—— ——— 3 ſas Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur „ von. 3 Eduard Oftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und JCeſebedingungen. 1. Offensein der, Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 5. .3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 6 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt:.— für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————— auf 1 Monat: 1 Ner— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „ 3„„„„=„„, 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zexriſſene, verlorene und defeete Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß dor Ladenpreis erſetzt werden.— J das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer ſumn Erſatz des Ganzen verpflichtet.— 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 4 ſ —— Waſſhington Irving's ſaͤmmtliche Werke. Acht und dreißigſtes bis vierzigſtes Baͤndchen. — Humoriſtiſche Geſchichte von Rew⸗York, (im Auszuge.) ———— 3 Frankfurt am Main, 1829. Gedruckt und verlegt bei Johann David Sauerländer. —,— * Humoriſtiſche Geſchichte von New-York, von Anbeginn der Welt bis zur Endſchaft der hollaͤndiſchen Dynaſtie, worin, unter vielen erſtaunlichen und merkwürdigen Din⸗ gen, abgehandelt ſind die unausſprechlichen Erwägungen Walters des Zweiflers, die vom Ünſtern verfolgten Pro⸗ jecte Wilhelms des Eigenſinnigen, und die ritterlichen Thaten Peters des Starrköpfigen, der drei holländiſchen Gouverneure von New⸗Amſterdam:— als die einzige authentiſche Hiſtorie dieſer Zeiten, ſo jemals an's Licht geſtellt worden oder werden wird. In ſieben Buüchern. Von. Dietrich Knickerbocker. (Verfaſſer des Skizzenbuchs.) Aus dem Engliſchen überſetzt. De Waarheid die in Duiſter lag, Die komt met flaarheid aan den Dag. ————B—B—B—B—B—B—B—B— Frankfurt am Main, 1829. Gedruckt und verlegt bei Johann David Sauerländer. Vorrede des Ueberſetzers. (Auszug eines Briefes an den Verleger.) Ihre Frage über die paſſendſte Bearbeitung der humo⸗ riſtiſchen Geſchichte von New⸗York, die jetzt zum erſten Male vor das deutſche Publikum tritt, kann ich nach Durchleſung nur dahin beantworten, daß ſie ſich aller⸗ dings für Ihre Geſammtausgabe beſonders eignet. Ich finde ſie, bis auf einige Gedehntheiten, trefflich, echt hu⸗ woriſtiſch, und noch friſcher als die ſpäteren niederländi⸗ ſchen Skizzen deſſelben Verfaſſers, deren Wiederholung oder Variirung der beſte Beweis für uns iſt, daß die erſten Verſuche darin(eben dieſe Geſchichte von New⸗ York) ausgezeichnete Aufnahme fanden. Statt der 5 oder 6 Bändchen, welche das Volumen des Originals angibt, könnten wir uns jedoch füglich mit 3 bis 4 be⸗ gnügen, weil doch Manches etwas fremd und zu gedehnt für unſer deutſches Publikum iſt, und gedrängter werden die ſatyriſchen Scenen auf jeden Fall mehr Effekt machen. Ich finde kein Blatt in dieſem Werke, wo nicht ein gu⸗ ter Witz, komiſcher Gedanke, treffender Einfall vorkäme; wie ſehr der trockne, unſchuldige Ton der Erzählungen Irving's feſſelt, iſt bekannt, und ſo macht es früheren Unter⸗ nehmern gleich wenig Ehre, daß ſie die Bearbeitung, weil das Werk etwas zu ausführlich iſt, ganz unterkaſſen, als Anderen, daß ſie Schriften wie die Nordamerikaner von 3 Cooper zu ſo hohem Preis und in der ganzen Breite dem Publikum übergeben haben. Ich zeichne für einen prüfenden Kenner einige Stellen im Verlaufe des Buches, die beſonders witzig und cha⸗ rakteriſtiſch ſind, und den Ton der chronikartigen Erzäh⸗ lungsweiſe genau angeben. Dieſe Art der Auffaſſung iſt in ihrer Art einzig und höchſt originell, weil ſie in fort⸗ laufenden Karrikaturbildern höchſt ähnlich und treu ſchil⸗ dert, wie überhaupt echte Karrikaturen ſeyn müſſen, eine Auffaſſung, die wir aber im hiſtoriſchen Felde, in dieſer ernſthaften Verbindung der Geſchichte und Poeſte, nicht kennen. Wenn Shakſpeare in anderer Form die hohe Poeſte der Geſchichte bewunderungswürdig getroffen hat, ſo eignet unſerem Humoriſten das Verdienſt, die nie⸗ dere Poeſie der Geſchichte, oder die poetiſche Nieder⸗ länderei, in gegenwärtiger Heldenhiſtorie, welche mit mannichfaltigen ſkurrilen Bildern und Einfällen glücklich ausgeſtattet iſt, auf eigenthümliche Weiſe begründet und in dieſer neuen Gattung ſogleich ein Muſter aufgeſtellt zu haben. Der Anfang mit Erſchaffung der Welt, worin Irving die Chronikenſchreiber parodirt, verbirgt Reſultate gelehr⸗ ter Forſchungen, geiſtreiche Anſichten und ſchöne Lichtblicke unter der Schalksmaske. Dieſe an ſich ernſten Präludien haben viel mit Herders Ideen zur Philoſophie der Ge⸗ ſchichte gemein und ſchließen ſich trefflich an Irving's Co⸗ lumbus an, indem ſie Andeutungen zur Urgeſchichte Ame⸗ rika's enthalten. Nachricht uͤber den Verfaſſer. Wenn ich mich recht erinnere, ſo war es im Herbſt 1808, daß ein Fremder in's Independent⸗Columbian⸗ Hotel in der Mulberry⸗Straße kam, deſſen Gaſtwirth ich bin, und ein Logis begehrte: ein kleiner, grämlich ausſehender alter Herr in einem abgeſchabten ſchwarzen Rock, olivenfarbenen ſammtnen Beinkleidern und einem kleinen aufgekrempten Hut. Seine wenigen grauen Haare waren glatt nach hinten geſtrichen und ſein Bart ſtand in Stoppeln von circa 48 Stunden. Der einzige Staat, den er an ſich hatte, waren ein Paar viereckige ſilberne Schuhſchnallen, und ſein ganzes Gepäck beſtand aus ei⸗ nem Felleiſen, das er unterem Arm trug. Sein Aeuße⸗ res hatte etwas Außergewöhnliches, und meine Frau, welche einen geübten Blick hat, erklärte ihn auf der Stelle für einen bedeutenden Landſchulmeiſter. Da wir nicht viel Platz in unſerm Gaſthof haben, wußte ich nicht recht, wohin mit ihm. Aber meine Frau, welcher er beſonders zu gefallen ſchien, gab ihm ſogleich unſer Familienzimmer, mit unſern Silhouetten von be⸗ rühmten Meiſtern geſchmückt und mit ſchöner Ausſicht auf die Straße, gerade dem Spital gegenüber. Die ganze Zeit, wo er bei uns wohnte, fanden wir einen gutmüthigen alten Mann an ihm, der aber ein we⸗ nig wunderlich war. Er blieb ganze Tage auf ſeinem Zimmer, und wenn in ſeiner Nähe eins von den Kindern ſchrie oder lärmte, ſo ſprang er plötzlich mit einer Hand voll Papiere heraus, und ſprach von Conſuſion in ſei⸗ — 8 nen Ideen“, woraus meine Frau ſchloß, daß es bei ihm im Oberſtübchen nicht richtig ſey. Hierauf ließ denn Manches ſchließen. Denn in ſeinem Zimmer lag alles von Papieren und Büchern durcheinander, die Niemand anrühren durfte. Einmal wurde in ſeiner Abweſenheit das Zimmer rein gemacht; wie ſchimpfte er da, ſagte, alles ſey aus ſeiner Ordnung und nun nicht mehr aus dem Labyrinth zu kommen. Und doch hatte er zuvor oft ſtundenlang nach Papieren geſucht, die er gut aufgehoben zu haben verſicherte. Meine Frau konnte nicht umhin, ihn zu fragen, was er mit ſo vielem Zeug denn anfange. Seine Antwort: adaß er die Unſterblichkeit ſuche,» beſtätigte ſie noch mehr in ihrer Vermuthung über den Gemüthszuſtand des alten Mannes. Er war ein recht eifriges Männchen; wenn er nicht auf dem Zimmer ſaß, lief er den ganzen Tag in der Stadt nach Neuigkeiten herum und bekümmerte ſich viel um die Wahlen. Zu Hauſe aber ſchimpfte er auf beide Partheien, die der Nation noch die Röcke vom H— n reißen würden. Unter den Nachbarn galt er als ein Orakel; beſonders am Nachmittage, wo ſie ſich um ihn ſammelten, wenn er auf der Bank am Thor ſein Pfeif⸗ chen rauchte; und gewiß würde er alle auf ſeine Seite gebracht haben, wenn ſie nur jemals hätten klar kriegen können, was er eigentlich meinte. Meine Frau verlor endlich, weil gar keine Zahlung erfolgte, die Geduld, und gab ihm zu verſteben, daß es Zeit wäre,«daß gewiſſe Leute von gewiſſen Leuten Geld zu ſehen bekämen.“ Der alte Herr antwortete ſehr ſtolz, ſie ſolle ſich keine Ungelegenheiten machen, er habe da drinnen(auf den Mantelſack deutend) einen Schatz, der ihr ganzes Haus aufwiege. Da er nie etwas anderes zur Antwort gab, auch bedeutende Männer zu Verwand⸗ ten hatte, ſo wollte ſie ihn am Ende frei bei ſich hauſen laſſen, wenn er nur ihren Kindern dafür Unterricht im Buchſtabiren geben wollte, vielleicht auch noch den Nach⸗ barskindern dazu; aber das nahm der alte Herr gewaltig übel und ſie durfte nicht wagen, dieſe Saite je wieder zu b erühren. Ungefähr zwei Monate darauf ging er eines Morgens mit einem Bündelchen in der Hand aus— und ließ nichts weiter von ſich hören. Alle Nachforſchungen waren vergebens, eben ſo verſchiedene Anzeigen in den Zeitungen. Nun glaubte meine Frau, daß wir nicht länger ſäu⸗ men dürften, uns ſeiner Habe zu bemächtigen. Im Bei⸗ ſeyn ſeines Freundes, des Stadtbibliothekars, ſchritten wir zur Eröffnung ſeines Mantelſacks. Aber es fand ſich darin nichts als Stücke von alten zerriſſenen Hoſen und ein dicker Stoß beſchriebenes Papier. Dieſes letztere wollte der Bibliothekar für den Schatz gehalten haben, da es eine treffliche und gewiſſenhaft treue Geſchichte von New⸗York ſey, welche herauszugeben er uns ſehr anrieth, da wir damit unſere Rechnung zehnfach be⸗ zahlt bekämen. Ein ſehr gelehrter Schulmeiſter, der Lehrer unſerer Kinder, hat ſich an dieſe Arbeit gemacht und viele ſchätzbare Anmerkungen beigefügt. Dieß ſind alſo die Gründe, warum ich das Buch ge⸗ 3 — 10— druckt habe, ohne die Einwilligung des Verfaſſers abzu⸗ warten, und ich erkläre hiermit, daß, wenn er je zurück⸗ kommen ſollte,(woran ich jedoch leider zweifeln muß), ich wie ein ehrlicher Mann mit ihm abrechnen werde. Eines hochzuverehrenden Publikums unterthäniger Diener Seth Handaſide. Independent⸗Columbian⸗Hotel, New⸗York. Das Vorſtehende wurde der erſten Ausgabe dieſes Werkes vorangedruckt. Bald nach dem Erſcheinen deſſel⸗ ben erhielt Herr Handaſide einen Brief von Knickerbocker, aus einem kleinen holländiſchen Dorf am Hudſon datirt, wo er ſich aufhielt, um einigen alten Ueberlieferungen nachzuſpüren. Da dieß eines jener glücklichen Dörfer war, die noch keine Zeitungen kennen, ſo durfte man ſich nicht wundern, daß er erſt ſpät und durch bloßen Zufall von jener Verfügung über ſeinen Nachlaß etwas erfuhr. Er äußerte ſeinen Schmerz über das allzufrühe Er⸗ ſcheinen, welches verſchiedene Verbeſſerungen und Nach⸗ träge vereitelt habe, Bei einer weiteren Reiſe hatte er die guten alten holländiſchen Sitten, die er geſchildert, ſehr verändert gefunden. In Albani erndtete er zwar großes Lob, aber man wies ihm dort einige grobe Irrthümer nach, beſon⸗ ders den von dem Klumpen Zucker, der zu gemeinſchaft⸗ lichem Gebrauch über den Theetiſchen von Albany hänge, — 11— eine Sitte, die ſeit mehreren Jahren abgeſchafft worden, und dergleichen mehr, wie auch Fehler hinſichtlich der Ge⸗ nealogieen, welche in dieſem republikaniſchen Lande viele Unruhe machen. Der Gouverneur drückte ihm zu verſchiedenen Malen die Hand und obgleich er von einem anderen politiſchen Bekenntniß war, ging er doch ſo weit, daß er eines Tages nach Tiſch an ſeiner Tafel erklärte, Knickerbocker ſey ein recht wohlmeinender alter Mann, und kein Narr! Dieſem nach hätte er vielleicht unter andern Umſtänden zu einer Notar⸗ oder Friedensrichterſtelle gelangen kön⸗ nen!— Einige gingen noch weiter und ſchätzten ihn ſo⸗ gar ſo hoch, wie ſeine Verwandte bei'm Congreß. Da er die Aufgabe ſeines Lebens mit der Publication ſeiner Geſchichte als beſchloſſen anſah, hätte er ſich nun noch auf zwei Dinge, auf's Politiſiren oder auf's Trin⸗ ken legen können, aber er that keins von beiden, da er für ſo etwas zu gute moraliſche Grundſätze hatte. Zwar verſuchte er noch, an einer zweiten Auflage zu arbeiten, um ſeinem Ruhm Dauer, ſeinem Werk authen⸗ tiſches Anſehn— die Seele der Geſchichte— zu ver⸗ ſchaffen. Allein der Lichtblick der Compoſition war ver⸗ glommen, er war unſicher und zweifelnd im Aendern und Verbeſſern geworden, und brachte nichts mehr zu Stande. Endlich kehrte er nach ſeiner Vaterſtadt New⸗York zurück und erlebte hier die ganze Glückſeligkeit eines be⸗ rühmten Mannes. Man trug ihm die Fertigung aller möglichen Anzeigen, Petitionen, Billets ꝛc. an, und 8 obgleich er nie etwas mit den öffentlichen Blättern zu ſchaffen hatte, ſo wollte man ihn doch überall, in unzäh⸗ ligen Verſuchen und beißenden Ausfällen von den verſchie⸗ denartigſten Richtungen, lediglich«an ſeinem Styly erkennen. Außerdem contrahirte er eine große Schuld auf der Briefpoſt, durch die vielen unfrankirten Schreiben, die er von Schriftſtellern und Druckherrn um Unterſchrift er⸗ hielt; wohlthätige Geſellſchaften, die ſich an ihn wand⸗ ten, wurden gern von ihm bedacht, da er dieſe Einla⸗ dungen als ſo viele Complimente anſah, Eine Menge Ehren wurden ihm angethan. Er konnte nicht mehr un⸗ bemerkt über die Straße gehen, und oft liefen ihm die Jungen nach, wenn er mit Stock und dreieckigem Hut durch die Gaſſen zog, und ſchrieen: ada geht der Diet⸗ rich!— welches dem alten Herrn nicht wenig gefiel, da er in dieſen Begrüßungen den Schall des Nachruhms vernahm. Die größte Ehre widerfuhr ihm durch eine überaus lobende Anerkennung in dem kritiſchen Blatt: Portfolio; und dieſe Gerechtigkeit übermannte ihn ſo ſehr, daß er zwei Tage krank danieder lag. Kurz, man muß beken⸗ nen, daß keinem Schriſtſteller je ſo hoher Lohn zu Theil ward, oder ſo im Voraus die Unſterblichkeit zu genießen gegeben wurde. Die Stuyveſants räumten ihm, wegen der ruhmwür⸗ digen Verewigung ihres großen Verwandten einen länd⸗ lichen Aufenthalt auf einem Familiengute ein. Er wohnte dort ſehr freundlich an den Geſtaden eines der Salz⸗ ſümpfe jenſeits Corlears⸗Haken, an einer Stellc, die zwar — 13— öfteren Ueberſchwemmungen ausgeſetzt war und im Som⸗ mer von Moskito's wimmelte, aber ſonſt recht angenehm war, und viel Salzgras, wie auch Farrenkräuter hervorbrachte. Hier erkrankte denn der gute alte Mann ſehr bedenk⸗ lich an einem Fieber von den benachbarten Salzſümpfen. Als er ſein Ende herannahen ſah, ordnete er ſeine welt⸗ lichen Angelegenheiten und vermachte ſeine geiſtige Hin⸗ terlaſſenſchaft der hiſtoriſchen Geſellſchaft in New⸗York, ſeine werthvollſten Bücher der Stadtbibliothek und ſein Felleiſen dem Hrn. Handaſide. Er vergab allen ſeinen Feinden, d. h. allen, die etwas Schlimmes gegen ihn im Schilde führten, denn von ſich ſelbſt bekannte er, daß er in Frieden mit der ganzen Welt von dannen fahre; nach Anbefehlung einiger Botſchaften und Grüße an verſchie⸗ dene Verwandte und dicke Freunde unter den holländi⸗ ſchen Burgern, verſchied er in den Armen ſeines treuen Gefährten, des Bibliothekars. Seine ſterblichen Ueberreſte wurden nach ſeinem Wil⸗ len auf dem St. Markus⸗Kirchhof, neben den Gebeinen ſeines Lieblingshelden, Peter Stuyveſant, begraben, und es heißt, die hiſtoriſche Geſellſchaft wolle ihm auf dem Raſen ein hölzernes Denkmal errichten laſſen. An das Publikum. «Um das Andenken vergangener Dinge der Vergeſſen⸗ heit zu entreißen und vielen großen und wunderbaren Tha⸗ ten unſerer holländiſchen Vorfahren den gerechten Tribut des Nachruhms zu verſchaffen, ſtellt Dietrich Knicker⸗ 8 bocker, aus New⸗York gebürtig, dieſen hiſtoriſchen Ver⸗ ſuch an's Licht.) Wie Herodotus, der große Vater der Geſchichte, deſſen Worte ich ſo eben anf mich angewandt, handle ich von längſt vergangenen Dingen, über welche das Zwielicht der Ungewißheit bereits ſeine Schatten ge⸗ worfen hat und auf welche die Nacht der Vergeſſenheit bereits unerbittlich herabzuſteigen im Begriff war. Mit großer Beſorgniß ſah ich ſchon lange die Geſchichte die⸗ ſer ehrwürdigen alten Stadt dem Erfaſſen unſerer Hände entrinnen, auf den Lippen des redſeligen Alters erzittern und tagtäglich ein Stück nach dem andern in's Grab ſin⸗ ken. Wie kurze Zeit noch, dachte ich, und jene ehrwür⸗ digen holländiſchen Bürger, wankende Denkmäler der gu⸗ ten alten Zeiten, werden zu ihren Vätern verſammelt ſeyn; ihre Kinder, von verführeriſchen Vergnügungen oder unbedeutenden Beſchäftigungen in Anſpruch genom⸗ men, werden es verſäumen, mit den Erinnerungen der Vergangenheit zu geizen, und die Nachwelt wird ſich vergebens nach Memoiren aus den Tagen der Patriarchen umſehen. Der Urſprung unſerer Stadt liegt dann in ewiger Vergeſſenheit begraben und ſelbſt die Namen und Thaten eines Wouter Van Twiller, eines Wilhelmus Kieft und Peter Stuyveſants, erſcheinen gleich denen des Romulus und Remus, Karls des Großen, König Ar⸗ thurs, Rinaldo's und Gottfrieds von Bouillon, in Dun⸗ kel und Erdichtung gehüllt. Feſt entſchloſſen, dieſe drohende Gefahr, ſo viel ich vermöchte, abzuwenden, ſammelte ich unermüdlich alle — 15— Fragmente aus der Kindheit unſerer Geſchichte, und wo dieſe nicht ausreichten, verſuchte ich, wie mein ehrwürdi⸗ ges Vorbild, Herodotus, die Kette der Geſchichte durch wohlbeglaubigte Traditionen zu ergänzen— es iſt das Reſultat eines in Einſamkeit hingebrachten mühevollen Lebens! Viele gelehrte Bücher wurden, wiewohl verge⸗ bens befragt. Ein Manuſcript bei der Familie Stuyve⸗ ſant gab mir viele ſchätzbare Beiträge; andere würdige holländiſche Bürger, auch alte Damen, die nicht genannt ſeyn wollen, endlich die berühmte hiſtoriſche Geſellſchaft von New⸗York haben in gleicher Beziehung Anſpruch auf meinen Dank. Meine Art der Geſchichtſchreibung iſt nicht einem be⸗ ſondern Muſter entlehnt. Ich ſtrebte nach der größten Wahrheitsliebe, gleich Xenophon. Wie Salluſt habe ich meine Geſchichte mit kräftigen Charakteren alter Helden und Edlen erfüllt. In tiefen politiſchen Gedanken ſtrebte ich Thucydides nach, milderte ſie mit der Grazie eines Tacitus, und durchdrang das Ganze mit der Würde, Größe und Pracht eines Livius. Selten konnte ich, gerade wie Herodot, der Ver⸗ ſuchung widerſtehen, mich in kühne Excurſtonen einzu⸗ laſſen— in jene reizende Epiſoden, die wie Blumenrän⸗ der und duftende Lauben den beſtaubten Weg des Hiſto⸗ rikers einfaſſen, und ihn einladen, ſich auszuruhen und zu erfriſchen von feiner mühevollen Reiſe. Gern hätte ich wie Polybins die ſtrenge Einheit der Geſchichte beobachtet, aber die unzuſammenhängende Be⸗ — 16— ſchaffenheit vieler Thatſachen ließ dieß kaum zu. Was dieſe Regel noch mehr erſchwerte, war die Nachweiſung vieler Sitten und Einrichtungen dieſer beſten Stadt in ihrer Entwicklung und Veränderung nach dem Stande der Cultur. Wahrheit— Wahrheit bis in's Kleinſte war es, wo⸗ nach ich ſtrebte; und ich darf es mir ſagen, daß ich die Geſchichte eines großen Punktes der Erde vom Unter⸗ gang gerettet habe;— ſo verzeihe denn der Leſer die Ei⸗ telkeit dem mühevollen Streben, er ſehe mich, wie ich die Feder niederlege, mich den Vorgänger ſo vieler nachfol⸗ genden Geſchichtſchreiber dieſes Landes, in der Vogelper⸗ ſpective ſchwebend über einer Reihe von 300 Jahren, das Buch unter'm Arm, New⸗York im Rücken, vorwärts, vorwärts, ein ritterlicher Führer zu Ruhm und Unſterb⸗ lichkeit! Solche eitle Bilder drängen ſich wohl zuweilen in das Gehirn eines Schriftſtellers— erhellen mit himmliſchen Lichtern ſein einſames Kämmerlein, friſchen ſeine Lebens⸗ geiſter auf und beleben neu die Luſt zu ſchaffen. Ich habe gern dieſe Ausrufungen hier mit aufgenommen, wie ſie ſich rhapſodiſch darboten; nicht aus Egoismus, war⸗ lich nein, ſondern, damit der Leſer einen Begriff habe von dem, was ein Autor denkt und fühlt, wenn er ſchreibt— eine Art der Erfahrung, die ſelten und ſelt⸗ ſam, und eben deßhalb ſehr begehrungswürdig iſt. — — Erſtes Bu ch. Welches verſchiedne ſcharfſinnige Theorieen und philoſophiſche Speculationen über die Erſchaffung und Bevölkerung der Erde enthält, als in genauem Zuſammenhang mit der Geſchichte von New⸗York. Erſtes Kapitel. Beſchreibung der Erde. Den beſten Autoritäten zufolge iſt die Erde, worauf wir wohnen, eine ungeheure, dunkle, wiederſtrahlende, leb⸗ loſe Maſſe, die in dem Aethermeere von unbegränztem Raume ſchwimmt. Sie hat die Geſtalt einer Orange, eine Spheroide, ſonderbar an zwei entgegenſtehenden Stel⸗ len abgeplattet, wo die Pole, zwei gedachte Punkte lie⸗ gen, die ſich angenommenermaßen im Mittelpunkt der Kugel begegnen; ſo bilden ſie eine Are, an welcher ſich die ungeheure Orange täglich einmal umdreht. Wie dieſe Umdrehung Tag und Nacht hervorbringt, ſo hat die Ro⸗ tation um den feurigen Sonnenball in einem Jahre die Jahrszeiten zur Folge. Was die Geſtalt der Erde betrifft, ſo behaupteten einige alte Philoſophen, ſie ſey eine ausgedehnte Ebene, Irving's Beſch, v. New⸗York. — 18— von großen Säulen geſtützt; andre, ſie ruhe auf dem Kopf einer Schlange oder auf dem Rücken einer unge⸗ heuern Schildkröte— da ſie aber weder für einen Ruhe⸗ punkt der Säulen oder Schildkröte ſorgten, ſo ſiel die ganze Theorie, aus Mangel einer Begründung, aus⸗ einander. ö Die Braminen verſichern, der Himmel ruhe auf der Erde, und Sonne und Mond ſchwämmen darin wie Fi⸗ ſche im Waſſer, indem ſie ſich am Tage von Oſten nach Weſten bewegten und in der Nacht unterm Saum des Horizontes hinwieder an ihren alten Ort glitten; wäh⸗ rend die Erde nach den Pauranicas von Indien eine große Ebene iſt, von ſieben Meeren voll Milch, Nektar und anderen köſtlichen Flüſſigkeiten eingefaßt, von ſieben Bergen geſtützt und in dem Mittelpunkt mit einem hohen Bergfelſen von geläutertem Golde geziert; ein gro⸗ ßer Drache ſoll ſich zuweilen über den Mond legen und ſo die Finſterniſſe hervorbringen. Neben ſolchen weiſen Meinungen haben wir auch noch die tiefen Conjecturen des Abul⸗Haſſan⸗Ali in ſeiner Schrift die goldnen Wieſen und die Minen der Edel⸗ ſteine,» wo er die Geſchichte der Welt vom Anfang bis zu ſich, im 336. Jahr der Hegira, erzählt. Er belehrt uns, die Erde ſey ein ungeheurer Vogel, Mekka und Medina der Kopf, Perſien und Indien der rechte, das Land Gogs der linke Flügel, und Afrika der übrige Leib; ferner, es habe eine andre Erde vor dieſer(die er ſo zu ſagen nur für ein Küchlein von 7000 Jahren hält) exi⸗ ——— —, — 19— ſtirt, und ſie erneuere ſich in verhältnißmäßig ungeheuren Zeiträumen. Wie die Gelehrten eben ſo uneinig über die Geſtalt der Sonne geweſen, und die einen ſie für ein ſtrahlendes Feuerrad, die andern für einen bloßen Spiegel oder eine Kugel von Kryſtall, oder für eine feurige Eiſen⸗ oder Steinmaſſe, endlich auch den Himmel für ein Steinge⸗ wölbe mit glimmenden Stückchen gehalten, darüber kann ich ſchneller hinweggehen, da das Volk von Athen jene Männer durch Verbannung aus ihrer Stadt gründlich widerlegt hat, eine ſehr paſſende Sitte jener Tage, auf unwillkommne Lehren zu antworten. Noch Andere haben die Himmelskörper für Ausdünſtungen unſerer Erde er⸗ klärt, die ſich dort oben ſammeln und verbrauchen, ſo ungefähr, wie unſre Laternen auf den Straßen. In al⸗ ter Zeit ſoll der Sonne auf dieſe Art einmal das Oel ausgegangen ſeyn, welches denn bei dem würdigen alten Weiner Heraclitus große Beſorgniß erregte. Zu dieſen Theorieen kam nun die Meinung von Herſchel, daß die Sonne ein prächtiger bewohnbarer Aufenthalt ſey, und ihr Licht von gewiſſen leuchtenden oder phosphoresciren⸗ den Wolken herrühre, die in ihrer durchſichtigen Atmo⸗ ſphäre ſchwämmen. Profeſſor van Puddingeoft(Puddingkopf) war ein berühmter Profeſſor in Leyden, gewichtig in ſeinem Thun, und gewohnt, in der Mitte ſeiner Unterſuchungen ſich ſchlafen zu legen, welches ſeinen Schülern zu großer Er⸗ leichterung gereichte. Im Laufe ſeiner Vorleſungen nahm 2* — 20— er einſt eine Flaſche mit Waſſer und ſchwang ſie in der Länge des Arms um ſeinen Kopf, deſſen rothes Geſicht nicht unpaſſend die Sonne darſtellte, wie die Flaſche die Erde, mit Centrifugal⸗ und Centripetalkraft am ausholen⸗ den und ziehenden Arm verſehen. Wenn erſtere Kraft, erklärte er den ſtaunenden Zöglingen, einmal geſtört werde, müſſe die Erde in die Sonne fallen, ſehr verhäng⸗ nißvoll für jene Planeten, und auch für die Sonne be⸗ ſchädigend. Ein unglücklicher Burſche, einer der unnützen Genies, die in die Welt geſetzt zu ſeyn ſcheinen, um ſolche würdige Puddingköpfe zu ärgern, wollte ſich von der Richtigkeit der Angabe überzeugen, und hielt plöͤtz⸗ lich den Arm des Profeſſors ein, als grade das Glas im Zenith ſtand, welches dann mit erſtaunlicher Richtigkeit auf das philoſophiſche Haupt des Jugendlehrers herabfiel. Ein hohler Ton und ein heftiger Klatſch folgte auf die Berührung; aber die Theorie war dadurch auf's Sieg⸗ reichſte beſtätigt, denn das unglückliche Glas ging dabei zu Grunde; aber das glühende Geſicht des Profeſſors van Puddingcoft tauchte aus dem Waſſer hervor und glühte ſtärker als je vor Zorn; worauf die Studenten ſehr erbaut und bedeutend weiſer den Hörſaal verließen. Seitdem hat ſich nun aber die Anſicht von der Sache geaͤndert, und ein wohlmeinender Profeſſor ging darin mit gutem Beiſpiel voran, daß er ſich weislich entſchloß, ſeine Theorie der Erde anzupaſſen, da ſie ſich ihr nicht anpaſſen wollte, Nun hat man ſich mit Anſtand ſo aus der Affaire gezogen, daß man die Umdrehung der Erde — 21— von der erſten Veranlaſſung unabhängig erklärt hat, und ſeit dieſer merkwürdigen Aera läßt man die Erde ihren eignen Gang gehen, wie es ihr am bequemſten iſt. Zweites Kapitel. Cosmogonie oder Erſchaffung der Welt; nebſt einer Menge vortrefflicher Theorieen, wornach dieſe Schöpfung keine ſo ſchwere Sache war, wie man gewöhnlich glaubt. Nachdem ich meine Leſer mit der Welt bekannt ge⸗ macht, werden ſie ohne Zweifel wiſſen wollen, woher ſie kam und wie ſie geſchaffen wurde. Die Aufklärung die⸗ ſes Punkts gehört auch ganz in unſere Geſchichte, da es mehr als wahrſcheinlich iſt, daß, wenn die Erde nicht er⸗ ſchaffen worden wäre, auch die berühmte Inſel, worauf die Stadt New⸗York liegt, nicht exiſtirte. Von der Erſchaffung der Welt haben wir tauſend wi⸗ derſprechende Berichte, und obgleich in der göttlichen Of⸗ fenbarung eine ganz genügende Auskunft darüber gegeben wird, ſo glaubt doch jeder Philoſoph es ſeiner Ehre ſchul⸗ dig zu ſeyn, uns eine beſſere zu ertheilen. Ich will als unpartheiiſcher Geſchichtſchreiber dieſe erbaulichen und be⸗ leyrenden Theorieen herſetzen. Einige alte Weltweiſe glaubten, die Erde und das ganze Univerſum ſey die Gottheit ſelbſt; ſo Zenophanes und alle Eleatiker, auch Strabo und die peripatetiſche Schule. Pythagoras ſchuf das berühmte Zahlenſyſtem der Monaden, Dyaden, Triaden und durch ſeine heilige 1 — 22— Vierzahl erlaͤuterte er die Bildung der Welt, die Ge⸗ heimniſſe der Natur und die Grundſätze der Muſik und Moral. Andre Weiſe hingen an dem Syſtem der mathe⸗ matiſchen Körper. Wieder andre bildeten die große Theo⸗ rie der vier Elemente, nebſt einem fünften: einem unſicht⸗ baren, belebenden Prinzip. Nicht zu übergehen iſt das große atomiſtiſche Syſtem des Moſchus, noch vor der Belagerung von Troja, wel⸗ ches Demokrit lachluſtigen Andenkens auffriſchte, Epikur, der König aller Lebemänner, verbeſſerte, und der phan⸗ taſiereiche Descartes moderniſirte. Ich laſſe unerörtert, ob mit dieſen Anſichten der Glaube an eine Weltſeele verbunden wird, wie der große Plato ſie lehrte, dieſer ruhige Weltweiſe, welcher das kalte Waſſer ſeiner Phi⸗ loſophie über die Gemeinſchaft der Geſchlechter ausgoß und die Lehre von der platoniſchen Liebe ſchuf— ein höchſt veredelter Umgang, der ſich aber beſſer für die idealen Bewohner ſeiner erträumten Inſel Atlantis, als für das derbe Geſchlecht eignet, das, aus rebelliſchem Fleiſch und Blut zuſammengeſetzt, die von uns gemeinte Inſel bewohnt. Außer dieſen Syſtemen haben wir noch die Theogonie des alten Heſiod, der das Univerſum im regelmäßigen Gang der Schöpfung entſtehen läßt, und die plauſible Anſicht Anderer, nach welchen die Erde aus dem großen Ei der Nacht hervorbrach, welches in dem Chaos ſchwamm und von den Hörnern des himmliſchen Ochſen aufgeſtoßen wurde. Burnet hat in ſeiner Theorie der Erde dieſes — 25— Welt⸗Ei genau beſchrieben und es einem Gänſe⸗Ei wun⸗ derbar ähnlich befunden. Weniger bekannt iſt die Lehre andrer Philoſophen, der Brahminen, in den Blättern ihrer geoffenbarten Scha⸗ ſtah, daß der Engel Biſtuu, der ſich in einen großen Eber verwandelt, in die Tiefe der Gewäſſer tauchte und die Erde auf ſeinen Hauern in die Höhe brachte. Von ihm ging dann eine mächtige Schildkröte und eine mäch⸗ tige Schlange aus, und Biſtnu ſetzte die Schlange grade auf den Rücken der Schildkröte, und auf den Kopf der Schlange die Erde. Die Neger⸗Philoſophen von Congo verſichern, daß die Welt aus den Händen von Engeln hervorgegangen ſey; aber ihr eignes Land habe das höchſte Weſen ſelber geſchaffen, damit es ganz vorzüglich werde. Große Mühe gab ſich Gott mit den Bewohnern und machte ſie ſehr ſchwarz und ſchön, und wie er mit dem erſten Menſchen fertig war, geſiel er ihm ſehr, und er ſtrich ihm über das Geſicht, woher denn ſeine Naſe und die aller ſeiner Nachkommen eine platte Geſtalt erhielt. Die Mohawk⸗Philoſophen erzählen uns, daß ein ſchwangeres Weib vom Himmel gefallen ſey, und eine Schildkröte es auf ihren Rücken genommen habe, weil alles mit Waſſer bedeckt geweſen, und daß das Weib auf der Schildkröte ſitzend mit den Händen im Waſſer ge⸗ plätſchert und die Erde heraufgezogen habe, woher es zu⸗ letzt kam, daß die Erde höher als das Waſſer wurde. Doch genug von dieſen alten und ausländiſchen Phi⸗ — 24— loſophen, deren beklagenswerthe Unwiſſenheit ſie, trotz aller Gelehrſamkeit, nöthigte, in Sprachen zu ſchreiben, welche nur wenige meiner Leſer verſtehen; ich will kurz noch ein Paar neuere, elegante Theorieen ihrer Nachfol⸗ ger aus unſeren Zeiten herſetzen. Der große Büffon hielt unſern Erdkörper für einen urſprünglichen Feuerball, den ein Komet von der Sonne abgeſtoßen, ſo wie vom Feuerſtein durch den Stahl ein Stückchen als Funken abſpringt. Zuerſt hätten ihn dicke Dünſte eingehüllt, dieſe ſich abgekühlt und allmählig ver⸗ dichtet und nach ihrer Dichtigkeit Erde, Waſſer und Luft gebildet und in ſolcher allmähligen Bildung die brennende 3 oder verglaſte Maſſe des Mittelpunkts umgeben. Hutton meint im Gegentheil, daß das Waſſer zuerſt da geweſen ſey, und er ſchreckt ſich mit der Idee, daß die Erde ſo gelegentlich durch die Gewalt des Regens, der Ströme und Bergwaſſer hinweggewaſchen werde, bis ſie ſich mit dem Ocean vermenge, d. h. ſich ganz in ihm auflöſe. Eine erhabene Vorſtellung, welche die Geſchichte des weichherzigen Dämchens im Alterthum weit übertrifft, die ſich in eine Quelle hineinweinte, oder die gute Dame von Narbonne in Frankreich, die wegen der allzugroßen Beweglichkeit ihrer Zunge verurtheilt wurde, 500,039 Zwiebeln zu ſchälen, und ehe ſie noch die Hälfte der ſchrecklichen Arbeit vollbracht hatte, ſich ſo zu ſagen ganz aus den Augen herausgeweint hatte. Whiſton ſtellt die Hypotheſe auf, die Erde ſey ein chaotiſcher Komet geweſen, der zum Aufenthalt des Men⸗ ſchen auserſehen und der Sonne beigegeben worden, wor⸗ auf denn die Confuſion dieſes Sterns ſich in Ordnung aufgelöſt habe. Der Philoſoph ſetzt hinzu, die Sündfluth ſey von der unhöflichen Begrüßung eines anderen Kome⸗ ten mit deſſen wäſſerigem Schweif entſtanden; ohne Zwei⸗ fel aus Neid über den gereifteren Zuſtand des andern; ein trauriger Beweis, daß auch unter den himmliſchen Körpern Eiferſucht herrſcht, und Zwietracht die ſelige Harmonie der Sphären ſtört, welche die Poeten ſo ent⸗ zückend ſchildern. Endlich hat Dr. Darwin, der Liebling der Damen, noch eine ganz andre Anſicht aufgeſtellt. Dieſer gelehrte Thebaner iſt auf eine ſeiner entzündlichen Phantaſie ganz würdige Vermuthung gefallen. Das Chaos machte ein⸗ mal eine ſtarke Exploſion wie ein Pulverfaß, und ſpie in dieſem Act die Sonne, dieſe in ihrem Fluge durch ei⸗ nen ähnlichen Proceß die Erde, und dieſe eben ſo den Mond aus, und ſo geſtaltete ſich durch eine Verkettung von Exploſionen das ganze Sonnenſyſtem und ſetzte ſich ſehr regelmäßig in Bewegung. Doch genug von dieſen Syſtemen. Jedermann wird ſie ſehr conſequent ſinden und meine ungelehrten Leſer wer⸗ den vielleicht auf den Schluß kommen, daß die Erſchaf⸗ fung der Welt gar kein ſo ſchweres Ding war, wie ſie anfänglich wohl dachten; und ich zweifle nicht, wenn einer der letztgenannten Philoſophen einen manierlichen Kometen habhaft werden und das philoſophiſche Waaren⸗ haus, Chaos genannt, zu ſeiner Dispoſition ſtellen könnte, — 26— würde er einen eben ſo guten Planeten fabriziren, oder einen noch beſſeren, als der, den wir bewohnen. Und hier kann ich nicht umhin, die Güte der Vorſe⸗ hung zu preiſen, welche zum Troſte verwirrter Philoſo⸗ phen Kometen werden ließ. Durch ihre Hülfe ſind mehr plötzliche Entwicklungen und vorübergehende Erſcheinungen in der Natur möglich, als in der Pantomime durch das wunderthätige Schwerd Harlequins. Sollte einer unſe⸗ rer modernen Weltweiſen in ſeinen theoretiſchen Flügen nach den Sternen jemals ſich in den Wolken verirren und in Gefahr kommen, in einen Abgrund von Unſinn und Albernheit zu fallen, ſo darf er nur einen Kometen beim Bart nehmen, ſich auf ſeinen Schweif ſchwingen und im Triumph davon reiten, wie ein Bezauberer des Hippo⸗ gryphen, oder wie eine Hexe von Connecticut auf ihrem Beſenſtiel,«um die Spinnenweben aus dem Himmel zu kehren.⸗» Es gibt ein altes Sprichwort vom„Bettler zu Pferd,⸗ und ich möchte es bei Leibe nicht auf dieſe würdigen Phi⸗ loſophen anwenden; aber ich muß bekennen, daß ſich ei⸗ nige von dieſen Herren, wenn ſie eins dieſer feurigen Roſſe beſtiegen haben, ſo wild darauf herumtummeln, wie wei⸗ land Phaeton, als er Phöbus Sonnenwagen zu regieren ſich unterſtand. Der eine jagt ſeinen Kometen grade auf die Sonne und bricht mit dem Stoß die Erde von ihr ab; ein anderer iſt gemäßigter und macht eine Art Laſt⸗ thier aus ſeinem Renner, der der Sonne regelmäßig Nah⸗ rung und Reisbündel zutragen muß— ein dritter, von — 22— verbrennlicherem Weſen, läßt ihn wie eine Bombe gegen die Erde fliegen und ſprengt dieſe damit wie eine Pul⸗ vermühle in die Luft, während ein vierter, mit wenig Schicklichkeitsgefühl gegen dieſen Planeten und ſeine Be⸗ wohner, gradezu ankündigt, daß einſt ſein Komet ſich mit dem Schweif gegen die Erde richten und ſie unter Waſſer ſetzen werde!— Aus dieſen vielen Syſtemen mögen nun die einſichts⸗ vollen Leſer ſich eins herauswählen. Es zeigt ſich dabei, daß ein Genie immer die Luftſchlöſſer des andern zerſtört. Theorieen ſind die mächtigen Seiſenblaſen, womit ſich die erwachſenen Kinder unterhalten, und das ehrliche Volk ſteht in ſtummer Bewunderung und beehrt dieſe gelehrten Grillen mit dem Namen Weisheit!— Gewiß hatte So⸗ krates recht, wenn er ſagte, die Philoſophen ſeyen nur eine nüchternere Art von Verrückten, die ſich in nicht zu ergründende Dinge einließen, deren Erforſchung, wenn ſie möglich wäre, ſich nicht der Mühe der Entdeckung derlohnte. Bis die Gelehrten ſich nun vereinigt haben werden, begnüge ich mich wenigſtens mit der Erzählung Moſis, und folge darin dem Beiſpiel unſerer verſtändigen Nach⸗ barn in Connecticut, die bei ihrer erſten Anſiedlung er⸗ klärten, daß die Colonie durch die Geſetze Gottes regiert werden ſollte, bis ſie Zeit hätten, beſſere Geſetze zu machen. Eins aber ſcheint feſtzuſtehen, nämlich daß die Welt wirklich geſchaffen worden und daß ſie aus Land — 28— und Waſſer beſteht. Ferner erſcheint mit Gewißheit, daß ſie wunderlich zerſtückelt und in Inſeln und Feſtlande getheilt iſt, und daß unter erſteren die berühmte Inſel von New⸗York wohl von Jedermann gefunden werden wird, der ſie an der rechten Stelle ſucht. Drittes Kapitel. Wie der berühmte Seefahrer Noah verſchiedne ganz ſchändliche Nanien erhielt, und wie er ein unverzeihliches Verſehen darin beging, daß er keine vier Söhne hatte; von der hierdurch entſtandenen großen Verwirrung unter den Phi⸗ loſophen, und von der Entdeckung Amerika's. Noah, der erſte Seefahrer, von dem wir leſen, hatte drei Söhne: Sem, Ham und Japhet. Es gibt Schrift⸗ ſteller, welche behaupten, dieſer Patriarch habe mehrere Söhne gehabt. So macht Beroſus ihn zum Vater des Rieſengeſchlechts der Titanen, Methodius gibt ihm einen Sohn Namens Jonithus oder Jonicus, und andre nen⸗ nen einen Sohn Namens Thuiskon, von dem die Teu⸗ tonen, Deutſchen kommen, oder mit andern Worten die „dutſch» oder die holländiſche Nation abſtammt. Die Geſchichte des großen Noah iſt ſehr verwickelt; denn überall, wo dieſer Seefahrer hinkam, erhielt er ei⸗ nen andern Namen. Die Chaldäͤer nennen ihn Piſuthrus, eine kleine Veränderung, welche den Hiſtorikern, die in der Etymologie bewandert ſind, keine Schwierigkeiten machen wird. Die Egypter verehren ihn als Oſiris, die Indier als Menu, die Griechen und Römer vermiſchen ihn mit Ogyges und die Thebaner mit Deukalion und Saturn. Aber die Chineſen, welche die Welt weit län⸗ ger kennen, als alle andre Nationen, ſagen, Foha ſey es geweſen; nach ihnen kam nämlich Noah bis nach China, und zwar zur Zeit des babyloniſchen Thurmbaues(wahr⸗ ſcheinlich um ſich in dem Studium der Sprachen zu befe⸗ ſtigen) und der gelehrte Dr. Schackford verſichert uns, die Arche habe ſich auf einem Gebirg an der chineſiſchen Gränze niedergelaſſen. Wir können die Verkettungen, die durch dieſe Anſich⸗ ten für die Hiſtoriker entſtehen, ihrem eignen Scharfſinn überlaſſen und uns mit dem Reſultate begnügen, daß Noah drei Söhne hatte. Wie mißlich dieſes aber für dieſen unſern Welttheil war, werden wir ſogleich ſehen. Als Noah, der einzige Herr und Erbe der Erde, wie ein guter Vater ſeine Güter unter ſeine Kinder theilte, bekam Sem Aſien, Ham Afrika und Japhet Enropa. Nun aber iſt es tauſendmal zu beklagen, daß er nur drei Söhne hatte; denn hätte er noch einen vierten gehabt, ſo würde dieſer ohne Zweifel Amerika bekommen haben. So kam es denn— zum Jammer der Hiſtoriker und Philoſophen— daß unſer Welttheil als wildes ödes Land links liegen blieb und davon keine Erwähnung geſchah. Dieſem unverzeihlichen Schweigen des Patriarchen iſt das Unglück zuzuſchreiben, daß Amerika erſt ſpäter als die andern Theile der Erde zur Welt gerechnet wurde. Zwar haben einige Schriftſteller ihn von dieſem Ver⸗ gehen freigeſprochen und behauptet, er habe wirklich Ame⸗ — 30— rika entdeckt. So Mare Lescarbot und der Jeſuit Pater Charlevoir, letzterer ſogar mit der Behauptung, daß dieſes ebenfalls zu Waſſer geſchehen ſey, indem Noah ein aus⸗ gezeichneter Seemann geweſen. Aber der Niederländer Hanns de Laet, der als ſolcher mit der Mannſchaft der Arche beſſer bekannt geweſen ſeyn muß, erklärt dieſe An⸗ ſicht für höchſt lächerlich; man muß in der That die ver⸗ traute Bekanntſchaft bewundern, in welche die Hiſtoriker immer mehr mit den Patriarchen und andern großen Männern des Alterthums kommen, auf dieſe Art werden wir bald von Noah's Schiffsbüchern eben ſo genau un⸗ terrichtet ſeyn, wie von denen Cooks und Robinſons Cruſoe. Da die gelehrten Forſcher doch ſo weit mit ihren ſchwierigen Unterſuchungen gekommen ſind, daß das Fac⸗ tum feſtſteht, daß dieſes Land entdeckt worden, ſo darf ich über dieſen Gegenſtand kurz ſeyn. Ich brauche mich daher nicht dabei aufzuhalten„ ob Amerika zuerſt durch ein umherſchweifendes Schiff der be⸗ rühmten phöniciſchen Flotte entdeckt wurde, die nach He⸗ rodot Afrika umſchiffte, oder von jener carthaginienſiſchen Expedition, die nach dem Naturforſcher Plinius die eana⸗ riſchen Inſeln fand, oder ob es durch eine Colonie von Cyrus angebant wurde, wie nach Ariſtoteles und Seneca. Auch will ich nicht nachforſchen, ob es vielleicht durch die Chineſen bevölkert ward, wie Voſſtus höchſt ſcharffinnig behauptet, oder durch die Norweger im Jahr 1002 unter Biörn, noch ob durch Behaim, den deutſchen Seefahrer, — 31— wie Hr. Otto den Savans der gelehrten Stadt Phila⸗ delphia zu beweiſen geſucht hat. Auch will ich nicht die neueren Anſprüche der Bewoh⸗ ner von Wallis unterſuchen, die ſie auf eine Reiſe des Prinzen Madoc im 11. Jahrhundert gründen, der ohne Zweifel, da er nie zurückgekehrt iſt, nach Amerika ging, nach einem ganz einfachen Satz, der ſo lautet, wenn er nicht dorthin ging, wo ſoll er anders hingegangen ſeyn?— eine Frage, welche gewiß höchſt ſokratiſch allen weiteren Streit aufhebt. Lege ich nun dieſe und andre befriedigende Vermuthun⸗ gen ganz bei Seite, ſo komme ich auf die ſchlichte hiſto⸗ riſche Thatſache im Munde des Volks, daß Amerika am 12. October 1492 von Chriſtovallo Colon, einem Genue⸗ ſer, entdeckt wurde, deſſen Namen man ſehr ungeſchickt in Columbus verwandelt hat, aus welchem Grund, weiß ich nicht. Ohne mich bei dieſem bekannten Factum auf⸗ zuhalten, will ich nur beiläufig erwähnen, daß dieſes Hand eigentlich Colonia*) nach ſeinem Namen heißen müßte. Ehe wir nun zu dem glücklichen Beſitz dieſes Welt⸗ theils kommen, gibt es noch allerhand zu thun: Wälder niederzuhauen, kleines Gehölz zu roden, Sümpfe auszu⸗ trocknen und Wilde auszurotien.— In gleicher Weiſe muß ich auf dem hiſtoriſchen Felde mit Fragen, Zweifeln und Paradoxen kämpfen, bis wir endlich über dieſes Land klar ſehen. *) Zu deutſch hieße es Cöln. Anm. d. Ueberſ. Viertes Kapitel. Wie die Philoſovhen große Arbeit gehabr, Amerika zu bevöl⸗ kern, und wie die Eingebornen— zum großen Troſte des Autors— durch Zufall erzeugt wurden. Wie viele Gaͤnſeſchwingen ſind nicht geplündert, wie viele Seen von Dinte nicht ausgeſchrieben, wie viele Köpfe von Gelehrten nicht ausgeleert und völlig verwirrt worden, um ſo viele Millionen Mitgeſchöpfe, wie die al⸗ ten Amerikaner, dem von andern Philoſophen über ſie verhängten Nichts zu entreißen. Ueber alle Folianten, Quartanten, Octavbände ſteigen wir hinweg und kommen in der Geſchichte bei den naͤchſt competenten Reclamanten, den Nachkommen Abrahams an. Chriſtoval Colon zog bei der Entdeckung der Gold⸗ minen von Hispaniola auf der Stelle und mit einer Schärfe, die einem Philoſophen Ehre gemacht haben würde, den Schluß, daß er das alte Ophir Salomo's gefunden habe; er glaubte ſogar die Schmelzöfen der He⸗ bräer in vorhandenen Ueberreſten zu erkennen. Sogleich wurde dies von den Gründlingen der Ge⸗ lehrſamkeit aufgefaßt, beſonders von Vetablus und Ro⸗ bertus Stephens; Arius Montanus behauptete, Mexico ſey das wahre Ophir und die Juden die älteſten Ameri⸗ kaner. Poſſevin, Becan und andre ſcharſſinnige Autoren führen zu dem Ende eine vermuthete Prophezeihung im 4. Buch Esräs an, die ihrer Anſicht, als Grundſtein ih⸗ res Stütpfeilers, unerſchütterliche Dauer gibt. — 33— Aber unſer Hans de Laet, der große Holländer, wirft alle dieſe Hypotheſen nieder und ſchreibt die Spuren vom Chriſtenthum und Heidenthum, die ſich im alten Amerika finden, alle dem Teufel zu, der ſich von jeher beſtrebt habe, den Dienſt des wahren Gottes nachzuäffen, worin ihm auch der Padre d⸗Acoſta beiſtimmt. Dagegen behaupten wieder einige Autoren, worunter Lopez de Gomara und Juan de Leri, die Canaaniten, aus dem Lande der Verheißung der Juden vertrieben, ſeyen ſo von paniſchem Schrecken ergriffen worden, daß ſie geflohen ſeyen, ohne ſich umzuſehen, immer weiter, bis ſie ſich mit heiler Haut in Amerika befunden hätten. Da ſie weder ihre Landesſprache, noch ihre Sitten und Geſichtszüge mitgebracht, ſo vermuthet man, ſie hätten das alles in der Eile zu Hauſe zurückgelaſſen— dem kann ich jedoch meinen Beiſall nicht ſchenken. Ich übergehe die Vermuthung des gelehrten Hugo Grotius, welcher ein Geſandter und ein Holländer dazu war und daher große Achtung verdient, daß nämlich Nord⸗Amerika von umherſchweifenden Norwegern, und Peru von einer chineſiſchen Colonie bevölkert worden und Mango Capak, der erſte der Inkas, noch ein Chineſe ge⸗ weſen ſey; auch will ich mich nicht dabei aufhalten, daß Pater Kircher den Egyptern, Rudbeck den Scandinaviern, Charron den Galliern, Juffredus Petri einer Schlitten⸗ parthie von Friesländern, Milius den Celtenz der Sici⸗ lier Marinocus den Römern, le Comte den Phöniciern, Poſtel den Mauren, Martin von Angleria den Abeſſi⸗ Irving's Geſch. v. New York. 3 Mond aus zu bevölkern, oder die Menſchen auf Eisſchol⸗ len, wie die Eisbären, heranſchwimmen zu laſſen, oder in Luftballons, wie man von Dover nach Calais ſchifft, oder durch Zauberei, wie Simon Magus mit Extrapoſt nach den Sternen fuhr, oder wie die berühmte Seythin Abaris, die, wie die Hexen in New⸗England auf Voll⸗ blut⸗Beſenſtielen, unerhörte Reiſen auf einem ihr von Apoll verehrten goldnen Pfeil machte.. Nur noch ein Weg bleibt uns, die Bevölkerung Ame⸗ rika's zu erklären, ich verſparte ihn bis zuletzt, weil er alle andere aufwiegt, dieſer Weg iſt— Bevölkerung durch Zufall! So meint es nämlich der tiefdenkende Pater Charlevoix von den Inſeln Salomo's, Neu⸗Gui⸗ nea und Neu⸗Holland, ſo auch von Amerika. Die merk⸗ würdigen Worte, womit er den gordiſchen Knoten zer⸗ haut, ſind dieſe:«Nichts iſt leichter;— die Menſchen auf beiden Haxbkugeln ſind ohne Zweiſel Kinder deſſelben Stammvaters. Dieſer aber empfing den ausdrücklichen Befehl vom Himmel, die Welt zu bevölkern, und dem⸗ nach bevölkerteer ſie auch. Um dieß zu bewerk⸗ ſtelligen, mußten alle Schwierigkeiten beſiegt werden, und dieſe wurden denn auch beſiegt!» Frommer Logiker! wie machſt du auf einmal die ganze Schaar der Theoretiker ſchaamroth, indem du ihnen ruhig, mit fünf Worten erklärſt, was ihnen nach furchtbarer Abmattung mit dickleibigen Quartanten noch nicht klar werden wollte. Es wäre alſo bewieſen, einmal, daß Amerika wirklich bevölkert ward, welches die noch lebenden Wilden bezen⸗ 3* 8 3 — 34— niern die Bevölkerung zuſchreibt, endlich glaubt der weiſe de Laet, daß England, Irland und die Orkaden ſich zu der Ehre melden könnten. Von Marco Polo's Inſel Cipangi, von Plato's At⸗ lantis ſchweige ich ganz, weil es Träumereien ſind; auch mag des Paracelſus heidniſche Anſicht hierher gezogen werden, daß jede Halbkugel mit einem Adam und einer Eva verſehen worden fey, oder die mehr ſchmeichelnde Anſicht des Dr. Romayne, daß Adam ein Indianer ge⸗ weſen— zuletzt ſtehe noch hier die erſchreckende Vermu⸗ thung von Büffon, Helvetius und Darvin, welche die Menſchheit ſo hoch ehrt, daß ſie ihr den Urſprung ganz zufällig von einer merkwürdigen Affenfamilie gibt. Bei dieſer letzten Hypotheſe war mir, ich geſtehe es, zu Muthe, wie dem Pierrot in der Pantomime, wenn er ſtarr, in dummer Verwunderung über die Sprünge Harlequins, plötzlich von einem Schlag des hölzernen Schwerdes zwiſchen den Schultern electriſirt wird. Mir war, als ob eine eben ſo plötzliche Verwandlung in Thiere mit mir und meinen Leſern vorgegangen wäre. Ich beſchloß ſeitdem feierlich, mir mit keiner dieſer Theo⸗ rieen mehr die Finger zu verbrennen! Theorien, dachte ich, gleichen jenen berühmten beiden Töpfen, welche zu⸗ ſammen eine Reiſe machten. Einmal den Strom über⸗ laſſen, ſtehen ſie jede Minnte in Gefahr, an einander zu zerbrechen. Ich erſtaune wirklich, daß noch keiner der angeführ⸗ ten Schriftſteller auf die Idee kam, die neue Welt vom gen, ſodann, daß dies auf fünfhunderterlei Weiſe geſchah, nach den vielen Schriftſtellern, die alle Augenzeugen ge⸗ weſen zu ſeyn ſcheinen, und endlich, daß ihre Bewohner eine Menge Väter hatten, welches ihnen nach den ge⸗ wöhnlichen Begriffen keine große Ehre macht, weshalb wir uns auch darüber nicht weiter verbreiten wollen.— So wären alſo dieſe Fragen auf immer beſeitigt und zur Ruhe verwieſen. Fuͤnftes Kapitel. Worin der Verfaſſer mit Hülfe des Mannes im Monde eine große Frage völlig abthut, und damit nicht allein Tau⸗ ſende von Menſchen aus großer Verlegenheit reißt, ſon⸗ dern auch dieſes einleitende Buch beſchließt. Ein Geſchichtſchreiber gleicht in gewiſſer Hinſicht einem abenteuerlichen Ritter, der ſich auf ſeinem ehrenvollen Zuge, wo tauſend Gefahren ſeiner warten, vor keinem Feinde fürchtet, und vor keinem noch ſo ſchrecklichen Ereig⸗ mß zurückbebt. So gewappnet hebe auch ich mit Ent⸗ ſchloſſenheit die Feder und gehe mit aller Kraft auf jene herzhaften Fragen und ſubtilen Paradoxen los, die wie feurige Drachen und blutgierige Rieſen das Thor meiner Geſchichte beſetzt halten und mir den Eingang wehren wollen. Und grade jetzt ſteigt eine rieſenhafte Frage auf, die ich ſogleich beiem Bart faſſen und darniederwerfen muß, ehe ich auf meinem hiſtoriſchen Grund und Boden einen Schritt weiter thun kann— aber es iſt ſicher auch — 37— der letzte Gegner, der zu bekämpfen iſt, und ich werde den Leſer dann im nächſten Buche im Triumph mitten in's Werk, mecias in res, verſetzen. Die Frage, welche ſich ſo mit einem Male erhoben, iſt die: Welches Recht hatten die erſten Entdecker von Amerika, von einem Lande Beſitz zu nehmen, ohne die Bewohner um Erlaubniß zu fragen oder ſie für den Ver⸗ luſt zu entſchädigen?— ein Punkt, der äußerſt wichtig, und für viele zarte Gewiſſen höchſt beunruhigend iſt. Die erſte Quelle des Rechtes, wodurch Eigenthum in einem Lande erworben wird, iſt die Entdeckung. Alle Menſchen haben ein gleiches Recht auf Dinge, die zuvor Niemanden angehörten, und ſo auch die Nationen, wie Grotius, Puffendorf und Vattel lehren. Dieſes zugegeben, folgt klar, daß die Europäer, wel⸗ che Amerika zuerſt beſuchten, die wahren Entdecker waren. Um dieſes Recht feſtzuſtellen, bedarf es nur des einfa⸗ chen Beweiſes, daß es von Menſchen völlig unbewohnt war. Dieſes möchte anfangs etwas ſchwierig erſcheinen, denn es iſt ſehr bekannt, daß dieſer Welttheil von ge⸗ wiſſen zweibeinigen, aufrecht einhergehenden Thieren wim⸗ melte, die etwas von den menſchlichen Zügen hatten, unver⸗ ſtändliche Töne ausſtießen, welche ſehr einer Sprache gli⸗ chen, kurz die eine merkwürdige Aehnlichkeit mit den Menſchen hatten. Aber die eifrigen erleuchteten Väter, welche die Entdecker begleiteten, um das Reich des Him⸗ mels zu erweitern, indem ſie Klöſter und Bisthümer auf Erden gründeten, klärten die Chriſten über dieſen Punkt, — 38— zum großen Wohlgefallen ihrer Oberen und aller chriſtli⸗ chen Reiſenden, in Kurzem auf. Sie bewieſen, daß dieſe zweibeinigen Thiere Men⸗ ſchenfreſſer, Ungeheuer, ja Rieſen ſeyen; daß ſie eine unbeſiegliche Unempfindlichkeit gegen die Eindrücke der Cultur beſäßen; daß ſie keine Bärte hätten; daß ſie kupferfarbig, das heißt, grade ſo wie die Neger ſeyen, die Neger aber ſeyen ſchwarz, und« ſchwarz», ſagten die frommen Väter, indem ſie ſich andächtig bekreuzten, eſchwarz iſt die Farbe des Teufels;»— endlich, ſagte man, bewohnten ſie wie die wilden Thiere die Wäͤlder. — Nach alle dieſem müßten die zweibeinigen Thiere un⸗ teriocht oder ausgerottet werden. Ein zweites Recht iſt das der Anbauung. Vattel lehrt, daß jede Nation verpflichtet ſey, den ihr zugefalle⸗ nen Grund und Boden zu bebauen. Wer aber, wie die alten Deutſchen und die neuern Tartaren, ein fruchtba⸗ res Land nicht bauen wolle, und lieber vom Raube lebe, müſſe wie ein wildes und gefährliches Thier ausgerottet werden.