* 2 0 0; 5 (dαεμ Leihbibliothek tdeutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur —9. von. 3 Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8. ür offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von — jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3 3 4 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deffelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 3 3 6 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für upchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Aus dem Engliſchen überſetzt. 4 Späte Jahrhunderte Sehen die Zeit, wo der Ocean Löſet die Bande der Dinge, wo großer Erdſtrich ſich aufthut, ein Tiphys Neue Welten entdeckt, nicht der Länder Letztes iſt Thule. Seneca's Medea. Viertes bis ſechſtes Baͤndchen. Prankfurt am Main, 1828. Gedruckt und verlegt bei Johann David Sauerlaͤnder. Sechſtes Buch. 3 Erſtes Kapitel. Abgang des Columbus auf ſeine zweite Reiſe. Ent⸗ deckung der caraibiſchen Inſeln. (1493.) 6 Die Abfahrt des Columbus auf ſeine zweite Entdeckungs⸗ reiſe bildete einen glaͤnzenden Contraſt mit ſeiner ungluͤck⸗„ 1 lichen Einſchiffung in Palos. Am 25. September, als der Tag daͤmmerte, lichtete ſeine Flotte in der Bai von Cadiz die Anker. Sie zaͤhlte drei große Schiffe von ſchwerer La⸗ dung,”*) und vierzehn Caravelen, die alle mit flatternden 8 *) Peter Martyr ſagt, es ſeyen Carracks(eine große Art von Kauffartheiſchiffen, hauptſächlich zum Küſtenhandel gebraucht) von hundert Tonnen geweſen; zwei von den Caravelen ſeyen von viel größerem umfang als die übrigen und durch die Größe ihrer Maſten fähiger ge⸗ weſen, Verdecke zu tragen. Decad. 1. 1, I. Segeln im Hafen des Augenblicks harreten, wo das Sig⸗ nal zum Auslaufen gegeben wurde. Der Hafen erſcholl von den wohlbekannten Toͤnen der Matroſen, wenn ſie die Segel aufziehen und die Anker lichten. Eine bunte Menge draͤngte ſich an Bord der Schiffe, um unter froͤhlichen Hoffnungen einer gluͤcklichen Fahrt und glorreicher Ruͤckkehr von ihren Freunden Abſchied zu nehmen. Hier ſtand der enthuſiaſtiſche Cavalier, auf romantiſche Abenteuer gefaßt, dort der kuͤhne Seemann, ehrgeizig nach Lorbeeren in unbekannten Mee⸗ ren, der Gluͤcksritter, dem alles auf Veraͤnderung des Or⸗ tes und der Flaͤche ankommt, der ſcharfſichtige Speculant, begierig, die Unwiſſenheit der wilden Staͤmme zu ſeinem Vortheil zu benutzen, und der blaſſe Miſſionaͤr des Kloſters, ungeduldig, die Herrſchaft der Kirche auszudehnen oder von frommem Eifer fuͤr die Ausbreitung des Glaubens erfuͤllt: alle waren voll Leben und Lebenshoffnung. Anſtatt von dem Volke für verlorene Leute, einem dunkeln und verzweifelten Looſe hingegeben, betrachtet zu werden, ſah man ſie jetzt mit Neid ziehen, als gluͤckliche Sterbliche, denen goldne Laͤnder und gluͤckliche Zonen, wo ihrer nichts als Reichthum, Wunder und Entzuͤcken warte, zu Theil werden ſollten. Columbus bewegte ſich in dem Gedraͤnge, durch ſeine hohe Geſtalt und gebietende Haltung kenntlich. Er war von ſei⸗ nen beiden Soͤhnen Diego und Fernando begleitet, der er⸗ ſtere ein aufgeſchoſſenes Buͤrſchchen, beide gekommen, um ihres Vaters Abreiſe zu ſehen,*) und ſtolz auf ſeinen *) Hist. del Almirante, cap. 44. * * — Ruhm. Wohin er ſich wandte, folgten ihm aller Au⸗ gen mit Bewunderung, und jeder Mund pries und ſegnete ihn. Vor Sonnenaufgang ging die ganze Flotte unter Se⸗ gel; das Wetter war heiter und guͤnſtig, und wie die Volks⸗ maſſen den dahinſchwindenden Schiſſen, die weithin im Mor⸗ genſtrahl ſchimmerten, nachſahen, dachten ſie ſich ſchon im Geiſte ihre froͤhliche Ruͤckkehr, beladen mit Schaͤtzen der neuen Welt. Nach den Befehlen ſeiner Gebieter nahm Columbus ſei⸗ nen Lauf weit weg von den Kuͤſten Portugals und ſeiner Eilande, und ſteuerte nach den canariſchen Inſeln, wo ſie am erſten October ankamen. Zuerſt beruͤhrten ſie Groß⸗ Canaria und gingen dann am 5. bei der Inſel Gomera vor Anker, wo ſie friſchen Vorrath von Holz und Waſſer zur Reiſe einnahmen. Auch kauften ſie hier Kaͤlber, Ziegen und Schafe, um damit auf Hispaniola einen Viehſtand zu gruͤnden, und acht Schweine, von welchen, nach Las Ca⸗ ſas, die ungeheure Bevoͤlkerung von Schweinen herruͤhrte, mit welcher die ſpaniſchen Niederlaſſungen in der neuen Welt geſegnet waren. Vielerlei Gefluͤgel fuͤr's Haus wurde ebenfalls angeſchafft; es waren die Stammeltern die⸗ ſer Gattungen in Amerika, und daſſelbe galt von den Oran⸗ gen, Zitronen, der Bergamotbirn, den Melonen und einer Menge von Gartenfruͤchten,*) die nun zum erſtenmal den *) Las Casas hist. Ind. lib, I. cap. 83. Inſeln im Weſten aus den Gaͤrten der Hesperiden oder den gluͤcklichen Inſeln der alten Welt dargebracht wurden.*) Am 7. October, als ſie im Begriff waren, wieder abzu⸗ ſegeln, uͤbergab Columbus dem Kapitain jedes Schiffes ein verſiegeltes Schreiben mit Inſtructionen, worin die Fahrt nach dem Hafen la Navidad, der Reſidenz des Caziken Gua⸗ canagari, genau vorgeſchrieben war. Oieſe Inſtructionen durften nur eroͤffnet werden, ſobald ſie durch Zufaͤlle von einander getrennt wurden, da er ſo lange als moͤglich aus der genauen Berechnung der Reiſe nach den neuen Weltthei⸗ len ein Geheimniß machen wollte, damit kein Abenteurer von anderen Nationen und beſonders keine Portugieſen ihm auf ſeinen Zuͤgen folgen und ſeinen Unternehmungen Abtrag thun moͤchten.*) Nachdem ſie von Gomera unter Segel gegangen, hielt ſie eintretende Windſtille noch einige Tage bei den canariſchen Inſeln feſt, bis ſich am 13. October ein guͤnſtiger Wind von Oſten erhob, der die Flotte der Inſel Ferro bald aus dem Geſicht entfuͤhrte. Columbus hielt ſich ſuͤdweſtlich, denn er hatte die Abſicht, dieſesmal betraͤchtlich ſuͤdlicher als auf *) Herr von Humbold iſt der Meinung, es habe in der neuen Welt wilde Pomeranzen, von kleiner und bittrer Art, ſowie wilde Zitronen, ſchon vor der Entdeckung ge⸗ geben. Caldeleugh bemerkt ebenfalls, daß die Braſilianer die kleine bittere Pomeranze, welche wild wächſt, für ein urſprüngliches Gewächs ihres Landes halten. Hum- bold essai politique sur l'isle de Cuba t. I, p. SS. **) Las Casas M. Sup. — ———j — 1 9 ſeiner erſten Reiſe zu ſteuern, in der Hoffnung, dann ſogleich auf die Inſeln der Caraiben zu ſtoßen, von denen er ſo unbeſtimmte und wunderbare Berichte von den Indianern erhalten hatte.*) Als ſie in die Region der Paſſatwinde eintraten, behielten ſie fortwaͤhrend den guten ſtetigen Wind, mit ruhigem Meer und heiterem Wetter, und am 24. bat⸗ ten ſie vierhundert und funfzig Seemeilen weſtlich von Go⸗ mera zuruckgelegt, ohne noch von jenen Feldern mit See⸗ pflanzen etwas zu ſehen, die ſte auf ihrer erſten Fahrt ſchon in kuͤrzerer Strecke angetroffen hatten, wo die Er⸗ ſcheinung fuͤr ſie ſo wichtig und wie von der Vorſehung ge⸗ fuͤgt erſchien, um ihnen neue Hoffnung einzufloͤßen und ſie in ihrem zweifelhaften Unternehmen vorwaͤrts zu locken. Nun bedurften ſie keiner ſolchen Wahrzeichen mehr; Hoff⸗ nung und frohe Erwartung erfuͤllte ſie alle, und als ſie eine Schwalbe gewahr wurden, die um die Schiffe kreiſte, und zuweilen von ploͤtzlichen Regenguͤſſen uͤberfallen wurden, ſa⸗ hen ſie in froͤhlicher Ungeduld dem Land entgegen. In der letzten Haͤlfte des Octobers wurden ſie in der Nacht von einem jener heftigen Regenguͤſſe uͤberfallen, die in den Tropenlaͤndern von hellleuchtenden Blitzen und fuͤrch⸗ terlichen Donnerſchlaͤgen begleitet ſind. Das Ungewitter dauerte vier Stunden und ſie glaubten ſich in großer Ge⸗ fahr, bis ſie da und dort auf den Spitzen der Maſte jene leckende Flammen ſpielen und auch um das Takelwerk leuch⸗ ten ſahen, die man oft an den ſturmbedraͤngten Schiffen *) Brief des Dr. Chanca. bei einer mit elektriſcher Materie geſchwaͤngerten Luft wahr⸗ nimmt. Dieſe ſonderbaren Luftbilder waren in ſo fuͤrchter⸗ lichen Augenblicken des Schreckens und der Gefahr von je⸗ her Gegenſtand aberglaͤubiſcher Einbildungen bei den See⸗ fahrern geweſen. Fernando Columbus macht bei der Er⸗ zaͤhlung von dieſer Erſcheinung Bemerkungen, welche das Zeitalter, worin er lebte, ganz charakteriſtren„Am noͤm⸗ lichen Sonnabend in der Nacht ſahen ſie den St. Elmo mit ſieben leuchtenden Kerzen auf der Maſtſpitze; es war viel Regen und großes Donnerwetter; ich will mit jener Be⸗ zeichnung ſagen, ſie ſahen die Lichter, welche die Seefahrer fuͤr den Leib des St. Elmo halten; ſie ſangen, als ſie ihn erblickten, viele Litaneien und Stoßgebete, da ſie feſt daran glaubten, daß in Stuͤrmen, wo er erſcheine, Niemand mehr in Gefahr ſchwebe. Dem ſey nun wie ihm wolle, ich laſſe es dahingeſtellt ſeyn; aber wenn Plinius Glauben verdient, ſo ſind ſchon zu der Roͤmer Zeiten den Schiffern haͤufig in den Unwettern zur See ſolche Lichter erſchienen, die ſie ſuͤr Caſtor und Pollux hielten, und deren auch Seneca ge⸗ denkt.,*) Am Samſtag Abend den 2. November uͤberzeugte ſich Columbus aus der Faͤrbung des Meeres, der Beſchaffenheit der Wellen, den wechſelnden Winden und den haͤufigen Re⸗ *) Hist. del Almirante. Bei Magellans Seefahrt ge⸗ ſchieht einer ähnlichen Aeußerung des Aberglaubens unter den Schiffern Erwähnung. In den großen Stürmen, er⸗ zählen ſie, ſey St. Elmo auf der Spitze des Maſtes mit einem hellen Kerzenlicht erſchienen, einigemal auch mit — 11— genſchauern, daß ſie dem Land nahe ſeyen; er befahl daher die Segel einzuziehen und die Nacht ſorgfaͤltig Wache zu halten. Sein Scharfblick hatte ihn auch hier nicht getaͤuſcht. Als der Morgen daͤmmerte, wurde ein hohes Eiland im Weſten entdeckt, bei deſſen Anblick ein Freudenjauchzen durch die ganze Flotte lief. Columbus gab der Inſel den Namen Dominica, ei er Ue au einem Sonntag entdeckt hatte. Indem die Schiffe langſam weiter trieben, ſtieg eine Inſel nach der andern aus dem ruhigen Meer empor, mit gruͤnen⸗ den Waͤldern bedeckt, und große Zuͤge von Papagaien und anderen tropiſchen Voͤgeln ſchwaͤrmten von einer zur andern. Die Mannſchaft der Schiffe draͤngte ſich jetzt auf das Verdeck, um Gott fuͤr ihre gluͤckliche Reiſe und fuͤr die ſchnelle Entdeckung von Land zu danken; das Salve Regina und andere Lobgeſaͤnge erſchallten aus dem Munde aller Matroſen der ganzen Flotte. Dieſes war die fromme Weiſe, wie Columbus ſeine ſaͤmmtlichen Entdeckungen feierte, und wie ſie im Allgemeinen auch bei den ſpaniſchen und portu⸗ gieſiſchen Seefahrern im Gebrauch war. Gewiß bietet ſich der Seele ein feierliches, erhebendes Gemaͤlde in dieſem Ver⸗ ein von Seeleuten, die ſich ſo zu ſagen zu einer Sabbath⸗ — zwei Kerzen; das Schiffsvolk habe hierbei Freudenthrä⸗ nen vergoſſen und den Heiligen nach der Sitte der See⸗ fahrer begrüßt. Er blieb ungefähr eine Viertelſtunde ſichtbar, dann verſchwand er mit einem hellleuchtenden Bliß, welcher die Schiffenden blendete. Herrera decad. 2. I. IV. c. 10. 3 Lobgeſaͤnge gen Himmel ſenden, um Dank zu bringen fuͤr Jubelſeier im ſtillen Meeresſchooße verbinden und geruͤhrte das lihdne Land, welches ſich vor ihren Blicken erhebt,. Zweites Kapttel. Berkehr mit der Inſel Enadflude (1493.) Die Inſeln, bei welchen Columbus anlangte, waren ein Theil jener ſchoͤnen Gruppe von Eilanden, welche von eini⸗ gen die Antillen genannt werden, die ſich faſt in einem Halbkreiſe von dem oͤſtlichen Ende Portorico's gegen die Kuͤſte von Paria nach dem ſuͤdlichen Feſtlande ausdehnen, und eine Art Barriere zwiſchen dem Weltmeer und der ca⸗ raibiſchen See bilden. Im Verlaufe des erſten Tages, als er in dieſen Archi⸗ pelagus eintrat, ſah Columbus nicht weniger als ſechs In⸗ ſeln von verſchiedner Groͤße, in jene herrliche Vegetation ge⸗ kleidet, die den tropiſchen Laͤndern eigen iſt, und wenn der Wind von ihnen herwehete, war die ganze Luft von dem ſuͤßen, wuͤrzigen Duft ihrer Waͤlder erfüllt. Nachdem er bei Dominica vergebens nach gutem Anker⸗ grund geforſcht, ſteuerte er nach einer andern Inſel der — 13— Gruppe, welcher er nach ſeinem Schiffe den Namen Mari⸗ galante gab. Hier landete er, entfaltete das koͤnigliche Banner und nahm von dieſer und den benachbarten Inſeln im Namen ſeiner Souveraine Beſitz. Keine Speren von menſchlichen Weſen waren zu ſehen; die Inſel ſchien unbe⸗ wohnt; eine reiche dichte Waldung uͤberzog ſie, wovon ei⸗ age Baume au der Bluͤthe ſtanden, andere mit unbekannten Fruͤchten belaſtet waren, wieder andere von Gewuͤrzen duf⸗ teten— unter ihnen ein Baum, der Bläͤtter wie der Lor⸗ beer trug und den Geruch der Gewuͤrznelke beſaß. Von hier ſegelten ſte nach einem groͤßeren Eilande, mit einem merkwuͤrdigen Berg, deſſen Gipfel hoch aufſtrebte und Waſſerſtroͤme verbreitete, und den man nachgehends fuͤr den Pik eines Vulkans erkannt hat. Als ſie ſich ihm auf drei Stunden naͤherten, ſahen ſie einen großen Strom uͤber einen Abgrund von ſo ungeheurer Tiefe hinabſtuͤrzen, daß es, um ſich der Worte des Erzaͤhlers zu bedienen, ſchien, als falle er vom Himmel herab. Die Aufloͤſung deſſelben in Schaum beim Herabſtuͤrzen ließ viele anfaͤnglich glauben, es ſey ein ungeheures Gefuͤge von weißen Felſen.*) Die⸗ ſer Inſel, welche die Indianer Turuqueira**) nannten, gab der Admiral den Namen Guadelupe, da er den Moͤnchen von unſrer lieben Frau zu Guadelupe in Eſtremadura ver⸗ ———;——— *) Brief des Dr. Chanca. **) Brief des Dr. Chanca. Peter Martyr nennt ſie Cara⸗ cueirg oder Queraqueira. Decad. 1, lib. II. 8 — 14— ſprochen hatte, eines der entdeckten Laͤnder nach ihrem Klo⸗ ſter zu benennen.. Am 4. November hier landend, beſuchten ſie ein Dorf in der Naͤhe der Kuͤſte; die Einwohner entflohen bei ihrem Anblick, und einige ließen in der Verwirrung und dem Schrecken ſogar ihre Kinder im Stich. Die Spanier he⸗ ſaͤnftigten dieſe mit Liebkoſungen, und banden ihnen Schel⸗ len und andre Kleinigkeiten an die Arme, um ihren Eltern Zutrauen einzufloͤßen. Das Dorf beſtand wie die meiſten auf dieſem Eiland aus zwanzig bis dreißig Haͤuſern, die im Kreis um eine Art von oͤffentlichem Platz erbaut waren. Die Gebaͤude waren gleich denen von Cuba und Hispaniola aus Baumſtaͤmmen mit Rohr und Zweigen zuſammenge⸗ flochten und mit Palmblaͤttern gedeckt; aber ſie waren vier⸗ eckig, nicht rund wie auf jenen Inſeln,*) und jedes hatte ſeinen Porticus oder ein Schirmdach gegen die Sonne. Der Eingang eines dieſer Haͤuſer trug als Verzierungen Bilder von Schlangen, die ganz ertraͤglich in's Holz geſchnitzt wa⸗ ren. Ihr Hausgeraͤthe war daſſelbe;— Haͤngmatten von Netzen aus Baumwolle, Geſchirre aus Calabaſchen oder Erde geformt, die den beſten der auf Hispaniola gleichka⸗ men. Große Vorraͤthe von Baumwolle waren aufgeſchich⸗ tet, einige roh, andere zu Garn gedreht und zu Kleidern von ertraͤglicher Weberei verarbeitet; viele Bogen und Pfeile, die letzteren mit ſcharfen Knochen zugeſpitzt. Lebens⸗ mittel ſchienen im Ueberfluß vorhanden. Es gab viele zahme *) Hist. del Almirante, c. 62. — 15— Gaͤnſe, den europäͤiſchen äͤhnlich, auch eine Menge gezäͤhm⸗ ter Papagaien mit blauem, gruͤnem, weißem und rothem Geſieder, die praͤchtige Art, welche Guacamayos heißt. Hier fanden die Spanier auch zuerſt die koͤſtliche Ananas oder den Pinus⸗Apfel, deſſen Huft und Wohlſchmack ſte entzückte und in Verwunderurg ſetzte. Indem ſie dieſe Jauſe« veſuchten, fanden ſie auch zu ihrem Erſtaunen eine Pfanne oder ein anderes Geſchirr von Eiſen, einem Metall, welches ſie in der neuen Welt noch nicht angetroffen hatten. Fernando Colon meint jedoch, es ſey aus einer Art ſchwe⸗ rem Mineral gewonnen worden, welches auf dieſen Inſeln gefunden werde, und geſchmolzen den Schein von glaͤnzen⸗ dem Eiſen habe, und welches die Entdecker bei ihrem haſti⸗ gen Beſehen wohl fuͤr ein ſolches gehalten haben mochten; doch haͤlt er es auch fuͤr moͤglich, daß es ein Hausgeraͤth geweſen ſeyn konnte, welches die Indianer von Hispaniola dahin gebracht haͤtten. Gewiß iſt es, daß bei dem Volke dieſer Inſeln niemals einheimiſches Eiſen gefunden wurde. Ein anderer Gegenſtand, der Erſtaunen und Nachden⸗ ken bei ihnen erweckte, war ein Stuͤck von dem Hintertheil eines Schiffes, welches ſie in einem der Haͤuſer fanden. Wie hatte daſſelbe dieſe Kuͤſten erreicht, die von Schiffen civiliſirter Nationen noch nie befahren zu ſeyn ſchienen. War es das Wrak eines Fahrzeuges von den cultivirteren Gegenden Aſiens, welches nach ihrer Vorausſetzung in die⸗ ſer Richtung irgendwo liegen mußte? Konnte es nicht ein Stuͤck von der Caravele ſeyn, mit welcher Columbus bei der Inſel Hispaniola auf ſeiner erſten Reiſe Schiffbruch ge⸗ litten hatte? Oder war es das Fragment einer anderen Lenao ichen Bueh⸗ welches uͤber den atlantiſchen Ocean bnrenatne Werhen 4 konnte als das wahrſcheinlichſte den Kuſten Tünthg Pi 3 efndire Stroͤmung, welche von 4 1 ie vorherrſchenden Paſſatwinde hier heruͤbergeht, mußte von Zeit zu Zait BrinA ſRe..⸗ der alten Welt zu den Geſtaden der neuen fuͤhren, und lange vor der Entdeckung des Columbus moͤgen die einfa⸗ chen Wilden der Inſeln und Kuͤſten oft mit Verwunderung große Rudera von europaͤiſchen Fahrzeugen erblickt haben, die in den entgegengeſetzten Regionen des Oceans zu Grunde gegangen waren und nach und nach bis zu ihren Ufern ge⸗ langten. Was aber die Spanier am meiſten ſtutzen machte und ſie mit Schrecken erfuͤllte, war der Anblick von Menſchen⸗ gebeinen, an denen ſie die Spuren finden wollten, daß hier von den Wilden unnatuͤrliche Mahlzeiten gehalten wor⸗ den ſeyen. Auch waren Schaͤdel in den Wohnungen aufge⸗ haͤngt, die augenſcheinlich als Vaſen oder als anderes Haus⸗ geraͤth benutzt wurden. Dieſe unſeligen Reſte uͤberzeugten fie, daß ſie nun bei der Heimath der Cannibalen oder Ca⸗ raiben angekommen ſeyen, jener umherſchweifenden wilden Krieger, deren raͤuberiſche Einfaͤlle und grauſamer Charak⸗ ter der Schrecken dieſer Meere geworden war. Als das Boot wieder an Bord zuruͤck kam, ſteuerte Columbus un⸗ gefaͤhr zwei Seemeilen weiter bis ſpaͤt am Abend, wo er in einer paſſenden Bucht Anker warf. Die Inſel dehnte ſich auf dieſer Seite ungefaͤhr fuͤnfundzwanzig Stunden, mit — 17— einer Abwechslung von hohen Bergen und weiten Ebenen aus. Laͤngs der Kuͤſte erblickte man kleine Doͤrfer und Weiler, deren Bewohner erſchreckt entflohen, als ſie das Geſchwader an ihren Kuͤſten voruͤberziehen ſahen. Bei Ta⸗ gesanbruch erlaubte Columbus einigen Kapitainen, mit ei⸗ ner Anzahl ihrer Leute an's Land zu gehen, um zu ver⸗ ſuchen, ob ſich Verkehr mit den Einwohnern anknuͤpfen laſſe. Sie theilten ſich in Trupps und kehrten im Verlauf. des Tages zuruͤck, mit einem Knaben und einigen Weibern, worunter Eingeborene der Inſel, die ſie mit anderen zu Ge⸗ fangenen gemacht hatten. Dieſe beſtaͤtigten die Vermuthung des Columbus, daß er bei einer der caraibiſchen Inſeln an⸗ gelangt ſey. Er erfuhr, daß die Bewohner mit zwei nahe⸗ liegenden Inſeln im Bunde waͤren, aber mit allen anderen Nachbar⸗Inſeln im Kriege lebten. Sie gingen ſelbſt auf Raubzuͤge aus, und entfernten ſich zu dieſem Ende in ihren Canoes von gehoͤlten Baumſtaͤmmen auf eine Strecke von hundert und funfzig Seemeilen. Ihre Waffen beſtaͤnden aus Bogen und Pfeilen mit Knochen von Fiſchen oder mit Schildkrott zugeſpitzt und mit dem Saft eines gewiſſen Krautes vergiftet. Sie machten feindliche Einfaͤlle auf den Inſeln, verheerten die Doͤrfer, fuͤhrten die juͤngſten und ſchoͤnſten Weiber hinweg, um ihnen als Genoſſinnen und Maͤgde zu dienen, und naͤhmen die Maͤnner gefangen, um ſie zu erſchlagen und zu eſſen. Nach Anhoͤrung ſolcher ſchrecklichen Berichte uͤber die Eingebornen der Inſel war es Columbus ſehr unbehaglich, zu erfahren, daß der Kapitain einer Caravele, Diego Mar⸗ Irving's Columbus. 4— 6. 2 — 18— que, mit acht Mann vermißt werde. Er war mit ſeinem Trupp fruͤhmorgens ohne Erlaubniß an's Land gegangen, hatte ſich in die Waldungen begeben und ſeitdem nichts von ſich ſehen noch hoͤren laſſen. Am naͤchſten Tage, als die Wanderer noch immer nicht zuruͤckkehrten, wuchs die Be⸗ ſorgniß des Admirals; er fuͤrchtete, ſie moͤchten von einem Hinterhalt der Indianer uͤberfallen worden ſeyn; denn ei⸗ nige von den Leuten waren ſo erfahrene Schiffer, daß man verſichert ſeyn konnte, wenn ſie ſich verirrt haͤtten, wuͤrden ſie nach dem geſtirnten Himmel leicht ihren Ruͤckweg gefun⸗ den haben. Es wurden, um ſie aufzuſuchen, Streifzuͤge nach verſchiedenen Richtungen unternommen, und jeder Trupp mit einem Trompeter verſehen, um Signale und Erken⸗ nungszeichen zu geben. Kanonen wurden von den Schiffen geloͤſt und Flinten an der Kuͤſte abgefeuert, doch alles ver⸗ gebens, und die Streifparthieen kehrten am Abend ermuͤdet vom fruchtloſem Nachforſchen zuruͤck. Sie hatten mehrere Weiler beſucht, in welchen ſie, wie ſie meinten, Beweiſe des canibaliſchen Appetits der Eingeborenen antrafen, die nicht geeignet waren, ihre Beſorgniß uͤber das Schickſal ih⸗ rer Gefaͤhrten zu zerſtreuen. Menſchliche Gliedmaßen hin⸗ gen an den Balken in den Haͤuſern, als ſeyen ſie zum Vorrath aufgehaͤngt; ſie fanden den Kopf eines friſch er⸗ ſchlagenen jungen Mannes, der noch blutete, ſahen auch einige ſeiner Glieder neben dem Fleiſch von Gaͤnſen und Papagaien am Feuer kochen oder braten.*) *) P. Martyr, 147. Brief, an Pomponius Lätus. Der⸗ ſelbe Decad. 1. lib. II. — 19— Verſchiedne Eingeborne hatte man im Verlauf des Ta⸗ ges da und dort an der Kuͤſte geſehen, ſie blickten die Schiffe mit Verwunderung an, aber wenn die Boote ſich der Inſel naͤherten, flohen ſie in ihre Waͤlder und Berge. Einige Weiber dagegen kamen zu den Spaniern gelaufen; es waren Gefangene, die von den andern Inſeln entfuͤhrt worden waren. Columbus ließ ſie mit kleinen Schellen, mit Schnuͤren von Perlen und Glaskorallen zieren und ſandte ſie wieder an's Ufer, in der Hoffnung, dadurch einige von den Maͤnnern der Inſel anzulocken. Die Weiber ka⸗ men bald zu den Booten zuruͤck, von den wilden Inſula⸗ nern ihres Schmuckes beraubt, und flehend, man moͤge ſie an Bord der Schiffe nehmen. Der Admiral erfuhr von ih⸗ nen, daß die meiſten Maͤnner der Inſel abweſend waͤren, da ihr Koͤnig mit zehn Canoes und dreihundert Kriegern auf einen Raubzug ausgefahren ſey, um Beute und Gefan⸗ gene zu machen. Wenn die Maͤnner auf ſolche Zuͤge auslie⸗ fen, blieben die Weiber zuruͤck, um ihre Kuͤſten gegen Ein⸗ draͤnger zu vertheidigen. Sie ſollten geſchickte Bogenſchuͤtzen ſeyn, ihren Maͤnnern an kriegeriſchem Geiſte aͤhnlich und an Staͤrke und Unerſchrockenheit gleich.*) Außer den weiblichen Fluͤchtlingen, die an Bord der Schiffe Schutz ſanden, lebten noch mehrere Knaben als Ge⸗ fangene unter den Eingeborenen, die auf einige Zeit zu einer ſonderbar raffinirten Grauſamkeit aufgehoben wurden. Die Spanier hoͤrten naͤmlich, daß es bei den Caraiben der *) P,. Martyr, decad. 3. lib. IX. 2* Gebrauch ſey, dieſe jungen Gefangenen zum MannesNalter heranreifen zu laſſen, ſie fuͤr ihre Feſte fett zu machen und ſie ihrer Mannheit zu berauben, um ihnen ein zarteres und wohlſchmeckenderes Fleiſch zu geben.*) Es liegt etwas ſo empoͤrendes fuͤr die menſchliche Natur in dem Gedanken die⸗ ſes Cannibalismus, daß wir gern ſolche Berichte den Miß⸗ verſtaͤndniſſen, Mißdeutungen und Fabeln der Seefahrer zu⸗ ſchreiben moͤchten, aber ſie werden zu ernſtlich von achtungs⸗ werthen Schriftſtelern beſtaͤtigt, und ſind zu merkwuͤrdig an ſich, um mit Stillſchweigen uͤbergangen zu werden. Columbus war nun in Verlegenheit, welche Richtung er nehmen ſollte. Gern haͤtte er ſich geeilt, nach Hispaniola zu kommen, um ſich des Schickſals ſeiner Gefaͤhrten zu verſichern, die er dort gelaſſen hatte; jeder Aufſchub war ihm daher laͤſtig. Ohne dieſe Maͤnner jedoch wegzufahren, vorausgeſetzt, daß ſie noch am Leben ſeyen, wuͤrde ſie einem grauſamen Tode in den Haͤnden der Cannibalen uͤberliefert haben. Ein Schiff mit Mannſchaft in der Hoffnung ihrer Ruͤckkunft zuruͤckzulaſſen, war gefaͤhrlich bei den tauſend moͤglichen Zufaͤllen an dieſen wilden Kuͤſten und unerforſch⸗ ten Meeren. In dieſer zweifelhaften Lage erbot ſich Alonzo de Ojeda, der naͤmliche waghalſige junge Ritter, von wel⸗ chem das Wageſtuͤck auf dem Domthurme zu Sevilla erzaͤhlt wurde, mit vierzig Leuten in's Innere der Inſel zu drin⸗ gen, und alle Waͤlder nach den Vermißten zu durchſuchen. *) Brief des Dr. Chanca. Peter Martyr, 147. Brief. Hist. del Almirante, cap. 46. 3 Sein Anerbieten fand Gehoͤr, und der Admiral befahl, daß man waͤhrend ihrer Abweſenheit die Schiffe mit Holz und Waſſer verſehen ſolle, erlaubte auch, daß ein Theil der Mannſchaft an's Land gehen duͤrfe, um ihre Kleidungsſtuͤcke zu waſchen und ſich an dem Geſtade ein wenig zu erholen. Alonzo de Ojeda drang mit ſeinen Begleitern durch alle Waͤlder in der Nachbarſchaft und nahm ſeinen Weg tief in's Innere, feuerte Flinten ab, ließ Trompeten in den gewoͤlb⸗ ten Thaͤlern widerhallen und von Bergesſpitzen und ſchrof⸗ fen Felſen ertoͤnen; alles vergebens, keine Stimme, kein Laut außer dem Echo ihrer Toͤne kam als Antwort zuruͤck. Ihr Nachforſchen wurde durch die Undurchdringlichkeit der Waͤlder, die in der kraͤftigen und wilden Ueppigkeit der tropiſchen Laͤnder ſtanden, außerordentlich erſchwert. Ojeda ſah mit dem Auge eines jungen Abenteurers alles unter ei⸗ nem reizenden Lichte und brachte die uͤbertriebenſten Nach⸗ richten von den Produkten der Gegend zuruͤck. Die Waͤl⸗ der waren erfuͤllt mit dem Wohlgeruch arometragender Baͤume und Geſtraͤuche, worin er das Ouften vieler koͤſt⸗ lichen Baumharze und Gewuͤrze zu finden glaubte. Er ſah mancherlei tropiſche Voͤgel von unbekannten Arten, auch Falken, Koͤnigs⸗Reiher, Habichte, Waldtauben, Turteltau⸗ ben und Kraͤhen. Auch bildete er ſich ein, Rebhuͤhner geſe⸗ hen zu haben, die aber in Wirklichkeit nur auf der Inſel Cuba gefunden wurden, ferner die Nachtigall gehoͤrt zu ha⸗ ben, die aber in der neuen Welt unbekannt iſt. Die Inſel hatte jedoch einen Ueberfluß an Fruͤchten aller Art, denn nach Peter Martyr waren die Cannibalen ein wildes um⸗ — 22— herſchweifendes Volk, welches auf ſeinen Zügen in die Nach⸗ barlaͤnder einfiel, und gewohnt war, die Saͤmereien und Wurzeln aller moͤglichen Gattungen von fremden und nütz⸗ lichen Pflanzen nach Hauſe mitzubringen. Als einen Be⸗ weis der Fruchtbarkeit bemerkt er, daß man auch Honig in hohlen Baͤumen und in den Felſenritzen antraͤfe. Die Inſel war ſo in Ueberfluß bewaͤſſert, daß Ojeda ſagt, er ſey in einer Strecke von ſechs Stunden durch ſechs und zwanzig Fluͤſſe gewatet; doch iſt es wahrſcheinlich, daß meh⸗ rere darunter die Kruͤmmungen eines und deſſelben Stromes waren.— Columbus gab nun die Vermißten fuͤr verloren. Einige Tage waren ſeit ihrem Verſchwinden verſtrichen, waͤhrend weſcher Zeit ſie, wenn noch am Leben, unmoͤglich noch ir⸗ gendwo unentdeckt oder nicht im Stande geweſen ſeyn ſoll⸗ ten, ihren Weg zu den Schiffen zuruͤck zu nehmen. Er war eben im Begriff abzuſegeln, als zur großen Freude der ganzen Flotte ein Signalſchuß an der Kuͤſte gehoͤrt wurde. Wie die Wanderer an Bord kamen, ſagten ihre hohlaͤugigen und erſchoͤpften Zuͤge, was ſie gelitten hatten. Unbegreif⸗ licherweiſe kamen ſie bei ihrem Eintritt in die Waͤlder gleich in falſche Richtungen und verloren ſich immer tiefer in die Inſel, bis ſie ſich gar nicht mehr zurecht finden konnten. Einige Tage hatten ſie ſich in den Irrgaͤngen eines ſpur⸗ koſen Waldes verwirrt, der ſo dicht zuſammengewachſen war, daß das Tageslicht faſt nicht durchbrechen konnte. Sie hat⸗ ten Felſen erklettert, Fluͤſſe durchwatet und ſich durch Dick⸗ ichte und Geſtraͤuche Bahn gemacht. Einige von ihnen klet⸗ — 232— terten als erfahrene Seeleute auf die Baͤume, um die Sterne zu erkennen, wonach ſie ihre Richtung nehmen moͤch⸗ ten, aber das weikverbreitete Laubwerk mit hohen Aeſten benahm ihnen alle Ausſicht nach oben.*) Die ſchrecklichſte Angſt bemaͤchtigte ſich ihrer, indem ſie fuͤrchteten, der Ad⸗ miral werde ſie fuͤr todt halten und in dieſer Wildniß zu⸗ ruͤcklaſſen, von ihrer Heimath und von den Wohnungen ci⸗ viliſirter Menſchen auf immer abgeſchnitten. Endlich, ſchon am Rande der Verzweiflung, gelangten ſie wieder an die Seekuͤſte und nachdem ſie ihr eine Zeit lang gefolgt, erblick⸗ ten ſie zu ihrer nicht geringen Freude die Flotte noch ru⸗ hig vor Anker liegen. Sie brachten mehrere indianiſche Weiber und Knaben mit; aber auf allen ihren Zuͤgen wa⸗ ren ſie keinem Manne begegnet, indem gluͤcklicherweiſe der groͤßte Theil der kriegeriſchen Bewohner, wie ſchon bemerkt, auf einer Raubfahrt begriffen war. Ungeachtet der Drangſale, die ſie erduldet, und der Freude die Columbus ſelbſt uͤber ihre Ruͤckkehr empfand, hielt es der Admiral doch fuͤr zu wichtig in einem Dienſte von ſo kritiſcher Natur, jede Uebertretung der Disciplin zu beſtra⸗ fen. Der Kapitain wurde daher in Arreſt geſetzt und den Leuten ein Theil ihrer Ration entzogen, weil ſie ſich ohne Erlaubniß auf dieſe Art entfernt hatten.**) *) Dr. Chanca's Brief. Hist. del Almirante, cap. 46. **) Brief des Dr. Chanca. Drittes Kapitel. Kreuzen zwiſchen den caraibiſchen Inſeln. (1493) Columbus ließ am 10. November die Anker lichten und ſegelte laͤngs der Kuͤſte von Guadelupe nach Nordweſten, in welcher Richtung nach ſeiner eignen Berechnung und nach den Ausſagen der Wilden Hispaniola liegen mußte. Die Weiber, welche ſie an Bord genommen hatten, gaben ihm Nachricht von anderen Inſeln im Süden, und verſicherten, daß das Feſtland ſich nach dieſer Himmelsgegend ausdehne, eine Benachrichtigung, die er ſpaͤter bewahrheitet fand, aber fuͤr den Augenblick verhinderte ihn die Ungeduld, nach dem Hafen La Navidad zu kommen, an einer ſolchen Ausdehnung der Entdeckungen. Indem er ſeinen Lauf in dieſem reizenden Archipelagus fortſetzte, gab er deſſen Inſeln Namen, wie eine nach der andern vor ſeinen Blicken auftauchte. Montſerrat, Santa Maria la Redonda, Santa Maria la Antigua, endlich San Martin; verſchiedene andere Inſeln erſchienen im Nor⸗ den und dehnten ſich nach Nordweſt und Suͤdoſt aus, alle ſehr hoch und bergig, mit ſchoͤnen und praͤchtigen Waldun⸗ — 25—. gen; aber der Admiral wollte nicht, daß man ſie beſuche. Da das Wetter ſtuͤrmiſch wurde, warfen ſie am 14. No⸗ vember bei einer Inſel Anker, die von den Indianern Ayay genannt wurde; der Admiral gab ihr den Namen Santa Cruz. Hier ſandte er ein Boot mit fuͤnf und zwanzig Mann an die Kuͤſte, um Waſſer zu holen und ſich uͤber ihre weitere Fahrt zu unterrichten. Sie fanden ein von den Maͤnnern verlaſſenes Dorf, verſicherten ſich aber einiger Weiber und Knaben, von denen die meiſten Gefangene wa⸗ ren, die man von anderen Inſeln hierher gebracht hatte, denn dieſes Eiland war ebenfalls ein Wohnort der Carai⸗ ben. Sie erhielten bald eine Probe von dem Muth und der Wildheit dieſes ſonderbaren Geſchlechtes. Waͤhrend das Boot an der Kuͤſte hielt, kam ein Canoe mit vier India⸗ nern, worunter zwei Weiber waren, von einem entfernten Theil der Inſel an der Kuͤſte hergefahren, und indem ſie um eine Landſpitze bogen, bekamen ſie ploͤtzlich den offenen Anblick der Flotte. Erſtaunt uͤber dieſe fuͤr ſie augenſchein⸗ lich ſchreckliche und uͤbernatuͤrliche Erſcheinung, hielten ſie lange Zeit in ſtummer Verwunderung. Sie waren in den Anblick ſo vertieft, daß das Boot, welches von der Kuͤſte abſtieß, ſich ihnen unvermerkt naͤhern konnte. Jetzt ergrif⸗ fen ſie ploͤtzlich die Ruder und ſuchten zu entfliehen; aber obgleich ihr leichter Canoe uͤber die Flaͤche der Wogen hin⸗ glitt, ſo holte ſie doch das Boot durch anhaltendes Rudern ein, und ſchnitt ihnen, da es zwiſchen ihnen und dem Lande fuhr, den Ruͤckweg ab. Als ſie ſahen, daß das Fliehen ver⸗ geblich ſey, nahmen ſie ihre Bogen und Pfeile und kehrten — 26— ſich trotzig gegen ihre Verfolger. Die Weiber ſtritten gleich den Maͤnnern. Die eine ſchien mit Folgſamkeit und Ehrer⸗ bietung behandelt zu werden, als waͤre ſie ihre Koͤnigin. Sie hatte ihren Sohn zum Begleiter, einen jungen Mann (ſagt Peter Martyr) von kraͤftiger Geſtalt, mit fuͤrchterlichen wilden Stirnrunzeln und einem Loͤwengeſicht.*) Sie ſchoſ⸗ ſen ihre Pfeile mit ausnehmender Kraft und Schnelligkeit ab. Obgleich die Spanier durch ihre Schilder geſchuͤtzt wa⸗ ren, wurden doch zwei von ihnen ſtark verwundet und ein Pfeil mit ſolcher Gewalt von etner der Heldinnen dbe⸗ ſchnellt, daß er einen Schild ganz durchdrang. 1 Um dem Pfeilregen zu entgehen, der noch furchtbarer durch die Vermuthung wurde, die Pfeile moͤchten vergiftet ſeyn, ließen die Spanier ihr Boot mit Heftigkeit wider den Canoe anlaufen und warfen ihn um. Aber die trotzigen Wilden fuhren im Waſſer fort zu fechten, ſie ſammelten ſich auf hervorragenden Klippen und ſchnellten ihre Pfeile ſo ge⸗ ſchickt ab, als ob ſie auf dem platten Lande ſtaͤnden. Man konnte ſie nur mit der groͤßten Anſtrengung uͤberwältigen und gefangen nehmen. Einer von ihnen war von einer Lanze durchſtochen, ſo daß er ſtarb, nachdem man ihn auf eines der Schiffe gebracht hatte, und der Sohn der Koͤnigin war ebenfalls verwundet. Als ſie an Bord kamen, konnten die Spanier ſich uͤber ihr unbaͤndiges Weſen und trotziges Betragen nicht genug verwundern. Ihr Haar war lang und dick, die Augen rings mit Farbe bemalt, daß ſie da⸗ *) Peter Martyr, decad, 1, lib. II. durch ein haͤßliches Anſehen erhielten; Baͤnder von Baum⸗ wolle liefen feſtgebunden oberhalb und unterhalb der fleiſchi⸗ gen Theile ihrer Arme und Beine, daß dieſe einen unver⸗ haͤltnißmaͤßigen umfang hatten, eine große Schoͤnheit nach ihrer Meinung, und eine Sitte, die ſich bei den verſchiede⸗ nen Staͤmmen der neuen Welt vorherrſchend fand. Wie⸗ wohl in Ketten gelegt, und in der Macht ihrer Feinde, be⸗ hielten ſie doch ihre drohende Stirn und eine Miene der Verachtung bei. Peter Martyr, der ſie oft beſuchte, als ſie nach Spanien kamen, bemerkt aus eigner Erfahrung und nach der Verſicherung derer, die ihn begleiteten, daß es un⸗ moͤglich geweſen, ſie ohne ein gewiſſes innerliches Grauen anzuſehen, ſo habe ihnen die Natur eine drohende, furchter⸗ weckende Miene gegeben. Gedachter Eindruck war jedoch ohne Zweifel groͤßtentheils Folge der Idee, daß es Men⸗ ſchenfreſſer ſeyen. In dieſem Gefecht hatten ſich die India⸗ ner, wie der naͤmliche Autor erzaͤhlt, giftiger Pfeile be⸗ dient, und einer der Spanier ſtarb in wenigen Tagen an einer Wunde, die er von einer der Heldinnen erhalten hatte.*) Indem Columbus ſeine Reiſe fortſetzte, bekam er eine große Gruppe von Inſeln zu Geſicht, die mancherlei Geſtalten und Erſcheinungen zeigte. Einige waren gruͤn und mit Wal⸗ dung bedeckt, der groͤßere Theil aber nackt und unfruchtbar, mit *) P. Martyr decad. 1, lib. II. Hist, del Almirante, c. 47. Les Casas hist. Ind, c. 85. M8. Brief des Dr. Chanca. 4 3 — 28— wilden ſchroffen Felſenklippen in die Hoͤhe ſtrebend, viele von dieſen Felſen hatten eine ſchimmernde Azurfarbe und andere ein glaͤnzendes Weiß; Columbus nahm in ſeiner leb⸗ haften Einbildungskraft an, daß ſie Minen von koſtbaren Metallen und Edelſteinen enthielten. Da dieſe Inſeln nahe beiſammen lagen und die See in den engen Kanaͤlen, die ſie trennten, in ſtarken Wellen und Brandungen ging, ſo war es fuͤr die großen Schiffe gefaͤhrlich, hier einzudringen. Co⸗ lumbus blieb daher auf der hohen See und ſandte eine kleine Caravele mit ſchmalen Segeln hinein, um die Kuͤſten zu erforſchen; dieſe kehrte mit der Nachricht zuruͤck, daß es uͤber funfzig Inſeln, dieſelben aber dem Anſcheine nach un⸗ bewohnt ſeyen. Der groͤßten derſelben gab Columbus den Namen Santa Urſula und nannte die andern die Eilftau⸗ ſend Jungfrauen.*) Die Erforſchung dieſer Inſeln einer ſpaͤteren Zeit uͤber⸗ laſſend, ſetzte er ſeinen Lauf fort, bis er am Abend eine große, mit reizenden Waldungen bedeckte und von ſchoͤnen Buchten umgebene Inſel zu Geſicht bekam. Die Eingebor⸗ nen nannten ſie Boriquon; Columbus legte ihr den Namen San Juan Bautiſta bei; ſie iſt dieſelbe, die jetzt unter dem Namen Portorico bekannt iſt. Dieſes war die Heimath der meiſten Gefangenen, welche ſich von den caraibiſchen Inſeln auf die Schiffe gefluͤchtet hatten. Nach ihren Berichten war ſie fruchtbar und bevoͤlkert, und ſtand unter der Herrſchaft eines einzigen Caziken. Ihre Bewohner waren dem Umher⸗ *) P. Martyr, decad. 1, lib. II. Brief des Dr. Chanca. — 20— ſtreifen nicht ergeben und beſaßen nur wenige Canoes. Sie wurden oͤfters von den Caraiben heimgeſucht, welche ſie fuͤr ihre unverſoͤhnliche Feinde erklaͤrten. Sie waren nur zu ihrer eigenen Vertheidigung Krieger geworden, und be⸗ dienten ſich des Bogens und der Pfeile ſowie der Kriegs⸗ keule, und bei der Bekaͤmpfung dieſer Feinde raͤchten ſie ſich mit derſelben Grauſamkeit, indem ſie ebenfalls ihre Ge⸗ fangenen auffraßen. Nachdem ſie einen ganzen Tag an der ſchoͤnen Kuͤſte dieſes Eilandes hingefahren waren, liefen ſie in eine Bucht am weſtlichen Ende deſſelben ein, wo es Fiſche im Ueber⸗ fluß gab. Bei ihrem Landen kamen ſie an ein indianiſches Dorf, das wie gewoͤhnlich rings um einen freien Platz gleich einem Marktplatz erbaut war und ein großes, ſchoͤn aufgefuͤhrtes Gebaͤude beſaß. Von dieſem ging ein breiter Weg nach dem Meeresufer, mit Hecken von geflochtenem Rohr, welche fruchtbare Gaͤrten einhegten. Am Ende des Weges war eine Art von Teraſſe oder freier Ausſicht, die uͤber das Waſſer emporragte. Der ganze Ort hatte einen Anſtrich von Nettigkeit und Geſchmack, der die gewoͤhnlichen Wohnungen der Eingebornen uͤbertraf; er ſchien die Re⸗ ſidenz irgend eines wichtigen Haͤuptlings zu ſeyn. Doch alles war ſtill und verlaſſen. Kein menſchliches Weſen ließ ſich waͤhrend der Zeit, als ſie hier verweilten, blicken. Die Eingebornen waren bei dem Anblick des Geſchwaders ent⸗ flohen und hatten ſich verſteckt. Sie blieben hier zwei Tage, dann gingen ſie wieder unter Segel, um zu der Inſel Hispaniola zu gelangen. So endete das Kreuzen — 30— des Columbus zwiſchen den caraibiſchen Inſeln, deren un⸗ baͤndige wilde Bewohner ein Gegenſtand der ungeduldigſten Wißbegierde fuͤr die Gelehrten Europa's wurden, da man aus den Berichten dieſer Reiſenden entnahm, daß ſie eine dunkle und zweifelhafte Frage zum Nachtheil der Menſch⸗ heit entſchieden. Peter Martyr ſchreibt in ſeinem Briefe an Pomponius Laͤtus die Neuigkeit mit ſchauderndem Ernſte: „Die Erzaͤhlungen von den Leſtrigonen und von Polyphem ſind nicht laͤnger zweifelhaft! Hoͤre, aber gib acht, daß dein Haar ſich nicht vor Entſetzen ſtraͤubt!“ Daß viele von den Schilderungen, die uns von dieſem abnormen Geſchlecht uͤberliefert ſind, durch die Furcht der Indianer und die Vorurtheile der Spanier grellere Farben erhalten haben, iſt kaum zu bezweifeln. Dieſe Voͤlkerſchaft war ſtets der Schrecken der erſteren geweſen und war der tapfere und beharrliche Feind der letzteren geworden. Die Beweiſe von ihrer unmenſchlichen Liebhaberei koͤnnen bei den gewoͤhnlichen ſorgloſen und unbeſtimmten Bemerkungen der Seefahrer und bei der Vorausſetzung der Thatſache bei den Spaniern nur mit großem Mißtrauen angenommen werden. Es war eine Sitte bei den Eingebornen vieler Inſeln und Laͤnder der neuen Welt, die Ueberreſte ihrer derſtorbenen Verwandten und Freunde aufzuheben, zuweilen den ganzen Leichnam, zuweilen auch nur den Kopf oder andere Gliedmaßen, am Feuer gedoͤrrt, oft auch die bloßen Knochen. Als man dieſe nun in den Wohnungen auf His⸗ paniola, gegen welche man keinen ſolchen Verdacht hegte, vorfand, betrachtete man ſie lediglich als Reliquien der Ver⸗ — 31— ſtorbenen, aus Liebe und Verehrung aufbewahrt; aber in allen Reſten der Art, die man bei den Caraiben antraf, ſah man mit Schrecken die Beweiſe jener unnatuͤrlichen Liebhaberei. Der kriegeriſche und abſtoßende Charakter dieſer Men⸗ ſchen, ſo verſchieden von dem zaghaften Weſen der Staͤmme um ſie her, und der weite Umfang ihrer Zuͤge und Wan⸗ derungen, gleich denen der nomadiſchen Staͤmme der alten Welt, berechtigten allerdings zu hoher Aufmerkſamkeit. Sie waren von Kindheit auf an's Kriegsleben gewoͤhnt. Sowie ſie nur laufen konnten, gaben ihnen die unerſchrockenen Muͤtter Pfeil und Bogen in die Hand, und machten ſie fruͤhzeitig geſchickt, an den kuͤhnen Waffenthaten ihrer Vaͤ⸗ ter Theil zu nehmen. Ihre weiten Seefahrten ſchaͤrften ihre Beobachtung und ihren Verſtand. Die Eingebornen der uͤbrigen Inſeln kannten keine andere Zeit⸗Eintheilung als die des Tages und der Nacht, der Sonne und des Mondes; ſie aber beſaßen einige Kenntniß von den Sternen, nach denen ſie den Zeitverlauf und die Jahreszeiten berechneten.*) Die muͤndlichen Ueberlieferungen von ihrer Herkunft, wiewohl ſie ſehr unbeſtimmt ſind, koͤnnen doch durch geogra⸗ phiſche Thatſachen zu einer großen Wahrſcheinlichkeit er⸗ hoben werden, und oͤffnen auf dieſe Weiſe eine jener reichen Adern fuͤr die Wißbegierde und den Forſchungsgeiſt, deren es in der neuen Welt ſo viele gibt. Dieſe Staͤmme ſollen *) Hist del Almirante, cap. 62. näͤmlich aus den weitentlegenen, verſteckten Thaͤlern der apalachiſchen Gebirge hieher ausgewandert ſeyn. Die aͤlte⸗ ſten Nachrichten, die wir von ihnen haben, ſchildern fie mit den Waffen in der Hand, in beſtaͤndigen Kriegen, ihren Weg erkaͤmpfend und ihre Heimath veraͤndernd, bis ſie im Laufe der Zeit an der aͤußerſten Spitze von Florida an⸗ kamen. Hier verließen ſie das noͤrdliche Feſtland, uͤberzogen die Lucayo's oder Bahama⸗Inſeln und gelangten von da nach Jahren allmaͤhlig von Inſel zu Inſel uͤber jene weite und gruͤnende Kette von Eilanden, welche das aͤußerſte Ende von Florida mit der Kuͤſte von Paria, auf dem ſuͤd⸗ lichen Feſtlande, in Verbindung bringt. Der Archipelagus, der ſich von Portorico bis nach Tabago erſtreckt, war ihre Feſtungslinie und die Inſel Guadelupe gewiſſermaßen ihre Citadelle. Von hier aus machten ſie ihre Streifzuͤge und verbreiteten den Schrecken ihres Namens uͤber alle umlie⸗ genden Laͤnder. Sie landeten auf dem ſuͤdlichen Feſtlande und uͤberzogen verſchiedene Strecken der Terra firma. Man hat tief im Innern des Landes, durch welches der Ori⸗ nocco ſtroͤmt, Spuren von ihnen entdeckt. Die Hollaͤnder trafen Colonien von ihnen an den Ufern des Ikouteka, der ſich in den Surinam ergießt, laͤngs dem Esquibi, dem Maroni und anderen Fluͤſſen von Guayana, auch in den Gebieten, welche von den Kruͤmmungen des Cajenne be⸗ waͤſſert werden; und es ſcheint ſelbſt, daß ſie ihre Zuͤge bis zu den Kuͤſten des ſuͤdlichen Oceans ausgedehnt haben, in⸗ dem bei den Ureinwohnern Braſiliens ſich eine Claſſe von Menſchen fand, die ſich Caraiben nannten und ſich von den — 33,— umgebenden Staͤmmen durch ihre groͤßere Kuͤhnheit, Fein⸗ heit und unternehmendes Weſen auszeichneten.*) Die Spuren dieſes umherziehenden Geſchlechtes, von ſeinen weiten Wanderungen aus den Apalachen des noͤrd⸗ lichen Feſtlandes uͤber die Inſelgruppen, welche den Meer⸗ buſen von Mexico und die caraibiſche See bis zu den Kuͤ⸗ ſten von Paria einſchließen, und weiterhin zu verfolgen, wo ſie uͤber die weiten Gefilde Guayana's und des Amazo⸗ nenlandes hinzogen, bis ſie endlich zu den entlegenen Kuͤſten Braſiliens gelangten, wuͤrde eine der intereſſanteſten Unter⸗ ſuchungen uͤber die Urgeſchichte ſeyn und viel Licht uͤber die in Dunkel gehuͤllte Frage von der Art der Bevoͤlkerung der neuen Welt verbreiten.. Viertes Kapitel. Ankunft in dem Hafen La Navidad. Unglück mit dem Fort.— (1493.) Am 22. November kam die Flotte an der Spitze einer großen Inſel an, und man verſicherte ſich bald, daß es das oͤſtliche Ende Hayti's, oder wie es der Admiral genannt *) Rochefort, hist: nat. des Isles Antilles, Rotter- dam 1645. Irving's Columbus. 4— 6. 3 — 34— hatte, Hispaniola's war. Die groͤßte Aufregung herrſchte auf der Armada bei dem Gedanken, daß ſie nun bald das Ende ihrer Reiſe erreichen ſollten. Columbus ſah im Geiſte ſchon die Freude der Schaar kuͤhner Maͤnner, die er in der Wildniß zuruͤckgelaſſen hatte, und machte ſich Hoffnung auf unſchaͤtzbare Belehrungen aus ihrem Munde uͤber die Inſel und die umgebenden Meere, wenn ſie ihm auch keine Schaͤtze entgegenbraͤchten. Diejenigen unter ſeinen Gefaͤhrten, welche auf der erſten Reiſe mitgeweſen waren, erinnerten ſich der herrlichen Tage, die ſie unter den bluͤhenden Hainen Hayti's zugebracht hatten, und die uͤbrigen blickten mit Un⸗ geduld auf dieſe naͤchſte Zukunft, da ihnen die Scenen und Sitten der Inſel in dem ganzen Zauberreiz des goldnen Weltalters geſchildert wurden. Die Flotte fuhr langſam mit leichten Segeln längs der gruͤnenden Kuͤſte dahin, waͤhrend ein Boot an's Land ging, um einen Matroſen aus Biscaya zu beerdigen, der an einer Pfeilwunde geſtorben war, welche er in dem Gefecht mit den Caraiben empfangen hatte. Zwei leichte Caravelen hielten ſich am Ufer, um das Schiffsvolk zu ſchirmen, waͤh⸗ rend das Leichenbegaͤngniß in der Naͤhe unter den Baͤumen vor ſich ging. Einige von den Eingebornen kamen an das Schiff heran, mit einer Botſchaft von einem Caziken der Nachbarſchaft an den Admiral, die ihn einlud, an's Land zu kommen und ihm eine große Menge Goldes verſprach; Columbus lehnte jedoch in der Ungeduld, La Navidad zu erreichen, die Einladung ab, entließ die Inſulaner mit Ge⸗ ſchenken und ſetzte ſeinen Lauf fort. Nachdem er eine ziem⸗ liche Strecke zuruͤckgelegt hatte, gelangte er zu dem Golf de las Flechas, oder wie er jetzt genannt wird, zum Golf von Samana, dem naͤmlichen Ort, wo er bei ſeiner erſten Reiſe das kleine Gefecht mit den Eingebornen gehabt hatte. Hier ſetzte er einen von den jungen Indianern des Ortes wieder an die Kuͤſte, die ihn nach Spanien begleitet hatten und dort zum Chriſtenthum bekehrt worden waren. Er entließ ihn ſchoͤn geſchmuͤckt und mit Flitterwerk beladen, indem er einen günſtigen Eindruck von der Erzaͤhlung er⸗ wartete, die er ſeinen Landsleuten von allen geſehenen Wundern und von der guͤtigen Behandlung unter den Eu⸗ ropaͤern geben wuͤrde. Der jnnge Indianer that mancherlei Verſprechungen von Freundſchaftsdienſten, aber entweder vergaß er alles wieder, als er ſeine wilde Freiheit und ſeine heimathlichen Berge erreicht hatte, oder er fiel als ein Opfer des Neides uͤber ſeinen Reichthum und Putz. Sie ſahen und hoͤrten nichts weiter von ihm.*) Nur ein In⸗ dianer von denen, die mit in Spanien geweſen waren, ver⸗ harrte jetzt noch auf der Flotte; es war der junge Lucayer von der Inſel Guanahani, der in Barcelona getauft und nach dem Bruder des Admirals Diego Colon genannt worden war. Er blieb den Spaniern immer treu ergeben. Am 25: November ging Columbus in dem Hafen Monte Chriſti vor Anker, waͤhrend er ſehr wuͤnſchte, einen paſſen⸗ den Ort zu einer Niederlaſſung in der Nachbarſchaft des Stromes zu finden, dem er bei ſeiner erſten Reiſe den Na⸗ *) BHerrera hist. Ind., decad. 1, lib. II. c. 9. 3* men Rio del Oro oder Goldfluß gegeben hatte. Als mehrere von den Seeleuten die Kuͤſte unterſuchten, fanden ſie an den gruͤnen und feuchten Ufern eines kleinen Fluſſes die Leichname eines Mannes und eines Knaben. Der erſtere hatte ein Seil von ſpaniſchem Gras um den Hals; ſeine Arme waren ausgereckt und mit den Handgelenken an einen Pfahl in der Form eines Kreuzes gebunden. Die beiden Koͤrper waren ſchon ſehr in Verweſung uͤbergegangen, daß es unmoͤglich war zu erkennen, ob es Indianer oder Eu⸗ ropaͤer waren. Ungluͤckliche Ahnungen ſtiegen indeſſen in ihnen auf, die ſich am folgenden Tage beſtaͤtigten; denn als ſie wieder an's Land gingen, fanden ſie in einiger Ent⸗ fernung wieder zwei Leichname, wovon einer einen Bart hatte, alſo offenbar der Leib eines weißen Mannes war. Die freudigen Erwartungen des Columbus bei ſeinem Nahen an La. Navidad wurden nun von trüben Ahnungen verdraͤngt. Die Erfahrung, welche er noch kuͤrzlich von der Wildheit einiger Bewohner dieſer Inſel gemacht hatte, ließ ihn an der Freundſchaft der anderen zweifeln, und er fing an zu fuͤrchten, daß den Arana und ſeine Garniſon irgend ein Ungluͤck betroffen habe. Ddiie unbefangene und furchtloſe Art jedoch, wie ſich eine Menge Eingeborne bei den Schiffen einfanden, und das offene Weſen dieſer Menſchen entfernte wieder einigermaßen ſeine Beſorgniſſe. War irgend eine Gewaltthat an den weißen Maͤnnern veruͤbt worden, ſo konnten ſie ſich un⸗ moͤglich mit ſolcher Unbefangenheit unter deren Gefaͤhrten wagen. 7 4 Am 27. Abends kam er im Angeſichte des Hafens La Navidad an und warf ungefaͤhr eine Seemeile vom Land Anker, da er es in der Daͤmmerung wegen der gefaͤhrlichen Sandbaͤnke nicht wagte, in die Bucht einzulaufen. Es war ſchon zu dunkel, um die Dinge unterſcheiden zu koͤnnen. Ungeduldig, ſeine Zweifel beantwortet zu ſehen, ließ er zwei Kanonen abfeuern. Der Donner des Geſchuͤtzes hallte an der Kuͤſte wieder, aber keine Antwort kam von dem Fort heruͤber. Aller Augen waren geſpannt, den Schim⸗ mer irgend eines Signalfeuers zu bemerken, jedes Ohr horchte auf einen froͤhlichen Laut, aber da war weder Licht zu ſehen, noch ein Ton, noch irgend ein anderes Lebens⸗ zeichen zu vernehmen, alles lag in tiefer Dunkelheit und Todesſtille begraben.*) Mehrere Stunden verſtrichen in der aͤngſtlichſten Er⸗ wartung. Tauſend Ungluͤcksbilder uͤber das Schickſal ihrer Gefaͤhrten tauchten vor ihrer Seele auf, und alle ſehnten ſich nach dem Morgenlichte, um dieſer Ungewißheit entledigt zu werden. Ungefaͤhr um Mitternacht ſah man einen Ca⸗ noe ſich der Flotte naͤhern, in einiger Entfernung hielt er ſtill, die Indianer riefen eins der Fahrzeuge an und ver⸗ langten zu dem Admiral. Nach ſeinem Schiff gewieſen, naͤherten ſie ſich demſelben, wagten ſich aber nicht an Bord, bis ſie Columbus ſelber ſahen. Er zeigte ſich an der Seite ſeines Schiffes; man hielt ein Licht in die Hoͤhe, und ſein Geſicht und ſeine gebietende Geſtalt waren nicht zu ver⸗ *) Brief des Dr. Chanca, Navarrete's Sammlung t. 1. kennen. Nun gingen ſie ohne Zaudern an Bord. Einer der⸗ ſelben war ein Vetter des Caziken Guacanagari und brachte zwei Masken mit Gold geziert von ihm zum Geſchenk. Co⸗ lumbus erkundigte ſich ſogleich nach den Spaniern, die er auf der Inſel zuruͤckgelaſſen habe. Die Auskunft, welche die Eingebornen gaben, war etwas verwirrt oder wurde vielleicht nicht recht verſtanden, da der einzige indianiſche Dollmetſcher an Bord der junge Lucayer Diego Colon war, deſſen Mutterſprache ſich von der Haytiſchen etwas unter⸗ ſchied. Er erzählte dem Columbus, mehrere Spanier ſeyen krank geworden und geſtorben; andre haͤtten Streit mit⸗ einander bekommen, und wieder andre ſeyen nach verſchie⸗ denen Theilen der Inſel gewandert, wo ſie ſich mit mehreren indianiſchen Weibern niedergelaſſen haͤtten; Guacanagari ſey von Caonabo, dem wilden Caziken der goldnen Berge von Cibao angegriffen worden, dieſer habe ihn in einem Gefecht verwundet und ſein Dorf niedergebrannt; er liege an ſeiner Wunde in einem benachbarten Weiler krank, welches ihn verhindere zu kommen und dem Admiral perſoͤnlich zu ſeiner Ruͤckkehr Gluͤck zu wuͤnſchen.*) So traurig auch dieſe Nachrichten waren, ſo befreiten ſie doch den Columbus von einer unſeligen ſchwarzen Ver⸗ muthung. Welche Unglucksfaͤlle auch uͤber ſeine Beſatzung gekommen waren, ſie fielen doch nicht als Opfer der Treu⸗ loſigkeit dieſes Volkes; ſein Vertrauen auf die Sanftheit *) Dr. Chanca's Vrief. Hist. del Almirante, e. 48. Herrera hist. Ind. decad. I, lib. I., c. 9. — 39— und Guͤte deſſelben hatte ihn nicht getaͤuſcht, und der Ca⸗ zike die Bewunderung, die ſeine edle Gaſtfreundſchaft er⸗ weckte, nicht verwirkt. Auf dieſe Weiſe fiel die nagendſte Sorge von ſeinem Herzen ab; denn fuͤr eine edle Seele iſt nichts ſo niederſchlagend, als da Verrath zu finden, wo man ſein volles Vertrauen und ſeine Freundſchaft hinwandte. Aus jenen Aeußerungen ſchien hervorzugehen, daß noch einige von der Garniſon am Leben waren, aber auf der Inſel um⸗ her zerſtreut wohnten; ſie mußten bald Kunde von der An⸗ kunft der Schiffe erhalten und ſich beeilen, mit Nachrichten uͤber das Innere reichlich verſehen, zu ihnen zu ſtoßen. Zufrieden mit dem freundlichen Benehmen der Eingebor⸗ nen, war die Heiterkeit bei dem Schiffsvolk bald wieder hergeſtellt. Die an Bord gekommenen Indianer wurden gut bewirthet und gingen noch in der Nacht mit allerlei Geſchenken zuruͤck, indem ſie verſprachen, am Morgen mit dem Caziken Guacanagari wieder zu kommen. Die Seeleute harrten nun des anbrechenden Tages mit neuem Muthe, denn ſie dachten ſich, daß der freundliche Verkehr und die ergoͤtzenden Scenen der erſten Reiſe ſich erneuern wuͤrden. Der Morgen daͤmmerte und ſchwand dahin, der Tag ruͤckte vor und neigte ſich zum Abend, aber noch immer war der Cazike nicht zu dem verſprochenen Beſuche gekom⸗ men. Einige beſorgten, die an Bord geweſenen Indianer koͤnnten ertrunken ſeyn, da ſie ſich den Wein gut hatten ſchmecken laſſen und ihr leichter Canoe ſchnell umſchlagen konnte. Ein tiefes Schweigen und ein Anſchein von Ein⸗ ſamkeit herrſchte uͤber der ganzen Gegend„ was ſehr ver⸗ daͤchtig war. Bei ihrem vorigjaͤhrigen Beſuche war der Ha⸗ fen ein beſtaͤndig belebter Schauplatz geweſen; Canoes glit⸗ ten uͤber die durchſichtigen Gewaͤſſer, Indianer ſah man in Schaaren am ufer oder unter den Baͤumen verſammelt, oder um die Caravele ſchwimmen. Jetzt ließ ſich kein Ca⸗ noe blicken, kein Indianer rief ihnen vom Lande zu, und kein Rauch erhob ſich aus den Hainen, der ihnen ein Zei⸗ chen der Bewohntheit gegeben haͤtte. Nachdem Columbus lange Zeit vergeblich gewartet, ſandte er ein Boot an die Kuͤſte, um Nachforſchungen anzuſtellen. Die Leute eilten ſich, als ſie landeten, den Pfad zu erreichen, wo das Fort errichtet worden war. Sie fanden es als eine verbrannte Ruine wieder; die Palliſaden waren niedergeriſſen und das Ganze in einem Zuſtand gewaltſamer Zerſtoͤrung. Hier und vort lagen zerbrochene Kiſten, verſtreute Vorraͤthe und die zerfetzten Ueberreſte europaͤiſcher Kleidungen; alles das bot traurige Anzeichen von dem Schickſal ihrer Landsleute. Kein Indianer naͤherte ſich ihnen. Man bemerkte zwei bis drei derſelben in der Entfernung hinter den Baͤumen lauern und die Spanier ohne Zweifel aufmerkſam beobachten; aber ſte verſchwanden in die Waldung, als ſie ſich bemerkt ſa⸗ hen. Da ſie Niemanden trafen, der ihnen die traurigen Zeichen umher erklaͤren konnte, kehrten ſie mit muthloſem Herzen nach den Schiffen zuruͤck und erzaͤhlten dem Admiral das Geſehene. Columbus ward tief betruͤbt bei dieſer Botſchaft, und weil die Flotte bereits im Hafen Anker geworfen hatte, ſo entſchloß er ſich am folgenden Morgen ſelbſt die Kuͤſte zu — 4— beſuchen. Er ging zu den Ruinen der kleinen Veſte, fand alles, wie ſie es beſchrieben hatten, und ſuchte vergeblich nach den Leibern der Erſchlagenen. Es zeigte ſich keine Spur von der Garniſon, nur zerbrochenes Geraͤth und zer⸗ riſſene Kleider, die hier und dort im Graſe umher lagen. Man konnte vielerlei annehmen und vermuthen. War das Fort mit Sturm genommen worden, ſo konnten noch einige von den Leuten am Leben und entweder nach entfernteren Gegenden entflohen oder als Gefangene mit weggefuͤhrt wor⸗ den ſeyn. Man feuerte Kanonen und Flinten ab, in der Hoffnung, wenn irgend einer von den Fluͤchtlingen in den Felſen und Waͤldern der Nachbarſchaft verſteckt waͤre, er die Signale hoͤren und hervorkommen wuͤrde; aber es erſchien Niemand. Ein oͤdes, todtes Schweigen herrſchte auf der ganzen Umgebung. Es erhob ſich von neuem der Verdacht, Guacanagari koͤnne zum Verraͤther geworden ſeyn; aber Co⸗ lumbus wollte ſich dieſem Argwohn nicht hingeben. Als ſie ſich weiter umſahen, fanden ſie das Dorf des Caziken in ei⸗ nen Haufen von Brand⸗Ruinen verwandelt, welches ihnen deutlich zeigte, daß ihn daſſelbe Ungluͤck wie die Beſatzung getroffen. Columbus hatte dem Arana und den anderen Officieren den Befehl hinterlaſſen, daß ſie alle Schaͤtze, die ſie gewin⸗ nen moͤchten, vergraben oder im Falle ploͤtzlicher Gefahr in den Brunnen des Forts werfen ſollten. Er befahl nun un⸗ ter den Ruinen Nachgrabungen zu machen, und den Brun⸗ nen auszuſchoͤpfen. Waͤhrend dieſer Nachforſchungen ging er mit den Booten weiter, um die Nachbarſchaft zu unter⸗ — 42— ſuchen, theils in der Hoffnung, etwas uͤber die verſprengten Leute des Forts zu erfahren, und theils um eine beſſere Lage fuͤr ein neues Fort aufzuſuchen. In der Entfernung einer Seemeile kam er zu einem Weiler, deſſen Bewohner entflohen waren, alles was ſie konnten mit ſich genommen und das Uebrige im Graſe verſteckt hatten. In den Haͤu⸗ ſern fanden ſie europaͤiſche Artikel, die ſie offenbar nicht durch Tauſch erworben hatten, als Struͤmpfe, Stuͤcke von Kleidern, einen Anker von der Caravele, welche geſcheitert war, und ein ſchoͤnes mauriſches Gewand, welches noch in den Falten lag, wie es von Spanien heruͤbergebracht wor⸗ den.*) Nachdem Columbus einige Zeit in Nachdenken uber dieſe zerſtreuten Beweisſtuͤcke zugebracht hatte, kehrte er zu den Ruinen des Forts zuruͤck. Die Nachgrabungen und Aus⸗ ſchoͤpfung des Brunnens waren fruchtlos geweſen, es fand ſich nirgends ein Schatz. Nicht weit von dem Fort jedoch waren ſie auf die Leichen von eilf Maͤnnern geſtoßen, die man an verſchiedenen Stellen begraben hatte und die an ihren Kleidern als Europaͤer kenntlich waren. Sie lagen augen⸗ ſcheinlich ſchon lange unter der Erde, denn es wuchs Gras auf ihren Graͤbern. Im Laufe des Tages kamen mehrere Indianer zum Vorſchein, ſie hielten ſich furchtſam in eini⸗ ger Entfernung und zeigten großes Mißtrauen. Ihre Furcht war bald durch freundliche Zeichen und unbedeutende Geſchenke verſcheucht und ſie wurden am Ende ganz ge⸗ *) Brief des Dr. Chanca. Cura de los Palacios, c. 120, ſpraͤchig. Einige von ihnen konnten ein Paar ſpaniſche Worte reden, und wußten die Namen aller Maͤnner, die mit Arana zuruͤckgeblieben waren. Hierdurch und mit Bei⸗ huͤlfe des Dollmetſchers war die Geſchichte der Garniſon ei⸗ nigermaßen auszumitteln. Es iſt intereſſant, auf dieſe erſten Fußtapfen der Civili⸗ ſation der neuen Welt ein Augenmerk zu werfen. Die, welche Columbus zuruͤckgelaſſen hatte, ſagt Oviedo, waren mit Ausnahme des Commandanten Diego de Arana und ei⸗ nes oder zweier anderen, wenig dazu gemacht, den Vor⸗ ſchriften eines ſo verſtaͤndigen Mannes zu folgen oder die ihnen uͤbertragenen wichtigen Pflichten zu erfuͤllen. Sie waren groͤßtentheils Leute von den unterſten Volksklaſſen oder Matroſen, die ſich auf dem Lande nicht mit Zuruͤckhal⸗ tung und Maͤßigkeit zu benehmen wußten.*) Kaum war das Schiff des Admirals ihnen aus den Augen entſchwun⸗ den, ſo ſchienen auch alle ſeine Ermahnungen und Befehle ihnen aus dem Gedaͤchtniß entfallen zu ſeyn. Wiewohl ſte nur ein kleines Haͤuflein waren, von wilden Staͤmmen um⸗ geben, und nur mit klugen Benehmen und gutem Betragen, ſowie in dem guten Willen der Eingebornen ihre Exiſtenz verbuͤrgend, fingen ſie dennoch an, ſich den ausſchweifend⸗ ſten Grauſamkeiten und Mißbraͤuchen zu uͤberlaſſen. Die einen ließen ſich von habſuͤchtiger Begierde, die anderen von grober Sinnlichkeit verlocken. Sie ſuchten ſich eigne Schatz⸗ kammern anzulegen, und waren nicht zufrieden mit ihrem *) Oriedo, hist, Ind, I. II. c, 1a. — 4— Gluͤck bei den indianiſchen Weibern, wiewohl ihnen Guaca⸗ nagari nach und nach jedem zwei bis drei Weiber geſtattet hatte. Sie bemaͤchtigten ſich auf die ſchaͤndlichſte Art und Weiſe der Schmuckſachen und des Eigenthums der Einge⸗ bornen, und verfuͤhrten ihnen ihre Weiber und Tochter. Heftige Kaͤmpfe gab es beſtaͤndig unter ihnen, um ihrer uͤbel⸗ gewonnenen Schaͤtze und der Gunſt der indianiſchen Schoͤn⸗ heiten willen; und die einfachen Wilden ſahen mit Erſtau⸗ nen die Weſen, welche ſie wie Soͤhne des Himmels verehrt hatten, ſich den groͤbſten Leidenſchaſten der Erde hingegeben, und mit mehr als thieriſcher Rohheit gegen einander wuͤthen. Aber dieſe Uneinigkeiten waren immer noch nicht gefaͤhr⸗ lich, ſo lange ſie eine der großen Lehren des Columbus beobachteten, und ſich mit militaͤriſcher Wachſamkeit in dem Fort zuſammenhielten; aber alle Vorſichtsmaßregeln in die⸗ ſer Hinſicht waren bald vergeſſen. Vergebens gebrauchte Don Diego de Arana ſein Anſehen; vergebens zeigte ſich 4 jede Warnung, die in einem fremden Lande die Menſchen an einander kettet. Alle Ordnung, alle Subordination, alle Einigkeit war dahin. Viele von ihnen verließen die Feſtung und lebten ſorglos und nach Behagen in der Nachbarſchaft; jedes wohnte fuͤr ſich oder mit einem kleinen Trupp von Verbundeten, um die uͤbrigen zu inſultiren und zu berau⸗ ben. Auf ſolche Weiſe gab es Partheiungen unter ihnen, bis der Ehrgeiz dazutrat, um die Vernichtung ihrer jaͤm⸗ merlichen Herrſchaft zu vollenden. Die zwei Maͤnner, welche Columbus dem Commandanten als Lieutenants zuruͤckgelaſ⸗ ſen hatte, um ihn in Verhinderungsfaͤllen zu erſetzen, Pe⸗ dro Gutierrez und Rodrigo des Escobido, benutzten die vor⸗ handene Unordnung und maßten ſich einen gleichen Antheil an der Gewalt, wo nicht gar eine Oberaufſicht uͤber den Befehlshaber an.*) Es gab heftige Scenen, bei deren ei⸗ ner ein Spanier Namens Jacomo auf dem Platz blieb. Als ihnen ihr Plan mißgluͤckte, zogen ſich Gutierrez und Esco⸗ bido mit neun ihrer Anhaͤnger und einer Anzahl von Wei⸗ bern von dem Fort zuruͤck, und, ſtets noch an die Befehle gebunden, wollten ſie ſich nun an entfernte Unterneh⸗ mungen wagen. Da ſie Wundererzaͤhlungen von den Mi⸗ nen von Cibao und von dem Goldſand ſeiner Bergſtroͤme gehoͤrt hatten, ſo machten ſie ſich nach dieſem Lande auf, und traͤumten nur von den Maſſen Goldes, die ſie dort zu⸗ ſammenraffen wuͤrden. Hierbei wichen ſie von einem andern ſtrengen Befehl des Columbus ab, ſich nicht uͤber das be⸗ freundete Gebiet Guacanagari's hinaus zu wagen. Das Land, wohin ſie gingen, lag im Innern der Inſel, in der Pro⸗ vinz Magnana, von dem beruͤhmten Caonabo beherrſcht, den die Spanier den Herrn des goldnen Hauſes nannten. Dieſer gefuͤrchtete Haͤuptling war von Geburt ein Caraibe und beſaß den ganzen Muth und Unternehmungsgeiſt ſeiner Nation. Er war als ein Freibeuter auf dieſe Inſel gekom⸗ men und gewann bei dem ſanften und unkriegeriſchen Volke durch ſeine Tapferkeit und Gewandtheit ein ſolches Anſehen, daß er ſich zu ihrem maͤchtigſten Caziken aufſchwang. Seine *) Oviedo hist. Ind. J. II. c. 129. kriegeriſchen Unternehmungen waren auf der ganzen Inſel gefuͤrchtet, und die Eingeborenen hatten wegen ſeiner carai⸗ biſchen Abkunft großen Reſpect vor ihm. Caonabo hatte laͤngere Zeit ſeinen hohen Ruf auf der Inſel behauptet und war der Held dieſer Wildniſſe gewor⸗ den, als die Schiffe der weißen Maͤnner ploͤtzlich an ihren Kuͤſten erſchienen. Die Wunderberichte von ihrer Macht und Tapferkeit drangen bis in ſeine Berge, und er erlebte den Aerger, glauben zu muͤſſen, daß ſein eignes Anſehen vor dieſen furchtbaren Eindraͤngern fallen werde. Die Abreiſe des Columbus hatte bei ihm die Hoffnung neu belebt, daß ihr Einfall nur voruͤbergehend geweſen ſey. Die Uneinig⸗ keiten und Ausſchweifungen der Zuruͤckgebliebenen floͤßten ihm, indem ſie ihn die Feinde verachten lehrten, wieder Selbſtvertrauen ein. 3 Sowie alſo Gutierrez und Escobido mit ihren Gefaͤhr⸗ ten in ſeinen Gebieten Zuflucht ſuchten, hielt er ſich ſeines Triumphes uͤber die verachteten Fremden gewiß. Er ergriff die Fluͤchtlinge und uͤberlieferte ſie ſogleich dem Tode. So⸗ dann verſammelte er ſeine Unterthanen insgeheim, theilte ſeine Plaͤne dem Caziken von Marion mit, deſſen Laͤnder an die des Guacanagari im Weſten graͤnzten, und beſchloß die Feſtung zu uͤberrumpeln. Er ſtieg aus ſeinen Bergen, zog durch tiefe Waͤlderſtrecken heimlich und unbemerkt, und kam mit ſeinem Heereshaufen in der Naͤhe des Dorfes an, ohne entdeckt zu werden. Auf die ſanfte und friedliche Natur der Indianer vertrauend, hatten die Spanier alle militairiſche Vorſichtsmaßregeln verſaͤumt und lebten in der — 4,— ſorgloſeſten Sicherheit. Nur zehn Maͤnner waren mit Arana in dem Fort zuruͤckgeblieben und dieſe ſchienen gar nicht mehr Wache gehalten zu haben. Die Uebrigen hatten ſich in Haͤuſern der Nachbarſchaft einquartirt. In der tiefen Stille der Nacht, wie alles in ſicherem Schlafe lag, brach Caonabo mit ſeinen Kriegern unter fuͤrchterlichem Geſchrei hervor auf das Fort, nahm Beſitz von demſelben, ehe die Beſatzung ſich zur Vertheidigung ruͤſten konnte, und umzingelte und ſteckte die Haͤuſer an, worin die uͤbrigen weißen Maͤnner ſchliefen. Die Spanier wurden voͤllig uͤber⸗ rumpelt. Acht von ihnen flohen nach dem Meer, von den Wilden verfolgt, ſtuͤrzten ſich in die Wellen um zu ent⸗ kommen, und ertranken; die uͤbrigen fielen in dem Gemetzel. Guacanagari und ſeine Unterthanen fochten getreulich, um ihre Gaͤſte zu vertheidigen, da ſie aber keinen kriegeriſchen Geiſt beſaßen, ſo waren ſie bald in die Flucht geſchlagen. Guacanagari wurde im Gefecht von Caonabo verwundet und ſein Dorf bis auf den Grund verbrannt.*) Dieſes iſt die Geſchichte der erſten Niederlaſſung der Europaͤer in der neuen Welt. Sie gibt in kleinem Maß⸗ ſtabe ein Bild der groben Laſter, welche der civiliſirten Welt zur Schmach gereichen, und der großen politiſchen Irrthuͤmer, welche oft die maͤchtigſten Reiche zerſtoͤren. *) Herrera hist. Ind decad. 1. lib. II cap. 9. Brief des Dr. Chanca. Peter Martyr decad. 1., lib. II. Hist. del Almirante cap. 49. Cura de los Pa- lacios, cap. 120. MS8. Munjos hist. u, mundo lib. IV.. 3 Jede Ordnung und Vorſchrift war durch Verderbniß und Zuͤgelloſigkeit zerſtoͤrt das Gemeinwohl der Habſucht und Leidenſchaft der Einzelnen geopfert, die Vereinsbande durch Partheien und Zwiſtigkeiten aufgeloͤſt und endlich das Ganze von zwei anmaßenden Demagogen uͤber den Haufen gewor⸗ fen, die nach der Ehre geizten, einer kleinen Veſte in einer Wildniß vorzuſtehen und das Commando uͤber acht und dreißig Mann zu fuͤhren. Fuͤnftes Kapitel. Verkehr mit den Eingebornen.— Verdächtiges Benehmen Guacanagari's. (1493.) Das tragiſche Schickſal des Forts, auf dieſe Weiſe von den Indianern im Hafen erforſcht, erhielt von einer anderen Seite der Inſel Beſtaͤtigung. Einer der Kapitalns, Mel⸗ chor Maldonado, wurde mit ſeiner Caravele laͤngs der Kuͤſte nach Oſten ausgeſandt, um ſich nach einer vortheilhafteren Lage zu einer Niederlaſſung umzuſehen. Er hatte kaum drei Seemeilen zuruͤckgelegt, als ein Canoe mit zwei In⸗ dianern von der Kuͤſte auf ſie zukam. Einer von dieſen — 49— Inſulanern, der Bruder Guacanagari's, bat ihn im Namen des Caziken inſtaͤndigſt, an's Land zu kommen und ihn in dem Dorfe, wo er krank liege, zu beſuchen. Maldonado ging ſogleich mit zwei bis dreien ſeiner Leute an die Kuͤſte. Sie fanden Guacanagari, durch Lahmheit an ſeine Haͤnge⸗ matte gefeſſelt, von ſieben ſeiner Weiber umgeben. Der Cazike druͤckte ſein großes Bedauern aus, daß er nicht im Stande ſey, den Admiral zu beſuchen, den er ſo ſehnlichſt zu ſehen wuͤnſche. Er erzaͤhlte verſchiedene naͤhere Umſtaͤnde von den Ungluͤcksfaͤllen mit der Garniſon und bezeugte den Antheil, den er und ſeine Unterthanen, ſie zu vertheidigen, genommen, wobei er auf ſein verbundenes Bein wies, welches eine Wunde empfangen habe. Seine Erzaͤh⸗ lung ſtimmte mit der bereits gegebenen uͤberein. Er nahm die Spanier mit der gewohnten Achtung und Gaſtfreund⸗ ſchaft auf und gab jedem beim Abſchiede einen Goldſchmuck zum Geſchenk. Am folgenden Morgen kam Columbus ſelbſt zum Ca⸗ ziken. Um demſelben einen Begriff von ſeiner jetzigen hoͤhe⸗ ren Macht und Bedeutenheit zu geben, erſchien er mit einem zahlreichen Gefolge von ſeinen erſten Offizieren, alle reich gekleidet oder im Waffenſchmuck. Sie fanden Guacanagari in einer Hängmatte von Baumwollen⸗Netz liegen. Er zeigte große Freude beim Anblick des Admirals und ging ſogleich zu dem Tod der Spanier uͤber. Indem er das ungluͤck der Beſatzung erzaͤhlte, vergoß er reichliche Thraͤnen, verweilte dann hauptſaͤchlich auf der Theilnahme, die er ſeinen Gaͤſten durch Vertheidigung bewieſen, und deutete auf mehrere ſeiner Irving's Columbus. 4— 6. 4 grade gegenwaͤrtigen unterthanen hin, die ebenfalls Wunden bei dem Gefecht erhalten hatten. Wenn man die Narben betrachtete, mußte man ſehen, daß die Wunden von indiani⸗ ſchen Waffen herruͤhrten. Columbus ließ ſich bald von der Treue Guacanagaris uͤberzeugen. Wenn er an die vielen Beweiſe einer offenen edlen Natur dachte, die er bei ſeinem Schiffbruch von ihm erhalten hatte, konnte er ihn einer ſo ſchwarzen Handlung des Verraths nicht faͤhig halten. Ein Austauſch von Ge⸗ ſchenken erfolgte nun. Der Cazike gab ihm achthundert Stuͤckchen von einem Steine, Eiba genannt, den ſie fuͤr ſehr koſtbar hielten, und hundert Stücke Gold, eine goldne Krone und drei kleine Calabaſchen mit Goldſtaub gefuͤllt und hielt ſich fuͤr ſehr beſchaͤmt an Freigebigkeit, als ihm eine Menge Glaskorallen, Schellen, Meſſer, Stecknadeln, Naͤh⸗ nadeln und kleine Spiegel, ſowie Zierrathen von Kupfer üͤberreicht wurden, welches Metall er dem Golde vorzuziehen ſchien.*) Die Wunde, an welcher Guacanagari litt, war am Bein, welches von einem Stein eine harte Quetſchung erhalten hatte. Auf Verlangen des Columbus ließ er es von einem Wundarzt, den jener bei ſich hatte, unterſuchen. Als die Bandagen weggenommen wurden, fand ſich keine Spur von einer Wunde, obgleich er mit einem Ausdruck von Schmerz zuſammenfuhr, wenn man 7 —— 2 *) Brief des Dr. Chauca, Navarrete’s Sammlung t. 1. *) Jsem. Cura de los Palacios, cap. 120,. das Bein beruͤhrte.**) Da ſeit * —— jenem Gefecht eine ziemliche Zeit verſtrichen war, konnte leicht die aͤußere Quetſchung verſchwunden, eine Schwaͤche und Reizbarkeit aber in dieſen Theilen zuruͤckgeblieben ſeyn. Einige der Anweſenden jedoch, die nicht bei der erſten Reiſe mit geweſen waren, und von dem edelmuͤthigen Betragen Guacanagari's nichts wußten, hielten ſeine Lahmheit fuͤr Ver⸗ ſtellung und die ganze Geſchichte der Schlacht fuͤr eine Er⸗ findung. Pater Boylle inſonderheit, ein Kloſterbruder von rachſuͤchtiger Gemuͤthsart, rieth dem Admiral, an dem Haͤupt⸗ ling ſogleich ein Exempel zu ſtatuiren. Aber Columbus ſah die Sache mit anderen Augen an. Alle Vermuthungen, die ſich ihm aufdraͤngen konnten, ſprachen zu Gunſten des Ca⸗ ziken, ſein Herz konnte nicht an die Treuloſigkeit dieſes Mannes glauben. Vielleicht hatte er, ſelbſt mit dem vollen Bewußtſeyn ſeiner Unſchuld, gefuͤrchtet, die weißen Maͤnner moͤchten Verdacht auf ihn werfen, und deßhalb die Bedeu⸗ tenheit ſeiner Verwundung vergroͤßert, aber die Wunden ſeiner Unterthanen ruͤhrten offenbar von indianiſchen Waffen her, dieſes und die Zerſtoͤrung ſeines Dorfes waren dem Columbus ſichere Beweiſe von der Wahrheit der Ausſaoon⸗ um dem Argwohn ſeiner mißtrauiſchen Gefaͤhrten nicht zu nahe zu treten und den Pater zu bofseerigen, ohne ſeinem Verfolgungsgeiſt Nahrung ⸗n geben, bemerkte er, die wahre Klugheit fordere oi⸗ ſreundliches Benehmen gegen Guaca⸗ nagari, weerſtens ſo lange, bis ſeine Schuld ganz am Tage wzege. Sie beſaͤßen zwar eine zu große Macht, um etwas von ſeiner Feindſeligkeit beſorgen zu duͤrfen, aber heftige Moßregeln wuͤrden in dieſen Anfaͤngen des Verkehrs mit 4* den Eingebornen einen allgemeinen Schrecken verbreiten und alle ihre Unternehmungen auf der Inſel hemmen. Die meiſten ſeiner Offiziere ſtimmen mit dieſer Anſicht uͤberein, und ſo ward ungeachtet der inquiſitoriſchen Eingebungen des Paters beſchloſſen, die Erzaͤhlung der Indianer fuͤr baare Muͤnze zu nehmen und ſie fortwaͤhrend mit Freund⸗ lichkeit zu behandeln. 4 Auf die Einladung des Columbus begleitete ihn Gua⸗ canagari noch an dem naͤmlichen Abend, obgleich dem An⸗ ſcheine nach mit ſchmerzhaftem Gefuͤhl von ſeiner Wunde,*⁴) zu den Schiffen. Er hatte ſich uͤber die Macht und Groͤße der weißen Maͤnner gewundert, als ſie auf ihrer erſten Reiſe ſeine Kuͤſten mit zwei kleinen Caravelen beſuchten; nun ward ſein Erſtaunen unendlich erhoͤht, wie er eine ganze Flotte in der Bucht vor Anker liegen ſah und dann auf das Admiralſchiff ging, welches ein Fahrzeug erſten Ranges war. Hier ſah er eine Anzahl Caraiben, die man im Lauf der Reiſe zu Gefangenen gemacht hatte. Die Furcht der zaghaften Bewohner Hayt's vor dieſer wilden Menſcanrage war ſo groß, daß ſie dieſelben mit Schaudern und Entſetzen weahen, ob ſie gleich in Ketten lagen, und ſich von ihrem fuͤrchterucye. Anblick mit abgewandtem Ge⸗ ſicht wegkehrten.**) Daß der amiral es gewagt hatte, dieſe ſchrecklichen Weſen auf ihren eignen Zewln anzugrei⸗ fen und ſie ſo zu ſagen aus ihren Feſtungen herauszuragen, *) Hist. del Almirante, cap. 89. **) Peter Martyr; 153. Brief, an Pomponius Lätus. war vielleicht einer der groͤßten Beweiſe der unwiderſteh⸗ lichen Tapferkeit der weißen Maͤnner. Columbus fuͤhrte den Caziken durch die Schiffsraͤume und zeigte ihm uͤberall neue Wunderdinge. Die verſchied⸗ nen Maſchinerien und Werkzeuge, die unbekannten Natur⸗ Erzeugniſſe, die Pflanzen und Fruͤchte der alten Welt, Hausgefluͤgel von mancherlei Art, Hornvieh, Schafe, Schweine und andere Thiere, die zur Fortpflanzung auf der Inſel mitgenommen worden, alles machte ihn hoͤchlich ſtaunen; aber was ihn ganz mit Bewunderung erfullte, war der Anblick der Pferde. Er hatte nie andre als ganz kleine vlerfuͤßige Thiere geſehen und erſtaunte ſehr uͤber die Groͤße dieſer edlen Thiere, ihre ausnehmende Staͤrke, ihre ſchreckende Erſcheinung und doch vollkommene Zaͤhmung. Er betrachtete alle dieſe unbekannten Dinge als Wunder⸗ erſcheinungen aus dem Himmel, den er noch immer fuͤr die eigentliche Heimath der weißen Maͤnner hielt. Am Bord der Schiffe befanden ſich zehn Weiber, welche die Spanier aus der Gefangenſchaft der Caraiben erloͤſt hatten. Die meiſten waren auf der Inſel Boriquen oder Portorico zu Hauſe. Sie zogen bald die Aufmerkſamkeit des Caziken auf ſich, welcher etwas verliebter Natur geweſen ſeyn ſoll. Er fing mit ihnen ein Geſpraͤch an, denn ob⸗ obgleich die Inſulaner verſchiedene Sprachen oder, was wahrſcheinlicher iſt, verſchiedene Dialekte derſelben Sprache redeten, ſo verſtanden ſie ſich doch im Allgemeinen. Unter dieſen nun befand ſich ein Weib, welche ſich vor ihren Ge⸗ faͤhrtinnen durch eine gewiſſe Hoheit des Weſens und Be⸗ 83 — 34— nehmens auszeichnete; die Spanier hatten ſie ſehr bewun⸗ dert und ihr den Namen Catalina gegeben. Der Cazike redets ſie einigemal mit großer Sanftheit im Ausdruck und mit ſchmelzender Stimme an; ohne Zweifel miſchte ſich bei ihm Mitleid mit der Bewunderung; denn ob ſie gleich aus den Haͤnden der Caraiben befreit worden, war ſie doch mit ihren Gefaͤhrtinnen gewiſſermaßen Gefangene am Bord des Schiffes. Nun wurde dem Caziken kalte Kuͤche angehoten und Columbus war auf alle Art bemuͤht, ihr fruͤheres herzliches Verhaͤltniß ganz wieder aufleben zu laſſen. Er behandelte ſeinen Gaſt mit allen Zeichen des vollkommenſten Vertrauens und verſprach, er wolle zu ihm in ſeine jetzige Reſidenz ziehen und Haͤuſer in der Nachbarſchaft erbauen. Der Ca⸗ zike aͤußerte große Freude uͤber dieſen Gedanken, bemerkte aber, daß der Ort ungeſund ſey, welches wirklich der Fall war. Aller Freundſchaftsbeweiſe ungeachtet war es jedoch 4 dem Caziken nicht wohl ums Herz. Der Zauber des gegen⸗ ſeitigen Vertrauens war geloͤſt. Es war augenfaͤllig, daß die rohen Ausſchweifungen der Beſatzung die Ehrerbietung der Indianer gegen ihre himmliſchen Gaͤſte ſehr vermindert hatte. Selbſt die Ehrfurcht vor den Symbolen des Chri⸗ ſtenthums, die Columbus als ein großes Befoͤrderungsmittel der Cultur benutzen wollte, verlor bei der Zuͤgelloſigkeit ihrer Bekenner gaͤnzlich ihre fruͤhere Bedeutung. Wie ſehr auch der Cazike den Schmuck liebte, ſo konnte es Columbus nur mit der groͤßten Muͤhe uͤber ihn gewinnen, daß er ſich ein Muttergottes⸗Bild um den Nacken haͤngen ließ, da er — 35— erfuhr, dieſes ſey ein Gegenſtand der Verehrung unter den Chriſten.