Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Oltmann in Gießen, —— Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und Teſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. Tag von Morgens 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von 2 jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.] 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei de ſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und. ¹ beträgt: 3 für wochentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 1——— leher: auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Wer.— Pf. „ 1„ 5. Auswärtige Abonnenten baben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſeld 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, v defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines gröoßeren W der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet.— 7. Ausleihezeit. Dieſelbe i auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 3 ſt zu ſorgen. erlorene und erkes, ſo iſt Waſhington Irving's ſaͤmmtliche Werke. — Sechs⸗ bis acht und zwanzigſtes Bändchen. — Die Geſchichte d e 6 Lebens und der Reiſen Chriſtoph's Columbus. Siebentes bis neuntes Baͤndchen. Frankfurt am Main, 1828. Gedruckt und verlegt bei Johann David Sauerlaͤnder. Die Geſchichte de 8 Lebens und der Reiſen Chriſtoph's Columbus Waſhington Jrving. Aus dem Engliſchen überſetzt. Späte Jahrhunderte Sehen die Zeit, wo der Ocean Löſ't die Bande der Dinge, wo großer Erdſtrich ſich aufthut, ein Tiphys Neue Welten entdeckt, nicht der Länder Letztes iſt Thule. Seneca's Medea⸗ Siebentes bis neuntes Baͤndchen. 8 Frankfurt am Main, 1828. Gedruckt und verlegt bei Johann David Sauerlaͤnder. — Zwoöͤlftes Buch. — Erſtes Kapitel. Verwirrung auf Hispaniola. Verfahren der Re⸗ bellen in Faragua. (30. Auguſt 1498.) Columbus kam erſchopft von einer langen und muͤhſeligen Reiſe und von Krankheitszufaͤllen voͤllig daniedergewor⸗ fen auf St. Domingo anz ſeine Seele und ſein Koͤrper verlangten Ruhe, aber von der Zeit an, wo er die oͤffentliche Laufbahn zuerſt betrat, ſollte er nie wieder das ſuͤße Gluͤck der Erholung genießen. Die Inſel Hispaniola, der Lieblings⸗ Schauplatz ſeiner Hoffnungen, war beſtimmt, ihn in ewige unruhe zu verſetzen, ſeine Gluͤcksumſtaͤnde zu beſchraͤnken, ſeine Unternehmungen zu hemmen und ihm den Reſt ſeiner Tage zu verbittern. Zu welchen Scenen von Leiden und und Elend war dieſes fruchtbare und liebliche Inſelland durch die niedrigen Leidenſchaften weniger veräͤchtlichen Ge⸗ ——õõ———— ſellen herabgeſunken! Die Kriege mit den Eingebornen und die Verſchwoͤrungen unter den Coloniſten hatten die Arbeiten der Minen in Stocken gebracht und alle Hoffnung auf Bereicherung vereitelt. Die Schreckniſſe der Hun⸗ gersnoth waren denen der Kriege gefolgt. Der Anbau der Felder wurde durchgaͤngig vernachlaͤſſigt, mehrere Provinzen waren im Laufe der letzten Unruhen verwuͤſtet worden, eine große Menge Indianer hatte ſich in die Gebirge gefluͤchtet, und die, welche zuruͤckblieben, allen Muth zur Arbeit ver⸗ loren, da ſie ſahen wie die Fruͤchte ihrer Anſtrengung den Erpreſſungen mitleidsloſer Fremdlinge zur Beute wurden. Die Vega war zwar wirklich wieder im Zuſtande der Ruhe, aber es war die Ruhe einer Einoͤde. Dieſe ſchoͤne Ebene, welche die Spanier erſt noch vor vier Jahren ſo volkreich und gluͤcklich gefunden hatten, welche in ihrem uͤppigen Schocße alle Reize der Natur zu bergen und aller Sorgen und Muͤhen der Welt zu entbehren ſchien, war jetzt ein wei⸗ ter Schauplatz der Verderbtheit und des Jammers. Viele jener indianiſchen Staͤdte, wo die Spanier, von ungezwun⸗ gener Gaſtfreundſchaft gefeſſelt, faſt wie Goͤtter verehrt wor⸗ den waren, ſtanden jetzt ſtill und veroͤdet. Einige von ihren vorigen Bewohnern blickten lauernd aus Felſen und Hoͤhlen hervor, andere waren in die Sclaverei geſchleppt; viele hatte der Hunger aufgerieben und eine Menge war durchs Schwert gefallen. Es ſcheint faſt unglaublich, daß eine ſo kleine Zahl von Menſchen, noch im Zaum gehalten durch wohlmeinende Obere, in ſo kurzem Zeitraume ſo weit wucherndes Unglaͤck ausſtreuen konnte. Aber die Grund⸗ ſätze des Böſen wirken mit einer verhaͤngnißvollen Geſchaͤf⸗ tigkeit. Alle Anſtrengungen laſſen den beſten Menſchen nur einen kleinen Theil des Guten vor ſich bringen; dagegen ſcheint es in die Macht des allerveraͤchtlichſten Menſchen ge⸗ geben zu ſeyn, unberechenbares Unheil uͤber ſeine Mitge⸗ ſchoͤpfe zu verbreiten. Die niedrigen Leidenſchaften der weißen Maͤnner, welche ſo vielen Jammer uͤber dieſes unſchuldige Volk gebracht hat⸗ ten, gaben ihnen ſelbſt den verdienten Lohn zuruͤck. An keinem Ort war dieſes augenſcheinlicher zu erkennen, als bei den Bewohnern von Jſabella, den nichtswuͤrdigſten, em⸗ poͤreriſchſten und ausſchweifendſten auf der ganzen Inſel. Die oͤffentlichen Werke blieben unvollendet; die Gaͤrten und Felder, die ſie zu bebauen angefangen, lagen vernachlaͤſſigt da; ſie hatten die Eingebornen durch Qualen und Grauſam⸗ keiten aus ihrer Naͤhe vertrieben und die Gegend rings umher in eine wahre Einoͤde verwandelt. Zu traͤge zur Arbeit und von allen Mitteln entbloͤßt, womit ſie ihrer Faulheit zu Huͤlfe kommen konnten, haderten ſie mit ein⸗ ander, trieben Meuterei gegen ihre Vorgeſetzte und vergeu⸗ deten die koſtbare Zeit abwechſelnd mit Aufruhr und mit Muthloſigkeit. Viele von den Soldaten, die auf der Inſel umher lagen, hatten waͤhrend der letzten unruhen von Krank⸗ heiten zu leiden gehabt, da ſie in indianiſchen Doͤrfern ein⸗ geſchloſſen waren, wo ſie keine Uebungen vornehmen konnten und zu Nahrungsmitteln gezwungen wurden, an welche ſie ſich nicht gewoͤhnen konnten. Die, welche in activem Dienſt — 8— geſtanden hatten, waren durch anſtrengende Expeditionen, lange Maͤrſche und geringe Lebensmittel herabgekommen. Eine große Anzahl laborirte an ſchwaͤchlicher Geſundheit und viele waren durch die Krankheiten hingerafft worden. Bei allen hoͤrte man den Wunſch, die Inſel zu verlaſſen und dem Elend zu entrinnen, welches ſie ſelbſt geſchaffen hatten. Dieſes war das geſegnete und fruchtbare Land, auf welchem die Blicke der Philoſophen und Dichter in Europa mit Sehnſucht verweilten„ als verwirklichten ſich hier die Vorſtellungen vom goldnen Zeikalter. So wird es wahr, daß das reizendſte Elyſium, welches die Phantaſie ſich je entwarf, durch die Leidenſchaften niedriger Seelen ſich in ein Fegfeuer verwandelt. Eine der erſten Maßregeln des Columbus bei ſeiner An⸗ kunft war, eine Proclamation ergehen zu laſſen, welche alle Verordnungen uud Schritte des Adelantantado beſtaͤtigte und den Roldan mit ſeinen Anhaͤngern in Anklageſtand ver⸗ ſetzte. Dieſer unruhige Kopf hatte ſich in Beſitz von a⸗ ragua geſetzt, und die Eingebornen waren ihm mit Guͤta entgegengekommen. Er hatte es ſeinen Begleitern erlaubt, in dieſen reizenden Umgebungen ihr ausſchweifendes Schla⸗ raffenleben zu fuͤhren und das ganze Land und ſeine Be⸗ wohner ihren Geluͤſten und Leidenſchaften dienſtbar zu ma⸗ chen. Ein Zufall ereignete ſich, ehe ſie wußten, daß Co⸗ lumbus ankommen werde, wodurch ſie Lebensmittel in ihre Gewalt bekamen und ihre Macht verſtaͤrkten. Als ſie eines Tages an dem Meeresſtrande ſpazieren gingen, erblickten ſie — 9— drei Caravelen in der Ferne, deren Erſcheinung ſie, in dieſer unbeſuchten Gegend des Weltmeeres, mit Verwunderung und Beſorgniß erfuͤllte. Die Rebellen fuͤrchteten anfaͤnglich, es ſeyen Schiffe, die man zu ihrer Verfolgung abgeſandt haͤtte. Roldan aber, der ſo ſchlau als kuͤhn war, vermu⸗ thete, es ſeyen Schiffe, die von ihrem Laufe abgeirrt, von den Stroͤmungen nach Weſten getrieben und mit den neue⸗ ſten Ereigniſſen auf der Inſel unbekannt ſeyen. Waͤhrend er nun ſeinen Leuten die groͤßte Verſchwiegenheit anbefahl, ging er an Bord, mit dem Vorgeben, er ſey in dieſer Ge⸗ gend ſtationirt, um die Eingebornen im Zaum zu halten und den Tribut einzutreiben. Seine Vorausſetzungen mit den Schiffen beſtaͤtigten fich. Es waren wirklich die drei Cara⸗ velen, die Columbus bei den canariſchen Inſeln von dem Geſchwader detachirt hatte, um Lebensmittel nach der Co⸗ lonie zu bringen. Die Schiffskapitaine kannten die Gewalt der Stroͤmungen nicht, welche durch die caraibiſche See ge⸗ hen, und waren von ihnen weit uͤber ihre Berechnung weſt⸗ lich gefuͤhrt worden, bis ſie endlich an der Kuͤſte von Fa⸗ ragua ankamen. Roldan und ſeine Begleiter bewahrten ihr Geheimniß drei⸗ Tage mit Vorſicht. Da er fuͤr einen Mann von hohem Anſehn und großer Gewalt gehalten wurde, nahmen die Kapitaine keinen Anſtand, allen ſeinen Requiſitionen nach Lebensmitteln zu willfahren. Er ließ ſich Schwerter, Lan⸗ zen, Armbruſte und vielerlei Kriegsbedarf geben, unterdeſſen waren ſeine Leute in den Schiffsraͤumen umher geſchaͤftig⸗ — 40— ſich heimlich unter der Mannſchaft Anhaͤnger ihnen das harte Loos der vorzuſtellen und damit gleichen, welches ſie in Schiffsvolk beſtanden au Folge des uͤbelberechnete nach Criminalſtrafen in zu verſchaffen, Coloniſten auf St. Domingo das luſtige zuͤgelloſe Leben zu ver⸗ Xaragua fuͤhrten. Viele von dem s jenen Subjecten, die man in in Vorſchlags des Admirals, wor⸗ Deportation verwandelt wurden, mit eingeſchifft hatte. Es waren Vagabunden, der Auswurf der ſpaniſchen Staͤdte, und Verbrecher aus den Gefaͤngniſſen Spaniens. Sie waren grade die rechten Leute, die durch dergleichen Vorſtellungen gewonnen werden konnten; ſie ver⸗ ſprachen bei der erſten Gelegenheit auszureißen und ſich mit den Rebellen zu vereinigen,. Erſt am dritten Tage entdeckte Alonzo Sanchez de Carvajal, der aufmerkſamſte der drei Capitaine, den wahren Charakter der gefaͤhrlichen Gaͤſte„ denen er freien Zutritt an Bord ſeiner Schiffe geſtattet hatte, Jetzt war es zu ſpaͤt; das Unheil war geſchehen. Er und ſeine Mit⸗Capi⸗ taine hielten mehrere ernſthafte Unterredungen mit Roldan und ſuchten ihn zu bewegen, von ſeiner gefaͤhrlichen Oppo⸗ ſition gegen die rechtmaͤßige Gewalt abzuſtehen. Die Ge⸗ wißheit, daß Columbus wirklich auf dem Wege nach der Inſel war, mit Huͤlfätruppen an Bord und mit vermehrter Gewalt, machte auf ſeine Seele großen Eindruck. Er hatte, wie bereits erwaͤhnt, ſeine Freunde auf St. Domingo vor⸗ bereitet, daß ſie ſeine Sache vor dem Admiral fuͤhren und ihn verſichern ſollten, daß er nur gegen die Ungerechtigkeiten — 411— und Unterdruͤckungen des Adelantado aufgeſtanden, aber ihm ſelbſt ſich nach ſeiner Ankunft zu unterwerfen willig ſey. Carvajal merkte, daß die uͤblen Vorſäͤtze Roldans und meh⸗ rerer ſeiner Verbuͤndeten wankend gemacht ſeyen und ſchmei⸗ chelte ſich, daß es ihm bei einem nicht viel laͤngeren Auf⸗ enthalt unter den Rebellen gelingen werde, ſie zu ihrer Pflicht zuruͤckzufuͤhren. Unguͤnſtige Winde machten es den Schiffen unmoͤglich, den Stroͤmungen entgegen nach St. Domingo zu ſchiffen. Die Kapitaine kamen alſo uͤberein, daß eine große Anzahl der an Bord befindlichen Leute, mit Kuͤnſtlern und andern fuͤr den Dienſt der Colonie wichtigen Leuten, ſich zu Land nach der Niederlaſſung begeben ſollten. Ihnen wurde Juan Antonio Colombo, Kapitain der einen Caravele, ein Verwandter des Admirals und ein eifriger Anhaͤnger ſeiner Sache, zum Fuͤhrer gegeben. Arana ſollte mit den Schiffen abgehen, wenn der Wind wieder guͤnſtig werde, und Carvajal wollte freiwillig an der Kuͤſte bleiben, um es zu verſuchen, die Rebellen zum Gehorſam zuruͤckzu⸗ bringen· Am folgenden Morgen landete Juan Antonio Colombo an der Spitze von vierzig Mann, wohlbewaffnet mit Arm⸗ bruſten, Schwertern und Lanzen, erſtaunte aber nicht we⸗ nig, als ihn ſein ganzer Trupp bis auf acht Mann ver⸗ ließ. Die Deſerteurs gingen triumphirend zu den Rebellen uͤber, welche mit Frohlocken dieſe wichtige Verſtaͤrkung von Geiſtesverwandten aufnahmen. Umſonſt verſuchte Juan An⸗ tonio durch Vorſtellungen und Drohungen ſie zu ihrer Pflicht zuruͤckzufuͤhren. Die meiſten waren uͤberwieſene Ver⸗ brecher, gewohnt, Befehle zu verachten und den Geſetzen Trotz zu bieten. Es war gleichfalls umſonſt, daß er ſich an Rol⸗ dan wandte und ihn an ſeine Verſicherung der Treue gegen die Regierung erinnerte. Dieſer erwiederte, er beſitze keine Mittel, Gehorſam zu erzwingen; es ſey hier ein„Kloſter der Obſervanz,“" wo es einem jeden freiſtehe, die Regeln des Ordens anzunehmen oder nicht. Dieſes war der Anfang einer langen Reihe von Uebeln, die aus dem ungluͤcklich gewaͤhl⸗ ten Auskunſtsmittel hervorgingen, eine Colonie mit Ver⸗ 5 brechern zu bevoͤlkern, wodurch der Hauptſtamm der Be⸗ 8 wohner in die Gemeinſchaft von Laſter und Bosheit ge⸗ ſetzt wurde.— Juan Antonio kehrte traurig und muthlos mit den we nigen Getreuen an Bord zuruͤck. Aus Beſorgniß vor fer⸗ nerem Entweichen gingen die beiden Kapitaine ſogleich in See und ließen den Carvajal am Lande, um den Verſuch, — die Rebellen zu bekehren, weiter zu verfolgen. Nur mit großem Zeitverluſt und Schwierigkeiten erreichten die Schiffe St. Domingo; das Fahrzeug Carvajals ſtieß auf eine Sand⸗ bank, und wurde beſchaͤdigt. Wie ſie am Ort ihrer Be⸗ ſtimmung ankamen, war der groͤßte Theil ihrer mitgebrach⸗ ten Vorraͤthe theils erſchoͤpft, theils verdorben. Alonzo V Sanchez de Carvajal kam bald darauf zu Land an, mehrere Inſurgenten hatten ihn bis auf ſechs Stunden von dem Orte begleitet, um ihn vor den Indianern zu ſchützen. Sein Verſuch, die Rotte auf der Stelle wieder zur Unter⸗ V werfung zu beſtimmen, war ihm mißgluͤckt, aber Roldag hakke ihm derſprochen, daß er alsbald, ſo wie er don der Ankunft des Columbus hoͤren werde, in der Naͤhe von St. Oomingo erſcheinen wolle, um ſeine Beſchwerden ſelbſt an⸗ zubringen, die Gruͤnde ſeines bisherigen Benehmens vorzus eragen und zur Beilegung aller Irrungen in Unterhand⸗ lungen mit ihm zu treten. Carvajal brachte dem Admiral von ihm einen Brief deſſelben Inhaltes, und ſprach, nach der Stimmung, die er unter den Rebellen gefunden, die ſichere Ueberzeugung aus, daß ſie leicht zum Gehorſam zuruͤckzubringen ſeyen, wenn man ihnen Amneſtie gewaͤhren wolle.*) 3 — 0) Las Casas I. I. c- 149. 150. Herrera hist. Ind. dscad. I. 1. III, c. 12. Hist. del Almirante, c. 77. X Zweites Kapitel. Unterhandlung des Admirals mit den Rebellen, Ab⸗ gang von Schiffen nach Spanien. (1498.) Ungeachtet der guͤnſtigen Vorſtellungen Carvajals gerieth Columbus ſehr in Unruhe uͤber die kuͤrzlichen Ereigniſſe in Karagua. Er ſah ein, daß die Unverſchaͤmtzeit der Rebel⸗ len und ihr Vertrauen auf ihre Macht durch den Beitritt einer ſo großen Zahl wohlbewaffneter und verzweifelter Ver⸗ buͤndeten ſehr vermehrt worden. Die Abſicht Roldan's, in die Nachbarſchaft von St. Domingo zu kommen, ſetzte ihn in Beſorgniß. Er zweifelte an der Aufrichtigkeit ſeines Be⸗ kenntniſſes und beſorgte großes Unheil und Gefahren von einem ſo liſtigen, tollkuͤhnen und unruhigen Kopfe an der Spitze eines ihm ganz ergebenen wilden und unternehmen⸗ den Haufens. Das Beiſpiel dieſer geſetzloſen Horde, die auf ihren Raubzuügen die Inſel durchſchweifte und in unge⸗ bundener Luſt und ſchamloſer Laſterhaftigkeit lebte, konnte nur einen gefaͤhrlichen Eindruck auf die neuangekommenen Coloniſten machen, und wenn ſie ſich in der Naͤhe zeigte, — 15— um ihre heimlichen Intriguen zu ſpielen und allen Miß⸗ vergnuͤgten ein freies Aſyl anzubieten, war die friedliche Exiſtenz der ganzen Colonie vollends untergraben und ver⸗ nichtet. 3 Etwas mußte ſogleich geſchehen, um die Treue der Co⸗ loniſten gegen ſolche Verfuͤhrung zu ſichern. Er wurde ge⸗ wahr, daß es bei vielen ſehnlicher Wunſch ſey, nach Spa⸗ nien zuruͤckzukehren und daß die Aufruͤhrer gefliſſentlich die falſche Vorſtellung unterhalten hatten, er und ſeine Bruͤder wünſchten die Coloniſten aus ſelbſtiſchen Zwecken auf der Inſel zuruͤckzuhalten. Am 12. September erging daher eine Bekanntmachung, welche allen, die nach Spanien zu⸗ ruͤckkehren wollten, freie Fahrt und Lebensmittel zur Reiſe anbot, da fuͤnf Schiffe zu dieſem Ende faſt ſegelfertig da ſtaͤnden. Er hoffte auf dieſe Weiſe die Colonie von den Muͤßiggaͤngern und Mißvergnüͤgten zu befreien, die Parthei des Roldan zu ſchwaͤchen und nur ſolche bei ſich zuruͤckzube⸗ halten, die von gutem Willen beſeelt und fuͤr den Dienſt der Inſel geeignet waͤren⸗ Er ſchrieb zu gleicher Zeit an Miguel Balleſter, den eh⸗ renfeſten, gepruͤften Veteran, der das Fort Conception be⸗ fehligte, und ſchaͤrfte ihm ein, wohl auf ſeiner Hut zu ſeyn, fur den Fall, daß die Rebellen in ſeine Naͤhe kommen ſollten. Er ermaͤchtigte ihn zu gleicher Zeit, mit Roldan zu reden, ihm Pardon und Verzeihung des Vorgegangenen an⸗ zubieten, doch unter der Bedingung, daß er auf der Stelle zum Gehorſam zuruͤckkehre, auch ihn einzuladen, in St. Do⸗ mingo zu erſcheinen, um mit dem Admiral eine Unterre⸗ — 16— dung zu halten, unter der feierlichen und wenn er darauf dringe, ſchriftlichen Verſicherung voͤlliger Sicherheit ſeiner Perſon. Columbus meinte es aufrichtig mit ſeinem Aner⸗ bieten. Er war von einem wohlwollenden und friedlieben⸗ den Geiſte, und inſonderheit frei von allem Anreiz zur Rache fuͤr die vielen unwuͤrdigen und verderbten Men⸗ ſchen, die ſein Haupt mit Sorge belaſteten. Balleſter hatte kaum das Schreiben erhalten, als die Rebellen auch ſchon bei dem Dorfe Bonao ankamen. Die⸗ ſes lag in einem reizenden Thale oder in einer Vega, die denſelben Namen trug. Die Gegend war gut bevoͤlkert und fruchtbar. Sie lag ungefaͤhr zehn Stunden vom Fort Con⸗ ception, und gegen zwanzig von St. Domingo entfernt. Hier hatte Pedro Riquelme, einer der Raͤdelsfuͤhrer, große Beſitzungen, und ſeine Reſidenz wurde das Hauptquartier der Rebellen. Adrian de Moxica, ein Mann von unruhi⸗ gem und unheilbringendem Geiſte, brachte eine Rotte von verruchten Raͤubern zu dieſem Sammelplatze. Auch Roldan und Andere zogen ſich von verſchiednen Orten hier zuſammen. Sowie der Veteran Miguel Balleſter von der Ankunft Roldan's hoͤrte, ging er ihm ſogleich entgegen. Balleſter war ein alter wuͤrdiger Mann, von grauem Haar und krie⸗ geriſchem Ausſehen. Er war treu, offen und tapfer, von ernſtem Charakter und großer Herzenseinfalt.*) Mit Recht fiel die Wahl des Columbus auf ihn, um mit leichtſinnigen und laſterhaften Menſchen zu unterhandeln, da er die Lei⸗ *) Las Casas, hist, Ind, lib, J, e. 255, — 17— denſchaft durch ſeine Ruhe beſchwichtigte, die Unbeſonnen heit durch ſein Alter entwaffnete, ihr Vertrauen durch ſeine argloſe Treuherzigkeit zu gewinnen und ihre Frechheit durch ſeine fleckenloſe Tugend im Zaum zu halten im Stande war. Balleſter fand Roldan in Gemeinſchaft mit Pedro Ri⸗ quelme, Pedro de Gamiz und Adrian de Morita, welche drei ſeiner Hauptverbuͤndeten waren. Von dem Vertrauen auf ſeine augenblickliche Macht aufgeblaſen, behandelte Rol⸗ dan die angebotene Verzeihung mit Verachtung; er erklaͤrte, er komme nicht wegen Bedingungen des Friedens hierher, ſondern um die Freigebung einiger Indianer zu verlangen, die ungerechter Weiſe gefangen geſetzt und auf dem Punkte waͤren, als Sklaven nach Spanien uͤbergeſchifft zu werden, ungeachtet er ſelbſt als Alcalde⸗Major ſich fuͤr ihr Wohl verbuͤrgt habe. Er erklaͤrte, daß er von keiner Annaͤherung etwas wiſſen wolle, bis dieſe Indianer auf freien Fuß ge⸗ ſetzt ſeyen, dabei prahlte er auf's Unverſchaͤmteſte, daß er den Admiral und deſſen ganzes Gluͤck in ſeiner Hand habe, und ihm helfen oder ihn verderben koͤnne, wie es ihm gefalle. Die Indianer, welche hier in Frage ſtanden, waren Unterthanen des Guarionex, die von Roldan aufgehetzt wor⸗ den, ſich der Erhebung des Tributs zu widerſetzen, und die unter der Sanction ſeiner angemaßten Autoritaͤt ſich zum Aufruhr in der Vega hatten bereit finden laſſen. Roldan wußte, daß die Sklaverei der Indianer eine verhaßte Seite der Verwaltung der Inſel war, beſonders in den Augen der Koͤnigin, und der argliſtige Charakter dieſes Mannes zeigt ſich deutlich, wo er ſeinem Widerſtreben gegen Colum⸗ Irving's Columbus. 7— 9, 2 bus die Miene gibt, als nehme er ſich der Menſchenrechte der ungluͤcklichen Inſulaner an. Er ſttellte noch andere Forderungen von hoͤchſt unverſchaͤmter Art, und die Rebel⸗ len erklaͤrten, ſie wuͤrden bei allen ferneren Unterhandlun⸗ gen ſich mit keinem anderen Zwiſchenagenten als mit Car⸗ vajal einlaſſen, da ſie Beweiſe von ſeiner Rechtlichkeit und Unpartheilichkeit im Laufe ihrer letzten Berhandlungen mit ihm zu Xaragua erhalten haͤtten. Dieſe anmaßende Antwort auf die angebotene Verzet⸗ hung war von dem, was der Admiral erwarten zu duͤrfen glaubte, ganz verſchieden. Er wurde in die allerverlegenſte Lage verſetzt. Er ſchien von Verraͤtherei und Falſchheit umge⸗ ben. Er wußte, daß Roldan Freunde und heimliche Am haͤnger ſelbſt unter denen hatte, welche ſich ſeine Getreue nannten; und es war ihm unbekannt, wie weit die Ver⸗ zweigung der Verſchwoͤrung ſich ausdehnte. Bald ereignete ſich ein Umſtand, der ſeine Beſorgniſſe rechtfertigte. Er ließ die bewaffneten Leute von St. Domingo unter Waffen treten, um ihre Staͤrke zu wiſſen, wenn er ſich im Fall der Noth des Terrains verſichern muͤſſe. Sogleich verbreitete ſich das Geruͤcht, ſie ſollten nach Bonao gegen die Rebellen gefuͤhrt werden. Nicht ſiebenzig Mann erſchienen in Waffen und unter dieſen waren keine vierzig, auf welche man ſich verlaſſen konnte. Der eine ſtellte ſich lahm, der anderse krank; einige hatten Verwandte, andere Freunde unter Roldan’s Anhaͤnger, und faſt alle waren dem Dienſte gram.* 5) Hist. del Almirante, cap. 78. — — 19— Columbus ſah, daß er nur ſeine eigne Schwaͤche und die Staͤrke der Rebellen offenbaren wuͤrde, wenn er zu den Waffen ſeine Zuflucht naͤhme, und dann köͤnnte es leicht um alle Wuͤrde und um den ganzen Nachdruck ſeines Gouverne⸗ ments geſchehen ſeyn. Er mußte ſich daher zum Nachgeben verſtehen, ſo demuͤthigend auch ein ſolches Benehmen er⸗ ſcheinen mochte. Er hatte die fuͤnf Schiffe achtzehn Tage lang im Hafen zuruͤckgehalten, in der Hoffnung, dieſer Re⸗ bellion doch einigermaßen ein Ziel zu ſetzen, ſo daß er den Souverainen guͤnſtige Berichte von der Inſel uͤberſchicken koͤnnte. Aber die Vorraͤthe auf den Schiffen wurden ver⸗ zehrt, die gefangenen Indianer an Bord litten und ſtarben dahin, einige von ihnen ſprangen uͤber Bord oder erſtlckten vor Hitze in den Gefaͤngniſſen der Schiffe. Er ſorgte zu⸗ gleich, daß ſo viele unzufriedene Coloniſten als möglich nach Spanien abgingen, ehe irgend ein Aufruhr ausbraͤche. Am 18. October gingen daher die Schiffe in See.) Columbus ſchrieb an die Souveraine einen Bericht uͤber den Aufſtand und uͤber den Pardon, den die Rebellen ausge⸗ ſchlagen hatten. Da Roldan behauptete, die Veranlaſſung ſeyen bloß Irrungen zwiſchen ihm und dem Adelantado, uͤber welche der Admiral kein unpartheiiſcher Richter ſeyn koͤnne, ſo bat dieſer, Roldan moͤge nach Spanien vorge⸗ * Auf einem dieſer Schiffe fuhr der Vater des ehrwürdtaen⸗ Geſchichtſchreibers Las Caſas, und von ihm hat derſelbe viele erzählte Thatſachen in ſeiner Geſchichte aufgenont⸗ men. Las Casas l. I. c. 153. xe —. 20— fordert werden und Ihre Majeſtaͤten ſelbſt uͤber ihn das Urtheil ſprechen, oder es ſolle eine Unterſuchung in Gegen⸗ wart des Alonzo Sanchez de Carvajal ſtattfinden, welcher dem Roldan freundlich geſinnt ſey, und des Miguel Balle⸗ ſter, als Wahrheitszeugen von Seiten des Adelantado. Er ſchrieb die Verwirrung auf dieſer Inſel groͤßtentheils ſeinem langverzoͤgerten Aufenthalt in Spanien und dem Aufſchube 4 zu, den ihm diejenigen in den Weg gelegt, welche dazu be⸗ ſtimmt geweſen, ihm beizuſtehen, die aber den Abgang der Proviantſchiffe aufgehalten haͤtten, bis die Colonie in den groͤßten Mangel gerathen waͤre. Von da habe die Unzu⸗ friedenheit, das Murren und endlich die Rebellion ihren — Anfang genommen. Er beſchwor Ihre Majeſtaͤten in den I— dringendſten Ausdruͤcken, daß die Angelegenheiten der Colo⸗ nie nicht vernachlaͤſſigt werden moͤchten, und daß Denen zu Sevilla, welche mit dieſen Verhaͤltniſſen zu thun haͤtten, wenigſtens anbefohlen wuͤrde, auf keine Hinderniſſe ſtatt auf Befoͤrderung zu ſinnen. Er beruͤhrte die Zuͤchtigung, die er dem nichtswuͤrdigen Pimeno Beviesco, der anmaßenden Creatur des Fonſeca angethan, und bat, daß ihm weder , dieſer noch irgend ein anderer Umſtand in der koͤniglichen Gunſt zum Nachtheil gereichen moͤge, wenn hinterliſtige Maͤnner ihn deßhalb verkleinerten. Er verſicherte, die na⸗ tuͤrlichen Huͤlfsquellen der Inſel erforderten nichts als den gehoͤrigen Fleiß, dann koͤnnten alle Beduͤrfniſſe von den Coloniſten ſelbſt gewonnen werden, aber dieſe Menſchen ſeyen traͤge und ausſchweifend. Er machte den Vorſchlag, er wolle mit jedem Schiffe, ſo wie dießmal, eine Anzahl — 21— von Unzufriedenen und unnuͤtzen Menſchen zuruͤckſchicken, um ſie durch maͤßige und arbeitſame Leute erſetzen zu koͤnnen. Er bat auch, man moͤge Geiſtliche fuͤr den Unterricht und die Be⸗ kehrung der Indianer und, was eben ſo noͤthig ſey, auch fuͤr die Sinnesaͤnderung der zuͤgelloſen Spanier heruͤberſenden. Er verlangte ferner einen gelehrten und in der Rechts⸗ praxis erfahrenen Mann, um als Richter der Inſel vorge⸗ ſetzt zu werden, nebſt einigen Beamtendes koͤniglichen Schatzes. Nichts konnte gegen die Richtigkeit und Klugheit dieſer For⸗ derungen eingewandt werden, aber ungluͤcklicherweiſe befleckte ein Anhäͤngſel die moraliſche Schoͤnheit dieſes trefflichen Briefes. Er bat, den Spaniern moͤchte noch zwei Jahre länger erlaubt ſeyn, die Indianer als Sclaven zu benutzen, doch nur ſolche, die im Krieg oder bei Empoͤrungen gefan⸗ gen genommen wuͤrden. Columbus konnte die Sitten der Zeit zu ſeiner Entſchulbigung anfuͤhren, doch iſt es im⸗ mer ein Abweichen von ſeiner ſonſtigen Gefuͤhlsmilde und von ſeiner vaͤterlichen Sorgfalt fuͤr dieſes ungluͤckliche Volk. Zu gleicher Zeit ſchrieb er einen anderen Brief, der von ſeiner neuen Reiſe Auskunft gab; er ſuͤgte eine Karte, auch Proben von Gold und inſonderheit von Perken bei, die ſie in dem Golf von Paria gewonnen hatten. Vorzugsweiſe fuͤr dieſe Letzteren nahm er die Aufmerkſamkeit in Anſpruch, da es die erſten Proben von Perlen ſeyen, die in der neuen Welt gefunden worden. In dieſem Briefe war es, wo er das neuentdeckte Feſtland in ſo enthuſiaſtiſchen Ausdrücken beſchrieb, als das geſegnetſte Land des Oſtens, die Quelle unerſchoͤpflicher Schaͤtze, den vermuthlichen Sitz des irdiſchen — 22— Paradieſes; er verſprach die Entdeckung dieſer koͤſtlichen Reiche mit den drei uͤbrigen Schiffen zu verfolgen, ſowie es die Verhaͤltniſſe der Inſel erlauben wuͤrden. Mit dieſer Gelegenheit ſandten auch Roldan und ſeine Freunde Brieke nach Spanien, in der Abſicht, ihre Re⸗ bellion zu rechtfertigen, indem ſie den Columbus und ſeine Bruͤder der Unterdruͤckung und Ungerechtigkeit anklagten unnd deren ganzes Benehmen mit den ſchwaͤrzeſten Farben ſchilderten. Man ſollte billig annehmen, daß die Vorſtel⸗ lungen ſolcher Maͤnner in der Wagſchale wenig Gewicht gegen die gepruͤfte Treue und hoch geprieſenen Verdienſte des Columbus gehabt haͤtten; aber ſie beſaßen viele Freunde und Verwandte in Spanien, ſie hatten das oͤffentliche Vor⸗ urtheil auf ihrer Seite, und es ſtanden hinterliſte Leute, die ſich der Gunſt der Gebieter erfreuten, bereit, ihre Sache zu vertreten. Columbus war, um ſich ſeiner eignen Worte zu bedienen,„abweſend, beneidet und ein Fremdling in die⸗ ſem Lande.*)* *) Las Casas hist. Ind. lib. I. cap. 157. Drittes Kapitel. [—x—— Uebereinkunft mit den Rebellen. (1498.) Als die Schiffe abgeſegelt waren, nahm Columbus die Unterhandlungen mit den Rebellen wieder auf. Er war entſchloſſen, dieſer Meuterei, ſey es auch mit großen Opfern, ein Ziel zu ſetzen; denn ehe ſie nicht beſchwichtigt war, blieben nicht nur die Angelegenheiten der Inſel in einem zerriſſenen und zerruͤtteten Zuſtande, ſondern auch alle ſeine glänzenden Plaͤne auf Entdeckungen mußten eine Unterbrechung erlei⸗ den. Seine Schiffe lagen unthaͤtig im Hafen, waͤhrend noch eine Region von anſcheinend unendlichen Reichthuͤmern zu erforſchen war. Er hatte die Abſicht gehabt, ſeinen Bruder auf dieſe Entdeckungsreiſe auszuſenden, allein der thaͤtige und kriegeriſche Geiſt des Adelantado machte deſſen Anweſenheit unumgaͤnglich noͤthig, fuͤr den Fall, daß die Rebellen zu offenen Gewallthaten uͤbergehen ſollten. Dieſes waren die Schwierigkeiten, womit Columbus bei jedem Schritt ſeiner edlen und hochherzigen Unternehmungen zu kaͤmpfen hatte; band erfuhr er Hemmungen durch die argliſti⸗ gen Raͤnke heimtüͤckiſcher Maͤnner in Aemtern, bald wurde 4 er von der frechen Zuͤgelloſigkeit einer Rotte von Raͤubern in Sorgen und Noth verſetzt. Columbus berieth ſich ernſtlich mit den wichtigſten Per⸗ ſonen ſeiner Umgebung. Er fand, daß ein großer Theil des Mißvergnuͤgens im Volke dem ſtrengen Regimente ſei⸗ nes Bruders zugeſchrieben wurde, den man anklagte, daß er mit eiſerner Hand die Gerechtigkeit verwalte. Aber Las Caſas, welcher alle aus verſchiedenen Quellen geſammelte Zeugniſſe uͤber das Betragen des Adelantado einſah, ſpricht ihn von jeder Beſchuldigung dieſer Art frei, und verſichert, daß er insbeſondere gegen Roldan ſich mit großer Maͤßigung benommen habe. Columbus beſchloß nach dem Rathe ſeiner Freunde und nach den Eingebungen ſeines eignen verſoͤhn⸗ lichen Gemuͤthes, die aͤußerſte Milde zu verſuchen. Er ſchrieb einen Brief an Roldan, vom 20. October datirt, in den verſoͤhnendſten Ausdruͤcken, mit der Erinnerung an ſeine fruͤhere guͤtige Behandlung, und mit der Aeußerung des tiefen Schmerzes, daß er ſolche Fehden zwiſchen ihm und dem Adelantado erleben muͤſſe. Er beſchwor ihn we⸗ gen des allgemeinen Beſten und zur Ehre ſeines eignen Namens, der bei den Souverainen etwas gelte, nicht auf ſeinem Ungehorſam zu beharren. Er wiederholte die Ver⸗ ſicherung, daß wenn er und ſeine Gefaͤhrten kommen woll⸗ ten, er fuͤr die Unverletzlichkeit ihrer Perſonen ſein Wort zum Pfande gebe... Schwierig war es, einen Ueberbringer fuͤr dieſen Brief zu finden. Die Rebellen hatten erklaͤrt, daß ſie Nieman⸗ den zum Vermütttler annehmen wuͤrden, als Alonzo Sanchez — 25— de Carvajal. Doch zweifelten Viele von der umgebung des Columbus an der Treue dieſes Staatsdieners. Sie be⸗ merkten, er habe es geduldet, daß Roldan in Xaragua zwei Tage an Bord ſeiner Caravele geblieben, er habe ihn mit Waffen und Vorraͤthen verſehen, habe es außer Acht gelaf⸗ ſen, ihn an Bord feſtzuhalten, nachdem man entdeckt, daß er ein Rebell ſey, habe ſich keine Muͤhe gegeben, die Ausreißer wieder zu gewinnen, ſey auf ſeinem Wege nach St. Do⸗ mingo von den Reballen begleitet worden und habe ihnen friſche Lebensmittel nach Bonao geſandt. Es wurde ferner angefuͤhrt, daß er ſich fuͤr einen Collegen des Columbus ausgegeben, der von der Regierung beſtimmt ſey, ein wach⸗ ſames Auge und eine Aufſicht uͤber ſein Benehmen zu hal⸗ ten. Man behauptete, als er den Rebellen gerathen, ſich St. Domingo zu naͤhern, habe er die Abſicht gehabt, wenn der Admiral nicht kaͤme, ſeine angebliche Autoritaͤt als gleich⸗ berechtigter Beamter mit der des Roldan als Oberrichter zu vereinigen und die Zuͤgel der Herrſchaft an ſich zu rei⸗ ßen. Endlich wurde noch das Verlangen der Rebellen, ihn als Agenten bei ſich zu ſehen, als ein Beweis angefuͤhrt, daß er als Anfuͤhrer zu ihnen ſtoßen und daß die Fahne der Empoͤrung in Bonao aufgepflanzt werden ſolle.*) Dieſe Umſtaͤnde beunruhigten einige Zeit die Seele des Co⸗ lumbus, aber er bedachte, daß Carvajal, ſoweit er im Stande geweſen, ſein Benehmen zu beobachten, ſich wie ein Mann von Ehre und Rechtſchaffenheit benommen hatte; *) Hist. del Almirante, cap. 78. mehrere zu ſeinem Nachtheil angefuͤhrte Umſtaͤnde ließen ſich auch zu ſeinen Gunſten auslegen; das Uebrige waren bloße Geruͤchte, und er hatte es ja ungluͤcklicherweiſe ſelbſt erfah⸗ ren, wie leicht die lauterſten Handlungen und die edelſten Charaktere durch boͤſen Leumund verdaͤchtigt werden. Er entledigte ſich mit einem Male alles Argwohns und beſchloß dem Carvajal unbedingtes Vertrauen zu ſchenken; und er hatte niemals Urſache, dieſes ſein Vertrauen zu bereuen. Der Admiral hatte kaum dieſes Schreiben abgeſandt, als er von einem der Rebellen⸗Anfuͤhrer einen Brief bekam, — der einige Tage vorher geſchrieben war. In dieſem recht⸗ fertigte man ſich nicht allein gegen die Beſchuldigung der Meuterei, ſondern ruͤhmte ſich großen Verdienſtes, daß man die Untergebnen von dem Entſchluß abgebracht, den Ade⸗ lantado aus Rache für ſeine Unterdruͤckungen zu erſchla⸗ gen, und es uͤber ſie gewonnen haͤtte, die Abſtellung ihrer Beſchwerden ruhig von dem Admiral zu erwarten. Ein Monat ſey ſeit ſeiner Ankonft verſtrichen, waͤhrend deſſen ſie ungeduldig nach ſeinen Befehlen ausgeſehen haͤtte, aber er habe nichts als Erbitterung gegen ſie gezeigt, ungeachtet des großen Unheils, welches ſie verhindert haͤtten. Sie er⸗ klaͤrten daher, daß ihre Ehre und ihre Sicherheit es ver⸗ lange, ſich von ſeinem Dienſte loszuſagen; ſie forderten daher ihren Abſchied. Dieſer Brief war von Bonao den 17. Octo⸗ ber datirt und von Francisco Roldan, Adrian de Moxica, Pedro de Gamez und Diego de Escobar unterzeichnet.) *) Hist. del Almirante, cap. 79. Herrera d. 1. I. III. c. 15. — 27— Mittlerweile kam Carvajal, von Miguel Balleſter be⸗ gleitet, in Bonao an. Sie fanden die Rebellen voll An⸗ maßung und Einbildungen. Das verſoͤhnende Schreiben des Admirals, von den nachdruͤcklichen Ermahnungen Carvajals und dem herzhaften Aufgebot des Veterans Balleſter kraͤf⸗ tig unterſtuͤtzt, machte indeſſen doch einen guͤnſtigen Eindruck bei einigen der Anrüͤhrer, welche mehr Verſtand als ihre rohen Spießgeſellen hatten. Roldan, Gamez, Escobar und zwei oder drei andere waren bereit, zu dem Admiral zu ge⸗ hen. Sie hatten zu dem Ende ſchon ihre Pferde beſtiegen, als ſie von dem läͤrmenden Widerſtreben ihrer Leute zuruͤck⸗ gehalten wurden. Dieſe waren zu ſehr an das zuͤgelloſe, ausſchweifende Leben gewoͤhnt, als daß ihnen die Vorſtellung der Ruͤckkehr zur Arbeit und Zucht gefallen konnte. Sie beſtanden feſt darauf, daß dieß eine Sache ſey, die ſie alle angehe, jedes Uebereinkommen, welches daher getroffen werde, muͤſſe öͤffentlich und ſchriftlich gemacht werden, und von ihrer Zuſtimmung oder Verwerfung abhaͤngen. Es verfloſſen ein bis zwei Tage, bis dieſes Geſchrei beſchwich⸗ tist werden konnte. Roldan ſchrieb al dann an den Ad⸗ miral, daß ſich ſeine Gefaͤhrten ſeinem Kommen widerſetz⸗ ten, bis eine ſchriftliche Verſicherung oder ein Geleitsbrief geſandt werde, der ſeine Perſon und alle, die ihn begleiten wuͤrden, ſicher ſtelle. Miguel Baleſter richtete zu gleicher Zeit an den Admiral einen Brief, worin er ihm ernſtlich den weiſen und dringenden Rath gab, ſich zu allem willig zu erklaͤren, was die Rebellen verlangten. Er ſtellte ihm vor, wie ſich ihre Macht ſtets mehre und die Soldaten aus ſeiner Feſtung taͤglich zu ihnen uͤbergingen. Er aͤußerte die Ueberzeugung, daß wenn nicht bald ein Vergleich ge⸗ ſchloſſen und die Rebellen nach Spanien uͤbergeſchifft wer⸗ den koͤnnten, nicht allein die Autoritaͤt, ſondern auch die Perſon des Admirals in Gefahr ſchwebe; denn obgleich die Hidalgos und die dem Columbus naheſtehenden Beamten, ſowie ſeine eigne Diener ohne Zweifel unter ſeinen Befehlen leben und ſterben wuͤrden, ſo beſorge er doch, daß man ſich auf den gemeinen Haufen ſehr wenig werde verlaſſen koͤnnen.*) 8 Columbus fuͤhlte die wachſende Noth des Falles und ſandte ſogleich den verlangten Geleitebrief. Roldan kam nach San Dominzgo; aber nach ſeinem Betragen zu urthei⸗ len ſchien es, daß er eher Anhaͤnger gewinnen und die Soldaten zur Deſertion verführen, als ſich auf guͤtliche Be⸗ dingungen einlaffen wolle. Er hatte verſchiedene Unterre⸗ dungen mit dem Admiral, und mehrere Briefe wurden zwi⸗ ſchen ihnen gewechſelt. Er bektagte ſich uͤber viele Dinge und machte eine Menge von Forderungen; Columbus gab große Verwilligungen**) zu, aber ein'ge von den Forderun⸗ gen waren zu anmaßend, um zugelaſſen zu werden. Es wurde nichts Feſtes ausgemacht. Roldan reiſte unter dem Vorwande, ſich mit ſeinen Leuten zu beſprechen, ab und verſprach, ſeine Bedingungen ſchriftlich zu uͤberſenden. Der *) Las Casas hist. Ind. I. I. c. 153. ·. **) Las Casas hist. Ind. I. I. c. 158. Admiral beorberte ſeinen Major⸗Domo Diego de Salamanca, um von ſeiner Seite mit ihm zu unterhandeln.*) Am 6. November ſchrieb Roldan einen Brief von Bo⸗ nao, welcher ſeine Antraͤge zur Vereinbarung enthielt, und verlangte, daß ihm die Antwort nach Conception geſandt werde, da Mangel an Lebensmitteln ihn noͤthige, Bonao zu verlaſſen. Er bemerkte, er werde bis zum naͤchſten Mon⸗ tag(den 11.) auf eine Antwort warten. Es war eine unbe⸗ ſonnene Drohung in dieſer Note ausgedruͤckt, und die unver⸗ ſchaͤmteſten Forderungen wurden damit in Verbindung ge⸗ bracht. Der Admiral fand es unmöglich, dieſen Bedingungen zu willfahren, aber um ſeine milde Geſinnung zu beweiſen und den Rebellen jede Entſchuldigung hinſichtlich ſeiner Strenge abzuſchneiden, ließ er eine auf dreißig Tage guͤl⸗ tige Proclamation an den Thoren der Feſtung anſchlagen, verſprach darin dem Roldan und ſeinen Gefaͤhrten ſowie allen, die in den Dienſt der Krone zuruͤckkehren und ſich im Laufe eines Monats vor dem Admiral ſtellen wuüͤrden, volles Vergeſſen des Vorgefallenen, auch freie Fahrt fuͤr jeden, der ſich nach Spanien uͤberſchiffen laſſen wollte; da⸗ gegen drohete er, an allen denen ein Exempel zu ſtatuiren, welche nicht in der beſtimmten Zeit erſcheinen wuͤrden. Eine Abſchrift dieſes Documentes ſandte er dem Roldan durch Carvajal, mit einem Briefe, der die Unmoͤglichkeit aus⸗ druͤckte, ſeinen Bedingungen zu entſprechen, ihm dagegen anbot, ſich mit jeder Uebereinkunft einverſtanden zu er⸗ *) Hist. del Almirante, e, 79. — 30— klaͤren, die mit der Zuſtimmung Carvajals und Salaman⸗ ca's verſehen waͤre. Wie Carvajal ankam, fand er den Veteran Balleſter in ſeinem Fort Conception von Roldan foͤrmlich belagert, un⸗ ter dem Borwande, daß er in ſeiner oͤffentlichen Stellung als Alcalde⸗Major die Auslieferung eines Verbrechers ver⸗ langen muͤſſe, der dem Arm der Gerechtigkeit entflohen ſey. Er hatte dem Fort das friſche Waſſer abgeſchnitten, um es zur Uebergabe zu zwingen. Als Carvajal die Proclamation an das Thor der Feſtung anſchlagen ließ, ſpotteten die Re⸗ bellen uͤber die verſprochene Amneſtie; ſie ſagten, in kurzer Friſt wuͤrden ſie den Admiral zwingen, daſſelbe von ihnen zu verlangen. Die ernſten Ermahnungen Carvajals brach⸗ ten jedoch die Anfuͤhrer endlich zur Beſinnung, und durch ſeine Vermittlung kamen Punkte der Vereinbarung zu Stande⸗ Durch dieſe wurde feſtgeſetzt, daß Roldan und ſeine Anhaͤnger aus dem Hafen von Xaragua in zwei Schiffen nach Spanien abſegeln ſollten; dieſe Schiffe ſeyen innerhalb fuͤnfzig Tagen auszuruͤſten und mit Lebensmitteln zu verſe⸗ hen. Fuͤr jeden ſollte von dem Admiral ein Zeugniß des guten Betragens und eine Anweiſung auf ſeinen Gehalt bis zu den letzten Tagen ausgeſtellt werden. Auch ſollten ih⸗ nen, gleich wie in fruͤheren Faͤllen, in Beruͤckſichtigung der geleiſteten Dienſte Sclaven gegeben werden; da nun meh⸗ vere von ihrer Geſellſchaft Weiber hatten, welche Einge⸗ borne der Inſel waren, die ſich in geſegneten Umſtaͤnden be⸗ fanden, oder kürzlich erſt entbunden worden, ſo ſollten ſie dieſe als Sclavinnen mitnehmen, wenn ſie ſich zum Fort⸗ 7 gehen verſtehen wuͤrden. Entſchädigung ſolle für das ſe⸗ queſtrirte Eigenthum von Mitgliedern der Geſellſchaft, ſowie fuͤr den Vorrath an lebendigem Vieh gegeben werden, wel⸗ ches Franeisco Roldan in Beſitz hatte. Es waren genaue Bedingungen wegen der Sicherheit ihrer Perſonen gemacht, und es wurde feſtgeſetzt, wenn auf dieſe Punkte innerhalb acht Tagen keine Antwort erfolge, ſolle das Ganze unver⸗ bindlich ſeyn.*) Die Uebereinkunft wurde von Roldan und ſeinen Ge⸗ faͤhrten beim Fort Conception am 16. November und von dem Admiral auf San Domingo am 21. unterzeichnet. Er übte zu gleicher Zeit noch einen weiteren Act der Gnade, indem er erlaubte, wer es vorziehen werde, auf der Inſel zu bleiben, koͤnne nach San Domingo kommen und in kö⸗ nigliche Dienſte treten oder Laͤndereien in irgend einer Ge⸗ gend der Inſel erhalten. Sie zogen es indeſſen alle vor, das Loos des Roldan zu theilen, der mit ſeinem Trupp nach Xaragua abging, um die Ankunft der Schiffe zu er⸗ warten, in Begleitung des Miguel Balleſter, den der Ad⸗ miral beauftragt hatte, die Zuruͤſtungen ihrer Einſchiffung zu leiten. Es war eine harte Pruͤfung fuͤr den ſtrebenden Geiſt des Columbus, ſeine gehoffte Unternehmung nach der Terra Firma durch ſo nichtswuͤrdige Hinderniſſe gehemmt zu ſe⸗ hen, und Schiffe, die ſeinen Bruder nach jenem neuentdeck⸗ ten Feſtlande zu weiteren Unterſuchungen hatten fuͤhren ſol⸗ *) Hist del Almirante, e. 80. — 32— len, dem Dienſte dieſer elenden meutellſchen Rotte opfern zu muͤſſen. Er troͤſtete ſich jedoch mit dem Gedanken, daß alles Unheil, welches ſo lange auf der Inſel tuͤckiſch im Hinterhalt gelegen, nun auf einmal ausgeſtoßen und damit alles zur Ruhe und Ordnung zuruͤckkehren werde. Er ließ daher die aͤußerſte Sorgfalt anwenden, damit die Fahrzeuge zur Umſcheffung nach Xaragua bald in Bereitſchaft kaͤmenz aber die Duͤrftigkeit der Seevorraͤthe und dis Schwierigkeit, die Anordnungen zu einer ſolchen Reiſe in dem zerruͤt⸗ teten Zuſtande der Colonie zu vollenden, verſchoben ihren Abgang weit uͤber die feſtgeſetzte Zeit. In dem Bewußt⸗ ſeyn, daß er zu einer Art Betrug gegen die Souveraine gezwungen worden, die Zeugniſſe guten Betragens dem Roldan und ſeinen Gefaͤhrten auszuſtellen, ſchrieb Columbus einen Brief an Ihre Majeſtaͤten, woriwer ſie von der wah⸗ ren Beſchaffenheit und dem Betragen dieſer Verbrecher be⸗ nachrichtigte. Er erklarte, ſie haͤtten ſich der r chtmaͤßigen Autoritaͤt widerſetzt, die Indianer von der Bezahlung des Tributs abgehalten, die Inſel gepluͤndert, große Quantitaͤ⸗ ten Gold unterſchlagen und die Toͤchter mehrerer Caziken verfuͤhrt. Das Certificat uͤber ihr gutss Betragen habe er bnen nur auf den Rath der wichtigſten Perſonen ſeiner Um⸗ gebung ertheilt; es ſey ihm in der Noth des Augenblicks abgedrungen worden, als die ganze Inſel durch ihre Empoͤ⸗ rung mit Verderben bedroht geweſen ſey. Er rieth ihnen daher, dieſe Menſchen feſtzunehmen und ihnen ihre Sclaven und Schaͤtze zu antziehen, bis ihr Betragen genau unter⸗ fucht werden koͤnne. Dieſes Schreiben vertraute er einer der Viehſtand und die Heerden, — 33— zuverlaͤſſigen Perſon an, die auf einem der Schiffe mit⸗ ging.*). Als die Rebellen die Umgegend geraͤumt hatten, und die Angelegenheiten von San Domingo in einem geſicherten Zuſtande waren, ſtellte Columbus ſeinen Bruder Don Diego fuͤr den Augenblick an die Spitze der Verwaltung und ging mit dem Adelantado auf einen Zug aus, um die verſchie⸗ denen Stationsoͤrter zu beſuchen und die Inſel wieder zur Ordnung zuruͤckzubringen. Viertes Kapitel. — Fernere Meuterei unter den Rebellen und zweite Uebereinkunft mit ihnen. * 2 (1499.) . Mehrere Monate hatten Columbus und der Adelantado zu thun, um die Runde auf der Inſel zu vollenden. Alles war im Laufe der letzten Unruhen in Verwirrung gerathen. Die Minen waren verlaſſen, die Meyerhoͤfe vernachlaͤſſigt, die ſich vermehren ſollten, *) Herrera hist. Ind. dec. I. I. III, c. 16. Irving's Columbus, 7—9. 3 — 34— waren im Zuſtande der Wildheit und der Verwahrloſung; die Caziken hatten aufgehort, ihren Tribut zu bezahlen, al⸗ les mußte wieder von vorn angefangen werden. Dennoch— ſchmeichelte ſich Columbus, daß die Inſel nun, nachdem ſie von den gefäͤhrlichen Menſchen, die ſie noch jüngſt verheert hatten, befreit ſey, in allen Dingen bald durch ſtrenge Ard⸗ nung in eine gluͤcktiche Lage gebracht werden koͤnne. In⸗ deſſen ſollten den Pauſen der Ruhe nur immer wieder hef⸗ tige Stuͤrme folgen. Waͤhrend er ſich mit dem Gedanken troͤſtete, daß Roldan und ſeine Rotte nun auf der offenen See hin und hergeſtoßen den Weg nach Spanien ſuchten, hoͤrte er zu ſeiner unendlichen Betruͤbniß, daß die Reiſe un⸗ terbrochen und die Rebellen in neuer Empoͤrung begriffen ſeyen.. Die zwei Caravelen waren von St. Domingo gegen Ende Februars nach Xaragua abgeſegelt; ſie mußten einen heftigen Sturm aushalten und in einer der natuͤrlichen Buch⸗ ten der Inſel Zuflucht ſuchen, wo ſie bis Ende Maͤrz auf⸗ gehalten wurden. Das eine Schiff war ſo uͤbel zugerichtet, daß es nach San Domingo zuruͤckkehren mußte. Ein an⸗ deres Schiff wurde an ſeiner Statt abgeſandt, und mit ihm ging der raſtloſe Carvajal unter Segel, um die Ein⸗ ſchiffung der Rebellen zu beſchleunigen. Er blieb eilf Tage unterwegs und traf die andere Caravele in Xaragua. Unterdeſſen waren die Gefaͤhrten Roldans anderen Sin⸗ nes g⸗worden und hatten ſich einzuſcheffen g'heigert, entwe⸗ der aus Furcht, nach Spanien zuruͤckzukehren, oder ver⸗ drießlich, ihre jetzige freie und zuͤgelloſe Lbensart aufgeben — 35— zu ſollen. Sie wollten wie gewoͤhnlich alle Schuld auf Co⸗ lumbus waͤlzen, und behaupteten, er habe gefliſſentlich die Ausruͤſtung der Schiffe weit uͤber die in ihrer Vereinbarung feſtgeſetzte Zeit hinausgeſchoben; er habe ſie in einem Zu⸗ ſtande, der ſie zur See untauglich mache und mit zu weni⸗ gen Vorraͤthen geſchickt, und was ſie alles ſonſt mit Argliſt vor⸗ wandten, woruͤber der Admiral keine Controle fuͤhren konnte. Carvajal erließ eine foͤrmliche Proteſtation vor einem mitge⸗ brachten Notar, und da er ſah, daß die Schiffe wirklich großen Schaden gelitten und an Vorraͤthen ſchlecht beſtellt waren, ſandte er ſie nach St. Domingo zuruͤck und ging zu Land dahin ab. Noldan beſtieg ſein Roß, um ihn eine kleine Strecke zu begleiten: er war augenſcheinlich in Ver⸗ wirrung. Er furchtete ſich nach Spanken zuruͤckzukehren, war aber doch klug genug, zu merken, daß ſeine gegen⸗ waͤrtige Lage an der Spitze einer Rotte von nichtswuͤrdigen Menſchen, die der rechtmäͤßigen Gewalt Trotz boten, in ſich nicht geſichert ſey, und ihn zu einem ſchlimmen Ende führen muͤſſe. Welches Vertrauen konnte er auf Leute ſetzen, die ſo heilige Pflichten ſo frech verletzt hatten? Rachdem er in Nachdenken verſunken, eine Strecke fortgeritten war, hielt er ſtill und verlangte mit Carvajal noch eine Peivat⸗ Unterredung zu halten, bevor ſie ſchieden. Sie li⸗ ſich unter dem Schatten eines Baumes nieder. Hier bekannte Roldan auf'’s Neue die Redlichkeit ſeiner Abſichten, und er⸗ klaͤrte endlich, wenn der Admiral ihm wiehe liche Verſichern eine ſchrift⸗ rſon und leiter ſenden wolle, ng fuͤr die Unverlehzlichkeit ſeiner elne gleiche Garantie fuͤr ſein 3 3* werde er zu ihm kommen, um mit ihm zu unterhandeln, und er zweifle nicht, daß die ganze Angelegenheit ſich auf befriedigende Weiſe fuͤr beide Partheien ausgleichen laſſen werde. Doch fuͤgte er hinzu, daß dieſes Anerbieten vor ſeinen Leuten noch geheim gehalten werden muͤſſe. Carvajal war unendlich erfreut uͤber dieſe Ausſicht auf eine endliche Beilegung der Sache, und beeilte ſich ſo viel er konnte, den Antrag Roldans dem Admiral zu uͤberbrin⸗ gen. Dieſer fertigte ſogleich den erbetenen Geleitsbrief aus, mit dem koͤniglichen Siegel bekraͤftigt und von einem in freundlichen Ausdruͤcken geſchriebenen Briefe begleitet, der ihn ermahnte, ſich in friedlichem Gehorſam der Gewalt der Souveraine zu unterwerfen. Einige von den erſten Perſo⸗ nen, die um den Admiral waren, ſchrieben auf ſein Ver⸗ langen ebenfalls einen beruhigenden Brief an Roldan, ver⸗ buͤrgten ſich fuͤr ſeine und ſeiner Begleiter Sicherheit waͤh⸗ rend der Unterhandlungen, unter der Vorausſetzung, daß ſie nichts Feindſeliges gegen die koͤnigliche Autoritaͤt oder ihre Vertreter unternehmen wuͤrden. Mitten in dieſen Verwirrungen, waͤhrend Columbus mit der unermuͤdlichſten Anſtrengung und dem redlichſten Eifer die Inſel wieder zum Gehorſam zuruͤckzubringen und die Intereſſen der Souveraine zu wahren befliſſen war, erhielt er ein Schreiben aus Spanien, als Antwort auf die ernſt⸗ haften Vorſtellungen, die er in dem verfloſſenen Herbſt we⸗ gen des zerruͤtteten Zuſtandes der Colonie und der Verletzun⸗ gen von Seiten dieſer pflichtvergeſſenen Menſchen hatte aus⸗ gehen laſſen, und worin er die Aufmerkſamkeit und unter⸗ 1 7 ſtutzung der Souveraine in dieſer ſchwierigen Lage in An⸗ ſpruch nahm. Der Brief war von ſeinem boshaften Feinde, dem Biſchof Fonſeca, Oberaufſeher der indiſchen Angelegen⸗ heiten geſchrieben. Er benachrichtigte ihn, daß die Berichte die er uͤber die bemerkten aufruͤhreriſchen Bewegungen des Roidan nach Spanien geſandt, eingelaufen ſeyen, daß aber dieſer Gegenſtand noch unerledigt gelaſſen werden muͤſſe, da Ihre Majeſtaͤten ihn gegenwaͤrtig in Erwaͤgung ziehen und Abhuͤlfe gewaͤhren wollten.*) Dieſe kalte Antwort auf ſeine dringenden Vorſtellungen machten den entmuthegendſten Eindruck auf Columbus. Er ſah, daß ſeine Klagen wenig Gewicht bei der Regierung hatten, daß die Verdrehungen ſeiner Feinde ihm bei ſeinen Gebietern ſchadeten, und er erwartete nur deſto groͤßere Frechheit auf Seiten der Rebellen, ſobald ſie entdecken wür⸗ den, wie wenig Einfluß er noch in Spanien beſitze. Doch von Eifer fuͤr den Erfolg ſeiner Unternehmung und von Treue gegen ſeine Regenten erfuͤllt, beſchloß er keine per⸗ ſoͤnliche Opfer ſeines Gluͤcks und ſeiner Wuͤrde zu ſcheuen, und um jeden Preis die Unruhen auf der Inſel zu be⸗ ſchwichtigen. In der Ungeduld, die Unterhandlung mit Roldan zu beendigen, ſegelte er daher in der zweiten Haͤlfte des Auguſts mit zwei Caravelen nach dem Hafen Azna, weſtlich von San Domingo und naͤher bei Xaragua. Die wichtigſten Perſonen der Colonie begleiteten ihn. Roldan erſchien dort ebenfalls mit dem unruhigen Adrian de Moxica *) Herrera dec, I. 1, III, c. 16. und einer Anzahl ſeiner Rotte. Die Verguͤnſtigungen, welche ihm bereits von dem Admiral gewaͤhrt worden, hatten ſeine Anmaßung verſtaͤrkt, und es war ihm ohne Zweifel Nach⸗ richt von der kalten Aufnahme geworden, welche die Kla⸗ gen des Admirals in Spanien erfahren mußten. Er be⸗ nahm ſich mehr wie ein Eroberer, welcher Bedingungen des Sieges vorſchreibt, als wie ein Verbrecher, der durch Unterwerfung Gnade erwartet. Er kam an Bord der Ca⸗ ravele und legte mit ſeiner gewohnten Keckheit die Praͤli⸗ minar⸗Punkte vor, auf welche er und ſeine Freunde zu un⸗ terhandeln bereit ſeyen. Erſtens ſolle ihm erlaubt ſeyn, einige von ſeiner Ge⸗ ſellſchaft, funfzehn an der Zahl, nach Spanien zu ſenden, in den Schiffen, die ſich auf St. Domingo befaͤnden. Zwer⸗ tens ſollten die, welche zuruͤckblieben, Land zum Anbau er⸗ halten, ſtatt Beſoldung in Dienſten der Regenten. Drittens muͤſſe bekannt gemacht werden, daß alle Klagen, welche ge⸗ gen Roldan und ſeine Anhaͤnger erhoben worden, auf fal⸗ ſchen Zeugniſſen und auf den Machinationen ſolcher Perſo⸗ nen beruhten, die ſie zu verletzen trachteten, und dem koͤnig⸗ lichen Dienſt abhold ſeyen. Viertens muͤſſe Roldan in ſein Amt als Alcalde⸗Major oder Oberrichter wieder eingeſetzt werden.*) Es waren harte und unverſchaͤmte Vehengunger, momake ſie hier den Anfang zur Ruͤckkehr machten, aber ſie wurden gewaͤhrt. Roldan ging darauf an die Seekuͤſte, und theilte *) Herrera dec, I, Il. III, c. 16, ſie ſeinen Gefaͤhrten mit. Zwei Tage beriethen ſich die In⸗ ſurgenten mit einander, nach Verlauf derſelben ſandten ſie ihre Capitulation, mit Foͤrmlichkeit in einer anmaßenden Sprache abgefaßt, alle auf Fort Conception gewaͤhrte Punkte enthaltend, die zuletzt von Roldan verlangten obendrein, und mit einer Bedingung ſchließend, die unver⸗ ſchaͤmter als alle uͤbrigen war, naͤmlich, daß wenn der Ad⸗ miral in der Erfuͤllung eines dieſer Artikel fehlen ſollte, ſie das Recht haͤtten, ſich zu verſammeln und die Ausfuͤhrung mit Gewalt oder durch andere ihnen tauglich ſcheinende Mit⸗ tel zu erzielen.*) Auf dieſe Art gewannen die Verſchwo⸗ renen nicht allein Entſuͤhnung vom Geſchehenen, ſondern auch einen Vorwand zu kuͤnftigem Unrecht, wenn ſie wie⸗ der zur Rebellion ſchreiten wollten. Die Seele empoͤrt ſich bei dem Erzaͤhlen, und das Herz des gefuͤhlvollen Leſers muß in Abſcheu ergluͤhen bei den Nachrichten von dieſem verlaͤngerten und fruchtloſen Kampf eines Mannes von ſo erhabenen Verdienſten und makelloſer Pflichttreue wie Columbus mit den Drangſalen, die ſo ver⸗ aͤchtliche abtruͤnnige Menſchen ihm bereiteten. Von Zweifeln und Gefahren umringt, Fremdling unter einem eiferſuͤchti⸗ gen Volke, ein der oͤffentlichen Gunſt beraubtes Oberhaupt einer in Meuterei verſunkenen Inſel, vernachlaͤſſigt und zu⸗ ruͤckgeſetzt von der Regierung, der er ſeine eifrigen Dienſte wedmete, da er durch eben dieſe Dienſte nur ihren Verdacht *) Herrera dec. I. I, III, c. 16. Hist, del Almi- rante, c, 58. 3 — 40— zu erregen ſchien: ſo wußte er nicht, wohin er ſich wenden ſolle nach treuem Rath, nach wirkſamer Huͤlfe, nach unbe⸗ ſtechlichem Urtheil. Der Grund und Boden ſchien unter ihm zu wanken. Er wußte, daß aufruͤhreriſche Plaͤne un⸗ ter ſeinen eignen Leuten geſchmiedet wurden. Er mußte Zeuge ſeyn, wie die Rebellen ungeſtraft ſich eines der ſchoͤn⸗ ſten Diſtrikte der Inſel bemäͤchtigten; die Leute redeten nun ſchon davon, dem Beiſpiel Jener zu folgen, das Banner des Admerals zu verlaſſen und die Provinz Higuey in Beſitz zu nehmen, ein Land an der oͤſtlichen Spitze der Inſel, welches betraͤchtliche Goldminen enthalten ſollte. In dieſer kritiſchen Lage, allen Ruͤckſichten auf eigne Groͤße und Wuͤrde entſagend, und entſchloſſen, mit jedem noch ſo perſoͤnlichen Opfer die Rechte der undankbaren Sou⸗ veraine zu erkaufen, that Columbus ſich den Zwang an, dieſen unendlich demuͤthigenden Vergleich zu unterzeſchnen. Er hoffte noch, wenn er einmal ruhiges Gehoͤr bei ſeinen Gebietern erlangen koͤnne, werde er im Stande ſeyn, den Koͤnig und die Koͤnigin zu uͤberzeugen, daß dieſer Vertrag ihm mit Gewalt abgetrotzt, nur durch die außerordentlichen Drangſale in die er ſich verſetzt geſehen, und durch die dro⸗ henden Gefahren der Colonie erzwungen worden. Ehe er jedoch unterſchrieb, fuͤgte er die Bedingung bei, daß die Befehle der Souveraine und ſeiner ſelbſt, kraft derjenigen Aemter, die ihm uͤbertragen worden, puͤnktlich erfuͤllt wer⸗ den muͤßten.*) ¹⁴ Hexrera hist, Ind. decad, I. I. III, c. 16. Fuͤnftes Kapitel. Verwilligungen für Roldan und ſeine Gefährten. Abreiſe mehrerer Rebellen nach Spanien. (1499.) Wie Roldan ſein Amt als Alcalde⸗Major oder Ober⸗ richter wieder antrat, bewies er den ganzen Uebermuth, den man von einem Menſchen erwarten konnte, welcher ſich durch niedrige Mittel in die Gewalt eingedräͤngt⸗ So lange er in San Domingo verweilte, umgaben ihn nur Leute von ſeiner Parthei, er machte ſich nur mit den Nichtswuͤr⸗ digen und Treuloſen zu ſchaffen, und mit dieſen unruhigen und verzweifelten Koͤpfen im Hinterhalte, war er im Stande, die Friedfertigen und Treuen durch ſeine ſinſteren Mienen Furcht zu ſetzen. Er benahm ſich mit eiſerner Stirn gegen die Autoritaͤt des Columbus ſelbſt, und entließ einen Mann Namens Rodeigo Perex, den Lieutenant des Admirals, aus dem Dienſt, mit der Erklaͤrung, es habe auf der Inſel Niemand den Stab irgend eines Amtes zu tragen, als den er dazu beſtimme,*) Columbus beſtand eine harte und *) Herrera hist. Ind, decad. 1. 1. III, e. 16. — 42— peinliche Pruͤfung, daß er die Anmaßungen dieſes Mannes und der ſchamloſen Rotte ertrug, die unter deſſen Schutze zu den Riederlaſſungen zuruͤckkehrte. Er ſchwieg zu vielen Mißbraͤuchen ſtill und bemuͤhte ſich, durch Milde und Nach⸗ ſicht die Eiferſucht und Vorurtheile, die ſich gegen ihn er⸗ hoben hatten, zu daͤmpfen, und die aufwiegleriſchen Leute durch verſchiedene Verwilligungen wieder zur Uebung ihrer Pflicht zuruͤckzufuͤhren. Den Coloniſten, welche es vorzogen, auf der Inſel zu bleiben, ließ er die Wahl zwiſchen dem koͤniglichen Sold und einer Anweiſung von Laͤndereien mit einer Anzahl von Indianern, einige frei, andre als Sclaven, um ihnen beim Anbau behuͤlflich zu ſeyn. In der Regel zogen ſie das letztere vor, und Columbus ſtellte dann Bewilligungen feſt, in welchen er bemuͤht war, ſo viel als moͤglich das Wohl des Einzelnen mit dem Beſten der Co⸗ lonie in Uebereinſtimmung zu bringen. Roldan uͤbergab ein Promemoria, von nahe an hundert ſeiner ehemaligen Verbündeten unterzeichnet, worin die Ge⸗ waͤhrung von Laͤndereien und die Erlaubniß der Anſiedelung in der Provinz Xaragua als ihrem beſtimmten Aufenthalts⸗ orte verlangt wurde. Der Admiral fuͤrchtete ſich, einem ſo zahlreichen Haufen meuteriſch geſinnter Leute eine entfernte Provinz anzuvertrauen, wo ſie leicht in neue Rebellion aus⸗ brechen konnten. Er zog daher vor, ſie in verſchiedene Pro⸗ vinzen der Inſel zu vertheilen, einige nach Bonao, wo ihre Niederlaſſung der Stadt dieſes Namens den Urſprung gab, andre an die Ufer des Rio Verde oder Gruͤnen Fluſſes in der Vega, wieder andre ſechs Stunden davon nach St. Jago, —— Er wies ihnen freigebig Laͤndereien an und ſchenkte ihnen viele indianiſche Sclaven, die in den Kriegen zu Gefangenen gemacht worden. Er traf ferner ein Abkommen mit den Caziken in ihrer Naͤhe, daß ſie, ſtatt Tribut zu zahlen, einen Theil ihrer Unterthanen, freie Indianer, verpflichten ſollten, den Coloniſten bei dem Anbau ihrer Laͤnder hülfreiche Hand zu leiſtenz eine Art von Lehnsdienſt, welcher zu den Re⸗ partimientos oder der Vertheilung der freien Indianer unter die Coloniſten den Grund legte, ein Gibrauch, der ſpaͤter allgemein eingefuhrt, und von den ſpaniſchen Coloniſten ſchamlos mißbraucht, die Quelle unſaͤglichen Drucks und Elendes unter den ungluͤcklichen Eingebornen wurde, auch hauptſaͤchlich dazu beitrug, ſie auf der Inſel Hispaniola auszurotten.*) Columbus betrachtete die Inſel aus dem Geſichtspunkte eines eroberten Landes und maßte ſich alle Rechte des Siegers im Namen der Herrſcher an, fuͤr welche er ſtritt. So wurden am, Ende alle ſeine Gefaͤhrten bei der Unternehmung als berechtigt angeſehen, ſich als Lehns⸗ herrn zu gebehrden und die Eingebornen in die Lage von Leibeigenen oder Vaſallen zu ſetzen.*¼) Dleſes war eine von den urſpruͤnglichen Abſichten ſehr verſchiedene Anord⸗ nung; denn er war von Anfang geneigt geweſen, die Ein⸗ gebornen mit Guͤte und Freundlichkeit als friedfertige Un⸗ terthanen der Krone zu behandeln. Aber alle ſeine Plaͤne wurden durch die Gewattſchritte und Ausſchweifungen An⸗ *) Herrera decad. 1. I. III. c. 16. **) Munjoz hist, n. Mundo 1, VI,§. 50, - 4— derer verkehrt und alle ſeine gegenwaͤrtigen Maßregeln ſchei⸗ nen ihm von der Noth der Zeit aufgedrungen worden zu ſeyn. Als eine Art Polizeigewalt zur Wiederherſtellung der Ruhe auf der Inſel beſtellte er einen Kapitain mit einer bewaffneten Schaar, mit dem Befehl, die Provinzen zu durchziehen, die Indianer zu der Erfuͤllung ihrer Tribut⸗ zahlungen anzuhalten, uͤber das Betragen der Coloniſten zu wachen und den mindeſten Verſuch von Meuterei oder Empoͤrung zu unterdruͤcken.*) Nachdem Roldan fuͤr ſeine Leute ſo umfaͤngliche Vorſorge getroffen, war derſelbe nicht beſcheidener in den Forderun⸗ gen fuͤr ſeine eigene Perſon. Er verlangte gewiſſe Laͤnde⸗ reien in der Naͤhe von Iſabella, welche ihm vor ſeinem Aufſtande ſchon angehoͤrt haͤtten; auch einen koͤniglichen Meyerhof, welcher zum Aufziehen von Gefluͤgel diente, in der Vega lag und Esperanza hieß. Dieſes verwilligte ihm der Admiral mit der Erlaubniß, zum Anbau des Gutes die⸗ jenigen Unterthanen des Caziken zu verwenden, denen Alonzo de Ojeda auf ſeinem erſten kriegeriſchen Zuge in die Vega die Ohren hatte abſchneiden laſſen. Roldan erhielt auch Laͤndereien in Xaragua zugewieſen, und eine Menge leben⸗ diger Thiere, von dem Hornvieh und von anderen Thieren, die der Krone gehoͤrten. Die Bewilligungen geſchahen jedoch nur proviſoriſch, bis der Wille der Souveraine daruͤber entſchiede,*) denn Columbus ſetzte noch immer ſein Ver⸗ *) Hist. del Almirante, cap. 84. **) Herrera dec. I. I. III, c. 16. trauen darauf, daß, wenn Ihre Majeſtaͤten die Meutereien und Gewaltthaten, wodurch ihm dieſe Schenkungen erpreßt worden, erfuͤhren, die Haͤupter der Rebellion nicht allein ihrer übelerworbenen Beſitzthuͤmer beraubt, ſondern auch mit den Strafen belegt würden, die ihre Vergehungen ver⸗ dienten. Roldan, auf dieſe Weiſe uͤber ſeine Erwartungen berei⸗ chert, erbat ſich von Columbus Urlaub, um ſeine Laͤndereien zu beſuchen. Dieſer wurde ihm ſehr ungern gegeben. Er ging ſogleich nach der Vega ab, kehrte in Bonao, ſeinem letzten Hauptquartier ein, machte den Pedro Riquelme, einen der thaͤtigſten Verbündeten zum Alcalde oder Richter des Ortes, mit der Befugniß, alle Delinquenten zu verhaften und ſie als Gefangene nach Fort Conception zu ſenden, wo er ſich das Recht vorbehielt, ſie zu verurtheilen. Dieſe Ernennung erregte großes Mißfallen bei Columbus, da es eine wahre Anmaßung von Gewalt war, indem Rol⸗ dan nicht das Recht hatte, Unterrichter zu beſtellen. Andere Umſtaͤnde gaben ihm neuen Argwohn wegen fernerer An⸗ ſchläge der neulichen Inſurgenten. Pedro Riquelme fing an, unter dem Vorwande, Oekonomie⸗Gebaͤude fuͤr ſein Vieh zu errichten, auf einer Anhoͤhe ein befeſtigtes Haus zu er⸗ bauen, welches eine guͤnſtige Lage hatte und leicht in ein furchtbares Fort verwandelt werden konnte. Man raunte ſich zu, es ſey unter Mitwiſſen Roldans geſchehen, um da⸗ durch eine Feſtung zu gewinnen, die ihnen im Fall der Noth zum Zufluchtsort dienen koͤnnte. Da es in der Naͤhe der Vega war, wo ſo viele ihrer vorigen Spießgeſellen ſich niedergelaſſen hatten, wuͤrde es einen gefahrlichen Sammel⸗ platz fuͤr irgend einen neuen Aufſtandzabgegeben haben. Da die Abſichten des Riquelme dem Pedro de Arana, einem treuen und rechtlichen Mann, der ſich am Orke befand, verdaͤchtig vorkamen, ſo verhinderte er denſelben an ihrer Ausfuͤhrung. Beide Theile machten Vorſtellungen an den Admiral, doch dieſer mißtraute dem verdächtigen Unter⸗ nehmen des Riquelme, und erlaubte ihm nicht, den Bau ſeines Hauſes weiter hinauszufuͤhren.*) tee uz Columbus hatte die Abſicht, mit ſeinem Bruder Don Bartholomeo nach Spanien zuruͤckzukehren, wo er ſeine Anweſenheit ſehr noͤthig glaubte, um die letzten Erelgniſſe auf der Inſel in das gehoͤrige Licht zu ſetzen. Er hatte das Vergebliche ſeiner aufklaͤrenden Berichte erkannt, da ſie Lurch die Verdrehungen mißguͤnſtiger Feinde gegenthei⸗ Uige Wirkung erfuhren. Die Inſel war ſtets noch in einem fieberhaften Zuſtande. Er konnte ſich durchaus nicht auf die Gehorſam der neulichen Rebellen verlaſſen, welchen er doch ſo theuer erkauft hatte; es ging das Geruͤcht, die Gebirgsſtämme von Ciguey droheten mit einem Einfall in die Vega, um die Wiederbefreiung ihres gefangenen Caziken Mayobanex zu verſuchen, der noch immer in dem Fort Con⸗ ception in Feſſeln lag. Ungefaͤhr um dieſelbe Zeit kamen Nachrichten aus den weſtlichen Theilen der Inſel, daß vier fremde Schiffe unter verdaͤchtigen Anzeichen an der Küſte ) Herrera dec. I. 1, III, c. 16 rante, c. 85, 874¼. erſchienen ſeyen. Dieſe Umſtaͤnde veranlaßten Columbus, ſeine Abreiſe vorerſt aufzuſchieben, da ihn die Angelegenhei⸗ ten dieſer ſeiner geliebten aber ſo ungluͤcklichen Inſel nun wieder in neue Schwierigkeiten verwickelten. Die zwei Caravelen wurden zu Anfang Oktober nach Spanien geſandt und ihnen die Coloniſten mitgegeben, welche die Ruͤckkehr wuͤnſchten, unter ihnen auch eine Anzahl von Roldans Geſaͤhrten. Einige derſelben nahmen drei Scla⸗ ven mit, andere zwei, andere nur einen; einige fuͤhrten ſo⸗ gar die Toͤchter der Caziken mit hinweg, die ſie ihren Fa⸗ milien und Heimathsoͤrtern entriſſen hatten. Zu dieſen Un⸗ gerechtigkeiten, wie zu manchen anderen fuͤr ſein Gemuͤth ſchmerzlichen Vorgaͤngen, mußte der Admiral ſeine Einwil⸗ ligung geben. Auch lebte er in der gewiſſen Ueberzeugung, daß er durch dieſe Abſendung die Zahl der Feinde und fal⸗ ſchen Zeugen zu Hauſe vermehre, die ſeinen Charakter ver⸗ kleinerten und ſein Betragen in falſchem Lichte zeigten, aber er fand kein anderes Auskunftsmittel. Um ſo viel als moͤglich ihren Verlaͤumdungen zuvorzukommen, ſandte er mit dieſen Caravelen auch den treuen und redlichen Veteran Miguel Balleſter und Garcia de Barrantés hinuͤber, mit der Vollmacht, ſeine Angelegenheiten am Hofe zu vertreten, und mit den Zeugenausſagen verſehen, die man uͤber das ganze Benehmen Roldane und ſeiner Mitſchuldigen zu Pro⸗ tokoll genommen hatte. Er ſchrieb zu gleicher Zeit an die Souveraine, bat ſie inſtaͤndig, die wahren Umſtaͤnde der letzten Zugeſtändniſſe zu unterſuchen, und dann zu entſcheiden, wie es ihnen gefalle. Er äͤußerte als ſeine Anſicht, daß dieſe Verwil⸗ ligungen, welche den Rebellen foͤrmlich gewaͤhrt worden, null und nichtig ſeyen, und zwar aus verſchiedenen Grün⸗ den; ſie ſeyen ihm mit Gewalt abgetrotzt, und dieß zur See, wo er nicht das Amt des Vicekoͤnigs ausuͤbe. Es haͤtten zweierlei Verhandlungen uͤber den Aufſtand ſtattge⸗ funden, und da die Inſurgenten als Verraͤther verurtheilt worden, ſo liege es nicht in der Macht des Admirals„ ſie ihrer Schuld zu entladen; die Uebereinkunft mit ihnen be⸗ ſtimme uͤber Gegenſtäͤnde der koͤniglichen Revenuͤen, uͤber welche ihm keine Controle zuſtehe, noch die beſtellten Beam⸗ ten beigezogen worden ſeyen, und Francisco Roldan und ſeine Gefaͤhrten hätten, als ſie Spanien verlaſſen, einen Eid abgelegt, daß ſie den Regenten, und dem Admiral in ihrem Namen, treulich dienen wollten. Mit dieſen und an⸗ deren, heils richtigen, theils ſophiſtiſchen Gründen drang er in ſeine Gebieter, ſich nicht gebunden zu halten, den er⸗ zwungenen Vertrag, welchen er mit dieſen laſterhaften Men⸗ ſchen eingegangen, zu ratificiren, ſondern ihre Vergehungen zu unterſuchen und ſie darnach zu beſtrafen.*) Er wiederholte die Bitte eines fruͤheren Briefes, daß ein gelehrter Mann als Richter geſandt werde, der die Ge⸗ ſetze auf der Inſel handhaben ſolle, da man ihn der Strenge beſchuldige, waͤhrend er ſich doch von jeher nur der Milde bewußt geweſen ſey. Er verlangte auch, daß umſichtige *) Herrera decad. I. I. III, c. 16. 1 — 49— Leute heruͤbergeſandt wuͤrden, um einen Rath zu bilden, auch Andere zu gewiſſen fiscaliſchen Functionen, doch bat er, ihre Vollmachten in ihren verſchiednen Wirkungskreiſen zu beſchraͤnken und feſt zu begraͤnzen, damit ſie ſeiner Wuͤrde und ſeinen Prioilegien keinen Eintrag thaͤten. Hierauf legte er einen beſonderen Nachdruck, denn er hatte bei fruͤ⸗ heren Gelegenheiten erfahren, daß ſeine Vorrechte empfind⸗ lich verletzt worden waren. Er bemerkte, er koͤnne miß⸗ verſtanden werden, aber es ſcheine ihm, daß Fuͤrſten das gehoͤrige Vertrauen auf ihre Gouverneure ſetzen ſollten, weil, wenn der koͤnigliche Wille fehle, ihnen Kraft und Nachdruck zu verleihen, alles unter ihrem Kommando dem Ruin ent⸗ gegen gehe— eine geſunde Maxime, die dem Admiral von ſeinen neueſten Erfahrungen aufgedrungen ward, wo ein großer Theil ſeiner eignen Verwirrung und der Triumph der Rebellen aus dem Mißtrauen der Krone und ihrer Fahrlaͤſſigkeit bei ſeinen Vorſtellungen hervorgegangen war. Da er Alter und Schwaͤche bei ſich uͤb ſah, und ſeine Geſundheit durch ſeine letzte kend geworden, dachte Columbus an ſeinen Sohn Diego als eine kraͤftige Stuͤtze, um die Sorgen und Laſten ſeiner Stellung zu theilen, und, da er zu ſeinem Nachfolger be⸗ ſtimmt war, ſich unter ſeinen Augen der praktiſchen Lauf⸗ bahn zu widm n, damit er ſich der dereinſtigen Erfuͤllung ſei⸗ ner hohen Pflichten faͤhig mache. Diego diente noch immer als Page am Hofe, aber er war faſt zum Manne heran⸗ gereift, und wohl befaͤhigt, in die bedeutenden Verhaͤltniſſe Irving's Columbus, 7—9. 4 erhand nehmen Reiſe ſehr wan⸗ des Lebens einzutreten. Columbus bat daher, man moͤge ihn zu ſeinem Beiſtand heruͤberſenden, da er ſich ſchwach und zu Anſtrengungen immer weniger gemacht fuͤhle.*) Sechſtes Kapitel. Ankunft des Ojeda mit einer Escadre auf der weſt⸗ lichen Seite der Inſel. Roldan wird ihm ent⸗ gegen geſandt. (1499.) Unter den Urſachen, welche den Columbus beſtimmten, ſeine Abreiſe nach Spanien aufzuſchieben, wurde die An⸗ kunft von vier Schiffen auf der weſtlichen Seite der Inſel genannt. Dieſe hatten am 5. September in einem Hafen etwas unterhalb Jacquemel Anker geworfen, offenbar in der Abſicht, um Holz zu Faͤrbſtoffen zu gewinnen, welches in dieſer Gegend im Ueberfluß angetroffen wird, und die Ein⸗ gebornen als Sclaven hinwegzufuͤhren. Durch weirere Nach⸗ richten erhielt er Kunde, daß dieſe Schiffe von Alonzo de — *) Herrera decad. I. 1. III, c. 16. 1 — 51— Ojeda gefuͤhrt wurden, von demſelben lebhaften und tollkuͤh⸗ nen Ritter, der ſich bei verſchtednen Gelegenheiten der frü⸗ hecen Entdeckungsreiſen, beſonders aber durch die Gefangen⸗ nehmung des Caziken Caonabo ausgezeichnet hatte. Da Co⸗ lumbus den waghalſigen und abentheuerlichen Geiſt dieſes Mannes kannte, ſo fuͤhlte er ſich ſehr in Verlegenheit bei dieſem heimlichen Beſuch auf der Inſel, der ſich nicht viel beſſer als wie eine freibeuteriſche Unternehmung ausnahm. Ihn zur Rechenſchaft vorzuladen, und ſich ſeinen Angriffen zu widerſetzen, erforderte einen Mann von Muth und Ge⸗ wandtheit. Niemand ſchien zu dieſer Ausrſchtung mehr ge⸗ eignet, als Roldan. Er war eben ſo tollkuͤhn wie Ojeda, und beſaß mehr Verſchlagenheit. Eine Expedition dieſer Art mußte ſeine und ſeiner Gefaͤhrten Aufmerkſamkeit be⸗ ſchaͤftigen, und ſie von verderblichen Unternehmungen ab⸗ halten. Die ihnen erſt jaͤngſt ertheilten großen Ein⸗ raͤumungen ſollten nach ſeiner Meinung Buͤrgen ihrer ge⸗ genwärtigen Treue ſeyn, da es ihnen doch vortheilhafter erſcheinen mußte, im Dienſte zu ver leiben, als Meuterei zu treiben. Roldan unternahm den Zug mit Freuden. Er hatie durch einen Aufſtand nichts weiter zu gewinnen, und war ernſtlich darauf bedacht, ſich die uͤbel erworbenen Guͤter und Beſitzungen durch oͤffentliche Dienſtleiſtungen zu ſichern, die ihn von ſeinen vorigen Vergehungen rein waſchen konnten. Er war ein eben ſo eitler als thaͤtiger Mann und ſetzte ſeinen Stolz darein, ſich bei einem Anternehmen auszuzeich⸗ nen, welches ſowohl Muth als Schlauhezt erforderte. Er . 4* — 352— ſegelte mit zwei Caravelen von St. Domingo ab, und kam am 29. September in einer Entfernung von zwei Seemeilen von dem Hafen an, wo die Schiffe des Ojeda vor Anker lagen. Hier ging er mit fuͤnfundzwanzig entſchloſſenen Leu⸗ ten an's Land, welche wohl bewaffnet und die Waͤlder zu durchſtreifen gewohnt waren. Er ſandte fuͤnf als Kund⸗ ſchafter aus, um das Terrain zu erforſchen. Sie brachten die Nachricht, Ojeda befinde ſich auf der Inſel, einige Stunden von ſeinen Schiffen entfernt, mit nur funfzehn Mann, welche damit biſchaͤftigt ſeyen, ſich in einem india⸗ niſchen Dorf mit Caſſavabrod zu verſehen. Roldan warf ſich zwiſchen ihn und ſeine Schiffe, in der Hoffnung, ihn durch einen uͤberraſchenden Angriff gefangen nehmen zu koͤn⸗ nen. Ojeda erhielt jedoch Nachricht von ſeiner Ankunft, durch die Indlaner, denen ſchon der Name Roldan, nach ſeinen juͤngſten Exceſſen in Xaragua, Schrecken einfloͤßte. Ojeda erkannte ſeine Gefahr; er vermuthete, daß Roldan ihm zur Verfolgung entgegen geſchickt ſey, und fand ſich vom Ruͤckweg zu ſeinen Schiſſen voͤllig abgeſchnitten. Nit ſeiner gewohnten Kaltbluͤtigkeit, und nur von ſech⸗ ſen ſeines Gefolges begleitet, ging Ojeda ſogleich dem Rol⸗ dan entgegen. Dieſer fing liſtig von allgemeinen Gegenſtaͤn⸗ den zu reden an, dann fragte er nach ſeinen Beweggruͤn⸗ den, auf dieſer Inſel, und noch dazu an dieſer einſamen, entlegenen Stelle zu landen, ohne zuvoͤrderſt dem Admiral ſeine Ankunft zu melden. Ojeda erwiederte, er ſey auf ei⸗ ner Entdeckungsreiſe begriffen geweſen, und habe in der Noth hier Anker geworfen, um ſeine Schiffe auszubeſſern und — 53— ſich mit friſchen Vorraͤthen zu verſehen. Roldan verlangte nun im Namen der Regierung das Patent zu ſehen, unter deſ⸗ ſen Autoriſation er in See gegangen. Ojeda, der den ent⸗ ſchloſſenen Charakter des Mannes kannte, mit welchem er zu thun hatte, hielt ſeine natuͤrliche Heftigkeit zuruͤck und antwortete, ſeine Papiere befaͤnden ſich an Bord ſeines Schiffes. Er erklaͤrte, die Abſicht gehabt zu haben, bei ſei⸗ ner Abfahrt von hier nach San Domingo zu gehen, und dem Admiral ſeine Aufwartung zu machen, da er ihm viele Dinge zu ſagen habe, welche dieſer nur unter vier Augen hoͤren koͤnne. Er deutete dem Roldan an, Columbus ſey am Hofe in voͤllige Ungnade gefallen; es gehe das Geruͤcht, daß man ihm das Kommando abnehmen wolle, und die Koͤ⸗ nigin, ſeine Beſchuͤtzerin, liege ohne alle Hoffnung der Ret⸗ tung krank danieder. Auf dieſe Andeutung bezogen ſich wahrſcheinlich die Depeſchen Roldans an den Admeral, da er darin erwaͤhnte, es ſeyen ihm gewiſſe Dinge von Ojeda mitgetheilt worden, die er einem Briefe anzuvertrauen nicht fuͤr gerathen halte. Roldan ging nun zu den Schiffen. Er fand mehrere Leute an Bord, die er kannte, und die ſchon fruͤher in Hispaniola geweſen waren. Sie beſtaͤtigten die Wahrheit der Ausſagen Ojedas, und zeigten ein vom Biſchof Fon ſeca als Oberintendant der indiſchen Angelegenheiten unterzeich⸗ netes Patent vor, welches ihn ermaͤchtigte, auf eine Ent⸗ deckungsreiſe auszugehen.