähnt habe, zur Eroberung ſchmückte. Das merkwür⸗ digſte Ueberbleibſel aus der ältern Zeit jedoch, welches dieſes kleine, aber reich ausgezierte Gemach darbot, war ein großes Kaminſtück mit Bildhauerarbeit in Hochrelief und mit Niſchen oder Feldern, in deren jedem menſch⸗ liche Büſten waren, die faſt ganz aus der Wand hervor⸗ traten. Einige dieſer Figuren waren in das alte gothi⸗ ſche Koſtüm gekleidet; die anziehendſte unter ihnen war ein weibliches Weſen, das von einem wilden Sarazenen aus einem anſtoßenden Felde ernſt betrachtet wurde. Dieſe Bildhauerarbeit gehört zu den Myſterien der Abtei, und veranlaßt ebeniſo ausgedehnte Unterſuchungen wie die Eghptiſchen Hieroglyphen. Manche glauben, ſie ſtelle ein Abentheuer im heiligen Lande vor, und die hier abgebildete Dame ſei durch einen Kreuzritter aus der Familie dem beiurbanten Türken, welchen ſie ſo ernſt be⸗ trachtet, abgenommen worden. Was dazu beiträgt, den Glauben an einen geheimen, mit dieſen Figuren werdenen Sinn zu beſtätigen, iſt der Umſtand, daß in andern Theilen der Abtei ähnliche Bildhauerarbeiten gefunden worden, auf welchen allen die chriſtliche Dame und ihr Sarazeniſcher Hüter oder Liebhaber zu ſehen iſt. An dem untern Theil dieſer Sculpturen war das Wappen der Byrons angebracht ſo 9 — 450— wie eine Jahreszahl, der zufolge ſie der Zeit„Sir John Byron's des Kleinen mit dem großen Barte“ angehört, eine hiſtoriſche Perſon von etwas düſterer Wichtigkeit in dem ehrwürdigen Gebände, wie ſich ſpäter ergeben wird. Ich will den Leſer jedoch nicht mit fernern Beſchrei⸗ bungen meines Gemaches und der damit verbundenen Myſterien aufhalten. Da er einige Tage mit mir in der Abtei hinbringen ſoll, werden wir Zeit haben, das alte Gebände mit aller Muße zu unterſuchen, um uns nicht nur mit ſeinem Innern, ſondern auch mit ſeinen Umgebungen bekannt zu machen. Der Abtei-Garten. Am Morgen nach meiner Ankunft ſtand ich bei auter Zeit auf. Das junge Licht ſchaute glanzreich durch die Fenſtervorhänge und ich blickte, als ich ſie aufzog, durch das Gothiſche Fenſter auf eine Scene, deren Charakter mit dem des Innern dieſes alten Hauſes übereinſtimmte. Es war der alte Abtei⸗Garten, aber ſo geändert, wie der Geſchmack einer andern Zeit und anderer Beſitzer es forderte. Auf der einen Seite waren ſchattige Gänge und Alleen, breite Terraſſen und ſtolzes Laubwerk; auf der andern war neben einem grauen, klöſterlich ausſehen⸗ den Flügel des Gebäudes, der mit Ephen überſpannt und oben mit einem Kreuze verziert war, ein kleiner Franzöſiſcher Garten mit abgezirkelten Blumenbeeten, Kiesgängen und ſchönen ſteinernen Geländern angelegt. Der ſchoͤne Morgen und die ruhige Stunde, forder⸗ ten mich zu einem frühen Spaziergange auf, denn es iſt lieblich, ſolcher alterthümlichen Räume allein ſich zu freuen; man kann dann ohne Störung ſeinen poetiſchen Träume⸗ reien nachhängen und ſeine Hirngeſpinnſte ausſpinnen. Ich kleidete mich daher in aller Eile an und ſtieg auf einer kleinen Treppe aus dem Prunkſaal in die lange Gallerie über den Gaͤngen hinab, und kam an dem fernen Ende zu einer Thüre. Hier trat ich in das Freie, eilte eine andere ſteinerne Treppe hinab und ſah mich in der Mitte des Raumes, wo einſt die Kirche der Abtei ge⸗ ſtanden. Von dem geweihten Gebände war jedoch nichts mehr übrig, als die Gothiſche Vorderſeite mit ihrem tiefen Portal und die großen Bogenfenſter, deren ich ſchon ge⸗ dacht habe. Das Schiff, die Seitenwände, der Chor, die Sakriſtei— alles war verſchwunden. Der offene Himmel war über meinem Haupte, ein glattgeſchorner Grasplatz nnter meinen Füßen. Kieswege und Gebuſche 9 horgänge und ſtatt⸗ le der Säulenbündel getreten. waren an die Stelle— C liche Bäume an die Sth 9*½ Wo jetzt ein dumpfer Thau das Gras befeuchtet, Das Bahrtuch deß, was Leben nicht durchweht, Hat fromme Vater Heil'gen ſchein umleuchtet, Ihr Mund ſchien nur geöffnet zum Gebet. Wo jetzt die Fledermaus mit ſchlappen Schwingen Hinflattert, wenn die Dämmruna ſich erneut, Da hörte man den Chor der Jungfrau ſingen Zur Morgenſtunde, wie zur Vesperzeit.“*) Statt der Morgenhymnen der Mönche jedoch klangen die zerfallenen Mauern der Kirche jetzt von dem Ge⸗ krächze unzähligor Dohlen wieder, welche um das dunkle Laubwerk, das ſie bewohnten, umherflatterten und auf den Aeſten hockten, und ſich zu ihrem Morgenfluge an⸗ ſchickten. Mein Spaziergang führte mich ſtille Alleen entlang, welche von Gebüſch begrenzt waren, wo die einſame Waſſerhenne dann und wann über meinen Weg flog und ſich in das Buſchwerk flüchtete. Von hier kam ich auf einen breiten, erhöhten Gang, einſt ein Lieblingsaufent⸗ halt der Mönche, welcher ſich in der ganzen Länge des Abtei⸗Gartens ausdehnte und die alte Mauer von ſoli⸗ den Steinen, welche ihn umgab, entlang ging. In der Mitte des Gartens war einer der Fiſchteiche der Mönche, ein länglich⸗viereckiges Waſſerbecken, welches, wie ein Spiegel, tief in die grünen, ſich ſenkenden Raſenborden *) Lord Byrons ſämmtliche Werke. Th. XII. S. 18.„Ele⸗ gie auf Newſtead⸗Abtei.“ — 153— eingeſetzt war. Auf ſeinem klaren Buſen ſpiegelte ſich die dunkle Maſſe des nahen Luſtwaldes, eines der wich⸗ tigſten Theile des Gartens. Dieſer Luſthain iſt unter dem unheilverkündenden Namen„der Teufelswald“ bekannt und genießt eines ziemlich zweidentigen Rufes in der Umgegend. Er war von dem»böſen Lord Byron⸗ während ſeines frühern Aufenthalts in der Abtei, vor ſeinem unglücklichen Duelle mit Herrn Chaworth, gepflanzt worden. Da er einen Anflug von ausländiſchen, klaſſiſchem Geſchmack hatte, ließ er an jedem Ende des Hauſes bleierne Statuen von Satyrn oder Faunen aufſtellen. Die Statuen fielen, wie alles andere, was ſich auf den alten Herrn bezog, dem Verdachte und der uͤblen Nachrede anheim, wodurch der ſpätere Theil ſeines Lebens überdüſtert wurde. Das Landvolk, das von heidniſcher Götterlehre und deren Waldgenien nichts wußte, ſah mit Schauer auf Götzen⸗ bilder, welche mit den teufliſchen Bezeichnungen von Hörnern und geſpaltenen Klauen verſehen waren. Sie hielten dieſelben wahrſcheinlich für Gegenſtände der ge⸗ heimen Verehrung des düſtern und abgeſchloſſenen Men⸗ ſchenfeindes und angeblichen Mörders, und gaben ihnen den Namen die Teufel des alten Herrn.. Ich drang in das Innere dieſes geheimnißvollen Wal⸗ des ein. Da ſtanden die alten und ſo ſehr verläumdeten Statuen, von großen Lärchenbänmen beſchattet und von feuchtem grünem Schimmel überzogen. Man wird nicht ſtaunen, daß wunderliche Figuren, welche ſo gehuft und — 154 gehörut ſind und in einem düſtern Waldſchatten ſte⸗ hen, die Gemüther des einfachen und abergläubiſchen Landvolks in Verwirrung ſetzen. Man findet bei Rei⸗ chen mancherlei Launen und Liebhabereien, welche in den Augen des Ungebildeten nach Wahnſinn ſchmecken mögen. Ich wurde jedoch durch Erinnerungen von einem ge⸗ müthlichern Charakter in dieſes Gehölz gezogen. Es war einer der Lieblingsaufenthaltsorte des verſtorbenen Lord Byron. Als er der Abtei den letzten Beſuch machte und Lebewohl ſagte, nachdem er dieſelbe abgegeben hatte, war er eine Zeitkang mit ſeiner Schweſter in dieſem Haine, und ſchnitt als ein letztes Denkzeichen ihre Na⸗ men in die Rinde eines Baumes. Die Gefühle, welche ſeine Bruſt während dieſes Le⸗ bewohl⸗Beſuches bewegten, als er um ſich her Gegen⸗ ſtände ſah, die ſeinem Stolze und ſeinen jugendlichen Erinnerungen gleich theuer waren, deren längern Beſitz aber die Beſchränktheit ſeiner Vermögensumſtände nicht geſtattete, laſſen ſich wohl aus einer Stelle in der poeti⸗ ſchen Epiſtel entnehmen, welche er in ſpätern Jahren an ſeine Schweſter ſchrieb. „An unſern See weckt' ich Erinn'rung, Dir, Im alten Saal, den bald vielleicht ich mißte. Der Genferſee iſt ſchoͤn, doch raubt er mir Erinn'rung nicht an noch viel werth're Küſte. Vernichtet ſeyn muß mein Gedächtniß ſchier, Eh' ſie und Dich ich zu vergeſſen wüßte; Obwohl gleich Allem, was ich liebt', auch ſie Mir fern ſind und mir nie wohl nah'n mehr; nie! — 155— Was ich als muntrer Knab' einſt fühlte, fühle Ich manchmal noch, und Baum und Blum' und Fluß⸗ Erinnerung weckend an vergang'ne Spiele, Eh' Bücherwuſt mich aufrief zum Verdruß, Begrüßen mich, wie ſonſt, und ich erziele Aus ihrem Zuruf freudigen Genuß; Ja, manchmal ſeh' ich Gegenſtänd' erſcheinen Als liebenswürdig; aber Dir gleich, keinen*). Ich irrte längere Zeit in dem Gehölze umher, bis ich den Baum fand, auf welchem Lord Byron ſein vorüber⸗ gehendes Denkzeichen eingegraben hatte. Es war eine Ulme von eigenthümlicher Geſtalt; ſie hatte zwei Stämme, welche aus derſelben Wurzel aufſtiegen, und nachdem ſie Seite an Seite emporgewachſen waren, ihre Zweige mit einander vereinigten. Er hatte ſie ohne Zweifel als Sinnbild ſeiner Schweſter und ſeiner ſelbſt gewählt. Als ich aus dem Walde war, ſetzte ich meinen Spazier⸗ gang einer geräumigen Terraſſe entlang fort, welche auf den ehemaligen Küchengarten der Abtei ging. Unter mir lag der Fiſchteich der Mönche, ein düſtres Waſſer, das von dunkeln Cypreſſen überhängt war und in wel⸗ cher eine einſame Waſſerhenne herum ſchwamm. Ein wenig weiter hinauf überſah man von der Ter⸗ raſſe das prachtvolle Gemälde der Abtei von ihrer Süd⸗ ſeite, den Blumengarten, mit ſeinen ſteinernen Gelän⸗ dern und den ſtattlichen Pfauen; das Wieſenſtück mit *) An Auguſta. Byron's ſämmtliche Werke von Adrian⸗ Th. XII. S. 263. u. ſ. w. ſeinen Faſanen und Rebhühnern und das liebliche New⸗ ſtead⸗Thal jenſeits. In einiger Entfernung an dem Saume des Wieſen⸗ ſtücks ſtand ein anderes Denkzeichen von Lord Byron: eine von ihm in ſeiner Kindheit, bei ſeinem erſten Be⸗ ſuche der Abtei gepflanzte Eiche. Mit einem abergläu⸗ biſchen Gefühle, das ihm angeboren war, knüpfte er ſein eigenes Schickſal an das der Eiche.»Wie ſie ge⸗ deiht,“ ſagte er,„wird mein Glück gedeihen.“ Viele Jahre vergingen; manche derſelben vergingen in Müſſig⸗ gang und Zerſtreuung. Er kehrte in die Abtei zurück, ein kaum zum Mannesalter hervorreifender Jüngling, aber, wie es ihm bedünkte, mit Laſtern und Thorheiten, die über ſeine Jahre gingen. Er fand ſein Sinnbild, die Eiche, von Weiden und Dornen faſt erſtickt und nahm ſich die Lehre zu Herzen: Baum, tief einſt von mir in den Boden geſenkt, Wie hofft' ich, du würdeſt mich lang' überleben, Es würden dir Bluthen und Frucht einſt geſchenkt, Es würde dein Stamm ſich mit Epheu umweben. Ich hofft' in beglückterer Kinderzeit, Im Land meiner Väter dich wachſen zu ſeh'n, Jetzt wein' ich an dir ob dir gewordenem Leid, Denn Unkraut bedrängt dich rings mit Vergehen*). *) Lord Byron's ſämmtliche Werke von Adrian. Th. XII. S. 247.„An eine junge Eiche.“ — 137— Ich lehnte mich auf das Steingeländer der Terraſſe und blickte in das Newſteadthal und auf ſeine ſilbernen Waſſerbehälter, welche in der Morgenſonne glänzten. Es war ein Sonntag⸗Morgen, welche ſtets einen heiligen Einfluß auf eine Landſchaft haben, wahrſcheinlich wegen der Ruhe des Tages und der Ruhe alles Geräuſches der Werktags⸗Arbeit. Waͤhrend ich über die Milde und Schönheit der Scenerie und die launiſchen Schickſale des Mannes nachdachte, deſſen ſtürmiſches Temperament ihn aus dieſem friedlichen Paradieſe trieb, um mit den Lei⸗ denſchaften und den Gefahren der Welt zu kämpfen, ſtahl ſich das ſüße Klingen der Glocken eines einige Meilen entfernten Dorfes das Thal herab. Jeder Blick und jeder Ton ſchien an dieſem Morgen darauf berech⸗ net, rührende Erinnerungen an den armen Byron her⸗ aufzurufen. Das Geläute kam von dem Glockenthurme des Dorfes Hucknall⸗Torkard, in deſſen Kirche ſeine Ueberbleibſel begraben liegen. Ich habe ſeitdem ſein Grab beſucht. Es iſt in einer alten, grauen Dorfkirche, welche durch den Verlauf von Jahrhunderten ehrwürdig iſt. Er iſt unter dem Pflaſter, an dem einen Ende des Hauptflügels begraben. Durch das gemahlte Glas eines Gothiſchen Fenſters fällt ein Lichtſtrahl auf die Stelle und eine Tafel auf der daran ſtoßenden Wand beſagt, hier ſei das Grabgewölbe der Familie Byron. Es war die launiſche Abſicht des Dichters, man ſolle ihn mit ſeinem treuen Hunde in dem Monumente beiſetzen, das er in dem Garten der Newſtead⸗Abtei hatte errichten laſſen. Die Vollſtrecker ſeines Teſtaments zeigten ein beſſeres Urtheil und Gefühl, indem ſie der Familiengruft ſeine Aſche überlieferten, um ſich mit der ſeiner Mutter und ſeiner Verwandten zu vermiſchen. Hier— Schläft ſanft er nach des Lebens Fiebertraum; Häusliche Bosheit, fremder Hader— nichts Kann ferner ihn berühren. Wie ſchlecht verwirklichte ſeine Todesſtunde den Wunſch, welchen er wenige Jahre vorher in einem ſei⸗ ner fiebriſchen Anfälle von Schwermuth und Menſchen⸗ haß ausgeſprochen hatte! Dein Fittig ſei's, Vergeſſenheit, Der über meinem Dodesbett ſch ſchwingt, Wenn früher oder ſpäter mir die Zeit Den träumeloſen Schlummer bringt. Es ſei kein Freund, kein Erbe da, Der es erwünſchet, es beweint, Kein troſtlos Weib ſei dann mir nah, Das trauert, oder auch zu tranern ſcheint. Still laßt mich in die Erde ſenken, Ohne beſtelltes Tranerleid; Ich möchte nicht die Freunde kränken, Nicht ſtören, was der Luſt geweiht*). 3 *) Lord Byron's ſämmtliche Werke von Adrian. Th. XI. S. 140. Euthamaäſiase Er ſtarb unter Freunden, in einem fremden Lande, ohne eines Verwandten Hand, die ſeine Augen zugedrückt hätte; doch ſtarb er nicht unbeweint. Bei allen ſeinen Fehlern, und Irrthümern, und Leidenſchaften, und Lau⸗ nen hatte er die Gabe, den von ihm Abhängigen warme Anhänglichkeit einzuflößen. Einer von ihnen, ein armer Grieche, begleitete ſeine Ueberreſte nach Griechenland und folgte ihnen zum Grabe. Man ſagt mir, er ſei wäh⸗ rend der ganzen Begräbnißfeier an einem Kirchenſtuhl in einem Todeskrampfe des Schmerzes geſtanden, und als alles vorüber war, habe es geſchienen, als wollte er mit der Leiche ſeines Herrn in das Grab hinab ſinken. Ein Weſen, das eine ſolche Anhänglichkeit einflößen konnte, muß edel und gütig geweſen ſein. 4 Montag nach h. drei König. Der Sherwood⸗Wald iſt ein Diſtrikt, in welchem noch vieles von den ſeltſamen Gebräuchen und Feſttags⸗ Spielen der alten Zeit übrig iſt. Als ich einen oder zwei Tage nach meiner Ankunft in der Abtei in den Kreuzgäͤngen umher ging, hörte ich Tone ländlicher Mu⸗ — 140— ſik und dann und wann Ausbrüche der Heiterkeit, welche aus dem Innern des Hauſes kamen. Alsbald kam der Kämmerling zu mir und benachrichtete mich, eine Ge⸗ ſellſchaft junger Burſche ſei in der Geſindehalle, um den Montag nach h. drei König durch die herkömmlichen Spiele zu feiern, und ich ſei eingeladen, ihre Poſſen mit anzuſehen. Ich willigte freudig ein, denn ich bin auf ſolche Uberbleibſel von Volksſitten ein wenig neugierig. Die Geſindehalle war zur Aufführung des alten Gothi⸗ ſchen Spieles ganz geeignet. Sie war ein ſehr geräu⸗ miger Saal, der in der klöſterlichen Zeit als das Refec⸗ torium der Abtei gedient hatte. Eine Reihe maſſiver Säulen ging der Länge nach durch die Mitte des Rau⸗ mes, und von dieſen liefen Gothiſche Bogen aus, welche die niedrige gewölbte Decke trugen. Ich fand hier eine Schaar von Banuernburſchen, welche ſo ziemlich in der Art gekleidet waren, wie die Werke über Volksalterthümer das Koſtüm der frühern Zeiten angeben. Der eine trug ein rohes Gewand von gekräuſeltem Wollenzeug(Fries), ſein Kopf war in eine Bärenhaut gewickelt und hinten hatte er eine Glocke hängen, welche bei jeder Bewegung klingelte. Er war der Röpel oder der Hanswurſt der Geſellſchaft, wahrſcheinlich ein traditioneller Stellvertre⸗ ter des alten Satyrs. Die Uebrigen waren mit Bän⸗ dern geſchmückt und mit hölzernen Schwertern bewaff⸗ 3 Der Anführer der Schaar ſagte die alte Ballade von St. Georg und dem Drachen her, welche ſeit Jahr⸗ hunderten unter dem Landvolke gäng' und gebe iſt; ſeine — 141— Gefährten begleiteten den Vortrag mit einem rohen Verſuche von Geberdenſpiel, während der Röpel alle Art von Poſſen trieb. Dieſen folgte eine Schaar Morentänzer, bunt her⸗ ausgeputzt mit Bändern und Falkenſchellen. In dieſer Schaar ſahen wir Robin-⸗Hood und Maid Marian; die Rolle der letztern ſpielte ein glattwangiger Knabe; auch Belzebub, mit einem Beſen ausgerüſtet und von ſeiner Gemablin, Beſſeg, einem zankeiſigen alten Schätzchen be⸗ gleitet, fehlten nicht. Dieſe ländlichen Spiele ſind die Ueberbleibſel der alten Gebräuche am Montag nach drei König, an welchem Banden von Bauernburſchen, phantaſtiſch heraus geputzt und mit Pfeife und Trommel verſehen, den ſo⸗ genannten„Narren⸗Pflug“ von Haus zu Haus ſchlepp⸗ ten, Balladen ſangen und Poſſen riſſen, wofür ſie mit Geld, Eſſen und Trinken belohnt wurden. Aber nicht in dem ⸗luſtigen Sherwood⸗Walden al⸗ lein findet man dieſe Ueberreſte aus alten Zeiten. Man begegnet ihnen in den meiſten Gegenden nördlich vom Trent, welcher klaſſiſche Fluß die Grenzlinie der alten Sitten und Gebräuche abzugeben ſcheint. Während mei⸗ nes neulichen Aufenthalts zu Barlborrugh Hall, an den Grenzen von Derbyſhire und Yorkſhire, war ich Zeuge von vielen ſolchen ländlichen Feſtlichkeiten, welche dieſer heitern Jahreszeit eigen ſind, und welche zu voreilig von ſolchen, deren Erfahrungen lediglich auf das Stadtleben beſchränkt ſind, für veraltet ausgegeben werden. Ich — 4142— habe am Chriſtabend den großen Jul⸗Kloben an das Feuer bringen*) und den Feſtbecher, von ſeinem würzi⸗ gen Getränke ſchäumend, die Runde machen ſehen. Ich habe unter meinem Fenſter Weihnachtslieder von den Chor⸗ ſängern des benachbarten Dorfes ſingen hören, welche der ſeit undenklichen Zeiten beſtehenden Weihnachtsſitte gemäß, um Mitternacht die Runde um den alten Land⸗ ſitz machten. Wir hatten auch Vermummte und Poſſen⸗ reiſſer und Balladen und aus alten Zeiten herſtammende Dialoge und das berühmte alte Zwiſchenſpiel von dem Steckenpferd, was alles in dem Vorſaal und in der Geſindeſtube von Burſchen aufgeführt wurde, welche die Sitte und die Poeſien von frühern Geſchlechtern über⸗ kommen hatten. Der Eberkopf, mit Rosmarin gekrönt, katte ſeinen Ehrenplatz bei dem Weihnachtsmahl eingenommen; an dem Feſttiſch waren fröhliche Sänger und Minſtrels aus dem Dorfe, welche die Geſellſchaft während des Eſſens mit herkömmlichen Liedern und Chören unterhiel⸗ ten; und das alte Pyrrhiſche Spiel, der Schwerttanz, der noch aus den Zeiten der Römer herſtammt, wurde vortrefflich in dem Hofraume des Hauſes von einer Bande junger Leute dargeſtellt, die, ſchlank und geſchmei⸗ dig in ihrem Bau und anmuthsvoll in allen ihren Be⸗ wegungen, in den Dörfern und Landſitzen umher, wie * S. Gottfried Crayon's Skizzenbuch) von Waſh. Irving. Frankf. bei Sauerkänder. Bd. III. S. 98. — 145— man mir ſagte, während der Weihnachtsfeiertage die Runde machten. Ich zähle dieſe ländlichen Feſte und Feierlichkeiten, welche ich während meines Aufenthalts in dieſer Ge⸗ gend ſah, her, weil es den Anſchein gehabt hat, als wenn viele der Mittheilungen über die Feſttagsgebräuche, wie ich ſie in meinen frühern Schriften gegeben habe, ſich auf Sitten bezögen, welche ganz und gar außer Uebung gekommen. Kritiker, welche in Städten wohnen, haben kaum eine Vorſtellung von den alterthümlichen Sitten und Gebräuchen, welche in entfernten und ländlichen Gegenden ſtatt finden. In der That, wenn man über den Treut kömmt, ſcheint es, als ſchreite man in die alte Zeit zurück; und in den Dörfern des Sherwood⸗Waldes ſind wir wirklich in einem mittelalterlichen Bereiche. Die mit Moos überwachſenen Hütten, die niedrigen Wohnungen von grauem Steine; die Gothen⸗Kreuze an jedem Ende der Dörfer, und der hohe Mai⸗Baum in deren Mitte führen uns im Geiſte in vergangene Jahrhunderte zu⸗ rück. Alles und jedes hat ein ſeltſam alterthümliches Ausſehen. Die Bewohner des Gebietes der Abtei theilen die⸗ ſen urſprünglichen Charakter. Einige der Familien ha⸗ ben hier ſeit faſt drei Jahrhunderten Pachthöfe, und ob⸗ gleich ihre Wohnungen in Trümmer fielen und alles um ſie her die allgemeine Verödung und Ordnungsloſig⸗ keit der Familie Byron theilte, konnte ſie doch nichts — 144— von ihrem heimiſchen Boden vertreiben. Ich ſchätze mich glücklich ſagen zu können, daß Obriſt Wildman dieſe wackern treugeſinnten Familien unter ſeinen beſon⸗ dern Schutz genommen hat. Er hat ſie in dem Pacht⸗ gelde begünſtigt, ihre Meierhöfe ausgebeſſert oder viel⸗ mehr neu aufgebaut, und Familien, welche faſt in die Klaſſe der gewöhnlichen Feldarbeiter herabgeſunken wa⸗ ren, in den Stand geſetzt, wieder unter den Freiſaſſen des Landes anſtändig aufzutreten. Ich beſuchte eines dieſer wieder aufgebauten Pacht⸗ häuſer, das erſt vor Kurzem eine bloſe Ruine und nun ein ſolider Meierhof war. Er ward von einem jungen Paar bewohnt. Die gute Frau zeigte mir jeden einzel⸗ nen Theil der Anſtalt mit beſcheidenem Stolze und freuete ſich der Behaglichkeit und Anſtändigkeit derſel⸗ ben. Ihr Mann hatte, wie man mir ſagte, mit der Verbeſſerung ſeines Hauſes an Anſehen gewonnen, und fing jetzt an, unter ſeinen ländlichen Nachbaren unter dem Namen nder junge Squire*)« bekannt zu werden. *) Gutsherr. — 145— Alte Dienstboten. Eine der lebendigen Chroniken von Newſtead⸗Abtei iſt ein altes, faſt ſiebzigjähriges Mütterchen, Nanny Smith genannt, welche ihr Leben hier hingebracht und ſeit langer Zeit als Haushälterin bei den Byron's ge⸗ dient hat. Die Abtei und deren Ländereien umfaſſen ihre Welt, außerhalb deren ſie nichts kennt, während ſie in dem In⸗ nern derſelben ſich ſtets mit angeborner Klugheit und altmodiſcher Ehrbarkeit betragen hat. Als Lord Byron die Abtei verkaufte, war ihr Beruf zu Ende; doch ver⸗ weilte ſie in der Umgegend, da ſie fuͤr dieſelbe die ört⸗ liche Anhänglichkeit einer Katze hatte. Sie verließ das behagliche Zimmer, das ſie als Haushälterin inne hatte, und nahm ihre Zuflucht zu einem der„Felſenhäuſer,⸗ welche nichts mehr ſind, als eine kleine Reihe von Hüt⸗ ten, welche in nicht großer Entfernung von der Abtei in die ſenkrechten Seiten eines Steinbruchs eingehauen find. Drei Zellen, die in den lebendigen Stein gehauen waren, machten ihre Wohnung aus; ſie richtete dieſe ärmlich, aber behaglich ein. Ihr Sohn William arbei⸗ tete in der Nachbarſchaft und half ſie erhalten; und 10 — 146— Nanny Smith behielt eine heitere Miene und einen unabhängigen Geiſt. Eine ihrer Klatſchſchweſtern brachte ihr bei, ihr Sohn William werde heirathen und ein junges Weib heimführen, das ihr helfen und Sorge für ſie tragen ſollte. „Nein, nein!