*) Der Argwohn, daß dieſer Haͤuptling ein Verraͤther ſey, wurde unter den Spaniern immer allgemeiner, Pater Boyle insbeſondere ſah ihn mit Haß und Verachtung an und gab dem Admiral insgeheim den Rath, er ſolle ihn nun, da er ihn ſicher an Bord ſeines Schiffes habe, als Gefangenen zuruͤck behalten; aber Columbus verwarf die Eingebung des ſchlauen Paters als der geſunden Politik und dem redlichen Glauben widerſtrebend. Es iſt jedoch ſchwer moͤglich, den lauernden böſen Willen zu verbergen; das Herz ſpricht in dem Geſicht, wenn auch die Zunge ſtumm iſt. Der Cazike, aus dem fruͤheren Zuſammenſeyn gewohnt, uͤberall nur Ge⸗ ſichter zu erblicken, die von Dank und Freude widerſtralten, mußte wohl die ganz anderen Blicke des kalten Argwohns und des heimlichen Grolls bemerken. Darum bat er, des offenen und herzlichen Benehmens des Admirals unge⸗ achtet, doch bald um Erlaubniß, ans Land zuruͤckkehren zu duͤrfen.**) 3 Am folgenden Morgen zeigte ſich ein raͤthſelhaftes Be⸗ wegen und Leben unter den Eingebornen an der Kuͤſte. Die Spanier waren nicht im Stande, die Urſache davon zu entdecken, da nicht mehr die freie und unbefangene Mitthei⸗ lung wie fruͤher zwiſchen ihnen beſtand. Es kam ein Bote von dem Caziken und befragte den Admiral, wie lange er *⁴) Hist. del Almirante, cap. 49, **) Peter Martyr, decad. 1. 1. II. — 56— noch in der Bucht zu bleiben gedenke; er erhielt die Aus⸗ kunft, daß er ſchon am naͤchſten Tag abſegeln werde. Am Abend kam der Bruder Guacanagari's an Bord, unter dem Vorwand, eine Quantitaͤt Gold auszutauſchen; man ſah ihn insgeheim mit den indianiſchen Weibern und beſonders mit Catalina reden, welche vor allen die Aufmerkſamkeit Gua⸗ canagari's gefeſſelt hatte. Nach einigem Verweile an Bord kehrte er an die Kuͤſte zuruͤck. Es geht aus den folgenden Vorgaͤngen hervor, daß das empfaͤngliche Herz des Caziken von der Lage der indianiſchen Schoͤnheit geruͤhrt und von ihren Reizen bezaubert worden, und daß er in einer Art natuͤrlicher Ritterlichkeit beſchloſſen hatte, ſie aus ihren Ban⸗ den zu erloͤſen. 1 um Mitternacht, wie die Mannſchaft im erſten Schlafe lag, weckte die unerſchrockene Catalina ihre Gefaͤhrtinnen und ſchlug ihnen ein kuͤhnes Wageſtuͤck vor, um ihre Frei⸗ heit wieder zu erlangen. Das Schiff lag drei Seemeilen von der Kuͤſte vor Anker, die See ging hoch, aber dieſe Inſulanerinnen waren es gewohnt, mit den Wellen zu kaͤmpfen und das Waſſer faſt wie ihr natuͤrliches Element anzuſehen. Sie ließen ſich an der Seite des Schiffes mit großer Vorſicht ganz in der Stille herab, vertrauten der Staͤrke ihrer Arme und ſchwammen wacker bis zur Kuͤſte. Trotz aller ihrer Vorſicht wurden ſie doch von den Wachen bemerkt. Man ſchlug Laͤrm, bemannte die Boote und ſetzte ihnen in der Richtung eines kleinen Feuers nach, das am Ufer brannte, und offenbar ein Leuchtthurm fuͤr die Fliehen⸗ den war, Ungeachtet der Anſtrengungen beim Rudern war —— —— — 57— 1 die Kraft dieſer Meeresnymphen ſo groß, daß ſie das Land gluͤcklich erreichten. Viere wurden am Ufer wieder ergrif⸗ fen, aber der heldenhaften Catalina und ihren uͤbrigen Ge⸗ faͤhrtinnen gluͤckte es in den Wald zu entfliehen. Als der Tag anbrach, ſandte Columbus zu Guacana⸗ gari, um die Fluͤchtlinge von ihm zu fordern, oder wenn ſie ſich nicht in ſeiner Gewalt befaͤnden, ihn zu bitten, ſie aufſuchen zu laſſen. Aber die Reſidenz des Caziken war ſtill und verlaſſen; kein Indianer ließ ſich ſehen. Entwedey den Verdacht der Spanier bedenkend und aus Furcht vor ihren Feindſeligkeiten, oder aus Verlangen, ſich ſeines ge⸗ wonnenen Schatzes ſicher zu erfreuen, war der Cazike mit allen ſeinen Sachen, ſeinem Haushalt und Gefolge davonge⸗ gangen, und hatte mit ſeiner ſchoͤnen Inſulanerin im In⸗ nern des Landes ſeine Zuflucht genommen. Dieſes ploͤtzliche und geheimnißvolle Entweichen gab dem bisher gehegten Verdacht neue Beſtaͤtigung, und Guacanagari wurde auf der ganzen Flotte als ein Verraͤther gegen die weißen Mäͤn⸗ ner und als der treuloſe Verderber der Garniſon gebrand⸗ markt.*)— *) Peter Matyr, decad. 1. lib, II, Brief des Dr. Chanca. Gura de los Palacios cap. 120. MS. Sechſtes Kapitel. Gruͤndung der Stadt Iſabella. Krankheiten unter den Spaniern. (1493.) Die Unglücksfälle, welche die Spanier zu Meer und zu Land an dieſer Bucht betroffen hatten, zogen eine Duͤſter⸗ reit um die Gegend. Die Ruinen des Forts und die Gräͤe ber der ermordeten Landsleute lagen ihnen beſtaͤndig vor Au⸗ gen, und die Waͤlder erſchienen ihnen nicht mehr reizend, ſeitdem Verraͤtherei in ihren Schatten lauern konnte. Das Schweigen und die Oede, welche das Entweichen der Einge⸗ bornen zur Folge hatte, gab dem Ort ebenfalls einen trau⸗ rigen Anſtrich. Die leichtglaͤubigen Seeleute fingen an, den Ort einem verderblichen Einfluß oder einem boͤſen Stern unterworfen zu waͤhnen. Das war ein zureichendes Hinder⸗ niß, um in jenem unglaͤubigen Zeitalter die Gruͤndung ei⸗ ner Niederlaſſung zu hintertreiben, aber es gab deren noch triftigere. Das Land umher lag tief, feucht und ungeſund, und es waren keine Steine zum Bauen vorhanden; Colum⸗ bus entſchloß ſich daher, den Platz ganz aufzugeben und ſeine beabſichtigte Colonie in einer vortheilhafteren Gegend — 59— zu errichten. Es war keine Zeit zu verlieren. Die Thiere an Bord der Schiffe litten durch langes Einſperren und be⸗ durften der erheiternden Freie und erfriſchenden Pflanzen der Wieſen und Felder, und die Menge von Menſchen, der See ungewohnt und auf eine Flotte eingezwängt, ſchmachtete nach Erholung auf dem Lande. Es wurden daher Leute zum Recognosciren ausgeſandt, auf den leichteren Carave⸗ len, welche in allen Richtungen an der Kuͤſte hinfahren, und in die Fluͤſſe und Buchten einlaufen konnten, um eine guͤn⸗ ſtige Lage fuͤr eine Niederlaſſung ausfindig zu machen. Sie wurden auch beauftragt, ſich nach Guacanagari zu erkun⸗ digen, von welchem Columbus ungeachtet jenes verdaͤchtigen Benehmens immer noch eine guͤnſtige Meinung behielt. Die Sendungen kehrten zuruͤck, nachdem ſie eine betraͤchtliche Strecke an der Kuͤſte ohne Erfolg zuruͤckgelegt hatten. Sie fanden wohl ſchoͤne Fluͤſſe und ſichere Hafenplaͤtze, allein die Kuͤſte war niedrig und moraſtig, und litt an Steinen Man⸗ gel. Die Gegend war faſt gaͤnzlich oͤde und wenn ſie ir⸗ gendwo Eingeborne erblickten, ſo flohen dieſe ſogleich in die Waͤlder. Melchor Maldonado hatte ſich nach Oſten ge⸗ wandt, und war zu den Beſitzungen eines anderen Caziken gelangt; dieſer ging ihm ſogleich an der Spitze ſeiner Krie⸗ ger mit drohender Miene und feindlicher Stellung entge⸗ gen, ließ ſich aber bald aufs freundlichſte ſtimmen. Von ihm erfuhr er, daß Guacanagari ſich aus der Ebene in die Berge zurüͤckgezogen habe. Ein anderer Trupp entdeckte einen Indianer, der ſich in der Naͤhe eines Weilers verſteckt hatte, da ihn eine Wunde, die er in dem Gefecht gegen — 00— Caonabo von einer Lanze empfangen, zum Fliehen untaug⸗ lich machte. Seine Auskunft uͤber die Zerſtoͤrung des Forts kam mit der von den Indianern im Hafen uͤberein, und reinigte gleichfalls den Caziken von dem Verdacht der Ver⸗ raͤtherei. Auf dieſe Weiſe blieben die Gemuͤther der Spa⸗ nier immer in Verwirrung und Zweifeln uͤber die wahren Thaͤter dieſer ſchwarzen unſeligen That. Ueberzeugt, daß an dieſer Seite der Inſel kein zu einer Niederlaſſung tauglicher Ort zu finden ſey, lichtete Colum⸗ bus am 7. December die Anker, in der Abſicht, den Hafen La Planta aufzuſuchen. In Folge unguͤnſtigen Wetters jedoch ward er genoͤthigt, in eine Bucht ungefaͤhr zehn 3 Seemeilen oſtlich von Monte Chriſti einzulaufen, und als er den Platz beſichtigte, war er erſtaunt uͤber die Vortheile, die er gewaͤhrte. Die Bucht war geraͤumig und von einer Landſpitze be⸗ herrſcht, die auf der einen Seite mit einer natuͤrlichen Bruſtwehr von Felſen verſehen, und auf der anderen von einem undurchdringlichen Walde geſchuͤtzt war, woraus ſich eine gute Poſition fuͤr ein Fort ergab. Es mundeten zwei Fluͤſſe in die kleine Bai, ein breiter und ein ſchmaler, ſie be⸗ waͤſſerten eine ſchoͤne Ebene und boten vortheilhafte Stellen zur Anlegung von Muͤhlen dar. Ungefaͤhr einen Bogen⸗ ſchuß von dem Meere, an den ufern eines dieſer Fluͤſſe ſtand ein indianiſches Dorf. Der Boden ſchien ergſebig zu ſeyn, die Gewaͤſſer hatten treffliche Fiſche im Ueberfluß und das Klima war gemaͤßigt und fruchtbar, denn die Boͤume tru⸗ gen kraͤftiges Laub, die Straͤucher Bluͤthen und die Voͤgel ſangen munter, wiewohl es mitten im December war. Sie ——— — 61— hatten ſich noch nicht mit der Temperatur dieſes begluͤckten Eilandes vertraut gemacht, wo die Winterkaͤlte unbekannt iſt, und ein beſtaͤndiger Kreislauf beſteht, ſelbſt Bluͤthen und Fruͤchte zugleich treiben, und ein lachendes Gruͤn das ganze Jahr uͤber herrſcht. Ein anderer großer Vortheil, den ſie ſich aus der Wahl dieſer Gegend zu einer Niederlaſſung verſprachen, war, daß, nach der Ausſage eines Indianers des benachbarten Dorfes die Berge von Cibao, wo ſich die Goldminen befanden, nicht weit von da und mit dem Hafen in gleicher Linie la⸗ gen. Es wurde alſo ausgemacht, daß ſich keine vortheilhaf⸗ tere Lage zur Gruͤndung ihrer Colonie finden laſſe. Nun begann eine intereſſante und belebte Scene. Die Truppen und viele Leute, die zum Landdienſte gehoͤrten, die verſchied⸗ nen Handwerker und Kuͤnſtler, die bei den Bauten gehraucht wurden, gingen alle an's Land. Die Vorraͤthe, Handelsar⸗ tikel, Geſchuͤtz und Ammunition zur Vertheidigung, und Werkzeuge aller Art wurden an's Ufer geſchafft, ingleichen die Haus⸗ und Zugthiere, welche durch dee lange Einkerke⸗ rung ſehr gelitten hatte, beſonders die Pferde. Es war eine allgemeine Freude uͤber das Oeffnen der duͤſteren Schiffsraͤume, und groß die Wonne, die gruͤnende Erde wieder zu betreten und den balſamiſchen Duft der Felder einzuathmen. Ein Lager wurde am Rand der Ebene aufgeſchlagen, um ein Baſſin oder einen Bogen, den das Waſſer bildeten. So ward die erſte Chriſtenſtadt in der neuen Welt gegruͤndet, und Co⸗ lumbus gab ihr den Namen Jſabella, um ſeine koͤnigliche Beſchuͤtzerin damit zu ehren, — 62— Es wurde ein Plan mit Straßen und Pläͤtzen entwor⸗ fen, nach welchem die Stadt gebaut werden ſollte. Die erſte Sorge war auf eine Kirche, ein oͤffentliches Waaren⸗ haus und eine Reſidenz fuͤr den Admiral gerichtet. Dieſe wurden aus Stein erbaut, die Privathaͤuſer aus Holz, Lehm, Rohr und ſolchem Material, welches das dringende Erforderniß darbot, und eine kurze Zeit legten alle mit dem groͤßten Eifer Hand an's Werk. Dieſes lebenvolle Schauſpiel wurde bald von Krankheiten geſtoͤrt, die unter den Coloniſten ausbrachen. Viele, der See ungewohnt, hatten von der Enge der Schiffsraͤume und den durch die Reiſe verurſachten Krankheiten viel zu dulden; ihre Geſundheit hatte ferner durch das Verzehren geſalzner Vorraͤthe gelitten, wovon ein Theil in kaum genießbarem Zuſtande, auch von Zwieback, der ſchimmelich und zerfallen war. Dann gab es auch auf dem Lande manche Unbequem⸗ lichkeiten, ehe man Haͤuſer zu ihrer Aufnahme herrichten konnte, denn die Ausduͤnſtungen eines heißen und feuchten Klima's, der neue uͤppige Boden, die Nebel der Fluͤſſe und die verſchloſſene Luft der dicht uͤberwachſenen Waͤlder, ma⸗ chen aus einer reizenden Wildniß einen Ort ſteter Gefahr fuͤr Conſtitutionen, die an die hochcultivirten Regionen der alten Welt gewoͤhnt ſind. Ferner fielen die Arbeiten des Haͤuſerbauens, Felderjätens, Baumpflanzens und Garten⸗ anlegens, die mit großer Eile geſchehen mußten, den Leuten ſchwer, welche, ſo lange auf dem Meere hinundhergeſtoßen, der Ruhe und Erholung beduͤrftig waren. Zu den Krank⸗ heiten des Leibes geſellten ſich die der Seele. Es wurde — 63— fruͤher bemerkt, wie ſo viele ſich mit den traͤumeriſchſten und romanhafteſten Erwartungen zur Expedition einſchiffen ließen. Einige ſahen ſchon im Geiſte die goldnen Berge von Cipango und Cathay, wo ſie Reichthuͤmer ohne Muͤhe und Gefahr erwerben konnten, andere eine Region in aſia⸗ tiſcher Ueppigkeit, die von Wundern und Ergoͤtzungen uͤber⸗ ſtroͤme, wieder andere eine offene glaͤnzende Laufbahn fuͤr ritterliche Abenteuer und glorreiche Unternehmungen. Wie fanden ſie ſich gekaͤuſcht, als ſie ſich an den Rand einer In⸗ ſel eingeengt ſahen, von undurchdringlichen Waͤldern umge⸗ ben, gezwungen mit dem Urzuſtande einer Wildniß zu kaͤm⸗ pfen, ſich muͤhſelig um bloße Friſtung des Lebens abzuarbei⸗ ten und jede Bequemlichkeit mit den ſchwerſten Anſtrengun⸗ gen zu erkaufen! Gold wurde ihnen zwar aus verſchiede⸗ nen Gegenden gebracht, aber in kleinen Quantitaͤten, und konnte offenbar nur durch geduldig ausdauernde Arbeit ge⸗ wonnen werden. Alle dieſe Taͤuſchungen fielen ſchwer auf die Gemuͤther; die Lebensgeiſter erſchlafften, wie die goldnen Traͤume dahinſchwanden, und die allgemeine Trauer und Nie⸗ dergeſchlagenheit verſtaͤrkte die Verheerungen der Krank⸗ heiten. 3 Columbus ſelbſt konnte den ausgebrochenen Krankheiten nicht entgehen. Die ſchwierige Natur ſeiner Unternehmung, die Verantwortung, unter welcher er ſtand, nicht allein ge⸗ gen ſein Gefolge oder ſeine Gebieter, ſondern gegen die ganze Welt, hatte ſeine Seele in beſtaͤndiger Aufregung er⸗ halten. Die Sorge fur ein ſo anſehnliches Geſchwader, die unausgeſetzte Anſtrengung, die nicht allein gegen die lauern⸗ — 64— den Gefahren dieſer unbekannten Meere, ſondern gegen die Leidenſchaften und Thorheiten ſeiner Leute noͤthig war, die immer nur varan dachten, auf ahenteuerliche Unternehmun⸗ gen aller Art auszugehen, die Trauer, welche er uͤber das Loos ſeiner ermordeten Beſatzung empfand, und die Unzuver⸗ laͤſſigkeit in dem Betragen der barbariſchen Staͤmme, die ihn umgaben, alles das hatte ſeinen Geiſt erſchuͤttert und ihm ſeine Ruhe geraubt, waͤhrend er noch an Bord des Schiffes war; ſeit ſeinem Landen hatten ſich neue Sorgen und Muͤhſeligkeiten auf ihn gehaͤuft, die, verbunden mit den ſchaͤblichen Einfluͤſſen des neuen Klima's, welchen er ſich ausſetzte, ſeine ſtarke Natur uͤberwaͤltigten. Dennoch, ob⸗ wohl mehrere Wochen durch ſchweres Siechthum auf's Kran⸗ kenbett geworfen, erhob ſich ſein Geiſt uͤber die Leiden des Koͤrpers und er fuhr fort, Befehle uͤber den Weiterbau der Stadt zu ertheilen und die Oberaufſicht uͤber die ganze Expedition zu fuͤhren.*) *) Hist. del Almirante, cap. 50. Herrera, hist. Ind. decad. 1, 1. II. cap. 10. Peter Martyr, decad. 1, 1. II, Brief des Dr. Chanca, ꝛc. Siebentes Kapitel. Zug des Alonzo des Ojeda zur Erforſchung des Inneren der Inſel. Abſendung der Schiffe nach Spanien. (1493.) Wie die Schiffe ihrer Ladung entfreiet waren, wurde es nothwendig, den groͤßeren Theil derſelben nach Spanien zu-⸗ ruͤckzuſenden. Hier erhoben ſich in Columbus Seele neue Beſorgniſſe. Er hatte gehofft, Schaͤtze Goldes und koſtbare Kaufwaaren von den Maͤnnern, die er zuruͤckgelaſſen, auf⸗ geſtapelt zu finden, oder wenigſtens die Quellen des maͤchti⸗ gen Handels eroͤffnet zu ſehen, durch welche er bald im Stande ſeyn wurde, die Schiffe zu befrachten. Die toͤdt⸗ liche Niederlage der Garniſon hatte alle dieſe Hoffnungen zerſtoͤrt. Er kannte die ungemeſſenen Erwartungen, die ſeine Gebieter und die Nation unterhielten. Wie groß mußte ihr Verdruß ſeyn, wenn die heimkehrenden Schiffe nichts als Erzaͤhlungen von Ungluͤcksfaͤllen mit brachten. Irgend etwas mußte geſchehen, bevor die Schiffe abſegelten, um den Ruhm ſeiner Entdeckungen aufrecht zu erhalten, und ſeine eignen glaͤnzenden Verſprechungen zu rechtfertigen. Bis Arving's Columbus. 4—5. 5 1 — 66— 4 jetzt kannte er noch nichts von dem Inneren der Inſel, und ſeine lebhafte Einbildungskraft ſpiegelte ihm daſſelbe als von Reichthuͤmern uͤberſtroͤmend vor. Wenn dieſes wirklich die Inſel Cipango war, mußte ſie volkreiche Staͤdte enthalten, die ſehr wahrſcheinlich in einer cultivirteren Region zu ſin⸗ den waren, jenſeits der hohen Berge, welche dieſelbe durch⸗ ſchnitten. Alle Indianer kamen darin uͤberein, daß ſie Ci⸗ bao fuͤr den Strich Landes erklaͤrten, wo ſie ihr Gold her bekaͤmen. Der Name des dortigen Caziken, Caonabo, wel⸗ cher ſoviel als„Herr des goldnen Hauſes“ bedeutete, ſchien die Reichthuͤmer ſeiner Beſitzungen anzuzeigen. Die Land⸗ ſtriche, wo Goltminen im Ueberfluß ſeyn ſollten, lagen nur in einer Entfernung von drei oder vier Tagereiſen in gera⸗ der Richtung nach Innen; Columbus beſchloß daher, eine Expedition auszuſenden, um dieſe Gegenden zu erforſchen, ehe die Schiffe abſegelten. Wonn der Erfolg ſeinen Hoff⸗ nungen entſpraͤche, koͤnnte er dann die Flotte mit Ver⸗ trauen heimkehren laſſen, da ſie die Nachricht von der Ent⸗ deckung der goldnen Berge von Cibao mibraͤchte.*) „Die Perſon, welche er zum Fuhrer dieſer Expedition auzerſah, war Alonzo de Ojeda, der naͤmliche Ritter der bereits als ein unternehmender Geiſt, von großer Staͤrke und Gewandtheit geſchildert worden. An jedem Dienſte von waghalſiger und abentheuerlicher Natur ſich erfreuend, war Oieda zu dieſer Unternehmung noch mehr aufgereizt durch den furchtbaren Charakter des Gebirgs⸗Caziken Caonabo, *) Herrera hist Ind dec. 1, I. II. c. 0. deſſen Herrſchaften er zu durchdringen hatte. Er brach vom Hafen fruͤh im Januar 1494 auf, von einer kleinen Schaar wohlbewaffneter und entſchloſſener Maͤnner begleitet, worunter mehrere junge und muthige Ritter gleich ihm ſich befanden. Er nahm ſeinen Weg grade ſuͤdlich ins Innere. In den beiden erſten Tagen war der Marſch ermuͤdend und ſchwierig, durch ein Land, das von den Bewohnern ver⸗ laſſen war; denn der Schrecken uͤber die Erſcheinung der Spanier ſchien ſich laͤngs der ganzen Meererkuͤſte verbreitet zu haben. Am Abend des zweiten Tages kamen ſie bei einer Kette hoher Berge an, die ſie auf einem indianiſchen Pfad erſtiegen, der ſich in einem jaͤhen und engen Hohlweg aufwand; ſie ſchliefen die Nacht auf dem Gipfel. Von hier ſahen ſie am naͤchſten Morgen die Sonne mit großer Pracht uͤber einer weiten herrlichen Ebene aufgehen, die mit kraͤſ⸗ tigen Waldungen geſchmuͤckt, mit Doͤrfern und Weilern beſetzt und von den erglaͤnzenden Gewaͤſſern des Yagui belebt war. 3 In dieſe Ebene herabſteigend, betrat Ojeda mit ſeinen Gefaͤhrten kuͤhn die indiſchen Doͤrfer. Die Bewohner, weit entfernt, ſich feindſelig zu zeigen, uͤberhaͤuften ſie mit Gaſt⸗ freundſchaft und hemmten ihre Reiſe in der That nur durch ihre Freundlichkeit. Sie hatten auch viele Fluͤſſe zu durch⸗ waten, als ſie dieſe Ebene durchzogen, ſo daß ſie fuͤnf bis ſechs Tage brauchten, bis ſie die Kette von Vergen erreich⸗ ten, welche die goldne Region von Eibao einſchließen ſollte. Sie drangen in dieſe Gegend ohne irgend andere Hinderniſſe als die, welche der Urzuſtand des Landes ihnen entgegen⸗ 5* — 68— ſtellte. Caonabo, ſo gefuͤrchtet wegen ſeines Muthes und ſeiner Wildheit, mußte ſich in einem entfernten Theile ſeiner Gebirge befinden, denn er erſchien nicht, um ihre Fort⸗ ſchritte aufzuhalten. Die Eingebornen nahmen ſie mit Guͤte auf, ſie waren nackt und uncultivirt gleich den anderen Be⸗ (wohnern der Inſel, auch waren keine Spuren von den be⸗ deutenden Staͤdten zu finden, welche ihre lebhafte Einbil⸗ dungskraft ihnen immer vorſpiegelte. Sie erblickten jedoch hinlaͤngliche Beweiſe von Schaͤtzen, welche die Natur darbot. Der Sand der Bergſtroͤme glitzerte von Goldtheilchen; dieſe wußten die Eingebornen geſchickt herauszuleſen und gaben ſie den Spaniern willig, ohne eine Belohnung zu erwarten. An einigen Stellen nahmen ſie große Stuͤcke gediegenen Goldes aus den Flußbetten, und Steine, die damit geadert und reichhaltig durchdrungen waren. Peter Martyr ver⸗ ſichert, er habe Stuͤcke rohen Goldes geſehen, die neun uUnzen gewogen, welche Ojeda ſelbſt in einem von den klei⸗ nen Stroͤmen gefunden habe.*) Alles das wurde nur als bloßer Ueberzug des Bodens angeſehen, welcher die verborgenen Schaͤtze verrathe, die in den tiefen Adern und in dem felſigen Schooße der Berge funkelten und nur der Hand des Arbeiters beduͤrften, um an's Licht gezogen zu werden. Da Ojeda bloß den Auftrag hatte, die Natur des Landes zu erforſchen, ſo fuͤhrte er ſeine kleine Schaar nach dem Hafen zuruͤck, voll enthuſiaſti⸗ ſcher Berichte über Goldverſprechungen in dieſen Bergen. *) Peter Martyr decad, 1. 1. II. — 60— Ein junger Cavalier Namens Gorvalan, der zu gleicher Zeit auf eine andere Expedition ausgeſandt und auch nach einem entfernten Landſtrich ausgezogen war, kehrte mit ähnlichen Berichten zuruͤck. Dieſe ſchmeichelnden Erwar⸗ tungen dienten einige Zeit, die abgehaͤrmten und kleinmuͤ⸗ thigen Coloniſten wieder aufzurichten, und veranlaßten Co⸗ lumbus zu dem Glauben, daß er nur die Minen von Ci⸗ bao entdecken duͤrfe, um unerſchoͤpfliche Quellen des Reich⸗ thumis zu oͤffnen. Er beſchloß, ſobald es ſeine Geſundheits⸗ umſtände erlaubten, ſelbſt nach den Bergen aufzubrechen und eine geeignete Stelle zur Anlegung eines Bergwerkes aufzuſuchen.*) 3 Die Jahrszeit war nunmehr fuͤr die Ruͤckreiſe der Flotte günſtig. Ermuthigt von den vielverſprechenden Ausſichten, fuͤr die er nun einſtehen konnte, verlor Columbus keine Zeit, zwoͤlfe von den Schiffen unter dem Befehl Antonio's de Torres zuruͤckzubeordern und behielt deren nur fuͤnf zum Dienſte der Colonie zuruͤck. Mit dieſer Gelegenheit ſandte er Stuͤcke Goldes nach Spanien, die man in dem Gebirge und in den Fluͤſſen von Cibao gefunden hatte, und allerlei Fruͤchte und Pflanzen, die merkwuͤrdig waren oder von beſonderem Wenh ſchienen. Er beſchrieb die Zuͤge Ojeda's und Gorvalan's in den lebendigſten Ausdruͤcken; der letztere kehrte mit der Flotte in ſeine Heimath zuruͤck. Er wiederholte ſeiue vertrauens⸗ volle Hoffnung, bald im Stande zu ſeyn, reichliche Schiffs⸗ *) Hist. del Almirante, cap, 50, — 76— ladungen von Gold, koͤſtlichen Spezereien und Gewuͤrzen zuſammenzubringen, da ihn in dem Augenblick nur ſeine und ſeiner Leute Krankheiten von den Entdeckungen abhiel⸗ ten, wie nicht minder die Sorgen und Arbeiten, um die Bauten der werdenden Stadt zu foͤrdern. Er gab eine Schilderung von der Schoͤnheit und Fruchtbarkeit der Inſel, von ihren praͤchtigen Bergketten, ihren weiten, in uͤppigem Wachsthum ſtehenden und von reizenden Fluͤſſen bewaͤſſerten Ebenen, von der unglaublichen Fruchtbarkeit des Bodens, mannichfaltiger Huͤlſenfruͤchte und Pflanzen aus Europa bewies. Da es indeſſen noch einige Zeit koſten mochte, bis ſie r von ihren Feldern und Gaͤrten Vorraͤthe erndteten, die ſie mit Lebensmitteln zur Erhaltung der Colonie, welche aus ungefaͤhr tauſend Seelen beſtand, reichlich verſehen koͤnnten, und da ſie ſich nicht an die Lebensweiſe der Eingebornen 4 zu gewoͤhnen faͤhig waren, ſo bat Columbus um friſchen Zuſchuß an Proviant aus Spanien. Ihre Vorraͤthe gingen . ſchon auf die Neige. Ihre Weine waren zum großen Theil 3 wegen der ſchlechten Beſchaffenheit der Faͤſſer verdorben, und die Coloniſten litten in ihrem hinfaͤlligen Zuſtande ſehr durch die Entbehrung der gewohnten Nahrungsmittel. Dringend bedurften ſie verſchiedener Medicamente, Kleidun⸗ gen und Waffenſtuͤcke. Er brauchte auch noch Pferde fuͤr die oͤffentlichen Arbeiten und fuͤr den Kriegsdienſt, da man ſie ſehr wichtig gefunden hatte, um die Eingebornen zu ſchrecken, die vor dieſen Thieren große Furcht zeigten. die er mit dem kraͤftigen Fortkommen des Zuckerrohrs und 4 Ferner verlangte er einen Zuwachs von Handwerkern und Mechanikern, ſowie von Leuten, die mit dem Schuͤrfen, auch Schmelzen und Laͤutern des Goldes vertraut waren. Er empfahl verſchiedene Perſonen der Auszeichnung und Gnade ſeiner Gebieter, unter ihnen Pedro Margerite, einen aragoniſchen Ritter vom Orden St. Jago's, der mit Weib und Kindern eine gute Verſorgung verdiene, und den er zu einer Commende des Ordens, welchem er angehoͤrte, empfahl. Auf gleiche Weiſe verwandte er ſich zu Gunſten Juan'’s Aguado, der ebenfalls mit der Flotte zuruͤckging, und that ſeiner Dienſte ehrenvolle Erwaͤhnung. Von dieſen beiden mußte er indeſſen den ſchwaͤrzeſten Undank erleben. Auf dieſen Schiffen ſandte er auch die Maͤnner, Weiber und Kinder nach Spanien, die er von den caraibiſchen Inſeln mitgenommen hatte, und bat, daß man ſie ſorgfaͤltig in der ſpaniſchen Sprache und im chriſtlichen Glauben unterrichten moͤge. Aus der umherſchweifenden und unternehmenden Natur dieſer Menſchen und ihrer durchgaͤngigen Bekannt⸗ ſchaft mit den verſchiedenen Sprachen dieſes großen Archi⸗ pelagus, zog er den Schluß, daß ſie, wenn die Lehren der Religfon und die Gebraͤuche der cioiliſirten Welt ihre wilden Sitten und cannibaliſchen Neigungen bezaͤhmt haͤtten, aus⸗ nehmend wichtig werden duͤrften, als Dollmetſcher und als Solche, die zur Verbreituung des chriſtlichen Glaubens auf den Inſeln mitwirken koͤnnten. Unter den vielen trefflichen und heilſamen Ideen in die⸗ ſem Briefe war nur ein verderblicher Vorſchlag, aus den falſchen Begriffen jener Zeit hervorgegangen, welcher nach⸗ mals eine Quelle ſo großen unrechts und Elendes in der Welt wurde. Er meinte, je groͤßer die Zahl dieſer canni⸗ baliſchen Heiden ſey, die auf den katholiſchen Boden Spaniens verpflanzt wuͤrde, deſto groͤßer wuͤrde auch die Zahl der auf den Weg des Heils geleiteten Seelen ſeyn, und ſo beſchloß er einen Tauſchhandel dieſer Menſchen als Sclaven gegen Lebensmittel einzufuͤhren, welche letztere von Kaufleuten der Colonie herbeigeſchafft werden ſollten. Die Schiffe, die ſolche Lebensmittel braͤchten, ſollten nirgends als auf der Inſel Iſabella landen, wo die caraibiſchen Gefangenen zur Ablieferung bereit ſeyn muͤßten. Eine Abgabe waͤre zu Gunſten der koͤniglichen Revenüen auf jeden Sclaven zu legen. Auf ſolche Weiſe konnte die Colonie koſtenfrei mit allen Arten von Lebensmitteln verſehen werden; die fried⸗ lichen Inſulaner wurden von ihren kriegeriſchen und une menſchlichen Nachbarn befreit, der koͤnigliche Schatz bedeu⸗ tend bereichert und eine große Anzahl von Seelen dem Ver⸗ derben entriſſen und ſo zu ſagen, mit ſiegreicher Gewalt dem Himmel zugefuͤhrt. Von ſolcher Art iſt die ſeltſame Sophiſterei, womit zuweilen edle Menſchen ſich ſelber taͤu⸗ ſchen. Columbus beſorgte die Ungnade der Regenten hin⸗ ſichtlich der Ergebniſſe ſeiner Unternehmungen und war aͤngſtlich darauf bedacht, irgend ein Mittel ausfindig zu machen, um die Koſten derſelben zu vermindern, bis er eine umfaſſende Quelle des Gewinns oͤffnen koͤnne. Die Bekeh⸗ rung der Unglaͤubigen durch gute oder üble Mittel, durch Ueberredung oder Gewalt, war eines der herrſchenden Vor⸗ urtheile damaliger Zeit, und Columbus glaubte, indem er — die Caraiben zu Sclaven machen wollte, den Geboten ſeines Gewiſſens zu gehorchen, indeß er doch in Wahrheit den Antrieben ſeines zeitlichen Intereſſes folgte. Die Gerech⸗ tigkeit erfordert es, hinzuzufuͤgen, daß die Souveraine ſeine Idee nicht billigten, ſondern befahlen, daß die Caraiben wie die anderen Inſulaner zum Chriſtenthum bekehrt werden ſollten— eine Willenserklaͤrung, die aus dem erbarmenden Gemüth Iſabellens hervorging, welche ſich ſtets als eine milde Beſchuͤtzerin der Indianer zeigte. Die Flotte ſtach am 2. Februar 1494 in See. Sie brachte keine Reichthumer nach Spanien zuruͤck, aber die Erwartungen wurden fernerhin durch den vielverſprechenden Brief des Columbus und die Stuͤcke Goldes, welche er ſandte, unterhalten. Seine guͤnſtigen Berichte fanden ihre Beſtaͤtigung in den Briefen des Pater Boyle, der Doctors Chanca und anderer glaubwuͤrdigen Perſonen, endlich durch die muͤndlichen Erzaͤhlungen Gorvalans. Die ſchmutzigen Berechnungen kleinlicher Seelen wurden noch zur Zeit uͤber⸗ waͤltigt von dem Enthuſiasmus hochherziger Gemuͤther, die von der hohen Natur dieſer unternehmungen eingenommen waren. Es lag etwas wunderbar Großes in dem Gedan⸗ ken, auf ſolche Weiſe neue Geſchlechter von Thieren und Pflanzen einzufuͤhren, Staͤdte zu bauen, Colonieen auszu⸗ dehnen und den Samen der Civiliſation und erleuchteter Herrſchaft in dieſer ſchoͤnen aber wilden Welt zu verbreiten. Es erfuͤllte die Seelen der Gelehrten und großen Geiſter mit Bewunderung, ſchuf ihnen eine Fuͤlle von ſchmeichelnden Traͤumen und Einbildungen, und ſchien die dichteriſchen Ge⸗ maͤide vom goldnen Weltalter zu verwirklichen.„Columbus,⸗ ſagt der alte ehrliche Peter Martyr,„ hat angefangen eine Stadt zu bauen, wie er mir kuͤrzlich geſchrieben, und unſere Saͤmereien zu ſaen, und unſere Thiere dort fortzupflanzen! Wer von uns kann nun noch mit Bewunderung von Sa⸗ turn, Ceres und Triptolemus reden, welche fremde Erdſtriche beſuchten, um neue Erfindungen unter den Menſchen zu verbreiten! Oder von den Pooͤniziern, welche Sidon und Tyrus bauten? Oder von den Bewohnern der genannten Staͤdte ſelbſt, deren weitgreifende Wuͤnſche ſie nach fernern Laͤndern reiſen lehrte, um neue Staͤdte zu bauen und neue Dereine zu gruͤnden?“*) Der Art waren die Auslegungen der erleuchteten und wohlgeſinnten Maͤnner, die mit Begeiſterung die Entdeckung der neuen Welt begruͤßten, nicht um der Reichthuͤmer willen, die ſie nach Europa ſchaffen ſolle, ſondern wegen der Bah⸗ nen, die ſie oͤffnen werde fuͤr ruhmwuͤrdige und ſegensreiche Unternehmungen, wegen der Gluͤcksgüter und Veredlungen der civiliſirten Welt, die ſie weit und breit uͤber wilde und un⸗ cultivirte Regionen ausſaͤen werde. *) 153. Brief, an Pomponius Lätus. ——-——— — 75— Achtes Kapitel. Unzufriedenheiten auf der Colonie Iſabella. Meuterei des Bernal Diaz de Piſa. (1494.) Die keimende Stadt Iſabella gewann zuſehends Geſtalt und Anſehen. Eine ſteinerne Landmauer umgab ſie zum Schutz gegen ploͤtzliche Angriffe der Eingebornen, wiewohl die Indianer der Umgegend die freundlichſte Geſinnung be⸗ wieſen, indem ſie Zuwachs an Lebensmitteln von ihren ein⸗ fachen Nahrungsſtoffen herbeibrachten und gegen europaͤiſche Putz- und Spielwaaren austauſchten. Am Tage Epipha⸗ niaͤ, den 6. Februar war die Kirche ſo weit vollendet, um Godttesdienſt darin zu halten, und ein Hochamt wurde von dem Pater Boyle und zwoͤlf Prieſtern an dieſem Tage gehalten. Als die Angelegenheiten der Niederlaſſung durch ſolchen Fort⸗ gang offenbar im beſten Zuge waren, traf Columbus, wie⸗ wohl noch immer durch Unwohlſeyn feſtgehalten, Vorkehrun⸗ gen zu der beabſichtigten, Expedition in's Gebirg von Ci⸗ bao; doch da nahm eine unerwartete Verwirrung in ſeinem kleinen Staate ſeine Aufmerkſamkeit auf eine Zeitlang in er⸗ hoͤhetem Maaße in Anſpruch. — 76— Das Abſegeln der Flotte nach Spanien war ein melan. choliſcher Anblick fuͤr Viele geweſen, die durch uͤbernommene Verbindlichkeiten noch auf der Inſel gefeſſelt waren. In ihren Erwartungen ſchneller Reichthuͤmer getaͤuſcht, unzu⸗ frieden mit den auf ſie gehaͤuften Arbeiten und erſchreckt von den Krankheiten, welche auf der Colonie herrſchend wurden, fingen ſie an, mit Entſetzen auf die umgebende Wildniß zu blicken, welche das Grab ihrer Hoffnungen und ihr eignes Grab zu werden drohte. Als das letzte Schiff verſchwunden war, welches ihre Gefaͤhrten nach Spanien zu⸗ ruͤckbrachte, fuͤhlten ſie ſich von ihrem Vaterlande voͤllig ab: geſchnitten und die lieblichen Erinnerungen an die Heimath, die eine Zeit lang von den neuen Scenen und dem Getuͤm⸗ mel um ſie her verdraͤngt worden waren, beſtuͤrmten ſie jetzt mit doppelter Gewalt. Nach Spanien zuruͤckzukehren wurde ihr brennender Wunſch, und derſelbe Mangel an Ueberle⸗ gung, der ſie zur Theilnahme an dem Unternehmen ver⸗ fuͤhrt hatte, ohne nach deſſen wahrer Beſchaffenheit zu fra⸗ gen, trieb ſie nun an, ſich von ihm loszumachen, gleichviel durch welches verzweifelte Mittel. Wo im Volke Unzufrie⸗ denheit herrſcht, fehlt es ſelten an einem unternehmenden Kopfe, um ihr eine gefaͤhrliche Richtung zu geben. Ein gewiſſer Bernal Diaz de Piſa, ein Mann von einigem Range, der in Civiidienſten am Hofe geſtanden, war als Controleur mit zur Expedition gegangen. Er ſcheint ſich ſeiner Amtsbefugniſſe uͤberhoben und fruͤhe mit dem Admi⸗ ral entzweit zu haben. Mit ſeiner Anſtellung in der Colo⸗ nie unzufrieden, bildete er bald eine Faction unter den Miß⸗ 8 — vergnuͤgten, und ſchlug ihnen vor, ſie wollten die Unpaͤß⸗ lichkeit des Columbus dazu benutzen, ſich einiger oder aller fuͤnf Schiffe im Hafen zu bemaͤchtigen, und mit ihnen nach Spanien zurüͤckzukehren. Es wuͤrde ein leichtes ſeyn, meinte er, ihre heimliche Ruͤckkunft zu rechtfertigen, indem ſie eine Klage gegen den Admiral erhoͤben, welche ſein Unternehmen als truͤgeriſch darſtellte, und ihn grober Hintergehungen und Uebertreibungen in ſeinen Berichten von den entdeckten Laͤndern ziehe. Es iſt ſehr wahrſcheinlich, daß ihn einige von dieſen Leuten der Vergehungen wirklich fuͤr ſchuldig hielten, die ſie ihm andichteten, denn in dem Verdruß der Taͤuſchung ihrer habſuͤchtigen Erwartungen uͤberſahen ſie den wahren Werth dieſer fruchtbaren Inſeln, welche einſt ganze Nationen mit dem Ertrag ihres Bodens bereichern ſollten. In ihren Augen waren alle Gegenden unfruchtbar und uner⸗ ſprießlich, die nicht ſogleich von Gold uͤberſtroͤmten. Ob⸗ gleich ſie in den Stuͤcken, welche die Eingebornen nach der Niederlaſſung brachten, oder welche Ojeda und Gorvalan geliefert hatten, beſtaͤndige Beweiſe vor ihren Augen ſahen, daß die Fluͤſſe und Berge im Inneren Gold im Ueberfluß enthielten, ſo galten ihnen doch dieſe taͤglichen Proben fuͤr verfaͤlſcht. Ein gewiſſer Fermin Cado, ein boͤsartiger, ei⸗ genſinniger Mann, der als Probirer und Schmelzer der Metalle mitgegangen war, hatte gleichen Widerwillen wie Bernal Diaz gegen das Unternehmen eingeſogen. Er be⸗ hauptete hartnaͤckig, es gebe kein Gold auf der Inſel, oder wenigſtens werde es in ſo unbedeutender Quantitaͤt gefun⸗ den, daß es nicht der Muͤhe lohne. Er erklaͤrte, die gro⸗ ßen Klumpen gediegnen Goldes, welche die Eingebornen her⸗ beibraͤchten, ſeyen geſchmolzen, ſie waͤren viele Jahre hin⸗ durch langſam geſammelt, lange Zeit in den Familien der Indianer aufbewahrt und von Geſchlecht zu Geſchlecht vererbt worden. Andere Stuͤcke von groͤßerem Umfang erklaͤrte er fuͤr ziemlich werthlos und von den Eingebornen mit Zuſaͤtzen von anderen Metallen verfaͤlſcht. Solchergeſtalt uͤberwogen die Worte dieſes Mannes die Augenſcheinlichkeit der That⸗ ſachen; ſo daß viele ſich mit ihm zu dem Glauben vereinig⸗ ten, es leide die Inſel wirklich an Golde Mangel. Erſt einige Zeit nachher wurde der wahre Charakter des Fermin Cado erkannt und die Entdeckung gemacht, daß ſeine Un⸗ wiſſenheit ſeiner Halsſtarrigkeit und Anmaßung gleich⸗ komme— Eigenſchaften, welche ſich gewoͤhnlich in hohem Grade bei ſolchen raͤnkeſuͤchtigen und unheilſpinnenden Na⸗ turen zuſammenfinden.*) Ermuthigt durch ſolchen weſentlichen Beiſtand, war eine Anzahl dieſer unruhigen Koͤpfe emſig darauf bedacht, jenen Plan in unmittelbare Ausfuͤhrung zu bringen, von den Schif⸗ fen Beſitz zu nehmen und nach Europa abzuſegeln. Der Einfluß des Bernal Diaz de Piſa bei Hofe ſollte ihnen ein guͤnſtiges Gehoͤr verſchaffen„ und ſie vertrauten auf ihre einmuͤthigen Vorſtellungen ſo ſehr, daß ſie hofften, Colum⸗ bus herabzuſetzen in der oͤffentlichen Gunſt, die immer unbeſtaͤndig iſt in ihrem Laͤcheln und ſehr bereit, ſich ploͤtz⸗ —————— *) Cura de los Palacios, cap. —— — 79— lich und mit Eigenſinn von dem Liebling abzuwenden, den ſie am meiſten vergoͤttert hat.. Zum Gluͤck wurde die Verſchwoͤrung entdeckt, ehe ſie in Ausfuͤhrung kommen konnte. Columbus ließ die Raͤdelsfüh⸗ rer ſogleich verhaften. Bei den Nachforſchungen, welche er anſtellte, wurde ein Memorial oder eine Anklage gegen ihn, voll Verlaͤumdungen und Verdrehungen, in der Boye eines der Schiffe verborgen gefunden. Es war von der Handſchrift des Bernal Diaz. Der Admiral benahm ſich mit großer Maͤßigung. Aus Achtung fuͤr den Rang und die Stellung des Diaz vermied er es, eine Strafe uͤber ihn zu verhaͤngen; er ließ ihn gefangen an Bord eines der Schiffe bringen, um zur unterſuchung nach Spanien abge⸗ führt zu werden; es wurde der Prozeß oder die protokolla⸗ riſche Aufnahme ſeines Verbrechens und das aufruͤhreriſche Promemoria, welches entdeckt worden, beigefuͤgt. Mehrere der untergeordneten Aufruͤhrer dagegen wurden nach dem ⸗ Ve haͤltniß ihrer Schuld beſtraft, aber nicht mit der Strenge, ergehen verdient hatte. Um ſich gegen jede Wie⸗ — S aß alles Geſchuͤtz und alle Schiffsmunttion aus den vier Fahrzeugen genommen und auf das Admiralſchiff ge⸗ bracht werden ſolle, welches er Perſonen zur Bewachung uͤbergab, auf die er ſein unbedingtes Vertrauen ſetzen konnte.*)* 3 — *) Herrera hist, Ind, decad. 1, I. II. c. 11. Hist, del Almirante, c. 50. eines ſolche Attentats zu ſichern, befahl Colum⸗ — 80—. Dieſes war das erſtemal, daß Columbus die ihm uͤber⸗ tragene Strafgewalt in ſeiner neuen Statthalterſchaft uͤbte, aber ſeine richterliche Handlung erweckte unmittelbar den heftigſten Tadel. Seine Maßregeln, ſo noͤthig fuͤr die all⸗ gemeine Sicherheit und von der groͤßten Milde begleitet, er⸗ klaͤrte man fuͤr willkuͤhrlich und rachſuͤchtig. Schon zeigte ſich der Nachtheil deutlich, daß er ein Fremder in dem Volke war, welches er regieren ſollte. Er hatte Nationalvorur⸗ theile zu bekaͤmpfen, unter allen Vorurtheilen die allgemein⸗ ſten und unbilligſten. Er hatte keine Freunde von Haus aus, die er um ſich verſammeln konnte; waͤhrend die Auf⸗ ruͤhrer Verbindungen in Spanien, Freunde in der Colonie und alle Mißvergnuͤgte zu Vertheidigern hatten. So wur⸗ den ſchon fruͤhe jene Feindſeligkeiten gegen Columbus er⸗ zeugt, welche durch ſein ganzes Leben ſich vermehren ſoll⸗ ten; es war die erſte Ausſaat einer Reihe von Partheiun⸗ gen und Verraͤthereien, welche nachmals die Inſel zerruͤt⸗ teten. 4 — 81— Neuntes Kapitel. Expedition des Columbus nach den Bergen von Cibao. (1494.) Nachdem Columbus ſich endlich von ſeiner langen Kraͤnk⸗ lichkeit erholt hatte und die Meuterei auf der Niederlaſſung gluͤcktich unterdruͤckt war, ruͤſtete er ſich zu ſeiner alsbaldi⸗ gen Abreiſe nach Cibao. Er vertraute das Commando der Stadt und der Schiffe waͤhrend ſeiner Abweſenheit ſeinem Bruder Don Diego an, und ſtellte faͤhige Leute als Rath⸗ geber und Gehuͤlfen an ſeine Seite. Don Diego wird von Las Caſas, der ihn perſoͤnlich kannte, als ein Mann von eben ſo großer Beſcheidenheit als Tuͤchtigkeit, von einer ſanften, friedlichen Gemuͤthsart, und mehr durch ruhige Beſtimmtheit als durch ſtarken. Nachdruck wirkend geſchil⸗ dert. Er war einfach in ſeiner Kleidung, faſt ganz wie Kein Geiſtlicher angethan, und Las Caſas meint, er habe heimlich die Hoffnung genaͤhrt, zu einem Kirchenamte befoͤr⸗ dert zu werden;*) wirklich deutet dieſes auch Columbus in ſeinem letzten Willen bei Erwaͤhnung ſeines Bruders an. *) Las Casas hist. Ind. lib. I. c. 8a. MS. Irving's Columbus. 4—6. 6 Da der Admiral die Abſicht hatte, ein Fort in dem Gebirg zu erbauen und eine Niederlaſſung zur Anlegung von Gold⸗ bergwerken zu gruͤnden, nahm er die erforderliche Anzahl von Kuͤnſtlern, Handwerkern, Bergknappen, Munition und Geraͤthſchaften mit. Indem er aber im Begriff ſtand, die Gebiete des geruͤrchteten Caonabo zu betreten, war es gleich⸗ falls wichtig, eine Waffenmacht um ſich zu verſammeln, die ihn nicht allein gegen jeden kriegeriſchen Widerſtand ſichern konnte, ſondern auch durch das Land einen furchterwecken⸗ den Begriff von der Macht der weißen Maͤnner verbreiten und die Indisner von kuͤnftigen Gewaltthaten, ſey es gegen Geweinden oder gegen Wandernde, die durch Zufall in ihre Haͤnde geriethen, abhalten mußte. Daher wurden. Alle, die bei Kraͤften waren und der Niederlaſſung augenblicklich entzogen werden konnten, ſammt der Cavalerie, die die Muſterung paſſiren kannte, aufgeboten, und alle Mittel angewandt, um die Wilden durch⸗ militaͤriſchen Glanz in Reſpect zu ſetzen. Am 12. Maͤrz brach Columbus an der Spitze von un⸗ gefaͤhr vierhundert Mann, alle wohl bewaffnet und ausge⸗ ruͤſtet, mit ſtrahlenden Helmen und Bruſtharniſchen, mit Flinten, Lanzen, Schwertern und Armbruſten zu ſeinem Zuge auf, und eine Menge von Indianern der Umgegend folgte ihnen. Sie ruͤckten in Schlachtordnung aus der Stadt, mit fliegenden Fahnen, mit Trommelruͤhren und Trompetenklaͤngen. Ihr Marſch am erſten Tage erſtreckte ſich uͤber die Ebene, die zwiſchen dem Meer und den Ber⸗ gen lagz. ſie hatten zwei Fluͤſſe zu durchwaten und kamen — 83— durch ein herrliches gruͤnendes Land. Sie ſchlugen am Abend ihr Lager in der Mitte lachender Fluren an dem Fuß eines wilden und felſigen Gebirgspaſſes. Der Aufgang in dieſem rauhen Hohlwege bot furcht⸗ bare Schwierigkeiten fuͤr die kleine Armee, die mit vielen Geraͤthſchaften und Vorraͤthen daherzog. Es war nichts als ein indianiſcher Fußpfad, der ſich zwiſchen Felſen und jaͤhen Abhaͤngen, oder durch Geſtraͤuch und Dickicht fortwand, von der reichen Vegetation tropiſcher Waldungen umwuchert. Eine Anzahl muthiger junger Ritter ſtiällte ſich freiwillig, um dem Heere Bahn zu machen. Die jungen Cavaliere waren an dieſe Art von Dienſt aus den mauriſchen Kriegen gewoͤhnt, wo es oft in der Schnelligkeit nothig wurde, Wege fuͤr den Marſch der Truppen und die Fortſchaffung des Ge⸗ ſchuͤtzes uͤber die Gebirge von Granada zu bahnen. Sie ſtellten ſich mit Arbeitern und Pionieren auf die Hoͤhen und feuerten dieſe durch ihr Beiſpiel und durch Verſprechung reichlichen Lohnes an; ſo wurde in kurzer Friſt die erſte Landſtraße in der neuen Welt beendigt. Man nannte ſie El Puerto de los Hidalgos oder der Paß der Edelleute, zu Ehren der ritterlichen Unternehmer, die ſie ausfuͤhrten,*) Am folgenden Tage erſtieg das Heer auf dieſer ſteilen Straße die Hoͤhe und gelangte dahin, wo die Bergſchlucht *) Hist. del Almirante; c. 50. Hidalgo d. 5. Hijo de Algo, wörtlich„der Sohn von Jemanden“ im Gegen⸗ iatz des Obſcuren, Niedriggeborenen, des Sohnes von Niemanden, 6* — 84— ſich in's Innere der Inſel oͤffnet. Hier ging ploͤtzlich ein geſegnetes Land vor ihren Blicken auf. Es war derſelbe herrliche Anblick, der Ojeda und ſeine Gefaͤhrten in Ent⸗ zuͤcken verſetzt hatte. Unter ihnen lag die weitgeſtreckte koͤſt⸗ liche Ebene mit dem ganzen Schmelz und Farbenſchmuck der tropiſchen Vegetation in reicher Mannigfaltigkeit beklei⸗ det. Die praͤchtigen Waͤlder boten eine nur in dieſen uͤp⸗ pigen Klimaten bekannte Miſchung von Schoͤnheit und Majeſtaͤt vegetabiliſcher Formen. Palmen von rieſenhafter Groͤße und weithinſchattende Mahagony⸗Baͤume thuͤrmten ſich mitten in einer Wildniß von buntfarbigem Laubwerk. Die uͤberall verbreitete Friſche des Gruͤns erhielt Nahrung von zahlreichen Stroͤmen, die ſich ſchimmernd in dem wei⸗ ten Schooße des waldigen Landes dahinſchlaͤngelten; viele Doͤrfer und Weller blickten zwiſchen den Baͤumen hervor, und der von anderen aus der Mitte der Waͤlder aufſtei⸗ gende Rauch deutete eine zahlreiche Bevoͤlkerung an. Die herrliche Landſchaft dehnte ſich, ſo weit das Auge rei⸗ chen konnte, bis ſie in den Horizont zu verſchwimmen ſchien. Die Spanier erblickten mit Entzucken dieſes in ſanfter Uep⸗ pigkeit bluhende Land, welches ihre Vorſtellungen von dem irdiſchen Paradieſe zu erfuͤllen ſchien, und Columbus, uͤber die unendliche Nusdehnung erſtaunt, gab hi den Ramen Vega Real oder Koͤnigs⸗Ebene.*). Nachdem ſie den wilden Gebirgspaß verlaſſen, ruͤckte die Armee in das offene Land in kriegeriſchen Reihen mit großem *) Las Casas hier. Iad. Hib, 1, c. 9o. MS, Geklirre der Waffen. Wie die Indianer dieſe ſchimmernde Schaar von Kriegern erblickle, in blitzenden Stahl gekleidet, mit Roſſen, die ſich baͤumten, und mit flatternden Bannern, wie ſie zum erſtenmal die Toͤne der Trommeln und Trom⸗ peten von ihren Felſen und Waͤldern in lautem Widerhall hoͤrten, mochten ſie wohl ein fo wunderbares Schauſpiel fuͤr eine uͤbernatuͤrliche Erſcheinung halten. Auf dieſe Art entwickelte Columbus ſeine Streitkraͤfte, wenn er ſich einem bevoͤlkerten Dorfe naͤherte; dabei ſtellte er die Reiterei an die Spitze, denn die Pferde erweckten bei den Eingebornen ein gemiſchtes Gefuͤhl von Bewunderung und Schrecken. Las Caſas bemerkt, ſie haͤtten zuerſt ge⸗ glaubt, Reiter und Pferd ſeyen Ein lebendiges Weſen, und nichts war ihrer Verwunderung gleich, als ſie ſahen, wie die Reiter abſtiegen;z ein Umſtand, welcher zeigt, daß der Urſprung der alten Fabel von den Centauren am Ende ganz in der Natur begruͤndet iſt. Bei dem Herannahen des Heeres entflohen die Indianer gewoͤhnlich mit Schrecken und ſuchten Zuflucht in ihren Haͤuſern. So groß war ihre Einfalt, daß ſie nur eine leichte Schranke von Rohr an dem Eingang hatten und ſich hinter dieſer vollkommen ſicher zu glauben ſchienen. Columbus, erfreut uͤber dieſe kind⸗ tiche Unbefangenheit, befahl, daß die gebrechlichen Barrie⸗ ren ſtreng reſpektirt und die Bewohner in ihrer eingebilde⸗ ten Sicherheit gelaſſen werden ſollten.*) Allmaͤhlig wich ihre Furcht durch die Vermittlung der Dollmetſcher und *²) Las Casas lib, cit. I, 1, e. 90. — 86— durch Austheilung unbedeutender Geſchenke. Ihre Freude und Dankbarkeit hatte keine Gräaͤnzen, und der Zug des Heeres wurde beſtaͤndig aufgehalten durch die Gaſtfreund⸗ ſchaft der zahlreichen Doͤrfer, durch welche ſie zogen. Der Begriff von Gemeingut war ſo ausgedehnt bei dieſem Volke, daß die Indianer, welche die Armee begleiteten, ohne Um⸗ ſtaͤnde in die Haͤuſer traten, ſich irgend etwas nahmen, was ſie eben brauchten, ohne das Erſtaunen oder den Unwillen der Bewohner zu erregen. Die letzteren wollten es eben ſo mit den Spaniern halten, und ſchienen verwundert, wenn ſie zuruͤckgewieſen wurden. Dieſes war vermuthlich nur der Fall mit den Lebensmitteln; denn es wird uns berichtet, daß die Indianer nicht gleichguͤltig mit ihrem Eigenthum und das Verbrechen des Diebſtahls eines der wenigen geweſen, das ſie mit großer Strenge beſtraften. Lebensmittel jedoch ſind bei den Wilden Gemeingut Aller; ſelten wird damit Handel getrieben, bis die weißen Maͤnner die Gewohnheit des Tauſchverkehrs einfuͤhren. Der ununterrichtete Wilde faſt auf der ganzen Erde haͤlt es fuͤr verachtlich⸗ mitl der Gaſtfreundſchaft Handel zu treiben. Nach einem Marſch von fuͤnf Stunden uͤber zieſe Ebene kamen ſie an den Ufern eines breiten und ſchoͤnen Stromes an, den die Eingebornen Yagui nannten, dem aber der Ad⸗ miral den Namen Fluß der Schilfrohre gab. Er wurde nicht gewahr, daß es derſelbe Strom war, der, nachdem er ſich durch die Vega gewunden, in der Naͤhe von Monte Chriſti ins Meer ſich ergießt und den er auf ſeiner erſten Reiſe den Goldfluß genannt hatte. An ſeinen gruͤnen Vfern — 87— ſchlug das Heer fuͤr dieſe Nacht ſein Lager, begeiſtert und entzuͤckt von den herrlichen Gegenden, die ſie beruͤhrt hat⸗ ten. Sie badeten und fiſchten in den Gewaͤſſern des Ya⸗ gui und erfreuten ſich der Lieblichkeit der umgebenden Land⸗ ſchaft und der erfriſchenden Luͤfte, die in dieſer koͤſtlichen Jahrszeit herrſchen.„Denn obgleich,“ bemerkt Las Caſas, „nur wenig Unterſchied von einem Monat zum andern im Jahreswechſel auf dieſer Inſel und in den meiſten Laͤndern dieſer Indien ſtattfindet, ſo fuͤhrt man doch in der Periode vom September bis zum Mai ein Leben wie im Para⸗ dieſe.“*)— Am naͤchſten Morgen gingen ſie mit Huͤlfe von Candes und Floßen uͤber den Fluß und ließen die Pferde durchſchwim⸗ men. Zwei Tage ſetzten ſie ihren Marſch auf eben ſo rei⸗ chen Strecken der Ebene fort, mit hohen Waldungen man⸗ nigfaltig geſchmuͤckt und mit Stroͤmen reich bewaͤſſert, deren ſich einige von den Bergen Cibao's ergoſſen und in ihrem Sande, wie es hieß, Goldſtaub herabfuͤhren. Einem von ihnen, deſſen klares Waſſer ſich uͤber ein Bett von glatten runden Kieſeln ergoß, gab Columbus den Namen Rio Verde oder gruͤner Fluß, von dem friſchen Gruͤn ſeiner Ufer. Waͤh⸗ rend dieſes Marſches kamen ſie durch viele Doͤrfer, wo ſie im Allgemeinen dieſelbe Aufnahme fanden. Die einfachen Bewohner entflohen bei ihrem Anblick, ſchloſſen ihre leichten Thuͤren von Rohr hinter ſich zu, wurden aber wie die vo⸗ *) Las Casas hit. Ind. I. 1. c. 90. MS. — 88— rigen bald zutraulich gemacht und boten alle ihre beſchraͤnk⸗ ten Mittel auf, um die Fremden gaſtlich zu bewirthen. Als ſie auf dieſe Weiſe in die Mitte der großen Inſel eindrangen, wo jede Seite die wilde Ueppigkeit einer rei⸗ zenden, doch unbebauten Natur zeigte, kamen ſie am Abend des zweiten Tages bei einer Kette von hohen und ſteilen Bergen an, welche eine Art von Graͤnzguͤrtel gegen die Vega bildeten. Dieſe wurden dem Columbus als die gold⸗ nen Berge von Cibao bezeichnet, deſſen Gebiet auf ihren felſigen Gipfeln beginne. Das Land fing nunmehr an, rauh und unwegſam zu werden, und weil das Heer ermuͤdet war, ſo ſchlugen ſie fuͤr die Nacht am Fuß eines ſteilen Hohlwe⸗ ges ihr Lager auf. Da dieſer Fußſteig in das Gebirg fuͤhrte, ſo wurden Pioniere vorausgeſandt, um der Armee eine Straße zu bahnen. Von dieſem Ort ſandten ſie Maul⸗ thiere nach friſchen Vorraͤthen von Brod und Wein zuruͤck, da dieſe Artikel auf die Neige gingen; denn ſie hatten ſich bis dahin noch nicht an die Lebensmittel der Wilden ge⸗ woͤhnt, die man nachmals ſehr nahrhaft und dem Klima gemaͤß fand. 3 Am folgenden Tage ſetzten ſie ihren Marſch auf einem engen und ſteilen Pfade fort, der ſich zwiſchen ſchroffen Felſen durchwand und wo ſie ihre Pferde fuͤhren mußten. Auf dem Gipfel angelangt, erfreuten ſie ſich noch einmal des Anblicks der reizenden Vega, die hier noch groͤßer aus⸗ ſah und ſich nach allen Seiten hin wie ein weiter gruͤner See ausdehnte. Dieſe präͤchtige Ebene iſt, nach Las Caſas, — — — achtzig Stunden lang, zwanzig bis dreißig Stunden breit, und von unvergleichlicher Schoͤnheit. Nun betraten ſie das Gebiet von Eibao, dieſes Gold⸗ land, welches, als ob ſich die Natur in Widerſpruͤchen ge⸗ fiele, einen armſeligen Anblick von Außen bot, im Verhaͤlt⸗ niß zu ſeinen verborgenen Schaͤtzen. Statt der ſanften Ueppigkeit der Gegenden in der Vega erblickten ſte Ketten von felſigen und unfruchtbaren Bergen, nur hier und da mit hohen Fichten bewachſen. Auch die Baͤume in den Thaͤlern trugen nicht das reiche buſchige Laubwerk wie auf anderen Stellen der Inſel, ſon⸗ dern waren duͤnn und verkruͤppelt, diejenigen ausgenommen, welche an den Ufern der Stroͤme wuchſen. Der Name des Landes ſprach die Natur des Bodens aus— Cibao be⸗ deutete in der Sprache dieſer Wilden einen Stein. Dennoch gab es weite Triften und ſchattige Schluchten zwiſchen den Bergen, von den klarſten Baͤchen bewaͤſſert, wo das gruͤne Laub und die Streifen von Gehoͤlz gegen die Unfruchtbar⸗ keit der Nachbarſchaft deſto erfreulicher abſtachen. Was aber die Spanier fuͤr die Rauhheit des Bodens troͤſtete, waren die Stuͤckchen Gold, die ſie in dem Sande dieſer durchſichtigen Stroͤme glitzern ſahen, und die ſie, wie ſpar⸗ ſam auch geſaͤet, als unzweideutige Anzeichen der in den Bergen eingeſchloſſenen Schaͤtze betrachteten. Da die Eingebornen ſchon einen Beſuch von dem Streif⸗ zug unter Ojeda erhalten hatten, kamen ſie mit großer Freude ihnen entgegen, brachten ihnen Lebensmittel und vor Allem Koͤrner und Stuͤcke Goldes, die ſie aus den Baͤchen — 90— und Stroͤmen geſammelt hatten, da ſie merkten, wie begie⸗ rig die Spanier nach dieſem Metall waren. Aus dem in allen Stroͤmen gefundenen Goldſtaub ſch'oß Columbus, daß mehrere Goldminen in der Nachbarſchaft ſeyn muͤßten. Er hatte Stuͤcke von Bernſtein und Lapis Lazuli, doch in ganz geringer Quantitaͤt gefunden; auch glaubte er eine Kupfer⸗ mine entdeckt zu haben. Er war nun ungefaͤhr acht⸗ zehn Stunden von der Niederlaſſung entfernt; die rauhe Beſchaffenheit der Berge machte eine Verbindung ſchon aus dieſer Entfernung ſchwierig. Er gab daher den Plan auf, weiter ins Innere zu dringen, und beſchloß in der Naͤhe einen befeſtigten Standort zu erbauen, mit einer gehoͤrigen Anzahl von Leuten, ſowohl um die Goldminen zu bearbeiten, als den uͤbrigen Theil der Provinz zu erforſchen. Er waͤhlte deßhalb eine freundliche Lage auf einer Hoͤhe, welche faſt ganz von einem kleinen Fluß, Yanſque genannt, umge⸗ ben war, deſſen Waſſer eine Klarheit hatte, als waͤre es gelaͤutert, und ein angenehmes Gemurmel verbreitete. In ſeinem Bette fand man merkwuͤrdige Steine von verſchiede⸗ nen Farben, Blöcke von ſchoͤnem Marmor und Stuͤcke von purem Jaspis. Von dem Fuß der Anhoͤhe dehnte ſich eine jener reizenden und gruͤnenden Ebenen aus, die von Fluͤſſen befruchtet und erfriſcht, von den Indianern Cavonnah ge⸗ nannt werden.*) Auf dem Gipfel befahl Columbus ein ſtarkes Fort von Holz zu errichten, welches gegen jeden Angriff der Wilden *) Las Casas hist, Ind. 1, I. c. 90. MS. — 91— ſicher und mit einem tiefen Graben an der Seite verſehen waͤre, die der Fluß nicht beruͤhrte. Dieſem Fort gab er den Namen St. Thomas, um auf eine ſarkaſtiſche, aber doch fromme Weiſe an die unglaͤubigkeit des Fermin Cado und ſeiner zweifelnden Anhaͤnger zu erinnern, die ſich hart⸗ naͤckig gegen die Annahme gewehrt hatten, daß die Inſel Gold hervorbraͤchte, bis ſie es mit ihren Augen ſaͤhen und mit ihren Haͤnden beruͤhrten.*) Als die Eingebornen von der Ankunft der Spanier in ihrer Nachbarſchaft hoͤrten, kamen ſie ſchaarenweiſe aus ver⸗ ſchiedenen Gegenden herbeigelaufen, um ſich europaͤiſchen Flitterſtaat auszubitten. Der Admiral gab ihnen zu ver⸗ ſtehen, daß alles nur gegen Gold zu erlangen ſey; als ſie dieſes hoͤrten, liefen einige gleich zu einem in der Naͤhe fließenden Strom, ſchoͤpften und wuſchen den Sand, und kehrten in kurzer Zeit mit betraͤchtlichen Quantitaͤten von Goldſtaub zuruͤck. Ein alter Mann brachte zwei Klumpen gediegenes Gold, das eine Unze wog, und hielt ſich fuͤr reich⸗ lich belohnt, wie man ihm dafuͤr eine Schelle reichte. Als er bemerkte, daß der Admiral uͤber die Anſehnlichkeit der Stuͤcke erſtaunte, gab er durch Zeichen zu verſtehen, daß das noch gar nichts waͤre und daß man in ſeinem Lande, ungefaͤhr eine halbe Tagereiſe entfernt, Klumpen Goldes in der Groͤße einer Orange finde. Andere Indianer brach⸗ ten Goldkoͤrner, die zehn bis zwoͤlf Drachmen wogen, und *) Las Casas hist, Ind, 1 1 c. 90. MS. erkllärten, in der Gegend, wo man dieſe finde, gaͤbe es Stücke Gold, ſo groß wie der Kopf eines Kindes.*) Wie gewoͤhnlich aber waren dieſe goldnen Landſtriche irgend ein entferntes Thal, oder zogen ſich an der Seite eines wilden von ihnen geſchiedenen Stromes hin, und die reichſte Gegend lag gewiß in der weiteſten Entfernung— denn das Land der Verheißung liegt immer hinter den Bergen. Zehntes Kapitel. Streifzug des Juan de Luxan in dem Gebirge. Sitten und Eigenthümlichkeiten der Eingebornen. Columbus kehrt nach Iſabella zurück. (1494.) Indeß der Admiral noch in der Gebirgsgegend ver⸗ weilte, und den Bau des Forts leitete, ſandte er einen jungen Ritter aus Madrid, Namens Juan de Luran, mit einem kleinen Trupp Soldaten aus, um in der Gegend um⸗ *) Peter Martyr decad. f. lib. III. — 93— herzuſtreifen und die ganze Provinz zu erforſchen, welche nach den Ausſagen der Indianer an Ausdehnung dem Koͤ⸗ nigreich Portugal gleich ſeyn mußte. Luxan kehrte ſchon nach einigen Tagen mit den befriedigendſten Nachrichten zuruͤck. Er hatte einen großen Theil von Eibao durch⸗ zogen, welches er der Bebauung fuͤr faͤheger erklaͤrte, als man anfaͤnglich geglaubt hatte. Es war faſt durchgaͤngig bergig und der Boden mit großen rundlichen Kieſeln von blauer Farbe bedeckt, doch gab es gute Weideplaͤtze in vielen der Thaͤler. Auch die Berge, durch haͤufige Regenguͤſſe erfriſcht, brachten Gras von erſtaunend ſchnellem und uͤppi⸗ gem Wachsthum hervor, welches oft bis an die Saͤttel der Pferde reichte. Die Waͤlder ſchienen dem Luran voll kraͤf⸗ tiger Gewuͤrze zu ſeyn; er ließ ſich von den Geruͤchen der aromatiſchen Kraͤuter und Pflanzen taͤuſchen, welche in den Waldungen der tropiſchen Laͤnder im Ueberfluß angetroffen werden. Auch gab es große Rebenpflanzen, die bis zu den Gipfeln der Baͤume empor rankten und Trauben mit ganz ausgekochten, voͤllig reifen Beeren trugen, voll Saft und von Wohlgeſchmack. Jedes Thal und jede Trift hatte ihre Stroͤme; klein oder groß, nach der Groͤße des benach⸗ barten Berges, und alle fuͤhrten mehr oder minder Gold in kleinen Stuͤckchen, das allgemeine Vorhandenſeyn dieſes edlen Metalls andeutend. Luran ſoll auch von den India⸗ nern viele Geheimniſſe uͤber ihre Berge erfahren haben, es ſollen ihm die Gegenden gezeigt worden ſeyn, wo das meiſte Gold gefunden werde, auch die Stroͤme, die den reichſten Goldfand fuͤhrten. Ueber alle dieſe Punkte jedoch beobachtete — 9— er ein tiefes Schweigen, indem er das Naͤhere Niemanden als dem Admiral vertraute.(Peter Martyr.) Als das Fort St. Thomas faſt vollendet war, uͤbergab es Columbus den Befehlen des Pedro Margarite, deſſelben Ritters, den er der Gnade der Souveraine empfohlen hatte, und ließ ihn mit einer Garniſon von ſechs und funfzig Mann zuruͤck. Bei ſeiner Ankunft an den Ufern des Rio Verde oder gruͤnen Fluſſes, in der Koͤnigs⸗Ebene, begegnete er einem Trupp Spanier auf ihrem Wege nach dem Fort, mit friſcher Zufuhr verſehen. Er blieb deßhalb noch einige Tage in der Nachbarſchaft, unterſuchte den Fluß wegen der beſten Furth und richtete eine Route zwiſchen dem Fort und dem Hafen ein. Waͤhrend dieſer Zeit hatte er ſeine Quartiere in den indjaniſchen Doͤrfern und war bemuͤht, ſeine Leute an die Koſt der Eingebornen zu gewoͤhnen, und den letzteren guten Willen und Ehrerbietung gegen die wei⸗ ßen Maͤnner einzufloͤßen⸗ Aus den Nachrichten Luxans hatte Columbus einige Be⸗ lehrung uͤber den Charakter und die Gebraͤuche der Einge⸗ bornen geſchoͤpft und noch mehr erlangte er aus ſeiner eig⸗ nen Erfahrung, im Verlaufe ſeines Aufenthaltes unter den Bewohnern des Gebirgs und der Eben n. Eine kurze Er⸗ zaͤhlung von einigen der merkwuͤrdigſten Eigenthuͤmlichkeiten und Sitten dieſer Wilden mag hier nicht am unrechten Ort ſeyn. Sie werden nicht bloß als Bemerkungen des Admirals und ſeiner Officiere auf dieſer Expedition dem Leſer mitge⸗ theilt, ſondern als einige Zeit nachher in einer unbehuͤlflichen Abhandlung aufgezeichnet von einem Kloſterbruder Namens — 95— Roman, einem armen Einſiedler, wie er ſich ſelber nennt, von dem Orden der Hieronimiten, ein College des Pater Boyle und der eine Zeit lang in der Vega als Miſſionaͤr lebte.— Columbus war ſchon von einem Irrthum zuruͤckgekom⸗ men, den er auf ſeiner erſten Reiſe unter ſeine Bemerkungen voon dieſen Inſulanern aufgenommen hatte. Sie waren nicht ſo ganz friedfertiger Natur, noch ſo unbekannt mit kriege⸗ riſchen Kuͤnſten, wie er ſich eingebildet hatte. Er war wohl durch den Enthuſtasmus ſeiner Gefuͤhle, ſo wie durch die Sanftheit Guacanagari's und ſeiner Unterthanen etwas ge⸗ blendet. Die gelegentlichen Einfaͤlle der Caraiben hatten die Bewohner der Seekuͤſte genoͤthigt, ſich mit dem Gebrauch der Waffen bekannt zu machen. Einige von den Gebirgs⸗ ſtaͤmmen in der Naͤhe der Kuͤſte, beſonders die an der Seite nach den caraibiſchen Inſeln, waren von einem kuͤhneren und kriegeriſcheren Charakter als die der Ebenen. Ferner hatte Caonabo, der caraibiſche Haͤuptling, etwas von ſeinem eig⸗ nen kriegeriſchen Geiſt in's Innere der Inſel verpflanzt. Doch waren die Sitten der Bewohner im Allgemeinen mild und ſanft. Kriege, welche zuweilen unter ihnen entſtanden, waren nur von kurzer Dauer und nicht von ſtarkem Blut⸗ vergießen begleitet; denn in der Regel lebten ſie gaſtlich und freundlich mit einander.. Columbus hatte ſich auch anfaͤnglich dem Irrthum hin⸗ gegeben, als fehle es den Urbewohnern von Hayti an allen Begriffen der Religion, und er hatte ſich daher vorgeſtellt, daß die Lehren des⸗ Chriſtenthums deſto leichteren Eingang in ihren Gemuͤthern finden würden; doch bedachte er nicht, daß es ſchwerer iſt, die Flamme der Andacht in dem kalten Herzen eines Atheiſten zu entzuͤnden, als ein bereits ent⸗ zuͤndetes Feuer zu einem neuen Gegenſtande zu leiten. Es gibt indeſſen wenig Weſen, die ſo entbloͤßt ſind von allem Nachdenken, daß ſie nicht den Gedanken an ein allmaͤchtiges Weſen faſſen koͤnnten. Noch nie gab es eine Nation von Atheiſten. Man entdeckte hier bald, daß die Inſulaner ih⸗ ren eignen Glauben hatten, der aber von einer unbeſtimm⸗ ten und ganz beſchraͤnkten Natur war. Sie glaubten an ein hoͤchſtes Weſen, welches den Himmel bewohne, unſterb⸗ lich ſey, allmaͤchtig und unſichtbar, welchem ſie einen be⸗ ſtimmten Urſprung zuſchrieben, und eine Mutter aber kei⸗ nen Vater gaben.*S) Sie richteten nie ihr Gebet unmittel⸗ bar an daſſelbe, ſondern nahmen untergeordnete Gottheiten, die ſie Zemes nannten, als Boten und Vermittler an. Je⸗ der Cazike hatte ſeine Schutzgottheit von dieſem Range, die er anrief und bei allen ſeinen oͤffentlichen Handlungen zu be⸗ fragen vorgab, und die von dem Volke verehrt wurde. Er hatte ein beſonderes Haus, als Tempel fuͤr dieſe Gottheit, in welchem ein Bild von dieſem Zemi war, aus Holz ge⸗ ſchnitzt, aus Stein gehauen oder aus Lehm geformt, und in der Regel von einer mißbildeten und haͤßlichen Geſtalt. Jede Familie und jeder Einzelne hatten gleichfalls ihre eignen Zemes oder Schutzgeiſter, wie die Laren und Penaten bei den Alten. Sie waren an jedem Ort ihrer Haͤuſer aufge⸗ *) Escvitura de Fr, Roman. Hist. del Almirante. — 97— ſtellt oder in das Hausgeraͤth eingeſchnitzt. Einige hatten ſie von kleiner Form und banden ſie ſich vor die Stirn, wenn ſie in die Schlacht gingen. Sie hielten ihre Zemes fuͤr uͤbertragbar mit allen ihren Kraͤften, und ſtahlen ſie oft einander. Als die Spanier unter ihnen ankamen, verbargen ſie ihre Goͤtterbilder, aus Furcht, man moͤge ſie ihnen wegnehmen. Sie nahmen an, dieſe Zemes ſtaͤnden allen Dingen in der Natur vor, und jedes habe ſein beſonderes Amt oder Departement. Sie wirkten auf die Jahrs⸗ zeiten und Elemente, ſie verurſachten magere und frucht⸗ bare Jahre, ſie erregten Orkane und Wirbelwinde, und Stuͤrme mit Regen und Donnerwetter, oder ſchickten lieb⸗ liche und ſanfte Luͤfte und fruchtbaren Landregen. Sie be⸗ herrſchten die Meere und die Waͤlder, die Quellen und Brunnen gleich den Nereiden, Dryaden und Satyrn des Alterthums. Sie gaͤben Gluͤck zur Jagd und zum Fiſch⸗ fang, leiteten die Waſſer der Berge in ſichere Kanaͤle und fuͤhrten ſie hinab durch die Ebenen in ſanften Baͤchen und friedlichen Fluͤſſen, oder, wenn ſie erzuͤrnten, ließen ſie ſie in brauſende Stroͤme und uͤberſchwemmende Fluthen ausar⸗ ten, welche die Thaͤler ertraͤnken und verheeren. Die Eingebornen hatten ihre Butios oder Prieſter, welche mit dieſen Zemes in Gemeinſchaft zu treten behaup⸗ teten. Sie hielten ſtrenge Faſten und Abwaſchungen, und ſchluckten das Pulver oder das fluͤſſige Gemiſch eines gewiſ⸗ ſen Krautes ein, welches eine voruͤbergehende Berauſchung oder ein Delirium hervorbrachte. In ſolchen Momenten be⸗ haupteten ſie Verzuͤckungen und Geſichte zu haben; die Ze⸗ Irving's Columbus 4— 6. 7 — 98— mes enthuͤllten ihnen dann zuküͤnftige Dinge, oder unterrich⸗ teten ſie in der Heilung von Krankheiten. Sie waren im Allgemeinen große Botaniker und mit den mediziniſchen Ei⸗ genſchaften der Baͤume und Pflanzen wohl bekannt. Sie heilten krankhafte Zuſtaͤnde durch ihre Kenntniß der Arznei⸗ pflanzen, aber immer mit vielen geheimnißvollen Gebraͤu⸗ chen und Ceremonien und vermeintlichen Entzauberungen; ſie ſangen und brannten ein Licht in dem Gemach des Patien⸗ ten, und behaupteten die Krankheit zu exoreiſiren, ſie aus dem Hauſe zu treiben, und ſie in's Meer oder in einen Berg zu bannen.*) Ihre Koͤrper waren mit den Geſtalten der Zemes be⸗ malt oder tattoirt; die Spanter betrachteten dieſe Figuren mit Entſetzen als ſo viele Bilder des Teufels, und die Butios, welche von den Eingebornen wie Heilige verehrt wurden, ſahen ſie als Negromanten an. Dieſe Butios ſtan⸗ den haͤufig den Caziken bei, ihre Unterthanen zu hinterge⸗ hen, indem ſie Orakel durch die Zemes verkuͤndigten, wobei ſie ſich der Sprachrohre bedienten; ſie feuerten die Indianer zu Schlachten an durch Verkuͤndung des Sieges, oder ſpra⸗ chen ſolche Verheißungen und Drohungen aus, welche den Abſichten der Haͤuptlinge entſprachen. Nur von einer ihrer feierlichen Religionshandlungen ſind uns Nachrichten uͤberliefert. Der Cazike machte einen Tag bekannt, an welchem ein Feſt zu Ehren ſeiner Zemes ge⸗ feiert werden ſollte. Seine Unterthanen verſammelten ſich *) Oviedo chron. I. V. c. 2. — 99— von allen Seiten und hielten eine große Proceſſion, die ver⸗ heiratheten Maͤnner und Weiber mit ihren koſtbarſten Zier⸗ rathen angethan, die jungen Maͤdchen aber ganz unbeklei⸗ det. Der Cazike oder ſonſt die vornehmſte Perſon unter ihnen ging an ihrer Spitze und ſchlug eine Art von Trom⸗ mel. Auf ſolche Weiſe zogen ſie zu dem geweihten Hauſe oder Tempel, in welchem die Bilder der Zemes aufgeſtellt wmaren. An der Thuͤre angelangt, ſetzte ſich der Cazike au⸗ ßerhalb hin und fuhr fort, die Trommel zu ſchlagen, waͤh⸗ rend die Proceſſion hineinging. Die Weiber trugen Koͤrbe voll Kuchen mit Blumen geſchmuͤckt und ſangen bei ihrem Herannahen. Dieſe Gaben wurden von den Butios mit lau⸗ tem Geſchrei oder vielmehr Geheul entgegen genommen. Sie brachen die Kuchen, nachdem ſie dieſelben den Zemes darge⸗ boten hatten, und vertheilten die Stuͤcke unter die Familien⸗ haͤupter, die ſie ſorgfaͤltig das ganze Jahr aufhoben, als Sicherungsmittel gegen alle ſchäͤdlichen Einfluͤſſe. Nachdem dieſes vollbracht war, naͤherten ſich die Weiber auf ein ge⸗ gebenes Zeichen, und ſangen Lieder zu Ehren der Zemes oder zum Lobe der Heldenthaten ihrer alten Caziken. Die ganze Feierlichkeit endete mit Anrufung der Zemes, daß ſie über ihrem Volk wachen und es beſchuͤtzen moͤchten.) Neben dieſen Zemes hatte jeder Cazike drei Goͤtzen oder 3 Talismane, welches bloße Steine waren, die aber bei ihnen und ihren Unterthanen in großer Verehrung ſtanden. Den einen hielten ſie fuͤr maͤchtig, geſegnete Erndten zu verleihen, —— *) Charlevoix. hist. de St. Domingo I. I. p. 56. 5. 7* — 100— den zweiten, den Gebaͤhrenden alle Schmerzen zu benehmen, und den dritten, um Regen und Sonnenſchein zu machen, wenn es noͤthig war. Drei von dieſen Steinen wurden von Columbus den beiden Souverainen überſandt.*) Die Vorſtellungen der Eingebornen von der Schoͤpfung waren dunkel und unbeſtimmt. Sie gaben ihrer Inſel Hayti den Urſprung vor allen andern Eilanden und glaub⸗ ten, die Sonne und der Mond ſeyen urſpruͤnglich aus ei⸗ ner Hoͤhle der Inſel hervorgegangen, um der Welt Licht zu geben. Dieſe Hoͤhle exiſtirt noch und iſt ungefaͤhr ſieben bis acht Stunden vom Cap Francais entfernt. Sie iſt ſehr eng, reicht hundert und funfzig Fuß in die Tiefe und geht faſt eben ſo weit in die Hoͤhe. Sie erhaͤlt nur von dem Eingang und von einem runden Loch in der Hoͤhe Licht, aus welchem die Sonne und der Mond hervorgebrochen ſeyn ſollten, um ihre Stellen am Himmel einzunehmen. Die Woͤlbung war ſo ſchoͤn und regelmaͤßig, daß ſie eher ein Werk der Kunſt als der Natur ſchien. Zu Charlevoir Zeiten konnte man noch die Figuren von verſchiedenen in den Felſen gehauenen Ze⸗ mes erkennen, und es befanden ſich Reſte von Niſchen da⸗ rin, als haͤtten ſie Statuen enthalten. Dieſe Hoͤhle wurde ſehr hoch verehrt. Sie war ausgemalt und mit gruͤnen Zweigen und anderen einfachen Zierrathen geſchmuͤckt. Es befanden ſich zwei Bilder von Zemes in derſelben. Wenn große Duͤrre eintrat, machten die Eingebornen Pilgerfahr⸗ .*) Hist. del Almirante, eap. 61. — 101— 1 ten und Proceſſionen zu ihr, mit Geſang und Tanz und mit Geſchenken von Blumen und Fruͤchten.*) Sie glaubten, die Menſchen ſeyen aus einer anderen Hoͤhle hervorgegangen, die dicken Menſchen aus einer großen Oeffnung und die duͤnnen aus einer kleinen Spalte. Sie ſeyen lange Zeit ohne Weiber geweſen, aber als ſie einſtens an einem kleinen See hingegangen, ſeyen ſie gewiſſe leben⸗ dige Geſchoͤpfe zwiſchen den Zweigen der Baͤume gewahr worden, welche ſich als Weiber ausgewieſen haͤtten. Ver⸗ ſuchend, ſie zu fangen, haͤtten ſie gefunden, daß ſie ſo glatt wie Aale ſeyen, ſo daß es unmoͤglich geweſen, ſie feſtzuhal⸗ ten. Endlich aber waͤren Maͤnner mitgegangen, die ihre Haͤnde mit einer Art von Kruſte rauh gemacht haͤtten. Dieſe ſeyen ſo gluͤcklich geweſen, vier dieſer ſchluͤpfrigen Weibchen zu fangen und von dieſen ſey ſodann die Welt be⸗ voͤlkert worden. Waͤhrend die Menſchen dieſe Hoͤhle bewohnten, wagten ſie ſich nur in der Nacht hervor, denn der Anblick der Sonne war ihnen widrig, da dieſelbe ſie in Baͤume und Steine verwandelte. Es war einſt ein Cazike Namens Va⸗ goniona, der einen ſeiner Leute aus der Hoͤhle ſandte, um zu fiſchen; dieſer verweilte auf ſeiner Jagd bis die Sonne aufgegangen war, und da wurde er in einen Vogel von me⸗ lodiſcher Stimme verwandelt, derſelbe den Columbus fuͤr die Nachtigall gehalten hatte. Sie ſetzten hinzu, daß er jaͤhrlich um die Zeit, wo er dieſe Verwandlung hatte erdulden muͤſ⸗ *) Charlevoix hist. de St. Domingo I. I. p. Go. — 102— ſen, in der Nacht geflogen komme, mit traurigem Geſang über ſein Mißgeſchick klagend; und das ſey der Grund, wa⸗ rum dieſer Vogel immer nur zur Nachtzeit ſinge.*) Gleich den meiſten wilden Voͤlkern hatten ſie auch eine Tradition von der Suͤndfluth, eben ſo phantaſtiſch, wie die meiſten übrigen; denn es iſt ſonderbar, wie der menſchliche Geiſt in ſeinem natuͤrlichen Zuſtande geneigt iſt, große Er⸗ eigniſſe ungereimten und gewoͤhnlichen Dingen zuzuſchreiben. Sie ſagten, es habe einſt auf dieſer Inſel ein maͤchtiger Cazike gelebt, deſſen einziger Sohn ſich gegen ihn verſchwo⸗ ren und den er deßhalb erſchlagen habe. Er ſammelte ſpaͤ⸗ ter ſeine Gebeine, machte ſie ſauber und hob ſie in einem Kuͤrbis auf, wie es der Gebrauch bei den Indianern mit den Ueberreſten ihrer Angehoͤrigen war. An einem ſpaͤteren Tage oͤffneten der Cazike und ſein Weib den Kuͤrbis, um die Gebeine ihres Sohnes anzuſehen, und zu ihrem Erſtaunen ſprangen mehrere große und kleine Fiſche heraus. Hierauf verſchloß der Cazike den Kuͤrbis, ſtellte ihn auf die Spitze ſeines Hauſes und ruͤhmte ſich, daß er das Meer darin ver⸗, ſchloſſen habe und Fiſche bekommen koͤnne, wann er welche wolle. Er hatte vier Bruͤder, welche mit ihm zugleich ge⸗ boren und neugierige Geſellen waren. Als ſie von dieſem Kurbis hoͤrten, kamen ſie in der Abweſenheit des Caziken, um einmal hineinzugucken. In ihrer Unvorſichtigkeit ließen ſie den Kuͤrbis auf die Erde fallen, er zerbrach in Stuͤcke ³) Fray Roman. Iist. del Almirante. P. Martyr. d. 1. 1. IX. — 103— und es entſtand eine große Fluth, mit Delphinen und Hay⸗ fiſchen und großen Wallfiſchen, die ſich umhertummelten, und das Waſſer wuchs bis es die ganze Erde uͤberſchwemmte und das Weltmeer bildete, woraus nur noch die Spitzen der Berge hervorſahen, welches die gegenwaͤrtigen Inſeln ſind.*) Sie hatten eigne Gebraͤuche, ihrer Sterbenden und Tod⸗ ten zu warten. Wenn ein Cazike ſo krank war, daß man an ſeinem Aufkommen verzweifelte, ſo ſchnuͤrte man ihm aus Hochachtung die Kehle zu, damit er nicht auf die ge⸗ meine Art ſterbe. Gewoͤhnliche Leute wurden auf ihre Haͤng⸗ matten hingeſtreckt, ihnen Waſſer und Brod zu den Haͤup⸗ tern gelegt und ſie dann allein gelaſſen, um in Einſamkeit zu ſterben. Zuweilen trug man ſie zu dem Caziken, und wenn er ſeine Entſcheidung oder Einwilligung gab, ſo erdroſſelte man ſie. Die Leiber der Caziken wurden nach ihrem Tode geöffnet, am Feuer gedoͤrrt und aufbewahrt; von anderen wurde nur der Kopf oder irgend ein anderes Glied zum Andenken aufgehoben. Von Einigen wurde der ganze Leib in eine Hoͤhle begraben, und eine Calabaſche mit Waſſer und ein Leib Brod dazugeſtellt, wieder andere wurden im Sterbhauſe im Feuer verbrannt. Sie hatten verwirrte und unbeſtimmte Vorſtellungen von dem Daſeyn der Seele nach ihrer Trennung von dem Leibe. Sie glaubten an Erſcheinungen der Verſtorbenen bei Nacht, auch bei Tage an einſamen Oertern, wo ſie Einzelnen er⸗ *) Es critura de Fray Roman, potre Heremito. ſchienen, und zuweilen auf ſie zugingen, um ſie anzugreifen, aber bei der Gegenwehr des Wanderers verſchwaͤnden, daß die Streiche die Baͤume und Felſen traͤfen. Zuweilen ſoll⸗ ten ſie ſich unter die Lebenden miſchen und bloß daran zu erkennen ſeyn, daß ſie keinen Nabel haͤtten. Da die In⸗ dianer ſich vor dieſen Erſcheinungen fuͤrchteten, ſo gingen ſie ungern ganz allein und in der Dunkelheit. Sie hatten eine Vorſtellung von einem Orte der Belohnung, an welchen die Seelen der guten Menſchen nach dem Tode gelangten und mit den Geiſtern aller, die ſie im Leben am meiſten geliebt, ſo⸗ wie mit allen ihren Vorfahren zuſammenkaͤmen. Hier ge⸗ noͤſſen ſie in ununterbrochener Seligkeit der Freuden, welche ihr Gluͤck auf Erden geweſen waͤren. Sie lebten, nach ih⸗ rer Meinung, in ſchattigen und bluͤhenden Lauben, mit ſchoͤ⸗ nen Weibern, und labten ſich an koͤſtlichen Früchten. Das Paradies dieſer ſeligen Geiſter wurde an verſchiedene Orte verlegt; meiſtens wies jeder Stamm ihm einen Lieblingsau⸗ fenthalt in ſeiner Heimath an. Viele jedoch bezeichneten als ſolches eine Gegend in der Nachbarſchaft eines Sees auf der weſtlichen Seite der Inſel, in der ſchoͤnen Provinz Xa⸗ ragua. Hier waren herrliche Thaͤler, mit einer koͤſtlichen Frucht Namens Mamey geſegnet, welche die Groͤße der Aprikoſe hat. Sie meinten, die Seelen der Verſtorbenen blieben den Tag uͤber zwiſchen den hohen unzugaͤnglichen Kluͤften der Berge verſteckt, und ſtiegen des Nachts in dieſe gluͤcklichen Thaͤler herab, um ſich an dieſer geweiheten Frucht zu erlaben. Die Lebenden ſcheuten ſich, von ihr viel zu — 105— eſſen, damit die Seelen ihrer Angehoͤrigen keinen Mangel an ihrer Lieblingsnahrung leiden moͤchten.*) Die Taͤnze, welchen die Eingebornen unmaͤßig ergeben ſchienen und die von den Spaniern zuerſt fuͤr bloße Vergnuͤ⸗ gungen gehalten wurden, zeigten ſich haͤufig als Ceremonien von einem ernſthaften und myſtiſchen Charakter. Sie ſind in der That eine ſonderbare und wichtige Erſcheinung unter den Gebraͤuchen der urbewohner der neuen Welt. In ih⸗ nen werden durch Zeichen, welche die Eingeweihten gut ver⸗ ſtehen, und ſo zu ſagen durch hieroglyphiſche Vorſtellungen ihre hiſtoriſchen Ereigniſſe, ihre beabſichtigten Unternehmun⸗ gen, ihre Jagden, ihre Kriegsliſten und Gefechte darge⸗ ſtellt, die ſich einigermaßen den pyrrhiſchen Tanzen des Al⸗ terthums vergleichen laſſen. Peter Martyr bemerkt, indem er von der vorherrſchenden Sitte dieſer Taͤnze unter den Eingebornen von Hayti redet, daß ſie dieſelben mit dem Geſang gewiſſer metriſchen Lieder und Balladen verbaͤn⸗ den, die von Geſchlecht zu Geſchlecht uͤberliefert, die Thaten ihrer Vorfahren prieſen.„Dieſe Verſe und Balladen,“ ſetzt er hinzu,„nennen ſie Areytos, und wie unſere Rhapſoden und Troubadours zu der Harfe oder der Laute zu ſingen pflegen, ſo feiern ſie ſingend und tanzend in aͤhnlicher Weiſe ihre Helden, indem ſie kleine Trommeln ſchlagen, die aus den Muſcheln oder Schildern gewiſſer Schaalthiere gemacht ſind. Dieſe Trommeln nennen ſie Maguey. Sie beſitzen *) Hist. del Almirante. c. 61. Peter Martyr, decad. I, lib. IX, Charlevoix hist. de St, Domingo lib, I. — 106— auch Liebeslieder und Balladen, ferner Elegieen und Klag⸗ geſaͤnge; andere auch, um ſich zu den Schlachten anzu⸗ feuern, alle in Toͤnen geſungen, die den verſchiednen Stim⸗ mungen anpaſſen.“ Wegen dieſer Taͤnze ſtrebten ſie, wie ſchon bemerkt, ſo gierig nach den kleinen Schellen der Eu⸗ ropaͤer, die ſie um den Leib hingen, und mit ihrem Geklin⸗ gel rhythmiſch der Cadenz der Geſaͤnge ſolgten. Man hat dieſe Sitte, zu einer Ballade zu tanzen, mit den Taͤnzen der Landleute in Flandern waͤhrend des Sommers und mit de⸗ nen verglichen, die in Spanien durchgaͤngig zu dem Takt der Caſtagnetten und zu verſchiedenen wilden Volksliedern getanzt werden, die ſich von den Mauren herſchreiben ſol⸗ len, aber in der That ſchon vor ihrem Eindringen unter den Gothen, welche die Halbinſel uͤberwältigten, im Gebrauch waren.*) Die fruͤheſte Geſchichte faſt aller Nationen iſt in der Regel in rohen epiſchen Geſaͤngen und Balladen und in den Sagen der Minneſaͤnger aufbewahrt worden, und daſſelbe war mit den Areytos der Indianer der Fall.