*) *) Herrera dec. I. 1, IV, c. 35, — 54— Nach den Aeußerungen Ojedas und ſeiner Begleiter ſchien es, daß die lebhaften Berichte, die Columbus uͤber ſeine jüngſten Entdeckungen an der Kuͤſte von Paria nach Hauſe geſandt hatte, ſeine glaͤnzenden Betrachtungen uͤber die Reichthuͤmer des neuentdeckten Landes, und die Proben von Perlen, welche er den Souverainen uͤberſchickt hatte, die Habſucht vieler Abenteurer entflammt hatten. Ojeda befand ſich zu der Zeit grade in Spanien. Er war ein Liebling des Biſchofs Fonſeca, und erlangte von ihm die Mittheilung des von dem Admiral an die Souveraine ge⸗ ſchriebenen Briefes und der Karten uͤber die Fahrt, welche denſelben begleiteten. Ojeda wußte, daß Columbus durch den Aufruhr in Hispanſola feſtgehalten war, er erfuhr aus den Geſpraͤchen mit Fonſeca und anderen Feinden des Admirals, daß der Koͤnig große Zweifel und Eiferſucht hinſichtlich ſei⸗ nes Betragens naͤhre, und daß ſein naher Sturz mit Be⸗ ſtimmtheit vorauszuſagen ſey. Bei Ojeda erwachte der Ge⸗ danke, von dieſen Umſtaͤnden Vortheil zu ziehen, und er hoffte durch eine Privat⸗Unternehmung der erſte zu ſeyn, der die Herrlichkeiten dieſer neuentdeckten Regionen erndte. Er theilte ſeinem Goͤnner Fonſeca den Plan mit. Dieſer war nur zu geneigt, alles zu thun, was die Entwuͤrfe des Columbus beeintraͤchtigen und ſeinen Ruhm verdunkeln konnte; auch kann man hinzufuͤgen, daß er ſich immer guͤn⸗ ſtiger zeigte, gedungene Abenteurer als edle hochherzige Maͤnner zu beſchuͤtzen. Er bewilligte dem Ojeda alle moͤg⸗ liche Vortheile, verſah ihn mit Copien der Papiere und Karten des Columbus, um ſich auf ſeiner Fahrt darnach zu — 55— richten, und ertheilte ihm ein Patent, welches er mit ſei⸗ ner eigenen Namenzunterſchrift, doch nicht mit der ſeiner Gebieter verſah. Hierin ſtand bedungen, daß Ojeda kein dem Koͤnige von Portugal gehoͤrendes, noch irgend ein von Co⸗ lumbus vor dem Jahre 1495 entdecktes Land beruͤhren ſolle. Die letztere Bedingung zeigt die hinterliſte Art des Fonſeca, indem er Paria und die Perlen⸗Inſeln, welche Colum⸗ bus nach dem bezeichneten Jahr entdeckt hatte, den Beſuchen Ojedas freigab. Die Schiffe mußten auf Koſten der Aben⸗ teurer ausgeruͤſtet werden, und ein beſtimmter Theil von dem Ertrag der Reiſe ſollte der Krone entrichtet werden. Unter dieſer Verguͤnſtigung ruͤſtete Ojeda, von vielen ungeduldigen und reichen Speculanten unterſtuͤtzt, in Se⸗ villa vier Schiffe aus. In ihrer Mitte befand ſich der be⸗ ruͤhmte Americo Vespucio, ein florentiniſcher Kaufmann, den man in der Geographie und Schiffahrt fuͤr ſehr bewan⸗ dert hielt. Der erſte Steuermann der Escadre war Juan de la Coſa, ein Seemann von großem Rufe, ein Schuͤler des Admirals, den er auf ſeiner erſten Entdeckungsreiſe und bei der ſpaͤteren laͤngs der Suͤdkuͤſte von Cuba und um die Inſel Jamalka begleitet hatte. Auch mehrere von den damaligen Matroſen waren dabei, und Bartholomeo Roldan, ein ausgezeichneter Steuermann, der unter Colum⸗ bus auf der Reiſe nach Paria mitgeweſen war.*) Dieſe Beſchaffenheit hatte eine Expedition, welche durch eine eigne Verkettung von Umſtaͤnden endlich der ganzen neuen Welt 7 *) Las Casas. von jenem florentiniſchen Kaufmanne Americo Vespucio den Namen gab. Dieſe Expedition war im Mai 1499 abgegangen. Die Abenteurer hatten auf dem ſuͤdlichen Continente gelandet, und ſeine Kuͤſten beſchifft, in einer Ausdehnung von zwei⸗ hundert Seemeilen oöͤſtlich vom Oronocco bis zu dem Golf von Paria. Von den Karten des Columbus geleitet, wa⸗ ren ſie in dieſen Golf geſegelt, und durch die Boca del Dragon ausgefahren, hatten ſich darauf weſtlich gegen das Cap de la Vela gewandt, die Inſel Margarita, dann das benachbarte Feſtland beſucht, und den Golf von Venezuela entdeckt. Hiernach waren ſie wieder nach den caraibiſchen Inſein ausgelaufen, wo ſie mit den wilden Bewohnern kämpften, und viele zu Gefangenen machten, in der Abſicht, ſie auf die Sclavenmaͤrkte von Spanien zu fuͤhren. Von da gingen ſie, weil es ihnen an Lebensmitteln fehlte, nach Hiespaniola unter Segel, nachdem ſie die weiteſte Reiſe, die bis dahin laͤngs den Kuͤſten der neuen Welt gemacht wor⸗ den, vollendet hatten. 4 4 Nachdem Roldan alle Erkundigungen eingezogen hatte, die er uͤber ihre Reiſe, ihre Abenteuer und Abſichten gewin⸗ nen konnte, und da er der Ausſage Ojedas vertraute, daß derſelbe ſich demnaͤchſt dem Admiral vorſtellen werde, kehrte er nach San Domingo zuruͤck, um uͤber ſeine Sendung Bericht zu erſtatten.— 7) Herrera hist. Ind. dec. 1. I. IV. c. 4. Munjoz hist n. Mundo, in einem nur im Manuſcript exiſti⸗ renden Beſtandtheile. — ·Vʒÿʒÿ— 1 —— —— Siebentes Kapitel. Manövres zwiſchen Roldan und Ojeda. (1500.) Als Columbus die Nachricht von der Beſchaffenheit der Expedition Ojeda's und von der Erlaubniß, unter welcher er ſchiffte, erhielt, fuͤhlte er ſich tief verletzt, da dieſelbe ein Eingriff in ſeine wichtigſten Praͤrogative und von einer Behoͤrde ſanctionirt war, welche die letzteren haͤtte in Ehren halten ſollen. Er harrte indeſſen geduldig auf den ver⸗ ſprochenen Beſuch Alonzo's de Ojeda in San Domingo, um naͤhere Aufſchluͤſſe zu erlangen. Aber nichts war den Abſichten dieſes umherſchweifenden Befehlshabers fremder, als jene Zuſage zu halten; er hatte ſie nur gethan, um die Wachſamkeit Roldans zu taͤuſchen. Sowie ſeine Schiffe wieder in Stand geſetzt und mit friſchen Vorraͤthen verſehen waren, ſegelte er herum nach der Kuͤſte von Xaragua, wo er im Februar ankam. Hier wurde er von den in dieſer Provinz wohnenden Spaniern gut aufgenommen, und allen ſeinen Beduͤrfniſſen abgeholfen. Unter ihnen befanden ſich mehrere von den fruͤhern Spießgeſellen Roldans, liederliche, — 58— nichtswuͤrdige Geſellen, die aller Ordnung und Zucht abhold waren, und in Groll gegen den Admiral entbrannten, weil er ſie wieder unter den heilſamen Zwang der Geſetze ge⸗ ſtellt hatte. Mit dem lebhaften und unerſchrockenen Cha⸗ rakter Ojeda's vertraut, und benachrichtigt, daß zwiſchen ihm und dem Admiral eine Art Eiferſucht ausgebrochen ſey, begruͤßten ſie ihn als einen neuen Anruͤhrer, gekommen, um ihren eingebildeten Beſchwerden an der Stelle Roldans ab⸗ zuhelfen, den ſie als einen Abtruͤnnigen betrachteten. Sie trugen dem Ojeda laute Klagen gegen den Admiral vor, den ſie beſchuldigten, daß er ihnen den ruͤckſtaͤndigen Sold vorenthalte. 4 Ojeda war ein hitziger Kopf und etwas prahleriſch, ſo daß er ſich ſogleich fuͤr die Abhulfe der Beſchwerden ver⸗ buͤrgte. Auch wird erzaͤhlt, er habe ſich fuͤr einen Bevoll⸗ maͤchtigten der Regierung ausgegeben, um in Gemeinſchaft mit Carvajal als Rath oder vielmehr als Oberaufſeher des Admirals aufzutreten; und eine der erſten Maßregeln, wo⸗ mit ſie umgegangen, ſey das Erzwingen der Zahlung alles Soldes geweſen, welcher den Dienern der Krone noch ge⸗ buͤhrt haͤtte.*) Es iſt indeſſen doch die Frage, ob Ojeda ſich Anmaßungen ſolcher Art erlaubte, die ſo leicht gemiß⸗ billigt werden und ihm die Ungnade der Regierung zuziehen konnten. Wahrſcheinlich iſt es, daß ihn zu Einmiſchungen hauptſaͤchlich ſeine Bekanntſchaft mit dem wankenden Zu⸗ ſtande der Gunſt des Admirals am Hofe und ſeine eigene 2²) Hist. del Almirante cap. 84. — 059— Sicherheit in dem maͤchtigen Schutze Fonſeca's ermuthigte. Auch mag er die Meinung eingeſogen haben, welche von denen gehegt wurde, mit welchen er in Spanien vor ſeiner Abreiſe zu thun gehabt, daß dieſe Leute durch die Unter⸗ druͤckungen des Admirals und ſeiner Bruͤder zum Aeußerſten gebracht worden ſeyen. Es mag zugleich ein gewiſſes Ge⸗ fuͤhl von Großmuth ſich ſeiner gewohnten Liebe zu Thaten und Unternehmungen beigeſellt haben, als er den Vorſatz faßte, ihren Leiden Abhuͤlfe zu verſchaffen, ſich on ihre Spitze zu ſtellen, ploͤtzlich nach San Domingo zu gehen und den Admiral zu zwingen, ſie auf der Stelle zu bezahlen, wenn er nicht von der Inſel weggejagt ſeyn wolle. Die Vorſchlaͤge Ojeda's wurden von einem Theile der Rebellen mit lautem Beifalljauchzen aufgenommen; andere machten Einwaͤnde. Es gab Streit; eine wahre Raͤuber⸗ ſcene folgte, mit Gewaltthaten und Tumult; auf beiden Seiten wurden mehrere erſchlagen oder verwundet; die Parthei, welche ſich fuͤr den Zug nach San Domingo er⸗ klaͤrte, behielt jedoch die Oberhand. Zum Gluͤck fuͤr die Ruhe und Sicherheit des Admirals kam Roldan grave bei dieſem entſcheidenden Ereigniß mit einer Schaar entſchloſſener Leute in der Naͤhe an. Colum⸗ bus hatte ihn, als er hoͤrte, daß Ojeda an der Kuͤſte von Xaragua angekommen ſey, abgeſandt, um die Bewegungen deſſelben zu beobachten. Roldan hatte Nachricht von den heftigen Scenen, die dort vorgingen und ſandte zu ſeinem alten Verbuͤndeten Diego de Escobar, daß er ihm mit aller zuverlaͤſſigen Mannſchaft, die er ſammeln koͤnne, folgen ſolle. Sie erreichten karagua in einem Tage. Es zeigte ſich hier ein Beiſpiel, wie ſchlechte Menſchen immer auch einander ſchlecht ergeben ſind. Als die vormaligen Spießgeſellen Roldans ſeine ernſte Abſicht wahrnahmen, der Regierung zu dienen, und keine Hoffnung hegen durften, ihn zu ihrem neuen Aufſtande zu gewinnen, ſuchten ſie ihn durch Ueber⸗ raſchung gefangen zu nehmen, aber ſeine Wachſamkeit und Schnelligkeit kam ihnen zuvor.*) Als Ojeda von der Annaͤherung Roldans und Escobars hoͤrte, zog er ſich an Bord ſeiner Schiffe zuruͤck. Wie un⸗ ternehmend er auch war, fühlte er doch im gegenwaͤrtigen Augenblick keine Verſuchung, es zum Treffen kommen zu laſſen, wo ein hitziges Gefecht unvermeidlich und kein Gewinn zu hoffen war, er auch die Waffen gegen die Regierung ergriff. Roldan ließ nun ſolche Vorſtellungen hoͤren, wie er ſie fruͤher zu empfangen gewohnt war. Er ſchrieb an Ojeda, ſtellte ihm fein Betragen und die Verwirrung vor, die er auf der Inſel anrichte, und lud ihn an's Land ein, um eine guͤtliche Beilegung aller angegebenen Beſchwerden zu bewirken. Ojeda, welcher den liſtigen und heftigen Cha⸗ rakter Roldans kannte, achtete nicht auf ſeine wiederholten Botſchaften und wollte ſich nicht in ſeine Gewalt begeben. Er griff ſogar einen ſeiner Abgeſandten, Diego de Truxillo, an, und nahm einen andern von ſeinem Gefolge Namens To⸗ ribio de Lenares gefangen; beide hielt er in Ketten auf ſei⸗ nem Schiff als Geißeln fuͤr einen gewiſſen Juan Pintor, *) Hist, del Almirante 1,, — 61— einen einarmigen Matroſen, welcher deſertirt war, gefangen, mit der Drohung, ſie haͤngen zu laſſen, wenn der Aus⸗ reißer nicht zuruͤckgegeben werde.*) Verſchiedene Manoͤvres hatten nun zwiſchen dieſen belden einander ganz gewachſenen Gegnern ſtatt, von denen jeder vor der Gewandtheit und Kuͤhnheit des andern auf der Hut war. Ojeda ging unter Segel und ſteuerte zwoͤlf Seemeilen noͤrdlich nach der Provinz Cahay, einer der ſchoͤnſten und fruchtbarſten Gegenden der Inſel, von einem freundlichen und ſanften Volke bewohnt. Hier landete er mit vierzig Mann, und nahm, was er bei den Eingebornen von Vorraͤthen fand, hinweg. Roldan und Escobar folgten ihm an der Kuͤſte nach und waren ihm bald auf den Ferſen. Roldan ſandte den Escobar in einem leichten Canoe ab, der von Indianern mit Rudern ſchnell gehandhabt wurde, dieſer naherte ſich bis zur Anrufs⸗Weite dem Schiff und benachrich⸗ tigte Ojeda, da er ſich nicht an's Land wage, werde Rol⸗ dan zu ihm kommen und an Bord mit ihm unterhandeln, wenn er ihm ein Boot ſenden wolle. Ojeda hielt ſich nun ſeines Feindes ſicher und ſandte ſo⸗ gleich ein Boot in geringe Entfernung vom Ufer, wo die Leute auf ihre Ruder gelehnt den Roldan einluden, zu ihnen zu kommen.„Wie viele duͤrfen mich begleiten?⸗ fragte dieſer.„Nur fuͤnf bis ſechs,“ war die Antwort. Hierauf wateten Diego de Escobar und vier andre nach dem Boot. Die Schiffer wollten nicht mehrere aufnehmen. Roldan ließ *) Las Casas hist, Ind, I. 1, c. 169. Ms. b— 62— ſich ſohann von einem Mann nach der Barke tragen und einen andern an ſeiner Seite gehen und ihn unterſtuͤtzen. Durch dieſe Liſt wurde ihre Parthei acht Mann ſtark. So wie er ins Boot trat, befahl er den Ruderern, nach der Kuͤſte zu fahren. Als ſie ſich weigerten, griffen er und ſeine Gefaͤhrten ſie mit dem Schwert in der Hand an, verwundeten einige und nahmen alle gefangen, einen indſa⸗ niſchen Bogenſchuͤtzen ausgenommen, der in's Waſſer tauchte und ſich durch Schwimmen rettete. 4 Dieſes war ein wichtiger Triumph für Roldan. Ojeda, der fuͤr die Erhaltung ſeines Bootes beſorgt war, welches er zum Oienſt ſeines Schiffes nicht entbehren konnte, machte nun friedliche Vorſtellungen. Er naͤherte ſich in dem klei⸗ neren Boot, welches er noch hatte, der Kuͤſte, und nahm ſeinen erſten Steuermann, einen Buͤchſenſchuͤtzen und vier Ruderer mit. Roldan trat in die ſo eben erbeutete Barke, mit ſieben Ruderern und fuͤnfzehn bewaffneten Leuten, und ließ fünfzehn andere an der Kuͤſte bereit ſtehen, um ſich fuͤr den Fall der Noth in einem großen Canoe einzuſchiffen. Es fand eine charakteriſtiſche Unterredung zwiſchen den beiden mannhaften Gegnern ſtatt, wobei jeder vor dem andern ſorgfaͤltig auf der Hut war. Ihre Unterredung wurde aus der Entfernung gefuͤhrt. Ojeda rechtfertigte ſeine feind⸗ ſeligen Bewegungen durch die Bemerkung, daß Roldan mit einem Trupp Bewaffneter gekommen ſey, ihn zu ergreifen. Dieſes laͤugnete der andere mit Beſtemmtheit, und verſprach ihm die freundſchaftlichſte Aufnahme bei dem Admiral, wenn er nach San Domingo kommen werde. Endlich wurde ein — 63— Abkommen getroffen; das Boot wurde zuruͤckgegeben und es fand ein Austauſch der Gefangenen ſtatt, mit Ausnahme des einarmigen Deſerteurs Juan Pintor, der ſich verborgen hielt, und am folgenden Tag verließ Ojeda, nach ihrer Uebereinkunft, die Inſel, jedoch mit der Drohung, daß er kuͤnftig einmal mit mehr Schiffen und Mannſchaft zuruͤck⸗ kommen werde.) Roldan wartete in der Naͤhe, da er an der Wirklichkeit ſeiner Abreiſe zwrifelte. Im Verlauf von wenigen Tagen erhielt er Nachricht, daß Ojeda an einem entfernten Theile der Kuͤſte an's Land gegangen ſey. Er verfolgte ihn ſo⸗ gleich mit achtzig Mann in Canoes und ſandte Kundſchaf⸗ ter zu Lande aus. Ehe er an den Ort kam, war Ojeda ſchon wieder unter Segel gegangen, und Roldan ſah und hoͤrte nichts weiter von ihm. Las Caſas verſichert jedoch, Ojeda ſey entweder nach einem entfernten Diſtrikt von Hirpaniola oder nach der Inſel Portorico abgegangen, wo er ſich mit, was er Cavalgada oder Sclaven⸗Heerden nannte, verſah, indem er eine Menge von den ungluͤcklichen Einge⸗ bornen davonſchleppte, die er nachher auf dem Selavenmarkt in Cadir verkaufte.**) *) Brief des Columbus an die Amme des Infanten Juan. **) Las Casas I. 1. c. 169. 5 Achtes Kapitel. Verſchwörung Guevara's und Moxica's. (1500.) Wenn die Menſchen ſich einmal daran gewoͤhnt haben, ſchlecht zu handeln, rechnen ſie es ſich als ein großes Ver⸗ dienſt an, ein ehrliches Geſchaͤft ausgefuͤhrt zu haben. Die Leute Roldans poſaunten laut ihre ungewohnte Treue und den großen Dienſt aus, den ſie der Regierung geleiſtet, daß ſie den Ojeda von der Inſel verjagt haͤtten. Wie alle gebeſſerte Schurken erwarteten ſie fuͤr ihre gute Aufführung großen Lohn. Da ſie ihren Fuhrer als einen Mann betrachteten, der alles machen koͤnne, und da ihnen die Provinz Cahay gut geſiel, ſo baten ſie ihn, das Land unter ihnen zu ver⸗ theilen, daß ſie ſich dort anſiedeln koͤnnten. Roldan wuͤrde ſich nicht geweigert haben, ihnen ihre Bitte zu gewaͤhren, wenn es waͤhrend ſeiner Freibeuter⸗Laufbahn geweſen waͤre, aber er war nun wachſam auf den If, enn Freund der Geſetze zu heißen. Er lehnte es daher ab, indem er ihnen unter der Bedingung zuſtimmte, daß der Admiral es ge⸗ nehmige, Da er aber wohl wußte, daß er einen Geiſt unter dieſen Menſchen geweckt hatte, welchem zu widerſtreben ge⸗ faͤhrlich war, und daß ihre Raubgfer, durch lange Nachſicht verwoͤhnt, keinen Aueſchub ertrug, vertheilte er einige von ſeinen eigenen Laͤndereien unter ſie, ia dem Gebiete ſeines alten Gaſtfreundes Behechio, des Caziken von Xaragua. Hierauf ſchrieb er an den Admiral um die Erlaubniß, nach San Domingo zuruͤckzukehren und erhielt einen Brief zur Antwort, der ien vielen Dank und Lobſpruͤche fuͤr den Eifer und die Gewandthait ertheilte, die er gezeigt hatte, ihn aber bat, noch eine Zeitlang in Taragua zu bleiben, weil Ojeda ſich noch an den Kuͤſten umher treiben koͤnnte und wohl im Stande waͤre, einen neuen Einfall auf dieſe Inſel zu wagen. Die Unruhen auf der Inſel waren noch nicht zu Ende, ſte ſollten vielmehr neuerdings ausbrechen, und zwar auf eine etwas romanhafte Veranlaſſung. Um dieſe Zeit kam in Xaragug ein junger Cavalter von edler Abkunft, Na⸗ mens Don Hernando de Guevara an. Er beſaß ein ange⸗ nehmes Weſen und einnehmende Manteren, war aber hef tig in ſeinen Leidenſchaften und zuͤgellos in ſeinen Gewohn⸗ heiten. Er war ein Vetter Adrian's von Moxica, eines der thäͤtigſten Raͤdelsfuͤhrer bei der neulſchen Rebellion Rol⸗ dans und hatte ſich in San Domingo mit ſolcher Ruch⸗ loſigkeit betragen, daß Columbus ihn von der Inſel ver⸗ bannen mußte. Da es keine andere Schiffsgelegenheit gab, ſo war er nach aragua geſandt worden, um in einem der Schiffe des Ojeda nach Spanien zuruͤckzukehren; aber er kam erſt nach ihrer Abreiſe an. Roldan nahm ihn aus Irving's Columbus. 7— 9. 5 Ruͤckſichten fuͤr ſeinen alten Spießgeſellen Adrian de Mo⸗ rea, guͤnſtig auf und erlaubte ihm, ſich einen Platz auszu⸗ ſuchen, wo er wohnen wolle, bis weitere Befehle uͤber ihn vom Admiral ergingen. Er waͤhlte die Provinz Cahay, an der Seite, wo Roldan das Boot Oj da's geſangen genom⸗ men hatte. Es war eine entzuͤckende Gegend dieſer reizen⸗ den Kuſte, aber der Grund, warum Guevara dieſelbe waͤhlte, war die Nahe von Raragua. Waͤhrend er ſich mit Roldans Erlaubniß dort aufgehalten hatte, war er in dem Hauſe Anacgona's, der Wittwe Caonabo's, der Schweſter des Ea⸗ ziken Behechio, freundlich aufgenommen worden. Dieſes merkwuͤrdige Weib beharrte ſtets aus ihrer Partheilichkeit fuͤr die Spanier, ungeachtet der traurigen Begebenheiten, die ſich vor ihren Augen zutrugen, und die angeborne Wuͤrde ihres Weſens hatte ſelbſt der zuͤgelloſen Rotte, welche ihre Provinz verheerte, Achtung eingefloͤßt. Von ihrem verſtorbenen Gemahl, dem Caziken Caonabo, hatte ſie eine Tochter Namens Higuamota, eben herangewachſen, und wegen ihrer Schoͤnheit beruͤhmt. Guevara befand ſich oft mit ihr in Geſellſchaft, faßte eine Neigung zu ihr, und feine Liebenswuͤrdigkeit gewann bald das Herz des einfachen indlaniſchen Maͤdchene. Um ihr nah: zu ſeyn, waͤhlte er Cahay zu ſeinem Wohnſitze, an einem Orte, wo ſein Vetter Adrian de Morica eine Anzahl Hunde und Falken fuͤr dle Jagd unterhielt. Gnevara verzoͤgerte ſeine Abreiſe. Roldan entdeckte die Urſache, die ihn in Xaragna feſſelte, und er⸗ mahnte ihn, von ſeinem Vorhaben abzuſtehen und die Pro⸗ vinz zu verlaffen. Las Eaſas deutet an, Rolban ſey ſelbſt der jungen indianiſchen Schoͤnheit ergeben und eiferſuͤchtig geweſen, weil ſie ihm ſeinen Nebenbuhler vorgezogen habe. Anacaona, der Mutter, gefiel das ritterliche Weſen und das einſchmeichelnde Benehmen des jungen Cavaliers und ſie be⸗ guͤnſtigte ſeine Neigung, beſonders als er ihre Tochter zum Weibe begehte. Der Befehle Roldans ungeachtet blieb Gue⸗ vara immer noch in Taragua in dem Hauſe Anacaona's; er ſandte ſogar nach einem Prieſter, der ſeine verlobte Braut taufen ſollte. Wie Roldan hiervon hoͤrte, ließ er Guevara kommen und machte ihm bittere Vorwuͤrfe, daß er noch in Xaragua verweile und eine Perſon von der Bedeutung Anacaona's zu hintergehen ſtrebe, indem er die Neigung ihrer Tochter gewinne. Guevara geſtand die Macht ſeiner Leid enſchaft und ſeine ehrlichen Abſichten, und bat ihn, bleiben zu duͤr⸗ fen. Roldan zeigte ſich unbeweglich. Er bemerkte, der Admiral koͤnne eine ſchlimme Meinung von ſeinem Betragen erhalten; aber wahrſcheinlicher iſt es, daß es ihm darum zu thun war, den Nebenbuhler zu entfernen, der ſeinen eigenen Plaͤnen gefaͤhrlich erſchien. Guevara gehorchte; aber er war kaum drei Tage in Cahay, als er, unfäͤhig, von dem Ge⸗ genſtand ſeiner Neigung laͤnger entfernt zu bleiben, nach Karagua zuruͤckkehrte, nur von vier bis fuͤnf Freunden be⸗ gleitet, und ſich in der Wohnung Anacaona's verbarg. Roldan, den grade eine Augenkrankheit zu Hauſe hielk, ſandte, als er ſeine Ankunft erfuhr, Leute, die ihm den Ungehorſam gegen ſeine Befehle vorwerfen und ihm befehlen follten, unverzüͤglich wieder nach Cahay zu gehen. Der 5 † 8— 3 68— junge Cavalier nahm jetzt einen trotzigen Ton an. Er warnte Roldan, ſich keine Feinde zu machen, wo ihm Freunde ſo noͤthig ſeyen; denn er habe gewiſſe Kunde, daß der Admiral die Abſicht hege, ihn enthaupten zu laſſen. Auf dieſe Aerßerungen befahl ihm Roldan kraft ſeiner Ge⸗ walt als Befehlshaber, dieſen Theil der Inſel zu verlaſſen und ſich vor dem Admiral zu ſtellen. Der Gedanke, ganz aus der Naͤhe ſeiner indianiſchen Schoͤnen verbannt zu wer⸗ den, daͤmpfte die Heftigkeit des jungen Mannes. Er ſtimmte ſeinen hochmuͤthigen und trotzigen Ton in demuͤthige Bitte um, und Roldan, durch ſeine Unterwuͤ ſigkeit beſänftigt, erlaubte ihm fuͤr den Augenblick auf dieſem Theil der Inſel zu verweilen⸗ 3 Roldan ſollte die Fruͤchte des Unheils erndten, welches er geſaͤet hatte. Er hatte die Gemüther ſeiner vorigen Ge⸗ treuen mit Eigenmaͤchtigkeit und Grauſamkeit erfuͤllt und war nun den Folgen preis gegeben. Guevara, von dem Widerſtande gegen ſeine Leidenſchaft erzuͤrnt, bruͤtete Rache. Er bildete in Kurzem eine Parthei unrer den ehemaligen Kameraden Roldans, welche als obrigkeitliche Perſon den Mann verachteten, den ſie als ihren Anfuͤhrer vergoͤttert hatten. Es wurde verabredet, ihn ploͤtzlich zu uͤberfallen und ihn entweder zu erſchlagen oder ihm die Augen auszu⸗ ſtechen. Roldan bekam Nachricht von dem Complott und verfuhr mit ſeiner gewohnten Schnelligkeit. Guevara wurde in der Wohnung Anacaona's und in Gegenwart ſeiner Braut feſtgenommen; ſieben von ſeinen Gefaͤhrten wurden mit ihm zu Gefangenen gemacht. Roldan ſandte ſogleich — 69— einen Bericht uͤber den Vorgang an den Admiral, worin er nun bekannte, nichts ohne ſeine Ermaͤchtigung zu thun, und erklaͤrte, daß er nicht im Stande ſey, unpartheiiſch uͤber dieſen Fall zu entſcheiden. Columbus, der damals grade auf Fort Coneeption in der Vega war, beſtimmte, daß die Gefangenen nach der Feſtung San Domingo abzufuͤhren ſeyen. 3 Dieſe ſtrengen Maßregeln Roldans gegen ſeine alten Kameraden brachten ſogleſch Unruhen auf der Inſel hervor. Wie Adrian de Moxca hoͤrte, daß ſein Vetter Guevara gefangen genommen ſey, und dieſes auf B fehl ſeines alten Verbuͤndeten, war er ſehr entruͤſtet und beſchloß, ſich zu rächen. Er eilte nach Bonao, dem alten Neſte des Auf⸗ ruhrs, und forderte den Pedro Riquelme, den neuernann⸗ ten Alcalde, zur Huͤlfe auf. Dieſer war ſogleich bei dir Hand. Sie zogen zuſammen in verſchiebenen Theilen der Vega umher, wo ihre vorigen Gefaͤhrten des Aufruhrs Länder erhalten und ſich angeſiedelt hatten; ſie regten ihre ſchnell geſchaͤftigen Leidenſchaften auf und befeuerten ihre Stimmungen zu Gunſten eines alten Kameraden. Dieſe Menſchen ſcheinen einen unwiderſtehlichen Hang zum Auf⸗ ruhr gehabt zu haben. Guevara war ihr aller Liebling; die Reize der indianiſchen Schoͤnheit thaten wahrſcheinlich auch da ihrige, und das Betragen Roldans wurde als eine tyranniſche Einmiſchung bezeichnet, um eine Heirath zu ver⸗ hindern, die allen Theilen angenehm und eine Wohlthat fuͤr die Colonie ſey. Es ex ſtirt kein Weſen, welches gegen fruͤhere Verbuͤndete ſo ſehr in Haß entbrennt, als ein ge⸗ — 70— zügelter Raͤuber oder Rebell, der zu der Fahne des Rechts zuruͤckgetreten iſt. Die alten Scenen der Partheiungen er⸗ neuerten ſich, die Waffen, die von der kaum verhallten Re⸗ bellion ruhten, wurden von den Waͤnden geriſſen und ſchleunige Vorbereitungen zur That gemacht. Morica ſah bald einen Haufen tollkuͤhner und unruhiger Menſchen mit Pferden und Waffen bereit, ihm zu jeder verzweifelten Unternehmung zu folgen. Verblendet von der Ungeſtraft⸗ heit, womit ſie ihre fruͤheren Beleidigungen ausgeführt hatten, drohte er nun mit Handlungen grauſamer Art, denn er hatte nicht allein die Wiederbefreiung ſeines Vetters, ſondern den Tod Roldans und des Admirals im Sinne. Columbus befand ſich mit einer unbetraͤchtlichen Mann⸗ ſchaft auf Fort Conception, wie die ſe gefaͤhrliche Meuterei in der Naͤhe ausbrach. Ihm ahneten keine weiteren Feind⸗ ſeligkelten von Maͤnnern, denen er ſo viele Wohlthaten er⸗ zeigt hatte, und er wuͤrde ohne Zweifel in ihre Haͤnde ge⸗ fallen ſeyn, wenn nicht ein Deſerteur der Verſchworenen zu ihm gekommen waͤre und ihm das Vorhaben entdeckt haͤtte. Er uͤberſah mit einem Blick die Gefahr, welche ihn umgab, und den Sturm, der uͤber die Inſel hereinbrechen ſollte. Jetzt war keine Zeit mehr fuͤr milde Maßregeln; er entſchloß ſich, einen Schlag auszufuͤhren, welcher der Rebellion den Kopf zerſchmettern mußte. Er nahm nur ſechs oder ſieben vertraute Diener und drei Ritter mit, alle wohlbewaſſnet; mit dieſen zog er in der Nacht zu dem Orte, wo die Raͤdelsfuͤhrer ſich einquar⸗ tirt hatten. Im Vertrauen auf das Geheimniß ihrer Ver⸗ 3 2 —-— 71— ſchwoͤrung und das neuliche paſſive Verhalten des Admirals, ſcheinen ſie ganz unbewacht geweſen zu ſeyn. Columbus uͤberftel ſie ploͤtzlich und unverſehens, ergriff Mox ca und mehrere der erſten Anfuͤhrer und brachte ſie gefangen nach Fort Conception. Der Augenblick war kritiſch, die Vega war auf dem Punkte der Empoͤrung; er hatte den Pfleger der Berſchwoͤrung in ſeiner Gewalt, und es war noͤthig, ein Exempel zu ſtatuiren, welches Schrecken unter den Meutern verbreitete. Er befahl, daß Morica auf dem hoͤch⸗ ſten Punkt des Forts aufgehangen werde. Dieſer bat nur noch, ihm vor der Hinrichtung die Beichte zu erlauben. Es wurde ihm ein Prieſter geſchickt. Der elende Moxica, der ſich bei der Verſchwoͤrung ſo keck und anmaßend gezeigt hatte, verlor beim Herannahen des Todes allen Muth. Er verzoͤgerte die Beichthandlung, indem er anfing und wieder ſtockte, von neuem anfing und wieder zoͤgerte, als ob er Zeit zur Befreiung zu gewinnen hoffe, wenn er die Sache in die Laͤnge zoͤge. Statt ſeine eigenen Suͤnden zu beichten, fing er an, andere zu beſchuldigen, von denen man wußte, daß ſie unſchuldig waren; bis Columbus, uͤber ſeine Falſch⸗ heit und Verraͤtherei erzuͤrnt, die Geduld verlor und in einer Anwandlung von Uawillen und tiefer Verachtung den Nichtswuͤrdigen von den Zennen der Feſte hinabſtuͤrzen ließ.*) Mehrere Kameraden Morica's wurden zum Tode verurtheilt, doch fuͤr den Augenblick noch in Verwahrſam gehalten. *) Herrera decad. 1. I. IV. c. 5. 1 G Dieſer ſchn⸗lle Akt der Strenge hatte baldige Nachfolge. Ehe die Verſchworenen Zeit gewannen, ſich von ihrem Er⸗ ſtaunen zu erholen, wurde P dro Riquelme mit mehreren Spi ßgeſellen in ſeiner Raͤuberhoͤhle zu Bonao gefangen ge⸗ nommen und nach der Feſtung San Domingo gebracht, wo auch der erſte Urh ber der neuen Rebellion, Hernando de Guevara, der Geliebte der jungen indtaniſchen Prinzeſſin, gefangen ſaß. Dieſe unerwartete Streng⸗, welche von einer Seite ausging, wo bisher ſo große Milde vorgewaltet hatte, konnte den erwuüͤnſchten Zweck nicht verfehlen. Die Ver⸗ ſchwoͤrer flohen von Schracken ergriffen faſt alle nach Xara⸗ gua, ihrem alten theuren Zufluchtsort. Man ließ ihnen keine Zeit, ſich dort wieder zuſammen zu rotten und neuen Verrath zu bruͤten. Der Adelantado, von Roldan unter⸗ ſtuͤtzt, verfolgte ſie mit der eigenthuͤmlichen Raſchheit ſeiner Operationen und mit der Gewalt der Waffen. Es wird erzaͤhtt, er habe einen Poieſter mitgenommen, um, ſowie er die Verbrecher einfing, ſie gleich beichten und auf der Stells haͤngen zu laſſen, aber glaubwuͤrdiger iſt es, daß er ſie gsfangen nach San Domingo uͤberlieferte. Siebenzehn von ihnen hielt er zu gleſcher Zeit in einem gemeinſchaft⸗ lichen Kerker feſt, wo ſie ihr Urtheil erwarteten, waͤhrend er die Uebrigen mit unermüdlichem Eifer verfolgte.) Freilich waren dieſes raſche und ſtrenge Maßregeln; aber wenn wir bedenken, wie Columhus an dieſen Menſchen *) Las Casas hist. Ind, I. 1. c. 170. MS. Herrera decad. 1. 1. IV. c. 7. 1 — 73— Langmuth geübt, wie viel er ihnen abgetreten und geopfert hatte, wie er in allen ſeinen großen Unternehmungen von ihnen unterbrochen und die Wohlfahrt der Colonie durch ihr veraͤchtliches und aufruͤhreriſches Hadern zerſtoͤrt worden war, wie ſie ſeine Milde mißbraucht, ſeinem Anſehen Trotz geboten, und am Ende noch ſein Leben bedroht hatten,— ſo können wir uns nicht wundern, daß er endlich das Schwert der Gerechtigkeit walten ließ, welch s er bioher in der Scheide gehalt⸗n hatte. Die Macht des Aufruhrs war nun völlig gebrochen und die guten Wirkungen der verſchiedenen Maßregeln, welche Columbus ſeit ſeiner letzten Ankunft zum Beſten der Inſel getroffen hatte, fingen an, ſich zu zeigen. Als die Indianer das Fruchtloſe ihres Widerſtandes inne wurden, beugten ſie ſich geduldig unter das Joch. Bei vielen unter ihnen wur⸗ den Spuren der Civiiſation ſichtbar, ſie bedienten ſich hie und da der Kleldungen; auch hatte das Chriſtenthum Fort⸗ ſchritte unter ihnen zu machen angefangen. Die Spanier bebauten mit Eiker ihre Felder, wurden von den Dienſten der Eingebornen unterſtuͤtzt, und es hatte allen Anſchein, daß das Glück heimiſch geworden und ſich in geregeltem Gange be⸗ finde. Corumbus hielt dieſen ganzen gluͤcklichen Wichſel fuͤr eine beſondere Schickung des Himmels. Er ſpricht dieſe Anſicht entſchieden in einem ſeiner Briefe aus, und ſie geben darin ein Beiſpiel jener traͤumeriſchen Einbildungen, welche zu Zeiten ſeine Einbildungskraft heimſuchten, wenn ſie durch Krankheit oder Sorgen in einem gereizten Zuſtande war. 7⁴ — 7 In dem vorhergehenden Winter um Weihnachten, als er von indianiſchen Feinden und von Empoͤrungen in ſeinem Volke bedroht wurde, und voll Mißtrauen war gegen ſeine Umgebungen und voll Beſorgniſſe uͤber die Ungnade am Hofe, hatte ſich eine Zeit lang die groͤßte Muthloſigkelt ſei⸗ ner bemeiſtert. Mitten in ſeiner Traurigkeit, der Ver⸗ zweiflung hingegeben, hoͤrte er, wie er erzaͤhlt, eine Stimme, die ihm zurief:„Du Kleingläͤubiger! fuͤrchte nichts, laſſe Dich nicht muthlos machen. Ich will fuͤr Dich ſorgen. Die ſieben Jahre der Friſt des Goldes*) ſind noch nicht verfloſſen, und in dieſem, wie in allen andern Dingen will ich fuͤr Dich ſorgen.“ An demſelben Tage, ſugt er hinzu, bekam er Nachrichten von der Entdeckung eines großen Landſtriches mit reichen Minen.**) Das vermeintliche Verſprechen goͤttlicher Huͤlfe, welches auf dieſe Weiſe ge⸗ heimnißvoll und wunderbar gegeben wurde, ſchien ſich ihm ſeitdem noch mehr zu erfaͤllen. Die Unruhen und Gefahren, welche ihn noch juͤngſt umringt hatten, waren endlich ver⸗ ſchwunden und Ruhe zuruͤckgekehrt. Er bedachte nun die ———— *) Columbus ſpielt hier auf das Gelübde an, welches er bei Entdeckung der neuen Welt that und in einem Brief an die Souveraine ausdrückte, daß er in ſieben Jahren von dem Gewinn ſeiner Eintdeckungen fünfzigtauſend Fußgänger und fünftauſend Reiter ausrüſten wolle, um das heilige Grab zu befreien, und ein Ergänzungs⸗Corps von gleicher Größe in fünf Jahren darauf. **) Brief des Columbus an die Amme des Prinzen Juan. Hist, del Almirante, cap. 84. — 75— Verkolgung ſeines ſo lange gehemmten Lieblingsprojectes— die Erforſchung der Gegenden von Paria und die Ein⸗ richtung einer Perlenſiſcherei in dem Meerbuſen der Perlen. Wie taͤuſchend waren ſeine Hoffnungen! In dieſem Augen⸗ blick reiften die Ereigniſſe, die ihn in Gram verſenken, ſeiner Ehren berauben und fuͤr den Reſt ſeiner Tage zu einem Wrack ſeiner vorigen Groͤße erniedrigen ſollten! Dreizehntes Buch. Erſtes Kapitel. Vorſtellungen am Hofe gegen Columbus. Ermaͤch⸗ tigung Bobadillas zir Unterſuchung ſeiner Ver⸗ waltung. (1500.) Waͤhrend Columbus auf der meuteriſchen Inſel Hispa⸗ niola in eine Reihe von Bedraͤngniſſen verwickelt wurde, hatten ſich ſeine Feinde nur zu wirkſam gezeigt, ſelnen Ruf am Hofe von Spanien zu untergraben. Die von Ojeda mitgebrachte Nachricht von ſeiner Ungnade war nicht ganz unbegruͤndet. Das Ereigniß wurd⸗ als nahe bevorſtehend angeſehen und alle hinterliſtige Raͤnke verſucht, um es zu beſchi unſgen. Jedes Schiff, welches aus der neuen Welt zuruͤckk yrte, war mit Klagen erfuͤllt, welche den Charakter des Columbus und ſeiner Bruder in dem gehaͤſſigſten Licht zeigten, als Ankoͤmmlinge, die durch ihre ploͤtzliche Erhebung aus der Unbekanntheit aufgeblaſen und des Herrſchens un⸗ gewohnt ſeyen, anmaßend und beleidigend in ihrem Beneh⸗ men gegen Leute von Geburt und ſtorzer Denkungeart, Un⸗ terdruͤckend in ihrem Regimente, und grauſam in ihrem Be⸗ tragen gegen die Eingebornen. Es kam die hinterliſtige und unbillige Behauptung zum Vorſchein, daß ſie Fremde ſeyen, die keine Intereſſe nehmen koͤnnten an dem Ruhme Spa⸗ niens, und an dem Wohl der Spanier; und ſo veraͤchtlich dieſer Vorwand auch ſcheinen mag, grade er hatte den be⸗ deutendſten Einfluß. Er wurde ſoaar ſo weit ausgeſpon⸗ nen, daß man den Columbus anklagte, er gehe damit um, ſich aller Abhaͤngigkeit von Spanien zu entledigen, und ſich zum unumſchränkten Gebieter aller von ihm entdeckten Laͤn⸗ der aufzuwerfen, oder ſie in die Haͤnde einer anderen Macht zu verkaufen; ein Vorgeben, welches bei aller Unwahrſchein⸗ lichkeit doch ganz gemacht war, der eiferſuͤchtigen Seele Fer⸗ dinands Schrecken einzufloͤßen. Wahr iſt es, daß Colum⸗ bus mit jedem Schiff Berichte nach Hauſe ſandte, die, mit großer Freimuͤthigkeit und mit der Kraft der Wahrheit ab⸗ gefaßt, die wahre Narur und urſache des zerrutteten Zu⸗ ſtandes der Inſel auseinanderſetzten, und Huͤlfsmittel bezeich⸗ neten und dringend erbaten, welche in geeigneter Anwen⸗ dung wirkſam haͤtten ſeyn Koͤnnen. Aber dieſe Schreiben, welche nur in langen Zwiſchenräumen ankamen, machten ei⸗ nin vereinzelten und voruͤbergehenden Eindruck auf die Seele des Koͤnigs, der durch taͤgliche und eifernde Verdre⸗ hungen bald wieder verwiſcht wurde. 3 Seine Feinde am Hofe huten immer Zutritt bei den Souveralnen, ſie waren im Stande, alles was gegen ihn geltend gemacht werden konnte, in dem grellſten Lichte zu zeigen, waͤhrend ſie inegeheim die ſiegreiche Kraft ſeiner Rechtfertigungen unwirkſam zu machen wußten. Es ſtand ihnen eine plauſtble Logik zu Gebote, deren ſie ſich fort⸗ waͤhrend bedienten, um den Columbus ſchlechter Verwaltung oder ſchlechter Treue zu uͤberfuͤhren. Es fand eine fortwaͤh⸗ rende Ahleitung von Kraͤften des Mutterlandes zum Unter⸗ halt der Colonie ſtatt. Wie paßte dieſe zu den uͤbertriebe⸗ nin Bildern, die er von dem Reichthum der Inſeln und ihren goldnen Bergen entworfen, wo er das Ophir der al⸗ ten Welt, die Quelle aller Reichthuͤmer Salomons gefun⸗ den zu haben vorgab? Sie ſtellten die Alternativen auf, entweder habe er die Herrſcher durch abſichtliche Uebertrei⸗ bungen getaͤnſcht, oder ſie durch doͤſe Liſt groͤblich verletzt, oder er ſey den Pflichten des Regierens durchaus nicht ge⸗ wachſen. 3 Es war bekannt, daß die getaͤuſchten Erwartungen Fer⸗ binands, als er in den neuentdeckten Laͤndern eine Quelle von Ausgaben ſtatt von Gewinn erkannte, ſchwer auf ſeiner Seele laſteten. Die Kriege, wozu ihn ſein Ehrgeiz verlei⸗ tete, hatten ſeine Huͤlfsquellen erſchoͤpft und ihn in Verle⸗ genheiten gebracht. Er hatte mit Zuverſicht auf die neue Welt geblickt, daß ſie Huͤlfe und reiche Mittel ſchaffen werde, um ſeine Siege zu verfolgen, und er wurde endlich ungeduldig uͤber die wiederholten Forderungen, die ſie an ſeine leeren Kaſſen machte. Um ſeine Mißempfindung noch mehr zu reizen, und ſeine Reue zu verſtaͤrken, wurden alle getäuſchte und unzufriedene Leute, die von der Colonie zu⸗ rückkehrten, von der feindſeligen Parthei aufgefordert, Be⸗ ſchwerden uͤber zuruͤckgehaltne Bezahlung oder uͤber Virlaſte im Dienſte des Columbus gegen denſelben zu erheben. Die⸗ ſes war inſonderheit der Fall mit den zuͤgelloſen Räͤubern, die man dort eingeſchifft hatte, um die Inſel von ihren Meutereien zu erloͤſen. Sie fanden den Weg zum Hofe in Granada. Sie folgten dem Koͤnige, wenn er ausritt, er⸗ fuͤllten die Luͤfte mit ihren Klagen, und forderten ihre Be⸗ zahlung. Einſtens wußten ſich gegen funfzig dieſer Land⸗ ſtreicher bis zu dem innerſten Hofe der Alhambra Bahn zu machen, hier, unter den Fenſtern des Koͤnigs, hielten ſie Buͤſchel von Weintrauben in die Hoͤhe, als die magre Koſt, die ihnen in ihrer Armuth geblieben ſey, und ſchmaͤhten laut uͤber die Betruͤgereien des Columbus und die grauſame Vernachlaͤffigung von Seiten der Regkerung. Zufaͤllig gin⸗ gen die beiden Soͤhne des Columbus voruͤber, welche Pagen bei der Koͤnigin waren; dieſen folgten ſie mit Verwunſchun⸗ gen, und riefen:„Da gehen die Soͤhne des Admirals, die junge Brut von dem, der das Land der Taͤuſchung und des Elendes, das Grab der ſpaniſchen Hidalgo's entdeckt hat.“*) Unaufhoͤrliche Wiederholung falſcher Beſchuldigungen fin⸗ det am Ende ihren Weg auch zu den edelſten Gemuͤthern. Selbſt Iſabella fing an, Zweifel gegen das Betragen des Columbus zu hegen. Bei dieſen allgemeinen und unauf⸗ hoͤrlichen Klagen ſchien der Schluß ganz vernuͤnftig, daß *) Hist, del Almirante, c. 835. — 80—. hier doch irgend ein Fehl vorwalten muͤſſe. Wenn Colum⸗ bus und ſeine Bruͤder zu gradeaus waren, konnten ſie leicht unverſtaͤndig handeln, und beim Herrſchen wird oͤfter burch Mangel an Urtheil als durch boͤſen Willen Unglüͤck ge⸗ ſtiftet. Die von Columbus ſelbſt geſchriebenen Berichte ga⸗ ben ein bejammernswerthes Bild von der Verwirrung auf der Inſel. Konnte dieſe nicht in der Schwäͤche und Unfaͤ⸗ higkeit der Regierenden ihren Grund haben. Selbſt zugege⸗ ben, daß die herrſchenden Mißbraͤuche zum großen Zhell von der Feindſchaft des Volkes gegen den Admiral und ſeine Bruͤder, und von ihren Vorurtheilen gegen dieſelben ats gegen Fremde herruͤhrten, war es dann weiſe, ein ſo wich⸗ tiges und weitentferntes Regiment Perſon n anzuvertrauen, die ſo wenig in der Gunſt ihrer Gemeinde ſtanden. Dieſe Betrachtungen erhielten wirklich Gewicht in dem edlen Gemuͤthe Iſabellens, aber ſie waren uͤber alles herr⸗ ſchend bii dem vorſichtigen und mißtrauiſchen Ferdinand. Er hatte den Columbus nie mit wahrem Wohlgefallen be⸗ trachtet, und immer, ſeitdem er die Wichtigkeit ſeiner Ent⸗ deckungen unzweideutig erkannt, die ausgedehnte Gewalt bereut, die er in ſeine Hand gelegt hatte. Die ausnehmen⸗ den Klagen, die waͤhrend der kurzen Verwaltung des Ade⸗ lantado ſich erhoben und der Ausbruch der Empoͤrung Rol⸗ dans beſtimmien endlich den Koͤnig, eine P rſon von Ge⸗ wicht und Faͤhigkeit hinuͤherzuſenden, um die Angelegenhei⸗ en der Colonie zu umerſachen, und, wenn es fuͤr ihre Sichtrheit noͤrhig ſey, das Kommando ſelbſt zu übernehmen. Dieſe wichtige und kritiſche Maßregel ſcheint in dem Fruͤh — 81— jahr 1499 zur Reife gediehen zu ſeyn, die Papiere und Vollmachten wurden wirklich ſchon damals ausgefertigt. Der Entſchluß kam jedoch nicht eher als im folgenden Jahre zur Ausfuͤhrung. Man hat mehrere Urſachen des Aufſchubes genannt. Die wichtigen Dienſte, welche Columbus durch die Entdeckung Parias und der Perlen⸗Inſeln geleiſtet hatte, moͤgen einigen Einfluß auf die Gemuͤtheſtimmung des Kö⸗ nigs gehabt haben. Die Nothwendigkeit, in demſelben Au⸗ genblick eine Ausruͤſtung gegen die Tuͤrken in Verbindung mit Venedig zu beſchicken, die drohenden Bewegungen des neuen Koͤnigs von Frankreich, Ludwigs XII., der Aufſtand der Mauren von Albuxarra in dem juͤngſt eroberten Koͤ⸗ nigreich Granada, alle die Umſtaͤnde hat man als Gruͤnde angefuͤhrt, warum eine Maßregel unterblieb, die ſo viel Er⸗ waͤgung bedurfte, und einen wichtigen Einfluß auf die neu⸗ entdeckten Beſitzungen aͤußern konnte.*) Der wahrſchein⸗ lichſte Grund jedoch war die große Abneigung Iſabellens, ein hartes Verfahren gegen einen Manne einzuleiten, fuͤr welchen ſie eine ſo warme Dankbarkeit und hohe Bewunde⸗ rung unterhielt. Endlich brachte die Ankunft der Schiffe mit den fruͤhern Spießgeſellen Roldans, dem Vertrage mit ihnen gemaͤß, die Dinge zum Ausbruch. Zwar kamen Balleſter und Barrantes mit dieſen Schiffen, um die Ange⸗ legenheiten der Inſel in dem eigenthuͤmlichen Lichte zu zei⸗ gen, aber ſie fuͤhrten ein Heer von Zeugen zu Gunſten Rol⸗ *) Munjoz hist. n. Mundo, ungedruckter Theil⸗ Irving's Columbus, 7—9.. 6 — 82— dans und Briefe von ihm und ſeinen Verbundeten mit ſich, die ihr Betragen in der letzten Zeit der Tyrannei des Co⸗ lumbus und ſeinen Bruͤder zuſchrieben. Ungluͤcklicherweiſe fand das Zeugniß der Rebellen das guͤnſtigſte Gehoͤr bei Ferdinand, und es war ein Umſtand dabei im Spiel, wel⸗ cher eine Zeitlang die Freundſchaft Iſabellens aufhob, die bieher der groͤßte Troſt fuͤr Columbus geweſen war. Die Koͤnigin, welche dem Wohl der Eingebornen große müͤtterliche Theilnahme widmete, war verſchiedentlich durch Handlungen des Columbus verletzt worden, die ihr als Hals⸗ ſtarrigkeit von ſeiner Seite erſchtenen, daß er naͤmlich fort⸗ fuhr, diejenigen Indianer gegen ihren bekannten Willen zu Sclaven zu machen, welche im offenen Kampfe zu Gefange⸗ nen gemacht wurden. Dieſeiben Schiffe, welche die Gefäͤhr⸗ ten Roldans zuruͤckbrachten, hatten auch eine große Anzahl Sclaven an Bord. Einige mußte Columbus dieſen Leuten durch die Capitulations⸗Artikel gewaͤhren, andere hatten ſie heimlich mit fort genommen. uUnter dieſen befanden ſich mehrere Toͤchter von Caziken, die ihren Familien und ihrer heimarhlichen Inſel durch dieſe Elenden entfuͤhrt worden wa⸗ ren. Einige von ihnen waren in geſegneten Umſtaͤnden, an⸗ dere hatten neugeborne Kinder. Die Schenkungen und Ue⸗ bertragungen mit dieſen armen Weſen wurden alle dem Willen des Columbus zugeſchrieben und Iſabellen in den ſchwaͤrze⸗ ſten Farben geſchildert. Ihre Empfindlichkeit als Weib und iore Wuͤrde als Koͤnigin brachte ſie ſchnell in Harniſch. „Welches Recht,“ rief ſie entruͤſtet,„hat der Admiral, — 83— meine Vaſallen wegzuſchenken?*) Sie beſchloß, durch ei⸗ nen entſchiednen und unabaͤnderlichen Akt ihren Abſcheu ge⸗ gen dieſe Schmach an der Menſchheit kund zu geben; ſie befahl, daß alle Indianer ihrer Heimath und den Ihrigen zuruͤckgegeben werden ſollten. Sie ging noch weiter und er⸗ ſtreckte ihre Maßregeln auch auf die Vergangenheit, indem ſie befahl, daß die, welche fruͤher von dem Admiral nach Spanien geſendet worden, ausgehoben und Hispaniola zu⸗ ruͤckgegeben werden ſollten. Columbus hatte zu ſeinem Un⸗ gluͤck zu derſelben Zeit in einem ſeiner Schreiben den Rath gegeben, die Selaverei der Indianer als eine dem Beſten der Colonie foͤrderliche Maßregel noch etwas laͤnger fortzu⸗ ſetzen. Dieſes diente nur vazu, den Unwillen Iſabellens zu vermehren und beſtimmte ſie, der Ausſendung einer Com⸗ miſſion, um ſein Verhalten zu unterſuchen, und wenn es noͤthig waͤre, ihn im Kommando abzuſetzen, nicht laͤn⸗ ger zu widerſtreben. Ferdinand war bei Ernennung dieſer Commiſſion ſehr in Verlegenheit zwiſchen der Ruͤckſicht, die auf den Charak⸗ ter und die Dienſte des Columbus zu nehmen ſey, und ſei⸗ ner Aengſtl'chkeit, wie er mit Schonung die Gewalt, mit welcher er ihn bekleidet hatte, zuruͤckziehen moͤge. Endlich lieferten die neueren Briefe des Admirals ſelbſt den Anlaß, und er ergriff ihn mit Begierde. Columbus hatte wieder⸗ holt den Antrag gemacht, daß eine Perſon von Faͤhigkeit, Rechtſchaffenheit und in den Rechten erfahren, geſandt wer⸗ *) Las Casas, I. I. 6* *—— den moͤge, um als Oberrichter aufzutreten, deſſen Vollmach⸗ ten aber ſo beſchraͤnkt und feſt begraͤnzt waͤren, daß ſie ſei⸗ nem eignen Anſehen als Vicekoͤnig keinen Eintrag thaͤten. Auch hatte er gebeten, daß ein unpartheiiſcher Schiedsrichter ernannt werde, um in der Sache zwiſchen ihm und Rol⸗ dan zu entſcheiden. Ferdinand beſchloß ſeinen Wuͤnſchen entgegen zu kommen, aber die belden Aemter zu vereinigen, und da die hierzu beſtimmte Perſon in Gegenſtaͤnden zu ent⸗ ſcheiden hatte, welche die hochſten Functionen des Admirals und ſeiner Bruͤder betrafen, ſo wurde er ermaͤchtigt, ſie im Gouvernement abzuloͤſen, wenn er ſie ſchuldig finden ſollte— ein eignes Mittel, um Partheilichkeit zu ſichern. Der Mann, den man zu dieſem wichtigen und delicaten Amt erwaͤhlte, war Don Francisco de Bobadilla, Beamter beim Hofſtaate des Koͤnigs und Kommandeur des militaͤri⸗ ſchen und geiſtlichen Ordens von Catalonia. Oviedo gibt ihm das Zengniß eines ſehr redlichen und gottesfuͤrchtigen Mannes,*ů) aber Andere ſchildern ihn, und ſeine Handlun⸗ gen beſtaͤtigen ihn als einen beſchraͤnkten, leidenſchaftlichen und ehrgelzigen Menſchen— drei ſtarke Eigenſchaften gegen die Ausuͤbung der Vollmacht, in oberſter Inſtanz zu ſpre⸗ chen, wo die groͤßte Geduld, Rechtſchaffenheit und Umſicht noͤthig war, und wo der Richter Reichthum und Macht von der Ueberfuhrung einer der Partheien erlangte. Die Macht, womit Bobadilla bekleidet wurde, iſt in Briefen der Souveraine näher bezeichnet, welche noch exi⸗ ſtiren und in chronologiſcher Folge betrachtet werden muͤſſen; *) Oviedo eronica 1, III.°, 6. — 85— denn die Abſichten der Souveraine ſcheinen ſich mit den Zei⸗ ten und Umſtaͤnden veraͤndert zu haben. Der erſte iſt vom 21. Maͤrz 1499 datirt und erwaͤhnt einer Klage des Admi⸗ rals, daß ein Alcalde und einige andere Leute ſich zum Auf⸗ ruhr gegen ihn vereinigt haͤtten.„Deßhalb,“ heißt es in dem Schreiben,„beauftragen wir euch, von dem Vorgang das Wahre zu erforſchen, euch zu vergewiſſern, wer und welche Perſonen es ſind, die ſich gegen den gedachten Ad⸗ miral und unſeren Magiſtrat aufgelehnt und aus welcher Urſache ſie es gethan, und welche raͤuberiſche Eingriffe und andere Ungerechtigkeiten ſie veruͤbt haben; ferner ſollt ihr eure Unterſuchungen auf alle andere Gegenſtaͤnde, die mit den vorigen zuſammenhaͤngen, erſtrecken, und wenn ihr euch unterrichten laſſen und die Wabrheit ausgemittelt habt, ſollt ihr, wen ihr auch ſchuldig beſindet, in per⸗ ſoͤnlichen Verhaft nehmen und ſein Eigenthum einziehen, und ſo gegen ſie und die Abweſenden auf ci⸗ vilrechtlichem und peinlichem Wege verfahren, und ſolche Bußen und Strafen auferlegen und verhaͤngen, welche ihr geeignet finden moͤget“, Um dieſes in Ausfuͤhrung zu brin⸗ gen, wurde Bobadilla ermaͤchtigt, im Nothfall den Bei⸗ ſtand des Admirals und aller anderen Autoritaͤten in An⸗ ſpruch zu nehmen. Die hier gegebene Machtvollkommenheit iſt offenbar nur gegen die Rebellen gerichtet, und zwar auf die Beſchwerde des Columbus. Ein anderes Schreiben, am 21. Mai, zwei Monate ſpaͤter erlaſſen, iſt von einem ganz anderen In⸗ halte. Es erwaͤhnt des Columbus nicht, ſondern iſt an die — 86— Räͤthe, Richter, Regidors, Cavaliere, Ritter, Beamten und Eigenthuͤmer auf den Inſeln und der Terra Firma ge⸗ richtet, und macht ihnen die Ernennung Bobadillas zum Gouvernement mit vollſtaͤndiger Civil⸗ und Criminal⸗Ge⸗ richtsbarkeit bekannt. Unter den einzeln aufgefuhrten Func⸗ tionen befindet ſich folgende:—„Es iſt Unſer Wille, daß wenn der gedachte Kommandant, Francisco de Bobadilla, es fuͤr Unſeren Dienſt und fuͤr die Uebung der Gerechtigkelt nothwendig erachten wuͤrde, daß irgend Cavalkere oder an⸗ dere Perſonen, die gegenwaͤrtig auf jenen Inſeln ſich befin⸗ den oder dorthin gelangen moͤgen, ſie verlaſſen und nicht daſelbſt wohnen oder dahin zuruͤckkehren ſollen, und daß ſie zuruͤckkommen und Uns vorgeſtellt werden, ſo moͤge er dieß in Unſerem Namen befehlen und ſie zur Abreiſe anhalten; und bei wem er ſolches befieht, iſt Unſer Wille, daß der⸗ ſelbe unverzuͤglich, ohne daß er Unſere naͤhere Willensmei⸗ nung abwarte oder von Uns irgend einen anderen Brief oder Befehl erhalte, und ohne daß er Appellation oder Bitten einlege, allem was er ſagt oder befiehlt, gehorche, unter der Gefahr der Strafen, welch r von Unſerer Seite verhaͤngen wird.“ Ein anderes Schreiben, gleichfalls am 21. Mai erlaſſen, worin Columbus nur einfach„Admiral des Weltmeeres⸗ ge⸗ nannt wird, beſtehlt ihm und ſeinen Brudern, die Feſtun⸗ gen, Schiffe, Haͤuſer, Waffen, Ammunition, Vieh und al⸗ les andere koͤnigliche Eigenthum in die Haͤnde Bobadilla's als des Gouverneurs zu uͤbergeben, unter Androhung der Strafen, denen ſich diejenigen ausſetzten, welche die Feſtun⸗ gen und andere ihnen anvertraute Dinge herauszugeben ſich weigerten, nachdem es ihnen von ihren Souverainen befoh⸗ len worden. Ein vſerter Brief, vom 26. Mai datirt und an Colum⸗ bus unter dem einfachen Titel des Admirals gerichtet, iſt ein bloßes Beglaubigungsſchreiben, welches ihm befiehlt, allem Glauben und Gehorſam zu ſchenken, was Bobadilla ihm zu erkennen gebe. Der zweite und dritte dieſer Briefe war offenbar vor⸗ ſorglich gegeben, und nur dann vorzuweiſen, wenn bei näͤherer Pruͤfung ſich ſolche Straffaͤlligkeit auf Seiten des Columbus und ſeiner Bruͤder zeigen ſollte, die es noͤryig machte, ſie ihrer Aemter zu entſetzen. Dieſer ſchwere Schlag blieb, wie oben gezeigt worden, auf ein Jahr verſchoben; daß er indeſſen von den Feinden des Columbus ausg plaudert und triumphirend vorherver⸗ kündigt wurde, geht aus den Verſicherungen Ojeda's hervor, der um die Zeit der Unterzeichnung jener Briefe von Spa⸗ nien abſegelte, und vertraute Bekhaͤltniſſe mit Biſchof Fom⸗ ſca unterhielt, den man als das thaͤtige Werkzeug dieſer Maßregel betrachtete. Schon die Erlaubniß, welche der Biſchof dem Ojeda gewaͤhrte, auf eine Entdeckungsreiſe mit Verletzung der Rechte des Admirals auszugehen, ſcheint ein Vorbote ſeines ſchnellen Sturzes haben ſeyn ſollen; und eben dieſe auffallende Andeutung muß, wie ſchon bemerkt, den Ojeda in ſeinem ungehorſamen Benehmen in Xaragua ſehr beſtaͤrkt haben. Endlich wurde die lange vorbereitete Maßregel in Aus⸗ — 88— fuͤhrung gebracht. Bobadilla ging ungefaͤhr in der Mitte Juli des Jahres Eintauſend Fuͤnfhundert mit zwei Carave⸗ len, worin fuͤnfundawanzig Mann, auf ein Jahr gedun⸗ gen, als eine Art Leibwache mitfuhren, nach St. Domingo unter Segel. Es reiſten auch ſechs Kloſterbrüͤder mit, die den Auftrag hatten, eine Anzahl Indianer nach ihrem Va⸗ terlande zuruͤckzubegleiten, Außer den Vollmachten war Bobadilla durch einen köͤniglichen Befehl ermäͤchtigt, ſich al⸗ ler Ruͤckſtaͤnde des Soldes zu verſichern, die den Perſonen im Dienſte der Krone angehoͤrten, und ſie zu bezahlen; auch den Admiral anzuhalten, zu entrichten, was von ſei⸗ ner Seite noch herauszugeben ſey, ſo daß dieſe Leute er⸗ hielten, was ihnen gebuͤhre und man keine Klagen mehr hoͤre. Zu aller dieſer Machtvollkommenheit erhielt Boba⸗ dilla noch viele Blaͤtter in Blanco mit Unterſchriften der Souveraine, welche von ihm in ſolcher Weiſe ausgefuͤllt und addreſſirt werden ſollten, wie er es zur Erfuͤllung der ihm anvertrauten Miſſion raͤthlich finden werde.*) *) Herrera dec, 1, I. IV. c. 7. Zweites Kapitel. Ankunft Bobadilla's auf St. Domingo. Sein gewaltſames Ergreifen des Commandv's. (1500.) Columbus befand ſich noch immer auf Fort Conception, um die Angelegenheiten der Vega zu ordnen, nachdem die Kataſtrophe des Aufruhrs von Moxica voruͤbergegangen war; ſein Bruder, der Adelantado, von Roldan begleitet, verfolgte und verhaftete die fluͤchtigen Rebellen in Paragua, und Don Diego Columbus blieb im augenblicklichen Auf⸗ trage des Commando's in San Domingo zuruͤck. Die Em⸗ poͤrer hatten ſich ſelbſt mit Unheil uͤberhaͤuft, und die Inſel ſchien von der Herrſchaft leidenſchaftlicher und zuͤgelloſer Menſchen b freit. 3 Dieſes war der Zuſtand der oͤffentlichen Angelegenheiten, als man an dem Morgen des 23. Auguſts das Erſcheinen zweier Caravelen in der Entfernung einer Seemeile vor dem Hafen von St. Domingo anzeigte. Sie ſteuerten hin und her, wartend, bis der guͤnſtige Meereswind, der ge⸗ — 90— woͤhnlich gegen zehn Uhr eintritt, ſie in den Hafen fuͤhren werde. Don Diego Columbus hielt ſie fuͤr Schiffe mit Vorraͤthen aus Spanien und hoffte ſeinen Neffen Diego an Bord zu finden, den der Admiral ſich zum Beiſtande in ſeinen vielen Geſchaͤften ausgebeten hatte. Ein Canoe wurde ſogleich abgeſandt, um ſich von der Sendung zu unterrich⸗ ten; er naͤherte ſich den Caravelen, fragte, was ſie Neues bruͤchten, und ob Diego, der Sohn des Admirals, an Bord waͤre. Bobadilla gab ſelbſt von dem Hauptſchiffe die Ant⸗ wort; er erklaͤrte ſich fuͤr den abgeſandten Commiſſaͤr, der die neuerlichen Unruhen unterſuchen ſolle. Der Schiffsherr erkundigte ſich ſodann nach den jüngſten Vorgaͤngen auf der Inſel unb hoͤrte von den kürzlich geſchloſſenen Ueber⸗ einkuͤnften. Man berichtete ihm, daß ſieben von den Re⸗ bellen in dieſer Woche gehaͤngt worden ſeyen, und fuͤnf andere, zu demſelben Schickſale beſtimmt, in der Feſtung San Domingo gefangen ſaͤßen. Unter ihnen befanden ſich Pedro Riquelme und Fernando de Guevara, der junge Ca⸗ valier, deſſen Leidenſchaft fuͤr die Tochter Anacaona's die erſte Urſache des Aufruhrs geweſen war. Im ferneren Laufe des Geſpraͤchs erfuhr Bobadilla, daß der Admeral und der Adelantado abweſend und Don Diego Columbes an die Spitze der Verwaltung geſetzt ſey. Wee der Canoe noch der Stadt zuruͤckkehrte und man erfuhr, daß ein Com⸗ miſſaͤr angekommen ſey, der die juͤngſten Unruhen unrer⸗ ſuchen ſolle, gab es großen Laͤrm und Bewegung in der Gemeine. Ueberall gruppirten ſich heimlich Fluͤſternde zu⸗ ſammen, Die ſich boͤſer Raͤnke bewußt waren, geriethen in große Beſtuͤrzung; andere, welche Beſchwerden, wirkliche oder eingebildete, und inſonderheit diejenigen, welche noch ruͤckſtaͤndigen Sold zu fordern hatten, erſchienen mit froͤh⸗ lichen Geſichtern.*). Als die Schiffe in den Fluß einliefen, erblickte Boba⸗ dilla auf jedem Ufer einen Galgen mit dem entſeelten Koͤr⸗ per eines Spaniers, der dem Anſcheine nach erſt kuͤrzlich gehaͤngt worden war. Er betrachtete dieß als ſichern Be⸗ weis der behaupteten Grauſamkeit des Columbus. Viele Boote kamen an das Schiff heran, da jeder aͤngſtlich dar⸗ auf bedacht war, dieſem oͤffentlichen Cenſor zeitig den Hof zu machen. Bobadilla blieb den ganzen Tag an Bord und ſammelte waͤhrend deſſen verſchiedenerlei Geruͤchte vom Ort; und da diejenigen, welche ſeine Gunſt zu gewianen ſuchten, ſolche waren, die ſich am meiſten vor ſeiner Unterſuchung zu fuͤrchten hatten, ſo kann man ſich denken, daß dieſe Geruͤchte im Allgemeinen zum Nachtheil des Columbus ausfielen. Wirklich war, bevor noch Bobadilla landete, wenn nicht ſchon ehe er ankam, die Straffaͤlligkeit des Admi⸗ rals in ſeiner Seele fuͤr entſchieden angenommen. Am naͤch⸗ ſten Morgen ging er mit ſeinem ganzen Gefolge ans Land, und zur Kirche, um sine Meſſe zu hoͤren, wo er den Don Diego Columbus, Rodrigo Perez, den Lieutenant des Ad⸗ mirals und andere Perſonen von Stande traf. Als nach Beendigung des Gottesdienſtes dieſe Maͤnner mit einer großen dees às hist. 3 1. c. 169, Herrera hist, Ind, . 1. 1, IV. c. 8. Volksmenge vor der Kirchenthuͤre ſtanden, ließ Bobadilla ſein Beglaubigungs⸗Schreiben ableſen, welches ihn ermaͤch⸗ tigte, die Rebellion zu unterſuchen, die Perſonen zu verhaf⸗ ten, das Eigenthum der Delinquenten einzuziehen, und mit der groͤßten Strenge des Geſetzes gegen ſie zu verfahren; zugleich mit dem Befehl an den Admiral und alle andere Autoritaͤten, ihm in der Erfuͤllung ſeiner Pflichten Beiſtand zu leiſten. Nach Verleſung des Schreibens forderte er Don Diego und die Alcalden auf, ihm die Perſonen Fernando Guevara, Pedro Requelme und die anderen Gefangenen mit den uͤber ſie aufgenommenen Protokollen zu uͤbergeben, und befahl, daß die Partheien, von denen ſie angeklagt, und die, auf deren Befehl ſie verhaftet worden ſeyen, vor ihm er⸗ ſcheinen ſollten. Don Diego antwortete, daß die Unterſuchungen von den Befehlen des Admirals ausgegangen ſeyen, welcher hoͤhere Macht beſitze, als Bobadilla ſich aneignen duͤrfe, und ohne deſſen Erlaubniß er nichts thun koͤnne. Er verlangte zu gleicher Zeit eine Abſchrift von dem Beglaubigungs⸗Patent, damit er es ſeinem Bruder uͤberſende, den allein die Sache angehe. Dieſes verweigerte Bobadilla mit dem Bemerken, daß, wenn Don Diego nur die Macht beſitze, nichts zu thun, es unnoͤthig ſey, ihm eine Copie zu uͤbergeben. Er fuͤgte hinzu, da das Amt und die Gewalt, die er habe bekannt machen laſſen, kein Gewicht zu haben ſcheine, wolle er ver⸗ ſuchen, welche Gewalt und Folge dem Namen des Gouver⸗ neurs gegeben werde; er wolle zeigen, daß er nicht allein uͤber ſie, ſondern auch uͤber den Admiral zu gebleten habe. — 932— Die kleine Gemeine ſtand in athemloſer Erwartung, auf die Wunder verheißenden Bewegungen Bobadilla's harrend. Am folgenden Morgen erſchien er bei der Meſſe, entſchloſſen, die Machtvollkommenheit auszuuͤben, womit er nur nach genuͤgender Unterſuchung und vollen Beweiſen von dem uͤblen Betragen des Columbus vorzutreten befugt war. Als nach Beendigung der Meſſe ſich die ungeduldige Volsmenge um die Kirchenthuͤr verſammelt hatte, ließ Bobadilla in Gegen⸗ wart des Don Diego und Rodrigo Perez ſein zweites oͤnig⸗ liches Patent ableſen, welches ihn mit dem Gouvernement der Inſeln und des Feſtlandes bekleidete. Nachdem das Schreiben verleſen war, nahm Bobadilla den uͤblichen Eid ab und forderte den Don Diego, Rodrigo Perez und alle Anweſende zum Gehorſam gegen dieſes koͤnig⸗ liche Document auf; und kraft deſſelben verlangte er nun aufs Neue die Auslieferung der in der Feſtung eingekerker⸗ ten Gefangenen. Sie antworteten, daß ſie gegen das Schrei⸗ ben Ihrer Majeſtaͤten die groͤßte Ehrfurcht hegten, bemerk⸗ ten jedoch abermals, daß ſie die Gefangenen auf Befehl des Admirals feſthielten, welchem die Souveraine Vollmachten hoͤherer Art anvertraut haͤtten. Der Selbſtduͤnkel Bobadilla's entzuͤndete ſich bei diefer Widerſetzlichkeit, beſonders, als er ſah, daß ſie einigen Ein⸗ druck auf das Volk machte, welches an ſeiner Autoritäͤt zu zweifeln ſchien. Nun zog er das dritte Mandat der Krone hervor, weiches den Befehl enthielt, daß Columbus ihm alle Feſtungen, Schiffe und alles andere koͤnigliche Eigenthum uͤberlzefern ſolle. uUm die Gunſt des Volkes ganz zu ge⸗ winnen, verlas er auch das angehaͤngte Mandat vom 30. Mai deſſelben Jahres, welches ihn anwies, die ruͤckſtaͤndigen Gehalte allen Perſonen in koͤniglichen Dienſten zu zahlen und den Admiral anzuhalten, diejenigen Ruͤckſtaͤnde heraus⸗ zugeben, die er verſchiedenen Leuten vorenthalten hatte. Dieſes letzte Document wurde von der Menge mit Jauchzen aufgenommen, da viele noch große Ruͤckſtaͤnde an den erſchoͤpften Schatz zu fordern hatte. Aufgeblaſen von ſeiner zunehmenden Wichtigkeit verlangte Bobadilla wieder⸗ holt die Auslieferung der Gefangenen, und drohte, ſie im Fall der Weigerung mit Gewalt zu nehmen. Als er nur dieſelbe Antwort erhielt, erſchien er vor der Feſtung, um ſeine Drohungen wirklich zu erfuͤllen. Den Poſten als Commandant verſah Miguel Diaz, der naͤmliche aragoniſche Ritter, der einſt unter den Indianern an den Ufern des Ozema Zuflucht gefunden, die Neigung der Cazikin Catalina gewonnen, durch ſie die Kunde von den benachbarten Gold⸗ minen erhalten und ſeine Landsleute veranlaßt hatte, in dieſe Gegend heruͤberzuziehen. Wie Bobadilla vor die Feſtung kam, fand er die Thore verſchloſſen und den Alcalden Miguel Diaz auf den Zinnen ſtehend. Er ließ ſeine Beglaubigungsſchreiben mit lauter Seimme ableſen, die Unterſchriften und Beſiegelungen zur Anſicht emporhalten und verlangte darauf die Uebergabe der Gefangenen. Dſaz begehrte Abſchriften der Schreiben; doch Bobadella vexweigerte ſie, mit der Bemerkung, daß hier keine Zeit zum Aufſchub ſey, da die Gefangenen zum Tode verurtheilt und jeden Moment gericheet zu werden — 95— gewaͤrtig waͤren. Er drohte zugleich, wenn ſie nicht her⸗ ausgegeben wuͤrden, muͤſſe er zum Aeußerſten ſchreiten und Diaz werde fuͤr alle Folgen verantwortlich gemacht werden. Der ſchwierige Alcalde verlangte abermals Zeit zur Ant⸗ wort und Abſchrift der Vollmachten, bemerkend, daß er die Feſtung fuͤr den Koͤnig, auf Befehl des Admirals ſeines Herrn inne habe, der dieſe Laͤnder und Inſeln gewonnen habe, und wenn der letztere komme, werde er ſeinen Be⸗ fehlen gehorchen.*) ie Seele Bobadilla's ergluͤhete vor Zorn bei dieſer Weigerung des Alcalde. Er verſammelte das ganze Schiffs⸗ volk, welches er von Spanien mitgebracht hatte, ſammt den Matroſen und dem Poͤbel des Orts und forderte ſie auf, ihm Huͤlfe zu leiſten, die Gefangenen zu befreien, aber Niemanden, außer im Fall des Widerſtandes, zu verlitzen. Die Menge ſchrie lauten Beifall, denn Bobadilla war be⸗ reits der Abgott des gemeinen Mannes. Um die Vesper⸗ zeit ruͤckte er au der Spitze dieſer bunten Armee aus, um eine Feſtung mit Sturm zu nehmen, die keine Beſatzung hatte, nar dem Namen nach furchtbar, und bloß dazu ein⸗ gerichtet war, einem nackten und ſchlecht bewaffneten Volke Widerſtand zu lerſten. Die Erzaͤhlungen von dieſem Vor⸗ gang haben etwas an ſich, was ans Spaßhafte graͤnzt, und ihnen einen Anſtrich von toller Prahlerei gibt. Boba⸗ dilla griff das Hauptthor mit großer Heftigkeit anz die ſchwachen Riegel und Schloͤſſer wichen auf den erſten Sturm *) Las Casas hist, Iud. I. 1. c 179. — 96— und machten ihm den Zugang leicht. Unterdeſſen hatten aber ſeine eifrigen Myrmidonen Leitern an die Mauern ge⸗ ſetzt, als ob ſie den Platz mit Sturm nehmen wollten und auf einen verzweifelten Widerſtand gefaßt ſeyen. Der Al⸗ calde, Miguel Diaz, und Don Diego de Alverado erſchienen allein auf den Zinnen; ſie hatten die Schwerter gezogen, leiſteten aber keinen Widerſtand. Bobadilla betrat im Triumph die Feſtung und ſah ſich nirgends aufgehalten. Die Gefangenen fand man in einem der Gemaͤcher in Ket⸗ ten. Er ließ ſie auf die Hoͤhe der Feſtung vor ſich fuͤhren, hier richtete er der Form wegen einige Fragen an ſie, und übergab ſie einem Alguazil Namens Juan de Eepinoſe in Verwahrung.*) Dieſes war der anmaßende und uͤbereilte Anfang der Verwaltung des Franzieco de Bobadilla. Er hatte die Befehle in ſeinen ſchriftlichen Inſtructionen uͤberſchritten, indem er ſich des Gouvernements bemaͤchtigte, ehe er das Betragen des Columbus unterſucht hatte. Er verfolgte ſein⸗ Laufbahn in demſelben Gelſte, handelte, als ſey der Fall in Spanien vorgeurtheilt und er nur hingeſandt, um den Admiral ſeiner Aemter zu entſetzen, nicht aber die Art und Weiſe zu unterſuchen, wie er ihnen vorgeſtanden hatte. Er nahm ſeine Reſidenz in dem Hauſe des Columbus, eignete ſich ſeine Waffen, ſein Gold, Silbergeſchirr, ſeine Juwelen, Pferde, ſeine Buͤcher, Briefe und andere Schrif⸗ *) Las Casas 1, e, Herrera I. e. — 9/7— 1 ten, dem Staate und ihm privatim gehoͤrig, ſelbſt ſeine geheimſten Papiere zu. Er gab von dem ſo erlangten Eigenthum keine Rechenſchaft; ohne Zweifel hielt er es ſchon der Krone verfallen, mit Ausnahme deſſen, welches er davon aushaͤndigte, um jene Gehalte zu zahlen, womit der Admi⸗ ral noch im Ruͤckſtande war.*) Um das Volk noch mehr zu gewinnen, proclamirte er am zweiten Tage ſeiner anmaßlichen Herrſchaft eine allgemeine Verwilligung auf einen Zeitraum von zwanzig Jahren, nach Gold zu ſuchen, und der Regierung nur den eilften Theil zu bezahlen, ſtatt wie bisher den dritten. Zugleich ließ er ſich in den unehr⸗ erbietigſten und ungeeignetſten Ausdruͤcken uͤber Columbus vernehmen, indem er ſich ermaͤchtigt nannte, ihn in Ketten nach Hauſe zu ſenden, und behauptete, weder er noch irgend einer ſeiner Familie werde je wieder Erlaubniß erhalten, uͤber die Inſel zu befehlen.**) *) Hist. del Almirante, c. 85. Las Casas. Her- rera l. c. 4 **) Brief des Columbus an die Amme des Prinzen Juan. Irving's Columbus. 7—9 Drittes Kapitel. — Columbus wird aufgefordert, vor Bobadilla zu er⸗ ſcheinen. (1500.) ie die Nachricht von den anmaßenden Unternehmun⸗ ggen Bobadilla's dem Columbus auf Fort Conception zu Ohren kamen, hielt er ſie fuͤr die unbefugten Schritte eines voreiligen Abenteurers gleich Ojeda. Seitdem die Regie⸗ rung augenſcheinlich den Privatunternehmungen Thor und Thuͤr geoffnet hatte, mußte er erwarten, daß ſein Pfad be⸗ ſtändig durchkreuzt und ſeine Rechte von kuͤhnen Ein⸗ draͤngern beleidigt wurden, welche vorgaben oder ſich ein⸗ bildeten, daß ſie in den Angelegenheiten der Colonie etwas mitzuſprechen haͤtten. Selt der Abreiſe des Ojeda hatte wieder ein anderes Geſchwader die Kuͤſte beruͤhrt und einen voruͤbergehenden Laͤrm verurſachtz es war eine Expedition unter einem der Pinzons, von den Souverainen zu Ent⸗ deckungsfahrten ermaͤchtigt. Auch war das Geruͤcht umge⸗ — 99— laufen, daß ein anderes Geſchwader an der Inſel umher⸗ kreuze; dieſes erwies ſich jedoch als ungegruͤndet. o Das Betragen Bobadilla's hatte allen Anſchein einer zů⸗ gelloſen Uſurpation irgend eines Eindraͤngers von dieſer Art. Er hatte ſich mi Gewalt in den Beſitz der Feſtung und dann der Stadt geſetzt. Er hatte uͤbertriebene Ver⸗ ſprechungen gethan, die der Regierung verderblich und au⸗ genſcheinlich nur darauf berechnet waren, ſich im Volke An⸗ hang zu verſchaffen; er hatte ſelbſt gedroht, Columbus in Ketten zu werfen. Daß dieſer Mann wirklich von dem Gouvernement autoriſirt ſey, und zu ſolchen unbeſchraͤnkten Maßregeln, waͤre zu glauben empoͤrend geweſen. Das Selbſt⸗ bewußtſeyn des Admirals von ſeinen Dienſten, die wieder⸗ holten Verſicherungen hoher Achtung von Seiten der Sou⸗ veraine und die ihm unter ihrer Namensunterſchrift und Beſiegelung mit aller Feierlichkeit, die eine Urkunde enthal⸗ ten konnte, zugeſicherten Prioilegien, alles das hielt bei ihm den Gedanken ferne, die Vorgaͤnge in St. Domingo fuͤr etwas anderes, als groͤbliche Verletzungen ſeiner Ge⸗ walt durch irgend einen waghalſigen oder irregeleiteten Men⸗ ſchen zu halten. uUm St. Domingo naͤher zu ſeyn und gewiſſere Nach⸗ richten zu erhalten, ging er nach Bonao, welches nun die Geſtalt einer Niederlaſſung zu gewinnen anfing, da meh⸗ rere Spanier dort Hauſer errichtet und die umliegenden Felder angebaut hatten. Kaum hatte er Bonao erreicht, *) Brief des Columbus an die Amme des Prinzen Juan. 7* als ein Alcalde, mit ſeinem Gerichtt ſtab verſehen, von San Domingo dort ankam, die Ernennung Bobadilla's zum Gouverneur bekannt machte und Abſchriften ſeiner Pa⸗ tente vorwies. Darunter war kein beſonderes Schreiben oder Botſchaft an den Admiral, noch waren die gewoͤhnlichen Formalitaͤten des Anſtandes und der Achtung bei dieſer Ab⸗ loͤſung im Kommando beobachtet; alle Schritte Bobadilla's gegen ihn waren ſchroff und beleidigend. Columbus befand ſich in groͤßter Verlegenheit, was er thun ſolle. Es war augenſcheinlich, daß Bobadilla mit aus⸗ gedehnten Vollmachten von den Regenten verſehen worden, aber daß ſie einen ſo raſchen, unverdienten und offenbar ei⸗ genmaͤchtigen Akt der Strenge, wie dieſe Entkleidung von allen Aemtern, gegen ihn in Ausuͤbung bringen ſollten, die⸗ ſes konnte er nicht glauben. Er ſuchte ſich zu uͤberreden, daß Bobadilla die Perſon ſey, welche als Oberrichter fun⸗ giren ſolle, wie er es in ſeinem Bittſchreiben an die Sou⸗ veraine verlangt hatte, und daß dieſe ihm zugleich proviſo⸗ riſch die Ermaͤchtigung ertheilt haͤtten, die letzten Unruhen auf der Inſel zu unterſuchen. Alles was uͤber dieſe Voll⸗ macht hinausgehe, hielt er fuͤr Anmaßung und Uebertrel⸗ bung der ertheilten Gewalt, wie es bei Aguado der Fall geweſen war. Auf jeden Fall war er entſchloſſen, einer ſolchen Anmaßung in den Weg zu treten und, nach dieſer Vermuthung handelnd, zu verſuchen, Zeit zu gewinnen. Wenn die Monarchen wirklich harte Maßregeln gegen ihn ergriffen hatten, mußte dieſes auf den Grund von Verlaͤum⸗ dungen geſchehen ſeyn. Der mindeſte Zeitverlauf konnte — 1901— ihnen den Vortheil geben, ihren Irrthum gewahr zu wer⸗ den und die noͤthigen Verbeſſerungen zu beſchließen. Er ſchrieb deßhalb in vorſichtigen Ausdruͤcken an Boba⸗ dilla, hieß ihn auf der Inſel willkommen, warnte ihn vor uͤbereilten Maßregeln, inſonder heit bei Ertheilung der Er⸗ laubniß, Gold zu ſammeln, und benachrichtigte ihn, daß er im Begriff fey, nach Spanien zu gehen und binnen kurzer Friſt ihn im Kommando zurückzulaſſen, nachdem er ihm jede Angelegenheit klar und genuͤgend auseinandergeſetzt habe. Er ſchrieb zu gleicher Zeit und in demſelben Sinn an einige Moͤnche, die mit Bobadilla heruͤbergekommen wa⸗ ren, wiewohl er anmerkt, daß dieſe Briefe nur von ihm er⸗ laſſen worden, um Zeit zu gewinnen.*) Er erhielt keine Antwort; waͤhrend man ein beleidigendes Stillſchweigen gegen ihn beobachtete, fuͤllte Bobadilla mehrere der von den Souverainen in Blanco mitgebrachten Schreiben aus und ſandte ſie an Roldan und andere Feinde des Admirals, an dieſelben Maͤnner, welche er zu richten ausgeſandt worden war. Dieſe Schreiben waren voll Artigkeiten und Gunſt⸗ verſprechungen.**) 3 Um jedem Unheil zu begegnen, welches aus den Bewil⸗ ligungen und Gnaden, die Bobadilla verſchwendete, hervor⸗ gehen koͤnnte, machte Columbus muͤndlich und ſchriftlich be⸗ kannt, daß die von demſelben angenommene Autoritaͤt nicht — *) Brief des Columbus an die Amme des Prinzen Juan. **) Brief des Columbus an die Amme des Prinzen Juan, Herrera dec, 1, 1, IV, c, 9. — 102— gültig ſeyn, noch deſſen Verwilligungen etwas nüͤtzen koͤnn⸗ ten, da ihm ſelbſt hoͤhere Vollmachten auf ewige Zeiten von der Krone verliehen ſeyen, welche nimmermehr auf gegen⸗ waͤrtige Weiſe, ſo wenig wie damals von Aguado, umgan⸗ gen werden koͤnnten. Einige Zeit blieb Columbus in dieſem aͤngſtlichen, unru⸗ higen Seelenzuſtande, ungewiß, welchen Weg er ſeinem Benehmen in ſo ſonderbaren und unvorhergeſehenen Ver⸗ haͤltniſſen vorſchreiben ſolle. Doch bald wurde er dazu ver⸗ mocht, ſich zu entſcheiden. Francieco Velasquez, Deputir⸗ ter der Schatzkammer, und Juan de Traſierra, ein Fran⸗ ziskaner⸗Moͤnch, kamen in Bonao an und uͤberbrachten ihm das koͤnigliche Beglaubigungs⸗Schreiben, von den Souverafnen am 26. Mai 1499 unterzeichnet, worin ſie ihm befahlen, dem Bobadilla unbedingten Glauben und Gehorſam zu ſchenken; zugleich uͤberreichten ſie ihm eine Aufforderung des Letzteren, daß er auf der Stelle vor ihm erſchelnen ſolle. Das lakoniſche Schreiben der Souveraine griff alle ſeine Wuͤrden und Machtvollkommenheiten an der Wurzel an. Er erlaubte ſich keine laͤngere Zoͤgerung oder Widerſetzlich⸗ keit, ſondern erfuͤllte die gebieteriſche Aufforderung Boba⸗ dilla's und reiſte allein, ohne alles Gefolge, nach St. Do⸗ mingo ab.*) 4 — *) Herrera dec. 1. 1, IV, c. 9. Brief an die Ammie des Prinzen Juan, 4 Viertes Kapitel. Columbus mit ſeinen Brüdern verhaftet und in Ketten nach Spanien geſandt. (1500.) Die Nachrichten, daß ein neuer Gouverneur angekom⸗ men und Columbus in Ungnade gefallen ſey, ja in Ketten nach Hauſe geſandt werden ſolle, verbreiteten ſich ſchnell durch die Vega, und die Coloniſten ſtroͤmten von allen Seiten nach San Domingo, um ſich bei Bobadilla ange⸗ nehm zu machen. Man merkte bald, daß dieſes nicht ſiche⸗ rer als durch die Verkleinerung ſeines Vorgaͤngers geſche⸗ hen koͤnne. Bobadilla fuͤhlte, daß er einen zu raſchen Schritt gethan, indem er ſich der Regierung bemaͤchtigt hatte, und daß ſeine eigene Sicherheit von der Verurthei⸗ lung des Columbus abhaͤnge. Er hoͤrte daher mit Ungeduld alle Anklagen, oͤffentliche und heimliche an, und willkommen war, wer irgend eine Beſchwerde, wie uͤbertrieben ſie auch ſeyn mochte, gegen den Admiral und deſſen Bruͤder vor⸗ bringen konnte. 1— 104— Als er hoͤrte, daß der Admiral nach der Stadt auf dem Wege ſey, machte er geraͤuſchvolle Vorbereitungen und be⸗ waffnete die Truppen unter dem Vorwande eines umgehen⸗ den Geruͤchtes, daß Columbus die Caziken der Vega aufge⸗ rufen habe, ihm mit ihren Unterthanen beizuſtehen, ſich den Befehlen des neuen Gouvernements zu widerſetzen. Die⸗ ſes alberne Geruͤcht erwies ſich voͤllig grundlos und wurde wahrſcheinlich nur erfunden, am der Vorſicht Farbe zu lei⸗ hen, womit kuͤnftige Maßregeln der Gewalt und Beleidi⸗ gung beſchoͤnigt werden ſollten. Der Bruder des Admirals, Don Diego, wurde ergriffen, in Kerten geworfen und an Bord einer Caravele gefangen geſetzt, ohne daß ein Grund fuͤr ſeine Verhaftung angegeben wurde. Mittlerweile ſetzte Columbus ſeine Reiſe nach San Do⸗ mingo fort; er ging ganz allein dahin ab, ohne Leibwache, ohne Gefolge. Die meiſten ſeiner Leute waren mit dem Adelantado, und er hatte jede Begleitung der Uebrigen ab⸗ gelehnt. Wohl waren ihm die Geruͤchte von den feindſeli⸗ gen Abſichten Bobadilla's zu Ohren gekommen, und obſchon er wußte, daß man ſeine Perſon mir Gewalt bedrohte, kam er doch auf dieſe ſchlichte Weiſe, um ſeine friedliche Geſin⸗ nung zu bezeugen und allen Argwohn zu entfernen.*) Kaum erfuhr Bobadilla ſeine Ankunft, als er auch den Befehl gab, ihn in Feſſeln zu legen und auf die Feſtung zu ſetzen. Dieſe Beleidigung an einer Perſon von ſo edler ehrwuͤrdiger Erſcheinung und ſo hohen Verdienſten ſchien *) Las Casas hist, Ind. 1, 1. c. 185. — 4 * 3 für den Augenblick ſelbſt ſeine Feinde betroffen zu machen. Wie die Ketten gebracht wurden, ſchauderten alle Anweſende vor der Handlung zuruͤck, ſie ihm anzulegen, entweder aus Mitgefuͤhl bei ſo ungeheurem Gluͤckswechſel oder aus Ge⸗ wohnheit der Ehrfurcht gegen ſeine Perſon. Um das Maaß des Undanks voll zu machen, war es einer ſeiner eigenen Diener,„ein undankbarer und unverſchaͤmter Koch,“ ſagt Las Caſas,„der ihm die Feſſeln mit ſo vieler Bereitheit und Behaglichkeit anlegte, als ob er ihn mit auserleſenen und wohlſchmeckenden Speiſen bediente. Ich kannte den Burſchen,“ ſetzt der ehrwuͤrdige Geſchichtſchreiber hinzu,„und mich duͤnkt, ſein Name war Espinoſa.