“ ſagte Nanny mürriſch: nich brauche keine junge Herrin in meinem Hauſe.⸗ So weit geht die Herrſcherliebe— der armen Nanny Haus war eine Höhle in einem Felſen. Als Obriſt Wildman von der Abtei Beſitz nahm, fand er ſie in dieſem ärmlichen Neſte. Mit jenem thätigen Wohlwollen, das ihn auszeichnet, übergab er William ſogleich eine kleine Pachtung auf dem Gute, wo Nanm Smith in ihren alten Tagen nun einen behaglichen Heerd hatte. Ihr Stolz erwachte durch die Beförderung ih⸗ res Sohnes. Sie bemerkt mit hoher Freude, daß Wil⸗ liam von den Leuten jetzt mit weit größerer Achtung be⸗ handelt wird, da er ein Pachter iſt, als früher, wo er Taglöhner war. Ein Pachter aus der Umgegend hat ſich bemüht, eine Verbindung zwiſchen ihm und ſeiner Schweſter zu Stande zu bringen; aber Nanny Smith iſt wählexiſch geworden und legte ſich in das Mittel. Sie ſagte, das Mädchen ſei zu alt für ihren Sohn, und uͤberdies ſehe ſie nicht ein, daß er einer Frau bedürfe. „Nein,“ ſagte William, nich habe keine große Nei⸗ gung, die Dirne zu heirathen; aber wenn der Obriſt und ſeine Gemahlin es wünſchen, iſt mir's recht. Sie — 147— find ſo gütig gegen mich geweſen, daß ich es für meine Pflicht halte, ihnen zu Gefallen zu ſein.« Der Obriſt und ſeine Gemahlin hatten es jedoch nicht für paſſend gehalten, des ehrlichen William's Dank⸗ barkeit auf eine ſo ernſte Probe zu ſtellen. Ein anderer Ehrenmann, der bei Obriſt Wildman's Ankunft hier vegetirt, und welcher wenigſtens ſechzig Jahre in der Abtei gelebt hatte, war der alte Ide*) Murray. Er war noch ein bloßer Knabe, im Gefolge des»alten Herrn“ in der Mitte des letzten Jahrhun⸗ derts hieher gekommen und hatte bis zu deſſen Tode bei ihm gelebt. Da Joe in ſeiner früheſten Jugend Schiffsjunge geweſen war, hielt er ſich ſtets für ein Stück von einem Matroſen und hatte die Aufſicht über alle Luſtboote auf dem See, obgleich er ſpäter zu der Würde eines Kellermeiſters vorrückte. In den ſpätern Tagen des alten Lord Byron, als er ſich von der gan⸗ zen Welt abſchloß, war Joe Murray der einzige Diener, den er behielt, ſeine Haushälterin, Betty Hartſtaff aus⸗ genommen, welche in dem Rufe ſtand, eine ungebührliche Herrſchaft über ihn auszuüben und von den Landleuten ironiſch Lady Betty genannt wurde. Als die Abtei in den Beſitz Lord Byrons, des Dich⸗ ters, kam, fiel ihm Joe Murray als ein Appertinenz⸗ Stück heim. Er wurde wieder als Kellermeiſter in der *) Joſeph. 10 x½ — 148— Abtei, und als Oberadmiral der Boote eingeſetzt; und ſeine ehrlichen, biedern bullenbeiſeriſchen Eigenſchaften nahmen Lord Byron ſo ein, daß er ſogar mit ſeinem Neufundländer Hunde in ſeiner Liebe wetteiferte. Oft goß er bei dem Mittageſſen ein Glas trefflichen Made⸗ ra's voll und reichte es Ioe, der hinter ſeinem Stuhle ſtand. In der That, als er das ſteinerne Monument erbauen ließ, das in dem Abteigarten ſteht, beſtimmte er daſſelbe für ſich, Joe Murray und ſeinen Hund. Von den beiden letztern ſollten, der eine zur rechten der andere zur linken Seite von ihm liegen. Boatswain ſtarb nicht lange nachher und wurde feierlich beerdigt, und die wohlbekannte Grabſchrift auf eine Seite des Monumen⸗ tes eingegraben. Lord Byron reiſte nach Griechenland ab. Während ſeiner Abweſenheit bemerkte ein Gentle⸗ man, welchem Joe Murray das Grab zeigte:»Gut, alter Knabe, ihr werdet euern Platz in etlichen zwanzig Jahren hier einnehmen.⸗ 3 „Ich weiß dies nicht,“ brummte Joe als Antwort: „wenn ich gewiß wäre, daß Seine Herrlichkeit hierher käme, wäre es mir ganz recht; aber es würde mir nicht behagen, allein hier bei dem Hunde zu liegen.⸗ Ioe Murray war ſtets ungemein ſauber in ſeiner Kleidung und aufmerkſam auf ſeine Perſon, und hatte ein Achtung einflößendes Aeußere. Ein Portrait von ihm, das auf ſeines Herrn Wunſch gemalt worden, hängt noch in der Abtei. Er iſt als ein geſunder, friſch ausſehender alter Burſche dargeſtellt, in einer Flachs⸗ — 149— perücke, einem blauen Ueberrock und lederner Weſte, mit einer Pfeife in der Hand. Er verrichtete alle Pflichten ſeiner Stellung mit der größten Treue, der gewiſſen⸗ hafteſten Ehrlichkeit und mit vielem äußern Anſtand; wenn man aber ſeiner Zeitgenoſſin, der Nanny Smith, glauben kann, welche als Haushälterin den Scepter der Haushaltung mit ihm theilte, ſo war er in moraliſchen Beziehungen kleinerer Art ſehr ungezwungen und pflegte freie und weltliche Lieder zu ſingen, wenn er an dem Tiſch in der Geſindehalle den Vorſitz hatte oder an dem Abendkamin ſein Bier trank und ſeine Pfeife ſchmauchte. Joe's geſellige Anſichten ſtammten augenſcheinlich von der Race Engliſcher Land⸗Squires her, wie ſie in den Tagen ſeiner Jugend blühten. Nanny Smith nahm an ſeinen wüſten Liedern Aergerniß, ertrug ſie aber ſtill⸗ ſchweigend, da ſie ihr keinen Schaden bringen konnten. Endlich aber, als er ſie in Gegenwart eines jungen ſe chszehnjährigen Mädchens ſang, konnte ſie nicht länger an ſich halten, ſondern hielt ihm eine Predigt, daß ihm die Obren davon gellten und dann eilte ſie zu Bett. Ihrer Nachricht zufolge, ſchien die Predigt einen tiefen Eindruck auf ihn zu machen. Er erzählte ihr am näch⸗ ſten Morgen, ſagte ſie, er habe einen furchtbaren Traum gehabt: zu Füßen ſeines Bettes ſtand ein Evangeliſt mit einer großen holländiſchen Bibel, deren gedruckten Theil eer ihm vorhielt und nach einer Weile ihm in das Ge⸗ ſicht warf. Nanny Smith übernahm es, den Traum zu deuten, und hielt eine zſolche Bußpredigt darüber und — 430— leitete ſolche ſchreckliche Warnungen davon ab, daß Joe ganz ernſthaft wurde, einen ganzen Monat vom Singen ließ und gute Bücher in die Hand nahm.»Nachher abern fuhr Nanny fort, afiel er wieder in ſeine alten Sünden zurück und wurde ſo ſchlecht wie jemals; und fuhr fort, freie weltliche Lieder zu ſingen bis zu ſeiner Todesſtunde.⸗ Als Obriſt Wildman Beſitzer der Abtei wurde, fand er Joe Murray, obgleich an die achtzig Jahre alt, ge⸗ ſund und kräftig und behielt ihn als Kellermeiſter bei. Der alte Mann freute ſich der ausgedehnten Reparatu⸗ ren, welche unmittelbar begannen und ſah ſtolz den Tag herannahen, wo die Abtei aus ihren Trümmern in er⸗ neutem Glanze aufſtieg, Equipagen und Dienerſchaaren ſich an ihren Thoren drängten und ihre Säle wieder von dem Jubel heiterer Gaſtfreundſchaft wiederhallten. Was jedoch Ive's Stolz und Ehrgeiz am meiſten in Anſpruch nahm, war einer der Pläne des Oberſten, das alte Refectorium des Kloſters, einen großen, ge⸗ wölbten, von Gothiſchen Saulen getragenen Saal in eine Geſindehalle umzuſchaffen. Dies erwartete Joe ſehnſüchtig, um auf dem erſten Platze an dem Geſinde⸗ tiſch das Heft in den Händen zu haben und die Gothi⸗ ſchen Bogen von jenen Jagd⸗ und Zechliedern wider⸗ ſchallen zu laſſen, welche der Schrecken der ſittſamen Nanny Smith waren. Die Zeit aber ſchwand raſch mit ſeinen Kräften, und er fürchtete ſehr, der Saal möchte zu ſeinen Lebzeiten nicht mehr fertig werden. — 131— In ſeinem Eifer, die Reparaturen zu beſchleunigen, pflegte er in aller Frühe aufzuſtehen und die Arbeiter herauszutreiben. Ungeachtet ſeines hohen Alters ging er auch oft, halb angezogen, bei kaltem Wetter hinaus, um kleines Holz zum Feuermachen zu hauen. Obriſt Wildman verwies es ihm freundlich, daß er ſeine Ge⸗ ſundheit auf dieſe Weiſe vernachläſſige, indem andere dieſe Arbeit für ihn thun würden. „Gott, Sir!“ rief der rüſtige alte Burſche aus: „'s iſt mein Luftbad; ich befinde mich nur um ſo beſ⸗ ſer dabei." Als er eines Morgens ſo beſchäftigt war, flog un⸗ glücklicher Weiſe ein Splitter ab und verwundete das eine ſeiner Augen. Eine Entzündung erfolgte; dieſes Auge verlor ſeine Sehkraft und ſpäter auch das andere. Der arme Joe härmte ſich allmählich ganz ab und wurde ſchwermüthig. Obriſt Wildman verſuchte freundlich, ihn aufzuheitern.—„Munter, munter, alter Knabe,“ rief er,»„Ihr werdet gewiß noch in der Geſindehalle Euern Platz einnehmen, nur guten Muthes!“ „Nein, nein!“« antwortete er, nich hoffte einſt, ich würde es noch erleben, ſie würde fertig werden und ich könnte obenan ſitzen. Ich geſtehe es, ich wartete mit einigem Stolze darauf; aber es iſt jetzt alles mit mir vorbei— ich werde bald heim gehen!« Bald darauf ſtarb er in dem vorgerückten Alter von ſechs und achtzig Jahren, von denen er ſiebzig als ehr⸗ licher, treuer Diener in der Abtei hingebracht hatte. — 1352— Obriſt Wildman ließ ihn in der Kirche zu Hucknall⸗ Torkard, in der Nähe des Grabgewölbes von Lord Byron, anſtändig beerdigen. Aberglauben der Abtei. Die Anecdoten, welche ich von der ehemaligen Haus⸗ hälterin Lord Byron's gehört hatte, machten mich neu⸗ gierig, ihr einen Beſuch abzuſtatten. Ich ritt daher in Geſellſchaft des Obriſten Wildman zu der Cottage ihres Sohnes William, wo ſie wohnt und fand ſie mit einer Lieblingskatze auf der Schulter, die ihr in das Ohr ſchnurrte, an ihrem Kamine ſitzen. Nanny Smith iſt ein großes gut ausſehendes Weib, ein Muſter von einer Land⸗Hausfrau aus der alten Welt, welche die Anſich⸗ ten und Vorurtheile früherer Zeit und eine ſehr ärm⸗ liche Geiſtesbildung mit vielem natürlichen Verſtand vereinigt. Sie plauderte ſehr gerne von der Abtei und von Lord Byron und ließ ſich leicht zur Erzählung einer Reihe von Anecdoten bewegen, welche freilich keinen ho⸗ hen Schwung nahmen, ſondern dem Horizonte der Haus⸗ hälterinſtube und der Geſindehalle angemeſſen waren. Sie ſchien Lord Byron in freundlichem Andenken zu halten, obgleich ſie durch manche ſeiner Grillen, und beſonders durch die Mittel, welche er anwendete, um ſeiner Anlage zur Beleibtheit entgegen zu arbeiten, ſehr beunruhigt worden war. Er wandte verſchiedene Wege an, ſich durch Schwitzen zu helfen; manchmal lag er lange Zeit in einem warmen Bade, manchmal ſtieg er, eingehüllt und beladen mit Ueberröcken, die Höhen in dem Parke hinan— neine gar traurige Geſchichte für den armen Jüngling,“ ſetzte Nanny hinzu, ada er ſo lahm war. Seine Mahlzeiten waren knapp und unregelmäßig und beſtanden aus Speiſen, gegen welche Nanny eine große Verachtung zu hegen ſchien, wie Reis mit But⸗ ter abgekocht, Macaronis und leichten Pudding. Sie widerſprach dem Gerüchte von dem ausſchwei⸗ fenden Leben, das er in der Abtei geführt haben ſollte, und von den Schönen, welche er, wie man ſagte, von London mitgebracht hätte.»Er pflegte einen großen Theil ſeiner Zeit damit hinzubringen, daß er auf einem Sopha lag und las. Manchmal hatte er junge Gentle⸗ men ſeiner Bekanntſchaft bei ſich, und ſie machten wohl tolle Streiche, aber ſie thaten nichts, als was junge Gentlemen thun dürfen und was harmlos war.⸗ „Es iſt wahr,“ ſetzte ſie hinzu, neinmal hatte er einen ſchönen Knaben als Pagen bei ſich, von welchem die Hausmädchen ſagten, er ſei ein Mädchen; was mich betrifft, ſo weiß ich nichts davon. Die arme Seele! er war ſo lahm, er konnte nicht viel mit den Männern hinausgehen; alle Unterhaltung, die er hatte, war, daß — 454— er ein wenig mit den Mädchen zuſammen war. Die Hausmädchen jedoch waren ſehr eiferſüchtig; beſonders Eine nahm die Sache ſehr übel. Sie hieß Lucy; ſie galt bei Lord Byron ſehr viel und er bewies ihr viele Aufmerkſamkeit und ſie fing an, den Kopf hoch zu tra⸗ gen. Ein Mann, der ſchielte, hatte ihr wahrgeſagt und ſie gab ihm zwei Shilling ſechs Pence. Er ſagte ihr, ſie könne ſich'was einbilden und ſtolz drein ſehen, denn ſie würde es ſehr weit bringen.„Darauf,“ fügte Nanny hinzu,„träumte das arme Ding von nichts geringerem, als daß ſie eine Lady und Herrin der Abtei werden würde und verſprach mir, wenn ihr ein ſo glückliches Loos fallen ſollte, würde ich eine gute Freundin an ihr haben. Ach, Herr Jemine! Lucy fand das große Glück nicht, von dem ſie geträumt hatte, aber es erging ihr beſſer, als ich geglaubt hatte; ſie iſt jetzt verheirathet und ſteht einem Gaſthaus zu Warwick vor.⸗ Da Nanny Smith bemerkte, daß wir mit großer Aufmerkſamkeit zuhörten, fuhr ſie mit ihrem Geplauder fort.„Einſta ſagte ſie, afaßte Lord Byron den Gedan⸗ ken auf, die Mönche aus der alten Zeit müßten irgend⸗ wo in der Abtei Geld verſteckt haben und es half alles nichts, das Pflaſter in den Kreuzgängen mußte aufge⸗ brochen werden; und ſie gruben und gruben, fanden aber nichts als ſteinerne Särge voller Knochen. Dann mußte er durchaus einen der Särge an dem einen Ende der großen Halle aufgeſtellt ſehen, ſo daß das Geſinde ſtets in Angſt war, ſich des Nachts dorthin zu begeben. Meh⸗ — 48— rere Schädel wurden gereinigt und in Gehäuſer auf ſei⸗ nem Zimmer aufgeſtellt. Ich pflegte des Nachts in die⸗ ſes Gemach zu gehen, um die Fenſter zuzumachen, und wenn ich ein Auge auf ſie warf, ſchienen ſie alle zu grinſen, was, glaube ich, Schädel immer thun. Ich kann nicht anders ſagen, ich war froh, wenn ich aus dem Zimmer war.⸗ „Es wurde zu einer gewiſſen Zeit viel von Geiſtern geſprochen, welche in der Abtei umgehen ſollten und es iſt auch jetzt noch die Rede davon. Des Beſchließers Frau ſagte, ſie habe zwei in einem dunkeln Theil der Kreuzgänge, der Kirche gerade gegenüber, und einen in dem Garten an des Lord's Brunnen ſtehen ſehen. Dann war eine junge Dame, eine Nichte Lord Byron's, zum Beſuche in der Abtei und ſchlief in dem Gemache zu⸗ nächſt der Uhr; und ſie ſagte, ſie habe einſt Nachts, als ſie im Bette geweſen, eine weiß gekleidete Frau aus der einen Seitenwand der Stube herausgehen und durch die andere Seitenwand verſchwinden ſehen.⸗ „Lord Byron ſagte eines Tages zu mir:„Nanny, welchen Unſinn erzählt man da von Geiſtern, als wenn es je dergleichen hier gegeben hätte. Ich habe nie et⸗ was der Art in der Abtei geſehen und wollte darauf ſchwören, auch ihr nicht.“ Ihr ſeht wohl, er ſagte all das nur, um mich zum Reden zu bringen; aber ich ſchwieg ſtill und ſchüttelte den Kopf. Man behauptet aber doch, ſeine Herrlichkeit habe einſt etwas geſehen. — 156— Es war in der großen Halle— etwas ganz Schwarzes und Haariges; man ſagt, es ſei der Teufel geweſen.⸗ „Was mich angeht,“ fuhr Nanny Smith fort,„ſo habe ich nie etwas der Art geſehen; aber ich habe einſt etwas gehört. Ich ſcheuerte eines Abends den Fußbo⸗ den des kleinen Speiſeſaals an dem Ende der langen Gallerie; es war nach Anbruch der Nacht; ich erwartete jeden Augenblick zum Thee gerufen zu werden, wünſchte aber doch die angefangene Arbeit fertig zu bringen. Plötz⸗ lich hörte ich in der großen Halle ſchwere Fußtritte. Sie hallten wie das Strampfen eines Pferdes. Ich nahm das Licht und ging hin, um zu ſehen, was es ſei. Ich hörte die Tritte von dem untern Ende der Halle zu dem Kamine*³) in der Mitte kommen, wo ſie ſtill ſtan⸗ den; aber ich konnte nichts ſehen. Ich kehrte an meine Arbeit zurück und hörte nach kurzer Zeit daſſelbe Ge⸗ räuſch wieder; die Fußtritte hielten an dem Kamine inne, wie vorher; dennoch konnte ich nichts ſehen. Ich kehrte an meine Arbeit zurück, als ich die te Sähritt⸗ zum ») In der Mitte der alten Hallen war das rere-dosse, das Feuer⸗Eiſen, gegen welches das Brennholz geſtellt und auf dem ſteinernen Fußboden angebrannt wurde; der Rauch ging durch eine Oeffnung in der Decke unmittelbar darüber, wo ſich gewöhnlich eine Laterne erhob und eine in die Augen fallende Verzierung des Aeußern der Woh⸗ nung abgab.“ Skizzen aus England, von Adrian. Bil⸗ der⸗Magazin für allgemeine Weltkunde. Jahrg. I. S. 37, woo ſich eine vollſtändige Beſchreibung einer alten agliſchen Halle findet. Der Ueberſ. — 137 dritten Mal hörte. Jetzt ging ich ohne ein Licht in die Halle, aber ſie ſtanden wieder grade ſo in der Mitte des Saales, an der Feuerſtelle, ſtill. Mir kam dies ziemlich auffallend vor, ich kehrte aber zu meiner Arbeit zurück; als ich fertig war, nahm ich das Licht, und ging durch die Halle, da dies mein Weg in die Küche war. Ich hörte keine Tritte mehr und dachte ferner nicht an den Vorgang, als ich, das untere Ende der Halle er⸗ reichend, die Thüre verſchloſſen fand und dann auf der einen Seite der Thüre den ſteinernen Sarg mit dem Schädel und den Gebeinen ſah, welche in den Kreuz⸗ gangen ausgegraben worden waren.