Leihbibl deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur f 1 „ Eduard Ottmann in Gießen, . Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Jeih- und Ieſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen.. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.—.. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 3 — 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mr. Pf. 8 3 1„ 5 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defeete Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 4 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. — —y——e—————— ————— Waſhington Irving's ſaͤmmtliche Werke. Achtundvierzigſtes bis fünfzigſtes Bändchen. Eine Reiſe auf den Prairien. Frankfurt am Main, 1835. Druck und Verlag von J. D. Sauerländer. Eine Reiſe auf den Prairien. — Von Waſhingtan Irving. Aus dem Engliſchen. Mit dem Bildniß des Verfaſſers. Frankfurt am Main, 1835. Druck und Verlag von J. D. Sauerländer. Vorwort. Der Verfaſſer beabſichtigt, den gehäuften Inhalt ſeiner Reiſe⸗Mappe, ſo wie die zufälligen Ergeb⸗ niſſe ſeines Nachdenkens in gelegentlichen Heften bekannt zu machen, die erſcheinen ſollen, wie die Umſtände es erlauben. Man hat ihm ſehr angelegen, eine Reiſe, welche er nach dem fernen Weſten gemacht, zu beſchreiben, und verſchiedene Schriften über dieſen Gegenſtand ſind, als aus ſeiner Feder kom⸗ mend, angekündigt worden, währeud er wirklich die Feder noch nicht angeſetzt hatte. Um den auf — VI— dieſe Art erregten Erwartungen einigermaßen zu entſprechen, bietet er einen Theil jener Reiſe, der einen Beſuch auf den Büffel⸗Prairien umfaßt, dem Publikum dar. Es iſt eine einfache Dar⸗ ſtellung von Thatſachen, welche auf einen künſt⸗ leriſchen Effekt keinen Anſpruch macht. Sollte ſie jedoch gefallen, ſo dürfte er verſucht werden, 3 in künftigen Heften fernere Umriſſe Amerikaniſcher Scenen zu geben. Erſtes Kapitel. Das Prairie⸗Jagdgebiet.— Reiſegenoſſen.— Ein Commiſſär.— Ein Tauſendkünſtler.— Ein Abentheuer⸗Süchtiger.— Ein Grenz⸗Gil Blas.— Eines jungen Mannes frohe Erwartungen. In den oft geprieſenen Regionen des fernen Weſten, mehrere hundert Meilen jenſeits des Miſſiſſippi, dehnt ſich ein großer Strich unbewohnten Landes aus, wo man weder das Blockhaus des weißen Mannes, noch das Wigwam des Indianers erblickt. Es beſteht aus weiten graßigen Ebnen, mit Wäldern, Buſchwerk und Baumgruppen untermiſcht, und von dem Arkanſas, dem Grand Canadian, dem Red River und allen ihren tribut⸗ baren Flüſſen bewäſſert. Ueber dieſe fruchtbaren und grünenden Landſtriche ſtreifen noch das Elenthier, der Büffel und das wilde Pferd in ihrer ganzen angebornen Freiheit. Hier iſt das wahre Jagdgebiet der verſchiedenen 4 Stämme des fernen Weſten. Hierher gehen der Oſage, ddeer Creek, der Delaware, und andere Stämme, welche — 8— ſich dem geſelligen Leben angeſchloſſen haben und in der Nähe weißer Niederlaſſungen wohnen. Hierher ziehen auch die Pawnees, die Comanches, und andere wilde und bis jetzt unabhängige Stämme, die Nomaden der Prairien, oder die Grenzbewohner der Rocky Meun⸗ tains. Die Region, deren ich eben gedacht habe, iſt ein ſtreitiges Gebiet dieſer kriegeriſchen und rachſüchtigen Stämme. Keiner derſelben mag eine dauernde Wohnung innerhalb ihrer Grenzen aufſchlagen. Während der Jagd⸗ zeit begeben ſich ihre Jäger und„Tapfern⸗ in zahl⸗ reichen Schaaren dahin, ſchlagen ihre vorübergehenden Lager, aus leichtem Gezweig und Buſchwerk oder Häuten beſtehend, auf; erlegen eilig einen Theil der zahlloſen Heerden, welche auf den Prairien weiden, und ziehen ſich, wenn ſie ſich mit Wildpret und Büffelfleiſch beladen haben, ſchleunig aus dem gefährlichen Bezirke zurück. Dieſe Züge haben ſtets etwas von einem kriegeriſchen Charakter; die Jäger ſind immer zum Angriffe oder zur Vertheidigung gewaffnet, und müſſen ohne Unterlaß auf ihrer Hut ſeyn. Wenn ſie bei ihren Ausfliegen auf die Jäger eines feindlichen Stammes ſtoßen, findet ein heifer Kampf ſtatt. Auch ihre Lager ſind plötzlichen Angrifen ſolcher wandernden Krieger ſtets blosgeſtellt, und ihre Züge müſſen, wenn ſie ſich bei dem Verfolgen des Wildes zerſtreuen, gewärtig ſein, von auflauernden Feinden gefangen oder niedergemetzelt zu werden.— Modernde Schäadel oder Gerippe, die in irgend einer dunkeln Schlucht oder in der Nähe der Spuren eines —— 8 Jagdlagers bleichen, bezeichnen hier und dort den Schau⸗ platz einer verübten blutigen That, und lehren den Reiſenden den gefährlichen Charakter der Gegend kennen, die er durchſchneidet. Die nachſtehenden Blätter ſetzen es ſich zur Aufgabe, einen vierwöchentlichen Ausflug in jene berüchtigten Jagdgebiete, welche theilweis bis jetzt noch nicht von weißen Männern unterſucht worden ſind, zu erzählen. Früh im October des Jahres 1832 kam ich nach Fort Gibſon, einem Grenzpoſten des fernen Weſten, an dem Neosho oder großen Fluß, nicht fern von deſſen Ausmündung in den Arkanſas, gelegen. Ich war mit einer kleinen Geſellſchaft den Monat vorher von St. Louis die Ufer des Miſſouri herauf und die Grenzlinie der Agentſchaften und Miſſionen, welche ſich von dem Miſſouri bis zum Arkanſas hinziehen, entlang gereißt. An der Spitze unſerer Reiſegeſellſchaft ſtand einer der Com⸗ miſſäre, welche von der Regierung der Vereinigten Staaten angeſtellt waren, die Niederlaſſungen der In⸗ dianiſchen Stämme zu überwachen, die von Oſten nach dem Weſten des Miſſiſſippi wanderten. Im Gefolge ſeines Auftrags beſuchte er jetzt die verſchiedenen Außen⸗ poſten der Civiliſation. Man erlaube mir hier der Verdienſte dieſes würdigen Anführers unſerer kleinen Geſellſchaft zu gedenken. Er war in einer der Städte von Connecticut geboren, und ein Mann, der ſeine natür⸗ liche Einfachheit und Herzensgüte in einer ausgedehnten luriſtiſchen Praxis und in dem politiſchen Treiben unver⸗ — 10— ſehrt bewahrt hatte. Er hatte den größern Theil ſeines Lebens im Schoos ſeiner Familie und in der Geſell⸗ ſchaft von Zunftvorſtehern, Aelteren und ſtädtiſchen Be⸗ dienſtigten, an den friedlichen Ufern des Connecticut, hingebracht, als er plötzlich aufgefordert wurde, ſein Roß zu beſteigen, ſeine Büchſe auf die Schulter zu nehmen und ſich in den unwegſamen Wildniſſen des fernen Weſten mit rauhen Jägern, Hinterwäldlern und nackten Wilden einzulaſſen. Ein anderer meiner Reiſegefährten war Hr. L., von Geburt ein Engländer, aber einem fremden Ge⸗ ſchlechte entſtammt; er hatte die ganze Elaſtizität und den fügſamen Geiſt eines Eingbornen des Feſtlandes. Da er viele Länder bereiſt hatte, war er bis zu einem gewiſſen Grade ein Weltbürger geworden, und fand ſich leicht in jeden Wechſel. Er beſchäftigte ſich mit tauſend Dingen: er war Botaniker, Geologe, Käfern⸗ und Schmetterlings⸗Jäger, Dilettant in der Muſik, Skizziſt von nicht geringen Anſprüchen,— kurz, ein vollkommener Tauſendkünſtler; dazu kam noch, daß er ein unermüd⸗ licher, wenn auch nicht immer glücklicher Jagdfreund war. Nie hatte jemand„mehr Eiſen im Feuer,“ und niemand war ſonach geſchäftiger und munterer. Mein dritter Reiſegenoſſe hatte jenen aus Europa begleitet und reiſte als ſein Telemach mit ihm; er mochte wohl, wie ſein Vorbild, ſeinen Mentor gelegentlich in Verlegen⸗ hiet und Unruhe verſetzen. Er war ein junger Graf aus der Schweiz, kaum einundzwanzig Jahre alt, voller n— Geiſt und Talent, aber lebhaft bis zum übermaas und jeder Art wilden Abentheuers zugethan. Nach dieſer Schilderung meiner Reiſegefährten darf ich eine Perſon niedrigern Ranges, aber alldurchdringender und allvermö⸗ gender Wichtigkeit nicht unerwähnt laſſen— ich meine den Knappen, den Reitknecht, den Koch, den Zeltbauer, mit einem Worte, das Factotum, und ich muß hinzufü⸗ gen, den allgemeinen Einmiſcher und Unheilſtifter unſerer Geſellſchaft. Er war ein kleiner, ſchwarzbrauner, dürrer, drähterner, franzöſiſcher Kreole, der Antoine hieß, aber vertraulich Toniſch benamſ't wurde: eine Art Grenz⸗Gil Blas, der ein bewegtes Leben geführt und zuweilen unter weißen Männern, zuweilen unter india⸗ niſchen Agenten, zuweilen unter den Oſage⸗Jägern ſich herumgetrieben hatte. Wir fanden ihn zu St. Louis, in deſſen Nahe er eine kleine Beſitzung, eine indianiſche Frau und ein Neſt voll halbbürtiger Kinder hatte. Seiner eigenen Ausſage nach hatte er eben bei jedem Stamm eine Frau; in der That, darf man allem, was dieſer kleine Landſtreicher von ſich ausſagte, Glauben beimeſſen, ſo war er ohne Moral, ohne Kaſte, ohne Glauben, ohne Heimath, und ſelbſt ohne Sprache, denn er ſprach ein babyloniſches Gewälſch von gemiſchtem Engliſch, Franzöſiſch und Oſage. Dabei war er ein ruchloſer Aufſchneider und ein Lügner von der erſten Art. Es war ergötzlich ihm zuzuhören, wenn er von ſeinen gräßlichen Thaten und den mit Noth überſtandenen Todesgefahren in Jagd und Krieg windbeutelte und — 12— aufſchnitt. Inmitten ſeiner Zungengeläufigkeit befiel ihn zuweilen ein krampfhaftes Schnappen nach Athem, als wenn ſein Schlund plötzlich gelähmt wäre; ich bin aber faſt verſucht zu glauben, daß es durch eine in der Kehle ſtecken gebliebene Unwahrheit veranlaßt wurde, denn ich habe allgemein bemerkt, daß unmittelbar darauf eine Lüge von der erſten Größe heraus platzte. Unſere Reiſe war angenehm geweſen; wir hatten zuweilen unſere Wohnung in den weit getrennten Anſtalten der indianiſchen Miſſionäre genommen, aber im Allgemeinen unter dem ſchönen Laubwerk, das die Bäche begrenzt, gelagert und im Schutz eines Zeltes ge⸗ ſchlafen. Während des letzten Theils unſerer Reiſe hatten wir uns beeilt, in der Hoffnung, noch zeitig genug zu Fort Gibſon einzutreffen, um die Oſage⸗Jäger bei ihrem Herbſt⸗Beſuche auf den Büffel⸗Prairien zu begleiten. Die Phantaſie des jungen Grafen war in der That von dieſem Gegenſtande ganz hingeriſſen. Die großartige Szenerie und die wilden Sitten der Prairien hatten ſeinen Sinn vollkommen bethört und die Geſchichten, welche ihm der kleine Toniſch von In⸗ dianiſchen Tapfern und Indianiſchen Schönheiten, von dem Jagen der Büffel und dem Einfangen wilder Pferde erzählte, hatten ihn ganz lüſtern gemacht, ſich einmal in das wilde Leben zu ſtürzen. Er war ein kecker und abgeharteter Reiter und ſehnte ſich, die Jagdgebiete zu durchſtreifen. Es war ergötzlich zu hören, was er in ſeinem jugendlichen Eifer alles zu ſehen und zu thun — 13— und zu genießen hoffte, wenn er ſich unter die Indianer miſchte und ihre kühnen Abentheuer theilte, und es war noch weit ergoͤtzlicher, den Aufſchneidereien des kleinen Toniſch zuzuhören, der ſich freiwillig erbot, ſeinen treuen Knappen bei dieſen gefährlichen Unternehmungen abzu⸗ geben, ihn zu lehren, wie man die wilden Pferde ein⸗ fange, die Büffel bewaltige und die Huld Indianiſcher Prinzeſſinnen erwerbe.—„Und wenn wir nur eine brennende Prairie ſehen können!⸗ ſagte der junge Graf.—„Sapperment, ich ſtecke ſelbſt eine an!⸗ rief der kleine Franzoſe. Zweites Kapitel. Getäuſchte Erwartungen.— Neue Pläne.— Vorbereitungen mit einem Streifzug zuſammenzutreffen.— Abreiſe vom Fort Gibſon.— Ueberſchreiten des Verdigris.— Ein India⸗ niſcher Reiter. Die Erwartungen der Jugend werden gar leicht getäuſcht. Zum Unglück für des Grafen Pläne zu einem wilden Ausflug erfuhren wir, ehe wir das nächſte Ziel unſerer Reiſe erreichten, daß die Oſage⸗Jäger bereits ihren Zug zu dem Jagdgebhiet angetreten hatten. Der junge Mann beſchloß dennoch, ihrer Spur, wenn möglich, zu folgen und ſie einzuholen; zu dieſem Zweck hielt er bei der Oſage⸗Agentſchaft, einige Meilen von Fort Gibſon an, um Nachrichten einzuziehen und ſeine Vorbereitungen zu treffen. Sein Reiſegefährte, Hr. L., blieb bei ihm, während der Commiſſar und ich, von dem treuen und wahrheitsliebenden Toniſch gefolgt, nach Fort Gibſon reiſeten. Ich ſpielte bei dem letztern auf ſein Verſprechen an, den Grafen auf ſeinem Zuge zu begleiten, fand aber, daß der kleine Taugenichts ſeine Intereſſen ſcharf in das Auge zu faſſen wußte. Er überſah nicht, daß der Commiſſär in Folge ſeiner Aufträge eine lange Zeit in dem Lande bleiben und ihm wahrſcheinlich eine dauernde Beſchäftigung geben würde, während der — 165— Aufenthalt des Grafen nur vorübergehend war. Mit den Aufſchneidereien des kleinen Prahlers hatte es daher plötzlich ein Ende. Er ſprach mit dem jungen Grafen kein Wort mehr von Indianern, Büffeln und wilden Pferden, ſondern ſchloß ſich ſchweigend dem Gefolge des Commiſſairs an und ſchlenderte ſtill hinter uns drein zu dem Fort. Als wir hier anlangten, bot ſich die Möglichkeit zu einem Kreuzzug auf die Prairien von neuem dar. Wir erfuhren, daß eine Kompagnie beritte⸗ ner Grenzjäger, oder Schützen, erſt drei Tage vorher abgegangen war, um das ausgedehnte Gebiet zwiſchen dem Arkanſas und Red River, einſchließlich eines Theils des Pawnee Jagdgebiets, wohin bis jetzt noch keine Geſellſchaft weißer Männer vorgedrungen war, zu durchſtreifen. So bot ſich alſo eine Gelegenheit, dieſe gefährlichen und anziehenden Gegenden unter dem Schutze eines ſtarken Geleites zu bereiſen und dieſen Schutz auch anſprechen zu dürfen, denn der Commiſſair konnte, kraft ſeines Amtes, die Dienſte dieſes neu errichteten Schützenkorps in Anſpruch nehmen, und eben das Gebiet, welches ſie durchſtreifen ſollten, war zu Niederlaſſungen für einige der wandernden Stämme beſtimmt. Unſer Entſchluß war ſchnell gefaßt und in Aus⸗ führung gebracht. Der Kommandant des Fort Gibſon ſchickte ein paar Creek Indianer als Boten fort, die Schützen einzuholen und ihnen aufzutragen, zu warten, bis der Commiſſair und ſeine Geſellſchaft zu ihnen ſtoßen könnten. Da unſer Weg drei oder vier Tage — 16— lang durch eine wilde Gegend führte, ehe wir uns mit der Schützenkompagnie vereinigen konnten, wurde uns ein Geleite von fünfzehn berittenen Jägern, unter dem Befehle eines Lieutenants, beigegeben. Wir meldeten dem jungen Grafen und Hrn. L. in der Oſage⸗Agentſchaft unſern neuen Plan und unſere Ausſichten, und luden ſie ein, uns zu begleiten. Der Graf wollte jedoch nicht auf die Freuden verzichten, die er ſich von dem Eintreten in ein durchaus wildes Leben verſprochen hatte. Er erwiederte uns, er wolle ſich zu uns halten, bis wir den Oſage⸗Fägern auf die Spur gekommen, dann aber ſey es ſein feſter Entſchluß, ſich in die Wildniß zu begeben und jenen zu folgen; ſein treuer Mentor war ein zu ergebener Freund, um ihn zu verlaſſen, obgleich er über die Tollheit des Planes ſeufzte. Der nächſte Morgen war zu einem allgemeinen Zuſammentreffen unſerer Geſellſchaft und des Geleites in der Agentſchaft beſtimmt. Wir richteten nun alles zu einer ſchnellen Abreiſe her. Unſer Gepäck war bisher auf einem leichten Wagen fortgebracht worden; jetzt ſollten wir aber unſern Weg durch ein unbeſuchtes Land uns bahnen, das von Flüſſen, Schluchten und Buſch⸗ werk durchſchnitten war und wo ein Fuhrwerk dieſer Art in jeder Hinſicht nur hinderlich ſein konnte. Wir mußten zu Pferd, in der Jägerweiſe, und mit ſo wenig Beläſtigung, als nur immer möglich, reiſen. Unſer Gepäck erfuhr daher eine ſehr ſtrenge Nuſterung und Reduction. Jeder brachte ſeine knappe Garderobe in 3 — . * — — 17— ein paar Mantelſäcke, die keineswegs uberfüllt wurden; dieſe und ein Ueberrock wurden auf das Pferd geſchnallt, das er ritt. Das übrige Gepäck kam auf Packpferde. Jeder hatte ein Bärenfell und einige Tuͤcher für das Bett; auch fehlte es nicht an einem Zelte, um uns zu ſchützen, wenn einer krank oder das Wetter ſchlecht würde. Dann ſorgten wir für einen ziemlichen Vor⸗ rath von feinem Mehl, von Kaffee und Zucker, und für geſalzenes Schweinenfleiſch für den Fall der Noth, da wir in Hinſicht des Lebensunterhaltes hauptſächlich auf die Jagd verwieſen waren. Der Theil unſerer Pferde, die durch die letzte Reiſe nicht zu abgemüdet waren, nahmen wir als Packpferde und als Aushülfe mit uns; da wir aber eine lange und beſchwerliche Reiſe antraten, wo dann und wann gejagt werden ſollte, und wo, im Falle eines Zuſammentreffens mit feindlich geſinnten Wilden die Sicherheit des Reiters von der Güte ſeines Pferdes abhängen konnte, ſorgten wir, daß wir gut beritten waren. Ich verſchaffte mir ein ſtarkes, ſilbergraues Thier, das etwas rauher Natur, aber tüchtig und kräftig war; ein gutes Pferdchen, das ich bisher geritten und das jetzt etwas abgetrieben war, behielt ich und ließ es mit den Packpferden gehen, um es nur im Fall der Noth zu brauchen. Nachdem alle Vorbereitungen getroffen waren, ver⸗ ließen wir am 10. October 1832 das Fort Gibſon, über⸗ Irving's Reiſe. 2 — 18— ſchritten den Fluß, der vor demſelben fließt, und zogen unſerm Zuſammenkunftsort, der Agentſchaft, entgegen. Ein Ritt von wenigen Meilen brachte uns an die Furt des Verdigris, eine wilde felſige Gegend, von Waldbäumen düſter überſpannt. Wir ſtiegen an das Ufer des Flußes hinab und ritten, einer hinter dem andern, hinüber, wobei unſere Pferde ſorgfältig von Fels zu Fels ſchrit⸗ ten und in dem rauſchenden und ſchäumenden Waſſer gewiſſermaßen nach einem Halt für die Hufe tappten. Doniſch, unſer kleiner Franzoſe, machte mit den Packpferden den Nachtrapp aus. Er war ſehr vergnügt, da ihm eine Art Beförderung zu Theil geworden war. Auf unſrer bisherigen Reiſe hatte er den Wagen ge⸗ fuhrt, was er für eine ſeiner nicht ſehr würdige Be⸗ ſchäftigung anzuſehen ſchien; jetzt war er Stallmeiſter. Er hockte, wie ein Affe, hinter einem Pack auf einem der Pferde, ſang, jubelte, johlte wie ein Indianer und ſchmähte jeden Augenblick die zaudernden Packpferde. Als wir zur Furt kamen, ſahen wir an dem an⸗ dern Ufer einen Creek⸗Indianer zu Roß. Er hielt auf dem Vorſprung eines Felſen, um uns und unſer Be⸗ ginnen zu beachten, und bildete einen maleriſchen Vor⸗ wurf dar, der im Einklang mit der wilden Secenerie um ihn war. Er trug ein hellblaues Jagdhemd mit Scharlachfranzen beſetzt; ein buntfarbiges Tuch war⸗ zaſt in der Art eines Turbans, um ſeinen Kopf ge⸗ — — 19— ſchlagen und ein Ende hing an der Seite nieder; er hatte eine lange Büchſe in der Hand und ſah einem wilden Araber, der auf Raub ausging, ähnlich. Unſer ge⸗ ſchwätziger und in alles ſich miſchender Franzoſe rief ihm in ſeinem Babyloniſchen Kauderwelſch zu; der Wilde aber, der ſeine Neugiede befriedigt hatte, ſchwenkte ſeine Hand in der Luft, wandte den Kopf ſeines Pferdes, gallopirte das Ufer entlang und ver⸗ ſchwand bald unter den Bäumen. 8 ½ν Drittes Kapitel. Eine Indianiſche Agentſchaft.— Jäger.— Oſagen.— Creeks, Trappers, Pferde, Hunde.— Meſtizen.— Beatte, der Jäger. Als wir über der Furt waren, erreichten wir bald die Oſage⸗Agentſchaft, wo Obriſt Choteau ſein Büreaux und Magazin zur Forderung der Indianiſchen Angelegen⸗ heiten, und zur Vertheilung von Geſchenken und Vorrä⸗ then hatte.⸗Sie beſtand aus wenigen Blockhäuſern an dem Ufer des Fluſſes und gab eine bunte Grenzſcene ab. Unſer Geleite harrte hier unſerer Ankunft: einige waren zu Pferd, andere zu Fuß; einige ſaßen auf den Stäm⸗ men gefällter Bäume, andere ſchoſſen nach der Scheibe; es war ein bunt zuſammengeſetzter Haufe; einige trugen Fräcke, die aus grüͤner Leinwand gemacht waren; andere hatten lederne Jagdhemden an; die Mehrzahl war aber in wunderbar ſchlecht zugeſchnittene Kleider geſteckt, die, viel zu ſchlecht zum Tragen, offenbar zu rauhem Dienſte angelegt worden waren. In der Nähe dieſer war eine Gruppe Oſagen, ſtatt⸗ liche Burſche, ernſt und einfach in Kleidung und Cha⸗ rakter. Sie trugen keinen Schmuck; ihre Kleidung beſtand aus Umwürfen, lederner Beinbedeckung und Mocaſſins. Ihr Kopf war unbedeckt und ihr Haar knapp abgeſchnit⸗ ten, einen emporſtehenden Streifen, oben einem Helmbuſch —-— 21— ähnlich, und die lange hinten hinabhangende Scalplocke ausgenommen. Sie hatten hübſche roͤmiſche Geſichter und eine ſtarke, gewölbte Bruſt; da ſie faſt durchgehens ihre Umwürfe um die Lenden geſchlagen hatten, ſo daß Arme und Oberleib bloß blieben, glichen ſie eben ſo vielen edeln Bronzfiguren. Die Oſagen ſind die ſchönſten In⸗ dianer, welche ich im Weſten geſehen habe. Sie haben ſich bis jetzt dem Einfluſſe der Sittigung noch nicht ganz fügen mögen, ſo daß ſie ihre einfache Indianiſche Beklei⸗ dung abgelegt und den Sitten des Jägers und Kriegers ſich entſchlagen hätten; ihre Armuth hindert ſie, einem großen Luxus der äußeren Erſcheinung nachzuhangen. Mit ihnen kontraſtirte eine bunt geputzte Schaar von Creeks. Es iſt nach dem erſten Eindruck etwas ganz Orientaliſches in dem Aeußern dieſes Stammes. Sie kleiden ſich in zitzene Jagdhemden von mannigfachen glän⸗ zenden Farben, mit bunten Franzen geziert; breite mit Knöpfen beſetzte Gürtel umſchließen ſie. Ihre Beinbeklei⸗ dung beſteht aus gegerbter Bockshaut oder aus grunem oder rothem Wollentuch mit geſtickten Kniebändern und Trotteln. Ihre Mocaſſins ſind prachtvoll gearbeitet und verziert; um den Kopf werden bunte Tücher geſchmack⸗ voll gewunden. Außer dieſen ſah man hier eine Menge Trappers*), Jäger, Meſtizen, Creolen, Neger von jeder Farbenabſtu⸗ *) Biberzäger; wir behalten den amerikaniſchen Ausdruck bei, da er jetzt auf alle ausgedehnt wird, die von der Jagd in den Urwäldern und Steppen leben. 22 fung, und die ganze hergelaufene Schaar nicht zu be ſchreibender Weſen, die, zwiſchen dem geſittigten und wilden Leben inne liegend, die Grenze umſchwärmen, wie jenes zweideutige Geſchlecht, die Fledermäuſe, ſich in den Grenzen des Lichts und der Dunkelheit bewegen. Das kleine Dorf der Agentſchaft war in einem vollkom⸗ menen Aufruhr; beſonders bot der Schoppen des Schmie⸗ des eine bewegte Scene dar: ein rieſiger Neger beſchlug ein Pferd; zwei Meſtizen machten ſich eiſerne Löffel, um darin Blei zu Kugeln zu gießen. Ein alter Trap⸗ per, in einem ledernen Jagdfrack und Mocaſſins, hatte ſeine Büchſe an eine Arbeitsbank gelehnt, wahrend er den Meſtizen zuſah und von ſeinen Jagdthaten plauderte; mehrere große Hunde ſtreiften in und außerhalb der Werkſtätte umher oder ſchliefen in der Sonne, während ein kleines Thier, die eine Seite des Kopfes emporhe⸗ bend und das eine Ohr ſpitzend, mit der, kleinen Hunden gewöhnlichen Neugierde, auf das Geſchäft des Beſchla⸗ gens des Pferdes acht gab, als wollte er die Kunſt auch erlernen oder warten, bis die Reihe, beſchlagen zu wer⸗ den, an ihn käme.— Wir fanden den Grafen und ſeinen Begleiter, den Tauſendkünſtler, marſchfertig. Da ſie ſich zu den Oſa⸗ gen begeben, und einige Zeit damit hinbringen wollten, den Büffel und das wilde Pferd zu jagen, hatten ſie die nöthigen Vorkehrungen getroffen, indem ſte den Pferden, mit welchen ſie die Reiſe gemacht, andere von der erſten — 23— Qualität zugefügt hatten, welche auf der Reiſe geführt und nur auf der Jagd geritten werden ſollten. Sie hatten ferner einen jungen Mann, Namens An⸗ toine, einen Meſtizen, Franzöſiſchen und Oſage Urſprungs, angenommen, der auch ein Tauſendkünſtler in ſeiner Art ſein, d. h. kochen, jagen und für die Pferde ſorgen ſollte; er hatte aber eine heftige Vorliebe, nichts zu thun, da er der nichtswerthen Brut angehörte, die in den Miſſio⸗ nen gezeugt und erzogen wird. Er war überdies ein wenig verhätſchelt, da er wirklich ein ſchöner, junger Burſche, ein Grenz⸗Adonis war, und was noch ſchlim⸗ mer iſt, ſich auf ſeine vornehme Verwandtſchaft etwas zu gut that, denn ſeine Schweſter war das Kebsweib eines reichen weißen Handelsmannes! Der Commiſſär und ich verlangten ſehr, vor dem Auf⸗ bruch eines andern Dieners habhaft zu werden, der mit dem Waidwerk bekannt ware und uns als Jäger dienen könnte; denn wir ſahen, daß unſer kleiner Franzoſe in dem La⸗ ger mit Kochen und auf dem Wege mit der Sorge für die Packpferde die Hände voll zu thun haben würde. Ein ſolcher bot ſich uns dar oder vielmehr, wurde uns empfohlen, in der Perſon des Pierre Beatte, eines Me⸗ ſtizen von Franzöſiſchem und Oſage Blut. Man ver⸗ ſicherte uns, er ſei mit allen Theilen des Landes bekannt, da er es in allen Richtungen bei Jagd⸗ und Kriegzügen durchwandert hätte; er würde uns als Führer und Dol⸗ metſcher gleich nützlich ſein, und gelte mit Recht für einen der beſten Jäger. 2— 24— Ich geſtehe, er gefiel mir nicht, als man mir ihn zum erſten Male zeigte. Er ſtrich in einem alten Jagd⸗ rock und Metuſſen oder Beinkleidern von Bocksleder um⸗ her, die ſchmierig und fettig und durch langen Gebrauch wie überfirnißt waren. Er war, wie es ſchien, gegen 36 Jahre alt, und ſtark und kräftig gebaut. Seine Züge waren nicht übel, denn ſie hatten einige Aehnlichkeit mit denen Napoleons, aber hohe indianiſche Backenknochen gaben ihnen zu viel Eckiges. Vielleicht vermehrte die dunkelgrüne Farbe ſeines Geſichts ſeine Aehnlichkeit mit einer alten Bronzbüſte, die ich vom Kaiſer geſehen hatte. Seine Züge hatten jedoch einen wirſchen, mürriſchen Ausdruck, der durch einen breitrandigen wolligen Hut und durch die wirren um ſeine Ohren hängenden Haare noch erhöht wurde. Der Art war die äußere Erſcheinung des Menſchen und ſeine Sitten waren eben nicht einnehmender. Er war kalt und lakoniſch; er gab keine Verſprechungen und keine Ver⸗ ſicherungen; er nannte die Bedingungen, unter denen er und ſein Pferd uns zu Dienſten ſtünden; wir fanden ſie ziemlich hoch, aber er zeigte keine Neigung, ſie zu er⸗ mäßigen und keinen Drang, ſich die Stelle zu ſichern. Er zeigte überhaupt mehr von dem rothen als dem weißen Mann in ſeinem Character, und da ich gelehrt worden war, auf alle Meſtizen als auf ein unzuverläßiges und treuloſes Geſchlecht mit Mißtrauen zu blicken, ſo hatte ich den Dienſt des Pierre Beatte gern entbehrt. Wir hat⸗ ten aber keine Zeit, uns nach jemand, der mehr nach unſerm Geſchmack geweſen wäre, umzuthun und mußten uns auf der Stelle mit ihm abfinden. Er ging ſonach weg, um ſeine Vorbereitungen zu treffen und verſprach, in unſerm Abendlager zu uns zu ſtoßen. Nur Eines fehlte nur noch zur Ausrüſtung für die Prairie⸗Reiſe— ein durchaus zuverläßiges Pferd. Ich war nicht nach meinem Sinne beritten. Der Silbergraue, den ich gekauft hatte, war zwar ſtark und willig, aber ungeſtüm. In dem letzten Augenblick gelang es mir, ein vortreffliches Thier zu erkaufen; es war ein dunkelbrau⸗ nes, kraftiges, munteres, edles und herrlich gehaltenes Roß. Freudig ſchwang ich mich in den Sattel und über⸗ ließ den Silbergrauen dem kleinen Toniſch, der ſo ent⸗ zückt war, ſich nun ganz und gar en cavalier zu ſehen, daß ich fürchtete, er möchte das alte und wohlbekannte Sprüchwort von dem Bettler zu Pferd verwirklichen. Viertes Kapitel. Die Abreiſe. Die langgezogenen Töne eines Hornes gaben end⸗ lich das Zeichen zur Abreiſe. Die Jäger traten, einer hinter dem andern reitend, in die Wälder ein; wir ſetzten uns zu Pferd und folgten ihnen, wurden aber durch die Unregelmäßigkeit der Packpferde aufgehalten. Dieſe waren nicht gewöhnt, in der Reihe zu bleiben und ſtreiften von einer Seite zur andern im Dickicht herum, ungeachtet alles Fluchens und Verwünſchens von Seiten unſeres Toniſch, der, auf ſeinem wackern Grauen ſitzend, mit einer langen Büchſe auf der Schulter, ihnen nachjagte und ſie mit derben Flüchen und Schlägen in reichem Maas beſchenkte. Wir verloren daher unſer Geleite bald aus den Augen, ſuchten aber ihre Spur zu behalten, indem wir durch ſtolze Wälder und verwachſenes Gebüſch ritten und an indianiſche Wigwams und Negerhütten vorbeirit⸗ ten, bis wir gegen Abend an eine Grenzbeſitzung kamen, die einem Anſiedler, Namens Berryhill, gehörte. Das Haus lag auf einem Hügel, an deſſen Fuß die Jäger — 27— ſich in einem Laubgang, an dem Saume eines Fluſ⸗ ſes, gelagert hatten. Der Beſitzer des Hauſes empfing uns freundlich, konnte uns aber wegen einer Krank⸗ heit, die in ſeiner Familie herrſchte, keine Bequemlich⸗ keit bieten. Er ſchien ſelbſt nicht in den beſten Umſtän⸗ den zu ſein, denn, obgleich von kräftiger Geſtalt, hatte er eine bleiche, ungeſunde Geſichtsfarbe und eine pfeifende, überſchlagende Stimme, die abgebrochen vom Discant in den tiefſten Baß überging. Da ſein Blockhaus ein wahres Hospital war, das von Kranken wimmelte, ließen wir unſer Zelt in dem Hofe aufſchlagen. Wir waren nicht lange gelagert, als unſer neu ge⸗ worbener Diener Beatte, der Oſage⸗Meſtize, eintraf. Er ritt auf ſeinem einen Pferde und führte das andere, das mit Vorräthen für den Zug ganz gut bepackt ſchien. Beatte war augenſcheinlich ein„alter Soldat“, was die Kunſt betrifft, für ſeine Bedürfniſſe zu ſorgen und ſich auf unvorgeſehene Fälle gefaßt zu machen. Da er wußte, daß er in dem Dienſte der Regierung war, indem er zum Gefolge des Commiſſärs gehörte, hatte er ſich Ra⸗ tionen Mehl und Speck zu verſchaffen gewußt und ſie gegen die Launen des Wetters trefflich verwahrt. Neben dem Pferd, das für die Reiſe und den gewöhnlichen Dienſt beſtimmt war, einem lebhaften, ſtarken Thiere, hatte er ein zweites für die Jagd mitgenommen. Dies war ein Halbblut, wie er, indem es von einem zahmen und — 28— einem wilden Prairie⸗Pferd abſtammte, und es war ein edles Thier, ſtolz, ſchön in ſeinen Bewegungen und treff⸗ lich auf den Beinen. Er hatte Sorge getragen, daß ſeine Pferde auf der Agentſchaft gut beſchlagen wurden. Er ſtellte ſich ein, in allen Beziehungen auf Kampf und Jagd vollſtändig gerüſtet— ſeine Büchſe auf der Schulter, ſein Pulverhorn und die Taſche mit Kugeln an der Seite, das Jagdmeſſer im Gürtel und an dem Sattelbogen ein Knäul von Strickwerk, Lariats oder verſchlungene Stricke, wie man ſie nannte, zum Einfang der wilden Pferde. So ausgerüſtet und ausgeſtattet gleicht der indiani⸗ ſche Jäger auf der Prairie dem Kreuzer auf der See, vollkommen unabhängig von der Welt und im Stande ſich ſelbſt zu ſchützen und ſelbſt zu erhalten. Er kann ſich von einem Jeglichen losſagen, ſeinen eigenen Weg verfolgen und ſein Schickſal nach Willkühr bereiten. Ich glaubte, Beatte dürfte ſeine Unabhängigkeit fühlen und ſich jetzt, da wir uns in die Wildniß zu wagen im Be⸗ griff ſtanden, uns allen überlegen glauben. Er behielt ei⸗ nen halbſtolzen, mürriſchen Blick und eine große Schweig⸗ ſamkeit bei; ſeine erſte Sorge war, ſeine Pferde abzu⸗ packen und ſie für die Nacht unter ſicheres Obdach zu bringen. Sein ganzes Benehmen ſtand in vollkommenem Contraſt mit unſerm prahleriſchen, ſchnatternden, lärmen⸗ den kleinen Franzoſen. Auch ſchien der Letztere auf den neuen Ankömmling eiferſüchtig. Er flüſterte uns zu, dieſe Meſtizen ſeien eine empfindliche, launiſche Menſchenſorte, auf die man ſich wenig verlaſſen könne; Beatte habe ſich augenſcheinlich darauf eingerichtet, auf ſeinen eigenen Füßen zu ſtehen und er wäre jeden Augenblick während unſerer Reiſe im Stande, uns plötzlich ſeine üble Laune, oder Trotz zu zeigen und uns augenblicklich zu verlaſſen, da er die Mittel habe, ſich ſelbſt zu helfen, und auf den Prairien vollkommen zu Haus ſei. Fünftes Kapitel. Grenzſcenen.— Der Lycurg der Grenzen.— Grenzrecht.— Die Gefahr, ein Pferd zu finden.— Der junge Ofage. Am nächſten Morgen— den 11. October— mach⸗ ten wir uns um halb acht Uhr auf den Weg und ritten durch tiefe, üppige Gründe von angeſchwemmtem Boden, mit reicher Vegetation und Bäumen von ungeheurer Größe geſchmückt. Unſer Weg lag in einer Linie mit dem Weſtufer des Arkanſas, an deſſen Saum wir, in der Nähe der Einmündung des Red Fork, auf die Compagnie unſerer Jäger zu ſtoßen hofften. Die Ge⸗ gend war eine Zeitlang mit Creekdörfern und Farmhäu⸗ ſern bedeckt, deren Bewohner mit bedeutender Leichtig⸗ keit die Anfaͤnge der Geſittung angenommen zu haben und in deſſen Folge zu gedeihen ſchienen. Ihre Farmen waren gut verſehen und ihre Wohnungen zeugten von Behaglichkeit und Ueberfluß. Wir ſtießen auf eine Menge derſelben, während ſie von einem jener großen Kugelſpiele heimkehrten, durch welche ihre Nation ſo berühmt iſt. Manche waren zu Fuß, andere zu Pferd; viele der letzteren hatten ſchön geputzte Frauenzimmer hinter ſich. Dieſe Leute ſind gut gebaut, kräftig und gedrungen, Schenkel und Beine ſchön —-— 31— geformt. Sie haben eine Zigeuner⸗Liebhaberei an hellen Farben und buntem Schmuckwerk und nehmen ſich aus der Ferne von den Prairien glänzend und phantaſtiſch aus. Der eine hatte ein Scharlachtuch um ſeinen Kopf gebunden mit einem ſchwarzen Federbuſch, wie ein Hah⸗ nenſchweif drauf; der andere ein weißes Tuch mit rothen Federn, während ein dritter, der keine Federn hatte, einen glänzenden Sumachbüſchel in ſeinen Turban ge⸗ ſteckt hatte. An dem Saum der Wildniß hielten wir an, um an einem Blockhaus, das einem weißen Anſiedler oder Squatter angehörte, nach dem Wege zu fragen; er war ein großer, rauhknochiger alter Burſche, mit rothem Haar und einem dünnen, durchſichtigen Geſicht, der die einge⸗ wurzelte Gewohnheit hatte, mit dem einen Auge zu blin⸗ zeln, als wenn alles, was er vorbrachte, von der größ⸗ ten Wichtigkeit wäre. Er war in einem ungemeſſenen Zorn. Eines ſeiner Pferde fehlte; er ſchwor, es ſei in der Nacht von einer herumſtreifenden Schaar Oſagen, die in einem benachbarten Moor gelagert waren, geſtohlen worden. Aber er würde Genugthuung erhalten, er wollte an den Schurken ein Beiſpiel geben! Demzufolge hatte er von der Wand ſeine Büchſe, dieſe ſtete Erzwingerin von Recht und Unrecht auf der Grenze, herabgenommen, ſein Roß geſattelt und war im Begriff, einen Ritt in das Moor zu machen, während ein anderer Sauatter, die Büchſe in der Hand, fertig da ſtand, um ihn zu be⸗ gleiten. Wir bemühten uns, den alten Bewohner der Prairien zu beruhigen, indem wir ihm ſagten, ſein Pferd könne ſich in die umliegenden Wälder verlaufen haben; er hatte aber den Hang der Grenzer, den Indianern alles zur Laſt zu legen, und nichts konnte ihn davon abbringen, mit Feuer und Schwerdt in das Moor dringen zu wollen. Nachdem wir einige Meilen weiter geritten waren, verloren wir die Spur der Jägerkompagnie und wurden durch eine Menge von Pferden, welche von den Indianern und Anſiedlern herrührten, irre gemacht. Als wir endlich an ein von einem weißen Mann bewohntes Blockhaus, das letzte auf der Grenze, kamen, erfuhren wir, daß, wir von der Richtung des Weges abgekommen waren. Er führte uns eine Strecke zurück und brachte uns wieder auf die rechte Spur; dieſer folgten wir nun, ſagten der Grenze das letzte Lebewohl und traten in die weite Oede ein. Die Spur lief wie ein einzelner Fußpfad, uber Hügel und Thäler, durch Buſch und Hecken, durch verwachſenes Dickicht und offene Prairien fort. Bei dem Durchſchneiden der Wildniß pflegten Reiſende gewöhnlich, ſowohl zu Pferd wie zu Fuß, wie die Indianer, in einer langen Linie ſich zu folgen, ſo daß die Anführer denen, welche folgen, den Weg bahnen und ihre Mühe und Arbeit erleichtern. Auf dieſe Weiſe bleibt die Zahl der Reiſenden ungewiß, indem das Ganze nur eine ſtark betretene ſchmale Spur läßt und den Weg bezeich⸗ net, den man genommen. Wir waren noch nicht lange wieder auf der Spur, als wir beim Austritt aus einem Walde, unſers rauhknochigten, ſtark blinzelnden und ſtark trabenden fahrenden Grenzritters anſichtig wurden, wie er, von ſeinem bewaffneten Gefährten gefolgt, am Abhang eines Hügels hernieder eilte. Als er uns näher kam, erinnerte mich die Hagerkeit ſeiner Geſtalt und das Jämmerliche ſeines Anblicks an die Schilderung des Helden von La Mancha; auch er war, wie der berühmte Ritter, auf einem Abentheuer begriffen, da er in das Dickicht des gefahrvollen Moors, in welchem der Feind ſich gelagert hatte, einzudringen im Begriff ſtand. Während wir mit ihm an dem Abhang des Hügels redeten, ſahen wir einen Oſagen zu Pferd, der aus dem Saum des Waldes, ungefaähr eine Viertelſtunde entfernt, heraus kam und ein Pferd an der Halfter führte. Unſer ſtark blinzelnder Freund erkannte das letztere ſogleich für das Pferd, das er aufſuchte. Wie der Oſage naher kam, ſetzte mich ſein Ausſehen in Erſtaunen. Er mochte neunzehn oder zwanzig Jahre alt ſein, war gut gewachſen und hatte das ſchoöne römiſche Geſicht, das ſeinen Stamm auszeichnet; wie er, ſeinen Umwurf um die Lenden gegürtet, daher ritt, hätte ſeine nackte Büſte ein Model für den Bildhauer abgeben können. Er ſaß auf einem ſchönen Schecken, der weiß und braun gezeichnet war und der wilden Zucht der Prairien angehörte; er war mit einem breiten Kummet Irving's Reiſe. 3 — 34— geziert, von dem vorn ein glänzend roth gefärbter Roßhaarbuſch nieder hing. Der Jüngling ritt langſam mit einem freien offenen Weſen auf uns zu und bedeutete uns mittelſt unſeres Dolmetſchers, Beatte, daß das Pferd, welches er führte, ſich in ihr Lager verlaufen habe und daß er nun auf dem Wege ſey, es ſeinem Eigenthümer zurückzubringen. Ich hatte erwartet, unſer knochigter Ritter würde ein Wort des Dankes hören laſſen; zu meinem großen Erſtaunen aber brach der alte Geſell in einen furcht⸗ baren Zorn aus. Er erklärte, die Indianer hätten ſein Pferd in der Nacht weggeführt, in der Abſicht, es am Tage wieder heimzubringen und eine Belohnung für das Einfangen zu fordern— ein, wie er ſagte, bei den Indianern ganz gewöhnlicher Kunſtgriff. Er ſchlug daher vor, den jungen Indianer an einen Baum zu binden und ihm eine Tracht Peitſchenhiebe zu geben; in das größte Staunen ſetzte ihn der Ausbruch des Unwillens, zu dem uns dieſe neue Art, eine Gefällig⸗ keit zu vergelten, veranlaßte. Der Art wird jedoch zu oft auf der Grenze das Recht gehandhabt; das„Grenzrecht,“ wie man es techniſch zu nennen pflegt, wo der Kläger Zeuge, Jury, Richter und Vollſtrecker des Urtheils iſt und der Beklagte auf bloßen Verdacht hin verurtheilt und geſtraft wird; und ich bin überzeugt, daß auf dieſe Weiſe jener Grimm und Groll unter den Indianern veranlaßt wird, der zur Wiedervergeltung reitzt und mit Indianiſchen Kriegen endigt. Wenn ich das offene, — 25— edle Antlitz und das freie Benehmen des jungen Oſagen mit den finſtern Zügen und dem übermüthigen Betragen des Grenzmannes verglich, war ich nicht ſehr zweifel⸗ haft, weſſen Rücken die Peitſche am erſten verdienen möchte. Da der alte Lycurg oder vielmehr der Draco der Grenze ſich in dieſer Weiſe gezwungen ſah, mit der Habhaftwerdung ſeines Pferdes ſich zu begnügen, ohne die Freude zu haben, den Finder obendrein zu peitſchen, begab er ſich murrend, von ſeinem Bruder Sauatter gefolgt, auf den Rückweg. Den jungen Oſagen angehend, ſo waren wir alle zu ſeinen Gunſten eingenommen, vorzüglich hatte der junge Graf mit der ganzen Wärme, die ſeinem Alter eigen iſt und ſeinem Charakter entſprach, ſich ganz in ihn verliehbt— was auch geſagt werden mochte, er mußte den jungen Oſagen zum Gefährten und Knappen bei dem Zug in die Wildniß haben. Der Jüngling war leicht überredet und wendete, mit der Ausſicht eines ſichern Beſuches der Büffel⸗Steppen, und dem Ver⸗ ſprechen eines neuen Umſchlagetuches, ſeinen Zügel, ließ das Moor und das Lager ſeiner Freunde hinter ſich und ſchickte ſich an, dem Grafen bei ſeinen Wanderun⸗ gen auf der Spur der Oſage⸗Jäger zu folgen. Der Art iſt die herrliche Unabhängigkeit des Menſchen im wilden Leben. Dieſer Jüngling war mit ſeiner Büchſe, ſeinem Pferde und ſeinem Umwurf augenblicklich bereit, die Welt zu durchſtreifen; er führte ſein ganzes irdiſches 3*¾ Habe bei ſich und beſaß, da er keine künſtlichen Bedürf⸗ niſſe hatte, das große Geheimniß perſönlicher Freiheit. Wir Weltmenſchen ſind die Sklaven nicht ſowohl Anderer als unſer ſelbſt; unſere Verwöhnung iſt die Kette, die uns bindet, jede Bewegung unſeres Körpers hindert und jeden Aufſchwung unſerer Seele lahmt. So dachte ich wenigſtens damals, obgaleich ich nicht ſicher bin, daß meine Gedanken ihre Färbung von der Begeiſterung des Grafen nahmen, der von der wilden Ritterlichkeit der Prairien entzückter ſchien als je und davon ſprach, wah⸗ rend der Zeit, die er bei den Oſagen hinzubringen hoffte, die Indianiſche Tracht anzulegen und die India⸗ niſchen Sitten anzunehmen. Sechstes Kapitel. Spur der Oſage⸗Jäger.— Abreiſe des Grafen und ſeiner Geſellſchaft.— Das verlaſſene Kriegslager.— Einherrnloſer Hund.— Das Lager. Im Laufe des Morgens wurde die Spur, welcher wir folgten, von einer andern durchſchnitten, welche ſich von dem Walde weſtlich, in grader Richtung gegen den Arkanſasfluß, wendete. Beatte, unſer Meſtize, unter⸗ ſuchte ſie einen Augenblick und erklärte, es ſey der Pfad, auf dem die Oſagen auf ihrem Weg zu dem Jagdgebiete über den Fluß gegangen wären. Der junge Graf und ſein Gefäbrte machten ſonach hier Halt und ſchickten ſich an, von uns Abſchied zu nehmen. Die erfahrenſten Grenzmänner in unſerm Gefolge wieſen auf die Gefahren eines ſolchen Unter⸗ nehmens hin. Sie ſeien, hieß es, im Begriff ſich vereinzelt in die Oede der Steppen zu wagen, ohne andern Führer, Wache oder Diener, als einen jungen unkundigen Meſtizen und einen noch jüngern Indianer. Sie ſeien mit einem Packpferde und zwei Leitpferden beläſtigt, mit welchen ſie ſich durch verwachſene Wal⸗ dungen, durch Flüße und Moräſte einen Weg ſuchen müßten. Die Oſagen und Pawnees ſeien im Kriege —— 38— untereinander begriffen und ſie könnten auf einen Krie⸗ gerzug der letztern ſtoßen, die wildes Volk wären; überdies würden ihre geringe Anzahl und ihre werth⸗ vollen Pferde für einige der zerſtreuten Schaaren der Oſagen, welche um die Grenzen ſtreiften, eine große Verſuchung abgeben, ihre Pferde während der Nacht zu rauben und ſie hulflos, zu Fuß, inmitten der Prai⸗ rien zu laſſen. Nichts jedoch konnte die romantiſche Glut des Grafen nach einem Büffel⸗Jagdzug mit den Oſagen mäßigen und ſeinen Waidmannseifer ſchier der Gedanke an Gefahren nur noch zu reizen. Sein Reiſegefährte, in beſonneneren Jahren und ruhigern Blutes, war von der Unbeſonnenheit des Unternehmens überzeugt, aber er hatte keine Gewalt über den ungeſtümmen Geiſt ſeines jungen Freundes und war zu bieder, um ihn ſeinen gefahrvollen Plan allein verfolgen zu laſſen. Wir ſahen ſie daher, zu unſerm großen Leidweſen, den Schutz unſeres Geleites verlaſſen und ihren ahentheuerlichen Zug antreten. Die alten Jäger unſerer Geſellſchaft ſchüttelten die Köpfe und unſer Meſtize, Beatte, pro⸗ phezeihte ihnen alle Arten von Ungemach; meine einzige Hoffnung war, ſie würden bald auf Verlegenheiten genug ſtoßen, um den Ungeſtüm des jungen Grafen abzukühlen und ihn zu bewegen, wieder zu uns zu kommen. Mit dieſem Gedanken reisten wir langſam weiter und mach⸗ ten Mittags einen ziemlich langen Halt. Nachdem wir uns wieder in Bewegung geſetzt, kam uns der Arkanſas zu Geſicht. Er zeigte ſich als einen breiten und reißen⸗ den Strom, der ein Ufer von ſchönem Sand, mit Weihen und Baumwollenſtauden überwachſen, beſpülte. Jenſeits des Ufers ſtreifte das Auge über eine ſchöne flache Gegend, wo blumige Ebenen und ſanfte Höhen wechſelten und Buſchwerk, Baumgruppen und lange Waldſtrecken wechſelnd eintraten; das Ganze trug den Charakter vollſtändiger und ſogar geſchmückter Kultur, ſtatt drr natürlichen Wildniß. Nicht weit von dem Strome, auf einer offenen Anhöhe, kamen wir an den neuerdings erſt verlaſſenen Lagerplatz einer Oſage⸗Krie⸗ gerſchaar vorbei. Die Geſtelle der Zelte oder Wigwams, aus Stangen, Bogenförmig in die Erde geſteckt, be⸗ ſtehend, waren noch da; dieſe werden mit Zweigen und Aeſten durchflochten und mit Baumrinde und Häͤuten bedeckt. Aus der Geſtalt und Anordnung der Wigwams können die, welche mit den Indianiſchen Sitten bekannt ſind, den Stamm angeben und ſagen, ob er auf einen Jagd⸗ oder Kriegszug begriffen iſt. Beatte zeigte uns in dem Lager⸗Skelet vor uns, das Wigwam, in welchem die Häupter ihre Berathungen um das Rathsfeuer gepflogen hatten, ſo wie einen offenen, ſehr belretenen Platz, auf welchem der große Kriegstanz aufgeführt worden war. Als wir, unſere Reiſe fortſetzend, durch einen Wald kamen, trafen wir einen Herrnloſen halbverhun⸗ zerten Hund, der mit entzündeten Augen und wirrem — 40— Blicke die Spur entlang ſtreifte. Obgleich die erſten Schützen ihn faſt überritten, achtete er doch nicht auf ſie, ſondern ſtreifte ſorglos unter den Pferden hin⸗ Der Ruf—„ein toller Hund!