“*) Columbus benahm ſich bei den auf ihn gehaͤuften Belei⸗ digungen mit eigenthuüͤmlicher Seelengroͤße. Es gibt eine edle Verachtung, welche das Herz anſchwellt und erhebt, und bei wahrhaft großen Seelen den Mund verſtummen laͤßt, wenn ihnen Schmach von Unwürdigen widerfaͤhrt. Co⸗ lumbus konnte ſich nicht buͤcken, um den Anmaßungen eines ſchwachen und leidenſchaftlichen Menſchen wie Bobadilla zu entgehen. Er blickte uͤber dieſen erbaͤrmlichen Agenten und ſeine ganze kleinliche Tyrannei hinuͤber nach den Herrſchern, die ihn eingeſetzt hatten. Ihre Ungerechtigkeit, ihr undank allein konnte ſeine Seele verwunden, und er behielt die in⸗ nerliche Ueberzeugung, daß, wenn die Wahrheit an den Tag komme, ſie erroͤthen wuͤrden, ihm ſo großes Unrecht *) Las Casas, 1, 1, c, 180. — 106— angethan zu haben. Mit dieſem ſtolzen Bewußtſeyn ertrug er alle augenblickliche Demuͤthigungen in Geduld. Wiewohl Bobadilla nun den Admiral und Don Diego in ſeiner Gewalt und die kaͤufliche Menge auf ſeiner Seite hatte, ſo fuͤhlte er ſich dennoch unſicher und unbehaglich. Der Adelantado war noch mit einer bewaffneten Macht in der entfernten Provinz Paragua mit Verfolgung der Re⸗ bellen beſchaͤftigt. Da er ſeinen kriegeriſchen und entſchloſ⸗ ſenen Geiſt kannte, ſo fuͤrchtete er, derſelbe koͤnne irgend eine verzweifelte Maßregel ergreifen, wenn er von der ſchmachvollen Behandlung und Einkerkerung ſeiner Bruͤder hoͤre. Er zweifelte, daß ein von ihm ſelbſt ausgegangener Befehl einigen Einfluß haben werde, außer daß er den ſtrengen Don Bartholomeo gegen ihn aufreizen moͤchte. Er ſandte daher eine Aufforderung an Columbus, er ſolle ſeinem Bruder ſchreiben, und ihm befehlen, friedlich in San Do⸗ mingo zu erſcheinen, und ihm verbieten, die von ihm in Gewahrſam gehaltenen Perſonen hinrichten zu laſſen. Co⸗ lumbus erfuͤllte es bereitwillig. Er ermahnte ſeinen Bruder, ſich ruhig der Autoritaͤt ſeiner Souveraine zu fuͤgen und alle gegenwaͤrtige Uebel und Unwuͤrdigkeiten mit dem Ver⸗ trauen uͤber ſich ergehen zu laſſen, daß wenn ſie nach Ca⸗ ſtilien kaͤmen, ſich alles aufflaͤren und zu ihrem Vortheil geſtalten werde.*) 3 *) Peter Martyr erzählt als ein damaliges Volksgerücht, daß der Admiral, in der Ungewißheir, was geſchehen möchte, einen Brief in Chiffern an den Adelantado ge⸗ — 107— Beim Empfang dieſes Briefes leiſtete Don Bartholomeo ihm ſogleich Folge. Er verließ ſein Commando, eilte in friedlicher Weiſe nach St. Domingo und erfuhr, dort an⸗ gekommen, dieſelbe Behandlung wie ſeine Bruͤder; man legte ihn in Feſſeln und ſetzte ihn an Bord einer Caravele gefangen. Sie waren von einander getrennt und keine Communiſcation wurde ihnen erlaubt. Bobadilla ſah ſie nicht und geſtattete auch anderen nicht, ſie zu beſuchen; er hielt ſie in Unwiſſenheit von den Gruͤnden ihrer Verhaftung, von den Verbrechen, deren man ſie beſchuldigte und von dem Prozeß, der gegen ſie im Werke war.**) — ſchrieben und ihn darin gedrängt habe, mit bewaffneter Hand zu kommen, um jeder Gewaltthat vorzubeugen, die man gegen ihn im Sinne haben könne; der Adelan⸗ tado ſey wirklich mit ſeiner bewaffneten Macht erſchienen, habe aber die Unvorſichtigkeit begangen, an ihrer Spitze in einiger Entfernung vorauszugehen, hier ſey er von dem Gouverneur überfallen worden, ehe ihm ſeine Leute zu Hülfe kommen konnten, und der Brief in Chiffern ſey nach Spanien geſandt worden. Dieſes muß eines der grundloſen Gerüchte des Tages geweſen ſeyn, welche ausgeſtreut wurden, um die öffentliche Stimmung zu beſtechen. Keine Anklage der Art befindet ſich unter den Beſchuldigungen in der von Bobadilla verhänaten Unter⸗ ſuchung, welche Las Caſas geleſen und in Auszügen zu ſeiner Geſchichte benutzt hat. Es iſt ganz im Wider⸗ ſpruch mit den Erzählungen von Las Caſas, Herrera und Fernando Columbus. 4 **½*) Charlevoix bemerkt in ſeiner Geſchichte von San Domingo (lib. III. pag 199), daß der Prozeß gegen Columbus ſchriftlich geführt, daß ſchriftliche Anklagen ihm zugeſandt worden, die er auf dieſelbe Weiſe beantwortet habe⸗ — 108— Man hat die Frage gethan, ob Bobadilla wirklich die Gewalt hatte, den Admiral und ſeine Bruͤder zu verhaften und ins Gefängniß zu werfen,*) und ob ſolche Gewaltthat und Schmach irgend mit in den Plaͤnen der Souveraine lag. Er mag ſich eingebildet haben, daß er durch die Clauſel in ſeinen Inſtructionen vom 21. Marz 1499 dazu ermaͤchtigt worden, wo er, indem von dem Auſſtande des Roldan die Rede iſt, autoriſirt wird, ſich derjenigen Perſonen zu bemächtigen und das Eigenthum derſelben einzuziehen, welche ſchuldig erſchienen, und dann gegen ſie und die Abweſenden mit den ſtaͤrkſten Civil⸗ und Cri⸗ minalſtrafen zu verfahren.“ Dieſes bezog ſich offenbar auf die Perſonen Roldans und ſeiner Leute, die damals zu den Waffen gegriffen hatten und gegen welche Columbus Be⸗ ſchwerden nach Spanien geſchickt hatte; und dieſes ſcheint —— Dieſes iſt gegen die Erzählung von Las Caſas, Herrera und Fernando Columbus. Der Admiral ſelbſt ſchreibt in ſeinem Brief an die Amme des Prinzen Juan, nach⸗ dem er die Art und Weiſe erzählt, wie er und ſeine Brüder in Ketten geworfen und einzeln eingeſperrt worden, ohne daß Bobadilla ſie beſucht oder andern zu ihnen zu kommen erlaubt hätte, und ſagt ausdrücklich nich will ſchwören, daß ich nicht weiß, aus welchem Grunde ich verhaftet worden bin, Dann ſchreibt er in einem, einige Zeit ſpäter von Jamaica datirten Briefe:„Ich wurde feſtgenommen und mit meinen zwei Bruͤdern auf ein Schiff geſetzt, mit Ketten beladen, bei wenig Kleidung und ſchlechter Behandlung⸗ ohne auf dem Wege der Ge⸗ rechtigkeit vorgefordert und verurtheilt zu werden.“ *) Herrera des. 1.1, IV, c. 10. Oviedo cronical, III, c. 6. — 109— Bobadilla mit willkuͤhrlicher Auslegung in die Vollmacht ausgedeutet zu haben, ſich der Perſon des Admirals ſelbſt zu bemaͤchtigen. Wirklich verwirrte und verwechſelte er in dem ganzen Laufe ſeiner Unterſuchungen die Ordnung ſeiner Auftraͤge. Der erſte Schritt, den er thun ſollte, war das Verfahren gegen die Rebellen, dieſes machte er zu ſeinem Letzten. Der letzte Schritt aber hatte ſeyn ſollen, den Ad⸗ miral, bei vollen Beweiſen gegen denſelben, in ſeinem Amte abzuloͤſen; und dieſes machte er zum erſten, ohne ſich auf Beweiſe einzulaſſen. Da es hei ihm ſchon anfaͤnglich feſt⸗ ſtand, daß ſich Columbus im unrecht beſinde, hatte er nach derſelben Regel anzunehmen, daß alle ſeine Gegner im Rechte ſeyen. Es wurde zu ſeiner eigenen Rechtfertigung unerlaͤßlich, den Admiral und ſeine Bruͤder als ſchuldig darzuſtellen, und die Rebellen, welche zu richten er geſandt worden war, wurden durch dieſe ſonderbare Umdrehung des Befehls nothwendige und theure Beweiſe, um die ſtraf⸗ fäͤllig erſcheinen zu laſſen, gegen welche ſie ſich empoͤrt hatten. Die Abſichten der Krone duͤrfen indeſſen nicht gegen ihren elenden Agenten in Schutz genommen werden. Wenn man fuͤr die Rechte und Wuͤrden des Columbus die ge⸗ buͤhrende Achtung gehegt haͤtte, waͤre Bobadilla nie mit ſo ausgedehnten, unumſchraͤnkten und ſeiner Willkuͤhr anheim⸗ geſtellten Vollmachten verſehen worden, noch auch wuͤrde er gewagt haben, in ſolcher Ausdehnung zu verfahren, mit ſolcher Rohheit und Uebereilung zu handeln, wenn er nicht verſichert geweſen waͤre, daß dieſes dem eiferſuͤchtig ge⸗ ſinnten Ferdinand nicht mißfallen koͤnne. — 110— Die alten Scenen aus der Zeit Aguado's erneuten ſich nun mit zehnfacher Staͤrke; die alten Beſchuldigungen lebten wieder auf, mit anderen, die noch viel uͤbertriebener waren. Von dem fruͤhen und nievergeſſenen Vorwurf der Beleidigung des caſtilianiſchen Stolzes, des Zwangs der ſpaniſchen Hi⸗ dalgos zur Arbeit bei wichtigen oͤffentlichen Werken in Zeiten der Noth, bis zu dem neuen Vorwurf, daß man Krieg gefuͤhrt gegen das Gouvernement, war keine Haͤrte, kein Mißbrauch und kein Aufruhr auf der Inſel, die man nicht dem ſchlechten Benehmen des Columbus und ſeiner Bruͤder zuſchrieb. Außer den gewoͤhnlichen Klagen, daß ſie druͤckende Arbeiten, unnoͤthige Verrichtungen, ſchmerzliche Entbeh⸗ rungen den Spaniern auferlegt, ſchmale Koſt und grauſame Strafen uͤber ſie verhaͤngt, und ungerechte Kriege gegen die Eingebornen gefuͤhrt haͤtten, beſchuldigte man ſie nun der Hinderniſſe gegen die Bekehrung derſelben, daß ſie die⸗ ſelben nach Spanien geſchickt und ſich mit ihrem Verkauf bereſchert haͤtten. Dieſe letzte Beſchuldigung, ſo unaͤhnlich den frommen Anſichten des Admirals, gruͤndete ſich darauf, daß er ſich der Taufe mehrerer Indianer von reiferem Alter widerſetzt hatte, bis ſie in den Wahrheiten des Chri⸗ ſtenthums unterrichtet worden ſeyen, indem er es gerade als einen Mißbrauch dieſes hochheiligen Sakraments be⸗ trachtete, es ſo blindlings anzuw nden.*) Columbus wurde ferner beſchuldigt, Perlen und andere koſtbare Artikel, die er agf ſeiner Reiſe laͤngs der Kuͤſte — *) Munoz hist. n. Mundo, noch ungedruckter Theil. — 111— von Paria geſammelt, fuͤr ſich behalten und den Souverainen uͤber die Natur ſeiner dortigen Entdeckungen falſch berichtet zu haben, um neue Privilegien von ihnen zu erlangen. Und doch war es bekannt, daß er Sendungen von Perlen und Tagebuͤcher und Karten von ſeiner Reiſe nach Hauſe uͤbermacht hatte, wodurch andere in den Stand geſetzt wurden, ſeinen Lauf zu verfolgen. Selbſt die letzten aufruͤhreriſchen Bewegungen wurden nun, da die Rehellen als Beweisfuͤhrer zugelaſſen wurden, in Gründe der Anklage verwandelt. Sie wurden als mu⸗ thiger und treuer Widerſtand gegen die uͤber die Coloniſten und Eingebornen verhaͤngte Tyrannei angefuͤhrt. Die wohl⸗ verdienten Strafen, welche mehrere der Raͤdelsfuͤhrer ge⸗ troffen hatten, wurden als Beweiſe einer grauſamen, rach⸗ ſuͤchtigen Stimmung und eines geheimen Haſſes gegen die Spanier angeſehen. Bobadilla glaubte, oder ſtellte ſich, als glaube er dieſe Beſchuldigungen. Er hatte gewiſſermaßen die Rebellen zu ſeinen Verbuͤndeten gemacht, um den Co⸗ lumbus zu verderben. Sie hatten jetzt zuſammen gemein⸗ ſchaftliche Sache. Er konnte daher gegen ſie nicht laͤnger als Richter auftreten. Guedara, Requ lme und ihre Mit⸗ verbrecher wurden faſt ohne Form des Proeeſſes freige⸗ ſprochen und ſelbſt, wie behauptet wird, zu Gunſt und Ehren aufgenommen. Roldan war vom erſten Augenblick an von Bobadilla mit Vertrauen behandelt und mit einer Correspondenz beehrt worden. Alle andere, deren Uebel⸗ thaten ſie der Gerechtigkeit preiegegeben hatten, empfingen theils ſpecielle Begnadigung oder einen General⸗Pardon — 112— Es war hinreichend, ſich nur auf irgend eine Weiſe dem Columbus widerſetzt zu haben, um volle Rechiſertioun in den Augen Bobadilla's zu erlangen. Dieſer hatte nun gewichtige Zeugniſſe geſanmat und eine Menge von Beweisfuͤhrern beigebracht, die nach ſeiner Meinung hinreichten, die Verdammung der Gefangenen und die Fortdauer ſeines Commandos noͤthig zu machen. Er beſchloß daher, den Admiral und ſeine Bruͤder in Ketten nach Hauſe zu ſenden, in den Schiffen, die ſegelfertig da⸗ ſtanden, mit Einreichung der uͤber ſie aufgenommenen Un⸗ terſuchung, auch mit Privatbriefen, um die Anſchuldigungen zu bekraͤftigen, und mit dem Rathe, daß Columbus unter keiner Bedingung wieder in das Commando eingeſetzt werden moͤge, welches er ſo ſchaͤndlich mißbraucht habe. San Domingo wimmelte nun von Schurken, die aus den Gefaͤngniſſen und vom Galgen befreit wurden. Es war ein vollkommnes Jubelfeſt fuͤr die triumphirende Schlech⸗ tigkeit und hinterliſtige Bosheit. Jeder elende Tropf, der von Columbus und ſeinen Bruͤdern waͤhrend ihrer Herr⸗ ſchaft in Furcht und Gehorſam gehalten wurde, kam jetzt zum Vorſchein, um ſich an den gefeſſelten Oberen zu raͤchen. Die ſchimpflichſten Verlaͤumdungen wurden laut auf den Straßen ausgeſprochen, beleidigende Pasquille und auf⸗ reizende Libelle ſah man an allen Ecken angeſchlagen, und in die Hoͤrner wurde in der Naͤhe ihrer Gefäͤngniſſe ge⸗ blaſen, um ſie mit dem Frohlocken der boͤſen Rotte zu hoͤhnen. Wie Columbus in dem Kerker dieſes Jauchzen ſeiner Feinde vernahm und an die ruͤckſichtsloſen Gewalt⸗ ————— — 113— thaͤtigkeiten dachte, die Bobadilla bis dahin veruͤbt hatte, wußte er freilich nicht, wie weit ihn ſeine Leidenſchaft und Keckheit fuͤhren koͤnne, und fing an fuͤr ſein Leben beſorgt zu werden. Als die Schiffe zum Abfahren bereit waren, erhielt Alonzo de Villejo den Auftrag, die G fangenen unter ſeine Aufſicht zu nehmen und ſie nach Spanien zu bringen. Er war ein Beamter, der, von einem Oheim Fonſeca's protegirt, in Dienſten dieſes Biſchofs ſtand und mit Bobadilla gekommen war. Dieſer inſtruirte ihn dahin, daß er in Cadir landend, ſeine Geſangene in die Haͤnde Fonſeca's oder deſſen Oheims uͤberlefern ſolle, und hoffte. dieſem boshaften Praͤlaten dadurch einen Triumph der Rache zu bereiten. Dieſer Umſtand hat Viele zum Glauben an die aufgeſtellte Behauptung bewogen, daß Bobadilla ins⸗ geheim von Fonſeca zu ſeinen gewaltſamen Maßregeln auf⸗ g'muntert worden ſey und das Verſprechen ſeines Schutzes und feiner Verwendung am Hofe erhalten habe, fuͤr den Fall, daß gegen ſein Benehmen Beſchwerden erhoben wuͤrden. Villejo unternahm den ihm ertheilten Auftrag, aber er entledigte ſich deſſelben auf eine edlere Weiſe, als man erwartet hatte.„Dieſer Alonzo de Vill jo,“ ſagt der wuͤrdige Las Caſas,„war ein Hidalgo von ehrenwerthem Charakter und mein ſpecieller Freund., Er zeigte ſich au⸗ genſcheinlich erhaben uͤber die kleinliche Bosheit ſeiner Goͤnner. Als er mit der Wache kam, um den Admiral aus dem Gefängniß zu dem Schiffe zu geleiten, fand er ihn mit Ketten beladen, in einem Zuſtande ſtummer Muthloſigkeit. So gewaltſam hatte man ihn behandelt und ſo roh waren Irving's Columbus, 7—9. 2 — 114— die Leidenſchaften, die gegen ihn losgelaſſen wurden, daß er fürchtete, er koͤnne ihr Opfer werden, ohne eine Gele⸗ genheit zu finden, daß man ihn hoͤre, und ſein Name werde befleckt und entehrt auf die Nachwelt uͤbergehen. Wie er den Beamten mit der Wache eintreten ſah, glaubte er, man wolle ihn auf's Schaffot fuͤhren.„Villejo,“ ſagte er trau⸗ rig,„wohin wollt Ihr mich abholen?“« 12 Sn 3„Auf's Schiff, Ew. Excellenz, um abzuſegeln,“ verſetzte dieſer.„Abzuſegeln!“ wirderholte der Admiral ernſthaft; „Villejo! redet Ihr die Wahrheit?“„Bei Ewe Excellenz Leben,“ erwiederte der redliche Beamte, nes iſt wahr le⸗ Bei dieſen Worten fuͤhlte der Abmiral ſich getroͤſtet, als wenn er vom Tode zum Leben zuruͤckkehrte. Nichts kann f wohl ruͤhrender und ſprechender ſeyn, als dieſe kurze Unter⸗ redung, von Las Caſas uͤberliefert, der ſie ohne Zweifel aus dem Munde ſeines Freundes Villejo hatte. Die Caravelen gingen im Anfang October unter Segel, ſie trugen den Columbus gefeſſelt davon, gleich dem elend⸗ 8 ſten Verbrecher, unter dem Hoͤhnen und Jubeln eines nichts⸗ wuͤrdigen Volkshaufens, der eine rohe Freude empfand, Schmaͤhungen auf dieſes ehrwuͤrdige Haupt zu haͤufen, und von den Kuͤſten der Inſel, die er erſt kürzlich der civili⸗ ſirten Welt geſchenkt hatte, hallten ihm Fluͤche nach. Zum Gluͤck war die Reiſe güͤnſtig und von kurzer Dauer, auch minder druͤckend durch das Benehmen derjenigen, denen er zur Obhut anvertraut war. Der wuͤrdige Villejo empfand, obſchon er im Dhnſte Fonſeca's ſtand, tiefen Unwillen uͤber die ſchmachvolle Behandlung des Columbus. Auch der — 115— Schiffskapitain, Andreas Martin, fuͤhlte aufrichtiges Mitleid; beide behandelten den Admiral mit tiefer Ehrerbietung und ſteter Aufmerkſamkeit. Sie wollten ihm ſeine Ketten ab⸗ nehmen, aber er ließ es nicht zu.„Nein,“ ſagte er ſtolz, „Ihre Maiiſtaͤten befahlen mir ſchriftlich, mich allem zu fuͤgen, was Bobadilla in ihrem Namen verordnen wuͤrde; aus ihrer Macht hat er mich mit dieſen Ketten beladen; ich will ſie tragen, bis ſie ſelbſt befehlen, daß ſie mir abge⸗ nommen werden, und ich will ſie aufheben als Reliquien und Erinnerungszeichen des Lohns, den meine Dienſte ge⸗ funden haben.“*) „So that er,“ fügt ſein Sohn Fernando hinzu, nich ſah ſie immer in ſeinem Cabinet haͤngen, und er verlangte, wenn er ſterbe, ſollten ſie mit ihm zu Grabe getragen werden!“) *) Las Casas hist. Ind. I. 1, W. 180. MS. **) Hist. del Almirante, cap. 86 „ — Vierzehntes Buch. — Erſtes Kapitel. Senſation in Spanien bei der Ankunft des Colum⸗ bus in Ketten. Sein Erſcheinen bei Hofe. (1500.) Die Ankunft des Columbus in Cadiz, als Gefangener und in Ketten, verurſachte faſt eben ſo großes Aufſehen, wie der Triumph ſeiner Ruͤckkehr von der erſten Reiſe. Es war eines jener ſtarken, ſchlagenden Ereigniſſe, welche un⸗ mittelbar zu den Gefuͤhlen der Menge reden und jedes wei⸗ tere Nachdenken uͤberfluͤſſig machen. Niemand hielt ſich da⸗ bei auf, in den Fall einzugehen. Es war genug, zu hoͤren, Columbus ſey in Ketten aus der Welt, die er entdeckt hatte, in die Heimath gebracht worden. Allgemein äußerte ſich die Srimme des Un illens in Cadix und in dem mäͤchtigen und reichen Sevilla, und von hier hallte ſie durch ganz Spanien wieder. Wenn der Sturz des Columbus die Ab⸗ ſicht ſeiner Feinde war, ſo hatten ſie ihr Werk durch ihre — 117— eigene Gewaltthat vernichtet. Es zeigte ſich ſogleich eine jener haͤufigen Gegenwirkungen in der oͤffentlichen Stim⸗ mung, wenn die Verfolgung in eine unbewachte Weite hin⸗ auslaͤuft. Diejenigen im Volke, welche juͤngſt noch laut gegen Columbus ſchrieen, waren nun eben ſo laut in ihrem Tadel gegen dieſe Behandlung, und ein lebhaftes Mitgefuͤhl druͤckte ſich uͤberall aus, gegen welches anzukaͤmpfen fuͤr die Regierung mißlich geweſen ſeyn wuͤrde. Die Nachricht von ſelner Ankunft und von der ſchimpfli⸗ chen Art, wie man ihn heruͤbergebracht hatte, erreichte den Hof in Granada und fuͤllte die Hallen der Alhambra mit dem Gemurmel des Erſtaunens. Columbus, geſaͤttigt mit Kraͤnkungen, aber nicht wiſſend, wie weit ſie von den Souverainen genehmigt waren, hatte ſich wohl gehuͤtet, an ſie zu ſchreiben. Doch in dem Laufe ſeiner Reiſe konnte er nicht umhin, einen langen Brief an Donna Juana de la Torre, eine Dame bei Hofe, zu ſchreiben, welche hoch in Ehren bei der Koͤnigin ſtand und den Infanten Juan auf⸗ erzogen hatte. Beim Landen in Cadix hatte Andreas Mar⸗ tin, der Kapirain der Caravele, dem Columbus erlaube, dieſen Brief privatim durch einen Expreſſen abzuſenden. Er kam daher bei Hofe an, ehe das Protokoll der von Boba⸗ dilla gefuͤhrten Unterſuchung dort anlangte. Aus dieſem Doeumente ſchoͤpften die Souveraine die erſten Nachrichten von der ihm widerfahrenen Behandlung.*) Es enthielt eine Darſtellung der letzten Vorgaͤnge auf der Inſel und — *) Las Casas hist. Ind. I. 2. c. 182. der Leiden, welche er erduldet, und war mit ſeiner gewohn⸗ ten Kunſtloſigkeit und Kraft der Rede niedergeſchrieben. Den Inhalt deſſelben mittheilen wuͤrde zur Wiederholung der ſchon erzaͤhlten Ereigniſſe fuͤhren. Einige Aeußerungen jedoch, die ihm im Uebermaaß der Empfindung entſtroͤm⸗ ten, ſind der Aufzeichnung werth.„Die Verlaͤumdungen un⸗ wuͤrdiger Menſchen,“ ſagt er,„haben mir mehr geſchadet, ans alle meine Dienſte mir genutzt haben.“ Wo er von den Verdrehungen ſpricht, denen ſeine Handlungen ausgeſetzt waren, bemerkt er:„So ſchlimm ſteht jetzt mein Name angeſchrieben, daß, wenn ich Spitäͤler und Kirchen bauen wollte, ſie Raͤuberhoͤlen genannt werden wuͤrden.“ Nach⸗ dem er in entruͤſteten Auedruͤcken das Betragen Vobadillas geſchildert, wo dieſer Zeugniſſe uͤber ſeine Adminiſtration von denſelben Maͤnnern verlangt, welche ſich gegen ihn em⸗ poͤrt hatten, und ihn und ſeine Bruͤder in Ketten gewor⸗ fen, ohne daß er ſie die Verbrechen wiſſen laſſen, deren ſie beſchuldigt waren, fuͤgt er hinzu,„ich bin darin tief ver⸗ letzt worden, daß man einen Mann ſandte, um meine Ver⸗ waltung zu unterſuchen, welcher wußte, daß, wenn die von ihm nach Hauſe geſandten Beweisſtuͤcke von ernſthafter Na⸗ tur erſchienen, er im Gouvernement verbleiben werde. Er beklagt ſich, daß bei der Beurtheilung ſeiner Verwaltung keine Nachſicht ſtattgefunden habe, hinſichtlich der außeror⸗ dentlichen Schwierigkeiten, womit er zu kaͤmpfen gehabt und hinſichtlich des rohen Zuſtandes des Landes, uͤber welches er zum Herrſcher geſetzt worden ſey.„Ich wurde beurtheilt,“ ſagt er,„wie ein Gouverneur, der ausgeſandt war, um ei⸗ — 1719— nen geordneten Staat mit wohleingerichteten Geſetzen zu übernehmen, wo ſich keine Gefahr zeigte, daß alles auf Unordnung und auf den Ruin hinauslaufe; ich haͤtte beur⸗ theilt werden muͤſſen als ein Befehlshaber, ausgeſandt, ein zahlreiches und feindſeliges Volk zu unterjochen, das in Sitten und Glauben dem unſrigen verſchieden, nicht in re⸗ gelmaͤßigen Staͤdten, ſondern in Waͤldern und Gebirgen zu leben gewohnt iſt. Es haͤtte bedacht werden ſollen, daß ich dieſes Ganze der Botmäͤßigkeit Ihrer Majeſtaͤten unter⸗ worfen, daß ich ihnen dadurch die Herrſchaft uͤber eine neue Welt erworben, durch welche das vorher arme Spanien ploͤtzlich reich geworden iſt. Welche Fehler und Irrthuͤmer mir auch zur Laſt fallen moͤgen, ſie ſind nicht in boͤſer Ab⸗ ſicht geſchehen, und ich denke, Ihre Majeſtaͤten werden meinen Worten gerne glauben. Ich habe geſehen, daß Sie ſolchen Leuten Gnade ſchenkten, die ihnen wiſſentlich uͤble Dienſte geleiſtet hatten; ich bin uͤbergeugt, daß Sie an mir groͤßere Nachſicht uͤben werden, da ich unſchuldig oder in der Noth Fehler begangen habe, wie Sie demnaͤchſt noch ge⸗ nuͤgender erfahren ſollen; und ich hege das Vertrauen, daß Sie meine großen Dienſte in Betracht ziehen werden, deren Vortheile taͤglich mehr in die Augen ſpringen muͤſſen.“ Als die hochherzige Iſabella dieſen Brief vorleſen hoͤrte, und erfuhr, wie außerordentlich Columbus verletzt und die koͤnigliche Autoritaͤt mißbraucht worden, ward ihr Gemuͤth von Mitleid und Unwillen erfuͤllt. Die Nachrichten beſtaͤ⸗ tigten ſich durch ein Schreiben des Alcalde oder Corregidor von Cadix, in deſſen Haͤnde Colambus und ſeine Bruͤder — 120— uͤberliefert worden, bis Ihre Mazj ſtaͤten ſelbſt weitere Ver⸗ fuͤgungen treffen wuͤrden,*) und durch ein anderes Schrei⸗ ben von Alonzo de Villejo, in Ausdruͤcken, die mit ſeinem menſchlichen und achtungevollen Benehmen gegen ſeinen ho⸗ hen Gefangenen uͤbereinſtimmte. Wie auch Ferdinand insgeheim gegen Columbus einge⸗ nommen ſeyn mochte, ſo durfte er doch dem augenblicklichen Andrang der Gefuͤhle des Volks nicht widerſtehen. Er ſprach vereint mit der edlen Koͤnigin ſeinen Tadel uͤber die Behandlung des Admirals aus, und beide Herrſcher be⸗ eilten ſich, der Welt zu beweiſen, daß die Gefangenneh⸗ mung deſſelben ohne ihren Auftrag geſchehen und ihren Ab⸗ ſichten ganz entgegen geweſen ſey. Ohne die Documente abzuwarten, die von Bobadilla ankommen ſollten, ſandten ſie den Befehl nach Cadix, daß die Gefangenen ſogleich auf freien Fuß geſetzt und mit aller Auszeichnung behandelt werden ſollten. Sie ſchrieben einen Brief an Columbus, in Ausdruͤcken des Dankes und Wohlwollens, worin ſie ihm ihren Schmerz uͤber allts erlittene Unrecht bezeugten und ihn an den Hof einladen. Zu gleicher Zeit ließen ſie ihm zweitauſend Ducaten zur Beſtreitung ſeiner Ausgaben an⸗ weiſen.**) Das treue Gemuͤth des Columbus wurde durch dieſe *) Oado cronica 1 III c. 6. **) Las asas l. I. 182. Zweitauſend Ducaten der zweitauſend achthundert und ſechsundvierzig Dollars, im Werth von achttaufend fünfhundert und achtunddreißis Doollars unſerer Zeit. —— — 421— Erklaͤrung ſeiner Gebieter mit neuer Hoffnung belebt. Er war ſich ſeiner Redlichkeit bewußt und erwartete ſogleich die Wiedereinſetzung in alle ſeine Rechte und Wuͤrden. Er er⸗ ſchien am 17. December am Hofe zu Granada nicht wie ein in Ungnade gefallener, dem Elend preisgegebener Mann, ſondern reich gekleidet und von einem ehrenvollen Gefolge umgeben. Er warde von den Souverainen mit ungewoͤhn⸗ licher Gunſt und Auszeichnung empfangen. Als die Koͤni⸗ gin den ehrwuͤrdigen Mann naͤher treten ſah und an alles dachte, was er errungen, und an alles, was er erlitten hatte, ward ſie zu Thraͤnen bewegt. Columbus hatte ſich in den harten Kaͤmpeen mit der Welt ſtandhaft bewieſen, — er hatte mit ſtolzer Verachtung die Beleidigungen und Schmaͤhungen unwuͤrdiger Menſchen ertragen, aber er be⸗ ſaß viel und leicht erregbare Empfindung. Wie er ſich ſo gnaͤdig von ſeinen Gebiekern empfangen und Thraͤnen in dem liebreichen Auge Iſabellens ſah, da machte das lange unterdruͤckte Gefuͤhl ſich gewaltſam Bahn: er warf ſich auf die Kniee und konnte eine Zeitlang kein Wort hervorbrin⸗ gen, ſo heftig waren ſeine Thraͤnen und ſein Schluchzen.*) Ferdinand und Iſabella hoben ihn von der Erde auf und bemuͤhten ſich, ihn durch die huldvollſten Worte zu er⸗ muthigen. Sobald er wleder Herr feiner ſelbſt war, ging er in eine beredte und hochherzige Rechtfertigung ſeiner Treue und des Effers uͤber, den er ſtets fuͤr den Ruhm und den Vortheil der ſpaniſchen Krone bewahrt. Wenn er *) Herrera dec. 1, 1. IV. c. 10. jemals gefehlt habe, ſo ſey dieß durch ſeine Unerfahrenheit im Regimente und durch die außerordentlichen Schwierig⸗ keiten geſchehen, die ihn umringt haͤtten. Es bedurfte keiner Rechtfertigung von ſeiner Seite; die Leidenſchaftlichkeit ſeiner Feinde war ſein beſter Anwalt. Er ſtand vor ſeinen Souverainen ais ein tiefgekraͤnkter Mann, und es war an ihnen, ſich vor der Welt von dem Flecken des Undanks gegen ihren treueſten Unterthan zu reinigen. Sie aͤußerten ihren Unwillen uͤber das Verfahren Bobadilla's, welches ſie gegen ihre Abſicht, gegen ihre Inſtruktionen er⸗ klaͤrten, und verſprachen, daß er ſogleich des Kommando's entſetzt werden ſollte. Wirklich wurde weder von den von Bobadilla heimge⸗ ſandten Anklagen, noch von den Briefen, die er zur Be⸗ kraͤftigung derſelben geſchrieben hatte, oͤffentliche Notiz ge⸗ nommen. Die Souveraine nahmen jede Gelegenheit wahr, um Columbus mit Gunſt und Auszeichnung zu behandeln, indem ſie ihm verſicherten, daß ſeinen Beſchwerden abge⸗ holfen, ſein Eigenthum ihm zuruͤckgegeben, und er in alle ſeine Rechte und Wuͤrden wieder eingeſetzt werden ſolle. Hauptſaͤchlich uͤber den letzten Punkt war Columbus in Beſorgniß. Eigennuͤtzige Ruͤckſichten hatten bei ihm wenig Gewicht. Ruhm war der große Gegenſtand ſeines Stre⸗ bens, und er fuͤhlte, daß ſo lange er von ſeinen Aemtern entfernt ſey, noch immer ein ſtiller Vorwurf auf ſeinem Namen laſte. Er erwartete daher, daß die Souveraine, ſobald ſie ſich von der Rechtlichkeit ſeines Benehmens uͤber⸗ 4 . +¼ zeugt haͤtten, alles thun wuͤrden, um ihm Genugthuung —— „ — 123— zu geben, daß eine Wiederherſtellung ſeiner Statthalter⸗ ſchaft ſogleich eintreten und er im Triumph nach San Do⸗ mingo zuruͤckkehren werde. Hierin hatte er jedoch eine Taͤuſchung zu erfahren, welche mit Duͤſterkeit den Reſt ſei⸗ ner Tage umwoͤlkte. Um dieſe auffallende Hintanſetzung der Gerechtigkeit und des Dankes zu erklaͤren, wird es noͤthig ſeyn, eine groͤßere Mannichfaltigkeit von Ereigniſſen ins Auge zu faſſen, welche den Intereſſen des Columbus in den Augen des politiſchen Ferdinand weſentlichen Schaden zufuͤgten. Zweites Kapitel. Gleichzeitige Entdeckungsreiſen. (197— 1300.) Das Edict vom Jahre 1495, wepürch das ſpaniſche „ Herrſcherpaar Jedem die Erlaubniß zu Entdeckungsreiſen gab, hatte mancherlei Expeditionen von unternehmenden Leuten zur Folge, inſonderheit von Perſonen, die bei den erſten Reiſen des Columbus mitgeweſen waren. Die Re⸗ gierung, unfaͤhig, ſelbſt ſo viele Ausruͤſtungen ins Werk zu — 124— ſetzen, freute ſich, auf dieſe Weiſe ihren Laͤnderumfang ohne Koſten vermehrt und zugleich ihren Schatz durch einen An⸗ theil an dem Gewinn dieſer Reiſen, der als eine Art Ab⸗ gabe fuͤr die Krone feſtgeſetzt wurde, in Wachsthum zu ſehen. Dieſe Fahrten hatten eigentlich da begonnen, wo Columbus ſchon halb und halb bei den Souverainen in ungnade gefallen war. Seine eigenen Karten und Jour⸗ nale dienten den Abenteurern zur Leitung, und ſeine glaͤn⸗ zenden Beſchreibungen von Paria und den umliegenden Kuͤſten hatten hauptſaͤchlich ihre Habſucht gereizt. Außer der Expedition Ojeda's, welche bereits erzählt wurde, in deren Verlauf derſelbe in Xaragua ankam, war eine zu gleicher Zeit von Pedro Alonzo Ninjo aus Moguer, einem faͤhigen Piloten, unternommen worden, der unter Co⸗ lumbus die Reiſen nach Cuba und Paria mitgemacht hatte. Nachdem er die Erlaubniß zur Fahrt erhalten, wußte er einen reichen Kaufmann in Sevilla für das Unternehmen zu intereſſiren, und dieſer ruͤſtete eine Cargvele von hundert Tonnen unter der Bedingung aus, daß ſein Bruder Chri⸗ ſtoval das Commando fuͤhren ſolle. Sie ſegelten, wenige Tage nach der Abfahrt Ojeda's von Cadir, aus der Bank von Saltes im Fruͤhling des Jahres 1499 ab, kamen bei der Kuͤſte der Terra Firma, ſuͤdlich von Parſa an, ſchifften längs derſelben eine Strecke fort, kamen durch den Golf und fuhren von da hundert und dreißig Seemeilen laͤngs der Kuͤſte der jetzigen Republik Columbia, wo ſie die nachmals ſogenannte Perlenkuͤſte beſuchten. Sie gingen an verſchiedenen Stellen ans Land„ zogen aus ihren europaͤß —8 — 125— ſchen Spielſachen ungeheuern Gewenn und kehrten mit großen Vorraͤthen an Goid und Perlen zuruͤck, nachdem ſie mit ihrem kleinen Fahrzeug eine der ausgedehnteſten und eintraͤglichſten Reiſen gemacht hatten, die bis dahin ausge⸗ fuͤhrt worden. Ungefaͤhr um dieſelbe Zeit ruͤſteten die Pinzons, dieſe Familie von kuͤhnen und woylhabenden Seefahrern, einen Zug von vier Caravelen in Palos aus, die ſie großentheils mit ihren eigenen Verwandten und Freunden bemannten. Mehrere erfahrene Piloten, die mit Columbus in Paria geweſen waren, ſchifften ſich mit ein, und Vicente Pinzon, welcher auf Columbus erſter Reiſe Kapftain der einen Ca⸗ ravele geweſen war, befehligte das Ganze. Pinzon war ein unternehmender und erfahrner Scemann und folgte nicht wie die andern aͤngſtlich den Fahtten des Columbus. Er ſegelte im December 1499 ab, beruͤhrte die canariſchen und die capverdiſchen Inſeln und ging dann ſuͤd⸗ weſtlich, bis er den Polarſtern aus dem Sehkreiſe verlor. Hier uͤberfiel ihn ein fuͤrchterlicher Sturm und er gerieth in große Verwirrung und Beſtuͤrzung, als er die neuen Himmelsbilder gewahr wurde. Die ſuͤbliche Hemiſphaͤre war bis dahin noch unbekannt; zum erſtenmal ſahen ſie das ſchöne Sternbild des Kreuzes, welches jitzt den Schiffern die Stelle des Nordſterns vertritt., Die Reiſenden hatten an dm Suͤdpol einen dem Nordſtern entſprechenden einzelnen Stern zu finden gehofft. Sie waren beſtuͤrzt keinen Fuͤhrer der Art zu erblicken und dachten, die Erd: müſſe dort noch — 126— ſtark in die Hoͤhe gehen, daß ſie den Pol vor ihren Blicken verberge.*) 4 Pinzon ſetzte nichtsdeſtoweniger ſeinen Lauf mit großer Unerſchrockenheit fort. Am 26. Januar 1500 ſah er in einiger Entfernung ein großes Vorgebirg, welches er Cape Santa Maria de la Conſolacion nannte, aber ſpäter den Namen Cap St. Auguſtin erhielt. Er landelr und nahm im Namen Ihrer katholiſchen Majiſtaͤten Beſitz von der Gegend; es war ein Stuück jener Laͤnder, die ſpaͤter unter dem Namen Braſilien bekannt wurden. Von da ging er weſtlich und entdeckte den Maranhon, nachher Amazonen⸗ fluß genannt, fuhr durch den Golf von Paria und ſetzte ſeinen Lauf durch die caraibiſche See und den Meerbuſen von Mexico fort, bis er ſich unter den Bahama⸗Inſeln be⸗ fand, wo zwei ſeiner Schiffe an Felſen in der Naͤhe der Inſel Jumeto ſcheiterten. Er kehrte im September nach Palos zurück, und fuͤgte zu ſeinem fruͤheren Ruhm den, der erſte Europaͤer geweſen zu ſeyn, der die Linte im weſtlichen Ocean paſſirte und das beruͤhmte Koͤnigreich Braſilien, von deſſen Anfang am Fluß Maranhon bis zu ſeiner oöͤſtlichſten Granze entdeckte, Zum Lohn ſeiner Thaten ward er er⸗ maͤchtigt, die von ihm entdeckten Laͤnder zu coloniſiren und zu befehligen, in der Ausdehnung ſuͤdlich etwas jenſeits des Fluſſes Maranhon bis zum Cap St. Auguſtin.*) *) P. Martyr dec. 1. 1. 1X.. 4*) Herrera dec 1. I. IV. c. 12, Munjoz hist n. Mundo, noch ungedruckter Theil⸗. —— — 127— Der kleine Seehafen Palos, der ſich ſo ſaumſelig gezeigt hatte, als die erſts Escadre des Columbus auszuruͤſten war, gerieth nun von der ewigen Leidenſchaft nach Entdeckungen in lebhafte Bewegung. Kurze Zeit nachdem Pinzon abge⸗ ſegelt war, kam dort eine andere Expedition, durch Diego Lepe, Eingeborenen des Ortes, zu Stande und wurde durch ſeine unternehmungsluſtigen Landsleute bemannt. Er fuhr in derſelben Richtung wie Pinzon, aber er entdeckte mehr von dem ſuͤdlichen Feſtlande, als irgend ein anderer Reiſen⸗ der damaliger Zeit und zwoͤlf Jahre nachher. Er umſchiffte das Cap Auguſtin und gelangte zu der Gewißheit, daß die Kuͤſte jenſeits nach Südweſten fortlaufe. Er landete und beobachtete dieſelben Formalitaͤten der Beſitzergreifung im Namen der ſpaniſchen Souveraine; an einer Stelle ſchnitt er ihre Namen in einen praͤchtigen Baum, der von ſo un⸗ geheurer Groͤße war, daß ſiebzehn Maͤnner, wenn ſie ſich die Haͤnde gaben, den Stamm noch nicht umſchließen konn⸗ ten. Was das Verdienſt dieſer Entdeckung vergroͤßerte, war, daß er niemals mit Columbus zur See geweſen war. Doch befanden ſich mehrere geſchickte Steuermaͤnner bei ihm, welche den Admiral auf ſeinen Reiſen bagleitet hatten.*) Eine andere Fahrt mit zwei Schiffen ging im October 1500 unter dem Commando des Rodrigo Baſtides aus Sevilla von Cadir aus. Er unterſuchte die Kuͤſte der Terra —— *) Las Casas hist. Ind. I. II. c, 2. Munjoz, noch un⸗ gedruckter Theil. — 128— irma, kam an dem Cap de la Vela vorbei, an den weſt⸗ lichen Graͤnzen der vorigen Entdeckungen auf dem Feſtlande und ſetzte ſeinen Lauf zu einer Bucht, nachmals die Retraite genannt, fort, wo ſpaͤterhin der Seehafen Nombre de Dios gegruͤndet wurde. Da ſeine Schiffe durch den Holzwurm der in dortigen Gegenden ſehr haͤufig iſt, faſt zerſtoͤrt wur⸗ den, ſo hatte es große Schwierigkeiten, Xaragua auf Hispa⸗ niola zu erreichen, wo er die zwei Caravelen verlor und mit ſeinem Schiffsvolk zu Land nach San Domingo ging. Hier ließ Bobad la ihn ergreifen und verhaften, unter dem Vorwande, daß er von den Eingebornen Xaragua's Gold eingehandelt habe. Dieſes war der Belauf der ſpaniſchen Expeditionen, die unmittelbar aus den Eatdeckungen des Corumbus hervor⸗ gingen; doch auch voa andern Nationen wurden deren un⸗ ternommen. Im Jahr 1497 ſchiſſte Sebaſtian Cabot, Sohn eines venetianiſchen Kaufmanns, der in Briſtol wohnte, in Dienſten des Koͤnigs Heinrichs VII. von England, nach den noͤrdlichen Meeren der neuen Welt. Sich nach der Idee des Columbus richtend, ſuchte er die Kuͤſten von Ca⸗ thay, und hoffte nordweſtlich einen Durchgang nach Indien zu finden. Auf dſsr Reiſe entdickte er Neufundland, und ſchiffte an der Kuͤſte von Labrador bis zu dem ſechs und fünfzigſten Grade nordlicher Breite, kehrte dann zuruͤck und fuhr ſuͤdweſtlich nach Florida hin. Hier gingen ihm die Vorraͤthe aus, und er mußte nach England zuruͤckkehren.*) — *) Hackluyt's Sammlung, III. 8d. e. 7. Lelder eriſtiren nur unbeſtimmte und dürftige Nachrichten von dieſer Reiſe, welche ſehr wichtig iſt, da in ihr die erſte Entdeckung des noͤrdlichen Feſtlandes der neuen Welk zu Stande kam. Unter den Entdeckungen von nebenbuhleriſchen Maͤchten erregten keine ſo ſehr die Aufmerkſamkeit und Eiferſucht der ſpaniſchen Krone, als die der Portugieſen. Vasquez de Gama, ein Mann von Stande und von erprobtem Talent und Muth,*) hatte endlich den großen Plan des verſtorbe⸗ nen Prinzen Heinrich von Portugal in Ausfuͤhrung gebracht und durch Umſchiffung des Vorgebirgs der guten Hoffnung im Jahr 1497 den langgeſuchten Seeweg nach Indien ge⸗ oͤffnet. Sogleich nach Gama's Ruͤckkehr wurde eine Flotte von dreizehn Schiffen ausgeruͤſtet, um die herrlichen Laͤnder, von denen er Nachricht brachte, zu beſuchen. Dieſe Expe⸗ dition ſegelte am 9. Maͤrz 1500 nach Calcutta unter den Befehlen des Pedro Alvarez de Cabral ab. Als er die capverdiſchen Inſeln hinter ſich hatte, ſuchte er den Wind⸗ ſtillen zu enegehen, die an der Kuͤſte von Guinea herrſchen, indem er ſeinen Lauf weit nach Weſten nilhtete. Ploͤtzlich am 25. April bekam er ein Land zu Geſicht, das Nieman den von ſeiner Escadre bekannt war, denn ſie hatten von den Entdeckungen Pinzon's noch nichts erfahren. Er hielt es zu rſt fuͤr eine große Inſel, doch nachdem er einige Zeit an der Kuͤſte hingefahren war, ſchoͤpfte er die Vermuthung, —— *) Lafiteau, conquêtes des Poringais, Irving's Columbus, 7— 9, 9 daß es die Seite eines Feſtlandes ſey. Er ſchiffte laͤngs derſelben etwas uͤber den fuͤnfzehnten Grad ſuͤdlicher Breite hinaus und ging dann in einer Bucht an's Land, die er Porto Securo nannte. Hier nahm er im Namen der Krone Portugal ven dem Lande Beſitz, und ſandte ein Schiff mit der wichtigen Nachricht nach Liſſabon ab.*) Auf dieſe Weiſe kam Braſilien in den Beſitz von Portugal, 3 da es nach Oſten in der feſtgeſtellten Lime lag, woruͤber es mit Spanien als der Graͤnze ihrer gegenſeitigen Ent⸗ deckungen uͤbereingekommen war. Robertſon ſchließt die Erzaͤhlung von dieſer Reiſe Cabrals mit einer ſeiner richti⸗ gen und gediegenen Bemerkungen alſo: „Die Enideckung der neuen Welt durch Columbus war das Reſultat der Anſtrengung eines thaͤtigen Geiſtes, von der Erfahrung geleitet und nach einem beſtimmten Plane mit nicht weriger Muth als Beharrlichkeit ausgefuͤhrt. Aber von dieſem Abenteuer des Portugieſen ſcheint es, als habe der Zufall jenen großen Plan hinausfuͤhren wollen, diſſen Auffaſſung und Vollendung nun der Stolz der menſchlichen Vernunft iſt. Haͤtte die Scharfſichtigkeit des Columbus nicht die Menſchheit nach Amerika gefuͤhrt, ſo wuͤrde Cabral durch ein gluͤckliches Ungefaͤhr ein Paar Jahre ſpaͤter zu der Bekannt⸗ ſchaft mit dieſem ausgedehnten Feſtlande geleitet haben.**) —;ʒ———— *) Lafiteau 1. II. **) Robertson bist, of Amerika, book II. Drittes Kapitel. Nicolas de Ovanda wird ernannt, den Bobadilla⸗ abzuſetzen. (1501.) Die in dem vorigen Kapitel erwaͤhnten zahlreichen Ent⸗ deckungen machten einen tiefen Eindruck auf die Seele Fer⸗ dinands. Sein Ehrgeiz, ſeine Habgier und ſeine Eiferſucht wurden in gleichem Grade entflammt. Er ſah endloſe Re⸗ gionen, von allen Arten von Reichthuͤmern uͤberfließend, ſich taͤglich dem Un ernehmungsgeiſte ſeiner Unterthanen oͤffnen, aber er ſah zu gleicher Zeit auch andere Nationen ſich mit in die Schranken werfen, ſtrebend, mit ihm die goldne Welt zu theilen, welche er fuͤr ſich allein haben wollte. Die Ex⸗ peditionen der Englaͤnder und die zufaͤllige Entdeckung Bra⸗ ſtliens durch die Portugieſen, machten ihm vielen Verdruß. Um ſich den Beſitz des Feſtlandes zu ſichern, beſchloß er, an den wichtigſten Punkten Local⸗Gouvernements oder Com⸗ mandantſchaften zu gruͤnden, die alle von einem General⸗ Gouvernement abhaͤngig ſeyn ſollten, fuͤr welches San Do⸗ mingo, die Hauptſtadt der Colonien, zum Sitz erkoren wurde, 9* uUnter dieſem Geſichtspunkt erhob ſich das fruͤher dem Columbus zugeſicherte Gouvernement zu viel groͤßerer Vich⸗ tigkeit, und je begehrungswuͤrdiger die Wiederherſtellung deſſelben in des Letztern Augen wurde, je mehr und mehr wurde ſie Gegenſtand des Widerſtrebens bei dem ſelbſtiſchen und eiferfüchtigen Monarchen. Er hatte es laͤngſt bereut, ſo große Macht und Vorrechte einem Unterthan, und noch dazu einem Fremden uͤbertragen zu haben. Zur Zeit, als er dieſelben gewaͤhrte, hatte er noch keine Idee von ſo un⸗ begraͤnzten Gebieten, die unter ſeinen Scepter fallen ſollten. Er ſchien ſich faſt in der damals abgeſchloſſenen Ueberein⸗ kunft von Columbus überliſtet zu glauben, und jede naͤchſte Entdeckung bereitete ihm, ſtatt ſeine Dankbarkeit zu ver⸗ mehren, nur deſto groͤßere Reue wegen der wachſenden Groͤße der Belohnung. Endlich aber hatte die Sendung Bobadilla's eine zeitige Ausſchließung des Columbus von ſeinen hohen Aemtern bewirkt, und der vorſichtige Monarch beſchloß nun bei ſich ſelbſt, daß ihm der Weg zu ſeinen fruͤ⸗ heren Auszeichnungen nie mehr geoͤffnet werden ſolls. Vielleicht mag Ferdinand wirklich noch Zwiifel gegen die Unſchuld des Columdbus genäͤhrt haben, wenn er die vielerlei gegen ihn erhobenen Anſchuldigungen bedachte. Auch mag er wohl nicht recht an die Aufrichtigkeir ſeiner Treue als eines Fremden geglaubt haben, der ſich in einem Commando in großer Entfernung vom Mutterlande und im maͤchtigen Beſitz von unabſehlichen reichen Gebieten allzu gut gefallen konnte. Columbus ſelbſt ſpielt in ſeinen Briefen auf Ge⸗ rüchte an, die ſeine Feinde verbreitet haͤtten, wonach er die — 133— Abſicht habe, entweder eine unabhaͤngige Herrſchaft zu gruͤn⸗ den, oder ſeine Entdeckungen einem andern Potentaten in die Haͤnde zu ſpielen, und er ſchien zu fuͤrchten, daß dieſe Luͤgen einigen Eingang in dem Gemuͤthe Ferdinands finden moͤchten. Aber es war noch eine andere Betrachtung, die nicht minderes Gewicht bei dem Monarchen hatte, daß er dieſen großen Act der Gerechtigkeit zuruͤckhielt. Columbus war ihm nicht mehr unentbehrlich. Er hatte ſeine große Entdeckung gemacht; er hatte den Weg nach der neuen Welt gebahnt und dieſen konnte nun ein Jeder verfolgen. Eine ziemliche Anzahl faͤhiger Seeleute halte ſich unter ſeinem Commando gebildet und Erfahrung auf ſeinen Reiſen er⸗ langt. Sie belagerten Tag fuͤr Tag den Thron mit Aner⸗ bietungen, Expeditionen auf ihre eigene Koſten auszuruͤſten und der Krone einen Antheil an dem Ertrag zu entrichtsn. Wie ſollte er alſo fuͤrſtliche Wuͤrden und Vorrechte fuͤr Dienſte ertheilen, zu denen ſich taͤglich Leute ohne Beloh⸗ nung anboten? Von dieſer Art ſcheint nach ſeinem ſpaͤteren Benehmen die eiferſuͤchtige und egolſtiſche Politik geweſen zu ſeyn, welche Ferdinand abhielt, den Columbus wieder in jene Wuͤrden und Rechte einzuſetzen, die ihm ſo feierlich durch einen Tractat geſichert waren, welchen niemals durch uͤbles Betragen verletzt zu haben, von dieſem doch offentlich be⸗ kannt war. Dieſe Beraubung wurde jedoch nur fuͤr augenblicklich er⸗ klart und plauſible Gruͤnde fur den Aufſchub der Wieder⸗ einſetzung vorgeſchützt. Man bemerkte, daß die Elemente * — 134— den Waffen geweſen waren, noch auf der Inſel exiſtirten, der heftigen Factionen, die noch kürzlich gegen ihn unter ſeine ſofortige Ruͤckkehr moͤchte neue Erbitterung hervorrufen, ſeine perſoͤnliche Sicherheit wuͤrde gefaͤhrdet werden und die 1 Inſel wieder in einen Zuſtand von Verwirrung gerathen. Obgleich nun Bobadella auf der Stelle des Commando's entſetzt werden ſolle, ſo achte man es doch raͤthlich, einen ſolchen Beamten von Talent und Selbſtbeherrſchung hin⸗ uͤberzuſenden, um ihn abzuſetzen, der unparthei ſch die neuen 1 Unordnungen unterſuchen, die en ſtandenen Mißbraͤuche ab⸗ .. ⸗ ſtellen und alle zuͤgelloſe und aufruͤhreriſche Menſchen von der Colonte wegjagen ſolle. Er werde das Gouvernement auf zwei Jahre uͤbertragen erhalten, in welcher Zeit man ſicher hoffe, daß alle boͤsartigen Tendenzen beſchwichtigt und die unruhigen Köpfe entfernt wuͤrden. Columbus moͤge alsdann das Commando zu ſeinem eigenen Troſt und zum Nutzen der Krone wieder uͤbernehmen. Mit dieſen Grün⸗ den und dem Verſprechen, welches dieſelben begleitete, mußte Columbuss ſich begnuͤgen. Es laͤßt ſich nicht bezweifeln, daß beide von Seiten Iſabellens aufrichtig gemeint waren und es in ihrer Abſicht lag, ihn in den vollen Genuß ſeiner Rechte und Wuͤrden nach der augenſcheinlich nothwendigen Suspenſion wieder einzuſetzen. Ferdinand hat jedoch durch ſein nachheriges Benehmen allen Anſpruch auf eine guͤnſtige 3 Meinung der Art verwirkt.. Der Mann, den man erwaͤhlte, um Bobadilla abzuſetzen, war Don Nicolas de Ovando, Commandeur von Lares, von dem Orden von Alcantara: er wird geſchildert von — 485— mittlerer Groͤße, mit ſchoͤner Geſichtsbildung, rothem Bart, und von beſcheidenem Weſen, doch von ein m gebietenden Ton der Stimme. Seine Sprache war fließend und ſeine Manieren anmuthig und fein. Ein Mann von großer Klugheit, ſagt Las Caſas, und faͤhig, viele Leute zu regie⸗ ren, doch nicht uͤber die Indianer zu herrſchen, auf welche er unberechenbares Elend haͤufte. Er hatte große Ehr⸗ furcht vor der Gerechtigkeit, war der Habſucht feind, maͤßig in ſeiner Lebensart und von ſolcher Demuth, daß, als er nachmals zum Groß Commandeur das Ordens von Alcan⸗ tara emporſtieg, er es nie erlaubte, daß man ihm den da⸗ mit verbundenen Reſpects⸗Titel gab.*) Dieſes iſt das Ge⸗ maͤlde, welches die Geſchichtſchreiber von ihm entwerfen; aber ſein Benehmen bei mehreren wichtigen Gelegenheiten ſteht damit in voͤlligem Widerſpruch. Er ſcheint einſchmei⸗ chelnd und ſchlau geweſen zu ſeyn, wie er gewandt und hoͤflich warz ſeine Demuth verbarg ne große Liebe zum Herrſchen und in ſeinen Verhandlungen mit Columbus zeigte er ſich offenbar eben ſo unedel als ungerecht. Die verſchiedenerlei Anordnungen, die nach dem neuen Plan der Colonial⸗Verwalrung getroffen werden mußten, verzoͤgerten auf einige Zeit die Abreiſe Ovando's. Unter⸗ deſſen brachte jede neue Ankunft Nachrichten von dem un⸗ gluͤcklichen Zuſtande der Inſel unter der uͤblen Verwaltung Bobadilla's. Er hatte ſeine Laufbahn mit einer der Politik *) Las Casas hist. Ind. I. II, c. 3. — 136— des Columbus grade entgegengeſetzten Handlungsweiſe be⸗ gonnen. Indem er ſich einbildete, daß ein ſtrenges Regi⸗ ment der Fels geweſen, an welchem ſein Vorgaͤnger geſchei⸗ tert ſey, ſuchte er die Menge durch alle Art von Nachſicht zu gewinnen. Da er ſchon im Anfang die Zuͤgel der Ge⸗ rechtigkeit und Moralitaͤt loſer hielt, verlor er bald alle Gewalt uͤber die Gemeinde, und es erfolgte ſolche Unordnung und Zuͤgelloſigkeit, daß viele, ſelbſt von den Geanern des Columbus, mit. Reue auf die ſtrenge, doch heilſame Zucht ſeiner und des Adelantado zuruͤckblickten. Bobadilla war weniger ein ſchlechter, als ein unkluger und ſchwacher Mann. Er hatte die gefährlichen Exceſſe nicht bedacht, zu welcher ſeine Polktik fuͤhren mußte. Gleich bereit, ſich eine Autorität anzumaßen, benahm er ſich ſchwach und accordirend in der Ausuͤbung derſelben: er konnte nicht uͤber das augenblickliche Beduͤrfniß hinaus ſor⸗ gen. Eine gffaͤhrliche Verwillung, die er den Coloniſten gewaͤhrte, rief die andere hervor; alles wurde nach der Reihe abgetreten, ſo ſchritt er von Fehler zu Feyler— und zeigte, daß bei einer Regierung eben ſo viel Gefahr voon einem ſchwachen als von einem ſchlechten Menſchen droht. Er hatte die Meyerhoͤfe und Landguͤter der Krone um geringe Preiſe hinweggegeben, indem er bemerkte, es ſey nicht der Wille der Monarchen, ſſich mit denſelben zu be⸗ reichern, ſondern daß ſie ſich zum Vortheil ihrer Untertha⸗ nen ergiebig zeigten. Er gab allgemeine Erlaubniß, die Minen zu bearbeiten, und nur ein Eilftheil des Ertrags an — 137— die Regierung abzugeben. Um eine Minderung der Reve⸗„ nuͤen zu verhaͤten, wurde es natuͤrlich noͤthig, die Menge des geſammelten Goldes zu vergroͤßern. Er zwang daher die Caziken, jeden Spanter mit Indianern zu verſehen, um ihm ſowohl bei den Arbeiten des Feldes als auch der Mi⸗ nen beizuſtehen. Um dieſes vollſtaͤndiger auszufuͤhren, ließ er die Eingebornen der Inſel zaͤhlen, theilte ſie in Klaſſen und wies ſie nach Gunſt oder Eigenſinn den einzelnen Co⸗ loniſten zu. Dieſe geſellten ſich nach ſeinem Rath in Com⸗ pagnonſchaften zu zwei Perſonen, die ſich mit ihren Capi⸗ talien und Indianern wechſelſeitig unterſtüͤtzen mußten, in⸗ dem der eine die Arbeiten des Feldes, der andere die des Goldſuchens unter ſich hatte. Das einzige Draͤngen und Treiben Bobadilla's ging dahin, daß große Quantitaͤten Gold gewonnen wuͤrden. Er hatte immer nur eine Re⸗ densart im Munde, welche die verderbliche und accord⸗ rende Maxime offenbart, nach welcher er handelte:„Be⸗ nutzt die Zeit, ſo gut Ihr koͤnnt,“ ſagte er,„wer weiß, wie lange es dauert,“ womit er auf die Moͤglichkeit ſeiner baldi⸗ gen Zuruͤckberufung anſpielte. Die Coloniſten handelten nach dieſem Rath und peinigten die armen Eingebornen ſo ſehr, daß dieſer eilſte Thell der Krone mehr Ertrag gab, als der dritte Theil je unter der Verwaltung des Colum⸗ bus. Inzwiſchen ſchmachteten die ungluͤcklichen Inſulaner unter allen erdenklichen Grauſamkeiten ihrer unmenſchlichen Zuchtmeiſter. Wenig gewoͤhnt an die Arbeit, von zarter Leibesbeſchaffenheit und auf ihrer ſchoͤnen und uͤppigen Inſel urſprünglich einem freien und froͤhlichen Leben hingegeben, 8 —— 138— anken ſie unter dem auferlegten Druck der Arbeit und den ihrer Erzwingung uͤber ſie verhaͤngten Grauſamkeiten zu Boden. Las Caſas gibt ein empoͤrendes Bild von der ei⸗ genſinnigen Tyrannei, welche uͤber die Indianer von elen⸗ den Spaniern ausgeuͤbt wurden, von denen viele als uͤber⸗ fuͤhrte Verbrecher aus den Kerkern von Kaſtilien hinuͤber transportirt wurden. Dieſe Elenden, die in ihrem Vater⸗ lande die Schlechteſten unter den Schlechten geweſen waren, nahmen den Ton großer Cavallere an. Sie beſtanden dar⸗ auf, Schaaren von Dienern zur Begleitung zu haben. Sie nahmen die Toͤchter und andere weibliche Verwandte der Caziken zu ihrer Bedienung oder vielmehr zu ihren Kebsweibern, und beſchraͤnkten ſich auf keine kleine Zahl. Wenn ſie reiſten, ſo zwangen ſie, ſtatt ſich mit den vorhan⸗ denen Pferden und Maulthieren zu begnuͤgen, die Einge⸗ bornen, ſie auf ihren Schultern in Tragſeſſeln oder in Haͤngematten zu ſchleppen und andere mußten neben her gehen, um Umbrellas von Palmblaͤttern gegen den Sonnen⸗ ſchein uͤber ihren Köpfen zu halten, und Faͤcher von Fe⸗ dern, um ihnen Kuͤhlung zuzuwehen; Las Caſas verſichert, daß er die Ruͤcken und Schultern der unglücklichen India⸗ ner, welche d'e Tragſeſſel trugen, aufgeriſſen und blutend von der Anſtrengung geſehen habe. Wenn dieſe unverſchäͤm⸗ ten Gluͤcksjaͤger an einem indtaniſchen Dorf ankamen, ver⸗ zehrten und vergeudeten ſie die Vorraͤthe der Bewohner, nahmen, was ihnen grade in den Sinn kam, und zwangen den Caziken und ſeine Unterthanen, zu ihrer Beluſtigung vor ihnen zu tanzen. Selbſt ihre Vergnuͤgungen wurden — 139— mit Grauſamkeiten gewürzt. Sie redeten die Eingebornen nie anders als mit den entwürdigendſten Ausdruͤcken an, und bei der mindeſten Beleidigung oder dem kleinſten Aus⸗ bruch von uͤbler Laune, zuͤchtigten ſie dieſelben mit Schlaͤ⸗ gen und Geißelhieben und gaben ihnen wohl gar den Tod.*) Dieſes iſt nur ein unvollkommnes Bild von den Uebeln, welche unter der ſchwachen Herrſchaft Bobadllla's uͤberhand nahmen, und welche Las Caſas mit ſchwerem Herzen als Augenzeuge erzaͤhlt, indem er die Inſel grade am Ende dieſer Verwaltung beſuchte. Bobadilla hatte darauf gerech⸗ net, daß der unermeßliche Belauf des Goldes, den er dem Elende der Eingebornen abgerungen, alle Fehler wieder gut machen und ihm die Gunſt der Herrſcher ſichern werde 3 aber er hatte ſeine Sendung voͤllig mißverſtanden. Die Mißbraͤuche ſeiner Verwaltung erreichten bald das Ohr des Koͤnigepaares und vor Allem ſprachen die Leiden der Ein⸗ gebornen zu dem mitleidsvollen Herzen Iſabellene. Nichts war mehr dazu gemacht, ihren Unwillen zu erregen, als ſolche Behandlung; ſie draͤngte daher zur ſchleunigen Ab⸗ reiſe Ovando's, um dieſen Grauelthaten ein Ziel zu ſetzen. Nach dem oben auseinandergeſetzten Plan dehnte ſich das Gouvernement Ovando's uͤber die Inſeln und das Feſt⸗ land aus, und Hispaniola wurde die Hauptſtadt von bei⸗ den. Er ſollte die Ausuͤbung ſeiner Gewalten ſogleich nach ſeiner Ankunft antreten, durch neue Vollmacht, indem er *) Las Casas hist. Ind. 1 II. c. 1. MS. — 140— Bobadilla mit der zuruͤckkehrenden Flotte heimſendete. Er wurde inſtruirt, ſich genaue Kunde von den letzten Miß⸗ braͤuchen zu verſchaffen, die Verbrecher ohne Gnade und Barmherzigkeit zu beſtrafen und alle unwuͤrdige Subjecte von der Inſel zu entfernen. Er ſollte ſogleich die von Bo⸗ badilla ertheilte Erlaubniß widerrufen, daß j der nach Gold ſuchen duͤrfe, indem dieſe Erlaubniß ohne koͤniglichen Befehl ergangen ſey. Er ſollte fuͤr die Krone den dritten Theil von allem geſammelten Golde requirixen, und die Haͤlfte von Allem, was in Zukunft gewonnen werde. Er wurde ermaͤchtigt, Staͤdte zu bauen, denen er die Vorrechte der Munic palſtaͤdte in Spanien uͤbertragen werde, und die Spa⸗ nier, vorzuͤglich aber die Soldaten zu zwingen, in ihnen zu wohnen, ſtatt ſich auf der Inſel umher zu zerſtreuen. Ne⸗ ben manchen weiſen Anordnungen gab es andere von ver⸗ letzender, unbilliger Natur;— doch in Uebereinſtimmung mit einem Zeitalter, wo die wahren Grundſaͤtze des Han⸗ dels noch wenig erkannt wurden, die aber in Spanien noch lange fortdauerten, nachdem die uͤbrige Welt ſie als Irrthuͤmer umnachteter, unerleuchteter Zeitalter verworfen hatte. Die Krone machte den Handel der Colonieen zum Monopol. Niemand konnte daſelbſt fuͤr ſeine eigne Rech⸗ nung Waaren zu Markte bringen. Ein koͤniglicher Factor wurde beſtellt, welcher der einzige Kaufmann war, durch welchen man Vorraͤthe von europaͤlſchen Artikeln erlangen konnte. Die Krone behielt ſich nicht nur das ausſchließliche Eigenthum der Minen vor, ſondern auch der Edelſteine und anderen Gegenſtaͤnde von koſtbarem Werth, eben ſo auch — 141— des Faͤrbholzes. Kein Fremder und vor Allen kein Maure und Jude durfte ſich auf der Inſel anſiedeln oder auf Enb⸗ deckungsreiſen ausgehen. Dieſes ſind einige der Einſchraͤn⸗ kungen des Handels, welche Spanien ſeinen Colonieen auß erlegte und welche von andern eben ſo unklug nachgeahmt wurden. Dieſe Handelspolltik iſt der Spott der neueren Zeiten geworden; aber moͤgen die gegenwaͤrtigen Sperren des Handels, welche die weiſeſten Staaten verfuͤgen, nicht einſt eben ſo die Verwunderung und der Spott der kom⸗ menden Zeitalter ſeyn? Iſabella war beſonders ſorgſam, uͤber die gute Behand⸗ lung der Indianer zu wachen. Ovando erhielt den Befehl, die Caziken zu verſammeln und ihnen zu erklaͤren, daß die Souveraine ſie und ihr Volk unter ihren beſonderen Schutz naͤhmen. Sie haͤtten nur wie die anderen Unterthanen der Krone Tribut zu zahlen, und dieſer ſolle mit der aͤußerſten Milde und Nachgiebigkeit erhoben werden. Große Sorg⸗ falt ſey auf ihre religioͤſe Erziehung zu verwenden, und zu dieſem Behuf ſandte man zwoͤlf Bruͤder vom Franziscaner⸗ Orden mit einem Praͤlaten Namens Antonio de Espinal, eb⸗ nem ehrwuͤrdigen frommen Mann, hinuͤber. ierdurch wurde der Grund zur Verbreitung dieſes Ordens in der neuen Welt gelegt.*) Alle dieſe Vorſichtsmaßregeln hin⸗ ſichtlich der Eingebornen waren aber durch eine unbedacht⸗ ſame Beſtimmung wieder geſchwaͤcht. Es ſollte erlaubt ſeyn, daß die Indianer zur Arbeit in den Minen angetrie⸗ .) Las Casas hist. Ind. I. II, esp. 5. Ms. 3— 142— ben und zu anderen Beſchaͤftigungen gebraucht wuͤrden, doch dieſes duͤrfre ſich nur auf den koͤniglichen Dienſt beſchraͤnsen, wobei ſie als gemiethete Leute arbetteten und puͤnktlich be⸗ zahlt werden muͤßten. Aber waͤhrend die Souveraine Anordnungen zur Erleich⸗ terung der Indianer trafen, munterten ſie, mit einem in dem menſchlichen Urtheil ſo häͤufigen Widerſpruch, zu einer groben Verletzung der Rechte und des Wohls einer anderen Race des Menſchengeſchlechts auf. Unter ihren vielen Ver⸗ ordnungen bei dieſer Gelegenheit ſinden wir auch die erſte Einfuͤhrung des Negerhandels in der neuen Welt. Es war erlaubt, Negerſclaven nach der Colonie zu bringen, wenn dieſelben unter Chriſten,*) d. h. zu Sevilla oder in anderen Gegenden Spantens geboren ſeyen, Kinder und Nachkommen von Eingebornen der atlantiſchen Kuͤſte Afri⸗ ka's, wo dieſer Handel ſchon eine Zeitlang von den Spa⸗ niern und Portugieſen unterhalten wurde. Es zeigen ſich auffallende Ereigniſſe im Laufe der Geſchichte, welche zu⸗ weilen das Anſehen zeitlicher Gerechtigkeitsübung tragen. Es iſt eine bemerkenswerthe Thatſache, daß Hi⸗paniola, der Ort, wo dieſe ſchreiende Verletzung der Natur⸗ und Men⸗ ſchenrechte zuerſt in der neuen Welt eingefuͤhrt wurde, der erſte geweſen, wo eine fuͤrchterliche Rache dafuͤr eingetre⸗ ten iſt. Unter den verſchiednen Ruckſichten, die ſich der Aufmerk⸗ ſamkeit der Souveraine aufdraͤngten, wurden die Intereſſen *) Herrera hist, Ind, decad. 1. 1. IV. c. 12, — 143— des Columbus nicht vergeſſen. Ovando erhielt den Auftrag, in alle ſeine Angelegenheiten einzugehen, ohne es jedoch zu unternehmen, ſie zu berichtigen. Er ſollte den Schaden, den ſein Eigenthum durch die Gefangennehmung erlitten, die Unterbrechung ſeiner Privilegien und die Einziehung ſei⸗ ner Effekten taxreren. Alles von Bobadilla confiscirte Ei⸗ genthum ſolle zuruͤckgegeben, oder wenn es veraͤußert worden, ihm vergütet werden. Wenn es zum koͤniglichen Dienſt ver⸗ wendet ſey, ſo ſolle Columbus aus dem Schatz Entſchaͤdi⸗ gung erhalten; wenn es dagegen Bobadilla zum eignen Nutzen verwandt habe, muͤſſe er es aus ſeinem eignen Beu⸗ tel wieder herauszahlen. Gleiche Sorgfalt muͤſſe eintreten, um die Bruͤder des Admirals fuͤr ihre Verluſte zu entſchä⸗ digen, die ſie unſchuldig durch ihre Verhaftung erlitten haͤtten. Columbus ſollte ferner die Ruͤckſtaͤnde ſeiner Revepuen erhalten und dieſelben muͤßten ihm in Zukunft puͤnktlich aus⸗ bezahlt werden. Es wurde ihm erlaubt, einen eignen Fac⸗ tor auf der Inſel zu haben, um beim Schmelzen und Zeich⸗ nen des Goldes g-genwaͤrtig zu ſeyn, ſeine Gebuͤhren zu erheben, kurz, alle ſeine Angelegenheiten zu beſorgen. Zu dieſem Amt erwaͤhlte er Alonzo Sanchez de Carvajal, und die Souveraine befahlen, daß dieſer Mann mit großer Ach⸗ tung behandelt werden ſolle. Die Flotte, welche dazu beſtimmt war, den Ovando nach der neuen Welt zu bringen, war die groͤßte, die bis dahin nach der neuen Welt geſegelt war. Sie beſtand aus dreißig Schiffen, unter ihnen fuͤnfe von neunzig bis zu — 144— hundert und funfzig Tonnen, vierundzwanzig Caravelen von dreißig bis zu neunzig, und eine Barke von fuͤnfund⸗ zwanzig Tonnen.*) Die Anzahl der eingeſchifften Perſo⸗ nen war ungefaͤhr fuͤnfundzwanzig hundert; unter ihnen befanden ſich viele Perſonen von Rang und Auszeichnung mit ihren Familien. Damit Ovando mit Wuͤrde in ſeinem neuen Dienſt er⸗ ſcheine, wurde ihm erlaubt, Seide, Brokat, Edelſteine und andere koſt ſpielige Artikel zu tragen, die damals wegen der verderblichen Kleiderpracht des Adels in Spanien verboten waren. Es wurde ihm erlaubt, zweiundzwanzig Krieger zu ſeiner Leibgarde zu habe, worunter zehn Reiter waren. Mit dieſer Expedition ging auch Don Alonzo Maldonado, als Alguazil⸗Major oder Oberrichter, an der Stelle Rol⸗ dans, der nach Spanien gebracht werden ſollte. Kuͤnſtler von verſchiednen Faͤchern waren dabei; zu ihnen kam ein rat, ein Wundarzt und ein Apotheker; endlich dreiund⸗ zwanzig verheirathete Maͤnner“) mit ihren Familien, alles reſpectable Leute, die in vier Staͤdte vertheilt werden und beſondre Privilegien erhalten ſollten, um einen geſunden und nuͤtzlichen Stamm der Bevoͤlkerung zu bilden. Sie waren be⸗ ſtimmt, eine eben ſo große Zahl von Muͤßiggaͤngern und Tau⸗ genichtſen zu erſetzen, die von der Inſel weggejagt werden ſoll⸗ *) Munjos, noch ungedruckter Theil. Las Caſas ſagt, die Flotte habe aus zweiunddreißig Schiffen beſtanden; er gibt ſte nach ſeiner Erinnerung an, Munioes dagegen nach urkunden. **) Munjos Hist. n. Mundo, ungedruckter Theil. —. 145— ten; dieſe treffliche Maßregel war von Columbus beſonders empfohlen und erbeten worden. Auch Lebensmittel, Ge⸗ ſchuͤtz und andre Waffen, Vorraͤthe aller Art, kurz Alles, was zur Complettirung auf der Inſel noͤthig war, ſchiffte man mit hinuͤber. Dieſes war die Art und Weiſe, wie Ovando, ein Lieb⸗ ling Ferdinands und ein geborner Spanier von Rang, aus⸗ geſtattet wurde, um das dem Columbus entzogene Gouver⸗ nement anzutreten. Die Flotre ſtach am 13. Februar 1502 in See. Im Anfang ihrer Neiſe hatten ſie einen furchtba⸗ ren Sturm zu beſtehen; eines der Schiffe ging mit hun⸗ dert und zwanzig Paſſagieren unter„und die anderen wur⸗ den gezwungen, alles Gut, was in dem Verdeck war, uͤber Bord zu werfen; dabei wurden ſie voͤllig auseinander gejagt. Die Kuͤſten von Spanien waren beſtreut mit Gegenſtaͤnden von der Flotte und es verbreitete ſich das Geruͤcht, daß alle Schiffe untergegangen ſeyen. Wie die Souveraine die⸗ ſes hoͤrten, uͤbermannte ſie der Schmerz ſo ſehr, daß ſie ſich acht Tage lang vor der Welt verſchloſſen und Nieman⸗ den zu ſich ließen. Das Geruͤcht bewies ſich als falſch, aber eines der Schiffe war zu Grunde gegangen. Die anderen ſammelten ſich wieder bei der Inſel Gomera unter den ca⸗ nariſchen Inſeln, ſetzten ihren Lauf fort und kamen am 15. April in San Domingo an.*) — *) Las Casas hist. Ind. I. II, c. 3, MsS. —˖—QQ——Q——q— Irving's Cvlumbus, 7—9. 10 Viertes Kapitel. — Vorſchläge des Columbus hinſichtlich der Wieder⸗ eroberung des heiligen Grabes. (1500— 1501.) Columbus blieb über neun Monate in der Stadt Gra⸗ nada, und bemüͤhte ſich ſeine Angelegenheiten aus der Ver⸗ wirrung zu befreien, in welche ſie durch das raſche Verfah⸗ ren Bobadtlla's verwickelt worden waren; zugleich ſuchte er die Wiedereinſetzung in ſeine Aemter und Wuͤrden zu be⸗ werkſtelligen. Waͤhrend dieſer Zeit erhielt er ſich fortwaͤh⸗ rend das Wohlgefallen und die Aufmerkſamkeit der Souve⸗ raine, und empfing die wiederholten Verſprechungen, daß er endlich in alle ſeine Ehren wieder eingeſetzt werden ſolle. Er hatte indeſſen lange vorher den großen Unterſchied zwi⸗ ſchen Verſprechungen und deren Erfuͤllung am Hofe kennen gelernt. Waͤre er von einem muͤrriſchen und truͤbſinnigen Charakter geweſen, ſo haͤtte er hier reichliche Nahrung zu — 147— Menſchenhaß ſchoͤpfen koͤnnen. Er ſah, wie beguͤnſtigte Abenteurer ſich auf der von ihm eroͤffneten Laufbahn draͤng⸗ ten; er war Zeuge von ungewoͤhnlich glaͤnzenden Vorberei⸗ tungen, um einen Nachſolger zu dem Gouvernement zu ge⸗ leiten, welches man ihm ſo gegen alles Recht und auf ſo grauſame Weiſe genommen hatte; mittlerweile war ſeine eigne Carriere unterbrochen, und ſo weit eine Anſtellung ein Pfand der koͤniglichen Gunſt iſt, blieb er offenbar in Un⸗ gnade. Das ſanguiniſche Temperament des Columbus konnte ſich nicht lange unterdruͤcken laſſen; war es auf einer Seite niedergehalten, ſo brach es auf einer andern hervor. Seine traͤumeriſche Einbildungskraft war wie ein inneres Licht, welches in den dunkelſten Zeiten alle aͤußere Duͤſterheit ver⸗ ſcheuchte und ſein Gemuͤth mit glaͤnzenden Bildern und glorreichen Speculationen erfuͤllte. In dieſer Zeit der Noth drang ſein Geluͤbde, innerhalb ſieben Jahren von der Zeit ſeiner Entdeckung an funfzigtauſend Soldaten zu Fuß und fuͤnſtauſend Reiter fuͤr die Wiedereroberung des heiligen Grabes in's Feld zu ſtellen, wieder mit beſonderer Lebhaf⸗ tigkeit in ſeinem Gedaͤchtniß hervor, Die Zeit war verfloſſen, und das Geluͤbde unerfuͤllt geblieben, denn die Mittel, es auszufuͤhren, fehlten ihm. Die neue Welt hatte mit allen ihren Schaͤtzen bis jetzt nur Koſten ſtatt Gewinn einge⸗ bracht, und weit einfernt, in einer Lage zu ſeyn, um Ar⸗ meen durch eignes Aufgebot in's Feld zu ſtellen, war er ſelbſt ohne Eigenthum, ohne Macht und ohne Anſtellung. 10* — 148— Entbloͤßt von den Mitteln, ſeinen frommen Vorſatz aus⸗ zufuͤhren, hielt er es fuͤr ſeine Pflicht, die Souveraine zu dem Unternehmen anzufeuern, und es fuͤhlte ſich hierzu er⸗ muthigt, weil er zuerſt es als den großen Gegenſtand in Vorſchlag gebracht hatte, auf welchen der Gewinn ſeiner Entdeckungen verwandt werden koͤnne. Er hielt ſich daher mit ſeinem gewohnten Eifer daran, Argumente fuͤr dieſen Zweck zu ſammeln. Wenn er von Geſchaͤften frei war, ſuchte er in den Prophezeihungen der heiligen Schrift, in den Werken der Kirchenvaͤter und in allen Arten von heili⸗ gen und ſpeculativen Quellen nach myſtiſchen Wunderver⸗ heißungen und Revelationen, die ſich auf die Entdeckung der neuen Welt, auf die Bekehrung der Voͤlker und auf die Wiedereroberung des heiligen Grabes ausdeuten ließen: drei große Ereigniſſe, die nach ſeiner Meinung auf einander folgen ſollten. Dieſe Siellen brachte er mit Huͤlfe eines Karthaͤuſer⸗-Moͤnchs in eine gewiſſe Oednung, beleuchtete ſie durch Poeſieen und vereinigte ſie in einen Manuſcript⸗ Band, um das Werk den Souverainen zu uͤberreichen. Er ſetzte zu gleicher Zeit einen langen Brief mit ſeiner gewohn⸗ ten Lebendigkeit des Geiſtes und Einfalt des Herzens auf. Es iſt eine jener ſonderbaren Compoſitionen, welche die traͤumeriſche Seite ſeines Charakters offenbaren, und die myſtiſche und ſpeculative Leckuͤre bekannt machen, womit er ſeiner begeiſterten, hochſchwebenden Enbildungskraft Nah⸗ rung zu geben gewohnt war, 4 In dieſem Schreiben drang er in Ihre Majeſtaͤten, ei⸗ — 149— nen Kreuzzug zur Befreiung Jeruſalems von der Gewalt der Unglaͤubigen auszuſchreiben. Er bat ſie inſtaͤndig, ſei⸗ nen gegenwaͤrtigen Rath nicht als uͤberſpannt und unaus⸗ fuͤhrbar zu verwerfen, noch das Mißtrauen zu beachten, welches Andere auf dieſes Unternehmen werfen moͤchten; in⸗ dem er ſie erinnerte, daß ſein großer Entdeckungsplan an⸗ faͤnglich mit derſelben Verachtung behandelt worden ſey. Er bekannte auf's Kraͤftigſte ſeine Ueberzeugung, daß er von ſeiner fruͤheſten Kindheit vom Himmel erwaͤhlt worden ſey, dieſe zwei großen Pläne in Erfuͤllung zu bringen, naͤm⸗ lich die Enrdeckung der neuen Welt und die Eroberung des heiligen Grabes. Zu dieſem Ende ſey in ſeiner zarten Kind⸗ heit ein Trieb von Gott in ihm erwacht, das Seeweſen lib zu gewinnen, eine Lebensart, bemerkt er, die den Men⸗ ſchen anſpornt, in dle Geheimniſſe der Natur zu dringen; er ſey mit einem wißbegierigen Geiſt begabt worden, daß er alle Arten von Chrontken und Werke der Philoſophen geleſen habe. Waͤhrend er uͤbr dieſelben nachgedacht haͤtte, ſey ihm von der Gottheit das Verſtändniß„wie mit fuͤhlba⸗ rer Hand“ eroͤffnet worden, daß er die Schiffahrt nach In⸗ dien entdecken ſolle, und er ſey mit Eifer entflammt wor⸗ den, die Unternehmung auszufuͤhren.„Von dieſem Eifer beſeelt,“ faͤhrt er fort,„kam ich zu Ew. Majeſtaͤten; alle, die von meinem Project hoͤrten, machten ſich daruͤber lu⸗ ſtig; alle Wiſſenſchaften, die ich erlernt hatte, nuͤtzten mir nichts; ſieben Jahre brachte ich am koͤniglichen Hofe zu, disputirte uͤber die Moͤglichkeit mit Leuten von großem Ge⸗ — 130— wicht und in allen Zweigen des Wiſſens erfahren, und am Ende entſchieden ſie dahin, daß alles nichtig ſey. Ew. Ma⸗ jeſtaͤten allein beharrten im Glauben und in der Beſtaͤn⸗ digkeit. Wer mag zweifeln, daß dieſes Licht aus der heilt⸗ gen Schrift kam und Ew. Majeſtaͤten ſo gut wie mich mit Strahlen wunderbaren Glanzes erleuchtete?“ Dieſe ſo feierlich wiederholten und kunſtlos ausgedruͤckten Vorſtellungen von Seiten eines Mannes von einer lebendi⸗ gen Froͤmmigkeit wie Columbus, zeigen, wie wahrhaft ſeine Entdeckung aus dem Schaffen ſeines eignen Geiſtes und nicht aus der von Anderen erhaltenen Belehrung hervor⸗ ging. Er betrachtete ſie als eine goͤttliche Erweckang und als die Erfuͤllung deſſen, was unſer Erloͤſer und die Pro⸗ pheten verkuͤndet hatten. Immer ſah er ſie nur als ein Keineres vorbereitendes Ereigniß der großen Unternehmung an, das heilige Grab zu befreien. Er erklaͤrte es fuͤr ein Wunder, vom Himmel bewirkt, um ihn und Andere zu dieſem heiligen Zuge anzufeuern, und er verſicherte Ihre Majeſtaͤten, wenn ſie eben ſo dieſem wie ſeinem fruͤheren Vorſchlage Glauben ſchenkten, wuͤrden ſie ſicherlich mit eben ſo glorreichem Erfolg gekroͤnt werden. Er beſchwor ſie, nicht auf den Spott derer zu hoͤren, die ihn als einen Un⸗ gelehrten, als einen unwiſſenden Schiffsmann, als einen geiſtlicher Dinge Unkundigen verhoͤhnten; indem er ihnen zu bedenken gab, daß der heilige Geiſt ſich nicht lediglich an den Weiſen, ſondern auch an den Unwiſſenden verherrliche, jg, daß er Dinge, die da kommen ſollen, nicht allein durch — 551— vernuͤnftige Weſen, ſondern auch durch Wunder an Thieren und durch geheimnißvolle Zeichen in der Luft und am Him⸗ mel offenbare. Das hier von Columbus angerathene Unternehmen, ſo unbegruͤndet und uͤberſpannt es auch heutiges Tags erſchei⸗ nen mag, war in Uebereinſtimmung mit dem Ton der Zeit und des Hofes, wo es in Vorſchlag kam. Die reiche Ader myſtiſcher Gelehrſamkeit, welche ihm Aufnahme ver⸗ ſchaffte, entſprach gleichfalls einem Zeitalter, wo die Traͤu⸗ mereien der Kloͤſter immer die Operationen des Cabinets und des Lagers controlirten. Der Geiſt der Kreuzzuͤge war noch nicht erloſchen. Zum Schutz der Kirche und durch ihre Würdentraͤger aufgefordert, war jeder Ritter bereit, ſein Schwert zu ziehen; und die Religion gab der gewoͤhn⸗ lichen Aufregung des Kriegsgetuͤmmels eine Beimiſchung von frommem, gluͤhenden Enthuſiasmus. Ferdinand war ein ſtrenger, eifriger Katholik, und die Froͤmmigkeit Iſabellens kam der Bigotterie ſo nahe, als ihr offenes und hohes Ge⸗ muͤth es nur immer zuließ. Beide Regenten ſtanden unter dem Einfluß von geiſtlichen Politikern, welche beſtändig ihre Unternehmungen ſo leiteten, daß ſie der zeitlichen Gewalt und Glorie der Kirche zu gute kamen. Die noch ganz neue Eroberung von Granada wurde wie ein europaͤlſcher Kreuzzug angeſehen und hatte dem Herrſcherpaar den Bei⸗ namen„das katholiſche, erworben. Es war natuͤrlich, daß ſie daran dachten, ihren heiligen Sieg noch weiter auszu⸗ dehnen und den Unglaͤubigen ihre Herrſchaft in Spanien — 152— und ihre langverjaͤhrten Siege uͤber das Kreuz zu ver⸗ gelten. Wirklich hatte der Herzog von Medina Sidonia einen neuen Einfall in die Berherei gethan, in deſſen Verlauf er die Stadt Melilla genommen hatte, und ſeine Expedition wurde eine Erneuerung der heiligen Kriege gegen die Un⸗ glaͤubigen in Afrika genannt. 9) Es lag daher nichts in dem Vorſchlage des Columbus, was als w derſinnig angeſehen werden konnte, wenn man die Perlode und die Umſtaͤnde erwaͤgt, unter welchen er eintrat, wiewohl derſelbe auffallend ſeinen eigenen enthuſia⸗ ſtiſchen und traͤumeriſchen Geiſt charakteriſirt. Man muß ſich erinnern, daß er in den Hallen der Alhambra ausge⸗ ſonnen wurde, unter den glaͤnzenden Ueberbleibſeln mauri⸗ ſcher Groͤße, wo noch wenige Jahre zuvor Columbus die Fahne des Glaubens im Triumph uͤber die Symbole der Unglaͤubigen hatte erhoͤhen ſehen. Er ſcheint das Reſultat einer jener Momente hoher Erregung geweſen zu ſeyn, wo, wie bemerkt worden iſt, ſeine Seele von der Betrachtung *) Garibay hist. Espanja l. XIX. c. 6. Unter den Samm⸗ lungen, welche in der Bibliothek des verſtorbenen Prin⸗ zen Sebaſtian exiſtiren, gibt es ein Werk in Folio, wel⸗ ches unter andern eine Schrift oder einen Brief ent⸗ hält, worin eine Berechnung der Koſten einer Armee von zwanzigtauſend Mann zur Eroberung des heiligen Landes vorkommt. Sie iſt vom Jahr 1509 oder 1510 und die Handſchrift ſcheint aus derſelben Zeit zu ſeyn. — 453— ſeiner großen glorreichen Ausrichtungen erhoben war, wo er ſich von der Gottheit inſpirirt glaubte, den Willen des Himmels offenbar zu machen und die hohen und heiligen Endzwecke zu erfüllen, welche auf ihn geweiſſagt waren.*) *) Columbus ſtand nicht allein in dieſem Glauben; viele ſeiner eifrigen und gelehrten Anhänger theilten denſelben mit ihm. Der gebildete Juwelier Jayme Ferrer be⸗ merkt in dem Briefe, den er auf Befehl der Souveraine im Jahr 1495 an Columbus ſchrieb:„Ich ſehe hierin ein groſes Geheimniß: die göttliche und untrügliche Vor⸗ ſicht ſandte den großen Avoſtel Thomas von Weſten nach Oſten, um in Indien unſeren heiligen katholiſchen Glau⸗ ben zu bekennen; und Euch Senjor, ſandte ſie in ent⸗ gegengeſetzter Richtung von Oſten nach Weſten, bis Ihr in dem Orient, an den äußerſten Enden von Hinter⸗ Indien ankamt, damit die Leute dort hörten, was ihre Vorfahren bei den Predigten des Apoſtels Thomas ver⸗ nachläſſigt haben. Auf dieſe Weiſe wird erfüllt, was geſchrieben ſteht: in omnem terram exibit sonus eorum.“**† und ferner:„Der Dienſt, den Ihr inne habt, Senjior, ſtellt Euch in das Licht eines Apoſtels und Votſchafters Gottes, durch ſeinen göttlichen Rathſchluß geſandt, um ſeinen heiligen Namen in unbekannten Lan⸗ dern zu verbreiten.“— Letra de Mossen Jayme Fer- rer.— Nayarrete's Sammlung t. II. d. 68. Fuͤnftes Kapitel. Zuruͤſtungen des Columbus zu einer vierten Ent⸗ deckungsreiſe. (1501— 1502.) Der Plan der Eroberung des heiligen Grabes herrſchte nur voruͤbergehend in der Seele des Columbus. Seine Gedanken kehrten bald mit erneutem Eifer in die gewohnte Bahn zuruͤck. Er wurde des unthaͤtigen Lebens uͤberdruͤſſig und faßte bald einen leitenden Gegenſtand zu einer neuen Entdeckungsreiſe. Die Ausrichtung des Vasco de Gama mit dem lange verſuchten Seewege nach Indien durch Umſchif⸗ fung des Vorgebirgs der guten Hoffnung, war eines der Hauptereigniſſe des Tages. Pedro Alvarez Cabral, welcher deſſen Spuren folgte, hatte eine aͤußerſt erfolgreiche Reiſe gemacht, und kehrte, die Schiffe mit den Koſtbarkeiten des Oſtens beladen, zuruͤck. Die Reichthuͤmer Calcutta's, der — 155— Handel mit Edelſteinen aus den Minen Hindoſtans, mit Per⸗ len, Gold, Silber, Bernſtein, Elfenbein und Porcellan, mit ſeidenen Stoffen, koſtbaren Holzarten, Gummi, Aromen und Gewuͤrzen von allen Arten, waren nunmehr das herr⸗ ſchende Geſpraͤch des Tages. Die Entdeckung der wilden Regionen der neuen Welt brachte bis jetzt Spanien wenig ein; aber dieſer ploͤtzlich zu den uͤppigen Laͤndern des Oſtens geoͤffnete Weg mußte Portugal unmittelbar mit Reichthuͤ⸗ mern uͤberſchuͤtten. Columbus wurde durch dieſe Berichte zur Eiferſucht ge⸗ reizt. Er faßte nun die Idee erner Reiſe, auf welcher er mit ſeinem gewoͤhnlichen Enthuſiasmus nicht allein die Ent⸗ deckung des Vasco de Gama, ſondern ſelbſt die ſeiner eige⸗ nen fruͤheren Expeditionen uͤberfluͤgeln wollte. Aus ſeinen eigenen Beobachtungen auf der Reiſe nach Paria und aus den Berichten der anderen Seefahrer, beſonders des Rodrigo Baſtides, welcher die naͤmliche Fahrt, jedoch in eine weitere Entfernung gemacht hatte, ging hervor, daß die Kuͤſte des Feſtlandes ſich nach Weſten forterſtrecke. Die Suͤdkuͤſte von Cuba, die er fuͤr einen Theil des Continents von Aſien hielt, erſtreckte ſich nach derſelben Richtung weiter. Die Stroͤmungen der caraibiſchen See mußten zwiſchen dieſen beiden Laͤndern durchgehen. Er war daher uͤberzeugt, daß dort in der Gegend irgendwo eine Meerenge exiſtire, welche ſich in das indiſche Meer oͤffne. Die Lage, welche er dieſer an⸗ genommenen Meerenge gab, war ungefaͤhr die Stelle, welche — 156— gegenwaͤrtig der Iſthmus von Darien genannt wird.