“ Hier hielt Nanny inne; ich fragte ſie, ob ſie glaube, die geheimnißvollen Fußtritte ſtünden in irgend einer Verbindung mit dem Geripp' in dem Sarge? Sie ſchüttelte aber den Kopf und wollte ſich nicht weiter äußern. Wir ſchieden bald darauf von dem guten alten Weib⸗ chen und beſprachen die Geſchichte, welche ſie uns erzählt hatte, auf unſerm Ritte nach Haus. Es war augen⸗ ſcheinlich, daß ſie in Bezug auf das, was ſie gehört, die Wahrheit geſagt hatte, aber durch irgend eine ſelt⸗ ſame Wirkung des Tones getäuſcht worden war. In großen nnregelmäßigen Gebäuden dieſer Art pflanzt ſich der Ton auf eine ſehr täuſchende Weiſe fort; die ge⸗ wölbten Gänge und wiederhallenden Säle tragen den Klang der Fußtritte weithin und laſſen ihn vielfach zu⸗ rückſchallen; das Knarren und Zuſchlagen ferner Thüren⸗ — 158— das Rauſchen des Windes durch das Gebüſch und die zerfallenden Bögen der Kirche— das alles hat eine un⸗ gemein täuſchende Wirkung in der Nacht. Obriſt Wildman erzählte ein Beiſpiel dieſer Art aus ſeiner eigenen Erfahrung. Nicht lange, nachdem er ſeine Wohnung in der Abtei aufgeſchlagen, hörte er in einer mondhellen Nacht ein Geräuſch, als wenn in einiger Entfernung ein Wagen vorüber käme. Er öffnete das Fenſter und lehnte ſich hinaus. Es kam ihm jetzt vor, als wenn die eiſerne Walze die Sandwege und die Ter⸗ raſſe entlang geſchleift würde, aber es war nichts zu ſe⸗ hen. Als er am folgenden Morgen den Gaͤrtner ſah, fragte er ihn wegen des ſo ſpäten Arbeitens in der Nacht. Der Gärtner erklärte, niemand habe gearbei⸗ tet und die Walze ſei an eine Kette angeſchloſſen. Er ſchickte ihn fort, ſie zu unterſuchen und der Gärtner kam mit einem ganz erſtaunten Geſichte zurück. Die Walze war in der Nacht weggerollt worden, aber er erklärte, keine menſchliche Hand könne ſie weggerollt haben.»Gut,⸗ antwortete der Obriſt mit ſeiner gewöhnlichen freundli⸗ chen Heiterkeit— nich freue mich, zu erfahren, daß ein Kobold für mich arbeitet." Lord Byrou trug biel dazu bei, die abergläubiſchen Sagen und Geſchichten, welche mit der Abtei zuſammen⸗ hängen, zu nähren und ſie in Umlauf zu bringen, in⸗ dem er ihnen Glauben ſchenkte oder doch zu ſchenken vorgab. Viele haben angenommen, ſein Geiſt ſei wirk⸗ lich von Aberglauben nicht frei geweſen und ſeine ange⸗ — 189— borne Schwäche ſei dadurch noch vermehrt worden, daß er viele Zeit einſam in den leeren Hallen und Gängen der Abtei, welche damals in einem zerfallenen melanchd⸗ liſchen Zuſtande geweſen, hingebracht und über den Schä⸗ deln und Särgen ihrer früheren Bewohner gebrütet habe. Ich bin vielmehr der Anſicht, er habe in dieſen übernatürlichen Vorwürfen poetiſchen Genuß gefunden, und ſeine Einbildungskraft habe ſich ergötzt, dieſes dü⸗ ſtere, romantiſche Gebäude mit allen Arten erdichteter Bewohner zu bevölkern. Gewiß iſt es, daß der Anblick des Hauſes, unter dem mannigfaltigen Einfluſſe der Däm⸗ merung und des Mondlichtes, der Wolken und des Sonnenſcheins auf ſeine Hallen, und Gallerien, und mön⸗ chiſche Gänge, allein ſchon hinreicht, alle Arten Phan⸗ taſiebilder in ſeiner Inſaſſen Geiſte zu erzeugen, be⸗ ſonders wenn er eine poetiſche oder eine abergläubiſche Richtung hat. Ich habe bereits einiger der fabelhaften Beſucher der Abtei gedacht. Der Kobold⸗Monch iſt jedoch derjenige, welchem Lord Byron die größte Bedeutung gegeben hat. Er durchwanderte des Nachts die Kloſtergänge und zu⸗ weilen ließ er ſich auch in andern Theilen der Abtei blicken. Seine Erſcheinung deutelt, der Sage nach, auf ein dem Herrn des Hauſes bevorſtehendes Unglück. Lord Byron behauptete ihn einen Monat, bevor er ſeiue un⸗ glückliche Verbindung mit Miß Milbanke abſchloß, ge⸗ ſehen zu haben. Er hat dieſe Ueberlieferung in nachſtehender Ballade — 160— dargeſtellt, worin er den Mönch als einen der alten In⸗ ſaſſen der Abtei ſchildert, welcher in der Nachtzeit eine Art geſpenſtiſchen Beſitzes zufolge der Rechte des Ordens in Anſpruch nahm. 8 „Hab' Acht vor'm ſchwarzen Mönch, hab' Acht! Er ſitzt am Norman⸗Stein, Es klingt ſein Gebet durch die Mitternacht, Sein Meßgeſang hinterdrein. Als der Lord des Berges, Amundeville, Die Norman⸗Kirche zerſtört, Die Mönche verjagt— ſich einer davon Der Drohung ſchaurig erwehrt. „Entzwang der Lord auch mit Macht und nach Recht Den Möuchen das Gut für die Lai'n, Mit Fackel zum Brand und mit Schwert zum Gefecht, Im Falle ſie ſprächen:„Nein! nein!“ Blieb ungefeſſelt doch, unverjagt, Ein Mönch, ein ſchaurig Geſicht, Zu ſchau'n im Portal, zu ſchau'n am Altar, Doch nimmer bei Mittages Licht. „Ob Gutes, ob Böſes das deuten will, Mein Lied nicht zu ſagen vermag, Doch weilet der Geiſt auf Amundevill Fortwährend bei Nacht und bei Tag; Zum Torus der Lord's, wie die Sage geht, In der Brautnacht lenkt er den Schritt, Auch naht er, heißt's, ihrem Sterbebett, 886 Doch bringt er Thränen nicht mit. — 161— „Wird ein Erbe geboren, dann trauert er ſehr: Dränut Schickſal dem uralten Haus, Da wandett von Hall' zu Hall' er daher Im Schimmer des Mondes voll Graus. Wohl ſtehſt die Geſtalt du doch nicht das Geſicht, Es hüllt die Kaputze es ein; Doch blitzt 48s den Falten ſein brennender Blick Und ſchauet geſpenſtig drein. „Hab' Acht vor'm ſchwarzen Mänch, hab' Acht? Und fürcht', o fürchte ſein Dräu'n! Des Kirchgut's Erb', er raſtlos wacht, Wer auch der Laie mag ſeyn. Amundevill iſt Lord bei Tag, Der Mönch iſt Lord bei Nacht; Kein nächtlich Schmauſen das Recht des Mönchs Im Schloſſe zu nicht je gemacht. „Sprich nichts zu ihm, und, ſieh, er entweicht; Lautlos er von dannen ſich hebt; In düſterm Kleid er von hinnen ſchleicht, Wie Thau auf den Wieſen verſchwebt. Gnad’ Gott und ſchütz' uns vorm ſchwarzen Mönch! Heil ihm, ſei er Freund oder Feind; ur was er auch beten mag— beten wir, Daß Erlöſungsſtund' ihm erſcheint.*) 4 Dies iſt die Geſchichte des Kobold⸗Mönchs, welche theils durch alte Ueberlieferungen, theils durch den Einfluß der Gedichte Lord Byrons in der Abtei vollkommen gäng' 9 *) Don Juan Geſ. XVI. Lord Byron's ſämmtl. Werke von Adrian. Th. 7. S. 155 ff. v 11 — 4162— und gebe geworden iſt und ſich ſo lange geltend machen zu wollen droht, als das alte Gebäude ſtehen wird. Viele Beſucher haben ſeiner anſichtig geworden zu ſeyn entweder behauptet oder geglaubt; und eine Nichte Lord Byron's, Miß Kitty Parkins, ſoll ſogar eine Zeichnung von ihm aus dem Gedächtniß gemacht haben. Das Geſinde der Abtei angehend, ſo iſt dieſes von allen Arten abergläubiſcher Grillen eingenommen. Die langen Gallerien und gothiſchen Hallen mit ihren alten Portraits und den düſtern geharniſchten Geſtalten ſind für ſie verhexte Regionen; ja, ſie fürchten ſich, allein zu ſchlafen und wagen es zur Nachtzeit kaum, in einem entferntern Theile der Abtei etwas zu beſorgen, ſie müß⸗ ten denn jemand zur Begleitung haben. Selbſt das prächtige Gemach, das ich bewohnte, war den übernatürlichen Einflüſſen unterworfen, welche den übri⸗ gen Theil der Abtei beherrſchten und wurde, dem Gerichte nach, von„Sir John Byron dem Kleinen, mit dem großen Barte⸗ heimgeſucht. Das alte, ſchwarz ausſehende Por⸗ trait dieſes Familienhelden, welches über der Thüre des großen Saales hängt, ſtieg, wie man ſagte, zuweilen um Mitternacht aus ſeinem Rahmen herab und machte in den Prunkgemächern die Runde; ja, ſeine Beſuche beſchraͤnkten ſich ſogar nicht einmal auf die Nacht; denn eine junge Dame, welche vor einigen Jahren in der Abtei zum Beſuche war, erzählte, ſie habe bei hellem Tageslichte, als ſie an der halb offenen Thüre des be⸗ ſagten Gemaches vorbeigekommen, Sir John Byron — 165— den Kleinen an dem Kamine ſitzen und in einem großen alten Buche leſen ſehen. Dieſer Umſtand hat manche veranlaßt, anzunehmen, die Geſchichte des Sir John Byron möchte einigermaßen mit der geheimnißvollen Bildhauerarbeit des Kaminrahmens in Verbindung ſte⸗ hen; dem ſtimmen jedoch die älteſten Alterthümler der Abtei nicht bei. Mich ſelbſt angehend, ſo wurde mein Zimmer, ſo⸗ bald ich die wundervollen Geſchichten und ſonderbaren Meinungen erfuhr, welche damit verbunden waren, fäͤr mich ein Reich der Phantaſie. Wenn ich Nachts in mei⸗ nem Bette lag und auf die geheimnißvollen Verzierun⸗ gen ſchaute, wo die Bilder des Gothiſchen Ritters, der chriſtlichen Dame und des heidniſchen Liebhabers mich anblickten, pflegte ich tauſend ſeltſame Gebilde in Be⸗ treff ihrer auszuſpinnen. Auch die großen Figuren auf den Tapeten wurden durch meine erregte Phantaſie faſt belebt und Van Dyke's Portraite des Ritters und der Dame, welche blaſſen Antlitzes von der Wand nieder⸗ ſchauten, hatten, vermöge ihres unbeweglichen Blickes und der ſtillen Genoſſenſchaft, eine beinahe geſpenſti⸗ ſche Wirkung: „Denn in dem düſtern dLicht der Todten Bild Die Bruſt mit Schauer und Entſetzen füllt. —— Ihr eingeſargt Gelocke weht Die Wand entlang; traumartig ſtrahlt zurück Ihr Aug', wie ihr Metall in Schachten ſeht; Doch lebt des Todes Bild im düſtern Blick.“ 11* — 464— In dieſer Weiſe pflegte ich Hirngeſpinſte herauf zu beſchwören und die Gegenſtände um mich her mit ideel⸗ ler Bedeutung und Theilnahme zu umkleiden, bis ich, wenn auf der Abteiuhr die Mitternachtsſtunde ſchlug, faſt gewärtig war, Sir John Byron den Kleinen mit dem großen Bart mit ſeinem Buche unter dem Arm in das Zimmer treten und ſeinen Sitz an dem geheimniß⸗ vollen Kamine einnehmen zu ſehen. 2* Annesley Hall. Ungefähr drei(engliſche) Meilen von Newſtead Abtei und an deren Beſitzungen ſtoßend, liegt Annesley Hall, der alte Familienſitz der Chaworths. Wie die Güter, waren die Familien der Byrons und Chaworths in frü⸗ hern Zeiten mit einander verbunden, bis der unglück⸗ liche Zweikampf zwiſchen den beiden Familienhäuptern ſtatt fand. Der Zwiſt jedoch, welcher eine Zeit lang gewährt hatte, ließ eine endliche Ausgleichung durch die Liebe zweier jungen Herzen hoffen. Lord Byron war noch ein Knabe, als er Mary Ann Chaworth ſah, ein ſchönes Mädchen und die einzige Erbin von Annesley. Bei der Empfänglichkeit für weibliche Reize, welche er faſt ſchon von Kindheit auf an den Tag legte, wurde — 165— er faſt augenblicklich in ſie verliebt. Nach einem ſeiner Biographen ſcheint es, als waͤre anfangs ihre Zuneigung wechſelsweiſe, aber heimlich geweſen. Der Miß Cha⸗ worth Vater lebte damals noch und mochte noch etwas von der Familienfeindſchaft in ſich bewahrt haben; denn man erzählt, die Zuſammenkünfte Lord Byrons und der jun⸗ gen Dame hätten heimlich, an einem Thore ſtattgefun⸗ den, das von dem Gute ihres Vaters ſich auf die Be⸗ ſitzungen der Abtei fffnete. Sie waren jedoch zu jener Zeit ſo jung, daß man dieſen Zuſammenkünften durch⸗ aus keine Wichtigkeit beilegen konnte; ſie waren an Jahren weniger mehr denn Kinder; aber, wie Byron von ſich ſagt, ſeine Gefühle waren über ſeine Jahre. Eine ſechswöchige Ferienzeit, welche der Dichter mit ſeiner Mutter zu Nottingham verbrachte, blies dieſe früh gefaßte Leidenſchaft zur Flamme auf. Der Vater der Miß Chaworth war todt und ſie wohnte mit ihrer Mut⸗ ter in dem alten Annesley Hall. Während Lord Byrons Minderjährigkeit war die Beſitzung von Newſtead an Lord Grey von Ruthen ver⸗ pachtet; ihr junger Beſitzer war aber ſtets ein willkom⸗ mener Gaſt in der Abtei. Er pflegte zuweilen ganze Tage dort hinzubringen und machte häufige Beſuche zu Annesley Hall. Seine Beſuche gefielen Miß Chaworth's Mutter; ſie war dem Familienhaſſe durchaus fremd ge⸗ blieben und ſah wahrſcheinlich mit Wohlgefallen auf eine Neigung, welche alte Zwiſte ausgleichen und zwei an⸗ einanderſtoßende Güter vereinigen konnte. — 166— Die ſechswöchigen Ferien vergingen wie ein Traum unter den ſchönen Laubgängen von Annesley. Byron war jetzt kaum fünfzehn Jahre alt; Miß Chaworth war zwei Jahre älter; aber ſein Herz war, wie ich geſagt habe, ſeinen Jahren vorausgeeilt und ſeine Neigung zu ihr war tief und leidenſchaftlich. Eine ſolche frühe Liebe iſt, wie der zuerſt ablaufende Moſt ungekelterter Trau⸗ ben, der ſüßeſte und ſtärkſte Erguß des Herzens und wie ſie auch durch andere Neigungen in ſpäterer Zeit in den Hintergrund treten mag, ſo kömmt das Gedächt⸗ niß doch immerwährend wieder zu ihr zurück und weilt mit Innigkeit bei den Erinnerungen an ſie. Seine Liebe zu Miß Chaworth war, um Lord By⸗ rons eigenen Ausdruck zu gebrauchen,„der Roman des romantiſcheſten Theils ſeines Lebens“, und ich glaube, wir können die Wirkung derſelben durch den ganzen Gang ſeiner Schriften verfolgen, wo ſie, wie ein halb⸗ verſtecktes Thema, das durch ein verwickeltes Muſikſtück läuft und das Ganze mit einer immerwährenden Kette von Wohllaut verbindet, dann und wann zum Vor⸗ ſcheine kömmt. Ob dieſe Liebe wirklich von dem getiebten Gegen⸗ ſtand erwiedert wurde, iſt ungewiß. Byron ſpricht zu⸗ weilen, als habe ſie ſeine Gefühle durch freundliche Güte erwiedert; zuweilen geſteht er ein, ſie habe ihm nie Grund gegeben, zu glauben, ſie liebe ihn. Es iſt je⸗ doch wahrſcheinlich, daß ſie anfangs eine gewiſſe Erre⸗ gung des Herzens gefühlt hat. Sie war in einem em⸗ — 167— pfänglichen Alter; ihr Anbeter war, obſchon an Jahren ein Knabe, ein Mann an Verſtand, ein Dichter an Einbildungskraft, und ſein Geſicht zeichnete ſich durch Schönheit aus. Mit den ſechswöchigen Ferien endigte dieſer Roman. Byron kehrte, innig verliebt, in die Schule zurück; wenn er aber wirklich irgend einen Eindruck auf das Herz der Miß Chaworth gemacht hatte, war derſelbe zu ſchwach, um die Probe der Trennung auszuhalten. Sie war in jenem Alter, wo ihr Geſchlecht bald vom Mädchen zum Weibe übergeht und ihre knabenhaften Liebhaber weit hinter ſich läßt. Während Byron ſeine Schulknaben⸗ Studien fortſetzte, trat ſie in geſellige Verbindungen und lernte einen Gentleman Namens Muſters kennen, der ſich, wie man ſagt, durch männliche Schönheit aus⸗ zeichnete. Man erzählt von ihr, ſie habe ihn zum er⸗ ſtenmal von der Höhe von Annesley Hall aus geſehen, wie er mit Hund und Horn durch den Park jagte und bei einer Fuchsjagd den ganzen Zug anführte, und die Lebhaftigkeit ſeiner Erſcheinung und ſeine bewunderns⸗ werthe Reiterkunſt habe den größten Eindruck auf ſie gemacht. Unter ſo günſtigen Vorzeigen warb er um ſie und erhielt ſie; und als Lord Byron das nächſte Mal mit ihr zuſammenkam, erfuhr er zu ſeiner Beſtürzung, daß ſie die verlobte Braut eines Andern ſei. Mit jenem Stolze des Geiſtes, welcher ihn ſtets auszeichnete, blieb er ſeiner Gefühle Herr und behielt die Heiterkeit ſeines Antlitzes bei. Er zwang ſich ſogar, — 468— ruhig von ihrer herannahenden Vermählung zu ſprechen. „Wenn ich Euch wieder ſehe,“ ſagte er zu ihr,„wer⸗ det Ihr wahrſcheinlich Mrs. Chaworth ſeyn,“ denn ſie mußte ihren Familiennamen beibehalten. Ihre Antwort war:„Ich hoffe es.“ Ich glaubte dieſe wenigen Einzelnheiten der Beſchrei⸗ bung eines Beſuches voranſchicken zu müſſen, welchen ich dem Schauplatz dieſes jugendlichen Romans abſtat⸗ tete. Annesley Hall war, wie ich hörte, unbewohnt, vernächläſſigt und faſt in einem Zuſtande der Verwü⸗ ſtung, da Hr. Muſters ſelten dahin kam, ſondern mit ſeiner Familie in der Nachbarſchaft von Nottingham wohnte. Ich ritt in Geſellſchaft des Obriſten Wildman nach Annesley Hall hinüber; der große Neufundländer Hund Boatswain begleitete uns. Auf unſerm Ritte be⸗ ſuchten wir eine Stelle, welche in der erwähnten Lie⸗ besgeſchichte denkwürdig iſt. Es war der Ort, wo By⸗ ron und Miß Chaworth ſich zum letztenmal ſahen, che ſich letztere vermählte. Ein langer Hügelrücken erſtreckt ſich, wie ein Vorgebirg in einen See, in das Thal von Newſtead und war früher durch ein ſchönes Gehölz ge⸗ krönt, welches für die umliegende Gegend ein Landzei⸗ chen abgab. Das Wäldchen und der. Hügelvorſprung werden in Lord Byron's„Trauma ſehr lebhaft ge⸗ ſchildert und ein anziehendes Gemälde von ihm und dem lieblichen Gegenſtande ſeiner jugendlichen Vergöt⸗ terung findet ſich hier: 169— „Ich ſah zwei Weſen in der Jugend Reiz Auf einer Höhe ſteh'n; mild war die Höhe, Grün, ſanft geneigt, das Vorgebirg gleichſam Von einer langen Reihe ſolcher Höhen, Nur daß kein Meer hier ſeinen Fuß umſpülte, Doch dafür eine Landſchaft, lieblich wallend Von Wald und Saat und da und dort zerſtrent Sah man der Menſchen Wohnungen; der Rauch Stieg kräuſelnd von den ſtillen Dächern auf. Den Hügel krönt' ein eignes Diadem Von Bäumen, die im Kreiſe ſchön gepflanzt Von der Natnr niche, von der Menſchen Laune: Die Zwei, ein Mädchen und ein Jüngling, blickten Dort oben— ſie auf alles, was da unten Hold wie ſie ſelbſt, der Knabe nur auf ſie; Und beide waren jung, das Eine ſchön, Und beide waren jung— doch nicht gleichjährig. Wie mild der Mond am Saum der Berge ſchwebt, So ſtand zum Uebergang zum Weib das Mädchen; Der Knabe zählte wen'ger Sommer, doch Sein Herz war vorgereift und für ſein Ange War ein holdſelig Antlitz nur auf Erden, und dieſes glänzt auf ihn.* Ich ſtand auf der durch dieſe denkwürdige Zuſam⸗ menkunft geweihte Stelle. Unter mir breitete ſich die „belebte Landſchaft“ aus, welche einſt das junge Paar beſchaute; das liebliche Newſtead⸗Thal, in welchem Wäl⸗ der, und Getreidefelder, und Dorfkirchthum, und Waſ⸗ *) Lord Vyron's ſämmtliche Werke von Adrian. Th. M. S. 50. — 170— ſerflächen und die fernen Zinnen und Thürmen der ehr⸗ würdigen Abtei dem Auge abwechſelnd erſcheinen. Das „Diadem der Bäumen jedoch war verſchwunden. Die Aufmerkſamkeit, welche der Dichter auf daſſelbe gezogen hatte und die romantiſche Weiſe, in welcher er es mit ſeiner frühen Liebe zu Mary Chaworth in Verbindung brachte, hatten die reizbaren Gefühle ihres Gatten ſchmerzlich berührt, der von der poetiſchen Berühmtheit, welche die verliebten Lieder eines Andern ſeiner Gattin gaben, nicht ſehr erbaut war. Das berühmte Wäld⸗ chen ſtand auf ſeinen Beſitzthum und in einem Anfalle von übler Laune befahl er daſſelbe dem Boden gleich zu machen. Zur Zeit meines Beſuches waren nur die Wur⸗ zeln der Bäume noch ſichtbar; aber die Hand, welche ſie fällte, wird von jedem poetiſchen Pilger verwünſcht. Beim Herabſteigen von der Höhe kamen wir bald in einen Theil des ehemaligen Annesley Parkes und rit⸗ ten unter uralten, vom Sturm geſpaltenen Eichen und Ulmen dahin, um deren Stämme das Epheu ſich empor⸗ ſchlang und in deren Zweigen die Dohlen niſteten. Eine Landſtraße war durch den niedergehauenen Park geführt worden; wir durchſchnitten dieſelbe und kamen an das Thorhaus von Annesley Hall. Es war ein altes Gebäude von Backſteinen, das während den Bürgerkriegen, wo eines jeden Gentleman's Haus im Falle der Noth zu einer Feſtung umgeſchaffen werden mußte, für Annesley Hall als ein Außenpoſten oder einer Warte gedient haben mochte. In den Mauern — 171— waren noch Schießſcharten zu ſehen; aber der friedliche Epheu hatte die Seiten überwachſen, das Dach umſpon⸗ nen, und die alte Uhr an der Vorderſeite, welche die ſchwindenden Stunden des Verfalls des Ganzen noch anzeigte, faſt ganz bedeckt. Ein gewölbter Weg führte durch die Mitte des Thor⸗ hauſes; er war durch Gitterthore von durchbrochenem, mit Bäumen und anderen Verzierungen geſchmückten Ei⸗ ſenwerke geſchloſſen. Als dieſe geöffnet worden, kamen wir in einen gepflaſterten Hof, der mit Gebüſch und al⸗ ten Blumenvaſen geziert war und in der Mitte einen zerfallenen ſteinernen Brunnen hatte. Man glaubte, nach dem Ausſehen des Ganzen, ſich einem alten fran⸗ zöſiſchen Schloſſe zu nähern. Auf der einen Seite des Hofes war eine Reihe von Stallungen, welche jetzt leer ſtanden, aber doch Spuren des fuchsjagenden Gutsherrn an ſich trugen; denn es fan⸗ den ſich Ställe hier, die verſperrt waren, in welchen die Jagdpferde losgelaſſen werden konnten, wenn ſie von der Jagd nach Haus kamen. An dem untern Ende des Hofes und dem Thorhauſe unmittelbar gegenüber, war das Wohngebände ſelbſt, ein phantaſtiſcher, unregelmäßiger, zu verſchiedenen Zeiten, und in manchfachem Geſchmack geflickter und geſtückter Bau mit Gibeln, Steinballuſtraden und ungeheuern Schornſteinen, die wie Strebepfeiler aus den Mauern hervortraten. Die ganze Vorderſeite des Gebändes war mit Epheu überkleidet. — 172— An der Hauptthüre, die unter einer ſchweren Vor⸗ halle ſich öffnete, ſuchten wir Einlaß zu erhalten. Die⸗ ſer Eingang war ſtark verwahrt und unſer Klopfen ſchallte in den öden und leeren Hallen zurück. Alles umher trug den Charakter der Verödung au ſich. Nach eini⸗ ger Zeit jedoch rief unſer Klopfen einen einſamen In⸗ ſaſſen aus fernem Theile des Gebäudes herbei. Es war eine anſtändig ausſehende kleine Dame, welche aus einer Seitenthüre in der Entfernung heraus kam und eine würdige Bewohnerin des veralteten Hauſes zu ſeyn ſchien; ſie war wirklich mit demſelben alt geworden. Ihr Name, ſagte ſie, ſei Nanny Marsden, und wenn ſie den kommenden Auguſt erlebte, würde ſie ein und ſiebenzig Jahre alt. Sie hatte einen großen Theil ihres Lebens in dem Hauſe hingebracht und als die Familie nach Nottingham zog, hatte man ihr die Aufſicht derſelben übertragen. Die Vorderſeite war in Folge der neulichen tumultuariſchen Auftritte zu Nottingham, bei welchen der Pöbel die Wohnung ihres Herrn geplündert hatte, mit ſo vieler Sorgfalt verrammelt worden. Um jeden Ver⸗ ſuch dieſer Art auf Annesley Hall zu vereiteln, hatte ſie dieſe Vertheidigungsmasregeln getroffen, obgleich ich faſt glauben muß, die ganze Beſatzung habe aus ihr und ei⸗ nem veralteten Gärtner beſtanden. „Ihr müßt viele Anhänglichkeit an das alte Gebäude haben,“ ſagte ich,"da ihr ſo lange in demſelben gelebt habt.