“— ließ ſich augenblicklich hören und einer der Schützen hob ſeine Büchſe, wurde aber durch die ſtets rege Milde des Commiſſärs zurück⸗ gehalten.„Er iſt blind,“ ſagte er—„es iſt der Hund irgend eines armen Indianers, welcher der Spur ſeines Herrn folgt. Es wär' eine Schande, ein ſo treues Thier umzubringen.“ Der Schütze nahm ſeine Büchſe wieder auf die Schulter, der Hund tappte ſich blindlings und unverletzt durch die Pferde fort und verfolgte, die Naſe auf den Boden haltend, die Spur— ein ſeltenes Beiſpiel, daß ein Hund einen böſen Namen überlebte. Gegen drei Uhr kamen wir auf den noch nicht lange verlaſſenen Lagerplatz der Jägerkompagnie; die Brände eine ihrer Feuer rauchten noch, ſo daß ſie nach Beatte's Anſicht höchſtens noch eine Tagreiſe von uns entfernt ſein konnten. Da ein ſchöner Waſſerſtrom in der Nahe war und ſich ein Ueberfluß von Traubenerbſen füͤr die Pferde hier fand, ſchlugen wir unſer Lager fur die Nacht da auf. Wir waren noch nicht lange hier, als wir in der Ferne einen Ruf hörten und den jungen Grafen mit ſeiner Begleitung durch den Wald einher kommen ſahn. Wir bewillkommten ſie mit herzlicher Freude, denn ihr Scheiden, um einen ſo gefahrvollen Zug anzutreten, hatte bei uns allen große Unbehaglich⸗ 3 keit verurſacht. Ein kurzer Verſuch uberzeugte ſie von 7 — 11— den Mühſeligkeiten und Beſchwerden unverſuchter Rei⸗ ſenden wie ſie, welche mit einem ſolchen Zug Pferde und einem ſo kleinen Gefolge durch die Wildniß ihren Weg ſuchten. Glücklicherweiſe entſchloſſen ſie ſich noch vor Anbruch der Nacht wieder zu uns zu ſtoßen; Eine Nacht in den Steppen, und ſie hätten ihre Pferde ver⸗ loren. Der Graf hatte es über ſeinen Schützling und Knappen, den jungen Oſagen vermocht, bei ihm zu bleiben und rechnete immer noch darauf, mit ſeinem Beiſtand auf den Büffel⸗Steppen mächtige Thaten zu vollbringen. — 42—. Siebentes Kapitel. Nachrichten von den Schützen.— Der Graf und ſein India⸗ niſcher Knappe.— Halt in den Wäldern.— Waldſcene.— Dſage⸗Dorf.— Oſagebeſuche in unſerm Abendlager. Dieſen Morgen(12. October) in der Frühe kamen die zwei Creeks, die der Commandant von Fort Gibſon als Boten abgeſchickt hatte, um die Schützencompagnie auf uns warten zu heißen, auf ihrem Rückweg in unſer Lager. Sie hatten die Compagnie ungefähr zwanzig Stunden weiter, an einer ſchönen Stelle am Arkanſas, wo es Wild in Menge gab, und wo ſie unſere Ankunft erwarten wollten, verlaſſen. Dieſe Nachricht brachte neues Leben in unſere ganze Geſellſchaft und mit friſchem Muthe traten wir beim Aufgang der Sonne unſeren Marſch an. Als wir unſere Pferde beſtiegen, verſuchte der junge Oſage einen Umwurf auf ſein wildes Roß zu legen. Das ſchöne, empfindliche Thier erſchrack, wich zurück und bäumte ſich. Die Bewegungen des wilden Pferdes und der faſt nackte Wilde hätten eine gute Studie für einen Maler oder Bildhauer abgegeben. Es ergötzte mich auf unſerm Wege oft, auf die Er⸗ ſcheinung des jungen Grafen und ſeines neuerworbenen Dieners, wie ſie vor mir herritten, zu achten. Nie hatte — 43— ein preux chevalier einen Knappen, der beſſer zu ihm paßte. Der Graf war gut beritten und, wie ich ſchon bemerkt habe, ein kühner und anmuthiger Reiter. Er tummelte ſein Pferd gern und jagte mit ihm in dem ganzen Uebermuthe jugendlichen Feuers umher. Er war in einen ſchönen und gut gemachten Jagdfrack von ge⸗ gerbter Hirſchhaut, die ſchön purpurn gefärbt und mit Seide von bunten Farben ausgenäht war und ihm knapp anlag, gekleidet; das Kleid ſchien von der Hand irgend einer indianiſchen Schönheit zu ſein, womit ſie einen beguͤnſtigten Häuptling ſchmücken wollte. Dabei trug er lederne Beinkleider und Mocaſſins, eine Mütze und eine Doppelflinte, die an einem Riemen quer über ſeinen Rücken hing, ſo daß er, wenn er ſein feuriges Roß an⸗ muthig tummelte, eine ganz maleriſche Figur abgab. Der junge Oſage pflegte auf ſeinem wilden und ſchön gezeichneten Thiere, das mit rothen Pferdhaarbü⸗ ſchen geziert war, hinter ihm herzureiten, den ſchönge⸗ formten Kopf und die Bruſt unbedeckt, um die Lenden ſeinen Umwurf geſchlagen. Er trug in der einen Hand ſeine Büchſe, mit der andern fuͤhrte er ſein Pferd und ſchien jeden Augenblick bereit, mit ſeinem jungen Ge⸗ bieter auf irgend ein tolles Unternehmen dahin zu flie⸗ gen. Der Graf verſprach ſich mit den feurigen Erwar⸗ tungen der Jugend in Geſellſchaft ſeines jungen⸗Tapfern⸗ manches Abenteuer und manche kühne That, wenn ſie einmal unter den Büffeln, auf dem Pawnee⸗Jagdgebiete wären. Nach einem kurzen Ritte überſchritten wir einen ſchmalen, tiefen Bach, über welchen eine gute Brücke, die Ueberbleibſel eines alten Biberdammes, führte. Die fleißige Familie, welche ihn gebaut hatte, war ganz aus⸗ gerottet worden. Ueber uns verkündigte ein langer Flug wilder Gänſe, hoch in der Luft dahin ſtreifend und ein gräßliches Geſchrei vollführend, das ſchwindende Jahr. Gegen halb zehn Uhr machten wir in einem Walde, wo es Traubenerbſen im Ueberfluſſe gab, Halt. Hier ließen wir die Pferde frei weiden; ein Feuer wurde an⸗ gemacht, aus dem nahen Quell Waſſer geholt und bald hatte Toniſch, unſer kleine Franzoſe, einen Topf mit Kaffee zu unſerer Erfriſchung fertig. Während wir ihn koſteten, kam ein alter Oſage zu uns, der zu einer klei⸗ nen Jagdgeſellſchaft gehörte, welche kürzlich dieſes Wegs gekommen war. Er ſuchte ſein Pferd, das geſtohlen worden war, oder ſich verlaufen hatte. Beatte, unſer Meſtize, machte ein ſchiefes Geſicht, als er hörte, daß die Oſage⸗Jäger in dieſer Richtung wären.„Ehe wir an dieſen Jägern vorüber ſind“, ſagte er,„werden wir keine Büffel ſehen. Sie ſchrecken alles hinweg, wie eine brennende Prairie.⸗ 3 Als das Frühſtück eingenommen war, unterhielt ſich die Geſellſchaft auf manchfache Weiſe. Einige ſchoſſen mit ihren Büchſen nach einem bezeichneten Punkte, an⸗ dere legten ſich und ſchliefen, in dem tiefen Laubbett halb begraben und mit den Köpfen auf den Sätteln ru⸗ hend; andere plauderten um ein Feuer, das an einem Baume brannte und blauen ſich ſchlängelnden Rauch in die Zweige empor ſchickte. Die Pferde ſchmaußten üppig an den Traubenerbſen und manche warfen ſich nieder und waͤlzten ſich vor Luſt. Wir waren von hohen Bäumen mit graden, glat⸗ ten, ſtattlichen Säulen ähnlichen Stämmen überſchattet. Wie die glänzende Sonne durch die durchſichtigen Blät⸗ ter ſchien, welche mit den bunten Farben des Herbſtes geſchmückt waren, kam mir die Wirkung des Sonnen⸗ lichtes durch gemalte Fenſter und die mächtigen Säulen einer gothiſchen Kirche in den Sinn. Es herrſcht in der That in vielen unſerer großen Wälder im Weſten eine Erhabenheit und Feierlichfeit, welche in mir daſſelbe Ge⸗ fühl erwecten, das ich in jenen ausgedehnten und ehr⸗ würdigen Gebäuden empfand, und der Klang des Win⸗ des, der ſie durchzieht, erſetzt zuweilen das tiefe Athmen der Orgel. Gegen Mittag riefen die Hornklänge zur Abreiſe und bald waren wir wieder unterwegs, in der Hoffnung, vor Anbruch der Nacht in dem Lager der Jäger einzu⸗ treffen, da der alte Oſage uns geſagt hatte, es könne nicht ferner ſein als vier bis fünf Stunden. Auf un⸗ ſerm Wege durch einen Wald kamen wir an einem ein⸗ ſamen Teiche vorbei, der mit den prachtvollſten Waſſer⸗ lilien bedeckt war, die ich je geſehen; unter ihnen ſchwam⸗ men viele Waldenten umher, einer der ſchönſten Waſſer⸗ vögel, wegen der Pracht ſeines Gefieders merkwürdig. Nachdem wir eine Strecke weiter geritten waren, kamen — 46— wir an das Ufer des Arkanſas hinab, und an eine Stelle, wo die Spuren zahlloſer Hufen, welche ſich alle im Waſſer verloren, andeuteten, daß hier vor kurzem eine Schaar Oſage⸗Jäger auf ihrem Wege zu den Büffelſtep⸗ pen durch den Fluß gegangen war. Nachdem unſere Pferde ihren Durſt in dem Strom geſtillt hatten, ritten wir eine Zeitlang an ſeinem Ufer entlang und dann über Prairien, wo wir in der Entfernung Rauch aufſteigen ſahen und hofften, er ſteige aus dem Lager der Jäger auf. Indem wir dem Pfad, den wir für ihre Spur anſahen, folgten, kamen wir an eine Wieſe, auf der eine Anzahl Pferde graſ'ten. Es waren aber die Pferde un⸗ ſerer Jäger nicht. Etwas weiter erreichten wir ein klei⸗ nes Oſage⸗Dorf an dem Ufer des Arkanſas. Unſere An⸗ kunft machte viel Aufſehen. Eine Menge alter Männer kamen daher und ſchüttelten unſer Aller Hände, während die Frauen und Kinder ſich in Gruppen aneinander ſchmiegten, ſcheu auf uns blickten und unter ſich ſchwatz⸗ ten und lachten. Wir erfuhren, daß alle junge Männer des Dorfes auf einem Jagdzuge begriffen ſeien, und die Frauen, Kinder und Greiſe zurückgelaſſen hatten. Kier hielt der Commiſſär eine Rede von ſeinem Pferde herab, indem er die Hörerſchaft von dem Zwecke ſeiner Sendung unterrichtete, einen allgemeinen Frieden unter den Stämmen im Weſten zu fördern und ſie zu bewegen, alle kriegeriſche und blutdürſtige Gedanken bei⸗ Seite zu legen und keine muthwilligen Angriffe auf die Pawnees zu machen. Dieſe von Beatte überſetzte Rede — 42— ſchien eine ſehr zum Frieden ſtimmende Wirkung auf die Menge zu machen, welche ehrlich gelobten, der Friede ſollte ſo weit es an ihnen läge, nicht mehr geſtört wer⸗ den, und in der That gab ihr Alter und ihr Geſchlecht einigen Grund zur Hoffnung, ſie würden ihr Wort halten. Da wir bie Hoffnung nährten, das Lager der Jäger vor Anbruch der Nacht zu erreichen, eilten wir weiter, bis die Dämmerung einbrach und wir am Rande einer Schlucht Halt machen mußten. unſere Jäger lagerten ſich unter Bäumen an dem Fuß einer Höhlung, während wir unſer Zelt auf einem Felſenhöcker neben einem mur⸗ melnden Bache aufſchlugen. Die Nacht brach ſchwarz und verhüllt herein, die Wolken flogen und drohten mit Re⸗ gen. Die Feuer der Jäger brannten luſtig in der Höh⸗ lung und warfen ſtarke Lichtmaſſen auf die räuberähn⸗ lichen Gruppen, welche kochten, aßen und tranken. Um die Wildheit der Scene zu erhöhen, miſchten ſich mehrere Oſage Indianer, Beſucher aus dem Dorfe, durch das wir gekommen, unter die Leute. Drei von ihnen kamen zu uns und ſetzten ſich an unſer Feuer. Sie achteten ſchweigend auf alles, was um ſie her vorging, und ſahen wie bronzene Grabmalgeſtalten aus. Wir gaben ihnen Eſſen und, was ihnen ſehr behagte, Kaffee; denn die Indianer theilen die in dem Weſten gand allgemeine Vor⸗ liebe für dieſes Getränk. Als ſie ihr Abendmahl geen⸗ digt hatten, ſtreckten ſie ſich neben einander an dem Feuer aus und begannen einen leiſen näſelnden Geſang, den — 48— ſie mit einem Trommeln der Hände auf der Bruſt be⸗ gleiteten. Dieſer Geſang ſchien aus regelmäßigen Stro⸗ phen zu beſtehen, deren jede nicht in melodiſchem Falle, ſondern mit dem abgebrochenen Ausruf hah! wie ein laut werdendes Schlucken endigte. Dieſes Lied bezog ſich, wie unſer Dolmetſcher Beatte uns meldete, auf uns, unſer Aeußeres, unſer Benehmen gegen ſie und auf alles, was ſie von unſern Reiſeplanen wußten, Ein Theil deſſelben galt dem jungen Grafen, deſſen lebendi⸗ ges Weſen und Glut nach Indigniſchen Abenteuern ihre Phantaſie erregt hatte; auch ließen ſie einiges Schalk⸗ hafte über ihn und die jungen Indianiſchen Schönheiten ein⸗ fließen, das unter unſern Meſtizen große Heiterkeit per⸗ breitete.. Dieſe Art zu improviſiren iſt allen wilden Stämmen gemein und ſie beſingen in dieſer Weiſe, mit wenigen einfachen Veränderungen der Stimme, alle ihre Thaten im Krieg und auf der Jagd und überlaſſen ſich zuweilen einem Erguß komiſchen Humors und trockener Satyre, zu welcher, wie mir es ſcheint, die Indianer ſich mehr hinneigen, als man gewöhnlich glaubt. Die Indianer, die ich zu ſehen Gelegenheit hatte, ſind wirklich in dem Leben ganz andere Weſen, als die Poeſie ſie ſchildert— ſchweigſam, unbeugſam, ohne Lä⸗ cheln und ohne Thräne. Schweigſam ſind ſie freilich, wenn ſie bei weißen Männern ſind, deren gutem Willen ſie nicht trauen und deren Sprache ſie nicht verſtehen; aber der weiße Mann iſt unter gleichen Umſtänden auch — 49— ſchweigſam. Wenn die Indianer aber unter ſich ſind, kann man kaum größere Plauderer finden. Sie bringen die Hälfte ihrer Zeit mit dem Beſprechen ihrer Fährlich⸗ keiten auf der Jagd und im Kriege und mit der Erzäh⸗ lung komiſcher Geſchichten hin. Sie ſind auch große Mimiker und Poſſenreiſſer und unterhalten ſich ungemein auf Koſten der Weißen, mit denen ſie beiſammen waren und die da glaubten, ihnen einen tiefen Reſpekt vor ihrer Größe und Würde eingeflößt zu haben. Sie ſind neugierige Beobachter und merken ſchweigend, aber mit einem ſcharfen und ſichern Auge auf alles, wobei ſie ge⸗ legentlich unter einander einen Seitenblick oder einen Kehllaut wechſeln, wenn ihnen etwas ſehr auffällt; ihre Bemerkungen darüber behalten ſie jedoch für ſich, bis ſie allein ſind. Dann laſſen ſie der Kritik, der Satyre und der Poſſenreiſſerei vollen Lauf. Während meiner Reiſe die Grenze entlang hatte ich wiederholt Gelegenheit, die Munterkeit und lärmende Fröhlichkeit ihrer Spiele zu beobachten; dann und wann ſah ich eine Gruppe Oſagen, die bis ſpät in die Nacht um ein Feuer ſaßen und die belebteſte und heiterſte Un⸗ terhaltung pflegten, wobei zuweilen die Wälder von dem Schalle ihres Gelächters wiederhallten. Die Thränen angehend, ſo haben ſie deren in Ue⸗ berfluß, ſowohl wirkliche als künſtliche— denn ſie thun ſich manchmal viel darauf zu gut. Man kann nicht reichli⸗ cher und bitterlicher über den Tod eines Freundes oder Verwandten weinen; ſie gehen zu gewiſſen Zeiten an Irving's Reiſe. 4 — 50— ihre Gräber, um zu jammern und zu weinen. Ich habe in der Nähe Indianiſcher Dörfer mit Anbruch des Tages ſchmerzvolles Wehklagen von Dörflern gehört, welche zu dieſer Stunde in die Felder gingen, um die Todten zu beweinen und zu betrauern und in ſolchen Zeiten fließen, wie ich hörte, die Thränen ſtromweiſe ihr)e Wangen herab. So weit ich urtheilen kann, iſt der Indianer der Poeſie wie der Hirte des Schäferromans eine bloße Ver⸗ ſinnlichung idealiſcher Eigenſchaften. Der näſelnde Geſang unſerer Oſage⸗Gäſte verſcholl allgemach; ſie bedeckten ihre Köpfe mit ihrem Umwurf und verfielen in tiefen Schlaf. Nach einer kurzen Weile herrſchte allgemeine Stille, das Platſchen einzelner Re⸗ gentropfen, die auf unſer Zelt fielen, ausgenommen. Am Morgen frühſtückten unſere drei Indianiſche Gaſte mit uns, aber der junge Oſage, der die Rolle ei⸗ nes Schildknappen bei dem fahrenden Ritterleben des Grafen auf den Prairien, ſpielen ſollte, war nirgends zu finden. Auch ſein wildes Pferd wurde vermißt. Nach manchen Vermuthungen kamen wir zu dem Schluſſe, er habe in der Nacht ⸗einen Indianiſchen Abſchied“ von uns genommen. Wir vergewiſſerten uns hernach, daß er zu dieſem Schritte von den Oſagen verleitet worden war, mit welchen er die Tage vorher zuſammengetroffen, und die ihm die Gefahren, welche ſeiner auf einem Zuge in das Jagdgebiet der Pawnees harrten, wo er in die Hande der unverſöhnlichen Feinde ſeines Stammes fallen — 51— konnte, und was kaum weniger zu fürchten wäre, die Quglereien vorgeſtellt hatten, welche er von den Launen und dem Uebermuthe der weißen Männer zu erwarten haben wurde, die, wie ich während meines Aufenthaltes an den Grenzen mich ſelbſt überzeugt hatte, den armen Indianer kaum beſſer als das unvernünftige Thier be⸗ handeln. Er hatte in der That eine Probe an ſich ſelbſt, denn er war mit Noth dem Looſe entgangen, wegen des ſchändlichen Vergehens, ein verlaufenes Pferd aufzufin⸗ den, durch den ſtarkblinzelnden Helden⸗dem Grenzrechte“ anheim zu fallen. uUnſere Geſellſchaft bedauerte allgemein das Ver⸗ ſchwinden des Jünglings, denn wir hatten ihn alle wegen ſeines ſchönen, freien und männlichen Aeußern und der leichten Anmuth ſeines Benehmens lieb gewonnen. Er war wirklich ein geborner Gentleman. Niemand beklagte ihn jedoch mehr als der Graf, der ſich jetzt plötzlich ſei⸗ nes Knappen beraubt ſah. Mir that das Weggehen des Oſagen um ſeinetwillen leid, denn wir hätten ihm auf dem ganzen Zuge unſere Theilnahme und Liebe bewahrt und ich bin es von dem freigebigen Charakter des Grafen überzeugt, er würde ihn, beladen mit Schätzen von Schmuck und Flitter und Indianiſchen Umwürfen zu ſei⸗ nem Stamm zurückgeſchickt haben. Achtes Kapitel. Das Lager der Grenzjäger. Das Wetter geſtaltete ſich nach dem Regen in der Nacht wieder günſtig und wir ſetzten um ſieben Uhr Morgens unſere Reiſe in der ſichern Hoffnung fort, bald in dem Lager der Grenzzjäger einzutreffen. Nach einem Ritte von kaum zwei Stunden kamen wir an ei⸗ nen großen Baum, welcher kürzlich erſt mit der Axt ge⸗ fällt worden war, um des Honigs ſeines Stammes hab⸗ haft zu werden, von dem wir noch mehrere zerbrochene Scheiben vorfanden. Wir waren jetzt gewiß, daß das Lager nicht ferne ſein konnte. Als wir einige Stunden weiter waren, erhoben einige Jäger ein lautes Geſchrei⸗ und deuteten auf eine Anzahl Pferde, die in einem wal⸗ digen Thale weideten. Einige Schritte und wir ſtanden auf der Höhe eines Bergrückens, von wo wir in das Lager nieder blickten. Es war eine wilde Banditen⸗ oder Robin⸗Hood⸗Scene. In einem ſchönen, offenen Waldraume, den ein Bach durchſchnitt, waren Schuppen von Rinde und Baumzweigen, und mit Tüchern über⸗ ſpannte Zelte das zeitliche Obdach gegen den letzten Re⸗ gen, denn die Grenzzjäger lagern ſich gewöhnlich im Freien. Man ſah Gruppen von Jägern in jeder Art ſeltſamer Bekleidung umher. Einige kochten an ungeheuern Feuern, — 33— die an dem Stamme der Bäume angemacht worden; andere ſpannten und bereiteten Häute von Rothwild; andere ſchoſſen nach der Scheibe und andere lagen in dem Graſe hingeſtreckt. Ausgehauenes und an Geſtellen aufgehängtes Wildpret trocknete hier uͤber glühender Aſche, dort lag, kurz erſt von den Jägern eingebrachte Beute. Reihen von Feuerröhren waren gegen die Stämme von Bäumen gelehnt und Sättel, Zügel und Pulverhörner hingen darüber, während Pferde da und dort in dem Walde weideten. Man begrüßte uns laut und freudig in dem Lager. Die Jäger umringten ihre Kameraden, um die Neuig⸗ keiten des Forts zu erfahren; wir wurden ganz in der freien, einfachen Jägerweiſe von Kapitän Bean, der die Kompagnie kommandirte, einem Mann von ungefähr vierzig Jahren, kräftig und thätig, empfangen. Er hatte den größten Theil ſeines Lebens auf der Grenze, dann und wann in Indianiſchen Kriegszügen hingebracht, ſo daß er ein ächter Wäldler und ein Jäger erſter Klaſſe war. Das lederne Jagdhorn, die lederne Beinbekleidung und die lederne Mütze, die er trug, paßten ganz zu dem Charakter. Während wir uns mit dem Kapitän unterhielten, nahte ſich ein alter Jäger, deſſen Aeußeres mir auffiel. Er war von mittler Geſtalt, aber zähe und abgehärtet; ſein Kopf, theilweiſe kahl, und mit einzelnen eiſengrauen Locken beſetzt; das Auge herrlich ſchwarz und von ju⸗ gendlichem Geiſte funkelnd. Seine Bekleidung war der — 54— des Kapitäns ähnlich: ein Waidhemd und Beinkleider von bearbeitetem Leder, die beide augenſcheinlich im Dienſte geweſen waren; ein Pulverhorn hing an ſeiner Seite, ein Waidmeſſer ſteckte in dem Gürtel und in der Hand hielt er eine alte und zuverläßige Büchſe, die ihm gewiß ſo theuer war wie ein Buſenfreund. Er bat um Erlaubniß, auf die Jagd zu gehen und erhielt ſie gern. „Das iſt der alte Ryan,“ ſagte der Kapitan, als er weg war:„»Wir haben keinen beſſern Jäger im Lager. Er bringt uns gewiß Wild mit zurück.⸗ Bald waren unſere Packpferde ihrer Laſt entladen und durften frei in den Traubenerbſen ſchwelgen. Unſer Zelt wurde aufgeſchlagen, unſer Feuer angemacht, ein halbes Reh kam uns als Geſchenk aus des Kapitäans Zelt zu: Beatte brachte ein paar wilde Truthühner her⸗ bei, die Bratſpieße wurden beladen und die Lagerkeſſel mit Fleiſch gefüllt und, um das üppige Mahl zu krönen, gab uns einer der Jäger ein Gefäß voll großer köſtlicher Honigſcheiben, die Beute eines geplünderten Bienenbau⸗ mes. Unſer kleine Franzoſe Toniſch war im Entzücken; er ſchlug ſeine Aermel bis zu den Ellenbogen zurück und ſchickte ſich an, ſeine Kochkunſt zu entwickeln, auf die er ſich faſt eben ſo viel zu gut that, wie auf ſein Jagen, ſein Reiten und ſeine Heldenthaten im Kriege. Neuntes Kapitel. Eine Bienenjagd. In dem ſchönen Walde, in welchem wir uns gela⸗ gert hatten, gab es eine Menge Bienenbäume, d. h. Bäume, in deren hohlen Stämmen wilde Bienen ihren Sitz aufgeſchlagen hatten. Es iſt erſtaunlich, in welchen zahlloſen Schwärmen die Bienen in einer nur mäßigen Anzahl von Jahren den fernen Weſten heimgeſucht haben. Die Indianer betrachten ſie als Vorboten des weißen Mannes, wie der Büffel der des rothen Mannes iſt, und ſie ſagen im Verhältniß, wie die Biene vor⸗ rücke, weiche der Indianer und der Büffel zurück. Wir ſind immer gewohnt, das Geſumm der Bienen mit dem ländlichen Wohnhaus und dem Blumengarten in Gedan⸗ ken zu verbinden und dieſe arbeitſamen kleinen Thiere als verbunden mit den geſchäftigen Wohnſtätten der Menſchen anzuſehen; auch hat man mir geſagt, man treffe die wilde Biene ſelten in einer größern Entfer⸗ nung von der Grenze. Sie waren die Herolde der Civiliſation, ihr ſtets vorangehend, während ſie von dem Atlantiſchen Geſtade ſich ausdehnte und einige alte Anſiedler in Weſten behaupten das Jahr noch nennen zu können, an welchem die erſten Honigbienen über den Miſſiſſippi flogen. Die Indianer fanden mit Staunen plötzlich die hohlen Bäume ihrer Wälder von ambroſiſcher Süßigkeit träufen und nichts kann, wie ich hörte, der heißhungrigen Wonne verglichen werden, mit welcher ſie zum erſten Mal dieſes wohlfeile nippige Mahl der Wildniß verzehrten. Die Honigbienen ſchwärmen jetzt in Myriaden in den edlen Gehegen und Wäldern, welche die Prairien begrenzen und durchſchneiden und ſich die angeſchwemmten Flußthäler entlang ausdehnen. Mir iſt, als entſprächen dieſe ſchönen Gebiete wörtlich der Beſchreibung des Landes der Verheißung—„ein Land, das von Milch und Honig fließt;“ denn die reiche Weide der Prairien kann Heerden von Vieh, ſo zahlreich wie der Sand am Ufer des Meeres, ernähren, während die Blumen, mit welchen ſie geſchmückt ſind, ſie zu einem wahren Para⸗ dies für die Süßigkeit ſuchende Biene machen. Wir waren noch nicht lange im Lager, als eine Geſellſchaft auszog, um einen Bienenbaum aufzuſuchen; da ich neugierig war, Zeuge einer ſolchen Jagd zu ſein, nahm ich die Einladung, ſie zu begleiten, mit Freuden an. An der Spitze des Zuges ſtand ein alter Bienenjäger, ein großer, ſchmächtiger Burſche, in Klei⸗ dern von ſelbſtgemachtem Zeuge, die los an ſeinen Gliedern hingen, und mit einem Strohhut, der einem Bienenſtock ähnlich war: ein Geſell in gleich rauhem Kleid und ohne Kopfbedeckung ſtolperte ihm nach, eine lange Büchſe auf der Schulter. Dieſem folgte ein halbes Dutzend andere, einige mit Büchſen, andere mit Beilen bewaffnet, denn niemand geht ohne Feuergewehr weit vom Lager, ſo daß er gleich bereit iſt, wilde Thiere oder wilde Indianer zu empfangen. Nachdem wir eine Zeitlang gegangen waren, kamen wir an einen lichten Platz an dem Saume des Waldes. Hier blieb unſer Führer ſtehen und näherte ſich ſtill einem niedrigen Buſche, an deſſen Spitze ich ein Stückchen Honigſcheibe bemerkte. Dies war die Lockſpeiſe für die wilden Bienen. Einige ſummten um ſie herum und krochen in die Zellen. Als ſie ſich mit Honig beladen hatten, erhoben ſie ſich in die Luft und ſchoſſen faſt mit der Schnelligkeit einer Kugel in einer geraden Linie dahin. Die Jäger gaben genau auf den Weg acht, welchen ſie genommen hatten und ſetzten ihnen in derſelben Richtung nach, über verſchlungene Wurzeln und gefallene Bäume fortſtolpernd und das Auge ſtets gegen den Himmel gewendet. Auf dieſe Weiſe verfolgten ſie die honigbeladenen Bienen zu ihren Stöcken in dem hohlen Stamm einer morſchen Eiche, wo ſie einen Augenblick herumſummten und dann in ein Loch, ungefähr ſechszig Juß vom Boden ſchlüpften. Zwei der Bienenzäger arbeiteten jetzt friſch mit der Axt an dem Fuß des Baumes, um ihn zu fällen. Die bloßen Zuſchauer und Dilettanten zogen ſich mittlerweile in eine beſcheidene Entfernung zurück, um weder dem Falle des Baumes noch der Rache ſeiner Bewohner im Wege zu ſein. Die ſchweren Schläge der Axt ſchienen die arbeitſamen Thierchen nicht zu beunruhigen oder ſcheu zu machen. Sie ſetzten ihre gewöhnlichen Beſchäf⸗ — 58— tigungen fort, indem manche reich befrachtet in den Haven einliefen, andere auf neue Fahrten auszogen, Kaufleuten in einer reichen Hauptſtadt nicht unähnlich, welche drohenden Bankerout und Verfall wenig arg⸗ wöhnen. Selbſt ein lauter Krach, welcher die Ablöſung des Stammes verkündigte, konnte ihre Aufmerkſamkeit von dem ſorgſamen Streben nach Gewinn nicht ablenken: endlich fiel der Baum mit einem furchtbaren Krach, von oben bis unten berſtend und die angehäuften Schätze der kleinen Thiere enthüllend Einer der Jäger lief ſogleich mit einem Bündel angezündeten Heu's als Schutz gegen die Bienen hin. Dieſe aber griffen weder an noch ſuchten ſie Rache; ſie ſchienen durch das plötzliche Ungemach erſtarrt und ohne Argwohn wegen deſſen Grund zu ſein, und krochen und ſummten um den Stamm, ohne uns irgend zu be⸗ läſtigen. Jeder aus der Geſellſchaft eilte nun, mit Löffel und Jagdmeſſer die Honigſcheiben, welche in dem hohlen Baum waren, auszunehmen. Einige von dieſen waren ſchon älter und von dunkelbrauner Farbe; andere waren ſchön weiß oder der Honig in ihren Zellen faſt flüſſig. Die Scheiben, welche ganz geblieben waren, wurden in Lagerkeſſel gethan, um ſie in das Lager zu bringen; die, welche beim Falle des Baumes zerbrochen waren, wur⸗ den auf der Stelle gegeſſen. Jeder echte Bienenjäger hatte ein großes Stück in der Hand, von dem ſeine Finger träuften und das ſo ſchnell verſchwand, wie ein Stück Rahmtorte aus der Hand eines Schulknaben. — — 59— Auch waren die Bienenjäger nicht die einzigen, welche durch den Sturz der fleißigen Bienen gewannen. Als wenn die Bienen die Vergleichung ihrer Sitten mit denen thätiger und gewinnſüchtiger Menſchen durchführen wollten, ſah ich eine Menge aus benachbarten Stöcken eifrig heranfliegen, um ſich mit den Glückstrümmern ihrer Nachbarn zu bereichern. Dieſe beſchäftigten ſich eben ſo eifrig und munter wie Wracker an einem In⸗ dianiſchen Schiffe, das an den Strand getrieben wor⸗ den— ſich in die Zellen der zerbrochenen Honigſcheiben ſtürzend, gierig die Beute verſchmauſend und dann mit reicher Fracht nach Haus zurückfliegend. Die armen Eigenthümer des Wracks angehend, ſchienen ſie den Muth nicht zu haben, irgend etwas zu thun, nicht einmal den Nektar zu oſten, der um ſich träufte, ſondern krochen in ſtarrer Troſtloſigkeit vorwärts und rückwärts, wie ich einſt einen armen Burſchen, die Hände in ſeinen Hoſentaſchen, gedankenlos und verzweiflungsvoll pfeifend, um die Trümmer ſeines niedergebrannten Hauſes gehen ſah. Es iſt ſchwer, das Staunen und die Verwirrung der Bienen des bankroutten Stockes zu ſchildern, die während des Unfalls abweſend waren und von Zeit zu Zeit mit vollen Ladungen aus der Fremde zurück kamen. Erſt kreißten ſie in der Luft umher, wo der Baum früher ſein Haupt erhoben hatte und wo ſie erſtaunt alles leer ſahen. Endlich ſetzten ſie ſich, als begriffen ſie ihr Unglück, in Schwärmen auf den dürren Aſt — 60— eines benachbarten Baumes, von wo aus ſie auf den hingeſtreckten Stamm zu blicken und ſchmerzliche Klagen über den Sturz ihrer Republick zu ſummen ſchienen. Es war eine Scene, über welche der„melancholiſche Jaques“ ſtundenweiſe moraliſirt haben würde. Wir gingen von der Stelle weg und ließen vielen Honig in der Höhlung des Baumes.„Das Gewürm wird ſchon alles wegſchaffen,“ ſagte einer der Jäger. „Welches Gewürm?“ fragte ich. „Oh, Bären, Iltiſſe und Waldratzen und Waſch⸗ bären. Die Bären ſind das liſtigſte Gewürm, wenn es gilt einen Bienenbaum irgend aufzufinden. Sie nagen Tagelang an dem Stamm, bis ſie eine Höhlung gemacht haben, die dick genug iſt, um ihre Krallen hineinzu⸗ bringen und dann holen ſie Honig, Bienen und alles heraus!“ — 61— Zehntes Kapitel. Lager⸗Unterhaltungen.— Berathungen.— Des Jägyers Schmaus.— Lager⸗Geſang.— Das Schickſal einer muſik⸗ liebenden Eule. Als wir in das Lager zurückkehrten, fanden wir alles heiter und fröhlich. Einige der Jäger ſchoſſen nach einer Scheibe; andere ſprangen, balgten ſich oder ſpielten das Kaͤmmerchenſpiel. Es waren größtentheils junge Leute, auf ihrem erſten Ausflug, in voller Geſundheit und Kraft, und reich an Hoffnungen; und ich kenne in der That nichts, das das jugendliche Blut raſcher bewegt, als ein wildes Waldleben dieſer Art und ein Zug durch eine prachtvolle Wildniß, ſo reich an Wild und ſo furcht⸗ bar an Abentheuern. Wir ſchicken unſere Jünglinge in die Fremde, um in Europa üppig und weichlich zu wer⸗ den; mir ſcheint, als ob eine vorläufige Reiſe auf den Prairien geeigneter wäre, in ihnen jene Mannhaftigkeit, Einfachheit und Unabhängigkeit zu erzeugen, welche mit den Amerikaniſchen Inſtitutionen am meiſteu im Ein⸗ klange ſind. Während die jungen Leute ſich mit dieſen lärmenden Spielen beſchäftigten, hatte ſich eine ernſtere Gruppe, der Kapitän, der Doctor und andere Weiſen und Führer des Lagers auf das Gras um eine Grenzkarte geſetzt oder hingeſtreckt, und berathſchlagten über unſere Lage und den Weg, den wir zu verfolgen hätten. Unſer Plan war, da, wo der Red Fork in den Arkanſas fließt, über den letztern Fluß zu gehen, uns dann weſtlich zu halten, bis wir durch einen großen Gürtel offenen Waldes, Cross Timber genannt, und von dem Arkanſas zu dem Red River hinab ſich nörd⸗ lich und ſüdlich wendend, gekommen wären, worauf wir die ſüdliche Richtung gegen den Red River einſchla⸗ gen wollten. Unſer Meſtize, Beatte, ein erfahrener Oſage⸗Jäger, wurde in die Berathung gezogen.„Habt ihr je in dieſer Richtung gejagt?“ fragte der Kapitän. „Ja,“ war die lakoniſche Antwort. „Vielleicht könnt ihr mir alſo ſagen, in welcher Richtung der Red Fork liegt?“ „Wenn ihr drüben, an dem Saume der Prairie entlang geht, kommt ihr an einen kahlen Hügel, mit einem Haufen Steine darauf.“ „Ich habe die Höhe bemerkt, als ich jagte,“ ſagte der Kapitän. „Gut: dieſe Steine ſind von den Oſagen als ein Grenzzeichen aufgehäuft worden; von jener Stelle aus könnt ihr den Red Fork ſehen.“ „In dieſem Falle,“ rief der Kapitän,„werden wir den Red Fork morgen erreichen, über ihm durch— den Arkanſas und in das Pawnee Gebiet gehen, und dann in zwei Tagen Büffelknochen knacken.“ — 63— Der Gedanke, auf dem abentheuerreichen Jagdgebiet der Pawnees anzulangen und den Büffeln auf die Spur zu kommen, goß Feuer und Leben in jedes Auge. Der ſcharfe Knall einer Büchſe in nicht großer Entfer⸗ nung vom Lager unterbrach die fernere Unterhaltung. „Das iſt des alten Ryan's Büchſe,“ rief der Kapitän:„und ein Bock iſt gefallen, darauf will ich ſchwören.“ Und er hatte ſich nicht geirrt, denn es dauerte nicht lange, ſo erſchien der Alte und forderte einen der jüngern Jäger auf, mit ihm zu gehen und die Beute in das Lager bringen zu helfen. Die Gegend umher hatte in der That eine Menge Wild, ſo daß das Lager mit Vorrath überfüllt war; und da nicht weniger als zwanzig Bienenbäume in der Nachbarſchaft gefällt worden waren, ſo ſchwelgte alles in Üppigkeit. Mit der verſchwenderiſchen Sorgloſigkeit der Jäger drängte ein Mahl das andere und ſelten dachte einer daran, etwas für den nächſten Tag bei Seite zu legen. Das Kochen wurde nach Jägerart be⸗ trieben. Das Fleiſch wurde auf ſpitz zulaufende Spieße von Cornelkirſchenbaumholz geſteckt, deren Enden in den Boden getrieben worden, ſo daß ſie das Fleiſch vor dem Feuer trugen, wo es mit allem Safte darin in einer Weiſe geröſtet und gebraten wurde, die den Gau⸗ men des ausgemachteſten Feinſchmeckers gekitzelt haben würde. Zu Gunſten unſeres Brodes ließ ſich nicht viel ſagen. Es war kaum mehr als eine Maſſe von Mehl und Waſſer, wie Roſtſchnitten in Speck geſchmort, ob⸗ — 66— ſchon andere nicht ſo viele Umſtände machten, ſondern den Teich um das Ende von Stöcken drückten und vor dem Feuer röſten ließen. Ich habe das Brod jedoch, auf jene und dieſe Weiſe bereitet, in den Prairien ſehr ſchmackhaft gefunden. Nur wer mit dem Appetit eines Jägers ißt, kennt den wahren Genuß der Speiſe. Vor Sonnenuntergang rief uns der kleine Toniſch zu einem reichen Gelage. Tücher waren in der Nähe des Feuers auf der Erde ausgebreitet worden, und wir nahmen darauf Platz. Eine große Schüſſel oder Bowle, aus der Wurzel eines Ahorn gefertigt, welche wir in dem Indianiſchen Dorfe gekauft hatten, wurde vor uns auf die Erde geſetzt und der Inhalt eines der Lager⸗ keſſel, aus einem wilden Truthahn, der gehackt und mit Speckſchnitten und Klößchen verſehen war, beſtehend, hineingeſchüttet. Neben dieſer ſtand eine zweite Schüſſel derſelben Art, die einen reichen Vorrath von Roſtſchnitten enthielt. Nachdem wir des Gehackten ſatt waren, wurden die Rippen eines fetten Bockes, die an zwei hölzernen Spießen ſteckten und an dem Feuer ſchmorten, mit triumphirender Miene von dem kleinen Toniſch auf den Boden vor uns geſtellt. Da wir keine Teller hatten, verfuhren wir nach Jäger Art, ſchnitten uns Streifen und Schnitten mit unſern Jagdmeſſern ab und tauchten fie in Salz und Pfeffer. Um Toniſch's Kochkunſt und der ſcharfen Sauce der Prairien jedoch Gerechtigkeit wiederfahren zu laſſen, muß ich geſtehen, daß ich nie ſo köſtliches Wildpret gegeſſen habe. Zu allem dieſen — 65— tranken wir Kaffee, der in einem Lagerkeſſel gekocht, mit braunem Zucker verſüßt und aus zinnernen Taſſen ge⸗ trunken wurde. Der Art waren unſere Schmguſereien auf dem ganzen Zuge, ſo oft Vorräthe da waren, und ſo lange es an Mehl, Kaffee und Zucker nicht fehlte. Als die Dämmerung in Nacht überging, zogen die Schildwachen auf ihre Poſten um das Lager, eine Vor⸗ ſicht, die in einer von Indianern durchſchwärmten Gegend unerläßlich iſt. Das Lager bot jetzt einen maleriſchen Anblick dar. Lagerfeuer flammten und flackerten da und dort unter den Bäumen, und Gruppen von Jägern um⸗ gaben ſie; einige ſaßen oder lagen auf dem Boden, an⸗ dere ſtanden in dem rothen Glanze der Flammen oder in tieferm Schatten. Um einige der Feuer herrſchte eine lärmende Heiter⸗ keit und ſchallendes Gelächter miſchte ſich mit lauten, unfeinen Späſſen und rauhen Ausrufungen; denn die Schaar beſtand ſichtbar aus einem rohen, ungezüchteten Haufen junger Grenz⸗Wildfänge, die ſich theils aus Luſt an dem fahrenden Leben, theils in der Abſicht, das Land kennen zu lernen, hatten anwerben laſſen. Viele von ihnen waren Nachbarn ihrer Officiere und gewöhnt, ſie mit der Vertraulichkeit von Genoſſen und Spielgefährten zu behandeln. Keiner von ihnen hatte eine Vorſtellung von der Zucht und Sitte eines Lagers, noch den Ehr⸗ geiz, ſich durch Pünktlichkeit in einem Stande auszu⸗ zeichnen, dem er nicht die Abſicht hatte, ſich lange zu widmen. Irving's Reiſe. 5 — 66— Wäͤhrend dieſe laute Fröhlichkeit an einem der Feuer herrſchte, ließ ſich plötzlich an einem andern ein naͤſelnder Geſang vernehmen, in welchem ein Chor von Sängern ihre Stimmen zu einem höchſt kläglichen Pſalmlied ver⸗ einigten. Der Vorſänger war einer der Lieutenants, ein großer, ſchmächtiger Mann, welcher, wie man uns erzählte, auf einem der Grenzdörfer als Schulmeiſter, Singlehrer und gelegentlich als Methodiſtenprediger ge⸗ wirkt hatte. Der Geſang erhob ſich melancholiſch und feierlich in die Nachtluft und erinnerte mich an die Be⸗ ſchreibung ähnlicher Hymnen in den Lagern der Co⸗ venanters*); und in der That, das ſeltſame Gemiſch von Figuren und Geſichtern und roher Bekleidung, das ſich in unſerm kleinen Korps zuſammen gefunden hatte, würde die Fahnen von Praise-God-Barebones nicht ent⸗ ehrt haben. Bei einem der Zwiſchenräume dieſes näſeln⸗ den Pſalmengeſangs begann, gleichſam wetteifernd, eine muſikliebende Eule ihr melancholiſches Geheul anzuſtim⸗ men. Alsbald hörte man in dem ganzen Lager den Ruf: „Charley's Eule! Charley's Eule!⸗ Es ſcheint, dieſer „dunkle Vogel“ hatte das Lager jede Nacht beſucht und eine der Schildwachen, ein etwas vernagelter Burſche, Namens Charley, hatte nach ihm geſchoſſen; als man ihn zu Rede ſtellte, warum er auf dem Poſten gefeuert habe, entſchuldigte er ſich damit, er habe gehört, die Eu⸗ *) Die Schottiſchen Verbündeten, um ihre Religion von Neuerungen fern zu halten, — 67— len gäben eine ungemein gute Suppe. Einer der jungen Jäger machte den Ruf des Vogels der Weisheit nach, welcher mit der, zu ſeinem Charakter wenig paſſenden Einfalt ganz nahe herankam und ſich auf den nackten Aſt eines von der Flamme unſeres Feuers grell beleuch⸗ teten Baumes ſetzte. Der junge Graf ergriff ſogleich ſeine Vogelflinte, zielte leider ſehr gut und im Nu ſtürzte dieſer arme Vogel von unglücklicher Vorbedeutung flatternd nieder. Charley wurde aufgefordert, ſich ſeine geprieſene Eulenſuppe zu bereiten und ſie zu eſſen; er weigerte ſich aber, weil er den Vogel nicht ſelbſt geſchof⸗ ſen hätte. Im Laufe des Abends beſuchte ich des Kapitäns Feuer. Er hatte eine Menge großer Holzſtämme zuſam⸗ mentragen laſſen, die hingereicht hätten, einen Büffel ganz dabei zu braten. Hier waren die erſten Jäger und Führer des Lagers beiſammen; einige ſaßen, andere ſtanden, andere lagen auf Häuten oder Umwürfen an dem Feuer und erzählten ſich alte Grenzgeſchichten von Jagd und Indianiſchem Kriegsleben. Bei vorrückender Nacht bemerkten wir über den Bäumen im Weſten einen röthlichen Glanz, welcher am Himmel emporſtieg. „Dies muß eine von den Oſage⸗Jägern angeſteckte Prairie ſein;“ ſagte der Kapitän. „Es iſt am Red Fork,“ ſagte Beatte, den Himmel betrachtend; ⸗es ſcheint nur eine Stunde entfernt, iſt aber vielleicht ſiehen bis acht Stunden von hier.⸗ 5* — 6s— Um halb acht Uhr erhob ſich ein ſchönes, blaſſes Licht allmählich im Oſten, ein Vorläufer des aufſteigenden Mondes. Ich verließ den Lagerplatz des Kapitäns und ſchickte mich zur Nachtruhe an. Ich hatte beſchloſſen, den Schutz des Zeltes aufzugeben, und fortan ſtets im Freien zu lagern, wie die Jäger. Ein an dem Fuß ei⸗ nes Baumes ausgebreitetes Bärenfell war mein Bett und ein paar Sattelſäcke mein Kiſſen. In meine Tücher gehüllt warf ich mich auf dieſes Waidmanns⸗Lager und fiel bald in einen tiefen und ſanften Schlaf, aus wel⸗ chem ich erſt erwachte, als das Horn bei Tagesanbruch erſchallte. 6. 4752 — 69— Eilftes Kapitel. Abbruch des Lagers.— Maleriſcher Marſch.— Wild.— Lager⸗ ſcenen.— Triumph eines jungen Jägers.— Unfall eines al⸗ ten Jägers.