⸗» Da dies die Indianer frifft, da ſie unnütze Knechte waren, die nicht arbeiten wollten, ſondern umherſchweif⸗ ten, und nahmen, wo ſie etwas bekamen, ſo mußten ſie natürlich ausgerottet werden. Daß ſie ſo wenig Bedürf⸗ niſſe hatten, bewies grade ihre Rohheit, denn erſt die Menge und Größe der Bedürfniſſe macht den Menſchen — ſie waren alſo unvernünftiges Vieh. Aber kaum ſa⸗ hen die wohlwollenden Bewohner von Europa ihre trau⸗ rige Lage, als ſie ihnen hülfreich beiſprangen. Sie mach⸗ ten ſie mit Rum, Branntwein, Fuſel und anderen Trö⸗ ſtungen des Lebens bekannt, und es iſt erſtaunlich, wie ſchnell die armen Wilden dieſe Segnungen ſchätzen lern⸗ ten. Sie machten ſie auch mit Heilmitteln gegen die hart⸗ näckigſten Krankheiten bekannt, und um ihnen dieſe Wohl⸗ thaten recht angedeihen zu laſſen, führten ſie erſt jene ſchweren Krankheiten ein. Durch dieſe und andre Dinge wurde der Zuſtand der armen Wilden unendlich verbeſſert, und da derjenige die meiſten Quellen des Glückes beſitzt, der recht viele Bedürfniſſe befriedigen kann, ſo waren auch ſie nun viel glücklichere Weſen. Aber der wichtigſte Zweig der Civiliſation, ein Recht, welches die ehrwürdigen Vä⸗ ter der Kirche am höchſten zu erheben gewußt haben, war die Bekehrung zum Chriſtenthum. Zwar hatten ſie zuvor weder geſtohlen, noch veruntreut, ſie waren ſanft, mäßig, enthaltſam und hielten ihr Wort, aber das war alles nur aus Gewohnheit, nicht nach Vor⸗ ſchrift. Daher bedienten ſich die Ankömmlinge aller mög⸗ lichen Mittel, um ihnen die wahre Religion nach Vor⸗ ſchriften einzuprägen, aller— nur nicht desjenigen, daß ſie ihnen ſelbſt ein Beiſpiel gaben. Sie ließen ganze Schaaren feuriger Mönche und wüthender Bluthunde auf ſie los, reinigten ſie mit Feuer und Schwerd, mit Pfahl und Holzſtoß, und in Folge dieſer Bekehrungsmittel nahm die chriſtliche Liebe und Zärtlichkeit ſo überhand, daß in wenig Jahren kaum der fünfte Theil der Ungläubigen mehr in Südamerika exiſtirte. Mit Recht ſchrieb ein — 40— ehrwürdiger ſpaniſcher Pater an ſeinen Oberen folgende Worte nach Hauſe:«Kann irgend Jemand anders ſa⸗ gen, als daß dieſe wilden Heiden ihren Wohlthätern nur geringe Vergeltung gegeben haben, indem ſie ihnen ein erbärmliches, kleines Stück dieſes ſchmutzigen Planeten für ein glorreiches Erbe im Königreich des Himmels abtraten!» Dieſes bringt mich denn auf ein viertes Recht, wel⸗ ches alle anderen überwiegt. Denn nachdem die Urbe⸗ wohner alle getödtet und begraben worden, und niemand mehr vorhanden war, der den Spaniern ihre Anſprüche auf das Land ſtreitig machen konnte, ſo waren ſie in der glücklichen Lage des Henkers, der die Kleider des De⸗ linquenten erhält. Da ſte nun Blackſtone und alle ge⸗ lehrte Commentatoren der Geſetze auf ihrer Seite haben, die alle Klagen auf Beſitz⸗ Entſetzung zu nichte machen, ſo mag denn dieſe letzte Befugniß das Recht der Ver⸗ tilgung oder das Recht des Schießpulvers ge⸗ nannt werden. Weil jedoch Gründe keinen rechten Eingang finden, wenn wir egoiſtiſche Sterbliche ſie nicht in Beiſpielen auf uns ſelbſt klar gemacht erhalten, ſo will ich einen ganz gleichen Fall erzählen, um meinen Leſern recht einleuch⸗ tend zu ſeyn. Laßt uns annehmen, die Bewohner des Mondes haͤt⸗ ten durch bewundernswerthe Fortſchritte in den Wiſſen⸗ ſchaften und durch tiefe Einſichten in jene Mondphiloſo⸗ pyie, wovon die bloßen Flitterchen in letzter Zeit die ſchwachen Geſichtsnerven unſerer Erdbewohner geblendet — 241— und ihr mattes Gehirn wirblich gemacht— ſie hätten, ſage ich, durch dieſe Mittel eine ſolche Energie und eine ſo beneidenswerthe Vervollkommnung erreicht, daß ſie über die Elemente Herr geworden und die endloſen Re⸗ gionen des Himmels zu durchſchiffen im Stande wären, welches letztere ſich ja grade ſo verhält, wie unſer Fah⸗ ren in Luftſchiffen an den Grenzen unſerer Atmoſphäre zu der unvollkommnen Uferſchifffahrt der Wilden mit Canots. Laßt uns nun annehmen, eine umherſchweifende Schaar ſolcher hochfliegenden Philoſophen, mit höherer Weisheit, mit höheren Kenntniſſen im Vertilgungskampfe ausgerüſtet, ſey im Laufe einer Entdeckungsreiſe unter den Sternen auch auf dieſem ausländiſchen Planeten an⸗ gekommen. Sie ſitzen auf Hippogryphen, ſind mit un⸗ durchdringlichen Rüſtungen angethan und mit verdichte⸗ ten Sonnenſtrahlen bewaffnet, haben überdem ungeheure Geſchützſtücke bei ſich, aus denen ſie große Mondſteine ſchießen, kurz uns eben ſo überlegen, wie wir damals den Indianern. Alles das iſt ſehr möglich; es iſt nur unſere Selbſtgenügſamkeit, die uns anders denken lehrt, und ich bin gewiß, die armen Wilden waren, bevor ſie die weißen Männer in glänzendem Stahl und mit dem ſchrecklichen Donnergeſchütz kennen lernten, eben ſo über⸗ zeugt, daß ſie die weiſeſten, mächtigſten und vollkommen⸗ ſten Geſchöpfe ſeyen, wie gegenwärtig die hochgebietenden Bewohner von England, die luftige Bevölkerung von Frankreich und ſelbſt die in ſich zufriedenen Bürger die⸗ ſer erleuchteten Republik. — 42— Laßt uns ferner annehmen, daß dieſe Luftſchiffer von unſerm Planeten, in dem ſie eine heulende Wildniß finden, die nur von uns wilden und unbändigen Thieren bewohnt iſt, im Namen Seiner allergnädigſten und al⸗ lerweiſeſten Ercellenz, dem Mann im Monde, feierlich Beſitz nehmen. Da ſie ſich jedoch an Zahl zu klein ſehen, um dieſe wilden Barbaren im Zaum zu halten, ſo neh⸗ men ſie unſern würdigen Präſidenten, den König von England, den Kaiſer von Hayti, den mächtigen Bona⸗ parte und den großen König von Bantam gefangen und bringen ſie mit zurück nach ihrem Planeten, an den Hof ihres Gebieters, wie die indianiſchen Häuptlinge an den Höfen von Europa paradirten. Während ſie alle Reverenzen und Bücklinge ſchneiden, welche die Hofetikette fordert, werden ſie den mächtigen Mann im Mond ungefähr in folgenden Sätzen anreden: «Allererleuchtetſter und großmächtigſter Gebieter, deſ⸗ ſen Reiche ſich ausdehnen, ſo weit das Auge ſchweift, der auf dem großen Bären reitet, ſich der Sonne als ſeines Spiegels bedient und ungefährdet ſeinen Scepter ſchwingt über Ebben und Fluthen, über Verrückte und Seekrabben. Wir, deine getreue Unterthanen, ſind ſo⸗ eben von einer Entdeckungsreiſe heimgekehrt, in deren Laufe wir auf jenem kleinen, dunklen, ſchmutzigen Pla⸗ neten, den du dort ſiehſt, angekommen ſind und von ihm Beſitz genommen haben. Die fünf ungeſchlachten Unge⸗ heuer, die wir hier vor dein hoheitliches Antlitz ſtellen, waren einſt bedeutende Häuptlinge ihrer wilden Brüder, — 43— eines Geſchlechtes, dem die Attribute der Menſchheit fremd ſind, und die in allen Stücken von den Bewoh⸗ nern des Mondes abweichen, indem ſie die Köpfe auf den Schultern tragen ſtatt unter den Armen, zwei Au⸗ gen ſtatt eines haben, von Schweifen gänzlich entblößt ſind, und eine Menge unſcheinbarer Geſichter führen, be⸗ ſonders fürchterlich weiße— ſtatt des menſchlichen Erb⸗ ſengrün.» «Wir haben ferner dieſe erbärmlichen Wilden in ei⸗ nem Zuſtand äußerſter Unwiſſenheit und Verdammniß angetroffen, indem jeder ohne ſich zu ſchämen mit ſeinem eignen Weibe lebt und ſeine eignen Kinder aufzieht, ſtatt ſich der durch die Natur gebotenen Gemeinſchaft der Weiber zu erfreuen, wozu uns unſere Mondsphiloſophie emporgehoben hat. Kurz, ſie haben kaum einen ſchwa⸗ chen Schimmer wahrer Weisheit und ſind in der That ſchreckliche Ketzer, Ignoramus und Barbaren. Da wir nun mit der betrübten Lage dieſer ſublunariſchen Jam⸗ merweſen Mitleid fühlten, ſo verſuchten wir es bei dem Aufenthalt auf ihrem Planeten, das Licht der Vernunft und die Tröſtungen des Mondes unter ihnen einzuführen. Wir haben ſie mit Mondſchein und mit Schlückchen vom beſten Stickgas bewirthet, welches ſie mit unglaublicher Gier verſchlangen, beſonders die Weiber; auch haben wir verſucht, ihnen die Vorſchriften der Mondsphiloſophie einzuflößen. Wir haben ſie nöthigen wollen, die verächt⸗ lichen Ketten der Religion und des ſogenannten geſunden Menſchenverſtandes abzuſchütteln und die tiefe, allmächtige 8 — 442— und allgenügende Energie, und die extatiſche, unwandel⸗ bare, unbewegliche Vervollkommnung anzubeten. Aber ſo unſäglich hartnäckig waren dieſe verwünſchten Wilden, daß ſie immer ihren Weibern anhingen, ihre Religion vertheidigten und die erhabenen Lehren des Mondes für gar Nichts achteten; ja, unter andern Ketzereien und Gottesläſterungen gingen die Verruchten ſo weit, daß ſie erklärten, dieſer unausſprechliche Planet ſey nichts mehr und nichts weniger als ein grüner Käſe!» Bei dieſen Worten wird der große Mann im Monde (der ein tiefdenkender Philoſoph iſt) in heftigen Zorn gerathen und mit ſeiner erhabenen Autorität über Dinge, die ihn nichts angehen, ſogleich eine fürchterliche Bulle erlaſſen, des Inhalts: «Nachdem eine Schaar von Mondbürgern kürzlich einen neuentdeckten Planeten beſucht und in Beſitz ge⸗ nommen, und nachdem ſich ergeben, daß dieſer Stern von einem Geſchlecht zweibeiniger Thiere bewohnt iſt, welche die Köpfe auf den Schultern ſtatt unterm Arme tragen, zweiäugig ſind, die Mondſprache nicht ſprechen, und ſtatt erbſengrün fürchterlich weiß ausſehen; ſo haben Wir ſelbige Geſchöpfe aus dieſen und vielen andern Ur⸗ ſachen unfähig erfunden, irgend ein Eigenthum auf dem Planeten, welchen ſie plagen, zu beſitzen, und beſtätigen hiermit die erſten Entdecker in ihren Rechten und An⸗ ſprüchen. Von nun an aber ſollen diejenigen Coloniſten, welche nach dem genannten Planeten abgehen, autoriſirt and angewieſen ſeyn, alle Mittel anzuwenden, um dieſe — 45— ungläubigen Wilden aus der Nacht des Chriſtenthums zu bekehren und ſie durchaus und unbedingt mondſüchtig zu machen.» Zufolge dieſer mildgeſinnten Bulle gehen nun unſere philoſophiſchen Wohlthäter mit großem Eifer zu Werke. Sie bemächtigen ſich unſerer fetten Länder, peitſchen uns aus unſerem rechtmäßigen Eigenthum, erlöſen uns von unſern Weibern, und wenn wir unklug genug ſind, uns darüber zu beklagen, ſo wenden ſie ſich gegen uns mit den Worten: Miſerable wilde Schlucker! undankbares Packvolk! ſind wir nicht Tauſende von Meilen zu euch gefahren, um eueren unwürdigen Planeten zu beglücken? Haben wir euch nicht mit Mondſchein gefüttert und mit Stickſtoff berauſcht gemacht; ſpendet euch unſer Mond nicht jede Nacht ſein Licht, und ſeyd ihr ſo niederträch⸗ tig, zu murren, wo wir demüthigen Dank für ſo große Wohlthaten erwarten? Wenn ſie aber finden, daß wir nicht allein in der unbedingten Verachtung threr Ver⸗ nunftgründe beharren und an ihre Philoſophie nicht glan⸗ ben wollen, ja ſelbſt ſo weit gehen, daß wir es wagen, unſer Eigenthum zu vertheidigen, ſo wird ihre Geduld das Maaß überſtiegen haben, und ſie werden zu ſtärkeren Argumenten ihre Zuflucht nehmen, uns mit Hippogry⸗ phen hetzen, uns verdichtete Sonnenſtrahlen durch den Leib jagen, unſere Städte mit Mondſteinen in Grund und Boden ſchießen, und endlich, wenn wir uns, der Uebermacht uns beugend, zum wahren Glauben beken⸗ nen, werden ſie uns gnädigſt erlauben, in den brennenden — 46— Wüſten Arabiens oder in den Eisregionen Lapplands zu wohnen und uns dort der Segnungen der Civiliſation und der Mondsphiloſophie zu erfreuen, gerade ſo, wie den veredelten und erleuchteten Wilden unſeres Landes gütig verſtattet iſt, die unwirthlichen Wälder des Nor⸗ dens und die undurchdringlichen Dickichte des Südens von Amerika zu bewohnen. So iſt, wie ich hoffe, das Recht der Beſitznahme Amerika's durch die erſten Anſiedler klar bewieſen und gerechtfertigt; und nachdem ich nun ritterlich alle Hin⸗ derniſſe beſtegt und alle Einwürfe entkräftet habe, kann ich meine Leſer ſogleich in die lang belagerte Stadt ein⸗ führen.— Doch Halt! ehe ich einen Schritt weiter thue, muß ich erſt ſtillſtehen und Athem ſchöpfen, mich zu verſchnaufen von der furchtbaren Anſtrengung, dieſe zu⸗ verläſſige Geſchichte vorbereitet zu haben. Ich folge hierin dem Beiſpiel eines berühmten holländiſchen Tumm⸗ lers des Alterthums, der einen Anlauf von dreiviertel Stunden nahm, um über einen Hügel zu ſpringen. Weil er, als er den Fuß der Anhöhe erreichte, außer Athem war, ſo ſetzte er ſich ein Paar Augenblicke hin, um ſich zu verſchnaufen und führte dann mit aller Bequemlichkeir ſeinen Coup aus. — 4— Zweites Buch. Worin die erſte Anſiedlung in der Provinz der Neuen⸗Niederlande abgehandelr wird. Erſtes Kapitel. Welches von verſchiedenen Gründen handelt, warum ein Mann nicht mit Uebereilung ſchreiben ſollz dann von Herrn Hendrick Hudſon und ſeiner Entdeckung eines ſeltſamen Landes, endlich von ſeiner glänzenden Belohnung durch die Freigebigkeit Ihrer Hochmögenden. Als mein urgroßvater mütterlicher Seits, Hermanus Van Clattercop, den Auftrag erhielt, die große ſteinerne Kirche in Rotterdam zu bauen, welche ungefähr dreihun⸗ dert Yards zu eurer Linken liegt, wenn ihr von den Bompjes kommt, und die ſo bequem gebaut iſt, daß alle eifrige Chriſten von Rotterdam lieber hier als in ei⸗ ner andern Kirche der Stadt die Predigt verſchlafen— als mein Urgroßvater, ſage ich, den Auftrag bekam, dieſe berühmte Kirche zu bauen, ſo ließ er zuerſt von Delft eine Kiſte langer irdener Pfeifen kommen, dann kaufte er ſich ein neues Spukkäſtchen und hundert Pfund vom be⸗ ſten virginiſchen Tabak, ſetzte ſich nieder und that drei Mönate lang nichts als eifrig rauchen. Dann brachte er wieder drei Monate zu, zu Fuß und in der Treckſchuyt 1 — 148— von Rotterdam nach Amſterdam— nach Delft— nach Harlem— nach Leyden— nach dem Haag zu reiſen und an jeder Kirche auf dem Wege ſeinen Kopf zu zerbrechen, und ſeine Pfeife auszuklopfen. Dann näherte er ſich wie⸗ der allmählig Rotterdam, bis er genau an der Stelle ankam, wo die Kirche gebaut werden ſollte. Darauf brachte er abermals drei Monate damit zu, um den Platz herum und immer wieder herum zu gehen, ihn bald von der einen, bald von der andern Seite zu betrachten, dann auf dem Canal nach ihm hin zu rudern, dann von der andern Seite der Maas mit einem Teleskop hinzu⸗ ſchauen— und endlich nahm er von der Spitze einer der rieſigen Windmühlen, welche die Stadtthore beſchützen, die Vogelperſpective nach ihm. Die guten Leute, welche um den Platz wohnten, waren auf dem höchſten Grade der Spannung— und ungeachtet aller Unruhe, die mein Urgroßvater machte, war noch kein Zeichen von einer Kirche zu ſehen; man fing ſelbſt zu fürchten an, ſie werde nie das Licht der Welt erblicken, ſondern in den Wehen des großen Plans umkommen. Endlich, nachdem zwölf⸗ volle Monde mit Rauchen und Rudern, mit Stehen und Gehen verſtrichen— nachdem er ganz Holland durchreißt und ſelbſt nach Frankreich und Deutſchland Abſtecher ge⸗ macht— nachdem fünfhundert und neun und neunzig Pfeifen und dreihundert Pfund vom beſten Virginia⸗Ta⸗ bak verraucht waren— verſammelte mein Urgroßvater die ganze kluge und rührige Claſſe von Bürgern, die ſich mehr mit allem andern als mit ihren eigenen Angelegen⸗ — 40— heiten zu thun machen, und nachdem er ſeinen Rock und fünf, Paar Hoſen ausgezogen, trat er herzhaft hinzu und legte den Grundſtein zur Kirche— und dieſes im Bei⸗ ſeyn der ganzen Menge, als grade der dreizehnte Monat begann. In ähnlicher Art und Weiſe habe ich, durchdrungen von dem Beiſpiel meines würdigen Ahnen, bei Entwer⸗ fung dieſer ſehr authentiſchen Geſchichte verfahren. Die ehrlichen Rotterdamer glaubten ohne Zweifel, daß mein Urgroßvater während der unglaublichen Zeit bis zum An⸗ fang des Baues gar nichts gethan; eben ſo werden viele Leſer glauben, daß alle meine einleitenden Kapitel durch⸗ aus üͤberflüſſig und zur Sache nicht nöthig geweſen. Aber niemals haben ſich geſcheute Leute wohl mehr getäuſcht; denn nur ſo konnte meines Urgroßvaters Kirche ſo herr⸗ lich ausfallen, ausgenommen, daß es ihr wie unſerm Ka⸗ pitol in der Stadt Waſßhington erging, die in ſo großem Styl angefangen wurde, daß das Geld nur zu dem einen Flügel reichte. Auch ich werde, wenn ich im Stande bin, das Werk zu vollenden, den etwas mageren Stoff nach der jetzigen Sitte zu einer ſo großen Hiſtorie verarbei⸗ ten, daß alle Welt ſtaunen ſoll. Nun zum Faden unſe⸗ rer Geſchichte. 84 In dem ewig denkwürdigen Jahr 1609, eines Sonn⸗ abends Morgens, am fünſundzwanzigſten Tag des Mo⸗ nates März, alten Styls, ſegelte«cder würdige und un⸗ wiederbringliche Entdecker“(wie man ihn ſehr paſſend ge⸗ nannt hat), Herr Heinrich Hudſon, von Holland in ei⸗ Irving's Geſch. v. New York. 4 — 50— nem ſtattlichen Schiff, der Halbmond genannt, in Auf⸗ trägen der hollaͤndiſchen oſtindiſchen Compagnie, um einen nordweſtlichen Durchgang nach China zu ſuchen. Heinrich(oder wie ihn die niederländiſchen Geſchicht⸗ ſchreiber nennen, Hendrik) Hudſon war ein Seefayrer von Reputation, welcher unter Sir Walter Raleigh Ta⸗ back rauchen gelernt und der erſte geweſen ſeyn ſoll, der ihn in Holland einführte, welches ihn in dieſem Lande ſehr beliebt machte und ihm die große Gunſt Ihrer Hoch⸗ mögenden, der Herren Generalſtaaten, ſowie der ehren⸗ werthen weſtindiſchen Compagnie erwarb. Er war ein kurzer derber alter Herr mit einem doppelten Kinn, ei⸗ nem Mund wie ein Bullenbeißer und einer breiten kupf⸗ rigen Naſe, deren feurige Erſcheinung man zu jener Zeit der Nachbarſchaft ſeiner Tabackspfeife zuſchrieb. Er trug einen ächten Audrea Ferrara, in einen leder⸗ nen Gürtel eingeſteckt, und einen aufgekrämpten Commo⸗ dore⸗Hut, den er etwas auf die Seite ſetzte. Er hatte, wenn er eine Ordre gab, die Gewohnheit, ſeine Bein⸗ kleider aufzuwerfen, und ſeine Stimme tonte wie das Schmettern einer Kinder⸗Trompete— von dem Ein⸗ ſchlucken des vielen Nordweſtwindes auf ſeinen Seefahrten. Das war Hendrik Hudſon, von dem wir ſo viel hö⸗ ren und ſo wenig wiſſen. Ich habe ihn mit Fleiß ſo ge⸗ nau gezeichnet, weil ich damit neueren Malern und Bild⸗ bauern an die Hand zu gehen wünſchte, damit ſie ihm nicht, wie ſie gewohnt ſind, ein Anſehen wie Cäſar oder Marcus Aurelius oder Apoll von Belvedere geben⸗ Zum Lieblingsgefährten erſah ſich der Commodore den Herrn Robert Juet aus Limehpuſe in England. Einige haben ſeinen Namen Käut ausgeſprochen und behauptet, man habe ihn darum ſo geheißen, weil er der erſte gewe⸗ ſen, der Taback gekäͤut habe; aber dieſes iſt Thorheit. Er war ein Jugendkamerad von Hudſon, mit dem er oft die Schule geſchwänzt und Schiffe von Baͤckerholz im nächſten Sumpfe flott gemacht, als ſie noch kleine Knaben waren, woher der Commodore den Hang zum Seeleben bekam. Ein bitterböſer Innge in ſeiner Jugend, wurde er im Leben diel herumgeſtoßen, machte mehr Reiſen als Sind⸗ bad der Seefahrer, ohne grade weifer oder ſchlechter zu werden. In allen Beſchwerden tröſtete er ſich mit einem Mundvoll Taback und mit dem Spruch: adas wird in hundert Jahren noch eben ſo ſeyn.» Er ſchnitt Anker und treue Liebesherzen in die Schiffswäͤnde und galt für einen witzigen Kopf an Bord, weil er alle nach der Reihe foppte und dann und wann dem alten Hendrik ein ſchiefes Maul zog, wenn dieſer den Rücken wandte. Dieſem Genie verdanken wir viele Einzelnheiten über gegenwärtige Reiſe, indem er ihre Geſchichte auf Ver⸗ langen des Commodore niederſchrieb, der einen unbeſieg⸗ lichen Widerwillen vor dem Schreiben hatte, weil er dar⸗ über in der Schule viele Ohrfeigen bekommen. Da Juet indeſſen ſo kurz erzählt, wie ein Schiffstagebuch, ſo bediene ich mich noch einiger Familien⸗Traditionen 4* — 52— von meinem Ururgroßvater her, welcher als Schiffsjunge mit bei der Expedition war. 4 Die Reiſe ging ruhig und glücklich von Statten— das Schiffsvolk war von geduldigem Temperament, viel dem Schlaf und der Ruhe, wenig dem Denken ergeben, welches die Urſache alles Mißvergnügens iſt. Hudſon hatte genug Schnaps und Sauerkraut mitgenommen, und jeder durfte auf ſeinem Poſten ſchlafen, bis der Wind blies. Commodore Hudſon benahm ſich zwar einige⸗ mal nicht ganz zur Zufriedenheit der erfahrnen Seeleute und verbot ihnen mehr als fünf Jacken und ſechs Paar Hoſen zu tragen, um die Leute, wie er ſagte, mehr alert zu machen, und niemand durfte mit der Pfeife im Mund im Takelwerk arbeiten oder an den Segeln etwas machen, wie es noch heute die Vorſchrift auf den holländiſchen Schiffen iſt.— Aber alle dieſe Aergerlichkeiten mit den Seeleuten waren nur vorübergehend; ſie aßen tüchtig, tranken viel und ſchliefen nach Herzensluſt, und ſo er⸗ reichte das Schiff, unter dem beſonderen Beiſtand der Vorſehung, die Küſte von Amerika, wo ſie endlich nach einigem Halten und Hin⸗ und Herfahren am 4. Septem⸗ ber jene majeſtätiſche Bai betraten, die ſich noch bis auf dieſen Tag in weiter Ausdehnung vor der Stadt New⸗ York hinzieht und niemals zuvor von Europäern berührt worden war.*) *) Was in Hackluyts Reiſen von dem Florentiner Veraz⸗ zani vorkommt, iſt aus drei Gründen nicht zuläfſig z 53— Nach einer Familien⸗Tradition zeigte der große See⸗ fahrer, als er nun den Anblick dieſer bezaubernden Inſel genoß, zum erſten und einzigen Male in ſeinem Leben Symptome großen Erſtaunens. Er wandte ſich gegen Freund Juet und ſprach die merkwürdigen Worte:«Sieh! dort!“ und damit ſtieß er, wie gewöhnlich, wenn ihm etwas gefiel, ſolche dicke Wolken Tabacksdampf aus, daß das Schiff in einer Minute das Land aus dem Geſicht verlor und Herr Juet warten mußte, bis die Winde den undurchdringlichen Nebel zerſtreut hatten. Es war— ſo pflegte mein Urgroßvater zu ſagen(wie mir wiedererzählt wurde)— wirklich ein Ort, wo das Auge ewig ruhen möchte, voll immer neuer und unendlich reicher Schönheiten. Die Inſel Mannahata breitete ſich wie ein liebliches Phantaſiegebilde, oder wie eine Feen⸗ ſchöpfung vor ihnen aus. Hügel mit lachendem Grün hoben ſich über einander empor, mit hohen Bäumen von üppigem Wachsthum gekrönt; einige ſtreckten das ſpitzige Laub nach den Wolken, die in hellem Glanz erſchienen; erſtens weil Verazzani's Bat der von New⸗York grade ſo ähnlich iſt, wie meine Nachtmütze; zweitens weil dieſer Verazzani ein verwünſchter Florentiner iſt, wie Amerigo Vespucci, der die Welt ſchon um einen großen Taufnamen betrogen hat; und drittens weil Hudſon von Holland kam und es daher gewiß und wahrhaftig eine niedernindiſche Expedition war. Wem von den al⸗ ten Bürgern dieſer Stadt dies noch nicht genügt, iſt nicht werth, ein Holländer zu heißen und widerlegt zu werden. — 54— andere, mit der grunen Frucht rankender Reben belaſtet, beng⸗ ten die ſchweren Zweige zur Erde, die mit Blumen bedeckt war. Auf den ſanften Abhängen ſtanden in lachendem Gemiſch der Sumach, der Hundsſtrauch und die Hage⸗ butte, deren ſcharlachrothe Früchte und weiße Blüthen gegen das dunkle Grün der Blätter glänzend abſtachen. Da und dort erhob ſich eine kräuſelnde Rauchſäule aus den kleinen Thälern, die ſich der Küſte entlang öffneten, und ſchien den müden Reiſenden einen Willkomm von freundlichen Mitgeſchöpfen zuzuwinken. Wie ſie ſo mit Spannung die reizende Scene betrachteten, trat ein ro⸗ ther Mann, mit einem Federbüſchel gekrönt, aus einem der Thäler, und nachdem er in ſtummer Verwunderung das ſtattliche Schiff betrachtet, das wie ein ſchöner Schwan auf einem Silberteich dahin ſchwamm, ließ er ein Alarm⸗ geſchrei erſchallen und ſprang in die Waldung wie ein wildes Thier, zu nicht geringem Erſtaunen der phlegma⸗ tiſchen Holländer, die in ihrem Leben keine ſolche Töne gehört, keine ſolche Luftſprünge geſehen hatten. 3 Ueber den Verkehr unſerer Abenteurer mit den Wil⸗ den, wie dieſe aus kupfernen Pfeiſen rauchten und getrock⸗ nete Traubenbeeren aßen, wie ſie große Vorräthe Tabach und eine Menge Auſtern herbeiſchleppten, wie ſie einen von der Mannſchaft todtſchoſſen und dieſer begraben wurde, will ich mich nicht weiter auslaſſen, denn es iſt zu unbe⸗ deutend. Nachdem ſie einige Tage in der Bai verweilt, um ſich von der Fahrt zu erholen, lichteten unſere Seehelden die — 55— Anker und fuhren einen breiten Strom hinauf, der in die Bai mündete, und den die Wilden Mohegan nann⸗ ten. Der unternehmende Hendrik zweifelte kaum einen Augenblick, daß nun die langgehoffte Straße nach China kommen werde. Auf dieſer Fahrt den Fluß hinauf ereignete ſich nichts Beſonderes. Nur ein Pröbchen von der practiſchen Phi⸗ loſophie unſeres Helden und ſeines Schulkammeraden muß erzählt werden. Sie beſchloſſen, einige von den vornehm⸗ ſten Wilden auf's Schiff zu nehmen, um zu ſehen, ob ſie keine Verrätherei im Schilde führten. Um dieſes zu er⸗ fahren, gaben ſte ihnen Wein und Schnaps, bis ſie be⸗ trunken waren. Hier äußerte ſich nichts.— Zufrieden mit dieſem ſcharfſinnigen Experiment, welches bewies, daß die Eingebornen ehrliche luſtige Kerls waren, lachte der Commodore innerlich von Herzen über ſeine Schlauheit, nahm eine doppelte Portion Taback in die Backen, und erinnerte Freund Juet, er ſolle doch ja nicht vergeſſen, den Spaß aufzuzeichnen, um die Naturphiloſophen der Univerſität Leyden zufrieden zu ſtellen. Nachdem er ungefähr hundert Meilen aufwärts gefah⸗ ren war, fand er, daß die Waſſerfläche immer ſeichter und ſchmaler, der Strom ſchneller und das Waſſer im⸗ mer ſüßer wurde. Dieſe ganz gewöhnlichen Erſcheinungen an einem Fluß ſetzten den ehrlichen Holländer ungeheuer in Verlegenheit. Es wurde Schiffsrath gehalten, welcher ſechs Stunden dauerte und damit endete, daß das Schiff ſich feſtfuhr, worauf man einmüthig den Beſchluß faßte, daß auf dieſem Wege wenig Hoffnung ſey, nach China zu kommen, Es wurde indeſſen ein Boot abgeſandt, um den Fluß noch etwas weiter hinauf zu unterſuchen, welches die gefaßte Meinung nur beſtätigte. Man machte das Schiff mit vieler Muͤhe wieder flott und der kühne Hnd⸗ ſon kehrte, mit einem großen Floh im Ohr, den Strom hinab zurück.. Als ſich auf dieſe Art wenig Hoffnung, nach China zu kommen, zeigen wollte, wenn man nicht wie jener Blinde von da wieder ausgehen wollte, wo man herkam, ſo. richtete er ſeinen Lauf wieder nach Holland und wurde mit großem Jubel von der ehrenwerthen oſtindiſchen Com⸗ pagnie empfangen, die ſehr erfreut war, ihn heiler Haut — mit ihrem Schiff wieder zurückkommen zu ſehen, und in einer großen, ſehr ehrbaren Zuſammenkunft der erſten Kaufleute und Burgermeiſter von Amſterdam wurde ein⸗ müthig beſchloſſen: um ihn für die geleiſteten ausgezeich⸗ neten Dienſte und die gemachte Entdeckung zu belohnen, ſolle der große Mohegan⸗Fluß ſeinen Namen erhalten, und ſo heißt derſelbe bis auf dieſen Tag der Hudſon⸗Fluß. Zweites Kapitel. Welches einen Bericht enthält von einer mächtigen Arche, die unter dem Schutz des heiligen Nicolaus von Holland nach den Galgen Inſeln ſchwamm— von den ſeltnen Thieren, die daraus hervorkamen— und von einem großen Siege, mit Beſchreibung des alten Dorfes Communipaw. Die ergötzlichen Berichte des großen Hudſon und ſei⸗ nes Freundes Juet von dem entdeckten Lande erregten — 52— kein geringes Aufſehen und Nachdenken unter dem guten holländiſchen Volke. Die Regierung ſtellte Patente für eine Geſellſchaft von Kaufleuten aus, die ſich die weſtin⸗ diſche Compagnie nannte, zum ausſchließlichen Handel auf dem Hudſon, auf welchem ſie ein Handelshaus, Namens Fort Aurania oder Orange, gründeten, woranus ſpäter die Stadt Albany hervorging. Drei bis vier Jahre nach der Rückkehr des unſſterb⸗ lichen Hendrik ging eine Schaar ehrlicher niederländiſcher Coloniſten von der Stadt Amſterdam nach den Küſten von Amerika. Das Schiff, womit ſie ſegrlten, hieß die Goede Vrouw dder die gute Frau, um der Gattin des Präſidenten der weſtindiſchen Compagnie ein Compli⸗ ment zu machen, die Jedermann C(außer ihr Gemahl) für eine ſehr ſanfte Dame hielt, wenn ſie keinen Liqueur genoſſen hatte. Es war wirklich ein recht ſtattliches Schiff, in der vollendetſten holländiſchen Form von den beſten Schiffszimmerleuten in Amſterdam gearbeitet, die, wie man weiß, ihre Schiffe immer nach den ſchönen For⸗ men ihrer Landsmänninnen modeln. Demnach hatte es hundert Fuß im Baum, hundert im Kiel und hundert vom Boden des Vordertheils bis zum Taffarel(Spitze des Hintertheils). Gleich dem ſchönen Modell, das man für die größte Schönheit in Amſterdam erklärte, war es, voll in den Bogen, mit ein Paar ſtarken Katzenköpfen, einem kupfernen Boden und mit einem wundervollen Hin⸗ tertheil verſehen! Statt einer heidniſchen Gottheit verſah der fromme — 58— Baumeiſter das Schiff mit dem Bilde des heiligen Nico⸗ laus, mit niedrigem, breit gerändertem Hut, ein Paar ungeheuren flämiſchen Pumphoſen und einer Pfeife, die bis an's Ende des Bugſpriets reichte. So ſtattlich ge⸗ ſchmückt, ſchwamm das Schiff ſeitwärts, wie eine maje⸗ ſtätiſche Gans, aus dem Hafen der großen Stadt Am⸗ ſterdam, und alle Damen, die nicht anderwärts beſchäftigt waren, ließen ein dreifaches Hoch bei dem fteudigen An⸗ laß erklingen. 3 Die Reiſe der guten Fran war unter dem Beiſtand des mächtigen Schutzpatrons ungewöhnlich ſchnell und glücklich, und nach wenigen Monaten lag ſie in der Mün⸗ dung des Hudſon vor Anker, etwas öſtlich, nach den Gib⸗ det oder Galgen⸗Inſeln. Als die Seefahrer die Augen erhoben, ſahen ſie an der jetzigen Jerſey⸗Kuͤſte ein kleines indianiſches Dorf, anmuthig in einem Ulmenhain verſteckt; die Bewohner aber ſtanden alle an der Küſte und ſahen mit ſtierer Be⸗ 8 wunderung die Goede Vrouw an. Man ſandte ſogleich ein Boot ab, um mit den Leuten zu unterhandeln. Die⸗ ſes ließ ein Sprachrohr in den freundlichſten Ausdrücken ertönen; aber die armen Bewohner erſchraken ſo ſehr über die fürchterlichen, ungeſchlachten Töne der holländiſchen Sprache, daß alle die Flucht ergriffen, über die Berg⸗ höhen liefen, und nicht hielten, bis ſie bis an die Oh⸗ ren in die Sümpfe auf der andern Seite geriethen und dort jämmerlich umkamen. Ihre Gebeine ſind in dem ſogenannten Klapperſchlangenhügel, der ſich mitten aus den Salzſümpfen erhebt, geſammelt. Durch den unverhofften Sieg muthig gemacht, ſtieg die kleine Mannſchaft aus, nahm in dem Namen Ihrer Hochmögenden, der Herren Generalſtaaten, von der Ge⸗ gend Beſitz und ſtürmte das verlaſſene Dorf Communi⸗ paw. Sie waren ſo entzückt von der treffliche Lage des Ortes, daß ſie wenig daran zweifelten, daß ſie der hei⸗ lige Nicolaus zur Anſiedlung hierhergeführt habe. Alles war hierzu geeignet. Der weiche Boden ließ ſich herrlich mit Pfählen umrammeln, die Sümpfe umher gaben herr⸗ liche Gelegenheit für Graͤben und Dämme, und das ſeichte Geſtade war zur Anlegung von Schiffsdocken ganz gemacht— kurz der Ort hatte alle Eigenſchaften zur Gründnng einer echten holländiſchen Stadt. Nachdem ſte der Mannſchaft der Goede Vrouw die günſtigen Nach⸗ richten gebracht, ſahen es alle als eine Fügung an, ſich hier niederlaſſen zu ſollen. Demnach ſtiegen aus der Goede Vrouw Männer, Weiber und Kinder in ſchoͤnem Zuge, wie die Thiere weiland aus der Arche, und bilde⸗ ten eine rührige Niederlaſſung, die man nach dem india⸗ niſchen Namen Communipaw benannte. Eommunipaw iſt gegenwärtig nur ein kleines Dorf, freundlich gelegen in ländlicher Umgebung an einem ſchö⸗ nen Punkt der Jerſey⸗Küſte, der in den alten Sagen Pavonia hieß, und eine Ausſicht auf die prächtige Bai von New⸗York gibt. Man fährt nur eine halbe Stunde dorthin, wenn der Wind günſtig iſt und man von der Stadt aus geſehen werden kann. Die in dieſem Ort ſehr häufigen Neger ind r viel ge⸗ wandter und geſcheuter als ihre Oberherren, reißen allen ausländiſchen Handel an ſich, und machen oft Rei⸗ ſen nach der Stadt mit Canoes voll Auſtern, Butter⸗ milch und Kohl. Sie ſind große Aſtrologen und Wetter⸗ propheten, ſpielen die dreiſaitige Geige recht gut, und pfeifen trotz Orpheus Leier, ſo daß kein Pferd oder Ochs vor einem Wagen oder Pflug von der Stelle geht, wenn er nicht das wohlbekannte Pfeifen ſeines ſchwarzen Trei⸗ bers und Gefährten hört. Auch werden ſie wegen der er⸗ ſtaunenswerthen Gabe, an den Fingern herzuzählen, ver⸗ ehrt, als ob ſte die heilige Vierzahl des Pythagoras ſtu⸗ diert baͤtten.. Was die ehrlichen Bürger von Communipaw betrifft, ſo blicken ſte wie recht geſunde Philoſophen nie uͤber ihre Pfeife hinaus, und zerbrechen ſich den Kopf nicht uͤber Dinge, die über ihren allernächſten Sehkreis hinaus lie⸗ gen, ſo daß ſie in einer beneidenswerthen Unwiſſenheit über alle Verwirrungen und Revolutionen dieſes zerriſſe⸗ nen Planeten leben. Man hat mir erzählt, daß viele der Meinung ſeyen, Holland ſey immer noch eine Republik und ſie ſtänden fortwährend unter den Befehlen Ihrer Hochmögenden. New⸗York heißt noch Neu⸗ ⸗Amſterdam, und in der friedlichen Schenke, wo ſie Sonnabends Nach⸗ mittag zuſammenkommen, ſollen ſie ſogar noch auf die ferneren Siege des Admirals Van Tromp triuken. — 61— Hier herrſchen noch ganz die Sitten unſerer Vorfah⸗ ren; die Kleider vererben ſich vom Vater auf den Sohn; die breiträndrigen Hüte, breitſchöſſigen Röcke und weiten Beinkleider, die rieſigen ſilbernen Knieſchnallen erinnern an die patriarchaliſche Heldenzeit, und die Sprache iſt noch ſo unverdorben und kritiſch correct, daß wenn der Schulmeiſter die Pſalmen ablieſ't, es denſelben Effect auf die Nerven macht, wie das Feilen einer Säge. Drittes Kapitel. Worin die wahre Art, Handel zu treiben, vorkommt,— auch das wunderſame Verſchwinden einer großen Hauptſtadt im Nebel— undd die Biographie gewiſſer Helden von Com⸗ munipaw.. Nachdem ich der kindlichen Pflicht der Dankbarkeit genügt, welche New⸗York ſeiner Mutter⸗Colonie Com⸗ munipaw ſchuldig iſt, und getreu beſchrieben, wie es jetzt ausſteht, kehre ich mit Beruhigung zu ſeiner früheren Ge⸗ ſchichte zurück. Die Mannſchaft der Gvede Vrouw war bald durch friſche Einfuhr von Holland verſtärkt und die Niederlaſſung gedieh zuſehens. Die benachbarten India⸗ ner gewöhnten ſich bald an die wunderlichen Töne der holländiſchen Sprache und ein lebhafter Verkehr trat ein. Die Indianer waren langem Sprechen, die Holländer langem Schweigen ergeben; in dieſer Hinſicht paßten ſie ganz zu einander. Die Häuptlinge hielten große Reden über den dicken Ochſen, den Wabaſch und den großen — 62— Geiſt, wobei die andern ſehr aufmerkſam zuhörten, ihre Pfeifen rauchten und Nah Mynheer grunzten— wor⸗ über die armen Wilden ſehr entzückt waren. Sie nnter⸗ richteten die Anſiedler in der beſten Art den Taback zu gewinnen und zu rauchen, und dieſe lehrten ſie auf gut holländiſch trinken— wie nicht minder die Kunſt, Han⸗ del zu treiben. Bald entſpann ſich ein lebhafter Tauſch mit Pelzwer⸗ ken; die niederländiſchen Handelsleute waren ſehr gewif⸗ ſenhaft; ſte handelten nach dem Gewicht und ſetzten ein für allemal feſt, daß die Hand eines Holländers für ein Pfund, ſein Fuß für zwei Pfund gelten ſollten. Die ſchlichten Indianer waren oft erſtaunt über das große Mißverhaͤltniß zwiſchen der Maſſe und dem Gewicht; leg⸗ ten ſie einen noch ſo großen Pack Pelze in die eine Wag⸗ ſchale, und der Holländer legte ſeine Hand oder ſeinen Fuß in die andere, ſo fuhr immer der Pelz in die Höhe, und niemals wog auf dem Markt von Connnunipaw ein Pack Pelz mehr als zwei Pfund. 3— Dieſes iſt ſehr ſeltſam, aber ich habe es von meinem Urgroßvater, der ſich zu großer Bedeutung in der Colo⸗ nie emporſchwang, denn er erhielt das Amt als Wagmei⸗ ſter, wegen der ungewöhnlichen Schwere ſeines Fußes. Nun gewannen die holländiſchen Beſitzungen in der neuen Welt ein recht gutes Anſehen und man nannte ſie die Neuen⸗Niederlande, obwohl die Gegenden rauh und bergig, die des Mutterlandes aber eben und ſumpfig wa⸗ ren, Um dieſe Zeit wurde die Ruhe der holländiſchen Co⸗ — 63— loniſten etwas erſchüttert. Im Jahr 1614 beſuchte der engliſche Capitain Sir Samuel Argal von Virginien aus die holländiſchen Niederlaſſungen und nahm von ihnen im Namen der Krone England Beſitz, welchem ſich die Co⸗ loniſten, da ſie keinen Widerſtand leiſten konnten, für den Augenblick als beſcheidene und vernünftige Leute un⸗ terwarfen. 1 Der ritterliche Argal ſcheint die Niederlaſſung von Communipaw gar nicht beläſtigt zu haben; im Gegentheil erzählt man, als ſein Schiff zuerſt erſchien, habe die wür⸗ digen Bürger ein ſolcher paniſcher Schrecken ergriffen, daß ſie mit erſtaunenswerther Heftigkeit ihre Pfeifen ge⸗ raucht, und in Kurzem eine Wolke gebildet, die in Ver⸗ bindung mit den umgebenden Waldungen und Sümpfen, ihr geliebtes Dorf ganz verſchleierte, ſo daß der fürch⸗ terliche Eroberer nicht merkte, daß in dem Schlamm, un⸗ ter den peſtilenzialiſchen Dünſten, eine ſanbere kleine hol⸗ Bländiſche Colonie heimlich verborgen lag. Zum Andenken an dieſe rettende Verſchleierung ſetzten die Bewohner das Rauchen unaufhoͤrlich fort, bis auf dieſen Tag, und dieß ſoll denn auch die Urſache des mächtigen Nebels ſeyn, der oft über Communipaw an ganz heiteren Nachmittagen hängt. Unſere hochherzigen Vorfahren brauchten ſechs volle Monate, um wieder zu Athem zu kommen; dann berie⸗ fen ſie einen Heilsausſchuß, um über den Zuſtand der Provinz zu rauchen. Nach ſechs Monaten reiflicher Ue⸗ berlegung, wo ungefaͤhr fünfhundert Worte und unendlich — 62— viel mehr Taback zum Beſten gegeben wurde, beſchloß man eine Entdeckungsfahrt mit Canots zu machen, ob irgend ein ſicherer Ort zu einer Colonie zu finden wäre. Vier Männer erhielten den Oberbefehl, es waren die Mynheers Oloffe Van Kortlandt, Abraham Hardenbroek, Jacobus Van Zandt und Winant Ten⸗Broek. Sie wa⸗ ren zwar früher in Holland gänzlich unbekannte Leute, aber es ging ihnen hierin nur wie den Propheten, und da die Sitte des Alterthums, daß obſcure Helden ſich be⸗ ſcheiden von Göttern ableiten, nicht mehr gilt, ſo wãpe ich warlich mit meinen Heerführern in Verlegenheit, gä⸗ ben nicht ihre Namen einige Anleitung zu ihrer Bio⸗ graphie.— Van Kortlandt war einer jener peripatetiſchen Philoſophen, welche die Vorſehung für ihren Unterhalt beſteuern und ein freies unbelaſtetes Beſitzthum in der Sonne haben, wie Diogenes. Seine Kleidung way, ſei⸗ nen Vermögensumſtänden gemäß, ſtark mit Franzen ein⸗ gefaßt, ſein Helm war das Fragment eines Hutes in der Geſtalt eines Zuckerhutes, und er trieb die Verach⸗ tung gegen die Mode ſo weit, daß man behauptet, er habe die Rudera ſeines Hemdes, das wie ein Schnupf⸗ tuch hinten aus den zerriſſenen Beinkleidern herausſah, nie waſchen laſſen, außer durch den milden Regen des Himmels. So ſah man ihn oft ſich mit einer Heerde von Philoſophen am Mittage am großen Canal in Am⸗ ſterdam ſonnen. Wie der Adel in Europa nannte er ſich — 65— Kortlandt(frei überſetzt: Herr von Habenichts) von den Landgütern, die im Monde lagen. 4 Bei dem Namen des zweiten Helden müſſen wir doch. wieder die Mythologie etwas zu Hülfe nehmen. Er hiet Van Zandt oder frei überſetzt vom Koth. Er war wie Triptolemus, Themis, die Cyklopen und die Tita⸗ nen, ein Sohn der Erde. Dieſe heidniſche Vermuthung erhält ihre Beſtätigung in ſeiner athletiſchen Geſtalt, denn er war ein langer, dürrer Kerl, gegen ſechs Fuß hoch, mit einem eerſtaunlich harten Kopf. Er theilt mit unſern angeſehenſten, reichſten Leuten den geſegneten Ur⸗ ſprung— vom Miſt. 1 Von dem dritten Helden iſt nur eine ſchwache Anden⸗ tung auf die Nachwelt gekommen, wornach er ein hart⸗ näckiges, eigenſinniges, dickes, lärmendes, kleines Kerl⸗ chen war und gewöhnlich bocklederne Hoſen trug; man hieß ihn vertraulich Harden⸗Broeck oder Zäh⸗Hoſen. Zehn⸗Hoſen machte die Zahl der Abenteurer voll. Der Name«Ten⸗Brveck⸗ konnte auf die Vermuthung leiten, als ob er die Sitte eingeführt, zehn Paar Ho⸗ ſen anzuziehen. Aber eine beſſere Conjectur iſt, daß Ten ein verdorbenes Tin oder Thin, dünn, iſt, woher man ſchließt, daß er ein armer Teufel geweſen, der grade nicht die beſten Beinkleider gehabt, und den man auch für den Verfaſſer jener wahrhaft philoſophiſchen Stanzehält: „So laßt uns denn, Brüder, um Schähe nicht loſen, Hinweg mit dem Flittertand; Irving's Geſch, v. New⸗York. 5 — 66— Ein fröhlicher Sinn und ein dünnes Paar Hofes Geh'n friſch über Meer und Land!« Dieß war die ritterliche Junta, auserleſen, um in unbekannte Reiche einzudringen; das Ganze aber kam unter die Befehle Oloffs Van Kortlandt, der wegen der Vielſeitigkeit und Dunkelheit ſeiner Anſichten in Com⸗ munipaw ſehr verehrt wurde. Da er in Amſterdam ſich der peripatetiſchen Philoſophie in freier Luft ergeben hatte, ſo war er ein großer Stern⸗ und Wetterkundiger, und. ſah ſo gut, wenn ein Sturm im Anzuge war, wie ein muſterhafter Ehemann ihn an der Stirn ſeiner Gemahlin kommen ſieht. Er war auſſerdem ein Geiſterſeher und glaubte an Ahnungen. Vor allem aber hatte er die Tu⸗ gend, ein großer Träumer zu ſeyn, denn es ereignete ſich nichts von einiger Bedeutung in Communipaw, wo er nicht verſicherte, daß ihm vorher davon geträumt habe. Dieſe übernatürliche Gabe war in ſeinem Dorfe eben ſo hoch geſchätzt, wie bei den erleuchtetſten Nationen des Alterthums. Aehnlich dem klugen Ulyſſes, war er alle⸗ mal beſſer mit dem Schlafen, als mit dem Wachen be⸗ rathen, woher er denn auch den Namen Oloffe der Traͤu⸗ mer erhielt. Nach geſchehener Auswahl der Mannſchaft, ſowie nach dringender Ermahnung an alle, ihr Haus zu beſtellen, rüſtste Oloff ſich mit ſeinen Gefährten zur Reiſe, 4 5 — 67— Viertes Kapitel. Wie die Helden von Communipaw noch dem Höllenthor rei⸗ ten, und wie ſie dort empfangen wurden.⸗ Und nun begann das fungfräuliche Roth des Mor⸗ gens im Oſten ſich zu verbreiten, und bald ſchoß die auf⸗ ſteigende Sonne aus goldnem und purpurnem Wolken⸗ meere ihre fröhligen Strahlen auf die blechenen Wetter⸗ bähne von Communipaw. Es war die köſtliche Jahres⸗ zeit, wo die Natur, aus der ſtarren Knechtſchaft des alten Winters erlöſt, wie ein blühendes Mädchen von der Tyrannei eines filzigen, alten Vaters, mit tauſend Reizen aufknospend, in die Arme des jugendkräftigen Lenzes ſinkt. Jeder Strauch und jeder Blüthenhain er⸗ tönte von bräutlichen Melodieen, ſelbſt die Inſecten, die den Thau ſogen, der das zarte Gras der Wieſen be⸗ derlte, ſtimmten in das fröhliche Brautlied mit ein; furchtſam regte ſich die Blüthengeſtalt der Jungfrau, die Turteltaube zog durchs Gefild, und das Herz des Man⸗ nes ſchmolz dahin in Zärtlichkeit. O, ſüßer Theokrit! hätte ich dein Haberrohr, womit du einſt die lachenden Ebenen Siciliens entzückteſt— oder, milder Bion, deine Hirtenpfeife, an der ſich die glücklichen Schäfer der les⸗ biſchen Inſel ſo oft ergötzten, dann dürfte ich es wagen, mit ſanfter Bukole oder nachläſſigem Idyll die ländlichen Schönheiten dieſer Scene zu feiern— ſo aber habe ich, um meine Begeiſterung zu beflügeln, nur dieſen ſtumpfen Gaͤnſekiel, muß alle Spiele der Phantaſte fahren laſſen 4 * — 68— und meine Bahn in niedrer Proſe fortſetzen, mich trö⸗ ſtend mit der Ausſicht, zwar nicht ſo ſüß in das Ohr des Leſers einzudringen, doch mit jungfräulicher Schüch⸗ ternheit mich ſeinem beſſeren Urtheil empfehlen zu dürfen, wenn ich mich in das keuſche, einfache Gewand der Wahr⸗ heit kleide. f Kaum hatten die erſten Strahlen des gnädigen Phö⸗ bus die Fenſter Communipaws vergoldet, als der weiſe Van Kortlandt aus ſeinem Schloß hervortrat, eine Mu⸗ ſchelſchale ergriff und einen grellen Ton ausſtieß, der ſeine Gefährten zur Abfahrt mahnte. Sie kamen mit dem ganzen Dorf in langen Familienproczſſionen herab, mit Bündeln und Schachteln beladen, nach der Sitte, wie man einen Vetter vom Lande aufs Marktſchiff begleitet. Bei dem Einſchiffen riefen ihnen die Angehörigen unter dem Lebewohl die gewöhnlichen unſchätzbaren Warnungen zu, nicht zu ertrinken und ſich gut zu verwahren— und bald hatten die Schiffenden die grünen Geſtade Pavo⸗ nig's aus den Augen. 51 Zuerſt berührten ſie die beiden reizenden Inſeln, die Communipaw faſt gegenüberliegen, dann Governors⸗Is⸗ land, welches jetzt ſtark befeſtigt iſt. Um keinen Preis wären ſie hier an's Land geſtiegen, da ſie die Inſel für den Aufenthalt von Geiſtern und Dämonen hielten, die in dieſen Tagen durch das wilde, heidniſche Land ihr We⸗ ſen trieben. Grade kam eine Schaar von herrlichen Braunfiſchen oder Meerſchweinen daher geſchwommen, ſie drehten die — 69— glatten Seiten nach der Sonne und ſpieen das ſalzige Element in funkelnden Strahlen aus. Der weiſe Oloff war hierüber ſehr erfreut.„Dies,» rief er, weiſſagt uns Gutes— denn der Braunfiſch iſt ein fettes, wohl conditionirtes Thier— ein Burgemeiſter unter den Fi⸗ ſchen— ſein Anblick deutet auf Gemächlichkeit, Ueber⸗ fluß und Glück— ich betrachte dieſen runden, ſetten Fiſch mit Bewunderung, und zweifle nicht, daß er ein Unter⸗ pfand des guten Erfolges unſerer Fahrt iſt.“ So re⸗ dend, ließ er das kleine Geſchwader dieſen Rathsherrn der Gewäſſer folgen.— Sie wandten ſich demuach links, in die Straße, die jetzt Eaſt⸗River genannt wird. Die raſche Strömung ergriff den Kübel des Commodore mit einer Heftigkeit, deren ſich die nur an Caualfahrten gewöhnten Niederlän⸗ der nicht verſehen hatten; um ſo mehr glaubte Van Kortlandt in dem Schutz einer unſichtbaren Macht den Braunfiſchen nachzufliegen. So flogen ſie denn um die Corlears⸗Spitze(Cor⸗ lears⸗Haken) und indem ſie die reiche, gewundene Bai von Wallabout zur Rechten lietzen, trieben ſie in einem prächtigen Waſſerſpiegel, mit Küſten von erfriſchendem Gruͤn. Wie ſtie ſich nun in dieſem heitern, ſonnigen Teich recht wohl zu fühlen begannen, ſahen ſie plötzlich in der Entfernung eine Gruppe bemalter Wilden, emfig mit Fiſchen beſchäftigt; ſie ſchienen mehr die unbekannten Gottheiten des Ortes und ihr zierliches Kanot ſchaukelte leicht wie eine Feder auf der ſanftwallenden Fläche der Bai — 70— Die Gemüther der Helden von Commnnipaw gerie⸗ then in nicht geringes Entſetzen. Aber zum Gluͤck ſtand am Bord des Commodore⸗Bootes ein tapfrer Mann, Hendrik Kip, welches ſoviel wie Hauns Haſenfuß be⸗ deutet. Kaum ſah er dieſe heidniſchen Schelme, als er vor lauter Ungeduld zu zittern anfing, und obgleich ſie noch eine gute Viertelſtunde entfernt waren, ergriff er den neben ihm liegenden Muskedonner, wandte den Kopf weg und feuerte mit großer Unerſchrockenheit der lieben Sonne ins Geſicht. Das ſchwer geladene Gewehr prallte Zurück und gab ihm einen argen Stoß, ſo daß er ins Boot plumpte und die Beine gen Himmel ſtreckte. Aber die Wirkung des donnernden Geſchützes war ſo groß, daß die wilden Waldmenſchen erſchreckt die Flucht ergriffen und eiligſt in eine der tiefen Einfahrten von Long⸗Island zurückruderten. Dieſer entſcheidende Sieg erfüllte die kühnen Seefah⸗ rer mit neuem Muth, und ſie gaben der umgebenden Bai, der Heldenthat zu Ehren, den Namen Kip's⸗Bai, den ſie noch jetzt trägt. Der gute Van Kortlandt ſchwärmte ſchon in ſüßen Träumen von den weiten Wieſen„ den Salzſümpfen und den unabſehlichen Kohlfeldern, als die Ebbe eintrat, die ihn ſchier aus dieſem Lande der Verheißung hinwegge⸗ tragen hätte, wenn er nicht ſogleich zum Landen com⸗ mandirt hätte. Dies geſchah bei den Felſenhöhen von Bellevüe, wo unſer wackerer Rath für das Wohl der — — 71— Republick gut ißt und trinkt, auch die Schildkröten mä⸗ ſtet, die bei feierlichen Gelegenheiten geſchlachtet werden. Hier, auf der grünen Wieſe, am Rande eines Flüß⸗ chens, das unter dem hohen Graſe funkelnd dahinrann, erfriſchten ſie ſich wieder und genoſſen die mitgebrachten reichlichen Vorräthe, worauf ſie in ernſtliche Berathun⸗ gen eingingen. Dies war das erſte Rathseſſen zu Bel⸗ levüe und der Tradition zufolge iſt bier auch der Urſprung der großen Feindſchaft zwiſchen den Häuſern Hardenbroeck und Tenbroeck zu ſuchen, die nachmals von ſo entſchei⸗ dendem Einfluß auf den Bau der Stadt war. Der herz⸗ bafte Hardenbroeck, entzückt über die Salzſümpfe der Kips⸗Bai, rieth dorthin zurückzukehren und die Stadt zu gründen; dagegen erhob ſich der unbezähmbare Ten⸗ Broeck, und viele eigenſinnige Redensarten erhöheten den Zwieſpalt. Endlich machte der weiſe Oloff dem Streit damit ein Ende, daß er den Weg weiter zu verfolgen beſchloß, den die geheimnißvollen Meerſchweine ſo deut⸗ lich bezeichnet hatten— da verließ der hartnäckige Zäh⸗ Hoſen die Expedition, nahm von einem benachbarten Hü⸗ gel Beſitz und in einem Anlauf von Wuth bevölkerte er den ganzen Strich Landes, der bis auf dieſen Tag noch von den Hardenbroecks bewohnt wird. Unterdeſſen war der muntere Phöbus, wie ein muth⸗ williger Igel, der ſpielend einen grünen Hügel hinabkol⸗ lert, den Himmelsabhang heruntergerollt; und da jetzt wieder die Fluth eintrat, ſo überließen ſich die entſchloſ⸗ — 72— ſenen Pavonier ihr aufs Neue und fuhren an den Weſt⸗ küſten hin nach den Sraßen der Blackwell⸗ Inſel. Und hier gaben die wunderlichen Stroͤmungen den be⸗ rühmten Seefahrern nicht wenig Erſtaunen und Schrecken, denn bald wurden ſie um eine Spitze herum in eine ro⸗ mantiſche Bucht der Manhatten⸗Inſel getrieben, bald an den Fuß von Felſen geſchleudert, über welche üppige Traubenguirlanden herabhingen und deren Waldeskronen einen breiten Schatten über die Wogen hinwarfen, bald wurden ſie wieder mitten in den Kanal getrieben und mit reiſſender Geſchwindigkeit fortgeriſſen. Wo die Reiſenden ihre Blicke hinwandten, ſchien eine nene Schöpfung rings aufzuſproſſen. Kein Zeichen menſch⸗ lichen Fleißes ſtörte die entzückende Wildheit der Natur, die in dem üppigſten Wechſel erſchien. Die jetzt, gleich einem Stachelſchwein, mit Reihen von Pappeln(erbärm⸗ lichen Modegewächſen) beſetzten Hügel, waren damals mit den kräftigen Sprößlingen der Heimath, der könig⸗ lichen Eiche, dem prächtigen Kaſtanienbaum, der anmu⸗ thigen Ulme, bewachſen, und dazwiſchen erhob der Tul⸗ penbaum, jener Rieſe der Wälder, ſein majeſtätiſches Haupt. Wo der Lurus ſich jetzt liebliche Landſitze er⸗ baut hat, Villa's im Zwielicht der Lauben verſteckt, wo des ſtädtiſchen Jünglings Seufzer durch verliebte Flöten Sprache erhalten, da bante noch der Fiſchreiher ſein ein⸗ ſames Neſt auf einen dürren Baum, von dem er ſein Waſſerreich überblickte. Das furchtſame Reh weidete noch ungeſtört an den Geſtaden, die jetzt durch Spatzier⸗ ———- ——— — — 213— gänge von Liebenden und durch den zarten Fußtritt der Schönen geheiligt ſind; eine einſame Wüſtenei war dieſe Gegend, wo gegenwärtig die ſtattlichen Thürme der Jo⸗ ues, Schermerhornes und Rhinelanders emporſteigen. Sie bogen um die Spitze des Vorgebirgs, das, gleich einem Elephanten, auf ſeinem Rücken ein ſchönes Schlöß⸗ chen trägt, und deshalb Gracie's⸗Point genaunt wird. Waſſer und Land verbanden ſich in reizender Abwechs⸗ lung zu den herrlichſten Landſchaften. Grade war die Sonne untergegangen und die Dämmrung lag wie ein durchſichtiger Flor über dem Buſen der jungfräulichen Natur— ach, täuſchende Sceuen der Entzückung! unglück⸗ liche Reiſende, die ſo unbefangen dieſe Küſten der Circe anſtaunen— verrätheriſch iſt dieſes Lächeln, Verderben bringend die Liebkoſung! Unvermerkt geriethen unſre Seefahrer durch die eintretende Ebbe in jene Strömun⸗ gen und Strudel, welche die dortige Gegend ſo gefähr⸗ lich zu paſſiren machen; die Wellen ſchwanden von den Felſen, dann brodelten und ſchäumten ſie mit fürchter⸗ licher Wuth. Der verwunderte Oloff erwachte wie aus einem Traum, und ſchrie, man ſollte umkehren, aber man konnte ihn vor dem Toſen der Brandung nicht verſtehen. Eine ſchreckliche Beſtürzung folgte— bald wurden ſie zwiſchen wilde Brandungen geſchleudert, bald in reiſſen⸗ den Strömungen fortgeriſſen; von der ſcyllaähnlichen Henne mit den Küchlein geriethen ſie in den Topf, der ſie in kreiſelnder Bewegung umtrieb, wie die Cha⸗ rypbdis, und ſo kamen ſie, denen endlich Bäume, Felſen, — 74— 4 alles ringsum tanzte, nicht eher zur Beſinnung, als bis fie, an der Küſte von Loug⸗Island geſtrandet, aus der Bezauberung erwachten. Der würdige Commodore lies ſich's nicht ausreden, daß er Geiſter in der Luft geſehen und die Kobolte la⸗ chen gehört und die Hand in den Topf geſteckt, wie ſle drin herumkreiſelten, und das Waſſer ſiedend heiß ge⸗ funden; ein Paar verdächtige Geſtalten ſollten auf Fel⸗ ſen geſeſſen und mir großen Löffeln den Schaum abge⸗ ſchöpft haben— aber die größte Freude machte es ihm, zu erzählen, wie die ſchurkiſchen Braunfiſche, die allein an ihrem Jammer Schuld waren, die einen auf dem Roſte brieten und die andern in der Bratpfanne. ſchmorten!*) 2 Gewiß verdankte man die ſpäteren wunderlichen Sa⸗ gen von dieſer Meerenge Oloff dem Träumer, naͤmlich, daß man den Teufel oft auf dem Sch weinerücken reiten ſähe und die Violine ſpielen höre, daß er dort, devor ein Sturm komme, ſich Fiſche brate, und all ſolche Dinge mehr. Wegen dieſen fürchterlichen Erſcheinungen gab der Befehlshaber Oloff der Meerenge den Namen: das Höllenthor.**) 1 *) Bgl. die Erzählungen eines Reiſenden, 6 Bdch. S. 47. 4*) Vgl. d. Erz. eines geeiſ. 5. Bdch. S. 82 ff ——— 1 gen eifrig im Sonnenſchein zu trocknen befliſſen war. Fuͤnftes Kapitel. Wie die Helden Communipaw's etwas weiſer zurückkehrten, als ſie gekommen waren— und wie der weiſe Oloff einen merkwürdigen Traum hatte. Nach einer fürchterlich ſtürmiſchen Nacht, wo die Geiſter heulten und huſchten, und die Elemente vor Wuth brüllten, erwachten die, welche ſich vom Schiffbruch ge⸗ rettet hatten, an verſchiednen Theilen der Küſte, ivo ſte größtentheils blieben und ſogleich Colonieen gründeten. Ten⸗Broeck hatte das Glück, über Bord zu fallen uud wurde durch ſeine vielen Beinkleider gerettet, die ihn wie ein Meerweibchen oben hielten, und die er am Mor⸗ Mit Schrecken und Zagen ſchifften die muthigſten wie⸗ der durch die gefährliche Meerenge, an welcher ſie kei⸗ nesweges geſonnen waren, eine Stadt zu gründen. Aber Neptun widerſetzte ſich ihrer Rückkehr und warf die Tonne oder den Zuber des Commodore Van Kortlandt ohne Weiteres auf den Strand von Manna⸗Hata. Sie machten ein Feuer unter einem großen Baum, wo jetzt die Batterie liegt; dann ſammelten ſie eine große Menge Auſtern, die dort im Ueberfluß zu finden waren, leerten den Inhalt ihrer Schnapſäcke aus und richteten ein ſtattliches Rathseſſen her. Der würdige Van Kort⸗ landt war beſonders andächtig bei dieſer feierlichen Ver⸗ richtung, und da er bei der Fahrt die hauptſächlichſte Mühe und Sorge hatte, ſo hielt er es für nöthig, auch — 76.— für das Gemeinwohl tüchtig zu eſſen. Je mehr Oloſf ſich mit den ſchmackhaften Speiſen bis zum Rande füllte, ſtieg auch das Herz dieſes trefflichen Bürgers bis zur Kehle empor, ſo daß er an dem guten Eſſen und an der Fröhlichkeit ordentlich drückte und würgte. Wenn dieſer Zuſtand des emporſteigenden Herzeus eintritt, kann man auch eigentlicher vom Herzen reden und das Geſpräch fließt von Liebe und Freundſchaft über. So fühlte auch der würdige Oloffe, nachdem er den letzten Biſſen hin⸗ abgedrückt und mit einem brennenden Schluck niederge⸗ waſchen, ſein Herz von ſanften Schmerzen bewegt und ſeinen ganzen Körper gleichſam erweitert von unbegrenz⸗ tem Wohlwollen. Alles umher ſchien ihm köſtlich und ergötzlich; er legte die Hände an ſeine umfaſſende Run⸗ dung, ließ die halbgeſchloſſenen Augen uͤber den reizen⸗ den Wechſel von Land und Waſſer dahinſchweifen und rief mit fetter, halb erſtickter Stimme:«Welch reizender Proſpect!“ Die Worte erſtickten ihm in der Gurgel— er ſchien uͤber die ſchöne Scene einen Augenblick nachzu⸗ denken— die Augenlieder ſchloſſen ſich ſchwer— der Kopf ſank auf die Bruſt— allmählig rutſchte er auf den grünen Raſen herab und fiel nach und nach in einen tiefen Schlaf. Und der weiſe Oloffe traͤumte einen Traum— und ſtehe, der gute, heilige Nicolaus kam über die Wipfel der Bäume daher gefahren, in demſelben Wagen, worin er den Kindern alljährlich ſeine Geſchenke bringt; und er kam und ſtieg dicht an der Stelle aus, wo das Raths⸗ — 77— eſſen gehalten worden war. Und der ſchlaue Van Kort⸗ landt kannte ihn an dem breiten Hut, an der langen Pfeife und an der Aehnlichkeit überhaupt, die er mit der Figur am Vordertheil der Goede Vrouw hatte. Und zer ſteckte ſeine Pfeife am Feuer an und ſetzte ſich nieder und rauchte; und indem er rauchte, ſtieg der Rauch von ſeiner Peife in die Luft und breitete ſich wie eine Wolke über ihnen aus. Und Oloffe beſann ſich und eilte ſich und kletterte auf den Wipfel eines der höchſten Bäume und ſah, daß der Rauch ſich über eine große Fläche ver⸗ breitete— und wie er genauer zuſah, war es ihm, als nehme die große Maſſe Rauchs mannichfaltige wunderliche Formen an, wo ſich denn in dem düſtern Nebel Paläͤſte und Kirchen und hohe Thürme unterſchieden, die aber nur einen Augenblick ſichtbar waren und dann verſchwan⸗ den, indem die Decke hinwegrollte und nichts als die grünen Wälder zurückließ. Als der heilige Nicolaus ſeime Pfeife ausgeraucht hatte, ſteckte er ſie in ſein Hutband, legte den Zeigefinger an die Naſe und ſah den erſtaunten Van Kortlandt ſehr bedeutungsvoll an; dann ſtieg er wieder in den Wagen, kehrte über die Spitzen der Bäu⸗ me zurück und verſchwand. Und Van Kortlandt erwachte aus ſeinem Schlaf ſehr weiſe und er weckte ſeine Gefährten und erzählte ihnen den Traum, und deutete ibn ſo, daß es der Wille des heiligen Nicolaus ſey, daß ſie ſich hier niederlaſſen und eine Stadt bauen ſollten, und daß der Rauch der Pfeike in ſeiner ganzen Ausdehnung als Vorſchrift gelte, wie — 78— weit die Stadt gehen ſolle, ſintemal die Rauchwolken ſich über eine große Strecke verbreitet hätten. Darauf ſtimmten Alle einmüthiglich der Auslegung bei, ausge⸗ nommen Mynheer Ten⸗Broeck, welcher den Traum ſo deutete, daß es eine Stadt geben werde, wo wenig Feuer großen Rauch mache, mit andern Worten, eine recht dunſtige kleine Stadt— und beide Auslegungen ſind merkwürdig in Erfüllung gegangen! Und die Helden von Communipaw kehrten zuruͤck und erzählten, was ſie erlebt und was Oloffe von Kort⸗ landt geträumt. Und das Volk erhob ſeine Stimme und ſegnete den guten heiligen Nicolaus, und von nun an ſtieg der weiſe Van Kortlandt mehr als je im Anſe⸗ hen wegen ſeiner großen Gabe, zu träumen, und man erklärte ihn für einen ſehr nützlichen Bürger und braven Mann— wenn er ſchlafe. Sechstes Kapitel. Worin ein etymologiſcher Verſuch— dann die Gründung und das Wachsthum der großen Stadt Neu⸗Amſterdam abgehandelt wird. Der Name der Inſel, wohin das Geſchwader von Communipaw ſo glücklich verſchlagen wurde, iſt Gegen⸗ ſtand des Streites. Ein alter Gouverneur, der etwas von einem Spaßvogel hatte, behauptete, das Wort Man⸗ hattan komme von Indianern mit Hüten, die man dort — 79— getroffen, und die man, ſowie dann auch die Inſel, Man⸗hat⸗on(Mann⸗Hut⸗auf) genannt habe— ein alberner Spaß, doch bedeutend genug für einen Gouverneur. Von andern wird die Inſel Manhadaes und Manahanent genannt; und in alten Briefen unſrer Vorfahren heißt ſie Monhattoes, Munhatos und Manhattoes. Dieſer letzte Name wird von dem Indier Manetho abgeleitet, der hier ſeinen Lieblingsſitz gehabt haben ſoll. Denn nach den indianiſchen Ueberlieferungen war die Bai einſt ein kryſtallheller See mit Silber⸗ und Goldfiſchen und die Inſel lag mitten darin, mit köſtlichen Früchten und Blu⸗ men; doch zerſtörte eine Ueberſchwemmung des Hudſon alles, und Manetho floh über die großen Gewäſſer des Ontario hinaus. Doch das iſt alles fabelhaft. Die älteſte, beſte und poetiſchſte Erklärung iſt die, welche Juel von der Reiſe Hudſons mitgebracht hat; er nennt ſie klar und richtig Manna⸗hata; das heißt ſo viel, wie die Manna⸗Inſel oder« ein Land, wo Milch und Honig fließt!» Die erſte Niederlaſſung unter Oloffe dem Traͤumer beginnt mit fleckenloſer Rechtlichkeit und ſeltner Groß⸗ muth, und es muß hier als Zeuguiß niedergelegt werden, daß unſere würdigen Vorfahren nicht eher ein Haus ban⸗ ken, als bis ſie den Eingebornen das Land dazu ehrlich abgekauft hatten. An der Stelle, wo St. Nicolaus im Traume herab⸗ gerommen war, auf der Südweſtſpitze der Inſel, bauten ſte ein mächtiges Fort und Handelshaus, Fort Amſten 8 — 80— dam genannt. Um dieſe Feſtung her ſchaarten ſich kleinn holländiſche Häuſer mit Ziegeldächern, wie Kuͤchlein unter den Flügeln der Mutter, und das ganze war gegen Ue⸗ berfälle mit Palliſaden eingefaßt.