⸗ „Ach, Herr,“ erwiederte ſie, aich fange an zu — 173— Jahren zu kommen. Ich habe eine eingerichtete Cot⸗ tage im Annesley Walde, die mein gehört, und ich fühle allmählig, als wenn ich beſſer thun würde, zu gehen und in meinem eigenen Hauſe zu wohnen.” Von dieſer würdigen kleinen Wächterin der Veſte geführt, traten wir durch die Ausfallspforte, aus welcher ſie herausgekommen war, und befanden uns bald in ei⸗ ner geräumigen, aber etwas düſteren Halle, in welche das Licht theilweiſe durch viereckige mit ſteinernen Pfei⸗ lern verſehene und von Epheu überhangene Fenſter herein kam. Alles um uns her hatte das Anſehen der altmo⸗ diſchen Wohnung eines Landedelmanns. In der Mitte der Halle war ein Billiard und rings an den Wänden waren die Portraits von Rennern, Jagdpferden und Lieblingshunden, mit Familiengemälden bunt gemiſcht, aufgehängt. Von der Halle führten Treppen zu manchfdehen Ge⸗ mächern. In einem der Zimmer zeigt man uns einige Büffelwämſe und ein Paar Courierſtiefel aus den Zei⸗ ten der Cavaliere*)— Merkwürdigkeiten, welche man oft in alten Engliſchen Familienſitzen findet. Dieſe hat⸗ ten jedoch einen beſondern Werth, denn die gute kleine Dame verſicherte uns, ſie hätten Robin Hood angehört. Da wir inmitten des Gebietes waren, über welches dieſer berüchtigte Geächtete einſt ſeinen Räuberſzepter ⁴) Bekanntlich die Auszeichnung der Anhänger Karl's des Erſten. —— ſchwang, paßte es nicht für uns, ſeine Anſprüche auf ir⸗ gend eine dieſer ehrwürdigen Denkwürdigkeiten in Ab⸗ rede zu ſtellen, obgleich es uns vorkommen mochte, als wenn die uns hier vorgezeigten Kleidungsſtücke einer viel ſpätern Zeit angehörten, als die, in welcher er ge⸗ lebt hatte. Alle alterthümlichen Gegenſtände in der Nähe des Sherwood⸗Waldes werden leicht mit Robin Hood und ſeiner Bande in Verbindung gebracht. Während wir das Haus durchwanderten, folgte un⸗ ſer vierfüßiger Begleiter, Boatswain, behaglich nach, als wenn auch er das Gebäude näher in Augenſchein nehmen wollte; ich wollte ihn wegen ſeiner Zudringlich⸗ keit tadeln; ſobald aber die alte Haushälterin erfuhr, daß er Lord Byron angehört hatte, ſchien ihr Herz ſich ihm zuzuwenden. „Nein, nein,“ rief ſie,„laßt ihn in Ruhe— laßt ihn gehen wohin es ihm beliebt: er iſt willkommen. Ach, lieber Gott! wenn er hier bliebe, wollte ich die größte Sorgfalt für ihn haben; es ſollte ihm an nichts fehlen. Gut!“ fuhr ſie fort, indem ſie ihn ſtreichelte, wer hätte geglaubt, daß ich einen von Lord Byron's Hunden zu Annesley Hall ſehen würde?⸗ „Ich darf demnach annehmen,“ ſagte ich, eihr denkt an etwas, das ſich auf Lord Byron bezieht, als er hier ſeine Beſuche zu machen pflegte?“ „Ach, Gott mit ihm,“ rief ſie,„wohl thu' ich das.⸗ Er pflegte herüber zu reiten und zuweilen drei ganze Tage hier zu bleiben und in dem blauen Zimmer zu — 13— ſchlafen. Ach, der arme Burſche! Er war ſehr von mei⸗ ner jungen Gebieterin eingeuommen und pflegte in dem Garten und auf den Teraſſen mit ihr umher zu gehen und ſchien ſelbſt den Boden zu lieben, auf welchen ſie ihren Fuß ſetzte. Er pflegte ſie ſeinen glänzenden Morgenſtern von Annesley zu nennen.⸗ Ich fühlte,, wie die ſchöne poetiſche Bezeichnung mich durchſchauerte. „Ihr ſcheint Lord Byron's Andenken hoch zu hal⸗ ten,“ ſagte ich. „Ach, Herr, warum ſollte ich auch nicht? Er war ſtets ſo ganz gütig gegen mich, wenn er hierher kam. Gut, Gut, ſie ſagen, es ſei jammerſchade, daß er und meine junge Lady kein Paar geworden ſind. Ihre Mut⸗ ter hätte es gern gehabt. Er war immer ein willkom⸗ mener Gaſt und viele glauben, es wäre gut für ihn geweſen, wenn er ſie bekommen hätte; aber es ſollte nicht ſein. Er reiſte in die Schule ab und dann ſah Herr Muſters ſie, und ſo gingen die Sachen ihren Weg. Die einfache Seele führte uns nun in das Lieblings⸗ wohnzimmer der Miß Chaworth, unter deſſen Fenſtern ein kleiner Blumengarten war, an dem ſie viel Freude hatte. In dieſem Zimmer pflegte Lord Byron zu ſitzen und ihr zuzuhören, wenn ſie ſpielte und ſang, während er mit der innigen und faſt ſchmerzlichen Andacht eines liebekranken jungen Burſchen ſie anſchaute. Er ſelbſt gibt uns ein düſteres Gemälde ſeiner ſtummen Ver⸗ götterung; — 176— „Nicht athmer' er, nicht war er auſſer ihr, Sie war ſein Ton; er ſprach zu ihr kein Wort, Er zittert' als ſie ſprach; ſie war ſein Auge, Denn ſeines folgte ihrem, ſah mit ihrem, Sie mahlt' ihm jeden Gegenſtand— er hört Zu leben auf in ſich, ſie war ſein Leben, Der Ocean von ſeines Geiſtes Strom, Der alles aufnahm; ihre Stimme ſchon, Ein leiſer Druck, und alle Pulſe flogen, Die Wange glüht' und ſieberte, das Herz War ſich des heft'gen Sturmes nicht bewußt.*) Ein kleines waliſiſches Lied,„Mary Annen überſchrie⸗ ben, bezog er, da er ihren Namen darin hörte, auf ſie ſelbſt und überredete ſie oft, es ihm immer wieder vor⸗ zuſingen. Das Zimmer hatte, wie alle übrigen Theile des Hauſes, ein trauriges und vernachläßigtes Ausſehen; die Blumenplätze unter dem Fenſter, welche einſt unter der ſorgſamen Hand der Mary Chaworth blüheten, wa⸗ ren von Unkraut bedeckt.. Wir ſetzten unſere Wanderung durch öde Gemächer jeder Form und jeder Größe und ohne viele Eleganz in der Ausſchmückung derſelben fort. In einigen derſelben liegen Familienportraits, unter welchen man das des Herrn Chaworth hervorhob, der von dem aböſen Lord Byronn getödtet worden. Dieſe düſter ausſehenden Portraits hatten eine mäch⸗ *)„Der Traum“ Lord Beyron's ſämmtliche Werke. Th. XI. S. 51. —— tige Wirkung auf die Phantaſie des heranwachſen⸗ den Dichters bei ſeinem erſten Beſuche zu Annesley⸗Hall. Wie ſie von der Wand niederblickten, glaubte er, ſie ſchauten zürnend auf ihn, als wenn ſie wegen des Zwei⸗ kampfs ſeines Vorfahren einen Groll gegen ihn hätten. Er führte dies ſogar, jedoch wahrſcheinlich nur im Scherze, als einen Grund an, warum er nicht in dem Wohnhauſe von Annesley ſchlief, indem er erklärte, er fürchtete, ſie möchten Nachts aus ihren Rahmen herab⸗ ſteigen und ihn ſchrecken. Ein Gefühl dieſer Art hat er ſeitdem in einem der Geſänge Don Juan's poetiſch eingekleidet: „So grimme Mönchs⸗ und Ritter⸗Bilder ſchau'n Im Mond wie lebend nieder; wer ſich wendet Rück⸗ oder Vorwärts, Echo ihm mit Grau'n Den eig'nen Tritt zurück gibt; wie entſendet Dem Grab erdröhnen Stimmen und es ſpendet Der Bilder Reigen Blick' aus finſtern Brau'n, Als droht’ er, den, der wacht, wo alle ſchlafen, Nur nicht die Todten, grauſenvoll zu ſtrafen.“* * Durch die hintere Thüre des Wohnhauſes gingen wir in den Garten, in welchem Lord Byron in Geſell⸗ ſchaft der Miß Chaworth zu wandeln und zu weilen pflegte. Er war im alten franzöſiſchen Geſchmacke au⸗ 3 G *) Lord Byrons ſämmtliche Werke. Th. VII. S. 148(Don Zuan, Geſ. XVI) 12 — 178— gelegt und hatte einen langen Teraſſengang mit maſſiven ſteinernen Baluſtraden und ſchön gearbeiteten Urnen, alles von Epheu und Immergrün überhangen. Ein ver⸗ nachläͤſſigtes Wäldchen mit hohen, von einer ehrwürdigen Krähengeſellſchaft bewohnten Bäumen begränzte die eine Seite der Teraſſe. Große Treppen führten von der Teraſſe in einen Blumengarten, der in ſteifem Style angelegt war. Die Hinterſeite des Hauſes, welche die Ausſicht auf den Garten hatte, trug die Wetterzeichen von Jahrhunderten an ſich und die ſteinernen Fenſterrah⸗ men und eine altmodiſche Sonnenuhr an der Wand führten den Geiſt in die vergangenen Zeiten zurück. Der ſtille, friedliche Garten, einſt eine kleine abge⸗ ſchloſſene Liebes⸗ und Traum⸗Welt, war jetzt ganz wild und verwachſen und dennoch in ſeinem Verfalle noch ſchön. Sein vernachläßigtes und ödes Ausſehen ſtand im Einklange mit dem Schickſale der zwei Weſen, welche einſt hier in der Friſche der Jugend, der Hoffnung und Schönheit gewandelt waren. Der Garten war, wie ihre jungen Herzen, verödet und verfallen. Als wir wieder in das Wohnhaus zurückgekehrt wa⸗ ren, beſuchten wir ein über dem Portale oder dem Haupteingang gelegenes Zimmer; es war in einem zer⸗ fallenen Zuſtande; die Decke war eingeſtürzt und der Boden geſunken. Dieſes Gemach iſt jedoch durch poe⸗ tiſche Erinnerungen anziehend. Es ſoll der von Lord Byron in ſeinem Traum erwähnte Betſaal geweſen ſein, worin er ſeine Trennung von Annesley ſchilderte, nach⸗ — 179— dem er erfahren, daß Mary Chaworth die Gattin eines Andern zu werden beſchloſſen hatte: „Da war ein alt Gebäude, und davor, An dem Gemauer, ſtand ein Pferd gezäumt; und ſieh', in einem alten Betſaal weilte Einſam und bleich der Knabe meines Traums, Schritt in dem Raume auf und ab; zuweilen Setzt' er ſich nieder, griff zur Feder, mahlte Schriftzüge, nicht zu rathen; legte dann Den Kopf ſchwer in die Hande, ſchauderte, Als ob ein Krampf ihn ſchüttelte, ſtand auf, und mit den Zahnen, mit den Händen riß er Zitternd entzwei, was er geſchrieben; doch Vergoß er keine Thrän'. Er faßte ſich Und ſtimmte ſein Geſicht zur Ruhe; jetzt Trat jene, die er liebte, zu ihm ein. Sie lächelte, war heiter, wußte ſie Auch gleich, daß er ſie liebte, wußte ſie— Denn ſchnell weiß das ein Weib— daß ſeine Bruſt Von ihrem Schatten düſter überflort war. Sie ſah ihn elend, doch ſie ſah nicht Alles. Auf ſtand er, faßte ihre Hand mit Sammlung und Freundlichkeit, nur einen Augenblick Stand in den Zügen das Unnennbare, Wie auf'ner Tafel, weggewiſcht ſogleich. Die Hand entſank ihm und langſamen Schrittes Ging er hinweg, doch nicht als nahm' er Abſchied⸗ Denn Beide ſchieden lächelnd. Und er trat Aus jener alten Halle ſchwerem Thor, Beſtieg das Roß, nahm ſeinen alten Weg, Und floh auf ewig die bemooſte Schwelle*). *) Lord Byron's ſämmtliche Werke von Adrian. Thl. 1. S. 52. 12* — 180— In einem ſeiner Tagebücher beſchreibt Lord Byron ſeine Gefühle, als er in dieſer Weiſe den Betſaal ver⸗ laſſen hatte. Als er den Gipfel eines Hügels erreicht hatte, von wo aus man zum letzten Male Annesley⸗Hall überſchaut, hielt er ſein Pferd an und blickte mit einem Gemiſch von Schmerz und Liebe auf das Laubwerk zu⸗ rück, welches das theure Haus umwölbte und dachte an das liebliche Weſen, welches dort wohnte, bis alle ſeine Gefühle ſich in Zärtlichkeit auflöͤſten. Endlich erwachte die Ueberzeugung wieder in ihm, daß ſie nie die Sei⸗ nige werden könne; er riß ſich aus ſeiner Träumerei empor, ſetzte ſeinem Pferde die Sporen in die Seite und flog dahin, als wenn er durch eine ſolche raſche Be⸗ wegung das Nachdenken zurücklaſſen könnte. Allein er betrat, trotz der in den letzten Verſen, die wir oben angeführt haben, ausgeſprochenen Behauptung, „die bemooste Schwelle“ von Annesley noch einmal. Dies geſchah jedoch viele Jahre ſpäter; er war ſeitdem zu dem Mannesalter übergegangen, hatte die Feuerpro⸗ ben der Freuden und ſtürmiſchen Leidenſchaften hinter ſich und war dem Einfluſſe anderer Reize nicht fremd geblieben. Auch Miß Chaworth war nun Gattin und Mutter. Auf die Einladung ihres Gatten ſpeiſte er zu Annesley Hall zu Mittag. So traf er mit dem Gegen⸗ ſtande ſeiner frühern Vergötterung grade auf dem Schau⸗ platze ſeiner zärtlichen Verehrung wieder zuſammen, wel⸗ chen, wie er ſich ausdrückt, ihr Lächeln für ihn noch einmal zum Himmel gemacht hatte. Der Schauplat — ☛— war nur wenig geändert. Er war in demſelben Gemache, in welchem er ihre bezaubernde Stimme ſo oft gehört, mit Entzücken gehört hatte; da war noch daſſelbe In⸗ ſtrument, dieſelbe Muſik; da war noch ihr Blumengar⸗ ten unter dem Fenſter und die Gänge, welche er mit ihr in dem Rauſche jugendlicher Liebe durchwandert hatte. Können wir uns wundern, wenn inmitten dieſer zärtlichen Erinnerungen, welche jeder Gegenſtand rings umher zu erwecken berechnet war, die innige Neigung ſeiner Knabenzeit wieder in vollem Strome zu ſeinem Herzen zurückſtürzte? Er ſelbſt war über dieſen plötzlichen Rückfall ſeiner Gefühle erſtaunt; aber er hatte Selbſt⸗ beherrſchung erlangt und wußte ihnen zu gebieten. Seine Feſtigkeit ſollte jedoch noch einer andern Probe unter⸗ worfen werden. Während er mit allen dieſen ſeine Bruſt ſtürmiſch aufregenden Erinnerungen bei dem Gegenſtande ſeiner geheimen Verehrung ſaß, wurde ihre kleine Toch⸗ ter in das Zimmer gebracht. Der Anblick des Kindes ergriff ihn mächtig; er verſcheuchte die letzten noch zan⸗ dernden Bilder ſeines Traums und er geſtand ſpäter, der ſchwerſte Theil ſeiner Aufgabe ſei geweſen, in dieſem Augenblick ſeine Gefühle zurückzudrängen. Der Kampf der Empfindungen, welcher während die⸗ ſes ganzen innigen und zärtlichen, aber doch ſchmerzlichen und verlegenen Beſuches in ſeiner Bruſt wüthete, iſt rührend in Strophen geſchildert, welche er unmittelbar nachher niederſchrieb und die, obgleich ſie nicht unter ihrem Namen an ſie gerichtet ſind, offenbar für das — 182— Ange und das Herz der ſchönen Lady von Anuesley be⸗ ſtimmt waren: „Gut! Du biſt glücklich, und ich fühle, So ſollt' auch ich jetzt glücklich ſeyn, Denn ſtets erſehnt mein Herz noch innig, Wie ſonſt es that, Dein Wohl allein. Dein Mann iſt glücklich— ſchmerzlich iſt es⸗ 3u ſeh'n, was ihm die Liebe gibt;— Fort, fort damit:— Von Herzen würd' ich Ihlt haſſen, wenn er Dich nicht liebt'. Als kürzlich ich Dein Kind erblickte, Brach faſt das Herz mir in der Bruſt, Doch als es ſchuldlos mir gelächelt, Kußt' ich's und dacht' an Dich mit Luſt. Ich küßt' es— ſah in ihm den Vater, Es ward der Seufzer unterdrückt; Denn ſeiner Mutter Angen trägt es, In denen Alles ich erblickt. Leb wohl, Maria! Ich muß fort; Nie ſoll mir tiefe Reue nah'n, Doch darf ich auch bei Dir nicht weilen, Auf's neue wär's um mich gethan. Ich glaubte meine Jugendflamme Von Stolz erſtickt und von der Zeit, uUnd wußt' erſt, als ich bei Dir ſaß, Das nimmer ich davon befreit. — 185— Doch war ich ruhig— einſtmals wußt' ich, Wie hin zu Dir die Seele ſtrebt:— Ja, Dich zu ſtören, wäre Sünde— Wir ſah'n uns— keine Nerve bebt. Als auf mein Angeſicht Du ſchauteſt, Sahſt nimmer drin Verwirrung Du, Ein einziges Gefühl von allen Nur, der Verzweiflung dumpfe Ruh. Hinweg! hinweg! Erinn'rung ſtöre Nie mit dem Jugendtraume mich. O, wo iſt Lethe's Zauberwelle!? Still, thörig Herz! ſtill— oder brich.*) Das Wiedererwachen dieſer frühen Leidenſchaft und die wehmüthigen Erinnerungen, welche es über jene Scenen in den Umgebungen von Newſtead verbreitete, die während ſeines Aufenthaltes in England nothwendig die Orte ſeiner öftern Beſuche ſeyn mußten, werden als der Hauptgrund ſeiner erſten Reiſe nach dem Feſt⸗ lande angedeutet: „Wie wenn verbannt aus Edens Fluren, Ein Menſch vergebens Rückweg ſucht, Im Geiſte ſeufzt nach frühern Spuren, und ferneres Geſchick verflucht; Dann wandert und im fremden Lande Des Buſens Kummer tragen lernt, ) Lord Byron's ſämmtliche Werke von Adrian. Th. XI. S. 149 ff. — 184— Und freier wird der Marterbande, Je mehr ſich Eden ihm entfernt; So, Mary, wird mit Dir mir's gehen. Nicht länger ſuch' ich Deinen Blick; Denn wenn ich weil', um Dich zu ſehen Seufz' ich nach früherm, ſüßen Glück.“*) Im folgenden Juni trat er ſeite Pilgerſchaft zu Land und See an, welche der Vorwurf ſeines unſterblichen Gedichtes werden ſollte. Daß ihm das Bild der Miß Chaworth, wie er ſie in den Tagen ſeiner Knabenzeit geſehen und geliebt, ſelbſt bis zu der Küſte folgte, be⸗ weiſen die glühenden Strophen, welche er kurz vor der Einſchiffung an ſie richtete: Vor'm Winde ſchaukelnd ſpannt der Kahn Sein ſchneeweiß Segel— ſei's gethan! Schon pfeifend ob dem knarr'nden Maſt Die friſche Kühlte's Leintuch faßt; Fort muß ich, fort vom heim'ſchen Raine, Denn, ach! ich liebe ja nur Eine.— Durch Meeresflut will ich ſchiffen weit, Ob ſich mir drüben Heimath beut, Vergeſſen falſch⸗ſchön Angeſicht, Sonſt find' ich, ach, die Ruhſtatt nicht. Umſonſt ich Gram zu ſcheuchen meine, Denn lieden muß ich, ach, ſtets Eiue.— *) Lord Byron’'s ſämmtl. Werke Thl. XII. S. 195. — 485— Gedenken all der frübern Zeit, Des Längſtentſchwundnen und des Heut, Das bräche wohl manch edles Herz, Doch meines, ach, hielt Stand dem Schmerz, Schlägt noch, obwohl ich einſam weine; Denn ewig treu lieb' ich nur Eine. 3 3 Wer mag die Eine Theure ſeyn? Das ſieht hrfaner Blick nicht ein! Wie ſich die Liebſte mir entſtahl? Sie weiß es, und ich fühl's zumal; Doch nichts, was lebt im Sonnenſcheine, Liebt', ach, ſo lang und nur die Eine. Nach andern Feſſeln wohl ich rang, Wo Schönheitsreiz ſchier dazu zwang; Auch hätt' ich gar zu gern geliebt, Doch Wunderzauber mich umgibt, Der band mich; und von mir hört Keine, Ich liebe ſie, als nur die Eine. 8 Wohl wär' mir ſüß ihr Abſchiedsgruß, Gern gäb' ich ihr den Scheidekuß, Doch will ich nicht, daß ſie beweint Den, der weit hin zu ziehn vermeint— Wie fern ich zieh vom heim'ſchen Raine, Lieb' ich doch ſie nur, ſie, die Eine.**) Das ſchmerzliche Wiederſehen zu Annesley Hall, welches mit einer ſolchen Gewalt ſeine frühe Leidenſchaft *) Lord Byron's ſämmtliche Werke von Adrian. Th. XII. S. 217 ff.»Bei der Abfahrt von England.“ — 488— wieder weckte, blieb ſeinem Gedächtniß mit wunderbarer Kraft eingeprägt, und ſcheint alle ſeine„Wanderungen zu fernen Ländernn, auf welche er als ein Mittel gegen die Erinnerung vertraut hatte, überlebt zu haben. Mehr als zwei Jahre nach dem Begebniß, als er, nach ſeiner berühmten Pilgerfahrt, wieder ein Bewohner von New⸗ ſtead Abtei geworden war, brachte die Nähe von Annes⸗ ley Hall die ganze Scene lebhaft vor ſein Auge und in einer poetiſchen Epiſtel an einen Freund gedenkt er der⸗ ſelben ſo: „Mein Lieb ſah ich nes Andern Braut, Hab' ſie an ſeinem Arm geſchaut; Ich ſah das Kind, das ſie gebar— Sein Lächeln, das der Mutter war, Als ſie, gleich mir, in Jugendluſt, Noch keiner Schuld ſich war bewußt; Ich ſah ihr Ang' empfindungsleer, Als ob kein Leid mir worden wär; Ich ſpielte meine Rolle gut, Verſchloß im Herzen meine Glut, Gab ihren eiſ'gen Blick zuruck; Doch fühlt' ich, daß nur ſie mein Glück! Ich küßt', als müßt' es nun ſo ſeyn, Das Kind, das ihres war, nicht mein, Und zeigt' in jeder Schmeichelei, Wie Liebe noch nicht fremd mir ſei.“*). „Um dieſe Zeit,“ ſagt Moore in ſeinem Leben Lord Byron's, nals er die Qual, welche ſein Herz durch ei⸗ *) Lord Byron's ſämmtliche Werke. Th. XII. S. 238. — 187— nen wirklichen Liebesgegenſtand duldete, ſo bitter fühlte und ausdrückte, ſchrieb er ſein Gedicht, Thyrzas, an einen erdichteten.“ Zur ſelben Zeit laſtete der Ver⸗ luſt mehrerer ſeiner früheſten und theuerſten Freunde, der Gefährten ſeiner heitern Schulknabentage auf ſeinem Herzen. Wir folgen hier wieder der ſchönen Ausdrucks⸗ weiſe Moore's, welcher mit dem gleichgeſtimmten und mächtig angreifenden Gefühle eines wahren Dichters re⸗ det:»Alle dieſe Erinnerungen an die Jugendlichen und Todten vermiſchten ſich in ſeinem Geiſte mit dem Bilde von ihr, die, obgleich noch am Leben, für ihn verloren war, wie jene, und goſſen jenes allgemeine Gefühl der Traurigkeit und der Liebe in ſeine Seele, das ſich in dieſen Gedichten ausſpricht. Das Verſchmelzen der zwei Neigungen in ſeinem Gedächtniſſe und ſeiner Einbildungs⸗ kraft erzeugte einen ideellen Gegenſtand, welcher die ſchönſten Züge beider verband und ihm jene ſchmerzlich⸗ ſten und zärtlichſten ſeiner Gedichte entrang, in welchen wir die ganze Tiefe und Innigkeit des wirklichen Ge⸗ fühls von einem ſolchen Lichte überſtrahlt finden, wie es keine Wirklichkeit je umgab.⸗ Eine junge, unſchuldige und unglückliche Liebe iſt, wie fruchtbar an Schmerz ſie auch für den Mann ſein mag, ein dauernder Gewinn für den Dichter. Sie iſt eine Quelle ſüßer und bitterer Phantaſien, erhabener und milder Gefühle, edler und erhebender Gedanken, welche in den tiefſten Falten des Herzens ſich einniſten, es inmitten der austrocknenden Kälte der Welt friſch — 488— erhalten und durch ihr gelegentliches Ausſtrömen und Ueberfließen zuweilen die ganze Friſchheit, die ganze Unſchuld und Begeiſterung jugendlicher Tage zurückrufen. Lord Byron war ſich dieſer Wirkung bewußt und hegte und nährte abſichtlich die Erinnerung ſeiner frühen Liebe und aller der damit verbundenen Scenen von Annesley Hall. Dieſe Erinnerung begeiſterte ihn zu einigen ſei⸗ ner kühnſten und edelſten Geiſtesflüge und goß eine un⸗ ausſprechliche Anmuth und Gefühlstiefe über ſeine beſten Erzeugniſſe. Indem ich ſo auf die Spuren dieſer kleinen Liebes⸗ geſchichte gekommen bin, kann ich nicht umhin, ihrem Faden zu folgen, wie ſie von Zeit zu Zeit in manch⸗ fachen Stellen von Lord Byron's Werken zur Erſchei⸗ nung kommen. Während ſeiner ſpätern Wanderungen in Oſten, als Zeit und Entfernung ſeinen„Jugendroman⸗ faſt zu der Erinnerung an einen lieblichen, wonnigen Traum gemildert hatten, erhielt er Nachrichten von dem Gegenſtande deſſelben, welche ſie noch in der väterlichen Halle, unter ihren heimiſchen Schattengängen von An⸗ nesley, von ſchönen, blühenden Kindern umgeben, aber doch als die Beute einer geheimen, verzehrenden Schwer⸗ muth ſchilderten. „—— In ihrer Heimath,— Wohl tauſend Meilen fern— wo ſie geboren, War ſie umringt von hoffnungsvollen Kindern, Der Schönheit Töchtern, Söhnen— aber wehl Auf ihrem Antlitz ſtand der Gram geſchrieben, — 189— Ein tiefer Schatten eines innern Streits, Und im unſteten Auge ein Verſchmachten, Als ſei es ſchwer von lang' verhaltnen Thranen.