— Mord eines Iltiß. Den 14. October. Auf den Signalruf des Horns zogen die Schildwachen und Patrouillen aus ihren Poſten um das Lager ein und wurden entlaſſen. Die Jäger wurden aus ihrer Nachtruhe geweckt, und eine geſchäftige Scene bot ſich dar. Während einige Holz hauten, Feuer anmachten und das Frühſtück bereiteten, nahmen andere ihre Schirme gegen das ſchlechte Wetter, aus Leinwand⸗ tüchern beſtehend, ab und machten alles zur Abreiſe fer⸗ tig oder jagten durch Hecken und Gebüſche, um die Pferde einzufangen, und führten oder trieben ſie in das Lager. Während all dieſes Getreibes hallte der Wald von Geſchrei, Jubel und lautem Gelächter wieder. Als alle gefrühſtückt, ihre Effekten und das Lagergeräthe auf⸗ gepackt und die Packpferde beladen hatten, gab das Horn das Zeichen zu ſatteln und aufzuſteigen. Um acht Uhr brach die ganze Schaar in einer Reihe reitend mit Ge⸗ ſchrei und Larmen, in das ſich mancher Fluch über die zaudernden Packpferde miſchte, auf; und nach einer kur⸗ zen Weile verſank der Wald, welcher mehrere Tage der — 70— Schauplatz ſolchen ungewohnten Getöſes und Aufruhrs war, wieder in ſeine urſprüngliche Einſamkeit und Stille. Es war ein glänzender, ſonniger Morgen mit jener durchſichtigen Atmoſphäre, welche jedes Herz mit Wonne zu erfüllen ſcheint. Unſer Weg führte in gleicher Linie mit dem Arkanſas, durch eine reiche, abwechſelnde Gegend. Manchmal mußten wir durch angeſchwemmte Gründe, mit einer üppigen Vegetation bedeckt, ziehen, wo die rieſenhaften Bäume von Weinranken umſchlun⸗ gen waren, die, wie Tauwerk, von ihren Aeſten nieder⸗ hingen. Manchmal ritten wir trägen Bächen entlang, deren ſchwacher, tröpfelnder Gang eben hinreichte, eine Reihe klarer Teiche, wie Spiegel auf dem ſtillen Schooſe des Waldes ruhend und deſſen herbſtliches Laub und Stücke des reinen blauen Himmels wieder ſpiegelnd, mit einander zu verbinden. Manchmal kletterten wir wilde und felſige Höhen empor, auf deren Gipfel ſich uns weite Ausſichten darboten, welche ſich auf der einen Seite über ausgedehnte Prairien mit Buſchwerk und Wäldern wech⸗ ſelnd erſtreckten und auf der andern Seite eine Reihe blauer und ſchattiger Hügel jenſeits des Waſſers des Ar⸗ kanſas überſchauten. Das Aeußere unſerer Schaar war dem Lande ange⸗ paßt; der Zug, der wohl eine Viertelſtunde Wegs lang war, wand ſich durch Hecken und Gebüſch und durch die Schluchten der Höhen auf und nieder; die Mannſchaft ritt in jeder Art rauher Bekleidung, mit den Büchſen auf den Schultern, und auf Pferden jeder Farbe einher. — 71— Die Packpferde pflegten jeden Augenblick aus der Marſch⸗ linie zu weichen, um an den nahen Kräutern zu lecken, und wurden von Toniſch und ſeinen halbbärtigen Ge⸗ noſſen unter einer Menge kauderwälſcher Flüche geprü⸗ gelt und zurückgetrieben. Jeden Augenblick hörte man die Töne des Horns an der Spitze des Zugs in dem Waldlande und die hohlen Schluchten entlang wiederhal⸗ len, die Zauderer ermunternd und die Marſchlinie an⸗ zeigend. Die ganze Scene erinnerte mich an die Be⸗ ſchreibung von Seeräuber⸗Banden, die auf ihren räube⸗ riſchen Zügen gegen die Spaniſchen Anſiedler durch die Wildniſſe Südamerika's drangen. Einmal kamen wir durch einen üppigen Grund oder Aue, die von dichtem Gebüſch begrenzt war und wo das hohe Gras in zahlreiche Lager von Rothwild, der Ruhe⸗ platz dieſer Thiere in der letzten Nacht, niedergedrückt war. Auch einige Eichbäume trugen Spuren an ſich, daß ſie der Eicheln wegen von Bären erklettert worden wa⸗ ren, denn die Eindrücke ihrer Krallen waren in der Rinde ſichtbar. Als wir uns einen Weg zu dieſer geſchützten Aue öffneten, ſahen wir mehrere Rehe in ſcheuer Angſt davon ſpringen, bis ſie in einiger Entfernung waren, wo ſie ſtehen blieben und mit der, dieſen Thieren gewöhn⸗ lichen Neugierde auf die Fremdlinge zurückblickten, welche ſich in ihre Einſamkeit eindrängten. Die jungen Jäger der Schaar ließen ſofort in allen Richtungen ihre Büchſen knallen; ſie waren aber zu eifrig, um richtig zu zielen und die Thiere ſprangen unbeſchädigt in die Tiefen des Waldes. — 72— Auf unſerm Wege kamen wir wieder an den Ar⸗ kanſas, fanden uns aber ſtets noch unter dem Red Fork; da der Strom tiefe Einbiegungen machte, verließen wir ſeine Ufer wieder und ritten durch die Wälder bis bei⸗ nahe drei Uhr fort, wo wir uns in einem ſchönen Thal⸗ becken, von einem lieblichen Bache beſpült und von Grup⸗ pen ſtolzer Eichen überſchattet, lagerten. Die Vorder⸗ füße der Pferde wurden mit Stricken oder ledernen Riemen zuſammengebunden, ſo daß ihre Bewegung ge⸗ hemmt und ſie gehindert waren, das Lager zu verlaſſen; als dies geſchehen, ließ man ſie weiden. Eine Anzahl Jäger, die ihr Handwerk verſtanden, brachen in ver⸗ ſchiedenen⸗Richtungen auf, um Wild zu ſuchen. Das Schreien und Lachen, welches dieſen Morgen im Lager geherrſcht hatte, wurde nicht mehr gehört; alles war ge⸗ ſchäftig um die Feuer, um das Abendmahl zu bereiten, oder ruhte in dem Gras. Bald hörte man rechts und links Schüſſe fallen. Nach kurzer Weile ritt ein Jäger mit der Jagdbeute, einem ſchönen Bock über dem Pferde, in das Lager. Bald nach ihm kamen ein paar junge Jäger zu Fuß, deren einer ein Reh auf ſeinen Schultern trug. Er war augenſcheinlich ſtolz auf ſeine Beute, da es wahrſcheinlich ſeine erſte Waidmannsthat war, ob⸗ gleich er und ſein Gefährte von ihren Kameraden als junge Anfänger, die ⸗in Kompagnie“ jagten, ſehr geneckt wurden. Mit dem Einbruche der Nacht hörte man an dem einen Ende des Lagers ein ſtarkes Jubeln und bald dar⸗ — 73— auf zog eine Schaar junger Jäger feierlich um die ver⸗ ſchiedenen Feuer, einen ihrer Kameraden im Triumph auf ihren Schultern tragend. Er hatte ein Elenthier, das erſte in ſeinem Leben geſchoſſen; auch war es das erſte Thier dieſer Art, das auf unſerem Zuge gefallen war. Der junge Jäger, der M'Lellan hieß, war für die Nacht der Held des Lagers und obendrein der Vater des Schmauſes,“ denn Stücke ſeines Elenthieres ſchmor⸗ ten bald an allen Feuern des Lagers. Die andern Jäger kehrten leer zurück. Der Ka⸗ pitän hatte die Spuren eines Büffels gefunden, der vor wenigen Tagen des Wegs gekommen ſein mußte; einem Bären hatte er eine Zeitlang nachgeſetzt, bis ſeine Spu⸗ ren verſchwanden; auch hatte er ein Elenthier an dem Ufer des Arkanſas geſehen, das auf eine Sandbank des Fluſſes heran gegangen war; ehe er aber um das Ge⸗ büſch ſchleichen konnte, um ihm auf Schußweite zu nahen, war es wieder in die Wälder geeilt. Beatte, unſer Jäger, kam ſchweigend und mürriſch von einer erfolgloſen Jagd zurück. Bis jetzt hatte er uns noch nichts an das Feuer geliefert und wir mußten uns, um Wild zu haben, auf die Güte des Kapitäns verlaſſen. Beatte war ſichtbar ärgerlich, denn er blickte mit Verachtung auf die Grenzjäger als rohe und uner⸗ fahrene Wäldler, die vom Jagdweſen nur wenig verſtün⸗ den. Sie dagegen betrachteten Beatte wegen ſeiner ſchlech⸗ ten Abſtammung nicht ſehr holden Auges und nannten ihn immer nur den Indianer. — 74— Auch unſer kleine Franzoſe Toniſch hatte durch ſein ſtetes Lärmen, Plaudern und Prahlen in ſeinem kauder⸗ welſchen Dialekt den Spott mancher Spaßvögel der Schaar äuf ſich gezogen, die ſich auf ſeine Koſten mit Witzen unterhielten, welche keineswegs durch ihre Feinheit ausgezeichnet waren. Aber der kleine Tagedieb war von Gielkeit und Einbildung ſo vollkommen verſchanzt, daß ihm kein Witz etwas anhaben konnte. Ich muß aber doch geſtehen, daß ich über die traurige Figur, welche unſere Diener unter dieſen Grenz⸗Galgenſtricken ſpielten, etwas ärgerlich war. Selbſt unſere Ausrüſtung theilte das Loos, den Beifall des Haufens nicht zu haben und ich hörte manchen Spott über die Doppelflinten, welche wir für die niedere Jagd mitgenommen hatten; die Burſche des Weſtens hegen gegen„Schießflinten, wie ſie ſie nennen, eine große Verachtung und glauben, Haſelhühner, Feldhühner und ſelbſt Truthähne ſeien ihrer ernſten Be⸗ achtung nicht werth, und die Büchſe ſei das einzige eines Jägers würdige Feuerrohr. Am kommenden Morgen wurde ich mit Anbruch des Tags durch das jämmerliche Heulen eines Wolfs, der durch den Geruch des Wildprets angezogen, um das La⸗ ger ſtreifte, geweckt. Kaum war der erſte graue Streifen am Himmel ſichtbar, als ein junger Burſche an einer ent⸗ fernten Lagerſtätte den Schlaf von ſich ſchüttelte, und mit lauter, klarer Stimme und gezogener Cadenz das Krähen des Hahns in einer Weiſe nachmachte, welche dem älteſten„Hofſänger⸗ Ehre gemacht hätte. Alsbald — 75— erſcholl die Antwort von einer andern Seite her wie von einer nebenbuhleriſchen Stange herab. Von Lagerſtätte zu Lagerſtätte hallte der Geſang wieder, das Gackeln der Hennen, das Schnattern der Enten, das Gluckſen der Truthähne und das Grunzen der Schweine folgte, bis es ſchien als wären wir inmitten eines Farmhofes, wo alle Bewohner ein volles Concert um uns anſtimmten, verſetzt worden. Nachdem wir dieſen Morgen eine kurze Strecke ge⸗ ritten waren, kamen wir auf eine ausgetretene India⸗ niſche Spur und ritten, ihr folgend, auf den Gipfel ei⸗ nes Hügels, von dem wir eine weite Ausſicht auf die Gegend hatten, wo felſige Stämme und ſchwellende Li⸗ nien des Hochlands maleriſch wechſelten, und Wälder und Baumgruppen von bunten Farben und Laubwerk herein⸗ traten. Zu unſerer großen Freude ſahen wir in einiger Entfernung gegen Weſten den Red Fork ſeine röthlichen Wellen dem Arkanſas zuwälzen und fanden, daß wir dem Vereinigungspunkte der Flüſſe nahe waren. Wir ſtiegen jetzt ab und drangen mit vieler Mühe durch die tiefen Gründe, welche den Arkanſas begrenzen. Die Bäume waren hier mit ungeheuern Weinranken umwo⸗ ben, die wie Kränze von Stamm zu Stamm und von Aſt zu Aſt hingen. Auch dichtes Buſchwerk und ſolch eine Menge Hopfen, der zum Sammeln reif war, fand ſich hier, daß ſich die Pferde mit Noth forthalfen. Auf dem Boden ſah man häufig die Spur von Rothwild und an vielen Bäumen waren die Eindrücke der Krallen von — 76— Bären zu erkennen. Jeder war jetzt auf der Hut, in der Hoffnung, es werde ſich Wild zeigen, als plötzlich bei einem fernen Theile des Zugs ein Lärmen und Ru⸗ fen hörbar wurde.„Ein Bär! ein Bär!⸗ ſchrie man. Wir eilten alle vorwärts, um dieſer Jagd zuzuſehen, als ich zu meinem unendlichen, obgleich komiſchen Ver⸗ druß ſah, daß es unſere zwei Helden, Beatte und Toniſch waren, die einen ſchändlichen Mord an einem Iltiß ver⸗ übten. Das Thier hatte ſich unter dem Stamm eines gefallenen Baums verborgen, von wo aus es ſich nach der ihm eigenen Weiſe tapfer vertheidigte, bis der Wald umher in eine Wolke von Düften gehüllt war. Witze und Spöttereien überſtrömten nun von allen Seiten den Indianiſchen Jäger und man rieth ihm, den Scalp des Iltiß als das einzige Zeichen ſeiner Tapfer⸗ keit zu tragen. Als man aber ſah, daß er und Toniſch durchaus dabei beharrten, die Beute als einen beſon⸗ dern Leckerbiſſen mitzunehmen, drückte man allgemein ſeinen Abſcheu aus und betrachtete ſie nicht viel beſſer denn als Menſchenfreſſer. Aergerlich über dieſes ſchmähliche Probeſtück unſerer Jäger, beſtand ich darauf, daß ſie das Thier liegen ließen und ihres Weges weiter zögen. Beatte gehorchte mit einer grämlichen, unzufriedenen Miene und ſchlenderte keuchend hinten nach. Toniſch aber tröſtete ſich mit ſeiner ge⸗ wöhnlichen Lebhaftigkeit durch ein larmendes Lobpreiſen der Güte und des Wohlgeſchmacks eines geröſteten Iltiß⸗ der, wie er ſchwor, von all den erfahrenſten Indianiſchen — 7— Feinſchmeckern für den köſtlichſten aller Leckerbiſſen ge⸗ halten würde. Nur mit Mühe gelang es mir, durch wiederholten, beſtimmten Befehl ſeiner Geſchwätzigkeit ein Ziel zu ſetzen. Wenn jedoch eines Franzoſen Leb⸗ haftigkeit auf der einen Seite niedergedrückt wird, bricht ſie auf einer andern aus und Toniſch machte jetzt ſeiner übeln Laune dadurch Luft, daß er die Packpferde mit reichen Ladungen von Flüchen und Schlägen bedachte. Ich ahnte wohl, daß ich am Ende durch meinen Wider⸗ ſtand gegen die Launen der beiden Taugenichtſe wenig gewinnen würde; denn als Beatte nach einiger Zeit den Nachtrab verließ und ſeinen Platz als einen der Führer einnahm, hatte ich den Verdruß, den Iltiß, ſeines Bal⸗ ges baar und einem fetten Ferkel ähnlich, hinter ſeinem Sattel baumeln zu ſehen. Ich gelobte jedoch feierlich bei mir, unſer Feuer ſollte nicht durch die Bereitung eines Iltiß geſchändet werden. Zwölftes Kapitel. Uebergang über den Arkanſas. Wir waren jetzt ungefähr tauſend Schritte über der Einmündung des Red Fork; aber die Ufer waren ſteil und ſchroff und der Strom tief und reißend. Es war daher unmöglich, ihn hier zu überſchreiten, und wir mußten unſern mühſamen Weg durch den Wald wieder antreten und Beatte vorausſchicken, eine andere Furt zu ſuchen. Wir waren eine kleine halbe Stunde weiter, als er wieder zu uns ſtieß und Kunde von einer nahen Stelle brachte, wo der Fluß nach dem größten Theil ſeiner Breite furtbar war, der übrige Theil aber von den Pferden leicht durchſchwommen werden könne. Wir machten hier ſonach Halt. Einige Jäger ſetzten ihre Ärte tüchtig in Bewegung, um an dem Ufer des Fluſſes Bäume zu fällen, aus denen Flöße zum Hinüber⸗ bringen des Gepäcks und Lagergeräthes gemacht werden ſonten: andere ſtreiften weiter an dem Ufer des Fluſſes hinauf, in der Hoffnung, eine beſſere Furt zu finden, da ſie in dem tiefen Flußbett ihre Pferde nicht gefährten wollten.’ Jetzt hatten unſere Helden, Beatte und Toniſch, eine günſtige Gelegenheit, ihre Indianiſche Geſchicklich⸗ keit und Erfindungsgabe zu zeigen. In dem Oſagedorf, — 79— durch welches wir kurz vorher gekommen waren, hatten ſie ſich eine getrocknete Büffelhaut verſchafft. Dieſe wurde nun herbeigeholt; Stricke wurden durch eine Anzahl bleiner Löcher an dem Rande geſteckt und das Ganze ſo gezogen und geſtreckt, daß es eine Art tiefen Trogs bildete. Innen liefen einige Querhölzer durch, ſo daß die Form blieb; unſer Lagergeräthe und ein Theil unſeres Gepäcks wurde hineingethan und die ſeltſame Barke an das Ufer hinab gebracht und auf das Waſſer geſetzt. An der Vorderſeite war ein Strick befeſtigt, den Beatte zwiſchen ſeine Zähne nahm, ſich zuerſt in das Waſſer warf, und die Barke nach ſich zog, während Toniſch hinten folgte, um ſie in der Richtung halten zu helfen und nachzuſchieben. Einen Theil des Wegs hatten ſie feſten Grund und brauchten nicht zu ſchwim⸗ men, was jedoch geſchehen mußte, als ſie zur Haupt⸗ ſtrömung kamen. Auf dem ganzen Weg ſchrien und belften ſie nach Indianiſcher Weiſe, bis ſie ſicher am andern Ufer gelandet waren. Dem Commiſſär und mir gefiel dieſe Indianiſche Art, über den Fluß zu ſetzen, ſo gut, daß wir uns entſchoſſen, uns der Büffelhaut anzuvertrauen. Unſre Reiſegenoſſen, der Graf und Hr. L., welche mit den Pferden am Fluß hinauf gegangen waren, um eine andere Furt zu ſuchen, hatten mit einigen Jägern eine ſolche, ungefähr zwei tauſend Schritte weiter oben, entdeckt. Während wir der Rückkehr unſerer Schiffer warteten, ſiel mein Blick zufällig auf einen Haufen Gepäck unter einem — 80— Buſch, wo mir denn auch der glatte Iltißbraten zu Geſicht kam, der hübſch zurecht gemacht war und nur noch des Röſtens vor dem Abendfeuer harrte. Ich konnte der Verſuchung nicht widerſtehen, ihn in den Fluß zu werfen, wo er wie ein Klumpen Blei auf den Boden ſank; ſo wurde unſere Lagerſtätte von dem böſen Geruche befreit, in welchen es dieſer ſaftige Leckerbiſſen zu brin⸗ gen gedroht hatte. Als unſere Leute wieder in ihrer Muſchelſchalen⸗ barke anlangten, wurden ſie auf das Ufer gezogen, zur Hälfte mit Sätteln, Mantelſäcken und anderm Gepäck von wenigſtens einem Centner Gewicht, gefüllt, wieder in das Waſſer gebracht und ich dann eingeladen, meinen Sitz darin zu nehmen. Die Anſtalt ſchien mir mit der Einſchiffung der weißen Leute von Gotham, die in einer Schüſſel zur See gingen, ziemlich viel Ähnlichkeit zu haben: ich ſtieg jedoch ohne Zögern, aber ſo vorſichtig als möglich hinein und ſetzte mich auf das Gepäck, wäh⸗ rend der Rand der Haut nur eine Handbreit über der Oberfläche des Waſſers blieb. Büchſen, Vogelflinten und andere kleinere Gegenſtände wurden nun herein⸗ gereicht, bis ich mich der Aufnahme fernerer Fracht widerſetzte. Wir ſchwammen jetzt weiter, wobei die Barke wie vorher gezogen und fortgeſchoben wurde. Mit einem Gefühl, das eben ſo viel Ernſtes als Komiſches hatte, ſah ich mich ſo in der Haut eines Büffels, mitten in einem wilden Strome, von der Wildniß umgeben und von einem Halbwilden fortgezogen, —⸗;⅞:ℳ— — ——— — 81— der wie ein eingefleiſchter Teufel ſchrie und johlte. Um der Eitelkeit des kleinen Toniſch ein wenig gefällig zu ſein, ſchoß ich, als ich in der Mitte des Stromes war, meine Doppelflinte links und rechts ab. Der Knall hallte die waldigen Ufer entlang wieder, und wurde zu dem größten Entzücken des kleinen Toniſch, der den ganzen Ruhm dieſer Indianiſchen Fahrweiſe auf ſich nahm, von einigen Jägern jubelnd erwiedert. Unſere überfahrt ging glücklich von ſtatten: der Commiſſär wurde eben ſo wohlbehalten wie ich übergefah⸗ ren, und unſer ganzes Gepäck war bald in gleicher Weiſe an dem andern Ufer. Nichts war mit der eiteln Großſprecherei des kleinen Toniſch zu vergleichen, wie er jetzt das Ufer entlang ſtolzirte und ſich einer Geſchick⸗ lichkeit und Sachkenntniß freute, in der es ihm keiner der Jäger gleich thun konnte. Beatte dagegen behielt ſein kaltes, mürriſches Weſen bei und zeigte keine Freude. Er verachtete die Unwiſſenheit der Jäger tief und fühlte, daß ſie ihn nicht nach ſeinem Werth ge⸗ ſchätzt hätten. Die einzige Bemerkung, die er machte, war:„Jetzt ſehen ſie doch, daß der Indianer zu irgend etwas gut iſt.“ Das breite ſandige Ufer, wo wir gelandet, zeigte eine zahlloſe Menge Spuren von Elenthieren, Rothwild, Bären, Waſchbaren, Truthähnen und Waſſervögeln. Die Stromſcene bot hier einen ſchönen mannichfaltigen Cha⸗ rakter dar, indem man auf lange glänzende, von Weiden und Baumwollſtauden beſetzte Waſſer⸗Streifen, auf Irving's Reiſe. 6 reiche Thäler mit ſtolzen Waldungen, wo ſich ungeheure Platanusbäume erhoben, blickte, während die Ferne durch hohe, waldbewachſene Vorgebirge geſchloſſen wurde. Das Laub hatte eine gelbe herbſtliche Färbung, welche der ſonnigen Landſchaft den goldnen Ton einer von Claude Lorraine's Landſchaften gaben. Die Scene wurde durch ein Floß von Balken und Zweigen belebt, auf welchem der Kapitän und ſein Hauptgenoſſe, der Doctor, ihr Gepäck über den Strom fuhren, ſo wie durch eine lange Linie von Grenzjägern zu Pferd, die ungefähr zwei tauſend Schritte weiter oben über eine Reihe von Sandbänken durch den Strom gingen. 4⁴ Dreizehntes Kapitel. Das Lager im Thalbecken.— Lager⸗Geplauder.— Pawnees und ihre Sitten.— Eines Jägers Abentheuer.— Pferde gefunden und Leute verloren. Als der Kapitän und einige Jäger zu uns geſtoßen waren, zogen wir ungefähr eine Viertelſtunde durch den Wald und gelangten in ein wildes, felſiges Thal, das von zwei hohen Kalkſteinfelſen gebildet wurde, welche ſich, je weiter wir kamen, verengten, bis ſie, faſt einen Winkel bildend, aufeinander ſtießen und ſich vereinigten. Hier quoll ein ſchöner Quell aus den Felſen und nährte ein Silberbächlein, das durch die ganze Länge des Thals lief und das Gras, mit welchem es geſchmückt war, erfriſchte. In dieſer Felſenenge lagerten wir uns unter hohen Bäumen. Die Jäger langten nach und nach an, indem ſie einzeln oder in kleinen Haufen durch den Wald daher ſchlenderten; einige zu Pferd, andere zu Fuß, ihre mit dem Gepäcke ſchwer beladenen Pferde führend; einige von Waſſer triefend, denn ſie waren in den Strom gefallen und hatten wegen der Länge der Furt und der Tiefe und Wildheit des Stroms mit vielen Mühen zu kampfen gehabt. Sie ſahen Banditen nicht unähnlich, welche mit ihrem Raube zurückkehrten und das wilde Thal war ein Zufluchtsort, würdig ſie aufzunehmen. Der 6 † — 84— Effekt wurde nach dem Dunkel noch gehoben, als das Licht der Lagerfeuer auf die wildbunten Menſchen und Pferdegruppen, auf das in Haufen zuſammengebrachte Gepäck, die an die Bäume gelehnten Büchſen und die an den Aſten darüber aufgehängten Sättel, Zügel und Pulverhörner ſeinen grellen Glanz warf. In dem Lager trafen wir auch den jungen Grafen und ſeinen Gefährten und den jungen Meſtizen Antoine wieder, welche alle glücklich über die Furt gekommen waren. Zu meinem Mißbehagen entdeckte ich aber, daß meine beiden Pferde fehlten. Ich hatte geglaubt, An⸗ toine ſorge für ſie; dieſer aber hatte ſich mit charakteri⸗ ſtiſcher Fahrläßigkeit nicht um ſie bekümmert und ſie hatten ſich wahrſcheinlich auf dem andern Ufer des Stromes verlaufen. Es wurde beſtimmt, daß Beatte und Antoine am nächſten Morgen in aller Frühe wieder über den Strom ſetzen und ſie ſuchen ſollten. Da ein fetter Bock und eine Anzahl wilder Trut⸗ hähne in das Lager gebracht worden, fehlte es uns nicht an einem behaglichen Abendeſſen, zu dem ſich eine Taſſe Kaffe geſellte; ſpäter begaben wir uns zur Lagerſtätte des Kapitains, das eine Art Berathungsfeuer und ein Plauderplätzchen für die Veteranen des Lagers war. Während der Unterhaltung bemerkten wir wieder, wie in den vorigen Nächten, eine dunkelrothe Glut im Weſten über den Gipfeln des Geklüftes umher; man ſchrieb ſie wieder Indianiſchem Feuer auf den Prairien zu und nahm an, ſie müßten auf der Weſtſeite des — 85— Arkanſas ſein. War dem ſo, ſo mußten ſie von einer Schaar Pawnees herrühren, da ſich die Oſagenjaͤger ſelten in jene Gegenden wagen. Unſer Meſtize be⸗ hauptete aber, es ſeien Oſagenfeuer und ſie brennten auf der andern Seite des Arkanſas. Die Unterhaltung kam jetzt auf die Pawnees, in deren Jagdgebiet wir im Begriff waren einzutreten. Irgend ein wilder, ungezähmter Indianerſtamm muß immer eine Zeitlang den Schrecken der Grenze abgeben und jede Art fürchterlicher Geſchichten von ſich erzahlen laſſen. Die Reihe iſt jetzt an den Pawnees, welche die Gebiete zwiſchen dem Arkanſas und Red River und die Prairien von Texas durchſtreifen. Sie werden als be⸗ wundernswürdige Reiter geſchildert, die ſich nie von ihrem Pferde trennen, und raſche, dauerhafte Roſſe, von der wilden Prairienzucht, reiten. Auf dieſen jagen ſie durch die großen Ebenen, welche ſich um den Arkan⸗ ſas, den Red River und über Texas bis zu den Rocky Mountains ausdehnen, manchmal den Hirſch und den Büffel verfolgend, manchmal zu Krieg und Raub ziehend, denn es iſt mit ihnen wie mit ihrem Gegenſtück, den Söhnen Ismaels:— ihre Hand iſt gegen Jeden und Jedes Hand iſt gegen ſie. Manche haben keinen feſten Wohnſitz, ſondern wohnen in Zelten von Häuten, welche leicht aufgepackt und fortgebracht werden können, ſo daß ſie heute hier und morgen— niemand weiß, wo? ſind. Einer der Veteranen erzälte mehrere Anekdoten über ihre Art zu kämpfen. Unglücklich iſt, ſeiner Nachricht zufolge, die Schaar müder Handelsleute oder Jäger, welche inmitten einer Prairie von ihnen entdeckt werden. Zuweilen ſtehlen ſie ſich durch Liſt in ihre Nähe, indem ſie mit dem einen Bein über dem Sattel hängen und ihren Körper verbergen, ſo daß man in einiger Ent⸗ fernung einen Haufen wilder Pferde daher ſprengen zu ſehen glaubt. Wenn ſie auf dieſe Weiſe dem Feinde nahe genug ſind, erheben ſi ſie ſich plötzlich in ihren Säͤt⸗ teln und ſtürzen wie ein wildes Wetter einher, ganz von Federn flatternd, ihre Umwürfe ſchüttelnd, ihre Waffen ſchwenkend und ein heilloſes Gejohle ausſtoßend. Auf dieſe Weiſe ſuchen ſie die Pferde zu ſchrecken und zur Flucht zu bringen, wo ſie ſie dann verfolgen und im Triumph wegführen. Die beſte Weiſe, ſich zu ſchirmen, iſt, dieſem alten Wäldler zufolge, in einem Walde oder Gebüſch zu raſten; oder wenn ein ſolches nicht in der Nähe iſt, abzuſteigen, die Pferde feſt, Kopf an Kopf, in einem Kreiſe zu binden, ſo daß ſie nicht durchbrechen und aus⸗ reißen können, und dann den Schutz einer Schlucht aufzuſuchen oder eine Höhlung in den Sand zu machen, wo man vor den Pfeilen der Pawnees ſicher iſt. Sie brauchen hauptſächlich Bogen und Pfeil und ſind geſchickte Schützen; ſie umjagen ihren Feind im Kreiſe und ſchnellen die Pfeile im ſtärkſten Galopp mit Sicherheit ab. Am furchtbarſten ſind ſie auf den Prairien, wo die Bewegungen ihrer Pferde nicht gehindert und keine Bäume dem Gebrauch der Pfeile im Wege — 87— ſind. Selten folgen ſie einem flüchtigen Feind in die Wälder. Man erzählte auch mehrere Anekdoten von der Heimlichkeit und Vorſicht, mit welcher ſie dem Lager eines Feindes folgen und ſich demſelben anſchließen, bis ſich ein günſtiger Augenblick, es anzugreifen oder zu plündern, darbietet. „Wir müſſen von nun an ſehr auf unſerer Hut ſein,“ ſagte der Kapitän.„Ich muß einen geſchrie⸗ benen Befehl erlaſſen, daß Niemand ohne Erlaubniß auf die Jagd gehen, oder ein Gewehr abfeuern darf, wenn er nicht auf dem Holzpferd mit ſcharfem Rücken reiten will. Ich habe einen wilden Haufen junger Burſche, welche nicht an den Grenzdienſt gewöhnt ſind. Es wird ſchwer ſein, ſie Vorſicht zu lehren. Wir ſind jetzt in dem Lande eines ſtillen, wachſamen, liſtigen Volkes, das uns, wenn wir es am wenigſten glauben, umgeben kann, alle unſere Bewegungen aus⸗ ſpäht und jeden Augenblick bereit iſt, ſich auf die Nach⸗ zügler zu ſtürzen.“ 8 „Wie wollt Ihr a rr Eure Leute abhalten, zu feuern, wenn ſie, um das Lager ſtreifend, auf Wild ſtoßen?“ fragte einer der Jäger. „Sie dürfen ihre Gewehre nicht mitnehmen, wenn ſie nicht im Dienſte ſind oder Erlaubniß dazu haben.“ „Ha, Kapitän,“ ſagte der Jäger,„das geht bei mir nicht an. Wohin ich gehe, geht meine Büchſe. Ich laſſe ſie nie gern von mir. Sie iſt gleichſam ein Theil — 88— meiner ſelbſt. Niemand hegt ſo viel Sorgfalt für ſie, wie ich, und nichts wird ſo viel Sorgfalt für mich hegen, wie meine Büchſe.“. „Es iſt etwas Wahres darin,“ ſagte der Kapitän, den dieſe echte Waidmanns⸗Sympathie rührte:„ich habe meine Büchſe immer bei mir gehabt, ſo lange ich mein Weib bei mir hatte, und eine treue Freundin iſt ſie mir geweſen.“ Hier nahm der Doctor, ein eben ſo ſcharfer Schütze wie der Kapitän, Theil an der Unterhaltung:„Einer meiner Nachbarn ſagt, nach meiner Büchſe liebe ich auch eben ſo gerne meine Frau.“ „Wenige,“ bemerkte der Kapitän,“ ſorgen für ihre Büchſen, wie ſie ſollten.“ „Und auch nicht für ihre Frau,“ erwiederte der Doctor mit einem Seitenblick. „Das iſt wahr,“ verſetzte der Kapitän. Man brachte die Nachricht, der alte Ryan mit vier Jägern werde vermißt. Sie hatten ſich an dem andern Ufer des Flußes, eine Furt ſuchend, von der Schaar getrennt und waren, niemand wußte, wohin? gegangen. Manche Vermuthungen wurden laut und einige fürchteten für die Sicherheit der Leute. „Ich ſollte ausſchicken und nach ihnen ſehen laſſen,“ ſagte der Kapitän;„aber der alte Ryan iſt bei ihnen und der weiß für ſich und auch für ſie zu ſorgen. Wäre er nicht, ſo würde ich die übrigen verloren geben; aber er iſt in den Wäldern oder auf einer Prairie zu Haus — 89— wie in ſeinem Farmhof. Es ſind ihrer genug, um ein⸗ ander zu helfen; vier halten Wache und einer ſorgt für das Feuer.“ „Es iſt traurig, ſich bei Nachtzeit in einer frem⸗ den und wilden Gegend zu verlieren,“ ſagte einer der jüngern Jäger. „Nicht doch, wenn man einen oder zwei Gefährten hat,“ ſagte ein anderer.„Was mich angeht, ſo würde ich mich in dieſer Schlucht eben ſo behaglich fühlen wie in meiner Heimath, wenn ich nur einen Gefährten hätte, der mit mir abwechſelnd Wache ſtünde und für die Un⸗ terhaltung des Feuers ſorgte. Ich könnte hier ſtunden⸗ lang liegen, und zu jenem funkelnden Stern dort auf⸗ ſehen, der in das Lager herab ſchaut, als wollte er es bewachen.“— „Ja, die Sterne ſind einem wohl eine Art Geſell⸗ ſchaft, wenn man allein auf dem Poſten zu ſtehen hat. und dies iſt wirklich ein lieblicher Stern; es iſt der Abendſtern, der Planet Venus, wie man ihn, glaube ich, heißt.“ 3 „Wenn dies der Planet Venus iſt,“ ſagte einer aus dem Rathe, der pſalmirende Schulmeiſter,„wenn ich nicht irre, ſo bedeutet's uns nichts Gutes; denn ich erinnere mich, in irgend einem Buche geleſen zu haben, daß die Pawnees dieſen Stern anbeten und ihm ihre Gefangenen opfern. So wird mir eben nicht wohler bei dem Anblick dieſes Sterns in dieſem Theil des Landes.“ — 90— „Gut,“ ſagte der Sergeant, ein Wäldler von Kopf bis zu den Füßen:„Stern oder nicht, ich habe manche Nacht allein an einem wildern Orte hingebracht als dieſer, und auch prachtvoll geſchlafen, das verſichere ich euch.— Einmal jedoch war mir nicht ganz wohl zu Muth dabei. Ich hatte mich auf dem Wege durch einen Waldſtrich am Tombighe⸗Fluß verſpätet: ich ſchlug mir alſo ein Licht, machte Feuer an und ließ mein Pferd frei weiden, während ich mich hinſtreckte, um zu ſchlafen. Nicht lange, ſo fingen die Wölfe zu heulen an. Mein Pferd kam und ſchmiegte ſich an mich, um ſich zu ſchützen, denn es war grimmig erſchreckt. Ich jagte es weg; es kam aber wieder, rückte näher und näher und ſtand da, mich und das Feuer anſehend, und träge nickend und mit den Vorderfüßen wankend, denn es war ungemein müde. Nach einer Weile hörte ich einen ſeltſamen ſchrecklichen Ton; ich glaubte anfangs, es ſei eine Eule; der Ton wiederholte ſich und jetzt überzeugte ich mich, daß es keine Eule war, ſondern ein Panther.“ 1 „Mir war nicht ganz wohl zu Muth, denn ich hatte keine Waffe als ein Federmeſſer mit zwei Klingen. Ich bereitete mich jedoch ſo gut ich konnte zu meiner Vertheidigung und ſuchte mir kleine Brände aus dem Feuer auf, um ihn, wenn er ſich nähere, damit zu ſalzen. Die Geſellſchaft meines Pferdes ſchien mir jetzt ganz tröſtlich; das arme Thier legte ſich neben mich und ſchlief, da es ſehr müde war, bald ein. Ich hielt N — 9— Wache, und nickte und blinzelte und fuhr wieder auf und öffnete die Augen weit, da ich die flammenden Augen des Panthers ganz nahe bei mir zu ſehen er⸗ wartete; ich weiß jedoch nicht wie es kam— die Müdig⸗ keit uberwand mich und ich fiel in tiefen Schlaf. Am Morgen fand ich ſechszig Schritte davon die Spuren des Panthers— ſie waren ſo breit wie zwei Fäuſte. Er war ſichtbar vorwärts und rückwärts gegangen und mit dem Plane beſchäftigt geweſen, mich anzugreifen; glücklicherweiſe aber hatte er keinen Muth.“ Den 16. October. Ich wachte vor Anbruch des Tages auf. Der Mond ſchien durch ſchwaches treibendes Gewölk in die Thalſchlucht nieder! die Lagerfeuer waren faſt ausgebrannt und die Mannſchaft lag in Tücher gehüllt, um ſie her. Mit dem erſten Dämmerlicht brachen Beatte, unſer Jäger und der junge Meſtize Antoine auf, um wieder über den Strom zu ſetzen und die verlaufenen Pferde zu ſuchen; einige Jäger, die ihre Bückſen und ihr Gepäck auf dem andern Ufer gelaſſen hatten, begleiteten ſie. Da die Furt tief war und man ſie einer reißenden Strömung entgegen, quer durch⸗ ziehen mußte, hatten ſie die größten und ſtärkſten Pferde beſtiegen. Um acht Uhr kehrte Beatte zurück. Er hatte beide Pferde gefunden, aber Antoine verloren. Dieſer ſei, ſagte er, ein Knabe, ein Gelbſchnabel, der nichts von den Wäldern verſtände. Er hätte ſich von ihnen entfernt und verirrt. Er könnte jedoch noch auf eine Menge Anderer ſtoßen, da auch einige der Jäger über — 92— den Strom gegangen und der alte Ryan und ſeine Genoſſen noch nicht zurück gekehrt wären. Wir warteten bis der Morgen weit vorgerückt war⸗ in der Hoffnung, die Zauderer würden ſich noch zu uns finden, aber ſie blieben aus. Der Kapitän bemerkte, die Indianer auf der andern Seite des Stroms ſeien alle den Weißen zugethan, ſo daß wegen der Sicherheit der Vermißten keine ernſtliche Beſorgniſſe zu hegen ſeien; die größte Gefahr ſei, daß ihre Pferde in der Nacht von umziehenden Oſagen geſtohlen werden könnten. Er beſchloß daher, die Reiſe fortzuſetzen und in dem Lager einen Nachtrab zurückzulaſſen, der ihrer Ankunft harrte. Ich ſaß auf einem Felſen, der an dem obern Theil der Thalſchlucht über der Quelle hing und ergötzte mich, die wechſelnde Scene vor mir zu betrachten. Zuerſt die Vorbereitungen zum Abmarſch: man treibt die Pferde aus dem Bezirke des Lagers zuſammen; Jäger reiten die Felſen entlang und durch das Buſchwerk, um die weiter verlaufenen zu ſuchen; mit dem Lärm des Auf⸗ packens des Lagergeräthes und dem Rufen nach Keſſeln und Bratpfannen, die eine Lagerſtätte der andern ge⸗ borgt hatte, vermiſchten ſich Flüche und Verwünſchungen über ſtätige Pferde oder andere, die, nachdem ſie bepackt, wieder ausgeriſſen waren, um zu weiden, wobei die Stimme unſeres kleinen Franzoſen Toniſch ganz beſon⸗ ders vernemlich war. Das Horn gab das Zeichen zum Aufbruch. Die Kompagnie zog in einer ſich ſchlängelnden Linie die — — — 93— Schlucht hinab und durch den offenen Wald, ſich windend und dann und wann unter den Bäumen verſchwindend, obgleich die Töne des Horns und das Geſchrei Einzelner noch eine Weile gehört werden konnten. Der Nachtrab blieb in dem untern Theil der Thalſchlucht unter den Bäumen; einige waren zu Pferd, mit den Büchſen auf der Schulter; andere ſaßen am Feuer oder lagen auf der Erde, während ſie in einem leiſen trägen Tone ſich unterhielten und die Pferde, ungeſattelt, ſchläfrig umher ſtanden und einer der Jäger, dieſen Zwiſchen⸗ raum der Muſe benutzend, vor einem an dem Stamm eines Baumes befeſtigten Taſchenſpiegel ſich ſeines Barts entledigte. Das Geſchrei der Stimmen und die Töne des Horns verhallten endlich ganz und die Schlucht lag wie⸗ der in Ruhe und Schweigen, das dann und wann durch die leiſen murmelnden Töne der Gruppe um das Feuer, das einſame Pfeifen irgend eines Zauderers unter den Baumen oder das Rauſchen der gelben Bläaͤtter unter⸗ brochen wurde, die der leiſeſte Luftzug in Haufen nieder⸗ wehte— ein Zeichen der ſcheidenden Glorie des Jahres. — 947— Vierzehntes Kapitel. Rehjagd.— Leben auf den Prairien.— Schönes Lager.— Jägerglück.— Anecdoten von den Delawaren und ihr Aberglauben. Als wir durch den Waldſaum waren, welcher den Strom begrenzt, ſtiegen wir die Höhe hinan, und wand⸗ ten uns weſtlich, durch eine ſchwellende Gegend von„of⸗ fenem Eichwald,“ wo das Auge zuweilen über weite Strecken von Hügeln und Thälern ſtreifte, denen Wal⸗ dung, Buſchwerk und Baumgruppen Abwechſelung gaben. Wie wir langſamen Schrittes dahin zogen, entdeckten die an der Spitze des Zuges an einem graſigen Abhang, tauſend Schritte ungefähr entfernt, vier Rehe. Sie hatten offenbar von unſerem Anmarſch nichts gemerkt und graſ'ten in vollkommener Ruhe fort. Ein junger Jäger erhielt von dem Kapitän die Erlaubniß, ihnen nachzugehen und der Zug hielt der ganzen Länge nach, um ſchweigend auf ſein Beginnen zu achten. Er ließ ſein Pferd langſam und vorſichtig gehen, und machte ei⸗ nen Umweg, bis ein Stückchen Wald zwiſchen ihm und den Rehen lag. Jetzt ſtieg er ab, ließ ſein Pferd unter den Bäumen und verſchwand, indem er ſich um eine kleine Anhöhe wendete, aus unſern Blicken. Wir ſchau⸗ — 95— ten jetzt unverwandt auf die Thiere, welche ihrer Gefahr unbewußt, zu graſen fortfuhren. Nun hörte man den ſcharfen Knall der Büchſe— ein ſchöner Bock machte einen verzweifelten Sprung und ſtürzte; ſeine Beglei⸗ tung zerſtob wie der Wind. In dem Augenblick war un⸗ ſere ganze Marſchlinie zerriſſen; die jungen Leute der Kompagnie galoppirten durcheinander und jeder wollte den Flüchtlingen einen Schuß beibringen; einer der her⸗ vorſtechendſten Perſonen bei dieſer Jagd war unſer kleine Franzoſe Toniſch auf ſeinem Silbergrauen, mit welchem er bei dem erſten Anblick der Thiere ſeine Packpferde ver⸗ laſſen hatte. Es dauerte einige Zeit, ehe unſere zer⸗ ſtreuten Kräfte durch das Horn wieder geſammelt und der Marſch fortgeſetzt werden konnte. Wirre Scenen dieſer Art unterbrachen dieſen Tag noch zwei⸗ oder dreimal unſern Marſch. Die jungen Grenzjäger waren voller Aufregung beim Eintritte in ein unbeſuchtes Land, das von Wild wimmelte; an Zucht und Zwang waren ſie zu wenig gewöhnt, um in Ord⸗ nung gehalten zu werden. Keiner aber war unlenkſamer als unſer Toniſch. Da er einen hohen Begriff von ſei⸗ ner Geſchicklichkeit als Jäger, und eine nicht zu bändi⸗ gende Leidenſchaft hatte, ſie an den Tag zu legen, ſo war er ſtets auf dem Sprung, wie ein ſchlecht abgerich⸗ teter Hund, ſobald Wild aufgejagt wurde, und hätte eben ſo oft zurückgepeitſcht werden müſſen. Seine Eitelkeit verfiel endlich einer heilſamen Züch⸗ tigung. Ein fettes Reh ſprang, Angeſichts der ganzen — 96— Linie, daher. Toniſch ſtieg ab, legte ſeine Büchſe an und ſchoß. Das Reh lief weiter. Er ſprang auf ſein Pferd, ſtellte ſich wie ein Exercirmeiſter auf den Sattel und ſah immerfort dem Thiere nach, als müßte er es gewiß fal⸗ len ſehen. Das Reh aber ſprang munter ſeines Wegs fort. Ein ſchallendes Gelächter brach die Linie entlang aus; der kleine Franzoſe glitt ruhig in ſeinen Sattel, fing an, die ausbiegenden Packpferde zu bearbeiten und zu verwünſchen, als wenn ſie getadelt zu werden ver⸗ dienten; und für eine Weile waren wir ſeiner Prahle⸗ reien und Aufbindereien enthoben. Während unſeres Marſches kamen wir an den Ufern eines ſchönen Baches durch ein altes Indianiſches Lager, wo moosbewachſene Rehgerippe da und dort zerſtreut lagen. Da wir in dem Pawnee⸗Gebiete waren, nahm man es natürlich für ein ehemaliges Lager dieſer furcht⸗ baren Umzügler. Der Doctor aber erkannte, nachdem er die Geſtalt und Anordnung der Lagerſtätten ge⸗ nauer betrachtet hatte, darin ein Lager verwegener Dela⸗ waren, welche wahrſcheinlich einen kurzen und plötzlichen Einfall in dieſe gefährlichen Jagdgebiete gemacht hatten. Als wir eine Strecke weiter waren, bemerkten wir einige Geſtalten zu Pferd, die etwa tauſend Schritte ent⸗ fernt den Rücken eines nackten Hügels entlang, in einer Richtung mit uns, langſam fortzogen und uns ohne Zwei⸗ fel ausſpähten. Man machte Halt und alles ſah hin und ließ Vermuthungen hören. Waren es Indianer— und wenn es Indianer waren, waren es Pawnees? Es iſt — — 97— etwas die Phantaſie erregendes und das Gefühl belebendes darin, einen Reiter, während man dieſe feindlichen Ebe⸗ nen durchzieht, am Horizont dahin jagen zu ſehen. Man kann es nicht mit dem Erſcheinen eines Segels in Kriegs⸗ zeiten vergleichen, das eben ſo gut einem Kaper als ei⸗ nem Seeräuber gehören kann. Unſere Beſorgniſſe waren bald beſchwichtigt, denn wir erkannten durch ein Fernrohr, daß es zwei der Leute waren, die wir in dem Lager zurück⸗ gelaſſen hatten, von wo ſie aufbrachen, um zu uns zu ſtoßen, und von der Spur abgekommen waren. Unſer Marſch war dieſen Tag ſehr belebt und an⸗ genehm. Wir waren in einem Gebiet der Abenteuer; wir ſuchten uns einen Weg durch ein Land, das von weißen Männern noch nicht betreten worden, wenn man vielleicht einige einſamen Trapper ausnimmt. Das Wet⸗ ter konnte nicht ſchöner ſein,— gemäßigt, heiter, belebend; ein tiefblauer Himmel, mit wenigen leichten gefiederten Wolken; eine vollkommene durchſichtige Atmoſphäre; die Luft rein und mild; eine prachtvolle Gegend, weit und breit in dem goldenen Sonnenſchein eines Herbſttages ſich ausdehnend; aber alles ſtill, leblos— keine menſch⸗ liche Wohnung und, wie es ſchien, kein menſchlicher Be⸗ wohner weit und nah. Es war, als ob ein Fluch auf dieſem ſchönen aber öden Lande läge. Selbſt die India⸗ ner wagten es nicht, hier zu weilen, ſondern betrachteten es blos als den Schauplatz gefährlicher Wagniß, wo ſie einige Tage jagten und dann zerſtoben. Irving's Reiſe. — 98— 1 Nach einem ſechsſtündigen Marſche nach Weſten lagerten wir uns auf einer ſchönen Halbinſel, welche durch die Mundungen und Einbiegungen eines tiefen, klaren und faſt bewegungsloſen Baches gebildet und durch einen offenen Wald von hohen und prachtvollen Bäumen geſchützt wurde. Mehrere Jäger brachen ſogleich auf, um Wild aufzuſuchen, ehe der Lärmen des Lagers das⸗ ſelbe aus der Nähe verſcheuchte. Auch unſer Diener Beatte nahm ſeine Büchſe und ging allein in einer den Pfaden der übrigen entgegengeſetzten Richtung fort. Mich angehend, ſo legte ich mich unter hohen Bäu⸗ men ins Gras, ließ meinen Gedanken freien Lauf und gab mich der Ueppigkeit ländlicher Ruhe ganz hin. Ich kann mir in der That keine Lebensweiſe denken, welche geeigneter wäre, Geiſt und Körper eine geſunde Stim⸗ mung zu geben. Ein mehrſtündiger Morgenritt, dem Waidmannthaten Abwechſelung gaben; Nachmittags im Lager unter edeln Bäumen an dem Ufer eines Waſſers; ein Abendmahl von friſch geſchoſſenem Wildpret, das an den Kohlen gekocht oder gebraten worden; Truthähne, die eben noch im Walde flatterten, und der Honig wil⸗ der Bienen; und dazu ein, den Feinſchmeckern der Städte ganz unbekannter Appetit! Und dann des Nachts— dieſer ſüße Schlummer in der freien Luft oder das Wa⸗ chen und Aufſchauen zu dem Mond und den Sternen, welche durch die Zweige der Bäume glänzen? Wir hatten jedoch bei dieſer Gelegenheit nicht viel Rühmens von unſerm Mahle zu machen. Nur ein Reh — 99— war heute geſchoſſen worden, und von ihm kam nichts zu unſerm Lagerfeuer. Wir mußten uns daher hung⸗ rig, wie wir waren, mit einigen Stücken Welſchen be⸗ gnügen, die wir vom letzten Lager mitgebracht hatten, und denen einige Schnitten geſalzenes Schweinefleiſch zuge⸗ fügt wurden. Dieſer Mangel dauerte jedoch nicht lange. Ehe es dunkel wurde, kam ein junger Jäger mit Beute beladen zurück. Er hatte ein Elenthier geſchoſſen, es ächt waidmänniſch zerlegt, das Fleiſch in eine Art Sack gethan, den er aus der Haut des Thieres machte, ihn auf ſeine Schulter genommen und in das Lager geſchleppt. Nicht lange darauf erſchien Beatte mit einem fetten Reh vor dem Sattel. Es war das erſte Stück Wild, das er uns brachte, und wir freuten uns, ihn mit einem Siegeszeichen kommen zu ſehen, welches das An⸗ denkben an den Iltiß vertilgen konnte. Er legte die Beute an unſerm Feuer nieder, ohne ein Wort zu ſagen, und ging weg, um ſein Pferd abzuſatteln; was wir ihn auch, hinſichtlich ſeiner Jagd, fragen mochten,— wir erhielten ſtets nur lakoniſche Antwort. Wenn aber Beatte ſeiner Indianiſchen Verſchloſſen⸗ heit über das, was er gethan, treu blieb, glich Toniſch dies durch ſeine Prahlereien über das, was er thun wollte, vollkommen aus. Jetzt, da wir auf einem guten Jagd⸗ gebiete waren, wollte er vom Leder ziehen, und wenn man ihn reden hörte, war unſere Lagerſtätte von nun an mit Wild geſpickt. Glücklicherweiſe hinderte ihn ſein Plaudern nicht, etwas zu thun, denn das Reh wurde 7* 82 1— 160— geſchickt zerlegt, einige fette Rippen vor dem Feuer ge⸗ braten, der Kaffeekeſſel wieder gefüllt, und wir nach einer kleinen Weile in Stand geſetzt, uns für das frühere knappe Mahl reichlich zu entſchädigen. Der Kapitän kehrte erſt ſpät und mit leeren Han⸗ den zurück. Er hatte, wie gewöhnlich, Rehe verfolgt, als er auf die Spur einer Heerde von ungefähr ſechszig Elenthiere kam. Da er nie ein Thier dieſer Art ge⸗ ſchoſſen hatte, und das Elenthier jetzt ein Gegenſtand des Ehrgeizes aller alten Jäger des Lagers war, gab er das Thier, das er verfolgte, auf und eilte der neu entdeckten Spur nach. Nach einiger Zeit kamen ihm die Elenthiere zu Geſicht und boten ſich ihm mehrmals in Schußweite dar; aber er wollte durchaus ein großes Männchen, das den Zug anführte, ſchießen. Da er aber endlich fürchten mußte, die ganze Heerde entgehe ihm, feuerte er auf ein Weibchen. Er traf auch wirklich, aber das Thier hatte noch Kraft genug, eine Zeitlang mit den andern auszureißen. Nach den Blutſpuren war er gewiß, daß es tödlich verwundet worden; als aber der Abend kam, konnte er die Spur nicht länger verfolgen, und mußte das Nachſuchen bis zum Morgen verſchieben. Der alte Ryan und ſeine kleine Schaar waren noch nicht zu uns geſtoßen; auch unſer Meſtize, Antoine, hatte ſich noch nicht gezeigt. Man beſchloß daher, den folgen⸗ den Tag in dem Lager zu bleiben, und ſo allen Zaude⸗ rern Gelegenheit zu geben, ſich zu ſammeln. Die Unterhaltung unſerer alten Waidmänner wen⸗ — 101— dete ſich heute auf den Delaware⸗Stamm, da wir im Laufe des Tages an einem ihrer Lager vorbei gekommen waren; man erzählte Anekdoten von ihrer Mannhaftig⸗ keit im Krieg und ihrer Geſchicklichkeit im Waidwerk. Sie pflegten Todtfeinde der Oſagen zu ſein, bei denen ſie wegen ihrer verzweifelten Tapferkeit in großem An⸗ ſehen ſtanden, obgleich ſie dieſe wohl einem ſonderbaren Grunde zuſchrieben:»Seht nur auf dieſe Delawaren,⸗ ſagten ſie manchmal: ⸗ſie haben kurze Beine— können nicht laufen— müſſen ſtehen und tüchtig ſtreiten.