— Luſtig ſchoß die neum Colonie auf dieſer geſegneten Inſel empor, die wie ein prächtiger Dunghaufen die fremden Gewächſe nährte und kraͤftigte. Und nun war es Zeit, daß die Niederlaſſung einen ehrlichen Chriſtennamen erhielt, und man nannte ſie dem nach Neu⸗Amſterdam, wie man die kleinen Schrei⸗ hälſe nach großen Staatsmännern, Würdenträgern und Heiligen benennt, damit ſie einſt an Nufe mit ihnen wetteifern. Als Oloff ſich von der Erſchöpfung, die ihm die Er⸗ banung des Forts verurſacht, allgemach erholt hatte, lud er ſeine Räthe und Freunde zu einer Verſammlung ein. Sie ſteckten demnach die Pfeifen in den Mund und ſan⸗ ken in eine ſehr tiefe Berathung⸗ Es erhob ſich eine mächtige Meinungsverſchiedenhelt. Mynheer Tenbroeck brachte einen Plan hervor, wornach die Stadt mit Kanälen durchſchnitten werden ſollte, wie die herrlichſten Städte von Holland. Dagegen wollte Mynheer Hardenbroeck Docken und Werften in den Fluß hineinbauen, mit Pfählen, auf einem Roſt; ſo ſagte er, trotzen wir dieſen ungeheuern Flüſſen einen beträchtlichen Raum ab und gewinnen eine herrliche Amphibie, wie Amſterdam, Venedig u. ſ. w. Tenbroeck erwiederte mit einer verachtenden Miene, daß dieſes gegen die Natur — 81— der Dinge verſtoße. Was iſt eine Stadt ohne Kanäle?„ — ſagte er— agerade was ein Körper ohne Adern iſt; er muß umkommen, weil keine nährende Flüſſigkeit darin drculirt.-— Zäh⸗ Hoſen wandte ſich mit beißendem Spott gegen ſeinen Feind, und ward perſönlich.„Was,⸗ rief er, indem er auf die hagere Geſtalt des Gegners deutete,«circulirt in dieſem Körper vielleicht Flüſſig⸗ keit; Jedermann weiß ja, daß in zehn Jahren kein Tro⸗ pfen Blut durch eure Mumie gelaufen iſt, ſo viel Spek⸗ kakel Ihr auch in der ganzen Colonie macht.“ Perſön⸗ lichkeiten haben ſelten den Erfolg, daß ſie auf andre Ge⸗ danken bringen, und ich habe noch Niemanden kennen ge⸗ lernt, der ſich durch Fingerzeige auf ſeine körperliche Ge⸗ brechen von Irrthümern hätte zurückbringen laſſen. Ein ſcharfes Wort gab das andre. Zehn⸗Hoſen beſaß den Vortheil größerer Zungenfertigkeit, dagegen Zäh⸗Hoſen den Panzer der Hartnäckigkeit umſchnallte. Keiner kam zum Ende; ſie ſchieden höchſt erbost, und von da an ſchreiben ſich die großen Familienfehden, welche, gleichwie in Italien die Häuſer Montague und Capulet, hier die Zehn⸗Hoſen und Zäh⸗Hoſen ewig entzweiten.— Dieſe Streitigkeit hatte im Rath böle Folgen; man verſammelte ſich zwar regelmäßig einmal die Woche, die Frage lag immer auf dem Tiſch, aber die Mitglieder rauchten ganz ſtill ihre Pfeifen, machten wenig Geſetze, erzwangen kein einziges, und ſo gingen die Dinge in der Niederlaſſung weiter— wie es Gott gefiel. Das Protokoll jeder Verſammlung lautete in zwei Irving's Geſch. v. New York. 6 Zeilen ſo: Der Rath war an dieſem Tage verſammelt und rauchte zwölf Pfeifen über das Wohl der Colonie.» Hieraus geht hervor, daß die erſten Anſiedler die Zeit nicht nach Stunden maßen, ſondern wie die Entfernun⸗ gen noch heutiges Tages in Holland, nach Pfeifen, ein höchſt merkwürdiger Maßſtab, da die Pfeife in dem Mund eines ächten Holländers niemals Zufälligkeiten und Stö⸗ rungen unterworfen iſt, wie unſere Uhren. So vergingen Wochen, Monate, Jahre über der Be⸗ rathung, wie man die Stadt bauen ſolle, und gerade wie ein Naturkind aufwächſt friſch und kräftig ohne Wickel⸗ bänder und andre Teufeleien, womit die Ammen die Kin⸗ der zu Krüppeln machen, wuchs Neu⸗Amſterdam ſo raſch empor und dehnte ſich ſo ſtattlich aus, daß man nun mit einem Plan zu ſpät kam und ihn wohlweislich ganz auf⸗ gab.— Wie alle gute Chriſten, dachten die Bewohner nun, nachdem ſie zuerſt an ſich gedacht, auch an den lieben Gott. Sie erbauten dem guten und gnädigen heiligen Nikolaus für den geleiſteten Schutz eine ſchöne Kapelle mit ſeinem Namen innerhalb des Forts, und er hat auch ſeitdem der Stadt als Schutzpatron alles erdenkliche Gute erwieſen. Nach rinem alten holländiſchen Legenden⸗Buch nahm man den h. Nikolaus vom Vordertheil der Eoede Vrouv und ſetzte ihn vor die Kapelle in die Mitte des nachherigen Bowling⸗Green. Die Legende erzählt von verſchiednen Wundern, die ſeine gewaltige Pfeife bewirkt habe; ein Zug aus dieſen Pfeife war ein ſouveraines Mit⸗ — 33— tel gegen Unverdaulichkeiten— warlich eine unſchätzbare Reliquie für dieſe Colonie von wackern Tafelhelden. Bald wurde Neu⸗Amſterdam die Hauptſtadt mehrerer Anſiedlungen umher und gewann einen anſehnlichen Län⸗ derbezirk. Der zunehmende Reichthum und die wenige Mühe, die dieſe Colonie machte, zog bald die zarte Sorge des Mutterlandes auf ſich; dieſes wurde plötzlich um ihre Exiſtenz und Sicherheit beſorgt und fing an, ſie mit Auf⸗ merkſamkeiten zu überhäufen, wie gewiſſe ſchlaue Leute reiche Verwandte mit Artigkeit und Zärtlichkeit zu um⸗ garnen pflegen. Bald gingen die gewöhnlichen Zeichen des Schutzes von ihr aus; ſie ſetzte der mächtigen Colonie Beherrſcher, um ſo viel Geld als möglich von ihr zu ziehen. In Ge⸗ mäßheit deſſen wurde im Jahr der Gnade 1629 Myn⸗ heer Wouter Van Twiller als Gouverneux der Provinz der Neuen Niederlande hinübergeſandt, aus Befehl und Auftrag Ihrer Hochmögenden der Herren Generalſtaaten der Vereinigten Niederlande und der priyilegirten weſt⸗ indiſchen Compagnie. Dieſer berühmte alte Herr kam im lieblichen Juni⸗ monat in Neu⸗Amſterdam an, wo Appollo auf dem kla⸗ ren Firmamente tanzt, das Rothkehlchen, die Droſſel und andre Müßiggänger der Haine ihre Muſikantenkehlen in verliebten Weiſen ertönen laſſen, und die lebhafteſten Blumen üppig die Kelche erſchließen— alle ſolche glück⸗ lichen Zeichen überredeten die alten Damen von Neu⸗ Amſterdam, die in Ahnungen und Prophezeihungen be⸗ 6* — 84— wandert waren, daß dieß eine glückliche und erſprießliche Verwaltung bedeute. Drittes Buch. Worin das goldne Alter der Regierung Won⸗ ter's Van Twiller beſchrieben wird. Erſtes Kapitel. Von dem berühmten Wouter Van Twiller und ſeinen einzigen Tugenden, ſeiner unausſprechlichen Weisheit und dem Erz ſtaunen des Volkes darüber. Traurig iſt das Amt des Hiſtorikers, wenn er als ein Fremdling im Lande ſeiner Väter wandert, mit keinem weinenden Weibe, mit keinen hülfsbedürftigen Kindern geſegnet iſt— armer Knickerbocker, ungekannt gehſt du durch die Straßen und mußt dir von den fremden Ein⸗ draͤngern, die dich im Getümmel der Handelswelt um⸗ ringen, manchen Rippenſtoß gefallen laſſen, ohne zu mur⸗ ren,— unglücklicher Dietrich, der du mit Hochmuth von der Schwelle geſtoßen wirſt, wo deine Vorfahren einſt o glüͤcklich den Scepter ſchwangen! Doch der Hiſtoriker ſoll über den Menſchen die Oberhand behalten, und die ſüßen Erinnerungen der Pa⸗ triarchenzeit ſollen mich auch nicht weich machen— aber ach, nie kehren ſie zurück— nie werden wieder die hol — 85— den Tage der Einfalt und Behaglichkeit über der liebli⸗ chen Manna⸗Inſel ruhen! Wouter(oder Walter) Van Twiller ſtammte von ei⸗ ner langen Reihe von holläͤndiſchen Burgermeiſtern ab, die nach einander ihr Leben im ſanſten Duſel verſchwelgt und auf der Rathsbank in Rotterdam fett geworden wa⸗ ren. Sie betrugen ſich ſo eigenthümlich weiſe, daß man von ihnen nie etwas hoͤrte, welches der Ehrgeiz aller wei⸗ ſen Magiſtratsperſonen und Herrſcher ſeyn ſollte. Sein Zuname Twiller ſoll aus dem Wort Twyfler oder Zweiſter entſtanden ſeyn, eine Benennung, die ſehr bezeichnend iſt. Denn obgleich er ſo verſchloſſen war wie eine Auſter*), und ſo nachdenkend, daß er ſelten an⸗ ders als in einſtlbigen Tönen ſprach, ſo that er doch über zweifelhafte Punkte gar ſeinen Verſtand nicht auf. Die⸗ ſes kam nach der Erklärung ſeiner Anhänger von der Größe ſeiner Ideen, die es nicht erlaubten, ſie in dem Hirukaſten umzuwenden und von zwei Seiten zu betrach⸗ ten, woher es denn kam, daß er immer in Zweifeln lebte. Es gibt zwei entgegengeſetzte Wege, wodurch man ſich berühmt machen kann, der eine, daß man ſehr viel ſpricht und wenig denkt, und der andre, daß man ſich den Mund verſtopft und gar nichts denkt. In dem letzteren Fall be⸗ lindet ſich die Eule, einer der dümmſten Vögel der Erde, *²) Nach einer Note des in der Einleitung erwähnten Schuk⸗ meiſters that Kaimes den Ausſpruch: daß die Menſchen durch unthätigkeit in Auſtern ausarten. d — 36— der aber von der geſcheuten Welt der Weisheitsvogel ge⸗ nannt wird. Dies iſt eine ganz zufällige Bemerkung, welche ich nicht um alles in der Welt auf den Gouver⸗ neur van Swiller bezogen haben will. Im Gegentheil, er war ein ſehr weiſer Niederländer, denn er ſagte nie etwas Dummes, und war ſo ernſthaft, daß man ihn in ſeinem langen glücklichen Leben nie lachen, auch nicht ein⸗ mal lächeln ſah. Doch wurde nie eine Sache in Vor⸗ ſchlag gebracht, worüber die gewöhnlichen, mit kurzem Gedärm behafteten Sterblichen auf den erſten Blick ent⸗ ſcheiden, wo der berühmte Wouter nicht mit einem be⸗ deutend geheimnißvollen Blick den fähigen Kopf geſchüt⸗ telt, fünf Minuten mit doppelter Ernſthaftigkeit geraucht und dann ſehr weiſe bemerkt hätte,«daß er Zweifel über die Sache habe.» Die Geſtalt dieſes berühmten Mannes war ſo regel⸗ maͤßig geformt, wie ein niederländiſcher Bildhauer ſich nur ein Bild der Größe und Majeſtät entwerfen kann. Er war genau fünf Fuß ſechs Zoll hoch und ſechs Fuß fünf Zoll breit. Sein Kopf war völlig rund und ſo un⸗ gehener dick, daß die gütige Mutter Natur, trotz aller Erfindungsgabe, nicht im Stande war, einen Hals für ihn zu finden; ſie machte ſich daher die Sache leicht und ſetzte ihn grade auf die Schultern. Sein Leib war ein längliches Viereck, und nach dem Boden zu beſonders umfänglich, welches die Vorſehung wohlweislich ſo ein⸗ richtete, da ſie merkte, daß er ein Mann von ſtiller Ge⸗ müthsart und der vergeblichen Arbeit des Gehens abhold —— war. Die Beine, wiewohl äußerſt kurz, waren ſehr kräftig für das ſchwere Gewicht, ſo daß er, wenn er ſich aufrichtete, einem wohleonditionirten Bierkübei mit zweien Stollen nicht wenig ähnlich ſah. Sein Geſicht, der un trügliche Spiegel ſeines Geiſtes, bot eine weite Fläche dar, ganz ohne jene Furchen und Winkel, welche die menſchlichen Züge unter dem ſchönen Namen«Ausdruck⸗ entſtellen. Ein kleines graues Augenpaar blinkte ſchwach in der Mitte, wie zwei Sterne letzter Größe au einem nebligen Nachthimmel, und ſeine fetten Backen, die von Allem, was in den Mund einging, Zoll genommen zu haben ſchienen, waren wunderlich dunkelroth gefleckt und geſtreift, ungefähr wie ein recht kernhafter brauner Mad⸗ Apfel.. Seine Lebensart war ſo regelmäßig wie ſeine Figur. Viermal des Tags aß er, jedesmal eine Stunde; das Rauchen und Zweifeln koſtete ihm acht Stunden, und die übrigen zwölf Stunden ſchlief er. So war Wouter Van Twiller beſchaffen; als ein wahrer Philoſoph hatte er ſich nie um die Sorgen und Verkehrtheiten der Welt bekümmert. Er hatte Jahre lang gelebt, ohne darauf neugierig zu werden, ob die Sonne ſich um die Erde, oder die Erde um die Sonne drehe; er hatte faſt ein hal⸗ bes Jahrhundert lang dem Rauch ſeiner Pfeife zugeſehen, wie er ſich nach der Decke kräuſelte, ohne auf den Ge⸗ danken zu kommen, warum denn dieſer Rauch ſich über und nicht unter die ihn umgebende Luft erhob. Im Rathe präſidirte er mit großer Salbung und — 388,— Feierlichkeit. Er ſaß in einem ſchönen großen Seſſel von Eichenholz aus dem berühmten Haag, die Armlehnen und Füße mit rieſenhaften Adlersklauen. Als Scepter ſchwang er eine große türkiſche Pfeife mit Jasmin und Bernſtein verziert, die dem Statthalter von Holland beim Abſchluß eines Tractats mit einer der kleinen Mächte der Berbe⸗ rei überreicht worden war.— Da ſaß er denn in ſeinem ſtattlichen Stuhl, rauchte die prächtige Pfeife, bewegte ſein rechtes Knie und richtete die Augen oft ſtundenlang auf einen kleinen Kupferſtich von Amſterdam, der in ei⸗ nem ſchwarzen Rahmen ihm gegenüber an der Raths⸗ wand hing. Ja, wenn es eine Berathung von beſonde⸗ rer Länge und Schwierigkeit war, ſoll er die Augen ganz zugedrückt haben, oft auf zwei Stunden, um ſich nicht durch Außendinge zerſtreuen zu laſſen. Dann gab ſich die innere Bewegung ſeines Geiſtes durch gewiſſe regel⸗ mäßige Gurgeltöne kund, welche ſeine Bewunderer ledig⸗ lich für das Getöſe des Kampfes ſeiner Gedanken und Zweifel erklärten. Van Twiller war nicht allein der erſte, ſondern anch der beſte Gouverneur dieſer Provinz— nie wurde unter ihm ein Verbrecher beſtraft, welches gewiß ein Zeichen milder Regierung iſt. Bei dem Beginn ſeiner Laufbahn zeichnete ſich dieſes treffliche Oberhaupt durch ein Exempel von einer ſcharf⸗ ſiunigen Entſcheidung aus, welches ſehr merkwürdig und von großen Folgen war. Er war nämlich am Morgen nach ſeiner Beſitzergreifung gerade beim Fruͤhſtück und . — 89— hatte eine merkwürdig große irdene Schuͤſſel mit Milch und indianiſchem Pudding vor ſich, als einer Namens Wandle Schoonhoven zu ihm kam und ſich bitter über einen Namens Barent Bleecker beklagte, der ſich bös⸗ licherweiſe geweigert, Gegenrechnung zu ſtellen, nachdem er die des Wandle größer als die ſeinige befunden. Der Gouverneur Van Twiller war, wie ich bereits bemerkt habe, ein Mann von wenig Worten und gleichfalls ein tödtlicher Feind von vielen Schreibereien— eben ſo auch von der Unterbrechung im Frühſtück. Er hörte den Klä⸗ ger aufmerkſam an, grunzte ein wenig, ſo wie er einen Löffel mit Pudding in den Mund ſteckte— entweder aus Behagen an der Mahlzeit, oder um anzudeuten, daß er die Erzaͤhlung verſtanden habe; dann rief er den Ge⸗ richtsdiener, zog aus ſeiner Hoſentaſche ein großes Sack⸗ meſſer, um es dem Beklagten als Vorladung zu präſem tiren, und ſeine Tabacksbüchſe dazu, als Auftrag der Vollziehung. Dieſe ſumariſche Procedur war in jener einfältigen Zeit ſo wirkſam, wie der Siegelring des großen Harun al Raſchid unter den Glaͤubigen. Beide Partheien brach⸗ ten ihre Bücher, und ſie waren gewiß ſo ſchwer zu ent⸗ ziffern wie ein egyptiſcher Obelisk. Aber der weiſe Wouter nahm eins nach dem andern, wog ſle in der Haud, zählte wohlbedacht die Blätter und ſiel ſogleich in einen großen Zweifel, indem er eine halbe Stunde rauchte, ohne ein Wort zu ſprechen; endlich legte er den Finger an die Naſe, ſchloß ein wenig die Augen, mit der Miene — 96— eines, der eben einen ſchlauen Gedanken beim Schopfe erwiſcht, zog langſam die Pfeife aus dem Mund, pufſte eine Wolke Taback aus, und erkannte nun mit wunder⸗ barer Gravität zu Recht:«nachdem ſich die Blätter der Bücher gleich befunden und das Gewicht nicht minder, ſo hat der Gerichtshof endlich entſchieden, daß die Rech⸗ nungen ſich gegen einander aufheben— weßhalb beide Partheien einander zu quittiren, und der Gerichtsdiener die Koſten zu bezahlen hat.» Dieſe ſogleich bekannte Entſcheidung verbreitete einen unendlichen Jubel durch Neu⸗Amſterdam, denn das Volk merkte hieran wohl, daß es einen weiſen und gerechten Magiſtrat habe. Die glücklichſte Folge aber war die, daß während ſeiner ganzen Verwaltung kein Proceß mehr entſtand und die Gerichtsdiener⸗Stelle ganz in Verfall gerieth. Noch eine Merkwürdigkeit iſt hierbei zu erwäh⸗ nen, die nämlich, daß dieſer Fall der einzige in dem Le⸗ ben des berühmten Wouter war, wo es bei ihm zu ei⸗ ner Entſcheidung kam. * Zweites Kapitel. Von dem großen Rath zu Neu⸗Amſterdam— und warum ein Rathsherr fett ſeyn muß— zuſammt andern Merkwürdig⸗ keiten von der großen Stadt. Der zweifelnde Wouter zählte als Beiſtände in der Regierung eine Anzahl Magiſtratsperſonen, die über die öffentliche Sicherheit wachten. Dieſe Körperſchaft beſtand ans einem Schultheiß, fünf Burgermeiſtern und fünf Schöffen oder Bouteillenhaltern und Pfeifenſtopfern der⸗ Burgermeiſter. Die letzteren mußten auch die Einkäufe zu den großen Rathsmahlzeiten machen und ſich zur Ziel⸗ ſcheibe der Witze ihrer Oberen hergeben, auch über alle ihre Witze herzlich lachen. Dieſe letzte Verpflichtung, welche in unſeren Tagen weit mehr überhand genommen hat, wurde indeſſen erlaſſen, als ein kleiner fetter Schöffe uͤber einer vergeblichen Anſtrengung, recht zu lachen, bei einem der beſten Wihe des Burgermeiſters Van Zandt erſtickte. Zur Belohnung für dieſe demüthigen Dienſte durften ſie im Rath Ja! oder Nein! ſagen und ſich die beſten Schüſſeln beſtellen. Es iſt ein praktiſcher Grundſatz in allen geſunden Städten, daß ein Rathsherr fett ſeyn muß, damit ſie, da der Körper das entſprechende Gefäß der Seele iſt, ein Bild der Gravität und Ruhe ſeyen. Denn Niemand hat noch von Unruhen, welche dicke Leute erregt hätten, gehört; immer waren es die Magein und Hungerleider, die ſich empörten. Der göttliche Plato gibt dem Menſchen drei Seelen, die eine, unſterblich und vernünftig, ſitzt im Gehirn, um den Körper zu überſehen und zu regieren, die zweite ent⸗ hält die Leidenſchaften, welche wie kriegführende Mächte das Herz belagern, die dritte, ſterblicher und ſinnlicher Natur, der Vernunft beraubt, liegt im Bauch gefeſſelt, um die göttliche Seele nicht durch ihr gieriges Geheul zu — 92— ſtoͤren. Ganz nach dieſer Theorie iſt ein fetter Raths⸗ herr eingerichtet. Sein Kopf iſt wie ein großes rundes Zimmer, wo auf dem ſanften Gehirn die vernünftige Seele gar anmuthig und heimlich wie auf einem Feder⸗ bett liegt; die Augen, die Fenſter dieſes Schlafzimmers, ſind gewöhnlich mit den Läden halb geſchloſſen, damit der Schlummer nicht durch äußere Gegenſtände geſtört werde. Ein Geiſt, der ſo bequem logirt und vor Unruhe ge ſchützt iſt, wird gewiß ſeine Verrichtungen leicht und re⸗ gelmäßig bewirken. Durch gute Mahlzeiten wird die ſterbliche, bösartige Seele, die im Bauch eingeſchloſſen iſt, durch ihr Raſen und Schreien die reizbare Seele in der Nähe des Herzens in unerträgliche Leidenſchaft ver⸗ ſetzt und auf dieſe Art die Menſchen aus lauter Hunger unwirrſch und ſtreitſüchtig macht, vollig beſaͤnftigt und zur Ruhe gebracht. Und nun ſind eine Menge geſelliger Eigenſchaften und gutmüthiger Neigungen, die ſchüchtern und verſtohlen aus den Schlupfwinkeln des Herzens ge⸗ ſehen hatten; ſie kommen, wenn ſte merken, daß dieſer Cerberus ſchläft, alle fröhlich in ihren Sonntagskleidern hervor und ſpringen das Zwergfell auf und ab, ſtimmen zum Lachen, zu guter Laune und zu tauſend freundlichen Pllichten gegen den Nebenmenſchen. Darum ſind die fetten Rathsherrn immer die beſten, und es iſt Pflicht, ſie immer mit den fettſten Speiſen zu verſehen, wie Anſtern und Schildkröten, die ſie ſo gern derſchlingen, daß ſie am Ende die Thaͤtigkeit der erſten und die Geſtalt, den Wackelgang und das grüne Fett — 93— der zweiten erlangen. Die Folge davon iſt, daß dieſe guten Dinge einen ſolchen Gleichmuth und eine ſolche Seelenruhe hervorbringen, daß ihre Verhandlungen we⸗ gen ihres nüchternen monotonen Charakters berühmt werden. Kurz, der ſchöne rundbauchige Burgermeiſter liegt wie ein wohlgenährter Bullenbeißer ruhig vor der Thüre des Hauſes, ſtets bereit, für ſeine Sicherheit zu wachen; wollte man aber einen magern Naſeweis von einem Candidaten nehmen, wie das wohl zuweilen ge⸗ ſchehen iſt, ſo möchte ich eben ſo gut einen Windhund vor meine Hausthüre legen oder ein Racepferd vor einen Ochſenwagen ſpannen. Die Burgermeiſter wurden daher wohlweislich nach dem Gewicht gewählt, die Schöffen aber, um auf ſie acht zu haben und ihnen eſſen zu helfen. Alsdann wurden Letztere auch mit der Zeit wählbar, nachdem ſie ſich ge⸗ ung in den Dienſt hineingegeſſen hatten, wie die Maus in den holländiſchen Käs. Nichts glich der tiefen Berathung, in welcher Wonker mit ſeinen würdigen Räthen daſaß, rauchend und duſelnd über die öffentliche Angelegenheiten, ohne durch ein Wort die ſo nöthige feierliche Stille zu unterbrechen.— Unter threm nüchternen Scepter gedieh denn die werdende Co⸗ lonie trefflich, erhob ſie ſich aus Sümpfen und Wäldern und bot den gemiſchten Anblick von Stadt und Land dar, wie heuntzutage Waſhington, die große Hauptſtadt, die einen ſo enormen Eindruck— auf dem Papier her⸗ vorbringt. — 94— Es war ein erfreuliches Bild, welches in jenen Tagen die ehrlichen Bürger machten, wenn ſie, wie die alten Pa⸗ triarchen, auf der Bank vor der Hausthüre ſaßen unter dem Schatten eines rieſenhaften Sykomorus oder über⸗ hängenden Weidenbaums. Hier rauchte man ſeine Pfeife an einem ſchwülen Nachmittag und labte ſich an den küh⸗ lenden Lüftchen aus Süden, horchte mit ſtillem Vergnü⸗ gen auf das Gakern der Hennen, das Schnattern der Gänſe und das ſonore Grunzen der Schweine, dieſe lieblichen Melodieen der Bauernhöfe, die man warlich für ſilbernen Klanges erklären kann, indem ſie einen einträg⸗ lichen Markt verkünden. Es herrſchte eine große Gleichheit der Gaben und Kenntniſſe, eine große Einfalt der Sitten und Gebräuche. Niemand ſchien mehr zu wiſſen als ſein Nachbar, und jeder hatte nur ſeine eignen Angelegenheiten im Kopfe; der Pfarrer und der Rathsſchreiber waren die einzigen in der Gemeine, die leſen konnten, und der weiſe Van Twiller unterzeichnete ſeinen Namen immer nur mit ei⸗ nem Kreuz. und wie in den alten Tagen die Götter oſt zu den Meuſchen herabſtiegen, ſo kam, wie wir hören, der hei⸗ lige Nicolaus in den ländlichen Zeiten Neu⸗Amſterdams oft über die Wipfel der Bäume fahrend oder auf den Dächern reitend, herab, an einem Sonntag Nachmittag, und zog prächtige Geſchenke aus ſeinen Pumphoſen und ließ ſie in die Kamine ſeiner Lieblinge hinabfallen, ſtatt daß er in dieſer eiſernen Zeit uns nur Einmal im Jahr — 95— beſucht und nur den Kindern etwas ſchenkt, weil die Ek⸗ tern ſo entartet ſind. * Drittes Kapitel. Wie die Stadt Neu⸗Amſterdam aus dem Schlamm emvorſtieg und gewaltig polirt und policirt wurde— mit einer Schiderung der Sitten unſerer Ururväter⸗ Da der weiſe Rath, wie im vorigen Kapitel bemerkt worden, nicht im Stande war, über einen Plan zum Bau der Stadt zu entſcheiden, ſo nahmen dieß die Kühe auf ſich; wenn ſie nämlich auf die Weide und zurück gin⸗ gen, machten ſie ihre Pfade durch die Büſche, wo denn die guten Leute zu beiden Seiten ihre Häuſer bauten, und dieß iſt eine der Urſachen der ſonderbaren und auch maleriſchen Windungen oder Labyrinthe, welche manche Straßen von Neu⸗York noch heutiges Tages beſchreiben. Der Bau der Hänuſer iſt bekannt. Die vordere Thür wurde nie geöffnet, außer bei Hochzeiten, Leichenbegäng⸗ niſſen, am Neujahrstage, am Nicolausfeſt oder anderen Feiertagen. Das Haus war in einem Zuſtand beſtaͤndi⸗ ger Ueberſchwemmungen, unter der Herrſchaft der Wi⸗ ſcher, Beſen und Schrubber; die guten Hausfrauen wa⸗ ren dazumal eine Art von Amphibien, und ein Geſchicht⸗ ſchreiber jener Zeit erzählt ganz erunſthaft, daß ſie Schwimmhäute zwiſchen den Fingern gehabt, ja von ei⸗ nigen ſagt er ſogar, daß ſie in einen Fiſchleib ausgelau⸗ — 96— fen ſeyen, welches ich indeſſen für eine Einbildung oder für abſichtliche Ungebühr halten muß. Das große Beſuchzimmer war das Allerheiligſte, wo die Leidenſchaft des Reinigens alles Maaß überſchreiten durfte. In dieſes heilige Gemach durfte Niemand tre⸗ ten, außer einmal in der Woche die Hausfrau und ihre vertraute Magd, um es durchaus zu reinigen und alles wieder zurecht zu rücken— immer beobachteten ſte dte Vorſicht, die Schuhe an der Thüre auszuziehen und au⸗ dächtig nur in den Strümpfen hereinzukommen. Nach⸗ dem ſie den Boden gerieben, ihn mit feinem weißen Sand beſtreut und dieſen mit einem Beſen in ſchöne Winkel, Schlangenlinien und Rauten ausgeziert, nachdem ſie die Fenſter geputzt, das Getäfel abgerieben und geglättet und ein neues Büſchel Immergrün aufs Kamin geſetzt, wurden die Fenſter wieder zugemacht, damit die Fliegen nicht hineinkamen, und das Zimmer ſorgfältig verſchloß⸗ ſen, bis die wandelnde Zeit in der nächſten Woche wie⸗ der den Putztag herbeiführte. Die Familie ging immer durch das Thor aus und ein und lebte faſt ganz in der Küche. Der Herd hatte ein wahrhaft patriarchaliſches Anſehen, die ganze Familie, Alt und Jung, Herr und Geſinde, Weiße und Schwarze, Hunde und Katen, freuten ſich der ſchönen Gemeinſchaft und jedes hatte ſein eignes Eckchen. Hier ſaß denn der galte Burger und ſchmauchte ruhig ſein Pfeifchen, ſah mit 4 halbgeſchloſſenen Augen in's Feuer und dachte ſtundenlang an nichts. Die Goede Vrouw auf der andern Seite — 97— war fleißig mit Spinnen oder Stricken beſchäftigt. Das junge Volk ſaß um den Herd gekauert und hörte mit geſpannter Aufmerkſamkeit einem alten Schaaf von einem Neger zu, der das Orakel der Familie war und gleich einem Raben in einem Winkel am Schornſtein hockte und an langen Winterabenden unglaubliche Geſchichten von den Hexen in Neu⸗England, von grauſigen Geiſtern, von Pferden ohne Köpfe, von haarſträubenden Fluchten und blutigen Handgemengen daherkrächzte. In jenen glücklichen Tagen ſtand eine Familie immer mit Tagesanbruch auf, aß um eilf Uhr zu Mittag und ging mit der Sonne ſchlafen. Das Eſſen war durchaus Privatgeſchäft und man ließ ſich darin nicht gern vom Nachbar ſtören. Dagegen war man bei den ſogenaanten Theeparthieen deſto geſelliger. Dieſe Parthieen fanden unter den höheren Ständen ſtatt, d. h. unter denen, die ihre eigenen Kühe und Wa⸗ gen hatten. Man verſammelte ſich um drei Uhr und ging um ſechſe auseinander; im Winter war es etwas früher, damit die Franenzimmer noch bei Tage zurück kamen, wo denn die Herrn für die galante Begleitung einen derben Kuß mit nach Hauſe nehmen durften.— Der Theetiſch trug eine große irdene Schüſſel, mit Schnitten von fettem braungebratenem Schweinefleiſch, das in der Sauce herumſchwamm. Die Geſellſchaft ſaß rings um den Tiſch, alle waren mit Gabeln bewaffnet und zeigten eine große Geſchicklichkeit, die fettſten Stücke zu durchbohren,— ſo wie die Schiffer die Meerſchweine Irving's Geſch. v. New⸗Vork. 73 — 98— oder unſere Indianer die Salmen in den Seen ſpießen. Zuweilen war der Tiſch mit ungeheuern Aepfeltorten oder Gläſern mit eingemachten Pfirſichen oder Birnen beſetzt; aber immer ſtand eine große Schuſſel mit Ballen von ſüßem Teig, in heißem Fett gebacken und Teignüſſe oder Olykoeks genannt, auf dem Tiſch— ein köſtliches Back⸗ werk, das man in dieſer Stadt faſt gar nicht mehr kennt, außer bei den echten holländiſchen Familien. Der Thee wurde aus einer majeſtätiſchen Theekanne aus Delft ſervirt, die mit Gemälden verziert war, welche kleine fette holländiſche Schäfer und Schäferinnen neben ihren freſſenden Schweinen, und Schiffe in der Luft, Häuſer in den Wolken und andere ſolche holländiſche Phantaſiebilder darſtellten. Die Schönen zeichneten ſich in der Geſchicklichkeit aus, den Theetopf aus einem unge⸗ heuern kupfernen Theekeſſel zu füllen. Um das Getränk zu ſüßen, lag ein Klumpen Zucker neben jeder Taſſe, und die Geſellſchaft ſog und leckte mit großem Anſtande da⸗ ran, bis eine geſchente und ſparſame alte Dame eine Verbeſſerung einführte und einen dicken Klumpen mittelſt einen Bindfadens von der Decke auf den Theetiſch herab⸗ hängen ließ, ſo daß er von Mund zu Mund geſchwungen werden konnte, welches bei einigen Familien in Albany und auf allen unſern unbefleckren Dörfern noch jetzt Sitte iſt. 4 Bei dieſen urſprünglichen Theeparthieen ging es denn ſehr ehrbar zu; kein Gaukeln und Kokettiren, kein Spielchen bei den alten Damen, kein hölzernes Gelächter — 99— und kein Geſchnatter bei den jungen, kein ſelbſtzufriednes Aufblähen bei den reichen Herrn, die mit dem Kopf im⸗ mer in der Geldtaſche ſtecken, keine Unterhaltungsſpiele und äffiſche Zeitvertreibe, wie ſie unſere modiſchen jungen Herrn vorſchlagen. Da ſaßen die jungen Damen ſtill auf ihren Binſenſtühlen und ſtrickten ſich wollne Strümpfe; ſte öffneten die Lippen nur, um«yah Mynheer» oder «Yah, yah Vrouw“ auf die Fragen zu antworten und ſich in allen Dingen wie ehrbare wohlerzogene Jungfrauen zu benehmen. Die Herren rauchten alle in Frieden ihr Pfeiſchen und ſchienen in Betrachtung der blan und wei⸗ ßen, gebrannten Steine verloren, welche die Kamine ein⸗ faßten und Darſtellungen aus der Bibel enthielten. Wie Tobias und ſein Hund. Haman am Galgen, oder Jo⸗ nas, der luſtig aus dem Wallfiſch ſpringt, wie der Hans⸗ wurſt durch ein feuriges Faß. Die Geſellſchaft brach ohne Geräuſch und Verwir⸗ rung auf. Nach Hauſe fuhren ſie auf Schuſters Rap⸗ den, außer diejenigen, denen der Reichthum eine Kutſche erlaubte. Die Herren begleiteten die Damen galant nach Hauſe und nahmen ſich an der Thüre den bemeldeten kräftigen Kuß, der damals nichts Arges war, und auch noch, aus Hochachtung für unſere Vorältern, ſo angeſe⸗ hen werden ſollte. Die Häuslichkeit der Frauen offenbarte ſich ſogleich an den großen geſteppten und geſtickten, buntfarbigen Ta⸗ ſchen, an den daneben hängenden Scheeren und Nadel⸗ kiſſen. Sie trugen eine Menge Röcke, ſehr kurz, kaum 7*½ — 100— über's Kniee hinab, wahrſcheinlich, um ihre ſchönen blau⸗ wollnen Strümpfe mit prächtigen rothen Zwickeln oder einen hübſchen Fuß, auf hohem Abſatz und mit ſchönen Silberſchnallen, oder wohlgeformte Waden zur Schau zu tragen. So ſinden wir, daß das ſchöne Geſchlecht zu allen Zeiten denſelben Hang offenbart hat, die Geſetze des Decorums etwas zu überſchreiten, um verborgene Reize hervorzuziehen oder einer unſchuldigen Freude am Putz nachzuhängen. Je mehr Kleider über einander, deſto reicher, deſto ſchöner. Ein recht breites Dämchen mit zwölf Röcken wurde von einem niederländiſchen Sonettendichter mit einer ſtrahlenden Sonnenblume oder einem ſtrotzenden Kohlkopfe verglichen. Der Reichthum der Damen be⸗ ſtand in den ſelbſtgewirkten Röcken, wie bei den Damen von Kamtſchatka und Lappland in den Bärenpelzen oder Reunthierfellen, und die beſten Zimmer waren, ſtatt mit Gemälden, mit dieſen Röcken und Kleidern behangen. Die Herren entſprachen dieſem Schmuck in vielen und weiten Beinkleidern, einem aus Wollen und Leinen ge⸗ machten Rock mit großen Meſſingknöpfen, alles vielleicht das Werk ſeiner Hausfrau oder Töchter, die Schuhe mit großen kupfernen Schnallen; ein niedrer breit rändiger Hut überſchattete das dicke Geſicht, und das Haar hing in einem merkwürdigen Zopf von einer Aalhaut den Rücken herab. So ausgeſtattet, ſprang auch der Jüngling muthig daher, um mit der Hirten⸗Pfeife ein verſteinertes Mäd⸗ — 101— chenherz zur Uebergabe zu zwingen— keine Pfeife, wie ſie Galatheen zum Preiſe erklang, ſondern ein ächtes Delfter Fabrikat mit duftendem Kraut geſtopft. Hiermit ſetzte er ſich entſchloſſen vor die Feſtung hin und ſelten ſchlug es ihm im Laufe der Zeit fehl, den Feind auf eh⸗ renvolle Bedingungen zur Uebergabe zu rauchen. Ohne Furcht und Tadel hingen die Liebenden, er mit zehn Beinkleidern, ſie mit zwölf Röcken, den unſchuldigen Schäckereien untadelhafter Liebe nach. Was konnte auch eine Tugend zu befürchten haben, die von einem Schild guten leinwollnen Zeuches beſchirmt war, wie der unbe⸗ ſtegliche Ajax von den ſieben Stierhäuten. O glückliche, nie wiederkehrende Zeit, wo der But⸗ termilch⸗Kanal bei niedrem Waſſer völlig trocken war, wo es im Hudſon von Salmen wimmelte, wo der Mond noch in reinem Silberglanz erſchien, ſtatt des melancho⸗ liſchen gelben Lichtes, welches die Folge ſeines Kränkelns über die Verworfenheiten iſt, wovon er jetzt in dieſer entarteten Stadt jede Nacht Zeuge ſeyn muß! Viertes Kapitel. Getreus Beſchreibung des betriebſamen Volkes von Connecti⸗ cut und der Umgegend, Yankees genannt. Der Provinz der neuen Niederlande drohten bald Gefahren von Eindrängern an den öſtlichen Grenzen. In England hatte die geiſtliche Gewalt den Leuten das Re⸗ den verboten. Die, welche ſich der ſchrecklichen Tyrannei 1 — 102— nicht unterwerfen wollten, wanderten nach Amerika, wo ſie ihrem Hang, zu ſchwatzen, freien Lauf laſſen konnten. Sie erhoben an dieſer geſchwätzigen Küſte auch ſogleich ein ſolches Durcheinander von Geſchrei, daß die Vögel und das Wild weit entflohen und gewiſſe hier ſehr zahl⸗ reiche Fiſche ſo ſtumm und dumm wurden, daß man ſte noch heut zu Tage Stummfiſche nennt. Von jener Zeit rührt das Palladium unſeres Va⸗ terlandes, das ſogenannte«Recht zu ſprechen⸗, welches dieſes Land ſo eifrig unterhält in Zeitungen, Pamphle⸗ ten ꝛc. Es iſt dieß das wichtige Recht, gedaukenlos und ohne unterrichtet⸗ zu ſeyn, über alles mitſprechen zu dürfen. Die einfachen Urbewohner des Landes betrachteten die⸗ ſes fremde Volk eine Zeitlang mit großem Erſtannen; als ſie aber fanden, daß ſie zwar geräuſchvolle, doch un⸗ ſchuldige Waffen führten und ein regſamer, gutartiger Schlag Menſchen ſeyen, wurden ſie zuthunlich und geſel⸗ lig und gaben ihnen den Namen Yanokes, welches in der Meis⸗Tchuſang⸗(oder Maſſachuſett) Sprache ſtille Menſchen bedeutet— eine ſchalkhafte Benen⸗ nung, die man in Nankees abgekürzt hat und noch heute gebraucht. 3 Was dieſe Nankees für unſere bolländiſchen Vorfah⸗ ren am gefährlichſten machte, waren mehrere Gewohnhei⸗ ken, vor Allem das herumziehende unruhige Leben, das ſie gleich den Söhnen Jsmaels führten, wobei ſte Land urbar machten und Häuſer bauten, die ſie anderen über⸗ — 103— ließen, als die wahren Araber Amerika's. Wie die al⸗ ten Patriarchen wanderten ſie mit Weibern, Kindern, Knechten und Heerden weiter, mitten in die Wälder, lichteten ſie und wirthſchafteten darin.«Verbeſſerung“ war dabei ihr ſtetes Ziel, d. h. eine ewige Veränderlich⸗ keit. Dieſe treibt ſie endlich hinaus, ſich einen neuen Ort der Anſtedlung zu ſuchen, wieder Bäume zu fällen, Felder anzubauen, wieder Häuſer, Ställe und Scheunen zu bauen und ſie wieder zu verlaſſen. Der Art waren die Bewohner von Connecticut, die öſtlichen Nachbarn der Neu⸗Niederländer, und meine Le⸗ ſer können ſich leicht denken, welche Nachbarn dieſes mer⸗ eurialiſche Völkchen für unſere ruhigen Vorfahren waren. Schaaren von Marodeurs ſtreiften in ihr Gebiet hin⸗ über und ſetzten ganze Dörfer durch ihre Behendigkeit und ihren Forſchungstrieb in Angſt und Schrecken: zwei Eigenſchaften, die bis dahin unter ihnen unbekannt oder verabſcheut waren. Auch gab es viele Scenen der Eiferſucht durch ihre ſchnellen Bekanntſchaften mit dem göttlichen Geſchlecht; denn bald hatten ſie mit ihrer verwetterten Zunge und gewandten Art den einfachen holländiſchen Schönen die Köpfchen verrückt. Unter andern häßlichen Gewohnhei⸗ ten wollten ſie auch die vertraute Sitte des Bündelns» einführen, welches bei Liebeshändeln damit anfängt, wo⸗ mit andere aufhören; aber dieſe ausländiſche Neuerung verbaten ſich die Mütter, die beſſer als ihre Töchter mit der Welt und den Männern bekannt waren, ſehr ernſthaft. — 104—. Ohne Weiteres nahmen ſie oft von niederländiſchen Landestheilen Beſitz, um den Boden zu cultiviren oder zu verbeſſern, wie ſie ſagten. Dieſe Art, ſich ohne Compli⸗ mente neuen Grund anzueignen, nannte man techniſch Squatten, und daher bekamen ſie den Namen Sauatters, welcher allen großen Oekonomiebeſitzern ein Gräul iſt. Das ruhige Cabinet Van Twillers ertrug alle dieſe Unglücksfälle mit einer Großmuth, die unſterblichen Ruhm verdient— man gewöhnte ſich allmählig an dieſe wach⸗ ſende Laſt, wie jener ſtarke Mann im Alterthum, der ein Kalb von der Geburt an alle Tage trug, bis es ein großer Ochs geworden war. Fuͤnftes Kapitel. Wie das Fort der guten Hoffnung furchtbar beragert wurde— wie der berühmte Wouter in einen tigfen Zweifel fiel und endlich ausſchmauchte. Schon ſehr früh und vor der Ankunft des berühmten Wouters hatte das Cabinet der Neuen⸗Niederlande die Ländereien am Connecticut gekauft und dort zum Schutz einen befeſtigten Punkt am Ufer errichtet, welchen man das Fort der guten Hoffuung nannte, dicht bei der jetzi⸗ gen ſchönen Stadt Hartford. Das Commando mit dem Titel als Commiſſär erhielt der ritterliche Jacobus Van Curlet oder Van Curlis. Er hatte das Anſehen eines langen Mannes auf kurzen Beinen, und machte deßhalb ſolche Schritte, daß man ihn hätte für den Daͤumling —— — 105— mit den Siebenmeilenſtiefeln halten ſollen; dabei tappte er ſo ſtark auf, daß ſeine Leute immer fürchteren, er werde ſich ſelbſt einmal unter die Füße treten. Dieſes verwegenen Mannes und ſeines ſtarken Forts⸗ ungeachtet, unterließen es die Nankees doch nicht, in das Gebiet einzudringen und ſich ſelbſt in der Umgebung des Forts feſtzuſquattern. Bei ſolcher Beleidigung unterließ es auch der langlei⸗ bige Van Curlet nicht, hervorzukommen, auf gut hollän⸗ diſch dagegen zu proteſtiren und eine Abſchrift der Pro⸗ teſtation mit einem höchſt beſchwerenden Bericht an den Gouverneur zu ſchicken. Nun ſprach er ſeinen Leuten Muth ein, ſchloß das Thor der Feſtung, rauchte drei Pfeifen, ging zu Bett und erwartete mit großer Kalt⸗ blütigkeit den Erfolg, welches ſeinen Lenten großen Muth und ſeinen Feinden ohne Zweiſel Zaghaftigkeit einflößte. Nun geſchah es zu ſelbiger Zeit, daß der berühmte Wouter Van Twiller, an Jahren und Ehren und Raths⸗ mahlzeiten reich, die Lebensperiode erreicht hatte, die nach dem großen Gulliver zum Eintritt in den alten Orden der Struldbruggs berechtigt. Als nun Seine Excellenz der Gouverneur die Proteſtation des ritterli⸗ chen Jacobus Van Curlet zu leſen bekam, fiel er gra⸗ deswegs in den tiefſten Zweifel, den er je gehabt hatte; ſein umfaſſender Kopf ſank allmählig auf die Bruſt herab, er ſchloß die Augen, neigte das Ohr auf die eine Seite, als wolle er genau der Discuſſion zuhoͤren, die in ſeinem Magen vor ſich ging, welcher bei ihm das Unterhaus des — 106— Parlaments war. Ein unantikulirler Ton, der ſehr ei⸗ nem Schnarcher glich, entfuhr ihm, aber dieſe innere Ueberlegnng kam nie mehr zu Tage, da er über dieſen Gegenſtand gegen Niemanden ſeine Lippen mehr öffnete. Mittlerweile lag die Proteſtation Van Curlets ruhig auf dem Tiſch, wo ſie dazu diente, die Pfeifen anzuzünden, und in dem großen Tabacksdampf, den der Rath verbrei⸗ tete, war bald das Fort der guten Hoffnung und ſein ritterlicher Vertheidiger umwölkt und vergeſſen, wie eine wichtige Frage in einer Congreßſitzung durch vieles Schwaz⸗ zen und Entſchließen. 3 Während nun Wonter in ſeinen Zweifeln vorrückte, ſchritt der Feind in dem Gebiet weiter und baute in der Nähe des Forts die Stadt Pyauag, die jetzt Weathers⸗ field heißt, und nach dem würdigen Hiſtoriker John Joſ⸗ ſelyn wegen ihrer Hexen verflucht war. Die Bewohner derſelben wurden ſo keck, daß ſte ihre Zwiebeln, wodurch ſie berühmt geworden ſind, der Garniſon der guten Hoff⸗ nung dicht unter die Naſe bauten, ſo daß die guten Hol⸗ länder nach dieſer Gegend nicht ohne Thränen in den Augen hinausblicken konnten. Dieſe ſchreiende Ungerechtigkeit erregte den vollen Un⸗ willen des ritterlichen Jacobus Van Curlet. Er zitterte vor Zorn und Muth, und dieſer Ausbruch von Leiden⸗ ſchaft wurde durch die Länge ſeines Leibes verſtärkt. Er ging heraus, vermehrte die Befeſtigungen und ſchickte ei⸗ tien zweiten Courier mit der furchtbaren Nachricht von ſeiner gefährlichen Lage ab. *—— — — 107— Der erwählte Courier war ein kleiner, fetter, ſchmie⸗ riger Kerl, der die Hetze wohl aushalten konnte. Man— gab ihm das ſchnellſte Wagenpferd in der ganzen Garni⸗ ſon, welches hoch und lang war, derbe Knochen hatte und ſtark ſtieß; der kleine Mann mußte ſich am Schweif über das Hintertheil hinaufarbeiten. Aber er eilte ſich ſo ſehr, daß er in etwas weniger als einem Monat im Fort Amſterdam ankam, obwohl die Entfernung gute zweihundert Pfeifen ausmachte. Das Außerordentliche ſeiner Erſcheinung würde die Stadt Neu⸗Amſterdam in Schrecken verſetzt haben, wenn ſich die guten Leute je um irgend etwas, außer ihren häuslichen Angelegenheiten, bekümmert hätten. Mit dem Anſchein der größten Eile ſprengte er in ſcharfem Trab durch die ſchmutzigen Gaſſen der Hauptſtadt und überritt ganze Häuſer von Koth, welche die kleinen Kinder am Wege bauten, für welche plaſtiſche Kunſt die Jugend die⸗ ſer Stadt immer bekannt geweſen iſt. Als er beim Haus des Gouverneurs ankam, rutſchte er mit großer Haſt vom Pferd herab, weckte den grauköpfigen Thürſteher, den alten Skaats— klopfte heftig an der Thüre des Raths⸗ zimmers und erſchreckte die Mitglieder, die über einen Plan zu einem Markte in ſtilles Brüten verſunken waren. In dieſem Augenblick wurde ein ſanftes Grunzen oder vielmehr ein tiefer, ſchnarchender Athemzug von dem Stuhl des Gouverneurs gehört, ſogleich ſah man eine Rauchwolke ſeinen Lippen entſchluͤpfen und eine kleinere dem Pfeifenkopfe. Der Rath glaubte, er ſey für das — 108— Wohl der Gemeine eingeſchlafen, und es wurde, wie ſonſt in ſolchem Falle, Stille geboten, als auf einmal die Thuͤre aufging und der kleine Courier ins Zimmer tappte, zur Hälfte in großen Steifſtiefeln verſteckt, die * er eigens zu dieſem Ritt mit bekommen hatte. Die rechte Hand hielt die verhaͤngnißvolle Depeſche und die linke den Hoſenträger, der ihm beim Abſteigen geriſſen war. Er ging mit Entſchloſſenheit auf den Gouverneur los und übergab mit mehr Eile als Vorſicht die Bot⸗ ſchaft. Aber glücklicherweiſe kamen dieſe traurigen Nach⸗ richten zu ſpät, um die Ruhe dieſes friedlichen Herr⸗ ſchers zu ſtören. Seine ehrwürdige Excellenz hatte ſo eben den letzten Zug gethan— ſeine Lunge und Pfeife gingen mit einander aus und ſeine friedliche Seele ſchwang ſich in dem letzten Puff, der ſeiner Tabackspfeife entſtieg, zu beſſeren Gefilden empor. Mit einem Wort, der be⸗ rüͤhmte Walter der Zweifler, welcher ſo oft mit ſeinen Collegen geſchlafen, ſchlief nun mit ſeinen Vätern, und Wilhelmus Kieft ward Gouverneur an ſeiner Stelle. Viertes Buch. Welches die Chronik der Regierung Wilhelms des Eigenkinnigen enthält. Er ſtes Kra pite l. b. Beſchreibt die univerſellen Eigenſchaften Wilhelms des Eigen⸗ ſinnigen, und zeigt, wie ein Mann es ſo weit in den Wiſſenſchaften bringen kann, daß er für nichts zu brau⸗ chen iſt. Nun beginnt der Strom unſerer Geſchichte, der bis jetzt in friedlichem Laufe dahin floß, auf immer ſeine ſtik⸗ len Umgebungen zu verlaſſen und durch viele wilde und furchtbare Umgebungen ſich durchzukämpfen. Wie ein ſchimmernder Ochs, der ſich in einem fetten Kleefelde weidlich gemäſtet hat, in üppiger Ruhe daliegt und erſt auf wiederholte Schläge und Rippenſtöße die unbehülf⸗ lichen Glieder rührt und mit plumper Anſtrengung ſich aus ſeinem Schlummer erhebt: ſo wurde auch die Pro⸗ vinz der Neuen Niederlande, nachdem ſie lange unter der gedeihlichen Verwaltung des Zweiflers geſchlummert und ſett geworden, unbarmherzig wachgeprügelt unter der un⸗ ruhigen Regierung ſeines Nachfolgers. Der Leſer wird nun die Art und Weiſe kennen lernen, wie eine Gemeinde allmählig in den Zuſtand des Kriegs übergeht, worin ſie leider dem Pferde gleicht, das ſich der Trommel nähert. 1 — 110— Dieß geſchieht zwar mit vieler Parade und lebhaftem Tan⸗ zen, doch ſehr langſam und oft mit dem Hintertheil voran, Wilhelmus Kieft, der im Jahre 1634 den Gonver⸗ neurſitz beſtieg, war in Geſtalt, Zügen und Charakter das völlige Gegentheil ſeines berühmten Vorgängers. Er war von ſehr reſpectabler Abkunft, denn ſein Vater war Inſpector der Windmühlen der alten Stadt Saardam geweſen, und unſer Held ſtellte, wie wir hören, in ſei⸗ ner Jugend ſehr merkwürdige Verſuche über die Natur und das Arbeiten dieſer Maſchinen an, welche ihn ſpäter ſo ſehr zum Gouverneur qualificirten. Sein Name war nach den ſcharfſinnigſten Sprachforſchern eine Verketze⸗ rung von Kyfer oder Keifer und drückte eine erbliche Ei⸗ genſchaft ſeiner Familie aus, die nahe an zweihundert Jahre die windige Stadt Saardam warm gehalten und mehr Weinſtein und Schwefel producirt, als zehn Fami⸗ lien zuſammen, und kaum hatte Wilhelmus Kieft ein Jahr ſein Gouvernement verwaltet, als er auch allge⸗ mein Wilhelm der Eigenſinnige genannt wurde. 4 Er war ein lebhaftes, zankſüchtiges, kleines altes Männchen, das zuſammengeſchwunden und abgewelkt war, theils durch den natürlichen Proceß der Jahre, theils durch das heftige Brennen ſeines feurigen Geiſtes, der ſtark wie ein Nachtlicht in feinem Buſen glühte und ihn ewig zu mannhaften Kämpfen, Zwiſtigkeiten und Mißge⸗ ſchicken trieb. Ein tiefdenkender Philoſoph machte mir einſt die Bemerkung, wenn ein Weib mit den Jahren fett werde, ſey ihr Leben nicht ſehr zu verbürgen, aber — 1u— wenn ſie mager werde, lebe ſie ewig— dieſes war gerade der Fall mit Wilhelm dem Eigenſinnigen, der je magerer deſto zäher wurde. Sein Geſicht war breit und ſeine Züge ſcharf, die Naſe hatte einen faſt unbeſonnenen Schwung in die Höhe, die Wangen verglühten dunkel⸗ roth— wahrſcheinlich durch die Nachbarſchaft eines hef⸗ tigen kleinen grauen Augenpaars, durch welches ſeine glü⸗ hende Seele mit tropiſcher Hitze ſtrahlte. Die Ecken des Mundes ſtanden wunderlich hervor, wie in erhabner Ar⸗ beit oder wie die eckige Schnauze eines reizbaren Mops⸗ hundes— kurz er war einer der ſelbſtſtändigſten, unru⸗ higſten, häßlichſten kleinen Maͤnner, die ſich jemals um Nichts ereiferten. In ſeiner Jugend hatte er auf der berühmten Univer⸗ ſttät im Haag mit vieler Auszeichnung den Wiſſenſchaf⸗ ten, den todten Sprachen, der Logik und Metaphyſik ob⸗ gelegen, Dinge, auf die er ſo ſtolz ſeyn konnte, wie ein General auf ſeine Trophäen, und die ihn mit einem Nim⸗ bus von Unverſtändlichkeit umgaben, aus dem er nie ganz heraustrat und der ſeine Kämpfe nnendlich hartnäckig machte. 5 Es geht bei den Wiſſenſchaften wie mit dem Schwim⸗ men; der, welcher prahleriſch an der Oberfläche arbeitet, macht mehr Lärm und Geſprütz und zieht die Aufmerk⸗ ſamkeit mehr an, als der fleißige Perlenfiſcher, der nach Schätzen bis zum Grunde untertaucht. Die«univer⸗ ſelle Bildung» des Wilhelm Kieft wurde von ſeinen Landsleuten höchlich bewundert, er figurirte im Haag wie 8 — 142— ein gelehrter Bonze, der ſich der Hälfte des chineſiſchen Alphabets bemeiſtert hat; mit einem Wort, er erhielt den Titel Univerſalgenie! Ich habe viele Univerſalgenies kennen gelernt, doch kein einziges gefunden, das in Dingen des gemeinen Lebens nur ſein Gewicht in leerem Stroh werth geweſen wäre— und für's Regieren will ein wenig geſunde Urtheilskraft und ſchlichter Menſchen⸗ verſtand mehr ſagen, als alle die funkenſprühenden Ge⸗ nies, die jemals Theorieen erfanden oder Gedichte machten. Auch unſerm edlen Kieft machten die philoſophiſchen und politiſchen Experimente nach den Regeln der Alten ſo viel zu ſchaffen, daß er in ſeiner Verwaltung mehr Knoten ſchlug, als ein Dutzend Nachfoluer anfzulöſen im Stande waren. Kaum war dieſes lärmende Männchen durch einen Windſtoß des Glücks auf den Sitz der Regierung ge⸗ ſchleudert, als er den Rath zuſammenrief und eine ſehr lebhafte Rede über die Angelegenheiten der Provinz hielt. Man kann ſich denken, daß der kampferfahrne Wilhelm Kieft die Gelegenheit zu einer glänzenden Entwicklung ſeiner Talente nicht vorübergehen ließ. Ehe er begann, zog er das Schnupftuch heraus und ließ ſeine Naſe in ſehr ſonoren Tönen moduliren, wie die großen Redner zu thun pflegen. Dieſes ſcheint mir eine Art von Signalſtößen mit der Trompete zu ſeyn, um die Aufmerkſamkeit auf ſich zu ziehen; bei Wilhelm dem Eigenſinnigen aber hatte es die Bewandtniß, daß er von dem famoſen Demagogen Cajus Gracchus geleſen, — 113— wie er bei einer Rede an die römiſche Menge ſeine Töne mit einer Rednerflöte oder Zwerchpfeife modulirt habe. Nachdem die vorbereitende Symphonie vorüber war, ſing er damit an, daß er ein demüthiges Bekenntniß ſei⸗ uer Unvollkommenheit, ſeiner völligen Unwürdigkeit und unfähigkeit zu dem wichtigen Poſten, kurz eine ſolche Verachtung ſeiner ſelbſt ausſprach, daß mehrere einfältige Mitglieder vom Lande, die dieß für baare Münze hiel⸗ ten, ſich ſehr verwunderten und ſelbſt erzüruten, daß er ein Amt angenommen, wozu er gar nicht fähig ſey. Dann ging er zu den Regierungen Griechenland's, Rom's und Karthago's und zu den Urſachen des Wachs⸗ thums und Verfalls vieler fremden Reiche über, von wel⸗ chen die Verſammlung ſo wenig etwas wußte, als ihre noch nicht gebornen Urenkel. Nachdem er auf ſolche Weiſe ſeine Gelehrſamkeit beglaubigt hatte, gelangte er endlich zu dem minder wichtigen Theil ſeiner Rede, dem Zu⸗ ſtande der Provinz— und hier ereiferte er ſich denn im höchſten Grade über die Yankees, die er mit den Gal⸗ liern verglich, welche Rom verwüſteten, und mit den Go⸗ then und Vandalen, welche die ſchönſten Gefilde Euro⸗ pa's durchwütheten; in angemeſſenen Schimpfworten wurde hierbei der Schmach des Eindrängens, der Keck⸗ heit des Anſtedelns und endlich des Schimpfes gedacht, daß ſie ſich nicht entblödet, ihre Zwiebeln bis unter die Wälle des Forts der guten Hoffnung zu pflanzen. Nach dem kunſtvollen Climax, der in dieſer letzten Periode lag, kehrte er mit der Ruhe eines Weiſen zu Irving's Geſch. v. New⸗York, 8 — 114— lich zurück und erklärte mit Selbſtbewußtſeyn, er habe Maßregeln getroffen, um dieſen Eingriffen ein Ende zu ſetzen— er benutze hierzu ein neuerfundenes Geſchütz, welches zwar fürchterlich, aber unumgänglich nothwendig ſey— es heiße Proclamationen!. Ein ſolches Geſchütz mit furchtbaren Drohungen ſtehe gerüſtet da, und er gebe ſein Wort als Gouverneur, daß nach zwei Monaten der Publication in den neuen Städ⸗ ten dieſer Eindränger kein Stein auf dem andern bleiben werde.— Der Rath verſtummte nach dieſen Worten auf geraume Zeit; entweder war es Folge des tiefen Eindruckes der glänzenden Rede, odey waren ſie über die Länge derſel⸗ ben eingeſchlafen, das wird nicht mit überliefert. Endlich aber wurde ein allgemeines Beifallgrunzen gehört und die Proclamation ſogleich mit gehöriger Feierlichkeit ausgefer⸗ tigt, unter Anhängung des großen Inſtegels der Provinz, ungefähr in der Größe eines Pfannkuchens, welches mit⸗ talſt eines breiten rothen Bandes angeheftet war. Der Gouverneur fühlte ſich nach dieſem Erguß ſeines Unwil⸗ lens weſentlich erleichtert, vertagte die Verſammlung, ſetzte ſeinen aufgekrämpten Hut auf, zog ſeine blutrothen Hoſen in die Höhe, beſtieg ein langes dürres Pferd, und trabte damit auf ſeinen Landſitz, der in einem lieblichen einſamen Moraſte lag und jetzt die Holländer⸗Gaſſe oder beſſer der Hunds⸗Jammer(Dogs Misery) genannt wird. Hier ruhte er wie der göttliche Numa von den Re⸗ gierungsſorgen aus und nahm neuen Unterricht— nicht — 7 —x — 115— bei der Nymphe Egeria, ſondern bei ſeiner edlen Hälfte, die eines jener beſondern Weſen war, welche nach der großen Fluth zur Strafe für die Sünden der Menſchen erſchienen und unter dem Namen ekluge Frauen» bekannt genug ſind. Pantoffelherrſchaft war damals noch tiefes häusliches Geheimniß, und wenn dieſe Art zu regieren auch keine hervorſtehende Seite des Alterthums geweſen zu ſeyn ſcheint, ſo tröſtete er ſich doch mit einem claſſi⸗ ſchen Spruch für die ſelbſtauferlegte Unterwerſung; er hieß:«erſt der iſt würdig zu befehlen, welcher gehorchen gelernt hat.“» Zweites Kapitel. Erzählt die Kunſt, mit Proelamationen zu Feide zu ziehen— ſowie die ſchmählige Behandlung des ritterlichen Jacobus Van Curlet in dem Fort der guten Hoffnung. Die Zeit verfloß, es kamen vier Jahre in's Land, und die fürchterliche Prockamation war ohne allen Erfolg, denn noch immer ſtanden die Zwiebeln von Pyquag unter den Mauern des Forts, zu nicht geringem Augenleiden der Garniſon; es entſtand dicht auf den Ferſen des Forts der guten Hoffnung die Colonie Hartfort, nicht minder eine nene Niederlaſſung Namens Newhaven in den Be⸗ ſitzungen Ihrer Hochmögenden. Der weiſe Kieft ſchob die Schuld nicht auf das Mittel, ſondern auf die Doſis. Eine zweite Proclamation von ſchwererem Kaliber als die vorige, erging in donnernden langen Sentenzen, 3. 82 — 446— wobei kein Wort weniger als fünf Sylben zählte. Es war eine Art Verruf, welcher allen getreuen Untertha⸗ nen verbot, den Feind mit Wachholderbranntwein, Leb⸗ kuchen und Sauerkraut zu verproviantiren, oder ihnen ihre Paßgänger von Pferden, ihre finnigen Schweine, ihren ſchlechten Aepfelbranntwein, Nankee⸗Rum, Cider⸗Waſ⸗ ſer, Aepſelgebäck, Weatherſield⸗Zwiebeln, hölzerne Scha⸗ len abzukaufen, ſondern ſie vom Erdboden zu vertilgen. Nach zwölf Monaten vergeblichen Harrens ſandte Van Curlet abermals eine Depeſche ab und ſtellte dringend ſeine traurige Lage vor. Seit Wouters Abgang war ſeine Garniſon durch den Hintritt zweier tapfern Krieger, die ſich an Salmen zu Tode gegeſſen hatten, um ein Ach⸗ tel geſchwunden; die Feinde belagerten und höhnten ſie immer ärger; unter den letztern beleidigenden Umſtänden wird die Geſchichte eines von den Yankees weggefange⸗ nen Schweins erzählt, welches der Compagnie angehörte und von dem Gras auf feindlichem Boden gefreſſen haben ſollte, während doch dieſe Eindränger keinen Fleck Lan⸗ des, geſchweige denn Graſes rechtmäßig beſaßen; auch wurde über unbedeutendere Beleidigungen an Menſchen, die man blutrünſtig geſchlagen, Klage angeſtellt. Die blutigen Häupter der Ihrigen, mehr noch die empörende Gefangennehmung ihres edlen Genoſſen, des Schweins, weckte ein ſympathetiſches Grunzen in Aller Herzen. Nun ſetzte ſich aber der Gouverneur mit dem Rath ernſthaft zuſammen. Die Proclamationen waren in Mißcredit gefallen; Einige meinten, mau ſolle den 8 2 — 2— — 17— 3 Yankees Tribut ſenden, wie die großen Maͤchte den klei⸗ nen Seeraͤubern der Berberei jährlichen Tribut zahlen oder die Indianer dem Teufel opfern; andre wollten ſie abgekauft wiſſen, womit aber ein Anerkenntniß ihres Rechts verbunden geweſen wäre. Ganz zufällig ſtolper⸗ ten die weitſichtigen Politiker auf den nächſten Gegen⸗ ſtand, den Plan, Truppen auszuſenden und die Garni⸗ ſon damit zu verſtärken. Die Maßregel geſiel und in weniger als zwölf Monaten war das ganze Expeditions⸗ corps von einem Sergeanten und zwölf Mann marſchfer⸗ tig. Gerade als über dieſe Truppen Revue zum Aus⸗ rücken gehalten wurde, kam der ritterliche Jacobus Van Curlet in die Stadt geſprengt ſammt ſeiner zerlumpten Beſatzung und brachte die traurige Nachricht von einer Niederlage und von der Uebergabe ſeines wichtigen Poſtens an die Yankees. Das Schickſal dieſer wichtigen Feſtung iſt eine lehr⸗ reiche Warnung für alle militäriſchen Befehlshaber. Sie wurde weder mit Sturm genommen, noch durch Aushun⸗ gerung zur Uebergabe gezwungen, es bedurfte keiner Bre⸗ ſche, keiner feurigen Kugeln, keiner Zerſtörung durch platzende Bomben. Das Fort wurde durch eine eben ſo ſonderbare als wirkſame Liſt erobert, die nie fehlſchlagen kann, wenn ſich Gelegenheit dazu bietet. Ich darf zur Chre unſerer glorreichen Ahnen verſichern, daß die Sache ihnen nicht zur Schande gereicht. Es ſcheint, daß die hinterliſtigen Yankees, von den regelmäßigen Gewohnheiten der Garniſon unterrichtet, N — 148— eine vortheilhafte Gelegenheit abwarteten und ſich mitten an einem ſchwülen Tage in das Fort ſchlichen, während die wachſamen Vertheidiger, mit einem guten Mittag⸗ eſſen geſegnet und nachdem ſie die Pfeifen ausgeraucht hatten, einer nach dem andern auf ihren Poſten tüchtig ſchnarchten und ſich von einem ſolchen Unſtern warlich nichts träumen ließen. Der Feind packte den Van Cur⸗ let und ſeine handfeſten Myrmidonen ohne alle Lebensart beim Genick, komplimentirte ſie bis zum Thor der Fe⸗ ſtung und entließ ſie, einen nach dem andern, mit einem Tritt in den H—, wie Carl XII. die ſchwerlöthigen Ruſ⸗ ſen nach der Schlacht von Narva entließ.