*) Konnte er nur einen ſolchen Durchgang finden und die von ihm entdeckte neue Welt mit den uͤppigen orientaliſchen Re⸗ gionen der alten Welt in Verbindung bringen, ſo war nach ſeiner Meinung ſeinen Anſtrengungen die Krone aufgeſetzt und dieſer große Gegenſtand ſeines Daſeyns erreicht. Wie Columbus ſeinen Plan den Souverainen vorlegte, hoͤrten dieſe ihn mit großer Aufmerkſamkeit an. Ernige von den Raͤthen des Koͤnigs ſollen bemuͤht geweſen ſeyn, ihm Schwierigkeiten in den Weg zu legen, mit der Bemerkung, daß die verſchiedenen Beduͤrfniſſe des Augenblicks und der geringe Belauf des koͤniglichen Schatzes jede neue Expedilion ſehr mißlich mache. Sie riethen ferner, daß man Columbus dazu nicht gebrauchen ſolle, bis ſein gutes Betragen auf Hispaniola durch Briefe von Ovando hinlaͤnglich außer Zweifel geſetzt ſey. Dieſe kleinlichen Rathſchlaͤge verfehlten ihren Zweck. Iſabella ſetzte unbedingtes Vertrauen auf die Unbeſcholtenheit des Columbus. Was die Koſten der Aus⸗. ruͤſtung betraf, ſo fuͤhlte ſie wohl, daß es ungroßmuͤthig und undankbar ſeyn wuͤrde, waͤhrend man eine ſo große Flotte und ein ſo gläͤnzendes Gefolge dem Ovando gegeben, um von ſeinem Gouvernement Beſitz zu nehmen, dagegen *) Las Casas 1. II. c. 4. Las Caſas bezeichnet die Nach⸗ barſchaft von Nombre de Dios als dieſen Platz. Baſtides hatte bis zu dieſer Stelle weſtlich die Küſte entdeckt und Columbus glaubte wahrſcheinlich, daß die Meerenge in nicht großer Entfernung davon exiſtire. — 157— dem Entdecker der neuen Welt ein Paar Schiffe zu ver⸗ weigern, die ihn in den Stand ſetzten, ſeine glorreichen Un⸗ ternehmungen zu verfolgen. Was Ferdinand anbelangte, ſo wurde ſeine Begierde von dem Gedanken entflammt, bald in den Boſitz eines directeren und ſicherern Weges nach jenen Laͤndern zu kommen, welche der Krone Portugal einen ſo glaͤnzenden Handel eroͤffneten. Auch mußte das Project den Admiral auf eine geraume Zeit beſchaͤftigen, und waͤh⸗ rend es ihn von ungeeigneten Anſpruͤchen abhielt, ſeine Ta⸗ lente auf dem der Krone ergiebigſten Wege wuchern laſſen. Wie ſehr auch der Koͤnig ſeine Faͤhigkeiten als Geſetzgeber in Zweifel zog, ſo hatte er doch die groͤßte Achtung vor ſeiner Geſchicklichkeit und ſeinem Urtheil als Seefahrer. Wenn ein ſolcher Durchgang, wie der vermuthete, wirklich ex ſtirte, ſo war Columbus von allen Menſchen in der Welt der Mann, ihn zu entdecken. Der Koͤnig nahm daher ſei⸗ nen Vorſchlag bereitwillig an; er wurde ermaͤchtigt, ſogleich eine Ausruͤſtung zu beſorgen und ging im Herbſt 1501 nach Sevilla, um die noͤthigen Vorbereitungen zu treffen. Obgleich dieſe wirkliche Unternehmung ſeine Aufmerk⸗ ſamkeit von ſeiner romantiſchen Expedition nach dem gelob⸗ ten Lande abzog, ſpukte dieſelbe doch noch immer in ſeinem Kopfe. Er ließ ſeine handſchriftliche Sammlung von Nach⸗ forſchungen unter den Prophezeihungen in den Haͤnden eines frommen Kloſterbruders Namens Ga⸗par Gorricio, der ihm Huͤlfe leiſtete, ſie zu ergaͤnzen. Dieſes Manuſcript uͤber⸗ reichte Columbus den Souverainen, von ſeinem ſchon er⸗ waͤhnten enthuſiaſtiſchen Briefe begleitet, zu Anfang des fol⸗ — 158— genden Jahres. Sodann ſchrieb er im Februar einen Brief an den Papſt Alexander VII. In dieſem Brief entſchul⸗ digt er ſich, daß er wegen unaufſchieblicher Geſchaͤfte nicht in Rom erſchienen ſey, wie er anfaͤnglich die Abſicht gehabt habe, um von ſeinen großen Entdeckungen Nachricht zu ge⸗ ben. Nach kurzer Erzaͤhlung derſelben bemerkt er, daß ſeine Expeditionen in der Abſicht unternommen worden ſeyen, den Gewinn auf die Wiedereroberung des heiligen Grabes zu verwenden. Er erwaͤhnt des Geluͤbdes, welches er in einem Schreiben an die ſpaniſchen Regenten abgelegt, daß er innerhalb ſieben Jahren fuͤnfzigtauſend Mann zu Fuß und fuͤnftauſend Reiter zu dem Endzweck ſtellen wolle, und eine aͤhnliche Streimacht in den fuͤnf folgenden Jahren. Er beklagt, daß dieſe fromme Abſicht durch die Liſt des Teufels gehindert werde, und ohne die goͤttliche Huͤlfe fuͤrchte er ſehr, daß ſie ganz vereitelt werde, da man das ihm auf ewige Zeiten zugeſicherte Gouvernement von ihm genommen habe. Er gibt Seiner Heiligkeit Nachricht, daß er im Be⸗ griff ſey, ſich zu einer anderen Reiſe einzuſchiffen, und ver⸗ ſpricht feierlich, nach ſeiner Ruͤckkehr ohne Zeitverluſt in Rom zu erſcheinen, alles muͤndlich genau zu erzaͤhlen, und dem heiligen Vater eine Darſtellung ſeiner Reiſen zu uberreichen, welche er vom Anfang bis zur gegenwaͤrtigen Zeit fortgeführt und im Styl von Caͤſars Commentarien niedergeſchrieben habe.*) *) Navarrete collect. Viag.. II. p. 145. —— — 459— Gleichfalls um dieſe Zeit war es alſo, wo er ſeinen Brief uͤber das heilige Grab mit der Sammlung von Prophe⸗ zeihungen den Souverainen uͤberſandte. Wir heſitzen keine Nachricht von der Art und Weiſe, wie der Vorſchlag auf⸗ genommen wurde. Ferdinand war bei aller Bigotterie ein ſchlauer, weltlich geſinnter Fuͤrſt. Statt eines ritterlichen Kreuzzuges nach Jeruſalem, zog er es vor, einen friedlichen Vergleich mit dem Großſultan von Egypten abzuſchließen, welcher mit der Zertruͤmmerung des Heiligthums gedroht hatte. Er ſandte daher den gelehrten Peter Martyr, durch ſeine hiſtoriſche Schriften ausgezeichnet, als Geſandten zu dem Sutltan, und durch ihn wurden alle alte Irrungen zwiſchen den beiden Maͤchten ausgeglichen und Vorſorge getroffen, daß das heilige Grab erhalten und alle dahin wallende Pilger beſchuͤtzt wuͤrden. Mittlerweile fuhr Columbus mit Vorbereitungen zu ſeiner vorgeſteckten Reiſe fort, ob er gleich nur langſam vorwaͤrts ſchritt, welches er, wie Charlevoix bemerkt, der Hinterliſt und den Zoͤgerungen Fonſeca's und ſeiner Agenten zu dan⸗ ken hatte. Er bat um die Erlaubniß, auf der Hinreiſe bei der Inſel Hispaniola verweilen zu duͤrfen, um ſich fuͤr eine ſo lange Reiſe mit Lebensmitteln zu verſehen. Dieſes ver⸗ ſagten ihm jedoch die Souveraine. Sie wußten, daß er viele Feinde auf der Inſel hatte und daß der Ort durch die Ankunft Ovando's und die Abſetzung Bobadilla's in großer Bewegung ſeyn werde. Sie willigten indeſſen ein, daß er auf dem Ruͤckwege ſich kurze Zeit dort aufhalten duͤrfe, wo dann, wie ſie hofften, die Inſel in einen Zuſtand — 160— von Ruhe zuruckgekehrt ſeyn werde. Columbus erhielt die Erlaubniß, ſeinen Bruder, den Adelantado, und ſeinen Sohn Fernando, der damals im vierzehnten Jahre ſtand, auf dieſe Reiſe mitzunchmen. Es wurde ihm auch erlaubt, zwei bis drei in der arabiſchen Sprache bewanderte Leute mit einzu⸗ ſchiffen, die ihm als Dollmetſcher dienen koͤnnten, im Fall er in den Gebieten des Groß⸗Chans oder eines anderen mor⸗ genlaͤndiſchen Fuͤrſten ankaͤme, bei welchem dieſe Sprache gr⸗ ſprochen wuͤrde oder doch zum Theil bekannt waͤre. In Antwort auf ſeine Briefe, die ſich auf die endliche Wieder⸗ einſetzung in ſeine Rechte und auf ſeine Familienangelegen⸗ heiten bezogen, erließen die Souveraine ein Schreiben vom 14. März 1502 aus Valencia de Torre datirt, worin ſie ihm abermals feierlich verſicherten, daß ihre Kapitulation mit ihm buchſtaͤblich erfuͤllt und die darin ertheilten Wuͤr⸗ den ihm und ſeinen Kindern unverkuͤrzt verbleiben ſollten; und wenn es noͤthig waͤre, ſie aufs Neue zu beſtaͤtigen, ſo wollten ſie dieſes thun und die Rechte ſeinem Sohne zu⸗ ſichern. Außerdem druͤckten ſie ihre Geneigtheit aus, weitere Ehren und Belohnungen auf ihn, ſeine Bruder und ſeine Kinder zu haͤufen. Sie baten ihn daher, im Fri den und Vertrauen von dannen zu ziehen und alle ſeine Angelegen⸗ heiten in Spanien der Obſorge ſeines Sohnes Diego zu uͤberlaſſen.*) ————— *) Las Casas hist. Ind I. II. c 4. — 161— Dieſes war das letzte Schreiben, welches Columbus von den Souverainen empfing, und die Zuſicherungen, welche es enthielt, waren ſo umfaͤnglich und unzweideutig, als er es nur wuͤnſchen konnte. Die neuen Ereigniſſe hatten ihn jedoch augenfaͤllig zweifelhaft uͤber ſeine Zukunft gemacht. Waͤhrend der Zeit, welche er in Sevilla vor ſeiner Abreiſe zubrachte, traf er Maßregeln, um ſeinen Ruf und die Anſpruͤche ſei⸗ ner Familie zu ſichern, indem er ſie unter die Gewaͤhrſchaft ſeines Geburtslandes ſtellte. Er ließ ſich Copien aller Briefe, Zugeſtaͤndniſſe und Privilegien von den Souveralnen, die ihn zum Admiral, Vicekoͤnig und Gouverneur von Indien ernannten, in beglaubigten Abſchriften von den Alcalden in Sevilla ertheilen. Er ließ von allen die Abſchriften doppelt ausfertigen, auch von dem Briefe an die Amme des Prin⸗ zen Juan, der eine umſtaͤndliche und beredte Wahrung ſei⸗ ner Rechte enthaͤlt; nebſt zwei Briefen an die Bank von St. Georg in Genua, welcher er den zehnten Theil ſeiner Revenuͤen anweiſt, um ſie zur Vermüderung der Abgaben fuͤr Korn und andere Lebensmittel zu benutzen— eine wahr⸗ haft wohlthaͤtige und patriotiſche Schenkung, welche der Un⸗ terſtuͤtzung der Armen in ſeiner Vaterſtadt galt. Dieſe zwei Abſchriften der Documente ſandte er durch verſchiedene Per⸗ ſonen ſeinem Freunde Doctor Nicolo Oderigo, vormals Ge⸗ nueſiſcher Geſandter am ſpaniſchen Hofe, und bat ihn, ſie in ſichere Verwahrung zu nehmen und ſeinem Sohn Diego daſſelbe einzuſchaͤrfen. Seine Unzufriedenheit uͤber das Be⸗ tragen des ſpaniſchen Hofes mag der Grund zu dieſer Vor⸗ ſichtsmaßregel geweſen ſeyn, damit eine Appellation an die Irving's Columbus, 7—9, 11 — 152— Mit⸗ oder Nachwelt in den Haͤnden ſeiner Nachkommen waͤre, fuͤr den Fall, daß er im Laufe dieſer Reiſe umtom⸗ men ſollte.*) *) Dieſe Documente lagen unbeachtet bei der Familie Ode⸗ rigo bis zum Jahr 1670, wo Lorenzo Oderigo ſie der Regierung von Genua übergab und man ſte in die Ar⸗ chive niederleate. In den Verwirrungen und Revolu⸗ tionen der ſpäteren Zeiten kam die eine Sammtung die⸗ ſer Abſchriften nach Paris und die andere verſchwand. Im Jahr 1816 wurde die letztere in der Bibliothek des verſtorbenen Grafen Michel Angelo Cambiaſo, Sena⸗ tors von Genua entdeckt. Der König von Sardinien, damals Souverain von Genua, verſchaffte ſich dieſelbe, und gab ſie der Stadt Genua im Jahr 1821 zurück. Eine Cuſtodia oder Monument wurde in dieſer Stadt zur Erhaltung derſelben errichtet; es beſteht aus einer marmornen Säule, welche eine Urne trägt, auf welcher eine Büſte des Co'umbus ſteht. Die Documente wurden in die urne gelegr. Dieſe Paviere ſind mit einer hiſto⸗ riſchen Abhandlung über Columbus von D. Gio. Battiſta Spotorno, Profeſſor der Beredſamkeit auf der Univerſität Genua, herausgegeben worden. Fuͤnfzehntes Buch. Erſtes Kapitel. Abfahrt des Columbus auf ſeine vierte Reiſe. Abweiſung deſſelben von dem Hafen von San Domingo. Heftiger Sturm. (1502.) Am 9. Mai 1502 ging Columbus von Cader auf ſeine veerte und letzte Entdeckungsreiſe unter Segel. Sein Ge⸗ ſchwader beſtand aus vier Caravelen, die groͤßte nur von ſiebzig Tonnen, die kleinſte von fuͤnfzig; das Schiffsvolk belief ſich zuſammen nur auf hundert und fuͤnfzig Mann. Mit dieſer kleinen Ausruͤſtung, mit dieſen gebrechlichen Bar⸗ ken unternahm er die Erforſchung einer Meerenge, deren wirkliche Exiſtenz ihn zu den entfernteſten Meeren und zu eiger Umſch iffung der Welt fuͤhren mußte. Das Alter kam raſch uͤber ihn herein, als er dieſe ausgedehnte und gefahr⸗ 11* — 164— volle Reiſe unternahm. Er ſtand nun ungefaͤhr im ſechs und ſechzigſten Jahre. Seine Conſtitution, urſpruͤnglich außerordentlich kraͤftig, war geſchwaͤcht durch Drangſale und Erduldungen unter jedem Himmelsſtrich, und durch die Lei⸗ den der Seele, die ihn oft erſchuͤttert hatten. Seine Ge⸗ ſtalt, einſt ſo gewaltig und ehrfurchtgebietend, war durch Krankheiten geknickt, doch immer noch bedeutend und maje⸗ ſtaͤtiſch genug in ihrem Verfall. Seine Geiſteskraͤfte allein beſaßen noch die gewohnte Energie, und trieben ihn mit jugendlichem Feuer hinaus zu der muüͤhſeligſten und gefaͤhr⸗ lichſten aller Unternehmungen, in einem Lebensalter, wo die Menſchen ſonſt Ruhe zu ſuchen gewohnt ſind. Auf dieſer ſchwierigen Reiſe hatte er indeſſen einen treuen Berather, einen unerſchrockenen und kraͤftigen Beiſtand an ſeinem Bruder Don Bartholomeo, waͤhrend ſein zuͤngerer Sohn Ferdinand ihn mit zaͤrtlicher Liebe pflegte. Er hatte ſolchen Troſt ſchäͤtzen gelernt, da er nur zu oft ein iſolirter Fremdling in der Mitte falſcher Freunde und hinterliſtiger Feinde geweſen war. Von Cader fuhr die Escadre nach Ercilla an die Kuͤſte von Marocco, wo ſie am 13. vor Anker ging. Die Sou⸗ veraine hatten gehoͤrt, daß die portugieſiſche Beſatzung in der Feſtung von den Mauren hart belagert und großer Gefahr ausgeſetzt ſey, und hatten daher dem Columbus be⸗ fohlen, hier zu landen und ihr allen moͤglichen Beiſtand zu leiſten. Als ſie ankamen, fanden ſie die Belagerung aufge⸗ hoben, aber der Gouverneur lag krank an einer Wunde, die er bei einem Sturm erhalten hatte. Columbus ſandte — 165— ſeinen Bruder, den Adelantado, ſeinen Sohn Fernando und die Kapitane der Caravelen an die Kuͤſte, um dem Gou⸗ verneur ſhre Aufwartung zu machen, unter Aundruͤcken der Freundſchaft und Artigkeit und unter Anerbietungen der Dienſte ſeines Geſchwaders. Ihr Beſuch und ihre Botſchaft wurden ſehr gut aufgenommen und mehrere Cavaliere ab⸗ geſandt, um dem Admiral einen Gegenbeſuch zu machen; unter ihnen brfanden ſich einige Verwandte ſeiner verſtor⸗ benen Frau Donna Felippa Monis. Nach dieſem Aus⸗ tauſch von Artigkeiten ging der Admiral noch an demſelben Tage wieder unter Segel und ſetzte ſeine Reiſe fort.*) Am 20. Mai kam er bei Groß⸗Canaria an und verweilte auf dieſer und den benachbarten Inſeln wenige Tage, um Holz und Waſſer einzunehmen, Am Abend des 25. nahm er ſei⸗ nen Abſchied nach der neuen Welt. Die Paſſatwinde weh⸗ ten ſo guͤnſtig, daß das kleine Geſchwader ſanft dahinflog ohne ein Segel zu wenden und am 15. Juni bei einer der caraibiſchen Inſeln ankam, welche die Eingebornen Manti⸗ nino nannten.**⁶) Hier verweilten ſie drei Tage, verſahen ſich mit Holz und Waſſer und ließen die Seeleute ihre Kleider auswaſchen. Darauf ſegelte das Geſchwader weſtlich nach der ungefaͤhr zehn Seemeilen entfernten Inſel Domi⸗ *) Hist. del Almirante, c. 88. *) Senjor Navarrete vermuthet, dieſe Inſel ſey die jetzt unter dem Namen Santa Lucia bekannte geweſen, Nach der von Fernando Columbus angegebenen Entfernung zwiſchen ihr und Dominica iſt es jedoch wahrſcheinlich die Inſel Martinique geweſen. nica. Von hier ſetzte Columbus ſeinen Lauf laͤngs der oͤſt⸗ lichen Scite der Antillen nach Santa Cruz fork, dann laͤngs der Suͤdſeite von Portorico, und ſchiffte darauf hinuͤber nach San Dom'ngo. Dieſes war gegen den urſpruͤnglichen Plan des Admirale, indem er die Abſicht gehabt hatte, nach Ja⸗ maſca zu ſegeln*) und von da nach dem Continent h'nuͤber⸗ zugehen, um deſſen Kuͤſten wegen der vermutheten Meer⸗ enge zu erforſchen. Es war auch gegen die Befehle der Souveraine, die ihm verboten hatten, Hiepanola auf der Hinreiſe zu beruͤhren. Er entſchuldigte ſich damtt, daß ſein groͤßten Schiff ſehr ſchlecht ſegelte, man faſt kein Segel aufſpannen konnte, und die uͤbrigen Schifſe dadurch iwmer in Verlegenheit und Hemmung geriethen.**) Er wuͤnſchte daher, dieſes Schiff gegen eines der Flotte umzutauſchen, welche juͤngſt den Ovando zu ſeinem Gouvernement hinuͤber gebracht hatte, oder ein anderes Fahrzeug in San Domingo zu kaufen; und er war überzeugt, daß man ihm kein Ver⸗ brechen daraus machen werde, von den Befehlen abgewichen zu ſeyn, da es in einem Fall von ſolcher Wichtigkeit fuͤr die Sicherheit und den Erfolg ſeines Unternehmens geſche⸗ hen war. Es iſt nothwendig, dle Lage der Inſel in jenem Augen⸗ blick naͤher in's Auge zu faſſen. Ovando hatte San Oo⸗ mingo am 15. April erreicht. Er war mit den uͤblichen — *) Hist. del Almirante c. 88. *) Brief des Columbus von Jamaica, Journal von Por⸗ ras, Navarrete t. A1. — 167— Ceremonien an der Kuͤſte von Bobadilla empfangen wor⸗ den, welchen die vornehmſten Einwohner der Stadt umga⸗ ben. Er wurde nach der Feſtung begleitet, wo ſein Com⸗ miſſorium in gehoͤriger Form in Gegenwart aller Autoritaͤ⸗ ten verleſen wurde. Die gewoͤhnlichen Eide wurden abge⸗ nommen und alle Foͤrmlichkeiten beobachtet; man begruͤßte den neuen Gouverneur mit großen Gehorſams⸗ und Freu⸗ denbezeugungen. Ovando trat die Pflichten ſeines Dienſtes mit Ruhe und Klugheit an und behandelte Bobadilla mit einer Hefl chkeit, die der Rohheit voͤllig entgegengeſetzt war, mit welcher er den Columbus ſeiner Wuͤrden entſetzt hatte. Die Leerheit des bloßen Dienſtranges, von Verdeenſten ent⸗ bloͤßt, zeigte ſich in dem Falls Bobadilla's. In dem Mo⸗ mente, wo ſeine Gewalt zu Ende war, verſchwand ſeine ganze Wichtigkeit. Er fand ſich als einen einſamen und vernachlaͤßigten Mann wieder, von denen verlaſſen, die er am meiſten beguͤnſtigt hatte, und erfuhr die Werthloſigkeit jener Popularitaͤt, welche durch Nachſicht wit den verwerf⸗ lichen Leidenſchaften der Menge gewonnen wird. Doch ge⸗ ſchieht nirgends Erwaͤhnung, daß irgend eine Unterſuchung gegen ihn verhaͤngt worden ſey, und Las Caſas, der ſich am Ort befand, bemerkt, er habe nie ein hartes Wort von den Coloniſten uͤber ihn ſprechen hoͤren.*) Das Benehinen Roldans und ſeiner Mitſchuldigen dage⸗ gen erfuhr eine ſtrenge Unterſuchung, und Virle wurden verhaftet, um zur Verurtheilung nach Spani n geſandt *) Las Casas hist, Ind, lib. II. c. 3, 168— zu werden. ie erſchienen jedoch unerſchrocken, auf den vielvermoͤgenden Einfluß ihrer Freunde in Spanien ver⸗ trauend, und viele unter ihnen hofften auf die wohlbekannte Stimmung des Biſchofs Fonſeca, welcher alles zu begunſti⸗ gen pflegte, was mit Columbus im Widerſtreit war. Die Flotte, welche den Ovando hinuͤbergebracht hatte, lag nun wieder ſegelklar im Hafen und ſollte eine Anzahl der Hauptdelinquenten und viele von den Muͤßiggaͤngern und Taugenichiſen der Inſel mit zuruͤcknehmen. Bobadilla erhielt die Beſtimmung, in dem Hauptſchiff zuruͤckzureiſen, welches er mit einer ungeheuren Menge Gold, dem waͤh⸗ rend ſeines Gouvernements geſammelten Ertrag fuͤr die Krone belud, und welches, wie er zuverſichtlich erwartete, alle ſeine Fehler wieder gut machen ſollte. Es befand ſich ein großes Stuͤck gediegnen Goldes an Bord dieſes Schif⸗ fes, wovon in den alten ſpaniſchen Chroniken viel Ruͤhmens gemacht wird. Es war von einem indianiſchen Weibe in einem Bach auf dem Gute des Franzisco de Garey und des Miguel Diaz gefunden worden, und Bobadilla hatte es von den Eigenthuͤmern gegen eine paſſende Entſchaͤdigung ausgeloſt, um es dem Koͤnige zu ſchicken. Es ſoll dreitau⸗ ſend ſechshundert Caſtellanos gewogen haben.*)* Große Quantitaͤten von Gold ſchifften mit dieſer Flotte auch die Gefaͤhrten Roldans und andere Abenteurer ein, Reichthuͤmer, die den Leiden der ungluͤcklichen Inſulaner abgepreßt worden waren. Unter den vielen Perſonen, die *) Las Casas, c, 5, — — 469— in dem Hauptſchiff mitgingen, befand ſich auch der ungluͤck⸗ liche Guarioner, der einſt ſo maͤchtige Cazike der Vega. Er hatte auf Fort Conception ſeit ſeiner Gefangennehmung nach dem Feldzuge von Higuey im Kerker geſeſſen und ſollte nun als Staatsgefangener in Ketten nach Spanien geſandt werden. In eins der Schiffe hatte Alonzo Sanchez de Carvajal, der Agent des Columbus, viertauſend Stuͤcke Gold gethan, welche ihm uͤbermacht werden ſollten; es war ein Theil ſeines Eigenthums, das entweder neu gewonnen oder aus den Haͤnden Bobadilla's befreit worden war.*) Die Zuruͤſtungen waren alle gemacht und die Flotte ſtand zum Abſegeln bereit, als am 29. Juni das Geſchwader des Columbus an der Muͤndung des Fluſſes erſchien. Er ſandte ſogleich den Pedro de Terreros, Kapitain einer der Cara⸗ velen an die Kuͤſte, um dem Ovando ſeine Aufwartung zu machen und ihm zu erklaͤren, daß der Zweck ſeines Erſchei⸗ nens nur der ſey, ein Fahrzeug fuͤr eine ſeiner Caravelen umzutauſchen, welche in außerordentlich ſchlechtem Zuſtande ſey. Er bat zugleich um die Erlaubniß, daß ſein Geſchwa⸗ der in dem Hafen Schutz ſuchen duͤrfe, da er aus verſchie⸗ denen Anzeigen ſchließe, daß ein Sturm im Anzuge ſey. Ovando ſchlug dieſe Bitte ab. Las Caſas haͤlt es fuͤr wahr⸗ ſcheinlich, daß er Inſtructionen von den Souverainen hatte, den Columbus nicht zuzulaſſen und daß ihn außerdem Ruͤck⸗ ſichten der Klugheit dazu beſtimmmen— da ſich in dieſem Augenblick eine Menge der heftigſten Feinde des Columbus ———;—/— *) Las Casas, c. 5, — 770— in San Domingo befanden, und viele darunter wegen der neuerdings uͤher ſie verhaͤngten Unterſuchungen in hohem Grade gegen ihn aufgereizt waren.*) ie Columbus die unguͤnſtige Antwort Ovando's erhielt und ſah, daß ihm jeder Schutz verweigert wurde, ſuchte er wenigſtens die Gefahr von der Flotte abzuwenden, die im Begriff war, abzuſegelr. Er ſandte daher den Beam⸗ ten zuruͤck zu dem Gouverneur, und bat ihn i ſtaͤndeg, nicht zu erlauben, daß die Flotte vor einigen Tagen in See ſteche, indem er ihn verſichern koͤnne, daß er unzweifelhafte Anzeichen eines nahen Sturms habe. Dieſe zweite Bitte war eben ſo fruchtlos wie die erſte. Das Wetter war füͤr ein ungeuͤbtes Auge ſchoͤn und ruhig; die Steuermaͤnner und Seeleute warteten ungeduldig auf die Abfahrt. Sie machten ſich uͤber die Verkuͤndigung des Admirals luſtig, verſpotteten ihn als einen falſchen Propheten und uͤberre⸗ deten den Ovando, die Flotte wegen eines ſo unbegruͤnde⸗ ten Vorwandes nicht zuruͤckzuhalten. Es war eine harte Behandlung, die Columbus erfuhr, als ihm auf dieſe Art die Erleichterung verſagt wurde, welche der Zuſtand ſeiner Schiffe erforderte, und daß man ihn in der Zeit der Norh von dem Hafen ausſchloß, den er en deckt hatte. Es ſcheint faſt, als ſey ſein Leben dazu be⸗ ſtimmt geweſen, von dem Undank der Welt ein Beiſpiel zu geben. Er fuhr voll Schmerz und Unwillen wieder von dem Fluße aus. Sein Schiffsvolk marrte laut, daß es von *) Las Cases l. c. —— 171— einem Hafen ausgeſchloſſen wurde, wo ſelbſt Fremde unter aͤhnlichen Umſtaͤnden zugelaſſen wuͤrden. Sie bereuten es, ſich mit einem Manne eingeſchifft zu haben, dem man eine ſolche Behandlung bieten koͤnne, und weiſſagten nichts als Ungluͤck von einer Reiſe, auf welcher ſie den Gefahren des Meeres ausgeſetzt ſeyen und den Schutz des Landes entbeh⸗ ren muͤßten. Da Colembus nach ſeinen Beobachtungen der Naturer⸗ eigniſſe, in welchen er tiefe Kunde beſaß, ſicher ſchloß, daß der von ihm erwartete Sturm nicht mehr weit ſeyn koͤnne, und da er ihn von der Landſeite erwartete, ſo hielt er ſich mit ſeinem kleinen Geſchwader dicht bei der Kuͤſte und ſuchte nach einem ſicheren Ankerplatz in irgend einer wilden Bucht oder einem Fluß der Inſel. Uaterdeſſen ging die Florte mit Bobadilla von Domingo unter Segel und vertraute ſich unbedenklich dem Mesre an. In zweien Tagen traf die Verkuͤndigung des Columbus ein. Einer jener furchtbaren Orkane(Hurricanes), welche zuwel⸗ len uͤber jene Breitegrade hinzitehen, hatte ſich langſam an⸗ geſammelt. Das truͤbe Ausſehen des Himmels, das wilds Andraͤngen des Oceans, das vermehrte Brauſen der Winde, alles gab Anzeichen von ſeinem Herannahen. Kaum hatts die Flotte die Oſtſpitze von Hlepaniola erreicht, als der Sturm mit fuͤrchterlicher Gewalt uͤber ſie hereinbrach und alles in Truͤmmer und Ruinen begrub. Das Sch ff, au deſſen Bord ſich Bobadilla, Roldan und eine Menge von den erbittertſten Feinden des Columbus beſanden, wurde mit ſeiner ganzen Mannſchaft verſchlungen, und mit ihm die — 172— weltberuͤhmte Maſſe Goldes und die Hauptbeſtandtheile der uͤbelerworbenen Schaͤtze, die mit dem Jammer und Elend der Indianer erkauft worden waren. Viele von den Schif⸗ fen gingen ganz zu Grunde, einige kehrten in ſehr elendem Zuſtande nach San Domingo zuruͤck, und nur ein einziges war im Stande, die Reiſe nach Spanien fortzuſetzen. Die⸗ ſes eine war nach Fernando Columbus das ſchwaͤchſte in der Flotte und hatte die viertauſend Stuͤcke Gold an Bord, welche das Eigenthum des Admirals waren. In der erſten Zeit des Sturms war das Geſchwader des Columbus von dem Land ertraͤglich geſchuͤtzt worden. Am zweiten Tag nahm der Sturm an Heftigkeit zu, und als die Nacht mit ungewöhnlicher Dunkelheit hereinbrach, verloren die Schiffe einander aus dem Geſicht und wur⸗ den getrennt. Der Admiral hielt ſich immer dicht an der Kuͤſte und erlitt keinen Schaden. Die anderen, welche ſich in einer ſo dunkeln und finſteren Nacht vor dem Land fuͤrch⸗ teten, fuhren auf die hohe See hinaus und mußten die ganze Wuth der Elemente aushalten. Mehrere Tage lang wur⸗ den ſie, ein Spiel der Winde und Wellen, umhergetrieben und hatten ſich jeden Augenblick eines Schiffbruchs zu ver⸗ ſehen, weßhalb ſie einander auch als verloren anſahen. Der Adelantado, der das Schiff commandirte, welches ſo ſchlecht zur See war, kam in die groͤßte Gefahr, und nur ſeine vollendete Geſchicklichkeit als Seemann machte ihn faͤ⸗ hig, ſein Schiff flott zu erhalten. Endlich nach vielerlei Bedraͤngniſſen kamen ſie alle gluͤcklich am Hafen Hermoſo weſtlich von San Domingo an. Der Adelantado hatte ſein — —— V großes Boot verloren und alle Fahrzeuge, mit Ausnahme des Schiffes des Admirals, hatten mehr oder minder Scha⸗ den gelitten. Wie Columbus die merkwuͤrdige Niederlage erfuhr, die ſeine Feinde faſt vor ſeinen Augen vernichtet hatte, ſo wurde er von Ehrfurcht gegen die Vorſehung er⸗ fuͤllt und er ſah ſeine eigne Erhaltung als wenig minder denn ein Wunder an. Sein Sohn Fernando und der ehr⸗ wuͤrdige Las Caſas betrachteten das Ereigniß als eines je⸗ ner furchtbaren Gerichte, welche zuwellen die zeitliche Wie⸗ dervergeltung erſetzen. Sie legen Werth auf den Umſtand, daß, waͤhrend die Feinde des Admirals von der tobenden See verſchlungen worden, das einzige Schiff der Flotte, welches im Stande war, ſeine Relſe fortzuſetzen und den Hafen ſeiner Beſtimmung zu erreichen, die gebrechliche mit Columbus Eigenthum beladene Barke war. Das Boͤſe raffte aber in dieſem wie in den meiſten Faͤllen den Unſchuldigen mit dem Schuldigen hin. In demſelben Schiff mit Boba⸗ dilla und Roldan kam jener Gefangene, Guarionex, der un⸗ gluͤckliche Cazike der Vega, mit um's Leben. 4) *) Las Casas hist, Ind. 1. II. c. 5. Hist, del Almi- rante c. 88. Zweites Kapitel. Reiſe loͤngs der Küſte von Honduras. (1502.) Einige Taze blieb Columbus im Hafen Hermoſo, um ſeine Schiff auazuheſſern und ſeinem Schiffsvolk nach dem jaͤngſtgew ſenen Sturm Ruhe und Erholung zu geſtatten. Er hatte kaum dieſe Bucht verlaſſen, als er ſchon wieder durch einen Sturm gezwungen wurde, in einem andern Ha⸗ fen Zuflucht zu ſuchen, in Jacqu mel, oder wie ihn die Spanier nannten, Port Brazil. Von hier ſegelte er am 14 Jult ab und ſteuerte nach der Terra Firma. Das Wetter wurde vollkommen ruhig und die Stroͤmungen tru⸗ gen ihn davon, bis er ſich in der Naͤhe einiger kleinen In- ſeln bet Jamaika*) befand, welche keine natürleche Quellen hatten, doch wo die Seeleuten eine Menge Waſſer gewan⸗ nen, als ſie Loͤcher in den Sand an der Kuͤſte gruben. Die Ruhe dauerte fort und er gelangte zu der Gruppe von kleinen Inſ An oder Klͤppen an der Suͤdſeite von Cuba, welchen er im Jahre 1494 den Namen, die Gaͤrten, gege⸗ ben hatte. Kaum war er jedoch dort angelangt, als der *) Man hält ſie für die Morant⸗K lppen. — 175— Wind ſich von ein r guͤnſtigen Himmelsgegend her erhob und er im Stande war, nach ſeiner Beſtimmung unter Segel zu gehen. Er richtete nun ſeinen Lauf ſuͤdweſtlich und entdeckte nach wenigen Tagen, am 30 Juli, eine kleine, doch erhabene Inſel, durch die Mannigfaltigkeit der Baͤume, womit ſie bedeckt war, dem Auge angenehm. unter dieſen b fand ſich eine große Menge hoher Fichten, weßhalb ſie Columbus Isla de Pinos nannte. Sie hat jedoch immer ihren indianiſchen Namen Guanaga*) beibehalen, welchen man auf eine Anzahl von keineren Inſeln der Umgebung ausgedehnt hat. Dieſe Gruppe liegt wenige Sermeilen von der Küſte von Honduras, öſtlich von der großen Bal oder dem Golf dieſes Namens. Der Adelantado landete mit zwei wohlbemannten langen Booten bei der Haupt⸗Inſel, welche ausnehmend gruͤn und fruchtbar war. Die Bewohner glichen denen der andern Inſeln, außer daß ihre Stirn kleiner war. Waͤhrend der Adelantado ſich an der Kuͤſt⸗ befand, ſah er einen großen Canoe von einer entfernten und wichtigen Reiſe zuruͤckkom⸗ men. Er erſtaunte uͤber ſeine Groͤhe und Structur. Der⸗ ſ lbe war acht Fuß breit und ſo lang wie eine Galeere, ob⸗ gleich aus elnem einzigen Baumſtamm gezimmert. Im Mittelpunkt befand ſich eine Art von Zölt oder Kajuͤte aus Palmblaͤttern, in der Art der Gondeln in Venedig und binlänglich dicht, um Sonne und Regen abzuhalten. Unter dieſem ſaß ein Cazike mit Weibern und Kindern. Fuͤnf⸗ ——— *) Auf engliſchen Seekarten heißt ſie zuweilen Bonarca. — 176— undzwanzig Ind'aner ruderten am Canoe und derſelbe war mit allen Arten von Manufactur⸗Artikeln und Naturer⸗ zeugniſſen der benachbarten Laͤnder angefuͤllt. Es wurde vermuthet, daß dieſe Barke von der Provinz Yucatan ge⸗ kommen ſey, welche ungefaͤhr vierzig Seemeilen von dieſer Inſel entfernt liegt. Die Indianer in dem Canoe ſchienen keine Furcht vor den Spaniern zu haben und ſchifften ohne Anſtand laͤngs der Caravele des Admirals hin. Columbus war ſehr er⸗ freut, daß ihm nun auf einmal ohne Muͤhe und Gefahr eine Sammlung von Proben aller wichtigen Artikel dieſes Theiles der neuen Welt zugefuͤhrt wurde. Er unterſuchte mit großer Wißbegierde und Theilnahme den Inhalt des Canoes. Unter verſchiednen Utenſilien und Waffen, welche den unter den Eingebornen berxeits entdeckten glichen, ſah er andere von viel hoͤherer Ausbildung. Es waren Aexte, um Holz zu faͤllen, die nicht von Steinen, ſondern aus Kupfer gemacht waren; hoͤlzerne Schwerter mit Ninnen auf beiden Seiten der Klinge, in welchen ſcharfe Steine mit Faͤden aus Eingeweiden von Fiſchen befeſtigt waren; ganz dieſelbe Art von Schwertern, die man nachmals bei den Mexikanern antraf. Da gab es kupferne Glocken und andere Gegen⸗ ſtaͤnde von demſelben Metall, nebſt einer rohen Art von Tiegeln, worin daſſelbe geſchmolzen wurde; verſchiedne Ge⸗ fäße und Utenſilien artig aus Lehm geformt, auch aus Mar⸗ mor und hartem Holz, Tuͤcher und Maͤntel von Baum⸗ wolle, mit vielerlei Farben durchwirkt und geziert, große Quantitaͤten von Cacao, einer Frucht, die den Spaniern — 177— noch unbekannt war, welche aber, wie ſie bald erfuhren, bei den Eingebornen in hohem Werthe ſtand und von ihnen nicht allein als Nahrungsmittel, ſondern auch als Geld ge⸗ braucht wurde. Ferner hatten ſie ein Getraͤnk aus Mais oder indianiſchem Korn, welches dem Bier glich. Ihre Vorraͤthe beſtanden aus Brod, von Mais gebacken, und aus Wurzeln von verſchiedner Art, denen auf Hispaniola aͤhnlich. Von dieſen Artikeln waͤhlte ſich Columbus ſolche aus, welche er fuͤr hinlaͤnglich wichtig hielt, um ſie als Proben nach Spanien zu ſenden, indem er den Eingebornen dafuͤr europaͤiſche Kleinigkeiten gab, womit er ſie mend erfreute. Sie ſchienen weder Erſtaunen, noch zu zeigen, als ſie an Bord der Schiffe kamen und von Leu⸗ ten umringt wurden, die ihnen ſo ſeltſam und wunderbar vorkommen mußten. Die Weiber trugen Maͤntel, in welche ſte ſich einhuͤllten, wie die Mohrinnen von Granada, und die Maͤnner hatten baumwollene Tuͤcher um die Huͤften. Beide Geſchlechter ſchienen ſorgfaͤltiger in dieſer Bedeckung zu ſeyn und ein lebhafteres Gefuͤhl von Schamhaftigkeit zu beſitzen als irgend fruͤhere von Columbus entdeckte Staͤmme. Dieſe Umſtaͤnde, verbunden mit der groͤßeren Vollkom⸗ menheit ihrer Geraͤthſchaften und Manufacturgegenſtaͤnden, wurden von dem Admiral fuͤr Anzeichen gehalten, daß er ſich clviliſirteren Nationen naͤhere. Er verſuchte von dieſen Indianern genaue Kunde uͤber die umgebenden Laͤnder zu erhalten, aber da ſie eine von denen der Dollmetſcher ver⸗ ſchiedene Sprache redeten, ſo konnte er ſie r ſtehen. Sie unterrichtete Irving's Colu mbus. 7— ausneh⸗ Unruhe nur wenig ver⸗ ihn, daß ſie ſoeben aus einem 9. 12 3 3 Land im Weſten ankaͤmen, welches reich, angebaut und ge⸗ werbſam ſey. Sie verſuchten ihm einen Begriff von dem Wohlſtande und der Pracht jener Gegenden und von ihren Bewohnern zu geben und drangen in ihn, zu ihnen hin zu ſchiffen. Wie gut wuͤrde es fuͤr Columbus geweſen ſeyn, ihrem Rath zu folgen. In einem oder zwei Tagen waͤre er auf Yucatan angekommen, und die Entdeckung von Me⸗ rico und den andern reichen Gegenden von Neuſpanien wuͤrde die nothwendige Folge geweſen ſeyn; das Suͤdmeer haͤtte ſich ſeinen Blicken aufgeſchloſſen, und eine Reihe von glaͤnzenden Entdeckungen friſchen Ruhm auf ſein hereinbre⸗ chendes Alter gehaͤuft, ſtatt daß es in Duͤſterkeit, Vernach⸗ laͤßigung und getaͤuſchten Hoffnungen unterging. 3 Die ganze Seele des Admirals war jedoch in dieſem Au⸗ genblick mit der Entdeckung der Durchfahrt beſchaͤftigt. Da⸗ die von den Indianern beſchriebenen Gegenden im Weſten liegen ſollten, ſo konnte er ſie leicht ſpaͤter einmal beſuchen, wenn er mit den Paſſatwinden laͤngs der Kuͤſte von Euba ſegelte, die er fuͤr fortlaufend bis zu ihnen annahm. Jeßt wollte er das Hauptland aufſuchen, deſſen Berge im Suͤden ſichtbar und augenſcheinlich wenige Seemeilen entfernt wa⸗ ren.*) Wenn er ſich laͤngs derſelben immer oͤſtlich hielt, mußte er endlich dahin gelangen, wo er eine Srennung die⸗ ſes Landes von der Kuͤſte von Paria durch eine dazwiſchen laufende Meerenge annahm; wenn er durch dieſe hindurch *) Journal von Porras, Navarrete t.. — 179— fuhr, konnte er dann bald bei den Gewuͤrzinſeln und an den reichſten Laͤndern von Indien ankommen.*) Er wurde noch mehr darin beſtaͤrkt, auf dieſem oͤſtlichen Laufe zu beharren, als er von den Indianern die Nachricht erhielt, daß in dieſer Richtung ſich viele Plaͤtze befaͤnden, die einen Ueberfluß an Gold beſaͤßen. Viele von den Be⸗ lehrungen, die er bei dieſen Leuten ſammelte, erhielt er von einem alten Manne, welcher kluͤger als bie uͤbrigen war und ein alter Schiffer aus dieſen Meeren zu ſeyn ſchien. Columbus behielt ihn bei ſich, um ihm als Fuͤhrer laͤngs der Kuͤſte zu dienen, und entließ ſeine Landsleute mit vielen Geſchenken, Nachdem er die Inſel Guanaga verlaſſen hatte, hielt er ſich ſuͤdlich, nach dem Feſtlande hin, und nachdem er einige Seemeilen geſegelt war, entdeckte er ein Vorgebirg, wel⸗ chem er den Namen Caxinas gab, da es mit Fruchtbaͤumen bedeckt war, die bei den Eingebornen dieſen Namen hatten. Es iſt gegenwaͤrtig unter dem Namen Cap Honduras be⸗ kannt. Hier, an einem Sonntage den 14. Auguſt, landete der Adelantado mit den Kapitainen der Caravelen und vie⸗ len Seeleuten, um eine Meſſe zu hoͤren, welche feierlich unter den Baͤumen an der Meereskuͤſte gehalten wurde, nach dem frommen Gebrauche des Admirals, der es ſtets ſo machte, wenn es die Umſtaͤnde nur irgend erlaubten⸗ Am 17, landete der Adelantado wieder an einam Fluß, un⸗ — ²) Las Casas I. II. c. 20. Jamaika. Brief des Columbus von 12** 180— gefaͤhr funezehn Meilen von dem Vorgebirg entfernt; an deſſen Geſtade entfaltete er die Banner von Caſtilien, nahm in dem Namen Ihrer katholiſchen Majeſtaͤten von dem Lande Beſitz und nannte darnach dieſen Fluß Poſſeſſion.*) An dieſem Ort fanden ſie über hundert Indianer ver⸗ ſammelt, mit Brod und Mais, Fiſchen und Voͤgeln, Pflan⸗ zen und Fruͤchten von verſchiedner Art beladen. Dieſe leg⸗ ten ſie als Geſchenke vor dem Adelantado und ſeinen Leu⸗ ten nieder und zogen ſich in die Entfernung zuruͤck, ohne ein Wort zu reden. Der Adelantado befahl, daß man al⸗ lerlei Kleinigkeiten unter ſie vertheilen ſolle, welche ihnen außerordentlich wohl gefielen; ſie erſchienen am folgenden Tage an derſelben Stelle in groͤßerer Anzahl wieder und hatten noch einen groͤßeren Ueberfluß von Lebensmitteln bei ſich. Die Eingebornen dieſer Gegend und einer betraͤchtli chen Strecke nach Oſten hatten eine hoͤhere Stirne als die der Inſeln. Sie redeten verſchiedene Sprachen und wichen auch in ihrem Schmuck von einander ab. Einige waren ganz unbekleidet und der Leib war mittelſt des Feuers mit Figu⸗ ren von verſchiedenerlei Thieren bemalt. Einige trugen Schuͤrzen um die Huͤften, andere kurze baumwollene Waͤmm⸗ ſer ohne Aermel; einigen hing das Haar in vocken von der Stirn herab. Die Haͤuptlinge hatten Kappen von weißer oder farbiger Baumwolle. Wenn ſie ſich zu einer Feſtlich⸗ keit verſammelten, ſo bemalten ſie das G. ſicht ſchwarz oder *) Journal von Porras, Navarrete's Sanmmlung k. 1. 4 — 181— mit Strichen von verſchiednen Farben, oder mit Kraͤnzen um die Augen. Der alte indianiſche Fuͤhrer verſicherte den Admiral, daß ſich unter ihnen viele Menſchenfreſſer befaͤn⸗ den. Auf einem Thell der Kuͤſte trugen die Eingebornen die Ohren durchbohrt und haͤßlich ausgedehnt; dieſes be⸗ ſtimmte die Spanier, die Region„la Coſta de la Oreja“⸗ oder die Kuͤſte des Ohres zu nennen.*) Von dem Fluß Poſſeſſion ging Columbus laͤngs der jetzigen Kuͤſte von Honduras weiter; er hatte mit widrigen Winden und mit Stroͤmungen zu kaͤmpfen, die ſich aus Oſten wie der fortlaufende Strom eines Fluſſes ergoſſen. Er verlor beim Laviren oft in einem Gang, was er muͤh⸗ ſam in zwelen gewonnen hatte, indem er haͤufig nur zwei Seemeilen in einem Tage und nie mehr als fuͤnfe zuruͤck⸗ legte. Bei Nacht ging er am Lande vor Anker, weil er ſich fuͤrchtete, in der Dunkelheit laͤngs einer unbekannten Kuͤſte hinzuziehen, doch wurde er oft durch die Heftigkeit der Stroͤmungen wieder hinaus ins Meer genoͤthigt.**) In dieſer ganzen Zeit hatte er daſſelbe Wetter, wie er es an der Kuͤſte von Hispanfola gefunden und welches ihn ei⸗ nen Zeitraum von mehr als ſechszig Tagen bald ſtaͤrker bald ſchwaͤcher verfolgt hatte. Es war, ſo ſagt er, ein faſt be⸗ ſtaͤndiger Sturm vom Hemmel, mit heftigen Regenguͤſſen und ſolchem Donnern und Blitzen, daß es war, als ob der —- *) Las Casas lib. II. c. 21. Hist. del Almirante c. 9o.O *) Hist. del Almirante, c, 9t. — 182— juͤngſte Tag anbraͤche. Diejenigen, welche die üͤberſchwem⸗ menden Regen und reißenden Donnerſchlaͤge der Tropenlaͤn⸗ der kennen, werden dieſe Beſchreibung von den erlittenen Stuͤrmen nicht uͤbertrieben finden. Seine Schiffe waren ſo gequollen, daß die Spalten ſich oͤffneten, die Segel und das Takelwerk riſſen entzwei und die Vorraͤthe wurden durch den Regen und die Lecke verdorben. Die Seeleute waren von der Anſtrengung ermattet und von Schreckniſſen geaͤngſtigt. Sie beichteten oftmals einander ihre Suͤnden und bereiteten ſich zum Tode.„Ich habe viele Orkane er⸗ lebt,“ ſagt Columbus,„doch noch keinen, der ſo heftig ge⸗ weſen iſt und ſo lange gedauert hat., Er erwaͤhnt die ganze Reihe von Stuͤrmen, die er zwei Monate vorher er⸗ duldet, nachdem man ihm im Hafen von San Domingo Schhutz verweigert hatte. Einen großen Theil dieſer Zeit hatte er außerordentlich an der Gicht gelitten, welche durch ſeine Wachen und Sorgen verſtaͤrkt wurde. Sein Krank⸗ ſeyn verhinderte ihn aber nicht an der Erfuͤllung ſeiner Pflichten, er hatte eine kleine Kajuͤte oder Kabinet am Hintertheil des Schiffes, von wo er, auch wenn er aufs Bett gefeſſelt war, einen Blick hinausthun und uͤber das Segeln der Schiffe Befehle geben konnte. Mehrere Male war er ſo elend, daß er glaubte, er werde ſterben. Seine bekuͤmmerte Seele war in Unruhe uͤber ſeinen Bruder den Adelantado, welchen er gegen ſeinen Willen zu dieſer Fahrt beredet hatte, und der ſich auf dem ſchlechteſten Schiff des Geſchwaders befand. Er beklagte es ferner, daß er ſeinen Sohn Fernando mitgenommen und ihn in einem ſo zarten — 483— Alter ſolchen Gefahren und Bedraͤngniſſen ausgeſetzt habe, wiewohl der Knabe ſie mit dem Muth und der Staͤrke ei⸗ nes alten Seemannes ertrug. Oft auch wandten ſich ſeine Gedanken zu ſeinem Sohne Diego, und auf die Sorgen und Verwirrungen, mit welchen ſein Tod ihn uͤberhaͤufen werde.*v) Endlich, nachdem er uͤber vierzig Tage, ſeitdem er das Cap Honduras verlaſſen, gekaͤmpft hatte, um eine Strecke von ungefaͤhr ſiebzig Seemeilen zuruͤckzulegen, ka⸗ men ſie am 14. September an einem Vorgebirg an, wo die Kuͤſte, einen Winkel bildend, grade nach Suͤden lief, ſo daß ſie guten Wind und freie Schifffahrt erhielten. Sie umfuhren die Spitz und flogen nun mit ſchwellenden Segeln und freuderfuͤllten Herzen dahin, und der Admiral gab die⸗ ſem Cap, um ihre ploͤtzliche Erloͤſung aus Anſtrengungen und Gefahren zu verewigen, den Namen Gracias a Dios, oder Gott⸗Dank!**) *) Brief von Jamaika. Navarrete's Sammlung d. 1. **) Las Casos I. II. c. 21. Hist. del Almirante, c. 91. Drittes Kapitel. Reiſe längs der Mosquito⸗Küſte und Verkehr zu Cariari. (1503.) Nachdem Columbus das Vorgebirg Grackas a Dios um⸗ ſchifft hatte, ſegelte er gradezu nach Suͤden, laͤngs der jetzt ſogenannten Mosquſto⸗Kuͤſte. Das Land hatte einen ver⸗ ſchiedenartigen Charakter, zuweilen rauh, mit ſchroffen Vor⸗ gebirgen und in das Meer hinauslaufenden Spitzen, an an⸗ deren Stellen gruͤnend und fruchtbar, und von einer Menge Stroͤmen bewaͤſſert. In den Fluͤſſen wuchſen ungeheure Schil rohre, oft von der Dicke eines Manneſchenkels; es gab Fiſche und Schildkroͤten im Ueberfluß, und Alligatoren ſah man ſich an den Ufern ſonnen. An elner Stelle paſ⸗ ſirte Columbns eine Gruppe von zwoͤlf kleinen Inſeln, an deren Kuͤſten eine Frucht wuchs, welche den Limonten glich, weßhalb er ſie die Limonares*) nannte. *) P. Martyr dec. 5. 1. IV. Dieſes mag die ſogenannte Lime, eine kleine und äußerſt ſaure Art von Limonien oder Zitronen geweſen ſeyn. — 185— Als ſie ungefaͤhr zweiundſechzig Seemeilen laͤngs dieſer Kuͤſte zuruͤckgelegt und an Holz und Waſſer Mangel hat⸗ ten, ging das Geſchwader am 16. September in der Naͤhe eines ſtarken Fluſſes vor Anker und dis Boote wurden hin⸗ aufgeſandt, um die erforderlichen Vorraͤthe zu holen. Wie ſie zu den Schiffen zuruͤckkehrten, ging die See ploͤtzlich hö⸗ her, trat in den Fluß und verurſachte beim Begegnen mit der Stroͤmung des Fluſſes eine heftige Bewegung, in wel⸗ cher eins der Boote unterging und alle, die an Bord wa⸗ ren, umkamen. Dieſes traurige Ereigniß machte einen truͤ⸗ ben Eindruck auf das Schiffsvolk, welches von den erdulde⸗ ten Muͤhſeligkeiten ſchon ganz muthlos und voll Sorgen war, und Columbus, der ihre Niedergeſchlagenheit theilte, gab dem Fluß den Namen El Rio del Desaſtro, oder Strom des Ungluͤcks.*) Sie verließen dieſe ungluͤckliche Gegend und ſetzten ihren Lauf an der Kuͤſte mehrere Tage fort, bis Columbus ſo⸗ wohl die Schiffe, als auch die Mannſchaft von den Be⸗ ſchwerniſſen der erlebten Stuͤrme faſt ganz aufgerieben ſah und am 25. September zwiſchen einer kleinen Inſel und dem Feſtlande in einer dem Anſchein nach aͤußerſt bequemen Lage und entzuͤckenden Gegend vor Anker ging. Das Ei⸗ land war mit Hainen von Palmbaͤumen, Cocosnuß⸗Baͤu⸗ men, Bananen und einer koͤſtlichen duftenden Frucht be⸗ wachſen, welche der Admiral beſtaͤndig mit der Mirabolan⸗ *) Las Casas I. II. c. 21. Hist, del Almirante c. 91. Journal von Porras. — 186— Pflaume von Oſtindien verwechſelte. Die Fruͤchte und Bluͤ⸗ then und die wuͤrzigen Geſtraͤuche dufteten die lieblichſten Wohlgeruͤche, ſo daß Columbus ihm den Namen La Huerta oder der Garten gab. Die Eingebornen nannten es Gui⸗ ribi. Grade gegenuͤber, eine kleine Seemeile entfernt, be⸗ fand ſich ein indianiſches Dorf, Namens Cariari, an dem ufer eines ſchoͤnen Fluſſes gelegen. Die Gegend umher war friſch und gruͤn, angenehm abwechſelnd mit ſtattlichen Ho⸗ hen und mit Waͤldern, worin Baͤume von ſolcher Hoͤhe wa⸗ ren, daß Las Caſas ſagt, ſie ſchienen in den Himmel zu reichen. Wie die Bewohner die Schiffe anſichtig wurden, ſam⸗ melten ſie ſich an dem Geſtade, mit Bogen und Pfeilen, Streitkolben und Lanzen bewaffnet, und ruͤſteten ſich, ihre Kuͤſten zu vertheidigen. Die Spanier machten jedoch we⸗ der an dieſem noch am folgenden Tage einen Verſuch, zu landen, ſondern blieben ruhig an Bord, beſſerten die Schiffe aus, luͤfteten und trockneten ihre beſchaͤdigten Vorraͤthe und ruhten von den Beſchwerlichkeiten der Reiſe aus. Als die Indianer ſahen, daß dieſe wunderbaren Weſen, die auf ſo ſeltſame Weiſe an ihre Kuͤſte gekommen waren, ganz fried⸗ lich geſinnt ſeyen und keine Bewegungen machten, ſie zu beunruhigen, hoͤrte ihre Feindſeligkeit auf und Neugier ge⸗ wann die Oberhand. Sie machten verſchiedne friedliche Zei⸗ chen, ließen ihre Maͤntel wie Fahnen wehen und luden die Spanier zum Landen ein. Sie wurden noch kuͤhner, ſchwammen an die Schiffe und brachten Maͤntel und Roͤcke von Baumwolle, auch Zierrathen von der geringeren Art — 187— von Gold, Guanin genannt, welche ſie um den Hals tru⸗ gen. Dieſe boten ſie den Spaniern an. Der Admiral ließ jedoch allen Handel verbieten; er machte ihnen Geſchenke, nahm aber nichts dagegen, indem er ihnen einen vortheil⸗ haften Begriff von der Freigebigkeit und Uneigennuͤtzigkeit der weißen Maͤnner zu geben wuͤnſchte. Aber der Stolz der Wilden wurde durch die Ablehnung der angebotenen Gaben verletzt und ſie hielten es fuͤr Verachtung ihrer Ar⸗ beiten und Produkte. Sie ſuchten es ihnen zu vergelten, indem ſie dieſelbe Gleichguͤltigkeit vorgaben. Bei ihrer Ruͤck⸗ kehr an die Kuͤſte banden ſie alle ihnen geſchenkte euro⸗ paͤiſche Artikel zuſammen, ohne die geringſte Kleinigkeit da⸗ von zu behalten, und ließen ſie an dem Strand liegen, wo die Spanier ſie an einem der folgenden Tage fanden. Wie die Eingebornen merkten, daß die Fremden noch immer nicht an die Kuͤſte kommen wollten, verſuchten ſie auf alle Art ihr Vertrauen zu gewinnen und das Mißtranen zu verſcheuchen, welches ihre feindſeligen Bewegungen bei ihnen hervorgebracht haben mochten. Als eines Tages ein Boot vorſichtig an's Land ging, um einen guten Ort, wo ſie Waſſer holen koͤnnten, ausſindig zu machen, kam ein al⸗ ter Indianer von ehrwuͤrdigem Anſehen aus den Baͤumen hervor; er hielt eine weiße Fahne an dem Ende eines Sta⸗ bes, zum Zeichen des Friedens, und fuͤhrte zwei Maͤdchen, das eine ungefaͤhr vierzehn, das andre gegen acht Jahre alt, welche Stuͤcke von Guanin um den Hals trugen. Dieſe brachte er zu dem Boot und uͤberlieferte ſie den Spaniern, wobei er Zeichen machte, die Fremden ſollten ſie als Geißeln — 188— behalten, ſo lange ſie an der Kuͤſte verweilten. Hierauf kamen die Spanier mit Vertrauen heran und fuͤllten ihre Waſſertonnen; die Indianer blieben in einiger Entfernung ſtehen und beobachteten die ſtrengſte Sorgfalt, daß weder durch Worte, noch durch Bewegungen der mindeſte neue Verdacht erregt werde. Wie die Boote im Begriff waren, zu den Schiffen zuruͤckzukehren, machte der alte Indianer Zeichen, daß man die jungen Maͤdchen mit an Bord neh⸗ men ſolle, und ließ ſich damit nicht abweiſen. Die Maͤd⸗ chen zeigten beim Eintritt in die Schiffe weder Betruͤbniß noch Furcht, wiewohl von Weſen umgeben, die ihnen hoͤchſt ſeltſam und furchtbar vorkommen mußten. Columbus war ſorgſam, daß das auf dieſe Weiſe in ihn geſetzte Vertrauen nicht mißbraucht werde. Er bewirthete die jungen Maͤd⸗ chen, ließ ſie mit vielerlei Schmuck kleiden und zieren, und ſandte ſie wieder an die Kuͤſte. Die Nacht war jedoch ein⸗ getreten und die Kuͤſte war oͤde. Sie mußten auf das Schiff zuruͤckkehren und blieben da die ganze Nacht unter der wachſamen Obhut des Admirals. Am folgenden Mor⸗ gen gab er ſie den Ihrigen zuruͤck. Der alte Indianer nahm ſie mit Freuden auf und bezeugte ſeine Dankbarkeit füͤr die guͤtige Aufnahme, die ſie gefunden hatten. Als aber am Abend die Boote an's Ufer gingen, erſchienen die jun⸗ gen Maͤdchen, von einer Menge ihrer Freunde begleitet, und gaben alle Geſchenke zuruͤck, die ſie empfangen hatten, und man konnte es nicht uͤber ſie gewinnen, etwas davon zu behalten, wre koſtbar es auch in ihren Augen erſcheinen mochte; ſo ſehr war der Stolz dieſer Wilden beleidigt, daß man ihre Gaben abgewieſen hatte. — 189— Als am folgenden Tage der Adelantado an die Kuͤſte ging, traten zwei vornehme Bewohner vor ihm ins Waſſer, nahmen ihn aus dem Boot in ihre Arme, trugen ihn an's Land und ſetzten ihn mit großer Ceremonie auf eine Raſen⸗ bank. Don Bartholomeo verſuchte, Nachrichten uͤber das Land von ihnen zu erhalten und ließ durch den Notar des Geſchwaders ihre Antworten niederſchreiben. Dieſer ſetzte ſogleich Feder, Dinte und Papier in Bereitſchaft und fing an zu ſchreiben; ſowie nun die Indianer dieſen ſeltſamen und geheimnißvollen Proceß gewahr wurden, flohen ſie er⸗ ſchreckt, da ſie es fuͤr einen boͤsartigen Zauber hielten, wo⸗ mit man ihnen etwas anhaben wollte. Nach einigem Zeitver⸗ lauf kehrten ſie zuruͤck, ſtreuten mit Vorſicht ein wohlrie⸗ chendes Pulver in die Luft und verbrannten einen Theil davon in ſolcher Richtung, daß der Rauch davon vom Winde nach den Spaniern hingeweht wurde. Dieſes thaten ſie au⸗ genſcheinlich, um den moͤglicherweiſe boͤsartigen Zauber zu entkraͤften, denn ſie betrachteten die Fremden wie Weſen von einer geheimnißvollen und uͤbernatuͤrlichen Art. Die Seeleute ſahen dieſe Entzauberung mit eben ſo gro⸗ ßem Mißtrauen und beſorgten eine magiſche Wirkung; ja Fernando Columbus, welcher zugegen war und den Vor⸗ gang erzaͤhlt, ſcheint ſelbſt zweifelhaft, ob nicht die India⸗ ner mit Zauberei bekannt und dadurch verleitet worden ſeyen, auch andere darin bewandert zu glauben.*) *) Hist, del Almirante, cap. 91. — 190— Sogar— wir wollen eine Schwaͤche nicht verhehlen, welche mehr dem Aberglauben der Zeit als des Mannes gleichſieht— ſelbſt Columbus naͤhrte einen Glauben der Art; er verſichert den Souverainen in ſeinem Schreiben aus Jamaika, daß die Bewohner von Cariari und der Um⸗ gegend große Zauberer ſeyen, und bemerkt, daß die beiden indianiſchen Maͤdchen, die ſein Schiff beſucht hatten, mit einem magiſchen Pulver ihre Leiber umhuͤllt haͤtten. Er fuͤgt hinzu, die Schiffer ſchrieben allen Aufſchub und alle Widerwaͤrtigkeiten, die ſie an dieſer Kuͤſte erfahren, dem Einfluß eines boͤſen Zaubers zu, den die Eingebornen durch Hexerei uͤber ſie veruͤbt, und ſie beharrten auch auf dieſem Glauben.*) 3 Einige Tage lang blieb das Geſchwader an dieſem Ort; unterdeſſen wurden die Schiffe unterſucht und ausgebeſſert, und das Schiffsvolk freute ſich der Ruhe und Erholung auf dem Lande. Der Adelantado machte mit einem Trupp Be⸗ waffneter Exeurſionen an der Kuͤſte, um Erkundigungen einzuziehen. Lauteres Gold war hier nicht zu finden; aller Schmuck beſtand aus Guanin; aber die Eingebornen ver⸗ ſicherten den Adelantado, wenn ſie laͤngs der Kuͤſte fort⸗ fuͤhren, wuͤrden ſie bald an einem Lande ankommen, wo es Gold in großem Ueberfluß gaͤbe. Bei der Beſichtigung eints der Doͤrfer fand der Ade⸗ lantado in einem großen Hauſe mehrere Graͤber. Das eine enthielt einen einbaſſamirten menſchlichen Leichnam, in einem —— *) Beief von Jamaika. — 191— anderen waren zwei Leiber in Baumwolle gewickelt und ſo gut erhalten, daß ſie von allem unangenehmen Geruch frei waren. Man hatte ſie mit den Zierrathen verſehen, die ih⸗ nen im Leben am theuerſten waren, und die Graͤber waren mit rohem Schnitzwerk und Malereien verziert, welche ver⸗ ſchiedne Thiere darſtellten, auch an einigen Stellen die Bildniſſe der Verſtorbenen vorſtellen zu ſollen ſchienen.*) Bei den meiſten wilden Staͤmmen ſcheint große Verehrung gegen die Todten und eine aͤngſtliche Sorge, ihre Ueberreſte ungeſtoͤrt zu erhalten, vorgewaltet zu haben. Als Columbus im Begriff war, abzuſegeln, ließ er ſie⸗ ben Eingeborne ergreifen, von denen er zwei, offenbar die fähigſten, auswaͤhlte, um ihnen als Fuͤhrer zu dienen; den anderen erlaubte er, frei fortzugehen. Seinen letzten Fuͤh⸗ rer hatte er am Cap Gracias a Dios mit Geſchenken ent⸗ laſſen. Die Bewohner von Cariari zeigten ſich ſehr ge⸗ kraͤnkt uͤber dieſes Feſtnehmen ihrer Landsleute. Sie draͤng⸗ ten ſich an die Kuͤſte und ſandten vier von ihren Vornehm⸗ ſten mit Geſchenken auf die Schiffe, um die Losgebung der Gefangenen zu erflehen. Der Admiral verſicherte ſie, daß er ihre Freunde nur als Fuͤhrer auf eine kurze Strecke längs der Kuͤſte mit⸗ nehme und ſie bald wieder wohlbehalten ihrer Heimath zu⸗ ruͤckgeben werde. Er ließ den Abgeſandten verſchiedne Ge⸗ *) Las CGasas, I. II. c. 21. Hist. del Almirante, cap. 91. — 192— ſchenke uͤberreichen; aber weder ſeine Verſprechungen noch ſeine Gaben konnten den Schmerz und die Furcht der Ein⸗ gebornen lindern, wie ſie ihre Freunde von Weſen hin⸗ weggefuͤhrt ſahen, vor denen ſie ſo grauenhafte Furcht hatten,*) Viertes Kapitel. Reiſe längs der Coſta Rica. Betrachtungen über den Iſthmus von Veragua. (1502.) Am 5. October fuhr die Escadre von Cariari ab und ſegelte laͤngs der Kuͤſte hin, die jetzt Coſta Rica(oder die reiche Kuͤſte) genannt wird, nach den Gold⸗ und Silber⸗ Minen, die in ſpaͤteren Jahren in ihren Bergen gefunden wurden. Nach einer Fahrt von ungefaͤhr zwei und zwanzig Seemeilen gingen die Schiffe in einer großen Bai vor An⸗ ker, welche ungefaͤhr ſechs Seemeilen lang und drei breit war, voll Inſeln, mit Kanaͤlen zwiſchen ihnen, ſo daß ſie drei *) Las Casas, l. II. c. 21. Hist. del Almirante, Cap. 91, Brief des Columbus von Jamaika. — 193— oder vier Eingaͤnge hatte. Dieſe Bai nannten die Indianer Caribaro,*) und die Eingebornen von Cariari hatten ſie ihnen mit einem Ueberfluß von Gold geſchildert. Die Inſeln waren von einem ſchoͤnen Grüͤn und mit Hainen bedeckt, welche Wohlgeruͤche von Fruͤchten und Blü⸗ then verbreiteten. Die Canaͤle zwiſchen ihnen waren ſo tief und frei von Felſen, daß die Schiffe in ihnen fortſegelten, als ob es Canaͤle in den Straßen einer Stadt waͤren; das Stangen⸗ und Takelwerk ſtreifte die uͤberhaͤngenden Zweige der Baͤume. Nach dem Ankerwerfen landeten die Boote an einer der Inſeln, wo ſie zwanzig Canoes fanden. Das Volk war an der Kuͤſte unter den Baͤumen. Von den Indianera aus Cariari, welche die Spanier beglelteten, ermuthigt, ka⸗ men ſie bald mit Vertrauen heran. Hier trafen die Spa⸗ nier zum erſten Mal an dieſer Kuͤſte Stuͤcke von purem Golde.*) Die Eingebornen hatten große Bleche davon an baumwollenen Korteln um den Hals haͤngen, ſie trugen auch Zierrathen von Guanin, im Groben wie Adler ge⸗ formt. Einer von ihnen tauſchte ein Goldblech im Werth voon zehn Ducaten gegen drei Falkenſchellen aus. Am folgenden Tag fuhren die Boote nach dem Feſtlande im Hintergrunde der Bai. Die Gegend umher war hoch und rauh, und die Doͤrfer waren in der Regel auf die *) Auf einigen engliſchen Seekarten wird dieſe Bai Almi⸗ rante oder Carnabaco⸗Bai genannt. Der Canal, durch welchen Columbus einfuhr, heißt nach Bocg del Almi⸗ „ rante oder die Mündung des Admirals. ) Journal von Porras, NRaͤvarrete, t. 1, Irving's Columbus. 7—9. 13 — 194— Hoͤhen angeſiedelt. Sie begegneten zehn Canoes mit In⸗ dianern, die Koͤpfe mit Blumenguirlanden und Kronen aus den Klauen von vierfuͤßigen Thieren und aus Kielen von Voͤgeln geſchmuͤckt;*) die meiſten hatten Goldbleche um den Hals, aber ſie wollten ſie nicht hergeben. Die Spanier brachten zwei von ihnen zu dem aumital, um als Fuͤhrer zu dienen. Der eine beſaß ein Blech von purem Golde, vierzehn Ducaten werth, der andere einen Adler, zwei und zwanzig Ducaten werth. Als ſie ſahen, wie großen Werth die Fremden auf dieſes Metall legten, verſicherten ſie dieſelben, daß es in einer Entfernung von zwei Tagereiſen im Ueberfluß zu haben ſey und nannten verſchiedene Plaͤtze an der Kuͤſte, von wo man es her be⸗ komme, vorzüglich Veragua, welches ungefaͤhr fuͤnf und zwanzig Seemeilen entfernt lag.*) Die Habſucht der Spanier wurde durch den Anblick des Goldes, welches unter dieſen Indlanern in folcher Fuͤlle vorhanden ſchien, ausnehmend gereizt. Sie waͤren gerne dageblieben, um Tauſchhandel zu treiben, aber der Admiral benahm ihnen alle Hoffnung der Art. Er ſuchte bloß Pro⸗ ben und Belehrung uͤber die Reichthuͤmer der Gegend zu erhalten und eilte dann vorwaͤrts nach dem großen Gegen⸗ ſtande ſeiner Unternehmung, der ertraͤumten Meerenge. Am 17. October ſegelte er aus dieſer Bai oder vielmehr *) P. Martyr, dec. 5. I. IV. **) Brief des Columbus von Jamaika. — 195— aus dieſem Meerbuſen und fing an, die Kuͤſten dieſer Ge⸗ gend von beruͤhmtem Reichthum, die ſeitdem die Kuͤſte von Veragua genannt wurde, zu befahren; er kam an einem breiten Fluß an, welchen ſein Sohn Fernando den Guaig nennt. Hier erſchienen, ſo wie die Boote ſich dem Lande naherten, ungefaͤhr zweihundert Indianer an der Kuͤſte, mit Kolben, Lanzen und Schwertern von Palmenholz bewaffnet. Die Waͤlder hallten von den Toͤnen der hoͤlzernen Trom⸗ meln und von dem Klang der Muſchelhoͤrner, ihren uͤblichen Kriegsſignalen, wider, Sie ſprangen ins Meer bis über die Huͤften, ſchwangen die Waffen und ſpritzten das Waſſer nach den Spaniern, um ſie damit herauszufordern. Bald waren ſie durch freundliche Zeichen und durch das Dazwi⸗ ſchentreten der Dollmetſcher beſaͤnftigt und tauſchten willig ihren Schmuck an die Spanier aus, indem ſie ſiebzehn Gold⸗ bleche, hundert und funfzig Ducaten werth, fuͤr ein Paar Spielwaaren und Kindereien hingaben. Wie die Spanier am andern Tage zuruͤckkehrten, um den Tauſchhandel fortzuſetzen, fanden ſie die Indianer zu threr Feindſeligkeit zuruͤckgekehrt, ſie laͤrmten mit ihren Trommeln und Muſcheln, und ſtuͤrzten hervor, um die Boote anzugreifen. Ein Pfeil von einer Armbruſt, der einen in den Arm verwundete, legte ihre Wuth, aber bei dem Loͤſen einer Kanone flohen ſie erſchreckt davon, in der Meinung, daß ein Donner vom Himmel ſie uͤberfalle. Vier Spanier ſprangen an die Kuͤſte, verfolgten ſie und riefen ihnen nach. Sie legten die Waffen nieder und kamen, vom Schrecken verbluͤfft, wie zahme Laͤmmer zu den Fremden, 13* — 196— brachten ihnen drei Goldbleche und nahmen fromm und dankbar, was ihnen dagegen gegeben wurde. Seinen Lauf an der Kuͤſte fortſetzend, kam der Admiral in die Muͤndung eines anderen Fluſſes, Catiba genannt, wo er Anker warf. Hier begruͤßte gleichfalls ein kriegeri⸗ ſches Getoͤſe ihre Ankunft, und die Toͤne der Trommeln und Muſcheln aus den Waͤldern gaben Signale, daß die Krieger ſich verſammelten. Ein Canoe kam bald darauf mit zwei Indianern, um zu fragen, wer dieſe fremden Leute ſeyen, die an ihre Kuͤſte gekommen, und was ſie wollten. Nachdem ihnen von den Dollmetſchern einige Worte zur Auskunft gegeben worden, betraten ſie das Admiralſchiff mit furchtloſem Vertrauen, und befriedigt von den freund⸗ lichen Abſichten der Fremden, kehrten ſie mit vortheilhaften Nachrichten zu ihrem Caziken zuruͤck. Die Boote landeten und die Spanier wurden von dem Caziken freundſchaftlich empfangen. Er war gleich ſeinen Unterthanen nackt und in keiner Weiſe von ihnen ausgezeichnet, außer durch die große Ehrerbietung, womit ſie ihn behandelten und durch eine kleinliche Sorgfalt, die man ſeiner Bequemlichkeit widmete, indem ſie ihn zum Beiſpiel mit einem ungeheuren Baum⸗ blatt vor einem fallenden Regenguß ſchirmten. Er hatte ein großes Goldblech, welches er bereitwillig austauſchte, und ſeinen Leuten erlaubte er, es eben ſo zu machen. Neunzehn Platten von purem Golde erhielten ſie an dieſem Ort. Hier trafen die Spanier zum erſten Mal in der neuen Welt Spuren von ſolider Architektur an; ſie fanden eine große Maſſe von Stuck, aus Stein und Lehm geformt, wovon der — 197— Admiral etwas als Probe mitnahm,*) indem er es als ein Zeichen betrachtete, daß ſie ſich Gegenden naͤherten, wo ein hoͤherer Cultur Zuſtand herrſche. Er hatte noch die Abſicht andere Fluͤſſe an dieſer Kuͤſte zu beſuchen, da aber der Wind anfing, gut zu wehen, ſo vertraute er ſich ihm und ließ fuͤnf Staͤdte an ſich voruͤber⸗ fliegen, wo er, wie ſeine Dollmetſcher ihn verſicherten, große Quantitaͤten Gold haͤtte ſammeln. Eine derſelben nannten ſie Veragua; ſie hat der ganzen Provinz den Namen ge⸗ geben. Hier, ſagten ſie, ſeyen die reichſten Minen, und hier wuͤrden die meiſten Goldbleche gemacht. Am folgenden Tag kamen ſie einem Dorf gegenuͤber, welches ſie Cubiga nannten; Columbus wurde belehrt, daß hier die Goldregion aufhoͤre.*) Er beſchloß, nicht zuruͤckzukehren, um Nach⸗ forſchungen anzuſtellen; er betrachtete das Land als entdeckt und deſſen Minen der Krone geſichert, er war ungeduldig, an der bewußten Meerenge anzukommen, die nach ſeiner Vorausſetzung nicht weit mehr entfernt ſeyn konnte. Wirklich ſtand Columbus auf der ganzen Reiſe laͤngs der Kuͤſte unter dem Einfluß einer ſeiner haͤufigen Selbſt⸗ taͤuſchungen. Von den Indianern, die er bei der Inſel Guanaja getroffen hatte, als dieſe auf dem Ruͤckweg von Yucatan begriffen waren, hatte er Nachricht erhalten von einer großen und, ſo weit er ſie verſtehen konnte, civiliſirten Nation im Innern. Dieſe Andeutung hatte ſich, wie er *) Hist. del Almirante cap. 9a. **½) Hist, del Almirante, l. c. — 198— meinte, durch die verſchiedenen Stämme, welche er ſeitdem geſehen, beſtaͤtigt. In einem Briefe, den er nachmals an die Souveraine ſchrieb, benachrichtigte er dieſelben, daß alle Indianer dieſer Kuͤſte übereinkaͤmen, die Pracht der Gegend von Eiguare zu erheben, welche landeinwaͤrts weſtlich zehn Tagereiſen entfernt laͤge. Die Bevoͤlkerung dieſer Gegend trage Kronen, Armbaͤnder und Fußſpangen von Gold, und Kleider mit Gold geſtickt. Sie bedienten ſich dieſes Metalls bei allen ihren haͤuslichen Einrichtungen, ſelbſt zur Verzierung und zu Beſchlaͤgen ihrer Tiſche und Sitze. Als man ihnen Corallen vorgewieſen, haͤtten die Indianer erklaͤrt, die Wei⸗ ber von Ciguare truͤgen Schnuͤre davon um den Kopf und um den Hals. Bei Vorzeigung von Preffer und anderem Gewuͤrz ſey von ihnen derſelbe Ueberfluß bezeugt worden. Sie beſchrieben jenes Land als ein Handelsland mit großen Meſſen und Seehaͤfen, wo Schiffe mit Kanonen ankaͤmen. Das Volk ſey auch kriegeriſch, bewaffnet wie die Spanier mit Schwertern, Schilden, Bruſtharniſchen und Armbruſten, auch ritten ſte auf Pferden. Endlich verſtand Columbus ſie, daß das Meer rund herum nach Ciguare fuͤhre und daß zehn Tagereiſen dahinter der Ganges fließe. 4 Es moͤgen dieſes unbeſtimmte und verirrte Geruͤchte über die entfernten Koͤnigreiche Mexico und Peru geweſen ſeyn, und manche Oetails mag die geſchaͤftige Phantaſte des Co⸗ lumbus ſich dazu gemalt haben. Sie machten jedoch einen großen Eindruck auf ſein Gemuͤth. Er vermuthete, Eiguare muͤſſe eine Provinz ſeyn, die dem Groß⸗Chan oder irgend einem anderen morgenlaͤndiſchen Potentaten angehoͤre, und 1 — 199— da das Meer ſich dorthin herum erſtrecke, ſo vermuthete er die Lage derſelben auf der entgegengeſetzten Seite dieſer als einer Halbinſel, indem ſie dieſelbe Richtung gegen Veragua habe, wie Fontarabia gegen Tortoſa in Spanien, oder Piſa gegen Venedig in Italten. Bei Fortſetzung ſeiner Reiſe oöͤſtlich mußte er alſo bald an eine Meerenge kommen, gleich der van Gibraltar, durch welche er in ein anderes Meer eindringen und dieſes Land Eiguare beſuchen, endlich aber an den Ufern des Ganges ankommen koͤnne. Er erklaͤrte den Umſtand, daß er ſo nahe an dieſem Fluß angekommen ſey, mit der Idee, die er ſo lange genaͤhrt, daß die Geo⸗ graphen ſich in dem umfang der Erdkugel geirrt haͤtten, daß dieſelbe kleiner ſey, als man allgemein annehme, und daß ein Grad auf dem Aequator nur ſechs und fuͤnfzig und zwei Drittel Meilen betrage.*) Mit dieſen Einbildungen eilte Columbus vorwaͤrts und ließ die reiche Region von Veragua unerforſcht im Ruͤcken. Nichts konnte ſeinen edlen Ehrgeiz klarer zeigen, als dieſe eilige Fahrt an einer Kuͤſte hin, wo mit jedem Schritt Reichthuͤmer zu ſammeln waren, um eine Straße zu finden, die, welche große Wohlthat ſie auch fuͤr die Menſchheit wer⸗ den konnte, doch ihm ſelbſt nichts weiter eintrug, als den Ruhm, ihr Entdecker zu ſeyn. 4 *) Schreiben des Columbus von Jamaika. Navarrete's Sammlung, t. 1. — 200— Fuͤnftes Kapitel. A₰ Entdeckung von Puerto Bello und El Retrete. Columbus gibt die Nachforſchung nach der Meerenge auf. (1502.) Am 2. November ging das Geſchwader in einer geraͤu⸗ migen und bequemen Bucht vor Anker, wo die Fahrzeuge ſich ohne alle Gefahr dicht der Kuͤſte naͤhern konnten. Sie war von einem hohen und ſchoͤnen Lande umgeben, nicht mit dichten Waͤldern bewachſen, ſondern offen und angebaut mit Haͤuſern in Bogenſchußweite auseinander, von Frucht⸗ baͤumen, von Palmenhainen, von Feldern mit Mais und Pflanzen, und von der koͤſtlichen Ananas umgeben, ſo daß die ganze Umgegend ſich wie wechſelnde Gaͤrten nnd Obſtbaͤume ausnahm. Columbus hatte große Freude an der Trefflich⸗ keit des Hafenplatzes und an der Lieblichkeit der Umgegend, daß er der Bucht den Namen Puerto Bello gab.*) Es iſt *) Las Casas 1, II. c. 25. Hist, del Almirante. — 201— einer der wenigen Plaͤtze laͤngs dieſer Kuͤſte, bei welchen ſich die Namen von dem beruͤhmten Entdecker noch erhalten ha⸗ ben. Es iſt zu bedauern, daß ſie ſo ſelten beibehalten wur⸗ den, da ſie ſo oft Erinnerungen von Gefuͤhlen und Ereig⸗ niſſen ſind, welche die Entdeckung begleitet haben. Sieben Tage lang wurden ſie durch ſtarken Regen und ſtuͤrmiſches Wetter in dieſer Bucht feſtgehalten. Die Ein⸗ gebornen kamen von allen Himmelsgegenden in ihren Canoes herbei, brachten Fruͤchte, Pflanzen, Ballen Baumwolle, aber Gold konnten ſie nicht mehr zum Tauſchhandel bieten. Der Cazike und ſieben ſeiner vornehmſten Haͤuptlinge hatten kleine Plaͤttchen Gold in den Naſen haͤngen, doch die uͤbri⸗ gen Indlaner ſchienen von allem Schmuck dieſer Art ent⸗ bloͤßt zu ſeyn. Sie waren durchgaͤngig unbekleidet und roth bemalt; der Cazike allein war ſchwarz bemalt.*) Am 9. November gingen ſie von hier weg und fuhren acht Seemeilen oͤſtlich nach der Spitze, welche ſpaͤter Nombre de Dios genannt wurde; da ſie aber von widrigen Winden auf einige Entfernung zuruͤckgetrieben wurden, ſo warfen ſie in einem Hafen in der Naͤhe von drei kleinen Inſeln Anker. In dieſer und der umliegenden Gegend des Feſt⸗ laͤndes waren die Felder mit indianiſchem Korn und mit vielerlei Fruͤchten und Vegetabilien bebaut, weshalb Colum⸗ bus die Bucht Puerto de Baſtimentos oder Hafen der Vor⸗ raͤthe nannte. Hier verweilten ſie bis zum 23., indem ſie bemuͤht waren, ihre Fahrzeuge wieder herzuſtellen, welche *) P. Martyr, dec. 3. 1. IV, — 202— außerordentlich leck waren. Ueberall hatte ſie der Holz⸗ wurm zernagt, der in den tropiſchen Meeren ausnehmend haͤufig iſt. Sie haben die Groͤße eines Manns fingers und durchbohren die dickſten Bohlen und Balken, wo ſie dann bald jedes Schiff zerſtoͤrt haben, welches nicht gut mit Kupfer beſchlagen iſt. Nachdem ſie dieſen Hafenplatz ver⸗ laſſen hatten, kamen ſie an einem anderen, Namens Guiga an, wo gegen dreihundert Eingeborne an der Kuͤſte erſchie⸗ nen, einige mit Vorraͤthen, andere mit goldnen Zierrathen, die ſie zum Tauſchhandel anboten. Ohne hier einigen Halt zu machen, eilte der Admiral ſeinem vorgeſteckten Ziele zu, aber rauhe und unguͤnſtige Winde zwangen ihn abermals, in einem kleinen Hafen Zuflucht zu ſuchen; derſelbe hatte einen kleinen Eingang, nicht uͤber zwanzig Schritte breit, und war auf beiden Seiten mit Sandbaͤnken und Felſen beſetzt, deren Spitzen ſich uͤber die Oberflaͤche erhoben. Im Innern hatten nicht mehr als fuͤnf bis ſechs Schiffe Raum, doch war der Hafen ſo tief, daß ſie keinen guten Ankergrund fanden, bis ſie ſich ſo nahe ans Land begaben, daß ein Mann auf die Kuͤſte ſpringen konnte. Wegen der Lage der Bucht gab Columbus ihr den Na⸗ men El Retrete oder das Cabinet. Er war durch die fal⸗ ſchen Berichte der zur Unterſuchung hineingeſandten Matro⸗ ſen in dieſen unbequemen und gefaͤhrlichen Hafen gelockt worden, denn dieſe Leute waren immer froh, wenn ſie vor Anker lagen und mit der Kuͤſte Verkehr haben konnten.*) *) Las Casas I. II. c, 25. Hist. del Almirante, c, 92, —— . — 203— Die benachbarte Gegend war eben und fruchtbar, mit Pflanzen wohl, aber nur ſchwach mit Baͤumen bedeckt. Die Bucht wimmelte von Alligatoren, die ſich an dem Geſtade ſonnten und die Luft mit einem maͤchtigen moſchusartigen Geruch erfuͤllten. Sie waren furchtſam und flohen, als man ſie angriff, doch die Indianer verſicherten, wenn ſie einen Mann an der Köuͤſte ſchlafend faͤnden, packten ſie ihn und ſchleppten ihn ins Waſſer. Dieſe Alligatoren erklaͤrte Co⸗ lumbus fuͤr daſſelbe Thier mit dem Nil Crocodil. Neun Tage wurde die Escadre durch ſtuͤrmiſches Wetter in dieſem Hafen zuruͤckgehalten. Die Eingebornen dieſes Ortes waren ſchlank, ſchoͤn proportionirt und grazids, ſie beſaßen liebens⸗ wuͤrdige, freundliche Sitten und brachten, was ſie beſaßen, zum Tauſch fuͤr europaͤiſche Kleinigkeiten. So lange der Admiral Aufſicht uͤber die Handlungen ſeiner Leute fuͤhren konnte, wurden die Indianer mit Ge⸗ rechtigkeit und Guͤte behandelt, und alles ging auf freund⸗ ſchaftlichem Fuße. Die Naͤhe der Schiffe an der Kuͤſte gab indeſſen den Seeleuten Gelegenheit, in der Nacht ohne Er⸗ laubniß ans Land zu gehen. Die Eingebornen empfingen ſie in ihren Haͤuſern mit der gewohnten Gaſtfreundſchaft, aber die rauhen Abenteurer begingen, von Habſucht und Sinnlichkeit getrieben, bald Exceſſe, welche ihre großmuthi⸗ gen Wirthe zur Rache reizen mußten. Jede Nacht gab es Schlaͤgereien und Gefechte an der Kuͤſte und von beiden Seiten floß Blut. Die Anzahl der Indianer vermehrte ſich taͤglich durch Ankoͤmmlinge aus dem Inneren. Sie wurden maͤchtiger und kuͤhner, je mehr ſie ſich erboſten, und da ſie — 204— ſahen, daß die Schiffe dicht an der Küſte lagen, naͤherten ſie ſich ihnen in großer Menge, um ſie anzugreifen. Der Admiral gedachte ſie zuerſt durch blende Kanonen⸗ ſchuͤſſe zu zerſtreuen, aber der Jon ſchreckte ſie nicht mehr, ſie betrachteten ihn wie eine Art unſchaͤdlichen Donner. Sie antworteten ihm mit Schreien und Heulen, dabei warfen ſie ihre Lanzen und Kolben mit ſchrecklichen Gebehrden wider die Baͤume und Geſtraͤuche. Die Lage der Schiffe ſo nahe an der Kuͤſte ſetzte ſie den Angriffen aus und machte die Feindſeligkeit der Eingebornen ungewoͤhnlich furchtbar. Co⸗ lumbus befahl, ein⸗ oder zweimal geladen unter ſie ſchießen zu laſſen. Wie ſie die Verwuͤſtung ſahen, die dieſe furcht⸗ bare Waffe anrichtete, flohen ſie erſchreckt und wagten keine weiteren Feindſeligkeiten.*) Die Fortdauer der ſtuͤrmiſchen Winde aus Oſten und Nordoſten, nebſt den beſtaͤndigen widrigen Stroͤmungen, entmuthigten die Gefaͤhrten des Columbus und ſie fingen an, gegen jede weitere Verfolgung der Reiſe zu murren. Die Seeleute glaubten, es wirke irgend ein boͤſer Zauber, und die Commandirenden machten Vorſtellungen gegen die Ver⸗ ſuche, den Elementen zum Trotz ſich einen Weg zu bahnen, mit zerſtoßenen und vom Wurm zernagten Schiffen, die be⸗ ſtaͤndiger Ausbeſſerung bedurften. Wenige von den Gefaͤhr⸗ ten konnten mit Columbus in ſeinem Eifer für bloße Ent⸗ deckungen uͤbereinſtimmen. Sie wurden durch eigennützigere Motive angetrieben und blickten mit Leidweſen auf die reiche *) Las Casas I, II. c. 23, Hiist, del Almirante, e, 92, „ — 205— Kuͤſte hin, der ſie den Ruͤcken gekehrt hatten, um eine er⸗ traͤumte Straße aufzuſuchen. Es iſt wahrſcheinlich, daß Columbus ſelbſt an dem Gegenſtande ſeines Unternehmens zu zweifeln anfing. Wenn er das Naͤhere von der neuen Reiſe des Baſtides kannte, mußte er gewahr werden, daß er von einer entgegengeſetzten Seite ungefähr auf demſelben Punkte angelangt war, wo die Entdeckungsreiſe dieſes See⸗ fahrers von Oſten aus geendet hatte, daß alſo wenig Wahr⸗ ſcheinlichkeit der Exiſtenz jener Meerenge ſeyn konnte, die er ſich gedacht hatte.