“ Die Delawaren ſind wirklich ziemlich kurzbeinig, während die Ofagen wegen der Länge ihrer Glieder berühmt ſind. Die Ausflüge der Delawaren, ſowohl zum Krieg wie zur Jagd, ſind weit und kühn. Ein kleiner Haufe dieſes Stammes dringt weit in dieſe gefährlichen und feindlichen Wildniſſe ein, und rückt mit ſeinem Lager bis zu den Rocky Mountains vor. Dieſer kühne Muth mag durch eine ihrer abergläubiſchen Anſichten noch erhöht werden. Sie glauben nämlich, gin Schutzgeiſt wache über ſie in Geſtalt eines großen Adlers, der weit über dem Geſichtskreis im Himmel ſchwebe. Manchmal, wenn er recht zufrieden mit ihnen iſt, ſchwingt er ſich in die tie⸗ feren Regionen herab, und man kann ihn ſehen, wie er die Schwingen gegen die weißen Wolken ausbreitet. Dann iſt die Jahreszeit glücklich, das Getreide wächſt prachtvoll und das Glück begünſtigt ſie auf der Jagd. Manchmal iſt er aber ärgerlich und dann läßt er ſeinen Zorn im Donner aus, der ſeine Stimme iſt, und im Blitz, der das Leuchten ſeines Auges iſt und den Gegenſtand ſeiner übeln Laune tödtet. Die Delawaren bringen dieſem Geiſte Opfer dar und zuweilen läßt er eine Feder aus ſeinen Schwingen, als Zeichen ſeiner Zufriedenheit, niederfallen. Dieſe Federn machen den Beſitzer unbeſiegbar und unverwund⸗ lich. Die Indianer ſchreiben in der That allgemein den Federn des Adlers eine geheimnißvolle und hohe Kraft zu. Einſt wurden ein Haufen Delawaren während eines kühnen Einfalls in das Jagdgebiet der Pawnees auf ei⸗ ner der großen Ebenen umzüngelt und faſt vernichtet. Die Ueberlebenden flüchteten ſich auf den Gipfel eines jener vereinzelten und kegelförmigen Hügel, welche faſt wie künſtliche Erhöhungen inmitten der Prairien ſich er⸗ heben. Hier opferte der faſt zur Verzweiflung gebrachte Häuptling dem Schutzgeiſte ſein Pferd. Plötzlich ſtürzte ein ungeheuerer Adler aus der Luft nieder, faßte das Opfer in ſeine Klauen, ſtieg in die Luft empor und ließ eine Feder aus ſeinen Flügeln niederfallen. Der Häupt⸗ ling hob ſie entzückt auf, befeſtigte ſie auf ſeine Stirne, führte ſeine Leute den Hügel hinab, ſchlug ſich durch den Feind und richtete ein großes Blutbad unter ihm an, wäh⸗ rend keiner ſeiner Leute die leichteſte Wunde davon trug. — 103— Fünfzehntes Kapitel. Das Elenthier⸗Lager.— Die Spur des Elenthiers.— Pawnees⸗Geſchichten. Mit der erſten Morgenröthe waren die beſten Jäger des Lagers munter und brachen in verſchiedenen Rich⸗ tungen auf, in der Umgegend zu jagen. Sergeant Bear, des Kapitäns Bruder, war einer der erſten und kehrte vor dem Frühſtück mit Beute zurück,— er hatte faſt in dem Umkreis des Lagers ein fettes Elenthier geſchoſſen. Nach dem Frühſtück beſtieg der Kapitän ſein Pferd, um dem Elenthier nachzugehen, das er am vorigen Abend verwundet hatte, und das, wie er überzeugt war, tödtlich getroffen worden. Ich beſchloß, ihn bei dieſem Ausflug zu begleiten; von dem Sergeanten, ſeinem Bruder, und einem Lieutenant begleitet, ritten wir fort. Zwei Jäger folgten uns zu Fuß, um das von dem Sergeanten ge⸗ tödtete Wild in das Lager zu bringen. Wir waren noch nicht weit geritten, als wir es an dem Abhang eines Hügels inmitten einer ſchönen waldigen Gegend fanden. Die zwei Jäger begannen ſogleich, es mit ächt waidmän⸗ niſcher Kunſt auszunehmen, und es zum Transport in das Lager zu zerlegen, während wir unſern Weg verfolg⸗ ten. Wir kamen an ſanften Hügelabhängen, dem Saum von Buſchwerk und zerſtreuten Waldbäumen vorbei, und k — 104— erreichten eine Stelle, wo das lange Gras durch zahl⸗ loſe Elenthier⸗Lager niedergedrückt war. Hier hatte der Kapitän zuerſt die Elenthierheerde aufgejagt und nach⸗ dem er eine Zeitlang eifrig umhergeſpäht, entdeckte er ihre Spur; der Eindruck ihres Hufes war ſo groß wie der des Hornviehs. Er folgte jetzt der Spur und ritt ſtill weiter; wir ritten in der Indianiſchen Linie nach. Endlich hielt er an der Stelle, wo er das Elenthier an⸗ geſchoſſen hatte; die Blutflecken auf den Kräutern und Gräſern umher zeigten, daß er nicht fehl geſchoſſen habe. Das verwundete Thier hatte ſich augenſcheinlich eine Zeit⸗ lang zu dem übrigen Theil der Heerde gehalten, wie man hier und da an den Blutstropfen auf den Blättern des Buſchwerks und der Weiden ſah, die an die Spur ſtießen. Plötzlich verſchwanden ſie.„Hier herum,“ ſagte der Ka⸗ pitän:„muß ſich das Thier von der Heerde entfernt ha⸗ ben. Wenn ſie fühlen, daß ſie tödlich verwundet ſind, wenden ſie ſich abſeits und ſuchen einen entlegenen Ort, um einſam zu ſterben.⸗ In dieſem Gemälde der letzten Augenblicke eines ver⸗ wundeten Thieres war etwas, das die Theilnahme deſſen mächtig anſprach, der in dem edeln Waidwerk noch nicht verhärtet wurde; ein ſolches Mitgefühl iſt jedoch nur vorübergehend. Der Menſch iſt von Natur ein Rauh⸗ thier und fällt, wie ihn die Geſittung auch ändere, leicht wieder in ſeinen zerſtörenden Inſtinkt zurück. Ich fand, daß auf den Prairien meine raubſüchtigen und blutgieri⸗ gen Neigungen täglich ſtärker wurden. — 105— Nachdem der Hauptmann eine Zeitlang geſucht hatte, gelang es ihm, die Hügelſpur des verwundeten Elenthie⸗ res aufzufinden, welche faſt in einem rechten Winkel von der Heerde abging und in einen lichten Wald führte. Die Blutſpur wurde ſchwächer und ſeltener; manchmal war eine ganze Strecke nichts mehr von ihr zu ſehen und endlich verſchwand ſie ganz; der Boden umher war ſo hart und das Gras ſo dürr und trocken, daß man die Spur des Thiers nicht mehr ſehen konnte. „Das Elenthier muß irgendwo hier herum ſein,⸗ ſagte der Kapitän: ⸗wie dieſe einfältigen Truthähne an⸗ deuten⸗ welche in der Luft umherkreiſen; denn ſie ſchwe⸗ ben immer auf dieſe Art über einem getödteten Wilde. Da uns aber das todte Thier nicht entlaufen kann, ſo wollen wir der Spur der lebenden folgen; vielleicht ha⸗ ben ſie in nicht großer Entfernung Halt gemacht und wir können ſie weiden finden und eine Kugel anbringen.“ Wir wendeten demnach um und verfolgten die Spur der Elenthiere wieder, welche über Hügel und Thal, die mit zerſtreuten Eichen bedeckt waren, entlang fuhrte. Jeden Augenblick ſahen wir ein Reh über einen lichten Waldfleck dahin ſpringen; aber der Kapitän konnte durch ſolch kleineres Wild nicht von ſeiner Elenthierjagd abge⸗ bracht werden. Auch eine große Schaar wilder Trut⸗ hähne wurde durch das Stampfen unſerer Pferde auf⸗ geſchreckt; einige hümpelten ſo ſchnell davon, als ihre langen Beine ſie tragen konnten; andere flatterten auf die Bäume, wo ſie mit ausgeſtrecktem Halſe uns anſtarr⸗ — 106— ten. Der Kapitän gab nicht zu, daß eine Büchſe auf ſie abgefeuert wurde, um die Elenthiere nicht zu beunruhi⸗ gen, die er in der Nähe zu finden hoffte. Endlich kamen wir an eine Stelle, wo der Wald an einem ſteilen Ab⸗ hang endigte und wo wir den Red Fork ſich unten zwi⸗ ſchen breiten, ſandigen Ufern dahin winden ſahen. Die Spur führte den Uferabhang hinab und unſere Augen konnten ihr über den flachen Sand hin folgen, bis ſie ſich im Fluſſe verloren, über den, wie ſich deutlich zeigte, die Heerde am vorigen Abend geſetzt hatte. „Es iſt unnöthig, nun noch weiter zu folgen,“ ſagte der Kapitän:„⸗die Thiere müſſen ſehr erſchreckt worden ſein und mögen, nach ihrem Uebergange über den Fluß, wohl acht Stunden ohne anzuhalten gelaufen ſein.⸗ Unſere kleine Geſellſchaft trennte ſich; der Lieutenant und der Sergeant machten einen Umweg, um Wild aufzu⸗ ſpüren; der Kapitän und ich ritten auf das Lager zu. Auf unſerm Wege entdeckten wir eine Büffelſpur, die mehr als ein Jahr alt war. Sie war nicht breiter als ein gewöhnlicher Fußpfad und tief in den Boden einge⸗ ſtampft, denn dieſe Thiere laufen in einer Linie hinter einander. Nach einer kurzen Weile trafen wir zwei Jäger, die zu Fuß jagten. Sie hatten ein Elenthier verwundet, es war aber entwiſcht und als ſie es verfolg⸗ ten, fanden ſie das von dem Kapitän am vorhergehenden Abend angeſchoſſene. Sie kehrten um und führten uns dahin. Es war ein edeles Thier, ſo groß wie ein jähriger Stier und lag in einem offenen Theil des Waldes, eine — 107— bleine Stunde von der Stelle, wo es angeſchoſſen wor⸗ den. Die Truthähne, welche wir früher bemerkt hatten, ſchwirrten über ihnen in der Luft umher. Die Bemer⸗ kung des Kapitäns beſtätigte ſich vollkommen. Das arme Thier hatte, als die Kräfte es verließen, ſeine unverletzten Gefährten augenſcheinlich verlaſſen, um ab⸗ ſeits zu gehen und allein zu ſterben. Der Kapitän und die zwei Jäger machten ſich mit ihren Jagdmeſſern ſogleich an die Arbeit, das Thier abzuhäuten und zu zerlegen. Es war innerlich bereits angegriffen, aber aus den Rippen und Schenkeln wurden große Stücke ausgeſchnitten und auf die ausgebreitete „Haut gelegt. An dem Rand der Haut wurden Löcher gemacht, Riemen durchgeſteckt und das Ganze wie ein Sack zugezogen, der hinter des Kapitäns Sattel gehoben wurde. Die ganze Zeit über ſchwirrten die einfältigen Truthähne über uns und harrten unſeres Abzugs, um ſich auf den Schmauß nieder zu ſtürzen. Als wir mit dem Elenthier fertig waren, beſtiegen der Kapitän und ich unſere Pferde und trabten langſam in das Lager zurück, während die zwei Jäger ihren Waidgang fortſetzten. In dem Lager angelangt, fand ich unſern Meſtizen Antoine dort. Nachdem er ſich beim Suchen der verlaufenen Pferde am andern Ufer des Arkanſas von Beatte getrennt, war er auf eine falſche Spur gekommen, die er mehrere Stunden ver⸗ folgte, worauf er zu dem alten Ryan und ſeinen Gefährten kam und ſah, daß er ihrer Spur gefolgt war. Sie — 108— überſchritten ungefähr vier Stunden über unſerer Furt den Arkanſas und gelangten in unſer Lager in der Thal⸗ ſchlucht, wo der Nachtrab, den wir zurückgelaſſen, ihrer harrte. Antoine, der gut beritten und ungeduldig war, wieder zu uns zu ſtoßen, war allein voraus geeilt, indem er unſerm Wege in das jetzige Lager folgte und einen jungen Bären mitbrachte, den er geſchoſſen hatte. Während des übrigen Theils des Tages bot unſer Lager ein gemiſchtes Gemälde von Ruhe und Geſchäf⸗ tigkeit dar. Einige der Leute waren um die Feuer ge⸗ ſchäftig, Wildpret und Bärenfleiſch zerhackend und bra⸗ tend, um es als Vorrath einzupacken. Andere ſpannten und bearbeiteten die Häute der Thiere, welche ſie getödtet hatten; andere wuſchen ihre Kleider in dem Bach und hängten ſie auf die Buſche zum Trocknen auf, während viele auf dem Graſe lagen und in dem Schatten träge plauderten. Jeden Augenblick kam ein Jäger zu Fuß oder zu Pferd, mit Wild beladen oder mit leeren Händen zurück. Die, welche Beute in das Lager brachten, legten ſie bei des Kapitäns Feuer nieder und begaben ſich dann zu ihren Lagerſtätten, um ihren Kameraden die Aben⸗ theuer des Tages zu erzählen. Außer zwei Bären waren in dieſem Lager ſechs Elenthiere und Rehe und ſechs bis acht Truthähne geſchoſſen worden. Während der letzten zwei oder drei Tage, beſon⸗ ders ſeit der wilden Indianiſchen Ueberfahrt über den Strom war das Anſehen unſerer Diener bei den Jägern geſtiegen und ich bemerkte jetzt, daß Toniſch ſich zum — 109— vollkommenen Orakel bei einigen der rohen und uner⸗ fahrnen Rekruten aufwarf, die nie in der Wildniß ge⸗ weſen waren. Er hatte ſtets einen Anhang um ſich verſammelt, welche begierig auf ſeine übertriebenen Ge⸗ ſchichten von den Pawnees lauſchten, mit denen er manchen furchtbaren Streit gehabt zu haben behauptete. Seine Erzählungen waren in der That geeignet, den Zuhörern eine ſchreckliche Idee von dem Feinde beizu⸗ bringen, in deſſen Gebiet ſie ſich eingedrängt hatten. Seinen Nachrichten zufolge war die Buchſe des weißen Mannes keine Wehr gegen den Bogen und den Pfeil des Pawnee. Wenn die Büchſe abgefeuert war, brauchte es Zeit und Mühe, ſie wieder zu laden; mittlerweile konnte der Feind fortfahren, ſo ſchnell als das Spannen des Bogens es forderte, ſeine Pfeile abzuſchießen. Dann konnte, nach Toniſch, der Pawnee, ohne je zu fehlen, dreihundert Schritte weit ſchießen und mit ſeinem Pfeil einen Büffel durch und durch bohren; ja, er habe ge⸗ ſehen, wie der Pfeil durch einen Büffel gedrungen und einen zweiten verwundet habe. Und wie trefflich ſchützten ſich die Pawnees gegen das Geſchoß ihrer Feinde!— Sie hängten ſich mit einem Bein über den Sattel, ſchmiegten ihren Leib an die andere Seite des Pferdes und ſchoſſen im vollſten Galopp ihre Pfeile unter ſeinem Hals hervor! Wenn man Toniſch Glauben ſchenken dürfte, ſo war jeder Schritt in dieſen unwegſamen Gebieten der Indianiſchen Stämme gefährlich. Pawnees lauſchten — 110— ungeſehen in den Büſchen und Schluchten. Sie hatten ihre Spione und Poſten auf der Spitze der Höhen, welche die Prairien überſchauten und wo ſie im hohen Gras verſteckt lagen, nur dann und wann ihre Köpfe erhebend, um die Bewegungen jeder Jäger⸗ oder Krieger⸗ Schaar zu beobachten, die unten in gedehnter Reihe dahin zöge. Nachts ſchweiften ſie um die Lager, bröchen durch das Gras, ahmten die Bewegungen des Wolfes nach, um die Wachen auf den Außenpoſten zu täuſchen, bis ſie, hinreichend nahe gekommen, einen Pfeil in die Bruſt der Wache ſchöſſen und ſich dann unentdeckt wieder weg⸗ begäben. Wenn Toniſch dieſe Geſchichten erzählte, wandte er ſich von Zeit zu Zeit zu Beatte, um ſeine Ausſagen durch ihn bekräftigen zu laſſen. Die einzige Antwort, die dieſer gab, war ein Nicken des Kopfs oder ein Zucken der Schultern, indem Beatte in ſeinem Geiſt zwiſchen dem Verdruß über die Prahlereien ſeines Kam⸗ meraden und einer tiefen Verachtung gegen die Uner⸗ fahrenheit der jungen Jäger in allem, was er als echte Kenntniß betrachtete, getheilt war. Sechszehntes Kapitel. Ein krankes Lager.— Der Marſch.— Das lahme Pferd.— Der alte Ryan und die Zauderer.— Anzeichen einer Verän⸗ 1 derung des Wetters und Veränderung der Laune. Am 18. October. Wir ſchickten uns zur gewöhn⸗ lichen Stunde zum Abmarſch an, der Kapitän wurde aber benachrichtigt, drei Jäger, welche von den Maſern befallen worden, ſeien nicht im Stande, die Reiſe fort⸗ zuſetzen und einer werde vermißt. Der letzte war ein alter Grenzer, Namens Gamger, deſſen Erfahrung ſeinen Jahren nicht entſprach und der am vorhergehen⸗ den Tag auf die Jagd gegangen war und ſich wahr⸗ ſcheinlich auf den Prairien verirrt hatte. Eine Wache von zehn Mann wurde daher zurückgelaſſen, um für die Kranken zu ſorgen und auf den Verirrten zu warten. Wenn die erſtern im Laufe von zwei oder drei Tagen hinreichend hergeſtellt wären, ſollten ſie mit ihnen zu der Haupſchaar ſtoßen, wo nicht, ſie in das Fort zurück⸗ begleiten. Nachdem wir von dem Krankenlager Abſchied ge⸗ nommen, wandten wir uns den Quellen kleiner Bäche entlang weſtlich und ritten ſtets in tiefen Schluchten dem Red Fork entgegen. Das Land war hoch und wellig oder„rollend,“ wie man es im Weſten nennt, — 112— der Boden öde und dürftig, mit Sandſtein vermiſcht, der in dieſem Theile des Landes vorherrſchend iſt, und von wildem Gehölz aus Poſten⸗Eichen und ſchwarzen Weinpalmen beſtehend, unterbrochen. Im Laufe des Morgens erhielt ich eine Lektion über die Wichtigkeit, auf den Prairien auf ſein Pferd zu achten. Ich hatte die Schwachheit, auf das, welches ich ritt, ein wenig ſtolz zu ſein: es übertraf an Lebhaftigkeit und Güte die meiſten Pferde der Geſellſchaft, und war ſtark und edeln Geiſtes. Bei dem Wege über die tiefen Schluchten, kletterte es die ſteilen Abhänge wie eine Katze empor und ſprang immer gern über die kleinen Bäche. Ich erfuhr bald, wie unvorſichtig es ſei, ihm in dieſer Lieb⸗ haberei nachzugeben. Beim Ueberſetzen über einen kleinen Bach fühlte ich es augenblicklich unter mir ſtraucheln. Es hinkte eine kleine Strecke fort; eine ſtarke Läahmung war aber bald ſichtbar, da es die Schulter verrenkt hatte. Was war zu thun? Es konnte mit der Schaar nicht fort und war zu gut, um es auf der Prairie zurück zu laſſen. Es blieb keine andere Wahl, als es zu unſern Invaliden in dem Krankenlager zurück zu ſchicken und es ihr Loos theilen zu laſſen. Jetzt zeigte ſich aber eine neue Schwierigkeit: niemand ſchien geneigt, das Pferd zurückzuführen, obgleich ich einen bedeutenden Lohn bot. Entweder hatte Toniſch mit ſeinen Geſchichten von den Pawnees den Leuten Furcht vor verſteckten Feinden und drohenden Gefahren auf den Prairien eingeflößt, oder man war bang, die Spur zu verlieren und ſich zu 4 — 113— verirren. Endlich traten zwei junge Männer vor und willigten ein, den Weg miteinander zu machen, ſo daß, wenn ſie auf den Prairien vor der Nacht überfallen würden, der eine wachen könnte, wenn der andere ſchlief. Das Pferd wurde demnach ihrer Pflege übergeben und ich ſah ihm mit traurigen Blicken nach, als es weghinckte, denn es war, als wenn mit ihm alle Kraft und Heiterkeit von mir wich. Ich ſah mich nach einem Thiere um, das ſeine Stelle vertreten könnte und wandte mein Auge dem wackern Grauen zu, welchen ich Toniſch in der Agent⸗ ſchaft anvertraut hatte. Sobald ich jedoch darauf hin⸗ deutete, daß er abſteigen und das überzählige Pferdchen beſteigen ſollte, brach der kleine Taugenichts in lärmende Einwendungen und Klagen aus und ward ſo eifrig, dieſelben laut werden zu laſſen, daß er keuchte und faſt erſtickte. Ich ſah, daß der Verluſt des Pferdes ſeinen Nuth niederſchmettern und ſeine Citelkeit auf das empfindlichſte verwunden würde. Ich hatte das Herz nicht, ihn ſo zu verletzen oder den armen Teufel ſeines eiteln vorübergehenden Glückes zu berauben; ich ließ ihn alſo im Beſitz des wackern Grauen und begnügte mich, dem abgetriebenen Pferdchen meinen Sattel auf⸗ zulegen. Ich gewahrte jetzt, welchen Wechſelfällen ein Reiter auf den Prairien ausgeſetzt iſt. Ich fühlte, wie ſehr der Reiter hier von ſeinem Pferde abhängt. Ich war Irving's Reiſe. 8 — 114— bisher im Stande, nach Belieben von der Marſchlinie abzuſchweifen und allem, was mich anzog oder meine Neugier reitzte, im Galop nachzujagen. Jetzt mußte ich mich der Weiſe des abgetriebenen Thieres, das ich ritt, fügen und langſam und geduldig dem Anführer des Zuges nachſchleichen. Beſonders aber wurde ich mir bewußt, wie unklug es bei Zügen dieſer Art iſt, wo das Leben eines Mannes von der Kraft, der Schnelligkeit und der Friſche ſeines Pferdes abhängt, dem edeln Thiere eine unnöthige Anſtrengung ſeiner Kräfte zuzu⸗ muthen. Ich habe die Erfahrung gemacht, daß der vorſichtige und erfahrne Jäger und Reiſende auf den Prairien während des Marſches ſein Pferd immer ſchont und nur im Nothfall aus dem Schritt bringt. Gewöhnlich legt der Grenzer und Indianer bei langen Märſchen ſelten mehr als etwa ſechs Stunden des Tags zurück und oft nur vier oder fünf, und ein launiſches Galopiren und Kurbettiren findet nie ſtatt. Bei uns waren aber viele jung und unerfahren, und voller Begeiſterung, in einer von Wild wimmelnden Gegend umher zu ſtreifen. Es war unmöglich ſie einen gemäßigten Gang einhalten und lange in der Marſchlinie bleiben zu laſſen. Wenn wir durch Dickicht und Schluchten brachen und das Wild rechts und links ſcheu auseinander ſtäubte, pfiffen die Büchſenkugeln ihm nach und unſere jungen Nimrode ſtürzten davon, die Beute zu verfolgen. Einmal brachte ſie eine vermeintliche Schaar Bären in vollen Aufruhr; —— ſie ließen aber bald ab, als ſie entdeckten, daß es ſchwarze Wölfe waren, die in Geſellſchaft auf Raub ausgingen. Nach einem Marſch von ungefähr fünf Stunden, lagerten wir uns kurz nach Mittag an dem Rande eines Baches, der ſich durch eine tiefe Schlucht hinſchlängelte. Im Laufe des Nachmittags erſchien der alte Ryan, der Neſtor des Lagers, von ſeiner kleinen Schaar Nach⸗ zügler gefolgt. Er wurde mit freudigem Zuruf empfan⸗ gen, welcher von der Achtung zeugte, in welcher er bei ſeinen Waidgenoſſen ſtand. Der kleine Haufen kam mit Wild beladen zu uns und der alte Jäger legte einen fetten Schenkel davon bei dem Feuer des Kapitäns nieder. Unſere Leute, Beatte und Toniſch, waren beide Nachmittags zu guter Zeit auf die Jagd gegangen; gegen Abend kam jener mit einem ſchönen Bock über ſeinem Pferde zurück. Er legte ihn, wie gewöhnlich, ſchweigend nieder und begab ſich zu ſeinem Pferd, das er entſattelte und frei weiden ließ. Toniſch kam ohne Wild, aber mit deſto größerer Glorie zurück, denn er hatte einige Hauptſchüſſe gethan, obgleich unglücklicher⸗ weiſe die angeſchoſſenen Thiere ihm alle entſchlüpft waren. Es fehlte uns jetzt in dem Lager nicht an Fleiſch⸗ vorrath, denn, anderes Wild abgerechnet, waren drei Elenthiere geſchoſſen worden. Die alten umſichtigen Wäldler waren alle geſchäftig, Fleiſch für die Zeit der Noth zurückzulegen; die minder erfahrenen ſchwelgten 8* — 116— in dem augenblicklichen Überfluß und überließen die Sorge für morgen dem Zufalle. Am folgenden Morgen(den 19. October) gelang es mir, ein ſtarkes und tüchtiges Pferd gegen mein kleines Thier um eine mäßige Geldſumme einzutauſchen. Ich freute mich ſehr, nun wieder ziemlich gut beritten zu ſein. Ich bemerkte jedoch, daß es nicht ſchwierig ſein würde, ſich in der Kompagnie ein Pferd auszu⸗ ſuchen, denn die Jäger theilten alle die im Weſten ganz allgemeine Neigung, zum Tauſchen oder wie ſie es nennen,„Handeln.“ Es gab kein Pferd, keine Büchſe, kein Pulverhorn, kein Umſchlagtuch, das nicht während unſerer Reiſe mehrere Herren gehabt hätte und ein verwegener„Händler“ rühmt ſich, mittelſt mehrfachen Tauſchens, ein gutes Pferd gegen ein ſchlechtes umge⸗ tauſcht und obendrein yundert Dollars in die Taſche geſteckt zu haben. Der Morgen war trüb und ſchwül und in der Ferne murmelte der Donner. Die Veranderung des Wetters blieb nicht ohne Einfluß auf die Laune der Jäger. Das Lager war ungemein nüchtern und ruhig; man hörte nichts von der gewöhnlichen Farmhof⸗Melodie des Krähens und Gackelns bei Tagesanbruch, nichts von jenen Ausbrüchen der Fröhlichkeit, der lauten Scherzen und Späßen, welche in der Regel während der larmen⸗ den Zurüſtung zur Weiterreiſe vernommen wurden. Dann und wann hörte man die kurze Strophe eines Liedes, ein ſchwaches Lachen, oder ein einſames Pfeifen; —-— 4127— im Allgemeinen aber ging jeder ſchweigend und gramlich ſeinen Pflichten im Lager nach oder ſorgte für die Vorbereitung zur Abreiſe. Als das Horn zum Abmarſch blies, vernahm man, daß fünf Pferde fehlten, obgleich in einem bedeutenden Umkreis des Lagers alle Waider und jedes Dickicht durch⸗ ſucht worden waren. Mehrere Jäager wurden abgeſchickt, um in der Umgegend nach ihnen zu ſehen. Mittlerweile fuhr der Donner fort zu grollen und wir hatten einen vorübergehenden Regenſchauer zu beſtehen. Die Aen⸗ derung des Wetters griff die Pferde wie ihre Reiter an. Sie ſtanden da und dort im Lager, theils geſattelt und gezäumt, theils ledig, aber alle muthlos und ſchläfrig, mit geſenktem Kopf, den einen Hinterfuß emporgehoben, ſo daß er auf der Spitze des Hufes ruhte, und die ganze Haut vom Regen rauchend und dampfend. Auch die Leute harrten in lautloſen Gruppen auf die Rückkehr ihrer Kammeraden, welche die Pferde aufſuchten, und warfen dann und wann einen ängſtlichen Blick auf die treibenden Wolken, die einen herannahenden Sturm verkündigten. Düſteres Wetter gibt düſtere Gedanken ein. Einige äußerten ihre Furcht, ein Haufe Indianer ſei uns auf die Spur gekommen und habe uns in der Nacht die Pferde geſtohlen. Die Anſicht war jedoch vorherrſchend, die Pferde ſeien auf ihrer Spur in das letzte Lager zurückgekehrt oder in grader Richtung nach Fort Gibſon entlaufen. Der Inſtinkt der Pferde ſoll in dieſer Hinſicht dem der Tauben ähnlich ſein. Sie ſtreifen — 118— 4 in grader Richtung durch ganze Strecken öder Wildniß, die ſie nie vorher betreten haben, der Heimath zu. Nachdem wir gezögert hatten, bis der Morgen ſtark vorgerückt war, wurde beſtimmt, daß ein Lieutenant mit einer Wache die Rückkehr der Jäger erwarten ſollte, während wir an Zahl bedeutend geſchwächt, unſere Tag⸗ reiſe fortſetzten, zur großen Unbehaglichkeit des prahleri⸗ ſchen kleinen Toniſch, der andeutete, wir würden im Falle eines Zuſammentreffens mit den Pawnees zu ſchwach zum Widerſtande ſein. — 119— Siebenzehntes Kapitel. Gewitter auf den Prairien.— Das Sturmlager.— Nacht⸗ ſcene.— Indianiſche Geſchichten.— Ein erſchrecktes Pferd. Unſer Weg führte während eines Theils des Tages etwas ſüdweſtlich, durch zerſtreut liegende Wälder von kleinen, ſtrauchartigen Bäumen,„Poſten⸗Eichen“ und „ſchwarze Weinpalmen“ genannt. Der Boden dieſer „Eichen⸗Wüſten“ iſt los und brüchig, und manchmal nicht viel beſſer als Flugſand, wo die Hufe der Pferde bei regneriſchem Wetter rechts und links ausgleiten und dann und wann bis an die Kniekehlen in den faulen ſchwammigten Raſen einſinken. Dies war in Folge der ſteten Gewitterregen, unter denen wir in ſtummem Unmuth dahin zogen, jetzt der Fall. Oft fuhr das Wild, aufgeſchreckt durch unſere Annäherung, aus ſeinem Lager auf und flog über die lichten Waldſtrecken; keiner aber trat, wie ſonſt, aus der Marſchlinie, um ihm zu folgen. Einmal ſahen wir die Hörner und das Gerippe eines Büffels und ſpäter die Spur eines ſolchen Thieres, die keine drei Tage alt war. Dieſe Zeichen der Nähe dieſes Hochwilds der Prairien wirkte belebend auf den Geiſt unſerer Jäger; die Erregung dauerte aber nicht lange. Auf einer Prairie von mäßiger Ausdehnung, welche durch den Regen einem ſchlüpfrigen Moor ähnlich geworden war, wurden wir von einem heftigen Gewitter über⸗ raſcht. Der Regen goß in Strömen auf uns nieder und ſpritzte wie Dampf den Boden entlang empor; die ganze Landſchaft war plötzlich in Düſter gehüllt, das die flammenden Blitzſtreifen grell zurück warf, während der Donner über unſern Häuptern loszubrechen ſchien und von den Wäldern und Baumgruppen, welche die Prairie umgürteten und auf ihr zerſtreut waren, zurück⸗ hallte. Menſchen und Thiere wurden ſo durchnäßt, zu⸗ ſammengeſchüttelt und verwirrt, daß die ganze Marſchlinie in Verwirrung kam: manche Pferde waren ſo erſchreckt, daß man ſie kaum bändigen konnte und unſer zerſtreuter Zug glich einer vom Sturm umtobten Flotte, die nach den Launen des Windes und den Wellen dahin und dorthin getrieben wird. Um halb drei Uhr wurde endlich Halt gemacht, wir ſammelten uns und lagerten uns in einem von hohen Bäumen umgebenen Waldraum, mit einer Prairie auf der einen und einem Bache auf der andern Seite. Sogleich hallte der Wald von dem Klang der Axt und dem Krachen fallender Bäume wider. Ungeheure Feuer flammten bald empor; Tücher wurden zeltartig vor ihnen ausgeſpannt; Schuppen von Rinde und Häuten eilig gebaut; jedes Feuer umgab eine belebte Gruppe, wo man ſich trocknete und wärmte oder ein ſtärkendes Mahl bereitete. Einige Jäger ſchoſſen ihre Büchſen los und putzten ſie, damit der Regen ihnen nicht ſchade, während die Pferde, ihrer Sättel und ihres Gepäckes baar, ſich in dem naſſen Graſe wälzten. — 121— Es regnete bis gegen Abend faſt ohne Unterlaß. Ehe es Dunkel ward, wurden die Pferde eingebracht und in dem Umkreis des Lagers innerhalb der Außen⸗ poſten angebunden, da man vor Indianiſchen Umzüglern, welche ſtürmiſche Nächte zu ihren Räubereien und An⸗ griffen zu benützen pflegen, bange war. Bei dem tiefen Dunkel der Nacht ſtiegen die großen Feuer heller und heller empor und beleuchteten grell die Maſſen über⸗ hängenden Laubs, während andere Theile des Gebüſches in düſterm Schatten zurücktraten. Um jedes Feuer ſah man eine koboldartige Gruppe gelagert, während die Pferde im Dickicht ſchwarz wie Geſpenſter erſchienen und nur da und dort ein hellfarbiges Roß glänzend hervortrat. Der von dem röthlichen Lichte der Feuer prächtig erleuchtete Wald glich einem großen Laubdom, von dichter Dunkelheit ummauert; aber jeden Augenblick enthüllten zwei oder drei grelle Blitze plötzlich eine aus⸗ gedehnte Fläche, wo Felder und Wälder und ſprudelnde Bache für einige kurze Augenblicke ſozuſagen ins Leben traten, und, ehe das Auge ſich der Erſcheinung verge⸗ wiſſern konnte, wieder in der Dunkelheit verſchwanden. Die Größe und Erhabenheit eines Gewitters auf einer Prairie wie auf dem Meere, rührt von der wilden und grenzenloſen Oede her, über welche es daher wüthet und brüllt. Man wundert ſich nicht, daß dieſe furchtbaren Naturerſcheinungen bei den armen Wilden Gegenſtände abergläubiſcher Verehrung ſind und daß ſie den Donner für die Zornesſtimme des großen Geiſtes halten. Da G— 12²2— unſere Meſtizen plaudernd um das Feuer ſaßen, fragte ich ſie über einige bei ihren Indianiſchen Freunden gel⸗ tenden Anſichten. Die Indianer behaupten, die Jäger fänden auf den Prairien zuweilen verlöſchte Donnerkeile, welche ſie als Spitzen ihrer Wurfſpieße und Pfeile brau⸗ chen; und jeder ſo bewaffnete Krieger ſei unüberwindlich. Käme aber ein Gewitter während der Schlacht, ſo pflege er von dem Donner weggeführt zu werden und man hörte nie wieder von ihm. Ein Krieger aus dem Konza⸗Stamm, der auf einer Prairie jagte, wurde von einem Gewitter überraſcht und vom Donner bewußtlos niedergeſchmettert. Als er wie⸗ der zu ſich kam, ſah er den Donnerkeil auf dem Boden liegen und ein Roß dabei ſtehen. Er ergriff den Don⸗ nerkeil und ſprang auf das Pferd, ſah aber zu ſpät, daß er den Blit beſtiegen hatte. In einem Nu wurde er über Prairien, Wälder, Ströme und Wildniſſe dahin geführt, bis er bewußtlos am Fuße der Rocky Moun⸗ tains abgeworfen wurde, und, als er ſich wieder erholt hatte, mehrere Monate brauchte, um zu ſeinem Volke zurückzukehren. Dieſe Geſchichte erinnerte mich an eine, von einem Reiſenden erzählte Indianiſche Sage, von dem Schickſal eines Kriegers, der den Donner auf der Erde liegen ſah, mit einem wunderſchön gearbeiteten Mocaſſin auf jeder Seite. Da er eine Beute gefunden zu haben glaubte, zog er die Mocaſſins an; ſie entführ⸗ ten ihn aber in das Land der Geiſter, von wannen er nie mehr zurükehrte. — 123— Dies ſind einfache und kunſtloſe Erzählungen; aber ſie hatten ein wildes und romantiſches Intereſſe, wenn man ſie von den Lippen halbwilder Erzähler, um ein Jägerfeuer in einer ſtürmiſchen Nacht, einen Wald auf der einen Seite und eine brüllende Steppen⸗Wüſte auf der andern, wo vielleicht wilde Feinde in der Dunkelheit draußen lauerten, vortragen hörte. Unſere Unterhaltung wurde durch einen lauten Don⸗ nerſchlag unterbrochen, welchem unmittelbar der Klang der Hufe eines toll in die Steppen davon galoppirenden Pferdes folgte. Jeder lauſchte in ängſtlicher Stille. Die Hufe hallten eine Zeitlang ſtark zurück, wurden aber bald ſchwächer und ſchwächer und verloren ſich endlich in weiter Ferne. Als man den Klang nicht mehr hören konnte, be⸗ gannen die Lauſcher ihre Vermuthungen laut werden zu laſſen, was die Urſache dieſer plötzlichen Flucht des Pfer⸗ des ſein könnte. Einige meinten, das Thier ſei durch den Donner erſchreckt, andere, es ſei von auflauernden Indianern beſtiegen und entführt worden. Dagegen wen⸗ dete man ein, das gewöhnliche Verfahren der Indianer ſei, daß ſie ſich ſtill zu dem Pferde ſchleichen, es losbin⸗ den, ſachte beſteigen und ſo leiſe wie möglich es wegfüh⸗ ren, wobei ſie andere mit zu locken ſuchen, ohne durch irgend ein ungewöhnliches Geräuſch oder Lärmen das Lager zu beunruhigen. Auf der andern Seite war es als ein herkömmlicher Kunſtgriff der Indianer bekannt, daß ſie ſich zu einem Haufen Pferde, welche in der Nacht — 124— auf der Weide ſind, ſchleichen, eines derſelben ſtill be⸗ ſteigen und plötzlich wie toll damit hinwegjagen. Nichts wirkt bei Pferden anſteckender als der Schrecken: das plötzliche Durchbrechen Eines Pferdes verſetzt manchmal die ganze Schaar in Unruhe und ſie folgen in wilder Haſt dem Anführer nach. Jeder, deſſen Pferd an dem Saume des Lagers weidete, fürchtete, das ſeinige möchte der Flüchtling ſein, aber es war nicht möglich, vor Anbruch des Tages et⸗ was Gewiſſes zu erfahren. Die, welche ihre Pferde an- gebunden hatten, fühlten ſich ruhiger, obgleich ſolche an⸗ gebundene und während der Nacht auf einen kurzen Raum beſchränkte Thiere auf einem langen Marſch vom Fleiſch fallen und an Kraft verlieren; auch gaben viele Pferde unſerer Geſellſchaft bereits Zeichen großer Ermüdung. Nach einer düſtern und ſtürmiſchen Nacht dämmerte der Morgen klar und glänzend und der prachtvolle Sonnenſchein wandelte wie durch Zauberkraft die ganze Landſchaft um. Die geſtrige öde Wildniß heiterte ſich zu einer ſchönen offenen Gegend auf, mit ſtattlichen Wäl⸗ dern und Eichengruppen von rieſenhafter Größe beſetzt; manche dieſer Bäume ſtanden einzeln, als wären ſie zum Schmuck und des Schattens wegen inmitten reicher Wie⸗ ſen gepflanzt worden; unſere Pferde, die zerſtreut unter ihnen weideten, gaben dem Ganzen das Anſehen edler Parks. Es war ſchwer, ſich zu überzeugen, daß wir ſo weit in der Wildniß, jenſeits der Wohnungen der Men⸗ ſchen weilten. Nur unſer Lager hatte mit ſeinen rohen — 125— Zelten von Tüchern und Thierfellen und den blauen Rauchſäulen, die unter den Bäumen emporſtiegen, ein wildes Anſehen. Die erſte Sorge am Morgen war, nach unſern Pfer⸗ den zu ſehen. Einige von ihnen hatten ſi ſich eine Strecke entfernt, wurden aber glücklich alle gefunden, ſelbſt das, deſſe en klappernde Hufe uns in der Nacht ſo viel Unbe⸗ haglichkeit verurſacht hatte. Es hatte ungefähr eine halbe Stunde vom Lager Halt gemacht und wurde ruhig an einem Bache weidend gefunden. GSegen halb acht Uhr rief das Horn zur Abreiſe. Da die Gefahr vor Beläſtigung durch die Indianer größer wurde, je weiter wir vorrückten, wurde unſere Marſch⸗ linie mit mehr Genauigkeit als bisher geordnet. Jedem wurde ſeine Stelle angewieſen und verboten, ſie ohne beſondere Erlaubniß zu verlaſſen, um Wild nachzujagen. Die Packpferde kamen in die Mitte des Zugs und den Nachtrab machte eine ſtarke Wache aus. Achtzehntes Kapitel. Eine große Prairie.— Cliff Caſtle.— Büffelſpuren.— Rehe von Wölfen gejagt.— Cross Timber. Nachdem wir uns eine Zeiltang durch eine von Schluchten und Bächen durchſchnittene und von Gebuſch verwachſene Gegend mühſam fortgearbeitet hatten, kamen wir auf eine große Prairie. Hier ſtellte ſich uns plötz⸗ lich eine der charakteriſtiſchen Scenen des„fernen We⸗ ſten⸗ dar— eine ungeheuere Ausdehnung graſigen, wo⸗ genden oder, wie man es hier nennt, rollenden Landes, da und dort eine Baumgruppe ſich ſchwach in der Entfer⸗ nung erhebend, wie ein Schiff auf der See, wobei die Ausbreitung und Einfachheit der Landſchaft ihr Erhaben⸗ heit gab. Gegen Südweſten war auf dem Gipfel einer Höhe ein ſeltſamer Kamm von zerklüfteten Felſen zu ſehen, der ſie einer verfallenen Burg ahnlich machte. Mir kamen die Trümmer eines mauriſchen Schloſſes in den Sinn, das inmitten einer einſamen ſpaniſchen Land⸗ ſchaft die Höhe krönte. Wir gaben dem Felſen den Na⸗ men Cliff Caſtle(Klippenburg.) Die Prairien dieſer großen Jagdgebiete waren hin⸗ ſichtlich des Charakters ihrer Vegetation von denen, welche ich bisher durchzogen hatte, verſchieden. Statt der Menge hoher, blühender Pflanzen und der langen flatternden Gräſer, waren ſie mit einer kürzern Grasart, Büffelgras genannt, bedeckt, das etwas rauh war, aber in den ge⸗ eigneten Jahreszeiten reichliche und vortreffliche Weide abgab. Jetzt wurde es bereits hart und war an den meiſten Orten zu dürr, um als Weide zu dienen. Das Wetter ging in jene heitere aber etwas trockene Jahreszeit über, die der Indianiſche Sommer heißt. In der Atmoſphäre war ein räucheriger Dunſt, welcher den Glanz des Sonnenſcheins zu einer goldenen Tinte milderte, die Züge der Landſchaft ſänftigte und den Um⸗ riſſen ferner Gegenſtände etwas Unbeſtimmtes gab. Je⸗ ner Dunſt mehrte ſich von Tag zu Tag und wurde dem durch Indianiſche Jäger verurſachten Brand ferner Prai⸗ rien zugeſchrieben. Wir waren nicht weit auf der Prairie, als wir zu tief ausgetretenen Fußſtapfen kamen, welche die Gegend durch⸗ ſchnitten. Manchmal liefen zwei oder drei in einer glei⸗ chen Richtung, nur wenige Schritte von einander, fort. Man erklärte ſie für die Tritte von Büffeln, von denen große Heerden des Wegs gekommen waren. Wir fan⸗ den auch die Spur von Pferden, und dieſe betrachteten unſere erfahrenen Jäger mit einiger Aufmerkſamkeit. Es konnte keine Spur von wilden Pferden ſein, da man keine Hufe von Füllen abgedruckt ſah; es waren nur vollwächſige Pferde; und da ſie ſichtbar nicht beſchlagen waren, beſchloß man, ſie gehörten einem Jagdzug von Pawnees an. Im Laufe des Morgens wurden die Spu⸗ ren eines einzelnen Pferdes mit Hufeiſen entdeckt. Dies — 128— mochte das Pferd eines Cherokee⸗Jägers, oder vielleicht den Weißen auf der Grenze geſtohlen worden ſein. So wird bei dem Durchwandern dieſer gefährlichen Einöden jede Fußſpur, jeder Abdruck des Hufes ein Gegenſtand vorſichtiger Unterſuchung und arger Vermuthung, und man fragt ſich ſtets— iſt es die Spur eines Freundes oder Feindes? iſt ſie neu oder alt? iſt das Weſen, dem ſie angehört, ferne oder kann man auf daſſelbe ſtoßen? Wir kamen mehr und mehr in das Wildgebiet. Auf unſerm Wege ſahen wir wiederholt Rehe rechts und links dem Dickicht entgegenſpringen; ſolche Erſcheinungen er⸗ regten aber die frühere Begierde, ihnen zu folgen, nicht mehr. Indem wir dem Abhang einer Prairie entlang kamen, ſahen wir zwiſchen zwei rollenden Anhöhen eine ächt natürliche Jagdpartie. Sieben ſchwarze Wölfe und ein weißer waren einem Bock auf der Fährte und hatten ihn faſt ganz ermüdet. Sie kreuzten unſere Marſchlinie, ohne uns, wie es ſchien, zu bemerken. Wir ſahen ſie noch ungefähr eine halbe Stunde jagen, worauf ſie ihm auf den Nacken ſprangen und mit ihm eine Schlucht hinabrollten. Einige von uns ritten auf eine Erhöhung, von der aus man die Schlucht überſehen konnte. Der arme Bock war ganz umringt— einige waren ihm in den Weichen, andere an der Kehle. Er machte zwei oder drei verzweifelte Sprünge, wurde aber niederge⸗ worfen, überwältigt und in Stücke zerriſſen. Die ſchwar⸗ zen Wölfe beachteten in ihrer Wuth und ihrem Heishun⸗ ger die ferne Gruppe von Reitern nicht; aber der weiße — 129— Wolk offenbar minder lüſtern, gab die Beute auf und lief über Hügel und Thal und jagte viele Rehe auf, die in den Höhlungen lagen und raſch in den verſchiedenſten Richtungen davon liefen. Es war wirklich eine wilde Scene, des ⸗Jagdgebietes⸗ würdig. Wir bekamen jetzt den Red Fork wieder zu Geſicht, wie er ſeine trüben Wellen zwiſchen ſtark bewaldeten Hügeln und durch eine ausgedehnte und prachtvolle Land⸗ ſchaft hinwälzte, die an Flüſſe ſtoßenden Prairien wech⸗ ſeln immer auf dieſe Weiſe mit Waldungen ab, und letztere ſind ſo ſchön eingewebt und vertheilt, daß man glauben ſollte, eines Künſtlers Hand habe alles ſo ange⸗ legt; wenn da und dort noch der Thurm einer Dorf⸗ kirche, die Zinnen einer Burg oder die Thürme eines alten Familienſitzes über die Bäume hervorragten, könnte eine ſolche Landſchaft mit der geſchmückteſten Scenerie Europa's wetteifern. Um Mittag erreichten wir den Saum jenes lichten Waldgürtels, der, ungefahr ſechszehn Stunden breit, ſich von Norden nach Süden von dem Arkanſas zum Red River zieht, die obern Prairien von den untern trennt und gewöhnlich„Cross Timber“ genannt wird. An dem Saume dieſes Waldlandes, grade an dem Rande einer Prairie, fanden wir die Spur eines Pawnee⸗Lagers von ein⸗ bis zweihundert Schoppen— ein Zeichen, daß der Zug ſehr zahlreich geweſen. Der Schädel eines Büffels lag in der Naͤhe des Lagers und das Moos, das über ihn gewachſen, bewies, daß das Lager wenigſtens ein Irving's Reiſe. 9 — 130— Jahr alt war. Eine Viertelſtunde weiter ſchlugen wir in einem ſchönen, von einem lieblichen Quell und Bäch⸗ lein bewäſſerten Walde unſer Lager auf. Wir hatten heute gegen ſieben Stunden zurückgelegt. Im Laufe des Nachmittags ſtießen zwei Leute vom Lieutenant King zu uns, die wir einige Tage früher zurück⸗ gelaſſen hatten, um nach den verlaufenen Pferden zu ſehen. Alle Pferde waren wieder eingefangen worden, obgleich ſich einige mehrere Stunden verlaufen hatten. Der Lieu⸗ tenant war mit ſiebenzehn ſeiner Begleiter in unſerm letzten Nachtlager geblieben, um zu jagen, da er auf neue Büffelſpuren geſtoßen war. Sie hatten auch ein ſchönes⸗ wildes Pferd geſehen, das aber mit einer, jeder Verfol⸗ gung trotzenden Eile galoppirt war. Man gab ſich nun zuverläßigen Erwartungen hin, am folgenden Tag auf Büffel, und vielleicht auf wilde Pferde zu ſtoßen; alles war hoch entzückt. Wir brauchten eine Anregung dieſer Art, denn unſere jungen Leute wa⸗ ren des nicht mehr ungebundenen Marſches und Lagers müde und der Vorrath war heute knapp. Der Kapitän und mehrere Jäger gingen auf die Jagd, brachten aber nur ein kleines Reh und einige Truthühner mit zurück. Unſere zwei Leute, Beatte und Toniſch, zogen gleichfalls aus. Der erſtere kehrte mit einem Reh, quer über ſei⸗ nem Pferde, zurück, das er, wie immer, ſchweigend vor unſerm Zelte niederlegte; Toniſch kam ehne Beute, aber mit ſeinem gewöhnlichen Sack voll wunderbarer Erzäah⸗ lungen zurück. Sowohl er wie das Wild hatten Wunder — 131— gethan; keines war ihm auf Schußweite nah gekommen, ſo war es an irgend einer tödtlichen Stelle getroffen worden, und doch hatte— o des Wunders!— jedes ſeinen Weg verfolgt, ohne auch nur ſcheu zu werden. Nach der wunderbaren Genauigkeit, mit welcher er zielte, ſchloſſen wir, daß er mit gefeiten Kugeln ſchöſſe, daß aber auch jedes Thier ein gefeites Leben habe. Die wichtigſte Kunde jedoch, die er uns brachte, war die, daß er die Spuren mehrerer wilden Pferde geſehen habe. Er ſah ſich jetzt an dem Vorabend großer Ereigniſſe; denn in nichts rühmt er ſeine Geſchicklichkeit mehr als im Einfangen wilder Pferde. Neunzehntes Kapitel. Des Jägers Erwartungen.— Die ſchlimme Furt.