“**) Einen Augenblick ſcheinen die begrabene Zärtlichkeit früher Ingend und die ſchmeichelnden Hoffnungen, welche ſie begleiteten, in ſeiner Bruſt erwacht zu ſeyn und der Gedanke, ſein Bild möchte mit ihrem geheimen Schmerze verbunden ſeyn, dürfte ihn durchflammt haben; aber er wies dieſen Gedanken ſo raſch zurück, als er in ihm entſtanden war. „Was war es?— Hatte ſie doch, was ſie liebte, Und der ſie ſo geliebt, war ja nicht da Mit ſchnöder Hoffnung, mit Verwünſchung oder Aufricht'gem Schmerz zu trüben ihren Himmel. Was war ihr Leid?— Sie hatt' ihn nie geliebt, Ihm Urſach nie gegeben, es zu wähnen, Er konnte drum den Jammer nicht verſchulden, Der auf ihr lag, ein Spukbild des Vergangnen.“**) Die Urſache ihres Kummers war der Stoff ländli⸗ cher Erörterungen in der Umgegend von Newſtead und Annesley. Man dachte dabei nicht im Entfernteſten an Lord Byron, ſondern ſchrieb jene Schwermuth dem rau⸗ hen und launiſchen Benehmen eines Mannes zu, auf *) Lord Byron's ſämmtliche Werke, Th. XI. S. 54.»Der Traum.“ *½) Ebendaſelbſt S. 54. = 499 deſſen Güte und Liebe ſie geheiligte Anſprüche hatte. Der häusliche Kummer, der lange heimlich an ihrem Herzen genagt hatte, griff zuletzt ihren Geiſt an, und der„glänzende Morgenſtern von Annesley“ war für im⸗ mer verdunkelt. „Die Theure ſeines Herzens war verwandelt, Wie durch der Seele Krankheit, und ihr Geiſt War ſeiner Haft entnommen, ihre Augen Erglänzten nicht von eignem Feuer, nicht Von dieſer Erde ſprach der Blick, ſie war Von einer Zauberwelt die Königin, Ihr Sinn verknüpfte ganz geſchied'ne Diuge, Und Formen, undurchdringlich und unfaßlich Den Sinnen Andrer, waren ihr Spiel. Die Welt nennt Wahnſinn dies.“*) Ungeachtet des Zeitverlaufs, des Ortswechſels und einer Reihe glänzender und den Geiſt erregender Sce⸗ nen in mannigfachen Ländern, ſcheint die ruhige, holde Scene ſeiner Knabenliebe eine zauberhafte Gewalt über Lord Byrons Erinnerungen behalten zu haben und es iſt, als ob das Bild der Mary Chaworth ſich ſeinem Geiſte oft unvermuthet aufgedrängt habe, einer über⸗ natürlichen Heimſuchung ähnlich. Dies war der Fall bei Gelegenheit ſeiner Heirath mit Miß Milbanke. An⸗ nesley Hall und alle die theuern Erinnerungen daran ſchwammen wie ein Traumbild vor ſeinen Gedanken, *) Lord Byron's ſämmtl. Werke von Adrian. Th. XI. S. 55. — 491— ſelbſt als er am Altar ſtand und das Ehegelöbniß ab⸗ legte. Der Umſtand wird von ihm mit einer Kraft und Wärme erzählt, welche uns die Gewißheit der Wahr⸗ heit geben:— „Des Traumes Handlung wechſelte und ſieh, Der Wandrer war zurückgekehrt.— Ich ſah ihn Am Altaxe ſtehn mit einer zarten Braut; Hold war ihr Antlitz, doch es war nicht jenes, Des Knaben Sternenlicht!— Wie er ſo ſtand Am Altar, überwebte ſeine Züge Derſelbe Flor, der heft'ge Schmerzeskrampf, Der in der alterthümlichen Kapell' ihm Den Buſen preßte in der Einſamkeit; Drauf, ſo wie damals, einen Augenblick Lag das Unnennbare in ſeinen Zügen Wie auf'ner Tafel, ſchnell dann weggewiſcht. So ſtand er ſtumm und ruhig, und er ſprach Das Eh'gelübde, ohn' ein Wort zu hören; Und alles dreht' im Kreiſe ſich, nicht konnt' er, Was da war, ſeh'n, noch was da ſollte ſeyn. Doch das bemooste Haus, die trauten Hallen, Die wohlbekannten Zimmer und der Ort, Der Tag, die Stunde, Sonnenſchein und Schatten, Und was dem Ort, der Stunde angehörte, Und die, die ſein Verhängniß war, kam wieder; Sie drängeen zwiſchen ihn ſich und das Licht— Was wollten ſie doch damals dort von ihm?*) Die Geſchichte von Lord Byron's Heirath iſt zu be⸗ kannt, als daß derſelben hier erwähnt zu werden brauchte. „) Lord Byron's ſämmtl. Werke von Adrian. Th. NI. S. 55. Die Irrungen und Demüthigungen und der Groll, wel⸗ chen ſie zur Folge hatte, gab der Erinnerung an ſeine Jugendneigung noch mehr Kraft und quälte ihn mit dem Gedanken, wenn er in ſeiner Bewerbung um die lieb⸗ liche Erbin von Annesley glücklich geweſen wäre, hätten beide vielleicht ein glücklicheres Loos getheilt. Auf einem, lange nach ſeiner Verheirathung geſchriebenen Blatte gedachte er gelegentlich der Miß Chaworth unter der Bezeichnung:„Meine M. A. C.“—„Ach,“ ruft er mit einer plötzlichen Aufwallung des Gefühles aus:„wa⸗ rum ſag' ich meine? Unſere Verbindung würde Zwiſte geheilt haben, in welchen von unſern Vaͤtern Blut ver⸗ goſſen worden iſt; ſie würde ausgedehnte, reiche Lände⸗ reien verſchmolzen haben; ſie würde wenigſtens ein Herz gebunden und zwei, an Jahren nicht ſehr ungleiche Per⸗ ſonen vereinigt haben; und— und— und— was war das Reſultat!“ Doch genug von Annesley Hall und den ſich daran knüpfenden poetiſchen Erinnerungen. Mir war, als könnte ich Stunden lang in ſeinem verfallenen Betſaal, in ſeiner ſtillen Halle, in ſeinem verödeten Garten wei⸗ len und ſinnen und träumen, bis ich mich ganz von ei⸗ ner ideellen Welt umgeben fühlte. Der Tag nahte je⸗ doch raſch ſeinem Ende und die Abendſchatten warfen ein tieferes Dunkel der Schwermuth auf die Räume. Wir nahmen daher von der würdigen alten Haushälte⸗ rin, der wir eine kleine Belohnung und viele Dankſa⸗ — 195— gungen für ihre Artigkeit hinterließen, Abſchied, beſtie⸗ gen unſere Pferde und kehrten nach Newſtead Abtei zurück. Robin Hood und Sherwood Wald. Ich ergötzte mich während meines Aufenthaltes zu Newſtead Abtei oft, in der Umgegend umher zu reiten und zu wandern; die Spuren des luſtigen Sherwood Waldes zu verfolgen und die Aufenthaltsorte Robin Hood's zu beſuchen. Die Ueberreſte des alten Waldes ſind ſelten und zerſtreut; was aber den kühnen Geäch⸗ teten betrifft, welcher einſt hier eine Art Freibeuter⸗ Herrſchaft ausübte, ſo gibt es kaum einen Hügel oder ein Thal, eine Klippe oder eine Höhle, eine Quelle oder einen Brunnen in dieſem Theil des Landes, wo niger der Pachter auf der Beſitzung von Newſtead, zum Beiſpiele Beardall und Hardſtaff, klingen, als wenn ſie in alten Zeiten von verwegenen Genoſſen der geächteten Bande gerragen worden wären. Eines der früheſten Bücher, welche, als ich noch ein Kind war, meine Phantaſie feſſelten, war eine Samm⸗ lung von Robin Hood's Balladen,„mit Holzſchnitten verziert«, die ich von einem alten Schottiſchen Hauſirer 13 — 194— auf Koſten meiner ganzen Feiertags⸗Baarſchaft an mich brachte. Wie verſchlang ich die Blätter dieſes Buches— wie ſchaute ich auf die rohen Holzſchnitte! Lange Zeit war mein Geiſt voll von dem aluſtigen Sherwood“ und den Thaten und Gelagen der kühnen Jäger; Robin Hood, der kleine John, Bruder Tuck und ihre wackere Kameraden waren meine Romanhelden. Die jugendlichen Gefühle erwachten in hohem Grade wieder, als ich mich in dem Herzen des weltberühmten Waldes ſah und wie ich ſchon geſagt habe, ich empfand eine Art Schulknaben⸗Vergnügen, alle Spuren des al⸗ ten Sherwood und ſeiner kühnen Inſaſſen aufzufinden. Eine meiner erſten alterthümlichen Streifereien machte ich zu Pferd in Geſellſchaft des Obriſten Wildman und ſeiner Gattin, welche es über ſich nahmen, mich zu ei⸗ nigen der modernden Denkmäler des Waldes zu führen. Eines derſelben ſteht unmittelbar vor dem Thore des Newſtead⸗Parkes und iſt in der ganzen Gegend unter dem Namen ndie Pilger⸗Eichen bekannt. Es iſt ein ehrwürdiger Baum von großem Umfang, der eine weite Fläche der Straße überſchattet. Unter ſeinem Schatten waren die Landleute der Umgegend gewöhnt, ſich an ge⸗ wiſſen Feſttagen zu verſammeln und ihre ländlichen Feſt⸗ lichkeiten zu feiern. Dieſe Sitte iſt mehrere Menſchen⸗ alter hindurch vom Vater auf den Sohn übergegangen, bis die Eiche eine Art geheiligten Charakters erlangte. Der alte Lord Byron jedoch, in deſſen Augen nichts heilig war, verurtheilte, als er ſeine zerſtörende Hand — 195— an die Wälder und Haine von Nepſtead legte, auch dieſen alten Baum, durch das Beil zu fallen. Glück⸗ licher Weiſe erfuhren die guten Bewohner von Notting⸗ ham, welche Gefahr ihrer Lieblingseiche drohe und be⸗ eilten ſich, ſie vom Untergange loszukaufen. Später machten ſie dem Dichter, als er die Beſitzung bezog, ein Geſchenk damit und die Pilger⸗Eiche wird wahrſcheinlich ein Verſammlungsplatz für viele künftige Geſchlechter bleiben. Dieſen prachtvollen und von der Zeit geehrten Baum verließen wir, um unſere Wald⸗Unterſuchungen fortzu⸗ ſetzen und eine andere Eiche von höherem Alter aber minder blühendem Zuſtande aufzuſuchen. Ein Ritt von zwei oder drei Meilen, deſſen letztere Hälfte über offene, einſt mit Wald bedeckte, jetzt aber nackt und troſtlos daliegende Aecker führte, brachte uns zu dem fraglichen Baume. Es war die Eiche von Ravenshead, eines der letzten Ueberbleibſel des alten Sherwood, das ſich einſt gewiß in dem Walde höchlich auszeichnete. Es war jetzt ein bloßes Wrack, von der Zeit zerſchlagen, vom Blitz zerſplittert, allein in einer nackten Oede daſtehend, wie eine zertrümmerte Säule in einer Wüſte. „Die Landſchaft iſt jetzt öd' und leer, Wo einſt ein Wald ſtand, ſchön und hehr. *△**** O könnt' uns jene Eiche ſagen, Was alles ſich hier zugetragen, Seit ſie, ſo ſtarr jetzt, grau die Rinde, 13* — 4196— Die jungen Zweige bog im Winde; O ſagte ſie, wie tief der Schatten, Den ihr Geflecht warf auf die Matten! In meinem Schatten, würd' ſie ſagen, Die mächt'gen Hirſch am Mittag lagen, Und Reh und Rothwild mannigfalt Sprang hier durch luſt'gen, grünen Wald.“ In nicht großer Entfernung von der Ravenſtead⸗Eiche iſt eine kleine Höhle, welche unter dem Namen Robin Hood's Stall“ bekannt iſt. Sie iſt in dem Herzen ei⸗ nes Hügels in braunen Sandſtein gehauen und man be⸗ merkt rohe Verſuche, Säulen und Bögen nachzubilden. Im Innern ſind zwei Niſchen, welche, wie man erzählt, als Ställe für die Pferde des kühnen Geächteten dien⸗ ten. Wenn das Geſetz ihm ſcharf auf dem Nacken war, begab er ſich hierher, denn der Ort war ſelbſt für ſeine Bande ein Geheimniß. Die Höhle wird von einer Eiche und einer Erle überſchattet und man entdeckt ſie ſelbſt heute noch mühſam; als das Land mit Wald überkleidet war, muß ſie vollkommen derborgen geweſen ſeyn. Unſer Ritt führte größtentheils durch eine liebliche Wildniß und Einſamkeit. Unſer abſchweifender Weg wand ſich einmal in felſige Thalgewinde nieder, an ir⸗ renden Bächen und einſamen Teichen hin, welche nur von ſcheuen Waſſervögeln beſucht werden. Wir kamen durch einen Waldgürtel, von neuerer Anpflanzung zwar, aber doch füͤr einen rechtmäßigen Abkömmling des alten Waldes geltend und gewöhnlich„Sherwood⸗Schloß“ ge⸗ — 197— nannt. Als wir durch dieſe ſtille, einſame Landſchaft ritten, flogen dann und wann Rebhühner und Faſanen auf und Haſen ſtäubten vor uns davon. Ein anderer dieſer Streifritte nach Volksalterthümern führte zu einer Kette felſiger Klippen,„Kirkby Cragt⸗ genannt, welche die»Robin Hood Hügeln umgürten. Hier ließ ich mein Pferd am Fuße der Klippen und kletterte die zerklüfteten Seiten empor und ſetzte mich in eine Felſen⸗Niſche,„Robin Hood's Stuhl“ genannt. Man hat hier eine weite Ausſicht auf das Thal von Newſtead und der kühne Geächtete ſoll ſich hier oft nie⸗ dergeſetzt und auf die Straßen drunten ausgeſchaut ha⸗ ben, Kaufleute und Biſchöfe und andere reiche Reiſende erwartend, auf die er dann niederbrach, wie der Adler aus ſeiner Horſt. Ich kletterte die Klippen hinab, beſtieg mein Pferd wieder und kam, nachdem ich eine oder zwei Meilen weiter durch den engen, ſogenannten„Räuberpfadn, der ſich zwiſchen ſenkrechten Felſen zu den Hügeln empor wand, geritten war, zu einer künſtlichen, in einen Fel⸗ ſen gehauenen Höhle, mit Thüre und Fenſter, die in den lebendigen Stein verarbeitet waren. Sie hat den Namen„Zelle“ oder»Einſiedelei des Mönchs Tuckn, und der Sage zufolge pflegte dieſer luſtige Einſiedler hier mit ſeinen freibeuteriſchen Kameraden gute Tafel und lärmende Schmauſereien zu halten. Der Art waren einige der Spuren von dem alten Sherwood und ſeiner berüchtigten Freiſchaar, welche ich —— — 198— in den Umgebungen von Neywſtead beſuchte. Als der würdige Geiſtliche, welcher die Stelle eines Kaplans in der Abtei bekleidete, meinen Eifer für dieſen Gegen⸗ ſtand bemerkte, gab er mir Kunde von einem beträcht⸗ lichen Strich des alten Waldes, der ungefähr zehn Mei⸗ len von Newſtead noch beſtand. Er ſagte, es ſeien viele alte ſchöne Eichen dort, welche ſeit Jahrhunderten ſtün⸗ den, nun aber zerſchmettert und ahirſchkopfig⸗ wären, d. h. ihre obern Aeſte wären nackt und verwittert und ſtünden hinaus, wie die Geweihe eines Hirſches. Auch ihre Stämme wären hohl und voller Krähen und Doh⸗ len, welche ihre Neſter hineinbauten. Er reite gelegent⸗ lich an den langen Sommerabenden in den Wald hinüber und ergötze ſich, in der Dämmerung in den grünen Gän⸗ gen und unter den ehrwürdigen Bäumen zu weilen. Die von dem Kaplan mitgetheilte Beſchreibung machte mich neugierig, dieſes Ueberbleibſel des alten Sherwood zu beſuchen und er erbot ſich freundlich zu meinem Füh⸗ rer und Begleiter. Wir traten daher eines Morgens zu Pferd dieſen Waldzug an. Unſer Ritt ging durch einen Theil der Gegend, wo König Johann einſt einen Jagdſitz gehabt hatte, von dem man noch Trümmer ſe⸗ hen kann. Zu jener Zeit war die ganze Umgegend ein offener, königlicher Forſt, oder eine Freijagd, wie man es nannte, denn Johann war ein Feind von Parken, Wehren und andern Gehägen, durch welche das Wild zum Privatgebrauch und Ergötzen des Adels und der Geiſtlichkeit eingehalten wurde. — 199— Hier ſtand auf dem Gipfel einer ſanften Anhöhe, welche eine ausgedehnte Ausſicht auf die ehedem von Wald bedeckte Gegend darbot, ein anderer dieſer denk⸗ würdigen Bäume, welcher dieſer Gegend nach meiner Anſicht ein ganz beſonderes Intereſſe gab. Es war die „Parliaments⸗Eiche“, ſogenannt zum Gedächtniß einer Verſammlung, welche König Johann unter ihrem Schat⸗ ten halten ließ. Der Verlauf von beinahe ſechs Jahr⸗ hunderten hatte dieſen einſt mächtigen Banm zu einem bloßen zerbröckelnden Bruchſtück gemacht, doch gab, ei⸗ nem rieſigen Torſo von alter Bildhauerarbeit ähnlich, die Größe ſeines verſtümmelten Stammes noch Zeugniß von dem, was er in den Tagen ſeines Ruhmes ge⸗ weſen. Beim Beſchauen der alten Ueberreſte war die Phantaſie geſchäftig, ſich die Scene darzuſtellen, welche ſich dem Auge unter ihrem Schatten darbot, als dieſer ſonnige Hügel von dem Gepränge eines dem Krieg und der Jagd befreundeten Hofes erglänzte; als ſeidene Pa⸗ villone und Kriegerzelte ſeinen Kamm bedeckten und kö⸗ nigliche Fahnen und freiherrliche Banner und ritterliche Fähnlein ſich in dem Winde entfalteten; als Prälaten und Höflinge und in Stahl gekleidete Reiterei ſich um die Perſon des Monarchen drängten, während Jäger in grünen Gewändern und das ganze ländliche und zur Jagd gehörige Gefolge, das ſeiner Waidmannsluſt wartete, in der Entfernung umher ſtanden. „Tauſend Vaſallen warten rund Mit Pferd und Falken, Horn und Hund; — 290— Die Reiter ſtehn im Wald geſchaart, Der Falkner mit dem Vogel harrt, Der Jäger hält, im Waidgewand, Den raſchen Windhund an der Hand.“* Der Art war das phantaſtiſche Bild, das ſich in ei⸗ nem Augenblicke mir darſtellte und den ſtillen Platz vor mir mit leeren Schatten der Vergangenheit bevölkerte. Der Traum war jedoch vorübergehend; König, Höflinge, in Stahl gekleidete Krieger und Jäger in grünem Ge⸗ wande mit Horn, Falken und Hunden,— alles zerfloß wieder in Vergeſſenheit und mein Erwachen zeigte mir alles, was von dieſem einſt erregenden Schauſpiele menſch⸗ licher Pracht und Gewalt übrig war— eine modernde Eiche und eine Sage! „Wir ſind das Ding, aus dem ſich Träume bilden!“ Ein Ritt von wenigen Meilen weiter brachte uns endlich unter die ehrwürdigen, klaſſiſchen Sherwood⸗ Schatten. Ich war entzückt, mich hier in dieſem dicht bevölkerten und in hohem Grade angebauten Lande, im echten wilden Wald von urſprünglichem und natürlichen Wuchſe zu ſehen,— etwas ſo Seltenes! Ich wurde an die Urwälder meines Vaterlandes erinnert. Ich ritt durch natürliche Alleen und grüne Waldwege, die mit dem Teppich des Graſes belegt und von hohen, ſchönen Buchen beſchattet waren. Am meiſten zog es mich jedoch an, rundum die mächtigen Stämme alter Eichbäume, der Patriarchen des Sherwoodwaldes, zu ſehen. Es iſt wahr, — 201— ſie waren zerſchmettert, hohl, moosbewachſen, und ihr Laubſchmuck faſt ganz dahin; aber ſie waren, wie zer⸗ trümmernde Burgen in ihrem Verfalle edel und mahle⸗ riſch und zeugten ſelbſt in ihren Trümmern von ihrer ehemaligen Größe. Als ich um mich her anf dieſe Spuren des einſt „luſtigen Sherwoode blickte, begannen die Phantaſiebil⸗ der meiner Knabenzeit wieder in mir zu erwachen und Robin Hood und ſeine Lente ſich mir darzuſtellen. „Er kleidet ſich in Scharlach dann, Und ſeine Schaar war grün; Und keinen ſchönern Anblick gab's, So weit die Sonne ſchien. O Herr! es war ein ſchöner Blick, Sie all zu ſchau'n in Reih'n, An jeder Seit' ein gutes Schwert, Ein Bogen obendrein.“ Robin Hood's Horn ſchien wieder durch den Wald zu ſchallen. Ich ſah ſeine Waldreiterei, halb Jäger, halb Freibeuter, durch die fernen Thäler traben oder hinter den Bäumen ſchmauſen und zechen. Ich fuhr fort, in dieſer Weiſe alle die Scenen aus den Balladen zu verkörpern, welche mir als Knabe ſo viel Vergnügen ge⸗ macht hatten, als der ferne Klang einer Holzhauerart mich aus meinem Traume aufweckte. Die Beſorgniſſe, welche dieſe Töne in mir rege machten, erwieſen ſich nur zu bald als begründet; ich war keine große Strecke geritten, als ich zu einem offenem Raume kam, wo das Werk der Zerſtörung vor ſich ging. Um mich her lagen hingeſtreckt die Stämme ehrwürdiger Eichen, einſt die ſtolzen, prunkenden Gebieter des Waldes und eine An⸗ zahl Holzhauer hackten und hauten gerade wieder an einem rieſenhaften Baume, der ſeinem Falle eben ent⸗ gegen ſchwankte. Ach, der alte Sherwood Wald! Er iſt in den Be⸗ ſit eines edlen Landbebauers, eines modernen Vernütz⸗ lichers gefallen, der kein Gefühl für Poeſie oder Wald⸗ landſchaft hat. Noch eine kurze Weile und dieſes pracht⸗ volle Waldland wird der Erde gleich gemacht; ſeine grü⸗ nen Plätze werden in Weideplätze für Schafe umgewan⸗ delt; ſeine ſagenvollen Laubgänge mit Runkelrüben be⸗ pflanzt ſein und der aluſtige Sherwood“ wird nur in Balladen und Sagen leben. „O des poetiſchen Glaubens der alten Zeit!« dachte ich, ader jeden Hain heiligte, jedem Baum ſeinen Schutz⸗ gott oder ſeine Nymphe gab, und allen denen mit Un⸗ glück drohte, welche die Hamadryaden in ihren belaubten Wohnungen beunruhigten. Ach des ſchmutzigen Stre⸗ bens neuerer Zeit, wo Alles in Gold umgeprägt wird, und wo dieſer unſer Feſttagsplanet in eine bloße Werk⸗ tags⸗Welt umgewandelt worden iſt!“ Meine Phantaſiegeſpinnſte waren in die Flucht gejagt, meine Gefühle verſtimmt; ich verließ den Wald in einer ganz andern Stimmung, als ich ihn betreten hatte und ritt ſchweigend entlang, bis ich den Gipfel einer ſanften Anhöhe erreichte und der Klang der Abendglocke von einem fernen Dorfe auf dem Wind uber die Haide da⸗ her kam. Ich hielt an, um zu lauſchen. „Es iſt nur das Abendgeläute von Mansſteld,“ ſagte mein Begleiter. „Von Mansfield!“ rief ich. Es war dies wieder ein bekannter Name in dieſer ſagenreichen Gegend, wel⸗ cher jugendliche, freundliche Erinnerungen weckte. Die berühmte Ballade vom König und dem Müller von Mans⸗ field kam mir plötzlich in das Gedächtniß und der Klang der Abendglocken gab mir meine heitere Laune wieder. Als wir eine kleine Strecke weiter waren, kamen wir abermals auf die Spur von Robin Hood. Hier war Fountain Dale(Brunnenthal), wo er mit jenem verwegenen glatzköpfigen Mönch Tuck zuſammen kam, der eine Art frommen Kriegers war und abwechſelnd den Helm und die Kaputze trug. „Der kühne Mönch wohnt' ſieben Jahr In Fountain Dale, und mehr:; Da war kein Ritter oder Graf, Dem er gewichen wär'.