*) Auf jeden Fall beſchloß er die weitere Fortſetzung ſeiner Reiſe oͤſtlich fuͤrs erſte aufzugeben und nach der Kuͤſte von *) Es ſcheint mir zweifelhaft, ob Columbus mit den Ein⸗ zeinheiten dieſer Reiſe genau bekannt war, da ſte kaum vor ſeiner Abreiſe von Spanien dahin gelangen konnten. Baſtides war in Hispaniola von Bobadilla ergriffen wor⸗ den und befand ſich an Bord derſelben Flotte, die bei der Anweſenbeit des Columbus vor San Domingo in den Wellen begraben wurde. Er entging dem Schickſal, welches die meiſten ſeiner Gefährten fanden und kehrte nach Spanien zurück, wo er von den Souverainen für ſeine Unternehmung belohnt wurde. Wiewohl einige ſeiner Leute Spanien vor dem Abſegeln des Columbus erreicht und eine allgemeine Beſchreibung von der Reiſe gegeben hatten, ſo iſt es doch zu bezweifeln, ob er mit ihnen ſeine Papiere und Karten überſandte. Porras ſagt in ſeinem Journal von der Reiſe des Columbus, daß derſelbe dort angekommen wäre, wo die Entdeckun⸗ gen des Baſtides geendet hätten; aber dieſe Nachricht mna er ſpäter in San Domingo erhalten haben. — 206— Veragua zuruͤckzukehren, um den Minen nachzuforſchen, von denen er ſo viel gehoͤrt und ſo viele Spuren geſehen hatte. Wenn ſie ſeinen Erwartungen entſprachen, ſo konnte er damit dennoch im Triumph nach Spanien zuruͤckkehren und die Vorwuͤrfe ſeiner Feinde beſchwichtigen, wenn auch der Hauptgegenſtand ſeiner Expedition mißglückt war. Hier endeten denn die kuͤhnen Hoffnungen, die den Columbus uͤber alle gewinnſuͤchtige Abſichten erhoben, ihn Orangſale und Gefahren verachten gelehrt und dem fruͤheren Theil dieſer Reiſe den heroiſchen Anſtrich gegeben hatten. Zwar ging er nur einem Trugbilde nach, aber es war das Trugbild einer großartigen Einbildungskraft und eines durch⸗ dringenden Scharfblicks. Wenn er ſich in ſeiner Erwartung getaͤuſcht hatte, eine Straße durch den Iſthmus von Darien zu finden, ſo geſchah es, weil die Natur ſelbſt ſich darin getaͤuſcht hatte, denn ſie ſchien allerdings einen, wiewohl vergeblichen, Verſuch damit gemacht zu haben. Sechſtes Kapitel. — Rückkehr nach Veragua. Der Adelantado erforſcht das Land. (1502.) Am 5. December verließ Columbus El Retrete, und in⸗ dem er ſeine oͤſtliche Bahn aufgab, ſteuerte er wieder nach Weſten, um die Goldminen von Veragua zu unterſuchen. Noch an demſelben Abend ging er in Puerto Bello, unge⸗ faͤhr zehn Seemeilen entfernt, vor Anker; von da reiſte er am folgenden Tage ab, aber der Wind drehte ſich nun plötzlich und fing an, dem angenommenen neuen Laufe grade entgegen zu wehen. Drei Monate lang hatte er ſich vergeblich nach dieſem Winde geſehnt und nun erhob er ſich bloß um ihn zu hemmen. Jetzt war er wirklich in Ver⸗ ſuchung, ſeinen Lauf wieder nach Öſten zu richten, aber er wagte nicht ſich auf die Dauer des Windes zu verlaſſen, der in dieſen Laͤndern nur ſelten von jener Seite zu wehen ſchien. Er beſchloß daher, ſich in der gegenwaͤrtigen Rich⸗ tung zu erhalten, und hoffte, daß der Wind ſich bald wie⸗ der drehen werde. — 208— In kurzer Zeit fing der Wind an, mit ſo fuͤrchterlicher Heftigkeit zu blaſen und zu wechſeln, daß er alle Schiffer⸗ kunde zu Nichte machte. Unfahig, Veragua zu ererichen, waren die Schiffe genoͤthigt, nach Puerto Bello zuruͤckzu⸗ ſteuern, und wie ſie im Begriff waren, den Hafen zu er⸗ faſſen, trieb ſie ploͤtzlich ein neuer Windſtoß vom Lande ab. Neun Jage lang wurden ſie umher geweht und geſto⸗ ßen, dem wuͤthenden Sturm zur Beute, in einem unbekann⸗ ten Meere und oftmals der ſchrecklichen Gefahr ausgeſetzt, an dem den Winden gegenuͤberliegenden ufer zu ſcheitern. Es iſt wunderbar, wie ſolche offene Fahrzeuge, ſo zerſtoßen und zu Grunde gerichtet, einen ſolchen Aufruhr der Ele⸗ mente noch uͤberleben konnten. Nirgends ſind die Stuͤrme ſo furchtbar, wie in den tropiſchen Himmelsſtrichen. Das Meer gohr zuweilen wie ein ſiedender Keſſel, dann lief es wieder in ſchaumbedeckten Wogen zu Berge. Nachts glichen die tobenden Wellen großen Flammen, durch die leuchtenden Theilchen veranlaßt, welche die Oberflaͤche des Waſſers in dieſen Seen und in dem ganzen Laufe des Golfſtroms be⸗ decken. Einen Tag und eine Nacht gluͤhte der Himmel wie ein Ofen von dem beſtaͤndigen Leuchten der Blitze, indeß die lauten Donnerſchlaͤge von den erſchreckten Matroſen oft fuͤr Nothſchuͤſſe ihrer ſcheiternden Gefaͤhrten gehalten wur⸗ den. Waͤhrend der ganzen Zeit, ſagt Columbus, goß es beſtaͤndig vom Himmel, kein Regen, ſondern es war, als ob eine zweite Suͤndfluth im Andrang waͤre. Die Seeleute kamen in hren offenen Schiffen faſt in Gefahr, zu ertrin⸗ ken, Von Muͤhſeligkeiten und Schrecken entmannt, gaben 8 — 209— ſich Manche für verloren; ſie beſchteten einander nach den Gebräͤuchen der kathollſchen Kirche ihre Suͤnden und berei⸗ teten ſich zum Tode; viele riefen in ihrer Verzweiflung den Tod an, als einen willkommnen Befreier aus ſo uͤbermenſch⸗ lichen Schreckniſſen. 5 Mitten in dieſem wilden Toben der Elemente erblickten ſie einen neuen Gegenſtand des Entſetzens. Das Meer zeigte ſich an einer Stelle ſeltſam aufgeregt. Das Waſſer wirbelte ſich in Art einer Pyramide oder eines Kegels em⸗ por, waͤhrend eine ſchwarzgelbe ſp tzzulaufende Wolke ſich darauf herabſenkte. Sie verbanden ſich mit einander und bildeten eine ungeheure Saͤule, die ſich raſch den Schiffen naͤherte, indem ſie ſich auf der Oberflaͤche dis Meeres drehend fortbewegte und die Gewaͤſſer mit ſtarkem Rauſchen heraufzog. Wie die entſetzten Seeleute dieſe Waſſerhoſe auf ſie zukommen ſahen, verzweifelten ſie an aller menſch⸗ lichen Huͤlfe und fingen an, Stellen aus dem Evangelium Johannis herzubeten. Die Waſſerhoſe ſtrich dicht an den Schiffen vorbei, ohne ſie zu verletzen, und die zitternden Matroſen ſchrieben ihre Rettung der Wunderwirkung ihrer Formeln aus der beiligen Schrift zu. ³) 8 In derſelben Nacht verloren ſie eine der Caravelen aus dem Geſicht und drei dunkle und ſtuͤrmiſche Tage hindurch gaben ſie dieſelbe fuͤr verloren. Endlich ſtieß ſie zu ihrer großen Freude wieder zu dem Geſchwader, nachdem dieſelbe —— 3 *) Las Casas, I. II. c. 14. ceap. 94. Irving's Columbus. 7—9, 14 Hist, del Almirante, — 210— ihr Boot eingebuͤßt und das Kabeltau bei einem Verſuche gekappt, an einer ſtuͤrmiſchen Kuͤſte zu ankern, wonach ſie von dem Sturm hin und her getrieben worden war. Ei⸗ nen bis zwei Tage hatten ſie einen Zwiſchenraum von Wind⸗ ſtille, wo die vom Sturm umhergeworfenen Matroſen end⸗ lich zu Athem kamen. Sie betrachteten aber dieſe Stille als truͤgeriſch und ſahen in ihrer truͤbſeligen Stimmung al⸗ les mit zwelfelhaften und unheilwetſſagenden Blicken an, ine große Menge von Hayfiſchen, die in dieſen Breitegra⸗ den ſo haͤufig und gefaͤhrlich ſind, ſah man um die Schiffe ſchwaͤrmen. Dieſes wurde fuͤr eine uͤble Vorbedeutung ge⸗ halten; denn in dem Aberglauben der Seefahrer beſteht un⸗ ter andern auch der Satz, daß dieſer gefraͤßige Fiſch Leich⸗ name auf eine große Entfernung wittert, daß er eine Art von Vorgefuͤhl von ſeiner Beute hat und ſich um die Schiffe haͤlt, welche kranke Perſonen an Bord haben oder in Ge⸗ fahr ſind, zu ſcheitern. Se fingen mehrere von dieſen Fi⸗ ſchen, indem ſie große Haken an Ketten befeſtigten und manchmal nur einen farbigen Lappen als Koͤder brauchten. Aus dem Rachen eines dieſer Thiere nahmen ſie eine noch lebende Schildkroͤte und aus dem eines andern den Kopf eines Hayfiſches, den man kurz vorher aus einem der Schiffe geworfen hatte. So ununterſche dend iſt die Ge⸗ fraͤßigkeit dieſer Schrecken des Oceans. Ihrer aberglaͤubi⸗ ſchen Furcht ungeachtet bedienten ſich die Seeleute mit Ver⸗ gnügen einiger Stuͤcke dieſer Hayfiſche zu ihren Vorraͤthen, die ſehr auf die Neige gingen. Die Laͤnge der Reiſe hatte den groͤsten Theil der Secvorraͤthe erſchoͤpft, die Hitze und 4 — 211— Feuchtigkeit des Klima's und das Leckwerden der Schiffe hatte den Ucberreſt verdorben und ihr Zwieback war ſo mit Wuͤrmern bevoͤlkert, daß ſie ihn ungeachtet ihres Hungers nur im Dunkeln verzehrten, damit der Magen ſich nicht bei dem Anblick deſſelben empoͤre.*) Endlich am 17. waren ſie im Stande, in einen Hafen einzulaufen, der einem großen Canal glich, wo ſie ſich drei Tage Erholung goͤnnten. Die Eingebornen dieſer Gegend bauten ihre Cabanen in die Baͤume auf Pfaͤhle oder Stan⸗ gen, die ſie von einem Zweig zum andern legten. Die Spanier vermutheten, dieß geſchehe aus Furcht vor den waden Thieren oder vor Ueberfaͤllen benachbarter Staͤmme, da die Nationen dieſer Kuͤſte ſehr feindſelig gegen einander lebten. Es mag aber eine Vorſichtsmaßregel gegen Ueber⸗ ſchwemmungen der Gebirgsflutben geweſen ſeyn. Nachdem ſie dirſen Hafenplatz verlaſſen hatten, wurden ſte durch die veraͤnderlichen und ſtuͤrmiſchen Winde vorwaͤrts und rück⸗ waͤrts getrieben bis zum Tage nach Weihnachten; da fanden ſie Zuflucht in einem anderen Hafen, wo ſie bis zum drit⸗ ten Januar 1503 blieben, eine ihrer Caravelen ausbeſſer⸗ ten, und ſich mit Vorraͤthen von Holz, Waſſer und Mais oder indianiſchem Korn verſahen. Nachdem dieſes geſche⸗ hea, ſtachen ſie wieder in See, und am Tage Epiphantaͤ llefen ſie zu ihrer großen Freude in der Muͤndung eines Fluſſes ein, den die Eingebornen Yebra nannten, eine bis zwei Stunden von dem Fluſſe Veragua, und in dem Lande, — *) Hist. del Almirante, cap. 94. 14* — 212— welches ſo reich an Minen ſeyn ſollte. Dierem Fluſſe, wo⸗ rin ſie Anker warfen, gah Columbus von dem Tage der Ankunft, auf Epiphaniaͤ, den Namen Belen oder Beth⸗ lehem. 3 Faſt einen ganzen Monat hatte er ſich abgemuͤht, die Reiſe von Puerto Bello nach Veragua, eine Strecke von ungefaͤhr dreißig Seemeilen, zuruͤckzulegen. Er hatte ſo viele Drangſale und Widerwaͤrtigkeiten von wechſelnden Winden und Stroͤmungen und heftigen Stuͤrmen erfahren, daß er dieſer Zwiſchenlinte der Seeküſte den Namen La Coſta de los Contraſtes, oder die Kuͤſte der Widerwaͤrtigkei⸗ ten gab.*) 3 Columbus ließ ſogleich die Muͤndung des Belen und die des benachbarten Fluſſes Veragua ſondiren. Den letzteren fand man etwas zu ſeicht, um die Schiffe aufzunehmen, aber der Belen war etwas tiefer, und man glaubte, er werde ſich ohne Gefahr beſchiffen laſſen. Er ſah ein Dorf an deſſen Ufern und ſandte die Boote dahin, um ſich Auf⸗ klärungen zu verſchaffen. Bei ihrem Nahen kamen die Ein⸗ wohner mit Waffen in der Hand, um ſich ihrem Landen zu widerſetzen, wurden jedoch bald beſaͤnftigt. Sie ſchienen nicht geſonnen, über die Goldminen Auskunft zu geben, als man aber in ſie drang, ſo erklärten ſie, dieſelben laͤgen in der Naͤhe des Fluſſes Veragua. Die Boote wurden am *) Hist, del Almirante, cap. 94. 1 —— — 213— folgenden Tage nach dieſem Fkuß abgeſandt. Es widerfuhr ihnen der gewoͤhnliche Em pfang an dieſer Kuͤſte, wo viele der Staͤmme trotzig und kriegeriſch waren und von einigen fuͤr cara'beſchen Urſprungs gehalten wurden. Beim Eilau⸗ fen der Boote in den Fluß ſprangen die Eingebornen in ihre Canoes und andre verſammelten ſich an den Ufern, mit einer eiferſuͤchtigen Vertheidigung ihres Gebietes drohend. Die Spanier hatten jedoch einen Indjaner von dieſer Kuͤſte mitgenommen, durch deſſen Vermittlung ſich die feindlichen Orohungen legten, da er ſeinen Landsleuten die Verſich⸗ rung gab, die Fremdlenge kaͤmen nur, um Handel mit ih⸗ nen zu treiben. Die vielerlei Nachrichten von den Rrichthuͤmern dieſer Gsgenden ſchienen in dem, was die Spanier unter dieſem Volke hoͤrten, ihre Beſtaͤtigung zu finden. Sie brachten im Tauſch gegen wahre Kindereien zwanzig Goldbleche mit mehreren Pfeifen von demſelben Metall, ſowie auch rohe Maſſen Goldes dar. Die Indianer unterrſchteten ſie, daß die Minen in entfernten Gebirgen laͤgen, und wenn ſie nach denſelben gingen, ſeyen ſie an ſtrenge Faſten und Entbeh⸗ rungen gehalten.*) Der vortheilhafte Bericht, welchen die ²) Es ſcheint eine abergläubiſche Meinung hinſichtlich des Goldes bei den Eingebornen herrſchend geweſen zu ſeyn. Die Indianer von Hipaniola beobachteten dieſelbe Ent⸗ haltſamkeit, wenn ſie Gold ſuchten, indem ſie keine Nah⸗ rung zu ſich nahmen und ſich des weiblichen umgangs enthielten. Columbus, welcher das Gold als einen der beiligen und geheimnißvollen Schätze der Erde zu betrach⸗ „ — 214— Boote brachten, entſchied den Admiral, in der Nachbarſchaft zu bleiben. Da der Fluß Belen die groͤßte Breite hatte, ſo kamen zwei von den Caravelen am 9, Januar dahin, und die zwei anderen am folgenden Tage, mit der Fluth, welche an dieſer Kuͤſte nicht uͤber einen halben Faden be⸗ traͤgt.*) Die Eingebornen kamen auf das Freundlichſte ih⸗ nen entgegen, und brachten ihnen große Quantftaͤten Fiſche, die dieſer Fluß in außerordentlicher Menge hat. Sie brach⸗ ten auch allerlei goldnen Schmuck zum Tauſch, verſicherten aber fortwaͤhrend, daß Veragua der Ort ſey, wo das Gold herkomme. Der Adelantado machte ſich mit ſeiner gewohnten Thaͤ⸗ tigkeit und Unternehmungsluſt am dritten Tage mit den wohlbewaffneten Booten auf den Weg, um den Veragua ungefaͤhr anderthalb Seemeilen ſtromaufwaͤrts zu befahren und die Reſidenz des Haupt⸗Caziken, deſſen Name Quibian war, zu beſuchen. Als der Haͤuptling von ſeiner Abſicht hoͤrte, kam er, von ſeinen Unterthanen begleitet, in mehre⸗ ren Canoes den Fluß herunter und traf die Boote bei dem Ausgang des Fluſſes. Er war von ſchlanker, imponiren⸗ —— ten ſchien, wünſchte die Spanier zu ähnlichen Gebräuchen aufzumuntern und ermahnte ſie, ſich zu dem Suchen in den Goldbergwerken durch Faſten, Gebet und Keuſchheit zu reinigen. Es wird kaum nöthig ſeyn, hinzuzuſetzen, daß ſeine habſüchtigen und ſinnlichen Landsleute ſich we⸗ nig an ſeine Ermahnungen kehrten, 3 *) Hist, del Almirante, cap. 95. —. —— — 245— der Geſtalt und kriegeriſchem Anſehen; die Zuſammenkunft war ſehr freundſchaftlich. Der Cazike uͤbergab dem Ade⸗ lantado die goldnen Zierrathen, welche er trug, und erhielt als brillante Geſchenke ein Paar europaͤiſche Kleinigkeiten. Sie ſchieden ſehr befriedigt von einander. Am folgenden Tag beſuchte Quibian die Schiffe, wo ihn der Admiral gaſt⸗ freundlich aufnahm. Sie konnten ſich nur durch Zeichen verſtaͤndlich machen, und da der Haͤuptling einen ſchweigſa⸗ men und zurückhaltenden Charakter hatte, dauerte die Zu⸗ ſammenkunft nicht lange. Columbus machte ihm mehrere Geſchenke; das Gefolge des Caziken tauſchte fuͤr viele koſt⸗ bare Stucke Goldes die gewoͤhnlichen Kleinigkeiten ein, und Guibian kehrte ohne viele Ceremonien in ſeine Heimath zuruͤck. Die Schiffsleute hatten ſich Gluͤck gewuͤnſcht, daß ſie von den Stuͤrmen und Drangſalen des Meeres nun ſo gluͤck⸗ lich in Sicherheit waren. Am 24. Januar ereignete ſich ein ploͤtzliches Anſchwellen des Fluſſes. Die Gwaͤſſer ka⸗ men wie ein breiter Strom aus dem Innern; die Schiffe wurden von den Ankern geriſſen, von einer Seite auf die andere geworfen und gegen einander getrieben; der Vorder⸗ maſt des Admiralſchiffs ging bei dieſem Andraͤngen zu Grunde und die ganze Eskadre war in augenſcheinlicher Ge⸗ fahr, Schiffbruch zu leiden. Waͤhrend dieſer Unfall auf dem Fluß ſtattfand, wurden ſie in die See auezulaufen durch einen Sturm, der außen raſte, und durch die Brandungen der Sandbaͤnke und Felſen des Eingangs verhindert. Je⸗ nes ploͤtzliche Anſchwellen des Stroms ſchrieb Columbus ſtar⸗ — 216— ken Regenguͤſſen in ein r aus der Entfernung zu erkennen. den Bergkette zu, deren hoͤchſter Gipfel ſich tief in die Wolken verlor und welcher er den Namen Gebirg San Chri⸗ ſtoval gab.*) Das Wetter fuhr einige Tage fort ausnehmend ſtuͤr⸗ miſch zu ſeyn. Endlich, am 6 Februar, konnte der Ade⸗ lantado, da das Meer ziemlich ruhlg war, in Begleitung von achtundſechzeg wohlbewaffneten Leuten in den Booten ſich ausſchiffen, um den Veragua zu erforſchen und ſeine be⸗ ruͤhmten Minen zu ſuchen. Wie er den Fluß hinauffuhr und nahe zu dem Dorf des Caziken Qufbtan kam, welches an der Seite einer Anhoͤhe lag, kam der Cazike an'e Ufer herunter ihm entgegen, mit einem großen Gefolge ſeiner Leute, unbewaffnet, mit Zeichen des Friedens. Qutbian war nackt und nach der Art des Landes bemalt. Einer von ſeiner Begleitung holte einen großen Stetn aus dem Fluß, und wuſch und rieb ihn ſorgfaͤltig ab, wora, f der Cazike ſich darauf niederließ, wie auf einen Thron.**) Er empfing den Adelantado mit großer Hoͤflichkeit, denn die hohe, kraͤftige und eiſerne Geſtalt des Letzteren und ſein entſchloſſenes, gebi tendes Anſehen, war ganz gemacht, Scheu und Ehrfurcht bei einem ind'aniſchen Krieger zu erwecken. [— *) Las Gasas, I. II. c. 25. Hist, del Almirante, cap. 95.— **) P. Martyr decad. 3, 1. IV. — 217— Aber der Cazike war klug und auf ſeiner Hut. Seine Eifer⸗ ſucht war bei dem Eindringen der Fremddlinge in ſeine Terri⸗ torien erwacht; aber er erkannte die Ohnmacht eines offe⸗ nen Verſuches, ihnen zu widerſtreben. Er bezeugte ſich daher den Wuͤnſchen des Adelantado, das Innere ſeiner Herrſchaften zu ſehen, willfaͤhrig, und gab ihm drei Fuͤhrer, die ihn zu den Minen geleiten ſollten. 5 Der Adelantado ließ eine Anzahl ſeiner Leute als Wache bei den Booten zuruͤck und ging von den Fuͤhrern geleitet mit den Uebrigen zu Fuß fort. Nachdem ſie ungefaͤhr eine Strecke von vier und einer halben Stunde ins Innere zuruͤck⸗ gelegt hatten, ſchliefen ſie in der erſten Nacht an den Ufern ei⸗ nes Fluſſes, der mit ſeinen Windungen das ganze Land zu be⸗ wäſſern ſchien, und den ſie uͤber vierzigmal ſchon paſſirt hatten.“ Am zweiten Tag drangen ſie anderthalb Stunden weiter vor und kamen zwiſchen dichten Waͤldern an, wo die Fuͤhrer ihnen anzeigten, daß hier die Minen befindlich ſeyen. Wirklich ſchien der ganze Boden mit Gold geſchwaͤn⸗ gert zu ſeyn. Sie zogen das edle Metall aus den Wur⸗ zein der Baͤume, die von ungeheurer Hoͤhe waren und ein praͤchtiges Laub beſaßen. In Zeir von zwei Stunden, daß ſie hier verweilten, hatte jeder Mann eine klelne Quanti⸗ taͤt Gold geſammelt, die ſie nur von der Oberflaͤche der Erde zuſammenrafften. Von hier fuͤhrten die Geleitsmaͤn⸗ ner den Adelantado auf die Spitze einer betraͤchtlichen An⸗ hoͤhe und zeigten ihm eine Strecke Landes, ſo weit das Auge reichen konnte, und verſicherten ihn, daß das Ganze, auf zwanzig Tagereiſen weit nach Weſten„an Gold Ueber⸗ — 218— fluß habz, wobei ſie ihm mehrere der Hauptplaͤtze nann⸗ ten.*) 45 Der Adelantado kehrte mit ſeinen Leuten hochvergnuͤgt zu den Schiffen zuruͤck und uͤberraſchte den Admiral mit dem guͤnſtigen Bericht von ihrem Zuge. Bald zeigte es ſich jedoch, daß der ſchlaue Quibian ſie hintergangen hatte. Die Fuͤhrer hatten nach ſeinen Befehlen die Spanier zu den Minen eines benachbarten Caziken gefuͤhrt, mit welchem er im Krieg lebte, und er hoffte durch dieſe Liſt die ge⸗ faͤhrlichen Gaͤſte aus ſeinen eignen Beſitzungen in die Laͤn⸗ der ſeines Feindes hinuͤber zu leiten. Der Admiral erhielt die Kunde, daß die wahren Minen von Veragua ſowohl naͤher gelegen, als auch ergiebiger ſeyen. Der unermuͤdliche Adelantado machte ſich am 16. Fe⸗ bruar wieder mit einem bewaffneten Trupp von neunund⸗ funfzig Mann auf den Weg und hielt ſich weſtlich an der Kuͤſte; ein Boot mit vierzehn Mann ging neben ihnen zur See mit. Auf dieſer Expedition entdeckte er einen ausge⸗ dehnten Landſtrich und beſuchte die Gebiete verſchiedner Ca⸗ ziken, die ihn freundſchaftlich aufnahmen und mit vieler Gaſtfreiheit bewirtheten. Beſtaͤndig fand er Spuren, daß in dieſen Gegenden Gold im Ueberfluß vorhanden ſey; die Eingebornen trugen faſt durchgaͤngig große Bleche davon an baumwollnen Kor⸗ teln um den Hals. Sodann gab es hier Strecken, mit in⸗ dianiſchem Korn angebaut, eine dehnte ſich ſechs Stunden *) Brief des Abmirals von Jamaika. — 219— aus, und die Gegend enthielt eine Fuͤlle von auserleſenen Fruͤchten. Er hoͤrte wieder von einer Nation im Innern, in Kuͤnſten des Kriegs wie des Friedens erfahren, mit Klei⸗ dern bedeckt und mit Waffen gleich denen der Spanter. Entweder waren es unbeſtimmte und uͤbertriebene Erzaͤh⸗ lungen von dem großen Reiche Peru, oder der Adelantado hatte die Zeichen der Erzaͤhler falſch ausgelegt. Er kehrte nach einer Abweſenheit von mehreren Tagen mit einer gro⸗ ßen Menge Goldes und mit den erfreulichſten Berichten von dem Lande, zu ſeinem Bruder zuruͤck. Er hatte jedoch kei⸗ nen dem Belen vergleichbaren Fluß gefunden und war uͤber⸗ zeugt, daß Gold nirgends in ſolcher Fuͤlle wie in dem Diſtrikt von Veragna zu finden ſey.*) *) Las Casas, 1, II. c. 25, Hist, del Almirame, cap,. 95. Siebentes Kapitel. Gründung einer Niederlaſſung an dem Fluſſe Belen. Verſchwörung der Eingebornen. Zug des Ade⸗ lantado, um Quibian zu überfallen. (1503.) Die von allen Seiten dem Columbus zugehenden Be⸗ richte von dem Reichthum der Umgegend, der goldhaltige Strich Landes von zwanzig Tagereiſen, den man ſeinem Bruder von der Anhoͤhe gezeigt hatte, die Geruͤchte von einem reichen und civiliſirten Lande in nicht großer Entfer⸗ nung, alles uͤberzeugte ihn, daß er einen der geſegnetſten Theile des aſtatiſchen Feſtlandes erreicht habe. Sein leicht entzuͤndlicher Geiſt loderte auf's Neue in glaͤnzenden Hoff⸗ nungen auf. Er waͤhnte an einer Hauptquelle von Reich⸗ thuͤmern, bei einer der Fundgruben der unermeßlichen Schaͤtze des Koͤnigs Salomo angekommen zu ſeyn. Joſephus hatte in ſeinem Werk uͤber die Antiquitaͤten der Juden die Meinung aufgeſtellt, daß das Gold zum Bau des Tempels von Jeruſalem aus den Minen der Aurea Cherſoneſus ge⸗ ————— — 221— floſſen ſey. Columbus hielt die Minen von Veragua fuͤr dieſelben.„Sie liegen,“ ſo bemerkt er,„in derſelben Ent⸗ fernung vom Pol und von der Linie„ und wenn die Aus⸗ kunft, die er von den Indianern erhalten zu haben glaubte, zuverlaͤſſig war, ſo lagen ſie ungefaͤhr in derſelben Entfer⸗ nung vom Ganges.*⁴) 3 Hier war denn, wie ihm ſchien, der rechte Ort, um eine Colonie zu gründen und einen Marktplatz zu eroͤffnen, der ein Stapelort der Reichthuͤmer einer großen Reihe von Minen werden ſollte. In den zwei erſten Tagen nach ſeiner Ankunft in der Gegend hatte er, zufolge ſeines Schreibens an die Souveraine, mehr Anzeichen von Gold gefunden, als in Hispaniola waͤhrend vier Jahren. Dieſe Inſel, ſo lange der Gegenſtand ſeines Stolzes und ſeiner Hoffnungen, war ihm genommen und ein Schauplatz von Verwirrungen geworden; die Perlenküͤſte von Paria wurde von bloßen Abenteurern verwuͤſtet; alle ſeine Plaͤne mit bel⸗ den waren vereitelt worden; aber hier zeigte ſich eine weit reichere Region als jene, ganz dazu gemacht, ihn fuͤr alle erduldete Leiden und Entbehrungen ſchadlos zu halten. Nachdem er ſich mit ſeinem Bruder berathen hatte, be⸗ ſchloß er daher, hier ſogleich eine Nieederlaſſung zu gruͤn⸗ den, um den Beſitz des Landes zu ſichern, dann die Minen auszukundſchaften und zu bearbeiten. Der Adelantado war damit einverſtanden, mit dem groͤßeren Theil der Mann⸗ ſchaft hier zu bleiben, waͤhrend der Admiral nach Spanien —— ) Brief des Columbus von Jamaika. — 222— zuruͤckkehrte, um Verſtaͤrkung und Vorraͤthe zu holen. Es wurde die groͤßte Sorgfalt angewandt, dieſen Plan ſogleich in Ausfuͤhrung zu bringen, Achtzig Mann wurden ausge⸗ waͤhlt, um zuruͤckzubleiben. Man theilte ſie in Trupps von ungefaͤhr zehn Mann; dieſe ſingen an, niedrige Haͤuſer zu bauen, in vortheithafter Lage an dem Ufer einer kleinen Bucht, ungefaͤhr einen Bogenſchuß von der Muͤndung des Fluſſes Belen. Die Haͤuſer waren von Holz, mit Blaͤttern von Palmbaͤumen gedeckt, die an der umliegenden Kuͤſte wuchſen. Eines derſelben wurde groͤßer als die uͤbrigen ge⸗ baut, um ihnen als Magazin zu dienen, die Ammunition, Artillerie und einen Theil der Vorraͤthe aufzunehmen. Die Hauptgegenſtaͤnde waren zu groͤßerer Sicherheit an Bord einer der Caravelen gelaſſen, die zum Dienſt der Colonie zuruͤckbleiben ſollte. Sie hatten zwar nur einen duͤrftigen Vorrath von europaͤlſchen Lebensmitteln, hauptſaͤchlich Zwie⸗ back, Kaͤſe, G⸗muͤſe, Wein, Oel und Eſſig; aber das Land brachte herrliche Fruͤchte hervor, unter andern Bananen, die Frucht des Moßbaums, Ananas, Kokosnuͤſſe. Auch goo es Mais in Menge, und vielerlei Wurzeln, dieſelben wie auf Hispaniola. Die Fluͤſſe und die Meereskuͤſte hatten ei⸗ nen Ueberfluß an Fiſchen, zu deren Fang ſie mit allen noͤ⸗ thigen Geraͤthſchaften verſehen waren. Ferner brauten die Eingebornen Geträͤnke von verſchiedner Art, eines von dem Saft der Ananas, mit einem weinigen Geſchmack; ein an⸗ deres von Mais, welches dem Bier glich; noch ein anderes von den Fruͤchten einer Palmenart.*) Es zeigte ſich alſo *) Hist, del Almirante, cap. 96. — 223— keine Gefahr, vor Hunger umzukommen. Columbus gab ſich Muͤhe, den guten Willen der Indianer zu erhalten, da⸗ mit ſie den Beduͤrfniſſen der Colonte waͤhrend ſeiner Abwe⸗ ſenheit abhelfen moͤchten, und er machte dem Quibian viele Geſchenke, um ihn wegen ihres Eindraͤngens in ſine Ter⸗ ritorien zu verſoͤhnen.*) Nachdem die noͤthigen Einrichtungen fuͤr die Colonſe ge⸗ troffen und mehrere Haͤuſer unter Dach, auch zum Bewoh⸗ nen eingerichtet waren, rüͤſtete ſich der Admiral zur Ab⸗ reiſe; doch jetzt zeigte ſich ein unvorhergeſehenes Hinderniß. Die ſtarken Regenguͤſſe, welche ihm waͤhrend dieſer Expe⸗ dition ſo großen Schaden zugefuͤgt, hatten kuͤrzlich aufge⸗ doͤrt. Die Gebirgsuͤberſchwemmungen waren voruͤber, und der Fluß, der ihn damals durch ſein ploͤtzliches Anſchwellen in ſo große Gefahr geſetzt hatte, war nun ſo klein gewor⸗ den, daß er uͤber den Sandbaͤnken der Einfahrt kaum einen halben Faden Waſſer maß. Wiewohl die Fahrzeuge klein waren, konnte er ſie doch durchaus nicht uͤber die Sand⸗ flaͤchen hinziehen, welche um die Muͤndung des Fluſſes ſo zahlreich waren, und wodurch ein Kraͤuſeln und Wirbeln der Fluth entſtand, welches ſeine vom Wurm zernagten elenden Barken in Stuͤcke zerſchmettert haben wuͤrde. Er war daher genoͤthigt, in Geduld zu warten und um die Wiederkehr jener Regengüſſe zu flehen, woruͤber er ſich noch kuͤrzlich beklagt halte, damit eine zweite Ueberſchwemmung — *) Schreiben von Jamalka. den Fluß anſchwelle und ihm das Auslaufen ins Meer er⸗ laube. 3 3 Mittlerweile ſah Quibian, der Cazike von Veragua, mit geheimer Eiferſacht und Aergerlichkeit dieſe fremden Ei'n⸗ draͤnger Wohnungen errichten, in die Geheimniſſe des Lan⸗ des dringen und die Abſicht offenbaren, in ſeinen Gebieten einen bleibenden Wohnſitz aufzuſchlagen. Er beſaß einen kuͤhnen, kriegeriſchen Geiſt, und es ſtand ihm eine große Streitmacht zu Gebote; da er die große Ueberlegenheit der Europaͤer in der Kriegfuͤhrung nicht kannte, hielt er es fuͤr leſcht, mittelſt wohldurchdachten ſchlauen Plaͤnen ſie zu uͤberfallen und gaͤnzlich auszurotten. Er ſandte Boten um⸗ her und ließ alle ſeine waffenfaͤhige Mannſchaft ſich bei ſei⸗ ner Reſidenz an dem Fluß Veragua ſammeln, unter dem Vorwande, daß es einen Angriff auf eine benachbarte Pro⸗ dinz gelte. 1 Große Zuͤge von indianiſchen Kriegern kamen an dem Hafen, wo die Schiffe vor Anker lagen, vorbei, um in dm Hauptquartier ihres Haͤuptlings zu erſcheinen. Weder der Admiral, noch ſeine Offiziere ſchoͤpften Verdacht wegen ih⸗ res eigentl'chen Kommens. Doch befand ſich einer Namens Diego Mendez an Bord, ein Mann von Eifer und Muth, und dem Admiral ganz ergeben. Er war in dem Amte als Obernotarius mitgeſegelt und ſollte auf der Niederlaſ⸗ ſung als koͤniglicher Richnungsfuͤhrer zuruͤckbleiben. Men⸗ dez, der von einem ſchlauen und ſpuͤrſamen Charakter war merkte etwas in den Bewegungen der Indianer, was ihn argwoͤhniſch machte, es moͤge irgend eine Werraͤtherei 4 ——————— . im Hintergrunde liegen. Er theilte dem Admiral ſeinen Verdacht mit und machte ſich anheiſchig, in einem bewaffne⸗ ten Boot laͤngs der Seekuͤſte nach dem Fluß Veragua zu fahren, um das indianiſche Lager aufzuſuchen und dort zu recognosciren. Der kuͤhne Antrag wurde angenommen, Men⸗ dez lief von dem Fluß aus, war aber kaum eine Seemeile weit längs der Kuſte gekommen, als er eine große india⸗ niſche Streitmacht an derſelben erblickte. Er landete ſogleich allein und ließ das Boot flott halten, waͤhrend er ſich un⸗ erſchrocken zu den Indianern wagte. Es waren ungefaͤhr tauſend Krieger beiſammen, wie zu einer Expedition geruͤ⸗ ſtet und mit Vorraͤthen verſehen. Mendez bot ſich an, ſie mit ſeinem bewaffneten Fahrzeug zu den Feinden zu beglei⸗ ten. Die Indianer lehnten das Anerbieten jedoch mit ſicht⸗ barer Unruhe uͤber dieſe Zudringlichkeit ab. Er kehrte zu ſeinem Boot zuruͤck und beobachtete ſie die ganze Nacht, bis ſie, merkend, daß ſie ſcharf in's Auge genommen wur⸗ den, nach Veragua heimkehrten. 8 Mendez eilte zu dem Admiral zurück und benachrichtigte ihn von dem, was er geſehen; er war der Meinung, die Indianer ſeyen auf dem Wege geweſen, die Spanier zu uͤberfallen. Der Admiral wollte nicht an einen ſolchen Ver⸗ rath glauben und wuͤnſchze ſicherere Auskunft zu erhalten, ehe er einen Schritt thue, der das augenſcheinlich gute Ver⸗ ſtaͤndniß mit den Eingebornen aufhebe. Der eifrige und unermuͤdliche Mendez bot ſich nun an, zu Lande mit einem einzigen Begleiter vorzudringen und ſich als Spion bis in's Hauptquartier der Indianer, nach der Reſidenz des Qui⸗ Irving's Columbus. 7— 9. 15 — 226— bian zu ſtehlen. Dieß war ein Dkenſt auf Leben und Tod, aber ſolche gefaͤhrliche Unternehmungen bereiten Denen, die ſich dazu berufen fuͤhlen, wahres Entzuͤcken. Er ging mit ſeinem Gefaͤhrten, Namens Rodrigo de Escobar fort und ſie zogen an der Seekuͤſte hin, um die Dickichte zu vermei⸗ den, die fuͤr die Europaͤer faſt undurchdringlich waren. Auf dieſe Weiſe gelangten ſie bis zur Muͤndung des Veragua. Hier fanden ſie zwei Canoes von Indianern, mit welchen Mendez ſich mittelſt Zeichen in ein Geſpraͤch einließ. Von dieſen erfuhr er, daß ſein Argwohn begruͤndet ſey. Das Heer, welches er beobachtet hatte, war auf dem Wege nach dem Hafen geweſen, um die Schiffe und Haͤuſer der Spa⸗ nier zu verbrennen und ein allgemeines Blutbad anzurich⸗ ten. Sie wurden von ihrem Vorſatz abgebracht, als ſte ſich beobachtet ſahen, und betrachteten die Sache fuͤr den Augen⸗ blick als aufgegeben, doch in der Abſicht, den Ueberfall in zwei Tagen zu bewerkſtelligen. Mendez bat die Indianer, ihn den Strom hinauf nach der Reſidenz des Quibian zu gelei⸗ ten. Sie ſtellten ihm vor, er werde ſich gewiſſem Tod ausſetzen, doch er beſiegte ihr Widerſtreben mit mehreren Geſchenken und ſie ſetzten ihn wirklich bei dem Dorfe des Caziken an's Land.. Dieſes Dorf war nicht zuſammenhaͤngend, ſondern be⸗ ſand aus einer Anzahl auseinander leegender Haͤuſer, die zwiſchen Baumgruppen an den Ufern des Fluſſes lagen. Die Wohnung Quibian's war geraͤumig und lag hoͤher als die uͤbrigen, auf einem Huͤgel, der ſich an dem Rande des Fluſſes erhob. Mendez fand den ganzen Ort in einem laͤr⸗ * — ⁰ᷣ-— 5 — 227— menden Gewuͤhl von kriegeriſcher Zuruͤſtung. Die Ankunft der beiden Spanier erregte Erſtaunen und Unbehaglichkeit. Als ſie die Abſicht kund gaben, den Huͤgel bis zur Woh⸗ nung des Caziken zu erſteigen, widerſetzten ſich die India⸗ ner. Mendez, welcher gehoͤrt hatte, daß Quibian von ei⸗ nem Pfeil in dem Bein verwundet ſey, gab ſich fuͤr einen Wundarzt aus, der gekommen ſey, um die Wunde zu hei⸗ len; nach Austheilung einiger Geſchenke ließ man das Hin⸗ aufgehen zu. Das Haus des Caziken ſtand auf dem Gip⸗ fel der Anhoͤhe. Ein breiter und ebener offener Platz dehnte ſich vor demſelben aus und umher ſah man dreihundert Koͤpfe von Feinden, die in Schlachten getoͤdtet worden wa⸗ ren. Keinesweges erſchreckt von dieſem traurigen Eingang zu der Wohnung des grimmigen Kriegers, gingen Mendez und ſein Gefaͤhrte uͤber den Platz; da zeigte ſich eine An⸗ zahl von Weibern und Kindern um die Thuͤr verſammelt; ſie erhoben ein durchdringendes Geſchrei und flohen erſchreckt in das Haus. Ein junger kraͤftiger Indjaner, Sohn des Caziken, ſprang mit heftiger Wuth hervor und verſetzte dem eindrin⸗ genden Mendez einen Schlag, der ihn einige Schritte zu⸗ ruͤckweichen machte. Dieſer ſuchte ihn mit ſanften Worten zu beruhigen, zog eine Buchſe mit Saibe hervor und ver⸗ ſicherte ihn, er ſey bloß gekommen, um die Wunde ſeines Vaters zu heilen. Nur mit großer Muͤhe entfernte Men⸗ dez den Argwohn und die Wuth des jungen Mannes, in⸗ dem er ihm einen Kamm, eine Scheere und einen Spiegel ſchenkte und ihn und ſeine Indianer lehrte, ſich ihrer zum 45.* — 228— Schneiden und Friſiren der Haare zu bedienen, woruͤber ſie ſehr entzuͤckt waren. Es iſt ganz eigen, daß der Menſch im Zuſtande der Wildheit weit oͤfter durch Eitelkelt, als durch andere Schwaͤchen gewonnen wird. Als Mendez es unmoͤglich fand, Zutritt zu dem Caziken zu erhalten und nachdem er hinlaͤngliche Beweiſe geſammelt, um ſich zu uͤber⸗ zeugen, daß eine gefaͤhrliche Verſchwoͤrung den Spaniern drohe und nicht weit vom Ausbruch ſey, kehrte er in aller Eile zu dem Hafen zurüͤck.*) Oie Nachrichten des Mendez wurden von einem indiani⸗ ſchen Dollmelſcher, einem Einwohner aus der Nachbarſchaft beſtaͤtigt, der den, weißen Maͤnnern ſehr ergeben war, und als er die Plaͤne ſeiner Landsleute vernahm, ſie dem Ad⸗ miral verrieth.**) Es war nicht mehr zu bezweifeln, daß Quibian mit einer großen Streitmacht ihre Schiffe und Haͤuſer in der Stille der Nacht zu uͤberfallen, in Brand zu ſtecken und keinen Spanier entkommen zu laſſen Willens ſey. Es wurden ſogleich Vedetten ausgeſtellt, um die Es⸗ cadre und die Niederlaſſung zu bewachen, aber der krie⸗ geriſche Geiſt des Adelantado ſann ein kuͤhneres Mittel aus. Er wollte grades Weges auf die Reſidenz Quibians losge⸗ hen, ihn uͤberrumpeln, ihn ſelbſt, ſeine Familie und ſeine erſten Krieger gefangen nehmen und in Feſſeln nach Spa⸗ nien ſenden, das Dorf aber zum Nutzen der Coloniſten in 5 Beſitz nehmen. *) Erzählung des Diego Mendez in ſeinem letzten Willen. Navarrete collect. t. 1. *†) Brief von Jamaika. Hist. del Almirante, cap. 97. 2 — 229— Bei dem ſchnellen und entſchloſſenen Adelantado hieß ei⸗ nen Plan faſſen und ihn in Ausfuͤhrung bringen, daſſelbe, und die drohende Gefahr ließ wirklich auch keinen Aufſchub zu. Er nahm vierundſiebzig wohlbewaffnete Leute mit, wo⸗ runter auch Diego Mendez war, und ließ ſich von dem in⸗ dianiſchen Dollmetſcher begleiten, der ihnen das Complott entdeckt hatte; ſo fuhr er am 30. Maͤrz in den Booten nach der Muͤndung des Veragua, ſchlffte raſch ſtromauf⸗ waͤrts, und landete, noch ehe die Indlaner Nachricht von ſeinen Bewegungen haben konnten, bei dem Dorf, am Fuß der Anhoͤhe, auf welchem das Haus des Caziken ſtand. Wie Quibian hoͤrte, daß der Adelantado mit einem gro⸗ ßen Trupp ſeiner Leute unten ſey, ſandte er einen Boten und ließ ihn bitten, nicht herauf zu ihm zu kommen; nicht aus Furcht vor Feindſeligkeiten, glaubt man, noch aus Argwohn, daß ſeine Plaͤne entdeckt ſeyen, ſondern aus Be⸗ ſorgniß, daß die Spanter ſeine Weiber erblicken moͤchten; denn Fernando Columbus deutet an, daß die Indianer die⸗ ſes Ortes außerordentlich eiferſuͤchtig ſeyen. Es iſt wahr⸗ ſcheinlich, daß das Betragen der Spanier gegen ihre Wei⸗ ber ihnen genuͤgenden Anlaß dazu gab. Der Adclantado wollte dieſer Bitte nicht Gehoͤr geben, ſondern damit der Cazike nicht Argwohn ſchoͤpfe und bei dem Anblick ſeines großen Trupps entfliehe, erſtieg er die Anhoͤhe nur mit fuͤnf Mann, unt r welchen ſich Diego Men⸗ dez befand; er befahl, daß die uͤbrigen mit großer Vorſicht und ganz ſachte, nur zwei und zwei, und in Zwiſchenraͤu⸗ men nachkommen ſollten. Beim Losfeuern eines Gewehrs waͤre die Wohnung zu umzingeln und Niemand durchzu⸗ laſſen. Wie der Adelantado ſich dem Hauſe naͤherte, kam ein anderer Bote heraus und bat ihn, nicht hineinzugehen, denn der Cazike wolle ihm ſelbſt entgegenkommen, obgleich er an einer Wunde krank laͤge, die er von einem Pfeil empfan⸗ gen habe. Kurz darauf kam Quibian hervor, ſetzte ſich in die Thuͤr und verlangte, daß der Adelantado allein zu ihm komme. Don Bartholomeo befahl nun dem Diego Mendez und ſeinen vier Begleitern in einer kleinen Entfernung zu⸗ ruͤckzubleiben und ein wachſames Auge auf ſeine Bewegun⸗ gen zu haben; wenn ſie ihn den Caziken bei'm Arm neh⸗ men ſaͤhen, ſollen ſie ſogleich zu ſeinem Beiſtand herbei⸗ ſpringen. Er naͤherte ſich nun mit dem indianiſchen Doll⸗ metſcher, welcher vor Furcht zitterte, da er in gewohnter Ehrfurcht vor dem maͤchtigen Caziken an der Moͤglichkeit zweifelte, daß die Spanier ihm zu widerſtehen vermoͤchten. Es hatte durch Vermittlung des Dollmetſchers ein kurzes Geſpraͤch uͤber die umliegende Gegend ſtatt. Der Ade⸗ lantado richtete ſodann ſeine Aufmerkſamkeit auf die Wunde des Caziken, und unter dem Vorwande, ſie zu unterſuchen, nahm er ihn beim Arm. Auf das gegebene Zeichen ſpran⸗ gen die Spanier herbei und der fuͤnfte feuerte ſeine Buͤchſe ab. Der Cazike ſuchte ſich loszumachen, aber der Adelan⸗ tado hielt ihn mit eiſerner Fauſt. Da ſie beide von bedeu⸗ tender Muskelkraft waren, rangen ſie heftig mit einander. Don Bartholomeo behielt jedoch die Oberhand, Diego Men⸗ dez und ſeine Begleiter kamen ihm zu Huͤlfe und banden — 231— den Qurbian an Häͤnden und Fuͤßen. Auf das Signal des Buͤchſenſchuſſes umzingelte der ganze Trupp der Spanker das Haus und ergriff die meiſten darin befindlichen Leute, funfzig Perſonen, Alt und Jung. Unter ihnen befanden ſich die Weiber und Kinder des Quibian und mehrere ſeiner erſten Unterthanen. Niemand wurde verwundet, denn es gab keinen Widerſtand, und der Adelantado ließ nie unnoͤ⸗ thiges Blutvergießen zu. Wie die armen Wilden ihren Fuͤrſten gefangen ſahen, erfuͤllten ſie die Luͤfte mit Wehkla⸗ gen, baten flehentlich um ſeine Befreiung und boten als Loͤſegeld einen großen Schatz, der in dem nahen Walde ver⸗ borgen liege.*) Der Adelantado war taub gegen ihre Bitten und Aner⸗ bietungen. Quibian war ein zu gefaͤhrlicher Feind, um ihn wieder frei zu laſſen, er war der Buͤrge fuͤr die Sicherheit der Niederlaſſung. Beſorgend, daß die ganze Umgegend un⸗ ter Waffen waͤre, und darauf bedacht, ſeine koſtbare Beute in Sicherheit zu bringen, entſchloß er ſich, den Caziken und die anderen Gefangenen an Bord der Schiffe zu thun, waͤh⸗ rend er mit einem Theil ſeiner Leute am Ufer blieb, um die entwichenen Indianer zu verfolgen. Juan Sanchez, der erſte Steuermann des Geſchwaders, ein ſtarker und muthi⸗ ger Mann, nahm freiwillig die Gefangenen uͤber ſich. Als der Adelantado den Caziken ſeiner Bewachung uͤbergab, ſchaͤrfte er ihm ein, gegen jeden Verſuch der Befreiung oder *) Hist. del Almirante, cap. 97. Las Casas, I. II. cap. 27. /. — 232— des Entweichens auf der Hut zu⸗ ſeyn. Der kuͤhne Pilote erwiederte, wenn der Cazike ihm entkaͤme, ſollten ſie ihm den Bart Haar fuͤr Haar ausreißen; mit dieſer Rede ging ger hinweg und nahm den an Haͤnden und Fuͤgen gebundenen Quibian mit fort. Als er zu dem Boot kam, ließ er ihn mit einem ſtarken Seil an eine der Baͤnke feſtbinden. Die Nacht war dunkel. Wie das Boot den Fluß hinab ging, klagte der Cazike ſchmerzlich uͤber die Feſtigkeit ſeiner Bande, bis das rauhe Herz des Steuermanns von Mitleid geruͤhrt war. Als ſie faſt an der Muͤndung des Fluſſes angekom⸗ men waren, loͤſte er das Seil, womit Quihian an die Bank feſtgebunden war und behielt das Ende in der Hand. Der liſtige Indkaner nahm nun den guͤnſtigen Augenblick wahr, und wie Sanchez einen anderen Weg ſah, ſtuͤrzte er ſich plötzlich in's Waſſer. Es war als ob ein Felſen hineinfiele. Er tauchte auf den Grund und verſchwand, und ſein Sprung war ſo heftig, daß der Pilote das Seil mußte fahren laſ⸗ ſen, damit es ihn nicht nachzog. Die Dunkelheit der Nacht und das Getoͤſe, welches entſtand, als die anderen Gefan⸗ genen zuruͤckgehalten werden mußten, machte die Verfolgung des Caziken unmoͤglich und ließ es ſelbſt nicht zu, ſich wei⸗ ter nach ihm umzuſehen. Juan Sanchez eilte mit den uͤbri⸗ gen Gefangenen zu den Schiffen, ſehr aͤrgerlich, daß er auf dieſe Weiſe von einem Wilden uͤberliſtet worden. Der Adelantado blieb die ganze Nacht am Ueer. Als er am folgenden Morgen die wild?, felſige und bergige Natur des Landes und das Auseinanderliegen der Haͤuſer, die auf verſchiedenen Anhoͤhen ſtanden, gewahr wurde, gab er die —— — 233— Verfolgung der Indianer auf Felſen und unzugaͤnglichen Hoͤhen auf und kehrte mit den aus dem Hauſe des Caziken erbeuteten Sachen zu den Schiffen zuruͤck. Dieſe beſtanden aus Armbaͤndern, Knoͤchelringen und maſſiven Goldblechen, wie man ſie um den Hals trug, nebſt zwei goldnen Kro⸗ nen. Das Ganze balief ſich an Werth auf drei hundert Duraten.*) Ein Fuͤnftheil der Beute legte man fuͤr die Krone zuruͤck. Das Uebrige wurde unter die bei dem Zuge mitgeweſenen Spanier vertheilt. Der Adelantado erhielt eine der Kronen, als Siegeszeichen ſeiner Unternehmung.**) *) Gleich eintauſend zweihundert und einundachtzig Dollars unſerer Zeit. 8 **) Hist. del Almirante, cap. 98. Las Casas, I. II. cap, 27. Viele Einzelnheiten dieſes Kapitels ſind aus einer kurzen Erzählung genommen, welche Diego Men⸗ dez niederſchrieb und in ſeinen letzten Willen einrückte. Sie iſt in einem Ton anmaßlicher Lobredenheit verfaßt, indem er ſich bei jedem Ereigniß als den hauptſächlich⸗ ſten und faſt alleinigen Helden ſchildert. Die Thatſachen haben jedoch alle den Schein der Wahrheit, und da ſie bei ſo feierlicher Gelegenheit erzählt werden, iſt dieſes Document dadurch ſehr beglaubigt. Von Mendez wird noch einmal in dieſer Geſchichte vorkommen, daß er ſich bei einer ebenfalls gewagten und wichtigen Gelegen⸗ heit auszeichnete. Navarrete collect. t. 1. . Achtes Kapitel. — Unglücksfälle mit der Niederlaſſung. (1503.)— Columbus hoffte, die kraͤftige Maaßregel des Adelantado werde Schrecken bei den Indianern der Umgegend verbrei⸗ ten und jeden weiteren Verſuch gegen die Niederlaſſung ver⸗ huͤten. Quibian hatte wahrſcheinlich den Tod gefunden. Wenn er noch am Leben war, ſo mußte er durch den Ver⸗ luſt ſeiner Familie und mehrerer ſeiner vornehmſten Unter⸗ thanen entmuthigt und in Furcht ſeyn, daß man ſie fuͤr jeden Act der Gewalt von ſeiner Seite verantwortlich ma⸗ chen wuͤrde. Da die ſtarken Regenguſſe, welche in den Ge⸗ birgen dieſer Landenge ſo haͤufig ſind, nun wieder den Fluß angeſchwellt hatten, ſo machte Columbus ſeine ſchließlichen Anordnungen zur Erhaltung der Colonie, und nachdem er den Spaniern, welche zuruͤckbleiben ſollten, manchen heil⸗ 5 ſamen Rath gegeben und auf's Herzlichſte von ſeinem Bru⸗ der Abſchied genommen, lichtete er mit drei Caravelen die Anker und ieß die vierte zum Dienſt der Colonke zuruͤck. — 235— Da das Waſſer jedoch am Eingang immer noch ſeicht war, wurde es noͤthig, die Schiffe von einem großen Theil ihrer Ladung zu befreien. Die Boote bugſtirten ſie bei ſtillem Wetter, wo die Fluth nicht ſtark ging. Sie kamen indeſſen einigemal auf den Grund, und waͤre der Sand der Baͤnke am Ausgang nicht ſehr leicht und wandelbar geweſen, ſo haͤtten die Schiffe großen Schaden gelitten. Wie ſie glück⸗ lich aus dem Fluß und die Ladungen wieder eingeſchifft waren, blieben ſie innerhalb einer Seemeile von der Kuͤſte vor Anker und harrten auf einen guͤnſtigen Wind. Es war die Abſicht des Admirals, auf ſeinem Weg nach Spanien Hispaniola zu beruͤhren und von da ſo viel Vorraͤthe und Verſtaͤrkungen nach der Niederlaſſung zu ſenden, als die Inſel aufbieten koͤnne. Da der Wind fortfuhr unguͤnſtig zu ſeyn, ſandte er am 6. April ein Boot, unter dem Com⸗ mando des Don Diego Triſtan, Capitains einer der Cara⸗ velen, an die Kuͤſte, um Holz und Waſſer zu holen und dem Adelantado einige Mittheilungen zu machen. Die Aus⸗ ſendung dieſes Bootes wurde fuͤr die Mannſchaft verhaͤng⸗ nißvoll, gereichte aber der Niederlaſſung zur Rettung. Der Cazike Quibian war nicht umgekommen, wie einige vermuthet hatten. Obſchon an Haͤnden und Fuͤßen gebun⸗ den, fuͤhlte er ſich doch im Waſſer wie in ſeinem natuͤr⸗ lichen Elemente. Er tauchte bis auf den Boden des Fluſſes, ſchwamm unter der Oberflaͤche fort, bis er weit genug ent⸗ fernt war, um in der Finſterniß der Nacht den Verfolgern aus dem Geſicht zu ſeyn, dann tauchte er auf und ſchwamm nach dem Ufer. Der veroͤdete Zuſtand ſeiner Wohnung und — 236— die Gefangenſchaft ſeiner Welber und Kinder erfuͤllten ihn mit Trauer; aber als er die Schiffe, in welchen ſie gefeſſelt ſaßen, aus dem Fluß gehen und nach der unbekannten Welt ſchiffen ſah, aus welcher dieſe Fremdlinge gekommen waren, da bemaͤchtigte ſich ſeiner Wuth und Verzweiflung, und er beſchloß eine exemylariſche Rache an den zuruͤckgebliebenen weißen Maͤnnern zu nehmen. Er ſammelte eine große An⸗ zahl ſeiner Krieger und kam heimlich bis zu der Nieder⸗ laſung, in der verſtohlenen ſtillen Weiſe, wie die Wilden ſich ungehoͤrt durch die dichteſten Waͤlder ſchleichen koͤnnen. Die kleine Anhoͤhe, auf welcher die Spanier ihre Haͤuſer erbaut hatten, war von Dickichten umgeben, welche die In⸗ dianer in den Stand ſetzten, ſich ihnen ungeſehen auf zehn Schritte zu nähern. Die Spanier, welche den Feind fur voͤllig uͤberwunden und zerſtreut hielten, waren durchaus nicht auf ihrer Hut. Einige hatten ſich an der Meereskuͤſte zerſtreut, um den Schiffen noch ein Lebewohl zuzuwinken; andere befanden ſich an Bord der Caravele in dem Fluß; noch andere hatten ſich in den Haͤuſern umher verloren; ploͤtzlich drangen die Indianer aus ihrem Hinterhalt mit Schreien und Heulen hervor. Sie ſtuͤrzten auf die Haͤuſer los, warfen ihre Speere durch die Daͤcher aus Palmblaͤt⸗ tern, ſtießen ſie durch die Fenſter hinein oder warfen ſie durch die Zwiſchenraͤume der Staͤmme, welche die Waͤnde bildeten. Da die Haͤuſer klein waren, wurden mehrere von den Bewohnern verwundek. Auf den erſten Alarm ergriff der Adelantado eine Lanze und ſtuͤrzte mit ſieben bis acht Mann herzu, die er durch Wort und That zu kraͤftigem Widerſtand anfeuerte. Diego Mendez ſammelte gleichfalls mehrere ſeiner Gefaͤhrten, ſie kamen dem Adelantado zu Huͤlfe und trieben den Feind in den Wald zuruͤck, indem ſie mehrere erſchlugen oder verwundeten. Die Indianer unter⸗ hielten einen Hagel von Speeren und Pfeilen unter den Baͤumen und machten zuweilen furchtbare Ausfaͤlle mit ih⸗ ren Streitkolben; aber gegen die ſcharfe Schneide der ſpa⸗ niſchen Schwerter war kein Widerſtand moͤglich, und als man noch einen wilden Schweißhund gegen ſie losließ, wurde ihr Entſetzen vollkommen. Sie flohen heulend durch den Wald und ließen eine Menge Todte auf dem Platz, nach⸗ dem ſie einen Spanier erſchlagen und acht verwundet hat⸗ ten. Unter den Letzteren befand ſich der Admiral, welcher von einem Wurſſpieß einen leichten Stoß in die Bruſt er⸗ halten hatte. Das Boot, welches der Admiral an die Kuͤſte geſandt hatte, kam waͤhrend des Kampfes an. Doch blieb Diego Triſtan, der Kapitain, ein muͤßiger Zuſchauer; er fuͤrchtete ſich dem Land zu nähern, weil dann die Spanier in ſo großer Anzahl an Bord gekommen, daß ſein Boot umge⸗ ſunken waͤre. Wie die Indianer in die Flucht geſchlagen waren, fuhr er den Fluß hinauf nach friſchem Waſſer, und achtete nicht auf die ernſten Ermahnungen derer an dem ufer, die ihn warnten, daß er ſich nicht von den Feinden mit ihren Canoes moͤge abſchneiden laſſen. Der Fluß war tief und eng, von hohen uUfern und uͤber⸗ haͤngenden Baͤumen eingeſchloſſen. Die Waldungen auf beiden Seiten waren dick und undurchdringlich; ſo daß es 2 — 238— keinen Landungsplatz gab, außer da und dort, wo ein in⸗ dianiſcher Fußpfad ſich nach dem Ufer zog, zu einem Fiſcher⸗ platz oder zu einer Stelle, wo die Eingebornen ihre Canoes hatten. Das Boot war ungefaͤhr eine Stunde uͤber dem Dorf zu einer Stelle des Fluſſes gekommen, wo das Waſſer ſuͤß und ganz von hohen ufern nnd weitaſtigen Baͤumen uͤberſchattet wurde. Ploͤtzlich erhob ſich ein furchtbares Ge⸗ ſchrei und Kriegsgetuͤmmel auf beiden Seiten, mit Blaſen auf Muſchelſchaalen. Leichte Canoes fuhren von allen Rich⸗ tungen aus den dunkeln Hoͤhlungen und uberhaͤngenden Ge⸗ buͤſchen der Ufer hervor. Sie wurden von einem einzigen Wilden geſchickt regiert, wahrend die andern aufſtanden, ihre Lanzen ſchwangen und ſie nach den Spaniern warfen. An⸗ dere holten ſich die Waffen von den Ufern des Fluſſes und den Zweigen der Baͤume. In dem Boot befanden ſich acht Matroſen und drei Soldaten. Von dem Hagel der Wurf⸗ geſchoſſe verletzt und verwundet, von dem Geſchrei und Bla⸗ ſen auf Muſcheln verwirrt gemacht, ſo wie von den An⸗ griffen, die ſich von allen Seiten vermehrten, ganz der Gegenwart des Geiſtes beraubt, unterließen ſie, ihre Ruder oder Feuergewehre zu gebrauchen und ſuchten ſich nur mit ihren Schilden zu ſchuͤtzen. Der Kapitain Diego Sriſtan hatte mehrere Wunden erhalten; dennoch bewies er große Unerſchrockenheit und ſuchte ſeine Leute aufzurichten und zu beleben, als ein Wurfſpieß, von einem Indianer geſchleudert, ihn ins rechte Auge traf, daß er todt niederſiel. Die Ca⸗ noes draͤngten ſich nun dicht um das Boot und es folgte — 230— ein großes Gemetzel. Nur ein Spanier, Namens Juan de Noya, ein Boͤttcher aus Sevilla, entkam; derſelbe war waͤh⸗ rend des Gefechts uͤber Bord gefallen, untergetaucht und gewann durch Schwimmen unter dem Waſſer unbemerkt das Ufer des Fluſſes. Von da eilte er hinunter nach der Niederlaſſung und brachte ihr die Nachricht von dem Blut⸗ bad uͤber ſeinen Kapitain und die Kameraden. Die Spanier waren von Schrecken erfüllt uͤber die Ge⸗ fahren, die ſie umringten. Sie waren nur wenige an der Zahl, darunter einige verwundet, und befanden ſich in der Mitte von Staͤmmen aufgereizter Wilden, von weit trotzi⸗ gerem und kriegeriſcherem Charakter, als die, an welche ſie gewoͤhnt waren. Der Admiral kannte ihr Ungluͤck nicht und konnte abſegeln, ohne ihnen Huͤlfe zu leiſten; ſie muß⸗ ten dem Looſe uͤberlaſſen werden, unter der uͤbermannenden Gewalt barbariſcher Feinde dahin zu ſinken oder an dieſer unwirthbaren Küſte vor Hunger umzukommen. Durch dieſe Betrachtung von paniſchem Schrecken ergriffen, entſchloſſen ſie ich, die Caravele, die ihnen zuruͤckgelaſſen war, zu be⸗ ſteigen und den Platz ganz und gar zu verlaſſen. Der Adelantado widerſetzte ſich ihnen vergebens, nichts konnte ſie zufrieden ſtellen, als ſogleich in See zu gehen. Hier harrte ihrer ein neues Unheil. Da die Fluthen aufgehoͤrt hatten, war der Fluß wieder ſeicht und es war der Caravele nicht moͤglich, uͤber die Baͤnke des Eingangs wegzuſchiffen. Sie nahmen alſo das Boot der Caravele, um dem Admiral Nachsicht von ihrer Gefahr zu geben und ihn zu bitten, ſie nicht zu verlaſſen; aber der Wind war ſtuͤrmiſch, die — 240— See ging hoch, und eine ſtarke Brandung, die an der Muͤn⸗ dung des Fluſſes toſete, verhinderte ihr Auslaufen. Waͤhrend ſie ſo von jedem Zufluchtsort abgeſchnitten und von aller Huͤlfe entfernt waren, vermehrte ein trauriges Schauſpiel ihre Schrecken. Die verſtuͤmmelten Leiber des Diego Triſtan und ſeiner Leute kamen den Strom herab und trieben im Hafen umher, waͤhrend Schwaͤrme von Kraͤhen und andern Aasvoͤgeln von ihnen fraßen, und ſich niederließen und ſchrieen und ſich um ihre Beute ſtritten. Die verlaſſenen Spanier ſahen dieſe Scine mit Schaudern; ſie ſchien ihnen ihr eigenes Schickſal zu weiſſagen. Mittlerweile erneuerten die Indianer, von ihrem Sieg uͤber die Mannſchaft des Bootes berauſcht, ihre Feindſelig⸗ keiten gegen den Hafen. Das Kriegsgeſchrei und Heulen wurde von verſchiedenen Stellen der Umgebung beantwortet. Die unheilbringenden Toͤne der Muſcheln und Kriegstrom⸗ meln wurden aus allen Richtungen in der Tiefe der Waͤlder gehoͤrt und zeigten, daß der Feind ſich beſtaͤndig an Zahl ver⸗ mehre. Sie ſchienen den beiliegenden Wald zu fuͤllen, ſtuͤrz⸗ ten auf jeden vereinzelten Trupp der Spanier und machten theil veiſe Angriffe auf die Haͤuſer. Die Coloniſten hielten es nicht mehr ſicher, in dem Dorf zu bleiben, welches ſie gebaut hatten. Der dichte Wald, welcher es umgab, war ein Verſte ck fuͤr den herannahenden Feind. Der Adelantado waͤhlte daher einen offenen Platz an dem ufer in einiger Entfernung von dem Holze. Hier ließ er von dem Boot der Caravele eine Art Bollwerk machen und auch Kaſten, Tonnen und andere Artikel dazu benutzen. Zwei Stellen ——— f— 241— wurden offen gelaſſen, als Schießſcharten, in welche ſie ein Paar Falconets oder kleine Geſchuͤtzſtuͤcke ſetzten, in ſolcher Art, daß ſie die Umgegend beherrſchten. In dieſe kleine Feſtung ſchloſſen ſich die Spanier ein. Ihre Mauern wa⸗ ren hinreichend, ſie vor den Speeren und Pfeilen der In⸗ dianer zu ſchuͤtzenz aber am meiſten vertrauten ſie auf ihre Feuergewehre; der Donner derſelben verbreitete Schrecken unter den Wilden, beſonders wenn ſie die Wirkung der Kugeln ſahen, welche die Baͤume umher zerſplitterten und ſpalteten, und Verderben in die Ferne trugen. Die In⸗ dianer wurden auf dieſe Weiſe vorerſt in Furcht gehalten und aus dem Wald zu kommen abgeſchreckt; aber die Spa⸗ nier, vom beſtaͤndigen Wachen und ewigen Alarm erſchoͤpft, waren von Muthloſigkeit erfuͤllt und erwarteten alle Arten von Uebeln, wenn ihre Ammunition erſchoͤpft ſey, oder ſie vom Hunger getrieben wuͤrden, ſich Nahrung zu ſuchen.*) *) Hist. del Almirante, cap 98. Las Casas I. II. Schreiben des Columbus von Jamaika. Erzählung des Diego Mendez, Navarrete t. 1. Journal von Porras, Navarrete, t. 1, * Irving's Columbus. 7— 9g. Neuntes Kapitel. * Trübſal des Admirals an Bord ſeines Schiffes. Letzter Entſatz der Niederlaſſung. (1503) Waͤhrend der Adelantado und ſeine Leute ſo augenſchein⸗ licher Gefahr an der Kuͤſte ausgeſetzt waren, herrſchte große Angſt an Bord der Schiffe. Ein Tag nach dem andern verſtrich, ohne daß Diego Triſtan und ſeine Begleiter zu⸗ ruͤckkehrten, endlich fuͤrchtete man, es moͤge ſie irgend ein Unglück betroffen haben. Columbus wollte an die Kuͤſte Boot zum Dienſte des Geſchwaders uͤbrig und er wagte es nicht daran bei der hohen See und heftigen Brandung, welche noch anhielten. Ein ungluͤcklicher Umſtand trat ein, um die Melancholie und Niedergeſchlagenheit des Schiffs⸗ volkes zu vermehren. An Bord einer der Caravelen befand ſich die Familie und der Hofſtaat des Caziken Quibian in Feſſeln. Es war die Abſicht, ſie nach Spanien zu bringen, denn ſo lange ſie in der Gewalt der Spanier blieben, ſchicken, um Nachfrage zu thun, aber es war nur noch ein — — 243— umbus ihren Stamm von ferneren Feindſeligkeiten abz in. Man ſchloß ſie Nachts in dem Vordercaſtell der Caravele ein, deſſen Verdeck mit einer ſtarken Kette nebſt Vorlegeſchloß verwahrt war. Da mehrere von dem Schiffsvolk auf dem Verdeck ſchliefen, und da es ſo hoch war, daß man nicht glaubte, die Gefangenen koͤnnten es er⸗ reichen, ſo vernachlaͤſſigten ſie es, die Kette vorzulegen. Die Indianer entdeckten die Nachlaͤſſigkeit und beſchloſſen einen Plan zur Flucht. Sie ſammelten eine Menge Steine von dem Ballaſt des Schiffes und bildeten daraus einen hohen Haufen grade unter dem Aufgang. Einige der ſtaͤrkſten Krieger ſtiegen hinauf, kruͤmmten den Ruͤcken und ſprengten mit einem ploͤtzlichen gleichmaͤßigen Druck das Verdeck, in⸗ dem ſie die Matroſen, die auf demſelben ſchliefen, auf die entgegengeſetzte Seite des Schiffes ſchnellten. Sogleich ſprang der groͤßere Theil der Indianer heraus und ins Meer und ſchwamm an die Kuͤſte. Es gab Laͤrm und mehrere wur⸗ den noch abgehalten, herauszuſpringen; andere wurden auf dem Verdeck ergriffen und wieder zuruͤck in das Vorder⸗ caſtell genoͤthigt, der Aufgang dann ſorgfaͤltig mit der Kette verſchloſſen und fuͤr die uͤbrige Nacht eine Schildwache da⸗ vorgeſetzt. Als am Morgen die Spanier hingingen, um die Gefangenen zu beſuchen, fanden ſie alle todt. Einige hatten ſich mit den Enden von Tauen erhaͤngt, indem ihre Kniee an den Boden anſtießen, andere hatten ſich dadurch erwuͤrgt, daß ſie mit den Fuͤßen die Seile angezogen hat⸗ ten. Den unbeugſamſten Entſchluß zu ſterben zeigten ſie in der Art, wie ſie ſich getoͤdtet hatten, und das Ganze bot 16* Maͤnnern.“) Die Flucht der Gefangenen verurſachte dem Admiral ein. Bild von dem trotzigen und unbezwinglichen dieſer Menſchen und von ihrem Abſcheu vor den große Sorge⸗ Er fuͤrchtete, ſie wuͤrden ihre Landsleute zu einem gewaltthaͤtigen Act der Rache aufreizen, und er zitterte fuͤr die Sicherheit ſeines Bruders. Noch immer dauerte dieſe peinvolle Ungewißheit hinſichtlich des Landes fort. Das Boot des Diego Triſtan war nicht zuruͤckge⸗ kehrt und die toſende Brandung ſchnitt alle Communication ab. Die truͤbſten Beſorgniſſe herrſchten bei den Seeleuten uͤber das Schickſal ihrer Gefaͤhrten. Endlich ſtellte ſich einer Namens Pedro Ledesma, ein Pilote von Sevilla, ein Mann von ungefaͤhr fuͤnf und vienzig Jahren, ſtark von Koͤrper und Seele, vor dem Admiral. Er bot ſich an, wenn das Boot ihn bis zum Rande der Brandung bringen werde, wolle er hineinſpringen, an die Kuͤſte ſchwimmen und Nach⸗ richten von ihren Freunden bringen. Ihn hatte die That der gefangenen Indianer gereizt, wie ſie auf eine Seemeile dem Meere und der Brandung Trotz boten und ans Land chwammen. Wenn ſie, ſagte er, zu ihrer eignen Rettung ſo viel wagten, darf ich doch mindeſtens einem Theil der Gefahr trotzen, um das Leben ſo vieler Gefaͤhrten zu ret⸗ ten. Der Admiral nahm ſein Anerbieten freudig on und die That wurde kuͤhn vollbracht. Das Boot ging mit ihm an die Brandung, ſo nahe als es die Sicherheit des Fahr⸗ *) Hist, del Almirante, cap. 99. 4 — — — 245— z'ugs erlaubte und erwartete dort ſeine Ruͤckkehr. Er ſchuͤrzte ſich auf, tauchte ins Meer, und nachdem er einige Zeit mit den Wirbeln und Brandungen gekaͤmpft hatte, jetzt uber die Wogen empor kam, dann von ihnen verſchlun⸗ gen wurde, gelangte auf den Sand und kam gluͤcklich ars Ufer. Er fand ſeine Landsleute in ihrer unglücklichen Feſtung eingeſchloſſen, von wilden Feinden belagert, und erfuhr das tragiſche Ende des Diego Triſtan und ſeiner Begleiter. Viele von den Spaniern hatten in ihrer ſtarren Verzweif⸗ lung allen Gehorſam aufgefagt. Sie hatten ſich geweigert, bei irgend einer Maßregel mitzuwirken, welche die fort⸗ dauernde Anweſenheit an dieſem Ort beabſichtigte, und dach⸗ ten nur daran, wie ſie enekommen ſollten. Sowie ſie den Ledesma als Boten von den Schiffen erblickten, umringten ſie ihn mit faſt wahnſinniger Ungeduld. Sie draͤngten ihn, den Admiral zu bitten, ſie an Bord zu nehmen und nicht an einer Kuͤſte zuruͤckzulaſſen, wo ihr Verderben unvermeld⸗ lich ſey. Sle ruͤſteten Canoes aus, welche ſie zu den Schif⸗ fen hinuͤber bringen ſollten, wenn das Wetter wieder milder waͤre, indem das Boot der Caravele zu klein war. Sie ſchworen, wenn der Admiral ſie aufzunehmen verweigere, wollten ſie ſich in der zuruͤckbleibenden Caravele, ſobald ſie aus dem Fluß gezogen werden koͤnne, einſchiffen und ſich lieber dem Meere auf Gnade und ungnade ergeben, als auf dieſer verhaͤngnißvollen Kuͤſte zuruͤckbleiben. Als der kuͤhne Ledesma alles angehoͤrt, was ſeine ver⸗ laſſenen Landsleute ihm zu ſagen hatten„ und ſich mit dem — 246— Adelantado und ſeinen Offizieren beſprochen, machte er ſich wieder auf den Weg zu ſeiner gefahrvollen Ruͤckkehr. Er trotzte aufs Neue den Wirbeln und Brandungen, erreichte das auf ihn wartende Boot und wurde zu den Schiffen zuruͤckgebracht. Die ungluͤcklichen Nachrichten vom Lande erfuͤllten das Herz des Admirals mit Schmerz und Unruhe. Seinen Bruder an der Kuͤſte zuruͤcklaſſen, war ihn der Meuterei ſeiner eigenen Leute und der Wuth der Wilden preis geben. Er konnte keine Verſtaͤrkung fuͤr ihn von ſeinen Schiffen abgeben, da der Verluſt Triſtans und ſeiner Begleiter ſeine Mannſchaft ſchon ſo ſehr geſchwaͤcht hatte. Eher als er die Niederlaſſung aufzugeben dachte, wollte er freudig mit allen ſeinen Leuten wieder zu dem Adelantado zuruͤckkehren; aber wie ſollte dann die Nachricht von dieſer wichtigen Entdeckung zu den Souverainen gelangen, wie ſollten neue Vorraͤthe von Spanien gewonnen werden? Es ſchien daher kein Ausweg, als alles Schiffsvolk einzuſchiffen, die Niederlaſſung fuͤr den Moment auezugeben und ſpaͤter mit einer fuͤr die Beſitzergreifung des Landes genuͤgenden Streitmacht zuruͤckzukehren.*) Der Anblick des Wetters machte ſelbſt die Ausfuͤhrbarkeit dieſes Plans zweifelhaft. Der Wind war fortwaͤhrend heftig, das Meer ſtuͤrmiſch, und kein Boot konnte die Communication zwiſchen der Escadre und dem Land bewerkſtelligen. Die Lage der Schiffe war aͤußerſt bedenklich. Sie waren ſchwach bemannt, von den erlebten Stuͤrmen zerſtoßen, und durch die Verhee⸗ *) Brlef des Columbus von Jamaika. —— ——— — 247— rungen des Holzwurms nahe daran, aus einander zu falen. In dieſem Zuſtande waren ſie an einer dem Sturm ent⸗ gegenliegenden Kuͤſte vor Anker, bei losgelaſſenen Elementen, in einem den Orkanen unterworfenen Clima, wo die min⸗ deſte Verſtaͤrkung des uͤblen Wetters ſie in die Brandungen hineintreiben konnte. Jede Stunde vermehrte ſich die Be⸗ ſorgniß des Columbus um ſeinen Bruder und ſeine Leute und Schiffe, und jede folgende Stunde ſchlen die drohenden Gefahren nur noch drohender zu machen. Tage in ewiger Angſt verlebt und ſchlaflos in Unruhe zugebrachte Naͤchte ſtuͤrmten auf eine von Alter und Muͤhſeligkeiten erſchuͤtterte Conſtitution ein. Mitten in den acuten Krankheiten des Leibes und in den Fiebern der Seele ſchien bei ihm zuwei⸗ len ein Delirium einzutreten. Das Arbeiten ſeiner beaͤng⸗ ſtigten Einbildungskraft wollte er dann als etwas Geheim⸗ nißvolles, Uebernatuͤrliches anſehen. In einem Schreiben an die Souveraine legt er feierlichen Bericht uͤber eine Art von Viſion ab, die ihn getroͤſtet, wie er einſt voll Muth⸗ loſigkeit war und auf einem peinvollen Lager umhergewor⸗ fen wurde. 3 „Ermattet und ſeufzend,“ ſchreibt er,„fiel ich in Schlum⸗ mer; da hoͤrte ich eine mitleidige Stimme zu mir reden: O du Thor und Langſamer im Glauben und im Dienſte deines Gottes, des Gottes Aller! Was that er mehr fuͤr Moſes oder fuͤr ſeinen Knecht David? Von der Zeit dei⸗ ner Kindheit hat er ſich ſtets mit großer Sorgfalt deiner angenommen. Wie er dich in einem vollkommenen Alter ſah, ließ er deinen Namen wunderbar widerhallen auf dem gan⸗ — 249— dete, endigte damit:„Fuͤrchte dich nicht! Vertraue! Alle dieſe Widerwaͤrtigkeiten ſind in Marmor eingegraben und nicht ohne Urſache!⸗ Dieſes iſt die ſonderbare Erzaͤhlung, welche Columbus den Souverainen von ſeiner vermeintlichen Viſion gab. Man hat geglaubt, ſie ſey eine ſinnreiche Erdichtung, ſchlau zu dem Zweck erſonnen, ſeinem Fuͤrſten eine Leetion zu geben; aber eine ſolche Verfahrungsweiſe widerſpricht ſeinem Cha⸗ rakter. Er hatte eine zu tiefe Ehrfurcht gegen Gott und zu viel Reſpect vor ſeinem Gebieter, als daß er ſich einer ſolchen Liſt haͤtte bedienen ſollen. Die hier von der ver⸗ meintlichen Stimme zu ihm geſprochenen Worte ſind Wahrheiten, die auf ſeinem Geiſte laſteten und ſein Gemüͤth im wachenden Zuſtande beunruhigten. Es war natuͤrlich, daß ſie in ſeinen fieberhaften Traͤumen lebhaft und zuſam⸗ menhaͤngend hervortraten, und bei dem Erinnern und Er⸗ zaͤhlen von einem Traum gibt man demſelben unwillkuͤhr⸗ lich einigen Zuſammenhang. Dabei nährte Columbus an⸗ daͤchtig den Glauben, daß er ein auserleſenes Werkzeug in den Haͤnden der Vorſehung ſey, welches ihn, verbunden mit einem ſtarken Anflugz von Aberglauben, der zugleich in der Zeit lag, geneigt machte, jeden lebhaften Traum fuͤr eine Art Offenbarung zu halten. Man darf ihn nicht mit dem Maaßſtabe gewoͤhnlicher Menſchen in gewoͤhnlichen Lagen meſſen. Es iſt ſchwierig, ſich ſeine Lage zu vergegenwaͤrti⸗ gen und die Gemuͤths Erhebungen zu faſſen, denen er hin⸗ gegeben geweſen ſeyn muß. Die kunſtloſe Art, wie er in dieſem Brief an die Souveraine die Bruchſtuͤcke der Viſio⸗ — 248— zen Erdkreiſe. Die Indien, jene reichen Theile der Welt gab er dir zum Eigenthum und erlaubte dir, nach deinem Wohlgefallen zum Beſten Anderer uͤber ſie zu ſchalten. Von den Thuͤren des Oceans, die mit gewaltigen Ketten ver⸗ ſchloſſen waren, uͤberlieferte er dir die Schluͤſſel, und man — gehorchte dir in vielen Landen und du erlangteſt hohen Ruhm in der Chriſtenheit. Was that er mehr fuͤr das große Volk Israel, wie er es aus Egypten fuͤhrte? Oder fuͤr David, den er aus einem Schaͤfer zum Koͤnig machte? So wende dich zu ihm und erkenne deinen Fehl; ſeine Huld iſt unendlich. Dein Alter ſoll fuͤr deine großen Unterneh⸗ mungen kein Hinderniß ſeyn. Abraham war uͤber hundert Jahre alt, als er den Iſaak zeugte, und war Sarah denn jung? Du verlangſt kleinmuͤthig nach Huͤlfe. Antworte! wer hat dich denn ſo ſehr und ſo haͤufig beaͤngſtigt?— Gort oder die Welt? Die Rechte und Verſprechungen, die Gott dir gab, hat er nie gebrochen, noch auch geſagt, nach⸗ dem er deine Dienſte empfangen, daß er es anders gemeint habe und daß er anders verſtanden ſ yn wolle. Er erfuͤllt alles auf den Buchſtaben. Er gibt alles, was er verſpricht und mehr noch als das. So iſt ſein Thun. Ich habe Dir gezeigt, was Dein Schoͤpfer fuͤr dich gethan hat und was er fuͤr alle thut. Was dir jetzt widerfaͤhre, iſt der Lohn fuͤr die Muͤhſeligkeiten und Gefahren, die du im Dienſte Anderer erduldet haſt. Ich hoͤrte dieſes alles,“ ſetzt Colum⸗ bus hinzu,„wie ein Sterbender und ich hatte nicht die Macht, ſo wahren Worten zu antworten, außer daß ich weinte wegen meiner Irrthuͤmer. Der, welcher zu mir re⸗ — 250— nen ſeiner Einbildungskraft mit einfachen Thatſachen und geſunden praktiſchen Bemerkungen verbindet, indem er ſie mit einer Art bibliſcher Feierlichkeit und Poeſie der Rede ausſpricht, werden zu einer der ſtaͤrkſten Beleuchtungen eines Charakters, der aus einer Miſchung von außerordent⸗* lichen und offenbar widerſprechenden Elementen zuſammen⸗ geſetzt war.— Bald nach dieſer eingebildeten Viſion, im Verlauf von neun Tagen, ließ das ſtuͤrmiſche Wetter nach, das Meer wurde ruhig und die Communication mit dem Lande wieder hergeſtellt. Man fand es unmoͤglich, die zuruͤckgelaſſene Ca⸗ ravele aus dem Fluß zu ziehen, aber man ſtrengte ſich aufs Aeußerſte an, das Schiffsvolk und das Eigenthum hinweg zu bringen, ehe wieder ſchlechtes Wetter eintraͤte. Hierbei waren die Anſtrengungen des eifrigen Diego Mendez aͤußerſt erfolgreich. Er hatte ſich mehrere Tage auf dieſen Fall ge⸗ ruͤſtet. Er ſchnitt die Seile der Caravele auf und machte daraus große Saͤcke, um den Schiffszwieback hineinzuthun. Er verband zwei indianiſche Canoes mit Sparren, ſo daß ſie vom Waſſer nicht umgeworfen werden konnten und machte eine Bretterflaͤche daruͤber, die große Laſten tragen konnte. Dieſe Art Floß wurde nun oͤfter mit den Waaren, Waffen, und der Ammunition beladen, die man an der Kuͤſte gelaſſen hatte und mit den Geraͤthſchaften der Caravele, welche man ganz entkleidete. War es dann recht wohl beladen, ſo wurde es von dem Boot der Schiffe bugſirt. Auf dieſe Weiſe wurde durch beſtaͤndige und ſchlafloſe Anſtrengungen im Laufe zweier Tage faſt alles von Werth an Bord der — 251— Escadre transportirt und es blieb wenig mehr zuruͤck, als der Rumpf der Caravele, geſtrandet, verfallen und in dem Fluß verfaulend. Diego Mendez fuͤhrte uͤber die ganze Ein⸗ ſchiffung die Aufſicht mit der unermuͤdlichſten Sorgfalt und Thaͤtigkeit. Er und fuͤnf Gefaͤhrten waren die letzten, welche die Kuͤſte verließen. Sie blieben die ganze Nacht auf ihrem gefaͤhrlichen Poſten und ſchifften ſich am Morgen mit der letzten Ladung von Sachen ein. Nichts glich der uͤbermaͤßigen Freude der Spanier, wie ſie ſich wieder an Bord der Schiffe befanden und einen Streifen des Meeres zwiſchen ſich und jenen Waͤldern ſahen, die noch juͤngſt dazu beſtimmt ſchienen, ihre Graͤber zu wer⸗ den. Die Freude ihrer Kameraden war nicht viel geringer, und die Gefahren und Bedraͤngniſſe, die ſie noch umgaben, vergaßen ſie unter den gegenſeitigen Begluͤckwuͤnſchungen. Der Admiral war ſo befriedigt uͤber die großen Dienſte, welche Diego Mendez in der ganzen letzten Zeit der Gefahren und des Ungluͤcks geleiſtet hatte, daß er ihm das Commando der Caravele anvertraute, welche durch den Tod des un⸗ gluͤcklichen Diego Triſtan verwalſt war.*) *) Hist. del Almirante, cap. 99, 100. Las Casas J. II. c. 29, Relacion de Diego Mendez. Schreiben des Coiumbus von Jamaika. Journal des Porras, Navar⸗ rete's Sammlung, t. 1. Zehntes Kapitel. Abreiſe von der Küſte von Veragua. Ankunft auf Jamaika. Stranden der Schiffe. (1503.) Endlich wurde der Wind zur Reiſe guͤnſtig und Colum⸗ bus ging gegen Ende April von der ungluͤcklichen Kuͤſte von Veragua unter Segel. Der elende Zuſtand ſeiner Schiffe, die geſchwaͤchte Geſundheit ſeiner Mannſchaft und die wenigen Vorraͤthe beſtimmten ihn, nach Hispaniola zu eilen, wo er ſeine Fahrzeuge ausbeſſern und die noͤthigen Lebensmittel zur Relſe nach Europa erhalten konnte, Zum Erſtaunen ſeines Steuermanns und ſeines Schiffsvolks ließ er jedoch die Schiffe nach Oſten laͤngs der Kuͤſte richten und ſo fortſchiffen ſtatt nach Norden zu ſteuern, welches ſie für die gerade Richtung nach Hiepaniola hielten. Sie bildeten ſich ein, Columbus wolle ſogleich nach Spanien hinuͤber fahren und murreten laut uͤber die Tollheit, eine ſo große Reiſe mit Schiffen zu wagen, die keine Vorraͤthe hatten und vom Wurm zernagt waren. Columbus aber und ſein Bruder hatten die Schiffahrt jener Meere mit einem auf⸗ — 253— merkſameren und erfahrneren Auge beobachtet. Sie hielten es fuͤr raͤthlich, eine betraͤchtliche Strecke oͤſtlich zu gewinnen, ehe ſie hinuͤber nach Hispaniola ſchifften, um zu verhuͤten, daß ſie weit hinter ihren beſtimmten Hafen von den ſtarken Stroͤmungen weggefuͤhrt wuͤrden, die ſich beſtaͤndig nach Weſten ergießen.*) Der Admiral theilte jedoch den Pilo⸗ ten ſeine Gruͤnde nicht mit, da er darauf bedacht war, die Kunde ſeiner Fahrten ſo viel als moͤglich geheim zu halten, indem er ſah, daß ſo viele Abenteurer daſſelbe Feld betra⸗ ten und immer bereit ſtanden, ſeinen Zuͤgen zu folgen. Er nahm ſogar den Seeleuten ihre Karte weg,**) und ruͤhmt ſich in einem Schreiben an die Souveraine, daß keiner von ſeinen Steuermaͤnnern im Stande ſeyn wuͤrde, den Weg von und nach Veragua zu finden, noch zu beſchreiben, wo es liege.. 5 Ohne auf das Murren ſeiner Leute zu achten, fuhr Columbus immer an der Kuͤſte oͤſtlich hin, bis er nach Puerto Bello kam. Hier mußte er eine der Caravelen zu⸗ ruͤcklaſſen, die von dem Holzwurm ſo zerſtoͤrt war, daß es unmoͤglich wurde, ſie flott zu erhalten. Alle Mannſchaft war nun in zwei Caravelen zuſammengepfropft und dieſe waren wenig mehr als bloße Wracks. Die aͤußerſte An⸗ ſtrengung war noͤthig, um ſie vor dem Eindringen des Waſſers zu ſchuͤtzen, waͤhrend das beſtaͤndige Arbeiten an den Pumpen den Seeleuten hart fiel, die durch ſchmale *) Hist. del Almirante. Schreiben von Jamaika. *) Journal des Porras. Navarrete's Sammlung t. 1. 7 Rationen geſchwaͤcht und durch die vielen erlittenen Drang⸗ ſale daniedergeworfen waren. Sie ſetzten den Lauf fort und erreichten den Hafen Retrete und eine Inſelgruppe, welcher der Admiral den Namen Las Barbas gab, die aber jetzt Mulatas heißt und etwas hinter der St. Blaſii Spltze liegt. Hier glaubte Columbus bei der Provinz Mangu, in den Laͤndern des Groß⸗Chans angekommen zu ſeyn, die von Marco Polo als Cathay benachbart angegeben werden.*) Er ſchiffte ungefaͤhr noch zehn Seemeilen weiter, bis ſie ſich dem Eingang naͤherten, der gegenwaͤrtig der Meerbuſen von Darien genannt wird. Hier hielt er mit ſeinen Kapitainen und Steuermaͤnnern eine Conſultation, da ſie ſich gegen die: ſes fortwaͤhrende Kaͤmpfen mit unguͤnſtigen Winden und Stroͤmungen widerſetzt und den erbaͤrmlichen Zuſtand der Schiffe und die hinfällige Geſundheit des Schiffsvolks vor⸗ geſchuͤtzt hatten.**) Er ſagte daher dem Feſtlande Lebewohl und ſteuerte, es war am 1. Mai, noͤrdlich, um nach His⸗ paniola zu kommen. Da der Wind von Oſten blies und eine ſtarke Stroͤmung nach Weſten ging, hielt ſich Colum⸗ bus dem Winde ſo vfel er konnte entgegen. Die Piloten kannten ſo wenig ihre gegenwaͤrtige Lage, daß ſie ſich oͤſtlich von den caratbiſchen Inſeln glaubten, waͤhrend der Admiral beſorgte, daß er mit aller Anſtrengung doch noch weſtlich von Hispaniola ankaͤme,**½) Seine Beſorgniſſe zeigten ——:F 1*) Schreiben von Jamaika. **) Zeugniß des Pedro Ledesma, Pleito de los Colones, ***) Schreiben von Jamaika. — 255— ſich ganz begruͤndet; denn am 10. deſſelben Monats bekam er zwei kleine niedre Inſeln nordweſtlich von Hispaniola zu Geſicht, denen er von den vielen Schildkroͤren, die er umher erblickte, den Namen Tortugas gab, die aber jetzt als die Caymans bekannt ſind. Von ihnen in gerader noͤrdlicher Richtung weiter ſchiffend, fand er ſich am 30. Mai wieder unter der Gruppe von Inſeln im Suͤden von Cuba, denen er fruͤher den Namen die Gaͤrten der Koͤnigin gegeben hatte, und ſo war er acht bis neun Grade weſtlich von ſei⸗ nem auserſehenen Hafen verſchlagen worden. Hier ging er denn bei einer der Keys oder Klippen un⸗ gefaͤhr zehn Seemeilen von der Inſel Cuba vor Anker. Seine Mannſchaft litt unglaublich von Hunger und An⸗ ſtrengung; nichts war von den Seevorraͤthen uͤbrig als ein wenig Zwieback, Oel und Eſſig; und dabei mußten ſie mit der groͤßten Ausdauer an den Pumpen arbeiten, um die Schiffe flott zu erhalten. Kaum lagen ſie bei dieſer Inſel vor Anker, als ſich um Mitternacht ploͤtzlich ein Sturm mit ſolcher Heftigkeit erhob, daß es, nach den ſtarken Ausdruͤ⸗ cken des Columbus, ſchien, als ſolle die Welt in Truͤmmer gehen.*) Sie buͤßten faſt ſogleich drei ihrer Anker ein und die Caravele Bermuda wurde mit ſolcher Gewalt auf das Schiff des Admlrals geſchleudert, daß das Vordertheil des einen und das Hintertheil des andern faſt ganz zerſchellte. Da die See hoch ging und der Wind ſtuͤrmte, ſtießen und *) Schreiben von Jamaika, — 256— verletzten die Schiffe ſich ſchrecklich an einander, und nur mit großer Muͤhe konnte man ſie wieder trennen. Nur ein Anker blieb jetzt fuͤr das Admiralſchiff uͤbrig und dieſer rettete daſſelbe vor dem Scheitern an den Felſen; aber bei Tagesanbruch fand man das Kabeltau faſt zerrieben. Haͤtte die Dunkelheit noch eine Stunde angehalten, ſo waͤre Co⸗ lumbus dem Schiffbruch kaum entgangen.» 1 Als nach Verlauf von ſechs Tagen das Wetter ſich wieder etwas maͤßigte, ſetzte er ſeine Fahrt fort und ſegelte oͤſtlich, um nach Hiepaniola zu gelangen;„ſein Schiffsvolk war,“ ſo ſagt er ſelbſt,„entmuthigt und niedergeſchlagen, faſt alle Anker waren eingebuͤßt und die Schiffe voll Loͤcher wie die Zellen einer Honigſcheibe.“ Nachdem er gegen wi⸗ drige Winde und die gewoͤhnlichen Stromungen aus Oſten eine Weile gekaͤmpft, erreichte er das Cape Cruz, an der Suͤdſeite von Cuba, und ging bei einem Dorf in der Pro⸗ vinz Macaca**) vor Anker, da, wo er auf ſeiner Reiſe im Jahr 1494 ebenfalls geweſen war. Hier erhielt er einen Vorrath Caſſava⸗Brod von den Eingebornen und per⸗ weilte, von widrigen Winden aufgehalten, noch einige Tage. Als er wieder unter Segel gehen konnte, verſuchte er, nach Hispaniola auszulaufen; aber jede Anſtrengung war um⸗ ſonſt. Die Winde und Stroͤmungen waren ihm beſtaͤndig entgegen, die Lecke wurden immer groͤßer, obgleich die 1 *) Hist, del Almirante, cap. 100. Schreiben des Co⸗ lumbus von Jamaika.. **) Hist, del Almirante., Journal des Porras. ———:-————— — 257— Pumpen beſtaͤndig gingen und die Matroſen ſelbſt noch das Waſſer mit Eimern und Keſſeln ausſchoͤpften. Nun rich⸗ tete der Admiral verzweiflungsvoll ſeinen Lauf nach der Inſel Jamaika, um dort einen ſichern Hafen zu finden; denn es war die drohendſte Gefahr, in der offnen See unterzu⸗ gehen. Am St. Johannis⸗Abend den 23. Juni gelangten ſie in den Puerto Bueno, der nun trockner Hafen(Dry Harbour) genannt wird, doch fanden ſie hier keine Einge⸗ borne, bei denen ſie auf Vorraͤthe hofften, noch auch war ſuͤßes Waſſer in der Naͤhe zu finden. Von Hunger und Durſt aufgerieben, ſegelten ſie am folgenden Tage öſtlich nach eiver anderen Bucht, welcher der Admiral den Namen Hafen San Gloria gab, die aber gegenwaͤrtig Don Chri⸗ ſtoval's⸗Bucht heißt. Hier mußte Columbus endlich ſeinen langen und hart⸗ naͤckigen Kampf gegen die unausgeſetzte Wuth der Elemente aufgeben. Seine Schiffe, zu bloßen Wacks herabgeſunken, konnten nicht laͤnger die See halten, und waren auf dem Punkt, ſelbſt in dem Hafen unterzugehen. Er uͤberließ ſie daher in Bogenſchußweite von der Kuͤſte ihrem Schickſal, nachdem man ſie der Laͤnge nach an einander gebunden hatte. Sie fuͤllten ſich bald mit Waſſer bis zum Verdeck. Nun wurden gedeckte Cajüten vorn und hinten zur Be⸗ quemlichkeit der Mannſchaft aufgerichtet und das Wrack in den beſtmoͤglichſten Vertheidigungszuſtand geſetzt. Auf dieſe Weiſe zur See befeſtigt, hoffte Columbus jeden ploͤtzlichen Angriff der Eingebornen abſchlagen und zugleich ſeine Leute vom Umherſtreifen in der Nachbarſchaft und von ihren ge⸗ Irving's Columbus. 