— Ein wildes Pferd. Am 21. October. Dieſen Morgen war unſer Lager ſchon früh munter; die Erwartung, im Laufe des Tages auf den Buüffel zu ſtoßen, erregte eines Jeden Geiſt. Die Büchſen knallten nach allen Seiten, damit man ſie friſch laden könnte; die Schrote wurden aus der Dop⸗ pelflinte gezogen und Kugeln hinein gethan. Toniſch aber bereitete ſich hauptſächlich auf einen Feldzug gegen die wilden Pferde. Er zog mit einem Knäul von Stricken an dem Sat⸗ telbogen und mit einem paar weißen Stäben, Angelru⸗ then ähnlich, acht bis zehn Fuß lang und mit Gabelenden verſehen, aus. Das Lariat oder die Leine, welche zum Einfangen wilder Pferde gebraucht wird, entſpricht dem ſudamerikaniſchen Lasso. Sie wird aber nicht in der anmuthigen und geſchickten Weiſe der Spanier umge⸗ worfen. Wenn es dem FJäger nach einer heißen Jagd gelingt, mit dem wilden Pferde Kopf an Kopf zu kom⸗ men, wirft er ihm die auslaufende Schlinge des Lariats mittels des Gabelſtocks über den Kopf; laßt ihm dann die volle Lange des Stricks, an dem er wie ein Fiſch zappelt und zwingt es allgemach zur Ergebung in ſein Loos. Toniſch verſprach all das zu unſerer vollen Zufrie⸗ denheit zu bewähren. Wir hatten kein großes Vertrauen in ſeine Kunſt und fürchteten, er möchte uns ein gutes Pferd zu Schanden reiten, indem er einem ſchlechten nachgaloppirte, denn er war, wie alle franzöſiſchen Kreo⸗ len, ein herzloſer Schnellreiter. Es wurde daher be⸗ ſchloſſen, ihn ſcharf im Auge zu behalten und ſeine tol⸗ len Einfälle zu vereiteln. Wir hatten unſere Morgenreiſe noch nicht lange fortgeſetzt, als wir durch einen mächtigen Bach, der in der Tiefe einer dichtbewaldeten Schlucht dahinfloß, aufgehalten wurden. Wir gingen eine Zeitlang an ſei⸗ nem Ufer hin, bis wir eine Furt fanden; aber die Schwie⸗ rigkeit, an das Waſſer hinabzukommen, war groß; denn die Ufer waren ſteil und klüftig, von Waldbäumen, Dickicht, Brombeeren und Weinranken bedeckt. Endlich durchbrach der erſte Reiter das Dickicht, ſein Pferd zog die Füße ein und gleitete das ſchwarze bröckelige Ufer zu dem ſchmalen Rande des Baches nieder; dann arbeitete es ſich durch Schlamm und Waſſer bis an den Sattelgurt, hinüber, kletterte den andern Abhang empor und ereichte glücklich die Höhe des andern Ufers. Die ganze Linie folgte bunt durcheinander dem Füh⸗ rer, glitt, einer hinter dem andern, nach Indianiſcher Weiſe, das ſteile Ufer hinab und in den Bach. Einige der Reiter verfehlten die Furt und kamen bis an die Ohren in das Waſſer; der eine wurde abgeworfen und ſtürzte köpflings mitten in den Bach. Mich ſelbſt angehend, wurde — 131— ich, während die hinter mir mich fortdrängten und das Ufer hinabtrieben, von einer Weinranke, die dick wie ein Schiffstau kranzartig in Manneshöhe von einem Baum zum andern hing, aus meinem Sattel geriſſen und un⸗ ter die Hufe der unruhigen Pferde geſchleudert. Glück⸗ licherweiſe konnte ich mich unverletzt aufraffen, mein Pferd erreichen, ohne weitere Fährlichkeit durch die Furt ſetzen und ſo in die allgemeine Heiterkeit einſtimmen, welche die komiſchen Unfälle dieſer Furt veranlaßten. Bei ſolchen Uebergängen über Gewäſſer hat man die gefährlichſten Nachſtellungen und blutigſten Ueberfälle des Indianiſchen Kriegslebens zu fürchten. Ein im Dickicht gut aufgeſtellter Haufen Wilder hätte unter unſern, in der Schlucht manchfach aufgehaltenen Leuten ein furcht⸗ bares Blutbad anrichten können. Wir kamen nun auf eine große, prachtvolle Prairie, welche ſich in den goldenen Strahlen der Herbſtſonne vor uns ausdehnte. Die tiefen und häufigen Spuren des Büffels zeigten, daß hier einer ihrer Lieblings⸗Weide⸗ plätze war; doch war keiner zu ſehen. Im Laufe des Morgens holten uns der Lieutenant und ſiebenzehn Mann ein, die zurückgeblieben waren und mit den Häuten von Büffeln beladen ankamen, deren ſie am vorigen Tage drei getödtet hatten. Einer der Jäger hatte ſich jedoch keines großen Glücks zu rühmen, denn ſein Pferd war beim Anblick der Büffel ſcheu geworden, hatte ſeinen Reiter abgeworfen und ſich in die Wälder geflüchtet. Die Begeiſterung aller unſerer Jäger, der jungen — 135— wie der alten, wurde ſieberhaft, da kaum einer von ihnen je dieſes weit berühmte Prairienwild geſehen hatte. Als ſich demnach während des Tags der Ruf:»Büffel! Büffel!⸗ da und dort in dem Zuge hören ließ, kam der ganze Haufen in die lebhafteſte Erregung. Wir kamen grade durch einen ſchönen Theil der Prairie, dem Hü⸗ gel und ſanfte Abhänge, waldige Thälchen und hohe ſtatt⸗ liche Wälder Manigfaltigkeit gaben. Die, welche den Ruf hatten hören laſſen, zeigten auf ein großes, ſchwarzes Thier, das ſich an der Seite einer Anhöhe eine gute halbe Stunde vor uns langſam fortbewegte. Der ſtets fertige Toniſch ſprang auf und ſtellte ſich auf ſeinen Sattel, die Gabelſtöcke in der Hand wie ein Exercirmeiſter oder wie der Scaramuſch in einem Circus, bereit zu einer kecken Reiterthat, empor. Nachdem er das Thier, das er, ohne ſeine Bügel zu verlaſſen, eben ſo gut hätte ſehen können, einen Augenblick angeſchaut, erklärte er, es ſei ein wildes Pferd; er ließ ſich wieder in ſeinen Sattel nieder und wollte eben, vollſtändig ge⸗ rüſtet, davon jagen, um es zu verfolgen, als er zu ſei⸗ nem unausſprechlichen Verdruß zurückgerufen wurde und Befehl erhielt, ſeinen Poſten hinter den Packpferden nicht zu verlaſſen. Der Kapitän und zwei ſeiner Officiere brachen nun auf, um ſich dem Pferde zu nähern. Der erſtere, ein trefflicher Schütze, hatte die Abſicht, es„zu zeichnen,“ das heißt, ihm eine Büchſenkugel in den Kamm des Hal⸗ ſes zu ſchicken. Eine ſolche Wunde lähmt das Pferd für — 136— einen Augenblick; es ſtürzt und man kann es ſich ſichern, ehe es ſich wieder erholt. Es iſt dies jedoch ein grau⸗ ſames Mittel; da ein Fehlſchuß das edle Thier tödten oder zerſtümmeln kann. Während der Kapitän und ſeine Geſellſchaft ſich kangſam und von der Seite dem Pferde zu nähern ſuch⸗ ten, ſetzten wir unſern Weg fort und hefteten die Blicke aufmerkſam auf die Bewegungen des Pferdes. Dieſes ſtrich ruhig auf der äußerſten Linie des ſich hebenden Grundes hin und verſchwand hinter ihm. Ein zwiſchen⸗ liegender Hügel verbarg auch bald den Kapitän und ſeine Genoſfen. Bald darauf zeigte ſich das Pferd wieder zu unſerer Rechten, grade vor der Marſchlinie, wo es in lebhaftem Trabe aus einem Thälchen kam; es war augenſcheinlich aufmerkſam geworden. Als es uns anſichtig ward, blieb es plötzlich ſtehen, blickte uns einen Augenblick erſtaunt an, warf dann den Kopf in die Höhe und trabte ſtolz und anmuthig davon, uns erſt über die eine, dann über die andere Schulter anſehend, während das reiche Haar der Mähne und des Schweifes in dem Wind faatterten. Nachdem es durch den Saum eines Dickichts, einer Buſch⸗ hecke ähnlich, geeilt war, kam es jenſeits in das offene Feld, blickte wieder mit einer ſchönen Wendung des Hal⸗ ſes auf uns zurück, ſchüttelte die Mähnen, fiel in Galopp und flüchtete in den Wald. Ich ſah hier zum erſtenmal ein Roß in dem ganzen Stolz und der Freiheit ſeiner Natur ſeine heimathliche Wildniß durchſtreifen. Wie verſchieden von dem armen, verſtümmelten, zugeſtutzten, gezäumten und gezügelten Opfer der Ueppigkeit, der Laune, der Habſucht in unſern Städten! Nachdem wir gegen ſechs Stunden zurückgelegt hat⸗ ten, lagerten wir uns um Ein Uhr, um unſern Jägern Zeit zu geben, einen Vorrath von Lebensmitteln herbei⸗ zuſchaffen. Unſer Lager wurde in einem geräumigen, von Buſchwerk freien Waldgang, den hohe Eichen und Wallnüſſe bildeten, am Rande eines Baches, aufgeſchla⸗ gen. Beim Abpacken der Pferde klagte unſer kleine Franzoſe laut, daß man ihn gehindert habe, das wilde Pferd zu verfolgen, das er gewiß gefangen haben würde. Mittlerweile ſah ich unſern Meſtizen Beatte fein beſtes Pferd, ein kraftvolles Thier von halbwilder Race, ruhig ſatteln, ein Lariat an den Sattelbogen hängend, Büchſe und Gabelſtock ergreifend, aufſteigen und das Lager ver⸗ laſſen, ohne ein Wort zu ſagen. Er wollte augenſchein⸗ lich das wilde Pferd aufſuchen, und auf dieſer Jagd von Niemanden begleitet ſein. Zwanzigſtes Kapitel. Das Lager der wilden Pferde.— Jägergeſchichten.— Sitten der wilden Pferde.— Der Meſtize und ſeine Beute.— Eine Pferdejagd.— Ein wilder Geiſt gezähmt. Wir hatten uns in einer an Wild reichen Gegend gelagert, wie die Schüſſe der Büchſen in verſchiedenen Richtungen ſogleich kund gaben.“ Einer der Jäger kam bald mit dem Fleiſch eines Rehes, das er in deſſen Haut gepackt und über die Schultern gehängt hatte, zurück. Ein zweiter langte mit einem fetten Bock über ſeinem Pferde an. Zwei andere Rehe wurden eingebracht, ſo wie einige Truthühner. Alles Wild wurde vor des Kapitäns Feuer niedergelegt, um hernach unter den Leuten vertheilt zu werden. Die Bratſpieße und Lager⸗ keſſel waren bald in voller Thätigkeit und den ganzen Abend herrſchte überall üppiger Waidmannsſchmaus und Ueberfluß. Unſere Hoffnung an dieſem Tage auf Büffel zu ſtoßen, war vereitelt worden; der Anblick des wilden Pferdes war aber etwas Neues und gab der Abend⸗ unterhaltung des Lagers eine andere Richtung. Man erzählte mehrere Anecdoten von einem bewährten grauen Pferde, das ſechs oder ſieben Jahre in den umliegenden Prairien umhergeſtreift war, und alle Verſuche der — 139— Jäger, es zu fangen, vereitelt hatte. Man ſagte, es komme im Schritt ſchneller fort, als das flinkſte Pferd laufen könne. Gleich merkwürdige Nachrichten gab man von einem ſchwarzen Hengſt an den Braſis, der in Texas, an den Prairien der Ufer dieſes Fluſſes wei⸗ dete. Vier Jahre war er allen Verfolgungen entgangen. Sein Ruf erſcholl weit und breit; hohe Summen, bis zu tauſend Dollars, wurden geboten; die kühnſten und beſten Reiter ſtrebten unabläßig, ihn einzufangen, aber vergeblich. Endlich wurde er ein Opfer ſeiner Galan⸗ terie; durch eine zahme Stute lockte man ihn unter einen Baum und ein Knabe, der in den Zweigen ver⸗ ſteckt war, warf ihm die Schlinge über den Kopf. Das Einfangen des wilden Pferdes iſt eine der Lieblingsbeſchäftigungen der Prairie⸗Stämme und aus dieſer Quelle verſchaffen ſich auch die Indianiſchen Jäger vorzüglich ihre Pferde. Die wilden Pferde, die dieſen ungeheuern graſigen Ebenen, welche ſich vom Arkanſas bis zu den Spaniſchen Anſiedlungen ausdehnen, durch⸗ ſtreifen, ſind verſchieden an Farbe und Geſtalt und ver⸗ rathen ſo ihre manaichfache Abkunft. Einige gleichen dem gewöhnlichen Engliſchen Stamm und kommen wahrſcheinlich von Pferden her, welche ſich aus unſern Grenzanſiedlungen verliefen. Andere ſind klein aber ſtark gebaut und ſollen der Andaluſiſchen Rage angehören, welche die ſpaniſchen Entdecker einführten. Einige phantaſiereiche Forſcher haben in ihnen Ab⸗ kömmlinge der Arabiſchen, aus Afrika nach Spanien — 1410— und von da hierher verſetzten Race geſehen und ſich mit dem Gedanken geſchmeichelt, deren Vorfahren hätten den reinen Rennern der Wüſte angehört, welche einſt Mahomet und ſeine kriegeriſchen Jünger über die Sand⸗ ebenen Arabiens getragen! Die Sitten der Araber ſcheinen ſich von der Bekannt⸗ ſchaft mit dem Pferde herzuſchreiben. Die Einführung des Pferdes in den grenzenloſen Ebenen des fernen Weſten haben die ganze Lebensart ihrer Bewohner geändert. Sie gab ihnen jene Leichtigkeit raſcher Bewe⸗ gung und plötzlichen ausgedehnten Ortswechſels, die der umſchweifenden Laune des Mannes ſo ſehr zuſagt. Statt ſich in der Tiefe duſterer Wälder zu verſtecken und das Gewirr der verwachſenen Wildniß ruhig zu Fuß zu durchwandern, wie ſeine nördlichen Brüder, ſchweift der weſtliche Indianer frei über die Flächen hin; faſt immer zu Pferd, führte er auf weiten blühenden Prai⸗ rien und unter einem wolkenloſen Himmel ein glanzen⸗ deres, ſonnigeres Leben. Ich lag bis ſpaät in die Nacht an des Kapitäns Feuer, hörte auf die Geſchichten dieſer Prairien⸗Renner und hing meinen Gedanken nach, als an dem andern Ende des Lagers laute Stimmen und jubelndes Geſchrei erſchallte und man die Nachricht brachte, der Meſtize Beatte habe ein wildes Pferd eingebracht. Im Nu waren alle Feuer verlaſſen; das ganze⸗ Lager ſtrömte zuſammen, um den Indianer und ſeine Beute zu ſehen. Es war ein zweijähriges Füllen, gut gebaut, von feinen Gliedern, hellen, vorſtehenden Au⸗ gen und einer muthigen aber milden Haltung. Es blickte halb betäubt und halb beſtürzt um ſich her und auf die Leute, die Pferde und die Lagerfeuer, wahrend der Indianer mit untergeſchlagenen Armen vor ihm ſtand und das andere Ende der Leine, die ſeinen Ge⸗ fangenen umſchlungen hielt, und dieſen mit höchſt kalter Miene anſah. Beatte hatte, wie ſchon bemerkt, eine grünliche olivenartige Geſichtsfarbe und ſtark gezeichnete Züge, den Bronzebüſten Napoleons nicht unähnlich; wie er vor ſeinem eingefangenen Pferde ſtand und die Arme kreuzte und kalt hinblickte, glich er eher einer Statue als einem lebenden Weſen. Wenn das Thier aber die geringſte Hartnäckigkeit zeigte, zerrte Beatte es augenblicklich mit dem Lariat und riß es erſt auf die eine, dann auf die andere Seite, ſo daß er es faſt auf den Boden warf; wenn er es auf dieſe Weiſe nachgiebig gemacht hatte, nahm er ſeine ſtatueartige Stellung wieder an und ſchaute ſchweigend auf es hin. Die ganze Scene war wunderbar wild— der hohe Walddom theilweiſe durch die flammenden Lagerfeuer erleuchtet; die Pferde da und dort an den Bäumen angebunden; Wildpret umher aufgehängt; und in der Mitte der wilde Jäger und ſein wildes Roß und das bewundernde Gedränge von faſt eben ſo wilden Grenzern. In der Hitze der erſten Erregung ſuchten mehrere der jungen Jäger das Pferd zu kaufen oder einzutau⸗ — 142— ſchen und boten übertriebene Preiſe; Beatte lehnte aber ihre Anerbietungen ab.„Ihr bietet heute hohe Preiſe,“ ſagte er,„morgen nehmt ihr ſie wieder und ſprecht— verfluchter Indianer!“ Die jungen Leute quälten ihn mit Fragen über die Art, wie er das Pferd gefangen; allein ſeine Antworten waren trocken und lakoniſch; er war ihnen ſi chtbar noch aufſaͤſſig, weil die jungen Jäger ihn gering geſchätzt und verhöhnt hatten, und zugleich ſah er mit Verachtung auf ſie, wie auf Gelbſchnäbel, die in dem edeln Waid⸗ werk gänzlich unerfahren wären. Als er aber ſpäter an unſerm Feuer ſaß, theilte er mir ſogleich das Nähere über ſeinen Fang mit; denn, obgleich ſchweigſam unter Fremden, und nicht geneigt, mit ſeinem Thun zu prahlen, hatte ſeine Schweigſamkeit, wie die aller Indianer, Ziel und Grenze. Nachdem er das Lager verlaſſen, erzählte er, ſei er zu der Stelle zurückgekehrt, wo wir das wilde Pferd aus den Augen verloren. Er habe ſeine Spur bald gefunden und ſie bis zum Ufer des Fluſſes verfolgt. Hier zeigten ſich ihm die Eindrücke der Hufen deutlicher und er ſah, daß ein Huf gebrucheh und Fehlerhaft ſei, worauf er die Jagd aufgab. Auf ſeinem Rückweg in das vaner ſtieß er auf ſechs⸗ Pferde, die augenblicklich zu dem Fluſſe eilten. Er folgte thnan dunch das Waſſer, ließ ſeine Büchſe am — 143— Ufer liegen, ſetzte ſein Pferd in vollen Gallop und erreichte die Flüchtlinge bald. Er verſuchte einem die Schlinge überzuwerfen, die Schlinge blieb aber an einem ſeiner Ohren hangen und es ſchüttelte ſie wieder ab. Die Pferde jagten einem Hügel hinan; er folgte ihnen raſch; da ſah er plötzlich ihre Schweife in die Luft emporſteigen, ein Zeichen, daß ſie ſich in eine ſteile Tiefe niederſtürzten. Es war zu ſpät, um anzu⸗ halten. Er ſchloß ſeine Augen, hielt den Athem ein und flog ihnen nach— auf Leben und Tod. Die Tiefe betrug zwanzig bis dreißig Fuß; ſie kamen aber alle wohlbehalten auf den ſandigen Boden unten. Jetzt gelang es ihm, einem ſchönen jungen Pferde die Schlinge umzuwerfen. Während er an ſeiner Seite dahin galopirte, kamen ſie zwiſchen einem jungen Bäum⸗ chen durch, das ihm das Lariat aus der Hand riß. Er fing es wieder auf, aber ein anderer Baum entriß es ihm abermals. Als er deſſelben habhaft geworden, er⸗ reichten ſte eine offenere Gegend und er war im Stande, das junge Pferd die Leine fühlen zu laſſen, bis er es allmählig in ſeine Gewalt bekam und bandigte, ſo daß er es zu der Stelle führen konnte, wo er ſeine Büchſe gelaſſen harte. Eine andere große Schwierigkeit ſtellte ihm der Fluß entgegen, wo die beiden Pferde eine Zeitlang im Schlamm ſtecken blieben und Beatte durch die Gewalt der Strömung und die Wildheit des jungen Thieres faſt aus dem Sattel geriſſen wurde. Nach vieler Mühe und 5— 14— Noth kam er jedoch über den Fluß und erreichte mit ſeiner Beute das Lager. Den übrigen Theil des Abends herrſchte fortwäh⸗ rend eine große Aufregung im Lager: man ſprach nur von dem Einfangen wilder Pferde; die jüngern Grenzer waren alle auf dieſe kühne Art der Jagd erpicht; jeder machte ſich Hoffnung, im Triumphe auf einem wilden Renner der Prairien vom Streifzug zurückzukehren. Beatte hatte plötzlich eine große Bedeutſamkeit erlangt; er war der erſte Jäger, der Held des Tags; die am beſten berittenen Grenzjäger boten ihm ihre Pferde zur Jagd an, wenn er ihnen einen Theil der Beute geben wollte. Beatte nahm die Ehre ſchweigend hin und wieß alle Anerbietungen zurück. Unſer holpernder, ſchmet⸗ ternder, großſprechender kleine Franzoſe glich aber Beat⸗ te's Schweigſamkeit durch ſo viel Prahlereien über den Vorfall aus, als wenn er das Pferd eingefangen hätte. Wirklich ſprach er ſo gelehrt über die Sache und rühmte ſich der vielen Pferde, die er eingefangen, ſo ſehr, daß man anfing, ihn für ein Orakel zu halten und einige junge Burſche zweifeln wollten, ob er dem ſchweig⸗ ſamen Beatte nicht überlegen ſey. Die Erregung hielt das Lager länger als gewöhn⸗ lich wach. Man hörte an den verſchiedenen Feuern das Murmeln der Stimmen, das dann und wann von ſchallendem Gelächter unterbrochen wurde und die Nacht war bedeutend vorgerückt, als alles in Schlaf verſank. 4 — 145— Mit dem erſten Dämmerſtrahl lebte die Erregung wieder neu auf und Beatte und ſein wildes Pferd wur⸗ den von dem Lager wieder angeſtaunt und beſprochen. Der Gefangene war die ganze Nacht unter den andern Pferden an einem Baum angebunden geweſen; Beatte führte ihn wieder an der langen Leine oder dem Lariat umher und zerrte und würgte ihn bei der geringſten Hartnäckigkeit, wie vorher, um ihn Geduld und Gehor⸗ ſam zu lehren. Er ſchien von Natur ſanft und gelehrig zu ſein und ſein Auge hatte einen ſchönen milden Aus⸗ druck. In ſeiner ſeltſamen und verlaſſenen Lage ſchien das arme Thier Schutz und Theilnahme bei eben dem Pferde zu ſuchen, durch welches es gefangen worden war. Da Beatte das Pferd ſo mild und ſanſt fand, gür⸗ tete er ihm beim Abmarſch einen leichten Pack auf den Rücken, um ihm die erſte Lektion im Dienſte zu geben. Dieſer Schimpf entflammte den natürlichen Stolz und das Unabhängigkeitsgefühl des Thieres. Es ging zurück, warf ſich hin, ſchlug aus und ſuchte auf jede Art die ent⸗ ehrende Bürde los zu werden. Der Indianer war ihm zu mächtig. Bei jedem Anfalle erneuerte er die Halfterzucht, bis das arme Thier in Verzweiflung ſich auf die Erde warf und bewegungslos dalag, als gebe es ſich nun für über⸗ wunden. Ein Bühnenheld, der die Verzweiflung eines gefangenen Prinzen darzuſtellen hätte, würde ſeine Rolle nicht kunſtreicher geſpielt haben. Es war wirklich eine moraliſche Größe darin. Der unerſchütterliche Beatte kreuzte ſeine Arme Irving's Reiſe. 10 — 146— und ſchaute eine Weile ſchweigend auf ſeinen Gefan⸗ genen, worauf er, überzeugt, daß er ihn nun ganz ge⸗ bändigt, mit dem Kopf langſam nickte, den Mund zu einem höhniſchen Triumphlächeln verzog und ihm mit einem Zug an der Halfter befahl aufzuſtehen. Es ge⸗ horchte und widerſetzte ſich von nun an nicht wieder. Es ließ ſich den Tag über an dem Halfter führen und trug ſeine Bürde geduldig; nach zwei Tagen aber lief es frei unter den überzähligen Pferden der Kom⸗ pagnie mit. Ich konnte nicht ohne Theilnahme auf dieſes ſchöne junge Thier ſchauen, deſſen ganzes Daſein einen ſo plötzlichen Wechſel erfahren hatte. Ein freies Kind dieſer ausgedehnten Weiden, nach Luſt von Ebene zu Ebene, von Aue zu Aue ſtreifend, an jedem Gras, an jeder Blume leckend und aus jedem Bache trinkend, war es auf einmal in eine ſtete und peinvolle Knecht⸗ ſchaft gezwängt und mußte ſein Leben unter Zaum und Geſchirr, vielleicht inmitten des Lärms, des Schmutzes und der Plackerei der Städte hinbringen. Der Ueber⸗ gang ſeines Schickſals war der Art, wie er manchmal in dem menſchlichen Thun und in dem Looſe hochſte⸗ hender Individuen ſtatt findet; heute ein Fürſt der Prai⸗ rien und morgen ein Packpferd.— — 147— Einundzwanzigſtes Kapitel. Uebergang über den Red Fork.— Die öden Wälder des Cross Timber.— Büffel. Wir verließen das Lager der wilden Pferde kurz vor acht Uhr und indem wir uns gegen zwei Stunden lang beinahe ſüdlich wandten, kamen wir an das Ufer des Red Fork, nach unſerer Berechnung ungefähr dreißig Stunden über ſeiner Ausmündung. Der Fluß war ungefähr dreihundert Schritte breit und floß zwiſchen Sandkauten und Untiefen hin. Die Ufer und die in den Fluß hinausgehenden Sandflächen trugen wie ge⸗ wöhnlich die Spuren verſchiedener Thiere, welche hier herab gekommen waren, um durchzuwaten und zu trinken. Wir machten hier Halt und es wurde lange Rath gepflogen, ob es möglich ſei, ſicher durch die Furt des Fluſſes zu gehen, da man vor Flugſand bangte. Beatte war eine Weile im Nachtrab geweſen und kam, wäh⸗ rend wir die Frage beſprachen, heran. Er ritt ſein Pferd von halbwilder Rage und führte das eingefangene Thier am Zügel. Das letztere übergab er Toniſch, ſpornte, ohne ein Wort zu ſagen, ſein Pferd in den Fluß und kam wohl behalten hinüber. Dieſer Mann that alles auf dieſe Weiſe— raſch, entſchloſſen, ſchweigend, ohne vorher etwas zu verſprechen oder nachher ſich zu rühmen. 10* — 148— Wir folgten dem Beiſpiele Beatte's und erreichten das andere Ufer ohne irgend einen Unfall, obſchon eines der Packpferde, das ein wenig aus der Fährte gekommen, faſt im Triebſand verſunken wäre, und nur mit Mühe an das Land gebracht wurde. Nach dem Uebergang über den Fluß mußten wir uns beinah eine Stunde durch dichte Rohrhecken drängen, die beim erſten Anblick wie eine undurchdringliche Maſſe von Schilf und Strauchwerk ausſahen. Es war ein harter Kampf: unſere Pferde waren oft bis an den Gurt im Schlamm und Waſſer, und Pferde und Reiter von Strauch und Dorn zumal gequält und geſtochen. Wir kamen aber auf eine Büffelſpur und zogen uns end⸗ lich aus dieſem Moor, worauf wir ein ſchönes Land er⸗ reichten und eine ſchöne offene Gegend vor uns ſahen, während zu unſerer Rechten der Waldland⸗Gürtel, Cross Timber genannt, ſich, ſoweit das Auge reichen konnte, nach Süden hinab ausbreitete. Wir verließen bald das offene Land und wendeten uns dem Walde zu. Es war des Kapitäns Plan, ſich ſüdweſtlich zu halten und das Cross Timber quer zu durchſchneiden, ſo daß wir an dem Saum der großen weſtlichen Prairie herauskommen mußten. Während er ſonach eine ſüdliche Richtung bei⸗ behielt, hoffte er, er würde, während er den Waldgürtel durchſchnitt, ſich dem Red River nähern. Der Plan des Kapitäns war verſtändig; er irrte ſch aber, weil er die Natur der Gegend nicht kannte. Hätte er ſich ganz weſtlich gehalten, ſo hätten uns einige Tage⸗ — 139— reiſen durch das Waldland geführt, und wir hätten dem Saum der obern Prairien entlang einen bequemen Weg zum Red River gehabt; indem wir quer hinzogen, muß⸗ ten wir uns viele mühſelige Tage durch eine traurige Reihe rauher Wälder durcharbeiten. Das Cross Timber iſt ungefähr ſechszehn Stunden breit und erſtreckt ſich über ein rauhes,„rollendes⸗Hü⸗ gelland, da und dort mit Poſt⸗Eichen*) und ſchwarzen Weinpalmen bedeckt; zwiſchenliegende Thaler mochten zu anderer Jahreszeit gute Weide bieten. Es iſt von tiefen Schluchten durchſchnitten, welche zur Regenzeit das Bett der abfließenden Waſſer abgeben, die in die großen Flüſſe ausmünden und daher„Zweige“ genannt werden. Der ganze Landſtrich mag in der friſchen Jahreszeit, wenn der Boden mit Kräutern bedeckt iſt, die Bäume ihr Laub grün haben und die Thäler von klaren Bächen belebt werden, einen gefälligen Anblick darbieten. Unglücklicher⸗ weiſe kamen wir in einer zu ſpäten Jahreszeit hierher. Das Gras war trocken, das Laub der ſtrauchartigen Wälder verwelkt, und die ganze Waldſcene, ſoweit das Auge reichte, hatte eine braune, verbrannte Farbe. Die in den Prairien von den Indianiſchen Jägern angezün⸗ deten Feuer hatten häufig dieſe Wälder ergriffen, in leichten, fliegenden Flammen das dürre Gras entlang ſtrei⸗ fend, die untern Zweige und Aeſte der Bäume verſengend und verkohlend und ſie ſchwärzend und härtend, ſo daß ſie — *) Klein und ſtrauchartig, das Holz hart wie Eiſen. — 150— Roß und Reiter, die ſich durch ſie fortarbeiteten, auf das ſchmerzlichſte zerfleiſchten. Ich werde die furchtbare An⸗ ſtrengung und die geiſtigen und körperlichen Qualen nicht vergeſſen, denen wir gelegentlich ausgeſetzt waren, als wir durch das Cross Timber reiſ'ten. Es war, als wenn wir durch Wälder von Gußeiſen drängen. Nach einem mühſamen Ritt von mehreren Stunden kamen wir in eine offene Gegend, wo Hügel und Thä⸗ ler, dann und wann mit Wald bewachſen, wechſelten. Hier regte der Ruf:„Büffel! Büffel!“ unſere Geiſter auf. Die Wirkung war die des Rufs: ⸗ein Segel! ein Segel!“ zur See. Der Lärm war kein falſcher. Drei oder vier dieſer ungeheuern Thiere waren zu unſerer Rechten zu ſehen; ſie weideten an einem fernen Hügel. Man ſchickte ſich allgemein an, ihnen zu folgen und nur mit Mühe konnte die Lebhaftigkeit der jüngern Jä⸗ ger gezügelt werden. Der Kapitän gab Befehl, daß die Marſchlinie verfolgt werden ſollte und ritt mit zwei Of⸗ ficieren in ruhigem Schritte weg; Beatte und der ſtets naſeweiſe Toniſch durften ihm folgen; denn es war nicht möglich, den kleinen Franzoſen in Ruhe zu erhalten; er war halb toll, ſeine Geſchicklichkeit und ſeinen Muth bei der Büffeljagd an den Tag zu legen. Wild und Jäger waren wegen der zwiſchenliegenden Hügel bald nicht mehr zu ſehen. Wir ritten weiter, um einen Lagerplatz zu ſuchen. der ſchwer zu finden war, da faſt alle Bette der Vache trocken und die Umgebungen vhne Quellwaſſer waren. — 151— Nach einer Weile ſchrie man wieder:„Büffel!“ und zeigte deren zwei auf einem Hügel zur Linken. Da der Kapitän weg war, konnte nichts die Glut der jungen Jäger zähmen. Viele jagten im Galopp weg und ver⸗ ſchwanden bald in den Schluchten; die übrigen ritten weiter, ſich nach einem guten Lagerplatze ſehnend. Wir fingen wirklich jetzt die Nachtheile der Jahres⸗ zeit zu erfahren an. Die Weide der Prairien war knapp und dürr; die Traubenerbſen, die in den waldigen Thä⸗ lern wuchſen, waren welk; die meiſten Bäche oder „Zweige“ vertrocknet. Als wir in dieſer Verlegenheit fortzogen, holte uns der Kapitän und ſein ganzes Ge⸗ leite, Toniſch ausgenommen, ein. Sie hatten die Büffel eine Weile verfolgt, ohne ihnen nahe genug zu kommen, und die Jagd aufgegeben, um ihre Pferde nicht zu ſehr zu ermüden, oder ſich zu weit vom Lager zu entfernen. Der kleine Franzoſe aber war ihnen wie toll nachgallo⸗ pirt und als ſie ihn zum letzten Mal ſahen, war er ſo zu ſagen, nur auf Armslänge von einem großen Büffel⸗ bullen entfernt, auf den er volle Ladungen abfeuerte. „Ich glaube, der kleine Menſch iſt verrückt,“ bemerkte Beatte trocken. 3 Zweiundzwanzigſtes Kapitel. Das Lärm⸗Lager.— Feuer.— Die wilden Indianer. Wir machten nun Halt und mußten uns mit einem mittelmäßigen Lager begnügen, das wir unter ſtraucharti⸗ gen Eichen, am Rande einer mächtigen Schlucht, in deren Tiefe ſich einiges Waſſer fand, aufſchlugen. Wir waren grade am Fuß einer ſanft anſteigenden Höhe, die mit halb verwelktem Gras bedeckt war, das eine magere Weide abgab. Da wo wir uns gelagert hatten, war das Gras hoch und dürr. Unſere Ausſicht war beſchränkt und durch ſanft ſchwellende Höhen geſchloſſen. Wir zogen grade in das Lager, als Toniſch, ganz glorreich über ſeine Waidmannsthat, anlangte— ſein weißes Pferd war mit Büffelfleiſch ganz umhängt. Sei⸗ ner Nachricht zufolge hatte er zwei mächtige Bullen er⸗ legt. Wir zogen, wie gewöhnlich, die eine Hälfte ſeiner Prahlerei ab; da er ſich aber jetzt mit etwas Weſentlichem brüſten konnte, war die Kraft ſeiner Zunge nicht mehr zu bändigen. 3 Nachdem er ſeine Eitelkeit durch Großſprechereien über ſeine That einigermaßen beſchwichtigt hatte, erzählte er uns, er habe eine friſche Spur von Pferden aufge⸗ funden, welche nach manchfachen Umſtänden zu ſchließen, von einer Streifbande von Pawnees herrühren müßte. — 153— Dieſe Nachricht verbreitete einige Unbehaglichkeit. Die jungen Leute, welche die Marſchlinie verlaſſen hatten, um die zwei Büffel zu verfolgen, waren noch nicht zu uns geſtoßen. Man ſprach die Furcht aus, die Wilden möchten ihnen aufgelauert und ſie angegriffen haben. Auch unſer alter Ryan war, ſobald wir in das Lager einge⸗ treten, zu Fuß, in Geſellſchaft eines ſeiner Jäger, fort⸗ gegangen.„Die Pawnees werden dem alten Manne noch den Hirnſchädel zerklopfen,“ ſagte Beatte: ⸗er glaubt, er wiſſe alles, aber von den Pawnees weiß er durchaus nichts.⸗ Der Kapitän nahm ſeine Büchſe und ging zu Fuß weg, um die Gegend von dem nackten Gipfel eines der benachbarten Hügel zu recognosciren. Mittlerweile wur⸗ den die Pferde ⸗gefeſſelt⸗ und durften auf den umlie⸗ genden freien Plätzen weiden, während Holz gehauen und Feuer angemacht wurde, um das Abendmahl zu bereiten. Plötzlich entſtand Feuerlärm im Lager. Die Flam⸗ men eines der flackernden Feuer hatten das hohe trockene Gras ergriffen; der Wind blies ſtark und das Lager drohte bald in lichten Flammen zu ſtehen. ⸗Seht nach den Pferden!⸗ rief der eine; ⸗weg mit dem Gepäck!⸗ der andere; ⸗nehmt die Büchſen und Pulverhörner in Acht!⸗ ein dritter; überall Aufruhr und durcheinander. Die Pferde jagten wild umher; die Leute thaten raſch Büchſen und Pulverhörner weg; andere entfernten Sät⸗ tel und Mantelſäcke; keiner der Leute dachte aber daran, — 151— das Feuer zu löſchen, noch wußten ſie, wie dies zu machen; Beatte jedoch und ſeine Kameraden griffen es auf In⸗ dianiſche Weiſe an, indem ſie den Saum des Feuers mit Tüchern und Satteldecken auslöſchten und ſich be⸗ mühten, es von dem Graſe fern zu halten; die Jäger folgten ihrem Beiſpiele und bald waren die Flammen glücklich gedämpft. 3 Die Feuer wurden jetzt ſorgfältig an Stellen ange⸗ macht, die man vom trocknen Gras befreit hatte. Die Pferde waren in einem Thälchen und an dem Hügelab⸗ hang zerſtreut und nagten an den ärmlichen Kräutern. Toniſch beſchäftigte ſich mit der Bereitung eines treff⸗ lichen Abendmahls von ſeinem Büffelfleiſch und verſprach uns eine kräftige Fleiſchbrühe und ein Stück Braten von der erſten Qualität; wir ſollten aber einen zweiten und ernſtern Lärm beſtehen. Einige Jäger auf dem GiWipfel eines Hügels ließen ein unbeſtimmtes Geſchrei hören, von dem wir nur die Worte verſtehen konnten: ⸗die Pferde! die Pferde! treibt die Pferde ein!⸗ en Alsbald hörte man lärmende Stimmen; Rufen, Fra⸗ gen, Antworten— alles klang bunt durcheinander, ſo daß man nichts deutlich verſtehen und jeder daraus ſchließen konnte, was er wollte.„Der Kapitän hat Büffel auf⸗ getrieben“, rief der eine,„und braucht Pferde zur Jagd.⸗ Sogleich griffen mehrere Jäger zu ihren Büchſen und kletterten die Höhe hinan.»Die Prairie jenſeits der Höhe ſteht in Feuer!“ rief ein anderer. ⸗Ich ſehe den — 155— Rauch. Der Kapitän meint, wir ſollten die Pferde über den Bach treiben.⸗ unterdeſſen hatte ein Jäger von der Höhe die Gren⸗ zen des Lagers erreicht. Er war faſt athemlos und konnte nur berichten, der Kapitän habe in der Entfer⸗ nung Indianer geſehen. „Pawnees! Pawnees!“ hallte es jetzt bei unſern Burſchen wider, denen der Kopf brannte. „Die Pferde ins Lager getrieben!“ rief der eine; „Sattelt die Pferde!“ der zweite; ⸗die Linie formirt!⸗ der dritte. Es war eine Scene des Lärms und der Verwirrung, die ſich nicht beſchreiben läßt. Die Jäger trieben ſich in der Umgegend herum, um ihre Pferde einzufangen. Den einen ſah man ſein Thier an einer Halfter fortzerren, den andern ohne Hut ſattellos reiten, den dritten ſein geſatteltes Pferd, das linkiſche Sprünge, wie ein Kängaru machte, vor ſich her treiben. Der Larm wuchs. Aus dem untern Theil des La⸗ gers kam die Nachricht, in einem nahen Thale ſei ein Haufen Pawnees.„Sie haben dem alten Ryan eine Kugel durch den Kopf gejagt und ſind hinter ſeinem Begleiter her!⸗— Nein, nicht der alte Ryan wurde erſchoſſen, einer der Jäger war's, der die Büffel ver⸗ folgte.—„Dreihundert Pawnees liegen grade hinter dem Hügel!“ rief eine Stimme. ⸗Mehr! mehr!“ rief eine zweite. Eingeſchloſſen von Hügeln, hinderte uns unſere Lage⸗ weit zu ſehen und wir blieben das Opfer jedes Gerüch⸗ — 156— tes. Man nahm an, ein grauſamer Feind ſei ganz nah und ein unmittelbarer Angriff zu fürchten. Die Pferde waren mittterweile in das Lager getrieben worden, jag⸗ ten an den Feuern herum und zertraten das Gepäck. Jeder wollte ſich zum Kampfe anſchicken; aber dies war ſchwer: während des Feuerlärms waren Sättel, Zügel, Büchſen, Pulverhörner und andere Gegenſtände durch einander geworfen worden und lagen zerſtreut unter den Bäumen. „Wo iſt mein Sattel?« rief der eine; ⸗hat jemand meine Büchſe geſehen?⸗ ſchrie der zweite; ⸗wer leiht mir eine Kugel?⸗ ſcholl es vom dritten her, der ſein Rohr lud: ich habe meine Kugeltaſche verloren.⸗ „Um Gottes willen, helft mir mein Pferd gürten!⸗ ſchrie es wieder: ⸗es iſt ſo hartnäckig, daß ich nichts mit ihm anfangen kann!⸗ In dieſer Haſt hatte er den Sat⸗ tel verkehrt aufgelegt. Einige ſpielten die Helden und führten das große Wort, andere ſchwiegen und machten ruhig ihr Pferd und ihre Waffen zurecht; auf dieſe baute ich am meiſten. Manche waren augenſcheinlich von dem Gedanken, mit Indianern zuſammen zu treffen, erregt und begeiſtert, und niemand mehr als mein junger Schweizer Reiſege⸗ fährte, der eine Leidenſchaft für wilde Abenteuer hatte. Unſer Diener Beatte führte ſeine Pferde in den hintern Theil des Lagers, ſtellte ſeine Büchſe an einen Baum und ſetzte ſich ganz ſtill an das Feuer. Auf der andern Seite hielt der kleine Toniſch, der emſig kochte, jeden — 157— Augenblick mit ſeiner Arbeit inne, um den„Fanfaron⸗ zu ſpielen, ſang, fluchte und ſtellte ſich ungemein heiter, was mir faſt den Verdacht beibrachte, es möchte wohl etwas Furcht hinter all dieſer Aufregung verborgen ſein. Ein Dutzend Grenzer jagten, ſobald es ihnen ge⸗ lungen war, ihre Pferde zu ſatteln, in der Richtung weg, in welcher die Pawnees die Jäger angegriffen ha⸗ ben ſollten. Es war nun beſchloſſen worden, unſere Pferde, im Falle eines Angriffs auf das Lager, in die hintere Schlucht zu bringen, wo weder Pfeil noch Büch⸗ ſenkugel ſie erreichen konnte und uns an dem Rand der Schlucht aufzuſtellen. Dieſe wurde uns als eine Art von Verſchanzung dienen und das Dickicht, welches ſie begrenzte, hinreichen, jeden Pfeil des Feindes abzu⸗ halten. Ueberdies hüten ſich die Pawnees, ein ſolches Dickicht anzugreifen; wie ich ſtets bemerkt habe, lieben ſie die offenen Prairien, wenn ſie kämpfen; auf ihren ſchnellen Roſſen ſitzend, können ſie dort wie der Habicht auf ihre Beute ſtürzen oder ſie umkreiſen und die Pfeile auf ſie abſenden. Doch konnte ich nicht umhin, zu be⸗ merken, daß wir, im Falle eines Angriffs durch eine Anzahl dieſer gut berittenen und kriegeriſchen Wilden, wie ſie in der Nähe ſeyn ſollten, wegen der Unerfahren⸗ heit und des Mangels an Disciplin bei unſern neuge⸗ worbenen Jägern und grade durch den Muth vieler der Jüngeren, die auf Abenteuer und kühne That verpicht waren, bedeutender Gefahr ausgeſetzt wären. Irndeſſen kam der Kapitän zurück und jeder drängte — 158— ſich an ihn, um etwas Näaͤheres zu erfahren. Nach ſei⸗ ner Erzählung war er eine Zeitlang aus geweſen, um die Gegend zu erforſchen und kehrte langſam, den Rücken einer nackten Höhe entlang in das Lager zurück, als er etwas am Saum eines gegenüber liegenden Hügels ſah, das einem Menſchen glich. Er machte Halt und ſah hin; es blieb aber ſo vollkommen bewegungslos, daß er es für einen Buſch oder für den Wipfel eines Baumes jenſeits der Höhe anſah. Als er weiter ging, bewegte es ſich in gleicher Richtung fort. Eine andere Geſtalt erhob ſich jetzt hinter der erſten; jene mußte entweder auf dem Boden gelegen oder den Hügel von der andern Seite erſtiegen haben Der Kapitän blieb ſtehen und betrachtete ſie; jene ſtanden gleichfalls ſtill. Er legte ſich in das Gras, und jene wanderten weiter. Als er ſich wieder erhob, blieben ſie ſtehen, als achteten ſie ge⸗ nau auf ihn. Da ihm nicht unbekannt war, daß die Indianer oft ihre Späher und Poſten auf Gipfeln nack⸗ ter Hügel ausſtellen, welche eine ausgedehnte Ausſicht darbieten, machten die verdächtigen Bewegungen dieſer Leute ihn noch unſicherer. Er ſteckte nun ſeine Mütze auf ſeine Büchſe und ſchwenkte ſie in der Luft. Sie achteten nicht auf dieſes Zeichen. Er ging nun fort, bis er an den Saum eines Waldes kam, welcher ihn ihren Blicken verbarg. Ihnen ungeſehen lugte er nun hinüber und entdeckte, daß die zwei Geſtalten eilig fort⸗ ſchritten. Da die Höhe, auf welcher ſie gingen, ſich der, auf welcher er ſtand, in einer krummen Linie zu⸗ — 159— wendete, ſchien es, als wenn ſie ihm zuvorkommen woll⸗ ten, ehe er das Lager erreichte. Der Kapitän fürchtete, ſie möchten zu einem großen Haufen Indianer gehören, der im Hinterhalt läge oder das Thal jenſeits des Hügels entlang zöge; er eilte daher dem Lager entgegen und rief einigen Jägern, die er auf einem Hügel zwiſchen ihm und dem Lager entdeckte, zu, ſie möchten die Pferde eintreiben laſſen, da dieſe gewöhnlich das erſte ſind, was Indianer rauben. Dies war der Urſprung des Lärms, der das Lager in Bewegung geſetzt hatte. Einige derer, welche des Kapitäns Erzählung hörten, zweifelten nicht, die Leute auf der Höhe ſeien Pawnee⸗Späher, welche zu der Schaar gehörten, die unſern Jägern nachſtellten. In der Entfernung hörte man zuweilen Schüſſe fallen, welche die zur Hülfe ihrer Kameraden Ausgezogenen abzufeuern ſchienen. Nun ritten noch verſchiedene andere Jäger, welche indeſſen mit ihrer Ausrüſtung fertig geworden, in der Richtung der Schüſſe aus; andere ſahen beſorgt und unbehaglich drein. Eind ſie ſo zahlreich, wie man angibt,“ ſagte ei⸗ ner, ⸗und haben ſie ſo gute Pferde, wie gewöhnlich, ſo werden wir mit unſern abgetriebenen Mähren nicht viel gegen ſie ausrichten.⸗ „Nun,⸗ ſagte der Kapitän, ⸗wir haben ein feſtes Lager und können eine Belagerung aushalten.⸗ „Ja, aber ſie werden in der Nacht die Prairie an⸗ ſtecken und uns durch Feuer aus dem Lager vertreiben.⸗ — 1601— „Wir machen dann ein Gegenfeuer.⸗ Man meldete nun, ein Reiter nähere ſich dem La⸗ ger.—„Es iſt einer der Jäger!— Es iſt Clements!“— „Er bringt Büffelfleiſch!« riefen mehrere Stimmen, als der Reiter näher kam.. Es war wirklich einer der Jäger, welche am Mor⸗ gen aufgebrochen waren, um die zwei Büffel zu verfol⸗ gen. Er ritt mit der Jagdbeute am Pferde und von ſeinen Genoſſen begleitet, alle gleich wohl behalten und unverletzt und eben ſo gut beladen, in das Lager. Sie erzählten ſofort von einem harten Ritte hinter den zwei Büffeln drein und wie viele Schüſſe es ſie gekoſtet, um eines der Thiere zu erlegen. „Gut, aber die Pawnees— die Pawnees— wo ſind die Pawnees?⸗ „Welche Pawnees?⸗ „Die Pawnees, welche euch angriffen.⸗ „Man hat uns nicht angegriffen.⸗ „Aber ihr habt doch Indianer unterwegs geſehen?⸗ „O ja— zwei von uns kamen auf eine Höhe, um ſich nach dem Lager umzuſchauen und ſahen auf einem Hügel gegenüber einen Burſchen, der wunderliche Grim⸗ maſſen machte und ein Indianer ſchien.⸗ „Pah, das war ich,“ rief der Kapitän. Jetzt ward alles klar. Dieſer gegenſeitige Irrthum des Kapitäns und der zwei Jäger hatte den ganzen Lärm veranlaßt. Die Nachricht von den 300 Pawnees und ihren Angriff auf die Jäger angehend, ſo erwieß ſie — 161— ſich als eine muthwillige Erfindung, deren nicht mehr gedacht wurde, obgleich man den Urheber hätte ausfindig machen und ſtrenge beſtrafen ſollen. Da keine Ausſicht zum Kampfe mehr da war, dachte jeder an das Eſſen und hier waren die Magen des gan⸗ zen Lagers im Einklang. Toniſch trug uns ſein ver⸗ ſprochenes Mahl von Büfelſuppe und Büffelfleiſch auf. Die Suppe war furchtbar gepfeffert und der Braten be⸗ wieß, daß das Thier zu den Patriarchen der Prairien gehörte; ich habe nie einen zäheren Biſſen gekoſtet. Da es jedoch unſer erſtes Büffelfleiſch⸗Eſſen war, nahmen wir es gläubig ein; unſer kleiner Franzoſe ließ uns auch keine Ruhe, als bis er uns ein Anerkenntniß der Vor⸗ trefflichkeit ſeiner Küche abgezwungen hatte, obgleich der Pfeffer uns Lügen ſtrafte. Die Nacht kam, ohne daß der alte Ryan und ſeine Genoſſen eingetroffen waren. Wir waren jedoch ſchon an die Abſchweifungen dieſes alten Waldhahns gewöhnt und niemand äußerte eine Beſorgniß ſeinetwegen. Nach den Mühen und Aufregungen des Tags verſank das Lager bald in tiefen Schlaf, mit Ausnahme der Poſten, die heute aufmerkſamer als je waren; denn die nun ent⸗ deckten Spuren der Pawnees und die Gewißheit, daß wir jetzt inmitten ihres Jagdgebietes waren, forderte zu ſtarker Wachſamkeit auf. Gegen halb eilf Uhr wurden wir alle durch einen neuen Larm aus dem Schlafe geweckt. Eine Wache hatte ihre Büchſe abgefeuert, war in das Lager gelaufen und hatte gerufen, die Indianer ſeien in der Nähe. Irving's Reiſe. 11 — 162— Augenblicklich waren alle auf den Füßen. Einige griffen zu den Büchſen, andere fingen an, ihre Pferde zu ſatteln; andere liefen zu des Kapitäns Zelt, wurden aber an ihre Feuer zurückgeſchickt. Die Wache wurde verhöhnt. Sie ſagte uns, ſie habe einen Indianer auf der Erde kriechend heran kommen ſehen, auf ihn Feuer gegeben und Reißaus genommen. Der Kapitän ſagte, der angebliche Indianer ſei ohne Zweifel ein Wolf ge⸗ weſen; er tadelte die Wache, daß ſie ihren Poſten ver⸗ laſſen und befahl ihr, dahin zurück zu kehren. Viele ſchienen geneigt, der Erzählung des Mannes Glauben zu ſchenken, denn die Begebenheiten des Tags hatten ſie zur Furcht vor lauernden Feinden und plötzlichen An⸗ griffen während der Dunkelheit der Nacht geſtimmt. Lange ſaßen ſie um ihre Feuer, die Büchſe in der Hand, ſich leiſe unterhaltend und irgend einen neuen Aufruf erwartend. Es ereignete ſich jedoch nichts mehr; die Stimmen verhallten allmählig; die Plauderer nickten und verſanken in Schlaf und nach und nach herrſchte abermals Schweigen und Schlummer in dem Lager. — 163— Dreiundzwanzigſtes Kapitel. Der Biberdamm.— Büffel⸗ und Pferdeſpuren.— Ein Paw⸗ nee⸗Pfad.— Wilde Pferde.— Der junge Jäger und der Bär. Als am Morgen(den 23. October) unſere Schaar gemuſtert wurde, vermißte man noch den alten Ryan und ſeinen Gefährten; der Kapitän hatte aber ein ſolches Vertrauen auf die Gewandtheit und die Hülfsmittel des alten Wäldlers, daß er es nicht für nöthig hielt, Maas⸗ regeln in Bezug auf ihn zu ergreifen. 5 Unſer Weg führte heute durch eine Art rohen rollen⸗ den Landes mit braunen wilden Strecken krüppelhafter Eichen beſetzt und von tiefen trocknen Schluchten durch⸗ ſchnitten. Die fernen Feuer auf der Prairie mehrten ſich auffallend; der Wind wehte ſeit mehreren Tagen aus Nordweſt und die Atmosphäre war wie in der Mitte des Indianiſchen Sommers ſo dunſtig geworden, daß man in einiger Entfernung die Gegenſtände nicht mehr unterſcheiden konnte. Im Laufe des Morgens kamen wir über einen tiefen Bach mit einem vollſtändigen Biberdamm, der über drei Fuß hoch war und einen großen Teich bildete, in welchem ohne Zweifel mehrere Familien dieſes thäti⸗ gen Thieres wohnten, obgleich keines den Kopf über das Waſſer ſtreckte. Der Kapitän gab nicht zu, daß dieſer amphibiſche Staat beunruhigt werde. 