„Wenn ein Cazike geſtorben war,“" ſagt Oviedo, beſangen ſie in Klage⸗ liedern ſein Leben und ſeine Handlungen, und alles Gute, was er gethan, wurde darin erwaͤhnt. So bildeten ſich ihre Balladen oder Areytos, die ihre Geſchichte ausmach⸗ ten.„**) Einige von dieſen Balladen waren von einem geweihten Charakter und enthielten ihre traditionellen Be⸗ *) Mariana hist. Esp. I. V. c 1. **) Oviedo cron, de las Indias, lib, V, ch. 3. — 107— griffe von Gott, ihren Aberglauben und ihre Fabeln, welche ihr religioͤſes Glaubensbekenntniß ausmachten. Sie durften von Niemanden als von den Soͤhnen der Caziken geſungen werden, die von ihren Butios darin unterrichtet wurden. Man ſang ſie vor dem Volke bei großen Feſten, wie das bereits beſchriebene, von den Toͤnen einer Art Trommel be⸗ gleitet, die aus gehoͤlten Stuͤcken von Baumſtaͤmmen ge⸗ macht war.*) 3 Dieſes ſind einige wenige von den charakteriſtiſchen Zuͤ⸗ gen aus der Geſchichte dieſer einfachen Staͤmme, welche von der Erde verſchwanden, ehe man ihre Sitten und religioͤſen Anſichten für hinlaͤnglich wichtig zur Nachfor⸗ ſchung hielt. Das gegenwaͤrtige Werk hat es nicht zum Zweck, auf ausfuͤhrliche Nachrichten uͤber die durch Colum⸗ bus entdeckten Länder und Voͤlkerſchaften weiter einzugehen, als es fuͤr die Beleuchtung ſeiner Geſchichte noͤthig ſeyn duͤrfte, vielleicht ſind die gegebenen Bemerkungen ſchon zu weit ausgeſponnen; ſie moͤgen aber dazu dienen, den nach⸗ folgenden Begebenheiten auf dieſer Inſel ein groͤßeres In⸗ tereſſe zu verleihen. Viele von dieſen Nachrichten ſammelte, wie ſchon be⸗ merkt, der Admiral und ſeine Off ciere, waͤhrend ihres Zuges in's Gebirg und ihres Aufenthaltes in der Ebene. Die Eingebornen erſchienen ihnen als ein ſonderbar traͤges *) Fray Roman. Hist del Almirante, cap. 61. P. Martyr decad. 1. I. IX. Herrera hist. Ind. d. 1. I. III. c. 4. Oviedo, l. V. c. 1. — 198— und ſorgloſes Geſchlecht, unbekuͤmmert um die meiſten Dinge menſchlicher Anſtrengung und Muͤhſeligkeit. Sie konn⸗ ten keine Art von Arbeit ertragen; kaum gaben ſie ſich die Muͤhe, die Yuka⸗Wurzel, Mais und Kartoffeln zu bauen, aus welchen ihre Hauptnahrung beſtand. Im uͤbrigen hatten ihre Fluͤſſe Fiſche die Fuͤlle; ſie fingen die Utia's oder Ka⸗ ninchen, die Guana's und vielerlei Voͤgel, und hatten ein ſtets bereites Mahl an den Fruͤchten, die ihre Haine wild hervorbrachten. Wiewohl die Luft in dem Gebirg manch⸗ mal kalt war, ſo ertrugen ſie doch lieber die Unbequem⸗ lichkeit der Jahrszeit, als daß ſie ſich die Muͤhe nahmen, aus der fadenreichen Baumwollenſtaude, die in ihren Waͤl⸗ dern in Ueberfluß wuchs, Gewaͤnder zu weben. So lebten ſie ein aͤchtes Schlarafſenleben, unter dem Schatten ihrer Baͤume in gluͤcklicher Ruhe gelagert oder ſich mit allerlei Spielen und Taͤnzen die Zeit verkuͤrzend.— Sie waren wirklich frei von allen maͤchtigen Antrieben zur Arbeit, da ſie die meiſten jener Beduͤrfniſſe nicht kann⸗ ten, welche die Menſchheit zur Cultur zwingen oder in weniger beguͤnſtigten Climaten zu beſtaͤndiger Muͤhſeligkeit „verdammen. Sie hatten keinen erſtorbenen Winter, gegen den ſie ſich vorſehen mußten, und beſonders in den Thaͤlern und Ebenen erfreute ſich die Inſel, nach Peter Martyr, eines ewigen Fruͤhlings und war zugleich mit den Seg⸗ nungen des Sommers und der Erndte erfuͤllt. Die Baͤume behielten ihr Laub durchs ganze Jahr und die Wieſen waren immer gruͤn.„Da iſt kein Diſtrict, und keine Gegend“ fuͤgt er hinzu,„die nicht merkwuͤrdig waͤre durch die Pracht ihrer ,— 109— Berge, die Fruchtbarkeit ihrer Thaͤler, die Lieblichkeit der Hoͤhen und lachenden Ebenen, mit einem Ueberfluß von ſchoͤnen Fluͤßen, die ſie durchſchneiden. Nie wurde ein ſchaͤd⸗ liches Geſchoͤpf dort gefunden, auch kein reißendes vierfuͤßiges Thier, nicht Loͤwen, Baͤren, nicht blutige Tiger, nicht liſtige Fuͤchſe oder gierige Woͤlfe; alles war g: ſegnet und gluͤcklich.„*) In der milden Vega legte das Jahr in wechſelndem Kreislauf ſeine Reichthuͤmer aus, und waͤhrend das eine in voller Zeitigung ſtand, reifte das andre an den Aeſten, und die Knospen und Bluͤthen gaben von fernerem Ueber⸗ fluß Zeugniß. Wozu bedurften ſie des Aufſpeicherns und aͤngſtlicher Sorge fuͤr kommende Tage, dieſe Menſchen, die in einer ewigen Erndte lebten. Wozu brauchten ſie ferner muͤhſam zu ſpinnen und zu weben, wo eine milde Tempe⸗ ratur durchs ganze Jahr herrſchte und weder die Natur, noch die Gewohnheit den Gebrauch von Kleidern vorſchrieb? Gaſtfreundſchaft, welche dem Menſchen bei einem ſolchen einfachen und gluͤcklichen Laufe des Daſeyns eigen iſt, wurde Columbus und ſeinen Leuten bei ihrem Aufenthalt in der Vega reichlich bewieſen. Wohin ſie ſich wandten, uͤberall gab es Scenen von Feſtlichkeiten und Ergoͤtzungen. Die Einge⸗ bornen eilten von allen Seiten herzu, brachten Geſchenke und legten die Koſtbarkeiten ihrer Haine und Stroͤme und Berge den Weſen zu Fuͤßen, die ſie noch immer fuͤr Soͤhne *) P. Martyr, dec. 5. I. IX. — 110— des Himmels hielten, herabgeſtiegen, um auf ihrer Inſel Segen zu verbreiten. Als die Zwecke des Aufenthaltes in der Vega erfuͤllt waren, nahm Columbus ſchon nach einigen Tagen Abſchied von ihren gaſtlichen Einwohnern und richtete ſeinen Marſch zuruͤck nach dem Hafen, wo er denn mit ſeinem kleinen Heere wieder die hohe und felſige Bergſchlucht beſtieg, welche er den Paß der Hidalgos genannt hatte. Wenn wir ihn im Geiſte begleiten, uͤber die felſige Hoͤhe, von wo die Vega zum erſtenmal vor den Blicken der Europaͤer auf⸗ tauchte, koͤnnen wir nicht umhin, etwas inne zu halten und einen Blick des Mitleidens und der Bewunderung auf dieſes ſchoͤne, dem Verderben geweihte Land zuruͤckzuwerfen. Der Traum der natuͤrlichen Freiheit, der unwiſſenden Zu⸗ friedenheit, und der gluͤcklichen Ruhe war noch nicht ver⸗ ſcheucht, aber das Werde war ſchon ausgeſprochen, die weißen Maͤnner waren in's Innere gedrungen; Habſucht, Stolz, Ehrgeiz, nagende Sorge und ſchmutziges Abmuͤhen ſollten bald folgen, und das harmloſe Paradies der India⸗ ner auf ewig verſchwinden⸗ Eilftes Kapitel. Ankunft des Columbus auf Iſabella. Krankheiten in der Colonie. (1494.) Es war am 29. Maͤrz, als Columbus, hoͤchlich zufrieden mit ſeinem Zuge in's Innere, nach Iſabella zuruͤckkam. Die Erſcheinung aller Dinge in der Umgebung des Hafens war ganz dazu gemacht, die Erwartungen kuͤnftigen Segens zu vermehren. Die Pflanzen und Fruͤchte der alten Welt, die er auf der Inſel einzufuͤhren verſuchte, verſprachen ſchnelles Wachsthum. Die Baunſſtuͤcke, Felder und Gaͤrten waren in einem weitvorgeruͤckten Zuſtande. Die Samen verſchiede⸗ ner Fruͤchte hatten jnnge Pflanzen getrieben; das Zuckerrohr hatte in dieſem Boden erſtaunliche Fortſchritte gemacht; ein dortiger Weinſtock, mit Sorgfalt beſchnitten und gezo⸗ gen, trug Trauben von ganz angenehmem Geſchmack und Setzlinge vom europaͤiſchen Weinſtock ſingen ſchon an, in Beeren anzuſchießen. Am 30. Maͤrz brachte ein Landwirth dem Columbus Aehren von Weizen, der in der zweiten Haͤlfte des Januars geſaͤet war. Die kleineren Arten von Gartengewaͤchſen kamen in ſechzehn Tagen zur Reife, und — 112— die groͤßeren, wie Melonen, Kuͤrbiße, Pfeben und Gurken, wurden einen Monat nachdem ſie geſaͤet waren, ſchon reif. Der Boden, von Baͤchen und Fluͤſſen erfriſcht und von einer gluͤhenden Sonne erhitzt, hatte Eigenſchaften des Wachsthums, welche den Fremden, der an minder kraͤftige Climate ge⸗ woͤhnt iſt, durch die Schnelligkeit umd Ueppigkeit der Vege⸗ tation in Erſtaunen ſetzen. Der Admiral war kaum nach Iſabella zuruͤckgekommen, als ein Bote von Pedro Margarite, dem Commandanten des Forts St. Thomas, eintraf und die Nachricht brachte, daß die Indianer der Nachbarſchaft feindſelige Geſinnungen zeigten, ihre Doͤrfer verließen und allen Verkehr mit den weißen Maͤnnern mieden, ferner, daß Caonabo ſeine Krieger verſammle und ſich heimlich zu einem Angriff auf die Fe⸗ ſtung ruͤſte. Das Wahre an der Sache war, daß, ſowie der Admiral den Ruͤcken gewandt hatte, die Spanier, von ſeiner Gegenwart nicht mehr im Zaum gehalten, wie ge⸗ woͤhnlich nur ihren Leidenſchaften Gehoͤr gaben und die Eingebornen erzuͤrnten, indem ſie ihnen ihr Gold mit Ge⸗ walt entriſſen und ſie wegen ihrer Weiber mißhandelten. Caonabo hatte mit Aerger dieſe verabſcheuten Eindraͤnger ihre Fahne mitten in ſeine Berge pflanzen ſehen, und wußte wohl, daß er von ihnen nichts als Rache zu erwarten hatte. Die Nachrichten von Margarite machten dem Columbus jedoch wenig Sorge. Aus dem, was er von den Indianern im Innern geſehen hatte, ſchoͤpfte er keine Furcht hinſicht⸗ lich ihrer Feindſeligkeiten. Er kannte ihre Schwaͤche und ihre Ehrfurcht vor den weißen Maͤnnern, und ganz beſon⸗ 4 — 113— ders vertraute er auf den Schrecken vor ihren Pferden, die ſie mit Entſetzen als wilde, reißende Thiere betrachteten, die den Spaniern gehorchten, aber ihre Feinde zu verſchlingen bereit ſeyen. Er begnügte ſich daher, dem Margarite eine Verſtaͤrkung von zwanzig Mann mit einer Zufuhr von Le⸗ bensmitteln und Ammunition zu ſenden, und dreißig Mann zu beordern, um eine Straße zwiſchen dem Fort und dem Hafen zu eroͤffnen. Was dagegen dem Columbus wirkliche und große Sorge machte, waren die Krankheiten, die Unzufriedenheit und die Muthloſigkeit, welche auf der Niederlaſſung fortwaͤhrend im Wachsthum begriffen waren. Die näͤmlichen Eigenſchaften der Hitze und Feuchtigkeit, welche den Feldern ſolche Frucht⸗ barkeit verlieh, war ſeinen Leuten verderblich. Die Aus⸗ duͤnſtungen ſtehender Suͤmpfe, die großen Waͤlderſtrecken und die Wirkung der brennenden Sonne auf einen dunſtigen fruchtbaren Voden brachte Wechſelfieber und mancherlei an⸗ dere Krankheiten hervor, die der Conſtitution der Europaͤer in den uncultivirten Gegenden der Tropenlaͤnder ſo verderb⸗ lich ſind. Auch litten viele Spanier unter den Qualen einer Krankheit, die ihnen bis dahin unbekannt war, eine Geißel füͤr ihre zuͤgelloſe Vertraulichkeit mit den indianiſchen Weibern. Auf dieſe Weiſe war der groͤßere Theil der Co⸗ loniſten theils durch ſchwere Krankheit, theils durch große Schwaͤche untauglich gemacht. Der Vorrath von Arznei⸗ mitteln war bald erſchoͤpft; es that um arztliche Huͤlfe noth, und um die ſorgſame Pflege, welche fuͤr den Kranken wich⸗ tiger iſt als alle aͤrztliche Heilkräfte. Wer ſich wohl befand, Irving's Columbus. 4— 6. 8 1 — 114— war entweder von oͤffentlichen Arbeiten uͤberhaͤuft oder von Mangel und Sorgen gedruͤckt; denn alle mußten ſich die kleinſten Dienſte ſelber thun, ſogar ſich ihre Speiſen kochen. Die oͤffentlichen Arbeiten litten daher, und es ward unmoͤg⸗ lich, den Boden in hinlaͤnglicher Ausdehnung fuͤr das Her⸗ vorbringen der Feldfruͤchte zu bearbeiten. Die Vorraͤthe gingen zu Ende, viele Gegenſtaͤnde aus Europa waren ſchon an Bord der Schiffe von ſelbſt oder durch Nachlaͤſſig⸗ keit zu Grunde gegangen. Vieles verdarb an der Kuͤſte durch die Waͤrme und Feuchtigkeit des Clima's. Es ſchien den Anſiedlern unmoͤglich, ſich an die Nahrungsmittel der Eingebornen zu gewoͤhnen, und ihr hinfaͤlliger Zuſtand er⸗ forderte Speiſen, an welche ſie gewoͤhnt waren. Um einer wirklichen Hungersnoth vorzubeugen, war es nothwendig, den Leuten ganz ſpaͤrlich ſelbſt das Verzehren der verdor⸗ benen und ungeſunden Vorraͤthe, welche noch vorhanden waren, zu erlauben. Dieſes hatte ſogleich lautes und auf⸗ ruͤhreriſches Murren zur Folge, wobei Viele von den Ange⸗ ſtellten, die den Columbus in ſeinen Maßregeln fuͤr das öffentliche Beſte haͤtten unterſtuͤtzen ſollen, die Anfuͤhrer wur⸗ den; unter ihnen befand ſich Pater Boyle, ein Prieſter, der eben ſo unruhig als verſchmitzt war. Er wurde, wie man erzaͤhlt, durch die ſtrenge Unpartheilichkeit des Columbus veleidigt, der, um ſeine heilſamen Maßregeln durchzuſetzen, keinen Unterſchied des Ranges oder der Perſon gelten ließ und den geiſtlichen Herrn mit ſeiner Dienerſchaft auf eben ſo ſchmale Rationen ſetzte, wie die uͤbrigen Glieder der Gemeine. — 115— Mitten in dieſer allgemeinen Unzufriedenheit fing ihnen das Brod an auszugehen. Der Mehlvorrath war erſchoͤpft und es gab kein anderes Mittel, Korn zu mahlen, als durch den langſamen uud beſchwerlichen Gebrauch der Handmuͤhlen. Es wurde daher dringend erforderlich, eine Muͤhle zu bauen, und andere Werke waren eben ſo nothwendig fuͤr die Wohl⸗ fahrt der Niederlaſſung. Viele von den Arbeitsleuten wa⸗ ren indeſſen erkrankt, und einige gaben groͤßere Ermattung vor, als wirklich vorhanden war, denn es herrſchte uͤberall Traͤgheit zu jeder Arbeit, die nicht unmittelbar auf den Gewinn von Schaͤtzen hinauslief. In dieſer Noth requirirte Columbus alle noch kraͤftige Maͤnner, und da die Ritter und Edelleute von Rang eben ſo wohl die Nahrungsmittel verzehrten wie die geringeren Claſſen, wurden ſie aufgerufen, an den oͤffentlichen Arbeiten ihren Theil zu uͤbernehmen. Dieſes wurde von vielen jungen Cavalieren von vornehmer Geburt und hochmuͤthigem Weſen als eine ſchimpfliche Her⸗ abſetzung angeſehen und ſie vorſagten der Aufforderung den Gehorſam. Aber Columbus hielt auf ſtrenge Maanszucht und fuͤhlte die Wichtigkeit, ſein Anſehen geltend zu machen. Er ſchritt daher zu ſtrengen und gebieteriſchen Maßregeln und erzwang ſich den Gehorſam. Dieſes wurde zu einer neuen Quelle der großen und druͤckenden Feindſeligkeiten, die ſich gegen ihn erhoben. Es erregte bei allen Leuten von Geburt und Rang in der Niederlaſſung den unmittel⸗ barſten Unwillen, und zog ihm den Haß mehrerer der ſtol⸗ zeſten Familien Spaniens zu. Man feindete ihn als einen anmaßenden fremden Emporkoͤmmling an, der, von dem 1 3 8* — — 116— ploͤtzlichen Aufſchwung zu großer Macht aufgeblaſen und nur auf ſeine eigene Wohlfahrt und Bereicherung ſinnend, die Rechte und Wuͤrden der ſpaniſchen Edlen mit Fuͤßen trete und die Ehre der Nation beſchimpfe. Columbus ging oielleicht in ſeinen Anordnungen zu ſtreng und rückſichtslos zu Werk. Es gibt Faͤlle, wo ſelbſt die Gerechtigkeit zum Unrecht und dagegen die Strenge des Au⸗ genbl cks durch Nachſicht gemildert werden kann. Die bloß mühſeligen Anſtrengungen des gemeinen Mannes waren eine Demüthigung und Entwuͤrdigung fuͤr den ſpaniſchen Ritter. Viele von dieſen jungen Maͤnnern waren heruͤber gekommen, nicht um auf Reichthuͤmer auszugehen, ſondern erfuͤllt von romantiſchen Traͤumen, die ihnen ihre Einbildungskraft vor⸗ geſpiegelt hatte; ſie hofften ohne Zweifel ſich durch helden⸗ hafte und ritterliche Abenkeuer auszuzeichnen und in den 5 Indien die Kriegs⸗Laufbahn ſortzuſetzen, die ſie in den juͤng⸗ ſten Feldzuͤgen gegen Granada begonnen hatten. Andere waren in ſanfter weichlicher Ruhe im Schooße glaͤnzender Familien erzogen, und wenig geeignet fuͤr die rauhen Ge⸗ fahren zur See, die Drangſale zu Land und die Abhaͤrtun⸗ gen, die Hinderniſſe und den Mangel, welche von einer neuen Niederlaſſung in einer Wildniß unzertrennlich ſind. Wenn ſie erkrankten, konnten die Zufaͤlle leicht einen unheil⸗ baren Charakter annehmen. Die Krankheiten des Koͤrpers wurden durch Leiden der Seele erhoͤht. Sie litten an der Gereiztheit verletzten Ehrgeizes und der verzehrenden Schwer⸗ muth getaͤnſchter Hoffnungen; ihr Siechbett war entbloͤßt von aller zaͤrtlichen Sorge und beſaͤnftigenden Aufmerkſam⸗ — 17— keit, woran ſie gewoͤhnt waren; ſie ſanken von der Ver⸗ zweiflung umduͤſtert in's Grab, den Tag verftuchend, an dem ſie ihr Vaterland verlaſſen hatten. Der ehrwuͤrdige Las Caſas(und Herrera nach 16m) er⸗ zaͤhlt mit feierlichem Ernſt eine Volksſage, welche zur Zeit ſeines Aufenthaltes auf dieſer Inſel im Schwung war und mit dem fruͤhzeitigen Tode dieſer Ritter zuſammenhing. Als in ſpaͤteren Jahren die Colonie wegen der ungeſun⸗ den Lage von Iſabella wegverlegt wurde, ſiel die Stadt in Trümmer und ſtand veroͤdet. Wie alle verfallene und oͤde Oerter wurde ſie bald Gegenſtand der Furcht nnd des Aber⸗ glaubens unter dem Volke und Niemand wollte ſich in ihre Thore wagen. Diejenigen, welche in der Naͤhe vorbeika⸗ men, oder die wilden Schweine jagten, die in der umge⸗ gend im Ueberfluß vorhanden waren, erzaͤhlten, daß ſie ſchreckende Stimmen bei Tag und Nacht aus ihren Mauern dringen hoͤrten. Die Arbeitsleute fuͤrchteten ſich, die Felder in der Gegend zu bauen. Es ging die Sage, fuͤgt Las Ca⸗ ſas hinzu, zwei Spanier ſeyen eines Tages zwiſchen den Ruinen der Gebaͤude umhergewandelt; als ſie in eine der einſamen Straßen getreten, ſeyen ſie zwei Reihen von Maͤn⸗ nern gewahr worden, die nach ihrem ſtolzen Ausſehen of⸗ fenbar Hidalgos von edlem Blut und Cavaliere vom Hofe waren. Ihre Kleidung war reich und nach dem auten ca⸗ ſtilianiſchen Schnitt, ſie hatten Schwerter an der Seite nid breite Reiſehuͤte, wie man ſie zu damaüger Zeit trug. Die zwei Maͤnner waren erſtaunt, Leute von ſolchem Rang und Stand dieſen veroͤdeten Ort bewohnen zu ſehen, ohne daß die Leute auf der Inſel umher davon wuͤßten. Sie be⸗ gruͤßten ſie und fragten, wann und woher ſie aekommen ſeyen. Die Ritter beobachteten ein duͤſteres Schweigen, er⸗ wiederten aber hoͤflich die Begruͤßung, indem ſie an ihre Sombreros oder Huͤte griffen, und wie ſie dieſelben abnah⸗ men, blieben die Koͤpfe in den Huͤten ſtecken und die Koͤrper ſtanden in dem bloßen Rumpfe da. Darauf verſchwand die ganze Geiſtergeſellſchaft. Das Erſtaunen und der Schrek⸗ ken der beiden Maͤnner war ſo groß, daß ſie faſt den Tod davon gehabt haͤtten und mehrere Tage ganz verwirrt blie⸗ ben.*). Die vorſtehende Sage iſt merkwuͤrdig, da ſie den aber⸗ glaͤubiſchen Geiſt des Zeitalters und beſonders des Volkes ausdruͤckt, mit welchem Columbus zu thun hatte. Sie zeigt auch den tiefen duͤſteren Eindruck, den der Tod dieſer Rit⸗ ter auf das Gemuͤth des gemeinen Mannes machte, welches viel dazu beitrug, um Columbus die oͤffentliche Beliebtheit zu entziehen; denn man ſtellte es feindſelig ſo dar, als ſeyen ſie durch ſeine taͤuſchenden Verſprechungen aus ihrem Vater⸗ lande gelockt und ſeinen Privatabſichten geopfert worden. *) Las Casas, hist. Ind. I. I. c. 92. MS. Herrera hist, Ind, decad. I. 1. II, c. 12. —— Zwoͤlftes Kapitel. Vertheilung der ſpaniſchen Waffenmacht im Innern. Vorbereitungen zu einer Fahrt nach Cuba. (1494.) Die wachſende Unzufriedenheit der bunten Bevoͤlkerung von Iſabella und das ſchnelle Aufzehren der verdorbenen Vorraͤthe waren Gegenſtaͤnde großer Beſorgniß fuͤr Colum⸗ bus. Er wuͤnſchte auf eine andere Entdeckungsreiſe auszu⸗ gehen, aber es war unerlaͤßlich, ehe er ſegelte, die Ange⸗ legenheiten der Inſel in einen Zuſtand zu bringen, der die Ruhe gehoͤrig ſicherte. Er beſchloß daher, alle Leute, die er auf Iſabella entbehren konnte, in's Innere zu ſenden, mit Befehlen, das Gebiet der verſchiednen Caziken zu beſuchen und die Inſel zu durchforſchen. Auf dieſe Weiſe ſollten ſie er⸗ hoben und aufgemuntert werden, ſie ſollten ſich an das Klima und an die Lebensart der Eingebornen gewoͤhnen, und eine Macht entfalten, welche den Machinationen Cao⸗ nabos und anderer feindſeligen Eaziken bedrohlich entgegen⸗ traͤte. Um dieſen Plan in Ausfuͤhrung zu ſetzen, wurden alle geſunde Leute, die fuͤr die Angelegenheiten der Stadt — 120— und die Pflege der Kranken nicht unumgaͤnglich noͤthig wa⸗ ren, unter die Waffen genommen und ein kleines Heer ge⸗ ordnet, das aus zweihundert und funfzig Bogenſchüͤtzen, hundert und zehn Arkebuſieren, ſechzehn Reitern und zwan⸗ zig Offizieren beſtand. Das General⸗Commando uͤber die⸗ ſes Corps wurde dem Pedro Margarite uͤbergeben, auf welchen Columbus ein großes Vertrauen ſetzte, als einen ed⸗ len Catatonier und Ritter des Ordens von Santiago. Alonzo de Ojeda ſollte vas Heer nach dem Fort St. Tho⸗ mas fuͤhren, wo er dem Maragarite zum Nachfolger im Commando gegeben wurde; dieſer hatte dann mit dem Haupt⸗Corps zu einer milttaͤriſchen Operation aufzubre⸗ chen, bei welcher er insbeſondere die Provinz Cibao und nach der Hand auch die anderen Theüle der Inſel erforſchen ſollie. Columbus ſchrieb einen 1 denngen und ernſten Brief mit Inſtructionen fuͤr Margarite, wonach er ſich bei einem Dienſte, der ſo große Umſicht erforderte, richten ſollte, Er empfahl ihm vor allen Dingen die groͤßte Gerechtigkeit und Behutſamkeit hinſichtlich der Indianer, wie er ſie vor jedem Leid und Uarecht ſchuͤtzen und ſie ſo behandeln ſolle, daß er ſich ihres Vertrauens und ihrer Freundſchaft ver ſich ert hal⸗ ten duͤrfe. Zugleich ſollten ſie das Eigenthum der weißen Maͤnner reſpectiren lernen, und jeder Diehſtahl ſtreng be⸗ ſtraft werd n. Welche Vorraͤthe fuür das Bedürfniß der Armee von ihnen requirirt wuͤrden, ſollt n gewiſſenhaft durch Perſonen angekauft werden, die der Admiral zu die⸗ ſem Zweck bezeichnete; die Kaͤufe ſollten in Gegenwart des A —,— — 1421— Agenten des Controleurs abgeſchloſſen werden, Wenn die Indianer ſich weigerten, die noͤthigen Vorraͤthe herbeizu⸗ ſchaffen, ſo ſollte Margarité dazwiſchentreten und ſie dazu anhalten; doch wurde ihm anempfohlen, mit der moͤglichſte Milde zu verfahren und ſie mit Artigkeit und Liebkoſungen geneigt zu machen. Kein Handel ſollte zwiſchen den Leuten und den Eingebornen erlaubt werden, da dieſes den Sou⸗ verginen nicht wohlgefaͤllig und fuͤr den Dienſt herabwuͤrdi⸗ gend ſey; auch haͤtten ſie ſich immer daran zu erinnern, daß Ihren Majeſtaͤten mehr an der Bekehrung der Einge⸗ bornen als an den Reichthuͤmern Belegen ſey, die man von ihnen erlangen koͤnnte.— Strenge Mannszucht ſollte in der Armee geholtan, jede Uebertretung des Dienſtes ſtreng beſtraft, die Leute zuſam⸗ mengehalten, und nicht erlaubt werden, daß ſie ſich von dem Hauptcorps einzeln oder in kleinen Trupp's trennten, wodurch ſie ſich in die Gefahr ſetzten, von den Eingebornen abgeſchnitten zu werden; denn es war bemerkt worden, daß, ſo verzagt auch dieſe Menſchen waren, doch kein Volk bei einiger Feigheit ſo ſehr zu Hinterliſt und Grauſamkeit ge⸗ neigt war; ſelten ließen ſie einen Feind, der in ihre Ge⸗ walt gerieth, am Leben.*) Dieſe klugen Verhaltungsbefehle, welche, wenn ſie be⸗ folgt wurden, einen freundſchaftlichen Verkehr mit den Ein⸗ gebornen unterhalten haͤtten, ſind groͤßerer Beachtung werth, *) Brief des Columbus. Navarrete's Sammlung t. II. Document Nr. 72. 1 1 — 122— weil Margarite ſie alle vernachlaͤßigte, und durch ſeinen Ungehorſam Verwirrung uͤber die Colonie, Schmach uͤber die Nation, Verderben uͤber die Indianer und unverdiente Verweiſe auf Columbus brachte. Die erwaͤhnten Inſtructionen enthielten noch beſondere Anweiſungen, um ſich der Perſon Caonabo's ſowie ſeiner Bruͤder zu bemaͤchtigen und zu verſichern. Der kriegeriſche Charakter dieſes Haͤuptlings, ſeine ſchlaue Gewandtheit, große Macht und unverſoͤhnliche Feindſchaft machten ihn zu einem gefaͤhrlichen Gegner. Die vorgeſchlagenen Wege waren nicht die offenſten und ritterlichſten, aber Columbus hielt ſich berechtigt, bei einem ſo klugen und heftigen Feinde Liſt Wit Liſt zu vertreiben. Am 9. April brach Alonzo de Ojeda von Iſabella an der Spi tze des kleinen Heeres auf, das ſich ungefaͤhr auf vierhundert Mann belief. Als er an dem Rio del Oro in der Koͤnigs⸗Ebene ankam, erfuhr er, daß drei Spanier auf dem Marſche von dem Fort St. Thomas von fuͤnf Indianern, die ein benachbarker Cazike ihnen geſandt, um uͤber den Strom zu ſetzen, ihrer Effecten beraubt worden, und daß der Cazike, anſtatt die Pluͤnderer zu beſtrafen, ſie in Schutz genommen und die Beute mit ihnen getheilt habe. Ojeda war ein raſcher, heftiger Krieger, deſſen Ideen von der Gerechtigkeit alle einen militaͤriſchen Anſtrich hatten. Er ließ einen der Diebe greifen und ihm mit ganz kurzem Verfahren auf dem oͤffentlichen Platz des Dorfes die Ohren abſchneiden; hierauf nahm er den Caziken mit deſſen Sohn und Neffen gefangen und ſandte ſie in Ketten zu dem Ad⸗ .— 123— miral; dann aber ſetzte er ſeinen Marſch nach dem gort St. Thomas fort. Mittlerweile kamen die Gefangenen in tiefer Muthloſig⸗ keit auf Iſabella an. Sie wurden von einem benachbarten Caziken begleitet, der ſich auf mehrere Freundſchaftsdienſte berief, die er den Spaniern geleiſtet hatte, um Vergebung fuͤr jene zu erwirken. Seine Verwendungen wollten nichts fruchten. Columbus fuͤhlte die Wichtigkeit, den Gemuͤthern der Eingebornen Achtung vor dem Eigenthum der weißen Maͤnner einzufloͤßen. Er befahl daher, daß die Gefangenen auf dem öͤffentlichen Platz mit auf den Ruͤcken gebundenen Haͤnden hingeſtellt, ihr Verbrechen und ihre Strafe durch den Ausruͤfer bekannt gemacht und ihnen die Koͤpfe abgeſchla⸗ gen werden ſollten. Auch war dieſes eine Strafe, die ihren eignen Vorſtellungen von der Gerechtigkeit entſprach, denn wir hoͤren, daß das Verbrechen des Diebſtahls bei ihnen ſo verabſcheut war, daß ſie es, wiewohl ſonſt nicht blutig in ihren Geſetzen, mit Anſpießen beſtraften.*) Es ſcheint je⸗ doch nicht, daß Columbus wirklich im Sinne gehabt habe, das Urtheil in Ausfuͤhrung zu bringen. Auf dem Exe⸗ cutionsplatz verdoppelten ſich die Bitten und Thraͤnen des befreundeten Caziken, er verbuͤrgte ſich, daß dieſe Beleidi⸗ gung nimmermehr wiederkehren ſolle. Der Admiral ließ ſich von den Bitten erweichen und gab die Gefangenen frei. Grade bei dieſem Vorfall kam ein Reiter von dem Fort an, welcher beim Durchreiſen durch das Dorf des gefangenen ) Oriedo hist. Ind, lib. V. cop. 5. — 124— Caziken fuͤnf Spanier in der Gewalt der Indianer gefun⸗ den hatte. Der Anblick ſeines Pferdes hatte die Menge in die Flucht geſchlagen, obgleich es uͤber vierhundert an 8 der Zahl waren. Er hatte die Fluͤchtlinge verfolgt, meh rere mit ſeiner Lanze verwundet und ſeine Landsleute im Triumph davon gefuͤhrt. 1 Durch dieſen Umſtand uͤberzeugt, daß von den Feindſe⸗ ligkeiten dieſes furchtſamen Volkes nichts zu beſorgen ſey, ſo lange man ſeinen Befehlen gehorchte, und von der Verthei⸗ lung ſeiner Streitkraͤfte ſowohl fur die Ruhe der Colonie als auch der Inſel das Beſte hoffend, ſetzte ſich Columbus zu ſeiner neuen Entdeckungsreiſe in Bereitſchaft. Um die An⸗ gelegenheiten der Inſel waͤhrend ſeiner Abweſenheit zu ord⸗ nen, bildete er eine Junta, von welcher ſein Bruder Don Deess Praͤſident und Pater Boyle, Pedro Fernandez Coro⸗ „Alonzo Sanchez Caravajal und Juan de Luxan Bei⸗ . 85 waren. Er ließ ſeine zwei groͤßten Schiffe im Hafen, da ſie von zu ſtarkem Umfang waren, und zu tief im Waſ⸗ ſer gingen, um damit unbskannte Kuͤſten und Fluͤſſe zu be⸗ fahrenz er nahm ſtatt ihrer die drei Caravelen mit ſich, die Ninja oder Santa Clara, den San Juan und die Cordera. 2 4 8 Siebentes Buch. Erſtes Kapitel. Reiſe nach demöſtlichen Ende von Cuba. (1494.) Columbus ging mit ſeinem kleinen Geſchwader aus dem Hafen von Iſabella am 24. April unter Segel und richtete ſeinen Lauf nach Weſten. Der Plan ſeiner gegenwaͤrtigen Fahrt war, die Kuͤſte von Cuba wieder an dem Punkte zu beſuchen, wo er ſie auf ſeiner erſten Reiſe verlaſſen hatte, und von da die Entdeckungsreiſe an der ſudlichen Seite fort⸗ zuſetzen. Es wurde bereits bemerkt, daß er dieſe Inſel fuͤr Feſtland und fuͤr das aͤußerſte Ende von Aſien hielt; wenn dem ſo war, mußte er, indem er den Kuͤſten in der beab⸗ ſichtigten Richtung folgte, fruͤher oder ſpaͤter nach Cathay und den anderen reichen und handeltreibenden, wiewohl in halber Barbarei ſtehenden Laͤndern kommen, welche von Montevilla und Marco Polo beſchrieben wurden.*) *) Cura de los Palacios, cap. 123. MS. — 126— Nachdem er Monte Chriſti berührt hatte, warf er noch an dem naͤmlichen Tage in dem unſeligen Hafen La Navi⸗ dad Anker. Es war beim Wiederbeſuchen dieſes melancholi⸗ ſchen Schauplatzes ſeine Abſicht, mit Guacanagari zuſam⸗ menzutreffen, der nach ſeiner alten Reſidenz zuruͤckgekehrt ſeyn ſollte. Er konnte ſich nicht von der Treuloſigkeit die⸗ ſes Caziken uͤberzeugen; ſo tief war der Eindruck, den die vormalige Guͤte deſſelben auf ſein Herz gemacht hatte; er hegte das Vertrauen, daß eine freimuͤthige Erklaͤrung alle peinliche Zweifel entfernen und den freundſchaftlichen Verkehr wiederherſtellen wuͤrde, der den. Spaniern in ihrer gegen⸗ waͤrtigen bedraͤngten und duͤrftigen Lage von großem Nutzen ſeyn ſollte. Guacanagari ſetzte jedoch ſein verdaͤchtiges Be⸗ nehmen fort, und verbarg ſich vor dem Angeſicht der Schiffes und wiewohl einige von ſeinen Unterthanen dem Columbus die Verſicherung gaben, der Cazike werde ihm bald einen Beſuch machen, ſo hielt er es doch nicht fuͤr raͤth⸗ lich, ſeine Reiſe um dieſer ungewiſſen Erwartung willen aufzuſchieben. 1.2 Indem er alſo ſeinen Lauf verfolgte, der durch widrige Winde etwas aufgehalten wurde, kam er am 29. April am Hafen St. Nicolaus an, wo er die aͤußerſte Spitze von Cuba erblickte, welcher er auf ſeiner erſten Reiſe den Na⸗ men Alpha und Omega gegeben hatte, die aber von den Eingebornen Bayatiquiri genannt wurde, und nun als die Spitze Mayſi bekannt iſt. Nachdem er den Canal durch⸗ ſchifft hatte, der ungefaͤhr achtzehn Seemeilen breit iſt, ſe⸗ gelte Columbus längs der ſüdlichen Kuͤſte von Cuba einf —— — 127— Strecke von zwanzig Seemeilen, wo er in eine Bucht ein⸗ lief, der er nach ihrer Geſtalt den Namen Puerto Grande gab, dieſelbe die jetzt Guatanamo heißt. Die Einfahrt war eng und gekruͤmmt, obwohl tief; die Bucht dehnte ſich im Innern gleich einem ſchoͤnen See, in dem Schooße eines wilden Gebirgslandes aus, das mit Baͤumen bedeckt war, deren einige in der Bluͤthe ſtanden, andere Fruͤchte tru⸗ gen. Nicht weit von der Kuͤſte waren zwei Huͤtten von Schilfrohr, und einige Feuer, die hie und da am Geſtade aufloderten, gaben Zeichen von der Bewohntheit des Platzes. Columbus landete demzufolge mit einigen wohlbewaffneten Leuten und mit dem jungen indianiſchen Dollmetſcher Diego Colon, aus Guanahani gebuͤrtig, den man in Spanien ge⸗ tauft hatte. Die Huͤtten fanden ſie bei ihrer Ankunft leer; auch die Feuer waren verlaſſen— kein menſchliches Weſen war zu ſehen. Die Indianer waren alle in die Waͤlder und Berge entflohen. Die ploͤtzliche Ankunft der Schiffe hatte einen paniſchen Schrecken in der Nachbarſchaft verbreitet, und wie man deutlich ſah, die Zubereitungen eines rohen aber reichlichen Mahles unterbrochen. Es waren große Portionen von Fiſchen, Utia's und Guana's da, einige an die Aeſte der Baͤume aufgehangen, andere an Bölzernen Spießen am Feuer bratend. Die Spanier, in der letzten Zeit an magere Koſt ge⸗ woͤhnt, fielen ohne Umſtaͤnde uͤber die kraͤftige Mahlzeit her, die vor ihnen in der Wildniß ausgebreitet lag. Sie enthielten ſich jedoch der Guana's, die ſie noch immer als eine Schlangenart mit Abſcheu betrachteten, obgleich die Ein⸗ — 128— gebornen einen ſolchen Leckerbiſſen aus ihnen machten, daß ſie nach Peter Martyr dem gemeinen Mann ehen ſo wer nig verſtattet waren, als die Pfauen und Pöa ſanene in 1 Spanien.*) Nach eingenommenem Mahle ſtreiften bie Spanfer in der Nachbarſchaft umher und erblickten da ungefaͤhr ſieben⸗ zig Eingeborne, die ſich auf dem Gipfel eines hervorragen⸗ den Felſen geſammelt hatten und mit großer Furcht und Verwunderung auf ſie herab ſchauten. Als ſie verſuchten, ſich ihnen zu naͤhern, verſchwanden ſie ſogleich in die Wal⸗ dungen und Bergkluͤfte. Einer von ihnen jedoch, der kuͤh⸗ ner und neugieriger als die Uebrigen war, ſchaute noch vorn am Abhang herab, und blickte die Spanier mit furchtſamer Verwunderung an, halb und halb ermuthigt durch ihre freundliche Zeichen, aber ſchon auf dem Sprunge⸗ ſeinen Geſaͤhrten in ihre Verſtecke zu folgen. Auf Columbus Befehl naͤherte ſich ihm der zunge lu⸗ cayſche Dollmetſcher und redete ihn an. Die Verſicherun⸗ gen von freundſchaftlicher Geſinnung in ſeiner eignen Sprache verſcheuchte bald die Furcht des verwunderten Wilden. Er kam dem Dollmetſcher entgegen, und da ihn dieſer von den guten Abſichten der Spanier unkterrichtete, beeilte er ſich, die Nachricht ſeinen Kameraden mitzutheilen. Bald darauf ſah man ſie von ihrem Felſen herabkommen und us ihren Waͤldern heraustreten; ſie naͤherten ſich den Fremden mit großer Freimbtichket und Ehlerbeeunon Dubih den Dolle ») P. Martyr, decad. nb THIN Noas — 429— metſcher erfuhr Columbus, daß ſie von dem Caziken an die Kuͤſte geſandt worden ſeyen, um Fiſche fuͤr ein feierliches Mahl zu holen, welches er einem benachbarten Caziken ge⸗ ben wolle, und daß ſie die Fiſche gebraten haͤtten, um ſie vor dem durch den Transport drohenden Verderb zu be⸗ wahren. Sie ſchienen von derſelben ſanften und friedlichen Natur wie die Bewohner von Hayti zu ſeyn. Ueber die Verheerungen, welche die hungrigen Spanier in ihren Vor⸗ raͤthen angerichtet hatten, zeigten ſie ſich nicht aͤrgerlich; fie aͤußerten vielmehr, daß der Fiſchfang einer Nacht den gan⸗ zen Schaden wieder erſetzen werde. Columbus befahl jedoch mit ſeiner gewohnten Gerechtigkeitsliebe, daß ihnen dafuͤr reichliche Entſchaͤdigung werden ſolle; ſie gaben ſich die Haͤnde und ſchieden gegenſeitig erfreut von einander.*) Der Admiral verließ den Hafen am 1. Mai und ſetzte ſeinen Lauf nach Weſten fort, indem er laͤngs einer bergi⸗ gen Kuͤſte hinfuhr, welche von ſchoͤnen Fluͤſſen durchſchnitten und mit jenen bequemen Buchten geziert war, fuͤr welche dieſe Inſel bekannt iſt. Je weiter er kam, deſto fruchtba⸗ rer und bevoͤlkerter wurde das Land. Die Eingebornen draͤngten ſich an die Kuͤſten, Maͤnner, Weiber und Kinder, und ſahen erſtaunt die Schiffe ziehn, die in geringer Ent⸗ fernung ſanft dahinfuhren. Sie reichten den Spaniern Vor⸗ raͤthe und Fruͤchte entgegen, und luden ſie zum Landen ein; andere kamen in Canoes und brachten ihnen Caſſava⸗Brod, Fiſche und Calabaſchen mit Waſſer, nicht zum Verkauf, — P. Martyr, I. c. Irving'’s Columnbus. 4— 6. 9 — 130— ſondern als Geſchenke fuͤr die Fremdlinge, die ſie, wie die anderen Inſulaner, fuͤr himmliſche Weſen hielten, die aus dem Luftreich herabgeſtiegen ſeyen. Columbus vertheilte die gewoͤhnlichen Geſchenke, welche ſie mit aͤußerſter Freude und Dankbarkeit aufnahmen. Nachdem ſie wieder eine Strecke laͤngs der Kuͤſte zuruͤckgelegt hatten, kamen ſie zu einem anderen Meerbuſen, oder einer tiefen Bai, die ſich ebenfalls mit enger Einfahrt im Innern weit ausdehnte, und von ei⸗ nem reichen und ſchoͤnen Lande umgeben war. Hohe Berge erhoben ſich vom Meere aus, aber die Kuͤſten waren mit vielen Doͤrfern belebt, und ſo ſchoͤn cultivirt, daß ſie Gaͤr⸗ ten und Baumſtuͤcken gleichſahen. In dieſer Bucht, welche wahrſcheinlich der jetzige Hafen St. Jago de Cuba war, warf Columbus Anker und brachte dort die Nacht zu, von den einfachen Gaben der Gaſtfreundſchaft der Eingebornen wie gewoͤhnlich uͤberſchuͤttet.*). Wenn die Spanier die Bewohner dieſer Kuͤſte nach Gold fragten, wieſen ſie alle nach Suden, und ſo weit man ſie verſtehen konnte, deuteten ſie damit an, daß eine große Inſel in dieſer Richtung liege, wo Gold in Ueberfluß an⸗ getroffen werde. Der Admiral hatte im Laufe ſeiner erſten Reiſe Nachricht von einer ſolchen erhalten, die einige ſeiner Nachfolger fuͤr Babeque hielten, welches der Gegenſtand ſo vieler ſorgfaͤltigen Nachfragen und ſo phantaſtiſcher Er⸗ wartungen war. Er hatte große Verſuchung gefuͤhlt, von der Fortſetzung ſeiner Kuͤſtenfahrt abzuſtehen und nach *) Cura de los Palacios, cap. 124. 18. ——— —— ⁰— — 131— dieſer Inſel auszugehen, und ſein Verlangen wuchs mit jedem neuen Berichte. Am folgenden Tage(es war der 3. Mai) konnte er nicht laͤnger widerſtehen; nachdem er weſtlich an ein hohes Vorgebirg gekommen, ließ er das Vordertheil ſeines Schiffes ploͤtzlich nach Suͤden wenden, und ſegelte, den Kuͤſten Cuba's auf einige Zeit Lebewohl ſagend, in die offene See, um dieſe geruͤhmte Inſel auf⸗ zuſuchen. —C—Q— Zweites Kapitel. Entdeckung der Inſel Jamaica. (1494.) Columbus hatte erſt wenige Seemeiien zuruͤckgelegt, als ſchon die blauen Spitzen von Jamaſca am Horizont auf⸗ ſtiegen. Doch dauerte es noch zwei Tage und zwei Naͤchte bis er die Inſel erreichte, von Bewunderung erfuͤllt, wie er allmaͤhlig naͤher kam, uͤber ihren großen Umfang, uͤber die Schoͤnheit ihrer Berge, die majeſtaͤtiſche Pracht ihrer Waldungen, die Fruchtbarkeit ihrer Thaͤler und die große Anzahl von Doͤrfern, womit die ganze Flaͤche des Landes belebt war. 9* Als er ſich der Kuͤſte naͤherte, kamen ihm wenigſtens ſiebenzig Canoes mit buntgemalten und in Federn geſchmuͤck⸗ ten Wilden auf weiter als eine Seemeile entgegen. Sie näherten ſich in einer Art von Schlachtordnung, indem ſie ein lautes Geſchrei erhoben und Lanzen von zugeſpitztem Holz in der Luft ſchwangen. Die Vermittlung des Doll⸗ metſchers und einige Geſchenke, die der Mannſchaft eines der Fahrzeuge gemacht wurden, welches ſich naͤher als die uͤhrigen wagte, beſaͤnftigte dieſe gri immige Armada, und das kleine Geſchwader ſetzte ſeinen Lauf unbelaͤſtigt weiter ſort. Columbus ging in einer Bucht ungefaͤhr in der Mitte der Inſellaͤnge vor Anker, und nannte ſie wegen der großen Schoͤnheit des umgebenden Landes Santa Gloria;*) es iſt dieſelbe, die nun St. Anna's Bay heißt. Am naͤchſten Morgen ließ er bei Tagesanbruch die An⸗ ker lichten und fuhr weſtwarts laͤngs der Kuͤſte, um eine geſchutzte Bucht zuerreichen, wo er ſein Schiff kalfatern und kielholen laſſen konnte, da es bedeutende Lecke hatte. Nach einigen Seemeilen Weges fand er einen Hafen, den er hierzu fuͤr ganz geeignet hielt. Als er ein Boot ausſandte, um den Grund zum Einlaufen zu unterſuchen, kamen zwei große Canoes mit Indianern gefuͤllt ihnen entgegen, um ihr Anlanden zu verhindern, und ſchleuderten ihre Lanzen ab, aber aus ſo großer Entfernung, daß ſie die Spanier nicht erreichten. Columbus, welcher nicht geſonnen war, irgend eine feindſelige Handlung zu begehen, die dem ſpaͤte⸗ *) Cura de los Palacios, cap. 125. — — 133— ren Verkehr nachtheilig werden koͤnnte, ließ das Boot an Bord zuruͤckkehren, und da er fand, daß das Waſſer fuͤr ſein Schiff tief genug war, lief er ein und ging in der Bucht vor Anker. Sogleich war das Geſtade von India⸗ nern erfuͤllt, mit mannichfaltigen Farben bemalt, doch haupt⸗ ſaͤchlich ſchwarz, einige theilweiſe mit Palmblaͤttern beklei⸗ det, und alle mit Buͤſcheln und Kronen von bunten Federn tropiſcher Voͤgel geſchmuͤckt. Den gaſtlichen Inſulanern von Cuba und Hayti unaͤhnlich, ſchienen ſie mehr dem kriegeri⸗ ſchen Geiſte der Caraiben verwandt, da ſie die trotzigſte Feindſeligkeit zeigten, ihre Wurfſpieße nach den Schiffen ſchleuderten, und die Kuͤſten von ihrem Jauchzen und Kriegsgeſchrei widerhallen ließen. Der Admiral bedachte, daß fernere Schonung fuͤr Feig⸗ heit gehalten werden koͤnnte. Er mußte nothwendig ſein Schiff kielholen und Leute an die Kuͤſte gehen laſſen, um friſchen Vorrath von Waſſer zu bekommen; vorher war es raͤthlich, den Wilden Furcht einzufloͤßen, welche ſie von allen ferneren Feindſeligkeiten abhalten ſolle. Da die Cara⸗ velen ſich dem Ufer, wo die Indianer verſammelt waren, nicht gehoͤrig naͤhern konnten, ſo ſandte er ſtark bemannte und wohl bewaffnete Boote ab. Dieſe ruderten nahe an der Kuͤſte hin und ließen eine Salve von Bolzen von ihren Armbruſten abfliegen, wodurch einige Indianer verwundet und die anderen in Verwirrung gebracht wurden. Die Spa⸗ nier ſprangen an die Kuͤſte und jagten die ganze Menge in die Flucht, indem ſie eine zweite Salve gaben und einen Hund auf ſie losließen, der ſie mit blutgieriger Wuth — 134— verfolgte.*) Dieſes war der erſte Fall, daß gegen die In⸗ dianer Hunde gebraucht wurden, deren ſich nachmals die Spanier in ihren Kriegen mit den Eingebornen auf ſo grauſame Weiſe bedienten. Columbus landete nunmehr und nahm foͤrmlich Beſitz von der Inſel, welcher er den Namen Santiago gab; ſie hat jedoch ihren alten indianiſchen Na⸗ men Jamaica behalten. Den Hafen nannte er wegen ſeiner Bequemlichkeit Puerto Bueno, er war in Geſtalt eines Hufeiſens gekruͤmmt, und ein Fluß ergoß ſich in ſeiner Naͤhe ins Meer.**) In der uͤbrigen Zeit dieſes Tages blieb die Umgegend ſtill und oͤde. Am folgenden Morgen jedoch, vor Sonnen⸗ aufgang, ſah man ſechs Indianer an der Kuͤſte, welche durch Zeichen Freundſchaft anboten. Es ergab ſich, daß es Abgeſandte der Caziken waren, welche mit Friedens⸗ und Freundſchafts⸗Antraͤgen von dieſen geſchickt wurden. Der Admiral erwiederte dieſe Antraͤge mit Herzlichkeit; die Haͤuptlinge erhielten Geſchenke von Kleinigkeiten, und in Kurzem wimmelte der Hafen wieder von der nackten und bunten Menge, die einen Ueberfluß von Lebensmitteln herbeibrachte, welche denen der anderen Inſeln an Arten aͤhnlich, aber beſſer in der Gattung waren. Waͤhrend dreier Tage, wo die Schiffe in dieſem Hafen blieben, fand der freundlichſte Verkehr mit den Eingebornen ſtatt. Sie ſchienen erfinderiſcher und kriegeriſcher zu ſeyn *) Cura de los Palacios, cap. 125. **) Hist. del Almirante, l. c. — 135— als ihre Nachbarn auf Cuba und Hayti. Ihre Canoes waren beſſer gebaut und mit Schnitzwerk und Malerei am Vorder⸗ und Hintertheil verziert. Viele waren von großem umfang, doch nur aus einem einzigen Baumſtamm gemacht, der oͤfters einer Art von Mahagoni gleichſah. Columbus maß einen derſelben und fand ihn ſechs und neunzig Fuß lang und acht Fuß breit,*) aus einem einzigen dieſer praͤchtigen Baͤume gehoͤhlt, die ſich wie Thuͤrme mitten aus den rei⸗ chen tropiſchen Waͤldern erheben. Jeder Cazike war ſtolz darauf, einen ſolchen langen Canoe zu beſitzen, den er als ſein Prachtſchiff anzuſehen ſchien. Es iſt merkwuͤrdig, auf die augenſcheinlich angeborene Verſchiedenheit dieſer Inſu⸗ laner zu achten. Die Bewohner von Portorico waren, obgleich von Inſeln umgeben und haͤufigen Einfaͤllen der Caraiben ausgeſetzt, doch von friedlichem Charakter und be⸗ ſaßen ſehr wenige Canoes, waͤhrend Jamaica durch ſeine Entfernung von dem Verkehr mit den anderen Inſeln ge⸗ trennt, vor den Gefahren jener Streifzuͤge bewahrt und ſo zu ſagen im Schooße eines friedlichen Mittelmeeres, doch von einem kriegeriſchen Geſchlechte bewohnt war und alle andere Inſeln in ſeiner Waffenruͤſtung zur See uͤbertraf. Als Columbus ſeine Fahrzeuge ausgebeſſert hatte, ging er wieder unter Segel und ſchiffte laͤngs der Kuͤſte nach Weſten ſo nahe am Ufer, daß das kleine Geſchwader beſtän⸗ dig von den Canoes der Indianer umgeben war, die aus jeder Bai und jedem Fluß und Landeevorſprung herbei⸗ — *) Cura de los Palacios, cap. 124. — 136— kamen und keine Feindſeligkeiten weiter zeigten, ſondern nur begierig waren, was ſie irgend beſaßen, gegen europaͤiſche Kleinigkeiten auszutauſchen. Nachdem ſie ungefaͤyr fuͤnf und zwanzig Seemeilen welter gekommen waren, langten ſie in der Naͤhe des weſtlichen Endes der Inſel an; wo die Kuͤſte nach Suͤden auslaͤuft, wurde der Wind ihrem weite⸗ ren Vordringen laͤngs der Kuͤſte unguͤnſtig. In ſeiner Hoffnung getaͤuſcht, Gold auf Jamaica zu ſinden, und da der Wind guͤnſtig wehete um wieder nach Cuba zu fahren, beſchloß Columbus dahin zuruͤckzukehren und dieſes Land nicht eher zu verlaſſen, bis er die Kuͤſte hinlaͤnglich verfolgt habe, um die Frage zu entſcheiden, ob es Feſtland oder eine Inſel ſey.*) Dem letzten Platze, den er auf Jamaica be⸗ ruͤhrte, gab er den Namen Golf von Buentiempo(Schoͤn Wetter) wegen des guten Windes, den er hier nach Cuba fand. Grade wie er im Begriff war, unter Segel zu ge⸗ hen, kam ein junger Indianer an ſein Schiff heran und bat, die Spanier moͤchten ihn doch mit in ihr Land nehmen. Es folgten ihm ſeine Verwandten und Freunde, welche es durch Bitten aufs aͤußerſte verſuchten, ihn von ſeinem Vor⸗ haben zuruͤckzubringen. Eine Zeitlang war er zweifelhaft zwiſchen den Ruͤckſichten der Betruͤbniß ſeiner Familie und dem heißen Verlangen, die Heimath dieſer wunderbaren Gaͤſte zu ſehen, die ſeine Einbildungskraft ſich als eine Ge⸗ gend voll himmliſcher Herrlichkeit dachte. Neugierde und der jugendliche Hang zum umherſchweifenden Leben ſiegte; *) Hist. del Almirante, eap. 54. — 137— er riß ſich aus den Armen ſeiner Freunde los, und damit er nicht die Thraͤnen ſeiner Schweſtern ſaͤhe, verbarg er ſich in eimnen heimlichen Winkel des Schiffes. Geruͤhrt von dieſer Scene natuͤrlicher Zaͤrtlichkeit und erfreut von dem unternehmenden und zutrauensvollen Geiſte des Juͤnglings, gab Columbus Befehl, daß er mit vorzuͤglicher Aufmerkſam⸗ keit behandelt werden ſolle.*) Es wuͤrde wohl intereſſant ſeyn, etwas mehr von dem Schickſal dieſes wißbegierigen Wilden und von dem Eindruck zu erfahren, den der erſte Anblick der Wander der civiliſir⸗ ten Welt bei einem ſo lebhaften Gemuͤth hervorbrachte; ob das Land der weißen Maͤnner ſeinen Erwartungen gleich⸗ kam, ob er, wie dieß bei den Wilden gewoͤhnlich iſt, ſich mitten in dem Glanz der Staͤdte abhaͤrmte und nach ſeinen heimathlichen Waͤldern zuruͤckſehnte, und ob er je wieder in den Schooß ſeiner Familie zuruͤckkehrte. Die alten ſpa⸗ niſchen Geſchichtſchreiber ſcheinen ſich nicht fuͤr die Gefuhle und Schickſale dieſes erſten freiwilligen Gaſtes aus der neuen in der alten Welt intereſſirt zu haben. Es geſchieht des jugendlichen Abenteurers nirgends weiter Erwaͤhnung. *) Hist. del Almirante, cap. 54. — 138— Drittes Kapitel. Rückkehr nach Cuba. Kreuzen zwiſchen den Inſeln, die Gärten der Königin genannt. (1494.) Von dem Golf Buentiempo ſegelte das Geſchwader nach der Inſel Cuba zuruͤck, und kam den 18. Mai an einem großen Vorgebirg an, welchem Columbus den Namen Cabo de la Cruz gab, den es bis auf dieſen Tag fuͤhrt. Als er hier bei einem ausgedehnten Dorfe landete, empfingen und bewirtheten ihn der Cazike und ſeine Unterthanen, die ſchon lange von ihm und ſeinen Schiffen gehoͤrt hatten. Wirklich erfuhr Columbus aus den Mittheilungen des Haͤuptlings, daß die vielen Indianer, welche bei ſeinem Kreuzen laͤngs der noͤrdlichen Kuͤſte auf ſeiner erſten Reiſe ſeine Schiffe beſuchten, weit und breit die Nachricht von dieſen wunder⸗ baren Gaͤſten umtrugen, die vom Himmel gekommen ſeyen und die ganze Inſel mit Wundernachrichten und mit Er⸗ ſtaunen erfuͤllt haͤtten.*) Der Admiral ſuchte ſich durch — *) Cura de los Palacios, c. 126, —— — — 139— 4 den Caziken und ſein Volk unterrichten zu laſſen, ob Cuba eine Inſel oder ein Feſtland waͤre. Alle antworteten ihm, es ſey eine Inſel, aber von ungeheurem Umfang, und keiner von ihnen haͤtte noch das Ende geſehen. Dieſe Antwort, welche ihre Unwiſſenheit uͤber die Natur eines Feſtlandes kund gab, ließ die Frage fortwaͤhrend dunkel und un⸗ gewiß. Der indianiſche Name dieſer Provinz von Cuba war Macacar. Indem Columbus ſeinen weſtlichen Lauf am folgenden Tage wieder fortſetzte, kam er an eine Stelle, wo die Kuͤſte mit einem Male mehrere Seemeilen nach Nordoſten einbiegt und dann wieder nach Weſten umſchweift, indem ſie eine ungeheure Bai oder vielmehr einen Meerbuſen bildet. Hier uͤberſiel ihn ein heftiger Sturm, von fuͤrchterlichen Blitzen und Donnerſchlaͤgen begleitet, die in dieſen Breitegraden wie mit dem Einſturz des Himmels drohen. Zum Gluͤck war der Sturm von keiner langen Dauer, ſonſt waͤre ſeine Lage aͤußerſt gefaͤhrlich geworden, denn er fand die Schiffahrt durch eine Menge von Key's*) und Sandbanken bedroht. Dieſe vermehrten ſich, je weiter er ſchiffte, bis die auf dem Maſt aufgeſtellten Matroſen die See, ſo weit das Auge reichen konnte, ganz mit kleinen Inſeln bedeckt fanden. Einige waren niedrig, nackt und ſandig, andre mit Gruͤn bedeckt, wieder andere mit hohen und ſchoͤnen Waldungen bewachſen. Sie hatten verſchiedene Groͤße, von einer bis zu *) Key's, von Cayos, Felſen, die zuweilen kleine Inſeln an der Küſte von Amerika bilden. 1 .— 140— vier Stunden, nnd waren im Allgemeinen fruchtbarer und hoͤher, je naͤher ſie Cuba lagen. Als der Admiral ihre Zahl ſich vermehren ſah und es unmoͤglich fand, jeder einen Na⸗ men zu geben, benannte er das ganze Labyrinth von Inſeln, welche gewiſſermaßen die Flaͤche des Oceans mit buntem Gruͤn emaillirten, die Gaͤrten der Koͤnigin. Er gedachte zuerſt dieſen Archipelagus zur Rechten zu verlaſſen und wieder in See zu gehen; aber er erinnerte ſich, daß Johann de Montevilla und Marco Polo erwaͤhnt hatten, die Kuͤſte von Aſien ſey mit mehreren tauſend Inſeln beſaͤet. Unter dieſer Gruppe glaubte er angekommen zu ſeyn, und beſchloß das feſte Land nicht aus den Augen zu laſſen, da er, wenn es wirklich Aſien waͤre, ihm folgend, bald zu den Gebieten des Groß⸗Chans gelangen werde. Indem er alſo unter dieſe Inſeln eintrat, wurde er bald in die verwirrteſte Schiffahrt verſtrickt, wo er beſtaͤndigen Gefahren und Schwie⸗ rigkeiten durch Sandbaͤnke, Gegenſtroͤmungen und verſteckte Felſen ausgeſetzt war. Die Schiffe mußten ſich langſam durchwinden und immer Leute auf dem Maſtkorb ſtehen, und das Senkblei konnte man nicht aus der Hand laſſen. Zu⸗ weilen durften ſie in einer Stunde den Lauf nach allen Richtungen des Kompaſſes aͤndern; dann kamen ſie einmal in einen engen Kanal, wo ſie alle Segel niederlaſſen und die Fahrzeuge durchziehen mußten, damit ſie nicht ſtrandeten. Aller dieſer Vorſichtsmaßregeln ungeachtet ſtießen ſie haͤufig auf Sandbaͤnke und wanden ſich mit großer Muͤhe heraus. Zu dieſen Schwierigkeiten der Schiffahrt kam die Veraͤnder⸗ lichkeit des Wetters; indeſſen fing dieſes bald an, einige — 141— Methode in ſeiner Launenhaftigkeit anzunehmen. Am Mor⸗ gen erhob ſich der Wind im Oſten mit der Sonne, hielt ſich den Tag uͤber und ſchwand bei Sonnenuntergang im Weſten dahin. Schwere Wolken ſammelten ſich am Abend und ſandten ſtarke Blitze und Donnerrollen aus der Ferne, welches einen furchtbaren Sturm ankuͤndigte; aber als der Mond aufging, zertheilte ſich die ganze Decke und loͤſte ſich theils in einen heftigen Regenguß auf, theils ward das Ge⸗ woͤlk von einem Wind zerſtreut, der ſich vom Land erhob. Es lag in der Beſchaffenheit der umgebenden Eilande vieles, was der Idee des Columbus ſchmeicheln konnte, daß er ſich in dem aſiatiſchen Archipelagus befinde. Wie die Schiffe durch die ſanften und kryſtallhellen Canaͤle fuhren, die dieſe gruͤnenden Inſeln trennen, ſchienen die Zeichen herrlicher Vegetation, die ſuͤßen Duͤfte, die ſich von den Blumen, Bluͤthen und wuͤrzigen Straͤuchern verbreiteten, und das glaͤnzende Gefieder der rothen Kraniche oder Fla⸗ mingo's, die in einer Unzahl auf den Wieſen erſchienen, ſo wie anderer tropiſchen Voͤgel, die zwiſchen den Hainen hin⸗ und herflatterten, eine Aehnlichkeit mit den Beſchreibungen der orientaliſchen Climate zu haben. Die Inſeln waren faſt alle unbewohnt. Indeſſen fan⸗ den ſie ein betraͤchtliches Dorf auf einer der groͤßten, wo ſie am 22. Mai landeten. Die Haͤuſer waren von den Bewohnern verlaſſen, welche hauptſaͤchlich von den Erzeug⸗ niſſen des Meeres ihren Unterhalt zu ziehen ſchienen. Große Quantitäͤten Fiſche waren in den Wohnungen aufgehaͤuft und die Kuͤſte umher mit Schaalen der Schildkroͤte bedeckt. — 142— Auch fanden ſich gezaͤhmte Papagaien, und rothe Kraniche, auch ſtumme Hunde, wealche ſie, wie man ſpaͤter erfuhr, fett machten, um ſie zu eſſen. Dieſer Inſel gab der Admiral den Namen Santa Marta. Im Laufe ſeiner Fahrt zwiſchen den Inſeln erblickte Columbus eines Tages eine Anzahl von Eingebornen in einem Canoe auf der ruhigen Flaͤche eines der Canaͤle, mit Fiſchfang beſchaͤftigt, und erſtaunte uͤber die ſonderbare Art dieſes ihres Fanges. Sie hatten einen kleinen Fiſch, deſſen platter Kopf mit vielen Saugwarzen verſehen war, womit er ſich ſo feſt an alles anſog, daß man ihn eher in Stuͤcke reißen konnte, ehe er den Gegenſtand fahren ließ. Sie banden eine lange Schnur an den Schwanz dieſes Fiſches und ließen ihn damit ſchwimmen; gewoͤhnlich hielt er ſich nahe an der Oberflaͤche des Waſſers, bis er ſeine Beute gewahr wurde, dann tauchte er ſchnell unter und ſog ſich mit dieſen Warzen an den Hals eines Fiſches oder an die untere Schale einer Schildkroͤte feſt und ließ ſeine Beute nicht los, ſo daß der Fiſcher beide zuſammen aus dem Waſſer ziehen konnte. Auf dieſe Weiſe ſahen die Spanier dem Fang einer Schildkroͤte von ausnehmender Groͤße zu, und Fer⸗ nando Columbus verſichert, er ſelbſt habe an der Kuͤſte von Veragua einen Hay auf die nämliche Weiſe fangen ſehen. Die Wahrheit dieſer Nachricht wird durch die Berichte ver⸗ ſchiedener Seefahrer beſtaͤtigt und dieſelbe Art zu fiſchen ſoll an der Oſtkuͤſte von Afrika, auf Mozambique und Mada⸗ gascar gebraͤuchlich ſeyn. Man hat hieraus die Bemerkung gezogen, daß wilde Voͤlker, die wohl nie mit einander in —— Verbindung geſtanden, oft die auffallendſten Aehnlichkeiten gezeigt haben, in der Art und Weiſe, ihre Herrſchaft uͤber die Thiere auszuuͤben.*) Dieſe Fiſcher kamen furchtlos und vertrauend an Bord der Caravelen. Sie verſahen die Spanier mit einem Vorrath von Fiſchen und wollten ihnen gern alles geben, was ſie beſaßen. Auf des Admirals Nach⸗ fragen uͤber die Lage und Ausdehnung dieſer Gegenden, be⸗ merkten ſie, das Meer ſey voll ſolcher Inſeln im Suͤden und Weſten, aber was Cuba betraͤfe, ſo jaufe dieſes immer nach Weſten fort ohne Ende. Als Columbus ſich aus dieſem Archipelagus herausge⸗ wunden hatte, ſegelte er nach einer bergigen Gegend der Inſel Cuba ungefaͤhr vierzehn Seemeilen weiter, wo er bei einem großen Dorfe am 3. Juni landete. Hier wurde er mit aller Guͤte und Freundſchaft aufgenommen, welche die Bewohner von Cuba auszeichnete, die er wegen ihres ſanf⸗ ten, friedlichen Charakters uͤber alle die anderen Inſulaner erhob. Selbſt ihre Thiere, ſagte er, waren zahmer, wie auch groͤßer und beſſer als auf den anderen Inſeln. Unter den vielerlei Lebenömitteln, die ſie brachten, waren Tau⸗ ben von ungewoͤhnlicher Groͤße und ſehr wohlſchmeckendem Fleiſch; da Columbus an dem Geſchmack derſelben etwas eigenthuͤmliches fand, ließ er die Kroͤpfe einiger erſt kurz getoͤdteten oͤffnen, und man fand darin Gewuͤrze— guͤnſtige Anzechen von den Produkten des Landes. *) Humbold essai politique sur l'isle de Cuba, t. 1. p. 364. — 144— Waͤhrend die Mannſchaft in den Booten nach Waſſer und Vorraͤthen ausging, ſuchte Columbus Nachrichten von dem ehrwürdigen Caziken und mehreren alten Maͤnnern des Dorfes zu ſammeln. Sie ſagten ihm, der Name ihrer Pro⸗ vinz heiße Ornofay, weiter weſtlich ſey das Meer wieder mit einer Menge von Inſeln bedeckt und von geringer Tiefe. Was Cuba betreffe, ſo habe noch keiner von einem Ende in Weſten gehoͤrt— vierzig Monde wuͤrden nicht hinreichen, die aͤußerſte Spitze zu erreichen; wirklich hielten ſie das Land fuͤr unendlich. Sie bemerkten jedoch, der Admiral werde umfaſſendere Nachrichten von den Einwohnern Man⸗ gons, einer benachbarten Provinz im Weſten ſammeln koͤn⸗ nen. Die Aufmerkſamkeit des Columbus wurde durch den Klang des Namens erregt; derſelbe kam auf Mangi heraus, welches die reichſte Provinz des Groß⸗Chans war, die den Ocean begraͤnzte. Er machte fernere Nachforſchungen uͤber die Gegend von Mangon und verſtand die Indianer dahin, daß ſie von Leuten bewohnt ſey, welche Schweife wie die Thiere haͤtten und Kleider truͤgen, um ſie zu verbergen. Er erinnerte ſich, daß Johann de Monteoilla bei ſeinen Erzaͤh⸗ lungen von den entfernten Gegenden des Oſtens eine eben ſolche Nachricht, die unter gewiſſen nackten Staͤmmen in Aſien herrſche, gegeben hatte, welche Wilde die Kleidungen threr civiliſirten Nachbarn verlachten, da ſie dieſelben nur fuͤr tauglich hielten, irgend ein koͤrperliches Gebremen zu verbergen.*) Er wurde daher zuverſichteicher als jemals, *) Cura de los Palacios, eap. 127. — — 445— daß, wenn er ſich an der Kuͤſte weſtlich halte, er endlich an den civiliſirten Koͤnigreichen Aſiens ankommen werde. Er ſchmeichelte ſich mit der Hoffnung, in dieſer Region von Mangon die reiche Provinz Mangi, und in ihren Menſchen mit Schweifen und Kleidern, die mit langen Gewaͤndern bekleideten Bewohner des Reiches der Tartarei zu erkennen. Viertes Kapitel. Küſtenfahrt an der Südſeite von Cuba. (1494.) Begeiſtert von einer der taͤuſchenden Erſcheinungen ſeiner lebhaften Einbildungskraft, verfolgte Columbus jetzt mit ei⸗ nem guͤnſtigen Winde ſeinen Lauf laͤngs dem vermeintlichen Feſtlande Aſiens. Er fuhr nun an einem Strich der ſuͤd⸗ lichen Seite der Inſel hin, wo die Schifffahrt faſt eine Strecke von fuͤnfunddreißig Seemeilen von Sandbaͤnken und Inſeln unbelaͤſtigt iſt. Zur Linken hatte er das breite offene Meer, deſſen dunkelblaue Farbe ein Zeichen ſeiner großen Breite war; zur Rechten dehnte ſich die reich mit Waldungen bewachſene Provinz Ornofay aus, die ſich allmaͤhlig zu ei⸗ ner Reihe von Bergen im Innern erhob; die gruͤnende Irving's Columbus. 4— 6, 10 — 146— Kuͤſte war von unzaͤhligen Stroͤmen durchſchnitten, und mit indianiſchen Doͤrfern beſetzt. Das Erſcheinen der Schiffe verbreitete Bewunderung und Freude die Seekuͤſte entlang. Die Eingebornen bewillkommneten mit Jauchzen die An⸗ kunft dieſer wundervollen Weſen, deren Ruf ſich auf der ganzen Inſel verbreitet hatte, und welche die Segnungen des Himmels mit ſich fuͤhrten. Sie kamen ſchwimmend oder in ihren Canoes an die Schiffe, um ihre Fruͤchte und uͤbri⸗ gen Landes⸗Produkte darzubringen, und blickten die weißen Maͤnner mit beinahe andaͤchtiger Verehrung an. Nach dem gewoͤhnlichen Abendregen, wie der Wind von der Kuͤſte wehete und die ſuͤßen Duͤfte vom Land heruͤbertrug, kamen damit auch die entfernten Toͤne der Geſaͤnge der Eingebor⸗ nen, und der Klang ihrer rauhen Muſik zu ihren Ohren; wahrſcheinlich feierten ſie mit ihren Nationalgeſaͤngen und Taͤnzen die Ankunft der weißen Maͤnner. Die wuͤrzigen Geruͤche und die froͤhlichen Toͤne waren fuͤr Columbus, der nun fuͤr alle freudigen Eindruͤcke empfaͤnglich war, ſo ent⸗ zuͤckend, daß er erklaͤrte, die Nacht ſey ihm wie eine Stunde dahingeſchwunden.*) f k5 Es iſt unmoͤglich, den Wahrnehmungen der auffallenden Contraſte zu widerſtehen, die ſich der Seele manchmal mit Gewalt aufdraͤngen. Die hier als ſo volkreich und lebendig beſchriebene Kuͤſte, welche ſich des Beſuches der Entdecker erfreute, iſt dieſelbe, die ſich weſtlich von der Stadt Trini⸗ dad laͤngs der Bai von Xagua hinſtreckt. Alles iſt nun *) Cura de los Palacios. — 147— ſtill und veroͤdet: die Civiliſation, welche einige Striche von Cuba mit glaͤnzenden Staͤdten bedeckte, hat aus dieſer Gegend eine Einoͤde gemacht. Das ganze Geſchlecht der In⸗ dianer iſt ſeitdem laͤngſt hinweggeſchwunden, ſich vertrauernd und aufloͤſend zwiſchen den Beſitzungen der Fremden, die ſie an ihren Kuͤſten ſo freundlich bewillkommnet hatten, Vor mir liegt der Bericht eines beruͤhmten Reiſenden uͤber eine noch nicht lange an derſelben Kuͤſte zugebrachte Nacht; aber welche ganz verſchiedene Empfindungen von denen des Co⸗ lumbus!„Ich brachte,“ ſagt er,„einen großen Theil der Nacht auf dem Verdeck zu. Welche veroͤdete Kuͤſten. Nir⸗ gends ein Licht, welches die Huͤtte eines Fiſchers verrathen haͤtte. Von Batabano nach Trinidad, in einer Strecke von funfzig Stunden, exiſtirt kein Dorf. Und doch war zu Columbus Zeiten dieſes Land bis zum Rande des Meeres bewohnt. Wenn man in der Erde graͤbt, oder die Stroͤme die Oberflaͤche des Bodens aufwuͤhlen, findet man oft ſtei⸗ nerne Beile und kupferne Gefaͤße, Ueberreſte von den alten Bewohnern dieſer Inſel.“*) Den groͤßten Theil zweier Tage ſtrichen die Schiffe an dieſer offenen Seite der Kuͤſte uͤber den weiten Golf von Xagua hin. Endlich kamen ſie an eine Stelle, wo das Meer auf einmal ſo weiß wie Milch wurde und ganz dicklicht als ob es mit Mehl gemiſcht waͤre. Dieſes ruͤhrt von feinem Sande oder von Kalktheilchen her, die an gewiſſen Stellen im Meeresgrunde von den Wellen und Stroͤmungen losge⸗ —. *) Humbold essai politique sur Cuba t. II, p. 25, 10* — 148— riſſen werden. Es verbreitete einen großen Schrecken auf den Schiffen, welcher noch erhoͤht wurde, als man ſich bald von Sandbaͤnken und Felſen umringt ſah und in ſeichtem Waſſer befand. Je weiter ſie gingen, deſto gefaͤhrlicher wurde ihre Lage. Sie waren in einem engen Kanal, wo ſie keinen Platz hatten, umzuwenden und heraus zu laviren, wo kein Ankergrund war, wo ſie heftig von den Winden hin⸗ undhergeſtoßen wurden, und in Gefahr kamen, zu ſtranden. Endlich gelangten ſie zu einer kleinen Inſel, bei welcher ſie maͤßigen Ankergrund fanden. Hier blieben ſie in großer Angſt die Nacht uber; Viele waren der Meinung, daß das Unternehmen ganz aufgegeben werden ſolle, indem ſie ſich ſchon gluͤcklich ſchaͤtzten, wenn ſie den Weg nur wieder zu⸗ ruͤck machen koͤnnten. Columbus aber wollte von der Reiſe nicht abſtehen, da er ſich jetzt auf dem Wege zu einer glaͤn⸗ zenden Entdeckung glaubte. Am folgenden Morgen ſandte er die kleinſte Caravele ab, um dieſes neue Labyrinth von Inſeln zu unterſuchen, und auf das feſte Land auszulau⸗ fen, um friſches Waſſer zu holen, woran die Schiffe großen Mangel litten. Die Caravele kam mit der Nachricht zu⸗ ruͤck, daß die Canaͤle und Riffe dieſer Gruppe eben ſo zahl⸗ reich und gefaͤhrlich wie die in den Gaͤrten der Koͤnigin waͤren, daß das Feſtland an den Kuͤſten in tiefen Moraſt und Schlamm ausgehe, wo die Mangro⸗Baͤume im Waſ⸗ ſer wuͤchſen und ſo nahe beiſammen ſtaͤnden, daß ſie gleich⸗ ſam eine undurchdringliche Mauer bildeten; das Land ſcheine im Innern fruchtbar und gebirgig; Rauchſaͤulen, die von verſchiednen Seiten aufſtiegen, gaͤben Zeichen guter Bevoͤl⸗ — 149— kerung.*) Unter der Anfuͤhrung dieſer Caravele verſuchte nunmehr Columbus in dieſen kleinen Archipelagus einzudrin⸗ gen; er machte ſeinen Weg mit großer Vorſicht, Anſtren⸗ gung und Gefahr, durch enge Canaͤle, welche die Sand⸗ baͤnke und Inſeln trennten, und gerieth oft auf den Grund. Endlich erreichte er einen niedrigen Vorſprung von Cuba, dem er den Namen Spitze Serafin gab, dieſſeits welcher die Kuͤſte nach Oſten umbog und eine ſo weite Bai bildete, daß von hier das gegenuͤberliegende Land nicht geſehen werden konnte. Nach Norden dagegen waren Berge von ferne ſicht⸗ bar und der Zwiſchenraum frei und offen; indem die Inſeln, welche man ſehen konnte, ſuͤdlich und weſtlich lagen; eine Beſchreibung, die mit der Lage der großen Bai von Bata⸗ bano uͤbereinſtimmt. Columbus ſteuerte nun nach dieſen Bergen zu, mit guͤnſtigem Wind und drei Klafter tiefem Fahrwaſſer, und ging am folgenden Tag bei der Kuͤſte in der Naͤhe eines ſchoͤnen Palmenwaͤldchens vor Anker. Hier ſetzte ein Trupp an's Land, um Holz und Waſſer zu holen, und ſie fanden zwei lebendige Quellen in der Mitte des Hains. Wie ſie mit dem Faͤllen des Holzes und mit dem Anfuͤllen ihrer Waſſertonnen beſchaͤftigt waren, ging von ihnen ein Bogenſchuͤtze mit ſeinem Geſchoß in den Wald, um zu jagen; doch kehrte er bald zuruͤck, fliehend und ſehr erſchrocken, indem er laut ſeine Kameraden um Huͤlfe rief. Er erzaͤhlte, er ſey noch nicht weit geweſen, als er ploͤtzlich durch eine lichte Stelle einen Mann in einem *) Cura de los Palacios, cap. 128. — 150— langen weißen Klelde geſehen habe, ungefaͤhr wie ein Kapu⸗ ziner von dem Orden der gnadenreichen Maria, ſo daß er ihn anfaͤnglich fuͤr den Kaplan des Admirals gehalten habe. Zwei andere folgten ihm in weißer Tunica bis an die Kniee, und alle drei waren von ſo feiner Geſichtsbildung, als waͤ⸗ ren ſie Europaͤer. Hinter dieſen kamen noch viel mehr Leute zum Vorſchein, gegen dreißig, mit Kolben und Lan⸗ zen bewaffnet. Sie machten keine feindlichen Zeichen, ſon⸗ dern blieben ruhig; der Mann in dem langen weißen Kleide trat allein vor, um ihn anzureden; aber er war ſo beſtuͤrzt von der Menge, daß er ſich ſogleich auf die Beine machte und bei ſeinen Landsleuten Huͤlfe ſuchte. Der ganze Trupp beeilte ſich, wieder zu Schiffe zu kommen. Als Columbus die Geſchichte hoͤrte, war er ſehr erfreut, denn er ſchloß daraus, daß es von den bekleideten Leute Mangons ſeyen, die man ihm kuͤrzlich beſchrieben hatte, und daß er endlich an den Graͤnzen der civiliſirten Laͤnder, wo nicht ſchon bei den Ufern der reichen Provinz Mangi angekommen ſey. Am folgenden Tage ſandte er einen Trupp bewaffneter Leute nach dieſen weißgekleideten Menſchen aus, mit dem Befehl, wenn es noͤthig waͤre, vierzig Meilen in's Innere zu drin⸗ gen, his ſie Einwohner antraͤfen; denn er glaubte, die be⸗ voͤlkerten und angebauten Gegenden koͤnnten wohl vom Meer entfernt, und die Staͤdte und Flecken hinter den wilden Forſten und Bergen der Kuͤſte liegen. Der Trupp drang durch einen dichten Waldguͤrtel, der die Kuͤſte einſchloß, und kam auf eine große Ebene oder Savannah, mit uͤppi⸗ gem Gras⸗ und Pflanzenwuchs wie reifes Korn hochaufge⸗ — 151— ſchoſſen, und durch welches weder Weg noch Fußpfad fuͤhrte. Hier fanden ſie ſich ſo feſt verwickelt und im eigentlichſten Sinn gefeſſelt von dem Wieſengras und den rankenden Ge⸗ waͤchſen, daß ſie nur mit der groͤßten Anſtrengung eine Viertelſtunde zuruͤcklegten, dann aber von ihrem Verſuch abſtehen mußten, und muͤde und erſchoͤpft zu den Schiffen zuruͤckkehrten. Eine andere Abtheilung wurde am folgenden Tage aus⸗ geſandt, um in einer anderen Richtung den Durchgang zu verſuchen. Sie waren noch nicht weit von der Kuͤſte, als ſie die Spuren eines großen Thieres mit Klauen bemerkten, welche einige fuͤr die Faͤhrte eines Loͤwen, andere fuͤr die des Greifs hielten, die jedoch wahrſcheinlich von Alligatoren herruͤhrten, welche in dieſen Gegenden haͤufig angetroffen werden. Entmuthigt von dem Anblick, eilten ſie nach der Kuͤſte zuruͤck. Auf ihrem Marſch kamen ſie durch einen Wald mit Triften und Wieſen, die ſich nach verſchiednen Seiten oͤffneten, worauf ſie Heerden von Kranichen, noch einmal ſo groß als die europoͤiſchen, erblickten. Viele von den Baͤumen und Geſtraͤuchen ſtroͤmten ſo ſtarke Wohlge⸗ ruͤche aus, daß ſie ſich fortwaͤhrend mit der Hoffnung taͤuſch⸗ ten, orientaliſche Gewuͤrze hier on finden. Sie ſahen auch eine Menge rankender Weinſtoͤce, dieſe reizende Erſcheinung in der Vegetation der neuen Welt. Viele ſchlangen ſich bis zu den Wipfeln der hoͤchſten Baͤume empor, überdeckten ſie mit ihrem Laub, rankten von Zweig zu Zweig, und trugen ſchwere Trauben voll ſaftiger Beeren. Der Trupp kehrte eben ſo erfolglos wie die Vorigen zu den Schiffen zuruͤck, 8⸗ — 152— und erklaͤrte die Gegend fuͤr wild und undurchdringlich, doch fuͤr aͤußerſt fruchtber. Zum Beweiſe des Letzteren brachten ſie große Trauben der wilden Weinrebe, welche Columbus nachmals ſeinen Gebietern ſandte, nebſt einer Probe von dem Waſſer der weißen See, durch welche ſie gekommen waren. Da man auf Cuba niemals einen Stamm von bekleideten Indianern gefunden hat, ſo iſt es wahrſcheinlich, daß die Geſchichte von den Maͤnnern in weißen Gewaͤndern auf ir⸗ gend einer Taͤuſchung jenes Bogenſchuͤtzen beruhte, der voll von der Idee der raͤthſelhaften Bewohner Mangon's, im Laufe ſeiner einſamen Streiferei in dem Walde wahrſchein⸗ lich von einer der Heerden von Kranichen erſchreckt wuͤrde, die, wie es ſcheint, hier in der Naͤhe in großer Menge zu finden waren; dieſe Voͤgel halten ſich wie die Flamingo's heerdenweiſe zuſammen und ſtellen immer einen als Schild⸗ wache in einige Entfernung. Wenn man ſie durch die Oeffnungen der Waldung erblickte, wie ſie in Schaaren auf einer ſchimmernden Savannah oder in einem ſpiegelnden Teich ſtanden, konnte ihnen ihre Groͤße und aufrechte Haltung wohl auf den erſten Anblick Aehnlichkeit mit menſchlichen Geſtalten geben. Sey es nun, daß die Geſchichte auf Wahr⸗ heit oder auf einem Irrth. beruhte, ſie machte einen tie⸗ fen Eindruck auf Columbus, der ſehr geneigt war, ſich taͤuſchen zu laſſen und alles zu glauben, was der Vorſtellung ſchmeichelte, daß ſie ſich in der Naͤhe eines cultivirten Lan⸗ des befaͤnden. Nachdem er die Weite der Bai nach Oſten unterſucht und ſich verſichert hatte, daß es kein Meeresarm — 153— ſey, ſetzte er den Lauf weſtwaͤrts fort und kam in der Ent⸗ fernung von ungefaͤhr neun Seemeilen an eine bewohnte Kuͤſte, wo er mit mehreren Eingebornen in Verkehr trat. Sie waren nackt wie die anderen; doch dieſes ſchrieb er dem Umſtande zu, daß es Fiſcher an einer oͤden Kuͤſte waren; die civiliſirten Gegenden, dachte er, muͤßten im Innern lie⸗ gen. Da ſein lucayiſcher Dollmetſcher die Sprache oder vielmehr den Dialekt dieſes Theiles von Cuba nicht verſtand, mußten alle Belehrungen, die man erlangen konnte, durch das truͤgende Medium von Zeichen und Geberden gewonnen werden. Von ſeiner eignen Lieblings⸗Idee getaͤuſcht, ver⸗ ſtand er ſie ſo, daß in einem Gebirg, welches er weſtlich in der Ferne erblickte, ein maͤchtiger Koͤnig lebe, der mit großer Pracht uͤber viele bevoͤlkerte Provinzen herrſche; daß er ein weißes Kleid trage, welches bis auf die Erde reiche; daß man ihn einen Heiligen nenne,*) daß er niemals ſpreche, ſondern ſeinen Unterthanen die Gebote durch Zeichen zu ver⸗ ſtehen gebe, denen ſie unbedingt gehorchten.*) In allem dieſem ſehen wir die Einbildungskraft des Admirals ge⸗ ſchaͤftig, alles mit ſeinen vorherrſchenden Ideen in Ueberein⸗ ſtimmung zu bringen. Las Caſas verſichert uns, daß nie⸗ mals in dieſem Lande ein Cazike bekannt geweſen, welcher Kleider getragen oder in anderer Hinſicht jener Beſchreibung *) Que le Llamaban santo e que traia tunica blanca que le aerastra por el suelo. Cura de los Pa- lacios, c. 128. 4) Herrera hist. Ind., decad, 1,, iib. II. cap. 14. — 154— entſprochen habe. Dieſer Koͤnig mit dem Rufe der Heilig⸗ keit, war wohl nichts anderes als ein in Columbus Kopfe ſpukendes Bild des geheimnißvollen Herrſchers, des Prieſters Johann, der lange in den Erzaͤhlungen der morgenlaͤndiſchen Reiſenden eine Rolle geſpielt, zuweilen als ein Koͤnig, zu⸗ weilen als ein Prieſter, deſſen Reich und Hof immer ein Gegenſtand von geographiſchen Zweifeln und Widerſpruͤchen war und neuerlich wieder ein Gegenſtand wißbegieriger Forſchung geworden iſt. Die Nachrichten, welche man bei dieſem Volk uͤber die Kuͤſte nach Weſten ſammeln konnte, waren voͤllig ungewiß. Sie ſagten, dieſelbe erſtrecke ſich mindeſtens zwanzig Tage⸗ reiſen; aber ob ſie dann zu Ende gehe, wuͤßten ſie nicht. Sie ſchienen uͤber alles außer ihrer naͤchſten Nachbarſchaft wenig unterrichtet. Columbus nahm einen Indianer von dieſem Orte zum Fuͤhrer und ſteuerte nach den entfernten Bergen, wo dieſer Cazike mit weißem Gewande wohnen ſollte, indem er hoffte, dieſelben wuͤrden ſich als die Graͤn⸗ zen eines cioiliſirteren Landes ausweiſen. Er war noch nicht weit gekommen, als er in die hier gewoͤhnlichen Hin⸗ derniſſe von Felſenriffen, Klippen und Sandbaͤnken gerieth. Die Fahrzeuge ſtießen haͤufig auf den Sand und Schlamm des Meeresgrundes; anderemale wurden ſie in enge Canaͤle eingepfercht, wo ſie ſich nicht bewegen konnten und mit Schiffswinden zu ihrem großen Nachtheil vorwaͤrts gezogen werden mußten. Einmal kamen ſie an eine Stelle, wo das Meer ganz mit Schildkroͤten bedeckt war; ein andermal verdunkelten Schwaͤrme von Waſſerraben und Waldtauben das — 155— Sonnenlicht, und eines Tages war die ganze Luft mit Wol⸗ ken von buntfarbigen Schmetterlingen erfüͤllt, die erſt ein Abendregen zerſtreute. Als ſie ſich der bergigen Gegend näherten, fanden ſie die Kuͤſte von uͤberſchwemmtem Land oder von Moraͤſten be⸗ graͤnzt und mit ſo dichten Waͤldern bewachſen, daß es un⸗ moͤglich war, in's Innere zu dringen. Sie ſuchten mehrere Tage nach friſchem Waſſer, woran großer Mangel war. Endlich fanden ſie eine Quelle in einem Palmenwaͤldchen, und in der Naͤhe Schalen der Perlenauſter, von welchen Columbus ſich bedeutende Perlenfiſchereien in der Nachbar⸗ ſchaft verſprach. Waͤhrend er auf ſolche Weiſe von allem Verkehr mit dem Inneren durch einen Guͤrtel von Moraͤſten und Waͤldern abgeſchnitten war, ſchien das Land recht gut bevoͤlkert zu ſeyn. Rauchſaͤulen erhoben ſich von verſchiede⸗ nen Seiten, und vermehrten ſich, je naͤher die Schiffe kamen, bis ſie von jeder Felſenklippe und waldigen Hoͤhe aufſtiegen. Die Spanier waren in Ungewißheit, ob dieſe Feuerſtellen von Doͤrfern und Staͤdten oder von Signalfeuern herruͤhr⸗ ten, wodurch von der Annaͤherung der Schiffe Nachricht gegeben werde, um das Land aufzubieten, ſo wie es an den europaͤiſchen Seekuͤſten gewoͤhnlich iſt, wenn ſich ein Feind in der Naͤhe zeigt. Einige Tage fuhr Columbus fort, dieſe labyrinthiſche und einſame Kuͤſte zu unterſuchen, deren ſchwierige Canaͤle ſelten beſucht werden, ſelbſt bis auf dieſen Tag, ausgenom⸗ men von der ſcheuen, lauernden Barke des Smugglers. Als er weiter kam, bemerkte er jedoch, daß die Kuͤſte in ein — 156— 1 großes Ende ſuͤdweſtlich auslaufe. Dieſes ſtimmte ganz mit der Beſchreibung des Marco Polo von der entlegenen Kuͤſte Aſiens uͤberein. Er wurde nun vollkommen ſicher, daß er an jener Stelle des aſiatitiſchen Feſtlandes angekommen ſey, welches nach der Beſchreibung des Ptolemaͤus jenſeits der Graͤnzen der alten Welt liege. Ich darf nur dieſen Lauf fortſetzen, dachte er, um ſicher an der Spitze anzukommen, wo dieſe Kuͤſtenreihe in die Aurea Cherſoneſus der Alten auslaͤuft.*)— Die lebhafte Einbildungskraft des Columbus ſprang immer zu weit voraus und verſprach ſich glaͤnzende Lauf⸗ bahnen der Unternehmung. Indem er ſeine Vermuthungen uͤber ſeinen gegenwaͤrtigen Standpunkt mit dem unvoll⸗ kommenen Lichte der Erdkunde jener Tage beleuchtete, fand er in Gedanken ſchon einen glaͤnzenden Weg zur Ruͤckkehr nach Spanken. Die Aurea Cherſoneſus umſegelnd, mußte er zu den von den Alten beſuchten Meeren gelangen, die von den reichen Nationen des Morgenlandes umwohnt wa⸗ ren. Ueber den Meerbuſen des Ganges wollte er bei Ta⸗ probana vorbeiſchiffen und, bis zu der Meerenge von Ba⸗ belmandeb vordringend, an den Kuͤſten des rothen Meeres ankommen. Von da konnte er ſeinen Weg zu Lande nach Jeruſalem nehmen, ſich dann in Joppe einſchiffen und uͤber das mittellaͤndiſche Meer nach Spanien ſegeln. Oder ſollte der Weg von Aethiopien nach Jeruſalem fuͤr zu gefahrvoll *) Die jetzige Halbinſel Malacca. 