— Vau Cur⸗ let aber erhielt zur Tuszeichnung feiner Würde zwei Tritte. Es wurde ſogleich eine ſtarke Garniſon in die Feſtung gelegt: zwanzig langleibige, ſchwerfäuſtige Nankees mit Weatherſteld⸗Zwiebeln, als Kokarden und Federn auf den Hüten, mit langen roſtigen Vogelflinten, mit Mehlklö⸗ ſen, Stummfiſchen, Schweinefleiſch und Kochzucker zu Vorräthen, und ein großer Kürbis wurde an eine Stange geſteckt als Standarte— da damals noch keine Freiheits⸗ kappen im Gebrauch waren. — 9 ——— — 119— Drittes Kapitel. Welches die fürchterliche Wuth Wilhelms des Eigenſinnigen und den großen Schmerz der Neu⸗Amſterdamer beſchreibt, ferner wie Jener die Stadt ſtark befeſtigte, und Stoffel Brinkerhoofd große Thaten that. 3 Die Sprache iſt zu arm, die merkwürdige Wuth zu beſchreiben, in welche Wilhelmus Kieft durch dieſe ehren⸗ rührige Behandlung verſiel. Drei gute Stunden war das Raſen des kleinen Mannes zu ſtark für Worte, oder vielmehr Worte waren zu ſtark für ihn, und er erwürgte ſchier an einem Dutzend ungeheurer, mißgeſchaffner, neun⸗ eckiger holländiſcher Flüche, die ſich ihm in der Gurgel kreuzten. Nachdem er endlich die erſte volle Lage gege⸗ ben, feuerte er ohne Aufhören drei ganzer Tage— in⸗ dem er die Yankees, Männer, Weiber und Kinder, an Leib und Seele verfluchte, und ſie als Diebe, Schobbe⸗ jaken, Deugenieten, Twiſt⸗Zökeren, Loozen⸗Schalken, Blaes⸗Kaken, Kakken⸗Bedden brandmarkte, ſowie mit vielen anderen Namen, die leider die Geſchichte nicht auf⸗ bewahrt hat. Zuletzt ſchwur er, daß er nichts mehr zu thun haben wolle mit einem ſolchen ſquatternden, ſpatzenarti⸗ gen, lauernden, ausfragenden, ſchnappſenden, kürbisfreſ⸗ ſenden, ſyrupſchmierigen, ſchindelſpaltenden, weinverwaͤſ⸗ ſernden, roßkammichten, zettelkraͤmeriſchen Packvolk— ſie möchten auf dem Fort Goed Hoop ſtehn und ſchim⸗ meln, ehe er ſeine Hände mit ihren Cadavern beſudeln wolle; und um dieß zu bethäͤtigen, ließ er die neuausge⸗ — 120— hobenen Truppen, obwohl es noch nicht einmal ganz Som⸗ mer war, ſogleich die Winterquartiere beziehen. Der Gouverneur Kieft hielt ſein Wort und ſeine Gegner ihre Poſten, und ſo ſiel der herrliche Fluß Connectieut mit ſeinem ſchönen Thal, ſeinen Salmen, Alſen und andern guten Fiſchen auf immer in die Hände der ſiegreichen Nan⸗ kees, die bald der Schrecken der Gegend wurden, ſo daß die alten Mütterchen die Kinder mit dem bloßen Namen ſchon ſtill machten und ins Bett jagten. Zu der Zeit lebte in Neu⸗Amſterdam einer Namens Anton Van Corlear(uach welchem die Corlears⸗Spitze benannt wird), ein ſchmucker kugelrunder holländiſcher Trompeter, mit einem luſtigen dicken Geſicht, berühmt wegen ſeines langen Athems und buſchigen Backenbarts; er blies ſo kräftig, als ob zehntauſend Sackpfeifen einem luſtig in die Naſe dröhnten. Ihn erwaͤhlte der berühmte Kieft zum Kämpen und zur Complettirung der Garniſon von Neu⸗Amſterdam, an deſſen beſſerer Befeſtigung nun, nach dem Rath der alten Weiber, ernſthaft gedacht wer⸗ den mußte. Er hoffte zuverſichtlich, daß dieſe Trompete ſo kräftig ſeyn werde, wie das Horn des Paladin Ro⸗ land oder das noch claſſiſchere Alecto's, O wie ſchnippte der Gouverneur die Finger und faſelte hin und her im Entzücken, als ſein ſchmucker Trompeter die Wälle auf und ab marſchirte und luſtig der Welt ins Geſicht blies, wie ein herzhafter Autor, der allen Hoheiten und Gewal⸗ ten jenſeits des atlantiſchen Meers keck aufſpielt. Was die Stärke der Befeſtigung erhöhte, waren Zu⸗ — au thaten von ſeiner eignen Erfindung, in der Geſchützkunde, Mechanik ꝛc.; er ſetzte eine Flagge in die Mitte, die über die ganze Stadt reichte, und auf der ſüdöſtlichen Baſtion erbaute er eine große Windmühle. Dieſe letzte war et⸗ was ganz Neues in der Fortiſicationskunſt, aber Kieft war ein erfinderiſcher Kopf, ein Univerſalgenie, welcher Pa⸗ tent⸗Rauch⸗Geſtelle, ſodann große Schiebkarren für Pferde, und Anderes mehr erfand, beſonders aber die Windmühlen, ſeine alte Paſſion, bei verſchiednen Gele⸗ genheiten höchſt glücklich anwandte. Freilich wurde ihm auch hie und da der Vor! wurf ge⸗ macht, daß er die ganze Regierung wie eine Windmühle behandle, und es gab viel Unruhe und Muthloſigkeit, be⸗ ſonders als das verzweifelte Raubgeſindel von Connecti⸗ eut ſich an der Auſterbai, ganz nahe bei Nen⸗ Amſter⸗ dam, niederließ. Dieſes griff die Ehre der Stadt unmittelbar an, denn die Auſter war dasjenige Thier, welches bei unſern Lands⸗ leuten dazumal eine faſt göttliche Verehrung genoß; auf allen Gaſſen, Plätzen, Promenaden waren ihr Tempel errichtet, und der Rath würdigte ſie ſeines beſondern Vertrauens und Behagens. Es wurde daher einmüthig beſchloſſen, die läſtigen Gäſte von der Auſterbai wegzu⸗ raſiren, und an die Spitze des damit beauftragten De⸗ tachements ſtellte man Stoffel Brinkerhoofd, oder Stof⸗ fel den Halsbrecher, der durch die ganzen Neuen⸗Nieder⸗ lande wegen ſeiner geſchickten Handhabung des Stuhlbeins oder Beſenſtiels bei unvorhergeſehenen Kämpfen, gefürch⸗ — 122—. tet wurde, und ſo groß war, daß er es mit Colbrand dem Dänen, den Gui von Warwick erſchlug, häͤtte aufneh⸗ men können. 3 32 Stoffel war ein Mann, der wenig Worte machte, ru⸗ hig gerade ausging und nach der Ordre immer zuſchlug. Langſam und mit Nachdruck paſſirte er die Städte Ninive, Babylon, Jericho und andre merkwürdige Oerter des Al⸗ terthums, welche die Nankees hierher gehert hatten; auch hielt er ſich nicht in Puspanitſch, Patchog und Quag auf, ſondern ging ohne viel Federleſen auf die Auſter⸗ bai los. Hier ſtieß er auf eine tumultuariſche Rotte von ta⸗ pfern Kriegern, unter Anführung von Jöckel Stockfiſch, Habakuk Nußkern, Wendum Kraft, Serubabel Unruh, Jonathan Tagdieb und Ehrenfeſt Gockel!— bei welchen Namen ihm zu Muthe ward, als ob das ganze Parla⸗ ment der Preis⸗Gott⸗Barfüßer ihm entgegen geſandt worden wäre. Aber es war nur die Elite, und es zeigte ſich, daß ſie keine andre Waffen hatten als ihre Zungen, womit ſie auf dem Schlachtfeld der Argumente ſtegen wollten. Dabei konnte der tapfre Stoffel ſich aber nicht aufhalten und ſchlug ſie ſogleich in die Flucht, würde ſie auch pollends in die See gejagt haben, hätten ſie nicht um gut Wetter gebeten und ſich zu einem Tribut ver⸗ ſtanden. Neu⸗Amſterdam war üͤber den Sieg ſo im Taumel, daß dem Stoffel Brinkerhoff ein großer Triumphzug vo⸗ tirt wurde. Er ritt auf einem Navaganſet⸗Zelter, und ſich zum Gouverneur alles Landes ringsum, unter der 5— 123— vor ihm her trug man fünf Kuͤrbiſſe, die wie die roͤmi⸗ ſchen Adler den Feinden als Standarten gedient hatten; man zählte fünfzig Karrn mit Auſtern, fünfhundert Bü⸗ ſchel Weatherſteld⸗Zwiebeln und hundert Centner Kabel⸗ jau, zwei Sauköpfe mit Zuckerſyrup und viele andere Schätze, welche den Triumphzug verherrlichten. Eine Kriegsmuſik, beſtehend aus der Trompete Van Corlears und dem Spektakel der Gaſſenjungen und Neger, mit Klappern, Raſſeln und lärmenden Muſcheln, belebte den Zug; kein Mann konnte am Ende auf den Beinen ſtehn, und eingedenk der Verewigung durch Bildniſſe bei den Alten, erlaubte Van Kieft, den Kopf des unerſchrocknen Stoffel Halsbrecher auf alle Wirthsſchilder zu malen! Viertes Kapitel. Neues unglück im Süden.— Heimlicher Zug des Jan Jan⸗ ſen Alpendam gegen die Schweden, und unverhoffter Lohn. Wilhelm der Eigenſinnige gerieth in zeinen Haberſack von Verwirrungen,» denn nicht genug, daß ihn das ge⸗ brannte Herzeleid mit den Nankees quälte, mußten auch noch die Schweden, von dem Ruf des furchtbaren Maun⸗ weibes, der Königin Chriſtine beſeelt, unter dem Com⸗ mando des Peter Minnewits einen Einfall wagen und ſich am Delaware niederlaſſen,— der ebenfalls in den Gränzen der Neuen⸗Niederlande belegen war. Sie er⸗ richteten im Jahr 1638 ein Fort, und Minnewits erklärte Benennung Neu⸗Schweden. Kieft ſchimpfte fürchterlich, berief eine Rathsverſammlung und ſprach, wie ſeit den Zeiten der Zehnhoſen und Zähhoſen nicht geſprochen wor⸗ den war. Die Folge war— eine neue Proclamation! Aber die Schweden blieben wo ſie waren.— Nun blieb nichts übrig, als eine Kriegsrüſtung. Eine furchtbare Flotte, aus zwei Schalnppen beſtehend, lief unter dem Befehl Mynheers Jan Janſen Alpendam, eines ſehr wackeren Admirales, aus. Die Feinde wur⸗ den zwar als rieſige Eiſenfreſſer bezeichnet, die Speckku⸗ chen verſchlängen, Maitrank und Aepfelwein ſöffen, und raſende Raufer, Beißer, Bohrer, Schmierer und Räuber wären. Aller dieſer beregten Eigenſchaften ungeachtet lief die Flotte ohne Hinderniß in den Schuylkill in Mary⸗ land ein und kam am Ort ihrer Beſtimmung an. Hier griff er den Feind mit einer kräftigen hollaͤndi⸗ ſchen Rede an, die ihm Kieft in die Taſche geſteckt hatte, nannte ſie einen Pack fauler, lümmelhafter, ſchnapsſaufen⸗ der, hahnenraufender, pferdehetzender, ſelavenverfetzender, wirthshausliegender, ſahbathbetriegender, mulattenbruͤten⸗ der Schlingel, und ſie ſollten ſich auf der Stelle aus dem Lande ſcheeren, oder—. Hierauf antworteten ſie auf gut Engliſch ganz kurz: der Teufel werde ſte ſchon zuerſt holen.⸗ Auf eine ſolche Antwort war weder Jan Janſen Al⸗ pendam, noch Wilhelmus Kieſt gefaßt. Hier war nichts zu thun, als zurückzukehren und die Sache in das vor⸗ theilhafteſte Licht zu ſetzen. Man erklärte Alpendam — 125— ſogleich für das Muſter aller Admiräle, weil er mit ſo kleinen Streitkraͤften ſo viel erreicht habe, ohne einen Mann zu verlieren. Man nannte ihn den Retter des Vaterlandes; die beiden Schaluppen wurden trocken ge⸗ legt, in ein Baſſin, wo ſie im Schlamm verfaulten, und um den Namen des Helden zu verewigen, errichtete man ihm auf Subſcription ein Denkmal von tannenen Bret⸗ tern auf der Spitze des Flatten⸗Barrak⸗Hill, welches drei ganzer Jahre ſtand, wo es dann nach und nach zu Brenn⸗ holz verbraucht wurde. Fuͤnftes Kapitel. Wilhelm der Eigenſinnige als Geſetzgeber, wie er ſein Volk 3 ſehr aufgeklärt und unglücklich macht. Charondas, der Geſetzgeber der Lokrer, befahl zur Erhaltung der alten Geſetze, wer ein neues Geſetz in Vorſchlag bringe, ſolle es mit einem Strick um den Hals thun, damit man ihn, wenn es verworfen werde, ſogleich daran aufhängen und hiermit allem Disput ein Ende machen könne. So kam es, daß die Lokrer recht glücklich debten und in der Geſchichte kaum genannt werden, welches ihnen ſehr zur Ehre gereicht, da nur die miſerabeln Nationen in der Welt Aufſehen machen. Wie glücklich wäre Wilhelm der Eigenſinnige geiveſen. hätte er ſich bei ſeiner univerſellen Bildung dieſe weiſe Einrichtung gemerkt. Im Gegentheil aber war es ſein — 126— Grundſatz, je mehr Geſetze, deſto glücklicher der Staat; er wußte ſich nichts beſſeres, als die Menſchen mit Fuß⸗ angeln und Selbſtſchüſſen zu ſchrecken, und ſo kam es oft, daß die Unſchuldigen in Fallen liefen, die Anderen geſtellt waren. Gerichtshöfe und Advocaten die Fülle, Entſcheidungen nach Gunſt und Reichthum, das waren die Ergebniſſe ſeiner umſichtsvollen Geſetzgebung. Uum dieſe Zeit ſchritt denn auch die Eriminalrechts⸗ pflege weiter und es wurden ein für allemal Todesſtra⸗ fen feſtgeſetzt. Ein trefflicher Galgen ward an der Küſte errichtet, und nicht weit davon ein anderer, höherer, der den des Haman gewiß beſchämte. Die Strafe, welche hier vollzogen wurde, war eine ſcharfſinnige Erfindung unſeres Kieft. Der Verbrecher wurde nämlich nicht am Hals, ſon⸗ dern an dem ſogenannten Schmachtriemen, an der Hüfte, aufgehangen und mußte eine Stunde lang, zur großen Er⸗ bauung aller Anweſenden, in der Luft rudern. Man glaubt nicht, wie herzlich der kleine Gouverneur lachte, wenn er herumlanfendes Geſindel und kecke Bettler beim H— gefaßt hatte und ſie auf dieſer Flugmaſchine hin und her fliegen und komiſche Luftſprünge machen ſah. Es kamen ihm dabei tauſend Witze und ſchnakiſche Einfälle. Er nannte ſie ſeine Schooßpudelchen, ſeine wilden Vö⸗ gel, ſeine Hochfliegenden— ſeine Spann⸗Adler— ſeine Habichte— ſeine Vogelſcheuchen und endlich ſeine Gal⸗ genvögel, welche Benennung dann allen nicht bloß mit ſolcher höheren Ausſicht, ſondern auch den mit hoͤheren — 127— Einſichten begabten Leuten, die im Staate etwas werden, auf ewige Zeiten zu Gute kam. Dieſe Strafe ſoll zu⸗ gleich ein Riemen⸗Exercitium abgegeben haben, wobei unſere Vorfahren ihre vielen Hoſen gehörig anziehen lernten. 4 Dieſes waren die wichtigen Verbeſſerungen, welche Kieft in der Criminal⸗Geſetzgebung vornahm. Sein Ci⸗ dil⸗Codex war jedoch nicht minder Gegenſtand der Be⸗ wunderung, und leider erlauben die Gränzen dieſes Wer⸗ kes hierüber keine Ausführlichkeit. Beſonders ſorgte er für Leute, die das Geſetz auslegten und verwickelten, und für Rabuliſten, welche der Republik bei den Ohren, ſprich⸗ wörtlich zu reden, den Großvater zeigten. Dieſe und ähnliche Verbeſſerungen des vielſeitigen Genies trugen zum Erwachen des Volksgeiſtes bei, und da der Volks⸗ haufe in einer Stadt das iſt, was die Seele in dem Körper, ſo gab es mancherlei unheilbringende Bewegun⸗ gen, die ſehr ſchlimm auf Neu⸗Amſterdam zurückwirkten, ſo daß in der Confuſion viele gewundene, winkliche und infame Gaſſen und Alleen zum Vorſchein kamen, welche die Hauptſtadt verunzieren. Aber das Schlimmſte bei der Sache war, daß der Pobel, den man ſeitdem das ſouveraine Volk nennt, gleich Bileams Eſel, anfing, erleuchteter zu werden als ſein Reiter, und ein wunderſames Verlangen trug, ſich ſelbſt zu regieren. Dieß war die Folge von Kiefts griechi⸗ ſchen Ideen über Volkserziehung, und es ging ihm im⸗ mer ſo, wenn er einmal einen guten Gedanken gefaßt — 128— hatte, ſo ſtellte er ſich ſicher ſchief in der Ausführung. Hatte nun Kieft das Volk durch betriebſame Männer genugſam über das Staatswohl aufgeklärt, und es geſtel ihnen das Ding, ſo kamen ſie oft zuſammen, tranken tüchtig, benebelten ſich im Tabacksdampf, wurden beim Anhören der Orakel erſtaunlich weiſe und, wie überall, wo der Pöbel aufgeklärt wird, erſtaunlich unzufrieden. Da wurden denn jene Volksverſammlungen geboren, die bis auf den heutigen Tag ſo wichtig geblieben ſind. Da machten ſich alle Müßiggänger und« geringe Stan⸗ desperſonen“ auf, die um den Leib der Geſellſchaft wie Lumpen hängen und von jedem Wind der Meinungen hinweggeblaſen werden können. Schuhflicker verließen ihre Werkſtätten und beeilten ſich, Unterricht in der Staatswirthſchaft zu ertheilen; Hufſchmiede gingen von der Arbeit weg und ließen ihre Feuer ausgehen, um mit den Blasbälgen ihrer Lungen das Feuer der Factionen anzublaſen; ſelbſt Schneider, die Abſchnitzel und Fleckchen der Menſchheit, vergaßen ihr Maaß, um der Regierung das Maaß zu nehmen. Es fehlte nichts mehr, als ein halbes Dutzend Zeitungen und unerſchrockene Redacteure, um die Erleuchtung zu vollenden und die ganze Provinz in Aufruhr zu ſetzen. 85 . 1 Dieſe Volksverſammlungen fanden in einem beliebten Wirthshauſe ſtatt. Solche Oerter ſind die wahren Fin⸗ delhäuſer guter Gedanken und Geſinnungen, denn hier fehlt es nicht an jenen Lebensſtrömen, welche den Partheien Kraft und Muth geben müſſen. Es wird uns überlie⸗ fert, daß die alten Deutſchen ſich im Trunk über wich⸗ tige Sachen berathen, und erſt wenn ſie nüchtern gewe⸗ ſen, entſchieden hätten. Der ſchlaue Pöbel von Amerika liebt nicht dieſe zweierlei Vernunft, er entſchließt ſich und handelt ſogleich im Trunke, wobei eine Unſumme von ärgerlichen Betrachtungen hinwegfällt— und da ein Mann, wenn er betrunken iſt, doppelt ſieht, ſo iſt damit bewie⸗ ſen, daß er zweimal beſſer ſieht, als ſein nüchterner Nachbar. 8 5 Sechſtes Kapitel. Von der großen Pfeifenverſchwörung— und von dem Elend, welches Wilhelm dem Eigenſinnigen die Si encheang der Menge bereitete. Wilhelmus Kieft war, wie ich ſchon angedentet habe, ein großer Geſetzgeber im ⸗Kleinen. Als Jüngling hatte er ſich den Spruch Salomo's eingeprägt:«Geh zu der Ameiſe, du Fauler; ſieh auf ihre Wege und werde weiſe.» Daher kam es, daß er immer wie eine Ameiſe unruhig bin und her lief, ſich viel zu thun machte, und oft über ein Seufkorn ſich abmühete, als habe er einen Berg in Bewegung zu ſetzen. So geſchah es denn, daß aus einem ſeiner Geiſtes⸗ kämpfe, die er Ueberlegen nannte, ein unglückliches Ge⸗ ſetz hervorging, welches den allgemeinen Gebrauch des Tabackrauchens verbot. Er fand durch mathematiſchen Beweis, daß es nicht allein für das Volk eine drückende Irving's Geſch. v. Rew⸗Vork⸗ 9 3— 130— 4 Ausgabe, ſondern auch ein Zeitverderber, ein Toͤdter des— Glücks und der Moralität der Staatsgemeine ſey. Un⸗ glückſeliger Kieft! hätteſt du in dieſem aufgeklärten und libellſüchtigen Zeitalter gelebt und die unſchätzbare Preß⸗ freiheit zu unterdrücken gewagt, du hätteſt die Empfind⸗ lichkeit von Millionen nicht ſchärfer treffen können. Der Volkshaufe ward wüthend; eine Schaar aufruͤh⸗ reriſcher Bürger verſammelte ſich ſogar vor dem Haus des Gonverneurs, ſetzte ſich keck hin, wie eine belagernde Armee, und rauchte mit ſolcher Hartnäckigkeit, als gelte es, ihn zu zwingen, daß er ſich übergebe. Wilhelm der Eigenſinnige rannte aus ſeinem Hauſe wie eine zornige Spinne und verlangte den Grund dieſer aufrühreriſchen Verſammlung und dieſes geſetzwidrigen Rauchens zu wiß⸗ ſen; aber die kecken Aufwiegker antworteten nur that⸗ ſächlich damit, daß ſie ſich ſehr phlegmatiſch auf ihren Sitzen ausſtreckten und mit verdoppelter Wuth rauchten; ſte verbreiteten ſo dicke Wolken, daß der kleine Mann froh war, wieder in ſein Schlößchen zurück zu kommen. Der Gouverneur erſuhr bald die Urſache des Auf⸗ ruhrs, und ward inne, daß es unmöglich ſeyn werde, eine Sitte aufzuheben, welche den Niederländern zur zweiten Natur geworden war. Dieß iſt auch die Ur⸗ ſache, warum in meiner Geſchichte dieſer Sitte ſo oft ge⸗ dacht wird. Die Pfeife kommt dem ächten Holländer nie vom Munde; ſte iſt ſein Gefährte in der Einſamkeit, ſeine Erholung in müßigen Stunden, ſein Rathgeber, ſein — — 131— Troͤſter, ſein Augapfel, ſein Stolz, kurz er ſcheint nur durch die Pfeife zu athmen und zu denken. Wilhelm der Eigenſinnige ward endlich zu capituliren gezwungen; er wollte nun zwar die Sitte nicht aufheben, aber er verbannte jene ſchönen langen Pfeifen aus den Tagen Walters des Zweiſters, welche ſo viel Behaglich⸗ keit, Ruhe und Mäßigung ausdrückten; an ihrer Stelle wollte er kleine pfiffige kurze Pfeifen von zwei Zoll Länge einführen, die man, wie er ſagte, in eine Ecke des Mun⸗ des und in das Hutband ſtecken könnte, und der Arbeit nicht im Wege wären. Hierdurch ſchien die Menge ek⸗ was beruhigt und zerſtreute ſich nach ihren Wohnungen. Auf ſolche Weiſe endete der große Aufſtand, der lange unter dem Namen des Pfeifen⸗Complotts bekannt war, und der ſich, wie man etwas ſpitzig bemerkte, gleich den meiſten Bewegungen dieſer Art, in Rauch auflößte. Aber höre, Leſer, welche beweinenswerthe Folgen ſpä⸗ ter daraus hervorgingen. Der Rauch der ſchändlichen kleinen Pfeifen, der immer in Wolken um die Naſe dampfte, drang durch dieſen Weg in's Gehirn, umne⸗ belte es, ſog alle liebreiche Feuchtigkeit auf und machte die Menſchen ſo wirblich und eigenſinnig wie ihren be⸗ rühmten kleinen Gouverneur— ja, was mehr iſt, aus einer gedeihlichen, aufgequollenen Race wurden, gleich un⸗ ſern würdigen holländiſchen Landwirthen, welche kurze Pfeifen rauchen, Laternengeſichtex, rauchgedörrte, leder⸗ häutige Kerls! Das war aher noch nicht Alles. Denn von da da⸗ 9* tirten ſich die Entzweiungen in der Provinz. Einige der reicheren und wichtigeren Bürger, die der alten Sitte tren blieben, bildeten eine Art Ariſtokratie, die den Na⸗ men Lang⸗Pfeifen annahm; die niederen Stände dagegen, die ſich der Neuerung gutwillig unterwarfen, weil ſie ſich auch zu ihren Handthierungen beſſer eignete, wurden mit dem Namen Kurz⸗Pfeifen gebrandmarkt. Es entſtand unn noch eine dritte Parthei, von beiden verſchieden, un⸗ ter Anführung der Nachkommen des berühmten Robert Chewit, dem Gefährten des großen Hudſon. Dieſe ga⸗ ben den Gebrauch der Pfeifen ganz auf und kauten den Taback, daher ſie den Namen Qunids erhielten. Dieſe Benennung hat man ſeitdem auf alle jene Spielarten ausgedehnt, die zuweilen aus zwei großen feindlichen Ge⸗ ſchlechtern hervorgehen, wie der Mauleſel vom Pferd und Eſel abſtammt. Hier iſt denn auch der Ort, wo ich die große Wohl⸗ that jener Parthei⸗Unterſchiede bemerklich machen muß, welche die große Maſſe des Volkes des Denkens über⸗ hebt. Schon Heſiod theilt die Menſchen in ſolche, die für ſich ſelbſt denken, ſolche, die andere für ſich denken laſſen, und ſolche, die weder das eine, noch das andere thun. Die zweite Claſſe begreift die große Maſſe der bürgerlichen Geſellſchaft, und daher kommt der Ausdruck Parthei, worunter man eine Menge Menſchen verſteht, wovon die einen denken und die übrigen ſchwatzen. Die erſteren, die man die Führer nennt, discipliniren die letz⸗ teren, lehren ſie, was ſie billigen, bei was ſie ſchreien — — 133— und ins Zeug gehen, was ſie unterſtützen, doch vor al⸗ lem, wen ſie haſſen müſſen— denn Niemand kann ein guter Partheigänger ſeyn, wenn er nicht ein entſchiedener und entſchloſſener Haſſer iſt.. Wenn aber das ſouveraine Volk ſo recht in den Har⸗ niſch gebracht, angeſchirrt, mit einer Kinnkette verſehen und unterm Zügel iſt, ſo kann es nur erfreulich ſeyn, wie ſie nun den Dreckkarrn ihrer Parthei, durch Koth und Schlamm fortziehen nach dem Willen ihrer Treiber. Wie viele patriotiſche Congreßmitglieder habe ich geſehen, die nicht im Stande geweſen wären, zu einem Votum den Verſtand zu öffnen, wenn ſie nicht ſolche Vordeuker gehabt hätten. 3 Nun konnten die erleuchteten Bewohner von Man⸗ hattan ſich zum Zwieſpalt organiſiren und ſich ſyſtema⸗ tiſch haſſen, das Geſchäft der Politik ging wacker ſeinen Gang; die Partheien verſammelten ſich in beſonderen Bierhäͤuſern und rauchten mit unverſöhnlichem Groll ge⸗ gen einander, zu nicht geringem Nutzen des Staates und der Bierwirthe. Die Eifrigeren gingen weiter und ſalb⸗ ten einander mit jenen Spitzuamen und infamen kleinen Schimpfwoͤrtern, womit die holländiſche Sprache geſegnet iſt. Waren aber die Partheien noch ſo aufſäſſig gegen einander, ſo ſtimmten ſie doch darin überein, daß ſie über alle Maßregeln der Regierung raiſonnirten und ſie ver⸗ dammten; denn Niemand intereſſirte ſich für einen Gou⸗ verneur, den ſie nicht geſchaffen hatten, noch für das Glück des Landes, ſo lange es unter ihm ſtand. — 134— Unſeliger Wilhelm Kieft! dem die inneren wie die äußeren Feinde alles zunichte machten. Wollte er ein Heer auf die Beine bringen, ſo hieß es, das ſeyen Heu⸗ ſchrecken, welche das Land verwüſteten, und eine eiſerne Ruthe in den Händen der Regierung. Sammelte er im Augenblick der Gefahr allerlei Vagabunden, ſo ſchrie man über die ohnmächtige und gelderſchöpfende Maßregel. Nahm er ſeine Zuflucht zu dem ökönomiſchen Schritt einer Proclamation, ſo lachten ihn die Yankees aus; hob er den gegenſeitigen Verkehr auf, ſo wurden ihm ſeine eignen Unterthanen ungehorſam. Wo er ſich hin⸗ wandte, überall Petitionen,«von zahlreichen und wür⸗ digen Verſammlungen», die aus einem halben Dutzend zänkiſcher Kannenhelden beſtanden. Er las ſie alle, und was noch ſchlimmer war, er richtete ſich nach allen. Die Folge war, daß nichts ſeinen geraden Weg mehr ging und vor lauter Thun am Ende gar nichts geſchah. Man würde ſich ſehr irren, wollte man glauben, daß er alle dieſe Promemoria's und Bittſchriften gutwillig angenommen habe; dieſes würde ſeinem ritterlichen Geiſt ſehr ungleich ſehen. Im Gegentheil, er nahm nie in ſei⸗ nem Leben einen guten Rath an, ohne zuerſt gegen den Rathgeber in Gift zu gerathen. Aber ich habe ſtets be⸗ merkt, daß kleine heftige Menſchen wie kleine Barken mit großen Segeln am leichteſten umwerfen oder aus ih⸗ rem Lauf gebracht werden; und dies zeigte ſich bei dem Gouverneur Kieft, der zwar biß wie ein alter Rettig, und einen Geiſt hatte, wo beſindig Wirbelwinde und —— ——— —— — 135— Tornado's hauſten, doch ſogleich umgedreht war durch den mindeſten Rath, der ihm in's Ohr geblaſen wurde. Ein Glück war es dabei, daß ſeine Macht vom Volke unabhängig war, und ſo thaten ſie zwar mit einigem Anſtand, doch mit Qual und Verdruß auf ſeiner Seite, ihr Möglichſtes, ihn jedesmal herumzukriegen, wie ein Sonntagsreiter einen verruchten Racker von Miethklep⸗ der hin und her zerrt. Wilhelmus Kieft ward in der That durch ſeine ganze Verwaltung wie ein Klepper ent⸗ weder hin und her geriſſen oder in ſteifem kurzem Ga⸗ lopp gehalten. Siebentes Kapitel. rit ſchrecklichen Nachrichten von Gränzkriegen und himmel⸗ ſchreienden Verletzungen der Wegelagerer von Conneeti⸗ cut— dann dem Entſtehen des großen Amphictyonen⸗ Gerichts im Oſten und dem Ende Bilhelms des Eigen⸗ ſinnigen.— Weiſe Männer des Alterthums, die mit ſolchen Din⸗ gen vertraut waren, verſicherten, an dem Thor des Pa⸗ laſtes Jupiters ſtänden zwei große Tonnen, die eine mit Segnungen, die andere mit Unheil gefüllt— es ſcheint, die letztere wurde über die unglückliche Provinz der neuen Niederlande ausgeleert, um ſie ganz damit zu überſchwem⸗ men. Was bei den Erregungen von Außen und Innen dem hitzigen Temperament Wilhelms des Eigenſinnigen immer neuen Brennſtoff zuführte, waren die ewigen Ein⸗ 4 — 136— fälle der Nankees an den Gränzen. Viele Berichte dar⸗ über ſind in den Archiven jener Zeit niedergelegt worden und die Offtziere an den Gränzen ſandten unzählige und dickleibige Beſchwerden nach Hauſe, wie treue Dienſtbo⸗ ren nicht aufhören können, die kleinen Unfälle und Klat⸗ ſchereien der Küche brühwarm in's Zimmer zu tragen. Die Beſchwerden waren aber allerdings triftig genug, und ſo geſchah es, daß am 21. Juni 1641 Einige von Hartford ein Schwein aus der Gemeinde⸗Maſtung vin⸗ wegführten und es, ans Bosheit oder ſonſtigem übelwol⸗ lenden Vorurtheil, in einem Stall Hungers ſterben lie⸗ ßen! Vom 26. Juni hieß es: die vorerwähnten Englän⸗ der trieben abermals die Schweine der Compagnie aus der Maſtung von Sicojoke nach Hartford; indem ſie das Volk tagtäglich mit Vorwürfen, Rippenſtößen, und allem erdenklichen Ungemach und Drangſalen heimſuchten; ähn⸗ liches wird von weidenden Pferden berichtet; wobei die Hirten immer lederweich geprügelt wurden! O ihr himmliſchen Mächte, welchen Zorn regte jede dieſer Beleidigungen bei dem philoſophiſchen Kieft auf! Brief auf Brief, Proteſtation auf Proteſtation, Procla⸗ mation auf Proclamation! umſonſt wurde ſchlechtes La⸗ tein, miſerables Engliſch, und abſcheuliches Holländiſch an die unerbittlichen Yankees verſchwendt; die ſtehende Armee, aus den vierundzwanzig Buchſtaben des Alpha⸗ bets beſtehend, war während ſeiner Verwaltung immer auf den Beinen, und Anton Van Corlear, der wackere Trompeter, mußte alle Schreckensnachrichten, die hin uud — 137„ her gingen, von den Wällen herabpoſaunen, welches ihn in ein Anſehn und in einen Reſpekt ſetzte, wie allemal die Buchhändler, wenn ſie in die Poſaune ſtoßen. Jetzt kann es mir aber ergehen, wie Simſon, der aus eiltes Löwen Haupt(dem Archiv der Geſchichte aus welchem ich den Honig der Weisheit ziehe) einen Schwarm von Bienen um ſeine Ohren lockte; ich meine die unver⸗ ſtändigen Nachkommen jeuer Yankees, die warlich Untha⸗ ten an meinen Vorfahren verübten, wofür ſie der Hiſto⸗ riker— den die ewige Nemeſis beſtellt hat— züchtigen muß, und wovon keine Maus einen Faden abbeißt. Im Oſten begannen Ereigniſſe zu tagen, welche den unglücklichen Gouverveur der neuen Niederlande auf die Hefen ſeines Wites ſetzten. Bisher hatten nur die Räu⸗ ber von Connecticut ſich aus ihres Landes Veſte herüber⸗ gewagt; aber nun, es mochte um's Jahr 1443 ſeyn, ver⸗ ſammelten ſich die Voͤlker im Oſten, von den Colonieen Maſſachuſets, Connecticut, New⸗Plymouth und New⸗ Haven, zu einer fürchterlichen Rathsverſammlung, wie ein ungeheurer Bienenſchwarm, wenn ſie den Stock verlaſ⸗ ſen; ſie beſchloſſen einen ſchrecklichen Bund unter dem Namen der Vereinigten Colonieen von Neu⸗England. Sie verpflichteten ſich gegenſeitig zu Schutz und Trutz wider die Wilden, worunter ſie ohne Zweifel auch unſre ehrenwerthen Vorfahren auf Manhattan verſtanden, und um dem Bund mehr Kraft und Nachdruck zu geben, be⸗ ſchloſſen ſie eine jährliche große Zuſammenkunft von Ver⸗ tretern aller Provinzen. 4 — 138— Beim Empfang dieſer Nachricht ward Wilhelmus Kieft äuſſerſt beſtürzt; zum Enſtenmal in ſeinem ganzen Leben vergaß er aufzubrauſen. Er erwog in ſeiner geaͤngſteten Seele alles, was er im Haag über ſolche Bündniſſe gele⸗ ſen, und fand endlich, daß dieſes eine complette Nach⸗ ahmung des Rathes der Amphictyonen ſey, wodurch im Alterthume die Staaten Griechenlands ſich zu unvergleich⸗ licher Macht und Herrſchaft emporgeſchwungen hatten, und dieſe Vorſtellung machte ihn für das Heil des Man⸗ hatten⸗Reichs zittern. Er ließ es ſich nicht ausreden, daß es bloß darauf ab⸗ geſehen ſey, die Niederländer aus ihren ſchönen Beſtz⸗ zungen zu vertreiben und gerieth in große Wuth, wenn Jemand daran zu zweifeln wagte. Seine Ahnung blieh nicht ohne Beſtätigung; denn bei der erſten Verſammlung, die der Bund in Boſton(welches Kieft nur das Del⸗ phos dieſes wahrhaft elaſſiſchen Bundes nannte) hielt, wurden Vorſtellungen gegen die Niederländer beſchloſſen, aſiutemal ſie in ihrem Tauſchhandel mit den Wilden ſich Gewehre, Pulver und Blei abhandeln laſſen, eine Ent⸗ aͤußerung, die höchlich zu mißbilligen ſey und den Colo niſten ſehr gefährlich werden könne.“ Wenn die Handels⸗ leute von Connecticut ſich daſſelbe zu Schulden kommen ließen, ſo war dieß doch ein Anderes, denn ſie verkauf⸗ ten den Indianern immer nur ſolche Flinten, die ihnen ſogleich platzten und daher Niemanden als dieſen heidni⸗ ſchen Beſtien gefährlich werden konnten. Das Entſtehen des mächtigen Bundes war der To⸗ 2— 139— desſtoß für den Ruhm Wilhelms des Eigenſinnigen, denn von dieſem Tage au hielt er, wie viele bemerkten, nicht mehr das Hanupt empor, ſondern ſchien ganz wie abge⸗ ſchlagen zu ſeyn. Die übrigen Tage ſeiner Regierung geben daher der Feder des Geſchichtſchreibers wenig zu thun. Verſammlungen der Amphictyonen von der einen, donnernde Proclamationen und Proteſtationen von der an⸗ dern Seite, worin Kieft wie ein erfahrner Seeheld ſein ganzes Geſchütz loslies, um eine Waſſerhoſe platzen zu machen; leider aber waren es lauter blinde Schüſſe. Der letzte Act, den die Geſchichte von dem berühm⸗ ten und gelehrten kleinen Regenten mittheilt, iſt ein lan⸗ ges Schreiben an den Rath der Amphictyonen, wo er ſich bitter über die Bewohner von Neu⸗Haven oder Red⸗ Hill's beklagt, daß ſie den Aufforderungen, das Land Ihrer Hochmögenden zu verlaſſen, mit Impertinenz und Verach⸗ tung begegneten. Von dieſem Briefe, der ein Muſter elegau⸗ ter Schreibart, und elaſſiſcher Apophthegmen und Bilder iſt, kann ich wegen Enge des Raums nur folgendes mittheilen: „Wahrlich, wenn wir die Einwohner von Neu⸗Hartford ſich über uns beklagen hören, ſo iſt es uns, als hörten wir den Wolf des Aeſopus, der das Lamm befchuldigt, oder jenen jungen Menſchen, welcher ſeiner Mutter, die ſich mit der Nachbarin zankte, zurief: O Mutter, ſchim⸗ pfe Sie nur gleich tüchtig, damit die Nachbarin ihr nicht zuvorkommt.“ Uns ſind aber durch frühere Vorfälle wohl die Augen geöſſnet worden, als zum Beiſpiel jene Antwort war, die wir von den Einwohnern von New⸗ —— — 140— Haben erhielten: a der Adler verachte das Käfer⸗Ge⸗ ſchmeiß, aber wir verfolgen demungeachtet unſer Recht, mit gerechten Waffen und Mitteln, und verhoffen ohne allen Zweifel die ausdrücklichen Befehle unſerer Oberen zu volziehen.“ Um dieß zu bekräftigen, ſchloß er mit einem Bannfluch, der jene Bewohner Squatters nannte und ih⸗ nen das Wohnen in den Neuen Niederlanden kräftigſt unterſagte.. So endet die authentiſche Chronik von der Regierang Wilhelms des Eigenſinnigen. Die Frage, warum einige Geſchichtſchreiber der. Zeit ihn ganz übergangen haben, möchte durch jenen Spruch des Califen zu beantworten ſeyn, der zu ſeinem Sohne ſagte:« Beleidige den Der⸗ wiſch nicht, damit du nicht deinem Geſchichtſchreiber an's Ohr ſchlägſt.) Hätte mancher Mann des goldenen Al⸗ ters dieſe weiſe Lehre beachtet, wie glücklich wäre er den unbarmherzigen Kreuz⸗ und Querſtrichen entgangen, wel⸗ che die Feder des Hiſtorikers uͤber ſeine Phyſiognomie zog. So war es denn die ernſte Aufgabe für mich, einen Mann aus dem Dunkel der Geſchichte hervorzuziehen, deſſen ſchöpferiſches Genie dauernden Nachruhm verdient, da er es war, der die Tactik der Proclamationen und die Vertheidigung des Landes durch Trompeter und durch Windmühlen einzuführen verſtand— Erfindungen, welche der Menſchheit mehr Ehre machen als die des Schieß⸗ dulvers und ähnlicher Höllenerfindungen. 1 Einige Dichter, deren es in den Neuen⸗Niederlanden eine Menge gibt, benutzten das Verſchwinden Wilhelms — —.,— — 141— des Eigenſinnigen in der Geſchichte zu der Fiction, daß er gleich Romulus an den Himmel verſetzt worden und in jenem kleinen feurigen Stern an der linken Scheere des Krebſes glänze, während Andre, eben ſo phantaſie⸗ reich, ihm das Schickſal Arthurs von der Tafelrunde ge⸗ ben, den die alten wäliſchen Barden nach dem lieblichen Feenland entführen laſſen, wo er in alter Kraft und Herrlichkeit lebt, bis er einſt zurückkehrt, um das Rit⸗ terthum, die Ehre und die unbefleckte Treue ſeiner Zeit wiederherzuſtellen, und ganz Britannien wieder zu regie⸗ ren, wie auch Merlin der Zauberer weiſſagt*). Das alles aber ſind Spinnengewebe der Phantaſte, von jenen träumeriſchen Schelmen, den Poeten erfunden, denen meine ernſthaften Leſer keinen Glauben beimeſſen werden. Zweien andern Ueberlieferungen kann ich eben ſo wenig Glauben ſchenken; die eine rührt von einem al⸗ ten oder vielmehr apocryphiſchen Geſchichtſchreiber her undebeſagt, er habe durch den unverſehenen Schlag ei⸗ nes Windmühlenflügels ſeinen Tod gefunden— ein ſpä⸗ terer Schriftſteller aber meinte, er habe das Unglück ge⸗ habt den Hals abzuſtürzen und als Opfer eines philoſo⸗ phiſchen Erperimentes zu enden, dem er ſchon mehrere Jahre nachgeſonnen, daß er nämlich verſucht habe, von r 4 *) Dieſe Sagen treffen mit denen von Friedrich Barba⸗ roſſa zuſammen, der im Kyffhäuſerberg wieder erwachen und ſein Reich auf's Neus antreten ſoll. Anm, d. Ueberſ. — 142— dem Gaubloch des Stadtthurms aus Schwalben zu fan⸗ gen, indem er ihnen Salz auf den Schwanz ſtreuen wollte. Die wahrſcheinlichſte Auskunft über ſein Ende liegt in einer alten dunklen Ueberlieſerung, daß die beſtändigen Sorgen, Reizungen und Aergerniſſe ſein Hirn in ſo fort⸗ währende Ofenhitze verſetzt hätten, bis er, wie eine hol⸗ ländiſche Familienpfeife, die ihre drei Generationen von wackeren Rauchern durchlebt, völlig ausgebrannt ſey. Auf ſolche Weiſe erfuhr Wilhelm der Eigenſinnige eine Art von animaliſcher Verbrennung, die wie ein Binſenlicht verging, ſo daß der Tod, als er das Flämmchen vollends ausblies, kaum noch ſo viel übrig ließ, daß man es be⸗ graben konnte. Fuͤnftes Bu ch. Erſter Theil der Regierung Peter Stuyve⸗ ſants und ſeine Händelmit den Amphic⸗ tyonen. — Erſtes Kapitel. Worin gezeigt wird, daß der Tod eines aroßen Mannes grade kein ſo heftiges Unglück iſt— und wie Peter Stuyve⸗ ſant durch die ungewöhnliche Stärke ſeines Kopfes einen großen Namen erlangte.. Für einen tiefdenkenden Philoſophen, wie ich bin, muß es eine Kleinigkeit ſeyn, zu wiſſen, was andre mit ihren ———— — 143— Blicken nicht halbwegs durchdringen, daß nichts klarer und ausgemachter ſeyn kann, als daß der Tod eines gro⸗ ßen Mannes etwas ganz Unerhebliches iſt. Schon Pli⸗ nius verglich auf dieſe Art die Welt mit einer wechſelu⸗ den Schaubühne. Weiſe folgen den Weiſen auf den Fer⸗ ſen nach; ſo wie ein Held von ſeinem Siegskarrn fällt, ſteigt ein andrer hinauf, und von dem ſtolzeſten Poten⸗ taten heißt es immer nur: er ging zu ſeinen Vätern und ſein Nachfolger regierte an ſeiner Statt. Ich wette zehn gegen eins, daß wenigſtens gar keine Thränen vergoſſen wurden, wo es von dem Verluſt eines großen Mannes heißt, er habe die ganze Nation in Thrä⸗ nen verſenkt, und daß höchſteus die armſelige Feder eines hungrigen Autors ihre ſchwarzen Thränen geweint hat. Der Geſchichtſchreiber, der Biograph, der Dichter, dieſe Leute ſind es, welche die Bürde des Jammerns auf ſich neh⸗ men— gütige Seelen!— die wie die Leichenbeſorger in England das ganze Leid auf ſich nehmen— die ein Volk mit Seufzern aufblaſen, die es nie gehabt, und mit Thrã⸗ nen überſchwemmen, die ihm nie zu vergießen einfielen. Während dieſer patriotiſche Schriftſteller weint und heult, in Proſa, Verſen und Reimen, und die Thränen der all⸗ gemeinen Trauer in ſein Buch einſammelt, wie in ein Thränenglas, iſt es mehr als wahrſcheinlich, daß ſeine Mitbürger eſſen und trinken, fiedeln und tanzen, indem ſie gar nichts von dem in ihrem Namen erhobenen Jam⸗ mer wiſſen. Die ruhmwürdigſten Helden, welche je Nationen ver⸗ 4 — 144—— nichtet haben, koͤnnten unter dem Schutt ihrer Monu⸗ mente unbekannt vermodern, wenn nicht der Geſchicht⸗ ſchreiber ſie unter ſeine Protection nähme und der Nach⸗ welt ihre Namen überlieferte— und wieviel auch der ritterliche William Kieft trieb, lärmte und tummelte, während das Schickſal einer ganzen Colonie in ſeinen Händen lag, darf ich doch fragen, ob er nicht dieſer au⸗ thentiſchen Geſchichte ſeinen ganzen Ruhm verdankt. Sein Ende verurſachte keine Bewegung in der Stadt Neu⸗Amſterdam oder deren Umgebung; die Erde erzit⸗ terte nicht, noch ſchoſſen die Sterne aus ihren Kreiſen— der Himmel war nicht ſchwarz verhüllt, wie die Poeten uns bei den letzten Momenten eines ſterbenden Helden weißmachen wollen— die Felſen(dieſe hartherzigen Schur⸗ ken!) zerſchmolzen nicht in Thränen, und auch die Bän⸗ me ließen nicht die Koͤpfe in ſtummer Trauer hängen; und was die Sonne betrifft, ſo lag dieſe in der folgenden Nacht eben ſo lang zu Bett und machte grade daſſelbe Geſicht, als ſie aufſtand, wie ſonſt. Das gute Völkchen von Neu⸗Amſterdam erklärte ein für allemal, daß er ein ſehr emſiger, thätiger, aufbrauſender, kleiner Gouverneur geweſen, ⸗der Pater ſeines Landess— adas edelſte Werk Gottes“— vein Mann, wie man, kurz geſagt, keinen mehr finden wird»— dieſe und andre freundliche Redens⸗ arten gab es, wie man ſle gewöhnlich bei dem Tode ei⸗ nes großen Mannes hört, und dann rauchten ſie ihre Pfeifen, dachten nicht weiter an ihn, und Peter Stuypve⸗ ſant regierte an ſeiner Statt. 28 — 145— Peter Stuyveſant war der letzte und wie der berühmte Wouter Van Twiller auch der beſte unſerer alten hol⸗ ländiſchen Gouverneure; Wonter übertraf nämlich alle ſeine Vorgänger und Pieter oder Piet, wie die alten holländiſchen Bürger ihn vertraulicherweiſe nannten, alle ſeine Nachfolger. Er wäre der Troſt ſeiner unglücklichen Provinz geworden, wenn nicht die Schickſalsſchweſtern, dieſe mächtigſten und unbarmherzigſten Spinnerinnen des Alterthums, ihn zu unentwirrbarer Confuſion beſtimmt hätten.). Ihn bloß einen Helden zu nennen, wäre eine große Ungerechtigkeit— er war in der That ein Verein von Helden, denn er hatte derbe lange Knochen wie Ajax Te⸗ lamonius, runde Schultern, um welche Hercules ſeine Haut gegeben haben würde(nämlich ſeine Löwenhaut), als er dem alten Atlas die Himmelslaſt abnahm. Außer⸗ dem war er, wie Plutarch den Coriolan ſchildert, nicht allein ſchrecklich durch die Stärke ſeines Arms, ſon⸗ dern auch durch die Kraft ſeiner Stimme, welche einen Ton gab, wie aus einem hohlen Faß, und wie derſelbe Krieger, nährte er eine ſonveraine Verachtung gegen das ſouveraine Volk, und hatte eine eiſerne Miene, welche ſeinen Feinden die Eingeweide im Leibe zittern machte. Die ganze köſtliche martialiſche Erſcheinung wurde durch eine zufällige Auszeichnung vollendet, welche, wie mich in der That wundert, weder Homer noch Virgil bei einem ihrer Helden benutzt haben. Es war nichts mehr und nichts weniger als ein hölzernes Bein, welches der ein⸗ Irring's Geſch. v. New⸗York.— 10 — 146— zige Lohn war, den er aus den Schlachten davontrug, worauf er aber ſo ſtolz war, daß er oftmals ſagte, er ſchlage es höher an, als alle ſeine übrigen Glieder zu⸗ fammen; er ehrte es ſo hoch, daß er es mit Silber ein⸗ faßte, welches zu der Sage Anlaß gab, es ſey ganz von Silber geweſen. Wie der choleriſche Krieger Achilles, war er augen⸗ blicklichen Ausbrüchen von Leidenſchaft unterworfen, wel⸗ che ſeinen Dienern und Lieblingen oftmals nicht ſehr an⸗ genehm waren, indem er ihrem Begriffsvermögen auf die Art ſeines berühmten Nachahmers, Peters des Gro⸗ ßen, zu Hülfe kam, daß er nämlich ihre Schultern mit ſeinem Spazierſtock ſalbte. Obgleich ich nicht finden kann, daß er Plato, Ariſto⸗ teles, Baco, Hobbes, Algernon Sidney und Tom Paine geleſen, ſo offenbarte er doch zuweilen einen Scharfſinn und feinen Blick, die man kaum von einem Mann er⸗ warten ſollte, der kein Griechiſch verſtand und die Alten nicht ſtudiert hatte. Wahr iſt es, und ich muß es mit Bekünmmerniß geſtehen, daß er einen unvernünftigen Widerwillen gegen Experimente hatte und ſeine Provinz gern auf die einfachſte Art regierte— dann aber ſorgte er, daß ſie in beſſerer Ordnung gehalten wurde als durch den gelehrten Kieft, den alle Philoſophen alter und neuer Zeit unterſtützten und verwirrten. Er machte wenig Ge⸗ ſetze, ſorgte aber dafür, daß dieſe wenigen ſtreng und un⸗ partheiiſch gehandhabt wurden, und die Gerechtigkeit ging eben ſo gut ihren Gaug, als ob ganze Stöße weiſer ——— Verordnungen und Statute jährlich erſchienen und täg⸗ lich überſchritten oder vergeſſen worden wären. Ganz das Gegentheil ſeiner Vorgänger, war er we⸗ der ſtill und träge wie Walter der Zweifler, noch unru⸗ hig und ängſtlich wie Wilhelm der Eigenſinnige; er be⸗ ſaß eine ſo ungewöhnliche Thätigkeit und Entſchloffenheit des Geiſtes, daß er nie den Rath Anderer ſuchte oder annahm, ſich wie ein Held der alten Zeiten auf ſeinen Arm, ſich auf ſeinen Kopf verlaſſend, um durch alle Schwierigkeiten und Gefahren zu dringen. Die Wahr⸗ heit offen zu geſtehen, ſo ging ihm zu einem vollkomme⸗ nen Staatsmann nichts ab, als daß er immer richtig dach⸗ te, denn Niemand kann läugnen, daß er ſtets handelte, wie er dachte, und wenn es auch an der Richtigkeit des Gedankens mangelte, ſo erſetzte er dieſe mit Beharrlich⸗ keit— eine herrliche Eigenſchaft, die den Herrſchern im Irren weit beſſer anſteht, als Schwanken und Inconſe⸗ quenz, indem man das Richtige ſucht. So genügte er wenigſtens ſich ſelber, anſtatt daß er es vielleicht Nie⸗ manden hätte recht machen können. Die Uhr, welche ſtillſteht und mit den Zeigern unverrückt auf einen Punkt hinweiſ't, trifft in vierundzwanzig Stunden beſtimmt zweimal das Rechte,— während die anderen Uhren beſtändig irren können. Dieſe hochherzige Eigenſchaft entging auch nicht der Unterſcheidungskraft des guten Volkes der Neuen Nieder⸗ lande; im Gegentheil gewannen ſie eine ſo hohe Meinung von dem ſelbſtſtändigen Geiſte und kräftigen Verſtande 10* — 148— ihres neuen Gouverneurs, daß ſie ihn allgemein«Hard koppig Piet» oder Peter den Starrköpfigen nannten — ein großes Compliment für die Faſſungskraft dieſe; Mannes! Wenn du, würdiger Leſer, nach allem dem Geſagten, nicht findeſt, daß Peter Stuyveſant ein zäher, derber, rit⸗ terlicher, verwetterter, kampfluſtiger, hartnäckiger, leder⸗ 3 feſter, löwenherziger, edelgeſinnter alter Gouverneur war, 3 ſo habe ich entweder unnützes Zeng geſchrieben oder du biſt ſehr träge, folgerechte Schlüſſe zu ziehen. Dieſer höchſt vortreffliche Gouverneur, deſſen Charac⸗ ter ich ſo eben in Umriſſen anzugeben verſuchte, fing ſeine Regierung am 29. Mai 1647, an einem merkwürdig ſtür⸗ miſchen Tage, an, den alle Kalender damaliger Zeit, die bis zu uns herabgekommen ſind, als den«windigen Frei⸗ tagy bezeichnen. Da er auf ſeine perſönliche und Dienſt⸗ Wiürde ſehr eiferſüchtig war, ſo empfing man ihn mit großen Ceremonien. Für ſolche Gelegenheiten hatte man den ſtattlichen eichenen Seſſel Walters des Zweiflers ſorgfältig geſchont, ſo ungefähr wie der Sitz und Stein zu Schone in Schottland für die Krönung der caledoni⸗ 3 ſchen Herrſcher ehrfurchtsvoll bewahrt wurde. 5 Ich darf nicht zu erwähnen vergeſſen, daß die aufrühe⸗ reriſche Geſtalt der Elemente und der Umſtand, daß es an jenem Unheilstage war, den man den«Tag des Auf⸗ knüpfens“ nennt, tiefes Nachdenken und ſehr ernſthafte Beſorgniſſe unter den älteren und erleuchteteren Bewoh⸗ nern erweckte. Wer ſich auf Aſtrologie und Wahrſagerei 3 . — 149— verſtand, verkündete ohne Weiteres eine unglückliche Re⸗ gierung— was ſich leider beſtätigte, aber aufs Glän⸗ zendſte jene ſchon im Alterthum verehrte übernatürliche Weisheit rechtfertigt, die aus Träumen und Geſichten, Vögelflug, Steineregen und Gänſegackern Gewißheit ent⸗ nimmt, wozu noch die in unſern Tagen entdeckten wich⸗ tigen Vorboten: Sternfallen, Mondfinſterniſſe, Hundege⸗ heul, Lichterflackern, hinzukommen. Soviel iſt gewiß, daß der Gouverneur Stuyvefant in einer turbulenten Periode den Regentenſitz beſtieg, wo Feinde von Auſſen drohten und drängten, Anarchie und bockbeinige Oppoſition im In⸗ nern ihr Unweſen trieben, und das Anſehen Ihrer Hochmö⸗ genden, der Herren Generalſtaaten, obwohl auf das breite holländiſche Fundament friedlicher Ohnmacht begründet, obwohl von Sparſamkeit unterſtützt und durch Reden, Proteſtationen und Proclamationen aufrecht gehalten, doch im Innerſten erzitterte:— ſo glich die große Stadt Neu⸗Amſterdam, durch Flaggen, Trompeter und Wind⸗ mühlen vertheidigt, einer ſchönen Dame von leichten Grundſätzen, die jedem Angriff zugänglich und gefaßt iſt, ſich dem erſten beſten ungeſtümen Bewerber u er⸗ aban. Zweites Kapitel. Wie Peter der Starrköpfige ſich beim Antritt ſeines Dienſtes mit den Ratzen und Spinnweben herumtrieb und gefähr⸗ liche Mißgriffe in den Berührungen mit den Amphictyo⸗ nen beging.. Die erſten Schritte des großen Peter, als er die Zü⸗ gel der Regierung ergriff, entfalteten die Großartigkeit ſeines Geiſtes, obgleich ſie nicht wenig Erſtaunen und Un⸗ behaglichkeit bei den Bewohnern von Manhattan erweck⸗ ten. Die Widerſpruchsgeiſter, die ſich unter der vori⸗ gen Regierung gebildet hatten, ward er nämlich ſehr bald müde, entließ das aufrühreriſche Cabinet Wilhelms des Eigenſinnigen und bildete ſich ein neues aus jenen fetten, ſchläfrigen, reſpectabeln Familien, die unter der friedlichen Herrſchaft Walters des Zweiflers geblüht und geſchlummert hatten, Allen dieſen Männern gab er lauge Pfeifen im Ueberfluß und viele Standesmahlzeiten, in⸗ dem er ſie ermahnte, für das Wohl der Nation zu rau⸗ chen, zu eſſen und zu ſchlafen, während er die Bürde der Regierung auf ſeine Schultern nahm— eine Einrichtung, womit ſich Alle herzlich zufrieden bezeigten. Aber hierbei ſtand er nicht ſtill, ſondern er machte ei⸗ nen gräulichen Umſturz unter den Erfindungen und Mit⸗ teln ſeines gelehrten Vorgängers, indem er deſſen Flag⸗ gen und Windmühlen umwarf, die wie mächtige Rieſen die Wälle von Neu⸗Amſterdam bewachten, ganze Batte⸗ rien von Katzenköpfen zum Duyvel jagte— die Patent⸗ F — * Galgen umriß, wo die Vagabunden an Schmachtriemen hingen, kurz das ganze philoſophiſche, öconomiſche und Windmühlen⸗Syſtem des unſterblichen Weiſen von Saar⸗ dam über den Haufen warf. Das ehrliche Völkchen von Neu⸗Amſterdam begann nun für das Schickſal ſeines Ritters ohne Tadel, Anton des Trompeters, zu erzittern, der durch ſeinen Backen⸗ bart und ſeine Trompete gewaltige Gunſt in den Augen der Weiber erlangt hatte. Peter der Starrköpfige ließ ihn vor ſich kommen, und nachdem er ihn einen Augen⸗ blick vom Kopf bis zu den Füßen gemuſtert, mit einem Blick, der jeden Andern blaß gemacht hätte, ſagte er: „Na, Kameradt wer und was biſt du?»«Herr,» er⸗ wiederte Jener nicht im geringſten erſchrocken:« was mei⸗ nen Namen anbelangt, ſo heiße ich Anton Van Corlear — meine Herkunft betreffend, bin ich meiner Mutter Kind— mein Gewerbe iſt, Vorfechter und Garniſon dieſer großen Stadt Neu⸗Amſterdam zu ſeyn.“«Du kommſt mir wie ſo ein ſchäbiger Burſche von einem Obſt⸗ höcker vor— wie in aller Welt ſtiegſt du zu ſo hoher Ehre und Würde empor?«Ha, Herr,v» erwiederte der An⸗ dre,«wie ſo mancher große Mann vor mir, ganz einfach dadurch, daß ich in mein eignes Horn ſtieß.— « So, ſo!» verſetzte der Gouverneur,« ſo laß uns denn ein Pröbchen von deiner Kunſt hören.» Da ſetzte Cor⸗ lear ſeine Trompete au und that einen fürchterlichen Stoß, mit einem ſo köſtlichen Triller und triumphirenden Accent, daß einem ſchon eine Viertelſtunde davon das Herz hätte — 152— aus dem Muno ſpringen mögen. Wie ein muthiges Streitroß, welches in friedlichen Ebenen weidet, bei dem Erklingen einer kriegeriſchen Muſik die Ohren ſpitzt, und ſchnaubt und ſcharrt und in Feuer kommt, ſo erfreute ſich die Heldenſeele des gewaltigen Peter an dem Klang der Trompete. Er betrachtete mit freundlicheren Blicken den trotzigen Van Corlear, und da er fand, daß er ein ſchmucker, fetter kleiner Mann ſey, ſchlau in Reden und ſehr anſtändig und von unerſchöpflichem Athem, faßte er ſogleich großes Zutrauen zu ihm; er entließ ihn ſeines unruhigen Amtes, die Stadt zu hüten und in Aufruhr zu bringen, und behielt ihn um ſeine Perſon als erſten Günſtling, vertrauten Botſchafter und dienſtthuenden Ca⸗ valier. Anſtatt Neu⸗Amſterdam mit unheilverkündenden Tönen zu ſchrecken, mußte er dem Gouverneur bei der Mahlzeit ein Paar luſtige Stückchen vorblaſen, wie in den Ritterzeiten die alten Minneſänger ſich hören ließen, und bei allen öffentlichen Gelegenheiten das Ohr des Vol⸗ kes mit kriegeriſchen Melodieen kitzeln, um den edlen hel⸗ deuhaften Geiſt deſſelben ſtets wach zu erhalten. Er nahm viele andere Verbeſſerungen vor und ließ die Republik mit einem Worte fühlen, daß er ihr Meiſter ſey; das ſouveraine Volk behandelte er mit ſo tyranniſcher Strenge, daß ſie alle das Maul hielten, zu Hauſe blie⸗ ben und ihren Geſchäften nachgingen; alle Fehden und Partheizeichen waren bald vergeſſen, und mancher nähr⸗ hafte Wirth und Schnapskrämer ging zu Grunde. Warlich, die kritiſche Lage der Dinge verlangte auch —— die groͤßte Wachſamkeit und Schnelligkeit. Der furcht⸗ bare Amphictyonen⸗Rath, welcher dem unglücklichen Kieft ſo viel Herzeleid verurſacht hatte, wuchs zuſehends an Macht, und drohte, alle junge Staaten des Oſtens in die Union zu ziehen. Im nächſten Jahr nach Stuyve⸗ ſants Inſtallirung kam eine große Deputation von der Stadt Providence, die wegen ihrer kothigen Straßen und ſchönen Weiber berühmt iſt, und bat um Aufnahme der mächtigen Pflanzung Rhode⸗Island in den Bund. Der Name des einen Deputirten, Alexander(oder wie er ſich ſchrieb«Alierſander»), glich freilich wie der Schar⸗ lach, erſtaunlich dem Schmettern einer Trompete, wenn er ſchon von dem ſanften Zunamen Rebhuhn(Partridg) gemildert wurde. Aber weder dieſe noch andre Vorbe⸗ deutungen verfingen bei dem kräftigen Gouverneur. Wie drohend auch der Bund zu werden ſchien, Peter Stuyveſant war nicht der Mann, der vor ſolchen Schreck⸗ niſſen erbebte; er ging der Gefayr immer gerades We⸗ ges entgegen und packte ſie beim Bart. Entſchloſſen, al⸗ len den kleinen Neckereien ein Ziel zu ſetzen, ſchrieb er ein Paar herzhafte Briefe in holländiſcher Sprache an jenen großen Rath, worin zwar nichts vom Wolf und Schaaf und vom Käferflug vorkam, die aber ihre gute Wirkung thaten. Denn es kam eine Uebereinkunft zu Stande, worin die Gränzen berichtigt und ewiger Friede angelobt wurde. Ein feierlicher Tractat zu Hart⸗ ford beſtegelte dieſe Uebereinkunft. Als die Nachricht vom Abſchluß der Convention an⸗ kam, war die ganze Gemeinde in einem Aufruhr von Entzücken. Die Trompete des wackern Van Corlear ſchmetterte luſtig den ganzen Tag von den Wällen des Forts Amſterdam, und bei einbrechender Nacht wurde die Stadt mit zweihundert und fünfzig Unſchlitt⸗Lichtern illuminirt; außerdem brannte noch dem frendigen Ereig⸗ niß zu Ehren ein Threrfii vor dem Hauſe des Gouver⸗ neurs. Und nun, würdiger Leſer, wirſt du mit dem guten und großen Peter hoffen, daß wir allem Pferdeſtehlen, Halsbrechen, Schweineinſperren und andern Grauſamkei⸗ ten dieſer Gränzkriege gkücklich entronnen ſind. Aber dieß würde eine Unbekanntheit mit den paradoxen Wegen der Cabinette verrathen; und in der That beging Peter Stuyveſant einen ſo großen pelitiſchen Fehler, daß er, ſtatt Frieden zu ſtiften, die Ruhe der ganzen Provinz aufs Spiel ſetzte. Drittes Kapitel. Vom Krieg und von Kriegsverhandlungen— von dem großen Uebel, welches ein Friedenstraetat iſt— und wie Peter Stuyveſant von dem RNaubgeſindel hintergangen wurde und ſich aus der Affaire zog. 3 Der poetiſche Philoſoph Lucretius und nach ihm Hob⸗ bes, beſchreiben den Krieg als den urſprünglichen Zuſtand der Menſchen, die nicht beſſer als wilde Thiere geweſen ſeyen. — 155— Mit Horaz möchte ich jedoch glauben, daß wir all⸗ mählig erſt mit der Verfeinerung ſo wüthige Thiere ge⸗ worden und immer grauſamere Marterwerkzeuge erfunden. Zuerſt kam der Fauſtkampf und das Genickbrechen, daun ſchritt man zu Steinen und Keulen. Noch blutiger ward man durch Schwerter, Speere, Wurfſpieße, Helme, Schilder und Küraſſe. Der Sturmbock, Scorpion, die Balliſte und Katapulte brachten im Alterthum die Ver⸗ nichtungskunſt auf die Spitze, und wir haben ihr mit der Friction bösartiger Mineralien, womit wir Gottes Don⸗ ner nachmachen und überall hinreichen können, die Krone aufgeſetzt. Und dieſes iſt warlich groß! Der wüthende Ochs kämpft mit den Hörnern wie ſeine Vorfahren, der Löwe, Leopard und Tiger vertheidigen ſich ſtets noch mit ihren Tatzen und Krallen, und ſelbſt die pfiffige Schlange braucht noch immer Gift und Liſt als Waffen, wie ihr Ahnherr vor der Sündfluth. Nur der Menſch, vor ſeinen Mit⸗ geſchöpfen mit erfinderiſchem Verſtande begabt, ſchreitet von Erfindung zu Erfindung und erhöht ſeine Kraft, um zu zerſtören. Er bietet die ganze Schöpfung, zuletzt den Donner auf, um ihm zur Ermordung ſeines Mitwurms beizuſtehen. n,. Aber in gleichem Maße hat die Friedenskunſt ihre Segnungen ausgebreitet, und wie es keine tödtlichere Ge⸗ ſchoſſe als Proclamationen gibt, ſo iſt die Erfindung ewi⸗ ger Negociationen ein Gegengewicht von heilſamer Art geworden. — 156— Dieſe Negociationen ſind indeſſen keinesweges Aus⸗ gleichungen der natürlichen Verhältniſſe, ſondern es iſt die Kunſt, zu übervortheilen und zu überliſten, gerade ſo wie ein gewiſſenhafter Räuber ein ganz ehrlicher Kerl werden kann, wenn er ſeinen Nachbar, ſtatt mit Ge⸗ walt, mit Liſt aus ſeinem Eigenthum vertrieben hat. Während dieß durch feine und höfliche Mittel von bei⸗ den Seiten verſucht wird, kann nichts der harmloſen, zärtlichen, coquetten Glückſeligkeit der ſtreitenden Theile gleichkommen, und man kann mit Wahrheit ſagen, daß niemals zwei Nationen ſich ſo gut verſtehen, als wenn ſich ein kleines Mißverſtändniß zwiſchen ihnen erhoben hat, und daß, ſo lange ſie gar nicht mit einander ſtehen, ſte auf dem beſten Fuß von der Welt mit einander ſtehen! Beſonders zu loben iſt dabei die Gewohnheit, zur Hinausſpinnung der Verhandlungen mehrere Bevollmäch⸗ tigte zu ernennen; dieſe erhöhen den harmloſen Verkehr ungemein durch ihre eigne Uneinigkeit, denn es ſind eher zwei Liebhaber mit einer Dame, zwei Hunde mit einem Knochen und zwei lumpige Burſche mit einem Paar Bein⸗ kleidern zufrieden, als mehrere Geſandte zu einerlei An⸗ B ſichten zu bringen ſind. Es wird hierdurch auch nichts verloren, als Zeit, und bei Negociationen iſt bekanntlich alle verlorne Zeit im Grunde als gewonnen zu betrach⸗ 4 ten— man ſieht, welche herrliche Paradoren in dem Gang der neueren Politik verborgen liegen! So wie unter Nachbarn, welche Jahre lang im Frie⸗ den gelebt haben, ein ſchriftliches Abkommen üͤber Grän⸗ — 157— n Streitigkeiten ſchieht es auch bei Nationen durch ch vertragenden Staa⸗ au tiré gegen einander ſetzen. zen oder Wände gewöhnlich die bitterſte nach ſich zieht, ſo ge die Kunſt der Tractate, welche die ſi ten gleichſam à coute Tractate ſind nur ſo lange bindend, als es der Vor⸗ theil erheiſcht, daher eigentlich mehr für den Schwäche⸗ ren geſchrieben, oder ganz aufrichtis geſagt, ſie ſiud uber⸗ haupt gar nicht bindend. Keine Nation wird eine andre bekriegen, wenn ſie nicht dabei zu gewinnen hofft, wovon ſie kein Tractat abhält; nicht allein iſt ein ſolcher mit dem Schwert leicht durchzuhauen, ſondern er ſelbſt muß oft den beſten Vorwand zu dem Ausbruch der Feindſelig⸗ keiten herleihen. Negociationen gleich Süßigkeit, verliebter die Vermählung(der Tractat nämlich) iſt zu ewigen Feindſeligkeiten. 