11* — 164— Wir ſtießen nun unaufhörlich auf die Spuren von ZBüffeln und wilden Pferden; jene waren immer dem Süden zugewendet, wie wir aus der Richtung des zer⸗ tretenen Graſes ſchließen konnten. Es war nicht zu ver⸗ kennen, daß wir uns auf der großen Heerſtraße dieſer wandernden Heerden befanden, daß ſie aber großentheils füdlich gezogen waren. Beatte, der gewöhnlich mehrere hundert Schritte ſeitwärts von der Marſchlinie hinritt, um die Bahn des Wildes beſſer zu beachten, und der jede Spur mit dem kundigen Auge eines Indianers betrachtete, gab uns Kunde, er ſei auf eine ſehr verdachtige Spur gekommen. Es waren die Fußſtapfen von Männern, welche die Mo⸗ caſſins der Pawnees trugen. Er hatte den Rauch von Sumach und Tabak gerochen, wie die Indianer ſich de⸗ ren gemiſcht bedienen. Er hatte die Füße von Pferden und die Spuren von einem Hunde geſehen, ſo wie ein Zeichen im Staub, den ein Strick geſtreift hatte— wahrſcheinlich der lange Zügel, deſſen eines Ende die Indianiſchen Reiter auf dem Boden nachſchleifen laſſen. Es waren augenſcheinlich nicht die Spuren von wilden Pferden. 5 Meine Beſorgniß um das Gehaben unſeres alten Jägers Ryan erwachte von neuem; ich hatte für dieſen echten alten Lederſtrumpf eine große Vorliebe; jeder drückte aber ſeine Ueberzeugung aus, Ryan ſei, wo er ſich auch definde, wohlbehalten, und wiſſe für ſich zu ſorgen. Wir hatten den größern Theil des ermüdenden Tag⸗ — 165— marſches hinter uns und zogen durch einen lichten Raum in einen Eichwald, als wir ſechs wilde Pferde erblickten, unter denen ich zwei ſehr ſchöne Thiere, einen Schim⸗ mel und einen Fuchs, auszeichnete. Sie ſtrichen mit aufgeworfenem Kopfe und fliegendem Schweife umher und boten einen ſtolzen Kontraſt mit unſern armen, muth⸗ loſen und abgemüdeten Roſſen dar. Nachdem ſie uns einen Augenblick betrachtet, jagten ſie im Galopp davon, bogen in ein waldiges Dickicht ein und erſchienen nach einer Weile noch einmal, einen faſt eine Stunde ent⸗ fernten Hügel hinantrabend. Der Anblick der wilden Pferde war eine herbe Prü⸗ fung für den prahleriſchen Toniſch, deſſen Lariat und Gabelſtock bereit waren und der ſich bereits anſchickte, ſie auf ſeinem abgehetzten Pferde zu verfolgen, als er wieder Befehl erhielt, ſich zu den Packpferden zurück zu begeben. Nach einer Reiſe von ſechs Stunden in ſüdweſtlicher Richtung lagerten wir uns an dem Rande eines kleinen klaren Baches an der Nordgrenze des Cross Timber und am Saume jener ausgedehnten Prairien, die ſich dis zum Fuße der Rocky Mountains erſtrecken. Als wir die Pferde weiden ließen, ſtopften wir Gras in ihre Glocken, damit man das Klingeln derſelben nicht höre, weil ſonſt eine wandernde Horde von Pawnees dadurch auf uns hätte aufmerkſam gemacht werden können. Unſere Jäger zogen jetzt in verſchiedenen Richtungen, aber ohne Erfolg aus, da nur ein Reh in das Lager — 166— gebracht wurde. Ein jüngerer Jäger hatte eine lange Geſchichte von ſeinen Abenteuern zu erzählen. Am Saum des Dickichts einer tiefen Schlucht hatte er einen Bock verwundet, den er vernehmlich in den Büſchen niederſtürzen hörte. Er blieb ſtehen, um das Schloß ſeiner Büchſe, das nicht in der Ordnung war, zu be⸗ feſtigen und ſie wieder zu laden; als er ſeinen Bock in dem Dickicht ſuchen wollte, hörte er ein leiſes Brummen. Er machte die Zweige auseinander, ſchlich leiſe vor⸗ wärts, ſchaute in die Schlucht und ſah einen großen Bär, welcher den geſchoſſenen Bock das trockene Bett eines Baches entlang trug und vier oder fünf dienſt⸗ fertige Wölfe, welche das Abendmahl mit ihm theilen zu wollen ſchienen, anknurrte und anbrummte. Der Jäger ſchoß auf den Bär, fehlte aber. Braun behauptete ſeinen Platz und ſeine Beute und ſchien ge⸗ neigt, ſich zu vertheidigen. Auch die Wölfe, die offenbar heißhungrig waren, entfernten ſich nur eine kleine Strecke. Da die Nacht heran kam, ſchüchterte die Düſterkeit und Wildniß des Ortes und die ſeltſame Geſellſchaft, in die er gerathen war, den jungen Burſchen ein; er entfernte ſich ſtill und kehrte mit leeren Händen in das Lager zurück, wo er, nachdem er ſeine Geſchichte erzählt hatte, von ſeinen erfahrnen Kameraden herzlich ausgelacht wurde. Im Laufe des Abends fand ſich auch der alte Ryan, von ſeinem Jünger gefolgt, wieder im Lager ein und wurde, wie gewöhnlich, mit herzlichen Glückwünſchen empfangen. Er hatte ſich geſtern auf der Jagd verirrt — 167— und die Nacht im Freien hingebracht; am Morgen aber hatte er unſere Spur gefunden und ſie verfolgt. Er hatte eine Weile am Biberdamm hingebracht und die Kunſt und Stärke des Baues bewundert.„Dieſe Biber,⸗ ſagte er,„ſind fleißige kleine Geſellen; ſie ſind das ge⸗ ſcheiteſte Gewürm, das ich kenne, und ich wette, der Teich wimmelte von ihnen.“ 1 „Ja,“ ſagte der Kapitän, ⸗ich zweifle nicht, daß die meiſten kleinen Flüſſe, über die wir kamen, voller Biber ſind. Ich brächte gern den ganzen Winter an dieſen Waſſern zu, um ſie zu fangen.“ „Ihr würdet aber Gefahr laufen, von Indianern angegriffen zu werden,“ ſagte einer aus der Geſellſchaft. „Ei, was das angeht, ſo wäre ich im Winter hier ſicher genug. Vor dem Frühjahr pflegt kein Indianer hier zu ſein. Ich würde nur zwei Gefährten brauchen. Beim Biberfang iſt man zu drei beſſer daran, als in großer Anzahl. Man kann ſich ruhiger halten und braucht ſelten zu ſchießen. Ein Bär reicht für zwei Mo⸗ nate hin, wenn man alles an ihm zu Rathe zieht.⸗ Nun fand eine Berathung über die Fortſetzung un⸗ ſerer Reiſe ſtatt. Wir hatten bisher die weſtliche Rich⸗ tung verfolgt und waren jetzt, nachdem wir das Cross Timber durchſchnitten, an dem Saume der großen weſt⸗ lichen Prairie. Wir waren jedoch noch in einer ſehr wilden Gegend, wo das Futter ſelten war. Die Jah⸗ reszeit war ſo weit vorgerückt, daß das Gras welk war und die Prairien keine Weide gaben. Die Trauben⸗ — 168— erbſen der Niederungen, von denen unfere Pferde einen Theil der Reiſe gelebt hatten, verſchwanden auch faſt ganz und die armen Thiere fielen ſeit einigen Tagen ſchmählich vom Fleiſch und wurden muthlos. Die In⸗ dianiſchen Feuer in den Prairien näherten ſich uns aus Norden, Süden und Weſten; ſie konnten ſich auch von Oſten her ausdehnen und eine verdorrte Wüſte zwiſchen uns und den Grenzen laſſen, wo unſere Pferde ver⸗ hungern müßten. Es wurde daher beſchloſſen, nicht weiter nach We⸗ ſten vorzudringen, ſondern uns mehr nach Oſten zu halten, ſo daß wir baldmöglichſt auf den nördlichen Arm des Canadian ſtießen, wo wir einen Ueberfluß von jungem Rohr zu finden hofften, was in dieſer Jahres⸗ zeit die nahrhafteſte Weide für die Pferde abgibt und zumal eine Menge Wild anzieht. Hier ſollten demnach die Grenzen unſerer Reiſe nach dem ⸗fernen Weſten⸗ ſein; der Staat von Texas(Merico) konnte kaum mehr als eine Tagreiſe entfernt ſein. — 169— Vierundzwanzigſtes Kapitel. Brodmangel.— Büffel.— Wilde Truthühner. Falt des Büffelbullen. 3 1 Der Morgen zog hell und klar herauf, aber das Lager zeigte nichts von ſeiner gewöhnlichen Heiterkeit. Das Concert des Farmhofs war zu Ende; kein Hahn krähte, kein Hund bellte und es wurde weder gelacht noch geſungen; jeder ging ruhig und ernſt ſeinem Berufe nach. Die Neuheit des Ausflugs verlor ihren Reiz; einige der jüngern Leute waren ſo müde wie ihre Pferde. Die meiſten an ein Jägerleben nicht gewohnt, klagten über deſſen Entbehrungen. Am empfindlichſten war ihnen der Mangel an Brod; ſeit mehreren Tagen waren ihre Mehlrationen erſchöpft. Die alten Jäger, welche dieſen Mangel oft erfahren hatten, machten ſich nichts daraus und Beatte, der, als er unter den Indianern war, Mo⸗ nate lang ohne Brod gelebt hatte, betrachtete es als ei⸗ nen bloßen Luxusartikel.„Brod,“ ſagte er verächtlich, „iſt nur für Kinder.“ Gegen acht Uhr wandten wir dem fernen Weſten den Rücken und ritten in ſüdweſtlicher Richtung ein freundliches Thal entlang. Nach einiger Zeit rief und winkte Beatte, der in gleicher Linie mit uns den Rücken einer nackten Höhe zur Rechten entlang ritt, uns zu be⸗ — 170— deuten, daß etwas um den Hügel komme und uns den Weg ſtreitig mache. Einige in meiner Nähe ſchrien, es ſei eine Schaar Pawnees. Ein dichtes Gebüſch hinderte uns, den muthmaßlichen Feind heran kommen zu ſehen. Wir hörten ein Trampeln im Gebüſch. Mein Pferd blickte hin, ſchnaubte, und ſpitzte die Ohren, als ein paar große Büffelbullen, die von Beatte aufgejagt worden, durch das Buſchwerk einher brachen und grade auf uns zu kamen. Als ſie uns ſahen, wendeten ſie um und trabten einen kleinen Hügelpaß entlang. Im Nu krach⸗ ten ein halbes Schock Büchſen; ein allgemeines Ge⸗ ſchrei und Halloh folgte und die halbe Schaar, mich ein⸗ geſchloſſen, flog bunt durcheinander ihnen nach. Die meiſten von uns fielen bald ab und gaben eine Jagd auf, die durch Buſch und Dorn und über halsbrechende Klüfte führte. Wenige Jäger folgten noch eine Weile, ſchloſſen ſich aber allgemach dem Zuge wieder an. Einer kam zu Fuß zurück; er war in vollem Galopp abgeworfen wor⸗ den; beim Fall war ſeine Büchſe zerbrochen und ſein Pferd ſetzte, den Eifer des Reiters beibehaltend, den Büffeln nach. Es war in der That traurig, ohne Pferd und Waffe inmitten des Pawnee⸗Jagdgebiets zu ſein. Ich ſelbſt war dieſer Tage ziemlich glücklich geweſen, indem ich durch einen fernern Tauſch in den Beſitz des beſten Pferdes in der Geſellſchaft gekommen war, eines vollblutigen Rothfuchſes von trefflichem Hintergeſtell, ſchö⸗ nem Bau und höchſt edeln Eigenſchaften. In ſolchen Lagen ſcheint der Mann faſt ſeine Natur mit dem Pferde — 171— zu andern. Ich fühlte, daß ich ein ganz anderes Weſen war, ſeitdem ich ein muthiges und doch ſanftes, in ho⸗ hem Grade gelehriges, leichtes, elaſtiſches und in allen ſeinen Bewegungen raſches Thier unter mir hatte. Nach einigen Tagen war es an mich gewohnt, wie ein Hund; es lief mir nach, wenn ich abſtieg, kam des Morgens zu mir, um ſich beſchauen und liebkoſen zu laſſen und ſteckte ſeine Schnauze zwiſchen mich und mein Buch, wenn ich am Fuß eines Baumes las. Das Gefühl, das ich für dieſen ſtummen Gefährten auf der Prairie hegte, gab mir eine Idee von der Liebe, welche der Araber für das Pferd fühlen ſoll, das ihn durch die Wüſte getra⸗ gen hat. Nach einem kurzen Ritte kamen wir an eine ſchöne Wieſe, durch die ſich ein breiter, klarer Bach wandt, an deſſen Ufer ſich vortreffliche Weide bot. Wir machten hier in einem freundlichen Ulmenwäldchen auf einem al⸗ ten Oſage⸗Lager Halt. Wir waren kaum abgeſtiegen, als man von allen Seiten auf ein Volk Truthühner feuerte, die im Walde zerſtreut waren, der ein Lieblings⸗ Ruheplätzchen für dieſe argloſen Vögel abgab. Sie flo⸗ gen auf die Bäume, heckten ſich in die Zweige, ſtreckten ihre langen Hälſe vor und ſtarrten in ſtummem Stãu⸗ nen nieder, bis achtzehn von ihnen geſchoſſen waren. Inmitten des Blutbads kam die Nachricht, auf der nahen Wieſe ſeien vier Büffel. Die Truthühner wurden gegen edleres Wild aufgegeben, die müden Pferde wieder beſtiegen und zur Jagd geſpornt. Bald kamen uns die Buffel zu Geſicht, die in dem langen grünen Gras wie kleine braune Hügel ausſahen. Beatte bemühte ſich, vor ſie zu kommen und ſie zu uns zu treiben, damit die unerfahrenen Jäger auch zum Schuſſe kämen. Sie liefen um den Fuß einer felſigen Höhe, welche uns ihnen verbarg. Einige von uns verſuchten es, über den Hügel zu eilen, ver⸗ wickelten ſich aber im Buſchwerk und Weinranken, mit denen der Boden bedeckt war. Mein Pferd, das unter ſeinem frühern Reiter die Büffel gejagt hatte, ſchien ſo eifrig wie ich und bemühte ſich, einen Weg durch die Büſche zu brechen. Endlich erreichten wir das Ende des Dickichts und als ich über einen Hügel galoppirte, ſah ich plötzlich unſern kleinen Franzoſen Toniſch um einen großen Büffel kurbettiren, den er zu ſchwer verwundet hatte, als daß er hätte fliehen können, und den er nun im Schach hielt, bis wir herzugekommen. Der Anblick dieſes ungeheuern Thieres und ſeines wunderlichen An⸗ greifers boten eben ſo viel Großes als Lächerliches. Der Büffel ſtand da, die zottige Stirne ſtets dem Feinde zu⸗ gewendet, der Mund offen, die Zunge trocken, die Augen wie feurige Kohlen, der Schweif vor Wuth aufrecht em⸗ vorgeſträubt; jeden Augenblick verſuchte er es, auf ſeinen Feind zu ſtürzen, der, um ihn herſprengend und alle Arten Poſſen vor ihm treibend, ſeinem Angriff leicht aus⸗ wich. Wir ſchickten jetzt dem Büffel mehrere Kugeln zu; ſie drangen aber nur in ſeinen Fleiſchberg, ohne ſein Leben zu gefährten. Er zog ſich langſam in den ſeichten Bach zurück und wendete ſich ſtets wieder gegen ſeine — 173— Feinde, wenn ſie ihm zu nahe kamen; als er im Waſſer war, ſtellte er ſich feſt, als wollte er hier einer Belage⸗ rung Trotz bieten. Eine Buchſenkugel traf ihn jedoch tödtlich— die ganze Maſſe des Thieres zitterte; er wen⸗ dete ſich um und wollte durch den Bach waten; nachdem er aber wenige Schritte gewankt war, ſtürzte er lang⸗ ſam zur Seite und ſtarb. Es war der Fall eines Helden und wir ſchämten uns der Metzelei, die ihn bewirkt hatte, alle ein wenig; nach den erſten Schüſſen aber hatten wir unſer Gefühl durch die alte Ausflucht beſchwichtigt, das arme Thier von ſeinen Leiden befreien zu müſſen. Zwei andere Büffel wurden dieſen Abend geſchoſſen, es waren aber ſämmtlich Bullen, deren Fleiſch in dieſer Jahreszeit mager und hart iſt. Ein fetter Bock lieferte uns einen weit ſaftigeren Biſſen zum Abendmahl. — 174— Fünfundzwanzigſtes Kapitel. Das umringen der wilden Pferde. Um acht Uhr verließen wir das Büffellager und muß⸗ ten zwei harte, ermüdende Stunden über Rücken von Anhöhen, welche mit einem rauhen, magern Anwuchs ſtrauchartiger Eichen bedeckt und von tiefen Klüften durch⸗ ſchnitten waren, hinziehen. Unter den Eichen waren viele von der zwerghafteſten Geſtalt, manche nur einen Fuß hoch, aber mit kleinen Eicheln faſt überſchüttet. Der ganze Strich des⸗Cross Timber iſt voller Eicheln. Man findet hier eine Fichten⸗Eiche, welche eine für den Ge⸗ ſchmack ſehr angenehme und frühzeitig reife Eichel trägt. Gegen zehn Uhr des Morgens ſenkte ſich unſer Weg von den rauhen Höhen nieder in ein Thal, durch welches der nördliche Arm des Red River floß. Eine ſchöne Wieſe, über tauſend Schritte breit, mit gelben Herbſt⸗ blumen geſchmückt, zog ſich eine gute Stunde den Fuß der Hügel entlang, auf der andern Seite von dem Fluſſe begrenzt, deſſen Ufer mit Baumwollenſtauden beſetzt wa⸗ ren, deren glänzendes Blatt das Aug erfriſchte und er⸗ quickte, das durch die Einförmigkeit der öden braunen Wälder ermüdet war. 5 Waldſtücke und Baumgruppen, welche durch die Hand eines Künſtlers vertheilt und angelegt ſchienen, ga⸗ ben der Wieſe einen maleriſchen Charakter. Als wir unſere Blicke auf dieſes friſche und wonnige Thal hefte⸗ ten, ſahen wir einen Haufen wilder Pferde, ungefähr eine halbe Stunde zur Rechten auf einem grünen Platze ruhig weiden; zur Linken, in faſt gleicher Entfernung, zeigten ſich mehrere Büffel; einige weideten, andere ruh⸗ ten, wiederkauend in dem hohen, prächtigen Graſe, unter dem Schatten der Baumwollſtauden. Das Ganze hatte das Anſehen einer weiten Strecke ſchönen Weidelandes auf dem reich geſchmückten Gute eines vornehmen Land⸗ eigenthümers, deſſen Heerden auf den Wieſen und Weide⸗ plagen zerſtreut waren. Ein Kriegsrath wurde jetzt gehalten und man be⸗ ſchloß, dieſe treffliche Gelegenheit zu benützen und das große Jagdmanöver zu verſuchen, welches man das ⸗Um⸗ ringen der wilden Pferde“ nennt. Es fordert eine große Anzahl gut berittener Jäger. Dieſe verbreiten ſich ein⸗ zeln nach jeder Richtung in beſtimmten Entfernungen aus und bilden allmählich zuſammen rückend einen Ring von ungefähr einer Stunde im Umfang, in welchem die Pferde eingeſchloſſen ſind. Dies muß mit der größten Sorgfalt geſchehen; denn die wilden Pferde gerathen unter allen Bewohnern der Prairien am leichteſten in Unruhe und wittern den Jäger, wenn er windwärts iſt, in einer großen Entfernung. 4 — 176— Wenn der Ring gebildet iſt, reiten zwei oder drei Jäger auf die Pferde los, welche in der entgegengeſetzten Richtung davon jagen. Wo ſie ſich aber den Grenzen des Ringes nähern, zeigt ſich ein Jäger und lenkt ſie von ihrer Bahn ab. Auf dieſe Art werden ſie von allen Seiten aufgehalten und zurückgetrieben und jagen rund in dieſem magiſchen Kreiſe herum, bis ſie vollſtändig ermüdet ſind, ſo daß die Jäger leicht zu ihnen heran reiten und das Lariat über ihre Köpfe werfen können. Die beſten Pferde jedoch, die es an Feuer, Muth und Kraft den übrigen zuvorthun, brechen gewöhnlich durch und entfliehen, ſo daß in der Regel nur Pferde von ge⸗ ringerem Werthe gefangen werden. Zu einer Jagd dieſer Art wurden jetzt Anſtalten ge⸗ troffen. Die Packpferde wurden in den Wald gebracht und feſt an die Bäume gebunden, daß ſie nicht beim Hervorbrechen der wilden Pferde mit ihnen ausriſſen. Fünfundzwanzig Jäger unter dem Befehl eines Lieute⸗ nant wurden beordert, ſich dem Saum des Thals inner⸗ halb des Buſchwerks, das die Hügel begrenzte, entlang zu ſchleichen, ſich je fünfzig Schritte von einander auf⸗ zuſtellen und weder vorzurücken, noch ſich zu zeigen, ehe die Pferde in jener Richtung einher ſprengten. Fünf⸗ undzwanzig Mann wurden jenſeits des Thals geſchickt, die ſich in gleicher Weiſe das Ufer des Fluſſes, das die andere Seite begrenzte, entlang ſchleichen und ſich unter den Bäumen aufſtellen ſollten. Eine dritte Abtheilung — 177— von faſt gleicher Zahl war beſtimmt, eine Linie quer durch den untern Theil des Thals zu bilden, um ſo die zwei Flügel zu verbinden. Beatte, der andere Meſtize, Antoine, und der immer rührige Toniſch ſollten einen Umweg durch die Wälder machen, um in den obern Theil des Thales und in den Rücken der Pferde zu kommen und ſie in die Art von Sack, welcher ſo gebil⸗ det worden, zu treiben, während die zwei Flügel hinter ihnen zuſammen ſtoßen und ſo einen vollkommenen Ring abgeben ſollten. Die Flügel breiteten ſich auf jeder Seite des Thales ruhig, ohne daß man die Züge ſehen konnte, aus und der Reſt zog ſich wie die Glieder einer Kette quer durchs Thal, als die wilden Pferde Zeichen gaben, daß ſie ei⸗ nen Feind witterten; ſie ſogen die Luft ein, ſchnaubten und ſahen umher; ſie ſtreiften langſam gegen den Fluß hin und verſchwanden hinter einer grünen Höhe. Hätte man die Jagd⸗Anordnung befolgt, ſo mußten ſie hier ruhig aufgehalten und durch einen aus den Bäumen vor⸗ tretenden Jäger zurückgejagt werden; unglücklicherweiſe hatten wir es aber mit unſerm flackrigen, irrlichtartigen, kleinen Franzoſen zu thun. Statt ruhig an der rechten Seite des Thals hinauf zu gehen, um hinter die Pferde zu kommen, brach er im Augenblick, wo er ſie gegen den Fluß kommen ſah, aus dem Schutz des Waldes und jagte wüthend über die Ebene ihnen nach, denn er ritt eines der Handpferde des Grafen. Dies warf alle Plane Irving's Reiſe. 12 — I78— über den Haufen. Die Meſtizen und ein halbes Schock Grenzer ſchloſſen ſich der Jagd an. Sie ſchoſſen alle über die grüne Höhe fort; nach einer oder zwei Sekun⸗ den erſchienen die wilden Pferde wieder und donnerten das Thal herab, Franzoſe, Meſtizen und Jäger wie toll hintendrein galoppirend und wie Teufel johlend. Ver⸗ geblich ſuchte die durch das Thal ſich ziehende Linie die Flüchtlinge aufzuhalten und zu wenden. Die Verfolger waren ihnen zu nahe auf den Ferſen. In ihrer Angſt jagten ſie durch die Linie und raſſelten die Ebene hinab. Die ganze Schaar ſchloß ſich der tollen Jagd an, einige Jäger ohne Hüte oder Kappen, das Haar und die Augen fliegend, andere mit Taſchentüchern um den Kopf. Die Büffel, die ruhig im grünen Graſe wiedergekaut hatten, erhoben ihre ſchwarzen Glieder, ſchauten einen Augen⸗ hlick mit Staunen auf das Ungewitter, welches die Wieſe herab tobte, wendeten dann um und ſuchten ihr Heil in der Flucht. Sie wurden bald eingeholt; durch die ſich nähernden Seiten des Thals wurde der bunte, gemiſchte Haufen zuſammen gedrängt und fort ging's durcheinander — wirr und bunt— Büffel, wilde Pferde und Jäger, Klipp und Klapp, Halloh und Huſah, daß es in den Wäldern und Thälern wiederhallte. Endlich wendeten ſich die Büffel in ein grünes Ge⸗ büſch am Ufer des Fluſſes, während die Pferde, mit ihren Verfolgern nahe hinter ſich, einen kleinen Hügelpaß em⸗ por jagten. Beatte ließ mehrere hinter ſich, da er ſein Augenmerk auf ein ſchönes Pawneepferd gerichtet hatte, deſſen Ohren geſchlitzt und auf deſſen Rücken die Zeichen des Sattels ſichtbar waren. Er ſetzte ihm wacker zu, verlor es aber in dem Walde. Unter den wilden Pferden war eine ſchöne, ſchwarze, hochträchtige Stute. Sie trat beim Erklettern des Paſſes fehl und ſtürzte. Ein junger Jäger ſprang vom Pferd und ergriff ſie bei der Mähne und Schnauze. Ein zweiter Jäger ſtieg ab und kam ihm zu Hülfe. Die Stute wehrte ſich ungeſtüm, ſtieß und biß und ſchlug mit den Vorderfüßen; man warf ihr aber eine Schlinge um den Kopf und der Widerſtand war eitel. Es dauerte jedoch einige Zeit, ehe ſie abließ, zurückzugehen, ſich zu bäumen und nach allen Seiten aus⸗ zuſchlagen. Die zwei Jäger führten ſie nun an zwei langen Leinen, wodurch ſie im Stande waren, ihren Hufen rechts und links gehörig fern zu bleiben, thalab und ſo oft ſie in einer Richtung ausſchlug, wurde ſie von der andern her gezerrt. So beſchwichtigten ſie ſie allmählich. Was den kleinen Poſſenreiſſer Toniſch angeht, der durch ſeinen Vorwitz den ganzen Plan vereitelt hatte, ſo war er glücklicher als er verdiente, denn es war ihm ge⸗ lungen, ein ſchönes, weißes Füllen einzufangen, das etwa ſieben Monate alt, nicht Kraft genug hatte, bei den Sei⸗ nigen zu bleiben. Der queckſilberartige Franzoſe war vor Entzücken außer ſich. Es war ergötzlich, ihn mit ſeiner Beute anzuſehen. Das Füllen hufte, ſchlug aus und kämpfte, ſich los zu machen, während Toniſch es um den 12* — 180— Hals faßte, ſich mit ihm balgte, ihm auf den Rücken ſprang und wie der Affe mit dem Kätzchen Poſſen trieb. Nichts erſtaunte mich jedoch mehr als zu beachten, wie bald dieſe armen Thiere, welche der ungebundenen Freiheit der Prairien entriſſen wurden, ſich der Herrſchaft der Men⸗ ſchen unterwarfen. Nach zwei oder drei Tagen gingen die Stute und die zwei Füllen mit den Handpferden und wurden ganz gelehrig. — ———— — —:—;— Sechsundzwanzigſtes Kapitel. Uebergang über den North Fork.— Oede Scenerie des Cross Timber.— Ausreißen der Pferde in der Nacht.— Oſage⸗Krie⸗ ger.— Wirkung einer Friedensrede.— Büffel.— Wilde Pferde. Unſern Weg wieder verfolgend, gingen wir über den North Fork, ein reißendes Waſſer und von einer in den Prairien ſelten zu findenden Klarheit. Es iſt außer Zwei⸗ fel, daß es in dem Hochlande entſpringt, wo es eine Menge Quellen gibt. Als wir über dem Fluſſe waren, ſtiegen wir wieder die Höhe hinan, deren eine uns eine weite Ausſicht auf den Cross Timber⸗Gürtel darbot. Es war ein freudenloſer Anblick; Hügel an Hügel ge⸗ reiht, Wald an Wald— alles von einer röthlichen Farbe, nur daß hier und dort ein Streifen grüner Baumwollen⸗ ſtauden, Maulbeerfeigen und Weiden den Lauf eines Baches durch ein Thal bezeichnete. Ein Zug Büffel, der langſam auf dem Rücken einer dieſer fernen Höhen ſich fortbewegte, gab einen charakteriſtiſchen Gegenſtand in der wilden Landſchaft ab. Links ſtreifte das Auge über dieſe rauhe Wildniß von Hügeln, Schluchten und öden Wäldern und ruhte auf einer etwa zwei Stunden ent⸗ fernten Prairie, die ſich in einer klaren, blauen Linie am Horizont hinzog. Es war als ſchaute man über Klippen und Brandungen auf eine ferne, ſtille Meeresfläche. Un⸗ — 183— wir unſern Marſch durch eine rauhe, freudloſe Gegend fort, von deren höchſten Punkten wir große Prairien, die ſich unabſehbar weit nach Weſten ausbreiteten, entdeck⸗ ten. Nachdem wir zwei oder drei Stunden gereiſ't wa⸗ ren und über eine verwitterte Prairie kamen, die einer großen, braunen Heide glich, ſahen wir ſieben Oſage⸗ Krieger herankommen. Der Anblick menſchlicher Geſchöpfe in dieſer einſamen Wildniß war anziehend— es war, wie die Ankündigung eines Schiffes zur See. Einer der Indianer ſchritt vor den übrigen her, und kam, das Antlitz erhebend, die Bruſt aufwerfend, mit einer freien und edeln Miene auf uns zu. Er war ein Burſche von hübſchem Aeußern; er trug einen rothen Rock und be⸗ franzte Beinkleider von Bocksleder; ein weißer Buſch zierte ſein Haupt und er ſchritt mit ziemlich martiali⸗ ſchem Weſen einher, in der einen Hand Bogen und Pfeil tragend. Durch unſern Dollmetſcher Beatte unterhielten wir uns mit ihm und erfuhren, daß er und ſeine Gefährten mit der Mehrzahl ihres Stammes auf der Büffeljagd geweſen und gute Beute gemacht hätten; er ſagte uns, während der nächſten Tagreiſe würden wir die Prairien an den Ufern des Grand Canadian erreichen und eine Menge Wild finden. Er ſetzte hinzu, da ihre Jagd vor⸗ über und die Jäger auf dem Heimweg begriffen wären, habe er mit ſeinen Genoſſen einen Kriegszug unternom⸗ men, um einem Pawnee⸗Lager nachzuſpüren, wo ſie Scalpe oder Pferde zu erbeuten hofften. — 182— glücklicherweiſe führte unſer Weg nicht nach jener Rich⸗ tung; wir hatten uns noch manche öde Stunde durch das Cross Timber fortzuarbeiten. Am Abend lagerten wir uns in einem Thale, an einem kleinen Teich, unter zerſtreut ſtehenden Ulmen, deren obere Aeſte mit den Büſchen der myſtiſchen Miſtel behängt waren. In der Nacht wieherte das wilde Ful⸗ len mehrmals; und ungefähr zwei Stunden vor Tages⸗ Anbruch ließ ſich in dem Umkreis des Lagers ein„stam⸗ pedo“ oder ein raſches Pferdegetrappel, ein Schnauben und Wiehern und Klappern von Hufen hören, welches die meiſten Jäger aus dem Schlafe weckte, die ſtumm lauſchten, bis der Klang, wie das Brauſen eines Sturm⸗ windes, verhallte. Wie gewöhnlich wurde der Lärm zu⸗ erſt einer Schaar umziehender Indianer zugeſchrieben; als aber der Tag graute, ſah man ein paar wilde Pferde auf einer nahen Wieſe, die davon jagten, als man ihnen nahe kam. Man nahm nun an, eine größere Anzahl dieſer Thiere ſei in der Nacht durch unſer Lager gejagt. Eine allgemeine Muſterung der Pferde fand ſtatt; viele hatten ſich ziemlich weit verlaufen, und manche waren gar nicht zu finden. Der Eindruck ihrer Hufe aber war tief in den Boden eingeſtampft zu ſehen und man bemerkte, daß ſie in vollem Laufe der Wildniß zugeeilt waren; ihre Eigenthümer folgten der Spur, ſich dem mühſamen Aufſuchen derſelben unterziehend. Der Tag brach golden an; der Morgen wurde aber grau und trüb und ein Herbſtſturm ſchien zu drohen. Stumm und ernſt ſetzten — 184— Jetzt traten ſeine Freunde, die bisher fernab geſtan⸗ den, zu ihm. Drei von ihnen hatten unbedeutende Vo⸗ gelflinten, die übrigen waren mit Bogen und Pfeilen bewaffnet. Ich mußte die ſchön geformten Köpfe und Büſten dieſer Wilden und ihre anmuthreichen Stellungen und ausdrucksvollen Geberden bewundern, während ſie mit unſerm Dollmetſcher ſich unterredeten und von einer Reiterſchaar unſerer Leute umgeben waren. Wir bemüh⸗ ten uns, einen von ihnen zu bereden, bei uns zu bleiben, da wir gern geſehen hätten, wie ſie die Büffeljagd mit Bogen und Pfeil betreiben. Er ſchien anfangs dazu geneigt, ſeine Freunde redeten es ihm aber aus. Der würdige Com⸗ miſſär gedachte jetzt ſeiner Sendung als Friedensſtifter und hielt eine Rede, in welcher er ſie ermahnte, allen Angriffen auf die Pawnees zu entſagen und ihnen ſagte, ihr Vater zu Waſyhington beabſichtige, allen Kampf unter ſeinen rothen Kindern zu beendigen, und habe ihn auf die Grenze geſendet, einen allgemeinen Frieden herbeizu⸗ führen. Er forderte ſie demnach auf, ruhig nach Haus zu gehen und gewiß zu ſein, daß die Pawnees ſie nicht ferner beläſtigen, ſondern bald als Brüder anſehen würden. Die Indianer hörten die Rede mit ihrem gewöhn⸗ lichen Schweigen und Anſtande an, wechſelten darauf einige Worte unter ſich, ſagten uns Lebewohl und ver⸗ folgten ihren Weg über die Prairie. Da ich ein lauerndes Lächeln in den Zügen unſers Dollmetſchers Beatte bemerkt zu haben glaubte, fragte ich ihn unter vier Augen, was die Indianer nach Anhörung — 185— der Rede unter einander geſagt hätten. Der Anführer, verſetzte er, bemerkte ſeinen Freunden, daß es, da ihr großer Vater ſo ſchnell allen Kriegen ein Ende machen wolle, gerathen ſei, die ihnen noch bleibende kurze Friſt ſo gut als möglich zu benützen— ſie ſeien alſo mit verdop⸗ peltem Eifer abgezogen, um den beabſichtigten Pferde⸗ diebſtahl auszuführen. Wir waren noch nicht lange von den Indianern weg, als wir im Dickicht eines ſumpfigen Thales zu unſerer Linken drei Büffel anſichtig wurden. Ich brach mit dem Kapitän und mehreren Jägern auf, ſie zu verfolgen. Wir ſtreiften ſtill durch einen offenen Wald und der Ka⸗ pitän, der voran ging, kam in Schußweite und verwun⸗ dete einen von ihnen in die Seite. In tollem Schrecken jagten ſie alle drei durch Hecken und Buſchwerk davon, alles, was im Wege war, durch ihr ungeheures Gewicht beſeitigend. Der Kapitän und die Jäger gaben die Jagd, die ihre Pferde zu Grunde zu richten drohte, bald auf. Ich kam jedoch dem verwundeten Bullen auf die Spur und hoffte ihm nahe genug zu kommen, um meine Piſto⸗ len, die einzigen Waffen, die ich bei mir hatte, zu ge⸗ brauchen; ehe dies aber der Fall war, erreichte er den Fuß einer felſigen Höhe, die mit Poſt⸗Eichen und Buſch⸗ werk bedeckt war, und ſtürmte und jagte mit wilder Wuth vorwärts, ſo daß es Wahnſinn geweſen wäre, ihm zu folgen. Die Jagd hatte mich ſo weit ſeitwärts geführt, daß ich längere Zeit brauchte, ehe ich die Bahn unſeres Zuges — 186— erreichte. Während ich langſam einen Hügel hinan klet⸗ terte, jagte eine ſchöne, ſchwarze Stute um deſſen Gipfel und war nahe bei mir, ehe ſie mich gewahrte. Bei . meinem Anblick fuhr ſie zurück, wandte um, jagte in vollem Galopp ins Thal hinab und den gegenüberliegen⸗ den Hügel hinauf, Schweif und Mähnen im Wind flie⸗ gend und die Bewegung frei wie die Luft. Ich ſchaute ihr ſo lang' ich konnte nach und ſprach den Wunſch aus, ein ſo prächtiges Thier möchte nie unter die erniedrigende Knechtſchaft der Peitſche und des Zügels kommen, ſon⸗ dern immer frei auf den Prairien umher ſchweifen. — 187— Siebenundzwanzigſtes Kapitel. Das Lager bei ſchlechtem Wetter.— Anecdoten von der Bä⸗ renjagd.— Indianiſche Begriffe von Vorzeichen.— Bedenk⸗ lichkeiten hinſichtlich der Todten. Als ich zur Geſellſchaft kam, lagerte ſie ſich eben in einem prächtigen Waldthale, durch welches ein kleiner Bach zwiſchen ſteilen Ufern dahinfloß. Man hörte eine Zeitlang den ſcharfen Knall der Büchſen in allen Rich⸗ tungen; die Jagd galt einer Menge Truthühner, die im Dickicht herumflatterten oder auf den Bäumen hockten. Wir waren nicht lange hier, als ein ſtäubender Regen den Herbſtſturm einleitete, der uns bedroht hatte. So⸗ gleich wurden Vorbereitungen getroffen, um uns gegen ihn zu ſchützen. Unſer Zelt wurde aufgeſchlagen, und unſere Sättel, Mantelſäcke, Päcke mit Kaffee, Zucker, Salz und allem andern, das vom Regen verdorben wer⸗ den konnte, unter deſſen Schutz gebracht. Unſere Leute, Beatte, Toniſch und Antoine trieben Pfoſten mit Gabel⸗ enden in die Erde, legten Pfähle als Sparren quer drüber und machten ſo ein Wetterdach oder einen Schop⸗ pen, der mit Rinde und Fellen gedeckt wurde und ſich gegen den Wind ſenkte, gegen das Feuer aber öffnete. Die Jäger machten ähnliche Schutzdächer von Rinden und Häuten oder von Tüchern die über Pfähle, von — 188— gabelförmigen Pfoſten getragen, ausgebreitet wurden und vor dem großen Feuer brannten. Dieſe Vorſicht kam zur rechten Zeit. Der Regen ſtellte ſich hartnäckig und anhaltend ein und dauerte mit unbedeutenden Zwiſchenräumen zwei Tage. Der Bach, der bei unſerer Ankunft ſich friedlich dahin bewegte, ſchwoll zu einem wilden kochenden Strome an und der Wald war faſt ein bloßer Sumpf. Die Leute ſammel⸗ ten ſich unter ihren Dächern von Häuten oder Tüchern oder kauerten um die Feuer, während Rauchſäulen, die ſich unter den Bäumen empor kräuſelten und in der Luft ausdehnten, einen blauen Duft über der Waldlandſchaft verbreiteten. Unſere armen abgematteten Pferde, welche der mühſame Weg und die knappe Weide herabgebracht hatten, waren nun ganz muthlos, ſenkten die Köpfe, hängten die Ohren, ſchloſſen die Augen und dampften vom Regen, indeſſen die gelben Herbſtblätter bei jedem Schütteln des Windes um ſie niederfielen. Ungeachtet des ſchlechten Wetters waren aber doch unſere Jäger nicht müßig, ſondern ritten, wenn der Re⸗ gen ein wenig nachließ, in den Wald, um zu jagen. Der wiederholte ſcharfe Knall der Büchſen zeigte den Tod manches Rehes an. Eine Menge Wildpret kam in das Lager. Man machte ſich unter dem Schirmdach zu ſchaffen, häutete die Thiere ab und weidete ſie aus oder ſorgte an den Feuern für die Bratſpieße und Keſſel; eine rohe Art Schmauſerei oder vielmehr Feinſchmeckerei herrſchte im Lager vor. Das Beil ruhte nicht und er⸗ — 189— müͤdete den Wald mit ſeinem Wiederhall. Krach! ſtürzte ein mächtiger Baum nieder; nach wenigen Minuten glüh⸗ ten und flackerten ſeine Glieder an den ungeheuern La⸗ gerfeuern und ein armes Reh, das einſt unter ſeinem Schatten geſpielt hatte, briet vor ihm. Die Wetterveränderung ſpielte unſerm kleinen Fran⸗ zoſen übel mit. Seine hagere Geſtalt, aus Knochen und „Peitſchenſchnüren⸗ beſtehend, wurde von rheumatiſchen Schmerzen und Stichen gequält. Er hatte Zahnweh, Ohrenweh; ſein Geſicht war verbunden; in allen Glie⸗ dern fühlte er ſtechenden Schmerz; alles jedoch ſchien ſeine raſtloſe Thätigkeit nur zu vermehren; er war in einer ſteten Unruhe um das Feuer, briet, kochte, ächzte, ſchmähte und fluchte. Unſer Diener Beatte kam verdrüßlich und ärgerlich von der Jagd zurück. Er hatte einen Bären von furcht⸗ barer Größe getroffen und mit einer Kugel verwundet. Der Bär ſprang in den Bach, der reißend und ange⸗ ſchwollen war. Beatte ſtürzte ſich ihm nach und griff ihn von hinten mit ſeinem Waidmeſſer an. Bei jedem Stoß wendete ſich der Bär wüthend um und zeigte ihm ſeine gräßlichen weißen Zähne. Als Beatte feſten Fuß im Bache gefaßt hatte, konnte er ihn mit ſeiner Büchſe angreifen; als er wieder ſchwamm, ſetzte er ihm nach und verſuchte, ihm die Kniekehle zu zerſchneiden. Es gelang dem Bären jedoch, ſich in das Dickicht zu flüchten und Beatte mußte die Jagd aufgeben. Wenn ſein Abenteuer uns auch keinen Braten ver⸗ — 199— ſchaffte, brachte es doch an dem Abenteuer verſchiedene Anecdoten von der Bärenjagd auf die Bahn, wobei der grauliche Bär die Hauptrolle ſpielte. Dieſes ſtarke und furchtbare Thier iſt ein Lieblingsgegenſtand der Jäger⸗ geſchichte, ſowohl unter den rothen wie unter den weißen Männern; der Indianiſche ⸗Tapfere⸗ trägt ſeine un⸗ geheuern Klauen um den Hals, als ein ehrenvolleres Siegeszeichen denn der menſchliche Scalp. Er wird jetzt dieſſeits der obern Prairien und der Rocky Moun⸗ tains ſelten geſehen. Andere Bären ſind nur, wenn ſie verwundet oder gereizt werden, furchtbar, leiſten aber ſelten Widerſtand, wenn ſie entſchlüpfen können. Der graue Bär iſt unter allen Thieren der weſtlichen Wildniß das einzige, das ungereizt ſich feindſelig zeigt. Seine merkwürdige Kraft und Größe machen ihn zu einem furchtbaren Gegner und ſein ungemein zähes Leben ſpot⸗ tet oft der Geſchicklichkeit des Jägers, trotz wiederholter Büchſenſchüſſe und Meſſeerſtiche. Eine bei dieſer Gelegenheit erzählte Anecdote gab uns ein Bild von den Zufällen und Beſchwerlichkeiten, welchen unſere Grenzer ausgeſetzt ſind. Ein Jäger, wel⸗ cher ein Reh verfolgte, fiel in eine jener tiefen trichter⸗ förmigen Gruben, welche durch das nach ſchweren Regen ſich ſammelnde Waſſer auf den Prairien entſtehen und unter dem Namen ⸗Abzüge“ bekannt ſind. Zu ſeinem großen Schrecken ſtieß er unten auf einen großen grauen Bären. Das Ungeheuer packte ihn; ein furchtbarer Kampf folgte, in welchem der arme Jäger erbärmlich zerzauſt und gebiſſen wurde, ein Bein und einen Arm brach, aber das Glück hatte, ſeinen wilden Gegner zu tödten. Mehrere Tage blieb er in der Grube, da er zu ſchlimm zugerichtet war, um ſich heraus zu arbeiten; er lebte von dem rohen Fleiſche des Bären; ſeine Wunden hielt er offen, damit ſie allgemach und wirkſam heilten. End⸗ lich konnte er ſich aus der Grube arbeiten und die offene Prairie erreichen. Mit großer Mühe kroch er in eine Schlucht, wo ein faſt vertrockneter Bach rann. Hier ſchlurfte er einen köſtlichen Trunk Waſſers, der neues Leben in ihn goß, und ſchleppte ſich dann von Teich zu Teich weiter, von kleinen Fiſchen und Fröſchen ſein Le⸗ ben friſtend. Eines Tags ſah er einen Wolf ein Reh die Prairie herab jagen und tödten. Er kroch ſchnell aus der Schlucht, vertrieb den Wolf, legte ſich neben das getödtete Reh und blieb hier, bis er mehrere leckerhafte Mahle ver⸗ zehrt hatte, die ſeine Kräfte wieder ungemein herſtellten. In die Schlucht zurückkehrend verfolgte er den Lauf des Baches, bis er zu einem bedeutenden Fluſſe ward. Er ſchwamm auf dieſem abwärts bis zu ſeiner Aus⸗ mündung in den Miſſiſſippi. An der Ausmündung des Fluſſes fand er einen geſpaltenen Baum, brachte ihn mit Mühe in das Waſſer, ſetzte ſich darauf und über⸗ ließ ſich ſo der Strömung des mächtigen Waſſers. So ſchwamm er fort, bis er dem Fort zu Council Bluffs gegenüber anlangte. Glücklicherweiſe kam er hier zur Tageszeit an, ſonſt wäre er unbeachtet an dieſem ein⸗ ſamen Poſten vorbeigekommen und hätte in der öden Waſſerwüſte ſeinen Tod gefunden. Man entdeckte ihn im Fort, ſchickte ihm ein Canot zu Hülfe und brachte ihn eher todt als lebendig an das Ufer. Seine Wun⸗ den wurden wieder geheilt, aber er blieb ſein Leben lang lahm. Unſer Diener Beatte kam ſehr muthlos und nieder⸗ geſchlagen von ſeinem Bärenabenteuer zurück. Das kalte Bad im Bache und die Wetterveränderung verurſachte ihm einen rheumatiſchen Schmerz in den Gliedern, dem er unterworfen war. Obgleich gewöhnlich ein Burſche von unbeugſamem Geiſte und über jedes Ungemach er⸗ haben, ſetzte er ſich jetzt doch düſter und abgeſpannt an das Feuer und gab einmal lauten Klagen Raum. War er gleich in den beſten Jahren, mit einem ſtarken Kör⸗ per und einer, wie es ſchien, eiſernen Conſtitution be⸗ gabt, ſo war er doch, nach ſeinen eignen Worten, wenig mehr als ein bloßes Wrack. Er war in der That ein lebendiges Wahrzeichen der Mühſeligkeiten des wilden Grenzlebens. Er entblößte ſeinen linken Arm und zeigte, daß er durch einen frühern Anfall von Rheumatismus, eine Krankheit, der die Indianer oft unterworfen ſind, verſchrumpft und zuſammengezogen war. Dem ſteten Wechſel der Elemente blosgeſtellt, werden dieſe Leute bei weitem nicht ſo abgehärtet und fühllos gegen den Wan⸗ del der Jahreszeiten, als man wohl glaubt. Er hatte überdies die Narben vieler Wunden und Quetſchungen, die er theils auf der Jagd, theils im Indianiſchen Kriegs⸗ leben davon getragen. Er hatte bei einem Sturz vom Pferde ſeinen rechten Arm gebrochen; ein anderes Mal war ſein Roß mit ihm geſtürzt und hatte ihm das linke Bein zerſchmettert. „Ich bin ganz zerſchellt und zu nichts gut,⸗ ſagte er, nes kümmert mich nicht, was mir fortan begegnet. Dennoch“, ſetzte er nach einer augenblicklichen Pauſe hinzu, ⸗müßte einer eine ſchöne Stärke haben, wollte er mich trotz allem dem bewältigen.“ Er theilte mir manche Einzelnheiten in Betreff ſei⸗ ner mit, die geeignet waren, ihn in meiner Achtung zu heben. Er wohnte am Neosho, in einem Dorfe oder einer Gemeinde der Oſagen, unter der Oberaufſicht eines würdigen Miſſionärs von den Ufern des Hudſon, Na⸗ mens Requa, der ſich bemühte, die Wilden in der Kunſt des Ackerbaues zu unterrichten, um ſie zu Landbebauern und Hirten zu machen. Ich hatte auf meiner neulichen Reiſe die Grenze entlang Requa's Ackerbau⸗Schule be⸗ ſucht und mich überzeugt, daß ſie leicht nachhaltigere Vor⸗ theile für die armen Indianer erzielen dürfte, als die bloßen Bet⸗ und Predigt⸗Miſſionen auf der Grenze. In dieſer Gemeinde hatte Beatte ſeine kleine Farm, ſeine Indianiſche Frau und ſeine halbbürtigen Kinder und unterſtützte Requa in ſeinen Beſtrebungen, die Sitten des Oſage⸗Stammes zu mildern und ihre Lage zu verbeſſern. Beatte war von einem Katholiken erzogen worden und in ſeinem religiöſen Glauben unbeugſam. Er könne, ſagte er, mit Requa nicht beten aber mit ihm arbeiten und Irving's Reiſe. 1³ — 194— zeigte einen großen Eifer für das Wohl ſeiner wilden Nachbarn und Verwandten. Obgleich ſein Vater ein Franzoſe und er ſelbſt bei den Weißen erzogen worden war, hatte er doch in ſeinem Weſen mehr von dem In⸗ dianer und ſein Herz hing an dem Volke ſeiner Mutter. Wenn er mit mir von den Unbilden und Kränkungen ſprach, welche die armen Indianer bei ihrem Verkehre mit den rohen Grenzanſiedlern zu erdulden hatten, wenn er den unſichern und demüthigenden Zuſtand des Oſage⸗ Stamms ſchilderte, deſſen Bevölkerung ſich minderte, deſſen Muth ſchwand, und der in dem Lande, wo er einſt ſo heldenmäͤßig geglänzt, faſt nur noch geduldet wurde,— ſah ich, wie ſeine Adern in Zorn ſchwollen und ſeine Nüſtern ſich aus dehnten; aber er pflegte dies Gefühl mit⸗ der Kraft Indianiſcher Selbſtbeherrſchung von ſich zu weiſen oder es gewiſſermaßen in ſeine Bruſt zurück zu treiben. Er nahm keinen Anſtand, mir ein Beiſpiel zu er⸗ zählen, wo er ſich mit ſeinen Oſage⸗Verwandten ver⸗ band, um einen Haufen Weißer, die eine freche Unbild gegen ſie verübt, zu verfolgen und ſie zu rächen: ich fand, daß ſich Beatte bei dem Zuſammentreffen, das ſtatt⸗ fand, als ein vollkommener Indianer benommen hatte. Er hatte ſeine Oſage⸗Verwandten mehr denn ein⸗ mal auf ihren Kriegszügen gegen die Pawnees begleitet, und erzählte von einem Kampfe, der an den Grenzen eben dieſes Jagdgebietes ſtatt gefunden hatte und in wel⸗ chem viele Pawnees gefallen waren. Wir würden, ſagte er, auf unſerer Reiſe an der Stelle vorbeibommen und⸗ die unbegrabenen Gebeine und Schädel der Erſchlagenen wären noch dort zu ſehen. Der Arzt der Kompagnie, der bei dieſer Unterhal⸗ tung zugegen war, ſpitzte bei dieſer Nachricht die Ohren. Er war eine Art Phrenologe und bot Beatte einen ſchö⸗ nen Lohn, wenn er ihm einen der Schädel verſchaffte. Beatte betrachtete ihn einen Augenblick mit ernſter Verwunderung. „Nein,“ ſagte er endlich,„das iſt zu arg. Mein Herz iſt ſtark— mache mir nichts daraus, zu tödten— aber laßt die Todten ruhen.