“ Man zeigt den Graben noch, welcher die Veſte die⸗ ſes luſtigen, ſtreitbaren Mönchs umgeben haben ſoll und die Stelle, wo er und Robin Hood ihre Kraft und Mannbarkeit in dem denkwürdigen Kampfe verſuchten, der da währte — 204— „Von zehn Uhr in des Morgens frübe Bis vier am Nachmittag,“ und mit einem Friedens⸗ und Freundſchafts⸗Bündniß endigte. Die muthigen Thaten, welche dieſer geſchorne Bruder im Kampfe wie bei Tiſche verrichtete, ſind aus⸗ führlich in den alten Balladen und in den zaubervollen Blättern Ivanhve's aufgezeichnet. Der Abend war faſt angebrochen und die Dämmerung ſank nieder, als wir durch dieſe in der Geächteten⸗Ge⸗ ſchichte berühmten Orte ritten. Ein ſchwermüthiges Düſter ſchien ſich über die Landſchaft zu legen, wie wir entlang ritten; denn unſer Weg führte durch ſchattige Wälder und über nackte Haiden und einſame Pfade ent⸗ lang, welche durch unheilverkündende Namen bezeichnet waren, durch die das Engliſche Landvolk unheimliche Plätze noch unheimlicher macht. Wir mußten durch alle die Schauer des„Diebswaldes⸗ und des„Mörder⸗ Steins« und der„Hexen⸗Ecken in dem dichter werdenden Abenddüſter hindurch und waren bedroht, unſern Pfad von mehr als bloß menſchlichen Gefahren umlagert zu ſehen. Wir kamen jedoch glücklicherweiſe ohne jeden Unfall durch alle dieſe unheimlichen Orte und langten wohlbehalten an dem Thore der Newſtead Abtei an, mit unſerm Waldausflug höchlich zufrieden. Der Gee. Vor'm Hauſe wogt dahin ein klarer See, Durchſichtig, breit und tief, deß Spiegelglätte Ein Bach nährt, der herab von ferner Höh“ Gerauſcht, hier ſanftres Wellenſpiel gern hätte; Die wilde Ente ſchirmt, die ſchnatternde, Die junge Brut im feuchten Rohrſchilfbette; Am Rand hin ſieht man das Gehölz ſich zieh'n Und ſpiegeln auf der Flut ſein heitres Prün.“*) So ſchildert Lord Byron einen der ſchönen Waſſer⸗ becken, welche ehedem von den Mönchen dadurch gebildet worden waren, daß ſie den Lauf eines kleinen Baches eindämmten. Hier pflegte er ſich täglich ſeines Lieblings⸗ vergnügens, des Schwimmens und des Fahrens, zu er⸗ freuen. Der aböſe alte Herr“ hatte, ſeinem Zerſtörungs⸗ plane zufolge, alle Wälder niedergehauen, welche einſt die Ufer des Sees begränzt hatten; Lord Byron be⸗ mühte ſich, als er volljährig geworden, ſie wieder anzu⸗ pflanzen und ein hübſcher junger, von ihm angelegter Wald hängt nun über dem Saume des Waſſers und umkleidet die der Abtei gegenüber liegende Hügelſeite. *) Don Juan, Geſang 13, Lord Byron's ſämmtl. Werke, Th. VII, S. 54. — 206— Dieſem waldigen Thalwinkel hat Obriſt Wildman den paſſenden Namen die Dichter⸗Ecken gegeben.*) Der See hat auch ſeinen Antheil an den Sagen und Fabeln geerbt, die mit allem in und um Newſtead Abtei verbunden ſind. Er war ein kleines mittelländi⸗ ſches Meer, auf welchem der aböſe alte Herrn ſeine ſee⸗ männiſchen Liebhabereien und Launen geltend zu machen pflegte. Er hatte ſeine kleinen Schlöſſer und Feſtungen die Ufer entlang und ſeine kleinen Flotten auf dem Waſ⸗ ſer und pflegte kleine Seegefechte anſtellen zu laſſen. Die Ueberbleibſel ſeiner Miniatur⸗Befeſtigungen erwecken jetzt noch die Neugierde der Beſucher. In einer ſeiner grillenhaften Launen ließ er auf Rädern ein großes Schiff von der Seeküſte bringen und in den See laufen. Die Landleute waren erſtaunt, ein Schiff auf dieſe Art auf trocknem Lande ſegeln zu ſehen. Sie erinnerten ſich eines Spruches der Mutter Shipton, der berüchtigten Pöbel⸗ prophetin, demzufolge Newſtead aus dem Beſitz der Fami⸗ lie Byron kommen würde, wenn je ein Schiff mit Ling befrachtet, durch Sherwood⸗Wald fahren würde. 1 *) Bekanntlich heißt ein abgeſonderter Flügel der Weſtmün⸗ ſter⸗Abrei„die Dichter⸗Ecke“(Poet's Corner). Es iſt erfreu⸗ lich, daß Lord Byron fur ſich allein ein Poet's Corner hat, nachdem ſchaale Engherzigkeit ſeiner Leiche und nun auch ſeiner Statue von Thorwaldſon die Aufnahme in der Weſtminſter⸗Abtei verweigert hat. Wahrlich, die Zeit wird kommen, wo dieſe Statue im Triumphe dort aufgeſtellt wird! — 267— Das Landvolk, das den alten Herrn verabſcheute, be⸗ mühte ſich ſehr, die Weiſſagung zu bewahrheiten. Im Dialekte von Nottingham iſt Ling der Name für Haide; mit dieſer Pflanze beluden ſie das verhängnißvolle Boot, ſo daß es voll befrachtet zu Newſtead ankam. Die bedeutendſten Geſchichten vom See beziehen ſich jedoch auf die Schätze, welche, wie man annimmt, in ſeiner Tiefe verborgen liegen. Dieſe Sage mag ſich auf eine wirkliche Thatſache gründen. Aus einem tiefen Theile des Sees wurde einſt ein großer Adler von Erz⸗ guß mit ausgebreiteten Flügeln und auf einem Fußge⸗ ſtelle oder einer Stange von demſelben Metalle ſtehend, gezogen. Er hatte ohne Zweifel als ein Geſtell oder Leſepult in der Abteikirche gedient, um eine große Bibel oder das Meßbuch zu tragen. Dieſes kirchliche Ueberbleibſel wurde zu einem Kupfer⸗ ſchmied geſchickt, um gereinigt zu werden. Als er da⸗ mit beſchäftigt war, entdeckte er, daß das Fußgeſtell hohl und aus mehreren Stücken zuſammengeſetzt war. Er nahm dieſe auseinander und fand darin eine Anzahl von Pergament⸗Urkunden und Privilegien, welche ſich auf die Abtei bezogen und die Siegel Eduards des Dritten und Heinrichs des Achten trugen; ſie waren auf dieſe Weiſe von den Mönchen verborgen und zuletzt in den See verſenkt worden, um in ſpäteren Zeiten ihr Recht und ihre Anſprüche auf dieſe Beſitzungen darlegen zu können. Eine dieſer ſo entdeckten Pergamentrollen warf ein ziemlich ungünſtiges Licht auf die Lebensweiſe, welche — —— — 208— die Mönche von Newſtead geführt hatten. Es iſt ein für eine gewiſſe Anzahl Monate ihnen gewährter Ablaß, durch welchen ihnen im Voraus vollkommene Vergebung aller Arten Verbrechen zugeſichert iſt, unter denen viele der ſinnlichſten und gröbſten namentlich angeführt ſind. Nach Anſicht dieſer Zeugniſſe über das Mönchsleben in den Umgebungen des Sherwood⸗Waldes ſetzt uns die tugendhafte Entrüſtung Robin Hood's und ſeiner geäch⸗ teten Schaar über die geſchornen Wollüſtlinge des Klo⸗ ſters nicht mehr in Erſtaunen:— *⁴ »Dem Landmann thu’ ich nimmer weh, Der fleißig baut den Grund, Noch mord' ich den, der frei den Wald Durchſtreift mit Falk' und Hund. Mein Hauptgroll trifft die Geiſtlichkeit, Jetzt allgewalt'ge Leut', Bei Monch und Pfaff und ihren Schätzen Such' ich die beſte Beut'.“*) Der eherne Adler iſt in die Pfarr⸗ und Stiftskirche zu Southall, ungefähr zwanzig Meilen von Newſtead, gebracht worden, wo er noch in der Mitte der Kanzel, wie ehedem eine gewichtige Bibel tragend,⸗ zu ſehen iſt. Die Pergamente, welche derſelbe enthielt, werden vom Obriſt Wildman unter ſeinen übrigen Papieren und Urkunden in einer eiſernen Kiſte, die mit einem Patent⸗ *) Alte Ballade von Robin Hood. — 209— ſchloſſe von neun Riegeln, faſt einem Zauberbann ähn⸗ lich, verſehen iſt, ſorgfältig aufbewahrt. Das Auffinden dieſes ehernen Denkmals hat, wie bereits angedeutet worden, Veranlaſſung zu der Sage von Schätzen gegeben, welche in der Tiefe des Sees verborgen liegen ſollen, und welche von den Mönchen hinein geworfen worden, als ſie die Abtei verließen. Die Lieblingsgeſchichts lautet, es liege dort eine grofie eiſerne Kiſte, mit Gold und Juwelen, Kelchen und Crucifixen angefüllt; ja, als einſt das Waſſer des Sees ungewöhnlich tief geſtanden habe, ſei ſie geſehen worden. Es waren an jedem Ende ſtarke eiſerne Ringe, aber alle Verſuche, ſie zu heben, waren vergeblich; entweder war das Geld, das ſie enthielt, zu ſchwer, oder, was wahr⸗ ſcheinlicher iſt, ſie war durch einen Zauber, wie ſie ge⸗ wöhnlich auf verborgenen Schätzen liegen, in die Tiefe gebannt. Sie bleibt ſonach bis auf den heutigen Tag auf dem Grunde des Sees und es iſt zu hoffen, daß ſie einſt von dem jetzigen würdigen Beſitzer gefunden werde. — 2140— Die Dohlen-Zelle. Während meines Aufenthalts in der Abtei vertauſchte ich meine Wohnung mit dem prachtvollen alten Staats⸗ gemache, in welchem Sir John Byron der Kleine ſpukte, mit einer, andern in einem entlegenen Winkel des alten Gebäudes, unmittelbar an der zerfallenen Kirche. Dieſes hatte in meinen Augen ein weit größe⸗ res Intereſſe, da es das Schlafgemach Lord Byron's, ſo lange er die Abtei bewohnte, geweſen war. Das Geräthe war daſſelbe geblieben; das Bett, in welchem er geſchlafen und das er von der Univerſität mitgebracht hatte; die vergoldeten Pfoſten, oben mit Kronen ge⸗ ziert, gaben Zeugniß von ſeinen ariſtokratiſchen Gefüh⸗ len. Auch ſein Univerſitäts⸗Sopha ſtand hier; an den Wänden hingen die Portraits ſeines Lieblings⸗Mund⸗ ſchenks, des alten Joe Murray; ſeines„Mode⸗Bekann⸗ ten,“ des Boxers Jackſon, mit den Gemälden von Harrow Schule und dem College zu Cambridge, in welchem er erzogen worden. Das Schlafgemach hat den Namen die„Dohlen⸗ Zelle,“ wegen der Nähe der Dohlen, die ſeit undenk⸗ licher Zeit von einem hehren, an die Kirche ſtoßenden — 2411— Wäldchen Beſitz genommen haben. Dieſe ehrwürdige Gemeinde gab mir während meines Aufenthaltes in die⸗ ſem Gemache vielen Stoff zum Nachdenken. Am Mor⸗ gen pflegte ich ſie allmählig erwachen und, wie es ſchien, einander aufrufen zu hören. Nach einiger Zeit kam die ganze Geſellſchaft in Bewegung; einige wiegten und ſchwangen ſich auf den Baumwipfeln, andere ſaßen auf den Zinnen der Abteikirche oder kreisten und ſchwebten in der Luft und die zerfallenen Mauern pflegten von ihrem unabläſſigen Krächzen widerzuhallen. Auf dieſe Weiſe weilten ſie in dem Dohlenwäldchen und deſſen Umgebungen waͤhrend des erſten Theils des Morgens, worauf ſie, nachdem ſie, wie es den Anſchein hatte, ihre Macht gemuſtert und die Anweſenden verleſen hatten, auch ihrer Marſchlinie wegen übereingekommen waren, ſammt und ſonders in einer langgedehnten Linie davon flogen, um ferne Fluren zu plündern. Sie durchſtreiften die Gegend Meilenweit und blieben den ganzen Tag draußen, nur daß dann und wann ein Späher nach Hauſe kam, gewiſſermaßen um zuzuſehen, ob noch alles im rechten Zuſtande wäre. Gegen die Nacht konnte man das ganze Heer, wie eine dunkle Wolke in der Entfer⸗ nung, ihren Wohnſitzen zufliegen ſehen. Sie kamen ſo⸗ zuſagen mit Freudengeſchrei und Jubel, kreisten hoch in der Luft über der Abtei und machten manchfaltige Schwän⸗ kungen, bevor ſie ſich niederließen, und vollführten dann lange noch ein grimmiges Gekrächz in den Baumwipfeln, bis ſie allmaͤhlig in Schlaf verfielen. 14* — 212— Man hat in der Abtei die Bemerkung gemacht, daß die Dohlen, obgleich ſie jeden Tag in der Woche ihre regelmäßigen Streifzüge machen, an Sonntagen in der Nähe des ehrwürdigen Gebäudes verweilen, als hätten ſie von ihren alten»confrères«, den Mönchen, eine Ehr⸗ furcht vor dieſem Tage geerbt. In der That könnte ein Anhänger der Lehre von der Seelenwanderung auf die Anſicht kommen, dieſe agothiſch“ ausſehenden Vögel ſeien die verkörperten Seelen der alten Mönche, die ſtets noch in der Umgebung ihres frommen Sitzes walten. Ich ſtöre ungern jede Art Volks⸗ oder politiſchen Glaubens und mag daher in keiner Weiſe die Aechtheit dieſer geheimnißvollen Achtung vor dem Sonntag von Seiten der Dohlen von Newſtead in Abrede ſtellen; kann aber verſichern, daß ich ſie während meines Aufenthalts in der Dohlenzelle an einem hellen Sonntagmorgen auf einem verbrecheriſchen Ausflug und Streifzug ertappt habe. Auſſer dem gelegentlichen Gekrächze vom Dohlen⸗ wäldchen herüber hörte man in dieſem entlegenen Ge⸗ mache auch oft Töne anderer Art aus den benachbarten Ruinen. Das große Fenſter auf der Vorderſeite der Kirche ſtößt unmittelbar an die Wand des⸗Zimmers und die geheimnißvollen Töne, welche Nachts aus demſelben kommen, ſind von Lord Byron ſchön beſchrieben worden:— ——„Bald lant, bald ſchwächer ſtreift Der Wind durch's Schnitzwerk hin und Eulen ſingen Ihr Grablied her, von wo ſonſt Chorgeſang Mit Hallelujah Aller Herz durchdrang. — 213— Doch zu des Mondes Mittagszeit, und wann Der Wind aus Nord⸗Nord⸗Oſt will kund ſich geben⸗ Hört man geſpenſtig⸗ſchaur'ge Klänge daun Hellſchrillend durch die rieſ'ge Wölbung beben, Wie Dodgeächz ſich ſenken und erheben. Wohl hört's als ferner Widerhall ſich an Vom Nachtwind, der da ſanſt am Waſſerfalle Und klingend wird im Graungewölb der Halle. Auch kann verfall'ne Form, wie Manche wähnen, Ein Steinbruch oder ſonſt etwas durch Stöhnen Des Echo's dieſe Trümmer ſo verſchönen, Indem's trüb heiter durch die Wölbung ſchrillt. Nicht weiß ich Grund zu nennen von dem Klange, Doch hört' ich ihn, ja, faſt einmal zu lange.“*) Nie war ein Reiſender, der dem Romantiſchen nach⸗ ſpürte, glücklicher. Ich war in der That wieder in ein Geſpenſterzimmer der Abtei gewieſen worden, denn Lord Byron hatte erklärt, in dieſem Gemache ſei er mehr als Ein Mal um Mitternacht von geheimnißvollen Beſuchern beunruhigt worden. Ein ſchwarzes unförmliches Weſen pflegte niedergekauert auf ſeinem Bette zu ſitzen und wenn es ihn eine Zeitlang mit blitzenden Augen ange⸗ ſehen, ſich wegzuwälzen und zu verſchwinden. Dieſelbe ſeltſame Erſcheinung ſoll den Schlaf eines neu verhei⸗ ratheten Paares beunruhigt haben, das einſt ſeinen Ho⸗ nigmonat in dieſem Gemache verbrachte. —— 4 *) Don Juan, Geſang 13. Lord Byrons ſämmtl. Werke, Th. VII, S. 55 ff. — 214— Ich muß bemerken, daß zu der Dohlen⸗Zelle eine ſteinerne Wendeltreppe führt, welche aus der langen, düſtern Galerie über den Kreuzgängen, einem der mittel⸗ nächtlichen Gänge des Kobold⸗Mönchs, wie in einen Thurn hinauf geht. Gewiß verdanken wir den phantaſtiſchen Geſtalten, welche ſich in dieſem entlegenen Gemache in Lord By⸗ ron's Gehirn erzeugten und durch den gäng' und geben Aberglauben der Abtei verkörpert wurden, die Geſpen⸗ ſter⸗Scene in Don Juan:— „War kühl die⸗Nacht dann, aber hell und rein, So riß Don Juan die Thur' auf und kewegte Sich nach dem Bogengang, den matter Schein Erhellt' und der manch uralt Bildniß hegte, Heroiſch all' und keuſch noch obendrein, Wie jeder Adlige zu ſein es pflegte. ****„* Nur ſeine Seufzer, ſeine Dritt' erklangen In dumpfem Widerhall durch's alte Haus: Da hört er(oder wähnt: er hört') im langen Gewölbgang ein Geſpenſt, auch wohl'ne Maus, Die Manchem einen Schreck pflegt einzujagen, Hört er ſie raſchelnd unterm Deppich nagen. Doch war es keine Maus— ein Mönch iſt's, ſchau! Mit Kutt' und Betkranz, angethan ſo grau Im Mondlicht— dann verſchwindet er am Gitter; Schwer tritt er auf und doch nicht hörbar tritt er; Geräuſch macht nur's Gewand, ſo grob und rauh! Den grimmen Schickſalsſchweſtern ähnlich ſchritt er⸗ Doch leiſ' und als er hinſchwebt au Don Juan, Blickt er ihn ſtumm, doch hellen Auges an. — 215— Don Juan war wie verſteint. Zwar der und dieſer Von einem Geiſt in dieſen Hallen ſprach; Doch gleich den Meiſten in das Reich des Nichts verwies er Gerächt, wie's oft ſchallt wüſten Schlöſſern nach; Ein Goldgepräg' des Aberglaubens hieß er Es, das Geſpenſtern gibt den Stempelſchlag; Doch ſieht man ſie, wie altes Goldgeld, ſelten— Und was er ſah— war's Dunſt? was war's, potz Velten? Zwei, drei Mal ſchritt's vorüber, wunderbar! Mocht's nun aus Luft, aus Erd', aus Himmel nahen, Ob's gar Bewohner andern Ortes war; Hin ſtarrte Juan, doch was die Augen ſahen, Bannt ihn wie eine Statua; ſein Haar Will wie mit Schlangen ihm das Haupt umfahen; Die Zunge regt' er, doch das Wort verſagte, Das nach des würd'gen Herrn Begehren fragte. Nach langer Pauß' entſchwand zum dritten Mal Der Schatten— doch wohin mocht' er entſchwinden? Lang war der Gang, viel Thüren drin zur Wahl, Sich ſelbſt als Spuck natürlich anzukünden, Weil nach Naturgeſetz ohn' alle Qual So Groß wie Klein konnt' Ein⸗ und Ausgang finden; Doch war von Juan es keineswegs erkannt, Durch welchen Ausgang das Geſpenſt verſchwand. Er ſtand— wie lange will ſich nicht ergeben, Ihn dünkt ein Jahr— erwartungsvoll, erſchlafft, Starr hin den Blick, wo er ſich's ſah entheben: Dann ſammelt er allmählig ſeine Kraft; Gern wollt' er glanben, Traum hielt ihn in Haft, Der ihn nicht los ließ; dennoch merkt' er eben, Er wache wirklich. Halb der Ohnmacht nah, Er endlich wieder im Gemach ſich ſah.“*) *) Don Juan, Geſ. 16. Lord Byron's ſammtl. Werke, Th. VII, S. 149. u. ff. — 216— Es iſt, wie ich bereits bemerkt habe, ſchwer zu ent⸗ ſcheiden, ob Lord Byron den abergläubiſchen Anſichten, welche man ihm zugeſchrieben hat, wirklich unterworfen war, oder ob er ſich blos ergötzte, indem er ſie unter ſeiner Dienerſchaft und den Hausangehörigen verbreitete. Er nahm gewiß niemals Anſtand, ſeinen Glauben an übernatürliche Heimſuchungen ſowohl mündlich wie in ſeinem Briefwechſel auszuſprechen. Wenn er dieſe Schwäche hatte, war die Dohlen⸗Zelle ein wunderſamer Platz für die Ausgeburt ſolcher Täuſchungen. Wenn ich Nachts wachend Nag, hörte ich aller Arten geheimniß⸗ voller Töne und Seufzer aus der benachbarten Ruine herüberdringen; auch ferne Fußtritte und das Zuſchlagen von Thüren in entlegenen Theilen der Abtei pflegten hohle Widerhalle und Echos die Galerie entlang und die Wendeltreppe herauf zu ſchicken. Einmal wurde ich allen Ernſtes durch einen ſeltſamen klagenden Ton ge⸗ rade vor der Thüre meines Gemaches aufgeſchreckt. Ich öffnete die Thüre und eine Geſtalt,„ſchwarz und un⸗ förmlich, mit blitzenden Augenn, ſtand vor mir. Es er⸗ gab ſich jedoch, daß es weder ein Geiſt, noch ein Ko⸗ bold, ſondern mein Freund Boatswain, der große Neu⸗ fundländer Hund war, der ein geſelliges Gefallen an mir gefunden hatte und mich dann und wann in meinem Gemache beſuchte. Den Umgängen ſolcher Beſuchen wie der ehrliche Boatswain müſſen wir einige der wun⸗ derbaren Geſchichten von dem Kobold⸗Mönch zuſchreiben. — 947— Die kleine weisse Dame. Einer meiner Morgenritte, welchen ich in Geſellſchaft des Obriſten Wildman auf den Ländereien der Abtei machte, führte uns in eines der ſchönſten kleinen wilden Wäaͤlder, die man ſich nur denken kann. Der Weg ging anfangs durch felſige, mit dichtem Geſträuch überhan⸗ gene Schluchten; dann trappten wir durch Birkengebüſch und unter ſchönen Wäldchen und Gruppen von Ulmen und Buchen dahin. Wiederholt durchſchnitt ein ſilber⸗ heller Bach, der ſich in manchfachen Wendungen hin und her ſchlängelte, unſere Pfade, ſo daß er dem Wald das Anſehen gab, als würde er durch zahlreiche Quellen bewäſſert. Der einſame, romantiſche Anblick dieſes Wald⸗ ſtückes und das häufige Begegnen des ſich ſchlingenden Waſſers erinnere ihn, ſagte Obriſt Wildman, an das kleine deutſche Feen⸗Mährchen„Undinen, in welchem die Begebenheiten eines Ritters erzählt werden, der ſich mit einer Waſſernixe verheirathet hatte. Als er mit ſei⸗ ner Braut durch ihre heimathlichen Waͤlder ritt, ſprach jeder Bach ſie als eine Verwandte an; der eine war ein Bruder, der andere ein Oheim und der dritte ein Vetter. — 218— Uns damit ergözend, daß wir dieſe ſinnreiche Erzäh⸗ lung auf die reizende Scenerie um uns her anwendeten, erreichten wir ein einſames, graues, ſteinernes Pacht⸗ haus von hohem Alter, das in einem einſamen Thale, an dem Rande des Baches lag und von ehrwürdigen Bäumen überſchattet war. Wie ich erfuhr, war es un⸗ ter dem Namen der Weir Mill Meierei bekannt. Mit dieſem ländlichen Hauſe an dem wilden daranſtoßenden Walde war eine kleine Erzählung aus dem wirklichen Leben verknüpft, von dem man mir manche Umſtände an Ort und Stelle erzählte, während ich andere wäh⸗ rend meines Aufenthaltes in der Abtei zu ſammeln Ge⸗ legenheit hatte. Kurz nachdem Obriſt Wildman die Beſitzung von Newſtead an ſich gekauft hatte, beſuchte er dieſelbe, um ſeine Plane zu den nöthigen Ausbeſſerungen und Aende⸗ rungen zu entwerfen. Als er eines Abends in der Däm⸗ merung in Geſellſchaft ſeines Baumeiſters dieſes kleine Stück Waldland durchſtreifte, fiel ihm das eigenthümlich Charakteriſtiſche deſſelben auf und er verglich es damals ſogleich mit dem Zauberwald der Undine. Während er dieſe Bemerkung machte, eilte ein kleines weibliches We⸗ ſen, weiß gekleidet, vorüber, wurde, als ſie vorbei kam, kaum gehört und ihre Geſtalt verſchwamm in der ⸗Däm⸗ merung. „Welch eine Geſtalt,“ rief Obriſt Wildman aus, nfür eine Fee oder ein Geſpenſt? wie viel könnte ein Dichter oder ein Romanſchreiber aus einer ſolchen Er⸗ — 249— ſcheinung zu einer ſolchen Zeit und an einer ſolchen Stelle machen!