6 So erging es denn auch unſerem Helden mit ſeinem Friedensſchluß; er ward Gegenſtand unaufhörlicher Häcke⸗ leien mit den Gränzräubern, und ein wahrer Zankapfel zwi⸗ ſchen ihm und den Amphictyonen. Aber wie dieß die guten Bürger von Mannahata nicht anfechten konnte, ſo laſſen auch wir ſie unberührt. Gleich jenem Spiegel der Rit⸗ terlichkeit, dem weiſen und kühnen Don Quirote, über⸗ laſſe ich ſolche Kleinigkeiten einem künftigen hiſtoriſchen Sancho Panſa, während ich meine Feder für wichtigere Ereigniſſe ſpitze. Der große Peter glaubte nicht anders, als daß ſeine en dem Brautſtande; ſie ſind voll Blicke und Liebkoſungen— aber das Signal — 158— Anſtrengung im Oſten hinlänglich gewirkt habe, und ihr jetzt nichts mehr übrig bleibe, ais der innerlichen Wohl⸗ fahrt ſeiner geltebten Manhatten zu leben. Obgleich er ein Mann von großer Beſcheidenheit war, konnte er doch nicht umhin, von ſich zu ſagen, daß er endlich den Tem⸗ pel des Janus geſchloſſen habe, und wenn alle Herrſcher wie eine gewiſſe Perſon wären, die der Anſtand zu neu⸗ nen verbiete, derſelbe nie mehr geöffnet werden ſolle. Aber— leider war dieß zu früh gejubelt, denn kaum war die Tinte auf dem Friedeustractat trocken geworden, als auch der liſtige und unhöfliche Rath des Bundes ci⸗ nen neuen Vorwand ſuchte, um das Feuer der Zwietracht aufs Neue anzuſchüren. 4 Repubikettchen und ähnliche Staatsvereine ſind wie zarte Dämchen von delicater, kränkelnder Tugend, die in ewiger Furcht ſchweben, daß man ihrer jungfräulichen Reinheit zu nahe trete, und gleich, wenn ſie nur ein Mann bei der Hand faßt, oder ihnen ins Geſicht ſieht, Noth und Verführung ſchreien. Jede kräftige Maßregel iſt ſolchen Regierungen eine Vertetzung der Conſtitution, jede monarchiſche oder andre männliche Verfaſſung legt ihrer Unſchuld Fallſtricke, und beſtändig entdeckt man höl⸗ liſche Umtriebe, welche ſie verrathen, umthren und an den Pranger ſtellen. Nicht anders geht es heute einer gewiſſen großen Re⸗ publik; ſie hat ſo manche Anläufe gegen ihre Tugend be⸗ ſtanden und ſchreit noch immer Mord und Verrath gegen Alt⸗England, obgleich ich ſicher bin, daß der ehrliche alte Herr keine Gewaltthätigkeit gegen ſie im Schilde führt. Dagegen habe ich dieſelbe Dame mehr denn ein⸗ mal bei zartlichem Händedruck und Liebäugeln mit einem Erzverführer— Bonaparte— ertappt, der ſo manche edle Jungfrau, Respublica genannt, um Ehre und Na⸗ men gebracht und andere ähnliche Sünden begangen hat; — aber ſo iſt der Lauf der Welt, ſolche Libertins machen immer Glück bei den Damen! 4 Um auf unſere Geſchichte zurückzukommen, ſo klagte die große Union im Oſten den unbeſleckten Peter an, er habe durch Geſchenke und Verſprechungen heimlich die . Narraganſet⸗, Mohawk⸗ und Pekot⸗Indianer aufge⸗ muntert, die Niederlaſſungen der NYankees zu überrum⸗ peln und in ihnen ein Blutbad anzurichten. Sie bedien⸗ ten ſich dabei der kühnen Worte:& die Indianer rings auf mehrere hundert Meilen im Umkreiſe ſchienen tief in einen Taumelbecher, bei oder von den Manhatten, ge⸗ kukt zu haben, der ſie zur Wuth eutflammt habe gegen die Engländer, die doch in leiblicher wie in geiſtlicher Hinſicht nur ihr Beſtes gewollt hätten.“ Die Geſchichte erwähnt nicht, wie man zur Kennt⸗ niß dieſer Verſchwörung kam. Indeſſen iſt es gewiß, daß man wehrere Indianer deßhalb eraminirte und betrunken machte, um die Wahrheit zu erfahren. Ich ſtamme zwar ſchon von einer Familie ab, die ſich von den hundsföttiſchen Nankees jener Zeit viel mußte gefallen laſſen, aber obgleich ſie meinem Urgroßvater ein Geſpann Ochſen und ſeinen beſten Reuner ſtahlen, und — 160— er aus einem der Graͤuzkriege ein Paar ſchwarze Augen und eine blutige Naſe heimbrachte, und oh eich mein Großvater, wie er noch als ein kleiner Junge die Schweine hütete, ſelbſt geſtohlen und gebackpfeift wurde von einem langbeinigen Schulmeiſter von Connecticut— ſo begrabe ich doch gern alle dieſe Schmach in Vergeſſen⸗ heit, und ich wollte ſelbſt mit Stillſchweigen übergangen haben, daß ſie den wackern Jacobus Van Curlet und ſeine Garniſon mit Tritten in den H— von dannen ge⸗ jagt, ja ich wollte ſchweigen, wenn ſie alle Schweine in die Gefangenſchaft geführt und alle Hühnerſteige auf dem Erdboden ungeſtraft geplündert hätten, allein dieſer muth⸗ willige Angriff auf den ritterlichſten Helden unſerer letz⸗ ten Jahrhunderte, iſt zu ſtark, um verdaut zu werden— er überſchreitet die Geduld des Hiſtorikers und die Selbſt⸗ beherrſchung des Holländers.— O Leſer, es war falſch, was man ihm ſchuld gab, es war himmelſchreiend falſch! Ich verpfände meine Ehre und meinen unſterblichen Ruhm dafür, daß der ritterliche Peter Stuyveſant ſeinen Arm, ja ſelbſt ſein hölzernes Bein in's Feuer gelegt, ehe er ſeinen Feind anders als in's Geſicht angegriffen hätte; vermaledeyt ſeyen die Schurken, die ſeinen edlen Namen mit ſolcher Schänd⸗ lichkeit zu beflecken wagten! Peter Stuyveſant hatte zwar nie etwas von irrenden Rittern gehört, allein ſein Herz war ſo ritterlich, als ir⸗ gend eins an König Arthurs Tafelrunde ſchlug. Die Natur hatte zwar an ihr Meiſterſtück nicht die letzte Feile — 161— gelegt, aber dabei ſtand Stuyveſant dennoch als ein Wun⸗ der aus ihten Händen da. Die Ritterlichkeit, durch keine Bücher eingetrichtert, war ihm von der großen Werkmei⸗ ſterin ſelbſt eingehaucht und wucherte da unter küh⸗ nen Eigenſchaften, wie wilde Blüthen zwiſchen Felſen⸗ ſtücken. 1 3 Kaum erreichte die ſchurkiſche Beſchuldigung die Oh⸗ ren Peter Stuyveſants, als er auf der Stelle ſeinen rit⸗ terlichen Trompeter und dienenden Cavalier Anton Van Corlear abſandte, mit dem Befehl, Tag und Nacht zu reiten und den Amphietyonen als Herold ihre ſchmählige Anklage gegen einen Chriſten, einen Ehrenmann und Sol⸗ daten, ins Geſicht zu werfen, und zu erklären, daß wer dieſe Schmach behaupte, in ſeinen Hals gelogen habe! Er ließ dabei alle, die es gelüſte, oder wenigſtens ihren mächtigen Kämpfer Aliexſander Rebhuhn zum Zweikampf herausfordern! HeDt e e e e Nach gehöriger Ausrichtung der Botſchaft, ſchmetterte Ban Corlear mit ſeiner Trompete den Amphictyonen höhniſch ins Geſicht, beſonders dem Hauptmann Reb⸗ huhn, der im Uebermaß des Erſtaunens faſt aus der Haut gefahren wäre, ſo fürchterlich war der Naſenklang des wackern Antonius. Dann ſchwang er ſich wieder auf ſein hohes mageres flandriſches Roß und trabte luſtig nach Manhattan zurück, durch Hartford, Pyguay, Middletown und alle andere Gränzſtädte hindurch, ſtieß in die Trom⸗ pete wie ein wahrer Satan, daß die Thäler des Connec⸗ ticut widerhallten, hielt gelegentlich an, um Kürbispaſte⸗ Irving's Geſch. v. New York. 11 — 162— ten zu eſſen, auf den Kirmeſſen zu tanzen und mit den ſcharmanten Maͤdchen anzubinden, die er mit ſeinem herz⸗ erſchütternden Inſtrument unvergleichlich entzückte. Dem großen Rathe, der aus bedeutenden Männern beſtand, ſiel es nicht ein, ſich mit einem ſo hitzigen Hel⸗ den zu meſſen— im Gegentheil, ſie ſchickten ihm eine Antwort in den ſaufteſten und ehrenrührigſten Ausdrük⸗ ken, worin ſie bemerkten, ſein Vergehen ſey aufs Beſte bewieſen durch das Zeugniß verſchiedner nüchterner und ehrenwerther Indianer, und ſie ſchloſſen mit der Folge⸗ rung—«ſo daß ſie ſich ſtets die gehörige Sarfaction und Zicherheit(sic!) ausbitten und ſuchen würden, wo⸗ rin ſie beharrten als ihre aufrichtigſten Freunde und Die⸗ ner ꝛc. Die obigen Verhandlungen ſind von partheiiſchen Ge⸗ ſchichtſchreibern anders erzählt worden; ſie ſagen, Stuy⸗ veſant habe ſich eine Commiſſion ausgebeten, um die Thatſache zu unterſuchen, als dieſe aber ernannt worden, geſagt, er könne ſich ihrer Unterſuchung nicht unterwer⸗ fen. In dieſer künſtlichen Darſtellung liegt nur ein Schein der Wahrheit. Allerdings verlangte er eine ſchiedsrichterliche Entſcheidung, aber von einem Ehrenge⸗ richt, von Pairs— und ich will verdammt ſeyn, wenn ſie ihm etwas anders als zwei hagere hungrige Rabuli⸗ ſten guf eben ſolchen Pferden ſchickten, mit Felleiſen hin⸗ tenauf und mit grünledernen Mappen unterm Arm, als ob ſie die Gerechtigkeit über Land verfolgen wollten. Der ritterliche Peter nahm gar keine Notiz von — 163— dieſen ſchäbigen Kerls, die ſich luräugig umthaten und einige ſimple Indianer und alte Weiber mit ſonderlichen Kreuz⸗ und Querſragen verblüfften, bis dieſe ſich in Wi⸗ derſprüche verwickelt und ein Paar falſche Eide geſchwo⸗ ren hatten. Dann kehrten ſie zu dem hohen Rath zu⸗ rück und ſchütteten ihre Mappen und Mantelſäcke, ge⸗ ſpickt mit albernen Geſchichten, vor ihnen aus. Der große Peter achtete dieſe Thorheiten keinen Tabacksdrük⸗ ker werth; bei Wilhelm dem Eigenſinnigen wären ſie war⸗ lich dem Flatter⸗Galgen nicht entronnen! 4 Die Amphictyonen waren ſchon auf dem Punkt, die ganze ſchwierige Entſcheidung aufzuheben, als ſich ein blaſſer ſchwarzgalliger, ränkeſpinnender Redner erhob. Durch Verläumdung hatte er ſich den Weg zu ſeinem Ehrenſitz gebahnt, als einer von jenen unintereſſirten Ze⸗ loten, die gern ein Haus anzünden, um ihren Topf da⸗ bei ſieden zu laſſen. Seine Popularität war geſichert, wenn er als ein zweiter Peter Einſiedler unter ſeinen Landsleuten, den famoſeſten Wilddieben und Freibeutern des Chriſtenthums(die ſchottiſchen Gränz⸗Edelleute aus⸗ genommen) einen Kreuzzug gegen Peter Stuyveſant und ſeine fromme Stadt predigte. Sechs Stunden ſprach er, ſtellte die Niederländer als infame Ketzer dar, die weder an Hexerei, noch an die Wunderkraft des Huflattigs glaubten, ihr Land um Ge⸗ winns halber verlaſſen hätten, nicht wie ſie wegen der Gewiſſensfreiheit, kurz die eine Art Kannibalen und Menſchenfreſſer ſeyen, da ſte Sonnabends nie Kabelijau 11* — 164— äßen, das Schweinefleiſch ohne Zuckerſyrup verſchlängen, und endlich die Kürbiſſe verachteten. Die Rede machte den gehofften Eindruck; die Mitglie⸗ der rieben ſich die Augen und erklärten es für geziemend und billig, daß dieſen unchriſtlichen Kürbishaſſern der Krieg erklärt werde. Nun handelte es ſich darum, das Volk vorzubereiten, und es wurde demnach der chriſtliche Texrt mehrere Sonntage nach einander von der Kanzel geworfen und allen guten mildgeſinnten Seelen als uner⸗ läßlich empfohlen. Dieſes war das erſtemal, daß die im Politiſchen ſo beliebt gewordene„geiſtliche Lärmglocke“ angeſchlagen wurde. Im kirchlichen Rock ſtecken oft be⸗ wunderungswürdige Eigenſchaften und Talente. Welt⸗ liche und geiſtliche Dinge ſind da ſo wunderlich gemiſcht, wie die Gerüche in einer Apotheke, ſo Gifte als Gegen⸗ gifte, und ſtatt eine demüthigſtimmende Predigt zu hö⸗ ren, muß der Kirchengänger oft ein politiſches Pamphlet hinunterſchlucken, das einen Zettel mit einem frommen Bibelſpruch am Halſe trägt. Viertes Kapitel. Wie die Neu⸗Amſterdamer groß in den Waffen wurden, aber eine ſurchtbare Kataſtrophe herbeiführten— wie dann Peter Stuyveſant die Stadt befeſtigte und der erſte Gründer der Batterie wurde— wie endlich die Am⸗ phictyonen von ihren ſeindlichen Vorſatzen abſtanden. Gleichwie das engliſche Cabinet ſeine geheimen Er⸗ peditionen aufs ſchlaueſte einrichtet, daß ſie den Franzo⸗ — 165— ſen den Augenblick kund werden, ſo konnte auch Peter Stuypefant gegen die heimlichen Rüſtungen bei Zeiten ſeine Maßregeln nehmen.. Sein erſtes war, daß er die Hauptſtadt in Verthei⸗ digungsſtand ſetzte, in der wohlmeinenden Abſicht, den Feind mit innerer Kraͤftigung und Befeſtigung ſern zu 3 healten, ehe noch an Gefahr zu denken war. Seines Vorgängers erſtes Augenmerk war der Landſturm oder die Miliz, jene köſtliche Erfindung, welche Schneider und Putzhändler zu Anführern und Helden und alle Zunftge⸗ noſſen, wenn ſie ſich auch noch ſo erbärmlich präſentiren, zu wahren Teufeln auf der Parade macht, wenn ſie den dreieckigen Hut aufkriegen und das Schwerd an der Seite flunkern ſehen. Sie lernten rechts ſchauen, links ſchwen⸗ ken, feuern ohne zu blinzeln, um ein Eck wenden, ohne in Unordnung zu gerathen, und durch Sonnenſchein und Regen von einem Ende der Stadt zum andern marſchi⸗ ren, ohne zurückzubleiben— bis ſie ſo muthvoll wurden, daß ſie blinde Patronen abfeuerten, ohne das Geſicht abzuwenden, die größten Feldſtücke ſpielen hörten, ohne ſich die Ohren zu verſtopfen oder in Ohnmacht zu fallen, und alle Fatiguen einer Sommertags⸗Parade mitmachten, ohne bedeutend durch Deſerteurs an den Erfriſchungsör⸗ tern geſchwächt zu werden. Zwar herrſchte bei dieſem Volk ein ſo friedlicher Geiſt, daß ſie in der Zeit zwiſchen den Feldtagen ihre ganze militäriſche Schule verſchwitzten. Kamen ſie dann wieder zur Parade, ſo wußten ſie kaum den Kolben von dem 8 — 166— Ende des Laufs zu unterſcheiden und verwechſelten immer rechte und linke Schulter— ein Fehler, dem man mit einem Kreideſtrich am linken Arm ein Ende machte. Aber alle dieſe Ungeſchicklichkeiten wollten nach dem Ausſpruch des weiſen Kieft nichts bedeuten, und eine Campagne ſollte ſie ſchon mehr lehren als hundert Paraden; und wenn auch zwei Drittheile als Kanonenfutter anzuſchla⸗ gen waren, ſo konnte doch aus dem übrigbleibenden Drit⸗ theil, wenn es nicht davon lief, geprüfte Veteranen werden. Der große Stuyveſant hatte keine beſondere Achtung vor den ſinnreichen Maßregeln ſeines Vorgängers und verachtete eigentlich das Landſturmweſen, das er oft im Scherz Gouverneur Kiefts zerbrochenes Rohr nannte. Da indeſſen die Noth drängte, ſo mußte er ſich die Mi⸗ liz gefallen laſſen, und hielt eine Muſterung über ſeine Sonntagsſoldaten. Aber, o Mars und Bellona, und ihr andern kriegeriſchen Himmelsmächte, was mußte er ſe⸗ hen!— Hier kamen Soldaten ohne Offiziere, und Be⸗ fehlshaber ohne Mannſchaft— lange Vogelflinten und kurze Stutzen— dort Bajonette, da keine— dort kein Flintenſchloß, hier kein Ladſtock, und bei einigen weder Schloß, Ladſtock, noch Lauf.— Patrontaſchen, Schrot⸗ beutel, Pulverhörner, Säbel, Beile, Brodmeſſer, Brech⸗ ſtangen, Beſenſtiele, alles durcheinander— wie eine un⸗ ſerer Landarmeen beim Ausbruch der Revolution. 4 Als der trotzige Peter Stuyveſant dieſe Armee, mit welcher der edle Sancho Panſa die Vertheidigung ſeiner Inſel Barataria hätte übernehmen können, anſichtig — 167— wurde, war es ihm zu Muthe, wie einem, der den Teu⸗ fel erblickt. Doch er reſolvirte ſich kurz und machte aus der Noth eine Tugend. Er ließ ſie ordentlich exerciren und dann die Querpfeifen im Geſchwindmarſch ſpielen, und ſetzte die Mannſchaft auf den Straßen und umlie⸗ genden Feldern ſo munter in Bewegung, daß ihnen die kurzen Beine knackten und die fetten Seiten dahinſchmol⸗ zen. Aber das war noch nicht alles; der kriegeriſche Geiſt des alten Gouverneurs entflammte bei dem Pfei⸗ fengequike und er entſchloß ſich, ſeinen Leuten einen Vor⸗ ſchmack des eiſernen Krieges zu geben. Zu dieſem Ende ſchlug er am Abend auf einem Hügel ein Lager auf, um ſie hier bis zum nächſten Morgen ausruhen zu laſſen. Aber da geſchah es, daß in der Nacht ein ſtarker Regen eintrat, der in Strömen auf das Lager herabgoß und das gewaltige Heer völlig wegſchwemmte, denn als Freund Phöbus ſeine erſten Strahlen über das Gefild hinſchoß⸗ war außer Peter Stuyveſant und ſeinem Trompeter Van Corlear faſt kein einziger mehr auf dem Platz zu finden. Ein Commandant wie Peter Stuyveſant ließ ſich davon nicht irre machen; aber er verachtete jetzt nur um ſo tiefer das ganze Landſturmsweſen. In Kurzem hatte er Soldtruppen auf den Beinen, die vor Allem die un⸗ erläßliche Eigenſchaft hatten, waſſerdicht zu ſeyn. Die zweite Arbeit war, daß er Neu⸗Amſterdam befeſtigte und mit Palliſaden umgab, ſowohl gegen die Europäer als auch gegen die Wilden. Sie wurden zwar bei den Letzteren ein Gegenſtand der Bewunderung, ge⸗ — 168— reichten indeſſen den Bewohnern nicht ſehr zum Troſte, als einſt eine Schaar verlaufener Kühe in einer dunkeln Nacht hindurch brach und die Bürger in großen Schrek⸗ ken verſetzte. Auch auf der Seeſeite machte Stuyveſant Befeſtigun⸗ gen. Es waren furchtbare Schlamm⸗Batterieen, die er, nach Art der damaligen niederländiſchen Oefen, mit Mu⸗ ſcheln feſtmachte... Mit der Zeit wuchs Gras und Klee über dieſes lang⸗ geſtreckte Bollwerk und weit ſchattende Sycamoren, in de⸗ ren Zweigen die Vöglein luſtig umherſprangen und das Ohr mit ſchönen Melodieen entzückten, reihten ſich an einander. Die alten Bürger rauchten dort Nachmittags ihr Pfeifchen und ſahen der goldnen Sonne zu, wie ſie allmählig am Horizont hinabſank, ein Bild ihres eignen friedlichen Untergangs, dem ſie entgegenſahen— die jun⸗ gen Leutchen aber gingen dort im Mondſchein ſpazieren und ſahen die ſilbernen Strahlen der keuſchen Cynthia auf dem ſtillen Meerbuſen ſpielen oder ein dahingleiten⸗ des weißes Segel beleuchten, indem ſie ſich die Schwuͤre ewiger Treue wiederholten. Dieſes war der Urſprung der berühmten Baſtei, die zwar eigentlich für den Krieg errichtet wurde, doch immer nur den ſüßen Ergötzungen des Friedens diente. Sie ward der Lieblingsſitz des wan⸗ kenden Alters— der Erquickungsort gebrechlicher Inva⸗ liden— das Sonntagsplätzchen des beſtaubten Kauf⸗ manns— der Schauplatz kindiſcher Vergnügungen— das heimliche Oertchen zärtlicher Beſtellungen— der Aug⸗ 9. — 169— apfel der Bürger— der Troſt Neu⸗Yorks— der Stolz der lieblichen Inſel Mannahatta! 4 Nachdem Peter Stuyveſant ſo für die zeitliche Sicher⸗ heit Neu⸗Amſterdams geſorgt und ſeine liebe Stadt gegen Ueberfälle geſichert hatte, nahm er eine Priſe Ta⸗ back und ſchnippte mit den Fingern, weil er den Amphic⸗ tyonen vergebliche Arbeit gemacht. Doch können wir nicht wiſſen, welches Ende die Angelegenheit genommen hätte, wenn nicht der ganze Rath uneins geworden wäre, wie in den Tagen Achills. Schon waren alle Gränzörter der Union eifrig be⸗ ſchäftigt, ihre verroſteten Vogelflinten zu putzen und laut zur Rache zu rufen, des Sieges über die fetten hollän⸗ diſchen Pflanzdörfer mehr als gewiß, als die mächtige Colonie Maſſachuſets ſich gegen dieſe uUngerechtigkeit er⸗ hob und zu ihrem ewigen Ruhm ſich dem Zuge wider⸗ ſetzte, dadurch aber das Unternehmen ſcheitern machte. Es war auch in mehr als einer Hinſicht gerathen, daß das gute Volk des Oſtens von feindlichen Plänen abſtand, denn gerade um dieſe Zeit belagerte und ſchreckte der Erbfeind, der Fürſt der Finſterniß, ſeine harmloſen Gebiete; kaum konnte man ſich der Alliirten des Satans mehr erwehren, aber als ächte Spione und gefährliche Feinde wurden ſie zum Geſtändniß gebracht und ver⸗ brannt, wie wir im folgenden Kapitel hören werden. ——ʒꝛ—— Fuͤnftes Kapitel. Wie der Fürſt der Finſterniß die Bevölkerung des Oſtens be⸗ rückte und wie man den Feind ausrottete— wie dann ein ritterlicher Held unter den Holländern aufſtand und zeigte, daß ein Mann, wie eine Vlaſe⸗ mit lauter Wind gefüllt ſeyn kann. Eine Unzahl Herxen zeigten ſich im Lande; es war ein wahrer Schauder über dieſe Bünde mit dem Teufel. Das Merkwürdigſte aber war, daß die hölliſchen Künſte gerade den dummſten, verrunzeltſten, häßlichſten alten Weibern anvertraut wurden, die kaum mehr Verſtand hatten, als die Beſenſtiele, auf denen ſie ritten.— Aber wenn einmal Lärm geſchlagen iſt, bedarf es keiner großen Beweiſe mehr; und es geht dann mit den Anzeichen wie bei dem gelben Fieber. Wo ſich eine Kranbheit zeigte, mußten Hexen daran ſchuld ſeyn, und wehe dann dem al⸗ ten Weibe, das in der Nachbarſchaft lebte. Die ſchänd⸗ lichen Hexen wurden ſchnell erkaunt an den Liebesmälern des Teufels, an ſchwarzen Katzen, Beſenſtielen und dem Umſtande, daß ſie nur drei Thränen und zwar aus dem linken Auge weinten.— Es gab Gerüchte von Schalup⸗ pen, die mit alten Weibern bemannt waren, von einem Schiff, wo ein großes rothes Pferd am Hauptmaſt ſtand, das aber plötzlich verſchwunden war, von unſichtbarem Maunzen, von ſchrecklichen Erſcheinungen und ſolchen Dingen mehr. Umſonſt war es, daß Viele die Vergehungen läugne⸗ — 171— ten; ſie mußten alle Martern durchlaufen, bis ſie endlich in dem Feuer ihren gerechten Tod fanden. In der Stadt Epheſus ſoll ſich dieſe Plage dadurch verloren haben, daß man ein zerlumptes altes Weib ſtei⸗ nigte, welches der böſe Feind ſelbſt war und ſich augen⸗ blicks in einen zottigen Hund verwandelte. Eben ſo weiſe verfuhr man hiei mit den ſchnellen Ausrottungen. Die Hexen wurden alle verbrannt oder verjagt, und in kurzer Zeit gab es in ganz Neu⸗England kein einziges häßliches altes Weib mehr— woher es ohne Zweifel kommt, daß alle junge Weiber dort ſo ſchön ſind. Das gute Volk dieſes Landes aber wandte ſich von jenen geheimen Kün⸗ ſten auf den reelleren Hokuspokus des Handels, und wenn ſich ja noch Hexerei durchdrängt, ſo geſchieht es unter 3 Verkleidungen, in der Maske von Aerzten, Rechtsge⸗ lehrten, Geiſtlichen. Dieſe Leute zeigen eine Gelehrſam⸗ keit und Spürkraft, die gewaltig nach Herxerei ſchmeckt, auch iſt ſehr richtig bemerkt worden, daß die Steine, die ſich vom Mond ablöſen, meiſt in Neu⸗England niederfallen. Der Verfaſſer des unſchätzbaren Mannſcripts in der Stuyveſant'ſchen Familie ſchreibt jene Irrungen und Pla⸗ gen im Oſten lediglich dem Beiſtande des heiligen Niko⸗ laus zu, welches wir nicht bezweifeln wollen. Peter Stuyveſant, auf dieſer Seite durch ſo mächtigen Schutz geſichert, wandte ſich jetzt mit ernſtlicher Beſinnung gegen andere Freibeuter im Süden, die Schweden, die ſich ge⸗ gen das Ende der Regierung Wilhelms des Eigenſinni⸗ gen dort feſtgeniſtet hatten. — 172— Ohne vielen Lärm ließ er ein Truppencorps nach Sü⸗ den marſchiren und ſtellte es unter den Befehl des Ge⸗ nerallieutenants Jacobus Van Poffenburg. Dieſer be⸗ rühmte Krieger war der zweite Commandant des Forts der guten Hoffnung geweſen, deſſen Garniſon mit ſo ſchmählichen Sprüngen von dannen fliegen mußte. In Folge dieſer denkwürdigen Affaire,» bei welcher er mehr Wunden an einem gewiſſen Ort erhielt, als alle ſeine Kameraden, ſah man ihn immer als einen Helden an, ader ſich im Dienſte umgeſehen.) Wilhelm Kieft wür⸗ digte ihn ſeines beſonderen Vertrauens und gab ihm die Stelle Van Curlets, als dieſer nach der Capitulation des Forts, des Dienſtes ſatt, ſich unter den Schatten ſeiner Lorbeern zurückzog. Seine Perſon war nicht beſonders groß, doch an⸗ ſehnlich und ſtattlich, nicht ſowohl von Fleiſch als von merklicher Aufgeblaſenheit. Er war einem jener Säcke nicht unähnlich, welche Ulyſſes von Aeolus auf ſeine Reiſe mitbekam. Seine Kleidung harmonirte vollkommen mit ſeinem Weſen. Er trug eine Art Polonaiſe mit rothen Schnüren und war umwickelt mit einer karmoiſinfarbenen Schärpe von der Art und Größe eines Fiſchnetzes, wahr⸗ ſcheinlich um das ritterliche Herz zu hindern, daß es nicht durch die Rippen ſpringe. Kopf, Schnurr⸗ und Backen⸗ bart waren reichlich gepndert, und in der Mitte glänzte ein vollblütiges Geſicht wie ein feuriger Ofen, und die hochherzige Seele blickte aus einem Paar großen funkeln⸗ den Augen, die hervorſtarrten, wie bei einer Hummer. . — 173— Ich ſchwör' dir's zu, wackerer Leſer, ſofern die Ge⸗ ſchichte nicht lügt, mögte ich ihn geſehen haben(alles Geld in meiner Taſche hätte ich darum gegeben) von Kopf bis zu Fuß kriegeriſch gerüſtet, bis zur Mitte in großen Stiefeln verſteckt, hoch geſtutzt bis zum Kinn, einen Kragen bis an die Ohren, beſchnurrbartet bis in die Zäh⸗ ne hinein, gekrönt mit einem weithinſchattenden dreiecki⸗ gen Hut und gegürtet mit einem zehn Zoll breiten leder⸗ nen Riemen, an dem ein Säbel, aſo lange ſchier als ein Weberbaum,» herabhing. So gerüſtet, ſtolzierte er um⸗ her, ſauer blickend wie jener berühmte Held More von More⸗Hall, als er auszog, den Drachen von Mantley zu erſchlagen, wie jene Ballade ſingt: d ſäht ihr ihn in ſeiner Pracht, In ſeiner Waffen Zier, 3 Ihr hieltet ihn gewiß für ein Egyptiſch Wunderthiers Wie floh da alles, Hund und Kuh, Gans, Katze, Pferd und Schwein, Entſetzt ſah'n ſie im Rittersmann Ein fremdes Stachelſchwein. Der furchtbare General Van Poffenburg wurde haupt⸗ ſächlich darum zu dieſem Commando erwählt, weil ſich ſonſt Niemand dazu meldete, auch weil Peter Stuyve⸗ ſant die Anciennetät über alles achtete und nicht um al⸗ les in der Welt einen jüngeren Commandeur dazu ge⸗ nommen hätte. Er war. eigentlich ein beſſerer Oekonom als Soldat, ſtellte lieber Kohlköpfe als Krieger in Reihe — 174— und Glied, und war behender in den Kornfeldern als auf dem Schlachtfelde. Muthig machte dieſer neue Anführer ſeinen Weg durch Wildniſſe und Einöden, Flüſſe und Dickichte, und beſtand nach ſeinen eignen Ausſagen mehr Fährniſſe, als die zehn⸗ tauſend Griechen auf ihrem Rückzuge unter Penophon. Am Delaware angelangt, errichtete er ein Fort, dem er⸗ den ſchönen ſchwefelfarbenen Pluderhoſen des Gouverneurs zu Ehren, den Namen Fort Caſtmir gab. Es war das nach⸗ mals ſogenannte Niew⸗„Amſtel, welches der jetzigen blühen⸗ den Stadt New⸗Caſtle den Urſprung gab, aber eigentlich No⸗Caſtle oder Nie⸗Schloß heißen ſollte, da es niemals eine Veſte war, noch je geworden iſt. Die Schweden litten aber dieſe drohende Bewegung nicht ſo gutmüthig; vielmehr erließ Jan Printz, damali⸗ ger Gouverneur von Neu⸗Schweden, eine Proteſtation gegen dieſe Einfälle auf ſeinem Territorium. Aber Van Poffenburg wußte von Wilhelms Kiefts Zeiten her, was Proclamationen zu bedeuten hatten. Ohne alle Furcht beſichtigte er ſein fertiges Fort von vorn und von hinten, zog ſeine volle Uniform an und marſchirte ganze Stun⸗ den vorwärts und rückwärts auf den Wällen herum, ſtolz wie ein Hahn auf dem Miſt, oder wie einer unſerer kleinen lumpigen militäriſchen Poſten im wiſſentlichen Ge⸗ wicht ſeiner Wichtigkeit. In dem ergötzlichen Roman Pierce Foreſt wird er⸗ zählt, daß ein junger Held, von König Alexander zum Ritter geſchlagen, ſich nicht enthalten konnte, ſogleich in den nächſten Wald zu jagen und die Bäume kreuz und quer dergeſtalt niederzuſäbeln, daß der ganze Hof die Ue⸗ berzeugung erhielt, er ſey der ſtärkſte und muthigſte Ritter auf dem Erdboden. Grade ſo entledigte ſich Van Poffenburg der heftigen Wildheit, die ihn beſiel und zu mörderiſchen Kämpfen trieb. Wenn ihn nämlich die Hitze übernahm, rannte er hinaus ins Jeld, riß ſeinen betrau⸗ ten Säbel heraus und fegte gewaltig hin und her, köpfte lange Reihen von Kohlſtauden, hieb ganze Fronten von Sonnenblumen nieder und nannte ſie rieſige Schweden; aber wenn er zufällig auf eine Colonie von dickwanſtigen Kürbiſſen ſtieß, die ſich ſtill und behaglich ſonnten, ſchrie er mit gräßlicher Stimme:«Ha, ha, ihr niederträchtigen Nankees, finde ich euch endlich!» und damit ſpaltete er die unglücklichen Gewächſe unbarmherzig bis zum Nabel. Hatte er ſein Müthchen auf ſolche Art gekühlt, ſo kehrte er beruhigt und zufrieden über ſeinen ritterlichen Geiſt zu ſeiner Garniſon zurück. Ein zweiter Gegenſtand ſeines militäriſchen Ehrgetzes war eine gute Disciplin, bekanntlich die Seele aller kriege⸗ riſchen Unternehmungen. Er erzwang ſie mit tyranniſcher Strenge, ließ die ganze Mannſchaft ſtark auswärts gehen und den Kopf ſo hoch als möglich halten, auch ſchrieb er genau die Breite der Hemdkrauſen vor, welches aber nur für die galr, welche ein Hemd auf dem Leibe hatten. Eines Tages ſtieß er zufällig in der Bibel auf die tragiſche Geſchichte von Abſalons Erhängung, und in ei⸗ ner ſchwarzen Stunde erging der Befehl, daß Officiere — 476— und Mannſchaft fürder in kurzem Haar erſcheinen follten. Nun geſchah es aber, daß ſich in der Garniſon ein küͤh⸗ ner Veteran, Namens Kildermeeſter, befand, der in ſei⸗ nem langen Leben ſich ein ſchönes Haar gezogen hatte, womit er einem wohlbewachſenen Neufundländer Hund nicht unähnlich ſah, welches er in einen unmenſchlichen Schweif verſteckte, der ſo ſtrack war wie der Stiel einer Bratpfanne, und das Haar überm Scheitel ſo arg zu⸗ ſammenzog, daß ihm Mund und Augen in der Regel of⸗ fen, und die Augenbraunen faſt daſtanden, wo bei andern Menſchen der Wirbel iſt. Es war vorauszuſehen, daß der Beſitzer eines ſolchen Kleinods ſich den Befehl der Schur unter keiner Bedingung würde gefallen laſſen. Als er davon hörte, machte er ſeinen Grimm mit einem Strom von altſoldatiſchen Flüchen Luft.— Dunder und Blixurn feuerte er allen auf den Kopf, die es wagen wür⸗ den, ſeinen Zopf anzugreifen, den er jetzt ſteifer als je⸗ mals, dem Schwanz eines Krokodils nicht unähnlich, zur Schau trug. Jetzt wurde die Aalhaut des alten Kildermeeſter ein hoͤchſtwichtiger Gegenſtand der Disciplin, welche mit ih⸗ rem Verſchwinden oder Bleiben ſtehen oder fallen mußte: der ganzen Provinz, ja der Würde Ihrer Hochmögenden ſelber war ins Geſicht geſchlagen, wenn er ſich nicht un⸗ terwarf; mehr aber als Alle war der große General von Poffenburg compromittirt, und ſeiner Ehre mußte der Zopf zum Opfer fallen. So beſchloß er denn, daß der alte Kildermeeſter im Angeſichte der ganzen Garniſon — 177— feierlich geſchoren werden ſollte. Der trotzige Veteran widerſetzte ſich. Der General ward zornig, wie es ſich für einen großen Mann ſchickt, und ſtellte ihn vor ein Kriegs⸗ gericht, das ihn der Meuterei und böslichen Verlaſſung ſeiner Fahne ſchuldig erkannte und mit der Anerkennung der Infamie ſchloß, daß er es wage, einen ordonanzwi⸗ drigen, drei Fuß langen Zopf von Aalhaut, ſeinem Ge⸗ neral zum Trotz, den Rücken herabhängen zu kaſſen. Die Verhöre und die Gerüchte über das Schickſal des Zopfes und ſeines Beſitzers ſetzten das Land in eine fieberhafte Bewegung. Ohne Zweifel wäre der ungehorſame Bete⸗ ran, nach der, einem General in fernen Landen zuſte⸗ henden Macht, geköpft worden, hätte ihn nicht glücklicher⸗ weiſe in Folge ſeiner Entrüſtung ein heftiges Fieber be⸗ fallen, vermöge deſſen er allen irdiſchen Befehlen mit ſei⸗ nem Haarſchmuck deſertirte. Seine Hartnäckigkeit be⸗ hielt er bis zum letzten Athemzuge, wo er befahl, daß man ihn mit der Aalhaut am Kopf zu Grabe tragen und den Zopf, ſo lang er wäre, durch ein Loch aus dem Sarg ſchauen laſſen ſolle. Dieſer großartige Kampf machte dem General einen dedeutenden Namen als Disciplinator; aber leider unter⸗ grub er die Ruhe ſeines Lebens. Es wird nämlich er⸗ zählt, daß ihn böſe Träume und fürchterliche Geſichte Nachts geängſtigt und das grauſige Geſpenſt des alten Kildermeeſter an ſeinem Bette Wache geſtanden, ſteif wie eine Pumpe, und der Zopf herabhängend wie der Pun⸗ penſchwengel. Irving's Geſch. v. New⸗York. 12 — 178— Sechſtes Buch. Enthaltend den zweiten Theil der Regie⸗ rung Peters des Starrköpfigen, ſammt den ritterlichen Thaten am Delaware. Erſtes Kapite lit dem kriegeriſchen Portrait des großen Peters und mit Erzählung der wichtigen Dienſte des Generals Van Pof⸗ fenburg beim Fort Caſimir. Bis hierher, edler und liebenswürdiger Leſer, habe ich dir die Verwaltung des ritterlichen Stuyveſant gezeigt, wie ſie ſich unter dem milden Mondſchein des Friedens oder vielmehr unter der unheimlichen Ruhe ängſtlicher Erwartungen geſtaltete; nun aber dröhnt der Kriegsdro⸗ mete Schall, und in der Ferne wirbeln Trommeln drein; der grelle Schlag feindſeliger Waffen ſpricht furchtbare Prophezeihung künftigen Jammers. Der kühne Held er⸗ hebt ſich von dem Pfühl, aus goldnen Träumen und wol⸗ lüſtiger Ruhe, wo, in der ſüßen„Sänger⸗Zeit“ des Frie⸗ dens, Er Labung fand nach tauſend Quälereien. Nicht in der Schönheit holdem Schooße ruhend, webt er jetzt Kränze um der Liebſten Stirn, nicht ſchmücken Blumen jetzt ſein ſchimmernd Schwerd, nicht durch die ſchönen — 179— langen Sommertage, ſpinnt liebekrank er Madrigale aus. Gereift zur Mannheit wirft er weg die Flöte, reißt ſich das Feierkleid vom nerv'gen Nacken, und ſchnallt die üppgen Glieder ein in Stahl. Auf dunklem Haar, wo jüngſt die Myrthe bebte, und Roſen buhleriſch geduftet, ſteht ein Strahlenhelm und Federnbaldachin; er greift zum hellen Schild, zur ſchweren Lanze, beſteigt mit ſtol⸗ zer Haſt ein ſchnaubend Roß, und brennt vor Ungeduld nach Ritterthaten.—. Aber ſachte, theurer Leſer, ich möchte dich nicht verlei⸗ den, zu glauben, daß irgend ein preux chevalier, ſo häßlich mit Eiſen umgeben, in der Stadt Neu⸗Amſterdam exiſtirte. Es iſt nur ſo eine poetiſche Redensart, und die einfache Thatſache war die, daß es dem ritterlichen Stuyveſant plötzlich einfiel, ſein verroſtes Schwerd zu putzen, und ſich zum Kampfſpiel ſeines Herzens, zum Kriege zu rüſten. Ich ſehe ihn vor mir, wie er auf dem Familienpor⸗ trait abgebildet iſt, von allen Schreckniſſen eines ächten holländiſchen Generals umſtarrt: ſeinen Uniformrock von Berliner Blau, mit großen meſſingenen Knöpſen, die vom Gürtel bis zum Kinn reichten, köſtlich ausgeſtattet; die breiten Rockſchöße an den Ecken umgewendet und hinten feierlich auseinanderſtehend, um den Spiegel der koſtbaren ſchwefelfarbenen Pluderhoſen zu zeigen, ein Ge⸗ brauch, der noch jetzt in den Armeen herrſcht und ſich von den alten Helden herſchreibt, die es verachteten, ſich von hinten zu decken. Das Geſicht ſah vermöge eines 12* — 180— ſchwarzen Schnurbartes ſehr ſchrecklich und kriegeriſch aus; das Haupthaar ſtrotzte auf beiden Seiten mit ſteifpoma⸗ diſirten Ohrlocken und ſtieg in einem Rattenſchwanz bis zum Gürtel hinab; eine glänzende Halsbinde von ſchwar⸗ zem Leder ſtützte das Kinn und ein kleiner aber trotziger dreieckiger Hut, ritterlich und unternehmend auf das linke Auge gedrückt, krönte den Helden. So, das ſilberbe⸗ ſchlagene Bein voranſtellend, um ſeine Poſition feſter zu machen, in der rechten Hand ein Rohr mit goldnem Knopf, die Linke auf dem Griff des Schwerdes, und da⸗ zu eine Graufamkeit verkündende Runzel auf der Stirn, ſtellte er eine der gebieteriſchſten, grimmigſtblickenden und kriegeriſchſten Figuren dar, die je auf der Leinwand pa⸗ radirten. Wir wollen nun die Urſache dieſer drohenden Gebehrden unterſuchen. Die eindrängeriſchen Schritte der Schweden im Sü⸗ den des Delaware ſind in der Chronik Wilhelms des Eigenſinnigen erwähnt worden. Sie dauerten mit jener heroiſchen Hartnäckigkeit fort, welche der Eckſtein des wahren Muthes iſt. Die Schweden waren Chriſten, wel⸗ che die Bibel auf ihre Art auslegten, und wenn ſie den Nachbar auf den einen Backen geſchlagen hatten, ihm auch auf den andern einen Streich verſetzten, ob er ihn nun hinhielt oder nicht. Printz, ihr Gauverneur, war geſtorben oder abberu⸗ fen worden, und ihm folgte Jan Riſing, ein rieſenhafter Schwede, der, wenn er nicht krumme Beine und abge⸗ ſetzte Glieder gehabt, zum Modell für einen Herkules — 181— hätte dienen können. Er war nicht weniger habſüchtis als mächtig und eben ſo liſtig als gierig, ſo daß nicht zu zweifeln war, wenn er vier bis fünfhundert Jahre früher gelebt hätte, wäre er einer von jenen gottloſen Rieſen geworden, die ein grauſames Vergnügen daran fanden, unglückliche Dämchen in die Taſche zu ſtecken, ſie mit in der Welt herumzutragen und in verzauberte Schlöſſer einzuſperren, ohne Toilette, Wetßzeug und andre Lebens⸗ bedürfniſſe. Wegen dieſer Gewaltthaten fielen ſie unter dem Räͤcherarm der Ritter, die alle ſolche Schurken über ſechs Fuß Länge erſchlugen, ohne Zweifel die Urſache, warum die großen Leute ausgingen und die Nachwelt immer kleinere Menſchen zu ſehen bekommt. Kaum trat Gouverneur Riſing in ſeine Stelle, als er auch das wichtige Fort Caſimir ins Auge nahm und die edle Entſchließung faßte, davon Beſitz zu ergreifen. Um aber kein Blutvergießen zu verurſachen, und einer langweiligen Belagerung zuvorzukommen, nahm er zu dem dienlicheren Mittel des Verraths ſeine Zuflucht. Unter dem Vorwande, dem General von Poffenburg einen Beſuch zu machen, ſegelte er⸗ mit großem Pomp den Delaware hinauf, entfaltete ſeine Flagge mit den ge⸗ hörigen Ceremonien und beehrte das Fort mit einem kö⸗ niglichen Gruß, ehe er Anker warf. Das ungewohnte Donnern weckte den holländiſchen Veteran auf, der treu auf ſeinem Poſten ein Schläfchen machte⸗ und da ihm der Lunten ausgegangen war, das Compliment mit Feuer aus der Pfeife eines Nachbars, das er auf die roſtige — 182— Muͤskete ſchüttete, erwiederte. Die Kanonen des Forts würden jenen Gruß auch ſogleich erwiedert haben, wenn ſie nicht außer Stand und die Vorräthe erſchöpft geweſen wären, welches bei den Forts gewöhnlich der Fall iſt und bei dem Beſtand von zwei Jahren und den viel wichti⸗ geren Beſchäftigungen des Generals von Poffenburg ganz natürlich war. Riſing, fehr glücklich über die höfliche Antwort auf ſeinen Gruß, wiederholte ihn, denn er wußte wohl, daß dieſe Ceremonien dem Commandanten als eine Huldigung ſeiner Größe erſchien. Er landete darauf mit Gepränge, von einem Gefolge von dreißig Mann begleitet, welches dazumal ſchon etwas Großes war. Dieſe Zahl der Gäſte hätte Verdacht erwecken müſ⸗ ſen, wenn nicht General Poffenburg ſo von ſich einge⸗ nommen geweſen wäre, daß er außer dieſem Gedanken keinen andern aufkommen ließ und das Gefolge als ein großes Compliment für ſich aufnahm— ſo ſtehen ſich oft große Männer ſelbſt im Licht und verfinſtern die Ge⸗ ſtalt ihres eignen Schatten. Van Poffenburg war nun in einiger Verlegenheit, dieſe Artigkeit und Reſpectsbezeugung zu erwiedern. Die Hauptwache wurde ins Gewehr gerufen und Waffen und Kleidungsſtücke(ein volles halbes Dutzend von letzteren) vertheilt. Ein langer dürrer Kerl kam in einem Rock für einen kleinen Mann daher, die Schöße reichten ihm kaum über den Gürtel herab, die Knöpfe davon ſtanden ihm auf den Schultern und die Ermel gingen etwas über — 183— die Ellbogen, ſo daß die dürren Arme wie lange Spaten hervorſchauten, und da der Rock zu knapp war, um zu⸗ ſammenzupaſſen, ſo wurde er mit Schnüren von rothen wollnen Strumpfbändern ſchließend gemacht. Ein andrer hatte einen alten dreieckigen Hut mit einem Buſch von Hahnenfedern nach hinten auf dem Kopf ſitzen; einem dritten hingen zerriſſene Kamaſchen um die Knöchel; ein vierter, kurz und entenbeinig, hatte ein Paar fürchter⸗ liche Hoſen von dem Gouverneur an, die er mit der ei⸗ nen Hand hielt, während die andere das Gewehr faßte. Die übrigen waren in ähnlicher Verfaſſung, bis auf drei läſterliche Lumpenkerls, die keine Röcke und nur andert⸗ halb Hoſen hatten und daher nach dem ſchwarzen Loch detaſchirt wurden, um ſie den Blicken zu entziehen. Als ſeine Soldaten auf dieſe Weiſe ritterlich in Reihe und Glied ſtanden und die, welche keine Flinten hatten, mit Spaten und Hacken ſchulterten, und Jedem anbefohlen ward, die Hemdzipfel verbergen und die Stiefel in die Höhe zu ziehen, ſo that General Van Poffenburg, wie weiland More von Morehall, einen heftigen Zug ſchäu⸗ menden Biers, ſtellte ſich an ihre Spitze, befahl die Zug⸗ brücke hinüberzuſchlagen, die aus tannenen Bohlen be⸗ ſtand, und trat aus ſeiner Veſte hervor. Es begann zwiſchen den Anführern ein Complimentiren, welches al⸗ ler Beſchreibung ſpottet; ſie ließen die gegenüberſtehenden Truppen alle möglichen Manoeuvres durchmachen, ſchul⸗ tern und präſentiren, wobei die Führer zum Kommen und zum Gehen ſalutirten— die Trommeln wurden ge⸗ 3 — 184— rührt, die Pfeifen quikten, die Fahnen wehten— ſie ſchwenkten links, ſie ſchwenkten rechts, ſie ſchwenkten ganz um— ſie marſchirten mit Rotten rechts, mit Rot⸗ ten links— in ganzen Compagnieen, halben Compag⸗ nieen, zwei Mann hoch und einzeln— im Geſchwind⸗ ſchritt, im Paradeſchritt, und in gar keinem Schritt. Nachdem alles erſchöpft war, was in der Tactik gelehrt wird, und was noch nie gelehrt worden war, kam's end⸗ lich zwiſchen den Commandeurs und ihren Truppen zu einem„Auf der Stelle ruht!“ wobei ſich alles verſchnaufte und völlig erſchöpft war. Noch nie führten zwei mann⸗ hafte Landſturms⸗Anführer oder zwei flunkernde Theater⸗ helden ihre entenbeinigen, ſchwerfüßigen Myrmidonen ſo euergiſch und zu ihrer eignen Zufriedenheit wie hier. Nach Beendigung dieſer Complimente begleitete Gene⸗ ral Van Poffenburg ſeinen erlauchten Gaſt mit großen Ceremonieen in das Fort und zu allen Werken, zeigte ihm die Hornwerke, Kronwerke, Halbmonde und ver⸗ ſchiedne andre Außenwerke, oder vielmehr die Stellen, wo ſlie ſtehen ſollten, wenn es ihm gefallen hätte, und erklärte ihm, daß es eine Feſtung erſten Ranges— im Embryo ſey. Dann wurde Generalrerue über die Gar⸗ niſon gehalten, welche mit dem ſchönen Schanſpiel ſchloß, daß die drei unglücklichen Lumpenkerls aus dem ſchwar⸗ zen Loch geholt wurden und ſich zum Beweis der ſtren⸗ gen Disciplin mußten überlegen laſſen. Der pfiffige Riſing ſtellte ſich im höchſten Grade ver⸗ wundert über die Ordnung und Mannszucht, machte aber — 185— im Stillen ſeine Bemerkungen, blinkte ſeinen Gefährten zu und dieſe ſtießen einer den andern an und lachten nach Herzensluſt— in den Ermel. Nachdem die Inſpection, Revue und Execution vor⸗ über waren, ging es an ein Bankettiren, wo ſich der Ge⸗ neral Van Poffenburg erſt recht als ein Held zeigte, denn er ließ hier mehr Todte auf dem Feld, als ſonſt in ſei⸗ nem ganzen Leben. Es exiſtiren noch mehrere Bülletins von ſolchen unblutigen Affairen, wo er ſich auszeichnete und wo die Zahl der Ochſen, Schweine, Hämmel, Kohl⸗ köpfe, Kartoffeln, Bierfäſſer, Pfeifen, Zuckerhüte, ver⸗ ſchlungenen Meſſer und Gabeln ꝛc. allen Glauben über⸗ ſteigt und ſeit den Tagen Pantagruels nicht erhört wor⸗ den iſt, ſo daß in kurzer Zeit Poffenburg mit ſeiner Ar⸗ mee in einem feindlichen Lande es zum Hungertod unter den Einwohnern gebracht hätte. 242 Ich wünſchte, meine Leſer könnten den wackern Pof⸗ fenburg ſeben, wie er, gleich dem großen Weintrinker Alexander, von Kriegern umgeben, ſchmauſ'te und dabei erzählte von Heldenthaten und gräßlichen Dingen. Brachte er aber etwas vor, was nur im mindeſten einem Witz ähnlich ſah, ſo ſchlug Riſing mit ſeiner nervigen Fauſt auf den Tiſch, daß die Gläſer tanzten, warf ſich in ſei⸗ nem Stuhl zurück und ſchwur aufs fürchterlichſte und un⸗ ter rieſenhaftem Gelächter, daß es der beſte Witz ſey, den er in ſeinem Leben gehört habe. Es war ein unſäg⸗ licher Lärm im Hauſe, und General Van Poffenburg ſprach der Flaſche ſo luſtig zu, daß er in weniger als vier Stun⸗ — 1486— den mit ſeiner ganzen Garniſou, die nicht hinter ihm zu⸗ rückblieb, ſchwer getroffen hinſank und vom ſüßen Lallen in tiefen Schlaf verfiel. Kaum trat dieſe Kriſis ein, als der liſtige Riſing und ſeine Schweden, die ſich wohlweislich nüchtern gehalten hatten, ſich über ihre Wirthe hermachten, ſie knebelten, und von dem Fort im Namen der Königin Chriſtina förmlich Beſitz nahmen. Sie ließen alle holländiſche Sol⸗ daten, die ſich vom Rauſch erholen konnten, den Eid der Treue ſchwören; Riſing ordnete das Feſtungsweſen, ſetzte ſeinen vertrauten Freund Suen Scuts, einen langen, mumienartigen ſchwediſchen Waſſertrinker zum Comman⸗ danten und rückte dann mit der holländiſchen Garniſon als ſeinen Gefangenen aus; ihr Commandant glich, als er ſich die Augen auswiſchte, nicht wenig einem zappeln⸗ den Fiſch oder ungnädigen Meeresungeheuer, das auf dem trocknen Land nach Waſſer ſchnappt. Die Garniſon wurde darum wegtransportirt, damit Stuyveſant nicht von der Ueberrumpelung Nachricht er⸗ halte, denn der ſchlaue Riſing fürchtete ſehr die Rache dieſes ritterlichen Anführers, deſſen Name die Nachbar⸗ ſchaft nicht weniger in Schrecken ſetzte, als der unbe⸗ zwingkiche Scanderbeg ſeine räudigen Feinde, die Türken. — 182— Zweites Kapitel. Wie Peter der Starrköpfige das Mißgeſchick ſeines Generals erfuhr, und wie er ſich dabei benahm⸗ mit einigen Zü⸗ gen von ſeiner Fahrt den Hudſon hinauf. 3 Die Hoffnung des liſtigen Riſing ging nicht in Erfül⸗ lung. Ein umherſtreifendes Genie, Namens Dirk Schui⸗ ler oder Skulker, halb Holländer, halb Wilder, halb Teufel, und die vierte Hälfte ſeine eigne Eigenthümlich⸗ keit, ein langer verzweifelter Kerl mit einer guten Spür⸗ naſe, ſchnellen Beinen und langen Fingern— der ſich in allen Colonieen umtrieb und vertraulich Galgen⸗Dirk genannt wurde; dieſer Cosmopolite war gerade bei dem Feſtmahl anweſend und ſpielte, indem er ſich unter die Dienenden miſchte, den Hanns in allen Ecken. Bald hatte er die Abſicht der Schweden weg und ſann nur dar⸗ auf, wie er ſie zu ſeinem Vortheil benutzen könne. Er entſchloß ſich kurz, ging, nachdem er für den Magen ge⸗ ſorgt, mit einigen Kleidungsſtücken beider Partheien durch, und war, ehe man’'s glauben konnte, in ſeiner Geburtsſtadt Neu⸗ Amſterdam, wo er die ganze ſchmäh⸗ liche Ueberrumpelung dem Gouverneur entdeckte. Der tapfre Peter fuhr von ſeinem Sitz auf, zerbrach die Pfeife, woraus er rauchte, an der Kaminbrüſtung, ſtopfte eine unglaubliche Portion Taback in die linke Backe, blähte ſeine Pumphoſen auf und humpelte, ein garſtiges Lied brummend, in der Stube auf und ab, wie es im Zorn ſeine Gewohnheit war. — — 188— Aber dabei blieb es nicht. Er ſtieg die Treppe hin⸗ auf und öffnete eine Kiſte, worin ſeine ganze Rüſtung lag, wie ich ſie beſchrieben habe. Dieſe legte er, wie Achill die des Vulkan, ſtillſchweigend an, indem er die Augenbrauen zuſammenzog und durch die verbiſſenen Zähne athmete. Als er ſein Schwerd aus der Scheide zog, überflog ſeine ſtarren Züge ein grimmiges Lächeln, es war das erſte Laͤcheln ſeit fünf vollen Wochen, aber wer es ſah, prophezeite der Provinz heiße Tage! Antonius Van Corlear mußte hierhin und dorthin eilen und mit Trompetenſtößen die Pairs zur Rathsver⸗ ſammlung einladen. Man kam ohne Verweilen, ſetzte ſich, zündete die langen Pfeifen an und blickte mit ruhi⸗ gem Weſen Seine Excellenz und Dero Uniform au. Der Gouverneur aber richtete, in ſoldatiſch kühner Stellung, die eine Hand auf der Degenkuppel, die andre in die Luft geſchwungen, eine kurze kräftige Rede an die Ver⸗ ſammlung, die ich nicht überliefern kann, weil mir die Quellen eines Livius, Thucydides, Plutarch, nicht zu Gebote ſtehen, die ohne Zweifel Geſchwindſchreiber be⸗ nutzt haben mußten, weil bei ihnen die ſchönen Reden alle Wort für Wort aufgezeichnet ſind. So viel iſt ge⸗ wiß, daß er ihnen kund that, nun wolle er ſelbſt gehen und dieſe Obſthöcker, dieſe Schweden, aus dem geſtohl⸗ nen Fort Caſtmir verjagen. Dieſem raſchen Entſchluß gaben alle, die gerade wach waren, ihre völlige Zuſtim⸗ mung, und die, welche ſchliefen(da es an einem Nach⸗ mittage war), hatten auch nichts dawider. — 189— Die Stadt Neu⸗Amſterdam ward jetzt zum Waffen⸗ ſchauplatz. Rekruten aller Art, aus Landſtreichern und Ueberläufern zuſammengeſetzt, Lumpenkerle, die einigen Ehrgeiz auf ſechs Pence den Tag zeigten, und auf un⸗ ſterblichen Ruhm daneben, ließen ſich enrolliren; aber der Ehrgeiz und die Vaterlandsliebe der Bürger blieben ziemlich kalt, weil ſich alle Wünſche nur um den lieben Herd ſammelten. Der große Peter, von edlem Feuer entbrannt, wollte nicht auf den ſchläfrigen Beiſtand die⸗ ſer öligen Bürger warten, ſondern rüſtete ſich zu einer Werbungsfahrt den Hudſon hinauf, in ſeiner Staatsga⸗ leere, nachdem er einem Gottesdienſt in der Kirche des heiligen Nikolaus beigewohnt; dieſes ſchön gezierte, mit phantaſtiſchen Blumen geſchmückte und wohlverprovian⸗ tirte Schiff beſtieg er und fuhr die reizende Wildniß der Geſtade des Hudſon hinauf, die bald lieblich, bald in rieſenhaften Formen von Waldungen und Felſen den er⸗ ſtaunten Schiffenden entgegentrat, beſonders als ſie die furchtbaren Engpäſſe der Hochlande erreichten, wo ſich wilde Klippen, wie von Titanen gen Himmel gethürmt, drohend in Nebel und Wolken verlieren. In dieſem Schooß von Felſen band der allmächtige Manetho die re⸗ belliſchen Geiſter, die unter ſeinem Scepter zu murren begannen. Hier, in Demantfeſſeln geſchmiedet, oder in geſpaltne Pinien eingeklemmt, oder von ſchweren Felſen gedrückt, ſeufzten ſie manches Menſchenalter hindurch, endlich aber brach der glorreiche Hudſon in ſeinem Lauf nach dem Ocean ihr Gefäͤngniß und rollte ſeine ſtolze — 190— Fluth im Triumph über die Trümmer. Noch immer hau⸗ ſen viele von dieſen Geiſtern um ihre alten Sitze, und dieſe ſind es, nach alten Sagen, welche die vielen Echo's verurſachen, die in den furchtbaren Wildniſſen ſchaurig hinhallen und nichts ſind, als ihr ſchmerzliches Rufen, wenn ein Geräuſch die Todtenſtille ihrer Ruhe unter⸗ bricht. Aber wenn die Elemente durch Stürme aufgeregt werden, wenn die Winde losgelaſſen ſind und der Don⸗ ner brüllt, dann iſt das Schreien und Heulen dieſer ge⸗ ängſteten Geiſter fürchterlich und die Berge erdröhnen von ihrem gräßlichen Aufruhr; dann glauben ſie, Mane⸗ tho komme zurück, um ſie in finſtre Höhlen einzuſchlie⸗ ßen und ihr ſchreckliches Kerkerleben zu erneuern. Alle, ſelbſt dieſe furchtbar ſchönen Scenen waren für unſern Helden verloren. Sein Sinn ſtand nur auf den eiſernen Streit und auf Waffenthaten unſterblichen Ruhms. Während er im Schiff ſo ſann, gab es allerlei Un⸗ terhaltung für die Mannſchaft; wer nicht ſchlief, hörte rauchend dem Antonius Van Corlear zu, der manche Schnurren und alte Sagen zum beſten gab. Die unzäh⸗ ligen Johanniswürmchen, die in der Nacht umherflogen, ſollten nach ihm böſe ſchwefelichte Dämchen aus der Geiſterwelt geweſen ſeyn, die, zur Strafe in Inſecten verwandelt, das Feuer, womit ſie die Herzen der Be⸗ wohner ſündlich entzündeten, nun im Schweife tragen, wie Schwefel. Weiter gab es mit dieſes Van Corlears Naſe ein wunderbares Ereigniß. Sie war ungeheuer groß, mit — 4191— Rubinen und andern Edelſteinen geziert, und als die Sonne im vollen Morgenſtrahl, da er ſich eben gewaſchen hatte, darauf hinblitzte, ſiel der Widerſchein in's Waſ⸗ ſer, ſiedend heiß, und tödtete einen Stör, der an der Seite des Schiffes hinſchwamm. Das Ungeheuer gab Veranlaſſung zu einer köſtlichen Mahlzeit, und es war dieß das erſtemal, daß ein ſolches Thier von den Hollän⸗ dern gegeſſen wurde, welches ihnen aber trefflich mundete, bis auf die Stelle, wo das Thier getroffen war, die et⸗ was nach Schweſel ſchmeckte. Als Peter Stuyveſaut von dem Mirakel hörte und von dem unbekannten Fiſch aß, war er ſo ſehr erfreut, daß er einem Vorgebirg in der Nähe zum ewigen Andenken den Namen Antonius⸗ Naſe gab, den es noch trägt.. Unmöglich kann ich alle Wunderbegebenheiten erzäh⸗ len, die ſich auf dieſer Fahrt ereigneten; ich möchte aber doch erwähnen, wie ſie auf einem Gang an's Ufer auf einem platten Felſenſtück, das in den Fluß ragt, einen Trupp luſtig ſpringender Teufel wahrnahmen, eine Stelle, die davon noch heutiges Tages des Duyvel's Dans⸗Ka⸗ mer» genaunt wird— aber nein, Dietrich Knickerbocker, es ziemt dir nicht, in deiner Geſchichte, die einem ern⸗ ſteren Ziele mit raſchen Schritten zueilt, ſo weit auszu⸗ ſchweifen. Vergiß für den Augenblick die vielen Sagen und Mährchen aus deiner Kindheit und wende dich zu dem erhabenen Helden, wie er unterdeſſen ſein tapfres Heer unter die Fahnen des verletzten Vaterlandes ſammelt. — 192— Drittes Kapitel. Beſchreibung des gewaltigen Heeres, das ſich bei der Stadt Neu⸗Amſterdam ſammelte, und der Zuſammenkunft Pe⸗ ters des Starrköpfigen mit dem unglücklichen General Van Poffenburg. Während der unternehmende Peter mit vollen Segeln an den Geſtaden des königlichen Hüͤdſon hinfuhr und die phlegmatiſchen kleinen holländiſchen Niederlaſſungen zum Krieg aufbot, vereinigte ſich eine mächtige Schaar von Streitern in der Stadt Neu⸗ Amſterdam. 5 Sie ſammelten ſich auf dem öffentlichen Platz vor dem Fort, der nun das Bowling⸗Green heißt; dort ſtand das Zelt, um welches fich die Leibgarde des Gouverneurs, die wackern Bürger von Amſterdam zuſammenfanden. Ihr Anführer war der tapfre Stoffel Brinkerhoof, der an der Auſternbai ſo unſterblichen Ruhm gewann— ſte entfalteten als Bantter einen aufſteigenden Biber in ei⸗ nem orangefarbenen Felde, das Wappen und Siegel der Provinz, welches ſo ſchön die beharrliche Induſtrie und Amphibiennatur der Niederländer ausdrückt. ) Rechter Hand ſah man die Vaſallen des berühmten Mynheer Michael Paw— der über die ſchoͤnen Gefilde des alten Pavonia und der Länder nach Süden bis zu dem Naveſink⸗Gebirg gebot, auch Patron der Gibbet⸗ Inſel war. Seine Fahne trug ſein treuer Knappe Cor⸗ nelius Van Vorſt; ſie zeigte eine große ruhende Auſter in meergrünem Felde, das Wappen ſeiner Lieblings⸗Haupt⸗ — 193— ſtadt Communipaw. Er führte einen ſtolzen Trupp zu Felde, ſchwer bewaffnet, denn jeder trug zehn Paar lein⸗ wollene Beinkleider und war überſchattet von breitränd⸗ rigen Bibern, mit kurzen Pfeifen im Hutbande. Es waren die Völker, die im Moraſt an der Küſte hin ve⸗ getirten und nach der Fabel ihren Urſprung von den Auſtern herleiteten.