⸗ Er ſetzte hinzu, er habe einſt, als er mit einer Geſellſchaft Weißer reiſete, in demſelben Zelt mit einem Doctor geſchlafen, und ge⸗ ſehen, daß er einen Pawnee⸗Schädel unter ſeinem Ge⸗ päcke habe; er habe ſogleich dem Zelt und der Geſell⸗ ſchaft des Doctors entſagt. ⸗Er wollte mir ſchön thun,⸗ ſagte Beatte— eich ſprach aber nein— wir müſſen uns trennen— ich bleibe nicht in ſolcher Geſellſchaft.⸗ Bei der jetzigen Lähmung ſeines Muthes gab Beatte den abergläubiſchen Vorzeichen ſich hin, an denen die Indianer zu hängen pflegen. Er ſaß eine Zeitlang mit dem Kopf auf die Hand geſtützt, und blickte in das Feuer. Seine Gedanken waren, wie ich ſah, in ſeiner niedrigen Hütte an den Ufern des Neosho; er ſagte, er ſei über⸗ zeugt, er werde bei ſeiner Rückkehr jemand aus ſeiner Familie krank oder todt finden; ſein linkes Auge hade die zwei letzten Tage gezuckt und geblinzt— das ſichere Vorzeichen eines ſolchen Unglückes. I3* — 196— Dieſer Art ſind die kleinlichen Umſtände, die, zu Vorzeichen erhoben, die Seelen dieſer eiſernen Männer erſchüttern. Das geringſte geheimnißvolle und unglück⸗ liche Vorzeichen reicht hin, einen Jäger oder Krieger von ſeinem Wege abzuleiten oder ſeinen Geiſt mit der Ahnung eines bevorſtehenden Unglücks zu erfüllen. Dieſe Neigung zum Aberglauben, welche allen einſamen und wilden Beſuchern der Wildniß gemein iſt, gibt den Propheten und Träumern einen ſo mächtigen Einfluß. Die Oſagen, mit denen Beatte den größten Theil ſeines Lebens verkehrt hatte, bleiben ihren abergläubi⸗ ſchen Anſichten und Gebräuchen durchaus treu. Sie glauben alle, daß die Seele nach ihrer Trennung vom Körper fortlebe und daß ſie alle irdiſchen Neigungen und Gewohnheiten beibehalte. In einem Oſage⸗Dorf in Beatte's Gegend verlor einer der erſten Krieger ſein einziges Kind, ein ſchönes noch ſehr junges Mädchen. All ihr Spielzeug wurde mit ihr begraben. Auch ihr kleines Lieblingspferd wurde getödtet und neben ſie in das Grab gelegt, damit ſie darauf in das Land der Geiſter reiten könne. Ich will hier eine kleine Geſchichte erzählen, welche ich auf meiner Reiſe durch Beatte's Heimath hörte und die den Aberglauben ſeiner Oſage⸗Verwandten erläutert. Ein großer Zug Oſagen hatte ſich eine Zeitlang an dem Ufer eines ſchönen Fluſſes, der Nick⸗a⸗nanse genannt, gelagert. Unter ihnen war ein junger Jäger, einer der tapferſten und ſchönſten des Stamms; er ſollte ein — 197— Oſage⸗Mädchen heirathen, welche wegen ihrer Schönheit die Blume der Prairien genannt wurde. Der junge Jäger ließ ſie eine Zeitlang bei ihren Verwandten im Lager und ging nach St. Louis, um die Häute des er⸗ legten Wildes anzubringen und Schmuck für ſeine Braut zu kaufen. Nach einer Abweſenheit von mehreren Wochen kehrte er an die Ufer des Nick⸗a⸗nanse zurück, aber das La⸗ ger war nicht mehr da. Nur die Gerüſte der Hütten und die Brände verlöſchter Feuer bezeichneten den Platz. In einiger Entfernung ſah er am Ufer des Fluſſes ein weibliches Weſen ſitzen, das zu weinen ſchien. Es war ſeine Braut. Er eilte ſie zu umarmen, ſie blickte aber traurig hinweg. Er fürchtete, irgend ein Unglück habe das Lager getroffen. „Wo ſind unſere Brüder?“ fragte er. „Sie ſind an die Ufer des Wagrushka gezogen.“ „Und was thuſt du allein hier?“ „Ich wartete auf dich.“ „Dann laß uns zu den Unſrigen an die Ufer des Wagrushka eilen.“ 4 Er gab ihr, der Indianiſchen Sitte gemäß, ſeinen Pack zu tragen und ſchritt voran. Sie ſahen endlich den Rauch des fernen Lagers aus dem waldigen Saume des Fluſſes empor ſteigen. Das Mädchen ſetzte ſich an den Juß eines Baums. „Es ſchickt ſich nicht, daß wir mit einander zurück keh⸗ ren,“ ſagte ſie,„ich will hier warten.“ — 198— Der junge Jäger ging allein in das Lager und wurde von ſeinen Verwandten mit düſterer Miene empfangen. „Welches Unglück hat ſich begeben, daß ihr alle ſo traurig ſeid?“ fragte er. Niemand gab Antwort. Er wandte ſich zu ſeiner Lieblingsſchweſter und bat ſie, ſeine Braut außerhalb des Lagers zu ſuchen und ſie herein zu führen. „Ach,“ rief ſie,„wie ſoll ich ſie ſuchen? Sie ſtarb ja vor wenigen Tagen.“ Weinend und jammernd umgaben ihn jetzt die Ver⸗ wandten des jungen Mädchens; er wollte aber die trau⸗ rige Nachricht nicht glauben. „Aber erſt vor wenigen Augenblicken, rief er, „habe ich ſie lebend und geſund verlaſſen. Kommt mit mir und ich will euch zu ihr führen.“ Er führte ſie zu dem Baume, wo ſeine Braut ſich niedergeſetzt hatte, aber ſie war nicht mehr da und ſein Pack lag am Boden. Die ſchreckliche Wahrheit traf ſein Herz; er fiel todt zur Erde. Ich erzähle dieſe einfache kleine Geſchichte faſt mit den Worten, in denen ſie mir mitgetheilt worden, wah⸗ rend ich in unſerm Abendlager an den Ufern des Fluſſes, wo ſie ſich zugetragen haben ſoll, am Feuer lag. Achtundzwanzigſtes Kapitel. Eine geheime Unternehmung.— Rehblätter.— Zauberkugeln. Am nächſten Morgen ſtießen die Jäger zu uns, welche in dem letzten Lager geblieben waren, um die verlaufe⸗ nen Pferde zu ſuchen. Sie waren ihrer Spur ſehr weit durch Buſch und Dorn und über Bache nachgeeilt, bis ſie ſie endlich am Saum einer Prairie ruhig weiden ſahen. Ihre Köpfe waren dem Fort zugewendet und ſie weide⸗ ten augenſcheinlich auf dem Heimweg, der ſchrankenloſen Freiheit der Prairie nicht achtend, welche ſich ſo plötzlich vor ihnen ausdehnte. 3 Nachmittags hellte ſich der Himmel aaf und ich be⸗ merkte, daß eine geheime Berathung zwiſchen unſerm Meſtizen und Toniſch vor ſich ging. Sie endigte mit der Bitte, wir möchten letztern auf einige Stunden ſei⸗ ner Dienſte entbinden und ihm erlauben, ſeine Kamera⸗ den bei einem weitern Ausfluge zu begleiten. Wir ent⸗ gegneten, Tony ſei wegen ſeiner Schmerzen und Leiden nicht im Stande, etwas der Art zu unternehmen; er war jedoch vor Eifer für dieſes geheimnißvolle Unterneh⸗ men ganz außer ſich und ſchien nach erhaltener Erlaub⸗ niß augenblicklich jedes Wehes zu vergeſſen. Das Trio war ſchnell gerüſtet und zu Roß, die Büchſen auf den Schultern, und Tücher um die Köpfe, — 290— augenſcheinlich mit etwas Großem beſchäftigt. Als ſie an den verſchiedenen Schoppen des Lagers vorbei kamen, konnte der eitle kleine Franzoſe nicht umhin, rechts und links von den mächtigen Dingen zu prahlen, die er im Begriff ſei zu vollbringen, obſchon der ſchweigſame Beatte, der voraus ritt, jeden Augenblick ſein Pferd anhielt und mit einer Miene ſtrengen Tadels auf ihn zurückblickte. Es war eben ſchwer, den geſchwätzigen Toniſch den„In⸗ dianer⸗ ſpielen zu lehren. Mehrere Jäger zogen gleichfalls aus und der treff⸗ liche, alte Wäldler Ryan kam früh am Nachmittage mit reicher Beute zurück— er hatte einen Bock und zwei fette Rehe geſchoſſen. Ich näherte mich der Gruppe von Grenzern, welche ſich um ihn und ſeine Beute geſam⸗ melt hatte und hörte, wie ſie den Werth einer bei der Rehjagd oft angewendeten Liſt beſprachen. Dieſe beſteht darin, daß man mit einem kleinen Inſtrument, das Blatt genannt, den Ruf des Rehkalbs nachahmt, um das Reh auf Schußweite herbei zu locken. Es gibt Blätter verſchiedener Art, die ſtillem oder windigem Wet⸗ ter und dem Alter des Rehkalbs angepaßt ſind. Oft kömmt das arme Thier, dadurch getäuſcht, in der Angſt für ſein Junges, ganz nahe zum Jäger heran.„Ich blattete einſt ein Reh,⸗ ſagte ein junger Jäger:„bis es mir auf zwanzig Schritte nahe kam und ſich dem Schuſſe darbot. Ich hob dreimal meine Büchſe auf, hatte aber das Herz nicht zu ſchießen; denn das arme Reh ſah ſo ſehnſuchtsvoll drein, daß es mich jammerte. Ich dachte — 201— an meine Mutter und wie beſorgt ſte um mich zu ſein pflegte, als ich noch ein Kind war; um der Sache ein Ende zu machen, ließ ich einen Schrei hören und jagte das Reh augenblicklich aus dem Bereiche der Büchſe.⸗ „Und ihr thatet recht,“ rief der alte, biedere Ryan: „was mich betrifft, war ich nie im Stande, ein Reh zu blatten. Ich war bei Jägern, welche Blätter hatten, bewog ſie aber, ſie weg zu werfen. Es iſt ein Schur⸗ kenkniff, die Liebe einer Mutter für ihre Jungen ſo zu mißbrauchen.⸗ Gegen Abend kehrten unſere drei Ehrenmänner von ihrem geheimnißvollen Unternehmen zurück. Die Zunge von Toniſch verrieth ihr Herannahen ſchon lange, ehe ſie ſichtbar wurden; denn er ſchrie aus vollem Halſe und erregte die Aufmerkſamkeit des ganzen Lagers. Der zögernde Schritt und die dampfenden Seiten ihrer Pferde zeugten von einem ſtarken Ritt und wir ſahen ſie, als ſie näher kamen, rings mit Fleiſch behangen, wie die Fleiſchbank eines Metzgers. Sie hatten wirklich eine große Prairie, die ſich jenſeits des Waldes ausdehnte und mit Büffelheerden bedeckt war, durchſtreift. Beatte hatte vor einigen Tagen, als er ſich mit den Oſagen unterhielt, Nachricht von dieſer Prairie und den Thieren auf ihr erhalten, dieſes aber den Jägern verheimlicht, damit er und ſeine Kameraden zuerſt die Freude hätten, dort zu jagen. Sie hatten ſich begnügt, vier Büffel zu tödten, obgleich, wenn Toniſch Glauben verdiente, ſie dieſelben ſchockweiſe hätten ſchießen können. — 202—. Dieſe Nachricht und das als Beweis in das Lager gelieferte Fleiſch, brachten großes Entzücken unter die Jäger und jeder ſah freudig einer⸗ Büffeljagd auf den Prairien entgegen. Toniſch war wieder das Orakel des Lagers und predigte ſtundenlang vor einer Gruppe von Zuhörern, welche, die Schultern bis zu den Ohren herauf⸗ ziehend, um das Feuer hockten. Er that jetzt mit ſeiner Schützenkunſt größer denn jemals. Sein ganzes Miß⸗ geſchick auf dem erſten Theil unſeres Wegs ſchrieb er dem Umſtande zu, daß er ⸗kein Glück⸗ gehabt habe, viel⸗ leicht gar„behext⸗ geweſen ſei; da er ſah, daß man ihm ſehr vertrauensvoll zuhörte, erzählte er ein Beiſpiel die⸗ ſer Art, das er ſelbſt, wie er ſagte, erlebt hatte, das aber offenbar eine bei ſeinen Verwandten, den Oſagen, aufgefangene Geſchichte war. Dieſer Nachricht zufolge war er als ein fünfzehn⸗ jähriger Knabe eines Tags auf der Jagd, als er ein weißes Reh aus einer Schlucht kommen ſah. Als er auf Schußweite heran geſchlichen war, ſah er ein zweites und drittes erſcheinen, bis es deren ſteben waren, alle weiß wie Schnee. Nahe genug heran gekommen, erſah er ſich eines der Thiere und ſchoß, aber ohne Erfolg; das Reh blieb furchtlos ſtehen. Er lud und feuerte wie⸗ der und fehlte abermals. So ſchoß und fehlte er, bis er kein Pulver mehr hatte— das Reh blieb unverwun⸗ det. Er kehrte, verzweifelnd an ſeinem Geſchick als Schütze, nach Hauſe zurück, wurde aber von einem alten Oſage⸗Jäger getröſtet.„Dieſe weißen Rehe,“ ſagte er: „haben ein bezaubertes Leben und können nur mit K. geln von eigener Art geſchoſſen werden.“ Der alte Indianer goß mehrere Kugeln für Toniſch, wollte ihn aber dabei weder zuſehen laſſen, noch die Be⸗ ſtandtheile und geheimnißvollen Gebräuche babei lehren. Mit dieſen Kugeln verſehen, brach Toniſch auf, um die weißen Rehe zu ſuchen und war fo glücklich, ſie zu finden. Er verſuchte es erſt mit gewöhnlichen Kugeln, fehlte aber wie früher. Eine Zauberkugel jedoch ſtreckte ſogleich einen ſchönen Bock nieder, worauf die übrigen Rehe ſogleich verſchwanden und nie wieder geſehen wurden. Am 29. October. Der Tag brach trüb und düſter an; gegen acht Uhr aber arbeitete ſich die Sonne her⸗ vor und beleuchtete den Wald und der Ruf des Horns gab das Zeichen zum Aufbruch. Nun allum wieder Lärm, Geſchrei und Heiterkeit. Ein Theil lief und johlte nach den Pferden, ein anderer ritt ohne Sattel herum und trieb die Pferde der Kameraden ein; dort ſtreifte man die naſſen Tücher, die als Schirmdächer gedient hat⸗ ten, von den Pfoſten ab; hier packte man in aller Eile ein und belud die Saumroſſe, ſo wie ſie anlangten, während andere die naß gewordenen Büchſen losſchoſſen und ſie neu luden, um zur Jagd fertig zu ſein. Um zehn Uhr ging es weiter. Ich hielt mich im Nachtrab des Zuges, der über einen trüben Bach ſetzte und durch die Labyrinthe des Waldes ſtreifte. Ich zö⸗ gerte immer ſehr gern, bis die letzten Reiter unter den Bäumen verſchwanden und der ferne Ruf des Horns — 204— verhallte, um die in Stille und Einſamkeit ver ſinkende Wildniß zu ſchauen. Bei dieſer Gelegenheit hatte die verlaſſene Scene des eben noch ſo lärmenden Lagers ein ödes und wüſtes Anſehen. Der Wald umher war an manchen Stellen zu einer Sumpflache zuſammen getreten, Bäume gefällt, zerhauen und in großen Stücken umher geworfen, Zeltpfoſten ihrer Decken beraubt, die Feuer erſtickt und große Stücke gebratenen Wildprets und Büffel⸗ fleiſches an hölzernen Spießen davor, von den Meſſern hungriger Jäger angeſchnitten und zerfetzt. Die Häute, die Hörner, die Geweihe und Knochen der Büffel und Rehböcke, rings umher zerſtreut, ungekochte Fleiſchſtücke und ungerupfte Truthühner mit jener argen Sorgloſig⸗ keit und Verſchwendung zurück gelaſſen, der ſich junge Jäger hinzugeben pflegen, wenn ſie in einer Gegend ſind, wo es Wild genug gibt. Indeſſen ſchwang ein Schock einfältiger Truthühner ſchon die Flügel, Geier kreiſ'ten in ſtolzem Fluge hoch in der Luft und ſchickten ſich an, in das Lager, ſobald es verlaſſen, nieder zu ſtürzen. — Neunundzwanzigſtes Kapitel. Die große prairie.— Die Büffel⸗Jagd. Nachdem wir ungefähr zwei Stunden gegen Süden geritten waren, kamen wir um Mittag aus dem öden Gürtel des Cross Timber und ſahen zu unſerer unend⸗ lichen Freude rechts und links vor uns die„große Prai⸗ rie⸗ ſich ausdehnen. Wir konnten den ſich ſchlängelnden Lauf des Canadian und anderer kleinerer Flüſſe die grü⸗ nen Waldſtreifen, welche ſie begrenzten, entlang deutlich unterſcheiden. Die Landſchaft war ausgedehnt und ſchön. Das Herz dehnt ſich immer aus, wenn man dieſe gren⸗ zenloſen und fruchtbaren Ebenen überſchaut; ich fühlte dies doppelt, als ich aus unſerm ⸗engen Kerker zahlloſer Aeſte“ heraustrat. Von einer Erhöhung zeigte uns Beatte die Gegend, wo er und ſeine Kameraden die Büffel geſchoſſen hatten und wir ſahen mehrere ſchwarze Gegenſtände, die ſich in der Ferne bewegten und wie er ſagte, zu der Heerde gehörten. Der Kapitän beſchloß, einem waldigen Grunde, eine kleine Stunde entfernt, ſich zuzuwenden und dort für einen oder zwei Tage ein Lager zu beziehen, um eine regelrechte Büffeljagd anzuſtellen und einen Vorrath von Lebensmitteln zu ſammeln. Während die Jäger den Abhang des Hügels hinab dem Lagerplatze zuritten, — 296— ſchlug Beatte meinen Gefährten und mir vor, ihm zu folgen, und verſprach, uns an einen Ort zu führen, der eine treffliche Jagd darböte. Wir verließen daher die Marſchlinie und wandten uns gegen die Prairien, in⸗ dem wir ein Thal durchſchnitten und eine ſanfte Er⸗ höhung des Bodens hinanſtiegen. Als wir die Höhe er⸗ reicht hatten, ſahen wir eine kleine Stunde vor uns ei⸗ nen Haufen wilder Pferde. Beatte war den Augenblick bei der Hand und dachte nicht mehr an die Büffeljagd. Er ſaß auf ſeinem mächtigen, halb wilden Pferde, das Lariat hing am Sattelbogen. So jagte er davon. Wir blieben auf einer Erhöhung und ſahen ſeinem Thun mit der größten Unruhe zu. Einen Streifen Wald benutzend, ſchlich er ſich langſam entlang, ſo daß er ihnen nahe kam, ehe ſie ihn bemerkten. Sobald ſie ihn anſichtig wurden, ſtoben ſie ungeſtüm davon. Wir ſahen ihn den Horizont dahin fliegen, gleich einem Kaper, der auf ein Kauffartei⸗Schiff mit vollen Segeln Jagd macht; endlich kam er über den Gipfel der Höhe in ein flaches Thal⸗ nieder; nach wenigen Stunden war er den entgegen ge⸗ ſetzten Hügel hinan und dicht bei einem der Pferde. Bald waren Kopf an Kopf und es ſchien, als ſuchte er ihm das Lariat umzuwerfen. Sie verſchwanden aber beide wieder hinter dem Hügel und wir ſahen nichts mehr von ihnen. Es ergab ſich nachher, daß er einem⸗ mäch⸗ tigen Pferde die Schlinge umgeworfen hatte, es aber nicht halten konnte und ſein Lariat bei dem Vorfall verlor. Während wir auf ſeine Rückkehr warteten, ſahen — 207— wir zwei Büffelbullen einen Abhang gegen einen Bach zu kommen, der ſich durch eine mit Bäumen beſetzte Schlucht wandt. Der junge Graf und ich ſuchten ihnen im Schutz der Bäume nahe zu kommen. Sie entdeckten⸗ uns, als wir noch drei⸗ bis vierhundert Schritte von ihnen waren, kehrten um und zogen ſich die Höhe hinan. Wir ſpornten unſere Pferde durch die Schlucht und jag⸗ ten nach. Das ungeheuere Gewicht, das Kopf und Schultern eines Büffels haben, erſchwert ihm das Er⸗ ſteigen von Höhen, wie es das Herabſteigen erleichtert⸗ Der Vortheil war daher auf unſerer Seite und wir⸗ näherten uns den Flüchtlingen reißend, obgleich es ſchwer war, ihnen unſere Pferde nahe zu bringen, da ſogar der Geruch der Thiere ihnen Schrecken einflößte. Der Graf, der eine mit Kugeln geladene Doppelflinte hatte, gab Feuer, fehlte aber. Die Bullen änderten jetzt ihren Lauf und ſtürzten wie toll die Hohe hinab. Da ſie in verſchiedenen Richtungen liefen, wählte ſich jeder von uns einen und wir trennten uns. Ich hatte mich mit einem Paar alter Piſtolen mit ehernen Läufen verſehen, die ich mir zu Fort Gibſon geliehen und die augenſchein⸗ lich ſchon oft gebraucht worden waren. Piſtolen ſind ſehr brauchbar auf der Büffeljagd, da der Jäger ganz nahe zu dem Thiere hinreiten und in vollem Galopp auf es feuern kann, während die langen, ſchweren Büchſen, die auf der Grenze gebraucht werden, nicht leicht zu handhaben ſind und vom Pferde herab keinen ſichern Schuß zulaſ⸗ ſen. Meine Abſicht war ſonach, mich dem Büffel auf — 208— Piſtolenſchußweite zu nähern. Dies war nicht leicht. Ich war gut beritten, mein Pferd lief raſch und ſicher und war auf die Jagd erpicht, auch holte es den Büffel ein, aber grade als er ihm gegenüber war, lenkte es, die Ohren ſpreitzend und vorwärts ſtreckend und mit jedem Zeichen des Widerwillens und der Furcht ab. Es war kein Wunder. Unter allen Thieren bietet der, von dem Jäger ſtark bedrängte Büffel den ſcheußlichſten An⸗ blick dar. Seine zwei kurzen ſchwarzen Hörner krüm⸗ men ſich an einem großen Stirnband zottiger Haare hervor; ſeine Augen glühen wie Kohlen; ſein Mund iſt offen, ſeine Zunge trocken und liegt wie ein Halbmond vor; der Schweif emporgeſtreckt und das buſchige Ende fegt in der Luft herum;— er iſt ein vollſtändiges Bild der Vereinigung von Wuth und Schrecken. Nur mit Mühe drängte ich mein Pferd nahe genug herzu und feuerte; leider aber verſagten beide Piſtolen. Die Schlöſſer dieſer alten Waffen waren unglücklicher⸗ weiſe ſo abgenutzt, daß das Zündpulver bei dem ſcharfen Ritt aus der Pfanne gefallen war. Als ich den zweiten Schuß verſuchte, war ich nahe beim Büffel, der ſich in ſeiner Verzweiflung umkehrte, wild aufſchnaubte und auf mich zuſtürzte. Mein Pferd drehte ſich wie ein Kreiſel und machte einen wilden Satz und da ich mich mit dem vorgeſtreckten Piſtol auf eine Seite lehnte, wäre ich faſt vor die Füße des Büffels hingeworfen worden. Drei oder vier Sprünge des Pferdes brachten uns aus dem Bereich des Feindes, der, blos durch die Ver⸗ zweiflung zum Widerſtande gereizt, ſchnell wieder flüch⸗ tigen Fußes wurde. Sobald ich mein von Schrecken außer ſich gebrachtes Pferd wieder zuſammen nehmen und friſches Pulver auf die Zündpfannen meiner Piſto⸗ len thun konnte, eilte ich dem Büffel wieder nach, der ſeine Eile gemindert hatte, um Athem zu ſchöpfen. Als ich ihm nahe kam, brach er wieder kräftig auf, ſich in einem ſchweren rollenden Galopp vorwärts ſtürzend und in toller Haſt durch Buſchwerke und Klüfte brechend, während Rehe und Wölfe, durch ſeinen donnernden Lauf aus ihrem Lager aufgeſchreckt, rechts und links durcheinander über die Oede dahin jagten. Ein Galopp über die Prairien, um Wild zu ver⸗ folgen, iſt kein ſo bequemer Ritt, wie ſich die es wohl denken, welche nur die Vorſtellung von einer offenen gleichen Ebene haben. Es iſt wahr, die Prairien der Jagdgebiete werden von blühenden Pflanzen und langen Gräſern nicht ſo dicht überwachſen, wie die untern Prai⸗ rien, und ſind hauptſächlich mit kurzem Büffelgras be⸗ deckt; aber Hügel und Thäler wechſeln hier, und wo der Boden am ebenſten iſt, finden ſich tiefe Spalten und Schluchten, welche Regenſtröme verurſachten, und die, aus der ebenen Fläche ziehend, für den Weg des Jägers faſt wie Fallgruben ſind, die ihn im vollen Laufe des Pferdes aufhalten, wenn er nicht Leib und Leben ge⸗ fähren will. Auch ſind dieſe Ebenen voller Lagerhöhlen kleinerer Thiere, in welchen das Pferd bis über die Knie einſinkt und mit dem Reiter niederſtürzt. Der letzte Irving's Reiſe. 14 — 210— Regen hatte manche Theile der Prairie, wo der Boden hart war, mit einer dünnen Waſeerſchichte bedeckt, durch welche das Pferd hinplatſchen mußte. An andern Orten waren zahlloſe flache Höhlen, die 8 bis 10 Fuß im Durchmeſſer hatten und von Büffeln herrührten, die im Sand und Koth wie die Schweine wühlen. Da dieſe mit Waſſer angefüllt waren, glichen ſie Spiegeln, ſo daß das Pferd ſtets über ſie ſpringen oder zur Seite ausweichen mußte. Auch hatten wir einen rauhen, ſehr aufgeriſſenen Theil der Prairie erreicht; der Büffel, dem es an das Leben ging, war nicht wähleriſch, welchen Weg er nehmen ſollte, ſondern ſtürzte blind in unge⸗ heure Schluchten nieder, wo man an dem Rande hin einen ſicherern Abweg ſuchen mußte. Endlich kamen wir an eine tiefe, von einem Winterbach zerriſſene Kluft, die ſich über die ganze Prairie hinzog, von zerborſtenen Felſen bedeckt war und eine lange Thalſchlucht, begrenzt von ſteilen zerbröckelnden Klippen, die aus Stein und Thon beſtehen, bildete. Eine ſolche Steile ſtürzte der Büffel nieder, halb fallend, halb ſpringend und trabte dann in der Tiefe fort, während ich, jede fernere Ver⸗ folgung für nutzlos erachtend, ſtill hielt und ihm von dem Rand der Klippe ruhig nachſah, bis er in den Windungen der Schlucht verſchwand. Mir blieb jetzt nichts übrig als mein Pferd zu wenden und meinen Gefährten aufzuſuchen. Dies war anfangs nicht leicht. Der Jagdeifer hatte mich zu einem langen unbehutſamen Galopp verleitet; ich ſah mich jetzt inmitten einer einſamen Ode, wo wogende Schwellungen des Bodens, nackt und einförmig, die Ausſicht beſchränk⸗ ten, und wo wegen des Mangels aller Landzeichen und beſtimmter Merkmale der Unkundige irre werden und den Weg ſo leicht verlieren konnte, wie auf der Ode des Meers. Auch war der Himmel bedeckt, ſo daß ich mich nicht nach der Sonne richten konnte. Mir blieb daher nichts übrig, als der Spur meines Pferdes auf dem Herwege zu folgen, obſchon ich auch dieſe oft verlor, wenn der Boden mit verdorrtem Graſe bedeckt war. Wer nicht daran gewöhnt iſt, findet etwas unausſprech⸗ lich Einſames in der Verlaſſenheit einer Prairie. Die Einſamkeit eines Waldes iſt nichts dagegen. Die Aus⸗ ſicht wird dort durch Bäume verdeckt und es ſteht der Phantaſie frei, ſich jenſeits eine lebenreichere Szene zu mahlen; hier aber dehnt ſich eine unermeßliche Land⸗ ſchaft ohne ein Merkmal menſchlichen Daſeins aus. Wir haben das Bewußtſein, fern, fern von dem Bereiche menſchlicher Wohnungen zu ſein; uns iſt, als ſeien wir inmitten einer verlaſſenen Welt. Wie mein Pferd lang⸗ ſam auf ſeinen frühern Eilpfad zurück ging und die Hitze der Jagd verrauchte, drängten ſich mir dieſe Um⸗ ſtände abſonderlich auf. Das Schweigen der Ode ward dann und wann durch das Geſchrei eines fernen Flugs Pelikane, die wie Geſpenſter um einen flachen Teich ſchritten, manchmal durch das traurige Krächzen von Raben in der Luft unterbrochen, während gelegentlich ein ſchäbiger Wolf vor mir aufſprang und wenn er eine 14*† — 212— ſichere Weite erreicht hatte, niederſaß und in Töͤnen, welche die Einſamkeit umher noch ſchrecklicher machte, heulte und greinte. Nachdem ich eine Strecke weiter geritten, entdeckte ich am Saum eines fernen Hügels einen Reiter, und erkannte bald den Grafen in ihm. Das Gluück war ihm eben ſo wenig gewogen geweſen wie mir. Bald ſtieß auch unſer würdiger Gefährte, der Tauſendkünſtler, zu uns, der mit ſeiner Brille auf der Naſe, 2 oder 3 Fehlſchüſſe vom Pferde gethan hatte. Wir beſchloſſen nicht eher in das Lager zu gehen, als bis wir noch einen Verſuch gemacht. Als wir uns in der Gegend umſahen, entdeckten wir, faſt eine Stunde entfernt, eine Heerde Büffel, die an einem kleinen Streifen von Bäumen und Wald zerſtreut, in aller Ruhe graſ'te. Es bedurfte nur eine geringe Anſtrengung der Phantaſie, um in ihnen eine Rinderheerde, am Saume einer Gemeinweide graſend, zu ſehen und ſich hinter dem Laubwerk ein einſames Farmhaus zu denken. Wir machten den Plan, die Heerde zu umgehen und ſie nach der Richtung zu treiben, wo unſer Lager ſein mußte, denn das Nachjagen hätte uns ſonſt ſo weit ge, führt, daß wir vor Einbruch der Nacht den Rückweg nicht mehr gefunden haben würden. Wir nahmen daher einen weiten Umweg, bewegten uns langſam und vor⸗ ſichtig weiter und hielten manchmal ein, wenn eines der Thiere zu graſen aufhörte. Der Wind wehte glücklicher⸗ weiſe von ihnen herüber, ſonſt hätten ſie uns gewittert und wären entflohen. So gelang es uns, die Heerde zu umgehen, ohne ſie zu beunruhigen. Sie beſtand aus etwa vierzig Stück, Stiere, Kühe und Kälber. Wir wichen eine Strecke auseinander und näherten uns lang⸗ ſam in gleichen Entfernungen, hoffend, uns allgemach näher zu ſchleichen, ohne ihre Aufmerkſamkeit zu erregen. Sie fingen aber an, ruhig weiter zu gehen, alle zwei oder drei Schritte anhaltend und weidend, als plötzlich ein Stier, der, von uns unbemerkt unter einer Baum⸗ gruppe zu unſerer Linken ſeine Sieſta hielt, von ſeinem Lager aufſprang und zu ſeiner Heerde eilte. Wir waren noch ziemlich fern, aber die Thiere waren aufgeſchreckt. Wir ſpornten die Pferde, jene galoppirten davon und jetzt begann die Jagd. Da der Boden eben war, drangen ſie, einer hinter dem andern, eilig weiter; zwei oder drei Bullen mach⸗ ten den Nachtrab aus; der letzte ſah wegen ſeiner un⸗ geheuern Größe und dem ehrwürdigen Stirnband und Bart von ſonnenverbranntem Haar, wie der Patriarch der Heerde aus und ſchien lange als der Gebieter der Prairie geherrſcht zu haben. Es iſt ein Gemiſch von Furchtbarem und Lächer⸗ lichem in dem Anblick dieſer großen Thiere, wenn ſie ihre ungeſchlachte Maſſe fortbewegen und die ſchweren Köpfe und Schultern heben und ſenken, während der Schweif, wie Pantalons Zopf in einer Pantomime, em⸗ porſteht und das Ende wild aber komiſch umher fegt und die Augen vor Angſt und Wuth giftig glühen. Ich ritt der Linie eine Strecke gegenüber fort, ohne mein Pferd auf Piſtolenſchußweite hinan drängen zu können, ſo war es durch den Angriff des Büffels bei der letzten Jagd erſchreckt worden. Endlich gelang es mir; allein meine Piſtole verſagte wieder. Meine Gefährten, deren Pferde weniger raſch und müder wa⸗ ren, konnten die Heerde nicht einholen; endlich hob Hr. L., der hinter der Linie war und nicht weiter konnte, ſeine Doppelflinte und that einen weit hin reichenden Schuß. Er traf einen Büffel grade über den Lenden, zerſchmetterte ſein Rückenbein und warf ihn nieder. Er machte Halt und ſtieg ab, um das Thier vollends zu tödten, während ich mir ſeine Flinte, in der noch ein Schuß war, lieh, meinem Pferde die Sporen gab und die Heerde wieder einholte, die, von dem Grafen ver⸗ folgt, dahin donnerte. Ich brauchte mit meiner jetzigen Waffe das Pferd nicht ſo nahe herzu zu drängen; ich ſuchte mir daher, in gleichlaufender Linie entlang galop⸗ pirend, einen Büffel aus und ſtreckte ihn durch einen glücklichen Schuß auf der Stelle nieder. Die Kugel hatte einen Lebenstheil getroffen; er konnte ſich nicht mehr von der Stelle, wo er fiel, rühren, ſondern lag im Todeskampfe röchelnd da, während die übrige Heerde in tollem Laufe über die Prairie fortſchoß. Ich ſtieg ab, band mein Pferd an, damit es nicht nachjagte, und trat näher, mein Opfer zu betrachten. Ich bin kein Jäger; die Größe des Wildes und die Aufregung einer abenteuerlichen Jagd hatten mich zu dieſer ungewohnten That geſpornt. Jetzt, da die Erre⸗ — 215— gung vorüber war, konnte ich nur mit Mitleiden auf das arme Thier blicken, das zappelnd und blutend zu mei⸗ nen Füßen lag. Selbſt ſeine Größe und Bedeutſamkeit, die meinen Eifer vorher erhöht hatten, vermehrte nun mein Leidweſen. Es war mir, als ſtehe der Schmerz, den ich dem Thiere verurſacht, im Verhältniß zu der Größe meines Opfers und als hätte ich hundertfach mehr Leben zerſtört, als wenn ich ein Thier von ge⸗ ringerer Größe getödtet hätte. Der lange Todeskampf vermehrte dieſe zu ſpäten Gewiſſensſerupeln. Es hatte ſichtbar eine tödtliche Wunde erhalten, aber der Tod konnte noch lange zögern. Ich konnte es nicht verlaſſen, um, noch lebendig, von den Wölfen zerriſſen zu werden, die ſein Blut bereits gewit⸗ tert hatten und in der Ferne lauerten und heulten und meines Weggangs harrten, oder um eine Beute der Raben abzugeben, die umher flatſchten und ihr trauri⸗ ges Krächzen in der Luft hören ließen. Es war jetzt ein Werk des Erbarmens, es zu tödten und ſein Elend zu enden. Ich that daher Pulver auf die Zündpfanne einer der Piſtolen und trat nahe zu dem Büffel. Es war etwas ganz anderes, ſo kaltblütig Feuer zu geben, als in der Hitze der Jagd zu ſchießen. Ich wollte ihn hinter der Vorderſchulter treffen und die Piſtole verſagte diesmal nicht; die Kugel mußte durch das Herz gegangen ſein, denn das Thier zuckte krampfhaft und ſtarb. Während ich über das ſo muthwillig von mir hin⸗ geſtreckte Wrack nachſann und moraliſirte, und mein Pferd neben mir weidete, kam mein Jagdgefährte, der Tauſendkünſtler, zu mir, der, ein Mann von univer⸗ ſellem Geſchick und zumal von mehr Erfahrung und in dem edeln Waidweſen verhärteter, ſofort die Zunge des Büffels heraus zu ſchneiden Anſtalt machte und ſie mir gab, um ſie als ein Siegeszeichen mit in das Lager zu nehmen. Dreißigſtes Kapitel. Ein Gefährte verloren.— Suchen nach dem Lager.— Der Kommiſſär, das wilde Pferd und der Büffel.— Eine Wolfſerenade. Wir wurden jetzt des jungen Grafen wegen beſorgt. Mit ſeinem gewöhnlichen Eifer und Ungeſtüm war er mit ſeinem wilden Pferde hartnäckig der Heerde ge⸗ folgt und wollte nicht zurückkehren, ohne auch einen Büffel getödtet zu haben. So war er ihr fortwährend dahin und dorthin nachgejagt und hatte gelegentlich einen Fehlſchuß gethan, bis man nach und nach Reiter und Heerde in der Entfernung nur noch unbeſtimmt ſah und der ſich hebende Boden und Büſche und Bäume ſie end⸗ lich ganz verbargen. Als mein Freund, der Tauſendkünſtler, zu mir kam, war der junge Graf lange nicht mehr zu ſehen. Wir pflogen Rath üͤber die Sache. Der Abend kam heran. Wollten wir ihm folgen, ſo wurde es dunkel, ehe wir ihn einholten, ſofern wir ſeine Spur nemlich nicht in der Dunkelheit ganz verloren. Wir würden dann viel zu verwirrt ſein, um unſern Weg in das Lager zu fin⸗ den; ſelbſt jetzt würde unſere Rückkehr ſchwer ſein. Wir beſchloſſen daher, ſo ſchnell als möglich in das Lager zu eilen und unſere Meſtizen und einige alte Jäger, die in — 218— den Prairien ſchon mehr gekreuzt hätten, abzuſenden, um unſere Gefährten zu ſuchen. Wir eilten alſo in der Richtung fort, in welcher wir das Lager zu finden glaubten. Unſere müden Pferde konnten kaum zu einem raſchen Schritt gebracht werden. Die Dämmerung nahm zu; die Landſchaft hüllte ſich in ſchwarze Schatten; vergebens ſuchten wir einzelne Merk⸗ zeichen wieder zu finden, die wir am Morgen beachtet hatten. Der Charakter der Prairien iſt ſo einförmig, daß nur der Indianer und der erfahrene Jäger ſich nicht trügen. Endlich brach die Nacht ein. Wir hofften, die fernen Scheine der Lagerfeuer zu ſehen; wir lauſchten, um den Klang der Glocken am Halſe unſerer weidenden Pferde zu hören. Ein⸗ oder zweimal glaubten wir ihn zu vernehmen. Wir irrten. Man hörte nichts als das einförmige Concert der Inſekten und dann und wann das ſchauerliche Geheul der Wölfe, das ſich mit dem Nordwind vermiſchte. Wir begannen zu überlegen, ob wir nicht für die Nacht Halt machen und im Schirme eines Laubdaches bivouaquiren ſollten. Wir hatten Feuer⸗ zeug; an Brennſtoff fehlte es uns nicht; die Zungen un⸗ ſerer Büffel verſprachen ein hinreichendes Abendmahl. Wir wollten eben abſteigen, als wir den Knall einer Büchſe und den Klang des Horns hörten, das die Nacht⸗ wache rief. Wir eilten in dieſer Richtung vorwärts und ſahen bald die Lagerfeuer in der Ferne aus dem dichten Laubwerk eines angeſchwemmten Bodens leuchten. Als wir in das Lager kamen, bot es ſich als einen — 219— Schauplatz roher Jäger⸗Luſt und Schmauſerei dar. Es war ein großer Jagdtag geweſen, an welchem Jeder Theil hatte. Acht Büffel waren getödtet worden. Flak⸗ kernde Feuer brannten auf allen Seiten; Jedermann ſchmauſ'te gebratene Lenden und Markknochen und das ſaftige Bug, ſo ſehr berühmt unter den Epikuren der Prairien. Höchſt vergnügt waren wir, abſteigen und das kräftige Mahl theilen zu können, denn wir waren ſeit dem Morgen auf unſern müden Pferden geweſen, ohne etwas zu eſſen. Unſern würdigen Freund, den Kommiſſär, mit wel⸗ chem wir am Anbruch dieſes begebnißreichen Tags in Geſellſchaft abgereiſ't waren, fanden wir in einer Ecke ſeines Zeltes, todtmüde von den Anſtrengungen einer glücklichen Jagdparthie. uUnſer Diener Beatte hatte, wie es ſchien, in ſeinem Eifer, dem Kommiſſär eine Gelegenheit zu geben, ſich auszuzeichnen und ſeine Waidmannsneigung zu befriedi⸗ gen, ihn ſein halb wildes Pferd beſteigen und einen mächtigen Büffel, der von den Jägern erſchreckt worden, verfolgen laſſen. Das Pferd, das, furchtlos wie ſein Herr, und wie dieſer, ein wenig vom Teufel beſeſſen und überdies mit dem Büffel hinreichend vertraut war, wit⸗ terte und ſah den Büffel kaum, als es wie toll davon jagte und den unfreiwilligen Reiter hierhin und dorthin, er mochte wollen oder nicht, hügelauf und hügelab trug, über Teiche und Bäche ſetzte, über Klüfte und Schluch⸗ ten ſprang, bis es bei dem Büffel war. Statt zur Seite zu weichen, drang es auf den Büffel ein. Der Kommiſſär ſchoß, faſt nur um ſein Leben zu retten, die zwei Läufe ſeines Gewehrs auf den Feind ab. Die Salve traf, war aber nicht tödtlich. Der Büffel kehrte ſich wüthend gegen ſeinen Verfolger. Das Pferd warf ſich, wie ſein Herr es gelehrt hatte, herum. Der Büffel ſtürzte ihm nach. Der würdige Beamte riß in dieſer Noth ſeine einzige Piſtole aus der Halfter, feuerte ſie wie der Kanonier am Spiegel eines Schiffes ab und traf den Büffel voll in die Bruſt, ſo daß er ſchwerfällig zu Boden ſtürzte. Von allen Seiten wegen ſolcher ausgezeichneten That geprieſen, aber jämmerlich zerſchlagen und abgemattet, kehrte der Kommiſſär in das Lager zurück. Er war ge⸗ zwungen ein Schnellreiter und wider Willen ein Sie⸗ ger geweſen. Er war taub gegen alle Komplimente und Glückwünſche, fand wenig Geſchmack an dem Jägerleben, wie er es vorfand und eilte, ſeine Glieder im Zelte aus⸗ zuſtrecken, indem er erklärte, nichts werde ihn vermögen, dieſes verteufelte Indianiſche Pferd wieder zu beſteigen und er ſei für ſein ganzes Leben der Büffeljagd ſatt. Es war jetzt zu dunkel, um noch jemand nach dem Grafen auszuſenden. Man feuerte jedoch Gewehre ab und ließ das Horn manchmal blaſen, um ihm die Rich⸗ tung anzugeben, wenn er vielleicht in die Nähe des La⸗ gers käme; es ward aber ſpät Nacht, ohne daß er er⸗ ſchien. Kein Stern, der ihn hätte führen können, glänzte am Himmel und wir waren der Anſicht, er würde, wo — 221— er auch wäre, die Nachtwanderung aufgeben und bis zum Morgen bivouaquiren. Es war eine rauhe, bedeckte Nacht. Die in der Nahe des Lagers getödteten Büffel hatten eine ungewöhn⸗ liche Menge Wölfe heran gelockt, welche das ſchrecklichſte Concert greinenden Gebells unterhielten, das ſich zu ſcheußlichen Cadenzen und Variationen verlängerte und die Oede umher wörtlich in eine heulende Wildniß verwan⸗ delte. Nichts iſt melancholiſcher als das mitternächtige Geheul der Wölfe auf einer Prairie. Der Gedanke an die verlaſſene und gefährdete Lage unſeres jungen und unerfahrenen Freundes machte das Düſtere und Wilde der Nacht und das furchtbare Concert in der na⸗ hen Einöde nur noch grauſenhafter. Wir hofften jedoch, er werde mit Tagesanbruch den Weg in das Lager fin⸗ den und aller Begebenheiten der Nacht nur als ſchmack⸗ hafter Genüſſe ſeiner Liebe zu Abenteuern gedenken. — 222— Einunddreißigſtes Kapitel. Die Jagd nach einem verirrten Gefährten. Der Morgen brach an und faſt zwei Stunden ver⸗ ſtrichen ohne eine Nachricht vom Grafen. Wir fühlten uns unbehaglich, er möchte, da er keinen Compaß hatte, ſich verirren und in der entgegen geſetzten Richtung fort⸗ eilen. Nachzügler ſind auf dieſe Art oft Tagelang ver⸗ mißt worden; der Graf hatte keine Vorräthe bei ſich, war in der ⸗Wäldlerkunſt⸗ gänzlich unbewandert und konnte in die Hände auflauernder oder herumziehender Wilden fallen. Sobald unſere Leute daher gefrühſtückt hatten, frag⸗ ten wir, wer freiwillig ausziehen und den Grafen ſuchen helfen wolle. Ein Dutzend Jäger auf den beſten und friſcheſten Pferden und mit Büchſen bewaffnet, waren bald zum Aufbruch bereit; unſere Meſtizen, Antoine und Beatte, legten vielen Eifer an den Tag; ſo auch unſer kleiner halb⸗Franzoſe. Hr. L. und ich ſtellten uns ſonach an die Spitze, um die andern auf den Schauplatz un⸗ ſerer geſtrigen Jagd zu führen, wo der Graf uns ver⸗ laſſen hatte, und wir zogen über die Prairie fort. Nach einem kurzen Ritt waren wir bei den Büffeln, die wir geſtern getödtet. Eine Legion gefräßiger Wölfe ſchmaus⸗ ten bereits an ihnen. Als wir heran kamen, entfernten ſie ſich knurrend, wilden, ſchielenden Blicks einige hun⸗ dert Schritte und warteten dort auf unſern Abzug, um wieder an ihr Gelag zu gehen. Ich füͤhrte Beatte und Antoine zu der Stelle, von der aus der Graf die Thiere allein verfolgt hatte. Es war, als brächte man Hunde auf die Witterung. Sie erkannten augenblicklich den Huf ſeines Pferds inmitten des Getrampels der Büffel und brachen in einem raſchen Schritt auf, mit dem Auge in faſt grader Richtung, et⸗ wa eine Stunde die Spur verfolgend, bis wir ſahen, daß die Heerde ſich getheilt und auf einer Wieſe dahin und dorthin gelaufen war. Die Spur der Hufe des Pferdes ward hier unſicher, führte hin und her und durchkreuzte ſich; unſere Meſtizen waren wie irre geführte Hunde. Während wir alle anhielten und warteten, bis ſie ſich in dem Irrgewinde zurecht fänden, ließ Beatte einen kurzen Indianiſchen Ruf oder vielmehr ein Gekläff hören und deutete auf eine ferne Anhöhe. Als wir genau hinſahen, bemerkten wir einen Reiter auf dem Gipfel.„Es iſt der Graf,“ rief Beatte und flog in vollem Galopp davon; die ganze Geſellſchaft ihm nach. Nach wenigen Augenblicken hielt er ſein Pferd an. Ein zweiter Reiter erſchien auf der Höhe. Dies ändert den Fall weſentlich. Der Graf hatte ſich allein verirrt; nur er war im Lager vermißt worden. War einer dieſer Reiter wirklich der Graf, ſo mußte der andere ein In⸗ dianer ſein. War er ein Indianer, ſo war er gewiß ein Pawnee. Vielleicht waren Beide Indianer,— Spione eines in der Nähe lauernden Zuges. Während dieſe und andere Vermuthungen ſchnell beſprochen wurden, verließen die Reiter die Höhe und verſchwanden aus unſern Augen. Einer der Jäger vermuthete, ein Streif⸗ zug Pawnees möchte hinter dem Hügel lauern, und der Graf könnte in ihre Hände gefallen ſein. Der Gedanke hatte eine elektriſche Wirkung auf den Haufen. Im Augenblick war jedes Pferd in vollem Lauf, die Meſtizen voran; die jungen Jäger brachen unterwegs in wildes Freudengeſchrei bei dem Gedanken aus, endlich einen Strauß mit den Indianern zu bekommen. Ein halsbre⸗ chender Galopp führte uns auf den Rand des Hügels und enthüllte unſern Mißgriff. In einer Schlucht fanden wir die zwei Reiter bei einem Büffel, den ſie getödtet hatten. Es fand ſich, daß es zwei Jäger waren, die ein wenig vor uns das Lager unbemerkt verlaſſen hatten und in grader Linie hierher gekommen waren, während wir die Prairie umgangen hatten. Als dieſe Epiſode zu Ende und die plötzliche Er⸗ regung vorüber war, kehrten wir langſam und abgekühlt zu der Wieſe zurück; es dauerte eine Weile, ehe die zwei Meſtizen wieder auf die Spur des Grafen kom⸗ men konnten. Als ſie ſie endlich gefunden, gelang es ihnen, ſie durch alle Kreuzſprünge zu verfolgen, bis ſie, nicht mehr mit den Tritten der Büffel vermiſcht, getrennt und einzeln auf den Prairien umher führte, ſtets aber in einer dem Lager entgegen geſetzten Richtung. Der Graf hatte hier ſichtbar die Verfolgung der Heerde auf⸗ — 225— gegeben und ſich bemüht, den Weg in das Lager zu fin⸗ den, wurde aber durch die dichter werdenden Schatten des Abends verwirrt und hatte die Richtung ganz und gar verloren. Bei dieſem ganzen Suchen zeigten unſere Meſtizen jene Schärfe des Auges, um deßwillen die Indianer beim Verfolgen einer Spur ſo bekannt ſind. Beatte vorzüglich war ſo gut wie ein alter Spürhund. Manch⸗ mal trabte er langſam fort, das Auge feſt auf den Bo⸗ den vor ſeinem Pferde geheftet und im Graſe die Spu⸗ ren deutlich unterſcheidend, die mir nur ganz nahe ſicht⸗ bar wurden. Manchmal hielt er an und ließ ſein Pferd ſachte gehen, den Boden aufmerkſam unterſuchend, wo für mich durchaus nichts zu ſehen war. Dann ſtieg er ab, führte ſein Pferd am Zügdl, ging bedächtig Schritt vor Schritt weiter, das Geſicht zur Erde gebeugt und da und dort ein zufälliges Zeichen der unbeſtimmteſten Art erhaſchend, das ihn führte. Zuweilen verlor er da, wo der Boden hart und das Gras verdorrt war, die Spur ganz und mußte ſie rückwärts und vorwärts, rechts und links ſuchen; wobei er oft dahin zurück kehrte, von wo er abgegangen war und das Suchen von neuem begann. Mißlang dies, ſo unterſuchte er die Ufer der Bäche um⸗ her, die ſandigen Gründe der Schluchten, in der Hoff⸗ nung, eine Spur zu finden, wo der Graf ſie durchſchrit⸗ ten hatte. Kam er wieder auf die Spur, ſo beſtieg er ſein Pferd und ritt vorwärts. Endlich kamen wir, nach⸗ dem wir über einen Bach geritten, an deſſen bröcklichen Irving's Reiſe. 