1 — 157— gehalten werden, wegen der dortigen wilden und kriegeri⸗ ſchen Staͤmme, oder wuͤrde er es nicht raͤthlich finden, ſich von ſeinen Schiffen zu treanen, ſo konnte er auch den gan⸗ zen Umfang von Afrika umſegeln, im Triumph bei den Por⸗ tegieſen vorbeikommen, mitten durch ſie hindurch an den Kuͤſten von Guinea vorbeiſegeln und nachdem er auf dieſe Weiſe die Erde umſchifft, endlich die kuͤhnen Segel bei den Saͤulen des Herkules, der aͤußerſten Graͤnze des Alterthums, einziehen! Dieſes war der hochſtrebende Plan des Colum⸗ bus, wie ihn einer ſeiner vertrauten Freunde berichtet,*) auch iſt ſich bei ſeiner Unkunde uͤber die wahre Groͤße des Erdballs nicht ſehr daruͤber zu verwundern. Das mecha⸗ niſche Ausmeſſen eines benannten Theils des Erdkreiſes hat ſeinen Umfang in unſeren Tagen zu einer bekannten Sache gemacht; aber zu jener Zeit war es immer noch unter den tiefſten Philoſophen nur ein Problem. *) Cura de los Palacios, cap. 125. MS. Fuͤnftes Kapitel. — Ruͤckfahrt des Columbus längs der ſüdlichen Kuͤſte von Cuba. (1494.) Die Meinung des Columbus, daß er ſich an den Kuͤſten des Feſtlandes von Aſien befinde und den Graͤnzpunkten morgenlaͤndiſcher Geſittung genahet ſey, wurde von allen ſeinen Gefaͤhrten getheilt, unter welchen mehrere faͤhige und erfahrene Seefahrer waren. Doch waren ſie weit entfernt, ſeinen Enthuſiasmus zu theilen. Sie wollten keinen Ruhm von dem Erfolg des Unternehmens herleiten und bebten vor den ſich ſtets mehrenden Schwierigkeiten und Gefahren zu⸗ ruͤck. Ihre Schiffe waren zerſchlagen und leck von den vielen Stoͤßen, die fie bei dem oͤfteren Beruͤhren des Grun⸗ des erhalten hatten. Ihr Takelwerk und ihre Kabeltaue waren verdorben, ihre Vorraͤthe gingen auf die Neige, einen großen Theil des Zwiebacks hatte das Seewaſſer, welches durch unzaͤhlige Lecke eindrang, ungenießbar gemacht, das Schiffsvolk war von unaufhoͤrlichen Anſtrengungen ermattet, annd durch den Anblick des Meeres muthlos gemacht, welches — 159— nur immer neue Labyrinthe von Inſeln zeigte. Sie machten daher Vorſtellungen gegen die weitere Verfolgung dieſer Reiſe. Sie waren an der Kuͤſte ſchon weit genug gekom⸗ men, um ſich fuͤr beruhigt zu halten, daß es wirklich Feſt⸗ land ſey, und wiewohl ſie nicht der Meinung waren, daß cultivirte Laͤnder auf dem Wege laͤgen, den ſie jetzt ver⸗ folgten, ſo konnten auch bei angenommener Wahrſcheinlich⸗ keit ihre Vorraͤthe zu Ende gehen, bevor ſie dieſe Laͤnder erreichten. Columbus ward, als ſich ſein Enthuſiasmus etwas ab⸗ gekuͤhlt hatte, von ſelbſt auf die Ueberzeugung geleitet, daß ſeine Schiffe mit der vorhabenden Reiſe im Mißverhaͤltniß ſtaͤnden, aber er hielt es zur Erhaltung ſeines Ruhmes und fuͤr die Popularitaͤt ſeiner Unternehmungen fuͤr zu wichtig, hinlaͤngliche Beweiſe aufzuſtellen, daß dieſes von ihm ent⸗ deckte Land Continent ſey. Er beharrte daher noch vier Tage auf der Erforſchung der Kuͤſte, die ſich nach Suͤd⸗ weſten forterſtreckte, bis alle erklaͤrten, daß man nicht laͤnger an der Richtigkeit zweifeln koͤnne, da es unmoglich ſey, daß eine ſo lang geſtreckte Kuͤſtenreihe einer bloßen Inſel angehoͤre. Der Admiral war jedoch entſchloſſen, daß die Sache nicht auf ſeiner alleinigen Verſicherung beruhen ſolle, da er neuerlich Beweiſe von dem Hang ſeiner Leute erhalten hatte, ſeinen Behauptungen zu widerſprechen und ſeine Entdeckungen zu verkleinern. Er ſandte daher einen öffentlichen Notar, Fernando Perez de Luna auf die Schiffe, von vier Zeugen begleitet, um foͤrmlich allen an Bord be⸗ findlichen Leuten, vom Capitain bis zum Schiffsjungen, die Erklaͤrung abzunehmen, ob irgend einer noch zweifele, daß das Land vor ihnen ein Feſtland, der Anfang und das Ende Indiens ſey, auf welchem man zu Lande nach Spa⸗ nien kommen koͤnne, und bei der Verfolgung von deſſen Kuͤſten man bald unter civiliſirten Nationen anlangen werde. Wenn irgend einer daruͤber noch einen Zweifel hege, ſolle er es ſagen, damit man ihm denſelben benehmen koͤnne. Es waren mehrere erfahrene Seemaͤnner und Leute, die in den geographiſchen Kenntniſſen damaliger Zeit wohl bewan⸗ dert waren, an Bord der Schiffe. Sie zogen ihre Land⸗ und Seekarten, wie auch die Berechnungen und Schiffs⸗ journale von der Reiſe zu Rathe und erklaͤrten nach reiflicher Erwaͤgung unter eidlicher Verſicherung, daß ſie uͤber den Gegenſtand keinen Zweifel mehr hegten. Sie gruͤndeten ihre Annahme beſonders darauf, daß ſie dreihundert und fuͤnf und dreißig Seemeilen*) gekommen waͤren, eine Ausdehnung, die fuͤr eine Inſel unerhoͤrt ſey, waͤhrend das Land in's unendliche fort gehe und ſich nach Suͤden ausdehne, gerade wie die entlegenen Kuͤſten Indiens beſchrieben wuͤrden. Damit in der Folge Niemand, ſey es aus Bosheit oder aus Eigenſinn, der auf dieſe Weiſe feierlich niedergelegten Anſicht widerſprechen koͤnne, wurde von dem Notarius be⸗ *) Dieſe Berechnung begreift offenbar alle die Fahrten der Schiffe in den verſchiedenen Richtungen, die ſie längs der Küſte nahmen. Columbus konnte wohi ſchwerlich einen ſo groben Irrthum begehen, daß er der Südſeite der Inſel eine ſolche Ausdehnung gegeben hätte, ſelbſt die Biegungen der Küſte mit eingerechnet. .— 161— kannt gemacht, wer ſich auf ſolche Art vergehe, ſolle, wenn er ein Officier ſey, eine Geldbuße von zehntauſend Mara⸗ vedi's erlegen, ein Schiffsjunge und die ihm an Rang gleich aber hundert Stockſchlaͤge erhalten und ihnen die Zunge abgeſchnitten werden. Es wurde darauf von dem Nota⸗ rius ein foͤrmliches Protokoll aufgenommen, welches die Erklaͤrungen und Namen aller Einzelnen enthielt; dieſes Document exiſtirt noch.*) Dieſe ſonderbare Verhandlung fand in der Naͤhe der großen Bai ſtatt, welche von einigen die Bai von Philipina, von anderen die des Cortez ge⸗ nannt wird. Zu dieſer Zeit durfte, wie bemerkt wird, nur ein Schiffsjunge auf einen der Maſten ſteigen, um jenſeits der Gruppe von Inſeln im Suͤden die offene See zu er. blicken. Zwei bis drei Tage durfte Columbus weiterſegeln, um an die aͤußerſte Spitze von Cuba zu gelangen, wo ſeine Taͤuſchung verſchwunden waͤre und ſeine ſpaͤteren Entdek⸗ kungen eine ganz andere Richtung erhalten haͤtten. In ſeiner jetzigen Ueberzeugung lebte er bis zu ſeinem Tode fort, denn er glaubte bis an ſeine letzte Stunde, Cuba ſey das aͤu⸗ ßerſte Ende des Feſtlandes von Aſien⸗ Indem er nun von aller weitern Unterſuchung der Kuͤſten abſtand, richtete er den Lauf am 13. Juni füdöoͤſtlich und bekam bald eine große Inſel zu Geſicht, auf welcher die Berge ſich majeſtaͤtiſch aus dem Labyrinth der kleinen Felſen erhoben. Dieſer Inſel gab er den Namen Evangeliſta. *) Navarrete's Sammlung, t. II. Irving's Columbus. 4— 5. 11 — 162— Sie heißt gegenwaͤrtig Inſel Pinos und iſt wegen ihres trefflichen Mahagony⸗Holzes beruͤhmt. Hier ging er vor Anker und nahm friſchen Vorrath von Holz und Waſſer ein. Dann ſteuerte er ſuͤdlich, laͤngs der Kuͤſte dieſer Inſel, in der Hoffnung an ihrem ſuͤdlichen Ende eine offene Straße oͤſtlich nach Hispaniola zu finden, und mit der Abſicht, auf ſeinem Wege laͤngs der Suͤdſeite von Jamaica fort zu ſchiffen. Er war noch nicht weit 3 gefahren, als er an einen Einſchnitt kam, den er fuͤr einen Canal hielt, welcher ſich im Suͤdoſten zwiſchen Evangeliſta und einem gegenuͤberliegenden Eiland durchzoͤge. Nachdem er aber etwas tiefer hinein gekommen war, fand er ſich in einer weiten Bai eingeſchloſſen, welches der See von Si⸗ guanca war, der ſich tief in die Inſel hineinerſtreckt. Da er Mißmuth auf den Geſichtern ſeiner ganzen Mann⸗ ſchaft bei dieſem Uferumſchluß gewahr wurde und faſt von Vorraͤthen entbloͤßt war, ſo ermuthigte er die Leute mit freundlichen Worten und beſchloß ſich aus dieſen verzwei⸗ felten Irrgaͤngen durch Fortſetung des Kuͤſtenlaufs an Cuba herauszuwinden. Er verließ daher den See von Si⸗ guanca und kehrte zu ſeinem letzten Ankerplatz zuruͤckz von da ging er am 25. Juni wieder unter Segel und ſchiffte durch die Gruppe von Inſeln zwiſchen Evangeliſta und Cuba und uͤber einen Strich der weißen See, die ſein Schiffs⸗ volk ſo ſehr entſetzt hatte. Hier erfuhr er eine Erneuerung der Angſt, der Gefahr und der Muͤhſeligkeiten, die ihn bei ſeinem Vordringen laͤngs der Kuͤſte umlagert hatten. Die Mannſchaft wurde durch die verſchiednen Farben erſchreckt, — 163— worin das Waſſer wechſelte, welches bald gruͤn, bald faſt ganz ſchwarz, dann wieder ſo weiß wie Milch wurde; ein⸗ mal glaubten ſie ſich von Klippen umgeben, dann ſchien wieder die See eine ungeheure Sandbank zu ſeyn. Am 30. Juni fuhr das Schiff des Admirals mit ſolcher Gewalt auf den Grund, daß es großen Schaden litt. Jede Anſtren⸗ gung, es durch hinten ausgeworfene Anker wieder flott zu machen, war vergeblich, und es ward nothwendig, ſie an dem Vordertheil uͤber die Untiefe wegzufuͤhren. Endlich kamen ſie aus den Inſelgruppen hervor, die man die Jar⸗ dins oder Jardinelles nennt, und langten an der offenen Kuͤſte von Cuba an. Hier ſegelten ſie wieder laͤngs der ſchoͤnen und fruchtbaren Provinz Ornofay und waren neuer⸗ dings entzuͤckt uͤber die wuͤrzigen Geruͤche und Honisduͤfte, die vom Lande herwehten. Aus dem Gemiſch der Geruͤche glaubte der Admiral den des Storax in dem Rauch der an dem Ufer erglaͤnzenden Feuer zu unterſcheid n.*) Hier ſuchte Columbus nach einem bequemen Landungs⸗ platz, wo er Holz und Waſſer einnehmen und ſeiner Mann⸗ ſchaft erlauben koͤnne, ſich auf dem Land auszuruhen und zu erholen. Sie waren von den Muͤhſeligkeiten und Ent⸗ behrungen der Reiſe unglaublich ermattet und erſchoͤpft. Faſt zwei Monate kaͤmpfen ſie nun mit beſtaͤndigen Schwie⸗ rigkeiten und Gefahren, und litten durch den Mangel an *) Humbold(essai politique t. II. p. 24.) ſpricht von dem köſtlichen Duft der Blumen und des Honigs, den dieſe Küſte verbreite und den man in einer beträcht⸗ lichen Entfernung zur See verſpüre. 11* — 164— Lebensmitteln. Auf dieſen unbewohnten Felſen und uͤber⸗ ſchwemmten Ufern konnten ſie nur ſpaͤrlich und in langen Zwiſchenraͤumen Zufuhr von den Eingebornen erhalten; auch waren ſie wegen der Hitze und Feuchtigkeit des Clima's nicht im Stande, die friſchen Proviſionen laͤnger als einen Tag zu erhalten. Dieſelbe Bewandtniß hatte es mit den Fiſchen, die ſie zuweilen fingen; ſo daß ſie ſich faſt ganz auf ihre Sch'ffsrationen beſchraͤnkt ſahen, die aus einem Pfund ver⸗ ſchimmelten Brodes und einer kleinen Quantitaͤt Wein be⸗ ſtand. Mit Freuden gingen ſie daher am 7. Juli in der Muͤndung eines ſchoͤnes Fluſſes dieſer herrlichen uͤppigen Ge⸗ gend vor Anker. Der Cazike der Nachbarſchaft, der uͤber ein ausgedehntes Land herrſchte, empfing den Admiral mit einem gemiſchten Gefuͤhl von Freude und Ehrerbietung, und ſeine Unterthanen kamen mit allem beladen, was ſeine Ge⸗ gend hervorbrachte, mit Utia's, mit allerlei Voͤgeln, beſon⸗ ders mit großen Tauben, mit Caſſava⸗Brod und Fruͤchten von labendem, wuͤrzigem Geſchmack. Columbus hatte es im Gebrauch, an allen merkwuͤrdi⸗ gen Oertern, wolche er beſuchte, auf hervorragenden Stel⸗ len Kreuze aufzurichten, um die Entdeckung des Landes und ihre Unterwerfung unter den wahren Glauben zu bezeichnen. Er befahl daher auch an dem Ufer dieſes Fluſſes ein großes Kpeuz von Holz aufzurichten. Es geſchah an einem Sonn⸗ tag Morgen mit großen Ceremonien und unter Abhaltung einer feierlichen Meſſe. Wie Columbus zu dieſem Ende an's Land ging, begegnete er an dem Geſtade dem Caziken und ſeinem erſten Guͤnſtling, einen ehrwuͤrdigen Indianer von achtzig Jahren, von einem ernſten und edlen Beneh⸗ men. Der alte Mann brachte eine Schnur von gewiſſen Per⸗ len oden Steinen, denen die Indianer einen geheimnißvoclen Werth beilegten, und eine Calabaſche von einer trefflichen Frucht. Dieſe bot er dem Admiral zum Zeichen ſeiner Freundſchaft an. Er nahm ihn mit dem Caziken bei der Hand und ging mit ihm in den Hain, wo man die Vorbe⸗ reitungen zur Verrichtung der Meſſe gemacht hatte; ihnen folgte eine Menge von Eingebornen. Waͤhrend die Meſſe in dem Tempel der Natur gehalcen wurde, ſahen die In⸗ dianer mit Furcht und Ehrerbietung zu, und ſchloſſen aus den Toͤnen und Gebehrden des Prieſters, den angezuͤndeten „Kerzen, dem dampfenden Weihrauch und der Andacht der Spanier, daß hier eine Ceremonie von heiliger und geheim⸗ nißvoller Bedeutung ſtattfinde. Als das Amt voruͤber war, naͤherle ſich der alte Mann in den Achtzigen, der den Ver⸗ richtungen mit großer Aufmerkſamkeit zugeſehen hatte, dem Columbus, und hielt nach indianiſcher Sitte eine Rede an ihn. „Das, was Du gethan haſt,“ ſagte er,„iſt gut, denn es ſcheint Deine Art zu ſeyn, Gott Dank zu bringer, Es iſt mir geſagt worden, Du ſeyeſt kuͤrzlich mit einer großen Macht in dieſe Gegenden gekommen und habeſt viele Laͤnder unterworfen, indem Du großen Schrecken unter dem Volke verbreitet; aber ſey darauf nicht ſtolz. Wiſſe, daß nach un⸗ ſerem Glauben die Seelen der Menſchen zweierlei Reiſen zu machen haben, nachdem ſie von dieſem Leibe geſchieden ſind; die eine zu einem traurigen, haͤßlichen, mit Finſterniß be⸗ deckten Ort, der fuͤr die bereitet iſt, welche gegen ihre Rebenmenſchen ungerecht und grauſam geweſen ſind, der an⸗ dere lieblich und voller Freuden, fuͤr die, welche den Frie⸗ den auf Erden gefoͤrdert haben. Wenn Du alſo ſterblich biſt und den Tod erwarteſt, und daran glaubſt, daß jeder den Lohn ſeiner Thaten empfangen wird, ſo huͤte Dich, daß Du keinem Menſchen Schaden zufuͤgſt, noch die beleidigſt, die Dich nicht beleidigt haben.“*) Dieſe Rede wurde dem Admiral von ſeinem lucayiſchen Dollmetſcher, Diego Colon erklaͤrt. Da er ein Mann von aufrichtiger Froͤmmigkeit und von zarter Empfindung war, ſo ruͤhrte ihn die einfache Beredſamkeit dieſes unmuͤndigen Wilden ausnehmend. Er gab ihm zur Antwort, er freue ſich, ſeine Lehre von dem küͤnftigen Zuſtand der Seele zu hoͤren, da er nicht gewußt habe, daß ein Glaube der Art bei den Bewohnern dieſer Laͤnder exiſtire. Er ſey von ſei⸗ nen Gebietern zu ihnen geſchickt worden, um ſie die wahre Religion zu lehren, ſie gegen Unrecht und Beleidigung zu ſchuͤtzen, und insbeſondere ihre Feinde und Verfolger, die Cannibalen, zu unterjochen und zu beſtrafen. Daher ſollten alle unſchuldige und friedliche Leute ihn mit Zutrauen als ihren gewiſſen Freund und Beſchuͤtzer anſehen. Der alte Mann war außerordentlich erfreut uͤber dieſe Worte, aber er war eben ſo ſehr erſtaunt zu hoͤren, daß der Admiral, den er fuͤr ſo groß und maͤchtig hielt, nur ein Unterthan ſey. Seine Verwunderung wuchs, als der — *) Herrera decad. I. l. XI. c. 14. Hist. del Almi- rante, c. 57. P. Martyr decad, 1. lib, III. Cura de los Palacios, cap. 150,— — 167— Dollmetſcher ihm von den Neichthuͤmern, von dem Glanz und der Macht der ſpaniſchen Herrſcher, und von den wun⸗ derbaren Dingen erzaͤhlte, die er bei ſeinem Beſuche in Spa⸗ nien geſehen hatte. Wie er bemerkte, daß ihm die ganze Menge mit ungeduldiger Neugierde zuhoͤrte, fuhr der Doll⸗ metſcher fort, die Gegenſtaͤnde zu beſchreiben, die in dem Lande der weißen Maͤnner am meiſten ſeine Aufmerkſamkeit erregt hatten: die glaͤnzenden Staͤdte, die erhabenen Kir⸗ chen, die Schaaren von Reitern, die großen Thiere von verſchiedener Art, die praͤchtigen Feſte und Turniere des Ho⸗ fes, die blitzenden Heere und mehr als alles die Stierge⸗ fechte. Die Indianer hoͤrten alle mit ſtummem Erſtaunen zu, aber der alte Mann war beſonders in Aufregung. Er war von einer wißbegierigen und reiſeluſtigen Natur, hatte große Fahrten gemacht und nach ſeinen Ausſagen Jamaica, Hispaniola und die entfernten Gegenden von Cuba beſucht.*) Es ergriff ihn ploͤtzlich das Verlangen, das ſo glaͤnzend be⸗ ſchriebene Land zu ſehen, und ſo alt er war, erklaͤrte er ſich bereit, mit dem Admiral dahin zu ſchiffen. Doch ſein Weib und ſeine Kinder beſtuͤrmten ihn ſo ſehr mit Klagen und Bitten, daß er ſich gezwungen ſah, ſeinen Wunſch auf⸗ zugeben, wiewohl er es mit großem Widerſtreben that, in⸗ dem er widerholt fragte, ob das Land, von dem ſie ſpraͤ⸗ chen, nicht der Himmel waͤre; denn es ſchien ihm unmoͤg⸗ lich, daß die Erde ſolche wunderbare Weſen hervorbringe.**) *) Hist. del Almirante, cap. 57. *) Peter Martyr, decad. 1, 1. III. —— Sechſtes Kapitel. Küſtenfahrt laͤngs der Südſeite von Jamaica. (1494.) Columbus blieb einige Tage in dieſem Fluß vor Anker, dem er nach der feierlichen Meſſe, die an ſeinem ufer gele⸗ ſen worden, den Namen Rio de la Miſa gab. Endlich am 16. Juli nahm er Abſchied von dem freundlichen Caziken und ſeinem greiſen Rathe, die zu ſeiner Abfahrt traurige Mienen machten. Er nahm einen jungen Indianer von dieſem Ort mit, den er nachmals den ſpaniſchen Souverai⸗ nen ſandte. Indem er die große Inſelgruppe, welche er die Gaͤrten der Koͤnigin genannt hatte, links liegen ließ, ſteuerte er ſuͤdlich nach dem breiten offenen Meer und tief⸗ blauen Gewaͤſſer, bis er ein freies Fahrwaſſer hatte, und dann öͤſtlich auf Hispaniola zu ſchiffen konnte. Er hatte jedoch kaum die Inſeln hinter ſich, als er von furchtbaren Windſtoͤßen und Regengüſſen uͤberfallen wurde, die zwei Tage lang ſeine gebrechlichen Schiffe peitſchten und ſeine ermattete Mannſchaft ſchreckten. Endlich, als er ſich dem Cape Cruz naͤherte, traf die Schiffe ein heftiger Windſtoß, der alles zu zerſchmettern drohte. Gluͤcklicherweiſe waren — 169— ſie im Stande ſogleich die Segel einzuziehen, und indem ſie die groͤßten Anker auswarfen, konnten ſie den voruͤbergehen⸗ den Orkan an ihren Tauen aushalten. Das Schiff des Ad⸗ mirals war von den zwiſchen den Inſeln erhaltenen Stoͤßen ſo uͤbel zugerichtet, daß es in jeder Fuge leck war, und die aͤußerſte Anſtrengung der ermuͤdeten Schiffsleute konnte nicht verhindern, daß das Waſſer eindrang. Endlich ge⸗ wannen ſie es, das Cap Cruz zu erreichen, wo ſie am 18. Juli vor Anker gingen und drei Tage blieben; ſie fanden dieſelbe ganz freundliche Aufnahme bei den Eingebornen, die ihnen bei ihrem vorigen Beſuche zu Theil geworden. Da der Wind zur Ruͤckkehr nach Hispaniola fortwaͤhrend un⸗ guͤnſtig war, ſo ſteuerte Columbus am 22. Juli queer uͤber nach Jamaica, um die Umſchiffung dieſer Inſel zu vollen⸗ den. Faſt einen Monat lang lavirte er oͤſtlich laͤngs der ſuͤdlichen Kuͤſte fort, und erfuhr grade ſolchen veraͤnderlichen Wind und ſtarken Abendregen, wie ſolche laͤngs den Kuͤſten von Cuba geherrſcht hatten. Jeden Abend war er gezwun⸗ gen in der Naͤhe des Landes Anker zu werfen, oft nahe an derſelben Stelle, wo er am Morgen abgeſegelt war. Die Eingebornen zeigten keine feindſelige Geſinnung mehr, ſie folgten den Schiffen in ihren Canoes und brachten Vor⸗ raͤthe von Lebensmitteln. Columbus war ſo ſehr entzuͤckt uͤber das Gruͤn, die Friſche und Fruchtbarkeit dieſes edlen Eilandes, daß er, wenn es der Zuſtand ſeiner Schiffe und ſeiner Leute erlaubt haͤtte, gern geblieben waͤre, um das Innere zu erforſchen. Er ſprach mit Bewunderung von den vielen und herrlichen Hafenplaͤtzen, aber vorzuͤglich er⸗ — 170— freute ihn eine große Bai, welche ſieben Inſeln enthielt, und von einer Menge von Ooͤrfern umgeben war.*) Hier ging er am Abend vor Anker und erhielt einen Beſuch von einem Caziken, der in einem großen Dorfe reſidirte, wel⸗ ches auf einem Huͤgel einer der hoͤchſten und fruchtbarſten Inſeln lag. Er kam, von einem zahlreichen Gefolge beglei⸗ tet, welches allerlei Erfriſchungen brachte. Dieſer Haͤupt⸗ ling zeigte beſondere Neugierde in ſeinen Nachfragen uͤber die Spanier, ihre Schiffe und die Region, woher ſie kaͤmen. Der Admiral gab ſeine gewoͤhnliche Antwort, indem er die große Macht und die wohlwollenden Abſichten der ſpaniſchen Souveraine erklaͤrte. Der lucayiſche Dollmetſcher ließ ſich wieder uͤber die Wunder aus, die er in Spanien geſehen hatte, uͤber die Tapferkeit der Spanier, die Gegenden, die ſie beſucht und ſich unterworfen haͤtten, und vorzuͤglich, daß ſie Einfaͤlle auf den Inſeln der Caraiben gemacht, ihre furchtbaren Bewohner in die Flucht geſchlagen, und meh⸗ rere gefangen hinweggefuͤhrt haͤtten. Dieſen Erzaͤhlungen hoͤrte der Cazike und ſeine Begleiter mit geſpannter Auf⸗ merkſamkeit zu, bis es dunkel wurde. Am naͤchſten Morgen, als die geloͤſten Schiffe längs der Kuͤſte mit einem leichten Wind und wenig Segeln dahin zogen, erblickten ſie drei Canoes, die aus der Inſelgruppe der Bai hervorkamen. Sie naͤherten ſich in beſtimmter *⁴) Nach der Beſchreibung muß dieſes die große Bai öſtlich von der Polland⸗Spitze geweſen ſeyn, an deren Ende der Alte Hafen liegt. — 171— Ordnung. Der eine, ziemlich breit, ſchoͤn geſchnitzt und be⸗ malt, fuhr in der Mitte, ein wenig den andern voraus, die im Dienſt und zur Wache mitzugehen ſchienen. Darin ſaß der Cazike und ſeine Familie, die aus ſeinem Weibe, zwei Toͤchtern, zwei Soͤhnen und fuͤnf Bruͤdern beſtand. Die eine von den Toͤchtern war achtzehn Jahr alt, ſchoͤn von Geſtalt und Geſicht; ihre Schweſter war etwas juͤnger. Beide waren unbekleidet, nach dem Gebrauch dieſer Inſeln, aber von ſittſamem Benehmen. An dem Vordertheil des Canoes ſtand der Fahnentraͤger des Caziken, in eine Art Mantel von bunten Federn gekleidet, einen Buͤſchel von ſchoͤnfarbigen Federn auf dem Kopfe und in der Hand eine flatternde weiße Fahne tragend. Zwei Indianer mit Kap⸗ pen oder Helmen von Federn in einerlei Form und Farbe und die Geſichter auf aͤhnliche Weiſe bemalt, ſchlugen Tam⸗ bourine; zwei andere, mit Huͤten, aus gruͤnen Federn ſon⸗ derbar geflochten, hielten Trompeten, aus einem ſchoͤnen ſchwarzen Holze fein geſchnitzt; es waren noch ſechs an⸗ dere dabei, in großen Huͤten und weißen Federn, welche Gaͤſte des Caziken zu ſeyn ſchienen. Als dieſe artige kleine Armada an der Seite des Schiffes des Admirals ankam, ging der Cazike mit ſeinem ganzen Gefolge an Bord. Er ſchien ſeinen vollen koͤniglichen Schmuck zu tragen. Seinen Kopf umgab ein Band von kleinen Steinen in verſchiedenen Farben, aber hauptſaͤchlich gruͤn, ſymmetriſch geordnet und vorn an der Stirn in ein Stuͤck Gold auslaufend. Zwei Plaͤttchen Gold hingen ihm in den Ohren, mit Ringen von kleinen gruͤnen Steinen. An einem Halsband von weißen — 172— Steinchen, von einer bei ihnen fuͤr koſtbar geachteten Art, hing eine groͤßere Platte, in Form einer fleur- de-lys, von Guanin, einer geringeren Art von Gold, und ein Guͤrtel von bunten Steinen, denen am Haupte aͤhnlich, vollendete ſeinen koͤniglichen Putz. Sein Weib war auf aͤhnliche Weiſe geziert; ſie trug auch eine ganz kleine Schuͤrze von Baum⸗ wolle und Baͤnder davon um die Xome und Beine. Die Toͤchter hatten keinen Schmuck an, bloß die aͤlteſte und ſchoͤnſte, die einen Guͤrtel von kleinen Steinen trug, an dem ein Taͤfelchen hing in der Geſtalt eines Epheublattes, aus verſchiedenen farbigen Steinen zuſammengeſetzt und auf ein Netzwerk von Baumwolle geſtickt. Wie der Cazike an Bord des Schiffes kam, vertheilte er unter die Officiere und Mannſchaft Geſchenke von den Producten ſeiner Inſel. Der Admiral war gerade in ſeiner Cajüͤte mit Verrichtung ſeiner Morgenandacht beſchaͤftigt. Als er auf dem Verdeck erſchien, eilte der Cazike ihm mit frohbelebten Zuͤgen entgegen.„Mein Freund,“ ſagte er, „ich habe mich entſchloſſen, mein Land zu verlaſſen, um dich zu begleiten. Die Indianer, welche bei dir ſind, haben mir von der unwiderſtehlichen Gewalt deiner Gebieter und von den vielen Nationen, die du in ihrem Namen uͤber⸗ wunden haſt, erzaͤhlt. Wer dir den Gehorſam verweigert, iſt ſicher, daß er es buͤßen muß. Du haſt die Canoes und Haͤuſer der Caraiben zerſtoͤrt, ihre Krieger erſchlagen und ihre Weiber und Kinder gefangen davon gefuͤhrt. Alle Inſeln ſind vor dir in Furcht, denn wer kann dir wider⸗ ſtehen, da du nun die Geheimniſſe des Landes und die Schwaͤche * — 173— des Volkes kennſt. Statt daß Du mir alſo meine Veſitzun⸗ gen hinwegnehmeſt, will ich mich mit meinem ganzen Hof⸗ ſtaat auf deine Schiffe begeben und will gehen, um dem Koͤnig und der Koͤnigin Huldigung zu bringen und ihr wunderbares Land zu ſehen, von welchem deine Indianer ſo merkwuͤrdige Dinge erzaͤhlen.“ Als dieſe Anrede dem Columbus erklaͤrt war und er das Weib, die Soͤhne und Toͤchter des Caziken erblickte, und an die Fallſtricke dachte, die ihrer Unwiſſenheit und Einfalt gelegt wuͤrden, war er von Mitleid geruͤhrt und beſchloß, ſie nicht aus ihrer Hei⸗ math wegzuführen. Er erwiederte daher dem Caziken, daß er ihn unter ſeinen Schutz nehme als einen Vaſall ſeines Koͤnigs, da er aber vor ſeiner Ruͤckreiſe in ſein Vaterland noch viele Laͤnder zu beſuchen habe, er ſpaͤter einmal ſeinen Wunſch erfuͤllen wolle. Dann nahm er mit vielen Freund⸗ ſchaftsbezeugungen von ihm Abſchied, und der Cazike kehrte, wiewohl ſehr ungern, mit ſeinem Weibe und ſeinen Kindern und allem Gefolge auf ihren Canoes wieder nach ihrer In⸗ ſel zuruͤck und die Schiffe ſetzten ihren Lauf fort.*) *) In meiner bisherigen Erzählung der Reiſe des Columbus längs der Küſte von Cuba, bin ich hauptſächlich der im Mannuſcript exiſtirenden Geſchichte des Curate de Los Palacios gefolat. Sein Bericht iſt der klarſte und befriedigendſte hinſichtlich der Namen, Zeiten und Wege, und enthält manche charafteriſtiſche Züge, die in den anderen Geſchichtserzählungen nicht enthatten ſind. Seine Quellen der Belehrung ſind von der beſten Art. Co⸗ Siebentes Kapitel. Reiſe längs der Südſeite von Hispaniola, und Rück⸗ kehr nach Iſabella. (1494.) Am 19,. Auguſt verlor Columbus das oͤſtliche Ende von Jamaica aus dem Geſicht, welches von ihm den Namen Cap Farol erhielt, nunmehr aber Cap Morant heißt. Oeſt⸗ lich ſegelnd erblickte er am folgenden Tage die lange Halb⸗ inſel von Hispaniola, die unter dem Namen Cap Tiburon bekannt iſt, aber von ihm Cap San Miguel genannt wurde. lumbus war, als er im Jahr 1496 nach Spanien zu⸗ rückkehrte, ſein Gaſt, und ließ ihm Manuſcripte, Tage⸗ bücher und Notizen zurück; von dieſen machte er Aus⸗ züge, und verglich ſie mit den Briefen des Doctor Chanca und anderer ausgezeichneten Perſonen, die den Admiral begleitet batten. Ich habe zwei Abſchriften des Manuſcripts des Cu⸗ rate de Los Palacios, beide im Beſitz des Herrn O. Rich, verglichen, Die eine iſt in alter Handſchrift im Anfang des 16. Jahrhunderts geſchrieben und weicht von der andern nur in wenigen unbedeutenden Einzelnheiten ab. — 175— Er ward nicht gewahr, daß es ein Theil der Inſel war, bis bei einer Kuͤſtenfahrt laͤngs der ſuͤdlichen Seite ein Ca⸗ zike am 23. Auguſt zu ihm herankam, ihn bei ſeinem Titel nannte und mehrere Worte im Caſtilianiſchen an ihn rich⸗ tete. Der Ton dieſer Worte verbreitete Freude auf dem Schiff und die ermatteten Seeleute hoͤrten mit Entzuͤcken, daß ſie an der ſuͤdlichen Kuͤſte von Hispaniola angekommen ſeyen. Sie hatten jedoch noch immer muͤhevolle Tage vor ſich. Das Wetter war ſtuͤrmiſch, der Wind widrig und eigenſinnig, und die Schiffe von einander getrennt. Gegen Ende Auguſts warf Columbus bei einer kleinen Inſel, oder vielmehr einem Felſen Anker, der ſich einem langen Cap gegenuͤber einſam erhebt, welches Vorgebirg ſich von dem Mittelpunkt der Inſel ſuͤdwaͤrts erſtreckt und dem er den Namen Cape Beata gab. Der Felſen, bei welchem er vor Anker lag, hatte in einiger Entfernung das Anſehen eines ſchmalen Schiffes mit Segeln, von welcher Geſtalt der Ad⸗ miral es Alto Velo benannte. Einige Matroſen wurden beordert, die Spitze der Inſel zu erklimmen, welche eine große Ausſicht auf den Ocean gab, und ſich nach den an⸗ dern Schiffen umzuſehen. Bei ihrer Ruͤckkehr toͤdteten die Matroſen acht Seewoͤlfe, die auf dem Sande ſchliefen; ſie ſchlugen auch viele Tauben und andere Voͤgel mit Stoͤcken danieder, und andere fingen ſie mit der Hand; denn auf dieſem unbeſuchten Eiland ſchienen die Thiere nicht die Wild⸗ heit und Furchtſamkeit zu haben, welche die Feindſchaft der Menſchen hervorbringt. Nachdem die zwei anderen Caravelen wieder zu ihm ge⸗ — 176— ſtoßen waren, ſetzte er ſeinen Lauf laͤngs der Kuͤſte fort und kam an dem ſchoͤnen Lande vorbei, welches die Arme der Neyva bewaͤſſern, wo eine fruchtbare Ebene, mit Doͤr⸗ fern und Gehoͤlz bedeckt, ſich in's Innere zog. Eine Strecke weiter im Oſten erfuhr der Admiral von den Eingebornen, die zu den Schiffen kamen, daß mehrere Spanier in ihre Provinz eingedrungen ſeyen. Nach allem, was er von dieſen Leuten erfragen konnte, ſchienen die Angelegenheiten auf der Inſel gut zu ſtehen. Aufgemuntert von der Stille des Innern, ließ er hier neun Maͤnner landen, mit dem Befehl, die Inſel quer zu durchkrenzen und von ſeiner gluͤck⸗ lichen Ankunft an der Kuͤſte Nachricht zu geven. Indem er fortfuhr, nach Oſten zu ſchiffen, ſandte er ein Boot nach Waſſer an die Kuͤſte auf eine Ebene, in der Naͤhe eines großen Dorfes. Die Bewohner kamen mit Bogen und Pfeilen, um ein Gefecht zu beginnen, waͤhrend andre mit Stricken verſehen waren, um die Gefangenen zu inden. Dieß waren die Bewohner von Higuey, der oͤſt⸗ lichen Provinz von Hispaniola, und die kriegeriſchſten Staͤmme der Inſel, da die haͤufigen Einfaͤlle der Caraiben ſie zu den Waffen zwangen. Sie ſollten auch giftige Pfeile im Gebrauch haben. Im gegenwaͤrtigen Augenblick war ihre Feindſeligkeit nur ſcheinbar. je die Spanier landeten, thaten ſie ihre Waffen auf die Seite, brachten verſchiedene Lebensmittel und fragten nach dem Admiral, deſſen Ruhm ſich durch die Inſel verbreitet hatte, und auf deſſen Gerech⸗ tigkeit und Großmuth alle Eingeborne großes Vertrauen zu ſetzen ſchienen. Als ſie dieſen Platz verlaſſen hatten, begann das Wetter, welches ſo lange veraͤnderlich und un⸗ guͤnſtig geweſen war, eine drohende Miene anzunehmen. Ein großer Fiſch, ſo ſtark wie ein Wallſiſch von maͤßiger Groͤße, tauchte eines Tages aus dem Waſſer und hatte eine Schale auf dem Halſe gleich der einer Schildkroͤte, zwei große Floſſen wie Fluͤgel und einen Schwanz wie ein Thun⸗ fiſch. Bei dem Anblick dieſes Thieres und aus den Zeichen der Wolken und des Himmels ſchloß Columbus auf einen nahen Sturm und ſuchte einen ſicheren Hafen.*) Er fand einen Canal, der ſich zwiſchen Hispaniola und einer kleinen Inſel oͤffnete, welche die Indianer Adamaney nannten, der er jedoch den Namen Saona gab; hier nahm er Zuflucht, in⸗ dem er bei einem Kay oder Inſelchen in der Mitte des Canals Anker warf. In der Nacht ſeiner Ankunft war eine Monbfinſterniß, und wie er ſie beobachtete, fand er, daß die Differenz zwiſchen Saona und Cadiz fuͤnf Stunden und dreiundzwanzig Minuten betrug.**) Dieſes iſt uͤber achtzehn Grade mehr als die wahre Laͤnge; ein Irrthum, der aus der Incorrectheit ſeiner Mondstafel hervorgegan⸗ gen zu ſeyn ſcheint.***) *) Herrera hist. Ind. decad. I. J. II, c, 15 Hiist. del Almirante cap. 59. **) Herrera l. c. Hist. del Almirante I. c. ***) Fünf Stunden, fuͤnfundzwanzig Minuten, ſind gleich 800 45˙3 denn die wahre Länge von Saona iſt 620 20- weſt· lich von Cadiz. Irving's Columbus. 4— 6. 12 — 18— Acht Tage hielt das uͤble Wetter den Admiral in dieſem Canale feſt, waͤhrend welcher Zeit er große Beſorgniß um das Schickſal der uͤbrigen Schiffe hatte, die nicht im Stande waren, hereinzukommen, ſondern in der See blieben und dem heftigen Sturm ausgeſetzt waren. Sie entrannen demſelben indeſſen ohne Schaden und ſtießen zu ihm, wie das Wetter ſich legte. Nachdem ſie den Canal von Saona verlaſſen hatten, erreichten ſie am 24. September das oͤſtliche Ende von Hispaniola, welchem Columbus den Namen Cap San Rafael gab, das aber jetzt als Eap Engano bekannt iſt⸗ Von hier fuhren ſie nach Suͤdoſten, und beruͤhrten die In⸗ ſel Mona, oder, wie die Indianer ſie nannten, Amona, zwiſchen Portorico und Hispaniola gelegen. Es war der Plan des Columbus, ungeachtet des elenden Zuſtandes der Schiffe ſeinen Lauf weiter nach Oſten fortzuſetzen, und die Entdeckung der caraibiſchen Inſeln zu vollenden, aber ſeine koͤrperliche Kraft entſprach nicht den Plaͤnen ſeines kuͤhnen Geiſtes.*) Die außerordentlichen Anſtrengungen, die er ſowohl an der Seele als am Koͤrper waͤhrend einer aͤngſt⸗ lichen und gefahrvollen Reiſe von fuͤnf Monaten erduldet, hatte allmaͤhlig ſeinen Bau untergraben. Er war alle Muͤhſale und Entbehrungen gleich dem gemeinen Matroſen gewohnt. Er hatte ſich auf dieſelbe duͤrftige Ration be⸗ ſchraͤnkt, und ſich denſelben Drangſalen des Windes und *) Munjos hist, n. Mundo, I. V. sect. 22. — 179— Wetters ausgeſetzt. Aber er hatte noch andere Sorgen und Bedraͤngniſſe, von denen ſeine Leute frei waren. Wenn der Matroſe, von den Arbeiten des umgehenden Dienſtes er⸗ müdet, mitten in dem Geheul des Sturmes feſt einſchlief, hielt der beſorgte Admiral ſeine aͤngſtlichen Wachen, durch lange ſchlafloſe Naͤchte, unter dem Raſen des Sturms und den netzenden Wogen der See. Das Heil ſeiner Schiffe „hing von ſeiner Wachſamkeit ab; aber vor allem empfand er es, wie begierig eine eiferſuͤchtige Nation und die erwar⸗ tungsvolle Welt auf die Reſultate ſeiner Unternehmung harrten. Waͤhrend eines großen Theils ſeiner gegenwaͤrtigen Reiſe war er von der fortwaͤhrenden Erwartung, bald an den bekannten Theilen Indiens anzukommen, und von der Hoffnung einer triumphirenden Ruͤckkehr nach Spanien durch Vordringen nach Oſten, durch Umſchiffung der Erde, auf⸗ recht erhalten worden. Dieſer Ausſicht entſagend, war er immer noch durch einen Kampf mit unaufhoͤrlichen Anſtren⸗ gungen und Gefahren angeſpornt, als er ſeinen Ruͤckzug gegen widrige Winde und Stuͤrme durchſetzte. Den Augen⸗ blick, wo er von aller Sorge befreit war und ſich in einem bekannten und ruhigen Meer erblickte, ließ die Spannung ploͤtzlich nach, und Seele und Koͤrper ſanken von den uͤber⸗ menſchlichen Anſtrengungen erſchoͤpft dahin. Denſelben Tag, als er von Mona wegſegelte, uͤberfiel ihn unverſehens eine Krankheit, die ihn des Gedaͤchtniſſes, des Geſichts und al⸗ ler ſeiner Faͤhigkeiten beraubte. Er ſank in eine tiefe Le⸗ targie, die dem Tode ſelber gleichſah. Sein Schiffevolk, 12* von dem tiefen Erſtarren erſchreckt, fuͤrchtete, daß der Tod wirklich nahe ſey. Sie ſtanden daher von jeder weiteren Verfolgung der Reiſe ab, breiteten die Segel dem in dieſen Seen vorherrſchenden Oſtwind entgegen, und trugen Colum⸗ bus in einem Zuſtande voͤlliger Bewußtloſigkeit zuruͤck nach dem Hafen von Iſabella.— Achtes Buch. Erſtes Kapitel. Ankunft des Admirals auf Iſabella. Charakter des Bartholomeo Columbus. (4. September 1494.) Der Anblick des kleinen Geſchwaders, als es mit Co⸗ lumbus wieder in den Hafen eingelaufen war, wurde mit Freudenjauchzen von jenen Bewohnern Iſabella's begruͤßt, die dem Admiral treu geblieben waren. Die lange Zeit, welche ſeit ſeiner Abfahrt auf dieſer gefaͤhrlichen Reiſe verſtri⸗ chen war, ohne daß irgend Nachrichten von ihm ankamen, hatte zu den ernſthafteſten Beſorgniſſen uͤber ſein Schickſal Veranlaſſung gegeben, und man fing ſchon an zu fuͤrchten, daß er als ein Opfer ſeines unternehmenden Geiſtes an ir⸗ gend einem entfernten Orte dieſer unbekannten Meere gefal⸗ len ſey. Freudiges und herzliches Erſtaunen wartete ſeiner, — 182— als er an der Seite ſeines Bettes ſeinen Bruder Bartholo⸗ meo erblickte, den Gefaͤhrten ſeiner Jugend, ſeinen vertrau⸗ ten Berather, ja in gewiſſer Hinſicht ſein zweites Selbſt, von welchem er mehrere Jahre getrennt gelebt hatte. Man wird ſich erinnern, daß ungefaͤhr um die Zeit der Abreiſe des Admirals von Portugal dieſer ſeinen Bruder Bartholo⸗ meo beauftragt hatte, nach England zu gehen und dem Koͤ⸗ nige Heinrich VII. den Antrag zu der Entdeckung zu ma⸗ chen. Von dieſer Bewerbung an dem engliſchen Hofe ſind keine genauen Nachrichten vorhanden. Fernando Columbus ſagt, ſein Oheim ſey im Verlauf ſeiner Reiſe von einem Corſaren gefangen genommen und gepluͤndert worden, und dadurch in ſolche Armuth gerathen, daß er ſich lange Seit mit Zeichnen von Seekarten kuͤmmerlich ſein Leben friſtete, und auf dieſe Weiſe verſtrichen mehrere Jahre, bis er ſich an den Koͤnig von England wenden konnte. Las Caſas meint, er ſey nicht unmittelbar nach England gegangen, indem er eine Notiz von ſeiner Handſchrift beſitze, aus welcher hervorzugehen ſcheine, daß er den Bartolomeo Diaz im Jahr 1486 auf ſeiner Reiſe laͤngs der Kuͤſte von Afrika im Dienſte des Koͤnigs von Portugal begleitet habe, in de⸗ ren Verlauf das Vorgebirg der guten Hoffnung entdeckt wurde.*). —HN⏑——* *) Die von Las Caſas angeführte Notiz(hist, Ind. I. I, c. 7.) iſt merkwürdig, doch nicht beweiſend. Er ſagt, er habe ſie in einem alten Buche gefunden, welches Chriſtoph Columbus beſeſſen, und die Werke des Pedro — 183— Wir muͤſſen dem Andenken Heinrichs VII. Gerech⸗ tigkeit widerfahren laſſen, indem wir erwaͤhnen, daß der Antrag, als er ihm ſo zufaͤllig gemacht wurde, bei ihm eine bereitere Aufnahme, als bei allen anderen Souverai⸗ nen fand. Wirklich wurde eine vorlaͤufige Uebereinkunft mit Bartholomeo wegen Verfolgung des Unternehmens getrof⸗ fen, und derſelbe kehrte nach Spanien zuruͤck, um ſeinen Bruder aufzuſuchen. Als er Paris erreichte, erhielt er die frohe Nachricht, daß die Entdeckung berelts geſchehen, daß ſein Bruder im Triumph nach Spanien zuruͤckgekommen ſey und ſich gegenwaͤrtig am ſpaniſchen Hofe befinde, von ſeinen de Aliaco, eines gelehrten Aſtronomen enthalten habe. Sie ſey am Nande einer Abhandlung über die Geſtalt der Erde geſchrieben geweſen, und zwar von der Hand des Bartholomeo Columbus, welche dem Las Caſas wohl bekaun: war, da er von ihm viele Briefe beſaß. Die Notiz war in einem barbariſchen Gemiſch der lateiniſchen und ſpaniſchen Sprache niedergeſchrieben und von folgen⸗ dem Inhalt: „Im Jahr 1488 im December kam nach Liſſabon Bartolomeo Diaz, Kapitain von drei Caravelen, die der König von Portugal zur Entdeckung Guinea's ausge⸗ ſandt hatte, und brachte die Nachricht, daß er eine Strecke Landes von ſechshundert Seemeilen entdeckt habe, vierhundert und funfzig nach Süden und hundert und funfzig nach Norden, zu einem Cap, welches er das Vorgebirg der guten Hoffnung genannt habe; wie er durch das Aſtrolabium gefunden, liege dieſes Cap fünf 1 und vierzig Grade jenſeits des Aequators. Dieſes Vor⸗ gebirg war dreitauſend einhundert Seemeilen von Liſ⸗ ſabon entfernt, welches der genannte Kapitain Meile — 184— Souverainen geehrt, bei dem Adel beliebt, und von dem Volk auf den Haͤnden getragen. Der Ruhm des Columbus warf ſchon ſeine Strahlen auf deſſen Familie und Bartholomeo fand ſich auf einmal zu einer Perſon von Wichtigkeit erhoben. Er wurde von dem Koͤnige von Frankreich, Karl VIII. ausgezeichnet, der ihm, als er ſeine uͤblen Vermoͤgensumſtaͤnde erfuhr, hundert Kro⸗ nen auszahlen ließ, um die Reiſe nach Spanien damit zu machen. Er erreichte Sevilla, als ſein Bruder gerade auf ſeine zweite Reiſe abgegangen war. Bartholomeo erſchien ſo⸗ gleich am Hofe, der damals in Valladolid verſammelt war, und nahm ſeine beiden Neffen Diego und Fernando mit, für Meile niedergelegt zu haben erklärt in einer Karte von ſeiner Fahrt, die er dem Könige von Portugal überreichte; bei welchem allem,“ ſetzt der Schreiber hinzu, „ich gegenwärtig war.“ Las Caſas äußert den Zweifel,⸗ ob Bartholomeo dieſe Note von ſich ſelbſt oder im Na⸗ men ſeines Bruders niederſchrieb, folgert aber, daß der eine oder beide auf der Expedition mitgeweſen ſeyen. Die Folgerung mit Bartholomeo mag ihre Ricchtigkeit haben, aber Chriſtoph Columbus befand ſich zu jener genannten Zeit am ſpaniſchen Hofe⸗ Las Caſas berichtigt eine Verſchiedenheit der Zeit⸗ angabe zwiſchen der erwähnten Notiz und dem Reiſe⸗ tagebuch; die erſtere laſſe nämlich die Rückkehr des Diaz im Jahre 1488, das letztere dagegen im Jahre 1487 geſchehen. Dieſes erklärt er damit, daß einige das Jahr von Weihnachten, andere vom 1. Januar an rechnen; die Eypedition ging gegen das Ende Auguſts 1486 ab und kehrte im December 1487 nach einer Ab⸗ weſenheit von ſiebenzehn Monaten zurück. — 185— welche dem Prinzen Juan als Pagen dienen ſollten.*) Er wurde mit ausgezeichneter Gunſt von den Souverainen auf⸗ genommen, welche ihm, da ſie einen faͤhigen und vollende⸗ ten Seefahrer in ihm entdeckten, das Commando von drei Schiffen mit Zufuhr von Lebensmitteln fuͤr die Colonie anvertrauten und ihn ſeinem Bruder zur Höuͤlfe bei ſeinen Expeditionen ſandten. Er war abermals zu ſpaͤt angekom⸗ men, da er Iſabella grade nach der Abfahrt des Admirals nach der Kuͤſte von Cuba erreichte. Der Anblick dieſes Bruders war ein unendlicher Troſt fur Columbus, der von Sorgen zu Boden gedruͤckt und von Fremden umgeben war. Seine Hauptſtütze in Mitgefuͤhl und Beiſtand war bisher ſein Bruder Don Diego geweſen, aber ſeine milde und friedliche Natur machten ihn wenig faͤhig, die Angelegenheiten einer in Partheien zerfallnen Co⸗ lonie zu handhaben. Bartholomeo war von einem anderen, kraͤftigeren Charakter, er war ſchnell, regſam, beſtimmt, und kannte keine Furcht: was er beſchloß, brachte er auch ſogleich in Ausfuͤhrung, ohne Ruͤckſicht auf Schwierigkeiten und Gefahren. Sein Aeußeres entſprach ſeinem Geiſte; er war ſchlank, muskulds, von kraͤftigem Ausſehen und gebie⸗ tender Haltung. Er hatte etwas Grandioſes, doch dabei Har⸗ tes, der Sanftmuth und Guͤte entbehrend, welche das imponi⸗ rende Weſen des Columbus milderte. Es lag eine gewiſſe Rauh⸗ heit in ſeinem Temperament, und etwas Herbes und Schrof⸗ fes in ſeinen Manieren, was ihm viele Feinde zuzog; doch unge⸗ *) Hist, dél Almirante, cap. 60. achtet dieſer aͤußeren Nachtheile beſaß er ein edles Gemuͤth, frei von aller Anmaßung und Mißgunſt, und ſo verſoͤhnlich als es kraͤftig war. Er war ein gemachter Seemann, und verſtand ſich ſo⸗ wohl auf die Theorie als auf die Praxis, da er ſich unter den Augen des Admirals trefflich herangebildet hatte, und ihm in den Wiſſenſchaften nur wenig nachgab. In der Fe⸗ der war er ihm üͤberlegen; ſo ſagt Las Caſas, welcher Briefe und Manuſeripte vön Beiden beſaß. Mit dem La⸗ teiniſchen war er bekannt, doch ſchien er keine beſondere Jugendbildung genoſſen zu haben, da ſeine Kenntniſſe gleich denen ſeines Bruders vorzuͤglich auf einer langen Bahn mannichfaltiger Erfahrungen und aufmerkſamer Beobachtung gereift waren. Eben ſo kraͤftig und durchdringend von Ver⸗ ſtand wie der Admiral, aber weniger Enthuſiaſt und Traͤu⸗ mer als er, und mit minderer Herzenseinfalt begabt, uͤber⸗ traf er ihn in feiner und geſchickter Behandlung der Ge⸗ ſchaͤfte, war er aufmerkſamer auf ſeine Intereſſen und hatte mehr von jener weltlichen Klugheit, welche in den gewoͤhn⸗ lichen Dingen des Lebens ſo viel werth iſt. Sein Genius wuͤrde ihn wohl nie zu den erhabenen Betrachtungen ge⸗ führt haben, welche mit der Entdeckung einer Welt geendet hatten, aber ſein praktiſcher Blick war ganz dazu gemacht, dieſe Entdeckung in wahren Nutzen zu verwandeln. Dieſes iſt die Beſchreibung, welche der ehrwuͤrdige Las Caſas aus ſeiner eignen Beobachtung von Bartholomeo Columbus entwirft,*) *) Las Casas hist. Ind, I. I, c. 29. — 48)— und man wird dieſelbe mit ſeinen Handlungen waͤhrend der ganzen folgenden Geſchichte des Admirals, an welcher er ei⸗ nen ſo wichtigen Antheil hatte, uͤbereinſtimmend finden. Ungeduldig, ſich von dem Druck der oͤffentlichen Ge⸗ ſchaͤfte zu befreien, die waͤhrend ſeiner Krankheit ſchwer auf ihm laſteten, bekleidete Columbus ſeinen Bruder Bartholo⸗ meo ſogleich mit dem Titel und der Gewalt als Adelantado, ein Amt, welches ſo viel wie Stellvertreter des Gouver⸗ neurs bedeutet. Er hielt ſich ſolches zu thun fuͤr ermaͤch⸗ tigt, nach den Artikeln ſeiner Uebereinkunft mit den Sou⸗ verainen; aber Koͤnig Ferdinand ſah es als eine unbefugte Einſchreitung an, und es gab dieſem eiferſuͤchtigen Monar⸗ chen großen Anſtoß, da er auf den Rechten ſeiner Krone feſt beharrte und Wuͤrden von dieſem Rang und Gewicht nur durch koͤnigliche Mandate ertheilbar anſah.*) Colum⸗ bus war jedoch zu dieſem Schritt nicht lediglich durch das Verlangen, ſeiner Familie Anſehen zu geben, bewogen wor⸗ den. Er fuͤhlte die Wichtigkeit des Beiſtandes ſeines Bru⸗ ders in dem jetzigen kritiſchen Zuſtande der Colonie, wie auch daß dieſe Mitwirkung ohne Erfolg ſeyn wuͤrde, wenn ſie nicht das Gepraͤge hoher amtlicher Autoritaͤt trüge. Wirklich war in den wenigen Monaten, in welchen er ab⸗ weſend war, die ganze Inſel ein Schauplatz von Un⸗ einigkeit und Gewaltthaten geworden, in Folge der Ver⸗ nachlaͤſſigung oder vielmehr der auffallenden Verletzung jener Vorſchriften, welche er zur Erhaltung des Friedens gege⸗ *) Las Casas hist. Ind, I. I, c. 101. — 188— ben hatte. Ein kurzer Ruͤckblick auf die neueren Ereigniſſe in der Colonie iſt hier nothwendig, um ihre nun eingetre⸗ tene Verwirrung zu erklaͤren. Es wird eines der vielen Beiſpiele ſeyn, wie Columbus gezwungen war, die Fruͤchte der von ſeinen Gegnern geſaͤeten verderblichen Saat zu erndten. Zweites Kapitel. Uebles Betragen des Don Pedro Margarite und deſſen Abreiſe von der Inſel. 5(1494.) Man wird ſich erinnern, daß vor der Abreiſe auf ſeine neue Fahrt Columbus das Commando der Truppen dem Don Pedro Margarite anvertraut hatte, mit den Befehlen, einen militairiſchen Zug uͤber die Inſel zu machen, und, wäͤhrend er die Eingebornen durch die Entwicklung kriegeri⸗ ſcher Macht ſchreckte, ihren guten Willen durch die billigſte und freundlichſte Behandlung zu gewinnen. Die Inſel war zu der Zeit in fuͤnf Diſtrikte getheilt, jede von einem unabhaͤngigen Caziken von unbeſchraͤnkter und erblicher Gewalt beherrſcht, zu welchen eine Menge — 189— von untergebenen Caziken in tributaͤren Verhaͤltniſſen ſtan⸗ den. Der erſte und wichtigſte Diſtrikt begriff die mittelſte Gegend der Koͤnigs⸗Ebene. Es war ein reiches liebliches Land, theilweiſe cultivirt nach der unvollkommenen Art der Eingebornen, und das Uebrige mit edlen Waldungen be⸗ deckt, mit indiſchen Staͤdten beſetzt und von einer Menge von Stroͤmen durchſchnitten, deren viele, von den Bergen von Cibao in weſtlicher Gränze ſich ergießend, Goldſtaub in ihrem Sande fuͤhrten. Der Name des Caziken hieß Gua⸗ rioner, deſſen Vorfahren lange uͤber die Provinz geherrſcht hatten. Der zweite Diſtrict, Marien genannt, ſtand unter der Herrſchaft Guacanagari's, an deſſen Kuͤſte Columbus auf ſeiner erſten Reiſe Schiffbruch gelitten hatte. Es war ein ausgedehntes und fruchtbares Gebiet, welches ſich laͤngs der noͤrdlichen Kuͤſte vom Cap St. Nicolaus bis zur weſtlichen Spitze der Inſel, und nach dem großen Fluß Yagri, ſpaͤ⸗ ter Monte Chriſti genannt, erſtreckte, auch den noͤrd⸗ lichen Theil der Konigs⸗Vega, ſeitdem die Ebene des Cap Francais genannt, umfaßte. Der dritte trug den Namen Maguana und ſtand unter der Herrſchaft des Caraibiſchen Caziken Caonabo, des trotzigſten und mäͤchtigſten der Wilden⸗Haͤuptlinge und des eingefleiſchten Feindes der weißen Maͤnner. In dieſer Herr⸗ ſchaft befanden ſich die Goldminen von Cibao. Der vierte hatte ſeinen Namen von Xaragua, einem breiten See, und war der bevoͤlkertſte und ausgedehnteſte von allen. Er begriff die ganze weſtliche Kuͤſte, das lange — 191— meinen Aufgebotes der Sicherheit einer Handvoll Europaͤer gefaͤhrlich zu werden. Columbus vertraute hinſichtlich deſſen zum Theil auf die Furcht, welche die Waffen und Pferde der Spanier und die Vorſtellung von ihrer uͤberirdiſchen Natur einfloͤßten, aber hauptſaͤchlich auf die Maßregeln, die er genommen hatte, um den guten Willen der India⸗ ner durch guͤtige und wohlthaͤtige Behandlung zu gewinnen. Margarite ſetzte ſich zu ſeiner Expedition mit dem groͤſ⸗ ſeren Theil der bewaffneten Macht in Bewegung und ließ Alonzo de Ojeda als Commandant des Forts St. Thomas zuruͤck. Statt jedoch anzufangen, die rauhen Gebirge von Cibao zu erforſchen, wie es ihm befohlen war, ſtieg er in die reichen Ebenen der Vega herab. Hier verweilte er in den zahlreichen und gaſtfreundlichen indianiſchen Doͤrfern,⸗ den Gegenſtand ſeines Auftrages und die ihm von dem Admiral hinterlaſſenen Inſtructionen vergeſſend. Ein Be⸗ fehlshaber, der ſelbſt aus dem Kreiſe ſeiner Pflichten tritt und ſich den Eingebungen ſeiner Leidenſchaften hingibt, iſt wenig geeignet, Mannszucht bei den andern zu erhalten. Die ſinnlichen Zerſtreuungen Margarites fanden Nachahmung bei ſeinen Untergebenen, und ſeine Truppen waren bald nichts beſſeres als ein Haufe von meuteriſchen Marodeurs. Die Indianer verſahen ſie einige Zeit in ihrer gewohnten Gaſtfreundſchaft mit friſchen Lebensmitteln, aber die duͤrf⸗ tigen Vorraͤthe dieſer maͤßigen und ſorgloſen Menſchen waren von den Spaniern bald erſchoͤpft; ſie erklaͤrten, einer von den Europaͤern koͤnne mehr in einem Tage eſſen, als ein Indianer in einem ganzen Monat vertragen koͤnne. Wenn 1— 190— Vorgebirg des Cap Tiburon mit eingeſchloſſen, und dehnte ſich noch eine betraͤchtliche Strecke laͤngs der Suͤdſeite der Inſel aus. Die Bewohner waren fein geformt, hatten ein edles Anſehen, angenehmere Ausſprache und mehr Grazie in den Bewegungen als die Eingebornen der andern Theile der Inſel. Der Gebieter hieß Behechio; ſeine Schweſter Anacaona, auf der ganzen Inſel wegen ihrer Schoͤnheit be⸗ ruͤhmt, war die Favoritin unter den Weibern des benach⸗ barten Caziken Caonabo. Die fuͤnfte Herrſchaft war Higuey; ſie nahm die ganze oͤſtliche Seite der Inſel ein und wurde im Norden von dem Fluß Yagui und im Suͤden durch den Ozema begraͤnzt. Die Bewohner waren das ruͤſtigſte und kriegeriſchſte Volk der Inſel, hatten den Gebrauch von Bogen und Pfeilen von den Caraiben gelernt, welche haͤufige Einfaͤlle auf ihren Kuͤſten machten; auch hieß es, daß ſie ſich vergifteter Waffen bedient haͤtten. Ihre Tapferkeit war jedoch nur relativ, und konnte im Grunde nur wenig gegen den Schrecken der europaͤiſchen Waffen ausrichten. Sie wurden von einem Caziken Namens Cotabanama beherrſcht.*) Dieſes waren die fuͤnf Territorien der Inſel zur Zeit ihrer Entdeckung. Die Groͤße ihrer Bevoͤlkerung hat nie klar ausgemittelt werden koͤnnen; einige haben ſie auf eine Million Seelen geſchaͤtzt, doch iſt dieſes wieder fuͤr uͤber⸗ trieben gehalten worden. Sie muß jedoch ſehr bedeutend, und hinreichend geweſen ſeyn, um in Zeiten eines allge⸗ *) Charlevoix hist. de St, Domingo 1. 1. p. 69. — 1⁰2— die Nahrungsmittel den Spaniern vorenthalten oder in ge⸗ ringer Quantitaͤt gereicht wurden, ſo nahmen ſie dieſelben mit Gewalt; es ward den Eingebornen nicht die geringſte Entſchaͤdigung dafuͤr gegeben, noch es der Muͤhe werth ge⸗ halten, ihren Unmuth zu beſaͤnftigen. Ferner verleitete die Habſucht nach Gold zu tauſend ungerechten Handlungen und Grauſamkeiten; aber was das aͤrgſte war, die Spanier höhnten die innigſten Gefuͤhle der Eingebornen durch ihr zuͤgelloſes Betragen gegen die Weiber. Wirklich nahmen ſie bald, ſtatt als Gaͤſte aufzutreten, den Ton gebietender Herren an; ſtatt erleuchteter Wohlthaͤter wurden ſie ſchmu⸗ tzige ſinnliche Unterdruͤcker. „Nachrichten von dieſen Exceſſen, wie von dem unmuth und dem Aergerniß, die ſie unter den Eingebornen ver⸗ breiteten, kamen bald zu Don Diego's Ohren. Mit Ein⸗ verſtaͤndniß der ihm beigegebenen Junta ſchrieb er an Mar⸗ garite, ſein Betragen tadelnd und ihn auffordernd, ſeinen milztairiſchen Zug fortzuſetzen, wie es der Admiral befohlen habe. Der Stolz Margarite's wurde durch dieſen Verweis beleidigt; er betrachtete ſich als unabhaͤngig im Commando, oder wollte ſich wenigſtens ſo betrachtet wiſſen, auch dem Rath fuͤr ſein Betragen durchaus nicht verantwortlich ſeyn. Da er von einer alten Familie und ein Guͤnſtling des Koͤ⸗ nigs war, ſo gab er ſich die Miene, als blicke er mit Ver⸗ achtung auf den neugebackenen Adel des Diego Colon herab. Die Briefe, welche er den Befehlen des Praͤſidenten und ſeiner Raͤthe zur Antwort gab, waren in einem Tone voll hochmuͤthiger Herabwuͤrdigung oder militairiſchen Trotzes — 193— abgefaßt. Er fuhr fort, ſich mit ſeinen Untergebenen in der Vega zu lagern und ſeine Beleidigungen und Unter⸗ druͤckungen, welche der Ruhe der Inſel ſo gefaͤhrlich wurden, immer weiter zu treiben. Dieſes anmaßende, ungehorſame Betragen fand Unter⸗ ſtuͤtzung bei den Cavalieren und Abenteurern von edler Ab⸗ kunft, die in der Colonie waren, und an dem von den Spaniern ſo aͤngſtlich bewachten Punkt der Ehre ſich tief verletzt fuͤhlten. Sie konnten dem Admiral die ſtrenge Gleich⸗ ſtellung in den Zeiten der Noth nicht vergeſſen, als er ſie an den Entbehrungen und Arbeiten des gemeinen Mannes hatte Theil nehmen laſſen. Noch viel weniger konnten ſie die Autoritaͤt ſeines Bruders Diego ertragen, welcher von ſeinen hohen Anſpruͤchen auf Auszeichnung nichts beſaß. Sie bildeten daher eine Art ariſtokratiſcher Parthei in der Colonie, indem ſie Columbus und ſeine Familie als bloße Miethlinge und fremde Gluͤckspilze betrachteten, welche mit den Muͤhſeligkeiten und Leiden der Gemeine und zum Nach⸗ theil der ſpaniſchen Hidalgos und Ritter das Gebaͤude ihres Gluͤckes auffuͤhren wollten. Neben dieſen Partheigaͤngern hatte Margarite einen maͤchtigen Verbuͤndeten an dem Pater Boyle, ſeinem ſpe⸗ ciellen Landsmann„ dem Haupte der religioͤſen Bruͤderſchaft, Mitgliede der Junta, und apoſtoliſchen Vicar in der neuen Welt. Es iſt nicht gut auszumitteln, wodurch die Feind⸗ ſchaft dieſes heiligen Paters wider den Admiral, der es niemals an der Achtung gegen die Geiſtlichkeit fehlen ließ, zuerſt erregt wurde. Doch hatten verſchiedene Zwiſtigkeiten Irving's Columbus. 4—. 13 — 494— zwiſchen ihnen ſtattgefunden. Einige ſagen, der Pater habe ſich gegen die ſtrengen Maßregeln erklaͤrt, welche der Ad⸗ miral zur Sicherheit der Colonie noͤthig fand; andere, daß er ihm die eingebildete Herabwuͤrdigung nicht verziehen habe, als er ihn und ſeine Dienerſchaft auf dieſelben ſchmalen Rationen wie den gemeinen Mann ſetzte. Er ſcheint aber uͤberhaupt unzufrieden und aͤrgerlich geweſen zu ſeyn uͤber den Wirkungskreis, den die Colonie mit ſich brachte, und ſich mit Reue und Verdruß wieder nach der alten Welt hinuͤber geſehnt zu haben. Er hatte nicht den begeiſterten Eifer und die beharrliche Selbſtaufopferung, welche ſo viele von den ſpaniſchen Miſſionaͤren vermochte, allen Bedraͤng⸗ niſſen und Entbehrungen in der neuen Welt Trotz zu bieten, in der Erwartung, ihre heidniſchen Bewohner zu bekehren. Ermuthigt und geſtaͤrkt durch ſolche maͤchtige Parthei⸗ gaͤnger, fing Margarite wirklich an, ſich uͤber alle zeitliche Autoritaͤten der Inſel erhaben zu glauben. Wenn er nach Iſabella kam, nahm er von Don Diego keine Notiz, be⸗ wieß dem Rath ſeine Geringſchaͤtzung und handelte, als ob er unumſchraͤnkte Gewalt haͤtte. Er ſchmiedete ein Complott mit den meiſten von denen, die mit Columbus und ihrem Aufenthalt in der Colonie unzufrieden waren. Unter ihnen war Pater Boyle der Raͤdelkfuͤhrer. Sie verabredeten ſich, mit den Schiffen, welche den Don Bartholomeo aus Spa⸗ nien gebracht hatten, dahin zuruͤckzukehren. Beide, Mar⸗ garite und Boyle, ſtanden in der Gunſt des Koͤnigs, und hielten es fuͤr ein Leichtes, das Verlaſſen ihrer militaͤriſchen und geiſtlichen Poſten mit dem vorgeblichen Eifer fuͤr das — 195— oͤffentliche Wohl zu beſchoͤnigen, indem ſie nach Haufe eilten, um den uuheilbringenden Zuſtand des Landes, welchen die Unterdruͤckung ſeiner Beherrſcher hervorgebracht, nach Ge⸗ buͤhr zu ſchildern. Einige haben die ploͤtzliche Abreiſe des Margarite ſeiner Furcht vor einer ſtrengen militaͤriſchen Unterſuchung ſeiner Handlungsweiſe bei der Ruͤckkehr des Admirals zugeſchrieben; andere dem Umſtande, daß er ſich im Verfolge ſeiner zuͤgelloſen Liebeshaͤndel eine Krankheit zugezogen habe, welche bis dahin in Europa unbekannt war, die er dem Clima zuſchrieb, und von der er durch aͤrzt⸗ lichen Beiſtand in Spanien befreit zu werden hoffte. Was auch die Urſache geweſen ſeyn mochte, er nahm ſeine Maß⸗ regeln mit großer Eile, ohne ſeine Vorgeſetzten im minde⸗ ſten zu befragen oder an die Folgen ſeiner Abreiſe zu den⸗ ken. Von einer Schaar Unzufrtedener begleitet, nahm er und Pater Boyle Beſitz von einigen Schiffen in dem Hafen und ging nach Spanien ab; der erſte General und Apoſtel in der neuen Welt, die das offene Beiſpiel unerlaubter Entfernung von ihren Poſten gaben. Drittes Kapitel. Aufruhr unter den Eingebohren. Alonzo de Ojeda von Caonabo belagert. (1494.) Die Abreiſe des Pedro Margarite ließ die Truppen ohne Oberhaupt und machte der wenigen Mannszucht, welche noch übrig war, ein Ende. Es gibt keinen zuͤgelloſeren Poͤbel, als die Soldateska, wenn ſie in einem unbeſchutzten Lande einmal ihrer eigenen Willkuͤhr uͤberlaſſen iſt. Die Krieger ſchwaͤrmten in Banden oder einzeln nach ihrem Gutduͤnken umher, zerſtreuten ſich in den indianiſchen Doͤr⸗ fern und uͤberließen ſich jeder Art von Exceſſen, wozu ſie — Geiz oder Sinnlichkeit verleiteten. Die Eingebornen, em⸗ poͤrt, daß man ihnen ihre Gaſtfreundſchaft ſo vergalt, wei⸗ gerten ſich, ſie ferner mit Lebensmitteln zu verſehen. In kurzer Zeit fingen die Spanier an, die Noth des Hungers zu ſpuͤren, nahmen Vorraͤthe, wo ſie welche kriegen konn⸗* ten, und begleiteten den Raub mit muthwilligen Grauſam⸗ keiten. Endlich wurde durch eine Reihe von ſchreienden Ge⸗ waltthaten die ſanfte und friedliche Natur dieſes Volkes zur Rache gereizt, und die vertrauensvollen und gütigen Be⸗ „ — 197— wirther verwandelten ſich in rachſuͤchtige Feinde. Nachdem alle Warnungen des Columbus in den Wind geſchlagen wa⸗ ren, blieben die Uebel nicht aus, die er beſorgt hatte. Wie⸗ wohl die Indianer, furchtſam von Natur, ſich mit den Spa⸗ niern nicht zu meſſen wagten, wo ſie eine verbundene und disciplinirte Macht zeigten, ſo nahmen ſie doch blutige Rache an ihnen, ſowie ſie kleine Trupps oder zerſtreute Einzelne antrafen, welche umherzogen, um zu fouragiren. Ermu⸗ thigt von dieſen kleinen Siegen, und durch die Strafloſig⸗ keit die ihnen folgte, wurden ihre Feindſeligkeiten immer beunruhigender. Guatiguana, Cazike einer großen Stadt an den Ufern des Großen Fluſſes in der Provinz des Guarlo⸗ nex, unabhaͤngigen Gebieters der Vega, uͤberlieferte zehn Spa⸗ nier dem Tode, die ſich in ſeine Stadt gelagert und die Eingebornen durch ihre Ausſchweifungen beſchimpft hatten. Er veruͤbte bald noch ein groͤßeres Werk der Rache, indem er ein Haus in Brand ſteckte, wo vierzig kranke Spanier einlogirt waren.*) Von dem Erfolg berauſcht, drohte er ein kleines Fort Namens Magdalena anzugreifen, welches erſt kuͤrzlich in ſeiner Nachbarſchaft in der Vega erbaut wor⸗ den war, ſo daß der Commandant Luis de Arriago, da er nur eine kleine Garniſon hatte, gezwungen war, mit auf⸗ gezogenen Bruͤcken in ſeinen Mauern zu harren, bis man ihm von Iſabella Entſatz ſchicken werde. Aber der furchtbarſte Feind der Spanier war Caonabo, der caraibiſche Cazike von Maguano, der naͤmliche, welcher — *) Herrera hist, Ind. decad, I, I. II, c, 16, — 198— die Beſatzung des Forts La Navidad niedergemetzelt hatte. Er beſaß natuͤrliche Talente zur Kriegfuͤhrung und eine Klugheit, welche die gewoͤhnliche Faſſungskraft der Indianer übertraf. Es trieb ihn ein ſtolzer, verwegener Geiſt; drei tapfere Bruͤder waren ſeine Stuͤtzen und ein zahlreicher Stamm ſtand ihm zu Gebote.*) Er war gleich von An⸗ fang eiferſüchtig uͤber das Eindringen der weißen Maͤnner in die Inſel; wie er aber das Fort St. Thomas in dem eigentlichen Mittelpunkte ſeiner Gebiete aufgerichtet ſeh, da empoͤrte ſich ſein Stolz. So lange die Truppen noch in der Vega unter Mannszucht ſtanden, huͤtete er ſich vor je⸗ dem Angriff; als indeſſen nach der Abreiſe des Margarite die Soldaten ſich freimachten und zerſtreuten, ſchien die Zeit zur Ausfuͤhrung eines gewaltigen Angriffs gekommen zu ſeyn. Das Fort blieb mit einer Garniſon von nur funfzig Mann einſam ſtehen. Durch eine ſchnelle und heim⸗ liche Bewegung konnte er ſie mit ſeiner Streitmacht uͤber⸗ rumpeln und die Niederlage wiederholen, die er auf La Na⸗ vidad angerichtet hatte. Der liſtige Cazike hatte aber an dem Commandanten von St. Thomas einen Feind von ganz anderer Art gegen⸗ uͤber. Alonzo de Ojeda hatte ſich in den mauriſchen Feld⸗ züͤgen gebildet. Er war mit allen Arten von Verſtellungen, Liſten, Hinterhalten, und wilden Angriffen vertraut. Nie⸗ mand war daher mehr geeignet, mit indianiſchen Kriegern zu kaͤmpfen. Er beſaß einen gewaltigen und waghalſigen *) Herrere hist. Ind. decad, I. 1. II. e, 16. — 190— Muth, der theils aus der natuͤrlichen Heftigkeit ſeines Tem⸗ peramentes, theils aus religioͤſem Aberglauben hervorging. Er war in Kaͤmpfen mit Mauren und Indianern, in of⸗ fenen Schlachten, in Scharmuͤtzeln und kleinen Gefechten, kurz in Befehdungen von aller Art erfahren, zu denen ihn ein raſcher und feuriger Geiſt und Hang nach Abenteuern antrieb; doch niemals war er verwundet oder verletzt wor⸗ den. Er fing an zu zweifeln, ob irgend eine Waffe ihm etwas anhaben koͤnne, und betrachtete ſich unter dem beſon⸗ deren Schutz der heiligen Jungfrau. Als eine Art von re⸗ ligioͤſem Talisman hatte er ein kleines niederlaͤndiſches Bild von der Jungfrau, welches ihm ſein Schutzherr Fonſeca, Biſchof von Bajadoz geſchenkt hatte. Dieſes fuͤhrte er uͤberall mit ſich, in Staͤdten, im Lager und im Feld, und machte es zum Gegenſtand vielfacher Gebete und Anrufungen. In der Garniſon oder im Felde hing es in ſeinem Zimmer oder Zelt; bei ſeinen rauhen Zuͤgen durch die Wildniſſe hatte er es in ſeinem Schnapſack, und wenn er einige Muße hatte, nahm er es heraus, heftete es an einen Baum und richtete ſeine Gebete an ſeine kriegeriſche Schutzheilige.*) Mit ei⸗ nem Wort, er ſchwur bei der Jungfrau, er rief die Jung⸗ frau an im Getuͤmmel und in der Schlacht, von ſeiner Pa⸗ tronin begeiſtert, war er zu jeder Unternehmung, zu jedem Abenteuer bereit. Dieſes war Alonzo de Ojeda, aberglaͤu⸗ biſch in ſeiner Gottesverehrung, ſorglos im Leben, furchtlos *) Herrera hist. Ind. decad. 1. l. VIII. c. 4. Pi- zarro Varones illustres cap. 8. — 200— im Geiſte, wie ſo viele der fahrenden Ritter jener Tage. Obgleich klein von Geſtalt, war er ein Phaͤnomen von Staͤrke und Kuͤhnheit, und die Chronikenſchreiber der erſten Entdeckungen erzaͤhlten Wunder von ſeinen Thaten und Kaͤmpfen. Nachdem Caonabo das Fort gehoͤrig recognoscirt hatte, verſammelte er zehntauſend Krieger mit Keulen, Bogen und Pfeilen, und mit im Feuer gehaͤrteten Lanzen bewaff⸗ net; er nahm ſeinen Weg heimlich durch die Waͤlder und brach ploͤtzlich in der Naͤhe hervor, vermeinend, die Garni⸗ ſon in einem Zuſtande von ſorgloſer Ruhe uͤberfallen zu koͤnnen. Er fand aber Ojeda's Leute mit kriegeriſcher Vor⸗ ſicht in ihre Veſte eingeſchloſſen, welche, indem ſie auf einer Anhoͤhe erbaut war, die ein umgebender Fluß faſt zur In⸗ ſel geſtaltete und ein tiefer Graben von der verbindenden Landzunge abſchnitt, jeden Angriff von nackten Kriegern fruchtlos machte. In ſeiner Erwartung getaͤuſcht, hoffte Caonabo ſie nun durch Hunger aufzureiben. Zu dieſem Ende legte er ſeine Krieger in die benachbarten Waͤlder und beſetzte jeden Paß, um alles Zufuͤhren von Lebensmitteln durch Eingeborne zu verhindern und jede fouragirende Streifparthie von dem Fort abzuſchneiden. Dieſe Belagerung oder Umzingelung dauerte dreißig Tage,*) in welcher Zeit die Beſatzung in große Noth gerieth. Es exiſtirt eine damals muͤndlich uͤber⸗ lieferte Anekdote, welche Oviedo von Pedro Margarite, dem *) P, Martyr, dec, 1, lib. IV. 5 — 201— fruͤheren Commandanten von St. Thomas erzaͤhlt, die aber mit mehr Wahrſcheinlichkeit dem Alonzo de Ojeda im Laufe dieſer Belagerung zugeſchrieben werden mag. Waͤhrend in dieſen Tagen die Garniſon ſehr vom Hunger gequaͤlt wurde, gelang es einem Indianer, in das Fort zu kommen und ein Paar Waldtauben fuͤr den Tiſch des Commandanten zu uͤberbringen. Der letztere war in einem Zimmer des Caſtells, von mehreren ſeiner Offiziere umgeben. Da er ſah, wie ſie die Voͤgel mit den gierigen Augen ausgehunger⸗ ter Menſchen betrachteten, ſagte er:„es iſt ſchade, daß ſie nicht hinreichen, um fuͤr uns alle eine Mahlzeit zu geben; ich kann mich nicht entſchließen, meinem Magen guͤtlich zu thun, waͤhrend ihr Andern Hunger leidet,“⸗— und mit dieſen Worten ließ er die Tauben aus dem Fenſter ins Freie fliegen. Waͤhrend der Belagerung zeigte Ojeda die groͤßte Thaͤ⸗ tigkeit des Geiſtes und eine Unerſchoͤpflichkeit von Huͤlfsmit⸗ teln. Er ſchlug alle Kuͤnſte des caraibiſchen Haͤuptlings da⸗ nieder, indem er Gegenliſten von allerlei Art unternahm, um die Garniſon zu befreien und den Gegner zu ermuͤden. So wie der Feind in einiger Staͤrke erſchien, machte er ver⸗ zweifelte Ausfaͤlle, und fuͤhrte immer den Vortrab mit der tollkuͤhnen Tapferkeit, fuͤr welche er bekannt war, richtete mit ſeinem Arm allein große Verheerung an, und kehrte wie gewoͤhnlich unverletzt aus dem Regen von Pfeilen und Speeren zuruͤck. Caonabo ſah viele von ſeinen tapferſten Kriegern ſter⸗ ben. Seine Streitkraͤfte verminderten ſich taͤglich; denn die — 202— Indianer, an keine fortgeſetzte Kriegsoperationen gewoͤhnt, wurden der Belagerung bald uͤberdruͤſſig, ſie fingen an, ſich zu zerſtreuen, und taͤglich kehrte eine große Anzahl in ihre Doͤrfer zuruͤck. Er mußte aus dieſem Grunde alle ferneren Verſuche gegen das Fort aufgeben und zog ab, von Bewun⸗ derung erfuͤllt uͤber die Kuͤhnheit und Tapferkeit Ojedas.*) Der raſtloſe Haͤuptling wurde durch das Fehlſchlagen ſeines Unternehmens nicht entmuthigt, ſondern ſann auf Plaͤne von kuͤhnerer und ausgedehnterer Natur. Er zog insgeheim in die Naͤhe von Jſabella und beobachtete den elenden Zuſtand der Niederlaſſung.*) Viele der Bewohner litten an verſchiedenen Krankheiten, und die meiſten Maͤn⸗ ner, welche Waffen tragen konnten, waren im Lande um⸗ her vertheilt. Er faßte nun den Entſchluß, einen allgemeinen Bund unter den Caziken zu ſtiften, die ihre Streitkraͤfte vereinigen, ploͤtzlich uͤber die Niederlaſſung hereinbrechen und die Spanier ermorden ſollten, wo ſie gefunden wuͤrden. War dieſes Haͤuflein laͤſtiger Gaͤſte einmal ausgerottet, ſo glaubte er ſicher zu ſeyn, daß die Inſel von allen ferneren Belaͤſtigungen befreit waͤre; er ahnete nicht die ohnmaͤchtige Natur ihres Kampfes, und daß, wo einmal die civiliſirten Menſchen Fuß gefaßt haben, die Macht der Wilden auf ewig vernichtet iſt. Die Geruͤchte von dem zuͤgelloſen Betragen der Spanier hatten ſich uͤber die Inſel verbreitet und Haß und Feind⸗ *) Qviedo cronica de las Indias, lib. III, c. 1. **) Hist, del Almirante, c. 60. —— —. — 203— ſeligkeit ſelbſt unter Staͤmmen erweckt, die ſie nie geſehen, die von ihren Unthaten nie gelitten hatten. Caonabo fand drei von den unabhaͤngigen Caziken zur Mitwirkung bereit, doch immer noch von tiefer Ehrfurcht vor der uͤbernatuͤr⸗ lichen Macht der Spanier und von Furcht vor ihren ſchreck⸗ lichen Waffen und Thieren erfuͤllt. Der Bund erfuhr je⸗ doch unerwarteten Widerſtand an dem fuͤnften Caziken Gua⸗ canagari, dem unabhaͤngigen Gebieter von Marien. Sein Betragen in dieſer Zeit der Gefahr bewies vollkommen die Ungerechtigkeit jenes Verdachts, den die Spanier gegen ihn unterhalten hatten. Er ſchlug es ab, ſich mit ſeinen Streit⸗ kraͤften den andern Caziken anzuſchließen, oder auch nur die Geſetze der Gaſtfreundſchaft zu brechen, durch welche er ſich verbunden fuͤhlte, die weißen Maͤnner zu beſchuͤtzen und ih⸗ nen zu helfen, ſeit ſie an ſeiner Kuͤſte Schiffbruch gelitten hatten. Er blieb ruhig in ſeiner Diſtrikt und unterhielt auf ſeine eigene Koſten hundert leidende Krieger, indem er allen ihren Beduͤrfniſſen mit gewohnter Großmuth entge⸗ gen kam. 3 Das edle Betragen Guacanagari's gab ihn dem Haß und der Verfolgung ſeiner Mit⸗Caziken preis. Sie machten Ein⸗ faͤlle in ſein Gebiet und fuͤgten ihm vielerlei Schaden und Beleidigungen zu. Behechlo erſchlug eines ſeiner Weiber und Caonabo fuͤhrte eine andere als Gefangene davon.*) Doch nichts konnte die Treue Guacanagari's gegen die Spa⸗ nier erſchuͤttern, und da ſein Gebiet unmittelbar an die — *) Hist, del Almirante, c, 60, — 204— Niederlaſſung graͤnzte und die Provinzen anderer viel ent⸗ fernter lagen, verhinderte ſeine fehlende Mitwirkung eine Zeit lang die feindſeligen Abſichten der Verbuͤndeten.*). Dieſes war die kritiſche Lage der Dinge, zu welcher es in der Colonie kam, und dieſes die bittere Feindſchaft eines Inſelvolkes von ſo guͤtigem und ſanftem Weſen, waͤhrend der Abweſenheit des Columbus, und nur durch die Ver⸗ letzung aller ſeiner Vorſchriften erzeugt. Margarite und Pater Boyle waren nach Spanien geeilt, um falſche Be⸗ richte uͤber das Elend der Inſel vorzutragen. Waͤren ſie treu auf ihren Poſten geblieben, und haͤtten ſie ſich durch Eifer der ihnen uͤbertragenen wichtigen Aemter wuͤrdig ge macht, ſo wuͤrden dieſe Uebel leicht zu heben, wo nicht gar unmoͤglich geworden ſeyn. *) Herrera hist. Ind. decad. I. I, II, c. 16, —— — 205— Viertes Kapitel. Maßregeln des Columbus, um die Ruhe der Inſel wieder herzuſtellen. Zug des Ojedo zur Ge⸗ fangennehmung Capnabo's. (1494.) Columbus wurde ſogleich nach ſeiner Ruͤckkehr von Cuba, waͤhrend ihn ſeine Krankheit noch an's Bett feſſelte, von einem freiwilligen Beſuche Guacanagari's erfreut. Dieſer wohlwollende Haͤuptling bewies die groͤßte Theilnahme bei ſeinem Uebelbefinden, und ſchien uͤberhaupt ſtets die innigſte Verehrung fuͤr den Admiral empfunden zu haben. Er ſprach wieder mit Thraͤnen von dem Blutbad auf La Navidad und verweilte bei den Anſtrengungen, die ihn die Verthei⸗ digung der Spanier gekoſtet. Dann gab er Columbus Kunde von dem unter den Caziken geſchloſſenen geheimen Bunde, von ſeiner Oppoſition gegen denſelben und von den Verfolgungen, die er deßhalb zu erleiden gehabt, von der Ermordung einer ſeiner Frauen und von der Gefangenneh⸗ mung der anderen. Er bat den Admiral inſtaͤndigſt, auf ſeiner Hut zu ſeyn gegen die Anſchlaͤge Caonabo's, und bot — 206— ſich an, ſeine Unterthanen mit in's Feld zu fuͤhren und an der Seite der Spanier zu fechten, ſowohl aus Freundſchaft fuͤr ihn, als auch zu ſeiner eignen Genugthuung.*) Columbus hatte immer die alte Großmuth Guacanaga⸗ ri's in treuer Erinnerung bewahrt, und ließ ſich nicht be⸗ wegen, an ſeiner Anhaͤnglichkeit und Freundſchaft zu zwei⸗ feln; er freute ſich daher ausnehmend, daß der Cazike jetzt allen Verdacht durch die That widerlegte. Ihr fruͤheres freundſchaftliches Verhaͤltniß erneuerte ſich, nur mit dem unterſchiede, daß der Mann, dem Guacanagari einſt Huͤlfe und Rettung gewaͤhrt hatte, wie er als ein ſchiffbruͤchiger Fremder an ſeine Kuͤſte kam, plotzlich Schiedsrichter uͤber ſein und aller ſeiner Landsleute Schickſal geworden war. Die Art, wie dieſe friedliche Inſel durch das zuͤgelloſe Betragen der Europaͤer aufgereizt und in Verwirrung ge⸗ ſetzt worden, war ein Gegenſtand tiefen Nachdenkens fuͤr Columbus. Er ſah alle ſeine Plaͤne, den Souverainen eine unmittelbare Einnahme zu eroͤffnen, voͤllig vereitelt. Die Inſel wieder zur Ruhe zuruͤckzufuͤhren, erforderte eine geſchickte Leitung. Seine Streitkraͤfte waren nur gering, und die Ehrfurcht, welche die Eingebornen gegen die weißen Maͤnner als uͤbernatuͤrliche Weſen empfanden, hatte ſich ſehr gemindert. Er war noch zu ſchwach, um an irgend einer kriegeriſchen Unternehmung ſelber Theil zu nehmen; ſein Bruder Diego hatte keinen militaͤriſchen Geiſt und Bartho⸗ lomeo war den Spaniern noch zu fremd und den Anfuͤhrern *) Herrera hist, Ind. decad. I, I. II. c. 16. — 207— ein Gegenſtand der Eiferſucht. Columbus glaubte noch im⸗ mer, daß der drohende Bund der Caziken eine unvollkom⸗ mene Geſtalt habe; er vertraute auf ihren Mangel an Ge⸗ ſchicklichkeit und Erfahrung im Kriege, und war der Mei⸗ nung, daß er durch ſchnelle Maßregeln, durch Eingehen ins Einzelne, durch Beſtrafen Einiger, Verſoͤhnen Anderer, und durch Verbindung von Kraft, Milde und Liſt, den drohenden Sturm noch beſchwichtigen koͤnne. Seine erſte Sorge war, eine Abtheilung Bewaffneter zum Entſatz des Forts Magdalena abzuſenden, welches Guatiguana, der Cazike des Großen Fluſſes mit Zerſtoͤrung bedrohte, derſelbe, der die in ſeine Stadt einquartirten Spanier hatte ermorden laſſen. Nachdem ſie das Fort ent⸗ ſetzt hatten, uͤberzogen die Truppen das Gebiet Guatiguana's erſchlugen eine Menge ſeiner Krieger und fuͤhrten viele als Gefangene fort. Der Haͤuptling ſelbſt entfloh.*) Er war dem Guarionex, Caziken der Koͤnigs⸗Vega, zinsbar. Da dieſer indianiſche Fuͤrſt uͤber eine große und volkreiche Aus⸗ dehnung von Gebieten herrſchte, war ſeine Freundſchaft fuͤr die Wohlfahrt der Colonie von hoher Wichtigkeit, waͤhrend unmittelbare Gefahr von Feindſeligkeiten drohte, bei den ungezuͤgelten Ausſchweifungen der Spanier, die in verſchie⸗ denen Theilen ſeiner Gebiete ihre Quartiere hatten. Columbus ſandte alſo zu ihm und erklaͤrte ihm, daß dieſe Exceſſe durch Nichtachtung ſeiner Befehle geſchehen ſeyen und wider ſeine guten Abſichten mit den Eingebornen *) Herrera decad, 1. I. II, c. 16. — 208— ſtritten, welchen zu gefallen und Gutes zu erzeigen uͤberall ſein Beſtreben waͤre. Er ſetzte ferner aus einander, daß die Expedition gegen Guatiguana ein ſpecieller Act der Be⸗ ſtrafung und keine Feindſeligkeit gegen die Provinzen des Guarioner ſey. Der Cazike hatte ein ruhiges und fried⸗ liches Gemuͤth und ließ ſich, was ihn auch fuͤr Aerger an⸗ gekommen ſeyn mochte, doch bald beſaͤnftigen. Um ihn eini⸗ germaßen an das ſpaniſche Intereſſe zu feſſeln, gewann es Columbus uͤber ihn, daß er ſeine Tochter einem der indiani⸗ ſchen Dollmetſcher zum Weibe gab, der, von den lucayiſchen Inſeln gebuͤrtig, in Spanien geweſen und in Barcelona Diego Colon getauft worden war.*) Er unternahm noch etwas Wichtigeres, um Feindſeligkeiten auf Seiten des Ca⸗ ziken zu verhuͤten und die Ruhe in der bedeutenden Gegend der Vega zu ſichern. Er ließ eine kleine Feſtung in der Mitte ſeiner Gebiete errichten, und nannte dieſelbe Fort Conception. Der gutmuͤthige Cazike gab ohne Zaudern eine Maßregel zu, die ihn ſelbſt mit Verderben und ſeine Unter⸗ thanen mit kuͤnftiger Sklaverei bedrohte. Der furchtbarſte Feind war nun noch uͤbrig— Caonabo, der kriegeriſche Geiſt der Inſel, der raſtloſe und muthige *) P. Martyr, dec. I. I. IV. Gio. Battiſta Spotorno hat ſich durch den Namen dieſes Indianers in ſeiner Schrift über Columbus zu einem Irrthum verleiten laſſenz er bemerkt nämlich, Columbus habe einen Bruder Namens Diego gehabt, deſſen er ſich geſchämt zu haben ſcheine und dem er die Tochter eines indianiſchen Häuptlings zum Weibe gegeben habe. — 209— Gegner der weißen Maͤnner, der aus hoͤheren Begriffen von Politik faͤhig war, gefaͤhrliche Buͤndniſſe und Verſchwoͤrun⸗ gen zu unternehmen. Seine Territorien lagen in den mit⸗ telſten und bergigſten Gegenden der Inſel, welche durch ſchroffe Felſenreihen, dichtverſchlungene Waͤlder und viele Fluͤſſe ſchwer anzugreifen waren. Dieſem ſchlauen und un⸗ baͤndigen Haͤuptling den Krieg zu erklaͤren in den Tiefen ſeiner wilden Waldgehege und ſeiner Bergbefeſtigungen, wo ſie bei jedem Schritt in Gefahr ſchwebten, von einem Hin⸗ terhalt uͤberfallen zu werden, konnte nur ein Werk der Zeit, der Gefahr und ungewiſſen Ausgangs werden. Mitt⸗ lerweile aber durften ſie erwarten, daß die Niederlaſſungen von ſeinen heimlichen und kuͤhnen Unternehmungen gefaͤhr⸗ det und die Arbeiten der Bergwerke vielen Unterbrechungen ausgeſetzt ſeyn wuͤrden. Noch in Verlegenheit uͤber dieſen Gegenſtand, wurde Columbus durch einen kuͤhnen Vorſchlag Alonzo's de Ojeda erloͤſt, der den caraibiſchen Haͤuptling mit Liſt gefangen nehmen und lebendig in ſeine Haͤnde liefern wollte. Der Plan war wild, gewagt, romantiſch, und entſprach dem furchtloſen und abenteuerlichen Geiſte Ojeda's, welcher ſich durch die tollkuͤhnſten Ritteruͤbungen und Thaten verzweifelter Tapferkeit auszuzeichnen ſtrebte. Oviedo waͤhlte ſich zehn kuͤhne und verwegene Leute, wohl bewaffnet und beritten, und unter Anrufung der Jung⸗ frau, deren Bild er wie gewöhnlich als Schutzwehr bei ſich trug, ſprengte er in den Wald und nahm ſeinen Weg an der Spitze ſeines Gefolges nach den wilden Gebieten Cao⸗ nabo's, uͤber ſechzig Stunden weit ins Innere, wo er den Irving's Columbus, 4— 6, 14 — 240— Caziken in einer ſeiner volkreichſten Staͤdte antraf. Ojeda naͤherte ſich Caonabo mit großer Ehrerbietung und Foͤrm⸗ lichkeit, indem er ihn wie einen ſouverainen Fuͤrſten be⸗ gruͤßte. Er benachrichtigte ihn, daß er mit einer freund⸗ lichen Sendung von dem Admiral zu ihm komme, welcher Guamiquina oder Chef der Spanier ſey und ihm ein werth⸗ volles Geſchenk zu machen beabſichtige. Caonabo hatte Ojeda in der Schlacht kennen gelernt, er war von ſeiner feurigen Kuͤhnheit Zeuge geweſen und hatte ihn als Krieger bewundert. Er empfing ihn mit einer Art von ritterlicher Höflichkeit, wenn eine ſolche Be⸗ zeichnung von dem Naturſtande und der rohen Gaſtfreund⸗ ſchaft eines wilden Kriegers der Waͤlder gelten kann. Das free furchtloſe Benehmen, die große Koͤrperſtaͤrke und die bewundernswerthe Gewandtheit und Gelenkigkeit Ojeda's⸗ in allen ritterlichen Uebungen und in dem Gebrauch aller Arten von Waffen, waren ganz geeignet, einen Wilden zu entzuͤcken, und er wußte ſich bald bei Caonabo in große Gunſt zu ſetzen. Ojeda benutzte nun ſeinen ganzen Einfluß, den Caziken zu uͤberreden, nach Iſabella zu kommen, um eine Ueberein⸗ kunft mit Columbus abzuſchließen und der Verbuͤndete und Freund der Spanier zu werden. Es wird erzaͤhlt, er habe ihm, um ihn anzulocken, die Kirchenglocke von Iſabella ver⸗ ſprochen. Dieſe Glocke war das Wunder der Inſel. Wenn die Indianer ihre Toͤne durch die Waͤlder hoͤrten, ſo oft⸗ man zur Miſſe laͤutete, und ſie die Spanier nach der Kapelle eilen ſahen, bildeten ſie ſich ein, daß ſie zu ihnen redete 1 1 * — 214— und die weißen Maͤnner ihr gehorchten. Mit jenem Gefuͤhl des Aberglaubens, womit ſie alle Dinge anſahen, welche von den Spaniern kamen, betrachteten ſie dieſe Glocke als etwas Uebernatuͤrliches und in ihrer uͤblichen Redensarten ſagten ſie dann, ſie komme von„Furey« oder vom Himmel. Caonabo hatte dieſes wunderbare Inſtrument aus der Ferne gehoͤrt, wenn er heimlich in der Naͤhe der Niederlaſſung herumſtreifte, und großes Verlangen getragen, es zu ſehen; aber als es ihm nun ſogar als ein Geſchenk des Friedens verſprochen wurde, konnte er der Verſuchung nicht laͤnger widerſtehen. Der Cazike nahm es alſo an, nach Iſabella zu gehen, doch wie die Zeit ſeiner Abreiſe erſchien, ſah Ojeda mit Erſtaunen eine große Anzahl von Kriegern zum Abmarſch verſammelt. Er fragte nach der Bedeutung dieſer Truppen bei einem ganz friedlichen Beſuche, und der Cazike ant⸗ wortete ſtolz, es zieme einem großen Fuͤrſten wie ihm nicht, mit kleinem Gefolge zu kommen. Ojeda war wenig erbaut von dieſer Antwort; er kannte den kriegeriſchen Charakter Caonabo's und ſeine große Schlauheit, welche die Seele der indianiſchen Kriegfuͤhrang iſt; er beſorgte ir gend einen hin⸗ terliſtigen Plan, daß er vi elleicht eine Ueberrumpelung des Forts von Iſabella oder irgend einen Angriff auf den Ad⸗ miral ſelhſt im Sinne habe. Da Ojeda nun wußte, daß es der Wanſch des Columbus war, entweder mit dem Ca⸗ ziken Frieden zu machen oder ſich ſe Wahl eines offenen Gefech ſeine Zuflucht zu einer L iner Perſon ohne die ts zu bemaͤchtigen, ſo nahm er iſt, welche einen fabelhaften und 14 — 242— romanartigen Anſtrich hat, doch von allen gleichzeitigen Ge⸗ ſchichtſchreibern mit unbedeutenden Abweichungen erzaͤhlt wird, und, wie uns Las Caſas verſichert, auf der Inſel noch im Schwunge war, als er ungefaͤhr ſechs Jahre ſpaͤter dort ankam. Es ſtimmt auch ganz mit dem aberteuerlichen und excentriſchen Charakter des Mannes, wie mit den wil⸗ den Kriegsliſten und außerordentlichen Waffenthaten in den indianiſchen Kriegen uͤberein. Im Verlaufe ihres Marſches zeigte Ojeda, als ſie grade nahe bei dem Fluß Yegua hielten, eine Kette mit Hand⸗ feſſeln, ganz aus polirtem Stahl und ſo fein geglaͤttet, daß ſie wie Silber glaͤnzte. Dieſe gab er bei Caonabo fuͤr einen koͤniglichen Schmuck aus, der vom Himmel oder von„Turey“ aus Biscaya*) komme, welchen die Monarchen von Ca⸗ ſtilten bei feierlichen Taͤnzen und anderen hohen Feſten truͤgen, und der nunmehr fuͤr ihn zum Geſchenk beſtimmt ſey. Er machte den Vorſchlag, Caonabo ſolle ſich in dem Fluß baden und dann mit dieſem Schmuck geziert auf dem Pferde Ojeda's erſcheinen und ſo zu ſeinen ſtaunenden Un⸗ terthanen in der Pracht eines ſpaniſchen Herrſchers zuruͤck⸗ kehren. Der Cazike, welchem die Freude der Wilden an glaͤnzenden Zierrathen eigen war, ließ ſich von dem Anblick blenden, zugleich war ſein ſtolzer Kriegergeiſt beſtochen durch die Vorſtellung, daß er eines jener ſchrecklichen Thiere be⸗ *) Die erſten Eiſenfabriken von Spanien ſend in Bisegya, wo das Metall im Ueberfluß gefunden wird⸗ * 5 — 213— ſteigen ſolle, vor welchen ſeine Landsleute ſich ſo ſehr fuͤrch⸗ teten. Er begleitete alſo den Ojeda und deſſen Leute nach dem Fluß, mit nur wenigem Gefolge, indem er von neun bis zehn Fremden nichts befuͤrchtete, da ſie von ſeinem Heer umringt waren. Nachdem der Cazike ſich in dem Fluß ge⸗ badet, wurde ihm hinter Ojeda aufs Pferd geholfen und ihm die Handfeſſeln angelegt. Auf dieſe Weiſe paradirten ſie unter den Wilden umher, welche erſtaunt waren, ihren Ca⸗ ziken in blitzendem Schmuck auf einem dieſer furchtbaren Thiere zu erblicken. Ojeda machte einige Touren im Kreiſe, um Raum zu gewinnen, ſein kleiner Trupp folgte, und die Indianer fuhren erſchreckt vor den ſich baͤumenden Roſſen zuruͤck. Endlich begann er einen weiten Umritt nach dem Walde, bis ihn die Baͤume dem Angeſicht der Truppen ent⸗ zogen. Sein Gefolge draͤngte ſich jetzt dicht um ihn, zog die Schwerter und drohte Caonabo augenblicklich zu ermorden, wenn er nur im geringſten ein Geraͤuſch mache oder Wider⸗ ſtand leiſte, wiewohl die Kette mit den Handringen das letztere bereits unmoͤglich machte. Sie banden ihn mit Stricken an Ojeda feſt, um das Herabfallen oder Losmachen zu verhindern, gaben ihren Roſſen die Sporen, ſetzten uͤber den Yagua und ſprengten durch die Waͤlder mit ihrer Beute davon.