* In geriitzer Entfernung ſtand ein Kriegerſtamm aus der Nachbarſchaft des Höllenthors. Dieſe commandirten die Suy Dams und Van Dams, heftige Flucher, wie ihr Name andeutet— ſie waren von furchtbarem An⸗ blick, in breitſchößige Kittel gekleidet, von jenem ſonder⸗ bar gefärbten Tuch, welches in der Modeſprache Donner und Blitz heißt— ihre Fahne trug als Sinnbild drei ſchwebende Stopfnadeln des Vanfels in feuerfarbenem Felde. Dicht daneben war das Zelt der Krieger von den Marſch⸗Ufern der Wallfiſch⸗Bucht Cſeitdem Wallabout genannt, wo jetzt der Admiralitaͤts⸗Hof ſteht) und von der benachbarten Gegend— ſie hatten ſaure Geſichter, weil ſie ſich von den hier im Ueberfluß vorhandenen Krab⸗ ben nährten. Sie waren die erſten Stifter des berühm⸗ ten Ritterordens«Trutz den Marktdieben»(?— Fly market shirks) und wenn die Ueberlieferung nicht irrt, ſo führten ſie den berühmten Tanz Dubbel⸗Trubbel, eine Art Schottiſchen ein. Sie commandirte der furchtloſe Jacobus Varra Vanger, und bei ihnen war eine nette Irving's Geſch. v. New York. 13 — 194— Bande von Breukeler Fährleuten, die ein recht brapes Concert auf Muſchelhörnern hören ließen. Ich muß dem Unternehmen entſagen, eine genaue Be⸗ b ſchreibung von den andern zu liefern, als da ſind die Helden von Bloemen⸗dael, Wee⸗hawk und Hoboken und von andern in der Geſchichte und im Geſang wohl bekannten Orten— denn nun ſchmettern die kriegeriſchen Töne der Einwohnerſchaft von Neu⸗Amſterdam von den Wällen der Stadt herab. Plötlich verſtummte dieſer Lärm, und ſiehe, mitten aus einer großen Staubwolke hervor ſah man die ſchwefelfarbenen Beinkleider und das ſchimmernde Silberbein Peter Stuyveſants im Sonunenſchein glänzen. Er nahete mit einem furchtbaren Heere, wel⸗ ches er längs den Geſtaden des Hudſon ausgehoben hatte. Der treffliche anonyme Verfaſſer des Stuyveſant'ſchen Manuſcripts ergießt ſich jetzt in eine lobpreiſende Be⸗ ſchreibung der Waffenmacht, die durch das Hauptthor der Stadt herausmarſchirte. 3 Zuerſt kamen die Van Bummels, welche die lieb⸗ lichen Ufer der Bronr bewohnen, kurze fette Menſchen mit ungeheuern Pluderhoſen, berühmt als Tellerhelden und als Erfinder der Suppawn oder Milchſchwammer⸗ linge.— Dicht an ihren Verſen marſchirten die Van Vlotens, von Kaatskill, furchtbare Aepfelmoſt⸗Säufer und Schnapshelden.— Nach ihnen kamen die Van Pelts und Groodt Eſopus, geſchickte Reiter auf beſenſchweiſigen Stuten der EſopusRace, ſie waren Rattenjäger, beſon⸗ ders der Biſamratze, und nach ihnen nannte man die 195— Thierfelle Pelze.— Dann erſchienen die Van Neſts von Kinderhoek, ein tapfres Geſchlecht von Vogelneſt⸗Aushe⸗ bern; ſie werden fuͤr die Erüinder der Schlapp⸗Jacke und Buchweizen⸗Kuchen gehalten.— Nun die Van Higgin⸗ bottoms, von der Wapping’s Bucht; ſie kamen mit Stök⸗ ken und Ruthen bewaffnet, ein Geſchlecht von Schulmei⸗ ſtern, die zuerſt die wunderbare Sympathie zwiſchen dem Sitz der Ehre und dem Sitz des Verſtandes entdeckten, und ſanden, daß der kürzeſte Weg, Kenntniſſe in die Köpfe zu bringen, der ſey, ſie dem H— einzubläuen.— Dann die Van Grolls von Antonis⸗Naſe, die ihren Schnaps in netten runden Buttelchen nachführten, weil ſie ihn wegen ihrer gro⸗ ßen Naſen nicht anders trinken konnten.— Darauf die Gar⸗ deniers vom Hudſon und der Gegend, die ſich beſonderer Fertigkeiten rühmten, als der Kunſt, Waſſermelonen zu holen, Kaninchen aus ihren Löchern zu rauchen und der⸗ gleichen, und welche die gebratene Schweinenſchweiſchen ſehr gern aßen, daher für die Vorfahren der berühmten Congreßmitglieder dieſes Namens gehalten werden.— Sodann die Van Hoeſens, von Sing⸗Sing, große Chor⸗ ſänger und Maultrommelſpieler; ſie marſchirten zwei und zwei und ſangen das große Lied vom heiligen Nikolaus — Hiernächſt die Couenhovens von Sleepy⸗ Hollow; von ihnen ſtammen die trefflichen Gaſtwirthe ab, welche die Erfindung machten, eine Viertelmaß Wein auf Schop⸗ penbouteillen zu zieheu.— Dann die Van Kortlandts, die an den wilden Ufern des Croton lebten und große Entenjäger waren, die ſie mit langen Bogen geſchickt er⸗ 13* — 196— legten.— Nun die Van Bunſchotens von Nhack und Kakiat, die erſten, welche immer mit dem linken Fuß austraten; ſie waren ritterliche Buſchklopfer und Waſch⸗ bären⸗Jäger beim Mondſchein.— Dann die Van Win⸗ kles von Harlem, gewaltige Eierausſchlürfer und bekannt als Pferderenner und Kreidemänner im Wirthshauſe; ſie waren die erſten, die mit beiden Augen zugleich nickten. — Zuletzt kamen die Knickerbockers, aus der großen Stadt Scaghtikoke, wo die Leute bei windigem Wetter Steine anf die Häuſer legen, damit ſie nicht weggebla⸗ ſen werden. Sie leiteten ihren Namen, wie Einige ſa⸗ gen, von knicker, ſchütteln, und Becker, Becher, her, als ob ſie große Zechbrüder geweſen wären, aber dieſe Ab⸗ leitung iſt falſch; es heißt vielmehr Büchernicker oder Leute, die über vielem Bücherleſen endlich einſchlafen— von dieſen ſtammt der Schreiber dieſer Geſchichte ab. Dieß war die Legion von rüſtigen Buſchklopfern, die durchs große Thor von Neu⸗Amſterdam ein und aus zo⸗ gen. Das beregte Manuſcript nennt noch weit mehr Kriegerſtämme, aber ſie aufzuzählen waͤre bei dem Drang der Ereigniſſe zu lang. Peter Löwenherz war hoch er⸗ freut über die Schaaren edler Krieger, die an ihm vor⸗ beideſilirten, und er beſchloß, ihren Muth nicht länger in Feſſeln zu ſchlagen und die Unthat auf Fort Caſimir unverweilt zu rächen. Ehe ich aber zu dieſen glorreichen Thaten eile, muß ich eine Pauſe machen und das Schickſal des Jacobus Van Poffenburg erzählen, der als General en chef ein — 197— trauriges Loos fand. So bösartig iſt die Natur der Menſchen, daß kaum die Nachricht von ſeiner Niederlage anlangte, als auch tauſend Gerüchte ſich in Neu⸗Amſter⸗ dam verbreiteten, welche auf einen Verrath, auf ein Ein⸗ verſtändniß mit dem ſchwediſchen Commandanten anſpiele ten, und ſogar von Geldbeſtechung ſprachen. So viel iſt gewiß, daß der General die Unbeſcholten⸗ heit ſeines Charakters mit den heftigſten Schwüren und Proteſtationen rechtfertigte und jeden aus den Schranken der Ehre hinauswarf, der daran zweifelte. Wie er nach Neu⸗Amſterdam zurückkehrte, paradirte er die Straßen auf und ab mit einem Haufen von argen Fluchern, ſeine Zechkameraden, die er tränkte und fett machte, und die bereit waren, ihn durch alle Gerichtshöſe durchzupolſtern⸗ Helden von ſeiner eignen Beſchaffenheit, mit ſteifgewich⸗ ſten Schnurbärten, breitſchulterige Eiſenfreſſer und Mordkerls, die ausſahen, als könnten ſie einen Ochſen mit Haut und Haaren verſchlingen und die Hörner nur ſo abknaupeln. Dieſe Leibgardiſten ſchimpften allen auf ihn gehäuften Schimpf durch, fochten alle ſeine Schlachten aus und ſahen alle, die die Naſe nach dem General dreh⸗ ten, mit einer Miene an, als wollten ſie ſie freſſen. Ihre Rede war mit Flüchen geſpickt wie mit Knallerbſen oder Sackpuffern, und zu jeder Rodomontade gab es eine donnernde Ausrufung, wie bei patriotiſchen Toaſts das Geſchütz gelöſt wird.. Alle dieſe heldenhaften Ergießungen machten einen großen Eindruck auf gewiſſe weiſe Leute, die nun nicht — 198— mehr an der Rechtſchaffenheit des Generals zu zweifeln wag⸗ ten, beſonders weil er ſie immer auf Soldaten⸗Ehre ver⸗ ſicherte. Ja einige Rathsmitglieder gingen ſo weit, daß ſte den Vorſchlag thaten, man ſolle ſeinen Heldenleib durch eine unvergängliche Statue von Pariſer Gyps ver⸗ ewigen.. Aber der wachſame Peter der Starrköpfige ließ ſich nicht verblüffen. Er beſchied den General⸗Feldmarſchall Priratim vor ſich und ließ ſich ſeine Geſchichte mit allen Eiden und Bethenerungen haarklein wiederholen, dann aber ſagte er— Höre, Kamerad, nach deinen eignen Reden biſt du der bravſte, edelſte und würdigſte Mann in der ganzen Provinz, aber du haſt leider das Unglück, einen verteufelt ſchlechten Namen und Ruf zu genießen. Nun iſt es zwar hart, einen Mann für unglückliche Er⸗ eigniſſe zu züchtigen, und ob es auch ſehr möglich iſt, daß du völlig frei au jenen, dir zur Laſt gelegten Ver⸗ bwechen biſt, ſo läßt doch der Himmel, gewiß aus weiſer Abſicht, deine Unſchuld nicht an den Tag kommen, und ferne ſey es von mir, mich gegen ſeine hohen Rathſchlüſſe aufzulehnen. Außerdem darf ich nicht wagen, meine Ar⸗ meen einem Befehlshaber anzuvertrauen, den ſie verach⸗ ten, und mein Volk einem Helden preiszugeben, dem ſie mißtrauen. Ziehe dich daher, mein Freund, zurück von den Mühſeligkeiten und Sorgen des öffentlichen Lebens, mit dem tröſtenden Gedanken— wenn du ſchuldig biſt, daß du nur gerechten Lohn erhältſt— wenn unſchuldig, daß du nicht der erſte große und brave Mann biſt, der — 199— in dieſer argen Welt mißhandelt und mit Füßen getre⸗ ten worden iſt, ohne Zweifel aber in einer beſſeren Welt dafär belohnt wird. Unterdeſſe⸗, aber komme mir nicht wieder vor die Augen, denn ich habe eine ſchreckliche Aver⸗ ſoon vor Geſichtern unglücklicher großer Männer wie du. 4* Viertes Kapitel. Wie der edle Ritter die Seinen zur Abfahrt verſammelte, von den Bürgern Abſchied nahm und rüſtig zum Fort Caſi⸗ mir gelangte— wie dort der Schwede Schamade ſchlug und ehrenvollen Abzug erhielt⸗ Jetzt mahnten die Trompetenſtöße Antons Van Cor⸗ —lear zum Anfbruch; die Zelte bewegten ſich, die Fahnen flatterten ſtolz in den Lüften, die Trommeln wirbelten, die Matroſen kletterten wie Katzen im Takelwerk und rüſteten die großen Seekübel, worin die Armee aufge⸗ nommen werden ſollte, zur Abfahrt nach dem Delaware. Ddie ganze Bevölkerung der Hauptſtadt, Männer, Weiber und Kinder, blickten heraus, um die Krieger zu ſehen, wie ſie vor der Abreiſe durch die Straßen zogen. Manches Schnupftuch wehte aus dem Fenſter, manche ſchöne Naſe ſtimmte klägliche Töne der Angſt und Trauer an. Der Schmerz der ſchönen Damen und Fräuleins von Granada konnte nicht lauter ſeyn bei der Verban⸗ nung des ritterlichen Geſchlechts der Abencerragen, als der gegenwaͤrtige Jammer der Schönen von Neu⸗Am⸗ — 200—— ſterdam. Jedes liebekranke Mädchen ſtopfte dem Gelieb⸗ ten Pfefferkuchen und Teignüſſe in die Taſchen; wie mancher kupferne Ring wurde ausgetanſcht, wie manches krumme Sechskreuzerſtück zerbrochen, als Pfänder ewi⸗ ger Liebe und Treue— noch exiſtiren einige Liebesverſe für dieſe Gelegenheit, die kein Menſch enträthſeln kann und über deren Entzifferung alle Weiſe der Erde zu Nar⸗ ren werden könnten.. Rührend war es anzuſehen, wie die ſchmucken Dirnen an dem herzhaften Anton Van Corlear hingen— denn er war ein ſchöner, rothbackiger, muntrer Junggeſelle, lu⸗ ſtig aus der Maßen, und machte nicht wenig Glück bei den Weibern. Gern hätten ſie ihn zurückbehalten, um ſie für die Abweſenheit der andern Helden zu tröſten, aber nichts konnte den ritterlichen Antonius beſtimmen, ſeinen guten alten Gouverneur zu verlaſſen, den er wie ſich ſelber liebte— ſo umarmte er denn jede junge Vrouw, gab allen, die geſunde Zähne und Roſenlippen hatten, ein Dutzend kräftige Küſſe und ging, nit ihren Segens⸗ wünſchen beladen, von dannen. Der Abgang des Trompeters war aber nur ein Theil des allgemeinen Jammers. Der ritterliche Peter ſelbſt war zwar den Thorheiten ſeines Volkes immer entgegen geweſen, hatte ſich aber durch ſeinen Heldenmuth ſehr populär gemacht, und man hielt ihn für ein Wunder von Tapferkeit. Sein hölzernes Bein wurde mit Ehr⸗ furcht betrachtet; jeder alte Bürger und jedes Muͤtter⸗ chen hatte einen Sack voll Geſchichten von dem ſtarr⸗ — 201— köpfigen Peter für die Kinder an langen Winterabenden. bereit, und man glaubte, er könne ſelbſt Beelzebub die Hölle ordentlich heiß machen; die Leute erzählten ſich ſo⸗ gar heimlich, er habe in einer finſtern ſtuͤrmiſchen Nacht den Teufel, als er in einem Kanot durch das Höllen⸗ tthor ſegelte, mit einer ſilbernen Kugel erſchoſſen. Aber davon ſchweigt die Geſchichte, weil es kein ganz beglau⸗ bigtes Factum iſt. 3 Der Gouverneur haranguirte noch einmal don dem Hintertheil ſeines Schooners die bekümmerten Bürger und empfahl ihnen Folgſamkeit und Verträglichkeit, den Kirchgang und die Arbeit, den Weibern kurze Worte und lange Röcke, den Männern Gehorſam gegen die auf⸗ geſtellten Oberen, Geldmachen zu Hauſe und Kinderkrie⸗ gen zum Wohl des Landes, den Burgermeiſtern gerechte Handhabung der beſtehenden Geſetze ohne alle Neuerun⸗ gen und lieber Verhütung als Beſtrafung von Verbre⸗ chen. Endlich ermahnte er alle, ſich ſo gut zu betragen, als ſie könnten, von welchem goldnen Spruch er immer viel hielt; und damit gab er ihnen ſeinen Segen. Van Corlear blies die Trompete, das Volk jubelte, die Ar⸗ mada ſtieß ab, von der Batterie winkten Hände, Tücher, Hüte, und als ſie um die Ecke der Meerenge bogen, ver⸗ loren ſich allmählig die Schönen mit ſtummen hängenden Köpfchen. Eine düſtre Stille hing jetzt über der eben noch ſo lärmenden Stadt— die ehrlichen Bürger rauchten ihre Pfeifen in tiefem Hinbrüten und warfen manchen nach⸗ — 202— denklichen Blick auf den Wetterhahn der St. Nicolaus⸗ Kirche; alle alten Weiber aber verſammelten ihre Küch⸗ lein und verrammelten, eingedenk der Abreiſe ihrer treuen Wächter, mit Sonnenuntergang Thüren und Fenſter. Mittlerweile ſegelte die Armada des muthigen Peter glücklich weiter, hatte mit Stürmen und Waſſerhoſen, Wallfiſchen und andern Ungeheuern zu thun, und nach⸗ dem die ganze Garniſon die ſchreckliche Plage, welche man Seekrankheit nennt, männlich beſtanden und über⸗ wunden, kam das ganze Geſchwader moglbehallen in dem Delaware an. Ohne Anker zu werfen und die müden Schiffe zu Akhem kommen zu laſſen, verfolgte der unerſchrockne Pe⸗ ter ſeinen Lauf ſtromaufwärts und erſchien plötzlich vor dem Fort Caſimir. Der langathmige Van Corlear trom⸗ petete ihnen zu, und Peter rief im Donnerton, ſich zu ergeben. Suen Seutz, der mumienartige Commandant, pfiff mit ſeiner feinen Stimme, die wegen Mangel an Athem lautete, wie die Luft, die aus einem zerriſſenen Blasbalg ſtreicht, cer habe zwar keine wichtigen Gründe, ſich zu weigern, aber er wünſchte doch erſt die Zeit zu haben, ſich mit dem Gouverneur Riſing zu berathen, und bitte deßhalb um Waffenſtillſtand.» Der choleriſche Peter, entrüſtet über die verrätheriſche Entreißung und hartnäckige Vorenthaltung ſeines Forts, verweigerte den begehrten Waffenſtillſtand und ſchwur bei der Pfeife des heiligen Nicolaus, die wie das heilige Feuer nie ausging, wenn das Fort ſich nicht in zehn Mi⸗ —. 203.— nuten ergebe, werde er ſogleich die Werke mit Sturm nehmen, die Garniſon über die Klinge ſpringen laſſen und ihren Schuft von Commandanten ſpalten wie einen geſalznen Mutterhaͤring. Um der Drohung mehr Nach⸗ druck zu geben, zog er ſein Schwerd, welches im Son⸗ nenſchein geglänzt haben würde, wenn es nicht ſo roſtig geweſen wäre, und daher auch keine große Wirkung that. Er ließ darauf eine Batterie aufführen, die aus zwei Wirbelkanonen, drei Musketen, einer langen Entenflinte und zwei Paar Reiterpiſtolen beſtand.. 3 Mittlerweile muſterte der wackre Van Corlear das Heer und begann die Operationen. Wie ein Boreas blies er die Backen auf und ſchmetterte ganz ſataniſch— die muntern Chorſänger von Sing⸗ Sing erhoben einen ab⸗ ſcheulichen Schlachtgeſang— die Krieger von Breukelen und die Walabouter blieſen herzhaft in ihre Muſchelhör⸗ ner, das gab zuſammen ein Concert, als ob fünftauſend franzöſiſche Geiger ihre Geſchicklichkeit in einer moderuen Ouvertüre erprobten. War es nun, daß die plötzlich aufmarſchirte ſchrecken⸗ erregende Fronte die Garniſon zahm machte, oder daß die Aufforderung, ſich auf Discretion zu ergeben, von Suen Seutz mißverſtanden und auf ſeine eigene Discre tion bezogen wurde, kurz es war ihm unmöglich, einer ſo artigen Aufforderung zu widerſtehen. Grade noch zur rechten Zeit, als eben. ein Schiffsjunge nach einem Brand gehen wollte, um die Wirbelkanonen loszufeuern, wurde auf dem Wall von der einzigen dort befindlichen Trom⸗ — 204— mel Schamade geſchlagen, woruͤber beide Partheien nicht wenig erfreut waren, da ſie, obgleich ihnen der Magen aufs Kämpfen ſtand, doch vorzogen, ihr Mittagsmahl in Ruhe zu verzehren, als ſich ſchwarze Augen und blutige Naſen zu holen. So kehrte denn dieſe unüberwindliche Feſtung wieder unter die Botmaͤßigkeit Ihrer Hochmögenden zurück; Scutz und ſeine Garniſon von zwanzig Mann durften mit klingendem Spiel ausmarſchiren, und der großmü⸗ thige Peter erlaubte ihnen, alle Waffen und Vorräthe zu behalten— man fand ſle nämlich ganz untauglich, welches ſie ſchon von den Zeiten Poffenburgs her gewe⸗ ſen waren. Van Corlear erhielt zum Lohn für ſeine be⸗ reits geleiſteten Dienſte ein Landgut in der Nähe, das bis auf den heutigen Tag Corlears Hook heißt. Die beiſpielloſe Großmuth Stuyveſants erregte Un⸗ zufriedenheit in der Hauptſtadt, beſonders unter denen, die in den Tagen Wilhelm des Eigenſinnigen geherrſcht hatten, und jetzt, da der Gouverneur abweſend war, ſelbſt auf der Straße über ihn raiſonnirten. Auch in dem Rathszimmer wurde gemurrt, und man kann nicht wiſſen, ob ſie nicht ſtarke Reden gegen den Gouverneur 1 gehalten hätten, wäre er nicht ſo klug geweſen, ſeinen Stock nach Hauſe zu ſchicken, um ihn als Zeichen ſeiner Macht auf den Rathstiſch zu legen; die Herren merkten, was es zu bedeuten hatte, und hielten von da an den Mund. „ — 203— Fuͤnftes Kapitel. Wie Peter Stuyoeſant von unerſättlicher Kriegsluſt erfüllt, das ſchwediſche Fort Chriſtina angriff und das Murren ſeiner Völker zuvor mit einer ſoliden Mahlzeit beſchwich⸗ tigen mußte. Wie ein maͤchtiger Herr vom Rath, wenn bei einer feierlichen Amtsmahlzeit der erſte Löffel Schildkrötenſuppe ſeinen Gaumen labt und er mit zehnfach gereiztem Ap⸗ petit ſeine kräftigen Angriffe auf die Terrine wiederholt, während ſeine gefräßigen Augen gierig umherrollen und alles auf der Tafel verſchlingen— ſo empfand der kampf⸗ luſtige Peter Stuyveſant einen unerträglichen Hunger nach kriegeriſchen Thaten, der bis in alle Eingeweide raſte und nach der ſchnellen Beſitznahme des Forts Caſt⸗ mir nichts übrig ließ, als die Eroberung von ganz Neu⸗ Schweden. Kaum hatte er ſich daher dieß Fort geſichert, als er entſchloſſen aufbrach, um von dem Fort Chriſtina (der jetzigen Stadt Chriſtiana oder Chriſteen) neue Lor⸗ beern zu erndten. Es war dies der Poſten an dem kleinen Fluß deſſeh⸗ ben Namens; hier lag der liſtige Jan Riſing fürchterlich in ſeinem Hinterhalte, wie eine graubärtige Spinne in der Citadelle ihres Gewebes. So wie Peter Stuyveſant ankam, ging es ſogleich aans Verſchanzen, und nachdem die erſte Parallele gezo⸗ gen war, mußte ſogleich Anton Van Corlear hinauf, um die Feſtung zur Uebergabe aufzufordern. Van Corlear — 206— wurde mit der gebührenden Höͤflichkeit empfangen, bekam am Thor die Augen verbunden, und wurde durch einen ſchändlichen Geruch von Seefiſchen und Zwiebeln zu der Citadelle, einer anſehnlichen Hütte von Tannenholz, ge⸗ führt. Die Binde ward abgenommen und er befand ſich in der erlauchten Gegenwart des Gonverneur Riſing. Dieſer Befehlshaber war, wie ſchon bemerkt, von rieſen⸗ haftem Wuchs, er hatte einen groben blauen Rock an, um die Hüfte mit einem ledernen Gürtel, der die unge⸗ heuern Rockſchößen und Taſchen recht kriegeriſch abſtehen machte; die ſchweren Beine ſtacken in fuchsfarbenen Con⸗ rierſtiefeln; ſo ſtand er mit ausgeſpreiztem Untergeſtell, wie der Coloß von Rhodus, vor einem Stückchen zerbro⸗ chenen Spiegel und kratzte ſich mit einem ſtumpfen Raſtr⸗ meſſer den Bart. Dieſe ſchmerzhafte Operation brachte fürchterliche Grimaſſen zum Vorſchein, welche das grau⸗ ſige Anſehen dieſes Mannes um Vieles erhöheten. Wie Antoönins Van Corlear genannt wurde, hielt der un⸗ heimlich blickende Commandant in einer der ſchwierigſten Windungen ſeiner Schaberei einen Augenblick ein und ſah über die Schulter nach ihm hinüber, blickte ihn mit knurrendem Grinzen ein wenid an, und fuhr dann zu ſchaben fort. Nachdem die eiſerne Erndte vorübe Pewar, wandte er ſich wieder zu dem Trompeter und fragte ihn nach dem Zweck ſeiner Sendung. Anton Van Corlear erzählte alle Beſchwerniſſe der Provinz der Neuen Niederlande von vorn und endete mit der Aufforderung, daß ſich das — 207— Fort ſogleich ergeben ſolle; dann drehte er ſich auf iea Seite, nahm die Naſe zwiſchen Zeigefinger und Daumen und trompetete ganz fürchterlich, als ob er auf ſeinem Inſtrumente zur Uebergabe blaſe. Der Gouverneur Ri⸗ ſing hörte ihn von Anfang bis zu dem Signalſtoß der Naſe, die von der Nachbarſchaft des Inſtrumentes et⸗ was profitirt hatte, zwar an, jedoch mit großer Unge⸗ duld, indem er ſich ab und zu. auf ſein Schwerd ſtützte und mit einer ungeheuern ſtählernen Uhrkette ſpielte oder die Finger ſchnippte. Als Van Corleax zu Ende war, ſagte er ganz kurz, Peter Stuyveſant und ſeine Aufforderungen ſollten ſich zum Teufel ſcheren, wohin er ihn und ſeine Lumpenhunde noch vor dem Mittagsbrod erpediren wolle. Dann zog er das Schwerd, warf die Scheide weg und rief:«So wahr ich ehrlich bin, ich will dich nicht bedecken, bis ich aus den rauchgedörrten leder⸗ nen Häuten dieſer haſenfüßigen Holländer Scheiden ge⸗ macht habe.“ Nachdem er dem Feind ſo durch den Bot⸗ ſchafter die trotzigſte Antwort in den Bart geworfen, ließ er ihn zum Thor zurückführen, mit allen Ceremonien und Artigkeiten, die einem Trompeter, Kammerherrn und Geſandten eines ſo großen Machthabers gebühren, und nachdem ſie ihm die Augen aufgebunden, entließen ſie ihn mit einem Naſenſchneller, um ihn lebhaft an ſeine Botſchaft zu erinnern. 1 Kaum erhielt der ritterliche Peter die unverſchämte Antwort, als er eine Batterie rothglühender Schimpf⸗ wörter ſpielen ließ, die unbezweifelt die Feſtungswerke — 208— niedergeſchmettert und das Pulvermagazin ſamt dem kek⸗ ken Schweden in die Luft geſprengt haben würde, wäre nicht die Befeſtigung äußerſt dauerhaft und das Pulver⸗ magazin bombenfeſt geweſen. Als er ſah, daß die Werke der ſtarken Salve widerſtanden und es durchaus unmög⸗ lich ſey,(wie wirklich in jenen unphiloſophiſchen Tagen), einen Krieg mit Worten zu führen, befahl er ſeinen lu⸗ ſtigen Völkern, ſich augenblicklich zum Angriff zu rüſten. Aber jetzt erhob ſich ein ſeltſames Gemurmel, das bei dem Stamm der Van Bummels, dieſen famöſen Tafel⸗ helden vom Bronx, anfing und von Mann zu Mann giag, mit gewiſſen meuteriſchen Blicken und unzufriednem Gebrumme. Nur einmal im Leben geſchah es, und ee war dieſesmal, daß Peter bleich wurde, er glaubte wahr⸗ lich ſchon, ſein wackeres Heer werde die Stunde der Ge⸗ fahr nicht heldenmüthig beſtehen und einen emigen Schand⸗ „fleck auf die Provinz der Neuen Niederlande werfen. Aber bald entdeckte er, zu nicht geringer Freude, daß er in ſeinem Argwohn dieſem unerſchrockenen Heere ge⸗ waltig unrecht gethan; denn der einfache Grund des Mißbehagens und Brummens war, daß eben die Mit⸗ tagszeit eintrat und es den regelrecht lebenden holländi⸗ ſchen Kriegern das Herz abgeſtoßen hätte, wären ſie von ihrer feſten Richtſchnur abgewichen. Auch war es allezeit Vorſchrift bei unſern Vorfahren geweſen, nur mit vollem Magen zu fechten, und dieſer Regel mag wohl der Um⸗ ſtand zuzuſchreiben ſeyn, daß ſie in den Waffen ſo groß wurden. 8 — 2909— Und nun ſind die gewaltigen Helden von Manhattan und ihre nicht geringeren Kriegskameraden alle unter den Baͤumen beim Bankettiren munter, und umhalſen ſo zärtlich ihre Flaſchen und Krüge, als ob ſie auf ewig von ihnen Abſchied nehmen ſollten. Da ich nun voraus weiß⸗ daß wir auf der zweiten oder dritten Seite heiße Arbeit be⸗ kommen, o rathe ich meinen Leſern ſich ebenfalls zur Mahlzeit zu begeben, weßhalb ich dieſes Kapitel ſchließen will; ich gebe mein Wort zum Pfande, daß die ehrlichen Niederlaͤnder während dieſes Waffenſtillſtandes keinen Ueberfall oder ſonſtige Beunruhigung in ihrer Mahlzeit zu befürchten haben. Sechſtes Kapitel. Worin die entſetzliche Schlacht beſchrieben wird, ſo jemals in Pveſte oder in Proſa gefeiert worden, mit den bewun⸗ derungswürdigen Thaten Peters des Storrköpfigen. „Nun hatten,v» heißt es in jenem Manuſcript, edie Hollaͤnder eine ungeheure Mahlzeit hinabgeſchlungen“; wun⸗ derbar geſtärkt und ermuthigt, rüſteteten ſie ſich zum An⸗ griff.„Die Erwartung,» ſagt das Mannſcript weiter, aſtand jetzt auf Stelzen.“ Die Erde vergaß ſich umzu⸗ drehen, oder vielmehr, ſie ſtand ſtill, um dem Spektakel zuzuſehen, gleichwie ein runder dicker Rathsherr dem Irving's Geſch. v. New⸗York. 14 — 2410—. Kampf zweier ritterlichen Fliegen auf ſeinem Rockermel zuſteht. Die Augen der ganzen Welt waren, wie in ſolchen Fällen gewöhnlich, auf das Fort Chriſtina gerich⸗ tet. Die Sonne lief wie ein kleines Männchen in einem Gedränge vor einem Puppenſpiel am Himmel hin, ſteckte den Kopf bald da, bald dort durch, um einen Blick über die Schultern der unhöflichen Wolken zu thun, die ihr in den Weg traten. Die Geſchichtſchreiber füllten ihre Tintenfäſſer; die Poeten kamen ohne Eſſen im Leibe, entweder um ſich dafür Papier und Gänſekiele zu kau⸗ fen, oder weil ſie nichts zu eſſen bekommen konnten. Das Alterthum ſchielte mißgünſtig aus ſeinem Grabe, um ſich übertroffen zu ſehen, und ſelbſt die Nachwelt ſtand ſtumm in Erſtaunen verloren, im Zurückblieken auf das Feld ſo großer Ereigniſſe. Die unſterblichen Gottheiten, die ſich in der Affaires bei Troja«im Dienſt umgeſehen,» beſtiegen nun ihre Fe⸗ derbett⸗Wolken und ſchifften nach der Ebene oder miſch⸗ ten ſich in verſchiedenen Verkleidungen, alle erpicht, ih⸗ ren Finger in dem Teig zu haben, unter die Kämpfen⸗ den. Jupiter ſchickte ſeinen Donnerkeil zur Reparatur an einen geſchickten Kupferſchmidt. Venus ſchwur bei ih⸗ rer Keuſchheit, ſie wolle die Schweden beſchützen, und ſtolzirte in Geſtalt eines ſchlechten Weibsbildes auf den Wällen des Forts Chriſtina umher, von Diana begleitet, welche eine Unterofficiers⸗Wittwe von üblem Ruͤfe vor⸗ ſtellte. Der bekannte Lärmmacher Mars ſteckte zwei Reiterpiſtolen in den Gürtel, nahm eine Flinte auf die Schulter und wankte wie ein beſoffener Corporal an ih⸗ rer Seite, während Apoll als ein krummbeiniger Queer⸗ pfeifer hinter ihnen drein ging und verteufelt falſch auf⸗ ſpielte. Auf der andern Seite war die ochſenäugige Ju⸗ no zu ſehen, die über Nacht, bei einer heftigen Gardinen⸗ predigt gegen ihren alten Gemahl, ein Paar blauaufge⸗ laufene Augen erwiſcht hatte; ſie entfaltete ihre hohe Schönheit auf einem Bagagewagen. Minerva, als eine kräftige Markedenterin gekleidet, welche Fuſel zapfte, ſchürzte ihre Röcke, ſchwang die Fauſt und ſchrie helden⸗ müthig in ſchlechtem Holländiſch,(eine Sprache, die ſte eerſt kürzlich gelernt hatte) womit ſie bei den Soldaten ordentlich Feuer anſchürte, während Vulkan als ein plumpfüßiger Hufſchmidt, der kürzlich zum Hauptmanne vom Landſturm avancirt war, umher humpelte. Rings herrſchte ſtummes Entſetzen oder lärmendes Klingenwetzen; der Krieg zeigte ſeine fürchterliche Stirn, knirſchte laut mit den eiſernen Zähnen und ſchüttelte ſeinen entſetzlichen borſtigen Kamm von Bajonetten. Und nun muſterten die mächtigen Fürſten ihre Heere. Hier ſtand der derbe Riſing, feſt wie tauſend Felſen, um⸗ ſtarrt von Pallifaden und bis zum Kinn in Schlamm⸗ batterien verſchanzt. Seine tapfere Garniſon reihte ſich in grauſt ſiger Linie hinter der Bruſtwehr hin, jeder mit trotzig gewichſtem Schnurrbart, das Haar zurückpomadi⸗ ſirt und ſtrack in den Zopf gezogen, daß ſie über die Wälle grinzten wie Todtenköpfe⸗ 3 Da kam der unerſchrockne Peter mit gerunzelter Stirn, * 1 4 knirrſchenden Zähnen, geballten Fäuſten, und Wolken Rauchs gingen aus ſeinem Munde, ſo ſtark war das Feuer, welches ihm im Buſen tobte. Sein treuer Knap⸗ pe Van Corlear trat ritterlich auf ſeine Ferſen, die be⸗ rühmte Trompete über und über mit rothen und gelben Bändern, den Andenken ſeiner Geliebten auf Manhat⸗ tan, behangen. Dann kamen die herzhaften Ritter des Hudſon angewatſchelt; da die Van Wycks und die Van Dyk's, und die Ten Eycks— dort die Van Neſſes, die Van Taſſels, die Van Grolls, die Van Hoeſens, die Van Gieſons und die Van Blarcoms— die Van Warts, die Van Winkles, die Van Dams; die Van Pelts, die Van Rippers und die Van Brunts. Dort kamen die Van Hornes, die Van Hooks, die Van Bunſchotens; die Van Gelders, die Van Arsdales, und die Van Bummels; die Van der Belts, die Van der Hoofs, die Van der Voorts, die Van der Lyns, die Van der Pools und die Van der Spiegels— da die Hoffmans, die Hooglands, die Hoopers, die Cloppers, die Ryckmans, die Dyckmans, die Hogebooms, die Roſebooms, die Oothouts, die Quackenboſſes, die Roerbacks, die Garre⸗ brantzs, die Benſons, die Brouwers, die Waldrons, die Onderdonks, die Varra Vangers, die Schermerhorns, die Stoutenburgs, die Brinkerhoffs, die Bontecous, die Knickerbockers, die Hockſtraſſers, die Zehnhoſen und die Zähhoſen mit einer Menge anderer Edlen, deren Namen zu holperig ſind, um ſie aufzuzählen, und die, wenn ſie auch geſchrieben werden können, nicht auszuſprechen ſind — 213— — alle mit einer guten Mahlzeit geſtarkt, wie jener große holländiſche Poet ſingt: „Bis zu dem Rand gefüllt mit Zorn und Kraut! Plötzlich hielt der mächtige Peter mitten in ſeinem Laufe ein, beſtieg einen Baumſtümmel und redete ſeine Truppen in elegantem Holländiſch an, munterte ſie auf, wie Duyvels zu fechten, verſprach ihnen fette Beute, wenn ſie nicht den Tod fürs Vaterland vorzögen, wo dann ihre Namen in dem Tempel des Ruhms eingeſchrie⸗ ben und mit allen berühmten Männern des Jahres auf die Nachwelt gebracht würden. Endlich ſchwur er ihnen auf ſein Ehrenwort zu(und ſle wußten wohl, daß es in Erfüllung gehen werde), wenn er einer Mutter Sohn unter ihnen blaß oder ſich memmenhaft geberden ſähe, wolle er ihm das Fell gerben, bis er aus der Haut fahre wie eine Blindſchleiche im Frühjahr.— Dann zog er ſein betrautes Schwerd, ſchwang es dreimal über ſeinem Haupt, ließ Van Corlear den Signalſtoß geben und rannte mit dem Feldgeſchrei: St. Nikolaus und die Manhatto's!» muthvoll voran. Seine kriegeriſchen Ge⸗ fährten, die den Halt benutzt hatten, um ihre Pfeifen anzuzünden, ſteckten ſie ſogleich in den Mund, zogen ge⸗ 3 hörige Wolken und luden ritterlich unter der Decke des Tabacksdampfes ihre Gewehre. Die ſchwediſche Garniſon, welche von Riſing den Be⸗ fehl erhielt, nicht zu feuern, bis ſte an den Feinden das Weiße im Auge ſehen könnten, ſtanden in fürchterlichem Schweigen auf dem bedeckten Gang, als die ungeduldi⸗ — 214— gen Holländer über das Glacis ſtiegen. Nun gaben ſie ihnen eine ſolche Ladung, daß rings alle Anhöhen bebten, dabei aber eine ſo ſtarke Erſchütterung erlitten, daß ſie das Waſſer nicht mehr halten konnten und mehrere Quellen ihnen aus den Seiten ſprangen, die noch bis auf den heutigen Tag fließen. Alle Holländer hätten jetzt ins Gras beißen müſſen, wenn nicht die ſchützende Minerva darauf gedacht hätte, daß die Schweden wie gewöhnlich alleſammt die Augen zudrückten und die Köpfe wegwand⸗ ten, als ſie feuerten. Die Schweden verfolgten ihre vermeintlichen Sieges⸗ ſchüſſe damit, daß ſie über die Contreſcarpe ſprangen und mit fürchterlichem Geſchrei den Feind anfielen. Und nun ſah man Wunder von Tapferkeit, desgleichen weder die Geſchichte noch die Poeſte aus alter und neuer Zeit auf⸗ zuweiſen hat. Hier ſtand der trotzige Stoffel Brinkerhofd und ſchwang ſeinen ſtarken Knüttel, wie der furchtbare Rieſe Blanderon ſeinen Eichbaum(denn er verachtete jede andre Waffe) und ſpielte damit gar ſchöne Melodieen auf den Köpfen der Schweden. Da waren die liſtigen Van Kortlands zu ſehen, in der Entfernung poſtirt wie die alten Locriſchen Bogenſchützen, denen ſie nichts nach⸗ gaben. Auf einer andern Seite ſtanden in einen Knoten verſchlungen die tapfern Männer von Sing⸗Sing, die dem Kampf bedeutenden Vorſchub leiſteten, indem ſie das große Lied vom heiligen Nikolaus anſtimmten; aber die Gardeniers vom Hudſon waren von der Schlacht ab⸗ weſend, indem ſie als Marodeurs beordert wurden, ſich — 245— üder die Waſſermelonen⸗Pflanzungen in der Nähe her⸗ zumachen. Auf einer entgegengeſetzten Seite des Feldes ſah man die Van Grolls von Antoni⸗Naſe; ſie waren furchtbar erſchrocken, als ſie in einen Hohlweg kamen, denn ſie konnten wegen der Länge ihrer Naſen nur mit Mühe hindurchkommen. Dann waren dort die Van Bunſchotens von Nyak und Kakiat, ſo berühmt wegen ihres Tretens mit dem linken Fuß, aber ihre Geſchick⸗ lichkeit half ihnen jetzt wenig, da ſie von der ſtarken Mahlzeit etwas kurz athmeten; ſie wären unwiederbring⸗ lich verloren geweſen, wenn ſte nicht von einem ritterli⸗ chen Corps Voltigeurs verſtärkt worden wären, welches aus den Hoppers beſtand, die zu ihrem Beiſtand ſchnell auf einem Fuß daherkamen. Auch darf ich nicht vergeſ⸗ ſen, die unvergleichlichen Heldenthaten Antons Van Cor⸗ lear zu erzählen, der eine gute Viertelſtunde ſich mit ei⸗ nem kleinen engbrüſtigen ſchwediſchen Tambour heftig berumkampelte, auf deſſen Haut er ganz charmant Wir⸗ bel ſchlug; wäre er mit noch anderen Waffen als ſeiner Trompete in die Schlacht gekommen, ſo hätte er ihm ohne Zweifel ein frühzeitiges Ende bereitet. Nun aber wurde der Kampf immer dichter. Da rüͤck⸗ ten der mächtige Jacobus Varra Vanger und die fech⸗ tenden Helden von Wallabont heran, hinter ihnen don⸗ nerten die Van Pelts von Eſopus ſammt den Van Rip⸗ pers und den Van Brunts und warſen alles vor ſich nie⸗ der— dann die Suy Dams und die Van Dams, die mit manchem verwetterten Fluch vorwärts drängten; ſie .● — 216— führten die Krieger des Höllenthors an, die in ihren Don⸗ ner⸗ und Blitz⸗Kitteln einherſchritten; endlich erſchien die Leibgarde und der Fähndrich Peter Stuyveſants mit dem flatternden großen Biber von Manhatta.* Jetzt begann das furchtbare Getümmel, der deſperate Kampf, die wahnſinnige Wildheit, die tolle Wuth, die Verwirrung und Bewußtloſigkeit des Fauſtkampfs: Hol⸗ länder und Schweden durch einander riſſen, pufften und lederten auf einander los, was ſte konnten. Der Himmel verfinſterte ſich von dem Hagel der Wurfgeſchoſſe und Schießgewehre. Pautz! gingen die Kanonen los— ratſch! hieben die Säbel ein— plumps! ſielen die Prügel drein — piff, paff! plautzten die Flinten— heilloſe Riſſe— Schläge— Tritte— Kopfnüſſe— Ohrfeigen— eine Menge ſchwarze Geſichter und blutige Naſen verſtaͤrkten immer mehr das Schauderhafte der Scene. Schwipp ſchwapp, ritſch ratſch, holterdipolter, kopfüber kopfunter, knall und fall, Purzelbaum und haſt du nicht geſehen! gings durch einander.— Dunder und Blixum, ſuchten die Holländer— Splitter und Splutter, ſchrieen die Schweden— Lauft Sturm, brüllte der hardkoppige Pe⸗ ter— Feuer an die Minen! kr eiſchte der heftige Riſing— Tanta⸗ra⸗ra⸗ral ſchmetterte die Trompete Antons Van Corlear— bis alle Stimmen und Töne verworren durch einander tobten— Grunzen und Röcheln, Wuthgeſchrei, Siegesjubeln, miſchte ſich in Ein ſataniſches Geheul. Die Erde erzitterte, als ob ſie einen Schlaganfall über den andern bekäme— Bäume ſchauderten zurück und verdorr⸗ — 217— ten vor dem Anblick— Felſen krochen in die Erde wie Kaninchen— ſelbſt der Chriſtinafluß floh erſchreckt zu⸗ rück und lief in athemloſen Entſetzen einen Berg hinan! Lange ſchwankte das Kriegsglück über den Streitern; ein tüchtiger Platzregen, von dem«wolkenverſammelnden Zeus» geſandt, kuͤhlte einigermaßen ihre Hitze, gleichwie ein Kübel mit Waſſer, den man über eine Hetze biſſiger Hunde gießt; doch war dieß nur auf Augenblicke, und mit zehnfach erneuerter Wuth kehrten ſie auf den Kampf⸗ platz zurück und ſchlugen einander blau, grün und blut⸗ rünſtig. Gerade als ſie wieder handgemein wurden, zeigte ſich eine lange und dicke Rauchwolke, die ſich langſam nach dem Schlachtfeld bewegte; die Kämpfenden hielten einen Augenblick inne und betrachteten die Erſcheinung mit ſtummem Erſtaunen— plötzlich verwehte ein Wind⸗ ſtoß die dicke Wolke, und aus ihrer Mitte tauchte das flatternde Banner des unſterblichen Michael Paw hervor. Dieſer hochherzige Anführer kam ohne Furcht heran⸗ mit einer geſchloſſenen Reihe von auſterfetten Pavoniern, welche dahinten geblieben waren, theils um ein Reſexve⸗ corps zu bilden, theils um die große Mahlzeit zu ver⸗ dauen, die ſie gehalten hatten. Dieſe kühnen Dienſt⸗ mannen rückten unerſchrocken heran, rauchten ihre Pfeiſen mit Nachdruck, marſchirten jedoch ausnehmend langſam, weil ſte kurzbeinig und zum den Gürtel von ziemlicher Rundung waren. 5. ear Doch jetzt verließen die ſchützenden Gottheiten des Heeres von Neu⸗Amſterdam unbedachtſam das Feld und gingen in ein benachbartes Bierhaus, um ſich mit einem friſchen Trunk zu erquicken; da hätte die ſchrecklichſte Kriſis den Niederländern beinahe den Garaus gemacht. Kaum waren die Myrmidonen des gewaltigen Paw zur Schlachtordnung angerückt, als die Schweden von dem pfiffigen Riſing einen Wink erhielten und eine Tracht Hiebe auf die Tabackspfeifen regnen ließen. Betroffen über den unerwarteten Angriff und durch die zerbrochenen Pfeifen aus der Faſſung gebracht, geriethen die ritterli⸗ chen Holländer in totale Verwirrung— ſchon fliehen ſie und wie eine ſcheu gemachte Elephantenheerde bringen ſie einander ſelbſt in Verwirrung, indem ſie eine Schaar von kleinen Hoppers in den Boden ſtampfen, und das beilige Banner, worauf die rieſenhafte Auſter von Com⸗ munipaw erglänzte, wird in den Koth getreten! Die Schweden ſammelten jetzt friſchen Muth, draͤngten nach, applicirten den Fliehenden mit großer Virtuoſität Tritte u posteriori, ſo daß es war, als flögen ſie davon; ſelbſt der berühmte Paw empfing ganz infame Grüße und em⸗ pörende Beruͤhrungen von ſchwediſchem Sohlenleder. Aber, o ihr Muſen! wer malet den Zorn des muthi⸗ gen Heerführers der Holländer, als er von weitem ſeine Leute weichen ſah? Mit einer Donnerſtimme brüllte er ſeinen ſchurkiſchen Kriegern nach. Die Männer von Man⸗ hatta rafften ſich zu neuer Beſinnung auf, als ſie ihren Feldherrn rufen hörten— oder vielmehr ſie fürchteten ſeine nachdrückliche Ungnade, die ſie mehr ſcheuten, als alle Schweden in der ganzeu Chriſtenheit— aber der — 210.— kühne hartkoppige Peter wartete nicht auf ihre Hülfe und ſtürzte ſich, das Schwerd in der Fauſt, in den dichteſten Haufen der Feinde. Er verrichtete hier Thaten, wie ſie ſeit dem wunderbaren Weltalter der Rieſen nicht geſcha⸗ ben. Wo er ſich hinwandte, wich der Feind bebend zu⸗ rück. Mit heftigem Ungeſtüm drang er vorwärts und trieb die Schweden wie Hunde in ihre eignen Gräben, aber als er ſich ſo tollkühn hineinwagte, kamen ſie ihm dei und drängten ihn von der Seite. Ein heimtückiſcher Schwede näherte ſich ihm auf dieſe Weiſe und führte ſein feiges Schwerd gerade nach dem Heldenherzen; aber die ſchützende Macht, die über dem Leben aller großen und braven Männer wacht, lenkte die tödtliche Waffe nach einer Seitentaſche, wo eine ungeheure blechene Tabacks⸗ doſe ruhte, die wie der Schild des Achilles mit überna⸗ türlicher Kraft begabt war— ohne Zweifel, weil der fromme Held auf ihr ein Bildniß des ſchützenden St. Ni⸗ kolaus mit ſich herum trug; ſo ward der fürchterliche Stoß abgewandt, indeß dem großen Helden ein furchtba⸗ rer Seufzer entſuhr. Wie ein wüthender Baͤr, den die Hunde anfallen, ſich verzweifelnd wehrt, die Zähne fletſcht und auf den Feind losſpringt, ſo wandte ſich unſer Held nach dem verrätheriſchen Schweden. Der Schurke ſuchte in der Flucht ſein Heil— aber der lebhafte, hurtige Peter er⸗ wiſchte ihn bei ſeinem unmenſchlichen Haarzopſ⸗ Ha, ranpiger Bankart!» brüllte er, hier habe ich etwas, das Hundeſpeiſe aus dir machen ſollls So ſprechend, that er mit ſeinem trauten Schwerd einen Hieb, der dem Schweden den Kopf wie eine Rübe weggenommen hätte, wenn er weiter ausgeholt hätte, ſo aber trennte er nur den Zopf dicht an der Wurzel vom Kopfe. In dieſem Moment richtete ein Büchſenſchütze, auf der Höhe eines Erdwalls gelagert, ſein tödtliches Geſchoß auf den ritter⸗ lichen Stuyveſant und würde ihn ohne Zweifel als einen weheklagenden Todten zu den ſtygiſchen Geſtaden hinab⸗ geſandt haben— hätte nicht Minerva, die ſich ſo eben gebückt hatte, um ihr Strumpfband zu binden, ihren Lieb⸗ ling aus der plötzlichen Gefahr errettet, indem ſie Bo⸗ reas mit ſeinen Bälgen gerade noch vor dem Schuß ſandte, als der Lunten ans Rohr gelegt wurde, wo der Gott mit einem glücklichen Windhauch alles Pulver von der Pfanne blies! So wogte die ſchreckliche Feldſchlacht⸗— als der ſtolze Riſing, der das Ganze von der Höhe einer klei⸗ nen Vorſchanze überblickte, ſeine Leute durch den unbeſleg⸗ lichen Peter bedrängt, geſchlagen und zertreten ſah. Die Sprache malt nicht den Zorn, der ihn bei dielem Anblick ergriff— er hielt nur einen Augenblick inne, um eine Laſt von fünftauſend Flüchen abzuſchütteln, dann zog er ſeinen Türkenſäbel und ſtürzte in den Kampf, mit ſo don⸗ nernden Tritten, wie es bei Heſtod von Jupiter heißt, als er von dem Sphärenſitz herabkam, um den Titanen ſeine Donnerkeile an die Köpfe zu werfen. Wie ſich die feindlichen Anführer von Angeſicht er⸗ blickten, fuhren beide ſtark zurück, wie routinirte Helden — —— — 221— der Bühne zu thun pflegen. Dann ſahen ſie ſſich einen Augenblick ſauer an, wie zwei wüthende verliebte Kater, wenn ſie im Begriff ſind, mit ihren Krallen eiſerſüchtige Ohrfeigen auszutheilen. Jetzt ſtellten ſie ſich in Poſition, darauf in eine andere, wetzten die Schwerter am Boden, und nun gings los. Worte ſind unvermögend, die Wun⸗ der der Stärke und Tapferkeit bei dieſem verhängnißvol⸗ den Zuſammentreffen zu beſchreiben, ein Zweikampf, mit welchem der des Ajax mit Hector, des Aeneas mit Tur⸗ uns, des Orlando mit Rodomont, des Gui von War⸗ wick mit Colbrand dem Dänen, und des berühmten wä⸗ liſchen Ritters Sir Owen von den Bergen mit dem Rie⸗ ſen Guylon, pure Kindereien und Sonntagsſpäße waren. Endlich nahm Peter ſeine Gelegenheit wahr, holte aus und wollte eben den Schädel ſeines Gegners bis zum Kinn ſpalten; aber Riſing hob raſch den Säbel und da⸗ rirte, doch ſo kurz, daß der Hieb ihm die Seite ſtreifte und ein ungeheures Schnapsfutteral wegraſirte, das er ſtets angeſchnallt trug, dann ſeinen Lauf verfolgend in eine tiefe Rocktaſche fuhr, die mit Käſe und Brod reich⸗ lich verſehen war— dieſe Leckerbiſſen rollten zwiſchen die Kämpfenden und verurſachten ein hartnäckiges Handge⸗ menge unter den Schweden und Holländern, ſo daß die Schlacht ſich mit zehnfacher Heftigkeit erneuete. Wüthend, ſeine Kriegsvorräthe ſo ſchmählig zerſtreut zu ſehen, ſammelte der ſtolze Riſing alle Kräͤfte und hieb dem Helden gerade auf den Kamm. Vergebens wider⸗ ſetzte ſich der kleine dreieckige Hut; der Stahl biß ſich durch den ſteifen, widerhaarigen Filz und würde ihm ohne Zweifel den Hirnkaſten geſpalten haben, wäre der Schä⸗ del nicht von ſolcher demantnen Härte geweſen, daß der ſchwache Säbel in Stücke brach und tauſend Funken ſprühte, die das gräßliche Geſicht wie Strahlen des Ruhms umgaben. Von dem Schlag betäubt, taumelte der ritterliche Pe⸗ ter, verdrehte die Augen nach oben und ſah fünftauſend Sonnen zwiſchen Monden und Sternen am Firmamente tanzen— endlich verlor er durch ſeinen hölzernen Juß das Gleichgewicht und kam auf ſeinen Sitz der Ehren nieder, mit einem ſo heftigen Fall, daß die Höhen rings erzitterten, und gewiß ſein ganzes anatomiſches Syſtem zu Grund gegangen wäre, hätte ihn nicht ein Kiſſen, weicher als Sammt, gaſtlich aufgenommen, welches die Vorſehung, oder Minerva, oder der heilige Nikolaus, oder eine gütige Kuh wohlwollend zu ſeinem Empfang dahin gelegt hatte. Der wüthende Riſing war ganz gegen j jenen Grund⸗ fatz echter Ritterlichkeit,«großmüthige Fehde iſt ein In⸗ wel,» erpicht, in dem Fall des Helden ſeinen Vortheil wahrzunehmen, aber als er ſich bückte, um ihm den To⸗ desſtreich zu verſetzen, gab ihm der beſonnene Peter mit dem böͤlzernen Bein einen kräftigen Schlag aufs Capitol, daß ihm die Ohren klangen wie von einem Dutzend Glok⸗ kenſpiele und Schellenbogen. Der verwirrte Schwede taumelte und in demſelben Augenblick erwiſchte der be⸗ hende Peter einen Sackpuffer, der auf dem Boden kag — — 223— (er war ſeinem getreuen Trompeter Van Corlear wäh⸗ rend des Wirbelſchlagens auf dem kleinen Tambour aus dem Schnapſack gehüpft) und feuerte ihn dem taumeln⸗ den Riſing auf den Kopf— doch der Leſer irre ſich nicht, es war keine mörderiſche Waffe, mit Pulver und Blei geladen, ſondern ein ganz nettes ſteinernes Krüglein, bis zur Schnanze mit Doppektem von ächter holländiſcher Courage gefüllt, die der kluge Van Corlear immer mit ſich führte, um ſeiner Stärke von Zeit zu Zeit etwas zu⸗ zugeben. Die ſchmählige Bombe fuhr durch die Luft und ſiel wohlgezielt, wie jenes von dem rieſigen Ajar auf Hector geſchleuderte Felſenſtück, dem gigantiſchen Schweden mit unvergleichlicher Kraft auf den Schädel. Dieſer ſchwere Schlag entſchied den Ausgang der Schlacht. Das dumpfe Haupt des Generals Riſing ſank auf die Bruſt, die Kniee wankten, eine Todtenkälte über⸗ lief ihn und er ſtürzte mit ſolcher Heftigkeit zu Boden, daß der gute alte Pluto ſehr erſchrack und nicht anders glaubte, als er falle ihm das Dach ſeines unterirdiſchen Palaſtes ein. 9 Der Sturz des Helden war das Signal zur Flucht und zum Siege. Die Schweden wichen, die Holländer drangen vor; die erſteren flohen Hals über Kopf, die letz⸗ teren waren raſch hinterdrein. Einige rannten mit ihnen zuſammen ins Thor hinein— andere ſtürmten die Werke und noch andere kletterten über den Kamm. So war in kurzer Friſt das Fort Chriſtina, das, wie ein zweites Troja, eine Belagerung von vollen zehn Stunden aus⸗ — 224— gehalten hatte, mit Sturm genommen, ohne daß auf beiden Seiten nur ein Mann umgekommen wäre. Die Siegsgöttin ſaß in der Geſtalt einer großen Bremſe auf dem dreieckigen Hut des ritterlichen Stuyveſant, und alle Schriftſteller, die er miethete, um die Geſchichte dieſes Zuges zu beſchreiben, verſicherten, daß er an dieſem denk⸗ würdigen Tage eine Fülle ſtrahlenden Ruhmes erlangt, womit man ein Dutzend der größten Helden in der Ehii⸗ ſtenheit dauerhaſi hatte vergolden können! 1 7 Siebenkes Kapitel. Verfaſſer und Leſer ruhen nach der Schlacht aus und gera⸗ then in eine ernſthafte Betrachtung— wonach erzählt wird, wie Peter Stuyveſant ſich auf ſeinen Sieg he. nommen. Dem heiligen Nicolaus ſey Dank! wir haben die ſchreckliche Schlacht glücklich beendigt: laß uns niederſitzen, edler Leſer, und uns abkühlen, denn ich bin in einem ſchrecklichen Schweiß und Aufruhr.— Warlich, es iſt keine Kleinigkeit, ſo eine Schlacht! und wenn die großen Helden wüßten, welche Unruhe ſie ihren Geſchichtſchrei⸗ bern machen, ſie könnten es nicht über's Herz bringen, ſo fürchterliche Dinge zu vollführen. Aber mich daͤucht, ich höre meinen Leſer klagen, daß in der ganzen gewal⸗ tigen Schlacht kein einziger erſchlagen, nicht einmal ei⸗ ner verſtümmelt wurde, den unglücklichen Schweden aus⸗ genommen, dem das ſcharfe Schwerd Peter Stuyveſants — 225— den Schweif abhieb— welches alles doch gegen alle Wahr⸗ ſcheinlichkeit verſtoͤßt. 1e N Ich weiß es ſelbſt nicht, wie es zugeht, allein es muß die große Beſcheidenheit unſerer Vorfahren geweſen ſeyn, da in allen Quellen von Blutvergießen nirgends etwas vorkömmt; und es thut mir leid, die Leſer ganz umſonſt blutdürſtig gemacht zu haben, wie es bei einer Hinrichtung geſchieht, wo dem Delinquenten das Leben geſchenkt wird. 3 8l Da ich über kein einziges Menſchenleben disvoniren ponnte, ſo mußte ich mir eben mit Tritten, Kuüffen, Rippenſtößen und ähnlichen ignobeln Wunden helfen, ſo gut ich konnte, und dabei ſah ich mich denn ungefähr in derſelben Verlegenheit wie Milton, der bei den Schlach⸗ ten der Unſterblichen den Ausgang vom Anfang nur we⸗ nig verſchieden machen konnte, da er ſeinen Geiſtern nicht einmal eine leibliche Wunde beibringen konnte. Es hat mich allemal nicht wenig Ueberwindung geko⸗ ſtet, meine Helden in der beſten Arbeit abzuhalten, ihre Gegner niederzuſchmettern, aufzuſchlitzen oder ein halbes Dutzend wie einen Spieß Lerchen auf die Klinge zu neh⸗ men. Wenn Homer ſo manchen armen Teufel auf dem Gewiſſen hat, der nur, um den Vers voll und wohl⸗ tönend zu machen, ins Gras beißen mußte, ſo recke ich dagegen, bei größrer Verſuchung und Enthaltſamkeit, die reinen Hände der Welt und allen Kritikern entgegen! Ich will, bei ernſter Betrachtung der Ereigniſſe, nur an den Tropfen Tinte erinnern, der in der Feder zit⸗ Irving's Geſch. v. New⸗York. 15 4 ternd, eben ſo gut als Flecken vergoſſen werden kounte: — an ſich ohne Werth, hat er in meiner Geſchichte ei⸗ nem Helden Unſterblichkeit gegeben! Nicht Anmaßung ſehe der Leſer in dieſen Worten. Ach, was iſt der un⸗ ſterbliche Ruhm— ein beſchmiertes Blatt Papier— ach, wie demüthigend iſt der Gedanke— daß der Ruhm ei⸗ nes ſo großen Mannes wie Peter Stuyveſant von der Feder eines ſo kleinen Mannes wie Dietrich Knickerbocker abhängen ſoll! Laß uns weinen, daß irdiſche Größe, ſo räthſelhaft, in ſo eitles Nichts, wie unbeſungener Ruhm, zerfließen kann!—. uUnd nun, thenrer Leſer, nachdem wir die Mühſelig⸗ keiten und Gefahren des Schlachtfeldes beſtanden, wollen 4 wir auf den Schauplatz zurück eilen und die Folgen des glorreichen Sieges betrachten. Da das Fort Chriſtina der Hauptſitz der Colonie Neu⸗Schweden und gewiſſer⸗ maßen der Schlüſſel derſelben war, ſo folgte ſchnell die Unterjochung der ganzen Provinz. Nicht wenig trug dazu das großmüthige und milde Benehmen des ritter⸗ lichen Peter bei. Schrecklich in der Schlacht, war er nach dem Siege edel, gnädig und menſchlich geſinnt. Er prahlte nicht über ſeine Feinde, noch verbitterte er die Niederlage durch ungroßmüthiges Höhnen, und wie je⸗ ner Spiegel ächter Rittertugend, der weltberühmte Pa⸗ ladin Orlando, war er immer begieriger, große Tha⸗ ten zu thun, als, nachdem ſie geſchehen, davon zu reden. Er ließ Niemanden ſterben, ſengte und brannte nicht, ſieß das Eigenthum der Beſiegten nicht verwüſten, und — 227— gab ſogar einmal einem ſeiner tapferſten Offtziere einen nachdrücklichen Verweis mit dem Spazierſtock, als man ihn bei der Plünderung eines Hähnerhauſes ertappte. Mit gleicher Großmuth erließ er Proclamationen und Aufforderungen, ſich der Gewalt Ihrer Hochmögenden zu unterwerfen; mit großer Milde verkündete er: wer ſich dem Gehorſam entziehe, ſolle auf Staatskoſten logirt werden, nicht allein in ein ſicheres Schloß, ſondern auch durch Schildwachen für ſeine Perſon geſichert. In Folge deſſen leiſteten dreißig Schweden den Eid der Treue und durften dafür an den Ufern des Delaware bleiben, wo ihre Nachkommen noch bis auf den heutigen Tag leber. Die ganze Provinz Neu⸗Schweden wurde in eine Colonie Namens South⸗River verwandelt und unter einen Stellvertreter des Gouverneurs geſetzt, welcher der Regierung von Neu⸗Amſterdam untergeben war. Die⸗ ſer Großwürdenträger hieß Mynheer Wilhelmus Beek⸗ man oder vielmehr Beckman, der wie Ovidius Naſo von ſeiner ungeheuren Naſe den Namen hatte, die wie der Schnabei eines Papagaien geſtaltet war. Er wurde der große Stammvater des Beckmans, einer der älteſten und ehrenwertheſten Familien der Provinz, die dankbar den Urſprung ihrer Würde in erſtaunlich langen Naſen ver⸗ ewigen, die ſte mitten im Geſicht tragen. Die gefährliche Unternehmung ward gluͤcklich beendigt und nur zwei Perſonen verloren dabei das Leben— Wolſert Van Horne, ein langer dünner Mann, der durch die Segelſtange einer Schaluppe bei einem ſtarken Wind — 228— über Bord geworfen wurde, und der fette Brom Van Bummel, der plötzlich an einer Indigeſtion verſchied; beide wurden als ſolche, die im Dienſte des Vaterlandes gefallen ſeyen, den Unſterblichen zugezählt. Zwar verlor Peter Stuyveſant eines ſeiner Glieder, indem ihm bei dem Sturme des Forts das Bein zerſchmettert wurde, allein es war zum Glück ſein hölzernes und dem Scha⸗ den ſchnell abzuhelfen. Und nun bleibt mir für dieſen Zweig meiner Geſchichte nur noch zu bemerken, daß der unbefleckte Held und ſein ſiegreiches Heer fröhlich nach Manhattan zurückkehrten, daß ſie einen feierlichen Triumphzug hielten, mit dem ge⸗ fangenen Riſing und den Ueberreſten ſeines geſchlagenen Heeeres, welches bockbeinig den Gehorſam verweigert hatte; es ſcheint, der gigantiſche Schwede war nur in eine Ohn⸗ macht gefallen, von welcher er ſich durch einen herzhaften Naſenſtüber ſchnell wieder erholte. 3 Dieſe gefangenen Herren wurden dem Verſprechen ge⸗ mäß auf öffentliche Koſten einquartiert, in ein ſchönes ge⸗ räumiges Schloß; es war das Staatsgefängniß, von wel⸗ chem Stoffel Brinkerhoff, der unſterbliche Eroberer der Auſternbai, erblicher Gonverneur wurde, und welches noch ſteht.. Es, war ein glückſeliger Anblick, die Wiedervereini⸗ gung der Neu⸗Amſterdamer wahrzunehmen. Wie dräng⸗ ten ſich die alten Weiber um Anton Van Corlear, der die ganze Campagne haarklein erzählte, und nur darin von der Wahrheit abwich, daß er ſich alle Siege zu⸗ ſchrieb, beſonders den über den ſtolzen Riſing, da ihn ſein Fläſchchen getroffen hatte. Die Schulmeiſter in der ganzeu Stadt gaben ihren Kindern Feiertag— ſie folgten ſchaarenweiſe den Trom⸗ melu, mit papiernen Mützen gekrönt, und mit Stöcken durch die Hoſen gezogen. Der tolle Pöbel folgte dem Peter Stuyveſant auf den Ferſen, wohin er ging, warf die ſchmierigen Hüte in die Höhe und rief unaufhörlich ſein«Vivat hardkoppig Piet!». Es war in der That ein Tag der Luſt und Wonne. Auf dem Stadthaus wurde den Siegern zu Ehren eine fürchterliche Mahlzeit gegeben, wo ſich die großen und kleinen Sterne von Neu⸗Amtterdam zu einem ſeltnen Strahlenkranze vereinigten. Schout mit ſeiner gehorſa⸗ men Deputation, die Burgermeiſter mit ihren Schöffen, dieſe mit ihren Subalternen, und ſo herab bis zum Bet⸗ telvogt; jeder hatte ſeinen dienſtbaren Geiſt an der Seite, um ihm die Pfeife auszurauchen, das Glas aus⸗ zutrinken und über ſeine kühnen Witze zu lachen, kurz es zeigte ſich, daß nichts in der Welt über ein Stadt⸗ feſt gehe. Die Tiſche bogen ſich unter der Laſt von Fi⸗ ſchen, Fleiſchſorten und Geflügel aller Art, ganze Seen von edlen Flüſſigkeiten wurden vergoſſen, tauſend Pfeifen geraucht und eine Menge platter Witze mit ſchallendem ſpeckfettem Gelächter aufgenommen. 5 Ich darf nicht vergeſſen, zu bemerken, daß Peter Stuyveſant dieſem glorreichen Siege noch einen neuen Titel verdankte— alles war ſo hoch entzückt, daß man — 2393931. ihn von nun an Peter den Großen, Pieter de Groodt nannte, oder wie es die Neu⸗Amſterdamer in ihre Mund⸗ art überſetzten: Piet de pig; ſo nannten ſie ihn bis zu ſeinem Tode. Siebentes Buch. Enthaltend den dritten Theil der Regie⸗ rung Peters des Starrköpfigen, ſeine Händel mit der brittiſchen Nation, wie endlich das Sinken und Verfallen der holländiſchen Dynaſtie. 4 Erſtes Kapitel. Wie Peter Stuyyeſant das ſouveraine Volk der Bürde ent⸗ hob, ſich um Regierungsangelegenheiten zu bekümmern— nebſt einigen Beſonderheiten ſeines Benehmens in Frie⸗ denzzeiten. 