7 5„. 17 — 238— woͤhnlichen Exc ſſen abhalten zu koͤnnen. Niemand durfte ohne beſondere Erlaubniß an die Kuͤſte gehen, und es wurde die groͤßte Vorſicht bewünchät„ um alle Beleidigung gegen die Indianer zu verhuͤten. Jede Aufreizung derſelben konnte den Spaniern in dem Grdeamwarttgen verlaſſenen Zuſtande verderblich werden. Ein in itre hoͤlzerne Feſrung geſchleu⸗ derter Feuerbrand konnte dieſe in Flammen ſetzen und die Beſatzung unter Tauſenden ihrer Feinde ahn Vertheidigung den Untergang ſinden laſſen. Sechzehntes Buch. erſes Kapitel. Uebereinkunft des Diego Mendez mit den Caziken wegen Lieferung von Vorräthen. Columbus ſendet ihn wegen ahalnas der Mannichaft nach San Domingo. (1503.) Die Inſel Jamaika war ausnehmend volkreich und frucht⸗ bar, und der Hafen wimmelte bald von Indianern, welche Vorraͤthe brachten, um mit den Spaniern Tauſchhandel zu treiben. um allen Zwiſt bei dem Eintauſch und Vertheilen dieſer Vorraͤthe zu verbuͤten, wurden zwei Perſonen er⸗ nannt, welche uͤber den Tauſch wachen ſollten, und die Vor⸗ raͤthe wurden jeden Abend unter das Schiffsvolk vertheilt. Da aber die auf ſolche Art gelieferten Lebensmittel aus ei⸗ ner beſchränkten Nachbarſchaft und von ſorgloſen Weſen be⸗ zogen wurden, erſchienen ſie nicht hinreichend fuͤr die Be⸗ 17* — 260— duͤrfniſſe der Spanker und kamen ſo unregelmaͤßig, daß ſie ſee oft augenblicklich in Verlegenheit ſetzten. Man ſuͤrchtete auch, die Umgegend moͤchte ſich bald erſchoͤpft haben und die Mannſchaft in dieſem Fall in Hungersnoth gerathen. In dieſer mißlichen Lage trat Diego Mendez mit ſeinem ge⸗ wohnten Eifer hervor und erbot ſich freiwillig mit drei Mann einen Zug zu machen, um auf der Inſel zu foura⸗ giren. Der Admiral nahm ſein Anerbieten freudig an und er ging mit ſeinen Gefaͤhrten wohlbewaffnet hinüber. Ue⸗ berall wurde er von den Eingebornen mit der groͤßten Freundlichkeit bewirthet. Sie nahmen ihn mit in ihre Woh⸗ nungen, ſetzten ihm und ſeinen Begleitern Speiſen und Ge⸗ traͤnke vor und erfuͤllten alle Regeln der Gaſtfreundſchaft unter den Wilden. Mendez traf mit einem Caziken, der uͤber einen zahlreichen Stamm herrſchte, ein Uebereinkom⸗ men, wonach deſſen Unterthanen jagen und ſiſchen und Caſ⸗ ſava⸗Brod bereiten, und dieſe und andere Vorraͤthe jeden Tag in gewiſſen Quantitaͤten nach dem Hafen bringen ſoll⸗ ten. Im Austauſch dafuͤr wuͤrden ſie Meſſer, Kaͤmme, Glasperlen, Fiſchangeln, Falkenſchellen und andere Artikel von einem Spanier bekommen, der ſich zu dieſem Zweck un⸗ ter ihnen aufhalten ſollte. Nach Abſchluß dieſer Vereinba⸗ rung ſandte Mendez einen ſeiner Kameraden mit der Nach⸗ richt davon an den Admiral. Dann ſetzte er ſeine Reiſe drei Stunden weiter fort, ſchloß hier einen aͤhnlichen Ver⸗ trag ab und beorderte einen zweiten mit der Nachricht an den Admiral. Noch weiter dringend, in einer Entfernung von ungefaͤhr dreizthn Stunden von den Schiffen, kam er — 261— in der Reſidenz eines anderen Caziken, Namens Huarco on, der ihn ſehr großmuͤthig bewirthete. Der Cazike ließ ſeine Unterthanen eine große Menge Vorraͤthe bringen, füͤr welche Mendez ſogleich die Tauſchartikel entrichtete und eine Ueber⸗ einkunft auf gleiche Vorraͤthe in gewiſſen Zeitraͤumen ab⸗ ſchloß. Er ſandte ſeinen dritten Gefaͤhrten mit dieſen Le⸗ bensmitteln an den Admiral ab, mit der Bitte, wie vorher, daß er einen Agenten ſchicken moͤge, um die regelmaͤßigen Ablieferungen in Empfang zu nehmen und die Tauſchartikel dafuͤr auszuhaͤndigen. Mendez war jetzt allein, aber er freute ſich jedes Unter⸗ nehmens, welches perſoͤnliche Auszeichnung gewaͤhrte. Er erbat ſich von dem Caziken zwei Indianer, um ihn an's Ende der Inſel zu begleiten; der eine ſollte ſeine Vorraͤthe und der andere die Haͤngmatte oder das baumwollene Netz tragen, worin er ſchlief. Nach Gewährung dieſer Bitte drang er muthig laͤngs der Küſte vorwarts, bis er die oͤſt⸗ liche Spitze von Jamaika erreichte. Hier fand er einen maͤchtigen Caziken mit Namen Ameyro. Mendez hatte ei⸗ nen hellen, l bhaften Verſtand, große Gewandtheit und ein einſchmeichelndes Weſen, welches ihn bei den Indianern be⸗ liebt machte. Er und der Cazike ſchloſſen innige Freund⸗ ſchaft, tauſchten die Namen als ein Zeichen ihrer Bruͤder⸗ ſchaft, und Mendez engagirte ihn zur Lieferung von Vor⸗ raͤthen fuͤr die Schiffe. Er kaufte dann dem Caziken einen trefflichen Canoe ab, fuͤr welchen er ihm ein glaͤnzendes meſſingenes Becken, einen kurzen Leibrock und eines von den beiden Hemden gab, woraus ſeine ganze Waͤſche be⸗ ſtand. Der Cazike verſah ihn mit ſechs Indlanern, um das Fahrzeug zu leiten, und ſie ſchieden recht freundſchaftlich auseinander. Diego Mendez machte den Räckweg laͤngs der Kuͤſte und landete an den verſchiednen Plaͤtzen, wo er die Uebereinkuͤnfte abgeſchloſſen hatte. Er fand dort ſchon die ſpaniſchen Agenten, belud ſeinen Canoe mit Vorraͤthen und kehrte im Triumph zu dem Hafen zuruͤck, wo ihn ſeme Gefährten mit Freudejauchzen und der Admiral mit offenen Armen empfing. Die Vorraͤthe, welche er brachte, waren eine ſehr gelegene Zufuhr, denn die Spanter litten wirklich ſchon Hunger; nun aber kamen taͤglich Indianer wohl bela⸗ den von den Maͤrkten an, welche er eingerichtet hatte.*) Als auf dieſem Wege den augenblicklichen Beduͤrfn ſſen ſeines Schiffsvolks abgeholfen war, dachte Columbus in ſei⸗ ner bekuͤmmerten Lage auf Mittel, die Inſel wieder zu ver⸗ laſſen. Seine Schiffe konnten necht hergeſtellt werden und en zeigte ſich keine Hoffnung, daß irgend ein Schiff zu ih⸗ rer Erloͤſung an dieſen Kuͤſten eines wilden Etlandes in ei⸗ nem unbeſuchten Meere anlangen koͤnnte. Die zweckmaͤßigſte Maßregel ſchien die zu ſeyn, daß er dem Gouverneur auf San Domingo, Ovando, Nachricht von ſeiner Lage gaͤbe und ihn baͤte, ein Schiff abzuſenden, um ſie abzuholen, Aber wer ſollte dieſe Botſchaft uͤbernehmen? Die Entfer⸗ nung zwiſchen Jamaika und Hispaniola betrug vierzig See⸗ meilen in einem Golf, auf welchem widrige Stroͤmungen herrſchten; es gab kein Mittel, den Boten hinüber zu brin⸗ *) Relscion por Diego Mendez Navarrete, t. 1. — 263— gen, als dee leichten Canoes der Wilden, und wer wollte die tollkuͤhne Reiſe in einer ſolchen gebrechlichen, Barke un⸗ ternehmen. Da ſtand ploͤtzlich Diego Mendez und der durch ihn gewonnene Canoe vor der Seele des Admirals. Er kannte den Eifer und die Unerſchrockenheit des Mendez und ſein Streben nach Azszeichnung in allen gewagten Unter⸗ nehmungen. Er nahm ihn bei Seite und redete ihn auf eine Weiſe an, die darauf berechnet war, ſeinen Eifer anzu⸗ ſpornen und ſeiner Eigenliebe zu ſchmeicheln. Mendez ſelbſt gibt eine kunſtloſe Erzäͤhlung von dieſem intersſſanten Ge⸗ ſpraͤch, welches aͤußerſt charakteriſtiſch iſt. „Diego Mendez, mein Sohn,“ ſagte der gundrdge Ad⸗ miral,„Keiner von Allen, die hier bei mir ſind, kennt die große Grfahr, in welcher wir ſchweben, außer Ihr und ich. Unſer ſind wenige und dieſe Indianer zahlreich und von un⸗ beſtaͤnd'gem und reizbarem Weſen. Bei der mindeſten Ver⸗ anlaſſung koͤnnen ſie Feuerbraͤnde von der Kuͤſte ſchleudern und uns in unſeren mit Stroh gedeckten Salütem verbren⸗ nen. Die Uebereinkünfte, die Ihr wegen T Vorraͤthin. mit ihnen abgeſchloſſen habt und die ſie jetzt ſo freudia erfuͤllen, koͤnnen morgen aus bloßem Eigenſinn gebrochen werden und ſie ſich weigern, un nur das mindeſte zu bringen; auch haben wir nicht die Mittel in Haͤnden, ſie durch Ue⸗ bermacht zu zwingen, ſondern wir ſtetzen im Gegentheil ganz in ihrer Gewalt. Ich habe uͤber ein Auskunftsmiitel nachgedacht und will nun ſehen, ob es mit Euren Anſichten uͤh reiyſt mmt. In dieſem Canoe, den Ihr g kauft habt, koͤnnte einer nach Hispaniola hinuͤberfahren und ein Schiff — 264— erlangen, wodurch wir alle aus der großen Gefahr, in wel⸗ cher wir ſchweben, erloͤſt wuͤrden. Sagt mir Eure Mei⸗ nung daruͤber." 4 3 „Hierauf,“ ſo erzaͤhlt Diego Mendez,„antwortete ich: Senjor, ich weiß es wohl, die Gefahr, in welcher wir ſte⸗ hen, iſt viel größer, als es ſich leicht faſſen laͤßt. Was aber die Anſicht betrifft, von dieſer Inſel nach Hispantola uͤber⸗ zuſchiffen, in einem ſo kleinen Fahrzeug wie dieſer Canoe, ſo halte ich dieſes nicht allein fuͤr ſchwierig, ſondern fuͤr un⸗ moͤglich; denn es gilt nichts geringeres als einen Meercs⸗ arm von vierzig Seemeilen und zwiſchen Inſeln zu durch⸗ ſchiffen, wo die See aͤußerſt ſturmiſch und ſelten ruheg iſt. Ich wuͤßte Niemanden, der ſich einer ſo außerordentlichen Gefahr unterziehen moͤchte.⸗ Columbus entgegnete nichts, aber aus ſeinen Blicken und aus der Art ſeines Schweigens merkte Mendez wohl, daß er ſelbſt der Mann ſiy, welchen Columbus im Auge habe;„darum,“ ſo faͤhrt er fort,„ſetzte ich hinzu: Sen⸗ jor, ich habe oft mein Leben in Todesgefahr geſtuͤrzt, um Euch und Alle, die hier ſind, zu retten, und Gott hat mich bisher auf eine wunderbare Weiſe beſchuͤtzt. Da gibt es aber Murrende, welche ſagen, Ew. Excellenz vertrauten mir all s an, worin Ehre zu erwerben ſey, waͤhrend es noch andere unter Eurer Mannſchaft gebe, die alles das ſo gut wie ich hinauszuführen vermoͤchten. Daher bitte ich Euch, fordert alles Schiffsvolk auf und macht ihnen dieſen Vorſchlag, um zu ſehen, ob unter ihnen einer iſt, der das Wageſtuͤck unternehmen will, woran ich zweifle. Wenn ſie — 265— all⸗ es ablehnen, dann will ich vortreten und mein Leben in Eurem Dienſt wagen, wie ich es ſchon oft gethan habe.*) Der Admiral erfuͤllte gern die Wuͤnſche des wuͤrdigen Mendez, denn nie war plumpe Ruhmredigkeit mit edlerem, treuerem Gehorſam im Bunde. Am folgenden Morgen wurde das Schiffsvolk verſammelt und der Vorſchlag oͤffent⸗ lich bekannt gemacht. Jedermann zog ſich vor dm Ge⸗ danken zuruͤck und erklaͤrte es fuͤr ein Uebermaaß von Toll⸗ kuͤhnheit. Da trat Diego Mendez vor.„Senjor,“ ſagte er,„ich habe nur Ein Leben zu verlieren, aber ich bin be⸗ reit, es in Eurem Dienſt und zum B⸗ſten aller hier An⸗ weſenden zu wagen, und ich vertraue auf Gottes Schutz, den ich bei ſo manchen anderen Gel genheiten ereahren habe." Columbus umarmte ſeinen eifrigen Gefaͤhrten, und dieſer machte ſich ſogleich an die Zuruͤſtungen zu ſeiner Fahrt. Er zog den Canoe an die Kuͤſte, gab ihm einen falſchen Kiel, nagelte Wetterboorde über Vorder⸗ und Hintertheil zum Schutz gegen die Meereswellen, machte einen getheer⸗ ten Ueberzug, ſetzte einen Maſt und Segel ein, und verſah das Schiff mit Vorrath für ſich, einen Spanier undd ſechs Indianer, die ihn begleiten ſollten. 3 Unterdeſſen ſchrieb Columbus einen Brief an Ovando und bat, er moͤge ſogleich ein Schiff ſchicken, um ihn und *) Relacion por Diego Mendez. Navarrete col- lect, t, 1. — 266— ſiine Leute nach Hespaniola überzuſetzen. Anch ſchrieb er einen Brief an die Souveraine; denn nachdem Diego Men⸗ dez ſeine Botſchaft in San Domingo beendigt, ſollte er in des Admirals Angelegenheiten nach Spanien gehen. In dem Schreiben an die Souveraine ſchilderte Columbus ſeine be⸗ jammernswerthe Lage und bat inſtändig, dasß ein Schiff nach Hispanlola geſandt werden möge, um ihn und ſeine Leute nach Spanien zu bringen. Er gab einen gebräͤngten Auszug ſeiner Reiſe„ die meiſten Einzelnheiten, die bereits in dieſer Geſchichte vorgekommen ſind, und legte einen gro⸗ ßen Werth auf die Entdeckung von Veragug. Er außerte ſeine Meinung, daß es die Aurea Cherſoneſus ſey, wo Sa⸗ lomon ſo große Schaͤtze zum Bau ſeines Tempels gewon⸗ nen habe. Er bat, man moͤge dieſe Goldkuͤſte nicht wie an⸗ dere Plaͤtze, die er entdeckt, Abenteurern preisgeben oder unter die Aufſicht von Maͤnnern ſtellen, die kein Intereſſe an der Sache naͤhmen.„Oteß iſt kein Kind,“ fuͤgt er hinzu, „welches man einer Stiefmutter uͤbertaſſen darf. Ich denke an Hispaniola und Paria nie ohne Thraͤnen. Ihr Fall iſt verzwaflungsvoll und unhe lbar; ich hoff⸗, ihr Beiſpiel wird dieſem Land eine andere Behandlung bereiten.“ Seine Ein⸗ bidungskraft erhitzt ſich. Er gibt der eingebildeten Wich⸗ tigkeit Veragug's eine Groͤße, als uͤberſtrale ſie alle ſeine fruͤheren Entdeckungen, und ſpielt auf ſein Liebling⸗ pro⸗ ject, die Befreiung des heiligen Grabes an.„Jeruſalem,“ ſagt er,„und der Berg Z'on muͤſſen durch die Hand eines Chriſten wieder erbaut werden. Wer ſoll dieß ſeyn? Gott ſpricht es durch den Mund des Propheten im 14, Pſalm — 267— aus. Der Abt Joachim*) ſagt, er werde aus Spanien kommen.“ Seine Gedanken richten ſich dann auf die alte Geſchichte vom Groß⸗Chan, welcher gebeten hatte, daß man ihm Weiſe ſenden moͤge, um ihn im Chriſtenthum zu un⸗ terrichten. Columbus, der in der Meinun; ſtht, er ſey ganz in der Naͤhe von Cathay geweſen, ruft nun ploͤtlich im Eifer:„Wer wird ſich zu dieſer Ausrichtung anbieten? Wenn unſer Herr mich geſund nach Spanien zurüuckkehren läßt, ſo mache ich mich anheiſchig, ihn dort gefangen hinzu⸗ bringen, mit Gottes Huͤlfe, ſo ſicher als etwas.“ 1 Nichts iſt charakteriſtiſcher bei Columbus, als dieſe ern⸗ ſten, kunſtloſen, manchmal beredten, dann wieder faſt ganz unzuſam menhaͤngenden Briefe. Weiche Proben von hochſter⸗ 5* 1*) Joachim, in dem Marktſlecken Celico bei Coſenza gebo⸗ ren, pilgerte in das heilige Land. Nach Calabrien zu⸗ rückgekehrt, trat er in den Ciſtercienſer⸗Orden, im Kto⸗ ſter Corazzo, wo er Prior und Abt wurde, und ſpäter ſtieg er zu noch höheren Kloſterwürden empor. Er ſtarbe im Jahre 1202 im 72. Lebensjahre, und hinterließ eine große Anzahl von Werken; am bekannteſten ſind ſeine Commentare über Jeſaias, Jeremias und die Apokalyoſe. Auch finden ſich Prophezeihungen vei ihm,„welche ſagt das„Dietionnaire Hisrorique“) während ſeinen Leb⸗ zeiten ihm die Bewunderung von Narren und die Gering⸗ ſch äßung der Leute von geſunden Sinnen eintrugen; die letztere Meinung herrſcht noch heutzutage vor. Er war entweder ſehr ſchwach oder ſehr anmaßend, daß er ſich ſchmeichelte, er beſitze die Schlüſſel der Dinge, deren Wiſſnſchaft Gott ſich ſeiber vorbehalten hat."— Diat. Ilist. t. V. Caen, 1785. 4 — 268— bendem Enthuſiasmus und nicht zu unterdruͤckendem Unter⸗ nehmungsgeiſt werden hier gegeben. Zur Zeit, als er die⸗ ſen Traͤumen nachhing und neue romanhafte Untern hmun⸗ gen vorſchlug, war er von Alter und Schwachheit danieder geworfen, von Muͤhſeligkeiten entkraͤftet, an ſein Bett ge⸗ feſſelt und auf einem Wrack an der Kuͤſte einer entlegenen wilden Inſel eingeſchloſſ n. Es laͤßt ſich kein lebendigeres Bild von ſeiner Lage geben, als das, welches dieſer vor⸗ uͤbergehenden Glut der Erregung folgt, wo er, in einem je⸗ ner ploͤtzlichen Uebergaͤnge des Gedankens, in ſeiner gegen⸗ waͤrtigen Lage erwacht.. „Bis hierher,“ ſagt er,„ihabe ich fuͤr Andere geweint; habe Mitleid fuͤr mich, Himmel, und weine fuͤr mich, Erde! In meinen weltlichen Angelegenheiten, ohne einen Heller in der Taſche; hier in Indien verſchlagen; allein in meinem Elend— gebrechlich— erwartend, daß jeder Tag mein Letzter ſey; umgeben von grauſamen Wild n; in geiſtlichen Angelegenheiten, entfernt von den heiligen Sacramenten der Kirche, ſo daß meine Seele verloren iſt, wenn ſie hier vom Koͤrper ſcheidet! Weine fuͤr mich, wem Menſchenliebe, Wahrheit und Gerechtigkeit inwohnt. Ich begab mich nicht auf dieſe R iſe, um Ehren und Guͤter zu gewinnen, denn alle Hoffnungen dieſer Art ſind in mir erſtorben. Ich ging, um Ew. Majeſtaͤten zu dienen mit redlicher Abſicht und treuem Eifer, und ich rede nichts Falſches. Wenn es Gott gefallen ſollte, mich von hier zu befreien, ſo bitte ich Ew. Majeſtaͤten demüthiglich, mir zu erlauben, daß ich nach Rom pilgre, und andere Wallfahrten verrichte.“ — Als die Depeſchen geſchrieben und die Zurüſtungen des Canoes beendigt waren, ſchiffte ſich Diego Mendez mit ſei⸗ nem ſpaniſchen Gefaͤhrten und den ſechs Indianern ein, und fuhr laͤngs der Kuͤſte nach Oſten. Die Reiſe war muͤhſelig und gefahrvoll. Sie hatten eine Fahrt gegen ſtarke Stroͤ⸗ mungen. Einmal wurden ſie von umherſchwärmenden in⸗ dianiſchen Canoes gefangen genommen, entkamen aber und langten endlich an der Oſtſpitze der Inſel an, ein Weg von vierunddreißig Seemeilen vom Hafen. Hier blieben ſie und warteten auf ruhiges Wetter, um ſich durch die breite Meer⸗ enge zu wagen, als ſie ploͤttzlich von einer Anzahl feindlicher Indianer umringt und gefangen genommen wurden, welche ſie eine Strecke von drei Stunden wegſchleppten und be⸗ ſchloſſen, ſie hier zu erſchlagen. Es gab Streit uͤber die Theilung der Beute der Spanier; endlich kamen die Wil⸗ den überen, das Loos entſcheiden zu laſſen. Waͤhrend ſie damit beſchäͤftigt waren, entwiſchte Diego Mendez, fand den Weg zu ſeinem Canoe, ſchiffte ſich ein und kehrte nach ei⸗ ner Abweſenheit von funfzehn Tagen allein in den Hafen zurück. Was aus ſeinem Begleiter geworden, erzaͤhlt er nicht, da er gewohnt iſt, nur von ſich ſelbſt zu reden. Die⸗ ſer Bericht iſt aus der Erzaͤhlung in keinem letzten Willen genommen. Columbus war zwar betrübt uͤber das Fehlſchlagen ſei⸗ ner Botſchaft, fr.ute ſich aber uͤber das Entkommen ſeines getreuen Mendez. Dieſer, keinesweges von den erduldeten Gefahren und Muͤhſeligkeiten abgeſchreckt, bot ſich ſogleich an, wieder abzureiſen, um einen zweiten Verſuch zu machen, — 270— wenn er L ute bekommen koͤnne, die ihn bis zum Ende der Inſel begleiteten, damt er vor den Eingebornen beſchützt wuͤrde. Hierzu erbot ſich der Adelantado, mit einer gro⸗ ßen wohlbewaffneten Schaar. Bartholomeo Fiesco, ein Genueſer, welcher Kapftain einer der Caravelen geweſen war, hatte ſich bei dieſer zweiten Fahrt dem Mendez beige⸗ ſellt. Er war ein Mann von großer Zuverlaͤſſigkeit, dem Admiral ſehr ergeben und ſehr von ihm geachtet. Jeder hatte einen großen Canoe, worin ſechs Spanter und zehn Indianer ſich befanden— die letzteren dienten als Ruderer. Die Canoe's ſollten beiſammen bleiben. Wenn ſie Hispa⸗ niola erreicht haͤtten, ſollte Fiesco ſogleich nach Jamaika⸗ zuruͤckkehren, um den Abmiral und ſeine Leute durch die Nachricht von der glücklichen Ankunft der Borſchaft von ih⸗ rer Angſt zu befreien. Waͤhrend deſſen ſollte Diego Men⸗ desz nach San Domingo gehen, dem Ovando ſeinen Brief uͤbergeben, ein Saiff beſorgen und abſenden, und dann mit dem Schreiben an die Souveraine nach Spanien abgehen. Nachdem all: Anſtalten getroffen waren, thaten die In⸗ braner ihre frugalen Vorraͤthe von Caſſava Brod und jeder ſeine Calabaſche mit Waſſer in die Canoe's. Die Spanier hatten außer ihren Broden auch Vorraͤthe von Kaninchen⸗ fleiſch und jeder ſein Schwert und ſeine Tartſche, Auf dieſe Weiſe traten ſie, von den Gebeten ihrer Landsleute begleitet, ihre lange und gefahrvolle Reiſe an⸗ Der Adelantado hielt mit ſeinem bewaffneten Trupp gleichen Schritt laͤngs der Kuͤſte. Die Eingebornen mach⸗ ten keinen Verſuch, ſie zu beunrehigen, und ſie kamen ganz — 271— in Sicherheit am Ende der Inſel an. Hier bliehen ſie drei Tage bis das Meer hinlaͤnglich ruhig war, daß ſie ſich mit ihren ſchwachen Barken hinauswagen konnten. End⸗ lich wurde das Wetter ganz heiter, ſie ſagten ihren Kame⸗ raden Lebewohl und vertrauten ſich dem offenen Meere an. Der Adelantado hlieb noch ſtehen und beobachtete ſie, bis ſie bloße Punkte auf dem Ocean wurden und der Abend ſie ſeinen Bl cken entzog. Am folgenden Tag ging er zuruͤck Aach dem Hafen, verweilte aber unterwegs in mehreren Doͤrfern, um den guten Willen der Eingebornen rege zu erhalten.*) 4 Zweites Kapitel. G 911 et md ſu u⸗ 1 Meuterei des Pd ver u s. (1503.) Man häͤtte denken ſoll m, daß das Ungluͤck, welches den Columbus ſo lange verfolgte, nun erſchoͤpft geweſen waͤre. In tramigen Lagen fangen wir an, einen Troſt in der Vorſtellung zu finden, daß/ da die Dinge nicht ſchlechten *) Hist, del Almirante, cap. io0r. werden koͤnnen, ſie ſich bald zum Beſſeren neigen müſſen. Der Neid, der ſich einſt uͤber den Ruhm und das Gluͤck des Columbus empoͤrt hatte, konnte ihm kaum ein elende⸗ res Erbtheil in der Welt, die er entdeckt hatte, anmeiſen; die Reſte eines Wracks an einer wilden Kuſte, in einem un⸗ befahrenen Meere, der Gnade barbariſcher Horden überlaſ ſen, die in einem Augenbleck aus unzuverläſſegen Freund n die wuͤthendſten Feinde werden konnten; er ſelbſt gefoltert von den peinigenden Krankheiten, die ihn auf's Siechbett warfen, und von Qualen und Schwachheit, welche die Muͤhſeligkeiten und Schrecken auf ſein zunehmendes Alter gehaͤuft hatten. Aber Columbus hatte ſeinen Wermuthkelch noch nicht ganz geleert. Er hatte noch ein groͤßeres Uebel als Sturm und Schiffbruch, als Koͤrperqual und Gewalt wilder Horden, er hatte den Undank und Verrath derer zu beſt hen, denen er ſein Vertrauen geſchenkt hatte. Mendez und Fiesco waren noch nicht lange hinweg, als die Spanier auf dem Wrack anfingen, krank zu werd n, theils von den Anſtrengungen und Erduldungen der juͤngſten Reiſe, theils von dem engen Zuſammenwohnen in einem fauch⸗ ten und ſchwuͤlen Clima, theils von der Entbehrung ihrer gewohnten Nahrungsmittel, denn ſie konnten ſich nicht n die Lebensart der Indſaner gewoͤhnen, die hauptſaͤchlich aus Vegetabilien beſtand. Ihre Krankheiten wurden vermehrt und unertraͤglicher durch Leiden der Seele, durch das Er⸗ warten, welches eine krankhafte Reizbarkeit erzeugt, und durch hingehaltene Hoffnung, die nach und nach das Herz aufreibt. An ein Leben voll Geraͤuſch und Abwechslung ge⸗ — 273— woͤhnt, hatten ſie nun nichts zu thun, als auf ihrem trau⸗ rigen Schiffsrumpf ſpaziren zu gihen und nach dem Meere auszuſchauen, um ſich nach dem ruͤckkehrenden Canoe des Fiesco umzoſehen, ſich uͤber das verlaͤngerte Ausbleiben zu wundern und an ſeiner Ruͤckkunft zu zweifeln. Geraume Zeit verſtrich, eine weit laͤngere als fuͤr die Reiſe noͤthig war, doch kein Canoe ließ ſich ſehen, noch von ſich hoͤren. Man fuͤrchtete ſehr, daß der Bote umgekommen ſey. Wenn dem ſo war, wie lange ſollten ſie noch hier bleiben und vergebens auf Huͤlfe warten, die nie kommen konnte? Ei⸗ nige ſanken nach und nach in tiefe Muthloſigkeit, andere wurden mürriſch und ungeduldig. Es brach ein Murren aus, und, wie gewoͤhnlich bei Leuten im Unmuth, war es ein Murren von der unſinnigſten Art. Statt mit ihrem bejahrten und ſchwäͤchlichen Befehlshaber Mitleid zu haben, welcher denſelben Jammer fuhlte, und welcher mehr als alle litt, und doch unausgeſetzt auf ihr Wohl bedacht war, fin⸗ gen ſie an, auf ihn als die Urſache alles ihres Ungluͤcks zu ſchmaͤhen. Die empoͤreriſchen Gefuͤhle eines unvernuͤnftigen Haufens wuͤrden von weniger Gewicht ſeyn, wenn ſie ſich ſelbſt uͤber⸗ laſſen blieben, und koͤnnten in leeren Klagen verhallen; doch gewoͤhnlich iſt es das Streben eines oder zweier boͤſen Geiſter, ſte zu einem Ziele zu leiten und verderblich zu machen. Un⸗ ter den Unterbefehlshabern des Columbus befanden ſich zwei Bruͤder Francisco und Diego de Porras. Sie waren Ver⸗ wandte des köoͤniglichen Schatzmeiſters Morales, der ihre Schweſter geheirathet und ſich bei dem Admiral verwandt Irving's Columbus. 7—9. 18 — — 274— hatte, daß er ihnen Anſtellungen bei ſeiner Expedition gab.*) Um den Schatzmeiſter zu erfreuen, hatte er den Francisco de Porras zum Kapftan dor einen Caravele ge⸗ macht und für den Bruder Diego das Amt eines Notars und General⸗Rechnungsfuͤhrers des Geſchwaders ausgewirkt. Er hatte ſie, wie er erklaͤrt, mit der Güte behandelt, die man nahen Angehoͤrigen widerfahren laͤßt, obgleich Beide ſich ihren Stellungen nicht gewachſen zeigten. Sie waren leere und unverſchaͤmte Menſchen, und vergalten gleich Manchen, denen Columbus Wohlthaten erzeigt hatte, ſeine Guͤte mit dem ſchwaͤrzeſten Undank.*) Dieſe Leute mengten ſich nun in die hoͤchlich mißver⸗ gnuͤgte, ungeduldige Stimmung des gemeinen Mannes und wirkten mit den aufruͤhreriſchſten Rathſchlaͤgen auf ſie ein. Sie verſicherten ſie, daß alle ihre Hoffnungen einer Erloͤ⸗ ſung durch die Vermittlung des Mendez vergeblich ſeyen. Es ſey eine bloße Taͤuſchung, die der Admiral mit ihnen treibe, um ſie ruhig zu halten und ſeinen Zwecken folgſam zu machen. Er habe gar nicht die Abſicht und den Wunſch, nach Spanien zuruͤckzukehren; er ſey von dort verbannt. Hispaniola habe man ihm auch verſchloſſen, wie dieß die Abweiſung ſeiner Schiffe aus ihrem Hafen in der Zeit der Gefahr klar zeige. Ihm ſeyen jetzt alle Orte gleich, und es waͤre ihm ganz recht, in Jamaika zu bleiben, bis ſeine *) Hist. del Almirante, cap. 102. **) Brief des Columbus an ſeinen Sohn Diego, Navarrete's Sammlung. — — 275— Freunde ſich am Hofe fuͤr ihn verwenden und ſeine Zuruͤck⸗ berufung aus der Verbannung bewirken koͤnnten. Was den Mendez und den Fiesco betreffe, ſo habe er ſie in ſeinen Privat⸗Angelegenheiten nach Spanien geſchickt, aber nicht, um ein Schiff zum Abholen ſeiner Gefährten zu biſtellen. Wenn dieſes ſich nicht ſo verhielte, warum ſollte dann das Schiff ausbleiben, oder warum koͤnnte nicht Fiesco zuruͤck⸗ kehren, wie er es verſprochen habe? Oder, waren die Ca⸗ noe's wirklich nach Huͤlfe ausgeſandt worden, ſo gebe die lange Zeit, die unterdeſſen verſtrichen ſey, Grund genug zu der Vermuthung, daß ſie auf der Fahrt umgekommen ſeyen. In einem ſolchen Fall beſtehe der einzige Ausweg darin, den Indianern ihre Canoe's abzunehmen und den Weg nach Hispaniola ſelbſt zu verſuchen. Doch ſo etwas uͤber den Admiral zu gewinnen, dazu zeige ſich keine Hoff⸗ nung; er ſey zu alt und zu ſteif von der Gicht, um ſich den Muͤhſcligkelten einer ſolchen Reiſe auszuſetzen. Aber, ſollten ſie denn fuͤr ſein perſoͤnliches Intereſſe und ſeine Kraͤnklichkeit zum Opfer werden?— ſollten ſie darum den einzigen Ausweg zur Flucht aufgeben und hier auf dieſtm elenden Wrack mit ihm warten und umkommen? Wenn es ihnen gluͤckte, Hispaniola zu erreichen, wuͤrden ſie beſſer aufgenommen werden, wenn ſie den Admiral zuruͤckgelaſſen haͤtten. Ovando ſey ihm heimlich gram, aus Beſorgniß, er moͤge das Gouvernement der Inſel wieder erhalten; bei ih⸗ rer Ankunft in Spanien werde gewiß der Biſchof Fonſeca, der bekannte Gegner des Columbus, ſie in ſeinen Schutz nehmen. Die Bruͤder Porras hatten maͤchtige Freunde und 18* — 276— Verwandte bei Hofe, die jede von dem Admiral ausgehende Vorſtellung unwirkſam machen konnten; und ſie fuͤhrten das Beiſpiel mit der Meuterei Roldan's an, um zu zeigen, daß die Vorurtheile des Publikums und der Leute von Ein⸗ fluß ihm ſtets entgegen ſeyen. Ja, ſie wagten die Andeu⸗ tung, die Souveraine, die bei dieſer Gelegenheit ihn eines Theiles ſeiner Wuͤrden und Rechte beraubt, wuͤrden ſich freuen, einen Vorwand zu erhalten, ihm auch den Reſt ab⸗ zunehmen.*) 3 Columbus wurde gewahr, daß die Gemuͤther ſeiner Leute gegen ihn erbittert ſehen. Man hatte ihn verſchiedentlich mit unverſchaͤmter Ungeduld angegangen und ihm Vorwuͤrfe gemacht, daß er die Urſache alles Ungluͤcks ſey. Doch, an die Unvernunft der Menſchen, wenn ſie im Ungluͤck ſind, gewoͤhnt, und durch viele Erfahrungen belehrt, ſeine Lei⸗ denſchaften zu zuͤgeln, ertrug er ihre Unverſchaͤmtheit, be⸗ ſänftigte ihre Gereiztheit und bemuͤhte ſich, ihren Muth durch die Hoffnung ſchleuniger Huͤlfe wieder aufzurichten. Ein wenig laͤnger noch Geduld, und er hoffe ſicher, daß Fiesco mit guter Botſchaft ankommen, und daß dann die Gewißheit der Erloͤſung aus allem Ungemach aller Unzu⸗ friedenheit ein Ziel ſetzen werde. Das Uebel lag jedoch tie⸗ fer, als er geahnet hatte; eine voͤllige Meuterei hatte ſich unter ſeinem Schiffsvolk organifirt. 1 Am 2. Januar 1504 befand ſich Columbus in ſeiner kleinen Cajuͤte auf dem Hintertheil ſeines Schiffes, von der *) Hist. del Almirante, cap. 102, 7 — 277— Gicht, die ihn nun zum voͤlligen Keuͤppel gemacht hatte, auf's Bett gefeſſelt. Waͤhrend er uͤber ſeine ungluͤckliche Lage nachdachte, trat ploͤtzlich Francisco de Porras ein. Sein ſchroffes und unruhiges Weſen verrieth die boͤſe Ab⸗ ſicht ſeines Beſuches. Er zeigte die ungeſtuͤme Unverſchaͤmt⸗ heil eines Mannes, der im Begriff ſteht, ein offenes Ver⸗ brechen zu begehen. Er brach in bittere Klagen aus, daß ſie wochen⸗ und monatelang hingehalten wuͤrden, um an dieſem einſamen Ort langſam hingeopfert zu werden, und klagte den Admiral an, er habe gar die Abſicht nicht, nach Spanien zuruͤckzukehren. Columbus beſorgte Schlimmes voon dieſer ungewoͤhnlichen Anmaßung. Er behielt jedoch ſeine Ruhe, richtete ſich im Bett auf und verſuchte es, mit Porras in Gruͤnde einzugehen. Er zeigte die Unmoͤglich⸗ keit, abzureiſen, ehe die nach Hispaniola abgeſandten Maͤn⸗ ner ihnen Schiffe ſchickten. Er ſtellte ihm vor, wle viel dringender ſein Wunſch, wegzukommen, ſey, da er nicht al⸗ lein füͤr ſeine eigene Sicherheit zu ſorgen, ſondern ſich Gott und ſeinen Souverainen fuͤr das Wohl Aller, die ſeiner Obhut anvertraut ſeyen, verantwortlich gemacht habe. Er erinnerte Porras, daß er ſich immer mit ihnen insgeſammt uͤber die Maaßregeln berathen habe, die fuͤr das allgemeine Wohl beſchloſſen wuͤrden, und daß alles, was er unternom⸗ men, mit der allgemeinen Zuſtimmung geſchehen ſey; den⸗ noch, ſollte irgend eine andere Maßregel raͤthlich ſcheinen, ſo wolle er bitten, daß ſie ſich verſammelten, daruͤber be⸗ rathſchlagten und den Weg einſchluͤgen, der ihnen am geeig⸗ netſten erſchiene. 8 — 278— Die Maßregeln des Porras und ſelner Geſellen waren jedoch ſchon berathen, und wenn einmal die Menſchen zum Aufruhr geneigt ſind, pflegen ſie taub gegen alle Gruͤnde zu ſeyn. Er antwortete barſch, es ſey keine Zeit mehr zur Berathſchlagung.„Sich ſogleich einſchiffen oder in Gottes Namen bleiben, waͤren die einzigen Wege.“„Was mich betrifft,“ ſetzte er hinzu, indem er dem Admiral den Ruͤk⸗ ken kehrte und zu ſchreien anfing, daß es uͤber das ganze Schiff hinhallte:„Ich bin fuͤr Caſtilien! die, denen es ſo gefaͤllt, moͤgen mir folgen!, Von allen Seiten erhob ſich jetzt das Geſchrei:„Ich will Euch folgen! ich auch! ich auch!“ Eine Menge von ſeinen Leuten war ſogleich auf dem Schiff verſammelt, ſie ſchwangen ihre Waffen und ſtießen Drohungen und meuteriſches Geſchrei aus. Einige riefen den Porras an, was ſie thun ſollten; andere ſchrieen„nach Caſtilien! nach Caſtilien!“ waͤhrend man in dem allgemei⸗ nen Tumult die Stimmen einiger verzweifelten Kerls das Leben des Admirals bedrohen hoͤrte. Als Columbus den Laͤrm vernahm, ſprang er aus dem Bett, ſchwach wie er war, wankte aus ſeiner Cajuͤte, ſtol⸗ perte und fiel in der Anſtrengung, waͤhrend er die Aufruͤh⸗ rer durch ſeine Gegenwart zum Schweigen bringen wollte. Drei bis vier ſeiner getreuen Anhaͤnger, welche beſorgten, daß man ihm Gewalt anthun koͤnnte, warfen ſich zwiſchen ihn und das Gedraͤnge, nahmen ihn in ihre Arme und zwangen ihn, in ſeine Cajuͤte zuruͤckzukehren. Der Adelantado war ebenfalls herausgeſprungen, doch in anderer Art. Er katte ſich mit einer Lanze in der Hand — — 279— aufgepflanzt, in einer Stellung, als wolle er den ganzen Angriff abſchlagen. Nur mit der groͤsten Muͤhe konnten einige der Gutgeſinnten ſeine Wuth ſtillen und ihn bewe⸗ gen, die Waſſe abzulegen und ſich in die Cajuͤte ſeines Bruders zuruͤckzuziehen. Sie baten nun den Porras und ſeine Geſell n inſtaͤndigſt, in Frieden abzuziehen, da lich Niemand ihnen widerſetze. Durch Gewalt wuͤrden ſie kei⸗ nen Vortheil erringen, ſollten ſie aber den Tod des Admi⸗ rals verſchulden, ſo wurden ſie ſich die ſchwerſten Strafen von den Souverainen zuzichen.*). Dieſe Vorſtellungen maͤßigten den Tumult der aufruͤh⸗ reriſchen Rotte, und ſie ſchritten nun dazu, ihren Plan in Ausfuͤhrung zu bringen. Sie nahmen zehn Canoes, die der Admiral den Indianern abgekauft hatte, und ſchifften ſich in ihnen ſo frohlockend ein, als ob ſie ſicher bald an den Kuͤſten Spaniens landen wuͤrden. Andere, die nichts mit dem Aufruhr zu thun gehabt hatten, füͤrchteten, ſie moͤchten ganz dahinten bleiben, wenn ſie ſo klein an Zahl wuͤrden; als ſie daher die große Menge ſich einſchiffen ſahen, rafften ſie ſchnell ihre Sachen zuſammen und traten gleichfalls mit in die Canoes. Auf dieſe Weiſe verließen achtund vierzig Mann den Admiral. Viele von denen, welche zuruͤckblie⸗ ben, waren nur durch Krankheit feſtgehalten; waͤren ſie geſand geweſen, ſo wuͤrden die meiſten die Ausreißer beglei⸗ *) Las Casas, hist. Iad. I. II. cap. 32. Hsst. del Almirante, cap. 102. eii — 280— tet haben.*) Die Wenigen, welche treu mit dem Admiral aushielten, und die Kranken, welche aus ihren Cabanen her⸗ vorkrochen, ſahen die Abreiſe der Aufruͤhrer unter Thraͤnen und Weheklagen und gaben ſich fuͤr verloren. Ungeachtet ſeiner Krankheit verließ Columbus ſein Bett, trat zu de⸗ nen, die ihm treu geblieben waren und beſuchte die Kran⸗ ken, indem er ſie auf jede Art zu gewinnen und zu troͤſten ſuchte. Er bat ſie, auf Gott zu vertrauen, der ihnen Erloͤſung ſchaffen werde, und verſprach bei ſeiner Ruͤckkehr nach Spanien ſich der Koͤnigin zu Fuͤßen zu werfen, die bewieſene Treue und Beſtaͤndigkeit zu ruͤhmen und ihnen Belohnungen auszuwirken, die ſie fuͤr alle ihre Leiden ent⸗ ſchaͤdigen ſollten.**) 8 Unterdeſſen fuhren Franzisco Porras und ſeine Gefaͤhr⸗ ten in ihrem Geſchwader von Canoes an der Kuͤſte nach Oſten, indem ſie dem von Mendez und Fiesco eingeſchlage⸗ nen Wege folgten. Wo ſie landeten, begingen ſie großes Unrecht und Grauſamkeiten gegen die Indianer, beraubten ſie ihrer Vorraͤthe und alles deſſen, wonach ihnen grade von ihren Sachen geluͤſtete. Sie ſchrieben keck dem Columbus ihre Vergehungen zu, gaben vor, ſie handelten nach ſeinen Befehlen, und verſicherten, er wuͤrde alles bezahlen, was ſie wegnaͤhmen; wenn er ſich weigerte, ſollten ſie ihn nur todt⸗ ſchlagen. Sie ſchäderten ihn als einen unverſoͤhnlichen *) Hist. del Almirante cap. 102, **) Las Casas lib, II. c, 32, — 281.— Feind der Indianer, als einen, der andre Inſeln tyranniſirt, den Eingebornen Elend und Tod bereitet habe, und hier nur feſten Fuß faſſen wolle, um gleiches Unheil zu ver⸗ breiten. Als ſie das oͤſtliche Ende der Inſel erreicht hatten, war⸗ teten ſie, bis das Wetter ganz ruhig geworden, um den Strom des Meeres zu befahren. Da ſie jedoch in der Hand⸗ habung der Canoes unerfahren waren, ſo verſchafften ſie ſich mehrere Indianer als Begleiter. Das Meer wurde endlich ganz glatt und ſie begaben ſich auf die Reiſe. Kaum hatten ſie jedoch vier Seemfeilen vom Lande zuruͤckgelegt, als ſich ein widriger Wind erhob und die Wogen zu wach⸗ ſen begannen. Sie wandten ſich ſogleich wieder nach der Kuͤſte zuruͤck. Die Canoes fielen wegen ihrer leichten Bau⸗ art und dem faſt runden Schiffsboden leicht um und mußten geſchickt im Gleichgewicht gehalten werden. Sie waren jetzt ſchwer mit Leuten beladen, die ihrer nicht gewohnt waren, und wie das Meer ſtieg, fielen ſie gewoͤhnlich um. Die Spanier geriethen in Angſt, und ſuchten ſie dadurch leichter zu machen, daß ſie alles uͤber Bord warfen, was ſie ent⸗ behren konnten; ſie behielten bloß ihre Waffen und etwas Mundvorrath zuruͤck. Die Gefahr verſtaͤrkte ſich mit dem Winde. Sie zwangen nun die Indianer ins Meer zu ſprin⸗ gen, die ausgenommen, welche durchaus noͤthig waren, um die Ruder zu fuͤhren. Wenn Jene ſich weigerten, jagten ſie dieſelben mit der Schaͤrfe des Schwertes hinein. Die Indianer waren geſchickte Schimmer, aber die Entfernung des Landes war zu groß fuͤr ihre Anſtrengung. Sie — 282— ſchwammen daher um die Canoes und hielten ſich zuweilen daran, um ſich auszuruhen und wieder zu Athem zu kom⸗ men. Da ihre Schwere das Gleichgewicht der Canoes un⸗ terbrach und ſie mit umfallen bedrohte, hieben ihnen die Spanier die Haͤnde ab und durchbohrten ſie mit dem Schwert. Einige ſtarhen von den Waffen dieſer grauſamen Menſchen, andere waren erſchoͤpft und gingen in den Wellen unter; ſo kamen achtzehn elend ums Leben und es bl'eben nur die uͤbrig, welche man zuruͤckbehalten hatte, um die Canoes zu regieren.*) Wie die Spanier ans Land zuruͤckkamen, erhoben ſich verſchiedene Meinungen, welchen Weg ſie nun zunaͤchſt ein⸗ ſchlagen ſollten. Einige waren dafuͤr, daß man nach Cuba ſchiffen ſollte, nach welcher Inſel der Wind guͤnſtig war. Von dort glaubte man leicht nach dem Ende von Hispa⸗ niola hinuͤber zu kommen. Andere gaben den Rath, man ſollte zuruͤckkehren und mit dem Admiral Frieden ſchließen, oder ihm alle uͤbrigen Vorraͤthe und Waffen abnehmen, da ſie in der letzten Gefahr faſt alles uͤber Bord geworfen hatten. Andere riethen einen zwelten Verſuch, nach Hispa⸗ niola zu ſchiffen, ſowie das Meer wieder ruhig würde. Dieſer letzte Rath wurde angenommen. Sie blieben einen Monat lang in einem indianiſchen Dorf in der Naͤhe —— *) Hist. del Almirante, c, 102, Las Casas hist, Ind, 1. II, C. 52.* — 283— 8 der Oſtſpitze der Inſel, verpraßten das Gut der Eingebor⸗ nen und behandelten ſie auf die willkührlichſte und eigen⸗ ſinnigſte Weiſe. Wie endlich das Wetter heiter wurde, machten ſie einen zweiten Verſuch, wurden aber wieder von ungünſtigen Winden zuruͤck verſchlagen. Jetzt verloren ſie alle Geduld und verzweifelten an dem Unternehmen; ſie ver⸗ ließen ihre Canoes und kehrten nach Weſten zuruͤck; hier wanderten ſie von Dorf zu Dorf, ein geſetz⸗ und zuͤgelloſer Haufe, durch gute und ſchlechte Mittel ſich ihren Unterhalt erwerbend, wie ſie mit Guͤte oder Feindſeligkeit aufgenom⸗ men wurden, und gleich einer Peſtilenz die Inſel durch⸗ ziehend.*) — ⏑⏑:————— *) Hist. del Almirante c. 102. Las Casas hist. Ind. 1. II. c. 32. 3 — Mangel an Vorräthen. Liſt des Columbus, um Lebensmittel von den Indianern zu erhalten. Waͤhrend Porras und ſeine Mannſchaft mit jener un⸗ erquicklichen und verzweiflungsvollen Ungebundenheit umher Drittes Kapitel. — (1504.) ſchweiften, welche aus dem Verlaſſen des Geſetzes hervorgeht, bot Columbus das ganz verſchiedene Bild eines Mannes, den das Bewußtſeyn ſeiner Rechtlichkeit und der Wahrheit gegen ſich und Andere aufrecht erhaͤlt. Wie er die Leute ſcheiden ſah, die den geſunden und kraͤftigen Stamm der Beſatzung bildeten, bemuͤhte er ſich, die ſchwachen und hin⸗ faͤlligen Ueberbleibſel aufzumuntern und zu ſtaͤrken. Nur Wenige waren im Stande, im Fall eines Angrifſs Waffen zu tragen, und keiner konnte von der Wartung der Kran⸗ ken und der Bewachung des Wracks entbehrt werden, um nach Vorraͤthen auszugehen. Seinen peinlichen Krankheits⸗ zuſtand nicht achtend, war er unablaͤſſig beſchaͤftigt, die Leiden zu lindern und die Kraͤfte ſeiner Leute wieder her⸗ zuſtellen. Durch gewiſſenhafte Treue und Freundſchaft ge⸗ 1 — 285— gen die Eingebornen und durch einen weiſen Gebrauch der Tauſchartikel, welche zuruͤckblieben, erlangte er von Zeit zu Zeit reichliche Zufuhr von Lebensmitteln. Die wohl⸗ ſchmeckendſten und nahrhafteſten darunter uͤberließ er mit dem Reſt des europaͤiſchen Zwiebacks den Kranken zur Staͤrkung. Wohl wiſſend, wie ſehr der Koͤrper von den Regungen der Seele beherrſcht wird, ſuchte er ihren Muth zu erheben und ihre Hoffnungen zu beleben. Er verbarg ſeine eigene Bekuͤmmerniß und behielt eine heitere und ſelbſt freudige Miene, ermuthigte ſeine Leute mit guͤtigen Worten und machte ihnen zutrauensvolle Vorſtellungen von baldiger Erloͤſung. Durch ſein freundliches und ſorgſames Beneh⸗ men erhob er bald wieder die Geſundheit und die Lebens⸗ geiſter ſeiner Mannſchaft und brachte ſie alle in eine Ge⸗ muͤthsverfaſſung, daß ſie an der Wohlfahrt Aller Theilnah⸗ men. Weiſe Maßregeln, ruhig, doch feſt behauptet, hielten alles in Ordnung. Die Leute wurden empfaͤnglich fuͤr das Gute einer weiſen Zucht und merkten, daß die ihnen von ihrem Befehlshaber auferlegten Entbehrungen zu ihrem eige⸗ nen Beſten dienten und ihnen am Ende zum großen Troſt gereichten. Waͤhrend Columbus ſo gluͤcklich war, die inneren Uebel abzuwehren, welche das Heil ſeiner kleinen Gemeine bedroh⸗ ten, erſchienen aͤußere Gefahren von bedenklicher Art. Die Indianer waren ein ſorgloſes Geſchlecht, ungewohnt, ſich Vorraͤthe von Lebensmitteln anzulegen, und ungern ſich außerordentlichen Anſtrengungen fuͤgend; ſo fanden ſie es hart, die Quantitaͤten von Lebensmitteln herzuſchaffen, die — 287— Die Indianer wurden den Mangel bei den weißen Maͤn⸗ nern gewahr und hatten von ihnen die Kunſt gelernt, Han⸗ del zu treiben. Sie verlangten zehnmal ſo viel europaͤiſche / Waare für ihre Zufuhren und brachten ihre Vorraͤthe weit ſpaͤrlicher, um die Ungeduld der hungrigen Spanier zu rel⸗ zen. Endlich hoͤrte auch dieſer Troſt auf und es begann eine voͤllige Noth um Lebensmittel. Die Eiferſucht der Ein⸗ gebornen ſchien von Porras und ſeinen Geſellen auf der ganzen Inſel gereizt worden zu ſeyn; die Indianer hielten alle Vorraͤthe zuruͤck, in der Hoffnung, der Admiral und ſeine Lrute muͤßten umkommen oder die Inſel verlaſſen. In dieſer aͤußerſten Bedraͤngniß ging dem Columbus ploͤtzlich ein gluͤcklicher Gedanke auf. Aus ſeiner Kenntniß der Aſtronomie wußte er, daß in drei Tagen mit Anfang der Nacht eine totale Mondfinſterniß eintreten werde. Er ſandte daher einen Indianer von der Inſel Hispaniola, der ihm a's Dollmetſcher diente, um die vornehmſten Caziken zu einer großen Conſerenz einzuladen, wozu er den Tag der Mondsfinſterniß beſtimmte. Wie alle verſammelt wa⸗ ren, ließ er ihnen durch ſeinen Dollmetſcher ſagen, daß er und ſeine Leute Verehrer eines Gottes ſeyen, welcher in dem Himmel wohne. Dieſer Gott beguͤnſtige alle, die Gu⸗ tes uͤbten, und beſtrafe alle Uebelthaͤter. Sie muͤßten ge⸗ merkt haben, daß Derſelbe den Diego Mendez und ſeine Gefährten auf ihrer Reiſe beſchützt habe, da ſie nach den Befehlen ihres Oberen ausgegangen ſeyen; daß er dagegen Porras und deſſen Gefaͤhrten mit allen moͤglichen Wider⸗ waͤrtigkeiten heimgeſucht habe, weil ſie ſich gegen ihn empoͤrt 7 — 286— täͤglich fuͤr ſo manchen hungrigen Menſchen erfordert wur⸗ den. Die europaͤiſchen Putz⸗ und Spielwaaren, einſt ſo koſtbar in ihren Augen, verloren ihren Werth je mehr, je allgemeiner ſie wurden. Die Wuͤrde des Admirals hatte ſich ſehr verkleinert, ſeitdem viele ſeiner Leute von ihm ab⸗ gefallen waren, und die boshaften Anreizungen der Rebellen hatten Eiferſucht und Feindſchaft in mehreren Doͤrfern ge⸗ weckt, welche Vorraͤthe zu liefern gewohnt waren. Allmaͤhlig fingen alſo die Lebensmittel an, auszugehen. Die von Diego Mendez abgeſchloſſenen Vertraͤge der taͤg⸗ lichen Ablieferung gewiſſer Quantitaͤten wurden ſaumſelig erfuͤllt und die Sendungen hoͤrten am Ende ganz auf. Die Indlaner draͤngten ſich nicht mehr mit Lebensmitteln zu dem Hafen, und verweigerten ſie oft, wenn ſie darum angegay⸗ gen wurden. Die Spanier wurden gezwungen in der Nach⸗ barſchaft ihr taͤgliches Brod zu ſuchen, fanden aber dabei immer groͤßere Schwierigkeiten, und fingen nun an, neben ihren anderen Leidensquellen auch in die Angſt des Ver⸗ hungerns zu gerathen. Der Admiral boͤrte die melancholiſchen Verkuͤndigungen ſeiner Leute, er ſah das Uebel wachſen, konnte ihm aber nicht abhelfen. Zur Gewalt zu ſchreiten war ein ſehr ge⸗ faͤhrliches Mittel und nur von augenblicklicher Wirkung. Er mußte Alle, die geſund genug waren, um Waffen zu tragen, aufbieten, hinauszugehen, waͤhrend er und die uͤbri⸗ gen Kranken vertheidigungslos, der Rache der Eingebornen ausgeſetzt, an Bord des Wracks blieben. Mittlerweile nahm die Noth taͤglich mehr uͤberhand. —44— haͤtten. Dieſe große Gottheit zuͤrne den Indianern, weil ſte ſeinen getreuen Anbetern Lebenzunterhalt verweigert oder nachlaͤſſig gellefert, und wolle ſie mit Hungersnoth und Peſtilenz beſtrafen. Damit ſie ſeine Warnung erkennen moͤchten, ſolle in dieſer nämlichen Nacht ein Zeichen am Himmel geſchehen. Sie wuͤrden den Mond ſeine Farbe aͤndern und allmaͤhlig den Schein verlieren ſehen. Dieſes ſolle das Zeichen der fuͤrchterlichen Strafe ſeyn, die ihrer warte. Viele der Indianer wurden unruhig uͤber die Feierlich⸗ keit dieſer Verkuͤndigung, andere verlachten ſie— aber alle harrten mit Beſorgniß auf die hereinbrechende Nacht. Als ſie einen ſchwarzen Schatten ſich uͤber den Mond hinziehen ſahen, fingen fie an zu zittern. Ihre Furcht vermehrte ſich mit dem Vorſchreiten der Finſterniß; und wie ſie ein ge⸗ heimnißvolles Dunkel den ganzen Umkreis der Natur uͤber⸗ decken ſahen, da kannte ihr Entſetzen keine Graͤnzen. Sie rafften auf, was ſie von Vorraͤthen zuſammenbringen konn⸗ ten, eilten zu den Schiffen und ſtießen Geſchrei und Geheul aus. Sie warfen ſich dem Columbus zu Fuͤßen, flehten ihn an, ins Mittel zu treten, daß Gott die gedrohten Plagen zuruͤcknehme und verſicherten ihn, ſie wuͤrden ihm von nun an alles bringen, was er verlangen werde. Columbus ſagte ihnen, er wolle ſich zuruͤckziehen und mit der Gottheit ſprechen. Darauf verſchloß er ſich in ſeine Kajuͤte und blieb während dem Zunehmen der Mondsfinſterniß darin, indeß die Waͤlder und Kuͤſten von dem Heulen und Flehen der Wilden widerhallten. Wie die Finſterniß abzunehmen — 289— im Begriff war, kam er heraus und benachrichtigte die Ein⸗ gebornen, er habe ſich fuͤr ſie bei Gott verwendet, und Gott wolle ſte unter der Bedingung, daß ſie ihre Verſprechen er⸗ fuͤllen wuͤrden, mit Verzeihung begnadigen; zum Ze ichen deſſen werde er den Mond nun von der Dunkelheit be⸗ freien. Wie die Indianer die Mondesſcheibe wieder in vollem Glanz erblickten und in ihrer ganzen Schoͤnheit am Him⸗ mel hinlaufen ſahen, uͤberhaͤuften ſie den Admiral mit Zei⸗ chen des Dankes fuͤr ſeine Verwendung und gingen nach ihren Wohnungen zuruͤck, uͤbergluͤcklich, ſo großem Ungluͤck entronnen zu ſeyn. Sie betrachteten nun den Columbus mit Ehrfurcht und Verehrung, wie einen Mann der in der beſonderen Gunſt und Gnade der Gottheit ſtehe, da er auf der Erde wiſſe, was in dem Himmel vorgehe. Sie eilten, ihn mit Gaben zu verſoͤhnen; taͤglich kamen friſche Vor⸗ raͤthe im Hafen an und von der Zeit an litten ſie keinen Mangel mehr daran.*) *) Hist. del Almirante, c. 103. Las Casas hist. Ind. 1. II. 6. 33. Irving's Columbus. 7— 9. 19 Viertes Kapitel. Sendung des Diego de Escobar zu dem Admiral. (1504.) Acht Monate waren nun ſeit der Abreiſe des Mendez und Fiesco verfloſſen, und noch immer hatte man keine Nachrichten von ihrem Schickſale. Lange hatten die Spa⸗ nier mit wachſamem Auge auf dem Meere geſorſche, und ſchmeichelten ſich bei jedem indianiſchen Canoe, der aus der Ferne kam, es ſey der Bote ihrer Befreiung. Aber auch die Hoffnungen der Heiterſten ſanken nun allgemach in Muthloſigkeit herab. Wie viele Gefahren mußten ſo ge⸗ brechliche Barken und eine ſo ſchwache Mannſchaft auf einer ſolchen Reiſe umringt haben! Entweder die Canoes waren von ſtuͤrmiſchen Wogen und widrigen Stroͤmungen ver⸗ ſchlungen worden, oder die Mannſchaft hatte in den rauhen Bergen und unter den wilden Horden von Hispanlola den untergang gefunden. Um ihre Muthloſigkeit zu vergroͤßern, erhielten ſie die Nachricht, daß man ein Schiff geſehen habe, den Boden zu oberſt mit den Stroͤmungen an der Kuſte von Jamaila hintreiben. Dieſes konnte das zu ihrer Huͤlfe — 291— geſandte Schiff geweſen ſeyn, und damit waren denn alle ihre Hoffnungen begraben. ieſes Geruͤcht, ſo wird ver⸗ ſichert, wurde von den Rebellen auf der Inſel erfunden und verbreitet, damit es denen, die dem Admiral noch treu anhingen, zu Ohren kaͤme, und ſie zur Verzweiflung brächte.*) Es verſehlte auch ſeine Wakang nicht. Aller Hoffnung auf Huͤtfe aus der Entfernung quiit, und ſich von aller Welt verlaſſen und vergeſſen waͤhnend, wurde die uͤbrege Mannſchaft wild und verzweiflungsvoll in ihren Plaͤ⸗ nen. Es bildete ſich durch Anſtiften eines gewiſſen Ber⸗ nardo eines Apothekers aus Valencia, und zweier Vabuͤn⸗ deten Alonzo de Zamora und Pedro de Villakoro, eine zweite Verſchwoͤrung. Sie wollten das Beiſpiel des Porras nach⸗ ahmen, ſich der uͤbrigen Cadoes bemaͤchtſgen und den Weg nach Hispaniola ſuchen.**) Die Meuterei war auf dem Punkt auszubrechen, als eines Abends gegen die Daͤmmerung ſich ein Schiff nach dem Hafen bewegte. Das graͤnzenloſe Entzuͤcken dr armen Spanier mag leichter gedacht als beſchrieben werden. Das Fahrzeug war klein; es hielt ſich in dem Meere, ſandte aber das Boot nach den Schiffen ab. Jedes Auge ſchaͤrfte ſich, die Geſichter von Chriſten und Befreiern zu erkennen. Als das Boot ſich naͤherte, kuͤndete man darin den Diego de Escobar an, einen Mann, der zu den thaͤtigſten Par⸗ theigängern Roldans gehoͤrt hatte, unter der Verwaltung *) Hist. del Almirante, c. 104. **) Las Casas hist. Ind, I. II. c. 33. 4 19* des Columbus zum Tode verurtheilt und von ſeinem Nach⸗ folger Bobadilla begnadigt worden war. Aus dieſem Boten war ein ſchlimmes Omen zu entnehmen. Escobar kam laͤngs den Schiffen heran und gab einen Brief von Ovando, dem Gouverneur von Hispaniola, an Bord, nebſt einem Faß Wein und einer Speckſeite, welche er dem Admiral als Geſchenk uͤberbrachte. Er ſagte ihm, der Gouverneur ſende ihn, um dem Admiral ſeine große Theil⸗ nahme bei ſeinem Ungluͤck zu bezeugen, ſo wie ſein Be⸗ dauern, daß er in dem Hafen kein Schiff von hinlaͤnglicher Groͤße beſitze, um ihn und ſeine Leute abzuholen, daß er aber ſobald als moͤglich ein ſolches ſchicken wolle. Escobar gab dem Admiral zugleich die Verſicherung, daß ſeine Ange⸗ legenheiten in Hispaniola getreulich beſorgt worden ſeyen. Er bat ihn, wenn er etwas an den Gouverneur zuruͤckzu⸗ ſchreiben habe, ſolle er es ihm ſobald als moͤglich geben, da er ſogleich zuruͤckzukehren wuͤnſche. Es lag etwas ſehr Befremdendes in dieſer Sendung, aber es war jetzt keine Zeit ſich dabei aufzuhalten. Escobar draͤngte mit ſeiner Abreiſe. Columbus eilte ſich daher, dem Ovando eine Antwort in den freundlichſten Ausdruͤcken zu ſchreiben und ihm die Gefahren und Bedraͤngniſſe ſeiner Lage, vermehrt durch die Empoͤrung des Porras, getreu zu ſchildern, aber voll Vertrauen auf ſein Verſprechen des Ab⸗ holens, auf welches ſich verlaſſend er ruhig an Bord ſeines Wracks bleiben wolle. Er empfahl den Diego Mendez und Bartholomeo Fiesco ſeiner Gunſt und verſicherte ihn, ſie ſeyen in keiner heimlichen Abſicht nach San Domingo ge⸗ — 293— fandt, ſondern lediglich um ſeine gefahrvolle Lage zu ſchil⸗ dern und Huͤlfe zu erbetten.*) Als Ekcobar den Brief empfangen hatte, kehrte er ſogleich an Bord ſeines Schiffes zuruͤck, welches alle Segel dranſetzte und ſchnell in das um⸗ huͤllende Dunkel der Nacht verſchwand. Hatten die Spanier die Ankunft dieſes Schiffes mit Entzuͤcken bewillkommt, ſo erregte ſeine ploͤtzliche Abfahrt und das geheimnißvolle Benehmen Escobars nicht mindere Verwunderung und Beſtuͤrzung. Er hatte ſich vor aller Communication mit ihnen gehuͤtet, als ob er keinen Antheil an ihrem Wohl und Wehe naͤhme. Columbus bemerkte die Duͤſterkeit, die ſich auf ihren Geſichtern ſammelte und ſchoͤpfte Beſorgniß fuͤr die Folgen. Er ſuchte daher mit aller Anſtrengung ihren Argwohn zu entfernen und erklaͤrte, daß er mit den von Ovando erhaltenen Mittheilungen ſehr zufrieden ſey, auch daß gewiß bald Schiffe kommen wuͤrden, um ſie Alſe abzuholen. Im Vertrauen hierauf behauptete er es abgelehnt zu haben, mit Escobar zuruͤckzugehen, denn weil deſſen Schiff zu klein ſey, um Alle aufzunehmen, habe er es vorgezogen, noch zu bleiben und ihr Loos zu theilen; er habe die Caravele in ſolcher Eile abgeſandt, damit keine Zeit verloren gehe, um die noͤthigen Schiffe auszurüͤſten. Dieſe Verſicherungen und die Gewißheit, daß ihre Lage in San Domingo bekannt ſey, erhob wieder die Herzen ſeiner Leute. Ihre Hoffnungen lebten wieder auf, und die Ver⸗ *) Las Casas 1, II. c. 34. — 294— ſchwoͤrung, die auf dem Punkt war, auszubrechen, ward dadurch in ſich ſelbſt zu nichte. 3 Heimlich war jedoch Columbus aͤußerſt aufgebracht uͤber das Betragen Ovando's. Er harte ihn ſo lange Monate in dem Zuſtande aͤußerſter Gefaͤhr und niederſchlagendſter Ung wißheit gelaſſen, den Feindſeligkeiten der Eingebornen, dem Aufruhr ſeines Schiffsvolks und den boͤſen Eingebungen ſeiner eigenen Verzweiflung preis gegeben. Endlich hatte er eine qualvoll hinhaltende Botſchaft geſandt, durch einen Mann, der als einer ſeiner bitterſten Feinde bekannt war, mit einem Geſchenk von Lebensmitteln, welches nach ſeiner Duͤrftigkeit ſich wie ein Spott uͤber ihre Noth ausnahm. Columbus glaubte, Ovando habe ihn abſichtlich vernach⸗ laͤſſigt, in der Hoffnung, er werde auf der Inſel umkom⸗ men, weil er beſorgte, wenn er mit heiler Haut zuruͤck kehrte, ſo werde er wieder in das Gouvernement von Hispa⸗ niola eingeſetzt werden: auch betrachtete er den Escobar nur wie einen Spion, den der Gouverneur ausgeſandt, um von ſeiner und ſeiner Leute Lage Erkundigung einzuziehen, und zu ſehen, ob ſie noch am Leben ſeyen. Las Caſas, der ſich damats in San Domingo aufhielt, aͤußert einen aͤhnlichen Verdacht. Er ſagte, Ercobar ſey zu dieſer Ausruͤſtung ge⸗ waͤhlt worden, weil Ovando gewußt habe, daß er aus altem Groll kein Mitleid mit dem Admiral haben werde; ferner habe er den Befehl gehabt, nicht an Bord der Schiffe zu gehen, noch zu landen, noch auch ſich mit irgend einem von den Leuten in ein Geſpraͤch einzulaſſen oder Briefe anzu⸗ „ — 295— nehmen, außer von dem Admiral. Kurz, er ſey ein bloßer Kundſchafter geweſen, um Nachrichten zu hinterbringen.*) Andere haben die lange Vernachlaͤſſigung des Ovando aͤußerſter Vorſicht zugeſchrieben. Es ging naͤmlich das Ge⸗ ruͤcht, Columbus ſey im Zorn uͤber die Abſetzung von ſeinen Aemtern am ſpaniſchen Hofe, damit umgegangen, die neu⸗ entdeckten Laͤnder in die Kaͤnde ſeines Vaterlandes, der Re⸗ publik Genua, oder einer andern Macht hinuͤberzuſpielen. Solche Geruüͤchte liefen lange um, und aaf ihre Erneuerung zzelt Columbus ſelbſt in jenem Brief an die Souveraine hin, den Mendez uͤberbringen ſollte. Die triftigſte Ent⸗ ſchuldigung, welche gegeben wird, iſt die, daß Ovando meh⸗ rere Monate lang abweſend und im Innern der Inſeln mit den Eingebornen in Krieg verwickelt war, und daß in San Domingo ſich keine Schiffe von hinlaͤnglicher Groͤße befanden, um den Columbus und ſein Schifſsvolk nach Spa⸗ nien zu bringen. Er mag gefuͤrchtet haben, wenn ſie an⸗ kaͤmen, um noch längere Zeit auf der Inſel zu bleiben, werde der Admiral ſich entweder in die oͤffentlchen Angelegenheiten miſchen oder verſuchen, eine Parthei fuͤr ſich zu gewinnen, oder es moͤchten ſich wegen der großen Zahl ſeiner alten Feinde, die noch dort wohnten, fruͤhere Scenen von Par⸗ theiungen und Unruhen erneuern.**) Immittelſt konnte die Lage des Columbus in Jamaika, weil ſie ihm Ruhe ver⸗ *) Las Casss hist. Ind. I. II. c. 33. Hist. del Almi- rante, oap. 103. **) Las Casas 1. c. Hist. del Almirante 1. c. — 296— goͤnnte, zu warten, bis Schäffe aus Spanien ankaͤmen, nach ſeiner Anſicht nicht gefaͤhrlich ſeyn. Er hatte eine hin⸗ laͤngliche Waffenmacht zu ſeiner Vertheidigung, und war mit den Eingebornen freundſchaftlich uͤbereinkommen, daß ſie ihn mit Lebenemitteln verſahen, wie ihn wohl Diego Mendez, welcher ſolche Vertraͤge ſelbſt abgeſchloſſen, benach⸗ richtigt hatte. Dieſes moͤgen wohl die Gruͤnde geweſen ſeyn, womit Ovando, unter Wahrung ſeiner Intereſſen, ſein Gewiſſen uͤber eine Maßregel beruhigt haben mochte, die ihm bei den Zeitgenoſſen ſo große Vorwuͤrfe zuzog und ihn noch fortwaͤhrend vor der Menſchheit verdaͤchtigt. Fuͤnftes Kapitel. Reiſe des Diego Mendez und des Bartholomeo Fiesco in einem Canve nach Hispaniola. (1504.) Es iſt hier wohl am Ort, einige Nachricht von der Sendung des Diego Mendez und des Bartholomeo Fiesco und von den uUmſtäͤnden zu geben, welche den letzteren ab⸗ gehalten nach Jamaika zuruͤckzukehren. Als ſie am oͤſtlichen — — 297— Ende der Inſel von dem Adelantado Abſchied genommen hatten, ſetzten ſie den ganzen Tag ihre Fahrt in gerader Richtung fort, und ſpornten die Indianer an, welche ihre Canoes regierten und in ihrem Arbeiten oͤfters einhielten. Es ging kein Wind, der Himmel war wolkenlos und das Meer ganz ruhig. Die Hitze wurde dadurch unertraͤglich. Sie hatten keinen Schutz vor der Sonne, deren ſengende Strahlen von der Oberflaͤche des Meeres zuruͤckprallten und ihnen die Augen auszudoͤrren drohten. Die Indianer, von Hitze und Arbeit erſchoͤpft, ſprangen oft ins Waſſer, um den gluͤhenden Leib abzukuͤhlen und ſich zu erquicken, und nachdem ſie kurze Zeit darin verweilt, kehrten ſie mit friſcher Kraft zur Arbeit zuruͤck. Als die Sonne unterging, verloren ſie die Spuren des Landes. Waͤhrend der Nacht loͤſten die Indianer einander ab; indem die eine Haͤlfte ſchlief, ruderte die andere. Die Spanier theilten auf gleiche Weiſe ihre Kraͤfte, und indeß die einen ruhten, hielten die anderen mit den Waffen in der Hand Wache, ſtets gefaßt ſich zu vertheidigen, wenn die Wilden Boͤſes gegen ſie im Schilde fuͤhrten. 3 Auf dieſe Art die ganze Nacht hindurch wachend und ſich anſtrengend, fuͤhlten ſie ſich bei der Ruͤckkehr des Tages ſehr ermattet. Sie ſahen rings nichts als Meer und Him⸗ mel. Ihre gebrechlichen Canoes, mit dem Schwellen und Sinken der Wogen auf⸗ und niederſteigend, ſchienen kaum fähig, den großen Wellenſchlag des ruhigen Meeres zu er⸗ tragen, wie ſollten ſie im Stande ſeyn, unter den aufge⸗ thürmten Wogen am Leben zu bleiben, wenn ſich ein Wind — 206— erhob? Die Commandirenden thaten, was ſie konnten, um die ſinkenden Lebensgeiſter ihrer Leute wieder zu erheben. Manchmal ließen ſie ihnen etwas Raſt; dann nahmen ſie ſelbſt die Ruder zur Hand und theilten ſich in ihre An⸗ ſtrengung. Aber Arbeit und Muͤhſeligkeit war bald uͤber eine neue Leidensquelle vergeſſen. Waͤhrend der vergange⸗ nen Schwuͤle der Nacht und des Tages tranken die er⸗ ſchoͤpften und ermatteten Indianer alles Waſſer weg. Sie fingen nun an, die Qualen des Durſtes zu fuͤhlen. Je hoͤ⸗ her die Sonne ſtieg, deſto groͤßer wurde der Durſt; die Windſtille, welche das Weiterſchiffen der Canoes beguͤnſtigte, machte dieſe Pein nur aͤrger. Es wehte kein Luͤftchen, ih⸗ nen Kuͤhlung zuzufaͤcheln oder die ſengenden Strahlen der tropiſchen Sonne unwirkſam zu machen. Ihre Leiden wur⸗ den durch den Anblick ringsum vermehrt— nichts als Waſſer, waͤhrend ſie vor Durſt vergingen. Um Mittag ließen ihre Kraͤfte nach und ſie konnten nicht mehr arbeiten. Zum Gluͤck fanden um dieſe Zeit die Commandeurs, oder behaupteten, ſie faͤnden in den Canoes, zwei kleine Faͤßchen mit Waſſer, die ſie vielleicht fuͤr dieſen aͤußerſten Nothfall heimlich zuruͤckbehalten hatten. Indem ſie von Zeit zu Zeit aus ihrem koſtbaren Inhalt mittheilten und das Waſſer mundvollweiſe ihren Gefährten und beſonders den arbeiten⸗ den Indianern aufſparten, machten ſie dieſelben faͤhig, zu ihrer Anſtrengung zuruͤckzukehren. Sie troͤſteten ſie mit der Hoffnung, daß ſie bald bei der kleinen Inſel Navaſa ankommen wuͤrden, welche grade auf ihrem Wege lag und nur noch acht Seemeilen von Hiepaniola entfernt war. — 209— Hier würden ſie im Stande ſeyn, Waſſer zu ſammeln, um ihren Durſt zu ſtillen, und ſich auszuruhen. Den ubrigen Theil des Tages arbeiteten ſie ſich ſchwach und matt vorwaͤrts und ſahen ſich ſehnſuchtsvoll nach der Inſel um. Der Tag verſtrich, die Sonne ging unter und noch war kein Zeichen von Land zu ſehen, ſelbſt keine Wolke lag am Horizont, die ſie in ihren Hoffnungen taͤuſchen konnte. Nach ihrer Berechnung waren ſie ſicher in der Entfernung angekommen, wo Navaſa lag. Sie fingen an zu fuͤrchten, daß ſie von ihrer Richtung abgekommeen ſeyen. War dem alſo, dann mußten ſie die Inſel ganz aufgeben, und vor Durſt umkommen, ehe ſie Hispancola erreichten. Die Nacht brach uͤber ſie herein, ohne daß ſie Land zu ſehen bekamen. Nun verzweifelten ſie daran, Navaſa zu beruͤhren, denn dieſe Inſel war ſo klein und niedrig, daß ſie, ſelbſt wenn ſie in die Naͤhe kamen, dieſelbe in der Dunkel⸗ heit ſchwerlich erſpaͤhen konnten. Einer der Indianer ſank dahin und verſchied unter den unſaͤglichen Qualen der Ar⸗ beit, der Hitze und des fuͤrchterlichen Durſtes. Sie warfen ſeinen Leichnam ins Meer. Andere lagen winſelnd und roͤchelnd auf dem Boden der Canoes. Ihre Gefaͤhrten ſetz⸗ ten in dumpfer Betaͤubung und an Kraͤften erſchoͤpft ihre Anſtrengung mit Mattigkeit fort. Manchmal ſuchten ſie den duͤrren Gaumen durch Einſchluͤrfen von Seewaſſer zu erfriſchen, aber die herbe Bitterkeit vermehrte nur den bren⸗ nenden Durſt. Dann und wann, doch ſelten genug, durften ſie einen Tropfen Waſſer aus dem Faͤßchen koſten; aber dieſes geſchah bioß in Augenblicken der außerſten Gefahr 8 — 300— und nur bei denen, die am Ruder ſaßen. Die Nacht war ſchon weit vorgeruͤckt, aber die, welche nun an die Reihe des Ausruhens kamen, konnten nicht ſchlafen vor entſetzlichem Durſt, oder wenn ſie einſchlummerten, ſo war es nur, um mit Traͤumen von kuͤhlen Quellen und rieſelnden Baͤchen aufs neue gequaͤlt zu werden und mit verdoppelten Schmer⸗ zen zu erwachen. Der letzte Tropfen Waſſer war an die rudernden Indianer ausgetheilt, aber er diente nur dazu, ihre Qual zu vermehren. Sie konnten kaum die Ruder mehr bewegen; einer nach dem andern gab es auf, und es ſchien unmoͤglich, Hispaniola lebendig zu erreichen. Die Commandeurs hatten mit bewunderungswuͤrdiger Beherrſchung bis hierher den ſchrecklichen Kampf mit Lei⸗ den und Verzweiflung durchgekaͤmpft; nun fingen auch ſie an, muthlos zu werden. Diego Mendez ſaß und ſpaͤhte am Horizonte, der ſich allmaͤhlig mit den ſchwachen Lichtern, die dem Aufgang des Mondes vorausgehn, zu erhellen be⸗ gann. Als die Scheibe hervortrat, bemerkte er, daß ſie hinter einer dunkeln Maſſe uͤber den Ocean auftauchte. So⸗ gleich ließ er das belebende Signal:„Landn ertoͤnen, Seine dahinſterbenden Gefaͤhrten rafften ſich zu neuem Le⸗ ben auf. Es blieb kein Zweifel, daß es die Inſel Navaſa war, aber ſie zeigte ſich ſo klein und niedrig und in ſolcher Ferne, daß ſie dieſelbe niemals entdeckt haben wuͤrden, wenn nicht der aufgehende Mond ſie entſchleiert haͤtte. Der Irr⸗ thum in der Berechnung der Entfernung diefer Inſel war dadurch entſtanden, daß ſie ſich in den Strecken, die ſie ru⸗ dernd zuruͤcklegten, geirrt hatten, indem ſie die Muͤdigkeit — 301— der Rudernden und die gegenlaufende Stroͤmung des Mee⸗ res nicht gehoͤrig in Anſchlag brachten. Neue Kraft durchzuckte nun die Mannſchaft; ſie ſtreng⸗ ten ſich mit fieberhafter Gewalt an. Als der Morgen daͤm⸗ merte, erreichten ſie das Land, ſprangen an die Kuͤſte und dankten Gott faͤr ihre wunderbare Rettung. Die Inſel wMar eine bloße Felſenmaſſe und hatte eine halbe Seemeile im Umkreis. Sie trug keinen Baum, keinen Strauch und kein Kraut, ſie beſaß weder Fluß noch Quelle. Als ſie mit aͤngſtlicher Ungeduld umherliefen, entdeckten ſie jedoch zu ihrer großen Freude eine Menge Regenwaſſer in den hohlen Stellen der Felſen. Sie ſchoͤpften es haſtig mit ih⸗ ren Calabaſchen und ſtillten den gluͤhenden Durſt mit un⸗ maͤßigem Trinken. Vergebens warnten die Kluͤgeren vor der Gefahr. Die Spanier beherrſchten ſich noch einiger⸗ maßen; aber die armen Indianer, bei denen die Anſtren⸗ 8 gungen das Fieber des Durſtes geſteigert hatten, uͤberließen ſicch wie wahnſinnig dem Genuß. Einige ſtarben auf der Stelle, andere wurden gefaͤhrlich krank.*) 1 Nachdem ſie ihren Durſt geſtillt hatten, ſahen ſie ſich 4 nach Nahrung um. Einige Schaalthiere lagen an dem Strande. Diego Mendez ſchlug Licht und raffte duͤrres Holz zuſammen; ſo konnten ſie die Thiere braten und hiel⸗ S*) Nicht weit von der Inſel Navaſa rauſcht eine reine Quelle ſuͤßen Waſſers in's Meer und überſtrömt die Fläche auf eine ziemliche Strecke mit dieſem ſüßen Waſſer. Die⸗ ſer umſtand mußte demnach den Spaniern damals noch unbekannt ſeyn⸗(Oviedo cronica I. VI. cap. 12.) ten ein koͤſtliches Mahl. Den ganzen Tag blieben ſie hier, ruhten in dem Schatten der Felſen aus und erholten ſich von din unſaͤglichen Leiden. Ste blickten hinuͤber nach His⸗ paniola, deſſen Berge man in einer Entfernung von acht Seemeilen am Horizont emporragen ſah. 4 In der Kuͤhle des Abends ſchifften ſie ſich, geſtaͤrkt durch die Rahe, wieder ein, und kamen wohlbehalten am folgenden Tage, dem verten ſeit ihrer Abreiſe von Ja⸗ maika, am Cap Tiburon an. Hier landeten ſie an den Ufern eines ſchoͤnen Fluſſes, und wurden von den Eingebo⸗ renen freundlich aufgenommen und gut bewirthet.— Dieſes ſind die aus verſchiedenen Quellen geſammelten*) naͤheren Umſtaͤnde der gewagten und intereſſanten Reiſe, von deren zweifelhaftem Erfolg die Rettung des Columbus und ſeiner Mannſchaft abhing. Die Reiſenden blieben noch zwei Tage unter den gaſtfreundlichen Eingeborenen an den Ufern des Fluſſes, um ſich zu ſtaͤrken. Fiesco wuͤrde nach Jamaika zuruͤckgekehrt ſeyn, um ſein Verſprechen zu erfuͤllen, dem Admiral und ſeinen Gefaͤhrten Nachricht von der gluͤcklichen Ankanft ihrer Botſchaft zu geben; aber ſowohl die Spanier als die Indianer hatten ſo viel auf dieſer Reiſe ausgeſtan⸗ den, daß nichts in der Welt ſie beſtimmen konnte, ſich den Gefahren der Ruͤckkehr in den Canoe's auszuſetzen. Als Diego Mendez mit ſeinen Gefaͤhrten aufbrach, nahm er ſechs Indiauer dieſer Inſel mit und machte ſich muthig *) Hist. del Almirante, cap. 105. Las Casas, 1. II. Yeap. 31. Teſtament des Diego Mendes, Navarrete t. 1. — 303— in ſeinem Canoe auf den Weg nach dem hundert und drei⸗ ßig Seemellen entfernten San Domingo. Nachdem ſie acht⸗ zig Seꝛmeilen mit unendlicher Anſtrengung, immer gegen die Stroͤmung rudernd, zuruͤckgelegt hatten, erhielt er Nachricht, daß der Gouverneur nach Xaragua abgereiſt ſey, welches funfzig Stunden von da lag. Ungebeugt von An⸗ ſtrengungen und Muͤhſeligkeiten, verließ er ſeinen Canoe und ging allein und zu Fuße durch die Waͤlder und Ge⸗ birge bis nach Paragua, und erfuͤllte ſo einen der gefahr⸗ vollſten Auftraͤge, die jemals von einem treuen Untergebe⸗ nen fuͤr das Heil ſeines Oberen unternommin wurden. Ovando empfing ihn mit vieler Freundlichkeit und be⸗ zeugte ihm die groͤßte Theilnahme an dem ungluͤcklichen Schickſal des Columbus. Er verſprach ihm oft, ſogleich Huͤlfe zu ſenden, ließ aber einen Tag, eine Woche, ja ei⸗ nen Monat nach dem andern verſtreichen, ohne ſein Ver⸗ ſprechen zu erfuͤllen. Er war grade zu der Zeit tief in Kriege mit den Eingeborenen verwickelt und hatte die gute Ausrede, daß keine gehoͤrigen Schiffe in San Domingo vor⸗ handen ſeyen. Haͤtte er ſich aber wahrhaft fuͤr das Wohl eines Magnes wie Columbus intereſſirt, ſo waͤre es ihm ein Leichtes geworden, in acht Monaten irgend ein Mittel ausfindig zu machen, wo nicht, ihn aus ſeiner bedenklichen Lage zu befreien, doch mindeſtens ihm hinlaͤngliche Vorraͤthe und Verſtaͤrkung zuzufuͤhren. Der getreue Mendez blieb ſieben Monate in Xaragua, wo er unter allerlei Vorwaͤnden von Ovando feſtgehalten wurde, welcher nicht wollte, daß er nach San Domingo — 304— ginge, theils weil er, wie bereits angedeutet worden, et⸗ was argwoͤhniſch war, Columbus moͤge ihn mit geheimen Auftraͤgen geſandt haben, theils in der Abſicht, Hinderniſſe in den Weg zu legen, daß ihm die erbetene Huͤlfe nicht ſo bald zu Thell werde. Endlich erhielt er durch taͤgliches Draͤngen die Erlaubniß nach San Domingo zu gehen und auf die Ankunft von Schiffen zu harren, welche man er⸗ wartete, und von denen er eines fuͤr Rechnung des Admi⸗ rals zu kaufen ſich erbot. Er machte ſogleich zu Fuß die Strecke von ſiebzig Stunden, und legte einen Theil dieſer muͤh⸗ ſeligen Reiſe durch Waͤlder und Gebirge, von feindſeligen und erboſten Indianern umſchwaͤrmt, zuruͤck. Nach ſeiner Abreiſe ſandte Ovando die Caravele mit dem begnadigten Rebellen Escobar zu dem ſonderbaren und zweideutigen Be⸗ ſuch aus, welcher in den Augen des Columbus lediglich das Anſehen eines kecken Streifzuges hatte, um das Lager eines Feindes auszuſpioniren. Sechſtes Kapitel. Anträge, welche Columbus den Aufrührern macht. Treffen des Adelantado mit Porras und ſeinen Anhängern. (1503.) Wie Columbus die Niedergeſchlagenheit ſeiner Leute uͤber den kurzen, ungenuͤgenden Beſuch und die ploͤtzliche Abreiſe Escobars beſchwichtigt hatte, verſuchte er das Ereigniß zu einem Vortheil uͤber die Rebellen zu benutzen. Er wußte, daß ſie durch das unvermeidliche Elend, welches einem ge⸗ ſetz⸗ und zuͤgelloſen Leben folgt, muͤrbe geworden waren, daß viele in die ſichere und ſtille Bahn der Pflicht ſich zu⸗ ruͤckſehnten, und daß die boshafteſten, als ſie ſahen, daß alle ihre Intriguen bei den Indianern nicht dahin führen woll⸗ ten, daß Columbus ausgehungert wurde, zu fuͤrchten an⸗ fingen, er moͤge doch endlich den Sieg davon tragen und Rache an ihnen nehmen. Jetzt bot ſich nach ſeiner Mei⸗ nung eine vortheilhafte Gelegenheit, dieſe Empfindungen zu benutzen und durch ſanfte Mittel ſie zum Gehorſam zuruͤck⸗ Irving's Columbus. 7—9. 20 — 306— zufuͤhren. Er ſandte zwei von ſeinen Leuten aus, die mit den Rebellen am vertrauteſten ſtanden, um ſie von der kuͤrz⸗ lichen Ankunft eines Schiffes mit Briefen des Gouverneurs von Hispaniola zu benachrich'igen, worin ihnen ſchnelle Befreiung verſprochen werde. Er bot ihnen nun vollige Amneſtie, guͤtige Behandlung und die Mitfahrt in den er⸗ warteten Schiffen an, wenn ſie ſogleich zu ihrer Pflicht zu⸗ ruͤckkehrten. Um ſie von der Ankunft des Schiffes zu uͤber⸗ zeugen, ſandte er ihnen ein Stuͤck von der Speckſeite, die ihm Escobar mitgebracht hate. Bei der Annaͤherung dieſer Abgeſandten kam Fiesco de Porras ihnen entgegen, nur von einigen Raͤdelsfuͤhrern des Aufruhrs begleitet. Er bildete ſich wohl ein, daß es Aner⸗ bietungen von Seiten des Admirals ſeyen und war heſorzt, ſie der Maſſe ſeiner Anhaͤnger hoͤren zu laſſen, die in ihrer unzufriednen und reumuͤthigen Stimmung gern bei der min⸗ deſten Ausſicht auf Begnadigung wieder von ihm abgefallen waͤren. Nachdem er die Botſchaft und Antraͤge der Abge⸗ ſandten gehoͤrt, berieth er ſich eine Zeitlang mit ſeinen Ver⸗ trauten daruͤber. Treulos wie ſie ſelber waren, zweiſelten ſie an der Aufrichtigkeit des Admirals, und der Groͤße ih⸗ rer Schuld ſich bewußt, glaubten ſie nicht, daß er die Groß⸗ muth haben werde, ihnen zu verzeihen. Sie beſchloſſen da⸗ her, der angebotenen Amneſtie keinen Glauten zu ſchenken. Sie antworteten den Abgeordneten, ſie haͤtten keine Luſt, zu den Schiffen zuruͤckzukehren, ſondern zoͤgen es vor, nach ihrem Wohlsefallen auf der Inſel zu leben. Sfe erboten ſich jedoch, daß ſie ſich friedlich und freundlich benehmen — — 307— wollten, wenn ſie von dem Admiral das feierliche Verſpre⸗ chen erhielten, daß im Fall zwei Schiffe kaͤmen, ihnen eins zur Ruͤckreiſe abgetreten werde, käme bloß eins an, ſo waͤre ihnen die Haͤlfte deſſelben zuzuſichern; außerdem ſolle der Admiral die Vorraͤthe und indianiſchen Tauſchartikel, welche auf den Schiffen noch zuruͤck waͤren, mit ihnen theilen, da ſie alles, was ſie gehabt, auf dem Meere verloren haͤtten. Als ſie merkten, daß dieſe Vorſchläge uͤbertrieben und un⸗ zulaͤſſig gefunden wurden, antworteten ſie mit Frechheit, wenn ihnen dieſes nicht friedlich zugeſtanden wuͤrde, wollten ſie es mit Gewalt nehmen, und mit dieſer Drohung ent⸗ ließen ſie die Abgeſandten.*) Dieſe Conferenz wurde nicht ſo geheim gehalten, daß nicht die uͤbrigen Rebellen die ganze Abſicht der Miſſion erfahren haͤtten, und die angebotene Amneſtie und Befrelung erregte den ſtaͤrkſten Tumult und große Bewegung. Por⸗ ras, der ſich vor ihrem Oeſertiren fuͤrchtete, bot alle ſeine Beredſamkeit auf und nahm zu den aͤrgſten Luͤgen ſeine Zuflucht, um ſie zu taͤuſchen. Er ſagte ihnen, dieſe Aner⸗ bietungen des Admirals ſeyen alle truͤgeriſch, er ſey von Natur grauſam und rachſuͤchtig, und wollte ſie nur in ſeine Gewalt locken, um ſie ſeinen ganzen Zorn fuͤhlen zu laſſen. Er ermahnte ſie, ſtandhaft gegen ſeine Tyranney zu blei⸗ ben, erinnerte ſie daran, daß die, welche es in Hispaniola cben ſo gemacht, gleichfalls den Sieg davongetragen und *) Las Casas lib. II. c. 35. Hist. del Almi ante, cap. 106. 35* — 308— ihn in Ketten nach Spanien geſandt Pätten; er verſicherte ſie, daß ſie daſſelbe thun duͤrften und machte ihnen wieder prahleriſche Verſprechungen des Schutzes in Spanien durch den Einfluß ſeiner Verwandten. Aber die keckſte ſeiner Be⸗ hauptungen bezog ſich auf die Caravele mit Escobar. Sie beweiſt die Unwiſſenheit des Zeitalters und die aberglaͤubiſche Ehrfurcht, welche der gemeine Haufe dem Columbus und ſeinen aſtronomiſchen Kenntniſſen zollte. Porras verſicherte ſie, es ſey keine wirkliche Caravele angekommen, es ſey ein bloßes Blendwerk geweſen, von dem Admiral mit Huͤlfe negromantiſcher Kuͤnſte, in denen er ſo tief eingeweiht ſey, heraufbeſchworen. Zum Beweiſe deſſen machte er ſie auf die Ankunft in der Abenddaͤmmerung, auf ihren bloßen Ver⸗ kehr mit dem Admiral und auf ihr ploͤtzliches Verſchwinden in das Dunkel der Nacht aufmerkſam. Waͤre es eine wirk⸗ liche Caravele geweſen, ſo wuͤrden die Matroſen mit ihren Landsleuten zu reden geſucht haben, der Admiral, ſein Sohn und ſein Bruder wuͤrden ſich mit ungeduld an Bord der⸗ ſelben begeben haben und ſie wuͤrde auf jeden Fall eine kleine Weile im Hafen geblieben und nicht ſo ſchnell und raͤthſel⸗ haft verſchwunden ſeyn.