*) —— 8 Dieſe romantiſche Kriegsthat des Ojeda wird ausführlich erzählt von Las Caſas, von ſeinem Compilator Herrera (decad. 1., 1. II. c. 16.) von Fernando Pizarro in ſeinen Varones IIlustres del nuevo mundo, und von — 214— Sie hatten nun funfzig bis ſechzig Stunden durch die Wildniß auf ihrem Wege nach Hauſe zuruͤckzulegen, und mußten durch verſchiedene große indianiſche Doͤrfer reiten. Sie waren mit ihrem Gefangenen der Verfolgung ſeiner Unterthanen entgangen; aber die groͤßte Wachſamkeit war noͤthig, um ſein Entkommen auf dieſer langen und ſchwie⸗ rigen Reiſe zu verhindern und alle Feindſeligkeiten irgend eines verbuͤndeten Caziken zu umgehen. Sie mußten daher die bevoͤlkerten Theile des Landes meiden, oder in geſtrecktem Gallop durch die indianiſchen Doͤrfer jagen. Sie litten viel von der Anſtrengung, vom Hungern und Wachen, hatten manche Gefahren auszuſtehen, die vielen Fluͤſſe zu durchwaten oder hinuͤberzuſchwimmen, ſich durch die großen dichtver⸗ wachſenen Waldungen zu winden und uͤber die hohen felſigen Gebirge zu klettern. Sie vollfuͤhrten alles mit gluͤcklichem Erfolg und Ojeda betrat Iſabella im Triumph uͤber die aͤußerſt verwegene, ihm ganz aͤhnlich ſehende Unternehmung, ſeinen wilden indianiſchen Kaͤmpfer als Gefangenen hinter ſich aufs Roß gebunden. Columbus konnte ſich nicht enthalten, ſeine große Zufrie⸗ denheit daruͤber auszudruͤcken, daß dieſer gefaͤhrliche Feind in ſeine Haͤnde geliefert war. Der ſtolze Caraibe maß ihn Charlevoir in der Geſchichte von St. Domingo. Peter Martyr und andere geben ſie ⸗gedrängter, andeutungs⸗ weiſe, ohne die romantiſchen Details mitzutheilen. — — —j— — 2¹15— mit einem hochmuͤthigen und unbezaͤhmten Blick, es ver⸗ achtend, ſich ihn durch Unterwerfung zu verſoͤhnen, oder durch Abbitte ſeiner Rache zu entgehen wegen des Blutes der weißen Maͤnner, welches er vergoſſen hatte. Er beugte niemals ſeinen Geiſt unter das Joch der Sclaverei, im Ge⸗ gentheil, obgleich ganz der Gnade der Spanier uͤberlaſſen, zeigte er jene kuͤhne Verachtung, welche einen Theil des indianiſchen Heroismus ausmacht, den die Wilden gegen ihre Peiniger, ſelbſt unter den Qualen des Scheiterhaufens und der Anpfaͤhlung noch behaupten. Er ruͤhmte ſich ſogar der Heldenthat, das Fort La Navidad uͤberfallen und ver⸗ brannt und die Beſatzung erſchlagen zu haben, und erklaͤrte, daß er insgeheim auch Iſabella umſpuͤrt und die Hoffnung genaͤhrt habe, ſie durch dieſelben Verwuͤſtungen zu Grunde zu richten. Columbus bewunderte den wilden Heroismus dieſes trotzigen Haͤuptlings, aber er hielt ihn fuͤr einen zu gefaͤhr⸗ lichen Feind, als daß er ihn zum Wohl der Inſel nicht ſorgfaͤltig haͤtte bewachen ſollen. Er beſchloß, ihn nach Spanien zu ſenden; mittlerweile aber ließ er ihn mit Guͤte und Achtung behandeln und gab ihm eine Wohnung in ſeinem eignen Hauſe, wo er ihn jedoch als Gefangenen in Ketten hielt, wahrſcheinlich in denſelben glaͤnzenden Feſſeln, die ihn verblendet hatten. Dieſe Vorſicht muß bei der Un⸗ ſicherheit ſeines Gefaͤngniſſes noͤthig geweſen ſeyn; denn Las Caſas bemerkt, da das Admirals⸗Haus nicht ge⸗ raͤumig geweſen und wenige Zimmer gehabt, ſo habe — 216— man den gefangenen Haͤuptling von dem Eingang aus ſehen koͤnnen.*) Caonabo behielt ſtets das ſtolze Benehmen gegen Co⸗ lumbus bei, waͤhrend er nicht die mindeſte Gereiztheit gegen Ojeda zeigte wegen der Liſt, durch welche er ſein Gefange⸗ ner geworden war. Vielmehr vermehrte dieſelbe ſeine Be⸗ wunderung gegen ihn, als einen vollendeten Krieger, indem er es als einen Meiſterſtreich anſah, wie jener ihn uͤberwaͤltigt und gleichſam wie ein Falke aus der Mitte ſeiner Krieger herausgeholt habe. Nichts wird von den Indianern im Felde mehr bewundert, als eine wohl angelegte und gut aus⸗ gefuͤhrte Kriegsliſt. 2 44 Columbus war gewohnt, ſich als Admiral und Vieekoͤnig mit vieler Wuͤrde und Autoritaͤt zu benehmen und verlangte große perſoͤnliche Reſpectsbezeugungen. Wenn er in das Zimmer trat, wo Caonabo angefeſſelt ſaß, ſtanden alle An⸗ weſende nach der Gewohnheit auf und machten ihm ihre Verbeugung. Der Cazike allein bewegte ſich nicht und nahm gar keine Notiz von ihm. Dagegen aber, wenn Ojeda hereintrat, obgleich er ein kleiner Mann und ohne aͤußer⸗ liches Anſehen war, ſtand Caonabo augenblicklich auf und begruͤßte ihn mit großer Achtung. Als er um die Urſache gefragt wurde, da doch Columbus Guamiquina oder Be⸗ fehlshaber uͤber alle ſey und Ojeda nur einer ſeiner Unter⸗ gebenen, erwiederte der ſtolze Caraibe, der Admiral habe —— ᷣ·— *) Las Casas hist, Ind. I. I. c, 102. —— — 217— niemals gewagt, ihn in ſeinem Hauſe aufzuſuchen und ihn gefangen zu nehmen, ſondern nur durch die Tapferkeit Ojeda's ſey er ſein Gefangener; dieſem ſey er daher Ver⸗ ehrung ſchuldig, nicht dem Admiral.*)* Die Gefangennehmung Caonabo's wurde von ſeinem Volke tief empfunden, denn die Eingebornen dieſer Inſel ſchienen im Allgemeinen ſehr gute Unterthanen und ihren Caziken ausnehmend ergeben geweſen zu ſeyn. Einer von Caonabo's Bruͤdern, ein Krieger von großer Kuͤhnheit und Gewandtheit, unter den Indtanern fehr beliebt, verſammelte ein Heer von mehr als ſiebentauſend Mann und fuͤhrte es heimlich in die Naͤhe von St. Thomas, wohin Ojeda wieder als Commandant gegangen war. Seine Abſicht ging dahin, eine Anzahl von Spaniern zu uͤberfallen, um ſie gegen den Bruder auszuwechſeln. Ojeda hatte, wie gewoͤhnlich, Nach⸗ richt von ſeinem Plan, aber dieſesmal verſchloß er ſich nicht in feine Feſtung. Da er von dem Adelantado eine Verſtaͤr⸗ kung rerhalten hatte, ſo ließ er eine hinreichende Anzahl als Beſatzung zuruͤck und zog mit den uͤbrigen und mit ſeiner kleinen Reiterei kuͤhn den Wilden entgegen. Der Bruder Caonabo's entwickelte bei dem Herannahen der Spanier einige Tactik und vertheilte ſein Heer in fuͤnf Bataillone. Aber der ſtuͤrmiſche Angriff Ojeda's, welcher nach ſeiner Gewohnheit ſich wuͤthend mit ſeiner kleinen Schaar von Reitern auf den Feind ſtuͤrzte, verhreitete unter den india⸗ I 1 *) Ias Casas hist, Ind, 1 1. c, 102. — 218— niſchen Kriegern einen paniſchen Schrecken. Sie konnten den fuͤrchterlichen Anblick dieſer in Stahlruͤſtungen glaͤnzen⸗ den Weſen nicht ertragen, wie ſie die blitzenden Waffen hand⸗ habten und auf Thieren daherkamen, welche reißende wilde Beſtien zu ſeyn ſchienen. Sie warfen die Waffen weg und ergriffen die Flucht. Viele wurden erſchlagen, noch mehrere zu Gefangenen gemacht; unter den letzteren befand ſich auch Caonabo's Bruder, welcher in einer edlen, doch verzweifel⸗ ten Sache ritterlich gefochten hatte. 8) Funftes Kapeit el. Ankunft des Antonio de Torres mit vier Schiffen aus Spanien. Seine Rückkehr mit indianiſchen Sclaven. (1494.) Die Colonie litt noch immer ſehr an Lebensmitteln Man⸗ gel; die europaͤiſchen Vorraͤthe waren faſt erſchoͤpft, und die Unbeſorgtheit und Unvorſichtigkeit der Coloniſten oder 9 Oviedo cronica de las Indias I. III. c, 1. Char- 2 1evon hist. St. Domingo 1 IIL p. 131. 1 ——— — 219— die Verwirrung, in welche ſie die Feindſeligkeiten der Ein⸗ gebornen gebracht hatten, war ſo groß, oder ihre blinde Gier nach edlen Metallen war ſo heftig, daß ſie die wah⸗ ren Reichthuͤmer der Inſel, ihren herrlichen, uͤppigen Bo⸗ den vernachlaͤſſigten, und mitten in ſeiner Fruchtbarkeit in beſtaͤndiger Gefahr ſchwebten, zu verhungern. Endlich wurden ihre Leiden durch die Ankunft von vier Schiffen unter dem Commando des Antonio Torres geen⸗ det. Sie brachten reichliche Zufuhr von Lebensmitteln, wo⸗ durch große Freude verbreitet wurde. Es kamen auch ein Arzt und ein Apotheker mit, deren Huͤlfe bei dem hinfaͤlli⸗ gen Geſundheitszuſtande in der Colonie ſehr noͤthig war, aber noch willkommner waren die Mechaniker, Muͤller, Fi⸗ ſcher, Gaͤrtner und Landwirthe— eine wahrhaft heilſame Bevoͤlkerung fuͤr die Colonie, geeignet mit den beſten Kraͤf⸗ ten des Landes zu wuchern und jenen Austauſch nützlicher Arbeiten und nothwendiger Lebensbeduͤrfniſſe zu bewerkſtelli⸗ gen, welcher eine Gemeine wohlhabend und ſelbſtſtaͤndig macht. 4 Die Briefe von den Souverainen, welche Torres mit⸗ brachte(ſie waren am 16. Auguſt 1494 erlaſſen) hatten den belohnendſten Inhalt, ſie druͤckten die hoͤchſte Zufrie⸗ denheit uͤber die von dem Admiral nach Hauſe geſandten Berichte aus, und enthielten die Anerkennung, daß alles ſich im Laufe ſeiner Entdeckungen ſo ausgewieſen habe, wie es von ihm vorausgeſagt worden. Sie zeigten den lebhaf⸗ teſten Antheil an den Angelegenheiten der Colonie und gaben den Wunſch zu erkennen, oͤftere Nachrichten uͤber den Zu⸗ — 220— ſtand derſelben zu erhalten, mit dem Vorſchlage, daß jeden Monat eine Caravele von Iſabella und von Spanien ab⸗ ſegeln ſolle. Sie benachrichtigten ihn, daß alle Differenzen mit Portugal friedlich beigelegt ſeyen und machten ihn mit dem angenommenen Vorſchlag dieſer Macht uͤber jene Linie bekannt, welche ihre neuentdeckten Beſitzungen treunen ſolle, mit der Aufgabe, daß er dieſer Uebereinkunft im Verfolge ſeiner Entdeckungen nachzukommen habe. Was die genaue⸗ ren Beſtimmungen dieſer Uebereinkunft mit Portugal und die Art betreffe, wie die vorgeſchlagene Linie zu ziehen waͤre, ſey es wichtig, den beſten Rath zu hoͤren; die Souveraine forderten daher Columbus auf, zuruͤckzukehren und bei der Convention gegenwaͤrtig zu ſeyn, oder im Fall dieſes nicht angehe, ſeinen Bruder Bartholomeo oder eine andere Per⸗ ſon zu ſenden, die er fuͤr voͤllig competent halte, mit allen Karten, Plaͤnen und Zeichnungen verſehen, welche zu der Unterhandlung dienlich ſeyn moͤchten.*). Ein anderes Schreiben war an die Bewohner der Colo⸗ nie im Allgemeinen gerichtet, ſowie an alle, die auf Ent⸗ deckungsreiſen ausgehen wuͤrden; es empfahl ihnen, dem Co⸗ lumbus eben ſo unbedingt zu gehorchen, wie den Souverai⸗ nen ſelbſt, unter Androhung ihrer hoͤchſten Ungnade und einer Geldbuße von zehntauſend Maravedi's fuͤr jede Pflicht⸗ verletzung. 1 Auf dieſe Art wurde das wohlverdiente Vertrauen aus⸗ gedrückt, welches die Souveraine gegenwaͤrtig auf Columbus *) Herrera decad. I, lib, II. c. 17. ———— — — 221— ſetzten, doch aber bald im Keime zerſtoͤrt werden ſollte durch die hinterliſtigen Berichte unwuͤrdiger Maͤnner. Er wurde ſchon im Geiſte die Klagen und Verlaͤumdungen inne, die von der Colonie nach Hauſe gelangt waren und durch das Anſehen Margarites und des Pater Boyle Glauben er⸗ hielten. Er wurde es inne, daß er nur unſicheren Fuß ge⸗ faßt habe, wie es mit einem Ankoͤmmling immer im Dienſte eines fremden Landes geht, wo er keine Freunde, noch Ver⸗ bindungen hat, die ihn halten koͤnnen, und wo ſelbſt ſeine wahren Verdienſte nur dazu gemacht ſind, die Heftigkeit des Neides zu vermehren, der ihn ſtuͤrzen ſoll. Seine Be⸗ muͤhungen, die Bearbeitung der Goldminen zu foͤrdern und die Huͤlfsquellen des Landes zu erforſchen, waren durch das ſchlechte Betragen Margarite's und das unordentliche Leben der Spanier uͤberhaupt verhindert worden; doch ſah er vor⸗ aus, daß gerade die Uebel, die ſie ſelbſt hervorgerufen hatten, gegen ihn angefuͤhrt und der Mangel reichen Ertraͤgniſſes dazu benutzt werden wuͤrde, ſeine Unternehmungen in uͤblen Ruf und in Verlegenheit zu bringen. Um dieſe Verlaͤumdungen unwirkſam zu miachen, eilte ſich Columbus ſo viel er konnte mit der Ruͤckſendung der Schiffe, und wuͤrde gern ſelbſt mit zuruͤckgekehrt ſeyn, nicht allein um die Wuͤnſche der Souveraine ruͤckſichtlich ſeiner Gegenwart bei der Feſtſtellung der geographiſchen Linie zu erfuͤllen, ſondern um ſich und ſeine Unternehmungen gegen die Beſchimpfungen ſeiner Feinde zu ſchuͤtzen. Die Krank⸗ heit jedoch, die ihn an's Bett gefeſſelt hielt, verhinderte ſeine Abreiſe, und die Anweſenheit ſeines Bruders Bartho⸗ — 222— lomeo war durchaus noͤthig, um mit ſeiner praktiſchen Klug⸗ heit und ſeinem entſchloſſenan Geiſte die zerruͤtteten Angele⸗ genheiten der Inſel ordnen zu helfen. Es wurde daher be⸗ ſchloſſen, ſeinen Bruder Diego nach Spanien zu ſenden, um die Wuͤnſche der Souveraine zu erfuͤllen, und am Hofe ſeine Sache zu vertreten. Zugleich that Columbus ſein Moͤglich⸗ ſtes, mit den Schiffen genuͤgende Beweiſe von dem Werth ſeiner Entdeckungen nach Spanien zu ſenden. Er uͤber⸗ machte ihnen alles Gold, welches er auftreiben konnte, nebſt Proben von anderen Metallen, ſowie von verſchiednen Fruͤch⸗ ten und wichtigen Pflanzen, die er theils auf Hispaniola, theils auf ſeinen ferneren Reiſen geſammelt hatte. In ſei⸗ nem ungeduldigen Eifer, unmittelbaren Gewinn herbeizu⸗ ſchaffen und die Souveraine fuͤr die Koſten zu entſchaͤdigen, „ welche auf dem koͤniglichen Schatz laſteten, ſandte er zugleich funfhundert indianiſche Gefangene mit hinuͤber, in der Hoff⸗ nung, daß dieſelben als Selaven in Sevilla verkauft werden ſolltin. Es iſt ſchmerzlich, den ſtrahlenden Ruhm des Columbus durch einen ſo haͤßlichen Flecken verdunkelt und die Groͤße ſeiner Unternehmungen durch ſo ſchreiende Verletzung der Menſchenrechte erniedrigt zu ſehen. Die Sitten der Zeit duͤrfen indeſſen zu ſeiner Entſchuldigung angefuͤhrt werden. Vorgaͤnge der Art hatten ſchon laͤngſt bei den Spaniern und Portugieſen in ihren afrikaniſchen Entdeckungen ſtattge⸗ funden, wo der Sclavenhandel eine den groͤßten Quellen der Einnahme ausgemacht hatte. Wirklich war dieſer Ge⸗ brauch von der hoͤchſten Autoritaͤt, von der Kirche ſelbſt — 223— ſanctionirt worden, und die tiefſten Theologen hatten es aus⸗ geſprochen, daß alle barbariſche und unglaͤubige Nationen, die ihr Ohr den Wahrheiten des Chriſtenthums verſchloͤſſen, als gute Beute zu betrachten ſeyen, durch Krieg und Ent⸗ fuͤhrung, zur Gefangenſchaft und Sclaverei. Wenn Colum⸗ bus noch einer praktiſchen Stuͤtze dieſer Lehre bedurfte, ſo fand er ſie in dem Verfahren des Koͤnigs Ferdinand ſelbſt, in ſeinen juͤngſten Feldzuͤgen gegen die Mauren von Gra⸗ nada, bei welchen er ſtets von einer Schaar geiſtlicher Rath⸗ geber umringt war und den Ausſpruch that, daß alles zur Verherrlichung und Verbreitung des Glaubens geſchehe. In dieſem heitigen Kriege, wie man ihn nannte, war es der gewoͤhnliche Gebrauch, Einfaͤlle in das mauriſche Gebiet zu machen, und cavalgadas, nicht bloß von Heerden Vieh, ſondern von Menſchen davonzufuͤhren, und zwar nicht Krie⸗ ger mit den Waſſen in der Hand, ſondern friedliche Land⸗ bewohner, Arbeiter im Felde und huͤlfloſe Weiber und Kin⸗ der. Dieſe wurden auf den Markt von Sevilla oder nach anderen volkreichen Staͤdten gebracht und als Selaven ver⸗ kauft. Die Einnahme von Malaga war ein merkwuͤrdiges Beiſpiel, wie zur Vergeltung fuͤr einen hartnaͤckigen und tapfern Widerſtand, welcher eher Bewunderung als Rache verdient haͤtte, eilftauſend Menſchen beiderlei Geſchlechts, von jedem Rang und Alter, worunter viele hoch gebildete und fein erzogene Leute waren, aus ihren Haͤuſern geriſſen, mit Gewalk von einander getrennt und in ſclaviſche Dienſt⸗ barkeit geruͤhrt wurden, wiewohl die Haͤlfte ihres Loͤſegel⸗ des ſchon bezahlt war. Dieſe Umſtaͤnde koͤnnen freilich nicht — 224— dazu dienen, Columbus zu rechtfertigen, indeſſen doch ſein Betragen entſchuldigen. Er handelte ganz in Uebereinſtim⸗ mung mit den Sitten ſeines Zeitalters und fand in dem Beiſpiele des Herrſchers, welchem er diente, volle Gewaͤhr⸗ ſchaft. Las Caſas, der eifrige und begeiſterte Anwalt der Indianer, der keine Gelegenheit verſaͤumte, um ſich in hef⸗ tigen Ausfaͤllen gegen ihre Sclaverei zu erheben, ſpricht von Columbus mit Nachſicht uͤber dieſen Punkt.„Wenn ſo fromme und gelehrte Maͤnner," ſagt er,„wie ſie die Herr⸗ ſcher zu Fuͤhrern und Lehrern hatten, ſo unbekannt waren mit der Ungerechtigkeit dieſes Gebrauches, iſt es nicht zu verwundern, daß der ungelehrte Admiral dieſen Mißbrauch nicht inne wurde.¹*) —— .) Las Casas hist. Ind. t, 1. c. 122 Ms. Sechſtes Kapitel. Zug des Columbus gegen die Indianer der Vega. Schlacht. (1494) Ungeachtet der Niederlage, welche Ojeda den Indianern beigebracht hatte, unterhielten ſie noch ſtets feindſelige Ab⸗ ſichten gegen die Spanier. Ihren Caziken gefangen und in Ketten zu wiſſen, machte die Bewohner von Magana wuͤ⸗ thend, und die allgemeine Theilnahme, welche andere Staͤmme der Inſel offenbarten, zeigt, wie weit dieſer ein⸗ ſichtsvolle Wilde ſeinen Einfluß erſtreckt hatte und wie ſehr er bewundert wurde. Es waren immer noch thaͤtige und mächtige Verwandte geſchaͤftig, ſeine Befreiung zu verſuchen oder ſeinen Fall zu raͤchen. Einer ſeiner Bruͤder, Mani⸗ caoter mit Namen, ein Caraibe kuͤhn und kriegeriſch wie er ſelbſt, folgte ihm in der Herrſchaft nach. Die Favoritin unter ſeinen Weibern, Anacaona, ſo beruͤhmt wegen ihrer Reize, hatte große Gewalt uͤber ihren Bruder Behechio, Caziken der bevoͤlkerten Provinz Taragua, Durch dieſe Ver⸗ haͤltniſſe entſtand eine heftige und allgemeine Feindſchaft ge⸗ gen die Spanier auf der ganzen Inſel, und der furchtbare Irving's Columbus 4— 6. 1 15 — 226— Bund der Caziken, den Caonabo vergeblich im Zuſtande ſei⸗ ner freien Macht zuſammen zu bringen verſucht hatte, kam durch ſeine Gefangenſchaft zu Stande. Guacanagari, der Cazike von Marien, blieb allein den Spaniern hold geſinnt, gab ihnen zeitige Benachrichtigung von den drohenden Stuͤr⸗ men und bot ſich an, als treuer Verbuͤndeter mit ihnen zu Felde zu ziehen. Die fortdauernden Leiden des Columbus, die Unzulaͤng⸗ lichkeit ſeiner militaͤriſchen Macht und der hinfaͤllige Zuſtand der Coloniſten im Allgemeinen, welche durch Krankheit und Mangel in große koͤrperliche Schwachheit herabgeſunken wa⸗ ren, hatte ihn bisher noch vermocht, alle Mittel zur Ver⸗ ſoͤhnung und jede Liſt zu verſuchen, um den Bund abzu⸗ wenden oder zu ſprengen. Endlich hatte er ſeine Geſund⸗ heit wieder erlangt, und ſeine Leute waren einigermaßen durch die neuen Schiffsvorraͤthe wieder zu Kraͤften gekom⸗ men. In dieſer Zeit erhielt er Nachricht, daß die verbuͤn⸗ deten Caziken wirklich mit großer Streitmacht nur zwei Tagemaͤrſche von Iſabella in der Vega verſammelt ſeyen, mit der Abſicht, einen großen Angriff auf die Niederlaſſung zu wagen, und ſie durch ihre große Anzahl zu uͤberwaͤlti⸗ gen. Columbus beſchloß, durch Schnelligkeit das Feld zu behaupten und den Krieg lieber in das Land des Feindes hinuͤberzuſpielen, als es ihm zu geſtatten, ſich auf ſeine eig⸗ nen Beſitzungen zu werfen. Die ganze kraͤftige und ſtreitbare Mannſchaft, welche er in dem gegenwaͤrtigen hinfaͤlligen Zuſtande der Colonie auf⸗ bringen konnte, berche nicht mehr als zweihundert Mann — 227— zu Fuß und zwanzig Reiter. Sie waren mit Armbruſten, Schwertern, Lanzen und Speeren, oder mit ſchweren Ha⸗ kenbuͤchſen bewaffnet, deren man ſich in dieſen Tagen mit Stuͤtzen oder Lafetten bediente und ſie wohl auch auf Raͤder ſetzte. Mit dieſen furchtbaren Waffen konnte ein Haͤuflein europaͤiſcher Krieger, in Stahl gekleidet und mit Schildern bedeckt, ſich mit tauſend nackten Wilden in einen Kampf einlaſſen. Sie bedienten ſich indeſſen noch einer andern Huͤlfe, welche aus zwanzig Schweiß⸗Hunden beſtand, Thiere, die den Indianern kaum weniger fuͤrchterlich als die Pferde vorkamen, ihnen aber bei weitem verderblicher wurden. Sie waren wild und ohne Furcht; nichts konnte ſie zuruͤckſcheu⸗ chen, und wenn ſie einmal ihre Beute gepackt hatten, war nichts vermoͤgend, ſie loszureißen. Die nackten Koͤrper der Wilden boten keinen Schutz gegen ihre Angriffe. Sie ſpran⸗ gen an ihnen hinauf, warfen ſie zur Erde und riſſen ſie in Stuͤcke. Der Admiral wurde auf dieſem Zuge von feinem Bru⸗ der Bartholomeo begleitet, deſſen Rath und Huͤlfe er bei allen Gelegenheiten ſuchte, und der nicht allein große per⸗ ſoͤnliche Staͤrke und unerſchrocknen Muth beſaß, ſondern auch eine entſchiedene militaͤriſche Geiſtesrichtung hatte. Guacanagari brachte ebenfalls ſeine Leute mit in's Feld, aber weder er noch ſeine Unterthanen waren von kriegeri⸗ ſchem Charakter, und nicht geeignet, beſonderen Beiſtand zu leiſten. Der Hauptvortheil ſeiner Mitwirkung war, daß er ſich von den andern Caziken feindlich geſchieden und die Spanier ſeiner und ſeiner Unterthanen Abhaͤngigkeit ver⸗ 15* — 228— ſichert hatte. In dem gegenwaͤrtigen Kindheits Zuſtande der Colonie hing ihre hauptſaͤchlichſte Sicherheit von der Eifer⸗ ſucht und Zwietracht ab, die man unter den Eingebornen erregen konnte. Es war am 27. Maͤrz 1495, als Columbus von Iſa⸗ bella mit ſeinem kleinen Heere auszog und in Tagemaͤrſchen von zehn Stunden dem Feind entgegen ruͤckte. Er erſtieg wieder den Gebirgspaß der Ritter, von welchem herab er zum erſtenmal die Vega erblickt hatte. Mit wie verſchiede⸗ nen Gefuͤhlen ſah er nun wieder in dieſe Ebene! Die nie⸗ deren Leidenſchaften der weißen Maͤnner hatten bereits dieſe lachenden, reizenden und einſt ſo friedlichen und gaſtfreund⸗ lichen Gegenden in ein Land des Grimms und der Feind⸗ ſeligkeit verwandelt. Wo der Rauch aus einer indianiſchen Stadt hinter den Baͤumen aufſtieg und die heitere Atmo⸗ ſphaͤre uͤberzog, bezeichnete er eine Horde von zornigen Fein⸗ den, und dieſe langgeſtreckten reichen Waldungen unter ih⸗ ren Fuͤßen waren von Schwaͤrmen lauernder Krieger er⸗ füllt. In dem Gemaͤlde, welches ſeine Einbildungskraft ſich von der friedfertigen harmloſen Natur dieſes Volkes entwor⸗ fen, hatte er ſich oft mit der Vorſtellung geſchmeichelt, als ein Schirmer und Wohlthaͤter uͤber ſie zu herrſchen, nun aber fand er ſich zu der Rolle des Eroberers mit Gewalt getrieben. 3 Die Indianer hatten durch ihre Kundſchafter von ſeiner Ankunft Nachricht erhalten, und wiewohl ſie von dem Krieg der weißen Maͤnner ſchon einige Kenntniß hatten, ſo waren ſie doch von Vertrauen auf ihre große Uebermacht beſeelt, — 229— welche ſich wie man ſagt auf hundert tauſend Mann be⸗ lief.*) Dieſes iſt wahrſcheinlich eine Uebertreibung, denn da die Indianer nie in Schlachtordnung in's offene Feld ruͤcken, ſondern in den Waͤldern verſteckt liegen, ſo iſt es ſchwer, ihre Streitkraͤfte zu berechnen. Auch ſind ihre ra⸗ ſchen Bewegungen und ihre ploͤtzlichen Ausfaͤlle und Ruͤckzuͤge in verſchiedenen Richtungen, bei dem wilden Geſchrei und Rufen aus entgegengeſetzten Theilen der Waldungen, wohl geeignet, eine uüͤbertriebene Vorſtellung von ihrer Zahl zu veranlaſſen. Die Heeresmacht der Indianer muß jedoch groß geweſen ſeyn, da ſie aus den vereinigten Horden mehrerer Caziken diefes volkreichen Inſellandes beſtand. Sie wurden von Manicaotex, dem Bruder Caonabo's gefuͤhrt. Die In⸗ dianer, welche wenig im Rechnen geuͤbt und nicht im Stande waren, uͤber zehn zu zaͤhlen, hatten eine einfache Art, die Macht des Feindes zu berechnen und zu beſchreiben, indem ſie fuͤr jeden Krieger ein Korn von Mais oder indianiſchem Getraide zaͤhlten. Wenn daher die Spione, die von den Felſen und Dickichten aus den Marſch des Columbus beob⸗ achtet hatten, nur mit einer Handvoll Koͤrnern, als dem Belaufe ſeiner Heereskraft, zuruͤckkamen, ſpotteten die Cazi⸗ ken uͤber eine ſo erbaͤrmliche Anzahl, die ſich gegen ihre zahlloſe Menge heranwage.*) Columbus ruͤckte nahe an den Feind herbei, ungefaͤhr zu der Stelle, wo nachmals die Stadt St. Jago erbaut *) Las Casas hist. Ind. I, 1, c. 104. MS. **) Las Cassas l. c. — 230— wurde. Nachdem ſie ſich der großen Macht der Indianer verſichert hatten, gab Don Bartholomeo den Rath, daß ſich die kleine Armee in Detachements theilen und den An⸗ griff auf verſchiedenen Stellen zugleich beginnen ſolle. Die⸗ ſer Plan wurde angenommen. Die Infanterie trennte ſich in mehrere kleinere Corps und brach ploͤtzlich von verſchied⸗ nen Seiten mit großem Laͤrm von Trommeln und Trompe⸗ ten und verheerender Abfeurung ihrer Schießgewehre aus dem Dickicht der Waͤlder hervor. Die Indianer geriethen in große Furcht und Verwirrung. Von jeder Seite ſchien ein Heer auf ſie einzudringen, ihre Kriegsgefaͤhrten wurden von den Kugeln der Hakenbuͤchſen niedergeſtreckt, die wie Donner und Blitze aus den Waͤldern hervorraſſelten. Waͤhrend ſie durch dieſe Angriffe zuſammengejagt und in Verwirrung gebracht wurden, ſetzte Alonzo de Ojeda mit Heftigkeit ihrem Centrum mit ſeiner Reiterei zu, und bahnte ſich mit Lanze und Saͤbel den Weg in ihre Mitte. Die Pferde warfen die erſchreckten Indianer nieder, waͤhrend die Reiter ihre Streiche ohne Gegenwehr nach allen Seiten fuͤhrten. Die Schweißhunde wurden nun auch losgelaſſen und ſprangen mit Blutgier auf die nackten Wilden ein, packten ſie bei der Gurgel, warfen ſie auf die Erde und riſſen ihnen die Eingeweide aus dem Leibe. Die Indianer, ſolcher großen und furchtbaren vierfuͤßigen Thiere ungewohnt, erſchracken heftig uͤber ihre wäͤthenden Angriffe. Sie hiel⸗ ten die Pferde fuͤr eben ſo unbaͤndig und reißend. Der Kampf, wenn man es ſo nennen kann, war von kurzer Dauer. Welchen Widerſtand konnte ein Haufe von nackten, — 231— unkriegeriſchen und undisciplinirten Wilden leiſten, mit kei⸗ nen anderen Waffen als mit Keulen und mit hoͤlzernen Speeren und Pfeilen verſehen, gegen Soldaten in Eiſen ge⸗ kleidet, mit Waffen von Stahl, mit furchtbaren Feuerge⸗ ſchoſſen und von wuͤthenden Ungeheuern unterſtuͤtzt, deren Anblick ſchon hinreichend war, das Herz des wildeſten Krie⸗ gers zittern zu machen. Die Indianer entflohen nach allen Richtungen mit Ge⸗ ſchrei und Geheul; einige kletterten auf die Spitzen der Fel⸗ ſen und Abhaͤnge, von wo ſie flehentliche Bitten herabſand⸗ ten und vollkommne Unterwerfung verſprachen; viele wur⸗ den erſchlagen, viele zu Gefangenen gemacht; der Bund war fuͤr den Augenblick voͤllig geſprengt und auseinander⸗ gejagt. Guacanagari hatte die Spanier ſeinem Verſprechen ge⸗ maͤß in's Feld begleitet, aber er war wenig mehr als ein bloßer Zuſchauer bei dieſer Schlacht oder vielmehr Nieder⸗ lage. Er hatte keinen kriegeriſchen Geiſt, und ſowohl er als auch ſeine Unterthanen muͤſſen mit Entſetzen vor dieſer ungewohnten und fuͤrchterlichen Kriegfuͤhrung zuruͤckgebebt haben, obgleich die Sieger ihre Alliirten waren. Seine Theil⸗ nahme an den Feindſeligkeiten der weißen Maͤnner wurde ihm von den andern Caziken niemals vergeben, und er kehrte von dem Haß und den Verwuüͤnſchungen aller Inſulaner uͤberhaͤuft in ſeine Gebiete zuruͤck. Siebentes Kapitel. Unterjochung der Eingebornen. Auferlegung von Tribut.. (1494.) Columbus verfolgte ſeinen Steg, indem er einen millitaͤri⸗ ſchen Zug durch verſchiedne Theile der Inſel unternahm, und ſie zum Gehorſam zuruͤckfuͤhrte. Die Eingebornen machten da und dort Verſuche, ſich zu widerſetzen, wurden aber bald gebaͤndigt. Der Trupp Reiter unter dem Com⸗ mando Ojeda's zeigte ſich von großer Wichtigkeit in dieſem Dienſte, wegen der Schnelligkeit ihrer Bewegungen und ins⸗ beſondere wegen des großen Schreckens und Entſetzens, welche die Pferde einfloͤßten. Fuͤr Ojeda war kein Dienſt zu wild und gewagt. Wenn ſich irgend der Anſchein zu ei⸗ nem Kriege in einem entfernten Theile des Landes ergab, ſo drang er mit ſeiner kleinen Schwadron durch die Dickichte der Waͤlder, und ſtuͤrzte ploͤtzlich wie ein Donnerkeil auf den Feind, indem er alle Anſchlaͤge deſſelben zunichte machte und ſich auf der Stelle den Gehorſam erzwang. Die Koͤnigs⸗Vega war bald zur Unterwuͤrfigkeit zuruͤck⸗ gebracht. Da ſie eine unermeßliche Ebene und voͤllig gleich — 233— war, ſo konnte ſie die Reiterei bald durchlaufen, deren An⸗ blick dann Entſetzen in den zahlreichſten Doͤrfern verbreitete. Guarionexr, ihr unumſchraͤnkter Cazike, hatte einen ſanften friedlichen Charakter, und obgleich er ſich von der Auffor⸗ derung der benachbarten Caziken zum Krieg hatte reizen laſſen, ſo unterwarf er ſich doch ohne großen Widerſtand der Herrſchaft der Spanier. Mantcaoter, der Bruder Cao⸗ nabo's, ward gleichfalls genoͤthigt, um Frieden zu bitten, und da er das Haupt und der Stifter des Bundes war, ſo folgten die anderen Caziken ſeinem Beiſpiele. Nur Behechio, der Cazike von Paragua und Schwager Caonabo's, machte keine Antraͤge zur Unterwerfung. Seine Territorien lagen entfernt von Iſabella, am weſtlichen Ende der Inſel, um eine weite Bai, die Bucht von Leogan genannt, und auf der langen Halbinſel, welche Cap Tiburon heißt. Sie wa⸗ ren ſchwer anzugreifen, und bis jetzt von den weißen Maͤn⸗ nern noch nicht heimgeſucht worden. Er zog ſich in ſeine Gebiete zuruͤck und nahm ſeine Schweſter, die liebliche Ana⸗ caona, Gattin Caonabo's mit, die er mit bruͤderlicher Zu⸗ neigung bei ihrem Ungluͤck troͤſtete, und welche bald eine eben ſo einflußreiche Perſon uͤber ſeine Unterthanen wurde wie er ſelbſt, und in der Folge beſtimmt war, bei den Vor⸗ gaͤngen auf der Inſel eine Rolle zu ſpielen. Durch den Bund der Caziken genoͤthigt, das Feld als Sieger zu beſchreiten, behauptete Columbus jetzt das Recht des Eroberers und zog in Ueberlegung, wie er wohl die Unterjochung am beſten zu einer Quelle der Einnahme benutzen koͤnne. Seine aͤngſtliche Sorge war ſtets, wie er — 234— nach Spanien reiche Schiffsladungen zuruͤckſenden moͤchte, um die Svuveraine fuͤr ihre großen Koſten ſchadlos zu halten, die ſo hoch geſpannten Erwartungen des Publi⸗ cums zu befriedigen; und vor allem die Verlaͤumdungen derer zu beſchwichtigen, die in der feſten Abſicht nach Hauſe zuruͤckgekehrt waren, von ſeinen Entdeckungen die entmu⸗ thigendſten Beſchreibungen zu machen. Er uͤberwand ſich daher, eine große und unmittelbare Einnahme von der Inſel zu fordern, indem er den unterjochten Provinzen ſchwe⸗ ren Tribut auferlegte. In denen der Vega, in Cibao und in allen Gegenden, wo Minen waren, wurde jeder Indianer uͤber vierzehn Jahre angehalten, alle drei Monate das Maaß einer niederlaͤndiſchen Falken⸗Schelle voll Gold⸗ ſtaub zu liefern.*) Die Caziken hatten ein viel groͤßeres Maaß als Tribut zu entrichten. Manicaoter, Caonabo's Bruder ward beſonders verpflichtet, alle drei Monate eine halbe Calabaſche voll Gold zu liefern, welches hundert und fuͤnfzig Peſos betrug. In jenen Diſtricten, welche von den Minen entfernt lagen und kein Gold hervorbrachten, war jeder Bewohner gehalten, alle drei Monate eine Ar⸗ roba(fuͤnf und zwanzig Pfund) Baumwolle zu entrichten. *) Eine Falken⸗Schelle enthält, nach Las Caſas(hist. Ind. 1. I. c. 105) ungefähr drei Caſtellanos an Goldſtaub, welches gleich fünf Dollars und im Verhältniß des da⸗ maligen höheren Goldwerthes gleich heutigen fünfzehn Dollars iſt. Eine Quantität Gold von 150 Caſtellanos betrug ſiebenhundert und acht und neunzig Dollars heu⸗ tigen Werthes. — 235— Jeder Indianer erhielt, bei Ablieferung ſeines Tributs, als Beweisſtuͤck der Zahlung eine kupferne Muͤnze, die er am Halſe tragen ſollte; diejenigen, welche ohne dieſe Muͤnzen gefunden wuͤrden, ſollten der gefaͤnglichen Haft und der Strafe verfallen ſeyn. Die auf ſolche Weiſe auferlegten Taxen und Tribute laſteten ſchwer auf den Eingebornen, welche von ihren Ca⸗ ziken nur gering beſteuert waren, und die Caziken ſelber fanden die Auflagen unertraͤglich druͤckend. Guarioner, der Beherrſcher der Koͤnigs⸗Vega, ſtellte dem Columbus die Schwierigkeiten vor, welche ſich der Erfuͤllung dieſer Tri⸗ butzahlung entgegenſetzten. Seine uͤppige fruchtbare Ebene lieferte kein Gold; und wiewohl die Berge an ſeinen Graͤn⸗ zen Minen enthielten, und die dortigen Baͤche und Stroͤme in ihrem Sande Goldſtaub herabfuͤhrten, ſo waren doch ſeine Unterthanen in der Kunſt des Goldwaſchens nicht bewandert. Er bot ſich daher an, ſtatt des geforderten Tributes, einen Strich Landes quer durch die Inſel von Meer zu Meer mit Getraide anzubauen, in einer Ausdeh⸗ nung, ſagt Las Caſas, daß man damit ganz Caſtilien auf zehn Jahre mit Brod haͤtte verſehen koͤnnen.*) Sein Anerbieten wurde ausgeſchlagen. Columbus wußte, daß nur Gold allein die in Spanien erregten Traͤume er⸗ fuͤllen, und ſeinen Unternehmungen Erfolg und Popula⸗ ritaͤt ſichern koͤnne. Da er jedoch die Schwierigkeiten ein⸗ ſah, die es den Indianern machte, den geforderten Betrag *) Las Casss hist. Ind. I, 1. c. 105. — 236— an Gold herbeizuſchaffen, ſo ermaͤßigte er den Tribut auf die Haͤlfte einer ſolchen Schelle. Es iſt ein ſonderbarer Umſtand, und kann einigen poetiſchen Stoff herleihen, daß dies Elend der armen Eingebornen buchſtaͤblich mit dem⸗ ſelben klingenden Spielzeug gemeſſen wurde, welches ſie zu⸗ erſt beruͤckt hatte. 3 Um die Einzahlung dieſes Tributes zu erzwingen und und die Unterwerfung der Inſel zu ſichern, ſetzte Columbus die ſchon erbauten Veſten in einen ſtaͤrkeren Vertheidigungs⸗ zuſtand, und errichtete noch andere. Außer der von Iſa⸗ bella und der von St. Thomas in den Bergen von Cibao, entſtand jetzt das Fort Magdalena in der Koͤnigs⸗Vega, drei bis vier Stunden von dem Orte, wo nachmals die Stadt Santiago erbaut wurde; eine andre, deren Lage man nicht mehr weiß, wurde Catalina genannt; noch eine andre mit Namen Esperanza lag an dem ufer des Flußes Yagua in Cibao; aber die wichtigſte der neuerrichteten Feſtungen war das Fort Conception in einer der fruchtbarſten und reizendſten Gegenden der Vega, ungefaͤhr funfzehn Stunden oͤſtlich von Magdalena, zut Bewachung der ausgedehnten und volkreichen Gebiete des Caziken Guarionex.*) Auf dieſe Weiſe wurde der Inſel das Joch der Knecht⸗ ſchaft auferlegt und ihre Selaverei durch wirkſame Mittel geſichert. Tiefe Verzweiflung bemaͤchtigte ſich nun der Ein⸗ gebornen, wie ſie einen ewigen Tribut ſich auferlegt ſahen, *) Las Casas, hist, Ind, I. I. c. 110. ——˖Q———— — 237— der in beſtimmten und bald wiederkehrendensEpochen von ihnen erzwungen wurde. Schwach und traͤge von Natur, jeder Arbeit ungewohnt, und in der zwangloſen Gluͤck⸗ ſeligkeit ihres ſanften Clima's und ihrer fruchttragenden Haine erzogen, ſchien ihnen ſelbſt der Tod einem Leben voll Muͤhſeligkeit vorzuziehen. Sie ſahen kein Ende dieſes beaͤngſtigenden Uebels, welches ſo ploͤtzlich uͤber ſie herein⸗ gebrochen war, kein Entkommen aus ſeiner allſeitigen Ge⸗ genwart; keine Ausſicht, jemals wieder zu der gluͤcklichen Unabhaͤngigkeit und dem freien ungebundenen Leben zuruͤck⸗ zukehren, welches den wilden Bewohnern der Waͤlder ſo unendlich theuer iſt. Das heitere Daſeyn war auf der In⸗ ſel dahin, der Traum im Schatten des Tages, der Schlum⸗ mer in der brennenden Mittagshitze an der Quelle, an dem Strom, oder unter den weithinſchattenden Palmbaͤumen, und der Geſang, der Tanz, das Spiel an den heiteren Abenden, wo ſie durch die rauhe indianiſche Trommel zu den einfachen Luſtbarkeiten aufgeboten wurden; das alles war auf ewig dahin. Nun waren ſie gezwungen, tagtaͤglich mit gebüͤcktem Koͤrper und aͤngſtlichem Auge dahin zu kriechen an den Ge⸗ ſtaden ihrer Fluͤſſe, und den Sand durchzuſchwemmen, um die Goldkoͤrnchen herauszufinden, welche jeden Tag weniger wurden; oder im Felde zu arbeiten in der Hitze ihrer tro⸗ piſchen Sonne, um Nahrung fuͤr ihre Zuchtmeiſter zu ſammeln oder den Tribut von Vegetabilien zu gewinnen, der ihnen auferlegt war. Sie ſanken Abends müͤde und er⸗ ſchoͤpft in Schlaf, mit der Gewißheit, daß der folgende — 238— Tag nur eine Wiederholung derſelben Anſtrengung und Muͤhſeligkeit ſeyn werde. Wenn ſie ſich dazwiſchen einmal ihren Nationaltaͤnzen uͤberließen, waren die Balladen, welche dabei vorkamen, von einem melancholiſchen und klagenden Charakter. Sie ſprachen von den verfloſſenen Zeiten, ehe die weißen Maͤnner ihnen Sorgen und Sclaverei und druͤk⸗ kende Arbeiten auferlegt, und erzaͤhlten angebliche Prophe⸗ zeihungen ihrer Vorfahren, welche die Einfaͤlle der Spanier geweiſſagt hatten: es ſollten Fremdlinge auf ihre Inſel kommen, in großem Schmuck und mit Schwertern, die einen Mann durch und durch ſpalten koͤnnten, unter deren Joch ihre Nachkommen ſeufzen wuͤrden. Dieſe Balladen oder Areytos ſangen ſie mit traurigen Toͤnen und klagenden Stimmen, indem ſie den Verluſt ihrer Freiheit und die druͤckende Sclaverei bejammerten.*) Sie hatten ſich eine Zeit lang mit der Hoffnung ge⸗ ſchmeichelt, daß der Beſuch der Fremden nur voruͤbergehend ſeyn werde, und daß ſie, die großen Segel ausbreitend, auf ihren Schiffen wieder zuruͤck nach ihrer Heimath in den Himmel fahren wuͤrden. In ihrer Einfalt hatten ſie wie⸗ derholt gefragt, wann ſie denn nach Turey oder in den Himmel zuruͤckkehrten. Sie ſahen ſie nun wurzelnden Fuß auf der Inſel faſſen. Sie erblickten die Schiffe leer und roſtend in dem Hafen liegen, indeß die Mannſchaft auf der Inſel umher Wohnungen und Forts erbaute, deren * Peter Martyr decad. 3, lib. IX. —— — 239— ſolide Bauart, ihren eignen ſchwachen Huͤtten unvergleichbar, die Gewißheit fortdauernden Aufenthaltes gab.*) Da ſie alle Verſuche, ſich durch Gewalt von dieſen un⸗ beſiegbaren Eindraͤngern zu befreien, vergeblich fanden, be⸗ ſchloſſen ſie nun eine unſelige verzweiflungsvolle Art von Plage uͤber ſie zu bringen. Sie merkten, daß die Nieder⸗ laſſung ſehr an Vorraͤthen Mangel litt und weſentlich von den Lebensmitteln abhing, welche die Eingebornen lieferten. Auch die Feſtungen im Innern und die in den Doͤrfern einquartierten Spanier verließen ſich in ihrem Unterhalt faſt gaͤnzlich auf ſie. Sie machten daher unter einander aus, ſie wollten ihre Feldfruͤchte nicht mehr bauen, keine Wur⸗ zeln und keinen Mais, die ihre Hauptnahrung ausmachten, und die heranwachſende Erndte zerſtoͤren, in der Hoffnung, daß ſie auf dieſe Art durch Hungersnoth die Fremdlinge von der Inſel wegbringen wuͤrden. Sie ahneten nicht, be⸗ merkt Las Caſas, einen der eigenthüͤmlichen Zuͤge der Spa⸗ nier, welche deſto unbeugſamer, und deſto faͤhiger werden, Drangſale zu ertragen, je mehr ſie durch Hunger leiden.*) Sie ſetzten ihren Plan allgemein in Ausfuͤhrung, indem ſie ihre Wohnungen verließen, die Erndten ihrer Felder und Haine verwuͤſteten und ſich in die Berge zuruͤckzogen, wo es Wurzeln und Kraͤuter gab, von denen’ ſie leben *) Las Casas hist. Ind. I. I., c. 106. *⁸) No conociendo la propriedad de los Espanioles, los cuales cuanto mas hambrientos, tanto mayor teson tienen y mas duros son de sufrir y para sufrir. Las Casas, hist. Ind, I. J, c. 106. 1 — 240— konnten, und eine Menge von jenen Kaninchen, die ſie Utia's nannten. 44 Die Maaßregel verurſachte in der That große Bedraͤng⸗ niſſe unter den Spaniern, aber ſie hatten fremde Huͤlfen und waren in die Moͤglichkeit geſetzt, die Noth auszuhalten, indem ſie die eigenen Getraidevorraͤthe von ihren Schiffen zum Theil zum Anbau verwandten. Die unſeligſte Wir⸗ kung ſiel auf die Indianer zuruͤck. Als die in den verſchie⸗ denen Feſtungen garniſonirenden Spanier fanden, daß nicht allein keine Hoffnung zur Erlangung des Tributs, ſondern auch Gefahr einer Hungersnoth durch dieſes muthwillige Verheeren und ploͤtzliche Verlaſſen entſtehe, verfolgten ſie die Eingebornen in ihre Schlupfwinkel, um ſie mit Ge⸗ walt zur Arbeit zuruͤckzufuͤhren. Die Indianer nahmen ihre Zuflucht zu den unfruchtbarſten und abſchreckendſten Gebirgshoͤhen, von einem wilden Aufenthalte zum andern fliehend, die Weiber mit ihren Kindern in den Armen oder auf dem Ruͤcken, alle von Mattigkeit und Hunger erſchoͤpft und von beſtäͤndiger Unruhe geaͤngſtigt. In jedem Geraͤuſche des Waldes oder der Berge glaubten ſie das Nahen ihrer Verfolger zu hoͤren; ſie verſteckten ſich in dumpfige unge⸗ ſunde Hoͤhlen, oder hinter felſige Uferſtellen und Kluͤfte der Stroͤme. Nicht wagend, zu jagen oder zu fiſchen, oder ſelbſt nur ſich naͤhrende Wurzeln und Kraͤuter zu ſuchen, mußten ſie ihren heftigen Hunger mit ungeſunder Koſt ſtillen. Auf dieſe Art fanden viele Tauſende von ihnen einen elenden Tod durch Hunger, Mattigkeit, Schrecken und verſchiedne anſteckende Krankheiten, die durch ihre — 241— Leiden entſtanden. Aller Geiſt des Widerſtrebens war end⸗ lich voͤllig gedaͤmpft; die uͤberlebenden Indianer kehrten in Verzweiflung nach ihren Wohnungen zuruͤck und beugten ſich demuͤthig unter das Joch. Sie bekamen eine ſolche Furcht vor ihren Unterdruͤckern, daß man behauptete, ein. Spanier koͤnne einzeln und ſicher uͤber die ganze Inſel wandern, und die Eingebornen wuͤrden ihn ſogar von Ort zu Ort auf ihren Schultern tragen. Ehe wir zu anderen Ereigniſſen uͤbergehen, mag es hier dienlich ſeyn, das Schickſal Guacanagari's zu erwaͤh. nen, da er in dem Laufe dieſer Geſchichte nicht weiter er⸗ ſcheint. Seine Freundſchaft fuͤr die Spanier hatte ihn von ſeinen Landsleuten getrennt, aber ſie befreite ihn nicht von dem allgemeinen Weh der Inſel. Seine Territorien wurden gleich denen der anderen Caziken einem Tribut unterworfen, welchen zu entrichten ſein Volk, in dem all⸗ gemeinen Widerwillen gegen Arbeiten, ſehr druͤckend fand. Columbus, welcher ſeinen Werth erkannte und ihn haͤtte beſchͤtzen koͤnnen, war lange abweſend, entweder im Innern der Inſel, oder in Europa durch ſein eignes Ungluͤck feſt⸗ gehalten. Mittlerweile vergaßen die Spanier die Gaſtfreund⸗ ſchaft und die Dienſte Guacanagari's, und ſein Tribut wurde mit Haͤrte beigetrieben. Er ſah ſich ſchwer beladen mit den Schmaͤhungen ſeiner Landsleute und umlagert von den Beſchwerden und Klagen ſeiner leidenden Unterthanen. Die Fremdlinge, welchen er in ihrem Ungluͤck beigeſprungen und im eigentlichſten Sinn in dem Schooße ſeiner hei⸗ mathlichen Inſel Pflege gegeben, waren die Tyrannen und Irving's Columbus. 4— 6. 16 * unterdruͤcker derſelben geworden. Sorgen und Muͤhſale und Duͤrftigkeit und unbarmherzige Strenge hatten ihren Fluch uͤber das Land ergoſſen, und es war ihm, als ob er ſelbſt ihn uͤber ſein Geſchlecht herbeigezogen habe. Unfaͤhig, die Feindſeligkeiten ſeiner Mit⸗Caziken zu ertragen und das Elend ſeiner Unterthanen, die Erpreſſungen ſeiner undank⸗ baren Verbuͤndeten mit anzuſehen, ſuchte er am Ende Zu⸗ flucht in den Bergen und ſtarb dort unbekannt und elend.*) Oviedo hat den Verſuch gewagt, den Charakter dieſes indianiſchen Fuͤrſten verdaͤchtig zu machen; doch ſollten die Spanier nicht ihre eigne Undankbarkeit damit zu beſchoͤnigen ſuchen, daß ſie einen Flecken auf ſeinen Namen werfen. Er ſcheint ihnen uͤberall die wahre Freundſchaft bewieſen zu haben, welche ihren Schein ſtrahlend in die dunklen Tage des Ungluͤcks wirft. Er haͤtte vielleicht eine edlere Rolle ſpielen koͤnnen, wenn er ſich mit ſeinen Bruͤdern, den Ca⸗ ziken verbunden haͤtte, um dieſe Eindraͤnger von ſeinem vaterlaͤndiſchen Boden zu verjagen, aber er ſcheint verblen⸗ det geweſen zu ſeyn von der Bewunderung gegen die Frem⸗ den und von ſeiner perſoͤnlichen Anhaͤnglichkeit an Columbus. Er war freigebig, gaſtfrei, theilnehmend und gütig, ganz geeignet, ein ſanftes und unkriegeriſches Volk in den gluͤck⸗ licheren Tagen der Inſel zu regieren, aber durch die Sanft⸗ muth ſeiner Natur unfaͤhig, die herben Drangſale zu ertra⸗ gen, welche der Ankunft der weißen Maͤnner folgten. *) Charlevoix hist. de St. Domingo. I. II. — 243— Achtes Kapitel. Intriguen gegen Columbus am ſpaniſchen Hofe. Aguado's Sendung zur Unterſuchung der An⸗ gelegenheiten von Hispaniola. (1495.) Waͤhrend Columbus bemuüht war, die Uebel zu heben, welche aus dem ſchlechten Betragen Margarite's und ſeiner Gefaͤhrten hervorgingen, war der abtruͤnnige Befehlshaber und ſein ſchlauer Helfershelfer Pater Boyle geſchaͤftig, ſeinen Ruhm am Hofe von Caſtilien zu untergraben. Sie klagten ihn an, daß er die Souveraine und das Publikum durch uͤbertriebene Beſchreibungen von den entdeckten Laͤndern hintergehe; ſie erklaͤrten die Inſel Hispaniola fuͤr eine Quelle von Ausgaben vielmehr, als von Gewinn, und entwarfen ein trauriges Bild von den Leiden der Colonie, welche, wie ſie ſagten, von den Unterdruͤckungen des Columbus und ſeiner Bruͤder herruͤhrten. Sie beſchuldigten ihn, daß er der Gemeinde in einer Zeit, wo uͤberall Krankheit und Hinfaͤlligkeit geherrſcht, unglaubliche Arbeiten auferlegt und den Leuten ihre Rationen unter den ungenuͤgendſten Vor⸗ 16* waͤnden und zu großem Schaden fuͤr ihre Geſundheit vor⸗ enthalten, daß er ferner den gemeinen Mann willkuͤhrlich mit ſtrengen koͤrperlichen Strafen belegt und auf den erſten ſpaniſchen Adel unwuͤrdige Behandlungen gehaͤuft habe. Sie ſagten aber nichts von den Nothfaͤllen, welche die unge⸗ wohnten Arbeiten hervorgerufen, noch von der Traͤgheit und Zuͤgelloſigkeit im Volke, welche Zwang und Zuͤchti⸗ gung erfordert hatten, noch von den aufruͤhreriſchen Raͤnken der ſpaniſchen Edelleute, welche eher mit Nachſicht, als mit Strenge behandelt worden waren. Zu dieſen Klagen fuͤgten ſie noch eine Schilderung von dem verwirrten Zuſtande der Inſel in Folge der Abweſenheit des Admirals, von der Un⸗ gewißheit, welche uͤber ſein Schickſal geherrſcht habe, und wie man nun mit Wahrſcheinlichkeit annehmen koͤnne, daß er bei ſeinen tollkuͤhnen Verſuchen, in unbekannte Meere einzu⸗ dringen und unerſprießiſche Laͤnder zu entdecken, wohl den Tod gefunden habe, Dieſe partheiiſchen und uͤbertriebenen Darſtellungen er⸗ hielten durch die öͤffentliche Stellung des Margarite und Pater Boyle großes Gewicht. Sie wurden durch das Zeug⸗ niß vieler Einzelnen von den unzufriedenen und aufwieg⸗ leriſchen Muͤßiggaͤngern der Colonie unterſtuͤtzt, die mit ihnen zuruͤckgekommen waren. Einige von ihnen hatten Verbin⸗ düngen unter den Vornehmen, welche mit ſpaniſchem Hoch⸗ muthe zu ahnden verſprachen, was ſie anmaßende Eingriffe eines unadlichen Fremden in ihre Rechte nannten. Auf dieſe Weiſe erhielt die Popularitaͤt des Columbus einen toͤdtlichen Schhlag und fing augenblicklich an zu ſinken. Das Vertrauen — 245— der Souveraine wurde ebenfalls geſchwaͤcht, und Vorſichts⸗ maßregeln genommen, welche der ſchlauen und argwoͤhniſchen Politik Ferdinands ganz gleichſehen. Es war nothwendig, eine Perſon von Achtung, Ver⸗ trauen und Redlichkeit abzuſenden, welche im Fall fortwaͤh⸗ render Abweſenheit des Columbus das Gouvernement der Inſel uͤbernehmen, und ſelbſt bei deſſen erfolgter Ruͤckkehr uͤber die geklagten Uebel und Mißbraͤuche Unterſuchungen anſtellen und denjenigen abhelfen koͤnne, die ſich wirklich vorhanden zeigten. Der zu dieſer ſchwierigen Sendung er⸗ nannte Mann war Diego Carillo, Commandeur eines mili⸗ tairiſchen Ordens; da er aber nicht unmittelbar im Stande war, mit dem Geſchwader von Caravelen, welches mit Le⸗ bensmitteln zur Abfahrt bereit ſtand, abzuſegeln, ſo ſchrie⸗ ben die Souveraine an Fonſeca, den Oberaufſeher der in⸗ dianiſchen Angelegenheiten, er ſolle eine zuverlaͤſſige Perſon mit den Schiffen abſenden, um die Vorraͤthe, womit ſie be⸗ frachtet ſeyen, hinuͤberzufuͤhren. Dieſe ſollte er in der Colonie vertheilen, doch unter Aufſicht des Admirals, oder in deſſen Abweſenheit in Gegenwart der an ſeine Stelle ge⸗ ſetzten Maͤnner. Er ſollte auch Nachforſchung anſtellen uͤber die Art, wie die Inſel verwaltet worden, uͤber das Betragen der Angeſtellten, die Urſachen und Urheber der herrſchenden Beſchwerden, und uͤber die Maßregeln, wie ihnen abzuhelfen. Wenn er dieſe Erkundigungen eingezogen, ſolle er zuruͤckkehren und den Souverainen Bericht erſtatten, doch im Fall er den Admiral auf der Inſel finde, muͤſſe alles deſſen Controle unterworfen bleiben. Es ging um dieſe Zeit noch eine andere Maßregel von den Souverainen aus, wßlche gleichfalls die ſinkende Gunſt des Columbus beweiſt. Am 10. April 1495 erfolgte eine Bekanntmachung, welche den eingebornen Unterthanen allgemein die Erlaubniß ertheilte, ſich auf der Inſel Hispaniola niederzulaſſen und auf Privatreiſen fuͤr Entdeckung und Handel in die neue Welt zu gehen. Dieſes wurde unter gewiſſen beſonderen Bedingungen geſtattet. Alle Schiffe ſollten ausſchließlich nur von dem Hafen von Cadix und unter der Aufſicht von Beamten ausgehen, welche die Krone beſtimmen werde. Diejenigen, welche ohne Bezahlung, auf ihre eignen Koſten nach Hispaniola gingen, ſollten Laͤndereien angewieſen bekommen und auf ein Jahr mit Vorraͤthen verſehen werden, mit dem Recht, ſolche Laͤn⸗ dereien und alle Gebaͤude, die ſie auf denſelben errichten wuͤrden, zu behalten. Von allem Golde, welches ſie ein⸗ ſammeln koͤnnten, duͤrften ſie ein Drittheil fuͤr ſich behalten, und die uͤbrigen zwei Drittheile ſeyen der Krone zu ent⸗ richten. Von allen anderen Gegenſtaͤnden des Handels, von Produkten der Inſel haͤtten ſie nur ein Zehntheil an die Krone zu erſtatten. Ihre Kaͤufe ſollten in Gegenwart eines von den Souverainen dazu ernannten Beamten ge⸗ ſchehen und die Abgaben fuͤr die Krone in die Haͤnde des koͤniglichen Einnehmers niedergelegt werden. Jedes Schiff, welches auf Privatunternehmungen aus⸗ ginge, ſollte eine oder zwei von koͤniglichen Beamten zu Cadix ernannte Perſonen an Bord nehmen. Ein Zehntheil der Schiffsladung muͤſſe zur Verfuͤgung der Krone, frei von — 247— allen Unkoſten ſeyn. Ein Zehntheil endlich von allem, was von ſolchen Schiffen in den neuentdeckten Laͤndern gewonnen wuͤrde, ſey bei der Ruͤckkehr der Krone zu entrichten Dieſe Beſtimmungen erſtreckten ſich auch auf Privatſchiffe, die in Lebeasmitteln mit Hispaniola Handel treiben wuͤrden. Fuͤr jedes Schiff, welches in dieſer Art auf Privatunter⸗ nehmungen ausgehe, ſolle Columbus, in Anbetracht ſeines Privilegiums auf ein Achtel der Schiffsladung, das Recht haben, ein Schiff fuͤr ſeine eigene Rechnung zu befrachten. Dieſe allgemeine Erlaubniß zu Entdeckungsreiſen wurde in Folge der dringenden Geſuche des Vincent Yanjez Pinzon und anderer kuͤhnen Seefahrer gegeben, von denen die mei⸗ ſten mit Columbus gereiſt waren. Sie boten ſich an, Un⸗ ternehmungen auf ihre eigene Koſten und Gefahr zu machen. Das Anerbieten war verſuchend und ganz an der Zeit. Die Regierung war arm, die Ausruͤſtungen fuͤr Columbus wur⸗ den koſtbar, doch war ihr Gegenſtand zu wichtig, als daß man ihn haͤtte vernachlaͤſſigen duͤrfen. Hier war eine Ge⸗ legenheit, alle vorgeſetzten Endzwecke zu erreichen, nicht allein ohne Koſten, ſondern ſelbſt mit einem ſicheren Er⸗ trage. Es wurde daher die Erlaubniß ertheilt, ohne in⸗ deſſen die Meinung des Admirals zu hoͤren. Er fuͤhrte laute Klage daruͤber, als Verletzung ſeiner Privilegien und Stoͤrung der regelmaͤßigen und wohlorganiſirten Laufbahn der Entdeckung durch die ungezuͤgelten und wohl ſelbſt raͤu⸗ beriſchen Unternehmungen ruͤckſichtsloſer Privatabenteurer. Ohne Zweifel iſt ein großer Theil des Haſſes, der ſich auf die ſpaniſchen Entdeckungen in der neuen Welt geworfen, — 248— von der gierigen Habſucht ſolcher Privatleute hervorgerufen worden. Grade bei dieſen Vorfällen, in der erſten Haͤlfte des April, waͤhrend die Intereſſen des Columbus in einer kriti⸗ ſchen Lage waren, kamen die von Torres commandirten Schiffe in Spanien an. Sie brachten die Nachricht von der gluͤcklichen Ruͤckkehr des Admirals nach Hispaniola, von ſeiner Reiſe laͤngs der ſuͤdlichen Kuͤſte von Cuba, und die Gewißheit, die nun erweislich ſchien, daß es die aͤußerſte Spitze des aſiatiſchen Feſtlandes ſey und daß er bis zu den Ufern der reichſten Gegenden des Oſtens ſeinen Lauf er⸗ ſtreckt habe. Es waren zugleich neue Proben von Gold und viele Thiere und merkwuͤrdige Pflanzen mitgekommen, die er in dem Gang ſeiner Entdeckungsreiſe gewonnen hatte. Keine Ankunft konnte zu gelegnerer Zeit ſtattfinden. Sie beſeitigte mit einem Male alle Beſorgniſſe wegen ſeiner Erhaltung und kam der Nothwendigkeit zuvor, die bereits beſchloſſenen Vorſichtsmaßregeln in unmittelbare Ausfuͤhrung zu bringen. Die vermeintliche Entdeckung der reichen Kuͤſte Aſiens warf wieder einen augenblicklichen Glanz auf ſeine Un⸗ ternehmung und ſtimmte die Souveraine aufs Neue zum Dank. Der guͤnſtige Eindruck war in ihren Maßregeln auf der Stelle ſichtbar. Statt es der klugen Wahl des Juan Ro⸗ driguez de Fonſeca zu uͤberlaſſen, einen ihm paſſend ſchei⸗ nenden Mann zu der Unterſuchungscommiſſton zu ernennen, die man abzuſenden im Begriff ſtand, nahmen ſie dieſe Vollmacht zuruͤck und ernannten den Juan Aguado. Err wurde erwaͤhlt, weil bei ſeiner Ruͤckkehr von Hispa⸗ — 240— niola Columbus ihn der koͤniglichen Gnade dringend em⸗ pfohlen hatte. Es war daher ein Beweis ihrer Hochach⸗ tung, daß ſie beabſichtigten, einen Mann als Beauftragten hinzuſtellen, von welchem er ſelbſt eine ſo hohe Meinung ausſprach, und welcher, wie zu vermuthen war, fuͤr ihn dankbare Ruͤckſichten hegen werde. Fonſeca hatte kraft ſeines Amtes als Oberaufſeher der Angelegenheiten von Indien, und wahrſcheinlich um ſich in ſeinem wachſenden Groll gegen Columbus guͤtlich zu thun, einen Theil von dem Golde zuruͤckbehalten, welches Don Diego, Bruder des Admirals fuͤr ſeine Privatrechnung mit⸗ gebracht hatte. Die Souveraine ſchrieben ihm wiederholt und befahlen ihm, das Gold nicht zu fordern, oder wenn er ſich deſſelben bemaͤchtigt, es augenblicklich wieder heraus⸗ zugeben, mit genuͤgender Aufklaͤrung in dieſer Beziehung, auch ſolle er an Columbus ſchreiben, in Ausdruͤcken, welche geeignet waͤren, jede Mißempfindung zu beſaͤnftigen, die er erregt haben koͤnnte. Er erhielt ferner den Befehl, die juͤngſt von Hispaniola gekommenen Perſonen zu befragen, auf welche Weiſe er dem Admiral Genugthuung leiſten und fortan damit in Uebereinſtimmung handeln koͤnne. Fonſeca erduldete auf ſolche Art eine der ſtaͤrkſten Demuͤthigungen eines hochmuͤthigen Geiſtes, diejenige näͤmlich, Erſatz fuͤr ſeine Anmaßungen leiſten zu muͤſſen. Dieſes vermehrte in⸗ deſſen nur die Bosheit, welche er gegen den Admiral und ſeine Familie unterhielt. Ungluͤcklicherweiſe gab ihm ſeine oͤffentliche Stellung und das Vertrauen des Herrſcherpaares in der Folge Gelegenheit, ſich auf tauſend hinterliſtigen Wegen zu raͤchen. — 2500— Waͤhrend die Souveraine auf dieſe Weiſe bemuͤht waren, jeden Act zu vermeiden, welcher den Columbus verletzen koͤnnte, nahmen ſie feſte Maßregeln, um die Ruhe der Colonie zu ſichern. In einem Schreiben an Columbus be⸗ ſtimmten ſie, daß die Zahl der Einwohner in der Nieder⸗ laſſung auf fuͤnfhundert beſchraͤnkt ſeyn ſolle, da eine groͤßere Anzahl fuͤr den Dienſt der Inſel unnoͤthig und eine druͤckende Ausgabe fuͤr die Krone ſey. Um fernerer Unzu⸗ friedenheit wegen der Lebensmittel vorzubeugen, befahlen ſie, daß die Rationen der Einzelnen, in Portionen getheilt, alle vierzehn Tage ausgegeben werden und daß alle Beſtrafun⸗ gen mit Verkuͤrzung oder Vorenthaltung der Rationen ab⸗ geſchafft ſeyn ſollten, da dieß dem Geſundheitszuſtande der Coloniſten nachtheilig ſey, welche des Zuwachſes nahrhafter Speiſen beduͤrften, um ſich vor den durch ein fremdes Clima entſtehenden Krankheiten zu ſchuͤtzen. Ein geſchickter und erfahrener Metallurg, Namens Pablo Belvis ward an die Stelle des uͤbelgeſinnten Fermin Zedo hinuͤberbeordert. Er wurde mit allen noͤthigen Maſchinen und Werkzeugen zur Bearbeitung der Minen, zum Pro⸗ biren und Lautern der edlen Metalle, und mit großmuͤthi⸗ gem Gehalt und Prioilegien verſehen. Auch wurden Geiſt⸗ liche ausgewaͤhlt, welche den Platz des Pater Boyle und gewiſſer ſeiner Bruͤder, welche die Inſel verlaſſen wollten, einzunehmen haͤtten. Die Unterrichtung und Bekehrung der Eingebornen weckte mehr und mehr die edle Bekuͤmmerniß der Koͤnigin. Mit den Schiffen des Torres kamen eine Menge Indianer an, die in den jungſten Kriegen mit den — 251— Caziken zu Gefangenen gemacht worden. Koͤnigliche Be⸗ fehle waren ergangen, daß ſie auf den Maͤrkten Andaluſiens als Sclaven verkauft werden ſollten, wie es mit den Ne⸗ gern an der Kuͤſte von Afrika und mit den mauriſchen Gefangenen in den Feldzuͤgen mit Granada der Fall war. Iſabella hatte ſich jedoch in hohem Grade von den Berich⸗ ten einnehmen laſſen, die man ihr von dem ſanften und gaſtfreundlichen Charakter dieſer Inſulaner und von ihrer großen Lernbegierde gemacht hatte. Die Entdeckung war unter ihrem unmittelbaren Schutz unternommen worden, ſie betrachtete dieſe Menſchen ihrer beſonderen Pflege be⸗ fohlen und dachte in ihrem frommen Eifer auf das Ver⸗ dienſt, ſie aus der Finſterniß auf die Pfade des Lichtes zu leiten. Ihre mitleidsvolle Seele empoͤrte ſich vor dem Ge⸗ danken, ſie als Sclaven behandelt zu wiſſen, wenn dieſes auch durch die Sitte des Zeitalters geheiligt war. In funf Tagen nach Erlaſſung des koͤniglichen Befehls wegen des Verkaufs erging ein Schreiben von den Souverainen an den Biſchof Fonſeca, mit Zuruͤcknahme dieſes Befehls, bis die Urſachen genau ermittelt ſeyen, warum man dieſe In⸗ dianer zu Gefangenen gemacht, auch gelehrte und fromme Theologen ihr Gutachten erſtattet häͤtten, ob der Verkauf in die Sclaverei ſich vor Gott rechtfertigen laſſe.) Es fand eine große Verſchiedenheit der Anſichten uͤber dieſe *) Schreiben der Souveraine an Fonſeca. Navarrete collection de los Viages I. II. doc. 92. — 252— wichtige Frage unter den Geiſſtlichen ſtatt; die Koͤnigin entſchied dieſelbe nach den Eingebungen ihres eigenen lau⸗ teren Gewiſſens und ihres erbarmenden Herzens. Sie be⸗ fahl, daß die Indianer nach ihrer Heimath zuruͤckkehren duͤrften, und machte es zur beſonderen Pflicht, daß die In⸗ ſulaner durch die mildeſten Maßregeln verſoͤhnt ſtatt mit Strenge behandelt werden ſollten. Unglüͤcklicher Weiſe ka⸗ men ihre Befehle zu ſpaͤt nach Hispaniola, um den gehofften Erfolg zu bewirken. Die Scenen von Krieg und Grau⸗ ſamkeit, durch die niederen Leidenſchaften der Coloniſten und die Rache der Eingebornen hervorgerufen, waren nicht wieder wegzutilgen. Gegenſeitiges Mißtrauen uud wuchern⸗ der Groll war zwiſchen ihnen aufgewachſen, und keine An⸗ ſtrengung konnte ſie je wieder ausrotten. — 253— Reuntes Kapitel. Ankunft des Aguado auf Iſabella. Anmaßendes Be⸗ nehmen deſſelben. Sturm in dem Hafen. (1495.) Juan Aguado ging gegen Ende Auguſts von Spanien mit vier in Vorraͤthen von allerlei Art reich ausgeſtatteten Caravelen nach der Colonie unter Segel. Don Diego Co⸗ lon kehrte mit dieſem Geſchwader nach Hispaniola zuruͤck. Er kam im Monat Oktober auf Iſabella an, waͤhrend der Admiral abweſend war, um die Ruhe des Inneren wieder herzuſtellen. Aguado war, wie dereits gezeigt wurde, dem Columbus ſehr verpflichtet, da ihn dieſer unter ſeinen Ka⸗ meraden ausgezeichnet und der Gnade der Souveraine em⸗ pfohlen hatte. Er war jedoch einer jener ſchwachen Men⸗ ſchen, denen die geringſte Erhoͤhung ihrer Macht den Kopf verdreht. Aufgeblaſen von ſeinem unbedeutenden augenblick⸗ lichen Einfluß, vergäß er nicht allein den Reſpect und die Dankbarkeit gegen Columbus, ſondern ſelbſt die Natur und Ausdehnung ſeiner eignen Vollmacht. Statt als ein Agent aufzutreten, der Nachforſchungen anſtellte, nahm er einen gebieteriſchen Ton an, als ob die Zugel der Regierung in — 254— ſeine Hand gelegt wäͤren. Er miſchte ſich in die öffentlichen Angelegenheiten, ließ mehrere Leute verhaften, zog die von dem Admiral angeſtellten Beamten zur Rechenſchaft, und verweigerte dem Don Bartholomeo Colon, der waͤhrend der Abweſenheit ſeines Bruders im Commando blieb, den Reſpekt. Der Adelantado, erſtaunt uͤber dieſe Anmaßung, verlangte das Decret zu ſehen, kraft welchem er ſo auf⸗ trete;z aber Aguado behandelte ihn mit großem Uebermuthe und erwiederte, er wuͤrde es nur dem Admiral zeigen. Er bedachte ſich nachher jedoch eines Beſſeren, und damit in der oͤffentlichen Meinung kein Zweifel uͤber ſein Recht, ſich in die Angelegenheiten der Colonie zu miſchen, mehr obwalte, ließ er das Vollmachtſchreiben der Souveraine mit Pomp unter Trompetenſchall verkuͤndigen. Es war kurz und buͤn⸗ dig, von folgendem Wortlaute:„Ritter und Edle, und ihr Andere, die vermoͤge Unſerer Befehle in den Indien ſtehen; Wir ſenden euch Juan Aguado, Unſern Kammerjunker, der von Unſerer Seite zu euch reden wird. Wir befehlen euch, ihm Treue und Glauben zu ſchenken.“ Nun verbreitete ſich das Geruͤcht, daß der Fall des Co⸗ lumbus und ſeiner Familie nahe bevorſtehe, und ein Richter angekommen ſey, ermaͤchtigt, die Beſchwerden des Volkes zu hoͤren und abzuſtellen. Dieſee Gerede kam von Aguado ſelbſt, welcher Drohungen von ſtrenger Unterſuchung und exemplariſcher Zuͤchtigung hoͤren ließ. Es war eine Zeit des Jubels fuͤr die Suͤnder. Jeder Verbrecher ſpreizte ſich zum Anklaͤger auf; jeder, der durch Nachlaͤßigkeit oder Ver⸗ gehen die heilſamen Strafen der Geſetze erfahren hatte, war — 255— laut in ſeinen Klagen gegen die Unterdruͤckungen des Co⸗ lumbus. Es herrſchten Uebel genug auf der Colonie, ei⸗ nige durch die Umſtaͤnde herbeigefuͤhrt, andere von dem ſchlechten Betragen der Coloniſten veranlaßt— alle dieſe wurden der ſchlimmen Verwaltung des Admirals zugeſchrie⸗ ben. Er wurde zu gleicher Zeit verantwortlich gemacht fuͤr das Boͤſe, welches andere gethan und fuͤr ſeine eignen ſtren⸗ gen Maßregeln gegen daſſelbe. Alle die alten Klagen wur⸗ den wider ihn und ſeine Bruͤder aufgetiſcht, und der ge⸗ woͤhnliche und ungerechte Grund zu ihrer Zuruͤckſetzung dar⸗ ein geſetzt, daß ſie Fremde ſeyen, die nur ihren eignen Vor⸗ theil und ihre Vergroͤßerung auf Koſten der Leiden und ſchmachvollen Erniedrigung der Spanier finden wollten. unfaͤhig zu unterſcheiden, was in dieſen Klagen wahr oder falſch ſey, und nur darauf ausgehend, zu verdammen, ſah Aguado in allen Dingen triftige Beweiſe der Schuld des Columbus. Er deutete an und dachte es vielleicht auch, daß der Admiral ſich von Iſabella entfernt halte, weil er ſeine Unterſuchung ſcheue. In der Fuͤlle ſeiner Anmaßung ging er ſogar ſo weit, daß er ſich mit einem Trupp Rei⸗ ter auf den Weg machte, um den Admiral aufzuſuchen. Ein eitler und ſchwacher Mann, mit Gewalt verſehen, iſt immer geneigt, ſich mit Trabanten von ſeiner eignen Natur zu umgeben. Die anmaßenden und ruhmredigen Begleiter Aguado's verbreiteten, wohin ſie kamen, unter den Einge⸗ bornen Geruͤchte von der Gewalt und Groͤße ihres Anfuͤh⸗ rers und von den Strafen, die er uͤber Columbus verhaͤn⸗ gen werde. In kurzer Zeit ging das Gerede auf der ganzen — 256— Inſel, es ſey ein neuer Admiral angekommen, um dem Gouvernement vorzuſtehen, und der vorige Gouverneur werde ſeine Verwaltung mit dem Tode buͤßen. Die Nachrichten von der Ankunft und dem unverſchaͤm⸗ ten Betragen Aguado's, waren bis zu Columbus in's In⸗ nere der Inſel gedrungen; er eilte ſogleich nach Iſabella, um ſich ihm gegenuͤber zu ſtellen. Aguado kehrte gleichfalls dahin zuruͤck, als er von ſeinem Kommen hoͤrte. Da nun jedermann den ſtolzen Geiſt des Columbus, ſeinen hohen Begriff von ſeinen Dienſten und ſein eiferfuͤchtiges Feſthalten an ſeiner amtlichen Wuͤrde kannte, erwartete man eine hef⸗ tige Scene bei der bevorſtehenden Zuſammenkunft. Aguado erwartete ebenfalls etwas Aehnliches, aber auf ſein koͤnig⸗ liches Beglaubigungsſchreiben vertrauend, ſah er mit der dummdreiſten Keckheit einer gemeinen Seele dem Ausgang entgegen. Der Erfolg lehrte, wie ſchwer es fuͤr kleine See⸗ len iſt, das Betragen eines Mannes wie Columbus in ei⸗ ner ſchwierigen Lage vorauszuſehen. Seine natuͤrliche Le⸗ bendigkeit und Heftigkeit war durch ein Leben voller Wider⸗ waͤrtigkeiten gedaͤmpft worden„er hatte gelernt, ſeine Lei⸗ denſchaften unter den Gehorſam des beſonnenen Urtheils zu fuͤgen. Er hatte eine zu richtige Meinung von ſeiner eig⸗ nen Wuͤrde, um ſich mit einem leeren Großſprecher wie Aguado in Wortwechſel einzulaſſen: und vor allem hegte er eine tiefe Ehrerbietung gegen ſeine Souveraine, denn in ſeinem begeiſterten Gemuͤth, welches ſich den tiefen Gefuͤh⸗ len der Ehrfurcht hingab, wurde ſein Gehorſam nur von ſeinem religioͤſen Glauben uͤbertroffen. Er nahm daher den — 257— Aguado mit ernſter und gewiſſenhafter Foͤrmlichkeit auf. Dieſer wiederholte ſeine vorige großſprecheriſche Geltendma⸗ chung, und befahl, daß ſein Vollmachtſchreiben wieder unter Trompetenſchall in Gegenwart des Volkes abgeleſen werden ſolle. Columbus hoͤrte daſſelbe mit feierlicher Ehr⸗ erbietung an und verſicherte den Aguado ſeiner Bereitheit, ſich allem zu fuͤgen, was ſeinen Gebietern gefallen werde. Dieſe unerwartete Maͤßigung ſetzte die Anweſenden in Erſtaunen und den Aguado in Verlegenheit und Verwir⸗ rung. Er war auf eine heftige Scene gefaßt angekommen, und haite gehofft, daß Columbus in der Hitze und Unge⸗ duld des Augenblicks eiwas thun oder ſagen werde, was ſich auf Mangel an Reſpect gegen die Souveraine deuten ließe. Er ſuchte ſich in der That einige Monate ſpaͤter von den gegenwaͤrtig geweſenen oͤffentlichen Notarien ein nachtheili⸗ ges Zeugniß uͤber die Zuſammenkunft zu verſchaffen; aber die Ehrerbietung, welche der Admiral der koͤniglichen Voll⸗ macht bewies, war zu augenfäͤllig, als daß ſie beſtritten werden konnte, und alle Zeugniſſe waren ſehr zu ſeinen Gunſten.*) Aguado fuhr fort, ſich in die oͤffentlichen An⸗ gelegenheiten zu miſchen, und die Achtung und Schonung, womit Columbus ihn durchgaͤngig behandelte, und ſeine Milde in allen Maßregeln, welche dazu dienen ſollten, die Unzufriedenheit der Colonie zu beſchwichtigen, wurden als Beweiſe angeſehen, daß er allen innerlichen Halt verloren habe. Man betrachtete ihn als ein untergehendes Licht⸗ —Q—Q—Q—ꝛ—ꝛO—ꝭ——— *) Herrera hist, Ind. decad. 1, I. II, eap. 18. Irving's Columbus. 4— 6, 17 und Aguado wurde als der Herr des Aufgangs begruͤßt. Jeder feige Menſch, der irgend eine verſteckte Bosheit naͤhrte, jeder, der eine wirkliche oder eingebildete Urſache zur Klage hatte, beeilte ſich nun, ſie vorzubringen; wohl merkend, daß er, indem er ſeine Rache befriedige, ſein Intereſſe foͤr⸗ dere, und indem er den Admiral verkleinere, die Freund⸗ ſchaft Aguado's gewinne. Selbſt die armen Indianer, von der Herrſchaft der wei⸗ ßen Maͤnner geaͤngſtigt, freuten ſich bei der Ausſicht einer Veraͤnderung ihrer Gebieter, vergebens hoffend, daß dieſelbe eine Milderung ihrer Leiden zur Folge haben werde. Viele von den Caziken, welche dem Admiral nach ihrer Niederlage in der Vega Treue gelobt hatten, verſammelten ſich nun in dem Hauſe des Manacoater, Bruders des Caonabo, in der Naͤhe des Fluſſes Yagur, wo ſie ſich zu einer foͤrmlichen Klage gegen Columbus vereinigten, den ſie als den Urheber aller Uebel anſahen, die aus dem Ungehorſam und den La⸗ ſtern ſeiner Leute hervorgegangen waren. Aguado hielt nun den großen Gegenſtand ſeiner Sendung fuͤr erfuͤllt. Er hatte hinreichende Erkundigungen eingezo⸗ gen, wie er glaubte, um den Sturz des Admirals und ſei⸗ ner Bruͤder ſicher herbeizufuͤhren, und ſchickte ſich nunmehr zur Ruͤckreiſe nach Spanien an. Columbus beſchloß, daſ⸗ ſelbe zu thun. Er fuͤhlte, daß es Zeit ſey, am Hofe zu erſcheinen und das Gewoͤlke der Verkaͤumdung zu zerſtreuen, das ſich gegen ihn aufthuͤrmte. Er hatte thaͤtige Gegner von Aemtern und Einfluß, die jede Gelegenheit ſuchten, ihn und ſeine Unternehmungen in Mißcredit zu ſetzen. Da er — 259— ein Fremdling und Auslaͤnder war, hatte er keine thaͤtige Freunde am Hofe, die ihren Machinationen entgegenarbei⸗ teten. Er beſorgte, ſie koͤnnten endlich einen ſchlimmen Einfluß auf das Gemuͤth des Koͤnigs haben, der dem Fort⸗ ſchreiten der Entdeckung hinderlich waͤre: er eilte ſich daher, zuruͤckzukehren, und die wahren Urſachen des wiederholten Fehlſchlagens des erwarteten Gewinns auseinanderzuſetzen. Es iſt keiner der mindeſt merkwuͤrdigen Zuͤge in ſeiner Ge⸗ ſchichte, daß, nachdem er ſo viele Jahre damit zugebracht hatte, der Menſchheit zu erklaͤren, daß eine neue Welt zu entdecken ſey, ihm faſt dieſelben Muͤhen bevorſtanden, um zu beweiſen, daß aus der Entdeckung wahrer Gewinn her⸗ vorgehe. . Wie die Schiffe zur Abfahrt geruͤſtet waren, kam ein fuͤrchterlicher Sturm uͤber die Inſel. Es war einer jener ſchrecklichen Wirbelwinde, welche zu Zeiten unter den tropi⸗ ſchen Himmelsſtrichen raſen und von den Indianern Furi⸗ danes oder Urikans genannt werden, ein Name, den ſie mit unbedeutenden Abweichungen behalten haben⸗ Gegen die Mittagszeit erhob ſich ein heftiger Wind von Oſten und trieb ſchwere Maſſen von Wolken und Duͤnſten vor ſich her. Er begegnete einem anderen Sturmwind von Weſten, und nun ſchien ein furchtbarer Kampf zu beginnen. Die Wol⸗ ken zerriſſen mit unaufhoͤrlichen Blitzſtrahlen oder vielmehr unter Stroͤmen von Blitzen. Einmal erhob ſich das Ge⸗ woͤlk hoch in den Himmel, dann wurde es wieder zur Erde gedraͤngt und bedeckte den Geſichtskreis mit einem angſtlichen Dunkel, ſtaͤrker und undurchdringlicher als die 17* 3 — 260— Finſterniß der Mitternacht. Wo der Wirbelwind hinzog, da ſtreifte und riß er ganzen Wäͤlderſtrecken das Laub und die Zweige ab; die Baͤume von rieſenhaftem Wachsthum, welche dem Sturme widerſtanden, riſſen mit der Wurzel aus und wurden in große Entfernungen geſchleudert. Ganze Alleen wurden von den Abhaͤngen der Berge herabge⸗ ſchlagen, und große Bruchſtuͤcke von Grund und Felſen ſtuͤrzten in die Thaͤler mit furchtbarem Droͤhnen, und hemm⸗ ten den Lauf der Fluͤſſe. Die fuͤrchterlichen Toͤne in der Luft und auf der Erde, das Rollen des Donners, die hefti⸗ gen Blitze, das Heulen des Windes, das Krachen der ſtuͤr⸗ zenden Baͤume und Felſen, erfuͤllten Alle mit Entſetzen, ſo daß Viele glaubten, der juͤngſte Tag ſey im Anbruch. Ei⸗ nige fluͤchteten ſich zu ihrer Rettung in Hoͤhlen, denn ihre gebrechlichen Haͤuſer waren niedergeblaſen und die Luft war erfuͤllt von Staͤmmen und Zweigen der Baͤume und ſelbſt von Felſenſtuͤcken, welche die Wuth der Stuͤrme umhertrieb. Wie der Orkan den Hafen erreſchte, wirbelte er die Schiffe im Kreiſe um ihre Anker, riß die Kabeltaue und verſenkte drei auf den Grund, mit Allen die ſich an Bord befanden: andere wurden hin und her g⸗jagt, wider einander geſto⸗ ßen, und von den hochſchlagenden Wogen der See, die ſich an einigen Stellen drei Viertelſtunden und weiter in's Land ergoſſen, als bloße Wracke auf die Kuͤſte geworfen. Der Sturm dauerte drei volle Stunden. Als er voruͤber war und die Sonne wieder hervorkam, ſahen ſich die Indianer in ſtummem Erſtaunen und Schrecken an. Nie, ſeit Men⸗ ſchengedenken, auch nicht in den Ueberlieferungen ihrer Vor⸗ fahren, war ihre Inſel von einem ſo fuͤrchterlichen Sturm heimgeſucht worden. Sie glaubten, die Gottheit habe dieſe ſchreckliche Plage geſandt, um die weißen Maͤnner fuͤr ihre Grauſamkeiten und Verbrechen zu zuͤchtigen, und erklaͤrten, dieſes Volk babe ſogar die Luͤcte, das Waſſer und die Erde in Aufruhr gebracht, um ihr friedliches Leben zu zerſtoͤren und ihre Inſel zu verwuͤſten.*) Zehntes Kapitel. Entdeckung der Minen von Hayna. (1496.) In dem Orkan waren die vier Caravelen Aguado's nebſt zwei anderen in dem Hafen zu Grunde gegangen. Das einzige Schiff, welches uͤbrig blieb, doch in einem ſehr baufäͤlligen Zuſtande, war die Ninja. Columbus gab den Befehl, daß ſie ſogleich wieder ausgebeſſert und eine andere Caravele aus den Wracks der zerſtoͤrten Fahrzeuge zuſam⸗ men gezimmert werden ſolle. Waͤhrend er auf ihre Herſtel⸗ lung zur Reiſe harrete, wurde er von Nachrichten uͤber *) Ramusio, t. VIII. p. 7. Peter Martyr decad. 1. I. 4. reiche Minen im Innern der Inſel erfreut, deren Entdek⸗ kung einem Ereigniß von etwas romanhafter Natur zuge⸗ ſchrieben wird.