«. Er begann ſich Glück zu wünſchen, daß er eine Elfe zur Bewohnerin ſeines Zauberwaldes habe, als er einige Schritte weiter einen weißen Buſenſtreif im Wege lie⸗ gen ſah, welcher der eben vorüber gekommenen Geſtalt augenſcheinlich entfallen war. „Gut,« ſagte er,„dies iſt nach allem weder ein Ge⸗ ſpenſt noch eine Fee, ſondern ein Weſen von Fleiſch und Blut und Muſſelin.⸗ Seinen Weg verfolgend, kam er an einer alten, Ange⸗ ſichts der Abtei liegenden Mühle vorbei. Die Müllers⸗ leute waren an der Thüre. Er hielt an und erkundigte ſich, ob Beſuch in der Abtei geweſen, erhielt aber eine verneinende Antwort. „Iſt niemand hier vorbei gekommen?⸗ „Niemand, Herr!« „Das iſt ſeltſam! Ich bin doch einem weiblichen Weſen begegnet, das dieſen Weg entlang gekommen ſein muß!« „O Herr, ihr meint die kleine weiße Dame— o ja, ſie kam kaum erſt hier vorbei!« „Die kleine weiße Dame? Sagt mir doch, wer iſt denn dieſe kleine weiße Dame 24 „Ei, Herr, das weiß Niemand. Sie wohnt in der Weir Mill Meierei, drunten an dem Waldſaum. Sie kömmt jeden Morgen in die Abtei, bleibt dort den gan⸗ zen Tag und geht Nachts wieder weg. Sie ſpricht mit — 220— Niemanden und wir fürchten uns faſt vor ihr, denn wir wiſſen nicht, was wir aus ihr machen ſollen. Obriſt Wildman dachte nun bei ſich, es möchte eine Künſtlerin oder Kunſtfreundin ſein, welche ſich damit beſchäftigte, Skizzen von der Abtei zu entwerfen, und vergaß die Sache. Er ging nach London und war eine Zeitlang abweſend. In der Zwiſchenzeit kam ſeine Schweſter, die ſich eben verheirathet hatte, mit ihrem Gatten in die Abtei, um den Honigmonat hier zuzu⸗ bringen. Die kleine weiße Dame wohnte noch in der Weir Mill Meiexei, an dem Saume des Zauberwaldes und ſetzte ihre täglichen Beſuche in der Abtei fort. Ihre Kleidung war ſtets dieſelbe, ein weißes Kleid mit einem kurzen ſchwarzen Spanier oder Leibchen und ein weißer Hut mit einem kurzen Schleier, der den obern Theil ihres Geſichtes bedeckte. Sie war ſcheu, einſam, ſtumm; ſie ſprach mit Niemand, und ſuchte keine Geſellſchaft, die des Neufundländer Hundes ausgenommen, der Lord Byron gehört hatte. Sie erwarb ſich ſeine Freundſchaft dadurch, daß ſie ihn liebkoste und ihm dann und wann zu eſſen brachte; er wurde der Begleiter ihrer einſamen Wanderungen. Sie vermied alle Fremde und ging in den entlegenen Theilen des Gartens umher; manchmal ſaß ſie Stundenlang unter dem Baume, in welchen Lord Byron ſeinen Namen eingeſchnitten hatte, oder am Fuße des Monumentes, das er unter den Trümmern der Kirche errichtet hatte. Zuweilen las ſie, zuweilen ſchrieb ſie mit einem Stifte auf eine kleine Schiefertafel, — 2924— welche ſie bei ſich trug; ihre meiſte Zeit brachte ſie aber in einer Art Träumerei hin. Die Leute umher gewöhnten ſich allmählig an ſie und ließen ſie unbeachtet herum gehen. Ihr Mistrauen gegen ſie legte ſich, als ſie entdeckten, daß ihre wunder⸗ lichen und einſamen Sitten größtentheils in dem Unglücke ihren Grund hatten, daß ſie Taubſtumm war: man be⸗ trachtete ſie immer noch mit einer gewiſſen Scheu, denn die Anſicht hatte ſich allgemein geltend gemacht, ſie ſei nicht ganz bei Sinnen. Die Schweſter des Obriſten Wildman erfuhr alle dieſe Umſtände durch das Geſinde der Abtei, unter wel⸗ chem die kleine weiße Dame häufig der Gegenſtand des Geſprächs war. Da die Abtei und ihre klöſterlichen Umgebungen bezauberter Boden waren, ſo war es na⸗ türlich, daß eine geheimnißvolle Beſucherin dieſer Art, und welche man unter dem Einfluſſe geiſtiger Verwirrung glaubte, einer an dem Orte nicht heimiſchen Perſon Furcht einflößte. Als Obriſt Wildman's Schweſter eines Tags die breite Gartenteraſſe entlang ging, ſah ſie plötz⸗ lich die kleine weiße Dame auf ſich zukommen; und in der Ueberraſchung und Erregtheit des Augenblicks kehrte ſie um und lief in das Haus. Tag um Tag verging nun und man ſah nichts mehr von dieſem ſeltſamen Weſen. Obriſt Wildman kehrte endlich in die Abtei zurück und ſeine Schweſter erzählte ihm die Begegnung und ihren Schrecken im Garten. Er erinnerte ſich ſeines eigenen Abenteuers mit der klei⸗ — 222— nen weißen Dame in dem Undinen⸗Walde und war er⸗ ſtaunt zu hören, daß ſie ihre geheimnißvollen Wande⸗ rungen um die Abtei noch fortſetzte. Das Geheimniß hellte ſich bald auf. Unmittelbar nach ſeiner Ankunft erhält er einen Brief, in der kleinſten und zarteſten Hand⸗ ſchrift geſchrieben und in einem zierlichen und ſebſt be⸗ redten Style abgefaßt. Er war von der kleinen weißen Dame. Die plötlliche Flucht der Schweſter des Obriſten Wildman, als ſie ihrer in dem Garten anſichtig gewor⸗ den, war ihr nicht entgangen, und hatte ſie beſtürzt und ſie drückte ihr Bedauern aus, daß ſie für jemand aus ſeiner Familie ein Gegenſtand der Beunruhigung ſei. Sie erklärte die Gründe ihrer langen und häufigen Be⸗ ſuche der Abtei; dieſe beſtanden in einer ſeltſam begei⸗ ſterten Vergötterung des Genies Lord Byron's und in einem einſamen, leidenſchaftlichen Vergnügen bei dem Beſuche der Orte, die er einſt bewohnt hatte. Sie deu⸗ tete auf ihre Krankheit, welche ſie von allem geſelligen Verkehr mit ihren Mitgeſchöpfen abſchneide, und auf ihre troſtloſen und verwaiſten Lebenstage hin und ſchloß mit der Hoffnnng, er würde ſie nicht ihres einzigen Troſtes— der Erlaubniß beranben, die Abtei dann und wann zu beſuchen und in den Gängen und Gärten zu verweilen. Obriſt Wildman ſtellte nun weitere Nachforſchungen hinſichtlich ihrer an und erfuhr, daß ſie bei den Leuten der Meierei, bei welchen ſie wohnte, wegen der Freund⸗ lichkeit, der Stille und Unſchuld ihrer Sitten ſehr beliebt — 225— ſei. Wenn ſie zu Haus war, brachte ſie einen großen Theil ihrer Zeit in einem kleinen Zimmer leſend und ſchreibend hin. Obriſt Wildman beſuchte ſie alsbald in der Meierei. Sie empfing ihn mit einiger Unruhe und Verlegenheit; ſeine Gradheit und Leutſeligkeit beruhig⸗ ten ſie aber bald. Ihre Jugendblüthe war dahin; ſie war ein bleiches, gebrechliches, nervenſchwaches, kleines Geſchöpf, das faſt aller Si Sinmenorgane beraubt war; denn, abgerechnet, daß ſie taubſtumm war, ſah ſie nur ſelr unvollkommen. Sie unterhielten ſich vermittelſt eines kleinen Schieferblattes, das ſie aus ihrem Arbeitsbeutel nahm und auf welches ſie ihre Fragen und Antworten ſchrieben. Beim Schreiben und Leſen brachte ſie ihre Augen ſtets ganz nahe an die geſchriebenen Buchſtaben. Zu dieſer mangelhaften Organiſation geſellte ſich eine hohe Reizbarkeit, welche faſt zur Krankheit ſtieg. Sie war nicht taubſtumm geboren, hatte aber ihr Gehör in einer Krankheit und damit auch die Fähigkeit der Sprache verloren. Ihr Leben war augenſcheinlich vielfach getrübt und unglücklich geweſen; ſie war, wie es ſchien, ohne Freunde und Familie, ein einſames, verlaſſenes Ge⸗ ſchöpf, durch ihre Uebel von der Welt abgeſchnitten. „Ich bin faſt unter Fremden,“ bemerkte ſie,»in meiner Heimathgegend in einem eben ſo hohen Grade, als ich es in dem entfernteſten Welttheile ſein könnte. Von Allen werde ich als eine Unbekannte und Fremde angeſehen; Niemand will eine Verbindung mit mir Armen kennen; ich ſcheine nicht zu dem menſchlichen — 224— Geſchlechte zu gehören, noch als dazu gehörig betrachtet zu werden.“ Dies waren die Einzelheiten, welche Obriſt Wild⸗ man in dem Laufe ſeines Beſuches von ihr erfahren konnte und ſie nahmen ihn ſehr zu Gunſten der armen Dichterfreundin ein. Er ſelbſt war ein zu frommer Be⸗ wunderer Lord Byron's, um in dieſem auſſerordentlichen Eifer nicht mit einer ſeiner Verehrerinnen zu ſympathi⸗ ſiren. Er bat ſie, ihre Beſuche in der Abtei zu wieder⸗ holen und verſicherte ſie, das Gebände und deſſen Län⸗ dereien ſeien ſtets für ſie offen. Die kleine weiße Dame begann jetzt wieder, in dem Kloſtergarten umher zu gehen und ſich dann und wann am Fuße des Denkmals nieder zu ſehen; ſie war jedoch ſchen und mistrauiſch und fürchtete augenſcheinlich durch ihre Anweſenheit läſtig zu fallen. Wenn Leute in dem Garten ſpazieren gingen, vermied ſie dieſelben und ſuchte die entlegenen Theile auf, wo man ſie, wie ein Geſpenſt, nur zufällig auf einen Augenblick dahin ſchweben und dann im Laubwerk und Gebüſch verſchwinden ſah. Viele ihrer Gefühle und Phantaſien während dieſer einſamen Wanderungen wurden in Verſe gekleidet, auf ihre Ta⸗ fel geſchrieben und am Abend nach ihrer Rückkehr in die Meierei auf Papier übertragen. Einige dieſer Dich⸗ tungen liegen jetzt vor mir; es fehlt ihnen nicht an be⸗ deutender rhythmiſcher Harmonie; vorzüglich merkwürdig ſind ſie aber als Beweiſe jener ſeltſamen und begeiſter⸗ ten Verehrung, mit welcher ſie dem Genius Byron's, oder vielmehr dem romantiſchen Bilde, das ſie ſich in der Einbildungskraft von ihm entworfen hatte, faſt ab⸗ göttiſch zugethan war. Zwei oder drei Auszüge werden nicht unwillkommen ſein. Nachſtehende Strophen ſind einem langen, an Lord Byron gerichteten Gedichte ent⸗ nommen:— Durch welche Macht den Geiſt du lenkſt, Kein Sterblicher es noch errieth, In uns glüht unerklärt Gefüht, Und uiemand weiß, woher es glüht. Die Liebe nicht, die, ſturmbewegt, In junge Herzen flammend ſteigt— Die Seele weiht dir Edlerés, Die ſich vor deinem Namen beugt. Der Muſen Kunſt ward oft uns klar, Die Macht, die lebt in dem Geſang; Doch ſchwellt' kein ſußrer Ton das Herz, Als der von deiner Leier klang. Das— nein, weit mehr empfinden wir, Etwas, das führet heil'gern Namen, Als früher Liebe reiner Traum, Als edle Freundſchaktoſtammen. Ein göt iches Gefühl!— nas iſt's 2 Nur du kannſt Worte dafür finden— So ſuß das Glück und doch ſo tief— Man bangt, der Zauber möchte ſchwinden. 8. Dieſe ſeltſame und romantiſche Bethörung, denn ſo muß man es wirklich nennen, war durchaus geiſtiger 15 — 226— und idealiſcher Natur; denn ſie hatte, wie ſie ſelbſt in einem ihrer Gedichte erklärt, Lord Byron nie geſehen; er war bei ihr ein bloßes Gebilde ihrer Phantaſie;— aie trank ich deinen Blick; nie hat Mein irdiſch Auge dich geſeh'n, Doch hört ich oft in ſel'gem Traum Dein frenndlich Grüßen mich umweh'n. Ein Grüßen, wie wohl Heil'ge grüßen, Die huldvoll auf uns niederblicken, Wenn Engelstöne ſüß erklingen, Die Seel' erfüllen mit Entzücken.“ Ihre poetiſchen Wanderungen und Träumereien be⸗ ſchränkten ſich nicht auf die Ländereien der Abtei, ſon⸗ dern erſtreckten ſich über alle Theile der Nachbarſchaft, ſo ferne ſie mit dem Andenken Lord Byron's zuſammen hingen, unter andern auch auf die Haine und Gärten von Annesley Hall, dem Schanplatz ſeiner Jugendliebe für Mary Chaworth. Einer ihrer poetiſchen Ergüſſe erwähnt, daß ſie von Howett's Hügel aus, im Anneslei Park, eine„Sylphen ähnliche Geſtalt“ auf einem von milchweißen Pferden gezogenen Wagen am Fuße des Hügels vorüber kommen ſah, welches ſich als das ⸗Lieb⸗ lingskind, auswies, das Lord Byron, während ſeines denkwürdigen Beſuches bei Miß Chaworth nach ihrer Verheirathung, erblickt hatte. Dieſes»Lieblingskind⸗ war jetzt ein blühendes, ſchönes Mädchen, das ſich dem mannbaren Alter näherte und etwas von dem Charakter — 227.— und der Geſchichte dieſer ſeltſamen Beſucherin verſtan⸗ den und ſie mit milder Theilnahme behandelt zu haben ſcheint. Die kleine weiße Dame ſpricht in einer Note zu ihren Gedichten in rührenden Ausdrücken ihre Freude über dieſe freundliche Zuvorkommenheit aus.„Die wohl⸗ wollende Herablaſſung dieſer liebenswürdigen und anzie⸗ henden jungen Lady gegen die unglückliche Verfaſſerin dieſer einfachen Strophen,“ ſagt ſie,„wird ihrem dauk⸗ baren Gedächtniſſe eingeprägt bleiben, bis der Lebens⸗ funke, der jetzt ein Herz belebt, welches ſo innig fühlt und ſolche Güte zu ſelten erfährt, erloſchen ſein wird.“ Mittlerweile hatte Obriſt Wildman bei gelegentlichem Zuſammentreffen fernere Einzelheiten von der Geſchichte der Fremden erfahren und gefunden, daß Armuth noch⸗ zu den übrigen Uebeln ihrer verlaſſenen und vereinſam⸗ ten Lage hinzukamen. Ihr Name war Sophia Hyath. Sie war die Tochter eines Land⸗Buchhändlers; ihre Seiden Eltern waren aber ſchon lange geſtorben. Nach ihrem Tode hing ſie lediglich von ihrem Bruder ab, der ihr einen kleinen Jahresgehalt von ihrem Antheil an dem von ihrem Vater hinterlaſſenen Vermögen, das in ſeinen Händen blieb, zugeſtanden hatte. Ihr Bruder, welcher Kapitain eines Handelsſchiffes war, begab ſich mit ſeiner Familie nach Amerika und ließ ſie faſt allein in der Welt; denn ſie hatte keine andern Verwandte in England als einen Vetter, von dem ſie faſt gar nichts wußte. Eine Zeitlang wurde ihr Jahresgehalt regelmäßig ausbezahlt; unglücklicherweiſe aber ſtarb ihr 15* 5 —-— 228— Bruder in Weſtindien; ſeine Angelegenheiten waren in Unordnung und ſein Beſitzthum durch verſchiedene Han⸗ delsforderungen, die das ganze zu verſchlingen drohten, in Anſpruch genommen. Unter dieſen unglücklichen Umſtänden blieb ihr Jahrgeld plötzlich aus; ſie hatte vergeblich ver⸗ ſucht, von der Wittwe eine Erneuerung der Zahlung, oder auch nur Auskunft über die Lage der Angelegenheiten ihres Bruders zu erhalten. Seit den letzten drei Jah⸗ ren waren ihre Briefe unbeantwortet geblieben und ohne eine kleine Summe, welche ihr Verwandter in England ihr vierteljährig ſchenkte, wäre ſie den Schrecken der furchtbarſten Armuth preisgegeben geweſen. Obriſt Wildman ging mit dem ihm eigenen Wohl⸗ wollen in die Geſchichte ihres Unglücks ein. Er ſah, daß ſie ein hülfloſes unbeſchütztes Weſen ſei, wegen ihrer Krankheit und ihrer Unbekanntſchaft mit der Welt unfähig, ihre gerechten Anſprüche geltend zu machen. Er erhielt von ihr die Adreſſen ihrer Verwandten in Amerika und der Handelsverbindungen ihres Bruders; verſprach ihr, mittelſt ſeiner eigenen Geſchäftsführer zu Liverpool eine Unterſuchung über die Lage der Angele⸗ genheiten ihres Bruders anſtellen zu laſſen und ihre Briefe in einer Weiſe zu befördern, daß ſie den Ort ihrer Beſtimmung unfehlbar erreichen ſollten. Die kleine weiße Dame ſetzte, von ſchwacher Hoff⸗ nung begeiſtert, ihre Wanderungen in der Abtei und deren Umgebungen fort. Die Zartheit und Schüchtern⸗ heit ihres Benehmens vermehrte die Theilnahme, welche ſie Mrs. Wildmann bereits eingeflöſ't hatte. Dieſe edle Frau ſuchte mit ihrer gewohnten Güte ihre Bekannt ſchaft zu machen und ihr Vertrauen zu gewinnen. Sie⸗ lud ſie in die Abtei ein, behandelte ſie mit der zarteſten Aufmerkſamkeit und erbot ſich, als ſie bemerkte, daß ſie vielen Geſchmack am Leſen hatte, ihr alle in ihrem Beſitze befindlichen Bücher zu leihen. Sie lieh einige Wenige, beſonders die Werke von Sir Walter Scott, gab ſie aber bald wieder zurück; Lord Byron's Schrif⸗ ten ſchienen die einzige Lektüre abzugeben, an der ſie ſich erfreute, und wenn ſie nicht in denſelben las, brachte ſie ihre Zeit in ſinnigem Nachdenken über ſeinen Genius hin. Ihre Begeiſterung breitete eine ideale Welt um ſie aus, in welcher ſie wie in einem Traume ſich be⸗ wegte und lebte, zuweilen das wirkliche Elend vergeſ⸗ ſend, das ſie in ihrem ſterblichen Zuſtande umlagerte. Eine ihrer Rhapſodien iſt jedoch ſehr ſchwermüthiger Art; ſie ſieht ihrem Tode entgegen, was ihre gebrech⸗ liche Geſtalt und ihre zunehmeuden Uebel nur zu wahr⸗ ſcheinlich machten. Dieſe Verſe haben folgende Ueber⸗ ſchrift: Geſchrieben unter dem Baum auf Crowholt Hügel, wo ich begraben zu werden wünſche, wenn ich zu Newſtead ſterben ſollte. Hier einige der an Lord Byron gerichteten Strophen:— „Betrittſt du dieſen Boden, Fremdling, Stehſt unter dieſem Baum du, — 250— So denke, daß der Pilg'rin Aſche. Hier liegt, und wunſch' ihr ſüße Ruh! *** Des Seraph's Wonne, dem du heilig Dort auvertraut, müßt' es erhöh'n, Zu leiten, wachen— Byron, ja Der Ruhm iſt für mich auserſeh'n. Spricht jenſeits irdiſch Weh für Sünden Der Schwachen, werd ich Gnade finden; Hin ſchwebt mein Geiſt, wo ew'ge Liebe Das Glück des Himmels muß begründen. .⁴ O, wo mein Geiſt auch weilen ſoll In jenen höhern Regionen, Er ſchwebt um mich mit Seraphs Liebe, Bis du bei deinem Gott wirſt wohnen. Hier, unter dieſem Baum, wohin Den Schritt ſo oft gerichtet du, Wo du ſo gern geweilt einſt, finde Der Pilg'rin Staub die letzte Ruh'.« Inmitten ihrer Träumereien und Rhapſodien erreichte die Nachricht von Lord Byron's frühzeitigem Tode New⸗ ſtead Abtei. Wie dieſe arme aber leidenſchaftliche Ver⸗ ehrerin ſie aufgenommen, kann ich nicht ſagen; ihr Leben war zu abgeſchloſſen und einſam, um viel Anziehendes über ihre Perſönlichkeit zu liefern; unter ihren poeti⸗ ſchen Erzeugniſſen ſind aber viele, die abgebrochenen und unregelmäßigen Charakters und augenſcheinich in großer Bewegung geſchrieben ſind. — 231 — Nachſtehendes Sonett hat noch am meiſten Zuſam menhang und ſchildert ihren Gemüthszuſtand vollkom⸗ men:— „Gut, du entſchwebteſt— doch was warſt du mir? Nie hab' ich dich gehört, dich nie geſehn— Die Seel' erſehnt' ein Bündniß einſt mit dir! Ein Römer ſang von heitern Himmelshöh'n, Der Seele Wohnort, eh' ſie niederſchwebt; Dich, Byron, kannt' ich einſt in jenen Räumen, Dein Bild umgab mich wie ein früh'res Träumen, und tief es ſtets in meinem Herzen lebt; Der Seele Seel' und meine ganze Welt— Mir wollt' ein geiſtig Sein ſich nur entfalten, Bevölkert von der Muſe Glanzgeſtalten. Die Welt iſt deiner Herrſchaft heimgeſtellt Kein Scepter herrſcht' ſo mächtig je in Reichen, Der deiner Leier Allgewalt ſich dürft' vergleichen.“ Wenn man alle hier angeführten Umſtände in Erwä⸗ aung zieht, wird es klar, daß dieſe ſtarke Erregung und die ausſchließliche Beſchäftigung des Geiſtes mit einem Gegenſtande auf ein ſo ungemein reizbares Nervenſyſtem nachtheilig wirken und jene Art geiſtiger Verwirrung her⸗ vorbringen mußte, die man Monomanie nennt. Das arme kleine Weſen fühlte ſelbſt das Gefährliche ihres Zuſtan⸗ des und deutet in nachſtehender Stelle aus einem Briefe an Obriſt Wildman, der eines der beklagenwertheſten Gemälde bevorſtebenden Ungl cks darbietet, wie der menſchliche Geiſt es je heraufbeſchwor, darauf hin. „Ich habe lange,“ ſchreibt ſie, ezu tief den Verfall ——— 252= meiner Geiſteskräfte gefühlt, welchen ich als das ge⸗ wiſſe Vorzeichen jenes furchtbaren Unglückes betrachte, dem ich mit ſolchem Schrecken entgegen ſehe. Eine ſelt⸗ ſame Idee hat meinen Geiſt lange verfolgt— Swift's gräsliches Schickſal werde das meinige ſein— nicht den gewöhnlichen Wahnſinn fürchte ich ſo ſehr, ſondern etwas Schrecklicheres— gänzliche Verſtandesſchwäche. „O Herr, denkt euch, wie unglücklich mich ein ſolcher Gedanke machen muß, da ich keinen Freund auf Erden habe, bei dem ich Schutz ſuchen kann; da ich in einer ſo unglücklichen Lage bin— den unanſtändigen Belei⸗ digungen blos gegeben, welche ein ſolches Schauſpiel ſtets erregt. Ich wage es aber nicht, bei dieſem Ge⸗ danken zu verweilen; das Begebniß, das ich ſo ſehr fürchte, auf das ich ſchauernd blicke, würde dadurch nur raſcher herbeigeführt werden. Ich kann jedoch nicht um⸗ hin, aus dem gelegentlichen Benehmen der Leute gegen mich, und aus Nach⸗Betrachtungen über mein Thun zu ſchließen, daß Anzeichen der Krankheit bereits vor⸗ handen ſind.