3 Während der Abweſenheit des Helden hatte der Pö⸗ bel von Neu⸗Amſterdam einen tiefen Zug aus dem be⸗ rauſchenden Becher ſeiner Macht unter Wilhelm dem Ei⸗ genſinnigen gethan, und obgleich er bei dem Regierungs⸗ wechſel mit der Spürkraft, die ihm gleich dem Zugvieh ei⸗ gen iſt, merkte, daß die Zügel ſtraffer gehalten wurden, ſo konnte er doch nicht umhin, ſich zu reiben, ſchaben und ins Gebis zu knirſchen, wie ein ſtätiges Pferd. 8 2 — 231— Kaum war Peter Stuydeſant auf ſeinen Zug gegen die Schweden ausgegangen, als die alten Factionsmänner auch ſchon die Köpfe aus dem Waſſer reckten und ſich in politiſche Clubbs zum Wohl des Landes vereinigten; eine große Rolle ſpielten dabei die Burgermeiſter und Schöf⸗ fen. Dieſe edlen Würdenträger waren nicht mehr jene fetten, wohlgenährten ſtillen Magiſtratsperſonen unter Walter dem Zweifler; im Gegentheil, aus dem Volk er⸗ —wählt, bildeten ſie gewiſſermaßen ein kräftiges Bollwerk zwiſchen dem Pöbel und der Regierung. Sie waren große Popularitäts⸗Candidaten und heftige Advocaten für die Rechte des rohen Haufens, indem fie in uneigennüti⸗ gem Eifer den weitmäuligen Volkstribunen des alten Roms oder den tugendhaften Patrioten unſerer Tage gli⸗ chen, die man mit Begeiſterung«Freunde des Volks» nennt. unter dem Schutz dieſer tiefen Politiker war es ein wahres Wunder, wie plötzlich die ſchweiniſche Menge auf⸗ geklärt wurde in Dingen, die über ihren Horizont gin⸗ gen. Schuhmacher, Keſſelflicker und Schneider fühlten ſich alleſammt inſpirirt, wie jene frommen Zeloten in den Zeiten mönchiſcher Aufklärung, und wurden ohne alle Vor⸗ kereitung fähig, die Bewegungen der Staatsmaſchine zu leiten. Auch darf ich eine Unzahl alter hartnäͤckiger Bür⸗ ger nicht vergeſſen, die als Knaben in der Goede Vrouw von Holland mitgekommen waren und bei der aufgeklärten Menge für große Orakel galten. Denn anzunehmen, daß ein Mann, der das Land entdecken helfen, nicht auch wiſ⸗ — 232— ſen ſolle, wie es zu regieren ſey, wäre vorſchnell und un⸗ bedacht geurtheilt. Da Peter Stuyveſant eine beſondere Neigung hatte, ſeine Provinz ohne den Beiſtand ſeiner Unterthanen zu regieren, ward er ſehr zornig, als er die aufrühreriſche Geſtalt der Dinge bei ſeiner Rückkehr wahrnahm. Sein erſtes war daher, daß er die Ordnung wiederherſtellte, indem er die angemaßte Würde des ſounverainen Volkes zu Boden warf. 3 kien Er erſah ſich dazu eine gute Gelegenheit; eines Abends nämlich, als der Volkshaufe Verſammlung hielt und an⸗ dächtig der patriotiſchen Rede eines inſpirirten Schuh⸗ flickers zuhörte, erſchien plötzlich der unerſchrockne Peter in ihrer Mitte, mit einem Geſicht, das einen Mühlſtein hätte verſteinern können. Die ganze Verſammlung war conſternirt— den Redner ſchien mitten in einer erhabe⸗ nen Sentenz der Schlag getroffen zu haben, er ſtand wie verhagelt da, mit offnem Maul und ſchlotternden Knieen, während die Worte Schauder! Tyrannei! Freiheit! Rechte! Beſteuerung! Tod! Verderben!» und eine Fluth von ähnlichen patriotiſchen Ausrufungen, ihm aus der Kehle raſten, ehe er im Stande war, die Lippen zu ſchließen. Der ſchlaue Peter nahm keine Notiz von der Klique um ihn her, ſondern ging gradesweges zu dem tobenden Maulmacher hin, zog eine große ſilberne Uhr heraus, die in damaliger Zeit hätte als Stadtuhr die⸗ nen können und noch jetzt als ein Familienſtück aufbe⸗ wahrt wird, und bat den Redner freundlich, ſie ihm ein⸗ —-— 233— zurichten, daß ſie wieder gehe. Der Redner bekannte demüthiglich, daß dieß ganz außer ſeiner Fähigkeit liege, indem er mit dem Ban einer Uhr völlig unbekannt ſey. «Ei was,» ſagte Peter,«lieber Mann, vertraut doch nur auf euer gutes Naturell; ihr ſeht ja alle die Federn und Räder und wie leicht die plumpeſte Hand ſie einhalten und auch zerſchlagen kann; ſollte es ſchwerer ſeyn, ſie zum Gehen zu bringen, als zum Nichtgehen?5 Der Red⸗ ner erklärte nochmals, ſeine Handthierung ſey davon ganz verſchieden, er ſey ein armer Schuhflicker und habe in ſeinem ganzen Leben keine Uhr beſeſſen— es gäbe dafür Leute, die es gut verſtänden, und deren Geſchäft es ſey; er ſelbſt werde nur das Werk zerſtören und alles in Ver⸗ wirrung bringen.— Nun deun, mein vortrefflicher Mei⸗ ſter,„ ſchrie Peter und ſah ihm ins Geſicht, daß der arme Schuſter in ein Mausloch hätte kriechen mögen— cdu unterſtehſt dich, in Regierungsſachen drein zu reden — eine künſtliche Maſchine reguliren, corrigiren, ausbeſ⸗ ſern, flicken zu wollen, deren Bau über deinen Horizont geht und deren einfachſtes Wirken zu ſein für deinen Verſtand iſt; und du kannſt nicht einmal einen kleinen Fehler in einem bekannten Mechanismus verbeſſern, deſſen ganzes Geheimniß offen vor Augen liegt?— Fort mit dir zum Leder und Leiſten, die deinen Kopf ganz gut repräſentiren; flicke deine Schuhe und begnüge dich mit dem Amt, wozu dich der Himmel ausgerüſtet hat.— „Aber wofern ich„ hier erhob er die Stimme, daß die Stube dröhnte, ⸗wofern ich dich oder einen deines Ge⸗ — 234— lichters treffe, der ſich wieder mit Regierungsſachen zu thun macht, ſchinde ich den Bankart bei lebendigem Leibe und laſſe Trommeln mit ſeinem Fell beziehen, daß er⸗ auch einmal einen nützlichen Laͤrm macht!* Dieſe Drohung und die fürchterliche Stimme, mit der ſie geſprochen wurde, machte die ganze Verſammlung ſtumm vor Entſetzen. Dem Redner ſtieg das Haar zu Berge, grade wie die Borſten ſeiner Sau im Stall da⸗ heim, und kein Held vom Fingerhut, der zugegen war, hatte noch ein Herz im Leibe und wäre gern durch ein Nadelöhr entwiſcht. t g Hr kh we. Obgleich nun dieſe Maßregel augenblicklich den ge⸗ wünſchten Erfolg hatte, ſo verminderte ſte doch ſehr die Popularität des großen Peter bei der aufgeklärten Volks⸗ maſſe. Viele klagten ihn an, er habe zu ariſtokratiſche Geſtnnungen und räume den Patriziern zu viele Gewalt ein. Es lag hierin einige Wahrheit, denn er hatte ein ſtolzes ſoldatiſches Anſehen und war etwas eigen in ſei⸗ ner Kleidung; wenn er keine Uniform trug, erſchien er in einfachen aber reichen Kleidern; ſein wirkliches Bein, an ſich ſtattlich, ſtack in einem rothen Strumpf und in einem Schuh mit hohem Abſatz. Obgleich ein Mann von großer Sitteneinfalt, war er doch ſo eigen geartet, daß er rohe Vertraulichkeit zurückſcheuchte, während er freier und geſelliger Annäherung ziemlich offen war. Er beobachtete zugleich eine Art Hofetikette. Die gemeinen Beſucher empfing er unter der Vorhalle ſeines Hauſes, nach der Gewohnheit unſerer niederländiſchen — 235— Vorfahren. Wenn er förmlichere Beſuche in ſeinem Wohn⸗ zimmer annahm, erwartete er, daß man mit reiner Wä⸗ ſche erſchien, auch nicht barfuß oder mit dem Hut auf dem Kopf. Bei ſeierlichen Gelegenheiten kam er in ei⸗ ner pompöſen Equipage daher und fuhr immer in einem gelben Wagen mit rothen flammenden Rädern zur Kirche. Dieſe Spmptome von Vornehmheit verurſachten viele Unzufriedenheit bei dem gemeinen Mann, der bei dem vo⸗ rigen Gouverneur ganz ſchlicht daran war; aber Peter Stuyveſant ließ ſich das nicht irren. Er hatte gefunden, daß ſie mit Wilhelm dem Eigenſinnigen, ſo popular er war, doch eigentlich Schindluder geſpielt hatten, und machte ſich daher gern rar. Achtung und Glauben iſt von einer glücklichen Regierung unzertrennlich wie von der Religion. Es iſt gewiß von höchſter Wichtigkeit, daß ein Land durch weiſe Leute regiert wird, aber eben ſo wichtig iſt es, daß dieß Volk ſie auch für weiſe hält; dann nur dieſer Glauben kann willigen Gehorſam erzeu⸗ gen. Um daher dieſes Vertrauen zu bewirken, muß das Volk die Regierenden ſo wenig als möglich ſehen. Wer Zutritt zu den Cabinetten erhält, erfährt bald, mit wie wenig Weisheit die Welt regiert wird.— 6 und ſo hielt Stuyveſant auf Entfernung des Volkes, auf Schweigſamkeit über ſeine Pläne und Maßregeln. Da er nie ſeine Gründe über die Dinge, die er vornahm, ausſprach, ſo hielt man dieſelben immer für ſehr tief er⸗ wogen. Jede ſeiner Bewegungen, wie unwichtig auch und vielleicht zufällig, wurde Gegenſtand des Nachdenkens, — 236— und ſelbſt ſein rother Strumpf erweckte Reſpect, da er von den Strümpfen der anderen Menſchen verſchieden war. In dieſe Tage müſſen wir denn auch den Urſprung des Familienſtolzes und Ariſtokratismus verlegen. Das Blut der unvermiſchten Nachkommen der Van Renſel⸗ laers, der Van Zandts, Van Hornes, Rutgers, Ben⸗ ſons, Brinkerhoffs, Schermerhornes, und aller ächten Abkömmlinge der alten Pavonier muß wohl ein edles ſeyn, und daher ſind dieſe Familien der einzige legitime Adel des Grunds und Bodens, ſeine eigentlichen Herren. — Mit Fleiß erinnere ich hieran, weil ich mit Beküm⸗ merniß wahrgenommen habe, wie manche jener großen Familien durch neuere Emporkömmlinge verdrängt und über die Achſeln angeſehen werden, von Leuten, die auch von Familie ſeyn wollen, und wie? Wenn ſie von ih⸗ rem Vater ohne Demüthigung reden können, nehmen ſie eine wichtige Miene an, wenn aber ſo von ihrem Groß⸗ vater, ſind ſie aufgeblaſen; wenn ſie denn gar vom Urgroß⸗ vater ohne Erröthen ſprechen können, iſt es vor Hoch⸗ muth und Prätenſionen gar nicht mehr auszuhalten.— Gott ſtehe uns bei! welcher Unterſchied iſt doch zwiſchen dieſen Pilzen von einer Stunde und von einem Tage! Doch nach allem Voraufgegangenen darf man nicht ſchließen, daß Peter Stuyveſant ein Tyrann geweſen, der ſeine Holländer mit eiſerner Ruthe gepeitſcht habe, im Gegentheil, überall wo Würde und Autorität nicht mit im Spiel waren, floß er von Großmuth und Freund⸗ lichkeit über. Indem er das Volk von jenem bewußten — 237— Taumelbecher zurückhielt, beförderte er⸗ ihre Ruhe und Zufriedenheit ungemein, er machte ſie dadurch aufmerk⸗ ſamer auf ihren Beruf und auf echtes Familienglück. Weit entfernt von ſauertöpfiſcher Strenge im Leben, freute er ſich vielmehr, die Armen und die Arbeitſamen auch einmal vergnügt zu ſehen, und zu dem Ende begün⸗ ſtigte er ſehr die Feiertagsbeluſtigungen. Unter ſeiner Regierung wurde zuerſt die Sitte der Haſeneyer auf Weihnachten und Oſtern eingeführt. Auch der Neujahrs⸗ tag mußte ſeine Tollheiten haben und mit Glockenläuten und Mordſchlägen gefeiert werden. Jedes Haus war der Tempel des Gottes der Freude— Oceane von Kirſchen⸗ geiſt, echten Holländer und Aepfelwein wurden losgelaſ⸗ ſen, und kein Mann war in der ganzen Stadt, der nicht ſeine Ehre darein geſetzt hätte, betrunken zu ſeyn, und zwar aus Sparſamkeit, da er bei dieſen Gelegenheiten Flüſſigkeiten genug für ein halbes Jahr einſog. Ein wahres Wohlbehagen hätte es jedem gemacht, den ritterlichen Peter zu ſehen, wie er unter den alten Bürgern und ihren Weibern ſo an Sonnabenden daſaß, unter den großen Bäumen, die ihre ſchattigen Aeſte über die Batterie ausbreiten, und zuſah, wie die jungen Män⸗ ner und Weiber im Grünen tanzten. Hier rauchte er ſeine Pfeife, riß ſeine Witze und vergaß die rauhe Schule des Kriegs in den ſüßen vergeßlichkeitſpendenden Feſten des Friedens. Gelegentlich nickte er den jungen Burſchen Beifall zu, die am ſchönſten dahinglitten und hüpften, und dann und wann gab er einem ſchmucken Mädchen, — 238— . 4 die es am längſten ausgehalten hatte, einen kräftigen Kuß in allen Ehren. Einſtens ward jedoch die Harmonie dieſer Vergnü⸗ gungen unterbrochen. Eine junge Vronw, die in der eleganten Welt großes Aufſehen machte und kürzlich erſt aus Holland gekommen war, erſchien in nicht mehr als— ſechs Röcken von der auffallendſten Kürze. Ein Ziſchen lief durch alle Reihen; die alten Damen fühlten ſich aufs Aeußerſte verletzt, die jungen errötheten und hatten gro⸗ ßes Mitleid mit dem armen Ding,» und ſelbſt der Gou⸗ verneur ward ein wenig verwirrt. Um das Erſtaunen der Verſammlung voll zu machen, unternahm ſie es im Laufe eines Tanzes, eine erſtaunliche algebraiſche Figur zu beſchreiben, die ſie von einem Tanzmeiſter in Rotter⸗ dam gelernt hatte. Entweder war ſie ſo lebhaft in der Bewegung ihres Fußes oder drang ein landſtreicheriſcher Ze⸗ phir ihr ſeine Dienſte auf, kurz bei einem brillanten Pas, der einen modernen Ballſaal entzückt hätte, ergab ſich eine ſehr unerwartete Ueberraſchung, wobei die ganze Geſellſchaft in große Verwunderung gerieth, einige ernſt⸗ hafte Mitglieder vom Lande nicht wenig aus der Faſ⸗ ſung kamen und der gute Peter ſelbſt, der ein ſehr ſitt⸗ ſamer Mann war, höchſt verdrießlich wurde. Die kurzen Weiberröcke, die ſeit den Zeiten Wilhelm Kiefts Mode geweſen waren, hatten lange ſeine Augen bekeidigt; und obwohl er ſich nie mit den Röcken der Damen zu ſchaffen machte, gab er doch ſogleich zu be⸗ denken, daß ſie gefaltete Säume bis zu den Füßen herab & — 239— haben ſollten. Auch befahl er, daß die Damen und auch die Herren keine anderen Pas beim Tanzen machen ſoll⸗ ten, als ſchottiſche und Walzer, endlich verbat er ſich unter Androhung ſeiner höchſten Ungnade, bei den jun⸗ gen Frauenzimmern, was man agraziöſe Stellungen ma⸗ chen» nannte. 4 Dieſes war der einzige Zwang, den er in ſeinem Le⸗ ben dem ſchönen Geſchlecht auferlegte, aber die Schönen betrachteten es als einen tyranniſchen Eingriff und wi⸗ derſetzten ſich mit dem wackern Geiſte, der ſich immer bei dieſem Geſchlechte zeigt, wenn man ſeine Freiheiten ge⸗ fährdet. Wirklich ſah Peter Stuydeſant am Ende ein, daß er die Sache nicht auf die Spitze treiben dürfe, wenn er nicht gewärtigen wolle, daß die Damen am Ende ohne Röcke erſchienen; er gab alſo, als ein geſcheuter Mann, der Erfahrung bei den Damen gemacht hat, nach und ließ ſte die Röcke tragen und die Sprünge machen, ſo hoch liei wollten. Zweites Kapitel. Wie Peter Stuyveſant von dem Raubgeſindel des Oſtens und von den Rieſen von Merryland ſehr beunruhigt wurde— und wie eine ſchwarze Verſchwörung in dem brittiſchen Cabinet gegen das Glück der Manhatto's ausbrach. Wir nähern uns jetzt der Kataſtrophe unſeres Wer⸗ kes und werden, wenn mich nicht alle Anzeichen trügen, eine Welt von Arbeit in den nächſten Kapiteln haben. — 240— 1 Es geht mit einigen Staatsgemeinden wie mit unru⸗ higen Menſchen, die eine beſondere Virtuoſität zeigen, in die Klemme zu gerathen; es ſind meiſt diejenigen, die am wenigſten wieder herauszukommen wiſſen. Dieſes kommt ohne Zweifel von der Stärke jener Staaten, die wir kleine Menſchen und Töpfe, leicht überlaufen. Wenn man bedenkt, daß die Provinz der Manhatten, ſo wichtig ſie auch für die Bewohner und für ihren Ge⸗ ſchichtſchreiber iſt, doch in den Augen der übrigen Welt nicht ſo viel ſagen wollte, das heißt wenig Reichthum und ſonſt verſuchende Gegenſtände beſaß, um die Habgier zu reizen, bei Erwägung alles deſſen möchte man ver⸗ zweifeln, daß weder Schlachten, noch Blutvergießen, noch andere wichtige Dinge hier wahrzunehmen ſind. Aber Geduld, lieber Leſer, die Provinz zog ſich Feinde genug zu, mußte ſich gewaltig mit ihnen herumkampeln und ward eine recht beklagenswerthe arme kleine Provinz; doch dieſes ließ der Himmel ſicher nur darum zu, damit ihr Schickſal noch einen erhabeneren Schwung erhalte. Ich will nicht in die Details eingehen, welche die Ruhe der Niederlande untergruben. Genug ſey es zu ſagen, daß die unverſöhnliche Feindſchaft der Bewohner des Oſtens und der Amphictyonen endlich doch ausbrach und ſich in tauſend Häkeleien an den Gränzen kund that, die mit Nomadenzügen, ſamt Töpfen und Keſſeln, im Gebiet der Neuen Niederlande verknüpft waren, ſo daß ſich überall unſere Landsleute zurückzogen, wie die In⸗ dianer vor den Weißen.. — 241— Zugleich liefen von Mynheer Beckmann die traurigſten Nachrichten ein. Die dagelaſſenen ſchwediſchen Coloni⸗ ſten begannen allmaͤhlig, Zeichen von Meuterei zu geben. Was noch ſchlimmer war, einer Namens Fendal recla⸗ mirte das ganze Territorium als ein Eigenthum des Lord Baltimore. Dieſer Fendal war über die Colonie Maryland geſetzt, die anfänglich Narrenland hieß, weil ihre Bewohner nicht in der Furcht Gottes lebten und ſich mit Kräutertränken und Aepfelwein faſt den Ver⸗ ſtand wegſoffen. Er war ſo impertinent in ſeinen Forde⸗ rungen, daß er drohte, er wolle mit ſeiner Armee, die aus ſchreienden Gaſſenjungen von Maryland und aus fürch⸗ terlichen Rieſen beſtand, welche am Ufer des Susque⸗ hanna wuchſen, gegen ſie ziehen und die ganze Provinz South⸗River verwüſten. Als der große Peter dieſe traurigen Nachrichten er⸗ hielt, war er grade mit Dämpfung indianiſcher Unruhen bei Eſopus beſchäftigt. Er tröſtete Moynheer Beckmann und verſprach ihm ſchleunige Hülfe, wenn die Gefahr ſich vergrößern ſollte.— Aber es zeigte ſich keine weitere Gefahr. Fendal blieb mit ſeinen Leuten zu Hauſe und vergnügte ſich mit ihnen bei Kuchen, Speck und Kräu⸗ tertränken an Wettrennen und Hahnengefechten. 3 Während auch Peter Stuyveſant im Genuß des Frie⸗ dens in ſeiner Provinz von Ort zu Ort reiſ'te, um den inneren Frieden aufrecht zu halten und Beſchwerden ab⸗ zuſtellen, geſchah es, daß die Provinz durch das ſtets un⸗ geheuere Projecte brütende engliſche Cabinet bedroht Irving's Geſch. v. New⸗Pork. 16 4— 242— wurde. Seine Thaten am Delaware hatten an den Hö⸗ fen von Europa Larm gemacht und Englands Eiferſucht erweckt, wie ein alter Geſchichtſchreiber ſagt. Die Amphictyonen ſandten, ſo fährt dieſer zu erzäh⸗ len fort, Agenten, um den Beiſtand des brittiſchen Ca⸗ bints anzurufen. Lord Sterling machte ſeine Auſprüche auf Long⸗Island geltend, eben ſo Lord Baltimore auf South⸗River. Das unglückliche Manhattenreich war in großer Gefahr, wie Poland Stück für Stück nnter den Händen der Wilden zu enden. Aber während dieſe räu⸗ beriſchen Mächte die Krallen ſchärften und eben über das fette niederländiſche Territorium herfallen wollten, legte plötzlich der als Schiedsrichter ernſthaft daſitzende könig⸗ liche Löwe ſeine Tatze auf den Raub; es heißt nämlich: Se. Majeſtät Karl 11. habe, um aller Verwirrung ein Ende zu machen, einen langen Strich Landes in Nord⸗ Amerika, worin die Neuen Niederlande mit inbegriffen waren, ſeinem Bruder, dem Herzog von York, geſchenkt — ein wahrhaft königliches Geſchenk: denn nur große Monarchen haben das Recht, wegzuſchenken, was ihnen nicht gehört. Damit vieſe brillante Schenkung nicht bloß dem Na⸗ men nach erxiſtire, ließ Se. Majeſtät am 12. März 1664 eine Flotte auslaufen, um die Stadt Neu⸗Amſterdam zu Waſſer und zu Land anzugreifen und ſeinen Bruder in vollſtändigen Beſitz zu ſetzen.. So kritiſch ſtehen die Dinge mit den Neuen Nieder⸗ landen. Die ehrlichen Bürger, weit entfernt, ihr trau⸗ — 243— riges Loos zu ahnen, rauchen gemächlich ihre Pfeifen und denken an gar nichts, die geheimen Räthe der Provinz ſchnarchen, Peter, der alle Sorgen über ſich genommen hat, will ſich mit den Amphictyonen gut ſetzen, und wäh⸗ rend deſſen zieht in kleinen Wölkchen das fürchterliche Gewitter herauf, das dieſen nickenden Niederländern bald um die Ohren raſſeln und den Muth ihres hochherzigen Gouverneurs auf eine harte Probe ſtellen ſoll. Doch komme, was da mag— er wird ſich in allen Kämpfen als ein ritterlicher, untadeliger, hochherziger, bockbeiniger alter Gouverneur benehmen.— Vorwärts denn!— Erbleicht, ihr gütigen Sterne über der berühm⸗ ten Stadt Manhattan, und der Segen des heiligen Ni⸗ kolaus geleite deine Schritte, ehrlicher Peter Stuyveſant! Drittes Kapitel. Von Peter Stuyveſants Exvedition nach dem Oſten, wobei ge⸗ zeigt wird, daß er, obgleich ein alter Fuchs, ſich doch nicht vor Fallen zu hüten verſtand. Wie das Gold im Feuer erprobt wird, ſo die Natio⸗ nen im Elende.— Jetzt faßte unſer guter Peter Stuy⸗ veſant ein Project, das des edlen Ritters von La Mancha würdig geweſen wäre. Er wollte in eigner Perſon vor den Amphictyonen erſcheinen, in der einen Hand das Schwerd, in der andern den Oelzweig. Umſonſt ſtellten ihm ſeine geheimen Räthe die Gefahr vor Augen: es wirkte gerade ſo viel, als wenn man einen verroſteten 16*½ — 244— Wetterhahn mit einem zerriſſenen Blasbalg umdrehen wollte. Anton Van Sorkear wurde für den näͤchſten Morgen zur Abreiſe aufgeboten. Dieſer wackere Knappe war zwar mit den Jahren etwas ſteif geworden und fühlte ſich eigentlich glücklicher auf ſeinem Junggeſellen⸗Sitz Hoek, den er der Freigebigkeit ſeines Beſchützers ver⸗ dankte, indeſſen wäre er ihm doch bis ans Ende der Welt gefolgt und es ſtiegen ſo manche Erinnerungen an jene Oerter und ihre ſchönen Weiber in ihm auf, daß er ſich mit Lebhaftigkeit in die Tage ſeiner Bluͤthe zu-⸗ rück verſetzte. So brach denn dieſer Spiegel der Starrköpfigkeit mit ſeinem Trompeter auf und unternahm einen der gefähr⸗ lichſten Züge irrender Ritterſchaft. Umſonſt, edler Stuy⸗ veſant, habe ich dich nun aus allen Gefahren gerettet, habe die Tabacksdoſe, den demantnen Schädel, das Schnapskrüglein vorgehalten, ſo ſtürzeſt du dich muth⸗ willig in den Rachen der Gefahr— o hätte ich jetzt ein Kapitel aus der ſtillen Zeit Wonters Van Twiller vor mir, um darauf auszuruhen wie auf einem Federbett!— Doch auf, zu dem raſchen Ende unſerer Geſchichte! Und nun zieht die rothbackige Aurora, wie ein ſchmuk⸗ kes Stubenmädchen, die ſchwärzlichen Vorhaͤnge der Nacht aus einander, und hurtig ſpringt aus ſeinem Bett der liebliche rothhaarige Phöbus, verwundert, daß er ſo lange an der Seite ſeiner Dame Thetis geruht haben ſoll. Mit manchem kräftigen Fluch treibt er ſeine meſ⸗ 1 — 245— ſingfüßigen Rolle an und peitſcht ſie das Firmament hin⸗ auf, wie ein verſpäteter Kutſcher, der die Stunden wie⸗ der einholen will. Und nun ſah man dieſen Götterkerl, den hartnäckigen Peter, wie er einen dürren Zelter mit einem Beſenſchweif beſteigt und in ſeiner Uniform er⸗ glänzt, das meſſingſtrahlende Schwerd an der Seite, das an den Ufern des Delaware ſo große Thaten gethan. Siehe dicht hinter ihm ſeinen herzhaften Trompeter das ſteinerne Schnapskrüglein, welches den mäͤchtigen Ri⸗ ſing niedergeſchmettert, unter den Arm geſchlungen, die Trompete ſtolz in der rechten Hand, mit einem ſtattlichen Banner geziert, das den großen Biber von Manhattan vorſtellt. Siehe, wie ſie zuſammen aus dem Stadtthor reiten, wie ein alter Ritter mit ſeinem Knappen dicht an ſeinen Ferſen. Das Volk folgt ihnen mit den Augen und ruft manchen Abſchiedsgruß und guten Wunſch nach⸗ Lebe wohl, hardkoppig Piet! Lebe woht, ehrlicher An⸗ ton!— Reiſ't angenehm— kommt glücklich wieder! Du ſtolzeſter Ritter, der je ein Schwerd zog, du wackerſter Trompeter, der je auf Schuhleder trat! Spo zwoogen ſie durch das Bloemendael, ein reizendes ddylliſches Thälchen, mit wilden Bluͤthen geſchmückt, von reinen Bäͤchen erfriſcht, und hier und dort belebt durch einen freundlichen holländiſchen Weiler oder eine Hütte unter dem Schutz einer ſchroffen Anhöhe oder unter Bäu⸗ men verſteckt. Nun kamen ſie auf der Gränze von Connectient an, auf einem herzſchlächtigen, glasäugigen Apfelſchimmel; 1 — 246— wo ſie viele Beſchwerniſſe und Gefahren zu erdulden hat⸗ ten. An einer Stelle wurden ſie von einem Trupp Land⸗ beſitzer und Landſturmoberſten angefallen, die trefflich be⸗ ritten ſie eine Strecke verfolgten und mit Fragen und Muthmaßungen quälten, beſonders den würdigen Peter, deſſen ſilbernes Bein ſie nicht wenig in Verwunderung ſetzte. An einem andern Ort, unweit der berühmten 5 Stadt Stamford, hielt ſie eine mächtige Legion von Kir⸗ chendiaconis auf, die ihnen gebieteriſch fünf Schillinge ab⸗ forderten, weil ſie am Sonntag reiſ'ten, und ſie als Ge⸗ fangene in eine benachbarte Kirche, deren Thuem aus den Bäumen hervorguckte, zu ſchleppen drohten; aber dieſe Hoffnung machte der ritterliche Peter gleich zu nichte, ſo daß ſie eilends ihre Stöcke beſtiegen und in ſtarker Verwirrung davon jagten, wobei ſie ſogar ihre dreieckigen Hüte im Stich ließen. Nicht ſo leicht entkam er einem liſtigen Mann von Pyquag, der ihm mit uner⸗ ſchrockener Hartnäckigkeit ſeinen ſchönen Beſenſchweif ab⸗ handelte und ihn dafär eine elende Naraganſet⸗Mähre beſteigen ließ. Dieſer Bedrängniſſe ungeachtet, ſetzten ſte ihren Weg munter an den Ufern des Connecticut fort, deſſen ſanfte Wogen durch manches fruchtbare Thal, durch manchen ſonnigen Plan dahinrollten, nun die erhabnen Thürme einer lebendigen Stadt, nun wieder die ländliche Schön⸗ heit eines Weilers ſpiegelnd, dort vom emſigen Bienen⸗ geſchwärm des Handels, hier vom heitern Geſang des Landmanns wiederhallend. 3 K 3 — 247— Bei jeder Stadt ließ Peter Stuyveſaut, der in den militäriſchen Gebräuchen ſehr pünktlich war, zum Gruß die Trompete blaſen, welches indeſſen die Bürger der gu⸗ ten Städte ſehr erſchreckte, da ſeine Thaten am Dela⸗ ware durch den Oſten kund geworden waren und ſie ſeine Rache für ſo manche Unbill fürchteten. Aber der gute Peter ritt lächelud durch die Städte und grüßte gar gnä⸗ dig und herablaſſend mit der Hand, denn er hielt die Lumpen, die dieſe erfinderiſchen Leute in die zerbrochenen Scheiben geſteckt hatten, und die langen Kränze von Schnitzen und Hutzeln vorn an den Häuſern für Decora⸗ tionen ihm zu Ehren, wie in den Ritterzeiten das Aus⸗ legen von koſtbaren Teppichen und Feſtguirlanden gebräuch⸗ lich war. Das ſchöne Geſchlecht begrüßte ſein Kommen an den Thüren; die kleinen Kinder liefen ihnen in Schaa⸗ ren nach und verwunderten ſich über ſeinen kriegeriſchen Schmuck, ſeine ſchwefelgelben Hoſen und ſein Silberbein, und manches kräftige Weibsbild ſchaute ſchalkhaft nach dem muntern Van Corlear hinüber, den ſie ſeit jener Botſchaft an die Amphictyonen, wo er durch ihren Ort kam, nicht vergeſſen konnte. Der gutmüthige Anton ſtieg von ſeinem Apfelſchimmel, umarmte eine nach der andern mit großer Herzlichkeit und freute ſich, eine Schaar kleiner Trompeter zu ſehen, die ſich um ihn drängten, um ſeinen Segen zu erhalten; jedem gab er einen Klaps auf den Kopf, ſagte ihm, er ſolle ein braver Junge werden, und ſchenkte ihm einen Heller, um ſich Kochzucker dafür zu kaufen. 1 — 248— Das Stuypeſant'ſche Manuſcript meldet weiter nichts über den Ritt, außer daß die Amphictyonen den Ritter mit großer Höflichkeit aufnahmen und ihn mit Kompli⸗ menten und Geſchwätz faſt todt machten; es ging wie im⸗ mer, man ſprach viel und that wenig; eine Rede gab die. andre; eine Conferenz brachte Verwicklungen, zu deren Auflöſung zehn andre nöthig waren, bis nach der letzten die Partheien gerade ſo weit waren, wie am Anfang, außer daß ſie ſich in viele Fragen über die Etikette ver⸗ wickelt hatten und einander freundſchaftlich beargwohnten, welches die folgenden Negociationen ſehr fördern mußte. Mitten in dieſen Verwirrungen bekam der herzhafte Peter Wind von den ſchwarzen Plänen des engliſchen Cabinets. Hierzu kam eine Nachricht zum Schlagtreffen, daß nämlich bereits ein feindliches Geſchwader von Eng⸗ land unterwegs ſey, um die Provinz der Neuen Nieder⸗ lande zu unterjochen, und der große Rath der Amphic⸗ tyonen durch das Vorrücken einer großen Landarmee Mit⸗ wirkung leiſten wolle. Unglückſeliger Peter! habe ich es nicht vorausgeſehen, als du auszogſt ſo edel und unbedacht mit deinem un⸗ biegſamen Kopf, deiner ehrlichen Zunge, deinem unbe⸗ fleckten Gewiſſen und roſtigen Schwerd, und nur von dei⸗ nem heiligen Nikolaus beſchützt, nur von einem Trompe⸗ ter begleitet, gegen die ganze gewürfelte Macht Neu⸗Eng⸗ lands zu Felde zu ziehen wagteſt! 3 O wie raſ'te der heftige alte Krieger, als er ſich unn in der Falle ſah, wie ein Löwe, der ins Netz des Jägers —— — 249— geraäth. Wie zog er ſein betrautes Schwerd und wollte ſich durch alle Länder des Oſtens einen Pfad bahnen. Wie ſchwor er den Amphictyonen Verderben und jeder MNutter Kind den Tod. Endlich, als er ſich abgekühlt hatte, zog er doch vor, ſich ganz ſtill und klug zu be⸗ nehmen. 1b Er verbarg dem Rath ſeine Mitwiſſenſchaft und ſandte eiligſt einen zuverläſſigen Boten an den Magiſtrat von Neu⸗Amſterdam, warnte ihn vor der Gefahr und befahl die ſchleunigſte Inſtandſetzung der Vertheidigungsmittel, wahrend er den Feind hinhalten und dann zum Beiſtand hinzueilen wolle. Dieß vom Nacken, fühlte er ſich aus⸗ nehmend erleichtert, ſtieg langſam auf, ſchüttelte ſich wie ein Rhinoceros und ging aus ſeiner Höyle, wie in der ritterlichen Geſchichte der Weg des Pilgers» der Rieſe Verzweiflung aus dem Schloſſe des Zweifels heraustritt. und nun muß ich leider unſern ritterlichen Peter in der drohenden Gefahr verlaſſen und zuſehen, wie es in Neu⸗Amſterdam hergeht, wo alles in großem Tumult ſeyn wird. Viertes Kapitel. Wie das Volk von Neu⸗Amſterdam einen großen Schrecken bekam, und wie es ſich gegen den drohenden Einfall zu ſchirmen ſuchte. 3 Wie bei einer großen Feuersbrunſt alles hin und her läuft, kopfüber, kopfunter ſchreit und lärmt, die Sturm⸗ — 250— glocken läuten, die Eimer fliegen, dem in die Stiefel, jenem über die Kleider, die Leitern angelegt und da Kam⸗ mergeſchirre geſichert werden, als ſeyen es Geldtöpfe, dort Spiegel aus den Fenſtern fliegen, um ſte vom Untergang zu retten, während alle, die nicht ſelber helfen können, durch die Straßen laufen und Feuer! Feuer! Feuer! brül⸗ len:— ſo ſtand die Stadt Neu⸗Amſterdam in geſchäfti⸗ ger Eile, als die Jammernachricht von ihrem Gouver⸗ neur eintraf. Als man nach Sinope die Nachricht brachte, daß Phi⸗ lipp ſie anzugreifen komme, und alles im Aufruhr war und lärmend Hülfe ſchaffen wollte, war Diogenes der ein⸗ zige Mann, der nichts zu thun fand. Er ſchürzte ſein Gewand und rollte ſein Faß mit aller Emſigkeit im Gym⸗ naſtum auf und ab. So brachte auch in Neu⸗Amſter⸗ dam jeder Mutter Sohn die Stadt mit unnützer Arbeit in Verwirrung und Aufruhr. «Alles lief zu den Waffen,v» heißt es im Stuyve⸗ ſant ſchen Manuſcript; das iſt ſo zu verſtehen, daß nun Niemand in die Kirche oder auf den Markt zu gehen wagte, ohne daß ein Schwerd an der Seite oder eine Vogelflinte von der Schulter hing, und ohne daß man Nachts eine Laterne bei ſich führte, auch Niemand um die Ecke ging, wenn er nicht vorſichtig den Hals hervor⸗ geſtreckt hatte, um zu ſehen, ob keine brittiſche Armee gegangen käme. Stoffel Brinkerhofd, den die alten Wei⸗ ber für einen eben ſo tapfern Mann hielten, wie den Gou⸗ verneur, ſtellte wirklich zur Vorſicht zwei Katzenköpfe, — — 251— ſcharf geladen, vor die beiden Eingänge des Hauſes, den einen hinten und den andern vorn heraus. Aber das Beſte von Allem war, daß man wieder Volksverſammlungen hielt. Hier wurde ausgemacht, daß man der erleuchtetſte, der würdigſte, der furchtbarſte und der älteſte Staat auf Erden ſey. Als dieſer Beſchluß einmüthig durchging, wurde ſogleich ein andrer vorge⸗ ſchlagen: ob es nicht möglich ſey, Großbritannien zu ver⸗ nichten? Neunundſechzig Mitglieder ſtimmten dafür und nur ein einziges warf einige beſcheidne Zweifel auf— dieſes Mitglied wurde zur Strafe für ſeine verrätheriſche Geſinnung ſogleich gepackt, getheert und gefedert, wel⸗ ches ſo viel ſagen wollte, als bei den Römern vom Tar⸗ pejiſchen Felſen geſtürzt zu werden; man betrachtete ihn aus der bürgerlichen Geſellſchaft ausgeſtoßen und ſeine Meinung ward der tiefſten Verachtung preisgegeben. Da alſo die Frage einſtimmig bejaht war, ſo wurde ſie dem Rath zum Geſetz empfohlen, welches derſelbe auch erge⸗ hen ließ. Durch dieſe Maßregel waren die Herzen er⸗ ſtaunlich ermuthigt, und gewannen viel Galle und Kraft. Jetzt war auch der erſte Fieberparorismus vorüber. Die alten Weiber hatten alles Geld vergraben, welches ſie habhaft werden konuten, und die Männer vertranken das übrige— damit ſtand nun der Staat plötzlich in der Offenſive. Man machte holländiſche Lieder zu Dutzenden und ſang ſie auf den Straßen; die Engländer wurden darin gottesläſterlich getroffen und keinem Einzigen Par⸗ don gegeben; es erſchienen endlich Volksadreſſen, worin — 252— ein für allemal bewieſen war, daß das Schickſal von Alt⸗ England nun lediglich von dem Gutdünken der Stadt Neu⸗Amſterdam abhänge! um endlich England den Todesſtoß zu geben, verſam⸗ melten ſich eine Menge der erleuchtetſten Einwohner und machten aus den engliſchen Manufacturen, die ſie zuſam⸗ mengekauft hatten, ein ungeheures Feuer; in der patrio⸗ tiſchen Begeiſterung des Augenblicks riß Jeder, der einen engliſchen Hut oder dergleichen Beinkleider hatte, dieſe ab und warf ſie in die Flammen, zum unwiederbringli⸗ chen Schaden, Verluſt und Ruin der engliſchen Fabriken. Um das Andenken an dieſe große That zu verewigen, er⸗ richteten ſie einen Pfahl an der Stelle, oben mit einer ſymboliſchen Zeichnung, welche die Provinz der Neuen Niederlande vorſtellte, wie ſie Großbritannien tödtet; es war das Bild eines Adlers, der die kleine Inſel Alt⸗ England aus der Erdkugel herauspickt, aber durch Unge⸗ ſchicklichkeit des Kuͤnſtlers ſah er eher einer Gans ahnlich, die ſich vergeblich eines großen Klöſes zu bemächtigen ſtrebt.*) 3 ⁴ *) Dieſes iſt gegen die unſinnigen Vorgänge des Volkshau⸗ fens zu Baltimore bei einer politiſchen Erbitterung ge⸗ richtet. Viele unter ihnen waren Irländer 1 . d. Vf. Fuͤnftes Kapitel. Wie der große Rath der Neuen⸗Niederlande wunderbax mit langen Zungen begabt wurde, und wie die Oekonomie einen großen Triumph feierte. Es bedarf wohl keines großen Nachdenkens bei denen, welche den Charakter und die Gewohnheiten jenes mäch⸗ tigen und lärmenden Monarchen, des ſouverainen Vol⸗ kes, kennen, um zu entdecken, daß ungeachtet alles die⸗ ſes Lärms und Kriegsgeſchreies, die berühmte Siah Neu⸗ Amſterdam nun nicht um ein Haar beſſer gerüſtet war, als zuvor. Wiewohl das Volk, als die erſte Angſt ver⸗ flogen und kein Feind vor den Thüren war, gefunden hatte, daß ſie die bravſte Macht unter der Sonne ſeyen, ſo hegten doch die geheimen Räthe Peter Stuyveſants daruͤber einige Zweifel. Sie fürchteten ſogar, der ge⸗ ſtrenge Held werde zurückkommen und finden, daß ſie, ſtatt ſeinen Befehlen zu gehorchen, ihre Zeit mit Anhö⸗ ren des herzhaften Pöbels verſchwendet hätten, den er bekanntlich ſehr verachtete. Um daher die verlorene Zeit ſo gut als möglich wie⸗ der einzubringen, wurde ein großer Divan der Räthe und Burgermeiſter gehalten, um über den kritiſchen Zu⸗ ſtand der Provinz und die weiſeſten Maßregeln zur Ret⸗ tung zu berathſchlagen. Ueber zwei Dinge war dieſe ehrwürdige Verſammlung ſchlechterdings einig:— erſtens, daß die Stadt in Vertheidigungsſtand geſetzt werde; zweitens, daß keine Zeit verloren werden dürfe, da die — 254— Gefahr dringend ſey— und nun ging es über ein Re⸗ den und Streiten her, welches kein Ende fand. Um dieſe Zeit kam nämlich die Seuche, viel zu reden, auch über dieſes vorher ſo glückliche Land. Sie zeigt ſich überall, wo weiſe Männer verſammelt ſind, und entſteht, wie ei⸗ nige Phyſiker glauben, von der ſchlechten Luft, die ſich bei einer verſammelten Menge erzeugt. Nun auch führte man die Schätzung nach dem Stundenglas ein, und fand, daß der der weiſeſte Redner ſey, der am längſten über eine Sache geſprochen hatte. Derſelben Meſſung dürfen wir denn auch die Sitte unter den Niederländern zu⸗ ſchreiben, den Werth der Bücher nach ihrer Schwere zu beurtheilen. Die plötzliche Liebhaberei an endloſen Reden ſoll, wie einige Philoſophen nieinen, nebſt anderen barbariſchen Gewohnheiten, einer Anſteckung von den wilden Nach⸗ barn den Urſprung verdanken, die für lange Reden und Berathungs⸗Feuer bekannt ſind, auch nie eine Sache von einiger Wichtigkeit unternehmen, ohne ihre Häuptlinge und alten Männer darüber zu hören. Aber die eigentliche Ur⸗ ſache war, daß das Volk die Leute zum großen Rath lieber nach ihrer Fähigkeit, viel zu reden, wählte, als nach dem ſeltneren und wichtigeren Talent, den Mund zu halten. Es folgte daraus, daß dieſer Körper aus den Geſchwätzigſten zuſammengeſetzt war, und Jeder über al⸗ les mitredete, ob er es nun verſtand oder nicht. Es war eine alte Sitte, die Häuptlinge im Kriege ſo zu begraben, daß jeder Krieger ſeinen Schild voll Erde auf den Leich⸗ X —— — — 255— nam trug, bis ein großer Erdhügel daraus entſtand, ſo wurde auch hier durch das Quantum Weisheit, welches ein Jeder zutrug, der Berathungsgegenſtand am Ende glücklich begraben.. Jetzt erhoben ſich die alten Factionen der Langpfeifen und der Kurzpfeifen, die Peter Stuyveſant mit ſeinen herculiſchen Fäuſten faſt erwürgt hatte, mit zehnfacher Heftigkeit wieder. Die alten Partheiſtreitigkeiten waren längſt erloſchen, allein es iſt immer das Schickſal der Partheinamen geweſen, daß ſie die Leute noch lange, nachdem ihre Bedeutung aufgehört hatte, zur Wuth reiz⸗ ten. Um die allgemeine Verwirrung voll zu machen, wurde das verhängnißvolle Wort Oekonomie, das ſchon unter Wilhelm dem Eigenſinnigen zu Grabe getra⸗ gen war, im Rathe von Neu⸗ Amſterdam wieder flott, wie der Apfel der Zwietracht im Saal der Götter— nach welchem heilſamen Grundſatz man lieber zwanzig⸗ tauſend Gulden für einen ſchlechten Bertheidigungsplan zum Fenſter hinauswarf, als für einen guten dreißigtau⸗ ſend Gulden ausgab— indem ſo die unrovins reine zehn⸗ tauſend Gulden ſparte. 4 Als es aber über die Bertheidigung zu Debatten kam, gab es einen Zungenkrieg, der nicht beſchrieben werden kann. Was von einem Langofeifen vorgeſchlagen war, wurde natürlich von der ganzen Reihe der Kurz⸗ pfeifen verworfen, die es als ihre erſte Pflicht anſahen, den Sturz der Langpfeifen zu bewirken, als ihre zweite, ſich auf den Thron zu ſchwingen, und als dritte, das — 256— das Glaubensbekenntniß der aufrichtigen Partheigänger; mit entſcheiden.. Bei dieſer großen Colliſton harter Köpfe muß man es bewundern, daß unter ſo vielen Vertheidigungs⸗Pro⸗ ßer in den ganz neuen Zeiten, Projecte, die das Wind⸗ mühlenſyſtem des ſcharfſinnigen Kieft weit hinter ſich lie⸗ ßen. Dennoch konnte man ſich über kein einziges ent⸗ Luftſchlöſſer hin, ſo wurden ſie von der anderen ſogleich wieder zerſtört. Der einfältige Pöbel ſtand in ängſt⸗ licher Erwartung des großen Eies, das nach dieſem vie⸗ leu Gakeln zum Vorſchein kommen ſolle, aber ſie ſahen umſonſt danach, denn es ſchien, als ob der große Rath Zunge bedeckte. Zwar gab es auch eine Anzahl von ehrenwerthen Mit⸗ gliedern, fette, reiche, ſelbſtbewußte alte Buͤrger, die ihre Pfeifen rauchten und gar nichts ſagten, außer daß ſie jeden Plan, der in Vorſchlag kam, verwarfen. Sie . glichen mit ihrer Ruhe nach aufgehäuften Reichthümern 2 der phlegmatiſchen Auſter, die eine Perle ausgeſtoßen hat und damit die Schale ſchließt, ſich im Schlamm wohn⸗ lich macht, und eher dem Leben als ihrem Schatz Valet ſagt. Jeder Plan ſchien dieſen würdigen alten Herren verder⸗ Wohl des Landes zu ſördern. Dieſes war eigentlich nur die große Menge aber ließ die dritte Ruͤckſicht gar nicht jecten keins zu finden war, das ſchon eriſtirt hätte, au⸗ 3 ſcheiden. Baute die eine Parthei eine ſtattliche Reihe entſchloſſen ſey, die Provinz zu ſchützen, wie der edle Rieſe Pantagruel ſelne Armee— indem er ſie mit ſeiner benbringend zu ſeyn. Eine bewaffnete Armee nannten ſie ein Heuſchreckenheer, welches den Staatsſchatz auffreſſe— eine Kriegsrüſtung zur See war das Geld ins Meer geworfen,— Feſtungen bauen, hieß bei ihnen, das Geld in den Koth begraben. Kurz ſie hatten die Marxime, wenn nur die en voll ſeyen, wie arg ſie auch dabei geprägelt wuͤrden. Ein Tritt läßt keine Narbe zurück— Löcher im Kopf heilen ſchon von ſelbſt— aber ein ſchwind⸗ füchtiger Geldbeutel iſt von allen Patienten der ſchlimmſte, da die Natur nichts für ihn gethan hat. Auf dieſe Art verſchwendete die Verſammlung von Weiſen die Zeit, wo ſchlennige Vereinigung dringendes Erforderniß war, über welchen Umſtand ſie allerdings ſehr einig waren. Endlich hatte der heilige Nicolaus Erbarmen mit ihrer Noth, und bekümmert, daß ſie nicht in Anarchie verfielen, fügte er es ſo, daß mitten in ei⸗ ner ihrer ſtürmiſchſten Debatten über Befeſtigungs⸗ und Vertheidigungs⸗Anſtalten, wuhrend ſie ſich faſt ſchon bei den Köpfen kriegten, weil ſie einander nicht überzeugen konnten, die Frage durch einen Boten abgeſchnitten wurde, der mit der Nachricht ins Zimmer ſtürzte, daß die ſeind⸗ liche Flotte angekommen ſey und ſich der Bai nähere! Nun waren ſie der Nothwendigkeit, ſich zu befeſtigen und mit einander zu ſtreiten, gänzlich enthoben, und dem großen Rath wurden eine Menge Worte, der Provinz eine Menge Koſten geſpart— ein ſehr glorreicher, ein unbedingter Triumph, den die Oekonomie davontrug! Irvin'gs Geſch. v. New⸗York, 81 Sechſtes Kapitel. Worin die Verwirrungen von Neu⸗Aumſerdam immer dicker werden, und die Kühnheit eines Volkes gezeigt wird, das ſich in Zeiten der Gefahr durch Entſchloſſenheit zu vertheidigen weiß⸗ Wie eine Verſammlung von muſikaliſchen Katzen, die ſich unter den ſchönſten Klagetönen und Maunzereien mit fürchterlichen Grimaſſen anſehen, einander ins Ge⸗ ſicht ſpeien, jeden Augenblick bereit ſind, in ein allgemei⸗ nes Geohrfeige und Katzbalgen überzugehen, aber plötz⸗ lich bei der Erſcheinung eines Haushundes in Verwir⸗ rung gerathen und die Flucht ergreifen: ſo auch war der gleich wohllautvolle Rath von Neu⸗Amſterdam erſtaunt, entſetzt und auseinandergejagt, als er die plötzliche Nach⸗ richt von der Ankunft des Feindes erhielt. Jedes Mit⸗ glied eilte ſich, nach Hauſe zu kommen und wackelte ſo gut, als die kurzen Beine unter der ſchweren Laſt ar⸗ beiten konnten, ſchnaufend vor Anſtrengung und Schrek⸗ ken. Als er in ſeinem Schlößchen angekommen war, verrammelte er die Hausthür, verſenkte ſich in den Aepfel⸗ weinkeller, und wagte nicht herauszuſehen, aus Furcht, ſein Kopf möge von einer Kanonenkugel meggeriſſen werden. Das ſouveraine Volk verſammelte ſich auf dem Markt⸗ platz, aneinandergedrängt wie eine Heerde Schaafe, wo immer eins hinter dem Rücken des Andern Schutz ſucht, wenn Schäſer und Hund abweſend ſind und der Wolf um die Hürde ſtreicht. Aber weit entfernt ſich Muth zu machen, ſahen ſie zum Erbarmen aus. Jeder blickte kläg⸗ lich ſeinen Nachbar an, um in ſeinem Geſicht den Muth zu ſuchen, fand aber in den dort gezeichneten jammer⸗ vollen Linien nur die Beſtätigung des eigenen Eleudes. Kein Wort wurde jetzt davon gehört, daß Großbrita⸗ nien erobert werden ſolle— und die alten Weiber ver⸗ mehrten die Melancholie der Scene durch jammerndes Heulen über ihr Loos und durch Stoßſeufzer an den heiligen Nicolaus und Peter Stuyveſant. O wie beklagten ſie die Abweſenheit des löwenherzi⸗ gen Peters und wie ſchmachteten ſie nach der tröſtlichen Gegenwart des Anton Van Corlear! Eine düſtere Un⸗ gewißheit ſchwebte über dem Schickſal dieſer abentheuer⸗ lichen Helden. Ein Tag nach dem andern war verſtri⸗ chen, ſeit der Gouverneur ihnen die erſchreckende Nach⸗ richt gegeben hatte, ohne daß weitere Zeitungen über ſeine Perſon nachfolgten. Manche traurige Vermuthung äußerte ſich über ſein und ſeines treuen Knappen Schick⸗ ſal. Hatten die Canibalen von Marblehead und Cap Cod ſie lebendig verſchlungen?— hatten die Amphictyo⸗ nen ſich ihrer bemächtigt?— hatten die furchtbaren Be⸗ wohner von Pyauag ſie mit ihren Zwiebein erſtickt?— Nitten in ihrer Angſt und Verwirrung, als der Schrek⸗ ken wie ein großer dicker Alp auf der kleinen, fetten, vollblütigen Stadt Amſterdam lag, wurde das Ohr der Menge plötzlich von einem ſeltſamen entfernten Ton ge⸗ troffen— er näherte ſich— er wurde immer lauter— 17 1 — 260— und nun hallte er im Stadtthor wider. Sie hatten ſich in dem wohlbekannten Tone nicht geirrt.— Ein Freu⸗ denſchrei brach von allen Lippen, es war der ritterliche Peter, der von Staub bedeckt mit ſeinem getreuen Trom⸗ peter auf den Marktplatz geritten kam. Als der erſte Wahnſinn der Freude vorüber war, ſammelten ſie ſich um den ehrlichen Van Corlear, wie er vom Pferde ſtieg, und überhäuften ihn mit Grüßen und Glückwünſchen. In athemloſer Eile erzählte er ihnen die wunderbaren Abenteuer, die er mit ſeinem Herrn durchge⸗ macht, und wie ſie aus den Klauen der fürchterlichen Amphietyonen entronnen ſeyen. Es wird hier hinreichen, zu ſagen, daß der ritterliche Peter Stuyveſant ängſtlich in ſeiner Seele erwog, wie er mit Ehren entrinnen möge, als einige der Schiffe, die das Manhattenland erobern ſollten, an den öſtlichen Häfen hielten, um Vorräthe ein⸗ zunehmen und den großen Rath des Bundes zur ver⸗ ſprochenen Mitwirkung aufzufordern. Dieſe Gelegenheit benntzte der wachſame Peter zu einer eiligen heimlichen Flucht; doch ſchmerzte es ſeine edle. Seele ſehr, daß er einer feindlichen Nation den Rücken kehren mußte. Es gab manches knappe Durchkommen und manche Gefahr, als er ſo, ohne Trompetenſtöße, durch die ſchönen Regio⸗ nen des Oſtens flog. Das Land war ſchon in lebendiger Kriegsrüſtung begriffen, und ein großer Umweg ſollte gemacht werden, wo ſie durch das Waldgebirg, des Teu⸗ fels Rückgrat, ſich hindurch ſchleichen mußten. Von da ſprang der ritterliche Peter eines Tages wie ein Löwe —— ——— ———— — 261— hervoy und ſchlug eine ganze Legion Sauatters in die Flucht, drei Generationen einer fruchtbaren Familie, die eben im Begriff waren, von einem Eck der Neuen Nie⸗ derlande Beſitz zu nehmen. Den getreuen Anton koſtete es große Ueberwindung, nicht zuweilen mit blankem Schwerd aus dem Hinterhalt der Berge einen Ausfall auf einige Gränzſtädte zu machen, wie ſie ihren ſchmuh⸗ beinigen Landſturm exercirten. Das erſte, was der Gouverneur that, als er ſein Haus erreichte, war, daß er aufs Dach ſtieg und von da mit traurigem Blick das feindliche Geſchwader betrachtete. Dieſes lag ſchon in der Bai vor Anker und beſtand aus zwei gewaltigen Fregatten, die dreihundert tapfere Roth⸗ röcke an Bord hatten. Nachdem er dieſen Ueberblick ge⸗ nommen, ſetzte er ſich nieder und ſchrieb dem Comman⸗ danten einen Brief, den dieſer nicht hinter den Spiegel ſteckte, worin er ihn um die Urſache ſeines Ankerwerfens ohne vorgängige Erlaubniß, befragte. Dieſer Brief ſoll zwar ſehr artig geſchrieben geweſen ſeyn, doch biß er da⸗ bei, wie ich für gewiß erfahren habe, die Zähne zuſam⸗ men und machte ein Geſicht, das ſehr bitter lächelte, ſo lange er an dem Brief ſchrieb. Nach Abſendung des Schreibens hinkte der grimmige Peter mit einem ſchr kriegeriſchen Geſicht in der Stadt umher, die Hände in den Hoſentaſchen, eine niederländiſche Pſalmenmelodie zwi⸗ ſchen den Zähnen brummend, die nicht wenig der Muſik des Nordoſtwindes beim Ausbruch eines Sturmes glich. Die Hunde ſlohen vor Schrecken, als ſte ihn erblickten; — 262— uͤberall auf der Ferſe nach und heulten um Beiſtand und Rettung vor den Mördern, Räubern und Entführeru! Die Antwort des Oberſten Nichols, der die Expedi⸗ tion der Eindränger commandirte, war in gleich artigen Ausdrücken abgefaßt: daß Seine britiſche Majeſtät Rechte und Anſprüche auf die Provinz habe, daß die Niederlänk der bloße Zwiſchendränger ſeyen und daß die ſofortiile Uebergabe der Stadt und des Forts erfolgen müſſe, wo⸗ bei er Schutz und Sicherheit Allen verſprach, die ſich gutwillig der Krone England unterwerfen würden. Peter Stuyveſant las dieſe freundliche Epiſtel mit ei⸗ nem ſo luſtigen Geſicht, wie ein verdrießlicher Gutsbe⸗ ſcher, der ſich lange auf ſeines Nachbars Grund und Boden fett gemacht hat, den liebevollen Brief John Stiles, der ihn vor dem Hinauswerfen warnt. Aber der alte Gouverneur ließ ſich nicht ſo leicht aus der Faſ⸗ ſang bringen, ſondern ſteckte die Aufforderung in die Ho⸗ ſentaſche, ſtieg dreimal im Zimmer auf und ab, nahm mit großer Heftigkeit eine Priſe, ſchnippte gewaltig mit der Hand und verſprach am nächſten Morgen die Ant⸗ wort zu ſchicken. Mittlerweile berief er einen großen ſ Kriegsrath aus ſeinen geheimen Räthen und Burgermei⸗ ſtern, nicht um ſich ihren Rath zu erbitten, denn dieſen hielt er, wie ſchon geſagt, keinen Pfeifenſtiel werth, ſon⸗ dern um ihm ſeinen ſouverainen Willen kund zu thun— und ſeine ſchleunige Erfüllung zu fordern. Ehe er jedoch ſeinen Rath zuſammen rief, beſchloß er aber die alten Weiber von Neu⸗Amſterdam folgten ihm ————— — 263— drei Punkte: erſtens die Stadt nicht zu übergeben, ohne ein bischen gefochten zu haben; zweitens, daß die Mehr⸗ zahl ſeines Rathes aus Polterern ohne allen Halt be⸗ ſtehe; und drittens, daß er ihnen die Aufforderung des Oberſten Nichols nicht zeigen wolle, damit die guten Be⸗ dingungen ſie nicht ſofort zur Uebergabe verleiten möchten. Nachdem ſeine Befehle gehörig verkündet worden, war es ein jammeryoller Anblick, die noch jüngſt ſo ta⸗ pfern Burgermeiſter zu ſehen, die in ihren Reden das ganze brittiſche Reich zertrümmert hatten, wie ſie ängſt⸗ lich aus ihren Schlupfwinkeln guckten, dann vorſichtig herauskamen, ſich durch enge Gäßchen und Alleen drück⸗ ten, vor dem Klaffen jedes Hündchens zurückprallten, als wäre es eine Artillerieſalve, Laternenpfähle für engliſche Grenadiere hielten und in dem Uebermaß des Schreckens in den Pumpen furchtbare Soldaten ſahen, welche kurze Büchſen auf ſie anlegten. Als ſle jedoch, allen Gefahren und Schwierigkeiten zum Trotz, ohne den Verluſt eines einzigen Mannes und mit heiler Haut in dem Rathsſaal angekommen waren, nahmen ſie ihre Sitze ein und er⸗ warteten in bänglicher Stille die Ankunft des Gouver⸗ neurs. In wenigen Augenblicken hörte man das hölzer⸗ ne Bein des unerſchrockenen Peter in ſeinen regelmäßigen ſtolzen Stößen auf der Treppe. Die Thür flog auf und er erſchien in voller Uniform, ſeinen betrauten Toledo, nicht an der Seite hängen, ſondern über den Arm gelegt. Da der Gouverneur ſich nie auf dieſe Weiſe zeigte, außer wenn ſich etwas kriegeriſches in ſeinem Hirn — 264— bewegte, ſo ſahen ihn die Räͤthe mit Zagen an, als obin ſeinen eiſernen Zügen Feuer und Schwerd geſchrieben ſtehe, und ver⸗ gaſſen in athemloſer Erwartung ihre Pfeifen anzuzünden. Der große Peter war eben ſo beredt als tapfer. Beide ſeltene Eigenſchaften ſchienen in ſeiner Natur un⸗ zertrennlich verbunden; und den meiſten großen Staats⸗ männern unähnlich, deren Siege ſich auf das unblutige Feld der Argumente beſchränken, war er ſtets gerüſtet, ſeine kühnen Worte durch eben ſo kühne Thaten wahr zu machen. Seine Reden zeichneten ſich durch eine Einfach⸗ heit, die an Derbheit gränzte und durch ſehr kathegoxi⸗ ſche Beſtimmtheit aus. Er redete jetzt den Rath an und berührte kurz die Gefahren und Widerwärtigkeiten, wel⸗ che er erduldet, indem er ſeinen läſtigen Feinden entron⸗ nen ſey. Dann machte er dem Rath Vorwürfe über ſeine eitlen Debatten und Entzweiungen, wo ſie ſich haͤt⸗ ten zur Rettung des Landes vereinigen ſollen. Beſon⸗ ders unwillig äußerte er ſich üͤber die, welche ihre Stel⸗ lung dadurch entehrt hätten, daß ſie elende Infectiven gegen einen edlen und mächtigen Feind erhoben hätten; jene feigen Hunde, die beſtändig gegen den Löwen knurr⸗ ten und belferten, wenn er ſchlafe oder entfernt ſey, aber am erſten das Haſenpanier ergriffen, wenn er in die Nähe komme. Nun rief er auch diejenigen, die ſo tapfer in ihren Drohungen gegen Großbrittanien geweſen waren, auf, hervorzutreten und Rühmen durch Thaten zu bekräftigen — denn nicht Worte 1 ſondern Thaten machten eine Na⸗ tion. Er rief ihnen die goldenen Tage des Glücks ins — — — 265— Gedächtniß, die nur durch kräftigen Widerſtand gegen ihre Feinde gewonnen worden ſeyen, denn der Friede, den die Waffengewalt zuwege bringe, ſey immer ſicherer und dauernder als die von zeitlichen Conceſſionen zuſammen⸗ geflickten Zuſtände. Er ſuchte dann ihren kriegeriſchen Muth zu beſeuern, indem er ſte an die Siege in der Provinz Neu⸗Schweden erinnerte. Auch ſuchte er ihnen Vertrauen einzuflößen, indem er ſie des Schutzes des heiligen Nicolaus verſicherte, der ſte bisher ſicher geleitet, durch alle Wilden der Einöden, durch alle Hexen und Sauatters des Oſtens und durch die Rieſen vom Marry⸗ land. Endlich unterrichtete er ſie von der frechen Aub forderung, ſich zu ergeben, und ſchwur, er werde die Pro⸗ vinz vertheidigen, ſo lange ihn der Himmel nicht verlaſſe und ihn noch ein hötzernes Bein aufrecht halte, welche edle Sentenz er durch einen fürchterlichen Schlag ſeines platten Säbels auf den Tiſch bekräftigte, der ſeine Zu⸗ hörer kräftig electriſirte. e 1 Die geheimen Räthe, welche ſchon lange an die Art des Gonverneurs gewöhnt waren und in einer Manns⸗ zucht lebten, wie die Soldaten Friedrichs des Großen, fahen, daß hier kein Federleſen gemacht werde, ſteckten ihre Pfeifen an und rauchten in Frieden, wie fette und beſcheidne Rathsherrn. Aber die Burgermeiſter, die we⸗ niger unter der Gewalt des Gouverneurs ſtanden, da ſie ſich als Repräſentanten des ſouverainen Volkes betrach⸗ teten und überdem eine hohe Meinung von ſich ſelbtt hatten, die ſie in jenen Schulen der Weisheit und Tu⸗ — 266— gend, den Volksverſammlungen eingeſogen, waren nicht ſo leicht zu beſchwichtigen. Da ſie friſchen Muth in der Hoffnung ſchöpften, daß ſie vielleicht der gegenwärtigen Gefahr ohne Blutvergießen entgehen könnten, ſo forderten ſie eine Abſchrift der Aufforderung der Engländer, um ſte dem Volke zu zeigen. 3 1 Eine ſo inſolente und meuteriſche Zumuthung waͤre hinreichend geweſen, den Zorn des ſtillen van Twiller zu reizen— welchen Eindruck mußte ſie erſt auf den großen Stuyveſant machen, der nicht blos ein Holländer, ein Gouverneur und ein ritterlicher holzbeiniger Soldat war, ſondern auch eine aufbrauſende, ſchießpulverartige Ge⸗ müthsart beſaß. Er brach in einen Strom edler Ver⸗ achtung aus— ſchwur, keiner Mutter Kind ſolle eine Sylbe davon zu ſehen bekommen— ſie verdienten alle zuſammen gehängt, gereckt, geviertheilt zu werden, weil ſle die Unfehlbarkeit der Regierung antaſteten— was ihren Rath oder ihre Mitwirkung anbelange, ſo ſey dieſe keine Tabackswolke werth, er habe ſich lange genug über ihre feigherzigen Rathſchläge geärgert und durch ſie gehemmt geſehen; aber jetzt ſollten ſie ſich nach Hauſe ſcheren und ins Bett legen, wie die alten Weiber, denn er ſey ent⸗ ſchloſſen, die Colonie ſelbſt zu vertheidigen, vhne ihren und ihrer Anhänger Beiſtand! So ſprechend nahm er das Schwerd wieder übern Arm, ſetzte den dreieckigen Hut trotzig auf, gürtete ſeine Lenden, tappte unwillig mit ſeinem Stützelfuß aus dem Rathszimmer— und alles machte ehrerbietig Platz, als er vorbeiging. Kaum war er weg, als die rührigen Burgermeiſter eine Volksverſammlung vor das Stadthaus beriefen, wo ſie einen Namens Dofue Roerback, einen einflußreichen Lebkuchenbäcker im Lande, vormals Mitglied des Cabi⸗ nets Wilhelms des Eigenſinnigen, zum Präſldenten er⸗ nannten. Das Volk hatte großen Reſpect vor ihm und betrachtete ihn als einen Maun von occulten Wiſſenſchaf⸗ ten, da er der erſte war, der die Neujahrskuchen mit den dunklen Hieroglyphen des Hahns und der Hoſen und mit ähnlichen Zauberzeichen verſah.. Ddieſer große Burgermeiſter, welcher immer den Wi⸗ derbeller bei dem wackern Stuyveſant machte, weil ihn dieſer bei ſeinem Regierungsantritt ſo ſchmählig aus dem Cabinet geſtoßen hatte, richtete eine ſogenannte patrioti⸗ ſche Rede an die ſchmierige Menge, worin er ſie von der artigen Aufforderung, ſich zu ergeben, unterrichtete, und von der Weigerung des Gouverneurs, es zu thun und dem Publikum von jener Aufforderung Kenntniß zu ge⸗ ben, die ohne Zweifel Bedingungen enthalte, welche der Provinz ſehr zur Ehre und zum Vortheil gereichen würden. Dann ſprach er von Seiner Excellenz in ſehr hohen und ehrenrührigen Ausdrücken, indem er ihn mit Cali⸗ gula, Nero und andern großen Männern verglich, die gewöhnlich in ſolchen Volksreden angeführt werden. Er verſicherte das Volk, daß die Weltgeſchichte kein Bei⸗ ſpiel einer ähnlichen deſpotiſchen Handlung, einer ſolchen Härte, Grauſamkeit, Tyrannei und eines ſolchen Biut⸗ durſtes aufzuweiſen habe. Es werde in feurigen Lettern — 268— auf blutigen Tafeln der Nachwelt überliefert werden! Ganze. Jahrhunderte würden zurückrollen, wenn ſie das ſchreckliche Thun erfahren würden. Der Mutterleib der Zeit(mit welchem ſich die Redner große Freiheiten er⸗ lauben, da es ziemlich ausgemacht iſt, daß die Zeit ein alter Mann und kein Weib iſt), wie ſchreckliche Schrel⸗ ken er auch gebähre, werde nie mehr einen ſolchen Gräul za Tage bringen!