*) Ein junger Arragonier Namens Miguel Diaz, in Dienſten des Adelantado, bekam Streit mit einem anderen Spanier, focht mit ihm und verwundete ihn ge⸗ faͤhrlich. Aus Furcht vor den Folgen, entfloh er aus der Niederlaſſung, von fuͤnf bis ſechs Kameraden begleitet, die theils bei dem Streit mit im Spiel geweſen oder ihm per⸗ ſoͤnlich zugethan waren. Sie wanderten auf der Inſel um⸗ her und kamen endlich bei einem indianiſchen Dorf an der Suͤdkuͤſte in der Naͤhe der Muͤndung des Fluſſes Ozema an, wo gegenwaͤrtig die Stadt San Domingo liegt. Sie wurden von den Eingebornen mit Freundlichkeit aufgenom⸗ men und wohnten eine Zeit lang unter ihnen. Das Dorf war von einem weiblichen Caziken beherrſcht, welche Wilde bald eine heftige Leidenſchaft fuͤr den jungen Arra⸗ gonier faßte. Diaz war gegen ihre Zaͤrtlichkeit nicht un⸗ empfindlich; ihre Verbindung kam zu Stande und ſie lebten einige Zeit recht gluͤcklich mit einander. Das Andenken an ſeine Heimath und an ſeine Freunde ſtahl ſich aber bald wieder in die Seele des jungen Spa⸗ niers. Es war ein trauriges Loos, von der cultivirten Welt entfernt leben zu muͤſſen und von ſeinen Landsleuten ausgeſtoßen zu ſeyn! Es verlangte ihn, nach der Nieder⸗ laſſung zuruͤckzukehren, aber er fuͤrchtete ſich vor der Strafe, die ihm von der ſtrengen Gerechtigkeit des Adelantado drohete. *) Oviedo eronica de las Indias I. II, c. 153. — 263— Als ſeine indianiſche Gattin ihn ofters melancholiſch und tiefſinnig fand, drang ſie in das Geheimniß mit jener ſchnel⸗ len Beobachtungsgabe, welche der weiblichen Liebe eigen iſt. In ihrer Beſorgniß, er moͤge ſie verlaſſen und wieder zu ſeinen Landsleuten zuruͤckkehren, ſann ſie auf Mittel, um die Spanier auf dieſe Seite der Inſel heruͤber zu ziehen. Da ſie wußte, wie begierig die weißen Maͤnner nach Gold waren, ſo entdeckte ſie dem Diaz, daß es reiche Minen in der Nachbarſchaft gebe. Sie trieb ihn an, ſeine Landsleute zu uͤberreden, die verhaͤltnißmaͤßig unfruchtbare und unge⸗ ſunde Gegend von Iſabella aufzugeben, und ſich an den fruchtbaren Geſtaden des Ozema niederzulaſſen, wobei ſie verſprach, daß die Indianer dieſelben mit der groͤßten Guͤte und Gaſtfreundſchaft aufnehmen ſollten. Diaz war erſtaunt uͤber dieſe Antraͤge. Er forſchte den Minen nach und uͤberzeugte ſich, daß ſie einen Ueberfluß von Gold enthielten. Er erkannte die groͤßere Fruchtbar⸗ keit und Schoͤnheit des Landes, die Guͤte des Fluſſes und die Sicherheit des Hafens in deſſen Muͤndung. Er ſchmei⸗ chelte ſich, daß die Mittheilung einer ſo wichtigen Entdek⸗ kung auf Iſabella ſein Heil foͤrdern und ihm bei dem Ade⸗ lantado Vergebung erwirken werde. Mit dieſen Hoſſnungen erfuͤllt, verſchaffte er ſich Fuͤhrer von den Eingebornen, nahm auf kurze Zeit von ſeiner indianiſchen Gattin Abſchied und wanderte mit ſeinen Gefaͤhrten durch die Wildniß nach der Niederlaſſung, die ungefaͤhr funfzig Stunden entfernt lag. Als er hier heimlich ankam, erfuhr er zu ſeiner großen Freude, daß der Mann, den er verwundet hatte, gerettet Stuͤcken, als ſie ſeither in irgend einer Gegend der Inſel — 264— worden ſey. Er ſtellte ſich nunmehr kuͤhn vor den Adelan⸗ tado, mit dem feſten Vertrauen, daß ſeine Nachrichten ihm Verzeihung bringen wuͤrden. Keine Neuigkeit konnte geleg⸗ ner kommen. Der Admiral war laͤngſt mit Unruhe darauf bedacht geweſen, die Niederlaſſung an einen geſunderen und guͤnſtigeren Ort zu verlegen. Auch ging er darauf aus, genuͤgende Beweiſe fuͤr den Reichthum der Inſel mit nach Hauſe zu bringen, als beſtes Mittel, um die Einfluͤſterun⸗ gen ſeiner Feinde zum Schweigen zu bringen. Wenn die Verſprechungen des Miguel Diaz aͤcht waren, ſo fand ſich hier ein Weg, um beide Zwecke zu erreichen. Es wurden ſogleich Anſtalten getroffen, um ſich von der Wahrheit zu uͤberzeugen. Der Adelantado ging in Perſon ab, um den Fluß Ozema zu beſichtigen, von Miguel Diaz, Franzisco de Garay und den indianiſchen Fuͤhrern begleitet, und unter der Bedeckung einer Anzahl wohlbewaffneter Maͤnner. Sie nahmen ihren Weg von Iſabella nach Magdalena, von da uͤber die Koͤnigs⸗Vega nach der Veſte Conception. Ihren Marſch nach Suͤden fortſetzend, kamen ſie zu einer Berg⸗ kette, die ſie in einem zwei Stunden langen Hohlwege durch⸗ ſchnitten, worauf ſie in eine andere ſchoͤne Ebene herabſtie⸗ gen, welche den Namen Bonao fuͤhrte. Von hier gelangten ſie nach Zuruͤcklegung einer Strecke zu einem Fluß, Hayna genannt, der ſich durch ein fruchtbares Land ergoß, deſſen Stroͤme alle viel Gold fuͤhrten. Am weſtlichen Geſtade die⸗ ſes Fluſſes und ungefaͤhr acht Stunden von ſeiner Muͤndung fanden ſie Gold in groͤßerer Menge und in bedeutenderen — 265— angetroffen hatten, ſelbſt die Provinz Cibao nicht ausge⸗ nommen. Sie ſtellten an verſchiedenen Punkten im Um⸗ kreiſe von anderthalb Stunden Nachforſchungen an, und im⸗ mer mit Erfolg. Der Boden ſchien von dieſem Metall ganz durchdrungen zu ſeyn, ſo daß ein gewoͤhnlicher Arbeiter mit wenig Muͤhe den Betrag von drei Drachmen im Verlaufe eines Tages gewinnen konnte.*) An mehreren Stellen be⸗ merkten ſie tiefe Aushoͤhlungen in der Form von Gruben, welche ausſahen, als ob die Minen in alten Zeiten ſchon bearbeitet worden ſeyen; ein Umſtand, welcher die Spanier zu vielen Vermuthungen veranlaßte, da die Eingebornen keinen Begriff von der Anlegung eines Bergwerks hatten, und ſich mit den Stuͤcken begnuͤgten, die ſie auf der Ober⸗ flaͤche der Erde oder in den Flußbetten fanden. Die Indianer in der Umgegend nahmen die weißen Maͤn⸗ ner mit der zugeſagten Freundſchaft auf und die Verſpre⸗ chungen des Miguel Diaz rechtfertigten ſich vollkommen. Er erhielt nicht allein Verzeihung, ſondern kam in große Gunſt und wurde nachmals zu verſchiednen Ausrichtungen auf der Inſel gebraucht, deren er ſich insgeſammt mit großer Treue entledigte. Er hielt dem indianiſchen Weibe ſein Wort, und ſie beſchenkte ihn, wie Oviedo erzaͤhlt, mit zwei Kindern. Charlevoix vermuthet, daß ſie foͤrmlich mit einander verhei⸗ rathet geweſen, da die Cazikin wohl getauft worden, in⸗ *) Herrera hist. Ind. decad. 1, I. II, c. 18. Peter Martyr dec. 1. 1. IV. — 266— dem ihrer immer unter dem chriſtlichen Namen Catalina ge⸗ dacht werde.*) Wie der Adelantado mit ſeinem guͤnſtigen Bericht und mit den dort geſammelten Stuͤcken Goldes zuruͤckkehrte, richtete ſich das niedergeſchlagene Gemuͤth des Admirals wieder auf. Er gab Befehle, daß ſogleich ein Fort an den Ufern des Hayna in der Nachbarſchaft der Minen errichtet werde, und daß die Bergwerke eifrig zu betreiben ſeyen. Die eingebildeten Spuren alter Schachten gaben wieder Veranlaſſung zu einem ſeiner gewoͤhnlichen goldnen Traͤume. Er hatte bereits die Vermuthung gehegt, daß Hispaniola das alte Ophir ſeyn moͤge. Nun ſchmeichelte er ſich mit dem Wahne, dieſelben Minen entdeckt zu haben, aus wel⸗ chen der Koͤnig Salomo ſeine großen Schaͤtze fuͤr den Bau des Tempels zu Jeruſalem geſchoͤpft habe. Er vermuthete, ſeine Schiffe muͤßten durch den perſiſchen Meerbuſen um Trapoban herum nach dieſer Inſel**) gekommen ſeyn, die nach ſeiner Vorſtellung dem Ende von Aſien gegenuͤber liege, fuͤr welches er Cuba feſt und ſicher hielt. Es iſt glaublich, daß Columbus ſeiner Einbildungskraft freien Spielraum in ſolchen Vermuthungen gab, welche da⸗ rauf zielten, ſeine Unternehmungen mit Glanz zu umgeben und die nachlaſſende Theilnahme des Publikums wieder zu beleben. Waͤhrend er jedoch die Richtigkeit ſeiner Anſicht *) Oviedo cronica de Ind. I. II, c. 15. Charlevoix hist. de St Domingo, I. II. p. 146. **) Peter Martyr decad. 1. lib. IV, — 267— behauptete, daß er in der Naͤhe von Aſien ſey, ein Irr⸗ thum, uͤber den man ſich bei dem unvollkommnen Zuſtande der geographiſchen Kenntniſſe nicht wundern darf, waren doch alle ſeine daraus hergeleiteten Vermuthungen nichts weniger als uͤberſpannt. Das alte Ophir ſollte irgendwo im Oſten liegen, aber ſeine Lage war ein Gegenſtand der Controverſe unter den Gelehrten, und bleibt einer jener zweifelhaften Punkte, uͤber welche zu viel geſchrieben worden iſt, um ſie jemals genuͤgend entſcheiden zu koͤnnen. Neuntes Buch. Erſtes Kapitel. Rückkehr des Columbus nach Spanien mit Aguado. (1496.) Als die neue Caravele, Santa Cruz, beendigt und die Ninja wieder hergerichtet war, traf Columbus alle Anſtal⸗ ten zu einer ſchleunigen Abreiſe, ernſtlich bemuͤht, ſich von der uͤberhandnehmenden Anmaßung Aguado's zu befreien und die Colonie von einem Haufen aufruͤhreriſcher und un⸗ zufriedener Leute zu erloͤſen. Er beſtimmte ſeinen Bruder Don Bartholomeo zum Oberbefehlshaber der Inſel, mit dem Titel als Adelantado, den er ihm bereits ertheilt hatte; und im Fall ſeines Todes ſollte ihm ſein Bruder Don Diego folgen. Am 10. Maͤrz gingen die beiden Caravelen nach Spanien unter Segel. Die eine beſtieg Columbus und die andere Aguado. Den Befehlen der Souveraene zufolge kehr⸗ ten alle, welche die Inſel enthehren konnte, und mehrere, — 269— welche Weiber und Verwandte in Spanien gelaſſen hatten, die ſie zu beſuchen wuͤnſchten, mit dieſen Caravelen zuruͤck, welche mit zweihundert und funfundzwanzig Paſſagieren, mit Kranken, Muͤßiggaͤngern, Laſterhaften und Ruheſtoͤrern der Colonie beladen waren. Niemals kehrte noch eine elendere und getaͤuſchtere Mannſchaft aus einem Lande der Verhei⸗ ßung zuruͤck. Es befanden ſich auch dreißig Indianer an Bord der Caravelen und unter ihnen der einſt ſo gefuͤrchtete Cazike Caonabo, einer ſeiner Bruder und ein Neffe von ihm. Der Pfarrer von Los Palacios bemerkt, Columbus habe dem Caziken und ſeinem Bruder verſprochen, ſie ihrem Vater⸗ land und ihrer Macht zuruͤckzugeben, wenn ſie in Europa dem Koͤnig und der Koͤnigin von Caſtilien ihre Aufwartung gemacht haͤtten.*) Wahrſcheinlich hoffte er durch den An⸗ blick der Wunder von Spanien, der Groͤße und Macht ſei⸗ ner Beherrſcher und durch eine fortgeſetzte guͤtige Behand⸗ lung, ihre Feindſchaft gegen die Spanier zu beſiegen und ſie zu wichtigen Werkzeugen zu machen, um ſich einer ſiche⸗ ren und friedlichen Herrſchaft auf der Inſel zu erfreuen. Caonabo beſaß jedoch jene ſtolze Natur von wilder doch kraͤftiger Art, die ſich nie bezaͤhmen laͤßt. Er blieb ein finſterer und ungluͤcklicher Gefangener. Er hatte zu viel Klugheit, um nicht zu merken, daß ſeine Macht auf immer gebrochen war, aber er behauptete ſein ſtolzes Weſen mir⸗ ten in ſeiner Verzweiflung. „) Cura de los Palacios, cap. 151, — 270— Da Columbus in der Beſchiffung dieſer Meere wenig erfahren war, ſo nahm er, ſtatt ſich noͤrdlich zu halten, damit er in den Strich der Weſtwinde kaͤme, ſeinen Lauf oͤſtlich, als er die Inſel verließ. Die Folge war, daß faſt ſeine ganze Reiſe ein muͤhſeliges und langweiliges Arbeiten gegen die Paſſatwinde und die Windſtillen war, welche in den Tropenlaͤndern vorherrſchen. Am 6. April befand er ſich noch immer in der Naͤhe der caraibiſchen Inſeln, mit ei⸗ ner ermuͤdeten und kranken Mannſchaft und mit ſchnell auf die Neige gehenden Vorräͤthen. Er ſteuerte nach Suͤden, um auf der wichtigſten dieſer Inſeln wegen friſcher Vorraͤthe an's Land zu gehen. 1 Sonnabend den 9. warf er bei Marigalante Anker, und am folgenden Tage ging er nach Guadaloupe unter Segel. Es war gegen die Gewohnheit des Columbus, wenn er in einem Hafen war, an einem Sonntage die Anker zu lich⸗ ten, aber das Schiffsvolk murrte und bemerkte, wenn es ſich um Stillung des Hungers und Durſtes handle, ſey es nicht Zeit, ſich von Skrupeln wegen eines Feiertages hin⸗ halten zu laſſen.*) 3 Indem er nun bei der Inſel Guadaloupe vor Anker ging, ſandte er ein wohlbewaffnetes Boot an die Kuͤſte, um ſich gegen jeden Angriff dieſes kriegeriſchen Volkes zu ſichern. Ehe es das Land erreichen konnte, kam eine große Anzahl entſchloſſener Weiber aus den Waldungen, mit Bogen und Pfeilen bewaffnet und mit Federbuͤſchen geziert, und ruͤſtete *) Hist. del Almirante, cap. 62. — — 271— ſich, jede Landung auf ihrer Inſel abzuwehren. Da die See etwas hoch ging und eine ſtarke Brandung an der Kuͤſte war, ſo blieben die Boote in einiger Entfernung und zwei von den Indianern aus Hispaniola ſchwammen an's Land. Wie ſie dieſen Amazonen erklaͤrten, daß die Spanier nur Lebensmittel wollten und dafuͤr Gegenſtaͤnde von großem Werth anboͤten, verwieſen dieſelben ſie an ihre Maͤnner, die ſich an der Nordſeite der Inſel befaͤnden. Die Boote fuhren dahin, und es zeigten ſich dort an der Kuͤſte eine Menge von Eingebornen, welche große Wildheit kund gaben; fie riefen und ſchrieen, und ſchoffen Haufen von Pfeilen ab, die aber wegen der weiten Entfernung die Spa⸗ nier nicht erreichten. Als ſie die Boote an's Land kommen fahen, verbargen ſie ſich in den benachbarten Wald, und ſtuͤrzten von da mit graͤßlichem Geſchrei auf die landenden Spanier los. Eine Salve von Feuergewehren jagte ſie er⸗ ſchreckt in die Waͤlder und Berge, und die Boote erfuhren ferner keinen Widerſtand. Die Spanier traten in die ver⸗ laſſenen Wohnungen, und fingen an, zu pluͤndern und zu verwuͤſten, wider die unveraͤnderlichen Befehle des Admirals. unter den in dieſen Haͤuſern gefundenen Gegenſtaͤnden war auch Honig und Wachs, welches Herrera von der Terra Firma herleiten will, da dieſes umherſchweifende Volk die Produkte entfernter Gegenden in dem Laufe ſeiner Unter⸗ nehmungen davon zu fuͤhren pflege. Fernando Columbus erwäͤhnt auch, es haͤtten ſich Beile von Eiſen in ihren Haͤufern vorgefunden: dieſe muͤſſen jedoch aus einer ſchon er⸗ waähnten Art harter und ſchwerer Steine gemacht geweſen — 22— ſeyn oder von Oertern hergeruͤhrt haben, welche die Spa⸗ nier zuvor beſucht hatten, da es ſicher ausgemittelt iſt, daß unter den Eingebornen vor der Entdeckung kein Eiſen im Gebrauche war. Die Bootsleute berichteten auch, daß ſie in einem der Haͤuſer den Arm eines Menſchen angeſpießt am Feuer braten geſehen haͤtten— eine andere jener Be⸗ hauptungen, welche die Menſchheit empoͤren und beſſere Ge⸗ waͤhrſchaft fordern, um geglaubt zu werden: die Bootsleute hatten muthwillige Verwuͤſtungen in dieſen Gebaͤuden ange⸗ richtet, und moͤgen einen Vorwand geſucht haben, um ihre Pluͤnderungen vor dem Admiral zu entſchuldigen. Waͤhrend einige von den Leuten am Ufer beſchaͤftigt waren, Holz und Waſſer zu holen und Caſſavabrod zu be⸗ reiten, ſandte Columbus vierzig wohlbewaffnete Leute ab, um das Innere der Inſel zu erforſchen. Sie kehrten am folgenden Tage mit zehn Weibern und drei Knaben zuruͤck, die ſie gefangen genommen hatten. Die Weiber waren von ſtarker und kraͤftiger Geſtalt, dabei von großer Gewandtheit. Sie hatten keine Bekleidung und trugen das Haar lang und frei von den Schultern herabfallend; einige waren mit ei⸗ nem Kopfſchmuck von vielfarbigen Federn verſehen. Unter ihnen befand ſich die Frau eines Caziken, ein Weib von gro⸗ ßer Staͤrke und ſtolzem Geiſte. Bei der Annaͤherung der Spanier war ſie mit einer Leichtigkeit entflohen, welche alle ihre Verfolger weit hinter ſich ließ, einen Eingebornen von den canariſchen Inſeln ausgenommen, der fuͤr ſeine Schnellfuͤßigkeit beruͤhmt war. Sie wuͤrde auch dieſem ent⸗ gangen ſeyn; doch, als ſie ſah, daß ſte mit ihm allein und — 273— ferne von ſeinen Gefaͤhrten war, wandte ſie ſich ploͤtzlich um, packte ihn mit bewunderungswuͤrdiger Staͤrke, und würde ihn erdroſſelt haben, wenn nicht die Spanier dazu⸗ gekommen waͤren und ſie in der Hitze des Kampfes feſt ge⸗ nommen haͤtten, gleich einem Habicht mit ſeiner Beute. Der kriegeriſche Geiſt dieſer caralbiſchen Frau und der um⸗ ſtand, daß man die Weiber in bewaffneten Schaaren an⸗ traf, leiteten Columbus auf die unrichtige Vorſtellung, daß einige dieſer Inſeln nur von Weibern bewohnt ſeyen, ein Irrthum, der, wie ſchon bemerkt, durch die Erzaͤhlun⸗ gen des Marco Polo, von einer Amazonen⸗ Inſel nahe an der Kuͤſte von Aſien, veranlaßt wurde. Nachdem Columbus mehrere Tage auf der Inſel ver⸗ weilt und ſich mit Brodvorrath auf drei Wochen verſehen hatte, bereitete er ſich zur Abreiſe. Da Guadaloupe die wichtigſte der caraibiſchen Inſeln und gewiſſermaßen die Pforte oder der Eingang zu allen uͤbrigen war, ſo wuͤnſchte er ſich die Freundſchaft der Bewohner zu ſichern. Er ent⸗ ließ daher alle Gefangene mit vielen Geſchenken, um fuͤr die Beraubung und das erlittene Unrecht Entſchaͤdigung zu geben. Der weibliche Cazike aber wollte nicht wieder an's Land gehen, ſondern zog es vor, den an Bord befindlichen Eingebornen von Hispaniola Geſellſchaft zu leiſten und be⸗ hielt eine junge Tochter bei ſich. Sie hatte fuͤr Caonabo eine Zuneigung gefaßt, als ſie entdeckte, daß er von einer caraibiſchen Inſel gebuͤrtig ſey. Sein Charakter und ſeine Schickſale, die ſie ſich von den andern Indianern erzaͤhlen Irving's Columbus. 4— 6. 3 18 — 274— ließ, hatten das Mitgefuͤhl und die Bewunderung dieſes unerſchrockenen Weibes erweckt.*) „Am 20. April verließ er Guadaloupe und hielt ſich von da ungefaͤhr im zweiundzwanzigſten Breitegrade. Die Ca⸗ ravelen hatten ſo ſehr gegen die volle Stroͤmung der Paſ⸗ ſatwinde zu kaͤmpfen, daß ſie am 20. Mai, nach einem Monate voll Muͤhen und Anſtrengungen, noch einen be⸗ traͤchtlichen Theil ihrer Fahrt vor ſich hatten. Die Lebens⸗ mittel waren ſchon ſo ſehr erſchoͤpft, daß Columbus jeden Mann auf die taͤgliche Ration von zwoͤlf Loth Brod und anderthalb Schoppen Waſſer ſetzen mußte, und wie ſie wei⸗ ter kamen, wurde der Mangel immer druͤckender und noch beaͤngſtigender durch die Ungewißheit, welche uͤber ihre Lage herrſchte. Es befanden ſich mehrere Steuermaͤnner an Bord der Schiffe, aber waͤhrend ſie ſich eigentlich nur auf die Schiffahrt des mittellaͤndiſchen Meeres oder der atlantiſchen Kuͤſten verſtanden, ſo geriethen ſie dagegen in die groͤßte Verwirrung, und verloren alle Berechnung, wenn ſie uͤber den großen Ocean ſchifften. Jeder hatte ſeine beſondere An⸗ ſicht und keiner berüͤckſichtigte die Angaben des Admirals. Zu Anfang Juni trat eine voͤllige Hungersnoth an Bord der Schiffe ein. In der Verzweiflung ihrer Lage, im An⸗ geſicht des Todes, ſchlugen einige Spanier als aͤußerſtes Rettungsmittel vor, die indianiſchen Gefangenen zu toͤdten und zu eſſen; andere machten den Antrag, man ſolle ſie in's Meer werfen, um die unndothig zehrenden Maͤuler los ») Hist. del Almirante, cap. 65. — 275— zu werden. Nur die ſtrenge Autoritaͤt des Columbus hielt ſie von der Vollfuͤhrung dieſes letzten Anſchlages zuruͤck. Er ſtellte ihnen vor, daß die Indianer ihre Nebenmenſchen, daß einige von ihnen Chriſten gleich ihnen und alle zu der⸗ ſelben Behandlung berechtigt ſeyen. Er ermahnte ſie, ſich nur noch etwas zu gedulden, und verſicherte, nach ſeiner Berechnung ſeyen ſie nicht mehr weit vom Cap St. Vin⸗ cent. Alle machten ſich daruͤber luſtig, denn ſie glaubten ſich noch weit von ihrem erſehnten Hafen; einige behaupte⸗ ten, ſie befaͤnden ſich im Canal von England, andere, ſie näͤherten ſich Gallicien; als nun Columbus im feſten Ver⸗ trauen auf ſeine Meinung befahl, daß man in der Nacht die Segel einziehen ſolle, damit ſie nicht in der Finſterniß auf Land ſtießen, gab es ein allgemeines Gemurmel; das Schiffsvolk rief, es waͤre beſſer, an eine Kuͤſte geworfen zu werden, als auf offnem Meere zu verſchmachten. Am fol⸗ genden Morgen bekamen ſie jedoch zu ihrer großen Freude daſſelbe Land zu Geſicht, welches Columbus ihnen angekuͤn⸗ digt hatte. Seit dieſer Zeit wurde er von den Seeleuten in der Schiffahrtskunde faſt wie ein Orakel und als ein Ein⸗ geweihter in die Geheimniſſe des Oceans betrachtet.*) Am 11. Juni liefen die Schiffe nach einer langwierigen Reiſe von drei Monaten in der Bai von Cadiz ein. Im Laufe dieſer Fahrt ſtarb der ungluͤckliche Caonabo. Bei den gleichzeitigen Schriftſtellern geſchieht dieſes Ereigniſſes nur zufaͤllige Erwaͤhnung, und ſie moͤgen es wohl als eine *) Hist, del Almirante, csp. 63. 18* — 276— ſehr unwichtige Sache betrachtet haben. Er behauptete ſeine ſtolze Natur bis zu ſeinem Ende, ja ſein Tod wird hauptſaͤchlich der verzehrenden Schwermuth eines unbezaͤhm⸗ ten doch gebrochnen Geiſtes zugeſchrieben.*) Er war ein außerordentlicher Charakter unter den Wilden. Von einem gewoͤhnlichen caraibiſchen Krieger hatte er ſich durch Muth und Unternehmungsgeiſt zum maͤchtigſten Caziken und ober⸗ ſten Gebieter der volkreichen Inſel Hayti emporgeſchwungen, Er war der einzige Haͤuptling, der den Scharfblick gehabt zu haben ſcheint, vorauszuſehen, was es mit dem Wachs⸗ thum der ſpaniſchen Colonie fuͤr ein Ende nehmen wuͤrde, ſowie den militaͤriſchen Geiſt, dieſem Eindringen wirkſame Maßregeln entgegen zu ſetzen, Waͤren ſeine Krieger ſeiner eigenen unerſchrocknen Natur faͤhig geweſen, ſo wuͤrde der Krieg, den er erregt hatte, fuͤrchterlich geworden ſeyn. Sein Schickſal gibt in kleinem Maaßſtabe der menſchlichen Groͤße eine Lehre. Wie die Spanier zum erſtenmal an der Kuͤſte von Hayti ankamen, war ihre Einbildungskraft entzuͤndet von den Geruͤchten eines prachtliebenden Fuͤrſten im Innern, des Herrn des goldnen Hauſes, des Gebieters *) Cura de los Palacios, cap. 131, Peter Martyr, decad. 1. lib. IV. Einige wollten verſichern, Cao⸗ nabo ſey in einer jener Caravelen mit um's Leben ge⸗ kommen, die in dem Sturm im Hafen von Iſabella zu Grunde gegangen waren, aber die übereinſtimmenden Zeuaniſſe des Pfarrers von Los Palacios, Peter Mar⸗ tyr's und Fernando's Columbus beweiſen, daß er mit dem Admiral auf deſſen Rückreiſe begriffen war. der Minen von Cibao, der mit einem glaͤnzenden Hofſtaate in den Gebirgen reſidire; aber nach kurzem Zeitverlaufe war er nur ein nackter Gefangener auf dem Verdeck einer ihrer Caravelen, und Niemand war, der ſein Loos bemitleidete, als eine der wilden Heldinnen ſeines eignen Landes. Seine ganze Wichtigkeit ſchwand mit ſeiner Freiheit dahin; kaum wird ſeiner in der Gefangenſchaft noch weiter gedacht; und mit den angebornen Eigenſchaften einer hohen Helden⸗Natur, endete er in der Ruhmloſigkeit eines ganz gewoͤhnlichen Menſchen. Zweites Kapitel. Sinkende öffentliche Gunſt des Columbus in Spa⸗ nien. Seine Aufnahme bei den Souverainen in Burgos. Vorſchlag deſſelben zu einer dritten Reiſe. Neid und Bosheit waren nur zu wirkſam geweſen, um Columbus die oͤffentliche Gunſt zu entziehen. Es iſt un⸗ moͤglich, einen Zuſtand von Aufregung laͤngere Zeit hin⸗ durch zu erhalten, ſelbſt wenn es durch Wunder geſchehen ſollte. Die Welt iſt anfaͤnglich raſch und verſchwenderiſch mit ihrer Bewunderung, wird aber bald erkaͤltet, mißtraut — 278— ihrem fruͤheren Enthuſiasmus und bildet ſich ein, ſie ſey in der Sache, die ſie mit ſo viel Freigebigkeit unterſtuͤtzt hat, betrogen worden. Dann geſchieht es, daß der Miß⸗ gͤnſtige, der durch den allgemeinen Beifall zum Schwei⸗ gen gebracht wurde, ſeine hinterliſtigen Eingebungen bei⸗ bringt, den ſinkenden Guͤnſtling ſeiner Verdienſte entkleidet und ihn zum Gegenſtande des Zweifels und der Ruͤge, wo nicht gar der voͤlligen Ungnade zu machen weiß. In drei kurzen Jahren war die Welt mit dem erſtaunenswerthen Wunder einer neuentdeckten Erdſeite vertraut und nun auch empfaͤnglich geworden fuͤr jede Einfluͤſterung, die dem Ruhme des Entdeckers und ſeinen Unternehmungen ſchaden konnte. Die Umſtaͤnde, welche die gegenwaͤrtige Ankunft des Columbus begleiteten, waren wenig geeignet, die wachſenden Vorurtheile des großen Haufens zu vermindern. Wie die meuteriſche Mannſchaft von Seeleuten und Abenteurern, die mit ſo lebhaften und uͤbertriebenen Erwartungen an Bord gegangen waren, ſich jetzt wieder ausſchiffte, da ſah man ſtatt eines froͤhligen Schiffsvolkes, das an die Kuͤſte ſpringen ſollte, voll von dem gluͤcklichen Erfolg und beladen mit der Beute aus dem goldnen Indien, einen erbaͤrmlichen Zug von ungluͤcklichen Menſchen dahinſchleichen, aufgerieben von den Krankheiten der Colonie und von den Muͤhſeligkeiten der Reiſe, mit gelben Geſichtern, die, wie ein alter Schrift⸗ ſteller bemerkt, ein Spott auf das Gold waren, welches der Gegenſtand ihres Suchens geweſen, und die nichts aus der neuen Welt zu erzaͤhlen wußten, als Geſchichten von — 279— Krankheiten, Armuth und getaͤuſchten Hoffnungen. Co⸗ lumbus ſuchte, ſo viel er konnte, dieſen ungünſtigen An⸗ zeichen zu begegnen und die ſinkende Begeiſterung des Pub⸗ licums wieder zu beleben. Er ſtützte ſich auf die Wichtig⸗ keit ſeiner neuen Entdeckungen laͤngs der Kuͤſte von Cuba, wo er nach ſeiner Meinung in der Naͤhe der Aurea Cher⸗ ſoneſus des Alterthums angekommen war, welche eines der reichſten Laͤnder Aſiens umſaͤumen ſolle. Und vor Allem beruͤhmte er ſich der Entdeckung der ergiebigen Minen an der Sudſeite von Hispaniola, welche er fuͤr die des alten Ophir erklaͤrte. Die Leute hoͤrten dieſen Berichten mit ſpoͤttiſcher unglaͤubigkeit zu, oder wenn ſie auf einen Au⸗ genblick Intereſſe daran nahmen, ſo ward dieſes bald durch die traurigen Bilder zerſtoͤrt, welche die getaͤuſchten Gluͤcks⸗ ritter entwarfen. Im Hafen von Cadix fand Columbus drei Caravelen, von Pedro Alonzo Ninjo befehligt, auf dem Punct, mit friſchen Vorraͤthen nach der Colonie abzugehen. Faſt ein Jahr war ohne eine ſolche Huͤlfe verſtrichen, da vier Cara⸗ velen, welche in dem verfloſſenen Januar abſegelten, an der Kuͤſte der Halbinſel zu Grunde gegangen waren.*) Nachdem er die koͤniglichen Schreiben und Depeſchen ge⸗ leſen, von welchen Ninjo der Ueberbringer war, und ſich von den Wuͤnſchen der Souveraine eben ſo wie von dem Stand der oͤffentlichen Meinung unterrichtet hatte, ſchrieb Columbus mit dieſer Gelegenheit und draͤngte den Adelan⸗ *) Munjoz hist, n. Mundo, I. VI. 8 — 280— tado, auf alle Weiſe dahin zu ſtreben, daß die Inſel in eine friedliche und ergiebige Verfaſſung gebracht werde, in⸗ dem er alle Unzufriedenheit und Bewegungen ſtillen und alle Caziken oder deren Unterthanen gefangen nehmen und nach Spanien ſchicken ſolle, die bei dem Tode irgend eines Coloniſten implicirt waͤren. Er empfahl ihm den unablaͤſ⸗ ſigſten Eifer, die neuentdeckten Minen am Fluße Hayna unterſuchen und bearbeiten zu laſſen, auch daß ein Ort in der Nachbarſchaft ausgeſucht, und ein Seehafen gegruͤndet werden ſolle. Pedro Alonzo Ninjo ging mit den drei Ca⸗ ravelen am 17. Juni unter Segel. Als die Nachricht von der Ankunft des Columbus zu den Souverainen gelangt war, erhielt er von ihnen ein gnaͤdiges Schreiben, aus Almazen vom 12. Juli 1496 datirt; ſie wuͤnſchten ihm zu ſeiner erfreulichen Ruͤckkehr Gluͤck und luden ihn ein, am Hofe zu erſcheinen, wenn er ſich von den Ermuͤdungen der Reiſe erholt haͤtte. Die guͤ⸗ tigen Ausdruͤcke, in welchen dieſes Schreiben abgefaßt war, dienten den Muth des Columbus wieder zu erheben, der ſeit der Sendung des anmaßenden Aguado ſich der Gunſt ſeiner Souveraine beraubt und in Ungnade gefallen waͤhnte. Als ein Beweis der Muthloſigkeit ſeines Geiſtes wird er⸗ zaͤhlt, er ſey bei ſeiner dießmaligen Ruͤckkunft nach Spanien in ein niedres Gewand gekleidet geweſen, in Schnitt und Farbe dem Anzug eines Franziskaner⸗Moͤnchs aͤhnlich, ganz einfach mit einer Schnur“) geguͤrtet, und habe ſich auch *) Cura de los Palacios, cap. 151. 4— 281— wie die Brüder dieſes Ordens den Bart wachſen laſſen*) Dieſes geſchah wahrſcheinlich zur Erfuͤllung irgend eines Buß⸗Geluͤbdes, das er in einem Augenblicke der Gefahr oder des Kleinmuthes abgelegt hatte— eine Sitte, die in jener Zeit herrſchte, und der ſich Columbus haͤufig anſchloß. Es deutete jedoch viel Demuth und Gedruͤcktheit an und bildete einen ſtarken Contraſt mit ſeiner fruͤheren Ankunft im Triumphe. Er war aber in der That wiederholt dazu verurtheilt, ein Beiſpiel von dem Gluͤckswechſel zu liefern, dem diejenigen unterworfen ſind, die ſich einmal von den ſicheren Kuͤſten der Unbekanntheit auf die ſchwankenden Wo⸗ gen der Volksgunſt begeben haben. Wie gleichguͤltig Co⸗ lumbus auch ruͤckſichtlich ſeiner perſoͤnlichen Erſcheinung ſeyn mochte, war er doch aͤngſtlich darauf bedacht, das Intereſſe fuͤr ſeine Entdeckungen lebendig zu erhalten, indem er ſtets beſorgte, die Lauheit, welche ſich gegen ihn verbreitete, moͤge ihm in Ausfuͤhrung derſelben hinderlich werden. Auf ſeinem Wege nach Burgos, wo er den Souverainen aufzu⸗ warten gedachte, traf er daher eine ſorgfaͤltige Auswahl von den Seltenheiten und Schaͤtzen, die er aus der neuen Welt mitgebracht hatte. Unter dieſen befanden ſich goldne Halsketten, Armbaͤnder, Amulete und kleine Kronen, von verſchiedenen Caziken erbeutet, welche er als Trophaͤen be⸗ trachtete, die er von den uncultivirten Fuͤrſten der reichen Kuͤſten Aſiens oder der Inſeln der indiſchen Meere ge⸗ wonnen. Es iſt ein Beweis von dem kleinen Maaßſtabe, — 2) Oriedo, lib, II, cap. 23. — 282— womit bereits die erhabene Entdeckung des Columbus ge⸗ ſchaͤtzt wurde, daß er ſeine Zuflucht zu dieſem Kunſtgriff nehmen mußte, um die plumpen Erwartungen des großen Haufens durch den bloßen Schimmer des Goldes zu blenden. Er nahm ferner einige Indianer mit, die nach ihrer wilden Sitte mit Federn geſchmuͤckt waren und in goldnen Zierrathen erglaͤnzten. Unter ihnen befand ſich der Bruder und der Neffe Caonabo's, der erſtere in einem Alter von ungefaͤhr dreißig Jahren, der letztere erſt zehn Jahre alt. Sie waren nur mitgekommen, um dem Koͤnig und der Koͤnigin ihre Aufwartung zu machen, damit ſie eine Vor⸗ ſtellung von der Groͤße und Macht des ſpaniſchen Herr⸗ ſcherpaares erhielten, wonach ſie unverſehrt in ihre Heimath zuruͤck gebracht werden ſollten. Wenn ſie durch irgend einen Hauptort kamen, legte Columbus dem Brader Caonabo's ein maſſives Halsband und eine Kette von Gold an, um zu zeigen, daß er Cazike der Goldregion von Cibao ſey. Der Pfarrer von Los Palacios, welcher den Entdecker und ſeine Indianer einige Tage in ſeinem Hauſe bewirthete, ſagt, er habe die goldne Kette in der Hand gehabt und die Schwere derſelben habe ſechshundert Caſtellanos betragen.*) Der wuͤrdige Geiſtliche erwaͤhnt auch verſchiedner indiani⸗ ſchen Masken und Bilder in Holz oder Baumwolle, die mit phantaſtiſchen Zeichen von Thieren geziert geweſen, welche er alle fuͤr Abbildungen des Teufels hielt, der nach *) Gleich dreitauſend einhundert und fünf und neunzig Dol⸗ lars unſerer Tage. 7 — 283— ſeiner Vorſtellung Gegenſtand der Anbetung bei dieſen In⸗ ſulanern ſey.*) Der Empfang des Columbus bei den Souverainen war von dem, was er erwartet hatte, ganz verſchieden; er wurde mit ausgezeichter Huld aufgenommen; keine Erwaͤh⸗ nung geſchah von den Klagen Margarite's und Boylee's, oder von den richterlichen Unterſuchungen, welche Aguado geführt hatte. Dieſe konnten nur einen voruͤbergehenden Eindruck auf die Gemuͤther der Herrſcher gemacht haben; ſie wurden zu wohl des verlaſſenen Zuſtandes des Columbus und der großen Schwierigkeiten ſeiner Lage inne, um nicht zu dulden, was ſie auf ſeiner Seite als Irrthuͤmer an⸗ ſehen mochten. Ermuthigt von der Gunſt, deren er ſich wieder erfreuen durfte, und von dem Intereſſe, womit die Souveraine den Bericht von ſeiner neuen Reiſe laͤngs der Kuͤſte von Cuba, wie auch von der Entdeckung der Minen von Hayna an⸗ hoͤrten, welche er fuͤr das alte Ophir zu erklaͤren nicht verabſaͤumte, that Columbus nunmehr den Vorſchlag zu einer weiteren Unternehmung, auf welcher er noch ausge⸗ dehntere Entdeckungen zu machen und die Terra Firma der Herrſchaft ſeiner Gebieter zu unterwerfen verſprach, indem er Cuba nur fuͤr ein Stuͤck eines reichen und praͤch⸗ tigen Feſtlandes erklaͤrte. Zu dieſem Ende verlangt? er acht Schiffe, zwei, um mit Vorraͤthen nach der Inſel His⸗ paniola zu gehen, die uͤbrigen ſechs, um unter ſeinen Be⸗ ³) Cura de los Palacios, cep. 131. — 284— fehlen die neue Entdeckungsreiſe zu machen. Die Souve⸗ raine erklaͤrten ſich ſogleich bereit zu ſeinen Antraͤgen, und ihre Abſichten gingen wohl aufrichtig auf deren Erfuͤllung, aber in der Ausfuͤhrung der Erforderniſſe wurde Columbus mit unertraͤglichem Aufſchub hingehalten; theils in Folge der Wirkungen in den oͤffentlichen Angelegenheiten, theils durch Intriguen von Beamten, beides große Urſachen, wo⸗ durch die Pläne der Fuͤrſten beſtaͤndige Ablenkung und Laͤh⸗ mung erfahren. Die Huͤlfsquellen Spaniens waren in jenem Augenblick auf's aͤußerſte in Anſpruch genommen durch den Ehrgeiz Ferdinand's welcher alle ſeine Revenuͤen auf kriegeriſche Unternehmungen und Subſidien verwandte. Waͤhrend er mit tiefer und ſchlauer Politik einen Streit mit Frankreich fuͤhrte, den Plan im Hinterhalte, ſich des Scepters von Neapel zu bemaͤchtigen, legte er zugleich den Grund zu einer maͤchtigen Verbindung durch die Verheirathung der koͤniglichen Kinder, die nun in reifere Jahre traten. In dieſer Zeit entſtand das Famlienbuͤndniß, welches nachmals unter ſeinem Enkel und Nachfolger Karl V. ein ſo großes Reich vereinigte.— Waͤhrend ein anſehnliches Heer, von Gonſalvo von Cor⸗ dova befehligt, in Italien unterhalten wurde, um dem Koͤnige von Neapel wieder zu ſeinem Thron zu verhelfen, den ihm Carl VIII. von Frankreich ploͤtzlich entzogen hatte, wurden andre Armeen an den Graͤnzen Spaniens noͤthig. Von einem franzoͤſiſchen Einfall bedroht, mußten zugleich Geſchwader zur Bewachung der Kuͤſten des mittellaͤndiſchen und atlantiſchen Meeres unterhalten werden; waͤhrend eine prächtige Armada von uͤber hundert Schiffen, mit zwanzig tauſend Perſonen an Bord, unter ihnen viele vom erſten Adel, abgeſandt wurde, um die Prinzeſſin Juana nach Flan⸗ dern zu begleiten, wo ſie mit Philipp, Erzherzog von Oeſter⸗ reich, vermaͤhlt werden ſollte, und um deſſen Schweſter Margaretha mit zuruͤckzubringen, welche dem Infanten Juan zur Braut beſtimmt war. Dieſe weit ausgedehnten Negociationen, beides im Kriege und im Frieden, nahmen alle Land⸗ und Seemacht in An⸗ ſpruch. Sie erſchoͤpften den koͤniglichen Schatz und erfuͤllten die Seelen der Herrſcher mit Sorgen, indem ſie dieſelben zugleich zwangen, in ihren Reichen von Ort zu Ort zu reiſen. Bei ſolchen Sorgen von draͤngender wichtiger Art die auf ihrem Herzen laſteten, kamen die Unternehmungen des Columbus bald in einen Zuſtand von Vernachlaͤſſigung und Zuruͤckſetzung. Sie waren bisher nur Quelle der Aus⸗ gaben ſtatt des Ertrages geweſen, und hinterliſtige Raͤthe ſtanden immer bereit, den Regenten ins Ohr zu fluͤſtern, daß dieſes allem Anſcheine nach ſo fortgehe. Was war in den ehrſuͤchtigen Augen Ferdinands die Erwerbung einer Anzahl von wilden, uncultivirten und weitentfernten Inſeln gegen den glaͤnzenden Beſitz von Neapel, oder der Verkehr mit nackten und barbariſchen Fuͤrſten gegen eine Allianz mit den maͤchtigſten Beherrſchern der Chriſtenheit? Colum⸗ bus erlebte daher die Kraͤnkung, Armeen werben und Ge⸗ ſchwader ausruͤſten zu ſehen, um einen nichtigen Krieg uͤber ein kleines Stuͤck Land in Europa zu fuͤhren; dazu die große — 286— Armada von uͤber hundert Segel, welche zum prunkenden Dienſt einer koͤniglichen Braut auslief, waͤhrend er vergebens wegen ein Paar Caravelen ſollicitirte, um die Entdeckung einer Welt zu verfolgen.— Endlich, im Herbſte, wurden ſechs Millionen Mara⸗ vedi's*) angewieſen, um Columbus zur Ausruͤſtung des verſprochenen Geſchwaders zu dienen. Grade als die Summe ausbezahlt werden ſollte, kam ein Brief von Pedro Alonzo Ninjo, welcher mit ſeinen drei Caravelen wieder von der Inſel Hispaniola zuruͤck in Cadiz eingelaufen war. Statt nun perſoͤnlich am Hofe zu erſcheinen oder die Depeſchen des Adelantado zu uͤberſenden, ging er auf Beſuch nach Huelva zu ſeiner Familie, nahm die Depeſchen mit und ſchrieb in einem ruhmredigen Style, er habe einen großen Betrag von Gold an Bord ſeiner Schiffe.*) Das war eine glorreiche Nachricht fuͤr Columbus, wel⸗ cher hieraus ſchloß, daß die neuen Minen im Werke und die Schatzkammern von Ophir geoͤffnet ſeyen. Aber dieſer Brief von Ninjo war vom Schickſal dazu beſtimmt, ſeinen Angelegenheiten eine recht nachtheilige Richtung zu geben. Der Koͤnig brauchte damals grade Geld, um die Feſtung Salza in Rouſſillon wieder herzuſtellen, welche von den Franzoſen mit Sturm genommen war; die ſechs Millionen Maravedi's, welche dem Columbus ſoeben ausbezahlt wer⸗ *) Im Werth von 86, 956 Dollars unſerer Zeit. 3 *) Las Casas hist, Ind,, lib, I. cap. 125. MS. — 287— den ſollten, wurden nunmehr ſogleich in Beſchlag genom⸗ men, um die uͤbel zugerichtete Veſte wieder in Stand zu ſetzen, und es erging der Befehl, daß der Betrag der Aus⸗ ruͤſtung von dem Golde genommen werden ſolle, welches Ninjo mitgebracht habe. Erſt gegen Ende des Septembers kam Ninjo an den Hof und uͤberlieferte die Depeſchen des Adelantado, erſt jetzt entdeckte man, daß ſeine Goldver⸗ ſprechung eine bloße Redensart geweſen und ſeine Caravele in Wirklichkeit nur mit indianiſchen Gefangenen beladen war, aus deren Verkauf das verheißene Gold erſt hervor⸗ gehen ſollte. Es iſt kaum moͤglich, den aͤrgerlichen Eindruck dieſer einfaͤltigen hyperboliſchen Redensart zu beſchreiben. Die Hoffnungen des Columbus auf einen großen und unmittel⸗ baren Gewinn aus den Minen, waren mit einem Male daniedergeſchlagen, der Eifer ſeiner wenigen Beſchuͤtzer war erkaͤltet, man legte ſeinen Unternehmungen ruhmredige Uebertreibungen zur Laſt, und ſeine Feinde zeigten mit Spott und Verachtung auf die armſeligen Ladungen der Caravelen, als die ſo geruͤhmten Schaͤtze der neuen Welt⸗ Die von Ninjo und ſeiner Schiffsmannſchaft mitgebrachten Nachrichten ſtellten die Colonie in einer traurigen Lage dar, und die Depeſchen des Admirals zeigten die Nothwendigkeit unmittelbarer neuen Zuſchuͤſſe. Doch in demſelben Ver⸗ haͤltniß als die Noth des Falles groß war, waren die Mittel zur Abhuͤlfe duͤrftig. Alle unguͤnſtige Vorſtellungen, die zuvor eingelaufen waren, ſchienen ſich zu beſtaͤtigen, und das mißguͤnſtige Geſchrei„viel Koſten wenig Gewinn⸗ —- 288— wurde Seitens jener Politiker von geringem Scharfblick und von beſchraͤnktem Sehkreiſe wiederholt, die in allen großen Unternehmungen die augenblicklichen Ausgaben gut zu berechnen im Stande ſind, aber ſich nicht auf den Stand⸗ punkt erheben koͤnnen, den Gewinn der Zukunft zu ermeſſen. Drittes Kapitel. Vorbereitungen zu einer dritten Reiſe. Getäuſchte Erwartungen und Aufſchub. (1497.) Erſt im naͤchſten Fruͤhjahr 1497 fingen die Souveraine an, den Angelegenheiten des Columbus und der neuen Welt ernſte Aufmerkſamkeit zu ſchenken. Die Flotte war mit der Erzherzogin Margarethe von Oeſterreich aus Flandern zu⸗ ruͤckgekehrt. Ihr Beilager mit dem Infanten Juan, dem vermuthlichen Thronerben, war in Burgos, der Hauptſtadt von Alt⸗Caſtilien, mit außerordentlichem Glanze gefeiert worden. Alle Granden und Wuͤrdentraͤger, die ganze Rit⸗ terſchaft von Spanien, nebſt den Geſandtſchaſten der erſten Maͤchte der Chriſtenheit hatten ſich zu dieſen Feierlichkeiten verſammelt, Burgos war eine Zeit lang ein Schauplatz — 289— ritterlicher Spiele und vornehmer Hof⸗Luſtbarkeiten, und das ganze Koͤnigreich feierte mit großen Feſten dieſe maͤch⸗ tige Verbindung, welche den ſpaniſchen Souverainen die Fortdauer ihres außerordentlichen Gluͤckes zu verbuͤrgen ſchien. Mitten in dieſen Feſtlichkeiten ging Iſabella, deren muͤtterliches Herz durch die Heirath ihrer beiden Kinder hoch begluͤckt wurde, nachdem ſie ſich dieſer Sorgen zaͤrt⸗ licher und haͤuslicher Verhaͤltniſſe entledigt, zu den Ange⸗ legenheiten der neuen Welt uͤber, mit einem Geiſte, welcher bewies, daß ſie entſchloſſen war, dieſelben feſt zu begruͤnden, ſo wie die Machtvollkommenheit des Columbus unzweideutig zu beſtimmen und ſeine Dienſte zu belohnen. Ihrem ſchuͤz⸗ zenden Eifer muͤſſen alle fuͤr Columbus guͤnſtige Verord⸗ nungen zugeſchrieben werden; denn der Koͤnig fing an, ihn mit Kaͤlte zu betrachten, und die koͤniglichen Raͤthe, welche am meiſten Einfluß in den indianiſchen Angelegenheiten hat⸗ ten, waren ſeine Feinde. Verſchiedene aus dieſer Zeit datirte koͤnigliche Ordonnan⸗ zen geben die großmuͤthige und ruͤckſichtsvolle Stimmung der Koͤnigin kund. Die Rechte, Privilegien und Wuͤrden, welche ihm zu Santa Fé zugeſagt worden, erhielten neue Be⸗ ſtaͤtigung; ein Strich Landes in Hispaniola, funfzig Stun⸗ den in die Laͤnge und fünf und zwanzig Stunden breit, wurde ihm mit dem Titel eines Herzogs oder Markgrafen angeboten. Columbus hatte jedoch die Vorſicht, dieſes ab⸗ zulehnen; er bemerkte, es werde nur den Neid vermehren, der ſich ſchon ſo maͤchtig gegen ihn bewieſen habe, und nene Irving's Columbus. 4— 6. 19— — 290— Verlaͤumdungen veranlaſſen, indem man ihn anklagen koͤnne, daß er mehr Sorgfalt auf den Anbau und die Verbeſſerung ſeines eigenen Beſitzthums als auf jeden andern Theil der Inſel verwende.*) Da die Ausgaben fuͤr die Expeditionen bisher die Ein⸗ nahmen weit uͤberſtiegen hatten, ſo war Columbus eher verſchuldet, als daß er Gewinn zog aus dem Antheil, der ihm daran zugewieſen war; er wurde deßhalb ſeiner Ver⸗ pflichtung, den achten Theil der Koſten der ſruͤheren Unter⸗ nehmungen zu tragen, enthoben, die Summe ausgenommen, welche er zu der erſten Reiſe hergeſchoſſen hatte; zugleich aber ſollte er auch keine Anſpruͤche weiter an das haben, was bisher aus der Inſel heruͤbergebracht worden. Auf drei folgende Jahre wurde ihm ein Achttheil des Brutto⸗ Ertrags jeder Reiſe und ein Zehntheil dazu nach Abzug der Koſten verſprochen. Nach Verlauf dieſer drei Jahre ſollten die urſpruͤnglichen Bedingungen wieder eintreten. um dem edlen Ehrgeiz des Columbus zu ſchmeicheln und in ſeiner Familie die Auszeichnung, die er ſich durch ſeine unſterblichen Thaten erworben, zu erhalten, wurde ihm das Recht ertheilt, ein Majorazgo oder ein ewiges Vermaͤchtniß ſeiner Guͤter zu errichten, ſo daß ſie mit ſeinem Titel und Adel auf ſeine Nachkommen verpflanzt wuͤrden. Dieſes Recht brachte er kurz nachher in einem feierlichen Teſtamente in Ausuͤbung, welches er zu Sevilla im Fruͤhjahr von 1498 errichtete. In dieſen Teſtamente vermachte er *) Las Casas hist. Ind. I. I. cap. 123, — 291— ſeine Guͤter ſeinen maͤnnlichen Deſcendenten und bei ih⸗ rem Ausſterben den maͤnnlichen Nachkommen ſeiner Bruͤder und in Ermangelung deren den weiblichen Mitgliedern ſeiner Familie. Der Erbe hatte das Wappen des Admirals zu fuͤhren, mit ihm zu ſiegeln, mit ſeiner Namenschiffre zu unterzeich⸗ nen und beim Unterſchreiben ſich nie eines anderen Titels als des einfachen:„der Admiral“ zu bedienen, welche andere Titel ihm auch von dem Koͤnig ertheilt oder bei anderen Gelegenheiten von ihm gebraucht wuͤrden. Der Art war der edle Ehrgeiz, womit er den Titel ſeiner wah⸗ ren Groͤße zu ſchaͤtzen wußte. In dieſem Teſtamente traf er weitlaͤufige Vorſorge fuͤr ſeinen Bruder den Adelantado, ſeinen Sohn Fernando und ſeinen Bruder Don Diego, von welchen der letztere nach ſeiner Andeutung die Abſicht hatte, in den Dienſt der Kirche zu treten. Er verordnete, daß der zehnte Theil von den Einkuͤnften, welche aus dem Ma⸗ jorat hervorgehen wuͤrden, zu frommen und wohlthaͤtigen Zwecken beſtimmt, und zur Unterſtuͤtzung aller armen Mit⸗ glieder ſeiner Familie verwandt werden ſollte. Er gab auch eine Beſtimmung uͤber Ausſteuern fuͤr arme Toͤchter in ſeiner Familie. Er verordnete ferner, daß ein verheirathetes Mitglied von ſeiner Familie, welches in ſeiner Geburtsſtadt Genua den Stamm von Haus aus repraͤſentiren ſolle, dort ehrenvoll und anſtaͤndig unterhalten werde, um ſeinen erb⸗ lichen Wohnſitz daſelbſt nehmen zu koͤnnen, und befahl, wer das Majorat ererben werde, ſolle immer darauf bedacht ſeyn, alles was in ſeiner Macht ſtehe, fuͤr die Ehre, das 19*½ 3 8 — 292— Gluͤck und das Gedeihen der Stadt Genua zu thun, vor⸗ ausgeſetzt, daß es nicht dem Dienſte der Kirche und den Intereſſen der ſpaniſchen Krone entgegen waͤre. Neben mehreren anderen Punkten in dieſem letzten Willen trifft er auch Vorſorge fuͤr ſeine Lieblingsidee, die Befreiung des heiligen Grabes. Er beſiehlt ſeinem Sohne Diego, oder wer ſonſt das Majorat ererben werde, von Zeit zu Zeit ſo viel Geld, als er erſparen koͤnne, als Capital in die St. Georgs⸗Bank zu Genua einzulegen, um einen immerwaͤh⸗ renden Fond zu bilden, womit er zu jeder Zeit bereit waͤre, dem Koͤnige zu der Eroberung von Jeruſalem zu folgen und Dienſte zu thun. Oder, wenn der Koͤnig einen ſolchen Zug nicht unternehmen wuͤrde, ſo ſolle er, wenn die Fonds zu einem anſehnlichen Kapital angewachſen waͤren, einen Kreuzzug auf ſeine eigne Koſten und Gefahr ausruͤſten, in der Hoffnung, daß die Monarchen, wenn ſie ſeinen feſten Entſchluß ſaͤhen, veranlaßt wuͤrden, das Unternehmen ſelbſt zu machen, oder ihn autoriſirten, daſſelbe in ihrem Namen hinauszufuͤhren⸗ Außer dieſer beſonderen Verpflichtung fuͤr den katholi⸗ ſchen Glauben befiehlt er ſeinem Erben, im Fall ein Schisma in der Kirche entſtehe oder Gewalt irgend einer Art das Heil derſelben bedrohe, ſich dem Papſt zu Fuͤßen zu werfen und ſeine Perſon und ſein Eigenthum zur Vertheidigung der Kirche gegen alle Beſchimpfung und Beraubung anzu⸗ bieten. Naͤchſt dem Gehorſam gegen Gott, ſchaͤrft er ihm Unterwuͤrfigkeit gegen den Thron ein, und macht ihm zur Pflicht, jederzeit berrit zu ſeyn, um dem Herrſcherpaare — 293— und ihren Nachkommen treu und eifrig mit Daranſetzung des Lebens und Vermoͤgens zu dienen. Um die lebhafte Erinnerung an ſein Teſtament zu erhalten, befiehlt er ſeinem Erben, daß, bevor er zur Beichte gehe, er ſeinem Beicht⸗ vater daſſelbe zu leſen geben, und dieſer ihn uͤber die ge⸗ treue Erfuͤllung ſeiner Bedingungen befragen ſolle. Weil Columbus ſich durch die im April 1495 erlaſſene allgemeine Bewilligung zu Entdeckungen in der neuen Welt verletzt fuͤhlte und dieſelbe als einen Eingriff in ſeine Rechte anſah, erging am 2. Juni 1497 ein königliches Edict, wel⸗ ches alles zuruͤcknahm, was Columbus Intereſſen gefaͤhrden koͤnne oder nicht mit den ihm zuvor von der Krone gemach⸗ ten Verguͤnſtigungen in Einklang zu bringen waͤre.„Es iſt niemals Unſere Abſicht geweſen,“ ſagen die Souveraine in dem Edict,„den Rechten des genannten Don Chriſtoval Colon auf irgend eine Weiſe etwas zu vergeben, noch zu erlauben, daß die Verwilligungen, Privilegien und Gnaden die Wir ihm zugeſichert haben, beeintraͤchtigt oder verletzt werden; ſondern Wir gedenken im Gegentheil, in Anbetracht der Dienſte, welche Uns derſelbe geleiſtet hat, ihm noch fer⸗ nere Gnaden zu gewaͤhren.“ Dieſes war, ſo haben wir allen Anlaß zu glauben, die aufrichtige Abſicht der hoch⸗ herzigen Iſabella, aber der Strom ihrer koͤniglichen Huld wurde in den unwuͤrdigen Kanaͤlen, durch welche er ſich ergoß, vergiftet oder im Laufe verkehrt. Die dem Colum⸗ bus bewieſene Gnade ward auch auf ſeine Familie ausge⸗ dehnt. Die Titel und Vorrechte als Adelantado, womit er ſeinen Bruder Don Bartholomeo bekleidet hatte, waren zu⸗ — 294— erſt von dem Koͤnig ungnaͤdig aufgenommen worden, da er die Ertheilung aller hohen Wuͤrden dieſer Art eiferſuͤchtig als Reſervat⸗Recht der Krone betrachtete, Durch ein koͤnig⸗ liches Patent ward nunmehr dieſes Amt dem Don Bartho⸗ lomeo uͤbertragen, als ſey es ihm aus eigner freier Bewe⸗ gung der Souveraine ertheilt, und es geſchah des Umſtan⸗ des, daß er daſſelbe ſchon fruͤher erhalten, keinerlei Er⸗ waͤhnung. Waͤhrend alle dieſe Maßregeln fuͤr den unmittelbaren Vortheil des Columbus ergingen, wurden andere zum Beſten der Colonie beſchloſſen. Er erhielt die Erlaubniß, drei⸗ hundert und dreißig Perſonen in koͤniglichen Sold zu neh⸗ men, von denen vierzig Leute von Stand und Adel, hundert Soldaten zu Fuß, dreißig Matroſen, dreißig Schiffsjungen, zwanzig Bergknappen, funfzig Landoͤkonomen, zehn Gaͤrtner, zwanzig Mechaniker von verſchiednen Zweigen, und dreißig Weiber ſeyn ſollten. Es wurde ihm ſpaͤter zugegeben, die Anzahl, wenn er es noͤthig faͤnde, auf fuͤnfhundert zu ver⸗ mehren; aber die Hinzukommenden ſollten von dem Ertrag und den Handelswaaren der Colonie bezahlt werden. Er wurde zugleich ermaͤchtigt, allen denen Laͤndereien zuzuſichern, welche die Abſicht haͤtten, Weinberge, Obſtpflanzungen, Zuckerplantagen anzulegen oder anderen Feldbau zu unter⸗ nehmen, mit der Bedingung, daß fie vier Jahre auf der Inſel verbleiben und alle Farbhoͤlzer oder edle Metalle, die auf ihrem Grund und Boden gewonnen wuͤrden, an die Krone abgeben muͤßten. Auch das Heil der ungluͤcklichen Eingebornen wurde von — 295— dem mitleidsvollen Herzen Iſabella's nicht vergeſſen. Jener Sophismen ungeachtet, mit welchen ihre Unterjochung und Knechtſchaft zum Gegenſtande des weltlichen und goͤttlichen Rechts gemacht und von den ſtaatsklugen Praͤlaten jener Zeit ſanctionirt wurde, willigte Iſabella nur mit großem Widerwillen in die Sclaverei, ſelbſt derer, die im offenen Kampfe weggenommen wurden, waͤhrend ihre aͤußerſte Be⸗ ſorgniß dahin ging, den unſchuldigen Theil dieſes huͤlfloſen und dem Verderben geweihten Geſchlechts zu beſchirmen. Sie befahl, daß die beſte Sorgfalt auf ihren Religions⸗ Unterricht verwandt und die groͤßte Schonung bei Eintrei⸗ bung des auferlegten Tributs bewieſen werden ſolle, mit aller moͤglichen Nachſicht gegen verkuͤrzte Einzahlung deſſel⸗ ben. Wirklich ſind die Ermahnungen, welche hinſichtlich der Behandlung ſowohl der Indianer als auch der Spanier ge⸗ geben wurden, die einzigen Andeutungen in den koͤniglichen Edicten, daß die Klagen gegen Columbus wegen der Strenge ſeiner Verwaltung einigen Eindruck gemacht hatten. Es wurde von den Souverainen im Allgemeinen anempfohlen, daß, wenn die oͤffentliche Sicherheit nicht ſtrenge Maßregeln durchaus erfordere, eine Hinneigung zur Milde und zu ſchonendem Regimente vorwalten ſolle. Wie auf dieſe Weiſe von Seiten der Krone der beſte Wille gezeigt wurde, die neue Expedition nach der Colonie zu befoͤrdern, erhoben ſich unerwartete Anſtaͤnde von Seiten des Publikums. Der Zauber war verſchwunden, welcher auf der vorhergehenden Reiſe alle Abenteurer zu dem Dienſte des Columbus heran gedraͤngt hatte. Ein Haß gegen ſeine — 296— Unternehmung war mit allem Fleiße aufgenährt worden, und ſeine neuentdeckte Welt, ſtatt fuͤr eine Region des Reich⸗ thums und der Wunder gehalten zu werden, wurde nun als ein Land der Duͤrftigkeit und des Ungluͤcks betrachtet. Es zeigten ſich große Schwierigkeiten, Schiffe und Mann⸗ ſchaft fuͤr die Reiſe zu finden. Um dem erſten dieſer Maͤn⸗ gel abzuhelfen, erging einer jener willkuͤhrlichen Befehle, die unſeren heutigen Anſichten von Handelspolitik ſo ſehr wider⸗ ſtreiten, die Anweiſung naͤmlich an die Beamten der Krone, alles zum Dienſt zu preſſen, was ſie von Schiffen fuͤr die beabſichtigte Expedition tauglich faͤnden, ſammt ihren Eigen⸗ thuͤmern und Steuermaͤnnern, und die Preiſe dafuͤr zu ent⸗ richten, welche ſie, die Beamten, fuͤr billig und angemeſſen hal⸗ ten wuͤrden. Um dem anderen Mangel freiwilliger Recruten abzuhelfen, wurde eine Maßregel auf Vorſchlag des Co⸗ lumbus*) angenommen, welche zeigt, zu welchen verzwei⸗ felten Mitteln er durch die große Gegenwirkung der oͤf⸗ fentlichen Meinung ſich genoͤthigt ſah. Dieſelbe beſtand darin, die Rechtsſpruͤche gegen Verbrecher, die zur Verban⸗ nung, zu den Galeeren oder zu den Bergwerken verurtheilt waren, in Deportation nach den neuen Niederlaſſungen zu verwandeln, wo ſie, ohne Bezahlung zu erhalten, zu den oͤffentlichen Arbeiten verwandt werden ſollten. Diejenigen, welche auf Lebenszeit verbannt waren, wurden zu einem Aufenthalt auf zehn Jahre mitgenommen, die auf eine be⸗ *) Las Casas hist. Ind. I. I. c. 112. MS. — 297— ſtimmte Zeit Verwieſenen auf die Halfte dieſer Zeit. Ein General⸗Pardon ward ausgeſchrieben fuͤr alle Verbrecher im Allgemeinen, die ſich in einem beſtimmten Zeitraume vor dem Admiral ſtellen würden, um ſich nach den Colonien einſchiffen zu laſſen; die, welche Verbrechen begangen hatten, worauf der Tod ſtand, mit Verpflichtung auf zwei Jahre, die, deren Vergehen von leichterer Natur war, auf ein Jahr.*) Es wurden nur ſolche ausgenommen, welche ſich beſonderer ſchweren Verbrechen ſchuldig gemacht hatten, wie Ketzerei, Hochverrath, Falſchmuͤnzerei, Mord, ꝛc. Dieſe verderbliche Maßregel, ganz darauf berechnet, die Bevoͤlke⸗ rung einer werdenden Colonie im Keime zu vergiften, wurde eine fruchtbare Quelle der Sorge fuͤr Columbus, und des Elendes und Verderbens fuͤr die Niederlaſſung. Dieſelbe iſt haͤufig von verſchiedenen Nationen angenommen worden, deren reifere Erfahrung ſie eines Beſſeren haäͤtte belehren ſollen, und hat mancher aufbluͤhenden Niederlaſſung zum Fluch gereicht. Es iſt ſicher eben ſo unnatuͤrlich fuͤr ein Mutterland, ſeine Verbrechen und Laſter auf ſeine Colonien abzuſchuͤtteln, als es fuͤr Eltern waͤre, gefliſſentlich ihre Kinder mie Elend zu beladen, auch kann es ſich nicht fehlen, daß die ſo ge⸗ ſaͤeten Uebel bittere Fruͤchte zum Lohn bringen. ungeachtet aller dieſer gewaltſamen Mittel ergab ſich dennoch eine verderbliche Zoͤgerung in der Ausruͤſtung der *) Munjoz lib. VI. 5. 19. — 298— betriebenen Unternehmung. Dieſe ruͤhrte theils von zu⸗ faͤlligen Umſtaͤnden hinſichtlich der Perſonen her, die mit der Oberaufſicht der Angelegenheiten von Indien beauftragt waren. Dieſe Geſchaͤfte verwaltete eine Zeit lang Antonio de Torres, in deſſen Namen, verbunden mit dem des Co⸗ lumbus, viele von den amtlichen Urkunden erlaſſen wurden. In Folge großer und uͤberſpannter Forderungen des Torres wurde derſelbe vom Dienſt entfernt und Juan Rodriguez de Fonſeca, Biſchof von Bajadoz, an ſeine Stelle geſetzt. Die Documente mußten daher von Neuem ausgefertigt und neue Contracte geſchloſſen werden. Waͤhrend dieſe Geſchaͤfte langſam vorwaͤrts gingen, wurde die Koͤnigin ploͤtzlich in tiefe Trauer verſetzt, als derſelbe Prinz Juan mit Tode abging, deſſen Beilager im Fruͤhjahr mit ſo vielem Glanze gefeiert worden. Es war der erſte einer Reihe von Fami⸗ lien⸗Ungluͤcksfaͤllen, welche ihr zaͤrtliches Herz beſtuͤrmten und ſie fuͤr den Reſt ihres Lebens mit Leid uͤberſchuͤtteten. Mitten in ihrer Betruͤbniß dachte ſie indeſſen immer an Columbus. In Folge ſeiner dringenden Vorſtellungen uͤber das Elend, welchem die Colonie preis gegeben werde, wur⸗ den im Anfang des Jahres 1498 zwei Schiffe unter dem Commando des Pedro Fernandez Coronel mit Vorraͤthen hinuͤbergeſandt. Die dazu noͤthigen Gelder ſchoß die Koͤnigin ſelbſt her, und zwar von den Capitalien, die ſie zuruͤck⸗ gelegt hatte, um ihre Tochter Iſabella auszuſtatten, die da⸗ mals mit Emanuel, dem Koͤnige von Portugal, verlobt war. Einen Beweis ihrer huldvollen Geſinnung gegen Columbus gab ſie ferner in dieſer Zeit der Betruͤbniß, indem — 299— ſie ſeine zwei Soͤhne Diego und Fernando, welche Pagen bei dem verewigten Prinzen geweſen waren, in derſelben Eigenſchaft in ihre Dienſte nahm. Bei aller dieſer eifrigen Bereitwilligkeit von Seiten der Koͤnigin, erfuhr Columbus noch immer den verderblichſten und entmuthigendſten Aufſchub in der Zuruͤſtung der ſechs uͤbrigen Schiffe zur neuen Reiſe. Sein kaltbluͤtiger Feind Fonſeca, welcher die Oberleitung der indiſchen Angelegen⸗ heiten hatte, war ganz dazu gemacht, alle ſeine Plaͤne zu hemmen und zu verſpaͤten. Die verſchiednen kleinen Beam⸗ ten und Agenten, welche in der Angelegenheit der Ausruͤſtung gebraucht wurden, waren zum großen Theil Creaturen des Biſchofs oder von ihm abhaͤngig, und wußten wohl, daß ſie ihm Freude machten, wenn ſie den Columbus hinhielten. Sie betrachteten dieſen als einen von der oͤffentlichen Gunſt allmaͤhlig verlaſſenen Mann, den man ungeſtraft beleidigen koͤnne; ſie machten ſich daher kein Gewiſſen daraus, ihm alle Arten von Schwierigkeiten in den Weg zu ſtellen, und ihn gelegentlich auch mit einer Anmaßung zu behandeln, welche kleine und niedrige Seelen in Aemtern ſo gerne ausuͤben. Es ſcheint heutiges Tages faſt unglaublich, daß ein ſo wichtiges und glorreiches Unternehmen ſo veraͤchtlichen Chi⸗ kanen ausgeſetzt geweſen ſey. Columbus ertrug alles mit ſtummer Verachtung. Er war ein Fremdling in dem Lande, welchem er Wohlthaten erzeigte; er fuͤhlte es, daß die Wo⸗ gen der oͤffentliche Mißgunſt ſich gegen ihn erhoben, und daß es noͤthig ſey, viele augenblickliche Beleidigungen zu ertra⸗ — 300— gen, damit ſeine großen Zwecke nicht darunter litten. In⸗ deſſen wurde er doch ſo ſehr muͤrbe und muthlos durch die kuͤnſtlich ihm in den Weg geſchobenen Hinderniſſe und ſo abgeſchreckt durch die Vorurtheile der unbeſtaͤndigen Volks⸗ maſſe, daß er faſt auf dem Punkt war, ſeine Entdeckungen „ganz aufzugeben. Was ihn hauptſaͤchlich noch beharrlich er⸗ hielt, war ſeine dankbare Anhaͤnglichkeit an die Koͤnigin und ſein Verlangen, etwas zu vollenden, was ſie in ihrem tiefen Leiden einigermaßen troͤſten und erheitern koͤnne. End⸗ lich nach allen Arten von empoͤrendem Aufſchub wurden die ſechs Schiffe zur See ausgeruͤſtet, obgleich es unmoͤglich war, den oͤffentlichen Widerwillen gegen den Dienſt zu be⸗ ſiegen, um die feſtgeſetzte Zahl der anzuwerbenden Leute zu gewinnen. Zu den bereits genannten Perſonen kamen noch ein Arzt, ein Wundarzt und ein Apotheker zum huͤlfreichen Beiſtand in der Colonie, und mehrere Prieſter, welche be⸗ ſtimmt waren, den Pater Boyle und einige von ſeinen un⸗ zufriednen Bruͤdern zu erſetzen; waͤhrend der Admiral noch eine Anzahl Spielmaͤnner mit einſchiffen ließ, um die Lebens⸗ geiſter der Coloniſten wieder zu heben und aufzufriſchen. Die Anmaßungen, welche Columbus von den Creaturen des Fonſeca in dieſer lange hinausgeſchobenen Zeit der Zu⸗ ruͤſtung ertrug, mußten ihn bis zum letzten Augenblick ſei⸗ nes Aufenthaltes in Spanien aͤrgern und ihm bis zum Saume des Meeres folgen. Unter den elenden Miethlingen, die ihn chikanirt hatten, war der laͤrmendſte und anma⸗ ßendſte ein gewiſſer imeno de Breviesca, Schatzmeiſter oder Berechner des Fonſeca. Er war kein alter Chriſt, be⸗ — 301— merkt der ehrwürdige Las Caſas, worunter man verſtehen muß, daß er entweder ein Jude oder ein Mohamedaner war, der zu dem katholiſchen Glauben bekehrt worden. Er hatte eine freche Stirn und eine giftige Zunge, und indem er die Geſinnungen ſeines Beſchützers des Biſchofs wider⸗ hallte, erklaͤrte er ſich in lauten Schmaͤhungen gegen den Admiral und ſeine Unternehmungen. An demſelben Tage, als Columbus im Begriff ſtand, die Anker zu lichten, wurde er noch von der Unverſchaͤmtheit dieſes Ximeno, theils an der Kuͤſte, wie er ſich einſchiffen wollte, theils an Bord ſelbſt, als er das Schiff beſtiegen hatte, geaͤrgert. In der Hitze des Momentes vergaß er ſeine gewoͤhnliche Selbſt⸗ beherrſchung; ſein Unwille, den er bis dahin zuruͤckgehalten hatte, machte ſich ploͤtzlich Luft; er ſtieß den veraͤchtlichen Soͤldling zu Boden, trat ihn ein Paarmal mit Fuͤßen, und rächte in dieſem unbewachten Paroxismus die aufgehaͤuften Beleldigungen und Bosheiten, die ſchon lange ſeine Seele krankhaft beſchwert hatten.*) Nichts konnte einen ſtaͤrkeren Beweis geben, wie viel Columbus zuvor von den Machinationen dieſes elenden Mannes zu erdulden gehabt hatte, als dieſes Uebermaaß der Leidenſchaft, welches ſeiner ſonſt ruhig ſich beherrſchenden Gemüthsart ſo fremd war. Er bereuete es tief, und bat in einem Schreiben, welches er einige Zeit nachher an die Souveraine richtete, daß es ihm nicht durch falſche Dar⸗ ſtellung ihre Ungnade zuziehen moͤge, indem er„abweſend, *) Las Casos hist. Ind. I. I. e. 126. MS. — 302— beneidet und ein Fremder ſey., Die Beſorgniſſe, welche ihn zu dieſer einfachen, doch inſtaͤndigen Bitte vermochten, waren nicht ungegruͤndet, denn Las Caſas ſchreibt die demüͤ⸗ thigenden Maßregeln, welche kurze Zeit nachher die Sou⸗ veraine gegen Columbus richteten, dem unguüͤnſtigen Ein⸗ druck zu, den dieſes Ereigniß hervorbrachte. Es war dicht bei der Heimath, ſo zu ſagen unter den Augen der Sou⸗ veraine geſchehen; es redete daher ſtaͤrker zu ihren Gefuͤhlen, als wichtigere Beſchwerden aus der Ferne. Die perſoͤnliche Mißhandlung eines Staatsbeamten wurde als ein ſchlagendes Beiſpiel der rachſuͤchtigen Gemuͤthsart des Columbus darge⸗ ſtellt und zur Beſtaͤtigung der Beſchuldigungen von Grau⸗ ſamkeiten und Unterdruͤckungen in der Colonie beſtens be⸗ nutzt. Da Eimeno eine Creatur des hinterliſtigen Fonſeca war, wurde die Sache den Souverainen in dem gehaͤſſigſten Lichte dargeſtellt. So ſind die großmuͤthigen Abſichten der Fuͤrſten und die geprieſenen Dienſte ihrer Unterthanen oft durch das Dazwiſchentreten kalter und heimtuͤckiſcher Raͤthe der Vereitlung ausgeſetzt. Durch ſeinen unverſoͤhnlichen Haß gegen Columbus und durch die heimlichen Hinderniſſe, die er der glorreichſten aller menſchlichen Uuternehmungen in den Weg legte, hat Fonſeca ſeinem Namen ewige Dauer verliehen, indem er ihn der Verachtung jeder edlen Seele preis gab. Zehntes B uch. — Erſtes Kapitel. Abgang des Columbus von Spanien auf ſeine dritte Reiſe. Entdeckung der Inſel Trindad. (1498.) Am 30. Mai 1498 ging Columbus von dem Hafen San Lucar de Barrameda mit ſeinem Geſchwader von ſechs Schiffen auf die dritte Entdeckungsreiſe unter Segel. Der Weg, den er zu nehmen beabſichtigte, war verſchieden von denen ſeiner beiden vorigen Fahrten. Er wollte von den Capverdiſchen Inſeln nach Suͤdweſten ſteuern, bis er an den Aequator kaͤme, dann ſeinen Lauf unter Beguͤnſtigung der Paſſatwinde gerade nach Weſten richten, bis er Land an⸗ traͤfe, oder ſich in der Länge von Hispaniola befände. Ver⸗ ſchiedene Betrachtungen waren die Veranlaſſung, daß er dieſen Weg nahm. Auf ſeiner vorhergehenden Reiſe hatte er beim Umſchiffen der Suͤdkuͤſten von Cuba, in der An⸗ — 304— nahme, daß es das Feſtland von Aſien ſey, bemerkt, daß es ſich nach Suͤden hin erſtrecke. Von dieſem Umſtand und von den Nachrichten, die er bei den Eingebornen der carai⸗ biſchen Inſeln ſammelte, war er zu der Meinung veranlaßt worden, daß ein großer Strich des Feſtlandes ſich ſuͤdlich von den Gegenden hinziehe, die er bereits entdeckt hatte. Koͤnig Johann II. von Portugal ſcheint eine aͤhnliche Idee gehabt zu haben; da Herrera einer von dieſem Monarchen ausgedruͤckten Meinung gedenkt, daß man Feſtland in dem fudlichen Ocean finden werde.*) War dieſes der Fall, ſo ſetzte Columbus voraus, daß, je mehr er ſich dem Aequator naͤhere und ſeine Entdeckungen nach Climaten ausdehne, welche unter dem ſtärkeren Einfluß der heißen Sonne ſich befaͤnden, er die Naturprodukte von ihren Strahlen zu reiferen und koſtbareren Eigenſchaften gelaͤutert finden werde. In dieſer Annahme beſtaͤrkte ihn ein Brief, den ihm auf Befehl der Koͤnigin ein gewiſſer Jayme Ferrer, ein ausge⸗ zeichneter und gelehrter Mineraloge geſchrieben hatte, der im Verlaufe ſeines Handels mit Edelſteinen und Metallen in der Levante und in mehreren Theilen des Morgenlandes geweſen war, mic den Kaufleuten der entfernten Theile von Aſien und Afrika und mit den Eingebornen von Indien, Arabien und Aethiopien ſich vielſeitig unterhalten hatte, und fuͤr einen großen Kenner der Geographie im Allge⸗ meinen, aber insbeſondere der Natur jener Gegenden galt, wo die werthvollen Artikel gefunden werden, womit er han⸗ *) Herrera hist, Ind, dec. 1, fb. III. 6. 9. 4 — 305— delte. In dieſem Briefe verſichert Ferrer den Columbus, daß nach ſeiner Erfahrung die koſtbarſten Gegenſtaͤnde des Handels, wie Gold, Edelſteine, Spezereien und Gewuͤrze, hauptſaͤchlich in den Gegenden um die Linie gefunden wuͤr⸗ den, wo die Menſchen ſchwarz oder von dunkeler Farbe ſeyen; und daß der Admiral nicht eher glauben ſolle, ſolche Artikel in großem Ueberfluß zu finden, bis er unter Voͤlkern von ſolcher Leibesbeſchaffenheit angekommen waͤre.*) Columbus hoffte ſolche Menſchen mehr nach Suͤden an⸗ zutreffen. Er erinnerte ſich, daß die Eingebornen von His⸗ paniola von ſchwarzen Menſchen geſprochen, die einſt aus dem Suͤden und aus Suͤdoſten nach ihren Inſeln gekommen ſeyen, und Warfſpieße gehabt haͤtten, deren Spitze von einer Art Metall geweſen, welches ſie Guanin nannten. Sie hatten dem Admiral Proben von dieſem Metall gege⸗ ben, welches man in Spanien chemiſch unterſuchte, und als eine Miſchung von achtzehn Theilen Gold, ſechs Theilen Silber und acht Theilen Kupfer erkannte, ein Beweis von wichtigen Minen in der Gegend, woher ſie kamen. Char⸗ levoix vermuthet, dieſe ſchwarzen Menſchen ſeyen von den canariſchen Inſeln oder der Weſtkuͤſte von Afrika geweſen und von einem Sturm nach den Kuͤſten von Hispaniola verſchlagen worden.**) Es iſt jedoch wahrſcheinlicher, daß Columbus hinſichtlich ihrer Farbe falſch berichtet worden, oder ſeine Belehrer falſch verſtanden hatte. Es iſt ſchwer ——Oꝛõ *) Navarrete collect. t. II. doc. 68. **) Charlevoix hist. St. Domingo, I. III. p. 162, Irving's Cotum bus, 4— 6. 20 — 306—„ zu glauben, daß die Eingebornen von Afrika odern den ca⸗ nariſchen Inſeln eine Reiſe van dieſer Ausdehnung in den gebrechlichen und duͤrftig eingerichteten Barken, deren ſie ſich beſtäͤndig bedienten, gemacht haben ſollten. Um nun dis Wahrheit aller dieſer Vermuthungen ſicher auszumitteln, und wenn ſie ſich beſtaͤtigten, bei den geſeg⸗ neten und reichen Laͤndern unter der Linie anzukommen, die von Menſchen bewohnt wurden, welche mit den Afrika⸗ nern unter dem Arquator von aͤhnlicher Hautfarbe waren, nahm Columbus auf ſeiner gegenwaͤrtigen Reiſe in die neue Welt ſeine Richtung viel ſuͤdlicher als auf ſeinen. fruͤheren. Fahrtem. Da er hoͤrte, ein franzoͤſiſches Geſchwader kreuze in der Näaͤhe des Cap St. Vincent, ſo ſteuerte er, als er den Hafen St. Lucar verlaſſen, ſuͤdweſtlich, beruͤhrte die Inſeln Porto Santo und Madeira, wo er einige Tage Blieb und Holz, Waſſer, wie auch andere Vorraͤthe einnahm, und ſetzte dann ſeinen Lauf nach den canariſchen Inſeln fort. Am 19. Juni kam er bei Gomara an, wo ein franzoͤſiſcher Kaper mit zwei ſpaniſchen Schiſfen als ſeinen Priſen vor Anker age Als der Kapitain des⸗ Kaperſchiffes das Geſchwader des Columbus nach dem Hafen ſegeln ſah, ſtach er augen⸗ blicklich in See, doch von ſeinen gsfangenen Schiffen be⸗ gleitet, deren eines in der Eile einen Theil ſeines Schiffs⸗ volks an den Kuͤſte laſſen mußte, und mit nun vier von der Manuſchaft und mit ſechs ſpaniſchen Gefangenen uater Segel ging⸗ Der Admral hielt ſie zuerſt fuͤr Kauffarthei⸗ ſchiffn, die ſich von dim kriegeriſchen Anblick ſeiner Schiffe — 302— haͤtten ſchrecken laffen; als er aber von der wahren Be⸗ ſchaffenheit unterrichtet wurde, ſo ſandte er drei ſeiner Schiffe ihnen nach, aber ſie waren ſchon zu weit, um ſie wegnehmen zu koͤnnen. Wie aber die ſechs Spanier an Bord des einen gekaperten Schiffes ſahen, daß Huͤlfe in der Naͤhe ſey, ſo ſtanden ſie wider ihre Bezwinger auf, und als⸗ das Schiff des Admirals herankam, wurde das Fahrzeug wieder genommen und im Triumph nach dem Hafen zu⸗ ruͤckgebracht. Der Admiral ließ dem Kapitain das Schiff da, und uͤbergab die Gefangenen dem Gouverneur der Inſel, um ſie fuͤr ſechs von den Spaniern auszutauſchen, die von⸗ von dem Kaper⸗Kapitain weggefuͤhrt worden.*), Nachdem er Gomara am 21. Juni verlaſſen hatte, theilte er ſein Geſchwader, als er auf der Hoͤhe der Inſel Ferro war: drei von den Schiffen ſandte er direct nach Hispaniola, um die Colonee mit Lebensmitteln zu verſehen. Das eine dieſer Fahrzeuge befehligte Alonzo Sanchez de Carvajal, von Baeze gebuͤrtig, ein Mann von vielem Verdienſt und unerſchrock⸗ nem Muthe; das zweite Pedro Arana von Cordova, Bruder der Donna Beatrix de Henriquez, der Mutter von des Admirals zweitem Sohne Fernando. Er war auch ein Vetter des ungluͤcklſchen Officiers, der das Fort La Navidad zur Zeit der Zerſtoͤrung commandirte. Das dritte ſtand unter dem Befehle des Juan Antonio Golumbus(oder Co⸗ lombo) eines Genueſers, mit dem Admiral verwandt, und von vielen Einſichten und Faͤhigkiten. Dieſe Kapitaine ſollten *) Hist, del Almirante, c, 65* 20,* — 308— einer nach dem andern das Commando haben und das Sig⸗ nalfeuer eine Woche um die andre fuͤhren. Der Admiral wies ihnen genau ihren Lauf an. Wenn ſie auf die Hoͤhe von Hispaniola kaͤmen, ſollten ſie nach der Suͤdſeite, dem neuen Hafen und der neuerrichteten Stadt zuſteuern, die er bis dahin an der Muͤndung des Ozema nach den koͤnig⸗ lichen Befehlen, die Coronel uͤberbracht hatte, gegruͤndet glaubte. Mit den drei uͤbrigen Schiffen ſetzte Columbus ſeine Reiſe ſuͤdlich nach den Capverdiſchen Inſeln fort. Das Schiff, in welchem er fuhr, war gedeckt, die beiden andern waren nur Kauffarthei⸗Caravelen.*) Als er unter den tropiſchen Himmelsſtrich kam, zog ihm der Wechſel des Clima's und das truͤbe und ſchwuͤle Wetter einen heftigen Anfall von Gicht zu, welchem ein ſtarkes Fieber folgte. Dieſer ſchmerzhaften Krankheit ungeachtet erfreute er ſich des vollen Genuſſes ſeiner Faͤhigkeiten und fuhr fort, ſeine Berech⸗ nung und ſeine Beobachtungen mit ſeiner gewohnten Wach⸗ ſamkeit und Puͤnktlichkeit zu fuͤhren. Am 27. Jani kam er unter den Inſeln des gruͤnen Vorgebirgs an, die ſtatt der Friſche des Gruͤns, welches ihr Namen anzudeuten ſcheint, einen Anblick troſtloſer un⸗ fruchtbarkeit gaben. Er blieb bei dieſen Inſeln nur we⸗ nige Tage, da er ſich in ſeiner Erwartung taͤuſchte, daß er Ziegenfleiſch zu Vorraͤthen und Hornvieh zur Fortpflan⸗ zung auf Hispaniola mitnehmen koͤnne, Um beides zu er⸗ langen, waͤre einiger Aufſchub noͤthig geweſen; unterdeſſen **) Peter Martyr, decad. I. 1. 5. — 309— litt ſeine und ſeiner Lellte Geſundheit von dem Einfluß des Wetters. Die Atmoſphaͤre war mit Wolken und Duͤnſten erfuͤllt; man ſah weder Sonne noch Sterne, es herrſchte eine ſchwuͤle, druͤckende Luft, und das ſchwarzgelbe Ausſehen der Bewohner deutete hinlaͤnglich auf die Ungeſundheit des Clima's.*) Columbus verließ die Inſel Buena Viſta am 5. Juli und ſteuerte nach Suͤdweſten, in der Abſicht dieſe Richtung bis zum Aequator beizubehalten, doch die Stroͤmungen, die zwiſchen dieſen Inſeln nach Norden und Nordweſten gehen, verhinderten ſein Vordringen und hielten ihn zwei Tage lang auf der Hoͤhe der Inſel Fuego. Der völcaniſche Gipfel dieſes Eilandes, der aus der Entfernung einem Dome mit einem hohen Thurme gleicht und fruͤher von Zeit zu Zeit geraucht und Feuer geſpieen haben ſoll, war der letzte Punkt, den ſie von der alten Welt erblickten. Indem er ſeinen Lauf ungefäͤhr hundert und zwanzig Seemeilem nach Suͤdweſten fortſetzte, befand er ſich am 13. Juli nach ſeiner Beobachtung im fuͤnften Grade noͤrd⸗ licher Breite. Er hatte die Region betreten, welche ſich acht bis neun Grade zu beiden Seiten der Linie ausdehnt und bei den Seeleuten unter dem Namen der ſtillen Breiten bekannt iſt. Die Paſſatwinde, von Suͤdoſten und Nord⸗ oſten, die ſich in der Naͤhe des Aequators begegnen, neu⸗ traliſiren einander und bewirken eine beſtaͤndige Ruhe der Elemente. Das weite Meer iſt wie ein Spiegel und die *) Hist, del Almirante, csp. 65. — 310— Schiffe bleiben hier faſt bewegungslos mit ſchlaffen Segeln; dabei ſchmachtet die Mannſchaft unter der Hitze der ſenk⸗ rechten Sonne, die von keinem friſchen Lufthauche gemildert wird. Man bringt oft Wochen mit Durchkreuzung dieſes lebloſen Striches des Weltmeeres zu. Das Wetter war noch kuͤrzlich bewoͤlkt und druͤckend ge⸗ weſen, doch am 13. ward die Sonne hell und brennend. Die Winde ſanken ploͤtzlich und es herſchte eine todte, ſchwuͤle Windſtille, welche acht Tage anhielt. Die Luft war wie in einem Ofen; der Theer ſchmolz, die Fugen der Schiffe gaben ſich auseinander, das geſalzene Fleiſch wurde riechend, der Waizen doͤrrte wie am Feuer! die Reife ſprangen von den Wein⸗ und Waſfertonnen, einige rannen, andre riſſen auf, waͤhrend die Hitze in den inneren Schiffsraͤumen ſo erſtickend war, daß Niemand nur ſo lange unten verweilen konnte, um dem Schaden, der ſich ereignete, abzuhelfen. Die Matroſen verloren Kraft und Beſinnung, und ſanken unter der druͤckenden Hitze dahin. Die alte Fabel von der heißen Zone war im Begriff ſich zu verwirklichen, und die Schiffenden ſchienen einer Feuerregion genahet zu ſeyn, wo die Exiſtenz unmoͤglich wird. Sie bekamen zwar einen großen Theil dieſer Zeit uͤber einen bedeckten Himmel und rieſelnden Regen, aber die Luft war ſchwer und erſtickend, und es herrſchte die Verbindung von Hitze und Feuchtigkeit, welche dem menſchlichen Koͤrper alle Spannkraft nimmt. Waͤhrend dieſer Zeit litt der Admiral außerordentlich von der Gicht, aber wie gewoͤhnlich goͤnnte ihm die Lebhaf⸗ tigkeit ſeines Geiſtes, von ſeiner Beſorgniß erhoͤht, keine Ruhe noch Raſt. Er berand ſich in einem unbekannten Strich des Oceans, wo alles von ſeiner Wachſamkeit und Scharfſicht abhing; er beobachtete unablaͤſſig die Erſchei⸗ nungen der Elemente und ſah ſich nach Zeichen von Land um. Da er die Hitze ganz unertraͤglich fand, ſo anderte er ſeinen Lauf und ſteuerte fuͤdweſtlich, in der Hoffnung, eine mildere Temperatur weiter hinaus, ſelbſt in derſelben Parallele zu finden. Er hatte auf ſeiner vorigen Reiſe be⸗ merkt, daß, nachdem er hundert Seemeilen von den Azoren weſtlich geſegelt war, in dem Meere und am Himmel eine wunderſame Veraͤnderung eintrat, indem beide heiter und mild, und die Temperatur gemaͤßigt und erfriſchend wurde. Er bildete ſich ein, daß eine beſondere Milde und Heiter⸗ keit uͤber einen großen Strich des Weltmeeres von Norden nach Suͤden ſich erſtrecke, in welchen der Schiffer, wenn er von Oſten nach Weſten ſegle, mit einem Male wie in eine Linie eintraͤte. Der Erfolg ſchien ſeine Theorie zu rechtfertigen, denn nachdem ſie ihren Weg einige Zeit lang⸗ ſam nach Weſten durch eine Feuerprobe von Gluth und Windſtille, unter einer duͤſtern druͤckenden Atmoſphaͤre fort⸗ geſetzt hatten, kamen die Schiffe ploͤtlich in eine heitere Re⸗ gion, wo ein freundliches, kuͤhles Lüftchen auf der Ober⸗ flaͤhhe des Meeres ſpielte und gefaͤllig in ihre Segel blies z die dicken und ſchweren Wolken zertheilten ſich, der Him⸗ mel wurde heiter und rein, und die Sonne trat in ihrem vollen Glanze, doch ohne brennende Hitze hervor. Columbus hatte, als er dieſen gemaͤßigten Meeresſtrich erreichte, die Abſicht, wieder nach Suͤden und dann nach. — 312— Weſten zu ſteuern; aber er fand ſeine Schiffe ſo beſchaͤdigt von dem letzten doͤrrenden Wetter, welches ihnen uͤberall die Fugen geoͤffnet und ſie erſtaunlich leck gemacht hatte, daß es noͤthig war, einen dienlichen Hafen ſo bald als moͤg⸗ lich zu erreichen, wo man ſie weeder ausbeſſern konnte. Auch war vieles von den Vorraͤthen verdorben und faſt gar kein Waſſer mehr vorhanden. Er hielt ſich daher in gera⸗ der weſtlicher Richtung, indem er aus dem Flug der Voͤ⸗ gel und anderen guͤnſtigen Anzeichen ſchloß, daß er bald Land erreichen werde. Ein Tag verſtrich nach dem andern, ohne daß ſich ſeine Hoffnung erfuͤllte. Die Muthloſigkeit ſeiner Mannſchaft wurde immer bedenklicher, und da er ſich in der Laͤnge der caraibiſchen Inſeln zu befinden glaubte, ſo wandte er ſich nordweſtlich, um ſie aufzuſuchen, in der Hoffnung, dort Erfriſchungen zu finden und Ausbeſſerungen vornehmen zu koͤnnen, und dann nach Hispaniola abzu⸗ ſegeln.*) Am 31. Juli war auf den Schiffen zuſammen keine Tonne Waſſer mehr uͤbrig, und der Admiral ſchwebte in großer Beſorgniß. Gegen Mittag ſah ein Matroſe Na⸗ mens Alonzo Perez, der zufaͤllig auf dem Maſtkorbe ſtand, die Spitzen dreier Berge am Horizont aufſteigen. Er ließ ſogleich, zu nicht geringer Freude der Mannſchaft, den Sig⸗ nalruf: Land! erſchallen. Wee die Schiffe naͤher kamen, bemerkte man, daß dieſe Berge am Fuße vereinigt ſeyen. Columbus hatte beſchleſſen, dem erſten Land, welches er zu *) Hist, del Almirante, cap. 67. Geſicht bekaͤme, den Namen der Dreifaltigkeit zu geben. Die Erſcheinung dieſer drei in einen ſich verbindenden Berge machte ihn ſtaunen, als ein ſonderbares und faſt geheimniß⸗ volles Zuſammentreffen mit ſeinem feierlichen Andachts⸗Ent⸗ ſchluſſe; deßhalb gab er dieſem neuentdeckten Land den Na⸗ men La Trinidad, den es bis auf den heutigen Tag fort⸗ fuͤhrt.*) Zweites Kapitel. Fahrt durch den Golf von Paria. (1498.) Seinen Lauf gegen die Inſel richtend, naͤherte Columbus ſich ihrer oͤſtlichen Spitze, welcher er den Namen Punta de la Galera gab, von der Geſtalt eines Felſens in dem Meere, welcher einer ſegelnden Galeere aͤenlich ſah. Er hatte fuͤnf Seemeilen längs der Suͤdkuͤſte zurückzulegen, bis er ſicheren Ankergrund fand. Am folgenden Tage, den 1. Auguſt, fuhr er fort, nach Weſten die Kuͤſte zu befahren, um Waſ⸗ *) Hist, del Almirante 1, o. — 314— ſer und einen tauglichen Hafen zu finden, wo man die Schiffe kalfatern konnte. Er war erſtaunt uͤber das Gruͤn und die Fruchtbarkeit des Landes, denn er hatte geglaubt, die Gegenden immer duͤrrer und unfruchtbarer zu finden, je naͤher ſie dem Acquator laͤgen; doch hier ſand er ſtattliche Reihen von Palmbaͤumen, kraͤctige Waldungen, die ſich zu der Seekuͤſte herabzogen, mit Quellen und Stroͤmen unter ihrem Schatten. Die Kuͤſten waren niedrig und unbewohnt, aber das Land erhob ſich im Innern, war an mehreren Stellen angebaut, und mit Weilern und zerſtreuten Woh⸗ nungen belebt. Kurz die Müdde und Reinheit des Clima's und das Gruͤn, die Friſche und Lieblichkeit des Landes ſchie⸗ nen dem Columbus den Reizen des fruͤhen Lenzes in der ſchoͤnen Provinz Valenzia in Spanten gleichzukommen.