⸗. Fünf Monate vergingen, aber die von ihr geſchrie⸗ benen und von Obriſt Wildman beſorgten Briefe nach Amerika in Bezug auf ihres Bruders Angelegenheiten blieben unbeantwortet; die Nachforſchungen, welche der Obriſt angeſtellt hatte, waren bis jetzt gleichfalls ver⸗ geblich. Eine duſtere Melancholie und Troſtloſigkeit bemächtigte ſich ihrer. Sie begann, davon zu reden, ſie wolle Newſtead verlaſſen und nach London gehen, in — 253— der vagen Hoffnung, ſich Hulfe oder Erſatz zu verſchaf⸗ fen, indem ſie durch Gerichte ſich über das Teſtament ihres verſtorbenen Bruders vergewiſſerte und deſſen Herausgabe erzwänge. Wochen vergingen jedoch, bevor ſie ſo viel Entſchloſſenheit ſammeln konnte, um ſich dem Schauplatze poetiſcher Bezanberung zu entreißen. Fol⸗ gende einfache Strophen, die unter vielen in jener Zeit geſchriebenen ausgewahlt ſind, drucken in anſpruchsloſer Form die Schwermurh aus, die an ihrem Herzen nagte: „Leb', Newſtead, wohl! deine grauen Thürm' und Zinnen Begegnen der Pi gerin Blick n nicht mehr. Sle wallt nicht mehr in deinen Gäͤngen und Lauben, Irrt nicht ferner in deinen Galerien umher. O, mie euch laſſen, ihr Hugel und Thäler, Wo ich traurig. doch ncht freudlos, weilte oft; Ich geh' allein— ach, in dieſen ho den Fluren Hat die Pilgerin zu ruh'n gehofft, umſonſt gehofft. Die Ruh' iſt noch fern— im dunkeln Thal des Todes Find' ich, die arme Verlaſſ'ne, ſie allein— Doch keine Klage, brranbte mich gleich das Scyickſal Jeden Droſt's ſchon in des Lebens Morgenſch in. Muß nicht von Kindoeit auf jeder Menſch wandern Durch die öden Wüſten der Welt, des Ungucks Ranb; Und wirft der Sturm ihm ein Frendeblünichen in den Pfad, Wirdes zertreten und die Blatter werken im Stanb.“ Endlich beſtimmte ſie den Tag ihrer Abreiſe. An dem Tage vorher ſtattete ſie der Abtei ißren Aoſchieds⸗ — 234— beſuch ab, wanderte das ganze Gebäude und den Gar⸗ ten entlang, weilte und zögerte überall, wo eine Erin⸗ nerung an Lord Byron zu finden war und ſaß lange am Fuße des Monumentes, welches ſie„ihren Altar⸗ zu neunen pflegte. Zuletzt ſuchte ſie Mrs. Wildman auf und gab ein verſiegeltes Päckchen in ihre Hände, mit der ernſten Bitte, es nicht zu öffnen, bis ſie die Gegend verlaſſen hätte. Darauf nahm ſie gerührt Ab⸗ ſchied von ihr und ſagte unter vielen bittern Thränuen der Abtei Lebewohl. Als Mrs. Wildman am Abend auf ihrem Zimmer war, konnte ſie ſich nicht enthalten, das Vermächtniß des ſeltnen Geſchöpfes näher zu beſchauen. Sie öffnete das Päckchen und fand eine Anzahl flüchtiger Gedichte in einer ſelr zarten und kleinen Handſchrift und offen⸗ bar die Früchte ihrer Träumereien und Gedanken wäh⸗ rend ihrer einſamen Wanderungen; aus dieſen Blättern ſind die vorſtehenden Auszüge genommen. Sie waren von einem langen Briefe begleitet, welcher mit dem Pathos und der Beredſamkeit echten Gefühls geſchrieben iſt und ihre eigenthümliche Lage und den ſeltſamen Zu⸗ ſtand ihres Geiſtes in düſtern, aber kräftigen Farben manlt. 3 „Als ich das letzte Mal,“ ſagt ſie, adas Vergnügen katte, euch in dem Garten zu ſehen, fragtet ihr mich, warnm ich Nepſtead verließe; als ich euch ſagte, die Umſtande zwängen mich dazu, hätte mich der Aus⸗ deuck des Schmerzes, den ich in euerm Blicke und —-— 233— euern Mienen zu bemerken glaubte, ermuthigt, mich deutlicher zu erklären, wäre ich nur fähig ge eſen, mich mündlich auszudrücken.“ Sie fährt nun fort, ihre Geldverhältniſſe im Ein⸗ zelnen genau darzulegen, woraus hervorgeht, daß itr ganzes jährliches Einkommen aus dreizehn Pfund be⸗ ſtand, welche ſie von ihrem Verwandten erhielt, den ein Gefühl des Stolzes dazu bewog, damit ſeine Baſe der Pfarrei nicht zur Laſt fallen ſollte. Zwei Jahre hindurch war dieſe Gabe aus andern Quellen auf drei⸗ undzwanzig Pfund geſtiegen, das letzte Jahr aber wie⸗ der auf den frühern Betrag zurückgekommen und wurde ſo mürriſch verabreicht, daß ſie der Verabfolgung der⸗ ſelben von einem Vierteljahr zum andern nicht gewiß lar. Mehr als ein Mal war ſie wegen unbedentender Vorwände zurückgehalten worden und ſie ſchwebte in ſſteter Furcht, ſie moͤchte ihr gänzlich entzogen werden. „Nur ſehr ungern,“ bemerkte ſie,„habe ich meine unglückliche Lage ſo weit auseinandergeſetzt; aber ich habe geglaubt, ihr erwartet etwas mehr von mir zu er⸗ fahren, und mußte fürchten, Obriſt Wildman mächte, durch den Schein getäuſcht, glauben, ich ſei in nicht unmittelbarem Mangel und eine Verzögerung von weni⸗ gen Wochen oder Monaten in Bezug auf die Nachfor⸗ ſchungen ſei nicht von weſentlichem Belange. Es iſt, wenn das Geſchäft Erfolg haben ſoll, durchaus noth⸗ wendig, daß Obriſt Wildman den genauen Zuſtand mei⸗ ner Verhältniſſe ohne Rückhalt kenne, damit er im — 236— Stande iſt, ſie denen richtig zu ſchildern, welche er für meine Sache intereſſiren will und die, wie ich annehme, entweder ſelbſt Amerikaner ſind, oder Verbindungen dort haben, durch welche meine Freunde von der Wirk⸗ lichkeit meines Unglücks überzeugt werden können, wenn ſie, wie ich Grund habe zu glauben, daran zweifeln wollen; mich jedoch noch beſtimmter auszuſprechen, iſt unmöglich; es würde zu demüthigend ſein, die Ver⸗ legenheiten genauer zu bezeichnen, in welche ich un⸗ glücklicherweiſe verwickelt bin,— meine gänzliche Ar⸗ muth auseinander zu ſetzen. Alles zu entdecken, würde auch einer Bitte zu ähnlich ſehen; ich hoffe aber, des Zartgefühls und natürlichen Stolzes nicht ſo baar zu ſein, um den Gedanken daran zu ertragen. Vergebt mir, edle Frau, daß ich da beunruhige, wo ich kein Recht dazu habe— ich bin genöthigt, mich der Menſch⸗ lichkeit des Obriſten Wildman zu verſichern, und ſeine ernſthaften Bemühungen zu meinen Gunſten anzuſpre⸗ chen, denn dies iſt meine einzige Zuflucht. Ihr werdet mich nicht zu ſehr verachten, daß ich der gebieteriſchen Nothwendigkeit mich ſo unterwerfe— es iſt nicht die Liebe zum Leben— glaubt mir, weder dies noch Be⸗ ſorgniß für deſſen Erhaltung. Ich kann nicht ſagen, „es gibt Dinge, welche mir die Welt lieb machen,“ denn es gibt keinen Gegenſtand in der Welt, der mir den Wunſch einflößen könnte, hier zu weilen, wenn ich in dem Grabe jene Ruhe, jenen Frieden finden könnte, — 237— welche ich auf Erden nie gefunden habe und welche, wie ich fürchte, mir dort verſagt ſein werden. Ein anderer Theil ihres Briefes entwickelt vollſtändiger den düſtern Kleinmuth, auf welchen der Schluß des obi⸗ gen Auszuges hindeutet, und zeigt ein bejammernswer⸗ thes Beiſpiel von einem kranken Geiſte, der unter Lei⸗ den und Kummer vergeblich den ſüßen Troſt religiöſen Glaubens ſuchte. „Daß mein Leben,n ſagt ſie, wüber die Zeit, welche ich für das mir beſtimmte Ziel anſah, verlängert wor⸗ den iſt, ſetzt mich ſelbſt in Erſtaunen. Oft, wenn meine Lage ſo verzweifelt, ſo hoffnungslos, oder noch hoffnungs⸗ loſer, wenn möglich, als jetzt war, rettete mich ein un⸗ erwartetes Dazwiſchentreten der Vorſehung vor einem Schickſal, das unvermeidlich ſchien. Ich deute nicht vorzugsweiſe auf neuere Verhältniſſe oder ſpätere Jahre hin, denn von früheſter Jugend auf war ich das Kind der Vorſehung; warum ſollt' ich ihrer Sorgfalt jetzt mistrauen? ich mistraue nicht, aber ich vertraue auch nicht. Ich fühle mich hinſichtlich der Zukunft voll⸗ kommen unbeſorgt, unbetheiligt und gleichgültig; aber dies iſt kein Vertrauen in die Vorſehung— nicht das Vertrauen, welches allein ihren Schntz in Anſpruch nimmt. Ich weiß, dies iſt eine todeswerthe Gleich⸗ gültigkeit; es iſt mehr, denn es erſtreckt ſich über die ſchwankenloſe Zukunft. Es wendet ſich faſt mit Abſcheu von den glühenden Ausſichten, welche die Religion zum Troſte und zur Unterſtützung des Unglücklichen darbietet — 258— und zu denen ich früher, von einer beinahe angebeteten Mutter mit Hoffnung und Wonne empor zu blicken ge⸗ lehrt ward; mir können ſie aber jetzt keinen Troſt geben. Nicht als wenn ich an den geſunden Wahrheiten zwei⸗ felte, welche die Religion einprägt. Ich kann nicht zweifeln— obgleich ich geſtehen muß, daß ich es manch⸗ mal verſucht habe, weil ich jene Unſterblichkeit nicht mehr wünſche, deren ſie uns vergewiſſert. Mein einziger Wunſch iſt jetzt Ruhe und Frieden— endloſe Ruhe—⸗ „Ruhe, doch nicht das Gefühl, daß es Ruhe ſeitz⸗ aber ich kann mich nicht mit der Hoffnung täuſchen, daß eine ſolche Ruhe mein Loos werde. Ich fühle eine in⸗ nere Ueberzeugung, ſtärker, als alle Beweiſe, welche Vernunft oder Religion geben können, daß ich etwas Unvergängliches in mir habe, das nicht von der, Scholle des Thalesn ſtammt. Mit dieſer Ueberzeugung, aber ohne eine Hoffnung, welche die Ausſicht auf die granſe Zukuunft erheitert, „Kann ich jenſeits des Grabes nicht ſchaun, Noch kann ich vorher Frieden hoffen.“ Gewiß, edle Frau, eine ſolche Geiſtesſtimmung kann nur Mitleid erregen. Vielleicht rührt ſie, wenigſtens theilweiſe, von der Einſamkeit her, in welcher ich ge⸗ lebt habe, ſelbſt dann gelebt habe, wenn ich, wie ich früher that, in Geſellſchaft von Menſchen war, da meine Krankheit mich von jenem ſüßen Verkehr mit verwand⸗ ten Geiſtern, von dem ſüßen Troſte gebildeter Unter⸗ —— — 259— haltung ausſchloß; der kleine Verkehr, welchen ich dann und wann mit denen um mich her habe, kann nicht Un⸗ terhaltung genannt werden— ſie ſind keine verwandten Geiſter— und ſelbſt wenn Verhältniſſe(jedoch ſehr ſelten) mich zu höhern und gebildeten Seelen führten, welche es nicht verſchmähten, mich in ihre Geſellſchaft aufzunehmen, konnten ſie trotz allen ihren edelmüthigen Anſtrengungen, ſelbſt ſchon in früher Jugend, von mei⸗ ner duͤſtern Seele die Gedanken nicht abſtreifen, welche ſich gerne darin begruben, und mir den Muth nicht mit⸗ theilen, deren Enthüllung zu verſuchen; und doch iſt mir unter allen Freunden der feinen Welt, welche mir die Phantaſie oft in ſo glänzenden Farben gemahlt hat, nicht eine, nach welcher ich mich ſo glühend ſehnte, als jener ſüße Austauſch der Gedanken, das höchſte Glück erleuchteter Geiſter in der Stunde geſelligen Verkehrs. Dies Glück war mir jedoch nicht beſtimmt— „Doch war in meinem Weſen dies!“ Seit dem Verluſte meines Gehörs aber war ich münd⸗ licher Unterhaltung nicht mehr fähig. Ich brauche euch jedoch, edle Frau, dies nicht zu ſagen. Bei der erſten Zuſammenkunft, deren ihr mich würdigtet, habt ihr ſchnell das Unglück, das in dieſer Hinſicht auf mir laſtet, entdeckt; mein Benehmen hat euch gezeigt, daß jeder Verſuch, mich in die Unterhaltung zu ziehen, vergeblich ſein würde: wäre es anders, ſo würdet ihr vielleicht nicht verſchmäht haben, die einſame Pilgerin dann und — 240— wann durch die eurige zu tröſten. Wenn ich euch in dem Garten ſah, war es mir zuweilen, als ſchient ihr zu wünſchen, mich zu ermuthigen, zu euch zu kommen. Vergebt mir, wenn meine Phantaſte, die mich gar zu leicht zu ſolchen lieben Täuſchungen hinreißt, mich hier zu einem allzu anmaßenden Gedanken verführte. Ihr müßt bemerkt haben, daß ich mich gewöhnlich bemühte, euch und Obriſt Wildman zu vermeiden. Ich wollte eurem edeln Herzen die Pein erſparen, ein Unglück vor Augen zu haben, dem ihr nicht abbelfen konntet. Auf dieſe Weiſe gewiſſermaßen von aller menſchlichen Geſell⸗ ſchaft abgeſchnitten, war ich genötbigt, in meiner eige⸗ nen Welt zu leben; und gewiß, mit den Weſen, wo⸗ mit meine Welt bevölkert iſt, zu verkehren, ſetzt mich nicht in Verlegenheit. Obaleich ich aber die Einſamkeit liebe und es mir nie an Stoff fehlt, meine Phantaſie zu beſchäftigen, muß doch die Einſamkeit, welcher man zu ſehr überlaſſen bleibt, eine unglückliche Wirkung auf den Geiſt haben, der, wenn er lediglich auf ſich ſelbſt beſchränkt iſt, in Stunden der Schwermuth und Ver⸗ zagtheit unvermeidlich über verzehrenden Gedanken brü⸗ tet, die an dem Mark des Lebens nagen und zuweilen mit wahrem Menſchenhaß endigen, beſonders bei ſolchen, welche durch körperliche Anlage oder frühe Misgeſchicke zur Schwermuth geneigt ſind und die menſchliche Natur ſtets nur in ihren düſterſten Schatten ſehen. und habe ich nicht Grund zu traurigen Gedanken? Die gänzliche Vereinſammung meiner Lage würde allein ſchon das — 241— Daſein für Jemand zum Fluche machen, deſſen Herz die Natur mit aller Wärme geſelliger Liebe durchglüht hat, ohne daß es einen Gegenſtand gefunden, dem es dieſelbe zuwenden könnte— das ſich an keinen Ver⸗ wandten, keinen irdiſchen Freund wenden kann, um mich vor Verachtung, Unwürdigkeiten und Beleidigungen zu ſchützen, denen mich meine verlaſſene Lage ſtets ausſetzt.“ Ich gebe lange Auszüge aus dieſem Briefe, kann mich aber nicht enthalten, einen andern beizufügen, wel⸗ cher ihre Gefühle in Bezug auf Newſſtead ſchildert. „Laßt mich, edle Frau, nochmals um eure und eures Gatten Annakme der Dankbezeigungen bitten, welche mir eure beiſpielloſe Güte gegen eine arnie Fremde wie⸗ derholt abnöthigt. Ich weiß, ich hätte eure ungemeine Gutmüthigkeit nicht ſo oft misbrauchen ſollen, als ich gethan habe. Ich hätte, ſo lange die Familie in der Abtei wohnte, mich enthalten ſollen, euern Garten zu beſuchen. Da ich aber wußte, daß ich lange, ehe ſie die Abtei verließ, von hier weg mußte, konnte ich mir es nicht verſagen, von der Erlaubniß, welche ihr mir ſo unbeſchränkt gegeben, Gebrauch zu machen; ſo ſetzte ich meine Spaziergänge fort; doch jetzt ſind ſie zu Ende. Ich habe das letzte Lebewohl allen theuern und anzie⸗ henden Plätzen geſagt, die ich nun nimmer zu ſehen hoffen darf, mein körperlicher Geiſt müßte denn Ver⸗ geiſtigung erhalten, ſie wieder zu beſuchen.— Doch o, wenn die Vorſehung mich wieder in den Stand ſetzte, mich auf eine anſtändige Weiſe zu ernähren und ihr 16 — — 242— wolltet mir ein armes kleines Obdach gewähren, wie freudig würde ich wiederkehren und meine Spaziergänge erneuern. Aber— ſo theuer mir Newſtead iſt, ich werde nie unter ſo unglücklichen Umſtänden zurückkom⸗ men, wie ſie mich in der letzten Zeit bedrückten— nie ohne die Mittel, mich wenigſtens vor Verachtung zu ſichern. Wie theuer, wie unendlich theuer mir Newſtead — wie unüberwindlich der Zauber ſei, der mich feſſelt— davon werde ich euch nun einen überzeugenden Beweis geben. Indem ich euch um Annahme der unbedeuten⸗ den Kleinigkeiten, welche dieſen Brief begleiten, bitte, darf ich hoffen, ihr glanbt mir, daß ich nicht die Ab⸗ ſicht habe, euch eine Unterhaltung zu bereiten. Ich darf nicht hoffen, daß der Gedanke, ſie ſeien die Er⸗ zeugniſſe eures eignen Gartens und dort meiſtens auf meine kleine Tafel geſchrieben worden, während ich am Fuße meines Altars ſaß, deuſelben in euern Augen einigen Werth geben könnte.— Ich könnte nicht und kann nicht dem tief gefühlten Wunſche widerſtehen, die⸗ ſes arme Andenken an ſo viele glückliche Stunden, welche ich da verlebt, zurück zu laſſen. O verſchmäht dieſe Gabe nicht, edle Frau; behaltet ſie, ich bitte, und wenn ihr dieſe Blätter einer Durchſicht würdigt, wenn ihr ſie leſ't, ſo unterdrückt, wenn ihr könnt, das Lä⸗ cheln, welches, wie ich weiß, zu natürlich rege werden wird, wenn ihr der Erſcheinung des unglücklichen Ge⸗ ſchöpfes gedenkt, welches wagte, ihre ganze Seele der Betrachtung ſolcher übermenſchlichen Vortrefflichkeit zu — 245— weihen. Ja, ſo lächerlich eine ſolche Verehrung Vielen ſcheinen mag, erlaube ich mir doch zu ſagen, daß, wenn Gefühle, wie ich ſie für dieſes erhabene Weſen hegte, gehörig gewürdigt würden, man ſie gewiß der Art fin⸗ den müßte, daß ſie ſelbſt ihm keine Schande machten, ſie eingeflößt zu haben. 2* ℳ 2* 3** „Zum letzten, letzten Mal blicke ich jetzt auf Scenen, welche zu tief in mein Gedächtniß geprägt ſind, als daß der Wahnſinn ſie verwiſchen könnte. O edle Frau, möch⸗ tet ihr den Todeskampf nie kennen, nie zu begreifen im Stande ſein, den ich erdulde, indem ich mich von allem losreiße, was die Welt Theures und Heiliges für mich hat— von dem einzigen Erdenflecken mich trenne, wo ich je Friede und Ruhe zu finden hoffen kann. Möchte jedes Glück, das die Welt geben kann, euch begleiten, oder vielmehr, möchtet ihr lange, lange in dem Genuſſe der Freuden eures eignen Paradieſes, in ſüßer Abge⸗ ſchloſſenheit von einer Welt leben, die kein wirkliches Glück gewähren kann!— Ich gehe nun— doch ach! dürfte ich hoffen, ihr würdet, wenn ihr euch dieſer glück⸗ lichen Scenen erfreut, der unglücklichen Pilgerin zuwei⸗ len erinnern— wie wohlthuend würde dieſer Gedanke für mich ſein, wenn ich es wagen dürfte, ihm nachzu⸗ hängen. Könntet ihr in dieſem Angenblick mein Herz ſehen,— wie unnütz würde es ſein, euch der achtungs⸗ vollen Dankbarkeit und der liebevollen Verehrung zu 16* —-— 244— verſichern, welche dieſes Herz ſtets für euch Beide fühlen muß.“ 4 Die Wirkung dieſes Briefs auf das gefühlvolle Herz der Mrs. Wildman läßt ſich leichter denken als aus⸗ drücken. Ihr erſter Gedanke war, dieſem armen hei⸗ mathloſen Weſen eine Heimath zu geben und ſie in⸗ mitten dieſer Scenen weilen zu laſſen, welche ihr Er⸗ denparadies waren. Sie theilte ihrem Gatten ihre Wünſche mit und dieſe fanden in ſeiner edeln Bruſt als⸗ baldigen Anklang. Es wurde angenblicklich ausgemacht, daß in einer der neuen Meierhöfe eine Wohnung für die kleine weiße Dame eingerichtet und alle Anſtalten zu ihrem behaglichen und immerwährenden Aufenthalt auf der Beſitzung getroffen werden ſollten. Mit dem raſchen Wohlwollen des Weibes ſchrieb Mrs. Wildman, bevor ſie ihr Haupt auf ihren Kiſſen ruhen ließ, folgen⸗ den Brief an die verlaſſene Fremde: Rewſtead⸗Abtei, Dienſtag Nachts, Sept. 20, 1825. Theure Frau,— 3 Als ich mich dieſen Abend in mein Schlafgemach be⸗ geben, öffnete ich euern Brief und kann keinen Augen⸗ blick zögern, euch die hohe Theilnahme auszudrücken, welche er ſowohl in Obriſt Wildman als. in mir durch die Auseinanderſetzung eurer ſo eigenthümlichen Lage und durch die zartfühlende, und ich darf wohl ſagen, elegante Sprache, in welcher er geſchrieben iſt, erregt hat. Ich bin unruhig und beeilt, daß meine Antwort euch noch — 245— vor eurer beabſichtigten Abreiſe aus dieſer Gegend er⸗ reiche und würde mich wahrhaft glücklich fühlen, wenn ich durch eine Einrichtung für eure Begnemlichkeit der Nothwendigkeit, dieſe Reiſe zu unternehmen, zuvorkom⸗ men könnte. Obriſt Wildman erſucht mich, euch zu ver⸗ ſichern, daß er alles Mögliche aufbieten will, um die Angelegenheiten, welche ihr ihm anvertraut habt, ins Reine zu bringen, und ich bin, wenn ihr jetzt hier blei⸗ ben oder nach einer kurzen Abweſenheit wiederkommen wolltet, überzeugt, daß wir Mittel finden, beſſer be⸗ kannt zu werden und euch von der Theilnahme, welche ich fühle, und der wirklichen Freude, welche es mir ge⸗ währen würde, in irgend einer Weiſe zu eurer Behag⸗ lichkeit und eurem Glücke beizutragen, vollſtändig zu überzeugen. Ich will jetzt nur noch meinen Dank für das kleine Päckchen, welches mir mit enrem Briefe zu⸗ kam, ausſprechen und muß bekennen, daß der letztere meine Aufmerkſamkeit ſo ganz angeſprochen hat, daß ich bis jetzt die Zeit zu einem aufmerkſamen Durchleſen ſeiner Begleitung nicht gehabt habe. Glaubt mich, theure Frau, mit aufrichtigen guten Wünſchen die Eurige, Louiſe Wildman. Früh am nächſten Morgen wurde ein Diener mit dem Briefe nach der Weir Mill Meierei abgeſchickt, kehrte aber mit der Nachricht zurück, die kleine weiße Dame ſei ſchon vor ſeiner Ankunrt in Geſellſchaft der Pachtersfrau in einem Wagen nach Nottingham abge⸗ — 246— reiſt, um einen Platz in der Landkutſche nach London zu nehmen. Mrs. Wildman befahl ihm augenblicklich ein Pferd zu beſteigen, in aller Eile zu folgen, um vor ihrer Abreiſe mit der Kutſche den Brief in ihre Hände zu überliefern. Der Bote guter Neuigkeiten ſchonte weder Peitſche noch Sporen und langte im Gallop zu Nottingham an. Als er in die Stadt kam, hemmte ein Haufe Menſchen in der Hauptſtraße ſein Weiterkommen. Er hielt ſein Pferd an, um ruhig durch denſelben fort zu kommen. Als ſich der Haufe rechts und links öffnete, ſah er eine Leiche auf dem Pflaſter liegen.— Es war die Leiche der kleinen weißen Dame. Wie es ſcheint, hatte die Pachtersfrau, als ſie in der Stadt angekommen und vom Wagen geſtiegen wa⸗ ren, itre Begleiterin verlaßen, um einen Auftrag zu beſorgen und die kleine weiße Dame ſetzte ihren Weg nach dem Büreau der Landkutſche fort. Als ſie über eine Straße ging, kam ein Wagen in voller Eile ent⸗ lang. Der Kutſcher rief ihr zu, ſie war aber zu taub, um ſeine Stimme oder das Raſſeln des Wagens zu hören. Im Nu warf das Pferd ſie nieder, die Räder gingen über ſie weg und ſie ſtarb ohne einen Klagelaut. Abbotsfort... GS. 7 Newſtead 1. Hiſtoriſche Notiz......„ 10, 2. Ankunft in der Abteitla.„ 121 3. Der Abteigarten.......„ 130 4 Montag nach h. Dreikönig„ 139 5. Alte Dienſtboten........„ 145 6. Aberglauben der Abteyr„ 152 ꝛ. Anneslei Hall.......„ 164 .. Robin Hood und Sherwood Wald„„ 195 9. Der See.........„ 205 . Die Dohlenzelle......„ 210 . Die kleine weiße Ddanwe„ 217 90 1 1 — G — 3—— ſſſſf ſſſ ffffffffffſſfffffnfſſſſſnnfniſſſſſſt 13 14 15 16 17