15 — 226— ufern die Hufe des Pferdes tief eingedrückt waren, auf eine hohe, trockene Prairie, wo unſere Meſtizen vollkom⸗ men irre wurden. Keine Hufſpur war zu ſehen, obgleich ſie in allen Richtungen ſuchten; Beatte hielt endlich inne und ſchüttelte den Kopf ſehr kleinmüthig. In dieſem Augenblick ſprang ein kleines Rudel Rehe, die in einer nahen Schlucht aufgejagt worden, vorbei. Beatte eilte vom Pferd, hob ſeine Büchſe und verwun⸗ dete ein Thier leicht, ohne daß es jedoch geſtürzt wäre. Dem Knall der Büchſe folgte faſt unmittelbar ein langer Ruf aus der Ferne. Wir ſchauten uns um, konnten aber nichts ſehen. Ein zweites, langes Halloh folgte und endlich ſahen wir einen Reiter aus dem Saum des Waldes hervor kommen. Wir erkannten den jungen Grafen auf den erſten Blick. Ein allgemeiner Freuderuf folgte; alles riß aus und galoppirte dahin, um ihn zu begrüßen. Es war ein frohes Zuſammentreffen von bei⸗ den Seiten, denn wir waren alle wegen ſeiner Jugend und Unerfahrenheit in großer Beſtürzung, und er ſelbſt ſchien, bei all ſeiner Liebe für Abenteuer, ungemein zu⸗ frieden, daß er wieder bei ſeinen Freunden war. Er hatte, wie wir vermuthet, am vorigen Abend die Richtung gänzlich verloren und war umher geirrt, bis es dunkel wurde, wo er ſich zum Bivouac entſchloſ⸗ ſen. Die Nacht war kühl; er fürchtete aber, ſich ein Feuer anzumachen, weil er ſich ſo einem lauernden Zug Indianer verrathen hätte. Er feſſelte ſein Pferd mit ſeinem Taſchentuch, ließ es am Saum der Prairie weiden, —— — 227— erkletterte einen Baum, befeſtigte ſeinen Sattel in der Gabel der Aeſte, lehnte ſich mit dem Rücken gegen den Stamm und ſchickte ſich an, eine traurige und ängſtliche Nacht hinzubringen, wobei ihn das Geheul der Wölfe dann und wann erfreute. Er wurde angenehm getäuſcht. Die Mühen des Tags führten einen geſunden Schlaf herbei; er träumte lieblich von ſeiner Schweizer⸗Heimath und erwachte erſt, als die Sonne glänzend am Himmel ſtand. Er eilte nun von ſeinem Ruheplätzchen nieder, be⸗ ſtieg ſein Pferd und ritt auf den nackten Gipfel eines Hügels, von wo aus er eine ſpurloſe Oede um ſich ſah, aber nicht ferne den Grand Canadian erblickte, der ſich zwiſchen waldigen Ufern hinwälzte. Der Anblick dieſes Fluſſes tröſtete ihn mit dem Gedanken, er könnte, wenn er den Weg zum Lager nicht zurück fande, oder von ſeinen Gefährten nicht gefunden würde, dem Laufe des Fluſſes folgen, der ihn wohl zu einem Grenzpoſten oder India⸗ niſchen Dorfe führen müßte. So endigten die Abenteuer unſerer Büffeljagd. 15* Zweiunddreißigſtes Kapitel. Eine Republik von Prairie⸗Hunden. Als wir von dieſem unſerm Ausfluge zurück kamen, erfuhren wir, daß man eine Höhle, oder wie man es nennt, ein„Dorf⸗ von Prairie⸗Hunden auf dem ebenen Gipfel einer Höhe, eine kleine Stunde vom Lager ent⸗ deckt habe. Spät am Nachmittag brach ich mit einem Gefährten auf, es zu beſuchen. Der Prairie⸗Hund iſt ein kleines Thier, von der Größe eines Kaninchens, le⸗ bendig, gefühlvoll, raſch, flüchtig und etwas lüſtern. Er iſt geſellig und wohnt in zahlreichen Gemeinſchaften, die oft viele Morgen Landes inne haben, beiſammen; die ausgetretenen Pfade zeugen von der Beweglichkeit und Ruheloſigkeit der Bewohnerſchaft. Sie ſcheinen in der That ſtets mit Spielen, Geſchäften und öffentlichen Ange⸗ legenheiten zu thun zu haben, fegen nach allen Seiten umher, als beſuchten ſie ihre gegenſeitigen Lager; ver⸗ ſammeln ſich unter freiem Himmel und ſpielen an den kühlen Abenden nach Regengüſſen mit einander. Manch⸗ mal bringen ſie die halbe Nacht in Jubel hin und bellen und kläffen leiſe, wie junge Hunde; beim geringſten Lärmen verſchwinden ſie in ihre Höhlen und das Dorf iſt leer und ſtill. Wenn ſie überraſcht werden und nicht fliehen konnen, nehmen ſie ein kampfluſtiges Weſen und eine ſehr komiſche Miene unmachtigen Zorns und Trotzes an. Die Prairie⸗Hunde ſind jedoch nicht die einzigen Be⸗ wohner dieſer Dörfer. Eulen und Klapperſchlangen ſol⸗ len bei ihnen wohnen, man ſtreitet aber noch, ob als eingeladene Gäſte oder als unwillkommene Eindringlinge. Es iſt dies eine beſondere Eulenart, lebendigeren Blickes, höher gebaut und raſcheren Fluges als die gewöhnlichen Eulen; auch fliegen dieſe am hellen Tage umher. Manche behaupten, ſie bewohnten nur die zerfallenen Höhlen der Prairie⸗Hunde, welche die Letztern in Folge des Todes eines Verwandten verlaſſen haben; denn die Empfind⸗ lichkeit dieſer ſeltſamen, kleinen Hunde ſcheint es nicht zuzulaſſen, daß ſie da wohnen, wo ſie einen Freund ver⸗ loren haben. Andere ſagen: die Eulen ſeien eine Art Häushälterinnen bei dieſen Hunden und, weil der Ton ihrer Stimme dem der Hunde ſehr ahnlich iſt, behauptet man ſogar, ſie lehrten die junge Brut bellen und ver⸗ träten ſonach die Stelle eines Hauslehrers. Die Klapperſchlange angehend, ſo erfuhren wir nichts Genügendes über die Rolle, welche ſie in dieſem anzie⸗ henden Haushalt ſpielt. Man will wiſſen, ſie ſei eine bloße Schmarozerin und Gaunerin und gehe mit den ehrbaren, leichtgläubigen, kleinen Prairie⸗Hunden ſehr ſchmahlich um; aus dem Umſtande, daß man ſie dann und wann mit einem Jungen aus der Familie in ihrem Rachen erwiſcht, ſchließt man, ſie erquicke ſich ohne — 230— Zweifel heimlich mit mehr als den gewöhnlichen Abfällen einer armen in der Familie Geduldeten. Die Nachrichten, welche ich von dieſen geſelligen und klugen kleinen Thieren erhalten hatte, machten, daß ich mich dem Dorfe mit großem Intereſſe näherte. Leider war es während des Tags von einigen Jägern beſucht worden, welche ſogar einige Bewohner geſchoſſen hatten. Der ganze Freiſtaat war daher gekränkt und erzürnt. Schildwachen ſchienen auf den Außenpoſten zu ſtehen; als wir uns näherten, zogen ſich die Pikets zurück und machten Lärm, worauf jeder der klugen Bewohner, die an den Eingängen ihrer Höhlen ſaßen, ein kurzes Bellen oder Kläffen hören ließ und in die Tiefe eilte, wobei ihre Ferſen beim Hinablaufen in der Luft blinkten als wenn ſie Burzelbäume ſchlügen. Wir durchſchnitten das ganze Dorf, das einen Raum von ungefähr dreißig Morgen einnahm. Nicht Ein Be⸗ wohner war zu ſehen. Jede der unzähligen Höhlen hatte einen kleinen Erdhügel umher, den die kleinen Thiere beim Aufwühlen aufgeworfen hatten; die Höhlen waren, ſo weit wir ſie mit den Ladſtöcken unſerer Büchſen unterſuchen konnten, leer und wir konnten weder Hund noch Eule noch Klapperſchlange herauslocken. Wir entfernten uns daher ſtill eine kleine Strecke, legten uns auf den Bo⸗ den und lauſchten ſtumm und bewegungslos. Allmählich ſtreckten einige vorſichtige, alte Inſaſſen in der Nähe die Spitzen ihrer Naſen heraus, zogen ſie aber ſogleich wie⸗ der zurück. Andere, etwas entfernter, kamen ganz her⸗ — 231— aus, als ſie uns aber ſahen, machten ſie einen Burzel⸗ baum und krochen in ihre Höhlen hinab. Endlich flößte die lange Stille den Bewohnern der entgegen geſetzten Seite des Dorfes Muth ein, ſie ſchlichen heraus und eil⸗ ten in eine benachbarte Höhle, gleichſam zur Wohnung eines Verwandten oder plauderſüchtigen Freundes, um ſich ihre Bemerkungen über die letzten Begehniſſe mit⸗ zutheilen. Andere, noch kühnere, verſammelten ſich in kleinen Gruppen in den Straßen und auf den öffent⸗ lichen Plätzen, um die neuern, dem Freiſtaat angethanen Kränkungen und den grauſamen Mord ihrer Mitbürger zu beſprechen. Wir erhoben uns und gingen leiſe hinan, um ſie näher zu betrachten, als es klaf! klaf! klaf! von Mund zu Mund ging. Plötzlich war alles in der Flucht. Wir ſahen eben noch Füße in allen Richtungen blinken, worauf ſie alle im Nu in die Erde verſchwanden. Das Abenddunkel machte unſern Beobachtungen ein Ende; aber noch ſpät in der Nacht, nach unſerer Rück⸗ kehr in das Lager, hörten wir ein ſchwaches Wehklagen aus dem fernen Dorfe, als wenn deſſen Bewohner in großer Verſammlung irgend eine hohe in ihrem Staate gefallene Perſon bejammerten. — 232— Dreiunddreißigſtes Kapitel. Berathung im Lager.— Gründe zur Rückkehr.— Verlorne Pferde.— Rückreiſe mit einer Abtheilung.— Moor.— Wilde Pferde.— Lagerſcene bei Nacht.— Die Eule, Vorbote der 4 Dämmerung. Während man das Frühſtück bereitete, wurde über unſere künftigen Bewegungen Rath geflogen. Zeichen der Unzufriedenheit hatten ſich die letzten Tage unter den Jägern kund gethan, welche größtentheils, an das Prairien⸗Leben nicht gewöhnt, über deſſen Entbehrungen ſo wie über den Zwang des Lagers ungeduldig geworden waren. Der Mangel an Brod ward ſchwer gefühlt und ſie waren des ſteten Marſches müde. Die Neuheit und Erregung des Ausflugs war allerdings zu Ende. Sie hatten Rehe, Bären, Elenthiere, Büffel und wilde Pferde gejagt und ſahen keinem fernern Gegenſtande von hohem Intereſſe mehr entgegen. Die allgemeine Stimmung ſprach ſich daher für die Rückkehr in die Heimath aus. Wichtige Gründe beſtimmten den Kapitän und ſeine Offiziere, ſich dazu zu entſchließen. Unſere Pferde wa⸗ ren alle durch die Beſchwerden der Reiſe und der Jagd ſehr abgetrieben und, weil es an guter Weide fehlte und wir ſie zum Schutz gegen Indianiſche Freibeuterei feſſeln mußten, jämmerlich zuſammengefallen. Auch ſchie⸗ nen die letzten Regen die Nahrung von den dürftigen Weiden, die noch blieh, weggeſpült zu haben; ſeit un⸗ 235— ſerm Lager während des letzten Ungewitters hatten un⸗ ſere Pferde an Kraft und Fleiſch meiſtens abgenommen. Wie beſorgt man auch ſein mag, auf einer Reiſe über die Prairien verlieren die an Getraide und die regel⸗ mäßige und mehr als hinreichende Nahrung des Stalles und der Farm gewöhnten Pferde Kraft und Muth. Bei allen Zügen, wie wir ſie unternahmen, ſind die ſtarken Indianiſchen Pferde, durchgehends Muſtangs⸗ oder Miſchlingen von der wilden Rage, vorzuziehen. Sie er⸗ tragen alle Mühſeligkeiten, Beſchwerden und Entbehrun⸗ gen, und leben von dem Graſe und den wilden Kräu⸗ tern der Ebenen. Auch waren unſere Leute ziemlich rückſichtslos zu Werk gegangen; ſobald ſich eine Gelegenheit gezeigt hatte, waren ſie davon und dem Wilde nachgejagt, das uns unterwegs aufſtieß. So hatten ſie ihre Pferde ermüdet und abgetrieben, ſtatt ihre Kraft, ihren Muth zu Rathe zu halten. Auf einer ſolchen Reiſe muß das Pferd ſo lange wie möglich in einem ruhigen Schritte bleiben und eine Tagreiſe darf im Durchſchnitt nicht mehr als vier Wegſtunden betragen. Wir hatten, indem wir vorwärts drangen, gehofft, die Niederungen des Red River zu erreichen, wo junges Rohr in Ueberfluß ſich findet, ein in dieſer Jahreszeit ſehr nahrhaftes Futter für das Vieh. Auch war dies die Zeit, wo die Indianiſchen Jäger die Prairien anſtecken: das Gras war in dieſem ganzen Gebiete in jenem trock⸗ nen Zuſtande, wo es leicht zündet, und die Gefahr wuchs — 234— von Tag zu Tag, die Prairien möchten von einem der heimkehrenden Oſagen⸗Züge angeſteckt werden und wir eine dürre Wüſte durchziehen müſſen. Kurz, wir waren zu ſpät aufgebrochen oder hätten während des erſten Theils unſeres Ausflugs zu ſehr gezaudert, um den ei⸗ gentlich beabſichtigten Reiſeplan noch in Ausführung brin⸗ gen zu können: ſetzten wir die Reiſe wieder fort, ſo mußten wir fürchten, den größten Theil unſerer Pferde zu ver⸗ lieren und waren, vieler anderer Unbequemlichkeiten nicht zu gedenken, genöthigt, zu Fuß zurückzukehren. Es wurde daher beſchloſſen, nicht weiter vorzudringen, ſondern uns ſüdöſtlich zu wenden und ungeſäumt nach Fort Gibson zurück zu reiſen. Sobald dieſer Entſchluß gefaßt war, beeilte ſich alles eifrig, ihn in Ausführung zu bringen. Es fehlten jedoch viele Pferde, unter andern die des Kapitäns und des Arztes. Mam war ihnen nachgeeilt, aber der Tag ſtand ſchon hoch und noch hatte man nichts von ihnen gehört. Da unſere Geſellſchaft mittlerweile ganz marſch⸗ fertig war, beſchloß der Kommiſſär, mit ſeinem anfäng⸗ lichen Geleite von einem Lieutenant und 14 Jägern, vor⸗ auszureiſen, dem Kapitän es überlaſſend, nach Belieben mit der übrigen Schaar nachzufolgen. Sonach brachen wir unter der Leitung Beatte's, der auf dieſem Gebiete gejagt hatte und den graden Weg nach der Garniſon kannte, um zehn Uhr auf. Eine Zeitlang zogen wir in ſüdöſtlicher Richtung am Saume der Prairien hin und fahen unterwegs eine Menge Thiere— Rehe, weiße — 235— und ſchwarze Wölfe, Büffel und wilde Pferde. Auf die letztern machten unſere Meſtizen und Toniſch vergeblich Jagd und vermehrten nur die Erſchlaffung ihrer bereits abgetriebenen Pferde. In der That werden bei einem ſo hitzigen Wett⸗ rennen nur die ſchwächern und minder flinken Pferde eingefangen, während das Pferd des Jägers zu Grunde zu gehen pflegt. Der letztere wagt wirklich ein gutes Pferd, um ein ſchlechtes zu fangen. Bei dieſer Gelegenheit gelang es Toniſch, der zu Pferd ein wahrer Teufel war und den Ruf hatte, jedes Pferd, das er ritt, zu Grund zu reiten, den ſtarken Grauen, den er beim Antritt unſerer Reiſe beſtiegen hatte, zu lähmen und faſt ganz unbrauch⸗ bar zu machen. Nach einem Ritt von wenigen Stunden verließen wir die Prairie und wandten uns öſtlich, einen alten Oſage⸗Kriegspfad, wie ihn Beatte nannte, einſchlagend. Dieſer führte durch einen rauhen, von gebüſchartigem Wald und verſchlungenem Dickicht bedeckten Landſtrich, der von tiefem Geklüft und friſchen Bächen, den Quellen des Little River, durchſchnitten war. Gegen drei Uhr lagerten wir uns in einem kleinen Thal an einigen Teichen— wir mochten ſechs Wegſtunden zurückgelegt haben. Wir hatten von unſerm letzten Lager einen Vor⸗ rath von Lebensmitteln mitgebracht und thaten uns güt⸗ lich an geſchmortem Büffelfleiſch, gebratenem Wildpret, Roſtſchnitten oder in Bärenfett geröſteten Mehlküchlein, — 236— und Thee, der aus einer Art Goldruthe(solidago L.), die wir auf unſerm ganzen Wege als ein eben ſo ange⸗ nehmes Getränk und wie den Kaffee genoſſen, gemacht wurde. Freilich war unſer Kaffee, der, ſo lange er dauerte, zu jedem Mahle gegeben wurde, wie dies im Weſten überhaupt Sitte iſt, kein Getränke, deſſen wir uns rühmen konnten. Er wurde in einer Bratpfanne ohne große Sorgfalt geröſtet, mit einem veſten Stein in einem ledernen Sack zerſtoßen und in unſerm erſten und einzigen Küchengeräthe, dem Lagerkeſſel, in Zweig⸗ oder Bachwaſſer gekocht, das in den Prairien die Fär⸗ bung des Bodens annimmt, von dem es ſtets eine reiche Maſſe aufgelöſ'ter und ſich auflöſender Theilchen enthält. Wir hatten wirklich auf dieſer Reiſe die Eigenſchaft der verſchiedenſten Bodenarten gekoſtet und unſer Trinkwaſſer konnte an Mannigfaltigkeit der Farbe, wenn nicht des Geſchmacks, mit den⸗Tincturen einer Apotheke wetteifern. Reines Quellwaſſer iſt, wenigſtens in dieſer Jahreszeit, eine Ueppigkeit auf den Prairien. Nach dem Nachteſſen ſtellten wir Schildwachen um unſer kleines und zuſammengeſchmolzenes Lager aus, breiteten Felle und Tücher unter den Bäumen aus, die nun faſt alles Laubes beraubt waren, und ſchliefen köſt⸗ lich, bis der Morgen graute. Der Tag brach herrlich an. Das Lager hallte aber⸗ mals vom Jubel wieder; jeden belebte der Gedanke, bald wieder in dem Fort zu ſein und ſich an Brod und. Gemüſen zu erlaben. Selbſt unſer mürriſcher Diener Beatte ſchien jetzt begeiſtert; als er die Pferde zum Ab⸗ marſch herbeiführte, hörte ich ihn ein ſehr verkümmertes Indianiſches Liedchen mit näſelnder Stimme ſingen. Alle dieſe vorübergehende Heiterkeit erlag bald unter den Beſchwerden unſeres Marſches, der über eben ſo rauhe Hügelchen und durch ſo verwachſene Gegenden führte, wie geſtern. Wir kamen noch am Morgen in das Thal des Little River, der ſich durch einen breiten Grund von ange⸗ ſchwemmtem Boden hinſchlängelte. Jetzt war er über ſein Ufer getreten und überſchwemmte einen großen Theil des Thals. Es war ſchwer, den Fluß von den breiten Waſſerſchichten, die er gebildet hatte, zu unterſcheiden und eine Furth durch denſelben zu finden; denn er war allgemein tief und ſchlammig und die Ufer ſteil und ge⸗ klüftet. Wir ritten daher unter Beatte's Leitung eine Zeitlang durch dieſe von dem ſich windenden Fluſſe ge⸗ bildeten Kettenglieder, in einem uns ſpurlos ſcheinenden Labyrinth von Moor, Dickicht und ſtehenden Teichen. Manchmal ſchleppten unſre müden Thiere ihre Glie⸗ der mit der größten Mühe vorwärts, da ſie eine große Strecke mit dem Waſſer bis zu dem Steigbügel heran zu kämpfen hatten, während der Boden mit Wurzeln und kriechenden Gewächſen bedeckt war. Manchmal muß⸗ ten wir uns durch wildes Dickicht von Buſchwerk und Weinranken arbeiten, das uns faſt aus den Sätteln riß. Einmal ſank eines der Packpferde in das Moor und ſtürzte zur Seite, ſo daß es nur mit Mühe wieder herausgezogen werden konnte. Wo der Boden nackt oder — 238— eine Sandbank war, ſahen wir unzählige Spuren von Bären, Wölfen, Büffeln, wilden Pferden, Truthühnern und Waſſervögeln, die zeigten, welche reiche Beute der Jäger ſich in dieſem Thale verſprechen konnte; unſere Leute waren aber der Jagd ſatt und zu ermüdet, um durch dieſe Zeichen, welche ſie bei dem Antritt unſerer Reiſe in ein Fieber freudiger Erwartung verſetzt haben würden, erregt zu werden. Es gelang uns endlich, eine Furth zu finden, wo wir durch Waſſer und Schlamm bis zu dem Sattelgurt überſetzten und dann anderthalb Stunden anhielten, um das naſſe Gepäck herüber zu holen und den Pferden Zeit zum Ausruhen zu geben. Nachdem wir wieder aufgeſtiegen waren, kamen wir an eine freundliche kleine Wieſe, die von Ulmen und Baumwollenſtauden umſchattet war, und in deren Mitte ein ſchöner⸗Rappe weidete. Beatte, der voran ritt, winkte uns, zu halten und näherte ſich mit ſeiner Stute langſam Schritt vor Schritt dem Pferde, indem er das Wiehern des Thieres mit wunderbarer Genauig⸗ keit nachmachte. Der edle Prairie⸗Renner ſah eine Zeitlang hin, ſog die Luft ein, puhſtete, ſpitzte die Oh⸗ ren und ſtreifte in ſtolzen Sätzen rund um die Stute her, hielt ſich aber zu entfernt, als daß ihm Beatte das Lariat hätte umwerfen können. Es war ein prachtvolles Geſchöpf in dem ganzen Stolz und der Schönheit ſeiner Natur. Es war bewundernswerth, das edle und ſtolze Tragen ſeines Kopfs, die Freiheit jeder Bewegung und — —— — 239— die Schwungkraft zu ſehen, mit welcher er über die Wieſe trabte. Da Beatte es unmöglich fand, ihm nahe genug zu kommen um die Schlinge zu brauchen, und ſah, daß das Pferd zurückwich und unruhig ward, gleitete er langſam vom Sattel herab, legte die Büchſe auf den Rücken ſeiner Stute und zielte in der unverkennbaren Abſicht, es zu zeichnen. Mir bangte um die Erhaltung des edeln Thieres und ich rief Beatte zu, abzuſtehen. Es war zu ſpät. Er drückte los, als ich redete. Zum Glück ſchoß er nicht mit ſeiner gewöhnlichen Genauigkeit und ich hatte die Freude, den kohlſchwarzen Hengſt un⸗ verletzt in den Wald davonjagen zu ſehen. Dieſes Thal verlaſſend, ſtiegen wir wieder zerklüf⸗ tete Hügel empor und kamen durch rauhe verwachſene Wälder, die Roſſe und Reiter zumal erſchöpften. Die Schluchten waren von rothem Thon und oft ſo ſteil, daß die Pferde beim Niederſteigen die Füße zuſammen⸗ zuſtellen und ganz hinabzurutſchen pflegten und dann die andere Seite wie Katzen hinauf klettern mußten. Dann und wann fanden wir in dem Dickicht der Thäler Schleen und virginiſche Dattelpflaumen und der Eifer, mit welchem die Leute aus der Marſchlinie ſtürzten, und dieſe armen Früchte zu ſammeln eilten, zeigte, wie ſehr ſie ſich, nachdem ſie ſo lange ausſchließlich von Fleiſch gelebt, nach vegetabiliſcher Nahrung ſehnten. Gegen halb drei Uhr lagerten wir uns an einem Bache, auf einer Wieſe, wo ſich für unſere halbver⸗ hungerten Pferde eine ſpärliche Weide darbot. Da Beatte — 240— im Laufe des Tags ein fettes Reh und einer der J Jäger einen Truthahn geſchoſſen hatten, fehlte es uns nicht an Lebensmitteln. Es war ein prachtvoller Herbſtabend. Nach Son⸗ nenuntergang nahm der Himmel eine helle apfelgrüne Farbe an, die zu inem zarten Braunroth ſtieg und ſich allmählich in ein efes Purpurblau verlor. Ein ſchmaler Wolkenſtreif von lahagony⸗Farbe, hell⸗ und goldgelb geſäumt, floß im Weſten dahin und grade über ihm er⸗ ſchien der Abendſtern, in reinem Diamantglanz funkelnd. Mit dieſer Scene harmonirte das Abendconcert von Inſekten mannichfacher Art, das in einem ruhigen und etwas melancholiſchen Tone zerſchmolz, der, wie ich ſtets gefunden habe, eine wohlthuende Wirkung auf den Geiſt hat, indem er ihn zu ruhigem Nachdenken ſtimmt. Wir hatten wieder eine ſchöne Nacht. Die ermü⸗ deten Jäger ſanken, nachdem ſie ſich eine Zeitlang leiſe an den Feuern unterhalten hatten, in tiefen Schlaf. Der Mond, jetzt in ſeinem zweiten Viertel, leuchtete ſchwach und, nachdem er untergegangen, glänzten die Sterne, und Sternſchnuppen durchkreuzten die Luft. Es iſt ergötzlich, bei einem ſolchen Bivouac auf den Prairien, hingeſtreckt zu den Sternen aufzuſchauen; es iſt, als ſaͤhe man ſie von dem Verdeck eines Schiffes zur See. Man verwirk⸗ licht bei ſolchen einſamen Scenen den Verkehr mit die⸗ ſem ſchönen Lichtkörper, welcher Sternkundige aus den Hirten des Morgenlandes machte, während ſie bei Nacht ihre Heerden bewachten. Wie oft habe ich mich beim — 241— Anblick ihres milden und holden Glanzes der ſchönen Worte Job's erinnert:„Kannſt du den geheimnißvollen Einfluß der Plejaden binden, oder die Bande des Orion löſen?⸗ Ich weiß nicht, wie es kam, aber ich fühlte mich dieſe Nacht ungewöhnlich von der feierlichen Größe des Firmaments ergriffen und glaubte, während ich un⸗ ter dem offenen Himmelsgewölbe lge, mit der reinen Luft eine erheiternde Erhebung des Seiſtes und doch eine liebliche Ruhe der Seele einzuathmen. Ich ſchlief und wachte abwechſelnd und wenn ich ſchlief, theilten meine Träume die glückliche Färbung meines wachen Traäu⸗ mens. Gegen Moͤrgen kam eine der Wachen, der älteſte Mann des Zugs, und ſetzte ſich zu mir; er war müde und ſchläfrig und harrte der Ablöſung mit Ungeduld. Ich ſah, daß auch er zum Himmel aufblickte, aber mit andern Gefühlen.„Wenn die Sterne mich nicht täu⸗ ſchen,“ ſagte er:„ſo iſt der Tag nahe.⸗ „Daran iſt nicht zu zweifeln,⸗ ſagte Beatte, der dicht dabei lag:„ich habe ſo eben eine Eule gehört.⸗ „Schreit denn die Eule gegen Tagesanbruch?⸗ fragte ich. „Ja, Herr, grade wie der Hahn kräht!⸗Ich hatte dieſe nützliche Gewohnheit des Vogels der Weisheit bis⸗ her nicht beachtet. Weder die Sterne noch die Eule täuſchten die, welche an ſie glaubten. Bald erſchien ein ſchwacher Lichtſtreifen im Oſten. Irving's Reiſe. 8— 242— Vierunddreißigſtes Kapitel. Altes Creek⸗Lager.— Mangel an Lebensmitteln.— Schlechtes Wetter.— Ermüdender Weg.— Eine Jägerbrücke. Die Gegend, auf welche wir dieſen Morgen(den 2. November) kamen, war weniger rauh und von freundlicherem Anblick, als die, welche wir die letzte Zeit durchzogen. Um eilf Uhr kamen wir auf eine weite Prairie und ſahen etwa zwei Stunden zu unſerer Lin⸗ ken eine lange grüne Waldlinie, welche den Lauf des nördlichen Arms des Arkanſas bezeichnete. An dem Saum der Prairie und in einem geräumigen Walde, deſſen ſtolzes Lauhwerk einen Bach beſchattete, fanden wir die Spuren eines alten Jagdlagers der Creeks. An der Rinde der Bäume waren rauhe mit Kohlen gemachte Umriſſe von Jägern und Squaws(Weibern), mit manch⸗ fachen Zeichen und Hieroglyphen, welche nach der Aus⸗ legung unſerer Meſtizen bedeuteten, daß die Jäger von hier nach Haufe gezogen waren. In dieſem ſchönen Lagergrunde hielten wir unſere Mittagsruhe. Während wir unter den Bäumen lagen, hörten wir in nicht großer Entfernung ein Jauchzen und ſofort kamen der Kapitän und ſeine ganze Mannſchaft, die wir zwei Tage vorher verlaſſen hatten, aus dem Gebüſch, ſetzten über den Bach und wurden freudig in — 243— dem Lager bewillkommt. Es war dem Kapitän und dem Doktor nicht gelungen, ihrer Pferde habhaft zu werden; ſie mußten alſo den größten Theil des Wegs zu Fuß gehen; aber ſie waren mit mehr als gewöhnlicher Eile nachgekommen. Wir traten unſern Weg um ein Uhr an, hielten uns öſtlich und näherten uns dem North Fork in ſchie⸗ fer Richtung. Es war ſpat, als wir einen guten Lager⸗ platz fanden; die Bette der Bäche waren trocken; auch die Prairien waren an vielen Plätzen von Indianiſchen Jägerzügen verbrannt; endlich fanden wir in einem kleinem Alluvial⸗Gebiet Waſſer und erträgliche Weide. Am folgenden Morgen leuchtete der Blitz im Oſten, der Donner grollte entfernt und um den Himmel ſam⸗ melten ſich Wolken. Beatte prophezeihte, es würde reg⸗ nen und der Wind ſich nach Norden wenden. Unterwegs ſahen wir ein Volk Kraniche vor uns, die aus Norden kamen. ⸗Da kommt der Wind!⸗ ſagte Beatte und wirk⸗ lich begann er faſt augenblicklich von dorther zu wehen, dann und wann von Regenſchauern begleitet. Um halb zehn Uhr gingen wir durch den nördlichen Arm des Ca⸗ nadian und bezogen gegen ein Uhr das Lager, um un⸗ ſern Jägern Zeit zu geben, die Umgegend nach Wild zu durchſtreifen. Das Lager war wirklich in großer Noth wegen der Lebensmittel. Die meiſten Jäger wa⸗ ren jung, unvorſichtig und unerfahren und ließen ſich, wenn Vorrath genug da war, nicht bewegen, IFleiſch aufzuheben und auf ihren Pferden mitzunehmen, um für 16* — 244— die Zukunft zu ſorgen. Wenn wir aus einem Lager zo⸗ gen, pflegten ſie eine Menge Fleiſch umher liegen zu laſſen, der Vorſehung und ihren Büchſen die Sorge für „Morgen anheim gebend. Die Folge war, daß ein zeit⸗ licher Mangel an Wild oder Unglück auf der Jagd faſt eine Hungersnoth im Lager veranlaßte. Sie hatten eine Menge Büffelfleiſch in dem Lager auf der großen Prairie gelaſſen und da ſie ſeitdem ſtarke Märſche gemacht hat⸗ ten, die ihnen keine Zeit zur Jagd ließen, waren ſie nun alles Vorraths baar und vom Hunger gequält. Manche hatten ſeit dem vorigen Morgen nichts gegeſſen. Nichts würde ſie überredet haben, als ſie in dem Büf⸗ fel⸗Lager in Ueberfluß ſchwelgten, daß ſie ſo bald dem Mangel blos geſtellt ſein könnten. Die Jäger kehrten mit unbedeutendem Erfolg zu⸗ rück. Indianiſche Jasdparthien, welche uns voran gegan⸗ gen, hatten das Wild aus dieſer Gegend weggeſchreckt, zehn bis zwölf Truthühner wurden geſchoſſen, aber Roth⸗ wild war nicht zu ſehen. Die Grenzer begannen Trut⸗ hühner und ſelbſt Prairie⸗Hennen der Aufmerkſamkeit werth zu halten; früher glaubten ſie ihre Büchſen zu entweihen, wenn ſie auf ſie ſchöſſen. Die Nacht war kalt und windig; zuweilen regnete es; aber flackernde Feuer erhielten uns bei gutem Muth. In der Nacht zog ein Flug wilder Gänſe unter großem Geſchnatter über dem Lager zin— Anzeige des hern⸗ kommenden Winters. Wir ritten am nächſten Morgen zu guter Stunde — 245— in nordöſtlicher Richtung weiter und kamen auf den Pfad eines Zugs Creek⸗Indianer, auf welchem unſere Pferde bequem fort konnten. Wir erreichten eine ſchöne ebene Gegend. Von einer Erhöhung hatten wir eine pracht⸗ volle Ausſicht auf weite Prairien, mit Gebüſch und Wäl⸗ dern lieblich wechſelnd und von langen Linien ferner Hö⸗ hen begrenzt und alles in die reichen ſanften Farben des Herbſtes gekleidet. Auch das Wild war wieder häufiger. Ein ſchöner Bock ſprang aus dem Graſe zu unſerer Rechten und ſchoß in voller Eile dahin, aber ein junger Jäger, Childers genannt, der zu Fuß war, hob ſeine Büchſe und ſchickte ihm eine Kugel nach, die dem ſich bäumenden Thiere den Hals zerſchmetterte und es hinſtreckte. Ein zweiter Bock, ein Reh und viele Trut⸗ hühner wurden geſchoſſen, ehe wir Halt machten, ſo daß die Hungrigen in der Schaar ſich wieder ſättigen konnten. Nach einem forcirten Ritt von zehn Stunden, der eine ſchwere Prüfung für die Pferde war, lagerten wir uns um drei Uhr in einem Waldraum. Der Vortrab war ſchon lange im Lager, als die übrigen, zu zwei oder drei, zögernd nachkamen. Vier Stunden früher war eines unſerer Packpferde und bald nachher ein kleines, Beatte gehöriges Thier, liegen geblieben. Viele der an⸗ dern Packpferde ſahen ſo abgemagert und ſchwach aus, daß man Zweifel hegte, ob ſie das Fort erreichen könn⸗ ten. In der Nacht regnete es heftig und der Morgen brach umwölkt und düſter an. In dem Lager wurde jedoch die frühere Heiterkeit wieder ſo ziemlich laut. Die — 246— Jäger hatten gut zu Abend gegeſſen und faßten, im Ge⸗ danken an die baldige Ankunft im Lager, friſchen Muth. Ehe wir den Narſch antraten, kam Beatte zurück und hrachte mit vieler Müye ſein Pferdchen in das Lager. Das Packpferd war jedoch gänzlich unbrauchbar und mußte durchaus zurück gelaſſen werden. Die wilde Stute hatte vor Erſchöpfung ihr Füllen fallen laſſen und war nicht im Stande, weiter zu gehen. Sie und das Füllen wur⸗ den daher im Lager gelaſſen, wo es Waſſer und gute Weide gab und wo ſie ſich vielleicht erholen und wieder aufgeſucht und in das Fort gebracht werden konnten. Um acht Uhr brachen wir auf und hatten einen ſchwe⸗ ren und angreifenden Tagesmarſch theils über rauhe Hö⸗ hen, theils über rollende⸗Prairien. Der Regen hatte den Boden erweicht und ſchlüpfrig gemacht, ſo daß man keinen ſichern Tritt hatte. Viele Jäger ſtiegen ab, da ihre Pferde die Kraft nicht mehr hatten, ſie zu tragen. Im Laufe des Morgens machten wir Halt; die Pferde waren zu müde, um zu weiden; viele legten ſich nieder und es koſtete Mühe, ſie wieder auf die Füße zu bringen. Unſer Zug war gar kläglich anzuſehen, wie er ſich in einer unter⸗ brochenen und zerſtreuten Linie, die ſich eine Stunde und länger über Hügel und Thal ausdehnte, in weit ge⸗ trennten Gruppen von drei oder vier Mann, theils zu Pferd, theils zu Fuß, und fern im Nachtrab einige Nach⸗ zügler, langſam fortbewegte. Gegen vier Uhr machten wir in einem geräumigen Waldplatze an einem tiefen, ſchmalen Fluß, der Little North Fork oder Deep Creek — 247— genannt, Halt. Es ward ſpät, bis ſich die zerſtreute Hauptſchaar in dem Lager ſammelte; mehrere Pferde waren liegen geblieben. Da der Fluß zu tief war, um ihn zu durchwaten, ſo erwarteten wir den nächſten Tag, um Mittel zu erſinnen, hinüber zu kommen; unſere Me⸗ ſtizen ſchwammen aber mit den Pferden unſerer Geſell⸗ ſchaft ſchon am Abend über den Strom, da ſie beſſere Weide drüben fanden und der Fluß ſichtbar anſchwoll. Die Nacht war kalt und ſtürmiſch; der Wind ſaußte un⸗ geſtüm durch den Wald und wirbelte die dürren Blätter umher. Wir machten aus großen Baumſtämmen mäch⸗ tige Feuer, welche, wenn auch keine Heiterkeit, doch ei⸗ rige Behaglichkeit, rings verbreiteten. Am nächſten Morgen erfolgte eine allgemeine Er⸗ naubniß, bis zur Mittagsſtunde zu jagen, da das Lager chne Vorrath war. Das ſchöne, waldige Thal, in wel⸗ chem wir uns gelagert hatten, wimmelte von wilden Trut⸗ kühnern, von denen man eine beträchtliche Anzahl ſchoß. Nittlerweile wurden Vorbereitungen getroffen, um den Auß, der in der Nacht mehrere Fuß geſtiegen war, zu üherſchreiten; man beſchloß, Bäume zu fällen und ſich derſelben als Brücken zu bedienen. Der Kapitän und de: Doktor, nebſt einigen andern im Waldweſen bewan⸗ deiten Obermännern des Lagers, unterſuchten mit gelehr⸗ ten Auge die an dem Ufer wachſenden Bäume, bis ſie einge von der erſten Größe und dem zweckmäßigſten Stade auswählten. Die Art wurde nun kräftig an ihre Wuzeln gelegt, ſo daß ſie grade über den Fluß fallen mußten. Da ſie nicht bis zu dem andern Ufer reichten, mußten einige Leute hinüber ſchwimmen und drüben Bäume fällen, welche jenen begegneten. Es gelang ih⸗ nen endlich, über das tiefe und reißende Waſſer eine unſichere Art Brücke zu bauen, auf welcher das Gepäck hinüber gebracht werden konnte; es war aber nothwen⸗ dig, daß wir Schritt vor Schritt uns über die Stämme und Hauptäſte der Bäume hintappten, und da dieſe einen Theil des Wegs verſenkt waren, oft bis zum Gürtel im Waſſer wateten. Die meiſten Pferde ſchwam⸗ men über den Fluß; einige waren jedoch zu ſchwach, um der Strömung zu widerſtehen und ſichtbar zu ſehr her⸗ abgekommen, um fernere Reiſebeſchwerden zu ertragen. Zwoͤlf Mann erhielten daher Befehl, bei dieſen Pferden im Lager zu bleiben, his Ruhe und gute Weide ſie hinreichend hergeſtellt hatte, um die Reiſe fortzuſetzen; der Kapitän verſprach, den Leuten, ſogleich nach ſeiner Ankunft im Fort, Mehl und anderes Erforderliche z4 überſenden. * — 249— Funfunddreißigſtes Kapitel. Der Ausguck nach Land.— Harter Marſch und hungriger Halt.— Ein Grenz⸗Farmhaus.— Ankunft im Fort. Kurz nach ein Uhr ſetzten wir unſere mühſame Reiſe fort. Der übrige Theil des Tags und der ganze fol⸗ gende Tag wurden in beſchwerlichem Marſche hingebracht. Der Weg führte theils über ſteinige Hügel, theils über weite Prairien, welche der letzte Regen ſumpfig und kothig gemacht und mit Bächen, die ſeine Ströme an⸗ ſchwollen, durchbrochen hatte. Unſere Pferde waren ſo ſchwach, daß es ſchwer war, ſie über die tiefen Schluch⸗ ten und die ungeſtümmen Fluthen zu bringen. Auf den verſumpften Ebenen ſchwankten und gleiteten ſie bei je⸗ dem Schritte aus; die meiſten von uns mußten abſtei⸗ gen und den größten Theil des Wegs zu Fuß gehen. Der Hunger machte ſich in der Schaar bemerklich; je⸗ dermann fing an ängſtlich und wirr drein zu ſehen und die wachſende Länge jeder fernern Stunde zu fühlen. Einmal erkletterte Beatte, als wir über einen Hügel kamen, einen hohen Baum, von welchem man eine weite Ausſicht hatte, um, wie der Matroſe von dem Haupt⸗ maſt zur See, einen Ausguck zu haben. Er kam mit erheiternder Kunde herab. Zur Linken hatte er einen quer durch die Gegend ſich erſtreckenden Waldſtrich ent⸗ deckt, in welchem er das waldige Ufer des Arkanſas erkannte; und in der Ferne hatte er gewiſſe Landzeichen — 250— geſehen, die ihn ſchließen ließen, daß wir nicht mehr über ſechszehn Stunden von dem Fort entfernt wären. Seine Nachricht war für uns, was der willkommenſte Ruf „Land!⸗ für den vom Sturm zerſchellten Matroſen iſt. MWMirklich ſahen wir bald aus einem fernen waldigen Thale Rauch aufſteigen. Man glaubte, dieſer rühre von einer Jagdparthie von Creek⸗ oder Oſage⸗Indianern in der Nähe des Forts her und begrüßte ihn freudig als den Vorboten von Menſchen. Wir hofften zuverläßig, bald zu den Grenzdörfern der Creek⸗Indianer zu ge⸗ langen, welche an dem Saum der unbewohnten Oede ent⸗ lang zerſtreut ſind, und unſere hungrigen Jäger eilteu mit neu belebtem Muthe vorwärts, ſich einſtweilen an dem köſtlichen Vorgenuß der Leckereien in den Farm⸗ häuſern labend und jeden guten Biſſen herzählend, bis ihnen bei dem ſo heraufbeſchwornen Schattenſchmauß der Mund wäſſerie. Eine hungrige Nacht beſchloß jedoch einen mühſeli⸗ gen Tag. Wir lagerten uns an einem in den Arkanſas fließenden Bach, unter den Trümmern eines ſtattlichen Waldes, den ein Sturm niedergeriſſen hatte. Der Wind hatte ſich in einer ſchmalen Säule durch den Wald Bahn gebrochen und ſein Weg war durch ungeheure zerriſſene, zerſchleißte, niedergeſtürzte Bäume, deren Wurzeln in die Luft emporſtanden, bezeichnet: alle lagen in einer Richtung, ſchwachem, von dem Jäger zerbrochenem und niedergetretenem Schilfrohr ahnlich. Hier hatten wir Brennholz in Ueberfluß und es bedurfte der Axt nicht. Bald hatten wir mächtige Feuer, die in die froſtige Luft empor flammten und flackerten und den ganzen Wald erleuchteten; aber ach, wir hat⸗ ten nichts daran zu kochen. Der Nahrungsmangel im Lager ſtieg faſt zur Hungersnoth. Glücklich, wer ein Stück eingemachtes Fleiſch oder auch nur die halb ab⸗ genagten Knochen eines frühern Mahles hatte! Wir ſelbſt waren glücklicher an unſerm Feuer als unſere Nachbarn, da einer unſrer Leute ein Truthuhn geſchoſſen hatte. Wir hatten kein Brod dazu, und auch kein Salz, um ihm Geſchmack zu geben. Es wurde blos in Waſſer gekocht; das letztere wurde als Suppe aufgetragen und wir freuten uns, jeden Biſſen des Vogels an dem leeren Salzpack zu reiben, in der Hoffnung, deſſen Geſchmack⸗ loſigkeit mit einem kleinen Salztheilchen zu würzen. Die Nacht war bitterkalt; das helle Mondlicht fun⸗ kelte auf den Eiskryſtallen, welche alles um uns her be⸗ deckten. Das Waſſer gefror an dem Fell auf dem wir ſchliefen und am Morgen fand ich das Tuch, in das ich mich gehuͤllt hatte, mit Reif bedeckt; dennoch hatte ich nie ſo gut geſchlafen. Nach einem Schatten von einem Frühſtück, aus Truthuhn⸗Knochen und einer Taſſe Kaffee ohne Zucker beſtehend, brachen wir zu guter Stunde auf; denn der Hunger iſt ein guter Sporn auf der Reiſe. Die Prai⸗ rien funkelten im Reif, der die hohen Kräuter bedeckte und in der Sonne ſpielte. Wir ſahen große Flüge von Prairie⸗Hennen, die von Baum zu Baum flatterten oder in Reihen auf den nackten Zweigen ſaßen, harrend, bis die Sonne den Reif von Kräutern und Gräſern abſtreifte. Unſere Jäger verachteten dieſes arme Wild nicht mehr, ſondern verließen die Reihen, um eine Prai⸗ rie⸗Henne ſo eifrig zu verfolgen, wie ſie früher einem Reh nachgejagt waren. Jeder eilte nun vorwärts, ſich ſehnend, vor Nacht eine menſchliche Wohnung zu erreichen. Die armen Pferde wurden über ihre Kräfte angeſtrengt, da man hoffte, ſie durch Ruhe und reichliches Futter für die jetzige Mühe zu entſchädigen. Aber die Entfernung ſchien ſich mehr als je auszudehnen und die blauen Berge, die man uns als Landzeichen am Horizont gezeigt hatte, zurückzutre⸗ ten, je weiter wir kamen. Jeder Schritt wurde beſchwer⸗ lich; jeden Augenblick legte ſich eines der armen Pferde nieder; ſein Herr pflegte es mit aller Gewalt aufzu⸗ rütteln, an den Rand eines Baches zu führen, wo ſich einiges Futter fand und es dann ſeinem Schickſal zu überlaſſen. Unter den auf dieſe Weiſe zurückgelaſſenen war ein Handpferd des Grafen, ein herrliches Thier, das bei der wilden Pferde⸗Jagd ſtets voran geweſen. Man beabſichtigte jedoch, ſogleich nach der Ankunft im Fort eine mit Getraide verſehene Abtheilung abzuſchicken, um die überlebenden Pferde zurückzubringen. Im Laufe des Morgens kamen wir auf Indianiſche Spuren, welche ſich in verſchiedenen Richtungen durch⸗ kreuzten; ein Beweis, daß wir in der Nähe menſchlicher Wohnungen waren. Nachdem wir durch einen Waldſtrich — 253— gekommen waren, ſahen wir endlich an dem Saume ei⸗ ner Prairie zwei oder drei von hohen Baͤumen über⸗ ſchattete Blockhäuſer, die Wohnungen von Creek⸗India⸗ nern, die kleine Farmen umher hatten. Wären es prachtvolle, von allen Ueppigkeiten der Civiliſation ſtroz⸗ zende Villen geweſen, ſo hätten ſie nicht mit größerem Entzücken bewillkommt werden können. Einige Jäger ritten zu ihnen hinan, um etwas ge⸗ gen den Hunger zu ſuchen; die meiſten jedoch eilten weiter, um die Wohnung eines weißen Anſiedlers auf⸗ zuſuchen, die nicht ferne ſein ſollte. Der Haufe ver⸗ ſchwand bald unter den Bäumen und ich folgte langſam ihrer Spur, denn mein früher ſo raſches und edles Roß ſchwankte unter mir und konnte eben noch einen Fuß dem andern nachſchleifen; ich war aber zu müde und erſchöpft, um es zu ſchonen. So ſchlichen wir langſam fort, bis ſich am Saum einer dichten Waldgruppe plötzlich ein Grenz⸗Farmhaus dem Auge darbot. Es war ein niedriges Blockhaus, von ſtolzen Bäumen überſchattet; es ſchien aber, als ob ein wahres Schlaraffenland ſich ringsum ausdehnte. Da war ein Stall, dort Scheuer und Speicher, von Ueberfluß ſtrotzend, während Legionen grunzender Schweine, gluck⸗ ſender Truthühner, kackelnder Hennen und ſich brüſtender Hahne um den Farmhof ſchwärmten. MNein armes abgejagtes und halb verhungertes Pferd hob den Kopf, und ſpitzte bei dieſen wohlbekann⸗ ten Zeichen und Tönen die Ohren. Er ließ einen gluck⸗ — 254— ſenden Ton, etwa wie ein trockenes Lachen hören, be⸗ wegte den Schweif und machte eine ſchnelle Abtrifft ge⸗ gen eine Futter⸗Krippe, die mit goldnen Maiskörnern gefüllt war, und nur mit Mühe hielt ich ihn ein und leitete ihn zu der Thüre der Hütte. 8 Ein einziger Blick in das Innere reichte hin, um jedes feinſchmeckeriſche Vermögen in Bewegung zu ſetzen. Da ſaßen der Kapitän der Jäger und ſeine Offiziere um einen dreibeinigen Tiſch mit einer großen, dampfen⸗ den Schüſſel voll gekochten Rindfleiſches und Rüben be⸗ ſetzt. Ich ſprang augenblicks von meinem Pferde, ließ es frei den Weg zur Maiskrippe ſuchen und trat in die⸗ ſen Palaſt des Ueberfluſſes. Eine dicke, gutmüthige Negerin empfing mich am Eingang. Sie war die Ge⸗ bieterin des Hauſes, die Gemahlin des weißen Mannes, der abweſend war. Ich begrüßte ſie als eine ſchwarze Fee der Wildniß, die plötzlich ein Feſtmahl in die Oede hervorgezaubert; und ein Feſtmahl war es wirklich. Im Nu zog ſie einen großen Topf vom Feuer, der mit einer der berühmten Aegyptiſchen Fleiſchtöpfe oder dem Hexen⸗ keſſel in Macbeth hätte wetteifern können. Sie ſtellte eine braune irdene Schüſſel auf den Boden, neigte das mächtige Gefäß auf die eine Seite und heraus ſprangen verſchiedene große Stücke Rindfleiſch, ein Regiment von Rüben purzelte nach und eine reiche Cascade von Kraft⸗ brühe ſtrömte über das Ganze. Dies übergab ſie mir mit einem von Ohr zu Ohr gehenden Elfenbein⸗Lächeln, und entſchuldigte ſich des armen Mahles und des ſchlech⸗ —— — 255— ten armen Geräthes wegen, in der es aufgetragen wurde. Armes Mahl! Armes Geräthe! Gekochtes Rindfleiſch und Rüben— und eine irdene Schüſſel, aus der man aß! Wie konnte ſie daran denken, ſich bei einem halbver⸗ hungerten Mann aus den Prairien wegen eines ſolchen Schmauſes zu entſchuldigen?— und dann die köſtlichen Schnitten Brod und Butter! O Apicius, welch ein Schmaus! Als die„Hungerwuth“ geſtillt war, dachte ich an mein Pferd, fand aber, daß es ſelbſt für ſich geſorgt hatte, indem es eifrigſt an der Maisbrippe beſchäftigt war und an den Körnern naſchte, die ſich zwiſchen den Sparren vorſchoben. Der Kapitän und ſeine Leute blie⸗ ben die Nacht inmitten der Fülle des Farmhauſes, aber meine unmittelbaren Reiſegefährten ſehnten ſich in der Oſage⸗Agentſchaft anzulangen. Ein Ritt von einer halben Stunde brachte uns an die Ufer des Arkanſas. Hier fanden wir ein Canon und eine Anzahl Creek⸗Indianer, welche uns halfen, unſer Gepäck unterzubringen und die Pferde über den Fluß zu führen. Ich fürchtete, die armen Thiere wür⸗ den nicht Kraft genug haben, durch die Strömung zu ſchwimmen, aber das Indianiſche Korn hatte ihnen friſches Leben und Muth eingeflößt und man ſah, daß ſie der Nähe der Heimath, wo Ruhe und volles Futter ihrer harrte, ſich bewußt waren. Faſt drei Stunden, die wir durch Wälder zu reiſen hatten, gingen ſie von ſelbſt in leichtem Galopp und wir erreichten Abends bei ⸗ guter Zeit die Agentſchaft am Ufer des Verdigris River, die wir vor ungefähr einem Monate verlaſſen hatten. Hier brachten wir die Nacht in vortrefflicher Her⸗ berge hin; wir hatten uns aber die letzten Wochen ſo ſehr daran gewöhnt, ganz im Freien zu ſchlafen, daß uns die beſchränkten Gemächer anfangs läſtig erſchienen. Am nächſten Morgen kehrte ich, in der Geſellſchaft meines würdigen Gefährten, des Kommiſſärs, nach Fort Gibſon zurück, wo wir ſehr zerriſſen, reiſebeſchmutzt und von Wind und Wetter mitgenommen, aber vergnügt und geſund ankamen. Und ſo endigte mein Streifzug in das Pawnee⸗Jagdgebiet. fſſiff