*) Durch dieſe und aͤhnliche Vorſpiegelungen gluͤckte es dem Porras, auf die Gefuͤhle und die Leichtglaͤubegkeit ſeiner Anhaͤnger zu wirken. Da er jedoch fuͤrchtete, ſie moͤchten weiterem Nachdenken und ferneren Antraͤgen des Admirals 1 8 *) Hist, del Almirante, dap. 106. Las Casas, 1. II. cap. 35. — 309— Gehoͤr geben, beſchloß er ſie in einen Akt der Gewalt zu verwickeln, um ihnen alle Hoffuung der Vergebung abzu⸗ ſchneiden. Er ließ ſie daher eines Tages nach einem india⸗ niſchen Dorf Namens Maima*) marſchiren, wo nachmals eine Stadt Namens Sevilla gegruͤndet wurde, ein Ort, welcher ungefaͤhr eine Viertelſtunde von den Schiffen ent⸗ fernt lag. Seine Abſicht ſoll geweſen ſeyn, die an Bord der Schiffe noch uͤbrigen Vorraͤthe, wegzunehmen und den Admiral zum Gefangenen zu machen.**) Columbus hatte Nachricht von den Anſchlaͤgen der Re⸗ bellen und von ihrer Annaͤherung. Da ihn ſeine Unpaͤßlich⸗ keit feſſelte, ſo ſandte er ſeinen Bruder, um mit milden Worten zu verſuchen, ſie von ihren Vorſaͤtzen abzubringen und ſie wieder zum Gehorſam zuruͤckzufuͤhren; doch mit hinlaͤnglicher Waffenmacht, um jeder Gewalt Widerſtand zu leiſten. Der Adelantado, der in der Regel eher ein Mann von Thaten als von Worten war, nahm funfzig Mann, worunter einige Perſonen von gepruͤfter Entſchloſſenheit und bereit, bei jedem Anlaß ihr Leben zu wagen. Alle waren gut bewaffnet und voll Muth, wiewohl viele von den juͤng⸗ ſten Krankheiten und von der langen Eingeſchloſſenheit auf den Schiffen noch blaß und geſchwaͤcht waren. Als ſie an der Seite einer Anhoͤhe, ungefaͤhr einen Bogenſchuß von dem Dorf ankamen, bemerkte der Adelantado die Rebellen und ſandte, um mit ihnen zu unterhandeln, dieſelben beiden *) Jetzt Mamnice⸗Bay. **) Hist. delkAlmirante, I. c. 4 — 310— Boten ab, welche ihnen bereits das Anerbieten des Pardons uͤberbracht hatten. Porras und die Mitanfuͤhrer ließen ſie jedoch nicht naͤher kommen. Sie vertrauten auf ihre groͤ- ßere Zahl und auf die Koͤrperſtaͤrke ihrer Leute, die groͤß⸗ tentheils verwegene Matroſen waren, robuſt und erſtarkt durch das Wanderleben, welches ſie in den Waͤldern und der freien Natur fuͤhrten. Sie wußten, daß viele von de⸗ nen, die mit dem Adelantado kamen, an ein weicheres Le⸗ ben gewoͤhnt waren. Sie deuteten auf die bleichen Geſich⸗ ter und verſicherten ihre Anhaͤnger, daß ſie bloße hausbackne Burſche und wetterlauniſche Kameraden ſeyen, die ihnen nicht Stand halten koͤnnten. Sie bedachten nſcht, daß bel ſolchen Maͤnnern Stolz und hoher Sinn oft Körperſtaͤrke mehr als erſetzt, und vergaßen, daß die Gegner den unbe⸗ rechenbaren Vortheil der gerechten Sache auf ihrer Seite hatten. Von ihren Worten verfuͤhrt, loderten. ihre Anhaͤn⸗ ger in eine voruͤbergehende Glut von Entſchloſſenheit auf; ſie ſchwangen die Waffen und weigerten ſich, die Boten an⸗ zuhoͤren. 1 Sechs der keckſten unter den Rebellen trafen die Verab⸗ redung, einander beizuſtehen, um den Adelantado anzugrei⸗ fen; denn wenn er erſchlagen war, konnten die uͤbrigen leicht uͤberwunden werden. Das Hauptcorps ſtellte ſich in eine geſchloſſene Reihe auf, zog die Schwerter und ſchwang die Lanzen. Sie warteten nicht auf den Angriff, ſondern ſtuͤrz⸗ ten ſelbſt auf den Feind los, indem ſie Geſchrei und Dro⸗ hungen ausſtießen. Sie wurden jedoch ſo gut empfangen, daß auf den erſten Angriff vier bis fuͤnfe getoͤdtet wurden, — 311— groͤßtentheils die Verbuͤndeten die ſich gegen den Adelantado verabredet hatten. Dieſer erſchlug mit eigner Hand den Juan Sanch z, denſelben kraͤftigen Seemann, der den Ca⸗ ziken Quibian weggeführt hatte, und dann den Juan Bar⸗ ber, der bei dieſer Meuterei gegen den Admiral zuerſt das Schwert gezogen hatte. Der Adelantado theilte mit ſeiner gewohnten Kraft und Herzhaftigkeit rings im dickſten Ge⸗ draͤnge ſeine Hiebe aus; ſchon lagen einige von ihm ver⸗ wundet oder erſchlagen, als Francisco de Porras ihn an⸗ griff. Mit einem Hiebe ſeines Schwertes ſpaltete der Re⸗ bell den Schild des Don Bartholomeo und verwundete ihn in die Hand, welche ihn hielt. Das Schwert blieb in dem Schild haͤngen, und ehe Porras es herausziehen konnte, draͤngte ſich der Admeral an ihn, packte ihn feſt und machte ihn nach einigem heftigen Ringen mit Huͤlfe Herbeieilender gluͤcklich zum Gefangenen. 5 Wie die Rebellen ihren Anfuͤhrer gefangen ſahen, war ihr aufflackernder Muth zu Ende; ſie machten ſich verwirrt auf die Flucht. Der Adelantado wuͤrde ſie verfolgt haben, aber er begnuͤgte ſich, ſie mit der empfangenen Strafe ent⸗ rinnen zu laſſen; beſonders da es noͤrhig war, ſich gegen die Moͤglichkeit eines Angriſſes der Wilden zu decken. Dieſe hatten die Waffen ergriffen und ſich in Schlacht⸗ ordnung aufgeſtellt; ſie ſahen mit Erſtaunen dem Gefecht *) Hist. del Almirante, cap- 107. Las Casas, hist. Ind. lib. II. cap. 35. 3 — 312— der weißen Maͤnner zu; doch ohne auf einer oder der an⸗ dern Seite Theil zu nehmen. Wie das Treffen vorbei war, naͤherten ſie ſich dem Schlachtfelde und blickten mit Verwun⸗ derung die todten Leiber der Weſen an, die ſie einſt fuͤr unſterblich gehalten hatten. Sie waren neugierig, die von chriſtlichen Waffen geſchlagenen Wunden zu unterſuchen. Unter den verwundeten Inſurgenten befand ſich Pedro Le⸗ desma, der naͤmliche Pilote, der ſo wacker an die Kuͤſte von Veragua geſchwommen war, um Nachrichten von der Colonie einzuziehen. Er war ein Mann von bewunderungs⸗ wuͤrdiger Muskelkraft und hatte eine tiefe rauhe Stimme. Wie die Indianer, die ihn fuͤr todt hielten, ſeine Wunden unterſuchten, womit er im buchſtaͤblichen Sinne bedeckt war, fing er mit einer Sentorſtimme ploͤtzlich an zu ſchreien, daß die Wilden voll Schrecken entflohen. Dieſer Mann war in eine Erdſpalte oder Steinkluft gefallen und die weißen Maͤnner entdeckten ihn erſt bei der Morgendaͤmme⸗ rung am folgenden Tage. Waͤhrend dieſer Zeit hatte er keinen Tropfen Waſſer gekoſtet. Die Zahl und Groͤße der Wunden, welche er erhalten, wuͤrde unglaublich erſcheinen, aber es wird ihrer von Fernando Columbus gedacht, wel⸗ cher Augenzeuge war, und von Las Caſas, der die Nach⸗ richt von Ledesma ſelbſt hatte. Aus Mangel an geeigneten Heilmitteln wurden ſeine Wunden auf die rauheſte Art be⸗ handelt, doch mit Huͤlfe einer kraͤftigen Conſtitution genas er voͤllig. Las Caſas ſprach mehrere Jahre nachher mit ihm zu Sevilla, wo er von ihm verſchiedene Einzelnheiten uͤber dieſe Reiſe des Columbus erfuhr. Einige Tage nach — — — 313— dieſem Geſpraͤch hoͤrte er, Ledesma ſey unter dem Meſſer eines Meuchelmoͤrders gefallen.*) Der Adelantado kehrte nach ſeinem Siege im Triumph zu den Schiffen zuruͤckz ſein Bruder empfing ihn mit gro⸗ ßer Zärtlichkeit, indem er ihm als ſeinem Retter dankte. Er brachte Porras und mehrere ſeiner Anhaͤnger gefangen. Von ſeiner Parthei waren nur zwei verwundet worden, er ſelbſt in die Hand, und der Hausverwalter des Admirals, der eine dem Anſchein nach kleine Wunde von einer Lanze erhalten hatte, wie der kleinſten eine, womit Ledesma be⸗ deckt war; ungeachtet ſorgfaͤltiger Behandlung ſtarb er. Am folgenden Tag, den 20. Mai ſandten die Fluͤchtlinge eine Supplik an den Admiral, mit allen ihren Namen un⸗ terzeichnet, wo ſie, wie Las Caſas berichtet, alle ihre Un⸗ thaten und Grauſamkeiten und boͤſe Abſichten bekannten, den Admiral anflehten, Mitleid zu haben und ihnen die Rebellion zu verzeihen, fuͤr welche ſie Gott ſchon genug ge⸗ ſtraft habe. Sie boten ſich an, zum Gehorſam zuruͤckzu⸗ kehren und ihm in Zukunft treu zu dienen, ſie wollten zu dem Ende einen Eid auf's Kreuz und Meßbuch ableiſten, und fuͤgten Beſtaͤrkungen bei, die der Aufzeichnung werth ſind: Wenn ſie ihren Eid bräͤchen, ſolle kein Prieſter noch anderer Chriſt ihnen jemals Beichte halten, Reue ſolle nichts wieder gut machen koͤnnen, ſie wollten der heiligen Sakra⸗ mente der Kirche beraubt und bei ihrem Tode keiner Seg⸗ nungen aus Bullen und Ablaßbriefen theilhaftig werden; ihre *) Las Casas, hist, Ind, 1. 1I. oap. 35. — 314— Leichname ſollten gleich denen der Ketzer und Renegaten hin⸗ aus auf's Feld geworfen und nicht in heiliger Erde beſtat⸗ tet werden, auch duͤrften ſie niemals Abſolut on vom Pabſt empfangen, noch von Cardinaͤlen, Erzbiſchoͤfen, Biſchoͤfen, noch von irgend einem anderen chriſtlichen Prieſter.*) Die⸗ ſes waren die fuͤrchterlichen Verwuͤnſchungen, durch welche dieſe Maͤnner ihre Eide zu verſtaͤrken ſuchten. Die Werth⸗ loſigkeit des Wortes eines Mannes kann immer an den uͤbertriehenen Mitteln zu deſſen Bekraͤftigung erkannt werden. Der Admiral ſah in der niedrigen Art dieſer Supplik, wie voͤllig der Muth dieſer verfuͤhrten Menſchen gebrochen war; mit ſeiner gewohnten Großmuth gewaͤhrte er grn ihre Bette und vergab ihnen die Beleidigungen; doch unter der einen Bedingung, daß ihr Anfuͤhrer, Francisco Porras, Gefangener bleiben muͤſſe. Da es ſchwierig war, ſo viele Perſonen an Bord der Schiffe in Ordnung zu halten, und leicht Streit zwiſchen Leuten ausbrechen konnte, die ſich noch juͤngſt feindlich ge⸗ genuͤbergeſtanden hatten, ſo ſtellte Columbus die Anhaͤnger des Porras unter das Commando eines zuverlaͤſſigen ge⸗ treuen Mannes; er vertraute ihm eine Anzahl europaͤiſcher Artikel zum Zweck des Tauſchhandels mit den Eingebornen an und beauftragte ihn, auf der Inſel umher nach Nah⸗ ——— 0 *) Las Casas, hist, Ind. lib, II. cap. 35. — 315— rung auszugehen, bis die erwarteten Schiffe ankommen wuͤrden. Endlich nach einem langen Jahre, zwiſchen Hoffnung und Zweifeln verlebt, wurden die Beſorgniſſe der Spanier durch den Anblick zweier nach dem Hafen ſteuernden Schiff: auf's Freudigſte verſcheucht. Das eine wies ſich als ein Fahrzeug aus, welches auf Rechnung des Admirals von dem treuen und unermuͤdlichen Diego Mendez gemſethet und gut mit Lebensmitteln verſehen worden; das andere war ſpäter von Ovando ausgeruͤſtet und unter die Befehle Die⸗ go's de Salcedo geſtellt worden, welcher als Agent des Ad⸗ mirals, zur Beitreibung ſeiner Renten, in San Domingo angeſtellt war. 1 Die lange Nachlaͤſſigkeit Ovando's, zur Rettung des Columbus die Haͤnde zu bieten, erregte ſo ſehr den oͤffent⸗ lichen Unwillen, daß ſogar von den Kanzeln Ruͤgen deßhalb ergingen. Dieſes verſichert Las Caſas, welcher zu jener Zeit in San Domingo war. Wenn der Gouverneur waͤh⸗ rend des Verzugs der Haͤlfe wärklich die Hoffnung genaͤhrt hatte, daß Columbus auf der Inſel umkommen werde, mußte die von Escobar zuruͤckgebrachte Nachricht ihn vollig aus der Faſſung gebracht haben. Er durfte keine Zeit verlieren, wenn er einigen Anſpruch auf das Verdienſt ſeiner Befreiung machen, oder die Ungnade, ihn voͤllig vernachlaͤſſigt zu haben, vermeiden wollte. Er machte ſich daher um eilf Uhr noch bereit und ſandte eine Caravele zugleich mit dem Schiff des Diego Mendez ab. Nachdem dieſer ſich treu die⸗ ſes Theils ſeines Auftrags entledigt hatte und die Schiffe — 316— abgehen ſehen, reiſte er in den ferneren Angelegenheiten des Admirals nach Spanien ab. 88 3 — *) Einige kurze Notizen über die weiteren Schickſale des Diego Mendez mögen den Leſer intereſſiren. Als der König Ferdinand von ſeinen treuen Dienſten hörte, ſagt Oviedo, ertheilte er dem Mendez Belohnungen und er⸗ laubte ihm, einen Canoe in ſeinem Wappen zu führen, zum Andenken an ſeine Dienſttreue. Mendez fuhr fort ſich dem Admiral aufopfernd ergeben zu bezeugen und diente ihm eifrig nach ſeiner Rückkehr nach Spanien und während ſeiner letzten Krankheit. Columbus hielt ſeine Treue im dankbarſten und liebevollſten Andenken. Auf ſeinem Todtbette verſprach er dem Mendez, er ſolle zum Lohn für ſeine Dienſte Ober⸗Alguazil der Inſel Hisva⸗ niola werden, eine Anſtellung, die der Sohn des Admi⸗ rals, welcher gegenwärtig war, gern zu erfüllen über⸗ nahm. Als wenige Jahre nachher der Letztere ſeinem Vater im Dienſt nachfolgte, erinnerte ihn Mendez an ſein Verſprechen, allein Don Diego benachrichtigte ihn, er habe das Amt ſchon ſeinem Oheim Don Bartholomeo übertragen, verſicherte ihn jedoch, er werde eine Stelle zur Entſchädigung erhalten. Mendez erwiederte erzürnt, die Entſchädigung wäre beſſer dem Don Bartholomeo und . der Dienſt als Alguazil ihm nach der Verabredung gege⸗ ben worden. Das Verſprechen blieb indeſſen unerfüllt und Diego Mendez unbelohnt. Er ging ſpäter auf Ent⸗ deckungsreiſen aus, in Schiffen, die er auf eigne Koſten ausrüſtete, hatte aber vielerlei Unglück und ſcheint in dürftigen Umſtänden geſtorben zu ſeyn. Sein letzter Wille, aus welchem dieſe Notizen größtentheils genom⸗ men ſind, war aus Valladolid vom 19. Juni 1536 da⸗ tirt. Es geht daraus hervor, daß er zur Zeit ſeiner Neiſe mit dem Admiral noch im Jugendalter ſtand. In G dieſem Teſtamente verlangt er, daß die ihm zugeſagte — 317— Belohnung ſeinen Kindern gegeben werde, indem man ſeinen älteſten Sohn zum Ober⸗Alguazil in San Do⸗ mingo auf Levenszeit und ſeinen anderen Sohn zum Lieutenant des Admirals in derſelben Stadt ernennen ſolle. Es iſt nicht zu ermitteln, ob dieſe Bitte unter den Nachfolgern des Don Diego noch in Erfüllung ging. Eine andere Verordnung in ſeinem letzten Willen iſt die, daß ein breiter Stein auf ſein Grab gelegt werde, mit der Inſchrift:„Hier liegt der ehrenwerthe Cavalier Diego Mendez, welcher der Krone von Spanien große Dienſte bei der Eroberung von Indien unter dem Ent⸗ decker, Admiral Don Chriſtoval Colon glorreichen Anden⸗ kens, geleiſtet, ſpäterhin aber ſelbſtſtändig, mit Schiffen die er auf eigne Koſten ausgerüſtet. Er ſtarb ꝛc. c. Bete für ſein Heil ein chriſtliches Paternoſter und Ave Marig.“ 4 Er befahl, daß auf die Mitte dieſes Steins ein in⸗ dianiſcher Canoe eingegraben werde, wie er ihn vom Kö⸗ nig als Denkmal ſeiner Reiſe von Jamaika nach Hispa⸗ niola zum Wavpen erhalten, und darüber ſolle mit großen Buchſtaben das Wort„CANOA“ zu ſtehen kommen⸗ Er befayl ſeinen Erben Treue gegen den Admiral(Don Diego Colon) und deſſen Gemahlin, und gab ihnen viele chriſtliche Lehren, mit frommen Segnungen untermiſcht. Als ein Erbſtück für ſeine Familie ſtiftete er ſeine Biblio⸗ thek, welche aus wenigen Werken beſtand, die ihn auf ſeinen Reiſen begleiteten, als:„die Kunſt, heilig zu ſter⸗ ben, von Erasmus; ein Sermon deſſelben Verfaſſers, ſpaniſch; die Lingua und Geſpräche deſſelben; die Ge⸗ ſchichte des Joſephus; die Moral des Ariſtoteles; das Buch vom heitigen Land; ein Buch, genannt: Betrach⸗ tung der Leiden unſeres Erlöſers; eine Abhandlung über die Rächung von zlgamemnons Tode, und mehrere andere kleine Schriften.“ Dieſes ſeltſame und charakteriſtiſche Te⸗ ſiament befindet ſich in den Archiven des Herzogs von Veragua in Madrid.. 8 Siebzehntes Buch. Erſtes Kapitel. Adminiſtration des Ovando in Hispaniola. Unter⸗ drückung der Eingebornen. (1503.) Ehe wir die Ruͤckkehr des Columbus nach Hiepantola erzäͤhlen, wird es am rechten Ort ſeyn, einige der Haupt⸗ ereigniſſe auf dieſer Inſel, welche ſich unter dem Gouver⸗ nement des Ovando zutrugen, in's Auge zu faſſen. Ein großer Haufe von Abenteurern verſchiedner Art war mit ſeiner Flotte heruͤbergeſtroͤmt— gierige Speculanten, leicht⸗ glaͤubige Traͤumer und rurnirte Kapitaliſten, alle hofften ſich ſchnell auf einer Inſel zu bereichern, wo man das Gold auf der Oberflaͤche der Erde zuſammenraffte oder in den Steinbruͤchen der Gebirge ſammelte. Kaum waren die, welche die Cxpedition begleiteten, an's Land gekommen, ſagt Las Caſas, als ſie auch alle nach den Minen kefen, die — 319— ungefaͤhr acht Stunden entſernt lagen. Die Wege wim⸗ melten gleich wie mit Anmeiſenhaufen von Abenteurern aller Klaſſen. Jeder hatte ſeinen Schnapſack mit Zwieback oder Mehl und ſeinen Minirapparat auf den Schultern. Solche Hidalgo's oder vornehme Buͤrger, welche keine Bedienung hatten, die ihnen ihre Laſt tragen konnte, ſchleppten ſie auf dem eignen Ruͤcken, und gluͤcklich war, wer ein Pferd fuͤr die Reiſe hatte, er konnte damit eine um ſo viel groͤ⸗ ßere Ladung von Schaͤtzen zuruͤckbringen. Sie liefen alle mit großer Erwartung hinaus, ungeduldig, wer zuerſt das Goldland erreichen werde, indem ſie dachten, daß ſie nur bei den Minen ankommen duͤrften, um Reichthuͤmer einzu⸗ erndten; ndenn ſie bildeten ſich ein,“ ſagt Las Caſas,„daß das Gold ſich eben ſo leicht und ſchnell wie die Frucht vom Baume pfluͤcken laſſe.“ Wie ſie jedoch ankamen, entdeckten ſie zu ihrem Schrecken, daß es nöͤthig ſey, in den Einge⸗ weiden der Erde muͤhſam zu graben— eine Arbeit, woran die meiſten nicht gewoͤhnt waren; daß es hier Erfahrung und umſicht gelte, um die Goldadern zu entdecken, daß wirklich der ganze Proceß des Bergbaues unendlich muͤhſam ſey und große Geduld und viele Kenntniſſe erfordere, bei allem aber doch ſehr ungewiß ſey. Sie gruben eine Zeit⸗ lang ungeduldig fort, fanden aber kein Gold. Sie wurden hungrig, zogen ihre Vorraͤthe hervor, ſetzten ſich zum Eſ⸗ ſen nieder und kehrten dann zur Arbeit zuruͤck. Es war alles vergeblich.„Ihre Arbeiten,“ ſagt Las Caſas,„trugen ihnen guten Appetit und ſchnelle Verdauung, aber kein Gold ein. Sie ha ten ihre Vorraͤthe bald aufgezehrt, ihre Ge⸗ 3 — 320— duld erſchoͤpft, ſie verwuͤnſchten ihre Thorheit, und waren nach Verlauf von acht Tagen in traurigen Geſtalten wie⸗ der auf den Wegen, die ſie noch kuͤrzlich ſo frohlockend be⸗ treten hatten. Sie kamen ohne eine Unze Gold, halb verhungert, niedergeſchlagen und verzweiflungsvoll in San Domingo an.“*) So geht es nur zu oft mit Denen, die ſich unwiſſend mit dem Bau der Bergwerke abgeben— von allen Speculationen die glaͤnzendſte, vielverſprechendſte und taͤuſchendſte. Bald uͤberſiel Armuth dieſe irregeleiteten Men⸗ ſchen. Sie erſchoͤpften die kleine Baarſchaft, die ſie von Spanien mitgebracht hatten. Viele litten ſchon erbaͤrmlich Hunger, und waren gezwungen, ſelbſt ihre Kleidungsſtuͤcke fͤr Brod henzugeben. Einige bildeten Geſellſchaften mt den alten Anſiedlern der Inſel, aber die Meiſten waren wie verlorene, irregefuͤhrte Leute, die ploͤtzlich aus einem Traum erwachen. Die Leiden der Seele erhoͤheten wie ge⸗ woͤhnlich die des Koͤrpers. Einige verſchwanden und ſtarben vor Gram, andere wurden von den Epidemieen ergriffen, ſo daß bald mehr denn tauſend Menſchen umkamen. Ovando war fuͤr einen Mann von großer Klugheit und Umſicht bekannt und traf gewiß verſchiedene tuͤchtige Maß⸗ regeln fuͤr die Widerherſtellung der Ordnung auf der In⸗ ſel ſowie fuͤr die Erleichterung der Coloniſten. Er machte Anſtalten, um die verheyratheten Pertonen und Familien, welche mit ſeiner Flotte gekommen waren, in vier Staͤdte im Innern zu vertheilen und ihnen bedeutende Privilegien *) Las Casas, hist. Ind, lib. II. cap. 6. — 321— zuzuſichern. Er friſchte den nachlaſſenden Eifer des Berg⸗ baus wieder an, indem er den Antheil der Krone an dem Ertrag von der Haͤlfte auf ein Drittheil und bald nachher 3 auf ein Fuͤnftheil herabſetzte; aber er erlaubte auch den Spaniern, ſich mit der groͤßten Unterdruͤckung der ungluͤck⸗ icchen Eingebornen zu den Arbeiten in den Bergwerken zu bedienen. Die Beſchuldigung, zu ſtreng gegen die Einge⸗ bornen geweſen zu ſeyn, war einer der Hauptvorwuͤrfe ge⸗ gen Columbus. Er iſt daher wohl am Ort, das Beneh⸗ men ſeines Nachfolgers in dieſer Hinſicht zu erforſchen, ei⸗ nes Mannes, der wegen ſeiner Klugheit und ſeines ver⸗ muthlichen Talentes zum Herrſchen gewaͤhlt wurde. Man wird ſich erinnern, daß Columbus, als er im Jahre 1499 gewiſſermaßen gezwungen ward, den aufruͤhreriſchen Anhaͤn⸗ gern des Francisco Roldan Landereien anzuweiſen, die Ein⸗ richtung traf, daß die Caziken in ihrer Naͤhe ſtatt ihres Tributs, eine Anzahl von Unterthanen ſtellen ſollten, um ihnen beim Bebauen der Felder zu helfen. Dieſes war, wie ebenfalls bemerkt worden, der Anfang des ungluͤcklichen Sy⸗ ſtems der Repartimentos oder Vertheilung der Indianer. Wie Bobadilla das Gouvernement verwaltete, zwang er die Caziken, eine Anzahl von Indianern jedem Spanier zur Bearbeitung der Minen zu geben, wo ſie wie Laſtthiere gebraucht wurden. Er veranſtaltete eine Zaͤhlung unter den Eingebornen, um ihr Entweichen zu verhuͤten, ſonderte ſie in Klaſſen und vertheilte ſie unter die ſpaniſchen Colo⸗ niſten. Der ungeheuren Unterdruͤckungen, welche daraus hervorgingen, iſt ſchon gedacht worden, Sie erregten den Irving's Columbus, 7—9, 21 — 322— Unwillen Iſabellens, und wie Ovando im Jahre 1502 hin⸗ uͤbergeſandt wurde, um an Bobadilla's Stelle zu treten, wurden die Eingebornen fuͤr frei erklaͤrt. Sie weigerten ſich ſogleich, in den Minen zu arbeiten.. Ovando ſtellte den ſpaniſchen Monarchen im Jahre 1503 vor, daß aus dieſer den Indianern gewaͤhrten gaͤnzlichen Befreiung verderbliche Folgen fuͤr die Colonie hervorgingen. Er zeigte, daß der Tribut nicht eingetrieben werden koͤnne, da die Indianer laͤſſig und leichtſinnig ſeyen, daß die Ein⸗ gebornen nur durch Arbeiten von Vergehungen und Unord⸗ nungen abgehalten werden koͤnnten, daß ſie ſich dagegen jetzt von den Spaniern ganz losmachten und allen Unterricht im chriſtlichen Glauben vernachlaͤſſigten⸗ 4 X Die letztere Vorſtellung machte Eindruck bei der Koͤnigin und erwirkte dem Ovando im Jahr 1503 ein Schreiben von den Souverainen, worin er den Befehl erhielt, keine Muͤhe zu ſparen, um die Eingebornen an die Spanier und an den katholiſchen Glauben zu feſſeln. Er ſolle ihnen maͤ⸗ ßige Arbeit auferlegen, wenn Beſchaͤftigung zu ihrem eignen Beſten noͤthig waͤre; aber er ſolle die Machtgebote durch Ueberredung und Guͤte mildern. Sie mußten regelmaͤßige und gehoͤrige Bezahlung fuͤr ihre Arbeiten und an gewiſſen Tagen Religionsunterricht empfangen. Ovando bemaͤchtigte ſich der in dieſem Briefe ertheilten Vollmachten im ausgedehnteſten Maße. Er wies jedem Ca⸗ ſtilianer eine heſtimmte Zahl von Indianern nach der Eigen⸗ * — 323— ſchaft des Subjects, der Art des Geſchaͤfts oder nach Gut⸗ duͤnken an. Dieſes geſchah in Form eines Befehls an die Caziken, fuͤr eine gewiſſe Anzahl von Indianern ausgefer⸗ tigt, wornach ſie von einem Dienſtherrn bezahlt und in dem katholiſchen Glauben unterrichtet werden ſollten. Die Be⸗ zahlung war ſo gering, daß ſie kaum des Nennens werth war, der Unterricht war wenig mehr als die bloße Ceremo⸗ nie des Taufens, und das Ziel der Arbeit wurde zuerſt auf ſechs Monate, und dann auf acht Monate im Jahr geſetzt. Unter dem Vorwande ſolcher Vermiethung, welche zum Be⸗ ſten ihrer Koͤrper und Seelen dienen ſollte, wurden ihnen unertraͤglichere Laſten aufgewaͤlzt, und fuͤrchterlichere Grau⸗ ſamkeiten angethan, als in den ſchlimmſten Tagen Bohadil⸗ la's. Sie wurden oft auf eine Entfernung von mehreren Tagereiſen von ihren Welbern und Kindern getrennt, und zu unertraͤglichen Arbeiten aller Art verurtheilt, die man mittelſt der Peitſche von ihnen erzwang. Zur Speiſe diente ihnen das Caſſava⸗Brod, ein unkraͤftiges Nahrungsmittel fuͤr Menſchen, welche arbeiten muͤſſen; manchmal wurde eine kleine Portion Schweinefleiſch unter eine große Menge Arbeiter vertheilt, wobei kaum ein Mundvoll auf jeden kam. Wenn die Spanier, welche den Bergwerken vorſtan⸗ den, bei Tafel ſaßen, ſagt Las Eaſas, krochen die ausge⸗ hungerten Indianer wie Hunde unter dem Tiſch herum, wartend, daß ihnen ein Knochen zugeworfen werde. Nach⸗ dem ſie ihn abgenagt und ausgeſogen, zerrieben ſie ihn zwi⸗ ſchen Steinen und miſchten ihn in ihr Caſſava⸗Brod, da⸗ mit nichts von einem ſo koſtharen Lebensmittel verloren 21* — 324— gehe. Die, welche auf dem Felde arbeiteten, bekamen nie⸗ mals Fleiſch noch Fiſche; ein wenig Caſſava⸗Brod und ein Paar Wurzeln waren ihre ganze Nahrung. Waͤhrend die Spanier ihnen auf dieſe Art die noͤthige Nahrung verkuͤrzten, welche ſie bei Geſundheit und Kraͤften erhalten konnte, for⸗ derten ſie eine Anſtrengung in ihren Arbeiten, die den kraͤf⸗ tigſten Mann danieder werfen mußte. Wenn die Indianer dieſen unaufhoͤrlichen Qualen und den barbariſchen Zwangs⸗ mitteln entflohen und in die Berge fluͤchteten, wurden ſie wie wilde Thiere herausgejagt, auf die unmenſchlichſte Weiſe gepeitſcht, und mit Ketten beladen, um ein zweites Ent⸗ weichen zu verhuͤten. Viele ſtarben lange vor dem Ziele ihrer Arbeit. Diejenigen, welche die Zeit von ſechs oder acht Monaten uͤberlebten, durften bis zum Wiederanfang ihrer Arbeitszeit in ihre Heimathen zuruͤckkehren. Aber dieſe Wohnoͤrter lagen oft vierzig, ſechzig und achtzig Stun⸗ den entfernt. Sie hatten nichts, um ſich auf dieſer Reiſe zu ernaͤhren, als wenige Wurzeln oder Agipfeffer, oder ein Stuͤckchen Caſſava⸗Brod. Hinfaͤllig von langer An⸗ ſtrengung und grauſamer Erduldung, die ihre ſchwachen Conſtitutionen nicht ertragen konnten, hatten Viele nicht die Kraft, die Reiſe zu beendigen, ſie ſanken hin und ſtar⸗ ben unterwegs, der eine am Rande eines Baches, der an⸗ dere unter dem Schatten eines Baums, zu welchen ſie zum Schutz vor der Sonne hingekrochen waren.„Ich habe viele Todte auf der Landſtraße gefunden,“ ſagt Las Caſas,„An⸗ dere, die unter den Baͤumen ſtoͤhnten, und andere in den zmpfen des Todes, mit ſchwacher Stimme rufend: Hun⸗ — — 325— ger! Hunger!“*) Die, welche ihre Heimath erreichten, fanden ſie groͤßtentheils oͤde. Waͤhrend der acht Monate ihrer Trennung von Hauſe hatten ihre Weiber und Kinder entweder den Ort verlaſſen oder ſie waren umgekommen; die Felder, von denen ihre Nahrung abhing, waren mit Unkraut bewachſen, und es blieb ihnen nichts uͤbrig, als ſich erſchoͤpft niederzulegen und in Verzweiflung auf der Schwelle ihrer Wohnungen zu ſterben.**) Es iſt unmoͤglich, das Gemaͤlde fortzuſetzen, welches der ehrwuͤrdige Las Caſas gibt, nicht von dem, was er gehoͤrt, ſondern von dem, was er ſelbſt geſehen hat— die Natur und das menſchliche Gefuͤhl empoͤren ſich bei allen den Ein⸗ zelnheiten. Es moͤge hinreichen, zu bemerken, daß die Muͤhſeligkeiten und Leiden, die uͤber dieſe ſchwachen und harmloſen Weſen verhaͤngt wurden, ſo unertraͤglich waren, daß ſie unter ihrer Laſt ganz zu Boden ſanken und von der Erde verſchwanden. Viele toͤdteten ſich ſelbſt in der Verzweiflung, und ſelbſt Muͤtter beſiegten den maͤchtigen Trieb der Natur und toͤdteten ihre Kinder an den Bruͤſten, um ihnen ein jammervolles Leben zu erſparen. Noch nicht zwoͤlf Jahre waren ſeit der Entdeckung der Inſel verfloſſen, und ſchon waren mehrere Hunderttauſende ihrer Urbewoh⸗ ner als beklagenswerthe Opfer der gierigen Habſucht der weißen Maͤnner unrs Leben gekommen. *) Las Casas, hist. Ind. 1. II. cap. 14. MS. **) Las Casas, l. c. Zweites Kapitel. — 4 Blutbad in Paragua. Schickſal Anacaona's. (1503.) Die Lelden der Eingebornen unter dem Civil⸗Gouverne⸗ ment Ovando's haben wir ſo eben in der Kuͤrze angegeben: es iſt nun noch zuruͤck, eine Ueberſicht der militaͤriſchen Ope⸗ rationen dieſes Befehlshabers mitzutheilen, welchen gewiſſe fruͤhere Geſchichtſchreiber wegen ſeiner Weisheit ſo ſehr ge⸗ ruͤhmt haben. Durch dieſe Erzaͤhlung wird ein Theil der ereignißvollen Geſchichte dieſer Inſel gegeben, welcher mit den Schickſalen des Columbus zuſammenhaͤngt, und die voͤl⸗ lige Unterjochung, ja man kann ſagen Ausrottung der Ur⸗ einwohner in ſich faßt. Zuerſt muͤſſen wir von den Un⸗ gluͤcksfaͤlen mit der ſchoͤnen Provinz Xaragua, dem Sitz der Gaſtfreundſchaft, dem Zufluchtsort der bedraͤngten Spa⸗ nier, erzaͤhlen, und des Schickſals der Cazikin Anacaona ge⸗ denken, welche einſt der Stolz der Inſel und die groß⸗ muͤthige Freundin der weißen Männer war. Nachdem Behechio, der alte Cazike dieſer Provinz, ge⸗ ſtorben, folgte ihm ſeine Schweſter Anacaona in der Herr⸗ — — — 327— ſchaft nach. Die auffallende Partheilichkeit, die ſie einſt fuͤr die Spanier gezeigt hatte, war von dem allgemeinen Elend, welches ſie in ihrem Lande anſtifteten, und durch die thie⸗ riſchen Rohheiten, welche die Anhaͤnger Roldans in ihren Gebieten veruͤbten, ſehr geſchwaͤcht worden. Die ungluͤckliche Liebesgeſchichte ihrer ſchoͤnen Tochter Higuenamota mit dem jungen Spanier Hernando de Guevara hatte ihr ebenfalls große Betruͤbniß verurſacht, und endlich hatten die verſchie⸗ denen und fortwaͤhrenden Haͤrten und Grauſamkeiten, welche ihre einſt ſo gluͤcklichen Unterthanen durch die zerſtoͤrenden Arbeits⸗Syſteme Bobadilla's und Ovando's erfuhren, wie man verſichert, ihre Freundſchaft in bitteren Abſcheu ver⸗ kehrt. Dieſer Abſcheu wurde durch die Spanier noch vermehrt, die in ihrer naͤchſten umgebung wohnten und dort Laͤnde⸗ reien erhalten hatten; es waren die Ueberbleibſel der rebel⸗ liſchen Bande Roldans, welche die große Zuͤgelloſigkeit und offene Laſterhaftigkeit beibehielten, in welche ſie durch die ungebundene Herrſchaft jenes Befehlshabers gekommen wa⸗ ren, und die ſich den untercaziken verhaßt machten, indem ſie tyranniſch und willkuͤhrlich Dienſte nach dem verderblichen Syſtem der Repartimientos erzwangen. Die Indianer dieſer Provinz waren, nach allen Schil⸗ derungen, von einer kluͤgeren, feineren und edleren Rage, als die andern auf der Inſel. Sie wollten die unterdruͤk⸗ kende und hoͤhnende Behandlung, der ſie unterworfen waren, nicht mehr ertragen. Znweilen gab es Streit zwiſchen den Caziken und ihren Unterdruͤckern. Dieſer wurde ſogleich 3 — 1 — 328— dem Gouverneur als gefaͤhrliche Meuterei hinterbracht und ein Widerſtreben gegen eigenſinnigen und grauſamen Zwang wurde ſogleich zum rebelliſchen Widerſtand gegen die Regie⸗ rungsgewalt geſtempelt. Klagen der Art liefen beſtaͤndig bei Ovando ein, bis er von einem Laͤrmmacher oder be⸗ ſonderen Ungluͤcksſchoͤpfer ſich uͤberreden ließ, daß eine große Verſchwoͤrung dieſer Provinz gegen die Spanier im Werke ſey. Ovando zog ſogleich an der Spitze von dreihundert Mann zu Fuß, mit Schwertern, Hakenbuͤchſen und Arm⸗ bruſten bewaffnet, ſowie mit ſiebzig Reutern mit Kuͤraſſen, Schilden und Lanzen„ nach Paragua. Er behauptete, er gehe auf einen bloßen Freundſchaftsbeſuch zu Anacaona und wolle bei der Gelegenheit Anordnungen wegen der Zahlung des Tributs treffen. Als Anacaona von dem beabſichtigten Beſuche hörte, ſandte ſie zu allen ihren zinsbaren Caziken und zu ihren vornehmſten Unterthanen, daß ſie ſich in ihrer Hauptſtadt verſammelten, um den Befehlshaber der Spanier mit der gebuͤhrenden Ehrerbietung und Auszeichnung zu empfangen. Wie Ovando an der Spitze ſeiner kleinen Armee heran⸗ ruͤckte, ging ſie ihm entgegen, nach dem Gebrauche ihrer Nation von einem großen Zuge ihrer erſten Unterthanen maͤnnlichen und weiblichen Geſchlechts begleitet, die, wie fruͤher bemerkt worden, fuͤr ihre große Grazie und Schoͤn⸗ heit beruͤhmt waren. Sie empfingen die Spanier mit ihren Volksballaden, ihren Nationalgeſaͤngen; die jungen Maͤdchen ſchwangen Palmzweige und tanzten vor ihnen auf dieſelbe ““ — 329— Weiſe wie damals bei dem erſten Beſuch der Spanier vor dem Adelantado, deſſen Begleiter ſo ſehr davon entzuͤckt geweſen waren. 4 Anacaona benahm ſich gegen den Gouverneur mit jener natürlichen Grazie und Wuͤrde, wofür ſie beruͤhmt war. Sie raͤumte ihm das groͤßte Haus des Ortes zur Reſidenz ein und ſein Gefolge wurde in die umliegenden Haͤuſer vertheilt. Einige Tage lang ließen ſich die Spanier mit allen harmloſen Feſtlichkeiten unterhalten, welche die Pro⸗ vinz gewaͤhrte. Natlonalgeſaͤnge, Taͤnze und Spiele wurden zu ihrer Beluſtigung veranſtaltet, und außerlich zeigte ſich dieſelbe Gaſtfreundſchaft, dieſelbe Guͤte, welche Anacaona ſtets den weißen Maͤnnern bewieſen hatte. ungeachtet aller dieſer Freundlichkeit, ihrer vollkom⸗ menen Reinheit des Benehmens und offenen Großmuth des Charakters war Ovando uͤberzeugt, daß Anacaona insge⸗ heim ihm und ſeinem Gefolge ein Blutbad zugedacht habe. Die Geſchichtſchreiber erzählen nichts von Gruͤnden dieſes Argwohns. Er wurde aller Wahrſcheinlichkeit nach durch die Verläͤumdungen der geſetzloſen Abenteurer hervorge⸗ rufen, welche die Provinz druͤckten. Ovando haͤtte ruhig daruͤber nachdenken ſollen, ehe er ſich dagegen aufzutreten entſchloß. Er haͤtte die Unwahrſcheinlichkeit eines ſolchen Verſuches nackter Indianer gegen eine bewaffnete Macht von ſtahlgerüſteten und mit europaͤiſchen Waffen verſehenen Kriegern bedenken, und haͤtte auch das Betragen Ana⸗ caona's und ihren Charakter im Allgemeinen in Erwaͤgung ziehen ſollen. Auf jeden Fall konnte das wiederholt von — 330— Solumbus und dem Adelantado gegebene Beiſpiel ihn uͤber⸗ zeugt haben, daß es hinlaͤngliche Buͤrgſchaft gegen die Ma⸗ chinationen der Eingebornen gewaͤhrte, wenn man ihre Ca⸗ ziken gefangen nahm und ſie als Geißeln behielt. Die Po⸗ litik des Ovando war jedoch von raſcherer und blutigerer Art; er handelte auf Verdacht wie auf Gewißheit. Er be⸗ ſchloß, dem angegebenen Complott durch Gegenmittel zuvor⸗ zukommen und dieſes wehrloſe Volk mit ſchonungsloſer, blu⸗ tiger Rache zu verderben. Da die Indianer ihre Gaͤſte mit verſchiedenen National⸗ Spielen unterhalten hatten, ſo lud Ovando dieſelben gleich⸗ falls ein, von einigen Spielen ihres Vaterlandes Zeugen zu ſeyn. Unter dieſen war ein Kampfſpiel oder Tournier mit Rohren, eine Ritteruͤbung, welche die Spanier von den Mauren in Granada gelernt hatten. Die ſpaniſche Reiterei damaliger Zeit war eben ſo merkwuͤrdig durch die geſchickte Lenkung wie durch die praͤchtige Aufzaͤumung ihrer Pferde. Unter den Truppen, die Ovando aus Spanien mitbrachte, befand ſich ein Reiter, der ſein Roß dreſſirt hatte, nach der Muſik einer Bratſche zu tanzen und zu courbettiren.*) Das Tournier⸗Spiel ſollte eines Sonntags nach Tiſch auf dem oͤffentlichen Platz vor dem Hauſe ſtattfinden, wo Ovando reſidirte. Die Reiterei und das Fußvolk hatten ihre ge⸗ heimen Inſtructionen. Die erſteren kamen zur Parade, nicht bloß mit Rohren oder mit ſtumpfen Tournier⸗Lanzen, ſon⸗ dern mit Waffen von gefaͤhrlicherer Art. Das Fußvolk *) Las Casas hist, Ind, I. II, e, 9. 1 — 331— ſollte anſcheinend bloß wie Zuſchauer kommen, aber gleich⸗ falls bewaffnet und zum Angriff auf ein verabredetes Zei⸗ chen bereit. 3. Zu der beſtimmten Zeit war die Straße mit Indianern angefuͤllt, welche auf dieſes kriegeriſche Schauſpiel harrten. Die Caziken waren in dem Hauſe des Ovando verſammelt, der auf den Platz herab ſchaute. Keiner war bewaffnet, unbedingtes Vertrauen herrſchte unter ihnen und zeigte ſich ganz unvertraͤglich mit der ſchwarzen Verraͤtherei, deren ſie angeklagt waren. um jeden Argwohn und allen Anſchein boͤſer Abſichten zu entfernen, ſpielte Ovando nach dem Mit⸗ tagsmahl mit einigen ſeiner vornehmſten Offiziere das Spiel des Scheibenwerfens, als die Reiterei auf dem Platze an⸗ kam und die Caziken den Gouverneur baten, daß das Kampfſpiel beginnen moͤge.“) Anacaona und ihre ſchoͤne Tochter Higuenamota waren nebſt mehreren ihrer weiblichen Dienerſchaft zugegen, und vereinigten ihre Bitten mit den ihrigen. Ovando verließ das Spiel und kam vor, an eine Stelle, wo er geſehen werden konnte. Wie er ſah, daß alles nach ſeinen Befehlen in Bereitſchaft war, gab er das verhaͤng⸗ nißvolle Zeichen. Einige ſagen, er habe ein Goldſtuͤck an⸗ gefaßt, das an ſeinem Halſe hing;**) andere, er habe die Hand an ſein Alcantara⸗Kreuz gelegt, welches auf ſein Kleid — *) Oviedo cronica de las Iadias, 1. III c. 12. *) Las Casas hist. Ind. I. II. c. 9. — 332— geſtickt war.*) Sogleich ertoͤnte der Schall einer Trom⸗ pete. Das Haus, worin Anacaona und alle vornehme Ca⸗ ziken verſammelt waren, wurde von den Kriegern unter den Befehlen des Diego Velasquez und Rodrigo Mexlatrillo um⸗ ringt und Niemand herausgelaſſen. Sie traten hinein, er⸗ griffen die Caziken und banden ſie an den Balken, welcher das Dach trug. Anacaona wurde als Gefangene heraus⸗ gefuͤhrt. Man that den ungluͤcklichen Caziken fuͤrchterliche Qualen an, bis einige in dem Uebermaaß des Schreckens dahin gebracht wurden, ſich und ihre Koͤnigin der Verſchwo⸗ rung anzuklagen, deren man ſie beſchuldigte. Wie dieſe grauſame Verſpottung der gerichtlichen Form vorbei war, wurde, ſtatt daß man ſie zu ſpaͤteren Verhoͤren aufbewahrte, Feuer an das Haus gelegt und alle Caziken kamen elend in den Flammen um, Waͤhrend dieſe Graͤuelthaten mit den Caziken geſchahen, wurde ein fürchterliches Blutbad unter dem Volke ange⸗ richtet. Auf das Zeichen Ovando's ſprengten die Reiter mitten in den nackten und wehrloſen Haufen ein, zertraten ſie mit den Hufen ihrer Pferde, hieben ſie mit den Schwer⸗ tern nieder und durchbohrten ſie mit ihren Speeren. Weder Geſchlecht noch irgend ein Alter wurde geſchont; es war ein wildes und unbarmherziges Gemetzel. Da und dort ſah man einen ſpaniſchen Reitersmann, entweder aus einem⸗ Gefuͤhl von Mitleid oder aus einem Antriebe von Habſucht, ein Kind in die Hoͤhe nehmen, um es aus dem Getuͤmmel *) Charlevoix hist, San Domingo I. XXIV. p, 235. — — — 333— zu retten, aber die Lanzen ſeiner Kameraden ſpießten es auf barbariſche Art. Das menſchliche Gefuͤhl kehrt ſich mit Schaudern ab von ſolchen Graͤuelſcenen und kaum kann mman ihnen Glauben ſchenken, aber ſie werden umſtaͤndlich und noch genauer von dem ehrwuͤrdigen Biſchof Las Caſas erzaͤhlt, der zu der Zeit auf der Inſel lebte, und mit den Haupthelden dieſer Tragoͤdie in Beruͤhrung ſtand. Er mag das Gemaͤlde mit ſtarken Farben ausgeſtattet haben, in ſei⸗ nen gewohnten Unwillen, wenn von den Leiden der India⸗ ner die Rede war; aber nach allen uͤbereinſtimmenden Be⸗ richten und vielen genauen Thatſachen, die fuͤr ſich ſelber reden, muß die Scene hoͤchſt blutig und ſchrecklich geweſen ſeyn. Oviedo, welcher laut die Gerechtigkeit, Froͤmmigkeit, Menſchenliebe und Milde Ovando's und ſein guͤtiges Be⸗ nehmen gegen die Indianer ruͤhmt, und die Provinz Xaragua wenige Jahre nachher beſuchte, erzaͤhlt einige der vorer⸗ waͤhnten Umſtaͤnde, beſonders die kaltbluͤtige Art, wie der Gouverneur das Scheibenwerfen auf dem Punkt des Be⸗ ginnens einer ſo furchtbaren Scene ſpielte, auch das Ver⸗ brennen der Caziken, mehr als vierzig an der Zahl. Diego Mendez, der damals in Xaragua, und ohne Zweifel bei einem ſo wichtigen Ereigniß zugegen war, ſagt beilaͤufig in ſeinem letzten Willen, es ſeyen vier und achtzig Caziken verbrannt oder gehaͤngt worden.*) Las Caſas ſagt, es ſeyen achtzig geweſen, die das Haus mit Anacaona betreten *) Relacion hecha por Don Diego Mendez. Navar- rete collect. t. 1. p. 314. — 334— hätten. Das Gemetzel unter dem Volke muß groß geweſen 1 ſeyn, und es traf doch eine unbewaffnete wehrloſe Menge. Mehrere, die dem Blutbad entgingen, flohen in ihren Ca⸗ noes nach einer ungefaͤhr acht Seemeilen entfernten Inſel Namens Guanabo. Sie wurden verfolgt, gefangen genom⸗ men und zur Selaverei verurtheilt. Die Fuͤrſtin Anacaona wurde in Feſſeln nach San Do⸗ mingo gebracht. Man ſtellte zum Schein eine Unterſuchung gegen ſie an, worin ſie ſchuldig befunden wurde, auf die Bekenntniſſe hin, die ihren Unterthanen mittelſt der Tortur abgepreßt worden, und nach den Zeugniſſen ihrer Mord⸗ knechte; fie wurde ſchimpflich in Gegenwart des Volkes, welches ſie ſo lange und ſo auffallend freundlich behandelt hatte, gehaͤngt.*) Oviedo hat es verſucht, einen Flecken auf den Charakter dieſer ungluͤcklichen Fuͤrſtin zu werfen, indem er ſie großer Ausſchweifung anklagt; aber er war geneigt, den Charakter der indianiſchen Haͤuptlinge, welche als Opfer des Undanks und der Ungerechtigkeit ſeiner Lands⸗ leute fielen, zu verlaͤumden. Gleichzeitige Schriftſteller von groͤßerem Anſehen kommen darin uͤberein„Anacaona als merkwuͤrdig in ihrer National⸗Eigenthuͤmlichkeit und Wuͤrde darzuſtellen. Sie war von ihren Unterthanen angebetet, ſo daß ſie ſelbſt noch bei Lebzeiten ihres Bruders eine Art Herrſchaft uͤber ſie fuͤhrte. Man hielt ſie fur die Verfaſſerin *) Qriedo cronica de las Indias, I. III. c, 12, Las Casas hist. Ind. I, II. c, 9, ———— — 335— mehrerer Areytos oder Heldenballaden, und ſie mag uͤber⸗ haupt viel zu der bei ihrem Volke bemerklichen Verfeinerung beigetragen haben. Ihre Grazie und Schoͤnheit machte ſie beruͤhmt auf der ganzen Inſel und erregte ſowohl die Be⸗ wunderung der Wilden, als auch der Spanier. Ihr groß⸗ artiges Gemüth zeigte ſich in der freundſchaftlichen Behand⸗ lung der weißen Maͤnner, obgleich ihr Gemahl, der tapfers Caonabo, als Gefangener in ihrer Gewalt geendet hatte; und wehrloſe Trupps der Fremdlinge lebten fortwaͤhrend in ihren Territorien. Nachdem ſie mehrere Jahre lang alle gute Gelegenheiten zur Rache verſaͤumt hatte, fiel ſie am Ende als das Opfer der Spanier, auf die abſurde Anklage, ſich gegen eine bewaffnete Macht von nahe an vierhundert Mann verſchworen zu haben, worunter ſiebzig Reiter, welche hingereicht haben wuͤrden, große Heere nackter Indianer zu unterjochen. 8 Nach dem Blutbad von Karagua dauerte die Nieder⸗ metzelung ſeiner Bewohner noch immer fort. Der Lieb⸗ lings⸗Neffe Anaeaona's, der Cazike Guaora, der in die Gebirge geflohen war, wurde wie ein wildes Thier gejagt, dann gefangen genommen und ebenfalls gehaͤngt. Sechs Monate fuhren die Spanier fort, das Land mit Reiterei und Fußvolk zu verheeren, unter dem Vorwande Aufſtaͤnde zu unterdruͤcken; denn wo ſich die entſetzten Eingebornen nur in ihrer Verzweiflung hinfluͤchteten, in ſinſtere Hoͤhlen und auf den ſteilen Hoͤhen der Berge ſich zuſammendraͤn⸗ gend, hieß es immer, ſie verſammelten ſich in Waffen, um Aufruhr anzuzetteln. Nachdem ſie endlich aus ihren 3 — 336— Schlupfwinkeln herausgehetzt, viele umgebracht, und die uͤbrigen in das bejammernswertheſte Elend und in die tiefſte Erniedrigung verſetzt waren, hielt man die Ordnung auf dieſem Theil der Inſel fuͤr wieder hergeſtellt, und zum Andenken an dieſen großen Sieg grüͤndete Ovando in der Naͤhe des Sees eine Stadt, und gab ihr den Namen Santa Maria de la Verdadera Paz(St. Maria vom wah⸗ ren Frieden.)*) Dieſes iſt das tragiſche Schickſal der reizenden Region von Naragua und ihrer liebenswuͤrdigen und gaſtfreien Bewohner, eines Landes, welches die Europaͤer fuͤr ein wah⸗ res Paradies erklaͤrten, welches ſie aber durch ihre nie⸗ drigen Leidenſchaften mit Schrecken und Veroͤdung heim⸗ ſuchten. *) Orredo cronica de las Indias, I, III. c. 12. — 337— Drittes Kapitel. Krieg mit den Bewohnern von Higney. (1504.) Die Unterjochung von vier unabhaͤngigen indianiſchen Herrſchaften auf Hiepanſola und das unſelige Geſchick ihrer Caziken iſt bereits erzaͤhlt worden. Unter der Verwaltung Ovando's wurde auch der Fall Higueys, des letzten jener unabhaͤngigen Gebiete, bewirkt; es war die fruchtbare Pio⸗ Lin. welche die oͤſtliche Seite der Inſel bildete. ie Bevoͤlkerung von Higuey hatte einen viel eriegeri⸗ ſceren Geiſt als die der anderen Provinzen; ſie hatten den großen Werth der Waffen aus ihren haͤufigen Gefechten mit den caraibiſchen Eindräͤngern kennen gelernt. Ein Ca⸗ zike Namens Cotabanama beherrſchte ſie. Las Caſas be⸗ ſchreibt dieſen Haͤuptling aus eigener Beobachtung und ſchidert ihn als einen indian’ſchen Helden. Er war, ſagt er, der ſtaͤrkſte ſeines Stammes und vollkommner geſtaltet, als irgend ein Mann unter Tauſenden, ſey es aus einer Nation, welche ſie volle. Er war ſchlanker von Natur als Irving's Columbus. 7—9. 22 alle ſeine Landsleute, eine Elle betrug ſeine Breite von Schulter zu Schulter, und ſein üͤbriger Koͤrper ſtimmte damit in den ſchoͤnſten Verhaͤltniſſen uͤberein. Sein Geſicht war nicht ſchoͤn, doch ernſt und muthig. Sein Bogen konnte nicht leicht von einem gemeinen Mann geſpannt werden; ſeine Pfeile waren dreifach mit Fiſchgraͤten gezackt und ſeine Waffen ſchienen fuͤr einen Rieſen berechnet. Kurz, er war von ſo heldenhaftem Anſehen, daß er ſelbſt den Spa⸗ niern Bewunderung einfloͤßte. Waͤhrend Columbus auf ſeiner vierten Reiſe begriffen war, kurz nachdem Ovando ſein Amt angetreten hatte, brach eine Empoͤrung dieſes Caziken und ſeines Volkes aus. ine Schaluppe mit acht Spaniern wurde bei der kleinen Inſel Saona, in der Naͤhe von Higuey, uͤberfallen und alle Mannſchaft erſchlagen. Dieſes geſchah 466 Räͤche fur den Tod eines Caziken, der durch einen muthwillig auf ihn gehetzten Hund eines Spaniers in Stuͤcken zerriſſen wurde, und um deſſen Raͤchung die Wilden vergebens gefleht hatten. Ovando ſandte ſogleich den Juan de Esquibel, einen beherzten Otfizier, an der Spitze von vierhundert Mann aus, um die Empoͤrung zu unterdruͤcken und das Blutbad zu beſtrafen. Cotabanama verſammelte ſeine Krieger und ruͤſtete ſich zu einem kraͤftigen Widerſtand. Der Gnade der Spanier mißtrauend, verwarf er alle Friedens⸗Anerbie⸗ tungen, und der Krieg zog ſich mit einigem Vortheil fuͤr die Indianer in die Länge. Die Eingebornen waren von ihrer aberglaͤubiſchen Verehrung der weißen Maͤnner als — uͤbernatuͤrlicher Weſen zuruͤckgekommen, und obgleich ſie der Uebermacht der europaͤiſchen Waffen nur ſchwachen Wider⸗ ſtand entgegenſetzen konnten, ſo bewieſen ſie doch einen Muth und eine Gewandtheit, die ſie zu nicht zu verachten⸗ den Feinden machte. Las Caſas und andere Geſchichtſchrei⸗ ber erzaͤhlen ein kuͤhnes und romantiſches Abenteuer eines einzelnen Wilden mit zwei berittenen Cavaliers Namens Valtenebro und Portevedra, wobei der Indianer, obgleich von den Lanzen und Schwertern beider Angreifenden durch⸗ bohrt, doch ſeinen Trotz behielt und den Kampf fortſetzte, bis er in dem Beſitz aller ihrer Waffen, todt niederfiel. Dieſe ritterliche That, ſagt Las Caſas, war offenkundig und uberall bekannt. Die Indianer waren bald zuruͤckgeſchlagen und in ihre Gehirgs⸗ Schlupfwinkel zurückgedraͤngt. Die Spanier ver⸗ folgten ſie in den Verſtecken, entdeckten ihre Weiber und Kinder, richteten das unbarmherzigſte Schlachten unter ih⸗ nen an und uͤberlieferten die Haͤuptlinge den Flammen. Gine bezahrte Cazikin von großem Anſehen, Namens Hi⸗ guanama, welche man gefangen nahm, wurde gehaͤngt. . Man ſandte eine Caravele mit einem Detachement nach Saona, um geſchaͤrfte Rache fuͤr die Zerſtoͤrung der Scha⸗ luppe und fuͤr die Ermordung ihrer Mannſchaft zu neh⸗ men. Die Eingebornen machten ſich nach einem v rzweif⸗ lungsvollen Widerſtande auf die Flucht. Das Eiland war bergig und voll Hoͤhlen, worin die Indianer vergebens Huͤlfe ſuchten. Sechs bis ſiebenhundert wurden in ein Ge⸗ bäude eingeſchloſſen und alle mit dem Schwert oder mit 22* 4 — 340— Dolchſtoͤßen ermordet. Die, welche verſchont blieben, wur⸗ den als Sclaven fortgeſchleppt, und ſo, ſagt Las Caſas, ließ man die Inſel wuͤſte und leer zuruͤck. Die Bewohner von Higuey wurden zur Verzweiflung getrieben, als ſie ſahen, daß für ſie ſelbſt in den Eingewei⸗ den der Erde an kein Entrinnen zu denken ſey;*) ſie fleh⸗ ten daher um Frieden. Er wurde ihnen gewaͤhrt und ihnen Schutz unter der Bedingung verſprochen, daß ſie einen großen Strich Landes bebauen und eine große Quantilaͤt Brod als Tribut zahlen ſollten. Als der Friede geſchloſſen war, beſuchte Cotabanama das ſpaniſche Lager, wo ihn ſeine gigantiſche Geſtalt und kriegeriſche Haltung zum Gegen⸗ ſtand der Neugierde und Bewunderung machten. E⸗quibel nahm ihn mit großer Auszeichnung auf und tauſchte den Namen mit ihm, ein indianeſcher Bund zum Zeichen der Bruͤderſchaft und ewiger Freundſchaft. Die Eingebornen nann⸗ ten von nun an den Cuziken Iuen de Esquibel und den ſpaniſchen Commandeur Cotabanama, Eequibel baute als⸗ dann eine hoͤlzerne Feſtung in einem indianiſchen Dorf nahe am Meere und ließ darin neun Mann mit einem Kapitain Namens Martin de Vllaman zuruͤck. Darauf zerſtreuten ſich die Truppen, jeder Soldat kehrte nach ſeiner Sta⸗ ſon zurück und brachte ſeinen Theil Sclaven von dieſem Zuge mit. 4 Die Friedensſtiftung war nicht von langer Dauer. Um die Zeit, wo man dem Columbus Huͤlfe ſandte, um ihn *) Las Casas hist. Ind, I. II. c. 8 . — 341— von den Wracks ſeiner Schiffe auf Jamalka zu erloͤſen, brach eine neue Empoͤrung ia Higuey aus; ſie war die Folge der Unterdruͤckungen der Spanier und eiger Ver⸗ letzung des Tractats von Seiten Esquibels. Martin de Villaman verlangte, die Eingebornen ſollten nicht allein das in dem Vertrage ſtipulirte Getraide auffetzen, ſondern es auch nach San Domingo bringen, und behandelte ſie, weil ſie ſich weigerten, mit der groͤßten Grauſamkeit⸗ Er ſah auch den Ausſchweifungen ſeiner Leute gegen die indla⸗ niſchen Weiber nach, indem die Spanier den Indianern of ihre Toͤchter, Schweſtern und ſelbſt ihre Weiber wegnah⸗ 3 men.*) Die Indianer wurden dadurch endlich zur Wurh gereizt, erhoben ſich gegen ihre Tyrannen, erſchlugen ſie und brannten ihre hoͤlzerne Feſtung bis aaf den Grund nie⸗ der. Nur ein Spanier entkam und brachte die Nachricht von dem Ungluͤck in die Stadt San Domingo. Ddvando gab ſogleich Befehl, daß man die Provinz Hi⸗ guey mit Feuer und Schwert uͤberziehen ſolle. Die ſpani⸗ ſchen Truppen verſammelten ſich von mehreren Standquar⸗ tieren aus an den Graͤnzen dieſer Provinz, Juan de Es⸗ quibel nahm das Commando und brachte eine Anzahl in⸗ dianiſcher Krieger als Verbuͤndete mit. Die Staͤdte von Higuey lagen in der Regel in den Bergen. Dieſe Berge liefen in Ebenen oder Terraſſen von zehn bis funfzehn Stun⸗ den in die Laͤnge und in die Breite herab; ſie waren rauh und felſig, von Strichen rothen Bodens unterbrochen, wel⸗ *) Las Casas, I. c. — 342— cher ſehr fruchtbar war und wovon ſie ihr Caſſava⸗Brod erhielten. Der Aufgang von Ebene zu Ebene betrug unge⸗ faͤhr funfzig Fuß, war ſteil und abſchuͤſſig, aus lebendigem Fels gebildet und glich einer Mauer, die mit Werkzeugen rautenfoͤrmig ausgearbeitet worden. Jedes Dorf hatte vier breite Straßen, in der Laͤnge eines Steinwurfs, welche ein Kreuz bildeten; die Baͤume waren von ihnen wie auch von einem oͤffentlichen Platz in der Mitte weggehauen. Wie die ſpaniſchen Truppen an den Graͤnzen ankamen, machten die Indianer Alarmfeuer laͤngs dem Gebirg, und Rauchſaͤulen verbreiteten die Nachricht am Tage. Die al⸗ ten Maͤnner, die Weiber und Kinder wurden nach den heim⸗ lichen Waldoͤrtern und Hoͤlen gebracht und die Krieger ruͤ⸗ ſteten ſich zur Schlacht. Die Caſtilianer hielten auf einer der vom Wald befreiten Ebenen, wo ihnen die Pferde von Nutzen ſeyn konnten. Sie machten mehrere Eingeborne zu Gefangenen und ſuchten von ihnen die Plaͤne und Kraͤfte des Feindes zu erfahren. Sie wendeten Torturen zu dem Zweck an, doch vergebens, ſo groß war die Treue dieſes Volkes gegen ihre Caziken. Die Spanier drangen in's In⸗ nere ein. Sie fanden die Krieger aus mehreren Staͤdten in einer derſelben verſammelt, mit Bogen und Pfeilen, aber ganz nackt und ohne alle Ruͤſtung. Sie ſtießen ein fuͤrch⸗ terliches Geſchrei aus und ſchoſſen einen Hagel von Pfeilen ab, doch war die Entfernung ſo groß, daß ſie vor dem Feind niederfielen. Die Spanier antworteten mit ihren Armbru⸗ ſten und mit zwei bis drei Hakenbuͤchſen, denn damals hatte man noch wenig Feuergewehre. Als die Indianer mehrere — 343— threr Kameraden todt niederfallen ſahin, ergriffen ſie die Flucht und warteten ſelten auf den Angriff mit dem Schwert: einige der Verwundeten, bei denen die Pfeile von der Arm⸗ bruſt bis an die Feder eindrang, zogen ſie mit der Hand heraus, zerbrachen ſie mit den Zaͤhnen, ſchleuderten ſie mit ohnmaͤchtiger Wuth gegen die Spanier und ſielen todt nieder. Die ganze Macht der Indianer war verſprengt und zerſtreut, jede Familie oder Genoſſenſchaft floh in anderer Richtung und verbarg ſich in den unzugaͤnglichen Oertern der Gebirge. Die Spanier verfolgten ſie, fanden aber die Jagd in den dichten Waldungen und auf felſigen und ſtei⸗ nigen Hoͤhen ſchwierig. Sie nahmen mehrere Gefangene als Fuͤhrer und verhaͤngten unglaubliche Qualen uͤber ſie, um ſie zum Verrath an ihren Landsleuten zu zwingen. Sie trieben ſie vor ſich her, mit Stricken, die ſie ihnen zur Sicherheit um den Hals banden; einige, die an den Rand von Abgrunden kamen, ſtuͤrzten ſich ploͤtzlich kopfuͤber hin⸗ unter, in der Hoffnung, die Spanier nachzuziehen. Als endlich die Verfolger zu den Schlupfwinkeln der ungluͤck⸗ lichen Indianer gelangten, ſchonten ſie weder Geſchlecht noch Alter; ſelbſt ſchwangere Weiber und Muͤtter mit Kindern auf den Armen fielen von ihren unbarmherzigen Klingen. Es wuͤrde Schauder erregen, die kaltbluͤtigen Grauſamkei⸗ ten, die dieſem erſten Gemetzel folgten, zu erzaͤhlen. Von hier ruͤckte Esquibel weiter, um die Stadt anzu⸗ greifen, wo Cotabanama reſidirte und eine große Waffen⸗ macht verſammelt hatte, um ihm Widerſtand zu leiſten. 8 — 344— Er ging laͤngs der Meereskuͤſte grade auf den Ort los und kam an zwei Scheidewege, die bergauf nach der Stadt fuͤhrten. Der eine dieſer Wege war offen und einladend, die Zweige weggeſchnitten und alles untere Holzwerk wegge⸗ raͤumt. Hier hatten die Indlaner einen Hinterhalt aufge⸗ ſtellt, um die Spanier im Ruͤcken anzufallen. Der andere Weg war faſt ganz von Baͤumen und Geſtraͤuch verſchloſ⸗ ſen, und zwar ſo, daß ſie abgehauen uͤber den Weg lagen. Esquibel war vorſichtig und mißtrauiſch; er vermuthete die Liſt und waͤhlte den ſchwierigen Weg. Die Stadt lag un⸗ gefaͤhr anderthalb Stunden vom Meere entfernt. Dle Spa⸗ nier fanden in der erſten halben Stunde viel Schwierigkeit, vorzudringen. Der uͤbrige Weg aber war frei von allen Hinderniſſen, welches den Verdacht einer Kriegsliſt ver⸗ mehrte. Nun marſchirten ſie mit großer Schnelligkeit wei⸗ ter, kamen an dem Dorf an, gingen raſch auf den andern Weg hinuͤber, uͤberfielen den Hinterhalt der Indianer und richteten mit der Armbruſt eine große Verherrung unter ihnen an. Die Krieger ſtuͤrzten nun theils aus ihren Verſtecken hervor, theils ſprangen ſie aus den Haͤuſern auf die Stra⸗ ßen, und ſchoſſen Haufen von Pfeilen ab, aber in ſo gro⸗ ßer Entfernung, daß ſie groͤßtentheils fruchtlos niederfielen. Dann kamen ſie naͤher und warfen Steine aus der Hand, da ſie mit dem Gebrauch der Schleuder nicht bekannt wa⸗ ren. Statt von dem Anblick ihrer ſinkenden Geraͤhrten ent⸗ muthigt zu werden, vermehrte derſelbe nur ihre Wuth und ſie ſtießen das fuͤrchterlichſte Geſchrei aus. Ein unregelmaͤ⸗ ßiges Gefecht, wahrſcheinlich nichts anderes als wildes Durch⸗ einanderſtuͤrmen und blindes Kaͤmpfen begann und dauerte von zwe! Uhr Nachmittags bis zur Nacht. Las Caſas war bei der Aſſaire zugegen und nach ſeinen Verichten mußten die Indianer große Proben von perſoͤnlicher Tapferkeit ab⸗ gelegt haben, wiewohl die geringeren Ergenſchaften ihrer Waffen und der Mangel aller Ruͤſtungeſtuͤcke ihre An⸗ ſtrengung vergeblich machte⸗ Als die Nacht hereinbrach, hoͤrten die Feindſel'gkeiten nach und nach auf; die Indianer verſchwanden in die tiefe Dunkelheit und dichte Verſchlun⸗ genheit der Waͤlder. Todtenſtille folgte ihrem Geheul und Kriegsgeſchrei, und waͤhrend der ganzen Nacht blieben die Spanier im ungeſtoͤrten Beſitze des Dorfes. — 346— 8 Viertes Kapitel. Ende des Feldzuges gegen Higuey. Schickſal Co⸗ tabanama's. (1504.) Am Morgen nach der Schlacht ließ ſich kein Indianer blicken. Als ſie fanden, daß ſelbſt Cotabanama, unfaͤhig ſey, ſich mit der Tapferkeit der wei⸗ ßen Maͤnner zu meſſen, gaben ſie in der Verzweiflung den Kampf auf und flohen alle in die Berge. Die Spanier, in kleine Trupps vertheilt, jagten ſie, wi ihre Abſicht war, die Haͤuptlinge und vor Allen den Cazi⸗ ken Cotabanama gefangen zu nehmen. Sie durchforſchten alle Schluchten und verborgene Pfade, die zu den wilden Schlupfwinkeln fuͤhrten, wo die Fluͤchtlinge ſich hin ver⸗ krochen hatten. Die Indianer waren ſchlau und verſtohlen in ihrer Art ſich zuruͤckzuziehen, traten in die Fußtapfen der anderen, ſo daß deren zwanzig nicht mehr ausſahen ihr großer Haͤuptling, als einer, und gingen ſo leicht, daß ſie kaum das Laub zer⸗ traten; doch gab es auch wieder Spanier, die in dem Ja⸗ e die wilden Thiere; —— gen der Indianer ſo geſchickt waren, anzuͤndeten, und ſo kamen — 347— daß ſie ihre Spuren Laub und in dem Gemenge der Faͤhr⸗ ten von tauſend Thieren entdecken konnten. auch im verwitterte Sie witterten auch in ziemlicher Weite den Rauch der Feuer, welche die Indianer uͤberall, wo ſie Halt machten, ſie bis in die entfernteſten Schlupfwinkel auf ihre Spur. Zuweilen jagten ſie einen einzelnen Indianer nieder und zwangen ihn unter Qualen, die Schlupfwinkel, ſeiner Gefaͤhrten zu verrathen, indem ſie ihn als ihren Fuͤhrer vor ſich her trieben. Wo ſie einen dieſer Zufluchtsoͤrter entdeckten, der mit Alten und Schwaͤch⸗ lingen, mit halfloſen Weibern und Kindern angefüͤllt war, metzelten ſie alle ohne Barmherzigkeit nieder. Sie wollten Schrecken durch das Land verbreiten und den ganzen Stamm zur Unterwerfung zwingen. Sie ſchnitten denen, die ſie umherſchweifen ſahen, die Haͤnde ab und ſandten ſie, wie ſie ſich ausdruͤckten, mit ihnen als Briefe fort, die zur Unterwer⸗ fung aufforderten. Es war eine zahlloſe Menge, denen auf dieſe Art die Haͤnde abgeſchnitten wurden, und viele dieſer Opfer fielen und ſtarben auf dem Wege, aus Entſetzen und Blutverluſt. Die Eroberer hatten ihre Freude daran, recht ausge⸗ ſuchte, ſeltne Grauſamkeiten zu erfinden. Ihr Blutdurſt ziigte ſich mit fuͤrchterlichem Leichtſinn gemiſcht. Sie errich⸗ teten lange und niedrige Galgen, woran die Gehaͤngten mit den Füßen die Erde beruͤhren konnten, damit dadurch der Tod verläͤngert wuͤrde. Sie haͤngten dreizehn zuſammen, aus Ehrfurcht, ſagt der entruͤſtete Las Caſas, fuͤr unſeren 4 — 348— heiligen Erloͤſer und die zwoͤlf Apoſtel. Waͤhrend ihre Schlachtopfer dahingen zwiſchen Leben und Sterben, zer⸗ hackten ſie ihnen die Glieder, um die Guͤte ihrer Waffen und die Schaͤrfe threr Schwerter zu probiren. Sie wickel⸗ ten ſie in duͤrres Stroh, ſteckten es an und endigten ſo ihr Leben mit der fuͤrchterlichſten Kaltbluͤtigkeit. Dieſes ſind entſe tzende Einzelnheiten; doch uͤber andere noch abſcheulichere ſey ein Schleter gezogen. Sie werden von dem ehrwuͤrdigen Las Caſas erzaͤhlt, welcher Augen⸗ zeuge der von ihm beſchriebenen Scenen war. Er war damals noch jung und berichtet ſie in vorgeruͤcktem Alter. „Alle dieſe Dinge,⸗ ſagt er,„und andere mehr, welche die Menſchhett empoͤren, ſah ich mit eignen Augen, und nun fuͤrchte ich mich faſt, ſie zu wiederholen, weil ich mir kaum ſelber traue und zweifelhaft bin, ob es mir nicht bloß davon getraͤumt hat.⸗*) Dieſe Details wuͤrden aus dem gegenwaͤrtigen Werke weggeblieben ſeyn, weil ſie die menſchliche Natur zu tief entehren, nd wegen der Abſichtloſigkeit des Verfaſſers, irgend etwas vorzubringen, was ein tapfere Nation werfen koͤnnte. Aber es wuͤrde eine Ab⸗ weichung von der geſchichtlichen Wahrheit ſeyn, mit den Documenten vor Augen und unter der Gewaͤhrſchaft der glaubwuͤrdigſten Zeugen ſo ſchreckliche Thaten mit Still⸗ ſchweigen zu uͤbergehen. Solche Beiſpiele zeigen das aͤu⸗ ßerſte Extrem, wozu menſchliche Grauſamkeit fuͤhren kann, — *) Las Casas, I, II. cap, 17. MS. nen Flecken auf eine edle und — 349— wenn ſie von Habgier, Durſt nach Rache und ſelbſt von einem verkehrten Eifer in der heiligen Sache der Religion aufgereizt wird. Jede Nation hat ihrer Zeit Beweiſe von dieſer traurigen Wahrheit abgelegt. In dem gegenwaͤrtigen Falle ſind es eher Verbrechen der Indviduen als der Na⸗ tion. Doch wird es Sache der Regkerungen, ein wachſa⸗ mes Auge auf die zu haben, denen ſie Gewalt in entfern⸗ ten und huͤlfloſen Colonien anvertrauen. Es iſt die gebie⸗ teriſche Pflicht des Geſchichtſchreibers, an dieſe Dinge zu er⸗ innern, damit ſie kommenden Geſchlechtern warnende Leucht⸗ thuͤrme ſeyen. Juan de Esquibel ſand, daß mit allen ſeinen Grauſam⸗ keiten es unmoͤglich ſeyn wuͤrde, den Stamm von Higuey zu unterjochen, ſo lange noch der Cazike Cotabanama in Freiheit waͤre. Dieſer Haͤuptling hatte ſichauf die kleine Inſel Saona zuruͤckgezogen, ungefaͤhr zwei Stunden von der Kuͤſte von Higuey; in ihrer Mitte fand er in einem Labyrinth von Felſen und Gehoͤlz mit ſeinem Weib und ſei⸗ nen Kindern in einer weiten Hoͤhle Zuflucht. Eine Caravele, welche juͤngſt von der Stadt San Do⸗ mingo mit Lebensmitteln fuͤr das Lager angekommen war, wurde von Esqvibel benutzt, um den Caziken in die Falle zu lock n. Er wußte, daß dieſer ein wachſames Auge auf die Bewegungen der Caravele hatte, indem er Kundſchafter auf die hohen Felſen ſeiner Inſel ſtellte. Esqutbel reiſte daher in der Nacht in dem Schiff mit funfzig Gefäͤhrten ab, hielt ſich unter den tiefen Schatten, die das Land warf, und kam unvermerkt in der Morgendaͤmmerung bei Saona d — 350— an. Hier ging er dicht in der Naͤhe der Kuͤſte, unter ih⸗ ren Kl'ppen und Waldungen verborgen, vor Anker und lan⸗ dete mit vierzig Mann, ehe die Spione Cotabanama's ihre Standpunkte betreten hatten, Zwei von ihnen wurden auf⸗ gehoben und dem Eequibel gebracht, welcher von ihnen er⸗ fuhr, daß der Cazike in der Naͤhe ſey; er erdolchte den einen Kundſchafter und band den anderen, damit er ihnen als Fuͤhrer diene. Eine Anzahl Spanier lief vordus, alle von dem Ver⸗ langen getrieben, ſich dunch die Gefangennehmung des Ca⸗ ziten auszuzeichnen. Sie kamen an zwei Wege und der ganze Trupp zog den Pfad rechter Hand, außer Juan Lo⸗ pez, ein kraͤftiger in der indlaniſchen Ktiegfuͤhrung erfahre⸗ ner Mann. Er ging den Fußpfad zur Linken, welcher ſich zwiſchen kleinen Anhoͤhen durchwand, die ſo dicht mit Wald bewachſen waren, daß es unmoͤglich war, Jemanden in halber Bogenſchußwelte zu ſehen. Peoͤtzlich begegnete er in einem engen Paß, von Felſen und Baͤumen beſchattet, zwoͤlf indianiſchen Kriegern, mit Bogen und Pfeilen bewaffnet, die elnander einzeln Mann fuͤr Mann nach ihrer Gewohnheit folgten. Die Indianer geriethen bei dem Anblick des Lopez in Beſtuͤrzung und bildeten ſich ein, daß ein Trupp Sol⸗ daten hinter ihm ſey. Es waͤre ihnen ein leichtes geweſen, ihn mit ihren Pfeilen zu durchbohren, allein ſi hatten alle Gegenwart des Geiſtes verloren. Er verlangte nach ihrem Caziken. Sie erwiederten ihm, er ſey dahinten; und als ſie auf die Seite wichen, um ihn vorbei zu laſſen, erblickte Lopez den Caziken im Hintergrunde. Beim Anblick des — 351— Spaniers ſpannte Cotabanama ſeinen ungeheuren Bogen und war auf dem Punkt, einen ſeiner dreigezackten Pfeile auf ihn abzuſchießen, aber Lopez ſprang auf ihn ein und verwundete ihn mit ſeinem Schwert. Die anderen India⸗ ner hatten, von Furcht erfuͤllt, bereits die Flucht ergriffen. Cotabanama, erſchreckt von der Schaͤrfe des Schwertes, ſchrie er ſey Juan de Esquibel und verlange den gehoͤrigen Rieſpect füͤr die Austauſchung ſeines Namens mit dim des ſpaniſchen Befehlshabers. Lopez faßte ihn mit der einen Hand am Haar und holte mit ver anderen zu einem Stoß in ſeinen Leib aus; gber der Cazike ſchlug das Schwert mit der Hand nieder, kaͤmpfte. mit ſeinem Gegner und warf ihn mit dem Ruͤcken auf die Felſen. Da Beide große Muskel⸗ kraft beſaßen, war das Ringen anhaltend und heftig. Das Schwert lag unter ihnen, aber Cotabanama packte den Spanier mit ſeiner kraftigen Fauſt bei der Gurgel, um ihn zu erdroſſeln. Der Laͤrm des Kampfes zog die anderen Spanier zu der Stelle. Sie fanden ihren Gefaͤhrten ſich winden und nach Luft ſchnappen, faſt ſchon erwuͤrgt von der Hand des rieſenhaften Indianers. Sie ergriffen den Caziken, banden ihn und ſchleppten ihn gefangen nach einem verlaſſenen indianiſchen Dorf in der Nachbarſchaft. Sie fanden den Weg zu ſeiner verſteckten Hoͤhle, aber ſein Weib und ſeine Kinder hatten durch die fluͤchtigen Indianer Nach⸗ richt von ſeiner Gefangennehmung erhalten und waren an einen anderen Ort der Inſel entflohen. In der Hoͤhle fan⸗ den ſie die Kette, mit welcher eine Anzahl indianiſcher Ge⸗ fangenen gebunden worden war, welche ſich empoͤrt und drei Spanier, die ſie in Verwahrung gehabt, erſchlagen und ſich auf dieſe Inſel gefluͤchtet hatten. Auch befanden ſich daſelbſt die Schwerter dieſer Spanier, die ſis ihrem Caziken als Stegeszeichen gebracht hatten. Die Kette wurde nun gebraucht, um Cotabanama damit zu feſſeln. Die Spanter bereiteten ſich vor, den Haͤuptling auf der Stelle zom Tode zu führen, und zwar in dem Mittel⸗ punkt des verlaſſenen Dorfes. Zu dieſem Ende wurde ein Scheiterhaufen von kreuzweiſe gelegten Baumſtaͤmmen in Form eines Roſtes errichtet, auf welchem er langſam ge⸗ braten werden ſollte. Bet naͤherer Erwaͤgung aber fanden ſie es raͤthlicher, ſich das Vergnuͤgen dieſes fuͤrchterlichen Mordes zu verſagen, Vielleicht hielten ſie den Caziken fuͤr eine zu wichtige Perſon, um ſo verborgen hingerſchtet zu werden. Sie gaben ihm daher eine Galgenfriſt, fuͤhrten ihn auf die Caravele und ſandten ihn mit den ſchweren Ketten beladen nach San Domingo. Ovando ſah ihn in ſeiner Gewalt, unfaͤhig ihm ferner ein Uebel zuzufuͤgen, aber er beſaß nicht die Großmuth, einem gefallnen Feinde zu verzethen, diſſen einziges Verbrechen die Vertheidigung ſeines Mutterlandes und angeſtammten Eigenthums war. Er ließ ihn wie einen gemeinen Spitzbuben aaf oͤffentlichem Platze haͤngen.*) Auf dieſe ſchimpfliche Art wurde der Cazike Cotabanama, der letzte der unabhaͤngigen Fuͤrſten von Haytt hingerichtet. Seinem Tode folgte die voͤllige Unterjochung ſeines Volkes; er war die B ſiegelung des g. letzten Kampfes der Eingebornen gegen ihre Unterdruͤcker. *) Las Catas, hist. Ind, 1, II. c. 18. Die Inſel war von ihren Ureinwohnern faſt ganz entvöl⸗ kert, und demuͤthige, trauernde Unterwerfung und ſtumme Verzweiflung band den kleinen Reſt der Ueberlebenden. Dieſes war das erbarmungsloſe Syſtem, welches waͤh⸗ rend der Abweſenheit des Admirals von dem Gouverneur Ovando verfolgt wurde, von einem Manne von ſo hoch geruͤhmter Weisheit und Maͤßigung, welcher geſandt war, um die Mißbraͤuche auf der Inſel abzuſtellen und vor Al⸗ lem die Leiden der Eingebornen zu mildern. Das Syſtem des Columbus mag hart auf den Indianern gelaſtet haben, die in ungebundener Freiheit geboren und erzogsn waren, aber es war weder grauſam noch blutig. Er verhaͤngte keine muthwillige Schlaͤchtereien noch rachſuͤchtige Strafen. Sein Verlangen war, die Indianer zu hegen und zu ciol⸗ liſiren, und ſie zu nuͤtzlichen Unterthanen zu machen, nicht aber ſie zu unterdruͤcken, zu verolgen und zu vernichten. Wie er die Verwuͤſtung ſah, die ſie waͤhrend der Suspen⸗ ſion ſekner Funktionen vom Lande hinweggerafft hatte, konnte er den heftigen Drang ſeiner Gefuͤhle nicht beherr⸗ ſchen. In einem Schreiben an den Koͤnig nach ſeiner Ruͤck⸗ kehr nach Spanien druͤckt er ſich ſo uͤber dieſen Gegenſtand aus:„Die Indianer von Hispankola waren und ſind die reichen Leute der Inſel; denn ſie ſind es, welche das Brod ziehen und bereiten und Vorraͤthe für die Chriſten machen, welche das Gold aus den Minen graben und alle Dienſte und Arbeiten ſowohl der Menſchen als der Thlere verrich⸗ ten. Ich hoͤrte, daß ſeit ich die Inſel verlaſſen ſechs Sie⸗ bentheile der Eingebornen umgekommen ſind, alle durch Irving's Columbus, 7— 9. 23 —————— ſchlechte Behandlung und Unmenſchlichkeit, die einen durchs Schwert, die andern durch Schlaͤge und grauſamen Miß⸗ brauch ihrer Kraͤfte, andere durch Hunger, D r groͤßere Theil iſt in den Bergen und Wandtriften umgekommen, wohin ſie geflohen waren, weit ſie das Joch der auferlegten Arbeit nicht tragen konnten.,, Was ihn ſelbſt anbelange, fügte er hinzu, ſo habe er zwar viele Indianer zum Ver⸗ kauf nach Spanien geſandt, aber immer unter der Voraus⸗ fetzung, daß ſie im chriſtlichen Glauden unterrichtet, mit den Kuͤnſten und Sitten culttvirter Nationen bekannt gemacht, und ſpaͤter wieder nach ihrer Inſet zuruͤckgeſandt wuͤrden, um die Civiliſirung ihrer Landoleute zu erleichtern,*) Der kurze Ueberblick, der von der Politis Ovando's in gewiſſen Punkten gegeben wurde, welche dem Columbus Rügen zugezogen, moͤge den Leſer in den Stand ſetzen, das Betragen des Letzteren richtiger zu beurtheilen. Dieſes aber laͤßt ſich nicht mit dem in dem jetzigen aufgeklaͤrten Zeitalter gultigen Maßſtabe des Rechts oder unrechts ehun. Wir müſſen ihn in Verbindung mit der Aera betrach⸗ ten, in welcher er bte. Indem wir ſeine Hanblungen mit benen feiner Zeitg⸗noſſen vergleichen, die, wegen ihrer Tu⸗ benden und Faͤhigkeiten gepriefm, grade in dieſelbe Lage verfetzt wurden, und zwar um ſeine Fehler wieder gut zu machen, werden wir deſto fäͤhiger ſeyn, zu beurtheiten, wie kugendhaft und weiſe er, unter den beſonderen Umſtaͤn⸗ den, regiert zu haben erachtet werden muß⸗ *) Las Cosas„ hist. Ind. I. II. cap. 36- —— Achtzehntes Buch. — Erſtes Kapitel. Abreiſe des Columbus nach Son Domingo. Seine Rückkehr nach Spaſſten. (1504) Am 18. Juni nahm Columbus mit frohem Herzen Ab⸗ ſchied von dem Wrack, auf welchem er ſo lange eingeſchloſſen geweſen und ſchiffte ſich mit allen Spaniern, Freunden und Feinden, an Bord der Schiffe ein, die nach San Domingo ſegelten. Oviedo ſagt, die Indianer haͤtten bei ihrer Ab⸗ reiſe geweint, denn ſie haͤtten ſie für Weſen aus dem Him⸗ mel angeſehen. Von dem Admiral zwar hatten ſie nur gü⸗ tige Behandlung und fortgeſetzte Wohlthaten erfahren, und die Vorſtellung von ſeinem unmittelbaren Einfluß bei der Gottheit, welchen die Vorherſagung der Mondsfinſterniß 23* — 356— bezeugte, mochte ſeine Anweſenheit fuͤr die Inſel günſtig haben erſcheinen laſſen; dagegen iſt es nicht wahrſcheinlich, daß ein geſetzloſer Hane, wie der des Porras, der Monate lang in ihren Doͤrfern umher zog, Anlaß zu etwas anderem als zur groͤßten Freude bei ihrer Abreiſe gegeben haben ſollte. 4 2 4 Die widrigen Winde und Stroͤmungen, welche ſich dem Columbus im ganzen Laufe ſeiner verhaͤngnißvollen Fahrt entgegengeſetzt hatten, fuhren noch immer fort, ihn zu ne⸗ cken. Nach einem muͤhſamen Kampfe von mehreren Wochen erreichte er endlich am 3. Auguſt die kleine Inſel Beata an der Kuͤſte von Hispaniola. Zwiſchen dieſem Platz und San Domingo ſind die Stroͤmungen heftig, daß die Schiffe oft monatelang auf guͤnſtiges Wetter harren, um die Wogen zu beſtegen. Von hier ſandte Columbus zu Land einen Brief an Ovando, um ihn von ſeinem Kommen zu benach⸗ richtigen und ihm einige abſurde Verdachtsgruͤnde zu beneh⸗ men, die, wie der Admiral von Salcedo wußte, noch immer bei dem Gouverneur herrſchten, indem er fuͤrchtete, die An⸗ weſenheit des Columbus auf der Inſel werde zu Partheiun⸗ gen und Unruhen fuͤhren. In dieſem Briefe druͤckt er mit ſeiner gewohnten Waͤrme und Einfalt die Freude aus, die er uͤber ſeine Befreiung fuͤhlte, und die fo groß war, ſagt er, daß er ſeit der Ankunft des Diego de Salcedo mit den Schiffen kaum habe ſchlafen koͤnnen. 4 Es erhob ſich ein günſtiger Wind, die Schiffe gingen wlieder unter Segel und liefen am 13, Auguſt in dem Ha⸗ fen von San Domingo ein. Wie viel Groll auch gegen Columbus im Hintergrunde gelauert haben mag, die Theil⸗ nahme der Colonie an ſeinen juͤngſten Leidensfäͤllen uͤber⸗ waͤltigte denſelben. Das ungluͤck ſoͤhnt mit vielen Fehlern wieder aus, doch die wahren Verdienſte eines Mannes, der ſich im Gluͤck beſindet, wecken die Verkleinerungsſucht. San Domingo, wo Columbus in den Tagen ſeiner Macht von Feinden umgeben geweſen, von wo er ſchimpflich und un⸗ ter dem Hoͤhnen und Fluchen des rohen Haufens in Ketten nach Spanitn geſandt worden war, wilches ihn in einer Zeit der Gefahr, als er eine Escadre befehligte, ausgeſchloſ⸗ ſen hatte, daſſelbe San Domingo vergaß nun, da er in ſei⸗ nem Hafen als ein Niedergeworfner und Schiffbruͤchiger er⸗ ſchien, alle fruͤhere Feindſeligkeit und ergluͤhte fuͤr ihn in ploͤtzlichem Enthuſiasmus. Was ſeinen Verdienſten nicht geſchah, widerfuhr ihm im ungluͤck, und ſelbſt die Neidiſchen, von ſeinem gegenwaͤrtigen Gluͤckswechſel zur Ruhe gewie⸗ ſen, ſchienen ihm zu vergeben, daß er einſt ſo glorreich auf⸗ getreten war.— Der Gouverneur und die vornehmſten Einwohner kamen ihm entgegen und empfingen ihn mit großer Auszeichnung. Er wurde als Gaſt in das Haus Ovando's einlogirt, wel⸗ cher ihn mit der groͤßten Hoͤflichkeit und Aufmerkſamkeit be⸗ handelte. Der Gouverneur war ein ſchlauer, vorſichtiger Mann und ein gewandter Hoͤfling. Doch beſtanden zu riefe Urſachen der Eiferſucht und des Mißtrauens zwiſchen ihm und Columbus, als daß ihr Zuſammenſeyn herzlich haͤtte werden koͤnnen. Sowohl der Admiral, als ſein Sohn 8 Fernando nannten immer die Artigkeiten Ovando's üͤbertrie⸗ ben und heuchleriſch, nur darauf berechnet, die Erinnerung der vorhergehenden Vernacklaͤſſigung zu verweſchen und lauernde Feindſchaft zu verdecken. Waͤhrend er dem Colum⸗ bus den großten Antheil, die groͤßte Freundſchaft bezeugte, ſetzte er den Verraͤther Porras in Freiheit, der noch immer gefangen war, um in Spanien vor Gericht geſtellt zu wer⸗ den. Er ſprach ſogar davon, daß er diejenigen beſtrafen werde, welche die Waffen zu ſeiner Vertheidigung ergriffen, mehrere Aufruͤhrer getoͤdtet und andere gefangen genomm n hatten. Ueber dieſe Dinge beklagte ſich Columbus laut; doch in der That ging dieſe Mißhelligkeit aus einem Com⸗ petenzſtreite zwiſchen ihm und dem Gouverneur hervor. Ihre Vollmachten waren ſo unbeſtimmt, daß ſie einander beeintraͤchtigten, und beide waren in e'ner Lage, daß ſie es ſehr genau nehmen mußten. Ovando maßte ſich das Recht an, alles was in Jamaika verhandelt worden, zur Cogni⸗ tion zu nehmen, da es innerhalb der Gränzen ſeines Gou⸗ vernements geſchehen ſey, welches alle Inſeln und das Feſt⸗ land in ſich begreife. Columbus dagegen behauptete die von den Souverainen ertheilte unbedingte Gewalt und ſo⸗ wohl buͤrgerl'che als peinliche Gerichtsbarkeit uͤber alle Leute, die ſich mit ihm eingeſchifft haͤtten, von der Zeit ſeiner Ab⸗ reiſe bis zu ſeiner Ruͤckkunft nach Spanien. Um dieſes zu beweiſen, zog er ſeine Inſtructionen hervor. Der Gouver⸗ neur hoͤrte ihn mir vieler Hoͤflichkeit und laͤchelnder Miene an, bemerkte jedoch, dieſe Inſtructionen koͤnnten ihm keine Gewalt innerhalb der Graͤnzen ſeines Gouvernements — — 359— einraͤumen.