*) Er ging an einer Landſpitze vor Anker, welcher er den Namen Punta de la Playa gab, und ſandte die Boote nach Waſſer an die Kuͤſte. Hier fanden die Seeleute zu ihrer großen Freude einen vollftroͤmenden und kryſtallhellen Bach, an welchem ſie ihre Tonnen fuͤllten. Es war jedoch keine ſichere Bucht fuͤr die Schiffe zu finden, noch trafen ſie Inſulaner, von denen ſie jedoch Fußtapfen und allerlet Fiſchergeraͤth wahrnahmen, welches ſie in der Eile ihrer Flucht zuruͤckgelaſſen hatten. Sie ſahen auch Spuren von Thieren, welche die Schiffer fuͤr Faͤhrten von Ziegen hiel⸗ ten, die aber wohl von Rehen herruͤhrten, an welchen, *) Schreiben des Columbus an die Souveraine, von His⸗ paniola. Navarrete's Sammlung t. 1. — 345— wie man nachmals zntdaltte⸗ die Inſel großen Ueberfluß hatte. Waͤhrend Columbus auf dieſe Weiſe am erſten Auguſ die Inſel befuhr, entdeckte er Land im Suͤden, welches ſich in einer Ausdehnung von mehr als zwanzig Stunden dahin zog. Es war die niedrige Strecke der von den vielen Ar⸗ men des Oronocco durchſchnittenen Landeskuͤſte, aber der Admiral hielt ſie fuͤr eine Inſel und gab ihr den Namen La Jsla Santa, nicht ahnend, daß er jetzt zum erſten Male das Feſtland, jene Terra Firma erblickte, die der Gegenſtand ſeiner ernſten Nachforſchungen geweſen war. Am 2. Auguſt ſetzte er ſeinen Lauf nach der Suͤdweſt⸗ Spitze von Trinidad fort, welche er die Spitze Arenal nannte. Sie erſtreckt ſich laͤngs der gegenuͤberliegenden Spitze der Terra Firma, und bildet dadurch einen engen Paß, mit einem hohen Felſen in der Mitte, dem er den Namen El Gallo gab. In der Nachbarſchaft dieſes Paſſes gingen die Schiffe vor Anker. Wie ſie ſich dem Platze naͤ⸗ herten, ſtieß ein breiter Canoe, worin ſich fuͤnfundzwanzig Indfaner befanden, von der Spitze ab, hielt auf Bogen⸗ ſchußweite und rief die Schiffe in einer Sprache an, die Niemand an Bord verſtehen konnte. Da Columbus ſehr begierig war, dieſes Volk naͤher kennen zu lernen und ſich nach ihrem Lande zu erkundigen, ſuchte er ſie durch freund⸗ liche Zeichen, durch Vorhalten von Spiegeln, Becken von polirtem Metall und allerlei glitzerndem Spielzeug anzulok⸗ ken, aber alles vergebens. Sie hielten in ſtummer Verwun⸗ derung ungefaͤhr zwei Stunden, aber immer die Ruder in 316— den Haͤnden, im Begriff, bei dem mindeſten Verſuch einer Annaͤherung zu entfliehen. Sie waren ihm indeſſen nahe. genug gekommen, daß er ſie gehoͤrig betrachten konnte. Es waren lauter junge Maͤnner, wohlgebildet, mit langem Haar und von ſchoͤnerer Geſichtsfarbe, als er bisher bei den Indianern geſehen hatte. Sie gingen nackt und trugen nur Baͤnder und Netze von Baumwolle um den Kopf, und far⸗ bige Schüͤrzen von demſelben Stoff um die Lenden. Sie waren mit Bogen und Pfeilen bewaffnet, die letzteren beſie⸗ dert und mit einer Spitze von Bein, und hatten Schilder, ein Waffenſtuͤck, welches vorher nie bei den Bewohnern der neuen Welt bemerkt worden war. Wie Columbus alle andere Mittel, um ſie anzulocken, vergeblich fand, verſuchte er es mit dem Zauber der Muſik⸗ Er kannte die Freude der Indianer am Tanze, nach dem Ton ihrer rauhen Trommeln und dem Geſang ihrer alt⸗ uͤberlieferten Balladen. Er ließ etwas dem Aehnliches auf dem Verdeck ſeines Schiffes auffuͤhren, wo, waͤhrend ein Mann zu dem Schlagen des Tambourin'’s und den Toͤnen anderer muſikaliſchen Inſtrumente ſang, die Schiffsjungen nach der ſpaniſchen Volksweiſe tanzten. Sowie aber dieſe Symphonie begann, legten die Indianer, die ſie fuͤr ein Zeichen von Feindſeligkeit hielten, ihre Schilder an die Arme, ergriffen ihre Bogen und ließen einen Haufen Pfeile abflie⸗ gen. Dieſe rauhe Begruͤßung wurde ſogleich durch das Ab⸗ ſchießen einiger Armbruſte erwiedert, welches die Zuſchauer in die Flucht ſchlug und dieſe ſonderbare Unterhaltung beſchloß. Obgleich von dem Admiralſchiff auf dieſe Weiſe abge⸗ ſchreckt, naͤherten ſie ſich doch ohne Furcht und Zaudern ei⸗ ner der Caravelen, fuhren nahe an das Hinterheil derſelben und redeten den Steuermann an, der dem einen, welcher ihr Haͤuptling zu ſeyn ſchien, eine Kappe und einen Man⸗ tel ſchenkte. Er nahm das Geſchenk mit großer Freude an und lud den Steuermann mit Zeichen ein, an's Land zu kommen, wo man ihn recht ſchoͤn unterhalten, and ihm große Gegengeſchenke geben wolle. Wie er einzuwilligen ſchien, ſo fuhren ſie an's Land, um ihn da zu erwarten. Der Steuermann ſtieß in dem Boot der Caravele ab, um den Admiral um Erlaubniß zu bitten, als aber die Indianer ihn an Bord des ſeindſeligen Schiffes gehen ſahen, argwohn⸗ ten ſie irgend eine Verraͤtherei, ſprangen in ihren Canoe, ſchifften mit der Schnelligkeit des Windes davon und es wurde nichts mehr von ihnen geſehen.*) Die Hautfarbe und andere phyſiſche Merkmale dieſer Wilden verurſachten viel Staunen und Nachdenken bei Co⸗ lumbus. Er glaubte ſich in dem ſiebenten Grade der Breite, wiewohl er wirklich im zehnten war, und erwartete, die Eingebornen denen von Afrika unter den naͤmlichen Gra⸗ den aͤhnlich zu finden, welche ſchwarz, von haͤßlicher Bil⸗ dung und von krauſem Haarwuchs waren, oder vielmehr 1 „ Hist. del Almirante, cap. 88. Peter Martyr de- cad. 1, I. 6. Las Casas hist. Ind. I. 1. c. 158. MS. Schreiben des Columbus an die ſpaniſchen Souveraine, Ravarrete's Sammlung t. 1. Wolle trugen, wogegen dieſe Indianer ſchoͤn geformt er⸗ ſchienen, langes Haar hatten und ſelbſt ſchoͤner als die von dem Aequator entfernteren Inſulaner waren. Auch das Elima ſchien, ſtatt naͤher an der Linie heißer, vielmehr ge⸗ maͤßigter zu ſeyn. Sie kamen grade in die Hundstage, doch die Naͤchte und Morgen waren ſo kuͤhl, daß man Decken wie im Winter gebrauchen konnte. Dieſes iſt in vielen Gegenden der heißen Zone der Fall, beſonders bei ruhigem Wetter, wenn kein Wind geht. Die Natur kuͤhlt und erfriſcht durch ſtarken Thau in den langen Naͤchten dieſer Breitegrade die Erde nach der großen Hitze des Ta⸗ ges. Columbus war zuerſt ſehr betroffen uͤber dieſe Wider⸗ ſpruͤche gegen den Lauf der Natur, wie man ihn in der alten Welt beobachtet hatte; ſie waren auch im Wi⸗ derſtreit mit den Erwartungen, die er auf die Theorie des Mineralogen Ferrer gebaut hatte, aber ſie trugen allmaͤh⸗ lig zur Bildung einer Theorie bei, die in ſeiner lebhaften Einbildungskraft entſprang und weiter unten angedeutet werden ſolle Nachdem er bei der Spitze Arenal Anker geworfen, eer⸗ hielt die Mannſchaft Erlaubniß, an's Land zu gehen und ſich unter dem Schatten der Waldungen und auf den gruͤ⸗ nen Triften der Inſel zu erfriſchen. Es waren keine Waſ⸗ ſerbaͤche da, doch indem ſie Gruben in den Sand machten, kam Waſſer bald in genugſamer Menge, um die Tonnen⸗ zu fuͤllen. Columbus fand jedoch den Ankergrund an die⸗ ſem Ort erſtaunlich unſicher. Ein reißender Strom fließt von Oſten durch die Straße, die durch das Feſtland und die — 319— Inſel Trinidad gebildet wird, und ſtroͤmt, wie er be⸗ merkt, Nacht und Tag mit ſo großer Wuth wie der Gua⸗ dalquivir, wenn ihn Fluthen anſchwellen. In dem Baß zwiſchen der Spitze Arenal und dem gegenuͤberliegenden Vor⸗ ſprung, ſprudelte und tobte die Stroͤmung in ſolchem Maße, daß Columbus glaubte, ſie ſey von einer Reihe von Klip⸗ pen und Sandbaͤnken durchlaufen, welche jedes Einfahren⸗ verhindere und uͤber andere, die ſich draußen befanden, rauſchte das Waſſer wie die Brandung an einer felſigen Kuͤſte. Dieſem Paß gab er von ſeiner zornigen und gefaͤhr⸗ lichen Erſcheinung den Namen Boca del Sierpe(Mund der Schlange.) Er fand ſich auf dieſe Weiſe zwiſchen zwei ſchwierigen Lagen. Die beſtaͤndige Stroͤmung von Oſten ſchien alle Ruͤckkehr zu verhindern, waͤhrend die Felſen, welche in dem Paß zu ſtehen ſchienen, Verderben drohten, wenn er weiter zu fahren verſuchte. Als er in der ſpaͤten Nacht am Bord ſeines Schiffes durch peinliches Unwohlſeyn und ſeinen ſtets beſorgten und wachſamen Geiſt wachgehal⸗ ten wurde, hoͤrte er ein fuͤrchterliches Brauſen von Suͤden. Wie er nach dieſer Richtung hinausſchaute, ſah er das Meer aufſchwellen, grade wie eine große Kuppe oder ein. Huͤgel in der Hoͤhe des Schiffes, mit Schaum bedeckt und mit einem furchtbaren Getoͤſe gegen ihn anrollend. Wie dieſe ſchreckliche Woge ſich, naͤher waͤlzte, deren Anblick noch fürchterlicher wurde durch die Dunkelheit der Nacht, erzitterte er fuͤr die Sicherheit ſeiner Schiffe. Sein eignes Fahr⸗ zeug wurde ploͤtzlich mit Heftigkeit emporgehoben, zu ſolcher Hoͤhe, daß, er fuͤrchtete, es wuͤrde umwerfen oder auf die — 320— Felſen geſchleudert werden, waͤhrend eins von den anderen Schiffen mit Gewalt von ſeinem Ankergrund losriß, und großer Gefahr ausgeſetzt war. Die Mannſchaft ſchwebte eine Zeitlang in großer Beſtuͤrzung und fuͤrchtete, ſie moͤch⸗ ten von der heftigen Bewegung des Waſſers verſchlungen werden; aber dieſe bergige Welle ging voruͤber oder ſchwand allmaͤhlig dahin, nachdem ſie einen heftigen Kampf mit der Gegenſtroͤmung der Straße beſtanden.*) Dieſes ploͤtzliche Aufthuͤrmen des Waſſers entſtand, wie man vermuthet, durch das Schwellen eines der Stroͤme, der ſich in den Golf von Paria ergießt und dem Columbus bis jest noch unbekannnt war. In großer Sorge, wie er ſich aus dieſer gefährlichen Umgebung losmachen werde, ſandte er die Boote am naͤch⸗ ſten Morgen aus, um die Tiefe des Waſſers an der Boca del Sierpe zu meſſen und zu erfahren, ob es fuͤr die Schiffe moͤglich ſey, dieſelbe nach Norden zu paſſiren. Zu ſeiner großen Freude kehrten ſie mit dem Bericht zuruͤck, daß ſie mehrere Faden Tiefe gefunden haͤtten und Stroͤmungen und Springfluthen die beiden Wege zoͤgen, womit man hinein und heraus ſchiffen koͤnne. Da ein guͤnſtiger Wind ging, ſo machte er ſich ſegelfertig, fuhr unbedroht durch die furcht⸗ bare Straße und kam ſodann in eine ſtille Weite des Mee⸗ res. Er war nunmehr an der inneren Seite von Trinidad. *) Schreiben des Columbus an das ſpaniſche Herrſcherpaar, Navarrete’s Sammlung t. 1. Herrera hist. Ind. de- cad. I. 1, III, c. 10, Hist. del Almirante, c. 69. — 321— Zu ſeiner Linken dehnte ſich der breite Meerbuſen aus, wel⸗ cher ſeitdem unter dem Namen Golf von Paria bekannt wurde, und den er fuͤr die offene See hielt, wo er aber ſehr erſtaunte, als er das Waſſer koſtete, daß er es ſuͤß fand. Er ſetzte ſeinen Lauf in noͤrdlicher Richtung fort, gegen ei⸗ nen Berg an der Nordweſt⸗Spitze der Inſel, ungefaͤhr vier⸗ zehn Seemeilen von der Spitze Arenal. Hier erblickte er zwei hohe Cap's, die gegen einander uͤber lagen, das eine auf der Inſel Trinidad, das andere im Weſten, auf der lang⸗ geſtreckten Landzunge von Paria, welche von dem Feſtlande grade hinauslaͤuft und die noͤrdliche Seite des Meerbuſens bildet, die aber Columbus fuͤr eine Inſel hielt und der er den Namen Isla de Gracia gab. Zwiſchen dieſen Cap's war nun ein zweiter Durchgang, der ſelbſt noch gefaͤhrlicher ſchien, als die Boca del Sierpe, da er mit Felſen beſetzt war, durch welche die Stroͤmung ſich mit Gewalt und toſendem Ungeſtuͤm Bahn machte. Dieſem Paß gab Columbus den Namen Boca del Drago. Da er es nicht wagen wollte, ſich den augenſcheinlichen Ge⸗ fahren deſſelben auszuſetzen, ſo wandte er ſich Sonntag den 5. Auguſt nach Norden, und ſteuerte laͤngs der inneren Seite der vermeintlichen Inſel Gracia, in der Abſicht, an ihr hinzuſchiffen, bis er zu ihrem Ende gelange, und dann nordwaͤrts in die offene See zu ſtechen und ſeinen Lauf nach Hispaniola zu nehmen. Es war eine ſchoͤne, reizende Küſte, ausgezackt) mit freundlichen Hafenplaͤtzen, einer an dem andern; das Land war an vielen Stellen angebaut, an anderen mit Obſtbaͤu⸗ Irving's Columbus. 4— 6. 21 — 322— men und ſtattlichen Waldungen beſetzt und von mehreren Stroͤmen bewaͤſſert. Was den Columbus ſehr in Erſtau⸗ nen ſetzte, war, daß er das Waſſer immer noch ſuͤß fand, und daß es immer mehr ſo wurde, je weiter er kam; es war grade die Jahrszeit, wo die vielen Fluͤſſe, die ſich in dieſen Meerbuſen ergießen, vom ſtarken Regen angeſchwollen ſind und ſo große Quantitaͤten ſuͤßes Waſſer ausſtroͤmen, daß ſie das ſalzige Waſſer damit uͤberwinden. Auch war er erſtaunt uͤber die ſanfte Ruhe des Meeres, welches ſo ſtill und friedlich erſchien, wie in einer weiten Bucht, ſo daß es nicht noͤthig war, ſich nech. einem„Hafenplatz zum Ankern umzuſehen. Bis jetzt war er noch nicht im Stande geweſen, mit dem Volke dieſes Theiles der neuen Welt in Beruͤhrung zu kommen. Die Kuͤſten, welche er beſucht hatte, ob ſie gleich an verſchiedenen Stellen durch Menſchenhaͤnde bebaut waren, ſtanden ſtill und oͤde, und die fluͤchtige Schaar in dem Ca⸗ noe an der Spitze Arenal ausgenommen, hatte er noch keine Eingeborne geſehen. Er war ſehr begierig, menſchlichen We⸗ ſen zu begegnen, die dieſes Schweigen braͤchen und ihm einige Aufſchluͤſſe uͤber das Land geben koͤnnten. Nachdem er mehrere Seemeilen laͤngs der Kuͤſte zuruͤckgelegt hatte, ging er Montag den 6. Auguſt an einer Stelle vor Anker, wo ſich Anzeichen von Cultur ergaben, und ſandte Boote an die Kuͤſte. Sie fanden Spuren von Menſchen— Feuer, die ſie angezuͤndet, Ueberreſte von Fiſchen, die ſie dort ge⸗ kocht hatten, und Fußtapfen, wo ſie noch kuͤrzlich geweſen waren. Es ſtand auch ein Haus ohne Dach da, aber kein — 323— Menſch war zu ſehen. Die Kuͤſte hatte viele Hügel, war mit ſchoͤnen und fruchtbaren Baumreihen bedeckt und mit einer Menge Affen bevoͤlkert. Als er weiter nach Weſten kam, wo die Gegend ebener wurde, ging Columbus in ei⸗ nem Fluß vor Anker. Unmittelbar darauf erſchien ein Canoe mit drei bis vier Indianern und naͤherte ſich der Caravele, die am naͤchſten an der Kuͤſte fuhr. Der Capitain derſelben gab das Ver⸗ langen vor, mit ihnen an's Land zu gehen, ſprang in ih⸗ ren Canoe, warf ihn um und nahm mit Huͤlfe der Matro⸗ ſen die Indianer im Schwimmen gefangen. Als ſie zu dem Admiral gebracht wurden, verſcheuchte dieſer bald ihre Furcht durch ſeine gewohnte Guͤte; er gab ihnen Perlen, Falken⸗Schellen und Zucker, und entließ ſie in großer Freude an die Kuͤſte, wo viele von ihren Landsleuten verſammelt waren. Dieſe freundliche Behandlung hatte wie gewoͤhnlich den guͤnſtigſten Erfolg. Diejenigen von den Eingebornen, welche Canoes beſaßen, kamen mit dem groͤßten Vertrauen zu den Schiffen heran. Sie waren ſchlank von Geſtalt, wohl geformt, frei und anmuthig in ihren Bewegungen. Ihr Haar war lang und ſtrack; einige trugen es kurz ge⸗ ſchnitten, aber keiner von ihnen hatte es aufgeknuͤpft, wie es unter den Eingebornen von Hispaniola der Fall war. Sie trugen als Waffen Bogen und Pfeile, ſo wie Tartſchen Eleine Schilde); die Manner hatten baumwollene Bedek⸗ kung auf dem Kopf und um die Lenden, ſchoͤn in verſchied⸗ nen Farben gearbeitet, ſo daß es aus der Ferne wie Seide glaͤnzte, doch die Weiber gingen ganz unbekleidet. Sie 21* — 324— brachten Brod, Mais und andere Eßwaaren, und verſchie⸗ dene Arten von Getränken, einige weißlich, von Mais be⸗ reitet und dem Bier aͤhnlich, andere gruͤn, vom Geſchmack des Weines und aus verſchiedenen Fruͤchten gepreßt. Sie ſchienen alle Gegenſtaͤnde durch den Geruchſinn zu unter⸗ ſcheiden, wie andere durch das Anſehen und Befuͤhlen die Sachen unterſuchen. Wenn ſie ſich einem Boot naͤherten, rochen ſie daran, und dann an den Leuten. So auch pruͤf⸗ ten ſie alles, was ihnen gegeben wurde. Sie legten wenig Werth auf die Perlen, waren aber ſehr erfreut uͤber die Schellen. Auch das Meſſing kam bei ihnen in hohen Werth; ſie ſchienen etwas ſehr angenehmes an ſeinem Ge⸗ ruch zu finden, und nannten es„Turey,“ um damit anzu⸗ zeigen, daß es vom Himmel komme.*) Von dieſen Indianern erfuhr Columbus, daß der Name ihres Landes Paria heiße, und daß er es weiter nach Weſten volkreicher finden werde. Er nahm mehrere von ihnen, um ihm als Fuͤhrer und Vermittler zu dienen, und fuhr acht Seemeilen weſtlich nach einer Spitze, welche er Aguja oder die Nadel nannte. Hier kam er um drei Uhr Morgens an. Wie der Tag dämmerte, wurde er ſehr erfreut durch die Schoͤnheit des Landes. Es war an vielen Stellen angebaut, ſehr bevoͤlkert und mit einer praͤchtigen Vegetation geſchmuͤckt. Die Wohnungen der Eingebornen waren zwiſchen Baum⸗ parthieen erbaut, die mit Fruͤchten und Bluͤthen prangten. Weinſtoͤcke wanden ſich um ſie her, und Voͤgel mit herrlichem *) Herrera hist. Ind. dec. 1. I. III. e. u1. — 325— Gefieder flatterten von Zweig zu Zweig. Die Luft war gemäͤßigt und lieblich, von dem Duft der Blumen und Bluthen verſuͤßt, und eine Menge von Quellen und klaren Stroͤmen erhielten alles im friſcheſten Gruͤn. Columbus war ſo ſehr entzuͤckt von der Schoͤnheit und den Reizen dieſes geſegneten Theiles der Kuͤſte, daß er ihm den Namen die Gaͤrten gab. Die Eingebornen kamen in großer Anzahl in ihren Ca⸗ noes, die in der Form beſſer als die fruͤher geſehenen wa⸗ ren, naͤmlich breit und leicht, und eine Bedachung in der Mitte zur Bequemlichkeit des Eigenthuͤmers und ſeiner Fa⸗ milie hatten. Sie luden den Columbus im Namen ihres Koͤnigs ein, an's Land zu kommen. Viele von ihnen hat⸗ ten Halsbänder und geglaͤttete Platten von der geringeren Art Gold um den Hals, welches die Indianer Guanin nen⸗ nen. Sie ſagten, es kaͤme aus dem Hochlande, nach wel⸗ chem ſie hinwieſen, in nicht großer Entfernung weftlich, doch dabei andeutend, daß es gefaͤhrlich ſey, dorthin zu ge⸗ hen, entweder weil die Bewohner Cannibalen oder der Ort von giftigen Thieren beunruhigt ſey.*) Aber was ploͤtzlich die Aufmerkſamkeit der Spanier erregte und ihre Habſucht ent⸗ flammte, waren Schnuͤre von Perlen, die einige Einge⸗ borne um die Arme trugen. Sie benachrichtigten den Co⸗ lumbus, daß ſelbige an der Seekuͤſte auf der noͤrdlichen Seite von Paria gewonnen wuͤrden, welches er immer noch *) Schreiben des Columbus an die ſpaniſchen Herrſcher, Navarrete's Sammlung t. 1. p. 252, — 326— für eine Inſel hielt, und ſie zeigten die Perlen⸗Schalen vor, aus welchen man ſie breche. Begierig, weitere Er⸗ kundigung einzuziehen und Proben von dieſen Perlen zu er⸗ halten, um ſie nach Spanien zu ſenden, beorderte er die Boote an die Kuͤſte. Sowie die Spanier landeten, kam eine Menge von den Eingebornen an's Ufer, um ſie zu em⸗ pfangen, ihren erſten Caziken und deſſen Sohn an der Spitze. Sie nahmen ſie mit tiefer Ehrfurcht auf, als We⸗ ſen, die vom Himmel gekommen ſeyen, und fuͤhrten ſie nach einem geraͤumigen Hauſe, der Reſidenz des Caziken, wo ſie auf eine einfache und gaſtfreundliche Weiſe bedient wurden; ihr Mahl beſtand aus Brod und verſchiednen Fruͤchten von vortrefflichem Geſchmack und aus den verſchiednen Arten von Getraͤnken, die ſchon oben angefuͤhrt wurden. Waͤh⸗ rend ſie in dem Hauſe waren, hielten ſich die Maͤnner am ei⸗ nen Ende beiſammen, und eben ſo die Weiber an dem an⸗ deren. Nachdem ſie ihre Mahlzeit in dem Hauſe des Cazi⸗ ken beendigt hatten, wurden ſie in der Wohnung des Soh⸗ nes aufgenommen und ihnen eben ſolche Erfriſchungen vor⸗ geſetzt. Dieſes Volk war merkwuͤrdig freundlich, wiewohl ſie zugleich mehr Unerſchrockenheit und einen kriegeriſcheren Geiſt beſaßen, als die Eingebornen von Cuba und His⸗ paniola. Sie waren ſchoͤner, bemerkt Columbus, als ir⸗ gend welche, die er geſehen, obwohl ſo nahe der Linie, wo er ſie von der Farbe der Aethiopier zu finden geglaubt hatte. Man ſah vielen Goldſchmuck unter ihnen, aber alles von der genannten geringeren Qualitaͤt; ein Indianer hatte ein Stuͤck davon in der Groͤße eines Apfels. Sie trugen meh⸗ — 327— 4 rere Arten von gezaͤhmten Papagayen, einen von hellgruͤ⸗ ner Farbe mit gelbem Halſe und die Enden der Fluͤgel von einem ſchimmernden Roth, andere in der Groͤße des Haus⸗ gefluͤgels und von einem lebhaften Scharlach, außer einigen azurblauen Federn an den Fluͤgeln. Dieſe gaben ſie den Spaniern gern; aber am meiſten geluͤſtete dieſen nach den Perlen, wovon ſie viele Halsſchnuͤre und Armbaͤnder unter den indianiſchen Weibern fanden. Die Letzteren gaben ſie ihnen willig gegen Schellen oder andere Gegenſtaͤnde von Meſſing hin, und einige Quantitaͤten ſchoͤner Perlen ver⸗ ſchaffte ſich der Admiral, um ſie ſeinen Gehtetern nach Spa⸗ nien zu ſenden. Die Guͤte und das freundliche Weſen dieſer Menſchen er⸗ hielt durch ein kluges Benehmen und kriegeriſche Beherztheit hoͤheren Werth. Sie ſchienen das ſchoͤne Land zu verdienen, welches ſte bewohnten. Es war ein großes Herzeleid fuͤr ſte und fuͤr die Spanter, daß ſie ſich in ihren Sprachen nicht verſtehen konnten. Sie redeten indeſſen durch Zeichen mit einander; gegenſeitiger guter Wille machte den umgang leicht und angenehm, und zur Vesperſtunde kehrten die Spanier ausnehmend vergnuͤgt uͤber die genoſſene Wnterhal⸗ tung an Bord ihrer Schiffe zuruͤck. ) Schreiben des Columbus. Herrera hist. Ind. decad. 1. 1. III, e. 11. Hist. del Almirante c. 70. — 328— Drittes Kapitel. Fortſetzung der Reiſe durch den Golf von Paria. Rückkehr nach Hispaniola. (1498.) Die Menge ſchoͤner Perlen, welche man unter den Ein⸗ gebornen von Paria antraf, war hinreichend, um die ſan⸗ guiniſchen Erwartungen des Columbus wieder zu ſpannen. Es ſchien die Theorie Ferrer's zu beſtaͤtigen, daß man je naͤher dem Aequator die ſeltenſten und koſtbarſten Natur⸗ produkte finden werde. Seine lebhafte Einbildungskraft ergriff mit ihrer erfaſſenden Schnelle alle naͤchſten Umſtaͤnde, die ſeine Wuͤnſche zu beguͤnſtigen ſchienen, und indem er ſie 1 verband, zog er daraus die glaͤnzendſten Folgerungen. Er hatte im Plinius geleſen, daß die Perlen von Thautropfen herruͤhrten, die in die Oeffnung der Auſter fielen; wenn dem ſo war, welcher Ort konnte geeigneter zu ihrem Wachs⸗ thum und ihrer Vermehrung ſeyn, als die Kuͤſte von I Paria? Der Thau war in dieſen Gegenden ſtark und haͤufig, und der Auſtern gab es ſo viele, daß ſie ſich um die 1 Wmurzeln und um die ins Waſſer haͤngenden Zweige der Mangle⸗Baͤume, die an dem Rande des ruhigen Meeres — 329— wuchſen, in Haufen ſammelten. Wenn ein Zweig, der eine Zeit lang im Waſſer geweſen war, herausgezogen wurde, fand man ihn mit Auſtern bedeckt. Las Caſas bemerkt, indem er von den ſanguiniſchen Hoffnungen des Columbus ſpricht, daß das von ihm erwaͤhnte Schaalthier nicht jenes ſey, welches die Perlen hervorbringe, ſondern daß ſelbiges durch einen natuͤrlichen Inſtinct, als ob es ſeines koſtbaren Produktes bewußt waͤre, ſich in dem tiefſten Waſſer ver⸗ berge.*) Noch immer in dem Wahne, die Kuͤſte von Paria ſey eine Inſel, und begierig, ſie zu umſchiffen und an einer Stelle anzukommen, wo dieſe Perlen nach den Ausſagen der Indianer im Ueberfluß wuͤchſen, verließ Columbus die Gaͤr⸗ ten am 10. Auguſt und ſetzte ſeine Kuͤſtenfahrt in dem Golf nach Weſten fort, um einen Ausgang noͤrdlich zu fin⸗ den. Er bemerkte Theile der Terra Firma, welche in der Tiefe des Golfs erſchienen, die er aber für Inſeln hielt und ſie Iſabeta und Tramontana nannte, wobei er glaubte, der gehoffte Ausgang müſſe zwiſchen ihnen liegen. Als er ſich jedoch naͤherte, fand er das Waſſer immer ſeichter und ſuͤßer, bis er es nicht mehr wagte, mit ſeinem Schiff weiter vor⸗ zudringen, welches, wie er bemerkt, fuͤr Fahrten ſolcher Art einen zu großen Umfang hatte, da es ein Schiff von hundert Tonnen war und drei Faden Tiefe erforderte. Er ging daher vor Anker und ſandte eine leichte Caravele, Correo genannt, um ſich zu verſichern, ob ein Ausgang nach dem *) Las Casas hist. Iad. c. 136. — 330— Ocean zwiſchen dieſen vermeintlichen Inſeln waͤre. Die Caravele kehrte am folgenden Tage zuruͤck, und berichtete, daß an dem weſtlichen Ende des Golfs eine Oeffnung von zwei Seemeilen ſey, die in einen inneren kreisfoͤrmigen Golf fuͤhre, in welchem vier Oeffnungen ſeyen, offenbar kleinere Meerengen oder vielmehr Muͤndungen von Fluͤſſen, woraus die große Maſſe friſchen Waſſers ſtroͤme, welche die benach⸗ barte See verſuͤße. Wirklich ergießt ſich aus einer dieſer Muͤndungen der große Fluß Cuparipari oder wie er jetzt heißt, der Paria. Dieſem inneren und runden Golf gab Columbus den Namen Meerbuſen der Perlen, in der irri⸗ gen Vorausſetzung, daß dieſe in ſeinem Gewaͤſſer in Ueberfluß angetroffen wuͤrden, obgleich man wirklich gar keine Perlen dort findet. Er bildete ſich noch immer ein, die vier Oeff⸗ nungen, von welchen die Matroſen ſprachen, ſeyen Canaͤle zwiſchen Inſeln, obgleich ſie verſicherten, daß alles Land, welches er ſehe, ein verbundenes Feſtland ſey.*) Da es un⸗ moͤglich war, weiter weſtlich mit den Schiffen vorzudringen, ſo hatte er keine andere Wahl, als zuruͤckzufahren und im Norden durch die Boca del Drago einen Ausgang zu ſuchen. Er wuͤrde gern ſeine Unterſuchungen an dieſer Kuͤſte noch einige Zeit fortgeſetzt haben, denn er glaubte ſich in einer zener geſegneten Regionen, die als die gluͤcklichſten auf Erden beſchrieben worden und gegen den Aequator hin an Reich⸗ thuͤmern zunehmen ſollten. Gebieteriſche Ruͤckſichten zwangen ihn jedoch, ſeine Reiſe abzukuͤrzen und ſeine Fahrt nach San *) Hist. del Almirante, cap. 78. Oomingo zu beeilen. Die Seevorraͤthe der Schiffe waren faſt erſchoͤpft und die vielerlei Dinge fuͤr die Colonie, wo⸗ mit dieſelben befrachtet waren, kamen in Gefahr, zu ver⸗ derben. Er litt ferner ſehr durch Unwohlſeyn. Außer der Gicht, die ihn fuͤr den groͤßten Theil ſeiner Reiſe zum Kruͤppel machte, wurde er von ſeinem Augenleiden hart mitgenommen, welches, durch große Anſtrengung und durch Ueberwachen veranlaßt, ihn faſt des Geſichts beraubte. Selbſt die Reiſe laͤngs der Kuͤſte von Cuba, bemerkt er, auf welcher er drei und dreißig Tage faſt ohne Schlaf zu⸗ brachte, hatte ſeine Augen nicht ſo angegriffen, noch ſeinen Koͤrper ſo elend gemacht, noch ihm uͤberhaupt ſo viele pein⸗ liche Leiden gebracht, als die gegenwaͤrtige.*) Am 11. Auguſt ging er daher oͤſtlich nach der Boca del Drago unter Segel und wurde von den Stroͤmungen mit großer Schnelligkeit weiter getragen, dadurch aber verhin⸗ dert, bei ſeinem Lieblingsplatz, den Gaͤrten, zu landen. Sonntag den 13. warf er in der Naͤhe der Boca Anker, in einer ſchoͤnen Bucht, der er den Namen Puerto de Gatos gab, von einer Art Affen, Gato Paulo genannt, deren es in der Umgegend eine Menge gab. Am Rande dieſes Meeres bemerkte er viele Baͤume, die nach ſeiner Meinung die Mirobalane hervorbrachten, eine Frucht, die nur im Oſten gefunden wird. Es ſtanden auch Mangle⸗ Baͤume in großer Anzahl im Waſſer, mit Auſtern, die an *) Schreiben des Columbus an die Souveraine, Navare“ rete, t. I, p. 252. — 332— ihren Zweigen hingen, mit offnen Schaalen, wie er dachte, um den Thau aufzunehmen, der ſich nachher zu Perlen bilden werde.*) 3 Am folgenden Morgen, den 14. Auguſt gegen Mittag hin, naͤherten ſich die Schiffe der Boca del Drago und ruͤſteten ſich, durch den furchtbaren Paß zu ſteuern. Die Entfernung zwiſchen dem Cape Boto am Ende von Paria und dem Cape Lapa an der Spitze von Trinidad betraͤgt ungefaͤhr fuͤnf Seemeilen, aber in der Mitte liegen zwei Inſeln, die Columbus Carracol und Delphin nannte. Die gewaltigen Maſſen von ſuͤßem Waſſer, die durch dieſen Golf ſtroͤmen, beſonders in den Regenmonaten Juli und Auguſt, werden durch die engen Ausgänge zwiſchen dieſen Inſeln zuſammengedraͤngt, wo ſie eine ungeſtuͤme See bilden, welche ſchaͤumt und toſet, als ob ſie durch Felſen braͤche, und den Aus⸗ und Eingang des Golfs ausnehmend gefaͤhrlich macht. Die Schrecken und Gefahren ſind fuͤr Entdecker immer zehnfach vorhanden, da ſie keine Karten, keine Lootſen und keine Nachrichten von Reiſenden vor ſich haben, die ſie fuͤhren koͤnnten. Columbus fuͤrchtete zuerſt verdeckte Klip⸗ pen und Sandbaͤnke, aber als er die Bewegung der Straße aufmerkſam beobachtete, ſchrieb er dieſelbe dem Kampfe un⸗ ter den ungeheuern Maſſen von ſuͤßem Waſſer zu, die durch den Golf ſtroͤmen und ſich den Ausgang erkaͤmpfen gegen die Fluth des Salzwaſſers, welches mit Gewalt ein⸗ dringen will. Die Schiffe hatten ſich kaum in den furcht⸗ *) Herrera hist, Ind. decad. 1. I. III, e, 10. — 333— baren Kanal gewagt, als der Wind dahinſchwand, und ſie jeden Augenblick in Gefahr ſchwebten, zwiſchen den Felſen und Sandbaͤnken in die Tiefe gezogen zu werden. Die Ströͤme des ſuͤßen Waſſers trugen jedoch den Sieg davon, und fuͤhrten ſie wohlbehalten hindurch. Der Admiral pries ſich gluͤcklich, als er ſich unverſehrt wieder in der offenen See befand, daß er der gefaͤhrlichen Straße entronnen war, die, ſo bemerkt er, mit Recht der Mund des Drachen ge⸗ nannt werden kann.*) Er richtete nun ſeinen Lauf nach Weſten, und fuhr längs der aͤußeren Kuͤſte von Paria, welches er noch immer fuͤr eine Inſel hielt, in der Abſicht, den Golf der Perlen aufzuſuchen, den er ſich am Ende derſelben nach dem Meere geoͤffnet gedacht hatte. Er wuͤnſchte ſich zu verſichern, ob dieſe große Stroͤmung ſuͤßen Waſſers von Fluͤſſen herruͤhre, wie die Mannſchaft der Caravele Correo behauptet hatte; denn es ſchien ihm unmoͤglich, daß die Stroͤme bloßer In⸗ ſeln, wofuͤr er das Land umher hielt, eine ſo ungeheure Waſſermaſſe hervorbraͤchten. Indem er die Boca del Drago verließ, ſah er in Nord⸗ oſten, viele Seemeilen entfernt, zwei Inſeln, die er Aſſumption und Conception nannte; wahrſcheinlich die, welche jetzt unter den Namen Tobago und Granada bekannt ſind. Bei ſeiner Fahrt läͤngs der noͤrdlichen Kuͤſte von Paria erblickte er mehrere andere kleine Inſeln und viele ſchoͤne Landungs⸗ plaͤtze, deren einigen er Namen gab, die ſie aber gegenwaͤrtig *) Herrera hist. Ind. dec. I. I. III, c. 11. — 8334— nicht mehr fuͤhren. Am 15. entdeckte er die Inſeln Mar⸗ garika und Cubagua, ſpaͤter ſo beruͤhmt wegen ihrer Per⸗ lenfiſchereien. Die Inſel Margarita, ungefaͤhr funfzehn Stunden lang und ſechs breit, war gut bevoͤlkert. Die kleine Inſel Cubagua zwiſchen ihr und dem Feſtlande und nur ungefaͤhr vier Seemeilen von dem letzteren entfernt, war duͤrr und unfruchtbar, ohne Holz und ſuͤßes Waſſer, aber mit einem guten Hafen verſehen. Als der Admiral ſich dieſer Inſel naͤherte, bemerkte er eine Anzahl Indianer, die vom Perlenfang kamen und nach dem Land zu fuhren. Es wurde ein Boot abgeſandt, um ſich mit ihnen in Ver⸗ bindung zu ſetzen, und einer der Schiffer bemerkte viele Schnuͤre Perlen an dem Halſe eines Weibes. Ein Gefaͤß von Valenzia⸗Geſchirr, eine Art Porzellan mit lebhaften Farben bemalt und uͤberfirnißt, welches er mitgenommen hatte, zerbrach er und gab die Stuͤcke der Indianerin, welche ihm dagegen eine betraͤchtliche Menge von ihren Per⸗ len gab. Dieſe brachte er dem Admiral, der ſogleich Leute mit Valenzia Geſchirr und Schellen wohl verſehen an die Kuͤſte ſandte und dafuͤr in kurzer Zeit gegen drei Pfund Perlen erlangte, von denen einige ſehr groß waren,*) und die er nachmals den Souverainen als Proben uͤberſandte. Es war eine große Verſuchung, in der Naͤhe dieſer Kuͤſten ſich aufzuhalten und nach anderen Oertern auszu⸗ laufen, von denen die Indianer einen Ueberfluß an Perlen verheißen hatten. Die Kuͤſte von Paria dehnte ſich auch *) Charlevoix hist, St. Domingo. I. III. p. 169. nach Weſten aus, ſo weit das Auge reichen konnte und er⸗ hob ſich zu einer Reihe von Bergen; ſie forderte zur Unter⸗ ſuchung auf, ob ſie ein Theil ves aſiatiſchen Feſtlandes ſey, wie Columbus zu vermuthen anfing. Leider wurde er ganz gegen ſeine Abſicht gezwungen, dieſe hoͤchſt Untereſſante Nach forſchung aufzugeben. Seine Augenkrankheit war nun ſo hedeukend gewvorden, daß er nicht laͤnger mehr Beobachtungen anſtellen, noch in die Ferne ſehen konnte, ſondern ſich auf die Ausſagen der Steuermaͤnner und Matroſen verlaſſen mußte. Er nahm daher ſeinen Lauf nach Hispaniola, in der Abſicht, ſich dort von den Muͤhſeligkeiten ſeiner Reiſe zu erholen und ſeine Geſundheit wieder zu befeſtigen, waͤhrend er ſeinen Bruder den Adelantado, abſendete, um die Entdeckung dieſes wichti⸗ gen Landes zu vollenden. Nachdem er fuͤnf Tage gegen Nordweſten weiter geſegelt war, kam er nach der Inſel Hispaniola am 19. Auguſt, funfzig Stunden weſtlich von dem Fuß Ozema, dem Orte ſeiner Beſtimmung; am fol⸗ genden Morgen ging er bei der kleinen Inſel Beata vor Anker. Er war erſtaunt, daß er ſo ſehr in ſeiner Berechnung irre gegangen und ſo weit hinter ſeinem auserkohrenen Ha⸗ fen angekommen war, ſchrieb es aber ganz richtig der Ge⸗ walt der Stroͤmung zu, die ihn aus der Boca del Drago gefuͤhrt und welche, waͤhrend er Nachts beigelegt hatte, um nicht auf Klippen und Sandbaͤnke zu gerathen, ſeine Schiffe unmerklich nach Weſten getrieben hatte. Dieſe Stroͤmung, die uͤber die caraibiſche See geht, und deren Fortſetzung — 336— gegenwäͤrtig der Golf⸗Strom heißt, war ſo reißend, daß die Schiffe am 15., als der Wind nur unbedeutend ging, fuͤnf und ſiebenzig Seemeilen in vier und zwanzig Stunden zu⸗ ruͤcklegten. Columbus ſchrieb der Heftigkeit dieſer Stroͤmung die Bildung des Paſſes zu, den er Boca del Drago nannte und der, wie er annahm, ſich durch eine ſchmale Landenge Bahn gebrochen hatte, welche fruͤher Trinidad mit dem außerſten Ende von Paria verband. Er war auch der Mei⸗ nung, daß deſſen beſtaͤndige Gewalt die Ufer des Feſtlandes nach und nach hinweggenommen oder uͤberſchwemmt und da⸗ durch allmaͤhlig die Gruppe von Inſeln gebildet habe, die ſich von Trinidad nach den Lucayos oder Bahama⸗Inſeln er⸗ ſtrecken und die nach ſeiner Idee urſpruͤnglich Theile des Feſtlandes waren. Zur Beſtaͤtigung dieſer Meinung macht er auf die Form dieſer Inſeln aufmerkſam, die ſchmal von Norden nach Suͤden gehen und ſich in die Laͤnge von Oſten nach Weſten in der Richtung der Stroͤmung ausdehnen.*) Die Inſel Beata, wo Columbus Anker geworfen hatte, iſt ungefaͤhr dreißig Stunden weſtlich von dem Fluß Ozema entfernt, worin er den neuen Seehafen zu finden hoffte, den ſein Bruder zu unterſuchen beauftragt worden war. Die ſtarke und ſtete Stroͤmung von Oſten jedoch und die aus dieſer Himmelsgegend vorherrſchenden Winde konnten ihn lange Zeit auf der kleinen Inſel aufhalten und den uͤbrigen Theil ſeiner Reiſe verſpaͤten oder ungewiß machen. Er *) Schreiben an den König und die Königin, Navar⸗ rete t. 3. — 337— ſandte daher ein Boot an die Kuͤſte ab, um einen indiani⸗ ſchen Mann zu bekommen, der einen Brief an ſeinen Bru⸗ der, den Adelantado, befoͤrdern ſollte. Sechs von den Ein⸗ gebornen kamen an die Schiffe, und einer war mit einer ſpaniſchen Armbruſt bewaffnet. Die beſorgte Seele des Ad⸗ mirals ſchoͤpfte hier ſogleich Argwohn, als er eine Waffe von der Art in dem Beſitz eines Indianers erblickte. Sie war kein Gegenſta. d des Handels, und er fuͤrchtete, daß ſie bloß durch den Tod eines Spaniers in ſeine Hand gekom⸗ men ſey.*) Er beſorgte, es moͤchten waͤhrend ſeiner lan⸗ gen Abweſenheit andere Uebel uͤber die Niederlaſſung gekom⸗ men und wieder Unruhen unter den Eingebornen ausge⸗ brochen ſeyn. Nachdem er ſeinen Boten abgeſandt, ging er wieder unter Segel und kam am 30. Auguſt an der Muͤndung des Fluſſes an. Er begegnete auf ſeiner Fahrt einer Ca⸗ ravele, auf welcher ſich der Adelantado befand, der ſeinen Brief empfangen hatte und ſich mit zaͤrtlicher Ungeduld be⸗ eilte, ſeine Ankunft zu begruͤßen. Das Wiederſehen der Bruͤder war eine Quelle gegenſeitiger Freude und Staͤr⸗ kung, ſie liebten einander mit Innigkeit, jeder hatte ſeine Muͤhen und Leiden waͤhrend ihrer langen Trennung ge⸗ habt, und jeder blickte den andern mit der troͤſtlichen Hoff⸗ nung auf ſeine Unterſtuͤtzung an. Don Bartholomeo ſcheint immer große Verehrung vor dem glaͤnzenden Genie, dem — *) Las Casas, hist. Ind. I. I., c. 148. Irving's Columbus. 4—%. 22 — 338— umfaſſenden Geiſt und dem gebietenden Anſehen ſeines Bru⸗ ders gehabt zu haben, waͤhrend dieſer in Zeiten der Noth großes Vertrauen auf die Weltklugheit, die unermuͤdliche Thaͤtigkeit und den lowenartigen Muth des Adelantado ſetzte.— Eolumbus war, als er ankam, nur noch das Wrak ſei⸗ ner vorigen Groͤße. Seine Reiſen waren immer von der Art geweſen, daß ſie ſeinen Koͤrper ſchwaͤchten, da er ſtets mit unbekannten Gefahren zu kaͤmpfen hatte, und zu jeder Stunde und in jedem Wetter aͤngſtlich Wache halten mußte. Wie Alter und Gebrechlichkeit hereinbrachen, uͤberfielen ihn dieſe Muͤhſeligkeiten immer haͤrter. Seine Natur muß ur⸗ ſpruͤnglich wunderbar kraͤftig geweſen ſeyn; aber ſelbſt eine maͤchtige Conſtitution wird, wenn ſie großen Beſchwerniſſen ausgeſetzt iſt, in vorgeruͤckten Jahren Krankheiten und Leiden zur Beute. Bei ſeiner letzten Reiſe war er vom Fieber aufs Krankenbett geworfen und aufgeriehen, von der Gicht gefoltert, und ſein ganzes Nervenſyſtem von dem uͤbertriebe⸗ nen Wachen zerſtoͤrt worden; er kam hager, abgezehrt und faſt blind im Hafen an. Sein Geiſt war jedoch wie immer uͤber alle koͤrperliche Leiden und Hinfaͤlligkeiten erhaben, und er ſah mit glaͤnzenden Erwartungen vorwaͤrts nach den Reſultaten ſeiner neuen Entdeckungen, die nach ſeinem Plane ſogleich von ſeinem kuͤhnen und unternehmenden Bruder aus⸗ gefuͤhrt werden ſollten. — 339— Viertes Kapitel. Betrachtungen des Columbus über die Kuͤſte von Paria. (1498.) Die Naturphaͤnomene von jener großen und auffallenden Art, welche ſich in dem Laufe dieſer neuen Reiſe gezeigt hatten, machten einen gewaltigen Eindruck auf das ſinnende Gemuͤth des Columbus. Indem er die große Ausdehnung von ſuͤßem Waſſer erwog, die ſich in den Golf von Paria ergießt und von da mit ſolcher Gewalt in den Ocean ſtroͤmt, bildete er einen ſeiner einfachen und großen Schluͤſſe. Dieſe Waſſermaſſe konnte nicht von einer Inſel noch von mehre⸗ ren Inſeln herruͤhren; ſie mußte irgend ein maͤchtiger Strom ſeyn, der durch eine große Flaͤche Landes ſeinen Lauf er⸗ ſtreckte, alle Fluͤſſe derſelben in ſich aufgenommen hatte und ſie in breiter Stroͤmung in den Ocean ausſendete. Das Land alſo, welches einen ſolchen Fluß enthalten konnte, mußte ein Feſtland ſeyn. Er ſtellte nun die Vermuthung auf, daß die verſchiedenen Strecken Landes, die er um den Golf herum erblickt hatte, meiſtens mit einander in Ver⸗ 22* bindung ſtaͤnden, daß die Kuͤſte von Paria ſich weit nach Weſten ausdehne, jenſeits einer Kette von Bergen, die er von Margarita weit im Hintergrund erblickt hatte, und daß das Land gegen Trinidad uͤber, ſtatt eine Inſel zu ſeyn, in eine unermeßliche Entfernung nach Suͤden, weit uͤber den Aequator hinaus, in die bis jetzt den civiliſirten Menſchen unbekannte Hemiſphaͤre fortlaufe. Er betrachtete dieſe Ausdehnung als eine Fortſetzung des aſiatiſchen Con⸗ tinentes und kam ſo auf die Vermuthung, daß der groͤßere Fheil der Erdoberflaͤche feſtes Land ſey. In dieſer letzten Anſicht fand er ſich von Schriftſtellern des erſten Ranges, ſowohl alten als neuen, unterſtuͤtztz unter ihnen fuͤhrt er Ariſtoteles und Seneca, den heiligen Auguſtin und den Car⸗ dinal Pedro de Aliaco an, deren Schriften er immer hoch in Ehren hielt, Er legt auch ein beſonderes Gewicht auf die Verſicherung des Apokryphen Esra, daß von ſieben Tbeilen der Welt ſechſe trocknes Land und nur ein Theil mit Waſſer bedeckt ſey. Das Land, welches den Golf von Paria umgab, war ihm daher nur der Rand eines unendlichen Feſtlandes, wel⸗ ches ſich weit nach Weſten und nach Suͤden erſtrecke und die koͤſtlichſten Regionen der Erde einſchließe, die unter den günſtigſten Sternen und gätigſten Himmelsſtrichen laͤgen, bis jetzt unbekannt und uncultivirt, der Entdeckung und Aneignung jeden Chriſtenſtaates offen.„Moͤge es dem Herrn gefallen,“ ſo ruft er begeiſtert in ſeinem Schreiben an die Souveraine,„Ew. Hoheiten langes Leben und Wohl⸗ ſeyn zu ſchenken, damit Sie dieſe edle Unternehmung ver⸗ folgen koͤnnen, worin, wie mich daͤucht, dem Allmaͤchtigen ein großer Dienſt geſchieht, worin Spanien das Wachsthum ſeiner Groͤße und alle Chriſten viel Troſt und Heil finden werden, wenn der Name unſeres Erloͤſers durch dieſes Land verbreitet wird.“⸗ So weit enthalten die Herleitungen des Columbus, wenn auch ſanguiniſche Erwartungen, doch wenig Spitzfindiges; er ging aber in ſeinen Vermuthungen immer weiter, bis er ſie in rein chimaͤriſchen Traͤumereien enden ließ. In ſeinem Schreiben an die Souveraine bemerkte er, als er auf ſeiner erſten Reiſe weſtlich von den Azoren geſteuert ſey, habe er nach einer Fahrt von hundert Seemeilen eine ploͤtzliche und große Veraͤnderung am Himmel und an den Sternen, in der Temperatur der Luft und an der Stille des Oceans wahrgenommen. Es habe geſchienen, als ob eine Linie von Norden nach Suͤden laufe, jenſeits welcher alles ſich ver⸗ aͤndere. Die Magnetnadel, die vorher nach Nordoſten ge⸗ wieſen hatte, wich einen ganzen Compaß⸗Strich nach Nord⸗ weſten ab. Das Meer, bis dahin rein, war mit Gewaͤchſen bedeckt, ſo dicht, daß er bei ſeiner erſten Reiſe in Furcht gerathen, auf Sandbaͤnken zu ſtranden. Eine totale Stille herrſchte in den Elementen und das Clima war mild und heiter, ſowohl im Sommer als auch im Winter. Wenn er nach Durchſchiffung dieſer ideellen Linie in der Nacht ſeine aſtronomiſchen Beobachtungen vornahm, ſo ſchien ihm der Nordſtern taͤglich einen Kreis von fuͤnf Graden im Durch⸗ meſſer am Himmel zu beſchreiben. Auf ſeiner gegenwaͤrtigen Reiſe hatte er ſeine Fahrt ge⸗ ändert und von den Capverdiſchen Inſeln ſich ſuͤdlich nach der Linie begeben. Ehe er ſie indeſſen erreichte, war die Hitze ſo unertraͤglich geworden, daß er ſich entſchloß, mit einem aus Oſten ſich erhebenden Winde weſtwaͤrts, in gera⸗ der Linie mit Sierra Leone oder Guinea, zu ſchiffen. Meh⸗ rere Tage hindurch war er faſt aufgerieben worden durch eine ſengende und erſtickende Hitze unter einem ſchwuͤlen bewoͤlkten Himmel und in einer rieſelnden Luft, bis er an der ſchon erwaͤhnten ideellen Linie ankam, die ſich von Nor⸗ den nach Suͤden erſtrecken ſollte. Hier hatte er ploͤtzlich, zu ſeiner großen Erholung, heiteres Wetter mit einem wolken⸗ loſen blauen Himmel und einer lieblichen und gemaͤßigten Luft. Je weiter er weſtlich gekommen war, deſto reiner und friſcher hatte er das Clima gefunden, die See war ſtill, und die Winde ſanft und balſamiſch. Alle dieſe Erſchei⸗ nungen kamen mit denen uͤberein, die er auf derſelben Linie weiter noͤrdlich auf ſeinen fruͤheren Reiſen beobachtet hatte, mit der Ausnahme, daß ſich hier keine Gewaͤchſe im Meere zeigten und die Bewegungen der Sterne verſchieden waren. Der Polarſtern ſchien ihm hier taͤglich einen Kreis von zehn Graden, ſtatt von fuͤnfen zu beſchreiben, eine Vergroͤßerung, die ihn mit Staunen erfuͤllte, doch die er durch Beobachtun⸗ gen in verſchiedenen Naͤchten mit den Quadranten beſtaͤtigt gefunden hatte. Die groͤßte Hoͤhe deſſelben an der vorgenann⸗ ten Stelle in gleicher Linie mit den Azoren, hatte nach ſei⸗ ner Berechnung zehn Grade betragen, an dem letzten Orte dagegen funfzehn. Nach dieſen und anderen umſtänden war er geneigt, an — 343— der uberlieferten Theorie uͤber die Geſtalt des Erdballs zu zweifeln. Philoſophen hatten ſie als kugelrund beſchrieben, aber ſie wußten noch nichts von dem Theile der Welt, den er entdeckt hatte. Die ihnen bekannte alte Welt war ohne Zweifel kugelfoͤrmig geſtaltet, doch glaubte er nun, die wahre Form der Erde ſey die einer Birn, an einer Stelle hoͤher als die uͤbrigen Theile und nach dem Himmel unmerklich zulaufend. Fuͤr dieſe Stelle hielt er das Innere des neu⸗ gefundenen Feſtlandes, und zwar unmittelbar unter dem Aequator. Alle Naturerſcheinungen, die er vorher bemerkt hatte, ſchienen ihm dieſe Theorie zu beſtaͤtigen. Die Ab⸗ weichungen, welche er beobachtet hatte, als er die vermeintliche Linie betreten, die ſich von Norden nach Suͤden hinziehen ſollte, glaubte er darin finden zu muͤſſen, daß die Schiffe bei dieſer vermeintlichen Erhoͤhung der Erdkugel angekommen ſeyen, wo ſie angefangen haͤtten, ſachte gen Himmel in eine reinere und freiere Atmoſphaͤre aufzuſteigen.*) Die Ab⸗ weichung der Magnetnadel ſchrieb er derſelben Urſache zu, da ſie von der Kuͤhle und Milde des Clima's afficirt wor⸗ den, indem ſie nordweſtlich in dem Verhaͤltniß abgewichen ſey, wie die Schiffe weiter in die Hoͤhe gekommen waͤren.**) *) Peter Martor bemerkt, der Admiral habe ihm erzählt, aus einem Clima von großer Hitze und ungeſunder Luft ſey er auf dem Rücken des Meeres angelangt, der ſich wie ein bohes Gebirg himmelan ziehe. Decad. I. lib. VI. **½) Columbus nahm bei den Verſuchen, die Abweichung der Magnetnadel zu erklären, an, daß der Nordſtern die Eigenſchaft der vier Cardinal⸗Punkte gleich dem Magnet⸗ So erſcheine denn auch die Hoͤhe des Nordſterns und der Kreis, den er am Himmel beſchreibe, groͤßer, wenn man ihn von einem hoͤheren Punkte, in weniger ſchraͤger Richtung und durch eine reinere Atmoſphaͤre betrachte, und dieſe Er⸗ ſcheinungen wuͤrde man verſtaͤrkt ſehen, je mehr die Schiffen⸗ den ſich dem Aequator naͤherten, da die Erhoͤhung der Erde nach jener Richtung wachſe. Er bemerkte auch die Verſchiedenheiten des Clima's, der Vegetation und der Menſchen in dieſem Theile der neuen Welt, von denen unter den naͤmlichen Graden in Afrika. Hier war die Hitze unertraͤglich, das Land duͤrr und un⸗ fruchtbar und die Bewohner waren ſchwarz, mit krauſer Wolle bewachſen, mißgeſtaltet, dumm und thieriſch von Natur. Dort dagegen fand er, wiewohl die Sonne im Loͤwen ſtand, die Mittagshitze ertraͤglich, die Morgen und Abende friſch und kuͤhl, die Gegenden gruͤn und fruchtbar und mit reizenden Waldungen bedeckt, die Menſchen ſchoͤner ſelbſt als in den fruͤher von ihm entdeckten noͤrdlicheren Laͤndern, mit langem Haar, ſchoͤn proportionirt und in ihren Bewegungen grazioͤs, von hellem Kopfe und unter⸗ ſtein beſitze. Wenn nämlich die Magnetnadel von einer Seite des Magnetſteins berührt werde, zeige ſie nach Oſten, mit einer anderen beſtrichen nach Weſten, und ſo fort. Daher bedecken, fügt er hinzu, die, welche die Magnetnadeln präpariren oder magneriſiren, den Magnet⸗ ſtein mit einem Tuche, ſo daß nur die Nordſeite offen bleibt, das heißt der Theil, welcher die Eigenſchaft be⸗ ſitzt, die Magnetnadel nach Norden zu ziehen. Hist, del Almirante, cap. 66. — 345— 3 nehmendem Geiſte. Alles dieſes in einem Breitegrade ſo nahe am Aequator ſchrieb er der groͤßeren Hoͤhe dieſes Theiles der Welt zu, wodurch die Erde in eine freiere Luftregion gehoben worden. Als er ſich nun nach Norden durch den Golf von Paria wandte, hatte er den Kreis, welchen der Polarſtern beſchrieb, wieder kleiner gefunden. Die Stroͤ⸗ mungen des Meeres nahmen an Raſchheit zu, und hatten, wie ſchon erwaͤhnt, die Raͤnder des Feſtlandes fortgeriſſen und durch ihr fortgeſetztes Abſpuͤlen die umliegenden Inſeln gebildet. Dieſes war wieder eine Beſtaͤtigung fuͤr die An⸗ ſicht, daß die Erde nach Suͤden in die Hoͤhe gehe und nach Norden herab. Ariſtoteles hatte geglaubt, der hoͤchſte Punkt der Erde, welcher dem Himmel am naͤchſten, befinde ſich unter dem Suͤdpole. Andere Weltweiſe hatten behauptet, derſelbe waͤre am Nordpol zu finden. Daraus war klar zu erſehen, daß beide einen Theil der Erde fuͤr hoͤher und dem Himmel naͤ⸗ her hielten als die uͤbrigen. Sie glaubten nicht, daß dieſe Erhoͤhung ſich unter dem Aequator befinde, bemerkte Co⸗ lumbus, weil ſie keine gewiſſe Kunde von der ſuͤdlichen Halbkugel beſaßen, ſondern nur theoretiſch und vermuthungs⸗ weiſe daruͤber urtheilten. Wie gewoͤhnlich unterſtuͤtzte er ſeine Theorie mit der heiligen Schrift. Die Sonne war, als Gott ſie erſchuf, an dem aͤußerſten Punkte des Orientes, oder das erſte Licht war dort. Dieſer Ort mußte nach ſeiner Vorausſetzung hier in dem entfernteſten Theile des Oſtens geweſen ſeyn, wo der Ocean und die aͤußerſte Gegend von Indien ſich — 346— unter dem Aequator begegnen und wo der hoͤchſte Punkt der Erde iſt. Er hielt dieſen Gipfel der Welt, wiewohl von ungeheurer Höhe, doch durchaus nicht fuͤr ſchroff und und abſchuͤſſig, ſondern er glaubte, die Erde ſteige hier ſanft und unmerklich in die Hoͤhe. Die ſchoͤnen und fruchtbaren Kuſten von Paria laͤgen an ihren entfernten Ufern, und haͤtten alſo einen Ueberfluß an jenen koſtbaren Artikeln, welche ſich in den geſegnetſten und trefflichſten Climaten der Erde faͤnden. Wenn man ins Innere dringe und allmaͤhlig aufſteige, werde das Land an Schoͤnheit und Ueppigkeit zu⸗ nehmen und die Art ſeiner Produkte ganz ausgezeichnet ge⸗ funden werden, bis es unter dem Aequator den Gipfel er⸗ reiche. Dieſen hielt er fuͤr den edelſten und vollkommenſten Theil der Erde, da er ſich vermoͤge ſeiner Lage der Gleich⸗ heit der Naͤchte und Tage und einer Uebereinſtimmung der Jahreszeiten erfreue, und in eine heitere und himmliſche Temperatur, uͤber Hitze und Kaͤlte, Wolken und Duͤnſte, Stuͤrme und Orkane erhoben ſey, welche die niedrigeren Regionen in Zuſtaͤnde der Verunſtaltung und Zerſtoͤrung verſetzten. Kurz hier vermuthete er die Heimath unſerer Stammeltern, den Urſitz der menſchlichen Unſchuld und Gluͤckſeligkeit, den Gartens Edens oder das irdiſche Para⸗ dies. Er glaubte nach der Autoritaͤt der wichtigſten Kir⸗ chenvaͤter, daß dieſer Ort noch bluͤhe, und in ſeinem ganzen ſegensvollen Zuſtande verblieben, doch unzugaͤnglich ſey den Fußtritten der Menſchen, außer durch beſondere goͤttliche Zulaſſung. Von dieſer Hoͤhe, vermuthete er, doch aus wei⸗ ter Entfernung, komme der maͤchtige Strom von ſuͤßem — 347— Waſſer, der den Golf von Paria erfuͤllt und das ſalzige Meer in ſeiner umgebung verſuͤßt, und ſey aus der in der Geneſis genannten Quelle ausgegangen, welche unter dem Baume des Lebens in dem Garten Edens entſpringe. Von ſolcher Art waren die ſonderbaren Betrachtungen des Columbus, die er in einem Schreiben an die ſpaniſchen Souveraine lang und breit auseinanderſetzt,*) indem er vielerlei Autoritaͤten fuͤr ſeine Meinung anfuͤhrt, unter wel⸗ chen ſich der h. Auguſtinus, der h. Iſidor und der h. Am⸗ broſius befinden, und ſeine Theorie mit jener wunderlichen ſpeculativen Gelehrſamkeit bekraͤftigt, worin er ſo ſehr zu Hauſe var.**) Es zeigt dieß, wie ſein feuriger Geiſt er⸗ hitzt war von dem Glanze ſeiner Entdeckungen. Kluge Leute moͤgen in der Kuͤhlheit und Ruhe des gewoͤhnlichen Lebens und in dieſer Zeit ſchlauer und nuͤchterner Thatſachen uͤber eine ſolche Traͤumerei laͤcheln, aber ſie wurde durch die Forſchungen der Weiſeſten und Gelehrteſten ſeiner Zeit be⸗ ſtaͤtigt, und waͤre dieſes nicht geweſen, wer ſollte ſich wohl wundern uͤber einen ſolchen Sprung der Einbildungskraft bei einem Manne in der Lage des Columbus. Er ſah eine ungeheure Welt vor ſeinen Augen in die Wirklichkeit treten, eine Welt von unbekannter und unendlicher Ausdehnung, die bis jetzt ein freies Gebiet fuͤr alle moͤgliche Vermuthun⸗ gen geweſen war. Jeder Tag entfaltete neue Erſcheinungen *) Navarrete collect. de Viages t. I. p. 242. **) Man ſehe in den Erläuterungen den Artikel: Lage des irdiſchen Paradieſes. — 348— von Schoͤnheit und Erhabenheit; eine Inſel nach der andern, in deren Felſen, wie man ihm ſagte, Goldadern liefen, deren Haine von Gewuüͤrzen dufteten, oder deren Ufer von Per⸗ len uͤberſtroͤmten. Unabſehbare Reihen von Kuͤſten, Vor⸗ gebirg an Vorgebirg, dehnten ſich bis in die weiteſte Ferne hin; uͤppige Thaͤler erſtreckten ſich ins tiefe Innere, deſſen entfernte Berge, wie er erfuhr, noch gluͤcklichere Gegenden und Reiche von viel groͤßerem Glanz enthielten. Wenn er auf dieſes Land goldner Verheißung hinſah, ſo war es ein erhabenes Bewußtſeyn, daß ſein Genie das alles ins Leben gerufen hatte; er betrachtete es mit den triumphirenden Blicken des Entdeckers. War Columbus dieſer enthuſia⸗ ſtiſchen Gemuͤthserhebung nicht faͤhig, ſo konnte er mit an⸗ deren Weiſen ruhig und kalt uͤber die Moͤglichkeit eines Feſtlandes im Weſten Vernunftgruͤnde aufſtellen, aber nie hatte er den muthigen Unternehmungsgeiſt, ſich, dieſem Lande nachforſchend, in die unbekannten Reiche des Oceans hin⸗ auszuwagen. Und dennoch, mitten in ſeinen phantaſtiſchen Speculatio⸗ nen, finden wir jenes ſolide Fundament von Scharfſichtigkeit, welche die Baſis ſeines Charakters ausmacht. Der Schluß, den er von der großen Stroͤmung des Oronocco zog, daß ſie die Entladung eines Feſtlandes ſey, war ſcharf und ſchla⸗ gend. Ein gelehrter ſpaniſcher Hiſtoriker hat mit Feinheit auch andere Theile ſeiner Theorie entſchuldigt.„Er ver⸗ muthete,“ ſagt er,„eine gewiſſe Erhebung des Erdballs an einer Stelle des Aequators; Philoſophen haben ſeitdem die Welt als eine Spheroide dargeſtellt, die ſich in ihrem Umkreiſe am Aequator allmaͤhlig erhoͤhe. Er vermuthete ferner, daß die Verſchiedenheit der Temperatur Einfluß auf die Magnetnadel habe, indem er nicht im Stande war, in die Urſache ihrer unregelmaͤßigen Abweichungen einzu⸗ dringen; die nachherigen Reihen von Reiſen und Experi⸗ menten haben dieſe Unbeſtaͤndigkeit mehr offenbart, und ge⸗ zeigt, daß eine außerordentliche Kaͤlte manchmal der Mag⸗ netnadel alle Kraft benimmt. Vielleicht koͤnnen neuere Be⸗ obachtungen die Vermuthung des Columbus beſtaͤtigen. Selbſt ſein Irrthum in Betreff des von dem Polarſtern beſchriebenen Kreiſes, den er durch eine optiſche Taͤuſchung groͤßer glaubte, je mehr der Beobachter ſich der Gegend der Tag⸗ und Nachtgleiche naͤhere, zeigt ihn uns als einen Phi⸗ loſophen, der uͤber der Zeit ſtand, in welcher er lebte.“*) 7 *) Munjoz hist. n. Mundo. I. VI.§. 52. Eilftes Buch. Erſtes Kapitel. Verwaltung des Adelantado. Zug nach der Provinz Paragua. (1498.) Columbus hatte Ruhe von ſeinen Muühſalen erwartet, als er in Hispaniola ankam, aber es eröffnete ſich eine neue Reihe von Widerwaͤrtigkeiten und Beſorgniſſen, welche be⸗ ſtimmt waren, die Verfolgung ſeiner Unternehmungen zu verhindern und ſein ganzes kuͤnftiges Gluͤck zu untergraben⸗ Um dieſes zu erklaͤren, iſt es noͤthig, die Ereigniſſe auf der Inſel zu erzaͤhlen, die ſich in dem langen Zwiſchenraume, in welchem er auf ſo nachtheilige Weiſe in Spanien feſtge⸗ halten wurde, zutrugen. Wie er im Maͤrz 1496 nach Europa ſchiffte, traf ſein Bruder Don Bartholomeo, der als Gouverneur mit dem Titel als Adelantado zurückblieb, die zeitigſten Maßregeln, — 351— um ſeine Vorſchriften hinſichtlich der von Miguel Diaz an der Suͤdſeite der Inſel kuͤrzlich entdeckten Minen in Aus⸗ fuͤhrung zu bringen. Er ließ den Don Diego Colon im Commando auf Jſabella zuruͤck und erſchien mit einer an⸗ ſehnlichen Macht in der Nachbarſchaft der Minen, waͤhlte einen guͤnſtigen Platz aus, in einer Gegend, die an Gold den meiſten Ueberfluß hatte, und erbaute dort ein Fort, dem er den Namen San Chriſtoval gab. Der Baumeiſter jedoch, welcher Koͤrner von Gold in der Erde und in den Steinen fand, die man zur Auffuͤhrung deſſelben benutzte, gab ihm den Namen der goldnen Burg.*) Der Adelantado blieb hier drei Monate; er leitete die Erbauung der Veſte und machte die noͤthigen Anſtalten zur Bearbeitung der Minen und zur Laͤuterung des Goldes. Das Fortſchreiten des Werkes wurde aber ſehr durch Man⸗ gel an Vorraͤthen gehemmt, da er oft einen Theil der Leute von ihren Arbeiten wegſchicken mußte, um nach friſchen Le⸗ bensmitteln im Lande herum zu ziehen. Die fruͤhere Gaſt⸗ freundſchaft der Inſulaner war zu Ende. Die Indianer ga⸗ ben ihre Vorraͤthe nicht mehr freiwillig her; ſie hatten von den weißen Maͤnnern gelernt, von der Noth des Fremden Vortheil zu ziehen, und einen Preis fuͤr das Brod zu ver⸗ langen, welches ſeinen Hunger ſtillen follte. Ihre duͤrftigen Vorraͤthe waren auch bald erſchoͤpft, denn ihre genuͤgſame Gewohnheit und ihre natuͤrliche Traͤgheit und Sorgloſigkeit *) Peter Martyr decad. 1. lib. V. — 352— erlaubte ihnen ſelten, mehr Lebensmittel bei der Hand zu haben, als fuͤr den augenblicklichen Bedarf noͤthig waren. Der Adelantado fand es daher ſchwierig, eine ſo große Menge in der Naͤhe zu erhalten, bis man die Zeit haͤtte, die Erde anzubauen und Lebensmittel zu ziehen, oder bis friſche Vorraͤthe aus Spanien kaͤmen. Er ließ zehn Maͤn⸗ ner als Beſatzung zuruͤck, mit einem Hunde, der ihnen Utia's fangen helfen ſollte, und ging dann mit ſeinen uͤbri⸗ gen Leuten, ungefaͤhr vierhundert an der Zahl, nach dem Fort Conception in die fruchtbare Gegend der Vega. Er brachte den ganzen Monat Juni damit zu, daß er den vierteljaͤhrigen Tribut erhob, indem er von Guarionex und ſeinen zinsbaren Caziken mit Lebensmitteln verſehen wurde. Im folgenden Monat(im Juli 1496) kamen die drei von Ninjo befehligten Caravelen aus Spanien an, mit einer Verſtaͤrkung an Mannſchaft und, was noch viel noͤthiger war, mit friſchen Vorraͤthen von Lebensmitteln.*) Dieſe letzteren wurden ſchnell unter die hungrigen Coloniſten ver⸗ theilt, aber ungluͤcklicherweiſe fand ſich, daß ein großer Theil auf der Reiſe verdorben war. Dieſes konnte wieder als ein ernſter Unfall in einer Gemeine gelten, wo der geringſte Druck von Entbehrungen Murren und Aufruhr erregte. Mit dieſen Schiffen erhielt der Adelantado Briefe von ſeinem Bruder, der ihm auftrug, eine Stadt, ſowie einen Seehafen in der Muͤndung des Ozema, in der Naͤhe der neuen Minen zu gruͤnden. Er forderte ihn ferner auf, “) Peter Mariyr, decad. 1. 1. V. — 353— diejenigen Caziken oder ihre Unterthanen gefangen nach Spanien zu ſchicken, die bei dem Tode irgend eines Colo⸗ niſten implicirt ſeyen, welches von vielen der tuͤchtigſten Juriſten und Theologen Spaniens als ein zureichender Grund angeſehen werde, um dieſelben als Sclaven zu ver⸗ kaufen. Mit der Ruͤckkehr der Caravelen ſandte der Ade⸗ lantado breihundert Indianer und drei Caziken als Gefan⸗ gene ab, und dieſe bildeten die unſelige Schiffsladung, uͤber welche Ninjo ein ſo einfaͤltiges Ruͤhmen erhoben hatte, als ſeyen ſeine Schiffe mit Schaͤtzen beladen, welches dem Co⸗ lumbus ſo viele Kraͤnkungen, getaͤuſchte Erwareungen und Aufſchub zugezogen hatte. Nachdem alſe der Adelantado mit dieſer Schiffsſendung einen neuen Vorrath von Lebensmitteln erhalten hatte, kehrte er zu dem Fort St. Chriſtoval zuruͤck und ging von da nach dem Ozema, um einen tauglichen Platz fuͤr den zu errichtenden Seehafen auszuſuchen. Er waͤhlte das oͤſtliche ufey eines natuͤrlichen Hafens in der Muͤndung des Fluſſes. Es war leicht zu befahren, von hinlaͤnglicher Breite und gutem Ankergrund. Der Fluß ergoß ſich durch ein ſchoͤnes und fruchtbares Land; ſeine Waſſer waren rein und geſund, und mit Fiſchen wohl verſehen, die Ufer mit Baͤumen be⸗ deckt, welche die herrlichen Fruͤchte der Inſel anboten, ſo daß man beim Dahinfahren Fruͤchte und Bluͤthen mit der Hand von den Zweigen brechen konnte, die den Strom uͤberhingen.*) Dieſe entzuͤckende Umgebung war der Sitz *) Peter Martye dec. 1. I. V. Irving's Columbus. 4—6. 23 Creee— 354— azder Eikin, welche eine Neigung fuͤr den jungen Spanier Miguel Diaz gefaßt und ihn beſtimmt hatte, ſeine Lands⸗ leute zur Anſiedelung auf dieſer Seite der Inſel zu bewe⸗ gen. Das Verſprechen, welches ſie gegeben, daß man ſie freundlich aufnehmen werde, wurde treulich gehalten. Auf einer hervorragenden uferſtelle des Hafens errichtete Don Bartholomeo ein Fort, welches zuerſt Iſabella, ſpaͤter San Domingo genannt wurde, und der erſte Grund zu je⸗ ner Stadt war, die noch dieſen Namen fuͤhrt. Der Ade⸗ lantado hatte einen unermuͤdlich thaͤtigen Geiſt. Kaum war das Fort vollendet, als er es mit einer Beſatzung von zwanzig Mann allein ließ, und mit ſeiner ganzen uͤbrigen Streitmacht auf einen Zug ausging, um die Beſitzungen Behechio's, eines der erſten Haͤuptlinge der Inſel, aufzu⸗ ſuchen. Dieſer Cazike herrſchte, wie fruͤher bemerkt, uͤber Xaragua, eine Provinz, die faſt die ganze Kuͤſte des weſt⸗ lichen Endes der Inſel einnahm, das Cap Tiburon mitbe⸗ griff und ſich laͤngs der Suͤdſeite bis zur Spitze Aguida oder der kleinen Inſel Beata ausdehnte. Es war einer der volkreichſten und fruchtbarſten Diſtrikte. Die Lage war geſichert und entzuͤckend ſchoͤn, und das Volk ſanfter und in ſeinem Benehmen anmuthiger als die uͤbrigen Bewohner der Inſel. So entfernt von allen Feſtungen, war der Ca⸗ zike, wiewohl er an dem Buͤndniß der Haͤuptlinge Theil genommen hatte, doch bis dahin frei von den Beſuchen und Tributen der weißen Maͤnner geweſen. Bei dieſem Caziken wohnte Anacaona, die Wittwe des veerſtorbenen furchtbaren Caonabo. Sie war die Schweſter —— 355— Behechios und hatte nach der Gefangennehmung ihres Ge⸗ mahls bei ihrem Bruder Zuflucht geſucht. Sie war eines der ſchoͤnſten Weiber dieſer Inſel, ihr Name bedeutete in der Sprache dieſer Inſel Blume des Goldes. Sie beſaß ei⸗ nen edleren Geiſt als ihr ganzes Geſchlecht, und ſollte ſich auszeichnen durch die Gabe, kleine geſchichtliche Balladen oder Areytos zuſammenzuſetzen, welche die Eingebornen zu ihren Nationaltaͤnzen abſangen. Alle ſpaniſche Geſchicht⸗ ſchreiber kommen uͤberein, daß ſie eine natuͤrliche Wuͤrde und Anmuth beſeſſen, wie man ſie ihrem Stande der Wild⸗ heit und Unwiſſenheit kaum zutrauen konnte. Des Unglücks ungeachtet, welches durch die Feindſeligkeiten der weißen Maͤnner uͤber ihren Gemahl gekommen war, ſchien ſie ge⸗ gen dieſe doch kein rachſuͤchtiges Gefuͤhl zu naͤhren. Sie wußte, daß er ihre Rache durch ſeine eigne freiwillige Krieg⸗ fuͤhrung herausgefordert hatte. Sie betrachtete die Spanier mit Bewunderung als faſt uͤbernatuͤrliche Weſen, und ihr kluger Sinn erkannte die Ohnmacht und Thorheit jedes Verſuches, ihrer Uebermacht in den Kuͤnſten und Waffen zu widerſtehen. Da ſie große Gewalt uͤber ihren Bruder Behechio beſaß, ſo rieth ſie ihm, ſich durch das Schickſal ihres Gatten warnen zu laſſen, und die Freundſchaft der Spanier zu ſuchen; es wird vermuthet, daß die Bekannt⸗ ſchaft mit der freundlichen Geſinnung und dem maͤchtigen Einfluß dieſer Fuͤrſtin den Adelantado bei ſeiner gegenwaͤr⸗ tigen Expedition in hohem Maße zu gute kam.*) *) Charlevoix hist. St. Doming. I. II. p. 147. Mun- joz hist, n. mundo 1. VI.§. 6, 23* — 336— Indem der Adelantado durch dieſe Theile der Inſel zog, die fruͤher von den Europaͤern noch nicht beſucht worden waren, nahm er dieſelben impoſanten Manoeuvres vor, welche der Admiral bei einer fruͤheren Gelegenheit benutzt hatte, er ließ die Reiterei vorausgehen und betrat alle in⸗ dianiſche Staͤdte in kriegeriſchem Zuge mit flatternden Fah⸗ nen, und unter Trommel⸗ und Trompetenſchall, welches den Eingebornen große Ehrfurcht und Bewunderung ein⸗ floͤßte. 4 Nachdem er ungefaͤhr dreißig Stunden weit gekommen war, gelangte er zu einem Fluß, welcher, aus dem Gebirg von Cibao entſpringend, die ſuͤdliche Seite der Inſel theilt. Er ging uͤber den Strom und ſandte zwei Trupps von je zehn Mann laͤngs der Seekuͤſte hin, um ſich nach Faͤrbholz umzuſehen. Sie fanden große Quantitaͤten, faͤllten viele Baͤume und ſchichteten das Holz in den indianiſchen Huͤtten auf, bis ſie es zur See wegfuͤhren konnten. Indem ſich der Adelantado mit ſeiner Hauptmacht auf die rechte Seite warf, traf er nicht weit von dem Fluſſe den Caziken Behechio an der Spitze eines großen Heerhaufens ſeiner Unterthanen, mit Bogen und Pfeilen und mit Lanzen bewaffnet. Wenn dieſer in der Abſicht gekommen war, ſich dem Eindringen in ſeine Waldgehege zu widerſetzen, ſo wurde er wahrſcheinlich von der furchtbaren Erſcheinung der Spanier davon zuruͤckgeſchreckt. Er legte ſeine Waffen bei Seite, naͤherte ſich und redete den Adelantado ſehr freund⸗ lich an, indem er erklaͤrte, er ſey auf dieſe Art in Waffen, um einige Doͤrfer laͤngs des Fluſſes zum Gehorſam zu — 357— bringen, und zu gleicher Zeit zu fragen, welches der Anlaß dieſes Beſuches der Spanier ſey. Der Adelantado verſicherte ihn, er komme in friedlicher Abſicht, um ihn und ſeine Ter⸗ ritorien zu beſuchen, und bei ihm in freundſchaftlichem Ver⸗ kehr einige Zeit in Xaragua zuzubringen. Es gluͤckte ihm ſo gut, die Beſorgniſſe des Caziken zu beſeitigen, daß der⸗ ſelbe ſein Heer entließ und Eilboten voraus ſandte, um ſeine Ankunft zu melden und Vorbereitungen zu dem gebuͤhrenden Empfang eines ſo ausgezeichneten Gaſtes zu beſtellen. Wie die Spanier die Territorien des Haͤuptlings betraten und durch die Gebiete ſeiner zinsbaren Caziken zogen, brachten dieſe Caſſava⸗Brod, Hanf, Baumwolle und die verſchiednen Produkte des Landes dar. Endlich näherten ſie ſich der Re⸗ ſidenz des Behechio, welche eine große Stadt in einer ſcho⸗ nen Gegend des Landes in der Naͤhe der Kuͤſte war, im Hintergrunde jener tiefen Bai, welche gegenwaͤrtig die Bucht von Leagon heißt. Die Spanier hatten viele Erzaͤhlungen von den ſanften und entzückenden Gegenden der Provinz Xaragua gehoͤrt; in einen Theil derſelben verlegte die Sage die elyſaͤiſchen Ge⸗ filde. Sie hatten auch viel von dee Schoͤnheit und Artig⸗ keit der Bewohner vernommen: und die Art ihrer Aufnahme war ganz geeignet, um ihre günſtigen Vormeinungen zu be⸗ ſtatigen. Wie ſie ſich dem Orte naͤherten, kamen dreißig Weiber von dem Hofſtaate des Caziken ihnen entgegen, ſangen ihre Areytos oder geſchichtliche Balladen, und tanz⸗ ten und ſchwangen Palmblaͤtter dazu. Die verheyratheten Frauen trugen Schuͤrzen von geſticktem Baumwollenzeuch, welches bis halb auf die Kniee herabreichte; die jungen Maͤd⸗ chen waren ganz unbekleidet und trugen nur ein Netz um die Stirn, und das Haar floß auf die Schultern herab. Sie waren von ſchoͤnem Ebenmaß, ihre Haut weich und zart und von einer angenehmen klarbraunen Farbe. Nach dem alten Peter Martyr war es den Spaniern, wie ſie dieſelben aus ihren gruͤnen Waͤldern kommen ſahen, als ſaͤ⸗ hen ſie die erdichteten Dryaden oder Nymphen des Ortes oder Feen der Quellen, von denen die alten Poeten ſingen.*) Sie kamen bis vor Don Bartholomeo, knieeten nieder und uͤberreichten ihm die gruͤnen Zweige. Nach ihnen naͤherte ſich die Cazikin Anacaona, die auf einer Art von leichter Saͤnfte ruhte, welche von ſechs Indianern getragen wurde. Wie die uͤbrigen Weiber hatte ſie keine andere Bekleidung als eine Schuͤrze von buntfarbigem Baumwollenzeuch. Sie trug um den Kopf einen duftenden Kranz von rothen und wei⸗ ßen Blumen und Bluͤthen von demſelben Schmuck um den Hals und die Arme. Sie empfing den Adelantado und ſeine Begleiter mit jener natuͤrlichen Feinheit und Artigkeit, wo⸗ fuͤr ſie bekannt war; ſie zeigte keine feindſelige Geſinnung gegen ſie wegen des Schickſals, welches ihr Gemahl in ihren Haͤnden erfahren. Im Gegentheil ſchien ſie von An⸗ fang gegen die Fremden große Bewunderung und aufrich⸗ tige Freundſchaft zu hegen. Der Adelantado und ſeine Officiere wurden in das Haus des Behechio gefuͤhrt, wo eine Mahlzeit aufgetragen war *) Peter Martyr decad. 1. lib. V. — 259— von Utia's, einer großen Auswahl von See⸗ und Fluß⸗ ſiſchen, nebſt Wurzeln und feinen Fruͤchten, welche die Hauptnahrung der Indianer ausmachten. Hier bezwangen die Spanier zum erſtenmal ihren Widerwillen gegen die Guana's, das Lieblingseſſen der Indianer, welches aber die Coloniſten als eine Art Schlange immer mit Ekel betrach⸗ tet hatten. Der Adelantado, der ſich gern an die Sitten des Landes gewoͤhnte, war der erſte, der von dieſem Thier verſuchte, da ihn Anacaona ſehr guͤtig dazu aufforderte. Seine Begleiter folgten dem Beiſpiele, ſie fanden es in ho⸗ hem Grade ſchmackhaft und fein, und von dieſer Zeit an fingen die Guana's an, bei den ſpaniſchen Leckermaͤulern in Ruf zu kommen.*) Als das Bankett vorbei war, wies man dem Don Bar⸗ tholomeo und ſechſen von ſeinen erſten Cavalieren in der *)„Jene Schlangen, welche den Krokodillen, außer in der Größe, gleichſehen, nennen ſie Guana's. Vis auf ſelbi⸗ gen Tag durfte keiner von unſeren Leuten es wagen, ſie zu koſten, wegen ihrer fürchterlichen Häßlichkeit und ab⸗ ſchreckenden Geſtalt. Der Adelanrado wurde aber von der Artigkeit der Schweſter des Königs Anacagona ver⸗ führt, von dieſen Schlangen zu eſſen. Wie er nun ſpürte, daß das Fleiſch ſeiner Zunge wohl behage, ſo machte er ſich ohne alle Furcht dgrüber her. Als dieſes ſeine Gefährten merkten, blieben ſie in der Grittigkeit auch nicht dahinten, und es ſchmechte ihnen dergeſtalt, daß ſie von nun an nichts anderes zu reden wußten, als von der Vortrefflichkeit dieſer Schlangen, an denen ſie rühmten, daß ſie köſtlicher zu eſſen ſeyen, als ſelbſt un⸗ ſere Phafanen oder Rebhühner.“ Peter Martyr de- cad. 1. .* — 360— Wohnung des Behechio Quartiere an; die uͤbrigen wurden in die Haͤuſer der Unter⸗Caziken vertheilt, wo ſie in Haͤng⸗ matten von geflochtener Baumwolle, den gewoͤhnlichen Bet⸗ ten der Eingebornen, ſchliefen. Zwei Tage blieben ſie bei dem gaſtfreundlichen Behechio, und ließen ſich mit verſchiednen indianiſchen Spielen und Feſtlichkeiten unterhalten, von denen das merkwürdigſte ein Gefecht war. Zwei Haufen nackter Indianer, mit Bogen und Pfeilen bewaffnet, ſprangen ploͤtzlich auf den oͤffentli⸗ chen Platz hervor und begannen einen Kampf, in aͤhnlicher Weiſe wie das mauriſche Spiel mit Rohren oder Lanzen⸗ Schilfſtaͤben. Allmaͤhlig wurden ſie hitziger und fochten mit ſo vielem Ernſte, daß vier erſchlagen und viele verwundet wurden, welches die Theilnahme und das Vergnuͤgen der Zuſchauer zu ſteigern ſchien. Der Kampf wuͤrde laͤnger ge⸗ dauert haben und noch blutiger geworden ſeyn, wenn nicht der Adelantado und die anderen Cavaliere dazwi ſchengetre⸗ ten waͤren und gebeten haͤtten, daß das Spiel aufhoͤren moͤge.*) Wie die Feſtlichkeiten voruͤber waren, und ein vertrauliches Zuſammenſeyn das gegenſeitige Zutrauen befoͤr⸗ dert hatte, machte der Adelantado den Caziken und Ana⸗ caona mit dem eigentlichen Gegenſtande ſeines Beſuches be⸗ kannt. Er unterrichtete ihn, daß ſein Bruder, der Admiral, von den Monarchen Caſtiliens, welche große und maͤchtige Gewalthaber und Beherrſcher vieler Koͤnigreiche ſeyen, auf dieſe Inſel geſandt worden. Derſelbe ſey zuruͤckgekehrt, um *) Las Casas hist. Ind. t. 1, cap. 113, — 361— ſeinen Gebietern zu berichten, wie viele zinsbare Caziken ſich auf der Inſel befaͤnden, und habe ihn im Commando zu⸗ ruͤckgelaſſenz er komme nun, um Behechio unter den Schutz dieſer maͤchtigen Herrſcher zu nehmen und uͤber einen Tri⸗ but mit ihm uͤbereinzukommen, wie es ihm ſelbſt am zu⸗ traͤglichſten und genuͤgendſten erſcheinen werde.*) Der Cazike kam durch dieſe Forderung ſehr in Verle⸗ genheit, da er die Leiden kannte, die auf den anderen Thei⸗ len der Inſel durch die Habſucht der Spanier nach Gold erregt worden waren. Er erwiederte, er ſey benachrichtigt worden, daß Gold der große Gegenſtand ſey, weßhalb die weißen Maͤnner auf ihre Inſel gekommen, und daß ein Tribut von dieſem Metall von einigen ſeiner Mit⸗Caziken bezahlt werde, doch faͤnde ſich in keinem Theile ſeiner Ter⸗ ritorien Gold, und ſeine Unterthanen kennten es kaum. Hier⸗ auf entgegnete der Adelantado mit großer Gewandtheit, daß nichts von der Abſicht oder den Wuͤnſchen der Souveraine mehr entfernt ſeyn koͤnne, als Tribut zu fordern von Din⸗ gen, die nicht in ſeinen Herrſchaften gewonnen wuͤrden, ſon⸗ dern daß er ihn in Baumwolle, Hanf und Caſſava⸗Brod entrichten ſolle, welches, wie es ſcheine, die umliegenden Gegenden reichlich lieferten. Das Antlitz des Caziken ſtrahlte bei dieſer Aeußerung; er verſprach freudige Erfuͤllung und ließ ſogleich Befehle an alle ihm unterworfene Caziken erge⸗ hen, eine gehoͤrige Menge von Baumwolle zu ſaͤen, um die erſte Entrichtung des ſtipulirten Tributs damit bewerk⸗ *) Las Casas l, 1, c. 114. — 362— ſtelligen zu koͤnnen. Nachdem der Adelantado alle erforder⸗ liche Verabredungen getroffen, nahm er auß's Freundſchaft⸗ lichſte Abſchied von Behechio und ſeiner Schweſter, und ging wieder nach Jſabella zuruͤck. Auf dieſe Weiſe wurde durch freundliche und kluge Maͤ⸗ ßigung eine der ausgedehnteſten Provinzen der Inſel unter willigen Gehorſam gebracht, und waͤre nicht die weiſe Po⸗ litik des Adelantado durch die Exceſſe unwuͤrdiger Maͤnner und unruhiger Koͤpfe vereitelt worden, ſo haͤtte ſich hier eine reichliche Einnahme gebildet, ohne zu Gewalt und Un⸗ terdruͤckung ſchreiten zu muͤſſen. Bei allen Gelegenheiten ſcheinen dieſe einfachen Menſchen ausnehmend lenkſam gewe⸗ ſen zu ſeyn und mit Sanftmuth, ja freudig im Angeſicht der weißen Maͤnnern ihren Rechten entſagt zu haben, wenn man ſie nur mit Guͤte und Menſchlichkeit behandelte. — 363— Zweites Kapitel. Errichtung einer Kette von militariſchen Poſten. Empbrung des Guarionex, Caziken der Vega. (1496.) Als Don Bartholomeo nach Jſabella zuruͤckkam, fand er die Niederlaſſung wie gewoͤhnlich in einen Schauplatz des Elendes und Unmuthes verwandelt. Viele waren waͤh⸗ rend ſeiner Abweſenheit geſtorben, die meiſten aber in den uͤbelſten Umſtaͤnden. Die, welche ſich wohl befanden, klag⸗ ten uͤber die duͤrftigen Lebensmittel, und die Kranken uͤber den Mangel an Arzneien. Die Vorraͤthe, welche von der Zufuhr, die Alonzo Ninjo vor wenigen Monaten gebracht, unter ihnen vertheilt worden, waren aufgezehrt. Die Coloniſten hatten theils aus Kraͤnklichkeit, theils aus Wi⸗ derwillen gegen die Arbeit, den Anbau des Landes umher vernachlaͤſſigt, und die Indianer, von denen ſie doch haupt⸗ ſaͤchlich abhingen, waren, durch ihre Unterdruͤckungen verletzt, aus der Nachbarſchaft nach den Gebirgen entflohen, indem ſie ſich in ihren wilden Zufluchtsoͤrtern lieber von Wurzeln und Kraͤutern naͤhren wollten, als in den fruchtbaren Ebe⸗ nen unter dem Druck und den Grauſamkeiten der weißen — 364— Maͤnner ausharren. Die Geſchichte dieſer Inſel bietet fort⸗ waͤhrend Gemaͤlde des Jammers, der dringenden Noth und der Entbehrungen, die durch die unerſaͤttliche Gier nach Gold hervorgebracht wurden. Dieſe hatte die Spanier ganz ge⸗ dankenlos gemacht gegen die minder augenſcheinlichen, aber gewiſſeren und heilſameren Quellen des Wohlſtandes. Alle Arbeit ſchien verlorene Muͤhe, die durch einen laͤngeren Kreislauf ſich erſt belohnen ſollte. Statt den uͤppigen Bo⸗ den umher anzubauen und wahre Schaͤtze aus deſſen Ober⸗ flaͤche zu ziehen, dachten ſie nur an Stroͤme voll Gold und verſchmachteten mitten in der Fruchtbarkeit des Landes. Wie die Vorraͤthe erſchoͤpft waren, welche Ninjo mitge⸗ bracht hatte, brachen die Coloniſten in ihr gewoͤhnliches Murren aus. Sie nannten ſich vernachlaͤſſigt von Colum⸗ bus, der unter den Schmeicheleien und Luſtbarkeiten des Hofes wenig an ihre Leiden denke. Sie glaubten ſich auch von der Regierung vergeſſen, waͤhrend ſie, ohne Schiff im Hafen, von allen Mitteln entbloͤßt waren, Nachrichten von ihrer ungluͤcklichen Lage nach Hauſe zu ſenden und dort Huͤlfe anzurufen. Um dieſe letzte Urſache des Mißvergnuͤgens zu heben und einen Gegenſtand zu ſchaffen, um welchen ſich ihre Hoffnungen und Gedanken ſammeln koͤnnten, befahl der Adelantado, daß man auf Iſabella zwei Caravelen fuͤr den Dienſt der Inſel bauen ſolle. Um ferner die Niederlaſſung waͤhrend dieſer Zeit des Mangels von allen unnuͤtzen und unzufriednen Leuten zu befreien, vertheilte er diejenigen, welche zu krank waren, um arbeiten oder Waffen tragen zu — 365— konnen, in's Innere, wo ſie die Wohlthat eines beſſeren Clima's und reicherer Vorraͤthe von indianiſchen Lebensmit⸗ teln genoſſen. Er errichtete zu gleicher Zeit eine Kette von militaͤriſchen Poſten zwiſchen Iſabella und dem neuen Ha⸗ fen San Domingo. Sie beſtanden aus fuͤnf befeſtigten Haͤu⸗ ſern, von abhaͤngigen Weilern umgeben. Das erſte war ungefaͤhr neun Stunden von Iſabella und wurde La Espe⸗ ranza genannt. Sechs Stunden davon war Santa Cata⸗ lina. Vier und eine halbe Stunde weiter lag Santiago, und fuͤnf Stunden von da das Fort Conception— welches mit großer Sorgfalt befeſtigt war, da es an dem Fuß der Goldberge von Cibao in der großen und volkreichen Vega und eine halbe Stunde von der Reſidenz ihres Cagiken Gua⸗ rionex lag.*) Nachdem er auf ſolche Weiſe Iſabella von aller unnuͤtzen Bevoͤlkerung befreit und nur diejenigen zuruͤckgelaſſen hatte, welche zu krank waren, um entfernt zu werden, oder fuͤr den Dienſt und Schutz des Ortes und den Bau der Caravelen erfordert wurden, kehrte der Ade⸗ lantado mit einem anſehnlichen Corps von kraͤftigen Leuten nach dem Fort San Domingo zuruͤck. Mit den auf dieſe Art eingerichteten militaͤriſchen Poſten gelang es einige Zeit, die Eingebornen in Furcht zu halten, aber bald zeigten ſich neue Feindſeligkeiten, die eine Veran⸗ laſſung hatten, welche von den vorigen ganz verſchieden war. Unter den Miſſionaͤren, die den Pater Boyle nach der In⸗ ſel begleitet hatten, befanden ſich zwei von weit groͤßerem *) Peter Martyr decad. 