— Mit dieſen und andern ſtarr und ſtutzig machenden, herzzerbröckelnden Tropen und Figuren, welche ich nicht alle aufzuzählen vermag, ſpickte er ſeine Rede. Ich brauche ſie ja auch nicht, da es ganz dieſel⸗ ben ſind, die heutzutage in allen Volksreden und patrio⸗ tiſchen Apoſtrophen vorkommen und in rhetoriſchen Lehr⸗ büchern unter die Rubrik«Parlage» fallen. Wie dieſes große Werk der Begeiſterung gethan war, gerieth die Verſammlung in eine Art von Kochen und Schäumen, welches nicht allein eine Reihe ſehr weiſer Beſchlüſſe, ſondern auch eine Adreſſe an den Gouverneur zur Folge hatte, die ſein Betragen tadelte, die er aber, ſowie ſie ihm überreicht wurde, ins Feuer warf und auf dieſe Art die Nachwelt einer koſtbaren Urkunde beraubte, welche den erleuchteten Schuhflickern und Schneidern un⸗ ſerer Tage zum Muſter hätte dienen können, wenn ſle ihre weiſen Naſen in die Politik ſtecken. —— — Siebentes Kapitel. Wie Antonius der Tromdeter ein trauriges Schickſal hatte⸗ und wie Peter Stuyveſant als ein zweiter Cromwell ein Rumpf⸗ Parlament auflöſte. 3 3 1 Nun ergoß ſich der hochherzige Pieter de Groodt in einen Strom von Vermaledeyungen gegen ſeine Burger⸗ meiſter, als eine Race hochmüthiger, bockbeiniger Schur⸗ ken, die man weder überzeugen noch überreden könne. Er entſchloß ſich, nichts mehr mit ihnen zu ſchaffen zu haben, ſondern nur die Meinung ſeiner geheimen Räthe anzuhören, die er aus Erfahrung als die beſte von der Welt kannte, da ſie nie von der ſeinigen abwich. Auch fehlte es nicht an umgekehrten Complimenten für's ſou⸗ deraine Volk, welches er als eine Heerde blökender Schafe oder bellender Mopſe bezeichnete, die keine Courage zu Gefechten hätten, ſondern lieber zu Hauſe blieben und fräßen und ſchnarchten in unwuͤrdiger Ruhe, ſtatt Un⸗ ſterblichkeit und Löcher in den Kopf zu erringen, indem ſte ritterlich in den Gräben föchten. Feſt entſchloſſen, ſeine geliebte Stadt, ſelbſt gegen ih⸗ ren eignen Billen, zu vertheidigen, ließ er ſeinen trau⸗ ten Trompeter Van Corlear rufen, der in allen Zeiten der Noth und Gefahr die rechte Hand des Gouverneurs war. Er beſchwor ihn, ſeine kriegverkündende Trompete zu nehmen, ſein Roß zu beſteigen und Tag und Nacht im Lande herum zu reiten, indem er Alarm blieſe an den idylliſchen Ufern der Bronx— die wilden Einöden — 270— von Croton in Entſetzen bringe— die rauhen Mannen von Weehawk und Hoboeken aufbiete— die gewaltigen Krieger von Tappaan⸗Bai— und die braven Jungen von Tarry Town und Sleepy Hollow— zuſammt allen andern Kriegern des Landes rings umher; ſie alle auf⸗ biete, ihre Pulverhörner umzuthun, ihre Vogelflinten auf die Schulter zu nehmen und luſtig auf die Manhat⸗ ten⸗Inſel loszueilen. 1 Nun war aber in der Welt, das ſchöne Geſchlecht allein ausgenommen, nichts, was der brave Anton Van Corlear mehr liebte, als Kreuz⸗ und Queerzüge dieſer Art. Er war gerade mit einer guten Mahtzeit fertig, ſchnallte ſich ſein Fläſchchen, mit herzerhebendem Hollän⸗ der gefüllt, an die Seite, und ritt luſtig aus dem Stadt⸗ thor, das nach dem jetzigen Broadway führt; wie ge⸗ wöhnlich ſchmetterte er einen kleinen Abſchied sgruß, der in munteren Echo's durch die krummen Straßen von Neu⸗Amſterdam hallte— ach! ſie ſollten ſich nie mehr an den lieblichen Weiſen ihres Lieblingstrompeters er⸗ götzen! Es war eine ſinſtere und ſtürmiſche Nacht, als der gute Anton bei dem Strom aukam, welcher der Harlem⸗ Fluß heißt und die Inſel Mannahata von dem Feſtlande trennt. Der Wind blies heftig, die Elemente waren in Aufruhr und kein Charon war zu finden, um den wage⸗ halſigen Meſſinghornbläſer übers Waſſer zu ſetzen. Einige Momente dampfte er wie ein ungeduldiger Geiſt am Ufer hin, dann ſiel ihm doch die Eile ſeines Auftrages ein, — ——. — 221— er umarmte herzlich ſein ſteinernes Krüglein und ſchwur kräftigſt, er wolle hinüberſchwimmen, cen ſpit den Duy⸗ vel»(dem Teufel zum Trotz), und damit tauchte er in den Strom.— Unglücklicher Antonins! Kaum hatte er ſich halbwegs in den Fluß gearbeitet, als man ihn heftig kämpfen ſah, als balge er ſich mit dem Geiſt des Waſ⸗ ſers— inſtinetmäßig ſetzte er die Trompete an den Mund, blies ungeheuer heftig und ſank auf ewig in die Fluthen! Der gewaltige Klang ſeiner Trompete ſchallte, wie das elfenbeinerne Horn des berühmten Paladin Roland, als er in dem Thal von Roncevall glorreichen Andenkens die Seele aushauchte, weit und breit durch das Land, und weckte die ganze Nachbarſchaft, die ſich eiligſt nach dem Platz begab. Hier erzählte ein alter holländiſcher Bür⸗ ger, der für ſeine Wahrhaftigkeit bekannt und Zeuge des unglücklichen Schauſpiels geweſen war, den traurigen Hergang, und zwar mit dem ſchrecklichen Zuſatz(dem ich indeſſen etwas mißtraue), daß er den Duyvel geſehen, wie er in Geſtalt eines ungeheuern Fiſchreihers den herzhak⸗ ten Antonius bei dem Bein ergriffen und ihn unter die Wellen gezogen habe. Gewiß iſt es, daß der Ort und das anſtoßende Vorgebirg, das in den Hudſon ragt, ſeit⸗ dem den Namen„Spijt den Duyvel» oder«die Spite dem Teufel» trägt— und der friedloſe Geiſt des un⸗ glücklichen Antonius ſpukt immer noch in den Einöden umher und die Nachbarn hören ſeine Trompete oft in ſtürmiſchen Nächten ſich mit dem Heulen der Winds⸗ braut miſchen. Kein Menſch wagt nach der Dämmerung 7 — 272— 8 über den Fluß zu ſchwimmen, vielmehr hat man jetzt eine Brücke gebaut, um ähnliche traurige Vorfälle zu verhü⸗ ten, und was die Fiſchreiher betrifft, ſo hat man davor einen ſolchen Schauder, daß kein ächter Niederländer ſie zur Tafel bittet, Welgher gute Fiſche liebt und den Teu⸗ fel haßt. Das war das Ende Antons Van Corlear— der ein beſſeres Schickſal verdient hätte. Er lebte rund und ge⸗ ſund bis an ſeinen Tod als ein wackerer munterer Jung⸗ geſelle; obgleich er nun nicht verheirathet war, ſo hinter⸗ ließ er doch zwei bis drei Dutend Kinder in verſchiede⸗ nen Theilen des Landes— ſaubere, dickköpfige, lärmende, aufgeblähte Jungen. Von ihnen ſtammt, wenn die Ue⸗ berlieferung wahr iſt(welche gewöhnlich nicht lügt), die unglaubliche Anzahl von Journaliſten, die dieſes Land be⸗ rolkern und vertheidigen, auch von dem Volk reichlich be⸗ zahlt werden, um einen ewigen Alarm zu unterhalten— und einander elend zu machen. Wollte Gott, daß ſie den Werth wie den Wind ihres berühmten Ahnen geerbt hätten! Die Nachricht von dieſem beklagenewerthen Unglück gab dem Herzen Peter Stuyveſants einen heftigeren Stoß, als die Bedrohung ſeines geliebten Amſterdams. Unbarm⸗ herzig traf ſie die unmittelbarſten ſanften Regungen, die am Herzen liegen und von ſeinen wärmſten Strömen ge⸗ nährt werden. Wie ein verirrter Pilgrim, der im Pfei⸗ fen des Sturms durch ſeine Locken und unter der ſchwar⸗ zen Nacht, die ſich um ihm ſammelt, ſeinen treuen Hund 4 leblos vor ſich niedergeſtreckt ſieht, den einzigen Gefähr⸗ ten ſeiner Züge, der ſein einſames Mahl mit ihm getheilt und ſo oft die Hand ſeines Herrn in unterthäniger Dank⸗ barkeit geleckt hatte— ſolchen Eindruck machte dem hoch⸗ herzigen Helden von Manhatta das Ende ſeines treuen Antons. Er war der folgſame Diener auf Wegen und Stegen, er hatte ihn in mancher ſchweren Stunde erhei⸗ tert mit ſeiner ehrlichen Munterkeit, er war ihm mit Treue und Liebe durch ſo viele Gefahren und Unheils⸗ fälle gefolgt— nun war er auf ewig dahin— und grade jetzt, wo jeder Baſtardhund ſich von ſeiner Seite weg⸗ ſchlich.— Dieß— Peter Stuyveſant— dieß war der Augenblick, um deine Feſtigkeit zu bewähren; und dieß war der Augenblick wirklich, wo du deine große Tugend geltend machteſt— Peter der Starrköpfige! Das Licht des Tages hatte längſt die Schrecken der ſtürmiſchen Nacht verdrängt; doch alles war noch in Dumpfheit und Betrübniß verſenkt. Der ſonſt ſo luſtige Apoll verbarg ſein Antlitz hinter trauertragenden Wolken und ſah nur dann und wann einen Augenblick hervor, als ſcheue er zu ſehen, was in ſeiner Lieblingsſtadt vor⸗ ging. Es war der große Morgen, wo Peter an die Auf⸗ forderungen der Feinde eine Antwort zu geben hatte. Schon hatte er ſich mit ſeinem geheimen Rath eingeſchlof⸗ ſen, ſaß in grimmiger Pracht da und ſann wie eine Bild⸗ ſäule über das Loos ſeines geliebten Trompeters nach, dann und wann in Unwillen erglühend, wenn ihm die Inſolenz ſeiner aufrühreriſchen Burgermeiſter einſiel. Wäh⸗ Irving's Geſch. v. New⸗York, 18 — 274— rend er in dieſem gereizten Zuſtande war, kam ein Cou⸗ rier in aller Eile von Winthrop, dem feinen Gouverneur von Connecticut, der ihm in den theilnehmendſten Aus⸗ drücken rieth, die Provinz zu übergeben und ſich den Gefahren und dem Elend zu entziehen, welches eine Wei⸗ gerung zur Folge haben würde. Welcher Moment war das zu einer Dienſtfertigkeit ſolcher Art bei einem Manne, der nie in ſeinem ganzen Leben einen guten Rath ange⸗ nommen hatte!— Der feurige alte Gouverneur tappte auf und ab im Zimmer, mit einer Heftigkeit, die den Her⸗ zen ſeiner Räthe große Angſt einflößte— ſie beklagten zugleich ſein unglückliches Schickſal, das ihn zum Spiel⸗ ball rebelliſcher Unterthanen und jeſuitiſcher Freunde machte. Grade in dieſem übelgewählten Moment kamen die geſchäftigen Burgermeiſter, die nun ſehr auf ihre Rechte dachten und von der Ankunft geheimnißvoller Depeſchen gehört hatten, ins Zimmer gerückt mit einer Legion von Schöffen und Krötenfreſſern hinter ihnen her, und ver⸗ langten den Brief zu leſen. So von einer infamen Pö⸗ belrottes wie er ſie nannte und grade in dem Augenblick, wo er durch die Botſchaft von Außen ſo gereizt war, überfallen zu werden, war zu viel für die Wuth Peters. Er zerriß das Schreiben in tauſend Stücke und warf es dem nächſtſtehenden Burgermeiſter ins Geſicht— zerbrach über dem Kopf des zweiten ſeine Pfeife— ſchleuderte ſein Spukkäſtchen auf einen unglücklichen Schöffen, der grade ſehr weiſe aus der Thüre retirirte, und vertagte — 275— die ganze Verſammlung sine die, indem er ſie mit ſei⸗ nem hölzernen Fuß die Stiege hinabtrat. Sobald die Burgermeiſter ſich von der Verwirrung erholen konnten, worein ſie ihr plötzliches Abſchiednehmen verſetzt, und wieder ein bischen Zeit hatten, um freien Athem zu ſchöpfen, proteſtirten ſie gegen das Benehmen ddees Gouverneurs, das ſie ohne Bedeuken tyranniſch, an⸗ ticonſtitutionell, höchſt unanſtändig und etwas unehrerbie⸗ tig zu nennen wagten. Dann beriefen ſie eine Volksver⸗ ſammlung, wo ſie ihre Proteſtation ablaſen, dann in ei⸗ ner präparirten Rede die Menge anredeten und in allen Details, mit gehöriger Ansmalung und Uebertreibung, das despotiſche und rachſüchtige Betragen des Gouver⸗ neurs ſchilderten, indem ſie erklärten, daß, was ſie ſelber betreffe, ſie ſich nicht ſo viel daraus machten, geſchlagen, geworfen und mit dem hölzernen Bein Seiner Exrcellenz getreten zu werden, daß ſte aber wohl wüßten, wie ſehr die Würde des ſouverainen Volks verletzt worden ſey durch eben jene Stöße auf den Sitz der Ehren ihrer Re⸗ präſentanten. Dieſer letzte Theil der Rede machte einen heftigen Eindruck anf das Zartgefühl des Volks, indem es auf einmal jene verletzbare Empfindung und jenen ei⸗ ferſüchtigen Charakterſtolz zeigte, in welchen ſich jeder wahre Pöbel zu kleiden weiß, der zwar Injurien ohne Murren verträgt, doch erſtaunlich eiferſüchtig iſt auf ſeine ſouveraine Würde— und man kann nicht wiſſen, zu welcher gewaltthätigen Handlung der Rache ſie ſich getrieben gefühlt hätten, wären dieſe ſchmierigen Schufte 18* — 276— nur nicht vor ihrem alten Gouverneur mehr in Furcht geweſen, als vor dem heiligen Nicolaus, oder vor den Engländern, oder vor dem Teufel ſelbſt! Achtes Kapitel. le Peter Stuyveſant die Stadt Neu⸗Amſterdam einige Tage, 8 Kraft der Stärke ſeines Kopfes, vertheidigte. Es liegt etwas ausnehmend Erhabenes und Melancho⸗ liſches in dem Schauſpiel, das ſich in der jetzigen Kriſe unſerer Geſchichte bietet. Eine berühmte und ehrwürdige kleine Stadt— die Hauptſtadt von einem unermeßlichen Striche unbewohnten Landes— beſeyt von einer herz⸗ haften Schaar von Rednern, Stuhlherrn, Committee⸗ Männern, Burgermeiſtern, Schöffen und alten Weibern — regiert von einem entſchloſſenen und ſtarrköpfigen Krie⸗ ger— und befeſtigt mit Schlammbatterieen, Palliſaden und Volksbeſchlüſſen— zur See blokirt, zu Land bela⸗ gert— von Außen mit ſchrecklicher Verwüſtung bedroht, während ſeine Eingeweide von inneren Partheiungen und Bewegungen zerriſſen werden!— Noch nie zeichnete eine Feder auf ein Blatt der Geſchichte verwickeltere Unglücks⸗ fälle— es wäre denn der Jammer, der die Israeliten bei der Belagerung von Jeruſalem verzehrte, wie die ent⸗ zweiten Bürger einander die Kehlen abſchnitten, als eben die ſtegreichen Legionen des Kaiſers Titus ihre Bollwerke niedergeriſſen hatten und mit Feuer und Schwerd ſelbſt ins Allerheiligſte des Tempels drangen. —— Nachdem der Gouverneur Stuyveſant, wie erzählt worden, ſeinen großen Rath triumphirend in die Flucht geſchlagen und ſich auf dieſe Art des ganzen Troſſes im⸗ pertinenter Rathgeber entledigt hatte, ſandte er den Com⸗ mandanten des angekommenen Geſchwaders eine katego⸗ riſche Antwort, verſicherte das Recht und die Titel Ih⸗ rer Hochmögenden der Herren Generalſtaaten auf die Provinz der Neuen Niederlande und ſein Vertrauen auf die Gerechtigkeit ſeiner Sache, und forderte, ſich hierauf ſützend, ganz England heraus! Meine ängſtliche Sorgfalt, die Leſer und mich ſelbſt von dieſen unſeligen Scenen bald zu befreien, erlaubt mir nicht, den ganzen ritterlichen Brief hier einzuſchal⸗ ten, der aber mit folgenden mannhaften und innigen Worten ſchließt: „Was die Drohungen am Ende eures Schreibens be⸗ trifft, ſo haben wir darauf nichts zu erwiedern, als daß wir nichts fürchten, was Gott(der ſo gerecht als gnädig iſt) uns auferlegen wird; da alle Dinge in ſeiner huld⸗ reichen Hand liegen und wir eben ſo gut mit unſerer kleinen Waffenmacht von ihm beſchützt werden können, als mit einer großen Armee; daher wünſchen wir euch alles Glück und Heil und empfehlen euch ſeinem Schutz. — Mylkords, euer dreimal unterthäniger und herzlich er⸗ gebener Diener und Freund Peter Stuyveſant.⸗ Nachdem er auf dieſe Weiſe ritterlich den Fehdehand⸗ ſchuh hingeworfen, nahm der tapfre Peter ein Paar Rei⸗ terpiſtolen in den Gürtel, ſchnallte ein ungeheures Puk⸗ — 278— verhorn an— ſteckte ſein rechtes Bein in einen heſſiſchen Stiefel und klapſte ſeinen kleinen Campagne⸗Hut auf den Kopf— ſo ſchritt er ſtolz an ſeinem Hauſe auf und ab, feſt entſchloſſen, ſeine geliebte Stadt bis auf den letzten Mann zu vertheidigen.— Während alle dieſe traurigen Kämpfe und Spaltun⸗ gen die unglückliche Stadt Neu⸗Amſterdam quälten, und ihr würdiger, aber von böſen Sternen verfolgter Gou⸗ verneur den obigen Brief drechſelte; legten die engliſchen Commandeurs nicht die Hände in den Schooß. Sie un⸗ terhielten insgeheim durch Emiſſäre die Furcht und das Geſchrei des Pöbels, und überdieß cireulirte weit und breit im Lande eine Proclamation, worin ſie die Bedin⸗ gungen wiederholten, die bereits in ihrer Aufferderung au den Gouverneur enthalten waren, indem ſie zu glei⸗ cher Zeit die einfaͤltigen Niederländer mit den liſtigſten und verſöhnendſten Verſprechungen täuſchten. Sie ſagten jedem, der ſich gutwillig unterwerfen würde, den ruhi⸗ gen Beſitz ſeines Hauſes, ſeiner Vrouw und ſeines Kohl⸗ gartens zu. Auch dürften ſie ihre Pfeifen rauchen, hol⸗ ländiſch reden, ſo viele Hoſen tragen als ſte wollten, und Backſteine, Ziegel und ſteinerne Krüge aus Holland kom⸗ men laſſen, ſtatt ſie im Lande zu fabriciren. Sie ſollten durchaus nicht gezwungen werden, die engliſche Sprache zu lernen, noch anders zu rechnen, als wie bisher an den Fingern und mit Kreide auf dem Hutdeckel, wie es noch bei den Niederländern auf dem Lande gehalten wird. Jeder ſollte ungeſtört ſeines Vaters Hut, Rock, Schuh ſchnallen, Pfeife und jedes andere Anhängſel ſeiner Per⸗ ſon erben, auch Niemand zur Annahme von neuen Er⸗ ſindungen, Verbeſſerungen oder ſonſtigen Neuerungen ge⸗ zwungen werden, ſondern im Gegentheil, Freiheit ha⸗ ben, ſich ſein Haus zu bauen, ſeinem Geſchäft nachzuge⸗ hen, ſeine Wirthſchaft zu führen, ſeine Schweine zu mä⸗ ſten und ſeine Kinder zu erziehen, wie es ſeine Vorfah⸗ ren von unvordenklichen Zeiten gethan hätten. Endlich ſollten ſie alle Begünſtigungen des Handels genießen und nicht gehalten ſeyn, einen anderen Kalenderheiligen an⸗ zuerkennen als den heiligen Nicolaus, der nach wie vor als der Patron der Stadt angeſehen werde. Dieſe Bedingungen fielen, wie man ſich leicht denken kann, ſehr zur Zufriedenheit des Volkes aus, welches große Luſt bezeigte, ſich ſeines Eigenthums in Ruhe zu erfreuen, und äußerſt ungern in einen Streit einging, wobei ſle wenig mehr als Ehre und blutige Köpſe da⸗ vontragen konnten;— gegen erſteres hatten ſie eine philo⸗ ſophiſche Gleichgültigkeit, letzteres aber verabſcheuten ſie. Durch ſolche ſchlaue Mittel alſo wußten die Engländer dem ritterlichen alten Gouverneur ſein Volk abſpenſtig zu machen, welches ihn für feſt entſchloſſen hielt, ſie in garſtige Ungelegenheiten zu bringen; ſie zauderten nicht, ihr Herz frei auszuſprechen und ihm gradezu das Wider⸗ part zu halten— hinter ſeinem Rücken. 1 Wie der mächtige Nordkaper, von toſenden Fluthen und ſchäumenden Strudeln angegriffen und umhergeſto⸗ ßen, ſeinen Lauf unerſchrocken fortſetzt, und von brüllen⸗ ———— den Wogen überfluthet, immer wieder aus der anfge⸗ rührten Tiefe auftaucht und mit zehnfacher Heftigkeit ſpeit und bläſt— ſo hielt der unbeugſame Peter auch unerſchüttert ſeine vorgeſteckte Laufbahn im Auge und er⸗ bob ſich mit Verachtung über das Geſchrei des Pöbels. Wie aber die engliſchen Krieger aus dem Inhalt ſei⸗ ner Antwort erſahen, daß er ihre Uebermacht herausfor⸗ dere, ſo ſandten ſie ſogleich Werboffiziere nach Jamaica und Jericho, nach Quag, Ninive, Parchog und allen je⸗ nen Städten von Long⸗Island, die weiland durch den unſterblichen Stoffel Brinkerhoff unterjocht worden wa⸗ ren; ſie riefen die ritterlichen Nachkommen jencs Jöckel Stockfiſch, Habakuk Nußkern, Ehrenfeſt Gockel und der andern erlauchten Squatters auf, um die Stakt Nenu⸗ Amſterdam zu Lande anzugreifen. Mittlerweile machten die feindlichen Schiffe fürchterliche Rüſtungen zu einem Angriff auf die Stadt von der Seeſeite. Die Straßen von Neu⸗Amſterdam boten jetzt Sce⸗ nen des wildeſten Entſetzens dar. Es war umfonſt, daß der heldenhafte Stuyveſant den Bürgern befahl, ſich be⸗ waffnet auf dem großen Marktplatz zu verſammeln. Die ganze Parthei der Kurzpfeifen hatte ſich in einer Nacht in ſchändliche alte Weiber verwandelt— eine Metamor⸗ phoſe, die nur aſ Rom bei dem Herannahen Hannibals ihres Gleichen hat, wo, wie Livius erzählt, Statuen vor Angſt ſchwitzten, Ziegen ſich in Schaafe verwandel⸗ ten und Hähne als Hennen gackernd durch die Straßen liefen. 1 Der gequälte Peter, von innen und außen mit Drang⸗ ſalen umgeben, von den Burgermeiſtern nur gehetzt, von dem Pöbel angegautzt, erhitzte ſich, brummte und tobte wie ein wüthender Bär, der, an einen Pfahl gebunden, von einem Rudel biſſiger Hunde angefallen wird. Als er aber ſah, daß alle Verſuche, die Stadt zu halten, vergeblich waren, und hörte, daß ihn ein Einbruch der Gränzer und Gaudiebe von Oſten zu überſchwemmen drohe, ſo fand er ſich endlich gezwungen, ſeinem ſtolzen Herzen zum Trotz, welches ihm bis zur Gurgel auf⸗ ſchwoll, daß er faſt erſtickte, in eine Capitulation einzu⸗ willigen. Worte können nicht das Entzücken des Volkes malen, als es die Freudenbotſchaft erhielt; ein Sieg über den Feind hätte ſie nicht in höhere Wonne verſetzn können. Die Straßen hallten von Glückwünſchen wider— ſie er⸗ hoben ihren Gonverneur zum Vater und Befreier des Vaterlandes— ſie ſchaarten ſich um ſein Haus, um ihm ihre Dankbarkeit zu bezeugen und machten zehnmal mehr Spectakel in ihrem Unterwerfungsjubel, als ſie bei ſei⸗ ner Rückkehr mit dem glorreichen Biber nach der Ein⸗ nahme des Forts Chriſtina ihren Helden bewillkommt hatten.— Aber Peter ſchloß voll Verachtung ſeine Feu⸗ ſter und Thüren und fſloh in die innerſten Gemächer ſei⸗ nes Hauſes, damit ihm das erniedrigende Jubelgeſchrei dieſer Galgenvögel nicht zu Ohren komme. In Folge der Zuſtimmung des Gouverneurs verlang⸗ ten die Belagernden eine Zuſammeukunft, um die Punkte der Uebergabe zu verabreden. Demnach wurde eine De⸗ putation von ſechs Commiſſären von beiden Seiten er⸗ nannt und am 27. Auguſt 1664 kam eine Capitulation zu Stande, welche höchſt vortheilhaft für die Provinz und ehrenvoll für Peter Stuyveſant ausfiel. Es war jetzt nur noch eins übrig, nämlich daß die Artikel der Uebergabe ratificirt und von dem Gouver⸗ neur unterzeichnet würden. Wie die Commiſſäre ihm zu dieſem Ende ihre Aufwartung machten, empfing ſie der alte trotzige Krieger mit der grimmigſten und bitterſten Höflichkeit. Seine kriegeriſche Rüſtung hatte er ganz bei Seite gelegt— ein alter indianiſcher Schlafrock um⸗ hüllte die rauhen Glieder, eine rothe Nachtkappe über⸗ ſchattete die gerunzelte Stirn und ein eiſerner grauer Bart mit dreitägigen Stoppeln vollendete ſein grimmiges Ausſehen. Dreimal ergriff er eine kurze ſtumpfe Feder und verſuchte das verhaßte Papier zu unterzeichnen— dreimal knirſchte er mit den Zähnen und machte ein Ge⸗ ſicht wie ein Topf voll Mäuſe, oder vielmehr als ſolle er eine Peſtdoſis von Rhabarber, Sennes und Jyecacuanha verſchlucken; endlich warf er es hin, riß ſein meſſingge⸗. ſchäftetes Schwerdt aus der Scheide und ſchwur beim hei⸗ ligen Nicolaus, er wolle lieber ſterben, als ſich irgend ei⸗ ner Macht unter dem Himmel ergeben. Umſonſt war jeder Verſuch, den trotzigen Entſchluß zu erſchüttern— Drohungen, Vorſtellungen, Schimpf⸗ worte, alles war vergebens— zwei Tage lang war das Haus des ritterlichen Peter von dem tumultuariſchen Volkshaufen belagert, zwei Tage konnte er ſich nicht von ſeinen Waffen trennen und weigerte ſich ritterlich, die Capitulation zu unterzeichnen.— Endlich bedachte ſich die Volksmaſſe, nachdem ſtie ge⸗ funden, daß ein lärmendes Betragen nur ſeine Hartnäk⸗ kigkeit vermehre, auf ein demüthiges Auskunftsmittel, welches ſeinen Zoru nicht reizen könne und ſeine Ent⸗ ſchloſſenheit entwaffnen müſſe. Und nun ging eine feier⸗ liche Trauerproceſſion, unter Anführung der Bürgermei⸗ ſter und Schöffen, und mit Nachfolgen der ganzen Maſſe des Volkes, langſam nach dem Hauſe des Gouverneurs, um ihm die Capitulation zu überreichen. Sie fanden den trotzigen alten Helden wie einen Rieſen in ſeinem Schloß verrammelt, die Hausthüre feſt verriegelt und ihn ſelbſt in voller Uniform, den dreieckigen Hut auf dem Kopf mit einem Muskedolner vom Gaubloch herabſehen. Es lag etwas in dieſer furchtbaren Stellung, was auch den roheſten Pöbel mit Ehrfurcht und Bewunde⸗ rung erfüllte. Die lärmende Menge konnte nur mit Selbſtverachtung auf ihr feigherziges Betragen zurück⸗ ſehen, als ſie ihren kühnen aber ganz verlaſſenen alten Gouverneur treu auf ſeinem Poſten ſah, wie eine ver⸗ lorne Schildwache, und kräftig gerüſtet, ſeine undankbare Stadt mit dem letzten Bintstropfen zu vertheidigen. Dieſe Gewiſſensbiſſe wurden aber bald wieder durch die Macht des öffentlichen Unwillens verdrängt.— Indeſſen, das Volk verſammelte ſich in möglichſter Ordnung vor dem Hauſe und nahm die Hüte ab mit demüthigen Ge⸗ — 284— berden— der Burgermeiſter Roerback, der zu den von Salluſt beſchriebenen Rednern gehörte, welche aſchnatter⸗ hafter als beredt ſind, trat vor und haranguirte den Gouverneur in einer Rede von drei Stunden Länge, worin die klägliche Lage der Provinz in höchſt patheti⸗ ſchen Ausdrücken gemalt, und mit ewigen Wiederholungen derſelben Gründe und Redensarten gebeten ward, die Ca⸗ pitulation endlich zu unterzeichnen. Der mächtige Peter ſah aus ſeinem kleinen Gaubloch mit grimmigem Schweigen auf ihn herab— dann und wann rollten ſeine Augen über die verſammelte Menge hin und ein verachtendes Grinſen, wie das eines böſen Bullenbeißers, markirte lebhaft ſein eiſernes Geſicht. Aber, obgleich er ein Mann von unerſchrockenem Muth war— obwohl er ein Herz hatte ſo dick, wie ein Ochs, und ei⸗ nen Kopf, welcher der Härte eines Diamanten ſpottete- ſo war er doch auch nur ein ſchwacher Sterblicher; von der immer wiederholten Oppoſttion, von dem ewigen Re⸗ den matt gemacht, und wohl einſehend, daß die Einwoh⸗ ner, wenn er ihnen den Willen nicht thue, ihrer eigenen Eingebung oder vielmehr ihrer Furcht folgen würden, ohne auf ſeine Zuſtimmung zu warten, ſo befahl er ihnen denn mit trotzigem Ton, das Papier herauf zu reichen. Es wurde ihm alſo an dem Ende einer Latte hinaufge⸗ halten, und nachdem er ſeinen Namen an den Rand hin⸗ gekritzelt, verfluchte er ſie alle als eine Rotte von feig⸗ berzigen, meuteriſchen, entarteten Memmen— warf ih⸗ nen die Capitulation auf den Kopf, ſchlug das Fenſter ———— * zu,— und nun hörte man ihn mit heftigem Unwillen die Treppe hinabſtampfen. Die Menge ergriff ſogleich die Flucht, und ſelbſt die Burgermeiſter waren nicht faul, ſich davon zu machen, indem ſle fürchteten, der trotzige Peter möchte aus ſeiner Höhle hervorkommen und ſte mit einem unwillkommnen Zeichen ſeiner Ungnade begrüßen. Drei Stunden nach der Uebergabe rückte eine Legion von beeſſteakfetten engliſchen Soldaten in Neu⸗Amſterdam ein und nahm von dem Jort gleichwie von der Batterie Beſitz. Und nun höͤrte man in allen Quartieren ein fürch⸗ terliches Gehämmer von den alten niederländiſchen Bür⸗ gern, die emſig daran waren, die Thüren und Fenſter zu vernageln, um ihre Vronws vor dieſen fürchterlichen Bar⸗ baren zu ſchützen, die ſie in ſtummem Jammer veon den Gaublöchern herab betrachteten, wie ſie durch die Stra⸗ ßen paradirten. Auf ſolche Art kam der Oberſt Richard Nichols, Commandant des brittiſchen Geſchwaders, ruhig in den Beſih des eroberten Reiches als locum tenens für den Herzog von York. Der Sieg wurde durch keine andere Schmach bezeichnet, als durch die Veränderung des Na⸗ mens der Provinz und ihrer Hauptſtadt, die von da ab New⸗York bis auf den heutigen Tag genannt wurde. Die Einwohner behielten nach dem Tractat ruhig ihr Ei⸗ genthum; aber ihr Abſcheu vor den Britten war ſo groß, daß ſie in einer geheimen Zuſammenkunft einmüthig be⸗ ſchloſſen, nie irgend einen ihrer Beſieger zu Tiſch zu bitten. Neuntes Kapitel. enthau die würdige Abdankung und tödtliche Uebergabe Pe⸗ ters des Starrköpfigen. So hätte ich denn dieſe große Geſchichte beendigt; aber ehe ich die Feder niederlege, muß ich noch eine fromme Pflicht erfüllen. Wenn unter den vielen Leſern meines Buches zum Glück auch ſolche ſind, deren See⸗ len, von echtem Adel, für die Geſchichte aller Edlen und Bravpen erglühen, ſo werden dieſe ohne Zweifel begierig nach dem Schickſale des ritterlichen Peter Stuyvefant ſeyn. Um ein ſolches vollhaltiges Herz zu erfreuen, wollte ich mich in größere Längen ergießen, als damit die kalt⸗ blütige Neugierde einer ganzen Brüderſchaft von Philo⸗ ſophen befriedigt werde. Kaum hatte der hochgeartete Cavalier die Capitula⸗ tion unterzeichnet, als er auch beſchloß, die Demüthigung ſeiner Lieblingsſtadt nicht mit anzuſehen, ihren Mauern daher alsbald den Rücken kehrte und ſich knurrend nach ſeinem Bouwery oder Landſitz zurückzog, der ungefähr eine halbe Stunde entfernt lag. Hier verkebte er den Reſt ſeiner Tage in patriarchaliſcher Zurückgezogenheit. Hier erfreute er ſich einer Ruhe des Geiſtes, die er un⸗ ter den zerſtreuenden Sorgen der Regierung nie gekannt hatte und ſchmeckte die Süßigkeit unbeſchränkter Gewalt, die ſeine aufrühreriſchen Unterthanen ihm ſo oft durch ihre Oppoſition vergällt hatten. Keine Ueberredung brachte ihn je dahin, daß er die — —— ——— Stadt wieder beſuchte— im Gegentheil, er ließ ſich ſeinen großen Lehnſeſſel immer mit dem Rücken gegen die Fenſter nach derſelben ſtellen, bis vor dieſen Fenſtern ein dickes Gebüſch von Bäumen aufwuchs, die er mit eigner Hand gepflanzt hatte, ein Schirm, der ihm alle Ausſicht venahm. Er ſpottete immer über die unnatürlichen Neue⸗ rungen und Verbeſſerungen, welche die Eroberer einführ⸗ ten— er verbot ſeiner Familie auch nur ein einziges Wort von dieſer verhaßten Sprache zu ſprechen, welches man gern erfüllte, da Niemand im Hauſe eine andere Syrache als Holländiſch reden konnte— er ließ ſogar eine ſchöne Allee vor ſeinem Hauſe niederhauen, weil ſie aus engliſchen Kirſchbäumen beſtand. 3 Dieſelbe unermüdliche Wachſamkeit, welche ſeine Re⸗ gierung ausgezeichnet hatte, gab ſich auch hier, zwar kräftig, doch in etwas engern Gränzen kund. Er pa⸗ troullirte in unabläſſiger Bewegung rings um die kleinen Gränzen ſeines Landguts, trieb jeden Angriff mit uner⸗ ſchrockener Schnelligkeit zurück, beſtrafte jede landſtreiche⸗ riſche Plünderung ſeines Obſtgartens oder ſeiner Felder mit unbengſamer Strenge und führte jede umher laufen⸗ de Kuh oder Sau im Triumph in den Pfandſtall. Aber dem armen Nachbar, dem verlaſſenen Reiſenden oder dem müden Wanderer war ſeine Thüre ſtets geöffnet, und an ſeinem geräumigen Herd, dem Sinnbilde ſeines eigenen warmen, edlen Herzens, fand ſich immer ein Plätzchen zu ſeiner Aufnahme und Erquickung. Eine Ausnahme zwar machten die Engländer oder Yankees; wenn unglücklicher⸗ — 28 3 3₰— weiſe von ihnen jemand ſeine Hülfe anſprach, ſo konnte man ihn nie dahin bringen, die Pflichten der Gaſtfreund⸗ ſchaft zu erfüllen. Ja, wenn durch Zufall ein herumrei⸗ ſender Kaufmann vom Oſten an ſeiner Hausthüre mit einer Ladung von zinnerner oder hölzerner Waare hielt, fuhr der lebhafte Peter wie ein Rieſe aus ſeinem Schloß und machte ein ſo höllenmäßiges Geklapper unter dem Geſchirr, daß der Verkäufer ſogleich die Flucht ergriff. Seine Uniform, durch die Bürſte fadenſcheinig, war mit Sorgfalt in dem koſtbaren Schlafzimmer aufgehängt und wurde jeden erſten Tag im Monat geluftet; ſein dreieckiger Hut und ſein betrautes Schwerd hingen in grimmiger Ruhe über dem Kamingeſimſe des Wohnzim⸗ mers und bildeten Fuß und Stütze eines vollſtändigen Portraits des Admirals Van Tronp. In ſeinen häus⸗ lichen Einrichtungen hielt er ſtrenge Ordnung und ein wohlorganiſirtes tyranniſches Regiment; wenn aber auch ſein Wille immer als höchſtes Geſetz galt, ſo war doch das Wohl ſeiner Unterthanen das einzige Ziel ſeiner Wuͤn⸗ ſche. Er ſorgte nicht allein für ihren unmittelbaren leib⸗ lichen Vortheil, ſondern auch für ihr geiſtiges und ewi⸗ ges Wohl, denn er gab ihnen eine Menge guter NRath⸗ ſchläge und es konnte ſich Niemand beklagen, daß er karg ſey in heilſamen Strafen, wenn es der Anlaß erforderte. Die guten alten holländiſchen Feſtlichkeiten, dieſe pe⸗ riodiſchen Zeichen eines überfließenden Herzens und dank⸗ baren Gemüths, die bei meinen Mitbürgern ganz in Ver⸗ fall gerathen, blieben in dem Haushalt des Gouverneurs * — —— — 289— Stuyveſant in gewiſſenhafter Uebung. Neujahr war ein Tag der offenſten Freigebigkeit, der fröhlichſten Späße, der wärmſten Begrüßungen, wo der Buſen von guter Compagnieſchaft überfloß und eine reichliche Tafel mit un⸗ genirter Freiheit und ehrlicher breitmäuliger Luſtigkeit be⸗ dient wurde, die man in dieſen Tagen der Entartung und Verfeinerung gar nicht mehr kennt. Die Kirchen⸗ feſte Paas und Pinrter wurden in ſeinen Beſitzungen ſtreng gehalten, und der St. Nikolaustag durfte nicht verſtreichen, ohne daß Geſchenke gegeben, der Strumpf in den Schornſtein gehängt und die anderen Ceremonieen gemacht wurden. Einmal im Jahre, auf den erſten April, pflegte er ſich in voller Uniform zu zeigen, es war der Jahrestag ſeines Triumpheinzugs in Neu⸗Amſterdam, nach der Ein⸗ nahme von Neu⸗Schweden. Dieß war immer eine Art von Saturnalien unter den Dienſtboten, wo ſie ſich die Freiheit nahmen, zu ſagen und zu thun, was ihnen ein⸗ fiel; an dieſem Tage war ihr Herr ſehr ausgelaſſen, ſpaß⸗ haft und kurzweilig, er ſchickte die alten grauköpfigen Neger nach Taubenmilch in den April, mit Allen trieb er ſeinen Schabernack, und ſie machten ſich eine Ehre daraus, ihrem alten Herrn zur Zielſcheibe des Witzes zu dienen. So herrſchte er glücklich und zufrieden über ſein Land — beleidigte und beneidete Niemanden— wurde durch keine auswaͤrtigen Kämpfe, durch keine innerlichen Bewegungen in Unruhe und Verwirrung gebracht— die gewaltigen Her⸗ ren der Erde, welche vergebens danach trachten, Frieden Irb gs Geſch. v. New⸗ York. 19 — 290— zu ſtiften und das Heil der Menſchheit zu fördern, in⸗ dem ſie Kriege und Verheerungen wüthen laſſen, würden wohl gethan haben, eine kleine Reiſe nach der Manhat⸗ ten⸗Inſel zu machen und in der häuslichen Oekonomie⸗ Verwaltung Peter Stuyveſants Unterricht im Regieren zu nehmen. Im Verlaufe der Zeit jedoch fing der alte Gouver⸗ neur Stuyveſant an, wie alle Menſchenkinder, Zeichen des Verfalls zu geben. Wie ein betagter Eichbaum, der lange der Wuth der Elemente getrotzt hat, zwar noch immer ſeine rieſenhafte Geſtalt behält, aber bei jedem Sturmwind zu zittern und zu knarren anfängt— ſo ging es auch dem ritterlichen Peter; er trug zwar noch immer das Anſehen von dem, was er in den Tagen ſei⸗ ner heldenmüthigen Stärke war, allein Alter und Ge⸗ brechlichkeit erſchütterten die Kraft ſeines Körpers— doch ſein Herz, dieſe unbezwingliche Citadelle, triumphirte noch immer als unerobert. Mit großer Begierde ſpannte er auf jeden neuen Zeitungsartikel, welcher von Schlach⸗ ten zwiſchen Engländern und Deutſchen handelte; ſein Herz pochte ſtärker, wenn er von den Siegen eines de Ruyter hörte, und ſein Kopf ſenkte ſich und ſeine Augen⸗ brauen zogen ſich zuſammen, wenn ſich das Kriegsglück zu den Engländern neigte. Endlich an einem gewiſſen Tage hatte er gerade ſeine fünfte Pfeife ausgeraucht und ſchlummerte ein bischen nach Tiſch in ſeinem Lehnſeſſel, wo er im Traum ganz England eroberte; da wurde er plötzlich von Glockenläuten, Trommelgewirbel und Kano⸗ — — 291— nendonner geweckt, und ſein Blut kam ganz in Aufruhr. Er erfuhr, daß es Zeichen der Freude ſeyen, bei einem Siege, den die vereinigte Flotte der Engländer und Fran⸗ zoſen über den braven de Ruyter, ſowie über den jünge⸗ ren Van Tronp davongetragen. Dieß ging ihm ſo ſehr zu Herzen, daß er ſich ins Bett legen mußte und in we⸗ niger als drei Tagen durch eine heftige Cholera morbus an den Rand des Grabes gebracht war! Aber ſelbſt in dieſer äußerſten Gefahr zeigte ſich der unbezwingliche Geiſt Peter des Starrköpfigen. Er hielt ſich bis zum letzten Athemzuge mit der größten Hartnäckigkeit gegen eine ganze Armee von alten Weibern, die ſich bemühten, den Feind aus ſeinen Eingeweiden zu vertreiben, nach ei⸗ ner ächt niederländiſchen Vertheidigungsart, mit Katzen⸗ kraut und Krauſemünze. Wie er ſo dalag und der Auflöſung nahe war, kam die Nachricht, daß der brave de Ruyter nur wenigen Verluſt erlitten— ſich vortheilhaft zurückgezogen habe— und geſonnen ſey, ſeinem Feind eine neue Schlacht zu lie⸗ fern. Die brechenden Augen des alten Kriegers funkel⸗ ten noch einmal bei dieſen Worten— er erhob ſich im Bett— kriegertſche Begeiſterung blitzte auf ſeinen Zü⸗ gen— er ballte die dürre Fauſt, als ob er das Schwerd faſſe, welches er einſt triumphirend vor den Mauern des Forts Chriſtina geſchwungen, lächelte grimmig ſieg⸗ reich, ſank zurück auf ſein Kiſſen und ſtarb. So endete Peter Stuyveſant, ein herzhafter Krieger — ein treuer Bürger— ein edler Gouverneur, und ein 19* — 292— ehrlicher Holländer— dem nur wenige Reiche zur Ver⸗ wüſtung fehlten, um als ein Held unſterblich zu werden! Sein Leichenbegängniß ging mit der größten Pracht und Feierlichkeit vor ſich. Die Stadt war von ihren Einwohnern verlaſſen; alles drängte ſich hinzu, um dem guten alten Gouverneur die letzte Ehre zu erweiſen. Alle ſeine vollgültigen Eigenſchaften traten jetzt vor ihre Seele, und die Erinnerung an ſeine Mängel und Schwächen ver⸗ ſchwand. Die alten Bürger ſtritten ſich um die Ehre, wer im Zuge den Zipfel halten dürfe; das Volk balgte ſich um das Glück, dem Sarg am nächſten zu gehen und der melancholiſche Zug ſchloß mit einer Schaar grauköpfi⸗ ger Neger, die in der Haushaltung ihres abgeſchiednen Meiſters mehr als die Haͤlfte eines Jahrhunderts über⸗ wintert und überſommert hatten. Mit düſteren traurigen Mienen verſammelte ſich das Volk um ſein Grab. Sie dachten mit blutenden Herzen an die hohen Tugenden, großen Dienſte und ritterlichen Thaten des wackern Edlen. Sie riefen ſich mit geheimen Gewiſſensbiſſen ihre eignen aufrühreriſchen Bewegungen ins Gedächtniß zurück, und manchen alten Bürger, deſ⸗ ſen Backen man für viel zu feſt, deſſen Augen man für viel zu ſtandhaft gehalten hätte, ſah man eine gedanken⸗ volle Pfeife rauchen und dabei dicke Tropfen über die zit⸗ ternden Wangen herabrollen, während er mit wehmüthi⸗ gem Laut und melancholiſchem Kopfſchütteln in die Worte ausbrach:— Nun denn!— der hardkoppige Peter iſt auch hin!“» 1 — 293— Seine ſterblichen Ueberreſte kamen in die Familien⸗ gruft, unter eine Kapelle, die er fromm auf ſeinem Land⸗ ſitz errichtet hatte und an derſelben Stelle ſtand, wo jetzt die St. Marcuskirche ſich erhebt, in welcher man ſeinen Leichenſtein noch ſehen kann. Sein Gut oder Bouwery, wie es genannt wurde, blieb immer im Beſttz ſeiner Nach⸗ kommen, die ſich allgemein durch Rechtſchaffenheit des Charakters und durch Anhänglichkeit an die Sitten und Gewohnheiten der guten alten Zeiten, ihres berühmten Vorfahren würdig gezeigt haben. Viel und oft wurde dieſes Landgut des Nachts von unternehmenden Schatz⸗ gräbern beſchlichen, die nach Goldtöpfen ſuchten, welche bei dem alten Gouverneur begraben liegen ſollten— doch weiß ich nicht, ob irgend einer mit einem ſolchen Fund bereichert nach Hauſe kam— aber wer wäre unter mei⸗ nen hier gebornen Mitbürgern, der ſich nicht erinnerte, wie es in den ſtürmiſchen Tagen ſeiner Kindheit ein küh⸗ nes Unternehmen war, Stuyveſants Obſtgarten» an ei⸗ nem Sonntag Nachmittag zu plündern. In der Familien⸗Wohnung ſind noch jetzt einige An⸗ denken an den unſterblichen Peter zu ſehen. Sein voll⸗ ſtändiges Portrait redet in martialiſchen Zügen von der Wand des Wohnzimmers herab— ſeine ſchwefelfarbenen Beinkleider waren lange Zeit im Saal aufgehängt, bis ſie vor einigen Jahren einen Streit zwiſchen einem neuver⸗ heiratheten Paar erregten— und ſein ſilberbeſchlagenes Bein wird noch immer in dem Vorrathszimmer als eine unſchätzbare Reliquie bewahrt. Zehntes Kapitel. Des Autors Betrachtungen über das Erzählte⸗ Daß Reiche aufſtreben, blühen und in Nichts zerfal⸗ len, iſt der traurige Inhalt der Weltgeſchichte— auch das Manhatten⸗Reich Ihrer Hochmögenden hatte ein ſol⸗ ches Schickſal. 3 Die Geſchichte dieſes Landes iſt lehrreich, und werth, mit Bedacht erwogen zu werden— hier in der Aſche glimmen die Funken wahrer Wiſſenſchaft und hier mag gelegentlich die Lampe der ewigen Weisheit angezündet werden. 3 Möge denn das glückliche Zeitalter Walters des Zweif⸗ lers vor jeder ſelbſtfrohen Sicherheit und Trägheit behüten, welche eine Folge des Wohlſtandes und Friedens iſt, aber Ver⸗ luſt dieſes Gläckszuſtandes unvermeidlich nach ſich zieht. Möge die vom Unſtern verfolgte Regierung Wilhelms des Eigenſinnigen zu einer heilſamen Warnung dienen vor der fieberiſchen und pedantiſchen Art, Geſetze nach Lieblings⸗ meinungen auszuprägen, wo man am Ende doch mit ſei⸗ ner Schwäche den Partheien zur Beute wird. Möge endlich das Regiment des guten Stuyveſant zeigen, was redliche Kraft und mannhafte Entſchloſſenheit in ſchlim⸗ men Tagen vermögen, ſelbſt wenn kein ruhiges Urtheil und kein Glück ihnen zur Seite ſteht; aber möge es zu⸗ gleich vor dem allzugroßen Vertrauen auf die Ehrlichkeit anderer, beſonders freundlich ſich gebehrdender Nachbar⸗ — 295— ſtaaten warnen; endlich auch zur Lection allen ſouverai⸗ nen Volksverſammlungen dienen, die mit ihren Beſchlüſ⸗ ſen doch am Ende keinen Hund aus dem Ofen locken, da ihr Muth lediglich in der Zunge liegt. Doch es ſey genug der Andeutungen und Fingerzeige, die jeder aufmerkſame Leſer aus dieſer Geſchichte ſelbſt entnehmen mag. Ehe ich aber ſchließe, muß ich doch noch einen feierlichen Wink ausſprechen, der in einer Reihe feiner Verkettungen liegt, welche von der Eroberung des Forts Caſtmir ausgehen und bis zu den neueſten Umwäl⸗ zungen auf unſerem Erdboden reichen. So höre denn, edler Leſer, auf dieſe einfache Entwick⸗ lung, und wenn du ein Kaiſer, König oder anderer mäch⸗ tiger Potentat biſt, ſo laß dir rathen, ſie in dein Herz zu ſchreiben— doch habe ich freilich wenig Hoffnung, daß mein Werk zu ſolchen Händen gelangen wird, denn ich weiß wohl, wie liſtige Miniſter alle ernſte und erbauende Bücher dieſer Art den unglücklichen Monarchen aus dem Weg legen, damit ſie dieſelben nicht vielleicht leſen und Weisheit daraus ſchöpfen. Durch die verrätheriſche Wegnahme des Forts Caſi⸗ mir erfreuten ſich die hinterliſtigen Schweden eines vor⸗ übergehenden Triumphes, zogen aber auf ihre Häupter die Rache Peter Stuyveſants herab, der ganz Neu⸗ Schweden von ihnen befreite. Durch die Eroberung Neu⸗ Schwedens eckte Peter Stuyveſant die Anſprüche des Lord Baltimore, dieſer wandte ſich an das Cabinet von Großbritannien, und dieſes unterjochte die ganze Provinz — 296— der Neuen Niederlande. Durch die letztgenannte große That kam die ganze Ausdehnung Nordamerika's von Neu⸗Schottland bis zu den Florida's, unter die Bot⸗ mäßigkeit der Krone England.— Aber nun bemerke, o Leſer, die Folgen! Die bis dahin zerſtreuten Colonieen, auf ſolche Weiſe verbunden und ohne eiferſüchtige Nach⸗ barcolonieen, die ſie in Furcht und Zaum hielten, wur⸗ den groß und mächtig und wuchſen endlich dem Mutter⸗ land über den Kopf; ſie ſchüttelten ſeine Feſſeln ab und wurden durch eine glorreiche Revolution ein unabhängi⸗ ges Reich. Aber die Kette der Wirkungen hört hier noch nicht auf. Die erfolgreiche amerikaniſche Umwälzung brachte die blutige franzöſtſche Revolution hervor; dieſe gebahr den mächtigen Bonaparte, dieſer den franzöſiſchen Despotismus, und dieſer machte vollends der Ruhe der Welt ein Ende!— Die großen Mächte ſind allmählig für ihre unſeligen Eroberungen geſtraft worden, und ſo liegen denn, wie ich vorangeſtellt habe, alle die gegen⸗ wärtigen Convulſionen, Revolutionen und Unheilsdinge, welche das Menſchengeſchlecht überſchwemmen, in der Eroberung des kleinen Forts Caſimir wie im Ei be⸗ ſchloſſen. Und nun, würdiger Leſer, ehe ich dir ein trauriges Lebewohl ſage— welches, ach! ein ewiges iſt— möchte ich gern in herzlicher Freundſchaft von dir ſcheiden und um dein gütiges Andenken bitten. Daß ich keine beſſere Geſchichte von den Tagen der Patriarchen geſchrieben habe, iſt nicht meine Schuld— hätte irgend Jemand 1 — — 292— eine erträgliche aufgezeichnet, ſo würde ich ſie nicht ver⸗ ſucht haben. Daß mich ſpätere Geſchichtſchreiber uͤbertref⸗ 3 fen werden, will ich nicht bezweifeln, und mich noch we⸗ niger deßhalb abkümmern, denn ich weiß wohl, daß, als der große Columbus einmal ſein Ei zum Stehen gebracht hatte, ein Jeder am Tiſch es tauſendmal geſchickter ma⸗ chen konnte.— Sollte ſich irgend Jemand durch meine Geſchichte beleidigt finden, ſo würde mir dieß unendlich leid thun, obwohl ich mich nicht darauf einlaſſen kann, ihm begreiflich zu machen, daß er ſich irrt und ſich über Schatten an der Wand ärgert. Ich habe eine zu hohe Meinung von der Faſſungskraft meiner Mitbuͤrger, um ihnen Belehrung geben zu wollen, und ich halte ihren guten Willen zu hoch in Ehren, um mir ihn durch guten Rath zu verſcherzen. Ich bin auch keiner jener Cyniker, welche die Welt rerachten, weil ſie von ihr verachtet werden— im Gegentheil, obgleich ich in ihren Augen klein bin, ſehe ich ihr doch mit dem be⸗ ſten Gewiſſen ins Geſicht und es thut mir wirklich nur leid, daß ſie die unbegränzte Liebe, die ich gegen ſie hege, gar nicht verdient. Wenn mir jedoch in dieſer meiner hiſtoriſchen Produe⸗ tion— der kärglichen Frucht eines langen mühſeligen Le⸗ bens— nicht gelungen iſt, den verwöhnten Gaumen des Zeitalters zu kitzeln, ſo kann ich nur mein Mißgeſchick beklagen— denn es iſt zu ſpät in der Jahrszeit, um es beſſer wachſen zu laſſen. Schon hat der ſtarre Winter ſeinen troſtloſen Schnee mir aufs Haupt regnen laſſen; 1 — 298— nur noch eine kleine Weile und die behagliche Wärme,. die noch mein Herz umſchleicht und dir, würdiger Leſer, ja dir mit herzlicher Zuneigung entgegenbebt, wird auf ewig erkaltet ſeyn. Bielleicht gibt dann dieſes arme Häuflein Staub, welches in ſeinem Leben nur ſchlechtes 1 Unkraut hat wuchern laſſen, eine demüthige Scholle im Thale ab, aus welcher manche wilde Blume ſprießen mag, um meine geliebte Inſel Mannahata zu ſchmücken! Inhal t. Seite Vorrede des Ueberſetzers(Auszug eines Briefes an den Verleger)...... Nachricht über den Verfaſſer... 7 An das Publikum.... 13 Erſtes Buch. Welches verſchiedne ſcharfſinnige Theorien und philo⸗ ſophiſche Speculationen über die Erſchaffung und Bevölkerung der Erde enthält, als in genauem Zuſammenhang mit der Geſchichte von New⸗York. Erſtes Kodatet Beſchreibung der Erde. 17 Zweites apitel. Cosmogonie oder Erſchaffung der Welt, nebſt einer Menge vortrefflicher Theo⸗ rieen, wornach die Schöpfung keine ſo ſchwere Sache war, wie man gewöhnlich glaubt.. 21 Drittes Kapitel. Wie der beruͤhmte Seefah⸗ rer Noah verſchiedne ganz ſchändliche Namen er⸗ hielt, und wie er ein unverzeihliches Verſehen darin beging, daß er keine vier Söhne hatte; von der hierdurch entſtandenen großen Verwirrung unter den Philoſophen, und von der Entdeckung Amerika s 28 Viertes Kapitel. Wie die Philoſophen große Arbeit gehabt, Amerika zu bevolkern, und wie die Eingebornen— zum großen Troſte des Au⸗ tors— durch Zufall erzeugt wurden„. 32 Fünftes Kapitel. Worin der Verfaſſer mit Hülfe des Mannes im Monde eine große Frage völlig abthut, und damit nicht allein Tauſende von Menſchen aus großer Verlegenheit reißt, ſondern auch dieſes einleitende Buch beſchließt. 36 Zweites Buch. Worin die erſte Anſiedlung in der Provinz der neuen Niederlande abgehandelt wird. Erſtes Kapitel. Welches von verſchiednen Grün⸗ den handelt, warum ein Mann nicht mit Ueber⸗ Seite eilung ſchreiben ſoll; dann von Herrn Hendrik Hudſön und ſeiner Entdeckung eines ſeltſamen andes, endlich von ſeiner glänzenden Belohnung durch die Freigebigkeit Ihrer Hochmögenden 47 Zweites Kapitel. Welches einen Bericht ent⸗ hält von einer mächtigen Arche, die unter dem Schutz des heiligen Nicolaus von Holland nach den Galgen⸗Inſeln ſchwamm— von den ſelt⸗ nen Thieren, die daraus hervorkamen— und von einem großen Siege, mit Beſchreibung des alten Dorfes Communipaw. 3.. Drittes Kapitel. Worin die wahre Art, Han⸗ del zu treiben, vorkommt— auch das wunder⸗ ſame Verſchwinden einer großen Hauptſtadt im Nebel— und die Biographie gewiſſer Helden von Communipaw..... Viertes Kapitel. Wie die Helden von Com⸗ munipaw nach dem Höllenthor reiſten, und wie ſie dort empfangen wurden.... 67 Fünftes Kapitel. Wie die Helden von Com⸗ munipaio etwas weiſer zurückkehrten, als ſie ge⸗ kommen waren— und wie der weiſe Oloff einen merkwürdigen Traum hatte..— 75 Sechſtes Kapitel. Worin ein etymologiſcher Verſuch— dann die Gründung und das Wachs⸗ thum der großen Stadt Neu⸗Amſterdam abge⸗ handelt wird.. 3... 78 Drittes Buch. Worin das goldne Alter der Regierung Wouter's Van Twiller beſchrieben wird. Erſtes Kapitel. Von dem berühmten Wouter Van Twiller und ſeinen einzigen Tugenden, ſei⸗ ner unausſprechlichen Weisheit und dem Erſtau⸗ nen des Volkes darüber..... Zweites Kapitel. Von dem großen Rath zu Neu⸗Amſterdam— und warum ein Rathsherr fett ſeyn muß— zuſammt andern Merkwürdig⸗ keiten von der großen Stadt.. 90 8 61 Seite Drittes Kapitel. Wie die Stadt Neu⸗Am⸗ ſterdam aus dem Schlamm emporſtieg und ge⸗ waltig polirt und policirt wurde— mit einer Schilderung der Sitten unſerer Ururväter 4 Viertes Kapitel. Getreue Beſchreibung des betriebſamen Volkes von Connecticut und der Umgegend, YNankees genannt.... Fünftes Kapitel. Wie das Fort der guten Hoffnung furchtbar belagert wurde— wie der berühmte Wouter in einen tiefen Zweifel fiel und endlich ausſchmauchte..... Viertes Buch. Welches die Chronik der Regierung Wilhelms des Eigenſinnigen enthält. Erſtes Kapitel. Beſchreibt die univerſellen Ei⸗ genſchaften Wilhelms des Eigenſinnigen, und zeigt, wie ein Mann es ſo weit in den Wiſſen⸗ ſchaften bringen kann, daß er für nichts zu brauchen iſt. 8.... Zweites Kapitel. Erzählt die Kunſt, mit Pro⸗ clamationen zu Felde zu ziehen— ſowie die ſchmählige Behandlung des ritterlichen Jacobus Van Curlet in dem Fort der guten Hoffnung Drittes Kapitel. Welches die fürchterliche Wuth Wilhelms des Eigenſinnigen und den gro⸗ ßen Schmerz der Neu⸗Amſterdamer beſchreibt, ferner wie Jener die Stadt ſtark befeſtigte und Stoffel Brinkerhoofd große Thaten that.. Viertes Kapitel. Neues Unglück im Süden.— Heimlicher Zug des Jan Janſen Alpendam ge⸗ gen die Schweden, und unverhoffter Lohn. Fünftes Kapitel. Wilhelm der Eigenſinnige als Geſetzgeber, wie er ſein Volk ſehr aufgeklärt und unglücklich macht..... Sechſtes Kapitel. Von der großen Pfeifenver⸗ ſchwörung— und von dem Elend, welches Wil⸗ helm dem Eigenſinnigen die Erleuchtung der Menge bereitete.—.... 95 101 104 109 115 119 1²3 12²5 1²⁹ Siebentes Kapitel. Mit ſchrecklichen Nachrich⸗ ten von Gränzkriegen und himmelſchreienden Ver⸗ letzungen der Wegelagerer von Connecticut— dann dem Entſtehen des großen Amphictyonen⸗ Gerichts im Oſten und dem Ende Wilhelms des Eigenſinnigen.... 5 Fuͤnftes Buch. Erſter Theil der Regierung Peter Stuyveſants und ſeine Händel mit den Amphictyonen. Erſtes Kapitel. Worin gezeigt wird, daß der Tod eines großen Mannes grade kein ſo heftiges Unglück iſt— und wie Peter Stuyveſant durch die ungewöhnliche Staͤrke ſeines Kopfes einen großen Namen erlangte Zweites Kapitel. Wie Peter der Starrköpfige ſich beim Antritt ſeines Amtes mit den Ratzen * und Spinnweben herumtrieb und gefährliche Miß⸗ griffe in den Berührungen mit den Amphictyo⸗ nen beging....... Drittes Kapitel. Vom Krieg und von Kriegs⸗ verhandlungen— von dem großen Uebel, welches ein Friedenstractat iſt— und wie Peter Stuy⸗ veſant von dem Raubgeſindel hintergangen wurde und ſich aus der Affaire zog... Viertes Kapitel. Wie die Neu⸗Amſterdamer groß in den Waffen wurden, aber eine furchtbare Kataſtrophe herbeiführten— wie dann Peter Stuyveſant die Stadt befeſtigte und der erſte Grün⸗ der der Batterie wurde— wie endlich die Amphic⸗ tyonen von ihren feindlichen Vorſätzen abſtanden Fünftes Kapitel. Wie der Fürſt der Finſter⸗ niß die Bevölkerung des Oſtens berückte und wie man den Feind ausrottete— wie dann ein rit⸗ terlicher Held unter den Holländern aufſtand und zeigte, daß ein Mann, wie eine Blaſe, mit lau⸗ ter Wind gefüllt ſeyn kann.. Sechſtes Buch. Enthaltend den zweiten Theil der Regierung Peters .. Selte 142 150 154 164 170 des Starrköpfigen, ſammt den ritterlichen Tha⸗ ten am Delaware. Erſtes Kapitel. Kriegeriſches Portrait des gro⸗ ßen Peters und Erzählung der wichtigen Dienſte des Generals Van Poffenburg beim Fort Caſimir Zweites Kapitel. Wie Peter der Starr köpfige das Mißgeſchick ſeines Generals erfuhr, und wie er ſich dabei benahm, mit einigen Zügen von ſei⸗ ner Fahrt den Hudſon hinauf.... Drittes Kapitel. Beſchreibung des gewaltigen Heeres, das ſich bei der Stadt Neu⸗Amſterdam ſfammelte, und der Zuſammenkunſt Peters des Starrköpfigen mit dem unglücklichen General Van Poffenburg...... Viertes Kapitel. Wie der edle Ritter die Seinen zur Abfahrt verſammelte, von den Bür⸗ gern Abſchied nahm und rüſtig zum Fort Caſi⸗ mir gelangte— wie dort der Schwede Schamade ſchlug und ehrenvollen Abzug erhielt.. Fünftes Kapitel. Wie Peter Stuyveſant, von unerſättlicher Kriegsluſt erfüllt, das ſchwediſche Fort Chriſtina angriff und das Murren ſeiner Völker zuvor mit einer ſoliden Mahlzeit be⸗ ſchwichtigen mußte....—. Sechſtes Kapitel. Worin die entſetzliche Schlacht beſchrieben wird, ſo jemals in Poeſie oder in Proſa gefeiert worden, mit den bewunderungs⸗ würdigen Thaten Peters des Starrköpfigen. Siebentes Kapitel. Verfaſſer und Leſer ru⸗ hen nach der Schlacht aus und gerathen in eine ernſthafte Betrachtung— wonach erzählt wird, wie Peter Stuyveſant ſich auf ſeinen Sieg be⸗ nommen..„. Siebentes Buch. Enthaltend den dritten Theil der Regierung Peters des Starrköpfigen, ſeine Händel mit der britti⸗ ſchen Nation, wie endlich das Sinken und Ver⸗ fallen der holländiſchen Dynaſtie. . Seite 178 187 19² 199 20⁰5 209 224 4 Seite Erſtes Kapitel. Wie Peter Stuyveſant das ſouveraine Volk der Bürde enthob, ſich um Re⸗ gierungsangelegenheiten zu bekümmern— nebſt ⸗ einigen Beſonderheiten ſeines Benehmens in Frie⸗ denszeiten....... Zweites Kapitel. Wie Peter Stuyveſant von dem Raubgeſindel des Oſtens und von den Rie⸗ ſen von Merryland ſehr beunruhigt wurde— und wie eine ſchwarze Verſchwörung in dem brit⸗ tiſchen Cabinet gegen das Glück der Manhattv's ausbrach........ Drittes Kapitel. Wie Peter Stuyveſant nach dem Oſten auszog, und wie er, obwohl ein alter ASuchs, ſich doch nicht vor Fallen zu hüten wußte 243 Viertes Kapitel. Wie das Volk von Neu⸗ Amſterdam in die größte Furcht gerieth durch die Nachricht eines drohenden Einfalls, und die Fünftes Kapitel. Wie der große Rath der Neuen Niederlande wunderbar mit langen Zun⸗ gen begabt wurde, und wie die Oekonomie einen großen Triumph feierte..... 253 Sechſtes Kapitel. Worin die Verwirrung von Neu⸗Amſterdam immer dicker wird— dann die Bravheit eines Volkes gezeigt wird, das ſich in Zeiten der Gefahr entſchloſſen vertheidigt. 258 Siebentes Kapitel. Wie Antonius der Trom⸗ peter ein trauriges Schickſal hatte, und wie Pe⸗ ter Stuyveſant, als ein zweiter Cromwell, plötz⸗ lich ein Rump⸗Parlament auflöſte... Achtes Kapitel. Wie Peter Stuypeſant die Stadt Neu⸗Amſterdam einige Tage, Kraft der Neuntes Kapittel. Welches die würdige Ab⸗ dankung und tödtliche Uebergate Peters des — . Art, wie man ſich in Vertheidigung ſetzte. 240 Stärke ſeines Kopfes, vertheidigte.. 276 Starrköpfigen enthäͤlt..... 286 Zehntes Kapitel. Des Verfaſſers Betrachtun⸗ gen über das Erzählte.... 294