*) Er gab jedoch die Idee auf, das Betragen der Gefaͤhrten des Columbus zu unterſuchen, und ſandte den Porras nach Spanien, damit er von dem Colleglum ge⸗ richtet werde, welches uͤber die indiſchen Angelegenheiten ge⸗ ſetzt war. Der Aufenthalt des Columbus in San Domingo war wenig dazu gemacht, ihm Befriedigung zu gewaͤhren Tief ſchmerzten ihn die Verheerungen auf der Inſel durch die unterdrückende Behandeung der Eingebornen und das fuͤrch⸗ terliche Blutbad, welches Ovando und ſeine Agenten ange⸗ richtet hatten. Columbus hatte ſehnlich gewuͤnſcht, dieſe Ur⸗ bewohner mit der 3 it zu civiliſir n, gewerbſame und zins⸗ bare Unterthanen aus ihnen zu machen, und ihrer wohlge⸗ regelten Thaͤtigkeit einen bedeutenden fortlaufenden Ertrag abzugewinnen. Wie verſch'eden davon waren die jetzigen Ausſichten! Die fuͤnf großen S aͤmme, welche zur Zeit der Entdeckung alle Berge und Thaͤler innehatten und mit ih⸗ E ren abwechſelnden Städten, Doͤrfern und Saatfeldern die reichen Landſtriche der Vega mit ſo vielen maleriſchen Gaͤr⸗ ten verſchoͤnert hatten, waren nun groͤßtentheils verſchwun⸗ den und ihre angeſtammten Fuͤrſten waren faſt alle eines gewaltſamen und ſchimpflichen Todes geſtorben. Columbus ſah die Angelegenheſten der Inſel mit ganz anderen Augen als Ovando. Er hatte ein väterliches Gefuͤhl fuͤr ihr Ge⸗ deihen und ſein eignes Gluͤck war mit der weiſen Handha⸗ *) Brief des Columbus an ſeinen Sohn Diego, von Se⸗ villa d. 21. Nov. 1504. Navarrete collect. t. 1. — 360— bung deſſelben verkettet. Er beklagt ſich in ſpaͤteren Schrei⸗ ben an die Souveraine, daß alle oͤffentlichen Angelegenheiten ſchlecht gefuͤhrt würden, daß das geſammelte Gold unbe⸗ wacht zu großen Haufen in ſchlecht gebauten und bedeckten Haͤuſern liege, welche zum Stehlen verfuͤhrten; Ovando ſey nicht populaͤr, die Leute zuͤgellos und das Eigenthum der Krone und die Sicherheit der Inſel beſtaͤndig in Gefahr der Meuterei und des Aufruhre.*) Waͤhrend er alles dieſes ge⸗ wahr wurde, hatte er nicht die Gewalt, ſich dreinzumiſchen, und jede Bemerkung oder Vorſtellung von ſeiner Seite wurde von dem Gouverneur uͤbel aufgenommen. „Er fand auch ſeine eignen Sachen in großer Verwir⸗ rung. Seine Einkuͤnfte und Antheile waren entweder nicht eingeſammelt oder er konnte keinen klaren Bericht noch voll⸗ ſtaͤndige Liuidation davon erhalten. Was er zuſammenbrin⸗ gen konnte, mußte auf die Ausruͤſtung der Schiffe verwandt werden, die ihn mit ſeiner Mannſchaft nach Spanien brin⸗ gen ſollten. Er klagt den Ovando in ſeinen ſpaͤteren Brie⸗ fen an, er habe waͤhrend ſeiner langen Abweſenheit ſeint Intereſſen vernachlaͤßigt, wo nicht geopfert, und denen Hin⸗ derniſſe in den Weg gelegt, die ſeinen Angelegenheiten vor⸗ zuſtehen beauftragt geweſen. Daß er einigen Grund zu dieſen Klagen hatte, geht aus zwei noch exiſtirenden Schrei⸗ ben hervor, welche die Koͤnigin Iſabella am 27. November 1503 an Ovando richtete und worin ſie ihn von der Klage — 5 *) Brief des Columbus an ſeinen Sohn Diego, von Se⸗ villa d. 3. Dec. 1504. Navarrete t, 1. P. 341, —— — 361— des Alonzo Sanchez de Carvajal unterrichtet, daß er ver⸗ hindert geweſen, die Renten des Admirals einzuziehen; ſie beſtehlt darin ausdruͤcklich dem Ovando, die dem Columbus gewaͤhrten Capitulationspunkte zu erfuͤllen, ſeine Agenten zu reſpectiren und ſeine Angelegenheiten zu foͤrdern ſtatt zu verwickeln. Waͤhrend dieſe Briefe Zeugniß von dem ungroß⸗ muͤthigen Benehmen des Gouverneurs gegen ſeinen glorrei⸗ chen Vorfahr geben, beweiſen ſie zugleich den perſoͤnlichen Antheil, welchen Iſabella an den Angelegenheiten des Co⸗ lumbus waͤhrend ſeiner Abweſenheit nahm. Sie hatte wirk⸗ lich ihr Mißfallen daruͤber ausgedruͤckt, daß er von dem Hafen von San Domingo ausgeſchloſſen worden, als er ſich wegen Huͤlfe fuͤr ſeine Escadre und wegen Schutzes vor dem Sturm dahin gewandt; auch hatte ſie dem Dvando eine Ruͤge wegen Nichtannahme des Rathes, die Florte mit Bobadilla noch zuruͤckzuhalten, ertheilen laſſen, da dieſe ſo ihrem ungluͤcklichen Schickſal entgangen waͤre.“) Hier mag auch die Bemerkung Platz finden, daß das blutige Ver⸗ fahren Ovando's gegen die Eingebornen, inſonderheit das Gemetzel in Xaragua und die Hinrichtung der unglüͤcklichen Anacaona bei Iſabella Schauder und Abſcheu erregten; ſie lag auf dem Todbette ſchmachtend, als ſie die Nachricht empfing und mit ihrem letzten Seufzer zwang ſie noch dem Koͤnige Ferdinand das Verſprechen ab, daß Ovando auf der Stelle vom Gouvernement abgerufen werden ſolle. Die Zu⸗ ſage wurde langſam und mit Widerſtreben, erſt nach Ver⸗ —— *) Herrera hist. Ind, dec. 1. 1, V. e, 12, lauf von ungefähr vier Jahren, und zunaͤchſt aus Veran laſſung anderer Umſtaͤnde, in Erfuͤllung geſetzt; denn Ovando bemühte ſich, den Monarchen durch Erzwingung einer Auf⸗ lage von der Inſel zu verſoͤhnen. Die beſtaͤndigen Mißverſtaͤndniſſe, welche zwiſchen dm Admiral und dem Gouverneur ſtattfanden, bewogen den Co⸗ lumbus, wiewohl Ovando ihm immer große Artigkeiten er⸗ zeigte, ſo ſchnell als moͤglich von der Inſel wegzukommen. Das Schiff, auf welchem er von Jamaika heruͤbergeſchifft war, wurde ausgebeſſert, gehoͤrig auegeruͤſtet und unter das Kommando des Adelantado geſtellt; ein anderes Schiff aber fuͤr Columbus, ſeinen Sohn und ſeine Dienerſchaft eingerichtet. Der groͤßere Theil ſeiner vorigen Schiffsmann⸗ ſchaft blieb in San Domingo zuruͤck; da die Leute ſich in großer Armuth befanden, half er ihren Bedürfn'ſſen mit ſeiner eignen Boͤrſe ab und ſchoß die noͤthegen Gelder zur Reiſe fuͤr diejenigen her, welche mit nach Spanien zu ſchif⸗ fen vorzogen. Viele dieſer großmuͤthig von ihm bedachten Leute waren die heftigſten Rebellen g gen ihn geweſ n. Am 12. September ging er unter Segel; aber kaum hatte er den Hafen verlaſſen, als ein ploͤtzlicher Windſtoß den Maſt ſeines Schiffes wegriß. Er ging ſogleich mit ſei⸗ ner Familie an Bord des Schiffes ſeines Bruders, ſandte das beſchaͤdigte Fahrzeug in den Hafen zuruͤck und ſetzte ſeine Reiſe fort. Auf der ganzen Fahrt hatte er das ſtuͤr⸗ miſchſte Wezter. Bei einem Sturm brach der Hauptmaſt an vier Stellen. Der Admiral war grade von der Gicht auf's Bett gefeſſelt; nach ſeinem Rath jedoch und burch die — 363— Thaͤtigkeit des Adelantado wurde dem Schaden geſchickt wie⸗ der abgeholfen; man kuͤrzte den Maſt, ſtuͤtzte die ſchwachen Stellen mit Holz, das man aus den Kajüten oder Caſtells ſchnitt, welche die Schiffe damaliger Zeit auf dem Vorder⸗ und Hintertheil trugen, und das Ganze wurde mit Stricken gut befeſtigt. In einem folgenden Sturm wurden ſie noch mehr beſchaͤdigt; dem Schiff brach der Vordermaſt. In dieſem verkruͤppelten Zuſtande hatte das Fahrzeug noch eine Strecke von ſiebenhundert Seemeilen auf einem ſtuͤrmiſchen Ocean zuruckzulegen. Das Ungluck verfolgte den Columbus bis an's Ende dieſer ſeiner letzten und ungluͤcklichſten See⸗ fahrt. Denn mehrere Wochen warde er von Orkanen um⸗ hergeſchleudert, waͤhrend ihm die Gicht die peinigendſten Schmerzen verurſachte, bis endlich am 7. November ſeine zerſtoßene und geflickte Barke in dem Hafen San Lucar Anker werfen konnte. Von hier begab er ſich nach Sevilla, wo er koͤrperliche und geiſtige Ruhe zu finden und ſeine Geſundheit nach einer langen Reihe von Strapazen, Be⸗ aͤngſtigungen und Unfaͤllen wiederherzuſtellen hoffte.*) —— *) Hist. del Almirante, cap 108. Las Casas hist- Ind. I. II. cap. 36. Krankheit des Columbus in Sevilla.— Geſuch bei der Krone, um Wiederherſtellung ſeiner Ehren.— Tod Iſabellens. Hinfaͤllig von Alter und Schwachheit, und von den Ge⸗ ren und Widerwaͤrtigkeiten ſeiner letzten Reiſe erſchuͤttert, hatte ſich Columbus nach Sevilla, als dem Hafen der Ruhe geſehnt, wo er von ſeinen Muͤhſalen einige Raſt und Er⸗ holung finden koͤnne. Doch Sorgen und Pein ſollten ihm zu Lande wie zur See folgen. Indem er die Scene wech⸗ ſelte, aͤnderte ſich nur die Art ſeiner Qual. Kummervolle Tage und Naͤchte waren ihm fuͤr den Reſt ſeines Lebens beſtmmt und noch der Rand ſeines Grabts ſollte mit Dor⸗ nen beſtreut werden. Wie er in Sevilla ankam, fand er alle ſeine Angelegen⸗ heiten in Unordnung. Seit der Zeit, als er in Ketten von San Domingo nach Hauſe gebracht worden und als Boba⸗ dilla von ſeinem Haus und ſeinen Sachen Beſitz genommen, waren ſeine Renten und Antheile nie ordentlich erhoben Zweites Kapitel. — (1501.) — 365— worden und die, welche man nachmals beigetrieben, waren in den Haͤnden des Gouverneurs Ovando verblieben.„Ich erleide viele Chikanen von dem Gouverneur,“ ſagt er in einem Briefe an ſeinen Sohn Diego.*)„Alle ſagen mir, ich haͤtte hier eilf bis zwoͤlftauſend Caſtellanos, und lch habe nicht den vierten Theil erhalten... Ich weiß es wohl, daß er ſeit meiner Abreiſe uͤber fuͤnftauſend Caſtellanos er⸗ halten haben muß." Er bat dringend, der Koͤnig moͤge ein Schreiben erlaſſen, welches die Auszahlung dieſer Ruͤckſtaͤnde ohne Zeitverluſt befehle; denn ſeine Agenten wuͤrden nicht wagen, dem Ovando ſelbſt nur von der Sache zu reden, wenn ſie nicht durch ein Schreiben des Souverains dazu ermaͤchtigt wuͤrden. 4 Columbus war von keinem gewinnſuͤchtigen Geiſte, aber ſein Rang und ſeine Lage erheiſchten große Ausgaben. Dle Welt glaubte ihn im Beſit von unerſchoͤpflichen Reichthuͤ⸗ mern, aber bis jetzt hatten ihm die Goldquellen nur unzu⸗ verlaͤſſige und dünne Stroͤme zugeführt. Seine letzte Reiſe hatte ſeine Finanzen erſchöpft und ihn in Verlegenheiten ge⸗ ſetzt. Alles, was er von dem Gelde, welches ihm in His⸗ panfola zukommen ſollte, zuſammen bringen konnte, war darauf gegangen, indem er viele in Noth befindliche Leute aus ſeiner Mannſchaft von der letzten Reiſe, nun nach Hauſe ſchaffte; fuͤr den groͤßeren Theil der Summe blieb ihm die Krone verſchuldet. Waͤhrend er ſich abarbeitete, um zur *) Brief von Sevills, d. 13, Dec. 1504. Navarrete t. 1. p. 343, A — 366— Auszahlung ſeiner Geldforderungen zu gelangen, litt er durchaus auf gewiſſe Weiſe Mangel. Er dringt wiederholt bi ſeinem Sohne Diego auf Sparfamkeit, bis ihm die Wie⸗ derherſtellung ſeines Eigenthums und die Bezahlung ſeiner Ruͤckſtaͤnde gelaͤnge.„Ich erhalte nichts von den mir zu⸗ kommenden Revenuen,“ ſagt er in einem der Briefe;„ich lebe auf Borg.“„Wenig habe ich,“ fährt er in einem an⸗ deren fort,„durch zwanzigjaͤhrige Dienſte bei ſo großen Muͤhſeligkeiten und Gefahren gewonnen; denn noch jetzt kann ich in ganz Spani n nicht unter meinem eigenen Dach leben. Wenn ich eſſen oder ſchlafen will, muß ich zu einem Wirthshauſe meine Zuflucht nehmen, und meiſtens bin ich nicht im Stande, meine laufenden Ausgaben zu decken.“ Dennoch war er mitten in ſeiner eigenen Verlegenhe’t mehr beſorgt fuͤr die Befriedigung ſeiner Seeleute als ſeiner felbſt. Er ſchrieb ſtarke und wiederholte Vorſtellungen an die Souveraine, bat ſie, ihnen ihre Ruͤckſtaͤnde anweiſen zu laſſen, und draͤngte ſeinen Sohn Diego, der am Hofe war, ſich gleichfalls fuͤr ſie zu verwenden.„Sie ſind arm," ſagte er,„und es ſind nun faſt drei Jahre verſtrichen, ſeitdem ſie ihre Heimath verlaſſen. Ste haben unendliche Mühſelig⸗ keiten und Gefahren erduldet und bringen unſchaͤtzbare Nach⸗ richten, wofuͤr Ihre Majeſtaͤten Gott danken und ſich freuen ſollten,, Ungeachtet ſeiner eblen Bekümmerniß um dieſe Leute, wußte er wohl, daß Mehrere ſeine Feinde waren, ja, daß einige von ihnen um dieſelbe Zeit mehr geſtimmt waren, ihm Boͤſes als Gutes zu erweiſen, ſo hochherzig war Columbus und ſo gern vergab er, — 367— Derſelbe Eifer fuͤr das Intereſſe ſeiner Souveralne, der immer ſeinen treuen Sinn beſchaͤftigte, miſchte ſich in ſeine ubrigen Sorgen ein. Er ſtellte in ſeinem Schreiben en den Koͤnig die üble Verwaltung der koͤniglichen Einküͤnfte unter dem Gouvernement des Ovando vor Augen. Uner⸗ meßliche O zautitaͤten Gold lagen unbeſchützt in ſchlicht ge⸗ bauten Haͤuſern, wo ſie der Beraubung zusaͤnglich waren. Es erkorderte eine Perſon von Energie und die ein beſon⸗ d res Int reſſe an dem Eigenthum auf der Inſel hatte, um ihre Ang legenheiten zu ordnen und die ungeheuren Reve⸗ nuͤen wirklich von ihr zu ziehen, die ſie gewaͤhren konnte; Eolumbus zeigte deutlich, daß er die rechte Perſon dazu ſey. Warlich, er ſelbſt ſuchte weniger Schadloshaltung durch Geld, als die Wiederherſtellung feiner Aemter und Wuͤrden. Er hatte das koͤnigliche Verſprechen, daß er wieder einge⸗ ſetzt werden ſolle; er betrachtete die Gewaͤhrung als das Siegeszeichen ſeiner glorreichen unternehmungen, und er fühlte, daß ſo lange ſie zuruckgehalten wuͤrden, ein ſtiller Vorwurf auf ſeinem Namen laſte. Waͤre er nicht voll un⸗ geduldigen Stotzes in dieſer Bezichung geweſen, ſo haͤtte er die erhab'nſte Seite ſeines Eharakters Lugen geſtraft; denn wer gleichgältig ſeyn kann gegen den Kranz des Ruhmes, dem fehlt es an dem edlen Ehrgeize, der zu unſterblichen Thaten hinreißt.. Die ungenuͤgenden Antworten, die Columbus auf ſeine Briefe erhielt, beunruhigten ſeine Seele. Er wußte, daß er thätige Feinde am Hofe habe, bereit, alle Dinge zu ſei⸗ nem Nachtheil zu verdrehen, und er fühlte die Wichtigkeit — 368— ſeiner perſoͤnlichen Anweſenheit, um ſelbſt ihre Machinatto⸗ nen zu vernichten; aber ſeine Kraͤnklichkeit hielt ihn zu Se⸗ villa feſt. Er machte einen Verſuch, die Reiſe anzutret n, aber die ſtrenge Winterkaͤlte und die Groͤße ſeines Koͤrper⸗ übels zwangen ihn, die Abſicht verzweiflungsvoll aufzugeben. Alles, was er thun konnte, war, daß er ſeine Schreiben an die Souveraine wiederholte und die Vermittelung ſeiner wenigen, aber getreuen Freunde anſprach. Er beſorgte, die ungluͤcklichen Ereigniſſe ſeiner letzten Reiſe moͤchten zu ſeinem Nachtheil gedeutet worden ſeyn. Der große Gegenſtand ſeiner Expedition, die Entdeckung einer Durchfahrt in dem Iſthmus von Darien, war fehlgeſchlagen. Das zweite Un⸗ ternehmen, die Erwerbung von Maſſen Goldes, war nicht vollendet. Er hatte zwar die Goldminen von Veragua ent⸗ deckt, aber er hatte keine Schaͤtze mit nach Hauſe gebracht; weil, wie er in einem ſeiner Briefe ſagte,„ich das Land nicht berauben oder verletzen wollte; indem die Vernunft fordert, daß das Land Niederlaſſungen erhalte, mittelſt de⸗ ren man dann das Gold ohne Gewalt gewinnen wird.“ Er war inſonderheit beſorgt, die Scenen der Gewalt auf der Inſel Jamaika koͤnnten durch die Bosheit ſeiner Feinde und die Keckheit der Verbrecher ihm ſelber eine An⸗ klage zuziehen, wie es mit der Rebellton des Roldan der Fall geweſen war. Porras, der Naͤdelsfuͤhrer der letzten Meuterei, war don Ovando nach Hauſe geſandt worden, um vor dem Collegium von Indien zu erſcheinen, doch ohne daß irgend eine ſchriftliche Elnleitung in ſeinen Prozeß die Vergehungen, deren er ſchuldig befunden worden, auseinan⸗ — 369— dergeſetzt haͤtte. Waͤhrend Columbus in Jamaika war, hatte er ein Protokoll uͤber die Vorfaͤlle auenehmen laſſen, aber der Notar des Geſchwaders, der es aufgenommen, und die Papiere, die es enthielten, befanden ſich an Bord jenes Schiffes, in welchem der Admiral von Hiapaniola wegge⸗ ſegelt und welches entmaſtet wieder zuruͤckgegangen war⸗ Aus dieſem Grunde wurde daher die Sache nicht von dem Gerichtshofe von Indien zur Cognition genommen und Porras ging frei umher, mit der Gewalt und dem Hang Boͤſes zu unternehmen. Da er mit dm zoͤniglichen Schatz⸗ meiſter Morales verwandt war, ſo hatte er Zutritt in den Kreiſen des Ortes und Gelegenheit ihre Meinungen und Vorurtheile zu ſeinen Gunſten zu ſtunmen. Columbus ſchrieb an Morales und ſchloß eine Abſchrift der Supplik bei, welche die Rebellen ihm in Jamaika mit dem Bekenntniß ihrer Schuld und mit der Bitte um Verzeihung uͤberſandt hatten, und er bat den Schatzmeiſter, ſich nicht von den Vorſtellungen ſeines Verwandten beſtimmen zu laſſen, noch irgend eine ihm unguͤnſtige Meinung auszuſprechen, bis er ſelbſt Gelegenheit gehabt, ſich Gehoͤr zu verſchaffen. Der treue, unermuͤdliche Diego Mendez war zu der Zeit am Hofe; auch befand ſich dort Alonzo Sanchez de Car⸗ vajal und ein eifriger Freund des Columbus, Namens Ge⸗ ronimo. Er bat ſeinen Sohn Diego, ſie alle zur Unter⸗ ſtuͤtzung ſeiner Sache aufzufordern, da ſie im Stande ſeyen, die wichtigſten Zeugniſſe uͤber ſein Betragen abzulegen. „Ich bin gewiß,, ſagte er,„daß die Wahrheitsliebe und der Eifer des Diego Mendez eben ſo viel gelten werden, Irving's Columbus. 7—9. 24 wie die Lüͤgen des Porras.“ Nichts uͤbertrifft die tiefe Ernſthaftigkeit und Einfalt des allgemeinen Bekenntniſſes von ſeinem Dienſteifer, wie es in einem ſeiner Briefe ent⸗ halten iſt.„Ich habe Ihren Majeſtaͤten,“ ſagt er,„mit ſo vielem Eifer und Fleiß gedient, als waͤre es geweſen, um das Paradies zu erlangen; und wenn ich in irgend etwas gefehlt habe, ſo geſchah es, weil meine Kenntniſſe und Vollmachten nicht weiter reichten. Wenn wir dieſe ruͤhrenden Klagen leſen, koͤnnen wir kaum an die Moͤglichkeit denken, daß ſie von demſelben Mann niedergeſchrieben wurden, der wenige Jahre zuvos an dieſem Hofe als ein Wohlthaͤter vergoͤttert und mit faſt koͤniglichen Ehren empfangen wurde. Wir koͤnnen es kaum glauben, daß dieſes der Entdecker der neuen Welt iſt, von Kraͤnklichkeit niedergeworfen und in ſeinen alten Tagen von ſeinen eigentlichen gluͤcklichen Erfolgen in Armuth verſetzt z daß der Mann, welcher der Krone ſo große und reiche Laͤnder gewann, derſelbe war, welcher ſo muͤhſelig und ver⸗ geblich ſich wegen ſeiner Rechte an den ſpaniſchen Hof wandte und faſt wie ein Verbrecher flehte, in Dingen, wo ihm ſo ſchreiendes Unrecht geſchah. Endlich kam die Caravele, welche die gerichtlichen Ein⸗ leitungen zum Prozeß der Bruͤder Porras uͤberbrachte, in Algarbien in Portugal an und Columbus hoffte nun zu⸗ verſichtlich, daß alle Dinge bald in dem rechten Licht er⸗ ſcheinen wuͤrden. Seine Ungeduld, am Hofe zu erſcheinen, wurde taͤglich groͤßer. Man bereitete eine Saͤnfte, um ihn dahin zu tragen, und ſie ſtand ſchon vor der Thuͤr, als er — 371— die Reiſe abermals wegen ſchlimmem Wetter und zuneh⸗ menden Schmerzen aufgeben mußte. Auch ſeine Huͤlfe mit den Brieſen fing an, ihn zu verlaſſen; er konnte nur bei Nacht ſchreiben, denn am Tage beraubte ihn die Heftigkeit ſeines Leidens des Gebrauches ſeiner Haͤnde. Die Nachrich⸗ ten von Hofe lauteten für ſeine Hoffnungen taͤglich unguͤn⸗ ſtiger; die Intriguen ſeiner Feinde gewannen die Oberhand; der kalte Ferdiand behandelte alle ſeine Geſuche mit Gleich⸗ guntigkeit; die hochherzige Iſabella lag gefaͤhrlich krank. Auf ihre Gerechtigkeitsliebe und Großmuth hoffte er immer noch fuͤr die volle Wiederherſtellung ſeiner Rechte und die Abſtellung aller ſeiner Beſchwerden.„Moͤge es der heiligen Dreifaltigkeit gefallen,“ ſagt er,„unſere Koͤnigin wieder geſund zu machen, denn durch ſie wird alles ſeinen rechten Weg finden, was jetzt in Verwirrung iſt.“ Ach, waͤhrend er dieſen Brief ſchrieb, war ſeine edle Wohlthaͤterin ſchon eine Leiche! Die Geſundheit Iſabellens war lange Zeit von den wie⸗ derholten Ungluͤcksfaͤllen in ihrer Familie untergraben. Der Tod ihres einzigen Sohnes, des Infanten Juan, ihrer ge⸗ lebten Tochter und Buſenfreundin, der Infantin Iſabella, dann ihres Enkels und muthmaßlichen Nachfolgers, des In⸗ fanten Miguel, waren drei tlefe Wunden fuͤr ein Herz voll innigſter Zaͤrtlichkeit. Hierzu kam der ewige Gram uͤber die offenbare Geiſtesſchwoͤche ihrer Tochter Juana und den haͤuslichen Unfrieden, in welchem dieſelbe mit ihrem Gemahl, dem Erzherzog Philipp lebte. Die Trauer, welche durch die Palaͤſte ſchreitet, laͤßt nicht das vertrauliche Mitgefuͤhl 24¾* und die ſuͤßen Troͤſtungen zu, welche die Bekuͤmmerniſſe des gemeinen Lebens zu lindern pflegen. Iſabella trauerte in der Pracht, unter den tiefen Huldigungen eines Hofes, von den Trophaͤen einer ruhmwürdigen und ſegensrelchen Herr⸗ ſchaft umgeben und auf den Gipfel irdiſcher Groͤße geſtellt. Eine tiefe und unheilbare Melancholſe hatte ſie ergriffen, welche ihre Geſundheit untergrub und ihrer koͤrperlichen Schwaͤche einen gefaͤhrlichen Charakter gab. Vier Monate krank, ſtarb ſie ein 26. November 1504 in Medina del Campo im vier und fuͤnfzigſten Lebensjahre; lange ehe ſich ihre Augen der Welt ſchloſſen, hatte ihr Herz ſich abge⸗ ſchoſſen von aller eitlen Pracht und Herrlichkeit derſelben. „Laßt meinen Leib,“ ſagt ſie in ihrem letzten Willen,„in dem Kloſter San Francisco auf der Alhambra der Stadt Granada begraben, dort will ich in einem niedern Grabe ruhen, ohne Denkmal, außer einem einfachen Stein mit ein⸗ gegrabener Inſchrift. Aber ich wuͤnſche und befehle, wenn der Koͤnig, mein Herr, ein Grab in einem anderen Dome oder Kloſter im Koͤnggreiche waͤhlen ſollte, daß mein Leib dorthin gebracht und an der Seite Seiner Hoheit beigeſeßt werde, ſo daß die Einigkeit, welche im Leben ſo gluͤcklich zwiſchen uns beſtand und welche durch die Gnade Gottes, wie wir hoffen, unſre Seelen auch im Hmmel verbinden wird, durch unſre Leiber in der Erde dargeſtellt werde.“ So lautete eine Stelle in dem letzten Willen dieſes be⸗ wunderungswuͤrdigen Weibes, woraus die reine Demuth ihres Herzens klar hervorleuchtet, und worin, wie man rich⸗ tig bemerkt hat, ſich eheliche Zaͤrtlichkeit mit Froͤmmigkeit und — 373— ſanfteſter Schwermuth zart verflicht.*) Sie war eine der reinſten Seelen, welche je das Schickſal der Nationen in Haͤnden trugen. Waͤre ſie erhalten worden, viele Scenen des Grauſene wuͤrden dann bei der Coloniſirung der neuen Welt durch ihre edelmuͤthige Wachſamkeit vermieden worden ſeyn, indem ſie das Loos der Ureinwohner ſtets zu mildern bedacht war. Doch auch ſo wird ihr Name ſtets mit himmliſchem Glanze die Anfaͤnge der Geſchichte dieſes Welt⸗ theils beſtralen.— Dee Nachricht von dem Tode Iſabellens erreichte den Columbas, als er gerade mit einem Briefe an ſeinen Sohn Diego beſchaͤftigt war. Er erwaͤhnt deſſelben in einem Poſtſeript oder Memorandum, welches er in der Eile und Kuͤrze des Augenblicks hinzufügt, aber in rührend ſchoͤnen Worten der Klage:„Gedaͤchtniß worte,“ ſchreibt er,„fuͤr Dich, mein theurer Sohn Diego, was jetzt zu thun ſeyn wird. Das erſte iſt, inbrünſtig und mit großer Andacht die Seele der Koͤnigin unſrer Herrin Gott zu empfehlen. Ihr Leben war ſt ts katholiſch und heilig und zu allen Din⸗ een in ſeinem heiligen Dienſte willig; aus dieſem Grunde duͤrfen wir verſichert ſeyn, daß ſie in ſeine Herrlichkeit auf⸗ genommen und hoch uͤber die Sorgen dieſer rauhen und kümmerlichen Welt erhaben iſt. Das Naͤchſte iſt, auf alle Art fuͤr den Dienſt des Koͤnigs unſeres Herrn zu wachen und zu arbeiten, und zu ſorgen, daß ſein Schmerz gelindert *) Elogio de la Reina Catolica por D. Diego Cle- mencin. Illustr. 19. werde. Seine Majeſtaͤt ſind das Haupt der Chriſt⸗nhelk. Denke an das Sprichwort, welches ſagt: Wenn das Haupt krank iſt, ſo lelden alle Glieder. Darum ſollten alle gute Chriſten fur ihn um Geſundheit und langes Leben flehen; und wir, die wir in ſeinem Dlenſte ſtehen, ſollten es mehr als alle andre mit allem Eifer und Fleiße thun.“*) 5 Es iſt unmoͤglich, die einfache Beredſamkeit dieſer Trauer⸗ zeilen ohne Ruͤhrung zu leſen, da Columbus darin mit ſo kunſtloſen Zügen die Zaͤrtlichkeit für das Andenken ſeiner. Wohlthäterin, ſeinen Jammer uͤber die Sorgen und Plagen des Lebens und ſeine beharrliche und ausdauernde Treus gegen ſeinen Souveratn ausdruͤckt, der ihn ſo undankbar vernachlaͤſſigte. In dieſen ungekunſtelten, vertrauten Brie⸗ fen koͤnnen wir das Herz des Columbus leſen.*) 5 *) Brief an ſeinen Sohn Diego, vom 3, Dee. 1504. Drittes Kapitel. — Columbus Ankunſt bei Hofe.— Fruchtloſes Bemüu⸗ hen zur Wiederherſtellung ſeiner Ehren. (1505.) Das Ableben Iſabellens war ein Todesſtreich fuͤr das Gluͤck des Columbus. So lange ſie noch am Leben war, konnte er alles von ihrer hohen Gerechtigkeitsliebe, ihrer Achtung für ihr koͤnigliches Wort, ihrer Dankbarkeit fuͤr ſeine Dienſte und ihrer Bewunderung fuͤr ſeinen Charakter hoffen. Waͤh⸗ rend ihres Krankſeyns ſchlief das Intereſſe fuͤr ſeine Sache ein, und wie ſie ſtarb, war er der Gerechtigkeit und Großmuth Ferdinands uͤberlaſſen. Den Reſt des Winters und einen Theil des Fruͤhjahrs brachte er fortwaͤhrend in Sevilla zu, von den peinlichen Schmerzen ſeiner Krankheit gebunden und mit unwirkſamen Schreiben an die Regierung beſchaͤftigt. Sein Bruder, der Adelantado, der ihn mit ſeiner gewohnten Treue und Aufopferung in allen Widerwaͤrtigkeiten troͤſtete, ging an Hof, um ſeine Sache zu vertreetn, und nahm den juͤngeren Sohn des Admirals Fernando mit, welcher dazumal in einem — 376— Alter von ungefaͤhr ſiebzehn Jahren ſtand. Den letztern ſtellt der zaͤrtliche Vater ſeinem Sohne Diego wiederholt dem Verſtand und Benehmen nach als einen Mann, wenn auch noch Knabe an Jahren, vor; er empfiehlt ihm die groͤßte bruͤderliche Liebe, indem er ſeine eigenen Bruͤder al- Beiſpiele aufſtellt, in einem jener ſchoͤnen kunſtloſen und zaͤrtlichen Erguͤſſe, welche ſeine Herzensguͤte ausſprechen. „Gegen Deinen Bruder betrage Dich, wie der aͤltere Bru⸗ der gegen den juͤngeren. Du haſt keinen anderen, und ich preiſe Gott, daß es ein ſolcher iſt, wie Du ihn brauchſt. Zehn Bruͤder waͤren nicht zu viel fuͤr Dich. Nie habe ich beſſere Freunde als meine Bruͤder gefunden.“ Unter den Perſonen, die Columbus in jener Zeit zu ſeinen Ausrichtungen am Hofe gebrauchte, befand ſich Ame⸗ rigo Vespucio. Er ſchildert ihn als einen wuͤrdigen, doch ungluͤcklichen Mann, der nicht ſo viel gewonnen, als er bei ſeinen Unternehmungen drangeſetzt habe und der immer bereit geweſen ſey, ihm Dienſte zu leiſten. Der Grund, warum er ihn gebrauchte, ſcheint geweſen zu ſeyn, um die Wichtigkeit ſeiner letzten Reiſe und die Thatſache, daß er die reichſten Theile der neuen Welt beſucht, in's Licht zu ſetzen, da Vespucio mit Alonzo de Ojeda ſeitdem an der⸗ ſelben Kuͤſte geweſen war. Ein Umſtand ereignete ſich um dieſe Zeit, welcher einen Strahl der Hoffnung und des Troſtes auf die duͤſtere Zu⸗ kunft des Columbus warf. Sein alter und bewaͤhrter Freund Diego de Deza, welcher vorher Biſchof von Pa⸗ lencia geweſen war, wurde bei Hofe erwartet. Dieſes war — 377— derſelbe wuͤrdige Prieſter, der ihm behuͤlflich geweſen, ſeine Theorie vor dem Colleaium der gelehrten Mäͤnner in Sa⸗ lamanca zu verfechten, und ihm mit ſeiner Boͤrſe beigeſprun⸗ gen war, als er dem ſpaniſchen Hofe ſeine Vorſchlaͤge ge⸗ macht hatte. Er war grade zum Erzbiſchof von Sevilla befoͤrdert, doch noch nicht in ſeiner neuen Wuͤrde inſtallirt. Columbus raͤth ſeinem Sohne Diego, ſeine Angelegenheiten dieſem wuͤrdigen Praͤlaten anzuvertrauen.„Zwei Dinge,“ ſagt er,„erfordern beſondere Aufmerkſamkeit. Verſichere Dich, ob die Koͤnigin, die nun in Gott ruht, in ihrem Te⸗ ſtamente wegen meiner etwas verordnet hat, und ſporne den Biſchof von Palenzia an; ihn, der Schuld war, daß Ihre Hoheiten Indien gewannen, der mich bewog, in Ca⸗ ſtilien zu bleiben, als ich ſchon auf dem Wege war, es zu verlaſſen.“*) In ernem anderen Briefe ſagt er:„Iſt der Biſchof von Palencia angekommen oder werd er eintreffen, ſo ſage ihm, wie ſehr ich mich uͤber ſein Gluͤck freue und daß ich, wenn ich komme, bei Sr. Gnaden wohnen werde, auch wenn Sie mich nicht einluͤdenz denn wir muͤſſen zu unſerem alten bruͤderlichen Verhaͤltniß zuruͤckkommen.“ Die unablaͤſſigen Geſuche des Columbus, in Briefen und durch die Verwendung von Freunden, ſcheinen mit kalter Gleichguͤltigkeit aufgenommen worden zu ſeyn. Man gab ſeinen Bitten kein Gehoͤr, und ſchenkte ſeinen Anſichten uͤber verſchiedene Gegenſtaͤnde, fuͤr welche er ſich intereſſirte, keine *) Brief vom 21. December 1504, Navarrete t. 1. p. 346. — 378— Beruͤckſichtigung. Ovando erhielt neue Inſtructionen, aber der Admiral erfuhr kein Wort von ihrem Inhalte. Man hatte die Abſicht, drei Biſchoͤfe hinuͤberzuſenden, aber ver⸗ geblich bat er, daß man ihn vor ihrer Ernennung zuvor hoͤren moͤge. Kurz, er wurde in den Angelegenheiten der neuen Welt durchaus nicht befragt. Er fuͤhlte tief dieſe Vernachlaͤſſigung und wurde jeden Tag unruhiger, daß er vom Hofe entfernt ſeyn muͤſſe. Um ſich in Stand zu ſetzen, die Reiſe mit mehr Bequemlichkeit zuruͤckzulegen, bat er um die Erlaubniß, ſie auf einem Maulthier machen zu duͤrfen; eine koͤnigliche Ordonnanz hatte naͤmlich den Gebrauch die⸗ ſer Thiere unterm Sattel verboten, weil ihre allgemeine Einfuͤhrung die Pferdezucht verſchlechtert hatte. Columbus erhielt demzufolge von dem Koͤnige die Erlaubniß dazu, in Anbetracht, daß ſein Alter und ſeine Schwaͤche ihn unfaͤhig machten, zu Pferde zu kommen; doch verging wieder eine geraume Zeit, bis ſeine Kraͤnklichkeit es ihm erlaubte, von dieſem Privilegium den gewuͤnſchten Gebrauch zu machen. Die vorhergehenden Einzelnheiten, aus neuerlich entdeck⸗ ten Briefen des Columbus ermittelt, zeigen den wahren Stand ſeiner Angelegenheiten ſowie der geiſtigen und koͤn⸗ perlichen Bedraͤngniſſe, die ihn waͤhrend ſeines Winter⸗ aufenthaltes in Sevilla heimſuchten, nachdem er von ſeiner unglucklichen Reiſe zuruͤckgekommen war, Man hat allge⸗ mein angenommen, daß er ſich hfer von ſeinen Strapazen erholt habe. Nie war ehrenvolle Ruhe verdienter, erwunſch⸗ ter, aber nie auch weniger gewaͤhrt. Erſt im Monat Mai war der Admiral im Stande, in — 379— Geſellſchaft ſeines Bruders, des Adelantado, ſelne Reiſe an den Hof zu bewerkſtelllgen, der damals in Segovia verſam⸗ melt war. Er, der wenige Jahre zuvor die Stadt Barce⸗ lona im Triumph betreten hatte, von dem Adel und der Ritterſchaft Spaniens eingeholt und von der Menge mit Freudenjubel begrüßt, kam nun als ein muͤder, melancholl⸗ ſcher und vernachlaͤßigter Mann in den Thoren von Sego⸗ via an; mehr war er von Kummer als ſelbſt von ſeinen Jahren und ſeiner Kraͤnklichkeit niedergedruͤckt. Wie er ſich am Hofe zeigte, begegnete ihm nirgends die ausgezeichnete Ruͤckſicht, lebhafte Aufmerkſamkeit und werthhaltende Theil⸗ nahme, welche ſelnen unendlichen Verdienſten und ſeinen jüngſten Leiden gebührten.*) Der egoiſtiſche Ferdinand hatte alle von ihm geleiſteten Dienſte gegen die vermeintliche Unangemeſſenheit ſeiner ge⸗ genwaͤrtigen Forderungen aus den Augen verloren. Er empfing ihn mit vielen Zeichen der Gnade, aber mit jenem kalten unwirkſamen Laͤcheln, welches wie der Sonnenſchein des Winters uͤber das Antlitz wegzieht und dem Herzen keine Waͤrme mittheilt. Der Admiral gab nun einen be⸗ ſonderen Bericht von ſeiner letzten Reiſe und beſchrieb die großen Strecken der Terra Firma, die er entdeckt, und die Reichthuͤmer der Provinz Veragua. Er erzaͤhlte auch die ungluͤckskaͤlle, die er auf der Inſel Jamaika erduldet, den Aufſtand des Porras und ſeiner Geſellen, und alle die an⸗ *) Las Casos. hist. Ind. I. II, c. 37. Herrera hist. Ind. d, 1. I. VI. c. 13. 3 — 380— deren Drangſale und Schreckniſſe ſeiner ungluͤcklichen Expe⸗ dition. Er fand an dem Koͤnig einen kalten Zuhoͤrer; die guͤtige Iſabella ſtand nicht mehr dabei, um ihn mit einem guͤtigen Laͤcheln oder mit einer Thraͤne des Mitgefuͤhls zu verſoͤhnen.„Ich weiß nicht,“ ſagt der ehrwuͤrdige Las Caſas,„was dieſe Ungunſt und dieſen Mangel fuͤrſtlicher Huld bei dem Koͤnig erzeugen konnte, gegen einen Mann, der ihm ſo ausnehmende Wohlthaten erwieſen, es ſey denn, daß ſeine Seele von den falſchen Zeugniſſen, die gegen den Admiral vorgebracht wurden, eingenommen war; davon habe ich einiges von Perſonen, die bei dem Koͤnig ſehr in Gunſt ſtanden, zu erfahren Gelegenheit gehabt.*) 3 Nach Verlauf von elnigen Tagen trug Columbus auf foͤrmliche Unterſuchung ſerner Sache an; er erinnerte den Koͤnig an alles, was er gelelſtet, und an alles, was ihm unter koͤniglichem Wort und Siegel verſprochen worden, und bat, man moͤge ihm die Wiedereinſetzung und Entſchä⸗ digungen, die er wiederholt verlangt, gewaͤhren; er erbot ſich dagegen, Seiner Majeſtaͤt die kurze Zett, die er noch zu leben habe, mit aller Aufopferung zu diemn, und aͤu⸗ ßerte die Zuverſicht, daß er nach aller Ahnung und Ueber⸗ zeugung, die ihm inwohnten, noch Dienſte leiſten werde, welche alles, was er bisher gethan, hundertfach uͤbertreffen ſollten. Der Koͤnig erkannte, hierauf antwortend, die Groͤße ſeiner Verdienſte an und bemerkte, die fraglichen Angele⸗ genheiten ſollten der Entſcheidung einer faͤhigen und zuver⸗ *) Las Casas, hist. Ind, I. II. c. 37. Ms. — 381— läͤſſigen Perſon uͤbertragen werden. Der Admiral war da⸗ mit zufrieden und ſchlug als Schiedsrichter den Erzbiſchof von Sevilla, Don Diego de Deza vor, welcher ſich immer ſehr fuͤr die Dinge der neuen Welt intereſſirt haͤtte. Der Koͤnig willegte in dieſe compromiſſariſche Entſcheidung; aber der Admiral bemerkte, daß es bloß die Frage der Reve⸗ nuͤen und Renten ſey, welche er der Entſcheidung gelehrter Maͤnner uͤberlaſſen wolle, nicht die Frage der Statthalter⸗ ſchaft in Indien.„Ich verſtehe dieſes ſo,“ ſagt Las Ca⸗ fas,„daß er es nicht fuͤr moͤglich hielt, den letzreren Punkt zals zweifelhaft darzuſtellen, da ſeine Rechte darauf deutlich genug ſeyen.“ Wirklich war Columbus in Bezichung auf ſeine Wuͤrden beſonders ſchwierig: alle andere Dinge bae⸗ handelie er mit minderer Wichtigkeit. In einer Unterre⸗ dung mit dem Koͤnig erklaͤrte er, daß er ſich nicht in Pro⸗ ceſſe und Klagen einzulaſſen wuͤnſche. Er wolle alle ſeine Privilegien und Urkunden in die Haͤnde des Koͤnigs nieder⸗ legen und von den darin begründeten Gebuͤhren nehmen, was Seine Majeſtat fuͤr geeignet halten werde. Er bat nur, die Sache moͤge bald entſchieden werden, damit er ſich in einen ſtillen Winkel zurüͤckziehen und die Ruhe finden koͤnne, die ſeine großen Strapazen und ſeine Gebrechlichkeit forderten. Ferdinand antwortete ihm jedoch nur mit Komplimenten und allgemeinen ausweichenden Verſprechun⸗ gen.„So weit ſich die Sachen ſpielten,“ ſagt Las Caſas, „bewies der Koͤnig ihm nicht allein keine Huld, ſondern zeigte ihm im Gegentheil ſo viel Ungunſt als moͤglich; da⸗ bei fehlte es ihm aber nie an ſchoͤnen Komplimenten.“ — 382— Mehrere Monate waren dem Columbus am Hofe mit unerſprießlichem Harren verſtrichen. Der Koͤnig fuhr fort, ihm aͤußerlich viele Achtung zu bezeugen; auch widmeten ihm der Cardinal Eimenes, Erzbiſchof von Toledo und an⸗ dere Perſonen von Rang die gebuͤhrende Aufmerkſamkeit; aber er hatte die leeren Artigkeiten des Hofes bereits erfah⸗ ren und gering ſchaͤtzen gelernt. Seine Anſpruͤche wurden einem Collegium uͤbergeben, welches den Titel fuͤhrte:„der Rath der Entlaſtung des Gewiſſens der verewigten Koͤnigin und des Koͤnigs., Dieß war eine Art Tribunal, gemein⸗ hin unter dem Namen der Junta de Descargos bekannt, und aus Perſonen zuſammengeſetzt, die der Koͤnig ernannte, um die Erfuͤllung des letzten Willens der Verewigten und die Tilgung ihrer Schulden zu reguliren. Dieſe Koͤrperſchaft hieit zwei Conſultationen, aber es kam nichts zu Stande. Die Wuͤnſche des Koͤnigs waren zu wohl bekannt, um durchkreuzt werden zu koͤnnen.„Man nahm an," ſagt Las Caſas,„daß wenn der Koͤnig es mit gutem Gewiſſen und ohne Beeintraͤchtigung ſeines Ruhms haͤtte thun koͤnnen, er wenige oder gar keine von den Pri⸗ vilegien, welche die Koͤnigin dem Admiral zugrſtanden, und welche er ſo wohl verdient hatte, reſpecrirt haben würde."*) Columbus ſchmeichelte ſich immer, daß, da ſeine Anſpruͤche von ſolcher Wichtigkeit ſeyen und eine Frage der Souve⸗ raitaͤt beruͤhrten, der König ſie nur verſchiebe, bis er ſich mit ſeiner Tochter Juana daruͤber berathen koͤnne, welche *) Las Casas hist, Ind, I. II. c. 37. — —— 383—— ihrer Mutter als Koͤnigin von Caſtllien gefolgt war und taͤglich mit ihrem Gemahl, dem Koͤnig Philipp, aus Flan⸗ dern erwartet wurde. Er wollte daher dieſen Verzug gern in Geduld ertragen; aber er hatte nicht mehr die phyſiſche Kraft, um mit Schwierigkeiten zu kaͤmpfen, noch die glor⸗ reichen Hoffnungen, welche ihn uͤber Kraͤnkungen erhoben und ihn einſt bei ſeinen langen Bewerbungen am Hofe auf⸗ ceecht erhalten hatten. Sein Leben neigte ſich zum Ende. Wiederum wurde er von einem ſchmerzhaften Anfall von Gicht auf's Bett geworfen, welcher durch die Sorgen und Venachlaͤſſigungen, die an ſeinem Herzen nagten, verſtaͤrkt wurde. Von dieſem qualvollen Lager richtete er noch eine Yppellation an die Gerxechtigkeit des Koͤnigs. Er bat nicht mehr fuͤr ſich, ſondern zu Gunſten ſeines Sohnes Diego wollte er ſich verwenden. Auch verweilte er nicht bei ſeinen Geld⸗Revenuüen, ſondern es waren die ehrenvollen Trophaͤen ſeiner Dienſtleiſtungen, die er ſeiner Familie fuͤr die Zukunft ſichern wollte. Er bat inſtaͤndig, der Koͤnig moͤge ſeinen Sohn an ſeiner Stelle zu dem Gouvernement ernennen, welches ihm ſo ſchmachvoll entriſſen worden.„Dieſes,⸗ ſagte er, eiſt eine Ehrenſache fuͤr mich; was alles uͤbrige anbelangt, ſo thun Ew. Majeſtaͤt, wie es Ihnen gut ſcheint; geben oder halten Sie zuruͤck, wie es Ew. Majeſtaͤt In⸗ tereſſen am meiſten zuſagt, und ich will mich zufrieden damit zeigen. Ich glaube es muß die Angſt und Noth uͤber den Aufſchub dieſer Sache die Haupturſache meiner Kraͤnklich⸗ keit ſeyn., Sein Sohn Diego uͤberreichte um dieſelbe Zeit elne Supplik, worin derſelbe ſich erbot, ſolche Perſonen als — 384— Raͤthe mitzunehmen, die der Koͤnig ernennen werde, und ſich von ihren Anſchlaͤgen leiten zu laſſen. Ferdinand behandelte dieſe Petitionen mit ſeinen gewoͤhn⸗ lichen anerkennenden und ausweichenden Redensarten.„Je mehr ſie ſich an ihn wandten," bemerkt Las Caſas,„deſto günſtiger antwortete er; aber immer verſchob er, in der Hoffnung, ihre Geduld zu ermuͤden und ſie dahin zu brin⸗ gen, ihre Privilegien fahren zu laſſen und dafuͤr Titel und Güter in Caſtilien anzunehmen.“ Columbus verwarf alle Propoſitionen der Art mit Unwillen, als ſeyen ſie darauf berechnet, ihm die Kitel zu rauben, welche die Trophaͤen ſeiner Thaten waren. Er ſah jedoch, daß alle ferneren Erwartungen, von Ferdinand erhoͤrt zu werden, vergeblich ſeyen. Von dem Bett, auf welches er gefeſſelt war, rich⸗ tete er ein Schreiben an ſeinen treuen Freund Diego de Deza, welcher ſeine Verzweiflung malt.„Es ſcheint nicht, daß Seine Majeſtaͤt es geeignet finden, das zu erfuͤllen, was Sie und die nun verklaͤrte Koͤnigin mir mit Wort und Siegel verſprochen haben. Wollte ich das Widerpart be⸗ haupten, ſo waͤre das ſo viel, als mit dem Winde ſtreiten. Ich habe alles gethan, was ich rhun konnte. Das Uebrige uͤberlaſſe ich Gott, der ſich mir in meinen Noͤthen immer gnaͤdig erwieſen hat.“*) Der kalte, berechnende Ferdinand ſah dieſen großen Mann in ſeiner Leibesſchwachheit, von verzoͤgertem Harren,„welches *) Navarrete collect. t. 1, 8 — 385— das Herz erkranken macht,“ vermehrt, dahinſinken. Noch eine kleine Weile, noch etwas Kraͤnkung und Undank mehr, und dieſes treue, große Herz hoͤrte auf zu ſchlagen. Dann war er von den gerechten Klagen eines wohlgepruͤften Die⸗ ners befreit, welcher laͤſtig zu werden anfing, als er zu nuͤtzen aufgehoͤrt hatte. Viertes Kapitel. Tod desr Columbu s. Mitten in ſeinen koͤrperlichen und Seelenleiden, als Le⸗ ben und Hoffnung in der Bruſt des Columbus erſtarben, er⸗ wachte ein neuer Strahl und glaͤnzte fuͤr den Augenblick mit eigenthuͤmlichem erwaͤrmenden Scheine. Er hoͤrte mit Freuden, daß der Koͤnig Philipp und die Koͤnigin Juana gelandet ſeyen; ſie kamen aus Flandern, um von ihrem ca⸗ ſtiliſchen Throne Beſitz zu nehmen. In der Tochter Iſa⸗ bellens hoffte er wieder eine Beſchuͤtzerin und Freundin zu gewinnen. Der Koͤnig Ferdinand und der ganze Hof er⸗ ſchienen in Loredo, um die jungen Souveraine zu empfan⸗ gen. Columbus häͤtte gern daſſelbe gethan, aber er war von einem ſchweren Ruͤckfall ſeiner Krankheit auf's Bett gefeſe Irving's Columbus. 7—9,— 25 ſelt; auch konnte er in ſeinem peinvollen und hoffnungslo⸗ ſi Zuſtande der Huͤlfe und Dienſtleiſtungen ſeines Sohnes Diego nicht entbehren Deßbhalb ſandte er ſeinen Bruder, den Adelantado, ſeine Hauptſtuͤtze in jeder Noth, um ihn auch hier zu repraͤſentiren und ſeine Huldigungen und Gluͤckwuͤnſche darzubringen. Columbus ſchrieb durch ſeine Vermittlung an das neue Koͤnigspaar und aͤußerte ſeinen Schmerz, daß ihn Krankheit abhalte, in Perſon zu er⸗ ſcheinen und ſeine Ehrfurcht zu bezeugen, aber mit der Bitte, ihn unter die getreuſten ihrer Unterthanen zu zaͤhlen. Er druͤckte die Hoffnung aus, daß er aus ihren Haͤnden die Wiederherſtellung ſeiner Rechte und Gluͤcksguͤter erhalten werde, und verſicherte ſie, ſo ſehr er auch jetzt von peinvol⸗ 5. ler Krankheit gefoltert ſey, werde er doch noch im Stande ſeyn, ihnen Dienſte zu leiſten, die nicht ihres Gleichen faͤnden. Dieſes war der letzte Aufſchwung ſeines unternehmenden und unbeugſamen Geiſtes, der allen erlebten Sorgen und getaͤuſchten Erwartungen zum Trotz noch auf dem Todtbette mit der Zuverſicht jugendlicher Hoffnung ſprach, und noch viel groͤßere Unternehmungen verkuͤndete, als haͤtte er noch ein langes und kraͤftiges Leben vor ſich. Der Adelantado nahm Abſchied von ſeinem Bruder, den er nie wieder ſehen ſollte, und ging auf ſeine Miſſion zu den neuen Souverai⸗ nen. Er erfuhr die gnaͤdigſte Aufnahme. Die Anſpruͤche des Admirals wurden von dem jungen Koͤnigspaare mit gro⸗ ßer Aufmerkſamkeit angehoͤrt, und ſchmeichelhafte Zuſicherun — 387— gen einer ſchleunigen und guͤnſtigen Beendigung ihrer Aus⸗ einanderſetzung ertheilt. Inmittelſt neigten ſich die Sorgen und Leiden des Co⸗ lumbus zu ihrem Ende. Das augenblickliche Feuer, welches ihn neu belebt hatte, ſchwand bald dahin, von ſeiner ver⸗ mehrten Koͤrperſchwachheit ausgeloͤſcht. Unmittelbar nach der Abreiſe des Adelantado nahm ſeine Krankheit einen hef⸗ tigen Charakter an. Die letzte Reiſe hatte ſeinen durch ein Leben voll Erduldungen ſchon ganz muͤrben und hinfälligen Körper unerrettbar erſchuͤttert, und ſeit ſeiner Ruͤckkehr hatte eine Reihe von Bekuͤmmerniſſen ihm die ſo noͤthige Ruhe zur Erholung von den Schwaͤchen und Hinfaͤlligkeitan ſeines Alters geraubt. Der kalte Undank ſeines Monarchen hatte ſein Herz froͤſtelnd ergriffen. Die fortgeſetzte Aus⸗ ſchließung von ſeinen Ehren und die Feindſchaft und Ver⸗ laͤumdung, welche er uͤberall erfuhr, ſchienen einen tiefen Schatten auf jenen Ruhm geworfen zu haben, welcher der große Gegenſtand ſeines Ehrgeizes geweſen war. Dieſer Schatten konnte zwar nur voruͤbergehend ſeyn; aber es iſt ſchwierig auch fuͤr den erhabenſten Mann, uͤber die Wolke, welche augenblicklich ſeinen Ruhm verdunkelt, hinauszublik⸗ ken und ſeinen unvergaͤnglichen Glanz in der Bewunderung der Nachwelt zu erkennen. Von zunehmender Schwaͤche, von erhoͤheten Leiden ge⸗ mahnt, daß ſein Ende herannahe, bereitete er ſeine Angels⸗ genheiten zum Wohle ſeiner Nachkommen. Es heißt, er habe am 4. Mai ein unguͤltig befundenes Teſtament auf das weiße Blatt eines kleinen Breviers nie⸗ — 388— dergeſchrieben, welches ihm der Pabſt Alexander VI. zum Geſchenk gemacht hatte. In demſelben ſoll er das Buch der Republik Genua vermacht und ſie zur Nachfolgerin in ſeinen Privilegien und Wuͤrden fuͤr den Fall eingeſetzt haben, daß ſein Mannsſtamm erloͤſchen ſollte. Dann befahl er da⸗ rin angeblich die Erbauung eines Hospitals in dieſer Stadt aus den Einkuͤnften ſeiner Beſitzungen in Italien. Die Aechtheit dieſes Documentes wird beſtritten und iſt ein Ge⸗ genſtand heftigen Streites unter den Commentatoren ge⸗ worden. Dieſer Streit iſt jedoch nicht von großer Wich⸗ tigkeit. Die Urkunde iſt der Art, wie ſie wohl von einer Perſon wie Columbus in einem Fieberparorismus nie⸗ dergeſchrieben ſeyn kann, als er ſein Ende ploͤtzlich heran⸗ nahen fuhlte, und zeigt die Liebe, mit welcher ſeine Gedan⸗ ken auf ſeiner Geburtsſtadt verweilten. Es wird von den Commentatoren ein militariſches Codizill genannt, weil von den Soldaten letztwillige Verfuͤgungen ſolcher Art im Au⸗ genblick des Todes ohne die von den Civilgeſetzen vorgeſchrie⸗ benen Formalitaͤten getroffen werden koͤnnen. Ungefaͤhr zwei Wochen nachher, am Vor jend ſeines Todes erließ er ſein letztes und mit den geſetzli Formen verſehenes Te⸗ ſtament, worin er uͤber ſeine Wuͤrden und Guͤter mit beſſe⸗ rer Urtheilskraft verfuͤgt. 4 In dieſen letzten ſchreckenden Augmblicken, wenn die Seele nur eine kurze Friſt behaͤlt, um ihre Rechnung zwi⸗ ſchen dem Himmel und der Erde abzuſchließen, iſt alle Ver⸗ ſtellung zu Ende und wir leſen überall die unzweideutkgſten Merkmale des wahren Charakters. Das letzte Teſtament — 389— des Columbus, am Rande des Grabes errichtet, trägt den Stempel ſeiner herrſchenden Leidenſchaft und ſeiner milden Tugenden. Es wiederholt und bekraͤftigt mehrere Punkte ſeines urſpruͤnglichen Teſtamentes, welches ſeinen Sohn Diego zum Erben einſetzt. Das untheilbare Erbe oder Mayorasgo ſollte, im Fall er ohne maͤnnliche Nachkommen verſtuͤrbe, an ſeinen Bruder Fernando und von ihm, in gleichem Falle, an ſeinen Oheim Don Bartholomeo kommen, und immer dem naͤchſten maͤnnlichen Erben anfallen, bei deren Ausſter⸗ ben aber auf die dem Admiral am naͤchſten ſtehenden welb⸗ lichen Familienglieder uͤbergehen. Er verordnete, daß wer dieſe ſeine Guͤter erbe, ſie nie veraͤußern oder verringern darfe, ſondern vielmehr auf alle Weiſe ihr Gedeihen und thren umfang zu vermehren bedacht ſeyn ſolle. Er legte ferner ſeinen Erben die Pflicht auf, zu allen Zeiten ſich berelt und aufopfernd zu beweiſen, um mit Gut und Blut ihren Re⸗ genten zu dienen und den chriſtlichen Glauben zu foͤrdern. Er ordnete an, daß Don Diego den Zehnten der Revenuͤm, die aus ſeinen Guͤtern kommen ſollten, wenn er ſich anſehn⸗ lich vermehre, zur Unterſtuͤtzung armer Verwandten und anderer duͤrftigen Perſonkt verwenden, daß er von dem Uebrigen gewiſſe jaͤhrliche Quoten ſeinem Bruder Don Fer⸗ nando und ſeinen Oheimen Bartholomeo und Don Diego auszahlen, und daß der auf Don Fernando kommende An⸗ theil ihm und ſeinen maͤnnlichen Nachkommen in einer uw theilbaren und unveraͤußerlichen Erbſchaft zu Theil werden ſolle. Nachdem er ſo fuͤr die Erhaltung und das Fortbe⸗ ſtehen ſeiner Familie Sorge getragen, befahl er, daß Don Diego, wenn ſeine Guͤter die gehoͤrigen Zinſen trügen, eine Kapelle auf der Inſel Hispaniola, die Gott ihm ſo wunder⸗ bar geſchenkt, und zwar in der Stadt Conception in der Vega errichten ſolle, wo taͤglich Meſſen geleſen werden ſoll⸗ ten fuͤr das Heil ſeiner Seele und der Seelen ſeiner Eltern, ſeines Weibes und aller die im Glauben geſtorben ſeyen. Eine andere Clauſel empfiehlt der Sorge Don Diego's die Mutter ſeines natuͤrlichen Sohnes Fernando, Beatrix En⸗ riquez. Seine Verbindung mit ihr hatte nie den Segen der Kirche erhalten, und entweder dieſer Umſtand, oder ver⸗ ſchuldete Vernachlaͤſſigung derſelben, ſcheint in ſeinen letzten Stunden noch ſein Gewiſſen belaſtet zu haben. Er befiehlt dem Don Diego, fuͤr ihren ehrenvollen Unterhalt Sorge zu tragen,„und ſolches geſchehe,“ fuͤgt er hinzu,„zur Ent⸗ laſtung meines Gewiſſens, denn es liegt ſchwer auf meiner Seele.“*) Endlich bemerkte er eigenhaͤndig mehrere kleine Summen, die Perſonen an verſchiedenen und entfernten Plaͤtzen ausgezahlt werden ſollten, ohne ihnen zu ſagen, wo⸗ her ſie kämen. Dieſes ſcheinen kleine Gewiſſens ſchulden oder *) Diego, der Sohn des Admirals, merkt dieſe Verordnung ſeines Baters in ſeinem eignen Teſtament an und ſagt, er ſey von ihm verpflichtet worden, der Beatrix Enriquez jährlich 10,000 Maravedi's auszuzoylen; da er nun glaube, daß er dieſe Auszablung drei bis vier Jahre vor ihrem Tode unterlaſſen habe, ſo befehle er, daß das Feh⸗ lende ihren Erben zugeſichert und ausbezahlt werde⸗ Memorial ajustado sobre la propriedad del ma- yorasgo que fundo d. Christ. Colom§. 245. — 391— Belohnungen fuͤr kleine in laͤngſtverfloſſener Zeit geleiſtete Dienſte geweſen zu ſeyn. Darunter befindet ſich eine halbe Mark Silber fuͤr einen armen Juden, der in der Stadt Liſſabon am Judenthor wohnte. Dieſe kleinen Vermaͤchtniſſe beweiſen die große Gewiſſenhaftigkeit in allem ſeinem Han⸗ deln und jene Liebe zur Pünktlichkeit in der Erfuͤllung ſei⸗ ner Pflichten, wofuͤr er bekannt war. In demſelben Geiſte gab er ſeinem Sohne Diego manchen Rath uͤber das Be⸗ nehmen in ſeinen Angelegenheiten und befahl ihm, jeden Monat mit eigner Hand die Koſten ſeines Hausſtandes zu notiren und dieß mit ſeinem eignen Namen zu unterzeich⸗ nen; wenn er ſich dieſe Regel entgehen laſſe, werde er ſo⸗ wohl ſein Gut als ſeine Leute verlieren und die letzteren in ſeine Feinde verwandeln.*) Obige letztwillige Verfuͤgungen wurden in Gegenwart einiger getreuen Gefaͤhrten und Die⸗ ner getroffen; unter ihnen finden wir auch den Namen des Bartholomeo Fiesco, welcher den Diego Mendez auf der gefahrvollen Reiſe in dem Canoe von Jamaika nach His⸗ paniola begleitet hatte. 3 Nachdem Columbus auf dieſe Weiſe allen Anſpruͤchen der Liebe, Treue und Gerechtigkeit auf Erden Genüuͤge gethan hatte, wandte er ſeine Gedanken dem Himmel zu; er em⸗ pfing die heiligen Sterbſakramente, verrichtete alle fromme Pflichten eines religioͤſen Chriſten und ſtarb mit großer Er⸗ gebung am Tage der Himmelfahrt, den 20. Mai 1506, in *) Memorial ajustado, 8. 248. — 392— einem Alter von ungefäͤhr ſiebzig Jahren.*) Seine letzten Worte waren:„In manus tuas, Domine, commendo spiritum meum,, in deine Haͤnde, Herr, befehle ich mei⸗ nen Geiſt!**) Sein Leib wurde beigeſetzt in dem Kloſter San Fran⸗ cisco und ſeine Obſequien mit feierlichem Ernſt in der Dom⸗ kirche der Santa Maria de la Antigua de Valladolid gehal⸗ ten. Seine Ueberreſte wurden ſpaͤter im Jahre 1513 nach dem Karthaͤuſerkloſter Las Cuevas in Sevilla, in die Ka⸗ pelle der heiligen Anna oder des Santo Chriſto gebracht, wo auch die Reſte ſeines Sohnes Don Diego hinkamen, der in dem Dorfe Montalban am 23. Februar 1526 ſtarb. Im Jahre 1536 wurden die Ueberbleibſel Beider nach His⸗ paniola gebracht und in die Hauptkapelle des Domes der Stadt St. Domingo beerdigt; aber ſeibſt hier blieben ſie nicht in Ruhe, da ſie nachmals wieder ausgegraben und nach Havanna auf der Inſel Cuba gebracht wurden. Eine wohlfeile Ehre decretirte Ferdinand dem Colum⸗ bus nach ſeinem Fode. Er ließ ein Monument zu ſeinem Andenken aufrichten, mit der Inſchrift: Por Castilla y por Leon Nuevo Mundo hallo Colon. Für Laſtilien und für Leon Fand eine neue Welt Colon. — *) Cura de los Palacios, cap. 121. 1 **) Las Casas, hist. Ind, I, II. c. 38. Hist, del Al- mirante, c. 108. — 393— Eine Erinnerung an die große Schuld der Dankbarkeit, welche der Monarch an dieſem Entdecker ſo treulos ver⸗ ſaͤumt hatte. Gutgeſinnte ſpaniſche Geſchichtſchreiber haben in neueren Tagen den Verſuch gemacht, das Betragen Fer⸗ dinands gegen Columbus zu entſchuldigen. Die Muͤhe war ohne Zweifel gut gemeint, aber fruchtlos, und man darf ihr Fehlſchlagen nicht bedauern. Einen ſo bedeutenden Cha⸗ rakter der Geſchichte in den Augen der Menſchheit von ſol⸗ chem Undank freiſprechen zu wollen, hieße die Geſchichte ei⸗ nes ihrer wichtigſten Rechte berauben. Moͤge die Undank⸗ barkeit Ferdinands in ihrer ganzen Bloͤße daſtehen zur Erinnerung aller Zeiten. Der ſchwarze Schatten, welchen ſte auf ſeinen ſtrahlenden Ruhm wirft, wird allen Herr⸗ ſchern zur Lehre werden und ihnen zeigen, wie wichtig fuͤr die Groͤße ihres eignen Namens die Belohnung großer Maͤnner iſt. Fuͤnftes Kapitel. / Bemerkungen über den Charakter des Columbus. Bei der Erzaͤhlung der Geſchichte des Columbus war es das Beſtreben des Verfaſſers, ihn in einem klaren und zu⸗ gleich vertraulichen Geſichtspunkte darzuſtellen, mit Aushe⸗ bung von Einzelnheiten, die, wenn auch noch ſo unbedeu⸗ tend, doch ſeinen Charakter zu beieuchten ſchienen, und mit dem Verſuche, durch gelegentliche Erlaͤuterungen Licht uͤber ſeine Anſichten und Handlungsweiſe zu verbreiten. Es ſind dabei viele Thatſachen mitgetheilt worden, welche als große Irrthuͤmer des Benehmens erſcheinen moͤgen, und welche fruͤher von den Hiſtorikern entweder mit Stillſchweigen uͤber⸗ gangen, oder nur kurz angemerkt wurden. Doch wer ei⸗ nen großen Mann nur in ſeinen großen und heroiſchen Zü⸗ gen zeichnet, wird wohl ein ſchoͤnes, aber nie ein ganz ge⸗ treues Portrait liefern. Ausgezeichnete Maͤnner ſind aus großen und kleinen Eigenſchaften zuſammengeſetzt. Vieles an ihrer Groͤße ruͤhrt von ihren Kämpfen mit den Unvoll⸗ kommenheiten ihrer Natur her und ihre edelſten Handlun⸗ gen werden oft durch Colliſionen ihrer Tugenden mit ihren Schwaͤchen erzeugt. ——— —— —— — 395— Columbus war ein Mann von großem und erſinderiſchem Geiſte. Die Bewegungen ſeines Gemuͤthes waren kraͤftig, doch unregelmäßig, und brachen zuweilen mit jener unbe⸗ zwinglichen Gewalt hervor, welche Geiſtern von dieſer Hoͤhe eigen iſt. Sein Verſtand hatte ſich alle Arten von Kennt⸗ niſſen, die mit ſeinen Praͤnen in Beruͤhrung ſtanden, zu ei⸗ gen gemacht, und wenn auch ſeine Bildung fuͤr den heuti⸗ gen Tag beſchraͤnkt und einige ſeiner Irrthuͤmer ſehr be⸗ greiflich erſcheinen moͤgen, ſo ruͤhrt dieſes daher, weil dieſe Zweige der Wiſſenſchaften damals noch duͤrftig ausgebildet waren. Seine eignen Entdeckungen warfen ein Licht auf die Unwiſſenheit ſeiner Zeit, fuͤhrten Conjecturen zur Ge⸗ wißheit und verſcheuchten unzaͤhlige Irrthuͤmer, mit welchen er ſelbſt zu kaͤmpfen gehabt hatte. Sein Ehrgeis war edel und großartig. Er war erfuͤllt von hohen Entwuͤrfen und duͤrſtete nach Auszeichnung in großen Unternehmungen. Es iſt behauptet worden, es haͤt⸗ ten ſich gewinnſuͤchtige Abſichten in ſeine Plaͤne gemiſcht und ſeine Stipulationen mit dem ſpaniſchen Hofe ſeyen ſelbſtiſch und habſuͤchtig geweſen. jeſe Beſchuldigung iſt rüͤckſichtslos und ungerecht. Er ſtrebte nach Wuͤrden und Reichthuͤmern nur auf dieſelbe hohe Art, wie er ſeinen Ruhm verfolgte; ſie ſollten aus den Laͤndern fließen, die er entdecken würde, und ihrer Wichtigkeit angemeſſen erſcheinen. Keine Bedingung konnte wohl gerechter ſeyn. Er verlangte nichts von ſeinen Gebietern, als das Commando uͤber die Laͤnder, die er ihnen zu erwerben hoffte, und einen Antheil an dem Ertrag derſelben, um die Wuͤrde dieſes Commando's damit — 396— zu unterſtuͤtzen. Wenn kein Land entdeckt wurde, ſo war die ausbedungene Statthalterſchaft von keinen Folgen, und wenn kein Gewinn aus der Erwerbung hervorging, ſo ſollte. ſeine Arbeit und Gefahr auch keinen Lohn eintragen. Zeig⸗ ten ſich ſein Commando und ſeine Einkuͤnfte aber mit der Zeit glaͤnzend, ſo geſchah es durch den Glanz der Regionen, die er der caſtiliſchen Krone gegeben hatte. Welcher Mo⸗ narch wollte nicht gern Reiche unter ſolchen Bedingungen erwerben? Aber er wagte nicht bloß ſeine Anſtrengung und die Kraͤnkung ſeines Ehrgeizes an das Unternehmen; auf die erwaͤhnten Motive hin uͤbernahm er freiwillig und mit dem Beiſtande ſeiner Freunde und Geſellſchafter ſogar den achten Theil aller Koſten der erſten Fahrt. Ueber den Gewinn, welcher aus ſeinen Entdeckungen kommen ſollte, verfügte er mit eben ſo fuͤrſtlichem und from⸗ mem Sinn, wie er ihn verlangt hatte. Er bedachte damkt Werke und Stiftungen der Wohlthaͤtigkeit und Religion, gab große Beiſteuern fͤr die Erleichterung des Looſes der Armen in ſeiner Vaterſtadt, ſtiftete Kirchen, worin Meſſen zum Heil der Verſtorbenen geleſen werden ſollten, und wollte Heere ausruͤſten zur Wiedereroberung des hailigen Grabes in Palaͤſtina. In der Ausuͤbung ſeiner Aemter hielt er auf ſeinen Stand und ſein Ceremoniell als Vicekoͤnig und war eifer⸗ ſuͤchtig auf ſeinen Rang and ſeine Vorrechte, nicht aus blo⸗ ßer Titelſucht, ſondern weil er ſie als die Zeugniſſe und Trophaͤen ſeiner Thaten anſah. Dieſe wahrte er ſich aͤngſt⸗ lich als ſeine großen Belohnungen. In den wiederholten „ Suppliken an den Koͤnig beſtand er bloß auf der Wieder⸗ herſtellung ſeiner Wuͤrden. Was ſeine Vermoͤgens⸗Umſtaͤnde betraf, ſo wollte er ſie einem ſchiedsrichterlichen Spruche oder ſelbſt dem Ermeſſen des Koͤnigs anheim geben;„aber dieſe Dinge,“ ſagte er ſtolz,„wuhren meine Ehre an.“ In ſebsem Teſtamente ſchaͤrft er ſeinem Sohn Diego und wer nach ihm das Majorat erben ſollte, ein, daß er, was fuͤr Tirel und Wurden ihm auch ſpaͤter von dem Koͤnig gewaͤhrt wuͤrden, ſich immer nur ganz einfach:„der Admiral,“ un⸗ terzeichnen ſoſle, indem dadurch in der Familie die wahre Quelle ihrer Groͤße verewigt werde. 3 Sein Betragen wird durch die Großartigkeit ſeiner An⸗ ſichten und die Erhabenheit ſeines Griſtes charakteriſtiſch. Statt die neuentdeckten Laͤnder als ein gieriger Abenteurer, nur auf augenblicklichen Gewinn erpicht, zu durchziehen, wie es die gleichzeitigen Entdecker machten, ſuchte er ſich ihren Boden und ihre Produkte, ihre Flüſſe und Haͤfen zu ſichern: er ging darauf aus, Colonieen zu gruͤnden und die Eingebornen zu cioiliſiren, Staͤdte zu bauen, nuͤtzliche Kuͤnſte einzufuͤhren, alles der Herrſchaft der Geſetze, der Ordnung und der Religion zu unterwerfen und auf dieſe Weiſe wohl⸗ organiſirte und gluͤckliche Reiche zu gruͤnden. In dieſem glorreichen Plan wurde er immer von dem zuͤgelloſen Hau⸗ fen gehemmt, dem er vorzuſtehen das Ungluͤck hatte, bei welchem alles Geſetz Tyrannei und alle Ordnung Gewalt⸗ ſamkeit hieß. Sie unterbrachen alle nuͤtzlichen Werke mit ihrem aufruͤhreriſchen Weſen, reizten die friedlichen Indianer zu Feindſeligkeiten, und nachdem ſie auf ſolche Art Elend — 398— und Verwirrung auf ſich ſelbſt geladen und den Colun bus unter den Truͤmmern des Hauſes, welches er baute, begra⸗ ben hatten, beſchuldigten ſie ihn noch, die Urſache alles Un⸗ heils geweſen zu ſeyn. Wie gut wuüͤrde ſich Spanien dabei befunden haben, wenn die, welche dem Admiral folgten, ſeine geſunde Poli⸗ Welt haͤtte dann friedliche Anſiedler gewonnen und waͤre von erleuchteten Geſetzgebern cultivirt worden, ſtatt daß deſpe⸗ rate Abenteurer ſie uͤberfielen und habſuͤchtige Eroberer ſie entvoͤlkerten. Columbus war ein Mann von ſtarker Erregbarkeit und großem Aufſchwung, ploͤtzlichen und ſtarken Eindruͤcken, maͤchtigen Antrieben hingegeben. Er war von Natur leicht zornig und heftig, und ſehr empfindlich gegen Unrecht und Ungerechtigkeiten; doch dieſe Reizbarkeit ſeines Temperamen⸗ tes wurde von dem Wohlwollen und der Großmuth ſeines Herzens beſiegt. Das Edle ſeiner Natur leuchtete durch alle Drangſale ſeiner ſtuͤrmiſchen Laufbahn hindurch. Ob⸗ gleich er beſtaͤndig in ſeiner Wuͤrde verletzt und in der Aus⸗ uͤbung ſeines Commando's keck geſtoͤrt wurde, obgleich ſeine Plaͤne dure, Aufruhr unruhiger und nichtswuͤrdiger Men⸗ ſchen ſcheiterten und ſeine Perſon ſelbſt in Gefahr gerieth, in Zeitlaͤuften, wo er von Bedraͤngniſſen des Geſſtes und des Koͤrpers ſo ſehr litt, daß der geduldigſte daruͤber die und zornigen Sinn im Zaum und brachte ſich durch die tik und edelmuͤthigen Anſichten getheilt haͤtten. Die neue Faſſung verloren haͤtte: ſo hielt er doch ſeinen muthigen Staͤrke ſeines Geiſtes zur Selbſtbeherrſchung, ruhigen Ue⸗ berlegung und ſelbſt zur Milde durch Bitten: auch duͤr⸗ fen wir zu erwähnen nicht vergeſſen, wie frei er von jedem Gefuͤhl der Rache war, wie bereit zu vergeben und zu ver⸗ geſſen, wenn ſich nur die kleinſte Spur von Reue und Ver⸗ ſoͤhnung zeigte. Man hat ihn wegen ſeines Talentes ge⸗ rüͤhmt, uͤber andere den Herrſcherſtab zu fuͤhren; aber viel groͤßerer Ruhm gebuͤhrt ihm füͤr die Feſtigkeit, welche er ſich ſelbſt zu regieren bewies. Seine natuͤrliche Herzensguͤte machte ſeinen Sinn fuͤr alle Arten ergoͤtzl cher Erſcheinungen der Außenwelt empfaͤng⸗ lich. In ſeinen Briefen und Tagebuͤchern bemerkt er, ſtatt die Umſtaͤnde mit der techniſchen Genauigkeit eines bloßen Seemanns aufzunotiren, die Schoͤnheiten der Natur mit dem Enthuſiasmus eines Malers oder Poeten. Wenn er die Kuͤſten der neuen Welt beſchifft, genießt der Leſer die Freude mit, welche ihm die Feder fuͤhrt, indem er mit ſei⸗ nem unvollkommnen doch pittoresken Ausdruck in ſpani⸗ ſcher Sprache die mannigfaltigen Gegenſtaͤnde umher be⸗ ſchreibt: die Milde der Temperatur, die Reinheit der At⸗ moſphaͤre, die wuͤrzige Luft„voll Thau und Suͤßigkeit“ das Gruͤn des Waldes, die Pracht der Baͤume, das Groß⸗ artige der Berge und die Klarheit und Friſche der dahin⸗ rauſchenden Stroͤme. Jede Scene bietet ihm neues Ent⸗ zuͤcken. Er nennt jede folgende Entdeckung ſchoͤner als die letzte und jede die ſchoͤnſte von der Welt, bis er in ſeinem ſchlichten Ernſt den Souverafnen ſagt, nachdem er ſo viel von den vorigen Inſeln geſprochen, fuͤrchte er, daß ſie ihm nicht glauben wuͤrden, wenn er erklaͤre, daß die, welche er jetzt beſchreibe, ſie alle an Schoͤnheit uͤbertreffe. * In derſelben lebhaften und ungekuͤnſtelten Art und Weiſe ſpricht er ſeine Empfindungen bei verſchiedenen Gelegenheiten aus, von den Affeeten der Freude oder des Schmerzes, des Entzuͤckens oder des Unwillens leicht erregt. Wenn ihn Undankbarkeit und Gewalt niedriger Menſchen draͤngend umgaben, ließ er oft in der Einſamkeit ſeiner Kajuͤte ſeinem Srame frelen Lauf und erleichterte ſein gedruͤcktes Herz mit Seufzen und Stoͤhnen. Wie er in Ketten nach Spanien zuruͤckkehrte und bei Iſabellen erſchien, war er, ſtatt den ſtolzen Sinn zu behaupten, welchen er bis dahin allen Be⸗ leidigungen entgegengeſetzt hatte, von Schmerz und Weh⸗ muth uͤoer ihre Mitgefuͤhl ſo ergriffen, daß er in Schluchzen und Thraͤnen ausbrach. Er war aͤußerſt fromm und andaͤchtig: die Religlon miſchte ſich bei ihm in alle Verkettzungen der Gedanken und Handlungen, und leuchtet aus ſeinen geheimſten und abſichts⸗ loſeſten ſchriftlichen Aufſaͤtzen hervor. Wenn er irgend ein⸗ große Entdeckung machte, feierte er ſie mit frommem Dank gegen Gott. Die Stimme des Gebets und Preisgeſang erhob ſich von ſeinen Schiffen, als ſie die neue Welt zuerſt erblickten, und ſeine erſte Handluns, als er landete, war, ſich auf die Erde zu werfen und Gott Dank zu ſagen. Jeden Abend wurde das Salve Regina und andre Vesper⸗ hymnen von ſeiner Mannſchaft geſungen, und in den ſchoͤuen Hainen, welche die wilden Kuͤſten jener heidniſchen Laͤnder begraͤnzten, wurden Meſſen geleſen. Die Religion, auf ſolche Weiſe tief in ſeine Seele verwoben, verbreitete eine ruhige Wuͤrde und ein liebreiches Weſen uͤber ſeine ganze Erſchei⸗ — 401— nung! Seine Rede war rein und bewacht, frei von allen Verwuͤnſchungen, Schwuͤren und anderen ungebuͤhrlichen Auedruͤcken. Alle ſeine großen Unternehmungen wurden im Namen der helligen Dreifaltigkeit ausgefuͤhrt und er nahm ſtets das heilige Abendmahl vor der Einſchiffung. Die Feſttage der Kirche wurden von ihm in den groͤßten Wild⸗ niſſen gefeiert. Der Sonntag war ihm ein Tag heiliger Ruhe, an welchem er nie aus einem Hafen wegſegelte, außer in der groͤßten Noth. Er glaubte feſt an die Wirkung von Geluͤbden, Bußuͤbungen und Wallfahrten, und nahm in Zei⸗ ten der Drangſale und Gefahren zu ihnen ſeine Zuflucht; aber er ging in ſeiner Religioſitaͤt noch weiter, und leider wurde ſeine Froͤmmigkeit von der Bigotterie des Zeitalters verdunkelt. Er bekannte ſich offen zu der Anſicht, daß alle Nationen, welche nicht den chriſtlichen Glauben bekennten, der natuͤrlichen Rechte beraubt ſeyen; daß man die haͤrte⸗ ſten Maßregeln zu ihrer Bekehrung brauchen und die ſtreng⸗ ſten Strafen uͤber ihr halsſtarriges Verharren im Unglau⸗ ben verhaͤngen koͤnne. In dieſem Geiſte der Bigotterie hielt er ſich fuͤr berechtigt, die Indianer zu Gefangenen zu ma⸗ chen und ſie nach Spanien zu transportiren, um ſie in den Lehren des Chriſtenthums unterrichten zu laſſen, ſie auch als Sclaven zu verkaufen, wenn ſie ſeinen Eroberungen wi⸗ derſtaͤnden. Indem er das Letztere that, ſundigte er gegen die natuͤrliche Herzensguͤte ſeines Charakters und gegen die Gefuͤhle, welche er urſpruͤnglich dieſem ſanften und gaſt⸗ reundlichen Menſchenſtamme widmete; allein er ward von der gewinnſuͤchtigen Ungeduld der Krone und von dem Spott. Irving's Columbus. 7—9. 26 — 4⁰2— ſeiner Feinde uͤber das unerſprießliche Reſultat ſeiner Unter⸗ nehmungen dazu genoͤthigt. Wir laſſen ſeinem Charakter nur Gerechtigkeit widerfahren, wenn wir bemerken, daß die Sclaverei der Indianer, welche auf ſolche Weiſe im Krieg gefangen genommen wurden, anfaͤnglich von der Krone voll⸗ kommene Billigung erhielt und daß, als die Frage des Rechts auf dringendes Verlangen der Koͤnigin eroͤrtert wurde, meh⸗ rere der ausgezeichnetſten Juriſten und Theologen dieſen Gebrauch in Schutz nahmen, ſo daß die Frage am Ende nur durch die Menſchlichkeit Iſabellens zu Gunſten der In⸗ dianer entſchieden wurde. Wie der ehrwuͤrdige Biſchof Las Caſas anmerkt, iſt es nicht zu verwundern, daß, wo die gelehrteſten Maͤnner uneins waren, ein ungelehrter Seemann ſich wohl irren konnte. Dieſe Bemerkungen ſind uns zur Entſchuldigung fuͤr das Betragen des Columbus von der Unpartheilichkeit abge⸗ noͤthigt. Wir muͤſſen ihn durchaus in Verbindung mit dem Zeitalter, worin er lebte, ſchildern, damit die Irrthuͤmer dieſer Zeit nicht als ſeine eigenen Fehler erſcheinen. Es liegt jedoch nicht in der Abſicht des Verfaſſers, den Colum⸗ bus in einem Punkte rechtfertigen zu wollen, wo irren nicht zu entſchuldigen iſt. Moͤge es immer einen Flecken auf ſei⸗ nen erhabenen Namen werfen, damit Andere ſich eine Lehre daraus nehmen. . Ein beſonderer Zug ſeines reichen und vielſeitigen Cha⸗ rakters iſt noch zu nennen uͤbrig— jene gluͤhende, enthu⸗ ſiaſtiſche Einbildungskraft, welche alle ſeine Gedanken mit einem eigenthuͤmlichen Glanz umgab. Herrera deutet an, er habe Anlagen zur Poefie gehabt und einige ſchwache Spuren davon finden ſich in dem Buche von den Prophe⸗ zeihungen, welches er Ihren katholſſchen Majeſtaͤten uͤber⸗ reichte. Aber dieſe poetiſche Gabe laͤßt ſich in allen ſeinen Schriften und Handlungen erkennen. Sie breitete eine goldne und glaͤnzende Welt vor ihm aus und faͤrbte jeden Degenſtand mit eigenthuͤmlichem Farbenſchimmer. Sie fuͤhrte ihn zu traͤumeriſchen Speculationen, die ihm den Spott und — — — 403— die Spitzfindigkeiten von kaͤlteren und nuͤchterneren, doch allzuſehr an dem Boden klebenden Menſchen zuzogen. Von jener Art waren die Vermuthungen, die er an der Kuͤſte von Paria uͤber die Form der Erde und die Lage des irdiſchen Paradieſes, dann uͤber die Minen von Ophir in Hispaniola und uͤber die Aurea Cherſoneſus in Veragua faßte, und von derſelben Art war das heroiſche Bild des Kreuzzuges zu der Eroberung des heiligen Grabes. Dieſe Traͤumerelen vermiſchten ſich mit ſeinem religioͤſen Glauben und erfuͤllten ſeinen Geiſt mit feierlichen und ſchwaͤrmeriſchen Betrachtungen uͤber myſtiſche Stellen der Schrift und dunkle Wunderverheißungen der Propheten. Sie weiheten in ſei⸗ nen Augen ſeinen Beruf und ließen ihn ſich ſelbſt als einen Abgeſandten betrachten, der auf eine erhabene unb ernſte Miſſion ausgeſandt und den Antrieben und uͤberirdiſchen Leitungen der Gottheit unterworfen ſey; ſo wie nach ſeiner Meinung die Stimme es war, welche ſich zu ſeinem Troſte mitten in den Bedraͤngniſſen von Hispaniola und in der Stille der Nacht an der ungluͤckſeligen Kuͤſte von Veragua vernehmen ließ. Er war ein entſchiedener Schwaͤrmer, aber ein Schwaͤr⸗ mer von ungewoͤhnlichen und hoͤchſt gluͤcklichen Anlagen⸗ Die Art, wie ſeine gluͤhende Phantaſie und bewegliche Na⸗ tur von einem maͤchtigen Urtheil bewacht und von einer großen Schaͤrse des Verſtandes geleitet wurde, iſt die außer⸗ ordentlichſte Erſcheinung an ſeinem Charakter. So gezuͤ⸗ gelt, lieh ſeine Einbildungskraft, ſtatt ſich in leerer Begei⸗ ſterung zu erſchoͤpfen, ſeinem Urtheil Schwung und machte ihn faͤhig, Schluͤſſe zu ziehen, wozu gewoͤhnliche Menſchen niemals gelangen, ja welche ſie nicht einmal begreifen, wenn ſie ihnen geboten werden. Dieſer durch Verſtand gezuͤgelten Schwaͤrmerei war es gegeben, die Zeichen der Zeit zu erkennen uod in den Ver⸗ muthungen und Traͤumereien vergangener Weltalter An⸗ deutungen auf eine unbekannte Welt zu finden, wie man Wahrſagern die Faͤhigkeit beilegt, Weiſſagungen in den Sternen zu leſen und Ereigniſſe aus naͤchtlichen Geſichten zu 26* verkünden.„Seine Seele,“ bemerkt ein ſpaniſcher Schrift⸗ ſteller,„ſtand uͤber dem Zeitalter, in welchem er lebte. Ihm war die große Unternehmung vorbehalten, dieſes Meer zu durchſchiffen, welches zu ſo vielen Fabeln Anlaß gegeben hatte, und das Geheimniß ſeines Zeitalters zu entziffern.“*) Bei allem traͤumeriſchen Feuer ſeiner Phantaſie blieben doch ſeine ſuͤßeſten Traͤume weit hinter der Wirklichkeit. Er ſtarb in Unbekanntſchaft mit der wahren Groͤße ſeiner Entdeckung. Bis zu ſeinem letzten Athemzuge blieb er der Ueberzeugung, daß er nur einen neuen Weg zu den alten reichen Maͤrkten des Handels gefunden und einige von den wilden Regionen des Morgenlandes entdeckt habe. Er hielt Hispaniola fuͤr das Ophir der Alten, welches die Schiffe Salomo's beſucht hatten, und glaubte, Cuba und das Feſt⸗ land ſeyen nur die aͤußerſten Enden von Aſien. Welche Bilder des Ruhms wuͤrden ſich ſeiner Seele gezeigt haben, wenn er— haͤtte, daß er wirklich der Entdecker eines neuen Welttheiles ſey, der der alten Welt an Groͤße gleich⸗ komme und durch zwei große Weltmeere von dem, den civiliſirten Voͤlkern bisher bekannten Erdkreiſe getrennt ſey. Und welcher Troſt waͤre es geworden fuͤr ſeinen Geiſt, un⸗ ter dem Druck des Alters und den Sorgen aller Entbeh⸗ rungen, bei den Vernachlaͤſſigungen der unbeſtaͤndigen Volks⸗ gunſt und der Ungerechtigkeit eines undankbaren Koͤnigs, wenn er die herrlichen Reiche haͤtte ahnen koͤnnen, welche ſich uͤber die ſchoͤne Welt, die er entdeckt, ausbreiten ſollten; wenn er im Geiſte die Nationen und Zungen und Sprachen geſehen haͤtte, welche ihre Laͤnder von ſeinem Ruhm wider⸗ hallen laſſen und ſeinen Namen verehren und ſegnen bis auf die ſpaͤteſte Nachwelt. 8 *) Cladera investigaciones historicas, p. 44. Zwoͤlftes Buch. Seite Verwirrung auf Hiepaniola. Verfahren der Rebellen in Xaragua. Erſtes Kapitel. Zweites Kapitel. mit den Rebellen. Unterhandlungen des Admirals⸗ Abgang von Schiffen nach Drittes Kapitel. Viertes Kapitel. Uebereinkunft mit den Rebellen Fernere Meuterei unter den Rebellen und zweite Uebereinkunft mit ihnen Verwilligungen fuͤr Roldan Abreiſe mehrerer Rebellen Füͤnftes Kapitel. und ſeine Gefaͤhrten. Ankunft des Ojeda mit einer Eskadre auf der weſtlichen Seite der Inſel. Roldan wird ihm entgegengeſandt Siebentes Kapitel. dan und Ojeda Achtes Kapitel. Sechstes Kapitel. Manoeuvres zwiſchen Rol⸗ Verſchwoͤrung Guevara's und Dreizehntes Vorſtellungen am Hofe gegen Ermaͤchtigung Bobadilla's zur Unter⸗ ſuchung ſeiner Verwaltung Zweites Kapitel. Erſtes Kapitel. Ankunft Bobadilla's auf San Sein gewaltſames Ergreifen des 1 41 57 76 89 — 406— Drittes Kapitel. Columbus wird aufgefordert, vor Bobadilla zu erſcheinen.... Viertes Kapitel. Columbus mit ſeinen Bruͤdern verhaftet und in Ketten nach Spanien geſandt Vierzehntes Buch. Erſtes Kapitel. Senſation in Spanien bei der Ankunft des Columbus in Ketten, Sein Erſchei⸗ nen bei Hofe.. Zweites Kapitel. Gleichzeitige Entdeckungsreiſen Drittes Kapitel. Nicolas de Ovando wird er⸗ nannt, den Bobadilla abzuſetzen„.. Viertes Kapitel. Vorſchlaͤge des Columbus hin⸗ ſichtlich der Wiedereroberung des heiligen Grabes Fuͤnftes Kapitel. Zuruͤſtungen des Columbus zu einer vierten Entdeckungsreiſe.„.. Fünfzehntes Buch. Erſtes Kapitel. Abfahrt des Columous auf ſeine vierte Reiſe. Abweiſung deſſelben von dem Hafen von San Domingo. Heftiger Stum„ Seite 98 103 116 123 131 146 154 163 Zweites Kapitel. Reiſe laͤngs der Kuͤſte v. Hondur as 174 Drittes Kapitel. Reiſe laͤngs der Mosquito⸗ Kuͤſte und Verkehr zu Cariari.„.. Viertes Kapitel. Reiſe längs der Coſta Rica. Betrachtungen uͤber den Iſthmus von Veragua Fuͤnftes Kapitel. Entdeckung von Puerto Bello und El Retrete. Columbus gibt die Nachfor⸗ ſchung nach der Meerenge auff... 184 192 200 — — 40,— Sechstes Kapitel. Ruͤckkehr nach Veragua. Der Adelantado erforſcht das Land.... Siebentes Kapitel. Gruͤndung einer Niederlaſ⸗ ſung an dem Fluſſe Belen. Verſchwoͤrung der Eingebornen. Zug des Adelantado, um Quibian zu uͤberfallen....*. Achtes Kapitel, Ungluͤckskaͤlle mit der Niederlaſſung Neuntes Kapitel. Truͤbſal des Admfrals an Bord ſeines Schiffes. Letzter Entſatz der Nie⸗ derlaſſung....... Zehntes Kapitel. Abreiſe von der Kuͤſte von Veragua. Ankunft auf Jamaika. Stranden der Schiffe......... Sechzehntes Buch. Erſtes Kapitel. Uebereinkunft des Diego Mendez mit den Caziken, wegen Lieferung von Vorraͤthen. Columbus ſendet ihn wegen Abholung der Mann⸗ ſchaft nach San Domingo. Zweites Kapitel. Meuterei des Porras.. Drittes Kapitel. Mangel an Vorraͤthen. Liſt des Columbus, um Lebensmittel von den Tudig⸗ nern zu erhalten...... Viertes Kapitel. Sendung des Diego de Escobar zu dem Admiral..... Fuͤnftes Kapitel. Reiſe des Diego Mendez und des Bartholomeo Fieeco in einem Canoe nach Hispaniola....... 259 271 284 290 296 — 408— Sechstes Kapitel. Antraͤge, welche Columbus den Aufruͤhrern macht. Treffen des Adelantado mit Porras und ſeinen Anhaͤngern... Siebzehntes Buch. Erſtes Kapitel. Adminiſtration des Ovando in Hispaniola. Unterdruͤckung der Eingebornen. Zweites Kapitel. Blutbad in Xaragua. Schick⸗ ſal Anacaona's...... Drittes Kapitel. Krieg mit den Indianern von Higuey........ Viertes Kapitel. Ende des Krieges mit Higuey. Schickſal Cotabanama's.... Achtzehntes Buch. Erſtes Kapitel. Abreiſe des Columbus nach San Domingo. Seine Ruͤckkehr nach Spanien Zweites Kapitel. Krankheit des Columbus in Sevilla. Geſuche bei der Krone, wegen Wieder⸗ herſtellung ſeiner Ehren. Tod Iſabellens.. Drittes Kapitel. Ankunft des Columbus bei Hofe. Fruchtloſes Bemuͤhen zur Wiederherſtellung ſeiner Ehren.....„ Viertes Kapitel. Tod des Columbus.. Fuͤnftes Kapitel. Bemerkungen uͤber den Cha⸗ rakter des Columbus.... 8 fffffff fffffffffffſn 11 12 13 14 15 16 17 18 1 —