1. l. V. — 366— Eifer als ihr Vorgeſetzter. Statt wie er nach Spanien zu gehen, blieben ſie zuruͤck, und waren auf die Erfuͤllung ih⸗ rer Miſſion ernſtlich bedacht. Der eine hieß Roman Pane, ein armer Einſiedler, wie er ſich ſelber nannte, von dem Orden des heiligen Hieronymus, der andere Juan Borgog⸗ non, ein Franziskaner⸗Moͤnch. Sie wohnten eine Zeit lang unter den Indianern in der Vega, eifrig beſchaͤftigt, Pro⸗ ſelyten zu machen. Dieſes war ihnen mit einer Familie ge⸗ gluͤckt, die aus ſechzehn Perſonen beſtand und deren Haupt bei der Taufe den Namen Juan Mateo angenommen hatte. Aber der große Gegenſtand ihrer frommen Sorgen war ei⸗ gentlich der Cazike Guarionex. Die Ausdehnung und Be⸗ deutenheit ſeiner Beſitzungen machte ſeine Bekehrung fuͤr die Intereſſen der Colonie ſehr wichtig, und die frommen Vaͤ⸗ ter betrachteten ſie als ein Mittel, ſeine zahlreichen Unter⸗ thanen unter die Herrſchaft der Kirche zu bringen. Eine Zeit lang lieh ihnen der Cazike ein williges Ohr; er lernte das Pater Noſter, das Ave Maria und das Credo, und ließ es ſeine ganze Familie taͤglich wiederholen. Doch die anderen Caziken der Vega und der Provinzen von Cibao machten ihm daruͤber Vorwuͤrfe und ſpotteten ihn aus, daß er ſich ſo niedrig den Sitten und Geſetzen der Fremden un⸗ terwerfe, welche ſeine Beſitzungen an ſich geriſſen haͤtten, und die Unterdruͤcker ſeiner Nation wuͤrden. Die Patres beklagten ſich, daß ihr vermeintlicher Bekehrter in Folge der boͤſen Einfluͤſterungen ploͤtzlich in ſeinen Unglauben zu⸗ ruͤckftele, aber man fuͤhrt einen noch traurigeren Beweg⸗ grund zu ſeinem Abſpringen an. Sein Lieblingsweib wurde — 367— durch einen der Spanier von einigem Anſehen verfuͤhrt oder ſchmachvoll behandelt, und der empoͤrte Cazike verlor damit allen Glauben an eine Religion, die, wie er voraus⸗ ſetzte, ſolche Schandthaten zulaſſe. Als die Miſſionaͤre jede Hoffnung aufgeben mußten, die Bekehrung des Guarioner zu bewerkſtelligen, zogen ſie in die Territorien eines anderen Caziken und nahmen den Juan Mateo, ihren indianiſchen Chriſten mit. Vor ihrer Abreiſe errichteten ſie eine kleine Kapelle und verſahen ſie mit einem Altar, einem Cruziſix und mit Heiligenbildern zum Gebrauch der Familie des Mateo. Kaum waren die Kloſterbruͤder abgereiſt, ſo gingen einige Indianer in die Kapelle, brachen die Bilder in Stuͤcke, tra⸗ ten ſie mit Fuͤßen und begeuben ſie in einem benachbarten Feld. Dieſes geſchah, wie es hieß, auf Befehl des Gua⸗ rioner, um der heiligen Religion, der er abtruͤnnig gewor⸗ den war, ſeine Verachtung zu bezeugen. Eine Klage uͤber dieſe Gewaltthat kam vor den Adelantado, und dieſer be⸗ fahl, daß auf der Stelle ein Proeeß eingeleitet und die, welche ſchuldig befunden wuͤrden, nach dem Geſetz beſtraft werden ſollten. Es war eine Zeit großer Strenge in geiſt⸗ lichen Dingen, beſonders bei den Spaniern. In Spanien wurde jede Ketzerei, jede Abtruͤnnigkeit vom Glauben und jede gotteslaͤſterliche Handlung, ſey es von Mohren oder Juden, mit dem Feuertode auf dem Holzſtoß beſtraft. Die⸗ ſes war das Schickſal der armen unwiſſenden Indianer, die man dieſes Schimpfes gegen die Kirche uͤberfuͤhrte. Es iſt noch die Frage, ob Guarionex bei dieſer Beleidigung — 368— wirklich die Hand im Spiel gehabt, und es iſt ſehr wahr⸗ ſcheinlich, daß die ganze Sache uͤbertrieben wurde. Als Probe fuͤr die Glaubwuͤrdigkeit, welche der durch beige⸗ brachte Zeugenausſagen gefuͤhrte Beweis verdiente, mag ein Umſtand gelten, den Roman Pane,„der arme Eremit⸗ berichtet. Das Feld, auf welchem die heiligen Bilder be⸗ graben lagen, war, erzaͤhlt er, mit einer gewiſſen Wurzel an⸗ gebaut, die wie eine Ruͤbe oder ein Rettig geformt war; an einigen, die in der Naͤhe der Bilder ſtanden, fand man, daß ſie ganz wunderbarlich in der Form von Kreuzen ge⸗ wachſen waren.*) Die grauſame Strafe, die uͤber dieſe Indianer verhaͤngt wurde, erfuͤllte die Inſulaner, ſtatt ſie zu erſchrecken, mit Entſetzen und Abſcheu. Sie waren nicht gewohnt an ein ſo ſtrenges Regiment und rachſuͤchtiges Raͤcheramt, und da ſie keinen klaren Begriff noch maͤchtige Anlagen fuͤr irgend eine Art der Gottesverehrung beſaßen, konnten ſie die Na⸗ tur und Groͤße des begangenen Verbrechens nicht begreifen. Selbſt Guarioner, ein von Natur gemaͤßigter und friedlie⸗ bender Mann, war hoͤchlich entruͤſtet uͤber die Anmaßung von Gewalt in ſeinen Gebieten und uͤber die unmenſchliche Todesart, welche man ſeine Unterthanen anthat. Die an⸗ deren Caziken bemerkten ſeinen Zorn und beſtrebten ſich, ihn zu einem ſchnellen vereinten Aufſtande zu bewegen, um mit einer kraͤftigen und allgemeinen Gewaltthat das Joch ihrer Unterdruͤcker abzuſchuͤtteln. Guarionex zoͤgerte an⸗ **) Escritura de Fr Roman. Hist, del Almirante. — 369—. faͤnglich. Er kannte die kriegeriſche Kraft und Gewandtheit der Spanier. Er ſtand im Reſpect vor ihrer Reiterei, und hatte das unſelige Schickſal Caonabo's vor Augen. Aber die Verzweiflung machte ihn kuͤhn; denn er ſah in der Herrſchaft dieſer Fremden den ſicheren Untergang ſeines Geſchlechts. Die fruͤheren Geſchichtſchreiber ſprechen von ei⸗ ner unter den Bewohnern der Inſel von Guarioner gehen⸗ den Sage. Er war von einem alten erblichen Stamme der Caziken. Sein Vater hatte einſtens, lange vor der Entdek⸗ kung, fuͤnf Tage lang gefaſtet und uͤber die zukuͤnftigen Dinge ſeine Zemes oder Hausgoͤtter befragt. Er erhielt zur Antwort, in wenigen Jahren werde eine Nation, mit Ge⸗ waͤndern bedeckt, auf ihre Inſel kommen, weiche alle ihre Sitten und Gebraͤuche zerſtoͤren und ihre Kinder erſchlagen oder in peinvolle Knechtſchaft führen werde.*) Dieſe Sage war wahrſcheinlich von den Butios oder Prieſtern der In⸗ dianer erfunden, nachdem die Spanier ihre Grauſamkeiten begonnen hatten. Ob ihre Prophezeihung einen Einfluß auf das Gemuͤth des Guarioner hatte, daß er ſich dadurch zu Feindſeligkeiten gegen die Fremden aufreizen ließ, iſt un⸗ bekannt. Einige haben verſichert, er ſey durch die Unter⸗ druͤckungen gegen ſeine Unterthanen zu den Waffen gezwun⸗ gen worden, weil dieſe ſich noch ſtets mit der Hoffnung ei⸗ nes guten Erfolges ſchmeichelten und fuͤr den Fall ſeiner Weigerung einen anderen Haͤuptling zu erwaͤhlen drohten; *) P. Martyr decad. 1. lib. IX, Irving's Colnmbus. 4— 6, 24 — 370— waͤhrend Andere die ſchmachvolle Behandlung ſeines Lieblings⸗ weibes als den Hauptgrund der Rache bezeichnen.**) Wahr⸗ ſcheinlich waren es alle dieſe Dinge zuſammen, die endlich den ungluͤcklichen Caziken beſtimmten, den Rathſchlaͤgen der benachbarten Haͤuptlinge Gehoͤr zu geben und zu ihrer Vor⸗ ſchwoͤrung die Haͤnde zu bieten. Es fand eine heimliche Zuſammenkunft zwiſchen ihnen ſtatt, worin ſie einig wur⸗ den, daß ſie an einem ihrer vierteljaͤhrigen Tributtage, wenn ſich eine große Zahl verſammeln koͤnne, ohne Verdacht zu erregen, ploͤtzlich gegen die Spanier aufſtehen und ſie ermorden wollten.*) Auf irgend eine Weiſe erhielt die Beſatzung des Forts Conception Nachricht von dieſer Verſchwoͤrung. Da ſie nur eine Handvoll Leute und von feindlichen Staͤmmen umgeben waren, ſo wurden ſie fuͤr ihre Sicherheit beſorgt. Sie ſchickten ſogleich einen indianiſchen Boten an den Adelantado nach San Domingo ab und baten um ſchnellen Beiſtand. Wie dieſer Brief ſicher in ſeine Haͤnde kommen ſollte, war eine aͤngſtliche Frage; ihr Leben hing davon ab. Der in⸗ dianiſche Bote konnte weggefangen, und ihm das Schreiben abgenommen werden; denn die Eingebornen hatten entdeckt, daß dieſe Briefe eine wunderbare Macht beſaßen, Nachrich⸗ ten milzutheilen, und bildeten ſich ein, ſie koͤnnten reden, *) Las Casss hist. Ind. I. I. c. 121. **) Herrera decad, 1, I. III. c. 65. P. Martyr de- cad. 6, 1. V. — 371— Der Brief wurde daher in ein Rohr eingeſchloſſen, deſſen ſich der Indianer als Stab bediente. Er wurde wirklich weggefangen, doch ſtellte er ſich ſtumm und lahm. Er ſprach nur durch Zeichen, machte ihnen verſtaͤndlich, er kehre nach ſeiner Heimath zuruͤck, und hinkte auf ſeinen Stab ge⸗ ſtuͤtzt mit großer Anſtrengung weiter. Man ließ ihn fort und er ſchleppte ſich mit ſchwacher Kraft dahin, bis er ih⸗ nen aus dem Geſicht war, dann wurde er wieder ſchnell⸗ fuͤßig und brachte den Brief ſicher und in Eile nach San Domingo.*) Der Adelantado brach, ſeiner charakteriſtiſchen Schnel⸗ ligkeit und Thatkraft entſprechend, ſogleich an der Spitze einer Abtheilung Truppen nach dem Fort auf, und wiewohl ſeine Leute durch ſchlechte Koſt, ſchweren Dienſt und lange Maͤrſche ſehr geſchwaͤcht waren, brachte er ſie doch ſchnell vorwaͤrts. Nie kam Huͤlfe gelegener. Die Indianer waren ſchon in der Zahl von vielen Tauſenden auf der Ebene ver⸗ ſammelt, nach ihrer Sitte bewaffnet und auf die beſtimmte Zeit harrend, um den Streich auszufuͤhren. Nachdem der Adelantado ſich mit dem Commandanten der Feſtung und den anderen erſten Officieren berathſchlagt hatte, machte er ſich ſchnell ſeinen Operationsplan. Er verſicherte ſich der Plaͤtze, wo die verſchiednen Caziken ihre Streitkraͤfte ver⸗ theilt hatten, ſandte einen Officier mit einem Trupp Sol⸗ daten nach jedem derſelben, mit dem Befehl, in einer be⸗ *) Herrera hist, Ind. decad, 1. 1. III. c. 6. 24* ſtimmten Stunde der Nacht plöͤtzlich in die Doͤrfer einzu⸗ brechen, wo ſie im Schlaf lagen, ſie unbewaffnet und un⸗ vermuthet zu uͤberfallen, und die Caziken gebunden als Ge⸗ fangene zu ihm bringen, ehe ihre Unterthanen ſich zu ihrer Vertheidigung ſammeln koͤnnten. Da Guarioner die wich⸗ tigſte Perſon und ſeine Gefangennehmung wahrſcheinlich mit den meiſten Schwierigkeiten verknuͤpft war, ſo uͤber⸗ nahm ſie der Adelantado ſelbſt an der Spitze von hundert Mann. Dieſe kluge Kriegsliſt, auf die Kenntniß der Anhaͤnglich⸗ keit der Indianer an ihre Haͤuptlinge gegruͤndet und darauf berechnet, großes Blutvergießen zu verhuͤten, hatte den be⸗ ſten Erfolg. Da die Doͤrfer keine Mauern noch andere Vertheidigungsanſtalten beſaßen, wurden ſie in aller Stille um Mitternacht betreten, die Spanier ſtuͤrzten ploͤtzlich in die Haͤuſer, wo die Caziken reſidirten, ergriffen und banden ſie, vierzehn an der Zahl, und fuͤhrten ſie als Gefangene davon nach dem Fort, ehe noch Anſtalten zu ihrer Ver⸗ theidigung oder Befreiung getroffen werden konnten. Die Indianer, vor Schrecken und Verwirrung außer ſich, leiſte⸗ ten keinen Widerſtand noch irgend feindſelige Gegenwehr; umgaben die Feſtung in großem Gedraͤnge, doch ohne Waf⸗ fen, erfuͤllten die Luͤfte mit klazlichem Heulen und Jammern, und flehten um die Wiederbefreiung ihrer Haͤuptlinge. Der Adelantado vollendete die Expedition mit dem Geiſte der Klugheit und Maͤßigung, welchen er bis dahin bewieſen hatte. Er erhielt Kenntniß von den Urſachen, weliche dieſe — 373— Verſchwoͤrung veranlaßt hatten, und von den Individuen, die am ſtraffaͤlligſten waren. Zwei von den Caziken, die Haupturheber der Empoͤrung und die auf die E nwilligung des Guarionex am meiſten eingewirkt hatten, wurden zum Tode gebracht. Was aber dieſen ungluͤcklichen Caziken be⸗ traf, ſo uͤberzeugte ſich der Adelantado von den großen Ue⸗ beln, die er erduldet, und von der Muͤhe, die man angewandt hatte, um ihn zur Rache zu reizen. Er vergab ihm groß⸗ muͤthig; dagegen verfuhr er, nach Las Caſas, mit unerbitt⸗ licher Strenge gegen den Spanier, deſſen Schandthat an dem Weibe des Caziken dieſem ſo tief zu Herzen gegangen war. Der Adelantado dehnte ſeine Milde auch auf die uͤbrigen Haͤupter der Verſchwoͤrung aus. Bedenkend, daß ſtrenge Maßregeln ihre Unterthanen heftig reizen, oder ſte zur Muthloſigkeit bringen wuͤrden, ſo daß ſie am Ende die Vega verließen, verſprach er ihnen große Beguͤnſtigungen und Belohnungen, wenn ſie ſich im Gehorſam treu beweiſen wuͤrden, aber fuͤrchterliche Strafen, wenn ſie abermals in Rebellion ausbrechen ſollten. Das Herz des Guarionex wurde geruͤhrt von der unerwarteten Milde des Adelantado. Er hielt eine Rede an ſein Volk, ſtellte ihnen die unwiderſteh⸗ liche Macht und Staͤrke der Spanier, ihre große Guͤte gegen die Fehlenden und ihre Großmuth gegen ihre Schuͤtzlinge vor, und ermahnte ſie ernſtlich, von nun an ihre Freundſchaft zu ſuchen. Die Indianer hoͤrten ihm mit Aufmerkſamkeit zu, ſein Lob der weißen Maͤnner erhielt in ihren Seelen Beſtaͤtigung durch das große Beiſpiel von Maͤßigung, wel⸗ ches der Adelantado gegeben hatte. Als ihr Haͤuptling zu Ende war, nahmen ſie ihn mit Entzuͤcken auf die Schultern, trugen ihn in ſeine Wohnung mit Geſang und Freuden⸗ geſchrei, und ſo war die Ruhe der Vega auf einige Zeit wieder hergeſtellt.*) Drittes Kapitel. — Der Adelantado erſcheint in Paragua, um den Tribut zu empfangen. (1497.) Mit aller ſeiner Energie und Maͤßigung fand der Ade⸗ lantado es ſchwierig, den ſtolzen und unruhigen Geiſt der ſpaniſchen Coloniſten zu zaͤhmen. Ihre Unzufriedenheit und Unvertraͤglichkeit mit jedem heilſamen Regimente vermehrte ſich von Tag zu Tage. Sie konnten den eiſernen Scepter eines Fremdlings nicht ertragen, der ſie, wenn irgend ein Verſuch des Widerſtrebens kund ward, mit ſtarker und feſter Hand baͤndigte. Don Bartholomeo hatte nicht die⸗ ſelbe beglaubigte Autorität in ihren Augen wie ſein Bruder. *) Peter Martyr decad. 1. 1. V. Herrera hist. Ind. dec. 1, 1. III. o. 6,. Der glaͤnzende Ruhm des Admirals gab ſeinem Namen Wuͤrde und Groͤße. Er war der Entdecker des Landes und der anerkannte Repraͤſentant der Souveraine; aber ſelbſt ihm zu gehorchen konnten ſie ſich ſchwer uͤberwinden. Den Adelantado jedoch ſahen viele von ihnen als einen bloßen Eindraͤnger an, der ſich auf das Verdienſt und die Thaten ſeines Bruders hin in die Broſt werfe und von der Krone zu einem ſo hohen Commando keine Autoriſation beſitze. Sie ſprachen mit Ungeduld und unwuͤrdig von der langen Abweſenheit des Admirals und von ſeinem eingebildeten Ver⸗ geſſen ihrer Entbehrungen; nicht ahnend, welche beſtaͤndige Sorgen ihretwegen auf ihm laſteten, ſo lange er ſich in Spanien befand. Das kluge Auskunftsmittel des Adelan⸗ tado, Caravelen bauen zu laſſen, beſchaͤftigte eine Zeitlang ihre Aufmerkſamkeit. Sie ſahen mit Sorge auf ihre Voll⸗ endung und betrachteten ſie als Mittel, um entweder Huͤlfe zu erlangen oder die Inſel zu verlaſſen. Don Bartholomeo wurde inne, daß man muͤrriſche, unzufriedene Menſchen nie dem Muͤßiggang uͤberlaſſen duͤrfe. Er ſuchte alles auf, um ſie zu beſchaͤftigen, und wirklich entſprach ein Zuſtand immer⸗ waͤhrender Thaͤtigkeit ſeinem eignen kraͤſtigen Geiſte. Um dieſe Zeit kamen Boten von Behechio, dem Caziken von NXaragua an, die ihn benachrichtigten, daß er große Quan⸗ titaͤten Baumwolle und andere Artikel, worin ſein Tribut beſtand, zur Ablieferung bereit habe. Der Adelantado be⸗ orderte ſogleich eine zahlreiche Schaar, welche ſehr gern aufbrachen, um mit ihm dieſes fruchtbare und gluͤckliche Land aufs Neue zu beſuchen. Sie wurden wieder mit Ge⸗ — 376— ſaͤngen und Taͤnzen und allen Nationalzeichen von Ehrer⸗ bietung und Freundſchaft von Behechio und ſeiner Schweſter Anacaona aufgenommen. Die letztere ſchien ausnehmend geliebt zu ſeyn und eben ſo viel Gewalt uͤber die Unter⸗ thanen von Karagua zu beſitzen, wie ihr Bruder. Ihre natuͤrlicher Liebreiz und die anmuthvolle Wuͤrde ihres Benehmens gewannen immer mehr die Bewunderung der Spanier. „Der Adelantado fand zwei und dreißig Unter⸗Caziken in dem Hauſe des Behechio verſammelt, die mit den Gegen⸗ ſtaͤnden ihres Tributs auf ſeine Ankunft warteten. Die Baumwolle, die ſie gebracht hatten, belief ſich ſo hoch, daß ſie eines ihrer Haͤuſer anfuͤllte. Nachdem ſie dieſes abge⸗ liefert hatten, boten ſie dem Adelantado Caſſava⸗Brod an, ſo viel er verlange. Dieſe Bereitwilligkeit war in dem gegenwaͤrtigen Nothſtande der Colonie ſehr annehmbar, und Don Bartholomeo ſandte ſogleich nach Iſabella wegen einer der Caravelen, die faſt beendigt war, daß ſie ſobald als moͤglich nach Xaragua kommen ſolle, um mit Brod und Baumwolle befrachtet zu werden. Mittlerweile wurden die Spanier von dieſem ſanften und edelmuͤthigen Volke mit der groͤßten Guͤte uͤberhaͤuft; ſie brachten aus allen Gegenden große Vorraͤthe von Le⸗ bensmitteln und unterhielten ihre Gaͤſte mit fortwaͤhrenden Feſten und Banketten. Die damaligen ſpaniſchen Geſchicht⸗ ſchreiber, deren Einbildungskraft von den Berichten der Reiſenden erhitzt war und die ſich keine Vorſtellung von der Einfachheit des Lebens der Wilden machen konnten, be⸗ — 377— ſonders in dieſen Laͤndern, die ſie als die Graͤnzen Aſiens betrachteten, ſprechen oft in Ausdruͤcken orientaliſchen Glan⸗ zes von den Unterhaltungen der Eingebornen, von den Pa⸗ läͤſten der Caziken und der Herren und Damen ihres Hof⸗ ſtaates, als ob ſie die Reſidenzen aſiatiſcher Herrſcher be⸗ ſchrieben. Die von Xaragua gegebenen Berichte tragen jedoch einen verſchiedenen Charakter und geben ein Bild von dem Leben der Wilden in der Vollendung traͤger Behag⸗ lichkeit und ungezwungener Froͤhlichkeit. Die Leiden, welche die anderen Theile des unſeligen Hayti zerruͤtteten, hatten noch nicht die Bewohner dieſer lieblichen Gegenden erreicht. Sie lebten unter reizenden und fruchtbaren Hainen, am Geſtade eines Meeres, welches ohne Stuͤrme in ewigem Frieden zu ſchweben ſchien, hatten wenige Beduͤrfniſſe und dieſe waren leicht befriedigt: ſo ſchienen ſie, von dem ge⸗ meinen Looſe der Arbeit befreit, ihr Leben in ununter⸗ brochenen Feiertagen zuzubringen. Wie die Spanter die Fruchtbarkeit und Lieblichkeit dieſes Landes, die Freundlich⸗ keit ſeiner Bewohner und die Schoͤnheit ſeiner Weiber kennen lernten, erkläͤrten ſie es fuͤr ein vollkommenes Paradies. 3 Endlich kam die Caravele an, um die Gegenſtaͤnde des Tributs einzuladen. Sie ging ungefaͤhr anderthalb Stun⸗ den von der Reſidenz des Behechio vor Anker, und Ana⸗ caona machte ihrem Bruder den Vorſchlag, mit ihr hinzu⸗ gehen, um das Fahrzeug in Augenſchein zu nehmen, welches ſie den großen Canoe der weißen Maͤrner nannte. Auf ihrem Wege nach der Kuͤſte wurde der Adelantado uͤber — 378— Nacht in ein Dorf einquartirt, in einem Hauſe, wo Ana⸗ caona ſolche Artikel aufbewahrte, die ſie fuͤr ſelten und koſt⸗ bar hielt. Sie beſtanden aus verſchiedenen Manufacturen von küuͤnſtlich gewebtem Baumwollenzeuch, aus Stuͤhlen, Tiſchen und anderem Hausgeraͤth von Ebenholz und ande⸗ ren Holzarten gearbeitet— alles zeugte von vieler Er⸗ findungsgabe und Geſchicklichkeit bei einem Volke, welches durchaus keine eiſernen Werkzeuge beſaß. Dieſes waren die einfachen Schaͤtze der indianiſchen Fuͤrſtin, von denen ſie viele großmuͤthige Geſchenke an ihre Gaͤſte austheilte. Nichts kam der Verwunderung und dem Entzuͤcken dieſes verſtaͤndigen Weibes gleich, als ſie das Schiff zum erſten Mal erblickte. Ihr Bruder, der ſie mit bruͤderlicher Zaͤrt⸗ lichkeit und achtungsvoller Auſmerkſamkeit, der Sitten civi⸗ liſirter Menſchen wuͤrdig, behandelte, hatte zwei Canoes, mit bunten Farben bemalt und verziert, zurichten laſſen, den einen, um ſie und ihr Gefolge aufzunehmen, und den andern fuͤr ſich und ſeine Haͤuptlinge. Anacaona zog es jedoch vor, ſich in dem europaͤiſchen Boot mit dem Adelantado einzuſchiffen. Wie ſie der Caravele naheten, gaben die Ka⸗ nonen eine Salve. Bei der Exploſion dieſes ploͤtzlichen Donners und beim Anblick der Rauchwolken, die aus den Seiten des Schiffes hervorbrachen und ſich laͤngs der See⸗ küſte dahinwaͤlzten, fiel Anacaona von Schrecken uͤberwaͤl⸗ tigt in die Arme des Adelantado, und ihr Gefolge wollte vor Entſetzen uͤber Bord ſpringen. Doch das Lachen und die troͤſtenden Worte des Don Bartholomeo floͤßten ihnen wieder Vertrauen ein. Wie ſie naͤher zu dem Schiff kamen, fing man auf mehreren Inſtrumenten eine Kriegsmuſik zu ſpielen an, woruͤber die Indianer ſehr entzuͤckt waren. Ihre Bewunderung vermehrte ſich, wie ſie an Bord der Cara⸗ vele kamen. An ihre einfachen und duͤrftigen Canoes ge⸗ woͤhnt, ſchien hier jedes Ding wunderbar dauerhaft und com⸗ plicirt zu ſeyn und auf einer hohen wunderſamen Stufe der Vollendung zu ſtehen. Wie aber die Anker gelichtet und die Segel ausgebreitet wurden und dieſer Coloß, von einem ſanften Zephir unterſtüͤtzt, ſich augenſcheinlich von ſelbſt mit ſeinen Fluͤgeln fortbewegte, wie ſie ihn von einer Seite zur andern ſteuern und gleich einem großen Ungeheuer im brei⸗ ten Meeresraume ſpielen ſahen, da blickten ſich Bruder und Schweſter mit ſtummem Erſtaunen an.*) Nichts ſcheint das Gemuͤth dieſes ſtoiſchen Wilden mit groͤßerer Bewun⸗ derung erfuͤllt zu haben, als der erhabene und ſchoͤne Triumph des menſchlichen Geiſtes, ein Schiff unter Segeln. Nachdem der Adelantado die Caravele befrachtet und abgeſandt hatte, theilte er viele Geſchenke an Behechio, ſeine Schweſter und ihr Gefolge aus, und nahm dann Abſchied von ihnen, um zu Lande mit ſeinen Truppen nach Iſabella zuruͤckzukehren. Anacaona zeigte große Betruͤbniß bei ihrer Abreiſe und bat, daß ſie doch noch einige Zeit dei ihnen bleiben moͤchten; indem ſie zu beſorgen ſchien, es moͤchte ihnen der demüthige Verſuch, ihm zu gefallen, nicht ge⸗ *) Peter Mortyr decad. 1. 1. V. Herrera decad. 1, 1. III. c. 6. — 380— gluͤkt ſeyn. Sie bot ſich ſogar an, ihn nach der Nieder⸗ laſſung zu begleiten, und wollte ſich nicht troͤſten laſſen, bis er ihr verſprach, wieder nach Xaragua zuruͤckzukehren.*) Man muß unwilltuͤhrlich erſtaunen uͤber die großen Faͤhigkeiten, welche der Adelantado im Laufe ſeines vor⸗ uͤbergehenden Gouvernements der Inſel entwickelte. Wun⸗ derbar lebhaft und thaͤtig wie er war, machte er wieder⸗ holte Maͤrſche von großer Ausdehnung, von einer entfernten Provinz zur andern, und war immer im kritiſchen Moment am Orte der Gefahr⸗ Durch kluge Maͤßigung war er mit einem Haͤuflein von Leuten einem furchtbaren Aufſtand ohne Blutvergießen zuvorgekommen. Die heftigſten Feinde unter den Eingebornen hatte er durch ſeine große Maͤßigung ver⸗ ſoͤhnt, waͤhrend er alle muthwillige Feindſeligkeiten durch die verhaͤngten exemplariſchen Strafen zuruͤckſchreckte. Er hatte ſich die wichtigſten Fuͤrſten zu treuen Freunden gemacht, ihre Herrſchaften unter willigen Tribut gebeugt, und der Colonie neue Quellen von Vorraͤthen geoͤffnet, indem er ſie zugleich aus der augenblicklichen Noth erloͤſte. Waͤren ſeine einſichtsvollen Maßregeln von ſeinen Untergebenen unter⸗ ſtuͤtzt worden, ſo haͤtte die ganze Inſel ein Schauplatz ſtiller Segnungen werden und der Krone, ohne Grauſamkeit gegen die Eingebornen, große Revenuen einbringen koͤnnen; aber wie ſein Bruder, der Admiral, mußte er ſeine guten Ab⸗ ſichten und klugen Einrichtungen durch die niedrigen Leiden⸗ ⸗) Ramusio V. III. p. 9. — 381— ſchaften und das verkehrte Betragen der Anderen ewig durch⸗ kreuzt ſehen. Waͤhrend er von Iſabella abweſend war, hatte ſich dort neues Unheil erzeugt, welches bald die ganze Inſel in Verwirrung bringen ſollte⸗ Viertes Kapitel. Verſchworung de s Roldan. (1497.) Der erſte Urheber des gegenwaͤrtigen Unheils auf der Colonie war einer Namens Francisco Roldan, ein Mann, der dem Admiral die groͤßten Verbindlichkeiten ſchuldig war. Aus Armuth und Unbekanntheit durch ihn emporgehoben, war er von ihm zuerſt zu ſeinem perſoͤnlichen Dienſte ver⸗ wandt worden; da er aber bedeutende natuͤrliche Faͤhig⸗ keiten und großen Fleiß zeigte, ſo wurde er zum ordent⸗ lichen Alcalde befoͤrdert, welches ſo viel wie Friedensrichter iſt. Wegen der Einſicht und Gewandtheit, welche er auf dieſem Poſten entwickelte, und im Vertrauen auf ſeine große Treue und Dankbarkeit hatte Columbus, indem er nach Spanien abging, ſich bewogen gefunden, ihn zum Alcalde⸗ Major oder Oberrichter der Inſel zu ernennen. Er war — 382— zwar kein Mann von gelehrter Bildung, da es aber damals noch keine verwickelte Rechtsfaͤlle in der Colonie gab, ſo erforderte der Dienſt wenig mehr als geſunden Menſchen⸗ verſtand und eine gerade rechtliche Verfahrungsweiſe. 55 Roldan war eine jener niedrigen Seelen, welche der Sonnenſchein des Gluͤckes mit Gift naͤhrt. Er hatte ſeinen Wohlthaͤter augenſcheinlich unter einem drohenden Gewoͤlk der Ungnade nach Spanien zuruͤckkehren ſehen; eine geraume Zeit war ohne Nachrichten von ihm verſtrichen; er betrach⸗ tete ihn als einen verlaſſenen Mann, und dachte darauf, wie er von ſeinem Fall Vortheil ziehen moͤge. Sein Amt war nur dem des Adelantado untergeordnet; des Columbus Bruͤder ſtanden ſehr ſchlecht in der Gunſt des Volkes, er hielt es fuͤr moͤglich, ſie durch die Coloniſten und durch die Regierung in Spanien zu ſtuͤrzen und ſich durch ſchlaue Liſt und durch Laͤrm von ſeiner Bedeutenheit den Weg zum Commando der Inſel zu bahnen. Der kraͤftige und etwas ſtrenge Charakter des Adelantado hielt ihn einige Zeit in Reſpect; als jener aber von der Niederlaſſung wegreiſte, war Roldan unbehindert, ſeine Machinationen mit Zuverſicht ins Werk zu ſetzen. Don Diego, der damals auf Iſabella das Commando hatte, war ein gerader und wuͤrdiger Mann, aber es fehlte ihm an Energie. Roldan fuͤhlte ſich ihm an Talent und Geiſt uͤberlegen, und ſein Ehrgeiz wurde dadurch gekraͤnkt, daß er ihm im Amte nachſtehen ſolle. Er bildete bald eine Parthei unter den Wagehaͤlſen und Laſterhaften ») Herrera decad, 1. 1, III, c. 1. — 383— der Colonie und loͤſte heimlich die Bande der Ordnung und guten Verwaltung, indem er der Unzufriedenheit des gemei⸗ nen Mannes Gehoͤr und Aufmunterung gab und den Cha⸗ rakter und das Betragen des Columbus und ſeiner Bruͤder als die Quelle der Uebel bezeichnete. Er hatte fruͤher bei mehreren oͤffentlichen Arbeiten die Oberaufſicht gefuͤhrt und dieſes hatte ihn in genaue Bekanntſchaft und Verbindung mit den Handwerkern, Matroſen und anderen Leuten von geringerem Stande gebracht. Sein niedriger Urſprung machte es ihm leicht, in ihre Faſſungskraft und Gewohn⸗ heiten einzugehen, waͤhrend ſeine jetzige Stellung ihm Wich⸗ tigkeit in ihren Augen gab. Da er ſie immer murren hoͤrte uͤber harte Behandlung, druͤckende Arbeit und lange Ab⸗ weſenheit des Admirals, ſtellte er ſich geruͤhrt von ihren Leiden. Er theilte ihnen ſeine Vermuthungen mit, daß der Admiral wohl nicht mehr zuruͤckkehren werde, da er in Folge der Darſtellungen des Aguado in Ungnade gefallen und ganz ungluͤcklich gemacht ſey. Er klagte ebenfalls uͤber harte Behandlung von Seiten des Adelantado und ſeines Bruders Don Diego, die als Fremde kein Intereſſe an ihrer Wohlfahrt und keine rechte Achtung vor dem Stolz der Spanier haͤtten, vielmehr ſie wie gemeine Sclaven be⸗ handelten, Haͤuſer und Feſtungen durch ſie erbauen ließen, ihre eigenen Glückeumſtaͤnde bedaͤchten und ihre Macht ſicher⸗ ten, indem ſie auf der Inſel umherzoͤgen und ſich mit dem Raube der Caziken bereicherten. Durch dieſe Mittel reizte er ihren unmuth dergeſtalt, daß ſie ſich endlich eines Tages zu einer Verſchwoͤrung vereinigten, um dem Adelantado das Leben zu nehmen, als das einzige Mittel, ſich von einem verhaßten Tyrannen zu befreien. Zeit und Ort der That wurden feſtgeſetzt. Der Adelantado hatte einen Spanier Namens Berahona, einen Freund Roldans und mehrerer ſeiner Mitverſchworenen, zum Tode verurtheilt. Welches ſein Verbrechen war, iſt nicht ganz ausgemittelt, aber aus einer Stelle bei Las Caſas laͤßt ſich mit Grund ſchließen, daß es der Spanier war, der die Favoritin des Guarionexr, Caziken der Vega, ſchimpflich behandelt hatte. Der Adel⸗ antado ſollte bei der Hinrichtung zugegen ſeyn. Es wurde daher ausgemacht, wenn das Volk verſammelt waͤre, ſo ſolle ein Auflauf wie von ungefaͤhr entſtehen und in der Ver⸗ wirrung des Augenblicks Bartholomeo mit einem Dolchſtoß in die andere Welt befoͤrdert werden. Es war ein Gluͤck fuͤr den Adelantado, daß er jenen Spanier begnadigte; die „Verſammlung fand nicht ſtatt und der Plan der Verſchwo⸗ renen ſcheiterte.*) Wie Don Bartholomeo abweſend war, um in Xaragua den Tribut zu erheben, glaubte Roldan, daß die Zeit ge⸗ kommen ſey, um die Angelegenheiten zu einer Kriſis zu bringen. Er hatte die Stimmung der Coloniſten gepruͤft, und ſich verſichert, daß eine große Parthei zu offener Em⸗ poͤrung geneigt ſey. Sein Plan war, einen Volksaufruhr zu erregen, ſich in ſeiner oͤffentlichen Eigenſchaft als Ober⸗ richter dreinzulegen, die Schande auf die Unterdruͤckung und ungerechtigkeit des Don Diego und ſeines Bruders zu waͤl⸗ *) Hist. del Almirante, cap. 75. zen und, waͤhrend er die Zuͤgel der Regierung an ſich reiße, den Schein anzunehmen, als ob dieſes bloß aus Eifer fuͤr den Frieden und das Heil der Inſel, ſowie fuͤr die Inter⸗ eſſen der Souveraine geſchehe. Es zeigte ſich balb ein Vorwand fuͤr den beabſichtigten Aufruhr. Wie die Caravele von Xaragua mit indianiſchem Tribut befrachtet zuruͤckkehrte und die Ladung ausgeſchifft wurde, ließ Don Diego das Schiff aufs Land ziehen, um es vor unfaͤllen oder vor boͤslichen Abſichten der mißver⸗ gnuͤgten Coloniſten zu beſchirmen. Roldan machte ſogleich ſeine Spießgeſellen auf dieſen Umſtand aufmerkſam. Er eiferte insgeheim gegen die harte Maßregel, daß man das Schiff ans Land gezogen, ſtatt es zum Nutzen der Colonie flott zu halten oder nach Spanien zu ſenden, um von ihrem Elend Nachricht zu geben. Er ließ die Andeutung fallen, der wahre Grund ſey die Furcht des Adelantado und ſeines Bruders, daß Beſchwerden uͤber ihre uͤble Auffuͤhrung nach Spanien gelangen moͤchten, und verſicherte ſie, daß beide nur die Abſicht haͤtten, ungeſtoͤrt im Beſitz der Inſel zu bleiben und die Spanier dort als Unterthanen oder vielmehr als Sclaven zu behandeln. Die Coloniſten fingen bei dieſen Andeutungen Feuer. Sie hatten lange der Vollendung der Caravelen als ihrem einzigen Rettungsmittel entgegenge⸗ ſehen; ſie wurden nun oͤffentlich daruͤber laut und verlang⸗ ten, daß dieß Schiff wieder in See gelaſſen und nach Spa⸗ nien geſandt werden ſolle, um Lebensmittel zu holen. Don Diego ſuchte ſie von der Thorheit ihres Begehrens zu uͤber⸗ zeugen, da dies Schiff fuͤr eine ſolche Reiſe nicht erbaut Irving's Columbus. 1—. 3 25 — 386— noch zugerüſtet ſey; aber je mehr er ſie mit guten Worten zu beſaͤnftigen ſtrebte, deſto unruhiger und widerſpenſtiger gebehrdeten ſie ſich. Auch Roldan wurde kuͤhner und deut⸗ licher in ſeinen Hinweiſungen. Er rieth ihnen, die Cara⸗ pele ins Meer zu laſſen und in Beſitz zu nehmen, weil es das einzige Mittel ſey, ihre Unabhaͤngigkeit wieder zu gewinnen. Sie koͤnnten ſich das Joch dieſer hergelaufenen Fremdlinge, welche die Spanier im Innerſten des Herzens haßten, vom Halſe ſchaffen, und dann ein Leben voll Freude und Wonne fuhren, indem ſie alles, was ſie durch Tauſch auf der Inſel gewoͤnnen, als Bruͤder theilten, die Indianer fuͤr ihre Arbeiten als Sclaven brauchten und ſich dem un⸗ gezügelten Wohlbehagen an den indianiſchen Weibern uͤber⸗ ließen.*)— Don Diego erhielt Nachricht von den Dingen, die in dem Volke gaͤhrten, und von den vielerlei Intriguen, welche Roldan ſpielte, doch fuͤrchtete er es in dem meuteriſchen laſſen. Er ſandte ihn daher ſchnell mit vierzig Mann nach der Vega, unter dem Vorwande, einige von den Eingebore⸗ nen zu zwingen, den verweigerten Tribut zu zahlen, und einem Aufſtande vorzubeugen. Roldan benutzte dieſe Ge⸗ legenheit, um ſeine Faction zu verſtaͤrken. Er erwarb ſich Freunde und Mitverſchworene unter den unzufriedenen Ca⸗ ziken, indem er fie in ihrem Widerſtreben gegen den auf⸗ erlegten Tribut beſtaͤrkte und ihnen Abhuͤlfe verſprach. Er *) Hist, del Almirante, cap. 73. Zuſtande der Colonie zu einem offenen Bruch kommen zu — 387— ſicherte ſich die Ergebenheit ſeiner eigenen Soldaten durch Handlungen großer Nachſicht, entwaffnete und entließ die⸗ jenigen, die ihre volle Theilnahme an ſeinen Plaͤnen ver⸗ weigerten, und kehrte mit ſeinem kleinen Trupp nach Iſa⸗ bella zuruͤck, wo er ſich einer großen Parthei im Volke ge⸗ troͤſtete. In der Zwiſchenzeit war der Adelantado von Xaragua zuruͤckgekehrt, aber Roldan, der ſich an der Spitze eines maͤchtigen Anhangs kraͤftig fuͤhlte, auch von ſeiner amtlichen Stellung ſich große Autoritaͤt anmaßte, verlangte nun laut, daß die Caravele ins Meer gelaſſen, oder ihm und ſeinen Leuten geſtattet werde, ſie wieder flott zu machen. Der Adelantado, uͤber die Anmaßung aufgebracht, verweigerte es mit Beſtimmtheit, indem er bemerkte, daß weder er noch ſeine Gefaͤhrten Seeleute waͤren, noch auch die Caravele fuͤr das offene Meer geeignet und ausgeruͤſtet, und daß weder der Zuſtand des Schiffes, noch der des Volkes, durch ihre Abſicht, zu Schiff zu gehen, in Gefahr kommen ſolle. Roldan merkte wohl, daß ſeine Motive verdächtig er⸗ ſchienen, und fuͤhlte, daß der Adelantado ein zu furchtbarer Gegner war, als daß man auf Fſabella in offener Empoͤ⸗ rung gegen ihn auftreten konnte. Er beſchloß daher, ſeinen Plan an einem guͤnſtigeren Orte der Inſel in Ausfuͤhrung zu bringen, indem er die Zuverſicht naͤhrte, eine offene Re⸗ bellion gegen die oberſte Gewalt des Don Bartholomeo damit entſchuldigen zu koͤnnen, daß er ſie als eine patrio⸗ tiſche Oppoſition gegen ſeine Tyrannei uͤber die Spanier darſtellte. Er hatte ſiebenzig wohlbewaffnete und entſchloſ⸗ 25* — 388— ſene Leute unter ſeinem Commando und naͤhrte das Ver⸗ trauen, wenn er ſeine Fahne aufpflanze, wuͤrden ſich alle Mißvergnuͤgte auf der Inſel um ihn verſammeln. Er brach daher ploͤtzlich nach der Vega auf; er hatte die Ab⸗ ſicht, das Fort Conception zu uͤberrumpeln und nachdem er ſich in den Beſitz dieſes Platzes und der reichen umliegenden Gegend geſetzt, dem Adelantado Trotz zu bieten. Er hielt auf ſeinem Wege bei mehreren indianiſchen Doͤrfern, in welchen die Spanier vertheilt waren, und ſuchte die letzteren zu ſeiner Parthei zu beſchwatzen, indem er ih⸗ nen großen Gewinn und ein freies Leben verſprach. Er unternahm es auch, die Eingebornen von ihrem Gehorſam abſpenſtig zu machen, indem er ihnen Freiheit von allem Tribut zuſagte. Diejenigen Cazißen, mit welchen er vor⸗ her ſchon im Einverſtaͤndniß geweſen, nahmen ihn mit offe⸗ nen Armen auf, beſonders einer, der den Namen Diego Marque angenommen hatte, deſſen Dorf er zu ſeinem Standquartier machte, da es ungefaͤhr zwei Stunden von dem Fort Conception entfernt lag. Er taͤuſchte ſich aber in ſeiner Erwartung, die Fiſtung uͤberrumpeln zu koͤnnen. Ihr Commandant, Miguel Balleſter, war ein alter tuͤchti⸗ ger Kriegsmann, entſchloſſen und vorſichtig. Er zog ſich bei der Annaͤherung Roldans in ſeine Veſte zuruͤck und ver⸗ ſchloß ihre Thore. Seine Garniſon war klein, aber die Befeſtigung, an der Seite einer Anhohe mit einem Fluß, der ſich an ihr herumwand, war gegen jeden Angriff ſicher. Roldan hatte immer noch einige Hoffnung, daß Balleſter dem Gouvernement abſpenſtig gemacht und allmaͤhlig zu — 389— ſeinen Plaͤnen uͤberredet werden koͤnne, oder daß die Be⸗ ſatzung durch die Verſuchung des zuͤgelloſen Lebens, welches er ſeinen Leuten erlaubte, zur Deſertion zu verfuͤhren waͤre. In der Naͤhe lag die von Guarionex bewohnte Stadt. Hier waren dreißig Soldaten unter dem Befehle des Capi⸗ tains Garcia de Barrantes einquartirt. Roldan erſchien dort mit ſeiner bewaffneten Schaar, in der Hoffnung, den Barrantes und ſeine Leute zu gewinnen; aber der Capi⸗ tain ſchloß ſich mit ſeinen Leuten in einem der Blockhaͤuſer ein, und verbot ihnen, ſich mit Roldan einzulaſſen. Dieſer drohete Feuer anzulegen, begnuͤgte ſich aber nach kurzem Beſinnen, ihnen ihre Vorraͤthe von Lebensmitteln wegzu⸗ nehmen, und ruͤckte dann gegen das Fort Conception, wel⸗ ches nicht ganz eine halbe Stunde entfernt lag.*) *) Herrera hist. Ind. decad. I. I. III, c. 7. Hist. dol Almirante, c. 74. Fuͤnftes Kapitel. Zug des Adelantado in die Vega zum Entſatz des Forts Conception. Seine Zuſammenkunft mit Roldan. (1497.) Der Adelantado hatte von den verbrecheriſchen Thaten Roldans Nachricht erhalten; doch zoͤgerte er noch einige Zeit, zu ſeiner Verfolgung auszuruͤcken. Er hatte alles Vertrauen auf den Gehorſam der ihn umgebenden Leute verloren; er wußte nicht, wie weit die Verſchwoͤrung ſich ausdehnte, noch auf wen er ſich verlaſſen koͤnne. Diego de Escobar, Alcalde des Forts La Magdalena, Adrian de Moxica und Pedro de Valdivieſſo, drei wichtige Maͤnner, waren mit Roldan im Bunde. Er beſorgte, der Comman⸗ dant des Forts Conception koͤnne ebenfalls mit im Complott ſeyn und die ganze Inſel gegen ihn zu den Waffen greifen. Doch gaben ihm die Berichte des Miguel Balleſter wieder Zuverſicht. Dieſer gradſinnige Veteran ſchrieb ihm draͤn⸗ gende Briefe um Huͤlfe, indem er ihm die Schwaͤche der Beſatzung und die zunehmende Macht der Rebellen vorſtellte. — 391— Don Bartholomeo eilte nun zu ſeinem Entſatz mit der gewohnten Schnelligkeit herbei und warf ſich mit einer Ver⸗ ſtaͤrkung in die Feſtung. Da er die Streitmacht der Re⸗ bellen nicht kannte und ſich auf die Treue ſeiner eigenen Leute nicht verlaſſen konnte, ſo beſchloß er milde Maßregeln anzunehmen. Er hoͤrte, daß Roldan in einem nur eine halbe Stunde entfernten Dorfe liege; er ſandte daher einen Boten zu ihm, der ihm uͤber die ſchreiende Verletzung ſeiner Pflicht und uͤber das Unheil, welches dieſelbe auf der Inſel verurſachen werde und wie er ſelbſt dem gewiſſen Verderben entgegengehe, Vorſtellungen machte. Er forderte ihn auf, vor der Feſtung zu erſcheinen, und verbuͤrgte ſich fuͤr ſeine perſoͤnliche Sicherheit. Roldan erſchien demzufolge beim Fort Conception, wo der Adelantado mit ihm eine Unterredung aus dem Fenſter hielt und ihn nach den Gruͤnden fragte, warum er im Widerſtreit mit der koͤniglichen Autorität in Waffen erſcheine; Roldan erwiederte kuͤhn, er ſey in Dienſten ſeiner Souveraine und vertheddige ihre Untertha⸗ nen gegen die Unterdruͤckung der Maͤnner, die ihr Verder⸗ ben ſuchten. Der Adelantado befahl ihm ſeinen Richterſtab als Alcalde⸗Major niederzulegen und ſich friedfertig der ge⸗ ſetzlichen Autoritaͤt zu fuͤgen. Roldan verweigerte es, ſeinem Amte zu entſagen und ſich in die Gewalt des Don Bar⸗ tholomeo zu begeben, welchem er Schuld gab, er trachte ihm nach dem Leben. Er verweigerte es ferner, ſich irgend einer Unterſuchung zu ſtellen, bis es ihm der Koͤnig ſelbſt befehle. Indem er aber verſicherte, er wolle der friedlichen Ausuͤbung der Obergewalt keinen Widerſtand entgegenſetzen, — 392— that er das Anerbieten, ſich mit ſeinem Anhang von den andern zu trennen und an einen Ort zu ziehen, den ihm der Adelantado bezeichnen werde. Dieſer benannte ihm ſo⸗ gleich das Dorf des Caziken Diego Colon, des von den Lucayiſchen Inſeln gebuͤrtigen Indianers, der in Spanien getauft worden war und nachher die Tochter des Guarionex geheirathet hatte. Roldan machte den Einwand, es gebe hier keine hinlaͤnglichen Vorraͤthe fuͤr den Unterhalt ſeiner Leute, und nahm mit der Erklaͤrung Abſchied, daß er einen paſſenderen Sitz anderswo ſuchen wolle.*) Er machte nun ſeinen Begleitern den Vorſchlag, ſich in der entfernteren Provinz Xaragua niederzulaſſen und foͤrm⸗ lich von ihr Beſitz zu nehmen. Die Spanier, welche von dort zuruͤckgekommen waren, hatten glaͤnzende Beſchreibun⸗ gen gemacht, von dem Leben, das ſie dort gefuͤhrt, von der Fruchtbarkeit des Bodens, der Lieblichkeit des Clima's, der Gaſtfreundſchaft und Artigkeit des Volkes, von ihren Feſten Taͤnzen und verſchiedenerlei Beluſtigungen, und vor Allem von der Schoͤnheit der Weiber, denn ſie waren von den Reizen der tanzenden Nymphen von Xaragua ganz bezau⸗ bert worden. In dieſer herrlichen Gegend, dem eiſernen Scepter des Adelantado entwachſen und von druͤckender Arbeit befreit, konnten ſie ein voͤllig freies und behagliches Leben fuͤhren, denn eine Welt voll Reizen ſtand zu ihrem Befehl. Kurz Roldan entwarf ein Gemaͤlde von ſinnlicher *) Herrera, decad. 1. lib. III. c. 7. Hist. del Al- mirante, cap. 74. Gluͤckſeligkeit, wie er wohl wußte, daß es Leute von traͤger und zuͤgelloſer Natur unwiderſtehlich feſſeln werde. Seine Begleiter gingen mit Freuden in ſeinen Vorſchlag ein. Doch waren einige Zuruͤſtungen noͤthig, um ihn ins Werk zu ſetzen. Er benutzte die Abweſenheit des Adelantado, drang ſchnell mit ſeinem Trupp gegen Jſabella vor, ruͤckte mittelſt einer Art von Ueberfall in die Stadt ein und verſuchte die Caravele in die See zu ziehen, um mit ihr nach Xaragua ſegeln zu koͤnnen. Don Diego Columbus hoͤrte den Tumult, und kam den Anfuͤhrern mit mehreren Perſonen von Rang entgegen; aber die Gewalt der Meuter und ihr drohendes Betragen war ſo maͤchtig, daß er ſich gezwungen ſah, mit der Zahl ſeiner treuen Anhaͤnger ſich in das Fort zuruͤckzuziehen. Roldan hielt einige Unter⸗ redungen mit ihm und bot ſich an, ſeinem Commando zu gehorchen, wenn er ſelbſt ſich mit ſeinem Bruder, dem Adelantado, entzweien werde. Sein Antrag wurde mit Verachtung zuruͤckgewieſen. Das Fort war zu ſtark befeſtigt, als daß es mit Erfolg konnte angegriffen werden; er fand es unmoͤglich, die Caravele ins Meer zu ziehen, und fuͤrch⸗ tete, der Adelantado moͤchte unterdeſſen zuruͤckkehren, und er dann zwiſchen zwei Gewalten eingeſchloſſen ſeyn. Er drang daher in aller Eile vor, um fuͤr den beabſichtigten Zug nach Xaragua Vorraͤthe zuſammenzuraſſen. Immer noch behauptend, daß er in ſeiner amtlichen Wuͤrde auftrete und alles in treuer Widmung zum Schutz und zur Unter⸗ ſtutzung der unterdruͤckten Unterthanen der Krone thue, er⸗ brach er das koͤnigliche Vorrathshaus mit dem Geſchrei: — 394— „Lange lebe der Koͤnig!“ verſah ſeine Leute mit Waffen, Kriegsvorraͤthen, Kleidungsſtuͤcken und was ſie von den oͤffentlichen Waaren wuͤnſchten, ging zu den Gehegen, wo das Rindvieh und andere europaͤlſche Thiere aufgezogen wurden, nahm, was ihm noͤthig ſchien fuͤr ſeine vorhabende Niederlaſſung, und erlaubte ſeinem Gefolge, von dem uͤbri⸗. gen Vieh zu toͤdten, was ſie zu ihrer augenblicklichen Verproviantirung brauchten. Nachdem er dieſe muthwillige Verheerung angerichtet, zog er im Triumph von FJſabella weg.*) Indeſſen bedachte er doch die Schnelligkeit und den kraͤftigen Charakter des Adelantado und fuͤhlte, daß ſeine Stellung mit einem ſolchen Feinde im Ruͤcken nur wenig geſichert ſeyn werde, da dieſer ſich aus der gegen⸗ waͤrtigen Verwirrung leicht losmachen und ihn bis in ſein gehofftes Paradies nach Xaragua verfolgen koͤnne. Er be⸗ ſchloß daher, wieder nach der Vega zu gehen und zu ver⸗ ſuchen, ob er ſich der Perſon des Adelantado ſelbſt bemäͤch⸗ tigen oder ihm in ſeinem jetzigen gelaͤhmten Zuſtande einen Schlag beibringen koͤnne, der ihn zu aller ferneren Beläͤſti⸗ gung unfaͤhig machen muͤſſe. Er kehrte daher in die Naͤhe des Forts Conception zuruͤck, und trachtete auf alle Art, die Beſatzung durch ſchlaue Emiſſaͤre zur Deſebaion oder zu einer Empoͤrung zu verleiten. Der Adelantado hatte genaue Kunde von den Raͤnken des Feindes und von der Gefahr, in welcher ſeine eisens ³) Hist. der Almirante, cap. 76. Herrers, decad. 3 1. III. G. 7. — 395— Perſon ſchwebte. Er wagte es nicht, das offene Feld mit ſeinen Truppen zu betreten, da er ſich nicht auf ihre Treue verlaſſen konnte. Er wußte es, wie aufmerkſam ſie den Abgeſandten Roldan's zuhoͤrten, und den magren Kuͤchen⸗ zettel und die ſtrenge Mannszucht mit den reichen Mahl⸗ zeiten und der gefaͤlligen Zuͤgelloſigkeit, womit die Rebellen prunkten, in nachtheilige Vergleichung ſetzten. Um dieſen Verfuͤhrungen entgegenzuarbeiten, ließ er von ſeiner uͤbli⸗ chen Strenge nach, behandelte ſeine Leute mit aller Nach⸗ ſicht und verſprach ihnen große Belohnungen. Durch dieſes Mittel war er im Stande, ſich den Gehorſam unter ſeinen Truppen einigermaßen zu erhalten, da doch der Dienſt bei ihm den Vortheil vor dem des Roldan beſaß, daß er von der Regierung und den Geſetzen ausging. Als Roldan ſah, daß ſeine Verſuche, die Garniſon zu verführen, vergeblich ſeyen, und er ſich vor einem ploͤtzlichen Ueberfall des kraͤftigen Adelantado fuͤrchtete, zog er ſich in einige Entfernung zuruͤck und ſuchte durch alle moͤgliche hin⸗ terliſte Raͤnke ſeine eigne Macht zu erhoͤhen, und die des Gouvernements zu ſchwaͤchen. Er verſicherte, daß er mit dem Adelantado gleiches Recht zur Verwaltung der Angele⸗ genheiten der Inſel haͤtte, und behauptete, er habe ſich nur von ihm getrennt, weil derſelbe ſich in der Ausuͤbung ſeiner Gewalt leidenſchaftlich und rachſuͤchtig zeige. Er ſchil⸗ derte ihn als den Tyrannen der Spanier und den Unter⸗ druͤcker der Indianer. Sich ſelbſt gab er die Rolle des Hel⸗ fers in den Beſchwerden und des Beſchuͤtzers der Gekraͤnk ten. Er heuchelte lebhaften patriotiſchen Unwillen uͤber die — 396— Beleidigungen, womit die Spanier von einer Familie unbe⸗ kannter und anmaßender Fremdlinge uͤberhaͤuft wuͤrden, und verſprach, die Eingebornen von den Tributen zu befreien, welche dieſe habſuͤchtigen Menſchen zu ihrer eignen Bereiche⸗ rung erpreßten, und welche den wohlthaͤtigen Abſichten der ſpaniſchen Monarchen ganz entgegen waͤren. Er verband ſich enge mit dem caraibiſchen Caziken Manicaotex, dem Bruder des verſtorbenen Caonabo, deſſen Sohn und Neffe als Geißeln fuͤr die Bezahlung der Tribute in ſeiner Ge⸗ walt waren. Dieſen kriegeriſchen Haͤuptling gewann er durch Geſchenke und Schmeicheleien, indem er ihn mit dem Namen Bruder beehrte.*)⸗ Wirklich unterwarfen ſich die ungluͤcklichen Inſulaner, von ſeinen Verſprechungen ge⸗ taͤuſcht und von dem Gedanken begluͤckt, einen bewaffneten Beſchuͤtzer zu ihrer Vertheidigung bereit zu finden, willig und mit Freuden tauſend Auflagen, verſahen ſein Gefolge mit Lebensmitteln im Ueberfluß, und brachten ihm ſelbſt alles Gold, welches ſie auftreiben konnten, indem ſie ihm freiwillig ſchwereren Tribut bezahlten, als der war, von welchem er ſie zu befreien vorgab. Die Angelegenheiten der Inſel befanden ſich nunmehr in einem beklagenswerthen Zuſtande. Die Indianer, welche die Entzweiung unter den weißen Maͤnnern mit Freuden wahr⸗ nahmen und ſich auf den Schutz Roldans verließen, fingen an, ſich allen Verpflichtungen gegen das Gouvernement zu entziehen. Die entfernteren Caziken ſaͤumten, ihren Tribut — *) Las GCasas hist. Ind. lib., I. cap. 118. 4— 3397— einzuſenden, und die, welche in der Naͤhe wohnten, wur⸗ den von dem Adelantado entſchuldigt, um ſich ja durch Nachſicht ihre Freundſchaft in dieſer Zeit der Gefahr zu er⸗ halten. Roldans Parthei nahm taͤglich an Staͤrke zuz ſeine Leute ſchweiften mit Ungeſtuͤm weit und breit im offe⸗ nen Lande umher und erhielten von den mißleiteten Einge⸗ borenen Unterſtuͤtzung, waͤhrend die Spanier, welche im Gehorſam verblieben, ſich vor Verſchwoͤrungen unter den Indianern fuͤrchteten, und ſich deßhalb unter den Schutz des Forts oder jener Blockhaͤuſer begeben mußten, die ſie in den Doͤrfern errichtet hatten. Die Commandanten wa⸗ ren genoͤthigt, alle Arten von Raͤnken und Unwuͤrdigkeiten ſowohl von ihren Soldaten, als auch von den Indianern zu ertragen, aus Beſorgniß, ſie durch die mindeſte Strenge zum Aufruhr zu reizen. Bekleidung und Munition aller Art, zum Gebrauch oder zur Vertheidigung, gingen ſchnell auf, und der Mangel an allen Lebensmitteln oder an Nach⸗ richten aus Spanien ließ die Hoffnung auch der Treueſten in Muthloſigkeit herabſinken. Der Adelantado hatte ſich in das Fort Conception eingeſchloſſen; er erwartete jeden Tag von Roldan foͤrmlich belagert zu werden, waͤhrend man ihn heimlich benachrichtigte, daß es auf ſeinen Tod abgeſe⸗ hen ſey, ſowie er die Mauern der Feſtung verlaſſe.*) Dieſes war der verzweiflungsvolle Zuſtand, in welchen die Colonie durch die lange Abweſenheit des Columbus in Spanien und die allen ſeinen Maßregeln fuͤr das Wohl der *) Las Casas hist. Ind. I. 1. c. 119. — 398— Inſel durch die Langſamkeit der Cabinette und die Chika⸗ nen des Fonſeca und ſeiner Trabanten in den Weg geleg⸗ ten Hinderniſſe, verſetzt wurde. In dieſer kritiſchen Lage der Dinge, als die Meuterei triumphirend den Scepter ſchwang, und die Colonie am Rande des Verderbens war, kam die Nachricht in die Vega, Pero Hernandez Coronal ſey in dem Hafen vom San Domingo mit zwei Schiffen angekommen, welche friſche Vorraͤthe aller Art und eine bedeutende Truppenverſtaͤrkung an Bord haͤtten.*) „) Las Casas. Herrera. Hist. del Almirante. — — Sechſtes Kapitel. Zweiter Aufſtand des Guarioner und Flucht deſſel⸗ ben in die Gebirge von Ciguay. (1498.) Die Ankunft Coronals fand am 3. Februar 1498 ſtatt; durch ſie wurde die Colonie gerettet. Die Truppenverſtaͤr⸗ kung und die Vorraͤthe in allen Arten von Beduͤrfniſſen kraͤftigten die Haͤnde des Don Bartholomeo. Die koͤnig⸗ liche Beſtaͤtigung ſeines Titels und ſeiner Stelle als Ade⸗ lantado verſcheuchte jeden Zweifel uͤber die Rechtmaͤßigkeit ſeiner Gewalt und befeſtigte die Treue ſeiner Anhaͤnger; die Nachricht aber, daß der Admiral am Hofe in hoher Gunſt ſtehe, und bald mit einem maͤchtigen Geſchwader an⸗ kommen werde, verbreitete Beſtuͤrzung unter denen, die auf die Rebellion eingegangen waren, in der Hoffnung, daß er in Spanien in Ungnade gefallen ſey. Der Adelantado blieb nun nicht laͤnger in ſeiner Feſtung eingeſchloſſen, ſondern marſchirte ſogleich mit einer Abthei⸗ lung ſeiner Truppen nach San Domingo, wiewohl eine be⸗ deutend groͤßere Anzahl von Rebellen in dem Dorfe des Caziken Guarioner in ſehr geringer Entfernung lag. Rol⸗ — 400— dan folgte langſam und niedergeſchlagen mit ſeiner Parthei, angſtlich, uͤber die Nachricht Gewißheit zu erhalten, ſich unter den Neuangekommenen wo moͤglich Anhang zu ver⸗ 1 ſchaffen, und aus jedem Umſtande Vortheil zu ziehen, der 4 ſeinen 1 unbeſonnenen und gewagten Projecten günſtig ſeyn koͤnnte. Der Adelantado ließ die Paͤſſe der Wege gut be⸗ ſetzen, um ſein Vorruͤcken gegen San Domingo zu verhin⸗ dern, aber Roldan machte doch nur wenige Stunden von dem Orte Halt. 1 Wie der Adelantado ſich mit dieſer Deckung an Mann⸗ ſchatt in San Domingo ſicher glaubte und die Ausſicht auf eine noch groͤßere Verſtaͤrkung erhielt, ſiegte die Groß⸗ muth uͤber ſeinen Unwillen und er bemuͤhte ſich, durch ſanfte Maßregeln den Volksaufruhr zu daͤmpfen, damit die Inſel vor der Ankunft ſeines Bruders wieder in den Zuſtand der Ruhe käme. Er bedachte, daß die Coloniſten durch Man⸗ gel an Lebensmitteln ſehr gelitten hatten, daß ihre Unzufrie⸗ denheit durch die Strenge erhoͤht worden, die er uͤber ſie hatte verhaͤngen muͤſſen, und daß viele durch Zweifel uͤber die Rechtmäaͤßigkeit ſeiner Gewalt zur Rebellion verleitet worden waren. Indem er daher das koͤnigliche Schreiben, welches ihn in ſeinem Titel und ſeiner Gewalt beſtaͤtigte, oöffentlich ableſen ließ, verſprach er zugleich Amneſtie fuͤr alle geſchehene Vergehungen, mit dem Beding der un⸗ mittelbaren Ruͤckkehr zum Gehorſam. Wie er hoͤrte, daß Roldan mit ſeiner Rotte fuͤnf Stunden von San Domingo entfernt ſtehe, ſandte er den Pero Hernandez Coronal, der von den Souverainen zum Ober⸗Alguazil der Inſel er⸗ — 401— nannt worden, zu ihm, um ihn zum Gehorſam zu ermah⸗ nen und ihm Vergeſſen des Geſchehenen zu verſprechen, Er hoffte, daß die Vorſtellungen eines beſcheidenen und edlen Mannes wie Coronal, welcher Zeuge von der Gunſt gewe⸗ ſen, in welcher ſein Bruder in Spanien ſtand, die Rebellen von der Ohnmacht ihrer Verſuche uͤberzeugen werde. Roldan aber, ſeiner Schuld ſich wohl bewußt und der Milde des Don Bartholomeo mißtrauend, fuͤrchtete ſich in ſeine Gewalt zu kommen; auch war es ihm darum zu thun, daß ſeine Leute von einer Unterredung mit Coronal abgehal⸗ ten wurden, damit ſie nicht durch das Verſprechen der Ver⸗ zeihung von ihm verfuͤhrt wuͤrden. Als dieſer Abgeordnete ſich daher dem Lager der Rebellen naͤherte, ſtellte ſich in einem engen Paß ihm ein Trupp Bogenſchuͤtzen mit ge⸗ ſpannter Armbruſt entgegen.„Halt! Verraͤther!“ ſchrie Roldan,„waͤrſt Du acht Tage ſpaͤter gekommen, ſo waͤren wir alle einig geworden.⸗*) 4 Vergebens ſuchte Coronal durch kraäftige Gruͤnde und ernſtliche Bitten dieſen verkehrten und aufruͤhreriſchen Men⸗ ſchen von ſeiner Laufbahn zuruͤckzuhalten. Roldan antwor⸗ tete mit Kuͤhnheit und Trotz, behauptete, daß er ſich nur der Tyrannei und ſchlechten Verwaltung des Adelantado widerſetze, wogegen er bereit ſey, ſich dem Admiral bei ſei⸗ ner Ankunft zu unterwerfen. Er und mehrere ſeiner vor⸗ nehmſten Verbuͤndeten ſchrieben Briefe in demſelben Sinne an ihre Freunde auf San Domingo, drangen in ſie, ihre *) Herrera decad. 1. 1. III, c. 3. Irving's Columbus. 4— 6. 25 — 4⁰02— Sache bei dem Admiral zu verfechten, wenn er zuuruͤck⸗ kaͤme, und ihn von ihrer Bereitheit zu verſichern, ſeine Ge⸗ walt anzuerkennen. Als Coronal mit der Nachricht von der Halsſtarrigkeit— Roldan's zuruͤckkehrte, erklaͤrte der Adelantado ihn und ſeine Anhaͤnger fuͤr Verraͤther. Dieſer gefaͤhrliche Rebell ließ aber ſeine Leute nicht zur Beſinnung kommen, weder durch die Verſprechungen, noch durch die Furcht vor den Drohungen; er brach ſogleich nach ſeinem gelobten Lande Xaragua auf, und verließ ſich auf den ſanften Zauber dieſes Landes, daß er jeden rechtlichen Gedanken und alle Banden der Tugend bei ſeinen verfuͤhrten Leuten in einem traͤgen und ausſchwei⸗ fenden Leben hinwegtilgen werde⸗ Mittlerweile wurde der unſelige Erfolg ſeiner Intri⸗ guen unter den Caziken immer mehr offenbar. Kaum hatte der Adelantado das Fort Conception verlaſſen, als ſich eine Verſchwoͤrung unter den Eingebornen bildete, daſſelbe zu uͤberfallen. Guarioney ſtand an der Spitze dieſer Verſchwoͤ⸗ rung, durch die Aufreizungen Roldan's bewogen, der ihm ſeinen Schutz und Beiſtand verſprochen hatte, und weiter gefuͤhrt durch die vergebliche Hoffnung, in dieſem zerruͤtte⸗ ten Zuſtande der ſpaniſchen Streitkraͤfte ſeine vaterlaͤndi⸗ ſchem Beſitzthuͤmen von der unertraͤglichem Herrſchaft der tyranniſchen Gaͤſte zu befreien⸗ Er hielt geheime Unterre⸗ dungen mit ſeinen zinsbaren Caziken, und es wurde beſchloſ⸗ ſen, daß ſie alle zugleich gegen die ſpaniſche Soldateska auf⸗ ſtehen ſollten, welche in kleinen Trupps in ihren Doͤrfern vertheilt lag, und ſie ermordeten, waͤhrend er ſelbſt mit —— — 403— einer auserwaͤhlten Schaar das Fort Conception in dem gegenwaͤrtigen geſchwaͤchten Zuſtande der Beſatzung uͤberfal⸗ len ſolle, Um zu verhindern, daß die Indianer ſich in der beſtimmten Zeit irrten, wurde die Nacht zu dem Aufſtande beſtimmt, wo der Mond in die volle Scheibe traͤte. Einer der erſten Haͤuptlinge jedoch, der kein guter Beob⸗ achter der Himmelskoͤrper war, griff vor der beſtimmten Nacht zu den Waffen. Er wurde von den Kriegern zuruͤck⸗ gedraͤngt, welche in ſeinem Dorfe lagen. Man ſchlug Alarm und die Spanier rafften ſich noch zu rechter Zeit auf. Der Haͤuptling floh zu Guarioner um Schutz, aber der Cazike, voll Unwillen und Verzweiflung, toͤdtete ihn auf der Stelle. Sowie der Adelantado von dieſer neuen Verſchwoͤrung hoͤrte, ſetzte er ſich mit einer ſtarken Truppenabtheilung nach der Vega in Marſch. Guarionex erwartete ſeine An⸗ kunft nicht. Er ſah, daß jeder Verſuch vergeblich ſey, dieſe Fremdlinge zu verjagen, welche wie ein Fluch auf ſeinen Gebieten Wurzel gefaßt hatten. Er fand ihre Freundſchaft eben ſo verderblich wie ihre Feindſchaft und fuͤrchtete nun ihre ganze Rache. Daher verließ er ſeine angeſtamnite und⸗ ſchoͤne Herrſchaft, die einſt ſo gluͤckliche Vega, und floh mit ſeiner ganzen Familie und einer kleinen Schaar treuer An⸗ haͤnger in die Berge von Ciguay. Dieſe ſind eine hohe Ge⸗ birgskette, die ſich laͤngs der noͤrdlichen Seite der Inſel zwi⸗ ſchen der Vega und dem Meere hinzieht. Die Bewohner waren der kraͤftigſte und kuͤhnſte Stamm der Inſel und weit furchtbarer als die ſanſten Bewohner der Ebenen. Ein Theil dieſes Stammes war es, der im Laufe der erſten 26* 8 704— Reiſe des Columbus Feindſeligkeiten mit den Spaniern an⸗ gefangen hatte; und in einem Gefecht mit ihnen an dem Golf von Samana wurde das erſte Blut der Eingebornen in der neuen Welt vergoſſen. Der Leſer wird ſich des freien und zutrauensvollen Benehmens dieſes Volkes am Tage nach dem Gefecht, und des unerſchrocknen Vertrauens erinnern, womit ihr Cazike ſich an Bord der Caravele des Admirals und in die Gewalt der Spanier begab. Zu dem⸗ ſelben Caziken, Mayobanex, nahm nunmehr der fliehende Haͤuptling der Vega ſeine Zuflucht. Er kam nach ſeiner Re⸗ ſidenz, einer indianiſchen Stadt in der Naͤhe des Cap Ca⸗ bron ungefaͤhr zehn Stunden weſtlich von Iſabella, und flehte um Schutz fuͤr ſeine Gattin, ſeine Kinder nud ſeine kleine Schaar von treuen Unterthanen. Der edelmuͤthige Cazike der Berge nahm ihn mit offenen Armen auf. Er gab ihm nicht allein eine Freiſtaͤtte fuͤr ſeine Familie, ſon⸗ dern er gelobte ihm auch in ſeinem Elend beizuſtehen, ſeine Sache zu verfechten und ſein verzweiflungsvolles Loos zu theilen.*) Der Menſch lernt im Culturzuſtande Edelmuth nach Grundſaͤtzen uͤben, aber ſeine hochherzigſten Handlun⸗ gen werden gar oft von den Thaten unwiſſender Wilden uͤbertroffen, die lediglich aſh ihren natuͤrlichen Trieben handeln. *) Las Casas hist. Ind. c. 121. us. Peter Martyr decad. 1, c. V. — —,— ———— . —— — 405— Siebentes Kapitel. —— Feldzug des Adelantado in den Gebirgen von Ciguay. (1498.) Von ſeinem Beſchuͤtzer, dem Gebirgshaͤuptling, und von Schaaren kuͤhner Eiguayer unterſtuͤtzt, wagte Guarioner mehrere Ausfaͤlle in die Ebene, ſchnitt Streifparthieen der Spanier ab, verheerte die Doͤrfer derjenigen Eingebornen, die denſelben fortwaͤhrend ergeben blieben, und verwuͤſtete die Fruchtfelder. Die Ankunft des Adelantado ſetzte dieſen Beunruhigungen ein Ziel; aber er ging noch weiter und beſchloß, einen ſo furchtbaren Gegner aus der Nachbarſchaft auszurotten. Vor keinen Gefahren noch Anſtrengungen zu⸗ ruͤckbebend, und nichts Anderen uͤberlaſſend, was er ſelber thun konnte, brach er im Fruͤhjahr mit einer Abtheilung von neunzig Mann, einer kleinen Anzahl Reiter und einer Schaar von Indianern auf, um in die wilden Veroſehen von Ciguay einzudringen. Nachdem er einen wilden Hohlweg durchſchnitten, der durch ſchroffe Felſen und uͤppige Vegetation fuͤr die Krieger 406— faſt nicht zu paſſiren war, ſtieg er in ein ſchoͤnes Thal oder eine Ebene herab, welche ſich an der Kuͤſte hinzog und von den Bergen eingeſchloſſen war, die ſich nach dem Meer er⸗ ſtrecken. Sein Vordringen in der Gegend wurde von den ſcharfen Blicken indlaniſcher Kundſchafter bewacht, die zwi⸗ ſchen den Felſen und in den Dickichten der Waͤlder lauerten. Wie die Spanier die Furth eines Fluſſes an dem Eingang der Ebene ſuchten, ſprangen zwei von dieſen Spionen aus den Gebuͤſchen am Ufer. Der eine ſtuͤrzte ſich ſchnell ins Waſſer, ſchwamm durch den Fluß und entkam; der andere wurde ergriffen, und bekannte, daß ſechs tauſend Indianer auf dem jenſeitigen Ufer im Hinterhalt laͤgen und nur ihr Ueberſetzen abwarteten, um ſie anzugreifen. Der Adelantado ruͤckte mit Vorſicht weiter, und da er eine ſeichte Stelle fand, ſo ging er mit ſeinen Truppen in den Fluß. Sie waren kaum in der Haͤlfte des Stromes, als die Wllden, haͤßlich bemalt und mehr wie Furien als wie Menſchen ausſehend, aus ihrem Hinterhalt hervorbra⸗ chen. Der Wald hallte von ihrem Geſchrei und Heulen wieder. Sie ſchoſſen einen Regen von Pfeilen und Lanzen ab, wodurch, ungeachtet des Schutzes ihrer Tartſchen, viele Spanier verwundet wurden. Der Adelantado aber er⸗ zwang ſich ſeinen Weg durch den Fluß und die Indianer ergriffen die Flucht. Einige wurden erſchlagen, aber ihre Schnellfuͤßigkeit, ihre Bekanntſchaft mit den Waͤldern und ihre Gewandtheit, ſich durch die verwickeltſten Dickichte zu ſchlagen und zu winden, ließ es dem groͤßten Theil gluͤcken, den Verfolgungen der Spanier zu entgehen, die mit ——-— — 4⁰7— ſchweren Ruͤſtungen, Schildern, Armbruſten und Lanzen bewaffnet waren. 4 3 Nach dem Rath einer ſeiner indianiſchen Fuͤhrer beeilte ſich der Adelantado das Thal zu durchziehen, um Cabron, die Reſidenz des Mayobaner zu erreichen. Auf dem Wege dahin hatte er mehrere Gefechte mit den Eingebornen, welche oft ploͤtzlich aus ihren Hinterhalten, den Buͤſchen hervor⸗ ſprangen, ihre Pfeile mit fuͤrchterlichem Kriegsgeſchrei ab⸗ ſchoſſen, und ſich dann wieder in die Feſten ihrer Felſen und Waͤlder zuruͤckzogen, die fuͤr die Spanier unzugaͤng⸗ lich waren.— Von mehreren Indianern, die der Adelantado zu Ge⸗ fangenen machte, ſandte er einen, begleitet von einem ande⸗ ren Indianer aus einem befreundeten Stamm, als Boten zu Mayobaner, und forderte ihn auf, den Guarioner aus⸗ zuliefern, ihm Freundſchaft und Schutz verſprechend, wenn er ſich willig zeige, doch fuͤr den Weigerungsfall ihm dro⸗ hend, ſeine Territorien mit Feuer und Schwert zu verwuͤ⸗ ſten. Der Cazike hoͤrte den Boten aufmerkſan an; als er zu Ende war, ſprach er:„Sage den Spaniern, daß ſie ſchlechte Menſchen, grauſam und tyranniſch ſind, die Laͤn⸗ der Anderer unterjochen und unſchuldiges Blut vergießen. Mich verlangt nicht nach der Freundſchaft ſolcher Leute; Guarioner iſt ein guter Mann, er iſt mein Freund, er iſt mein Gaſt, er hat bei mir ſeine Zuflucht genommen; ich habe ihm verſprochen, ihn zu beſchuͤtzen, und ich werde mein Wort halten.“ Wie der Bote dieſe hochherzige Antwort, oder vielmehr — 4908— dieſe Ausforderung brachte, ſah der Adelantado wohl, daß nichts mit freundlichen Anerbietungen zu gewinnen ſey. Wenn Strenge noͤthig war, konnte er ſich als ein ernſter Krieger zeigen. Er befahl ſogleich, das Dorf, in welches er ſich einquartirt hatte, und mehrere andere in der Nach⸗ barſchaft, in Brand zu ſtecken. Darauf ſandte er wieder Boten zu Mayobaner, mit der Drohung, wenn er den fluͤchtigen Caziken nicht ausliefere, ſolle ſeine ganze Provinz auf dieſe Weiſe verwuͤſtet werden, und er werde nach allen Seiten hin nichts als den Rauch und die Flammen ſeiner brennenden Doͤrfer ſehen. Wie die ungluͤckliche Ciguayer voon der Verwuͤſtung hoͤrten, die uͤber ſie hereinbrechen ſollte, verfluchten ſie den Tag, wo Guarioner zu ihnen ge⸗ flohen war. Sie umringten ihren Caziken mit lautem We⸗ heklagen, und verlangten, daß der Fluͤchtling zur Rettung des Landes ausgeliefert werde. Der edelmuͤthige Cazike war unbeugſam. Er erinnerte ſie an die vielen Tugenden des Guarioner und an die heiligen Rechte, die derſelbe auf ihre Gaſtfreundſchaft habe; er erklaͤrte, er wolle lieber alles Elend ertragen, als daß man ſagen ſollte, Mayobanex habe ſeinen Gaſt verrathen. Das Volk zog ſich mit bekuͤmmerten Herzen zuruͤck, und der Haͤuptling gab dem Guarioner, den er zu ſich kommen ließ, noch einmal ſein Wort, ihm beizuſtehen und ihn zu beſchuͤtzen, und wenn es ihn auch alle ſeine Herrſchaften ko⸗ ſten ſollte. Er ſandte dem Adrlantado keine Antwort zu⸗ ruͤck, und damit keine fernere Botſchaft mehr komme, welche die Treue ſeiner Unterthanen erſchuͤttere, legte er Leute in — 409— den Hinterhalt und befahl ihnen, jeden Boten, der ſich naͤhere, zu erſchlagen. Dieſe hatten nicht lange zu warten; ſie ſahen zwei Maͤnner durch den Wald herannahen, von denen der eine ein gefangener Ciguayer und der andere ein den Spaniern befreundeter Indianer war. Beide wurden auf der Stelle getoͤdtet. Der Adelantado folgte in geringer Entfernung mit nur zehn Mann zu Fuß und vier Reitern. Wie er ſeine Boten auf dem Waldpfade mit Pfeilen durch⸗ bohrt dahin geſtreckt ſah, wurde er ſehr zornig und be⸗ ſchloß, es dieſen halsſtarrigen Stamm ſchwer entgelten zu laſſen. Er ruͤckte daher mit ſeiner ganzen Streitmacht nach Cabron vor, wo Mayobaner und ſein Heer ſtanden. Bei ſeinem Kommen flohen die Unter⸗Caziken und ihre Freunde, ganz von Schrecken uͤber die Spanier erfuͤllt, in der groͤß⸗ ten Eile davon. Wie der ungluͤckliche Mayobaner ſich auf dieſe Weiſe verlaſſen ſah, nahm er mit ſeiner Familie ſeine Zuflucht zu einem entlegenen Ort im Gebirg. Mehrere Ciguayer ſuchten den Guarisnex auf, um ihn zu toͤdten oder als Suͤhnopfer auszuliefern; aber er floh zu den Hoͤ⸗ hen, wo er in den wildeſten und oͤdeſten Gegenden einſam umher irrte. Das uͤppige Wachsthum der Waͤlder und die Wildheit der Gebirge machten dieſen Feldzug aͤußerſt muͤhevoll und chwierig, und verzoͤgerten ihn viel mehr als der Adelantado gedacht hatte. Seine Leute litten nicht bloß von der An⸗ ſtrengung, ſondern auch durch Hunger. Die Eingebornen waren alle in die Berge geflohen, ihre Doͤrfer blieben leer und veroͤdet; die ganzen Vorraͤthe der Spanier beſtanden — 410— aus Caſſava⸗Brod und ſolchen Wurzeln und Kraͤutern, die ihnen die indianiſchen Verbuͤndeten ſammeln konnten, und zuweilen aus ein Paar Kaninchen, die ſie mit Huͤlfe ihrer Hunde fingen. Sie ſchliefen faſt immer auf der Erde, un⸗ ter dem blauen Himmel, an den Baͤumen, dem ſtarken Thau unterworfen, der in dieſen Climaten herrſcht. Drei Monate ſetzten ſie auf dieſe Art den Krieg in dem Gebirge fort, bis ſie von Muͤhſeligkeit und ſchlechter Koſt faſt ganz aufgerieben waren. Viele von ihnen hatten Meyerhoͤfe in der Naͤhe des Forts Conception, welche ihre Sorge in An⸗ ſpruch nahmen, dieſe baten daher um Erlaubniß in ihre Heimath nach der Vega zuruͤckkehren zu duͤrfen, da die In⸗ dianer in Furcht geſetzt und zerſtreut ſeyen. Der Adelantado gab mehreren von ihnen Urlaub und verwilligte ihnen einen Ueberſchuß von dem wenigen Vorrath von Brode, welcher noch geblieben war. Mit dreißig Mann, die er zuruͤckbehielt, beſchloß er jedes Gekluͤft und jede Hoͤhle der Berge zu durchſuchen, bis er die zwei Caziken gefun⸗ den habe. Es war jedoch ſchwierig, in einer ſolchen Wild⸗ niß ihre Spur zu finden. Niemand war, der ihnen den Weg zu ihren Schlupfwinkeln zeigen konnte; das ganze Land war veroͤdet. Menſchliche Wohnungen ſtanden umher, aber kein menſchliches Weſen ließ ſich blicken; oder wenn ſie zufaͤllig einen ungluͤcklichen Indianer fingen, der ſich aus dem Gebirg hervorſtahl, um Nahrung zu ſuchen, betheuerte er, daß ihm der Aufenthaltsort der Caziken ganz unbe⸗ kannt ſey. „Es ereignete ſich jedoch eines Tages, daß einige Spanier —— — 411— auf der Jagd nach Utia's zwei Indianer von dem Gefolge des Mayobaner fingen, die auf dem Weg nach einem ent⸗ fernten Dorfe waren, um Brod zu holen. Man fuͤhrte ſie zu dem Adelantado und dieſer zwang ſie, den Platz, wo er ſich verborgen hielt, zu verrathen und zu Fuͤhrern dahin zu dienen. Zwoͤlf Spanier erboten ſich als Freiwillige, um ihn gefangen zu nehmen. Sie zogen ſich ganz nackt aus, faͤrbten und bemalten ihre Koͤrper, daß ſie wie Indianer ausſahen, und verbargen ihre Schwerter in Palmblaͤtter. So brachten die Fuͤhrer ſie bis zu dem verborgnen Aufent⸗ halte des ungluͤcklichen Mayobaner. Sie kamen heimlich zu ihm heran, und fanden ihn umgeben von Weib und Kin⸗ dern und wenigen von ſeinem Gefolge, die Gefahr nicht im mindeſten ahnend. Die Spanier ſtuͤrzten mit gezuͤckten Schwertern auf ſie ein und nahmen ſie alle gefangen. Als dieſe Gefangene zu dem Adelantado gebracht wurden, gab er alle weitere Nachforſchungen wegen des Guarioner auf und kehrte nach Fort Conception zuruͤck. unter den auf dieſe Art gefangen genommenen India⸗ nern befand ſich die Schweſter des Mayobanex. Sie war die Gemahlin eines anderen Berg⸗Caziken, deſſen Territo⸗ rien bis jetzt von den Spaniern noch nicht aufgeſucht wor⸗ den waren, und ſie hatte den Ruf eines der ſchoͤnſten Wei⸗ ber der Inſel. Ihren Bruder zaͤrtlich liebend, hatte ſie die Sicherheit ihrer eigenen Gebiete aufgegeben und war ihm unter die Felſen und Schluchten gefolgt, theilte mit ihm alle Bedraͤngniſſe und troͤſtete ihn mit weiblichem Mitgefuͤhl und treuer Anhaͤnglichkeit. Als der Cazike ihr Gemahl, der ſie — 412— zartlich liebte, von ihrer Gefangenſchaft hoͤrte, war er vor Schmerz außer ſich, eilte zu dem Adelantado und bot ſich an, ſich und alle ſeine Beſitzungen der Herrſchaft der Spanier zu unterwerfen, wenn man ihm ſein Weib zuruͤckgebe. Der Adelantado nahm ſein Anerbieten an und entließ dieſe in⸗ dianiſche Schoͤnheit mit mehreren von ihren Unterthanen, die er gefangen genommen hatte. Der Cazike hielt ſeln Wort. Er wurde ein treuer und wichtiger Verbuͤndeter der Spanier, bebaute ihnen weite Striche Landes und ver⸗ ſah ſie mit großen Vorraͤthen von Brod und anderen Le⸗ bensmitteln. Guüͤte ſcheint nie ihren Eindruck bei dieſem anften Volke verfehlt zu haben. Wie dieſe Handlung der Milde den Ciguayern bekannt wurde, kamen ſie in Menge nach dem Fort, brachten Geſchenke von verſchiedener Art, verſprachen Gehorſam, und flehten um die Befreiung des Mayobaner und ſeiner Familie. Der Adelantado erfuͤllte ihre Bitten nur zum Theil, er entließ die Gattin, die Familie und Leute des Caziken, doch ihn hielt er als Geißel fuͤr die Treue ſeiner Unterthanen fortwaͤhrend gefangen. Unterdeſſen wurde der ungluͤckliche Guarioner, der ſich in den wildeſten Oertern des Gebirgs verſteckt hatte, vom Hunger getrieben, ſich zuweilen wegen Nahrungsmitteln in die Ebene zu wagen. Die Ciguayer betrachteten ihn als die Urſache ihrer Leiden, und vielleicht hofften ſie durch ſeine Hinopferung die Befreiung ihres Haͤuptlings zu be⸗ wirken und verriethen dem Adelantado ſeinen Schlupfwinkel. Ein Corps wurde ſogleich abgeſandt, um ſich ſeiner Perſon — — 413— zu bemaͤchtigen. Sie legten ſich auf den Weg, den er ge⸗ woͤhnlich in das Gebirg zuruͤckmachte. Wie der ungluͤckliche Cazike nach einer ſeiner hungrigen Streifereien zu ſeiner Hoͤhle zwiſchen den Felſen zuruͤckſchlich, wurde er von den lauernden Spaniern uͤberfallen und in Ketten nach dem Fort Conception gebracht. Nach ſeinen wiederholten Empoͤ⸗ rungen und dem außerordentlichen Eifer und der Beharr⸗ lichkeit, die man zu ſeiner Verfolgung anwandte, erwartete Guarionex nichts geringeres als den Tod von der Rache des Adelantado. Don Bartholomeo aber war zwar ſtreng in ſeinen Maßregeln, aber weder von Natur rachſuͤchtig noch grauſam. Er hielt die Ruhe der Vega durch die Ge⸗ fangen chaft des Caziken hinlaͤnglich geſichert, und ließ ihn als Gefangenen und als Geißel in dem Fort in Gewahrſam halten. Die Feindſeligkeiten der Indianer auf dieſer Seite der Inſel waren nun beendigt und Vorſichtsmaßregeln ge⸗ troffen, ihre Wiederholung zu verhuͤten; Don Bartholomeo kehrte nach der Stadt San Domingo zuruͤck, wo er bald nach ſeiner Ankunft das Gluͤck hatte, ſeinen Bruder den Admiral nach einer Abweſenheit von beinahe zwei und einem halben Jahre in die Arme zu ſchließen.*) Dieſes war die thaͤtige, unerſchrockene und ſcharfſichtige, doch unruhige und ungluͤckliche Verwaltung des Adelantado, in welcher wir Beweiſe von großen Faͤhigkeiten, von großer *) Die Details dieſes Kapitels ſind hauptſächlich entnom⸗ men aus Peter Martyr decad. I, Il. VI, der hand⸗ ſchriftlichen Geſchichte des Las Casas I. 1. p. 121, und aus Herrera hist, Ind, decad.*. 1, III, G. 8. 9: — 414— Geiſtes⸗ und Koͤrperkraft dieſes durch ſich ſelbſt geworde⸗ nen und groͤßtentheils durch ſich ſelbſt gebildeten Mannes finden. Er vereinigte in hohem Grade den Seemann, den Krieger und den Geſetzgeber. Wie bei ſeinem Bruder dem Admiral erhoben ſich ſein Geiſt und ſeine Sitten ganz zu der Hoͤhe ſeiner Aemter, und zeigten ihn frei von Anmaßung und Eitelkeit; er uͤbte die ihm ſchnell und außerordentlicher Weiſe uͤbertragene Gewalt mit der Ruhe und Maͤßigung ei⸗ nes Mannes, der zum Herrſchen geboren iſt. Man hat ihn wegen Haͤrte in ſeiner Verwaltung angeklagt; aber es exiſtirt kein Beiſpiel eines grauſamen oder unnoͤthigen Gebrauches ſeiner Macht. Er war ſtreng gegen die meu⸗ teriſchen Spanier, er war gerecht; die Ungluͤcksfaͤlle bei ſeiner Verwaltung ruͤhrten nicht von ſeiner Strenge, ſon⸗ dern von den verderbten Leidenſchaften der anderen her, die ihre Uebung erforderten; und der Admiral, der mehr Annehmlichkeit der Sitten und groͤßere Herzensguͤte beſaß, war dadurch nicht faͤhiger, das Wohlwollen der Coloniſten zu erwerben und ſich ihres Gehorſams zu verſichern. Der Charakter des Don Bartholomeo ſcheint von der Welt nicht gehoͤrig gewuͤrdigt zu ſeyn; weniger abenteuerlich, weniger lie⸗ benswuͤrdig und weniger großmuͤthig als ſeine Bruͤder, war er ihnen an Kuͤhnheit und Heldenſtaͤrke uͤberlegen. Sechſtes Buch. Erſtes Kapitel. Abgang des Columbus auf ſeine zweite Reiſe. Entdeckung der caraibiſchen Inſeln Zweites Kapitel. Verkehr mit der Inſel Gua⸗ daloupe..... 3.. Dritres Kapitel. Kreuzen zwiſchen den caraibi⸗ ſchen Inſen.„... Viertes Kapitel. Ankunft in dem Hafen La Navidad. Ungluͤck mit dem Fort... Fuͤnftes Kapitel. Verkehr mit den Eingehornen. Verdaͤchtiges Benehmen Guacanagari's Sechſtes Kapitel. Gruͤndung der Stadt Iſabella. Krankheiten unter den Spaniern.. Siebentes Kapitel. Zug des Alonzo de Ojeda zur Erforſchung des Inneren der Inſel. Abſen⸗ dung der Schiffe nach Spanien... Achtes Kapitel. Unzufriedenheiten auf der Colonie Iſabella. Meuterei des Bernal Diaz de Piſa Neuntes Kapitel⸗ Expedition des Columbus nach den Bergen von Cibo“.. Zehntes Kapitel. Streifzug des Juan de Luxan in dem Gebirge. Sitten und Eigenthuͤmlichkeiten der Eingebornen. Columbus kehrt nach Iſabella murückt„. 92 — 416— Sei Eilftes Kapitel. Ankunft des Columbus auf Iſa⸗ bella. Krankheiten in der Colonie.... Zwoͤlftes Kapitel. Vertheilung der ſpaniſchen Waffenmacht im Innern. Vorbereitungen zu einer Fahrt nach Gubaa Siebentes Buch. Erſtes Kapitel. Reiſe nach dem oͤſtlichen Ende von Eihba.. Zweites Kapitel. Entdeckung der Inſel Jamaica Drittes Kapitel.„Ruͤckkehr nach Cuba. Kreu⸗ zen zwiſchen den Inſeln, die Gaͤrten der Koͤnigin genannt...... Viertes Kapitel. Kuͤſtenfahrt an der Sudſeite von Guha..... Fünftes Kapitel. Ruͤckfahrt des Columbus laͤngs der ſuͤdlichen Kuͤſte von Cuba.. Sechſtes Kapitel. Kuͤſtenfahrt längs der Südſeite von Jamaica... 3„.. Siebentes Kapitel. Reiſe längs der Suͤdſeite von Hispaniola und Ruͤckkehr nach Iſabella. Alchte s. Bucch. Erſtes Kapitel. Ankunft des Admirals auf Iſa⸗ bella. Charakter des Bartholomeo Columbus Zweites Kapitel. Uebles Betragen des Don Pedro Margarite und deſſen Ahnaiſ von der Inſel....... 111 119 125 131 138 145 158 168 174 481 188 85 ** — 417— Drittes Kapitel. Aufruhr unter den Eingebor⸗ nen. Alonzo de Ojeda von Caonabo belagert Viertes Kapitel. Maßregeln des Columbus, um die Ruhe der Inſel wieder herzuſtellen. Zug des Ojeda zur Gefangennehmung Caonabo's„. Fuͤnftes Kapitel. Ankunft des Antonio de Torres mit vier Schiffen aus Spanien. Seine Rüͤckkehr mit indianiſchen Sclaven. Sechſtes Kapitel. Zug des Columbus gegen die 0 Indianer der Vega. Schlacht.... Siebentes Kapitel. Unterjochung der Eingebor⸗ nen. Auferlegung von Tribut. 1.. Achtes Kapitel. Intriguen gegen Columbus am ſpaniſchen Hofe. Aguado's Sendung zur Unter⸗ ſuchung der Angelegenheiten von Hispaniola. Neuntes Kapitel. Ankunft des Aguado auf Iſa⸗ bella. Anmaßendes Benehmen deſſelben. Sturm in dem Hafen....... Zehntes Kapitel. Entdeckung der Minen von Hayna Neuntes B uch. Erſtes Kapitel. Ruͤckkehr des Columbus nach Spanien mit Aguado... 3. Zweites Kapitel. Sinken der oöͤffentlichen Gunſt des Columbus in Spanien. Seine Aufnahme bei den Souverainen in Burgos. Vorſchlag deſſelben zu einer dritten Reiſe. 3.. Drittes Kapitel. Vorbereitungen zu einer dritten Reiſe. Gelauſchte Erwarlungen und Aufſchub Seite 196 205 218 225 232 243 253 261 268 — 418— Zehntes Buch. Erſtes Kapitel. Abgang des Columbus von Spa⸗ nien auf ſeine dritte Reiſe. Entdeckung der Inſel Zweites Kapitel. Fahrt durch den Golf von Paria..... Drittes Kapitel. Fortſetzung der Reiſe durch den Golf von Paria. Ruͤckkehr nach Hiepaniola Viertes Kapitel. Betrachtungen des Columbus uͤber die Kuͤſte von Paria„.. Eilftes Buch. Erſtes Kapitel. Verwaltung des Adelantado. Zug nach der Provinz Xaragua.„. Zweites Kapitel. Errichtung einer Kette von militaͤriſchen Poſten. Empoͤrung des Guarionex, 2 Caziken der Vega.„..„ Drittes Kapitel. Der Adelantado erſcheint in Xaragua, um den Tribut zu empfangen*.„ Viertes Kapitel. Verſchwoͤrung des Roldan Fuͤnftes Kapitel. Der Adelantado erſcheint in der Vega zum Entſatz des Forts Conception. Seine Zuſammenkunft mit Roldan.„. Sechſtes. Kapitel. Zweite Empoͤrung des Gua⸗ rioner und deſſen Flucht in die Gebirge von Eiguay„... 5.,. Siebentes Kapitel. Feldzug des Adelantado in den Gebirgen von Eiguay. Trinidad..... 2.. Sefte 3⁰3 3¹3 328 339 350 363 374 381 390 399 8— 4⁰⁵